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Full text of "Deutsches Biographisches Jahrbuch Bd03 1921"

DEUTSCHES 

BIOGRAPHISCHES 

JAHRBUCH 

HERAUSGEGEBEN VOM 
VERBANDE DER DEUTSCHEN AKADEMIEN 

BAND III 
DAS JAHR 1921 



1927 

DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT STUTTGART 

BERLIN UND LEIPZIG 



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te-frffj 



REDAKTIONSAUSSCHUSS: 

HEINRICH BOEHMER, Leipziger Akademie 

KARL BRANDI, Gottinger Gesellsdiaft der Wissensdiaften 

WALTER VON DVCK, Mundiener Akademie 

ERNST HEVMANN, Berliner Akademie 

ALBRECHT KOSSEL, Heidelberger Akademie 

ERICH MARCKS, Mundiener Historisdie Kommission 

JULIUS PETERSEN, Berliner Akademie 
RICHARD VON WETTSTEIN, Wiener Akademie 

HERAUSGEBER: 
Dr. phil. HERMANN CHRISTERN in Berlin. 

BEARBEITER DER TOTENLISTE: 
Dr. phil. JOHANNES HOHLFELD in Leipzig 

GESCHAFTSSTELLE: 

Berlin NW 7, Unter den Linden 38 
(PreuBisdie Akademie der WissensAaften) 



Alle Rechte vorbehalten 

Drack der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart 

Papier von der Papierfabrik Satach in Salach, WQrttemberg 



VORWORT 

VvIR legen heute den ersten Band der regelrechten Reihe des Deutschen 
Biographischen Jahrbuches, Band III der neuen Folge, vor; der zweite Band 
(1922) und der letzte Uberleitungsband (1917 — 20) sind in reger Vorbereitung 
begriffen. Der Herausgeber, sowie derVerfasser der Totenliste sind diegleichen 
geblieben. Der Herstellung dieses Bandes wie alien Angelegenheiten des Jahr- 
buchs hat Gustav Roethe seine unermudlich tatkraftige Hilfe zugewendet; 
auch wir beklagen seinen Tod tief . An seiner Stelle ist Julius Petersen in den 
RedaktionsausschuB eingetreten. 

Die Biographien Ludwigs III. von Baiern, W. Benzlers, CI. v. Delbriicks, 
M. Erzbergers, W. Forsters, O. Seecks, die diesem Bande fest zugesagt waren 
— einzelne davon sollten grofleren Umfangs sein — , hat der Herausgeber nicht 
zu erlangen vermocht. Wir rechnen darauf , die Liicken durch einen Nachtrag 
im Bande 1922 zu fiillen. 

Berlin, Januar 1927. 

Fiir den Ausschufi: 

E. Marcks. 



INHALT 

Biographien 11 — 284 

Totcnlistc 285 — 323 

Namenverzeidmis 324 

AutorenverzeiAnis 325 



BIOGRAPHIEN 



Auguste Victoria, Deutsche Kaiserin, * 22. Oktober 1858 auf Dolzig in der 
Niederlausitz, f 11. April 192 1 in Haus Doom in Holland. — Ihr Vater war 
Herzog Friedrich (VIII.) von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, 
ihre Mutter Prinzessin Adelheid von Hohenlohe-L,angenburg. A. V. war das 
alteste iiberlebende Kind. Ihr folgten noch eine Sch wester, Caroline Mathilde, 
und ein Bruder, Ernst Gunther. Die Kinder wurden, zunachst in Dolzig, 
schlicht und religios erzogen. A. V. hing mit ganzer Liebe am Vater, einem 
makellos reinen, ernsten und etwas schwerbliitigen Manne, dessen Treue, 
Pflichtgefuhl und Selbstlosigkeit ihr Erbteil wurden. Von der Mutter empfing 
sie vor allem eine schone musikalische Begabung und Bildung. Nach dem Tode 
Friedrichs VII., des letzten K6nig-Herzogs von Danemark und Schleswig- 
Holstein, mit dem der konigliche Mannesstamm des Hauses Oldenburg erlosch, 
erhob Herzog Friedrich rechtlich begrundete, aber politisch unerreichbare An- 
spriiche auf die Nachfolge in den Herzogtiimern und machte Kiel Ende 1863 
zu seiner Residenz. Die Mutter folgte 1865 mit den Kindern nach und verlieB 
Schleswig-Holstein erst nach der Annexion, im Mai 1867. * n den Kindheits- 
erinnerungen A. V.s behielten diese beiden schleswig-holsteinischen Jahre 
lebenslang einen bevorzugten Platz. Das Land ihrer Vater blieb ihr die Heimat 
im eigentlichen Sinne. Doch sorgte der Vater dafur, daB die Zerstorung seiner 
Lebenshoffnung durch Bismarcks Politik keine Bitterkeit in den Herzen der 
Kinder zuriicklieB. Er iiberwachte ihren Unterricht und hielt darauf , daB keine 
politischen Neigungen und Stimmungen die Geschichtsvortrage farbten. Die 
Kinder sollten gute Deutsche werden, frei von partikularistischem Einschlag. 
Sie verlebten eine gliickliche Jugend, nach der Riickkehr aus Kiel erst in Gotha, 
dann auf SchloB Primkenau in Schlesien mit alien Reizen des Landlebens. Der 
Vater sah die Versohnung mit dem Hause Hohenzollern durch die Verlobung 
A. V.s mit dem altesten Sohne des ihm befreundeten deutschen Kronprinzen 
noch kommen, als er im Jahre 1880 an einem Herzleiden, erst 51 Jahre alt, 
starb. 

Der Bund mit dem kiinftigen Erben der deutschen Kaiserkrone war zugleich 
politische und Neigungsehe. Was ein gesundes Ehe- und Familienleben an 
Gliick bieten kann, das hat A. V. ihrem Gatten geschenkt. Politischen EinfluB 
hat sie nicht erstrebt und nur in seltenen Fallen ausgetibt; doch reine Weib- 
lichkeit, Herzenstakt und gesunder Menschenverstand machten sie zu einer 
vorbildlichen Hausfrau und zu einem treuen Kameraden, dessen Wert der 
Kaiser mit den Jahren in steigendem MaBe schatzen lernte. Er, der mit seinen 



12 1921 

personlichen wie mit seinen politischen Freunden wenig Gliick gehabt, hat in 
ihr den einzigen treuen Lebensfreund gefunden. Sie war nicht blind gegen seine 
Schwachen und hat mit dem Instinkte der reinen Frau Menschen und Dinge 
oft richtiger beurteilt als der Kaiser. Ihre Kinder, sechs Sonne und eine Tochter, 
hingen mit grenzenloser Liebe an ihr, wie sie, die zur Mutter Geborene, an 
ihnen. Sie, nicht der Kaiser, bildete den eigentlichen Mittelpunkt des Familien- 
lebens und blieb auch, als die Kinder herangewachsen waren, die Vertraute 
ihxer Sorgen und Freuden, selber eine Frau Sorge auf dem Thron, wie der 
Kronprinz seine Mutter genannt hat. 

Ihre Sorge gait, soweit sie jenseits der Hauslichkeit lag, vor allem der 
sozialen Fiirsorge, die sie als ihre Furstenpflicht empfand und ernst nahm. Sie 
hat besonders in dem Evangelisch-kirchlichen Hilfsverein und im Vaterlandi- 
schen Frauenverein mitgearbeitet. Im Kampfe gegen Sauglingssterblichkeit, 
Lungenschwindsucht, Trunksucht, dazu in der Armenunterstiitzung und Ar- 
beitslosenfiirsorge, in der Hebung des Diakonissenwesens, auf dem Gebiete der 
Jugendpflege, der Krippen und Kleinkinderschulen, doch auch in der Reform 
der hoheren Madchenschulbildung hat sie einen ehrenvollen Platz eingenommen 
und iiberall stets einen praktischen, nur auf die Sache gerichteten Blick gezeigt. 
Am meisten kennzeichnend fur ihre Art sind vielleicht ihre Bemuhungen um 
Wiedererweckung eines lebendigen kirchlichen Lebens in der kirchenfremd ge- 
wordenen Bevolkerung der modernen GroBstadte. Sie hat daher auch den 
Evangelischen Kirchenbauverein eifrig gefordert und zum Bau zahlreicher 
neuer Kirchen geholfen. Ihre eigene religiose Auffassung war von einer ge- 
wissen Enge nicht frei und erleichterte es der kirchlichen Rechten, die Kaiserin 
gelegentlich ihren Zwecken dienstbar zu machen. 

Die reprasentativen Pflichten, die ihr Herrscherberuf von ihr verlangte, hat 
sie als Last empfunden, sich aber nie den Pflichten des Hoflebens entzogen, 
auch dann nicht, als leidende Gesundheit ihr diese Last zeitweilig zur Qual 
machte. Die Energie der Selbstiiberwindung, die sie dann aufbringen konnte, 
hat ihrem altesten Sohne einen unausloschlichen Eindruck gemacht. Es ist 
der fern von der groBen Welt Herangewachsenen nie ganz leicht geworden, 
deren Formen zu beherrschen, Befangenheit zu iiberwinden, aber sie hat es 
mit den Jahren gelernt, auch die Majestat wiirdig darzustellen. An dem gei- 
stigen und kiinstlerischen Leben ihrer Zeit unmittelbaren Anteil zu nehmen, 
wie ihre beiden Vorgangerinnen auf dem Throne es getan haben, lag ihrer be- 
scheidenen und rein fraulichen Art fern. Ihre geistige Begabung ist deshalb 
oft unterschatzt worden; doch hat die Kaiserin, wenn es darauf ankam, sich 
rasch und mit sicherem Urteil auch in Materien, die ihr sonst fern lagen, zu- 
rechtfinden konnen. Ihre Pflicht zu tun und Menschen zu erfreuen, war ihr 
wichtiger, als an ihrer literarischen und kiinstlerischen Bildung zu arbeiten. 
Historische Memoirenliteratur war ihre bevorzugte Lektiire. Reiten und 
Tennisspiel bildeten, solange sie jung und gesund war, ihre liebste Erholung. 
In den Kiinsten weiblicher Handarbeit, die sie fleiBig iibte, war sie geschickt 
und geschmackvoll. 

Als der Krieg ausbrach, begann fiir A. V. eine Zeit nie rastender Sorge und 
Arbeit. Das Bediirfnis, Werke der Liebe zu tun, wurde nun zum alles beherr- 
schenden Pflichttrieb. Zu den organisatorischen Arbeiten im GroBen trat die 
Beschaftigung mit dem einzelnen Fall. Die ungezahlten Lazarettbesuche waren 



Auguste Victoria. Beseler 1 3 

f iir sie nicht, wie f iir rnanche andere fiirstliche Damen, die auBerliche Erfiillung 
einer Anstandspflicht, sondern entsprangen dem heiBen Wunsche, zu trosten 
und zu helfen. Das gelang ihr ofter und besser als anderen, weil sie nicht nur 
mit dem Herzen dabei war, sondern auch, dank ihrem Umgang mit Dorf- 
kindern und einfachen Leuten in der Jugend, den Weg zum Herzen des Volkes 
zu finden verstand. Ihre unermudliche Sorge fiir die Opfer des Krieges aber 
machte sie schliefilich selber zum Kriegsopfer. Sie hatte von ihrem Vater nicht 
nur den lauteren Charakter geerbt, sondern auch die Anlage zur Herzschwache. 
Die ersten Anzeichen davon traten schon vor dem Kriege auf, bald nachdem 
sie das Alter ihres Vaters erreicht hatte. Die korperlichen Anstrengungen und 
die seelischen Erregungen ihrer Kriegsarbeit fuhrten im August 19 18 zum Zu- 
sammenbruch ihrer Kraft. 

So trat sie als schwer leidende Frau in den triiben und doch nicht gliicklosen 
letzten Abschnitt ihres Lebens ein, in das freiwillig an der Seite des Gatten 
gewahlte Exil auf hollandischer Erde. Dem gestiirzten Kaiser sein Los zu er- 
leichtern, empfand sie als ihre letzte Lebenspflicht, in deren Erfiillung sie den 
besten Trost im Ungliick f and. Unendliche Beweise treuer Liebe und Anhanglich- 
keit aus der Heimat taten der tief Gebeugten, aber nicht Gebrochenen von Herzen 
wohl. Ihr Gottvertrauen gab ihr die Kraft, sich auch in das Schwerste zu fiigen. 
Der Schmerz machte sie zur Dichterin und schenkte ihr Verse von ergreifender 
Innerlichkeit. Ihr korperliches und seelisches Leiden aber wurde aufs hochste 
durch die Angstzustande gesteigert, in die sie durch die, Volkerrecht und Ge- 
sittung verhohnende Forderung der Auslieferung des Kaisers versetzt wurde, 
mit der die Sieger im Weltkriege sich schandeten. Als sie von ihren Leiden 
endlich erlost wurde, war dem deutschen Volke ihre Gestalt durch die Dornen- 
krone des Marty riums verklart. Sie hatte ein groBes Schicksal groB getragen. 
Die ehrfiirchtige Trauer aller Schichten des Volkes gab ihr das letzte Geleit, 
als sie am 19. April 192 1 im Antikentempel zu Potsdam beigesetzt wurde. 

L,iteratur: Karl Strecker, Unsere Kaiserin, Berlin 1921. — A.O.Meyer, Kaiserin 
Auguste Victoria, Leipzig 1921. — Johannes Vogel, Auguste Viktoria, Potsdam 1921. — 
Bogdan Krieger, Unsere Kaiserin als Landesmutter 1914 — 1918, Berlin 1921. — Auguste 
Victoria, Aus nachgelassenen Niederschriften (Gedichte), herausgegeben von Ernst Pfeiffer, 
Berlin 1925. — Briefe der Kaiserin in der »Neuen Christoterpe«, herausgegeben von Bartels 
nnd Kogel, 1925 

Gottingen. Arnold OskarMeyer. 

Beseler, Hans Hartwig v., Generaloberst a. D., * am 27. April 1850 in Greifs- 
wald, | am 20. Dezember 192 1 in Neubabelsberg bei Potsdam. — v. B. war 
zweiter Sohn des Geheimen Rates und Professors der Rechte und spateren 
Vizeprasidenten des Herrenhauses Georg B. (vgl. den Nachruf auf Max v. B. 
unten S, 19). Er besuchte 1859 — ^68 das Wilhelms-Gymnasium zu Berlin. 
Nach gut bestandenem Abiturientenexamen trat er am 1. April 1868 beim 
Gardepionierbataillon ein. 1868 bezog er die Kriegsschule zu Potsdam, und 
bestand ein Jahr darauf sein Offizierexamen mit koniglicher Belobigung. Am 
3. November 1868 wurde er in das Pionierbataillon 5 versetzt, am 9. Oktober 
1869 zum Leutnant befordert und in die 1. Ingenieurinspektion versetzt. 

B. ist der Tradition seiner Familie — seine Vorfahren hatten studiert — 
nicht gefolgt. Sein Wunsch, zur Marine zu gehen, blieb unerfullt, er wurde 




14 J 92l 

zunachst Pionieroffizier. Als solcher machte er mit Auszeichnung den Krieg 
1870/71 mit. Als er dann zur Infanterie iibertreten wollte, gelang ihm dies 
erst nach seiner ersten Verwendung im Generalstab (1. April 1880). In schnellem 
Wechsel der verschiedensten Dienststellungen und zwischen Front, General- 
stab und Kriegsministerium und in raschem Aufstieg durchschritt er eine 
glanzende militarische Lanfbahn bis zum General der Infanterie (1907) und 
hochsten Waffenvorgesetzten der Pioniere. 

Es war ihm beschieden, unmittelbar unter den bedeutendsten Mannern 
unseres Heeres seiner Zeit zu arbeiten ; unter dem alteren Moltke, dem Graf en 
Haeseler und Freiherrn v. d. Goltz, dem Graf en Waldersee und Graf en Schlief- 
fen, im Kriegsministerium unter den Ministern v. Bronsart II und v. Gofiler 
und als Divisionskommandeur schlieBlich unter dem General v. Biilow, (s. u. 
S. 52 ff.) unserem bedeutendsten Lehrmeister auf dem Gebiet der Truppen- 
ausbildung damaliger Zeit, mit dem er sich in vollster Ubereinstimmungbefand. 

Seine ungewohnliche militarische Befahigung, seine umfassende Allgemein- 
bildung und seine ausgepragte Rednergabe wurden fruhzeitig erkannt und zur 
Geltung gebracht. Schon als junger Stabsoffizier Lehrer der Kriegsgeschichte 
an der Kriegsakademie (1888 — 1892), wurde er spater zum Mitglied der Stu- 
dienkommission der Kriegsakademie ernannt und unter anderem auch 1900 
zu den Manovern der schweizeriscjien Armee kommandiert. 

Als Oberquartiermeister im GroBen Generalstab (1899 — 1903) hatte er Gele- 
genheit, befruchtend auf die jungen Generalstabsoffiziere zu wirken, anregend, 
anspornend und belehrend durch die Scharfe seines Denkens, seine iiberzeu- 
gende Beweiskraft und seine klare Ausdrucksweise in seiner immer liebens- 
wiirdigen und giitigen Art. Er gait als Autoritat auf dem Gebiet der Taktik 
und des Generalstabsdienstes. Diese Stellung gab ihm aber auch Gelegenheit, 
sich in die Fragen des groBen Krieges zu vertiefen und in die Gedankengange 
seines groBen Chefs, des Graf en Schlieffen einzudringen, dieses iiberragenden 
Mannes, dessen Verdienst um die Vorbereitung des groBen Krieges und die 
Ausbildung des Generalstabs unubertroffen bleibt. 

So war es nicht zu verwundern, daB B. als Nachfolger des Graf en Schlieffen 
auf dem Posten als Chef des Generalstabs viel genannt wurde; und er war 
auch in der Tat ein ernsthafter Kandidat, wie Graf Waldersee in seinen »Er- 
innerungen« erwahnt und wofiir auch die spontanen Gnadenbeweise seines 
Konigs ein Beweis sein diirften. 

Leider fiel letzten Endes jedoch die Wahl nicht auf B. ; er blieb an der Spitze 
der Pionierwaffe, zu deren Generalinspekteur er inzwischen (24.Dezember 1905) 
ernannt war. Er gehorte nun also wieder der Waffe an, bei der er seine mili- 
tarische Laufbahn begonnen hatte und an der sein Herz hing. In dieser fiihren- 
den, auch fur unsere gesamte Landesverteidigung hochwichtigen Stellung 
konnte B. seine reichen Gaben in vorteilhaf tester Weise sich auswirken lassen 
zum Segen der Pioniere, der gesamten Armee und des Vaterlandes. 

Als Nachfolger des ideenreichen Generals Colmar Freiherr v. d. Goltz war 
es seine Aufgabe, dessen Plane weiterzuverfolgen und in seinem eigenen Sinne 
weiter auszubauen, denn er wich in der Beurteilung der Landesverteidigung 
und der zu ergreifenden MaBnahmen nicht unwesentlich von seinem geist- 
vollen Vorganger ab. Er brachte Ruhe und Stetigkeit in die gesamten Arbeiten, 
die von ihm in groBzugigster und planvoller Weise zielbewuBt gefordert 



Beseler, Hans 15 

wurden. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich um die Ausgestaltung der 
Befestigungen vor Metz und Diedenhofen und am Oberrhein. 

Nicht minder erfolgreich wirkte er fiir die technische Ausbildung der Pionier- 
truppe selbst. Wenn diese spater im Weltkriege alien an sie herantretenden 
Aufgaben auf den verschiedensten Gebieten in mustergultiger Weise gerecht 
und der Infanterie eine unentbehrliche Hilfe werden konnte, so verdankte sie 
dies nicht zuletzt ihrem einstigen Generalinspekteur v. B., der die groBen 
Pioniertibungen in Anlage und Durchfuhrung dem Ernstfall besonders nahe 
zu bringen verstand. 

Es war daher sehr zu bedauern, daB dieser bedeutende Kopf, dieser iiber- 
ragende General auffallend plotzlich bereits im Januar 191 1 zur Disposition 
gestellt und damit noch in der Vollkraft seiner Schaffensmoglichkeit aus seiner 
militarischen Tatigkeit gerissen wurde. B. trat nun in den Jahren bis zum 
Kriege mehrfach schriftstelleriscli hervor, nachdem er bereits als junger Major 
einen, auch im Druck erschienenen Vortrag in der » Militarischen Gesellschaft« 
uber » Bluchers Zug nach Lubeck« gehalten und als Generalinspekteur auf der 
Hohe seines Wirkens in der Friedenszeit einen Aufsatz » Ingenieurkunst und 
Offensive « geschrieben hatte. 

In diesem setzt er sich ganz fiir seine Lieblingswaffe, die Ingenieuroffiziere 
und die Pioniertruppe, ein, fiir sie bricht er eine Lanze und diesem Aschen- 
brodel in der Armee will er die Stellung und Bewertung verschaffen, die ihm 
bei richtiger Ausbildung und Verwendung zukommen muJ3. Griindlich raumt 
er mit der falschen Auffassung auf, daB Ingenieur gleichbedeutend mit De- 
fensive ist. »In den Landesbefestigungssystemen der GroBstaaten spiegeln sich 
die Grundsatze ihrer Kriegf iihrung. « Die Grenzbefestigungen dienen der Vor- 
bereitung und Einleitung der Offensive, die Festungen iiberhaupt gelten im 
Rahmen der Operationen als Hilfsmittel der Offensive, zum Ordnen der Ver- 
bande bei Riickschlagen und daran anschlieBende Wiederaufnahme der Offen- 
sive, um aus ihnen zum entscheidenden Schlage vorzubrechen, um an Kraften 
zu sparen, die an entscheidender Stelle zum Vernichtungsschlage eingesetzt 
werden sollen. »Landesbefestigung und Festungsbau sind kein unliebsames, 
dem Angriffsgedanken feindliches, sondern ein ihn unter Umstanden in hohem 
Grade forderndes Element der Kriegfiihrung. « Das gleiche gilt von der Feld- 
befestigung: »Sich die eigene Gefechtskraft so lange wie moglich erhalten, den 
iiberlegenen Gebrauch der Waffe sichern zu wollen, ist ein weiser Vorsatz. 
Beides bezweckt die Feldbefestigung. Es kommt nur darauf an, was man 
darunter versteht.« 

Die Schrift spiegelt die Grundsatze wider, auf denen er als Generalinspekteur 
seine gesamte Tatigkeit aufgebaut hat. Und im Weltkriege haben seine Pio- 
niere dann bewiesen, daB B. ihnen die richtige Wege gewiesen hatte. 

In zwei Schriften »Vom Soldatenberufe« und »Die allgemeine Wehrpflicht« 
beschaftigt sich B. noch einmal eingehend von hoher Warte mit der Armee, 
der sein Herz, sein ganzes Denken und Fiihlen nach wie vor gehort. Er be- 
spricht in ersterer den gesamten verwickelten Organismus des modernen 
Heeres und vor allem die in ihm lebenden sittlichen Krafte in ihren wechsel- 
seitigen Beziehungen. Er singt ein hohes Lied auf den edlen Soldatenberuf, 
ohne seine Schattenseiten zu verschweigen. Offenbar hat er nicht nur fiir 
das Heer geschrieben, sondern auch in weiteren Kreisen erneut aufklarend 



i6 192 1 

wirken und dem vielfach angefeindeten Offizierstande neue Freunde gewinnen 
wollen. 

Mit der zweiten Schrift (17. Marz 1913) hat er augenscheinlich unter dem 
Eindruck der bevorstehenden kriegerischen Verhaltnisse ein Mahnwort an das 
deutsche Volk und seine Vertretung im Reichstag richten und einen Druck 
auf das Kriegsministerium ausiiben wollen. Nochmals ruft er die Entstehungs- 
geschichte und die Bedeutung der allgemeinen Wehrpflicht sowie die Re- 
organisation in das Gedachtnis zuriick und mahnt: »Die allgemeine Wehr- 
pflicht hat uns einst aus tiefster Not durch kraftvolle Erhebung zur Freiheit 
gefuhrt; moge sie in alle Zukunft der Hort unseres Volkes, die unversiegliche 
Quelle deutscher Macht und GroBe bleiben.« 

B. wurde am 27. Januar 1912 durch Berufung in das Herrenhaus auf Iyebens- 
zeit geehrt, wo er sich bald in mehreren Kommissionen nutzlich machte. Auch 
trat er der »Staatswissenschaftlichen Gesellschaf t « sowie der »Gesellschaft 
fur Erdkunde« bei, die ihn bald zum zweiten und wahrend des Krieges zum 
ersten Vorsitzenden wahlte. 

Als dann im August 1914 der Weltkrieg ausbrach, stellte der Kaiser ihn an 
die Spitze des III. Reservekorps ; er bekam damit wieder in der Hauptsache 
Marker unter seinen Befehl, die er als Divisionskommandeur in Brandenburg 
seinerzeit (1903 — 1904) als tiichtige Soldaten schatzen gelernt hatte. Es ent- 
sprach durchaus nicht seinen Wiinschen, daB er mit seinem Korps nicht an dem 
Siegeszuge bis zur Marne teilnehmen konnte, vielmehr bei Briissel die Deckung 
von Riicken und Flanke des deutschen Heeres und seine ruckwartigen Ver- 
bindungen gegen die belgische Armee ubernehmen muJ3te. Erst die Mitte Sep- 
tember an ihn ergangene Beauftragung mit der »Wegnahme von Antwerpen« 
stellte ihn vor eine groBe, selbstandige und besonders schwierige Aufgabe, 
fur deren Losung er sein ganzes Wissen und Konnen und seine hohe mili- 
tarische Befahigung voll zur Geltung bringen konnte — und mit glanzendem 
Erfolg. Sein Vorschlag, die Festung von Westen anzugreifen oder doch wenig- 
stens auBer dem Hauptangriff auf anderer Front einen Nebenangriff von 
Westen gleichzeitig anzusetzen, konnte von der Obersten Heeresleitung nicht 
gebilligt werden. So konnte nicht verhindert werden, daB die belgische Armee 
sich der EinschlieBung in der Festung rechtzeitig entzog. B. griff die Festung 
von Siiden und Siidosten an trotz des starken Hindernisses, der uberschwemm- 
ten Nethe. Es waren ungeheure Anforderungen, die er an seine Truppen und 
besonders die Pioniere stellte; er wuBte aber, was er diesen zumuten konnte, 
und hat sich nicht getauscht. Mit nur f iinf Divisionen — anstatt der im Frieden 
errechneten elf — hat er binnen dreizehn Tagen die zweitgroBte Festung der 
Welt am 9. Oktober zu Fall gebracht. Er wurde dafiir mit dem Orden »Pour 
le meriten ausgezeichnet. 

Ein Jahr spater erhielt B. noch einmal eine ahnliche Aufgabe im Osten, 
als die Armee Gallwitz den unteren Narew iiberschritten hatte: Nowo-Geor- 
giewsk (Modlin), die starkste russische Festung, muBte genommen werden, und 
zwar schnell. B. entschloB sich auch hier zum abgekiirzten, gewaltsamen 
Angriff, obwohl seine Truppen sich nicht mit seinem III. Reservekorps vor 
Antwerpen vergleichen lieBen; es waren Landwehr-, Landsturm-, Ersatz- 
truppen und eben aufgestellte Kriegsfreiwilligenverbande, also alteste und 
jiingste Jahrgange mit zum Teil ungeniigender Ausbildung und unter wenig 



Beseler, Hans 1 7 

geubten Fuhrern. Aber auch hier vertraute B. der Tapferkeit der Infanterie 
und der Wirkung der schwersten Artillerie. 

Vom Einbruch in die vorgeschobene Stellung auf der Nordostfront am 
13. August bis zur Kapitulation am 20. August vergingen nur sieben Tage. Die 
Gefangenenzahl betrug 85000, darunter 15 Generale. B.s Truppen hatten — 
wie sich ganz wider Erwarten nach der Kapitulation herausstellte — gegen 
einen an Zahl und nach Aussehen erheblich iiberlegenen Feind gekampft. 
AuBerordentlich groB war die Beute. 

Das »Eichenlaub« zum Orden »Pour le merited war der Lohn fiir den Er- 
oberer (20. August 1915). 

Es ist sehr zu bedauern, daB B.s erfolgreiche Truppenfiihrung nun mit 
seiner Ernennung zum Generalgouverneur in Warschau am 24. August 1915 
ihren AbschluB fand. Er gehorte schon viel friiher an die Spitze einer Armee 
und an eine S telle, wo sein reiches Konnen auf operativen Gebiet sich aus- 
wirken konnte. Eine besonders befahigte Fuhrerkraft war damit zum Schaden 
der Armee und des Vaterlandes brachgelegt. 

Allzu schwer fiel ihm die Trennung von der Truppe, fiir deren Psyche er 
ein feines Empfinden hatte und an der er mit ganzem Herzen hing — er 
war daher im Frieden als Regiments- und Divisionskommandeur so auch im 
Kriege als Fuhrer hochverehrt und geliebt. 

Fiir die Stellung als Generalgouverneur in Warschau brachte B. eine groBe 
Zahl von Eigenschaften mit, die ihn dazu besonders befahigten. Er war eben 
nicht nur ein General altpreuBischer Art, sondern auch ein kluger Kopf mit 
reichen Kenntnissen auf den verschiedensten nichtmilitarischen Gebieten 
und lebhaftem Interesse fiir Kunst und Wissenschaften. Seine vortreffliche 
Erscheinung, sein liebenswiirdiges und gewinnendes Wesen, seine groBe Ge- 
wandtheit — auch im Reden — und das Geschick zu reprasentieren, kamen 
ihm sehr zustatten. 

B. war vor eine ungeheuer schwierige und politisch kaum losbare Aufgabe 
gestellt. Er hat den Bethmannschen Gedanken, die Polen von RuBland auBer- 
lich und innerlich loszulosen und wahrend der Okkupationszeit eine innere 
Umstellung in ihnen zugunsten Deutschlands hervorzurufen, nach sehr griind- 
licher Durcharbeitung aufgenommen und ausgebaut. Vor allem betonte er, 
daB nicht erst bei FriedensschluB, sondern bei dem Wetteifern der Entente 
und Osterreichs um die Gunst Polens es unbedingt notig sei, schon wahrend 
des Krieges ein %fait accompli « in Polen zu schaffen. Vorbedingung dafiir 
sei aber, daB Deutschland selbst wissen miisse, was es eigentlich mit Polen 
wolle, und daB es dann eine Einigung mit Osterreich dariiber herbeizufiihren 
habe, die aber niemals in der Deutschlands berechtigtem Interesse entsprechen- 
den Weise zustande gekommen ist. 

Da es bisher an authentischen Veroffentlichungen fehlt, da noch nicht 
feststeht, welche Instanzen — Reichskanzler, Reichsamt des Innern, Aus- 
wartiges Amt, Oberste Heeresleitung u. a. — hierbei und in welchem Um- 
fange mitgewirkt haben, laBt sich ein abschlieBendes Urteil noch nicht ab- 
geben. So viel ist allerdings erkennbar, daB das Schwanken unserer Reichs- 
politik und die auf eigene Vorteile abzielenden Machenschaften der Oster- 
reicher die Polen in ihrer ablehnenden Haltung gegen Deutschland und in 
ihren Hoffnungen auf die Ententemachte bestarkten. Auch die Hoffnung auf 
dbj 2 



i8 1921 

die Gewinnung einer, wenn ^uch nur schwachen, polnischen Armee schlugen 
vollig fehl; Pilsudski wuhlte dagegen: »Ein polnisches Heer nur aus polnischer 
Hand!« Die Politik war auf den Sieg der Mittelmachte, anf Zusammengehen 
mit den in der Minderheit befindlichen Aktivisten in Polen eingestellt; unsere 
Niederlage inuBte daher auch den Zusammenbruch unserer Politik in Polen 
zur Folge haben. 

In hohem Mafie wird aber eine gerechte Geschichtschreibung anerkennen 
miissen, was auf kulturellem Gebiet und in der Zivilverwaltung unter B.s 
Leitung geschaff en und erreicht wurde ; es sei nur genannt : Verbesserung und 
Ausgestaltung des Wegenetzes, sanitare MaBnahmen (Pocken und Fleck- 
typhus erheblich eingedammt), Fiirsorge fiir die deutschen Schulen, die 
evangelische Kirche, fiir die Ruckwanderer (besonders die deutschen), Ein- 
richtung der »landeskundlichen Kommission « und von wissenschaftlichen 
Kursen (Vortrage von beruhmten Gelehrten usw. aus Deutschland; Vortrage 
spater zum Teil im Druck erschienen) ; Eroffnung der Warschauer Universitat 
und Hochschule u. a. m. 

Seine hohen Verdienste wurden am 27. Januar 1918 von seinem Allerhochsten 
Kriegsherrn durch Beforderung zum Generaloberst anerkannt und am 1. April 
1 91 8 wurden ihm zu seinem 5ojahrigen Dienstjubilaum von alien Seiten reiche 
Ehren erwiesen. 

B. war am 1. Oktober 1918 nach Berlin berufen worden, urn die Fiihrung 
der Waffenstillstandskommission zu iibernehmen, muBte dann aber auf Wunsch 
des Staatssekretars v. Hintze auf seinem Posten in Warschau bleiben. 

Wegen der Vorkommnisse beim Zusammenbruch am 9. November 1918 in 
Warschau sind gegen den Generaloberst bittere, aber ungerechte Klagen er- 
hoben worden. Der Kriegsminister hat sie in der Nationalversammlung am 
29. Juli 1919 entkraftet. Seinem echt soldatischen Denken und Pflichtgefuhl 
folgend, ist B., obwohl schwer krank, am 8. November von Berlin nochmals 
auf seinen Posten nach Warschau zuriickgekehrt und hat noch bis zum 12. 
dort ausgeharrt, obwohl der gegen seine Warming zu friih aus dem Magde- 
burger Gefangnis entlassene Pilsudski bereits am 10. die militarische Gewalt 
an sich gerissen hatte. 

Das Fiasko seiner dreijahrigen Tatigkeit in Warschau, noch mehr aber der 
Zusammenbruch unseres Vaterlandes warfen einen tiefen Schatten auf das 
Gemut dieses edlen Mannes, der nicht mehr von ihm wich. In einem Sana- 
torium bei Potsdam ist er am 20. Dezember 1921 sanft entschlafen, ohne daft 
es ihm beschieden war, noch selbst iiber seine Tatigkeit der Nach welt Rechen- 
schaft zu geben. 

Auch diejenigen, die mit seinem Wirken in Warschau nicht einverstanden 
waren, preisen den geraden Charakter dieses aufrechten und bedeutenden 
Mannes und erkennen riickhaltlos das ehrliche Streben fiir das Wohl des 
Vaterlandes an. In der Geschichte wird sein Name fortleben als der des »Er- 
oberers von Antwerpen«. 

Titel der gedruckten Broschiiren, Vortrage usw. B.s. Vortrage: Bluchers Zug 
nach I,ubeck, Februar 1892. — Der Freiheitskampf Nordamerikas und der Burenkrieg, 
Marz 1901. — Am Wilhelmstage 1914, Marz 1914. — Broschiire: Jena oder Sedan? Ein 
Wort zur Abwehr, Sommer 1904. — Iin Militar-Wochenblatt : Noch eininal Festungs- 
ubungen (olme Namen), 1906; Reinhold Wagner, Gnindlagen der Kriegstheorie, Be- 



Beseler, Hans. Beseler, Max ig 

sprechung, 1912; Graf Schlieffen, Gesammelte Schriften, Besprechung, Juni 1913; Zum 
to. Marz 1910; Militarpolitischer Riickblick auf das Jahr 1913, Januar 1914. — Deutsche 
Revue: Politisierende Heere, Mai 191 4; Soldatischer Gehorsam, August 1914. — Aus Georg 
B.s Brief en aus dem Frankfurter Parlament. — Preufiische J ahrbiicher : Heeresfragen, 19 1 2 ; 
Krieg und modernes Verkehrswesen, 191 3. — Broschiiren: Vom Soldatenberuf, 191 2; Die 
allgemeine Wehrpflicht, Kin Gedenkwort zum 1 7. Marz 191 3. — Buch : Gedanken iiber Aus- 
bildung und Truppeniibungen, Januar 191 3. — Vierteljahrshefte fiir Truppenfiihrung und 
Heereskunde, Heft 3, 1910: Ingenieurkunst und Offensive. 

Nachrufe: Deutsches Offizierblatt, Januar 1922 (v. Tschischwitz) ; Wehrbeilage der 
»Zeit« (spat er Tagl. Rundschau) 192 1, Nr. 44 (Nethe); Berl. Borsenzeitg. i92i,Nr. 593; 
Deutsche AUg. Zeitung, F,nde Dezember 1921 (v. Kuhl); Berl. Tageblatt, Ende Dezem- 
ber (v. Dombrowski). 

Literatur: Schlachten des Weltkrieges in Einzeldarstellungen : Heft 3 (Antwerpen 
1 914), Heft 10 (Schlacht an der Yser und bei Ypern 19 14), Heft 8 (Nowo-Georgiewsk) . 
— Denkwiirdigkeiten d. Graf en Waldersee. — Johannes Reinke, Mein Tagewerk. Freiburg 
1925. — Ernst v. Dryander, Erinnerungen aus rneinem Leben. — Adolf Eichler, Das 
Deutschtum in KongreCpolen. 

Berlin-Charlottenburg. Erich v. Tschischwitz. 

Beseler, Max Georg Friedrich v., Dr. jur., preuBischer Staats- und Justiz- 
minister, Kronsyndikus, Mitglied des Herrenhauses. * 22. September 1841 in 
Rostock, | 2 4- Juti I 9 21 m Berlin. — B. stammte aus holsteinischer (ver- 
mutlich im 16. Jahrhundert infolge der Religionsverfolgungen durch Herzog 
Alba aus Ypern nach Deutschland eingewanderter) Familie ; er wurde als Sohn 
des hervorragenden Rechtsgelehrten und Germanisten Georg B. und seiner 
Gattin Emilie geb. Karsten in Rostock geboren, wo sein Vater damals eine Pro- 
fessur bekleidete. Er besuchte das Gymnasium in Greifswald und in Berlin und 
studierte dann in Heidelberg und in Berlin (wo er auch promovierte) die Rechts- 
wissenschaften. Im Jahre 1863 trat er als Auskultator in den preuBischen 
Justizdienst, 1868 wurde er zum Gerichtsassessor, 1870 zum Richter (zunachst 
mit dem Titel »Amtsgerichtsassessor«, seit 1873 als »Amtsrichter«) bei dem 
Amtsgericht Hannover ernannt. Im Juli 1870 wurde B., der schon die Feld- 
ziige von 1864 un d 1866 mitgemacht hatte, als Reserveoffizier bei dem 4. Garde- 
regiment zu FuB wiederum zu den Fahnen einberufen. Er nahm (zuerst 
Zug-, spater Kompagniefuhrer und Hauptmann d. R.) an den Schlachten 
bei St. Privat, Beaumont, Sedan und an der Belagerung von Paris teil und 
wurde nach St. Privat durch das Eiserne Kreuz II. Kl. ausgezeichnet. 1874 
wurde er als Stadtrichter an das Stadtgericht Berlin, 1879 als L,andgerichts- 
rat an das Landgericht I daselbst versetzt. Nachdem er 1882 zum Land- 
gerichtsdirektor befordert worden und als solcher zunachst in Saarbriicken, 
dann in Dusseldorf tatig gewesen war, wurde er bereits 1888 — in verhaltnis- 
maBig jungen Jahren — zum Landgerichtsprasidenten in Oppeln ernannt. 
Als im Jahre 1892 die Stelle eines besonderen Prasidenten fiir das Amts- 
gericht I in Berlin hatte geschaffen werden mussen, weil wegen der raschen 
Bevolkerungszunahme die Fuhrung einer geordneten Aufsicht durch den 
Prasidenten des iibergeordneten Iyandgerichts sich als unmoglich heraus- 
gestellt hatte und ernste MiBstande eingetreten waren, wurde B. fiir dieses 
schwierige Amt auserwahlt. Mit zaher Tatkraft und ungewohnlichem Or- 
ganisationstalent hat er es verstanden, die Verhaltnisse bei dem seiner I^ei- 
tung anvertrauten Gericht in kurzer Zeit musterhaft zu regeln. Von Berlin 



20 1921 

kam er 1897 als Oberlandesgerichtsprasident nach Kiel, von dort 1904 in 
gleicher Eigenschaft nach Breslau. Bereits im November des folgenden Jahres 
wurde er als Nachfolger Dr. v. Schonstedts zum Staats- und Justizminister 
ernannt. Im AnschluB hieran wurde er im folgenden Monat zum Kronsyndikus 
bestellt und auf Lebenszeit in das Herrenhaus berufen. 

Beinahe zwolf Jahre lang hat B. an der Spitze der preufiischen Justiz- 
verwaltung gestanden und sich dabei als eine kraftvolle, auf rechte Personlich- 
keit, als ein Mann von strengster Gerechtigkeitsliebe und Unparteilichkeit, 
als ein »wahrhafter Minister der Justiz undGerechtigkeit« (wie ihn die Deutsche 
Juristenzeitung bei seinem Scheiden vom Amt genannt hat) erwiesen. Mannig- 
fache Verdienste hat er sich um die Rechtspflege und ihre Organe erworben. 
Mit Erfolg war er um die Hebung und zeitgemaBe Verjiingung des Richter- 
standes bemiiht. Ihm ist die Gleichstellung der Richter und Staatsanwalte 
mit den hoheren Verwaltungsbeamten zu danken. Im Interesse der Richter 
selbst und der Rechtsprechung hat er standig auf eine Einschrankung der 
Zahl der Hilfsrichter und ihre Ersetzung durch festangestellte Richter hin- 
gewirkt. Die Ausbildung der Richter suchte er durch Anderungen im Prii- 
fungs- und Vorbereitungswesen zu bessern. Allem bureaukratischen Wesen 
abhold, hat er den Geschaftsverkehr vereinfacht und mit der Entlastung der 
Richter von minder wichtigen Geschaften begonnen. Auch eine Besserung der 
Verhaltnisse des Kanzleipersonals hat er sich besonders angelegen sein lassen. 
Unvergessen ist ihm vor allem, daB er wiederholt mannhaft fur die Unab- 
hangigkeit der Rechtsprechung eingetreten ist, wie er selbst sie auch in der 
eigenen Amtstatigkeit stets aufs strengste gewahrt hat. 

Gegeniiber den ihm unterstellten Beamten verband er mit Strenge, wo sie 
not tat, milde Herzensgute, die er haufig hinter einer strengen und unbewegten 
Miene zu verbergen suchte, um nicht Hoffnungen zu erwecken, die zu erfullen 
sein Pflichtgefiihl ihm — entgegen seinem Wunsche — verbot. 

Auf dem Gebiete der Gesetzgebung ist seine eifrige und erfolgreiche Mit- 
wirkung an der Gestaltung der durch den Weltkrieg notwendig gewordenen 
Gesetze zu nennen. 

Schlicht in seinem Wesen, liebte B. es nicht, seine Person in den Vorder- 
grund zu stellen. Sein Inneres erschloB sich im engeren Freundeskreise. Rege 
war sein Interesse fur die Literatur. Neben Goethe, von dem er sich auch 
auf Reisen nicht trennte, standen seinem Herzen die groBen Humoristen (wie 
Fr. Reuter und Dickens) besonders nahe, und die ganze Liebenswiirdigkeit 
seiner Natur trat zutage, wenn er, der bei allem Ernst selbst ein Mann gemiit- 
vollen Humors war, von Szenen oder Gestalten aus den Werken dieser Humo- 
risten sprach. Treu, hilfreich und von unbedingter Zuverlassigkeit war er 
gegen seine Freunde. Seinem Konig war er — ohne jeden Byzantinismus — 
mit aufrichtigster Anhanglichkeit ergeben, wie auch dieser ihm stets gnadig 
gesinnt gewesen ist. (Im Jahre 1916 wurde B. durch das Komturkreuz des 
Hausordens der Hohenzollern ausgezeichnet.) 

Zunehmendes Alter notigte ihn, im Jahre 1917 seine Entlassung aus dem 
Amte nachzusuchen. Sie wurde ihm am 6. August 1917 gewahrt und mit 
einem Handschreiben des Konigs begleitet, in dem die hohen Verdienste an- 
erkannt wurden, die er sich in alien seinen Stellungen um Konig und Vater- 
land erworben habe. Gleichzeitig wurde ihm — als Ausdruck des »warmsten 



Beseler, Max. Bethmann Hollweg 21 

Koniglichen Dankes« — der Orden vom Schwarzen Adler verliehen, womit 
die Erhebung in den Adelsstand verbunden war. 

Vermahlt war B. seit 1872 mit L,uise Haupt, der selbst literarisch und 
philologisch hochgebildeten Tochter des bekannten Germanisten und Philo- 
logen Moritz Haupt. Im Jahre 1904 wurde ihm die Gattin durch den Tod ent- 
rissen. Aus der Ehe sind vier Kinder hervorgegangen. Der B ruder B.s war der 
preuBische Generaloberst Hans v. B. (siehe oben S. 13 ff). 

Am 24. Juli 192 1 ist B. im fast vollendeten 80. Lebensjahre nach langerem 
Leiden in Berlin entschlafen. 

Berlin-Dahlem. RudolfHuber. 



Bethmann Hollweg, Theobald v., Reichskanzler a. D., * in Hohenfinow 
(Kreis Oberbarnim in der Mark Brandenburg) 29. November 1856, f daselbst 
am 2. Januar 192 1, entstammte einem Frankfurter Geschlecht, das erst im 
19. Jahrhundert durch Moritz August (1795 — 1877) nach PreuBen gekommen 
ist. Moritz August v. B. H. hat sich nicht nur als Rechtsgelehrter einen Namen 
gemacht, sondern ist auch im politischen Leben hervorgetreten. Er war einer 
der Begriinder der Wochenblattspartei, die sich zu Anfang der 5oer Jahre 
von den Konservativen trennte, weil sie deren Reaktion gegen die Verf assung 
nicht mitmachen wollte, aber auch auBenpolitisch eigene Wege ging; in der 
»neuen Ara« Wilhelms I. war er zeitweise Kultusminister. Sein Enkel Theo- 
bald v. B. H. studierte nach dem Besuch der Landesschule Pforta in StraB- 
burg, Leipzig und Berlin (nicht aber in Bonn, vor allem nicht beim Korps 
Borussia) die Rechte. 1879 Referendar und 1884 Regierungsassessor, folgte er 
1886 seinem Vater im Landratsamt des heimatlichen Kreises Oberbarnim. 
In die zehnjahrige Landratszeit fallt ein erster kurzer Ausflug in die Politik. 
1890 wurde B. H. in den Reichstag gewahlt, wo er sich der Reichspartei an- 
schloB ; um der drohenden Ungultigkeitserklarung der Wahl zuvorzukommen, 
legte er aber sein Mandat nieder, be vor er politisch irgendwie hervorgetreten 
war. Nachdem er von 1896 bis 1899 Oberprasidialrat beim Oberprasidium 
in Potsdam gewesen war, wurde er im Sommer 1899 zum Regierungsprasidenten 
von Bromberg ernannt; aber schon nach drei Monaten kehrte er als Ober- 
prasident in die Mark Brandenburg zuriick. Fiinfeinhalb Jahre spater, im 
Marz 1905, wurde er als Nachfolger des verstorbenen Freiherrn v. Hammer- 
stein zum Minister des Innern berufen. Die Reden, die er in dieser Eigenschaft 
im preuBischen Landtag gehalten hat, atmen einen durchaus freiheitlichen 
Geist in der warmen Anerkennung der Selbstverwaltung, in der stark be- 
tonten Abneigung gegen den ErlaB entbehrlicher Polizeiverordnungen. Die 
Taten freilich entsprachen, soweit sie bekannt wurden, diesen Reden nicht 
ganz. Ein ErlaB gegen die Beziehungen zwischen Beamten und Abgeordneten 
erregte als AusfluB bureaukratischer Engherzigkeit und Geringschatzung des 
Parlaments unliebsames Aufsehen, das B. H. vergeblich durch mildernde 
Interpretation zu beschwichtigen suchte. Noch mehr setzte sich B. H. zum 
Liberalismus in Gegensatz durch die 1906 eingebrachte Vorlage zur Reform 
des preuBischen Wahlrechts. Diese beschrankte sich namlich, statt den libe- 
ralen Forderungen nach Einfuhrung des gleichen Wahlrechts entgegenzu- 
kommen, auf kummerliches Flickwerk, indem sie lediglich die durch die 



22 *9 21 

Bevolkerungsvermehrung unhaltbar und praktisch undurchfuhrbargewordenen 
VorschHften des Wahlgesetzes von 1849 abanderte und fiir die groBen Stadte 
zehn neue Wahlkreise schuf, im iibrigen aber das Dreiklassenwahlrecht und 
die offentliche Stimmabgabe unangetastet lieB. B. H. rechtfertigte diese 
Zuriicklialtung in einer Rede vom 23. Marz 1906, die mit der Hervorhebung 
der jeder befriedigenden Regelung des Wahlrechts entgegenstehenden Schwie- 
rigkeiten, des Widerspruchs zwischen der nivellierenden Wirkung eines 
gleichen Wahlrechts und dem Bedurfnis nach Befreiung der aufwartsstreben- 
den Krafte, und mit der daraus gezogenen Folgerung der Ablehnung jeder 
durchgreifenden Reform fiir seine ganze politische Art uberaus bezeichnend 
ist. Dafi er sich dabei auf den » groBen Aristokraten des Geistes Kant« 
berief, hat ihm den Beinamen des philosophischen Ministers (und spater 
Kanzlers) eingetragen. In der Tat bestand zwischen dem leichten Optimis- 
mus, mit dem Bulow Schwierigkeiten auszuweichen liebte, und dem griib- 
lerischen Ernst, mit dem B. H. den Dingen auf den Grund zu gehen versuchte, 
ein auffallender Unterschied, der aber keineswegs nur einen Vorzug B. H.s 
bedeutet. Vielmehr war sein Hang zum eindringenden Nachdenken iiber die 
Erscheinungen des politischen Lebens zugleich seine empfindlichste Schwache, 
weil er dariiber die Kraft des Entschlusses verlor. Auch fuhrte das BewuBt- 
sein, daB er die Probleme ernsthafter anpacke und tiefer durchschaue als 
die andern, bei B. H. zu einer schulmeisterlichen tjberheblichkeit, die viele 
seiner Mitarbeiter beklagt haben. 

Als Mann konservativer Anschauungen, der aber zugleich Verstandnis fiir 
andere geistige und politische Stromungen besaB, erschien B. H. dem Reichs- 
kanzler Ftirsten Bulow besonders geeignet zur Vertretung der Blockpolitik. 
So wurde er am 24. Juni 1907 als Nachfolger Posadowskys zum Staatssekretar 
des Reichsamts des Innern und auBerdem zum Vizeprasidenten des preu- 
Bischen Staatsministeriums ernannt. In dieser Eigenschaft hatte er vor allem 
auf eine gewisse Einheitlichkeit zwischen der preuBischen und der Reichs- 
politik zu wachen; doch ist er als Vizeprasident wenig hervorgetreten, wie 
es ja iiberhaupt an jener Einheitlichkeit dauernd fehlte. Der Schwerpunkt 
seiner Tatigkeit lag vielmehr seit 1907 im Reiche. Auf den eigentlichen Haupt- 
arbeitsgebieten seines Amtes hat er freilich wenig geleistet. Die Wirtschafts- 
politik war durch die Handelsvertrage von 1905 auf mehr als ein Jahrzehnt 
festgelegt; B. H. hatte sie nur gegen gelegentliche Angriffe zu verteidigen. 
Auch in der Sozialpolitik ist nichts Neues geschaffen worden. Von dem groBen 
Reformprogramm, das B. H. am 2. Dezember 1907 im Reichstag aufgestellt 
hat, ist nur das Arbeitskammergesetz unter B. H. fertig geworden ; es scheiterte 
aber im Reichstag, da es als ein Versuch, zwischen Unternehmern und Ar- 
beitern zu vermitteln, nirgends befriedigte. Hauptaufgabe B. H.s in seiner 
Stellung als Staatssekretar des Innern, mit der seit langem die Vertretung 
des Reichskanzlers in der gesamten inneren Politik verbunden war, war es, 
die beiden Half ten des konservativ-liberalen Blocks zusammenzuhalten, so- 
wohl die liberalen Zugestandnisse, die Billow dem Block zuliebe brachte, 
den Konservativen schmackhaft zu machen, wie ihre Grenzen den Liberalen 
gegeniiber zu rechtfertigen. Insbesondere gab die Beratung des Vereinsgesetzes 
und hinterher die Besprechungen iiber seine Anwendung in den Einzelstaaten 
B. H. Gelegenheit zu versohnlichen Auseinandersetzungen mit dem Block. 



Bethmann Hollweg 23 

Bei der Reichsfinanzreform, die den Bruch des Blocks herauffuhrte, war er 
dagegen nicht in erster Linie beteiligt. Erst nach der Ablehnung der Erb- 
schaftssteuer in der zweiten I^esung, die Biilows Riicktritt unwiderruflich 
machte, griff er ein, verhandelte mit der neuen, aus Zentrum und Konser- 
vativen gebildeten Mehrheit iiber eine fiir die Reichsregierung annehmbare 
Oestalt der Steuervorschlage und kiindigte nach dem AbschluB dieser Ver- 
handlungen in der dritten Lesung die Unterwerfung der verbiindeten Re- 
gierungen unter das Steuerprogramm der neuen Mehrheit an. Deshalb konnte 
er trotz seiner engen Verbindung mit dem Block der Nachfolger Biilows 
werden. 

Das Erbe, das B. H. am 14. Juli 1909 mit dem Reichskanzleramt iiber- 
nahm, war keineswegs leicht. Von dem Ernst der auswartigen I,age soil noch 
im Zusammenhang gesprochen werden. In der inneren Politik hatte der 
Kampf um die Finanzreform zu scharfen Gegensatzen zwischen den Parteien 
gefiihrt, das Ansehen der Regierung war durch die Preisgabe des Blocks und 
des mit ihm verbundenen Kanzlers und durch die Annahme der auch nach 
den KompromiBverhandlungen dem urspriinglichen Programm der Regierung 
widersprechenden Steuergesetze schwer erschiittert worden. Die alte Tra- 
dition der Unabhangigkeit der Regierung von der Parlamentsmehrheit schien 
aufgegeben zu sein. Aber eine haltbare Grundlage fiir eine Regierung mit den 
Parteien war nicht vorhanden. B. H. war auch nicht bereit, der Kanzler 
der aus den Konservativen und dem Zentrum gebildeten Parteikoalition zu 
werden, die eben erst der Regierung ihren Willen aufgedrungen hatte; er 
wollte um der Zukunft willen den liber alen Einschlag nicht ganz aufgeben. 
Zumal die Einordnung der Arbeiterbewegung in die gesellschaftliche Ordnung, 
die er einst als die groBte Aufgabe der Gegenwart bezeichnet hatte, schien 
gefahrdet zu sein, wenn diejenigen biirgerlichen Kreise, die da von nichts 
wissen wollten, sondern lieber an gewaltsame Unterdriickung dachten — und 
das waren vornehmlich die Konservativen — den Ton in der Regierung an- 
gaben. Deshalb war er als Kanzler bestrebt, die Regierung iiber den Parteien 
zu halten. Aber selbst wenn man in diesem Programm, das er in seinen Be- 
trachtungen zum Weltkrieg (Bd. I, S. 18 f.) auseinandergesetzt hat, mehr 
sehen will als einen nachtraglichen Rechtfertigungsversuch, so bleibt das Ur- 
teil, daB er es nicht verstanden hat, den rechten Weg zum Ziel zu finden. Die 
Parteigegensatze und Parteianspriiche konnten nur dann ausgeschaltet werden, 
wenn die Regierung energisch die Fuhrung ubernahm und bestimmte Auf- 
gaben stellte. Daran hat es B. H. vollig fehlen lassen. Er vertraute, wie er 
in seiner ersten Kanzlerrede am 9. Dezember 1909 im Reichstag sagte, auf 
den Zwang zum Schaffen, d. h. er iiberlieB die politische Entwicklung den- 
jenigen Kraften, die starker waren als er. 

So brachte er zwar in PreuBen eine Wahlrechtsvorlage ein, weil sie in der 
Blockzeit durch eine Thronrede des Konigs verheiBen worden war und ein 
solches Versprechen bei der starken Betonung der selbstandigen Rolle des 
Monarchen in PreuBen nicht mit dem Hinweis auf die veranderten partei- 
politischen Verhaltnisse abgetan werden konnte. Aber er verteidigte sie nur 
matt und zog sie zuletzt zuriick, als er sah, daB sich keine Mehrheit fiir eine 
befriedigende Fassung finden werde. Dann ruhte diese Frage auBerlich ganz; 
das t)bergewicht der Konservativen Partei in PreuBen blieb unangetastet. 



24 T 92i 

Und das, obwohl B. H. in seiner Reichspolitik durch die Verschiedenheit 
der parlamentarischen Mehrheitsverhaltnisse im Reiche und in PreuBen schwer 
gehemmt wurde. Denn im Reichstag waren die Konservativen allein macht- 
los, das Zentrum ausschlaggebende Partei, und es nutzte die Moglichkeit der 
doppelten Mehrheitsbildung in alter Weise aus. So wurde der Entwurf einer 
Verfassung fur ElsaB-Lothringen, den B. H., dem Drangen der Elsasser, des 
Zentrums und seiner Freunde nachgebend, dem Reichstag vorlegte, durch 
die Aufnahme des gleichen Wahlrechts, das B. H. den PreuBen noch versagen 
wollte, wesentlich demokratisiert. DaB B. H. dies, seiner Natur entsprechend, 
geschehen lieB, entfremdete ihm das Vertrauen der Konservativen, die klarer 
als er die unvermeidlichen Folgen einer solchen Politik der Nachgiebigkeit 
fur PreuBen erkannten. Dem hier drohenden Verlust stand fur B. H. kein 
Gewinn gegeniiber. Die Reichstagswahlen vom Januar 1912 fielen angesichts 
der Taten- und Erfolglosigkeit der Regierung iiberall sehr ungiinstig aus. 
B. H. freilich trostete sich mit dem Satze, der dann in vielen Wiederholungen 
seine spateren Reden und seine Betrachtungen zum Weltkriege durchzieht: 
»Erfolg habe ich nicht gehabt, aber ich habe meine Pflicht getan.« DaB er 
damit sein Ungeschick als Politiker offen bekundete, hat er anscheinend nie 
empfunden. 

Nur auf einem Gebiet hat B. H. die Parteien zu fruchtbarer Arbeit zusammen- 
gefuhrt, auf dem der deutschen Wehrkraft. Aber auch das ist weniger das 
Verdienst seiner Tatigkeit als vielmehr die Wirkung des wachsenden Druckes 
der auswartigen Lage. B. H.s Neigung entsprach es auch auf diesem Gebiete, 
den Kampf durch Verzicht auf das Notwendige zu vermeiden. Die Riicksicht 
auf die Finanzen war ihm im Sommer 1910 wichtiger als eine der Verschlech- 
terung der politischen Stellung Deutschlands entsprechende Ausgestaltung 
des Heeres. Da sich der Kriegsminister fugte, sah die Heeresvorlage von 191 1 
nur eine auf fiinf Jahre zu verteilende Erhohung des Mannschaftsbestandes 
um 9482 Gemeine vor; es ist die kleinste Heeresvorlage des Kaiserreichs. 
Als sie am 1. Oktober in Kraft trat, war sie freilich schon langst durch die 
Ereignisse uberholt; die Marokkokrisis vom Sommer 191 1 war ein so deut- 
liches Warnungszeichen, daB eine namhafte Verstarkung von Heer und Flotte 
nicht langer aufgeschoben werden konnte. Aber auch jetzt machte B. H. nur 
halbe Arbeit. Wahrend das Schicksal der Flottenvorlage durch die Ver- 
standigungsversuche mit England bestimmt wurde, wurde die Heeresvorlage 
recht im Gegensatz zum Zeit alter Bismarcks, der Fragen der Wehrkraft als 
Hebel fur die innere Politik zu benutzen verstand, aus Scheu vor parlamen- 
tarischen Kampfen verkummert. Ihr Rahmen wurde so eng gesteckt, daB die 
Mehrkosten ohne wesentliche Steuererhohung, die ohne scharfe politische 
Kampf e nicht zu haben war, getragen werden konnten. Sie brachte deshalb 
zwar eine Verbesserung der Organisation des Heeres, vermehrte aber die 
Zahl der Mannschaften nur um 23750 Mann. Die Erneuerung des Streites der 
Parteien um die Erbschaftssteuer war damit verhiitet worden. Dafiir hatte 
B. H., wie die bald darauf erfolgte Griindung des Wehrvereins zeigte, in weiten 
Kreisen das Vertrauen erschiittert, daB die Reichsregierung ohne innerpolitische 
Riicksichten die Fragen der Wehrmacht lediglich nach den auBenpolitischen 
Erfordernissen behandle. DaB die Vorlage von 1912 unzureichend war, daB 
Deutschlands politische L,age die voile Ausnutzung der lebendigen Volks- 



Bethmann Hollweg 25 

kraft fur Heereszwecke erforderte, bewies der Balkankrieg des Winters 1 912/13. 
Er zwang zu einer neuen Heeresverstarkung um 116 900 Mann. DaB auch die 
neue Vorlage, die dritte innerhalb von drei Jahren, nicht ganze Arbeit machte, 
daB sie z. B. die Wiinsche des Generalstabs auf Bildung von drei neuen Armee- 
korps nicht erfiillte, war in der Hauptsache Schuld des Kriegsministers, der 
die Riicksichten auf die friedensmaBig geordnete Entwicklung des Heeres 
hoher stellte als das Bediirfnis eines Krieges gegen mindestens zwei Fronten. 
Aber daB die endgultige Entscheidung des Kaisers fiir den Kriegsminister 
und gegen den Generalstab ausfiel, darauf hat auch B. H. eingewirkt. Die 
ihn bestimmenden innerpolitischen Bedenklichkeiten waren aber nicht be- 
griindet. So ungiinstig auch die Lage der Regierung gegeniiber dem 191 2 neu 
gewahlten Reichstag war, in dem no Sozialdemokraten saBen, und so groB 
auch die neuen Anforderungen waren, die die Heeres vorlage stellte, so war 
doch angesichts der weltpolitischen Lage eine groBe Mehrheit fiir die Re- 
gierung vorhanden. Diese Stimmung fiir die gesamte innere Politik fruchtbar 
zu machen, war B. H. freilich nicht der Mann. In der Frage der Deckung der 
Mehrkosten, die mit der Heeresverstarkung verbunden waren, lieB er sich 
die Fuhrung wieder ganz aus der Hand winden. Zentrum, Fortschrittspartei 
und Sozialdemokratie, die schon bei der elsaB-lothringischen Verfassung zu- 
sammengewirkt hatten und in diesem Reichstag wahrend des Krieges die 
Leitung iibernehmen sollten, legten der Reichsregierung ihren Willen auf. 
B. H. war weder stark genug, Widerstand zu leisten, noch war er schon weit 
genug aus seinen konservativen Anschauungen herausgewachsen, um mit dieser 
Mehrheit grundsatzlich neue Wege in der inneren Politik zu gehen. So blieb 
seine Politik unsicher und schwankend und fand nirgends Anhanger. Das 
Jahr 1913 endet innerpolitisch mit der unerquicklichen Zabernaffare, die nicht 
nur ein Licht auf die triiben Verhaltnisse in ElsaB-Lothringen warf , sondern 
dariiber hinaus die mit der Schwache des Reichskanzlers steigende Unzu- 
friedenheit und die Vermehrung der Anspriiche des Reichstags erhellte. Es 
war das erstemal, daB der Reichstag ein formliches MiBtrauensvotum gegen 
den Reichskanzler beschloB. Und wenn dieses auch noch kein praktisches 
Ergebnis hatte, so bedeutete es doch eine Minderung des Ansehens der Re- 
gierung. DaB B. H. das alles geschehen lieB, fiihrte zu einem scharfen Zu- 
sammenstoB zwischen ihm und den Konservativen im preuBischen Abgeord- 
netenhaus; B. H. berief sich gegeniiber dem Vorwurf der Schwache ahnlich 
wie 191 2 auf den Ernst seines Verantwortungsgefiihls. 

Die entscheidende Krisis seines staatsmannischen Lebens erwuchs B. H. 
aber nicht auf dem Gebiet der inneren Politik, sondern auf dem der auswar- 
tigen, die er seit 1909 ebenfalls verantwortlich leitete. Er war der erste Reichs- 
kanzler, der aus der inneren Verwaltung, nicht aus der diplomatischen oder 
militarischen Laufbahn gekommen war, und wenn er sich auch mit gewohnter 
Gewissenhaf tigkeit in die Auf gaben dieser Seite seines Amtes einzuarbeiten ver- 
sucht hat, so hat er doch den Mangel an eigener Anschauung fremder Lander 
und richtigem Verstandnis fiir das Wesen der auswartigen Politik niemals ganz 
ausgleichen konnen. Seine Natur, die schon in der inneren Politik zur staats- 
mannischen Fuhrung nicht geschaffen war, versagte hier vollkommen. Wenn 
er in einem Brief e an Lamprecht, den die »Vossische Zeitung« am 12. De- 
zember 19 13 veroffentlichte, vor der Cberschatzung der Politik der Gewalt 



26 1921 

warnte und auf die feineren Mittel der Kulturpropaganda, die im wesentlichen 
vom Volk getragen werden mtisse, hinwies, so ubersah er bei diesem an sich 
richtigen Gedanken vollig, daB die Voraussetzungen einer solchen Kulturpropa- 
ganda von klarer und zielbewuBter Fuhrung der Regierung erst geschaffen und 
gesichert werden muBten. Im Grunde war diese Auffassung nichts anderes als 
der ins AuBenpolitische iibertragene Glaube an den Zwang zum Schaffen, 
den er in der inneren Politik vergeblich beschworen hatte, ein Mangel an Ent- 
schluBkraft, der aus dem Gefiihl der Schwere der Probleme und der Unzu- 
langlichkeit menschlicher Erkenntnis und menschlichen Wollens erwuchs. 

Dabei war B. H. gerade auf dem Gebiet der auswartigen Politik vor ge- 
waltige Aufgaben gestellt. Zwar war die Annexionskrisis, die im Winter 1908/09 
die Welt hart an den Rand des allgemeinen Krieges gefuhrt hatte, mit einem 
Erfolg fur Deutschland ausgegangen. Aber es war ein Augenblickserfolg ge- 
wesen, der die L,age flir Deutschland dauernd nicht verbessert und die Ein- 
kreisung durch die Erbitterung RuBlands uber das deutsehe Eingreifen eher 
verscharft als gelockert hatte. B. H. hat sich uber den Ernst der Lage keinen 
Illusionen hingegeben; sein Temperament schiitzte ihn vor einem rosigen 
Optimismus, wie ihn sein Amtsvorganger zur Schau getragen hatte. Von An- 
fang an sah er sein Ziel darin, den auf Deutschland lastenden Druck durch eine 
Verstandigung mit England zu vermindern. Aber die Aufgabe war schwieriger, 
als B. H. geglaubt hatte. England forderte erheblich groBere Zugestandnisse 
auf dem Gebiet der deutschen Flottenpolitik, als B. H. bieten konnte; anderer- 
seits lehnte es ein bindendes politisches Abkommen ab, ohne das B. H. eine 
Beschrankung der deutschen Riistung zur See beim Kaiser und dem Reichs- 
marineamt nicht durchsetzen konnte. Ebensowenig wurde bei dem anderen 
Partner der Einkreisung, bei RuBland, erreicht. Hier bestanden wohl Ver- 
standigungsmoglichkeiten, denn die Interessen RuBlands und Englands stieBen 
gerade 1910/11 in Persien scharf aufeinander, aber sie lieBen sich nur aus- 
nutzen, wenn Deutschland den Russen eine Gegengabe auf dem Balkan und 
in Kleinasien bot. Und dazu konnte es sich aus Riicksicht auf das verbiindete 
Osterreich-Ungarn und auf die eigenen weltpolitischen Zukunftshoffnungen, 
die sich um die Bagdadbahn gruppierten, nicht entschlieBen. Infolgedessen 
verliefen die deutsch-russischen Verhandlungen nach hoffnungsvollem Be- 
ginn mit dem Potsdamer Abkommen vom November 1910 sehr bald im 
Sande. 

Die Gefahr der Lage fiir Deutschland wurde bei der Marokkokrisis des 
Sommers 191 1 deutlich. Fiir die Einzelheiten der deutschen Marokkopolitik, 
zumal fiir Agadir und die Behandlung Englands, tragt Kiderlen-Wachter die 
Verantwortung. B. H. hatte im Sommer 1910 seine Ernennung zum Staats- 
sekretar des Auswartigen Amtes durchgesetzt, weil er als einer der befahig- 
sten deutschen Diplomaten gait und noch aus der Bismarckschen Schule 
stammte. Er rechtfertigte seinen Ruf aber gerade in der Marokkofrage nicht, 
da er die Wirkung seiner gegen Frankreich gerichteten Politik auf die anderen 
Machte nicht ausreichend beriicksichtigte. Infolgedessen sah sich Deutschland 
plotzlich nicht nur Frankreich, sondern auch England gegeniiber, wahrend seine 
Bundesgenossen keineswegs bereit waren, ihre Unterstiitzung der deutschen 
Politik zu leihen. Auf einen Krieg wollte es aber weder Kiderlen noch auch 
B. H. oder der Kaiser ankommen lassen. So blieb nur ein Riickzug ubrig, 



Beth maun Hoilweg 27 

der nach langen unerquicklichen Verhandlungen schlieBlich zum Marokko- 
abkommen vom 4. November 191 1 fuhrte. 

An dieser unzweifelhaften, in weiten Kreisen Deutschlands schwer emp- 
fundenen Niederlage war B. H. nur insofern mitschuldig, als er sich allzusehr 
anf Kiderlen verlassen hatte. Von nun an griff er sehr viel nachhaltiger in den 
Gang der Politik ein und nahm die Verstandigungsbemuhungen mit England 
wieder auf, die jetzt bessere Aussichten zu bieten schienen, da auch in Eng- 
land die Gefahr eines Krieges mit Deutschland erkannt worden war. Aber 
B. H.s Hand war weder geschickt genug, um Deutschland aus der gefahr- 
iichen Lage herauszusteuern, noch fest genug, um alle Gegenstromungen in 
Deutschland zu bezwingen und eine einheitliche Politik zu sichern. Ihm fehlte 
vor allem der Glaube, da!3 eine Anderung des Kurses die Einkreisung, die fiir 
Bismarck nur eine geftirchtete Moglichkeit gewesen, die jetzt aber driickende 
Wirklichkeit war, aufheben oder wenigstens mildern konne; die Aufgabe 
schien ihm, so schrieb er am 19. Marz 1912 an Ballin, innerlich unlosbar 
zu sein. Deshalb brachte er auch nicht die Kraft auf, sich ganz dieser Auf- 
gabe hinzugeben und die Widerstande, die ein nur unter Beschrankung 
des Ausbaus der Flotte mogliches Abkommen mit England in Deutsch- 
land fand, unter Einsatz seiner Personlichkeit und seines Amtes zu iiber- 
winden. 

Aus der politischen Krisis des Sommers 191 1 hatten die militarischen In- 
stanzen in Deutschland die Folgerung gezogen, daB die deutsche Riistung 
gesteigert werden musse. Wahrend B. H. gegen die Forderungen des Heeres 
innerpolitische Bedenken hatte, hatte er gegen die der Marine, die sich auf 
Schiffe, Mannschaften und Indiensthaltung eines dritten Geschwaders zur 
Erhohung der Bereitschaft erstreckten, auBenpolitische Bedenken. Es war 
klar, daB Verstarkung der Flotte und Verstandigung mit England nicht gleich- 
zeitig betrieben werden konnten. Aber statt die Wunsche der Marinefachleute 
als Verhandlungsobjekt England gegeniiber zu benutzen, setzte B. H. schon 
vorher eine Verkiirzung der neuen Vorlage durch. Aber nicht daran schei- 
terten die Verhandlungen, die durch die Sendung Haldanes, des englischen 
Kriegsministers, nach Berlin ein besonderes Geprage erhielten. Denn auch der 
Rest der Flottenvorlage war noch ein anstandiger Preis, den Deutschland 
fiir die Anderung der englischen Politik zahlen wollte. Das Entscheidende 
war die Abneigung der Englander gegen jede Bindung ihrer Politik und gegen 
jede Gefahrdung ihrer Freundschaften mit Frankreich und RuBland. B. H. 
freilich wollte, obwohl er sich iiber die innere Unlosbarkeit der Aufgabe klar 
war, den diinnen Verstandigungsfaden weiterspinnen, solange es irgend mog- 
lich ware. Aber die Marine wollte nicht mehr so lange warten. Ein ungnadiges 
Telegramm des Kaisers zwang B. EL, die Wehrvorlage, die er einstweilen 
zuriickgehalten hatte, sofort in die Offentlichkeit zu bringen. B. H. beant- 
wortete dieses Telegramm am 6. Marz mit einem Abschiedsgesuch, blieb 
aber im Amt, da der Kaiser den Formfehler des Telegramms eingestand. 
In der Sache aber hatte er eine Niederlage erlitten und vor dem Reichsmarine- 
amt, d. h. vor Tirpitz zurtickweichen miissen. 

Die beiden folgenden Jahre sollten freilich zeigen, daB auch ohne schrift- 
liches Abkommen und selbst mit dem neuen Flottengesetz ein ertragliches 
Verhaltnis mit England moglich war. Wahrend der Balkankriege von 1912/13 



28 1921 

arbeiteten Deutschland und England gemeinsam an der Erhaltung des Frie- 
dens unter den GroBmachten; die Kosten dieser Politik trug allerdings auBer 
der Tiirkei in erster Linie Osterreich-Ungarn, der Bundesgenosse Deutschlands; 
es war kaum eine Ubertreibung, wenn man in Paris Osterreich-Ungarn »le 
grand vaincu de la crise balcanique« nannte. Und die groBe Heeresvorlage 
Deutschlands vom Jahre 19 13 bewies auch, daB man in Deutschland dieser 
Tatsache Rechnung trug, Dafiir eroffnete sich die Aussicht, auf dem Umwege 
liber einen kolonialen Ausgleich doch noch zu einer grundsatzlichen Besserung 
der deutsch-enghschen Beziehungen zu gelangen; im Friihsommer 1914 war 
man sich in der Hauptsache einig. Die friedliche Politik B. H.s, so oft im 
Reichstag und in der Presse Deutschlands der Schwachlichkeit und Un- 
fruchtbarkeit geziehen, schien endlich doch ihre Friichte zu tragen, und 
B. H.s vertrauter Mitarbeiter Ruedorffer-Riezler durfte sie als ein neues 
allgemeingultiges System einer lediglich wirtschaftlich, nicht macht- 
politisch gerichteten und sich des wirtschaftlichen Mittels der Kalkulation 
des Krieges statt des militarischen Mittels des Krieges bedienenden Welt- 
politik feiern. 

Diese falsche Anschauung der Weltlage ist Deutschlands Verhangnis ge- 
worden. B. H. glaubte so fest an eine »gemeinschaftliche, den Frieden ver- 
biirgende Mission Englands und Deutschlands «, daB er trotz den Erfahrungen 
der vorhergegangenen Balkankrisen es fiir moglich hielt, die Auseinander- 
setzung zwischen Osterreich-Ungarn und Serbien im Juli 19 14 auf diese beiden 
Machte zu beschranken. Aber selbst unter dieser Voraussetzung ist es unbe- 
greiflich, daB er den Osterreichern freie Hand fiir ihr Vorgehen lieB. Denn 
die Lokalisierung des Konflikts setzte im giinstigsten Fall ein MaBhalten 
Osterreichs voraus. Als es sich dann in den letzten Julitagen zeigte, daB der 
langst drohende allgemeine Krieg sich an dem osterreichisch-serbischen Kon- 
flikt entziinden werde, da hat B. H. gewiB mit aller Energie zu bremsen ver- 
sucht. Aber es war zu spat. RuBland arbeitete nicht bloB mit der Kalkulation 
des Krieges, sondern ging auf den Krieg selbst los. Nie ein Mann der Tat, 
stets geneigt, die Schwerkraft der Dinge als unaufhebbar zu betrachten, lieB 
B. H. dem Schicksal seinen Lauf. Seine ganze Politik, so hat er es selbst be- 
kannt, brach damit wie ein Kartenhaus zusammen. Und dariiber verlor er 
die Fassung. Als er am 4. August im Reichstag den Durchmarsch durch 
Belgien anktindigte, entfuhr ihm das ungeschickte Wort vom Unrecht an 
Belgien. Und dem englischen Botschafter gegeniiber sprach er sogar von dem 
Fetzen Papier, der die belgische Neutralitat bedeute, ein boses und unheil- 
volles Wort, das wahrend des ganzen Krieges gegen Deutschland ausgenutzt 
worden ist und noch heute nachwirkt, das im Auslande das Urteil uber B. H. 
ahnlich bestimmt hat, wie sich G. Ollivier 1870 als den Mann des leichten 
Herzens charakterisiert hat, und das auch bei ruhiger Betrachtung die diplo- 
matischen Fahigkeiten B. H.s, sein Geschick, Menschen zu behandeln und die 
Wirkung von Worten und Taten vorher zu berechnen, in noch truberem Licht 
erscheinen laBt als jene Reichstagsrede, in der er vom Gegensatz zwischen 
Slawen und Germanen gesprochen hatte. 

Dariiber, daB B. H. den Krieg nicht gewollt, daB er ihn nicht mit der Frivo- 
litat provoziert hat, die die feindliche Kriegsliteratur aus dem Wort vom Fetzen 
Papier herauslas oder herauszulesen vorgab, dariiber kann heutzutage kein 



Bethmann Hoilweg 20 

Zweifel mehr sein. Die Verantwortung dafiir, daB er sich von den Umstanden 
so weit hat treiben lassen, bis kein anderer Ausweg mehr als der Krieg in 
ungiinstigster diplomatischer Lage of fen war, lastet auf seinem staatsmannischen 
Ansehen vielleicht noch schwerer als die feindlichen Vorwiirfe. Aber auch 
wer Schwachen und Ungeschick seiner Politik keineswegs beschonigt, wer 
vor allem die Ubereilungen der Kriegserklarungen als Fehler bezeichnet, fur 
die B. H. als Leiter der deutschen AuBenpolitik die Verantwortung zu tragen 
hat, auch der wird die Frage stellen miissen, ob der Krieg uberhaupt ver- 
meidbar gewesen ist. Nach aller geschichtlichen Erfahrung, der bisher nur 
pazifistische Wiinsche, nicht aber Tatsachen entgegenstehen, lassen sich die 
groBen Fragen der Zeit nicht auf friedlichem Wege losen. Und ob Deutschland 
in den Kreis der See- und Weltmachte eintreten und in ihm sich dauernd 
gleichberechtigt behaupten werde, das war eine solche Frage. Vor allem aber 
erscheint es ausgeschlossen, daB die Auflosung der habsburgischen Monarchic, 
die mit dem Attentat von Serajewo in ihr akutes Stadium trat, ohne kriege- 
rische Auseinandersetzung der interessierten Machte vollzogen werden konnte. 

Wenn im folgenden die Politik B. H.s wahrend des Krieges bis zu seiner 
Entlassung dargestellt werden soil, so ist einmal zu beachten, daB der Ab- 
stand, den wir von dem erschutternden Zusammenbruch des Kaiserreichs 
gewonnen haben, noch nicht ausreicht, um den Leiter der Politik wahrend des 
groBten Teils des Krieges gerecht zu beurteilen. Auch unsere Kenntnisse 
ruhen noch nicht iiberall auf festem Boden. An objektiven Aktenforschungen 
und -veroffentlichungen fehlt es noch. Der UntersuchungsausschuB der 
Nationalversammlung hat nur einzelne Gebiete und auch diese nur einseitig 
beleuchtet. Das gleiche gilt von den zahlreichen Memoirenwerken, B. H.s 
Betrachtungen zum Weltkrieg machen darin keine Ausnahme. Vor allem 
aber muB anerkannt werden, daB das AusmaB dieses Krieges alle Berech- 
nungen weit iiberstieg und ungeheure Aufgaben auf die Schultern der ver- 
antwortlichen Manner lud. Das Verhaltnis zwischen Kriegfiihrung und Politik 
ist stets ein heikles Kapitel gewesen ; Bismarcks Gedanken und Erinnerungen 
beweisen es zur Geniige. Und B. H. war nicht nur kein Bismarck, sondern 
wurde auch durch das neue Kriegsmittel des U-Boots vor ungeahnte Schwierig- 
keiten gestellt. Denn wenn auch die Kriegfiihrung mit Recht beanspruchte, 
daB sie alle zum militarischen Erfolge erforderlichen Mittel anwenden diirfe, 
so war es doch selbstverstandliche Aufgabe der Politik, zu verhiiten, daB der 
militarische Erfolg durch politische Nachteile aufgehoben werde. Ferner war 
die politische Leitung eines Koalitionskriegs stets eine schwierige Aufgabe, 
die durch die Unterschiede der politischen Interessen und der militarischen 
Leistungsfahigkeit der Bundesgenossen nicht einfacher wurde. Besondere Vor- 
sicht verlangten auch in diesem Kriege, der kaum einen Staat unberuhrt lieB, 
die Beziehungen zu den neutralen Staaten; auch hier darf an Bismarck und 
seine Sorge vor der Einmischung der Neutralen erinnert werden. Ebenso 
erforderte die innere Politik, die Behandlung der groBen Massen, die nicht 
allein im Heer dienen, sondern auch die Wirtschaft in Gang halten sollten, 
starkere Beachtung als je zuvor. Dazu kam die selbstverstandliche Aufgabe, 
alle Friedensmoglichkeiten zu beachten und zu benutzen. 

Mit all diesen Aufgaben war B. H. belastet. Und doch war er seiner ganzen 
Anlage nach nicht der Mann, mit ihnen fertig zu werden. Es war im Grunde 



30 192 1 

eine unmogliche Zumutung, daB der Mann, der mit dem Kriege seine ganze 
bisherige Politik zusammenbrechen sah, der damit den Mangel an sicherem 
politischen Instinkt erschreckend bewiesen hatte, nun auch unter gesteigerten 
Schwierigkeiten die politische Fiihrung behielt. Auch fehlte ihm, das hatte 
er im Innern wie nach auBen bis 1914 oft genug gezeigt, die Kraft des Willens, 
die Fahigkeit, von den Erwagungen rechtzeitig zum EntschluB und zur Tat 
zu schreiten, ihm fehlte vor allem aber der Glaube an die Moglichkeit, den 
Krieg zu einem guten Ende zu fiihren. Nach auBen hin raffte er sich wohl 
zusammen ; die Reden, die er wahrend der Kriegszeit im Reichstage gehalten 
hat, fanden stolze und kraftvolle Worte fiir das Recht Deutschlands, eine 
Wiederkehr der Einkreisungspolitik zu verhiiten und seine Entwicklung zu 
sichern. Aber mit ihren ausfiihrlichen und wehmiitigen Erzahlungen der trotz 
allem guten Willen gescheiterten Verstandigungsverhandlungen sind sie nur 
allzu bezeichnend fiir B. H.s schon friiher zutage getretene Auffassung, daB 
im politischen Leben die gute Absicht den Mangel an Erfolg ersetzen konne. 
Und scharfer noch zeichnet sich B. H.s Wesen in dem ab, was alien Reden 
fehlt: der positive Inhalt. Weder iiber die Kriegsziele, die er nach auBen hin 
erstrebte, noch iiber die innerpolitischen Reformen, die er plante, hat B. H. 
jemals klare Angaben gemacht. So verloren seine Reden je langer je mehr 
an Wirkung. DaB sie im Tone vornehmer waren als die Reden aller feindlichen 
Staatsmanner, daB sie auf Wiirde auch dem Gegner gegenuber hielten, dankte 
ihm weder Inland noch Ausland. Aber der Mangel an positivem Inhalt machte 
allmahlich auch der Offentlichkeit deutlich, was diejenigen, die den Kanzler 
naher kannten, schon bald nach Kriegsausbruch bemerkt hatten, daB ihm 
selbst jeder positive Gedanke iiber die Fiihrung, die Ziele und den Weg zur 
Beendigung des Krieges fehlte. 

Nachdem es nicht gelungen war, im ersten Anlauf im Westen die militarische 
Entscheidung zu erzwingen, erlangte die Politik im Kriege wieder selbstandige 
Bedeutung. Sie erreichte das Biindnis mit der Tiirkei, das trotz der Belastung 
mit einem schwachen, dauernder Unterstiitzung bediirftigen Bundesgenossen 
durch die Sperrung der Dardanellen und die damit verkniipfte Schwachung 
RuBlands fiir die deutsche Kriegfuhrung eine Erleichterung war. Dagegen 
konnte sie Italiens Neutralitat nicht retten; ob ein besseres Ergebnis erzielt 
worden ware, wenn B. H. sich friiher hatte entschlieBen konnen, Bulow 
nach Rom zu schicken und auf Osterreich-Ungarn einen energischen Druck 
zum Entgegenkommen gegen Italiens Wiinsche auszuiiben, muB einstweilen 
dahingestellt bleiben. 

Das Hauptproblem fiir die Politik im Kriege wurde die U-Bootfrage. In 
seltsamer Verkennung der Dinge, wenn auch getreu seiner 1909 eingeschlagenen 
Politik der Verstandigung, hoffte B. H. zunachst, daB England sich am Kriege 
nicht ernsthaft beteiligen werde; er drang deshalb bei der Seekriegsleitung 
darauf, daB man England moglichst schonend behandle, »um die Moglich- 
keit zu geben, daB England den Frieden herbeif iihren « konne. Dafiir schien 
auch die Erwagung zu sprechen, daB eine vorsichtige Verwendung der Flotte 
diese als Trumpf fiir die Friedensverhandlungen erhalte. Der Admiralstab, 
ohnehin nicht geneigt, die Flotte einer Entscheidungsschlacht auszusetzen, 
ging auf diese Wiinsche ein. Aber als sich die Hinfalligkeit der politischen 
Voraussetzung B. H.s herausstellte, als England sich offenkundig auf einen 



Bethmann Hollweg 31 

langen Krieg einrichtete und unter Verletzung der bisher giiltigen Regeln 
des Seekriegs Deutschland von allem Welthandel abzuspenen begann, da 
schien es dem Admiralstab notwendig, England unmittelbar zu treffen. Das 
beste Mittel dazu waren die U-Boote ; mit ihnen hof fte er, Englands Seehandel 
unterbinden zu konnen. B. H. gab Anfang Februar 1915 seine Zustimmung 
zu dem geplanten U-Bootkrieg, schrankte sie freilich sehr bald ein, als die 
Versenkung neutraler Schiffe und die Schadigung von Angehorigen neutraler 
Staaten auf englischen Handelsschiffen Reibungen mit den neutralen Staaten 
heraufbeschworen. Und als gar die Versenkung der »L,usitania« bis hart an 
die Kriegserklarung Amerikas heranfuhrte, da setzte B. H. die Einstellung 
des U-Bootkrieges durch, dessen militarische Erfolge der politischen Bedenk- 
lichkeit nicht entsprachen. 

Aber nachdem weder der siegreiche Sommerfeldzug 191 5 gegen RuBland 
noch die Niederwerfung Serbiens, die zugleich die Dardanellensperre end- 
gultig sicherte, den Frieden naher gebracht hatte, tauchte im Winter 1915/16 
die U-Bootfrage von neuem auf. Die leitenden Manner in Heer und Flotte, 
Falkenhayn, Tirpitz und Holtzendorff, sahen klarer als B. H., daB nicht 
nur ein durchschlagender Sieg zu Lande unwahrscheinlich sei, solange England 
durch die Beherrschung der See in der Lage sei, die feindliche Westfront mit 
Kriegsmaterial aus aller Welt zu versorgen und gleichzeitig Deutschland von 
aller Zufuhr abzusperren, sondern daB auch die Wirkung selbst des gewaltigsten 
Landsiegs zweifelhaft blieb, solange nicht England selbst empfindlich ge- 
troffen war. Das einzige Mittel, aber zugleich" ein unbedingt sicheres Mittel 
dazu sahen sie im U-Bootkriege, wenn er mit aller Energie gegen jedes mit 
England Handel treibende Schiff gefuhrt wiirde. B. H. freilich beurteilte die 
Aussichten eines solchen Krieges weit weniger giinstig als die Marine, schatzte 
auf der andern Seite, durch die Erfahrungen von 1915 gewarnt, die politischen 
Gefahren, zumal die des Bruchs mit Amerika, viel hoher ein. In dem Ringen 
der verschiedenen Instanzen um die Entscheidung des Kaisers gelang es ihm, 
seinen alten Gegner Tirpitz, der wie vor dem Kriege, insbesondere in den 
Tagen der von Haldane gefuhrten Verstandigungsverhandlungen so auch wah- 
rend des ganzen Krieges den Standpunkt vertrat, daB man der englischen 
Macht nicht Nachgiebigkeit, sondern Macht entgegensetzen miisse, aus dem 
Sattel zu heben. Aber in der Sache lieB sich B. H. doch wieder auf eine Halb- 
heit ein: er lieB den U-Bootkrieg gegen bewaffnete Handelsschiffe zu. Aber 
diese Beschrankung auf bewaffnete Schiffe bedeutete eine empfindliche Ver- 
ringerung der Aussichten auf Erfolg, ohne irgendeinen Nutzen zu bringen. 
Irrttimer waren fur die U-Boote unvermeidlich, und sie fuhrten schnell zu 
ahnlichen Verwicklungen mit den Neutralen wie im Vorjahr. Amerika forderte 
mit einer Brutalitat, die von seinem Auftreten gegen die englischen Volker- 
rechtsverletzungen auffallend abstach, die Einstellung einer Kriegfiihrung, bei 
der amerikanische Rechte beeintrachtigt werden konnten, und da die allge- 
meine Kriegslage nicht dazu angetan war, es auf einen Bruch mit Amerika 
ankommen zu lassen, muBte die deutsche Diplomatic einen raschen Riickzug 
antreten. 

Mit dieser Entscheidung war aber der innerdeutsche Kampf um die Ver- 
wendung der U-Boote noch keineswegs beendet. Er hatte langst einen all- 
gemeinen Charakter angenommen und sich mit dem groBen Kampf der 




32 1921 

Geister, den der Burgfriede der Parteien nur auBerlich und darum nur auf 
kurze Zeit beigelegt hatte, verwoben. Es ist schon bei der Darstellung der 
Politik B. H.s vor dem Kriege bemerkt worden, daB B. H. durch seine Nach- 
giebigkeit gegen den Reichstag, vor allem in der elsaB-lothringischen Ver- 
fassungsfrage, aber auch durch seine Haltung bei den Wehrvorlagen und durch 
die geringen Erfolge seiner auswartigen Politik das Vertrauen gerade der 
Kreise verloren hatte, die sich als die treuesten Hiiter Bismarckscher Tra- 
dition, als die starksten Vertreter des deutschen Machtgedankens fuhlten. 
Dieses MiBtrauen wurde wieder wach, je langer sich der Krieg hinzog, je weniger 
Erfolge B. H. mit seiner Zunickhaltung in der rednerischen Bekampfung der 
Gegner, in der Aufstellung von Kriegszielen, in der Anwendung besonderer 
Kriegsmittel — neben den U-Booten spielten auch die Luftschiffe eine Rolle — 
aufzuweisen hatte. Diese Kreise, die iiberzeugt waren, daB riicksichtslose An- 
wendung aller Deutschland zur Verfugung stehenden Kriegsmittel Deutsch- 
land den Sieg bringen miisse, sahen in B. H. nicht nur den Mann, der aus 
falscher Sentimentalitat die Kriegfuhrung hemme und damit den Sieg ge- 
fahrde, sondern auch den Mann, dessen pessimistisches Wesen nicht imstande 
sei, die Einigkeit und Geschlossenheit des Volkes durch Aufstellen gemein- 
samer, groBer, begeisternder Ziele wahrend des Krieges zu erhalten, vor allem 
aber der Ausnutzung eines Sieges bei den Friedensverhandlungen hindernd 
im Wege stehen werde. Die innerpolitische Frage der Neuorientierung der 
Politik, des Verhaltnisses von Regierung und Volk, kam hinzu, diesen Zwie- 
spalt zu verscharfen. Hatte B. H. vor dem Kriege unter dem Druck der Mehr- 
heitsverhaltnisse im Reichstag, aber gegen seine konservative Uberzeugung 
sich gelegentlich zur Nachgiebigkeit gegen demokratische Forderungen be- 
stimmen lassen, so hatten ihn die Eindnicke des August 1914, die Bejahung 
des Staates selbst durch die, die ihn bisher bewuBt abgelehnt hatten, zu der 
Oberzeugung gebracht, daB eine wesentliche Anderung in der inneren Ver- 
fassung des Staates, eine starkere Heranziehung der Masse, auch und gerade 
der sozialdemokratischen Masse zum Staate moglich sei. Und je langer der 
Krieg dauerte, der an den Fronten wie in der Heimat die Mitarbeit dieser 
Massen forderte, desto mehr hielt B. H. diese Neuorientierung fur notig. Aber 
den EntschluB, das Notwendige sofort zur Tat werden zu lassen, fand er nicht. 
Infolgedessen wurde das Schlagwort der Neuorientierung zum Kampfruf der 
Parteien ; die einen stellten ihre Forderungen auf, zumal die nach durchgreifen- 
der Reform des preuBischen Wahlrechts, die andern bekampften den Gedanken 
einer Anderung der Grundlagen des Staates, die sich in dem siegreichen Kriege 
gegen eine Welt von Waff en neu bewahrt hatten. Und diejenigen, die von den 
Neuerungen nichts wissen wollten und B. H. die erforderliche Widerstands- 
kraft gegen diese Tendenzen nicht zutrauten, waren eben die, die auch B. H.s 
auswartige Politik voll Sorge betrachteten. Sie nahmen, als der Streit um die 
Verwendung der U-Boote ihren Zweifeln an B. H.s politischer Eignung er- 
neut recht zu geben schien, den Kampf auf mit dem Ziel, ihn von seinem 
Amte zu beseitigen. Die wahrend des Krieges bestehende Zensur vermochte 
lediglich, den offenen Austrag dieses Kampfes zu verhindern; aber im ge- 
heimen wurde er mit vertraulichen Denkschriften energisch gefuhrt. So griff 
Kapp in einer Denkschrift »Die nationalen Kreise und der Reichskanzler« 
B. H. wegen seines Mangels an politischem Instinkt, wegen seines Festhaltens 



Bethmann Hollweg 33 

an dem die Gegensatze bloB vertuschenden, in bedenklicher Weise an die Parole 
von 1806: »Ruhe ist die erste Biirgerpflicht « erinnernden Burgfrieden, wegen 
Kriegszielpolitik und U-Bootfrage aufs scharfste an; und ihm traten Junius 
alter mit einer Broschiire »Das Deutsche Reich auf dem Wege zur geschicht- 
hchen Episode, eine Studie B. H.scher Politik in Skizzen und Umrissen« und 
H. v. Liebig mit einer Arbeit uber »Die Politik v. B. H.s« zur Seite. Die Ver- 
traulichkeit dieser Schriften wurde natiirlich nicht ausreichend gewahrt; sie 
sollten ja auch ahnlich wie die gleichfalls vertrauliche Kriegszielliteratur auf 
weitere Kreise unter Umgehung der Zensur wirken. B. H. sah in diesem 
Kampf gegen ihn einen Kampf gegen das Vaterland ; er hatte kein Verstandnis 
fiir die heiBe politische Leidenschaft, fiir die starken Krafte, die sich in ihm 
geltend machten, darum konnte er sie auch nicht fiir den Krieg nach auBen 
nutzbar machen, sondern fuhlte in ihnen nur die Gefahr. Deshalb benutzte 
er die Reichstagssitzung vom 5. Juni 1916, um gegen diese »Piraten der offent- 
lichen Meinung« zu Felde zu ziehen. Das Ergebnis war, daB die Geister im 
Reichstag sich zum erstenmal seit Kriegsbeginn schieden ; auf der einen Seite 
stand die spatere Reichstagsmehrheit, Zentrum, Fortschrittspartei und Sozial- 
demokratie, mit mehr oder minder of fen ausgesprochener Billigung der Politik 
B. H.s, auf der andern Nationalliberale und Konservative mit ebenso unver- 
kennbarer Kritik. 

Die Gegensatze wurden noch einmal beschwichtigt, als die bedenkliche 
Kriegslage des Sommers 1916 zur Berufung Hindenburgs und Ludendorffs 
in die Oberste Heeresleitung zwang. Sie genossen bei alien Anhangern einer 
kraftvollen, durch keine falschen Riicksichten gehemmten Kriegfuhrung das 
Vertrauen, daB sie sich in der Kriegfuhrung wie dereinst bei den Friedens- 
verhandlungen lediglich von militarischen Gesichtspunkten leiten lassen wur- 
den. So flaute der Kampf im Innern ab;auch die Frage des U-Bootkrieges 
verschwand aus der Diskussion, als die neue Oberste Heeresleitung erklarte, 
angesichts der Kriegslage dieses zweischneidige Mittel einstweilen nicht an- 
wenden zu wollen. 

In diesem Verzicht lag zugleich der Zweifel an der Moglichkeit, den Krieg 
durch militarische Entscheidungen zu Ende zu fiihren. Im L,ande sah es in den 
Monaten der Sommeschlacht, nach dem Scheitern des Verdununternehmens, 
nach dem Zusammenbruch der osterreichischen Front vor Brussilow, nach der 
Einnahme von Gorz durch die Italiener, nach der Kriegserklarung Rumaniens 
bedenklich genug aus. Und zur See hatte die Schlacht am Skagerrak bewiesen, 
daB die deutsche Flotte den Ring, den England um Deutschland gelegt hatte, 
nicht zu sprengen vermoge. Unter diesen Umstanden wurde fiir B. H. die Frage 
brennend, ob der Krieg nicht auf andere Weise beendet werden konne. An Be- 
rn uhungen um Wiederherstellung des Friedens hat es natiirlich wahrend des gan- 
zen Krieges nicht gefehlt. Namentlich in RuBland hat anscheinend in bestimm- 
ten Kreisen viel Neigung bestanden, sich rechtzeitig aus dem Kriege herauszu 1 
ziehen, dessen Opfer fiir die Dynastie gefahrlich werden konnten. Ein Ausgleich 
zwischen den Lebensinteressen Deutschlands und RuBlands war ja auch durch- 
aus moglich. Im Sommer 19 15 waren sich die beiden Machte unter Vermittlung 
eines danischen Staatsmannes ziemlich nahe gekommen. Woran die Verhand- 
lung zuletzt gescheitert ist, wissen wir noch nicht. Ohne genauere Akten- 
kenntnis wird man sich den in der Literatur (Spickernagel, Der Kardinalfehler 
dbj 3 



34 J 9 21 

unserer Politik, S. 25 ff.) gegen B. H. erhobenen Vorwurf, daB seine verfehlte 
Politik allein die Schuld trage, nicht aneignen diirfen. Es sind gewifl in Peters- 
burg sehr starke russische und noch starkere auslandische Einfliisse gegen einen 
Sonderfrieden wirksam gewesen. Soviel aber steht fest, daB B. H. trotz ganz 
veranderten Verhaltnissen den Gedankengangen des GroBvaters aus der Zeit des 
Krimkriegs treu geblieben ist, daB er westmachtlich gesinnt blieb und keinen 
besonderen Wert darauf legte, den Russen goldene Briicken zu bauen, um 
hier die Bresche in die Einkreisung zu legen. Er sah vielmehr in der Schwachung 
des starksten slawischen Staates eine wichtige Aufgabe Deutschlands — hatte 
er doch schon 19 13 im Reichstag von dem Kampf zwischen Germanen und 
Slawen gesprochen — ; sie war auch durch Befreiung der von RuBland unter- 
worfenen Volkerschaften leicht durchzufuhren. Und wenn der Kampf gegen 
die Reaktion des Zarismus ein bequemes innerpolitisches Schlagwort war, das 
namentlich auf die Sozialdemokratie Eindruck machte und fiir sie geradezu 
das Kriegsziel war, so war die Befreiung der unterdriickten Volker ein Stuck 
der deutschen Kulturpropaganda, von der sich B. H. mehr versprach als von 
einer nach Machtausgleich strebenden Realpolitik. Wie weit solche Erwagungen 
die Friedensverhandlungen von 19 15 beeinfluBt haben, ist, wie gesagt, zweif el- 
haft. Im Jahre 191 6 haben sie aber nachweislich einen sehr starken und unheil- 
vollen EinfluB ausgeiibt. Die Reichstagsrede vom 5. April 1916 versicherte 
bereits, daB die befreiten Volker, Polen, Litauen, Balten und Letten nicht 
wieder dem Regiment des reaktionaren RuBland ausgeliefert werden diirften. 
Und am 5. November 1916 erfolgte die Errichtung eines selbstandigen Polen- 
staates, der entscheidende Fehler von B. H.s Ostmarkenpolitik. 

Auch hier ist die Schwierigkeit der Aufgabe anzuerkennen. Einmal beruhrte 
die Polenf rage die Interessen der Osterreicher sehr stark ; ihre Wiinsche muBten 
also bei der Losung mitberiicksichtigt werden. Und dann sind eben geogra- 
phische und nationale Verhaltnisse im Osten nicht auf einen gemeinsamen 
Nenner zu bringen. Aber wenn B. H. in seinen Betrachtungen (Bd. II, S. 91) 
nach Besprechung der verschiedenen moglichen Losungen zu dem Ergebnis 
kommt: »eine gute gab es iiberhaupt nicht «, so ist dabei bezeichnend, daB er 
die Moglichkeit einer Verstandigung mit RuBland unter Verzicht auf das er- 
oberte und nicht etwa durch seine eigenen Anstrengungen befreite Polen iiber- 
haupt nicht erwahnt. Und doch bestand in RuBland in der zweiten Halfte des 
Jahres 1916 seit der Ernennung Stunners zum leitenden Minister eine starke 
Bereitschaft zum Frieden, auch zum Sonderfrieden. DaB sie durch ein selb- 
standiges Polen gestort wiirde, war B. H. klar ; er hat es in einem Telegramm an 
die Oberste Heeresleitung vom 4. Oktober selbst zugegeben. Um so unbegreif- 
licher ist die Eile, mit der dann die Proklamation erlassen worden ist. 

B. H. meinte wohl, die Unterbindung der russischen Sonderfriedensmoglich- 
keit auf sich nehmen zu konnen, da er langst auf einen allgemeinen Frieden 
hinarbeitete. DaB Deutschland zu einem fiir die Feinde durchaus ertraglichen 
Frieden bereit sei, hatte B. H. in seinen Reichstagsreden immer betont. Da 
sie keinen Widerhall fanden, setzte er seit dem Friihjahr 191 6 seine Hoffnung auf 
die starkste neutrale Macht, Amerika. Fiir das Zuriickweichen in der U-Boot- 
frage war diese Hoffnung mitbestimmend gewesen. Zwar verkannte B. H. die 
Bedenken nicht, die angesichts der fiir Deutschland offenbar unfreundlichen 
Haltung des Prasidenten Wilson gegen dessen Friedensvermittlung sprachen ; 



Bethmann Hollweg 35 

er empfand auch sehr wohl, daB die deutsche Offentlichkeit sich damit nur 
schwer abfinden werde. Aber die Lage Deutschlands und seiner Verbiindeten 
schien B. H. im Sommer 1916 derart zu sein, daB er all diese Bedenken uber- 
wand und sowohl Bernstorff, den deutschen Botschafter in Washington, wie 
Gerard, den amerikanischen Botschafter in Berlin, der sich im Herbst 1916 fiir 
kurze Zeit nach Amerika begab, beauftragte, auf einen Friedensschritt des 
Prasidenten hinzuarbeiten. 

Aber er war nun einmal nicht der Mann, unbeirrt eine feste Linie einzuhalten ; 
und wenn ihm auf der einen Seite die Kraft des schnellen Entschlusses abging, 
so fehlte ihm auf der anderen die Geduld, die Dinge langsam ausreifen zu lassen. 
Nachdem er die russisch-deutschen Sonderfriedensbesprechungen durch die 
vorzeitige Verkiindung der polnischen Unabhangigkeit zerschnitten hatte, lieB 
er sich durch den osterreichisch-ungarischen Minister des Auswartigen Burian 
bestimmen, dem Prasidenten Wilson durch eine selbstandige Handlung der 
Mittelmachte zuvorzukommen. Die naheliegende Gefahr, daB ein Friedensgesuch 
den Eindruck der Schwache machen werde, hofften B. H. und Burian aus- 
schalten zu konnen, indem sie einen militarisch gunstigen Zeitpunkt abwarteten. 
In der Zwischenzeit bereitete B. H. die Welt mit einer Rede iiber die Moglich- 
keit und Notwendigkeit einer dauernd den Frieden sichernden Weltorganisation 
auf die geplante Aktion vor. Als die Einnahme von Bukarest die endgultige 
Niederwerfung der im Sommer sehr bedrohlichen rumanischen Gefahr vor 
aller Welt bekundet hatte, glaubten die Staatsmanner der Mittelmachte, daB 
die Zeit fiir ihr Friedensangebot gekommen sei. Aber weder das stark betonte 
SiegerbewuBtsein noch die Berufung auf die Verantwortlichkeit vor der Mensch- 
heit konnten verhindern, daB die Welt vor allem das Bediirfnis nach Frieden, 
das Eingestandnis der Fruchtlosigkeit der Landsiege heraushorte. Und indem 
der ungarische Ministerprasident Tisza die Anregung Osterreich-Ungarns noch 
geflissentlich unterstrich, machte er die Welt zugleich auf den schwachen Punkt 
des Bundes der Mittelmachte aufmerksam. Die feindlichen Machte zeigten des- 
halb auch nicht die geringste Neigung, in die ihnen gebotene Friedenshand 
einzuschlagen, sondern antworteten mit heftigen Ausf alien gegen die Politik 
der Mittelmachte und mit maBlosen Forderungen. 

Das einzige greifbare Ergebnis des Friedensangebots war, daB nunmehr 
Wilson mit seiner lange erwogenen, erst wegen der Wahlbewegung, dann aus 
anderen Griinden verschobenen Note an die Kriegfuhrenden hervortrat. Aber 
eine Erleichterung der Lage fiir Deutschland war die Verbindung der beiden 
Friedensaktionen nicht. Gerade auf Wilson, der die deutschen Bemiihungen in 
Amerika seit dem Fruhjahr kannte, muBte das deutsche Angebot vom 12. De- 
zember den Eindruck einer nicht mehr lange zu bewaltigenden Notlage machen ; 
seine wohl niemals groBe Neigung, sich fiir Deutschland einzusetzen, muBte 
dadurch noch geschwacht werden, denn ihm kam es auf Amerika, auf einen 
diplomatischen Erfolg fiir sich selbst an; und je weniger widerstandsfahig 
Deutschland erschien, desto vorsichtiger muBte Wilson die Entente behandeln, 
um sich keiner Niederlage auszusetzen. Aber auch jetzt war die Lage nicht 
aussichtslos, denn nicht nur Deutschland und seine Verbiindeten antworteten 
auf die Wilsonsche Note zustimmend, sondern auch die Entente hielt es fiir 
ratsam, Wilson nicht geradezu vor den Kopf zu stoBen. Sie blieb zwar bei den 
ungeheuerlichen Friedensbedingungen, die sie als Antwort auf das Friedens- 



36 i92i 

angebot der Mittelmachte aufgestellt hatte, aber sie ging doch damit auf den 
Kern der Note Wilsons, gegenseitige Mitteilung der Bedingungen, ein. Wilson 
jedenfalls sah darin eine Grundlage fiir Verhandlungen, aus denen ein Friede 
ohne Sieger und Besiegte hervorgehen konne; ebenso meinte der neue oster- 
reichisch-ungarische AuBenminister Czernin, daB man diesen Friedensfaden, so 
schwach er auch war, weiterspinnen miisse. Und daB die deutsche Politik durch 
die vorhergegangenen Besprechungen mit Wilson gebunden war, die weitere 
Auswirkung der Note abzuwarten, ist sicher. 

Aber die politischen Erwagungen, an sich schon mit vielen zweifelhaften 
Momenten belastet, wurden verhangnisvoll durchkreuzt durch die militarischen. 
W T enn es nicht gelang, einen fiir Deutschland ertraglichen Frieden durch die 
von Wilson eingeleitete Verhandlung zu schlieBen, dann waren die militarischen 
Aussichten Deutschlands fiir die Fortsetzung des Krieges nicht nur ungiinstiger 
als jetzt, weil die Zeit uberhaupt gegen Deutschland arbeitete, sondern es war 
auch die Gelegenheit endgultig verpaBt, durch die Wiederaufnahme des un- 
beschrankten U-Bootkriegs den Krieg fiir Deutschland zu gewinnen. Nach den 
Berechnungen des Admiralstabs konnten die U-Boote binnen sechs Monaten 
geniigend Schiffe versenken, um die Verso rgung Englands so zu erschweren, 
daB England friedensbereit wiirde. Voraussetzung aber war, daB die Monate 
gewahlt wurden, in denen aus naturlichen Griinden das Zufuhrbediirfnis Eng- 
lands am starksten war, die Monate vor der Ernte, d. h. vom Februar bis Ende 
Juli. Es konnte also nicht gewartet werden, ob die Friedensverhandlungen 
giinstig ablaufen wurden, sondern die Entscheidung muBte vor dem i. Februar 
1917 fallen. Wie sie fallen miisse, dariiber waren sich alle militarischen Stellen 
einig, namlich fiir den U-Bootkrieg, unbekiimmert um alle politischen Folgen, 
die ihrer Berechnung nach durch die militarischen Erfolge wettgemacht werden 
muBten. Die Oberste Heeresleitung war entschlossen, alles daran zu setzen, 
daB sie in ihrem Sinne falle; einen Kanzlerwechsel nahm sie ohne Bedenken 
in Kauf. 

Als B. H. am 9. Januar 1917 zum Kronrat nach PleB ging, wo die Entschei- 
dung erfolgen sollte, stand er vor der schwersten Frage seines politischen Lebens. 
Der Ausweg, der seiner Natur am ehesten entsprochen hatte, das Abwarten, 
bis die Friedensaktion zu iibersehen ware, war versperrt durch die Erklarung 
des Admiralstabes, daB der U-Bootkrieg am 1. Februar beginnen miisse. Er 
muBte wahlen zwischen dem U-Bootkrieg, der nicht nur die Friedensbe- 
sprechungen im Keime ersticken, sondern auch zum Kriege mit Amerika 
fiihren muBte und in seinem Ergebnis zweifelhaft war, der die letzte Karte 
bedeutete, die Deutschland ausspielen konnte, und dem Festhalten an den 
Verhandlungen, das offenen Kampf gegen die Oberste Heeresleitung und gegen 
einen groBen Teil der offentlichen Meinung Deutschlands bedeutete. DaB er 
innerlich dem zweiten Wege zuneigte, nicht nur, weil dieser nicht ein unwider- 
ruflicher Einsatz des letzten Mittels war, vielmehr noch allerhand Zukunf tsmog- 
lichkeiten bot, sondern vor allem auch, weil B. H. wie im vergangenen Winter 
den Optimismus der Berechnungen des Admiralstabs hinsichtlich der Wirkung 
der Versenkungen und der Bedeutung der aktiven Teilnahme Amerikas am 
Kriege nicht teilte, ist zweifellos. Aber sich auch nach auBen hin zu diesem Wege 
zu bekennen, schloB schwerste Verantwortung in sich. Konnte er, dem Gliick 
und Erfolg bisher in seinen politischen Handlungen nicht beschieden gewesen 



Bethmann Hollweg 37 

waren, sich auf einen Kampf mit den Mannern einlassen, die GroBes geleistet 
und sich damit das V T ertrauen des Heeres und des Volkes verdient hatten, durfte 
er ihnen die Anwendung der Waffe versagen, ohne die sie fiir die Westfront 
nicht mehr einstehen zu konnen versicherten, durfte er sich auf unabsehbare 
Verhandlungen einlassen, wo der Admiralstab einen sicheren Erfolg in be- 
stimrater Frist versprach, durfte er es wagen, durch offene Stellungnahme 
gegen die Oberste Heeresleitung Zweifel und Zwiespalt in das Volk zu tragen, wo 
doch der Augenblick geschlossene Einigkeit erforderte? 

Die Antwort, die B. H. auf all diese Fragen gab, ist fiir sein # ganzes Wesen 
iiberaus bezeichnend: er sagte weder Ja noch Nein, seine Antwort lautete viel- 
mehr: nicht Nein. In der entscheidenden Sitzung vom 9. Januar 1917 schob er 
die Verantwortung der Obersten Heeresleitung zu, indem er erklarte: »Wenn 
die militarischen Stellen den U-Bootkrieg fiir notwendig halten, so bin ich nicht 
in der Lage, zu widersprechen.« 

Aber auch mit dieser negativ gehaltenen Erklarung war die Entscheidung 
gefallen, und zwar nicht allein iiber den U-Bootkrieg, der nun mit alien seinen 
politischen Folgen unwiderruflich war und alle Friedensverhandlungen 3 ah 
zerschnitt, sondern auch iiber B. H. als Staatsmann. Und darum war die Oberste 
Heeresleitung im Recht, wenn sie auch nach der in ihrem Sinne gefallenen Ent- 
scheidung die Entlassung B. H.s beantragte, denn er hatte sich nicht der 
besseren Einsicht, sondern dem starkeren Willen unterworfen. Und er blieb 
im Amt, nicht nur um Aufsehen und Beunruhigung zu vermeiden, sondern 
auch in der Hoffnung, die von ihm fiir unheilvoll angesehene Politik der 
Obersten Heeresleitung bremsen zu konnen. Wie bisher sah er auch jetzt seine 
Aufgabe mehr negativ an, in der Verhiitung von Unheil, nicht positiv in der 
bewuBten und kraftvollen Arbeit fiir Beendigung des Krieges. 

Auf diese Weise konnte der Krieg nicht gewonnen werden. Die politische 
Fuhrung bei den Mittelmachten glitt im Friihjahr 1917 fast ganz in die Hande 
der Osterreicher, wo Kaiser Karl und sein Minister Czernin seltsame Friedens- 
wege unter Vermittlung des Prinzen Sixtus von Parma gingen, und selbst der 
Gliicksfall der russischen Revolution wurde nicht recht ausgenutzt. Weder 
wurde durch rasche Schlage die Auflosung des erschiitterten Heeres vollendet — 
dafiir trifft wohl die Oberste Heeresleitung die Hauptverantwortung — noch 
wurde der freilich durch Polen verbaute Weg zum Sonderfrieden energisch be- 
schritten. Diese ganze ostliche Entwicklung blieb sich selbst und den dilettan- 
tischen Friedensbemiihungen der Sozialdemokratie iiberlassen, die mit ihrem 
Schlagwort vom Frieden ohne Annexionen und ohne Entschadigungen die 
Machtverhaltnisse natiirlich nicht zu bezwingen vermochte. 

Um so starker waren die innerpolitischen Wirkungen der russischen Revo- 
lution. Die Spannung in Deutschland, durch den Burgfrieden nur notdiirftig 
gebunden, kam nun zu offenem Austrag. Es rachte sich, daB B. H. nicht den 
EntschluB hatte finden konnen, das, was er an innerpolitischen Reformen fiir 
notwendig hielt, in rascher Tat zu verwirklichen, daB er sich auf unklare Reden 
iiber die Neuorientierung und die freie Bahn fiir jeden Tiichtigen beschrankte. 
Damit hatte er sich nur zwischen zwei Stiihle gesetzt. Fiir die Verteidiger der 
alten Ordnung und des sie verburgenden Dreiklassenwahlrechts in PreuBen 
gait er trotz aller Vorsicht als der Mann, der durch Demokratisierung das alte 
PreuBen zerstoren wolle; sie miBtrauten seinen Planen, vor allem aber seiner 



38 192 1 

Widerstandskraft gegen radikale Reformforderungen. Die Beruhigung, die 
nach den Friihjahrskonflikten 1916 eingetreten war, blieb nur von kurzer Dauer. 
Im Marz 19 17, wenige Tage vor der russischen Revolution, entlud sich die 
Sorge dieser Kreise in einem scharfen VorstoB preuBischer Herrenhausmit- 
glieder gegen die Neuorientierung. Und die Revolution war fur sie nur ein 
neuer Beweis fur die Notwendigkeit einer starken Regierung, fur die Gefahrlich- 
keit einer Politik der Nachgiebigkeit. Auf der anderen Seite reichte aber das 
bloBe Versprechen einer nach dem Kriege kommenden Neuorientierung auf 
die Dauer nictt aus, um diejenigen Schichten, die sich durch die bisherige 
Ordnung verkiirzt glaubten — und das war vor allem die groBe Masse der 
sozialdemokratischen Arbeiterschaft — , bei den steigenden Schwierigkeiten der 
Ernahrung, bei den wachsenden Anspriichen an Wehrkraft und Arbeitskraft 
zu williger Mitarbeit anzuhalten. Beim Hilfsdienstgesetz hatte die Sozial- 
demokratie bereits eine kleine Kraftprobe gewagt und allerhand sozialpoli- 
tische Forderungen durchgesetzt. Aber politische Zugestandnisse wahrend des 
Krieges zu machen, lehnte B. H. dauernd ab; er sprach zwar in mehreren 
Reden des Winters 1916/17 von der Neuorientierung mit warmen Worten, die 
nach dem Urteil des » Berliner Tageblatts« einen Hauch des neuen Geistes wohl 
verspiiren lieBen, aber er blieb dabei, daB alles erst nach dem Kriege geordnet 
werden konne. Wie um sich selber Mut zu machen zur Oberwindung aller 
Widerstande, die sich gegen die Reformen erhoben, rief er ein Wehe iiber den 
Staatsmann, der dieZeichen derZeit nicht erkenne. Er sprach damit das Urteil 
iiber sich. 

Denn wenn er auch nach der russischen Revolution glaubte, mit der bisherigen 
zaudernden Politik unbestimmter Versprechungen die Gegensatze beschwich- 
tigen zu konnen, so war das eine Verkennung der Zeichen der Zeit. Da der 
Kanzler die Reformen nicht brachte, beschloB der Reichstag, das Werk selbst 
in die Hand zu nehmen und einen VerfassungsausschuB einzusetzen. Und nun 
wurde B. H. unsicher und beschloB selbst zu handeln. Aber auch jetzt raffte 
er sich nur zu einem halben Schritte auf, zu der Osterbotschaft 191 7, die das 
Dreiklassenwahlrecht preisgab, aber nicht klar sagte, was an die Stelle treten 
sollte, die also Ausdruck der Verlegenheit, nicht Ausdruck entschlossenen 
Fuhrungswillens war. Sie befriedigte darum die Anhanger der Reform nicht im 
geringsten ; der VerfassungsausschuB tagte munter weiter und griff sogar das 
Recht des Konigs von PreuBen, seine Offiziere zu ernennen, an. Die Gegner 
der Reform aber sahen in der Botschaft den Anfang vom Ende und kiindigten 
dem Staatsmann, der sie verantwortlich gezeichnet hatte, alles Vertrauen. 

Aber nicht auf innerpolitischem Gebiet entstand die Krisis, die B. H. ver- 
schlingen sollte, sondern, wie es im Wesen des Krieges lag, auf dem von Krieg- 
fiihrung und Politik. Der Krieg war, wahrend die deutschen Parteien sich um 
die inneren Kriegsziele stritten, weitergegangen ; heldenmiitig wehrte die West- 
front die Angriffe der Feinde ab, und derU-Bootkrieg tat sein Werk. Die Frie- 
densfuhler, die von feindlicher Seite im Fnihjahr 191 7 ausgestreckt wurden, 
waren doch wohl nicht bloB dazu bestimmt, die schwachen Stellen im Biindnis- 
system Deutschlands zu erkunden, sondern der Ausdruck ernster Besorgnis 
um den Ausgang des Krieges. Aber das lieB sich nicht verbergen, daB der 
U-Bootkrieg langsamer wirkte, als vom Admiralstab vorausgesagt worden 
war. Darauf konnte Czernin seinen Versuch bauen, Deutschland zu einem 



Bethman Hollweg 30 

opfervollen Frieden mit den Westmachten, wie ihn Osterreich-Ungarn brauchen 
konnte, zu zwingen. Sein Werkzeug war dabei Erzberger, der am 6. Juli im 
HauptausschuB des Reichstags vor kaum beschrankter Offentlichkeit das Ver- 
sagen der auf den U-Bootkrieg gesetzten Hoffnungen in iibertriebenster Weise 
schilderte und damit den Boden fur die Friedensresolution vorbereitete. 

B. H. hatte nichts get an, um diesem VorstoB die Spitze rechtzeitig abzu- 
biegen. Auch in den » Betrachtungen « (Bd. II, S. 224) griibelt er mehr iiber die 
Motive Erzbergers, als dai3 er von seinen GegenmaBnahmen sprache. Erst 
nachtraglich versuchte er den Sturm zu beschworen, indem er seinen Gegnern 
das dem Kaiser und dem preuBischen Staatsministerium miihsam abgerungene 
Zugestandnis des gleichen Wahlrechts fur PreuBen machte. 

Aber es war zu spat. Denn mit dem Angriff Erzbergers verknupfte sich ein 
zweiter Angriff, der von der Obersten Heeresleitung ausging. Diese hatte bald 
nach ihrem Amtsantritt erkannt, daB B. H. nicht der Mann war, ihre auf 
starkste militarische Kraftentfaltung gerichtete Arbeit durch seine innere und 
auBere Politik zu unterstiitzen. Von der Vorbereitung des Hilfsdienstgesetzes 
an iiber die Erklarung des U-Bootkrieges bis zu den Kriegs- und Friedensf ragen 
des Sommers hatte sie in B. H. den Vater aller Hindernisse gefunden. So erklarte 
sie jetzt, daB sie nicht in der Lage sei, mit diesem Kanzler weiterzuarbeiten. 
Es war das notwendige Ergebnis einer unsicheren, halben und zaudernden 
Politik, daB sich keine Partei fand, die fiir B. H. eingetreten ware. Eine Be- 
sprechung, die zwischen dem Kronprinzen und einigen Abgeordneten der ver- 
schiedensten Richtungen veranstaltet wurde, unterrichtete die Krone von 
diesem Ergebnis. Am 14. Juli 1917 erhielt B. H. seine Entlassung. 

Den Umstanden, unter denen sich B. H.s Sturz vollzog, entspricht die Auf- 
nahme in der Offentlichkeit. Alle diejenigen, die ihn wegen der Schwachlich- 
keit seiner Politik im Innern wie besonders nach auBen seit langem bekampft 
hatten, atmeten erleichtert auf, in der Hoffnung, daB nun eine kraftvolle 
Politik im Geiste und zur Unterstiitzung der Obersten Heeresleitung beginnen 
werde. Aber auch diejenigen, die mit B. H. einig waren in der Beurteilung 
der Lage und Aussichten Deutschlands, in der Ablehnung weitgespannter 
Kriegsziele, im Streben nach einem Verstandigungsfrieden und die fiir inner- 
politische Reformen eintraten, hoben in ihren Urteilen iiber B. H. vor allem 
die Schwache hervor; er war fiir sie der Mann, der nicht die Energie gehabt 
hatte, das, was er fiir richtig hielt, durchzusetzen und das, was er fiir falsch 
hielt, zu verhindern. 

Dieses Urteil ist auch nicht etwa dadurch geandert worden, daB der Aus- 
gang des Krieges seither dem Optimismus der Obersten Heeresleitung und 
ihrer Anhanger unrecht und der pessimistischen Einschatzung B. H. srecht 
gegeben hat. Denn einmal ist die Richtigkeit der politischen Einsicht B. H.s 
doch sehr begrenzt; sie ist, wie so vieles an ihm, lediglich negativ, Erkenntnis 
des Bedenklichen, ja auch des Verfehlten der Schritte, die andere machten oder 
machen wollten. Das Positive fehlte ihm ganz; so ist manches von dem, was 
er getan hat, es sei nur an die Errichtung des Konigreichs Polen erinnert, 
durchaus falsch gewesen. Und dann wird der Staatsmann nicht an seiner Ein- 
sicht, sondern am Erfolg seiner Taten gemessen, und diese Beurteilung fallt 
auch nach dem Kriege zu ungunsten B. H.s aus. DaB er kein Staatsmann ge- 
wesen ist, daB ihm das Wesen politischen Wollens und Handelns niemals auf- 



40 1921 

gegangen ist, hat er in seinen » Betrachtungen zum Weltkriege« erneut bewiesen, 
deren ersten Band er selbst veroffentlicht hat, wahrend der zweite zwar von 
ihm ausgearbeitet, aber erst nach dem Tode von seinem Sohne herausgegeben 
worden'ist. Man kann ihnen nachrtihmen, was B. H. auch sonst im Leben be- 
wiesen hat, vornehme Zuriickhaltung, auch Streben nach sachlicher Beurtei- 
lung; fur den Kaiser tritt er gegen die unsinnigen Vorwurfe der Kriegsver- 
hetzung mannhaft ein. Aber die politische Unzulanglichkeit B. H.s verrat sich 
in erschreckender Weise. Der Glaube an die Richtigkeit seiner politischen 
Einsicht wird stark erschiittert, wenn man hier von Menschheitsaufgaben und 
Weltthesen als Richtlinien der praktischen Politik des Deutschen Reiches liest ; 
man begreift freilich, daB eine derart eingestellte Politik an den realen Macht- 
verhaltnissen und der bewuBten Interessenpolitik der groBen Machte vor und 
im Kriege gescheitert ist. Vor allem aber fallt in diesen Betrachtungen wieder 
der Mangel an Kraft, an Willen, an Glaube an die Moglichkeit der Fuhrung und 
Beherrschung der Dinge auf , am starksten in den Abschnitten, die der Recht- 
fertigung seiner Haltung wahrend des Weltkrieges gewidmet sind. Nirgends 
gibt er hier etwas Positives; iiberall beschrankt er sich darauf, nachzuweisen, 
daB er die MaBnahmen, die die Heeresleitung fiir notwendig gehalten habe, 
nicht gehindert habe. Mit diesen Betrachtungen hat er selbst die Behauptung 
widerlegt, die er in vertrautem Gesprach aufgestellt und die C. HauBmann 
gleich nach seinem Tode in die Offentlichkeit gebracht hat : daB die Entlassung 
B. H.s aussichtsvolle Friedensmoglichkeiten zerstort habe. Wie er nicht der 
Mann gewesen war, Deutschland aus der Einkreisung hinauszusteuern, sondern 
wie er Deutschland in den Krieg hatte treiben lassen, so war er auch gewiB 
nicht der Mann, den Krieg rechtzeitig und gliicklich zu beenden. Alles in allem : 
eine Hamletnatur, in der der angeborenen Farbe der EntschlieBung nur all- 
zusehr des Gedankens Blasse angekrankelt war. Es ist sein und Deutschlands 
Verhangnis geworden, daB er berufen wurde, die aus den Fugen geratene Zeit 
einzurichten. 

Quellen: Th. v. B. H., Betrachtungen zum Weltkxiege, 2 Bde., Berlin 1919/21. — 
B. H.s Kriegsreden, herausgegeben und historisch-kritiseh eingeleitet von F. Thimme, 
Stuttgart und Berlin 1919. — Bench t des zweiten Unterausschusses des TJntersuchungs- 
ausschusses iiber die Fried ensaktion Wilsons 1916/ 17, Berlin 1920. — Dazu Fried ensange- 
bot und U-Bootkrieg, Wortlaut der Aussage des friiheren Reichskanzlers v. B. H. im 
UntersuchungsausschuB, Berlin 19 19. — Urkunden der Obersten Heeresleitung iiber ihre 
Tatigkeit 1916 — 191 8, herausgegeben von E. Ludendorff, Berlin 1920. 

In zweiter Linie waren hier die zahlreichen Quellenveroffentlichungen und Memoiren- 
werke iiber die Vorgeschichte und den Verlauf des Weltkrieges anzufiihren. Es sei aber, da 
eine vollstandige Bibliographic nicht gegeben werden kann, nur das Wichtigste genannt fiir 
die Zeit vor 1914: O. Hammann, Bilder aus der letzten Kaiserzeit, Berlin 1922; E. Jackh, 
Kiderlen-W T achter, Stuttgart und Berlin 1924. — A. v. Tirpitz, Erinnerungen , Leipzig 1919, 
und Politische Dokumente, 2 Bde., Stuttgart und Berlin 1924, und Deutsche Ohnmachts- 
politik im Weltkriege, Hamburg 1926; A. Wermuth, Ein Beamtenleben, Berlin 1922; Wil- 
helm II., Ereignisse und Gestalten, Leipzig 1922. — Fiir die Kriegszeit: C. Haufimann, 
Schlaglichter, herausgegeben von U. Zeller, Frankfurt 1924; K. Helfferich, der Weltkrieg, 
3 Bde., Berlin 1919; E. Ludendorff , Meine Kriegserinnerungen 1914 — 1918, Berlin I9i9,und 
Kriegfiihrung und Politik, Berlin 1922; F. v. Payer, Von B. H. bis Ebert, Frankfurt 1923. 

Die L,iteratur iiber B.H.ist unbedeutend. H. Kotschke, Unser Reichskanzler, Berlin 
1916, ist volkstiimlich gehalten, ohne alien wissenschaftlichen Wert. Von Kampfschriften 
von 1916 sind neu aufgelegt worden: Junius alter, Das Deutsche Reich auf dem Wege zur 
geschichtlichen Episode, Miinchen 191 9; H. v. Liebig, Die Politik B. H.s, 3 Bde., Miinchen 
1 919. — Unter den Nachrufen sei genannt: Ruedorffer-Riezler, B. H., Deutsche Nation 



Bethmann Hollweg. Bonnet ai 

i 92 i, S. 125 — 129. — Um die Erforschung von Ivinzelfragen hat sicli, wenn auch mit stark 
apologetischer Tendenz, F. Thimme verdient gemacht: Aufsatze in der Deutschen Politik 
1917/18 und im Berliner Tageblatt 1917/18; einzeln angefiihrt in der oben genannten 
Sammlung der Kriegsreden. Als grofiere Arbeiten, die mir fiir diese Studie forderlich waren, 
nenne ich H. Herzfeld, Die deutsche Riistungspolitik vor dem Weltkriege, Bonn 1922, und 
R. Fester, Die Politik Kaiser Karls und der Wendepunkt des Weltkrieges, Miinchen 1925. 

Berlin -Wil me rsdorf Fritz Hartung. 

Bonnet, Robert, ordentlicher Professor der Anatomie an der Universitat 
Bonn, Direktor des anatomischen Instituts, Geh. Medizinalrat, * in Augs- 
burg am 17. Februar 1851, f in Wiirzburg 13. Oktober 1921. — Robert B. 
war der Sohn eines Augsburger Bankiers; er studierte in Miinchen und Got- 
tingen Medizin und promovierte 1876 in Miinchen unter Kollmann (damals 
Prosektor in Miinchen). 1877 trat B. eine Stelle als Prosektor bei L. Frank an, 
dem damaligen Direktor der Zentraltierarzneischule in Miinchen. Zugleich 
wurde er mit der Abhaltung von Vorlesungen iiber Histologic und Embryologie 
beauftragt. 

Als der langjahrige und verdienst voile Miinchener Anatom Bischoff in den 
Ruhestand trat, habilitierte sich B. auch an der Universitat Miinchen fiir 
Anatomie (1878). Hier las er nach der Berufung Kollmanns als Ordinarius 
nach Basel wahrend des dreijahrigen Interregnums des anatomischen Or- 
dinariates die gleichen Facher wie an der Tierarzneischule (bis zur Berufung 
Kupffers aus Konigsberg). 

Inzwischen wurde der pathologische Anatom der Tierarzneischule Bollinger 
in gleicher Eigenschaft an die Universitat berufen, wodurch B. unter Bei- 
behaltung seiner bisherigen normal-anatomischen Unterrichtsfacher in das 
Ordinariat fiir pathologische Anatomie aufriickte, das er bald darauf nach 
Franks Tode mit dem der normalen Anatomie vertauschte. 

So verlief der Anfangsteil der akademischen Laufbahn B.s fern von der 
Universitat; trotzdem blieb B. Anatom, speziell auch menschlicher Anatom, 
wie sich insbesondere aus der Art seiner wissenschaftlichen Betatigung ergab. 
Das reiche Material an Entwicklungsstadien von Haussaugetieren, die bis 
dahin in der Untersuchung stark vernachlassigt waren, das B. bei seiner 
Tatigkeit an der Miinchener Tierarzneischule zufloB, gab ihm die erste An- 
regung zu seinem spateren Hauptarbeitsgebiet. So stammen aus dieser Zeit 
der Tatigkeit B.s seine grundlegenden Arbeiten iiber die Entwicklungsge- 
schichte des Schafes und Pferdes, die B. in der anatomischen Welt bekannt- 
machten, seinen Namen als embryologischer Forscher begriindeten und ihm 
auch den Riicktritt in die menschliche Anatomie und damit zur Universitat 
ermoglichten. 

Besonders hatte der Wiirzburger Anatom Kolliker Interesse an den Ver- 
offentlichungen des jungen Anatomen genommen, so daJ3 auf seine Veran- 
lassung die medizinische Fakultat in Wiirzburg, damals eine der ersten in 
Deutschland, 1889 B. in erster Linie fiir das freigewordene Extraordinariat 
der Anatomie vorschlug. B. folgte dem Rufe, der ihm den Ubergang in die 
anatomische Universitatslaufbahn ermoglichte, mit Freuden. Die Umstellung 
in das neue Lehrfach geschah ohne Schwierigkeiten — und diese seine erste 
Universitatsprofessur hat B. in so dankbarer Erinnerung behalten, daB er 



42 1921 

die alte frankische Bischofsstadt nach seinem Riicktritt vom Lehramt zum 
Orte seines Ruhesitzes wahlte. 

Nur drei Jahre wirkte B. in Wiirzburg; 1891 wurde er bereits als ordent- 
licher Professor nach GieBen berufen, als erster Spezialanatom ; denn die 
hessische Universitat hatte als letzte bis dahin Anatomie und Physiologie 
noch vereint. 1895 erhielt B. seinen ersten Ruf an eine preufiische Universitat; 
er war gleichzeitig in Greifswald und Halle vorgeschlagen, wahlte aber die 
pommersche Hochschule, der er zwolf voile Jahre angehorte, in der er, der 
Bayer, schnell heimisch wurde; bot die Ostsseekiistenstadt doch reichliche 
Gelegenheit zu B.s Lieblingsbeschaftigung, zu Jagd und Fischerei. Im letzten 
Jahre seiner Greifswalder Tatigkeit bekleidete B. das Rektorat. Er iiber- 
nahm die Professur und die Direktion des Instituts unter den schwierigsten 
Verhaltnissen, wuBte sich aber schnell durchzusetzen und erwarb sich in 
kurzer Zeit das Vertrauen aller Fachgenossen, so daB sein Weggang von Greifs- 
wald lebhaft bedauert wurde. 

Nach dem Riicktritt des Freiherrn v. La Valette-St. George vom Ordinariat 
der Anatomie in Bonn wurde dieses B. angeboten, der am 1. April 1907 nach 
Bonn iibersiedelte. In dieser Stellung wirkte B. bis zum Ende des Jahres 1918, 
um sich nach erfolgter Emeritierung nach Wiirzburg zuriickzuziehen. In Bonn 
hat B. auBerordentlich viel fiir die Ausgestaltung des bei seinem Amtsantritt 
stark vernachlassigten anatomischen Unterrichts getan. Insbesondere gelang 
es ihm durchzusetzen, daB das Institutsgebaude durch Zentralheizung, elek- 
trische Beleuchtung usw. modernisiert wurde, dafi zwei geraumige Anbauten 
auBer anderen inneren Umbauten errichtet wurden. 

B.s Forschungsgebiet ist in erster Linie die Entwicklungsgeschichte der 
Haussaugetiere gewesen. Mit der Erforschung der Entwicklung des Schafes 
begann er schon wahrend seiner Tatigkeit an der Tierarzneischule ; spater hat 
er in einer Serie von Veroffentlichungen die Embryologie des Hundes be- 
schrieben, namentlich die Frage der Keimblatterbildung. Besonderen Wert 
legte er auf die Erforschung der Ernahrungsmethoden des Saugetiereies in den 
ersten Entwicklungsstadien, die bis dahin ganzlich vernachlassigt waren. 
Aus seiner Feder wie aus der mehrerer seiner Schuler sind wertvolle Mit- 
teilungen iiber Embryotrophe, wie B. das Material nannte, mittels dessen 
der Saugetierembryo in der ersten Zeit seiner Entwicklung sich ernahrt, 
hervorgegangen . 

B. ist ferner der Verfasser eines bekannten Lehrbuches der Entwicklungs- 
geschichte, das aus einem kleinen solchen der Haussaugetiere hervorgegangen 
ist und schnell hintereinander mehrere Auflagen erlebte. Ferner hat sich B. 
auBer mit der Entwicklung der Mammarorgane besonders mit der Anthropo- 
logic beschaftigt. Die prahistorischen siidfranzosischen Fundstatten hat er 
selbst bereist, von dort wertvolles Material mitgebracht, das zusammen mit 
anderem den Grundstock einer Archaolithensammlung bildete. Besonders 
bekannt gemacht hat sich B. durch die anthropologisch-somatische Bearbeitung 
der Skelette des 191 5 in den Steinbriichen von Oberkassel gegeniiber von 
Bonn gefundenen spatdiluvialen Menschenpaares. Das groBe Werk, das er mit 
Verworn (s. u. S. 205 ff) und Steinmann herausgegeben hat — es konnte kurz 
nach Kriegsende erscheinen — , gehort zu den wertvollsten und umfangreichsten 
Veroffentlichungen aus dem Gebiete des prahistorischen Diluvialmenschen. 



Bonnet. Bofidorf 13 

Wenn auch auBer der Anthropologic, der sich B. besonders in den spateren 
Jahren seines Lebens widmete, und der er auch nach seiner Emeritierung 
getreu blieb, die Embryologie das Hauptarbeitsgebiet B.s war, so fehlen in 
der Zahl seiner wissenschaftlichen Veroffentlichungen keineswegs Arbeiten 
aus anderen Gebieten der Anatomie, wie z. B. aus der Histologic (Nerven der 
Haare, Bau der Arterienwand u. a.). Ferner grundete B. zusammen mit 
Fr. Merkel eine neue — leider nach Kriegsende eingegangene — anatomische 
Zeitschrift, die »Anatomischen Hefte«, die bald sich einbiirgerten und die 
besten deutschen und auslandischen Anatomen zu ihren Mitarbeitern zahlten. 

Literatur: Anatomische Hefte, Bd. 1 (1892) — Bd. 57 (1919). — Nachrufe: Anat. 
Anzeig. Bd. 56 (m. Bibliogr. d. Schriften B.s).Munchn. med. Wochenschr. 192 1. Chronik 
der Univers. Bonn (fiir 1921/22). 

Bonn. Johannes Sobotta. 

BoBdorf, Hermann, plattdeutscher Dichter * in Wiesenburg (Flaming) am 
29. Oktober 1877, | in Hamburg am 24. September 1921. — Obwohl B. fast 
sein ganzes Leben in Hamburg zugebracht hat, ist er eigentlich kein Hanseat. 
Er wurde in dem Dorfchen Wiesenburg im Flaming, den einst flamische 
Kolonisten besiedelten, als Sohn eines Brieftragers geboren. Der kleine 
Hermann, ein sehr aufgeweckter Junge, besuchte zuerst die Dorfschule 
seiner Heimat. 1888 bekam der Vater plotzlich seine Versetzung nach 
Hamburg. Der Abschied von der Heimat fiel dem Jungen sehr schwer, 
und Hamburg mit seiner qualmigen Luft und der feuchten engen Woh- 
nung im Eichholz gefiel ihm durchaus nicht. Unter seinen Lehrern war auch 
Otto Ernst (Schmidt), der damals schon seinen ersten Band Gedichte ver- 
offentlicht hatte. Ihn verehrte der kleine Hermann ganz besonders, und an 
seine Gesang- und Deutschstunden hat er sich stets besonders gern erinnert. 
Ja, von ihm behauptete er, daft er erst den leise glimmenden Dichterfunken 
im verborgensten Innern zu hellen Flammen angefacht habe. Spater ist er 
aber niemals wieder mit Otto Ernst in personliche Beruhrung gekommen. 

Ganz besonderes Interesse zeigte der Junge bereits in friiher Jugend fiir 
das Drama und Theater. Das lag ihm im Blut, und zielsicher ging er auch spater 
den Weg, der ihm vorgezeichnet war: den Weg zum Drama. Im Lesebuch 
seiner Flamingheimat las er schon Szenen aus » Minna von Barnhelm«; aber 
er wufite nichts Rechtes damit anzufangen. In Hamburg fiel ihm aber das 
ganze Stuck in die Hande. Er las es mit leuchtenden Augen und heifien Wangen 
sofort in einem Zuge. »Da sprang das Tor, vor dem ich so lange fragend und 
wartend gestanden hatte, mit einemmal auf — sperrangelweit. « Man staunt, 
wenn man hort, was der Volksschiiler schon alles an dramatischer Literatur 
gelesen hat: Penthesilea, den ganzen Schiller, vieles von Shakespeare und 
Sophokles; den Prometheus des Aschylos konnte er fast auswendig. Auch 
Moliere und Sardou verschlang er, begeisterte sich ferner auch fiir Richard 
VoB. In der Bibliothek des Arbeitervereins fand er dann auch Aristophanes, 
Terenz und Plautus. Natiirlich schrieb er auch selber Dramen, selbstverstand- 
lich ganz bluttriefende, und fuhrte sie zum Teil auf seiner selbst gefertigten 
Puppenbuhne auf. Er war von seiner dramatischen Sendung so uberzeugt, 
dafl er einst einem Freunde, als er mit ihm am Theater vorbeiging, sagte: 



44 ! 9 21 

»Hier wird man mich auch noch einmal spielen.« Ein Schauspiel »Die Armut«, 
in der Sylvesternacht 1890 begonnen und in drei Wochen vollendet, ist uns 
von diesen ersten Versuchen noch erhalten geblieben. Wenn der Junge morgens 
auf dem Wege zur Schule iiber den GroBneurnarkt ging, hielt er erst vor der 
Anschlagsaule seine »Morgenandacht« ab. Am Abend las er in der Zeitung 
fast nur Theaternachrichten und Kritiken. Diese schnitt er sorgfaltig aus und 
klebte sie sauberlich in ein Heft. Als Junge von zwolf Jahren kam er zum 
erstenmal ins Theater. Im Ernst Drucker-Theater auf St. Pauli sah er auBer 
Gorners »Dornroschen« das plattdeutsche Lokalsttick »Piepenreimers«. Mit 
14 Jahren war es ihm dann endlich vergonnt, im Stadttheater » Hamlet « zu 
sehen. »Das waren Hohepunkte meiner Jugend, auf denen hellste Gnaden- 
sonne lag. « 

Die Berufswahl fiel B. schwer. Er machte zwar die Aufnahmepriifung fur 
das Seminar, fand aber mit seinem Freunde aus Platzmangel keine Aufnahme. 
Er zeichnete gut, und einige seiner Schiilerzeichnungen, Bilder aus der alten 
Flamingheimat, sind nach seinem Tode in dem Auswahlband » Hermann BoB- 
dorf-Buch« veroffentlicht worden. Der Junge schwankte lange, ob er Maler 
oder Dichter werden sollte; aber der praktisch veranlagte Vater bestimmte 
ihn fiir die Laufbahn eines mittleren Postbeamten, und bei dem Postamt in 
Hamburg-Eimsbuttel trat er als Postgehilfe ein. Die Jahre, die ihn auch nach 
manchen anderen Orten der niederdeutschen Heimat fuhrten, sind fiir ihn 
heitere, sorglose Jugend jahre gewesen. Mancherlei dichterische Eindriicke in 
dieser Zeit fanden dann nach Jahren Gestaltung. Mit FleiB trieb er seine 
literarischen Studien weiter. Heinrich v. Kleist schatzte er besonders; von 
dem fiihrte ihn der Weg zu Grabbe und Hebbel und spater weiter zu Ibsen, 
Strindberg und zuletzt zu Wedekind. Von den groBen Epikern begeisterten 
ihn besonders Raabe und Jean Paul, aus dessen Buchern er ganze Stiicke 
auswendig lernte. B. meldete sich inzwischen zum Hamburger Telegraphen- 
amt, weil er dann vom Wanderleben erlost war und auch die geplante Heirat 
eher wagen durfte. Da er in der nordischen Abteilung beschaftigt wurde, warf 
er sich gleich mit dem ihn auszeichnenden FleiB auf das Studium der nor- 
dischen Sprachen, und bald konnte er seinen Ibsen und Strindberg in der 
Ursprache lesen. Durch diese sprachlichen Studien wurde er auch zum ersten- 
mal zum dichterischen Gebrauch seiner plattdeutschen Muttersprache an- 
geregt, und 191 1 brachte der »Eekbom« sein erstes plattdeutsches Gedicht. 

1900 hatte er sich mit Berta Dannies, einem Hamburger Kind, verheiratet. 
Diese eigenartige Frau hat auf die weitere Entwicklung des Dichters be- 
stimmenden EinfluB gehabt. Sie brachte ihm auch zum erstenmal die okkul- 
tistische Welt naher, die dann fiir seine kiinstlerische Entwicklung mit- 
bestimmend wurde. Auf Anregung seiner Frau veroffentlichte er 1900 seine 
erste literarische Arbeit, eine Humoreske, in den » Hamburger Nachrichten «. 
Eine ganze Anzahl ahnlicher Arbeiten erschienen dann in rascher Folge, meist 
in der Postbeamtenzeitschrift »Das Posthorn«, da er sich zur Hauptsache 
die Stoffe aus dem Leben der Postbeamten nahm. Jetzt wandte sich der Dichter 
aber auch der Ballade zu, die er als Vorstufe zum Drama ansah und mit 
heiBem Bemuhen pflegte. Um seiner Sprache Schlagkraft und Gedrangtheit 
zu geben und um sich auf den dramatischen Dialog vorzubereiten, schrieb er 
ferner in jenen Jahren auch viele Epigramme. 1908 brachten wiederum die 



BoBjlorf 45 

» Hamburger Nachrichten« (in der Weihnachtsbeilage) seine erste Ballade 
»Das freie Hamburg «, von Theodor Herrmann mit einer Zeichnung geschmtickt. 
Der schwere Nachtdienst in den ersten Kriegsjahren war der unmittelbare 
Anlai3 seines korperlichen Zusammenbruches, der ihn dann zwang, 19 15 vor- 
laufig aus dem Dienst auszuscheiden und 19 17 um seine Entlassung ein- 
zukommen. Mit einer bescheidenen Pension, von der auch noch Frau und 
Schwiegermutter leben wollten, muBte er jetzt seinen Unterhalt bestreiten. Die 
letzten Ersparnisse forderte ein Kuraufenthalt in Oeynhausen, der aber keine 
Heilung brachte. Sein Riickenmarksleiden zwang ihn bald in die Sofaecke, 
von der aus er noch jahrelang sehr interessiert den Lauf der Welt verfolgte. 
Aber in der Zeit der Leiden und der Not wurde der Dichter. 1913 war ihm 
schon die Idee zum »Fahrkrog« gekommen, den er anfangs noch novellistisch 
bearbeiten wollte; aber er sah bald ein, daB nur eine dramatische Gestaltung 
moglich sei. Der erste und zweite Akt wurden schon im Entwurf nieder- 
geschrieben. Als er nun auf schwerstem Krankenlager lag und der »schwarze 
Mann« nicht von seinem Lager wich, umschwebten ihn die Gestalten des 
Dramas und heischten gebieterisch Gestaltung. Kaum ein wenig genesen, ging 
er mit Feuereifer an die Arbeit, und in kurzer Zeit war der »Fahrkrog« voll- 
endet. Nun kam aber die Frage der Auffuhrung. Nach Fritz Stavenhagens 
Tod stand es um das niederdeutsche Drama in Hamburg sehr schlecht. Nur 
hin und wieder gelang es der »Stavenhagen-Gesellschaft« eine Buhne zu einer 
plattdeutschen Vormittagsauffuhrung zu bewegen. B. reichte nun das Stuck 
der genannten Gesellschaft ein, und die gab es dann einem ihrer Lektoren, 
Peter Werth, der selber als plattdeutscher Dramatiker bekannt wurde. Der 
war ganz begeistert von dem Stuck und machte den Dichter auf das »Gleich- 
nis« aufmerksam, das in dem Werk stecke. Auf seine Anregung dichtete dann 
B. noch den »Vorspruch«, und Hans Langmaack las bald darauf dies erste 
plattdeutsche Mysterium auf einem Abend der Vereinigung »Quickborn« 
offentlich vor. Man war aufs hochste iiber das Werk iiberrascht und forderte 
ungestum die offentliche Auffuhrung, die dann am 5. April 1918 durch die 
» Dramatische Gesellschaft « (spater Niederdeutsche Buhne, Hamburg) unter 
Leitung von Dr. Richard Ohnsorg im Thaliatheater in Hamburg stattfand. 
Das Stuck fand eine glanzende Aufnahme und wurde nun auch bald gedruckt. 
Der Erfolg ermunterte den Dichter, ein weiteres Drama zu schreiben. Im 
»Bahnmeester Dood« wollte B. ein Gegenstiick zum »Fahrkrog« geben: 
der Bose und der Tod sollten Sieger bleiben. Aber die Offentlichkeit nahm 
das Werk nur als Drama, zumal die mystische Seite auch fast ganz von der 
realen verdeckt wird. Mit diesem Werk hatte der Dichter ebenfalls groBen 
Erfolg, und er war mit einem Schlage in ganz Niederdeutschland bekannt. 
Jetzt veroffentlichte er auch eines seiner Jugenddramen, »Simson und die 
Philister«; aber die Buhne blieb dem Werk zum Leidwesen B.s verschlossen. 
Hermann B. war fest davon iiberzeugt, daB er in bezug auf das niederdeutsche 
Drama eine besondere Aufgabe zu erfiillen habe. Er schrieb auch eine Reihe 
Aufsatze, in denen er seine Ansichten vom plattdeutschen Drama naher er- 
lauterte. »Das reale Leben, die wirkliche Welt, die uns alltaglich umgibt, 
mit dem Licht der Idee zu durchleuchten und sie dadurch hinaufzuheben in 
das Leben der Ewigkeit, in die Welt der Wahrheit: das war meine Absicht . . . 
und ich werde auch ferner daran festhalten. Auch in der Komodie. Auch diese 



46 1921 

kann von einer Idee getragen werden, indem sie mit ihrer Hilfe den klaffen- 
den Gegensatz zwischen Sein und Schein aufdeckt, und dadurch den Gegen- 
stand aus dem Zeitlichen ins Ewige transloziert oder erhebt.« B. hat sich 
auch auf dem Gebiet der plattdeutschen Komodie versucht, aber hier nicht 
die klassische Hohe seiner ernsten Dramen erreicht. Nach dem kleinen 
»Schattenspeel«, das etwas von dem leichten Lustspielgeist und geschlif- 
fenen Dialog franzosischer Komodien hat, schrieb er den lustigen » Kramer 
Kray«. Hier wird zwar schon versucht, das komische Motiv in den Charak- 
teren zu verankern, aber er bleibt doch noch allzusehr nur Schwank. B. 
hat dieses Stiick nach seinem eigenen Gestandnis auch nur als Propaganda 
fur Ohnsorgs Niederdeutsche Biihne geschrieben. Kiinstlerisch bedeutend 
hoher steht hingegen sein letztes Werk »De rode t)nnerrock«, seine beste 
Komodie. Fiir diese Arbeit erhielt er noch kurz vor seinem Tode den zweiten 
Preis im Ausschreiben der Stavenhagen-Gesellschaft, erlebte jedoch die Ur- 
auffiihrung am 26. November 192 1 im Altonaer Stadttheater nicht mehr. 

Als Hermann B. mit seinem plattdeutschen Mysterium groBten Erfolg 
hatte, konnte er es auch wagen, nunmehr mit seinen Balladen an die Offent- 
lichkeit zu treten, die alle plattdeutschen Balladen seit Groth weit uber- 
treffen. Ihm sind Balladen voll Klang, Tiefe und sprachlicher Wucht gelungen, 
die fiir immer zu den besten niederdeutscher Herkunft rechnen werden. An 
den groBen Balladendichtern Burger, Fontane, Miinchhausen hat er sich ge- 
schult. Zwei schmale, wohlgesiebte Bandchen erschienen bald nach dem »Fahr- 
krog«: »01e Klocken* (plattdeutsch) und »Eichen im Sturm« (hoch- 
deutsch). 

Nebenher schrieb B. in hochdeutscher und plattdeutscher Sprache eine 
Reihe kleinerer Geschichten, die zwar ganz des Dichters charakteristische 
Note zeigen, aber im allgemeinen nicht auf der kiinstlerischen Hohe seines 
dramatischen und balladischen Schaffens stehen. Im »Postinspektor« sind 
kleine heitere Postgeschichten gesammelt; im plattdeutschen »Verhexten 
Karnickelbuck« schieBt sein Humor tolle Purzelbaume; im »Schadel vom 
Grasbrook« ist die iibersinnliche Note auBerordentlich stark, ebenfalls in 
seinem letzten und weitaus besten Prosabuch »Rode Ucht«, dessen ganze 
Fertigstellung er aber nicht mehr erlebte. (Hier findet man auch einleitend 
eine autobiographische Skizze, »De swarte Mann«.) 

Trotz aller Bemiihungen verschiedener Arzte und trotz aufopfernder Pflege 
seiner Gattin schritt sein Ruckenmarksleiden immer weiter. Fiir Augenblicke 
konnte er auch ganz zusammenbrechen ; aber immer wieder siegte in ihm der 
Wille zum Leben und der iiberaus machtige Drang zum Schaffen; auBerdem 
wirkten natiirlich Erfolg und allseitige Anerkennung an ihrem Teile mit. Der 
hamburgische Staat zeichnete ihn sogar durch Verleihung eines Ehrengehaltes 
aus, das spater auch seiner Witwe weiterbewilligt ist. Monatelang lieB der 
leidende Dichter sich an den Schreibtisch tragen. Und trotz Jammer und Not 
lebte noch sein Humor, der zwar nicht immer goldig, sondern manchmal recht 
grimmig sein konnte. Das Ende, das am 24. September 192 1 nach schwerem 
Todeskampf eintrat, war eine Erlosung fiir ihn und seine Umgebung. An einem 
wundervollen Herbsttag wurde er in Ohlsdorf unter ungeheurer Beteiligung 
begraben. Sein Begrabnis war ein uberzeugender Beweis dafiir, wie sehr man 
ihn in ganz Niederdeutschland schatzte. Ein schlichter Findling, symbolisch 



Bofldorf. Bracht 47 

fur sein Herkommen und Schaffen, erhebt sich jetzt auf seinem Grabhiigel und 
tragt nur die Inschrift » Hermann BoBdorf «. 

In seinem literarischen Nachlafl, dessen Verwaltung mir vom Dichter und seiner Witwe 
(die Ehe blieb kinderlos) anvertraut wurde, fanden sich vor alien Dingen einige Dramen 
und dramatische Entwiirfe, auflerdem fast seine gesamte, ziemlich unbekannt gebliebene 
Lyrik. In der Zeitschrift »Niedersachsen« (27. Jahrg., Nr. 13, S. 299—301) habe ich iiber 
den dramatischen NachlaB ausfiihrlich berichtet. Es fanden sich aufler verschiedenen, zu- 
meist hochdeutschen Dramen und Entwurfen drei Fragmente plattdeutscher Biihnenwerke 
vor, die teilweise schon aus der Zeit vor dem »Fahrkrog«, teilweise — vor alien Dingen die 
bibbschen Tragodien — aus der Anfangszeit der Produktion stammen. »Schane 
Hagenah«, das Drama einer Seemannsfrau, ist von mir im »Niedersachsenbuch 1924/25^ 
S. 59 — 70, veroffentlicht worden. Noch in den letzten Wochen arbeitete er mit Eifer an 
dem historischen Trauerspiel »Bernd Beseke, de Vagt up Niewerk«. Audi hiervon ist 
nur ein Akt fertiggestellt worden. (Veroffentlicht im »Niedersachsenbuch 1923 «, S. 34- — 47.) 
Da im Plattdeutschen noch immer das groBe geschichtliche Drama fehlt, setzte man ganz 
besondere Hoffnung auf B.s »Stortebeker«, von dem fast zwei Akte vorliegen. Leider 
lieB der Dichter die Arbeit liegen und wandte sich der Gestaltung anderer Ideen zu. Von 
diesem Werk, das zu groBen Hoffnungen berechtigte, sind bislang nur Bruchstiicke be- 
kannt geworden. Der Dichter selbex veroffentlichte in »Niedersachsen«, 26. Jahrg., S. 270, 
den ersten Akt. Erst die geplante Gesamtausgabe wird das ganze Stortebeker-Fragment 
bringen. Der NachlaBband »Letzte Ernte« brachte B.s Lyrik (einige Balladen, darunter 
die glanzende Nachdichtung von Burgers » Ignore*) , eine Auswahl aus den Fabeln und 
Epigrammen und zwei lyrische Naturskizzen . Im Nachlasse fanden sich auch von der einst- 
mals geplanten hochdeutschen Ubertragung von »Bahnnieester Dood« fast zwei Akte. 
Um den dramatischen Dichter auch den hochdeutschen Kreisen bekannt zu machen,ent- 
schloB sich des Dichters Witwe, den »Bahnmeister Tod« zu vollenden. Das Stuck wurde 
auch von einer ganzen Reihe groBer hochdeutscher Theater gegeben, beginnend mit Han- 
nover, Halle und Hamburg. 

Verzeichnis der erschienenen Bucher (mit einer Ausnahme im Richard Hermes' 
Verlag, Hamburg) : De Fahrkrog, 191 9; Bahnmeester Dood, 191 9; Simson und die Philister, 
1920; Dat Schattenspeel, o. J. (1920, erschien im Quickborn-Verlage, Hamburg); Kramer 
Kray, J920; De rode Cnnerrock, 1921; Bahnmeister Tod, 1922; OleKlocken, 1919; Eichen 
im Sturm, 1919; Der Postinspektor, 1920; De verhexte Karnickelbuck, 1920; Der Schadel 
vom Grasbrook, 1920; Rode Ucht, 1921 ; De swarte Mann (Sonderdruck aus Rode Ucht), 
1 921; Iyetzte Ernte, 1922; Hermann B.-Buch (Auswahl), 1924. 

Hamburg. Albrecht Janssen. 

Bracht, Eugen, Maler, * in Morges am Genfer See am 3. Juni 1842, f in 
Darmstadt am 15. November 192 1. — Als Eugen B. dahinschied, beklagte 
man in ihm vielfach den letzten bedeutenden Vertreter der romantisch- 
heroischen Landschaftsmalerei und mit einer gewissen Berechtigung schien 
man ihn so zu bezeichnen, denn er hat eine Anzahl von Werken geschaffen, 
die ganz von romantisch-heroischer Stimmung erfiillt sind, und gerade diese 
von alien seinen Schopfungen haben ihn in weiten Kreisen bekannt und be- 
liebt gemacht. Es hiefie aber heute, da wir sein ganzes Lebenswerk iiberblicken 
konnen, B.s Wesen verkennen, es zum mindesten nicht voll erschopfen, wollte 
man ihn lediglich als einen Abkommling der J. A. Koch, Carl Rottmann, 
Friedrich Preller, K. F. Eessing, J. W. Schirmer betrachten. Seine Vertiefung 
in die Natur war zu eindringlich, sie erfolgte mit zu freiem, unvoreinge- 
nommenem Blick, zugleich war seine Beschaftigung mit dem kunstlerischen 
Problem der Landschaftswiedergabe im Bilde zu hingebend, als daB er kunst- 
geschichtlich unter dem einseitigen Begriff des romantisch-heroischen Land- 
schafters untergebracht werden diirfte. Auch die grofien nachhaltigen Erfolge 



48 1921 

mit einigen popular gewordenen Werken konnten ihn nicht auf einen be- 
stimmten Bezirk der Stimmungslandschaft festlegen. Er ist zeitlebens ein 
ernst Strebender, ein Ringender gewesen. 

B. ist in der Schweiz geboren, aber einer deutschen Familie entsprossen; 
beide Eltern stammten aus Westfalen. In friiher Kindheit konnte er die Ein- 
drucke der grandiosen Hochgebirgsnatur des Genfer Sees in sich aufnehmen, 
nicht lange freilich, denn in seinem achten Lebensjahr iibersiedelten seine 
Eltern mit ihm nach Darmstadt. Als Knabe schon zeichnete und malte er 
auf eigene Faust mit selbstbereiteten Farben, bis er den ersten geregelten 
Unterricht durch den Darmstadter Maler F. Frisch und den Galerieinspektor 
Karl Seeger erhielt. Ein zufalliges Zusammentreffen mit Johann Wilhelm 
Schirmer, dem damaligen Direktor der Karlsruher Kunstschule, auf einem 
Ausflug nach Heidelberg wurde entscheidend fur Berufswahl und Schicksal 
des jungen B., dessen Vater auf Schirmers Rat ihn nun dem Kiinstlerberuf 
zufuhrte. Im Oktober 1859 durfte er in die Karlsruher Kunstschule eintreten. 
Hans Thoma war dort sein Mitschuler, an den er sich in enger Freundschaft 
anschloB und mit dem er den ersten Studiensommer im Schwarzwald ver- 
brachte. Auch mit Karl Friedrich I^essing, neben Schirmer der erfolgreichste 
Vertreter der romantischen' Richtung in der Landschaftsmalerei, der damals 
die Leitung der Karlsruher Galerie iibernommen hatte, konnte der junge 
Kunstschuler in Verbindung treten. Nachdem er die Antiken- und die Mal- 
klasse unter Des Coudres absolviert hatte, trat B. i860 in die Landschafts- 
klasse Schirmers ein und fuhrte unter dessen Leitung eine Reihe von Bildern 
aus, die schon Eigenart und Selbstandigkeit der kiinstlerischen Auffassung 
zeigten. Das Gefiihl dieser beginnenden Selbstandigkeit lieB in B. 1861 den 
EntschluB reifen, von Karlsruhe nach Diisseldorf zu iibersiedeln, wo der 
Norweger Hans Gude an der Akademie als Lehrer der Landschaftsmalerei 
wirkte. Im Gegensatz zur komponierten Landschaft der akademischen Ro- 
mantiker ging Gudes Kunstauffassung mehr auf intime Beobachtung der 
Natur, auf koloristische Wiedergabe von Stimmungs- und Beleuchtungs- 
effekten aus. Sein Schuler konnte B. wegen Uberfiillung von Gudes Klasse 
zwar nicht werden, doch versprach ihm dieser, ihn bei seinen Arbeiten durch 
seinen Rat zu unterstutzen. B. arbeitete also selbstandig weiter. Er malte 
Motive aus dem Rheingebiet und dem Hunsriick, spater auch solche aus der 
Schweiz, anfangs mit einigem Erfolg, spater mit weniger Gliick. Besonders 
blieb der finanzielle Erfolg seiner ersten selbstandigen Kunstbetatigung aus; 
dazu kam das weitere MiBgeschick, daB auch sein Vater in wirtschaftliche 
Schwierigkeiten geriet. Die MiBhelligkeiten, die sich so fur den angehenden 
Maler hauften, lieBen Zweifel an seiner Berufung zur Kunst wach werden, 
die ihn schlieBlich ganz entmutigten, so daB er eine ihm sich gerade bietende 
Gelegenheit wahrnahm, eine kaufmannische Stellung anzunehmen und dem 
Kiinstlerberuf ganz zu entsagen. 1864 — 1870 war er fur den iiberseeischen 
Wollimport in Verviers in Belgien tatig, 1870 griindete er sich ein eigenes 
Geschaft in Berlin. 

Der kaufmannische Beruf sagte B. , je langer er ihn ausiibte, um so weniger zu. 
Die lang zuriickgedrangte Liebe zum Malerberuf erwachte aufs neue in ihm 
und geschaftliche Schwierigkeiten beschleunigten schlieBlich seinen EntschluB, 
sein Geschaft aufzulosen und zur Malerei zuriickzukehren. Er selbst hat 



Bracht 49 

in seinen Aufzeichnungen geschildert, wie er, noch Kaufmann, auf einer Ge- 
schaftsreise durch die Liineburger Heide fuhr und bei Sonnenaufgang die in 
zartrosigem Nebel daliegende Heide »mit wiedererwachenden Maleraugen« 
sah. Zwei Jahre spater fuhr er dieselbe Strecke, stieg an derselben Station, 
an der ihn das lockende Heidebild gegriiBt hatte, aus — nach mehr als zehn- 
jahriger Pause wieder Landschaftsmaler von Beruf. 

Zunachst vertraute er sich noch einmal Gudes Fuhrung an, ging nach 
Karlsruhe, wohin dieser inzwischen berufen worden war. Schon die ersten 
Bilder mit Motiven aus der Liineburger Heide, besonders das »Hiinengrab« 
brachten ihm Erfolg. In den Jahren 1876 — 1879 malte er ausschlieBlich deutsche 
Landschaften, neben den Heidebildern solche von Riigen, den Ardennen und 
der Eifel. Schlichte Motive sind es durchweg, denen er aber durch die ge- 
schickte Wahl des geschlossenen Bildausschnitts einen starken Ausdruck ver- 
Ueh und die er durch die malerisch betonte Stimmung zuweilen zu ^oBartiger 
Wirkung steigerte. Im »Hiinengrab« trat die Neigung zu hen scher Ge- 
staltung des Iyandschaftlichen zuerst in Erscheinung, doch lag sie nier schon 
im Stoff begrtindet. 

Zum Verstandnis von B.s seelischer Einstellung darf nicht iibersehen 
werden, daB er nicht einseitig Kunstler, sondern auch eine wissenschaftlich 
interessierte Geistigkeit war. Diese wissenschaftlichen Neigungen allein hatten 
ihm die langen Jahre der nuchternen Kaufmannstatigkeit ertraglich zu 
machen vermocht. Auf seinen Streifziigen als Maler wandte er seine Auf- 
merksamkeit auch den vorgeschichtlichen Spuren in den von ihm durch- 
wanderten Gegenden zu. Fiir die Ausgrabung und Erforschung einer Hohle 
mit quarternaren Resten in der Eifel ernannte ihn die Gesellschaft fiir niitz- 
liche Forschungen in Trier zu ihrem korrespondierenden Mitglied. 

1880/81 unternahm B. eine Studienreise nach dem Orient, durchstreifte 
sechs Monate lang Syrien, Palastina und Agypten, ein umfangreiches Material 
an Studien sammelnd, das er spater zu Bildern verwertete, die seinen Stoff - 
kreis erweiterten und seinen damals schon wohl begriindeten Ruf als Land- 
schaftsmaler noch weiter befestigten. Der Orient mit seinen gluhenden Farben 
hat vor allem das Kolorit des Kiinstlers, das bis dahin zu gedampfter, oft 
zarter Farbengebung neigte, beeinfluBt, er verwendete nun auch kraftigere 
Farben und seine Palette wurde reicher. Noch in anderer Hinsicht befruchtete 
diese Reise sein Schaffen: die Studien im Orient veranlaBten ihn mehr als 
bisher das Figiirliche, Menschen und Tiere, als Staffage oder als wichtigen 
Bildbestandteil in seinen Werken anzubringen. So entstanden Bilder wie 
»Die Rast in Araba« und »Am Brunnen Ber Saba«, in denen das Figiirliche 
das wesentliche Bildmoment ist. Als seine starksten rein landschaftlichen 
Schopfungen der ersten Zeit nach der Orientreise sind die dustere »Abend- 
dammerung am Roten Meer«, der heroisch empfundene »Sinai«, der groBziigig 
komponierte »Elias am Bache Krith« und die ganz von romantischer Stim- 
mung erfullte »Fata Morgana* zu nennen. 

Bevor B. alle diese Friichte seiner Orientreise zu fertigen Werken reifen lassen 
konnte, hatten sich seine auBeren I^bensverhaltnisse geandert : Anton v. Wer- 
ner hatte seine Berufung nach Berlin als Nachfolger Christian Wilbergs ver- 
anlaBt. B. nahm an und kam im Oktober 1882 als Leiter der Landschafter- 
klasse an die Berliner akademische Hochschule fiir die bildenden Kiinste. 

DBJ 4 



50 19*1 

Zugleich hatte ihn A. v. Werner dafiir gewonnen, den landschaftlichen Teil des 
von ihm gemalten Sedan-Panoramas zu ubernehmen. Auch fur die zu dem 
Rundbild gehorigen kleineren Dioramen schuf er die Landschaften. Der Er- 
folg, den diese auf einem mehr untergeordneten, rein dekorativem Gebiet der 
Malerei liegenden Arbeiten fanden — B. hat spater mit Selbstironie von seiner 
»panoramischen Zeit« gesprochen — , verhalf ihm zu weiteren Auftragen 
gleicher und ahnlicher Art: zuerst das groBe Panorama der Schlacht bei 
Chatanooga aus dem amerikanischen Sezessionskrieg, das er fur Chikago 
malte und spater sogar noch einmal wiederholen muBte; dann das Diorama 
einer Elefantenjagd am Kassai fiir Berlin, ein groBes Panorama »Die Sachsen 
bei Villiers« fiir Leipzig und ein Diorama »Das historische Eckfenster« fiir 
Dresden. Eine umfangreiche, ebenfalls mehr dekorative Arbeit stellen auch 
die elf Bilder von Tempeln und Kultstatten aller Zeiten und Lander dar, die 
B. fiir die Loge Royal York in Berlin malte. Von seinen spater ausgefuhrten, 
als Raumschmuck dienenden Arbeiten ist ein groBes Wandgemalde im Lese- 
zimmer des Reichstags als besonders gelungen hervorzuheben. 

Auf Reisen suchte der Kiinstler immer wieder neue Eindriicke zu sammeln : 
er machte Studien an der ligurischen Kiiste und besuchte wiederholt die 
Schweiz, wo eine Anzahl von Hochgebirgsbildern entstand, die der immer 
scharfe Selbstkritik iibende Kiinstler spater wegen ihrer etwas harten Zeich- 
nung selbst nicht hoch einschatzte. Wertvolle koloristische Anregungen ver- 
mittelte ihm eine zehn Jahre nach der ersten unternommene zweite Orient- 
reise, die er mit der ausgesprochenen Absicht, mehr dem Malerischen der 
Landschaft als dem Stofflichen sich hinzugeben, angetreten hatte. 

Zwei Jahre vor dieser Orientreise malte B. »Das Gestade der Vergessenheit« 
(1889), das, in zahllosen Reproduktionen verbreitet, den Kiinstler so bekannt 
machte wie kein anderes Werk vorher. Schon der Titel kennzeichnet seine 
romantische Tendenz: ein Stuck schroffer nordischer Felsennatur, ein ewig- 
stilles Gestade unbefahrenen Meeres, in dramatisch gesteigerter Bildhaftig- 
keit, senkt uns das Gefuhl eisiger, grabesruhiger Einsamkeit ins Gemiit. Von 
ahnlicher, mehr heroischer Stimmung erfullt ist das nicht minder beriihmt 
gewordene Bild »Hannibals Grab<( (1893), in der groBen Einfachheit der 
Linienfuhrung und den wuchtig zusammengefaBten Farbenflachen noch 
packender als das » Gestade der Vergessenheit «. Ein dem eigentlichen Wesen 
der bildenden Kunst fremder, literarischer Einschlag ist bei diesen beiden 
Werken ebensowenig zu verkennen wie die auf starke auBere Wirkung ab- 
zielende Durchfiihrung. B.s Selbstkritik bewahrte ihn gliicklicherweise davor, 
die Bahn, auf der er einen so groBen Erfolg beim Publikum gefunden hatte, 
weiterzubeschreiten. Die rasch beliebt gewordenen Werke hatten auch Gegner 
gefunden, deren Einwendungen ihn wohl nachdenklich stimmen mochten. Die 
stete Beruhrung, in der er auf vielen Studienf ahrten mit der Natur blieb, lieB 
ihn bald zu klarer Erkenntnis kommen, und vollig bewuBt erstrebte er eine 
Wendung seiner Kunst, die ihn fortan »bei ganz unstofflichen Motiven« immer 
mehr den rein kiinstlerisch-koloristischen Problemen nahebringen sollte. Was 
bei solchem EntschluB zunachst eine Beschrankung seiner Bildmotive schien, 
das envies sich in Wahrheit bald als eine Erweiterung seines Stoffgebietes, 
denn wohin sein Auge blickte, fand er jetzt — in rein kiinstlerischem Sinne — 
Bildmotive. Er selbst bekannte damals: »Wo ich auch jetzt hinkomme, finde 



Bracht 



51 



ich Malerisches und Malenswertes, und da sich mir allerwarts Reizvolles er- 
schlieBt, schaue ich gleichsam mit verjiingten Augen um mich in die Welt.« 

Die Gefahr des »Gedanklichen« war uberwunden, der Maler hatte sich selbst 
gefunden. Es waren dies die wertvollsten Jahre seiner Entwicklung zur Reife, 
in denen B. der bedeutende Kolorist wurde, der Maler deutscher Stimmungs- 
landschaft, als der er in der Kunstgeschichte weiterleben wird. Jahr fiir Jahr 
legten die Bilder, die er anf den Ausstellungen zeigte, Zeugnis davon ab, wie 
sich seine neu gewonnene Anschauung immer mehr vertiefte : sie sind in ihren 
meist einfachen Motiven nicht »komponiert«, obwohl die klare Linienfiihrang 
und Flachenverteilung mit feinster Empfindung erwogen und berechnet ist. 
Die Steigerung zum BildmaBigen liegt allein in dieser Vereinfachung. Die 
kolorist ische Erscheinung ist durch wenige lebhafte, zuweilen juwelenhaft 
kostliche Farben bedingt, die in der Abwandlung ihrer Tonungen trotz der 
Einfachheit der Farbenskala eine reiche malerische Wirkung erzielen. In der 
Bildstimmung klingt manchmal noch Romantisches mit, wo es sich aus dem 
Motiv ergibt. 

B.s Technik beruht im allgemeinen auf der Grundlage akademischer Tra- 
dition. Voriibergehend hat er sich auch, neue Wege suchend, dem Impressionis- 
mus genahert, ohne sich in dessen Problemen von L,uft- und Lichtdarstellung 
zu verlieren. 

In seiner Lehrtatigkeit, die er, wie es bei seiner Natur nicht anders sein 
konnte, auBerordentlich ernst nahm, hat B. viel Befriedigung gefunden. Er 
gab jeder Individuality freien Spielraum zur Entwicklung und schopfte aus 
dem Ringen der Jugend, die zum Teil die Welt schon wieder mit anderen 
Augen sah, Anregungen und Erkenntnisse fiir sich selbst — ein Austausch, 
wie er im akademischen Unterricht damals seltener war denn je. Iyeider sollte 
diese ideale Lehrtatigkeit nach fast zwei Jahrzehnten fiir B. mit einem MiB- 
klang schlieBen: die Akademie hatte ihn fiir die Leitung des freigewordenen 
Meisterateliers fiir Landschaftsmalerei, die dem Kiinstler selbst erwiinscht 
war, in Vorschlag gebracht. Ein anderer Maler wurde ihm jedoch vorgezogen; 
B. gab, dariiber verstimmt, seine Berliner Tatigkeit auf und folgte 1901 einem 
Ruf als Lehrer an die Dresdener Akademie. Auch in der sachsischen Haupt- 
stadt gewann er bald einen fruchtbaren EinfluB auf die jungen Landschafts- 
maler. — Wie groB die Zahl seiner Schuler war, das zeigte eine Ausstellung 
von deren Arbeiten im Berliner Kiinstlerhaus, zum 70. Geburtstag ihres Meisters 
von seinen Schiilern veranstaltet : 78 Kiinstler waren in ihr vertreten, darunter 
nicht wenige, die schon hohes Ansehen im deutschen Kunstleben genossen. 

In seiner eigenen Kunst arbeitete B. trotz der zunehmenden Jahre rastlos 
weiter, verfeinerte seine Wiedergabe des Atmospharischen und erweiterte 
seinen Stoffkreis, indem er das sachsische und das westfalische Industriegebiet 
mit in den Bereich seiner Darstellungen zog. Fabriken und groBe industrielle 
Anlagen gaben ihm Motive zu Bildern ab, in denen er um modernes tatiges 
Leben malerisch-poetische Verklarung wob. Auch dem Hochgebirge wandte er 
sich wieder zu, die rauhe Alpenlandschaft jetzt mit gereifter Anschauung und 
mit gereifter malerischer Technik gliicklicher bewaltigend als in den Schweizer 
Bildern seiner Friihzeit. 

Erst der 77Jahrige dachtedaran,sich zuriickzuziehen. Er siedelte nach Darm- 
stadt iiber, wo er einst seine Jugend verlebt hatte, um dort auf der Mathilden- 



52 : *92I 

hohe in dem von Christiansen erbauten »Haus in Rosen « seinen Lebensabend 
zu verbringen. Doch auch in dieser letzten Phase seines Lebens gab sich der 
Rastlose nicht untatiger MuOe hin. Noch so manches Werk, das das Darmstadter 
Atelier verlieB, war Zeugnis seiner nach lebenslangem Ringen abgeklarten 
vornehmen Kunst. 

Quellen: Max Osborn, Eugen Bracht, Bielefeld und Leipzig 1909, Verlag Velhagen 
& Klasing. — Thieme-Becker, Allgemeines I,exikon der bildeuden Kiinstler, Bd. 4, S. 502 
(mit weitereti L,iteraturangabea) . — Person alnotizen im Archiv der Akademie der Kiiaste 
zu Berlin, mit selbstverfafltem Lebenslauf (bis 1884). 

Berlin-Zehlendorf-West. Alexander Amersdorffer. 



Billow, Karl Wilhelm Paul v., kdniglich preuBischer Generalfeldmarschall, 
* zu Berlin am 24. Marz 1846, f am 3 1 - August 1921 zu Berlin. — »Eine 
bezwingende Macht,« sagt Dr. Otto Krack in seiner I^ebensbeschreibung des 
Generalfeldmarschalls, »geht von diesem Manne aus. Eine Macht, der sich 
keiner entziehen kann. Du stehst vor einem Herrenmenschen, der zum Be- 
fehlen geboren ist — das fiihlst du im ersten Augenblick — und dieser wie 
gemeiBelte Kopf erinnert dich unwillkurlich an einen anderen, den jeder 
Deutsche kennt: an den Kopf Hindenburgs. Derselbe groBziigige Schnitt, 
dieselbe kantige, fast vierecke Bildung, dasselbe starke, feste Kinn, dieselbe 
Wolbung der breiten, freien Stirn mit dem vollen lichtgrauen Kranz der halb- 
kurz geschorenen Haare. Uber dem kraftigen Mund ein voller weiBer Schnurr- 
bart. Ein eiserner Wille, eine unbeugsame Entschlossenheit spricht aus den 
ehernen Ziigen, und der priifende Blick, der dich trifft, sieht dich durch und 
durch. 

Aber wenn diese Ziige sich erhellen, von einem Lacheln iibersonnt, schwindet 
alle Strenge; und das groBe, offene blaue Auge, das im Zorn Flammen spriiht, 
leuchtet im warmen, freundlichen Glanz. Du spurst es im Innersten, welche 
Giite in diesem Herzen wohnt. — Auffallend bei der hohen, mannlich deutschen 
Gestalt erscheinen die kleinen, feinnervigen Hande: es sind mehr die Hande 
eines geistigen Arbeiters, eines Gelehrten oder Kiinstlers als eines Soldaten, 
Reiters und Jagers, mehr eines Gedanken- als eines Tatmenschen. « 

Und doch war er ein Tatmensch, wie sie die preuBische Armee nur wenige 
gehabt hat. Eiserne Energie gegen sich selbst und gegen andere, riicksichtslose 
Durchfiihrung des aus eigener Erfahrung in Krieg und Frieden als richtig 
Erkannten kennzeichneten das Wesen dieses im Grunde seines Herzens so 
giitigen Mannes. 

Die Familie des Generalfeldmarschalls v. B. gehort zu einem der altesten 
deutschen Uradelsgeschlechter, das im Jahre 1229 zum ersten Male urkund- 
lich erwahnt wird. Von dem ersten in einer Urkunde von 1237 namentlich ge- 
nannten Gottfried v. B. laBt sich der Stammbaum der Familie bis zur Gegen- 
wart liickenlos verfolgen. Das Siegel (Wappen) des Geschlechts zeigt 1359 zum 
ersten Male den Schild mit den i4Kugeln. Spater f inden wir in diesem Wappen 
noch den »Vogel Biilow«, den Pirol. 

Die unmittelbaren Vorfahren des Generalfeldmarschalls waren samtlich 
Offiziere, sein UrgroBvater Johann Heinrich v. B. kursachsischer Major; sein 
GroBvater Karl v. B., Major im Kolbergschen Infanterieregimentund Komman- 



Biilow 



53 



deur des Leibgrenadierbataillons (spateren Leibgrenadierregiments Nr. 8),fiel 
1813 bei GroBgorschen. Seinem Sohn, dem nachmaligen Oberstleutnant Paul 
v. B., wurde am 24. Marz 1846 zu Berlin, ein Sohn Karl Wilhelm Paul ge- 
boren. 

Den seit 1862 das Wilhelms-Gymnasium zu Berlin Besuchenden drangte sein 
ererbtes Soldatenblut bald zu praktischer Betatigung im militarischen Beruf . 
Schon im Herbst 1864 trat er als Avantageur beim 2. Garderegiment zu FuB 
ein. Im Mai 1866 bestand er die Offizierspnifung mit »gut« und zog als bereits 
zum Offizier gewahlter Portepeefahnrich in den Krieg gegen Osterreich. Trotz 
in den Gefechten des 28. Juni bei Soor erhaltener Verwundung verblieb er bei 
der Truppe. In der Schlacht bei Koniggratz am 3. Juli 1866 zeichnete er sich 
bei Rosberitz ganz besonders aus, indem er mit 20 Mann die bedrohte Fahne 
seines Bataillons in blutigstem Handgemenge gegen mehrfache tJbermacht 
rettete. Er wurde hierfur mit dem Militarehrenzeichen I. Klasse dekoriert. 

liber seine Erlebnisse im Feldzuge gegen Osterreich hat Karl v. B. ein 
Tagebuch gefuhrt und mehrfach in Briefen eingehend nach Haus berichtet. 
Schon diese zeigen den geborenen Soldaten. 

Vor Wien am 12. Juli 1866 erhielt er seine Beforderung zum Leutnant. 

Im Kriege 1870/71 blieb er zunachst als Bataillonsadjutant im 2. Garde- 
landwehrregiment mit diesem in der Heimat. Dann aber, wahrend dessen Ein- 
satz vor dem belagerten StraBburg bald zum Regimen tsadjutanten ernannt 
und spater vor Paris, hatte Karl v. B. mehrfach Gelegenheit, sich auszuzeichnen 
und erhielt am 2. Marz 1871 das Eiserne Kreuz. tlber seine Erlebnisse in diesem 
Kriege, besonders liber einen Ritt nach Paris hinein, berichtet er auBerordent- 
lich fesselnd in Briefen, die uns ebenfalls heute noch erhalten sind. 

Bereits am 16. Marz 1872 wurde der am 14. Dezember 1871 zum Ober- 
leutnant avancierte Adjutant bei der neu errichteten Inspektion der Infanterie- 
schulen. Am 18. Mai 1876 wurde er, ohne vorherigen Besuch der Kriegsaka- 
demie, zur Dienstleistung zum GroBen Generalstabe kommandiert, nach nicht 
ganz einem Jahr am 19. April 1877 unter Beforderung zum Hauptmann in 
den Generalstab der Armee ubernommen. Nach seiner Versetzung am 1. Marz 
1881 in den Generalstab der 4. Division, verheiratete er sich am 12. Juni 1883 
mit Molly v. Kracht, einer hingebenden und verstandnisvollen I^ebensgefahrtin, 
die ihm im Laufe der Jahre eine Tochter und zwei Sohne schenkte, von denen 
der altere (Busso) am 26. Mai 1915 in Frankreich als Flieger den Heldentod 
starb. Am 3. Januar 1884 erfolgte v. B.s Ernennung zum Kompagniechef im 
Infanterieregiment Nr. 96, bereits am 14. Marz 1885 seine Zuriickversetzung in 
den Generalstab der Armee, am 14. April 1885 seine Beforderung zum Major. 
Am 10. Dezember 1888 wurde er der Kom mission zur Bearbeitung des Exerzier- 
reglements fiir die Feldartillerie zugeteilt, fur einen Infanteristen eine selten 
auszeichnende Auf gabe, bei der er zum ersten Male Gelegenheit hatte, sein her- 
vorstechendstes Talent, das eines weitblickenden mustergultigen I^ehrmeisters 
und Truppenerziehers, zu beweisen. 

Am 11. Juni 1890 wurde er zum Chef des Generalstabes des Gardekorps 
ernannt und in dieser Stellung am 18. November 1890 zum Oberstleutnant, 
am 17. Juni 1893 zum Oberst befordert. Am 27. Januar 1894 wurde er Kom- 
mandeur des 4. Garderegiments zu FuB, am 22. Marz 1897 unter Beforderung 
zum Generalmajor Direktor des Zentraldepartements im Kriegsministerium, 



54 l * 21 

am 22. Mai 1900 Generalleutnant, am 18. April 1901 Kommandeur der 2. Garde- 
infanteriedivision. Durch seine erneute Versetzung in den Generalstab der 
Armee am 22. Marz 1902 unter gleichzeitiger Ernennung zum Generalquartier- 
meister wurde v. B. der ersteGehilfe und Mitarbeiter des Generalf eldmarschalls 
Graf Schlieffen, des nachst dem Graf en Moltke unstreitig genialsten General- 
stabschefs der preuBischen Armee. Nur zweimal weisen die Annalen des GroBen 
Generalstabes im Frieden diese Stellung auf : zum ersten Male wurde sie fur 
den General Graf Waldersee zur Unterstutzung des greisen Generalf eld- 
marschalls Graf Moltke geschaffen, zum zweiten und letzten Male fur General 
v. B. Aber auch hier bewahrte sich das Sprichwort »Zwei harte Steine mahlen 
nicht gut«, deshalb wurde Karl v. B. bereits am 27. Januar 1903 auf seinen 
eigenen Wunsch mit der Fiihrung der III. (brandenburgischen) Armeekorps 
beauftragt und am 18. April 1903 zu dessen Kommandierendem General er- 
nannt. Am 15. September 1904 wurde er General der Infanterie. 1905/06 
hatte er als Mitglied der Kommission zur Umarbeitung des Exerzierreglements 
fur die Infanterie erneut willkommene Gelegenheit, seine in Krieg und Frieden 
gewonnenen reichen militarischen Erfahrungen in mustergultiger Form nieder- 
zulegen und dem ganzen deutschen Heere zu vermitteln. Am 13. September 
1 91 2 wurde er zum Generaloberst befordert und mit dem 1. Oktofrer 19 12 
unter Belassung a la suite des 4. Garderegiments zu FuB zum Inspekteur der 
3. Armeeinspektion (Hannover) ernannt. Am 16. Juni 1913 wurde er Chef 
des brandenburgischen Grenadierregiments Nr. 12. Mit Kriegsbeginn, am 
1. August 1914, iibernahm Generaloberst v. B. den Oberbefehl iiber die 2. Armee. 
Der 27. Januar 191 5 brachte v. B. die Ernennung zum Generalf eldmarschall, 
aber nicht lange mehr war es ihm vergonnt, als Heerfuhrer zu wirken. Ende 
Marz 1915 wurde seine Gesundheit durch einen schweren Schlaganfall so er- 
schiittert, daB er sich krank in die Heimat begeben muBte. Am 4. April 1915 
wurde er unter Verleihung des Ordens Pour le merite mit einem auBerordent- 
lich gnadigen und anerkennenden Handschreiben seines Allerhochsten Kriegs- 
herrn von seiner Stellung als Armeeoberbefehlshaber enthoben und zu den 
Offizieren von der Armee versetzt. Am 22. Juni 1916 wurde er, da sein Ge- 
sundheitszustand sich nicht wieder so weit hob, daB er den Feldzugsstrapazen 
gewachsen gewesen ware, auf sein Gesuch zu den Offizieren z. D. ubergefuhrt. 

Kurz vorher, zu seinem 70. Geburtstage, hatte ihm der Kaiser gedrahtet: 
»Das III. Armeekorps hat sich vor Verdun glanzend geschlagen und ruhmreich 
die Friichte Ihrer langjahrigen Friedensarbeit geerntet.« Damit hatte der 
oberste Kriegsherr das zum Ausdruck gebracht, wovon nicht nur alle ehe- 
maligen Angehorigen des III. Armeekorps, die unter v. B. ihre Ausbildung er- 
halten hatten, und auch der groBte Teil der iibrigen deutschen Armee iiber- 
zeugt waren, sondern woran auch das sehr viel scharfere Urteil der Geschichte 
nichts andern wird: v. B. ist der uniibertroffene Lehrer und Erzieher des 
III. Armeekorps im Frieden fur den Krieg gewesen. 

Durch zweierlei hatte v. B. dieses erreicht. Einmal dadurch, daB er mit 
auBergewohnlichem militarischen Scharfblick die Haupterfordernisse der rauhen 
Kriegswirklichkeit richtig erkannte, und dann dadurch, daB er das einmal als 
richtig Erkannte mit eiserner Energie und unablenkbarer Folgerichtigkeit in 
die Tat umsetzte. General der Kavallerie Freiherr v. Gebsattel wohnte im 
Sommer 1910 als bayerischer Militarbevollmachtigter den groBeren Truppen- 



Biilow 



55 



ubungen des III. Armeekorps bei, nachdem er in den Jahren vorher bereits 
alle anderen Armeekorps der deutschen Armee, auBer den zwei sachsischen, 
gesehen hatte. In seinem Bericht an das bayerische Kriegsministerium erklarte 
er, er habe noch nie ein Armeekorps gesehen, das in alien Teilen so absolut 
gleichmaBig, so vollkommen nach einheitlichen Grundsatzen und nach einer 
Anschauung im besten Sinne »kriegsmaBig« durchgebildet gewesen ware, wie 
das preuBische III. Armeekorps. Er habe noch nie ein Armeekorps gesehen, 
das er fur gleich fertig gehalten hatte, so wie es sei, vor den Feind zu treten, 
und er habe noch nie einen kommandierenden General gekannt, der den 
Stempel seines Geistes und seiner taktischen Anschauungen seinem ganzen 
Armeekorps so bis zur einzelnen Infanteriegruppe hinunter auf- und einge- 
pragt habe, wie General v. B. Wahrlich ein hohes, aber ein verdientes I,ob ! 

Infolge einheitlicher, vorbildlich klarer Interpretierung von Paragraphen der 
Exerzierreglements konnte das preuBische III. Armeekorps zur Zeit v. B.s 
mit vollstem Rechte eine Schule fur kriegsmaBige Ausbildung genannt werden. 
Offiziere, die diese Schule durchgemacht hatten, brauchten in anderen Korps 
nicht umzulernen, sondern galten bei diesen fast stets als Lehrmeister im Hin- 
blick auf das Verstandnis der Reglements. v. B. erreichte diese einheitliche 
Auslegung der Reglements nicht etwa dadurch, daB er zu jedem Paragraphen 
noch besondere Auslegungen gab, sondern er verlangte nur strikt, daB der 
klassisch einfache, klare Wortlaut der Reglements wortlich befolgt wurde. 
An ganz wenigen Stellen, wo er gelegentlich seiner Mitarbeit an dem Zu- 
standekommen des neuen Reglements mit seiner eigenen Ansicht nicht durch- 
gedrungen war, verscharfte er seine eigenen Anforderungen gegeniiber den 
Forderungen des Reglements. So forderte er z. B. in seinem Korps einen 
schematischen Gefechtsdrill des einzelnen Schiitzen und eine einheitliche tech- 
nische Durchfuhrung des Gefechtes, auch der kleinsten Einheiten. Er wuBte 
aber genau, warum er dies tat; aus eigener Kriegserfahrung war ihm bekannt, 
daB der Soldat in der Aufregung des wirklichen Kampfes nur das richtig aus- 
fuhrt, was er schematisch so vollkommen in sich aufgenommen hat, daB er 
gar nicht mehr anders handeln kann. Neben gewandtester Gelandebenutzung 
verlangte v. B. in alien L,agen auf dem Gefechtsfelde eine musterhafte Ord- 
nung. Seine Forderung, daB jede, auch die kleinste, Einheit ihren genau 
begrenzten Gefechtsstreifen haben muBte, schien selbst seinen unbedingten 
Anhangern zu weit gespannt. Er aber blieb fest in dem BewuBtsein, daB durch 
die gesteigerte Waffenwirkung im Kriege die Unordnung auch so noch schnell 
genug eintreten wurde. Die hohe Stufe der technischen Gefechtsausbildung 
seines Korps ermoglichte es v. B., auch groBere Verbande, wie Bataillone, ja 
sogar kriegsstarke Regimenter, im Angriffsgefecht scharf schieBen zu lassen, 
ohne dabei andere SicherungsmaBnahmen zu treffen, als wie sie die Sicherheit 
der Umgebung des betreffenden Ubungsplatzes erforderte. 

Die Fiihrer aller Grade schulte v. B. in der Schnelligkeit und Prazision der 
Befehlserteilung so, daB der hierin erreichte Ausbildungsgrad fast nicht mehr 
iibertroffen werden konnte. MiBverstandnisse waren fur den, der sich an seine 
Befehlsweise hielt, so gut wie ausgeschlossen. Die berittenen Fiihrer aller 
Dienstgrade muBten sich stets kriegsmaBig benehmen. Um die hoheren Fiihrer 
auch auBerhalb der wenigen Manovertage in der Gefechtsfiihrung mit Voll- 
truppen zu iiben, vereinigte v. B. als erster alljahrlich ganze Divisionen, ja 



56 i92i 

manchmal sogar fast das ganze Korps, zu Gefechtsiibungen auf den Truppen- 
iibungsplatzen. 

Die zur Durchfiihrung aller dieser Forderungen notige ungeheure Energie 
und groBe Strenge war dabei aber mit einem nicht alltaglichen Wohlwollen 
gepaart. GewiB konnte er da, wo man seinen Intentionen nicht geniigend Ver- 
standnis entgegenbrachte oder vereinzelt sogar Obstniktion machte, recht 
scharf, sogar erfrischend grob werden. Zu seinen Kritiken, die nach Inhalt und 
Diktion gleich mustergtiltig und belehrend waren, drangten sich die Offiziere 
von nah und fern, auch die unberittenen, selbst wenn fur sie eine groBe korper- 
liche Mehrleistung damit verbunden war. Gelegentliche MiBerfolge eines in 
der Fuhrung zu priifenden Offiziers rechnete v. B. nie an, sofern der Be- 
treffende sich nur bei seinen Entschlussen etwas gedacht hatte; denn nach 
seinem Urteil lernten alle Beteiligten bei auftretenden Friktionen mehr als 
beim gewiinschten reibungslosen Verlauf einer tJbung. 

Noch einer auch speziell vom General v. B. erfundenen MaBnahme sei hier 
besonders gedacht. Um die Manover recht lehrreich zu gestalten, muBte fast 
jedem Manovertage eine neue Kriegslage zugrunde gelegt werden. Fruher 
wurden solche neuen Kriegslagen immer erst nach Beendigung der vorher- 
gehenden tJbung ausgegeben, die Truppen und die jeweils neuen Fuhrer 
muBten sich in wenigen Stunden im Geiste in eine Kriegslage hineinarbeiten, 
in der sie im Ernstfalle schon seit Tagen und Wochen gelebt hatten. v. B. 
lieB nun einfach jede Ausgangslage bis zum Beginn des betreffenden Manover- 
tages schon lange Zeit vorher im Sommer von alien in Frage kommenden 
Fuhrern durcharbeiten, die infolgedessen bei Beginn ihrer Fuhrung schon 
vollig mit der Lage vertraut waren. Ein anderer hochster Truppenfuhrer hat 
diese MaBnahme mit Recht »das Ei des Kolumbus« genannt. 

Trotz aller Energie und Strenge merkte man bei v. B. nichts von auto- 
kratischer Unnahbarkeit. Im Verkehr mit seinen Generalstabsoffizieren und 
Adjutanten war er stets von gewinnender Freundlichkeit. Im Kasino nach 
Ubungen und Besichtigungen seiner Truppen wollte er nur Kamerad unter 
Kameraden sein und war es auch. So kam es, daB er in seinem Korps nicht 
nur in ganz ungewohnlichem MaBe Achtung und Ansehen, sondern auch Ver- 
ehrung und L,iebe genoB. Es gab wohl niemanden im III. Armeekorps, der 
nicht den Generaloberst v. B. im Herbst 191 2 voll aufrichtiger Trauer scheiden 
sah, und der nicht von ihm im Ernstfalle die glanzendsten Leistungen erwartet 
hatte. 

General Freiherr v. Freytag-Loringhoven, im Frieden unter v. B. mehrere 
Jahre Kommandeur des GrenadierregimentsNr. 12, behandelt in seinem Buche 
»Menschen und Dinger eingehend und sehr anerkennend die Tatigkeit des 
Generals v. B. als Kommandierender General des III. Armeekorps, um dann 
aber fortzuf ahren :» Der Feldmarschall hat spater im Kriege nicht das gehalten, 
was man sich von ihm versprach. Bekanntlich hat er es 19 14 an der Sambre 
verabsaumt, die Lage zu einem vernichtenden Schlage gegen die franzosische 
Fiinfte Armee auszugestalten, und an der Marne den Riickzug vorzeitig be- 
fohlen, wie er glaubte, eine rettende Tat. « 

Mit diesem Urteil hat General v. Freytag der wahrend des Krieges und in 
den ersten J ahren nach diesem in Deutschland allgemein iiblichen Auffassung 
Ausdruck gegeben. Diese Meinung ist aber zum mindesten zu scharf und, wie 



Biilow 



57 



die eingehende objektive Forschung des Reichsarchivs ergeben hat, zum Teil 
sogar unrichtig. 

Die Fuhrung einer modernen Annee war bereits zu Beginn des Weltkrieges 
derart schwierig und kompliziert, daB fur sie die Unterstutzung des Ober- 
befehlshabers durch einen gleichgesinnten und gleich tuchtigen Gehilfenstab, 
insonderheit durch einen solchen Generalstabschef, eine unabweisbare Not- 
wendigkeit bildete. Gerade mit der Auswahl des letzteren fur v. B. hatten aber 
die dafiir verantwortlichen Stellen eine selten ungliickliche Hand gehabt. Der 
Chef des Generalstabs der 2. Annee, Generalleutnant v. Lauenstein, war ein 
sehr feiner Kopf und grower Gelehrter, aber keine militarische Fiihrernatur, 
dazu Pessimist und innerlich bereits schwer krank. Nie vorher hatte v. B. seinen 
zukiinftigen Generalstabschef militarisch wirklich kennen gelernt. 

Beim Beginn des Weltkrieges befand sich die 2. Annee als die zweite von 
rechts auf dem im groBen Bogen durch Belgien und Nordf rankreich in Richtung 
auf Paris vorgehenden rechten Fliigel des deutschen Westheeres. Der geniale 
Generalfeldmarschall Graf v. Schlieffen hatte den Plan zu diesem Vormarsch 
entworfen in der Absicht, durch eine weit nach Westen ausholende Umfassungs- 
bewegung, mit dem rechten Heeresflugel sogar westlich um Paris herum, das 
f ranzosische Heer von seiner Hauptstadt abzudrangen, um ihm im Sudosten 
Frankreichs ein Canna oder Sedan groBten AusmaBes zu bereiten. Wir wissen 
heute, daB uns der geniale Feldherr mit diesem Plane ein Siegesrezept gegeben 
hatte, das unbedingt erfolgreich gewirkt hatte, wenn es folgerichtig angewendet 
worden ware. Diese Folgerichtigkeit fehlte aber leider dem die deutschen Ope- 
rationen im August-September 1914 leitenden Generaloberst v. Moltke, dem 
Nachfolger des Graf en Schlieffen. 

Wie bei einer Schwenkung auf dem Exerzierplatz sollte der rechte deutsche 
Heeresflugel die Fuhrung nach dem stehenden (bei Metz), die Richtung nach 
dem schwenkenden Fliigel nehmen. Von Zeit zu Zeit sollte kurz getreten und 
die etwa verloren gegangene Richtung und Fuhlung wiederhergestellt werden. 
Eine weitere Hauptforderung des Schlieffenschen Planes war, den auBersten 
rechten Heeresflugel dauernd so stark zu halten, daB er nicht nur die groBe 
Umfassungsbewegung restlos mit iiberlegenen Kraften durchfuhren, sondern 
auch etwaige feindliche Gegenumfassungsversuche und Bedrohungen aus noch 
nicht genommenen Festungen vereiteln konnte. Und was geschah in Wirklich- 
keit? Anstatt einheitlich und kraftvoll zu fuhren, lieB die Oberste Heeres- 
leitung unter Generaloberst v. Moltke die Ereignisse laufen, wie sie sich nach 
dem ersten Ansatz des Vormarsches von selbst gestalteten. Die Folge davon 
war ein Wetteifern der einzelnen Armeen, die schon deswegen nicht die notige 
Riicksicht aufeinander nehmen konnten, weil sie wegen der weiten Entfernung 
der Obersten Heeresleitung nur wenig oder garnichts von dieser iiber den Stand 
der anderen Armeen erfuhren. Auch die bei jeder Annee gewonnenen Nach- 
richten iiber den Feind wurden aus den gleichen Griinden den anderen Armeen 
viel zu spat oder gar nicht bekannt. Dazu muBten die an sich schon nicht 
starken Armeen des auBersten rechten Fliigels, besonders aber die 2., immer 
wieder Divisionen und Armeekorps fur andere Zwecke abgeben. 

1st es da ein Wunder, wenn der als Schiiler und Generalquartiermeister des 
Grafen Schlieffen ganz besonders mit dessen Planen vertraute Generaloberst 
v. B. seine 2. Armee nicht mit der Genialitat gefiihrt hat, die man mit Fug und 



58 1921 

Recht bei ihm vorausgesetzt hatte ? An Ansatzen zu solch genialer Fuhrung 
hat es gleich bei der ersten groBen Schlacht der 2. Armee, bei Mons und 
Namur vom 22. bis 24. August 1914 nicht gefehlt. Mit sicherem Blick hatte 
v. B. sehr bald die ungiinstige Lage der ihm im Sambre-Maas-Winkel gegen - 
iiberstehenden 5. Armee richtig erkannt und versuchte, diese einzukreisen. Er 
selbst stieB mit der 2. Armee frontal iiber die Sambre, um den Feind zu fesseln. 
Die ihm voriibergehend unterstellte 1. Armee sollte gleichzeitig westlich um 
Maubeuge herum die feindliche linke Flanke umfassen, und die links von der 
2. Armee gegen die Maas vorgehende 3. Armee wurde gebeten, iiber diesen FluB 
hinweg gegen die feindliche rechte Flanke zu operieren. Dieser Plan miBlang; 
die 1. Armee, durch andere Aufgaben abgehalten, konnte die Schwenkung um 
Maubeuge herum nicht rechtzeitig ausfuhren; die 3. war inzwischen — was 
v. B. aber nicht wuBte — von der Obersten Heeresleitung in anderer Richtung 
angesetzt worden und wurde auBerdem von der hart bedrangten 4. Armee 
dauernd um Unterstiitzung gebeten. SchlieBlich hatte aber auch der Fiihrer der 
franzosischen 5. Armee, General Lanrezac, die drohende Gefahr erkannt und 
rechtzeitig den Riickzug angetreten. Es ist deshalb verfehlt, dem Generaloberst 
v. B. eine Schuld am MiBlingen dieses gerade von ihm nachdriicklichst er- 
strebten Umfassungsmanovers zuzuschieben. 

Schon wenige Tage spater, in der Schlacht bei St. Quentin am 29. und 
30. August , muBte v. B. erneut die Klinge mit dem General Lanrezac kreuzen. 
Deutscherseits glaubte man die geschlagenen Franzosen in ununterbrochenem 
Riickzug nach Siiden hinter die Aisnelinie, was zunachst auch den Tatsachen ent - 
sprach. Aber die schwierige Lage der am 26. August bei LeCateau durch die 1. 
deutsche Armee empfindlich geschlagenen Englander hatte den franzosischen 
Generalissimus J off re dazu bewogen, seiner 5. Armee zu befehlen, durch sofor- 
tigen Angriff in allgemein nordwestlicher Richtung auf St. Quentin den Eng- 
landern Luft zu machen. Infolge Nebels traf der linke Fliigel der 2. deutschen Ar- 
mee (X. Armeekorps und Gardekorps) am 28. August an der Oise zwischen Guise 
und Etreaupont uberraschend auf anscheinend schwacheren Feind, dessen 
weiteres Zuriickgehen binnen kiirzester Frist wahrscheinlich war. Der rechte 
Fliigel der 2. Armee (VII. Armeekorps, X. Reserve-Armeekorps) blieb deshalb 
auch im Vormarsch bis in die Gegend hart sudlich von St. Quentin. Hier wurde 
er am Morgen des 29. August, noch in der Sammlung fur den Weitermarsch 
begriffen, plotzlich von Osten her iiber die Oise hinweg durch starke feindliche 
Krafte ebenfalls uberraschend angegriffen, wahrend gleichzeitig auch die 
an der Oise zwischen Guise und Etreaupont stehende linke Armeehalfte in 
schwere Kampfe verwickelt wurde. v. B., der zufallig in der Nahe des rechten 
Fliigels weilte, leitete die ersten AbwehrmaBnahmen personlich. Aus diesen 
einleitenden Kampfen entwickelte sich dann die zweitagige Schlacht, die trotz 
mehrfacher ernster Krisen mit dem weiteren Riickzuge der erneut schwer ge- 
schlagenen Franzosen endigte. v. B.s Fuhrung war auch in dieser Schlacht 
auBerordentlich energisch und zielbewuBt, aber nicht gliicklich. Der rtick- 
schauenden Kritik erscheint es so, als ob er nur den durch einen Gluckszufall 
schon weit rechts vorwarts gestaffelten rechten Fliigel seiner Armee hatte 
links schwenken zu lassen brauchen, um mit diesem, verstarkt durch die von 
der 1. Armee zur Verfiigung gestellte 17. Division, die Armee Lanrezac von 
ihrer Riickzugslinie abzuschneiden. Diese Moglichkeit lag, wie wir heute wissen. 



Btilow 



59 



tatsachlich vor. Man muB aber zu v. B.s Entschuldigung die damalige Lage 
beriicksichtigen. Nach den vorliegenden Feindnachrichten standen der nur 
noch 6 x / 2 Divisionen starken 2. Armee mindestens 13 franzosische Divisionen 
gegeniiber. War es da nicht wirklich notig, daB v. B. zunachst einmal seine 
Reserven an und hinter den bedrohtesten Punkten der eigentlichen Schlacht- 
front zusammenzog, anstatt sie auf seinem rechten Fliigel operativ zu ver- 
wenden? Zudem befand sich vor diesem rechten Fliigel die kleine Festung 
La Fere, die nach den damals noch herrschenden Anschauungen uber den Wert 
solcher Festungen dem vorstoBenden rechten Fliigel der 2. Armee ernstlichen 
Aufenthalt bereiten konnte. Es fehlte eben auch hier, ebenso wie an der Sambre, 
die Oberste Heeresleitung, die allein auf Grund ihrer sehr viel besseren Unter- 
richtung uber den Feind viel eher die richtigen Entschliisse hatte fassen konnen. 
Am unheilvollsten aber wirkte sich bei der 2. Armee die weite Entfernung 
von der Obersten Heeresleitung in der Schlacht an der Marne vom 4. bis 
10. September 1 914 aus. Bis weit siidlich der Marne waren die drei Armeen 
des rechten deutschen Heeresflugels vorgestoBen, als am 5. September das zur 
Deckung des rechten Fliigels der 1. Armee allein noch nordlich der Marne, 
westlich des Ourcq, stehende IV. Reserve- Armeekorps iiberraschend mit der 
zum Schutze von Paris neu gebildeten franzosischen 6. Armee in Kampf geriet. 
Die deutsche 1. Armee hatte zur Unterstiitzung des IV. Reserve- Armeekorps 
allmahlich alle ihre anderen Korps aus dem Gelande siidlich der Marne nach 
der Ourcqfront herumgeworfen, weshalb nunmehr die 2. Armee den rechten 
Fliigel der geschlossenen deutschen Heeresfront bildete. Die 2. Armee stand am 

8. September mit ihrem linken Fliigel in fortschreitendem Angriff gegen die 

9. franzosische Armee (Foch), ihr reenter, gleichsam in der Luft schwebender 
Fliigel dagegen behauptete sich nur mit Miihe gegen die ihrerseits angreifenden 
Franzosen, wahrend noch weiter rechts zur Abwehr der sich nun endlich auch 
wieder vorwarts bewegenden Englander nur eine halbe Infanteriedivision und 
zwei Kavalleriekorps verfugbar waren. Unzweifelhaft fiir Generaloberst v. B. 
eine gefahrliche Situation, die er aber auch jetzt noch dadurch zu meistern 
versuchte, daB er zunachst weiter die ihm gegeniiberstehenden Franzosen an- 
griff. Da traf bei ihm am 8. September abends im SchloB von Montmort der 
von der Obersten Heeresleitung entsandte Oberstleutnant Hentsch ein mit 
dem Auftrage, die Operationen der 1. und 2. Armee wieder miteinander in 
Einklang zu bringen und dazu, falls dies nicht durch andere MaBnahmen mog- 
lich sein sollte, ein Absetzen vom Feinde in der allgemeinen Richtung auf 
Fismes — Reims anzuordnen. Schon auf der Fahrt zum Generaloberst v. B. 
hatte sich bei dem zum Pessimismus neigenden Oberstleutnant Hentsch die 
vorgefaBte Meinung vertieft, daB dieses Absetzen unvermeidlich sein wiirde, 
und gleich bei seiner Ankunft in Montmort hatte er in diesem Sinne auf v. B. 
einzuwirken versucht, wie wir heute wissen, ohne Erfolg. v. B. hatte sich nicht 
nur geweigert, den Ruckzug anzuordnen, vielmehr in dem fiir den 9. September 
ausgegebenen Armeebefehl erneut den Angriff auf der ganzen Front seiner 
2. Armee befohlen. Am Morgen des 9. hatte Oberstleutnant Hentsch kurz vor 
seiner Weiterfahrt zur 1. Armee noch eine Unterredung mit v. B.s General- 
stabschef, General v. I,auenstem. In dieser gelang es Hentsch, diesem ebenfalls 
pessimistischen General das Versprechen abzunehmen, daB die 2. Armee den 
Riickmarsch antreten wiirde, falls die Englander bei ihrem VorstoB in die Liicke 



6o 192 1 

zwischen der 1. und 2. Armee noch am g. die Maine iiberschreiten wiirden. Die 

1. Armee sollte in diesem Falle durch Oberstleutnant Hentsch ebenfalls zum 
Riickzuge veranlaBt werden. 

Eine Kette ungliicklicher Umstande waltete in den nachsten Stunden des 
9. September iiber dem rechten deutschen Heeresfliigel. Oberstleutnant Hentsch 
fand zwar die 1. Armee in ganz anderer Lage, als er erwartet hatte. Sie war ge- 
rade im Begriff, gegen die bereits arg bedrangte franzosische 6. Armee den 
letzten entscheidenden Angriff anzusetzen. Hentsch unterlieB es, der 

2. Armee von dieser Wendung Kenntnis zu geben, bestand dafiir aber auf der 
Einleitung des Ruckzuges bei der 1. Armee. Auch auf anderen Wegen erhielt 
die 2. Armee keine Mitteilung iiber den wahren Stand der Schlacht bei der 
1. Armee. Dagegen trafen ungewohnlich prompt beim Generaloberst v. B. 
weitere, zum Teil sogar unrichtige Meldungen von einem raschen Vordringen 
starker englischer Krafte iiber die Marne nach Nor den ein. Es blieb dem Gene- 
raloberst v. B. einfach weiter nichts anderes iibrig, als die durch seinen General- 
stabschef dem Oberstleutnant Hentsch gegebene Zusage zu halten und nun 
auch seinerseits fur die 2. Armee den Riickzug anzuordnen. 

Der damals siegreichen 1. Armee wirft niemand vor, daB sie dem sehr be- 
stimmt im Namen der Obersten Heeresleitung auftretenden Oberstleutnant 
Hentsch nicht noch nachdrucklicher widersprochen hat. Um wieviel weniger 
kann ein gerecht denkender Mensch dem Generaloberst v. B. einen Vorwurf 
dafiir machen, daB er auf Veranlassung des Oberstleutnants Hentsch den Riick- 
zug befohlen hat fiir seine Armee, die sich in durchaus nicht ungefahrlicher 
Lage befand. 

Nach AbschluB des Riickmarsches des rechten deutschen Heeresfliigels 
hinter die Aisne gelang es zwar, die zwischen der 1. und 2. Armee immer noch 
klaffende Liicke durch neu herangefiihrte Truppen zu schlieBen und die Aisne- 
linie im groBen und ganzen zu halten. Die deutscheOberste Heeresleitung konnte 
sich aber bei dem nun auf dem rechten Heeresfliigel einsetzenden Wettlauf 
nach dem Meere nicht mehr zu einem groBen operativen EntschluB mit 
strategischer Auswirkung durchringen. Vielmehr wurde nur immer der 
rechte Fliigel in taktischen AbwehrmaBnahmen gegen die feindlichen tJber- 
fliigelungsversuche allmahlich verlangert, obwohl Truppen aus der inzwischen 
im Stellungskriege erstarrenden Aisne- und Champagnefront geniigend zur 
Verfiigung standen. Gerade Generaloberst v. B. ist es gewesen, der friihzeitig 
darauf hinwirkte, daB alle verfiigbaren Krafte aus dem Stellungskampf heraus- 
gezogen wurden, und der selbst bei seiner 2. Armee in der Durchfiihrung dieser 
MaBnahme mit gutem Beispiel voranging. 

Nachdem die 2. Armee fast ganz aus der Aisne-Champagnefront heraus- 
gezogen war, wurde eine Neueinteilung der Armeen der Westfront vorge- 
nommen, wobei v. B. die neue 2. Armee iibernahm, deren Kampf front, genau 
nach Westen gerichtet, sich von nordlich Bapaume bis Roye erstreckte. Sitz 
des Armee-Oberkommandos 2 wurde St. Quentin. Hier fand am 25. Januar 
1915 eine groBe Aussprache zwischen Generaloberst v. B. und dem Kaiser 
iiber die Ereignisse der Marneschlacht statt ; der Erfolg dieser Aussprache war 
die Beforderung v. B.s zum Generalfeldmarschall am 27. Januar 1915. 

Obwohl er seit dem Schlaganfall Ende Marz 1915 kranklich geblieben war, 
hat ihn das unerbittliche Schicksal doch noch den Zusammenbruch des 



Biilow. Czapek 6l 

Deutschen Reiches im Herbst 1918 und die nachfolgenden furchtbaren Zeiten 
erleben lassen. Erst am 31. August 1921 wurde er, zweifellos einer der mar- 
kantesten Vertreter der herrlichen deutschen Armee, wie sie 191 4 in den Welt- 
krieg zog, selbst zur grofien Armee abberufen. 

Literatur: Dr. Otto Krack, Generalfeldmarschall v. B., Berlin, Scherl, 1916. — Karl 
v. B., Mein Bericht zur Marneschlacht, Berlin, Scherl, 1919- — Der Weltkrieg 19 14 — 19 18. 
bearbeitet im Reichsarchiv. 1. Bd: Die Grenzschlachten im Westen, 1925. 3. Bd.und4. Bd.: 
Die Mameschlacht, 1926. Berlin, E. S. Mittler & Sohn, — Kurt Heydemann, Die Schlacht 
bei St. Quentin 1914, 1. und 2. Bd., Oldenburg, Stalling, 1924. — Otto Erich Volkmann, 
Der grofle Krieg 1914/18, Berlin, Reimar Hobbing, 1922. — H. v. Kuhl, Der Marne- 
feldzug 1914, Berlin, E. S. Mittler & Sohn, 192 1. — v. Francois, Mameschlacht und 
Tannenberg, Berlin, Scherl, 1920. — Baumgarten-Crusius, Die Mameschlacht 19 14, Leipzig, 
Lippold, 1919. — Frhr. v. Freytag-Loringhoven, Menschen und Dinge, wie ich sie in 
meinem I^eben sah, Berlin, E. S. Mittler & Sohn, 1923. — Forster, Graf Schlieffen und der 
Weltkrieg, Heft 1, Berlin, E- S. Mittler & Sohn, 1920. — v. Moser, Ernsthafte Plaudereien 
iiber den Weltkrieg, Stuttgart, Chr. Belser A.-G., 1925. — E. Kabisch, Streitfragen des 
Weltkrieges, Stuttgart, Bergers literarisches Bureau, 1924. — Wilhelm Groner, Das Testa- 
ment des Graf en Schlieffen, Berlin, E. S. Mittler & Sohn, 1927. — • Kronprinz Wilhelm, 
Der Marnefeldzug 1914, Berlin, D. O. B.-Verlag, 1926. — Edmund Fiirst v. Wrede, 
Stimme aus der Front, B.s Vormarsch, Riickzug und Rettung seiner und der Ersten Armee ; 
Bamberg, Hiibscher, 1925. — Wissen und Wehr, Jahrg. 1920, Heft 3 — 5, Beitrage zur 
Geschichte der Mameschlacht, von Suevicus, Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — Desgl. 
Jahrg. 1923, Heft 2, Franzosische Kritik der Mameschlacht, von Oberstleutnant Muller- 
Loebnitz. — Desgl. Jahrg. 1925, Heft 1, Das Kriegswerk des Reichsarchi vs : Der Weltkrieg 
1914 — 1918, Kritische Betrachtungen zum 1. Bd., Die Grenzschlachten im Westen, von 
Generalmajor Wetzell. — Desgl. Jahrg. 1925, Heft 4, Das Testament des Graf en Schlieffen, 
von Generalleutnant a. D. Wilhelm Groener. — Miiller-Loebnitz, Der Wendepunkt des 
Weltkrieges, Beitrage zur Mameschlacht am 5. bis 9. September 19 14; Berlin 192 1 (Bei- 
heft 2 zum Jahrg. 105 des Militar-Wochenblattes.) — Muller-I^oebnitz, Die Sendung des 
Oberstleutnants Hentsch, Heft 1 der Forschungen und Darstellungen aus dem Reichs- 
archiv, Berlin, E. S. Mittler & Sohn, 1922. — Militar-Wochenblatt, Jahrg. 109, Nr. 44: 
Schlieffen-Moltke (Der Jungere)-B., von Generalmajor Wetzell, Berlin, E. S. Mittler &Sohn, 
1925. — Desgl. Jahrg. 109, Nr. 46: Zur Beurteilung des Reichsarchi vswerks, von General- 
major a. D. v. Wrisberg. — Frankfurter Oderzeitung, 104. Jahrg., Nr. 298 vom 20. De- 
zember 1914, Dem Chef des Grenadierregiments Prinz Karl von Preufien (2. Brdbg.) Nr. 12, 
von Hauptmann Ernst v. Schoenfeldt. — Kriegs-Echo Nr. 129 vom 20. Januar 191 7, S. 269, 
Franz Carl Endres, Generalfeldmarschall v. B. (Fiihrende Manner im Weltkrieg, Heft 69), 
Berlin. — Mitteilungsblatt des Gaues Kurmark der deutschen Adelsgenossenschaft vom 
September 1924, S. 71: Schicksalswende, Riickblick auf die Mameschlacht 19 14, von 
Oberstleutnant a. D. A. v. Olberg. — Miiller-Lcebnitz, Das Ratsel der Mameschlacht, Deut- 
sches Offizierblatt, Jahrg. XXX, Nr. 39 u. 40. — Bericht des bayer. Militarbevollmachtigten, 
General Frhr. v. Gebsattel, an das bayer. Kriegsministerium iiber Erfahrungen gelegentlich 
seiner Teilnahme an den Besichtigungen des Kgl. Preufi. III. Armeekorps vom 20. Juni bis 
14. Juli 1910; Abschriftim Familienarchiv. — Familienbuch, Abschriftdes Personalbogens 
des Generalfeldmarschalls v. B., kleinere Notizen, zurjVerfiigung gestellt aus dem Familien- 
archiv durch die Witwe, Frau Generalfeldmarschall v. B., geb. v. Kracht, Berlin W 15, 
Kurfiirstendamm 197/198. — Eigene Erinnerungen des Verfassers. 

Potsdam. Martin Reymann. 

Czapek, Friedrich Johann Franz, ord. Professor der Botanik, * in Prag- 
Karolinenthal am 16. Mai 1868, | am 3 1 - Jtili 1921 in I^eipzig. — Cz. war nach 
Abstammung (Vater : Friedrich Cz., Militararzt in Prag, Mutter: Marie geborene 
Blechinger aus Siidbohmen) und Geburt Deutschbohme. Schon in friiher 
Kindheit geistig auffallend rege und der Natur zugewandt (mit neun Jahren 
Pflanzen- und Insektensammlungen, genaue Standortsverzeichnisse der Karls- 



62 J 92i 

bader Flora, Ausziige aus groBeren Werken, wie Brehms Tierleben usw.), ver- 
tiefte er in seinen Prager Gymnasiastenjahren mit Hilfe eines eigenen Mikro- 
skops und durch das Studium der Pilze und Algen seine botanischen Kennt- 
nisse mit auBerordentlichem Eifer, wobei ihm ein ungewohnliches Gedacht- 
nis und rastloser FleLB, die ihn sein ganzes Leben besonders ausszeichneten, 
zustatten kamen. Nach Beendigung des Gymnasiums (1886) bezog er die 
deutsche Universitat seiner Heimatsstadt, um, einem Wunsch seines Vaters 
folgend, Medizin zu studieren. Hier fesselten ihn vor allem die theoretischen 
Facher, in denen er sich so auszeichnete, daJ3 er Demonstrator am Patho- 
logischen Institut von Chiari, spater (1891) Assistent am Pharmakologisch- 
pharmakognostischen Institut bei F. Hofmeister wurde. Besonders letzterer 
hat einen zeitlebens von Cz. dankbar anerkannten, nachhaltigen wissenschaft- 
lichen EinfluB auf ihn ausgeiibt. 

Neben seinen medizinischen Studien, deren Ertrag unter anderem auch in 
Arbeiten iiber die pathologische Anatomie der Herzgeschwulste und die Wir- 
kung von Selen und Tellur auf den tierischen Organismus zum Ausdruck kam, 
blieb aber die Botanik das Hauptziel seines Strebens, der er sich nach seiner 
Promotion zum Dr. med. und dem im gleichen Jahre erfolgten Tode seines 
Vaters (1892) ganz zuwandte. Er begab sich nach Leipzig zu Wilhelm Pfeffer, 
den er fortan stets als seinen eigentlichen Lehrer verehrt hat. 

Von seinen dort (1894) entstandenen Untersuchungen iiber die geotropische 
Empfindlichkeit der Wurzelspitze ist die von ihm gefundene Methode der 
Glaskappchen besonders bekannt geworden, die vielfach nachgeahmt wurde, 
aber zu dem erstrebten einwandfreien Nachweis der von Ch. Darwin be- 
haupteten Reizperzeption der Spitze, wie sich spater zeigte, nicht gefuhrt hat. 

Im Herbst desselben Jahres siedelte er nach Wien iiber und promovierte 
dort mit einer unter Leitung v. Wettsteins fniher in Prag ausgefiihrten Arbeit 
iiber das Milchsaftsystem der Convolvulaceen. Seine Habilitation erfolgte 
schon ein Jahr spater in Wien auf Grund der oben genannten Arbeit iiber den 
Geotropismus. Dort folgten Studien (1895) iiber die plagiotrope Richtung 
der Seitenwurzeln, wobei er unter anderem zeigen konnte, daB bei senkrecht 
aufwarts oder abwarts gekehrten Seitenwurzeln keine Reaktion stattfindet. 

Auch beschaftigte er sich erfolgreich mit der Konstruktion eines inter- 
mittierenden Klinostaten, um mit ihm den Reizwert der verschiedenen geo- 
tropischen Ablenkungswinkel zu untersuchen, Arbeiten, deren Durchfuhrung 
leider durch seinen Weggang von Prag unterbrochen wurden. Nicht so gliick- 
lich war er bei Versuchen iiber das Zusammenwirken von Geo- und Photo- 
tropismus, duch die er unter anderem zeigen zu konnen glaubte, daB der erstere 
durch gleichzeitig einwirkendes Licht unter Umstanden unterdriickt werde. 

Schon im Jahre 1896 wurde er als Nachfolger Reinitzers zum auBerordent- 
lichen Professor an der Deutschen Technischen Hochschule in Prag ernannt. 
Hier schloB er einen gliicklichen Ehebund mit Irene L,ambel, dem zwei Kinder 
entsprossen. In wissenschaftlicher Beziehung — speziell in phytochemischer 
Richtung — waren die Jahre in dieser sonst fur ihn wenig angenehmen und 
befriedigenden Stellung von bewundernswerter Ergibigkeit. Wir nennen hier 
nur seine Studien iiber aromatische Stoffe in der Holzsubstanz und den Zell- 
membranen von Laub- und Lebermoosen, ferner seine Untersuchungen iiber 
die Stickstoffgewinnung und EiweiBbildung bei Schimmelpilzen, in denen 



Czapek 63 

wohl Anregungen aus seiner Zeit bei Hofmeister und Pfeffer lebendig wurden, 
sowie endlich eine Reihe von Arbeiten, welche sich um denNachweis chemischer 
Differenzen im Atmungsstoffwechsel zwischen gereizten und ungereizten 
Pflanzenorganen bemiihten, die durch ihren Gehalt an anregenden Gedanken 
verdienstvoll bleiben, wenn seine Befunde auch keine Bestatigung erfahren 
konnten. 

Nachdem er inzwischen (1902) zum ordentlichen Professor an seiner Hoch- 
schule anfgeriickt war, wurde Cz. im Jahre 1906 in gleicher Eigenschaft an 
die Universitat Czernowitz als Nachfolger E. Tangls berufen, wo er nicht nur 
bessere Arbeitsbedingungen vorfand, sondern vor allem nunmehr seiner Nei- 
gung zur reinen Wissenschaft und physiologischen Arbeitsrichtung freien 
Spielraum geben konnte. Da hier auch sein Wirkungskreis ein gr6J3erer war, 
versteht man, daJ3 er nach dem Zeugnis seiner Schiller die dort verbrachte 
Zeit zu seinen glucklichsten rechnete. Indessen war diese nur von kurzer 
Dauer: in die Jahxe 1907/08 fallt eine Tropenreise (die ihn besonders nach 
Java fuhrte, und manche interessante Ergebnisse zeitigte: so iiber die Blatt- 
entfaltung gewisser tropischer Holzgewachse, das Phytoplankton des In- 
dischen Ozeans, die Bewegungsmechanik der Blattgelenke der Menisperma- 
ceen usw.), und schon 1909 folgte er einem Rufe an die Prager Deutsche Uni- 
versitat als Nachfolger von H. Molisch. 

Die Moglichkeiten zur experimentellen Arbeit hatten sich dadurch fiir ihn 
wiederum verbessert und nicht minder der Resonanzboden fiir sein Wirken 
als akademischer Iyehrer. Es scharte sich eine Anzahl von Schulern um ihn, 
die ihm auf seinem eigensten Arbeitsgebiet besser zu folgen vermochten als 
der Czernowitzer Kreis. Leider sollten sich die Hoffnungen, mit denen er in 
Prag Untersuchungen iiber die Oberflachenspannung der fiir die diosmotischen 
Eigenschaften von Pfeffer als ausschlaggebend betrachteten sogenannten 
Plasmahaut unternahm, nicht ganz erfiillen. Wir wissen -heute, daB auf dem 
von Cz. eingeschlagenen Wege diese Oberflachenspannung nicht zu ermitteln 
ist, und auch seine Auffassung von der isokapillaren Beschaffenheit der die 
Exosmose und den Eintritt des Zelltodes bewirkenden Grenzkonzentrationen 
der Stoffe ist wohl schwerlich richtig. Erwahnt seien aus dieser Zeit noch 
seine »Ausblicke auf biologische Adsorptionserscheinungen «, welche 1915 in 
der Festschrift fiir Pfeffer erschienen. 

Inzwischen war der groBe Krieg ausgebrochen. Im Herbst 191 5 stellte sich 
Cz. freiwillig als Militararzt zur Verftigung, in welcher Eigenschaft er durch 
eine in Bosnien erworbene Flecktyphusinfektion sch'wer erkrankte. Er wurde 
zwar wiederhergestellt, seine Gesundheit blieb aber, wie sich spater zeigte, 
schwer geschadigt. 

Im September 1918 kehrte er nach Prag zuriick, wo er trotz aller physischen 
Schonungsbediirftigkeit und tiefer Niedergeschlagenheit iiber den alsbald er- 
folgten staatlichen Zusammenbruch wieder mit aller Energie an die wissen- 
schaftliche Arbeit ging. Hier entstand unter anderem eine kiirzere Arbeit 
(1919) iiber den direkten mikrochemischen Lipoidnachweis in Pflanzenzellen, 
fiir den er eine Mischung von Amylenhydrat, Pyridin und Sudanrot verwendete. 
Es ist fraglich, ob dieser Weg zum Ziel fuhrt, doch kann iiber die Methode 
wohl noch nicht ganz abschliefiend geurteilt werden. Dies gilt auch von seiner, 
ebenfalls in dieser Zeit (1920) entstandenen letzten Arbeit, in welcher er sich 



64 r 92i 

mit der von O. L,oew, Molisch u. a. studierten Silberreduktion in Zellen, be- 
sonders Chlorplasten, naher beschaftigt, und sich bemiiht, die Depsidnatur 
des sehr labilen, rednzierenden Stoffes nachzuweisen. 

Am 31. Januar 1920 war sein groBer, von ihm dankbar und bewundernd 
verehrter Lehrer, Wilhelm Pfeffer, in I^eipzig gestorben. Im Marz 192 1 wurde 
ihm eine Berufung als dessen Nachfolger zuteil. Ein tragisches Geschick lieB 
die groflen Plane des rastlosen Mannes, die sich an diese Berufung kniipften, 
nicht zur Wirklichkeit werden. Wenige Monate nach seiner Ubersiedlung nach 
Leipzig, nachdem er dort kaum sein erstes Semester gelehrt hatte, raffte auch 
ihn, der seinem geschwachten Korper bis zuletzt kein Ausruhen gegonnt hatte, 
der Tod dahin. 

Wir haben bisher absichtlich des Hauptwerkes von Cz., seiner umfassenden 
»Biochemie der Pflanzen« nicht gedacht, um es an dieser Stelle um so nach- 
driicklicher hervorzuheben. Die erste Auflage (Jena 1905, 2 Bande) dieses 
groBen Werkes geht auf die Zeit an der Prager Technischen Hochschule zuriick. 
Die zweite Auflage erschien in 3 Banden (I, 1913; II, 1920; III, 1921). Es 
wird stets bewundernswert bleiben, daB ein einzelner, noch dazu in Lehre und 
Forschung aufs intensivste beschaftigter Mann die ungeheure Arbeitskraft 
und die Fulle der Kenntnisse besessen hat, um die gesamte, in zahllosen Zeit- 
schriften und Btichern der verschiedensten Wissenschaften verstreute, fiir 
jeden anderen uniibersehbare Literatur nicht nur zu sammeln, sondern kritisch 
zu verarbeiten und ausgezeichnet darzustellen. 1st Cz. in seinen Originalunter- 
suchungen auch nicht immer gliicklich gewesen, so hat dieses groBe Werk 
seinen Namen beriihmt gemacht und wird mit seinem Andenken stets ver- 
bunden bleiben. 

Die schonen menschlichen Eigenschaften Cz.s werden von alien, die ihm 
nahe gestanden haben, geruhmt. Als akademischen Lehrer zeichnete ihn be- 
sondere Gewissenhaftigkeit, ein groBes Lehrtalent, voile Hingabe an seinen 
Beruf und mildes Urteil aus. Ein Wissen, das die verschiedensten Geistes- 
gebiete umfaBte, kiinstlerische Talente und vielseitigste Interessen waren ihm 
in gleichem, seltenem MaBe zu eigen. 

Iviteratur: Vgl. vorallemdie Biographie seines SchiilersK. Boresch (Ber. der.Deutschen 
Botan. Gesellschaft 1921, Bd. XXXIX, S. 97 — 1 14; dort auch ein treffliches Bild Cz.s und 
ein vollstandiges Verzeichnis seiner Schriften, auf das hier verwiesen sei. Derselbe Autor 
hat in » Lotos*, Bd. I,XIX, 1921, S. 3 — 14, einen Nachruf auf Cz. gegeben, dem eben falls 
ein Bildnis beigegeben ist. 

Leipzig. Willy Ruhland. 

Def regger, Franz v., * in Stronach bei Dolsach (Pustertal in Tirol) am 30. April 
I 835, t am 2 - Januar 1921 in Miinchen. — D., derMaler desTiroler Bauernlebens 
und des Tiroler Befreiungskampfes von 1809, verlebte seine Jugend als Bauern- 
bub auf dem einsamen Hof seines Vaters, der auf den Abhangen des Pustertales 
lag und zu Dolsach eingemeindet war. Das harte Leben des Tiroler Bergbe- 
wohners war ihm also von Kindheit auf vertraut : das Wunder ist nur, daB er 
als Kiinstler und Stadtmensch sich nicht davon abkehrte und sich in Darstel- 
lung mondaner Gestalten erging, wie es beispielsweise der gleichfalls aus dem 
Bauerlichen stammende Lenbach gepflegt hat, sondern daB er seinem Jugend- 
erlebnis treu blieb und Leben, Leid und Freud' seiner Landsleute zu malen nicht 



Czapek. Defregger 65 

miide gevvorden ist. Diese Treue zur Heimat, niedergelegt in ungezahlten Bil- 
dern, ist ein Charakteristikum des Bergbewohners, insonderheit des Tirolers, 
der D. bis an sein Lebensende und auch in der Ehrenstellung des hochberiihmten 
Akademieprofessors geblieben ist. Sie ist aber auch in personlicher Hinsicht 
durchaus ethisch zu werten ; denn die Entdeckung dieses Volksgenres und seine 
bildliche Durchfiihrung mit der groBten Liebe des Bergsohnes sind D.s ur- 
eigenstes Verdienst und von keiner Art auBeren Anlasses oder Forderns her- 
vorgerufen und genahrt. Seine Lebensaufgabe, die Verherrlichung des Tiroler 
Volkes, stieg ihm ohne irgendein fremdes Zutun eines Tages aus dem eigenen 
Empfinden, und er hat nicht einen Augenblick geschwankt, ihr treu zu bleiben. 
Es ist zu bedenken, daB vor 1870, als er begann, Tirol und seine Bevolkerung 
einen so abgelegenen Begriff der Erdkunde darstellten, wie heute etwa Afgha- 
nistan, und daB unsere Vorliebe fur diesen Alpenteil ausschlieBlich D.s Ver- 
dienst ist. Allerdings haben schon seine ersten Bilder den Erfolg gehabt, der es 
ihm ersparte, ein Martyrium fur seine Liebe auf sich zu nehmen ; einen Erfolg, 
der in wenigen Jahren zur Weltberiihmtheit fuhrte und Land und Volk seiner 
Heimat rasch zum Wallfahrtsziel der zivilisierten Wanderlust gemacht hat. Es 
ist aber nicht daran zu zweifeln, daB D. sein Ideal auch durch anfangliche MiB- 
erfolge tapfer zum Siege gefiihrt haben wiirde. 

Seine bildnerische Begabung auBerte sich schon in den Kinder] ahren. Aus 
Krapfenteig formte er Figuren, und als er sich gar im Besitz eines und bald 
einer ganzen Herde von Bleistiften sah, war kein Tisch, keine Wand, kein Blatt 
Papier vor seiner Schilderungslust sicher. Indessen dauerte der Zustand dieser 
paradiesischen Unschuld nicht allzulange. Als er aus dem kontemplativen 
Dasein des Hirtenbubleins heraustrat und seinem Vater als Knecht in der 
schweren Tagesfron der Landarbeit beistehen muBte, schwand bald die Fahig- 
keit zu kiinstlerischer Betatigung vor der korperlichen Miihsal. Eine Anderung 
brachte auch keineswegs der Tod seines Vaters, vielmehr lag nun die ganze Last 
der Bewirtschaftung allein auf den Schultern des Zweiundzwanzigjahrigen, 
und es erwies sich allzu rasch, daB diese den Anforderungen des rauhen Berg- 
lebens nicht gewachsen waren. Der Franzl wurde beim Viehverkauf und wo es 
sonst gait, der Welt die kalte Schulter zu zeigen, unbarmherzig iibers Ohr ge- 
hauen, mit dem vaterlichen Hof ging es schnell bergab, und so war es kein 
Wunder, wenn der junge Bauer der Plage iiberdriissig wurde, sein Anwesen 
verkaufte und sich entschloB, mit einigen Leidensgefahrten auszuwandern. 

Hier aber griff das Schicksal ein, das ein geistiges Wesen fiir diesmal nicht 
zugrunde gehen lassen wollte. Die besseren Elemente der Gesellschaft traten 
zuriick, und D. verlor die Lust an tjbersee. Es fiel ihm ein, daB er so etwas wie 
ein Talent besaBe. Dieses konnte sich freilich in Abwesenheit aller Erfahrung 
(oben im einsamen Pustertal) nicht anders auBern als in dem Drang nach der 
heimischen Bildschnitzerkunst, und so machte er sich hoffnungsvoll mit seinem 
Gelde und seinen sechsundzwanzig Jahren auf und erschien zum erstenmal in 
der Landeshauptstadt Innsbruck, wo, wie er in Erfahrung gebracht hatte, der 
Bildhauer Michel Stolz ein gutgehendes Atelier nebst Schule fiir junge An- 
f anger unterhielt. 

Die Erinnerungen D.s an diese Innsbrucker Erlebnisse, wie er sie spater 
Friedrich Pecht erzahlt hat, weichen von denen des Michel Stolz einigermaBen 
ab. Was Wahrheit sei, kann man nur aus der Intuition ahnen ; aber der Stolzsche 

DBJ 5 



66 i92i 

Bericht ist detaillierter und darum iiberzeugender. Danach kam D. nicht 1859, 
wie er berichtete, sondern erst 1861 zu ihm und erklarte auf alles Befragen 
kurz und schlicht: er wolle »Maler werden«. Stolz prufte seine zeichnerischen 
Gaben, er f and seinen Vortrag zwar primitiv, aber durchaus talentvoll und von 
ungewohnlicher Begabung und Auffassung der ihm bekannten Wirklichkeit 
und nahm ihn vorlauf ig als Schuler auf. Und dies ist auch durchaus begreiflich 
und stimmt iiberein mit den Proben seiner jugendlichen Zeichenkunst, die uns 
A. Rosenberg in seiner Monographic des Kunstlers Seite 4 und 5 in Abbildungen 
gegeben hat. Diese Jugendarbeiten aus den Jahren 1858— 1860, mogen sie nun 
in Dolsach oder in Innsbruck entstanden sein, haben eine so reizvolle Frische 
und Urspriinglichkeit der Darstellung landlichen Lebens, eine solche Sicherheit 
in der Charakterisierung der Gestalten und ihrer Bewegungen und einen so er- 
quickend volkstiimlichen Humor an sich, daB man riickblickend wohl geneigt 
sein konnte, das Beste der D.schen Kunst in ihnen zu erblicken. Es sind sil- 
houettenhaft-flache Gebilde, ohne viel Kunst der Perspektive, ohne alle Mo- 
dellierung und Lichtfiihrung, wie sie die Volkskunst der bayerischen und oster- 
reichischen Alpenlander seit Jahrhunderten hervorgebracht hat; naive Szenen 
des Alltagslebens oder der Legendenschilderung, die wir seit den letzten Jahr- 
zehnten als eine einfache und kiinstlerisch hochstehende Kunstubung haben 
wertschatzen lernen, und deren hervorstechendste Beispiele in der Fassaden- 
malerei an Bauernhausern und den Hinterglasbildern als Votivtafelchen wir 
als vollgiiltige Kunstwerke betrachten. 

Es steht zu hoffen, daB sich, bei entfesselter Aufmerksamkeit, noch mehr 
derartiger Jugendwerke des hochbegabten Bauernsohnes Franz D. aus der Ver- 
borgenheit werden ziehen lassen. 

Jedenfalls verdient der treffliche Stolz hochste Anerkennung durch die Art, 
wie er das junge Genie erkannte und auf den richtigen Weg leitete. Denn er ver- 
anlaBte D. sehr bald, eigene Kompositionen aus der Erinnerung zu liefern, und 
das Resultat war, daB der Kunstschiiler Schilderungen aus seiner bauerlichen 
Heimat gab, die unmittelbar auf seine eigenste Begabung wiesen. Hierin be- 
starkte ihn der einsichtige Stolz — der, man muB es betonen »Herrgott- 
schnitzer war« und durchaus kein Maler! — , und da er gleich erkannte, daB 
jener bei ihm nicht an der rechten Stelle war, so brachte er ihn nach Miinchen 
und klopfte fur ihn bei Piloty an, der dazumal der angesehenste und einfluB- 
reichste Maler der Historienkunst war. Historie aber, das war auch noch 1862 
das Allerhochste und Beneidenswerteste, was ein strebsamer Maljiingling zu 
erreichen sich traumen lieB. 

Hiermit beginnt aber auch die Tragodie des Naturburschen, der selber be- 
kannt hat, daB er von dem Eindruck des gewaltigen Nerobildes von Piloty, 
das erbei ihm auf der Staff elei sah — »Nero beim Brande Roms« — zeitlebens 
nicht mehr losgekommen ist. Das natiirliche Talent kam unmittelbar in die 
Sphare der unnaturlichsten Theatermalerei, aus der ein Makart, Gabriel Max 
und Stuck entsprungen sind : und es war um seine Naivitat und Waldurspriing- 
lichkeit geschehen. 

Zwar versagte ihm der groBe Mann und Akademiegewaltige vorerst seine 
personliche Einwirkung und wies ihn streng auf die Vorschule zur Akademie, 
die ein so Ungeschulter und Ungelehrter wie der Dolsacher Bauernbursch in 
seinen krachledernen Hosen und seinem Gamsbarthutel unbedingt zuvorderst 



Defregger 67 

zu absolvieren habe. Er kam fur ein Jahr zuDyck, dem Direktor der Miinchener 
Kunstgewerbeschule, der seine ungehobelte Natiirlichkeit in die Fesseln der 
»Richtigkeit« und Perspektive schniirte; wozu am Abend das fleiBige Akt- 
studium bei dem Maler Filser kam. Und D. war so gelehrig, daB er nach einem 
Jahr zur Akademie iibergehen durfte und die Malklasse von Anschiitz bezog. 
Aber da behagte es ihm doch nicht recht ; und da ihm auch das Miinchener Klima 
nicht bekam (das er zeitlebens im Sommer mit dem Leben in seinen Heimat- 
bergen vertauscht hat), so ging er 1863 kurz entschlossen nach Paris. 

Hier blieb er bis zum Friihjahr 1865. Seine Malfertigkeit lieB immer noch 
sehr zu wiinschen iibrig. Doch war sein Bemiihen, an der Academie anzukommen, 
vergeblich, er muBte sich ohne Anleitung weiterhelfen und suchte in An- 
schauung groBer Kunstwerke und im Studium vor der Natur das Fehlende sich 
anzueignen. Dai3 die revolutionierende Malerei der groBen Zeitgenossen, der 
Courbet und Manet, spurlos an ihm voriiberging, beweist sein ganzes Werk. 
Hier hat er den AnschluB an die realistische Kunst seiner Zeit verpaBt, und 
dies ist das Verdienst oder der Fehler der Miinchener Akademie und Pilotys, 
die ihn von Anfang an gefangen hielten. DaB D. das Zeug gehabt hatte, es einem 
Leibl und Triibner gleichzutun, kann man aus einigen Arbeiten erkennen, die 
in jene Jahre fallen, und in denen er die Natur in ahnlicher Weise unbefangen 
und vom malerischen Standpunkt aus erfafit hat: die »Abendlandschaft« der 
Nationalgalerie, Interieurs aus Tiroler Bauernhausern und manche anderen 
Landschaftsstudien jener Bildungsjahre, bei denen ihn kein vorgefaBtes 
Interesse inhaltlicher Art geleitet hat. Diese aber bedeuteten ihm mehr ge- 
legentliche Vorstudien ohne weitere Konsequenz: sein Weg als akademischer 
Maler war ihm unverriickbar durch seine Erziehung unter Piloty vorgezeichnet. 

Bis zum Herbst 1867 nat er dann zum groBen Teil in seiner Heimat gelebt 
und seine malerische Handschrift an den schlichten Vorwurfen der Landschaft, 
ihren Stadtchen und Bewohnern weiter geiibt. Im groBen und ganzen aber hat 
er von 1865 bis 1870 als Schuler Pilotys zu gelten, in dessen Atelier er von dem 
Meister aufgenommen wurde. Und hier bildete er sein besonderes Genre aus 
und malte seine ersten selbstandigen Bilder, die seinen Ruhm begriindet und 
iiber den Erdball getragen haben. 

1867 malte er sein erstes Genrebild: »Der verwundete Jager«, der, vom 
Wilderer angeschossen, seiner Frau ins Haus getragen wird (Stuttgarter 
Galerie). 1869 das zweite: » Speckbacher und sein Sohn Andreas « (Innsbruck, 
Ferdinandeum), eine halb humoristische Szene aus dem Tiroler Auf stand 1809. 
Mit diesen beiden Erstlingen hatte er sogleich das Gebiet gefunden und ab- 
gesteckt, das ihm seinen Ruhm bringen und das er nicht mehr verlassen sollte 
bis an seinen Tod : das Bauerngenre, meist humoristisch gefarbt, seltener dra- 
matisch zugespitzt, und das Historienbild aus dem Tiroler Volkskrieg gegen 
Napoleon, das meist genreartige Ziige tragt und das Lessingsche Wort von 
dem »fruchtbaren Moment « vor oder nach dem eigentlichen Hohepunkt, der 
Katastrophe, sich zur Richtschnur nimmt. Eigentliche Kampfszenen hat die 
gemutvolle und sensitive Natur D.s stets zu vermeiden gewuBt. 

Der Erfolg des Speckbacherbildes auf der International Kunst ausstellung 
in Wien 1869 war durchschlagend und fiihrte D. auf die Hohen'anerkannter. 
Meisterschaft. Es dauerte nicht lange, bis dieser Ruhm sogar den seines Meisters 
Piloty iiberstrahlte. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts war D. einer der 



68 i92 1 

gefeiertsten Namen der Miinchener, d. h. der deutschen Malerei; Museen und 
Sammler stritten sich um den Besitz seiner Bilder, und sein Leben verfloB 
ahnlich dem des beriihmtesten Bildnismalers seiner Zeit, Lenbachs. Wie dieser 
konnte er sich einen kleinen Palast bauen (in der KoniginstraBe, am Rande 
des Englischen Gartens). Dazu erwarb er eine Villa in Bozen und ein Sommer- 
hauschen in Tirol, zuletzt auf der Hohe iiber Spinges, nicht weit von Franzens- 
feste, wo er den Sommer zubrachte. 1878 wurde er Professor an der Miinchener 
Akademie und bald darauf geadelt. 

Die Stationen seines Lebens fallen nun zusammen mit den Daten seiner 
wesentlichsten Bilder, die wir in historischer Folge nennen. 1869 »Ringkampf 
in Tirol «. 1871 »Die B ruder «. 1872 »Der Ball auf der Alm« und »Das Preis- 
pferd« ; mit diesen Bildern errang er auf der Wiener Weltausstellung 1873 seinen 
groBten bahnbrechenden Erfolg. 1873 »Die Bettelsanger«. 1874 »Das letzte 
Aufgebot« (Wien, Hofmuseum). 1875 »Tischgebet«, »Wilderer in der Senn- 
hiitte«, »Der Besuch«. 1876 »Heimkehr der Sieger « (Berlin, Nationalgalerie). 
1877 »Abschied von der Sennerin«. 1878 » Andreas Hofers letzter Gang« (K6- 
nigsberg, Museum). 1879 »Hofer in der Hofburg zu Innsbruck «. 1880 »Besuch 
auf der Alm«. 1881 »Der Schmied von Kochel«, Bestellung des bayerischen 
Staates (Neue Pinakothek). 1882 »Der Salontiroler « (Nationalgalerie). 1885 
»Vor dem Aufstand«. 1886 »Speckbacher ruft die Alten auf «. 1887 »Das Abc«, 
»Kriegsgeschichten«. 1888 »Vorabend der Schlacht am Berge Isel«, »Selbst- 
bildnis«, »Feierabend auf der Alm«. 1897 »Kriegsrat 1809 «. 1898 »Die Kraft- 
probe*. 1899 »Der Eif ersiichtige «. 

AuBerhalb seines Genres hatD. zahlreiche Studienkopfe, Landschaftsstudien, 
einige Bildnisse gemalt ; endlich zwei religiose Bilder, in denen er sich an die 
Venezianer des 16. Jahrhunderts anschloB: »Heilige Families (1872), Altarbild 
fiir seine Heimatkirche in Stronach, und »Madonna in Wolken« (1868). 

Literatur: Eine griindliche und mit zahlreichen Abbildungen versehene Biographie des 
Kiinstlers sckrieb Adolf Rosenberg (Velhagen & Klasing, Kiinstlermonographien Nr. iS, 
3. Aufl., 191 1). — Dazu: Fr. Pecht, Deutsche Kiinstler des 19. Jahrhunderts, Bd. II, 1879. 
— Derselbe, Geschichte der Miinchener Kunst im 19. Jahrhundert, 1888. — Swoboda, Franz 
v. D., Biographisches und Kritisches, 1886. — Weitere Iyiteratur in Thieme-Becker, 
Kiinstlerlexikon, Bd. 8 (von Ewald Bender). 

AuBer in den meisten deutschen Museen finden sich Bilder von D. in den Sammlungen 
von Wien (Akademie, Gemaldegalerie), Prag (Rudolf inum), Zurich (Kunsthaus), Kopen- 
hagen (Glyptothek) , Neuyork (Metropolitanmuseum) und amerikanischen Privatgalerien ; 
vor allem im Ferdinandeum in Innsbruck. 

Berlin, Paul F. Schmidt. 



Duhring, Karl Eugen, * in Berlin am 12. Januar 1833, f in Nowawes bei 
Berlin am 21. September 1921. — Eugen D. war der einzige Sohn eines Ge- 
heimen Expedierenden Sekretars, eines lebenstiichtigen Mannes von energi- 
schem Temperament, der, friih verwaist, sein Studium hatte abbrechen miissen 
und, auf sich selbst angewiesen und zugleich fiir seine jungeren Geschwister 
besorgt, die Not des Lebens reichlich kennengelernt hatte. Mit gewissenhafter 
Sorgf alt und nach bewuBten Grundsatzen widmete sich der Vater der Erziehung 
und Unterweisung seines Sohnes, und in der Tat sind die Anregungen und Ein- 
driicke tief und nachhaltig fiir das Leben gewesen, die der begabte Knabe von 



Defregger. Diihring 6o 

dem f reigesinnten Vater empf ing, wiewohl dieser durch den Tod seiner Familie 
entrissen wurde, noch ehe der Sohn das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte. 
Die kargliche Witwenpension der krankelnden Mutter ware fur das Studium 
nicht zureichend gewesen, wenn nicht eine treusorgende Tante, seine »zweite 
Mutter*, Zeit ihres Lebens zum Unterhalt beigesteuert hatte. Seine wissen- 
schaftliche Ausbildung empf ing D. zunachst auf dem Kollnischen Gymnasium, 
wohin ihn noch sein Vater verbracht hatte, weil dort die Naturwissenschaften 
ausgiebigerbehandelt wurden und wo ein verhaltnismaBigfreier Geist herrschte, 
dann, von der Obersekunda ab, auf dem Joachimstaler Gymnasium, das in 
dem friih kritisch denkenden Schiiler durehaus keine angenehmen Erinne- 
rungen hinterlassen hat. Nichtsdestoweniger machte sich auch dort seine Be- 
gabung geltend und seine Leistungen fanden voile Anerkennung. Die 48er Re- 
volution blieb nicht ohne EinfluB auf den Heranwachsenden. 

Noch auf dem Gymnasium hatte sich D. trotz seiner Neigung fur logische 
Untersuchungen, Naturwissenschaften und speziell fur Mathematik, fur die 
das Interesse schon vom Vater geweckt worden war, zum juristischen Studium 
entschlossen und die richterliche Laufbahn in Aussicht genommen. Der Be- 
trieb an der Universitat befriedigte ihn so wenig wie der am Gymnasium. 
Noch weniger aber befriedigte ihn das gewahlte Studium selbst, so griindlich 
er sich darein vertiefte, weil er in ihm nicht fand, was er suchte, den Geist eines 
naturlichen, lebendigen Gerechtigkeitsgefuhls. So widmete er sich wahrend 
der zu Ende gehenden Universitatszeit und in den darauffolgenden Jahren neben 
der juristischen Praxis mehr und mehr seinen anderen vielseitigen Interessen. 
Aber auch die philosophische Lekttire behagte ihm nicht; abfallig auBerte er 
sich uber Hegel und Fichte, wahrend er Kants Autoritat immerhin damals mit 
Achtung gegeniiberstand im Gegensatz zu seiner spateren Entwicklung, die ihn 
auch in Kant »nur einen Professor der Methaphysik« sehen lieB. »Jn alien 
Richtungen der wissenschaftlichen Literatur sah ich mich nach besserer Nah- 
rung um.« Ein hartnackiges Augenleiden veranlaBte ihn, den urspriinglichen 
Lebensplan aufzugeben und eine juristische Dozentur anzustreben. Der Ver- 
wirklichung der Absicht scheint der zu gewartigende Widerstand des Pro- 
fessors Fr. J. Stahl, des bekannten Fiihrers der Feudalpartei in der preuBischen 
Ersten Kammer, im Wege gestanden zu sein, dessen judische Abstammung 
und Physiognomie von D. in seiner Lebensbeschreibung so nachdriicklich be- 
tont wird, daB der Gedanke naheliegt, daB bereits hier einer der Ausgangs- 
punkte fur seinen spater zum dogmatisch verallgemeinernden Fanatismus ge- 
steigerten JudenhaB vorliegt. Die nunmehr gefaBte Absicht, die Laufbahn des 
freien Schriftstellers einzuschlagen, lieB ihm die Erwerbung des Doktorgrades 
aus der Philosophic wunschenswert erscheinen. 1861 promovierte er mit einer 
Dissertation »De tempore, spatio, causalitate atque de analysis infinite simalis 
logica «. Als Nebenf acher hatte er Mathematik und Physik gewahlt. Inzwischen 
war sein Augenleiden bis zur Erblindung fortgeschritten. Dennoch wagte er 
1862 die Ehe. Die anspruchslose Frau, die ihm zwei Sohne gebar, wurde ihm 
eine treue Lebensgefahrtin. Von ihrer Hand wurden jahrzehntelang alle seine 
Werke niedergeschrieben. 1863 habilitierte er sich fiir Philosophic an der 
Universitat Berlin unter Trendelenburg, nicht zuletzt von der — wie sich 
herausstellte, berechtigten — Hoffnung getrieben, als Privatdozent leichter 
Annahme seiner schriftstellerischen Arbeiten zu finden. Die nachsten Jahre 



70 *92i 

waren ungemein fruchtbar und zeigten den jungen Gelehrten in seiner erstaun- 
lichen Vielseitigkeit. 1865 erschienen nicht weniger als vier Arbeiten: zwei 
philosophische Werke, die sich »wie Kopf zu Herzd verhielten — die »Nattir- 
liche Dialektik, neue logische Grundlagen der Wissenschaft und Philosophies 
und »Der Wert des Iyebens, eine philosophische Betrachtung«, spater mit dem 
Untertitel »Eine Denkerbetrachtung im Sinne heroischer I,ebensauffassung«, 
dasjenige Werk, in dem D. den Kampf gegen die lebensfeindlichen Weltan- 
sichten aufnahm, dessen Grundgedanken er durch fiinf zig Jahre treu blieb, wie 
er selbst als Zweiundachtzigjahriger im Vorwort zur 7. Auflage versichert, und 
das von seinem Sohn, der 1922 die 8. Auflage besorgte, als das am meisten 
programmatische des Verfassers bezeichnet wird — , und zwei volkswirtschaft- 
liche Schriften: »Kapital und Arbeit, neue Antworten auf alte Fragen« und 
» Careys Umwalzung der Volkswirtschaftslehre und Sozial wissenschaft*. Auch 
D.s Iyehrtatigkeit war durchaus erfolgreich, seine Vorlesungen waren gut be- 
sucht. Nichtsdestoweniger hatte seine Bewerbung urn eine vakant gewordene 
Philosophieprofessur 1866 keinen Erfolg, obwohl das Ministerium ihm geneigt 
schien. Der Versuch scheiterte an dem Widerstand der Fakultat, die erklarte, 
»einen wirklichen Philosophen «, nicht »einen Kameralisten« zu wollen und 
seine Blindheit als hinderlich fiir die Wahrung des Amtsgeheimnisses vor- 
schutzte, aber ein jahrliches Gehalt aus dem Kgl. Dispositionsfonds fiir ihn be- 
antragte, eine Gnade, die D. entschieden ablehnte. D.sProduktionskraft wurde 
durch den MiBerfolg nicht geschwacht. 1866 erschien seine »Kritische Grund- 
legung der Volkswirtschaftslehre «, 1867 die Schrift »Die Verkleinerer Careys 
und die Krisis der Nationalokonomie*. Schon der Titel zeigt die Neigung des 
Verfassers, fiir verkannte Neuerer einzutreten. Wie er die Ideen des amerikani- 
schen Nationalokonomen Carey, der hohe Lohne als durchaus vertraglich mit 
wirtschaftlicher Produktion verfocht, so hat sich D. mit Nachdruck auch fiir 
den damals noch nicht wie heute anerkannten deutschen Nationalokonomen 
Friedrich List eingesetzt und spater mit Leidenschaft der bahnbrechenden 
physikalischen Ideen Robert Mayers, des » Galilei des 19. Jahrhunderts«, 
sich angenommen. Nach diesen volkswirtschaftlichen Arbeiten erschien 1869 
wieder ein philosophisches Werk, die »Kritische Geschichte der Philosophie 
von ihren Anfangen bis zur Gegenwart«. Im gleichen Jahr hatte die Got- 
tinger (philosophische Fakultat die Preisaufgabe gestellt, eine kritische Ge- 
schichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik, ausgehend von der Zeit 
Galileis, zu schreiben. D. beteiligte sich, gestiitzt auf jahrzehntelang gesammelte 
Materialien, an dem Wettbewerb. Unter den fiinf einlaufenden Bearbeitungen 
wurde D.s Arbeit, die einen Ausspruch Lagranges als Kennwort trug, 1872 mit 
dem ersten Preis ausgezeichnet. Das Urteil der Fakultat war iiberaus lobend 
und ehrenvoll. Das umfangreiche Werk erschien noch im gleichen Jahre im 
Druck. Es war ein eigenartiges Zusammentreffen, daB die Preisaufgabe auf 
Grund einer Stiftung ausgeschrieben war, die der Konsistorialrat C. G. Beneke 
zum Andenken an seinen Bruder F. E. Beneke gemacht hatte, der 1822 als 
Privatdozent von der Berliner Universitat anscheinend auf Betreiben Hegels 
removiert worden war, spater zwar rehabilitiert und zum auQerordentlichen 
Professor befordert wurde, aber »doch schliefilich zu keinem ordentlichen Amt 
innerhalb der Fakultat gelangte, obwohl . . . seine philosophischen Arbeiten 
den sehr untergeordneten gleichzeitiger ordentlicher Professoren, namentlich 



Duhring 71 

denen des Herrn Trendelenburg, noch gewaltig iiberlegen geblieben waren. 
Beneke scheint gegen das Universitatstreiben nicht gleichgultig genug gewesen 
zu sein . . . Sein Leichnam wurde in einem bei Berlin gelegenen Wasser auf- 
gefunden. Das seltsame MiBgeschick der Berliner Universitat mit Privat- 
dozenten von Ruf stent iibrigens nicht vereinzelt da. Einige zwanzig Jahre 
vor dem Beneke- Fall hatte ihr Schopenhauer den Riicken gekehrt . . . zwei 
Jahrzehnte nach dem Benekeschen-Todesfall (1875) beschaftigte sich die Univer- 
sitat angelegentlich mit der fiir diesmal f reilich noch nicht vonstatten gegange- 
nen Remotion des Verfassers dieser Schrift«.Diese iiberaus charakteristische 
polemische Anmerkung, die D. der Einleitung zur 2. Auflage seiner Preisschrift 
beigibt, zeigt, wi e weit der Konflikt des Privatdozenten mit der Universitat 
damals bereits gediehen war. Zwar war seit 1868 scheinbar eine Besserung des 
Verhaltnisses eingetreten, Bewerbungen um eine Professur blieben aber ohne 
Erfolg und die Spannung nahm bald wieder zu. Der Konflikt, auf den D. in 
der Anmerkung anspielt, entsprang aus der Kontro verse mit dem Professor 
der Nationalokonomie, dem »Kathedersozialisten « A. Wagner und schloB sich 
an das 1871 erfolgte Erscheinen der »Kritischen Geschichte der Nationaloko- 
nomie und des Sozialismus von ihren Anfangen bis zur Gegen wart « an. In der 
Konfliktzeit, 1875, erschien weiter der »Kursus der Philosophic als streng 
wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung«, der 1895 umge- 
arbeitet als »Wirklichkeitsphilosophie. Phantasmenfreie Naturergriindung und 
gerecht freiheitliche Lebensordnung* herauskam, und 1876 der »Kursus fiir 
National- und Sozialokonomie«. 

Gerade die Anmerkungen zur 2. Auflage der Preisschrift, deren eine oben 
wiedergegeben ist, wurden neben einer Schrift iiber »Die hohere Berufsbildung 
der Frauen und die Lehrweise der Universitaten« zum Ausgangspunkt eines 
endgultigen Verfahrens. Die Gottinger Fakultat erklarte, daB sich ihr Urteil 
auf die Zusatze der 2. Auflage nicht bezoge. Speziell wurden ihm ironisierende 
Angriffe gegen Helmholtz zum Vorwurf gemacht, vor allem eine Anmerkung, 
in der zum Ausdruck gebracht war, daB in dessen Abhandlung »t)ber die Er- 
haltung der Kraft « Robert Mayer totgeschwiegen worden sei; auch die Mathe- 
matiker Kummer und WeierstraB fiihlten sich verletzt, obwohl D. behauptet, 
bei seiner Kritik nicht an sie gedacht zu haben. So kam es wegen anstoBiger 
Stellen in der Preisschrift und unstatthafter Kritik der allgemeinen Uni- 
versitatszustande iiberhaupt 1877 zum Remotionsverf ahren. Der Kampf wurde 
auf beiden Seiten mit groBter Scharfe und in der Offentlichkeit gefuhrt. Grofle 
Teile der Studentenschaft ergriffen in Adressen, Versammlungen und Flug- 
schriften Partei fiir D. Die Bewegung griff iiber Berlin hinaus; ein D.-Komitee 
wurde gebildet ; auch die Sozialdemokratie setzte sich im Interesse der Freiheit 
der Wissenschaft fiir ihn ein, wie D. allerdings behauptet, um sich angesichts 
der Studentenbewegung die Agitationsgelegenheit nicht entgehen zu lassen; 
denn D. haBte nachst den Professoren und Juden am meisten die Sozialdemo- 
kratie, aus theoretischen Grtinden und wegen des Anteils der Juden an der 
Bewegung ; dennoch glaubte er wahrend des Konfliktes ihrer Parteinahme fiir 
ihn sich nicht widersetzen zu diirfen, um bei der Arbeiterschaft nicht in schiefes 
Licht zu geraten. 

Die Remotion war natiirlich nicht aufzuhalten, sie war eben das SchluB- 
glied einer langen Entwicklung. GewiB diirfte mit einer Kampf natur wie D., 



72 192 1 

bei seiner Neigung zu schonungsloser Kritik und seiner Erregbarkeit, seineni 
MiBtrauen und seinem hochgespannten SelbstbewuBtsein nicht leicht auszu- 
kommen gewesen sein, anderseits scheint in den Anfangsstadien die Fakultat 
wohl zu jener Duldung und Anerkennung nicht bereit gewesen zu sein, die 
gegeniiber dem zwar unbequemen, aber geistig bedeutenden und leidenden 
Manne nahegelegen hatte. 

Nach seiner Remotion zog sich D., dessen schriftstellerische Position schon 
seit 1866 als gesichert gelten konnte, als freier Schriftsteller nach Nowawes 
bei Berlin zuriick, wo er weiterhin eine iiberaus fruchtbare literarische Tatigkeit 
entfaltete, freilich immer mehr seiner Verbitterung und ungehemmter Polemik 
die Zugel schieBen lassend. Von den zahlreichen Schriften dieser zweiten Halfte 
seines Lebens ist vor allem zu nennen seine Selbstbiographie, »Sache, Leben 
und Feinde als Hauptwerk und Schlussel zu seinen samtlichen Schriften «, die 
1882 erschien und aus der im vorstehenden mehrfach zitiert wurde, seine »Logik 
und Wissenschaftstheorie, denkerisches Gesamtsystem verstandessouveraner 
Geisteshaltung« und »Neue Grundmittel und Erfindungen zur Analysis, Algebra, 
Funktionsrechnung und zugehorigen Geometrie, sowie Prinzipien zur mathe- 
matischen Reform, nebst einer Anleitung zum Studieren und Lehren der 
Mathematik«, deren erster Teil 1884, deren zweiter 1903 von ihm und seinem 
Sohn Ulrich herausgegeben wurde. Auch mit literargeschichtlichen Arbeiten 
ist D. hervorgetreten. Der Polemik und Propaganda seiner reformerischen 
Ideen gewidmet war auBer einer Reihe einzelner Schriften die Halbmonats- 
schrift »Personalist und Emanzipator«, die er seit 1899 herausgab, »fur aktions- 
fahige Geisteshaltung und gegen korrupte Wissenschaft«, die von seinem Sohn 
weitergefuhrt wird und »fast nur das, was anderwarts nicht oder doch nicht 
mit gleicher Nachdriicklichkeit zutage tritt«, bringen will. Die reformatorischen 
Bestrebungen D.s beziehen sich auf die verschiedensten Gebiete, 3 a auf alle 
herrschenden Zustande im Reiche des Geistes, die ihm in der Gegenwart durch 
und durch verdorben scheinen, auf soziale und politische Verhaltnisse, Schule 
und Ehe, Kunst, Philosophic und Einzelwissenschaft. 

Eugen D. pflegt zu den deutschen Positivisten gerechnet zu werden, aber seine 
erkenntnistheoretische Einstellung unterscheidet ihn doch wesentlich von dem 
Positivismus etwa im Sinne Machs. Nicht die Empfindungen und BewuBtseins- 
gegebenheiten sind fur ihn die eigentliche Wirklichkeit und der Gegenstand 
unserer Erkenntnis, sondern eine AuBenwelt mit Korpern und Kraften im 
Sinne der Naturwissenschaft. Die Begriffe von Ursache und Kraft aufzugeben 
und nur von Erscheinungen zu reden, ist ihm »Abweg und zweiflerisch krank- 
hafte Verirrung«. Diese Auffassungen lieBen eher seine Einreihung unter die 
kritischen Realisten angemessen erscheinen. Was ihn zu den Positivisten zahlen 
laBt, ist seine entschiedene Betonung der Grenzen der Erkenntnis und seine 
scharfe Kampfstellung gegen jegliche Metaphysik. Schroff lehnt er »ein 
Seelengespenst« ab, andererseits aber auch eine Erklarung des Lebens im Sinne 
des Mechanismus; auch die besonderen Prinzipien des Lebens sind vielmehr 
ernsthaft als Krafte zu nehmen. Trotz seiner grundsatzlichen Ablehnung der 
Metaphysik entwickelt D. selbst weit liber die Erfahrung hinausgehende Ge- 
dankengange, so z. B. wenn er die Frage nach der Zukunft der Welt erortert, 
einen Urzustand und neue Anfange setzt, die selbst w r ieder den Ausgang von 
Kausalreihen bilden, oder wenn er Empfindungen aus dem Antagonismus 



Duhring 73 

mechanischer Krafte entstehen laBt. Er erinnert in dieser inkonsequent schei- 
nenden, in seinem Gesamtsystem freilich begriindeten Haltung an Schopen- 
hauer, der ebenfalls die Metaphysik bekampfte und selbst ein metaphysisches 
System schuf, und der gerade wegen des metaphysischen Einschlags seiner 
Philosophic und der damit verbundenen Lebensauffassung von D. bekampft 
wird, bei aller Achtung, die er ihm sonst zollte; denn Schopenhauer gehort wie 
Comte, Feuerbach, Rousseau, Hobbes zu den wenigen Philosophen, denen D. 
seine Anerkennung nicht versagt. Mit Schopenhauer eint ihn iibrigens nicht nur 
die leidenschaftliche Polemik gegen die Universitatsphilosophie, sondern auch 
das groBe Ziel, Erkenntnis und Leben in einem umfassenden geschlossenen 
System zu verkntipfen. D. gehort zu den Philosophen, die nicht nur Gelehrte, 
sondern Reformatoren sein wollen. Der Schwerpunkt der Philosophic liegt fiir 
ihn in ihrer Bedeutung fiir das Leben. Im Gegensatz zu Schopenhauer bejaht 
er das Leben und seinen Wert. Die lebensfeindlichen Weltansichten haben ihren 
Ursprung in Ubersattigung und Ausschweifung, der durch sie erzeugte Lebens- 
ekel fiihrt zu den Jenseitsphantasien, denen dann auch die in Entbehrung 
lebenden Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Dasein nach dem Tode 
sich in die Arme werfen. Konsequent lehnt darum D. ebenso den »Wiegenwahn« 
der Jenseitsreligionen wie ihren Ersatz durch Jenseitsmetaphysik und Nir- 
wanasehnsucht ab. Hier trifft sich seine praktische mit seiner theoretischen 
Metaphysikfeindlichkeit und andererseits verschmelzen seine grundsatzlichen 
Anschauungen mit den triiben Erfahrungen, die er mit Juden gemacht zu 
haben glaubt, zu jener dogmatischen Judenfeindschaft, die in den Juden eine 
niedrige Rasse schlechthin sieht, deren unersattliche Lebensgier das asketische 
Christen turn herauffuhrte. »Das Judentum bleibt den modernen Volkern so- 
lange eingeimpft, als sie nicht auch das Christentum iiberwinden.« Wenn man 
die Lebensbejahung D.s als Optimismus bezeichnet, darf man darunter nicht 
eine Geistesrichtung verstehen, die die Harten und Unbilden des Lebens uber- 
sieht. Sie eben gilt es zu meistern. In seiner heroischen Lebensbejahung und 
seiner feindseligen Ablehnung der Jenseitsmetaphysik, speziell auch des 
Christentums, kann D. als Vorlaufer Nietzsches betrachtet werden, der sich 
denn auch mit ihm auseinandersetzt. Allerdings ist D. der ekstatische En- 
thusiasmus Nietzsches fremd, dazu ist der positivistisch-realistisch gerichtete 
Philosoph und Nationalokonom zu gesund und nuchtern. Auch ist seine Lebens- 
philosophie im Einklang mit seinen nation alokonomischen Ideen durchaus sozial 
gerichtet ; erbekampft die demoralisierende Formel des Kampfes urns Dasein, die 
»zum theoretischen Beschonigungsmittel des frechsten Egoismus« geworden 
war. Er bekampft konsequenterweise auch den Militarismus und den Krieg. 

Das D.sche Lebenswerk im ganzen ist zu verstehen als Kampf um eine Ge- 
sundung des von ihm als krankhaft verirrt empfundenen Lebens und Denkens, 
und auch der Gegner wird ihm zugestehen mussen, daB er ein tapferer Kampfer 
und origineller Denker war. Seine Biicher, speziell deren positive Partien, 
haben etwas zu geben, auch wenn man ihren Standpunkt nicht teilt. Die Sprache 
ist klar und lebendig, aber der GenuB der Lektiire wird wesentlich beeintrach- 
tigt durch die den positiven Inhalt oft, namentlich in spateren Schriften, iiber- 
wuchernde, nicht selten maBlose Polemik. 

Literatur: Ein vollstandiges Verzeichnis seiner Schriften enthalt die 8. Auflage des 
j>Wert des Lebens«. Bildnis und Namenszug sind seiner Selbstbiographie beigegebeu. Der 



74 *9 21 

literarische Nachlafl ist in den Handen seines Sohnes Ulrich D., der ihn im »Personalist und 
Emanzipator« zur Sprache gebracht hat. Dort finden sich auch weitere Mitteilungen aus 
dem Leben des Verstorbenen und der Nachruf des Sohnes. Von den vergriffenen Biichern 
Eugen D.s sind bis jetzt in neuer Auflage durch Ulrich D. aufler dem bereits erwahnten 
♦Wert des I>bens« herausgegeben die beiden volkswirtschaftlichen Werke »Waffen, Kapital, 
Arbeit* (1924) und »Kursus der National- und Sozialokonomie« (1925). 

Miinchen. Alois Wenzl. 



Dvorak, Max, Kunsthistoriker, * in Raudnitz in Bohmen am 24. Juni 1874, 
f in Grusbach in Mahren am 8. Februar 192 1. — D. hat als reiner Historiker 
begonnen, als Historiker die Wiener Universitat und ihr Institut fiir oster- 
reichische Geschichtsf orschung besucht ; erst gegen Ende seiner Studienzeit ist 
er Kunsthistoriker geworden. Seine allerersten Veroffentlichungen zeigen die 
Ausbildung D.s in der Schule historischer Kritik am Wiener Institut fiir oster- 
reichische Geschichtsf orschung. Diese Einstellung brachte D. in die Kunst- 
geschichte mit, die eben durch Wickhof f und Riegl die Uberwindung des asthe- 
tischen Dogmatismus vollzog ; er ubernahm von diesen seinen beiden Lehrern 
die Auffassung derWissenschaft von der Kunst als einer historischen Disziplin. 
Die Kunstwerke, von der asthetischen Bindung losgelost und durch Auffassung 
als bloBe historische Tatsachen wesentlicher Elemente beraubt, werden durch 
ihre eigene Gesetzlichkeit zu einer Entwicklung zusammengeschlossen, sie bilden 
Reihen deren psychische Verkniipfung in der Sonderart der isolierten Kunst- 
werke begriindet ist. Die Raum- und Zeitgrenzen, die die Geschichte zieht, be- 
stehen nicht fiir ihre Welt, und so zersprengt die evolutionistische Deutung der 
Kunst den historischen Dogmatismus. Nicht innerhalb der Nationen und nicht 
innerhalb der Stilperioden spielt sich das historische Leben der Kunst ab ; es greif t 
aus und liber, ein Strom, der sein Bett sich selber grabt. Eine Auffassung wie 
diese muB mit Vorliebe alle Ubergangsgebiete bebauen. Es ist kein Zufall, daB 
die groBen Arbeiten Wickhoffs und Riegls den stilistischen Grenzfragen ge- 
widmet sind und daB auch D. in seinen ersten Arbeiten an dieser Befreiung der 
Kunstgeschichte aus fremdgeistigen Banden mitwirken muBte. In den »Illu- 
minatoren des Johann von Neumarkt« (Wiener Jahrbuch 1901), mit denen sich 
D., seit 1898 Assistent am kunsthistorischen Institut der Wiener Universitat, 
1902 an dieser habilitierte, hat er den Begriff einer abendlandischen Kunst- 
synthese als Keimzelle der nordischen Kunstbliite des 15. Jahrhunderts ent- 
wickelt. Nicht in den Faden, die von Avignon nach Bohmen fuhren, nicht in der 
stilistischen Filiation, die hier nachgewiesen wird, liegt der entscheidende Wert 
dieses Buches, sondern in dem Nachweis der Eigenbewegung der Kunst, die 
iiber die Grenzen der Nationen und iiber den Strafien der Geschichte ihre Luft- 
wege zieht. Mehr ins Zeitliche gewendet erscheint eine ahnliche Fragestellung 
in dem »Ratsel der Briider von Eyck« (Wiener Jahrbuch 1903) — wozu die in 
der Festschrift fiir Franz Wickhof f erschienene Studie »Iyes Aliscans« ein wich- 
tiges Paralipomenon bildet ; eine Stilwandlung wird mit subtilster Hand zer- 
legt, das Herauswachsen eines modernen Kunstgefuhls aus einem mittelalter- 
lichen verfolgt. Kann man sagen, daB hier Gotik zu Renaissance wird? Die 
Starrheit der Stilbegriffe liegt wie ein Fremdkorper im auflosenden Gedanken- 
fluB seiner Darstellung; Stil ist etwas, das sich der Begrifflichkeit entzieht, auf 
Nationen, Perioden oder Individuen angewendet, vollgesogen mit tausend- 



Diihring. Dvorak 75 

faltiger Lebendigkeit. Diese Ableitung des Stils aus der Gesamtsumme der 
inneren Merkmale fiihrt an einen Punkt, wo die alte evolutionistische Ausdeu- 
tung einer intuitiven weicht ; hier heiBt es den Begriff der Geschichte sprengen 
— oder erweitern. Eine Selbstbesinnung schien geboten; der Weg konnte zur 
philosophischen Konstruktion fiihren — gewissermaBen absehend davon, daB 
ein Kunstwerk in erster Lime ein Kunstwerk ist — oder zur Beschrankung auf 
die Probleme der Anschaulichkeit. Zu Grundbegriffen, die sich an die Bewalti- 
gung der formalen Aufgaben anlehnen. 

Diese Krise fallt in die Zeit, in der D. durch eine Fiille anderweitiger Arbeit 
an einer reicheren literarischen Tatigkeit gehindert war. Seit 1905 war er — nach 
dem Tode Riegls — a.o. Professor, seit 1909 — dem Tode Wickhoffs — o. Pro- 
fessor an der Wiener Universitat. Der Umfang der Lehrverpflichtung und die 
Tief e seines padagogischen Pflichtgef iihls veranlaBten ihn, den Stoff der Kunst- 
geschichte der ganzen Breite nach durchzuarbeiten. Die groBe Anzahl meister- 
licher Rezensionen aus den verschiedensten Gebieten, die ab 1904 in den 
Kunstgeschichtlichen Anzeigen erschienen, beweist, daB diese Durcharbeitung 
nicht eine extensive Aneignung war, sondern eine intensive Durchdringung mit 
einer Fiille von Problematik, die literarisch vorlaufig nur diese konzentrier- 
testen GelegenheitsauBerungen gestattete. Daneben erfullte der gleiche Reich- 
turn die Vorlesungen, die D. mit groBer Gewissenhaftigkeit arbeitete; der 
deutschen Sprache im schriftlichen Ausdruck vollig machtig geworden, aber 
in ihrer miindlichen Handhabung doch immer gehemmt, hat er jeden Vortrag 
schriftlich niedergelegt und auswendig vorgetragen, ohne dadurch etwas an 
Spannung verloren gehen zu lassen. Diese erste padagogische Tatigkeit bewegte 
sich zunachst auf dem Boden der ersten wissenschaftlichen Auf f assung, die am 
ganzen Umfang des Materials durchgeprobt wurde. Der AnstoB zu ihrer Uber- 
windung gab die Arbeit in der Denkmalpflege. Seit dem Tode Riegls als General- 
konservator an die Spitze der osterreichischen Denkmalpflege gestellt, hat D. 
deren Organ, die Zentralkommission fiir Kunst- und historische Denkmale, von 
Grund aus umgebaut; er schuf ihre Verwaltungsorganisation, umschrieb ihre 
Grundsatze und Absichten (Katechismus der Denkmalpflege, 1916), ermoglichte 
ihre enge Verbindung mit der Kunstgeschichte (Deutsche Kunsttopographien 
in Kunstgeschichtliche Anzeigen 1906, Herausgabe der Osterreichischen Kunst- 
topographie 1907 ff.). Neben dieser groBen organisatorischen Tatigkeit ging eine 
entscheidende Mitarbeit an der Schaffung des deutschen Vereins fiir Kunst- 
wissenschaft. Diese grofle, uniibersehbare Fiille einzelner Erscheinungen iiber- 
individuell verarbeitenden Organisationen machen wissenschaftliche und kiinst- 
lerische Arbeit — sonst nur als individuelle Betatigung bewertet — zu sozialen 
Erscheinungen. Speziell die Denkmalpflege riickt das alte Grundproblem in ein 
neues Iyicht ; hier sind die Individualist des Kunstwerkes und seine Aufgabe 
als Ausdruck vielfach verquickter Geistigkeiten verknotet und versohnt. Hier 
gibt es keine Halften, sondern nur ein Ganzes, das Ganze, das auf einmal im 
Gefiihl gefaBt werden kann. Kunst ist weder Form noch Begriff; die Probleme 
der Anschaulichkeit und der philosophische Dogmatismus losen sich in der 
hochsten historischenEinstellung, die der Erf assung der gesamten herrschenden 
Geistigkeit gilt. Eine Kreiswindung, die bei den groBen Romantikern zu Beginn 
des 19. Jahrhunderts anhebt, hat sich geschlossen; aber die ganze hundert- 
jahrige Arbeit zur Erkenntnis des rein Historischen und des rein Formalen liegt 



76 x 92i 

dazwischen und hebt den neu gewonnenen Standpunkt auf eine hohere Stufe. 
Kunst und Leben laufen nicht parallel, ineinander wirkend und sich ineinander 
spiegelnd ; sie sind Eines, untrennbare Auswirkungen gleichen Geistes, der durch 
sein Formwerden sein Wesen — statt es einzubiiBen oder abzuschleifen — ver- 
tieft und verklart. Den AbschluBstein in dem neuen Geistesgebaude brachte 
das Erlebnis des Krieges ; es hob die letzten Widerstande auf und erzeugte die 
auBerste Spannung, die die Kruste eigener wissenschaftlicher Vergangenheit 
siegreich durchbrechen konnte. In sturmischer Hast hat D. nunmehr seine neue 
Erkenntnis hervorgesprudelt. Nur noch ein Quadriennium akademischer Vor- 
lesungen stand ihm zur Verfiigung, den ganzen Stoff der abendlandischen 
Kunstgeschichte auf die Tragfahigkeit der geistesgeschichtlichen Idee hin zu 
untersuchen. In den Vorlesungen hat sich der im Lauf eines Jahrzehnts voll- 
zogene Wandel von einem stark materialistisch gefarbten Positivismus zu einem 
neuen Idealismus zuerst ausgesprochen und eine neue Generation von Schulern 
zu ungeheurem Enthusiasmus hingerissen; die tjberwindung der analytischen 
Methode durch ein Bekenntnis zu einer geistesgeschichtlichen Synthese besaB 
fur das durch das Ereignis des Krieges hindurchgegangene Geschlecht die wer- 
bende Gewalt unwiderstehlicher Aktualitat. In seinem » Idealismus und Natura- 
lismus in der gotischen Skulptur und Malerei« (Miinchen 1919) hat D. seine 
neue Auf f assung in einer groBen literarischen Arbeit proklamiert ; in ihren Wur- 
zeln hangt noch alte Erde, der Titel verrat noch etwas von der Fragestellung, 
vvie sie seinem Lehrer Wickhoff am Herzen gelegen war, als Ganzes aber be- 
deutet dieses Buch ein Program m, das eine neue Phase kunstgeschichtlicher Ar- 
beit eroffnet. D. will die kiinstlerischen Tatsachen — bei voller Wahrung ihrer 
spezifischen Eigenart — in die allgemeinen Zusammenhange historischen Ge- 
schehens einbeziehen und wendet diesen an Dilthey und Troeltsch geschulten 
Tiefblick mit intensiver Sicherheit auf die ihm von friiher her vertraute Epoche 
des hohen Mittelalters an, deren unermeBliche Fruchtbarkeit fiir das Werden 
des modernen Geistes sich andern Ausdeutungsweisen bisher im wesentlichen 
unfaBbar erwiesen hat. Dieser Instinkt fiir das Aktuelle, der ein Teil der wissen- 
schaftlichen Hochstleistung ist, hat D. auch bei den anderen Arbeiten geleitet, 
die neben dieser groBen Gotikarbeit entstanden und teilweise in Vortragen oder 
Aufsatzen fixiert, teilweise in unvollendeten Bruchstiicken zuriickgeblieben, 
das Schauspiel einer gewaltigen Eruption nach langer Zuriickhaltung bieten. 
Er hat Perioden herausgegriffen, in denen die Kunst offensichtlicher als in 
anderen Ausdruck allgemeiner Bediirfnisse war; nicht Epochen reifer Form- 
vollendung, sondern dunkel garender Geistigkeit interessierten ihn aus diesem 
Instinkt wissenschaftlicher Okonomie, aber auch aus dem Gefiihl innerer Ver- 
wandtschaft heraus. Die Anfange christlicher Kunst, die Gotik — trotz roman- 
tischer Bevorzugung fast nur archivarisch, technisch und statistisch durch- 
forscht — , der Manierismus — das sind die Zeiten, die ihn am meisten inter- 
essieren, Greco, Brueghel und Tintoretto sind seine letzten Helden. Sieben Auf- 
satze, die in derNachlaBausgabe seiner Schrif ten unter dem Gesamttitel » Kunst- 
geschichte als Geistesgeschichte « vereinigt sind, greifen von der Katakomben- 
malerei bis zum Greco einzelne Kapitel aus der Kunstentwicklung heraus ; aber 
sie stehen alle in einem groBen Zusammenhang, den D. bei einer Tagung in 
Bregenz folgendermaBen formuliert hat: »Die Kunst besteht nicht nur in der 
Lbsung und Entwicklung formaler Aufgaben und Probleme, sie ist auch immer 



Dvorak. Ehrenberg 77 

und in erster Linie Ausdruck der die Menschheit beherrschenden Ideen, ihre 
Geschichte, nicht minder als die der Religion, Philosophic oder Dichtung, ein 
Teil der allgemeinen Geistesgeschichte. « Diesem Programm wollte er in dem 
Jahrbuch des Denkmalamtes, das er seit Jahren herausgab, ein Organ schaffen ; 
dieser Plan eines Jahrbuchs geistesgeschichtlicher Kunstgeschichte hat ihn in 
den letzten Monaten vor seinem Tode beschaftigt, da er, von unentfliehbar ge- 
wordenerTodesahnung gepeitscht, seine Leistung aufs AuBerste steigerte. Seine 
Vortrage und Vorlesungen, die immer schon sorgsam ausgefeilte Meister- 
leistungen gewesen waren, wuchsen zu einer hinreiBenden GroBe des Stils. 

Aus dieser ungeheuren Anspannung, die der ungluckliche Ausgang des Kriegs 
und der aufregende Kampf um die Verteidigung des osterreichischen Kultur- 
besitzes gegen auBere und innere Feinde ungiinstig belastete, hat ihn der Tod 
mit einer fast mythologischen Plotzlichkeit hinweggerissen. D.s ganze Leistung 
legt Zeugnis ab flir einen unbedingten Idealismus; seine tJberzeugung, daB der 
Geist den Stoff besiegt, hat er durch sein Leben und sein Sterben besiegelt ; denn 
er blieb uniiberwunden aufrecht, aber der Stoff rachte sich und zerbrach. — 

Iyiteratur: Eine Gesamtausgabe seiner Werke und seiner naehgelassenen Schriften 
einschlieBlich der Vortrage und Vorlesungen wird von K. M. Swoboda und J. Wilde (Wien) 
besorgt; drei Bande da von sind bei R. Piper in Munchen erschienen, weitere sind in Vor- 
bereitung. Nekrologe: Hans Tietze in Kunstchronik 192 1, Nr. 23; Otto Benesch im Reper- 
torium fiir Kunstwissenschaft 1923; Max D. zum Gedachtnis (Dagobert Frey), Wien 1922; 
Ein Gedenkblatt zur Trauerfeier fiir Max D. (Jos. W r eingartner) , Wien 1921 (mit Biographie 
der Schriften D.s). 

Wien. Hans Tietze. 

Ehrenberg, Richard, Dr. cam. u. Professor der Staatswissenschaften an der 
Universitat Rostock, Geh. Hofrat. * 5. Februar 1857 zu Wolfenbiittel, f 17. De- 
zember 192 1 zu Rostock i. M. — Richard E. besuchte das Wolfenbuttler Gym- 
nasium bis einschlieBlich Unterprima, trat dann als I<ehrling in ein Hannover- 
sches Bankgeschaft, im AnschluB daran in ein Berliner Bankhaus ein. Schon 
wahrend der Lehrzeit bildeteer sichprivatim wissenschaftlich-theoretischweiter, 
sein Beruf sagte ihm nicht zu, kurze Zeit versuchte er im Leipziger Buchhandel 
Befriedigung zu finden. Auch dieser Beruf fiillte ihn nicht aus. Auf Zuraten und 
Vermittlung seines Bruders ging er wieder ins Bankfach zuriick, und zwar 
als Korrespondent in eines der ersten Bankhauser Hamburgs, C. L. Behrens 
& Sohn. Er hatte das Gliick, daB sein Chef seine groBe theoretische Begabung 
erkannte und ihm iiber das sonstige MaB Zeit gab, seinen Privatstudien weiter 
nachzugehen. Hier entstand seine erste Schrift: »Die Fondsspekulation und die 
Gesetzgebung«, eine Arbeit, die glanzend kritisiert wurde. Der Erfolg dieser 
Arbeit bewog ihn, umzusatteln und sich dem Hochschulstudium zu widmen. 
Er ging nach Tubingen, der einzigen Universitat, wo es moglich war, ohne 
Abiturientenexamen als Doktor der Staatswissenschaften zu promovieren. 
Schon nach zwei Jahren gelang es ihm, seinen Doktor summa cum laude zu 
machen. Er setzte sein Studium in Bayern fort, arbeitete in Augsburg im 
Fugger-Archiv und legte dort den Grund zu seinem Werk »Das Zeitalter der 
Fugger«, ging dann nach Hamburg, wo er an diesem Werk weiterbaute und 
gleichzeitig einige kleinere Arbeiten iiber Hamburg und Altona veroffentlichte 
(s. u.). Diese Schriften brachten ihm die Stellung eines Sekretars des Commerz 



78 i92 1 

Kollegiums zu Altona ein (1889). In Altona entfaltete er fast zehn Jahre lang 
eine umfangreiche, fruchtbare Tatigkeit, z. B. schuf er die »Hochsee-Fischerei- 
Gesellschaft«, auch propagierte er lebhaft den Gedanken der Handelshoch- 
schulen. Im Jahre 1896 erschien dann sein zweibandiges Werk: »Das Zeitalter 
der Fugger«; es erregte Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt und brachte 
ihm einen Ruf als auBerordentlicher Professor nach Gottingen, ohne daB er sich 
je habilitiert hatte, 1899 kam er als Ordinarius an die Universitat Rostock. 
Bis zu seinem Tode wirkte er dort und verof f entlichte eine groBe Zahl national- 
okonomischer Biicher und Abhandlungen. 

Richard E. war ein so ausgesprochener selbstandiger Charakter, unbeeinflufit 
vom Zeitgeist und wissenschaftlichen Stromungen, unbeirrbar in seiner Ziel- 
setzung, daB er bald mit anderen hervorragenden Vertretern der national- 
okonomischen Wissenschaft in heftigen Kampf geriet, den er mutig und treu 
seiner Uberzeugung fiihrte, obwohl er einsam blieb und ohne Bundesgenossen ! 
Es war die Zeit des Kathedersozialismus, welcher durch Leuchten, wie Wagner, 
Schmoller, Brentano u. a. vertreten, die ganze offentliche Meinung beherrschte. 
Ein Wagnis war es, gegen diese Richtung, die E. als einseitig, oberflachlich und 
gefahrlich fur die deutsche Zukunft zu erkennen glaubte, Front zu machen und 
sich zu unterfangen, der Wirtschaftswissenschaft neue W r ege zu weisen! Mit 
seiner Schrift »Sozialreformer und Unternehmer « (1904) erhob er seine war- 
nende Stimme. BewuBt ging er bei seinen Untersuchungen und Kritiken von 
der »Unternehmung« aus, deren inneres Wesen und GesetzmaBigkeit er zu er- 
griinden bemiiht war. Die herrschenden Auffassungen iiber die Sozialpolitik 
sah er einseitig betont vom Standpunkt der Arbeitnehmer ihren Ausgangs- 
punkt nehmen, das Arbeitsverhaltnis sah er immer einseitiger als reines Ver- 
tragsverhaltnis hingestellt bei Ubersehung der gegenseitigen Bindungen, er 
glaubte, die Wirtschaftswissenschaft politisierend und in ihren sozialpoli- 
tischen Forderungen Parteien dienend zu sehen, die wissenschaftliche Methodik 
der herrschenden Richtung hielt er fur unvollkommen und ungenau. Gegen alles 
dies wandte sich der tapfere Gelehrte ! Zunachst versuchte er die naturwissen- 
schaftliche Methode des Vergleichens mit der exakten Genauigkeit ihrer Er- 
gebnisse auf die Volkswirtschaftslehre zu iibertragen. Als Vorbild diente ihm 
der groBe mecklenburgische Wirtschaftsforscher Johann Heinrich v. Thiinen, 
der praktischer Landwirt und hervorragender Gelehrter zugleich war. Es ist ein 
unbestreitbares Verdienst Richard E.s, das Werk dieses Mannes aus fast volliger 
Vergessenheit wieder mitten in unsere Zeit gestellt und seine Ergebnisse ver- 
tieft und ausgebaut zu haben ! Er sammelte mit FleiB Thiinens NachlaB und 
griindete das » Thiinen- Archiv« (Archiv f iir exakte Wirtschaf tsf orschung) , das er 
zum Organ der von ihm ferner ins Leben gerufenen »Vereinigung fur exakt- 
vergleichende Wirtschaf tsf orschung «, eine Vereinigung von fiihrenden Indu- 
striellen und Landwirten, machte. Bis zu seinem Tode entstand jahrlich ein 
Band des Thiinen- Archivs, dessen Herausgabe mit seinem Tode vorlaufig ein- 
gestellt wurde. Die Tatsache, daB E. in engstem Austausch mit deutschen 
Unternehmern arbeitete, brachte ihm den Vorwurf der Gegenseite ein, daB er 
ein »Unternehmersoldling« sei. Mit Stolz und Wiirde ertrug ein Mann wie E. 
solche Gehassigkeiten. In edler Reinheit, durchdrungen von der Wahrheit 
seines Ziels, als wahrhafter Christ voll tiefer Religiositat, anspruchslos und 
bescheiden fiir sich selbst, kampf te dieser ringende Gelehrte bis zum letzten 



Ehrenberg yg 

Augenblick einsam, aber hoch geachtet von seinen Freunden und wenigen 
Schulern, die er durch Herzensgiite und Hebe voiles Verstandnis an sich zu 
fesseln verstand, seine Frau war ihm stets die treueste Gefahrtin seiner Arbeit, 
seine einzige Erholung seine Familie. Die Bedeutung Richard E.s liegt nicht 
in seiner Methode der exakt-vergleichenden Wirtschaftsforschung, Methoden 
sind nur Werkzeuge und es gibt deren manche, die ihren Wert in sich tragen. 
Seine Bedeutung, die ihm wohl erst in kommenden Zeiten einen Platz unter 
den groBten Wirtschaftswissenschaftlern einraumen wird, liegt vielmehr darin, 
daB er als der erste Gelehrte zu nennen ist, der es unternommen und gewagt 
hat,denKathedersozialismuszuiiberwinden. AufGrund seiner Untersuchungen, 
die er in der deutschen Industrie, vor allem bei Krupp, und in der Landwirt- 
schaft anstellte, kam er zu der fundamentalen Erkenntnis, daB jede Unterneh- 
mung eine »Arbeitsgemeinschaft« sei, daB jedes » Arbeitsverhaltnis als Arbeits- 
gemeinschaft« aufzufassen und dementsprechend zu gestalten und als orga- 
nische Zelle jeder Organisationsform zu dienen habe. (Archiv fur ex. Wirt- 
schaftsforsch.,Bd. II, Heft i., 1907). So wies E. mit seherischem Blick schon zu 
Zeiten, als Deutschland sich durch Klassengegensatze und Klassenkampf in 
stetig fortschreitendem MaBe innerlich spaltete, ohne daB andere fiihrende 
Geister die Gefahr erkannten und entsprechende Folgerungen zogen, Wege, 
deren Richtigkeit erst jetzt nach dem Zusammenbruch allmahlich offenbar 
werden. Der Begriff der »Arbeitsgemeinschaft«, der auf ihn zuruckgeht, hat 
seinem Namen in der Geschichte der Deutschen Sozialwissenschaft ein ehernes 
Denkmal gesetzt ! Allerdings hat er dem Wesen der Arbeitsgemeinschaft einen 
tieferen Sinn und Inhalt gegeben, als die Vorstellungen, die sich heute noch mit 
diesem Begriff verbinden. In seiner letzten Schrift, die als Einleitung zu einem 
groBen abschlieBenden Lebenswerk gedacht war und druckfertig auf dem 
Schreibtisch lag, als der Tod ihn abrief , betitelt : » Klassenkampf und Sozial- 
friede« (Archiv fiir ex. Wirtschaftsforsch., Bd. IX, 1922) kommt dies mit voller 
Klarheit zum Ausdruck. Treffend wird es mit folgenden Worten charakteri- 
siert, die als FuBnote dieser Studie mitgegeben wurden: »Es ist das letzte Wort 
eines Mannes, der nicht miide wurde in seinem Streben, die schroffen Klassen- 
gegensatze zu iiberbriicken, der immer wieder versuchte, gegenseitiges Ver- 
standnis zu erwecken, der lange, lange die drohende Gefahr sah und mit tiefem 
Ernst zum inneren Frieden mahnte. Sein letzter Aufsatz, der als Anfang eines 
groBen Werkes gedacht war, ist so recht eine Charakterisierung seines geistigen 
Lebenswerkes, ist ein feines und reines Bild der Ideale, von denen sein wissen- 
schaftliches Tun im wahrsten Sinne des Wortes beseelt gewesen ist.« E.s 
Ruhm und Bedeutung liegt somit zweifellos darin, daB er der erste wissen- 
schaftliche Verfechter des »wirtschaftsfriedlichen Gedankens« war, daB er der 
erste wissenschaftliche Vorkampfer der »wirtschaftsfriedlichen Arbeiterbewe- 
gung« wurde, die sich mit ihm zum Ziel gesetzt hat, den Marxismus zu iiber- 
winden. Fiir E. selbst gilt in hohem MaBe das Wort, das er als Motto seiner 
letzten Schrift voransetzte: »an ihren Friichten sollt ihr sie erkennen.« 

Iyiteratur: Verzeichnis der Schriften: Die Fondsspekulation und die Gesetzgebung, 
Berlin 1883. — Wie wurde Hamburg grofl, Hamburg und Leipzig 1888. — Altona unter 
shaumburgischer Herrschaft, Altona 18 91. — Das Kgl. Kommerzkollegium in Altona, 
Altona 1892. — Burger und Beamte. Ernste Worte eines deutschen Burgers, Braunschweig 
1894. — Hamburg und England im Zeitalter der Konigin Elisabeth, Jena 1896. — Das 
Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Kreditverkehr im 16. Jahrhundert, 2 Bde, Jena 1896. 






8o 1921 

Anast. Neudruck 1912 und 1922, — Der Handel, seine wirtscbafttfche Bedeutung, seine 
nationalen Pflkhten und sein Verhaltnis zum Staate, Jena 1897, — Au ^ der VoTzeit von 
Blankenese, Hamburg 1897, — Handelspolitik, Fiinf Vortrage, Jena 1900. — GroUe Ver- 
mogen. Hire Entstehung und ihre Bedeutung. I. Bd,: Die Fugger-Rothschild-Krupp, Jena 
1902, 2. Aufl. 1905. II. Bd.: Das Haus Parish in Hamburg, Jena 1905. — Sozialr efonner 
und Unterneumer, Jena 1904. — Die Uutemehmungen der B ruder Siemens. I. Bd.* Bis 
zum Jahre 1870, Jena 1906. — MeBeinwirkung von Schlagworten in unserem often tlic hen 
Leben, Hamburg igoS* — Exakte Wirtschaftsforschung. Bericht der XXXV. Geueral- 
versammltmg der Steuer- und Wirtschaftsreformer, Berlin 1910. — Bisherige Ergebnisse 
und naehste Aufgaben der exakt vergleichenden Wirtschaftsforscbung {stenographischer 
Bericht der ersten Hauptversammlnng der Vereiaigung fiir exakte Wirtschaltsf orschung) , 
Jena 191 1 . — Die Familie in Hirer Bedeutung fiir das Volksleben, Jena 1 gt6. — Der Kriegs- 
teilnehmer und sein Beruf, 1917.- — Mitarbeiter am Hand wort erbuch der Staatswissen- 
schaft, Grunder und Herausgeber des Arehivs fiir exakte Wirtschaftsforscbung (Bd. I bis 
IX, 1906 — 1922 u. Erg.*Heft VI, 1912), das in jedem Bande zahlreiche Aufsatze von E. 
en t halt. 

Finkenwalde i. Pommern. Claus v. Eickstedt. 



Ehren worth, Josef G&ngl v., Drying, e. fcu Dr, mont. e. h., Ing. o. 6, Professor 

der montanistischen Hochschule in Leoben, Steiennark, * 14, Juni 1843 in 
Spital an der Drau, f 12. Januar 1921 in Kiagenfurt in Karnten, — Er war 
der zweitjiingste Sohn des fiirstlich Porziaschen Rentmeisters Josef G. v. E. 
aus Spital an der Drau. Die E.s sind eine alte karntnerische Familie, die 
schon vor dem 17. Jahrhundert im Gitschtale in Karnten ansassig waren 
und im Jahre 1709 dmcli Kaiser Josef L in den erblichen Adelsstand er- 
hoben wurde, 

Nach Absolvierung der Normalschule in Spital an der Drau kam Josef v, E. 
im Alter von zirka 10 Jahren an die Realschule in Kiagenfurt, die er mit aus- 
gezeichnetem Erfolge verliefl. Nachdem er ein Jahr in Wien im Polytechnischeu 
Institut hohere Mathematik, Physik und darstellende Geometrie gehort hatte, 
trat er an die damalige k. k. Bergakademie in I^eoben uber. Hier war er noch 
ein Jahr Schuler von Peter v. Tunner und nachher von dessen Nachfolger 
Franz Kupelwieser, 

Hier studierte er Berg- und Hiittenfach tind verlieB im Jahre 1866 nach 
ausgezeichneten Studienerfolgen die Bergakademie. Zuerst praktizierte er kurze 
Zeit an der heute nicht mehr bestebenden Bleibutte in Feistritz in Karnten 
und trat dann als Bergwesenspraktikant der Finanzdirektion in Salzburg bei 
der Berg- und Hiittenverwaltung in Werfen in den staatlichen Montandienst. 

In den folgenden Jahren war er auch in dem Kupferwerk Ebenau und bei 
der Eisenwerksdirektion in Eisenerz tatig. 

Da er mit dem damab geradezu minimalen Taggeld als k. k. Praktikant leben 
mutite, nahm er 1868, offenbar um auf auskommlichere Beziige zu kommen, 
eine Stellung als Htittenassistent bei der Berg- und Hiittenwerks-A.-G. Store 
bei Cilli {Steiermark) an. Auch hier scheint die Entlohnung ziemlich karg ge- 
wesen zu sein, da er wegen Gehaltsdifferenzen 1870 seine Stellung bei der 
Gesellschaft verlieB und nunmehr fiir die Dauer eines Jahres Snpplent an der 
Realschule in Kiagenfurt wurde, woselbst er Mathematik und darstellende 
Geometrie lehrte. 

Im Anfange des Jahres 1871 trat er als Assistent bei der Lehrkanzel fiir 
Bergbau-, Aufbereitungs- und Markscheidekunde an der k. k. Bergakademie 



Ehrenberg. Ehrenwerth 8 1 

in Pribram abermals in den osterreichischen Staatsdienst und erhielt einen 
Iyehrauftrag fur »Aufbereitungskunde«. 

Ein Jahr spater wurde er an derselben Anstalt von der Lehrkanzel fiir Hiitten- 
und Probierkunde iibernommen, und im Jahre 1873 in der gleichen Eigenschaft 
nach der k. k. Bergakademie in I^eoben iibersetzt. 

1875 erfolgte die Ernennung zum Adjunkten. 1879 erhielt E. einen Lehr- 
auftrag fiir eine selbstandige Vorlesung iiber Technologie der Metalle. Auf 
Grund seiner hervorragenden Leistungen erhielt er im Jahre 1880 den Titel 
und Charakter eines a. o. Professors und wurde 1895 o. Professor fiir Eisen-, 
Metall- und Sudhuttenkunde an der Bergakademie zu Pribram, woselbst er 
1897 — 1899 die Wiirde eines Rektors bekleidete. Im Jahre 1899 wurde er in 
gleicher Eigenschaft nach Leoben berufen, wo er am 1. Dezember 1914 nach 
Uberschreitung des 70. Lebensjahres in den dauernden Ruhestand trat. An- 
lafllich der tlbersetzung in den Ruhestand wurde er durch Zuerkennung des 
Titels »Hofrat« und vom Professorenkollegium der Montanhochschule durch 
Verleihung des Doktortitels der montanistischen Wissenschaften geehrt. 

Josef v. E. war unverheiratet und lebte stets still und bescheiden. Er zeigte 
immer ein aufierordentlich feines Rechtsempf inden und verteidigte seine Uber- 
zeugung mit grofler Energie, die zuweilen in Hartnackigkeit ausartete. Im 
77. Jahre starb er an den Folgen einer Operation, auf deren Durchfuhrung er 
bestand, im Krankenhause in Klagenfurt. 

E. ging in dem Beruf eines akademischen Lehrers und in der wissenschaft- 
lichen Erforschung seines Faches vollkommen auf. Seine groBen Leistungen 
wurden in der ganzen Welt anerkannt. So wurde er vom Iron and Steel-Insti- 
tute in London 1906 zum Ehrenmitgliede ernannt, im Jahre 1910 wurde ihm 
der Dr.-Ing. e. h. von der Hochschule in Aachen verliehen. Die Ehrenmitglied- 
schaft des allgemeinen Bergmannstages in Teplitz im Jahre 1899 sowie die 
Funktion als Ehrenprasident zu Luttich im Jahre 1905, zu Rom 1906, zu Diis- 
seldorf 19 10 zeigen deutlich die internationale Anerkennung der hervorragen- 
den Leistungen E.s. Durch seine Auslandsreisen nach Amerika, England, 
Schweden usw. hatte er auch Gelegenheit, die hauptsachlichsten Industrie- 
zentren der Welt personlich kennenzulernen. Die Tatigkeit E.s erstreckte sich 
auf die gesamten Gebiete der Eisenhiittenkunde und seine Stellungnahme 
zurVerteidigung und Forderungdes Thomasprozesses hat besonders dazu bei- 
getragen, die Aufmerksamkeit der gesamten Fachwelt auf ihn zu lenken. Wie 
zahlreich seine literarisch-wissenschaftlichen Arbeiten sind, geht aus den fol- 
genden hauptsachlichsten Abhandlungen hervor: 

Literatur: 1872, Zeitschr. f. Berg- u. Hiittenwesen : Cber Verwendung von Gesteins- 
bohrmaschinen und Dynamit im Bergbau. — 1873 — l %74* ebenda: t)ber die Durchfiihrung 
der Eggertzprobe und Vermeidung der griinen Farbung bei kohlenstoffarmen Stahlsorten. 
— 1875, ebenda: Erzeugung von gegossenem Puddlingsstahl und Puddlingseisen. — 1876, 
ebenda: Prinzipien fiir die Wahl von Hochofen (Sehachtofen) Zustellungsmaterialien. — 
1880, ebenda: Studien iiber den Thomas-Gilchrist-Prozefl; t)ber Ingotmetall ; tTber FluB- 
stahlerzeugung unter Verwendung von Erzblooms. — 188 1, ebenda: tlber den derzeitigen 
Stand des Thomas-Gilchrist- Prozesses in Osterreich. — 1882, ebenda: Zur direkten Dar- 
stellung von Eisen und Stahl; t)ber den MartinprozeB mit Erzen. — 1883, ebenda: Die 
Produktion von Roheisen und Bessemermetall der Vereinigten Staaten in Nordamerika 
in den letzten Jahren; Zwei neuere Prozesse der Eisenerzeugung; Die elektrische Beleuch- 
tung der Hiitte Gradenberg bei Koflach; Cber den Wert und die Verwendung der Hoch- 
ofengase zur Erzeugung hoher Temperaturen. — 1884, Stahl u. Eisen: Die Regenerierung 

DBJ 6 



82 192 1 

der Hochof engichtgase ; Wassergas als Brennstoff. — 1884, Zeitschr. f. Berg- u. Hiitten- 
wesen: Der Bessemerprozefi zu Avesta in Schweden; Schwedens Eisenindustrieverhalt- 
nisse. — 1885, Stahl u. Eisen: Direkte Gasfeuerung mit in Generatoren erhitzter I,uft 
nebst Anwendung auf den Puddelofen; Das Eisenhiittenwesen Schwedens. — 1885, Zeit- 
schr. f. Berg- u. Hiittenwesen: Zur Frage der Kleinbessemerei; Uber Gasgeneratoren und 
iiber einen verbesserten Treppenrostregenerator; Forstbergs Frischfeuer; Eisen- und Stahl- 
draht in den Vereinigten Staaten. — 1886, Stahl- u. Eisen: Neuere Fortschritte auf dem 
Gebiete der Herdfrischerei, insbesondere G. A. Forstbergs dreiformiger Herd, genannt 
schwedischer Herd ; Zur direkten Gasfeuerung mit in Regeneratoren erhitzter Luft unter 
Anwendung der Glockenumsteuerung. — 1886, Zeitschr. f. Berg- u. Hiittenwesen: Hohe 
Produktionsf ahigkeit einer Bessemerhiitte ; t)ber den derzeitigen Stand des Bessemers im 
Clopp-Griffith-Converter in Amerika; Uber den Martinprozefl mit ausschlieBlicher oder 
vorwiegender Verwendung von Roheisen und Erzen. — 1887, ebenda: Brennofen mit 
Regenerativgasfeuerung. — 1888, Stahl u. Eisen: Regenerativgasflammofen fur perio- 
dischen (intermittierenden) Betrieb. — 1889, Zeitschr. f. Berg- und Hiittenwesen: tJber 
Brennen von Magnesit und Ofen hierfiir; Schachtofen mit Regenerativgasfeuerung. — 
1890, Stahl und Eisen: Steiermarks Eisenindustrie. — 1890, Zeitschr. f. Berg- u. Hiitten- 
wesen : Riickkohlung mit fester Kohle. — 1 89 1 , Stahl u. Eisen : Zur direkten Eisenerzeugung ; 
1st die direkte Darstellung von schmiedbarem Eisen aller Art bzw. die Darstellung von 
Roheisen mit Gasen moglich, und was haben wir davon zu erwarten ? — 1891, Zeitschr. f. 
Berg- u. Hiittenwesen: TJber Verwertung von Holzkohlenlosche als Brennmaterial. — 
1895, Verlag der k. k. Zentralkommission: Das Berg- und Hiittenwesen auf der Welt- 
ausstellung in Chicago. — 1907, Stahl u. Eisen: Bestimmung der Gichtgasmenge und 
deren Warmeeffekt bei Eisenhochofen. — 1907, Zeitschr. f. Berg- u. Hiittenwesen: Zur 
einheitlichen Bezeichnung von Eisen und Stahl. — 1907, Iron and Steel: The determination 
of the total quantity of blast furnace gas for a given make and its calorific value. — 1908, 
Stahl u. Eisen : Zur Berechnung und Profilierung der Eisenhochofen ; Bausystem der Eisen- 
hochofen, deren Beurteilung und Wahl. — 1908, Zeitschr. f. Berg- u. Hiittenwesen: t)ber 
elektrische Eisendarstellung. — 1909, ebenda: Welche Temperaturen konnen wir mit 
unseren gewohnlichen Brennstoffen erreichen; Der Warmeeffekt des Brennstoffes im 
Schachtofen und insbesondere im Eisenhochofen. — 191 3, Iron and Steel: The economy 
of dry blast. — 1914, Verlag ' J . Springer, Berlin : Peter Ritter v. Tunner und seine Schule. 

Leoben. Othmarv. Keil-Eiche'nthurn. 



Erb, Wiihelm, Prof, der inneren Medizin, * in Winnweiler in der Pfalz am 
30. November 1840 als Sohn eines Kgl. Forstmeisters, f am 29. Oktober 192 1 
in Heidelberg. — E. besuchte das Gymnasium in Zweibrucken, das er im Alter 
von 17 Jahren verlieB, und studierte an den Universitaten Heidelberg, Er- 
langen und Miinchen Medizin. In Miinchen war er kurze Zeit Assistent bei dem 
hervorragenden pathologischen Anatomen Buhl, wurde aber bereits im Alter 
von 22 Jahren Assistenzarzt an der medizinischen Klinik in Heidelberg, die da- 
mals von dem auch noch in jungen Jahren befindlichen, aus Wurzburg berufenen 
Prof. Nikolaus Friedreich geleitet wurde. Friedreich hatte sich bereits vor 
seinem Rufe nach Heidelberg (1858) durch eine groBe Reihe von Arbeiten be- 
sonders auf dem Gebiete der pathologischen Anatomie und der physikalischen 
Diagnostik hervorgetan und sich vor allem durch eine Monographic iiber die 
Krankheiten des Herzens in Virchows Handbuch der speziellen Pathologie und 
Therapie beriihmt gemacht. 

Seinen jungen arbeitseifrigen Assistenten veranlaBte er alsbald nach dessen 
Eintritt in die Klinik zu Untersuchungen iiber die physiologischen und thera- 
peutischen Wirkungen der Pikrinsaure, der er Heilwirkuhgen gegen Trichinen 
und Bandwurmer zuschrieb. Das Ergebnis dieser Arbeit schrankte diese Hoff- 
nungen sehr ein. Die gediegene Arbeit selbst wurde aber als Doktordissertation 



Ehrenwerth. Erb 83 

beniitzt (1864). Man konnte damals, wie auch noch viele Jahre nachher, 
klinischer Assistenzarzt ohne den Doktortitel sein. 

Bald folgte eine Arbeit »Zur Entwicklungsgeschichte der roten Blutkorper- 
chen« (1865), die zugleich Habilitationsschrift wurde. Sie enthielt sowohl ex- 
perimentelle als auch histologische, toxikologische und therapeutische Unter- 
suchungen auf diesem Gebiet und lehrte wohl zuerst in genauer Weise die 
spater so viel untersuchte Hamolyse der roten Blutkorper kennen, besonders 
auch im kreisenden Blute durch Einwirkungen von Giften. Ferner wurde in 
ihr u. a. wohl erstmalig mit kummerlichsten Reagenzien und Mikroskopen das 
Vorhandensein von groBen Mengen kernhaltiger roter Blutkorper bei Leuk- 
amien festgestellt. 

Beide Arbeiten des jungen Verfassers zeigten bereits einige seiner Haupt- 
eigenschaf ten : groBe Sorgfalt und Genauigkeit der Beobachtungen, kritische 
Vorsicht bei ihrer Verwertung und klaren, durchsichtigen Stil. Als junger 
Privatdozent beschaftigte er sich dann, ebenfalls auf Anregung seines Chefs, 
aber durchaus auf eigenen FuBen stehend, im AnschluB an die von ihm geiibte 
galvanische Behandlung von Nervenkran kh eiten mit der Elektrotherapie, und 
zwar zunachst mit Untersuchungen iiber das galvanische Zuckungsgesetz und 
iiber die elektrotonischen Erscheinungen beim lebenden Menschen. Er zeigte 
u. a. durch Versuche, daB mit groBter Wahrscheinlichkeit der galvanische Strom 
das zentrale Nervensystem selbst durchdringe. 

Vor allem aber begriindete er in den Jahren 1867 und 1868 in einer groBen, 
grundlegenden Arbeit von bleibendem Wert die Lehre von der von ihm so- 
genannten »Entartungsreaktion« der Nerven und Muskeln. Diese Hauptarbeit 
erschien im Deutschen Archiv fiir klinische Medizin 1868 und enthielt sowohl 
klinische als auch experimentelle und histologisch-pathologische Unter- 
suchungen. Wenn auch schon vorher das gegensatzliche Verhalten der fara- 
dischen und galvanischen Erregbarkeit in Fallen von sogenannter »rheuma- 
tischer« Facialislahmung festgestellt worden war, und auch die charakteristische 
trage Zuckung der Muskeln bei direkter galvanischer Reizung in Fallen von 
peripher bedingten Lahmungen bekannt war, so wurden doch die noch vor- 
handenen groBen Liicken in der Kenntnis dieser Dinge in system atischer Weise 
erst von ihm, und teilweise neben ihm von Ziemssen, ausgefiillt. Von ihm wurden 
aber vor allem die zugehorigen beweisenden histologischen Untersuchungen 
zuerst ausgefuhrt. Der von ihm gewahlte Name der Entartungsreaktion wurde 
allgemein angenommen. Friedreich selber hat sich niemals mit elektrischen 
Untersuchungen befaBt. 

Im Anschlusse an diese Arbeiten entstand im Jahre 1868 eine weitere iiber 
die Verschiedenheit der Leitungs- und Aufnahmefahigkeit in pathologisch ver- 
anderten Nerven gegen elektrische und mechanische Reizung, ein wichtiger 
Beitrag zu einer damals viel behandelten physiologischen Streitfrage. Ebenso 
wurden genauere physiologisch-klinische und therapeutisch-kritische Unter- 
suchungen iiber die Wirkung des galvanischen Stromes auf den normalen und 
kranken Gehorapparat vorgenommen (1868 — 1871), die vor allem wegen ihrer 
Genauigkeit fiir die Begriindung einer Otiatrik von Wert sind. Vor allem ragt 
dann aber weiterhin auf dem Gebiete der Elektrodiagnostik eine beruhmt ge- 
wordene Arbeit iiber die von ihm gefundene gesteigerte elektrische Erregbarkeit 
bei dem merkwiirdigen Krankheitsbilde der Tetanie hervor, einer in Heidelberg 



84 X 92I 

besonders haufigen ratselhaften Krankheit. Diese gesteigerte elektrische Erreg- 
barkeit, das »Erbsche Phanomen«, ist neben dem Trousseauschen und neben 
einer gesteigerten mechanischen Erregbarkeit der Nerven ein Haupterkennungs- 
zeichen des Leidens. AuBer dieser Entdeckung enthalt aber die Arbeit die Dar- 
stellung einer neuen Methodik der quantitativen elektrischen Erregbarkeits- 
prufung motorischer Nerven. In seinem groBen »Handbuche der Elektrothera- 
pie« faBte er spater (1882 und in zweiter Auflage 1886) alle seine Untersuchungen 
und Erfahrungen auf diesem Gebiete zusammen, zu denen sich spater noch eine 
Monographic liber die Thomsensche Krankheit oder Myotonia congenita ge- 
sellte, die er 1886 als besonderes Werk der Universitat Heidelberg zu ihrem 
5oojahrigen Jubilaum widmete. Er fand bei dieser Krankheit eine eigentiim- 
liche sogenannte myotonische Reaktion auch gegeniiber elektrischen Reizen 
und studierte die zugehorigen histologischen Veranderungen der Muskelfasern. 
Auch dieses Werk hat einen grundlegenden klassischen Charakter. 

In seinem erwahnten Handbuche gab er auBer der Geschichte der Elektro- 
therapie zunachst eine auBerordentlich klare und eingehende Darstellung der 
Elektrodiagnostik, so daB das Buch eigentlich den Titel eines Buches tiber 
Elektrodiagnostik und Elektrotherapie fiihren miiBte. In bezug auf die Heil- 
wirkung der Elektrizitat huldigte der sonst so kritische Forscher einem starken 
Optimismus und glaubte sie z. B. sogar als Heilmittel bei eigentlichen Geistes- 
krankheiten empfehlen zu diirfen. Er ubersah die so haufige seelische, rein 
suggestive Einwirkung des elektrischen Stromes bei so manchen Krankheits- 
zustanden. Offenbar iiberwog der Drang des leidenschaftlichen Arztes zum 
Helfen in ihm die sonst so gewohnte kiihle kritische Zuriickhaltung. 

In aller Scharfe trat aber sein Beobachtungstalent bei der Untersuchung 
krankhafter Zustande besonders auf dem Gebiete organisch bedingter Nerven- 
leiden hervor, unterstiitzt durch die groBte Sorgfalt bei der Feststellung alles 
Tatsachlichen. 

So fand er, daB bei einer eigentiimlich verteilten Lahmung in gewissen Arm- 
und Schultermuskeln diese Erkrankung von einem umschriebenen Punkte im 
Nervengeflecht oberhalb des Schliisselbeines ausgeht, bei dessen Reizung durch 
eine kleine Elektrode des faradischen Stromes man beim Gesunden eine Zu- 
sammenziehung der in Betracht kommenden Muskeln erhalt. (Erbscher Punkt, 
Duchenne-Erbsche Armlahmung.) 

Ferner stellte er vorausschauend im Jahre 1878 das Bild einer neuen Krank- 
heit fest, die mit der fruher bekannten sogenannten atrophischen Bulbaer- 
paralyse eine gewisse auBerliche Ahnlichkeit hat, und dann spater als Myas- 
thenia gravis bezeichnet wurde, mit eigentumlichem Verlauf und eigentiim- 
lichem Verhalten der elektrischen Erregbarkeit (Erb-Goldflam-Oppenheimsche 
Krankheit). 

Vor allem aber vertiefte er sich vom Anfang der 8oer Jahre an in das Studium 
der unter dem Sammelnamen der »fortschreitenden Muskelatrophie* be- 
kannten Erkrankungen und beschrieb insbesondere eine » juvenile Form* dieser 
fruher wesentlich bei Kindern beobachteten Muskelerkrankung. Er faBte diese 
sich von den vom Riickenmarke ausgehenden, sich aber von ihnen unterschei- 
denden Arten des Muskelschwundes unter dem gliicklich gewahlten gemein- 
samen Namen der Dystrophia muscul propr. zusammen, dabei fuBend sowohl 
auf den vielfachen klinischen und anatomischen Arbeiten friiherer Forscher 



Erb 85 

als auch auf einer Fiille eingehender eigener Untersuchungen (1890/91). Ein 
weiterer sehr groBer Teil seiner klinischen Arbeit gehorte dann bereits von 1879 
an einer der haufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems, der Tabes 
dorsalis. In einer groBen Reihe von Arbeiten, deren letzte noch im Jahre 1913 
erschien, beschaftigte er sich mit der Symptomatologie, Diagnose und Therapie 
dieser schweren Erkrankung und besonders auch mit ihrer Ursache. 

Zuerst studierte er das Verhalten der Reflexe bei ihr, besonders der von ihm 
zugleich mit C. Westphal, aber unabhangig von ihm, im Jahre 1875 entdeckten 
Sehnenreflexe, ebenso das eigentiimliche Verhalten der Pupillen mit ihrer re- 
flektorischen Starre (Lichtstarre) und ihrer Reaktion gegen sensible Reize. 

Die Auffindung der Sehnenreflexe erwies sich iiberhaupt als ungemein folgen- 
reich. Erst durch ihre Priifung wurde es moglich, den Sitz und die Natur vieler 
Erkrankungen des Nervensystems festzustellen, und sie oft schon in recht f riihen 
Stadien zu erkennen. Die Diagnostik der Nervenkrankheiten gewann durch sie 
einen ungeahnten Aufschwung und gegeniiber fruher vielfach eine ungeahnte 
Sicherheit. Bei der Tabes fehlten, wie sich herausstellte, besonders die Sehnen- 
reflexe an den Beinen oft genug schon sehr friih, und bei der »spastischen 
Spinalparalyse«, die von Charcot und E. auf eine alleinige Erkrankung der 
Pyramidenbahnen bezogen wurde, sind sie umgekehrt krankhaft gesteigert. 
Wenn auch diese Erkrankung in ihrer reinen Form sehr viel seltener ist, als 
beide Forscher annehmen, so bleibt doch eine erhebliche Steigerung der Sehnen- 
reflexe sehr oft mit einer zugleich neben anderen Veranderungen im Gehirn und 
Riickenmark bestehenden Erkrankung der Pyramidenbahnen verbunden. 

Sehr bald kam dann aber E. nach dem Vorgange von Fournier bei seinen 
Untersuchungen iiber die Ursache der Tabes zu dem seiner friiheren Meinung 
widersprechenden Ergebnis, daB die Syphilis die ausschlaggebende Rolle spiele. 

Schon 1879 wies er auf diese Beziehungen hin, und kam dann allmahlich auf 
Grund ungewohnlich reichen Materials zu dem Ergebnisse, daB die Syphilis 
unzweifelhaft die haufigste und wichtigste Schadlichkeit sei, die zur Tabes 
fuhrt. Vergebens stemmten sich vor allem Berliner Kliniker, wie C. Westphal 
und besonders E. Leyden gegen die erdriickende Wucht der von E. vor- 
gebrachten Tatsachen und suchten sie als bloB statistische Feststellungen ohne 
Beweiskraft hinzustellen. Aber viele andere Untersucher bestatigten die Funde 
von Fournier und E. und konnten ebensowenig wie sie einen rein zufalligen 
Zusammenhang annehmen. E. selbst konnte auf Grund zahlreicher, sorg- 
faltigster Kontrolluntersuchungen immer neue Sttitzen seiner Auffassung bei- 
bringen und erlebte endlich nach langen Kampfen die glanzende Genugtuung, 
daB auf Grund der Entdeckung des Syphiliserregers und der spezifischen 
Wassermannschen Reaktion der unantastbare Nachweis fur den ursachlichen 
Zusammenhang beider Krankheiten geliefert wurde. — 

Schon vor diesem Hauptkampfe seines I,ebens hatte er seine vielfachen Er- 
fahrungen auf dem Gebiete der peripheren Nervenerkrankungen. sowie auf dem 
der Erkrankungen des Ruckenmarkes und des verlangerten Markes in zwei 
Werken zusammengefaBt, die als Teile des groBen Ziemssenschen Handbuches 
der speziellen Pathologie und Therapie in je zwei Auflagen erschienen, das erst- 
genannte 1874 und 1876, das zweite 1876 und 1878. Es sind auBerordentlich 
grundliche Arbeiten, die unsere damaligen Kenntnisse in eingehender und klarer 
Weise zusammenfaBten. 



86 1921 

Gegenuber dieser Beschaftigung mit den peripheren Nervenkrankheiten und 
den Riickenmarkserkrankungen hat sich E. weniger mit der Pathologie der 
Hirnkrankheiten und den allgemeinen Neurosen, den Psychoneurosen litera- 
risch beschaftigt, in bezug auf die letztere am meisten noch mit der friiher 
sogenannten »Spinalirration« und der spinalen Neurasthenie, die in beson- 
deren Kapiteln seiner Riickenmarkskrankheiten abgehandelt wurden. Uber 
die Neurasthenie im allgemeinen und ihre Behandlung hat er sich spater noch 
(1907) in der »Therapie der Gegenwart* ausfuhrlicher auf Grund seiner lang- 
jahrigen Erfahrungen in einer groBen Praxis ausgesprochen. Er weist in dieser 
Abhandlung die so beliebte Auffassung zuriick, daB die meisten Erscheinungen 
oder gar das ganze Leiden »psychogen« entstehen, wenn auch selbstverstandlich 
bei vielen Neurasthenikern zahlreiche seelische Symptome in den mannig- 
faltigsten Gestaltungen bestiinden. 

Auf dem Gebiete der Hirnpathologie ist eine Arbeit »Zur Chirurgie der Hirn- 
geschwiilste« aus dem Jahre 1902 von Bedeutung und ferner eine sorgfaltige 
Studie iiber Akromegalie (1888). 

Eine Reihe von Arbeiten von 1898 an bis 191 1 beschaftigte sich mit der Fest- 
legung der Krankheitszeichen und der Entstehungsweise des von Charcot be- 
reits friiher beschriebene Krankheitsbild des »intermittierenden Hinkens«. 
E. schlug im Anschlusse an seine Untersuchungen fur diese Erkrankung den 
spater gebrauchlich gewordenen Namen der »Dysbasia arteriosclerotica« vor 
und wies auf die groBe Bedeutung des TabakmiBbrauches fur ihre Ent- 
stehung hin. 

Besondere weitere Arbeiten betrafen rein therapeutische Fragen, so die Ein- 
fiihrung des Hyoscin als erhebliches Linderungsmittel bei der Parkinsonschen 
Krankheit und mehrere zum Teil popular gehaltene Abhandlungen iiber 
»Winterkuren im Hochgebirge«. E. selbst war ein grofier Wanderer und verlebte 
viele Jahre hindurch seine Ferien in dem von ihm sehr geliebten St. Blasien im 
siidlichen Schwarzwald. — 

Gegenuber seiner vorwiegenden Beschaftigung mit den Nervenkrankheiten 
traten seine mannigfachen Arbeiten auf dem Gebiete der sonstigen inneren 
Medizin an Bedeutung zuriick. Sie waren vielfach mehr kasuistischer Art, be- 
schaftigten sich aber auch oft mit therapeutischen Fragen. 

Als Lehrer hat er das Gesamtgebiet der inneren Medizin viele Jahre hindurch 
vertreten, seitdem er im Jahre 1880 als Professor der speziellen Pathologie und 
Therapie und als Direktor der medizinischen Poliklinik nach Leipzig berufen 
worden war. Von dort kam er bereits 1883 als Nachfolger seines Lehrers Fried- 
reich nach Heidelberg zuriick, dem er 1903 einen pietatvollen, eingehenden 
Nachruf in der Festschrift der Universitat zur Zentenarfeier ihrer Erneuerung 
widmete. Er behielt sein Amt bis 1907, in welchem Jahre er auf sein Ansuchen 
in den Ruhestand trat, den er in Heidelberg bis zu seinem Tode verbrachte, 
praktisch und literarisch weiter tatig. 

Freilich litt er seit dem Ausb ruche des Krieges schwer unter dem Schmerz 
iiber den Verlust zweier Sonne, von denen der eine gleich im Beginne des 
Krieges fiel, der andere, der sich bereits als junger Forscher in der medizinischen 
Wissenschaft einen Namen gemacht hat, einer schweren Krankheit erlag. Er 
selbst hatte schon vor dem Kriege eine sehr schwere Gallensteinoperation durch- 
machen miissen, die ihn lange an das Krankheitslager fesselte. — 



Erb 87 

Zur Zeit des Beginnes des Krieges war er im November 1914 noch einmal auf 
einen Gegenstand eingegangen, der ihm schon seit lange am Herzen lag, in einer 
Abhandlung »Was wir erstreben*. Entsprechend seiner bereits fruhzeitigen Ein- 
stellung auf die Neuropathologie war er schon viele Jahre vorher in steigendem 
MaBe fur eine Selbstandigkeit dieses Faches und des neurologischen Unter- 
richtes an den Hochschulen eingetreten. Er wollte sie vor allem von der Psychia- 
trie im engeren Sinne loslosen und zuletzt auch wegen ihres stetig zunehmen- 
den Umfanges von der inneren Medizin. Er half in der Richtung dieser seiner 
Wiinsche im Jahre 1901 die deutsche Zeitschrift fiir Nervenheilkunde mit 
Lichtheim, Schultze und Stnimpell griinden, drei inneren Klinikern, und be- 
teiligte sich spater auf das lebhafteste an der von Oppenheim gegriindeten Ge- 
sellschaft deutscher Nervenarzte (1907). Er wurde zu ihrem ersten Vorsitzen- 
den und spater zum ersten Ehrenvorsitzenden gewahlt. Gerne nahm er auch 
oft an den groBen internationalen Arztekongressen teil und fehlte fast nie bei 
den Sitzungen der von ihm besonders geliebten Wanderversammlung der siid- 
westdeutschen Neurologen und Irrenarzte. — Im klinischen Unterricht war er 
auBerordentlich gewissenhaft und genau. Er hielt auf sorgfaltige und nichts ver- 
nachlassigende Untersuchung der Kranken und konnte bei seinem lebhaf ten und 
cholerischen Temperament auch manchmal recht derb werden. Das veriibelte 
ihm aber niemand. Denn jeder empfand, dafl er es mit einem grundgiitigen 
Manne zu tun hatte, der das Beste fiir seine Schuler wollte. Er war neidlos, ein- 
fach und treu. Alle seine Assistenten hingen fiir immer an ihm und liebten thn T 

Auch war er eine gesellige Natur und als echter Pfalzer mit Heiteren stets 
heiter. Anders wie sein Lehrer Friedreich, der fast nur in der Arbeit als Kliniker, 
Forscher und Arzt aufging, beteiligte er sich auch an offentlichen Angelegen- 
heiten, und war eine Zeitlang Stadtverordneter von Heidelberg, das er einst so 
ungern verlassen. Die politischen Vorgange verfolgte er allezeit mit lebhaf tern 
Interesse und war als Nationalliberaler ein begeisterter Verehrer Bismarcks. 

Er liebte die Kiinste und vor allem die Musik. Beim Anhoren der Eroica er- 
eilten ihn die Anfange seiner todlichen Krankheit. 

Als Forscher hat er einen Namen hinterlassen, der mit einer ganzen Reihe von 
Entdeckungen fiir immer verknupft bleibt. Er gehort zu den ersten GroBen, den 
Klassikern der Neuropathologie. 

Die Gesellschaft deutscher Nervenarzte stif tete in Anerkennung seiner groBen 

Verdienste eine Erb-Denkmiinze, die alle drei Jahre mit einer Wiirdigung der 

LebensarbeitE.s verteilt wird. Eine Bronzebiiste ist an der Stelle seiner Haupt- 

wirksamkeit, im akademischen Krankenhause in Heidelberg aufgestellt. 

Literatur: Die Zahl seiner Arbeiten ist sehr groB. Die Hauptarbeiten sind folgende: 
Galvanotherapeutische Mitteilungen, 1867 (D. Archiv fiir klinische Medizin, III). — Zur 
Pathologie und pathologischen Anatomie der peripheren Paralysen (mit der L,ehre von der 
Entartungsreaktion (ebenda, Bd. V, 1868). — ZurLehre von derTetanie (Archiv fiir Psych, 
und N., Bd. IV, 1873). — tfber Sehnenreflexe bei Gesundenund Riickenniarkskranken 
(ebenda, Bd. V, 1875). — t)ber eine eigentumliche Lokalisation von Lahmungen im Plex 
broch. (Verhandlungen des Heidelberger naturhistorischen Vereins 1875). — t!ber einen 
eigentiimlichen bulbaren ( ?) Symptomenkomplex. (Archiv fiir Psych, und N., VIII, 1878.) — 
Tabes zusammenfassend in derDeutschen Klinik am Anfangdes 20. Jahrhunderts (1905). 
— Die Thomsensche Krankheit, Leipzig 1886. Dystrophia muscul. progress. (D. Z. fiir 
Nervenheilkunde, Bd. I, 1891.) — t)berdasintermittierendeHinkenusw. (ebenda, Bd. XIII 
1898) und endlich die drei im Text erwahnten Handbiicher. 

Bonn. Friedrich Schultze. 



88 i92i 

Erdmann, Benno, * am 30. Mai 1851 in Guhrau bei Glogau, | am 7. Januar 
1921 in Berlin. — Das Buch des Vaters, des freichristlichen Predigers Karl E., 
»Die theologische und philosophische Aufklarung des 18. und 19. Jahrhun- 
derts usw.«, Leipzig 1849, zeigt den charaktervollen und selbstandigen Ver- 
treter dieser Bewegung. Der SchluBsatz des Vorwortes: »Nur die Philosophie 
der freien Erkenntnis gibt jenen festen Mittelpunkt ab, auf welchen sich die 
Uberzeugungen stiitzen ; nur durch sie lassen sich die individuellen Ansichten 
mit dem Allgemeinen in einen Einklang setzen, welcher alles Tergiversieren 
und oberflachliche Abfinden unnotig und unmoglich macht« (a. a. O., S. X) 
konnte als Motto des E.schen Denkens und Forschens gelten. So lebte im Vater 
ein wacher Drang zu heller, verstandesklarer Auffassung der Dinge, den der 
Sohn als sichtbarste Gabe seiner reichen und festen Natur erbte und zum voll- 
endeten Besitz seines unermudeten Forscherlebens zu bilden verstand. Jener 
andere Zug des Vaters, schlichte, alles Tun und Denken bestimmende Reli- 
giositat, war ganz in das Innere der Seele, wie es scheint, zuruckgenommen ; 
wie Carl Stumpf berichtet hat, auflerte E. einmal dariiber: »Dariiber spricht 
man nicht. « Jedenf alls hat die Atmosphare des Vaterhauses das eigenste Wesen 
des regen Jiinglings auf das glucklichste zu bewuBter Entfaltung getrieben. 
Den entgegengesetztesten Machten, dem Evangelium, der Vernunft, dem sieg- 
reichen Darwinismus gait der erste jugendliche Kampf. An denVersammlungen 
seines Vaters hat er als Jungling teilgenommen, ja auch selbst das Wort er- 
griffen, aber der Drang seines Denkens fuhrte ihn auf philosophische, natur- 
wissenschaftliche und philologische Studien. Als Lehrer an der Realschule in 
Seesen hat er ohne den ersehnten Erfolg seine Schuler zu einem an Schillers 
Feuergeist genahrten Idealismus emporzuheben versucht. Seine eigene Bildung 
auf der Realschule erganzte E. im Gymnasium zum grauen Kloster in Berlin : 
er lernte und arbeitete Griechisch unter der meisterlichen Fuhrung von Bonitz, 
dessen philosophische Vorlesungen an der Universitat er spater horte. Bonitz 
war Herbartianer : diese psychologische Betrachtungsweise hat auf E.s psycho- 
logische Grundiiberzeugung bis in seine reifsten Altersleistungen bestimmend 
gewirkt. Vor allem aber war es — nach einem Hinweis von Stumpf — Stein- 
thals »Einfuhrung in die Psychologie und Sprachwissenschaf t «, die durch die 
Lehre von der Apperzeption, dem spateren Lieblingsgegenstande der Psycho- 
logie E.s, eine entscheidende Anregung blieb. Aber nicht nur Bonitz allein 
unterwies E. in der Philologie, auch Tobler und Mullenhoff wurden ihm Lehrer 
in jener Methode, die er spater als erster Kantphilologe selbst mit einer Ge- 
wissenhaftigkeit und Geduld handhaben sollte, welche hochste Achtung, ja 
Bewunderung verdient. Zugleich war er mit gleichem Feuereifer, Ernst und 
Verstandnis den exakten Wissenschaften zugewandt; er vertiefte sich in 
Berlin und Heidelberg unter Kummer, Konigsberger, Kirchhoff in die Pro- 
bleme der Mathematik. Als er von 1871 an wieder in Berlin studierte, erfuhrE. 
den iiberwaltigenden EinfluB von Helmholtz. In einer Akademieabhandlung 
(Jahrg. 1921, phil.-hist. KJasse Nr. 1): »Die philosophischen Grundlagen von 
Helmholtz' Wahrnehmungstheorie, kritisch erlautert«, seiner letzten Arbeit, 
die denn auch erst nach seinem Tode erschien, spricht E. von der » person- 
lichen Note« dieser Abhandlung. Er fahrt fort: »Es ist mir ein Bediirfnis, voll 
bewundernder Verehrung ein Zeugnis dafiir abzulegen, welch entscheidende 
Anregungen ich dem fruhen Studium von Helmholtz' Schriften verdanke. Der 



Erdmann 



8 9 



Versuch, in diese seine Lehren einzudringen und sie, wo ich nicht zuzustimmen 
vermochte, umzuarbeiten, hat anf mein jugendliches Denken vor allem rich- 
tunggebend gewirkt. Was speziell an meinen reproduktionspsychologischen 
Arbeiten wertvoll sein mag, geht fur mein BewuBtsein auf diese friihen An- 
regungen zuriick* (a. a. O., S. 3). In seiner 1877 erschienenen Abhandlung: »Die 
Axiome der Geometrie, eine philosophische Untersuchung der Riemann-Helm- 
holtzschen Raum theories hat denn auch spater E. diesen groBen EinfluB 
mathematischer und speziell erkenntnistheoretischer Uberzeugungen selb- 
standig verarbeitet. Helmholtz hinwiederum hat die sehr streitbare Schrift 
»als Grundlage der Habilitation empfohlen« (Stumpf in seinem Akademie- 
nachruf, S. 6). Aber schon kurz nach dieser ersten groBeren Veroffentlichung 
bemerkt E. nicht ohne einen Anflug ironischer Selbstbeurteilung : »Die Arbeit 
ware besser geworden, wenn sie nicht so gut hatte sein wollen . . . Das dritte 
Kapitel (,Die philosophischen Konsequenzen der Theorie') ist das schwachste, 
es enthalt zu wenig Sache und zu viel Polemik. Ersteres, weil ich ausfuhrlich 
nur hatte sein konnen, wenn meine psychologischen und erkenntnistheoreti- 
schen Studien bereits tiefer gewesen waren, letzteres, weil die Sicherheit der 
Uberzeugung die Jugend selbst dann ungerecht macht, wenn sie in abstracto 
weiJ3, daB dieselbe keinen MaBstab bietet fur die Wahrheit. Ich werde ver- 
suchen, mir alle Polemik abzugewohnen. Dieselbe kann sachlich nur in sehr 
seltenen Fallen nutzen, nur dann, wenn man gegen denkende Gegner schreibt 
Helmholtz kann auch hierin ein Muster sein.« (Stumpf, a. a. O., S. 6.) Der 
andere bedeutende Gelehrte — bezeichnenderweise fur E. nun wieder ein alt- 
philologisch-klassischer, theologisch und historisch gleichgeriisteter Geistes- 
philosoph — , der auf E. sachlich wie personlich auBerordentlich wirkte, war 
Zeller, an dem E. einen Freund und Fuhrer gewann. 1873 promovierte E. mit 
einer Dissertation: »l)ber die Stellung des Dinges an sich in Kants Asthetik 
und Analytik. <c Damit war der Weg zu seinen unablassig immer wieder auf- 
genommenen, bis in die letzten Lebensjahre fortgesetzten Erforschungen des 
Gehaltes und der Entwicklungder Kantischen Philosophic gliicklich beschritten. 
E.s Universitatslaufbahn fuhrte von Stufe zu Stufe den emsigen Forscher, den 
lebendigen Dozenten, den auBerst gewissenhaften, unermudlichen Beamten 
ohne Widerstande, wie es scheint, zur verdienten Hohe und Vollendung: 1876 
Privatdozent in Berlin, war er 1878 Professor in Kiel, seit 1884 in Breslau, seit 
1890 in Halle, seit 1898 in Bonn und seit 1909 bis zu seinem am 7. Januar 1921 
erfolgten Tode in Berlin, an welcher Universitat er als Student und Dozent 
begonnen. Die elfjahrige Lehrtatigkeit an der Bonner Universitat stellt nach 
alien Zeugnissen seiner Schuler und Verehrer seine intensivste und nachhaltigste 
Wirkung dar, mag auch die Vollendung seiner Lehrtatigkeit in Berlin den im- 
posantesten Ausdrmck gefunden haben. Der Zauber unverdrossenen Selbst- 
denkens, unemiudlicher Lehre ging damals von ihm aus. Schweren Herzens 
folgte er dem ehrenvollen Rufe der Berliner Universitat: er mochte wohl fuhlen, 
daB, wollte er seine energische Doppeltatigkeit als Forscher und Lehrer unter 
den erschwerenden Umstanden des hauptstadtischen I^ebens fortsetzen, er 
seine Krafte in zunehmendem Alter kaum okonomisieren konne. In tieferem 
Sinne stellt E.s Berliner Tatigkeit den reifsten und abschlieBenden Teil seines 
Lebens dar. Ihm gelang die Vollendung seiner ausgebreiteten Forschungen 
(die er zum groBten Teil in den Abhandlungen der PreuBischen Akademie der 



go 1921 

Wissenschaften niedergelegt hat, deren tatkraf tiges Mitglied er war; (Leitung 
der Kant- und Leibniz- Ausgabe), ihm gelang neben hingebender Vor- 
lesungstatigkeit das menschliche, organisatorische, padagogische Knnstwerk 
eines mustergultig eingerichteten und fur die Studierenden aller Fakultaten 
fruchtbar gemachten Seminars (das Haus in der DorotheenstraBe Nr. 10), 
welches dem groBen Stile der Berliner Universitat alle Ehre macht 

Der Ertrag der E.schen Lebensarbeit gehort vornehmlich den drei Gebieten 
der Geschichte der Philosophic, der Logik mit EinschluB der Erkenntnistheorie 
und vor allem der Psychologie an. GewiB hat er auch auf anderen Gebieten 
reges Interesse und eigene Stellungnahme bewiesen. So erschien in Schmollers 
Jahrbuch (XXXI, 1907) ein ebenso instruktiver als heute noch sachlich nicht 
entfernt ausgeschopfter Auf satz iiber die materialistische Geschichtsauf f assung ; 
so brachte die Deutsche Rundschau (1917, Augustheft) von ihm einen Beitrag 
zur systematischen Ethik. Der Historiker E. kann mit Fug und Recht als erster 
Kantphilologe bezeichnet werden. Mit einer schier unbegreiflichen Sorgfalt hat 
er die Herausgabe der kritischen Hauptschriften mit erlauternden und histo- 
rischen beleuchtenden Einfuhrungen besorgt. Als klassisch muB seine Ausgabe 
der »Kritik der reinen Vernunft« bezeichnet werden. Die beiden Auflagen, 
deren Abweichungen, die ja nicht nur historisch, sondern auch sachlich von 
bleibendem Interesse sind, sind hier in vorbildlicher Ubersichtlichkeit zu ver- 
gleichen. Die Ausgaben der » Prolegomena « und der »Kritik der Urteilskraft« 
enthalten hochst wichtige Beitrage zur Entwicklungsgeschichte des kritischen 
Systems. Von entscheidender Wichtigkeit jedoch war das zweibandige Werk 
aus dem NachlaB, kurz die » Reflexionen « genannt, das zusammen mit Reikes 
»L,osen Blattern« und dem Brief wechsel Kants eine vollig neue Grundlage fiir 
eine den Kantischen Buchstaben ehrende Entwicklungsgeschichte darbot. Wer 
einmal Einsicht in den handschriftlichen NachlaB Kants genommen hat, weiB, 
welche unsaglichen Muhen diese ungeheuer kleine und sich oft iiberquerende 
Schrift dem Entziffern und Bestimmen bereitet. Die zeitlichen Datierungen 
freilich, die E. aus dem Inhalt der Reflexionen zu erschlieBen suchte, werden 
von dem jetzt groBten und einzigen Kenner und Bearbeiter des Nachlasses, 
Erich Adickes, als » vollig miBgluckt« (Akademie Ausg., Bd. XVII, S. VI) be- 
zeichnet. E. hat weder auf die Schriftveranderung noch auf die Rahmenstellung 
der einzelnen Reflexionen geniigend geachtet. Hier ist die Wissenschaft zu 
neuen Methoden und neuen Resultaten vorgeschritten. Nach dem Tode Diltheys 
hat E. die Herausgabe der Akademischen Kantausgabe geleitet und selber die 
» Kritik der reinen Vernunft« in beiden Auflagen und »Prolegomena« neu besorgt. 
Die Peinlichkeit und — man darf sagen — asketische Zuriickhaltung, mit der 
hier die Geschichte eines Buches in seiner auBeren Entstehung und Textgestal- 
tung durchforscht wird, notigt die hochste Achtung ab, zumal E. seine An- 
schauung von der doppelten Redaktion der »Prolegomena« vollig im Hinter- 
grunde laBt, dafiir aber mit unsaglichem FleiB die verschiedenen Wormser 
Drucktypen der »Prolegomena« vergleicht, um iiber die Textgestaltung ein Er- 
gebnis zu erlangen, das fiir die Forschung als endgiiltig gelt en kann. Von seinen 
vielen Arbeiten zur Kantischen Philosophic seien hier nur noch folgende drei 
genannt. 1. Martin Knutzen und seine Zeit, 1876, 2. Kritik der Problemlage in 
Kants transzendentaler Deduktion der Kategorien, 191 5 (Sitzungsber. d. Pr. 
Ak.), 3. Die Idee von Kants Kritik der reinen Vernunft, 1917 (Abh. d. Pr. Ak.). 



Erdmann gi 

Die friihe Arbeit ist auch heute noch unausgeschopft, denn Kants person- 
lichster und sachlich wichtigster Lehrer in dem damaligen Konigsberg steht leib- 
haftig vor uns. Wir erfahren, wie sich Pietismus und Wolffianismus in den 
engen Mauern der Heimatstadt bekriegen und versohnen. Glanzend ist der 
Nachweis gelungen, daB derTheologie studierende Kant eine Legende ist. Noch 
glanzender der Nachweis, wie diese Legende entstehen konnte. Von der Ab- 
handlung aus dem Jahre 191 7 ist zu sagen, daB sie das Schonste und Tiefste 
darstellt, was je iiber die Idee »der Kritikder reinen Vernunft* gedacht und 
gesagt worden ist. — E.s Grundverdienst in der Kantforschung ist folgendes. 
Er hat auf den Hintergrund der Leibnizschen Monadologie, auf die Wolff- 
Crusiusschen Bedingtheiten des Systems, auf die primare Unabhangigkeit von 
der englischen Philosophic und vor allem auf die zentrale Bedeutung des Anti- 
nomienproblems erstmalig und mit dem Nachdruck philologischer Behut- 
samkeit hingewiesen. (Uber kleinere historische Arbeiten E.s siehe insbesondere 
das Archiv fiir Geschichte der Philosophic) Eine auBerst wertvolle Abhand- 
lung zur inneren Geschichte und Gestalt des Berkeleyschen Systems erschien 
als Akademieabhandlung und zugleich Neuherausgabe des Berkeleyschen 
Tagebuches ein Jahr vor seinem Tode (1919). Auch hier wieder der »impetuose« 
Drang nach gegenseitiger Erhellung von Textkritik, Entwicklungsgeschichte 
und Systemexegese. Wundervoll die feinen Lichter, die die tieferen religiosen 
Unterstromungen des 17. Jahrhunderts aus dem Dunkel abheben. 

E.s systematisches Hauptwerk, seine in 2. Auflage 1907, in 3. Auflage nach 
dem Tode erschienene »Logik« ist durch die ebenso eingehenden wie selbstan- 
digen Analysen seines Schlilers J. B. Rieffertim2. Bande des»Lehrbuches der 
Philosophies, herausgegeben von M.Dessoir (Berlin 1925) so griindlichundmaB- 
geblich dargestellt und kritisiert worden, dafl dieser Hinweis hier geniigen 
mag. Wie man auch zu dieser ungemein konsequenten und hochst luziden 
Leistung sich stellen moge : nach dem Werke von Sigwart und vor der Leistung 
Edmund Husserls bedeutet diese an Cantors Mannigf altigkeitslehre ankniipf ende 
Ordnungslehre mit zentraler Heraushebung des Urteils eine ebenso bleibende 
als didaktisch vorbildliche Leistung. Zum Leib-Seelenproblem hat er in der 
fliissig geschriebenen Schrift: »Hypothesen iiber Leib und Seeled Stellung 
genommen. 

E.s psychologische Forschungen gehoren der heute so verhohnten Asso- 
ziationspsychologie an. Er hat sie jedoch hochst selbstandig und fruchtbar fort- 
gebildet. Bewufltsein ist ihm nur ein kleiner Ausschnitt aus der Welt des 
Psychischen : UnbewuBtes und Unterbewufites werden fiir seinen introspektiven 
Scharfblick keineswegs zu bloBen Hilfsbegriffen, sondern zu entscheidenden 
Grundlagen seiner Apperzeptionstheorie, die sich hier von der Assoziations- 
psychologie vollig entfernt. Denn fiir diese Theorie, deren reifster Ausdruck in 
der zusammenfassenden Altersabhandlung : »Grundzuge der Reproduktions- 
psychologie« (Berlin 1920) vorliegt, sind die unbewuBten Bedingungen 
des BewuBtseins entscheidend. Sein Begriff des Residuums, der Residual- 
komponente, der apperzeptiven Verschmelzung im Gegensatz zur assoziativen : 
alle diese auBerst feinen psychologischen Begriffe, gefunden zunachst durch 
meisterhafte Selbstbeobachtung, bestatigt aber auch durch seine mit R. Dodge 
ausgefuhrten »experimentellen psychologischen Untersuchungen iiber das 
Lesen« (Halle 1898), sind in E.s psychologischen Arbeiten, vor allem aber in 



92 192 1 

der schon genannten Abhandlung von 1920 zu einer hochst geistvollen und 
in sich widerspruchslosen Theorie von der Seele entwickelt. 

Der Mensch und Lehrer E. war eine geschlossene Willenspersbnlichkeit. So 
ist von auBen zuweilen seine Energie als bloBer Machttrieb, nicht als der Ab- 
glanz eines leidenschaftlichen VerantwortungsbewuBtseins gedeutet worden. 
Seine Seminarubungen miissen als ganz bedeutende und unvergeBliche Exer- 
zitien im strengen, systematischen und historischen Geiste der Philosophic be- 
trachtet werden. Hier stand ein Mann vor der jungen Generation, dem Treue 
zur Sache Grundbedingung alles geistigen Strebens war: die Omniprasenz 
alles zu einer Ubung notigen, ja auch moglichen Wissens und Denkens gab 
dem Manne mit dem herrlichen Gelehrtenkopf und den wundervoll belebten 
Augen die Wiirde, die Kraft und den Erfolg einer akademischen Fiihrernatur 
im besten Sinne der Tradition. 

Literatur: Carl Stumpf, Gedachtnisrede in Sitz.-Ber. d. PreuB. Akademie der Wiss. 
1921,497/508. 

Berlin. Albert Dietrich. 



Eulenburg, August Ludwig Traugott Graf zu, Minister des Koniglichen 
Hauses* am 22. Oktober 1838 zu Konigsberg i. Pr., f zu Berlin 18. Juni 1921. — 
Sein Vaterwar der am 27. Dezember 1804 geborene Graf Botho zu Eulenburg, 
Erbherr auf Wicken im Kreise Friedland, von 1850 bis 1875 Regierungsprasident 
in Marienwerder und danach President der preuBischen Staatsschuldenverwal- 
tung. In PreuBen bekleidete er die Wiirde des Oberburggrafen und spater die 
des Landhofmeisters. Die Mutter des Grafen August war Therese, geborene 
Graf in von Donhoff-Friedrichstein. Sein alterer B ruder, Graf Botho, war von 
1878 bis 188 1 preuBischer Minister des Innern, nach seinem Riicktritt aus dem 
Ministerium Oberprasident von Hessen-Nassau und unter dem Reichskanzler 
Caprivi preuBischer Ministerprasident, sein jiingerer Bruder Karl preuBischer 
General der Kavallerie. Der jiingste, Wend, starb in jungen Jahren als Brauti- 
gam der Tochter Marie des Fiirsten Bismarck, der spateren Graf in Rantzau. 

Nachdem Graf August E. im Herbst 1856 in Marienwerder das Abiturienten- 
examen im Alter von 17 1 / 2 Jahren bestanden hatte, trat er am 1. November 
desselben Jahres mit der dazu notwendigen personlichen Genehmigung des 
Konigs auf Avancement beim 1. Garderegiment zu FuB ein. 1 7« Jahre spater 
wurde er zum Offizier befordert. 

Als im Herbst i860 sein Onkel Graf Friedrich zu (E., * 1815), als Koniglicher 
Gesandter mit der wichtigen Aufgabe betraut wurde, nach dem Beispiel der 
Vereinigten Staaten, Frankreichs, Englands und RuBlands mit den asiatischen 
Staaten Japan, China und Siam Freundschafts-, Handels- und Schiffahrts- 
vertrage abzuschlieBen und zu dem Zweck an die Spitze einer preuBischen 
Expedition gestellt wurde, erhielt sein Neffe Graf August auf den Antrag des 
Onkels beim Auswartigen Amt die Genehmigung, die Expedition in der Eigen- 
schaft eines Attaches zu begleiten. Auf dieser vom 30. April i860 bis zum 
3. Oktober 1862 dauernden Reise erweiterte sich der geistige Horizont des 
jungen Offiziers nicht nur dadurch, daB er Lander und Volker kennen lernte, 
sondern auch Einblick bekam in das diplomatische Raderwerk und an dem 
Beispiel seines klugen und willensstarken Oheims erkannte, daB Schwierig- 



Erdmann. Eulenburg 03 

keiten nur dazu da seien, um iiberwunden zu werden. In einem eingehenden, 
von scharfer Beobachtungsgabe zeugenden und unterhaltend geschriebenen 
Tagebuch, das sich im Besitz seiner Familie befindet, hat Graf E. den Verlauf 
dieser Reise, den Gang der diplomatischen Verhandlungen mit den drei in Be- 
tracht kommenden Regierungen und seine Eindriicke von Land und Leuten 
geschildert. Er lernte Agypten, Ceylon, Hinterindien, Japan, China und Siam 
durch langeren Aufenthalt in alien diesen Landern und durch freundliches 
Entgegenkommen besonders der englischen Behorden gut kennen. 

Nachdem er die urspriingliche Absicht, die Weltreise mit einem Besuch von 
Paris abzuschlieBen, wegen Ubermiidung aufgegeben hatte, ging er uber Triest, 
Venedig, Verona, Bozen, Wien und Breslau zunachst zu den Eltern nach 
Marienwerder, um dann wieder den militarischen Dienst in Potsdam aufzu- 
nehmen. Allerdings nur noch fur 3 1 /, Jahre. Denn am 18. April 1865 wurde der 
Sekondeleutnant Graf E. zur Dienstleistung als personlicher Adjutant zum 
Kronprinzen Friedrich Wilhelm kommandiert, noch in demselben Jahre zu 
Weihnachten unter Beforderung zum Premierleutnant a la suite des 1. Ost- 
preufiischen Grenadierregiments Nr. 1 Kronprinz gestellt und endgultig zum 
personlichen Adjutanten des Kronprinzen ernannt. Als solcher nahm er im 
kronprinzlichen Hauptquartier am Feldzug gegen Osterreich teil. 

Im September 1868 schied E. aus dem Militardienst aus, um unter Ernennung 
zum Kammerherrn auf Antrag des Kronprinzen Hofmarschall bei ihm zu 
werden. Wahrend des Krieges gegen Frankreich wurde er wieder zum Adju- 
tanten des Kronprinzen ernannt. Nach FriedensschluB wurde Graf E. unter 
dem Oberzeremonienmeister Grafen Stillfried- Alcantara durch Kabinettsorder 
vom 7. Mai 187 1, also noch nicht 33 Jahre alt, Vize-Oberzeremonienmeister. 
In dieser Stellung nahm er wesentlichen Anteil an der Bearbeitung des Zere- 
monialbuchs fiir den Koniglich PreuBischen Hof , einer Zusammenfassung der 
am Berliner Hof geltenden zeremoniellen Vorschriften. Es diente als unter- 
richtendes Handbuch nicht nur den in amtlicher Eigenschaft zum Hofe ge- 
horenden Personen, sondern auch denen, die zu Hofe geladen wurden. Die 
systematische Zusammenstellung der fiir den Verkehr am preufiischen Hofe 
geltenden reglementarischen Bestimmungen war um so notwendiger, weil 
hier die Gesellschaft sich nicht aus so stabilen Elementen zusammensetzte und 
haufiger wechselte als an anderen, z. B. dem Wiener und Londoner Hof, und 
sich infolgedessen die Kenntnis mancher Einrichtungen und Vorschriften nicht 
so traditionell forterbte. NaturgemaB kam auch im preufiischen Hofleben der 
militarische Charakter des Volkes zum Ausdruck, ganz besonders in den Rang- 
verhaltnissen, die im Lauf der Zeit entsprechend den veranderten Zeitverhalt- 
nissen hatten umgestaltet werden miissen. Durch die Festlegung und Ver- 
offentlichung der geltenden Bestimmungen sollte die korrekte Handhabung des 
geltenden Zeremoniells gewahrleistet werden. Wie wenige andere war Graf 
August E., der nach Mitteilung seines Onkels durch seine Gewandtheit sich 
schon wahrend der ostasiatischen Reise als zukiinftiger Hofmarschall emp- 
fohlen hatte, berufen, an dem Zeremonialbuch mafigebend mitzuarbeiten. Sein 
Taktgefuhl, sein Organisationstalent, seine Klugheit, Umsicht und Voraus- 
sicht, seine rasche EntschluBfahigkeit und Sprachenkenntnis pradestinierten 
ihn zur leitenden Stellung am Hofe. So wurde er am 1. Februar 1883 als Nach- 
folger des Grafen Stillfried Oberzeremonienmeister, nachdem ihm kurz vorher 



94 J 9 21 

das Pradikat Excellenz verliehen worden war. 1887 wurde E. auch Vorsitzender 
des Koniglichen Heroldsamtes. 

Als im Mai 1890 der Oberhof- und Hausmarschall v. Liebenau als solcher 
und als Intendant der koniglichen Schlosser seine Entlassung erhielt, wurde 
Graf E. mit der Wahrnehmung seiner Geschafte betraut und am 7. Jnni des- 
selben Jahres neben Beibehaltung seines Amtes als Oberzeremonienmeister 
zum Oberhof- und Hausmarschall ernannt. Im Dezember wurde ihm auch 
noch als Nachf olger des Grafen Perponcher die Leitung der koniglichen Garten- 
intendantur iibertragen. Zu seiner Entlastung wurde er vom Vorsitz im 
Heroldsamt entbunden. 

Diese ersten Jahre der Regierung Kaiser Wilhelms II. mit den vielen An- 
trittsbesuchen des Kaisers und den Gegenbesuchen der fremden Furstlich- 
keiten in Berlin stellten hohe Anforderungen an die Arbeitskraft und das Ver- 
waltungstalent des Chefs der Hofverwaltung. In vollem MaBe hat ihnen Graf E. 
in treuer Pflichterfiillung und in hingebungsvoller Anhanglichkeit an das 
Hohenzollernhaus Geniige geleistet. 

In manchen Krisen war E. seines Herrn getreuer Eckart, ohne jemals 
politisch hervorgetreten zu sein. Er liebte es nicht, von sich reden zu machen. 
Und doch wurde, wer in ihm nur den Hofmann sieht, sein Wesen und 
Wirken unterschatzen. Seine Stellungnahme. in den Tagen der Entlassung Bis- 
marcks entnehmen wir einem vom Fiirsten Philipp E. in seiner Selbstbiographie 
veroffentlichten Brief vom 26. Februar 1890, in dem es heiBt: »Jedenfalls 
wollen wir froh sein, daB eine augenblickliche Katastrophe verhindert und 
Zeit gewonnen ist.« Phlipp E. nennt ihn »einen der kliigsten Manner, die 
PreuBen besaB, von edler, groBer Unabhangigkeit der Gesinnung, einen weiBen 
Raben im Leben aller H6fe«. Mit dem Grafen Cuno Moltke setzte sich Graf E. 
fur die Versohnung des Kaisers mit Bismarck ein und war einer der Forderer 
des Gedankens, Bismarck zu einem Besuch in Berlin zu bewegen. 

Wahrend einer Erkrankung im Winter 1891/92 wurde E. in seinen 
dienstlichen Funktionen vom ObersttruchseB Fiirsten Radolin vertreten. In 
seiner militarischen Stellung brachte er es bis zum General der Infanterie a la 
suite der Armee. Die hochste Ordensauszeichnung, der Schwarze-Adler-Orden, 
war ihm bereits am 21. Oktober 1897 verliehen worden. 

Nach dem Riicktritt des Hausministers v. Wedel-Piesdorf wurde Graf E. 
am 1. Oktober 1907 mit der Verwaltung des Hausministeriums beauftragt unter 
Beibehaltung seiner Stellung als Oberhof- und Hausmarschall und Oberzere- 
monienmeister. Von diesen beiden Amtern trat er erst am 1. Januar 1914 zuruck, 
nachdem er endgultig zum Minister des Koniglichen Hauses ernannt war. Sein 
Nachf olger als Oberhof marschall und Oberzeremonienmeister wurde der bis- 
herige Oberstallmeister Hugo Freiherr v. Reischach. »Ein selten bedeutender 
Mann, mit politischem Flair, der jede Stellung imlnnern, vom Reichskanzleran- 
gefangen, sicher glanzend ausgefiillt hatte, aber auch jeden Botschafterposten, 
jedenfalls der geschickteste Hofmann, der mir in den vierzig Jahren in alien 
Landern vorgekommen, « so kennzeichnet Freiherr v. Reischach seinen Amts- 
vorganger in seinen 1925 unter dem Titel » Unter drei Kaisern« erschienenen 
Lebenserinnerungen. GroBe Menschenkenntnis, vieljahrige Welterfahrung, 
scharfer Verstand, politischer Blick und gute Beziehungen zu alien Souve- 
ranen und maBgebenden Personlichkeiten waren Eigenschaften, die die Ge- 



Eulenburg. Eulenburg-Hertefeld qj 

wahr gaben, dafi er jede staatsmannische Stellung mit gleichem Erfolg aus- 
gef iillt hatte, wie seine hofische. Vasallentreue, sein personlichesTreuverhaltnis 
zu drei Kaisem hat ihn auf den Posten festgehalten, auf die ihr Vertrauen ihn 
benifen hatte. Treu bis zum Tode hat er auch nach dem Thronverzicht des 
Kaisers die Sache seines Herrn und des Koniglichen Hauses vertreten und die 
Interessen der Hohenzollern in den Fragen der Auseinandersetzung mit dem 
Staate wahrgenommen, nachdem er in seiner Stellung als Hausminister mit 
dem i. April 192 1 in den Ruhestand versetzt worden war. Im Auftrag des 
Kaisers fiihrte er als dessen Generalbevollmachtigter die Geschafte der Sonder- 
verwaltung des vormals Koniglichen Hauses weiter. 

»Das war ein Gegner,« sagt ein voriibergehend zur Mitarbeit in der Aus- 
einandersetzungsfrage im preuBischen Finanzministerium tatig gewesener 
sozialdemokratischer Journalist, »mit einem Weitblick, der nicht nur durch 
die Erkenntnis und die Gleichmutigkeit des Alters errungen war. Manchmal 
muBte man glauben, es wirke eine Mission in ihm und gebe ihm Kraft. Jede 
Position seines Herrn verteidigte er wie ein Offizier seinen Platz . . . Immer 
ging es ihm um seine Aufgabe, der Krone zu dienen und ihr zu retten, was 
irgendwie moglich schien. Das hat er meisterhaft verstanden. « So urteilt ein 
politischer und sachlicher Gegner. 

In diesem Kampf um die Geltendmachung der Rechte seines Konigshauses 
ist Graf E. am 18. Juni 1921 einem Herzschlag erlegen. 

Berlin. Bogdan Krieger. 

Eulenburg-Hertefeld, Furst Philipp zu, * 12. Februar 1847, t I 7- September 
1 92 1 zu Liebenberg. — Philipp E. trat von Vater und Mutter, dem Graf en 
Philipp Eulenburg, Adjutanten des alten Generals Wrangel, und Alexan- 
drine v. Rothkirch, der kiinstlerisch reich veranlagten Tochter eines schle- 
sischen Adelsgeschlechtes, eine Doppelerbschaft an, deren innere Widerspriiche 
das Scheitern seines Lebens bedingt haben. Den Grundzug seines Wesens 
bildet eine tiefgehende Weichheit, die ihn physisch und psychisch zur Beute 
der auf ihn eindringenden Eindriicke machte, ohne die Kraft, aus eigenem eine 
innerlich beruhigende, selbstandige Dominante seines Wirkens und Strebens 
herauszuarbeiten. Subjektiv ist das Erbteil der Mutter in ihm starker ge- 
wesen: kunstlerische Empfanglichkeit, ein an sich betrachtlicher Antrieb zu 
eigener literarischer und musikalischer Produktion, eine doch mehr dilettan- 
tische Neigung, sich auch an zeichnerischen und architektonischen Versuchen 
zu erproben, schlieBlich die mit dieser gefahrlichen Vielseitigkeit eng zusammen- 
hangende Gabe fesselnder Geselligkeit sind die Lebensbetatigungen gewesen, 
die ihn eigentlich anzogen. Noch bis auf die Hohe des Mannesalters hat ihn der 
Wunsch gequalt, sich ganz seinen kiinstlerischen Zielen zu widmen. Ein selbst 
so ganz politisch veranlagter Freund wie Biilow hat vorsichtig, aber doch ernst 
ihn gelegentlich gemahnt, dieser inneren Stimme zu folgen. Zeitig hat ein 
kiinstlerisch wirklich bedeutender Mann die Gefahr erkannt, daB ohne die 
ernste Konzentration seiner ganzen Fahigkeit auf diese Auf gaben E.s dichte- 
rische Anlagen in leichtzufriedenem Dilettantismus endigen wiirden. Er hatte 
durch den Reichtum seiner geistigen Interessen in Stockholm die Freundschaft 
des Grafen Gobineau gewonnen, der gleich ihm unter dem Konflikt kiinst- 



g6 1921 

lerischer Traume und des diplomatischen Berufes litt. Gobineau hat in ernsten 
Warnungen, die E., unkritisch gegen das Fazit des eigenen Lebens, 1906 selbst 
veroffentlichte, den Freund gemahnt, sich nicht mit zu leichten Erfolgen — 
mehr der geselligen Atmosphare als starken Kunstlertums — zu begniigen. 
»Ich fiirchte den Dilettantismus fur Sie «, da furE.sankleinenTriumphen leicht 
erfreute, nervose Natur geringfiigige Arbeiten tatsachlich erschlaffend wirken 
muBten. Diese Prophezeiung ist tragisch in Erf ullung gegangen. Der Dichter E. 
hat Liebenswtirdiges geleistet, wo er — in den Kindergeschichten — sein 
eigenes Familiengliick anspruchslos, aber anziehend spiegelt. Er hat mit einer 
einzelnen Produktion, der gefalligen Sentimentalitat der Rosenlieder, einen 
Augenblickserfolg bei den Massen errungen. Er hat — in den Skaldenliedern — 
umsonst versucht, den Ton strenger Herbheit zu treffen, der sich nur einem 
gesammelten Kunstlertum erschlieBt, das alles Lebensblut in das Kunstwerk 
sammeln kann. Er hat keinen wirklich eigenen Klang gefunden und seine dich- 
terische Lebensarbeit zahlte schon bei seinem Tode nicht mehr zum lebendigen 
Gut der Zeit, ohne daB der geringste AnlaB vorlage, eine spatere Wieder- 
belebung zu erwarten. Die politische Laufbahn hat zu starke Krafte abgegraben, 
wenn sie uberhaupt geniigt hatten, um dem Kiinstler eine den Tag uberdauernde 
Tragfahigkeit zu verleihen. E. hat sich mit dem Blut und den Neigungen der 
bis ins hohe Alter zartlich geliebten Mutter doch widerstandsunfahig der ost- 
preuBischen Tradition der vaterlichen Familie mit ihrer langen Reihe von Be- 
amten und Offizieren gefangen gegeben. Finanzielle Riicksicht, ausschlaggebend 
nach seiner EheschlieBung, hat die Entscheidung schlieBlich nur besiegelt. Die 
Nachgiebigkeit gegen sie verriet doch auch nur, daB in ihm nicht ein Tropfen 
Kampferblut war. 

E. ist nach einer gliicklichen Kindheit 1866 bei dem Gardedukorps als Fahnen- 
junker eingetreten, im Winter 1868/69 Offizier geworden und hat den Krieg 
von 1870/71 mitgemacht. Seine sensible Natur hat die Reibung mit anscheinend 
unerfreulichen Vorgesetzten nicht iiberwinden konnen. Der Mann, der einen 
Friedrich Wilhelm I. wegen seiner Harte gegen Katte einfach als halbverriickt 
abtat, war im Kern seiner Natur trotz gutem Willen und gelegentlicher 
Sehnsucht unfahig, mit der altpreuBischen Strenge militarischer Tradition zu 
verwachsen. Schon vor dem Kriege hat er — die erste Vorbereitung zum Wech- 
sel der Laufbahn — langeren Urlaub genommen, um das Abiturium nachzu- 
holen. Nach dem Kriege nahm er den Abschied; 1875 folgte das Referendar- 
examen in Kassel und der Doktor juris in GieBen; gegen Ende des Jahres in 
Stockholm seine Hochzeit mit der fur Deutschland begeisterten Grafin Augusta 
von Sandels, einer Lebensgefahrtin, die auch in der auBersten Not seiner letzten 
Jahre nicht von ihm gewichen ist. Ihre frauenhaft ergreifende Verteidigung des 
Gatten ist fur den Historiker abseits von der Rechtsfrage der Tatsachhchkeit 
einer moglichen vereinzelten Verfehlung doch ein schliissiges Dokument dafiir, 
daB der Mensch E. als Ganzes nach seiner zweifellos gliicklichen langen, kinder- 
gesegneten Ehe, nicht nach der mit fragwiirdigsten Mitteln arbeitenden An- 
klage eines Harden zu beurteilen ist. 

Auch jetzt wagte er jedoch nicht, sich den Weg in die Freiheit zu bahnen, 
obwohldie ersten Sprossen richterlicher Betatigung auf ihn ebenso abschreckend 
wirkten, wie einst der Heeresdienst, sondern beugte sich erneut dem Willen 
seines Vaters, dem Zwang einer beamteten Laufbahn. Langjahrige Familien- 



Eulenburg-Hertefeld 07 

freundschaft mit den Bismarcks und personliche Neigung zwischen ihm und 
Herbert erleichterten ihm den Eintritt in die diplomatische Laufbahn, ohne 
daB in seinem Aufstieg vor 1888 von besonderer Begiinstigung gesprochen wer- 
den kann. Die diplomatische Ausbildungszeit von 1877 bis 1881 verstarkte diese 
enge Verbindung zur Familie Bismarck. E. war bis 1886 durch enge personliche 
Freundschaft mit Herbert verbunden und hat dessen Kampf gegen den Vater 
um die Ehe mit Elisabeth Hatzfeldt als vertrauter Berater des Sohnes mit- 
erlebt. Diese erste Probe ergab schon die innere Unvereinbarkeit seiner 
gefuhlsmaflig urteilenden Natur mit der unerbittlichen Mannlichkeit der Bis- 
marckschen Atmosphare. Der leidenschaftliche Widerstand des Kanzlers gegen 
die Neigung seines Sohnes, in dem gekrankte Liebe des Vaters und zornige Ver- 
teidigung seines politischen Erbes untrennbar zusammenflossen, erschien einem 
E. nur als Ausdruck einer organisierten, im Grunde gemiitskalten Macht- 
maschine, die zu verstehen ihm im tiefsten Grunde unmoglich war. Aus diesen 
Erfahrungen, verbunden mit dem hochmiitigen Herabsehen einer Natur, die 
vom Kiinstler die Nerven, nicht die Lebenstiefe besaB, auf den als unasthetisch 
verworfenen auBeren Rahmen des Bismarckschen Famihenlebens sind die 
ersten Keime zu jenem Zerrbild entstanden, das E. in der Verbitterung seiner 
letzten Lebensjahre von dem einst bewunderten Reichskanzler entworfen hat. 
Auch die Geschichte seiner diplomatischen Berufstatigkeit ist die Geschichte 
einer wachsenden Entf remdung gegen Bismarck und die Bismarcks. Nach einem 
kurzen Pariser Intermezzo (1881), das ihm durch den schnell aufeinander fol- 
genden Tod zweier Kinder verleidet wurde, folgte von 1881 bis 1888 die gliick- 
lichste Zeit seines Lebens in Munchen. Hier zuerst wie spater in Wien zeigt sich 
bei E. doch die typische Diplomatenschwache, sich iiberstark durch die Ein- 
driicke des jeweiligen Postens bestimmen zu lassen. Weil er in der bayerischen 
Hauptstadt durch Jahre hindurch das liberale Ministerium Lutz gegen die dem 
Reichsgedanken abgiinstigen Kreise des ultramontanen Hochadels zu stutzen 
hatte, wurde zunachst das Zentrum fiir den konservativen Protestanten E. 
generell der politische Gegner. Das hat bis in die Entlassungskrise Bismarcks 
gewirkt, in der E.s Haltung durch die ihm verdachtige Annaherung des Kanz- 
lers an Windthorst verscharf t wurde. Fuhlte er sich in Munchen zunachst dank 
dem Hintergrund des anregenden kunstlerischen und geselligen Lebens wohl, 
so erwachte doch auf diesem Boden bei ihm auch eine gewisse, stark person- 
lich gefarbte Neigung fiir seinen pohtischen Beruf : der tragische Ausgang Konig 
Ludwigs II. gab ihm eine erste Gelegenheit, sein Talent geschickter, schmieg- 
samer Menschenbehandlung so zu entfalten, daB er nicht nur Bismarcks An- 
erkennung erntete, sondern auch eine Schicksalsgestalt seiner spateren Lauf- 
bahn : Holstein, mit ihm ankniipfte. E. hat eigentlich personlichen starken Ehr- 
geiz zweifellos nie besessen, da sich seine Empfindlichkeit den Anfeindungen 
eines exponierten Postens nicht gewachsen fuhlte. Der Versuchung, seine 
Stimme zur Geltung zu bringen, hat er sich naturnotwendig nicht entziehen 
konnen, da er mehr wie einmal in Lagen kam, in denen wirkliche Neutralitat 
zwischen scharf gegensatzlichen Lagern eine einfache Unmoglichkeit war. Die 
notwendige Folge dieser Halbheit ist fiir ihn immer wieder eine innerlich un- 
haltbare schief e Stellung gewesen : er selbst versuchte als Geist der Versoh- 
nung iiber den erregten Wassern zu schweben und warf doch tatsachlich das 
Gewicht seines Einflusses in die Schale einer Partei. Es wirkt als Vordeutung 
dbj 7 



98 1 92 1 

dieses Verhangnisses, wenn Holstein ihn jetzt anscheinend vorsichtig daraufhin 
sondiert, ob er Neigung habe, das politische Erbe seines Miinchener Vor- 
gesetzten, desGrafen Werthern-Beichlingen, anzutreten. E. verehrte diesen per- 
sonlich; in der Antwort an Holstein aber zeicbnete er das Bild eines idealen 
Nachfolgers, eines Musters »freundlicher Energies in einer Weise, die dem 
Empfanger des Briefes als Selbstportrat des Scbreibers, als vorsichtiger An- 
spruch auf den f raglicben Posten erscheinen muBte. E., ehrlich, unpolitisch im 
Grunde seiner Natur, wurde in der politischen Luft notwendig zum Intriganten 
ausSchwacheundNachgibigkeit, oft, kaum stets zum Intriganten wider Willen. 
Diese Eigenscbaften sind aucb das Verhangnis der im gleichen Jabr 1886 an- 
gekniipften zweiten Schicksalsbeziebung, der Freundschaft zu dem damaligen 
Prinzen Wilhelm, geworden. Damit trafen sich zwei gefuhlsmaBig iiberschweng- 
licbe Naturen, die im Enthusiasmus der Anfange ibrer Beziebungen sicb einer 
iiber des anderen Wesen tauschten, wechselseitig aber durcb die Toleranz der 
Blindbeit iiber den Charakter des Gegenspielers zunacbst obne Reserve die ge- 
fahrlichen Seiten ibrer Veranlagung steigerten. Der unkiinstleriscbe Tbronerbe 
begeisterte sicb an den Skaldenliedern, die der gegen andere so asthetiscb emp- 
findliche Dichter und Komponist unbedenklicb an die geliebte Militarmusik 
des Prinzen auslieferte, wabrend beide sich zum ironischen Erstaunen der 
Nachwelt spater als Bauherren bewunderten. Dieselbe Gefiiblswelt aucb in 
der Politik. Welche Wirkung muB es auf den spateren Kaiser Wilbelm gebabt 
baben, wenn der altere Freund ibm scbon 1887 sein Gefuhlsdogma eines ger- 
maniscb-slawiscben Rassenkrieges der Zukunft ausplauderte. Die pflichtgemaBe 
Reserve, die E. in Riicksicbt auf die Bisniarckscbe Politik machte, diesen Krieg 
nicbt in der eigenen Generation austragen zu wollen, ist an dem Prinzen spurlos 
voriibergegangen, dem Waldersee den gleichen Gedanken mit militarischer 
Begriindung einzufloBen sucbte. Von Anfang an nistete sich in dies Verhaltnis 
durch die Uberscbwenglichkeit der Anfange der Ton maBloser Bewunderung 
des kiinftigen Herrschers ein. An der Ehrlichkeit dieser Illusion, die auch durcb 
rechtzeitige Warnungen Herbert Bismarcks nicht gestort wurde, diirfte kein 
Zweifel sein. Noch nach Jahren bat dieser Ton der Heldenverehrung gegen den 
Kaiser, der hochstens als tragische Gestalt in einer wesensfremden Zeit be- 
dauert, erst viel zu spat in seiner wirklichen Schwacbe durchschaut wurde, auf 
den schon skeptischen Waldersee den Eindruck der Echtheit gemacht (1890/91). 
tJber die vernichtenden Wirkungen dieser Atmosphare des Weihrauchs auf 
den jugendlichen Wilhelm II. kann aber kein Zweifel sein, wenn man liest, 
daJ3 Biilow 1890 seinem Freunde E. widerspruchslos den Monarchen als 
Herrschergestalt vom GroBenmaB der heldenbaften Saber und Hohenstaufen 
des Mittelalters bezeichnen konnte. Alle spateren Warnungen an den Kaiser 
muBten scbon mit Riicksicht auf diesen anfanglichen Irrweg in sehr gedampftem 
Klang, in einer von modifizierter Schmeichelei bis zum Ende der goer Jahre 
so wenig verschiedenen Tonart gegeben werden, daB sie das unheilvolle Ergeb- 
nis dieses Anfangseinflusses nicht mehr umstoBen konnten. Sieht man dann 
noch, daB auch ein Holstein mit E. zunachst im Tone superlativer Schmeichelei 
verkehrt, daB auch Biilow dies oft genug tut, so laBt sich nicht verkennen, daB 
hier eine konstitutive Scbwache des Dichter-Diplomaten vorgelegen hat. Konnte 
er sich auch im Notf alle zu pflichtgemaBer Strenge auf raff en, so hat er sich doch 
im Grunde nur in einer Atmosphare gegenseitiger Anerkennung wohl gefuhlt, 



Eulenburg-Hertefeld 00 

die sich im Fahrwasser angenehmen gesellschaftlichen Verkehrs, nicht in der 
harten politischen Tagesarbeit im innersten Kreise der Verantwortlichen be- 
wahren laBt. Die boshafte Walderseesche Anekdote, er solle unter Tranen er- 
klart haben, dem Kaiser keine Harten sagen zu konnen, zeigt die durchschnitt- 
liche Ubertreibung solcher liebevollen gesellschaftlichen Erf indungen ; sie trifft 
aber doch richtig, wie sich diese unkritische Freundschaft in einer kritischen 
Umgebung schlieBlich spiegeln muBte. 

E. ist durch seine Bewunderung des jungen Kaisers einer der Mitverantwort- 
lichen an Bismarcks Sturz geworden. Zwar hat er lange gesucht zu vermitteln 
tind auszugleichen ; sein Herz hat ihn stets auf der kaiserlichen Seite gehalten 
und wo es sich zu entscheiden gait, hat er gegen den Reichsgriinder entschieden, 
in der letzten Phase der Kampfe mit bewuBter Klarheit des Ziels : er wuBte, daB 
die Entlassung kommen werde, aber sie sollte sich nach seinem Willen nur so 
vollziehen, daB der Ruf des Herrschers nicht zu sehr geschadigt wiirde. Er hat 
schon in der Frage der Stockerschen Stadtmission im Grunde mit seinen Sym- 
pathien auf der Seite des Prinzen Wilhelm gestanden und diesen nur sehr ge- 
linde gewarnt. Im Jahre 1889 stellt sich sein Gegensatz zu Bismarck und den 
Bismarcks klar heraus. E. bekampft den personlichen EinfluB Herbert Bis- 
marcks am Hofe ; gemeinsam mit Waldersee arbeitet er der russischen Politik 
des Kanzlers entgegen. E. hat (Dezember 1889) durch seine Veranlassung den 
unheilvollen VorstoB Waldersees ausgelost, der im Januar 1890 bei dem Kaiser 
Bismarcks ungeniigende Berichterstattung iiber RuBland denunzierte. E. hat 
sich ferner im gleichen Monat ganz greifbar mit dem Generalstabschef ver- 
schworen, um den Monarchen vom EinfluB des Kanzlers loszulosen. Seine ganze 
Sorge war nicht der Verlust der Nation durch den Sturz des Reichsgriinders, 
sondern der »Krach«, der bei dieser Gelegenheit zu entstehen drohte. In der 
letzten Phase der Krise hat er erfolgreich Bismarcks Widerstreben gegen die 
Internationale Sozialkonferenz in Berlin durchkreuzt. Und als das Unheil dann 
wirklich eintrat, riefen ihn bezeichnenderweise Bismarcks bitterste Feinde — 
Waldersee und Holstein — als zuverlassigen Heifer nach Berlin. Wenn sich E. 
noch Februar 1890 vorredete, er halte trotz alien Gegengriinden am Kanzler 
fest — allerdings nur bis die Stellung Wilhelms II. unzweifelhaft gefestigt sei — , 
so zeigt das nur das bei ihm mogliche MaB innerer Unklarheit. Je naher er dem 
Kaiser stand, desto schwerer muB seine tatsachliche Bismarckfronde in die 
Wagschale gef alien sein. Er trug zum erstenmal ein groBes MaB der Mitverant- 
wortung am Sturze eines deutschen Kanzlers. 

Seine Verantwortung fur den Gang der Dinge beruht schon seit 1888 auch 
auBerlich auf fester Grundlage. Zugleich mit der Ernennung zum preuBischen 
Gesandten in Oldenburg und Braunschweig — im letzteren gliickte es seinem 
ganz personlichen Appell an die Ritterlichkeit des Prinzregenten, diesen von der 
Absicht der Resignation abzubringen — war er offiziell als Mittelsmann 
zwischen Auswartigem Amt und Kaiser anerkannt worden. Er hat in dieser 
Stellung, als Reisebegleiter des Monarchen und in oft wiederholten Gelegenheits- 
einwirkungen, wahrend der ersten Jahre des neuen Kurses das HochstmaB 
seines Einflusses ausgeiibt. 1890 — nach kurzer Stuttgarter Mission — hat er 
auch den ersehnten Miinchener Posten erlangt, den bereits der Prinz Wilhelm 
vor Jahren dem Freunde zugedacht hatte. Trotzdem beginnt jetzt die Tragodie 
seines politischen Lebens: die Enttauschung an Wilhelm II.; gegen dessen 



100 1921 

sprunghafte Subjektivitat er von den verantwortlichen politischen Fuhrern un- 
aufhorlich auf die Bresche gerufen wurde. Damit begann ein Verhaltnis, in dem 
auch die alte personliche Freundschaft beider Manner schlieBlich erlahmen 
muBte. E. ist noch lange nicht eigentlich zum Skeptiker an dem Herrscher 
geworden, aber triftige politische Mahnungen muBte er ihm immer wieder vor- 
tragen und konnte nicht hindern, daB der Monarch es vorzog, sein Ohr in stei- 
gendem MaBe bequemeren militarischen Ratgebern seiner personlichen Um- 
gebung zu leihen, daB die Politik des Freundes von der Politik der Adjutanten 
aus dem Felde geschlagen wurde. Es ist kein zuf alliger Ausgang, daB Wilhelm II. 
ihn zwar noch durch ein ganzes Jahrzehnt mit auBeren Wurden beschenkt, ihn 
aber schlieBlich in der Probestunde der Hardenschen Angriffe, sehr unvorteil- 
haft von dem Verhalten seines Oheims Eduard VII. in ahnlichen Klippen sich 
unterscheidend, schweigend im Stich lieB und auch nachtraglich in seinen 
Erinnerungen den einst vertrautesten Freund mit keiner Silbe erwahnt hat. 

E. hat die ersten Jahre nach 1890 loyal mit den nun maBgebenden Mannern, 
Caprivi, Marschall, Holstein, zusammengearbeitet. Zeitig wich er jedoch von 
ihnen in der relativen Schwache seiner Abwehrstellung gegen die Bismarcks ab. 
Waldersee holte sich durch ihn die kaiserliche Erlaubnis zu seinem ersten Be- 
such in Friedrichsruh ; 1894 hat sich E. vorsichtig zugunsten des Bismarckischen 
Besuches in Berlin geauBert. Je schwacher Caprivis Stellung beim Kaiser 
wurde, je mehr ist auch E. wieder in eine ungliickselige Zwitterstellung, wie 
einst in der Bismarckkrise, gesunken. Die Energie, bei der Partei des Kanzlers 
zu bleiben, hat ihm zum zweitenmal gefehlt. Konservativ gesinnt, erfaBte ihn 
auch allmahlich das MiBtrauen seiner Parteigenossen gegen den politischen 
Kurs des Kanzlers, der fur sie sich den Demokraten und dem Zentrum zu ent- 
gegenkommend envies. Diese Einstellung wurde personlich dadurch verstarkt, 
daB sein von Philipp E. hochgeschatzter Vetter Botho, seit dem Scheitern des 
Zedlitzschen Schulgesetzes preuBischer Ministerprasident, der Hauptgegner des 
Kanzlers war. Schon im Juli 1892 durfte Waldersee zu E., der zugab, daB alles 
bergab gehe, von der wiinschenswerten Nachfolge Bothos auch in der Kanzler- 
schaft des Reiches sprechen. Im September 1893 — noch lange vor Caprivis 
wirklichem Sturz — war E. wie einst von Bismarcks, nun auch von Caprivis 
Unhaltbarkeit iiberzeugt; damals ist offenbar schon der Zeitpunkt eingetreten, 
in dem er sich, nach seinem spateren Gestandnis an Billow, erlaubte, auch andere 
Kombinationen ins Auge zu fassen. Er hat zu Hohenlohe seinen Vetter als ge- 
eigneten Nachfolger erwahnt. Wenn er also auch jetzt keinen eigenen Ehrgeiz 
entwickelte und das Staatssekretariat des AuBeren mied, das ihm Holstein ein- 
mal zugedacht hatte, so ist doch klar, daB seine Stimmung entsprechend seinen 
konservativen Anschauungen und parallel der Haltung seiner einfluBreichen 
Verwandtschaft gegen Caprivi sprach ; seine Vermittlungsbestrebungen konnen 
wieder nur Lippendienst gewesen sein. Seine Kandidaten — Botho Eulenburg 
und Biilow fiir Caprivi und Marschall — stehen seit Marz 1894 fest; in der 
letzten Krise iiber die Frage des Sozialistengesetzes stand er ausgesprochen auf 
seiten der Gegner des zweiten Kanzlers. Und als die letzte, auch ihn iiber- 
raschende Wendung des Kampfes hinter den Kulissen seinen Vetter als dritten 
Kanzler des Reiches unmoglich machte, hat er dem Kaiser in Liebenberg Hohen- 
lohe vorgeschlagen, dessen Altersschwache seinem zweiten Reservemann, 
Biilow, den Weg offen lieB. Wenn der Wille zum politischen Angriff nicht aktiv 



Eulenburg-Hertefeld 1 01 

gewesen ist wie bei dem energischeren Botho, der in dieser Periode zweifellos 
iiberlegenen EinfluB auf ihn ausiibte, so ist doch wieder seine scheinneutrale 
Stellung fiir den unterliegenden Teil doppelt gefahrlich gewesen. 

Diese Doppeldeutigkeit seines Verhaltens hat ihm den griindlichen HaB seines 
alten Gonners Holstein eingetragen. Dieser hat in den Jahren 1894 und 1895 
E. im Zentrum angegriffen: mit dem Vorwurf, daJ3 seine nachgiebig weiche 
Freundschaft eine schwere Verantwortung an der unheilvollen Selbstherrlich- 
keit Wilhelms II. trage. E. hat sich, dadurch imlnnersten getroffen, in die un- 
haltbare Gegenanklage gefliichtet, daB Holstein, ein verkappter Revolutionar, 
die Entthronung des Monarchen anstrebe. Er hat im Grunde doch kaum ver- 
kennen konnen, was dieser wollte: den entschlossenen Widerstand der hochsten 
Reichsbeamten gegen die Eingebungen der kaiserlichen Launen, die Wieder- 
herstellung des Kerns der Bismarckschen Reichsverf assung : der realen Ver- 
antwortlichkeit des Kanzlers. Daher seine unklare Gefiihlsverteidigung, daB die 
Herrschernatur Wilhelms II. ein Naturverhangnis sei, dessen Folgen Deutsch- 
land nun einmal tragen miisse. Daher die geschichtlich drapierte Klage, daB 
der Grund des Verhangnisses die GroBe Bismarcks sei, der die Nation in dem 
langen Greisenalter Wilhelms I. der Selbstregiemng des Monarchen entfremdet 
habe. In der ganzen Auseinandersetzung ist nur schlecht verhiillt, daB ihm 
innerlich der Glaube an die Begabung des Kaisers schon abhanden gekommen 
war. Er hielt die Illusion noch fest, weil das Erwachen angesichts der erhobenen 
Anklage zu schrecklich war, weil er fiihlte, daB ihm selbst die Starke fehlte, die 
Konsequenz aus der Enthiillung seines Irrtums anders als in der Form der 
Resignation, der miiden Kapitulation vor dem Schicksal zu ziehen. Aber er 
kampfte bereits in der Defensive ohne rechte Hoffnung auf geschichtliche Be- 
wahrung seines Standpunktes. 

Als es ihm 1897 gegluckt war, seinen Freund Biilow ans Ruder zu bringen, 
hat er noch einmal fliichtig geglaubt, den Mann gefunden zu haben, der den 
Kaiser lenken und dadurch alles retten konne. Schneller als die meisten anderen 
hat er dann begriffen, daB Biilows aalglatte Gewandtheit und nachgiebige 
Schmeichelkunst im Grunde doch den eigenen Fehler ohne entscheidende Besse- 
rung fortsetzte. In den letzten Jahren vor 1900 vollendete sich seine Erniichte- 
rung. Er fand jetzt gelegentlich den Mut zu ernstester Warnung an den Kaiser, 
den Holstein vor 4 Jahren vergeblich von ihm verlangt hatte, muBte aber fest- 
stellen, daB auf die Dauer sein EinfluB zu einer inneren Bekehrung des Herr- 
schers nicht mehr geniigte; daB er der Gefangene seiner alten Irrtumer blieb. 
Uber Wilhelm II. hat er nun — zu spat fiir seinen eigenen Ruf als Staatsmann 
und Menschenkenner — mit groBer Scharfe geurteilt: »Der Kaiser ist die groBte 
Enttauschung meines Lebens ; ich hatte alles von ihm gehofft und er hat nichts 
gehalten. « Es ist aus dem Munde eines ganz nahen Freundes das Gegenstiick 
zum Urteil Eduards VII.: Wilhelm II. sei der glanzendste MiBerfolg der Ge- 
schichte. 

Parallel dieser Entwicklung ist in dem letzten Jahrzehnt seiner Amtszeit 
auch E.s EinfluB auf die Gestaltung der Dinge in der Berliner Zentrale zuriick- 
gegangen. Er hat sich mehr und mehr auf die Wahrnehmung der Geschafte der 
Wiener Botschaft beschrankt, die er von 1894 bis 1903, seit 1900 in den Fiirsten- 
stand erhoben, innehatte. Erfolge personlicher Beeinflussung hat er auch hier 
errungen. Seine Beziehungen zu dem alten Kaiser Franz Joseph waren die besten, 



102 1921 

und er hat den urspriinglich zu RuBland neigenden Thronfolger Franz 
Ferdinand durch diskrete Begiinstigung seiner Ehe fur Deutschland gewonnen 
und mit Kaiser Wilhelm II. zusammengebracht. Sonst bestatigte auch der Ver- 
lauf dieser seiner letzten groBen Mission, daB E., trotzdem er nach Kraften seine 
politikfeindliche Natur in die Bahnen gewissenhafter Pflichterfullung zwang, 
zum Staatsmann nicht werden konnte, allein schon weil ihm dazu die Nerven 
fehlten. Wie der ganze neue Kurs, der leichtfertig die russische Politik Bismarcks 
preisgegeben hatte und nun immer wieder erfahren muBte, daB Deutschland 
fortan nicht mehr die Macht war, die eher als andere den Weg nach Petersburg 
finden konnte, stand er in diesen ganzen Jahren unter dem Alpdruck drohender 
Untreue des osterreichischen Bundesgenossen. Seine Mission begann mit dem 
Argwohn, daB Graf Kalnoky gegen Ende seiner Amtszeit sich an Frankreich 
und RuBland anzunahern suche. Die gefahrliche Abneigung gegen RuBland, 
die dann sein Nachfolger Goluchowsky in den Anfangen seiner Balkanpolitik 
entwickelte, wurde von ihm im Vergleich dazu als relative Erleichterung 
seiner Stellung freudig begniBt. Schon 1896 muBte ihn Hohenlohe mahnen, 
nicht zu nachgiebig gegen die Wiener Politik zu sein, deren Drang nach den 
Meerengen von Deutschland gehemmt werden miisse. In der Kretakrise des 
Jahres 1897 hat E. doch wieder kritiklos in der deutschen Ablehnung eines 
Wiener Blockadevorschlages eine Lebensgefahr fur das Biindnis gesehen und 
die Griinde des Berliner Verhaltens blindlings nur in personlichen Motiven Hol- 
steins erblicken wollen. Das Jahr 1898 brachte dann tatsachlich eine ernstere 
Verstimmung zwischen den Bundesgenossen, die durch osterreichische Reaktion 
gegen MaBnahmen der preuBischen Polenpolitik veranlaBt wurde. E. hat in 
diesem Falle sich standhafter gehalten, als sein Biograph Haller dies geschil- 
dert hat. Er hat die ernste Verwahrung Billows selbst gewiinscht. Aber im 
Hintergrund ist seine nervoseAngstlichkeit die alte geblieben. Er hat zunachst 
Goluchowsky, sich an ihn als Nothelfer klammernd, als unbedingt dreibund- 
freundlich verteidigt und diesem durch die deutsche Beschwerde nur indirekt 
eineEntlastung verschaffen wollen. Bald darauf hat er selbst den osterreichischen 
Minister sehr viel niichterner beurteilen miissen, da Goluchowsky den tsche- 
chischen Angriff auf den Dreibund als abgespieltes Luxusklavier (Kramarc, 
Februar 1899) sehr kiihl und gemessen hinnahm. Zu nachtraglichen Anklagen 
gegen ttolstein und Biilow als Zerstorer des Dreibundes hat er nach dieser. 
Botschaftertatigkeit jedenfalls nicht das Recht gehabt. Der eigentliche Fehler 
der wilhelminischen Biindnispolitik, sich aus Sorge vor Isolierung in iiber- 
triebene Abhangigkeit von dem weitaus schwacheren, allein verlorenen Alli- 
ierten zu begeben, ist von ihm noch starker und zeitiger vertreten als von seinem 
gewandten Freunde Biilow. 

E. trat als schwerkr anker Mann 1903 in den Ruhestand. In diesem ereilte ihn 
nach wenigen Jahren die furchtbare Katastrophe der Hardenschen Angriff e. 
Ein abschlieBendes Urteil iiber die Frage des nicht ausgetragenen Prozesses ist 
auch jetzt noch nicht recht moglich. Nur das steht fest, daB politische Feigheit 
vor dem Grollen einer aufgepeitschten offentlichen Meinung eine Rolle gespielt 
hat, die nicht hatte sein durfen, und daB die Anklage, die sich systematisch 
auch ersichtlich unzuverlassiger Zeugnisse bediente, keinen Anspruch auf be- 
sondere Glaubwiirdigkeit hatte. Nimmt man alles, was Haller aus E.s privatem 
I^eben berichtet, als Ganzes, so bleibt der Eindruck, daB unleugbare Schwachen 



Eulenburg-Hertefeld. Francke IO3 

E.s mit raffiniertem Geschick zu einem zunachst todlich wirkenden VorstoB 
ausgenutzt sind, daB aber sein Familienleben die Anklage dauernder Perversitat 
als im hochsten Grade unwahrscheinlich erscheinen laBt. Auf jeden Fall be- 
schrankt sich nach dem Zusammenbruch der meisten Einzelanklagen selbst 
der Verdacht auf einen Rest, der fur die historische Wiirdigung seiner Gestalt 
nicht mehr ausschlaggebend ist. 

Sein Leben war mit dieser Katastrophe auch aufierlich unheilbar zerstort. 
Von der Einstellung des Prozessesim Juli 1907 ab hat er nur durch ausgesuchte 
Pflege, gefesselt an das heimatliche Liebenberg, sein Leben als stets schwer ge- 
fahrdeter Mann bis 192 1 fristen konnen. Ein Gliicksgeschenk ist fiir den Leiden - 
den auch diese Frist nicht gewesen. Zu der Zertrummerung seines personlichen 
Daseins hat er, ihn jetzt mit fruchtlosen Kassandrarufen begleitend, die sich 
im Kreise der nicht von ihm befurwortetenKontinentalpohtikbewegten, ohne 
doch England verletzen zu wollen, auch noch den Untergang seines Kaisers 
und die Demiitigung seiner Nation erlebt. 

Schriftlicher Nachlafl: Rechtsanwalt Robert HauBmann, Stuttgart. — Literarische 
und musikalische Werke: a) Erzahlungen und Gedichte: Skaldengesange 1892. — Das 
Weihnachtsbuch, 1892. — Erich und Erika und andere Erzahlungen fiir Kinder, 1893. — 
Abenderzahlungen, Marchen und Traume, 1894. — Drei Marchen, 1899. — b) Schauspiele 
(unter Pseudonym aufgef iihrt) : Margot, 1885. — Der Seestern, 1887 (Pseudonym: Iwan 
Svenson.) — c) Kotnpositionen : 8 Hefte Skaldengesange, Waldmarchen, Seemarchen, 
Rosenlieder. Eine Liebesgeschichte. 2 Hefte Nordlandslieder, Gesange fiir dramatischen 
Vortrag, Methgesange, Die Tonne, Weihnachtsgesange, Das Marchen fiir die Freiheit, 
1892/94. Aus Freundschaftstagen, Liebeswende, Ostliche Lieder, 1895 f. Sternenlieder, 

1897 f- 

Autobiographisches: Eine Erinnerung an Graf Arthur Gobineau, Stuttgart 1900. — 
Erinnerungen an ein Clevisches Rittergeschlecht, 1899 (Manuskriptdruck) . — Erinnerungs- 
blatt an seine Mutter, 1902 (ebenso). — Aus 50 Jahren, Berlin 1923 (Herausgeber Joh. 
Haller). — Eulenburgs diplomatische Examensarbeit (Die Veranlassung zu der militari- 
schen Intervention PreuCens in Holland im Jahre 1787) ist veroffentlicht in Nord und Slid, 
Februar 1888, unter dem Titel: Ein Blatt preuCischer Politik vor 100 Jahren. 

Literatur: Joh. Haller, Aus dem I^eben des Fiirsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, 
Berlin 1924. — Vgl. ferner: Memoiren von Hohenlohe, Waldersee, Zedlitz-Triitzschler. — 
O. Hammann, Um den Kaiser, 19 19. — v. Treskow, Von Fiirsten und anderen Sterblichen, 
1922. — Harden in der »Zukunft« von August 1906 ab und in den »K6pfen«. — Thadden- 
Trieglaff, Deutsche Revue, 192 1, II, S. 81 ff. — v. Ebermeyer, Deutsche Revue, 1922, 
IV, S. 193 ff. — Alexander Hohenlohe, Deutsche Revue 1919, Bd. I, S. 104. — v. Below, 
Deutschlands Erneuerung, Januar 1924, S. 17. — t)ber die Zeit der Wiener Botschaft 
jetzt: O. Becker, Bismarck u. die Einkreisung Deutschlands. Teil II. Das franzosisch-rus- 
sische Biindnis, Berlin 1925. B. teilt die Ansicht Eulenburgs, dafl Kalnoky ernsthaft 
eine Anderung der osterreichischen Bundnispolitik erwogen haben. Vgl. dazu meine Be- 
sprechung ^Deutsche Literaturzeitung* 1926, 42. Heft, Sp. 2094 ff. 

Halle a. d. S. Hans Herzfeld 

Francke, Ernst, Professor Dr. oec. publ, in Koburg am 10. November 1852. 
t am 23. Dezember 1921 in Freiburg i. B. — Professor F. war zwei Jahrzehnte 
lang einer der fiihrenden deutschen Sozialpolitiker. Sein Name ist aufs engste 
mit dem des friiheren preuflischen Handelsministers Freiherrn v. Berlepsch 
verbunden, der mit Francke, Hitze, Trimborn, Hugo Heinemann, Karl Legien, 
Theodor Leipart, Adam Stegerwald, Giesberts, Richard Roesicke, Friedrich 
Naumann, Mumm, Behrens, Bassermann und vielen anderen Mannern der 
verschiedensten Parteilager sowie mit Gelehrten wie Schmoller, Brentano, 



104 x 9 21 

Sombart einen wechselreichen Kampf um Ausbau der sozialen Gesetzgebung, 
Anerkennung der Berufsvereine und verstandnisvolle Betrachtung der Ar- 
beiterbewegung in den iibrigen Gesellschaftsschichten fiihrte. Das beredteste 
Zeugnis seines Wirkens sind die von ihm herausgegebenen Bande der Wochen- 
schrift »Soziale Praxis« aus den Jahren 1897 bis 1921 — ein »Denkmal aere 
perenniusn nach dem Urteil Gustav Schmollers (»Charakterbilder«, Leipzig 
und Miinchen 191 3). 

F., der seinen Vornamen seinem Paten Ernst Moritz Arndt verdankte, war 
der Sohn des koburgischen Ministers Geh. Staatsrat Karl Philipp F., und miit- 
terlicherseits ein Enkel des Historikers Niebuhr. Er verlebte seine Gymnasial- 
zeit groBtenteils in Kiel, wo sein Vater die Anspriiche des Augustenburgers ver- 
focht, und studierte in StraBburg, Gottingen und Leipzig, unterbrach sein 
Studium jedoch durch Ubernahme einer Hauslehrerstelle in St. Petersburg. 
1877 begann seine glanzende journalistische Laufbahn beim »Frankischen 
Kurier« in Niirnberg. Sie fiihrte ihn 1881 nach Miinchen, wo er vielfaltige An- 
regungen von Lujo Brentano empfing, bei dem er auch mit einer Untersuchung 
uber das Schuhraachergewerbe und seine Umbildung zur GroBindustrie (»Die 
Schuhmacherei in Bayern«, Stuttgart 1893) promovierte. Hierin zeigte sich 
seine auBergewohnliche Arbeitskraft, denn die Aufgabe, die ihm im Berufs- 
leben oblag, hatte durchaus geniigt, auch eine schaffensfrohe Natur auszu- 
fullen; gait es doch, aus den »Miinchener Neuesten Nachrichten« deren 
Chefredaktion er, als sie 20 000 Abonnenten hatten, ubernahm, ein fuhrendes 
Blatt f iir Siiddeutschland zu machen. DaBF. dies gelungen ist, zeigte sich schon 
auBerlich darin, daB er die Zeitung, als er nach zwolf Jahren zum » Hamburger 
Correspondenten« iiberging, mit 85 000 Beziehern hinterlieB. Das Jahr 1897 
brachte die entscheidende Wendung im Leben des Mannes, der bis dahin mit 
Leib und Seele nur Journalist gewesen war. Durch Schmoller wurde Freiherr 
v. Berlepsch bald nach seinem Riicktritt vom preuBischen Staatsdienste auf 
das sozialpolitische Interesse und die hervorragende taktische Geschicklichkeit, 
den wissenschaftlichen Scharfsinn und den menschlichen Takt Dr. F.s auf- 
merksam gemacht, als er mit Wilhelm Merton, v. Rottenburg, Roesicke, 
Brandts, Hitze, Schmoller und dem Verlagsbuchhandler Geibel die »Soziale 
Praxis«, das von Dr. Heinrich Braun und spater von Professor Jastrow ge- 
leitete Fachblatt, iibernommen hatte und nach einem geeigneten Herausgeber 
suchte. F. fand sich bereit, diese Aufgabe zu ubernehmen. Zwar blieb er auch 
fernerhin journalistisch nebenher rege tatig, wirkte insbesondere im Sinne 
Billows in seinen auBenpolitischen Aufsatzen in den »Munchener Neuesten 
Nachrichten «, arbeitete sehr rege am »Nauticus« mit und wurde vom preuBi- 
schen Kultusministerium kaum weniger wegen seiner Flottenpropaganda als 
wegen seiner sozialwissenschaftlichen Leistungen — es seien seine Arbeiten 
liber die Arbeitsverhaltnisse im Hafen von Hamburg (Jahrbuch fur Gesetz- 
gebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, 1898), iiber die Hausindustrie in 
der Schuhmacherei Deutschlands (in den Schrif ten des Vereins f iir Sozialpolitik 
LXXXVII, Bd. 4, Leipzig 1899) und iiber zollpolitische Einigungsbestrebungen 
in Mitteleuropa wahrend des letzten Jahrzehnts (in den Schrif ten des Vereins 
fiir Sozialpolitik, LXXXX, 1. Bd., Leipzig 1900) genannt — im Jahre 1900 mit 
dem Professortitel ausgezeichnet ; aber immer mehr konzentrierte er sich doch 
auf die sozialreformerische Arbeit als Lebensaufgabe. Er wurde zum Mittler 



Francke. Fried 105 

zwischen Reichsregierung und Arbeiterorganisationen und gewann, wiewohl 
zeitlebens liberal in seiner politischen Parteigesinnung, mehr und mehx das 
gleiche Vertrauen im christlich-sozialen, besonders im katholischen, Arbeiter- 
lager wie bei den Fiihrern der sozialistisch gerichteten Gewerkschaften. Diese 
Entwicklung vollzog sich vor allem durch sein unparteiisches, streng sachliches 
Arbeitenals Generalsekretar der 1901 gegriindeten Gesellschaft fiir Soziale 
Reform, der deutschen Sektion der Internationalen Vereinigung fiir gesetz- 
lichen Arbeiterschutz (Sitz Basel). Mit Berlepsch, nach dessen Riicktritt F. 
auch selbst noch wenige Jahre vor seinem Lebensende den Vorsitz in der Ge- 
sellschaft ubernahm, gestaltete er diesen Verein zu einem die Gegensatze neu- 
tralisierenden Sammelpunkt der sozialen Arbeit. Als Geschaftsstelle schuf er 
ihm 1904 das »Bureau fiir Sozialpolitik« in Berlin, wo auch die »Soziale 
Praxis* redigiert wurde. Diesem Bureau gliederte er spater eine »Auskunftstelle 
fiir Heimarbeitsref orm « und die Geschaftsstelle des Vereins der Rechtsauskunf t- 
stellen Berlins an. Im Kriege kristallisierte sich die j> Auskunftsstelle fiir Kriegs- 
wohlfahrt«, ein besonders fiir die kommunale Wohlfahrtspflege im Kriege 
wichtig gewordenes Organ, an. Als Vorsitzender des Arbeitsausschusses der 
Kriegerwitwen- und -waisenfiirsorge, als Prasidialmitglied der Nationalstiftung 
fiir die Hinterbliebenen, als ehrenamtlicher Stadtrat von Schoneberg und als 
Vorsitzender des der »Vaterlandspartei« entgegenwirkenden »Volksbundes fiir 
Freiheit und Vaterland« — um nur einige der wichtigsten und zeitraubendsten 
Funktionen zu nennen — arbeitete F. im Kriege, Betaubung nach dem Verluste 
seiner Gattin suchend (1913), weit iiber Menschenkraft. Ende 1918 zog er sich 
aus der Tagesarbeit zuriick und lebte fortan statt in Berlin am Ammersee, in 
Diessen. Aber immer wieder wurde er in die Metropole zuriickgerufen. Den im 
Kriege mit dem Eisernen Kreuz am weifien Bande ausgezeichneten Patrioten 
berief die erste Regierung nach der Revolution zum stellvertretenden Vor- 
sitzenden der Sozialisierungskommission. Bei Schaffung des vorlaufigen Reichs- 
wirtschaftsrates gehorte F. zu den zwolf Personlichkeiten, die die Reichsregie- 
rung nach freiem Ermessen zu ernennen hatte. Der Reichsarbeitsminister be- 
rief ihn in den ArbeitsrechtsausschuB seines Ministeriums, iibertrug ihm die 
Leitung schwieriger Untersuchungen iiber die Arbeitszeit im Ruhrbergbau und 
bezog ihn in die kleine Zahl der Sachverstandigen ein, die zu den Arbeitskon- 
ferenzen in Genua und Genf entsandt wurden. In Genf erkrankte F. an einer 
Venenentziindung, von der er sich nicht mehr erholte: auf der Ruckreise ereilte 
ihn der Tod. 

Sein Leben ist das eines Mannes von humanster Gesinnung gewesen, eines 
Politikers mit sicherstem Instinkt fiir das jeweils Mogliche, eines Fachmannes 
von beispiellosem Wissen und eines selbstlosen Menschen, der seine unerhorte 
Arbeitskraft immer in den Dienst des Gemeinwohles stellte. 

Kiel (Berlin). Ludwig Heyde. 

Fried, Alfred H., Schriftsteller, * in Wien am 11. November 1864, f in Wien 
am 4. Mai 1921. — F. wandte sich, als er mit 15 Jahren die Schule verlassen 
hatte, zunachst dem Buchhandlerberufe zu und begriindete 1887 in Berlin einen 
eigenen Verlag. Durch das Wirken der Baronin Suttner wurde er 1891 auf die 
Friedensbewegung aufmerksam, der er von nun an sein Leben widmete. Er 



io6 1921 

begriindete 1892 die » Deutsche Friedensgesellschaft«. Seine Hauptverdienste 
liegen aber nicht auf organisatorischem, sondern auf publizistischem Gebiete. 
Als Forderer und Mitarbeiter (zuerst auch als Verleger) der Suttnerschen Zeit- 
schrift j>Die Waff en nieder«, als Herausgeber der »Monatlichen Friedenskor- 
respondenz« (1896 — 1899) und der »Friedenswarte« (seit 1899, noch heute er- 
scheinend)* als Ubersetzer bedeutsamer auslandischer pazifistischer Werke 
(besonders von Novicow) , als Verf asser zahlreicher Auf satze in Tageszeitungen 
sowie einer Fiille auch wissenschaftlich beachtenswerter Arbeiten hat er die 
Aufmerksamkeit der Zeitgenossen vor und wahrend des Weltkrieges auf die 
Fragen der Weltorganisation gelenkt und die Forderungen der Friedensbewe- 
gung wissenschaftlich zu begriinden versucht. Seine ersten Schriften gingen 
noch von dem Gedanken aus, man brauche neben der Kodifikation des inter- 
nationalen Rechts nur ein allgemeines Schiedsgericht zu begriinden und die 
Abriistung durchzufiihren, um den Frieden zu sichern. Nach den Erfahrungen 
der ersten Haager Friedenskonferenz hat sich Fried dann zu der Uberzeugung 
durchgerungen, daB die Kriege nicht mit einem Schlage beseitigt werden 
konnten, sondern nur infolge der Entwicklung der internationalen Organi- 
sation, die in der Hauptsache ganz von selbst vor sich gehe und mit jedem 
Jahre an Bedeutung zunehme. Um das Werden der realen Grundlagen der 
Friedensbewegung darzutun, begriindete er 1905 das »Annuaire de la Vie 
internationalen und berichtete eingehend von den Fortschritten der panameri*- 
kanischen Bewegung wie von dem Werke der Haager Friedenskonferenzen. 
Immer wieder wies er auf die Fortschritte der Volkerorganisation hin 
und auf die Moglichkeit, im Wege des Rechtsverfahrens oder direkter diplo- 
matischer Verhandlungen schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten zwi- 
schen den Volkern auszugleichen. Als seine bedeutsamsten Werke konnen das 
»Handbuch der Friedensbewegung « (2. Aufl., 2 Bde., Leipzig 1911/13), »Die 
Grundlagen des ursachlichen Pazifismus« (2. Aufl., Zurich 1916) und sein 
» Kriegstagebuch « (4 Bde., Zurich 1918/20) angesehen werden. F. war schliefl^ 
lich der anerkannte Fiihrer der deutschen Friedensbewegung, erhielt 191 1 zu- 
sammen mit dem hollandischen Minister Asser den Friedensnobelpreis und 
1913 anlafilich der Einweihung des Haager Friedenspalastes den Ehrendoktor 
der Universitat Leyden zusammen mit Asser, Renault und Root. Nach Aus- 
bruch des Weltkrieges versuchte er, die »Friedenswarte« erst in Deutschland 
weiter erscheinen zu lassen, und ging, als ihm dies nicht gelang, in die Schweiz, 
wo er in hef tiger Opposition zu der offiziellen deutschen Politik stand. Nach 
dem Krieg kehrte er nach Wien zuriick, tief enttauscht von den Friedens- 
schliissen, denen er den Kampf seiner letzten Lebenszeit widmete, und durch 
den Zusammenbruch Osterreich-Ungarns zum Bettler geworden. Er starb an 
einer sich lange hinziehenden Lungenentziindung am 4. Mai 1921. 

Literatur: Vgl. Goldscheid, Rud., A. H. F., eine Sammlung von Gedenkblattern, 
Leipzig 1922 (mit einer Aufzahlung saratlicher Schriften F.s, zu denen nach seinera Tode 
noch die »Jugenderinnerungen«, Berlin 1925, hinzugekommen sind) ; Wehberg, Die Fiihrer 
der deutschen Friedensbewegung, Leipzig 1923, S. iQff. — Die Bibliothek F.s ist von 
der «Leland Stanford Universitat* (Kalifornien) erworben worden. Sein literarischer Nach- 
laC befindet sich in den Hiinden seiner Wit we, Wien II, Praterstr. 25 a. 

Berlin. Hans Wehberg. 



Fried. Gaul IO7 

Gaul, August, Bildhauer, * am 22. Oktober 1869 in GroB-Auheim im Kreis 
Hanau a. M., f am 18. Oktober 192 1 in Berlin. — Als August G. viel zu friih 
der deutschen Kunst entrissen wurde, stand er auf der Hone seines Schaffens, 
ein langst gereifter Meister, der die Gabe personlicher Eigenart, die ihm wie 
kaum einem anderen deutschen Bildhauer des ausgehenden vorigen Jahrhun- 
derts verliehen war, mit charaktervollem Ernst und mit weiser Beschrankung 
auf das Sondergebiet der Tierplastik ausgebildet und entwickelt hatte. DaB 
auch er, wie die meisten Berliner Bildhauer seiner Zeit, einst durch die Reinhold 
Begas-Schule hindurchgegangen war, das verriet nichts mehr an der Formen- 
sprache und Kunstauffassung des Gereiften. Viel wesentlicher ist fur seinen 
Werdegang, daB er aus dem Handwerk hervorgegangen ist und daB handwerk- 
liche Ubung der Kunst immer die sichere Grundlage seines ganzen Schaffens 
geblieben ist. 

Als der Sohn eines Steinmetzmeisters, der bei der Herstellung von Grab- 
steinen selbst schon primitive Kunst iibte, durfte er, erst i4Jahrig, die Zeichen- 
akademie in Hanau besuchen. Bis 1886 wahrte diese erste Vorbildung; dann 
arbeitete der junge G. zwei Jahre lang praktisch in einer kunstgewerblichen 
Silberwarenfabrik. 1888 wandte er sich nach Berlin, wo er zunachst ein Jahr 
lang ebenfalls kunstgewerblich tatig war. Den tJbergang zur Bildhauerei fand 
er dann im Atelier Calandrellis, in dem er mehrere Jahre als Gehilfe arbeitete. 
Bestrebt, durch geregelten Unterricht sich weiterzubilden, besuchte er wahrend 
dieser Zeit den Abendunterricht der Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums, 
an der Bergmeier, Henseler und Schafer seine Lehrer wurden. Von 1894 an 
studierte er zwei Semester im Bildhaueraktsaal und in der Klasse Paul Meyer- 
heims an der Hochschule fur die bildenden Ktinste. Die Wahl Meyerheims als 
Lehrer verrat die schon damals erwachte Vorliebe des jungen Kiinstlers fur 
Tierdarstellungen, die durch einen Zufall wenn auch vielleicht nicht hervor- 
gerufen, so doch in entscheidender Weise unterstiitzt worden ist : als Studieren- 
der der Abendschule des Kunstgewerbemuseums hatte G. bei einer Verlosung 
unter den Schulern eine Freikarte fur den Besuch des Zoologischen Gartens 
gewonnen, den er von da ab in den friihen Morgenstunden vor seiner Arbeit 
in Calandrellis Atelier taglich besuchte, um die Tierwelt des Gartens zu be- 
obachten und zu zeichnen mit der ganzen liebevollen Hingabe an das Studium 
der Kreatur, die fiir G.s Wesensart bezeichnend ist. So wurde ein Zufall zum 
mindesten richtunggebend fiir sein besonderes Betatigungsgebiet, auf dem er 
spater hochste Erfolge erringen sollte. 

Fast zufallig kann auch das Ereignis genannt werden, durch das G.s Be- 
gabung und Konnen zum erstenmal in das Licht der Offentlichkeit ge- 
riickt wurden: Reinhold Begas, der damals an dem Kaiser -Wilhelm- 
Denkmal arbeitete, wurde durch Peter Breuer auf den jungen Kunstler 
und auf seine scharf beobachteten Tierstudien aufmerksam gemacht. 
G. wurde daraufhin von Begas als Gehilfe angenommen und schuf unter 
der Leitung dieses Meisters die gewaltigen, sehr barocken, aber dekorativ 
ungemein wirksamen Lowen am Sockel des Denkmals, die G.s Namen 
zuerst bekannt machten. Zur Vollendung seiner Ausbildung trat G. in Begas' 
Meisteratelier ein, Schiiler und Mitarbeiter zugleich. Mit einer selbstandigen 
Arbeit, einem Relief errang er einen Preis der Akademie fiir eine Studien- 
reise nadh Italien. 



io8 1921 

G. fiihlte sich nun der Lehrzeit entwachsen, auf eigenen FiiBen stehend. So 
zog er 1897 nach Italien, iiber Florenz kam er nach Rom, wo er sich dem Kreis 
Adolf Hildebrands und Louis Tuaillons anschloB, die die Gedanken des klassisch 
empfindenden, fonnenstrengen Hans v. Maries weiterspannen und fiir die 
Plastik fruchtbar machten. Die Ideen, die diesen Kreis bewegten und denen 
Hildebrand spater in seinem » Problem der Form « literarischen Ausdruck ver- 
lieh, vermittelten G. im Verein mit den Eindriicken der vorbildlichen Schop- 
fungen der Alten, die er in Rom um sich sah, Erkenntnis und Klarheit iiber 
das Wesen des Kunstwerks und des kunstlerischen Schaf f ens uberhaupt, iiber das 
Verhaltnis der Wahrnehmung des Naturobjekts zu der im Kunstwerk Exi- 
stenz gewinnenden Vorstellung. 

Bei alle dem, was der romische Aufenthalt G. vermittelte, war doch das 
Wesentlichste : er hatte ganz sich selbst gefunden, war innerlich vollig gereift, 
als er 1898 nach Berlin zuriickkehrte. Seinem Lieblingsgebiete, der Darstellung 
der Tiere, war er treu geblieben. Ein Ziegenrelief (Dresden, Albertinum) war 
noch in Rom entstanden, eine Gruppe ruhender Ziegen, ein Paar liegende 
Schafe und andere Werke gehoren der Erfindung nach ganz der romischen 
Zeit an, fanden aber erst in Berlin ihre letzte Gestaltung. Es waren durchweg 
Arbeiten kleineren Formats. Das erste groBere Werk, das in Berlin entstand, 
eine stehende Lowin (Sammlung Arnhold), brachte G. einen groBen Erfolg, 
der ihn iiber Berlin und Deutschland hinaus bekannt machte. Auch im offent- 
lichen Kunstleben begann er, der sich der Sezession angeschlossen hatte und 
bald in deren Vorstand eintrat, Ansehen und EinfluB zu gewinnen ; doch blieb 
er stets eine vornehm zuriickhaltende Natur, die in stiller Arbeit zuriick- 
gezogen wirkte. In liebevoller Versenkung in das Wesen seiner Naturobjekte 
schuf er nun jene lange Reihe von Plastiken, in denen er Baren, Esel, Katzen, 
Biber, Pinguine, Pelikane, Fischotter, Ganse, Enten, Fasanen, Schwane, 
Reiher und viele andere Tiere wiedergab, alle in lebendiger, die Eigenart der 
Kreaturen, ihr zuweilen drolliges oder groteskes Wesen aufs scharfste charakte- 
risierender Gestaltung, zugleich aber in einer das Wesentliche ausdrucksvoll 
herausarbeitenden vereinfachenden Form, deren stilisierendes Moment haupt- 
sachlich in ihrer Geschlossenheit liegt. Selten ist, wenn es Aufgabe und Absicht 
verlangte, die Form stark gelockert: so im »Laufenden StrauB«, der in seinem 
beschwingten Linienspiel trotz kuhn ausgreifender Bewegung eine Figur von 
vollendetem Rhythmus ist. 

Aus dem Gedachtnis, ohne Zuhilfenahme der vielen vorher gezeichneten 
Studien pflegte G. zu modellieren, seine genaue Kenntnis der Anatomie lieB 
ihn die verschiedenartigen Tiere in organisch richtigem Aufbau, in treffsicherer 
Wiedergabe der auBeren Form und der Eigenart der Haltung und Bewegungen 
gest alten. In der Oberflachenbehandlung verstand er dank seiner groBen hand- 
werklichen Geschicklichkeit Haut, Fell oder Gefieder mehr andeutend wieder- 
zugeben ohne jede realistische Nachahmung von Einzelheiten. Die kiinst- 
lerische tlbersetzung der Natur ist in der Gesamtform wie in der Oberflache 
eine gleich vollkommene. Dabei ist die Kunstform aus den besonderen Be- 
dingungen des Materials (Bronze, Stein usw.) heraus empfunden und fiir dessen 
Eigenart undWirkung mit sicherem Gefuhl berechnet.Beide Momente zusammen 
bedingen G.s personlichen Stil , von dem bei diesem genialen Kunstler mit mehr 
Berechtigung gesprochen werden darf als bei den meisten seiner Zeitgenossen. 



Gaul 



109 



G. gibt seine Tiere in groBter Natiirlichkeit wieder, die Naturnahe des Tieres 
ist ihm heilig. Es liegt ihm nur daran, das rein Animalische der Kreatur zum 
Ausdruck zu bringen, und er venneidet jede Steigerung nach der Seite der 
Empfindung oder auBeren Wirkung hin. Effekt und Pathos, wie sie sich in 
Tierplastiken von Barye oder Fremiet finden, fehlen bei ihm ganz. G. ist in 
dieser Hinsicht der vollkommene Gegenpol zu den beiden franzosischen Pla- 
stikern. Wo es gait, Kraft und GroBe darzustellen, wie beim I^owen, driickte er 
diese allein durch die gesammelte Wucht volliger Ruhe aus. Auch die bewegtere 
Gruppe der kampfenden Wisente auf dem Brunnen in Konigsberg i. Pr. bildet 
hiervon nur scheinbar eine Ausnahme. Auch hier ist die groBe geschlossene 
Masse der beiden Tierkolosse das Entscheidende fiir Ausdruck und Wirkung. 

Der Charakter von G.s Kunst ist ein vorwiegend intimer; die weitaus 
groBte Zahl seiner Werke ist kleinplastisch und doch ist fast alien trotz des 
kleinen Formats ein Zug innerer GroBe eigen. Auch Medaillen und Plaketten 
hat er geschaffen, sowie eine Reihe miniaturhaft kleiner, mit der Sorgfalt und 
Liebe der altdeutschen Kleinmeister durchgefiihrter Tierfigiirchen, die zum 
Teil als Schmuck von Petschaften dienen. Von seinen groBen Plastiken sind 
noch der wenige Jahre nach der Lowin entstandene, im Besitz der Berliner 
Nationalgalerie befindliche Lowe (1903) und der machtvolle sitzende Adler zu 
nennen. Sonst hat G. nur wenige Arbeiten geschaffen, die in das Gebiet der 
GroBplastik gehoren. AuBer dem erwahnten Wisentbrunnen fiir Konigsberg i.Pr. 
modellierte er einen groBen Elefantenbrunnen, der auf dem Steinplatz in Char- 
lottenburg Aufstellung finden sollte, aber unausgefuhrt blieb. Ein Schwanen- 
brunnen, den die Stadt Kref eld ihm in Auftrag gab, ist geringeren Umfangs; die 
Gruppen junger Schwane gehoren aber zu G.s besten Leistungen, ebenso wie 
die in seinen letzten Lebensjahren entstandenen Pinguine fiir einen Brunnen 
in Hamburg. Berlin besitzt zwei Brunnen von ihm: den am Wertheimschen 
Warenhause und den unter dem Namen »Streichelbrunnen« volkstumlich ge- 
wordenen in Charlottenburg mit den wundervoll komponierten lebensvollen 
Entengruppen. Im Schoneberger Stadtpark steht ein Hirsch von ihm. Ein sehr 
originell erdachter Brunnen mit Schweinegruppen fiir den Nollendorfplatz war 
leider nicht iiber den Entwurf hinaus gediehen, als der Kiinstler starb. 

Eine ebenso schone wie eigenartige Aufgabe bot G. 1913 Gelegenheit, Bild- 
hauerei mit Architektur in groBziigiger Weise in harmonischen Zusammenhang 
zu bringen: Entwurf und Ausschmiickung der Fassade des Klopperhauses in 
der MonckebergstraBe in Hamburg. Er loste sie in meisterlicher Weise durch 
die Verteilung des plastischen Schmucks, der aus Schafen, Schweinen und Ele- 
fanten, in verschiedenem Material ausgefuhrt, besteht. Besonders eindrucks- 
voll sind die bronzenen, friesartig angeordneten, aber als Freiplastiken ge- 
arbeiteten ziehenden Schafgruppen. Auch die Figur eines Merkurs schuf er fiir 
das Klopperhaus und bewies damit, daB er sich nicht vollig einseitig auf die 
Tierplastik einstellen wollte, der Aufgabe der Gestaltung der menschlichen 
Figur jedenfalls nicht aus dem Wege ging. Jede herkommliche, antikisierende 
Darstellung des Gottes des Handels vermeidend, erf and er geistvoll-witzig die 
recht ungottliche Gestalt eines Protektors der Borse, dessen Nacktheit die 
Satyre um so drastischer erscheinen laBt. Die Statue, die G.s auchgeistig iiber- 
legene Begabung zeigte, erregte nicht geringes Aufsehen, als sie im Modell auf 
der Ausstellung der Berliner Sezession erschien. An weiteren menschenfigiir- 



no 1921 

lichen Arbeiten des Kunstlers sind noch seine Eselreiter, eine Circe auf einem 
Schwein und einige Kopfe, besonders der des Malers Berneis, zu verzeichnen. 

Gegen Ende seines Lebens sammelte G. noch einmal seine ganze Kraft zu 
einem groBen Werk, den Menschenaffen, den er fiir den Garten eines Breslauer 
Kunstfreundes modellierte und in Stein ausfiihrte. Als schon schwere Krankheit 
ihn dahinsiechen lieB, arbeitete er noch mit letzter Anspannung an dieser 
monumentalen Tiergestaltung, fiir die eine etwa zehn Jahre vorher geschaffene 
kleinere Aff enf igur und der ebenf alls f riiher entstandene groBe Kopf eines Orang- 
Utang die Vorstufen bildeten. Machtvoll ist die gesammelte Wucht dieses 
letzten Werkes, packend das dumpf Animalische und zugleich halb BewuBte 
in dem Vortasten des Riesentieres. GewiB lag es dem Kiinstler fern, natur- 
wissenschaftlichen Problemen mit dieser Arbeit nachzugehen, aber instinktiv 
hat er etwas wie ein Symbol ratselvoller Naturentwicklung geschaffen. Das 
kostbare, in Stein ausgefiihrte Werk ist neuerdings in den Besitz der Ber- 
liner Nation algalerie gelangt. 

DaB G., als vorziiglicher Zeichner, auch graphisch tatig war, versteht sich 
fast von selbst. Wir besitzen einige Radierungsfolgen von ihm, Tiere beim 
Fressen und Trinken darstellend, zumeist relief artig komponiert, Dokumente 
seiner scharfen Beobachtung des Tierlebens. Auch die Lithographic hat er ge- 
pflegt und besonders wahrend des Krieges eine Anzahl politisch-satirischer 
Steindrucke geschaffen. Wie mit dem Modellierholz und dem MeiBel ging G. 
auch mit Stif t, Feder und Radiernadel der Ergriindung der reinen Form nach, 
blieb auch in diesen flachenhaften Arbeiten immer der Plastiker. 

Viel zu kurz war ihm die Lebensspanne vom Schicksal bemessen, und doch 
hat er in dieser kurzen Spanne viel Unvergangliches geschaffen. Sein Wesen 
laBt sich nicht besser kennzeichnen als durch die Worte Max Liebermanns in 
seiner Gedachtnisrede bei der Beisetzung des Kunstlers auf dem schonen alten 
Friedhof in Dahlem : » Weil G. nur ein vollendetes Handwerk schaffen wollte, 
deshalb schuf er vollendete Kunstwerke : er war — ihm natiirlich unbewuBt — 
genial, und weil er genial, war nicht die geringste Spur von ,Genialischem' in 
ihm. Er wollte kein Ubermensch sein, sondern der einfache, tiichtige Meister 
wie die Diirer, Veit StoB und anderen Nurnberger Kiinstler der Renaissance, 
mit denen der bei Hanau, unweit Frankfurt, Geborene auch sonst manche 
Ahnlichkeit hat. « 

Literatur: Emil Waldmann, A. G., Berlin 1919. — Hans Rosenhagen, Bildwerke 
von A. G., Berlin 1905, Verlag Paul Cassirer. — Thieme-Beeker, Allgemeines Kiinstler- 
lexikon (mit weiteren Literaturangaben) . — Max Liebermann, Gedachtnisrede auf A. G. 
(Kunst und Kiinstler, Jahrg. 1 92 1 ) . — Personalnotizen im Arehiv der Akademie der Kiinste 
zu Berlin. — Katalog der G.-Gedaehtnisausstellung der Akademie der Kiinste 1922 (un- 
gedruckt; Prasidialbibliothek) . 

Berlin-Zehlendorf-West. Alexander Amersdorffer. 

Gierke, Otto v., ord. Professor der deutschen Rechtsgeschichte an der Uni- 
versitat Berlin, * in Stettin am 11. Januar 1841, f in Berlin am 10. Oktober 
192 1. — Vom deutschen Genossenschaftsgedanken ausgehend, hat G. den 
zentralen Problemen des Staatsrechts und des Privatrechts neue Fragestel- 
lungen gegeben und die Ersetzung der individualistischen Rechtswissenschaft 
des 19. Jahrhunderts durch eine solche sozialer Pragung eingeleitet. 



Gaul. Gierke III 

G. stammt aus einem Juristenhaus. Sein Vater Julius G., Stadtsyndikus zu 
Stettin, 1848 Mitglied der preuBischen National versammlung und Landwirt- 
schaftsminister im Ministerium Auerswald, starb bereits 1855 als Prasident 
des Appellationsgerichts zu Bromberg. Als Vollwaise wurde er nun im Hause 
des Bruders seiner Mutter, des Rechtsanwalts Otto Zitelmann in Stettin, 
erzogen. Sein ererbter Hang zur Rechtswissenschaft paarte sich durch den 
EinfluB ausgezeichneter Lehrer mit dem zur Geschichte. So wahlte er als Be- 
rufsstudium die Rechtswissenschaft, die er von 1857 bis i860 in Berlin, Heidel- 
berg und wieder in Berlin studierte; von alien seinen Lehrern hat aber nur 
Georg Beseler, der ausgezeichnete Berliner Germanist, einen entscheidenden 
EinfluB auf ihn ausgeiibt. Bereits am 21. August i860 promovierte er in Berlin 
auf Grund der Dissertation »De debitis feudalibus« zum Doktor der Rechte. 
Er erledigte sodann das Militarjahr und den Vorbereitungsdienst und wurde 
am 27. Juni 1865 zum Gerichtsassessor ernannt. Die Vorbereitung zur Habili- 
tation wurde durch seine Beteiligung am Kriege 1866 unterbrochen. Aber 
schon am 27. Mai 1867 wurde er als Privatdozent in Berlin zugelassen. Seine 
Habilitationsschrift befafite sich auf Anregung Beselers mit der deutschen Ge- 
nossenschaf t ; sie war ein Teil der 1868 veroffentlichten Rechtsgeschichte der 
deutschen Genossenschaft. Mit einer offentlichen Vorlesung iiber die Hand- 
werkerziinfte fuhrte er sich als Privatdozent ein. Den franzosischen Feldzug 
machte er als Artillerieoffizier mit und erwarb sich das Eiserne Kreuz. Noch 
im Felde erhielt er einen Ruf an die Universitat Zurich, doch wuBte man ihn 
durch Ernennung zum a. o. Professor in Berlin festzuhalten. Aber schon Ostern 
1872 nahm er den ordentlichen Lehrstuhl Stobbes in Breslau ein, den er zwolf 
Jahre mit dem groBten Erfolg inne hatte. In dieser Zeit hat er seine bedeutend- 
sten Arbeiten geschrieben: den zweiten und dritten Band des deutschen Ge- 
nossenschaftsrechts und den Johannes Althusius. 1882 — 1883 hatte er die 
Wiirde des Rektors inne. Zum Wintersemester 1884 — 1885 folgte er einem 
Rufe nach Heidelberg auf Renauds Lehrstuhl, den er aber schon 1887 mit dem 
Lehrstuhl Beselers in Berlin vertauschte. Siebzig Semester hat er hier gewirkt 
und iiber deutsche Rechtsgeschichte, deutsches Privatrecht, Handelsrecht, 
Staatsrecht, spater auch iiber Sachen- und Familienrechtgelesen sowie Sachsen- 
spiegeliibungen abgehalten. Durch den inneren Wert seiner Vorlesungen iibte 
er auf seine zahlreichen Horer einen weitreichenden EinfluB aus, wenn er auch 
eigentlich nicht Schule gemacht hat. Er verheiratete sich 1873 mit Lili Loe- 
ning. Der iiberaus gliicklichen Ehe entsprossen drei Sohne und drei Tochter; 
der jiingste Sohn ging ihm zu seinem Schmerze nach Kriegsende im Tode vor- 
aus. Im Verein mit seiner Gattin pflegte er eine edle hausliche Geselligkeit und 
hielt treue Freundschaft mit ausgezeichneten Mannern wie Adolf Wagner, 
Gustav Schmoller, I,ujo Brentano, Wilhelm Dilthey und anderen. Seine Un- 
abhangigkeit und Rechtlichkeit gewann ihm das unbegrenzte Vertrauen der 
Kollegen. So war er 1902 — 1903 Rektor der Berliner Universitat, dreimal 
Dekan der juristischen Fakultat. Seine wissenschaftlichen Verdienste wurden 
durch zahlreiche Ehrungen anerkannt. TJnter anderem erhielt er den Ehren- 
doktor der Staatswissenschaften von Miinster (1903) und Freiburg, der Philo- 
sophic von Berlin (19 11), der Theologie von Breslau (191 1), den Doktor leg. 
von Boston (1909). 191 1 wurde ihm der erbliche Adel verliehen, 1915 die 
Friedensklasse des Ordens pour le m£rite. Zahlreiche Akademien ehrten ihn 



112 1921 

durch UbertragungihrerMitgliedschaft. BedeutendeFestschriften, die ihm zum 
70. Geburtstag gewidmet wurden, zeugen von der groBen Verehrung, die ihm 
seine Kollegen, Schuler und Freunde entgegenbrachten. 

G.s L,ebensarbeit hat unter einem einheitlichen Richtpunkt gestanden : den 
»unverlierbaren« nationalen Rechtsgedanken zu erforschen, sein Fortleben im 
geltenden Rechte zu erkennen und durch wissenschaftliche Tat zu fordern. 
Aber in seiner ersten Schaffensperiode, die mit dem Jahre 1887, dem Jahr des 
Antritts seiner Berliner Professur, abschlieBt, beschrankte er sich auf das Ein- 
zelproblem der Genossenschaf t, f reilich in grandiosen Ausmai3en erf aBt, und be- 
tonte in erster Linie das Erkenntnisziel. In der zweiten Periode, die erst sein 
Tod beendete, erf afite er das ganze Gebiet des Privatrechts, ging er zum Kampfe 
fiir die Erhaltung und Vertiefung der deutschen Rechtsgedanken im Gesamt- 
bereiche des geltenden Privatrechts uber. 

Die deutschen Korporationen in ihrer unendlichen Fulle und Mannigfaltig- 
keit spotteten seit jeher der Einzwangung in die romischen Kategorien der 
societas und universitas. Fiir diese aus dem deutschen Assoziationsgeist er- 
zeugten lebendigen Gebildehatte bereits Beseler (Volksrecht und Juristenrecht, 
1843) die Fiktionstheorie bekampft und die Realitat der Korporation be- 
hauptet. Hier setzt G. mit seinem deutschen Genossenschaf tsrecht ein, dessen 
erster Band 1868 herauskam. Dieser erste Band bringt eine Rechts- 
geschichte der deutschen Genossenschaf t. G. verfolgt hier die geschichtliche 
Entwicklung der Genossenschaft von ihren Anfangen bis zu seiner Zeit. Er 
findet den Ausgangspunkt der Entwicklung in dem Kampf zwischen genossen- 
schaf tlichem und herrschaf tlichem Verb and. Wahrend dieser im Lehnsstaate 
die freien naturlichen Genossenschaften verdrangt, muJ3 er doch den korpo- 
rativen Geist der alteren Genossenschaft in sich aufnehmen. Und im Hoch- 
mittelalter wird die herrschaftliche Genossenschaft wieder durch neue auf 
dem Prinzip der freien Einung beruhende (gewillkurte) Genossenschaften er- 
setzt. So entsteht in Staat, Gemeinde und Korperschaft zum ersten Male der 
Begriff der »idealen« Gesamtpersonlichkeit. Aber auch dieses Genossenschaf ts- 
wesen, das im absoluten Staat zu einem privilegierten Korporationswesen um- 
schlagt, wird in ihm zerbrochen, und so wird die Bahn frei fiir das auf der biir- 
gerlichen Freiheit aller beruhende Assoziationswesen des 19. Jahrhunderts, in 
dem die deutsche Genossenschaft ihre Vollendung gefunden hat. Diese fiihren- 
den Gedanken sind das Resultat einer die unendliche Fulle der deutschen Ge- 
nossenschaften bis ins einzelne verfolgenden Forschung. Alle wichtigeren 
Fragen der Geschichte des privaten wie des offentlichen Rechts werden hier 
beruhrt und in neues Licht gesetzt. Die Wichtigkeit der Einung fiir das mittel- 
alterliche Verfassungsleben wurde hier erst entdeckt, die Struktur des land- 
standischen Staates zum ersten Male erkannt, zum ersten Male der Versuch 
gemacht, die modernen Korperschaften in den I^auf der geschichtlichen Ent- 
wicklung einzugliedern. Wenn auch dieser erste Band durch die spatere For- 
schung in vielen Einzelheiten uberholt worden ist, so war doch durch ihn mit 
einem Schlage eines der wichtigsten, bis dahin vollig vernachlassigten Probleme 
der deutschen Rechtsentwicklung in das hellste Licht gesetzt und in den Grund- 
gedanken treffend gelost. Nur in der Ablehnung der Staatseigenscbaft fiir das 
Reich Karls des GroBen und seiner Nachfolger zeigt sich G. noch in alteren, 
heute iiberwundenen Anschauungen befangen. 



Gierke 



113 



Der zweite Band des Genossenschaftsrechts sollte die rechtliche Natur der 
deutschen Genossenschaft darstellen. Aber der Stoff wuchs dem Verfasser unter 
der Hand so, daB er auf vier Bande verteilt werden muBte, von denen der letzte 
nicht mehr erschienen ist. Der zweite Band (1873) brachte sonach nur die Ge- 
schichte des deutschen Korperschaftsbegriffes bis zur Aufnahme der fremden 
Rechte, der dritte (1881) die Staats- und Korporationslehre des Altertums 
und des Mittelalters und ihre Aufnahme in Deutschland ; der vierte, 1913 un- 
vollendet veroffentlichte Band enthalt den Hauptteil einer Darstellung der 
Staats- und Korporationslehre der Neuzeit bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 
G. hat dann noch das Genossenschaftsrecht seiner Zeit in seinem Buche »Die 
Genossenschaftstheorie und die deutsche Rechtsprechung« (1887) in alien Ein- 
zelfragen durchforscht und weiter das gesamte Recht der Verbandspersonlich- 
keit und der personenrechtlichen Gemeinschaften im ersten Bande seines 
deutschen Privatrechts (1895) zusammenfassend dargestellt. 

Fast 5000 Druckseiten hat G. dem Problem der Genossenschaft gewidmet. 
Kein Wunder, daB ihm der Vorwurf der Breite und Schwerfalligkeit nicht er- 
spart blieb. Kein Zweifel aber heute auch, daB nur ein solcher monumentaler 
Bau die Grundgedanken der deutschen Genossenschaft in der modernen 
Dogmatik fest zu verankern vermochte. Denn gleichzeitig mit dem Erscheinen 
der Rechtsgeschichte der deutschen Genossenschaft hatte die gemeinrechtliche 
Wissenschaft in Windscheids Iyehrbuch des Pandektenrechts ihre kanonische 
Formung erhalten (1862 — 1870). Gewifl hatte schon die vorausgehende Ger- 
manistik auch fiir das Privatrecht erhebliche Fortschritte gebracht; aber sie 
blieben im wesentlichen auf das Sachenrecht und Familienrecht beschrankt 
und vielfach ohne unmittelbare Verbindung mit der Dogmatik des geltenden 
Rechtes. G. ist der erste germanistische Privatrechtsdogmatiker groBen Stiles 
gewesen. Nicht so, daB in den weiteren Banden seines Genossenschaftsrechts 
der Rechtshistoriker vollig vom dogmatischen Juristen verdrangt worden ware. 
Er beherrscht das historische Material in vollem MaBe, ohne es zu vergewal- 
tigen. Und es finden sich in diesen Banden Stticke, die auch vom Standpunkt 
des reinen Historikers aus Meisterleistungen ersten Ranges sind. Ich erinnere 
an die Ausfuhrungen iiber das Recht der Grundstiicke im zweiten Band, die be- 
ruhmt gewordene, auch in das Englische und Franzosische iibersetzte Dar- 
stellung der Anschauungen des Mittelalters iiber die Beziehungen zwischen 
Staat und Kirche im dritten Band, der Soziallehren des Naturrechts im vierten 
Band. Aber die Hauptbedeutung dieser Forschungen liegt in der Aufdeckung 
der Grundgedanken der deutschen Genossenschaft und ihrer dogmatischen 
Ausbeutung fiir die Gegenwart. 

G. scheidet im Bereich der menschlichen Verbande die personenrechtlichen 
Gemeinschaften von der Verbandspersonlichkeit. Jene schafft sich eine von 
den Sonderspharen der Beteiligten rechtlich unterschiedene Gemeinsphare, 
ohne ein selbstandiges soziales Lebewesen mit eigener Personlichkeit zu werden. 
Nur nach auBen erscheint sie als rechts- und handlungsfahige Kollektiveinheit. 
Die Korperschaft dagegen ist Verbandspersonlichkeit. Auch hier wird das Viel- 
heitsrecht der Glieder nicht notwendig durch das Einheitsrecht des Ganzen 
aufgezehrt, aber sie besitzt als reale Gesamtperson eine korperschaftliche Or- 
ganisation, ist als solche rechts- und handlungsfahig. Die Lebenstatigkeit der 
Korperschaft kann nur durch Menschen verwirklicht werden. Diese aber sind 

BDJ 8 



114 J 9 21 

Organe der Korperschaft, deren Wollen und Handeln nur das eigene Wollen 
und Handeln der Korperschaft betatigt. 

Diese Theorie der realen Verbandspersonlichkeit hat iiberhaupt erst das 
Verstandnis fur die Bedeutung und das Funktionieren der Korperschaften als 
sozialer Organismen eroffnet. Die organische Theorie hat die Moglichkeit ge- 
geben, die Handlungs-, insbesondere die Deliktsfahigkeit der Korperschaften 
einleuchtend zu erklaren. Die G.sche Theorie hat denn auch die Weiterbildung 
des deutschen Korperschaftsrechts in Gesetzgebung und Rechtsprechung 
mai3gebend beeinfluBt. Seine Lehre vom konstitutiven Gesamtakt beherrscht 
z. B. die Rechtsprechung des Reichsgerichts in der Beurteilung der Griindungs- 
vorgange bei der Aktiengesellschaft. Indem er trotz strenger Scheidung von 
Korperschaft und Gesamthand auf die nahe Beriihrung hinwies, »die im Leben 
zwischen den untersten Gliedern der Korperschaftsreihe und den obersten 
Gliedern der Gesellschaftsreihe stattfindet«, bahnte er das Verstandnis an fur 
die innere Verwandtschaft, die alien menschlichen Assoziationen eignet. Dieser 
Gedanke ist fur die Fortbildung des geltenden Privatrechts auBerst fruchtbar 
gewesen. So hat er bei der Gesamthand die Anwendung korperschaftlicher 
Grundsatze ermoglicht und damit z. B. die Haftung der Gesamthand fiir das 
Verschulden des fiir sie handelnden Gesellschafters zur Anerkennung gebracht. 
So hat G. selbst durch eine ausgezeichnete Abhandlung Vereine ohne Rechts- 
fahigkeit (1900) diese vom BGB. falschlich der Gesamthand unterstellten Ver- 
bande als Korperschaften erkannt und die praktische Anwendung des Korper- 
schaftsrechts herbeigefuhrt. Im Gebiet des Korperschaftsrechts selbst hat 
dieser Gedanke den Blick gescharft fiir das »vielheitliche Sonderrecht der 
Glieder«, damit fiir die Abgrenzung der Sonderrechte im engeren Sinne gegen- 
iiber den Minderheitsrechten. 

Aber G.s Forschungen haben weit iiber den Bereich des Privatrechts hinaus 
gewirkt. Alle Zweige der Gesellschaftswissenschaften sind von der Theorie der 
realen Verbandsperson befruchtet worden. Das gilt vor allem vom Staatsrecht. 
Die organische Staatstheorie, die den Staat als eine reale Lebenseinheit eines 
aus Teilen bestehenden Ganzen, als geistig-sittlichen Kollektivorganismus be- 
trachtet, hat erst durch G.s Genossenschaftsrecht Fleisch und Blut historischer 
Wahrheit erhalten. In der neueren Staatslehre wird sie freilich von verschie- 
denen Gedankengangen aus heftig bekampft. Was gegen die Gleichsetzung 
menschlicher und staatlicher Organismen gesagt worden ist, trifft G. nicht, 
da er sie selbst ablehnt. DaB Staaten als historische Erscheinungen willkiirlich 
geschaffen werden konnen, beweist nichts, da die Entstehung eines sozialen 
Organismus nichts iiber sein Wesen aussagt. Das starkste Bedenken gegen die 
organische Staatstheorie kann nur aus der ihr innewohnenden metaphysischen 
Wendung hergeleitet werden. Zweifellos kann sie aber durch eine rein erkennt- 
nistheoretische Betrachtung, die in ihrer auBersten Konsequenz zur Identifi- 
zierung von Staat und Recht fortgeschritten ist, nicht entthront werden. Die 
brutale Realitat des Staates spottet solcher Bemiihung. Die Theorie der realen 
Verbandsperson ist noch heute nicht zu entbehren. Und wenn sie auch einmal 
einer neuen Theorie weichen muB, so wird sie doch bei dieser Pate gestanden 
haben. Denn die Wirkungen, die sie auf Gesetzgebung, Rechtsprechung und 
Wissenschaft hervorgebracht hat, werden unvergangliche sein. Dauernde Be- 
deutung wird auch der von G. entdeckte Anstaltsbegriff behalten, der, aus der 



Gierke 



"5 



mittelalterlichen Anstaltskirche abgeleitet, zu einem Grundpfeiler des mo- 
dernen Staats- und Kirchenrechts geworden ist. 

G.s genossenschaftliche Untersuchungen haben ihn endlich zu einer grund- 
legenden neuen Scheidung des gesamten Rechtsstoffs geftihrt: in Individual- 
und Sozialrecht. Grundlegend, weil in ihr die Syn these der individualistischen 
Rechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts mit den sozialen Gestaltungen der 
neuesten Zeit gefunden ist. Denn das Sozialrecht G.s greift weit iiber den Be- 
reich des offentlichen Rechtes hinaus. Es nmfaBt nach ihm auch das Familien- 
recht, das Gesellschaftsrecht, das Korperschaftsrecht der privaten Verbande. 
Durch die Anerkennung privatrechtlichen Sozialrechts, das fiir die Be- 
ziehungen der menschlichen Willenstrager als Gesellschaftswesen eine besondere 
Rechtskategorie erschlieBt, wird eine neue Betrachtungsweise der modernen 
sozialen Bildungen, wie z. B. des Arbeitsrechts, iiberhaupt erst ermoglicht. So 
wird G. zum Begriinder einer neuen Privatrechtsdogmatik. Zugleich ist da- 
mi t eine »soziologische Hauptarbeit« getan. 

Damit kommen wir zu der zweiten Schaffensperiode G.s, die, vom Einzel- 
problem losgelost, den Gesamtbereich des Privatrechts erfafit. Den AnstoB 
gab 1888 das Erscheinen des ersten Entwurfs zum BGB. Was G. mit anderen 
schmerzlich beriihrte, war nicht nur der vollige Mangel des Gemeinschafts- 
gedankens, sondern vor allem auch die rein romanistische Haltung, die den 
dogmatischen Purismus der gemeinrechtlichen Rechtswissenschaft des 19. Jahr- 
hunderts zum geltenden Recht zu erheben suchte. Hiergegen wendet er sich 
in seinem Vortrag iiber die soziale Aufgabe des Privatrechts (1889), vor allem 
aber in seiner beruhmt gewordenen kritischen Schrift »Der Entwurf eines biir- 
gerlichen Gesetzbuchs und das deutsche Recht « 1889. Hier nitfunt er den Kampf 
um die Geltung der deutschen Rechtsgedanken im kiinftigen Reichsrecht auf . 
Denn in ihnen sieht er »das Erbe der Vater«, ein dem germanischen Volksgeist 
entstammendes und ihm allein gerecht werdendes Recht, ihnen spricht er einen 
»unvergleichlichen Wert fiir die Weiterbildung des Rechtes im Geiste einer 
heilsamen sozialen Ordnung« zu. Fiir das BGB. selbst konnte er freilich sein 
Ziel nur unvollkommen erreichen. Aber er gab den Kampf nicht auf. Noch vor 
den Schlufiberatungen des BGB. lag der erste Band seines deutschen Privat- 
rechts vor (1895). Dieses Werk ist wieder in grandiosen Ausmafien angelegt. 
Von seinen fiinf Banden sind drei erschienen, der vierte ist zum Teil im Manu- 
skript vollendet hinterlassen worden. Das Ziel seines Werkes war, »dem un- 
gebrochenen deutschen Rechtsgedanken nachzugehen, ihn im innersten Kerne 
des geltenden Rechts zu suchen, die Kraft und Fulle seiner schopferischen 
Wirksamkeit zu enthullen«. Jetzt wird er also ganz zum Dogmatiker des gel- 
tenden Rechtes, noch mehr in den spateren Banden, die unter der Herrschaft 
des BGB. erschienen. Das Sachenrecht und das Schuldrecht sind damit Dar- 
stellungen des geltenden Rechts geworden, vom Standpunkt des Germanisten 
aus gesehen. Aber diese Grundeinstellung hat manche bedeutsamen Gesichts- 
punkte zutage gefordert. Nur einiges Grundsatzliche sei hervorgehoben. G. 
legte besonderes Gewicht auf das Recht der Personlichkeit, nicht nur wegen 
der deutsch-rechtlichen Herleitung dieses Rechtes, sondern auch aus dem 
ethischen Bediirfnis der Sicherung der Personlichkeitssphare. Die beruhmte 
Darstellung der Personlichkeitsrechte im ersten Band, insbesondere des Ur- 
heber- und Erf inderrechts, hat Praxis und Wissenschaft weitgehend beeinfluBt. 



n6 1921 

Gleiche Gedanken beherrschten auch seine Darstellung des Arbeitsrechts im 
dritten Band, welcher Ausfiihrungen schon im ersten Band des Genossenschafts- 
rechts, insbesondere aber eine Untersuchung iiber die Wurzeln des Dienst- 
vertrages (1914) vorausgingen. »Betatigung der freien Personlichkeitd ist es, 
die der deutsche Arbeitsvertrag, der dem Treudienstvertrag entstammt, im 
Gegensatz zur romischen Dienstmiete fordert. Zugleich werden auf einen solchen 
individuellen Arbeitsvertrag, soweit er »der Organisation der Arbeit durch ihre 
Einfiigung in ein herrschaftlich geleitetes Ganze« dient, sozialrechtliche Satze 
anwendbar. Diese Grundgedanken haben der Wissenschaft des Arbeitsrechts 
ein sicheres Fundament gegeben. Dauernde Schuldverhaltnisse dieser und 
anderer Art gaben ihm dann die Anregung, dieser Kategorie eine besondere 
Abhandlung zu widmen (1914), die einen bedeutenden dogmatischen Ertrag 
brachte und der gemeinrechtlichen Tendenz zur Individualisierung der Obli- 
gation entgegenwirkte. Im iibrigen sind gerade die dogmatischen Grundlagen 
seines Schuldrechts, zu deren historischer Fundierung er noch einmal eigene 
Quellenstudien unternahm (Schuld und Haftung im alteren deutschen Recht, 
insbesondere die Form der Schuld- undHaftungsgeschafte, 1910), angefochten. 
Die von ihm zugrunde geiegte »objektivierende« Vorstellung des alteren Schuld- 
rechts ist gewiB fiir das deutsche Mittelalter unbestreitbar, aber die Nachwir- 
kungen im modernen Recht sind zweifelhaft. Ihre Verwendung fiir die Be- 
griindung einer Schuldnachfolge (Schuldnachfolge und Haftung, 191 1) ist da- 
her bedenklich, auch schon deshalb, weil G. der Veranderung in den Haftungs- 
verhaltnissen hierbei nicht gerecht wurde. Die Losung des Ratsels von Schuld 
und Haftung, das G. lange Jahre beschaftigte, ist ihm nicht mehr gegliickt. So 
ist auch seine schon im Sachenrecht vorgetragene Konstruktion einer ding- 
lichen Schuld, die er zur Erklarung der Reallast und des Grundpfands ver- 
wendete, heute aufgegeben. Im iibrigen hat auch das Sachenrecht manche 
Fragen neu beantwortet, wie etwa die Lehre von den unkorperlichen Gesamt- 
sachen, die der Atomisierung des Vermogensbegrif f s durch das BGB. entgegen- 
zuwirken sucht (vgl. schon die besondere Abhandlung Personengemeinschaften 
und Vermogensbegriff im Entwurf eines BGB. 1889) oder die Lehre vom Fahr- 
nisbesitz, die er in einer eigenen Abhandlung klarte (Bedeutung des Fahrnis- 
besitzes fiir streitiges Recht, 1897). 

Damit ist G.s L,ebenswerk keineswegs erschopft. Eine Fiille von Gutachten 
fiir den Juristentag und fiir Prozesse, von Vortragen und selbstandigen Ab- 
handlungen geht nebenher. Kurze Zusammenfassungen widmete er dem deut- 
schen Privatrecht und dem Handelsrecht (1904), quellenkritische Unter- 
suchungen badischen Stadtrechten (1888) und der lex Salica (1916), in seinem 
»Humor im deutschen Recht « (1871) und dem Vortrag iiber » Jugend und Altern 
des deutschen Rechts« (1879) IQ lgte er den Spuren Jakob Grimms. Eine beruhmt 
gewordene wissenschaftliche Untersuchung befafit sich mit dem Werke des 
Johannes Althusius (1881), dessen von G. entdeckte Staatslehre (1603) die Idee 
der Volkssouveranitat bereits vollkommen ausbaut und als Grundlage der mo- 
dernen staatsrechtlichen Wissenschaft gelten kann. Daneben gab er seit 1879 
eine Sammlung von Untersuchungen zur deutschen Staats- und Rechtsge- 
schichte heraus, die er bis auf mehr als 130 Bande forderte. 

Ehrfurcht und Bewunderung mu!3 eine solche Lebensleistung erwecken. Und 
beides miissen wir auch der inneren Geschlossenheit seines Lebenswerkes zollen. 



Gierke 117 

Da stromt alles aus einer Quelle, da ist nichts, das blendet und iiberrascht: 
G.s Werk ist die Frucht eines zur organischen Einheit geschlossenen Weltbildes. 
Denn wie das Werk, so der Mann. Von hoher Statur, ein blonder Germane, ist 
er die Verkorperung des Idealbildes vom deutschen Wesen. Altliberalen Kreisen 
entstammend, hatte ihn seine tJberzeugung mehr und mehr ins konservative 
Lager preuBisch-deutscher Farbung gefuhrt. Doch war er nie Parteimann und 
auch seine religiose Gesinnung hatte keine kirchliche Wendung. Ein iiberzeugter 
Freund der Ordnung und Autoritat, wahrte er seine innerliche Unabhangigkeit. 
So blieb er trotz Ruhm und auBerer Ehren frei von jeder Eitelkeit. Stets ernst 
und sachlich war sein ganzes Denken seinem Werke zugewandt. In schwerer 
Geistesarbeit rang er mit den Problemen, ihnen gehort die ganze Hingabe seines 
begeisterungsfahigen Herzens. Bis ins hochste Alter wahrte er sich die reine 
Giite einer groBen Seele. 

So steht er vor unserem Auge als die innerlich gefestigte, ausgeglichene Per- 
sonlichkeit eines wahrhaft gottbegnadeten Forschers. Zwei Gedankenkreise 
aber waren es, die seinem Leben immer wieder Richtung und Ziel gaben : der 
nationaldeutsche Gedanke und der Gedanke der Gerechtigkeit. G. fuhlte sich 
immer in erster Linie als deutscher Mann, und er hat seinen Glauben an das 
deutsche Volk und seine Zukunft auch in den schweren Zeiten des Zusammen- 
bruches nicht verloren. Der Wahrheit und Schonheit des nationaldeutschen 
Rechtes gilt seine leidenschaftliche Liebe. Es ist das bodenstandige Recht, das 
Produkt des germanischen Volksgeistes. Es ist aber auch das bessere Recht, 
denn der alte Zusammenhang von Recht und Sittlichkeit ist in ihm noch nicht 
durch Rechtstechnik iiberwuchert. So preist er das Naturrecht, dessen zeitlose 
Satze vielfach nur die Wiedererweckung scheinbar erstorbener deutschrecht- 
licher Gedanken gewesen seien (Naturrecht und deutsches Recht, 1883). So 
ist der Kampf fur deutsches Recht gegen die Romanistik ihm Gewissenspflicht. 
G. setzt hier den Kampf der germanistischen Vertreter der historischen Rechts- 
schule fort und fiihrt ihn bis zu einem gewissen AbschluB. GewiB bleibt er auch 
darin ein Fortsetzer der historischen Rechtsschule, als seine nationale Ein- 
stellung einer romantischen Farbung nicht entbehrt. Aber wenn er hier in 
einem historischen Irrtum begriffen war, so ist dieser jedenfalls fur sein Lebens- 
werk unendlich fruchtbar gewesen. Und das Gerechtigkeitsgefuhl, das sein 
tiefstes Wesen beherrschte, bewahrte ihn vor jeder Engherzigkeit gegentiber 
fremden Nationen. Die GroBe des romischen Rechtes hat er mit schwungvollen 
Worten gepriesen, und der dritte Band seines Genossenschaftsrechts beschaftigt 
sich zum groBten Teil mit der Korporationslehre des Altertums und der auBer- 
deutschen mittelalterlichen Wissenschaft. So konnte auch seine wissenschaft- 
liche Wirkung weit iiber die deutschen Grenzen gehen. Nicht nur, daB er zahl- 
reiche Schiller aus auBerdeutschen Landern nach Berlin zog, er hat auch selbst 
bei internationalen Kongressen im Auslande die deutsche Wissenschaft ver- 
treten (1903 in Rom, 1913 in London). 

Die tiefste Wurzel seines Wesens aber lag in seinem leidenschaftlichen Ge- 
rechtigkeitsgefuhl. Die Rechtsidee ist ihm »eine in der Menschennatur angelegte 
urspriingliche und eigenartige Geistesemanation « (Recht und Sittlichkeit, Logos, 
Bd. 6, S. 211 ff.). Die Rechtsordnung hat die Gerechtigkeit zu verwirklichen : 
insofern ist »das Recht Selbstzweck«. Aber die Richtung ist durch die »Mensch- 
heitszwecke« bestimmt; denn die Lebenszwecke aller endlichen Wesen miissen 



n8 1921 

den Menschheitszwecken dienen. So kommt er schon in seiner Studie iiber die 
Grundbegriffe des Staatsrechts (1874) zur Ablehnung jedes formalistischen 
Positivismus und der »Verengung der juristischen Methode zu einer einseitig 
juristischen Technik«. So weiB er selbst durch Auslegung und Liickenausful- 
lung die bedenklichen Folgen positiver Gesetzesvorschriften zu mildern. »Die 
Erhohung der Rechtsidee iiber das positive Recht« bleibt ihm das unsterb- 
liche Verdienst der Naturrechtslehre. Diese freie Einstellung gegeniiber dem 
positiven Recht ist das Ergebnis seiner tiefschiirf enden historischen Forschung. 
Sie scharfte ihra den Blick fur die Dynamik und die zukunftskraftigen Triebe 
des Rechtslebens. So ist er zum Wegbereiter kiinftigen deutschen Rechts ge- 
worden. 

Literatur: Ulrich Stutz in der Zeitschrift der Savigny-Stiftung fiir Rechtsgeschichte, 
German. Abt., Bd. 43 (1922), S. VII ff ., dazu eingehendes Schriftenverzeichnis daselbst 
S. XLVff. (auch Sonderdruck mit Bild). — Gurwitsch, O. v. G. als Rechtsphilosoph 
im Logos, Bd. 11 (1922), S. 86 — 132. — Alfred Schultze, O. v. G. als Dogmatiker des 
biirgerlichen Rechts. Jherings Jahrb. n (1923), S. I — XLV. — Voltelini, Almanach der Aka- 
demie der Wissenschaften in Wien 1922, S. 212 — 223. — Wieland in Zeitschr. fiir das ges. 
Handelsrecht 86 (1923), S. 269 — 272. — Sinzheimer im Arbeitsrecht, Bd. 9 (1922), S. 1 — 6. 
— v. Schwerin in Leipziger Zeitschr. fiir deutsches Recht, Bd. 15 (192 1), S. 633 — 637. — 
Goldschmidt u. Seckel in Deutsche Juristenzeitung Bd. 26 (1921), S. 709 — 714. — Sozia- 
listische Monatshefte 1921, S. 1 1 25 und 1922, S. 133. — Heymann, Berl. Hochschul- 
nachr., 6. Sem., (1921), S. 4 — 6. — Pappenheim, Kieler Zeitung 1921, Nr. 510. 

Koln-Marienburg. Hans Planitz. 

Hann, Julius, von Aistprugg, Universitatsprofessor fiir Physik der Erde, * in 
SchloB Haus im Miihlkreis (Oberosterreich) am 23. Marz 1839, f in Wien am 
1. Oktober 1921. — Julius H. entstammt einer kinderreichen Familie. Sein 
Vater war, als H. geboren wurde, Pfleger und Distriktskommissar der graflich 
Starhembergschen Herrschaft Haus im Miihlkreise und wohnte auf SchloB 
Haus, wo H. die ersten 13 Jahre seiner Kindheit verbrachte Aus derEhe der 
Eltern Joseph und Anna H., geb. Scheichenfellner, entsprossen 13 Kinder, 
von denen die Mehrzahl noch im Jugendalter starb. Den iiberlebenden war es 
nicht vergonnt, lange den Segen eines gliicklichen Familienlebens zu genieBen ; 
denn schon am 10. Juli 1852 starb der Vater und hinterlieB seine Gattin mit 
den Kindern in schwierigen Verha'tnissen. Damals gab es fiir osterreichische 
Staatsangestellte noch keine regelrechte Witwenpension, und die Mutter H.s 
erhielt nur auf ein Majestatsgesuch hin im Jahre 1853 eine Gnadengabe von 
jahrlich 300 Gulden zugesprochen. Sie zog mit ihren Kindern nach Iyinz und bald 
darauf nach Kremsmiinster, wo sie ein Kosthaus fiir Schuler des dortigen 
Gymnasiums eroffnete und mit dieser Arbeit muhsam ihre Kinder und sich 
selbst fortbrachte. 

So ist der Ort Kremsmiinster H.s zweite Heimat geworden, die er auch bis zu 
seinem Lebensende immer wieder besucht hat. In SchloB Haus war er recht 
landlich und einsam aufgewachsen, hatte wenig Unterricht genossen und wenig 
von der AuBenwelt gesehen. Sein eigentliches L,ernen begann erst mit 13 Jahren 
in Kremsmiinster, wo er in das Gymnasium eintrat. Aus dieser Zeit bis zu seiner 
Reifepriifung sind Tagebiicher erhalten, die wenig Tatsachen bringen, sondern 
im wesentlichen Naturbeschreibungen und lyrische AuBerungen eines ganz 
ausgesprochenen Liebhabers der freien Natur. H.s Vorliebe fiir die Erschei- 



Gierke. Hann ng 

nungen des Himmels, die Wolken, Gewitter, gehen auf diese Jugendzeit zuriick, 
in der er gefuhlsschwer die wundervolle oberosterreichische Landschaft durch- 
streifte, ohne mit dem Leben und den Menschen in naherer Verbindung zu 
stehen. 

Ende Juli i860 legte er in Kremsmiinster die Maturitatsprufung mit Aus- 
zeichnung ab. Die Beurteilung, die damals nicht in Noten, sondern in langerer 
Form gegeben wurde, ist nicht ohne Interesse; fur griechische Sprache 
findet sich z. B. folgendes Urteil: erschopfendes Verstandnis, sehr gewandte 
Darstellung; fur Mathematik: vollstandiges und griindliches Wissen bei sehr 
grofler Gewandtheit. 

Im Herbst i860 iibersiedelte H. nach Wien, wo er sich an der Universitat 
unter dem Rektorat von Oppolzer an der philosophischen Fakultat inskribierte, 
um Mathematik und Physik fur das Lehrfach an Mittelschulen zu studieren. 
Nach sechs Semestern, die anfangs der Mathematik, Chemie und Physik, dann 
auch der Geologie und Palaontologie unter SuB und der physischen Geographie 
unter Simony gewidmet waren, legte H. im Winter 1863 sem erstes Rigo- 
rosum aus Mathematik und Physik ab und widmete sich darauf den schrift- 
lichen Hausarbeiten fiir die Lehramtsprufung. Diese absolvierte er schon am 
8. Juli 1864, worauf er am nachsten Tage das zweite Rigorosum aus Philosophic 
ablegte. 

In der nun folgenden Ferialzeit begann H. seine erste meteorologische Arbeit, 
zu welcher er den Stoff schon* wahrend der Gymnasialzeit in Kremsmiinster 
gesammelt hatte. Die Knappheit seiner Mittel zwang ihn jedoch, noch vor Ab- 
legung des dritten Rigorosums im Herbst 1864 eme Supplentur fiir Physik 
an einer Wiener Oberrealschule (Schottenfeld) anzunehmen. Schon 1865 wurde 
er durch den damaligen Direktor der Zentralanstalt fiir Meteorologie und Erd- 
magnetismus in Wien aufgef ordert, sich an der Redaktion der eben begriindeten 
Zeitschrift der osterreichischen Gesellschaft fiir Meteorologie zu beteiligen, und 
damit begann seine Redaktionstatigkeit, die bis kurz vor seinem Tode, durch 
55 Jahre, andauerte und eine der wichtigsten I^eistungen seines Lebens darstellt ; 
denn durch H. wurde die Zeitschrift der osterreichischen Gesellschaft fiir 
Meteorologie das fuhrende meteorologische Blatt, das nicht nur iiber die 
wissenschaftlichen Fortschritte im deutschen Sprachgebiet, sondern iiber die 
der ganzen Erde berichtete und so die Lehren von der Atmosphare zu einer 
eigenen Wissenschaft, der Meteorologie, entwickelte. 

An der Schottenf elder Realschule verblieb H. durch zwei Jahre und schied 
unter besonderer Anerkennung seiner Dienstleistung, um im Herbst 1866 an 
der Oberrealschule in I^inz weiter zu supplieren. 

Im folgenden Winter veroffentlichte er mehrere physikalisch-geographische 
Arbeiten. Als seine Stelle nach sieben Monaten anderweitig besetzt wurde, lud 
ihn Dr. C. Jelinek, der Direktor der Zentralanstalt fiir Meteorologie und Erd- 
magnetismus in Wien im April 1867 em > die Adjunktenstelle an dieser Anstalt 
als Assistent zu versehen. Dieser Berufung folgte H. mit Vergniigen, und damit 
begann seine Tatigkeit an der Zentralanstalt fiir Meteorologie, die bis zum 
Jahre 1897, also durch 30 Jahre, wahrte. Kurz nach seinem Eintritt in die An- 
stalt wurde er zum Doctor philosophiae promoviert, im Jahre 1868 habilitierte er 
sich an der Universitat und die folgenden zehn Jahre bis 1878 bildeten seine 
arbeitsame Junggesellenzeit, in der wohl der Grund zu den meisten wissenschaft- 



120 1921 

lichen Ideen gelegt wurde, die er in spaterer Zeit ausgearbeitet und ver- 
offentlicht hat. 

Die Tatigkeit H.s an der Zentralanstalt fiir Meteorologie scheint sehr rasch 
fiir dieselbe von groBer Bedeutung geworden zu sein. Zwei Jahre nach seinem 
Eintritt wurde er zum Adjunkten befordert und im Jahre 1873 in die achte 
Rangklasse ernannt. Im folgenden Jahre wurde er auBerordentlicher Professor 
der physikalischen Geographie an der Wiener Universitat. Schon im Herbst 
1872 ubernahm er auch die Dozentur fiir Klimatologie an der damals neuge- 
griindeten Hochschule fiir Bodenkultur, die er bis 1875 behielt. Als im Sep- 
tember 1873 der erste international meteorologische KongreB in Wien zu- 
sammentrat, wurde H. als Delegierter Osterreichs zusammen mit Direktor 
Jelinek in den KongreB entsendet und trat damit zum ersten Male mit den 
Meteorologen der iibrigen Lander in jene international wissenschaftliche und 
personliche Verbindung, in welcher er spater so vieles geleistet hat und eine 
fiihrende Rolle spielte. 

Vier Jahre spater, 1877, nach dem Abgange Jelineks, wurde H. zum Direktor 
der Zentralanstalt fiir Meteorologie und Erdmagnetismus und zum ordentlichen 
Professor fiir Physik der Erde an der Universitat Wien ernannt. Am 10. No- 
vember 1878 heiratete er Fraulein Luise Weismayr, die Tochter des Kreis- 
gerichtsprasidenten Weismayr in Steyr (Oberosterreich). Aus H.s gliicklicher 
Ehe entsprossen vier Kinder, drei Sonne und eine Tochter, von denen jedoch 
zwei Sonne vor ihm starben. 

H.s wissenschaftliche Tatigkeit ist so umfassend, daB es nicht moglich ist, 
auf Einzelheiten einzugehen. Die Anstellung an der Zentralanstalt als Adjunkt 
und spater als Direktor, dazu die Stellung als Redakteur der meteorologischen 
Zeitschrift und Universitatsprofessor hatte die Arbeitskraft eines anderen voll- 
standig ausgefullt. H. aber bewaltigte alle die genannten Aufgaben und leistete 
auBerdem noch so ungeheuer viel rein wissenschaftliche Arbeit, daB man stau- 
nend vor dieser ganz seltenen Schaffenskraft steht. 

H. war Meteorologe und Klimatologe von Anfang an. Im ersten Jahrgang 
der osterreichischen Zeitschrift fiir Meteorologie findet sich schon der erste 
seiner Aufsatze tiber den Fohn, der seinen Namen zuerst in aller Welt beriihmt 
machte. Diesem Thema folgte das bekannte Problem der wannen Antizyklone, 
dasdeshalb auch heute nochprinzipielleWichtigkeit hat, weilH.s auf den Tat- 
sachen stehende Schlusse mit den damaligen Theorien nicht in Einklang zu 
bringen waren. Erst Jahrzehnte spater konnten H.s Ergebnisse verstanden 
werden. Besondere Aufmerksamkeit widmete H. den meteorologischen Beob- 
achtungen auf Gipfelstationen, fiir deren Ausbau er sehr viel getan hat. Hand 
in Hand mit dem Studium der physikalischen Vorgange in der Atmosphare 
ging H.s klimatologische Arbeit, die sich auf die ganze Erde erstreckte und 
in der H. nicht nur tonangebend, sondern ganz einzig dastand. Aus dem unge- 
heuren, seinem Geiste gegenwartigen Tatsachenmaterial hat er die allgemeine 
und die spezielle Klimatologie geschaffen und dadurch dieser Wissenschaft die 
Grundlage fiir ihre spatere Entwicklung gegeben. 

Das erste zusammenfassende Werk H.s, »Die Erde als Ganzes, ihre Atmo- 
sphare und Hydrosphare« (Wien, 1. Aufl. 1872, 3., sehr vermehrte Aufl. 1880, 
5. Aufl. 1897), behandelt die Geophysik in alien ihren Teilen. Spater, im Jahre 
1883, entstand sein beriihm testes Werk, das »Handbuch der Klimatologie*, 



Hann 121 

zunachst einbandig, schlieBlich in 3. Auflage (1908) dreibandig und sehr er- 
weitert. Es bildet die Grundlage der heutigen klimatologischen Kenntnisse und 
wird von keinem ahnlichen Werk auch nurannahernd erreicht. Der erste Band 
behandelt die allgemeine Klimalehre, die beiden letzten das spezielle Klima 
der einzelnen Lander der Erde. Dieser letztere Teil konnte, dem Thema nach, 
ermudend sein; er ist es nicht, da H. es verstand, die in Zahlen ausgedriickten 
Tatsachen durch ausgezeichnete Schilderungen zu beleben. Obwohl H. Europa 
niemals verlassen hat, ist doch die Darstellung ganz urspriinglich ; so sehr 
konnte er sich in seiner Liebe zur Natur in feme Lander hineindenken. 

Das zweite groBe Werk, das »Lehrbuch der Meteorologies, erschien in 1. Auf- 
lage im Jahre 1901, gegenwartig ist die 4. Auflage unter R. Siirings Hand 
erschienen. DaB dieses Lehrbuch in Wahrheit ein Handbuch ist, eine 
Fundgrube an Tatsachen fur jeden Forscher auf dem Gebiete, ist wohl 
allgemein bekannt. Von kleineren Buchern sei noch H.s Meteorologie in 
der allgemeinen Physik von Miiller-Pouillet genannt; ferner H.s Atlas der 
Meteorologie (1887). 

In den Jahrzehnten seiner groBten wissenschaftlichen Tatigkeit hat H. 
seine Zeit ungemein genau ausgenutzt. Die Arbeit erfiillte ihn ganz; auBer den 
regelmaBigen Sommerreisen, die ihn stets in die osterreichischen und Schweizer 
Alpen fuhrten, besuchte er nur einige meteorologische Kongresse (1879 Rom, 
1882 Kopenhagen, 1885 Paris, 1894 Upsala) und trennte sich sonst nie auf 
langere Zeit von seinem Schreibtische und seiner Bibliothek. Trotz dieser an- 
dauernden Anstrengung war H.s Gesundheit bis zu seinen letzten Lebens- 
jahren eine ausgezeichnete. Als er im Jahre 1897 durch 20 Jahre lang Direktor 
der Zentralanstalt fur Meteorologie gewesen war, entschloB er sich, die ad- 
ministrativen Arbeiten ganz aufzugeben, und legte seine Stelle als Direktor 
nieder. DerStaat verlieh ihm darauf eine ordentliche Professur der Meteorologie 
an der Universitat Graz. Dort blieb H. nur drei Jahre und kehrte schon 1900 
als Ordinarius nach Wien zurtick, wo er noch durch zehn Jahre Vorlesungen 
hielt. Als er mit 71 Jahren schlieBlich in den Ruhestand trat (1910), war seine 
Arbeitskraft noch lange nicht erschopf t : er f iihrte die Redaktion der meteoro- 
logischen Zeitschrift noch bis 1920 (gemeinsam mit R. Stiring) weiter und be- 
suchte bis 1 9 19 noch taglich die Zentralanstalt fur Meteorologie, wo ihm fur 
seine wissenschaftliche Tatigkeit ein Arbeitszimmer zur Verfiigung stand. 

Die Akademie derWissenschaften hat H. schon 1873 zum korrespondierenden, 
dann 1877 zum wirklichen Mitglied gewahlt. Von 1893 an bis zu seiner t)ber- 
siedlung nach Graz war er Sekretar der mathematisch-naturwissenschaftlichen 
Klasse der Akademie. Im Laufe seines langen Lebens ist H. auch Mitglied sehr 
vieler auslandischer Akademien und gelehrter Gesellschaften geworden und be- 
kam die Hann-Medaille, die Buys-Ballot- und die Symons-Medaille. Im Jahre 
1893 erhielt er das osterreichische Ehrenzeichen fiir Kunst und Wissenschaft, 
1906 den Roten-Adler-Orden, 1909 den preuBischen Kronenorden mit dem 
Stern und 1913 den preuBischen Orden pour le merite fiir Wissenschaft und 
Kunst. Der Kaiser von Osterreich verheh ihm 1910 den erblichen Adel. Die 
Osterreichische Gesellschaft fiir Meteorologie hat H. zu Ehren im Jahre 1898 
die Hann-Medaille gestiftet. Zu seinem 40 jahrigen Redaktionsjubilaum (1906) 
wurde von der Meteorologischen Zeitschrift ein eigener » Hann- Band « heraus- 
gegeben und wieder 13 Jahre spater haben Gelehrte des In- und Auslandes eine 



122 1921 

Geldsumme gewidmet, derenErtrag zur Verteilung von »Hann-Preisen« durch 
die Wiener Akademie der Wissenschaften bestimmt war. 

All diese so berechtigten Anerkennungen waren fur H. Nebensache. Er zog 
sich immer wieder rasch von ihnen zu seiner Arbeit zuriick, sie storten die Be- 
scheidenheit seiner Natur. 

Die Stellung, die H. unter den Fachgenossen der Erde einnahm, war jahr- 
zehntelang eine erste, fiihrende. Seine Rune, Objektivitat und Menschenfreund- 
lichkeit vefschafften ihmuberallFreunde, gaben ihmuberaUEinflufi.H. warim 
Leben auBerst einfach und bescheiden, die Arbeit war ihm alles, nur die Natur 
hat ihn bisweilen vom Schreibtisch abgezogen. Er hatte viel Humor und war 
von groBter Giite und Riicksicht fiir seine Umgebung. Die Meteorologen Oster- 
reichs verdanken ihm unendlich viel. Er war es, der den Ruf der osterreichi- 
schen Meteorologie begriindete, ihm ist es zuzuschreiben, daB in Osterreich 
an alien Universitaten Lehrstiihle fiir Meteorologie und Geophysik errichtet 
wurden. Blickt man auf die Folgen seiner Tatigkeit, was Wissenschaft und Or- 
ganisation betrifft, zuriick, so kann man die Freude nicht unterdriicken, daB 
dies alles durch rein sachliche Arbeit erreicht wurde. So fuBt der durch H. be- 
dingte Fortschritt auf der haltbarsten Grundlage, die sich denken laflt. 

Iyiteratur: H.s Hauptwerke wurden oben genannt. Seine Abhandlungen sind haupt- 
sachlich in den Sitzungsberichten und Denkschriften der Wiener Akademie der Wissen- 
schaften und in der » Meteorologischen Zeitschrift* erschienen; ihre Zahl ist ungeheuer 
grofl, namentlich durch die ungezahlten kleinen klimatologischen Mitteilungen in der ge- 
nannten Zeitschrift, die oft von ihm als Redakteur geschrieben, aber gar nicht gezeichnet 
wurden. t)ber seine wissenschaftlichen Arbeiten ist Naheres in der » Meteorologischen Zeit- 
schrift*, Jahrg. 192 1, S. 322 — 326 zu finden. Der NachlaB befindet sich in den Handen 
der Witwe Frau Hofrat Luise Hann, Wien XIX, Dollinergasse 10. 

Wien. Felix M. Exner. 



v. Hase, Georg Oskar Immanuel, Dr. phil. , Seniorchef der Verlagsbuchhandlung 
Breitkopf & Hartel in Leipzig, Kgl. sachs. Geh. Hofrat, * am 15. September 1846 
in Jena, f am 26. Januar 192 1 in Leipzig. — Oskar v. H. ist einem alten Thiiringer 
Pastorengeschlecht entsprossen, um dessen Geschichte er sich mit seinen Brii- 
dern lebhaft bemuht und verdient gemacht hat. Die schon vom Vater, dem be- 
ruhmten Jenenser Kirchenhistoriker, begonnenen Stammtafelforschungen 
nahm zuerst der f ruh verstorbene Bruder Viktor als Jenaer Student wieder auf ; 
Paul, der Berliner Arzt, brachte sie 1877 erstmals in Druck. Zu des Vaters 
6ojahrigem Doktorjubilaum veroffentlichten die Bruder 1883 gemeinsam eine 
Schrift »Magister Immanuel Hase 1570 — i62i«. Zu des Vaters 90. Geburtstage 
legte Oskar die Ergebnisse seiner Tautenburger Nachforschungen in einem 
Familienschriftchen » Samuel Hase und die Seinen* vor. Dann verarbeitete der 
Theologe unter den Brudern, Dr. theol. et phil. Karl Alfred v. H. die Ergeb- 
nisse der gemeinsamen Forschungen in einem stattlichen Lederbande »Unsere 
Hauschronik«, an der Oskar stark mitgearbeitet hatte und deren Drucklegung 
bei Breitkopf & Hartel er besorgte. Nach neuen und eingehenden Nachfor- 
schungen schloB dann Oskar v. H. selbst 1913 mit Herausgabe des Buches 
»Das Aumaer Hasennest. Urkundliches aus unserer Hauschronik. Geschichte 
der Aumaer Hasen in ftinf Jahrhunderten« (Leipzig: Breitkopf & Hartel, 1913) 
die Familiengeschichte ab. So hat die Beschaftigung mit der Geschichte des 



Hann. v. Hase 123 

eigenen Geschlechtes Oskar v. H. durch sein ganzes Leben begleitet — be- 
seelt von dem Gedanken, den einmal sein Vater in Hinblick auf die erfor- 
schten zehn Hasen-Generationen ausgesprochen hat: »Es ist auch eine Gottes- 
gabe, einer Familie anzugehoren und ihre Geschlechter zu ubersehen, die seit 
drei Jahrhunderten in ihrer burgerlichen Einfachheit sich ehrlich durch- 
gefochten hat. « Wie den in den Adelsstand erhobenen Vater hat auch den Sohn 
niemals das SelbstbewuBtsein eines stolzen Biirgertums verlassen. Und wenn 
auch selbst nicht Theologe, war er stolz und dankbar, einem alten Pastoren- 
geschlecht anzugehoren, wie er denn auch gewiinscht hat, daB so wie der Name 
Bach gleichbedeutend mit Kantor, der Name Hase gleichbedeutend mit Pf arrer 
sein mochte und daB auch kunftig tiichtige und geistvolle Theologen von des 
Vaters mildem Sinne aus dem Stamme hervorgehen mochten. 

Dieser gemiitvoll-historische Familiensinn hat nicht nur Oskar v. H.s Cha- 
rakter, sondern auch seinen auBeren Lebensgang mitbestimmt. Denn obwohl 
schon friih zum Buchhandler bestimmt, hat er doch niemals auf eine abge- 
schlossene akademisch-humanistische Bildung verzichten wollen. Daher ginger, 
nach Absolvierung der humanistischen Schulbildung in Jena, Eisenach (1861 
bis 1863) un d Meiningen (1863 — 1866), wo er die lateinische Abschiedsrede hielt, 
zugleich als Student (Horer bei Springer und v. Sybel) und als Buchhandler- 
lehrling (bei Marcus* Handlung) nach Bonn. Achtung vor Wissenschaft und 
Kunst und klarer Einblick in die realen Schwierigkeiten wirtschaf tlichen Lebens 
wurden ihm so zugleich anerzogen und schufen in ihm das Gleichgewicht eines 
weltzugewandten Idealismus. Nach einjahrigem weiterem Studium in Jena 
(1868/69) promovierte er in Jena mit einer Arbeit iiber den buchhandlerischen 
Geschaftsbetrieb der Niirnberger Familie Koberger in der Zeit des Uberganges 
vom Mittelalter zur Neuzeit, damit eine wichtige Zeit der Buchhandelsgeschichte 
erstmals in das voile L,icht der Geschichte riickend. Nach einem Lehrjahre im 
Hause Breitkopf & Hartel, das der ihm verwandten Familie Hartel gehorte, 
hatte der junge Doktor soeben eine auf zwei Jahre berechnete groBe Reise an- 
getreten, um die Welt kennenzulernen, als ihn in Genf der Ausbruch des 
Deutsch-Franzosischen Krieges iiberraschte. Den letzten Abend verbrachte er — 
heute vergessenen ritterlichen Sitten gemaB — f reundschaftlich in einem Kreise 
franzosischer Studenten. Am 25. Juli 1870 riickte er — gleich seinen Briidern — 
als Kriegsfreiwilliger der rheinischen Kiirassiere ins Feld und ritt als Flugel- 
mann des Regimentes am 14. August bei Metz seine erste Attacke mit. Als 
erster unter den Mannschaften seiner Schwadron erhielt er das Eiserne Kreuz. 
Zum Unteroffizier befordert, lehnte er wei teres Avancement ab, um nicht 
durch Friedensiibungen an der kunftigen Leitung des Leipziger Verlags ge- 
hindert zu sein. Seine Kriegsbriefe erschienen 1895 als » Kiirassierbrief e eines 
Kriegsfreiwilligen« im Druck. Heil aus dem Felde heimgekehrt, trat er am 
1. Mai 1 87 1 wieder als Gehilfe bei Breitkopf & Hartel in Leipzig ein, wurde be- 
reits 1873 Prokurist und — nach dem Tode des Onkels Hermann Hartel — 
1875 Teilhaber der Firma, die er ein Vierteljahrhundert lang gemeinsam mit 
dem Vetter Wilhelm Volkmann und nach dessen Tode (1896) noch ein weiteres 
Vierteljahrhundert mit dessen Sohn Dr. Ludwig Volkmann fuhrte. 

Als Chef und zuletzt als Seniorchef des alten, weltangesehenen Hauses ent- 
faltete Oskar v. H. eine vielseitige und erfolgreiche buchhandlerische Tatigkeit. 
Er fuhrte den wissenschaf tlichen Verlag bescheiden, den musikgeschichtlichen 



124 x 92l 

kraftig vorwarts und gliederte einen schongeistigen Verlag — besonders durch 
den Gewinn von Dahns-Werken — an. Als Lebensaufgabe betrachtete er den 
Ausbau des Musikverlags. 1877 begann er mit der Herausgabe der »Volks- 
ausgaben Breitkopf &Hartel«, jetzt »Edition Breitkopf «, die in rascher Folge 
f ast alle klassischen Werke weitesten Kreisen zugangig machten. Es folgten die 
kritischen Gesamtausgaben der Werke von Palestrina, Orlando di Lasso, 
H. Schiitz, Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin, Joh. StrauB, Wagner, 
Liszt usw., ferner die »Urtexte klassischer Musikwerke«, Prachtausgaben der 
Opern Glucks, ausgewahlte Werke Friedrich des Grofien. Die buchhandlerische 
Organisation des Hauses wurde durch Zweigniederlassungen in Briissel (1883), 
London (1900) und Neuyork (1891) und durch Kommissionsubernahme aus- 
landischer Verlage ausgebaut. Uber die engeren Aufgaben eines Musikverlages 
hinausgreifend, erblickte Oskar v. H. seine Lebensaufgabe darin, der Musik- 
wissenschaft einesteils und dem Buchhandel im ganzen andererseits ein reger 
und opferbereiter Forderer und Heifer zu sein, damit zugleich der Doppel- 
seitigkeit seines eigenen gelehrt-praktischen Wesens und dem gleichen Charakter 
eines pflichtbewuCten Buchhandels gerecht werdend. Sein Haus hat stets mit 
erheblichen Opfern musikwissenschaftliche Literatur gedruckt und verlegt. 
Die»Denkmaler deutscher Tonkunst« verdankten seiner Forderung wesentHch 
ihr Forterscheinen. Die Griindung der »Internationalen Musikgesellschaft« 
1899 war vor a U em se * n Verdienst, ihre Publikationen waren ohne seine mate- 
rielle Hilfe nicht moglich gewesen. Er arbeitete nach dem im Kriege erfolgten 
Zerfall der »InternationalenMusikgesellschaft« auf Griindung einer »Deutschen 
Musikgesellschaft« hin und setzte dieselbe auch durch. Auch der »Neuen Bach- 
Gesellschaft« war er Mitbegriinder und tatiger Heifer. Lange Zeit war er 
Schatzmeister des Allgemeinen Deutschen Musikvereins, 1888 — 1898 Vor- 
sitzender des Leipziger Riedel-Vereins. Die Geschichte des Hauses Breitkopf 
& Hartel, die er bescheiden, aber treffend als »Arbeitsbericht« bezeichnete, 
war zugleich ein Riickblick auf seine eigene reichgesegnete Lebensarbeit. 

Als Fiihrer seines Standes trat Oskar v. H. mannigfach hervor. 1875 — 1901 
war er Vorsteher des Vereins der deutschen Musikalienhandler, 1884 — 1901 
auch des Deutschen Buchgewerbevereins. Das Deutsche Buchgewerbehaus in 
Leipzig wurde nach einem von ihm zur Ostermesse 1884 vorgetragenen Plane 
errichtet. In dessen Grundstein versenkte er sein Eisernes Kreuz. 1894 — 1898 war 
er ferner Vorsteher des Vereins der Buchhandler zu Leipzig, 1889 — 1893 Vor- 
sitzender der Historischen Kommission des Borsenvereins der Deutschen Buch- 
handler — als solcher wirkte er grundlegend mit beim Zustandekommen der 
vierbandigen Geschichte des Deutschen Buchhandels von Kapp-Goldfriedrich. 
Ferner war er 1877 — 1885 Vorsteher der Sachsischen Buchdrucker, 1886 — 1888 
Vorsitzender der Buchdrucker-Berufsgenossenschaft. 1887 griindete er den Ver- 
band der Berufsgenossenschaften [ist dasselbe wie Buchgewerbeverein s. o.]. 
An der Neuregelung des nationalen und internationalen Urheberrechtsschutzes 
war er fuhrend beteiligt. Seit 1898 stand er der Anstalt fur musikalisches Auf- 
fiihrungsrecht vor. So umfaBte seine ehrenamtliche Tatigkeit das gesamte 
»Buchgewerbe« — ein Begriff, den er erst gepragt hat. Nichtberuflicher, be- 
sonders politischer Vereinstatigkeit dagegen war er abgeneigt. Die Worte, mit 
denen er seine Hammerschlage bei der Grundsteinlegung des Deutschen Buch- 
handlerhauses 1898 begleitete, konnen als Selbstcharakteristik angesehen 



v. Hase. Hauptmann 125 

werden: »Einheit und Freiheit! Deutschtum und Weltberuf ! Erf indergeist und 
Kunstfleii3!« 

Nach eignetn 5ojahrigem Geschaftsjubilaum (1919) und nach der 200jahrigen 
Jubelfeier seines Hauses zog sich Oskar v. H. zuriick, um seinen Lebensabend 
im heimatlichen Jena zu vollbringen. Am 25. Januar 192 1 kam er zur Taufe des 
jiingsten Enkels nach I^eipzig. Tags darauf machte ein plotzlicher Tod seinem 
I^eben ein Ende. 

Oskar v. H. fiihrte am 10. September 1873 die damals 17 jahrige Tochter Jo- 
hanna des gef eierten Leipziger Germanisten Friedrich Zarncke als Gattin heim. 
Sie gebar ihm sieben Sonne und zwei Tochter, Von ihnen hat Hellmuth v. H. 
die berufliche Nachfolge des Vaters angetreten. 

L,iteratur: Karl Alfred v. H., Unsere Hauschronik, Leipzig 1898 (darin S. 303 — 320 
Iyebenslauf O. v. H.s); O. v. H., Das Aumaer Hasennest Leipzig 1913 (darin S. 206 — 208 
Verzeichnis der von O. v. H. verfaflten Pamilienschrif ten) ; Adolf Aber, O. v. H. f. »Zeit- 
schrift fiir Musik«, Jahrg. 88, 1921, S. 85 f; Gerhard Menz, Deutsche Buchhandler, 24 I*e- 
bensbilder, S. 263 — 270, Leipzig 1925. 

Leipzig. Johannes Hohlfeld. 



Hauptmann, Carl, Dr. phil., Dichter, * 11. Mai 1858 in Obersalzbrunn in Mittel- 
schlesien, f 4. Februar 1921 inMittel-Schreiberhau. — Die FamilieH. stammtaus 
Bohmen. Des Dichters UrgroBvater, ein armer Weber, war iiber das Gebirge nach 
Schlesien gewandert und hatte sein Heim in dem kleinen Herischdorf bei 
Warmbrunn in Riesengebirge aufgeschlagen. Auch sein Sohn Carl Ehrenfried 
H., Carls GroBvater, wurde Weber wie sein Vater und seine drei Briider. Aus 
den Befreiungskriegen 18 15 zuriickgekehrt, die er von Anfang an als Frei- 
williger mitgemacht hat, hing er sein friiheres Gewerbe an den Nagel, um sich 
als Kellner in einer Gastwirtschaft zu verpflichten. Er war viele Jahre Ober- 
kellner und heiratete in dieser Zeit. Aus seinen Ersparnissen erwarb er ein 
Hotel in Flinsberg. Als ihm am 13. Mai 1824 em Sohn geboren wurde, den er 
Robert taufen lieB, befand er sich immerhin in der Lage, ihm eine gute Er- 
ziehung angedeihen zu lassen : er schickte ihn auf das Gymnasium in Schweid- 
nitz. 1832 ubersiedelte er nach dem Kurort Obersalzbrunn in Mittelschlesien 
und pachtete dort das Hotel »Zur PreuBischen Krone «, das er sieben Jahre 
spater als Eigentum erwarb. Robert sollte der Erbe sein. Um ihn auf seinen 
kiinftigen Beruf vorzubereiten, nahm er ihn f riihzeitig aus der Tertia und steckte 
ihn in eine gut renommierte Breslauer Weinhandlung in die Lehre. Der junge 
Robert muBte tuchtig anf assen , iiberall — im Keller, in der Kiiche, im Hof 
und in der Gaststube — eifrig mitarbeiten, bis ihn der Vater zu seiner Unter- 
stiitzung nach Obersalzbrunn heimholte. Robert heiratete Marie Straehler 
(* 21. April 1831), die Tochter des furstlich plessischen Brunneninspektors 
Straehler, der ebenfalls im Salzbrunnischen angesiedelt war. Die Straehlers 
waren eine landeingesessene Familie, die immer in Diensten der schlesischen 
Herrengeschlechter gestanden hatte. Von Generation zu Generation hatten 
sie sich aus niederem Stande emporgearbeitet. Erst waren die Straehlers 
Diener, dann Beamte der hohen schlesischen Adelsgeschlechter gewesen. Sie 
hatten sich allmahlich sogar in besondere Vertrauensstellungen emporgestrebt. 
Mutter Marie war nicht wenig stolz auf ihre Abstammung. War doch ihr GroB- 



126 1921 

vater bereits in eigener Kutsche gefaliren. Nur schwer konnte sie sich anfangs 
an den Gasthausberuf ihres Mannes gewohnen, auf den sie immer ein wenig 
herabsah. 

Vier Kinder gebar sie ihrem Manne: Georg (* 1854), Johanna (* 1856), 
Carl (*i858) und Gerhart (*i862). 

Der Familie ging es sehx gut. Bad Salzbrunn war vom preuBischen, besonders 
aber von dem reichen polnischen Adel stark besucht. Und immer war die 
»PreuBische Krone « vom besten und vornehmsten reisenden Publikum besetzt. 

Carl verlebte eine sehr gliickliche Jugend. Der verstandige Vater hielt die 
Kinder vom Gasthausleben fern. Er durfte sich mit seinen Geschwistern auf 
den Feldern rings um Salzbrunn und im Fiirstensteiner Grund des Fiirsten 
von PleB nach Herzenslust tummeln. Mit sieben Jahren kam er zum Lehrer 
Brendel auf die Dorfschule in Obersalzbrunn. Der etwas pedantische Herr 
zeigte den Kindern nicht nur die Schonheiten der Natur, sondern unterwies 
sie auch an Hand des Bakels in den Genusregeln. Erst 1872, fast vierzehn 
Jahre alt — er krankelte viel — , kam der aufgeweckte Junge nach Breslau in 
das stadtische Realgymnasium erster Ordnung am Zwinger, das er bis zum 
Abiturientenexamen (1879) besuchte. Carl war gescheit und lernbegierig, 
f leiBig und pflichttreu, kurz, ein guter Schiiler, im Gegensatz zu seinem um vier 
Jahre jiingeren B ruder Gerhart, der im Zwinger nie recht vorwarts kommen 
konnte. Treu, wenn auch zunachst mit wenig Erfolg, nahm sich Carl des Jiingeren 
an. Gerhart fuhlte sich wohl bei ihm behiitet und lie.fi sich gern von ihm leiten 
und lenken. Ihm zeigte er die ersten poetischen Ergiisse. Ihm vertraute ersich 
in allem ganz. In der Tat hatte Carl lange Jahre (noch wahrend der gemeinsamen 
Ubersiedlung nach Schreiberhau) entscheidenden EinfluB auf Gerharts Leben 
und Vorwartskommen. »Bruder Carl,« schreibt Paul Schlenther in seinem um- 
fassenden, von Arthur Eloesser gliicklich umgearbeiteten und erweiterten 
Werk: Gerhart H. — 1922, bei S. Fischer Verlag, Berlin — , »Bruder Carl, dessen 
wissenschaftlicher Geist zeitig erwacht war, der friiher als andere hinter dem 
schulscheuen Wesen des Kleinen tiefe Veranlagung erkannt hatte, sah, wie 
wenig Gerharts Geist und Gemiit im Zwinger gediehen. « 

Inzwischen ging das Hotel der Eltern mehr und mehr zuriick. Der reiche 
polnische Adel besuchte Salzbrunn nicht mehr. Einfache Touristen kamen und 
gingen schnell und suchten anstatt des vornehmen »PreuBischen Hofes« ein- 
fachere und billigere Gasthofe auf. Noch wuBte man nichts von der Heilkraft 
jener Quelle auf H.schem Anwesen, die spater unter dem Namen »Salzbrunner 
Kronenquelle « Weltruf erlangte und Familie H. im Handumdrehen zu Wohl- 
stand und Reichtum gebracht hatte. Sie diente im Augenblick lediglich als 
Pferdetranke. Die Eltern konnten das hoch mit Hypotheken belastete Anwesen 
nicht mehr halten und muBten es 1877 mit schwerem Herzen verkaufen. Nur 
ein Notgroschen blieb ihnen. Zwar verschaffte ihnen die giitige Fiirsorge des 
Realschuldirektors Kletke die Pacht der Gastwirtschaft in dem neu einge- 
richteten Bahnhof Sorgau (jetzt Nieder-Salzbrunn), aber mit dem Wohl- 
stand war es zu Ende. Fur eine kostspielige Erziehung der Kinder reichte es 
nicht mehr. Georg, der nach bestandenem Abitur dem Vaterin der Krise hilf reich 
zur Seite gestanden hatte, kam in ein Handelshaus nach Hamburg. Carl durfte 
das Gymnasium weiter besuchen, da er sich als strebsam und fleiBig erwiesen 
hatte. Gerhart wurde zu seinem Onkel Schubert auf das Gut Lederose im Strie- 



Hauptmann 1 27 

gauerKreisgeschickt. Aber nach kurzer Zeit hatte er von dem Gutsleben genug 
und ging mit Carls Hilfe auf die Kunstschule nach Breslau. In diesen Jahren ge- 
horte Carl mit Gerhart einem von Felix Dahn inspirierten pangermanischen Ge- 
heimbunde an. Nachdem Carl das Abitur bestanden hatte, inskribierte er sich 
1880 in der philosophischen Fakultat der Universitiit Jena, wo er bei Ernst 
Haeckel, Ernst Stahl, Rudolf Eucken, Karl Snell, Eduard StraBburger, Hartwig, 
Liebmann Naturwissenschaften und Philosophic studierte. Aber seine strengen 
und eif rig betriebenen Studien hinderten ihn nicht, sich sorglosstudentischen Ver- 
gniigungen hinzugeben. Er trat dem Akademisch-Naturwissenschaftlichen 
Verein bei. Ein vergniigter, wissenschaftlich reger Kreis sammelte sich um ihn, 
dessen Heros Darwin war. Gerhart hatte inzwischen das sogenannte »Kunst- 
ler-Einjahrige« gemacht und folgte nun, da ihm ein Gnadenakt des GroBherzogs 
von Weimar gestattet hatte, zu studieren, dem geliebten alteren Bruder nach 
Jena. Hier hielt damals gerade Otto Devrient Vorlesungen iiber die Geschichte 
des Dramas mit Rezitationsproben. Die Bruder H. waren begeisterte Horer 
des Vortragsmeisters. 

Ihr altester Bruder Georg, der, wie erwahnt, Kaufmann war und sich genial- 
dilettantisch mit Karikaturenzeichnen beschaftigte, hatte eine der reizenden 
fiinf Tochter des GroBkaufmanns Thienemann geheiratet und sich in Bergedorf 
bei Hamburg niedergelassen. Der Kaufherr Thienemann starb. Carl machte 
Weihnachten auf der Fahrt von Jena nach Salzbrunn bei den nun ganz ver- 
waisten vier Jungfrauen, den Burgfraulein (Carls »Rebhuhner«, Gerharts 
»Jungfern von Bischofsberg«) auf dem alten Bischofsitz, dem Hohenhaus bei 
Zitschewig in der LoBnitz zwischen Dresden und MeiBen Station, der Schwa- 
gerin und deren vier Schwestern sein Beileid auszusprechen. Der schlanke, 
gewandte Student mit den groBen, blauen, sprechenden Augen wurde mit 
offenen Armen empfangen und verliebte sich in die braune Martha. Im 
Friihling verlobte er sich mit ihr. 1883 promovierte er mit einer Dissertation 
iiber »Die Bedeutung der Keimblattertheorie fur die Individualitatslehre und 
den Generationswechsel«. Zur Erholung wanderte er iiber die Alpen nach 
Italien, wo er in Genua mit Gerhart zusammentraf, der die Riviera besucht 
hatte. Mit ihm reiste er nach Neapel. Sechs Wochen lebten die beiden Bruder 
auf Capri, schwarmten die Schonheit der siidlichen Natur an und begeisterten 
sich an der Buntheit und Farbenfreudigkeit des Volkslebens. » Abends pflegten 
sich um die lichtblonden deutschen Jiinglinge ein kleines Lumpengesindel 
schwarzgeaugter Lausebiibchen zu sammeln. Die junge italienische Volksseele 
klang und sang. Als endlich die Bruder Abschied nahmen, vergoB Jung-Capri 
bitterliche Tranen.« (Schlenther-Eloesser.) Im Juni mufite Carl zu einer mili- 
tarischen Ubung nach Deutschland zuriick, wahrend Gerhart mit Bildhauer- 
arbeiten noch in Rom blieb, bis ihn der Typhus ebenfalls heimtrieb. Carl 
heiratete 1884 Martha Thienemann, Gerhart ein halbes Jahr spater Marie 
Thienemann. Carls erster Wohnsitz als junger Ehemann wurde Zurich. Im 
Sommer 1885 gingen Carl und Gerhart mit ihren jungen Frauen und dem 
Freunde Hugo Ernst Schmidt (dem spateren Landschaftsmaler und Urbilde 
Gabriel Schillings) nach Riigen. Gerhart griindete sich sein Heim in Erkner 
bei Berlin (wo im Sommer dieses Jahres seine erste Dichtung »Pomethidenlos« 
erschien), wahrend Carl neue naturwissenschaftliche und philosophische Stu- 
dien in Zurich begann. Hier schloB er sich dem Philosophen Richard Avenarius 



128 1921 

(dem alteren Bruder von Ferdinand Avenarius), dem Psychiater August Forel 
und J. Gaule an. 

»Aus seinem Vaterhause und dem Salzbrunner Badeleben kannte er die 
Fremdheit polnischer und ungarischer Magnaten; hier lernte er die Russen 
kennen.« (Will-Erich Peukert, Breslau, Unser Schlesierland). Josepha Kodis 
widmete er 1894 seine » Marianne*. Anna Teichmuller, die feinsinnige Kompo- 
nistin, Tochter des bekannten Platonforschers, blieb von da seine treue Freun- 
din fiirs ganze Leben. 

1889 siedelte er endgultig nach Berlin iiber, wo er oft und gem von Zurich 
aus Gerhart und seinen Kreis — Max Kretzer, Adalbert v. Hanstein, Leo 
Berg und dessen Verein »Durch«, Bruno Wille, Wilhelm Boelsche, Ferdinand 
Simon (August Bebels spateren Schwiegersohn), Hugo Ernst Schmidt — be- 
sucht und an deren interessanten Wortgefechten teilgenommen hatte. Gerhart 
las Carl, »der ihm immer noch der beste, auch in Rat und Tat forderlichste 
Freund war«, sein erstes Drama »Vor Sonnenaufgang« vor. Als es erschien, 
sandte es Gerhart seinem Bruder mit herzlichsten Widmungsworten ins 
Manover, und Carl drahtete: »Tausend Freuden iiber Deinen ersten Schritt in 
die Unsterblichkeit. « Es muB hier deutlich gesagt werden, daB Carl fur Ger- 
hart damals sehr viel, ja alles bedeutete. Immer wieder reichte er ihm hilfreich 
die Hand, fuhrte und leitete ihn, spornte und ermunterte ihn zur Poesie. Bei 
der Urauffiihrung von Gerharts umstrittenem Drama »Vor Sonnenaufgang«, 
die im Lessingtheater am 20. Oktober 1889 mittags 12 Uhr durch Otto Brahms 
»Freie Buhne« stattfand, stand der inzwischen nach Charlottenburg iiber- 
siedelte Carl dem Bruder treu und hilfreich zur Seite. In nachster Zeit beschaf- 
tigte er sich viel mit Planen fiir eine Forschungsreise ins Innere Brasiliens, die 
das Schicksal ihm allerdings versagte. 

1890 kaufte den Briidern und Freunden Carl und Gerhart der Vater ein 
altes Bauernhaus in den Siebenhausern (Mittel-Schreiberhau im Riesengebirge). 
Carl lebte hier bis an sein Ende, wahrend Gerhart 1892 nach Agnetendorf 
zog. (Seit 1888 wohnten die Eltern bei ihrem altesten Sohn Georg.) 

1892 gab Carl bei Gustav Fischer in Jena sein erstes und einziges selbstan- 
diges wissenschaftliches Buch »Metaphysik in der modernen Physiologies her- 
aus, das als erster Band einer Reihe »Beitrage zu einer dynamischen Theorie 
der Lebewesen« gedacht war. Aber schon wahrend seiner wissenschaftlichen 
Arbeiten wandte er sich, da ihn die exakte Forschung nicht ausfullen konnte, 
der Poesie zu. 1890 begann er mit der Niederschrift seines ersten poetischen 
Werkes »Sonnenwanderer«. In dem herrlichen Riesengebirge wurde aus dem 
selbstandig denkenden Psychologen und Physiologen der Dichter. In der auBer- 
ordentlich f einen Studie » Carl H. « von Dr. Hanns Martin Elster (Deutsche 
Dichterhandschriften. Lehmannsche Verlagsbuchhandlung, Lehmann & 
Schulze, Dresden) heiBt es: »Es waren die Jahre, da Carl H. unter dem Ein- 
fluB der Werke seines jiingeren, schnell beriihmt gewordenen Bruders sich 
selbst eingestehen muBte, daB auch der andere Teil seiner Natur, seine lyrische 
Traumerwelt, das Recht auf Wirken und Sichausgeben habe, daB er kein Wis- 
senschafts-, kein Intellektualmensch sei, sondern neue Pfade bahnbrechend 
wandeln miisse als ein Entdecker und Offenbarer, als Dichter. « 

In Schreiberhau ging er froh an die Arbeit. Er war ein Friiharbeiter. Fast 
noch vor Tag — oft urn drei Uhr schon — saB er in seinem kleinen Arbeits- 



Hauptmann 1 29 

zimmer am Schreibtisch, und Seele und Herz voll der erwachenden Schonheit 
der Hohen des Riesengebirges suchte er in seine Seele zu dringen und in die 
Seelen der Menschen, die seine Pfade kreuzten. Auf langen, einsamen Spazier- 
gangen tauchte er tief in das geheimnisvolle, ratselreiche Leben der Natur, urn 
ihre und der Menschen Ratsel zu losen und zu entwirren. Immer » auf der Wall- 
fahrt nach dem Gott in der eigenen Seele «. Denn er war — auch im Anfang 
nicht — eigentlich nie Naturalist ; konnte also auch nie der Epigone Gerharts 
sein, wie tatsachlich behauptet wurde. Das Schicksal seiner Menschen war stets 
Ausnahmeschicksal, wenn es auch — wie bei Gerhart — naturgemaB in der 
schlesischen Heimat wurzelte. Er war ein Traumer, ein Sinnierer. Er war Ro- 
mantiker. Er borgte vom Naturalismus wohl Effekte, seine Gestalten und deren 
Schicksale aber waren romantisch, zum Teil unwirklich. Seine Empfindung 
und Erfindung waren so groB, daB seine Gestaltungskraft rait dem blitzschnell 
schaffenden Gehirn und der reich quellenden Phantasie nicht Schritt halten 
konnte. Carls Werke greifen ans Herz, weil sein Herz voll von Gesichten, sein 
Gemiit iiberreich war. 

In rascher Folge erschienen nun seine Werke, zunachst bei S. Fischer, Berlin 
(die ersten in der Zeitschrift »Freie Biihne«): 1894 das Schauspiel » Marianne «, 
1895 das Schauspiel »Waldleute«, »des Dichters Lehrlingsarbeiten, die sich 
aber sofort eigenartig genug aus all den naturalistischen Schopfungen der Zeit 
heraushoben« (Dr. Hanns Martin Elster); 1896 die Dithyramben »Sonnen- 
wanderer«, 1899 das biihnenwirksame Schauspiel »Ephraims Breite« und 1899 
» Aus meinem Tagebuch « (die zweite, vermehrte Auflage 1910 bei Georg D. W. 
Callwey, Miinchen). »Aus meinem Tagebuch« enthalt unter einer Fiille person- 
licher Bekenntnisse und Erkenntnisse auch seine Lyrik. In diesen Blattern 
zeigte er sich ganz als Naturlyriker, enthiillte auch seine Stellung zu Zola und 
Meunier. Beide verkiinden nach Carl H. das Hohelied der korperlichen Arbeit, 
des Hand- und Schwerarbeiters. Aber ihn lockt nicht der nuchterne Zola, 
sondern der begeisterte Meunier. In diesem Tagebuch stehen die Satze : » Aber 
das, was letzten Endes wirklich werden will in der Kunst, wird doch immer der 
weite Horizont aus der Vogelperspektive, der offenbarteGeist im Zusammenhang 
sein. « Und aus dem Tagebuch stammt der Satz, den er mir am 14. Juli 1912 ge- 
legentlich der Urauffuhrung seiner »Bergschmiede« auf die Zeichnung des 
Malers und Dichters Ludwig Fahrenkrog-Barmen » zur Erinnerung an die Berg- 
kampagne« nach Thale im Harz und dem Hexentanzplatz schrieb: »Unser 
Leben schauend gelebt, ist unsere Ernte gehalten.« Weiter: »Ich fahnde allent- 
halben nach Seele. Seele ist immer gut, wie Licht immer leuchtend.« Das sind 
die Leitsatze seines Lebens, die Grundziige seines dichterischen Werkes. So vor- 
bereitet, erschien 1902 bei Georg D. W. Callwey in Miinchen sein schonstes 
dichterisches Werk, die dramatische Dichtung »Die Bergschmiede«, die mit 
dem Volks-Schillerpreis gekront wurde. Dieses vieraktige Drama kam am 
14. Juli 1912 in Dr. Ernst Wachlers Bergtheater bei Thale am Harz unter Leo 
Ingbers Leitung zur Urauffuhrung. Die zur Handlung gehorige Musik schrieb 
Karl Bucha. Regie fuhrte Franz Herterich. 

»Die Bergschmiede« ist das Drama der Liebe und Liebessehnsucht. Einge- 
ordnet in die Wunder der Riesengebirgswelt hebt Carl das an und fur sich 
einfache, naturalistische Thema der Liebe des alternden Schmieds zur jungen 
Frau und deren Liebe zum jungen Knecht iiber den Tag ins Allgemeingultige 

DBJ 



130 1 92 1 

empor. Die Gestalten sind symbolistisch, alles etwas unwirklich — »wie im 
Traum, weiBe Schleier wehen . . . « 

In einsamer Schmiede an einer PaBstraBe lebt der alternde Schmied mit 
seiner jungen, schonen Frau Kathrina, dem Gesellen Horant und dem Lehr- 
ling Robert ein einsames, trauriges, weltabgeschiedenes Leben. Ihn und sein 
Haus meiden die Menschen, denn er ist hart und finster und hat viel Boses 
getan. An der Liebe zu ihm ging die Mutter seiner Frau zugrunde. Er raubte 
sich Kathrina aus brennendem Baudenhaus, an das er selbst im Liebeswahn 
Feuer gelegt hatte. Und in dem Feuer verbrannte der GroBvater seiner Frau. 
Ihren Liebsten stiirzte er in dunkler Nacht in den Abgrund hinab. Er wiihlt 
in den Bergen nach Schatzen, reich zu sein fur das abgottisch geliebte Weib. 
Er liebt sie, wie er vordem nie geliebt hat, und kann ohne sie nicht leben. Er 
hat es ihr oft gesagt, beweist es taglich. Aus seiner groBen, fast iibermensch- 
lichen Liebe zu Kathrina entwickelt sich, ohne daB sie es recht merkt, ihre 
Liebe zu ihm. Sie, die ihn haBt, die ihn fiirchtet, sie gibt er frei: 

»Wenn deine Seele einen andern liebt, 

Es wird mein Tod sein — doch du sagst es frei.« 

Doch sie kann nicht los von ihm, sie liebt ihn, weil er sie liebt; weil seine 
Liebe so groB ist, daB sie ihn wiederlieben muB, daB sie ihm vertrauen kann. 
Denn das Wesen der Liebe ist nicht Sinnenlust, nicht eine Machtfrage (hier 
stunde Macht wider Macht), sondern das Vertrauenwollen zueinander, das 
Vertrauenmiissen, das Vertrauenkonnen. 

»Dem, der aus alien irdnen Tiefen lebt, 
Wird sie als trotzige Sklavin dennoch folgen! 
Wenn noch so wild ihr Gram. Wird ihre Freiheit 
Hinwerfen wie ein eitel toricht Gut!« 

». . . Hast du denn je begriffen, 
Was Liebe will? Aus welchem dunklen Grunde 
Die Menschenseele nach der Liebe schreit. 
Auf unsrem starren, steinigen Erdenrunde ? ! « 

Horant, der Geselle, will mit dem starken Meister urn Kathrina kampfen. 
In letzter Minute wirft der Schmied den Dolch fort. Er ist mude worden im 
ewigen Kampf um die HeiBgeliebte. Er mag nicht mehr ringen. Er hat ihr seine 
Liebe genug bewiesen. Erschopft schlaft er ein vor dem drohenden Messer 
Horants. Der Geselle zuckt den Stahl, aber das Weib halt ihn zuriick. Sie liebt 
den alternden Gatten und hat fur den jungen, schonen Horant nur ein kaltes 
»Geh!« 

Mag Kathrina in einigen Zugen Rautendelein oder Signes alterer Schwester 
im »Fest auf Solhaug« ahneln, mag sich ein kleiner Anklang finden an Ibsens 
»Frau vom Meer« — Carl H.s Kathrina bleibt ureigenste Schopfung. Seine 
Gestalten fiihren Ratselleben, halten nachtens geheime Zwiesprache mit den 
Stimmen in ihrer Brust und schiirfen und graben im Leben, dem eigenen und 
dem der Natur, nach Griinden. 

Am 13. September 1898 starb des Dichters Vater, dem sein altester Sohn 
Georg 1899 im Tode folgte. 



Hauptmann igi 

Im Giordano-Bruno-Bunde im Biirgersaal des Rathauses zu Berlin hielt 
Carl am 19. Februar 1902 den Vortrag »Unsere Wirklichkeit « (Karl Erdmann 
Dresden, in herzlicher Freundschaft gewidmet) : »Wer nun den Sinn und das Er- 
lebnis des Lebens wieder leben will um seiner selbst willen, der muB dem Ge- 
heimnis der speisenden Mitteilung der Wirklichkeiten sich wieder ganz hin- 
geben und rein ftihlen die Gefuhle, die in solcher Urmitteilung sich im Gemiite 
losen, der muJ3 ganz und voll nur das Wirkliche seiner Personlichkeit setzen, 
sich zuriickfiihlen auf sich selber und auf die wirklichen lebendigen Quellen, 
auf die eigensten klaren und unzweideutigen Lebensmachte, dafl er aus sich 
und ohne Nachfrage bei anderen weifi, was ihn anriihrt, ihm wohltut oder ihn. 
herabwiirdigt . . .«, und als Ende des Vortrags: »Wissen Sie auch, daJ3 wer 
Sinn und Erlebnis des Lebens rein schmecken will um seiner selbst willen, wie 
jene Kindheitsmenschen immer wieder nur den wirklichen Quellen nahen und 
dort wie ehedem — in anbetender Erregung Brot und Blumenkranze in den 
Grotten niederlegen muB?« 

Im selben Jahre (2. Aufl. 1907) gab er bei Callwey in Miinchen den er- 
schutternden Roman »Mathilde«, Zeichnungen aus dem Leben einer armen 
Frau, heraus. Es ist die Geschichte einer Frauenseele. Er schildert das 
Leben Mathildens vom funfzehnjahrigen Madel, das dem Gemeindehaus ent- 
flieht, um in der Stadt Fabrikarbeiterin zu werden, ihr keusches Lieben bis 
zur funfunddreiBigjahrigen geplagten, ganz in Mutterliebe und Muttergluck 
aufgehenden tapferen Frau des Schlossers Simoneit. 

»Der treuesten Mutter « ist dies Alltagslos der einfachen Frau aus dem Volke 
zugeeignet. 

Im selben Jahre erschienen die Prosastudien und kleinen Erzahlungen »Aus 
Hiitten am Hange« (Armeleutegeschichten), 1903 das marchenhafte Biihnen- 
spiel »Des Konigs Harfe«, 1905 die Erzahlungen »Einfaltige«, die prachtvollen 
»Miniaturen« und das tragische Schauspiel »Die Austreibung«; 1906 die 
Biihnendichtung in funf Akten » Moses «. Am Ende dieses Jahres traf CarlH. ein 
groBer Schmerz: die geliebte Mutter starb am 6. Dezember. 1907 erschien sein 
bedeutendstes Prosawerk, der oft mifideutete Roman »Einhart der Lachler«. 
Der Roman eines Kiinstlerlebens. Seelengeschichte. Der Stil des Romans — 
sicher von Otto Muller von der Kunstlervereinigung »Die Briicke<( beeinfluBt — 
ist expressionistisch und bedeutet der jungen Generation Anfang einer neuen 
Epoche. 

Es trieb ihn nach Worpswede, wo Paula Modersohn gemalt hatte, zu dem 
Maler Heinrich Vogeler. Er entfremdete sich dem alten Kreis Bruno Wille, 
Wilhelm Bolsche, Georg Reicke ein wenig. Bei Vogeler in Worpswede lernteer 
Maria Rohne kennen. Im Juni 1908 trennte er sich von der ersten Frau Martha 
(die zur Zeit in Schreiberhau lebt) und heiratete im Oktober desselben Jahres 
Maria Rohne, die Tochter des Generals Rohne. Die Hochzeitsreise ging nach 
Amerika, wo er am 2. Dezember 1908 vor der germanistischen Gesellschaft 
seinen Vortrag »Das Geheimnis der Gestalt« hielt. 1909 wurde ihm sein einziges 
Kind, eine Tochter, Monona Gluckl geboren. 

Georg Reicke, dem Dichter und zweiten Burgermeister von Berlin, widmete 
er »in alter Freundschaft « seinen » Judas «, der drei Geschichten enthalt: »Ein- 
faltige«, » Judas « und »Graf Michael «. Im selben Jahre veroffentlichte er die 
Tetralogie »Panspiele«. Sie kamen am 18. November 1912 in der Lessing-Gesell- 



132 19*1 

schaft zu Hamburg durch Emanuel Stockhausen zur Auffiihrung. Jean Paul 
d'Ardeschah nennt sie ein »vertraumtes Praludium*. 

»Im goldenen Tempelbuch verzeichnet«, so heiBt der erste Akt, ist das Lied 
vom wankelmiitigen Eros. Der Dichter singt von der Liebe, die kommt und 
geht, den Menschen hin und her wirft und biegt wie Schilf im Winde. 

»Du tragst einen Ring von Golde schwer, 
Die siiBe L,iebe, die unbetriibt. 
Hiite den Ring vor den Tiefen im Meer — 
Vereinsamt blutet das Herz, das liebt.« 

Diesem »Taumeltanz der I / iebe«, wie es Carl H. einmal bezeichnete, folgte 
die Komodie »Der Antiquary, der von grotesker Komik ist. Die junge schone 
Sara singt das Panlied, das wie dasHohelied tont. Sie erzwingt sich des jungen 
Samuel zogernde Liebe und macht den geizigen Nelken toll und eifersiichtig. 
Der tragische Akt »Nadja Bielew« blieb in der Hamburger Auffiihrung fort. 
Der vierte Teil der Pansymphonie heiBt »Fasching«. Paul Juon schrieb die 
Musik dazu. Manfred Gurlitt vertonte »Im goldenen Tempelbuch verzeichnet« 
und iibergab diese Oper unter dem Namen »Die Heilige« der Offentlichkeit. 
191 1 erschien das Monumentalwerk » Napoleon «. Erster Teil: Burger Bona- 
parte. Zweiter Teil: Kaiser Napoleon. Es ist die Tragodie des Genies. 1912 
kamen »Die Nachte«. Im selben Jahr bereitete die damals noch deutsche Stadt 
Posen unter Fiihrung der Akademieprofessoren Gustav Buchholz, L,udwig 
Kammerer, Friedrich Giese, Mitscherlich, Focke, Brecht, mit denen ich inn be- 
kannt machen konnte, dem Dichter eine Carl-H.-Feier. Oberregierungsrat 
v. Booth zeigte ihm im Auftrage der Regierung die Ansiedlungen Posens. Er 
selbst, ein genialer Vorleser, der sofort in seinen Bann riB, las »Im goldenen 
Tempelbuch verzeichnet« und die Novelle » Judas« am 29. November. Am fol- 
genden ,Tage fiihrte das Stadttheater »Ephraims Breite« auf. Von seinen 
Freunden wohnten Werner Sombart, Wiihelm Bolsche, Anna Teichmiiller, 
Heinrich Vogeler, der Maler Hannes Avenarius, der Dichterkomponist Paul 
Geisler und Paul Juon der dreitagigen Feier bei. Hier lernte er auch den Maler 
Arthur Rudolph, einen Angelo Jank-Schiiler, kennen, der ihn spater oft malte. 
Am 28. September dieses Jahres las der Dichter in Schreiberhau sein Drama 
in fiinf Akten »Die lange Jule« vor (erschienen 1913 im Kurt Wolff -Verlag. Ur- 
auffiihrung in Dresden). Er schilderte hier ein damonisches Weib, das an der 
Liebe zu seiner Heimat zugrunde geht: 

In Schreiberhau lebt der trotzige GroBbauer Stief, der seine einzige Tochter, 
die lange Jule, um seines zweiten Weibes, der sanften Beate wiilen, in der 
Todesstunde enterbt. Die Tochter, die ihn weich zu machen sucht, verflucht 
er. Zweierlei treibt die lange Jule zu ihrem Ziel, das vaterliche Gut in ihre 
Gewalt zu bringen : der HaB gegen die Stiefmutter und die iibergroBe Liebe 
zu dem Boden, auf dem sie geboren und aufgewachsen, mit dem sie gleichsam 
verwachsen ist. Alles stellt sich ihr bei diesem Vorhaben in den Weg. Alles 
zwingt die Kraft ihres Willens nieder. Leicht iiberwindet sie die Bitten ihres 
Mannes, der besser zum Weibe getaugt hatte ; ihres buckligen Stief sohnes Theo- 
bald, den sie mit einer an ihr sonst fremden, zartlichen Liebe umfaBt, und 
ihrer kindlich reizenden Tochter, der funfzehnjahrigen Gertrud. Alle Weiber- 
list wendet sie gegen den schurkischen, wucherischen Schuster und Hauser- 



Hauptmann jqo 

makler Dreiblatt an, der wegen Notzucht im Zuchthaus gesessen hat und nun 
den toten Vinzenz Stief , der ihn einst wieder ehrlich machte, der ihm das Ver- 
sprechen abnahm, die Hypothek, die Dreiblatt auf dem Gut hat, nicht weiter- 
zugeben, die Treue halten will. Mit List und Liebe macht sie ihn sich schlieBlich 
gefugig. Das schone Weib, dem die Manner nichts bedeuten, gibt sich ihm. Ihr 
Lohn ist die Hypothek. Die harmlose Beate, Jules Stiefmutter, kann die ihr 
gekundigte Hypothek nicht zahlen; sie wirft sich ihr zu FiiBen. Jule verhohnt 
sie. Nachts, da sie alle schlafen, gebiert ihr aufgeregter Sinn, der sich rastlos 
um das vaterliche Gut krampft, den Geist des alten Vinzenz. Zweimal schreckt 
er sie, und laut ruft sie um Hilfe, wirft TintenfaB und Stuhl nach dem Gespenst; 
das drittemal aber setzt sich das furchterliche Weib ihm gegenuber, sieht dem 
Starren starr und furchtlos in die gebrochenen Augen: »Du bist tot. Ich muB 
das Gut haben, denn ich bin deine Toehter.« Und lacht. Das Gut kommt in 
Subhastation und wird der langen Jule zugesprochen. Und die Nacht kommt, 
die vor dem Tage ist, an dem sie im Triumph auf dem vaterlichen Gute ein- 
ziehen will. Ein wundersamer Siegestaumel kommt iiber das Weib, dessen 
Nerven fieberisch gespannt sind. Sie entztindet viele Lichter und zwingt ihre 
miide Familie aus dem Schlaf, trunkene Siegeslieder mit ihr zu lallen und um- 
herzutanzen. Sie hat ihr Ziel erreicht: morgen muB die Stiefmutter von Haus 
und Hof ins Armenstiibel. Morgen kehrt sie triumphierend heim ins vaterliche 
Haus. Ihr Haus. Da schallen schreckliche Rufe in den Siegestaumel. »Feuer! 
Feuer!« gellt's durch die Stille von Schreiberhau. Der irrsinnige Vater Jona- 
than, den Jules Rachsucht aus dem Ausgedinge, das dem alten Artilleristen 
sein Kriegskamerad Stief schuf, vertrieben hat, ziindete das Gut an alien vier 
Ecken an. Wie eine Wahnsinnige stiirzt sie sich in die Flammen. Vergeblich. 
Alles brennt nieder. Keine Hilfe. Das wiitende Element — vom Winde immer 
weiter geworfen — rast unaufhaltsam, bis der letzte Balken in der Glut zu 
Asche wird. All ihr Tun war umsonst. Sie ist mit dem Leben fertig. Auf den 
Trummern ihres Gliickes sitzt die besiegte Siegerin. Sie schneidet sich die 
Pulsadern durch. Wofiir sie schaffte, was sie mit alien Sinnen erstrebte, ist 
nicht mehr. Sie hat kein Ziel mehr. Sie braucht nichts mehr. Sie kann nicht 
mehr leben. Die einfaltigen Bauern sagen: »Der tote Vater hat sie geholt.« 
Nein. Heimatlos mag sie nicht sein, der die Heimat alles ist. — 

Wir beugen uns vor diesem W T eibe, das bose war und Boses alien brachte, 
mit denen sie zusammenkam ; wir beugen uns dennoch vor dieser Furie, weil 
ihr HaB heldenhaft ist und dem tiefinnerlichen Gefiihl der leidenschaftlichsten 
Heimatliebe entspringt. Ihr Untergang, ihr Scheitern, ihr Tod, der ihr Leben 
siihnt, verursacht uns Schmerz und Trauer, denn die Helden des Lebens, die 
Helden der Tat stehen ja immer mit einem FuB auf dem Schafott und sind 
kiihn genug, sich nicht davor zu furchten. Erst der Erfolg laBt uns das Tun 
jener Helden vergessen, idealisiert das Leben dieser Tatmenschen, das uns in 
anderem Falle verabscheuungswurdig, verdammenswert erschienen ware. »Die 
lange Jule« ist das erschiitternde Drama eines damonischen Weibes, das die 
Heimat mehr liebt als Eltern, Mann und Kinder. Mehr als sich selbst; eine 
Heldin des Lebens, eine Frau der Tat, eine Kraftnatur, »die koniglich unbesorgt 
um Einzelheiten den Blick allein auf das Ziel gerichtet halt«. Es ist die Tra- 
godie der Heimatliebe. In die tiefsten Winkel menschlichen Wollens und Han- 
delns dringt forschend der Dichter. Menschen, die abseits vom Wege gehen, 



134 I921 

herostratische Naturen, deren Tun wir ratios gegeniiberstehen, sucht er zu er- 
gr iinden und menschlich begreiflich zu machen. Seine alles verstehende Liebe, 
sein unerschiitterlicher Glaube an das Gute im Menschen breiten eine zarte 
Marchenstimmung, eine seltene SiiBigkeit iiber die Gestalten, vor deren skrupel- 
losem Handeln wir erschrecken. Im Gegensatz zur langen Jule liegt iiber dem 
buckligen Stiefsohn, einem Zwilling des Hans Thotnaschen Geigers, der im Mond- 
schein die Geige streicht, sehnsiichtige Melodie. Tor Jonathan und Tochter 
Gertrud sind von entziickender Weichheit. — Ich gehe besonders auf »Die 
lange Jule« und »Die Besenbinder« ein, um kenntlich zu machen, daB der 
Dichter hier vom Naturalistischen, dort vom Volkstumlich-Marchenhaften 
ausgeht und immer zum Romantischen kommt. Beide Werke scheinen mir fur 
sein Schaffen besonders charakteristisch. 

Am 13. Oktober war Carl H. in Berlin, um in Friedenau im Hause des Pro- 
fessors Paul Juon, der die Musik dazu schreiben sollte, sein altes Marchen in 
fiinf Akten »Die armseligen Besenbinder« (erschienen 1913 im Verlag Kurt 
Wolff, Leipzig) vorzulesen, diese Dichtung, die so innig ist, wie es alle deutschen 
Marchen sind. — Es war um die Stunde, die der Dichter in seinen »Nachten« 
besingt: »Am Hause . . . kroch die Herbstsonne iiber Dachwerk und Giebel 
und legte die groflen Zackenschatten mitten hinein in braunes, raschelndes 
I,aub und blaue Astern . . . «, da erzahlte er : 

»Gestern oder schon vor langen Jahren lebte in Schreiberhau eine Besen- 
binderfamilie Raschke, die war sehr, sehr arm. Sie war so arm, daB sie iiber- 
haupt nicht mehr unterscheiden konnte zwischen gut und schlecht. Wie in 
alien Menschen gluhte auch in ihnen eine heiBe Sehnsucht nach dem Gliick, 
die besonders stark in dem alten Raschke und seinem wunderschonen Enkel- 
kinde Rapunzel war. Wie das Gliick nun eigentlich aussah, das freilich wuBten 
sie alle nicht. Der alte Raschke, der versuchte es immer in Einklang zu bringen 
mit seinem zweiten Sohn Johannes, dem Vater der Rapunzel, der vor vielen, 
vielen Jahren in die Welt gegangen war. Und er traumte, und Rapunzel 
traumte Vieles und Seltsames : er sah sich von seinem Sohn Johannes vor die 
Himmelstur gefiihrt. Da kamen sie alle vorbei, die bosen vornehmen Leute, 
die keine Besen von ihm kaufen wollten, die nur Hohn fiir ihn hatten, der hoch 
oben am Waldrand im Gemeindehause hauste. Es beugten sich vor ihm der 
Herr Gendarm, der Herr Pastor und der Herr Amtssekretar. Und der alte 
Raschke wuBte nun, wie das Gliick aussah. Statt Krahenbraten und Wiirsten, 
die der alteste Sohn dem Wirt der » Sonne « stiehlt, gibt's nun Schinken und 
Zuckerbrot zu essen . . . Ach Gott! Er und Rapunzel haben ja so viel Zeit zu 
traumen. Der Winter ist hart. Um Licht und Holz zu sparen, liegen die Raschkes 
den groBten Teil der Zeit im Bett und warmen sich aneinander. Der Traum 
umspinnt die Stunden ihrer Tage so fest mit seinen weichen, weiBen, seidenen 
Zauberfaden, daB sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr voneinander trennen 
konnen: Johannes kehrt zunick und bewirtet das ganze Dorf auf goldenen 
Schiisseln. Sogar der Herr Amtssekretar, der vor dem Reichtum des Johannes 
Scheu empfindet, nimmt dessen Einladung an. Die Raschkes sind verklagt. 
Sie haben eingebrochen. Aber wegen der Einladung wird die Sitzung unter- 
brochen. Ehe aber das Verfahren gegen die Raschkes fortgesetzt werden kann, 
kommt der unerbittlichste Richter — der Tod — und nimmt den alten Raschke 
mit sich. — Es ist Abend geworden, die Raschkes schlafen, der Alte sitzt und 



Hauptmann joe 

sinnt seinen Traumen nach. Die Tiir offnet sich. Der langersehnte Johannes 
tritt ein. In einem Korbe bringt er goldene Apfel und Kugeln mit. Flustert 
dem Alten ins Ohr: »Ich bin wieder da. Ich bin's, Johannes. « Und der Alte 
nimmt spielend das Gold in seine Hande und schlaft ruhig und gliicklich ein, 
um nie wieder zu erwachen. Johannes aberbeugt sich iibersein KindRapunzel 
und erzahlt der Sechzehnjahrigen von der Welt, von bun ten seidenen Tuchern 
und von blitzenden, glitzernden Steinen. Sie taumelt aus dem Schlaf, an dem 
toten GroBvater vorbei, Johannes nach. Wohin ? J a, wer konnte das sagen. 
Sie sucht das Gluck ; sie, wie wir alle es suchen und nicht f inden, weil wir es 
suchen. 

In diesem Marchen klingt die Musik unserer Seele. Es gelangte Oktober 
1913 im Dresdener Hoftheater zur Urauf fuhrung ; 1917 unter Friedrich KayBler 
in der Volksbuhne, Berlin. AuBer Paul Juon schrieb auch Heinz Thiessen eine 
Musik zu diesem Marchen. 

Nach den Romanen »Mathilde« und »Einhart« erschien 19 13 » Ismael Fried- 
mann«. Der Roman eines Halbjuden; eines Mischlings, Sohn eines reichen, 
machtvollen jiidischen GroBindustriellen und einer stillen, feinen, blonden 
Pastorentochter. Zwei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor : die f rische, lebens- 
freudige Tochter und Ismael, der immer voller Sehnsucht ist. Ismael, der 
schone, hinkende Gelehrte, kehrt von einer Weltreise zuriick. Er versucht auf 
SchloB Jungholz heimisch zu werden, aber seine Sehnsucht — die Sehnsucht 
des reichen Jiinglings aus der Bibel — laBt ihn den Frieden der Seele nicht 
f inden. Sein Freund Juvelius, der Ismaels Schwester, die voll quellendem, 
achtlos gesundem Leben ist, heiratet, ist ihm kein Gefahrte der Seele. Auch 
bei der empfindsamen Mutter, die an dem Sohn mit heiBer Liebe hangt, findet 
er nicht das Verstehen, das sein Herz sich wiinscht. Um Herr dieser Sehnsucht 
nach dem Gluck zu werden, fehlt ihm der Mut zu handeln. Er wagt nicht nach 
dem Gluck zu greifen, das sich ihm stiindlich beut. Er sieht es und laBt es 
voriiberziehen. Er liebt Isabel v. I,andre\ Sie scheint seine Neigung zu er- 
widern. Sie gibt ihr Jawort. Zum erstenmal schweigt die Sehnsucht ganz in 
Ismael. Da geht dieses feine, herbe Madchen still und ruhig in den Tod. Denn 
die im Gliicksrausch geforderte EntbloBung stellt ihrer Scham eine fast un- 
mogliche Aufgabe. Und Ismael, der nicht den Mut des reichen Jiinglings hat, 
zu entsagen, lebt einsam und sehnsuchtsvoll weiter. Ein Sonderlingsleben 
ohne Tat, ohne Nutzen fur sich und die anderen. — Ismael Friedmann ist die 
Geschichte einer Sehnsucht. 

Carl H. aber liebte die Tat. In ein Buch, das er mir am 1. Dezember 1912 
»Dem treuen Tater den frohen Dank fur die erfolgreichen Posener Tage« 
sandte, schrieb er: »Die Tat ist alles!« Und sein Iyeben war stets der Tat, dem 
Tun geweiht. 

Den groBen Krieg vorahnend, schrieb er 1913 das Tedeum »Krieg« (1914 er- 
schienen). Dann kamen im Anfang des Krieges seine Novellen »Schicksale« 
und die dramatischen Szenen »Aus dem groBen Kriege<(. Am 15. Januar 1915 
hielt er vor der Freien Studentenschaft der Universitat Berlin den Kriegsvor- 
trag »Die uralte Sphinx « (gewidmet »der kampfenden und ringenden Jugend 
des geliebten deutschen Vaterlandes«. Kurt Wolff-Verlag, Leipzig). Ebendort 
erschien sein »Riibezahl-Buch« und dann die herrlichen, traumschonen Sonette 
»Dort, wo im Sumpf die Hiirde steckt«. Diese entstanden teilweise in Worps- 



136 192 1 

wede, erfiillt von dem, was er Maria Rohne zu sagen hatte. Friihling 1916 war 
er mit mir zur Urauffiihrung von Kokoschkas »Brennendem Dornbusch* in 
Dresden, fur den er als Maler und Dichter gliihendes Interesse hatte. Auch 
Werfel, Johst und Hasenclever schatzte er sehr. Nach der dreiaktigen Ko- 
modie »Die Rebhuhner* kam die fiinfaktige burleske Tragodie » Tobias Bunt- 
schuh«, deren Urauffuhrung mit Max Pallenberg in der Hauptrolle im Deut- 
schen Theater in Berlin stattfand. Es ist dies die Tragodie des Machtmenschen, 
des genialen Erfinders. Alfred Kerrs gescharfter Instinkt erkannte in Carl H. 
das AuBerordentliche, und er sagt treffend in seiner Kritik iiber » Tobias Bunt- 
schuh« von ihm: »Erschiitterndes liegt in einem Auftritt von bleibender Ge- 
walt — wenn der kriipplige Sohn, der Machtmensch ohne Liebesgluck neben 
seiner Mutter hockt und ihr vorwirft : Das Letzte kannst du mir nicht schaf fen : 
das Madel. Du kannst mir nicht alles ersetzen ! Du reichst nicht aus. Das geht, 
Hand aufs Herz, in die tiefsten menschlichen Dinge. Wer das schuf, ist ein 
Beweger.« (Alfred Kerr, »Die Welt im Drama «, Bd. Ill, S. Fischer- Verlag, 
Berlin.) 

Es folgen »Gaukler, Tod und Juwelier«, ein Spiel in fiinf Akten, und das 
vieraktige Spiel »Musik«, die mit » Tobias Buntschuh« die Trilogie »Die gol- 
denen StraBen« bilden. Sechs I^egenden »Lesseps«, »Des Kaisers Liebkosende«, 
»Der schwingende Felsen von Tandil«, »Der abtriinnige Zar« (Auffiihrung in 
der Volksbiihne Berlin mit Ludwig Wiillner), » Eva-Maria «, »Die lilienweiBe 
Stute«, »Wendolin und Serafine« und das Gedicht »Der M6rder« sind Carls 
letzte Werke, die erschienen sind. (ZusammengefaBt unter »Legenden von 
Verbrechen und Abenteuern«, Wegweiser- Verlag, Berlin.) 

Am 4. Februar 1921, nach fast einjahrigem I^eiden, starb der Dichter Carl H. 
In Nieder-Schreiberhau hat man ihn zu Grabe getragen. Werner Sombart, der 
Freund, hielt ihm die Grabrede. Er ruht auf dem alten Dorffriedhof unter 
einer alten Linde. Sein Denkmal schuf sein Freund Professor Hans Poelzig. 
Auf dem Stein steht Einhart des Lachlers Grabschrift, das alte Volkslied : 

»Wohl unter dem Roslein, 
Wohl unter dem Klee, 
Darunter verderb' ich 
Nimmermeh' ! 
Denn jede Trane, 
Die dem Aug' entquillt, 
Macht, daB mein Sarg 
Mit Blut sich fullt. 
Doch jedesmal, 
Wenn du frbhlich bist, 
Mein Sarg voll 
Duftender Rosen ist.« 

Im NachlaB fand sich ein groBes Prosawerk »Tantaliden«-Gesichte (aus 
der Zeit Ende des Krieges). Will-Erich Peukert bereitet eine ausfiihrliche 
Carl-H.-Biographie vor. Viele Daten finden sich bei Paul Schlenther-Eloesser, 
Dr. Hanns Martin Elster, Adolf Bartels und Paul Fechter. Wichtig fiir die Be- 
urteilung Carl H.s ist, was Alfred Kerr iiber ihn sagt. Sein dichterischer Nach- 
laB befindet sich bei Frau Maria H. -Rohne. 



Hauptmann. Heusler 137 

Mit Carl H. ging ein echter deutscher Dichter zu Grabe, dessen grofie Be- 
deutung, besonders fur die junge Generation, erst spater erkannt werden wird. 
Sein Einflufl auf Gerharts dichterisches Schaffen, jetzt noch in tiefes Dunkel 
gehullt, muB spaterer Forschung iiberlassen bleiben; vielleicht wenn Einblick 
gewahrt wird in die Briefe und Tagebiicher gemeinsamer Freunde. Carls 
reiche Seele ist in vielen Werken. In den Versen: 

»t)ber uns in wolkigen Liiften 
Jubeln Lerchen traumverloren. 
Tief im Haidekraute lieg' ich, 
Fuhle mich so erdgeboren. 

Ganz, als ob ich aus der Scholle 
Wild entwachsen war', wie Baume, 
Leicht vom Haidewind geschaukelt, 
Erde halb — und halb auch Traume. 

Ganz, als ob ich aus der Scholle 
Aufgeflogen war' mit Schwingen, 
Hoch im Sommerwinde aufsteigend, 
Erde halb — und halb doch Klingen. — « 
Berlin. Karl Wilczynski. 

Heusler, Andreas, * Basel 30. September 1834, t daselbst 2. November 1921. 

1. LebenundWirken. Abkunft und Uberlieferung weisen den jungen H. 
auf Fuhrerrang in der Heimatstadt Basel. Der Vater Andreas H. war Professor 
und Ratsherr, im politischen Kampf Fuhrer der konservativen Partei; die 
Mutter Dorothea geb. Ryhiner gleich ihrem Gatten altbaslerischen Geschlechts. 
Als Abiturient des Basler Gymnasiums wird der fiir Musik und Graphik be- 
geisterte Sohn nach einigem Schwanken der Geschichtsforschung gewonnen und 
entscheidet sich fiir Rechtsgeschichte. Aber vom germanistischen Katheder 
kommen ihm keine starken Eindriicke zu. Die Universitatsjahre in Basel, Got- 
tingen und Berlin erwecken zivilprozessuale (Briegleb) und romanistische Inter- 
essen ; aus dem romischen Servitutenrechte geht auch die bei F. L. Keller in 
Berlin eingereichte Dissertation. Zuriickgekehrt, wirkt H. 1856 — 1858 bei der 
Ordnung des Basler Archivs mit, und hier gewinnt er unmittelbare Fiihlung mit 
dem mittelalterlichen Rechtsleben. Um dieselbe Zeit tritt er (1857) als Gerichts- 
schreiber am Basler Zivilgericht ein, bald von der Rechtsprechung lebhaft ge- 
fesselt. Das Jahr 1858 bringt die Entscheidung fiir die akademische Laufbahn; 
H. habilitiert sich fiir ZivilprozeJ3. Nach C. W. Arnolds Weggang erhalt er 1863 
die gennanistische Professur an der Basler Juristenfakultat, die er in der Folge 
ein halbes Jahrhundert hindurch bekleidet und auch auf auswartige Rufe 
(Zurich 1871, Tubingen 1873) hin nicht aufgibt. Neben der I^ehrtatigkeit lauft 
bald auch das Richteramt einher: 1859 wird H. Ersatzrichter, 1863 Richter, 
1866 Statthalter des Zivilgerichts. Von 1891 bis 1907 ist er President des Appel- 
lationsgerichts seiner Vaterstadt. 

Doch nicht genug damit. Der engere Raum der kleinen Stadtrepublikbe- 
dingt allseitigere Inanspruchnahme geistig Fiihrender. H. nimmt seit i860 auch 
an der Basler Gesetzgebung teil und gehort seit 1863 der Justizkommission an, 



138 1921 

welche als Auf sichtsinstanz vor allem in Sachen der f reiwilligen Gerichtsbarkeit 
und Justizverwaltung amtet. Der Sechsundzwanzigjahrige verfaBt i860 den 
motivierten Bericht iiber das Grundbuchgesetz (i860). Dann geht er im behord- 
lichen Auftrag an die Ausarbeitung eines Zivilgesetzentwurfs (Text 1865, Mo- 
tive 1866/68), der in Erwartung eines schweizerischen Zivilgesetzbuches freilich 
nicht Gesetz wurde, wohl aber in Teilgesetzen (Vonnundschaftsgesetz 1880, 
H.s Entwurf 1877 — Gesetz iiber ehel. Giiterrecht, Erbrecht und Schenkungen 
1884, H.s Entwurf 1878) Geltung gewann. SchlieBlich folgt die nun durch 
50 Jahre bewahrte ZivilprozeBordnung (1875; H.s Entwurf 1873). Fast gleich- 
zeitig lenkt der in Basel Anerkannte das Augenmerk des Bundes auf sich. Ein 
im schweizerischen Juristenverein 1865 gehaltenes Refer at iiber Konkurs- 
privilegien zieht 1868 den behordlichen Auftrag nach sich, den Entwurf eines 
allgemeinen Konkursgesetzes und eines Gesetzes (oder Konkordats) iiber Be- 
treibung auszuarbeiten. H. legt 1870 den Entwurf vor und bleibt bis 1889 an 
der Schaf f ung des schweizerischen Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes be- 
teiligt, muB aller dings eine vollige Umgestaltung seines Entwurfs zugunsten des 
Saisie-Verfahrens der welschen Kantone hinnehmen. An der Abfassung des 
schweizerischen Obligationenrechts (1881) hat er nur mehr literarischen Anteil, 
an jener des Zivilgesetzbuches wirkt er nicht mehr mit. Die gesetzgeberische 
Fiihrung war inzwischen auf Eugen Huber ubergegangen. 

Auf der Hohe seiner Jahre nimmt H. auch als Politiker am offentlichen Leben 
teil: 1866 — 1902 als konservatives Mitglied des Basler groBen Rates, insbeson- 
dere aber 1873 bis Mitte der achtziger Jahre durch politische Artikel in der 
Allgemeinen Schweizerzeitung, worin er namentlich gegen die Zentralisierungs- 
plane der radikalen Partei Stellung bezog. 

Neben all dem dient er mit der selbstverstandlichen Hingabe des Basler Alt- 
burgers an seine Vaterstadt offentlichen Veranstaltungen und gemeinnutzigen 
Einrichtungen. Vor allem gilt seine L,iebe der wertvollen Universitatsbibliothek, 
deren Kommission er seit 1872 angehorte, seit 1886 vorstand. Der sonst pein- 
lich sparsame Mann war ihr gegeniiber im Schenken verschwenderisch, in der 
Wahrung ihrer Belange ein Eiferer. Ihr Reichtum ist mit sein Werk. 

Sein eigenes Haus griindete H. 1862 durch Vermahlung mit Adele Sarasin, 
Tochter des Basler Ratsherrn Karl Sarasin. Der Ehe entsprossen zwei Tochter 
und als einziger Sohn Andreas, Professor der germanischen Sprachen und Lite- 
ratur zu Berlin, jetzt Basel. Die eingangs der siebziger Jahre ausbrechende Er- 
krankung der Gattin, ihr 1878 erfolgter Tod wirft iiber diese Jahre tiefen 
Schatten. Immerhin bringt freundschaftlicheur Verkehr mit Gelehrten (W. Vi- 
scher/ P. F. v. Wyfl, G. Hartmann. R. Sohm u. a.) wieder Sonnigkeit ; A. Wach 
und K. Binding bleiben H. zeitlebens nahverbundene Freunde. 

Mehr und mehr steht er nun als Gelehrter im Vordergrunde seiner Vaterstadt 
und ihrer Hochschule. Er wird 1871 Rektor der Universitat, erhalt 1888 den 
Dr. h. c. der Basler Philosophischen Fakultat, 1904 jenen der Staatswissen- 
schaften seitens der Universitat Tubingen, 1909 jenen der Rechte seitens der 
Genfer Schwesterfakultat. Hinzu tritt 191 1 die Verleihung des Ordens Pour le 
m£rite und 19 13 die Ernennung zum Ehrenmitglied des Schweizerischen 
Juristenvereins. 

Als H. 1913 sich aus dem Lehramte zurtickzog, geschah es, um den Rest 
seiner Jahre in Zuriickgezogenheit literarischen Vorwiirfen zu widmen. Da 



Heusler 



139 



brach der Krieg aus und Eckart Meister zog ins Feld, ohne die von Planitz nur 
kurz versehene, jetzt freigewordene Lehrkanzel bestiegen zu haben. So trat 
denn der Achtzigjahrige noch einmal in die Lucke. Wie frisch sein Geist noch 
immer war, davon zeugen seine letzten literarischen Schopfungen. Erst das 
Jahr 1 92 1 brachte zu den Altersbeschwerden des Leibes eine unverkennbare 
Ermattung des Geistes, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Nach kurzem 
Krankenlager entschlief er einem erfullten Leben. 

2. Das wissenschaf tliche Werk. Nur kurz gestreift sei hier H.s Tatigkeit 
als Letter der Zeitschrift fiir schweizerisches Recht (1882 — 1920). In ihr hat er 
Jahr fiir Jahr die schweizerische Rechtsliteratur gesichtet und zum groBen Teile 
selbst gewiirdigt, schweizerische Rechtsquellen der Forschung zuganglich ge- 
macht und mit sorgfaltig berichtender Feder die gesamte Gesetzgebung der 
Schweiz verfolgt. 

Daneben und fiir die Wissenschaft davor steht sein eigenes literarisches 
Schaffen. Wie aller GroBen geht auch H.s Absicht bei jeglicher Forschung auf 
schrittweise Aneignung eines Gesamtbildes. Von der Einzelstudie ausgehend, 
halt er erst inne, wenn das ganze Feld gemeistert vor seinem Blicke daliegt. 

a) ProzeBrechtliche Schriften. Die erste rechtsgeschichtliche Arbeit 
nach der Dissertation gilt dem Rechtsgang. Der Vierundzwanzigjahrige wan- 
delt noch in den Bahnen Fr. v. WyB\ dessen Abhandlung vom altzurcherischen 
Konkurs H. (1858) an weiterem Schweizer, insbesondere Basler Material fort- 
fuhrt. Das durch sie veranlaBte Referat iiber Konkurs vorrechte (1865) zieht in 
der Folge (1882) eine Untersuchung iiber das Weibergutprivileg nach sich, dem 
er eine Hochstgrenze gesetzt wissen wollte, und eine ahnlich skeptische Ein- 
stellung zeigt auch das Referat vom gleichen Jahre auf dem schweizerischen 
Juristentag. Abrundung und AbschluB der Studien bildet auf konkursrecht- 
lichem Gebiete der Gesetzentwurf selbst, in dem er sich fiir die grundsatzlich 
simultane Zwangsbefriedigung aller Glaubiger (Konkurssystem) einsetzte, weil 
er sie fiir wohlfeiler, gerechter und einfacher hielt als die Einzelbetreibung. 

Dem ZivilprozeB i.e.S. gilt eine methodisch vortreffliche Abhandlung iiber 
die Nichtigkeitsbeschwerde in schweizerischen ProzeBordnungen (1867), worin 
er insbesondere eine Abgrenzung der nur durch Kassation heilbaren Verfahrens- 
mangel trifft, wie er sie spater auch seinem Entwurf einer Basler ZPO. zugrunde 
legte. Gegeniiber dem vom franzosischen ProzeB beeinfluBten Standpunkte 
deutscher und schweizerischer ProzeBgesetze verteidigt H. den gemeinen deut- 
schen ProzeB mit seinem Schriftlichkeitsverf ahren. — Stark geschichtlich unter- 
baut ist ein Aufsatz vom Forum contractus (1881), der wiederum die schweize- 
rischen Verhaltnisse im Auge hat. — Begrifflicher Klarung dient die 1879 er- 
schienene meisterhafte Abhandlung iiber die Grundlagen des Beweisrechts ; sie 
scheidet die noch wahrnehmbaren Tatbestandselemente aus dem Anwendungs- 
bereich der Beweismittel aus und weist sie richterlichem Augenschein zu. Der 
hierbei sich aufdrangenden Frage nach der Rolle des Sachverstandigen ist H. 
ausfuhrlicher in einer 1915 veroffentlichten Studie vom sachverstandigen 
Richter nachgegangen. Der Sachverstandige ist ihm Richtergehilfe, daher kann 
der Einzelrichter stets, der Kollegialrichter wenigstens in Fragen des taglichen 
Lebens sehr wohl als Sachkundiger urteilen. — Ein gleichfalls 1915 mit dem 
vorigen zusammen erschienener Aufsatz bekampft die Lehre, wonach die Ent- 
scheidungsgriinde der Rechtskraft entzogen bleiben; soweit diese notwendige 



140 1921 

Elemente des Urteils bildeten, miisse auch die Rechtskraft auf sie erstreckt 
werden. — Den AbschluJS derteils legislativen, teils dogmatischen Arbeiten aus 
dem ProzeBrecht bildet die nach H.s Tod erschienene Darstellung des Zivil- 
prozesses der Schweiz. Diese kurzgefaBte Einfiihrung konnte keine erschopfende 
Behandlung des Stoffs bedeuten, wohl aber ist sie nicht nur ein Werk echt 
H.scher Gestaltungskunst, sondern zugleich auch die reife Frucht langjahriger 
Beschaftigung mit den prozeBrechtlichen Problemen selbst, denen er treffende 
Ausfiihrungen widmete. 

Umrankt wird dieser fruchtbare Zweig IJ.scher Forschung von drei geschicht- 
lichen Studien. Eine umfangreiche Abhandlung iiber den ExekutivprozeB (1867) 
zeigt bereits den sicheren Griff und die Darstellungskunst seiner Feder. Sie ent- 
hiillt die spatmittelalterlichen Wurzeln des Urkundsprozesses und berichtigt 
die gemeine Ansicht von dessen rein romisch-kanonischem Ursprung. — Einem 
breiteren Leserkreise zugedacht, daher gemeinverstandlieher geben sich zwei 
weitere Aufsatze. In der Festschrift der Universitat erschien (1910) der erste, 
von der Basler Rechtspflege durch fiinf Jahrhunderte erzahlend. Als nach- 
gelassene Schrift der andere (1922) iiber Basels Gerichtswesen im Mittelalter. 

b) H.s verfassungsgeschichtliche Arbeiten gehen von der Stadt- 
verfassung und auf schweizergeschichtlichem Boden von den alten eidgenos- 
sischen Biinden aus, urn in zwei Gesamtdarstellungen ihre Kronung zu finden. 
Gleich der erste Wurf ist ein Meisterwerk: die i860 der feiernden Universitat 
gewidmete Verfassungsgeschichte der Stadt Basel, auf lange Zeit »die beste 
deutsche Stadtegeschichte « (Schmoller). Die Zeitgenossen bewegend durch den 
Gegensatz zur Jahrszuvor erschienenen Schrift Nitzschens iiber Ministerialist 
und Biirgertum, erfuhr dieses ortsgeschichtliche Werk aus der Feder des ge- 
reiften H. 1872 eine Steigerung zu allgemeiner Fragestellung ; denn seine Schrift 
vom Ursprung der deutschen Stadtverfassung miinzt den Ertrag der Basler 
Lokalforschung in allgemeine Satze aus, die, gegen Nitzsch und v. Maurer ge- 
wandt, den Standpunkt des Basler Freundes und Vorgangers Arnold von der 
freien Biirgergemeinde als Keimzelle des Stadtstaats verteidigen. In der Folge 
war es dann Sohms spekulative Schrift von der Entstehung des Stadtewesens 
(1890), welche H.s Anschauung bis zuletzt beherrschte, wahrend er die frucht- 
bareren Forschungen Jiingerer zur Stadtverfassung des Mittelalters nicht mehr 
beriicksichtigt hat. 

Forderten diese und andere Studien, nicht zuletzt sein Institutionenwerk, 
haufig Seitenblicke auf andere Fragen der Verfassungsgeschichte, so holte H. 
1905 mit seiner Deutschen Verfassungsgeschichte zu einer abschlieBenden Dar- 
stellung aus. Sie sollte indes kein mit gelehrten Nachweisen und Erorterungen 
ausgeriistetes Handbuch, vielmehr ein Lesebuch fiir den Gebildeten sein, und 
zu einem solchen brachte seine gepflegte Darstellungskunst und sein Blick 
fiir die groBe Linie ja auch besondere Eignung mit. Freilich bedeutete dies 
zugleich Verzicht auf kritische Wiirdigung der iiberwiegend in Einzelfragen 
und lokalgeschichtliche Bilder festgebissenen verfassungsgeschichtlichen Lite- 
ratur. Fehlte dem vielbeschaftigten Manne Kraft und Zeit, ihr zu folgen, oder 
verspiirte der Wesentlicherem zugewandte Jurist H. keine Lust mehr dazu ? 
DaB der Stoff selbst fiir ihn seine Anziehungskraft nicht verloren hatte, 
zeigen die literarischen Gaben des Hochbetagten. Der Basler Biirgerschaft be- 
scherte H. 1917 eine gemeinverstandlich geschriebene Geschichte der Stadt 



Heusler IJ.I 

Basel; der schweizerischen Juristenschaft aber legte er noch 1920 seine aus einer 
Kriegsvorlesung hervorgegangene Schweizerische Verfassungsgeschichte vor. 
Sie hat ihre Vorlaufer teils in vortrefflichen Einleitungen zu den von ihm ver- 
offentlichen Rechtsquellen (Wallis, Tessin), teils in einer Analyse der eid- 
genossischen Bundesbriefe, die H. 1901 zuerst in seiner Festrede zu Basels Auf- 
nahme in die Schweizerische Eidgenossenschaft (1501) bot, und sodann in den 
1904 veroffentlichten Glossen zum Basler Bundesbriefe weiterspann. 

c) Privatrechtliche Schriften. Tritt H. auf prozeBrechtlichem und ver- 
f assungsgeschichtlichem Boden hinter GroBeren zuriick, so fiihrt inn das Privat- 
recht in vorderste Reihe. Von geringerem Range ist freilich eine Erstlingsarbeit 
iiber Biirge und Selbstzahler (1861), und auch die zu den Uerten- und Teilsamen- 
rechten Unterwaldens geschriebene Einleitung (1862) zeigt noch deutlich den 
EinfluB Fr. v. WyB\ Immerhin geht es da bereits um einen der Kernpunkte 
des mittelalterlichen Privatrechts, um die Rechtsnatur der Genossenschaft. 
Und den einmal bezogenen Standpunkt (von der juristischen Personlichkeit der 
germanischen Genossenschaft) hat H. weder Gierkes breit unterbauter Ge- 
nossenschaftstheorie gegeniiber preisgegeben noch dem Sohmschen Versuch einer 
nach AuBen- und Innenseite gespaltenen Konstruktion. Zum Sachenrecht leitet 
sodann eine Studie iiber Fahrnisverfolgung (187 1) hin. Was hier von der pro- 
zessualen Seite angegangen wird, verfolgt das 1872 erschienene Buch von der 
Gewere auch in materiellrechtlicher Richtung. In ihm bewahrt sich H. erst- 
mals auf privatrechtlichem Gebiet an groBem Stof f als vollig selbstandiger For- 
scher von erstem Rang. Das Werk bleibt seine methodisch strengste und 
quellenmaBig umfassendste Abhandlung, »ein Stuck europaischer Rechts- 
geschichte« (Laband). Es geht gegen Albrechts Geweretheorie ; die Gewere er- 
halt als reale Sachherrschaft wieder Fleisch und Blut, unbeschadet ihrer aus- 
schlaggebenden Wirkung im Rechtsgang. Die geistreiche Verknupfung H.scher 
Ergebnisse mit dem Grundgedanken Albrechts auf dem Boden der Kundbar- 
keitswirkung, wie sie E. Huber und O. Gierke spater fanden, hat H. zeitlebens 
abgelehnt. Die Besonderheiten der germanischen Fahrnisklage schienen ihm 
prozessual-polizeilichen, nicht materiell-publizitatsrechtlichen Grund zu haben. 

Auf Bindings Drangen tibernahm H., dergestalt als Beherrscher weiter 
Privatrechtsgebiete ausgewiesen und fraglos durch den starken Eindruck seiner 
Geweretheorie auf die zeitgenossische Fachwissenschaft ermutigt, die Darstel- 
lung des Deutschen Privatrechts in des ersteren Handbuch. Bald gab er freilich 
das geltende Privatrecht, die germanistische Pandektenlehre, an O. Gierke ab 
und ubernahm statt dessen die geschichtliche Einfuhrung, die auf Brunners Vor- 
schlag unter dem Stichwort Institutionen gehen sollte. Das zweibandige Werk 
erschien 1885/86 ; es wurde fur die Fachwelt ein liter arisches Ereignis und hat 
seinem Verf asser f iir immer einen Platz unter den Klassikern der Rechtswissen- 
schaft gesichert. Es hat zugleich die germanistische Forschung erneut zu Ehren 
gebracht; denn keine Darstellung hatte zuvor »so im Zusammenhange das ganze 
mittelalterliche Recht erfaBt* (Stobbe). Auch im romanistischen Lager er- 
hoben sich begeisterte Stimmen, zumal seitens R. v. Jherings, der das Werk als 
ebenbiirtiges Seitenstiick zu seinem Geist des romischen Rechts begruBte. Das 
Buch bietet bei biindigster Gedankenfiihrung eine Fiille geistvoller Deutungen 
und ist, wenn auch naturgemaB in manchem iiberholt, noch heute die hochst- 
stehende Einfuhrung in das mittelalterliche Privatrecht. Kaum in einer 



I42 1921 

anderen Schrift hat H. seine intuitive Sicherheit im Herausgreifen des Wesent- 
lichen so meisterhaft bewahrt, kaum irgend sonstwo bluht seine Sprache zu 
solcher Vollendung auf. Alles lebt, alles ist geschaut, und unbeschwert von 
antiquarischem Beiwerk wie von unfruchtbarer Konstruktionssucht er- 
schlieBt seine Darstellung Sinn und Geist der entschwundenen Rechtswelt in 
einem monumentalen Bau von iiberraschender ZweckmaBigkeit. — H. wird 
unter den groBen Gelehrten seinen besonderen Platz behaupten. Er ver- 
bindet geschichtliche Intuition mit fesselnder Darstellungskunst. Dabei geht 
er, der auch im Umgang kantig sein konnte, in der Wissenschaft gerne seinen 
eigenen Weg, unbekummert um Beifall und Widerspruch der andern. Er ist 
einer der markantesten Vertreter aus dem Gelehrtenkreise vornehmer Basler, 
dem er entstammte und zeitlebens angehorte. 

Literatur : Worte des Sohncs (als Manuskript gedruckt) ; Nachrufe schrieben: U.Stutz, 
Ztschr. d. Savignystift. f . Rechtsgesch., XUII, Germ. Abt., p. LXIV ss. ; derselbe, Schweiz. 
Monatshefte f. Politik und Kultur I, 4i2ff.; C. Bischoff, Basler Jahrbuch 1923, iff.; 
W. Vischer, Basler Ztschr. f. Geschichte und Alt., XX 38iff.; E. His und F. Beyerle, 
Ztschr. f . Schweiz. Recht NF. XU ff . — Schriftenverzeichnis von E. His am zuletzt genann- 
ten Orte, S. iooff. — Der literarische Nachlafl ist, soweit wissenschaftlichen Inhalts, 
gedruckt. Eine Ausnahme macht nur ein erster Teil der zur zweiten Auflage bestimmten 
Deutschen Verfassungsgeschichte, welcher dem Verf asser dieses Nachrufs iibergeben wurde. 
Teile einer unvollendeten Autobiographic, Notizen und Briefe beim Sohn A. H., Haus 
Thule, Arlesheim. 

Basel. Franz Beyerle. 

Hildebrand, Adolf v., Bildhauer, * in Marburg am 6. Oktober 1847, t am 
18. Januar 1921 in Mtinchen. — Dem Begriffe »Personlichkeit« ist wohl niemals 
vorher so viel Wichtigkeit fur die Beurteilung eines Kiinstlers und seiner Lei- 
stungen beigelegt worden als zu der Zeit, da Adolf v. H. in die Ewigkeit ging. 
Leider hat seitdem die allgemeine Vorstellung von dem, was ein Kunstwerk zu 
einer personlichen Schopfung macht, die starkste VerauBerlichung und Ver- 
groberung erfahren. Damit sind alle die Werke einer gewissen Unterschatzung 
ausgesetzt, die, wie die H.s, ihren besonderen Vorzug in ihrem engen Verhaltnis 
zur Wirklichkeit, in der inneren Wahrheit und in dem Bestreben des ausfuhren- 
den Kiinstlers, die Schonheit der natiirlichen Erscheinung zum Ausdruck zu 
bringen, haben. Mit groBem Unrecht. Man braucht nicht der Natur ins Gesicht 
zu schlagen, um seine Originalitat zu beweisen. Ware H. auf dem Gebiete der 
Bildhauerei nicht einmal ein »Neuer« gewesen und als Personlichkeit erkannt 
und geschatzt worden, wurde er niemals so anregend auf seine Kunstgenossen 
gewirkt haben, wie es tatsachlich der Fall war. Er bedeutet — und das sollte nie 
vergessen werden — fiir seine Kunst sicherlich nicht weniger als Hans v. Marees 
fiir die Malerei, und er bedeutet mehr. Denn er gibt Vollendetes, wo dieser nur 
groBe Absichten aufzuweisen hat. Und er war nicht nur Bildhauer, sondern, wie 
die groBen Leuchten der Renaissance, auch Maler und Architekt in einer Per- 
son. Seine vielbesprochene Abhandlung »Das Problem der Form« hat bedauer- 
licherweise Veranlassung geboten, seiner Kunst die Urspriinglichkeit abzu- 
sprechen, sie als verstandesgemaB zu bezeichnen. Aber mit dem Verstande 
allein bringt man doch kein Kunstwerk zustande. AuBerdem ging die Absicht 
H.s bei der Abfassung seiner Schrift zunachst dahin, gewisse von ihm 
erkannte Gesetze in seiner Kunst so zu formulieren, daB die naheren Kunst- 



Heusler. Hildebrand 



143 



genossen Kenntnis davon nehmen konnten und der ubrigen Menschheit klar 
wiirde, in welcher Richtung die Probleme der Plastik liegen. I,eider hat er das 
in einer so umstandlichen und schweren Form getan, daB selbst ganz einfache 
Gedanken dem ungelehrten Leser in Dunkelheit gehiillt blieben. Immerhin hat 
er einige Ansichten ausgesprochen, deren Richtigkeit nicht bestritten werden 
kann: daB jedes gute plastische Werk eine Hauptansicht haben miisse, in der 
die Flachendimensionen so klar zum BewuBtsein des Betrachtenden kommen, 
daJ3 er die Tiefen- und Raumverhaltnisse des Ganzen sofort erfasse. DaB zur Er- 
reichung dieses Zieles der Bildhauer am vorteilhaftesten vom Relief ausginge, 
auch beim Schaffen von Rundfiguren, damit diese von jedem Standpunkt aus 
den klaren, alle Tiefen- und Raumverhaltnisse bestimmenden UmriB boten. 
DaB die von der Gegenwart bestandig geforderten Rundmonumente zu einer 
Verodung des Begriffes Plastik gefuhrt hatten, indem man solche Monumente 
meist in die Mitte eines Platzes setze und dadurch die unbedingt notige bild- 
hafte Wirkung unmoglich mache. Der Platz an sich sei kein Hintergrund, und 
eines solchen bediirfe selbst die Rundplastik, weil dadurch erst dem Betrachten- 
den die dritte Dimension, die Tiefenvorstellung zum BewuBtsein kame. Die 
Plastik allein gabe keine Raumvorstellung, sondern sie wirke eben durch ihr 
Verhaltnis zum Raum. Indem H. so auf die engen Beziehungen von Architektur 
und Plastik hingewiesen, hat er sehr viel dazu beigetragen, daB sie ihrer ur- 
spriinglichen Bestimmung, dem Werke des Baumeisters Zier und kiinstlerischer 
Schmuck zu sein, haufiger wieder zugefiihrt wurde, vor allem in der Form des 
Reliefs. 

Warum soil ein Kunstler das GesetzmaBige seiner Kunst sich nicht klar- 
zulegen suchen, wenn er die Fahigkeit besitzt, mit Geschmack davon Gebrauch 
zu machen, wenn er es nicht als Schema anwendet ? Niemand vermag H. nach- 
zuweisen, daB er nach einem solchen gearbeitet; denn seine Schopfungen zeigen 
unter sich die groBten Verschiedenheiten. Ubrigens ist er nicht der einzige Bild- 
hauer, der iiberzeugt war, daB seine Kunst gewissen Gesetzen unterliege. Der 
franzosische Bildhauer Auguste Rodin, dessen Schopfungen gewiB nichts Ver- 
standesgemaBes haben, bekennt ganz of fen, daB er in seiner Skulptur immer 
nach der Wissenschaft sich gerichtet habe, und sagt den Griechen nach, ihre 
Kunst ware die reine Geometric 

Wenn man H.s Plastik fur Verstandeskunst halt, muBte man ja auch die 
herrlichsten Schopfungen der griechischen Bildhauer als die Erzeugnisse einer 
solchen ansprechen; denn von ihnen hat der deutsche Kunstler gelernt, be- 
ruhigtes Leben wahr und groB aufzufassen und darzustellen, ohne in Nach- 
ahmung zu verfallen. Bei H. findet man weder jene klassizistische Richtung, 
die Canova, noch die verallgemeinernde, die Thorwaldsen vertritt. Er ist durch- 
aus eine Erscheinung fiir sich, die allerdings mehr durch ihre Abgeklartheit als 
durch ihr Temperament wirkt. Er ist Realist, indem er die charakteristischen 
Eigentiimlichkeiten eines Menschenkorpers, eines Gesichts mit aller Scharfe 
zum Ausdruck zu bringen sucht, Idealist, indem er alles Nebensachliche 
vereinfacht, um der plastischen Wirkung keinen Eintrag zu tun. Ein Meister 
im MaBhalten, ist er den groBen griechischen Bildhauern naher gekommen als 
irgendein anderer Plastiker des 19. Jahrhunderts, und insofern haben viele 
seiner Schopfungen, nicht alle, jenes erhaben Zeitlose, das immer als sicheres 
Kennzeichen der hochsten Kunstlerschaft gelten wird. 



144 lg21 

H. entstammt einer Gelehrtenfamilie. Sein Vater war der Nationaldkonom 
Bnino H., der zuerst in Marburg, dann in Zurich und Bern gewirkt und in Jena 
sein I^eben beschlossen hat. In Jena zeigten sich bei dem Knaben die ersten 
kiinstlerischen Regungen. Mit Vorliebe knetete er aus Ton allerlei Figiirchen, 
was die Eltern bestimmte, die Kiinstlerlaufbahn fur ihn in Aussicht zu nehmen. 
Er selbst, obgleich kein guter Schuler, dachte daran, Gelehrter, wie der Vater, 
zu werden. Doch man ging auf diesen kindlichen Wunsch nicht ein und schickte 
den Achtzehnjahrigen nach Niirnberg auf die Kunstschule. Sein Lehrer dort 
war August Kreling, ein Schuler Schwanthalers. Schon ein Jahr spater, 1866, 
befand er sich in Miinchen bei Kaspar Zumbusch, dem spateren Direktor der 
Wiener Akademie. Der, die groBe Begabung des Junglings bald erkennend, 
nahm ihn auf eine Reise nach Italien mit, die am Silvestertage des gleichen 
Jahres angetreten wurde. Bis zum Sommer 1868 wahrte H.s Aufenthalt, haupt- 
sachlich in Rom. In der Ewigen Stadt machte er die fur seine kunstlerische 
Entwicklung so bedeutsame Bekanntschaft mit Konrad Fiedler und Hans 
v. Marees, die zu einer fur alle Beteiligten auBerst fruchtbaren Freundschaft 
sich auswuchs. Es wird nicht mehr festzustellen sein, wer in diesem Freund- 
schaftsbunde der Gebende und wer der Empfangende war. Den klarsten Kopf 
besaB sicherlich H., und so ist anzunehmen, daB seine Ideen von Kunst Marees 
beeinfluBt haben, nicht dessen kunstlerische Uberzeugungen ihn. Ende 1869 
waren die drei Freunde in Berlin. Um den Aufenthalt bestreiten zu konnen, 
trat H. als Gehilf e in Siemerings Atelier ein und arbeitete in seinen Freistunden 
an dem »Hirtenknaben« und dem »Trinkenden Knaben «. Oberzeugt von der 
groBen Zukunft seines Talents, bestellte Fiedler diesen bei ihm in Bronze und 
gewahrte ihm zugleich die Mittel, seine Studien in Italien fortsetzen zu konnen. 
H. lieB sich in Florenz nieder, begleitete aber Maries nach Neapel, als dieser 
dort die Fresken fiir die deutsche zoologische Station malte und half ihm dabei. 
Im gleichen Jahre (1873) errang er auf der Wiener Weltausstellung die ersten 
kiinstlerischen Erfolge mit dem Hirtenknaben, der Biiste des Sprachforschers 
Th. Heyse und dem trinkenden Knaben. Seine Verhaltnisse besserten sich bald 
so weit, daB er 1874 in der Lage war, das von ihm als Atelier benutzte Kloster 
San Francesco di Paola bei Florenz zu erwerben und mit Marees zu beziehen. 
Hier ist die Mehrzahl seiner Werke entstanden, hier lieB Maries, als die Freund- 
schaft in die Briiche ging, einen groBen Teil seiner spater so hoch geschatzten 
Bilder zuriick. In Deutschland lenkte H.s Ausstellung bei Fritz Gurlitt im 
Jahre 1884 die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Ktinstler. Sie enthielt u. a. 
die jetzt in der Nationalgalerie befindliche Statue des » Jugendlichen Mannes«, 
eines der fiir seine Art besonders bezeichnenden Werke; sie, der »Adam«, der 
»Kugelspieler«, der »sitzende Marsyas«, der »Merkur« sind wohl die am meisten 
charakteristischen Beispiele fiir H.s Auffassung und Wiedergabe des mensch- 
lichen Korpers. Bei der Konkurrenz fiir das Berliner Kaiser- Wilhelm-Denkmal 
1889 errang der Kunstler den zweiten Preis. Eine Ausstellung seiner Werke in 
Miinchen 1891 hatte den Erfolg, daB er mit der Errichtung des Wittelsbacher 
Brunnens beauftragt wurde. Er entschloB sich nunmehr, seinen Wohnsitz nach 
Miinchen zu verlegen und erbaute sich dort die schone Villa in der Maria- 
Theresia-StraBe, die fiir ihn freilich nur eine Sommerresidenz war, da er den 
Winter in Italien zuzubringen pflegte. Diese Villa und der »Wittelsbacher 
Brunnen« waren so iiberzeugende Beweise seiner architektonischen Begabung, 



Hildebrand 



145 



daB sie die Ausgangspunkte bildeten fiir eine Reihe von Schopfungen, die zu 
den bedeutendsten und schonsten deutschen Werken dieser Art gehoren. Es sei 
nur an den leider von den Franzosen zerstorten » Rheinbrunnen « in StraJ3burg 
von 1903, den »Hubertusbrunnen« in Miinchen von 1907, den »Siegfried- 
brunnen« in Worms von 1914, den » Rheinbrunnen « in Koln von 1920, an die 
Grabdenkmaler der Kaiserin Friedrich, Herzog Georgs von Meiningen, des 
Herzogs Karl Theodor von Bay era, Hermann Levys, Joseph Joachims, Hans 
v. Bulows und des Stuttgarters Siegle erinnert. Dann an die kostlichen Denk- 
maler von Brahms und Otto Ludwig, von Schiller, an die Reiterstandbilder 
Bismarcks in Bremen und des Prinzregenten Luitpold in Miinchen. 

Als Portratbildhauer hatte H. vielleicht seine groBten Erfolge. Er steht 
als solcher ebenbiirtig neben den besten Kiinstlern des Altertums und der 
Renaissance, gab nicht nur Personlichkeitsschilderungen, sondern Charakter- 
offenbarungen von einer Tiefe und Klarheit, die von keinem anderen Kiinstler 
des Jahrhunderts erreicht worden sind und Stil im hochsten Sinne haben. Auch 
den Stil des Materials, sei dieses Marmor, Bronze oder Terrakotta. Die geistig- 
sten Personlichkeiten seiner Zeit fanden in H. einen Kiinstler, der fahig war, 
ihre Bedeutung und ihr Wesen vollkommen zu erf assen und als Form zum Aus- 
druck zu bringen. Es ist unmoglich, die groBe Zahl seiner besten Bildnisbiisten 
hier aufzuzahlen; aber die von Bocklin, Wilhelm v. Bode, Siemens, General 
v. Bayer, Bildhauer FloBmann, Pettenkofer, Konrad Fiedler, Herzog Karl 
Theodor, Frau H., die beiden Brewster, Hermann Levi, Bismarck, Frau Fiedler 
seien wenigstens genannt. Dann die herrlichen Reliefs: Das »bacchische Relief «, 
die »Leda«, der »F16tenblaser«, die Gedenktafel fiir Fiedler, von Werner 
v. Siemens, die Mutter mit ihren Kindern, die Wilhelm v. Bode-Plakette und 
vor allem auch die Bismarck-Medaille, das schonste Werk, das auf diesem be- 
sonderen Gebiete in Deutschland geschaffen wurde. Ein erstaunlich groBes, 
kaum ubersehbares Lebenswerk, zu dem noch gemalte Bildnisse und prachtvolle 
Zeichnungen kommen, und, was das Wunderbarste ist, kaum eine verfehlte Ar- 
beit darunter. Eine solche aus seinem Atelier hinausgehen zu lassen, war H. 
viel zu gewissenhaft. Die Sicherheit seiner Hand, seines Auges und seines Ur- 
teils hat ihn kaum je im Stich gelassen. 

Nie war ein Kiinstler seiner Mittel, seines Einfuhlungsvermogens, seiner 
Ausdruckskraft und der Erreichung des vorgesetzten Zieles so gewiB wie dieser. 
Er empfand das GroBe groB und die Harmonie der Schonheit so vollkommen 
als Form und Charakter, verbunden zu einer Einheit, daB seine Schopfungen 
immer als einzig in ihrer Art erscheinen werden, als Offenbarungen einer Per- 
sonlichkeit, in der alle hohen Eigenschaften des Menschen und das Gefuhl der 
Gottahnlichkeit lebendig waren, und deren Tatigkeit in der Erkenntnis wur- 
zelte, daB Kiinstler sein heiBt: ein Priesteramt verwalten. 

Literatur: Eigene Schriften: Problem der Form, Straflburg 1893. — Gesammelte Auf- 
satze, Straflburg 1909. — t^ber Adolf v.H.: Adolf Rosen berg, Zeitschrift fiir bildende Kunst 
XX (1885) ; Cornelius Gurlitt, Kunst unserer Zeit II, 1893 ; derselbe, Kunst des 19. Jahrhun- 
derts, Berlin 1899; Gustav Keysner, Kunst fiir Alle, 1899; A. Heilmeyer, Kiinstler - 
monographien, herausgegeben von KnackfuC, IyX, Bielefeld und Leipzig 1902; derselbe, 
Die moderne Plastik in Deutschland, Illustrierte Monographien 10, Bielefeld und Leip- 
zig 1903; Friedrich Fuchs, Westermanns Monatshefte XCIII, Braunschweig; Hans Rosen- 
hagen, Velhagen & Klasings Monatshefte XVIII, 1904; Karl Scheffler, Kunst und 
Kiinstler IV, 1906; Julius Meier-Griife, Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst II 

DBJ 10 



I46 192 1 

Miinchen, 1904; derselbe, Hans v. Maries, Miinchen 1909; Isolde Kurz, Deutsche 
Rundschau CXXXIII, Berlin 1907; Alfred Kuhn, Die neuere Plastik von 1800 bis zur 
Gegenwart, Miinchen 192 1; A. Heilmeyer, A. v. H., Verzeichnis der samtlichen Werke, 
Miinchen 1922. — Nekrologe und kleinere Aufsatze von H. Kohnert, Alfred Kuhn, J . Wolf, 
Heilmeyer, Hover, Walter Riezler, Gedachtnisrede von G. Jachmann und anderen im 
Miinchener Jahrbuch der Bildenden Kunst, Bayerland, Hohenzollern-Jahrbuch, Blatter 
fur Miinzkunde, Kunstwanderer, Die Bildenden Kiinste, Die Plastik; ferner die Biographie 
von Walter Riezler im Kiinstlerlexikon Thieme und Becker. 

Berlin. Hans Rosenhagen. 

Humperdinck, Engelbert, Komponist, * in Siegburg 1. September 1854, 
f in Neustrelitz 27. September 1921. — H. wurde als altester Sohn des Gym- 
nasialoberlehrers Gustav H. und dessen Frau Gertrud, geb. Hartmann geboren. 
Der Vater war ein stiller Gelehrter, die Mutter entstammte einer musikalischen 
Familie : ihr Vater war der aus Bohmen eingewanderte Paderborner Domkantor 
Hartmann. Die Mutter sorgte fiir die musikalische Erziehung ihrer Kinder und 
wanderteoftersmit dem Knaben nach Bonn zu guten Konzerten mitHaydnschen 
oder Mozartschen Sinfonien. Schon in der Jugend zeigte H. Neigung zu selbstan- 
diger Tonschopfung, unter anderem zur Vertonung von Goethes Singspiel 
»Claudine von Villa Bella «. H. muBte im Alter von 13 Jahren das Elternhaus 
verlassen, um in Paderborn das Vollgymnasium bis zur Reifepriifung zu be- 
suchen. Er empfing aus den Messen des dortigen Domchors mit Orchester- 
begleitung neue musikalische Anregungen und vertiefte sich ins Stadium der 
Sinfonien der klassischen Meister. Zur Heimkehr des siegreichen Heeres 1871 
schrieb der i6jahrige H. einen Jubelhymnus fiir Chor und Orchester, der 
wegen mannigfacher Satzfehler vom Paderborner Musikdirektor verworfen 
wurde. Nach AbschluC der Gymnasialzeit wurde H. furs Baufach bestimmt 
und versprach, der Musik fiir immer zu entsagen. Glucklicherweise war er nicht 
imstande, dieses Versprechen zu halten. Er arbeitete neben seinem Beruf an 
der »Claudine von Villa Bella « weiter und fuhr eines Tages nach Koln, um das 
Urteil Ferdinand Hillers einzuholen, das iiberraschend giinstig ausfiel. Damit 
war H.s Schicksal entschieden, der von seinen Eltern die Erlaubnis zum Besuch 
des Kolner Konservatoriums erhielt. Hiller, Gernsheim, Jensen u. a. waren 
seine Lehrer. Die musikalischen Studien fanden ihren vorlaufigen AbschluB 
1876 durch Verleihung des Mozart-Stipendiums. Die Giirzenich-Konzerte und 
die Opernvorstellungen, die ihm zuerst die Bekanntschaft mit den Werken 
R. Wagners vermittelten, erweiterten die musikalischen Kenntnisse H.s auf 
bisher unbekanntem Gebiet. Vom ersten Augenblick an war seine Stellung zu 
R. Wagner vollig klar und fest, unbedingte Hingabe und Begeisterung, obwohl 
die Kolner Umwelt und die Theaterauffiihrungen keineswegs dazu angetan 
waren, diese Richtung ihm zu weisen. Nach Hillers gutem Rate wandte sich 
H. mit seinem Stipendium nach Miinchen, um sich dort in der Musik weiter 
auszubilden. Franz Lachner, Rheinberger und J. Hieber wurden seine Lehrer. 
Fiir die alljahrlich stattfindenden Priifungskonzerte schrieb H. damals seine 
ersten groBeren Werke fiir Einzelstimmen, Chor und Orchester, »Die Wallfahrt 
nach Kevelaer« und »Das Gliick von Edenhall«. Der Miinchener Intendant 
v. Perfall erteilte ihm den Auftrag zu einer Musik zu den »Froschen« des 
Aristophanes. AuOer diesen mit dem Schulbetrieb zusammenhangenden Kom- 
positionen entstand in Miinchen eine Humoreske fiir kleines Orchester, die 



Hildebrand. Humperdinck 147 

in jenen Jahren haufig in Sommerkonzerten gespielt wurde. Diese Werke 
trugen ihm abermals einen Preis ein, den der Mendelssohn-Stiftung, die den 
Empf anger zu einer Reise nach Italien verpflichtete. Mit der Miinchener Musik- 
schule ist die eigentliche Studienzeit abgeschlossen, H. beherrschte alle Kiinste 
der Satzlehre, des Kontrapunkts und der Instrumentierung. 

Die tiefsten Eindriicke empfing er aber auBerhalb der Schule. Die Werke 
Wagners wurden damals nur in Miinchen einigermaBen stilgerecht und an- 
nehmbar gegeben. Junge Musiker, Kiinstler und Studenten hatten sich zu einer 
Vereinigung zusammengetan, um das Verstandnis fur die Kunst R. Wagners 
und Bayreuth zu vertiefen. Der »Orden vom Gral« nahm nur gesinnungstreue 
Mitglieder auf, die durch Vortrage und gehaltvolle Gesprache den Bayreuther 
Gedanken nach Kraften zu verwirklichen suchten. H. ward »Ritter vom Gral«, 
er bestand die hierzu vorgeschriebenen strengen Prufungen. Der junge Grals- 
ritter fuhr nun gutes Mutes mit dem Mendelssohn-Preis nach Italien, dessen 
musikalische Zustande ihm wenig zu bieten vermochten. Um so mehr sorgte 
er fiir seine aUgemeine Bildung angesichts der Denkmaler und in den Samm- 
lungen. Er suchte auch Verkehr mit Kiinstlern und Musiker n. R. Wagner weilte 
im Winter 1879/80 in Neapel in der Villa Angri, mit der Partitur des »Parsifal« 
beschaftigt. H. war kuhn genug, dem Meister einen Besuch zu machen und 
wurde angenommen. Nach langerer freundlicher Unterhaltung entlieB ihn 
R. Wagner mit der Aufforderung, im Mai auf der Riickreise wieder vorzu- 
sprechen. Frohen Herzens setzte H. seine Fahrt weiter siidwarts bis nach 
Sizilien fort. Am 2. Mai 1880 stellte er sich wieder in der Villa des Meisters ein, 
abermals aufs freundlichste empfangen. Martin Pliiddemann, der Balladen- 
komponist, und Josef Rubinstein, der Pianist, verkehrten damals bei R.Wag- 
ner. Zum 22. Mai wurde eine Auffuhrung der Liebesmahlszene aus dem » Parsifal « 
im engsten Freundes- und Familienkreise in der Villa Angri verabredet. H. hat 
diesen herrlichen Geburtstag des Meisters anschaulich nach seinen unverlosch- 
lichen Erinnerungen beschrieben. Am selben Tage schlug Wagner ihm vor, bei 
der Reinschrift der Parsifal- Partitur zu helfen. H. sagte mit Freuden zu und 
wurde zu Beginn 1881 zu standigem Aufenthalt nach Bayreuth eingeladen, 
wo er am »Parsifal« ein ahnliches Amt verwalten sollte, wie einst H. Richter an 
den »Meistersingern«. Inzwischen war H. abermals ein Preis zugef alien, und 
zwar durch seltsame Schicksalsfiigung derjenige der Meyerbeer-Stiftung. Die 
Ouvertiire zu den »Froschen«, eine achtstimmige Fuge und die Vertonung von 
Goethes »Fischerin« verschafften ihm diese dritte und letzte Auszeichnung. 
Zuvor aber genoB H. das Gliick der Bayreuther Jahre, die Wahnfriedabende, 
die Bekanntschaft mit Liszt und Gobineau, die Vorbereitung und Mitwirkung 
am Parsifal-Festspiel von 1882. Diese Bayreuther Zeit bestimmte endgultig seine 
kiinstlerische Entwicklung und Weltanschauung. Die tonschopferische Tatig- 
keit tritt in diesen Jahren zuriick, um nach der notigen Sammlung und Ruhe 
erst spater zur selbstandigen Meisterschaft sich zu erheben. Nachdem sich H. 
von den Anstrengungen der Festspiele durch eine Reise nach Italien und einen 
Aufenthalt in Paris, wo er mit Turgenjeff bekannt wurde, erholt hatte, berief 
ihn Wagner nach Venedig zur Mithilfe an der Einiibung der Jugendsinfonie, 
die der Meister seiner Gattin am 24. Dezember vorfiihren wollte. Es war das 
letzte Zusammensein mit R. Wagner. Bei dessen Tod (13. Februar 1883) und 
Bestattung weilte H. wieder in Paris. Tief erschiittert empfing er die Todes- 



I48 192 1 

nachricht am 14. Februar. In einem Brief in die Heixnat faBt er seine Empfin- 
dungen zusammen, den Dank fur das, was Wagner ihm war, ein »vaterlicher 
Freund«. Als der Friihlmg ins Land zog, ward H. von neuer Wanderlust und 
Lebenshoffnung ergriffen, er bereiste Spanien, wie in Italien ohne musikalischen 
Gewinn,aber mit machtigen Eindriicken von Land und Leuten. Mit lebhafter 
Teilnahme betrachtete er die Uberreste arabischer Kultur. Ein Ausflug nach 
Siiden, von Gibraltar nach Marokko, klingt in der erst 1898 vertonten »Mauri- 
schen Rhapsodie« nach. 

Die Lehr- und Wanderjahre waren zu Ende: H. muBte sich nach einer festen 
Anstellung umsehen. Als zweiter Kapellmeister am Stadttheater zu Koln 
machte er sich dadurch, daB er Striche im »Tannhauser« beseitigen wollte, un- 
bequem. Im Hause seines Schwagers Dr. H. Wette f and er liebevolle Aufnahme. 
In der Kinderstube seiner Schwester Adelheid Wette wuchsen ihm hernach 
die ersten Keime zu » Hansel und Gretel« zu, vorlaufig ohne jeden Gedanken 
an kunstlerische Verwertung und Veroffentlichung. Im Jahre 1884 riefen ihn die 
Festspiele wieder nach Bayreuth. Im Fnihjahr 1885 war er kurze Zeit als Kla- 
vierspieler in der Villa Hiigel bei Krupp beschaftigt. Im Herbst 1885 iibernahm 
H. die Stelle eines Lehrers am Konservatorium zu Barcelona, wo er zuerst in 
italienischer, bald aber in spanischer Sprache unterrichtete. Gegen Weih- 
nachten erkrankte er ernstlich und ward von unbezwinglichem Heimweh be- 
fallen. Der Betrieb an der spanischen Musikschule konnte ihn nicht lange be- 
friedigen. Sein Hauptverdienst war die Einfuhrung der in Barcelona bis dahin 
ganz unbekannten Beethovenschen Sonaten. Er entwarf in spanischer Sprache 
eine Harmonielehre und eine Instrumentierkunst, die nicht veroffentlicht 
wurden. Im Juni 1886 verlieB er Spanien und reiste iiber Frankreich heim. In 
Bayreuth horte er den » Tristan*. Den Winter 1886/87 verbrachte er bei seinen 
inzwischen nach Bonn iibersiedelten Eltern. Zu Ostern wurde er ans Kolner 
Konservatorium berufen, wo er mit Arnold Mendelssohn Freundschaft schloB. 
Im Sommer gelangte beim Kolner Tonktinstlerfest die iiberarbeitete »W T all- 
fahrt nachKevelaer«zu Gehor. Seine Gesundheit notigte ihn, im Winter 1887/88 
bei den Eltern in Bonn Zuflucht und Erholung zu suchen. Im Sommer war er 
so weit wieder zu Kraften gekommen, um an den Bayreuther Festspielen mit- 
zuwirken. Zum Herbst fand er im Mainzer Verlag von Schott als Herausgeber 
und Bearbeiter wertvoller musikalischer Werke Anstellung. Aubers Marchen- 
oper »Das eherne Pferd« wurde durch H. furs Theater wiedergewonnen. Er 
erwarb sich das groBe Verdienst, dem Schottschen Verlag die Annahme von 
H. Wolfs Liederbiichern zu empfehlen, woraus ein schones Freundschafts- 
verhaltnis erwuchs. In Mainz kam Siegfried Wagner als Schuler zu H., um sich 
zum musikalischen Beruf vorzubereiten : »Es waren sehr stille Stunden, in 
denen Meister und Schuler miteinander arbeiteten, eine Zeit, in der der Grund 
zu viel Bedeutendem und Schonem gelegt wurde. « Was H. Richard Wagner 
verdankte, durfte er dem Sohne vergelten. Im September 1889 verlobte sich H. 
mit Hedwig Taxer aus Bonn, die ihm von 1892 an eine treue Lebensgefahrtin 
und Mithelferin wurde. Zum Herbst 1890 ging H. nach Frankfurt a. M. als 
Lehrer am Hochschen Konservatorium, an Stockhausens Gesangsschule und als 
musikalischer Berichterstatter an der » Frankfurter Zeitung«. In diesen Jahren 
gedieh langsam und fast unbewuBt das Marchenspiel von » Hansel und Gretel«, 
das im Fruhjahr 1883 bis auf die Instrumentierung fertig war. Wo er es im 



Humperdinck 1 49 

Freundeskreis, z. B. beim Bayreuther Festspiel mit Heinrich Porges und Oskar 
Merz durchging, stieB er auf Bedenken und Widerspnich: die Einfalt sei doch 
gar zu groB! Richard StrauB, damals Hofkapellmeister in Weimar, erkannte 
als erster den Wert von Dichtung und Musik: »Es ist eine der schonsten Er- 
innerungen meiner Kapellmeisterlaufbahn, daB ich diesem Meisterwerk den 
Weg zur Buhne eroffnen durfte.« Der Intendant v. Bronsart wagte am 23. De- 
zember nur eine Nachmittagsvorstellung, ein Weihnachtsstiick ftir Kinder! 
Am 30. Dezember folgte Miinchen, bald darauf andere Stadte. Die beiden ersten 
Auffuhrungen hatten zwar Erfolg, aber nur wenige erkannten den vollen und 
unverganglichen Wert des Spieles, das in langsamem ZeitmaB seinen Siegeslauf 
begann. Damals beherrschten die blutriinstigen Verismo-Opern der Italiener 
die deutschen Theater. Das deutsche Marchen, die Heimatkunst hatte schweren 
Stand, setzte sich wider Erwarten aber diesmal durch. In Kiinstlerkreisen gait 
H. mit Recht als der Erloser aus der Verwelschung der deutschen Opernhauser. 
So folgte er dem Vorbild R. Wagners, ohne ihn nachzuahmen, mit weiser Ein- 
sicht sich beschrankend, »die Heldenwelt uns zaubernd zur Idylle«. 

Durch » Hansel und Gretel« wurde H. weltberiihmt. Auch in seinem auBeren 
Leben vollzog sich eine erfreuliche Wandlung, er konnte seine amtlichen Burden 
aufgeben, um sich im Marz 1897 auf einen anmutigen Landsitz zu Boppard 
am Rhein zuriickzuziehen, wo er nur den Seinen, seiner Kunst und wenigen 
Schulern (z. B. Leo Blech) lebte. Neben einigen kleinen Marchenspielen fur 
Kinder, gleichsam Keimbildungen, die nicht zur Bliite gediehen (»Die sieben 
GeiBlein«; »Der Froschkonig«), entstand die zweite groBe musikalische Mar- 
chendichtung » Konigskinder « in der melodramatischen Urfassung (Erstauf- 
fiihrung in Miinchen 23. Januar 1897), deren Biihnenerfolg hinter » Hansel 
und Gretel« zuriickblieb. Zur Jahrhundertwende erhielt H. einen Ruf nach 
Berlin als Professor und Leiter der Meisterschule fiir Komposition an der Kgl. 
Akademie der Tonkunst. In Berlin schuf er seine weiteren Opera »Dornroschen«, 
»Heirat wider Willen« und die beiden Singspiele »Marketenderin« und »Gau- 
deamus«, die Musik zu Vollmollers „Mirakel" und zu Shakespeares Drameru 
Auf den verschiedensten Gebieten versuchte er sich, aber » Hansel und Gretel« 
stellte alles andere, mit Unrecht, in Schatten. ImHerbst 1910 wurde H. bei der 
Hundertjahrfeier der Berliner Universitat zum Ehrendoktor ernannt. Die Um- 
gestaltung der » Konigskinder « zur vollstandigen Oper veranlaBte eine Amerika- 
reise H.s, da die Urauffuhrung Weihnachten 1910 in Neuyork stattfand. Bei 
seiner Riickkehr folgte im Januar 191 1 die deutsche Erstauffiihrung in Berlin 
unter Leo Blech. Das »Mirakel« rief H. Weihnachten 191 1 nach London. Trotz 
schwerer Erkaltung wohnte er am 23. Dezember der Urauffuhrung bei, wurde 
mit jubelnder Begeisterung gefeiert, brach aber infolge der Aufregung und An- 
strengung zusammen. Er glaubte, Webers Schicksal, der am 12. April 1826 nach 
der Londoner Oberonauffuhrung in der Fremde gestorben war, teilen zu mussen. 
Glucklicherweise erholte er sich so weit, daB er anfangs Januar 19 12 heimfahren 
konnte. In der Nacht vom 5-/6. Januar erlitt er einen Schlaganfall, von dem er 
wider Erwarten genas. In Meran und Italien kam er wieder zu Kraften, so daB 
er im Oktober sogar alle seine Amter an der Kgl. Hochschule fiir Musik auf- 
nehmen konnte. In seinem schonen Landhaus im Berliner Vorort Wannsee, 
einem wahren MarchenschloB, durfte er sich neuer Lebenshoffnung hingeben, 
neuen Arbeitsplanen im Verein mit Robert Misch, der ihm die Texte der Sing- 



150 1921 

spiele schrieb. Im Friihjahr 1914 machte er noch eine grofie Fahrt ins Morgen- 
land, nach Algier, Tunis, Agypten, mit der Libanonbahn nach Damaskus und 
dann zuriick iiber Rhodos, Kreta, Korfu, Cattaro, Venedig. Es war die schonste 
Reise seines Lebens, die viel zur Starkung und vollen Gesundung beitrug. Dann 
kam die Verfinsterung seines so gliicklichen Lebens durch den Krieg, der seinen 
einzigen Sohn Wolfram schon am ersten Tag an die russische Grenze rief. Im 
Friihjahr 1916 reiste er mit seiner Frau nach Bruchsal, wo Wolfram auf kurze 
Zeit in Garnison lag. Im ungeheizten Gasthauszimmer zog sich H. eine gefahr- 
liche Erkaltung zu, wie fruher in London beim »Mirakel«. Seine Frau pflegte 
den Kranken, wurde selber von einer Lungenentziindung befallen und starb 
im Spital. H. genas. Seine Kinder umsorgten ihn aufs liebevollste, um ihm fiir 
den Verlust Ersatz zu bieten. Zunehmende Schwerhdrigkeit beschrankte den 
Verkehr mit der Umgebung, H. wurde noch schweigsamer und einsamer als 
zuvor. Aber er nahm trotzdem noch an allerlei kiinstlerischen Erlebnissen teil, 
so im Herbst 1919 an der Rostocker Erstauffiihrung von »Gaudeamus« unter 
der Spielleitung seines Sohnes. Im September 192 1 besuchte er Wolfram in 
Neustrelitz, der am dortigen Theater als Spielleiter angestellt war. Ein zweiter 
Schlaganfall mit darauffolgender Lungenentziindung setzte seinem Leben ein 
Ziel. Er starb am 27. September, nachmittags 5 Uhr, im Neustrelitzer Kranken- 
haus, im Karolinenstift, im Alter von 67 Jahren. Des Spielmanns letzter Ge- 
sang aus den » Konigskindern « und der »Abendsegen« aus » Hansel und Gretel« 
erklangen bei der Totenfeier am 1. Oktober im Stahnsdorfer Waldfriedhof, wo 
er neben seiner Frau zur ewigen Ruhe gebettet ist. Der Geistliche wahlte das 
Bibelwort: »Selig sind, die reinen Herzens sind.« Reinheit ist die wesentlichste 
Eigenschaft des Menschen und Kiinstlers H. ! 

H.s Kunst wurzelt im deutschen Haus, wo ihre Anfange liegen. Seine Lieder, 
darunter eine entziickende Vertonung von Walters » Unter der Linde«, sind 
einfach und schlicht im Volkston gehalten. Obwohl H. fiir Hugo Wolf voiles 
Verstandnis hatte, bleibt er doch selber dem modernen Kunstlied absichtlich 
fern. »Rosmarin«, »Wiegenlied«, »Rosenringel«, »Die Lerche« stehen dem 
Volkslied ganz nahe; ebenso seine Weihnachtslieder, darunter »Der Stern von 
Bethlehem « und » An das Christkind«. Schon die Wahl der Gedichte, unter deren 
Verfassern nur Dehmel (»Weihnachtsfreude«) als Vertreter der Kunstdichter 
begegnet, halt sich von den modernen Lyrikern grundsatzlich fern. H.s Stil- 
gefiihl sucht in Wort und Weise den Volkston, der ihm vorziiglich gelingt. Den 
Liedern schlieBen sich Singspiele fiir die Kinderstube an: »Biibchens Weih- 
nachtstraum«, nach einer Dichtung von G. Falke, fiir Einzelstimme und Kin- 
derchor. Der »Wolf und die sieben GeiBlein« und der »Froschkonig« sind Mar- 
chenspiele, die auch auf der Biihne, etwa in Kindervorstellungen, klein und groB 
erfreuen wiirden. Sie werden kaum beachtet, obwohl sie aus derselben Stimmung 
und Umwelt wie » Hansel und Gretel« herauswuchsen. An der Spitze der Biihnen- 
werke steht das Marchenspiel von » Hansel und Gretel« mit seinem beispiellosen 
Erfolg, eine deutsche Volksoper wie der »Freischiitz«. Ein Blick auf die Mar- 
chenoper vor H., wie sie aus L. Schmidts Rostocker Dissertation zur Geschichte 
der Marchenoper (1895) zu iibersehen ist, belehrt, wie hoch H.s Werk alle Vor- 
laufer iiberragt. Der Text von H.s Sch wester, Adelheid Wette, will nichts 
anderes, als die Verwandlung des Marchens in eine Reihe zwanglos aneinander- 
gereihter Buhnenbilder, ohne literarische Anspriiche. Urspriinglich war es ja 



Humperdinck 1 5 1 

»Hausmusik«! Nur zwei wirkliche Kinderlieder, »Suse, Hebe Suse« und »Ein 
Mannlein steht im Walde« sind ubernommen, alle iibrigen, Tanzlied, Abend - 
segen, Sandmannchen, Taumannchen, Besenbindergesang und Hexenritt selb- 
standig erfunden, aber wie Webers Musik zum »Freischiitz« volksttimlich ge- 
worden! In melodischer Erfindung ist H. iiberreich und unvergleichlich. Um 
diese geschlossenen Satzchen webt und wogt der heimliche und unheimliche 
deutsche Waldeszauber. Die Vor- und Zwischenspiele spinnen die Musik zu sin- 
fonischer Dichtung weiter. H.s Satzkunst und Stimmftihrung hat ihresgleichen 
nur in R. Wagners Meistersingern. Die Meisterschaft des Kontrapunktes ist 
bewundernswert, wie sich die einzelnen Motive verschlingen, iiber- und durch- 
einander laufen. Musiker aller Richtung sind in der staunenden Bewunderung 
der Partitur einig. Die Instrumentierung und Klangwirkung im ganzen, das 
Verhaltnis der Singstimmen zum Orchester ist vorbildlich. In diesem Punkte 
steht H. hoch iiber Weber. Diese musikalische Feinkunst ohnegleichen wirkt 
aber nie gelehrt oder gesucht, das einzigartige Werk bereitet dem Laienverstand 
nicht die geringste Schwierigkeit. Die Klangschonheit und Klangfulle, die rest- 
lose Einheit von Wort und Ton offenbart sich unmittelbar dem Gefiihls- 
vermogen jedes musikalisch begabten Horers, wahrend der Musiker die Partitur 
zugleich als ein kostbares Kunstwerk anerkennt, dessen einzelne Schonheiten 
schier unerschopflich scheinen. H. bewies im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen 
aus der Wagner-Nachfolge, daB mit den durch Wagner gewonnenen Ausdrucks- 
mitteln ein volkstumlicher Stoff auch volkstumlich zu gestalten war. Er schrieb 
keine Heldenoper, kein pathetisches Musikdrama, das seiner Veranlagung ganz- 
lich fern lag, sondern ein deutsches Waldmarchen, das seiner Eigenart entsprach. 
Die Reinheit der Auffassung und Ausfuhrung verbiirgte den Erfolg, den H. den 
von Wagner empfangenen Anregungen verdankte. In der Zeit des unmittel- 
baren personlichen Verkehrs mit R. Wagner in Bayreuth blieb H. Schuler, der 
jeder voreiligen eigenen Arbeit entsagte; als er aber mit den Bayreuther Ein- 
driicken innerlich fertig geworden war, da schuf er in voller Freiheit sein 
Meisterstiick, das deutsche Marchenspiel als Erganzung zum deutschen Hel- 
denspiel. 

Dem Kindermarchen folgt in den »K6nigskindern« das Kunstmarchen nach 
der Dichtung von Ernst Rosmer (Elsa Porges-Bernstein) . Konigssohn und 
Gansemagd, der Spielmann, die Hellabrunner SpieBbiirger sind Trager der 
Handlung, die im Maienwald beginnt, im mittleren Bild nach Hellabrunn fuhrt, 
wo die Burger den Einzug eines neuen Konigspaares erwarten und die in der 
Mittagssonne strahlenden Konigskinder verjagen, im dritten Bild im Winter- 
wald endet: »Verdorben, gestorben.« Die Dichtung wurde wegen ihrer mitunter 
gesuchten Sprache, wegen Heinescher Anklange, wegen sinnbildlicher Zielung 
(Verkennung der Konigsmenschen durch SpieBer, nur der Spielmann und die 
unmiindigen Kinder ahnen die echten Konigskinder) angefochten. Mit Unrecht ! 
Sie ist echt empfunden, eindrucksvoll gestaltet und jedenfalls in der letzten 
Opernfassung H.s von alien Hemmungen durch seine wunderherrliche, edle 
Tonkunst gereinigt. Was H. an dem Gedicht anzog, war wieder der Waldes- 
zauber, die Gegensatze von Maienwonne und Winterleid, von Marchenkindern 
und Alltagsmenschen, zwischen ihnen der Spielmann, lauter Gestalten und 
Vorgange, die nach musikalischer Beseelung verlangten. Die erste Fassung war 
ein Singspiel, d. h. nur musikalische Vor- und Zwischenspiele mit unvertonten 



152 1921 

Gesprachen. Ein Teil der Gesprache war allerdings melodramatisch, mit Sprech- 
noten, die dem Schauspieler Tonfall und Ausdruck der Rede genau vorschrieben. 
Die Auffuhrungen versagten, weil es nur wenige fur solchen Vortrag geeignete 
Schauspieler gab, weil die Verrnischung des gesprochenen und gesungenen 
Dramas stilwidrig war. Die zweite Fassung verkiirzte die redselige Wort- 
dichtung zu einem durchkomponierten Operntext. So war ein Kunstwerk von 
einheitlicher Wirkung und edlem Gehalt gewonnen. Die Partitur der »K6nigs- 
kinder« ist ebenso meisterhaft wie die von » Hansel und Gretel«. Wiederum 
fuhren die sinfonischen Vorspiele in die Stimmung der drei Aufziige ein, in 
denen sich Handlung und Musik reich und fesselnd entfalten. Ernste Ziige 
iiberwiegen. Die Knusperhexe ist zur unheimlichen Waldfrau, der Pflege- 
mutter der lichten Gansemagd, gewandelt. Beim winterdunkeln Tod der K6- 
nigskinder unter der verschneiten L,inde, unter der sie sich einst in Maien- 
wonne fanden, klingen die holden Weisen von Lenz und L,iebe wieder auf und 
wiegen die armen Verirrten in ewigen Schlaf. Aus den in eins verflieBenden 
Gegensatzen von einst und jetzt, von Winter und Mai gestaltet sich ein Ton- 
gedicht von wahrhaft ergreifender Schonheit. Des Spielmanns letzter Gesang 
ist ein wehmutiger Nachruf. Im Hellabrunner Sommerfest waltet meister- 
singerlicher Humor. Mit der reicheren Handfung hat auch der Tondichter die 
im Kindermarchen gesteckten Grenzen iiberschritten und damit seine Aus- 
drucksmittel wesentlich erweitert und gesteigert. Die »K6nigskinder« sind 
H.s zweites groBes Meisterwerk. 

Der dritte Versuch mit dem Marchen »Dornroschen« miBlang, weil der Text 
von Elisabeth Ebeling keine dichterischen Vorziige besitzt. Die Musik besteht 
aus einer Anzahl von Orchesterstiicken, Liedern, Choren, melodramatischen 
Satzen, die an Umfang und Gehalt sehr verschiedenartig ausfielen. H. hat die 
wertvollen Teile seiner Dornroschenmusik zu einer Orchestersuite vereinigt 
und sie also von der Buhne in den Konzertsaal verpflanzt, wo aber wiederum 
der Zuhorer nicht das notige Verstandnis fur die vertonten Vorgange mit- 
bringt. 

Mit der »Heirat wider Willen«, von Hedwig H. nach dem franzosischen 
Lustspiel »Les Demoiselles de St. Cyrn von A. Dumas zum Operntext be- 
arbeitet, wandte sich H. der heiteren Oper zu, die in Deutschland so wenige 
lebensfahige Werke aufzuweisen hat, und zwar meist aus dem gleichen Grunde, 
weil die Textbiicher nicht buhnenwirksam sind, so daB alle musikalische Miihe 
und Arbeit umsonst aufgewendet wird. Es ist die Geschichte zweier franzosi- 
scher Edelleute, die mit zwei Madchen aus dem Kloster St. Cyr ein Stelldichein 
haben, iiberrascht und auf koniglichen Befehl eingesperrt werden, bis sie sich 
dazu entschlieBen, die Ehre der Damen durch regelrechte Ehe wiederherzu- 
stellen. Nach der Hochzeit laufen sie ihren jungen Frauen davon und begeben 
sich an den Hof Konig Philipps nach Madrid. Auf einem lustigen Maskenfest 
begegnen sie wider Erwarten ihren Frauen. Aus Eifersucht erkennen sie end- 
lich den Wert ihrer Gattinnen und fiigen sich dem Ehejoch. Der Lustspielstoff 
ist nicht musikalisch, so daB die Vertonung der inneren Begriindung und Not- 
wendigkeit entbehrt. Aber die Partitur bildet trotzdem das Entziicken jedes 
Musikers und kann abermals nur mit den »Meistersingern« verglichen werden. 
Bemerkenswert ist der Wechsel durchkomponierter Stiicke, melodramatischer 
Teile und gesprochener Stellen. Die »Heirat« miiBte, wie die »K6nigskinder«, 



Humperdinck 153 

einheitlich neu bearbeitet werden. Aber auch dann wiirde der I,ustspielstoff, 
selbst bei erheblicher Anpassung an die Forderungen der Oper, der Vertonung 
kein restlos dankbarer Vorwurf werden. 

Max Reinhardt gewann H. fur dieMusik zu » Wintermarchen «, »Kaufmann 
von Venedig«, »Was ihr wollt«, » Sturm «. Die Shakespeare-Dramen erfuhren 
durch die Mitwirkung von H.s Musik eine bisher kaum geahnte Verschonerung, 
sie soil ten nirgends mehr ohne diesen kostlichen Schmuck gespielt werden. 
Auch zu Maeterlincks »Blauem Vogel« und zur »Lysistrata« des Aristophanes 
schrieb H. die Buhnenmusik. Endlich wurde Vollmollers »Mirakel«, eine 
tanzerische Legende von starker auBerer Biihnenwirkung, durch H.sTonkunst 
beseelt und veredelt. 

H.s letzte Buhnenwerke sind zwei Spielopern zu Robert Mischs Dichtungen 
»Die Marketenderin « und »Gaudeamus«. »Die Marketenderin «, die auf ge- 
schichtlichem Hintergrund, Bluchers Rheiniibergang bei Kaub in der Neu- 
jahrsnacht 1813/14, spielt, ist nur an geeigneten Stellen musikalisch untermalt, 
»Gaudeamus« durchkomponiert. Das Studentenspiel, von allbekannten Liedern 
durchwoben, ist eine lustige L,iebesgeschichte. Der Senior der Bonner Teutonen 
entfiihrt, als Marquise verkleidet, die Biirgermeisterstochter aus einer Mad- 
chenerziehungsanstalt und laJ3t sich von seinem Oheim, der Pfarrer ist, mit 
ihr trauen. Der beckmesserhafte Freier, ein Stadtrat, hat das Nachsehen und 
der Vater muJ3 seinen Segen geben. Behaglich heitere Stimmung ist der Grund- 
ton des reizenden Spiels, das in einer Universitatsstadt, wie die Rostocker Erst- 
auffiihrung im Beisein H.s erwies, unter Mitwirkung richtiger Studentenchore 
hellen Jubel erregen muB. Die Partitur ist mit bekannter Meisterschaft ge- 
arbeitet. Das leuchtet und funkelt in alien Farben, die Stimmen sind kunst- 
voll durcheinander gewoben, nirgends eine leere Stelle, liebliche, deutsch volks- 
tumliche Weisen durchfluten das ganze Werk, in dem, wie in der alten Oper, 
zahlreiche geschlossene Satze, Liebeslieder, zwei- und dreistimmige Gesange, 
Walzer usw. einander ablosen. In unserer Zeit muBte ein so kostliches, von 
Humor durchsonntes Singspiel als wahre Labung und Erlosung iiberall 
freudig begruBt werden! Es war ein ergreifender Augenblick der Rostocker 
Auffuhrung, als die Zuhorer am SchluB dem greisen Meister zujubelten und 
einer der mitspielenden Studenten auf der Buhne H. den Dank der akademi- 
schen Jugend, der die Oper gewidmet ist, zurief. Mir scheint »Gaudeamus« eine 
rechte deutsche Volksoper, kein Alterswerk, an dem man achtlos vorbeigeht. 
Die deutschen Theater wiirden zum eigenen Vorteil gut tun, nicht nur auf 
» Hansel und Gretel« und daneben allenfalls noch »K6nigskinder« sich zu be- 
schranken, sondern mindestens auch »Heirat wider Willen« als eine der seltenen 
deutschen komischen Opera und »Gaudeamus« als grunddeutsche Volksoper 
zum dauernden Besitz unseres mit modernem MiBgeton und welschem Tand 
schwer belasteten, oft ungenieBbaren und widerwartigen Spielplanes zu ge- 
winnen. 

Die Werke fiir den Konzertsaal sind zumeist Jugendarbeiten, Orchester- 
suiten, ein Streichquartett, »DasGliick vonEdenhalUund »Die Wallfahrt nach 
Kevelaer « fiir Chor und Orchester . Von Bedeutung ist die » Maurische Rhapsodie « 
(1898), die Eindriicke der spanischen Reise von 1883 wiedergibt. Sie gliedert 
sich in drei Teile: Tarifa, Elegie bei Sonnenuntergang. Das Meer dehnt sich 
weit aus, die Augen werden durch die stechenden Strahlen der sinkenden 



154 lg21 

Sonne geblendet, eine schwermutige Hirtenweise klingt aus dem grauen Fels- 
geklipp des Strandes, aus der Ferae lockt eine seltsame Weise zu unbekannten 
Ufern. Das zweite Bild: eine Nacht im Mohrencafe zu Tanger lai3t seltsame 
Rhythmen aufklingen. Ein greiser Sanger hebt ein Lied aus stolzen Tagen von 
Sevilla und Granada, von verlorenen Paradiesen an. Begeistert stimmt der 
Chor ein, das KraftbewuBtsein der Vergangenheit wacht auf, bis schlieBlich 
die ganze Gesellschaft in Opiumschlaf versinkt. Das dritte Bild : Tetuan, Ritt 
in die Wiiste, fiihrt den Reiter auf dem Berberhengst durch erhabene und 
schreckliche Eindriicke bis zur abendlichen Ruhe im Schatten einer Palme. 
Arabische Rhythmen und Klangfarben verleihen dieser sinfonischen Dichtung 
ihre Eigenart, deren bezauberndem Reiz der Horer sich willig hingibt. 

H.s Leben und Schaffen steht wie ein trauliches, stilles und freundliches 
deutsches Marchen im lauten, fremden Tagesgetriebe. Auch ihm gelten die 
Worte, mit denen R. Wagner einst Weber ehrte: »Lieben kann dich nur der 
Deutsche; du bist sein, ein schoner Tag aus seinem Leben, ein warmer Tropfen 
seines Blutes, ein Stuck von seinem Herzen.« 

Literatur: Der handscliriftliche NachlaB ist im Besitz von H.s Erben, insbesondere 
seines Sohnes Wolfram, Oberspielleiter der Oper in Oldenburg. Von 1882 an fiihrte H. 
Tagebucher, die mit peinlicher Genauigkeit an jedem Tag alle aufleren Erlebnisse ver- 
zeichnen. Im ganzen liegen 40 Hefte vor, die dem kiinftigen Schilderer seines Lebens von 
grofitem Wert sein konnen. — Lebensbeschreibung von Otto Besch, Leipzig 19 14; Auf- 
satze iiber H. von Paul Bekker, Westennanns Monatshefte 1908; R. Batka in Musik, 1908, 
Aprilheft; Oskar Bie, Die Oper, Berlin 1913; A. Lorenz, Hochland, 1921; W.Niemann, 
Zeitschrift fiir Musik 21, 192 1 ; J. Korngold, »Neue Freie Presse«, Wien, 5. Oktober 192 1 ; 
P. Bekker, Klang und Eros, Berlin 1922; A. Piiringer, Bayreuther Blatter, 1922; O. Besch, 
Neue Musikzeitung 1922; R. Misch, Velhagen & Klasings Monatshefte, 1922; Siegfried 
Wagner, Erinnerungen, Stuttgart 1923; E. Rosmer, »Miinchener Neueste Nachrichten« 28, 
September 1924, Unterhaltungsbeilage ; H. J.Moser, Geschichte der deutschen Musik, 
Stuttgart und Berlin II, 2, 1924. 

Rostock i. M. WolfgangGolther. 

Ilgner, Carl, * am 27. Juli 1862 zu Neifie i. Schl., f 18. Januar 1921 in Ber- 
telsdorf i. Schl. Seine Kindheit verbrachte I. am Rhein, wo er in Koln die Real- 
schule 1. Ordnung besuchte. Das starke Interesse, das er schon fruhzeitig fiir 
alle naturwissenschaftlichen Fragen besaB, veranlafite ihn dazu, den Ingenieur- 
beruf zu ergreifen und nach beendeter Schulzeit im Jahre 1883 nach Charlotten- 
burg iiberzusiedeln, um sich an der dortigen Gewerbeakademie, der spateren 
Technischen Hochschule, dem Studium des Maschinenbaufaches zu widmen. 
Seine Anfangsstellung fand er bei der AUgemeinen Elektrizitatsgesellschaft, 
bei der er bis zum Jahre 1892 tatig war, und iibernahm dann die Leitung der 
elektrotechnischen Abteilung der Firma Gebriider Korting in Kortingsdorf bei 
Hannover, wo er besonders den Bau langsam laufender Gleichstrommaschinen 
zur unmittelbaren Kupplung mit Gasmaschinen forderte. Im Jahre 1895 trat 
er zu der Lahmeyer-A.-G. iiber, um deren Interessen in Schlesien zu vertreten. 
In den Jahren 1895 — 1897 hatte diese Vertretung ihren Sitz in Beuthen und 
verlegte ihn in diesem Jahre nach Breslau. Die nahe Beruhrung mit den ober- 
schlesischen Berg- und Hiittenwerken sollte fiir seine Entwicklung und die- 
jenige der Bergwerks- und Hiittenmaschinen von entscheidender Bedeutung 
werden. 



Humperdinck. Ilgner 1 55 

Der elektrische Antrieb der Bergwerks- und Hiittenmaschinen steckte da- 
mals noch in den Kinderschuhen und beschrankte sich auf kleine und mittel- 
groBe Forderhaspel und Pumpen, kleine Grubenbahnen und verschiedene Ar- 
beitsmaschinen in den liber Tage liegenden Werkstatten, Kohlenwaschen usw. 
Auf vielen Anlagen hatten anfangliche MiBerfolge mit den fur die rauhen Be- 
triebsverhaltnisse, die besonders unter Tage herrschten, wenig geeigneten 
Gleichstrommotoren normaler Bauart den elektrischen Antrieb in MiBkredit 
gebracht und seine weitere Verbreitung erheblich erschwert. GroBe Maschinen, 
wie die groBen Hauptwasserhaltungen, besonders aber die groBen Forder- 
maschinen, so wie in den Hiittenwerken die groBen WalzenstraBen, schienen 
fiir den elektrischen Antrieb zu groBe Schwierigkeiten zu bieten, als daB er fiir 
sie in Betracht gezogen werden konnte, schon wegen der durch die haufige 
Umkehrung der Drehrichtung bedingten Schwierigkeiten bei der Ausbildung 
der Steuerapparate sowie der sicheren Beherrschung der Massen und der 
schweren Riickwirkungen auf die Kraftwerke. Andererseits verlangte die groBe 
Steigerung der Leistung der verschiedenen Arbeitsmaschinen und das zum 
Teil auBerordentlich unwirtschaftliche Arbeiten des Dampfantriebes dieser 
Maschinen dringend, ihrer Verbesserung hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und 
Leistungsfahigkeit besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Als neues wert- 
volles Hilfsmittel zur Erhohung der Wirtschaftlichkeit der Bergwerks- und 
Huttenbetriebe stellten sich damals die GroBgasmaschinen ein, die es ermog- 
lichten, die in den Hochofen- und Koksofengasen enthaltene Energie gunstig 
auszunutzen und sie in Verbindung mit der elektrischen Energieiibertragung 
zum Betrieb aller Werksmaschinen nutzbar zu machen. Die Donnersmarck- 
hiitte A.-G. in Hindenburg war es, die zuerst die Aufgabe genauer aufstellte, 
auch fiir die groBen Fordermaschinen den elektrischen Antrieb derart auszu- 
bilden, daB es moglich wurde, sie im AnschluB an ein mit GroBgasmaschinen 
arbeitendes Kraftwerk zu betreiben. Sie stieB bei der Verfolgung dieser Auf- 
gabe auf Carl I., der iiber eine brauchbare Losung zu verfiigen schien. 

Er hatte nach seiner Ubersiedlung nach Oberschlesien sich der gleichen Auf- 
gabe zugewandt, die ihm bei der Ausbildung elektrischer Bergwerksanlagen 
in mannigfacher Form entgegengetreten sein muB. Zwei groBe Hauptschwierig- 
keiten zeigten sich dabei die Notwendigkeit der Beherrschung der Steuerung 
unter Vermeidung schwer zu handhabender Apparate und in Verbindung da- 
mit die Erzielung der unbedingt erforderlichen hohen Betriebssicherheit sowie 
weiter die heftigen Riickwirkungen auf das Kraftwerk und die dadurch herbei- 
gefuhrten unangenehmen Storungen anderer Stromverbraucher. Fiir die erste 
Aufgabe f and er im Jahre 1900 eine geeignete Losung auf der Weltausstellung in 
Paris, wo unter der Bezeichnung »Trottoir Roulant« ein dem Verkehr zwischen 
den einzelnen Ausstellungsgebauden dienendes Fordermittel eingerichtet war, 
das nach der von dem Amerikaner Ward Leonard ausgebildeten Schaltung be- 
trieben wurde. Danach war der Antriebsmotor an die Gleichstromseite eines 
vom Netz gespeisten Drehstrom — Gleichstrom — Umformers angeschlossen, 
und die Drehzahl des Motors wurde dadurch geregelt, daB mit Hilfe eines im 
Magnetstromkreis des Gleichstromgenerators liegenden Regelwiderstandes seine 
Ankerspannung zwischen Null und einem Hochstwert feinstufig verandert 
wurde. I. erkannte sof ort die groBe Bedeutung dieser Schaltung fiir den Forder- 
betrieb, da sie es ermoglicht, bei einem sehr geringen Energieverlust im Regel- 



156 1921 

widerstand die Drehzahl eines Gleichstrommotors unabhangig von der GroBe 
der Belastung sowie bei einer Fordermaschine davon, ob mit ihr Last gehoben 
oder in den Schacht hinabgelassen wird, zu regeln und damit die Anforderungen 
an eine Fordermaschine sowohl in betriebstechnischer wie wirtschaftlicher Hin- 
sicht in vollkommener Weise zu erfullen. 

Zur Uberwindung der zweiten Schwierigkeit, die durch die groBen StoBe 
auf das Kraftwerk und die dadurch herbeigefuhrten Storungen anderer Strom- 
verbraucher gegeben war, standen zwei Hilfsmittel zur Verf iigung, das Schwung- 
rad und die Akkumulatorenbatterie. I. wahlte als das einfachere und billigere 
das Schwungrad und stellte durch eingehende Berechnungen und Verhand- 
lungen mit den Stahlwerken fest, daB es tatsachlich moglich war, so groBe 
Energiemengen, wie sie beim Antrieb groBer Fordennaschinen und Walzen- 
straBen in Betracht kommen, im Schwungrad aufzuspeichern und derart zum 
Ausgleich der Belastungsschwankungen zu benutzen, daB die schadlichen Riick- 
wirkungen auf das Netz und das Kraftwerk beseitigt wurden. Die Umfangs- 
geschwindigkeit des Schwungrades, besser gesagt der Schwungscheibe, konnte 
schon bei den ersten Ausfuhrungen zu 80 m/s gewahlt werden und ist im Laufe 
der Jahre auf 150 m/s, das sind 540 km/h, also mehr als das Fiinffache der 
Schnellzugsgeschwindigkeit, erhoht worden. Im Jahre 1901 meldete I. die 
Vereinigung dieser beiden wichtigen Hilfsmittel, der Leonard-Schaltung und 
des mit einem Umformer verbundenen Schwungrades, zum Patent an. Der 
Patentanspruch seines fur die ganze Entwicklung der Fordennaschinen wie 
der UmkehrwalzenstraBen bahnbrechenden Patentes, das ihm unter D. R. P. 
138387 erteilt wurde, lautete: 

»Einrichtung, um in elektrisch betriebenen Forderanlagen die Geschwin- 
digkeit der Fordermotoren ohne Anwendung von Vorschaltwiderstanden zu 
regeln und eine allmahlich erfolgende Entnahme von Strom aus der Haupt- 
stromquelle zu sichern, welche nicht bis zur vollen Hohe des der Kraftleistung 
des Fordermotors beim Anlassen entsprechenden Stromverbrauches ansteigt, 
dadurch gekennzeichnet, daB der Fordermotor unmittelbar durch eine von 
der Hauptstromquelle betriebene, mit einer Schwungmasse versehene Motor- 
dynamo gespeist wird, wobei die dem Fordermotor zugefuhrte Spannung 
durch Anderung der Erregung des stromabgebenden Teiles der Motordynamo 
geregelt werden kann.« 

Fiir die Entwicklung des elektrischen Antriebes von Fordennaschinen 
und WalzenstraBen, insbesondere nach dem I. -System war es bedeutsam, daB 
um die gleiche Zeit wie I. bei der Siemens & Halske A.-G. Kottgen zusammen 
mit G. Meyer und W. Philippi an der Ausbildung des elektrischen Antriebes von 
Fordennaschinen arbeitete. Er stieB dabei auf das Patent I.s und setzte sich, 
da durch die von diesem ausgearbeitete Anordnung die Hauptschwierigkeiten 
beseitigt waren, mit ihm wegen gemeinsamer Bearbeitung der weiteren Einzel- 
heiten des elektrischen Fordermaschinen antriebes in Verbindung. Andererseits 
erwarb die Donnersmarckhiitte in Verfolg ihrer Bestrebungen, den Forder- 
maschinenantrieb im AnschluB an Gasmaschinenkraftwerke zu elektrisieren, 
das Patent I.s. Das Ergebnis der Verhandlungen zwischen ihr, I. und der Sie- 
mens & Halske A.-G. war der AbschluB eines Vertrages zwischen der Donners- 
marckhiitte und der Siemens & Halke A.-G., wonach der letzteren das Aus- 



Ilgner 157 

fiihrungsrecht von Anlagen nach dem I. -System iibertragen wurde. Gleiche 
Vertrage mit den anderen groBen Elektrizitatsfirmen folgten in kurzer Zeit. 
I. selbst ubernahm nach einer kurzen Tatigkeit bei der Westinghouse-Gesell- 
schaft die Leitung eines neuen Bureaus der Donnersmarckhiitte zum Bau 
groBer Fordermaschinen. 

Dem Patent D. R. P. 138 387 folgten dann alsbald ein ahnliches Patent fur 
den elektrischen Antrieb groBer UmkehrwalzenstraBen sowie einige Zusatz- 
patente, die, ebenso wie die Hauptpatente, in den Besitz der Donnersmarck- 
hiitte ubergingen. 

Nachdem I. bei der Donnersmarckhiitte vier Jahre lang das Bureau fur den 
Bau elektrischer Fordermaschinen und UmkehrwalzenstraBen geleitet und 
dabei an der Ausbildung und Vervollkommnung dieser Maschinen wesentlichen 
Anteil genommen hatte, trat er im November 1904 in die Dienste der Oster- 
reichischen Siemens-Schuckert-Werke, Wien, iiber, um dort die Leitung des 
Montanbureaus, auf dem elektrische Bergwerks- und Hiittenanlagen jeder Art 
projektiert und ausgefiihrt wurden, zu iibernehmen. Bald aber begann sein Ge- 
sundheitszustand unsicher zu werden. Infolge mehrfacher Erkrankungen sah 
er sich schlieBlich genotigt, auf seinen Korper mehr Riicksicht zu nehmen, als 
es ihm bei der von ihm iibernommenen regelmaBigen Tatigkeit moglich sein 
konnte. Das veranlaBte ihn, schon im Mai 1907 seine Stellung bei den Oster- 
reichischen Siemens-Schuckert-Werken aufzugeben und sich in Wien als be- 
ratender Ingenieur niederzulassen, um so die fur seine Gesundheit erwiinschte 
Bewegungsfreiheit zu erhalten. 

Als beratender Ingenieur war er dann hauptsachlich fiir mehrere Gruben in 
Polnisch-Schlesien und Niederschlesien tatig, auf denen es gait, durch Umge- 
staltung des gesamten maschinellen Betriebes, zweckmaBige Anordnung und 
Ausfiihrung der Kessel, Maschinen usw. die Betriebskosten auf ein MindestmaB 
herunterzudrucken. Dadurch kam er auch mit der Technischen Hochschule in 
Breslau bald in nahere Verbindung. Auf seine Anregung hin wurde im Jahre 
19 10 als Doktorarbeit die Untersuchung der gesamten Dampf- und Energie- 
wirtschaft der Ferdinandgrube der Kattowitzer A.-G. fiir Bergbau und Hiitten- 
betrieb ausgeschrieben. In Ausfiihrung dieser Aufgabe gelang es Diplominge- 
nieur Schulze, iiber die auBerordentlichen Verluste in den Dampfleitungen still- 
stehender Dampfmaschinen sowie in den stillstehenden, unter Dampf gehalte- 
nen Fordermaschinen wert voile Aufklarungen zu beschaffen, die fiir die tjber- 
legenheit des elektromotorischen Antriebes aller Arbeitsmaschinen auf Gruben 
und Hiitten wichtige Anhaltspunkte gaben. Bisher waren Dampf verbrauchs- 
versuche an Fordermaschinen und WalzenstraBen stets nur wahrend weniger 
Betriebsstunden gemacht und die Verluste wahrend des Stillstandes sowie 
diejenigen in den Dampfleitungen oberflachlich geschatzt oder ganz vernach- 
lassigt worden. Die Versuche auf der Ferdinandgrube haben wohl zum ersten 
Male gezeigt, wie hoch sich bei einer mit an sich durchaus brauchbaren Dampf- 
maschinen ausgeriisteten Grube der tagliche Dampfverbrauch im Laufe von 
mehreren Monaten stellen kann. 

Im Jahre 1911 erhielt I. von der Technischen Hochschule Breslau am Tage 
der feierlichen Eroffnung des Eisenhuttenmannischen Institutes, gelegentlich 
der Anwesenheit des Kaisers, die Ernennung zum Dr.-Ing. e. h. Der Wortlaut 
des Doktordiploms war: 



158 1921 

»Die Konigliche Technische Hochschule zu Breslau unter dem Rektorat 
des Professors Dr. phil. Rudolf Schenk verleiht mit dieser Urkunde auf ein- 
stimmigen Antrag der Abteilung fiir Maschineningenieurwesen und Elektro- 
technik durch BeschluB von Rektor und Senat dem Herrn Ingenieur Carl 
Ilgner in Wien in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die 
Durchbildung des fiir den Berg- und Huttenbetrieb besonders wichtig ge- 
wordenen, belastungsausgleichenden Schwungradumfonners, insbesondere 
um die Durchbildung des Umformers zum betriebs- und steuersicheren An- 
trieb von Forder- und Walzwerksmaschinen die akademische Wiirde eines 
Doktor-Ingenieurs ehrenhalber. « 

Mit Riicksicht auf diese vielf achen Beziehungen zu Schlesien entschloB er sich 
im Jahre 1912, ganz nach Breslau iiberzusiedeln, wo er sich eine Villa baute, 
die er, einer besonderen Liebhaberei nachgehend, mit wertvollen Kunstschatzen, 
besonders solchen aus dem Mittelalter, ausstattete. Um auch der Stadt Breslau 
seine Ingenieurerfahrungen zugute kommen zu lassen, iibernahm er das Ehren- 
amt eines Stadtverordneten, wurde Mitglied der stadtischen Betriebsdeputation 
und war auch sonst fur das Wohl der Stadt Breslau fordernd tatig. 

Bei Beginn des Krieges stellte er sich sofort in den Dienst seines geliebten 
Vaterlandes, indem er verwundete Offiziere in seinem Hause pflegte. Noch 
kurz vor SchluB des Krieges fand er Gelegenheit, seine Kenntnisse auf dem 
Gebiete der Berg- und Hiittenanlagen im Dienste der deutschen Regierung 
nutzbar zu machen. Er reiste fiir die Reichsentschadigungskommission im 
Juli 1918 nach Briissel, um die in den Operationsgebieten befindlichen Hiitten- 
werke und sonstige Fabriken zu bewerten. Bei Ausbruch der Revolution kam 
er mit dem letzten Zuge iiber die Grenze nach Mainz zuriick und langte nach 
einer schwierigen Reise wohlbehalten in Breslau an. Nach der Revolution ar- 
beitete er weiter noch bei der Reichsentschadigungskommission in Berlin, um 
die von ihm auf dem Kriegsschauplatze angefangenen Arbeiten zu vollenden. 
Im September 1919 mui3te er aber die Tatigkeit einstellen, da seine Gesundheit 
unter den hinter ihm liegenden Anstrengungen doch zu sehr gelitten hatte. 
Der Besuch einer Anzahl von Sanatorien nutzte nichts mehr, es trat eine 
dauernde Verschlimmerung der alten Kopfschmerzen ein, und am 18. Januar 
1 92 1 erloste ihn ein sanfter Tod von seinen Leiden. Kurz vor seinem Tode 
hatte er seinen Wohnsitz in die Einsamkeit, an den FuB des Riesengebirges, 
nach Bertelsdorf verlegt, um dort ganz der Ruhe pflegen zu konnen ; es war zu 
spat. Das Eiserne Kreuz am weiBen Bande wurde ihm noch kurz vor Aus- 
bruch seiner letzten schweren Erkrankung als Belohnung fiir seine aufopfernde 
Tatigkeit im Interesse des Vaterlandes iiberreicht. 

Man wiirde I. unrecht tun, wenn man seine Verdienste lediglich in einer 
gliicklichen Erfindung und ihrer Ausnutzung suchen wollte, von so groBer 
wirtschaftlicher Bedeutung jene auch fiir die Berg- und Hiittenwerke geworden 
ist. Seine Arbeiten gingen vielmehr mit Nachdruck dahin, die ganzen Gruben- 
und Hiittenbetriebe vom Kesselhaus an wirtschaftlich aus- und umzugestalten 
und so die in der Kohle enthaltene Energie weitgehend auszunutzen, was bis 
dahin mit Riicksicht auf die geringen Kosten der im eigenen Betriebe gefor- 
derten oder billig beschafften Kohle vielf ach uberflussig erschien. Wahrend er 
in den Stellungen bei der Donnersmarckhiitte und den Osterreichischen Sie- 
mens-Schuckert-Werken sich hauptsachlich mit der Ausbildung der elektri- 



Hgner 159 

schen Anlagen bef assen muBte, hat er in seiner spateren Tatigkeit als beratender 
Ingenieur seine ganze Kraft der einheitlichen wirtschaftlichen Ausgestaltung 
der Gruben- und Hiittenbetriebe zugewandt, um die gesamten Betriebskosten 
soweit wie irgend moglich herunterzudriicken. Die von ihm angegebene Aus- 
fiihningsform elektrischer Fordermaschinen und UmkehrwalzenstraBen ist da- 
bei nur ein Hilfsmittel unter vielen gewesen. 

I. ist kein Theoretiker und unpraktischer Erfinder, sondern durchaus Prak- 
tiker gewesen, der groBzugig das, worauf es bei der Verbesserung der Wirt- 
schaftlichkeit der Berg- und Hiittenbetriebe ankommt, erfaBt und, soweit sich 
ihm die Moglichkeit dazu bot, zielbewuBt verfolgt hat. Die durch die Schwach- 
lichkeit seines immer wieder von schwerer Krankheit heimgesuchten Korpers 
verursachten Hinderungen erschwerten seine Tatigkeit in den letzten Jahren 
wesentlich, konnten ihn jedoch in der stetigen Verfolgung seiner Bestrebungen 
nicht aufhalten. Zu seiner durch Krankheit nicht dauernd zu beugenden Energie 
kam, um das Bild eines vorbildlichen deutschen Ingenieurs zu vervollstandigen, 
eine leidenschaftliche Liebe zu seinem deutschen Vaterlande, die er schon vor 
dem Kriege in mehrf acher Vertretung deutscher Interessen dem Auslande gegen- 
iiber bewiesen hat, und die wahrend des Krieges und in den schweren Nach- 
kriegsjahren besonders zum Ausdruck gekommen ist. Auch im Auslande sind 
seineVerdienste vor dem Kriege im wesentlichen anerkannt undUmkehrbetriebe, 
bei denen ein mit zusatzlichenSchwungmassenausgeriisteterLeonard-Umformer 
benutzt wurde, selbst in England, wo ihm ein Patent versagt worden ist, alsl. -An- 
lagen bezeichnet worden. Seit Ausbruch des Krieges und noch mehrere Jahre 
nach dem Kriege ist dies in englischen und franzosischen Fachkreisen nicht 
mehr f iir notig erachtet worden. Erst neuerdings f indet man wieder seinenNamen 
in Verbindung mit Anlagen, die nach der von ihm angegebenen Anordnung aus- 
gefiihrt worden sind, auch in auslandischen Fachkreisen haufiger genannt. 

Die Notwendigkeit, bei den groBen Forderanlagen und UmkehrwalzenstraBen 
einen Ausgleich der starken Belastungsschwankungen vorzusehen und daher 
ihrer Ausfiihrung das I. -System zugrunde zu legen, ist in den letzten Jahren 
durch die Vervollkommnung der Dampfturbine, deren Drehzahlregler auch 
bei den groBten Belastungsschwankungen die Drehzahl annahernd unverander- 
lich halten, stark zuriickgegangen, und immer haufiger werden jetzt groBe 
Fordermaschinen mit schwungradlosem Umformer ausgefuhrt. Das darf aber 
nicht dazu verleiten, den Namen I.s und seine bedeutenden Verdienste um die 
Einfuhrung des elektrischen Antriebes dieser Maschinen in Vergessenheit ge- 
raten zu lassen. Erst durch seine Erfindung ist es Anfang dieses Jahrhunderts 
moglich gemacht worden, auch die groBten Fordermaschinen und Umkehr- 
walzenstraBen wie einen beliebigen gleichmaBig belasteten Motor an jedes 
Kraftwerk anzuschlieBen, wenn nur dessen Leistungsf ahigkeit zur Deckung des 
mittleren Energieverbrauches der angeschlossenen Anlage ausreichte. Dadurch 
ist die Moglichkeit gegeben worden, jene so auBerordentlich unwirtschaftlich 
arbeitenden Maschinen in wirtschaftlich giinstig arbeitende umzuwandeln. 
Diese Tatsache geniigt fiir uns, daB wir I. dauernd zu den ersten Ingenieuren 
unserer Zeit rechnen und dies insbesondere auch dem Auslande gegeniiber, das 
stets geneigt ist, die Verdienste groBer deutscher Ingenieure unbeachtet zu 
lassen, immer wieder betonen mtissen. 

Berlin-Siemensstadt. Wilhelm Philippi. 



i6o 1921 

Jaff6, Edgar, a. o. Professor an der Handelshochschule in Munchen, Finanz- 
minister in der Regierung Eisner im Freistaat Bayern, * am 24. Mai 1866 in 
Hamburg, f am 29. April 192 1 in Munchen. — Geboren als Sohn eines be- 
kannten hamburgischen GroBkaufmanns, besuchte Edgar J. eine Hamburger 
SchuleundspaterdasRealgymnasiuminGothabisObersekunda. Miti7 Jahren 
trat er als Lehrling in ein Hamburger Exportgeschaft ein, worauf er seine kauf- 
mannische Lehrzeit als Volontar bei verschiedenen Firmen in Frankreich und 
Spanien beschloB. 1888 trat er als 3 lingerer Teilhaber in ein von seinem Vater 
gegriindetes Textilexportgeschaft in Manchester ein, wo er zehn Jahre blieb 
und sich jene grundliche Anschauung des englischen Geschaftslebens erwarb, 
die seinem spateren Hauptwerk iiber das engUsche Bankwesen und seiner 
akademischen Lehrtatigkeit zugute kam. Vom kaufmannischen Beruf unbe- 
friedigt und damals schon, von noch unklaren Empfindungen den sozialen 
Fragen zugetrieben, siedelte J. 1898 nach Berlin iiber, um sich ganz seinen 
geistigen Interessen zu widmen. Von Philosophic, Religionsgeschichte und Ge- 
schichte ausgehend, geriet er bald in den Bannkreis der Ideen Friedrich Nau- 
manns und schloB sich einer Schar j lingerer Nationalokonomen aus dem 
Schmollerschen Seminar an. J. wandte sich ganz der Nationalokonomie zu, 
horte insbesondere bei Schmoller, Sering und Wagner und lieferte noch als 
Studierender fur die Untersuchungen des Vereins fur Sozialpolitik iiber die 
Heimarbeit Beitrage iiber die westdeutsche Konfektion- und die Zigaretten- 
industrie. Seinen sozialen Interessen entsprang sodann die Mitarbeit bei dem 
Erziehungsbeirat fur schulentlassene Waisen, fur dessen »Wegweiser fur die 
Beruf swahl« er einen Teil bearbeitete. 

1 90 1 promo vierte er in Heidelberg mit einer Arbeit iiber die Arbeitsteilung 
im englischen Bankwesen. 1904 ging das Archiv fur soziale Gesetzgebung und 
Statistik aus den Handen seines Begriinders, Heinrich Braun, in seinen Besitz 
iiber. Die Zeitschrift wurde unter dem Namen »Archiv fiir Sozialwissenschaft 
und Sozialpolitik « weitergefuhrt. Als Mitredakteure gewann er Werner Sombart 
und Max Weber. Besonders die Aussicht, denihm freundschaftlich verbundenen 
Max Weber zu gewinnen und ihm gewissermaBen ein Organ zu schaffen, hatte 
ihn zu diesem Schritt angeregt. Das Braunsche Archiv hatte es sich zur Auf- 
gabe gemacht, die Arbeiterfrage in ihrer kulturellen Bedeutung zu studieren, 
und zwar von vornherein unter starker Heranziehung des Auslandes; es war 
international und die wirklich erste interfraktionelle Zeitschrift des Faches. 
Ihr Arbeitsgebiet wurde nun prinzipiell erweitert: »Unsere Zeitschrift wird 
heute die historische und theoretische Erkenntnis der allgemeinen Kulturbe- 
deutung der kapitalistischen Entwicklung als dasjenige wissenschaftliche Pro- 
blem ansehen miissen, in dessen Dienst sie steht. Und gerade weil sie selbst 
von einem durchaus spezifischem Gesichtspunkt ausgeht und ausgehen muB: 
dem der okonomischen Bedingtheiten der Kulturerscheinungen, kann sie nicht 
umhin, sich im engen Kontakt mit den Nachbardisziplinen, der allgemeinen 
Staatslehre, der Rechtsphilosophie, der Sozialethik mit den sozialpsycho- 
logischen und den gewohnlich unter dem Namen Soziologie zusammengefaBten 
Untersuchungen halten« — (Archiv, Neue Folge, Band 1 , Geleitwort der Heraus- 
geber). Auf Reisen in Osterreich, Italien, Frankreich, Belgien und Holland 
kniipfte er zahlreiche personliche Beziehungen an, die den Kreis der Mitarbeiter 
dieser hervorragendsten nationalokonomischen Zeitschrift, deren Bedeutung 



Jafite 161 

immer mehr zu steigern sein besonderer Ehrgeiz war, weit iiber die deutsche 
Gelehrtenwelt hinaus vergrofierten. 1904 habilitierte sich Edgar J. in Heidel- 
berg und las in den folgenden Jahren vorwiegend iiber Bank-, Borsen-, Geld-, 
Finanz- und Kreditwesen, Sozialpolitik und Sozialismus. Gleichzeitig erschien 
sein Hauptwerk : Das englische Bankwesen, in welchem der Verf asser die be- 
deutsamen Unterschiede zwischen dem englischen und deutschen Bankwesen 
herausarbeitete. J. prazisierte mit seinem Werk die Stellungder Bank inner- 
halb der modernen Wirtschaft. 1909 erhielt er den Titel eines a. o. Professors 
und einen Lehrauf trag fur Geld- und Kreditwesen an der Universitat Heidel- 
berg. Zusammen mit Geh. Rat Prof . Eberhard Gothein beteiligte er sich gleich- 
zeitig intensiv am Ausbau der damals neugegriindeten Handelshochschule 
in Mannheim. 1910 nahm J. einen Ruf an die neugegrundete Handelshoch- 
schule in Munchen an. Im Kriege wurde J. gleich nach der Besetzung Belgiens 
ein Jahr lang als wirtschaftlicher Sachverstandiger speziell fur die Abteilung 
Banken beim Zivilgouvernement Briissel verwandt. Er arbeitete dort, unter- 
stiitzt durch das Vertrauen, das auch belgische Handelskreise dem das 
Franzosische vollkommen beherrschenden, ihrerLageobjektiv gerecht werden- 
den Mann entgegenbrachten, grossere Gutachten aus. (Der Belfried : 2. Jahrgang, 
4. Heft : Die Zahlungsbilanz und die internationalen f inanziellen Beziehungen 
Belgiens.) Seit dem zweiten Kriegsjahre wirkte er weiter an der Handels- 
hochschule in Munchen. Vom 1. April 1916 ab gab J. zusammen mit dem 
bayerischen Staatsminister D. v. Fraundorfer die Europaische Staats- und 
Wirtschaftszeitung her aus. In dieser Zeit entstanden eine Reihe wichtiger 
Publikationen sowohl im Archiv (Band 40) wie in den Schriften des Vereins 
fiir Sozialpolitik (Band 156) — grundsatzliche Darlegungen zur Frage der 
Militarisierung des deutschen Wirtschaftslebens, der Rohstoffversorgung 
sowie insbesondere zu den Problemen der Kriegskostendeckung und der 
Steuerreform. 

J.s durch fruhere praktische kaufmannische Tatigkeit gescharften Ein- 
sichten entging die Verstrickung des deutschen Schicksals, die Rohstof fnot und 
die wirtschaftliche Aussichtslosigkeit der weiteren Kriegf uhrung nicht — er 
wurde infolgedessen immer mehr dahingetrieben,zueinembaldigen AbschluB 
des Krieges zu raten. Nach der Waff enstillstandserklarung setzte sich J. in aller 
Offentlichkeit mit Leidenschaft fiir eine Abdankung des Kaisers ein. Nach dem 
9. November 1918 trat er auf Vorschlag Auers als Finanzminister in das Mini- 
sterium des neuen Volksstaates Bayern ein. J. glaubtesich als Fachmann und 
Wissenschaftler der konkreten Aufgabe der Neuordnung der bayerischen 
Finanzen nicht entziehen zu diirfen und hoffte, als Mitglied der Regierung 
Eisner temporisierend und ausgleichend wirken zu konnen. Die weitere Ent- 
wicklung der Dinge in Bayern, insbesondere nach der Ermordung Eisners, er- 
wiesen sich jedoch starker als er; es gelang J. nicht mehr, seinen EinfluB ent- 
sprechend geltend zu machen, wie ihm dies zu Lebzeiten des abstrakt-ideali- 
stischen Eisner zum Teil wenigstens gelungen war. Anfang April 1919 erklarte 
er daher, innerlich enttauscht und gebrochen, wenige Tage vor der Ausrufung 
der Raterepublik seinen Austritt aus dem Ministerium und verlieB Bayern. Vor 
der beabsichtigten tlbernahme seiner alten Dozentenpflichten an der Handels- 
hochschule erkrankte er und verschied nach langerem schweren Leiden am 
29. April 1921. 
dbj 11 



162 1921 

Fiir seine internationale Anerkennung spricht, daJ3 er bis zu seinem Tod als 
Korrespondent des » Fight the Fancine Council for Economic Reconstruction « 
gefuhrt wurde. 

Edgar J.s wesentliches Verdienst ist es, die Kenntnis iiber das Wesen und die 
Bedeutung der Banken verbreitet zu haben, insbesondere auf die in wirtschaft- 
licher Hinsicht wichtigen Unterscheidungen zwischen der englischen, deutschen, 
franzosischen, belgischen usw. Arbeitsweise und Teilung im Bankbetriebe 
hingewiesen zu haben. Seine Beitrage zur Geschichte der deutschen Kriegs- 
wirtschaft werden ihre damalige Bedeutung auch fiir die Zukunft behalten, da 
sie als Ausdruck einer zum Sozialismus hinneigenden Natur den Versuch ent- 
hielten, die deutsche Kriegswirtschaft als organisierte planmaBige Gemein- 
schaftsordnung zu sehen und zu gestalten. 

I,iteratur: E. Js Schriften: Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der deutschen Ziga- 
rettenfabrikation. Schriften des Vereins fiir Sozialpolitik, Bd. 86, III. — Das englische 
Bankwesen. Verlag Duncker & Humblot, 1. Aufl. 1904, 2. Aufl. 1910. — Die Militari- 
sierung unseres Wirtschaftslebens durch den Krieg. Archiv fiir Sozialpolitik und Sozial- 
wirtschaft, Bd. 40, 191 5. — Grundsatzliches zur Frage: Kriegskostendeckung und Steuer- 
refonn. Schriften des Vereins fiir Sozialpolitik, Bd. 156, II, 1918. — Volkswirtschaft und 
Krieg, Tubingen 191 5. — Das englisch-amerikanische und das franzosische Bankwesen. 
Grundrifl der Sozialokonomik, Abt. V, Teil II. — Die Arbeiterschaft iin neuen Deutsch- 
land, Leipzig 191 5 (Die Vertretung der Arbeiterinteressen im neuen Deutschland) — (Ar- 
chiv, Bd. 40, I, 191 5) — Das theoretische System der kapitalistischen Wirtschaft. — Die 
westdeutsche Konf ektionsindustrie mit besonderer Beriicksichtigung der Heimarbeit, Ver- 
ein fiir Sozialpolitik, Bd. 86/111. — Deutsche Bankverwaltung in Belgien, Bankarchiv 
XIV, Heft 24. — BelgiensStellungin der Weltwirtschaft, Bankarchiv XIV, Heft 19, 20, 21. 
— Finanz- und Steueraufgaben im neuen Deutschland. Miinchen und Leipzig 19 19. 

Heidelberg Hans v. Eckardt. 

Kndpfler, Alois, o. 6. Professor der Kirchengeschichte an der Universitat 
Miinchen, * in Schomburg (Wurttemberg) am 29. August 1847, t m Schomburg 
am 14. Juli 1921. — Alois K. gehort in den Kreis der katholischen historischen 
Tiibinger Schule. Als einer der bedeutendsten Vertreter derselben hat er deren 
Geist und Traditionen weiter gepflegt und besonders nach der Seite des semi- 
naristischen Unterrichtsbetriebes entwickelt. 

K. wurde am 29. August 1847 i m wiirttembergischen Allgau, in Schomburg 
bei Wangen, geboren. Nach der Absolvierung des Gymnasiums (in Ehingen und 
Rottweil) trat er im Herbst 1868 in das Wilhelmsstift in Tubingen ein, um 
Philosophic und Theologie zu studieren. Den starksten EinfluB haben auf ihn 
ausgeiibt: Hefele, der Kirchenhistoriker und beriihmte Verfasser der Konzilien- 
geschichte, den er noch bis Weihnachten 1869 horen konnte (Hefele war imOk- 
tober 1868 zum Konsultor der Zentralkommission zur Vorbereitung auf das 
vatikanische Konzil berufen und im November 1869 zum Bischof von Rotten- 
burg erhoben worden), Abele, der Exeget, und der Germanist Adalbert v. Keller. 
Auf Veranlassung des letzteren hat K. eine Preisaufgabe iiber den Verfasser des 
Nibelungenliedes bearbeitet und gelost und den philosophischen Doktorgrad 
sich erworben. Am 3. August 1874 erhielt er nach AbschluB seiner theologischen 
Studien im Priesterseminar zu Rottenburg die Ordination durch Bischof Hefele, 
der auf dem Vaticanum gegen die Definition der papstlichen Unfehlbarkeit auf- 
getreten war und als letzter der deutschen Bischofe erst am 10. April 1871 die 
Konzilbeschliisse anerkannt und in seiner Diozese verkiindigt hatte. 



Jaff£. Knopfler 163 

K. war nun fast zwei Jahre in der Seelsorge tatig als Vikar in Ravensburg. 
Ostern 1876 wurde er als Repetent fiir Kirchengeschichte an das Wilhelmsstift 
nach Tubingen berufen, wo er mit eisernem FleiBe seiner wissenschaftlichen 
Weiterbildung oblag und sich zugleich auf das Professoratsexamen fiir neuere 
Sprachen, Deutsch, Geographie und Geschichte vorbereitete. Vom Juli bis 
Dezember 1878 machte er eine Studienreise, welche ihn in die franzosische 
Schweiz bis Genf , nach Paris und I^ondon fuhrte ; und im Mai 1879 unterzog er 
sich dem Professoratsexamen. JournalistischeNeigung undTatigkeit hattenK. 
in Beziehung gebracht zu Dr. Max Huttler, der geistlicher Verleger der Augs- 
burger Postzeitung und (bis 1875) bayerischer Landtagsabgeordneter war. 
Dieser hat nun den bayerischen Kultusminister Lutz auf den begabten jungen 
Tiibinger Repetenten hingewiesen, der dam als auch schon durch eine Rezen- 
sion in der »Literarischen Rundschau « iiber Prof. Friedrichs Buch »Zur 
altesten Geschichte des Primates in der Kirche« die Aufmerksamkeit weiterer 
Kreise auf sich gezogen hatte. Juli 1880 erhielt K., der inzwischen als der erste 
katholische Geistliche Wiirttembergs Reallehrer an der Realschule zu Schram- 
berg geworden war, einen Ruf als Professor fiir Kirchengeschichte und Patro- 
logie an das Kgl. Lyzeum in Passau. »Nehmen Sie an . . . Tun Sie es der Sache 
zu lieb, daft wir wieder einmal Tiibinger Edelreis aufgepfropft erhalten.« So 
schrieb ihm damals Huttler. 

K. hat die auf ihn gesetzten groften Hoffnungen vollauf erfullt. Wahrend der 
fiinfjahrigen Lehrtatigkeit zu Passau bearbeitete er eine Kirchengeschichte der 
Vorreformationszeit von 1447 — I 5 I 7» welche im Jahre 1883 als 23. Band von 
Rohrbachers Universalgeschichte der katholischen Kirche erschien. Das Buch ist 
Bischof Hefele zu dessen goldenem Priesterjubilaum gewidmet. Schon 1882 war 
K. von Hefele mit der Neubearbeitung des V. Bandes der Konziliengeschichte 
(1073 — 1250) betraut worden. Nach vier Jahren (1886) war der neue Band von 
1200 Druckseiten fertig. K. ist dadurch mit einem Schlage an die Seite seines 
groften Lehrers und mit in die vorderste Reihe der katholischen Kirchen- 
historiker getreten. Noch bevor der Band erschienen war, hatte K. von Althoff 
einen Ruf nach Minister i. W. erhalten,den er ablehnte. Ein Jahr spater (1886) 
kam dann der Ruf auf den durch Mohler und Dollinger so beruhmt gewordenen 
Lehrstuhl fiir Kirchengeschichte nach Miinchen und damit auf einen Boden, 
wie er giinstiger und fruchtbarer wohl nicht gedacht werden konnte. Wahrend 
eines vollen Menschenalters war es K. beschieden, hier zu wirken. 

Schon nach vier Jahren erschien — ich ubergehe im folgenden die kleineren 
Arbeiten — 1890 die Neubearbeitung des VI. Bandes der Hef eleschen Konzilien- 
geschichte (1250 — 1409 inkl.). Das Jahr 1891 brachte das Buch iiber die »Kelch- 
bewegung in Bayern unterHerzog Albrecht V. 1550 — 1579 «, womit K.s Arbeiten 
zur Reformationsgeschichte ubergingen. Im selben Jahre begann K. mit den 
beiden Kirchenhistorikern Schroers in Bonn und Sdralek in Miinster die 
» Kirchengeschichtlichen Studien« herauszugeben. Als 1893 die Wahl zum 
Rektor der Universitat auf ihn fiel, war er zu einem fuhrenden Kirchenhistoriker 
auf katholischer Seite herangereift. Seine Rektoratsrede »t)ber Wert und Be- 
deutung des Studiums der Kirchengeschichte « hat Aufsehen erregt. Der hun- 
dertjahrige Geburtstag Mohlers 1896 gab ihm den Anlai3, in einem eigenen Buche 
seinem groften Landsmann und Vorganger ein Gedenkblatt der Liebe und Ver- 
ehrung zu widmen. In den Jahren 1886 — 1901 hat K. nach dem Beispiele 



164 J 9 21 

Hefeles iiber hundert kirchengeschichtliche Artikel fiir das Herdersche Katho- 
lische Kirchenlexikon bearbeitet, von denen einzelne, wie die iiber » Kirchen- 
geschichte* und »das Konzil von Trient«, ganze Abhandlungen waren. Auch 
mit zwei Neueditionen friihmittelalterlicher Werke, die schlecht herausgegeben 
waren, hat sich K. in diesem Dezennium von 1890 bis 1900 befaBt. Im Jahre 1890 
erschien »Walafridi Strabonis liber de exordiis et incrementis quarundam in 
observationibus ecclesiasticis rerum«, eine Art Kompendium der christlichen 
Archaologie etwa vom Jahre 840. Zehn Jahre spater, 1900, folgte die Edition 
der 819 verfaBten Schrift von Rabanus Maurus »De institutione clericonim 
libritres«; denlnhalt bilden Unterweisungen der Kleriker iiber ihre Ausbildung 
iiber ihre Standes- und Amtspflichten. 

Eine Berufung K.s nach Freiburg i. Br. 1903 beweist die wachsende hohe 
Wertschatzung des Lehrers und Gelehrten. Wenn sein eigenstes wissenschaft- 
liches Arbeitsgebiet auch das Mittelalter und die Reformationszeit gewesen ist, 
so hat er sich doch auch eingehend mit den Problemen der Urgeschichte der 
Kirche befaBt. Seine zweite Rektoratsrede von 191 1 handelte iiber »Das 
Christusbild und die Wissenschaft«. Auch die allerneueste Kirchengeschichte 
hat ihn besonders interessiert ; er trug sich mit dem Gedanken, eine groBere 
Biographie Hefeles zu schreiben. Noch in den letzten Jahren seines Lebens hat 
er daran gearbeitet ; das fertige Manuskript reicht bis zum Beginne der Konzils- 
tatigkeit Hefeles. 

An der Miinchener Universitat war K. eine der markantesten Gestalten und 
beliebtesten Personlichkeiten. Er war zweimal deren Rektor, saB voile 21 Jahre 
als eines der geschaftskundigsten Mitglieder im akademischen Senat und war 
mehrere Ma 1 e Dekan seiner Fakultat. 

Jelanger, desto mehr ist, namentlich seit 1900, die Uterarische Produktion K.s 
in den Dienst des kirchengeschichtlichen Unterrichts und der Ausbildung junger 
Forscher auf dem Gebiete der Kirchengeschichte getreten. Sein Lehrbuch fiir 
Kirchengeschichte, sein kirchenhistorisches Seminar mit seinen wissenschaft- 
lichen Arbeiten haben ihn in dem Dezenium von 1900 bis 1910 fastganz mitBe- 
schlag belegt. Als Lehrer hat K. das GroBte und Beste in seinem Leben ge- 
leistet. Im Geiste Hefeles und im AnschluB an dessen Vorlesungen hat er die 
Kirchengeschichte vorgetragen. Und 1895 hat er, einem wirklich dringenden 
Bediirfnisse entsprechend, diese Vorlesungen herausgegeben als 4 » Lehrbuch der 
Kirchengeschichte auf Grund der akademischen Vorlesungen von Hefele«. Von 
der Vortrefflichkeit und Beliebtheit dieses Lehrbuches zeugt die Tatsache, daB 
im Jahre 1920 die sechste Auflage gedruckt werden muBte, und daB das Buch 
auch ins Spanische und Ungarische iibersetzt wurde. Wissenschaftlich noch 
wertvoller ist aber eine andere Tatigkeit auf dem Gebiete des kirchengeschicht- 
lichen Unterrichts gewesen. Das war die Arbeit K.s in dem von ihm begriindeten 
und reichlich ausgestatteten Miinchener Kirchenhistorischen Seminar. Hier 
liegt wohl sein groBtes Verdienst um die Kirchengeschichte. Seit seiner Be- 
rufung nach Miinchen wurde K. in immer steigendem MaBe in Anspruch ge- 
nommen durch die Ausbildung junger Theologiestudenten und Priester fiir die 
wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiete der Kirchengeschichte. Zu diesem 
Zwecke hat er das Kirchenhistorische Seminar an der Universitat eingerichtet. 
Nach Uberwindung starker finanzieller Hindernisse und manch anderer Wider- 
stande hat K. dieses Institut zu groBer Bliite gebracht. Es war, als er sein Lehr- 



Knopfler. Korting 1 65 

amt im Jahre 191 7 niederlegte, dank der staatlichen finanziellen Mittel und 
dank der personlichen Stiftungen und Schenkungen K.s so gut gestellt wie kein 
anderes kirchenhistorisches Seminar an einer katholisch-theologischen Fakultat 
Deutschlands. Durch letztwillige Verfiigung hat K. seinem Seminar auch noch 
jene Biicher seiner eigenen Bibliothek vermacht, welche das Seminar noch nicht 
besafl. Ein Zeugnis von der ungemeinen Fruchtbarkeit und dem wissenschaft- 
lichen Geist der seminaristischen Tatigkeit K.s sind die 1899 von ihm begriin- 
deten »Veroffentlichungen aus dem Kirchenhistorischen Seminar Miinchen«. 
Sie umfaBten 1920 die Zahl von 45 Heften ; das bedeutet, wenn man die Kriegs- 
jahre abrechnet, einen Durchschnitt von drei gedruckten wissenschaftlichen 
Schiilerarbeiten in einem einzigen Jahre. Ein enges personliches Band hat sich 
um Lehrer und Schuler jeweils geschlossen ; das zeigen die beiden Festschriften, 
die zu K.s 60. und 70. Geburtstag erscheinen konnten. An zwanzig seiner 
Schuler stehen bzw. standen in akademischem Lehramt an Universitaten oder 
Lyzeen; und viele andere pflanzen in anderen Lehrstellungen in Wort und 
Schrift das fort, was sie bei ihm gelernt haben. Man mufi angesichts dieser Tat- 
sachen von einer Miinchener kirchengeschichtlichen Schule sprechen, die K. 
durch seine glanzende Lehrgabe und durch seinen nie rastenden Tatendrang 
gegriindet hat. 

Mit Vollendung seines 70. Lebensjahres hat sich K. vom Lehramt zuriick- 
gezogen in der Absicht, die ihm noch verbleibenden Jahre zu benutzen zur 
Fertigstellung der Biographie Hefeles, zur Ausarbeitung einer Geschichte seines 
Kirchenhistorischen Seminars und, so die Krafte noch reichen wiirden, zur Be- 
schaftigung mit dem Konzil von Trient. Die Inangriffnahme dieser Arbeiten 
wurde aber verzogert durch die notwendig gewordene 6. Auflage seines Lehr- 
buchs der Kirchengeschichte und durch den Zusammenbruch unseres Vater- 
landes seit dem Herbst 191 8. Unter diesem hat K. unsagbar gelitten. Die Zeit 
seit Friihjahr 1919 brachte er meist auf seiner Villa im heimatlichen Schomburg 
zu, die er sich zu einem schonen Tuskulum geschaffen hatte. 

Dort ist er am 14. Juli 1921 im Alter von beinahe 74 Jahren nach schwerem 
Leiden an einer Lungenentzundung gestorben. 

Literatur: Nachrufe sind erschienen von Hochschulprofessor Dr. A. Bigelmair in 
Dillingen in der LjterarischenBeilage zur »Augsburger Postzeitung* Nr. 33 vom 16. Au- 
gust 1 92 1 ; von mir in der Literarischen Beilage zum »Bayerischen Kurier« Nr. 29 vom 
23. Juli 192 1 und (sehr viel umfangreicher) in dem von der wurttenibergischen Kommission 
fiir Landesgeschichte herausgegebenen »Wurttembergischen Nekrolog fiix das Jahr 1927* 
(noch nicht gedruckt!). — Der literarische NachlaB K.s ist in den Handen seiner Nichte, 
Frau Frieda Ulrich in Schomburg, Post Wangen (wiirttembergisches Allgiiu). — Die 
Titel der beiden Festschriften lauten: 1. Festgabe, A. K. zur Vollendung des 60. Lebens- 
jahres gewidmet von (folgen die Namen der 17 Mitarbeiter). Lcntner, Miinchen 1907. 
8°. VIII, 348 S. 2. Festgabe, A. K. zur Vollendung des 70. Lebensjahres gewidmet von 
seinen Freunden und Schulern folgen die Namen der 26 Mitarbeiter). Herausgegeben von 
H.M. Gietl und G. Pfeilschifter. Herder, Freiburg i. Br. 1917. Gr. 8°. VIII, 415 S. 

Miinchen. Georg Pfeilschifter. 

Korting, Ernst, Dr.-Ing., * 12. Februar 1842 in Hannover, f 4. Januari92i 
in Hannover. — Ernst K. wurde am 12. Februar 1842 in Hannover als dritter 
Sohn des Direktors des dortigen Gaswerkes geboren und wuchs auf demWerke 
auf, in dessen verschiedenen Reparaturwerkstatten — Schmiede, Tischlerei, 



i66 192 1 

Klempnerei — er ganz und gar zu Hause war. Da auf dem Werke auch Ammo- 
niak gewonnen wurde, bekam er schon als heranwachsender JungeeinigeEin- 
sicht in die Chemie, was ihm fur spater von Nutzen war. 

Vom 6. bis zum 15. Jahre besuchte er die lateinische Realschule seiner Vater- 
stadt, die den Grund zu seiner technischen Laufbahn legte, fiir die ihm dann die 
polytechnische Schule in Hannover eine vorziigliche Lehranstalt darbot. 

Da er mit der Schule in zu jugendlichem Alter fertig wurde, um unmittelbar 
auf das Polytechnikum iiberzugehen, arbeitete er zunachst anderthalb Jahre 
in den Reparaturwerkstatten der Hannoverschen Baurawollspinnerei und 
Weberei, wo er alle wiinschenswerten Kenntnisse in Dreherei, Schlosserei und 
Modelltischlerei erwarb. 

Im Oktober 1858 kam er auf die Vorschule zum Polytechnikum, da er fiir die 
Hauptschule immer noch zu jung war. Dort horte er den Vortrag des Prof. 
Dr. Grelle iiber niedere Mathematik, dem er selbst groBe Wirkung auf sein 
Wissen zuschrieb, und kam 1859 vollig reif auf die Hauptschule, um dort alle 
Facher, theoretisch wie praktisch, des Maschinenbaues, Eisenbahnbaues, 
Wasserbaues und der Architektur zu studieren, so daB er sein Staatsexamen in 
irgendeinem der vier Facher hatte machen konnen. Er hatte mit groBem FleiB 
und Erfolg studiert, wie sein Abgangszeugnis bewies, war aber trotzdem kein 
Duckmauser gewesen; hatte er doch als bester Schlager des Polytechnikums 
gegolten! Das liebste Studium war ihm das der Mechanik gewesen, die August 
Ritter damals in Hannover in einer Weise vortrug, daJ3 alle Schiiler, die lernen 
wollten, das Gelernte frei anwenden konnten. Ernst K. betonte selbst, daB er 
Ritter die Fahigkeit verdanke, jedes Problem so zu erfassen, daB er auf das 
Gesetz zurtickging, von diesem auf die Methode und weiter auf die Ausfiih- 
rungsmittel kam, und dieser Fahigkeit schrieb er insbesondere die Erfolge in 
technischer und kommerzieller Beziehung zu, die ihm spater beschieden waren. 

Auf dem hannoverschen Polytechnikum folgten auf den neunmonatigen 
Jahreskurs jeweils drei Monate Ferien, die Ernst K. zu praktischen Arbeiten 
in den hannoverschen Eisenbahnwerkstatten als Schlossergeselle und in der 
hannoverschen EisengieBerei als Former- Volontar benutzte. Insbesondere der 
letzteren Tatigkeit legte er spater hohe Wichtigkeit bei. 

Im Winter 1864 legte K. das Staatsexamen im Eisenbahnmaschinenbau im 
Staate Hannover ab. Er hatte nicht die Absicht, in den Staatsdienst zu gehen, 
wollte vielmehr als Zeichner bei der Lokomotivfabrik von Georg Egestorff ein- 
treten ; zufallig bot sich ihm aber Gelegenheit, eine Stelle als bauleitender In- 
genieur bei der Schweizerischen Gasgesellschaft in Schaffhausen fiir den Bau 
des Gaswerks in Pisa zu erhalten. 

Am 1. April 1865 trat Ernst K. dort ein und blieb in Pisa bis Ende 
1866, bis der Bau vollendet war. Diese Stellung war insofern fiir K.s ganze Zu- 
kunft entscheidend, als sie ihm das Gefiihl volliger Selbstandigkeit im Auslande 
verlieh und ihm zugleich das BewuBtsein der Uberlegenheit der damaligen 
deutschen technischen Wissenschaft gegeniiber der des Auslandes verschaffte. 
Auch hatte ihm die Stellung in Pisa Obung nicht allein in der italienischen, 
sondern auch in der franzosischen und englischen Sprache verschafft, so daB 
er sich auch in den betreffenden Landern geschaftlich frei bewegen konnte. 

Als der Bau in Pisa vollendet war, suchte und fand K. eine andere Stellung 
bei der schweizerischen Nord-Ost-Bahn in Zurich. Es kam aber nicht zur Aus- 



Korting 1 67 

fiihrung seines urspriinglichen Auftrages, der auf die Anlage von Gaswerken 
fur die Hauptbahnhofe der Linie lautete, und so erstrebte K. den Ubertritt zur 
maschinentechnischen Abteilung des Maschinenmeisters May, eines vorziig- 
lichen Ingenieurs und erfinderischen Kopfes. K.s Gesuch wurde angenoramen, 
undihmwurde die Durcharbeitung von neuen Lokomotivtypen iibertragen, die 
auf Grund einer Eigenanfertigung bei den verschiedensten Fabriken bestellt 
wurden. Die Aufgabe wurde gut gelost, insofern das schlieBliche Istgewicht der 
Lokomotiven um nicht mehr als 150 kg vom Sollgewicht abwich. 

Seine nachste Stellung erhielt K. bei der Nordbahn in Wien als Ingenieur 
erster Klasse beim Zentralinspektor Pecker, auf dessen Rat und Empfehlung 
er zunachst bei Alexander Friedmann in Wien eintrat, der Ingenieure fiir den 
Vertrieb seiner neu konstruierten Injektoren im Auslande suchte. 

K. ubernahm die Einfiihrung in Italien und England. Klingender Erfolg war 
ihm so gut wie gar nicht beschieden ; dagegen hat er nach eigenem Urteil alles 
dort gelernt, was er spater an Geschaftskenntnissen im I^eben notig hatte, um 
sein technisches Wissen fruchtbar zu machen. Auch erweiterte er seine Lebens- 
und Menschenkenntnis. 

Im Jahre 1869 konstruierte K. einen Injektor mit Zufuhr von Abdampf in die 
Mischduse, der, nachdem er patentiert war, starke Verbreitung gefunden hat. 
Spater traf K. in London seinen alten Verbindungsgenossen L. Schiitte und 
faBte den Plan, mit diesem zusammen in Amerika ein Geschaft zur Verbreitung 
Friedmannscher Injektoren aufzutun, was alsbald verwirklicht wurde. Schiitte 
studierte die Injektoren in Wien, und ging dann hiniiber. Das Geschaft schei- 
terte aber daran, daB Friedmann sich weigerte, mit Wm. Sellers als dem Lizenz- 
nehmer der Giffard-Patente ein Abkommen zu treffen. Das fuhrte zwar zu 
Weiterungen zwischen Friedmann und K., ihr Verkehr blieb aber erhalten. 

Ernst K. hatte nun aber die Welt zur Geniige kennen gelernt, um sich auf 
eigene FiiBe zu stellen. So beschloB er, im Jahre 1871, zusammen mit seinem 
Bruder Berthold, der kaufmannisch ausgebildet war, ein Geschaft fiir Indika- 
toren und Dampfstrahlelevatoren zu griinden, und zwar in seiner Vaterstadt 
Hannover. 

Aus der Praxis als Gastechniker kam K. alsbald der Gedanke, den Dampf- 
strahl zum Absaugen des Gases aus den Retorten zu benutzen, und am 2. De- 
zember 1872 konstruierte er den ersten Exhaustor zugleich mit selbsttatigem 
Druckregler, der seinem Zweck voll entsprach und in grofler Menge Absatz 
fand, namentlich in England. Im gleichen Jahre (1872) brachte K. auf dem Gas- 
werk in Hannover einen Dampfstrahlelevator mit umgekehrter Wirkung — 
Dampfdiise als Wasserdiise, Wasserduse als Dampfeintritt — an, um den Ab- 
dampf der Maschine zu kondensieren und ein Vakuum zu schaffen. Der Erfolg 
fuhrte zu einer ganzen Reihe von Strahlkondensatoren, die in die Liste der Ver- 
kaufsgegenstande eingereiht wurden. Das Geschaft erforderte bald eine eigene 
kleine Fabrik, da die Beteiligung anderer nicht unbedenklich war. Damals kon- 
struierte K. auch den ersten Wasserstrahl-Luftsaugapparat, der als Fischerei- 
diise viel Absatz fand, um L,uft durch Dampf in Wasserbehalter zu schaffen, 
wenn Druckluft fehlt. Sofern das moglich war, entschied der Preis stets zu- 
gunsten des Injektors an Stelle der mechanischen Vorkehrung. 

Die gemieteten Werkstatten geniigten nur kurze Zeit, und so wurde denn 
schon 1872 eine eigene kleine Fabrik mit geliehenem Gelde des Vaters gebaut. 



i68 1921 

Das gab die Anregung zur Konstruktion von Dampfstrahl-Luftsauge- und 
Luftdruckapparaten, Unterwindgeblasen, Schmiedefeuergeblasen, Kohlen- 
saure- und Nutschgeblasen fiir Zuckerfabriken, Wasserstrahlkondensatoren in 
groBer Zahl. Zugleich entwarf Ernst K. die Verfahren zum genauen Messen der 
Leistung in einfacher, fast kostenloser Weise, die sich bis heute fast unverandert 
erhalten haben. 

Im Jahre 1876 konstmierte dann K. den Doppelinjektor, Universalinjektor 
genannt; die Konstruktion ging von der Betrachtung aus, daB unter Druck 
auch sehr warmes Wasser noch Dampf zu kondensieren vermag. Der Apparat 
erzielte leicht Saughohen bis 6 Meter und vermochte Wasser bis 70 Grad anzu- 
saugen und zu speisen und fand sofort einen groBen Markt. Im AnschluB an 
diesen Injektor brachte K. auch den Rohrenvorwarmer mit ganz engen Rohren 
auf den Markt, um Wasser mit Abdampf vorzuwarmen. 

Ebenfalls im Jahre 1876 baute Ernst K. eine EisengieBerei fiir den GuB von 
Strahlapparaten, also in ganz kleinen Abmessungen. Um fiir diese GieBerei einen 
Fullartikel zu haben, entwarf er Rippenheizkorper verschiedenster Art, zu 
denen 1880 auch Rippenrohre hinzukamen. 1883 wurde die erste Formmaschine 
in Deutschland von K. erbaut, mit der die Fabrikation ganz erheblich ver- 
billigt wurde. Am 22. Mai 1884 wurden dann die schragrippigen Heizkorper 
patentiert, die ihrer gedrangten Form wegen viel Anwendung gefunden 
haben. 

Bereits im Jahre 1881 wurde K.s Aufmerksamkeit zufallig auf Gasmaschinen 
gelenkt ; er machte allerhand Explosion sversuche und baute einen ganz primi- 
tiven Explosionsmotor, der zur Not herumlief. Zusammen mit dem Ingenieur 
Lieckfeld baute er dann einen Zweitaktmotor mit Gemischpumpe, der im Wett- 
bewerb mit dem Otto-Motor auf den Markt gebracht wurde. Als Neuheit zeigte 
er das Ventil als AbschluBorgan statt des Schiebers. Gesttitzt auf seine Er- 
fahrungen an Strahlapparaten konstruierte K. den Freifall-Ventilziinder mit 
konisch erweitertem Ziindrohr und ferner das Misch ventil, durch das unter 
alien Umstanden bei groBer und geringer Geschwindigkeit eine gleichartige 
Brennmischung selbsttatig geschaffen wird. Obschon die Maschine von der 
Deutzer Konstruktion vollig verschieden war, griff die Deutzer Firma das 
Patent an. K. blieb nichts anderes iibrig, als es zu verteidigen und seinerseits 
den Patentanspruch von Deutz anzugreifen, mit dem Erfolg, daB nach fiinf- 
jahrigem Kampf im Jahre 1886 das Deutzer Patent in alien wesentlichen An- 
spriichen vernichtet wurde. Die Bahn war nun frei, und der K.sche Gasmotor 
nahm sofort eine ganz gewaltige Entwicklung. 

Am 30. Marz 1900 wurde K. dann der doppeltwirkende Zweitakt in praktisch 
moglicher Ausfiihrung patentiert und damit wohl konstruktiv das Endglied im 
Gasmotorenbau geschaffen. Es wurde sofort auch eine 500pferdige Gasmaschine 
gebaut, die vollstandig gelang. Die groBe grundsatzliche Schwierigkeit, die in 
dem Ausspruch liegt: ich kann nur verdrangen, wenn ich nicht mische, ver- 
langte einen Ersatz der nach vorn gerichteten Bewegung durch eine walzende 
Bewegung, die durch zwei einander schneidende Stromungen entsteht. Das 
wurde dem Patentamt, das Zweifel hegte, in einer einfachen Versuchseinrich- 
tung mit Tabakrauch vorgef uhrt ! 

Die K.sche Gasmaschine ist anerkanntermaBen fiir Geblase und Pump- 
maschinen, wo ein langsamer Gang erforderlich ist, die betriebsicherste GroB- 



Korting 1 69 

gasmaschine, die sich nur deshalb fiir raschen Gang nicht eignet, weil die La- 
dung nur in einem Bnichteil eines Kolbenhubes hineingeschafft werden muB, 

Im Jahre 1882 erf and K. den Strahlkondensator mit zylindrischer Konden- 
sationsdiise und allmahlicher Dampfeinfiihning in Einzelstrahlen, die in 
schrager Richtung den zentralen Wasserstrahl treffen. Ein Patent auf die 
Streudiise ward zwar erteilt, das auf die Kondensation aber versagt. 

Schon 1875 hatte K. die Wasserdiise des Kondensators als einen Haufen von 
Einzelstrahlen ausgefuhrt, urn die Beruhrungsflache zwischen Dampf und 
Wasser moglichst groB zu halten. Die Einzeldiisenlocher waren auf einer kon- 
kaven Kugelflache gebohrt, und die Strahlen konvergierten nach dem Kugel- 
mittelpunkt, wo sie sich zu einem vollen Einzelstrahl vereinten, der dann in 
gleicher Weise ins Freie trat wie bei Vollstrahlkondensatoren. Die Notwendig- 
keit geringen Wasserverbrauchs bei hohem Vakuum war aber damals noch 
nicht so zum Ausdruck gekommen, und die Konstruktion bheb liegen. Erst als 
die Dampfturbine mit den hohen Anspriichen an Luftleere auftrat, suchte K. 
die Konstruktion wieder hervor und lieB sie 1907 als Vielstrahlkondensator 
patentieren. 

Im Jahre 1908 endlich griff K. die Konstruktion eines Doppelinjektors an, 
der bis 40 v. H. der Hochstleistung von Hand reguliert werden kann. 
Er wird dadurch gekennzeichnet, daB die Dampf diise ubermaBig groB gehalten 
wird, so daB der geforderte Wasserstrahl noch einmal Wasser anzusaugen und 
in den Kessel zu schaffen befahigt wird. 

Als die Firma Gebr. K. 1903 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, 
blieb Ernst K. noch eine Zeitlang im Aufsichtsrat dieser Gesellschaft. Mit zu- 
nehmendem Alter aber zog er sich von der unmittelbaren Tatigkeit zuriick. Er 
verbrachte die nachsten Jahre in Pegli in Italien, bis ihn der ausbrechende 
Krieg zur Riickkehr nach Hannover zwang, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 
1 92 1 in stiller Zuriickgezogenheit lebte. 

Die vorstehenden Zeilen geben einen Anhalt, die Leistungen Ernst K.s als 
Ingenieur und Geschaftsmann zu wiirdigen und seine groBe Vielseitigkeit zu 
erkennen. Neben seinen eigenen Gebieten beherrschte er auch die iibrigen 
Naturwissenschaften. Bis in sein hochstes Alter befaBte er sich auBer mit tech- 
nischen Aufgaben auch mit sozialen Fragen, die er in einer Reihe lesenswerter 
Aufsatze treffend bearbeitete. Sein Leitmotiv hat Ernst K. in den »Beitragen 
zur Geschichte der Technik und Industrie « 1919 wie folgt gegeben: »Die Be- 
herrschung der Mechanik ist fiir den Ingenieur meines Erachtens unumgang- 
lich, wenn er selbstandig schaffen, forschen und die Technik fordern will. — 
Mir hat sie die Wege geebnet und mich vor technischen MiBerfolgen geschiitzt, 
da ich stets den Weg des , Gesetzes' gegangen bin und geforscht habe, ehe ich 
konstruierte. « 

Ernst K. war nicht allein ein erfolgreicher Ingenieur, sondern auch ein guter 
Geschaftsmann. Das bewies er schon im Beginn seiner Tatigkeit, als Alexander 
Friedmann dem 28jahrigen Ingenieur, um ihn an sich zu fesseln, ein jahrliches 
Einkommen von 20000 Gulden bot. Dieses fiir die damalige Zeit ungewohnliche 
Angebot schlug aber K. in richtiger Erkenntnis seiner Fahigkeiten aus. Er 
wuBte nicht allein zu konstruieren, sondern verstand auch durchaus, seine 
Konstruktionen der Praxis anzupassen. Aus alien seinen Arbeiten schaut seine 
klare, selbstandige Denkweise hervor, kraft deren er die ihm gesteckten Grenzen 



170 1921 

deutlich erkannte; zumal in den letzten Jahren, als seine Leistungsfahigkeit 
nach und nach erlahmte. 

Die Technische Hochschule in Hannover hat ihren Schuler zum Ehrendoktor 
gemacht, der Verein deutscher Ingenieure verlieh ihm die Grashof-Denkmiinze, 
der Verein deutscher Eisenhiittenleute die Carl-L,ueg-Denkmunze, die Preu- 
Bische Akademie des Bauwesens die Goldene Medaille. 

Literatur: Eigene Niederschrift von Dr.-Ing. E. K. aus Pegli vora 20. Juli 1909, im 
Besitz des Vereines deutscher Ingenieure, Berlin NW 7. — V. d. I.-Zeitschrift, Jahrg. 1921, 
S. 189. — Stahl und Eisen, Diisseldorf 192 1, I, S. 141. 

Berlin. Diedrich Meyer. 

Korum, Michael Felix, Bischof von Trier, * in Wickerschweier bei Kolmar 
2. November 1840, f 4. Dezember 1921 in Trier. — Hervorgegangen aus einer 
bescheidenen Lehrersfamilie im OberelsaB, versprach K. schon f run ganz AuBer- 
ordentliches. Nach glanzenden Studien auf der Universitat Innsbruck wurde 
er von Bischof RaB sogleich als akademischer Lehrer fur den Theologennach- 
wuchs der StraBburger Diozese berufen. In dieser Stellung, wie auch gleich- 
zeitig als Prediger an der Kathedrale, lenkte er die allgemeine Auf merksamkeit 
derart auf sich, daB ganz StraBburg es mit Genugtuung begruBte, als er im 
Jahre 1880 zum Miinsterpfarrer und Erzpriester ernannt wurde. Wahrend des 
einen Jahres, das er an dieser Stelle verbrachte, hatte er in der Stille einen hef- 
tigen Kampf zu bestehen ; er wehrte sich mit aller Macht namlich gegen seine 
Ernennung zum Weihbischof und Koadjutor, erst fur Metz, dann fur StraBburg. 
Kaum war er als Sieger aus diesem Kampf e hervorgegangen, da rief inn der 
Wille Leos XIII. auf den jahrelang verwaisten Bischofsstuhl von Trier. Es war 
die erste Bischofsernennung in PreuBen seit Ausbruch des Kulturkampfes. Die 
verzweifelten Versuche des Miinsterpfarrers, sich auch diesem Rufe zu ent- 
ziehen, waren umsonst. Er muBte sich dem Willen des Papstes fiigen und die 
Leitung der Diozese iibernehmen, die mit am schwersten unter der Kultur- 
kampfgesetzgebung gelitten hatte. 

Es war ein Trummerfeld, das der junge Bischof vorfand, und der Wieder- 
aufbau erforderte seine ganze Kraft, die ganze gewaltige Begeisterung dieses, 
von seiner Mission durchdrungenen Priesters. Mit ruhiger, sicherer Hand ging 
er an die Arbeit, und es gelang ihm, nicht nur die vorhandenen Wunden auszu- 
heilen, sondern auch die seelsorgerlichen Verhaltnisse der Diozese den Bediirf- 
nissen der Zeit entsprechend auszugestalten. Beim Beginn seiner Tatigkeit 
zahlte das Bistum 940000 Seelen in 731 Pfarreien mit 449 Pfarrern und 70 Ka- 
planen. Bei seinem Tode war die Seelenzahl um eine halbe Million gestiegen; 
die Zahl der Pfarreien war um 42 vermehrt worden, nicht eingerechnet 30 
selbstandige Vikarien. Und aus den 449 Pfarrern waren deren 739, aus den 70 
Hiifsgeistlichen 279 geworden. Pfarrkirchen sind 250, daneben noch 80 groBere 
Filialkirchen und eine grofie Anzahl kirchlicher und klosterlicher Anstalten neu 
entstanden ; besonders auch sind die wichtigsten Diozesananstalten (Seminar, 
Konvikt, General vikariat) mit den modernen Anforderungen entsprechenden 
Neubauten so versehen worden, daB sie den gesteigerten Bediirfnissen fur lange 
.>it zu geniigen vermogen. Auch der Trierer Dom, eines der interessantesten 
Ivuidenkinaler Deutschlands, erlebte unter K.s Regierung eine durchgreifende 



Korting. Korum 17I 

Restaurierung. Im Beginne dieser durch zwei Jahrzehnte sich hinziehenden 
Arbeiten wurde auch der Grund gelegt zu einem Diozesanmuseum, das alle fiir 
die Kunst- und Kulturgeschichte der Diozese wichtigen Gegenstande aufbe- 
wahren, das Studium der kirchlichen Kunst und der gewerblichen Technik 
f ordern und das Kunstgewerbe durch alte stilgerechte Muster und Vorbilder zur 
Nachahmung anregen soil. Auch fiir die Bestrebungen der prof anen Altertums- 
f orschung bewies der Bischof stets lebhaftes Interesse, wie er fiir alle derartigen 
Erwerbungen, Ausgrabungen und dergleichen allzeit eine offene Hand hatte. 

Es ist leicht zu verstehen, daB die Losung der dem Bischof gestellten Auf- 
gabe nicht moglich war, ohne daB er auf mancherlei MiBverstandnisse und An- 
feindungen stieB. Es sei hier nur erinnert an die Angriffe, welche sich gelegent- 
lich der Ausstellung des hi. Rockes (1891), die iiber zwei Millionen Pilger nach 
Trier zog, gegen ihn erhoben, und an den beriihmt gewordenen Trierer Schul- 
streit. In letzterem war das Vorgehen des Bischof s nicht unbegriindet; auch 
gegnerische Blatter muBten manche Beschwerde als berechtigt anerkennen. 
Rom traf in diesem Streite schlieBlich eine Losung, die den Bischof fast zur 
Demission veranlaBt hatte. 

Diese Kampfe tragen ihm in manchen Kreisen den Vorwurf ein, als sei er 
ein Fanatiker des MachtbewuBtseins, ein Eiferer, der an Streit und Zwietracht 
Freude fande. Diesen Vorwurf hat er nicht verdient. Es ist wahr, in den Grund- 
satzen lieB er nicht mit sich markten ; nichts war ihm so zuwider, wie ein Kom- 
promiB, der eine eindeutige Situation zweideutig machte. Aus dieser Anschau- 
ung heraus sah K. sich auch genotigt, in der Arbeiterfrage, im Gegensatz zu 
weiten katholischen Kreisen, an den Grundsatzen festzuhalten, welche die 
Bischofe in ihrem Pastorale vom Jahre 1900 ausgesprochen hatten. Er war ge- 
wohnt, die Probleme nicht so sehr in ihren auBeren Symptomen zu schauen, 
als vielmehr immer an die eigentlichen Quellen heranzugehen und die groBen 
Zusammenhange der Einzelfragen und Note mit dem gottlichen Sittengesetze 
zu verfolgen. Seine Stellung in diesen Fragen wie auch in den Fragen der Politik 
entsprang vor allem den religiosen Interessen; diese waren fiir ihn stets das 
Ausschlaggebende. Wie entschieden der Bischof auch seinen Standpunkt 
jeweils vertrat, in der Form war er stets vornehm, ein Edelmann vom Scheitel 
bis zur Sohle. Wie die andersglaubigen Mitburger Triers den Bischof ein- 
schatzten, bewiesen sie durch ihre groBartige Teilnahmean den Huldigungs- 
feiern zu seiner Ehre, sowohl im Jahre 1906 als auch im Jahre 1915 und be- 
sonders 192 1. 

Trotz mancher Konflikte, die der Bischof mit der preufiischen Regierung zu 
bestehen hatte, war sein Verhaltnis zu derselben doch nicht ganz so, wie es zu- 
weilen dargestellt wurde. Seine prinzipielle Charakterfestigkeit besiegte auch 
in diesen Kreisen nach und nach viele Vorurteile. Und sein gerades, ehrliches 
Vorgehen gewann ihm zuletzt endgiiltige Sympathien. »Mit K. weiB man immer, 
wie man dran ist; er handelt nach Grundsatzen, nicht nach Launen!«, auBerte 
einmal ein Oberprasident, der zu seinen Gegnern zahlte. Der letzte Kaiser hat 
den Bischof von Trier geschatzt, wenngleich er viele Vorurteile gegen ihn hegte. 
Auch bei seinem letzten Besuche in Trier, im Jahre 1913, wo er von der Be- 
volkerung so sympathisch aufgenommen wurde, brachte der Monarch die Vor- 
urteile zum Teil noch mit und auBerte sie auch. Aber er verlieB Trier und seinen 
Bischof auf das angenehmste enttauscht, woraus er auch kein Hehl machte. 



172 1921 

Der letzte Schleier des MiBtrauens beim Kaiser und der Regierung ist aber erst 
gefallen in der schweren Zeit und Not des Krieges und in den bitteren Tagen 
nach dem Zusammenbruch. Es ist allgemein bekannt, wie der Bischof damals 
als ein treuer Eckart zu seinem schwergepruften Volke stand, wie er mit 
Wiirde und edlem SelbstbewuBtsein die Sache seines Volkes vor den fremd- 
landischen Machthabern vertrat. 

Fast 80 Jahre war er alt geworden, da traf ihn auf einer Firmungsreise ein 
schlimmer Unfall, der ihn seiner rastlosen Tatigkeit entzog. Monatelang war 
der greise Bischof ganz hilflos; es war eine furchterliche Priifung fur den ar- 
beitsfreudigen Mann. Er erholte sich noch einmal so weit, da£ er seine Amts- 
geschafte erledigen, ja sogar vor groCen Versammlungen auftreten konnte. Er 
hatte die Hoffnung, dai3 er im Friihjahre seine Firmungsreisen wieder auf- 
nehmen konnte. Am 4. Dezember 1921 empfing er noch zwei Lehrerdelegierte 
aus dem Saarrevier, mit denen er sich angelegentlich unterhielt. Als sie ihn ver- 
lieflen, wartete der Todesengel schon an seiner Ture. Eine Stunde spater ver- 
kiindeten die Domglocken die Trauerbotschaft, daJ3 das Herz des edlen Bischof - 
greises zu schlagen aufgehort hatte. 

Sein Leichenbegangnis wurde zu einem wohlverdienten Triumphzug ; es war 
fiirstlich, koniglich und inniglich. DieTausende der Teilnehmer und die Aber- 
tausende derer, die den Weg umdrangten, sie alle bekundeten in Haltung und 
Wort: er war ein GroBer! Er war ein Edler! Er war unser Stolz! 

In seltener Einmiitigkeit haben am Grabe des heimgegangenen Kirchen- 
fiirsten auch alle die Vertreter der verschiedensten religiosen und politischen 
Anschauungen den Degen gesenkt vor der erhabenen Grofle dieses hohen 
Geistes, dieses edlen Herzens. 

»Dedimus vobis insignem episcopumla, so hatte Papst Leo XIII. einmal 
Trierer Geistlichen gegeniiber sich geauBert. In dem kurzen Worte ist alles 
gesagt. Bischof K. war nicht nur groB an Vorziigen des Geistes — er war, nicht 
ein Gelehrter im eigentlichen Sinne, aber ein Mann von universaler Bildung, 
ein erstklassiger Kanzelredner, ein geborener Fiihrer des offentlichen Lebens, 
»potens in opere et in sermonen — , er war aber auch edel und gut. Alle seine her- 
vorragenden naturlichen Eigenschaften hatte er in den Dienst seines Amtes 
gestellt. Man kann ihn nicht besser charakterisieren als mit dem Satze: Was 
immer er tat und unternahm, er tat und unternahm es als Bischof der katho- 
lischen Kirche. 

Literatur: Korum, Wunder und gottliche Gnadenerweise bei der Ausstellung des 
heiligen Rockes im Jahre 1891, Trier 1894. — Unerbauliches aus dem Bistum Trier 
(Schulfrage), Trier 1903. — Die katholische Kirche und die modernen Reformbestre- 
bungen, Trier 1902. — Das ehristliche Familienleben, Hirtenbriefe, Trier 191 7. — Irenaus 
Themistor (Pseudonym fur K.-Endres). — Die Bildung und Erziehung der Geistlichen, 
Koln 1884. — Schiitz, Festschrift zum 2 5jahrigen Bischofsjubilaum 1906. — Tesche- 
macher, Ein deutscher Bischof, Erinnerungsgedanken an M. F. K. (Broschiire), Miin- 
chen 1922. — Wies, Unseres Bischofs Jubelfest, Trier 192 1. — Treitz, M. F. K., Bischof 
von Trier. Ein Lebens- und Zeitbild, Theatiner-Verlag, Munchen 1925, 426 S. 

Trier. Jakob Treitz. 

Lang, Viktor Edler v., Universitatsprofessor, President der Akademie der 
Wissenschaften in Wien. * am 2. Marz 1838 in Wiener-Neustadt (Niederoster- 
reich), | in Wien am 3. Juli 1921. — L.s Vater war Steuerbeamter, spater Be- 



Korum. Lang 173 

amter im Finanzministerium in Wien, ein fur die Naturwissenschaften lebhaft 
interessierter Mann; seine Mutter eine geborene Perger, deren Bruder in der 
Geschichte der Wiener Revolution von 1848 als Exponent des freisinnigen 
Wiener Biirgertums eine Rolle gespielt hat. Das Adelspradikat der Familie geht 
auf den GroBvater L.s zuriick, welcher Militararzt war und dasselbe fur be- 
sondere Verdienste um die Verwundetenfiirsorge in den Napoleonischen 
Kriegen erhalten hatte. Die Neigungen des Vaters forderten die naturwissen- 
schafttichen Interessen des heranwachsenden Jiinglings, der durch privates 
Studium iiber die Grenzen des in der Schule Gebotenen hinausgelangte, was 
zur Folge hatte, dafl er dem Abgang vom Gymnasium, das ihn zuletzt sehr 
langweilte, mit Ungeduld entgegensah. Seine Universitatsstudien begann er in 
Wien, setzte sie in Heidelberg fort und promovierte 1858 in GieBen, nachdem 
er schon in den Jahren 1856 und 1857 einige selbstandige Abhandlungen ver- 
offentlicht hatte, zum Doktor der Philosophic Ein Jahr spater ging er nach 
Paris, wo er ein Jahr hindurch im physikalischen Laboratorium des College de 
France arbeitete. Der EinfluB Regnaults befestigte in ihm die Neigung zur 
messenden Physik, die in seinem wissenschaftlichen Leben eine bedeutende 
Rolle gespielt hat. Hier traf er neuerdings mit einem Wiener Studienfreund, 
Pietro Blaserna, der spater Professor der experimentellen Physik in Rom war, 
zusammen. 1861 kam L. nach Wien zuriick, an dessen Universitat er sich nun 
fur » Physik der Kristalle« habilitierte. 1862 ging er, einem an ihn ergangenen 
Rufe folgend, voriibergehend als Assistent an die mineralogische Abteilung des 
Kensington-Museums in London; er blieb hier zwei Jahre, mit kristallogra- 
phischen Arbeiten eifrig befaBt. Den Antrag, in eine dauernde Stellung iiber- 
zugehen, die sonst seinen Neigungen sehr entsprochen hatte, lehnte er ab, weil 
er zur englischen Hochkirche hatte iibertreten miissen. Ein solcher Schritt er- 
schien ihm aber nur moglich, wenn Uberzeugung ihn diktierte. 

Der Aufenthalt in Paris und London brachte ihm nicht nur vielfache, durch 
ein langes Leben fortdauernde Beziehungen zu den gelehrten Kreisen des Aus- 
landes, aus welchen sich zum Teil starke personliche Freundschaften ent- 
wickelten, sondern auch eine bedeutende Erweiterung seines Gesichtskreises 
und seiner Welt- und Lebensauffassung. So ward er ein Weltmann, der trotz 
seiner zuriickhaltenden Ruhe es ausgezeichnet verstand, die internationalen 
wissenschaftlichen Beziehungen zwischen seinem Vaterland und den anderen 
Kulturstaaten zu pflegen und fester zu kniipfen. 1864 kehrte L. in die Heimat 
zuriick, und zwar bereits als auBerordentlicher Professor an der Universitat 
in Graz; schon ein Jahr darauf wurde er als ordentlicher Professor der Experi- 
mentalphysik an die Universitat in Wien berufen. Diese Lehrkanzel und die 
Leitung des mit ihr verbundenen Institutes hatte -er bis zur Niederlegung des 
Lehramtes nach Erreichung der Altersgrenze (70 Jahre) und Zuriicklegung des 
sich anschlieBenden »Ehrenjahres« durch voile vierundvierzig Jahre inne. 1866 
wurde er korrespondierendes, ein Jahr darauf wirkliches Mitglied der Wiener 
Akademie der Wissenschaften, in welcher er im Laufe der Jahre zu alien Ehren- 
stellen gelangte, die sie zu vergeben hat. 1898 wurde er zum provisorischen 
Sekretar der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse, 1899 zum General- 
sekretar der Gesamtakademie gewahlt. Nach dem RiicktrittEduardSueB' von 
der Prasidentschaft wurde er 191 1 Viezeprasident und nach dem Tode des 
Prasidenten Bohm-Bawerk President der Akademie. Diese Stelle legte er bald 



174 Ig21 

nach Uberschreitung des 80. Lebensjahres freiwillig nieder. An der Universitat 
bekleidete er die Ehrenstelle eines Dekans der philosophischen Fakultat 1870, 
die des Rektors zweimal, 1884 und 1889. 

Im Jahre 1871 wurde in Osterreich durch ein Gesetz das metrische Mall- 
system eingefuhrt und die Normaleichungskommission begriindet, welcher die 
gesamten, mit der Umgestaltung des MaJ3- und Gewichtswesens verbundenen 
Arbeiten und das Eichwesen zugewiesen wurden. Fur diese Kommission wur- 
den Laboratorien eingerichtet, welche Prazisionsarbeiten auf dem Gebiete des 
MeBwesens ermoglichten, sie war die Verwahrerin der osterreichischen Proto- 
type des Meters und des Kilogramms. L. wurde Mitglied dieser Kommission, 
1904 ihr President . Im Zusammenhange damit wurde er 1871 zum Mitglied des 
Cotnite international des poids et des mesures ernannt, in welchem er durch 
Jahrzehnte hindurch sein Vaterland vertrat. Er nahm an den Jahressitzungen 
dieses Institutes, die in Paris stattfanden, regelmaBig teil. Durch die standige 
hier gegebene Zusammenarbeit mit Vertretern der gesamten Kulturwelt wur- 
den seine schon in der Jugend angebahnten Beziehungen zum Ausland be- 
reichert und vertieft. Es kniipften sich dann noch solche neuer Art in dem 
Kartell der Akademien, welches I,., dem das Gedeihen der Wiener Akademie 
sehr am Herzen lag, mit lebhaftester Anteilnahme zu fordern bemuht war. 

Der Weltkrieg, bei dessen Ausbruch er 76 Jahre zahlte, war fiir ihn ein 
auBerst schmerzliches Ereignis auch in personlicher Beziehung ; denn eine un- 
iibersteigbare Scheidemauer richtete sich auf zwischen ihm und seinen aus- 
landischen Freunden. Wie er seinem Kummer iiber die Tragik des Krieges 
Ausdruck gab, ist fiir seine Beurteilung des Kulturzustandes und der Ent- 
wicklungshohe der zwischenvolkischen Beziehungen ungemein charakteristisch. 
Wiederholt sagte er: »Es ist mir unbegreiflich, daB die Volker so dumm sein 
konnen, einen Krieg zu fiihren.« Diese Auffassung hinderte ihn aber nicht, an 
dem deutschen Schicksal den lebhaftesten und warmsten Anteil zu nehmen, 
denn er empfand gut deutsch und hatte ein starkes Gefiihl fiir das Ungluck des 
deutschen Volkes und das Unrecht, das man ihm antat. 

Sein Wirken als Forscher, Lehrer und Vertreter seines Landes bei inter- 
national wissenschaftlichen Unternehmungen fand von seiten der Staats- 
gewalt voile Anerkennung; von fruheren Auszeichnungen, die hier nicht er- 
wahnt zu werden brauchen, abgesehen, wurden ihm die hochsten moglichen 
Auszeichnungen zuteil: er wurde im Jahre 1905 ins Herrenhaus berufen und 
an seinem 80. Geburtstage zum Geheimen Rat mit dem Pradikat Exzellenz er- 
nannt. Er schatzte derartige Auszeichnungen nicht als personliche Ehrung, 
sondern als Ausdruck der Einschatzung der Bedeutung der Wissenschaft und 
legte aus diesem Grunde Wert auf sie. Die Wertschatzung, deren er sich im 
Auslande erfreute, ist ersichtlich aus dem Umstand, daB er Ehrendoktor von 
Oxford war ; sie zeigte sich in groBartigster Weise anlaBlich seines 70. Geburts- 
tages, zu welchem ihm die namhaftesten Physiker aller Lander ihre Gliick- 
wiinsche iibersandten. 

Einer vorziiglichen Konstitution und Gesundheit sich erf reuend, gelangte L. 
zu hohen Jahren, erst in der letzten Zeit von Altersbeschwerden gequalt. Er 
starb am 3. Juli 192 1 in Wien und wurde in Baden bei Wien bestattet. 

L.s wissenschaftliches Gesamtwerk laBt sich in verschiedene Gruppen teilen. 
Seine erste Liebe gait der Kristallographie, er blieb ihr durch das ganze Leben 



Lang j.75 

treu, und als er sich im Ruhestande von der experimentellen Physik zuriick- 
gezogen hatte, widmete er seine MuJ3e der kristallographisch-optischen Unter- 
suchung von Mineralien und kiinstlichen Erzeugnissen der chemischen For- 
schung. Schon mit 18 Jahren beschaftigte er sich mit Untersuchungen iiber die 
Struktur des Quarzes, und zwei Jahre spater schloB er eine gemeinsam mit 
Grailich durchgefuhrte Arbeit » Physikalische Verhaltnisse der kristallisierten 
K6rper« ab, in welcher der EinfluB der Substanz und der Kristallform auf die 
physikalischen Eigenschaften der Kristalle studiert und Mitteilungen iiber die 
Elastizitatsachsen und die magnetischen Eigenschaften der Kristalle des 
rhombischen Systems gemacht wurden. Im Jahre 1866 veroffentlichte er sein 
Lehrbuch der Kristallographie (Verlag Braumiiller, Wien), in welchem er eine 
strenge und systematische Darstellung dieser Wissenschaft gab. Der kristallo- 
graphischen Forschung schenkte er zwei MeBinstrumente, ein Goniometer und 
einen Apparat zum Messen der Achsenwinkel. 

Die kristallographischen Studien fuhrten ihn, nachdem sich sein Interesse 
auf das Gebiet der Physik zu erstrecken begann, sozusagen zwangslaufig zur 
Kristalloptik und Optik iiberhaupt. Es fesselten ihn vor allem die Doppel- 
brechung und die Polarisationserscheinungen, die Zirkularpolarisation und die 
Dispersion in Kristallen. Dazu kommen kleinere optische Arbeiten. Besondere 
Erwahnung verdient die Konstruktion eines Spektrometers. Seine optischen 
Arbeiten lenkten die Aufmerksamkeit auf seine Person, als man fur eine Neu- 
auflage von Beers Optik einen wiirdigen Bearbeiter suchte. L. unterzog sich 
dieser Aufgabe und schloB mit derselben seine optischen Arbeiten ab. 

Sein Interesse wendete sich nun der Elektrizitatslehre zu. Ehe seine Tatig- 
keit auf diesem Gebiete besprochen wird, moge seiner Arbeiten auf den iibrigen 
Gebieten der Physik gedacht werden, die sich nahezu iiber den ganzen Zeit- 
raum seiner Forschertatigkeit verteilen. In seine Jugendzeit fallt eine Unter- 
suchung iiber die Querschwingungen eines elastischen Stabes ; 1878 beschaftigt 
er sich mit tonenden Luftsaulen und zeigt, daB die Abgabe der Schallenergie 
an die Umgebung hauptsachlich in den Schwingungsknoten erfolgt. Hier ist 
auch seiner Mitarbeit an der internationalen Festlegung des Normal-a mit 435 
Schwingungen zu gedenken. Er leistete hierfiir auch experimentelle Vor arbeiten. 
1891 wurde das osterreichische »Stimmgabelverifikationsburo« (mit diesem 
schrecklichen Namen wurde die Prufungsstelle fur Normal-a-Stimmgabeln be- 
gliickt!) eingerichtet und ihm unterstellt. 1899 bemerkt er die merkwiirdige 
Erscheinung, daB die Tonhohe eines gespannten querschwingenden Kautschuk- 
fadens ungeandert bleibt, wenn man die Spannung andert; er studiert sie naher, 
untersucht auch die Langstone und gibt die Erklarung der beobachteten Tat- 
sachen. Zur physikalischen Mechanik zahlen seine bekannte Untersuchung iiber 
die Reibung zwischen Wasser und L,uft (1878) und seine Studien iiber die 
Fehlerquellen beim Senkaraometer, die ihn zur Konstruktion eines geistreichen 
Apparates, der Kapillarwage, fuhrten. Zur Warmelehre zahlen eine Arbeit 
»Orientierung der Warmeleitungsfahigkeit einachsiger Kristalle « (1866) und 
eine kleine Abhandlung zur Thermodynamik (1890), in welcher derZusammen- 
hang zwischen Dampfdruck, Oberflachenspannung und Elektrisierung unter- 
sucht wird. Der kinetischen Gastheorie nahert er sich mehr vom Standpunkt 
des Lehrers, er vereinfacht die Rechnung, indem er zeigt, daB es ausreicht, je 
ein Drittel der Molekiile als in drei zueinander senkrechten Richtungen sich 



I76 1921 

bewegend anzunehmen. Der Lehre vom Magnetismus ist die Feststellung der 
magnetischen Orientierung einer Anzahl einachsiger Kristalle hinzuzuzahlen. 

Der Elektrizitat wendet er sich erst nach seinem 50. Lebensjahre zu. Auch 
hier ist er mit Apparatenkonstruktionen, einem Quadrantenelektrometer und 
einem Spiegelgalvanometer vertreten. Grundlegend sind seine Arbeiten iiber 
die elektromotorische Kraft des elektrischen Lichtbogens, an welche sich eine 
umfangreiche Literatur anschlieBt. L. gab fiir den internationalen Physiker- 
kongreJ3 in Paris 1900 ein Referat iiber dieses Problem. Die Entdeckungen von 
Hertz nehmen sein Interesse in starkem MaBe gefangen. Er sucht die von 
Branly entdeckte Koharerwirkung der Messung zuganglich zu machen, indem 
er Beobachtungen iiber die Widerstandsanderung des Kontaktes zweier Leiter 
durch elektrische Bestrahlung anstellt, wobei der Kontakt mikrometrisch ge- 
andert wurde. Dann stellt er einen Interferenzversuch mit elektrischen Wellen 
an, indem er das Quinckesche akustische Interferometer ins Elektrische iiber- 
setzt. Seine letzte Neigung gait den Wechselstromerscheinungen im weitesten 
Sinne. Er baute Apparate fiir die bequeme Darstellung derselben und kon- 
struierte einen einf achen Modellapparat fiir die Herstellung eines Ferrarisschen 
Drehfeldes. War er hier wesentlich als lehrender Experimentator interessiert, 
so wendete er sich den elektrostatischen Drehfeldern vor allem als Forscher zu. 
Er gab eine sehr vereinfachte Anordnung fiir die Herstellung solcher Felder, 
die zugleich einen hohen Grad der Homogenitat derselben in groBerer Aus- 
dehnung ermoglichte, und untersuchte dann das Verhalten verschiedener Sub- 
stanzen in dem elektrostatischen Drehfeld, wodurch die Frage der dielek- 
trischen Hysteresis neu aufgerollt wurde. 

Endlich ist noch seines L,ehrbuches der theoretischen Physik zu gedenken, 
welches 1891 in zweiter Auflage erschien (Verlag Vieweg, Braunschweig). Es 
war das erste Buch dieser Art und in engem Zusammenhang mit seinen Vor- 
lesungenentstanden. L.sBestreben ging darauf hinaus, in seiner zweisemestrigen 
Vorlesung iiber Experimentalphysik ein geschlossenes Bild der gesamten 
Wissenschaft zu geben. Er veranstaltete dabei, wie sein letzter Assistent, Pro- 
fessor Ehrenhaft, festgestellt hat, iiber 4000 Versuche und Vorweisungen, zeigte 
aber auch in kurzen Ableitungen die wichtigsten theoretischen Zusammen- 
hange. Das Buch war darauf berechnet, den Anf anger iiberhaupt in den* Geist 
der Wissenschaft einzufuhren, fiir seine Horer zugleich eine Erganzung der 
Vorlesung. 

In der experimentellen und in der theoretischen Methodik seiner Vorlesung 
war er ein uniibertroffener Meister. Er hat gewissermaBen praktisch, aus dem 
Innersten seiner geistigen Konstitution heraus, betatigt, was Mach als Ergebnis 
erkenntnistheoretischer Untersuchungen formuliert hat : das Prinzip der Oko- 
nomie. In experimentellen Dingen war es fiir den J linger, aber noch viel mehr 
fiir den Kenner oft verbliiffend, wie er komplizierte Anordnungen der ersten 
Urheber zu vereinf achen wuBte, sie obendrein auch zugleich optisch klar iiber- 
sehbar gestaltend. Dabei wurde auch gewohnlich das GroBteil der notwendigen 
feineren Handarbeit von ihm selbst ausgefiihrt, der Institutsmechaniker war 
nur Heifer fiir die grobere Arbeit am Schraubstock und Drehbank ; denn einen 
wirklichen Prazisionsmechaniker hat L. in seinem Institut niemals gehabt. Die 
Feinarbeit machte er selbst, einzelnes iiberlieB er manchmal seinen Assistenten, 
welche dies als ein besonderes Zeichen seiner Anerkennung und seines Ver- 



Lang 177 

trauens zu wiirdigen wuBten. Jede bedeutungsvollere neue Entdeckung wurde 
in I/.s Institut sofort fur die Vorlesung eingerichtet und auch den engeren und 
weiteren Fachgenossen in der chemisch-physikalischen Gesellschaft und im 
Verein zur Forderung des physikalischen und chemischen Unterrichtes (an 
Mittelschulen) entweder von ihm selbst oder von seinen Assistenten vorgefuhrt. 
Der genannte Mittelschullehrerverein, dessen Ehrenprasident er war, lag ihm 
sehr am Herzen; es ist nicht abzuschatzen, wie sehr er durch das Medium dieses 
Vereines den Mittelschulunterricht gefordert hat. Wie mit den neuen Ent- 
deckungen, so hielt es L. auch mit neuen Apparaten. Alles bedeutungsvolle 
Neue wurde angeschafft, so z. B. war I^.s Institut das erste und lange Zeit hin- 
durch einzige Institut in Osterreich, das Iyindes Maschine zur Luftverfliissigung 
besaB, es war das erste, welches ein Ultramikroskop ans^haffte, usw. 

Es bleibt dem Schreiber dieser Zeilen unvergeBlich, mit welcher inneren Er- 
schutterung der Chemiker Hugo Weidel das erstemal der I,uftverflussigung zu- 
sah und, in einer Art Vorahnung seines fruhenTodes, seinem Dankgef uhl dafiir 
Ausdruck gab, daJ3 er dieses Wunder noch erleben durfte, und ebenso unver- 
geBlich, mit welcher Begeisterung Ludwig Boltzmann ein Goldsol im Ultra- 
mikroskop betrachtete. »Nun, es wird nicht mehr lange dauern, so wird man 
die Molekule wahrnehmbar machen!«, also entrang es sich dem Busen des 
enthusiastischen Atomisten, als er das »Gewimmel« sah. 

Durch diese Art, die neuesten Ergebnisse der physikalischen Forschung und 
Technik den Fachgenossen und auch weiteren Kreisen (im Verein zur Ver- 
breitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse) zuganglich zu machen, war L. 
der Mittelpunkt des physikalischen Lebens in Wien. Er machte nicht viel Auf- 
hebens davon und sich kein Verdienst daraus, aber es ist Pflicht der Nachwelt, 
dieser Tatsache zu gedenken. Und wenn die heutige Generation der Wiener 
Physiker in groBartigen Instituten, denen in der Gegenwart allerdings die Mittel 
karg zugemessen sind, hausen und arbeiten diirfen, so ist es nicht zum ge- 
ringsten Teile das Verdienst L.s, der seine ganze lange Laufbahn als Forscher 
und Lehrer in einem Provisorium, das in einem Miethause bereitet war, ver- 
bringen muBte und das neue Institut erst im Ruhestande betrat, wo er sich 
dann noch einige Jahre mit seinen geliebten Kristallen beschaftigt hat. 

Die hervorragendsten Ziige seines Charakters waren allerstrengste unbeirr- 
bare Rechtlichkeit und Folgerichtigkeit. Er handelte nach Grundsatzen, lieB 
aber in jedem Falle, soweit es mit seinen Grundsatzen irgendwie vereinbart 
werden konnte, dem menschlichen Wohlwollen aus innerem Bediirfnisse Raum. 
Der Folgerichtigkeit und Festigkeit im Denken und Handeln entsprach die 
Treue auf moralischem Gebiete, die er in alien Verhaltnissen bewahrte. Seine 
auBere Erscheinung, die durch mannliche Schonheit bestach, erweckte in dem 
Menschenkenner auf den ersten Blick die Vorstellung einer bedeutenden Per- 
sonlichkeit, deren innere Beschaffenheit mit der auBeren ubereinstimmen 
miisse. Ein nicht gewohnlicher Humor, der mit seiner Wortkargheit in selt- 
samem Kontraste stand, gesellte der Wurde seines Wesens einen Zug ge- 
winnender Liebenswiirdigkeit. 

L. war mit einer Tochter des Astronomen, Direktors der Universitatsstern- 
warte Karl v. Littrow, Ella v. Littrow, vermahlt. Der Ehe entsprangen drei 
Tochter. Eine derselben, Frau Eugenia v. Paliczek, Wien III, Rochusgassen, 
verwahrt den NachlaB ihres Vaters. Ein Portrat L.s findet sich im Almanach 

dbj 12 



i 7 S 



ioti 



der Wiener Akademie der Wissenschaften for das Jahr 1922, eine Portratbdste 
desselben xst im Beshze der Wiener Unhnersrtat. Von der Kmirianffnhnmg 
samtbcner Veioffentlk&taigeii L_s darf hier abgesehen werden, sie findet sach 
in Poggendorfs biographiscbem Lexikon mid dessen Xachtragen. 

Hadexsdorf-Weidlingen bei Wien. Anton Lampa. 



Kari Wmfim, Dr. sc nat. h. c. Grofiin(histrieDer. * iS. Mai 1S73 in 

Mannheim, + 1$. Angus* 1021 in ^MaTmiiffm — Nach dem Besncn desGynma- 
sinm* seiner VaterstaAnndnac&ctemer seiner Dienstpflicht bei denHagenaner 
Pragcsaexn genrigt hatte, stndierte Karl Wiinehn L. das Maschmemngemenx- 
wesen an der Tadmiscben Hochscbnle in Charlottenbnrg. Im Jahre 1S97 trat 
er nach bessandenezn Examen in die von semem Vater gegrfrodete landwirt- 
scbafrbcbe V ayfrrnenf aVik em. 

Sesn Vater, Heinrich L. -r>5> — 1905), hatte imjahxe 1S50 ein Untemebmen 
far Ian dm ii Isrb a f t-dcbe M a yrinen gegrandet. die er ans England irod Amerika 
emfnhrte.W f'-rg e Jahre spate? war esnotmTesdig gc>o rden < (Trsf'ji}Grsri ia f t efiiP 
Repaxatnrans&ah anrrjsrneoerri. Anf Grand seiner mnfassenden Kenntmase der 



Msschrnesmesiens smd ans der ErkerrTtnis berans, d?.z es ocirtiger 
Mascrines im e^genes Lande m binen. eracrrtete er eine Fabdk ,ixr\ deren 
Beoecttmg bajd die aZjer andereri n brS gen Fabriken nbersteagen so!?te. Zoezst 
wxrrden in s e'. i r... Urrrernehrnen HfiT>ddrescV7ta*cr:T7if"n, Gcoe2 mid Fntter- 
schaeidezriaschrneE bergesteiLt- Darm wnrden Separatccen, I>ampcdxesd*- 
r^re iv i e s tmd LotccnrccjeE geb*rrr: ciese anch ffir gemertocbe nnd mdn- 
sSjieDe Zwecke. I>» in der Fabr£k bergesSeShen Maschrnen ianden ba>i wegui 
irrer nervarTagendeir Gdrre m der ganoen We2r Vert«rrzrr§ nr»d Vs n rilwunjng . 
Im Jarre iS*—, ais Kari \\ - «y:— * L. in das XTrjteEDe^men seines Vatess ein- 
trat. wcrden berets rrmd 1-5.: Arbcirer bescbafrict. Urrser der Lerrzrrig seines 
Varers wrrrde L~ wahrend der -sk±sten Jahre in ale Emiadlberresi 5er graven 
Fabc£k **' {tr*^ ^ die sk± sss^rk werter errrwkkierre zmd vergT-^erte- Als ini 
Tahre ro;-> sen: Viter scar^ war er dank der crtesi Fd d_: ^ zri 




irt md krrnrrte stlbsc dae Lt£">.-.T>g 
• ware- in der Farrfk •Src Arberter tatig. 
Lri ;r^e der crriiesr: Nadrdrx^e r^dr. den bsrvnrra5e=»der. Erre^rrdssen oer 
Frrmi war erDe Verk^rr^: der Her^eljzr^gsir — idi:-.- ":ger^ dae sach in der Ver- 
ses dt S dm^t-i Lrg- y r — Vr b2T-Lr?iez- ni»ci der Vnrscadt Ii=)der-brc-MaEn- 
Tfc^— r nrcwerjd^: gjewrrdem. T^ rjjerftr erfrrde±»dbe^ Arberrec warer beserts 

rx se^nerx V^rer rr. Ancrjf: ^gr»n er. T-a> neoe Werk ier5tdl rr: rwei Tefje: 

•dem Xnrdw*rk, ir: den r ^arrrf drgv^ — . .%-^r* — wt kjeruere lir>J! » l:is^r £ incbe 




!rr.Werk erne crrise Versncis- 

ider- Wf^c?crc5e xr?d enr Ver- 



1. rr dfr 1j^. d^ cr^ae 

: wrrde d]e Farcrk Werv 



Lang. Lanz 179 

erworben. Hierdurch gliederte L. dem Unternehmen den Bau von Ernte- 
rnaschinen an. Ein weiterer Beitrag zur Industrialisierung der Landwirtschaft 
und zu den wirtschaftlichen Arbeitsverfahren war die Aufnahme des Motor- 
pflugbaues. Die Firma erwarb hierzu das Patent Koscegi, das zum Gegenstand 
den Bau eines Landbaumotors nach den Grundsatzen der Fraserbearbeitung 
hatte. 

In Rheinau bei Mannheim wurde im Jahre 1908 eine Luftschiffwerft errichtet, 
in der nach dem System von Prof. Schiitte, Danzig-Langfuhr, starre L,uftschiffe 
gebaut wurden. Das erste wurde 191 1 fertiggestellt. Der Schiffskorper der Iyuft- 
schiffe war ein steifes, fachwerkartiges Gerippe, das von einer Hiille umspannt 
wurde und im Innern eine Anzahl voneinander unabhangiger Gaszellen ent- 
hielt. Die Maschinengondeln, in denen Antriebsmotore untergebracht waren, 
und die Fuhrergondel waren mit Hilfe von Drahtseilen und steifen Streben an 
das Gerippe angeschlossen. Das Gerippe wurde aus besonders verarbeitetem 
Holz hergestellt. Die Luftschiffe sind unter dem Namen Schiitte-Lanz-Luft- 
kreuzer in der ganzen Welt bekannt geworden und die mit ihnen erzielten Er- 
folge haben den Namen L. in alle Kreise getragen. 

Wahrend des Weltkrieges wurden die Luftschif fe von der Marine verwendet. 
Bei Schlufi des Krieges ist infolge der immer groBer werdenden Schiffsabmes- 
sungen auch Schiitte-Iy. dazu iibergegangen, Duraluminium als Baustoff fiir das 
Gerippe zu verwenden, und zwar in Form von Rohren, da das Holz den Ein- 
fliissen der Witterung nicht geniigend widerstand. In Rheinau und in dem 
neugegriindeten Werk Zeesen sind von Ende 1916 bis zum Ausgang des 
Krieges zahlreiche Klein- und Riesenflugzeuge gebaut worden. 

Karl Wilhelm L. hat, beseelt durch den Geist seines Vaters, nicht nur das 
Fabrikunternehmen weiter geleitet und erweitert, er hat auch die gegriindeten 
Wohlfahxtseinrichtungen fiir die Arbeiter und Angestellten weiter ausgebaut 
und dariiber hinaus Wohlfahrtseinrichtungen fiir seine Vaterstadt und sein 
Vaterland geschaffen. Hierher gehoren die bereits durch seinen Vater begriin- 
dete Kasse fiir Kranken- und Familienunterstiitzungen und die Fursorge fiir 
die in der Fabrik arbeitsunfahig gewordenen Arbeiter. Ferner wurde das im 
L.schen Park gelegeneHeinrich-Lanz-Krankenhaus, in dem Kranke allerStande 
aufgenommen und behandelt werden, geschaffen und am 17. November 1907 
vollendet. In diesem Hause, das der Tatigkeit menschlicher L,iebe gewidmet ist 
und bestimmt war, menschliches Leid zu lindern, ist Karl Wilhelm L,. ge- 
storben. 

Neben den Arbeiten fiir die soziale Fiirsorge muB auch dessen gedacht wer- 
den, was L. fiir die Wissenschaft getan hat. Denn die genaueste Beobachtung 
der wissenschaftlichen Entwicklung auf dem Gebiete der Landwirtschaft ist es 
gewesen, die dem Unternehmen eine Grundlage seiner Erfolge geschaffen hat. 
Um die engen Beziehungen zwischen W r issenschaft und Technik zu fordern, 
wurde durch eine Stiftung bei der altesten Universitat Deutschlands, Heidel- 
berg, die Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Jahre 1909 gegriindet. 
Im gleichen Jahre ernannte die naturwissenschaftlich-mathematische Fakultat 
der Universitat Heidelberg L. zum Doctor scientiae naturalis h. c. 

In der Ernennungsurkunde wurde folgendes zum Ausdruck gebracht: »Die 
naturwissenschaftlich-mathematische Fakultat fuhlt sich vor allem berufen, 
Ihnen durch die Verleihung des Ehrendoktors zu danken, weil sie Sie bis zu 



i8o 1921 

einera gewissen Grade zu den Ihrigen rechnen darf , weil Sie als Leiter einer der 
groBten technischen Betriebe gleichsam angewandte Naturwissenschaft treiben. 
Um so mehr wiinschen wir, Sie in den Kreis unserer Ehrendoktoren aufzu- 
nehmen, als Sie jetzt durch Ihre Stiftung in uneigenniitziger Weise mit weit- 
blickendem Verstandnis und klarer Einsicht dem Fortschritt der reinen Wissen- 
schaft dienen, die in tiefer Arbeit, zunachst nur nach objektiver Erkenntnis 
strebend, schlieBlich doch durch ihre Tatigkeit tief in das Leben und Denken 
der Menschheit eingreift.« 

Aber auch durch andere Leistungen hat Dr. L. die Wissenschaft gefordert. 
Er hat durch Schenkungen von Modellen und Zeichnungen landwirtschaftlicher 
Maschinen.diesen Zweig der Technik an den technischen Hochschulen gefor- 
dert. Besondere Aufmerksamkeit widmete er dem Prufungswesen der land- 
wirtschaftlichen Maschinen. Der Wunsch, auch die neuesten Entwicklungs- 
stufen neuzeitlicher Technik zu unterstiitzen, fiihrte zu weiteren Stiftungen. 
Erwahnt seien hier der Wanderpreis fiir Motorboote, der Lanzpreis der Liifte, 
der Ermunterungspreis zur Unterstiitzung deutscher Ingenieure und Erfinder 
auf dem Gebiete der Luftschiffahrt. 

Den Weltkrieg hat L,. als Rittmeister an der Westfront mitgemacht. Er hat 
hierbei die landwirtschaftlichen Arbeiten der Heeresleitung durch seine Er- 
fahrungen auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Bodenausnutzung weitgehend 
unterstlitzt. 

Nach langem schweren Iyeiden ist L. am 18. August 192 1 gestorben. Obwohl 
er in der Offentlichkeit wenig hervorgetreten ist, hat er viel zur Forderung von 
Industrie und Wissenschaft geschaffen. 

Literatur: P. Ncubauer, Heinrich Lanz, 50 Jahre des Wirkens in I^andwirtschaft 
und Industrie, 1859 — 1909; Die Technik in der Landwirtschaft, Bd. 2, 1920/21. — 
C. MatschoC, Manner der Technik, Berlin 1925; J. Schutte, Der L/iiftschiffbau Schiitte- 
Lanz 1909 — 1925, Munchen u. Berlin 1926. 

Berlin. Erich Gossow. 

Leonhard, Rudolf Karl Georg, ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft, 
Dr. juris et honoris causa i. leg. der Columbia-Universitat zu Neuyork, Geheimer 
Justizrat, * am 26. Dezember 185 1 zu Breslau, f am 1. Januar 1921 ebenda. — 
Vater: Justizrat Joh. Osk. t,., f zu Magdeburg; Mutter: geb. Sachs. Seit 
15. Marz 1885 mit Clara, geb. Goll, verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. I,, be- 
suchte die Gymnasien zu Breslau, Beuthen (O.-S.) und Brieg, wo er 1869 das 
Abiturientenexamen ablegte, studierte dann die Rechte an den Universitaten 
Heidelberg, Berlin und Giefien bis Michaelis 1871. An letztere Universitat zog 
ihn, wie er selbst erklarte, namentlich Ernst Eck, dem er seine wissenschaftliche 
Vorbildung vornehmlich verdankte. Am Feldzug 1870/71 nahm L. als Kriegs- 
freiwilliger teil und lag als Kombattant vor Paris. Er wurde spater Premier- 
leutnant der Reserve des Gardef iisilier regiments. In Berlin bestand L- im Herbst 
1872 die Referendarpriifung und trat am 6. Dezember 1872 in den preuBischen 
Justizdienst. Am 18. November 1874 promovierte er in Berlin auf Grund der 
Dissertation De natura actionis quae praeiudicialis vocatur zum Dr. juriL Als 
Gerichtsreferendar arbeitete er vom Dezember 1872 bis zum Februar 1878 in 
Frankfurt a. O. und in Berlin. Das Assessorexamen bestand er im Februar 1878 
mit dem Pradikate »gut«. Als Assessor war L,., zuerst beim Kreisgericht Berlin, 



Lanz. Leonhard l8l 

bis 1879 im Amte und erhielt am 28. Januar 1880 antragsgemaC seine Ent- 
lassung aus dem Justizdienst. Er habilitierte sich am 13. Dezember 1878 an 
der Universitat Berlin mit einer nicht veroffentlichten Schrift iiber die Be- 
griffsmerkmale der juristischen Personen und war hier bis 1880 als Privatdozent 
fur romisches Recht tatig. Fur Ostern 1880 erhielt L,. einen Ruf als auBer- 
ordentlicher Professor an die Universitat Gottingen und las dort, an der Seite 
Jherings, iiber Pandektenrecht, aber auch von Anfang an iiber Entscheidungen 
des Reichsgerichts sowie juristische Methodologie, wobei er Anleitung zu 
groBeren wissenschaftlichen Arbeiten gab. Er dozierte hier ferner iiber einige 
Reden Ciceros. Fur Ostern 1884 folgte er einem Ruf als ordentlicher Professor 
an die Universitat Halle, 1885 von hier nach Marburg mit einem Lehrauftrag 
fur romisches Recht, preufiisches Landrecht, ReichszivilprozeB und juristische 
Enzyklopadie. In Marburg bekleidete er im Studienjahr 1891/92 das Amt des 
Rektors der Universitat. Zu Michaelis 1895 wurde L. an die Universitat Breslau 
berufen, und zwar mit einem Lehrauftrag ftir romisches Recht und fur den 
Entwurf eines burgerlichen Gesetzbuches ftir das Deutsche Reich. Im Studien- 
jahr 1902/03 war L- auch an der Universitat Breslau Rector magnificus. Von hier 
aus wurde er im Jahre 1907 eingeladen, als sogenannter Kaiser- W ilhelm-Pro- 
fessor an der Columbia- Universitat zu Neuyork Vorlesungen zu halten. Diesem 
Auftrag folgte er 1907/08 und wurde durch Verleihung des Ehrendoktorats 
dieser Universitat ausgezeichnet. L. war auch Ehrenmitglied des Istituto di 
storia del diritto Roni., Catania. 

L. war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller (vgl.Schriftenverzeichnis am SchluG). 
Die Wissenschaften des Pandektenrechts und des deutschen burgerlichen Rechts 
verdanken seiner geistvollen und von weitem Blick getragenen Arbeitsweise 
vielfache Forderung und reiche Anregung. Seit dem Inkrafttreten des BGB. 
gehorte seine Arbeit fast ausschlieBlich diesem Gebiet an. Hervorzuheben ist 
sein » Allgemeiner Teil des burgerlichen Gesetzbuchs« (1900), mit dem L. als 
einer der Ersten erfolgreich bestrebt war, das Gesetz aus den Banden der Mate- 
rialien zu bef reien und seinen Stoff einerseits tief er in den geschichtlichen Quellen 
zu verankern, andererseits dem Zweck des Rechts dienstbar zu machen , was be- 
sonders in den abstrakten Regionen des allgemeinen Teiles notwendig war. 
I,. erlebte bald darauf die Freude, daJ3 sein vor einem Vierteljahrhundert er- 
schienenes Buch, »Der Irrtum bei nichtigen Vertragen« eine neue Auflage er- 
forderte. Angesichts der inzwischen durchaus veranderten Rechtsgrundlage 
moBte es ein neues Buch werden. Er lieB es 1907 als Heft 22 und 23 in seinen 
»Studien« erscheinen und gab ihm den neuenTitel: »Der Irrtum als Ursache 
nichtiger Vertrage. i.Teil: Vertragsbestandteile und Irrtum. 2. Teil: Irr- 
tumsfalle in den romischen Rechtsquellen«. Nicht der gemafi § 119 BGB. zur 
Anfechtung fiihrende Irrtum bei Willenserklarungen ist der Gegenstand der 
Untersuchung, sondern die Lehre vom Konsens und Dissens beim Vertrags- 
schlufl, hinsichtlich deren das Gesetz selbst keine unmittelbare Regelung ent- 
halt. Als richtig aufgestellt hat sich der Satz L.s erwiesen: »Die Nichtigkeits- 
frage ist hier eine Auslegungsf rage « (I, S. 6). Es ist unzutreffend, L. als Er- 
klarungstheoretiker zu bezeichnen. (Vgl. dagegen seine durchaus anders orien- 
tierten Ausfuhrungen I,S. 119 und 121.) SchonL. sah seine Aufgabe vornehmlich 
darin, die Erheblichkeit des Willens gegen iiber der Erklarung zu erweisen. 
Im Allgemeinen Teil, S. 463 f., lehrteer: »Dieunzweideutige, nachihrem Inhalt 



182 192 1 

ungewollte Erklarung gilt also nicht, weil der Empf anger ihr vertraut, sondern 
weil der Erklarende selbst es im Zweifel so will.« Er forderte hier: »Der Name 
Erklarungstheorie ist aufzugeben. Was in der Erklarungstheorie wahr ist, ergibt 
sich aus dem richtig gefafiten Willensdogma von selbst. « »Die Frage: ,Wille 
oder Erklarung/ war falsch gestellt.« Diese Satze L.s werden ihren Wert be- 
halten. tJbrigens bittet L. a. a. O., S. 464, Anm. 2 selbst, ihn in Zukunft nicht 
mehr als Vertreter der Erklarungstheorie anzufiihren. 

Seine tief aus den Quellen schopfenden Institutionen des romischen Rechts, 
die er dem Andenken Jherings widmete, wollten getreu dessen Worten: »Durch 
das romische Recht hindurch, iiber es hinaus« auch Dienst am geltenden Recht 
sein. Deswegen glaubte L. den Stoff des romischen Rechts in Abweichung von 
den sonstigen Institutionenwerken auf einer der alten Legalordnung angepaBten 
Grundlage aufbauen zu miissen. L. sah die Institutionen als eine einleitende 
Ubersicht iiber den Inhalt des nach Deutschland aufgenommenen Justiniani- 
schen Gesetzbuches an. Er wollte eine Art Kommentar zu Justinians Insti- 
tutionen schreiben, der das Verstandnis dieser vom Standpunkt des gegen- 
wartigen Denkens ermoglichte und in den Sinn ihrer Einteilung einfiihrte, 
wahrend die friiheren Institutionenlehrbucher nach seiner Auffassung zwar im 
Aufbau, nicht aber im Inhalt iiber das romische Recht hinausgekommen 
waren. 

Als Frucht von L.s amerikanischen Rechtsstudien, die er nach seiner Emeri- 
tierung besonders betreiben wollte, ist hier noch auBer der Ubersetzung von 
Holmes' in Amerika in hoher Geltung stehenden Sammlung von Abhandlungen 
der in der Festgabe fur Siegfried Brie (l>ipzig 1912) erschienenen Abhand- 
lung: »Schiffe als ProzeBparteien. Ein Beitrag zur Begriffsbestimmung der 
juristischen Personlichkeit« zu gedenken. Der Autor berichtet hier iiber eine 
eigentiimliche Praxis der englischen und amerikanischen Admiralitatsgerichte, 
unter Umstanden die Schiffe selbst als ProzeBpartei zuzulassen, um bei un- 
erlaubten Handlungen von Schiffsleuten, aber auch bei Vertragsschliissen 
seitens des Personals die Schiffe in der Vollstreckung dieser Anspriiche haften 
zu lassen. Der amerikanische Oberrichter sagte in der Urteilsbegriindung, daB 
es kein Verfahren gegen den Schiffseigentiimer, sondern gegen das Schiff selbst 
sei. L. kennzeichnet diese Praxis als beachtenswerte auBerordentliche MaB- 
regel des Glaubigerschutzes. Er mahnt zur Beobachtung des auslandischen 
Rechtslebens und warnt vor iibertriebenem Rechtsnationalismus (S. 9f.). 
Und wenn L. hier sagt: » Dieses GroBeuropa besitzt einen gemeinsamen juristi- 
schen tJberlieferungsschatz, der ebenso tatsachlich ist wie das Sonderrecht 
der einzelnen Nationen, und an den sich seit Jahrhunderten ein ubernatio- 
naler Wissenschaftsbetrieb anlehnt,« so werden auch diese Satze ihren Wert 
behalten. 

f# L. entwickelte neben dieser ergiebigen schriftstellerischen Tatigkeit eine sehr 
erfolgreiche Lehrtatigkeit. Er war ein glanzender Redner. Sein Vortrag fesselte 
die alten wie die jungen Juristen. In den vier Gottinger Jahren an der Seite 
Jherings war er im Gegensatz zu der von diesem bekampften philologisch- 
antiquarischen Richtung zu einem bleibenden Anhanger der Zwecktheorie ge- 
worden. Vor den Augen der jungen Juristen, die in seine Digestenexegese 
stromten, erstand hinter den lateinischen leges durch die Kunst des Meisters 
das gesamte kulturelle Leben des alten Rom. Wo er Leistungen anderer zu be- 



Leonhard. Leutwein 183 

urteilen hatte, war er von hochstem Wohlwollen, immer ein Mensch, edel, hilf- 
reich und gut. 

Literatur: Versuch einer Entscheidung der Streitfrage iiber den Vorzug der successio 
graduum vor dem Akkreszenzrecht nach romischem Recht, 1 874. — Inwieweit gibt es nach 
den Vorschriften der deutschen Zivilprozefiordnungen Fiktionen ? 1880. — Irrtum bei 
nichtigen Vertragen nach romischem Recht., 2 Bde. 1882/83. — 2. Auflage unter dem 
Titel: Der Irrtum als Ursache nichtiger Vertrage, 1907, als Heft 22 und 23 der Studien 
zur Erlauterung des biirgerlichen Rechts. — Rechtsfalle zum vergleichenden Studium 
des rdmischen Rechts und des preuflischen Landrechts, 1887. — Die Universitat Bologna 
im Mittelalter, 1888. — Roms Vergangenheit und Deutschlands Recht, 1889. — Irrtum als 
Nichtigkeitsgrund im Entwurf des BGB., 1889. — Eideszuschiebung im Familienrechts- 
prozefl, 1890. — Der Entwurf eines BGB. fiir das Deutsche Reich und seine Beurteilung, 
1891. — Lebensbedingungen der Rechtspflege, 189 1. — Die Anfechtbarkeit der Vertrage 
fiir das Vermogen eines Dritten, 1892. — Institutionen des romischen Rechts. Ein Lehr- 
buch, 1894. — Der Erbschaftsbesitz, 1899. — Die Hauptziele des BGB., 1900. — Der 
Allgemeine Teil des BGB. in seinem Einflusse auf die Fortentwicklung der Rechtswissen- 
schaft, 1900 (Guttentags Sammlung: Das Recht des BGB. in Einzeldarstellungen, Bd. 10). — 
Das neue Gesetzbuch als Wendepunkt der Privatrechtswissenschaft, 1900 (Studien zur 
Erlauterung des BGB., Heft 1). — Der Schutz der Ehre im alten Rom, 1902 (Breslauer 
Rektoratsrede) . — Ecks Vortrage iiber das Recht des BGB., nach des Verfassers Tode 
durch Feststellung des Wortlautes fortgefiihrt und mit Anmerkungen versehen, 3 Bde., 
1903, 1904. — tlbersetzung von R. Saleilles, Einfiihrung in das Studium des biirgerlichen 
Rechts, 1905. — Die Replik des ProzeBgewinns, 1905. — Stimmen des Auslands iiber die 
Zukunft der Rechtswissenschaft, 1906 (Heft 17 der » Studien*). — Der Verstofi gegen die 
guten Sitten, 1907. — tJbersetzung von O. W. Holmes »The Common Law. Boston i88i«, 
Leipzig 19 1 2. — Methods followed in Germany by the historical school of law, 1907. — 
The Vocation of America for the science of Roman law (Harward Law Review. 26, 5.) 
191 3, Antrittsvorlesung an der Columbia-Universitat. — Schiffe als Prozeflparteien, 
19 12. — Die deutsch-amerikanische Bewegung. Vortrag in der Schlesischen Gesellschaft 
f iir vaterlandische Kultur, Breslau 1915. — Der Einflufi der romischen Rechtsgeschichte auf 
die Kriegsgebrauche der Gegenwart. Festrede 27. Januar 19 16. 

L. verfafite ferner mehrere Gutachten fiir den deutschen Juristentag: 1880 iiber das 
constitum possessorium ; 1882 iiber die unvordenkliche Verjahrung; 1884 iiber die Haftung 
des Unternehmers fiir das Verschulden der Arbeiter; 1895: »Sind die Grundsatze des 
Entwurfes des BGB. 2. Lesung iiber eingetragene Vereine zu billigen ?«. Er schrieb zahl- 
reiche Aufsatze und Biicherbesprechungen fiir die Fachzeitschriften. — L. war standiger 
Mitarbeiter von Pauly-Wissowa-Krolls Realenzyklopadie der klassischen Altertumswissen- 
schaften und trug eine grofie Anzahl Artikel fiir sie bei. Seit 1900 gab er »Studien zur Er- 
lauterung des BGB.« (Breslau) heraus, von denen bei seinen Lebzeiten 37 Hefte er- 
schienen. 

Breslau. Alfred Manigk. 



Leutwein, Theodor, Generalmajor und Gouverneur a. D., * am 9. Mai 1849 in 
Striimpfelbronn bei Freiburg i. Br., | am 13. April 1921 in Freiburg i. Br. — 
Theodor Gotthilf L. stammte aus einer evangelischen Familie. Er besuchte das 
Gymnasium in Konstanz, studierte zwei Semester Rechtswissenschaft in Frei- 
burg. Am 16. Februar 1868 trat er als Avantageur in das 5. Badische Infanterie- 
regiment in Freiburg ein, am 15. Oktober 1869 wurde er zum Leutnant 
befordert. Den Krieg 1870/71 machte L. als Adjutant des 5. Badischen 
Landwehrbataillons mit. Nach dem Kriege verblieb er bei dem 5. Badischen 
Infanterieregiment in Freiburg; am 12. April 1877 wurde er zum Oberleutnant 
befordert. Von 1879 — I ^^ 2 war er ^ Berlin auf der Kriegsakademie und kehrte 
dann nach Freiburg in sein Regiment zuriick. Am 15. Januar 1885 wurde er 
zum Hauptmann befordert. 1887 benutzte er eine langere Schweizer Reise, urn 



184 J 9 21 

eine Abhandlung iiber die Schweizer Milizarmee zu schreiben, die in der Schweiz 
eine sehr giinstige Beurteilung fand. Von 1887 — 1891 war L. Lehrer derTaktik 
an der Kriegsschule in Neifle, von 1891 — 1893 an der Kriegsschule in Hers- 
feld. Am 27. Januar 1893 wurde er zum Major befordert und in das 46. In- 
fanterieregiment in Posen versetzt. 
^ Durch Allerhochste Kabinettsorder vom 16. Dezember 1 ^9 3 wurde L. zum 

IAuswartigen Amt kommandiert und noch im gleichen Monat vom Reichs- 
kanzler Grafen Caprivi in besonderem Auftrag nach Deutsch-Siidwestafrika 
entsandt. Dort war der Reichskommissar Major v. Francois mit seiner kleinen 
Schutztruppe von 200 Mann in Kampfe mit den Witbooi-Hottentotten ver- 
wickelt. L. erhielt den Auftrag, aus eigener Anschauung sich iiber die Sach- 
lage sowohl in militarischer wie in administrativer Beziehung ein Urteil zu 
bilden und dariiber zu berichten. Er traf am 31. Dezember 1893 im Schutz- 
gebiet ein. Gemeinsam mit Major v. Francois unternahm L,. Schritte, um 
die deutsche Schutzherrschaft im Namalande im siidlichen Teil der Kolonie 
aufzurichten. Am 15. Marz 1894 wurde L. mit der Wahrnehmung der Ge- 
schafte des I,andeshauptmanns beauftragt, wahrend Major v. Francois nach 
vierjahrigem Aufenthalt in der Kolonie sich in die Heimat zuriickbegab. L,. 
trat am 24. April 1893 den Vormarsch gegen den Kapitan Hendrik Witbooi, 
den Fuhrer der Witbooi-Hottentotten, an, welcher sich im Naukluftgebirge 
befand. Ein Brief wechsel und eine personliche Zusammenkunft zwischen L,. 
und dem Hottentottenkapitan fuhrten nicht zu der Unterwerfung des letz- 
teren, sondern lediglich zu einem Waffenstillstand. Nachdem die erbetene 
Verstarkung der Schutztruppe um 250 Mann in Deutsch-Siidwestafrika einge- 
troffen war, griff L. am 27. August mit 300 Mann und 2 Geschutzen die in 
der Naukluft stehenden Witboois an. Deren Hauptstellung wurde ersturmt, 
jedoch schloB sich ein schwieriger Gebirgskrieg daran. Da die vorhandenen 
Krafte zu einem Vernichtungsschlag gegen die Witboois nicht hinreichten, so 
entschloB sich L,. dem Hottentottenkapitan einen Frieden unter milden Be- 
dingungen zu gewahren. Am 15. September wurde der Schutzvertrag ab- 
geschlossen, durch den sich Hendrik Witbooi der deutschen Herrschaft unter- 
warf, wahrend ihm die Belassung seiner Waffen und Munition zugestanden 
wurde. 

I,, widmete sich nun der Befestigung und Ausdehnung der deutschen Schutz- 
herrschaft im mittleren und siidlichen Teil der Kolonie, dem Hereroland und 
Namaland. Am 27. Juni 1895 wurde er zum Landeshauptmann ernannt. Im 
Jahre 1896 brach der Aufstand der Khauas-Hottentotten aus. L. riickte gegen 
die Aufstandischen vor und brachte sie nach einem Gefecht bei Otjunda-Sturm- 
feld am 6. Mai zur Unterwerfung. Die beiden Fuhrer Nikodemus und Kahimma 
wurden wegen Anstiftung zum Aufstand zum Tode verurteilt und am 12. Juni 
erschossen. 

Die Entwicklung der Kolonie wurde in denfolgenden Jahren noch wiederholt 
durch Aufstande unterbrochen, welche jedoch auf einzelne Teile des Landes be- 
schrankt blieben. 1897 brach der Aufstand der Afrikaner-Hottentotten aus, 
der aber schnell niedergeworfen wurde. 1897/98 erfolgte der ernstere Aufstand 
der Swartbooi-Hottentotten. Diese unterwarf en sich nach einem fur sie verlust- 
reichen Gefecht. 1898 kam es infolge derzurWaffenkontrolleeingefuhrten Ge- 
wehrstempelung zu UnruhenbeizweiStammendesNamalandes. Darauf riickte 



Leutwein 1 85 

L. mit Tnippen dorthin. Es gelang ihm, ohne daB es zu Kampfen gekommen 
ware, die aufriihrerischen Stamme zur Unterwerfung und zur Leistung einer 
BuBe zu bestimmen. 1899 untemahm L. eine Expedition gegen den wider- 
setzlichen Hererohauptling Tjetjo im Osten der Kolonie, 1900 eine solche in 
das Ovamboland im Norden. 1901 brach ein Aufstand der Bastard von Groot- 
fontein aus, der jedoch mit schneller Niederwerfung und Aburteilung der 
Radelsfuhrer endete. 

L,. war gleichzeitig Landeshauptmann, welche Bezeichnung spater in Gou- 
verneur umgewandelt wurde, und seit dem 10. November 1897 Kommandeur 
der Schutztruppe. Er wurde 1899 Oberstleutnant, 1901 Oberst. 

Als oberster Leiter der Zivilverwaltung hat L. sich bemiiht, die Kolonie 
wirtschaftlich zu entwickeln. Die Einschleppung der Rinderpest 1897 ge- 
fahrdete nicht nur die auf Viehzucht eingestellte Wirtschaft, sondern auch 
den auf Zugochsen angewiesenen Verkehr. Es wurde mit Beschleunigung 
eine Eisenbahn von dem Haupthafenplatz Swakopmund nach Windhuk ge- 
baut. Die Eingeborenen verhaltnisse boten groBe Schwierigkeiten. L. be- 
trachtete als das beste Mittel zur Aufrechterhaltung des Friedens neben 
gerechter und wohlwollender Behandlung der Eingeborenen, ihnen den Besitz 
von Waff en und Munition zu erschweren. 1897 fuhrte er das Regierungsmonopol 
fiir den Handel mit Waffen und Munition ein mit Zwang der amtlichen Ab- 
stempelung der vorhandenen Gewehre. Ebenso war er auch auf Verminderung 
der Alkoholeinfuhr bedacht. MiBstande brachte auch die wachsende Verschul- 
dung der Eingeborenen gegeniiber den WeiBen mit sich, besonders gegenuber 
den im Lande herumreisenden Viehhandlern. L. wollte im Verordnungs- 
wege die Kreditgewahrung verbieten; die im Jahre 1903 vom Reichskanzler 
erlassene Kreditverordnung fuhrte dagegen eine einjahrige Verjahrungsfrist 
ein, was einen KompromiB zwischen den Anschauungen des Gouverneurs und der 
Interessenten bedeutete. Dies hatte zur Folge, daB die Handler, um der Ver- 
jahrung ihrer Forderungen vorzubeugen, mit aller Macht und mit alien Mitteln 
sich auf die Schuldeneintreibung unter den Eingeborenen verlegten. Dieses 
Vorgehen trug wesentlich zum Ausbruch des groBen Hereroaufstandes bei. 
Die Hauptursache dieses Aufstandes, der von 1904 ab das Schutzgebiet durch- 
loderte, war aber der Umstand, daB immer mehr Land in die Hande der WeiBen 
kam, und daB die Eingeborenen sich mit der zunehmenden Besiedlung in 
ihrer Unabhangigkeit bedroht fuhlten. I,, war bemiiht gewesen, diesen mit 
der Besiedlung einer Farmkolonie mit WeiBen unvermeidlich verbundenen 
Vorgang nach Moglichkeit fiir die Eingeborenen zu mildern, indem er diese 
gegen die Verschleuderung des Stammeseigentums durch ihre Kapitane zu 
schutzen suchte und schlieBlich zur Bildung unverauBerlicher Reservate fiir 
die Eingeborenen schritt. Aber gerade diese letztere MaBnahme scheint vielfach 
miBverstanden zu sein und mit zum Ausbruch des Aufstandes beigetragen zu 
haben. 

Im Oktober 1903 brach aus einem an sich geringfiigigen AnlaB — Festnahme 
eines Kapitans durch einen Leutnant wegen einer geringen Ubertretung — der 
Aufstand der Bondelswart-Hottentotten im Siiden der Kolonie aus. L. begab 
sich mit dem groBten Teil der Truppe nach dem Siiden ; da brach plotzHch 
am 12. Januar 1904 der Hereroaufstand aus. Er begann mit der Ermordung 
der weiBen Farmer und Handler und Pliinderung der Farmen. Die von WeiBen 



i86 1921 

bewohnten Platze Okahandja und Omaruni wurden von den Herero einge- 
schlossen, aber von der ersten aus dem Siiden herbeieilenden Kompagnie 
(Franke) entsetzt. S. M. S. »Habicht« sandte ein Landungskorps zur Hilfe, aus 
der Heimat wurden ein Marine-Expeditionskorps und weitere Verstarkungen 
gesandt. Doch gelang es L,., obwohl er den Herero verschiedene Schlap- 
pen beibrachte, nicht, den Auf stand zu unterdriicken. In den Kampfen, be- 
sonders bei Onganjira am 9. April und bei Oviumbo am 13. April 1904, zeigten 
die Herero eine bisher unbekannte Tapferkeit und Hartnackigkeit. Es wurden 
nunmehr aus der Heimat betrachtliche Verstarkungen gesandt. Mit dem 
Oberbef ehl wurde der Generalleutnant v. T r o t h a betraut . L. wurde durch Tele- 
gramm des Reichskanzlers vom 4. Mai da von verstandigt und angewiesen, 
nach Ankunft Trothas lediglich die Geschafte des Gouverneurs beizubehalten. 
Im Juni 1904 gab er das Kommando an Trotha ab. Im Siiden erschien im Juli 
1904 der Fuhrer der in die Kapkolonie gefliichteten Bondelswarts, Morenga, 
wieder in der Kolonie und begann mit der Auspliinderung der Farmen. Schliefi- 
lich fiel auch der 8ojahrige Hendrik Witbooi ab und richtete am 3. Oktober an 
samtliche Hottentottenkapitane die Aufforderung zum AnschluB. L. iiber- 
nahm bis zum Eintreffen des fur das Kommando im Siiden bestimmten 
Obersten Deimling den Befehl gegen die Witboois. 

Am 30. November 1904 trat L,. die Heimreise nach Deutschland an. Am 
22. April 1905 wurde inm vom Kaiser der Charakter als Generalmajor unter 
Belassung a la suite der Schutztruppe verliehen. Durch Allerhochste Order vom 
19. August 1905 wurde er auf seinen Antrag in den Ruhestand versetzt. 

L.s Politik und Verwaltung in Deutsch-Siidwestafrika haben nach dem 
Ausbruch des Hereroaufstandes viele Angriffe erfahren. Richtig ist, daB er 
dabei nicht frei von Fehlern und Irrtumern gewesen ist. Aber er hat doch 
stets das rechte Ziel der Kolonisation vor Augen gehabt, wie er es nach dem 
AbschluB seiner Koloniallaufbahn in dem Vorwort zu seinem Werk »Elf Jahre 
Gouverneur in Deutsch-Siidwestaf rika « umschrieben hat: »Die Angliederung 
der Urbevolkerung und nicht deren gewaltsame Unterdriickung oder gar Ver- 
nichtung. « Wenn ihm die f riedliche Erreichung dieses Zieles nicht gelungen ist, 
so lag das hauptsachlich an der Lage, die durch die Entstehung weiBer Farmen 
in dem Gebiet von Unabhangigkeitsdrang beseelter Eingeborenen geschaffen 
wurde. Fiir die Kolonie wiirde es besser gewesen sein, wenn L. auch nach 
dem Wechsel im militarischen Kommando die oberste Entscheidung in den 
Eingeborenenangelegenheiten behalten hatte. 

Nach seinem Abschied wohnte L. zunachst in Freiburg i. Br., erwarb dann 
ein Landhaus in tjberlingen am Bodensee und zog dorthin. Verschiedentlich 
trat die Anregung an ihn heran, sich als Reichstagskandidat aufstellen zu 
lassen, doch kam dies nicht zustande, da er immer auf einer biirgerlichen 
Sammelkandidatur bestand. Etwa seit 191 1 zog sich L. aus der Offentlichkeit 
zuriick 1919 zog er nach Freiburg, am 13. April 1921 ist er dort gestorben. 

L. erfreute sich infolge seiner Art, sich zu geben und des Siiddeutschen seines 
Wesens in seiner badischen Heimat groBer Beliebtheit. 

L. war zweimal verheiratet. Nur aus der ersten Ehe mit Frieda, geb. Mammel, 
Tochter des Kaufmanns Mammel in Freiburg, stammen Kinder, und zwar 
zwei Sonne und zwei Tochter. Der alteste Sohn Friedrich fiel als Haupt- 
mann am 25. August 1914 vor Antwerpen. Der zweite Sohn, Hauptmann a. D. 



I^eutwein. I^owenstein 1 87 

Dr. Paul L., ist als kolonialpolitischer und auBenpolitischer Schriftsteller her- 
vorgetreten und hat die » Rednerschule fiir Weltpolitik« in Berlin gegriindet. 

Literatur: Gouverneur L- hat neben militarischen Aufsatzen aus friiherer Zeit ge- 
schrieben: Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Siidwestafrika, Berlin 1906. Im Jahre 19 12 
wurde ein Abschnitt aus diesem Buche in erganzter Form als Band 5 von Voigtlanders 
Quellenbiichern herausgegeben. Er veroffentlichte weiter zahlreiche Artikel und Aufsatze, 
darunter »Die Konzessionsgesellschaften* (Deutsche Revue, August 1906), »Zur Besied- 
lungsfrage* (Deutsche Revue, J uni 1908). Sein handschriftlicher NachlaB befindet sich im 
Besitz seines Sohnes Dr. Paul I,, in Berlin. 

Berlin-Charlottenburg. Heinrich Schnee. 

Lowenstein, Karl Fiirst zu, * am 5. Mai 1835 zu Haid in Bohmen, f 8. No- 
vember 192 1 zu Koln am Rhein. — Allzufruh verlor er beide Eltern, 1835 
die Mutter und 1839 den Vater. Pflichtgetreue Vormiinder HeBen ihm eine 
echt christliche Erziehung zuteil werden. Er durchlief die gewohnliche Studien- 
bahn und beschloB diese auf der Universitat Bonn. GroBere Reisen weiteten 
sein geistiges Gesichtsfeld. 1858 iibernahm er die Verwaltung seiner ausge- 
dehnten Giiter, 1859 vermahlte er sich mit der Prinzessin Adelheid zu Isenburg- 
Birstein. Ein Tochterlein, die nachmalige Nonne Mere Benedicta der Abtei 
Solesmes, entsproB dieser Verbindung. Leider starb die innig geliebte Gattin 
schon 1861, einige Tage nach der Geburt des Kindes. 1863 vermahlte er sich 
in Wien zum zweiten Male. Seine Wahl war auf die Prinzessin Sophie Liechten- 
stein gefallen. 36 Jahre lebte er mit ihr in glucklichster Ehe. Sie gebar ihm acht 
Kinder. 1907 trat er, nachdem 1899 auch seine zweite Gattin gestorben und alle 
seine Kinder versorgt waren, in den Dominikanerorden ein und legte daselbst 
1908 die feierlichen Geliibde ab. Im gleichen Jahre wurde der 74Jahrige zum 
Priester geweiht. Und am 8. November 1921 ist P. Raimundus, den die Welt 
als Karl Fiirst zu L. gekannt, im Dominikanerkloster zu Koln gestorben. 

Fiirst L. war ein Mann im wahrsten Sinne des Wortes. Einfach und schlicht 
in Lebenshaltung und Kleidung und doch wieder ein Fiirst vom Scheitel bis 
zur Sohle. Mannesmut und echte Demut, Duldsamkeit und wahre Frommigkeit, 
unbeirrbares PflichtbewuBtsein und rastloser Arbeitsgeist zeichneten ihn aus. 
Dies und eine weitausschauende Welterfahrung, gepaart mit tiefer Menschen- 
kenntnis, HeBen ihn oft scheinbar Unmogliches gliicklich durchfuhren. 

Der Fiirst war in sehr umf assendem MaBe politisch tatig. Er war Mitglied der 
bayerischen Kammer der Reichsrate, der badischen Ersten Kammer, der wiirt- 
tembergischen Kammer der Standesherren, der Ersten Kammer der hessischen 
Landstande und des ersten Deutschen Reichstages. Er gehorte zu den Griin- 
dern der Zentrumsfraktion des Deutschen Reichstages. Das erste Programm 
der Zentrumsfraktion, das unter dem Motto: vjustitia fundamentnm regnoritmn 
die Grundsatze fiir die kiinftige Tatigkeit aufstellte, trug die Unterschriften : 
v. Savigny, Dr. Windthorst (Meppen), v. Mallinckrodt, Probst, P. Reichen- 
sperger (Olpe), Karl, Fiirst zu Lowenstein, Freytag. Aber auch auBerhalb des 
Zentrums hatte Fiirst L. auf die parteipolitischen Dinge und Geschehnisse in 
Deutschland den nachhaltigsten EinfluB, besonders auf sozialpolitischem Ge- 
biete. Sein Berater und Freund war schon im fruhen Mannesalter der Mainzer 
Bischof Wilhelm Emanuel Ketteler gewesen, und mit anderen Fiihrern der 
sozialen Bewegung, so dem Prinzen Alois Liechtenstein, dem Freiherrn Felix 



i88 1921 

v. Loe, dem Freiherrn Karl v. Vogelsang in Wien, stand er Zeit seines Lebens 
im regsten Briefverkehr. Mit ganz besonderem Interesse verfolgte der Fiirst 
die Wirksamkeit des Freiherrn v. Vogelsang, der erstmalig Ende der siebziger 
Jahre im Wiener »Vaterland« seine sozialpolitischen Reformplane ztisammen- 
hangend darlegte und erlauterte. »Ich kann Ihnen nicht sagen,« schrieb der 
Fiirst am 21. Juni 1878 dem Graf en Leo Thun, »mit welcher Freude und wel- 
chem Interesse ich die sozialen und nationalokonomischen Artikel des ,Vater- 
landes' gelesen habe. Ich halte diese Ideen wirklich fiir epochemachend, und 
Gott gebe, daB sie Eingang finden, ehe es zu spat ist. « Kaum wurde durch das 
langsame Abbauen des kirchenpolitischen Kampfes in Deutschland die Bahn 
auch nur ein wenig fiir positive Arbeit frei, so ging der Fiirst daran, die von 
Baron Vogelsang in Osterreich vertretene soziale Bewegung »auch bei uns besser 
in FluB zu bringen«, nachdem er 1880 schon auf dem Katholikentag zu Kon- 
stanz eine prazise Stellungnahme der gesetzgebenden Korperschaften zugunsten 
der arbeitenden Klassen nachdriicklichst gefordert hatte. Unter den Referenten 
der Konferenz, welche die vom Fiirsten gegriindete »Freie Vereinigung katho- 
lischer Sozialpolitiker« auf SchloB Kleinheubach 1886 abhielt, finden wir die 
Namen : Baron Vogelsang, Dr. Scheicher, Graf Blome. Und die genannte Ver- 
einigung, zusammen mit der in den Jahren 1882 und 1883 in Rom unter dem 
Vorsitz der spateren Kardinale Jacobini und Mermillod tagenden katholischen 
Studienkommission, fiihrte zur Griindung eines weiteren Verbandes auf inter- 
nationaler katholischer Grundlage, der »Union catholique d'etudes sociales et 
economiquesn in Freiburg in der Schweiz, welche vom Jahre 1884 bis 1891 
wirkte. Diesem Verbande gehorte aus dem Deutschen Reiche wieder vor allem 
Fiirst L. an, der zugleich dessen Ehrenprasident war. Den Arbeiten dieser 
Konferenz, deren Wiederaufnahme iibrigens noch im Jahre 1893 in einer am 
17. April unter dem Vorsitze des Fiirsten in Rom abgehaltene Sitzung beraten 
wurde, kommt eine auBerst weittragende Bedeutung zu. Denn das Programm 
der internationalen Vereinigung, dessen einzelne Punkte fruher vielfach um- 
stritten waren, wurde durch die Arbeiterenzyklika Papst Leos XIII. zum Ge- 
meingute der ganzen Welt. In dieser ernsten sozialen Arbeit wurde auch 
die herzliche Freundschaft begriindet, die den Fiirsten mit mehreren hervor- 
ragenden Fuhrern des katholischen Frankreich, besonders mit dem Graf en 
Albert de Mun, dem Marquis de la Tour du Pin und dem Industriellen L£on 
Harmel verband. Je tiefer Fiirst L. in das Wesen der Dinge eindrang, um so 
klarer sah er in dem stets krasser auftretenden menschlichen Egoismus den 
Urgrund aller sozialen Kampfe. Seinem christlichen Empfinden widerstrebte 
es, den Fabrikarbeiter sozusagen ganz und gar als Eigenhorigen des 
Fabrikherren und den Landarbeiter gewissermaBen dem Grundbesitzer 
robotpflichtig zu sehen. Es war ihm fraglos klar, daB die sozialen Un- 
ruhen nur deshalb so gefahrliche Dimensionen angenommen hatten, weil 
wirklich vielfach triftige Griinde zu Beschwerden vorlagen. Dberdies 
verhehlte er sich keineswegs, daB durchaus nicht die Wohlhabenden allein 
die besseren, christlicheren, aufgeklarteren Klassen des Volkes reprasentieren, 
denn er stimmte vollig mit der Auffassung seines Vetters, des Prinzen 
Alois Liechtenstein, uberein, »daB die Armeren und Besitzlosen, gerade weil 
sie die Massen der besteuerten Burger darstellen, die eigentlichen Stiitzen des 
Staates sind<<. Obendrein sah er, daB diese »von Haus aus keineswegs revo- 



Lowenstein l8g 

lutionar gesinnt seien; sie wollen nur bessere Lohne, kiirzere Arbeitszeit, ge- 
sichertes Alter und Hebung ihrer materiellen, geistigen und Klassenstellung«. 

NaturgemaB versaumte der Fiirst keine Gelegenheit, diese Erkenntnis zur 
Grundlage praktischer Tatigkeit zu machen. Als Kommissar der deutschen 
Katholikentage verlangte er im Artikel 10 der Instruktionen »iiber die Gegen- 
stande, welche teils durch Reden in offentlichen Versammlungen, teils durch 
Antrage und Besprechungen in den geschlossenen Sitzungen behandelt werden 
sollen«, daB an sozialen und nationalokonomischen, wirtschaftlich brennenden 
Fragen zu beraten seien: »a) Reorganisation der Gesellschaft auf christlicher 
und korporativer Grundlage; b) Kapitalismus, Wucher und Zins, Plutokratie 
und Juden; c) die richtigen Grundsatze uber Arbeitslohn . . .« Und in einem 
von ihm verfaBten Programmentwurf fur die vereinigten katholischen 
Parteien in Bayern heiBt es: »Auch auf dem sozialen Gebiete ist eine Heilung 
der schweren Schaden und I^eiden unserer Zeit nur durch Ruckkehr der 
wirtschaftlichen Gesetzgebung zu den Grundsatzen des Christentums 
moglich. Wir treten daher dem modernen Staat entgegen, der durch seine 
selbstsiichtige und unchristliche Wirtschaftspolitik zugunsten des Kapitals das 
Volk ausbeuten laBt. Wir erstreben: i. Heilighaltung der Sonn- und Feiertage; 
2. Anerkennung des christlichen Eherechtes; 3. Heilighaltung der Rechte der 
Familie, insbesondere beziiglich der Erziehung der Kinder; 4. Schutz des Indi- 
viduums gegen das Uberwuchern der Macht des Kapitals, insbesondere durch 
ErlaB von Wuchergesetzen nach dem Geiste des kanonischen Rechtes ; 5. gleich- 
maBigen Schutz und Forderung der Rechte und Interessen aller Berufsstande, 
insbesondere der Grundbesitzer; 6. ein christliches Arbeiterrecht nach Verein- 
barung mit den Arbeitern und Arbeitgebern . . . « 

Immer wieder betonte der Fiirst die Pflicht zur Arbeit als der Hauptquelle 
wirtschaftlicher Werte : » Wir sollen die zeitlichen Giiter nicht brachliegen lassen, 
sondern sie durch Verwertung unserer personlichen Krafte und Fahigkeiten 
mehren.« Diese Vermehrung der Werte durch nutzbringende Tatigkeit »ist 
fur jeden Menschen eine Pflicht gegenuber der Gesellschaft. Ohne Erfullung 
dieser Pflicht gebe es keinen Wohlstand, sondern gar bald allgemeinen Ruin«. 
Mit besonderer Umsicht suchte sich der Fiirst uber die Frage der Erlaubtheit 
der Kapitalwirtschaft im allgemeinen und der Zinsennahme im besonderen zu 
unterrichten. Anfang der achtziger Jahre erbat er sich dariiber Gutachten von 
hervorragenden Theologen, besonders vom Dominikanerpater Albert Maria 
WeiB und vom Jesuitenpater Lehmkuhl. Alle literarischen Erscheinungen, 
die Fragen von Kapital und Zins betrafen, verfolgte er mit groBter Auf- 
merksamkeit, und bei den » Haider Konferenzen« nahm die Erorterung iiber 
dieses Thema einen auBerordentlich breiten Raum ein. 

Als Ideal einer gesetzgebenden Korperschaft erschien dem Fiirsten die be- 
rufsstandische Interessenvertretung ; diese allein entspreche den Bedurfnissen 
der Zeit. Als Freiherr v. Loe im Winter 1895/96 mit seinem damals viel urn- 
strittenen sozialpolitischen Programm an die Offentlichkeit trat, hielt Fiirst L. 
dessen Kern und Angelpunkt fur durchaus richtig, namlich den Gedanken, 
daB die » Atomisierung der Gesellschaft von Ubel, und daB die Reorganisation 
der Gesellschaft durch Gliederung derselben und korporative Organisation 
neben Wiedererweckung des christlichen Geistes und Beobachtung des gott- 
lichen Willens als Richtschnur fiir Gesetz und offentliches und privates Leben 



190 1921 

das einzige Mittel ist, um wieder zu gesunden, gliicklichen sozialen Umstanden 
zu gelangen«. Ihm schwebte vor, »daB sich die biirgerliche Gesellschaft nicht, 
einem losen Sandhaufen gleich, als eine unorganisch zusammengefafite Menge 
von Individuen gestalten, sondern sich aufbauen miisse auf der Familie, um 
sich den einzelnen Berufsstellen entsprechend weiter zu gliedern zum Schutz 
und zur Forderung der Interessen aller, insbesondere der wirtschaftlich 
Schwachen. Durch eine solche berufstandische Organisation werde am erfolg- 
reichsten eine gleichmafiige Zuwendung des Wohlstandes in weiten Kreisen, 
die Griindung gesicherter, selbstandiger Existenzen und die Schaffung eines 
ausgebreiteten selbstandigen Mittelstandes angestrebt«. Wiederholt sprach der 
Fiirst diesen Gedanken auf den deutschen Katholikentagen aus, das erstemal 
1879 in Aachen. »Ich habe die voile tJberzeugung, « erklarte er dann ferner am 
5. Juli 1904 in der badischen Ersten Kammer, »daJ3 eine wahre, gesunde Volks- 
vertretung erst erreicht werden wird, wenn sich die Berufstande gesellschaftlich 
wieder in Berufskorperschaften organisiert haben und wenn diese neu organi- 
sierte Gesellschaft eine berufsgenossenschaftliche Interessenvertretung haben 
wird. « Deshalb wiinscht er auch in den Ersten Kammern Vertreter der Handels- 
kammern und der Gewerbekammern sowie der Landwirtschafts-, Handwerks- 
und der Arbeiterkammern zu sehen, sobald solche erst einmal gesetzlich mog- 
lich sein wiirden. »Im Mittelalter waren es Geburtsstande, « betonte er, »das, 
was ich aber fur die Jetztzeit als das zu Erstrebende und zu Erwunschende er- 
achte, sind Berufstande oder, wenn man will, berufsgenossenschaftliche Ge- 
staltung und Vertretung.« 

Unbedingt lehnt er »den allmachtigen, absoluten Staat« ab, »der alles leitet, 
regelt und beherrscht, demgegeniiber kein selbstandiges Recht bestehen darf , 
wahrend alles von seiner Gnade und Macht abhangt«. Gegen die Bestrebungen 
auf Schaffung des Staatsschulmonopoles fiihrte der Fiirst einen erbitterten 
Kampf . » Durch Anstalten und Institutionen helfend einzugreifen, wo die Krafte 
des einzelnen nicht ausreichen, das ist Pflicht und Obliegenheit der weltlichen 
Obrigkeit. « 

Gar kein Freund bureaukratischer Gleichmacherei, verlangt er »vor allem 
Anerkennung des Grundsatzes, hochstes und bestes Recht in der Welt ist das 
Recht vor unserem lieben Herrgott und Verwerfung jener Uniformitat, der 
als Ideal aller Staatseinrichtungen das Prokrustesbett erscheint: paBt er oder 
paBt er nicht, er muB hinein. « Der Staat, erklart er, diirfe »nur dort zu Zwangs- 
maBnahmen greifen, wo es sich darum handelt, Rechte zu schutzen, einen 
Zwang also nur ausuben, um eine Rechtsverletzung zu verhindern oder eine 
Rechtsverletzung wieder zu beseitigen. Uber dies hinaus tritt das Recht des 
Zwanges fur die weltlichen Behorden dann ein, wenn wichtige, notige, dem 
allgemeinen Wohl erforderliche Dinge in Frage kommen«. AUe seine poli- 
tische Tatigkeit bezweckte durch richtige Abgrenzung der Macht- und EinfluB- 
spharen immer nur eine Kraftigung des staatlichen Gefiiges, niemals dessen 
Erschiitterung. 

Dem Fiirsten war erstrebenswertes Ziel jeder politischen Tatigkeit, »mitzu- 
wirken an der Wiederherstellung christlicher Grundsatze in alien Verhaltnissen 
des offentlichen Lebens, die Erkampfung vollkommener Freiheit der katho- 
lischen Kirche auf kirchlichem Gebiete und ihre Anerkennung als eine voll- 
kommen eigenberechtigte Gesellschaft «. Die These, »die weltliche Macht und 



Lowenstein igi 

Autoritat sei nur ein AusfluB der geistlichen und stehe unter Oberleitung der 
letzteren«, lehnt er aber entschieden ab; demgemaB erklarte er 1907 anlaBlich 
der in Bayern vom Zentrum ausgegebenen Stichwahlparole : »Mit den Sozial- 
demokraten gegen die L,iberalen«, die dann tatsachlich dem bayerischen Libe- 
ralismus eine vernichtende Niederlage beibrachte, in einer Versammlung in 
Miinchen, »daB die Zentrumspartei, als eine politische, nicht konfessionelle 
Partei, in rein politischen Angelegenheiten unabhangig sei von der Beurteilung 
der kirchlichen Oberen«. 

Ebenso bemerkenswert wie diese kurz skizzierten grundsatzlichen Auf- 
fassungen des Fiirsten sind seine Lbsungsversuche verschiedener Einzelfragen. 

So ist ihm »die Schnle nur eine Hilfsanstalt fur die Families Er war der Mei- 
nung, die Volksschule sei »mit Lehrstoff iiberbiirdet und sollte wieder auf den 
fniheren Stand der reinen Elementarschule zunickgefuhrt werden«. Ganz be- 
sonders dringend erschien ihm die Notwendigkeit, daB die Gesetzgebung mit 
genossenschaftlichem Schutze zur Erhaltung eines bodenstandigen Handwerks 
vorgehe. Handel mit handwerksmaBigen Produkten will er nur von Innungen, 
Korporationen, Meisterverbanden oder Meistern des betreffenden Handwerkes 
betrieben wissen. »Solange jeder Jude einen Schuhwarenladen betreiben und 
zu Schleuderpreisen seine Waren, die er gegen Spottgeld vom armen Hand- 
werker sich liefern lieB, verkauf en und groBen Profit einstecken darf , « schrieb 
er, »sind alle anderen MaBnahmen zur Hebung des Handwerks vergeblich. « 
Es seien daher alle Magazine und Verkaufsgenossenschaften der Handwerker 
mit den starksten staatlichen Mitteln zu unterstiitzen. Uberdies wollte er die 
von ihm angestrebte f achgenossenschaf tliche Organisation auch f iir die gewerb- 
lichen Arbeiter in den Industrien eingefiihrt sehen. 

Auch fiir Arbeiterinnenorganisationen verwendete er sich bereits auBerst 
lebhaft zu einer Zeit, da solche im katholischen Lager noch sehr miBtrauisch 
betrachtet wurden. Zum besseren Schutze der industriellen Arbeiter verlangte 
der Fiirst nicht nur eine strenge Handhabe des Gewerbeaufsichtsgesetzes, 
sondern auch geregelte Fabrikinspektion, wobei ihm »erwunscht schien, daB 
der Fabrikinspektor auch ein Horrohr habe, durch das ihm die Beschwerden 
der Arbeiter bekannt wurden «. 

Abgesehen von dieser sozialen und politischen Tatigkeit ist das Leben des 
Fiirsten L. dadurch besonders markant, daB er an der Spitze jener katholischen 
Laien in Deutschland stand, die ihr Leben ganz in den Dienst der katholi- 
schen Religion und Kirche gestellt hatten. 

Manche seiner Vorschlage sind allermodernster Art, so z. B. der, man solle 
»bei Bemessung einer Strafe die Bestrafung jenach dem Vermogen desjenigen 
durchfiihren, der das Unrecht begangen hat«. Zur Begriindung dieses Vor- 
schlages fiihrte er sehr zutreffend aus, »daB jedes feststehende MaB von Strafen 
in den ziemlich engen Grenzen des Maximums und Minimums, wie es jetzt die 
Gesetze uns geben, zum groBen Teil eigentlich eine Ungerechtigkeit fiir die 
kleinen, schwachen Krafte ist, wahrend fiir diejenigen, die im Gelde schwelgen 
und reich begiitert sind, die Strafe eine Bagatelle sei«. 

Am bekanntesten wurde Fiirst L. in der breiten Offentlichkeit durch das 
Amt eines Kommissars der deutschen Katholikentage, das er von 1872 bis 1898 
verwaltete. Als solcher war er an hervorragender Stelle im Mittelpunkte der 
katholischen Laienbewegung tatig. Ihm oblag die Fuhrung im Kampfe fiir 



192 I92X 

die Unabhangigkeit des Papsttums und zugunsten der Losung der » romischen 
Frage«; er stand in der vordersten Reihe bei Bekampfung der Freimaurerei 
und des Duells. Unablassig war er besonders in der Kulturkampfzeit fiir die 
Unterstutzung der Kirchen und Priester, der Kloster und Ordensleute tatig. 
Die beiden hervorragendsten Beispiele dieser Art von Tatigkeit sind: seine 
gastfreundliche Auf nahme des Bekennerbischofs Peter Josef Blum von Limburg 
auf seinem furstlichen Schlosse Haid in Bohmen und die Errichtung der 
Benediktinerinnenabtei St. Hildegard bei Bingen. Seiner Tatkraft ist tiberdies 
die kunstlerische Ausschmiickung der deutschen Kapelle in Loretto zu ver- 
danken, in der Ludwig Seitz das Portrat des Fiirsten in einem Wandgemalde 
verewigt hat. In alien seinen Werken bewahrte sich der Fiirst als der ritter- 
lichste » A dvocatus ecclesiae «, auf dessen Schilde die Worte standen : » Ich diene « ; 
irgendwelche Herrschsucht und eitle Bestrebungen lagen seinem demiitigen 
Sinne vollig fern. Gerade diese absolute Lauterkeit in alien seinen Handlungen 
hat ihm die groBten Sympathien bei seinen Mitarbeitern und alien deutschen 
Katholiken eingetragen. 

Dafl diese so sehr von iibernatiirlichen Gesichtspunkten geleitete Personlich- 
keit schlieBlich als armer »Bruder Raimundus« im Predigerorden den Abend 
seines Lebens beschloB, ist nur der beste Beweis fiir die Folgerichtigkeit im 
Leben dieses seltenen Mannes. Mit Riihrung verfolgt man die letzten 14 Jahre 
des Greises im Ordensleben, das nicht weniger groB erscheint als das friihere 
Schaffen und Ringen des hochverdienten Fiirsten in der Welt. 

Literatur: K. Fiirst zu L. Ein Bild seines Lebens und Wirkens. Nach Briefen, Akten 
und Dokumenten. Von Paul Siebertz. Munchen 1924, Kosel-Pustet. XV und 577 S. 

Iyinza.d.D. Johann Knogler. 

Monger, Carl, o. Professor der Staatswissenschaften an der Universitat Wien, 
* am 28. Februar 1840 in Neu-Sandez in Galizien, f 26. Februar 1921 in Wien. — 
Carl M.s Vater betatigte sich in Neu-Sandez in Galizien als Rechtsanwalt. Die 
Manner der angeblich aus dem Egerlande stammenden vaterlichen Familie 
wandten sich zumeist der Staatsbeamtenlaufbahn oder dem Offizierstande zu, 
woraus sich der erbliche Adel erklart, den schon M.s GroBvater mit dem Pra- 
dikate: Edler von Wolfensgriin fuhrte. Aber M. und seine Briider, der seit den 
siebziger Jahren als deutschliberales Mitglied des osterreichischen Abgeordneten- 
hauses im Vordergrund stehende Rechtsanwalt in Wien Max M. und der spater 
durch seine hervorragenden juristischen und sozialwissenschaftlichen Werke 
beruhmt gewordene nachmalige Wiener Universitatsprofessor Anton M., legten 
den Adel schon friihzeitig einverstandlich ab. Die Mutter war die Tochter eines 
vermogenden Kaufmannes, der aus Bohmen nach Galizien iibersiedelte, wo er 
eine Staatsdomane angekauft hatte. M. besuchte die rechts- und staatswissen- 
schaftlichen Fakultaten in Wien und Prag. Schon als Student in Prag schrieb 
er fiir Prager und Lemberger deutsche Zeitungen, und in Wien, wohin er in der 
Mitte der sechziger Jahre zuruckkehrte, setzte er seine journalistische Tatigkeit 
fort, die ihm schon f ruh die Beschaftigung mit volkswirtschaftlichen und staats- 
finanziellen Problemen nahelegte, welche damals in Osterreich wegen der ein- 
heimischen Vorgange die offentliche Aufmerksamkeit besonders stark in An- 
spruch nahmen. Er arbeitete sich auf diesem Gebiete immer mehr ein; im 



Lowenstein. Menger Iqq 

Jahre 1871 unter dem Ministerium Auersperg in das Ministerratsprasidium be- 
nifen, wurde er im volkswirtschaftlichen Teile der amtlichen » Wiener Zeitung« 
beschaftigt, wo er die nationalokonomischen und staatsfinanziellen Tages- 
ereignisse zu bearbeiten hatte. Eine Anzahl von Jahren vorher war er, um 
das voile Verstandnis der erwahnten Vorgange zu erreichen, daran gegangen, 
sich mit der Wirtschaftstheorie zu befassen, und die unbefriedigenden Ein- 
driicke, die das Studium der volkswirtschaftlichen I,iteratur bei ihm hervor- 
rief, die Einsicht, daB die herrschenden Auffassungen erfahrungswidrig und 
liickenhaft seien, bestimmten ihn, seine eigenen Ansichten zu entwickeln. Mit 
einer bei seiner vielfachen sonstigen Beschaftigung erstaunlichen Kraftleistung 
vollendete er im Jahre 1870 diese Darlegung seiner Ideen, die dann im Jahre 
1871 unter dem Titel »Grundsatze der Volkswirtschaftslehre. Erster allge- 
meiner Teil« in Wien erschienen ist. Mit diesem Buche habilitierte er sich im 
Jahre 1872 als Privatdozent fur politische Okonomie an der rechts- und staats- 
wissenschaftlichen Fakultat der Wiener Universitat. Schon im folgenden Jahre 
zum auBerordentlichen Professor in Wien ernannt, schied er aus dem Ministe- 
rium aus. Im Jahre 1876 wurde er zum Lehrer des Kronprinzen Rudolf fur poli- 
tische Okonomie und Statistik bestellt und begleitete ihn dann auf seinen 
Studienreisen durch die Schweiz, England, Schottland, Irland, Frankreich und 
Deutschland in den Jahren 1877 und 1878. Im Sommersemester 1878 nahm er 
seine akademische Lehrtatigkeit in Wien wieder auf und setzte sie (seit Fe- 
bruar 1879 als ordentlicher Professor) mit groBem Erfolge fort, bis zu seinem 
Riicktritt vom Lehramte, den er 1903, acht Jahre vor erreichter Altersgrenze, 
vollzog, um mehr Zeit fur seine wissenschaftlichen Forschungen zu gewinnen. 
Die »Grundsatze der Volkswirtschaftslehre « sind eine hervorragende Lei- 
stung, in der iiber grundlegende Probleme der Volkswirtschaft neue Ansichten 
entwickelt werden, die zu den damals herrschenden klassischen L,ehren in 
vollem Gegensatz sich befinden, und schlieBlich als zutreffend von der Wissen- 
schaft groBtenteils angenommen wurden. So wird zunachst das Wesen des 
wirtschaftlichen Gutes erklart, indem M. als dessen Merkmal die Tatsache in 
den Vordergrund stellt, daB die Giitervorrate im ganzen dem Bedarfe nicht 
geniigen, eine Auffassung, die spater unter der Bezeichnung der Knappheit der 
Giiter zur Geltung gelangte. Er hat ferner die Welt der Giiter nach deren Be- 
stimmung gegliedert, in Ordnungen eingeteilt. Die erste Ordnung umfaBt die 
Giiter, die unmittelbar Bedurfnisse befriedigen, z. B. Brot; Mehl gehort in die 
zweite Ordnung, Weizen in die dritte Ordnung usw. Die Giiterqualitat eines 
Gutes zweiter, dritter usw. Ordnung setzt die Verfiigung iiber die komplemen- 
taren Giiter derselben Ordnung voraus, also zum Mehl miissen beim Backer 
hinzutreten: Feuerungsmaterial, Werkzeuge, Backofen, Arbeitsleistungen, und 
indem jedes einzelne in dieser Weise durch die iibrigen erganzt wird, erlangt es 
die Gutsbeschaffenheit. Aber diese ist von der Gutsbeschaffenheit der ent- 
sprechenden Giiter niederer Ordnung bedingt: Weizen von der des Mehles, 
dieses von der des Brotes. Der ganze Produktionsverlauf der Giiter wird durch 
diese Betrachtung klar und es ist offenkundig, daB ein Gut hoherer, also zweiter, 
dritter usw. Ordnung seine Gutsqualitat nur daraus ableiten kann, daB es bei 
der Herstellung des SchluBgutes mitwirkt und daB die Gutsqualitat des letzteren 
nicht davon abhangt, daB zu seiner Herstellung Giiter hoherer Ordnung auf- 
gewendet wurden. 

DBJ 13 



194 I 9 21 

In Entfaltung der dargestellten Auffassungen gelangt M. in seinen weiteren 
Erorterungen zu hochst bemerkenswerten Ergebnissen. Die relative Seltenheit 
der wirtschaftlichen Giiter hat zur Folge, daB man mit dem Verluste irgend- 
eines Teiles des Besitzes an solchen Giitern eine NutzenseinbuBe erleidet. Da- 
mit ist der Begriff des subjektiven Wertes gewonnen, unter dem die Bedeutung 
konkreter Giiter zu verstehen ist, da!3 wir bei der Befriedigung unserer Bediirf- 
nisse von der Verfiigung iiber sie abhangig zu sein uns bewuBt sind. Das gilt 
von wirtschaftlichen Giitern erster wie hoherer Ordnung. Wert ist also etwas 
anderes als Niitzlichkeit, Giiter, die in gesicherter iiberschiissiger Fiille arbeits- 
los zur Verfiigung stehen, haben Niitzlichkeit, aber keinen Wert. Der subjek- 
tive Giiterwert, also die dem Einzelnen zu BewuBtsein gelangende Abhangig- 
keit von einem konkreten Gute, ist von der der Bedurfnisbefriedigung, dk 
durch das Gut hervorgerufen wird, individuell beigelegten Wichtigkeit abge- 
leitet, und indem M. diese darlegt, entwickelt er das damals unbekannte 
psychische Gesetz, daB innerhalb einer Bediirfnisperiode jeder hinzukommende 
Akt der Befriedigung desselben Bediirfnisses als minder wichtig empfunden 
wird, als der vorausgehende, der mit einer Gutermenge gleicher Art und GroBe 
vorgenommen wurde. Man hat zwischen der Wichtigkeit der Bediirfnisgat- 
tungen und der der einzelnen Regungen des Bediirfnisses in derselben Bediirf- 
nisperiode zu unterscheiden ; ist z. B. das Nahrungsbedurfnis einer Person 
wegen vorausgegangener Befriedigungsakte sehr abgespannt und das Rauch- 
bediirfnis derselben Person im selben Zeitpunkte sehr angespannt, so wird eine 
Zigarre als wichtiger dem letzten Gang der Mahlzeit vorgezogen. Selbstverstand- 
lich kann der einzelne, je nachdem ihm fur die Bediirfnisperiode mehr oder 
weniger von einer GenuBgiitergattung zur Verfiigung stent, Bediirfnisregungen 
desselben Bediirfnisses von sehr verschiedener Wichtigkeit befriedigen. Fur den 
subjektiven Wert der Teilmenge aus einem Giitervorrat ist maBgebend die 
Wichtigkeit der Befriedigung, auf die bei Verlust verzichtet werden miiBte, und 
das ist die der unwichtigsten Bediirfnisregung, fur die die Teilmenge in Be- 
tracht kommt. In demselben Sinne vollziehen sich die Erwagungen bei Er- 
werbung von Teilmengen einer GenuBgiiterart. Die subjektive Bewertung der 
Giiter hoherer Ordnung hangt von der des GenuBgutes ab, das aus ihnen hervor- 
geht. Der subjektive Wert eines Gutes erster Ordnung bestimmt den der Giiter- 
gruppe zweiter Ordnung, aus der jenes hervorgegangen und das setzt sich fiir 
die weiteren in Betracht kommenden Gruppen von Giitern hoherer Ordnung 
fort. Die damals herrschende Lehre machte den Wert der GenuBgiiter von den 
bei ihrer Herstellung erforderlichen Giiteraufwendungen abhangig, eine unzu- 
langliche Auffassung, die z. B. bei der Bewertung des Bodens als Produktions- 
gut und der Arbeit versagt. M. kehrt das Verhaltnis um, indem der subjektive 
Wert der Giiter hoherer Ordnung von dem voraussichtlichen Wert der aus 
ihnen hervorgehenden GenuBgiiter bedingt ist. Er gibt auch die Methode an, 
um den Wert des GenuBgutes auf die einzelnen Giiter hoherer Ordnung zu ver- 
teilen, die wegen der Komplementaritat die Produktionsgiitergruppe bilden, 
der das GenuBgut entstammt, was dann auf alle Giiter hoherer Ordnung an- 
gewendet werden kann. Dadurch ist die einheitliche Erklarung des Wertes der 
Boden- und Kapitalnutzungen und der Arbeitsleistungen ermoglicht. Das oben 
erwahnte Gesetz der Nutzensabnahme wurde im selben Jahre 1871 von Jevons 
selbstandig und im Jahre 1874, unabhangig von diesem und von M. von Walras 



Menger ig«j 

entwickelt. Nachtragliche Durchsuchung der Literatur hat ergeben, dai3 auf 
den abnehmenden Nutzen 1738 vom Mathematiker Bernouilli hingewiesen 
wurde, ebenso dafi Bentham sich eingehend mit dieser Tatsache beschaftigt, 
ferner dafl Dupuit sie im 19. Jahxhundert ausgesprochen hat. Aber das spielt 
keine Rolle. Das Buch von Gossen »Entwicklung der Gesetze des menschlichen 
Verkehres« usw. aus dem Jahre 1854, das dieses psychische Gesetz eingehend 
erortert, ist den genannten drei neuen Forschern bei Abfassung ihrer erwahnten 
Werke nicht zur Kenntnis gelangt, iiberhaupt lange Zeit ganz unbeachtet ge- 
blieben, so daB man sagen kann, das Gesetz vom abnehmenden Nutzen sei in 
der entscheidenden Zeit unbekannt gewesen. 

Die subjektiven Werte sind fur die Preisbildung maflgebend, weil das, was 
der einzelne fiir ein Gut bietet oder verlangt, schlieBlich von seinen Nutzens- 
erwagungen bedingt ist. Die Lehre faBte das dabei zu losende Problem friiher 
haufig so auf, als handle es sich darum, die vermeintliche Wertgleichheit 
zwischen den ausgetauschten Giitern zu erklaren, die es aber, wie M. feststellt, 
gar nicht gibt, weil Aquivalente im objektiven Sinne nicht bestehen. Eine solche 
Auffassung wiirde dem Wesen des Tausches und der subjektiven Natur des 
Wertes widersprechen. Die Preisbildung wird von M. bei isoliertem Tausch, bei 
Angebotsmonopol und bei freier Konkurrenz immer auf der Wertgrundlage in 
origineller, geistvoller Weise dargestellt, wonach er die wenig behandelte Frage 
der ungleichen Absatzfahigkeit der Giiter erortert, was ihn zur Geldtheorie 
hiniiberleitet. Der Tauschzweck, so fiihrt er aus, wird leichter erreicht, wenn 
der einzelne das Gut, das er abgeben will, zunachst gegen ein Gut besserer Ab- 
satzfahigkeit vertauscht und derartige Tauschakte bis zur Erreichung seines 
Zieles wiederholt. Durch die Haufung solcher Tauschgeschafte wird allmahlich 
ohne Ubereinkunft der Beteiligten, ohne staatlichen Zwang, ja ohne Riicksicht- 
nahme auf das allgemeine Interesse die Erscheinung zustande gebracht, dafi 
eine gewisse Anzahl von Giitern, und zwar jene, die mit Riicksicht auf Ort und 
Zeit die absatzfahigsten sind, von jedermann im Austausche angenommen 
werden, deshalb auch gegen jede andere Ware umgesetzt werden konnen, und 
das Geld bilden. 

»Die Grundsatze« hatten trotz ihres reichen Inhaltes, trotz der Neuheit der 
entwickelten Ideen und trotz ihrer strengen Wissenschaftlichkeit zunachst 
keinen Erfolg. Auf den deutschen Universitaten herrschte die geschichtliche 
Richtung der Nationalokonomie, die theoretischen Untersuchungen nur ge- 
ringes Interesse entgegenbrachte und sich auf diesem Gebiete mit den haltlosen 
Ergebnissen der klassischen Doktrin begniigte. Im Laufe der Zeit hat sich die 
Beurteilung aus verschiedenen Griinden vollig geandert. Wie schon erwahnt, 
entwickelte Jevons in seinem fast gleichzeitig mit den »Grundsatzen« M.s er- 
schienenen bedeutenden Werke »The theory of political Economy « eine auf 
der Nutzensidee beruhende, mit der M.s ubereinstimmende Wertlehre; er 
betont ebenfalls die ungleiche Wichtigkeit der dem einzelnen fiir eine Bediirf- 
nisperiode zur Verfiigung stehenden Teilmengen eines Gutes, bezeichnet den 
jeweils wirtschaftlich gestatteten geringsten Nutzen als final degree of utility 
(Grenznutzen nach Wieser) und hebt dessen entscheidende Bedeutung fiir das 
Verstandnis der wirtschaftlichen Erscheinungen hervor. Da in der englisch ge- 
schriebenen volkswirtschaftlichen Literatur die Auffassungen der deutschen 
geschichtlichen Schule iiber die Aufgaben der Nationalokonomie weit iiber- 



ig6 1921 

wiegend nicht geteilt wurden und die Pflege der Theorie dort nie unterbrochen 
war, so fanden die Lehren von Jevons von vornherein Beachtung und schon 
fruh Zustimmungen von gewichtiger' fachmannischer Seite. Das wirkte natiir- 
lich auch zugunsten M.s. Dazu kommt, daB fur dessen volkswirtschaftliche 
Lehren zwei bedeutende wissenschaftliche Krafte eintraten, die besonders seine 
Wert- und Preis theorie in alle Einzelheiten verfolgten und derart erganzten, 
daB sie ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet. So fiigte Wieser die Kosten- 
auffassung in die Grenznutzenlehre ein; Bohm-Bawerk (s. DBJ 1, S. 3 — 7) hat 
ebenfalls die Wert- und Preislehre wesentlich erganzt und sie in hochst wirk- 
samer Weise dargestellt. Als Bestandteil in sein beruhmtes Werk »Kapital und 
Kapitalzins« aufgenommen, fand diese Wert- und Preistheorie durch die eng- 
lische und franzosische Ubersetzung weiteste Verbreitung, was auch von der 
englischen Ubersetzung des Wieserschen Werkes »Der natiirliche Wert« gilt. 
Kennzeichnend fiir den Eindruck dieser Richtung ist das Buch von Smart : An 
introduction to the theory of value on the lines of Menger, Wieser and Bohm- 
Bawerk, aus dem Jahre 1891, das jetzt bei der vierten Auflage halt. Das Werk 
von Walras wirkte gleichfalls mit, um die neue Wertlehre zur Geltung zu 
bringen. Endlich fallt auch die Anderung der methodologischen Auffassungen 
ins Gewicht, zu der M. den AnstoB gab, was nun darzustellen ist. 

Das Erkenntnisobjekt der alteren deutschen geschichtlichen Schule der 
Wirtschaftswissenschaften tritt gegeniiber dem des neueren deutschen volks- 
wirtschaftlichen Historismus in den Hintergrund. Dieser wandte gegen die 
klassische Nationalokonomie wie auch gegeniiber dem Marxismus ein, daB sie 
von einer abstrakten Menschennatur ausgehen und auf dieser unwirklichen 
Grundlage ein System der Volkswirtschaft aufbauen, das nicht anders als un- 
richtig sein konne. So wie die psychische, fehle die Fundierung durch ent- 
sprechende Kenntnisse auf dem Gebiete der Wirtschafts- und Rechtsgeschichte. 
Daraus folge die Notwendigkeit von Einzelforschungen nach diesen Rich- 
tungen und es wird die Gewinnung partieller feststehender Wahrheiten als 
nachstes Ziel aufgestellt. Die Erfolge anderer Wissenschaften, die auf empi- 
rischem Wege gewonnen wurden, zeigen die einzuschlagende Richtung ; bei der 
volkswirtschaftlichen Forschung sei die Enge des Horizontes und des verfiig- 
baren Erfahrungsmaterials unverkennbar. Methodische Einzelarbeit, reali- 
stische Detailforschung in der Wirtschaftsgeschichte, der Wirtschaftspsycho- 
logie, wie bei Behandlung von Einzelgebieten trete an die Stelle der fruheren 
Generalisationen ; groBe langwierige Beobachtungsreihen und sorgfaltig aus- 
gefuhrte Materialsammlungen seien notig, und zu wirtschaftlichen Gesetzen 
und sicheren allgemeinen Urteilen iiber Bewegungstendenzen konne man nur 
gelangen, wenn vorher eine groBe brauchbare Literatur hergestellt ist. Fiir die 
Nationalokonomie werde eine neue Epoche kommen, »aber nur durch Ver- 
wendung des ganzen historisch-deskriptiven Materials, das jetzt geschaffen 
wird, nicht durch weitere Destination der hundertmal destillierten abstrakten 
Satze des abstrakten Dogmatismus«. 

Dieser fiir die deutsche Nationalokonomie jener Zeit maBgebend gewordenen 
Auffassung ist M. in seinem Buche: »Untersuchungen iiber die Methode der 
Sozialwissenschaften und der Politischen Okonomie insbesondere« (Leipzig 
1883) entgegengetreten. Es handelt sich iibrigens in diesem Werke nicht um die 
Wege, sondern um die Ziele der Forschung auf volkswirtschaftlichem Gebiete. 



Menger 197 

Zu denErorterungen iiber dieseFragen, diesich an dasM.scheBuch anschlossen, 
ist zu bemerken, daB die ausschlieBliche Anwendung eines wissenschaftlichen 
Verfahrens, welches die auBeren volkswirtschaftlichen Tatsachen sammelt, um 
daraus Schliisse abzuleiten, nicht immer zum Ziele fuhrt, indem bei nicht 
wenigen Untersuchungen die Ermittlung der Gesetze der Wirtschaftlichkeit 
die erwiinschten Einsichten in die Wirklichkeit eroffnet, deren Verstandnis der 
Endzweck der wissenschaftlichen Betatigung bleibt. Man versteht z. B. die 
Preise iiberhaupt oder leichter, wenn man von der streng wirtschaftlichen 
Preisbildung ausgeht, die man allein durch Feststellung der Gesetze der Wirt- 
schaftlichkeit kennen lernt. Die bekannten Annahmen, unter denen man den 
ProzeB der Herausbildung der Preise unter solchen Umstanden verlaufen lassen 
muB, entsprechen der Wirklichkeit nicht, aber diese ist von dem vorausgesetzten 
Zustand der in Betracht kommenden Erscheinungen keineswegs so verschieden, 
daB die Ergebnisse fur das Verstandnis der gegebenen Preise entbehrlich waren. 
Diese Forschungsrichtung, deren Ziel die Feststellung von strengen Gesetzen 
der Erscheinungen ist, nennt M. exakt. Bei alien exakten Wissenschaften wird 
auf die einfachsten Elemente der Erscheinungen zuriickgegangen, ohne Riick- 
sicht darauf , ob sie in der Wirklichkeit als selbstandige Erscheinungen vor- 
handen oder in voller Reinheit iiberhaupt selbstandig darstellbar sind, und aus 
diesen unempirischen Elementen werden in gleichfalls unrealistischer Isolie- 
rung die komplizierten Erscheinungen abgeleitet. In diesem Sinne spricht M. 
von einer exakten Nationalokonomik, welche die typischen volkswirtschaft- 
lichen Erscheinungen und Zusammenhange entsprechend der Beschaffenheit 
der einfachsten Elemente, die den Ausgangspunkt bilden, allein vom Gesichts- 
punkte der Wirtschaftlichkeit erf aBt ; sie entfernt sich, so wie einzelne Natur- 
wissenschaften und die Mathematik in ihren Grundannahmen von der Wirk- 
lichkeit, aber sie hilft mit, diese verstandlich zu machen. 

Neben der exakten gibt es nach M. eine zweite Richtung der theoretischen 
Forschung auf volkswirtschaftlichem Gebiete, welche die Ermittlung tatsach- 
licher RegelmaBigkeiten in dem Nebeneinander und in der Aufeinanderfolge 
der realen Erscheinungen bezweckt. Er nennt sie empirisch-realistisch ; es ist 
das die von der nationalokonomisch-historischen Schule als allein berechtigt 
anerkannte wissenschaftliche Forschungsweise, deren groBe Leistungen und 
Erfolge bekannt sind, die M. selbst hervorhebt, deren Einseitigkeit oben er- 
wahnt wurde. Was ihre Anwendung betrifft, so gibt es viele Falle, wo die Tat- 
sachengrundlage so verwickelt ist, daB umstandliche Erhebungen erforderlich 
sind, um sie festzustellen. Bei den Preisen z. B. werden in diesem Sinne die 
GroB- und die Kleinverkehrspreise derselben Giiter immer wieder ermittelt, 
man stellt ihren Abstand und ihre Bewegungen fest, die beziiglich ihres 
Parallelismus verglichen werden, wobei sich GleichmaBigkeiten des Neben- und 
Nacheinander dieser Erscheinungen zeigen, auf deren Wiederkehr nach den 
Grundsatzen der Induktion gerechnet werden kann. Ferner: beim Arbeits- 
verhaltnis in den kapitalistischen Gewerbebetrieben sind die Stimmungen der 
Arbeiterschaft, ihre Anspriiche wegen Stellung in der Unternehmung zu er- 
heben, die sich als typisch erweisen und die richtige Beurteilung dieses Gebietes 
ermoglichen. Damit ist fiir unsere Zwecke der Standpunkt M.s in diesen Fragen 
geniigend gekennzeichnet, so daB ein Eingehen auf die anderen Teile des Werkes 
unterbleiben kann. 



198 1921 

Dieses Buch M.s wurde von vornherein von den Fiihrern der neueren national - 
okonomisch-historischen Richtung in Deutschland bedingungslos abgelehnt, 
aber im L,aufe der Zeit hat sich die Beurteilunggewandelt. Ohne von M. zu wissen 
und ohne Beachtung der Wirtschaftswissenschaften hat mehr als zehn Jahre 
nach dem Erscheinen des Buches von M. uber die Methodenf rage ein hervorragen- 
der Vertreter der logischen Fachwissenschaft in Deutschland, Windelband, l eine 
Gliederung der Wissenschaften unternommen, die alsbald Zustimmung fand, 
wonach die Wissenschaften unterschieden werden in solche, die Gesetze auf- 
finden, und in solche, die einen besonderen Vorgang oder Zustand darstellen 
wollen, was spaterhin in der Weise abgegrenzt wurde, daB man Wissenschaften 
mit naturwissenschaftlicher und solche mit geschichtlicher Betrachtungsweise 
der Wirklichkeit, Gesetzes- und Geschichtswissenschaft unterschied. Dieselbe 
Gliederung hatte M. mit den Bezeichnungen : Erkenntnis des Generellen oder 
des Individuellen gegeben. Zur theoretischen Durchdringung des Forschungs- 
gebietes wird in den erstgenannten Wissenschaften ein vom Erfahrungsobjekt 
verschiedenes Erkenntnisobjekt gebildet. Welche Annahmen beziiglich der 
Volkswirtschaft gemacht werden, um die typischen Erscheinungsformen und 
Zusammenhange zu finden, wurde oben erwahnt. In der Volkswirtschaftslehre 
ist, wie dargetan, die Ermittlung der Gesetze der Wirtschaftlichkeit nicht zu 
entbehren, um die Wirklichkeit zu verstehen, so daB beide Richtungen der 
Forschung berechtigt sind, und auf dieser Grundlage ist schlieBlich Beruhi- 
gung eingetreten. Gide sagt von dem Buche M.s, es sei »un livre veritablement 
classique par le style et par la penetration de la penseen (»Histoire des doctrines 
economiques depuis les Physiocrates ptsqu'd nos jours «, von Gide und Rist, 

4. Aufl. 1922, S. 463). 

Die beiden besprochenen Werke M.s sind seine wissenschaftlichen Haupt- 
leistungen. Ein Teil seiner iibrigen Veroffentlichungen gehort zur Theorie der 
Volkswirtschaft, und zwar die Abhandlung uber das »Kapital«, die den neuen 
Auffassungen dieses Problems nahesteht, dann der groBe Beitrag iiber das »Geld« 
im Handworterbuch der Staatswissenschaften, durch den die Geldlehre in 
wesentlichen Punkten stark gefordert wurde. Einzelne Arbeiten hangen mit der 
Methodenf rage zusammen; das gilt von der Streitschrift gegen Schmoller »Die 
Irrtiimer des Historismus in der deutschen Nationalokonomie« und von der 
Abhandlung »Grundziige der Klassifikation der Wirtschaftswissenschaften «. 
Die Mitwirkung M.s an der Enquete iiber die Reform der osterreichischen Wan- 
ning im Jahre 1892, die anschlieBenden Gesetzgebungsakte und Vorgange auf 
dem Gebiete des osterreichischen Geldwesens boten M. den AnlaB zu einer Reihe 
von Veroffentlichungen. 

Von M. nimmt die sogenannte osterreichische Schule ihren Ausgang, als deren 
Haupt und Begriinder er bezeichnet wird. Die Tatsache, daB eine Anzahl von 
osterreichischen Nationalokonomen, wie ihre Arbeiten beweisen, die Pflege der 
volkswirtschaftlichen Theorie in den Vordergrund stellt, dabei die von M. als 
exakt bezeichnete Forschungsrichtung als berechtigt anerkennt, unterschied 
sie von dem damals in Deutschland herrschenden deskriptiven und wirtschafts- 
geschichtlichen Wissenschaftsbetriebe, und fuhrte zu einer besonderen Be- 

1 In seiner Strafiburger Rektoratsrede vom 1. Mai 1S94: Geschichte und Naturwissen- 
schaft, 3., unveriinderte Auflage, StraBburg 1904, s. Deutsches Biogr. Jahrb. 1914 — 16, 

5. 183. 



Meager igg 

zeichnung dieser Gruppe. Es handelte sich darum, die Theorie der Volkswirt- 
schaft auf den von M. gelegten Grundlagen auszubauen ; man hat es mit iiber- 
einstimmenden Grundauffassungen einer Reihe von Forschern aus dem ehe- 
maligen Osterreich zu tun, unter denen Bohm-Bawerk und Wieser hervorragen. 
Man brachte dieser Richtung groBes Interesse in den Gebieten entgegen, wo die 
volkswirtschaftliche Theorie immerfort gepflegt wird, also neben Osterreich- 
Ungarn in England, den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich, Italien, 
den Niederlanden und Schweden, von wo auch die ersten Zustimmungen zu den 
neuen Lehren kamen ; auch von Deutschland blieb nach f riiherer vereinzelter 
eine allgemeinere Anerkennung nicht aus, namentlich ist die Wurdigung des 
methodologischen Standpunktes und der Wertlehre M.s durch Max Weber her- 
vorzuheben. Durch die Verbreitung seiner Lehren wurde M. ein weltbekannter 
Fachmann und er hat alle Ehrungen erfahren, die Forschern von gehobener 
wissenschaftlicher Stellung zuteil werden. AnlaBlich seines 60. Geburtstages 
wurde er zum Mitgliede des osterreichischen Herrenhauses ernannt, doch ist er 
als solches nie hervorgetreten, da ihm die Politik keinen Anreiz bot. Er war 
wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien und gehorte 
auswartigen Akademien an. Er war mehrfacher Ehrendoktor. Zu seinem 
80. Geburtstage verlieh ihm die rechts- und staatswissenschaftliche Fakultat 
in Wien das Ehrendoktorat der Staats wissenschaften, das zugleich das erste 
osterreichische staatswissenschaftliche Doktorat war. Wenige Tage nach ab- 
geschlossenem 81. Lebensjahre starb er nach kurzer Krankheit am 26. Februar 
1 92 1 in Wien. Mit ihm ist ein Forscher dahingegangen, der nach Prof. Wicksell 
die Entwicklung der volkswirtschaftlichen Theorie in starkerem MaBe beein- 
fluBt hat als irgendein Nationalokonom seit Ricardo. 

Q u e 1 1 e n : Die samtlichen in Buchfonn oder in Zeitschriften erschienenen Ver- 
offentlichungen M.s sind aufgezahlt im Almanach der Wiener Akademie der Wissen- 
schaften, Jahrg. 71 (192 1), S. 25 if. 

Im Jahre 1923 hat der Sohn M.s, der Mathematiker Dr. Karl M., eine zweite Auflage 
der »Grundsatze der Volkswirtschaf tslehre « aus dem NachlaO herausgegeben. Sie enthalt 
mannigfache Erganzungen aus den Aufzeichnungen des Verfassers und an Stelle des Ab- 
schnittes iiber das »Geld« der ersten Auflage wurde der Artikel »Geld« aus der dritten Auf- 
lage des Handworterbuches der Staatswissenschaften mit einigen, vom Verfasser her- 
riihrenden spraclilichen Anderungen und kiirzeren Ausgestaltungen an wenigen Stellen 
abgedruckt. Die zweite Auflage der »Grundsatze« ist vom Herausgeber, wie er in der 
Einleitung mitteilt, als der erste Band der Gesammelten Werke von M. gedacht; der 
zweite Band soil teils publizierte, zum groflen Teil aber bisher unveroffentlichte methodo- 
logische Schriften, der dritte Band kiirzere Aufsatze vermischten. insbesondere wirtschafts- 
theoretischen, methodologischen und erkenntnistheoretischen Inhalts, sowie autobiogra- 
phische Aufzeichnungen M.s enthalten. In der Einleitung zu den »Grundsatzen« wird vom 
Herausgeber dargestellt, warum bei Lebzeiten des Verfassers dieses langst vergriffene 
Werk nicht neu aufgelegt wurde und seit den neunziger Jahren t)bersetzurigen in fremde 
Sprachen unterblieben. In der Festnummer der Ekonotnisk Tidskrift, Stockholm, zu Ehren 
von Knut Wicksell, Nr. 12, 1921, ist ein Brief von M. an Bohm-Bawerk iiber das Zins- 
problem aus dem Jahre 1884 abgedruckt, der also nach Erscheinen des ersten Bandes 
des Bohmschen Werkes, der die Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorie enthalt, 
verfafit wurde. 

Literatur: Fiir die Zeit bis 1910 wird auf die Literaturangaben der dritten Auflage 
des Handworterbuches der Staatswissenschaften, Art. Carl M., 6. Bd., S. 648 f., verwiesen, 
wozu hier einige Erganzungen beigef iigt sind, und zwar Max Weber, Roschers historische 
Methode, 1903; Die Objektivitiit sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkennt- 
nis, 1904; Die Grenznutzenlehre und das » psychophysische Grundgesetz«, 1908, samtlich 
abgedruckt in »Gesammelte Aufsatze zur Wissenschaf tslehre « von Max Weber, Tii- 



200 1921 

bingen 1922; — Gide-Rist, Histoire des doctrines iconomiques depuis les physiocrates jusqu'b 
nos jours, Paris 1909, 4. Aufl. 1922. — Fur die Jahre seit 1910 sind zu erwahnen: Zucker- 
kandl, CM., Zeitschrift fiir Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. 19, 191 o; 
— Spann, Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre, Leipzig 19 10, 16. Aufl. 1926; — 
Feilbogen, L'Ecole Autrichienne de Viconomit politique, Journal des Economistes, 191 1 bis 
19 1 4 (besonders kommen die Jahrgange 191 1 und 191 2 in Betraeht); — Schumpeter, 
Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte (Grundrifi der Sozialokonornik, I. Abt.„ 
Tubingen 19 14, 2. Aufl. 1924) ; — Wieser, Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft (Grund- 
rifl der Sozialokonornik, I. Abt., Tiibingen 1914, 2. Aufl. 1924) ; — Wieser, Carl M., Almanach 
der Akademie der Wissenschaften in Wien fiir das Jahr 192 1, Wien 192 1 ; — Schumpeter, 
Carl M., Zeitschrift fiir Volkswirtschaft und Sozialpolitik, N. F., Bd. 1, 1921 ; — Wieser in 
der Universitatsschrift: Die feierliche Inauguration des Rektors der Wiener Universitat 
fiir die Studienjalire 1921/22, W T ien 192 1 ; — Knut Wicksell, Carl M., Ekonomisk Tidskrift, 
1922 ; — Salin, Geschichte der Volkswirtschaftslehre (Knzyklopadie der Rechts- und Staats- 
wissenschaften, Abt. Staatswisscnschaft, Herausgeber Arthur Spiethoff, Berlin 1923); — 
Wieser, Carl M., Neue Osterreichische Biographie, Wien 1923; — Bohm-Bawerk, Die oster- 
reichische Schule (Gesammelte Schriften von Eugen v. Bohm-Bawerk, Wien 1924, deutsche 
Ubersetzung der in englischer Sprache erschienenen Abhandlung: The Austrian Econo- 
mists); — Bousquet, Les nouvelles tendences de Vicole autrichienne, Revue d' Economic 
politique, Bd. 38, 1924. 

Prag-Smichow. Robert Zuckerkandl. f 

Mitteis, Ludwig, ordentlicher Professor fiir romisches Recht und deutsches 
btirgerliches Recht an der Universitat Leipzig, Dr. jur. und Dr. phil. h. c, 
Geh. Rat, * in Laibach (Krain) am 17. Marz 1859, f in Leipzig am 26. Dezember 
192 1. — M. entstammte einer altosterreichischen Beamtenfamilie. Der Vater 
war zur Zeit der Geburt des Sohnes Gymnasialdirektor in Laibach, einer damals 
noch deutschen Stadt, an deren Mauern aber bald die slowenisch-nationale Be- 
wegung brandete. In dem fiir Osterreich und — wie die Folge zeigte — in seinen 
Auswirkungen auch fiir die groBdeutsche Idee folgenschweren Jahre 1866 
siedelte die Familie nach Wien uber, wo der Vater zur Leitung des Theresia- 
nischen Gymnasiums und der damit verbundenen Theresianischen Akademie, 
einer adeligen Erziehungsanstalt, berufen wurde. Dieser stark altosterreichische 
EinfluB ist fiir den Knaben bestimmend geworden und hat den Mann in alien 
politischen und nationalen Enttauschungen der Folgezeit bis zum oster- 
reichischen und deutschen Zusammenbruch begleitet. J a, die osterreichische 
Einstellung, die sich nicht schildern, auch kaum richtig verstehen laJ3t, es sei 
denn, daB man sie selber habe, ist in den letzten Jahren in Gesprachen starker 
hervorgetreten als zeitweise fruher. Aus seiner Werdezeit nimmt er dann noch 
die entschiedene und jedem Zugestandnis abholde Vorliebe fiir die humanistische 
Ausbildung mit sich, die er noch in seinen letzten Jahren gegen bekannte 
Modernisierungsversuche Unkundiger in einem Wiener Vortrage verteidigt hat. 
Insbesondere fiir die juristische Schulung halt er — schon um der Lehre des 
romischen Rechtes willen — das Gymnasium alten Stils fiir die beste, wenn nicht 
einzig wirklich brauchbare Vorbereitung. Gymnasium und Universitat werden 
in Wien absolviert. Dort wird der Doctor iuris utriusqne erworben, dem sich 
spater ein deutscher Ehrendoktor der Philosophic zugesellt. Erst im Laufe der 
in Wien begonnenen und erfolgreich fortgesetzten Gerichtspraxis folgt ein Ur- 
laubssemester an der Universitat Leipzig. 1884 habilitiert sich M. in Wien mit 
einer noch vorwiegend juristisch-dogmatisch gehaltenen Arbeit zur Stell- 
vertretung. Schon 1887 bringt die Berufung nach Prag, 1895 holt ihn die 



Menger. Mitteis 201 

Heimatuniversitat zuriick, muJ3 ihn aber 1899 dauernd an Leipzig abtreten, 
wo er bis zum friihen Tode wirkt — Berlin und Munchen ausschlagend. Uberall 
war er ein gefeierter Lehrer nicht bloB der Studenten — die von Semester zu 
Semester kommen und gehen — , sondern auch der Doktoren und Dozenten, die 
in seinem beruhmten Seminar und in seiner stets hilfsbereiten Studierstube von 
ihm lernen durften. So hat M. eine Gelehrtenschule herangebildet, die weit 
uber Deutschlands und Osterreichs Grenzen hinausreichte. So erlebte er die 
Freude, auf so vielen Lehrkanzeln Schuler wirken zu sehen, die seine Ideen 
verbreiten half en. So ist er das Haupt einer Schule geworden, die von der 
romischen Rechtsgeschichte ausgehend und stets zu ihr zuriickkehrend, da sie 
das groBte aller geschichtlich gewordenen Rechte zum Forschungsgegenstande 
hat, vor allem unter dem Einflusse neuer Quellen sich auch der Erforschung 
griechischer, hellenistischer, und spater auch orientalischer Rechtsgebiete zu- 
wendete und so eine Vergleichung antiker Rechte inaugurierte, an die man vor 
M.s Arbeit nicht denken durfte. 

War M. zu Anfang seiner literarischen Tatigkeit ein Dogmatiker des Pan- 
dektenrechts gewesen, dessen Name von gutem Klange war, der aber darum 
sich doch nicht entscheidend hervorgehoben hatte, so bedeutete die junge 
Prager Professorenzeit, die Zeit, die auch mit einer glucklichen Ehe den Men- 
schen zur irdischen Hone emporfiihrte, die entscheidende Wendung in der 
Gelehrtenlaufbahn. In Prag entstand sein Werk: Reichsrecht und Volksrecht 
in den ostlichen Provinzen des romischen Kaiserreichs (1891). Neue Quellen 
flossen um diese Zeit und zu einem ganz neuen Leben erbluhte um sie die roma- 
nistische Forschung. Den Schlussel zu diesem Garten aber hatte ein freund- 
liches Geschick Ludwig M. in die Hand gegeben. Und er war dieser Gabe 
wiirdig. Es war wirklich wie ein Blumengarten, was um diese neuen Quellen 
erstand, ein Garten, der die gewaltigen Triimmer des Staates und des Rechtes 
der Romer und Griechen umbluhte. Hatte die bisherige Uberlieferung nur die 
groCen Linien schauen lassen, in denen das antike Leben verlaufen war, so tat 
sich jetzt der Blick auf in die Gerichtsstuben der Behorden, in die Bureaus der 
Aktenschreiber, in den kleinen Haushalt des Bauern und des Handwerkers. Das 
Leben des kleinen Mannes von der Geburt bis zum Tode war in Akten, Schriften 
und Zetteln verewigt. Vor uns lagen Geburtsanzeigen und Eheschliefiungs- 
akten, Testamente, Kauf- und Mietvertrage, Pachtungen und Darlehensschuld- 
scheine, Klagen und Beschwerden, Urteile und Verwaltungsakten aller Art. 
Steuerbekenntnisse und Steuermandate lieBen einen Blick tun in das verwickelte 
Gewebe von Recht und Wirtschaft. Schulhefte zeigten den buchstabenmalen- 
den Buben und die dichterischen Ergiisse des Landpoeten. Der Boden aber, der 
all das wiedergab, der, um mit M. zu reden, diese »Momentaufnahmen des 
lebendigen biirgerlichen Daseins« aus dem Altertume bewahrt hatte, war 
Agypten. Und die Urkunden, die uns von all dem Genannten und von vielen 
anderen berichteten, waren auf den zarten Papyrusschreibstoff geschrieben, den 
wieder der trockene Staub und Schutt vor Wasser und Verwesung bewahrt hat, 
bis erst Zufall, dann zielbewuBte Ausgrabung diese Zeugnisse der Antike uns 
zuganglich machte. Neben dem wertvollen neuen Material, das fur die roma- 
nistische Forschung das syrisch-romische Rechtsbuch, ein Rechtsspiegel der 
antiken Welt bot, sind es vor allem die Papyri, die M. als erster fur die Erkennt- 
nis des Rechts der Antike nutzbar machte. Aber er war nicht der Mann, sich 



202 1921 

an der Schilderung all der bunten Neuheit, die sich auftat, geniigen zu lassen. 
Sofort erhebt sich fiir ihn in scharfster Formulierung das wissenschaftliche Pro- 
blem, an dessen endgiiltiger Losung wir noch heute und vermutlich auchmorgen 
noch arbeiten werden : wie verhalt sich dieses vom of f iziellen romischen Recht 
des Corpus Iaris sowohl als auch von der durch die Interpolationenforschung 
gereinigten romischen Rechtsuberlieferung so sehr abweichende Recht, das der 
romische Untertan und sein Rechtsberater in Agypten anwenden, zum » ro- 
mischen Recht «, von dem die friihere Generation als von einer gegebenen 
GroBe sprach ? Denn da begegnen uns Rechtsbrauche, die nicht bloB dem ius 
civile, sondern auch dem ius gentium unserer Quellen, nicht bloB dem legalen, 
sondern auch dem honorarischen Recht, nicht bloB dem klassischen, sondern 
auch dem justinianischen fremd sind. M. hat sie als » Volksrecht « dem »Reichs- 
recht« gegeniibergestellt. Begreiflich, daB Juristen und Politiker der Haupt- 
stadt — mag sie Rom oder Byzanz heiBen — alles ignorieren, was nicht of fizielles 
Reichsrecht ist. Aber unter dieser ausgleichenden, Partikularismen iibersehen- 
den oder schlankweg leugnenden, grundsatzlich zentralisierenden Jurisprudenz 
regt sich doch allerorten buntes Leben auch im Recht; ja dieses von der 
off iziellen Satzung so oft abweichende, altere, unberuhrt gebliebene, der Aus- 
gleichung widerstrebende Recht ist durch diese neuen Urkunden als das wirk- 
lich »lebendige Recht « erkannt worden, das in stiller und starker Opposition 
das sich um die Sonderbedurfnisse der Provinz nicht kummernde, vom griinen 
Tisch kommende » Reichsrecht « ignoriert und ohne viel Aufsehen uberwmdet. 
An einer Reihe von Einzelerscheinungen hat M. schon im genannten Buche 
diesen Antagonismus von Reichsrecht und Volksrecht behandelt. Mit der be- 
greiflichen Freude und Schaffenslust desjenigen, der Neuland als erster be- 
treten und erforschen darf , hat er sich der Papyrusforschung zugewandt. Die 
ihm zunachst besonders nahestehende Wiener Sammlung des Papyrus Erz- 
herzog Rainer, deren griechische Texte eben Wessely zu veroffentlichen be- 
gann, bot willkommenen AnlaB zu gelehrten Kommentaren, vorbildlichen Ar- 
beiten fiir alle folgenden Papyrologen. Die Ausgaben der Berliner und der eng- 
lischen Texte wurden standig verfolgt und verwertet. In Leipzig war eine 
Sammlung entstanden, die in M. den gelehrten Herausgeber fand. Mit Ulrich 
Wilcken zusammen wird in staunenswerter, neben aller anderen Berufs- und 
literarischen Tatigkeit hergehender Arbeit ein zusammenfassendes, heute noch 
und trotz des raschen Flusses des neu Hinzukommenden wohl noch jahre- 
lang unersetzliches Sammelwerk geschaf fen : die Grundziige und Chrestomathie 
der Papyruskunde, deren juristischen Doppelband eben M. bearbeitete. Wenn 
sein Name als der des Schopfers der juristischen Papyrusforschung in dieser 
Disziplin stets genannt werden wird, so ist, wie gesagt, fiir den Rechtshisto- 
riker diese Tat nur eine Teilerscheinung dessen, was M. mit der Erkenntnis 
des Volksrechts innerhalb der romischen Rechtsgeschichte gewirkt und geleistet 
hat. Seine Zugehorigkeit zum ziinftigen Kreis der Romanisten hat er darum nie 
verleugnet ; ist gleich sein letztes groBes Werk, das romische Privatrecht bis 
auf die Zeit Diokletians, nur ein einbandiger Torso geblieben, der Grundbe- 
griffe und die L,ehre von den juristischen Personen behandelt — eine Anzahl 
aneinandergeschlossener Monographien, aus denen andere ebenso viele Bucher 
gemacht hatten — , so zeigt doch gerade dieses Werk, wie M. iiber aller Ent- 
deckerfreude am Volksrecht das Reichsrecht nicht vergiBt. Seite fiir Seite sehen 



Mitteis. Morf 203 

wir die bewunderte Fulle seiner Literaturkenntnis, die souverane Beherrschung 
des von ihm selber so sehr vergroBerten Quellenkreises. Wie er aber in diesem 
Buche zum romischen Rechte zuriickkehrt, so hat er sich vor einer zu weiteu 
Entfernung der Forschung von dem fur das romische Recht und seine Geschichte 
Erkennbaren fast angstlich ferngehalten. Weder liegen ihm Hypothesen iiber 
die alteste Zeit des romischen Staates und Rechtes, Hypothesen, die bejahend 
oder verneinend zum etruskischen Problem hinf iihren ; noch wiinscht er es, 
orientalische Einfliisse im Recht der Romer zusuchen; ja auch fur das syrische 
Rechtsbuch will er die alte Frage » Orient oder Hellas « im griechischen Sinne 
beantwortet haben. Und endlich hat er dem werdenden Streben, iiber der ro- 
mischen und griechischen eine antike Rechtsgeschichte aufzubauen, eine Skepsis 
entgegengehalten, die sich freilich letzten Endes nur gegen angenommene Aus- 
wiichse eines solchen Versuches wendet. Die Vorsicht seiner geschichtlichen 
Methode, nicht zuletzt auch in der Interpolationenforschung, der er gem gab, 
was ihr gebuhrte, ist gerade fur seine Schule Muster und Vorbild, soil diese 
die Quellen, die neu erschlossen sind, fiir und gegen alte Lehren . f ruchtbar 
machen. Mag diese Schule auch manchmal andere Wege gehen, um andere Ziele 
zu erreichen — auch wo sie iiber M. hinauskommen wird. ware dies ohne ihn, 
den fortlebenden Meister, nicht moglich. Sein Wirken bleibt ein hochragender 
Merkstein in der Romanistik des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahr- 
hunderts, ein Merkstein, auf den die deutsche Wissenschaft mit Stolz hin- 
weisen darf, hat doch ein osterreichisch-deutscher Mann ihn an der Wende 
schwerer Zeiten gesetzt. 

Krankheit, wohl auf Uberarbeitung zuriickzuf iihren, hat den starken Korper 
geschwacht, in dem ein so starker, schaffensfroher und lebensfreudiger Geist 
wohnte. Der Krieg hat auch dieses Leben endgiiltig gebrochen. Im 63. Lebens- 
jahre ist M. langer Krankheit erlegen. Ein ausdriickliches Verbot verhindert 
die Herausgabe nachgelassener Schriften, insbesondere weiterer Teile seines 
Privatrechts. Aber, was er schaffen durfte, ist ein monumentum aere perennius. 

Literatur: Der Verfasser dieser Zeilen hat unter dem Titel »Ludwig M. und sein Werk«, 
Wien 1923, eine eingehendere Darstellung des Lebenslaufes und Werdeganges dieses Ge- 
lehrten gegeben. Dort ist auch S. 75 — 82 die lange Reihe seiner Biieher und Schriften ver- 
zeichnet. Der NachlaC befindet sich in der Hand des Sohnes Heinrich M., Professor in 
Heidelberg. 

Wien. Leopold Wenger. 

Morf, Heinrich, Universitatsprofessor, Geh. Regierungsrat, Dr., Dr. h. c, 
* in Hofwil bei Miinchenbuchsee (Kt. Bern) am 23. Oktober 1854, t in Thun am 
23. Januar 1921. — M. war der Sohn des bekannten Pestalozzi-Forschers urrd 
Waisenvaters Dr. H. M. und studierte klassische, indogermanische und roma- 
nische Philologie in Zurich und StraBburg, wo er 1877 promoviert wurde mit 
der Dissertation: »Die Wortstellung im altfranzosischen Rolandsliede« (Roma- 
nische Studien 3). Reisen fiihrten ihn nach Spanien, Italien, Frankreich. Nach 
alter Philologenmethode kopierte er in der Madrider Nationalbibliothek die 
arabische Aljamiahandschrift des »Poema de Jose«, das er 1883 in Leipzig als 
Gabe der Berner an die Zuricher Universitat herausgab. Von den herkomm- 
lichen kritischen Textausgaben hielt er nicht viel, wandte sich vielmehr der 
Moderne zu, ohne dabei das Studium des Altfranzosischen und Altprovenza- 



204 lg21 

lischen zu vernachlassigen. Mit neuen Anregungen und neuen Zielen kam er aus 
Paris zuriick, wo er in Gaston Paris einen ausgezeichneten I<ehrer und kon- 
genialen Freund gefunden hatte. Die Erforschung der lebenden Mundarten 
machte er zum Kernpunkt und Priifstein der Linguistik, als er mit noch nicht 
25 Jahren Professor der romanischen Philologie an der Universitat Bern wurde. 
Dieser Wissenschaft verschaffte er dort erst Selbstandigkeit und Geltung und 
versah nebenbei den franzosischen Unterricht am dortigen Gymnasium. Da- 
mals und spaterhin wirkte er entscheidend auf die Gestaltung des neusprach- 
lichen Unterrichts ein, die er prinzipiell begriindet in der Ziiricher Antritts- 
vorlesung von 1890: »Das Studium der romanischen Philologie « (Aus Dichtung 
und Sprache der Romanen II). Sprache ist gesprochene Sprache! Es war ein 
Ruf der Befreiung vom Buchstaben der Orthographie, von der ziinftigen Schul- 
grammatik im Stile des Ploetz. Weg von den Handschriften, weg von der 
Schriftsprache zum Leben der Mundarten ! Phonetik tut dem Lehrer not und 
historische Sprachbetrachtung. Ein neues Denken lehrte M., das »linguistische 
Denken« (Verhandlungen des Neuphilologentages in Frankfurt 1912), das mit 
Logik streng genommen nichts zu tun hat. Als Universitatslehrer machte er von 
Bern und Zurich (1889 — 1901) aus die linguistischen Ausfliige ins Mundarten- 
gebiet mit seinen Studenten. Und da wirken sie heute noch, die lebenden und 
stummen Zeugen : die gegenwartigen Lehrer der Schweizer Universitaten und 
die stattliche Reihe der Dissertationen, die allmahlich erscheinenden Sprach- 
atlanten und Worterbiicher (vgl. »Die romanische Schweiz und die Mundarten - 
forschung« in Dichtung und Sprache der Romanen II). M. fuhrte seine Schuler 
ein in die Wissenschaft strenger Observanz, in die Forscherarbeit und schulte 
an ihr ihren Charakter und Geist, er vergafi aber nicht in ihnen zukunftige 
Lehrer zu erziehen, die er auf das Wesentliche, Naheliegende wies, zur Methode, 
zur klaren Erf assung der Probleme, zur wissenschaftlichen Ehrlichkeit anhielt ; 
er vernachlassigte nicht die Pflege des Ausdrucks : alles Tugenden, die er an sich 
selbst geiibt hatte. Seine literarhistorischen Vorlesungen behandelten besonders 
die franzosische Literatur von ihren Anfangen bis ins 19. Jahrhundert, auch 
Leben und Werke Dantes, Petrarcas und Boccaccios. Dabei kam es ihm nicht 
so sehr auf die formale kiinstlerische Fertigkeit einer historischen Personlichkeit 
an, als auf ihre Projektion nach auBen, ihren Platz in der Zeitstromung. 

Auch in der Frankfurter Zeit, wo er seit 1901 zwei Jahre lang Rektor der 
neugegriindeten Akademie fur Sozial- und Handelswissenschaften war, und 
bis 191 o in dem von ihm eingerichteten Romanischen Seminar tatig war, lief en 
literarhistorische Studien neben linguistischen her. Hier war so recht ein Wir- 
kungsfeld fiir diesen Mann der Tat, dem es Freude machte, auf dem Neuland zu 
organisieren. Manchen Baustein hat er fiir die heutige Universitat tragen helfen. 
Ungern lieB ihn, wie einst die Ziiricher, die angeregte Gesellschaft der Stadt 
ziehen. Nicht leicht fand sie wieder einen Redner, dem es gegeben war, die 
Kunst gemeinverstandlicher Rede wissenschaftlicher und allgemeiner Forde- 
rung dienstbar zu machen, und seine Horer auf die Hohen eines weiten Blick- 
feldes personlich zu geleiten, bei aller Sachlichkeit der Darstellung. Er hat ein- 
mal im Jahre 1909 vorausschauend in einem Vortrage »t)ber Aufgabe und 
Methode der Volksvorlesungen « (Dichtung und Sprache der Romanen III) auf 
die Notwendigkeit der Volksbildung hingewiesen und mit seltenem Takt von 
Wesen und Inhalt popularer Rede gesprochen, die er selbst souveran meisterte. 



Morf 



205 



Sein Aufenthalt in Spanien, im rumanischen Siebenbiirgen, seine wiederholten 
Reisen nach Italien und Frankreich, seine Wanderungen durch das ratoroma- 
nische Sprachgebiet boten ihm das Rustzeug zu jenem einzigartigen Werke: 
Die romanischen Literaturen (in Hinnebergs Kultur der Gegenwart 1909), einer 
Geistesgeschichte der Romania, dem Denkmal ihrer Einheit und Vielseitigkeit. 
Seine zutreffende, strenge, aber wohlwollende Kritik weisen zahlreiche Seiten 
des »Archivs fur das Studium der neueren Sprachen und Literaturen« auf, das 
er 1903 — 1914 herausgab. Sein Stolz war es, diesem altehrwiirdigen Organ einen 
modernen Zug zu geben, es zum fiihrenden zu machen, indein er der Sprach- 
geographie Eintritt verschaffte. Inzwischen hatte er 1894 Hettners »Geschichte 
der franzosischen Literatur im 18. Jahrhundert« und 1905 die Braunfelssche 
Ubersetzung des »Don Quichote« neu erscheinen lassen und als eigenes Werk 
1898 die »Geschichte der franzosischen I^iteratur I. Das Zeitalter der Renais- 
sance «, das 1914 als Bestandteil von Gr6bers»Grundri£ der Romanischen Philo- 
logie« eine 2. Auflage erlebte. Alle fiihrenden Zeitschriften und Tagesblatter 
hatte er sich zuganglich gemacht durch zahlreiche Artikel und Kritiken. Die 
besten sind von ihm gesammelt in den beiden Banden »Aus Dichtung und 
Sprache der Romanen« (StraBburg 1903 und 1911), denen 1922 ein posthumer 
herausg. von Eva Seifert folgte. Besonders am Herzen lagen ihm : Voltaire, Mo- 
liere, Rousseau, Corneille, Diderot, Mme de Stael, Cervantes, Mistral, Dante, 
Petrarca ; das Volkslied, die Roland-Orlandosage, dieSage^desInf anten von Lara ; 
die Anfange des Dramas ; die beiden Freunde Gaston Paris und Adolf Tobler. 
Reich war schon die geleistete Arbeit, als ihn die Berliner Universitat 191 auf 
den Iyehrstuhl Adolf Toblers rief . In Scharen stromten die Studenten in seine 
Vorlesungen und in sein Romanisches Seminar, dem er auch in Berlin eine wur- 
dige Statte verschaffte. Hier pflegte er interromanische Studien, Ubungen am 
franzosischen Sprachatlas, syntaktische und methodische Probleme. Die Mit- 
glieder der Herrigschen Gesellschaft und der PreuBischen Akademie der Wissen- 
schaften, die ihn 1911 aufnahm (Antrittsrede in dem Sitzungsbericht 1911), 
ruhmen ihm manchen bahnbrechenden Vortrag nach : so die zarte Deutung aus 
Dantes Commedia: Galeotto fu il libro e chi to scrisse (Sitzungsberichte 1916), 
wo er zeigt, wie eine vorurteilsfreie Textkritik der fruhesten Dante-Interpreten 
auf eine scheinbar erledigte Frage neues Licht wirft; so den »Ursprung der 
provenzalischen Schriftsprache« (Sitzungsberichte 1912), indem er die Wiege 
in der Gallia Narbonensis sucht; so die kritische Beleuchtung der Aufzeich- 
nungen eines Schauspielers zur ersten Tartuffe-Auffuhrung (»Molieres Hof- 
festspiel vom Tartiiffe«, Dichtung und Sprache III) ; so die geistvolle Hypothese 
vom Zusammenfall der Bistums- und Dialektgrenzen (Zur sprachlichen Glie- 
derung Frankreichs, Abhandlungen 1911) ; endlich ^Lessings Urteil iiber Vol- 
taire« (Dichtung und Sprache der Romanen III). 

Fast mochte dies weite Arbeitsfeld zu groB erscheinen fur einen Mann, der 
die schon oft vorgetragenen Vorlesungen neu durcharbeitete und erganzte, der 
jede Schiiler arbe it gewissenhaft durchlas, gern an geselligen Vereinigungen als 
ihr geistvollster Erzahler und schlagfertigster Plauderer teilnahm und auch fur 
die Bittenden und Suchenden stets Zeit und Rat hatte weit iiber die Sphare des 
Philologen hinaus. Der Krieg schwachte nicht seine unermudliche Freudigkeit 
an der wissenschaftlichen Arbeit, die er als verbindende Macht iiber den Strei- 
tenden erkannte in der schonen Ansprache : Civitas Dei (Internationale Monats- 



206 192 1 

schrift 1915). Der Krieg aber untergrub seine korperliche und seelische Wider- 
standskraft und zerbrach friihzeitig (1918) den hohen Geist, der sieh hier wie 
uberall ganz fur seine Uberzeugung eingesetzt hatte. 

Durch seine Arbeiten zieht sich in den gxoBen Linien dieselbe friihgewonnene 
Anschauung. Trotzdem liegt nichts Starres in dieser Geschlossenheit, da sein 
Wesen immer Fiihlung mit dem Leben suchte, an dessen vielseitigen Problemen 
es klugen Anteil nahm. M. war einer der begnadeten Lehrer, deren es nur wenige 
gibt. Die Sicherheit der Methode, die Universalitat seiner Bildung, die Anschau- 
lichkeit der Darbietung in ihrer ziselierten vollendeten Form machten einen 
Vortrag M.s zum festlichen Erlebnis, und nicht wenig trug dazu bei die voile 
jugendliche Hingabe an den Stoff und die Lauterkeit einer grofien Gesinnung, 
die er, eine wahre humane Natur, allzeit bewiesen hat. 

Literatur: M.sNachlafi ist im Besitze seiner Witwe. Eine vollstandige Bibliographic 
enthalt Bd. 3: Aus Dichtung und Sprache der Romanen. — Nachmfe erschienen im Ar- 
chiv fiir das Studium der neueren Sprachen 142 (Lommatzsch) ; in den Sitzungsberichten der 
Preuflischen Akademie der Wissenschaften XXXIII, 1921 (Roethe) ; Zeitschrift fiir roma- 
nische Philologie 41 (Rohlfs) ; Neuere Sprachen 29 (Seifert), Schweizerische Lehrerzeitung 
8, 1921 (Gauehat, Hoesli, Klara Tobler), Neue Ziircher Zeitung 25. Januar 1921 (Gauchat), 
Basler Nachrichten, Beilage, 1. Februar 1921 (Tappolet), Frankfurter Zeitung 8.Fe- 
bruar 1921 (Fried wagner), Berliner Hochschulnachrichten 5. /6. Heft 1921 (Lommatzsch). 

Berlin. Eva Seifert. 



Paul, Hermann, ordentlicher Professor der deutschen Philologie an der Uni- 
versitat zu Miinchen, * in Salbke, einem Dorfe oberhalb Magdeburgs an der 
Elbe, am 7. August 1846, | m Miinchen am 29. Dezember 1921. — Das auBere 
Leben P.s verlief, wie eine von ihm selbst verfaCte Skizze zeigt, in ruhigen 
Bahnen. Er besuchte zunachst die Dorfschule seines Geburtsortes, sodann das 
Gymnasium zum Kloster Unser lieben Frauen in Magdeburg, schon friihzeitig 
von alterer deutscher Sprache und Literatur sowie, bezeichnenderweise, auch 
von Mathematik angezogen. In dieser Gymnasialzeit befiel ihn eine Augen- 
entzundung, die eine dauernde Schwachung hinterlieB, so dafl er von da ab ge- 
notigt war, seine Augen zu schonen. Michaelis 1866 bezog er die Universitat 
Berlin, Ostern darauf ging er nach Leipzig. War es dort Steinthal, so waren es 
hier Zarncke, Ebert, Curtius und Leskien, die besonders auf ihn wirkten. Da- 
neben verdankte er vielfache Anregung seinen Studiengenossen Sievers und 
Braune, mit denen ihn bis ans Ende feste Freundschaft verband. Die Univer- 
sitat Leipzig eroffnete ihm auch den Zugang zum akademischen Lehramte 
(August 1870), nachdem sie ihm zwei Jahre zuvor den Doktorhut verliehen 
hatte. Im Mai 1874 ging er als auBerordentlicher Professor an die Universitat 
Freiburg i. Br., wo er im Marz 1877 zum ordentlichen Professor vorriickte. 
Wiederholte Nennungen an erster Stelle (in Kiel, in Jena, wieder in Kiel und in 
Tubingen) fuhrten zu keiner Berufung und erst die Ablehnung eines Rufes nach 
GieBen brachte ihm im Sommer 1888 eine einigermaCen auskommliche Be- 
soldung. Nachdem er dann auch noch in Halle an erster Stelle vorgeschlagen 
worden war, wieder ohne berufen zu werden, folgte er schlieJ31ich Ostern 1893 
einem Rufe an die Universitat Miinchen. Hier hat er bis zu seiner Emeritierung, 
zu der ihn eine Netzhautablosung zwang, die ihm das Lesen unmoglich machte, 
durch 23 Jahre gewirkt. Eine stattliche Festschrift, die ihm seine Sehuler zur 



Morf. Paul 207 

Feier des 60. Geburtstages iiberreichten, gibt von dem Eindruck, den er als 
akademischer Lehrer iibte, ehxendes Zeugnis. 

Ein groBer und wohl der wichtigste Teil von P.s Arbeiten ist der Erfor- 
schung unserer Sprache in all ihren Stadien gewidmet. Nachdem er in einer 
seiner ersten Schriften das Bestehen einer festnormierten mittelhochdeutschen 
Schriftsprache geleugnet hatte, wendete er sich wichtigen Problemen der alt- 
germanischen Sprachgeschichte zu. Diese Untersuchungen, die in den ersten 
Banden der von ihm gemeinsam mit seinem Freunde Wilhelm Braune heraus- 
gegebenen Beitrage zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur er- 
schienen sind, stellten den Verfasser neben Braune, Kluge und Sievers an die 
Spitze der sogenannten »Junggrammatiker«, mit welchem Namen man eine 
Gruppe von Gelehrten bezeichnete, die, wie abseits von ihnen Wilhelm Scherer, 
die Erkenntnisse der indogermanischen Grammatik fur die Erforschung der 
altesten Sprachzustande des Germanischen nutzbar zu machen bestrebt waren 
und dabei mit den von der Phonetik ermittelten Ergebnissen, mit der Analogie 
als wichtigen Faktor im Leben der Sprache und mit dem Grundsatz von der 
Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze in konsequenter Weise operierten. Sie 
haben mit Scherer ihre groBen und bleibenden Verdienste um den Ausbau der 
von Jakob Grimm begriindeten Deutschen Grammatik. P. hat daran wesent- 
lichen Anteil. In seinen Untersuchungen steckt nicht blofl eine bewunderungs- 
wiirdig energische geistige Arbeit, eine auch iiber das Schwierigste mit logischer 
Konsequenz vordringende Kraft, sondern auch groBer Scharfsinn beim tJber- 
winden toter Punkte und zaher FleiB im Herbeischaffen entlegenen Materiales. 
So sind viele seiner Ergebnisse heute Gemeinbesitz der germanischen Gram- 
matik geworden und aus ihrem Bestand gar nicht hinweg zu denken. 

Das BewuBte hat an diesen Untersuchungen wie uberhaupt im ganzen Schaf- 
fen P.s einen weit starkeren Anteil als die naive Intuition oder die wissenschaft- 
liche Phantasie. Und so ist es kein Zufall, daB er iiber die Prinzipien der Sprach- 
wissenschaft, iiber die Methoden philologischer Forschung und iiber die Auf- 
gaben wissenschaftlicher Lexikographie tiefer gegriibelt und ausfiihrlicher ge- 
schrieben hat als irgendein anderer deutscher Philologe. Die Ergebnisse seines 
Nachdenkens liegen zum Teil in groBeren Werken vor — hier stehen seine Prin- 
zipien der Sprachwissenschaft, jetzt in 5. Auflageerschienen, in ersterReihe — 
teils hat er sie in Aufsatzen und Reden niedergelegt. Gemeinsam ist alien diesen 
Arbeiten die hohe philosophische und psychologische Schulung, die Fiille der 
Erf aiming und die Weite der Ziele. Theorie und Anwendung gehen dabei ofter 
miteinander verbunden einher: wie seine »Prinzipien« die Summe aus seinen 
fruheren Arbeiten ziehen, so ist seinen theoretischen Darlegungen iiber die Auf- 
gaben der Lexikographie sein »Deutsches W6rterbuch« gefolgt, das seine Eigen- 
art dadurch bekundet, daB das Hauptgewicht auf die Entwicklung der Be- 
deutungen gelegt wird, daB es die Grenzen fur die Verbreitung mundartlicher 
Worter in pragnanter Form feststellt und mit besonderer Liebe auf die Er- 
klarung alterer Ausdriicke besonders bei Luther, aber auch bei den Klassikern 
des 18. Jahrhunderts aus war. 

Indem P. in der zweiten Auflage auch noch die sicheren Etymologien der 
Stammworter hinzufiigte, hat er aus seinem Worterbuch auch ein Werk fur alle 
Gebildeten gemacht. Und so zeigt auch seine »Mittelhochdeutsche Grammatik « 
die beiden so schwer zu vereinigenden Vorziige einer originellen Leistung und 



208 1921 

eines ausgezeichneten Handbuches, aus dessen elf Auflagen wohl seit Jahr- 
zehnten jeder J linger der deutschen Philologie die Grundlagen der mittelhoch- 
deutschen Sprache kennengelernt hat, und zwar nicht nur ihre Laute und For- 
men, sondern auch ihrer Syntax. 

Eine Gruppe anderer Arbeiten dient der mittelhochdeutschen Philologie in 
engerem Sinne. Hierher gehoren seine handlichen Ausgaben von Hartmanns 
Gregorius und Armen Heinrich, der Gedichte Walthers von der Vogelweide, 
und die Erstedition des » Tristan als M6nch«, ferner mehrere umfangreiche Auf- 
satze, die der Textkritik und Metrik unserer alteren Minnesanger, der Unter- 
suchung des Handschriftenverhaltnisses im Iwein, der Erorterung schwieriger 
Stellen in Gottfrieds Tristan und in Wolframs Willehalm, der Nibelungenfrage, 
dem Verhaltnis dieses Epos zu der entsprechenden Partie der Thidhrekssaga und 
schlieBlich dem Problem der urspriinglichen Anordnung von Freidanks Be- 
scheidenheit gewidmet sind. 

Das Streben nach Zusammenfassung unserer Erkenntnisse veranlaflte P., dem 
GrundriB der romanischen Philologie einen der germanischen Philologie zur 
Seite zu stellen, zu dem er selbst neben der schon erwahnten Methodenlehre 
einen Aufsatz iiber Begriff und Aufgabe seiner Wissenschaft, einen Abru3 ihrer 
Geschichte, der zeitlich das ausgezeichnete Werk von Raumers weiter fort- 
fiihrte, und eine knappe Deutsche Metrik beisteuerte, die seine in friiheren Ar- 
beiten an den Texten der mittelhochdeutschen Blutezeit gewonnenen Ansichten 
zusammenhangend und erweitert darlegte. 

Sein letztes groBes Werk, aus den reichen Sammlungen friiherer Jahre 
erwachsen und trotz Alter, Krankheit und Erblindung mutig zu Ende 
gebracht, ist seine stattliche ftinfbandige Deutsche Grammatik, eine nament- 
lich in der Flexionslehre und in der Syntax reiche Gabe, die bedeutsamste 
Erganzung fiir die jiingeren Perioden, die Jakob Grimms unsterbliche 
Leistung erfahren hat. 

Literatur: P., Mein Leben (nebst einem Schriftenverzeichnis und einem Nachwort 
Braunes). — Beitrage zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 46, S. 495 — 503 
(Quelle fiir die obige Darstellung seines aufleren Lebensganges) . — E. K. Fischer, Kunst- 
wart 35, S. 294f . — M. H. Jellinek, Almanach der Akademie der Wissenschaften in Wien, 
72. Jahrg., S. 261 — 267, Wien 1923. — Friedrich Kluge, Literarisches Echo 24, S. 645 — 648. 

— Carl v.Kraus,MiinchenerNeuesteNachrichten 1922, Nr. 2, und Jahrbuch derBayerischen 
Akademie der Wissenschaften, S. 27 — 35, Miinchen 1922 (Quellen fiir obige Wiirdigung). 

— Eugen Lerch, Frankfurter Zeitung 5. Januar 1922, Nr. 3. — Otto MauBer, Miinchen- 
Augsburger Abendzeitung 1922, Sammler Nr. 3. — Friedrich Panzer, Kolnische Zeitung 
1922. Literaturblatt 35a, und Zeitschrift fiir Deutschkunde 36, S. 123 — 125. — R. S., Ein 
Meister der Sprachforschung, Vossische Auslandausgabe Jahrg. 2, Nr. 1, S. 12. — Edward 
Schroder, Anzeiger fiir deutsches Altertum 41, S. 205. — Friedrich Wilhelm, Miinchener 
Museum fiir Philologie des Mittelalters und der Renaissance 4, S. 2. 

Miinchen. Carl v. Kraus. 



Possart, Ernst, Schauspieler, Regisseur und Biihnenleiter, * am 11. Mai 1841 
in Berlin, | 8. April 1921 in Charlottenburg. — Als der Sohn wohlhabender 
Eltern wurde P. fiir die geschaftliche Laufbahn bestimmt. Er trat 1857 a * s 
Lehrling in die Schrodersche Buchhandlung in Berlin ein. Der Drang zur Buhne 
brachte ihn in Beriihrung mit dem Bruder seines Vorgesetzten, demdamaligen 
Berliner Hofschauspieler Wilhelm Kaiser, der spater (1870) als Nachfolger 



Paul. Possart 



209 



Eduard Devrients kurze Zeit das Karlsruher Hoftheater geleitet hat. Er wurde 
P.s Ivehrer. Schon fruh erkannte er mit scharfem Spiirsinn, wo die Begabung 
seines Schiilers hinzielte. Eine Charakterrolle, die eines alten Marquis in einem 
franzosischen Lustspiel, war die erste Aufgabe, die er ihn lernen lieB. Unter den 
GroBen des damaligen Berliner Hoftheaters haben vor allem Dessoir und Do- 
ring einen nachhaltigen EinfluB auf ihn ausgeiibt. In dem Liebhabertheater 
» Urania « ist er als Graf von Bruchsal in Lessings » Minna « zum erstenmal auf 
die Buhne getreten. Seine ersten Engagements fuhrten ihn 1861 nach Breslau, 
wo er, zuerst nur in kleinen Rollen beschaftigt, schon bald mit Wurm und J ago 
den Sprung in das erste Charakterfach wagen .durfte, 1862 nach Bern, 1863 an 
das Stadttheater in Hamburg. Ein Gastspiel Dresdener Gaste, Wingers, Deta- 
iners und der Ulrich ist nicht ohne Einflui3 auf einen groBeren Realismus seiner 
Spielweise geworden. 1864 folgte er dem fiir seine Laufbahn entscheidenden 
Rufe an das Miinchener Hoftheater, das seine bleibende Wirkungsstatte und 
die eigentliche Begriinderin seines Ruhmes werden sollte. Sein Gastspiel als 
Franz Moor, NarziB, Shylock und Carlos, fuhrte zu seiner dauernden Verpflich- 
tung, die ihm in Balde auch die besondere Anteilnahme des jungen Konigs Lud- 
wig II. zufuhrte. Schon mit 24 Jahren durfte er Nathan spielen, Byrons Man- 
fred wurde schon damals eine Spezialitat seiner Kunst. Das gesamte Charakter- 
fach lag in kurzem in seinen Handen: Wurm, Muley Hassan, Octavio Picco- 
lomini, Vansen, Mephisto, Antonio, Hamlet, Richard III., Konig Johann, 
Richard II., Carlos, Marinelli, dazu Schmock, Alter Fritz, Rabbi Sichel, Ad- 
vokat Berent und andere. 

P. war ein Schauspieler von eigenster und starkster kunstlerischer Pragung, 
eine bedeutende Charakterisierungskraft, der seltene Klugheit, eiserner FleiB 
und eine Energie sondergleichen unterstutzend zur Seite stand. Seine Begabung 
bewegte sich mit untriiglicher Sicherheit, so lange der reine Verstand die Richt- 
linie gab. Er war der geborene Darsteller geistiger Uberlegenheit. Sie wirkte bei 
ihm iiberzeugend. Hier lag seine besondere Starke — und vielleicht der Grund 
fiir die auBerordentliche Anziehungskraft, die er auf weite Kreise geiibt hat. 
Ein liebenswtirdiger Humor vermochte die scharfen Linien vieler seiner Ge- 
stagen zu mildern. Seine Begabung geriet in ein gewisses Schwanken, sobald 
die Welt derGefuhle begann, der groBenEmpfindungen und derLeidenschaften. 
Die Tiefen einer mark- und beinerschutternden Tragik waren ihm verschlossen. 
Hier trat an Stelle der Wahrheit der Natur vielfach das, was man konven- 
tionelles Theater nennt. Die innere Unwahrheit, die sich storend hier sehr 
haufig bemerkbar machte, sein Schwelgen in pomphafter auBerer Pathetik, eine 
gewisse Gespreiztheit in Ton und Geste, ein selbstgefalliges Spielen mit den 
waindervollen auBeren Mitteln — dies war es vor allem, was ihm die heftige Be- 
fehdung von seiten der jiingeren Generation zugezogen hat. Sie schoB dabei weit 
liber das Ziel hinaus, wenn sie ihn bloB als einen Meister einer von keiner Seite 
angezweifelten glanzenden Technik gelten lassen wollte. P. selbst war unab- 
lassig bemiiht, bei dem Errungenen nicht stehenzubleiben, sondern sich den 
Forderungen der weiterschreitenden Zeit entsprechend weiter zu bilden. Er war 
klug genug, in seinem schauspielerischen Schaffen den Fliigelschlag der Zeit 
zu beriicksichtigen. Manche Rollen wurden von Grund aus von ihm umgear- 
beitet. Aufgaben, die seiner Begabung so ausgezeichnet lagen, wie etwa Carlos 
in »Clavigo« hat er gerade in seinen letzten Lebensjahren mit einer Natiirlich- 

DBJ 14 



210 1921 

keit, Schlichtheit und Einf achheit bewaltigt, in der ihn der Modemste unter den 
Modernen nicht zu ubertreffen vermochte. 

Dank seiner Bildung, dank seiner starken Intelligenz, zeigte sich P. neben 
seiner schauspielerischen Tatigkeit schon von fruh an zur kunstlerischen 
Fuhrung beruien. 1872 wurde er Regisseur, 1875 Oberregisseur, 1878 Schau- 
spieldirektor. Als solcher hat er, in Anknupfung an Dingelstedts Vorgang, 
das Miinchener Gesamtgastspiel von 1880 in die Wege geleitet. Es lag in 
der Natur dieses Unternehmens, daB es nur wertvolle Anregungen, aber kein 
befriedigendes Gesamtergebnis erzielen konnte. 1887 verlieB P. Munchen, urn 
nach knrzer Tatigkeit am Berliner Lessingtheater seinen Ruhm in zahl- 
reichen Gastspielreisen durch Amerika, RuBland und Holland zu tragen. 
Ende 1892 trat er von neuem in den Verband des Miinchener Hof theaters, 
wurde nach Perfalls Riicktritt 1893 mit dessen Leitung betraut und 1895 
Generalintendant. 

Als Regisseur hatte P. schon seit langem Gelegenheit gehabt, auch mit 
eigenen Bearbeitungen klassischer Werke hervorzutreten, so u. a. mit Shake- 
speares »Lear«, dem »Kaufmann von Venedig«, »Coriolan«, »Perikles«. Hier 
stand er unter dem EinfluB der damals allgemeingiiltigen dramaturgischen An- 
schauungen : Anpassung der Shakespeareschen Dramen an die moderne Dekora- 
tionsbuhne, tunlichste Verringerung der Verwandlungen, dementsprechende 
Zusammenlegungen und Streichungen, moglichst starke Herausarbeitung der 
auBeren theatralischen Wirkung. In der Inszenierung das Zeitalter der Mei- 
ninger : Glanz und Farbenpracht, Kaulbach und Piloty im Buhnenbild. Insze- 
nierung des »Wallenstein<( und des ganzen » Faust «, dessen II. Teil durch P. 
zum erstenmal auf die Miinchener Buhne kam (1895). Einer seiner kuhnsten 
dramaturgischen Taten war die Bearbeitung und Inszenierung von Shake- 
speares »Perikles« (1882) — der erste erfolgreiche Versuch, dieses merkwurdige 
Werk durch eine teilweise, allerdings sehr freie Bearbeitung fur die deutsche 
Buhne zu erobern. 

Als Generalintendant des Hoftheaters begann P. den Schwerpunkt seiner 
Tatigkeit mehr und mehr auf das Gebiet der Oper zu verlegen. Eine neue 
Mozart- Renaissance erst and in dem fur die Werke des Meisters wie geschaffenen 
Residenztheater. Gestutzt durch Levis treue Mitarbeit in textlicher und musi- 
kalischer Hinsicht, gingen »Don Giovanni «, » Figaro «, )>DieEntfuhrung«, »Cosi 
fan tutte« in Inszenierungen, die fur ihre Zeit mustergiiltig waren, iiber die 
Buhne des Residenztheaters. Lautenschlagers Drehbuhne leistete vortreffliche 
Dienste und schuf die Grundbedingung fur die szenische Wiedergabe des 
Mozartschen Kunstwerks: ununterbrochene Abwicklung jedes Aktes, ohne 
Unterbrechung durch den Vorhang. Ebenbiirtig stand seinen Verdiensten urn 
Mozart zur Seite, was P. fiir Wagner in Munchen geleistet hat. Mit der Schop- 
fung des Prinzregenten theaters und dessen Eroffnung (1902) wurde eine kiinst- 
lerische GroBtat vollzogen, die Wagners heiBersehnte einstige Ziele schoner 
Verwirklichung entgegenfiihrte. In Zumpe und Mottl wurden musikalische Mit- 
arbeiter von uberragender Bedeutung gewonnen. Den Neuinszenierungen des 
»Ringes«, der »Meistersinger<(, des » Lohengrin « hat P. in manchen Einzelziigen 
den Stempel seiner besonderen kunstlerischen Personlichkeit aufgedriickt. Mit 
der Geschichte der sommerlichen Miinchener Festspiele bleibt P.s Name fiir 
alle Zeiten unzerreiBbar verbunden. 



Possart. Rathgen 211 

Seine leitende Tatigkeit als Generalintendant hat P. nicht gehindert, auch 
seine schauspielerische und rezitatorische Tatigkeit fortzusetzen. Auch nach 
dem Riicktritt von seinem Amt (1905) hat er sich noch sehr haufig bis in hohe 
Alterstage herein in verschiedenen seiner Paraderollen der dankbaren Miin- 
chener Horerschaft gezeigt. Er ist bis zu dem letzten endgiiltigen Abschied des 
73Jahrigen von der Buhne (als Franz Moor am 17. Juni 1914) — alien Befehdungen 
einer revolutionaren Jugend zum Trotz — Miinchens starkste schauspielerische 
Anziehungskraft geblieben. 

Auch schriftstellerisch ist P. mit ausgesprochener Begabung tatig gewesen. 
Sein Buch »Erstrebtes und Erlebtes« (Berlin, Mittler, 1916), das iiber seine 
kiinstlerische Entwicklung und seine Munchener Tatigkeit bis in die 8oer Jahxe 
berichtet, ist ein wertvoller Beitrag zur Theatergeschichte und erhebt sich durch 
die Gediegenheit seines Inhalts weit iiber den Durchschnitt dessen, was die 
Selbstberaucherung der iiblichen Theatermemoiren im allgemeinen zu bieten 
pflegt. Seine Inszenierungen des ganzen » Faust « und des »Wallenstein«, ebenso 
die des »Don Giovanni « und der »Zauberflote« hat er in den leitenden Gedanken 
in wertvollen kleinen Schriften erlautert und begriindet. Ein Buch »Der Lehr- 
gang des Schauspielers« (Stuttgart, Spemann) nimmt in der Literatur iiber die 
Technik der Schauspielkunst einen ehrenvollen Platz ein. Als Gelegenheits- 
dichter ist er bei vielen ernsten und heiteren Veranlassungen, als Librettist mit 
der Oper »Das Vaterunser« (von Hugo Rohr) hervorgetreten. 

Literatur: Alfred v. Mensi, Alt-Miinchener Theatererinnerungen, Knorr & Hirth, 
Miinchen 1924, 2. Aufl., S. 24 — 30. — Eugen Kilian, Nekrolog im Deutschen Shakespeare- 
Jahrbuch, Bd. 57, S. 82— 89. 

Miinchen. Eugen Kilian f. 

Rathgen, Karl Friedrich Theodor, * zu Weimar 19. Dezember 1856, f Ham- 
burg 6. November 192 1. — R. war der Sohn des Prasidenten der General- 
kommission B. R., des ehemaligen schleswig-holsteinischen Justizministers, 
und der Cornelie geb. Niebuhr. Sein GroCvater miitterlicherseits war der Histo- 
riker und Staatsrat B. G. Niebuhr. Eine Schwester R.s war mit Gustav Schmol- 
ler verheiratet; sein Bruder Bernhard ist General der Artillerie a. D. 

R. studierte von 1876 bis 1880 in StraBburg, Halle, Leipzig und Berlin Rechte 
und Nationalokonomie. Er bestand 1880 sein Referendarexamen und promo- 
vierte 188 1 mit einer Arbeit iiber Messen und Markte bei Knapp in StraCburg 
zum Doktor der Staatswissenschaften (Dr. rer. pol.). Schon am 4. April 1882 
erhielt er einen Ruf zur Ubernahme der ordentlichen Professur fur Staats- 
wissenschaften an der Kaiserlichen Universitat in Tokio, wo er bis 1890 blieb. 
Zwei Jahre spater habilitierte er sich in Berlin. Am 27. September 1893 erhielt 
er einen Ruf als nichtplanmafiiger auBerordentlicher Professor mit Lehrauftrag 
nach Marburg. 1894 wurde er etatsmaCiger auBerordentlicher Professor in 
Marburg, 1895 durch konigliche Ernennung zum ordentlichen Professor da- 
selbst befordert. In dem gleichen Jahre heiratete er Emilie, die Tochter des 
preuBischen Obersten Karl Miiller. Am 17. Mai 1900 wurde er zur Vertretung des 
erkrankten Max Weber als ordentlicher Professor nach Heidelberg berufen. 
Dort blieb er, bis er 1907 einen Ruf an das neuzugrundende Kolonialinstitut 
fn Hamburg erhielt, an dessen 1908 erfolgter Griindung er den regsten Anteil 



212 1921 

nahm. Nach der Umwandlung des Kolonialinstituts zur Universitat im Jahr 1919 
iibernahm er auch an ihr den Lehrstuhl fur Nationalokonomie, Kolonialpolitik 
und Finanzwissenschaft. Er bekleidete das erste Rektorat. Eine tiickische 
Krankheit, die er sich auf einer Reise zugezogen hatte, raffte ihn nach kurzem 
Krankenlager am 6. 11. 192 1 in Hamburg dahin. 

Zahlreiche Reisen haben Karl R. in alle Teile der Welt gefiihrt. Es gab kaum 
ein bedeutenderes Land, das er nicht genau personlich kannte. Japan kannte 
er durch sein Ordinariat in Tokio, China durch anschlieBende Studienreisen, 
Amerika unter anderem durch seine Austauschprofessur an der Columbia- 
University im Winter 19 13/14. Die Kriegswirtschaft fiihrte ihn nach Belgien, 
wo er der deutschen Militarverwaltung angehorte und Materialien der dortigen 
Archive bearbeitete. Als erster deutscher Volkswirt nahm er nach dem Krieg 
wieder an einem internationalen KongreB teil, dem internationalen soziolo- 
gischen KongreB in Turin : denn durch Takt und Menschenkenntnis und auBer- 
gewohnliche Sprachkenntnisse — er sprach Englisch und Franzosisch ebenso 
gelauf ig wie seine Muttersprache — sowie durch seine engen Beziehungen zu 
Personlichkeiten der Wissenschaft und Politik in alien Staaten war er wie 
kein zweiter berufen, unsere internationalen wissenschaftlichen Verbindungen 
wieder aufzunehmen. Es kam hinzu, daB er schon vor dem Krieg dem deutsch- 
englischen Verstandigungskomitee angehort hatte. 

Die am Schlusse aufgezahlten Schriften Karl R.s deuten die Hauptgebiete 
seiner literarischen und wissenschaftlichen Tatigkeit an; sie sind nicht voll- 
zahlig. Indessen ist zu betonen, daB vieles Schreiben R. nicht lag. Er stand nicht 
im Dienste der Feder, sondern die Feder wurde verwandt, wo sie seinen hoheren 
Zielen diente. Diese Abneigung gegen Vielschreiben ist zugleich eine Folge seiner 
personlichen Bescheidenheit, wie vor allem seiner wissenschaftlichen Exaktheit, 
oder um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen » Sauberkeit «. Beide gestatteten 
nicht, dafl ein Wort geschrieben wurde, das nicht einwandfrei bewiesen und 
wahr ware. So bildete auch eine geradezu wundervolle Materialsammlung die 
Grundlage fiir seine Kollegs. Zur Zeit, als seine Materialsammlung vollendet war 
und eine wissenschaftliche Durcharbeitung ermoglichte, brach der Krieg aus. 
Nach FriedensschluB erkannte R. als erster die Krise, in der sich die ganze Ent- 
wicklung befand. Seine Skepsis und seine Ehrfurcht vor der Wissenschaft hin- 
derten ihn, sein Material auszuarbeiten, ehe nicht Volkswirtschaft und Wissen- 
schaft die Ubergangskrise iiberwunden hatten. Der Tod hat ihm die Feder aus 
der Hand genommen. 

Vornehm und zuriickhaltend wie in der Schrift war er auch im personlichen 
Verkehr . Sein hochstes Lob dem Schiller gegeniiber : ein lachelndes Zunicken ; sein 
niederschmetternder Tadel : wenn er eine Bemerkung scheinbar uberhort hatte. 

Karl R.s Wirken ist weniger auf schriftstellerischem Gebiet zu suchen wie im 
aufbauenden Dienst der »Volksgesundheit«, wie er sich bei der Rektoratsrede 
in Hamburg ausdriickte, das heiBt in der Erziehung seiner Schtiler und Volks- 
genossen zu geistigen Fuhrern, zu Missionaren des Wissens und der Wissen- 
schaft. Darin sah er sein Ziel und darin liegen seine groBten, nie verganglichen 
Verdienste, uber die zu sprechen ihm seine Bescheidenheit nicht gestattete, und 
liber die die anderen daher auch oft zu sprechen vergessen. 

Doch die Japaner wissen ihm ewigen Dank fiir die Hilfe beim Aufbau ihres 
Finanzwesens. An der Agitation fiir das Flottenprogramm am Ende des 



Rathgen 21 3 

vorigen Jahrhunderts war er lebhaft beteiligt und hat im Zusammenhang damit 
zahlreiche Vortrage im Deutschen Reich gehalten. Er hat an der Wiege zweier 
Universitaten gestanden. Wenn auch andere auBerlich mehr zu ihrer Entwick- 
lung beitrugen, ohne seine rastlose Arbeit ware der Auf- und Ausbau der Uni- 
versitaten Tokio und Hamburg niemals gelungen. Der Verein fiir Sozialpolitik 
und der evangelisch-soziale KongreB hatten in ihm eine ihrer bedeutendsten 
Stiitzen. Die Deutsche Kolonialgesellschaft zahlte ihn zu ihren sachverstan- 
digsten Mitarbeitern. An der Arbeit des ttlnstitut Colonial International « nahm 
er dauernd regsten Anteil. Er war der Trager des allgemeinen Vorlesungswesens 
in Mannheim, der Mitbegriinder der Volkshochschule in Hamburg, nachdem 
er bereits regelmaBig im Hamburger Volksheim im Volksbildungswesen gewirkt 
hatte. Es ist charakteristisch fiir sein ganzes Wesen und Wirken, daB er die alt- 
angesehene Universitat Heidelberg verlieB, um in die Handelsmetropole Ham- 
burg zu ziehen, wo ihm zwar kein Universitatslehrstuhl geboten werden konnte, 
wo er aber das wirtschaftliche Leben pulsieren fiihlte und wieder »bauen« 
konnte. Die Entwicklung des werdenden Kolonialinstituts lockte ihn, den 
Kenner der Kolonien, der am Werdenden mehr Freude hatte als am Seienden. 
DaB er dieses Bauen selbst dann nicht aufgab, als der Krieg verloren war, be- 
weist, von welch zielbewuBtem Optimismus der groBe Skeptiker war. Er hatte 
in alien Teilen der Welt Werden und Vergehen kennengelernt, aber auf die auf- 
strebende Jugend im riihrigen Hamburg konnte er Hoffnungen setzen und 
seinen Optimismus stiitzen. 

R. war Demokrat im siiddeutschen Sinne des Wortes, das heiBt von durch 
und durch nationaler Gesinnung und von groBtem Verstandnis fiir die Lage des 
arbeitenden Volkes. In seiner Marburger Zeit begann sein erstes Interesse fiir 
die Bestrebungen Naumanns, das Ausdruck fand in regelmaBiger Mitarbeit an 
seiner Zeitschrift »Die Hilfe«. Mit Ernst Francke, dem Fuhrer der Gesellschaft 
fiir Soziale Reform und langjahrigem Herausgeber der Sozialen Praxis 
(s. o. S. 103 ff.), verband ihn auBer Faden der Verwandtschaf t die gleiche sozial- 
politische Gesinnung, so griindete er in Hamburg eine Ortsgruppe dieser Ge- 
sellschaft und ubernahm den Vorsitz. Gothein, Ernst Troeltsch, Max Weber 
gehorten in Heidelberg zu seinen intimsten Freunden. Entsprechend seiner de- 
mokratischen Einstellung suchte er den Kreis derer nach Moglichkeit zu er- 
weitern, denen er dasUniversitatsstudium zuganglich machen konnte. Ich glaube, 
er hielt es fiir eine verdienstvollere Leistung, Edgar Jaffe" (s. o. S. 160 ff.) zur 
Universitatslaufbahn verholfen zu haben, als die Abfassung irgendeiner seiner 
Schriften. Die erste Promotionsordnung der rechts- und staatswissenschaftlichen 
Fakultat in Hamburg zeugt von dieser liberalen Gesinnung auch in Fragen 
der Promotion. Die Forderung des allgemeinen Vorlesungswesens ist ein weiterer 
Beweis hierfiir. 

Seine Schriften und Forschungen lagen nicht auf theoretischem Gebiet. Das 
soil nicht heiBen, daB ihm etwa die volkswirtschaftliche Theorie verschlossen 
geblieben ware. Doch fesselte sie ihn weniger. Er hatte eine groBe Vorliebe fiir 
Geschichte, seine ganze Wissenschaft war historisch eingestellt; in gelegent- 
lichen Gesprachen bedauerte er, nicht Geschichte studiert zu haben. So wurde 
ihm die Nationalokonomie zur Geschichtswissenschaft der Gegenwart; er 
studierte »im Spazierengehen «, und da er ein auBergewohnlich gutes Gedacht- 
nis, hervorragende Menschenkenntnis und einen ungewohnlich scharfen Blick 



214 I92r 

besaB, so hatte er zur Zeit, als ihn der Verfasser dieses Nachrufes kannte, ein 
geradezu unerhortes Wissen ; seine Schrif ten spiegeln daraus nur einen kleinea 
Ausschnitt wider. In seinen Gesprachen, Vorlesungen und tlbungen kam es 
in vollem Umfang zur Geltung. So konnte auch die Hamburgische Universitat 
nach seinem Tod nur dadurch Ersatz schaffen, dafi seine Professur in zwei Teile 
zerlegt wurde. Fiir seine Hauptgebiete (Handelspolitik und Wirtschafts- 
geschichte — Finanzwissenschaft) wurde je ein Ordinarius berufen* Fiir seinen 
Lehrauftrag in Kolonialpolitik konnte Ersatz bisher noch nicht gefunden 
werden. 

Wenngleich Karl R. nicht eigentlich eine volkswirtschaftliche Schule hinter- 
lassen hat, so hat er doch einen auBerordentlich starken EinfluB auf zahlreiche 
Kollegen und vor allem auf seine Schuler ausgeiibt. Sie wurden zur Lauterkeit in 
Wissenschaft und Leben erzogen und sind bestrebt, seine exakte historische 
Methode aufzunehmen und fortzufiihren. Doch von den Tausenden, die seine 
Vorlesungen und Vortrage besuchten, sah die groBe Mehrzahl nur die muster- 
gultige Anordnung der Tatsachen ; seine eigentlichen Schuler sahen — seiner 
Fuhrung folgend — durch die Mannigfaltigkeit der vorgebrachten Tatsachen 
hindurch und erkannten das tiefste wissenschaftliche Forschen nach den groBen 
Linien der volkswirtschaftlichen Entwicklung. Diese Manner wirken heute als 
Lehrer, Politiker und Wirtschaftsfuhrer in alien Teilen der alten und neuen 
Welt. In ihnen reifen die Gedanken ihres Lehrers, sie verwirklichen sein Wollen, 
und so erfullt sich sein innerstes Sehnen. 

Der NachlaB von Karl R. ist noch nicht herausgegeben. Er befindet sich 
im Besitz seiner Familie. 

Liter atur: Die Entstehung der Markte in Deutschland, Darmstadt 1881 (Disser- 
tation). — Ergebnisse der amtlichen Bevolkerungsstatistik in Japan (aus Mitteilungen 
der Deutschen GeseUschaft fiir Natur und Volkerkunde Ostasiens 1887). — Japans 
Volkswirtschaft und Staatshaushalt, Leipzig 1891. — Englische Auswanderung und 
Auswanderungspolitik im 19. Jahrhundert, Leipzig 1896 (aus Schrif ten des Vereins fiir 
Sozialpolitik) . — Die englische Handelspolitik am Ende des 19. J ahrhunderts, Leip- 
zig 1 90 1 (aus Schrif ten des Vereins fiir Sozialpolitik). — Zwischen zwei Kriegen. Die japa- 
nische Finanzpolitik von 1895 bis IQ °4» m Festgabe zu Adolf Wagners 70. Geburtstag, 
Leipzig 1905. — Die Japaner imd ihre wirtschaftliche Entwicklung, Leipzig 1905 (aus 
Natur- und Geisteswelt) . — Die Auswanderung als wirtschaftliches Problem, Schmollers 
Jahrbuch, Bd. 30, 1906. — Staat und Kultur der Japaner, Leipzig 1907. — Les Ndgres 
et la Civilisation europienne, Conference faite a Vlnstitut Solvay le 14 Mars 1909, Liige 1909, 
in Schmollers Jahrbuch, Bd. 34, 1910. — Die Japaner in der Weltwirtschaft, 2. Aufl., 
Leipzig 191 1 (aus Natur- und Geisteswelt). — Belgiens auswartige Politik und der Kongo, 
Preufiische Jahrbucher, Bd. 162, 191 5. — R. war Mitherausgeber folgender Schriften: 
Volkswirtschaftliche Abhandlungen der badischen Hochschulen (vom 5. Bande ab) ; Ham- 
burgische Forschungen; Die Kultur der Gegenwart. — Er hat im Handworterbuch der 
Staatswissenschaften und vor allem im Worterbuch der Volkswirtschaftslehre zahlreiche 
Artikel verfaflt. 

Die bei der Verbrennung R.s gehaltenen Reden wurden zum Teil in Hamburg 1922 
veroffentlicht unter dem Titel »Reden gehalten am Grabe des Prof. K. R.« 

Hamburg. Theodor Plaut. 

Scherl, August, Zeitungsverleger und Verlagsbuchhandler, * in Diisseldorf 
am 24. Juli 1849, t in Berlin am 18. April 1921. — Als Sohn eines in Berlin in 
den achtziger Jahren bekannten Kolportage-Buchverlegers geboren, wurde ihm 
schon in fniher Jugend, durch die mehrfache Auslandstatigkeit seines Vaters, 



Rathgen. Scherl 21 S 

Beriihrung mit weiteren Kreisen der Welt gewahrt. Einen Teil seiner Schul- 
-erziehung genoB er in der deutschen Schule in Konstantinopel. Nachdem er 
spater die Realschule in Berlin durchgemacht, trat er in das Geschaft seines 
Vaters ein. Aber der fruh in ihm erweckte Drang nach Selbstandigkeit, die be- 
wegte Lebensschule seiner Jugend, trennten ihn bald vom vaterlichen Hause. 
In den Rheinlanden und Frankfurt a. M. entwickelte er nach dem Muster des 
Vaters eine sehr lebhafte und erfolgreiche Tatigkeit als Herausgeber von Kol- 
portageromanen, die ihn zunachst zum reichen Mann machte. Aber seiner leb- 
haften, nach weitausholender Betatigung ringenden Natur geniigte dies nicht. 
Friih hatte er ein schwarmerisches Interesse fur das Theaterwesen gezeigt, fruh 
auch die Bedeutung der Presse als einfhiflkraftigen Faktor im offentlichen 
Leben erkannt. In jungen Jahren mit einer talentvollen steiermarkischen 
Sangerin, Flora Rosner, verheiratet, griindete er in Koln das Flora-Theater, 
wo er in derDarbietung vonOper,Operette und Schauspiel die hervorragendsten 
Darsteller als Gaste heranzuziehen verstand. Andere geschaftliche Unter- 
nehmungen fiihrten ihn in dieser Zeit auch voriibergehend nach London und 
Paris. Spater zog ihn der Drang, sich im Presseleben zu betatigen, auch wieder 
nach Berlin, wo er gegen Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts 
den ersten, wenig erfolgreichen Versuch dieser Art durch Griindung der Tages- 
zeitung » Berliner Neuigkeiten« machte. Erst im Jahre 1883 schuf er, aus 
Frankfurt zuriickgekehrt, trotzdem er den einst gewonnenen Reichtum langst 
eingebuBt hatte, wagemutig und zielbewuBt durch Begriindung des »Berliner 
Lokalanzeigers«, zunachst als billige Wochenzeitung, deren erste Nummer am 
4. November 1883 erschien, den Boden, auf dem er sein ganzes, vielgestaltiges 
Lebenswerk aufbaute. Hier war es, wo Sch.s geniale Veranlagung, seine rast- 
und ruhelose Energie, seine bestandig auf allerlei reformatorische und erziehe- 
rische Ideen gerichtete Kenntnis der Volksseele Wurzel schlug. Wie selbst seine 
Gegner anerkannten, wirkte er da auf publizistischem wie auf technischem 
Gebiet des Zeitungswesens, namentlich was den Nachrichtendienst und die 
Ausgestaltung von Redaktion, Inseratenwesen und Vertrieb anbetrifft, neu- 
gestaltend. Er hatte 1886, nachdem seine erste Gattin 1884 verstorben war, zum 
zweitenmal die Ehe geschlossen mit einer durch ihre Schonheit beruhmt ge- 
wordenen Kufsteiner Biirgerstochter, Therese Zottl, die ihm eine treue, ver- 
standnisvolle Arbeitsgefahrtin wurde. Schon 1885 wurde der ^Berliner Lokal- 
anzeiger« ein taglich, 1889 ein zweimal taglich erscheinendes Blatt, das durch 
seinen umfangreichen Nachrichtendienst, durch seinen uberparteilichen Cha- 
rakter, der erst spater eine ausgesprochen konservativ-politische Richtung an- 
nahm, bei denkbar grofiter Verbreitung zu einem fiihrenden Organ in der 
deutschen Zeitungswelt. 

Um Sch.s vielgestaltige Eigenart und sein Lebenswerk voll w^iirdigen zu 
konnen, muJ3 man einen kurzen Uberblick iiber seine iibrigen publizistischen 
Schopfungen und seine auflerhalb dieser Sphare liegenden Unternehmungen, 
denen er bis zu seinen letzten Lebenstagen eine unermudliche Arbeitskraft zu- 
wandte, gewinnen. An die Begriindung einer aktuellen illustrierten Zeitschrift 
»Die Woche«, die einen neuen Typ dieser Gattung schuf und zur Belebung der 
graphischen Technik fiihrte, reihte sich die seinerzeit als »klassisch« bezeich- 
nete, den fiihrenden Geistern aller Parteien off en stehende Zeitung »Der Tag«. 
Dem Sport und dem hoheren Gesellschaftsleben widmete er die groBziigig aus- 



2l6 1921 

gestaltete illustrierte Wochenschrift » Sport im Bild«. Der Erwerb der alt- 
beriihmten Keilschen »Gartenlaube« trug dies Familienblatt bis in die neueste 
Zeit, inhaltlich ihr angepaBt, hinein. Der »Praktische Wegweiser«, von Wiirz- 
burg her iibernommen und als Wochenblatt der Land- und Gartenwirtschaft 
gewidmet, wurde die Wurzel zur Begriindung des »Allgemeinen Wegweisers*, 
der in eigenartiger Form, als ethischer und praktischer Berater fur Haus und 
Familie gedacht, sich eine ungemein weitschichtige Leserschaft in Deutschland 
und der deutschen Schweiz eroberte. Eine vollstandige Neuorganisation der 
stadtischen AdreBbiicher schuf er nach Erwerb des Berliner AdreBbuchs, was 
zur Folge hatte, daB er auch Herstellung und Verlag von AdreBbuchern 
dieser Art in verschiedenen anderen deutschen GroBstadten ubernahm. Alle 
diese Unternehmungen aber konnten seinem unstillbaren Sehnen, groBere Werke 
der Gemeinniitzigkeit zu verrichten, nicht Geniige tun. Was schon von der 
Griindungszeit des Lokalanzeigers her bis zum Lebensende seinen Geist be- 
sonders beschaftigte und ihn zu ganz abnormen finanziellen Opfern veranlaBte, 
lag auf volkswirtschaftlichem und auf technischem Gebiet. Das eine war die 
als »Sch.sches Pramiensparsystem « bezeichnete Idee, die eine ganze Literatur 
aus den Federn der hervorragendsten Volkswirtschaftler gezeitigt hat und das 
groBte Interesse in Regierungskreisen erregte, auch nahezu kurz vor Beginn des 
Weltkriegs zur Verwirklichung gekommen ist. Das andere war der Plan der 
»Einschienenbahn« mit Benutzung des Dieselschen Kreiselapparates, eine Er- 
findung, die nach Vereinigung des Brennanschen Systems (London) mit dem 
Sch.schen (niedergelegt in einem von Sch. herausgegebenen Werk) in ge- 
lungenen Versuchen ihre Durchfuhrbarkeit envies. DaB Sch. auch immer noch 
dem Theaterwesen sein eifriges Interesse zuwandte, erweist seine Broschiire 
iiber die Errichtung auf ganz neuer kiinstlerischer und technischer Basis auf- 
gebauter Volkstheater in Berlin (» Berlin hat kein Theaterpublikum«). 

Diese tlbersicht moge geniigen, um ein auBeres Arbeits- und inneres Lebens- 
bild von dem Mann zu geben, der rastlos bemuht war, GroBes, weit hinaus 
Wirkendes zu schaffen und in der Tat auch vieles errungen hat, was seinem 
Namen einen dauernden Platz in unserer Kulturgeschichte sichert. Uber sein 
personliches Leben, das ihn als »Sonderling« erscheinen lieB, hat sich ein ganzer 
Mythenkranz gebildet, in dem viel Dichtung mit wenig Wahrheit sich mengt. 
Seit 1914 hatte er sich von seinen publizistischen Unternehmungen ganzlich 
zuriickgezogen und lebte nur noch seinen anderen Planen. 

Berlin. Hugo v. Kupffer. 

Schiemann, Theodor, Dr. phil., o. Professor an der Universitat Berlin, 
Kgl. PreuB. Geheimer Regierungsrat, * in Grobin (Kurland) am 5./17. Juli 1847, 
t in Berlin am 26. Januar 1921. — Sch. stammte aus einer deutschen Literaten- 
familie, die, aus Konigsberg i. Pr. eingewandert, seit der Mitte des 18. Jahr- 
hunderts in Kurland lebte. Der UrgroBvater und der Vater waren Juristen, 
der GroBvater Arzt. Der Vater Theodor starb friih (1853) als Stadtsekretar zu 
Grobin. Die Mutter, Nadine geb. Rodde, eine ausgezeichnet tiichtige Frau aus 
einer alten hansischen Familie, erzog die beiden Sonne (der altere Julius wurde 
spater der angesehenste Rechtsanwalt Kurlands) streng zu pflichttreuer deut- 
scher Geistesarbeit. Nachdem Sch. das Gymnasium zu Mitau absolviert hatte, 



Scherl. Schiemann 



217 



studierte er 1867 bis 1872 in Dorpat Geschichte, fiir die er friih lebhaf teste 
Neigung und gute Bef ahigung gezeigt hatte. Schon 1868 bestatigte das die Dor- 
pater goldene Preismedaille. Es war die Bliitezeit des deutschen Dorpat, in der 
Karl Schirren (| 1910 als Professor in Kiel) die deutschbaltische Geschichtsfor- 
schung in hervorragender Weise vertrat und durch Wort und Schrif t den histo- 
rischen und politischen Anschauungen, dem Heimatgefuhl und volkischen Be- 
wuBtsein der Balten neue Grundlagen schuf . Sch. war ein begeisterter Anhanger 
Schirrens, seiner Forschung und politischen Richtung. Dazu kam die machtige 
Wirkung der groBen Ereignisse von 1870/71, die auch Dorpats Studentenschaf t 
neuesLeben, neue Lust und Kraft zur Arbeit fiir deutsche Ideale, fiir den deut- 
schen Aufstieg gaben. In dieser Sphare festigten sich Geist und Charakter Sch.s, 
wurden Aufgabe und Ziel seines Lebens festgelegt. 1872 bis 1875 arbeitete er im 
Seminar bei Georg Waitz in Gottingen, wo er 1873 promovierte, in den Archiven 
zu Danzig, Dresden, Wien und im ehemaligen herzoglichen Archiv zu Mitau. 
Nachdem er Lina v. Mulert, die Tochter des kurlandischen Medizinalinspektors 
und wirkl. StaatsratsDr. v. M., geheiratet hatte, war er bis 1883 Oberlehrer am 
Landesgymnasium zu Fellin in Livland, darauf bis 1887 Stadtarchivar zu Reval 
in Estland, wo er das reichste Archiv des alten Livland der Forschung zu er- 
schlieBen begann. In einer Reihe kleinerer Darstellungen und Quelleneditionen 
lieferte er wertvolle Beitrage zur baltischen Geschichte (teilweise vereinigt in 
» Charakter kopfe und Sittenbilder des 16. Jahrhunderts«, 1877, und » Hist. Dar- 
stellungen und archivalische Studien «, 1886). Daneben verfocht er in politischen 
Schriften die deutsche Selbstverwaltung und die evangelische Kirche und Schule 
gegen russische Angrif f e. Sein geistvolles und mannhaftes Eintreten fiir das Recht 
der Deutschen im Lande gab ihm nahe Beziehungen zu den f iihrenden Mannern 
der Provinzen. Um so scharfer sah er, daB alle baltische Loyalitat die Gefahren 
der Russifizierung nicht mindern konnte, daB diese aufs starkste wuchsen, je 
mehr die politische Macht Deutschlands in Europa stieg. Auch die Freiheit seiner 
eigenen Arbeit schien gefahrdet zu sein. Zu der Sehnsucht nach einer engeren 
Verbindung mit der deutschen Wissenschaft trat die Sorge um eine rein deutsche 
Erziehung seiner Kinder. Das fuhrte ihn zum EntschluB, eine neue Existenz 
und Arbeitsbahn im Deutschen Reich zu suchen. Private Beziehungen des 
Grafen Alexander Keyserling, eines ihm besonders nahestehenden vaterlichen 
Freundes, zu dem groBen deutschen Reichskanzler haben dann seine Nieder- 
lassung in Berlin, seine Einbiirgerung und Aufnahme in den preuBischen Staats- 
dienst als Dozent an der Universitat, Staatsarchivar und Lehrer an der Kriegs- 
akademie wesentlich erleichtert. Den Eintritt in die Berliner Gelehrtenwelt 
vollzog er unter den Auspizien Heinrich v. Treitschkes, mit dem ihn ein freund- 
schaftlicher Verkehr bis zum Tode des groBen Historikers und Patrioten ver- 
bunden hat. Das bezeugt die Warme, mit der Sch. » Heinrich v. Treitschkes Lehr- 
und Wanderjahre« (2. Auflage 1898) schrieb. Wohl blieb er Schirren personlich 
bis zuletzt ergeben und verehrte in ihm den Lehrer und iiberragenden Geist. 
Aber auf sein geistiges Schaffen wurde Treitschkes EinfluB groBer und maB- 
gebender. Der pessimistischen Skepsis in Welt- und Geschichtsauffassung, wie 
sie bei Schirren in seiner Kieler Zeit immer scharfer erschien, stand Sch. fern ; 
viel naher lag seiner mehr sanguinischen Natur eine freudige Bejahung ge- 
schichtlicher und staatlicher Entwicklung. Und ebenso war bei ihm jener 
» eminent baltisch-partikularistische Zug«, der bei vSchirren in seiner Beurtei- 



2l8 1921 

Jung preuBisch-deutscher Geschichte hervortrat, ganz ausgeschieden. Er wurde 
vollbewuBt PreuBe, wenn ihm auch iiber PreuBen wie iiber der baltischen 
Heimat das groBere Deutschland stand. 

In die letzten baltischen Jahre Sch.s fallt eine groBere Arbeit fur die von 
Wilhelm Oncken herausgegebene Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen : 
» RuBland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrhundert« (2 Bande 1886 und 1887). 
Sie sollte dem deutschen Publikum eine dem Stande der Forschung entspre- 
chende Kenntnis der beiden slawischen Nachbarstaaten in alterer Zeit und der 
an sie grenzenden altesten und bedeutendsten, exponiertesten und erfahrungs- 
reichsten Kolonie Deutschlands vermitteln. Es war eine entsagungschwere 
Arbeit, da eine kritische Erforschung der alten russischen Geschichte nur hochst 
unvollstandig und fiir das livlandische Mittelalter auch noch lange nicht aus- 
reichend vorlag. Sch. gab, was Zeit und Material erlaubten, ein wissenschaftlich 
begriindetes und gut lesbares Buch. Das alte Livland hat er zuerst in etwas 
weiteren Kreisen bekannt gemacht. In Berlin schrieb er die Biographie seines 
Landsmannes Viktor Hehn, des bekannten Kulturhistorikers (f 1890), den 
schwere Erlebnisse zu einem Kenner des nikolaiitischen RuBland gemacht 
hatten. Auch diese Arbeit fuhrte ihn in die russische Welt, wie sie sich nach dem 
Tode der zweiten Katharina gestaltete. Er sah dabei, daB in der deutschen Ge- 
schichtschreibung fiir die Geschichte Osteuropas eine Liicke klaffte, deren 
Deckung sowohl wissenschaftliche wie politische und wirtschaftliche Interessen 
Deutschlands forderten. Eine entsprechende Richtung nahmen seine Vor- 
lesungen an der Universitat und der Kriegsakademie wie eine Reihe von 
kleineren Publikationen. Den Erfolg bezeugten 1902 die Griindung des von ihm 
geleiteten Seminars fiir Osteuropaische Geschichte durch den preuBischen Staat 
und 1906 das Ordinariat an der Universitat mit dem gleichen Lehrauftrage 
fiir ihn. 1902 veroffentlichte er einen Band »Neue Materialien zur Geschichte 
Pauls I. und Nikolaus' I.«, die ein abschlieBendes Urteil iiber Pauls Untergang 
und den Dekabristenaufstand von 1825 gaben. 1904 erschien der erste Band 
seines Hauptwerkes, der » Geschichte RuBlands unter Kaiser Nikolaus I.« Ihn 
fullte zunachst nur die Geschichte Alexanders I. als unentbehrliche Voraus- 
setzung fiir das Verstandnis der folgenden Regierung Nikolais. Diese enthalten 
die drei 1908, 1913 und 1919 erschienenen Bande. Sch.s Werk umfaBt also die 
ganze Zeit, in der RuBland eine so tief in die Geschichte des europaischen 
Staatensystems einschneidende Stellung einnahm, wie nie vorher und nachher. 
Hier lag eine gewaltige Fiille russischen gedruckten Materials vor, meist in 
Zeitschriften verstreut, zuletzt wohl auch in den russischen Werken von General 
N. Schilder iiber Paul, Alexander I. und Nikolai I. zusammengefaBt, aber in 
Deutschland zum groBten Teil noch unbekannt. Neues Material hat Sch. selbst 
aus den Archiven in Berlin, Dresden,Wien, Paris, Petersburg und London geholt. 
Sein Buch hat mit vielen Legenden auf geraumt, es laBt vor allem die Zusammen- 
hange der groBen Politik in Europa klar erkennen. Russischerseits hat man 
schon vor dem Weltkriege ihm den Vorwurf gemacht, daB es keine Geschichte 
des russisches Volkes biete, sondern nur eine Geschichte der Dynastie und ihrer 
volksfeindlichen Interessen sei. Man wird darin doch wohl mehr die russische 
Unzufriedenheit mit der Tatsache zu sehen haben, daB RuBland eine absolute 
Monarchic war, deren auBere und innere Politik ausschlieBlich der starke Wille 
des Kaisers bestimmte. DaB Nikolai, indem er Europa vor den Damonen sozialer 



Schiemann 2IQ 

und staatlicher Zerstorung bewahren wollte, vor allem im eigenen Reich jede 
Entwicklung unmoglich machte, dafi seine Prinzipien und seine »Konsequenz «, 
zumal spater als Erbteil der schwacheren Nachfolger, viel dazu beigetragen 
haben, die furchtbaren Katastrophen der russischen Gegenwart herbeizufiihren, 
das laBt auch Sch.s Darstellung der inneren Politik des Kaisers deutlich er- 
kennen. Aber sein Hauptziel war die Darlegung der Bedeutung des damaligen 
RuBland fiir Europa, daher muBte die auswartige Politik iiberall im Vorder- 
grunde stehen. 

Neben der wissenschaftlichen Produktion, den Vorlesungen und der Leitung 
des Seminars stand von Anfang seiner Berliner Zeit bis zuletzt Sch.s intensive 
Tatigkeit als politischer Schriftsteller in der Tagespresse. 1887 bis 1893 war er 
Berliner Korrespondent der »Mtinchener Allgemeinen Zeitung«. Als diese ein- 
ging, ubernahm er die politische Wochenschau der »Kreuzzeitung« und schuf 
hier ein journalistisches Vorbild der Berichterstattung iiber die auswartige 
Politik, dessen Bedeutung und Wert in weiten Kreisen, besonders den politisch 
und diplomatisch interessierten und informierten, innerhalb und auBerhalb 
Deutschlands gewiirdigt wurden. Diese Leistung setzte eine sorgfaltige Infor- 
mation an den maBgebenden Stellen Berlins und die Kenntnis der politischen 
Presse RuBlands, Frankreichs und Englands voraus. Sch. wurde die Infor- 
mation in weitgehendem MaBe geboten, weil man seiner Zuverlassigkeit und 
seinem Takt voiles Vertrauen schenkte und darin nie getauscht ward. In den 
spateren Jahren haben personliche Beziehungen zu Kaiser Wilhelm II., der sich 
lebhaft fiir die russische Geschichte der beiden letzten Jahrhunderte inter- 
essierte, das gefordert. Das MaB von Muhe und Zeit, das die journalistische 
Arbeit verlangte, konnte freilich neben den wissenschaftlichen Leistungen nur 
eine so erstaunlich ausdauernd und schnell schaffende Arbeitskraft aufbringen, 
wie Sch. sie besaB. Dem akademischen Einwande, die intensive politische Tages- 
arbeit vertrage sich nicht mit der fiir wissenschaftliche Forschung und Dar- 
stellung notigen Objektivitat und Unabhangigkeit des Geistes, ist Sch. be- 
gegnet. Er lieB sich dadurch nicht beirren. Auch in seiner Arbeit fiir die Tages- 
presse sah er eine nationale Pflichterfullung, die die Grundsatze der kritischen 
Methode und einer wahrheitsgemaBen Darstellung nicht beeintrachtige. Ein 
ausgesprochener Parteimann ist er nie gewesen ; in der Gestaltung des deutschen 
Parteiwesens sah er ein nationales Ungliick. Die Aufgabe, die er in erster Linie 
seiner Berichterstattung | stellte, war die Beobachtung und Festlegung aller 
Deutschland gefahrdenden Wendungen der Politik, wie sie im Verhalten der 
russischen und franzosischen Regierung und ihrer Presse, in der Zweideutigkeit 
Englands zu erkennen waren und durch die im Dunkeln an der Einkreisung 
Deutschlands arbeitenden Krafte gefordert wurden. Die Artikel Sch.s (separat 
in einer Reihe von Banden : » Deutschland und die groBe Politik « 1902 f f .) konnen 
einer kommenden Geschichtschreibung die Erkenntnis der politischen Lage 
Deutschlands in den Vorkriegsjahren erleichtern und dazu beitragen, dieVor- 
bereitung der Deutschland im Kriege und nach dem Kriege vergiftenden Luge 
von seiner Schuld am Kriege klar ins BewuBtsein der Welt zu bringen. 

An Gegnern hat es Sch. nicht gefehlt. In den entscheidenden Tagen des 
Kriegsausbruchs verweigerte die Kreuzzeitung, in der Sch. iiber 20 Jahre seine 
Wochenschau auswartiger Politik veroffentlicht hatte, plotzlich und ohne Moti- 
vierung die Aufnahme seiner Artikel. Eine sachliche Differenz laBt sich in den 



220 1921 

Auffassungen der Beziehungen zu RuBland und England sehen. Da lag ein Ge- 
gensatz Sch.s zu den Kreisen vor, die bis zum Beginn des Krieges und auch noch 
spater meinten, daB eine Verstandigung Deutschlands mit RuBland erreichbar 
und in erster Linie zu erstreben sei. Sie sahen in den Artikeln Sch.s eine Er- 
schwerung der Verstandigung. In der Tat hatte dieser langst erkannt, daB die 
maBgebenden Manner der russischen Regierung und ebenso die ganze off entliche 
Meinung des nationalen RuBland den Krieg gegen Deutschland und dessen staat- 
liche Vernichtung oder mindestens vollige Schwachung unbedingt wollten, daB 
deshalb alle Verhandlungen mit RuBland scheitern muBten und gerade diesem 
Feinde gegenuber politische Riicksichten und Konzessionen nichts niitzten, 
sondern nur die eigene Stellung schwachten. Er glaubte dabei, daB fur England 
der altuberlieferte und im Orient so deutlich hervortretende politische Gegen - 
satz zu RuBland bei weitem mehr bedeute als die wirtschaftliche, koloniale und 
maritime Konkurrenz Deutschlands und daB daher die englische Politik, so 
zweideutig sie war, sich zuletzt doch fur eine Neutralitat im Kriege Deutsch- 
lands gegen RuBland und Frankreich entscheiden werde und man deutscher- 
seits ihr diese Entscheidung moglichst erleichtern sollte. Die englische Kriegs- 
erklarung hat Sch. wie manche andere politisch denkende Manner in Deutsch 
land aufs starkste enttauscht. 

Mit der Verschiedenheit politischer Auffassungen hat eine frivole Verleum- 
dung nichts zu tun, die nach dem Tode Sch.s in den »Aufzeichnungen« ei- 
nes ehemaligen Kaiserlichen Hofmarschalls, des Grafen Robert Zedlitz- 
Triitzschler, hervorgetreten ist und in Anbetracht der Verbreitung des Buches 
hier niedriger gehangt werden muB. 

Der Verfasser erzahlt von einem Abend am Hofe, wo der Kaiser mit Staats- 
sekretar v. Schoen und Professor Schiemann die politische Stellung des Deut- 
schen Reichs zti RuBland und England eingehend erortert habe. Er f indet es merk - 
wiirdig, daB der Kaiser »dem Russen Schiemann« ein nach Ansicht maBgebender 
Kreise unberechtigtes Vertrauen schenke ; denn es stehe fest, daB Sch., der 
finanziell immer in Schwierigkeiten sei, trotz seines angeblichen Russenhasses 
sehr gute Beziehungen zu russischen off iziellen Kreisen unterhalte, namentlich zu 
dem GroBfiirsten Konstantin. Da die politische Unzuverlassigkeit eines solchen 
Mannes kaum zu beweisen sei, fiirchte der Staatssekretar des Auswartigen 
Amtes, wenn er warnen wollte, unberechenbar impulsive Handlungen des Kai- 
sers. Dieser hoffe, durch sein groBes Vertrauen Schiemann ahnlich wie den Ge- 
heimrat Dr. Koser dafiir zu gewinnen, »Geschichte« in fiir ihn giinstigem Sinne 
zu schreiben. DaB es moglich sein werde, bezweifelt der gewesene Hofmarschall. 

Wir konstatieren gegenuber diesem verleumderischen Hofklatsch, daB ge- 
rade das Auswartige Amt schon lange, bevor der Kaiser ihn personlich kannte, 
seit den Tagen des Grafen Herbert Bismarck bis zuletzt, Sch. voiles Vertrauen 
entgegengebracht hat und dazu durchaus berechtigt war, da seine Vergangen- 
heit und Gegen wart of fen und klar vorlagen. Die » of f iziellen « Kreise in RuB- 
land, zu denen er gute Beziehungen, zum Teil noch aus seiner baltischen Zeit 
stammend, unterhielt, waren bekannte Gelehrte, wie der Akademiker Kunik, 
die Professoren Bilbassow und Lappo-Danilewski, derDirektor der Of f entlichen 
Bibliothek General N. Schilder, der als Geschichtsforscher bekannte Prasident 
der Kaiserlichen Gesellschaft fiir Geschichte und Geographie GroBfiirst Nikolai 
Michailowitsch (nicht GroBfiirst Konstantin Konstantinowitsch, der Prasident 



Schiemann 221 

<ier Akademie der Wissenschaften war) u. a. Diese Beziehungen waren in Berlin 
bekannt, ebenso Sch.s Audienz beim Zaren und seine langere Unterhaltung mit 
diesem. Sie haben nie eine politische Bedeutung gehabt, wohl aber Sch.s Arbeit in 
russischen Archivenund Bibliotheken wesentlich erleichtert. Die russischen Ge- 
lehrten verkannten bei aller Verschiedenheit der Urteile und Auffassungen 
nicht die Wahrhaftigkeit und den wissenschaftlichen Ernst der Forschung Sch.s 
und verschlossen sich nicht der Erkenntnis, daB der auch von ihm angestrebte 
Internationale Zusammenhang der historischen Forschung, den der Deutsche 
Kaiser stets lebhaf t gefordert hat, der russischen Wissenschaf t nur niitzen konnte. 
Die Tatsache aber, daB Sch. friiher als russischer Untertan gegen die Verge- 
waltigung des Deutschtums in den baltischen Provinzen gekampft hatte und 
spater als preuBischer Untertan oft russische Regierungsmaximen vejurteilte, 
die Willkiir der russischen Bureaukratie scharf kennzeichnete und vor dem 
GroBenwahn und den Zielendes Panslawismuswarnte, war im alten Petersburg 
mit einem wissenschaftlichen Verkehr durchaus vereinbar. Einen »Russen- 
haB« verboten Sch. sowohl seine historische Bildung wie seine humane Ge- 
sinnung. Die gehassige Verbindung der russischen Beziehungen mit finanziellen 
Schwierigkeiten geht aus der Voraussetzung hervor, daB, wer ohne Vermogen 
sich und seine Familie nur durch eigene Arbeit erhalt und dabei pekuniare 
Schwierigkeiten zu iiberwinden hat, stets durch Geld zu beeinflussen ist. Wir 
halten eine solche Voraussetzung fur verwerflich und sehenin Sch.s unbedingter 
Ehrenhaftigkeit keinen Ausnahmefall, sondern etwas Selbstverstandliches fur 
jeden anstandig denkenden Menschen. 

Zu Sch.s personlichem Verkehr mit dem Kaiser fuhrte dessen Interesse fur 
die Geschichte der seinem Hause so nahe stehenden russischen Monarchen, 
vielleicht auch mancher Artikel in der Kreuzzeitung. Eine absichtliche Be- 
einflussung schlossen beim Kaiser sein Verstandnis und seine Achtung der 
geistigen Unabhangigkeit des Historikers aus. Sch. selbst lagen gewiB die deut- 
schen Interessen seiner Heimat immer am Herzen, aber er war iiberzeugt, daB der 
Kaiser die inneren Verhaltnisse RuBlands wohl kennen, doch vor dem Rriege 
nie in sie politisch eingreifen wollte und daher jeder Versuch einer dahin gehenden 
Einwirkung hochst unangebracht und taktlos gewesen ware. Erst im Verlauf 
des Krieges schien es ihm moglich und geboten, Darlegungen in diesem 
Sinne vorzustellen. 1918 schien die Bestimmung Sch.s zum Kurator der rein 
deutsch wiedererstehenden Universitat Dorpat ihn dauernd in die alte Heimat 
zuruckzufuhren. Es ist bekannt, wie alle baltischen Traume an der Schwelle 
ihrer Verwirklichung zerschellten. 

Die deutsche Katastrophe warf Sch. nieder: »Alles, wofiir ich gelebt und ge- 
arbeitet habe, was ich Hebe und wofiir ich kampfte, liegt am Boden, und es 
bleibt die bange Frage, ob es sich je wieder aufrichten wird.« Er wuBte, daB er 
selbst die Antwort der Geschichte nicht horen werde ; aber er hatte — wie einst 
Treitschke in weniger schlimmen Tagen — »die ratselhafte Kunst, am Vater- 
lande zu verzweifeln« nicht gelernt. Der feste Glaube an die Zukunft Deutsch- 
lands, an den Sieg der Wahrheit hob ihn empor und hielt ihn aufrecht. Er ver- 
mochtetrotz der furchtbaren seelischen Erschiitterung sein Werk iiber Nikolai I. 
zum AbschluB zu briugen. — Er hat das kaiserliche, das groBe Deutschland ge- 
liebt und dafiir gelebt und in der Revolution nur Verderben gesehen. Unver- 
briichliche Treue fiir Kaiser und Reich haben ihn bis ans Grab geleitet. 



222 1921 

Lit era tu r: Album Academicum, Dorpat 1889. — Beitrage zur russischen Geschichte, 
Festschrift fiir Theodor Sch., S. Ill f ., Berlin 1907. — Sch.s Schriften. — Briefe und 
genaue personliche Bekanntschaft. — Ein Nachruf desselben Verfassers in: ^Deutsche 
Post aus dem Osten«, 1921, Nr. 13 vom 2j.Marz. — Auskunft iiber den literariscben 
NachlaB zu erfragen bei Frau Geheimrat Lina Schiemann, geb. v. Mulert, Berlin- 
Lichterfelde, ZiethenstraCe 2. 

Rostock Oskar Stavenhagen. 

Schjerning, Otto v., Prof. Dr. mtd., Kgl. preuB. Generalstabsarzt der Armee 
a. D. mit dem Range als General der Infanterie, * in Eberswalde am 4. Ok- 
tober 1853, f in Berlin am 28. Juni 1921. — Hervorgegangen aus dem Joachims- 
thalschen Gymnasium, gehorte Sch. vom 25. April 1873 bis 15. Februar 1877 
dem Kgl. PreuB.. Friedrich-Wimelms-Institut in Berlin (der spateren Kaiser- 
Wilhelms-Akademie fiir das militararztliche Bildungswesen) an, promovierte 
am 9. Februar 1877 zum & r - *ned-, wurde am 16. Juli 1878 zum Assistenzarzt 
befordert und gelangte 1885 nach einigen Jahren truppenarztlicher Tatigkeit 
und Verwendung beim Korpsarzt des Gardekorps in die Medizinalabteilung des 
PreuB. Kriegsministeriums. An diesem Mittelpunkt der Arbeit fiir das Heeres- 
sanitatswesen hat er 20 Jahre als Referent und spater als Abteilungschef ge- 
wirkt. Im Jahre 1905 wurde er als Generalstabsarzt der Armee Chef des PreuB. 
Sanitatskorps und der Medizinalabteilung des PreuB. Kriegsministeriums, 
Direktor der Kaiser- Wilhelms-Akademie fiir das militararztliche Bildungs- 
wesen und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Senates bei dieser Akademie. 
1906 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor der medizinischen Fakultat 
der Universitat Berlin ernannt, erhielt 1907 den Rang als Generalleutnant, 1909 
aus AnlaB der Eroffnung des unter seiner Leitung erxichteten Offizierheims 
Taunus in Falkenstein den erblichen Adel und 1915 im Kriege den Rang als 
General der Infanterie. Er war ordentliches Mitglied der PreuBischen Wissen- 
schaftlichen Deputation fiir das Medizinalwesen und Senator der Kaiser-Wil- 
helms-Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaften. Wahrend der Dauer des 
Weltkrieges war er Chef des Feldsanitatswesens im GroBen Hauptquartier. 

Die Iyeistungen des Sanitatswesens im Weltkriege kronten die Lebensarbeit 
v. Sch.s. Findet man doch wahrend der mehr als 30jahrigen Zeit seiner Wirk- 
samkeit wohl in alien Zweigen der Organisation des Friedens- und des Kriegs- 
sanitatswesens seine Spuren und die erzieherische Einwirkung seiner Fuhrer- 
hand, sei es in der inneren Regelung des Lazarettbetriebes, sei es bei L,azarett- 
neubauten, bei der Schaffung von Genesungsheimen fiir Offiziere und Mann- 
schaften, von Lungenheilstatten, von Erholungsheimen fiir Unteroffiziers- 
familien, bei der Einrichtung von groB angelegten Laboratorien und Depots, bei 
der Truppenhygiene, bei der Fortbildung der Sanitatsoffiziere und derHeran- 
bildung ihres Ersatzes. Eine freie griindliche arztliche Ausbildung des Nach- 
wuchses und wissenschaftliches Arbeiten und Streben der Sanitatsoffiziere be- 
trachtete v. Sch. mit Recht als wichtigste Grundlage fiir einen wirksamen und 
durchgreifenden Sanitatsdienst und unerlaBliche Vorbedingung fiir dessen zeit- 
gemaBes Fortschreiten. Aus dieser tjberzeugung heraus forderte er die dauernde 
Vervollkommnung der Kaiser-Wilhelms- Akademie fiir das militararztliche Bil- 
dungswesen und hielt enge Fiihlung mit Universitaten und Praxis, besonders 
auch durch Fortbildungskommandos von Sanitatsoffizieren zu Universitats- 
anstalten und zu Krankenhausern. 



Schiemann. Schjerning 223 

So hob er allmahlich die wissenschaftlich-praktische Tatigkeit im Heeres- 
sanitatsdienst immer mehr, brachte das reiche wissenschaftliche Material des 
Truppen- und Lazarettdienstes zu steigender Ausnutzung und machte es 
weiteren Kreisen zuganglich. Hinge wiesen sei auf die fortlaufenden Veroffent- 
lichungen aus dem Gebiete des Militarsanitatswesens, die Arbeiten aus den 
hygienisch-chemischen Untersuchungsstellen, anf die Bibliothek von Coler- 
v. Sen., ferner auf die Anregung und Durchfiihrung von Schieflversuchen und 
von umfangreichen Studien iiber die Physiologie des militarischen Dienstes. 
v. Sch. sah in dem Sanitatsoffizier nicht nur den Arzt der Soldaten, sondern zu- 
gleich den Sozialhygieniker, fur den es zwischen Volk und Heer keine Grenzen 
gibt. Als Gebiete der Volkswohlfahrtspflege, auf denen v. Sch. sich besonders 
wirksam betatigte, seien nur genannt die Sauglingsfiirsorge, die Schulgesund- 
heitspflege, die Zahnpflege in den Schulen, die Bekampfung der Geschlechts- 
krankheiten, die Bekampfung der Tuberkulose als Volkskrankheit, dieFiirsorge 
fiir unbemittelte Nervenkranke. Weit iiber den Kreis seiner Beruf s- und Standes- 
genossen hinaus erfreute er sich hoher Wertschatzung und sein Rat war bei 
vielen Fragen der allgemeinen Volksgesundheit und -fiirsorge von schwerwie- 
gender Bedeutung. Im Auslande war seine Personlichkeit vielf ach bekannt und 
geschatzt. Auf internationalen Kongressen und sonstigen Veranstaltungen war 
er stets der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und vielfacher auBerge- 
wohnlicher Ehrungen. 

v. Sch. hat sich selbst stets auf der Hohe wissenschaftlichen Fortschrittes ge- 
halten und bei aller Hemmung durch die gewaltige Groi3e seiner Verwaltungs- 
arbeit immer noch Zeit zu eigenen wissenschaftlichen Arbeiten gefunden. Hier 
seien genannt seine Untersuchungen iiber Selbstmord in Volk und Heer, seine 
Arbeit iiber die Grippe-Epidemie im deutschen Heere 1889/90, mannigfache 
Arbeiten iiber Feuerwaffen und SchuBverletzungen, iiber Verwertung der 
Rontgenstrahlen in der Medizin, iiber das Vorkommen der Tetanuserreger in 
der Fiillung der Platzpatronen. Von besonderer Bedeutung und wissenschaft- 
lichem Dauerwert sind seine sanitatsstatistischen Betrachtungen iiber Volk und 
Heer, die gerade fiir die Zeit ihrer Entstehung (1910) wichtige Unterlagen fiir 
viele Fragen der Volkswirtschaft und besonders fiir die Beurteilung der Wehr- 
kraft des deutschen Volkes darboten. Der kronende AbschluB seiner wissen- 
schaftlichen Arbeiten ist das groflangelegte Handbuch der arztlichen Erfah- 
rungen im Weltkriege, das er lange vor Kriegsende ins Auge faJ3te und fiir das 
er in seiner weitblickenden Art die organisatorischen Vorarbeiten in muster- 
giiltiger Weise geleistet hat. Die Manuskripte hat er noch kurz vor seinem Tode, 
schon schwer leidend, mit groBer Liebe und Sorgf alt selbst durchgearbeitet. Das 
Handbuch ist das bleibende Denkmal fiir die Leistungen des Sanitatsdienstes 
im Weltkriege, denen v. Sch.s organisatorische Kraft und personliche Tatkraft 
die Wege geebnet hat, und denen er auf diesen Wegen der unermiidliche Fiihrer 
war. Fiir seine Verdienste hat ihm im Jahre 1916 die Preui3ische Akademie der 
Wissenschaften die goldene Leibniz-Medaille zuerkannt. 

Literatur: Schultzen, O. v. Sch. zum Gedachtnis, im Handbuch der arztlichen Er- 
fahrungen im Weltkrieg, Bd. I. — Derselbe, Zn O. v. Sch. Abschied, in Militararzthche 
Zeitschrift 1919, Heft 1 und 2. — Derselbe, Nachruf , in Deutsche Medizinische Wochen- 
schrift 1 92 1. 

Berlin-Steglitz. Wilhelm Schultzen. 



224 I921 

Schmiedeberg, Oswald, Professor der Pharmakologie an der Universitat zu 
StraBburg i. E., * in Laidsen (Kurland) am n. Oktober 1838, f den 12. J11H1921 
in Baden-Baden. — Sch. entstammte einer kurlandischen Forsterfamilie, ver- 
brachte nach der Eltern Ubersiedlung nach Estland seine Jugend in Dorpat, 
besuchte dort das Gymnasium und darauf die Universitat zum Medizinstudium. 
Am 6. April 1866 ward er zum Doktor promo viert auf Grund einer unter Buch- 
heims Leitung ausgefiihrten Arbeit iiber Bestimmung und Verhalten des 
Chloroforms im Blut. Kurz darauf wurde Sch. Assistent am Pharmakologischen 
Universitatsinstitut, nach zwei weiteren Jahren (1868) Privatdozent und im 
Mai 1869, als sein Lehrer Buchheim nach GieBen war berufen worden, zu dessen 
Nachfolger ernannt als Professor der Pharmakologie, Diatetik und Geschichte 
der Medizin. 

Neben Buchheim waren es namentlich der Chemiker Karl Schmidt und der 
Physiologe Friedrich Bidder — beide beruhmt durch ihre grundlegende Arbeit 
iiber die epidemische Cholera — sowie in Leipzig Karl Ludwig, die auf Sch.s 
wissenschaftliche Entwicklung eingewirkt haben ; gleich nach seiner Ernennung 
zum Professor hatte er namlich einen einjahrigen Urlaub genommen, um in 
Karl Ludwigs Schule die Meisterschaft des physiologischen Experimentierens 
zu erlangen. In Leipzig trat er auch in einen Kreis hervorragender j lingerer Ge- 
lehrter, wie u. a. Bohm, Bowditch, Htifner, Miescher, mit denen ihn in der 
Folge dauernde Freundschaft verbunden hat. Als 1872 die deutsche Univer- 
sitat in StraBburg gegriindet wurde, ward unter den hervorragendsten Ge- 
lehrter Deutschlands auf Karl Ludwigs Empfehlung hin auch Sch. berufen: 
hier ist er als der Einzige von ihren Griindern bis zur Auflosung und Vertrei- 
bung der deutschen Hochschule durch die Franzosen tatig geblieben. 

Als auBeres Denkmal seines bedeutenden Wirkens in StraBburg hat Sch. das 
nach seinen bis in alle technischen und kiinstlerischen Einzelheiten durch- 
dachten und genauen Angaben von dem Architekten Warth erbaute pharma- 
kologische Institut hinterlassen. Eine von ihm selbst verfaBte Beschreibung 
nebst GrundriB und Abbildung findet sich in dem Werk von S. Hausmann, »Die 
Kaiser- Wilhelm-Universitat StraBburg «, StraBburg 1897. 

Um die Zeit des StraBburger Anfangs war die Pharmakologie noch ein fast 
nirgends sonst gepflegter, ja kaum gekannter und beachteter, oft auch wirk- 
lich vertrockneter Zweig der medizinischen Wissenschaft ; und das von Buch- 
heim 1847 gegriindete experimentell-pharmakologische Institut in Dorpat war 
viele Jahre lang das einzige seiner Art geblieben. Erst seit den 7oer Jahren 
wurden an den deutschen Hochschulen solche Laboratorien eingerichtet, und 
gegenwartig findet sich kaum eine Universitat in der Welt, an der nicht eine 
gut ausgestattete pharmakologische Lehrkanzel besteht : f riiher ein kaum be- 
achtetes Nebenfach, ist die Pharmakologie heute als ebenbiirtige Schwester 
der Physiologie und der Pathologie iiberall anerkannt. Dieser Umschwung ist in 
erster Linie dem Wirken Sch.s zuzuschreiben, was sich unter anderm auch darin 
ausdnickt, daB gegen vierzig von den pharmakologischen Lehrstuhlen des In- 
und Auslandes von seinen unmittelbaren Schiilern besetzt worden sind, ein Er- 
folg, wie ihn von Lehrern eines theoretischen Faches der Medizin vielleicht nur 
noch K. Ludwig oder R. Koch erlebt haben. Sch.s Laboratorium in StraBburg 
ward bald der Sammelpunkt zahlreicher jungerGelehrter, die aus dem In- und 
Auslande zustromten : sie bildeten die Pioniertruppen, die unter seiner sicheren 



Schmiedeberg 225 

Fiihrung die weiten, noch unbebauten Gebiete der Pharmakologie erschlieBen 
half en. Die Frucht dieser gemeinsamen Arbeit ist in iiber 200 Abhandlungen fast 
ohne Ansnahme in dem von Sch. im Verein mit Naunyn und Klebs begriindeten 
»Archiv fur experimentelle Pathologie und Pharmakologie « (Vogel, Leipzig) 
niedergelegt worden. Das Allerwichtigste davon sei im folgenden angefuhrt. 

Schon seine erste wissenschaf tliche Arbeit iiber das Verhalten des Chloroforms 
im Bint gab Sch. den AnstoB zu einer ganzen Reihe weiterer Untersuchungen iiber 
die Pharmakologie des Chloroforms und der ihm verwandten Stoffe aus der Gruppe 
des Alkohols. Darunter wurde besonders bedeutsam die Arbeit iiber Wirkung 
und Anwendung einiger Carbaminsaureester ; Sch. behandelte darin die grund- 
satzliche Frage nach der Abhangigkeit der Wirksamkeit von dem chemischen 
Aufbau der Pharmaca, indem er den einzelnen Atomgruppen im ganzen Molekiil 
jeweils ihre besondere Ein wirkung innerhalb der Gesamtwirkung des Stof f es zu- 
schrieb. Dieser Vorstellung entsprang die Anregung zur experimentellen Priif ung 
und darauffolgenden klinischen Einfiihrung des Paraldehyds, des Amylenhy- 
drats und vor allem des Urethans, das dannspater die langeFolgehypnotisch wir- 
kender Harnstoffabkommlinge nach sich zog. Auch die bekannte Ehrlichsche 
Seitenkettentheorie geht auf diese Sch.sche Grundvorstellung zuriick. 

Eine andere Reihe grundsatzlich wichtiger Fortschritte in der Pharmakologie 
hat ihren Ausgang genommen von der klassischen Untersuchung Sch.s iiber das 
Muscarin, das Gift des Fliegenschwammes (1869) und die daran ankniipfenden 
Studien iiber die Nikotineinwirkung am Herzen. Die Muscarinarbeit ist ein un- 
ubertroffenes Muster einer pharmakologischen Drogenuntersuchung, sowohl in 
bezug auf die chemische Auffindung und Darstellung des bislang unbekannten 
wirksamen Stoffes, wie in der planvollen und kritischen Experimental- 
prufung seiner Wirkungen. AuBer dem in solcher Art zum erstenmal erkannten, 
toxikologisch wie therapeutisch wichtigen wechselseitigen Antagonismus 
zwischen Muscarin und Atropin haben diese Untersuchungen sehr wesentlich die 
Kenntnis von der Herzinnervation und den vagalen Hemmungsvorrichtungen 
im Herzen gefordert. Eine andere, der Muscarinarbeit in der Schwierigkeit des 
Vorwurfs wie in dessen meisterhafter Behandlung, endlich auch in ihrer prak- 
tischen Tragweite ebenbiirtige Untersuchung betrifft die Darstellung der wirk- 
samen Digitalisstoffe und die experimentelle Analyse ihrer Wirkungen auf das 
Herz. Sch.s chemische, durch die pharmakologische Priifung schrittweis ge- 
leitete Untersuchung der Digitalisbestandteile lieferte die erste wichtige und 
bis heute noch haltbare Grundlage der iiber aus schwierigen Digitalischemie, 
auf der alle spateren Forscher weitergearbeitet haben. Eine zusammenfassende, 
auch geschichtlich geschmuckte Abhandlung iiber die Chemie und Pharmakologie 
der ganzen »Digitalisgruppe« hat Sch. im 16. Band seines Archivs gegeben. 
Mehrfache Erganzungen sind dann spater durch die Arbeiten seiner Schiiler 
hinzugekommen. 

Eine groBe Zahl von Untersuchungen des Sch.schen Laboratoriums betrifft 
die Pharmakologie des Koffeins und der ihm verwandten Purinkorper; sie 
fuhrten unter anderem zu der genaueren Kenntnis und Aufklarung der die 
Muskelarbeit fordernden und den Harn treibenden Wirkung der meisten dieser 
Stoffe. Unter Sch.s Anregung und unter den von ihm gegebenen fest leitenden 
Gesichtspunkten sind ferner von seinen Mitarbeitern und Schulern die meisten 
der theoretisch oder praktisch wichtigen organischen und unorganischen Arznei- 

DBJ 15 



226 1921 

stoffe und Gifte planmaBig bearbeitet worden; so insbesondere auch die 
Schwermetallverbindungen, iiber welche die alteren, mit sehr fehlerhaiten 
Methoden ausgefiihrten toxikologischen Untersuchungen zu ganz wider- 
sprechenden Ergebnissen gefuhrt hatten. Durch die von Sch. eingefuhrte Ver- 
wendung »komplexer« Metallverbindungen gelang es, die sonst unvermeidlichen, 
atif unmittelbare Eiweiflbindung bernhenden, ortlichen Wirkungen abzu- 
trennen und die bis dahin gar nicht klar analysierten Fernwirkungen nach Be- 
lieben unvermischt hervorzunifen. 

Die Ergebnisse all dieser Arbeiten hat Sch. in seinem in fast alle Kultur- 
sprachen iibersetzten »GrundriB der Arzneimittellehre* 1883 (7- Auflage 1914) 
verwertet. In der bedeutsamen Einleitung des Werkes entwickelt Sch. seine 
grundsatzlichen, in der Folge allgemein angenommenen und erweiterten An- 
schauungen von der Art der pharmakologischen Wirkungen iiberhaupt ; unter 
dem Begriff chemisch-pharmakologischer Wirkung versteht er nicht nur im 
engeren Sinne »chemische«, sondern vor alien Dingen auch »molekulare« Vor- 
gange, wie sie uns z. B. bei der Bildung der Losungen entgegentreten, d. h. also 
Vorgange, welche in das Gebiet der »physikalischen Chemie« fallen. Der Ab- 
schnitt iiber »Einteilung der pharmakologischen Agentien und Arzneimittel « 
behandelt den Wert und die Unentbehrlichkeit einer nach seines Lehrers 
Buchheim Vorgang (1856) durchgefuhrten Systematik, d. h. Zusammenfassung 
der in ihren Grundwirkungen und pharmakologisch bedeutsamen Eigenschaf ten 
einander ahnlichen Stoffe zu Gruppen eines »naturlichen Systems*, ahnlich 
wieetwain der Pflanzenkundedas natiirliche System der Pflanzenfamilien. Fur 
die Zwecke einer praktischen Arzneimittellehre ist ein solches System aller- 
dings nicht durchgehends verwendbar, wohl aber unerlaBlich fiir Zwecke der 
Forschung. 

Der knappe, strenge Stil des Sch.schen »Grundrisses«, der sowohl die Fulle 
der Tatsachen selbst wie ihre kritische Erorterung in gedrangter Kiirze dar- 
bietet, verlangt die voile Aufmerksamkeit und ernste Hingabe des Lesers, um 
den gedankenreichen Inhalt zu erfassen und auszuschopf en ; dem Denkenden 
aber gibt dieses Meisterwerk die wissenschaftlich gesicherten Beobachtungen 
der analysierenden Pharmakologie in verstandlicher und Richtung weisender 
Darstellung ; es bildet zugleich die beste Widerlegung des Vorwurf s, der gegen 
Sch.s Schule ist erhoben worden, als kummere sie sich nicht um die Forderungen 
der praktischen Medizin und lehne die Beziehung zur Therapie grundsatzlich 
ab: im Gegenteil, diese notwendige Beziehung wird von Sch. ausdnicklich 
hervorgehoben und in vielen erklarenden Hinweisen fiir die Praxis nutzbar 
gemacht. Ubrigens hat Sch. sein lebendiges Interesse an praktisch-arztlichen 
Fragen bei den Beratungen des Reichsgesundheitsamts iiber medizinische 
Gesetzgebung, iiber das Arzneibuch, iiber gewerblich-hygienische Gegenstande 
u. a. m. mit seiner personlichen, durch Sachkunde und lauteres Urteil ausge- 
zeichneten Betatigung noch bis in die allerletzte Zeit bewiesen. 

Wenn nach dem bisher Gesagten Sch. der bahnbrechende Vorkampfer und 
Vorarbeiter der Pharmakologie war, und er selbst es auch als seine wesentliche 
Lebensaufgabe betrachtete, dieser Disziplin die gesicherte wissenschaftliche 
Grundlage und Abgrenzung zu geben, sowie ihr den notwendigen und gebuhren- 
den Anteil an dem Unterricht und der Ausbildung der Arzte zu erringen, so 
gehorte doch seine innerste personliche Neigung nicht so sehr der experimentell- 



Schmiedeberg 227 

pharmakologischen als der physiologischen,insbesondere der physiologisch- und 
pathologisch-chemischen Forschung ; und ihr verdankt die Wissenschaft reiche 
Priichte seiner tiefgriindigen Arbeiten tiber den nonnalen und den pathologisch 
oder pharmakologisch veranderten Stoffwechsel und Chemismus der Gewebe. 
Von Sch.s Arbeiten aus diesem Gebiet hebe ich zunachst die in Gemeinschaft 
rnit G. v. Bunge durchgeftihrte Untersuchung iiber die Bildung der Hippursaure 
in der Niere des Hundes hervor, die im Verein mit seiner spateren Entdeckung 
des hydrolytischen Histocyms in der Niere sowie der Oxydase in Lunge und 
anderen Organen die methodische Grundlage bildet zu alien weiteren Unter- 
suchungen iiber den Stoffwechsel in tierischen Organen. 

Sch. hatte schon viel fruher (1877) eines der wichtigsten allgemeinen Stoff- 
wechselprobleme in Angriff genommen, auf das ihn die bereits 1871 noch in 
Dorpat gemachte Beobachtung gefuhrt hatte, da£ der saure Harn der Fleisch- 
f resser nach selbst sehr reichlicher Zufuhr von kohlensaurem Ammon nicht wie 
nach entsprechender Fiitterung mit Soda alkalische Reaktion annimmt. Mit 
der ihm eigenen Hellsichtigkeit vermutete Sch., dai3 das Ammonkarbonat in 
Harnstoff umgewandelt werde, und veranlaBte entsprechende Versuche, die in 
der Tat die erwartete Bestatigung brachten. In engem Zusammenhang mit 
dieser grundsatzlich wichtigen Frage nach der Harnstoffbildung stand die 
gleichzeitig in Angriff genommene Untersuchung iiber die Wirkung der Sauren 
auf den tierischen Korper. Es ergab sich, daJ3 Pflanzenfresser leicht, 
Fleischf resser viel schwerer durch Saurezuf uhr unter Lahmungserscheinungen 
zu vergiften sind, und zwar weil letztere imstande sind, die Saure zum Teil 
durch Ammoniak unter Ablenkung von der oben nachgewiesenen Harnstoff- 
bildung zu neutralisieren und so die lebenswichtigen Alkalikarbonate des 
Blutes und der Gewebe zu sparen. Dieser wichtige Fund hat dann zu der folgen- 
schweren Entdeckung der Saurevergiftung im diabetischen Koma und zu der 
oft lebensrettenden Behandlung durch Alkalieinlauf gefuhrt. 

Die gelegentlichen Untersuchungen iiber das Schicksal verf iitterten Kampf ers 
beim Hunde fuhrte zur Entdeckung der dem Zucker verwandten Glykuron- 
saure ; dieselbe Saure f and Sch. spater als Paarling in der Chondroitinschwefel- 
saure, einem von Sch. aufgefundenen wesentlichen Bestandteil des Knorpel- 
gewebes. Auch das Problem der Zuckerharnruhr hat Sch. lange beschaftigt, und 
zwar vom ersten Beginn bis zum letzten Ende seiner wissenschaftlichen Be- 
tatigung: noch in Dorpat (1869) machte er mit seinem Schuler Senff die Ent- 
deckung des »Kohlenoxyd-diabetes«; und in der allerletzten seiner Arbeiten 
(1921) fafit der 82jahrige Forscher seine Anschauungen tiber das Wesen des 
Diabetes mellitus in eine eigene, mit lebhafter Uberzeugungskraft vorgetragene 
Theorie zusammen. Bis in die letzten Lebensjahre hat ihn auch die Chemie der 
stickstoffhaltigen Kohlehydratverbindungen der EiweiBstoffe erfolgreich be- 
schaftigt. Kleinere Gelegenheitsarbeiten liefen nebenher, so die Darstellung 
reiner Nuklei'nsaure ; die Analyse der sogenannten ParamiBkristalle ; des 
Onuphins aus den Wohnrohren der Onuphis tubicola; des Sinistrins, eines 
dextrinahnlichen, aber linksdrehenden pflanzlichen Kohlehydrats u. a. m. ; 
ebenso auch seine geschichtlichen und kritischen Arbeiten iiber GenuBmittel, 
iiber Zichorie, iiber Weine und Kunstweine usw. » .' 

Seit seiner fruhen Jugendzeit bekundete Sch. ein lebhaftes und tiefes Inter- 
esse fiir Malerei und Architektur; mit der unmittelbaren Freude des Genusses 



228 1921 

paarte sich ihm die einer griindlichen Kennerschaf t, die er sich durch eingehende 
Studien an den Kunststatten Italiens und Spaniens erworben hatte. Auf der 
Grundlage seiner guten humanistischen Schulung und Erziehung f ufiend, hatte 
Sch. sich auch die Hochschatzung und das Verstandnis der alten Sprachen und 
ihres Schrifttums bewahrt. In seinen Arbeiten finden sich oft Belege geschicht- 
licher und sprachlicher Quellenstudien, und noch als Achtzigjahriger hat Sch. 
eine gelehrte, geschichtlich und sachlich ebenso lehrreiche wie anziehende Ab- 
handlung iiber die Pharmaca in der Ilias und Odyssee verdffentlicht. 

Sch.s Vortrag war wie sein Stil niichtern, gedrungen, sehr inhaltreich und von 
iiberlegenem, sehr bestimmt gefaBten Urteil; er war deshalb trotz des Ver- 
zichtes auf alien Redeschmuck und Glanz immer hochst eindrucksvoll und von 
nachhaltiger Wirkung. Bei der Erorterung wissenschaftlicher oder auch poli- 
tischer und anderer Fragen im Gesprach lieB Sch. sich kaum auf weitlaufige 
Widerlegung entgegenstehender Ansichten oder Einwiirfe ein, sondern gab in 
einigen markigen Satzen seiner Meinung entschiedenen Ausdruck. Es war nicht 
seine Sache und auch nicht seine Absicht, auf fremde Gedankengange einzu- 
gehen — in dieser Einseitigkeit oder Starrheit lag wohl auch ein Teil seiner 
zielbewufiten Kraft und seines Erfolges als Neugestalter und Neubegrunder der 
Pharmakologie und als Haupt seiner zu strenger Gewissenhaftigkeit und Wahr- 
haftigkeit erzogenen Schule. Seine ihm in groBer Verehrung ergebenen Schiiler 
haben ihm zu seinem 70. Geburtstage einen Band des Archivs fur experimen- 
telle Pathologie und Pharmakologie (1908) als Festschrift gewidmet: sie ent- 
halt 59 Arbeiten, davon die groBere Halfte von auslandischen Schiilern. Unter 
den vielen wissenschaftlichen Ehrungen, die Sch. erwiesen worden, hebe ich 
seine Aufnahme in die PreuBische Akademie der Wissenschaften hervor, der er 
als korrespondierendes Mitglied seit dem 28. Juli 1910 angehorte. 

Sch. ist unverheiratet geblieben, er lebte nur seiner Wissenschaft und alien- 
falls dem Verkehr mit seinen Freunden, so mit dem Botaniker Graf Solms, mit 
B. Naunyn, mit Hiifner in Tubingen und vor allem mit Miescher in Basel. Von 
seinen Angehorigen lebt nur noch sein Bruder, friiher Forstmeister in Estland; 
bei ihm auf dem I^ande hat Sch. gern einen Teil seiner Ferien zugebracht. 

Literatur: Ein Verzeiclinis von Sch.s Arbeiten findet sich in dem vorerwahnten Fest- 
bande (Archiv fur experimentelle Pathologie und Pharmakologie, 1908) ; die spater er- 
schienenen sind am Ende einer ausfuhrlichen Besprechung seines Gesamtwerkes im 
92. Bande desselben Archivs (1922) aufgefuhrt. Eine treffende Schilderung von Sch.s 
menschlicher Personlichkeit hat sein Freund B. Naunyn im 90. Band (192 1) niedergelegt. 

Wien. Hans Horst Meyer. 

Schonerer, Georg Ritter v., * in Wien am 17. Juli 1842, f x 4- August 1921 in 
SchloB Rosenau (Niederosterreich). — Der Vater Matthias hatte sich als oster- 
reichischer Ingenieur und Eisenbahnerbauer hervorgetan, war dafiir geadelt 
worden und hatte Gut und SchloB Rosenau im niederosterreichischen Wald- 
viertel angekauft, wo sich der Sohn Georg nach seiner Schulzeit und landwirt- 
schaftlichen Ausbildung zu Wien, Dresden, Tubingen, Hohenheim und Ung.- 
Altenburg, dann auf den Gutern des Fiirsten Schwarzenberg und des Erzherzogs 
Albrecht, niederlieB, das Gut zu einer Musterwirtschaft ausgestaltete und 
nimmermude durch Vortrage, Schaf fung von landwirtschaftlichen Vereinen und 
Feuerwehren, durch Wohltaten usw. die Wohlfahrt der Bevolkerung im ganzen 



Schmiedeberg. Schonexer 229 

Bezirke forderte. Die Stadt Zwettl ernannte ihn zum Ehrenbiirger und ent- 
sandte ihn am 14. Oktober 1873 in den Reichsrat. Dort trat er der Deutsch- 
liberalen Partei bei ; die verderbten parlamentarischen Zustande und das matte 
DeutschbewuBtsein dieser Partei veranlaBte ihn aber schon nach drei Jahren 
zum Mandatsverzicht. Seine Wahler schickten ihn jedoch neuerlich in das 
»Hohe Haus« und iibertrugen ihm auch ein Landtagsmandat, das er fiinf Jahre 
eifrig ausiibte. 

Dem Reichsrate gehorte er bis 1888 an, wo er durch einen auch von Gegnern 
als Justizmord erklarten Machtspruch zu vier Monaten schweren Kerkers und 
Adelsverlust verurteilt wurde. Im Jahre 1897 wahlten ihn die Egerer Land- 
gemeinden ohne sein Zutun wieder in den Reichsrat, aus dem er 1907 nach Ein- 
fuhrung des allgemeinen, gleichen, unmittelbaren Wahlrechtes, das er aus 
volkischen Griinden aufs scharfste bekampft hatte, als »mahnendes Gewissen 
des Parlamentes« endgiiltig schied. 

Den Abend seines Lebens verbrachte er vollstandig zuriickgezogen auf 
seinem Schlosse. Seine Frau Philippine, mit der er sich 1879 vermahlt und die 
ihm einen Sohn Georg und drei Tochter geschenkt, war 1913 gestorben, sein 
Augenlicht schwand unerwartet rasch, sein geliebter Sohn fiel samt Frau fast 
zur selben Stunde einer todlichen Grippe zum Opfer, dazu die Folgen des deut- 
schen Zusammenbruches, die ihn tief erschutterten, so erwartete er sein Ende 
freudlos, aber trotzig heldisch. Sein Leib wurde nach Aumuhle im Sachsenwalde 
iiberfuhrt, wo er am 1. April 1922 feierlich beigesetzt wurde und nun in der 
Nahe des von ihm iiber alles verehrten Fiirsten Bismarck schlaft. Sein Grab 
schmiickt eine Platte mit dem von ihm erwahlten Spruch : » Georg Ritter v. Sch., 
ein Kampfer fur All3eutschland.« 

Sch. war nicht »ein deutschnationaler Abgeordneter« schlechtweg, wie so 
viele andere, sondern ein volkischer Fiihrer, der noch mehr als im Parlament, 
auBerhalb wirkte, der dem deutschen Volk in Osterreich erst zum BewuBtsein 
brachte, daB es ja ein Teil des groBen Gesamtvolkes sei und naturgemaB der- 
einst mit diesem vereinigt werden miisse, er hat die Deutschen in Osterreich 
in fast 50jahriger Arbeit gelehrt, daB sie vor allem Deutsche sind. 

In einer Zeit des wirtschaftlichen Sumpfes, der »Griinder- und Schwindelzeit«, 
der Bankgriindungen und »Unternehmungen«, faBte er den Herkulesmut und 
Vorsatz, diesen Stall zu reinigen und wieder gesunde Zustande in das offent- 
liche Leben zu bringen, getreu seinem Wahlspruche: »Durch Reinheit zur Ein- 
heit ! « Anfangs als hervorragender Fachmann nur auf wirtschaftlichem Gebiete 
tatig, entwickelte er sich rasch zum volkischen, zum alldeutschen Sch., dem der 
osterreichische Staatsgedanke, wie ihn Habsburg und die Deutschliberalen ver- 
traten, wenig oder nichts, das groB- und alldeutsche Gefiihl und dessen Betati- 
gung aber alles war. Seine Worte vom 18. Dezember 1878 im Reichsrat: »Wenn 
wir nur schon zum Deutschen Reich gehorten ! « riefen einen Entriistungssturm 
aller Schwarzgelben hervor, die Krone blieb ihm seither bitterfeindlich. Sein 
politisches Ziel war die Schaffung eines Deutsch-Osterreich, das — frei von den 
slawischen Kronlandern — sich als Bundesstaat dem Bismarck-Reiche an- 
schlieBen sollte. Mit Ungarn sollte eine Personal-Union geschlossen werden, 
Galizien und die Bukowina eine Sonderstellung erhalten und Bosnien samt der 
Herzegow r ina zu Ungarn kommen. In dem so entstehenden Deutsch-Osterreich 
sollte die deutsche Sprache als Staatssprache festgelegt werden und die Deut- 



230 1921 

schen die Vorherrschaft besitzen. Seine Plane legte er in mehreren Programmen 
nieder, so 1879, wo er bereits gegen die »bisher bevorzugt gewesenen Interessen 
des beweglichen Kapitales und der bisherigen semitischen Herrschaft des 
Geldes und der Phrase « auftrat. Seine parlamentarische Losung lautete damals: 
»Fiir unverfalschtes Deutschtum, praktisches Christentum und soziale Reform. « 
1882 kam durch ihn das »Linzer Programme zustande, das die volkischen und 
wirtschaftlichen Leitsatze der Sch.-Partei enthielt. Als letzten Punkt schlofi er 
1885 den Satz an: »Zur Durchfiihrung der angestrebten Reformen ist die Be- 
seitigung des jiidischen Einflusses auf alien Gebieten des offentlichen Lebens 
unerlaBlich. « Als die ^Reichsratswahlen von 1901 einundzwanzig radikale All- 
deutsche ins Haus brachten, wies das »Alldeutsche Grundprogramm « der »AU- 
deutschen Vereinigung « die Bahnen. Die gesetzliche Festlegung der Slawisierung 
Osterreichs durch das allgemeine Wahlrecht notigten Sch. 1906, alle bisherigen 
Richtlinien durch das »Alldeutsche Zukunftsprogramm « zu ersetzen, in dem 
die Erziehung der Deutschen in Osterreich zum AnschluBgedanken als die wich- 
tigste Arbeit bezeichnet wurde. 

Eine Reihe von Ausspriichen kennzeichnen seine Richtung: » Nicht liberal, 
nicht klerikal, sondern national « oder » Nicht jedem das Gleiche, sondern jedem 
das Seine ! «, dann » National sein heiBt sein Stammesvolk lieben uber alles in der 
Welt!« oder »Um unsere Zukunft als Angehorige des groBen deutschen Volkes 
kannuns unter keinen Umstanden j emals bange sein ! « f erner » Deutsches Volks- 
recht bricht tschechisches Staatsrecht ! «, »Ohne Juda, ohne Rom wird gebaut 
Germaniens Dom!«, » Nicht jesuitischer, sondern deutscher Geist soil herrschen 
in deutschen Landen ! « 

Bei der Geradheit, mit der er sein groBes Ziel anstrebte', muBte er bald nach 
alien Seiten auf Widerstand stoBen : die Habsburger haBten ihn aus Furcht vor 
Gefahrdung ihres Besitzes, wegen ihrer slawischen und ultramontanen Ein- 
stellung wie aus Riicksicht auf ihre Beziehungen zum jiidischen Kapital. Die 
Slawen und Deutschklerikalen waren geschworene Gegner als Deutschfeinde 
und Stiitzen der Herrschaft Roms, auch schon bevor Sch. 1899 aus volkischen 
Griinden zum »Los-von-Rom« aufforderte, das Judentum und alle seine Zweige 
fiihlten sich durch den »Ritter Georg« in ihren Aufgaben gestort und behindert 
und die Presse trat ihm deshalb entweder durch Totschweigen oder scharfste 
Bekampfung entgegen. Und die jeweiligen Regierungen erfullten die Absichten 
der Krone. 

Aus diesen Gegnerschaften erwuchs in Sch. immer ausgepragter der Rassen- 
antisemitismus, der Antiklerikalismus, die Bekampfung der wechselnden Re- 
gierungen so wie der in Osterreich fast ausschlieBlich von Juden bedienten 
Presse und die Lossagungsbestrebungen von Habsburg. 

Beruhmt wurde sein Name durch sein Verhalten in der Verstaatlichungsf rage 
der Nordbahn, deren Pachtvertrag mit S. M. Rothschild 1886 erloschen sollte. 
Sch. forderte im Gegensatz zur Regierung, die das Vorrecht Rothschilds ver- 
langern wollte, die Verstaatlichung der ertragnisreichen Bahn. Ein Riesen- 
kampf, in deren Verlaufe er auch einen Pistolenzweikampf auszutragen hatte, 
begann, in dem er es erreichte, daB zwar sein Antrag noch nicht durchdrang, der 
Staat aber riesige Summen an hoheren Pachteingangen gewann. 

Er stellte u. a. Antrage auf: Einfiihrung einer Borsensteuer, Steuerentlastung 
der armeren Stande, Notstandshilfen an die Bevolkerung. Schutz gegen die 



Schonerer 23 1 

Falschung der offentlichen Meinung durch die Presse, Abwehr der behordlichen 
tJbergriffe gegen die volksbewufiten Deutschen, Verbot der Einwanderung aus- 
landischer Juden, Erlassung eines Semitengesetzes nach dem Vorbilde der 
amerikanischen Antichinesenbill, Bestrafung der Zeitungsliigen, Verhinderung 
der Giiterschlachterei, Verstaatlichung des Ankiindigungswesens, Zollbiindnis 
mit dem Deutschen Reich, Freigebung des Vereins- und Versammlungsrechtes, 
gegen die Verletzung des Hausrechtes und des Briefgeheimnisses, wirtschaft- 
liche Reformpolitik nach dem Beispiele Bismarcks, Verhinderung der tsche- 
chischen Vorstofle, Beseitigung des § 14 des Staatsgrundgesetzes, mit dem jede 
Regierung miflbrauchlich absolut herrschen konnte ; politische und wirtschaf t- 
liche Trennung Osterreichs von Ungarn usw. 

Ganz einzig setzte er sich fur den Bauernstand, ftir die Gewerbetreibenden 
und fiir den Arbeiterstand ein und zeigte sein warmes Herz fur die deutsche 
Studentenschaft, fiir dieTurnsache und fiir alles, was dem Sinne des volkischen 
Gedankens entsprach. Auf zwei groBen Bauerntagen, 1886 und 1894, fafite er 
die Forderungen des unterdnickten Bauernstandes zusammen. Er griindete viele 
Bauernvereine und vertrat deren Wiinsche im Reichsrate, er forderte ein 
eigenes Agrarrecht an Stelle des rdmischen Rechtes usw. Allein von 1870 bis 1879 
hielt er 200 landwirtschaftliche Versammlungen ab, von 1872 bis 1889 sprach 
er in 600 Versammlungen. Schon 1873 hatte er im Reichsrate die rechtlose Stel- 
lung der Arbeiterschaf t bedauert ; er verlangte soziale Gesetze zum Schutze der 
Arbeiter, wie: progressive Einkommensteuer, Bildung von Arbeiterkammern, 
Schaffung von Arbeiterinvalidenkassen und Altersversorgungskassen, Arbeiter- 
unfallversicherung, Festlegung einer Normalarbeitszeit, Beschrankung der 
Kinder- und Frauenarbeit, Sonntagsruhe, Haftpflicht der Arbeitgeber fiir Un- 
falle, Einfuhrung von Fabrikinspektoren, Schaffung eines Arbeitsministeriums, 
Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen Arbeiter, international Arbeiterschutz- 
gesetzgebung usw. 

Seine festen Verbindungen mit der Studentenschaft, die Verehrung, die er 
dort genofl, veranlaCten die Regierungen zu wiederholten Versuchen, ihn un- 
schadlich zu machen, studentische Kbrperschaften wurden behordlich aufge- 
lost und Studenten scharf gemai3regelt. Auch zur reichsdeutschen Studenten- 
schaft schlug er Briicken, so mifitrauisch diese auch anfangs war, da bei ihr der 
Staatsbegriff mit der Anhanglichkeit an die Herrscherfamilie unzertrennlich 
verbunden war. 

Nach vielen Niederlagen der Regierungen gelang es ihr endlich 1888, Sch. 
kalt zu stellen. Die Wiener Presse verbreitete falsche Nachrichten iiber das Ab- 
leben Kaiser Wilhelms I. Sch. als begeisterter Verehrer der Hohenzollern ging 
mit einigen Gesinnungsfreunden unbewaffnet zum *Neuen Wiener Tagblatt« 
und stellte die Presseleute zur Rede. Daraus wurde ihm der Strick gedreht und 
er wegen Hausfriedensbruches zu Kerker, Mandats- und Adelsverlust verurteilt. 
Den Adel gab ihm Kaiser Karl wieder zuriick. Seines politischen Erbes bemach- 
tigten sich nun die christlichsozialen Vergani und Dr. Lueger, wie andererseits 
der deutschnationale Dr. Stein wender, um davon fiir ihre Zwecke zu verwerten, 
was sie brauchten. In der Zeit seiner politischen Rechtlosigkeit wirkte er im 
» Deutschen Volksverein « als Obmann, in vielen anderenVereinen und durch zahl- 
reiche aufklarende Versammlungen, besonders auch von 1890 bis 1892 im Deut- 
schen Reiche, um das Verstandnis fiir das kommende Alldeutschland zu wecken. 



232 192 1 

Er besaB auch ein Sprachrohr, seit 1881 » Deutsche Worte«, dann von 1883 
bis 1903 die »Unverfalschten Deutschen Worte«, die durch das »Alldeutsche 
Tagblatt « abgelost wurden. 1897 wieder im Reichsrate, stand er im Vordergnind 
des Kampfes gegen den polnischen Ministerprasidenten Graf Casimir Badeni, der 
seine deutscbfeindlichen Sprachenverordnungen fiir Bohmen und Mahren er- 
lassen hatte. Sch. und mehrere andere wurden gesetzwidrig durch Polizei aus 
dem Reichsrate entfernt. Doch Badeni erhielt den Abschied. 

Sch. brach den Widerstand der Osterreicher von 1866 gegen Bismarck und 
wandelte den HaB gegen den »preuBischen Junker « in Liebe und Verehrung zu 
dem Schopfer des Deutschen Reiches um. Er regte an und forderte seit 1885 
die Abhaltung von Bismarck-Geburtstagfeiern und -Ehrungen und stellte ein 
Bismarck-Denkmal der Deutschosterreicher in Aumiihle auf. Nach dem Hin- 
scheiden seines groBen Vorbildes fiihrte er seit 1898 alljahrlich eine Schar Ost- 
marker zum Grabe Bismarcks und gelobte dort namens der Deutschoster- 
reicher Treue und Dankbarkeit. Auf sein Betreiben wurden zahlreiche volkische 
Gedenktage begangen, um erziehlich zu wirken. Zahlreich waren auch die 
Ehrungen, die ihm zuteil wurden, gering aber im Vergleich zu den Angriffen, die 
ihm und seiner Tatigkeit widerfuhren. 

Literatur: Als grofiangelegtes Geschichts- und Nachschlagewerk iiber Sch. und die 
alldeutsche Bewegung in Osterreich dient das derzeit vierbandige Werk: Georg Sch. und 
die Entwicklung des Alldeutschtums in der Ostmark. Verfasser und Selbstverleger 
Ingenieur Eduard Pichl (Herwig), Wien 4, Schaffergasse 22. Der letzte (fiinfte) Band steht 
noch aus. 

Wien. Eduard Pichl. 

Schulze, Franz Eilhard, Professor der Zoologie an der Universitat Berlin, 
* am 22. Marz 1840 in Eldena, f am 29. Oktober 1921 in Berlin. — Im Jahre 
1884 wurde F. E. Sch. nach Berlin berufen ; 37 Jahre, nicht viel weniger als die 
Halfte seines Lebens hat er dort zugebracht. Seinem Herzenswunsch diirfte dies 
kaum entsprochen haben, denn ein stilleres Leben sagte seinem einfachen und 
zuriickhaltenden Wesen mehr zu ; auch war er ein Freund der Natur. Oftmals 
dachte er mit einer gewissen Sehnsucht an die Zeit zuriick, in der es ihm ver- 
gonnt war, in kleineren Stadten und den dort leichter erreichbaren Freuden der 
Natur zu leben. Darin begegnete er sich mit den Wiinschen seiner Gattin, die aus 
einem landlichen Forsthaus stammte. Der von hohen Gebauden umgebene 
Garten der Berliner Dienstwohnung konnte dafiir nur einen notdiirftigen Er- 
satz bieten, wenn auch sein inmitten der Grofistadt hochst wertvoller Besitz bei 
der Ubersiedlung in das neu errichtete Institut mit Freuden begriiBt wurde. 
Auf den mit den Institutsangehorigen regelmaBig unternommenen Ausflugen 
fand denn auch neben der wissenschaftlich-zoologischen Betatigung die Freude 
an der Natur eine sorgsame Pflege. AuBerdem aber kam dabei im zwanglosen 
Verkehr mit den alteren und jiingeren Fachgenossen Sch.s frohlicher Sinn und 
feiner Humor erst recht zur Geltung, so daC diese Ausfliige fiir ihn eine sehr er- 
wiinschte Ausspannung und Erholung von der schweren Arbeit der Woche 
waren. 

Bei den vielfachen Anforderungen, die an den Leiter eines grofien Berliner 
Instituts herantreten, ist es gewiB nicht leicht, sich in eigene wissenschaftliche 
Untersuchungen zu vertiefen und sie in so groBziigiger Weise durchzufuhren, 



Schonerer. Schulze 233 

wie dies F. E. Sch. in seiner langjahrigen Berliner Amtstatigkeit gelang; es sei 
nur an das imposante Werk der Challenger-Hexactinelliden erinnert, denen 
spater das voneinem prachtvollen Atlas begleiteteBuchiiber dieGlasschwamme 
der deutschen Tiefsee-Expedition und eine Anzahl anderer Monographien uber 
diese durch einen bewundernswerten Bau ihres Skeletts ausgezeichneten, bis 
dahin noch wenig bekannten Tiefseeschwamme folgten. 

Aber diese an und fur sich schon sehr bedeutsamen wissenschaftlichen Lei- 
stungen stellten doch nur einen Teil seiner Veroffentlichungen wahrend der 
Berliner Zeit dar, denn Sch. kehrte wahrend dieser wieder zu den beiden Ex- 
tremen seiner zoologisch- wissenschaftlichen Betatigung zuriick, mit denen er 
sich schon in friiheren Jahren beschaftigt hatte, namlich zu den Wirbeltieren 
auf der einen und den Protozoen auf der anderen Seite. AuBerdem war seine 
Zeit stark in Anspruch genommen durch die Leitung des von der Deutschen 
Zoologischen Gesellschaft in die Wege geleiteten und von der Akademie der 
Wissenschaften iibernommenen »Tierreichs«, sowie des )>Nomenclator anima- 
lium genertim et subgenerum «. 

Doch diese Unternehmungen fallen bereits in Schulzes spatere Lebenszeit, 
es muB aber hier auch von seinem friiheren Leben und seiner wissenschaft- 
lichen Entwicklung die Rede sein. In dieser war er zweifelsohne begiinstigt und 
beeinfluBt durch seine Herkunft, denn schon sein Vater, obwohl Professor der 
Chemie, neigte deren biologischer Seite zu, beschaftigte sich mit Pharmazie und 
landwirtschaftlichen Fragen und war vom Studium der Zoologie ausgegangen, 
auf welchem Gebiet er sich ebenfalls wissenschaftlich betatigt hatte. So fehlte 
es in dem vaterlichen Haus weder an allgemein wissenschaftlicher, wie speziell 
biologischer Anregung, die bereits zu eigenen Untersuchungen und Veroffent- 
lichungen unter der Leitung des Vaters fiihrten. Bei der Fortsetzung des in 
Rostock begonnenen medizinischen Studiums in Bonn (1861/62) war es der 
EinfluB Max Schultzes der fur F. E. Sch.s weitere Entwicklung maBgebend wurde. 
Der hervorragende Vertreter der Zellen- und Gewebelehre muBte naturgemaB 
auf den von Haus aus nach dieser Richtung neigenden, aufnahmefahigen und 
begabten Studenten einen groBen und nachhaltigen Eindruck ausiiben. Dem- 
entsprechend sehen wir ihn dann auch bald mit Untersuchungen liber den 
feineren Bau und die Entwicklung der Muskelfasern sowie der Hautsinnes- 
organe bei den niederen Wirbeltieren, mit der Struktur des Kleinhirns und dem 
Bau des Tunicatenmantels beschaftigt, eine Richtung, der er zwar nicht eigent- 
lich treu blieb, auf die er aber doch in spateren Arbeiten immer wieder zuriick- 
kam. 

Bei seinen Studien in Rostock, die er nach der Bonner Zeit dort wieder auf- 
nahm, stand F. E. Sch. unter dem EinfluB von Bergmann und Stannius, durch 
welche Manner in ihm die bleibende Vorliebe fur die vergleichende Anatomie 
geweckt wurde. Als Prosektor am anatomischen Institut (1865) und a. o. Pro- 
fessor fur vergleichende Anatomie in Rostock hatte er vollauf Gelegenheit, sich 
auch nach dieser Richtung zu betatigen. Seine eigenen Studien blieben jedoch 
zunachst dem feineren Bau der Tiere zugewandt. Die damals entstandenen Ar- 
beiten uber die Epithel- und Driisenzellen, die becherformigen Organe, die 
Organe der Seitenlinie und die Geschmacksorgane der Fische und Amphiblen 
gelten mit Recht als auBerst sorgfaltige Untersuchungen, die nebst seinen unter- 
dessen begonnenen Studien an wirbellosen Tieren den Ruf des nunmehr (1871) 



234 I921 

zum Professor der Zoologie in Rostock ernannten jungen Gelehrten begriin- 
deten nnd seine Berufung nach Graz (1873) veranlaBten. 

Die Studien iiber den feineren Bau der Wirbeltiere waren es, die Sch. zu 
seinen schonen und klaren Untersuchungen an einigen Coelenteraten (Cordylo- 
phora und Syncoryne 1871 und 1873) iibergehen lieBen. Das durch die ganze 
Richtung der Zeit geweckte Interesse an der vergleichenden Entwicklungs- 
geschichte bewog Sch. dann, nach seiner eigenen, bei der spateren Ubernahme 
des Berliner Akademiesitzes gemachten Angabe, seine Studien weiter auf den 
Bau und die Entwicklung der Schwamme, dieser merkwiirdigen, bis dahin so 
sehr vernachlassigten Gruppe des Tierreichs auszudehnen. Gerade wegen der 
Einfachheit ihrer Organisation schienen sie ihm fur die Losung mancher all- 
gemeiner Fragen eine groBe Bedeutung zu beanspruchen. Die Ergebnisse der 
rasch aufeinanderfolgenden kleineren, aber fiir die Kenntnis der Spongien- 
organisation grundlegenden Arbeiten (1875 — 1880) bestatigen diese Annahme 
in vollem MaBe. Sch.s Untersuchungen gehoren zu den ergebnisreichsten und 
besten, die auf diesem Gebiet unternommen wurden. 

In die Grazer Zeit fallen auch Sch.s Protozoenstudien, die der Zoologie aus 
dem Meer und SiiBwasser zum Teil neue, bemerkenswerte Arten zufiihrten, 
zum anderen Teil wenig bekannte Formen besser kennen lehrten und iiberhaupt 
unsere Kenntnis der Organisation dieser niedersten Tierformen erweiterten. 
Auch zu diesem Gebiet ist Sch. in spaterer Zeit, besonders durch die Bearbei- 
tung der Xenophyophoren zuruckgekehrt, jener hochst eigenartigen, auf die 
verschiedenste Weise gedeuteten Tief seetiere, die er zuerst aus der Ausbeute der 
»Valdivia-« und spater noch aus derjenigen einiger anderer Expeditionen erhielt 
und eingehend untersuchte. 

Bei Sch.s erfolgreichem Wirken konnte es nicht ausbleiben, daB er fiir eine 
groBere Tatigkeit in Aussicht genommen wurde, und so erging im Jahr 1884 
an ihn der Ruf zur Ubernahme der Zoologieprofessur in Berlin. Ein eigentliches 
zoologisches Institut bestand dort noch nicht, und so fiel ihm wie auchschon bei 
den vorhergehenden Professuren in Rostock und Graz die Aufgabe zu, ein 
solches neu zu schaffen. Wie vorziiglich er diese Aufgabe gelost hat, ist allge- 
mein bekannt und wird iiberdies von seinem f riiheren Schuler, Assistenten und 
spateren Nachfolger K. Heider in ruhmender Weise anerkannt: »Das Zoolo- 
gische Institut der Berliner Universitat war bei seiner Begriindung mustergiiltig, 
und noch heute sind seine Einrichtungen, welche von Sch. in alien Einzelheiten 
durchdacht und nach reiflicher tjberlegung durchgefuhrt wurden, die voll- 
funktionierenden Grundlagen fiir ersprieBliche wissenschaftliche Arbeit. « 

Eine unschatzbare und geradezu unentbehrliche Hilfe fand Sch. nach seiner 
eigenen Aussage dabei in der unermiidlichen, hochst sachverstandigen Arbeit 
F. C. v. Mahrenthals, demjenigen seiner Schuler, der bis ansein Lebensende ihm 
in treuer, selbstloser Hingabe an das gemeinsame Werk verbunden blieb. 1 
Zahlreiche andere Schuler Sch.s haben unserer Wissenschaft wertvolle Dienste 
geleistet und sind in ansehnliche Stellungen gelangt. Ihre Namen f indet man in 
Heiders am SchluB erwahntem Nachruf verzeichnet. 

Noch hatte Sch. seine Berliner Tatigkeit nicht lange auf genommen, als er das 
groBe Werk der ihm anvertrauten Bearbeitung der Challenger-Hexactinelliden 
unternahm. Mit GenuB und Liebe vertiefte er sich in den unendlichen Reich- 

1 F. E. Schulze, Nachruf fiir F. v. Mahrenthal, Zoologischer Anzeiger, 36. Bd., 1910. 



Schulze 



235 



turn der wundervollen Formen des Skelettbaus dieser Tiere und wurde nicht 
miide, den sich darin auBernden Gesetzen des gesamten Korperaufbaus nach- 
zugehen. Und dieser Formenreichtum vermehrte sich noch betrachtlich, als 
Sch. im Lanf der Jahre weiteres Material neu entdeckter Glasschwamme zu- 
ging, welche durch eine Anzahl von Expeditionen im Indischen Ozean und in 
anderen Meeren gesammelt worden waren. Nicht nur ein so ausgezeichneter 
Kenner der Schwamme, wie Sch. es war, konnte in der reichen Fulle der hochst 
eigenartigen und herrlichen Formen schwelgen, sondern abgesehen von dem 
Interesse und der Richtung fiir den Fachmann, war es ein hoher asthetischer 
GenuB, sich in das wundervolle Material zu vertiefen. Mit wehmiitigem Ver- 
gniigen erinnert sich der Schreiber dieser Zeilen eines Besuches in Berlin, als 
Sch. ihm in strahlender Begeisterung die von der »Valdivia« mitgebrachten 
Schatze vorfiihrte und ihm mit listigem Lacheln die Riesennadel von Mono- 
rhaphis Chuni vorhielt, urn auf die gestellte Frage, die vermutlich schon viel- 
fach erhaltene Antwort hervorzulocken, daB dies naturlich ein Glasstab sei. 

Aber wie schon vorher erwahnt wurde, waren Sch.s Arbeiten in der 
spateren Zeit durchaus nicht nur diesem besonderen Gebiet der Zoologie zu- 
gewandt, vielmehr sind seine eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen weit 
umfassender Natur. Als junger Professor hatte er eine mit Recht geruhmte 
Darstellung der Lungen in Strickers Handbuch der Gewebelehre geliefert und 
trotz der darauf folgenden, stark abweichenden Arbeitsrichtung verfolgte er 
den Fortschritt der Kenntnisse auch auf diesem Gebiet stets mit groBer Teil- 
nahme. Mit Vorliebe erklarte und demonstrierte er den Bau der Saugetier- und 
Vogellungen in der Vorlesung wie im privaten Gesprach, wobei vorziigliche Ab- 
bildungen, Modelle und Injektionspraparate das gesprochene Wort zu er- 
lautern hatten. So war es verstandlich, daB er auch in eigenen Untersuchungen 
auf dieses Gebiet zuriickkam. In einer Reihe von Arbeiten behandelte er den 
groberen und feineren Bau der L,ungen von Vogeln und Saugetieren, wobei die 
besonderen physiologisch-biologischen Verhaltnisse der ersteren im Vorder- 
grund standen. Arbeiten iiber die Kiemen, der Anuren waren vorausgegangen 
und andere iiber die Erhebungen auf der Lippen- und Wangenschleimhaut der 
Saugetiere folgten. Nicht zu vergessen ist auch die Entdeckung des Trichoplax 
adhaerens, jenes merkwurdigen, ungemein tiefstehenden Tieres, dessen Auf- 
findung sich derjenigen der schon friiher genannten eigenartigen Tierformen 
wiirdig anreiht. 

So darf Sch.s Forschertatigkeit mit Recht eine ungemein erfolgreiche ge- 
nannt werden, aber nicht nur dieser Teil seines Wirkens war fiir die biologische 
Wissenschaft wie fiir die Zoologie im besonderen sehr bedeutungsvoll, sondern 
dies gilt auch fiir seine Betatigung auf dem Gebiet der Nomenklaturfragen, des 
systematischen Ordnens und der Regelung der Bezeichnungen des Tierkorpers 
hinsichtlich dessen groberen und feineren Baues. Diesen Fragen ging er in den 
spateren Jahrzehnten seines Lebens sogar mit besonderer Liebe nach und so- 
wohl die eigenen Veroffentlichungen, wie die schon erwahnten, von ihm ge- 
leiteten und von seinem unermiidlichen Heifer Mahrenthal betreuten Unter- 
suchungen des »Tierreich« und des »Nomenclator animalium generunm legen 
davon ein besonderes Zeugnis ab. 

Wenn hier versucht wurde, ein Bild von Franz Eilhard Sch.s Leben und 
Wirken zu entwerfen, so konnten nur die Hauptztige herausgegriffen werden, 



236 192 1 

sowohl was den Menschen wie den Forscher betrifft. Sein groBes Ansehen und 
seine Beliebtheit bei den Fachgenossen wie bei den Kollegen, mit denen er ge- 
meinsam zu wirken hatte, beweisen den Erfolg seines Lebenswerkes, welches fiir 
unsere Wissenschaft so bedeutungsvoll war, daB es die Dauer seines Namens 
und Schaffens in ihr auch fiir die weit entfernte Zukunft verbiirgt. 

Literatur: K. Heider, Sitzungsbericht der Preuflischen Akademie der Wissenschaften 
vom 29. Juni 1922. In K. Heiders Gedaehtnisrede finden sich weitere Angaben iiber Sch.s 
Werke und Veroffentliehungen. — Medizinische Klinik Nr. 51, 1921. — Antrittsrede von 
F. E. Sch. mit Erwiderung von E. du Bois-Reymond, Sitzungsbericht der Preufiischen 
Akademie der Wissenschaften vom 2. Juli 1885. 

Marburg (L-) Eugen Korschelt. 

Schwarz, Hermann Amandus, o. Professor der Matbematik an der Universitat 
Berlin, * 25. Januar 1843 in Hermsdorf unterm Kynast (Prov. Schlesien), 
f 1. Dezember 1921 in Berlin-Grunewald. — Sch. ist einer der fuhrenden Mathe- 
matiker seiner Zeit gewesen. Nachdem er i860 das Gymnasium zu Dortmund ab- 
solviert hatte, studierte er zunachst hauptsachlich Chemie am Gewerbeinstitut 
zu Berlin (der spateren Technischen Hochschule Charlottenburg), ging aber sehr 
bald zur Mathematik iiber, unter dem Einflusse von Kummer und Weier- 
straB, deren Seminar eine dauernde Einwirkung auf seine spatere Entwicklung 
gehabt hat. Am 6. August 1864 promovierte er an der Universitat Berlin mit 
einer Arbeit iiber algebraische abwickelbare Flachen, bestand aber erst im 
Mai 1866 die staatliche Lehramtspriifung. Im Winter 1866/67 war er Mitglied 
des mathematisch-padagogischen Seminars von Schellbach, dem er manche Ziige 
seiner spateren Wesensart zu verdanken hat. Ehe er aber seine Ausbildung als 
Mittelschullehrer beendet hatte, wurde er sofort (Ostern 1867) als a. o. Professor 
nach Halle a. S. berufen, wo er sich im folgenden Jahre mit der Tochter von 
Kummer verheiratete. Ostern 1869 folgte er einem Rufe als ord. Professor 
an das Eidgenossische Polytechnikum in Zurich, wo er 6V2 Jahre mit groBem 
Erfolg wirkte, um dann im Herbst 1875 ord. Professor an der Universitat 
Gottingen zu werden. Ostern 1892 wurde er Nachfolger von Weierstrafi in 
Berlin, wo er bis 1917 Vorlesungen gehalten hat. 

Sch. war eine von jenen Naturen, auf welche die Eindriicke der Jugend durch 
das ganze Leben weiter wirken, und deshalb sind die Lehr jahre, die w 7 ir oben 
mit vielen Einzelheiten erwahnt haben, fiir sein spateres Schaffen und Wirken 
bezeichnend. So versteht man auch, daB erselbst — sogar in spateren J ahren — 
es liebte, sich als Schiiler von Kummer und W 7 eierstraB zu bezeichnen, obgleich 
seine Arbeiten, abgesehen von gewissen AuBerlichkeiten, die der Weier- 
strafischen Schule eigen sind, von einer eigentumlichen Kraft und Urwuchsig- 
keit durchdrungen sind, die nur ein vollig unabhangiger und origineller Denker 
haben kann. 

Die Starke seiner Begabung lag vor allem in der Geometrie. Diesem Gegen- 
stande ist auch seine erste Publikation, ein elementarer Beweis des Hauptsatzes 
der Axonometrie (1863), wie auch seine Dissertation (1864) gewidmet. Aber 
schon der Besuch der Vorlesungen WeierstraB* im Winter 1863/64 gab ihm 
die Anregung, sein geometrisches Talent in den Dienst der Analysis zu stellen ; 
in diesem Augenblick hatte Sch. schon den Weg gefunden, der ihn spater zur 
Benihmtheit fiihren sollte. 



Schulze. Schwarz 237 

Das Berlin dersechziger Jahre war namlich der klassische Boden, auf welchem 
von den herkommlichen Zweigen der Mathematik : Analysis, Geometrie, Alge- 
bra und Zahlentheorie jeder fiir sich auf traditionelle Weise gepflegt wurde. 
Kurz vorher hatte aber B. Riemann (1826 — 1865), der in Gottingen lebte, ge- 
zeigt, daQ es von groBem Vorteil sein kann, wenn man diese Disziplinen nicht 
streng voneinander getrennt halt, und hatte in seinem kurzen Leben Resultate 
erhalten und Zusammenhange entdeckt, die die hochste Bewunderung, gemischt 
mit der scharfsten Kritik hervorriefen. Die Methoden, deren sich Riemann 
fiir seine Beweise bedient hatte, waren allerdings im scharfen Lichte der Kritik 
der WeierstraBschen Schule als nicht durchweg beweiskraftig erkannt worden, 
aber viele empfanden diese Kritik mit Recht als zu engherzig, und dies f iihrte 
zu einer Spaltung der deutschen Mathematiker, die sich sogar in der Griindung 
einer neuen Zeitschrift, der Mathematischen Annalen, widerspiegelt. Es ist 
nun das Hauptverdienst von Sch., daB er zeigte, daB viele der Hauptresultate, 
»welche Riemann gefunden und ausgesprochen, aber eben nicht bewiesen hat«, 
(Gesammelte Abhandlungen II, S. 306) mit Hilfe von Methoden begriindet wer- 
den konnen, die auf den Prinzipien beruhen, die WeierstraB aufgestellt hat. Diese 
Arbeiten von Sch. dienten mehr als jede andere, die Kluft zu iiberbriicken, die 
sich damals gebildet hatte und deren Bedeutung die Mathematiker unserer 
Generation, die diese Dinge nicht erlebt haben, nicht immer richtig zu beur- 
teilen in der Lage sind. 

Die Aufsatze, die Sch. Fragen gewidmet hat, die auf Riemann zuriickgehen, 
behandeln vor allem das Problem der konformen Abbildung, fiir welches Sch. 
eine strenge I/5sung unter recht allgemeinen Voraussetzungen gefunden hat, 
die auf viele Jahrzehnte hindurch die beste war, die man iiberhaupt kannte. 
AuBerdem ist noch eine Arbeit iiber die hypergeometrische Differential- 
gleichung (1872) zu nennen, die fiir die etwa zehn Jahre spater einsetzenden 
Untersuchungen von Poincare und Klein iiber automorphe Funktionen von 
Bedeutung gewesen ist. 

Ein zweites groBes Arbeitsgebiet, dem Sch. viele Untersuchungen gewi#met 
hat, ist die Theorie der Minimalflachen. Hier hat sein groBes Konnen, gepaart mit 
einer seltenen geometrischen Intuition, Werte geschaffen, die noch heute, nach 
50 Jahren, kaum iiberboten worden sind. 

Eine der Arbeiten von Sch., die fiir die Entwicklung der Wissenschaft am 
wichtigsten geworden ist, ist im Zusammenhange mit einem Problem der 
Minimalflachen entstanden, fuhrt aber zu einem ganz neuen Gebiete: in 
der Arbeit »Ober ein die Flachen kleinsten Flacheninhalts betreffendes 
Problem der Variationsrechnung* (1885) (Gesammelte Abhandlungen I, S. 223) 
hat namlich Sch. Methoden entwickelt, die spater als Wegweiser bei der 
Behandlung der Fredholmschen Integralgleichungen von groBem Nutzen ge- 
worden sind. 

Die Bedeutung von Sch. ist ziemlich f ruh anerkannt worden : die hauptsach- 
lichsten unter seinen Methoden sind dadurch allgemein bekannt worden, daB 
sie in weitverbreiteten franzosischen Iyehrbiichern, der Theorie des surfaces von 
G. Darboux und dem Cours a" Analyse von E. Picard, schon in den neunziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgenommen wurden. 

Die Originalarbeiten, die nicht immer ganz leicht zu lesen sind, zeichnen sich 
durch eine auBerordentliche, fast pedantische Genauigkeit aus, verbunden mit 



238 1921 

einer uniibertreffliclien Eleganz, die ihn nicht verhindert hat, auch die kleinsten 
Einzelheiten mit grofiter Liebe auszufeilen. 

Literatur: H. A. Sch., Gesammelte Mathematische Abhandlungen, Springer, Berlin 
1890. — Vierteljahrsschrift der naturforschenden Gesellschaft in Zurich, Bd. 66, 1 92 1, S. 359 
(Nekrolog mit Selbstbiographie) . Galle, H. A. Sch., ein beriihmter Schlesier, in »Der Wan- 
derer im Riesengebirge* 42. Jg. n. 468 (1922) p. 54. 

Miinchen. Const antin Carath£odory. 



Schwenke, Paul, Geh. Regierungsrat, Erster Direktor der preuBischen Staats- 
bibliothek, * in Langendembach in Thiiringen am 20. Marz 1853, f in Berlin- 
Charlottenburg am 19. Dezember 1921. — Er war der Sohn eines Pfarters, 
auch seine Vorfahren waren in Langendembach Pfarrer gewesen. Es ist daher 
begreiflich, daB er ebenfalls Theologie studierte, als er 1870, im Alter von 
17 Jahren, von dem Gymnasium in Eisenach zur Universitat entlassen wurde. 
Kaum hatte er ein Semester in Leipzig zugebracht, als der Krieg mit Frank- 
reich ausbrach. In vaterlandischer Begeisterung trat er in das Heer ein. Aber 
schon in der ersten Schlacht, die er mitmachte, bei den Kampfen an der Loire 
wurde er verwundet. Die Teilnahme am Kriege wird die Selbstandigkeit 
seines Charakters gereift haben: aus Frankreich zunickgekehrt, wandte er sich 
dem Studium der klassischen Philologie zu, zunachst in Breslau, dann in Jena. 
1874 erlangte er in Jena den Doktorgrad; er hatte in seiner Dissertation die 
Quellen zu Ciceros Schrift de natura deorum untersucht. 1875 bestand er die 
Priifung fur das hohere Lehramt. Schon vorher, im Februar 1875, war er bei 
der Universitatsbibliothek Greif swald als Hilf sarbeiter eingetreten ; der Direktor 
der Jenaer Universitatsbibliothek Klette, der Vorkampfer fiir die Selbstandig- 
keit des bibliothekarischen Berufs, hatte ihn dem Direktor der Greifswalder 
Bibliothek als einen jungen Mann empfohlen, der ihm in jeder Hinsicht auf 
das vorteilhafteste bekannt sei. In Greifswald wurde er besonders durch den 
Historiker Max Perlbach in den Bibliotheksdienst eingefuhrt; er ist bis zu 
dessen Tode eng mit ihm befreundet geblieben. 1879 nach Kiel versetzt, kam 
er in die strenge Schule des dortigen Direktors Steffenhagen. 1887 wurde er 
als Unterbibliothekar an die beruhmte Gottinger Bibliothek versetzt. Hier iibte 
die kraftvolle Personlichkeit des Direktors Karl Dziatzko, der sein eigentlicher 
Lehrmeister im Bibliothekswesen und namentlich im Buchwesen geworden ist, 
nachhaltigen EinfluB auf ihn aus. Wahrend bis dahin seine wissenschaftlichen 
Veroffentlichungen sich ausschlieBlich mit Ciceros philosophischen Schriften 
beschaftigt hatten, und er noch 1890 und 1891 in der »Classical Review « die 
Ergebnisse seiner Arbeiten zu der Schrift de natura deorum zu einem vollstan- 
digen kritischen Apparat zusammengefaBt hatte, ging er jetzt zu buchgeschicht- 
lichen Untersuchungen iiber. Am 1. Mai 1893 ubernahm er die Leitung der Uni- 
versitatsbibliothek in Konigsberg. In den sechs Jahren, die er dort zubrachte, 
war er unermudlich tatig. Neben seinen Amtsgeschaften fesselten ihn schon 
hier zwei Gebiete, die ihn sein Leben lang f estgehalten haben : die Geschichte 
des alteren Buchdrucks und die Geschichte der alten Einbande. Eine Frucht 
dieser Arbeiten war seine Schrift iiber Hans Weinrich und die Anfange des 
Buchdrucks in Konigsberg. Ferner gab er 1894 zum Jubilaum der Universitat 
zusammen mit dem Kunsthistoriker Konrad Lange eine Festschrift iiber die 
in Konigsberg verwahrte Silberbibliothek des Herzogs Albrecht heraus, in der er 



Schwarz. Schwenke 239 

auf Grand archivalischer Studien den Nachweis erbrachte, daB die Silberbande 
zum groBten Teil nicht Niirnberger Arbeit sind, sondern von Konigsberger Gold- 
schmieden herriihren. 1899 wurde er nach Berlin an die damalige Konigliche 
Bibliothek, jetzige PreuBische Staatsbibliothek, benifen. Hier in den groBeren 
Verhaltnissen, auf dem ausgedehnten Wirkungsfeld, konnten sich seine Fahig- 
keiten erst recht entfalten. Er iibernahm zunachst neben dem Generaldirektor 
August Wilmanns das Amteines Abteilungsdirektors. Schon 1897 hatte er bei 
den Bestrebungen, fur die deutschen Bibliotheken eine gemeinsame Organisation 
zu schaffen, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich gelenkt. Und als 
dann bei der Versammlung deutscher Philologen und Schulmanner in Dresden 
zum ersten Male eine bibliothekarische Sektion gebildet wurde, hatte er ein 
Programm zur Erforschung der alten Einbande entwickelt. Im Jahre 1899 trat 
er in Bremen fur die Veranstaltung von selbstandigen Bibliothekarversamm- 
lungen ein; der zur Vorbereitung einer Bibliothekarversammlung eingesetzte 
AusschuB iibertrug ihm die Geschaftsfuhrung. Als im folgenden Jahre die erste 
deutsche Bibliothekarversammlung in Marburg statti and, wurde dort der Ver- 
ein deutscher Bibliothekare gegriindet und Sch. selbst zu seinem Vorsitzenden 
gewahlt. Seitdem stand er unter den fuhrenden Personlichkeiten des deutschen 
Bibliothekswesens in erster Linie. Im Jahre 1904 iibernahm er auch die Re- 
daktion des »Zentralblatts fur Bibliothekswesen «. Er hat diese wichtigste biblio- 
thekarische Zeitschrift deutscher Zunge 18 Jahre lang mit Eifer und Umsicht 
redigiert und wuBte ihr die Hohe einer wissenschaftlich vornehmen Veroffent- 
lichung zu bewahren. Als Wilmanns 1905 von der Leitung der Koniglichen 
Bibliothek zuriicktrat, wurde Adolf v. Harnack sein Nachf olger. Sch. gab damals 
im »Zentralblatt fiir Bibliothekswesen* dem Bedauern Ausdruck, daB diese 
Stelle nicht mit einem Fachmann besetzt worden sei. Doch sohnte er sich 
bald mit dieser Wahl aus. Harnack, der nicht nur ein groBer Gelehrter, 
sondern auch ein geborener Verwaltungsmann ist, lieB aber auch, wie alien 
seinen Beamten, so namentlich seinem Stellvertreter und vornehmsten bibliothe- 
karischen Berater viel freien Spielraum, so daB dieser seine Krafte ungehindert 
gebrauchen konnte und viele Dinge seiner Initiative entsprangen. Zwischen 
ihm und Sch. bildete sich ein geradezu ideales Verhaltnis heraus, das, auf gegen- 
seitigem Vertrauen beruhend, im Laufe der Jahre niemals getriibt worden ist. 
Um Sch. liber die anderen Abteilungsdirektoren emporzuheben, wurde fiir ihn 
die Stelle eines Ersten Direktors geschaffen. Das gemeinsame Wirken von 
Harnack und Sch. fiel zum Teil in eine Epoche, die den Bibliotheken eine Reihe 
wichtiger neuer Aufgaben stellte und ihnen zugleich eine unerhort schnelle 
Entwicklung brachte, zur anderen Halfte jedoch in die Zeit des Weltkrieges 
und der Revolution, in der die Bibliotheken mit den groBten Schwierigkeiten 
zu kampfen hatten. Bald nach Harnacks Ernennung wurde der preuBische 
Beirat fiir Bibliotheksangelegenheiten begriindet, der eine engere Verbindung 
zwischen der Staatsbibliothek und den Universitatsbibliotheken schuf und es 
Sch. ermoglichte, auch in Fragen, die alle wissenschaftlichen Bibliotheken 
PreuBens gemeinsam angingen, seinen EinfluB zur Geltung zu bringen. Seine 
Tatigkeit als Erster Direktor der Staatsbibliothek, als Mitglied des Beirats fiir 
Bibliotheksangelegenheiten, als Vorsitzender des Vereins deutscher Biblio- 
thekare und als Redakteur des »Zentralblatts fiir Bibliothekswesen* wie auch 
seine Veroffentlichungen zur Geschichte des Buchdrucks und des Einbands, 



240 192 1 

von denen noch zu reden sein wird, hingen eng miteinander zusammen und 
sind Ausstrahlungen einer einheitlichen, in sich geschlossenen Personlichkeit. 
Von der Philologie war er ausgegangen und betrachtete auch, wie sein Meister 
Dziatzko, das gesamte Buch- und Bibliothekswesen als eine Art von ange- 
wandter Philologie. Die Aufgaben, an deren Losung Sen., oft richtunggebend, 
mitarbeitete, konnen hier nur angedeutet werden; seine Leistungen gehoren 
der Geschichte des preuflischen und deutschen Bibliothekswesens an. Ich er- 
wahne nur die Einrichtung eines mittleren Bibliotheksdienstes, der auch den 
Frauen zuganglich gemacht wurde, den Erlafi von Priifungsordnungen fiir den 
wissenschaftlichen wie fiir den mittleren Bibliotheksdienst (die dann fiir die 
iibrigen deutschen Lander vorbildlich geworden sind), endlich die zahlreichen 
Fragen, die mit dem Titel- und Zetteldruck der von den preuflischen Biblio- 
theken erworbenen Biicher und mit dem preuflischen Gesamtkatalog zu- 
sammenhangen. Es gibt kaum einen Gegenstand der Bibliotheksverwaltung, 
mit dem er sich nicht eingehend beschaftigt hatte. Man braucht in den Akten 
der Preuflischen Staatsbibliothek nur einen beliebigen Band auf zuschlagen ; 
iiberall wird man Berichte und Verfiigungen von seiner zierlichen Handschrift 
finden. Als 1904 wegen des den Bibliotheken bisher zugestandenen Rabatts 
zwischen dem Buchhandel und den Bibliotheken Streit ausbrach, verteidigte 
er energisch die Interessen der Bibliotheken, auch als Redakteur des »Zentral- 
blatts fiir Bibliothekswesen « und als Vorsitzender des Vereins deutscher Biblio- 
thekare. Er nahm auch an den Verhandlungen im Reichsamt des Innern teil, 
die 1904 im Rahmen der Kartellenquete iiber den Rabatt stattfanden. Er- 
staunlich war es zu sehen, mit welchem Eifer er, der geborene Thuringer, in 
der Frage der Reichsbibliothek zugunsten der Preuflischen Staatsbibliothek ein- 
trat. Als dann die Deutsche Biicherei in Leipzig gegrundet wurde, war er iiber die 
ihr gegeniiber einzunehmende Haltung mit Harnack vollkommen einig. Um die 
Vermehrung der Sammlungen der Preuflischen Staatsbibliothek erwarb er sich 
die groflten Verdienste. Ihm vor allem ist es zu verdanken, dafl eine Reihe von 
grofleren Buchersammlungen erworben werden konnte, die wertvolle alte 
Drucke und Handschriften enthielten: die Bibliothek des Gymnasiums in 
Heiligenstadt, die Reste der Dombibliothek in Magdeburg, grofle Bestande 
aus der Koniglichen BibUothek in Erfurt, die Kirchenministerialbibliothek in 
Celle und die Graflich Gortz-Wrisbergsche Bibliothek in Wrisbergholzen bei 
Hildesheim. Lange hat ihn der Neubau beschaftigt, der fiir die Staatsbibliothek, 
die Berliner Universitatsbibliothek und die Akademie der Wissenschaften Unter 
den Linden errichtet wurde. Mit dem Baurat Adams, der den Bau ausfiihrte, 
arbeitete er Hand in Hand. Es ist beiden gelungen, an dem Entwurf des Hof- 
architekten v. Ihne noch zahlreiche Verbesserungen anzubringen und manche 
Erfahrungen, die sie 19 12 auf einer amerikanischen Studienreise gesammelt 
hatten, zu verwerten, wenn es auch nicht moglich war, die im wesentlichen 
verfehlte Anlage ganzlich umzugestalten und besonders an der fiir den Betrieb 
ganz unpraktischen Lage der Biichermagazine noch etwas zu andern. Der Um- 
zug in das neue Gebaude wurde von Sch. in vorbildlicher Weise organisiert. 
Wahrend des Weltkrieges war es fiir ihn hochst schwierig, mit dem vermin- 
derten Personal den Aufgaben der Staatsbibliothek gerecht zu werden. Als 
die Regierung anordnete, dafl im Auslande moglichst keine Ankaufe gemacht 
wiirden, hielt er es fiir die selbstverstandliche patriotische Pflicht der Biblio- 



Schwenke 24.I 

theksverwaltung, die Interessen der Bibliothek den allgemeinen Landesinter- 
essen unterzuordnen. Bei dem Ausbruch der Revolution zeigte er sich als 
mutiger und unerschrockener Mann und legte oft den Weg von seiner Wohnung 
in Charlottenburg zur Bibliothek zu FuB zuriick, obgleich dies mit Lebensgef ahr 
verbunden war. Vieles von dem, was er leistete, ist den gesamten deutschen Bi- 
bliotheken zugute gekommen. Die deutsche Bibliothekstatistik ist in der Haupt- 
sache von ihm allein geschaffen worden. Die Grundlage bildete das AdreBbuch 
der deutschen Bibliotheken, das er 1893 herausgab ; es war eine sehr muhevolle 
Arbeit. Eine Erganzung zu dem AdreBbuch bildete das seit 1902 erscheinende 
Jahrbuch der deutschen Bibliotheken, das ebenfalls ihm seine Entstehung ver- 
dankt und heute zu dem unentbehrlichen Riistzeug jedes deutschen Bibliothe- 
kars gehort. Der erste Jahrgang des Jahrbuchs enthalt von ihm eine kleine, 
aber inhaltreiche programmatische Abhandlung iiber Wesen und Nutzen der 
Bibliothekstatistik. Von groBter Bedeutung sind f erner seine Verof f entlichungen 
iiber Gutenberg und die Anfange des Buchdrucks. An die Arbeiten von Dziatzko 
ankniipfend, schrieb er 1902 zur Gutenbergfeier »Untersuchungen zur Ge- 
schichte des ersten Buchdrucks «, eine scharfsinnige, auf sorgfaltigster For- 
schung beruhende, klar geschriebene Abhandlung. Im nachsten Jahrzehnt 
tauchten an verschiedenen Stellen Fragmente von kleinen Drucken der Guten- 
bergpresse auf; es gelang Sch., der sie kritisch bearbeitete, sie zum groBen Teil 
der PreuBischen Staatsbibliothek zu sichera. Die von Voullteme in Erfurt ge- 
fundene Tiirkenbulle gab er 1911 im Faksimile heraus. Viel wichtiger ist, daB 
er 1913 begann, von der 42zeiligen Gutenbergbibel nach dem herrlichen Exem- 
plar der PreuBischen Staatsbibliothek einen Faksimiledruck zu veranstalten. 
Der dritte Band dieses Werkes, den er bis zu seinem Tode in alien wesentlichen 
Stiicken noch fertigstellen konnte, wurde 1922 von seiner Witwe herausgegeben. 
Er enthalt eine sorgsame und abschlieBende Analyse dieses ersten monumen- 
talen Druckwerkes. Sch. hat durch seine Gutenbergforschungen, bei denen er 
sich der historisch-philologischen Methode bediente, die Geschichte des ersten 
Buchdrucks auBerordentlich gefordert, wenn auch heute noch iiber diese 
Dinge die Meinungen auseinandergehen. Auch die Bucheinbande des 15. Jahr- 
hunderts haben ihn viel und lange beschaftigt. Er machte sich auf alien Biblio- 
theken, die er besuchte, Abreibungen von den einzelnen Stempeln und ganzen 
Buchdeckeln, hierin von seiner Gattin getreulich unterstiitzt, und brachte so 
ein groBes Forschungsmaterial zusammen. Leider ist es ihm nicht mehr ver- 
gonnt ge wesen, diesen Schatz auszumunzen. Mehrere kleine Abhandlungen 
von ihm zeigen aber, wie dieses Stempelmaterial in der Hand eines kundigen 
Bearbeiters Leben gewinnen kann. 1913, an seinem 60. Geburtstag, wurde ihm 
von Freunden und Mitarbeitern eine Festschrift gewidmet: »Beitrage zum 
Bibliotheks- und Buchwesen« (Berlin, Breslauer). Sie enthielt u. a. eine Biblio- 
graphic seiner bis dahin erschienenen Schriften von Walther Schultze. Als er 
am 1. April 1921 infolge des Altersgesetzes zugleich mit Adolf v. Harnack aus 
dem Amte schied, wurde es offenbar, welcher Liebe und Verehrung er sich 
wegen der Lauterkeit seines Charakters, wegen seines Wohlwollens, seines ge- 
rechten, stets nur von sachlichen Erwagungen geleiteten Sinnes und wegen 
seines iiberragenden Wissens und Konnens bei seinen Kollegen und Unter- 
gebenen erfreute. Weit iiber seinen amtlichen Wirkungskreis hinaus, in alien 
Landern Europas und in Amerika war sein Name bekannt. Er beherrschte wie 

DBJ 16 



242 1921 

kein anderer das gesamte Buch- und Bibliothekswesen souveran und kannte 
alle bedeutenden Bibliotheken derWeltauseigener Anschauung. Zu zahlreichen 
Facbgenossen, auch im Auslande, unterhielt er personliche Beziehungen. Bei 
seinem Abgang iiberreichte er Harnack im Namen der wissenschaftlichen Be- 
amten der Staatsbibliothek eine von zahlreichen Mitarbeitem verfaBte Fest- 
schrift, die urspriinglich f iir dessen 70. Geburtstag bestimmt gewesen war, » Fiinf- 
zehn Jahre Konigliche und Staatsbibliothek «. Es ist ein stattlicher Band von fast 
300 Quartseiten, der nicht nur die Verwaltung Harnacks ins Licht setzt, 
sondern zugleich ein Rechenschaftsbericht ist iiber Sch.s eigene langjahrige 
Tatigkeit. Leider konnte er nach so langer unermiidlicher Arbeit sich nicht 
lange der Ruhe freuen. Am 19. Dezember 1921, als er an einer leichten Grippe 
krank lag, starb er plotzlich und unerwartet am Herzschlag. Die Vereinigung 
Berliner Bibliothekare veranstaltete spater in der Staatsbibliothek eine Ge- 
denkfeier, bei der mehrere seiner Kollegen die verschiedenen Seiten seines 
Wirkens, auch seine literarische Tatigkeit eingehend wiirdigten. (»Zentralblatt 
fiir Bibliothekswesen* 1922, S. 57 ff.) Harnack widmete bei dieser Gelegenheit 
seinem treuen Mitarbeiter einen ehrenden Nachruf. Mit der Feier war eine 
Ausstellung seiner Schriften und von Bildern zu seiner Lebensgeschichte ver- 
bunden. Sch. genoB ein gliickliches Familienleben. In jedem Sommer brachte er 
einen Teil seines Urlaubs in seinem Heimatdorf Langendembach zu, wo er ein 
Haus besaB. Seine Gattin, Anna, geb. Schomburg, war ihm eine wahre Lebens- 
gefahrtin und Kameradin, auch eine Genossin seiner haufigen Wanderungen. 

Literatur: Die wichtigsten Quellen zu seiner I,ebensgeschichte sind schon imText an- 
gegeben. Seine Bibliothek, die reieh ist an Werken und Zeitschriften des Bibliotheks- 
und Buchwesens, ging an die Preuflische Staatsbibliothek iiber und soil dort als Arbeits- 
bibliothek fiir den Nachwuchs der wissenschaftlichen Beamten dienen. Ebendahin ist 
die oben erwahnte Sammlung zur Geschichte des alten Bucheinbandes gelangt. Auch der 
briefliche NachlaB, soweit er nicht vernichtet wurde, ist an die Staatsbibliothek abgegeben 
worden. Sein Bildnis, nach einer photographischen Aufnahme angefertigt, ist der Fest- 
schrift von 1 91 3 und dem Jahrgang 1922 des » Zentralblattes fiir Bibliothekswesen « vor- 
geheftet. Ein anderes Bildnis befindet sich in Jahrgang 1922 des Jahrbuchs der deutschen 
Bibliotheken. 

Berlin-Friedenau. Hans Paalzow. 

Seeliger, Gerhard Wolfgang, o. Professor der mittleren und neueren Ge- 
schichte an der Universitat Leipzig, Geheimer Hofrat, * 30. April i860, 
•f 24. November 192 1. — Sohn des im offentlichen Leben Osterreichs hervor- 
tretenden Burgermeisters von Biala im Grenzgebiet Galiziens gegen Oster- 
reichisch- und PreuCisch-Schlesien, studierte er zunachst in Wien, dann in Berlin, 
wo die Historiker Wattenbach, Weizsacker, namentlich aber BreBlau die Rich- 
tung seiner Studien bestimmten. Auch Schmoller und Adolf Wagner gehorten 
zu seinen akademischen Lehrern. Er promovierte 1884, trieb dann langere Zeit 
in Wien Archivstudien, die in den Arbeiten der nachsten Jahre fruchtbar ver- 
wertet wurden, und habilitierte sich 1887 in Miinchen. Bestimmend fiir die 
Jahrzehnte seiner voll ausgereiften wissenschaftlichen Tatigkeit wurde 1895 
die Annahme eines Rufes als o. Professor der geschichtlichen Hilfswissen- 
schaften an der Universitat Leipzig. Im selben Jahre hatte er einen Ruf nach 
Marburg abgelehnt ; auch einen spater an ihn ergangenen Ruf nach Heidelberg 
lehnte er ab. So wurde und blieb Leipzig der Boden, in dem er fest Wurzel 



Schwenke. Seeliger 243 

schlug; der Erwerb des Hauses Gohlis, Kirchweg 2, war symbolisch. Dies Haus 
wurde die Statte, wo ein iiberaus gliickliches Familienleben ihn umgab — 
bereits in Miinchen hatte er sich mit Luise Stolzel vermahlt — ; es w 7 ar der feste 
Riickhalt seiner sich jetzt schnell erweiteraden beruflichen Tatigkeit. 1903 
war er auch zum Professor der mittleren und neueren Geschichte ernannt 
worden; das historische Institut, die sachsische Kommission fiir Geschichte, 
das 1914 gegriindete Forschungsinstitut, die Deutsche Gesellschaft in Leipzig, 
die von ihm seit 1898 geleitete »Historische Vierteljahrsschrift« — sie alle sind 
S. zu tiefem Dank verpflichtet. Dariiber hinaus hat er der Univeristat als Ge- 
samtheit in einer weit iiber das iibliche MaB hinausgehenden Weise gedient. 
Sein Rektorat (1905/06) und das Dekanat der philosophischen Fakultat im 
Jubilaumsjahre 1908/09 sind auBere Hohepunkte dieser Tatigkeit. — Der 
eigentliche Schwerpunkt seines Lebens lag aber doch auf anderem Gebiete : 
in der gliicklichen Art, wie sich bei ihm der Forscher und der akademische 
Lehrer erganzten. Hier ist es fiir sein ganzes wissenschaftliches Arbeiten 
von entscheidender Bedeutung gewesen, daB er von strengster historisch-metho- 
discher, hilfswissenschaftlicher Arbeit ausgegangen war, und von hier aus auch 
zunachst auf verwaltungsgeschichtliche, sodann in allgemeingeschichthche 
Probleme der Verfassung und Wirtschaft gefiihrt wurde. Sein Ausgangspunkt 
war daher immer etwas Konkretes: ein bestimmtes Quellen- und Tatsachen- 
material, von dem aus er zu den hinter den einzelnen Tatsachen liegenden ver- 
bindenden Zusammenhangen durchzudringen suchte und wuBte. Man kann 
sagen, daB dieses »Abhoren« der Quellen, dieses Entwickeln von neuen Vor- 
stellungsreihen von den Quellen aus die Starke seiner Arbeitsweise gewesen ist, 
die sich damit als echt historisch im besten Sinne des Wortes erwies. Es ent- 
sprach aber auch einer inneren Notwendigkeit, daB seine Art der Quellenarbeit 
ihn von der diplomatischen Beschaftigung mit den Kapitularien der Karo- 
lingerzeit zu jenen ersten grundsatzlichen Auseinandersetzungen mit einer 
Arbeitsweise fiihrte, welche jene Quellen in einer mehr konstruktiven Weise 
zu nutzen suchte. Seine beiden Aufsatze in der Historischen Vierteljahrsschrift 
1898 und 1904: »Volksrecht und Konigsrecht ? « und »Juristische Konstruktion 
und Geschichtsforschung« sind daher die notwendige Folge seiner fruheren 
quellenkritischen Arbeiten. Inzwischen hatte sich sein wissenschaftliches 
Interesse auf Gebiete gewendet, wo intensivste Quellennahe und sorgsame 
Quellenverarbeitung die Grundlage bilden miissen, wenn die Forschung von 
verfriihten Konstruktionen sich freihalten will: landlich-territoriale und 
stadtische Verfassungsgeschichte. Sein Buch von 1903: »Politische und soziale 
Bedeutung der Grundherrschaft«, noch klarer und abschlieBender das in seiner 
knappen Prazision mustergiiltige Leipziger Fakultatsprogramm von 1909 : » Staat 
und Grundherrschaft in der alteren deutschen Geschichte « sind die wichtigsten 
Zeugnisse seiner Tatigkeit auf dem einen Gebiete; in seinen »Studien zur alteren 
Verfassungsgeschichte K61ns« (1909) und seiner Dbersicht iiber die Entwick- 
lung der deutschen »Stadtverfassung« in der Hoopschen Realenzyklopadie 
der germanischen Altertumskunde ist der wichtigste Niederschlag seiner Tatig- 
keit auf dem anderen Gebiete enthalten. Es liegt nicht zuletzt in der Art dieser 
Aufgaben selbst, die sich S. gesetzt hatte, daB seine Arbeit keinen endgiiltigen 
AbschluB gefunden hat. Er hatte als Forscher echt historischer Pragung einen 
so starken Instinkt fiir die Vielseitigkeit historischen Geschehens, aber auch 



244 I921 

einen so ausgesprochenen Respekt vor dem wirklichen Verlauf vergangenen 
Lebens, daB ihm jeder Versuch, dieses vergangene Leben irgendwie dem Zwang 
einer noch so glanzenden theoretisch gefundenen Einheitzuunterwerfen, inner- 
lich zuwider sein muBte. Es wird aber zugegeben werden miissen, dafi alle Ver- 
suche, auf dem Gebiete der deutschen inneren Verfassungsgeschichte zu einem 
Bilde zu kommen, das alle wesentlichen Ziige aufweisen soil, auf dem Ausbau 
irgendwelcher mehr oder weniger konstruierter Grundgedanken beruhen — auch 
bei Forschern wie Sohm und v. Below. Aus diesem Grunde muBte er notwendiger- 
weise in einen literarischen Gegensatz zu ihnen und Forschern verwandter 
Richtung geraten ; aus diesem Grunde muBte er hinter ihnen zuriickstehen an 
innerer Geschlossenheit der von jenen gezeichneten Gesamtdarstellungen ; aus 
diesem Grunde war er aber ihnen iiberlegen, wenn es gait, neue Wege anzu- 
regen, um der verwirrenden Vielseitigkeit des wirklichen Lebens naherzu- 
kommen und aus der exakten Verarbeitung seiner quellenmaBigen Hinter- 
lassenschaft neue Gesichtspunkte zu einer wirklichen historischen Meisterung 
zu gewinnen. Aus diesem Grunde war er aber vor allem der ausgezeichnete, 
immer anregende Lehrer, dessen Lehrtatigkeit von dem liebenswurdigen und 
wohlwollenden Grundzug seines Charakters aufs gliicklichste belebt war. Fur 
seine Schuler ist der I^ehrer nicht von dem Menschen zu trennen. 

Literatur: Umfassendere Nachrufe: Rudolf Kotzschke, Historische Vierteljahrsschrift 
1921, S. 482 — 496 und Fritz Rorig, Historische Zeitschrift, Bd. 125, S. 552 — 555. 

Kiel. Fritz Rorig. 

Sievers, Wilhelm, Geheimer Hofrat, o. 6. Professor der Geographie an 
der Universitat GieBen und Direktor des Geographischen Instituts, * 3. De- 
zember i860 in Hamburg, f n. Juni 1921 in GieBen. — S. kann als einer der 
produktivsten Vertreter der wissenschaftlichen Landerkunde bezeichnet wer- 
den. Seine groBen geographischen Werke, die kurz als » Sievers* Iyanderkunde« 
bekannt sind, haben sich einen weit ausgedehnten Leserkreis im In- und 
Auslande erobert. Sie gehoren zweifellos zu den besten ihrer Art. Als For- 
schungsreisender hat sich S. durch Reisen nach Siidamerika ebenfalls einen 
Namen gemacht. 

S. wurde als Sohn eines Hamburger GroBkaufmanns geboren. In Hamburg 
besuchte er auch die Schule bis zum Beginn seiner Universitatsstudien. Zahl- 
reiche Beziehungen des vaterlichen Unternehmens zu Siidamerika regten das 
Interesse des jungen S. zu diesen Landern schon friihzeitig an. Im Jahre 1880 
wandte er sich wahrend seiner Studienzeit in Gottingen ganz der Geographie 
zu, die hier in Hermann Wagner einen der bedeutendsten Vertreter hatte, 
nachdem er kurze Zeit vorher in Jena Geschichte als Hauptfach betrieben hatte. 
Daher promo vierte S. in Gottingen im Jahre 1883 auch mit einer historisch- 
geographischen Arbeit iiber die Abhangigkeit der jetzigen Konfessionsvertei- 
lung in Sudwestdeutschland von den fruheren Territorialgrenzen. Um seine 
naturwissenschaftliche Ausbildung noch weiter zu fordern, ging S. zu Ferdinand 
v. Richthofen nach l^eipzig. Im Jahre 1884 trat S. seine erste Reise an, die ihn 
nach Venezuela und Kolumbien fiihrte und von der er erst 1886 zuriickkehrte. 
Die notwendigen Mittel hatten die Geographische Gesellschaft in Hamburg 
und die Berliner Karl-Ritter-Stiftung bewilligt. Gleich nach seiner Ruckkehr 



Seeliger. Sievers 245 

habilitierte sich S. in Wiirzburg fiir das Fach der Geographie, fand aber hier 
wenig Befriedigung, so daB er im Jahre 1890 nach GieBen iibersiedelte. 1891 
wurde er hier auBerordentlicher und nach Schaffung eines Ordinariats im Jahre 
1903 ordentlicher Professor. 

1893 — 1894 war S. erneut im Auftrage der Hamburgischen Geographischen 
Gesellschaft in Venezuela. Neben zahlreichen Veroffentlichungen iiber seine 
Reiseergebnisse begann er bereits im Jahre 1889 mit der Arbeit an der von 
Hans Meyer geplanten groBen Landerkunde samtlicher Erdteile. Im Jahre 1891 
erschien bereits der erste Band, Afrika, aus S.s Feder, dem schon 1892 der 
Band Asien und rasch hinterher die Bande Amerika, in denen S. Slid- und Mittel- 
amerika behandelt hatte, und, 1894, Australien und Ozeanien folgten. Der 
Band Europa hatte, wie Nordamerika, einen anderen Bearbeiter, die Schrift- 
leitung des ganzen Werks ruhte aber in den Handen von S. 

Den Wiinschen des Herausgebers folgend, war die methodische Anlage der 
groBen Landerkunde keine sehr gliickliche. Die einzelnen Stoffgebiete, Er- 
forschungsgeschichte, Oberflachengestalt, Klima, Pflanzen- und Tierwelt, Be- 
volkerung, Staaten, Verkehr, wurden hintereinander behandelt, wahrend auf 
die Darstellung der groBen natiirlichen Landschaften gar keine Riicksicht ge- 
nommen wurde. Die Landerkunde fand daher bei den Fachgeographen keine 
besondere Wiirdigung, so wertvoll das miihsame Zusammentragen und die 
kenntnisreiche, sorgfaltige Auswahl des iiberreichen Stoffes waren. Daher 
wurde im Jahre 1897 bereits eine vollstandige Umarbeitung samtlicher Bande 
begonnen und ihre Neuauflage in den Jahren 1901 — 1904 herausgebracht. S. 
selbst verfaBte dabei die Bande Australien und Ozeanien, erschienen 1902, 
Slid- und Mittelamerika, erschienen 1903, und Asien, erschienen 1904. Der Band 
Sudamerika erlebte 1914 eine dritte Auflage und an einer Neuauflage des 
S.schen Asienwerkes wird zur Zeit gearbeitet. 

Seine unermiidliche Lehrtatigkeit in GieBen unterbrach S., als 48jahriger, 
durch eine dritte Reise nach Sudamerika im Jahre 1909. Reiche Ergebnisse 
brachte er aus Peru und Ekuador heim, und der Nachweis von Eiszeitspuren 
im tropischen Hochgebirge dieses Kontinents, iiber die S. im Jahre 1914 im 
8. Bande der wissenschaftlichen Veroffentlichungen des Vereins fiir Erdkunde 
in Leipzig berichtete, gehort zu den bedeutendsten geographischen Tatsachen. 
Es beweist auBerdem, wie wenig S. den Vorwurf, kein geniigend naturwissen- 
schaftlich geschulter Reisender zu sein, verdiente, ein Vorwurf, der durch die 
bedeutendsten Kritiker der letzten Arbeiten von S. auch vollstandig entkraftet 
worden ist. 

Neben seinen geographischen Vorlesungen in GieBen, die insbesondere der 
griindlichen Ausbildung von Lehrern dienten, leitete S. die dortige Gesellschaft 
fiir Erd- und Volkerkunde, die er selbst im Jahre 1896 ins Leben gerufen hatte. 
Weiter gab er die Geographischen Mitteilungen aus Hessen heraus. 1916 vertrat 
S. den verstorbenen Professor Deckert in Frankfurt a. M. Nach schweren Ver- 
lusten, die der Krieg dem S.schen engsten Familienkreise zufiigte, starb S. 
nach einem tatenreichen Leben alien denen, die ihn kannten, ganzlich uner- 
wartet, ohne daB sein langjahriger Wunsch, einen groBeren Wirkungskreis zu 
erlangen, in Erfiillung gegangen war. 

Literatur: l^ber die Abhangij.keit der jetzigtn Kcnfessicnsverbreitung in Siidwest- 
Deutschland von dtn friihtrtn Teiritciial^icEztn, LitteitaticE, Gottingen 1S83. — Reise- 



246 192 1 

briefe (Sierra de Merida) , Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft Hamburg, 1885. — 
Die Reise in die Sierra Nevada de Santa Marta, Leipzig 1888. — Venezuela, eine Landes- 
kunde, Hamburg 1888. — Die Sierra Nevada de Santa Marta und die Sierra Perija, Zeit- 
schrift der Gesellschaft fur Erdkunde, Berlin 1888. — Die Cordillere von Merida, nebst 
Bemerkungen iiber das Karibische Gebirge, Pencks Geographische Abhandlungen, Leipzig, 
Berlin 1888. — Zweite Reise in Venezuela 1892 — 1893, Mitteilungen der Geographischen Ge- 
sellschaft Hamburg, 1896. — Afrika, S.s Landerkunde, zusammen mit Hans Meyer, 
Leipzig 1891. — Asien, S.s Landerkunde, Leipzig 1892, 2. Aufl. 1904- — Amerika, S.s Lan- 
derkunde, Mittel- und Siidamerika, von S., Leipzig 1893, 2. Aufl. 1903, 3. Aufl. 1914. — 
Australien und Ozeanien, S.s Landerkunde, Leipzig 1894, 2. Aufl. 1902. — S.s Landerkunde, 
Kleine Ausgabe, Leipzig 1907. — Venezuela und die deutschen Interessen, Halle 1903. — 
Die deutschen Besitzungen in der Siidsee. Das deutsche Kolonialreich, Leipzig 1909 — 19 10. 
— Die Kordilleren-Staaten, Sammlung Gdschen, Leipzig 191 3. — Reise in Peru und 
Ecuador, ausgefiihrt 1909. Wissenschaftliche Veroffentlichung des Vereins fiir Erdkunde, 
Leipzig 1914. — Venezuela, Auslandswegweiser, Hamburg 192 1. 

Konigsberg. Arved Schultz. 

Studt, Konrad v., Staatsminister, * am 5. Oktober 1838 zu Schweidnitz als 
altester der vier Sonne des Rechtsan waits St. uad seiner Gattin geb. Weinbrich, 
f zu Berlin am 29. Oktober 1921. — Nach Besuch der Volksschule und des 
Gymnasiums studierte St. von Ostern 1856 bis Ostern 1857 in Breslau, dann 
zwei Semester in Bonn und die beiden letzten Semester wieder in Breslau 
Rechts- und Staatswissenschaften, bestand, obwohl er wahrend der ganzen 
Studienzeit aktiv war, in Breslau bei dem Korps Borussia, in Bonn bei den 
Sachsen, rechtzeitig im Friihjahr 1859 das Auskultatorexamen, trat im Juni 
1859 bei dem Kreisgericht in Schweidnitz in den Justizdienst und legte die 
Referendarpriifung im Mai 1861 ab. Seiner Militarpflicht geniigte er bei dem 
damaligen Grenadierregiment Nr. 11. Die Vorbereitung zum Assessorexamen 
wurde durch seine Teilnahme an der Besetzung der russischen Grenze wahrend 
des polnischen Aufstandes 1863 und am danischen Feldzug 1864 als Landwehr- 
leutnant beim niederschlesischen Infanterieregiment Nr. 50 verzogert. Nach 
»gut« bestandenem Examen im Friihjahr 1865 erhielt er ein Patent vom 15. Ja- 
nuar desselben Jahres. Wahrend seiner Beschaftigung als Gerichtsassessor 
machte er bei dem gleichen Regiment den Feldzug 1866 mit. Fiir die Eroberung 
zweier osterreichischen Geschiitze in der Schlacht bei Koniggratz erhielt er den 
Roten Adler-Orden vierter Klasse mit Schwertern. Im Mai 1867 wurde St. 
Justitiar bei der Regierung in Breslau und im Oktober 1867 mit der kommissa- 
rischen Verwaltung des Landratsamts in Obornik, Regierungsbezirk Posen, be- 
auftragt. Im Sommer 1868 zum I^andrat ernannt, vermahlte er sich am 24. Sep- 
tember 1868 mit der einzigen Tochter des Rittergutsbesitzers Witte auf Chru- 
stowo im Oborniker Kreise. Im Kriege 1870/71 war er zunachst im steil- 
vertretenden GroBen Generalstab in Berlin, dann im Hauptquartier in Ferrieres 
beschaftigt, wurde spater Adjutant des Gouverneurs von StraBburg und von 
Ende Oktober 1870 ab Generalsekretar des Departements Seine et Marne. Fiir 
seine erfolgreiche, mit mancher personlichen Gefahr verkniipften Tatigkeit 
wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Von Obornik wurde St. im 
Winter 1875 als Hilfsarbeiter in das Ministerium des Innern berufen und 1880 
zum Vortragenden Rat befordert. Im April 1882 wurde er Regierungsprasident 
in Konigsberg. In Anerkennung seiner dortigen Wirksamkeit wurde er 1884 
zum Mitglied des mit der Begutachtung wichtiger Gesetzesvorlagen betrauten 



Sievers. Sttidt 247 

Staatsrates eraannt. Im April 1887 wurde er als Unterstaatssekretar in das 
Ministerium fur Elsafi-Lothringen versetzt, auf dem gerade damals wegen der 
gespannten politischen Verhaltnisse eine selir reichliche Arbeitslast ruhte. 

Im Friihjahr 1889 war im rheinisch- westf alischen Industriegebiet ein Berg- 
arbeiterstreik ausgebrochen, der einen bis dahin in Preutfen nicht dagewesenen 
Umfang annahm, und bei dem nach dem Ausspruche des Kommandierenden 
Generals »die Zivilbehorden den Kopf verloren«. Zur Wiederherstellung von 
Rune und Ordnung wurde St. im Mai 1889 telegraphisch als Oberprasident nach 
Miinster beruf en. Es gelang, in verhaltnismaflig kurzer Zeit die Wiederaufnahme 
der Arbeit im Bergbau herbeizufuhren. Wahrend seiner mehr als zehnjahrigen 
Amtstatigkeit als Oberprasident von Westf alen kam es noch mehrfach zu Aus- 
standsbewegungen unter den Bergarbeitern, die aber eine bedrohliche Aus- 
dehnung nicht gewannen. 1893 zum Wirklichen Geheimen Rat ernannt, wurde 
St. 1898 nebenamtlich Chef der Verwaltung des damals vollendeten Dortmund- 
Ems-Kanals. Im Herbst 1898 nahm er teil an der Einweihung der Erloserkirche 
in Jerusalem. Am 2. September 1899 wurde er Minister der geistlichen, Unter- 
richts- und Medizinalangelegenheiten. 

Bei seinem Abschied von Miinster fand die Beliebtheit und das Ansehen, 
welche St. sich in seiner mehr als zehnjahrigen Stellung als Oberprasident von 
Westfalen erworben, Ausdruck in vielfachen Ehrungen. Die philosophische 
Fakultat der Kgl. Akademie verlieh ihm die Wiirde eines Dr. phil. h. c. Zahl- 
reiche Vereine, voran der Westfalische Bauernverein und der Verein fur Ge- 
schichte und Altertumskunde Westf alens, •ernannten ihn zum Ehrenmitgliede. 
Die Provinz spendete ihm eine Nachbildung des auf sein Betreiben vor dem 
Schlosse zu Miinster errichteten Denkmals Kaiser Wilhelms I. in getriebenem 
Silber. 

Wahrend seiner Ministertatigkeit wurde St. 1900 Ehrenmitglied der Kgl. Aka- 
demie der Wissenschaften zu Berlin, 1901 Ehrendoktor der Rechte der Univer- 
sitat Konigsberg und Ehrenmitglied der Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften 
zu Gottingen, 1902 Ehrendoktor der Staatswissenschaften an der aus der Aka- 
demie unter seiner Mitwirkung hervorgegangenen Universitat Miinster, 1906 
Doktor-Ingenieur ehrenhalber der Technischen Hochschule zu Berlin und 
Ehrenbiirger der Stadt Miinster. 

Die Reichstagswahlen im Januar 1907 hatten zur Bildung des sog. Biilow- 
Blocks, d. h. zur vonibergehenden Ausschaltung des Zentrums als ausschlag- 
gebender Partei und zum Eintritt der Freisinnigen in die Regierungsmehrheit 
gefuhrt. Der Reichskanzler Fiirst Biilow erhoffte eine Festigung des Blocks von 
einem Ersatz des Kultusministers durch eine den Liberalen genehmere Person- 
lichkeit. St. hatte, unbeirrt durch die Miflerfolge mehrerer seiner Vorganger, 
eine Reform der Unterhaltung der offentlichen Volksschulen in Angriff ge- 
nommen. Nach langwierigen, hauptsachlich von dem Ministerialdirektor 
D. Schwartzkopff gefiihrten Vorverhandlungen konnte endlich im November 
1905 dem Landtage ein entsprechender Gesetzentwurf vorgelegt werden. Er 
enthielt auch Vorschriften tiber die Konfessionalitat der Volksschulen und iiber 
die Lehreranstellung. Diese heiklen Fragen erschwerten die Durchbringung des 
Gesetzes im Abgeordnetenhause wie im Herrenhause. Die Verdienste des 
Ministers um seine schlieBliche Annahme im Juli 1906 wurden durch die Ver- 
leihung des hohen Ordens vom Schwarzen Adler an ihn anerkannt. Aber ob- 



248 1 92 I 

wohl das Gesetz unter Zustimmung auch der Nationalliberalen mit groBer 
Mehrheit angenommen war, machte sein Inhalt doch bei den Gegnern der kon- 
fessionellen Volksschule und des Einflusses der staatlichen Behorden auf die 
Lehreranstellung den Minister unbeliebt. Dazu kam noch weiteres. Die im 
nationalen Interesse nach eingehenden Verhandlungen mit der Kurie im De- 
zember 1902 erfolgte Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultat in 
StraBburg war in der Presse als eine Gefahrdung der Freiheit der Wissenschaft 
angefeindet worden, weil der Kirche dabei eine Beanstandung der Auswahl der 
Dozenten wegen Lehre und Wandel zugestanden war. Obwohl das preuBische 
Kultusministerium ressortmaBig gar nicht beteiligt war, die Verhandlungen 
vielmehr von dem damaligen Professor Frhrn. v. Hertling fur das Reichsland 
gefiihrt wurden und der preuBische Ministerialdirektor Dr. Althoff dabei nur 
mitgewirkt hatte, richteten sich die Angriffe auch gegen den Minister. Auch die 
auf Wunsch der Finanzverwaltung behufs gleichmaBiger Gestaltung der Volks- 
schullehrerbesoldung erlassene Weisung an die Regierungen, iibermaBige Er- 
hohungen der Lehrergehalter seitens einzelner Stadte zu beanstanden (Brems- 
erlaB), wurde dem Kultusminister veriibelt, ebenso die Erneuerung der Vor- 
schrift, daB Schulraume zu anderen als unterrichtlichen Zwecken nur mit Zu- 
stimmung der staatlichen Aufsichtsbehorde benutzt werden diirften. Besonders 
wurde ihm die Aufrechterhaltung der geistlichen Schulaufsicht und die zu 
langsame Vermehrung der weltlichen Kreisschulinspektionen vorgeworfen. DaB 
er in dieser Frage die geschlossene Mehrheit des Landtags gegen sich hatte und 
um jede Stelle kampfen muBte, wurde geflissentlich ubersehen. Auch daB er 
mit dem bei den Konservativen wahrlich nicht beliebten Ministerialdirektor 
Dr. Kugler bis zu dessen Abgang im Marz 1902 vertrauensvoll zusammen- 
gearbeitet, die von diesem angeregte Reform der Vorbildung der Volksschul- 
lehrer durchgefuhrt, bei den hoheren Schulen die Gleichberechtigung der Real- 
anstalten erwirkt, eine durchgreifende Hebung der Madchenschulen eingeleitet, 
die Neuerrichtung technischer Hochschulen (Danzig und Breslau) bei der 
Finanzverwaltung durchgesetzt, die weitgreifenden Plane des Generaldirektors 
Dr. Bode zur Erweiterung der Berliner Museen tatkraftig unterstiitzt hatte, 
das alles wurde nicht beachtet. St. gait eben als »Reaktionar«, zumal er alien 
Angriffen mit klassischer Ruhe begegnete. Am 24. Juni 1907 erhielt er den er- 
betenen Abschied, wurde aber zugleich aus Allerhochstem Vertrauen lebens- 
langlich in das Herrenhaus berufen. Er konnte aus dem Amt mit dem BewuBt- 
sein scheiden, daB der gewaltige wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands auch 
im Haushalt des Kultusministeriums gebiihrenden Ausdruck gefunden hatte. 
Die ordentlichen Ausgaben waren wahrend seiner Ministerzeit 1899 — 1 9°7 S e " 
stiegen von 137 auf 178 Millionen, die auBerordentlichen von 14 auf 22 Millionen 
Mark im Jahre. 

Vom Mai 191 1 bis Januar 19 14 lebte St. in Hannover, wo er neben anderen 
mit dem spateren Generalfeldmarschall und Reichsprasidenten v. Hindenburg 
befreundet wurde. Nach Berlin zuriickgekehrt, wirkte er bis zum Kriegsaus- 
bruch als Vorstandsmitglied in einer Reihe wohltatiger Vereine. Wahrend des 
Weltkrieges war er in der Gefangenenfursorge unermiidlich tatig. Der traurige 
Ausgang des Krieges und die Staatsumwalzung verdunkelten die letzten Lebens- 
jahre des konigstreuen, um den Zusammenbruch seines Vaterlandes trauernden 
Mannes. Kurz vor dem Ausbruch des polnischen Aufstandes in Posen hatte er 



Studt 



249 



noch eine Denkschrift zur Rettung der Ostmark verfaBt. Das Schicksal der 
Deutschen in den verlorenen Gebieten des Ostens erfiillte ihn bis in seine 
letzten Tage mit Betriibnis und Sorge. Am 29. Oktober 192 1 endete ein sanfter 
Tod sein arbeitsreiches Leben. 

St. war eine schone Erscheinung, von hohem Wuchs und auf rechter Haltung. 
In seiner Jugend ein gewandter Turner, Schwimmer und Fechter, bewahrte er 
sich diese Haltung und eine ungewohnliche korperliche Riistigkeit durch gym- 
nastische Ubungen bis in sein spates Alter. Dementsprechend hatte er auch in 
alien seinen amtlichen Stellungen fur die turnerische und sportliche Betatigung 
der Jugend ein warmes Interesse. Eine vornehme gesellschaftliche Reprasen- 
tation betrachtete er als Amtspflicht. Dabei gehorte er zu den seltenen Naturen, 
die auch nach Teilnahme an festlichen Veranstaltungen noch stundenlang am 
Schreibtisch zu arbeiten vermogen. Neben peinlicher Erfiillung seiner Amts- 
pflichten gewann er noch Zeit, vom Jahre 1880 ab den Herausgeber des Kom- 
mentars zu den PreuBischen Verwaltungsgesetzen, M. v. Brauchitsch, bei der 
Bearbeitung dieses weitverbreiteten und angesehenen Werkes zu unterstiitzen 
und nach dessen Tode im Marz 1882 zusammen mit dem spateren Unterstaats- 
sekretar v. Braunbehrens die Neubearbeitung und Erweiterung des allmah- 
lich auf sieben Bande anwachsenden Werkes zu ubernehmen. St.s Arbeits- 
gebiet war dabei das Zustandigkeitsgesetz und die im Anhange des ersten Ban- 
des enthaltenen alteren Gesetze sowie die den zweiten Band fullenden Kreis- 
und Provinzialordnungen nebst Nebengesetzen. Wahrend die Erlauterung der 
anderen Gesetze allmahlich anderen Mitarbeitern iiberlassen blieb, hat St. noch 
die siebente Neubearbeitung des Zustandigkeitsgesetzes und des umfang- 
reichen Anhangs des ersten Bandes 1906 mit einigen befreundeten Herren selbst 
besorgt. 

Ein frommer, glaubiger Christ, besuchte er selbst auf seinen vielen Reisen 
regelmaBig den sonntaglichen Gottesdienst und schrieb in sein Tagebuch ein 
kurzes Urteil iiber die gehorte Predigt. Politisch war er streng konservativ. Die 
Auswahl seiner Rate traf er aber keineswegs nach politischen oder kirchlichen 
Gesichtspunkten. Als Minister befolgte er vielmehr den empfehlenswerten 
Grundsatz, zu vortragenden Raten nur Beamte zu ernennen, die bereits eine 
langere erfolgreiche Tatigkeit in der Provinz aufzuweisen hatten. Obwohl selbst 
ein begeisterter Korpsstudent, hat er auf korpsstudentische Beziehungen bei 
den von ihm ausgehenden Beforderungen nie Riicksicht genommen. 

Seinem Konige treu ergeben, war er doch kein Byzantiner. Als bei der groBen 
Schulkonferenz 1900 von dem Kaiser Gedanken angeregt wurden, deren Ver- 
wirklichung nach Ansicht des Ministers die Eigenart des humanistischen Gym- 
nasiums gefahrdet hatten, lieB er sofort den Chef des Zivilkabinetts wissen, daB 
er fur solche Plane nicht zu haben ware. Unter Beseitigung des nicht mehr zeit- 
gemaBen Gymnasialmonopols, d. h. unter grundsatzlicher Anerkennung der 
Gleichberechtigung der realistischen Bildung blieb dem Gymnasium sein alt- 
hergebrachter Charakter erhalten. Die in der deutschen Rechtschreibung herr- 
schende, von dem Minister v. Puttkamer vergeblich bekampfte Willkiir war 
dem Ordnungssinn St.s durchaus zuwider. Er nahm daher im Fnihjahrigoi 
die Verhandlungen zur Festsetzung einer einheitlichen Rechtschreibung der 
Behorden und Schulen wieder auf und setzte deren Anerkennung auch bei den 
Behorden des Reiches und der ubrigen Bundesstaaten durch, obwohl er wuBte, 



250 192 1 

daB eine solche Neuregelung dem Kaiser nicht erwiinscht war. Jahrelang 
muBten die Thronberichte noch in der alten Rechtschreibung abgefaBt werdea. 
Auch bei anderen Gelegenheiten hat St. die Vertretung seiner abweichenden 
Meinung dem Kaiser gegeniiber nicht gescheut. Gerade in dieser Hinsicht ist 
der Minister von seinen Gegnern falsch beurteilt worden. 

Im Parlament hatte der Minister keine leichte Stellung. Er sprach zogernd, 
stockend, oft nach dem betreffenden Ausdruck suchend. Es war dies aber bei 
ihm mehr ein Zeichen iibergroBer Gewissenhaftigkeit als Angstlichkeit oder 
Befangenheit. Scheu vor parlamentarischen Kampfen hatte er keineswegs. Das 
bewies er durch Einbringung des Volksschulunterhaltungsgesetzes und des in 
einzelnen Bestimmungen stark umstrittenen sogenannten Seuchengesetzes. 
(Vom 28. August 1905.) Das zeigte er auch in seiner Haltung gegeniiber der 
polnischen Agitation, in deren Bekampfung er sich auch durch den groBziigig 
organisierten Streik der polnischen Schulkinder im Winter 1906 nicht beirren 
lieB. 

Auch von St. lafit sich sagen, was er einst an den SchluB der Lebensbeschrei- 
bung v. Brauchitsch' setzte: »Ihm gait Pflichttreue als die Bedingung mora- 
lischen Wohlbef indens. « Frei von Selbstsucht und niederer Leidenschaft, ein 
Feind alles Unwahren, unermiidlich im Dienste fur Konig und Vaterland, war 
er ein glanzendes Beispiel eines trefflichen altpreuBischen Beamten oder, wie 
der erste amerikanische Austauschprofessor John W. Burgess ihn bei einem 
Festmahl in Neuyork bezeichnete, »ein echter Gentleman der guten alten 
Schule«. 

Iyiteratur: K. v. St., ein preuQischer Kultusminister, von E. Landsmann, Berlin 190S, 
Karl Heymann. — Fiirst Biilow und seine Zeit, von Gerraanikus, 2. Aufl., Berlin 1909, 
Spree- Verlag. — Das nur fur die Fatnilie bestimmte handschriftliche Tagebuch des Ver- 
storbenen. 

Berlin-Steglitz. Friedrich Fleischer. 

TangI, Michael, Dr. phil., o. Professor der mittelalterlichen Geschichte und 
der historischen Hilfswissenschaften an der Universitat Berlin, Geheimer 
Regierungsrat, * in Wolfsberg (Karnten) am 26. Mai 1861, f i Q Klagenfurt 
am 7. September 1921. — Der Ertrag der Lebensarbeit T.s liegt auf dem Ge- 
biete der historischen Hilfswissenschaften: der Palaographie, der Urkunden- 
lehre und der Quellenkunde im engeren Sinne. Er ist nicht in umfassenden 
Darstellungen, sondern in einer groBen Reihe von Einzeluntersuchungen und 
Editionen niedergelegt, die seinem in der weiteren Offentlichkeit selten ge- 
nannten Namen in den Kreisen der Forschung ein dauerndes Andenken sichern. 

Ein Schiiler Sickels und Miihlbachers, hat T. im Wiener Institut fur oster- 
reichische Geschichtsforschung und im romischen Istituto austriaco di studi 
storici die entscheidenden Anregungen empfangen. Aus ihnen ist das Buch iiber 
die papstlichen Kanzleiordnungen von 1200 bis 1500 (1894) hervorgegangen. 
Voriibergehend im osterreichischen Archivdienste tatig, 1892 in Wien habilitiert, 
gleichzeitig Mitarbeiter der Monumenta Germaniae historica, wurde T. 1895 als 
Extraordinarius nach Marburg, 1897 nach Berlin berufen, wo er 1900 zum Or- 
dinarius aufriickte, 1902 zum Mitgliede der Zentraldirektion der Monumenta 
und 1918 zum ordentlichen ^litgliede der PreuBischen Akademie der Wissen- 
schaften gewahlt wurde. Sein wissenschaftliches Leben gait zu gleichen Teilen 



Tangl 251 

einer hingebend ausgeiibten akadetnischen Lehrtatigkeit und der Arbeit fur die 
Monumenta Germaniae, mit denen er fast dreiBig Jahre lang in enger Verbin- 
dung gestanden hat, zuerst als Mitarbeiter, dann als Leiter der Abteilungen 
Epistolae (1902 — 1906, 1909 — 1921) und Diplomata I (1904 — 1921), in den letz- 
ten Jahren (1914 — I9i9)als stellvertretender Vorsitzender der Zentraldirektion. 
Aus den Vorarbeiten fiir Editionen in den Monumenten hat T. vielfach die An- 
regungen fiir seine eigenen Studien entnommen. So hat er sich im Zusammen- 
hange mit den Arbeiten an den Diplomen Karls d. Gr., deren von Miihlbacher 
begonnene Ausgabe er 1906 zum AbschluB fuhrte, zum besten Kenner der 
mittelalterlichen Tachygraphie, der tironischen Noten, herangebildet, fiir deren 
Bearbeitung er kaum noch viel zu tun ubriggelassen hat ; so beruhen auf seinen 
Arbeiten fiir die Epistolae die wichtigen Untersuchungen zur Geschichte des 
heiligen Bonifatius. Unmittelbar aus seiner Lehrtatigkeit sind die vorziiglichen, 
im akademischen Unterricht weit verbreiteten Neubearbeitungen und Erweite- 
rungen der Arndtschen » Schrif ttaf eln zur Erlernung der lateinischen Palaogra- 
phie« (1894 — -1907) hervorgegangen. Dem Gegenstande seiner fruheren Ar- 
beiten, der Papstdiplomatik, ist er daneben ebenfalls treu geblieben ; noch seine 
beiden letzten Aufsatze beschaftigen sich mit Fragen der kurialen Kanzlei- und 
Verwaltungsgeschichte. Gemeinsam ist alien seinen Veroffentlichungen muster- 
gultige Sorgfalt der methodischen Arbeit und schlichte Zuverlassigkeit ; mit 
Recht ist von ihm gesagt worden, daB er zu den wenigen gehore, die nie ge- 
notigt waren, eine wissenschaftliche Behauptung zuriickzunehmen. 

Ein gesunder historischer Blick bewahrte ihn davor, die hilfswissenschaft- 
lichen Studien zum Selbstzweck werden zu lassen. In Forschung und I^ehre hat 
er ihre Einordnung in den Aufgabenkreis der allgemeinen Geschichte stets ge- 
f ordert ; seine eigenen Arbeiten f inden iiberall den Weg zu den verwandten Dis- 
ziplinen, zur Philologie, zur Rechts- und namentlich zur Kirchengeschichte. 

Am eindrucksvollsten zeigte sich T.s wissenschaftliche Art in seinen Seminar- 
iibungen und in den seiner I^eitung anvertrauten Kursen fiir die Archiv- 
Aspiranten; hier hat er mit der vorbildlichen Art seines phrasenlosen Wahr- 
heitsstrebens die schonsten Erfolge erreicht. Das hohe Ansehen, das er in Berlin 
als Iyehrer genoB, war wohlbegriindet. Ein ungewohnlich groBer Schiilerkreis 
ist aus seinem Unterricht hervorgegangen. 

In seiner Wesensart ist T., obwohl er fast die Halfte seines Lebens in Berlin 
verbracht hat, stets der typische Sohn seiner landlichen siiddeutschen Heimat 
geblieben. Wohl fand er mit seiner offenen Herzlichkeit bald den Kontakt mit 
den meist norddeutschen Schiilern und Kollegen. Aber seinen innersten Wun- 
schen entsprach das dauernde Verbleiben in Berlin nicht ; und um so schmerz- 
licher war es zu sehen, wie er in den Kriegsjahren allmahlich ein Opfer der Ber- 
liner Verhaltnisse wurde. Mit Verwaltungsarbeiten iiberhauft, die ihm nicht 
recht lagen, von Sorgen und Entbehrungen gequalt, hat der f ruber so riistige 
Mann korperlich und seelisch schwer gelitten. So ist er wenige Jahre spater 
einem Krankheitsanfall erlegen, den er unter giinstigeren Voraussetzungen ge- 
wiB iiberwunden hatte. 

I/iteratur: T., Autrittarede in der Koniglich Preuflischen Akademie der Wissenschaftea 
4. Juli 1918 (Berliner Sitzungsberichte 1918, S. 702 — 704). — P. Kehr, Neues Archiv der 
Gesellschaft fiir altere deutsche Geschichtskunde 44 (1922), S. 139 — 146; mit einer Biblio- 
graphic der Schrif ten, zusamtnengestellt von H. Krabbo, ebenda, S. 147 — 150. — E.E.Sten- 



252 * 1921 

gel, Historische Zeitschrift 125 (1922), S. 372 — 374. — E. Perels, Historische Vierteljahrs- 
schrift 21 (1922/23), S. 123 — 127. — R.Salomon, Hamburger Nachrichten 17. Septem- 
ber 1 92 1. — Der wissenschaftliche NachlaB ist zum grofiten Teil im Besitz der Zentral- 
direktion der Monumenta Germaniae historica in Berlin. 

Hamburg. Richard Salomon. 

Thiersch, Friedrich, Ritter v., Architekt und Hochschullehrer, Professor, 
Geh. Hofrat, Dr. flhil. h. c, * in Marburg am 18. April 1852, f in Miinchen 
am 23. Dezember 192 1 — war in den Jahrzehnten vor und nach der Jahr- 
hundertwende einer der hervorragenden Fuhrer auf dem Felde der deutschen 
Baukunst. Ehrungen und Erfolge schienen ihm fast muhelos zuzufallen. Mit 
28 Jahren Dozent fiir »hohere Baukunst « in Miinchen, mit 30 Jahren Sieger 
in dem bedeutendsten aller deutschen Wettbewerbe, ist er 40 Jahre fast un- 
unterbrochen seinem Posten als Professor der Technischen Hochschule treu- 
geblieben und hat doch als frei schaffender Kiinstler, als Architekt wie als 
Maler, ein voiles I^ebenswerk hinterlassen. Auf dem Grunde der antiken Bau- 
kunst stehend, wie alle Renaissancekiinstler, stand er doch dem Ringen seiner 
Zeit um neue Formen fiir neue Aufgaben nicht fern, und selten wohl ist einem 
Lehrer so viel Dank und Bewunderung zuteil geworden wie ihm von seiten 
seiner Schiiler. 

Ein kiinstlerischer Zug laflt sich durch die Familie Th. verfolgen, die, aus 
Kursachsen stammend, in Miinchen und in Mitteldeutschland heimisch ge- 
worden, bedeutende Humanisten, Theologen, Arzte und bildende Kiinstler 
als Mitglieder zahlt. Friedrich war der Enkel des gleichnamigen Philologen 
und Philhellenen, Neffe des Malers Ludwig Th. und j lingerer Bruder des 
Architekten Professor August Th., der lange Zeit vor und neben ihm an der 
Technischen Hochschule Miinchen tatig war. Der Vater Heinrich Th. war 
Professor der Theologie in Marburg, spaterals Geistlicher in Miinchen und Basel. 
Von der Mutter Maria Bertha Zeller von Beuggen bei Sackingen erbte er das 
heitere alemannische Blut, die hohe gewolbte Stirn, Liebe zur Musik und das 
giitig kindliche Herz. Ein auJ3erlich karges, innerlich von der tiefen Religio- 
sitat des Elternhauses durchklartes Jugendleben — der Vater war als ein 
Fuhrer der von England ausgehenden » apostolischen « Religionsbewegung 
der Irwingianer mit der Landeskirche zerfallen und in seinem Lehrgebiet be- 
schrankt — gab auch dem Glanz der spateren Jahre einen ernsten Untergrund 
und dem jungen Kiinstler jene streng historische Gesinnung, die ihn fest 
machte gegen Moderichtungen und den raschen Wechsel der Stilarten. Als 
Schiiler in den alten Sprachen nur maJ3ig begabt, war es dem Kiinstler sicher 
zum Heil, daB er nach fiinf qualvollen Gymnasialjahren in Miinchen und 
einem mathematischen Nachkursus in Schwabisch-Hall mit der Berechtigung 
zum Einjahrigen die Schule verlassen und das in Bliite stehende Polytechnikum 
in Stuttgart beziehen durfte. Sechs voile Jahre durfte er hier seine Krafte ent- 
falten unter dem giitigen Leins, dem kraftvolleren Gnauth und dem viel- 
seitigen Kunsthistoriker Liibke, bei denen er bald auch freundschaftlich ver- 
kehrte. Die Entwicklung ging wie iiblich iiber Hellas und Alt-Rom zur Bliite 
der Renaissance. Man hat Th. spater nach den glanzenden Wiederherstellungs- 
blattern der griechischen Ruinen, von der Akropolis, von Olympia und Perga- 
mon mit Unrecht als zweiten Schinkel begriiBt, wohl aber hat er die zweite 



Tangl. Thiersch 253 

Wandlung der antiken Formenwelt, die vom Romischen zur italienischen Re- 
naissance mit offenen Sinnen nochmals durchlebt, und zwar auf seinen Reisen 
in Italien. Dieser neuen Vielfaltigkeit der Formen, dem phantasievollen Reich- 
turn des Schmuckwerks an Wanden und Decken fuhlte er seine Krafte gewach- 
sen und suchte sie an ihnen immer neu aufzufrischen. 

Von Stuttgarter Freunden sind die Kollegen Weigle, Eisenlohr und Neher 
zu nennen. Durch letzteren wurde Th. nach beendetem Militardienst 1875 be- 
wogen, in Frankfurt in die bedeutende Architektenf irma »Mylius & Bluntschli« 
als Mitarbeiter einzutreten, die eben den Frankfurter Hof baute, den »schdnsten 
Gasthof Deutschlands«. In Hermann Bluntschli, dem Heidelberger, fand Th. 
einen trefflichen Kiinstler, Schiiler von Semper, also der eigenen Richtung 
nahestehend, dazu in Paris in grundlicher und glanzender Darstellung von 
Planen geschult. Die Vereinigung solcher Krafte fuhrte im nachsten Jahre zu 
einem Siege in dem Wettbewerb um das Hamburger Rathaus, der in ganz 
Deutschland Aufsehen erregte. Doch die Ausfiihrung wurde vertagt und spater 
einheimischen Architekten auf neuer Grundlage ubertragen. 

Th. wurde durch seinen Anteil am Siegespreise in den Stand gesetzt, seine 
erste Reise nach Italien anzutreten. Er hatte in Frankfurt Freundschaften furs 
Leben geschlossen mit Paul Wallot, mit dem er bald um den Reichstagsbau 
kampfen sollte, und mit dem Schweizer Architekten H. Ritter, kiinstlerischem 
Leiter der groBen Baufirma Phil. Holzmann & Co. Als solcher zog dieser den 
Freund zu bedeutenden Bauaufgaben heran, zuerst 1879 zu dem Wettbewerb 
um die Rheinbriicke in Mainz. Th. errang zusammen mit dem Ingenieur der 
Firma seinen ersten Sieg. Sein Plan kam unverandert zur Ausfiihrung. 

Die italienische Reise, in Gemeinschaft mit sieben Freunden und Fach- 
genossen, denen sich in Rom noch der Maler Hans Speckter aus Hamburg an- 
schloB, war reich an tiefen Eindrticken fur alle Teilnehmer. Drei arbeitsreiche 
Wintermonate in Rom, dann im Fruhling die romantische Reise, groBenteils 
Wanderung, iiber Terracina nach Neapel. Gluckliche Wochen in Capri, ein- 
dringende Studien in Pompeji, dessen sonst streng gehiitetes Ausgrabungsfeld 
den Kiinstlern frei zu durchstreifen erlaubt war. Es folgten die ergreifendsten 
Zeugen altgriechischer Baukunst in Paestum und fiir Th. ein Streifzug durch 
Sizilien. Die Kameraden zogen allmahlich heimwarts, aber Th. ging allein 
nach Rom zuriick, um sich noch mehr zu vertiefen in den Ernst dieser Formen- 
sprache, zugleich aber auch, um sich die Mittel zu schaffen fiir seinen Lieb- 
lingsplan, einen langeren Aufenthalt in Griechenland. Sein Verleger Spemann 
in Leipzig, fiir den er ofters seine zierlichen Randleisten und Friese fiir Buch- 
schmuck geliefert hatte, drangte ihn unausgesetzt zu neuen Entwiirfen und 
immer reicherer Ausfiihrung. Dieser an sich den Kiinstler nicht fordernden 
Tatigkeit haben wir immerhin seine Versuche zur Rekonstruierung des antiken 
Festbezirks von Olympia und der Akropolis zu verdanken, deren groBe Kartons 
(jetzt in Athen und Miinchen)die Griechen entziickten und den jungen Kiinst- 
ler zum Ehrenmitgliededergriechischen Archaologischen Gesellschaf t machten. 
Bescheiden maB er die ihm erwiesenen Ehrungen dem Andenken an die Ver- 
dienste des GroBvaters um Griechenland zu. Auch ging er in Athen in den 
Spuren seines gelehrteren Bruders August. 

Nach zweijahriger Reise 1878 als gereifter Kiinstler in die Heimat zuriick- 
gekehrt, fand Th. zunachst in Frankfurt die alte herzliche Aufnahme. AuBer 



254 1921 

dem Bau der Mainzer Briicke fesselte ihn hier eine lockende Aufgabe, die Aus- 
malting von Innenraumen des Opernhauses, die ihm nach einem Wettkampfe 
mit Professor Meurer-Berlin zugesprochen wurde. Th. zeichnete die Kartons, 
dekorative und figiirliche, besonders fur das groJBe Treppenhaus, und leitete 
die farbige Ausfiihrung. Auch seine Teilnahme am Wettbewerb um den Haupt- 
bahnhof in Frankfurt fallt in diese Zeit, ein glanzender Entwurf, aber nicht 
von Erfolg gekront. Er iibte seine Krafte fiir die groBten Bauaufgaben. Aber 
der Wunsch des Vaters und ehrenvolle Anerbietungen drangten ihn zur aka- 
demischen Laufbahn. Die Fiille der Reiseskizzen und besonders der licht- 
freudigen und farbensatten Aquarelle, die in einigen Stadten ausgestellt waren, 
brachte den Namen Th. in aller Mund. In Stuttgart wollte man am Polytechni- 
kum ein neues I,ehrf ach eigens fiir ihn errichten ; in Frankfurt bot die Kunst- 
gewerbeschule eine Stelle. Aber Th. entschied sich nach einigem Schwanken 
fiir Miinchen, wo das Ministerium fiir den alternden Neureuther zunachst eine 
Entlastung und einen spateren Nachfolger suchte. Die Miinchener Technische 
Hochschule bekannte sich durch seine Wahl zur Einhaltung der bisherigen 
durch v. Neureuther und Buhlmann vertretenen klassischen Richtung. 

Gleich in den ersten Jahren seiner Lehrtatigkeit envies sich Th. seines 
Amtes wiirdig durch eine kiinstlerische Tat, zu der er sein ganzes Konnen 
und Schauen zusammenraffte, in dem Wettbewerbsentwurf fiir das deutsche 
Reichstagsgebaude. Unter 180 deutschen und osterreichischen Bewerbern er- 
rangen seine Arbeit und die seines Freundes Wallot als gleichwertig die beiden 
ersten Preise. Mit drei zweiten Preisen folgten die hervorragendsten Berliner 
Architekten. — Fanden auch die wundervollen Grundrisse von Th., der edle 
Rhythmus des Aufbaus bei alien Beurteilern hohe Anerkennung, so war bei 
Wallot doch neben einigen Vorziigen in der Raumverteilung eine starke Eigen- 
art zu spiiren, die Neues und Bedeutendes versprach. Th. hat ihm nach Kraften 
den Weg geebnet, auch spater, als er beim Innenbau immer mehr vom Dber- 
lieferten abwich. Vier Jahre nach dem Beginn des Reichstagsbaus kam das 
Ringen um die zweite groBe Bauaufgabe des Deutschen Reichs, um das Reichs- 
gericht in Leipzig. Wieder gait es, die neugewonnene deutsche Einheit in einem 
stolzen Bau zum Ausdruck zu bringen, und von dieser Forderung aus gesehen 
stand der von Th. geschaffene Entwurf wohl unbestritten an erster Stelle. 
»In einfacher Monumentalitat und doch von hinreiBendem Schwunge,« schrieb 
Theodor Fischer. Aber die Preisrichter muBten andere Gesichtspunkte voran- 
stellen, und ruhig abwagend schreibt auch der Bruder August Th. an den Vater 
iiber den MiBerfolg: »Als Lehrer immer mit Entwurf en beschaftigt, die nicht 
ausgefiihrt werden, hat er sich zu einem Aufwand an Raum und Massen ver- 
leiten lassen, der den Preisrichtern als iibertrieben erschienen ist.« Die Zeit 
hat den Spruch gerechtfertigt, der Ludwig Hoffmanns Plan damals den Preis 
zuerkannte. 

Das Drangen nach eigener Bautatigkeit sollte sich in der Tat zur Schicksals- 
frage gestalten. Von Berlin kam an Th. die vertrauliche Anfrage, ob er geneigt 
sein wiirde, eine Berufung an die Technische Hochschule Charlottenburg an- 
zunehmen. Th. war damals in zwiespaltig bewegter Stimmung. In demselben 
Jahre starb der geliebte Vater. Er hatte noch die Freude, daB Friedrich ihm 
seine Braut zufiihren konnte, Auguste Eichler aus Lindau. Die Hochzeit war 
im Marz 1886, und erst ein Jahr spater stand der EntschluB fest, in Miinchen 



Thiersch 



255 



zu bleiben. Th. hatte sein Bleiben an die Bedingung gekniipft, mit einem 
groBeren Staatsbau in Miinchen betraut zu werden, und der Prinzregent Luit- 
pold setzte sich selber beim Ministerium dafiir ein, daB ihm der Neubau eines 
Justizgebaudes am Karlstor zugesagt werde. Drei Jahre wurden fiir Entwiirfe 
und Vorbereitungen, sieben Jahre fiir die Ausfiihrung vorgesehen. Hier beginnt 
die Hochflut in Th.s Ktinstlerleben, aber auch eine Zeit der Drangsale und 
Hemmungen, wie sie nur ein fester Wille und unerschopfliche Arbeitskraft 
gelassen uberwinden konnte, zumal da auch eigene Zweifel und Wandlungen 
zu bestehen waren. Im Laufe der Entwurfsarbeit am Justizpalast drangte 
sich dem Kiinstler der in Bayern heimische Barockstil an die Stelle der Re- 
naissancefonnen. Fischer v. Erlachs Bauten in Wien und die Schlosser in 
Franken wurden studiert und manches Motiv von dort unbekiimmert iiber- 
nommen, jedoch fiir das AuBere zu ernster Wiirde gesteigert. Eine personliche 
Note bleibt uberaU gewahrt. Sie auBert sich noch sinnfalliger in der fast iiber- 
reichen Durchbildung des Innern, der kiihn konstruierten Treppen und be- 
sonders in dem tief farbigen, von L,icht durchflutetenMittelraum, der mit dem 
Ernst der Gerichtssale wohl nicht ganz iibereinstimmt. 

Der gewaltige Bau rief auch das Miinchener Kunstgewerbe auf den Plan. 
Th. gewann mit den namhaften Meistern des Handwerks enge Fiihlung und 
war bald neben v. Miller ein Fuhrer des bayerischen Kunstgewerbevereins. 
Zwar das eigentlich Munchnerische lag ihm nicht so wie seinem Freunde und 
oft Rivalen Gabriel Seidl und anderen Einheimischen. Es wurde in Fachkreisen 
bedauert, daB Th. den von ihm zur Ausfiihrung berufenen Kiinstlerkraften, 
Malern wie Bildhauern, im ganzen nicht so viel Freiheit lieB, als ihre bedeutende 
Eigenart es hatte wunschen lassen. Die in den Brauhausern und Biirgerhausern 
schon etwas iibersteigerte deutsche Renaissance hatte ihn wenig beruhrt. 
DaB er aber auch dieser Stilart gerecht werden konnte, zeigte er durch die liebe- 
volle Restaurierung des Rathauses in Lindau 1888. Die schone Stadt am 
Bodensee wurde hinfort durch den freundlichen Landsitz des Schwiegervaters 
das stete Ziel der Familie fiir Erholung und Sommerfrische. In demselben 
Jahr baute Th. in Miinchen zwei groBe Waren- und Geschaftshauser (Parcus 
und Bernheimer) und endlich fiir sich selbst das in schonem Garten gelegene 
Wohnhaus an der GeorgenstraBe, in italienischer UmriBlinie mit weit aus- 
ladendem Dach ein trauliches deutsches Heim. Auch eine gotische Kirche baute 
er etwas spater in Aschach bei Lindau, fein und schlicht. Sonst uberlieB er 
diesen Stil seinem Kollegen, dem Gotiker an der Hochschule, Freiherrn Hein- 
rich v. Schmidt, der ihm seit der Frankfurter Zeit eng befreundet war. 

Ein Werk ersten Ranges, zu dem Th. 1902 berufen wurde, war der Neubau 
des Kurhauses in Wiesbaden. Die Angelegenheit, die teils in Wiesbaden, teils 
in Berlin zustandig war, hatte eine Vorgeschichte, und Th. muBte auf Wider- 
stande gesfaBt sein, aber er vertraute seinem Stern und kam gliicklich ans 
Ziel, freilich nicht ohne personlichen Riickhalt an den Wunschen des Kaisers. 
Als Ziel gait fiir den Kiinstler nur etwas Mustergiiltiges zu schaffen. Mit be- 
wuBtem Anklang an die altromischen Bader und Heilquellen wollte er diesem 
Bau inmitten des bunten internationalen Treibens einen groBen und weihe- 
vollen Zug geben. So wurde er wieder ganz Klassizist, ernst und groBziigig an 
der Westfront mit dem Saulenportikus, anmutiger an der Gartenseite, der sich 
die Gesellschaftsraume zuwenden. Er bestand auf Verwendung nur edlen 



256 1921 

Materials und scheute auch Konflikte nicht, um den Bau am bestimmten Tage 
abzuliefern. Mit groBem Jubel wurde die Einweihung gefeiert, und der Kaiser 
begliickwiinschte die Stadt zu dem »schonsten Kurhause der Welt«. Schon 
aber regte sich der Widerspruch der Jtingeren, denen die Begriffe Akademie 
und Stilkunst und gar ein Kaiserlob als belastend galten. 

Als letzte und groBte Bauausfiihrung folgte 1906 — 1909 die StadthaUe in 
Frankfurt a. M. Es war ein Wettbewerb groBen Stils, mit den ersten deutschen 
Kunstlern im Preisgericht. Eine Gruppe gewaltiger Bauten, unter denen die 
groBe Rotunde fiir Feste und Ausstellungen das Hauptstiick bildete. Th. unter- 
nahm es mit den ihm verbiindeten Eisenwerken, diese riesige Festhalle in einem 
Jahrevorlaufigbenutzbar, in zwei Jahren ganz fertigzustellen und begann den 
Bautrotzdes Einspruchs der Frankfurter Architektensehaft, die eine so kurze 
Frist fiir einen derartigen Monumentalbau als unerhort erklarten. DaB das Werk 
gelingen konnte, istein Ehrenmal deutscher Ingenieurkunst und der aus- 
fiihrenden Werke, unter denen wieder Phil. Holzmann mit dem alten Freunde 
Ritter voranstanden. 

Inzwischen sah sich Th. dem geschlossenen Widerstande der Frankfurter 
Architekten gegeniiber, die den Weiterbau bekampften und mit guten Griinden 
dafiir eintraten, daB nicht Kunsthallen, sondern Messehallen an diesem Platze 
zu errichten seien. Es kam hinzu, daB der Hauptforderer des einzigartigen 
Planes, der Oberburgermeister Adickes, durch den Bau seiner neuen Univer- 
sitat in Anspruch genommen wurde. Dann brach der Krieg aus, und Adickes starb 
1915 (s. Deutsches Biogr. Jahrb., Bd. 1 1914— 16, S. in ff .). Die Frankfurter Fest- 
halle ist ein Torso geblieben. — Wenn man sich erinnert, daB Th. wahrend dieser 
Arbeiten Rektor der Technischen Hochschule war, dazu noch von 1906 an den 
Erweiterungsbau derselben Hochschule intensiv leitete, so ermiBt man die er- 
staimliche Nervenkraft dieses Mannes. 

Es folgen 1910 drei groBe Wettbewerbe, fiir ein Opernhaus in Berlin, ein 
Kurhaus in Karlsbad und die StadthaUe in Hannover. Der letztere Fall hatte 
einen sich ofters wiederholenden Ausgang: zwei erste Preise erhalten Th. und 
sein Schiiler Bonatz in Stuttgart, letzterem aber wird die Ausfiihrung zuge- 
sprochen. Die jiingere Generation kommt mit Recht in den Vordergrund. 

Th.s groBe Studienreisen fiihrten ihn an alle Kiisten des Mittelmeeres. In 
Pergamon war er eine Woche der Gast Humanns. In den Trummern von Pal- 
myra, die er nach fiinftagigem Wiistenritt von Damaskus erreichte, entwarf 
er wie im Fluge ein Gesamtbild der alten Romerstadt und hielt das Wesent- 
liche in scharfen Zeichnungen fest. Das schone Bild einer groBen und wahr- 
haften Kiinstlerpersonlichkeit tritt uns iiberall aus den Skizzenbuchblattern 
und Aquarellen entgegen, von denen der Herausgeber des Th.-Buches (s. unten) 
eine gute Auswahl wiedergegeben hat, dazu auch Proben aus den ebenso gehalt- 
vollen Reiseberichten. Unrichtig ware es, wissenschaftliche Ergebnisse (etwa 
archaologische) darin suchen zu wollen. Im reiferen Lebensalter sehen wir Th. 
wiederholt als Kommissar fiir Bayern auf den Weltausstellungen in Turin, 
Paris, St. Louis fiir das deutsche Kunstgewerbe tatig. In Deutschland fiihren 
ihn Pflichtreisen als Ratgeber und Preisrichter heute nach Hamburg, morgen 
nach Wien. Er wurde Ehrenmitglied vieler Kunstgenossenschaften, u. a. des 
American Institute of Architects in Washington, der Kunstakademien in Miin- 
chen, Berlin, Dresden, Stockholm. Den personlichen Adel verlieh ihm Prinz- 



Thiersch. Thoma 257 

regent Luitpold nach der Fertigstellung des Justizpalastes, den Dr. phil. 
h. c. die Universitat Marburg. 

Die groBe Anzahl von Briicken, Brunnen und Denkmalern, die Th. im 
Laufe der Jahre geschaffen, kann hier nur erwahnt werden. Als Bildhauer ist 
meistens W. Riimann dabei beteiligt, so bei dem Brunnen in Lindau, dem 
Reiterbilde des alten Kaisers in Stuttgart. Fur den Wittelsbacher Brunnen in 
Munchen hatte Th.s Entwurf den ersten Preis. Als aber Ad. Hildebrand, der 
erst Preisrichter war, dann selbst ein Modell einreichte, wurde dieses zur Aus- 
fuhrung gewahlt. Th. war gekrankt, aber fand die Entscheidung gerecht. 

Der Krieg von 19 14 unterbrach die Bau- und Lehrtatigkeit. Th. verlor die 
beiden Sonne, den jtingeren noch nach dem Zusammenbruch als Freiwilligen 
gegen die Aufruhrer im Ruhrgebiet. Um so kraftvoller arbeitete er mit an dem 
Hilfswerk daheim und im Felde, namentlich in der Graberfursorge war ihm 
eine bedeutende Stellung zugewiesen. Sein sozial empfindendes Gemiit litt 
schwer unter dem Rifi, der unser Volk in zwei sich nicht verstehende Teile 
trennte, und wahrend er 1919 den Reichsbund geistiger Arbeiter zu begriinden 
suchte, war er Vorsitzender der »Praktischen Arbeiterkurse«, veranstaltet 
durch eine Arbeitsgemeinschaft der drei Munchener Hochschulen. Er selbst 
hielt fur die Arbeiter einen Kursus in Mathematik. Sein letztes Werk waren die 
» Akademischen Werkstatten Munchens« fiir notleidende Studenten, die groBen 
Erfolg hatten. Hier nutzte er die Erfahrungen aus eigener harter Jugendzeit. 

Fast siebzig Jahre alt, wurde Friedrich v. Th. seiner Arbeit und den Seinen 
durch einen Schlaganfall entrissen. 

Literatur: Hermann Thiersch, Friedrich v. Thiersch der Architekt, Munchen 1925, 
mit Beitragen und Urteilen von Zeitgenossen. — Friedrich Thiersch, Gedachtnisrede von 
Professor Dr. Theodor Fischer in Munchen, gehalten bei der Thiersch-Feier in der Techn. 
Hochschule 27. Januar 1922. Siiddeutsche Bauzeitung 1922, Nr. 8. — Der Justizpalast in 
Munchen, Denkschrift, Verlag L. Werner, Munchen. — Das Kurhaus zu Wiesbaden, Ver- 
lag Ernst Wasmuth, Berlin 1908. — Dasselbe, ausfuhrliche Denkschrift, im Selbstverlag 
des Magistrats Wiesbaden. — Ferner Denkschriften bei Ablieferung fast aller Bauten dem 
Bauherm iiberreicht. — Personliche Brief e von Fr. Thiersch. 

Bremen. Eduard Gildemeister. 



Thoma, Ludwig, Dr., Dichter, * in Oberammergau am 21. Januar 1867, f in 
Rottach am Tegernsee am 26. August 1921. — In den »Erinnerungen«, die zwei 
Jahre vor seinem Tode herauskamen, hat Ludwig T. selbst seine Jugend und 
den Ursprung seines dichterischen Werks geschildert und seinen Eltern ein 
liebe voiles Denkmal gesetzt. T. entstammte einer alten bayerischen Jager- 
familie: Vorfahren von ihm waren Klosterjager bei den Zisterziensern in Wald- 
sassen, sein UrgroBvater stand lange Jahre an der Spitze der bayerischen Forst- 
verwaltung, der Vater war Oberforster in Vorder-RiB an der Isar. Die Mutter 
— sie hieB mit ihrem Madchennamen Katherina Pfeiffer — war eine Gastwirts- 
tochter aus Oberammergau, verschwagert mit der bekannten Holzschnitzer- 
familie Lang in Oberammergau. Unter sieben Geschwistern war Ludwig T. das 
fiinfte Kind. Seine Jugend in dem einsamen Hochgebirgsforsthaus verlief sehr 
glucklich, die Erinnerung daran blieb ihm zeitlebens erfrischend wie ein Trunk 
aus klarer Quelle, tlbrigens hatte er das erste tiefe und nachhaltige literarische 
Erlebnis auch schon als kleiner Forsterbube: »Max und Moritz« von Wilhelm 

DBJ 17 



258 1921 

Busch. Spater, in den » Lausbubengeschichten « und »Tante Frieda «, seinen ver- 
breitetsten Biichern, envies Th. seine geistige Blutsverwandtschaft mit dem 
groBen deutschen Humoristen. 

Den Vater verlor T. sehr friih. Die Mutter pachtete dann einen Gasthof in 
Prien a. Chiemsee, Ludwig aber kam nach Miinchen zu Verwandten und be- 
suchte das Gymnasium. Er sollte wie der Vater Forstmann werden. Seine Er- 
f ahrungen mit zopfigen und verknocherten Lehrern waren nicht die besten — 
wegen eines unschuldigen, knabenhaften Liebesbriefes kam es zu einem so hef- 
tigen Konflikt, daJ3 sich der junge Mensch einige Tage ernsthaft mit Selbst- 
mordgedanken trug — , jedenfalls war er aber nicht halb so schlimm und faul 
wie der Held seiner Lausbubengeschichten, dieser scharfen, lustigen Satire auf 
die Blindheit und Heuchelei der Erwachsenen gegeniiber der heranreifenden 
Jugend. T. war spater stets ein Anhanger der humanistischen Bildung und be- 
geisterter Verehrer Homers. Fur Geschichte hatte er schon in der Schule leb- 
haftes Interesse. Seine fruhwache Liebe fiir die Werke der bildenden Kiinste 
fanden in der Hauptstadt reiche Nahrung, und die Glanzzeit des Munchener 
Hoftheaters erlebte der Gymnasiast T. »verbotenerweise« als eifriger Galerie- 
stammgast. Das Herrlichste waren freilich immer die Ferien bei der geliebten 
Mutter am Chiemsee. 

Der Student T. sattelte nach zwei Semestern Forstakademie in Aschaffen- 
burg um und studierte Rechtswissenschaften in Miinchen und Erlangen. Nach 
beendigtem Studium trat er in Traunstein, wo sich seine Mutter inzwischen 
niedergelassen hatte, als Rechtspraktikant (Referendar) mit idealen Erwar- 
tungen in den Staatsdienst, aber fast jeder Tag brachte ihm neue Enttau- 
schungen. Bald war er sich klar dariiber, daB er weder Richter noch Verwal- 
tungsbeamter werden mochte, das Leben dieser Beamten schien sich ihm in 
einem zu engen Kreise zu drehen. Fachsimpelei, Streberei und gegenseitiges 
Ubelwollen stieBen ihn ab. Da gewahrte ihm ein Freund der Familie die Mittel, 
um sein letztes Praktikantenjahr in Miinchen abzudienen. Hier herrschte ein 
viel lebhafteres geistiges Leben als in der Provinz, wenn T. davon bei Amt 
und Gericht auch wenig genug merkte. Er horte aber ausgezeichnete, geist- 
reiche Verteidiger, gewann Fuhlung mit Leuten, die im offentlichen Leben 
standen, und wurde zu den ersten schriftstellerischen Versuchen angeregt. Die 
literarische Bewegung, die damals in Deutschland einsetzte, erweckte seine 
lebhafte Teilnahme. Den starksten Eindruck machte Fontane auf ihn. Hier 
lernte er, daB »nur eine souverane Darstellung wirklichen Lebens wertvoll sei«. 
Das konnte der Leitsatz fiir T.s gesamtes spateres Schaffen sein. 

Nach gliicklich bestandenem Staatskonkurs, wo er sich »zum ersten und zum 
letzten Male iiber Rechtsfragen mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit ver- 
breitete«, lieB er sich in dem kleinen Stadtchen Dachau bei Miinchen, wo da- 
mals schon eine stattliche Malerkolonie saB, als Rechtsanwalt nieder. Kurz 
vorher hatte er seine Mutter verloren. Die Zeit in Dachau lieB den Mann und 
den Dichter in T. reifen. »Es war eine liebe, stille Zeit . . .«, heiBt es dariiber 
in den »Erinnerungen<<. Das Leben des Bauern war dem auf dem Lande auf- 
gewachsenen Forsterssohn vertraut, aber erst in dieser Zeit offenbarte sich 
ihm der tiefe, ernste Sinn des Bauernlebens. »Hinter Dachau, dem das groBe 
Moos vorgelegen ist, dehnt sich ein waldiges Hugelland von groBer Fruchtbar- 
keit aus, in dem Dorf an Dorf bald zwischen Hohen, bald hinter Waldern ver- 



Thoma 



259 



steckt liegt. Hier lebt ein tiichtiges Volk, das sich Rasse und Eigenart fast un- 
beruhrt erhalten hat, und ich lernte verstehen, wie sein ganzes Denken und 
Handeln, wie alle seine Vorzuge begriindet liegen in der Liebe zur Arbeit und 
in ihrer Wertschatzung. — Arbeit gibt ihrem Leben ausschlieBlich Inhalt, weiht 
ihre Gebrauche und Sitten, bestimmt einzig ihre Anschauungen tiber Leben und 
Dinge. Es liegt eine so tiefe, gesunde, verstandige Sittlichkeit in dieser Lebens- 
fiihrung eines ganzen zahlreichen Standes, in dieser Auffassung von Recht und 
Unrecht, von Pflicht und Ehre, daB mir daneben die hohere Moral der Gebil- 
deten recht verwaschen vorkam. . . . So, wie das Bauernvolk natiirliches Ge- 
schehen hinnimmt, wie ruhig es sich iiber Krankheit und Sterben wegsetzt, 
zeigt es wahre Gr6Be.« 

Im Verstehenlernen faBte T. Lust, dieses Leben zu schildern. So entstan- 
den zunachst die kleinen Erzahlungen, die spater (1897) als Buch unter dem 
Titel »Agricola« erschienen sind. Der Bauer war als literarisches und male- 
risches »Sujet« nichts Neues, neu war aber die Art der Darstellung bei T. Er 
sah nicht mit den Augen des Stadters, sah nicht eine nur eingebildete Ro- 
mantik, er stellte sachlich die Wahrheit dar. Alles war echt, unverfalscht, un- 
literarisch. Keiner vor ihm hatte mit solcher Kuhnheit die bauerliche Mundart 
ungeschminkt wiederzugeben gewagt. Waren die Erzahlungen des Buches 
»Agricola« auch noch durchweg heiter und noch nicht ganz frei von der Ironie 
des Gebildeten, der seinen SpaB hat an dem Hinterwaldlertum des erbeinge- 
sessenen, zivilisationsfernen Bauern, so hatte hier T. doch schon mit sicherem 
Schritt und unfehlbarem Instinkt den ihm vorgezeichneten Weg beschritten, der 
ihn auf eine nur wenigen erreichbare kiinstlerische Hohe fiihren sollte. In Art 
und Geist des »Agricola« schuf er spater die Werke, die ihn aus der groBen Zahl 
der Berufenen erhoben in den kleinen Kreis der Auserwahlten, seine Romane 
» Andreas V6st«, »Der Wittiber« und »Der Ruepp«. 

Vorher fiel jedoch die zweite Entscheidung in T.s kiinstlerischer Entwick- 
lung: der AnschluB an die geistige Bewegung, der in erster Linie die neuen, 
auch politisch fortschrittlich und kampferisch eingestellten Miinchener Zeit- 
schriften »Jugend« und »Simplizissimus« dienten. T. schickte politische Ge- 
dichte an die »Jugend«, sie wurden sofort veroffentlicht, ein Erfolg, der sein 
Zutrauen starkte. Es war in der Zeit, da T., angeregt durch eine Schwester, die 
in Munchen ' eine Pension eroffnete, die Ubersiedlung nach Munchen erwog. 
Der Wunsch, der neuen Bewegung nicht fern zu bleiben, lieB die Absicht zum 
EntschluB reifen. Im Fruhjahr 1897 eroffnete T. eine Rechtsanwaltskanzlei in 
Munchen. Gliicklicherweise bot ihm die Praxis, die er vom Land hereingebracht 
hatte, einen gewissen Halt, sonst hatte er sich sehr schwer getan in der Haupt- 
stadt. Durch Bruno Paul, der Bilder fur den »Agricola« zeichnete, wurde er mit 
dem »Simplizissimus«-Kreise bekannt, und je lebhafter sein Verkehr mit den 
hier vereinigten Kunstlern wurde, um so starker wurde auch sein Wunsch, mit 
ihnen zusammenzuarbeiten, alle seine Interessen gingen darin auf, und eine 
immer schwerere Unlust am anwaltlichen Berufe driickte schwer auf ihn. End- 
lich — im Herbst 1899 — entschloB er sich, die auBere Freiheit kiinstlerischen 
Schaffens zu gewinnen, er gab seine Anwaltskanzlei auf und beschaftigte sich 
mit groBeren literarischen Arbeiten. Bald trat er auch in die Redaktion des 
»Simplizissimus« ein. Er blieb diesem Blatte, wenn auch nicht als Redakteur, 
so doch als eifriger Mitarbeiter bis zu seinem Tode getreu. Er schrieb ungezahlte 



26o 1921 

satirische Gedichte, viele Prosastticke und die bertihmt gewordenen Briefe des 
bayerischen Landtagsabgeordneten Josef Filser fur den >>Simplizissimus« f und 
neben den Zeichnern Th. Th. Heine, Rudolf Wilke — den T. besonders wert 
hielt — , Wilheltn Schulz und Reznicek gab T. dem Blatt die bedeutende Note. 
Er wurde hinwiederum durch den »Simplizissimus« in erster Lime volkstum- 
lich und in ganz Deutschland bekannt. Viele Deutsche kennen selbst heute 
noch nur den »Simplizissimus«-T., wissen nicht, daB derselbe Mann, der mit 
so schlagendem Witz und urbayerischem, oft derbem Humor gereimte Glossen 
zur Zeitgeschichte schrieb, dem der schonste General, der tugendhafteste Sitt- 
lichkeitsapostel und der strengste Staatsanwalt nicht heilig war, epische Werke 
hinterlassen hat, die zum Wertvollsten gehoren, was die deutsche Heimat- 
dichtung iiberhaupt aufzuweisen hat. 

Es ware durchaus falsch, in T. vor allem den spottspruhenden Glosseur und 
geistreichen, schlagfertigen Kulturkampfer zu sehen. T., dieser innerlich weiche, 
gutige, getreue Mann, war alles andere eher denn ein leichtlebiger, frivoler 
Kaffeehausliterat, der sich iiber Gott und die Welt lustig macht und dem nichts 
anderes heilig ist denn die eigene Person. Falsch ware es jedoch auch, zwischen 
dem Dichter T. und dem T. des »Simplizissimus« einen inneren Widerspruch 
konstruieren zu wollen. Das Kampferische lag in seiner starken, geraden, un- 
verbildeten Natur, der nichts in der Welt so zu wider war, wie Ungerechtigkeit, 
Heuchelei, Pose und anmaBende Dummheit. Sein scharfer Verstand, sein un- 
bestechlicher, naturgeschulter Blick durchschaute sofort alles Unechte und lieB 
sich durch keine vorgeschobene Kulisse hinters Licht fiihren. In der Schule 
hatten die Enttauschungen angefangen, dort war er zum erstenmal mifitrauisch 
geworden gegen Autoritat, die sich bei naherem Zuschauen als hohl und ver- 
logen herausstellte, und je reifer er wurde, desto mehr muBte er sich tiber- 
zeugen, daB im offentlichen I^eben nicht Konnen, Ehrlichkeit und Idealismus, 
sondern Diinkel, Heuchelei, Streberei und eitles Demagogentum herrschten. Es 
war sicherlich ein sittliches Miissen, daB er wie St. Georg dem viergekopften 
Drachen zu I^eibe riickte, wo er ihn traf. Mit altbayerischetn Humor, der mit 
herzhafter Derbheit, nie aber mit niedriger Gehassigkeit gepaart war, teilte er 
seine Schlage aus. DaB es ein gerechter Zorn war, der da kraftig zupackte, dar- 
iiber hat vielen erst die Nachkriegszeit die Augen geoffnet, als sie die Ernte 
sahen, die im offentlichen Leben um die Wende des Jahrhunderts gesat worden 
war. Da lernte man T.s politischen Weitblick bewundern und seinen Mut, die 
Wahrheit zu sagen, wo das noch nicht so ungefahrlich war wie heute. 

Es fehlte nicht an gegnerischen Versuchen, Ludwig T. als einen radikalen 
Zyniker hinzustellen, der den Geistlichen, den Beamten, den Offizier schlecht- 
hin verspotte und beschimpfe, um so jede Autoritat zu unterwiihlen. Ein natiir- 
lich konservativer Mensch wie T., der viel lieber den Blick in die Vergangen- 
heit als in die Zukunft schickte, ist nie und nimmer revolutionar. T. riittelte 
auch nicht an den Grundfesten gesunder Autoritat, er zerschlug nur hohle Po- 
panzen, um die Offentlichkeit zur Besinnung zu mahnen. Er verspottete und 
bekampfte nur den schlechten Beamten, den politisierenden Priester, den iiber- 
heblichen Paradeoffizier. Wiederholt spricht er in seinen »Erinnerungen« von 
Geistlichen und Beamten, die ihm im Leben begegnet waren, mit Worten auf- 
richtiger Wertschatzung und Verehrung. Im iibrigen brachte ihn die Scharfe 
seiner impulsiven Kampffiihrung wiederholt vor Gericht. Wegen Beleidigung 



Thoma 261 

von Vertretern der Sittlichkeitsvereine muJ3te er sogar 1906 eine sechswochige 
Haft verbiiBen. (Das »Stadelheimer Tagebuch«, nach dem Tod des Dichters erst 
veroffentlicht, mag diejenigen beschamen, die sich seinerzeit fiber die Ver- 
urteilung T.s freuten.) 

Die Tatigkeit fiir den »Simplizissimus« lieB T. geniigend MuBe zu freiem 
dichterischen Schaffen. In rascher Folge entstanden epische Arbeiten und 
Buhnenwerke. Man spiirt, er war jetzt seiner vollen Kraft bewuBt geworden. 
Bleibt er in der schlichten bauerlichen Sittengeschichte »Die Hochzeit« (1901) 
noch mehr Schilderer als Erzahler — obwohl auch diese geradezu wissenschaft- 
lich echte Arbeit bereits die sichere Hand des Meisters zeigt — , vollendet er in 
dem Roman » Andreas V6st« (1904) wohl sein starkstes Werk, dem in der 
bayerischen Heimatdichtung nichts, in der groBen deutschen nur wenig an die 
Seite gestellt werden kann. Der Held ist ein tiichtiger, gerade gewachsener 
Bauer, der, in Opposition gegen Geistliche und weltliche Obrigkeit gedrangt, 
sein Recht sucht und nicht findet. Also ein Unnotiv epischer Dichtung. Der Bau 
dieses Romans ist so kernecht und natiirlich und frei gewachsen wie ein Baum 
drauBen im Wald. Die Geschehnisse greifen mit der unerbittlichen Logik wirk- 
lichen Lebens ineinander, der Schilderer ist ganz im Erzahler aufgegangen, 
alles dient nur mehr dem kiinstlerischen Zweck. Als ein Mensehengestalter von 
gedrangtester Kraft und unpathetischer Wahrhaftigkeit zeigt sich T. frei von 
spielerischer Willkiir. Er will »souveran das wirkliche Leben darstellen«. Wie 
sehr gelingt ihm das! Das Alltagliche enthullt seinen tragischen Kern, das Ein- 
zelschicksal wird im hoheren Sinne Massenschicksal. DaB in T. der Klassiker 
der altbayerischen Mundart erwachsen war, erweist am schlagendsten der 
Roman »Der Wittiber« (191 1), wo der Dichter die Erzahlung schon fast ganz in 
Dialoge auflost, und in dem tragischen Volksstiick )>Magdalena« (1912). 

Die Biihne hat sich T. verhaltnismaBig rasch erobert, obwohl seine Stiicke in 
polarem Gegensatz zu den Werken von Ibsen, Hauptmann, Schnitzler und 
Sudermann standen, die dam als das deutsche Theater beherrschten. Das ein- 
aktige Lustspiel »Die Medaille* (1901) machte den Anfang, ein Jahr spater 
folgte der lustige Dreiakter »Die Lokalbahn«. Beide Stiicke bezaubern durch 
ihren saftigen Humor, durch die prachtig gesehenen komischen Typen, die das 
Wesenthche treffende Verulkung kleinstadtischer Enge und Wichtigtuerei, 
darum altern sie auch nicht. Ein groBer Augenblickserfolg war der Komodie 
)>Moral« (1908) beschieden, einer sehr geschickt dramatisierten Glosse gegen 
scheinheilige Sittlichkeitsapostel ; kiinstlerisch bedeutet jedoch das Werk nicht 
so viel wie die beiden erstgenannten Lustspiele und das schon erwahnte Volks- 
stiick »Magdalena«, das sicherlich die Grenzen des Dramatikers T. erkennen 
laBt, trotzdem sehr [starke, innerlich begriindete Wirkung tut. Der 1. Akt 
vor allem gehort zu dem Wertvollsten, was T. geschaffen hat. Neben »Mag- 
dalena« fallt das in Norddeutschland spielende Gesellschaftsschauspiel »Die 
Sippe« etwas ab, so feinbeobachtete Einzelheiten auch hier die etwas matte 
Handlung beleben. Kleinere dramatische Arbeiten schrieb T. noch eine ganze 
Reihe, am erfolgreichsten waren die lustigen Einakter »Erster Klasse« und 
»Lottchens Geburtstag«. 

Es kam der Krieg. Jetzt erwies sich der wurzelstarke Patriotismus des Dich- 
ters Ludwig T. Er brauchte wirklich nicht erst eine Schwenkung zu machen, 
um seinen Platz in der deutschen Abwehrfront zu finden, wie ihm das manch- 



262 192 1 

mal aus Unverstandnis oder Boswilligkeit nachgesagt wurde. T. hatte sein 
Vaterland immer leidenschaftlich geliebt und gerade aus dieser zahen Anhang- 
lichkeit heraus alles bekampft, was ihtn undeutsch, unecht zu sein schien, nicht 
zum wenigsten die Fremdtumelei vieler Deutschen. Da er nicht gedient hatte, 
trat er 1914 als f reiwilliger Krankenpfleger in eine Front-Sanitatskolonne ein und 
machte seinen schweren Dienst unverdrossen und aufopfernd wie nur einer. 
In RuBland erkrankte er jedoch Mitte 1915 so schwer an der Ruhr, daB er nach 
Miinchen zuriickkehren muBte. Im Felde hat er sich wohl den Keim der tuk- 
kischen Krankheit geholt, der der starke, abgehartete und sinnenf reudige Mann 
einige Jahre spater erlag. 

Wahrend des Krieges noch (1916) entstand ein Werk, das dem Dichterkranze 
T.s fur immer eine lichte Glorie gibt, die Weihnachtslegende »Heilige Nacht«. 
In wundersam innigen, schlichten Versen, aus Vorstellung und Geist des baye- 
rischen Bergvolkes heraus und in seiner Mundart erzahlt T., wie der Sohn 
Gottes als Mensch in einem armseligen Stall geboren ward. Ein durch seine 
lautere Schonheit begliickendes Werk, das uns zugleich, nachst dem auto 
biographischen Erbgut, das Geheimste iiber den tiefen, ganz seiner Heimat hin- 
gegebenen Menschen T. offenbart. 

DaB auch im Ernst der Zeit sein urquellhafter Humor nicht versiegt war, er- 
wiesen die nachsten Arbeiten, der kostliche Sommerfrischenroman »Altaich« 
(1918) mit seiner drolligen Gegeniiberstellung altbayerischer Kleinstadtbehabig- 
keit und harmlos-lustiger BerUnerei und die Tegemseer Erzahlung »Der Jager- 
loisl« (1921). Das Werk aber, das er noch kurz vor seinem Tod vollendete, der 
Bauernroman »Der Ruepp«, worin er das Abwirtschaften eines Bauern durch 
Trunk und Spekulation darstellt, schlieBt den Ring der groBen Heimatepen. 
Wiirdig steht er in der Reihe des » Andreas V6st« und des »Wittiber«, unge- 
schwacht war die schopferische Kraft, woraus er entstand. Der autobiogra- 
phische Roman »Kaspar Lorinser«, woran T. nach dem Kriege arbeitete, blieb 
Fragment, die wundervollen ersten Kapitel, die im NachlaB neben dem nicht 
ganz vollendeten Roman »Munchnerinnen«, der fast fertigen Erzahlung »Lola 
Montez« und ausgezeichneten Charakterbildern von Mannern, die er gekannt 
hatte, gefunden wurden, lassen jedoch erkennen, daB T. in die klassische Form 
eines groBen Zeitromans die Essenz seiner reichen dichterischen Schau gegossen 
hatte, wenn ihn der Tod nicht jah verhindert hatte, diese Ernte seines begna- 
deten Lebens zu bergen. 

Im August 192 1 muBte sich T. in Miinchen wegen Magenkrebs einer Opera- 
tion auf Leben und Tod unterziehen. Er zog das schwarze Los. Sterbend lieB er 
sich nach Rottach am Tegernsee hinausfahren, wo ihm seinerzeit sein Freund 
Ignatius Taschner ein wunderschones Heim gebaut hatte, noch einmal wollte 
er seine geliebten Berge sehen. Am 26. August starb er. Nun ruht er Seite an 
Seite mit seinem Freunde Ludwig Ganghofer im Friedhof in Egern am Tegern 
see. 

Verzeichnis der Werke Ludwig Thomas: Romane: Andreas Vost (1904), Der 
Wittiber (191 1), Altaich (19 18), Der Jagerloisl (1921), Der Ruepp (1922), Miinchnerinnen 
(1923). — Erzahlungen : Hochzeit (1902), Die Wilderer (1903), Der heilige Hies (1904). — 
Sammlungen erzahlender Prosa: Agricola (1897), Assessor Karlchen (1900), Lausbuben- 
geschichten (1904), Pistole oder Sabel (1905), Tante Frieda (1906), Kleiustadtgeschichten 
(1908), Der Postsekretar im Himmel (1914), Nachbarsleute (19 16), Das Kalbehen (1916), 
Die Dachserin (1923). — Dramen: Magdalena (191 2), Die Sippe (19 13), Der erste August, 



Thoma. Trimborn 263 

Christnacht (19 14). — Lustspiele: Die Medaille (1902), Die Lokalbahn (1902), Moral (1908), 
Erster Klasse (1910), Lottchens Geburtstag (191 1), Das Sauglingsheim (191 3), Waldfrie- 
den, Brautschau, Dichters Ehrentag, Die kleinen Verwandten (19 16), Gelahmte Schwingen 
(1918). — Gedichtbande : Grobheiten (1902), Neue Grobheiten (1903), Peter Schlehmil 
(Thomas Deckname bis 1906), Moritaten (1908), Kirchweih' (19 12), Miinchener Kameval 
(19 1 3). — Die Versdichtung : Heilige Nacht (19 16). — Satirische Schriften: Brief wechsel 
eines bayerischen Abgeordneten (1909), Josef Filsers Brief wechsel (191 2). — Auto- 
biographische Schriften: Erinnernngen (1919), Stadelheimer Tagebuch (1923), Leute, die 
ich kannte (1923). — Gesammelte Werke (1922). — Die Jahreszahlen geben das Erschei- 
nungsjahr der betreffenden Bucher an. Weitere Arbeiten sind auBer im »Simplizissimus« 
in der Zeitschrift »Marz« (1907— 191 7) zu finden, die T. zusammen mit Albert Langen 
gegriindet hat. AUe Werke T.s sind im Verlag Albert Langen, Miinchen, erschienen. Un- 
gedruckte Arbeiten von Belang liegen nicht mehr vor. Besitzerin des Nachlasses ist T.s 
Haupterbin, Frau v. Liebermann. — Fritz Dehnow, Ludwig Thoma, Miinchen 1925 ; Ludwig 
Thoma tAusgewahlte Brief e«, herausgegeben von Josef Hofmiiller und Michael Hoch- 
gesang, Miinchen 1927. 

Weyarn (Oberbayern). Oskar Gluth. 



Trimborn, Karl, Politiker und Parlamentarier, Staatssekretar a. D., * in 
Koln am 2. Dezember 1854, f m Bonn am 25. Juli 192 1. — T. war Sohn des 
Justizrats Cornelius Balduin T., des Reichstags- und Landtagsabgeordneten f iir 
Krefeld (1880 — 1889). Er studierte zuerst Geschichte und Philosophic in Leipzig, 
wo er mit Adolf Grober den katholischen Studentenverein Teutonia griindete, 
sattelte dannum,ging mit Grobernach Miinchen, um J urisprudenz zu studieren, 
wo er mit Georg Orterer befreundet wurde. Als Ordner des katholischen Stu- 
dentenvereins Ottonia hielt er dort im Januar 1876 am Grabe des Joseph 
v. Gorres die Gedachtnisrede zu dessen 100. Geburtstag, nachdem die Univer- 
sitat sich dieses Tages nicht erinnert hatte. Dann ging er nach StraBburg, wo 
er mit Eifer die VortrageSohmsbesuchte und sich mit Karl Bachem zusammen- 
fand. Schon als Referendar in Koln war er Mitglied des Schutzvorstandes des 
Katholischen Gesellenvereins, welcher sein Heim im Nebenhause seines elter- 
lichen Hauses hatte. 1882 lieB er sich als Rechtsanwalt in Koln nieder. Er 
nahm sich sofort einer sorgfaltigen Durchorganisierung der Kolner Zentrums- 
partei an und gelangte 1894 in die Kolner Stadtverordnetenversammlung, wo 
ihm die Fuhrung der Zentrumspartei zuf iel. 1896 wurde er auch in den Deutschen 
Reichstag und das PreuBische Abgeordnetenhaus gewahlt. 1906 legte er seine 
Rechtsanwaltschaft nieder, um sich ganz der Arbeit fur das Volkswohl zu wid- 
men. Von da an begann die fruchtbarste Zeit seiner offentlichen Tatigkeit. 
Nach dem Riicktritte des Abgeordneten Eduard Fuchs wurde er zum Vor- 
sitzenden der rheinischen Zentrumspartei gewahlt, und schuf dieser in lang- 
jahriger zaher Kleinarbeit eine musterhafte Organisation, auf welcher sich der 
EinfluB der Partei immer mehr aufbaute. Neben dieser organisatorischen 
Tatigkeit liegt seine Hauptbedeutung auf dem Gebiete der Sozialpolitik und 
Kommunalpolitik. 

Bei Griindung des Volksvereins fur das katholische Deutschland 1890 war er 
auf den dringenden Wunsch Windthorsts dessen zweiter Vorsitzender geworden. 
Nach dem Tode des ersten Vorsitzenden Franz Brandts 1915 wurde er dessen 
Nachfolger. So erfiillte er sich mit der Richtung von Franz Brandts, lebte sich 
in enger Zusammenarbeit mit Franz Hitze und August Pieper in die Ideenwelt 
dqs Volksvereins ein, und wurde nach dem Tode von Ernst Lieber dessen wir- 



264 '921 

kungsvollster Verbreiter. Im Reichstage wurde er bald Mitglied aller groBen 
sozialpolitischen Kommissionen und verteidigte alljahrlich die Sozialpolitik des 
Zentrums in glanzenden, inhaltsreichen Reden. So wurde er in bestem Einver- 
standnisse mit dem Staatssekretar des Inneren Grafen Posadowsky einer der 
eifrigsten Forderer der neuen Sozialpolitik des Deutschen Reiches, sowohl der 
Arbeiterversicherung- wie der Arbeiterschutzpolitik. Namentlich bemiihte er 
sich auch erfolgreich um eine planvolle Mittelstandspolitik, wobei er den Nach- 
druck auf eine moglichst sorgfaltige Ausbildung des Nachwuchses der gewerb- 
lichen Mittelstande legte. 

Nachhaltig waren auch die Bemuhungen T.s um eine gesunde Kommunal- 
politik, namentlich um eine christliche Sozialpolitik in den Gemeinden. Er ent- 
wickelte langsam ein ganzes Programm einer systematischen Kommunalpolitik, 
um den sozialpolitischen, schulpolitischen und kulturpolitischen Bestrebungen 
der Zentrumspartei in den Gemeinden einen festen Halt zu schaffen. Mit 
Dr. Otto Thissen gab er das Werk »Kommunale Sozialpolitik* heraus und be- 
griindete 1908 die Stadtverordnetenkonferenzen der rheinischen Zentrums- 
partei, spater die »Kommunalpolitische Vereinigung der Mitglieder der Zen- 
trumspartei in den Gemeindevertretungen «. Er veranlaBte die Herausgabe der 
» Kommunalpolitischen Blatter «, seit 1910 in Koln erscheinend, welche unter 
der Redaktion von Dr. Otto Thissen, spater von Dr. Reinhold Heinen bald zum 
angesehensten Fachblatte mit einem Stande von 14000 Beziehern gediehen. 
Er bekampfte unbeirrt den Standpunkt, daB die politischen Parteien in den 
Vertretungen der Kreise, Stadte und Landgemeinden keine Stelle haben sollten 
und vertrat den Grundsatz, daB die Weltanschauung der Zentrumspartei auch 
in alien kommunalpolitischen Vertretungskorpern zur Geltung kommen musse. 
So wurde er zum angesehensten kommunalpolitischen Fuhrer der Zentrums- 
partei, welcher weit iiber die Rheinprovinz hinweg seinen EinfluB ausiibte. 

Mit den politischen Arbeiten verband T. dauernd eine warme Vertretung der 
katholischen Weltanschauung, wobei ihm seine stets versohnliche, humorvolle 
Art auch bei Andersdenkenden Gehor und Anerkennung verschaffte. Er wurde 
Prasident der 48. General versammlung der Katholiken Deutschlands zu Osna- 
briick im August 1901. Die karitativen Arbeiten seiner Frau Jeanne, geb. Mali, 
fanden an ihm stets die eifrigste Unterstiitzung. 

Im Jahre 1913 legte T. sein Mandat zur Kolner Stadtverordnetenversamm- 
lung nieder, weil die sozialpolitische Aufgabe des Reichstages seine ganze Ar- 
beitskraft in Anspruch nahm. Der Weltkrieg rief ihn zuerst als Zivilverwalter 
nach Verviers, dann als Generalreferent fur das Unterrichtswesen im besetzten 
Belgien nach Briissel, wo er bis 1917 blieb. Nach Ausbruch der Revolution 
wurde er in die Deutsche Nationalversammlung und in die preuBische Landes- 
versammlung, dann in den neuen Deutschen Reichstag gewahlt. Nunmehr trat 
er rasch in die vorderste Reihe der Fuhrer der Zentrumspartei fur die groBen 
Linien der Politik. Als im Oktober 1918 Prinz Max von Baden das erste parla- 
mentarische und letzte monarchische Kabinett bildete, trat er mit Grober in 
dieses ein und iibernahm das Staatssekretariat des Inneren als Nachfolger 
Lewaldts, um sich an dem Versuche zu beteiligen, die bedrohte Monarchic zu 
retten. Als die Revolution dieses Kabinett nach funf Wochen hinwegschwemmte, 
war sein Hauptbestreben, mitzuwirken, daB die Revolution nicht in Biirger- 
krieg und Bolschewismus ausartete. Nach dem Tode Grobers (1919) wurde ei 



Trimborn. Verworn 265 

Vorsitzender der Zentrumsfraktion des Reichstages, dann auf dem ersten 
Parteitage der deutschen Zentramspartei in Berlin im Januar 1920 Vorsitzen- 
der der deutschen Zentnimspartei. Durch seine ausgleichende Tatigkeit konnte 
er hier vortrefflich wirken. Seine Verdienste um das Zustandekommen des 
Koalitionskabinettes Fehrenbach nach den Reichstagswahlen vom 6. Junii920, 
welches eine ruhigere Entwicklung anbahnte, wurden von alien Seiten aner- 
kannt. Trotzdem ihm eine lebensgefahrliche Operation bevorstand, hielt er im 
Sommer 1921 aus bis der Reichstag geschlossen wurde, und begab sich dann 
nach Bonn, wo er am 25. Juli 1921 an den Folgen der Operation verstarb. Eine 
kraftvolle, zielbewufite, uneigennutzigePersonlichkeit von schlichter, anspruchs- 
loser Lebensfuhrung, dabei von klarem Verstande, gliicklicher EntschluB- 
freudigkeit und ausgepragtem Wirklichkeitssinn, war es zum groflen Teile ihm 
zu verdanken, da£ die Zentnimspartei alsbald nach der Revolution sich auf den 
Boden der neuen Tatsachen stellte, um das Reich nicht in Anarchie und Chaos 
untergehen zu lassen. Seine politische Grundrichtung war klar und bestimmt 
demokratisch, doch nicht ohne eine innere konservative Hemmung, welche ihn 
nur den systematischen Fortschritt ohne alle iibersturzenden Experimente 
suchen lieB, beides iibrigens in derjenigen Farbung, wie sie von der iiber- 
lieferten Zentrumpolitik herausgearbeitet war. 

Literatur: Biographie von Hermann Cardauns, Miinchen-Gladbach, Volksvereins- 
verlag 1922. — Der politische Nachlafl befindet sich in den Handen seines Schwiegersohnes, 
des Landrates v. Hobe in Bonn. 

Koln. Carl Bachem. 



Verworn, Max, o. 6. Prof, der Physiologie und Direktor des physiologischen 
Institute der Universitat Bonn, Dr. med., Dr. phil., Dr. of sciences h. c, Dr. of 
law h. c, Geh. Medizinalrat, * in Berlin am 4. November 1863, f in Bonn am 
23. November 192 1. — Er entstammte einer alten preuBischen Beamtenfamilie. 
Seine Jugend verlebte er in Berlin, wo er vom Friedrichs-Gymnasium das Zeug- 
nis der Reife erhielt. Dann studierte er in seiner Heimatstadt und in Jena 
Medizin, widmete sich aber daneben auch zoologischen, palaontologischen, geo- 
logischen und besonders philosophischen Studien. Schon als junger Student hat 
er ganz selbstandig zwei auf eigenen Untersuchungen beruhende palaonto- 
logische Arbeiten veroffentlicht, ehe er dann im Sommer 1887 in Berlin zum 
Dr. phil. und bald danach in Jena zum Dr. med. promoviert wurde. Nachdem 
er auch das medizinische Staatsexamen abgelegt und mit einer weiteren Anzahl 
biologischer Publikationen hervorgetreten war, darunter den umfassenden ex- 
perimentellen » Psychophysiologischen Protistenstudien « (1889), bot ihm ein 
wissenschaftliches Stipendium die Moglichkeit, im Herbst 1890 und im darauf- 
folgenden Winter zuerst in Villefranche bei Nizza, dann an der zoologischen 
Station in Neapel und endlich in El Tor an der Kiiste der Sinaihalbinsel seine 
groBangelegten Studien an einzelligen Organismen fortzusetzen. Von der er- 
gebnisreichen Reise zuriickgekehrt — in Neapel lernte er damals auch seine 
spatere Frau kennen — , habilitierte er sich 1891 in Jena fur Physiologie. Im 
Winter 1894/95 folgte zum Zwecke zellphysiologischer Untersuchungen eine 
zweite Reise an die Sinaikiiste, an der auch der Verfasser dieser Zeilen teilnahm. 
Das Jahr 1895 brachte V. die Ernennung zum auBerordentlichen Professor in 



266 1921 

Jena und seine Verheiratung mit Fraulein Josephine Huse und damit den Be- 
ginn einer gliicklichen Ehe mit der verstandnisvoll teilnehmenden und zugleich 
ihre eigene Individuality entfaltenden Lebensgefahrtin. Nachdem V. schon 
eine bedeutende Lehr- und Forschertatigkeit ausgeiibt, die ihm bereits Weltruf 
und eine groBe Anzahl von Schulern eingetragen hatte, erhielt er im Jahre 190 1 
einen Ruf als Ordinarius der Physiologie nach Gottingen, wo er alsbald auch 
zum ordentlichen Mitglied der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaft ernannt 
wurde. In Gottingen fand er zum ersten Male eine seiner Natur entsprechende 
selbstandige Stellung, in der er bei fruchtbarem geistigem Austausch mit einer 
groBen Schar von Schulern seine Personlichkeit voll entfalten konnte. Darum 
hing er auch mit besonderer Liebe an dieser Statte seines ersten schonen ur- 
eigensten Wirkens, die ihn auch nach seiner Wegberuf ung von dort immer wieder 
anzog. Diese neue Berufung fuhrte ihn im Jahre 19 10 nach Bonn, wo er der 
Nachfolger des Physiologen E. Pfliiger wurde. Im Jahre 1916 erhielt er einen 
Ruf auf den durch den Tod von Ewald Hering frei gewordenen Lehrstuhl der 
Physiologie in Leipzig, den er ablehnte. In Bonn aber waren seiner erfolgreichen 
und vielseitigen Tatigkeit nur noch wenige Jahre vergonnt. Nachdem ein be- 
ginnendes organisches Leiden schon seit einiger Zeit einen Schatten auf sein 
Leben geworfen hatte, erlag der erst sSjahrige Ende 192 1 einem schweren 
uramischen Anfall. 

V.s Personlichkeit kommt in besonders hohem MaBe in seinen Werken zum 
Ausdruck, eine groBziigige, vielseitig durchgebildete, harmonische Personlich- 
keit. Er war ein rastlos tatiger, nach einer umfassenden und klaren Welt- 
anschauung strebender Geist, unbeirrbar die Wahrheit suchend und fiir seine 
Uberzeugungen eintretend. Neben seinem wissenschaftlichen Wirken zeigte er 
auch ein zeitweilig produktiv sich auBerndes Interesse fiir bildende Kunst, er 
hatte ferner Begabung und Liebe zur Musik, iiberhaupt ein offenes Auge und 
Ohr fiir die Welt ringsum, was ihn mit groBer Kraft wiederholt auch zur Aus- 
fiihrung groBer Reisen antrieb. 

Ein Grundzug seines Wesens war die Einstellung auf das Ganze der Welt 
und der Wissenschaft und seine energische Ablehnung alles einseitigen Spe- 
zialistentums. Gleicherweise interessierte er sich fiir die physikalische und fiir 
die psychologische Welt und fiir ihre Verkniipfung zu einem einheitlichen 
Ganzen. Diesen allgemeinen Interessen, die schon friih bei ihm hervortraten, 
gab er als reifer Forscher in einer Reihe im besten Sinne des Wortes popularer 
Schriften Ausdruck, die meistens Vortragen ihre Entstehung verdankten. Es 
sei nur genannt: »Die Erforschung des Lebens«, » Prinzipienf ragen in der Natur- 
wissenschaft«, »Die Fragen nach den Grenzen der Erkenntnis«, »Die Entwick- 
lung des menschlichen Geistes«, »Die Mechanik des Geisteslebens«, »Die An- 
fange der Kunst«, »Zur Psychologie der primitiven Kunst«. 

Einige Lehren, die V. in diesen und anderen Schriften vertritt, sind an- 
gefochten worden, wie besonders sein »Konditionismus« und sein »Psycho- 
monismus«, die hinter verwandten Anschauungen, wie sie hauptsachlich von 
Mach, Avenarius und Petzoldt entwickelt worden sind, offenbar zuriickstehen. 

Auch die Arbeiten V.s in seinem Spezialfach der Physiologie sind stets von 
allgemeinen Gesichtspunkten geleitet. Seine Hauptleistung auf diesem Gebiet 
besteht darin, daB er der Begriinder einer ihrer Bedeutung fiir die gesamte 
Physiologie sich vollbewuBten » allgemeinen Physiologie « wurde. Damit fuhrte 



Verworn. Waldeyer-Hartz 267 

er eine Entwicklung weiter, die besonders von Johannes Muller, Haeckel und 
Virchow ausging. In engem Zusammenhang mit diesen Bestrebungen stand 
sein Wirken fur die Ausbildung einer der Virchowschen »Zellularpathologie« an 
die Seite tretenden »Zellularphysiologie«. Ihr hat V. dadurch einen machtigen 
AnstoB gegeben, daB er die einzelligen Organismen, die Protisten, mit groBtem 
Erfolge als Versuchsobjekte in die experimentelle Physiologie einfuhrte. Zahl- 
reiche in Fachzeitschriften veroffentlichte Untersuchungen und mehrere selb- 
standig erschienene Schriften, darunter das in sieben Auflagen vorliegende 
Lehrbuch der »AUgemeinen Physiologie «, sind Zeugen dieses umfassenden 
und fruchtbaren Wirkens. 

Neben die allgemeinphysiologischen und zellphysiologischen Bestrebungen 
V.s traten mit der Zeit in zunehmendem MaBe seine Forschungen auf dem Ge- 
biete der Physiologie des Nervensystems, die er besonders auch im Hinblick 
auf die ihn lebhaft interessierenden Probleme der Psychologie unternahm. Und 
an diese psychophysiologischen Studien schlieBen sich seine Forschungen auf 
dem Gebiet der Anthropologic (s. o. S. 42), und zwar der Prahistorie, der pri- 
mitiven Kunst und der Numismatik an. 

Zur Forderung seiner physiologischen Bestrebungen begrundete V. auch die 

»Zeitschrift fur allgemeine Physiologie « und verfaBte einen »Leitfaden fiir das 

physiologische Praktikum«; auch war er wahrend mehrerer Jahre Herausgeber 

des von Pfliiger begriindeten »Archivs fiir die gesamte Physiologie « und ferner 

Mitherausgeber des »Handworterbuches der Naturwissenschaften«. 

Literatur: Eine ausf iihrlichere Darstellung von V.s Personlichkeit und Wirken findet 
man in der von mir in der Gesellschaft der Wissenschaften gehaltenen Gedachtnisrede 
(Nachr. d. Ges. d. Wiss., Geschaftl. Mitt., 1922). Sein Nachlafi ist im Besitze von Frau Ge- 
neimrat Josephine V. in Bonn. 

Gottingen. Paul Jensen. 

Waldeyer-Hartz, Wilhelm v., o. 6. Professor der Anatomie an der Universitat 
Berlin, * im Dorfe Hehlen (Kreis Holzminden) an der Weser am 6. Oktober 
1836, f in Berlin am 23. Januar 1921. — W.s Name hat glanzenden Klang.Uber 
sein Leben sind wir vorziiglich durch ihn selbst unterrichtet, da er ganz kurz 
vor seinem Tode seine »l>benserinnerungen« herausgab, aus denen wir nicht 
nur seine Lebensschicksale, sondern auch sein ganzes Wesen genau kennen und 
verstehen lernen. W. war stolz auf seine Abstammung aus einer westfalischen 
Bauernfamilie. Sein Vater war Oberverwalter auf dem Gut des vielgereisten 
und kenntnisreichen Frhrn. v. Haxthausen, auf dessen Veranlassung W. Gym- 
nasialausbildung erhielt. Seine groBe Lehrgabe hat W. offenbar von seinem 
miitterlichen GroBvater, Wilhelm Gabriel v. Hartz geerbt, der 42 Jahre als 
hochangesehener Lehrer und Kantor in der Gemeinde Hehlen wirkte, von ihm 
erhielt er auch den ersten Unterricht. In dankbarer Erinnerung an ihn erbat 
sich W., als ihm an seinem 80. Geburtstag der erbliche Adel verliehen wurde, 
die Verbindung des Namens v. Hartz mit seinem eigenen. Schon in seiner Schul- 
zeit auf dem Gymnasium in Paderborn beschaftigte er sich in seinen MuBe- 
stunden gern mit Musik, fiir die er entschieden begabt war und gnindete dort 
einen Gesangs-Quartett-Verein. Bis ins Alter blieb er ein Freund guter Musik. 
Mit 20 Jahren begann er seine Universitatsstudien in Gottingen. Er wollte 
eigentlich Mathematiker werden. Ein ihm bekannter junger Mediziner nahm 



268 1921 

ihn in die Anatomievorlesung Henles mit, da war's urn seine mathematische 
Laufbahn geschehen, er wurde begeisterter Henle-Schiiler und faBte den Ent- 
schluB, Anatom zu werden. Als PreuBe muBte er auf einer preuBischen Univer- 
sitat die Priifung ablegen, so muBte er schweren Herzens Gottingen verlassen 
und zog nach Greifswald. Dort verbrachte er fiinf Semester, horte Anatomie bei 
dem im Ruhestand lebenden Sigmund Schultze, dem Vater Max Schultzes, bei 
Budge und Prosektor Sommer. Budge wollte W., der in seinen letzten Semestern 
schon Hilfsassistent in der Anatomie geworden war, in Greifswald halten, 
stimmte ihm aber bei, als er, um sich auch in der Entwicklungsgeschichte aus- 
zubilden, beschloB, zu Reichert nach Berlin zu gehen. Hier legte er am 6. Juli 
1861 die Doktorpriifung und ein halbes Jahr spater die Staatsprufung ab. Auf 
Empfehlung von E. Klebs, R. Virchows Assistenten, nahm W. eine Assistenten- 
stelle beim Physiologen v. Wittich in Konigsberg an. In Konigsberg, wo er als 
Katholik sich nicht die Lehrbefugnis erwerben konnte, verweilte er nur zwei 
Jahre. Er hielt dort schon anatomische Ubungen und machte viele patholo- 
gische Leichenoffnungen, da in Konigsberg damals noch kein besonderer I^ehr- 
stuhl fiir pathologische Anatomie bestand. In Konigsberg verlobte er sich mit 
der Tochter des Provinzialschulrates Dillenburg, mit der er 44 Jahre in gliick- 
licher Ehe verbunden war. 1864 iibersiedelte er zum Physiologen und Histo- 
logen Rudolf Heidenhain nach Breslau, konnte sich schon im gleichen Jahre dort 
die lehrbefugnis fiir Physiologie und pathologische Anatomie erwerben. Im 
nachsten Jahre wurde er zum auBerordentlichen Professor und 1867 zum ordent- 
lichen Professor der pathologischen Anatomie ernannt, doch muBte er mangels 
einer pathologisch-anatomischen Anstalt seine Vorlesungen und Ubungen in 
einer Mietswohnung halten. Trotz seines pathologisch-anatomischen Haupt- 
amtes arbeitete W. in der Breslauer Zeit auch eifrig auf normal-anatoniischem, 
vor allem mikroskopischem Gebiet und vervollstandigte seine vergleichend- 
anatomischen Kenntnisse durch Studien in Triest. Im Krieg 1870/71 sehen wir 
ihn als freiwilligen Arzt eines Johanniterlazarettes und in einem Lazarett bei 
Saarbriicken tatig. Als nun nach der gliicklichen Wiedergewinnung unseres so 
heimtuckisch geraubten ElsaB die alte deutsche Reichshochschule StraBburg 
erneuert wurde, rief man W. als Professor fiir normale Anatomie dorthin. Er 
selbst nennt die dort verbrachten elf Jahre die schonste Zeit seines Lebens. »In 
dem erhebenden Gefuhl,« sagte er in seinen I^ebenserinnerungen, »mitgewirkt 
zu haben an der Neuaufrichtung des Deutschen Reiches, an der Wiedergewin- 
nung des echten deutschen Landes ElsaB und in derWiedererrichtung einer be- 
ruhmten deutschen Universitat liegt etwas so Hohes und Befriedigendes, wie es 
durch nichts anderes gegeben werden kann. Wir alle, die wir damals berufen 
wurden, mitzuhelfen und es in noch frischem jugendlichen Alter mit voller 
Kraft tun konnten, sind zu beneiden.« So ist es nicht zu verwundern, daB W. 
ehrenvolle Rufe nach Wien, Bonn und Miinchen ablehnte. Erst 1883 entschloB 
er sich, das geliebte StraBburg zu verlassen, als er, hauptsachlich auf Betreiben 
des bekannten, hochverehrten und vielgeschmahtenMinisterialdirektors Althoff , 
seines fruheren StraBburger Kollegen, als Nachfolger seines Lehrers Reichert 
nach Berlin berufen wurde. Bald wurde er auch in die Akademie der Wissen- 
schaften gewahlt, die ihm spater, nach E. Du Bois Reymonds Tode, eine der 
standigen Sekretarstellen tibertrug, der er 23 Jahre lang, bis in sein 83. Lebens- 
jahr mit groBter Umsicht vorstand. 1912 wurde ihm die Ehre der Berufung in 



Waldeyer-Hartz 269 

das preuBische Herrenhaus zuteil. 34 Jahre fiihrte er die Berliner Anatomische 
Anstalt in vorbildlicher Weise, bis er sie, iiber 80 Jahre alt (am 31. Marz 1917), 
in voller geistiger und korperlicher Frische mir iibergab. Noch dreieinhalb Jahre 
blieb ihm die Schaffenslust und Schaffenskraft beschieden, dann erst stellten 
sich bedenkliche Zeichen von Herzschwache ein, die ihm am 23. Januar 192 1 
ein sanftes Ende bereitete. 

Bis iiber den Tod hinaus hielt W. der Anatomie die Treue, indem er sein 
Gehirn, Schadel und Hande der Anatomie Berlin zur Aufbewahrung und Unter- 
suchung letztwillig vermachte. 

Die wissenschaftliche Arbeit W.s war eine ungemein fruchtbare, verdanken 
wir ihm doch nicht weniger als 270 Veroffentlichungen. Sie erstreckte sich auf 
die verschiedensten Gebiete der pathologischen und normalen Anatomie. Von 
den ersteren sind die iiber die Entwicklung der Krebsgeschwulste und iiber die 
Muskelveranderungen beim Typhus die bedeutendsten ; sie hatten nach 
R. Virchow schon allein geniigt, W. dauernd einen ehrenvollen Platz in der Ge- 
schichte der Wissenschaft zu sichern. Von Einzelwerken ragen drei besonders 
hervor, die es alle drei mit den Geschlechtswerkzeugen zu tun haben. Das erste, 
»Eierstock und Ei«, erschien bereits 1870 und hat so recht eigentlich den Grund 
zu seinem Ansehen als Forscher in der normalen Anatomie und Entwicklungs- 
geschichte gelegt. Es ist auch heute noch eine der Grundlagen unserer Kennt- 
nisse und Bezeichnungen auf diesem Gebiet. Ein klassisches Werk ist auch 
»Das Becken, topographisch-anatomisch mit Beriicksichtigung der Chirurgie 
und Gynakologie dargestellt«, das 1899 erschien, und ebenso seine Darstellung 
»Die Geschlechtszellen « in O. Hertwigs Handbuch der vergleichenden und 
experimentellen Entwicklungsgeschichte, die 1903 herauskam. 

Von den kleineren Arbeiten W.s betreffen die wichtigeren hauptsachlich die 
Nervenendigungen, die Bindegewebszellarten, Bau und Entwicklung der 
Zahne, die mannlichen Geschlechtswerkzeuge, das Mageninnere, die Lage der 
Beckeneingeweide bei Schwangerschaft, die Rassenschadel und Rassenhirne der 
Berliner Anatomie, Eingeweide- und Nervensystem der Menschenaffen und 
Abarten am Menschenschadel. So bereicherte er unsere Kenntnis fast in alien 
Gebieten der Anatomie durch eigene Beobachtungen. 

Aber von vielen Fachgenossen wird das wissenschaftliche Hauptverdienst 
W.s nicht in der Mitteilung dieser oder jenergewiB nicht unwichtigen Befunde 
gesehen, sondern in seinen in der Tat uniibertrefflichen zusammenfassenden 
Darstellungen wichtiger zeitgemaBer Fragen der Anatomie und Entwick- 
lungsgeschichte. Sobotta hat mit Recht in seinem Nachruf darauf hingewiesen, 
daB die Ergebnisse der einzelnen Forscher in W.s Ubersichten oft besser, scharf er 
und klarer zum Ausdruck kommen als in den Urarbeiten selbst. Manche dieser 
Darstellungen, wie die iiber die Kernteilung, wurden in fremde Sprachen iiber- 
setzt. Besonders wichtig waren auch seine Aufsatze iiber »Befruchtung und 
Vererbung« sowie iiber die Zelle und iiber die Hirnwindungen. 

Eine ganz besondere Begabung trat gelegentlich dieser zusammenfassenden 
Darstellungen in die Erscheinung, namlich fur neu aufgefundene Gebilde oder 
Vorgange zweckmaBige Namen aufzufinden. Eine groBe Zahl jetzt in der 
Biologie allgemein gebrauchlicher Bezeichnungen stammt von W. Ich erwahne: 
» Chromosome fiir die farbbaren Faden im Kern, » Neuron « fiir die aus Zelle, 
Faser und Endbaumchen bestehende Nerveneinheit, )>Schmelzleiste«, »Schmelz- 



270 192 1 

pulpa«, »Schmelzorgan« bei der Zahnentwicklung. Eine fiir die Forderung der 
anatomischen Wissenschaften und ihre Verbreitung hochst wichtige Arbeit 
leistete W. als Herausgeber mehrerer groBer Zeitschriften. Meisterhaft ver- 
stand er es, Mitarbeiter fiir sie zu gewinnen und die oft einander widerstreiten- 
den Wtinsche der Gelehrten und der Verleger, z. B. iiber die Gestaltung der Ab- 
bildungen, miteinander zu vereinen. 83 Bande des Archivs fiir Mikroskopische 
Anatomie erschienen unter seiner 43 Jahre wahrenden Leitung. 

Schon die bisher besprochenen Leistungen sicherten W. einen groBen Kreis 
von Bewunderern unter den engeren Fachgenossen und den Arzten, die durch 
seine glanzenden Ubersichten, die zum Teil in arztlichen Zeitschriften erschienen, 
sich iiber die Fortschritte der Anatomie unterrichten konnten. Die groBte und 
nachhaltigste Wirksamkeit entf altete er aber durch seine Vorlesungen und Vor- 
trage, wie aus den begeisterten AuBerungen seiner unzahligen Schuler, die von 
ihm in die Anatomie, die Grundlage der ganzen Medizin, eingefuhrt wurden, 
hervorgeht. Voll und ganz erreichte er darin sein groBes Vorbild Henle, dessen 
glanzende Lehrbefahigung ihn seinerzeit zur anatomischen Laufbahn gefuhrt. 
Im Berliner Massenbetrieb konnte sich so recht seine Iyehrgabe und Fahigkeit, 
zweckmaBige Einrichtungen zu schaffen, ausleben und auszeichnen. Im Pra- 
parierunterricht z. B. fuhrte er eine groBere Anzahl von Prufungen ein und 
schuf damit die Grundlage fiir die Moglichkeit, die anatomische Ausbildung 
auch beim »GroBbetrieb« in der Hand zu behalten. 

Fiir die Berliner anatomische Anstalt in ihrer jetzigen GroBe und Einrich- 
tung ist W. iibrigens als der eigentliche Schopfer anzusehen, da er den ursprung- 
hch sehr unzweckmaBigen Bau durch mehrfache Um- und Aufbauten eigent- 
lich von Grund aus, namlich tatsachlich vom Keller mit seinen trefflichen 
Leichensammelraumen bis hinauf zu den lichtdurchfluteten Prapariersalen 
und den im DachgeschoB untergebrachten »Mazerations«-Raumen, neu schuf. 
Die hervorragende Begabung fiir die Schaffung neuer Einrichtungen hatte er 
schon als junger Pathologe in Breslau bewiesen, als er aus einer Mietswohnung 
sich ein »pathologisches Institut« schuf und in StraBburg, wo er zusammen mit 
seinem Freunde und Landsmann v. Reckhnghausen einen Doppelbau fiir die 
beiden anatomischen Lehrstuhle baute. 

DaB W. diese Neueinrichtungen und Bauten durchsetzen und durchfuhren 
konnte, war nicht zum wenigsten seiner geschickten Art, mit den Leuten um- 
zugehen, zuzuschreiben. Seine Personlichkeit war trotz seiner kleinen, ge- 
drungenen aber kraftigen Gestalt doch fiir jeden eindrucksvoll, der groBe Kopf 
mit dem langen Bart und den klugen blauen Augen unter der hohen Stirne, die 
gute Haltung, die wohllautende ruhige Sprache hatten etwas Wiirdevolles. Da- 
bei war er aber keineswegs hochmiitig und unnahbar, sondern trat keinem 
Menschen, auch jungen KollegenundStudenten, jaauchungebildeteneinfachen 
Leuten des Volkes niemals herablassend und hoheitsvoll, sondern stets 
freundlich und wohlwollend gegeniiber. Bei seiner liebenswiirdigen, gewinnen- 
den Personlichkeit erwarb sich W. iiber all, wohin er kam, zu Hause und auf 
seinen vielen Reisen, warme Freunde. Er war eine ausgesprochen geselligeNatur 
und kein Verachter der Tafelfreuden, die seiner Leistungsfahigkeit nichts an- 
haben konnten. »Nerven« kannte er nicht. Eine Hauptstarke von ihm im Ver- 
kehr mit der Umgebung war es, daB er sich sofort in die Menschen, mit denen er 
es zu tun hatte, einfuhlen konnte und ihnen rege Anteilnahme an ihren Fragen 



Waldeyer-Hartz. Wichert 271 

und eigenen Belangen zeigte. Diese Fahigkeit, andere zu verstehen, entsprang 
seiner versohnlichen Natur, die stets eigenen Streitigkeiten aus dem Wege ging 
und daher auch bei anderen aussohnend wirken konnte. 

Diese Eigenschaften machten W. zu einem uniibertrefflichen Vorsitzenden 
und Versammlungsleiter in wissenschaftlichen Gesellschaften. Mit bewunderns- 
wertem Geschick verstand er es, auch Sitzungen Gelehrter ihm fremder Wissen- 
schaften zu leiten, auch da sofort die springenden Punkte herauszufuhlen und 
die Aussprache in ruhige Bahnen zu leiten. Kein Wunder, daJ3 ihm die Preu- 
Bische Akademie ihre Vertretung bei der zwischenstaatlichen Vereinigung der 
Akademien, bei deren Griindung er selbst wesentliches Verdienst hatte, mit- 
iibertrug. Im Auftrag der Berliner Universitat, der preuflischen Regierung oder 
der Gesamtheit der deutschen medizinischen Gesellschaften fuhrte er das Wort 
bei akademischen Feiern in Madrid, Moskau, Petersburg, London, Rom, Paris, 
Jassy, Neuhafen N.-Amerika und St. Louis. Allgemein anerkannt ist es, wie 
glanzend W.auch bei diesen Gelegenheiten fiir die Hebung des Ansehens der 
deutschen Wissenschaft im Ausland wirkte. 

Kein Anatom der Neuzeit hat auch nur annahernd eine so weit ausgreif ende, 
allgemein akademische Wirksamkeit entfaltet. W.s Tod wird deshalb nicht nur 
von den Anatomen, sondern in der weitesten wissenschaftlichen Welt als kaum 
ausfiillbare Lucke empfunden. 

Literatur: J.Sobotta, W. W. zu seinem 5ojahrigen Doktorjubilaum 23. Juli 191 1, 
Miinchener Medizinische Wochenschrift Nr. 29, S, 1 — 7, 191 1. — Derselbe, Ebenso, Ber- 
liner Klinische Wochenschrift Nr. 30, S. 1 — 5. — Derselbe, W. W. zu seinem 80. Geburts- 
tag, Deutsche Medizinische Wochenschrift Nr. 40, 1916. — K. v. Bardeleben, Ebenso, 
Berliner Tageblatt, Sonntag 1 . Oktober 1916. — C. L. Schleich, Ebenso, Vossische Zei- 
tung 5. Oktober 191 6. — Sobotta, W. v. W.-H. f, Miinchener Medizinische Wochenschrift 
Nr. 14, S. 432 — 433, 192 1. — F. Wassermann, W. W. f Miinchener Neueste Nachrichten, 
26. Januar 1921. — Posner, W. f, Berliner Klinische Wochenschrift, 31. Januar 1921. — 
H. Lenhoff, Ebenso, Berliner Arztekorrespondenz, 5. Februar 1921. — H. Virchow, Rede 
am Sarge von W. v. W\-H., Berliner Klinische Wochenschrift Nr. 6. — C. Posner, Ge- 
denkrede auf W. v. W.-H., gehalten in der arztlichen Gesellschaft fiir Sexualwissenschaft 
und Eugenik, Berlin 18. Februar 192 1 in Archiv fiir Frauenkunde und Eugenik, Bd. VII, 
Heft 2, S. 89 — 92. — Sobotta, W. v. W.-H., Berliner Klinische Wochenschrift, Mai 192 1. 
— Kallius, Nachruf auf W. v. W.-H., Verhandlungen der Anatomischen Gesellschaft 
Marburg. — R, Fick, Gedachtnisrede auf W. v. W.-H. in der I>ibniz-Sitzung der Preufi. 
Akad. d. Wiss. 30. Juni 192 1, nebst einem Verzeichnis seiner Schriften. — Sobotta, Zum 
Andenken an W T . v.W 7 .-H., Anatomischer Anzeiger, 56. Bd., Nr. 1/2, S. 1 — 53, 1922. 

Berlin. Rudolf Fick. 



Wichert, Karl, Dr.-Ing., Ministerialdirektor a. D., Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, 
* in Konigsberg (Pr.) am 10. Mai 1843, f in Bad Nauheim am 18. Juni 1921. — 
Als Sohn eines hohen Justizbeamten geboren, erwahlte der junge W., unge- 
wohnlich fiir damalige Zeiten, aus naturlicher Neigung die Technik als seinen 
Lebensberuf. Nachdem er bis zum Jahre 1859 im wesentlichen Realschulbil- 
dung genossen hatte, schiebt sich die erste technische Lehrzeit zwischen den 
Besuch der eigentlichen Schule und den Besuch der Gewerbeschule. Diese ersten 
praktischen Kenntnisse erwarb er bei dem Universitatsmechaniker in Konigs- 
berg i. Pr., um, mit diesen ausgeriistet, nach dem Besuch der Prima der Pro- 
vinzial-Gewerbeschule in Konigsberg im Jahre 1861 das Abiturienten- 
examen zu bestehen. An dem Gewerbeinstitut in Berlin studierte der i8jahrige 



272 1921 

W. bis zum Jahre 1864 das Maschinenbaufach, um dann sogleich wieder den 
praktischen technischen Dienst kennenzulernen. Da er sich dem Eisenbahn- 
dienst widmen wollte, arbeitete er als Schlosser in der Reparaturwerkstatte 
seiner Vaterstadt Konigsberg, wobei er auch Gelegenheit hatte, im Fahrdienst 
praktische Kenntnisse zu erwerben. 

Im Juni 1865 wurde W. mit einem Jahreseinkommen von 200 Talern zu- 
nachst auf einjahrige Probe und 1866 fest als Lokomotivheizer in Konigsberg 
angestellt. Nach der im Augnst 1866 bestandenen Lokomotivfuhrer-Prufnng 
fiihrte er auch die Iyokomotive eine Zeit lang selbstandig. 

Im September 1867 erhielt er den Auftrag zur Wahrnehmung der Geschafte 
eines Werkmeisters und eines Oberlokomotivfuhrers und im Fruhjahr 1868 die 
Anstellung als Werkmeister in der Reparaturwerkstatte zu Konigsberg. Nach 
diesen Durchgangsstellen erfolgte ein Jahr spater die Ernennung zum Ma- 
schinenmeister und am 1. Oktober 1873 die zum Assistenten des Obermaschinen- 
meisters bei der Eisenbahndirektion Bromberg. 

Reiche praktische Erfahrung hatte also W. im Maschinendienst aufzuweisen, 
als er im August 1875 in das technische Eisenbahnbureau des preuBischen Han- 
delsministeriums in Berlin als Maschinenmeister berufen wurde. Am 1. De- 
zember 1875 trat er sein neues Amt an. 

So kam W. in einer Zeit nach Berlin, in der die Frage der Verstaatlichung der 
deutschen Eisenbahnen unter Fiihrung von Bismarck und Maybach eifrig be- 
trieben wurde. Als die bisher dem Handelsministerium angegliederte Eisen- 
bahnabteilung unter Maybach in dem neuen Ministerium der offentlichen Ar- 
beiten selbstandig auf trat, bot sich fur W. das reiche Feld der Tatigkeit, das 
Eisenbahnmaschinenwesen in PreuBen auf eine einheitliche Grundlage zu 
stellen. 

Es ist W.s Lebenswerk, die Anerkennung der gleichberechtigten Stellung von 
Technik und Handwerk in der Eisenbahnverwaltung bewirkt zu haben. 
' Besonders um das Lehrlingswesen hat er sich verdient gemacht. Decken sich 
doch die von ihm 1878 herausgegebenen L,eitsatze noch heute mit den Be- 
stimmungen unserer groBen Industriewerke fur das lehrlingswesen. 

Auch auf dem Gebiet des Fahrzeugbaues hat sich W. durch eine Abhandlung 
iiber Einrichtung und Ausstattung von Personenwagen in seiner damaligen 
Tatigkeit verdient gemacht. 

Am 15. Oktober 1881 trat er als standiger Hilfsarbeiter zu dem am 
1. Oktober desselben Jahres neu eingerichteten Betriebsamt fur die Berliner 
Stadt- und Ringbahn iiber und wurde 1883, erst 40jahrig, zum Mitglied 
der Eisenbahndirektion Berlin und kurz darauf zum Eisenbahndirektor er- 
nannt. 

Besondere Verdienste erwarb sich W. wahrend der Zugehorigkeit zur Direk- 
tion Berlin um die Erprobung und Einfuhrung der selbsttatigen Zugbremse. 
An Bremsversuchen und AusschuBberatungen war er maBgebend beteiligt. 
In Wort und Schrift hat er sich dauernde Verdienste um diese wichtige tech- 
nische Neuerung im Eisenbahnwesen erworben. Er bemiihte sich, der bei der 
preuBischen Staatsbahn eingefiihrten Carpenter-Bremse durch eine neue Bau- 
art die Vorziige groBerer Schnellwirkung und geringen Luftverbrauchs zu ver- 
schaffen. Mit seiner Dreikammerbremse gab er Ende der achtziger Jahre wohl 
als erster an, wie man den Luftverbrauch der Zweikammerbremse einschranken 



Wichert. Wilhelm II. 



273 



und mit der Wirkung der Einkammerbremse von Westinghouse in tjberein- 
stimmung bringen konnte. 

Auch die groBziigige Regelung des Werkstoffwesens fur den Betrieb und 
die Werkstatten ist ein Verdienst W.s wahrend seiner Zeit als Direktions- 
mitglied. 

Im Jahre 1889 erhielt W. auf personliche Anordnung des Ministers v. May- 
bach die zweite maschinentechnische Ratsstelle im Ministerium der offent- 
lichen Arbeiten, womit sich ihm ein noch groBerer Wirkungskreis eroffnete. 

Die Neuordnung des Werkstattenwesens und der Dampfheizung bei den 
preui3ischen Staatsbahnen muB dem Wirken des neuen vortragenden Rats zu- 
gute geschrieben werden. Die Einfuhrung der Kunze-Knorr-Bremse bei Schnell- 
und Personenziigen und der durchgehenden Giiterzugbremse lieB er sich im 
weiteren Verlauf seines Schaf fens angelegen sein ; ist dadurch doch die Betriebs- 
und Verkehrssicherheit auf deutschen Bahnen stark gesteigert worden. 

Eine MaBnahme von besonderer Bedeutung betraf auch das GroB-Berliner 
Eisenbahnwesen. W., als Ministerialdirektor und Letter der maschinentech- 
nischen Abteilung, hat alien Widerstanden zum Trotz im Jahre 1912 im preu- 
Bischen Abgeordnetenhaus die Bewilligung der Mittel zur Vorbereitung der 
Elektrisierung der Berliner Stadt-, Ring- und Vorortbahnen durchgesetzt. Er 
hatte mit klarem Blick die Entwicklung der Zukunft erkannt. 

An auBeren Ehrungen hat es W. nicht gefehlt. Am 20. Juni 1904 wurde er 
zum Oberbaudirektor mit dem Rang eines Rates I. Klasse ernannt. Im Marz 
1906 verliehen ihm der Rektor und Senat der Technischen Hochschule zu Char- 
lottenburg wegen seiner Verdienste um den Eisenbahnmaschinenbau die Wiirde 
eines Dr.-Ing. e.h. Am 5. Juni 1913 erhielt er den Charakter als Wirklicher 
Geheimer Rat mit dem Pradikat »ExzeUenz«. 

Mit dem groBen Kriege begannen aufreibende Arbeiten, die von folgen- 
schweren Entschliissen begleitet waren. Nach dem Zusammenbruch unterzog 
sich der Sechsundsiebzigjahrige der schweren bitteren Aufgabe, zu retten, was 
noch zu retten war. 

Nach langerem Urlaub trat W. am 30. September 1919 in den Ruhestand und 
192 1 starb er. 

Ein Leben reich an Arbeit, aber auch an anerkanntem erfolgreichem Wirken 
fiir Deutschlands Wirtschaftsentwicklung. 

Berlin-Charlottenburg. Hans Baumann. 

Wilhelm II., Konig von Wiirttemberg, * in Stuttgart am 25. Februar 1848, 
t in Bebenhausen am 2. Oktober 192 1. Der Vater dieses wahrend der Pariser 
Februarre volution geborenen Fursten, der Prinz Friedrich von Wiirttemberg, 
war ein Neffe, die Mutter Katharina war eine Tochter des damals regierenden 
Konigs von Wiirttemberg, Wilhelms I. DaB dem Kinde spater der Thron zuf alien 
wiirde, konnte man noch nicht wissen ; Thronf olger war des Konigs Sohn Karl, 
der aber ohne Nachkommen blieb. Der kleine Prinz wuchs als einziges Kind auf 
und erhielt nach dem guten Geiste des koniglichen Hauses eine sorgfaltige Er- 
ziehung. Der Richtung auf Einfachheit und Naturlichkeit kam tibrigens sein 
eigener Sinn entgegen. Er gehorte spater zu den Fursten, denen glanzendes 
Auftreten widerstrebt und die nur mit Disziplin sich in das Notwendige fiigen. 

DBJ 18 



274 l ? 21 

Der erste Erzieher war ein feiner junger Theologe; nach der Einsegnung wurde 
er von einem tiichtigen Offizier abgelost. Der Prinz hat dann die Universitaten 
Tubingen und Gottingen besucht, in der Hauptsache Staats- und Rechtswissen- 
schaften, Nationalokonomie und Geschichte gehort. Als der siebziger Krieg 
ausbrach, war er bereits ins preuBische Heer eingetreten; er war unbefriedigt 
davon, daB er im Kriege, um als vermutlicher Thronfolger geschont zu werden, 
nur zu seiner Unterrichtung und zu Meldungsritten vom Hauptquartier des 
preuBischen Kronprinzen aus verwendet wurde und dabei zu zwei Gef echten der 
wiirttembergischen Truppen zu spat kam, wahrend er 1866 im Gefecht ge- 
standen hatte. Er war dann noch langere Zeit im preuBischen und wurttem- 
bergischen Heeresdienst beschaftigt. Anfang 1877 heiratete er die anmutige 
und ausgezeichnete Prinzessin Marie von Waldeck ; allein die iiberaus gliickliche 
Ehe fand ein trauriges Ende. Ein Sohnlein starb bald und 1882 starb nach 
einer ungliicklich verlaufenden Geburt die Prinzessin. Eine Tochter, Pauline, 
heute Fiirstin von Wied, ist das einzige Kind Wilhelms geblieben. Nach Jahren 
schwerer Trauer hat er sich noch einmal entschlossen, zu heiraten; die Wahl 
fiel auf Prinzessin Charlotte von Schaumburg-Lippe, 1886 wurde die Hochzeit 
gefeiert. Die neue Ehe blieb kinderlos, und damit war entschieden, daB die 
Krone Wiirttembergs, dessen Kernland mit der Reformation ganz verwachsen 
ist, auf die katholische, mit Habsburg verwandte Seitenlinie falle. Mit dem 
6. Oktober 1891 wurde W., 43 jahrig, auf den Thron berufen. 

W. war einer der Fiirsten, die sich ohne Reibung der konstitutionellen 
Regierungsweise einfiigen und mit ihrer Person hinter den Ministerien zuriick- 
treten. Konstitutionell regieren im Sinn der deutschen Monarchic des 19. Jahr- 
hunderts bedeutete, daB das geltende Recht und der geordnete Instanzengang 
sorgfaltig gewahrt wurde und das Berufsbeamtentum, das regelmaBig die 
Minister stellte, auch gegeniiber dem Landtag die Fuhrung behielt. Konig 
W. hatte der Reihe nach an Mittnacht (bis 1900), Breitling (1901 — 1906), 
Weizsacker (bis 1918) Ministerprasidenten, diebesonnen, umsichtig, geschickt, 
wohl verstanden, was die Zeit verlangte, dabei Konflikte moglichst vermieden, 
die Fuhrung sich nicht aus der Hand nehmen lieBen. Der Konig griff in die Er- 
wagungen und Entscheidungen der Minister in der Regel nicht durch eigene 
Stellungnahme ein; er nahm die Minister als die verantwortlichen Sachver- 
standigen, deren wohlerwogenem Rat er gern folgte, wenn er ihn einleuchtend 
vorgetragen fand. Dafiir wlinschte er aber auch genaue Rechenschaft, wo die 
Materie dem Nichtfachmann uberhaupt zuganglich war. Wenn es von be- 
sonderem Wert war, trat er auch mit dem Gewicht seines koniglichen Wortes 
nach auBen fiir eine von der Regierung verfochtene Sache ein. 

Personlich eingegriffen hat er in die Frage des Zusammenschlusses der wiirt- 
tembergischen Bahnen mit denen PreuBens und der Nachbarn. Friiher war es 
gerade der wurttembergische Ministerprasident Mittnacht gewesen, der dem 
Gedanken, die deutschen Bahnen vom Reich verwalten zu lassen, Widerstand 
geleistet hatte; nach dessen Riicktritt wurde in der Offentlichkeit der An- 
schluB Wiirttembergs an die preuBisch-hessische Gemeinschaft betrieben, und 
1904 wurde auf wurttembergische Anregung hin wenigstens iiber eine Betriebs- 
mittelgemeinschaft verhandelt, freilich mit bescheidenem Erfolg, und auBer- 
dem eine iibereinstimmende Regelung der Tarife erreicht. Von Wichtigkeit 
war auch eine vom Konig mit dem Kaiser 1893 vereinbarte Ordnung des Offi- 



Wilhelm II. 



275 



ziersaustausches zwischen dem preuBischen und dem wiirttembergisclien Kon- 
tingent, wodurch es wiirttembergisclien Offizieren in groBerer Zahl moglich 
wurde, hohe Kommandostellen (deren es in Wiirttemberg nur wenige geben 
konnte) zu bekleiden. Die in Wiirttemberg umgekehrt wenig gern gesehene 
Ubertragung von Fiihrerstellen an preuBische Offiziere hielt sich in maBigen 
Grenzen. Das Heer lag dem Konig sehr am Herzen; es ist auf der Hohe ge- 
halten worden, in der es sich den Weltkrieg hindurch iiberall bewahrt hat. 

Der Konig gehorte zu den eifrig reichstreuen Fiirsten. Die Schranken, die 
der politischen Tatigkeit eines deutschen Bundesfursten gezogen waren, emp- 
fand er allerdings lebhaft; etwas zu bescheiden sprach er es wiederholt aus, 
es seien eigentlich nur die Gebiete von Kunst und Wissenschaft, in denen sich 
ein deutscher Fiirst noch selbstandig betatigen konne. In der Tat war es ihm 
wichtig, bedeutende Kiinstler nach Stuttgart zu bekommen und sie auszu- 
zeichnen. Er personlich hat auch die Griindung des Schwabischen Schiller- 
Vereins angeregt, von dem aus das Schiller-Archiv zusammengebracht und das 
Schiller-Museum erbaut worden ist und der iiberhaupt die Aufgabe hat, f iir die 
Pflege des geistigen Vermachtnisses Schillers zu sorgen. Der Verein fand beim 
Konig immer eine kraftige Forderung. 

Der inneren Landespolitik hat zu seiner Zeit das, was man Verfassungs- 
revision nannte, viel zu schaffen gemacht. Neben der Kammer der Standes- 
herren — friihere Reichsunmittelbare, in der Napoleonszeit mediatisiert, und 
vom Konig ernannte Mitglieder, hauptsachlich hohe Beamte — gab es auch 
noch Privilegierte in der Zweiten Kammer: Vertreter der Ritterschaft und 
Spitzen der Geistlichkeit. Diese » Ritter und Pralaten« gehorten oft zu den wert- 
vollsten Mitgliedern der Kammer, ihre Anwesenheit wurde aber als unzeit- 
gemaB empfunden von denen, die mit ihrer politischen Richtung nicht ein- 
verstanden waren. Sie verstarkten im allgemeinen die Stimmen der » Deutschen 
Partei«, der Partei des Anschlusses an PreuBen, die in Wiirttemberg vorwiegend 
in den hoheren Standen evangelischen Bekenntnisses, unter Beamten, Geist- 
lichen usw. ihre Anhanger hatte. Die demokratische Volkspartei zusammen mit 
dem Zentrum war nun darauf bedacht, die Privilegierten aus der Kammer zu 
entfernen, und diese Parteien nahmen seit den Wahlen von 1895 eine starke 
Stellung ein, wenn sie einig waren. Umgekehrt fehlte der Kammer der Standes- 
herren eine arbeitsfahige Mehrheit; es war Zeit, die Kammer neu zusammen- 
zusetzen. Eine Einigung iiber die »Verfassungsre vision* war aber zwischen den 
gesetzgebenden Faktoren schwer zu erreichen; erst 1906 kam man zustande 
damit. Die Ritter und Pralaten traten in die Erste Kammer in verminderter 
Zahl iiber und dazu traten Vertreter von Landwirtschaft, Handel und Gewerbe 
ein — der Keim einer berufsstandischen Vertretung. Eine Nebenwirkung war, 
daB die katholische Mehrheit dieser Kammer in eine evangelische verwandelt 
wurde, den Verhaltnissen des Landes entsprechend. Die Zweite Kammer wurde 
durch Abgeordnete erganzt, die nach dem System der Listen- und Verhaltnis- 
wahl gewahlt wurden. Wahrend der innere Wert und das Ansehen der Ersten 
Kammer durch die neue Zusammensetzung gehoben worden ist, kann man 
das gleiche von der Zweiten Kammer nicht sagen. 

Im Zusammenhang mit dem Verlangen nach einer »reinen Volkskammer« 
stand auch das nach der Aufhebung der Lebenslanglichkeit der Ortsvorsteher, 
die W 7 urttemberg eigentiimlich war. Auch das war zugleich ein Kampf gegen 



276 192 1 

die Herrschaft der Honoratiorenschicht und der Deutschen Partei, die durch 
diese lebenslanglichen Leiter der Gemeinden vielfach gestiitzt wurde. Auch 
dieser Wnnsch ist erst 1906 im Rahmen einer neuen Gemeindeordnung ver- 
wirklicht worden. Gleichzeitig kam eine neue Bezirksordnung zustande, die 
die Selbstverwaltung der Bezirke auf eine breitere Gnindlage stellte. 

Zu den wichtigen Ergebnissen der Regiening gehorte ferner, in zwei Steuer- 
reformen durchgefuhrt, ein neuer, ausgezeichneter Aufbau des Steuersystems. 

Die evangelische Kirche lag dem Konig, ihrem summus episcopus, besonders 
am Herzen. Ihre Entwicklung in dem echt wiirttembergischen Charakter, der 
zwischen Beharren beim Alten und Weitherzigkeit einen vorsichtigen Ausgleich 
sucht, war recht nach seinem Sinne. In seine Zeit fallt eine Andening in der 
Stellung der Volksschule zur Kirche. Noch immer war in Wiirttemberg die 
Volksschule den Kirchen unterstellt ; der Vorgesetzte des Schullehrers war der 
Ortsgeistliche. Ein Gesetz, das nach langen Kampfen 1909 zustande kam — 
nachdem die Erste Kammer in ihrer neuen Zusammensetzung eine nichtkatho- 
lische Mehrheit erhalten hatte — richtete eine besondere Schulaufsicht ein. 
Als Zentralbehorde wurde fiir die evangelischen Volksschulen — denn Si- 
multanschulen gab es nicht — ein evangelischer Oberschulrat geschaffen, wah- 
rend fiir die katholischen Schulen der Katholische Kirchenrat die Oberbehorde 
blieb, nur daB er in Schulsachen unter dem Namen Katholischer Oberschulrat 
auftrat. In den Bezirken sollte die Schulaufsicht an besondere Beamte iiber- 
gehen, doch waren auch diese Beamten meistens nicht fruhere Iyehrer, sondern 
Theologen. 

Vornehmheit, Gewissenhaftigkeit, Sachlichkeit, Gtite und Wohlwollen waren 
hervorstechende Charakterziige des Konigs. Vornehm durch und durch waren 
auch Erscheinung und Auftreten. Germanischer Adel ! Die Lebenshaltung am 
Hofe war einfach, der Konig sparsam. Jagd und Pferdezucht (das beruhmte 
Gestiit von Weil) wurden in wurdigen Grenzen gepflegt. Der Konig hatte eine 
ernste Liebe fiir Musik und bildende Kunst. Die gemiitvolle Art dieses Fiirsten 
trat hervor, wo er mit Not und Ungluck der Bevolkerung in Beruhrung kam, 
besonders im Krieg, und wenn er da Truppen ins Feld zu verabschieden hatte. 
Die Besuche des fast Siebzigjahrigen in den Lazaretten waren wohltuend. Er 
selber war bei solchen Anlassen innerlich sehr ergriffen. Seine Weichheit zeigte 
sich auch darin, daB es ihm schwer fiel, ein Todesurteil zu unterschreiben, und 
in seinem Verhalten beim Umsturz 1918. 

Als er 1916 sein 25jahriges Regierungsjubilaum feierte, hiei3 es in der sozial- 
demokratischen Zeitung Stuttgarts: wenn heute aus Wiirttemberg eine Re- 
publik wiirde, so wiirde das wiirttembergische Volk seinen Konig zum Prasi- 
denten wahlen. Es war das Bekenntnis dazu, daB er allgemein beliebt war und 
die Wiirttemberger mit ihm verwachsen waren; es war aber auch in naiver 
Weise damit gesagt, daB er nicht als Hindernis auftreten, sondern sich der 
Volkssouveranitat wie der konstitutionellen Monarchic einfugen wiirde. In 
den ersten Novembertagen von 19 18 hatte er sich bereits damit abgefunden, 
iiber Staatsverfassung und Konigtum eine Volksabstimmung entscheiden zu 
lassen. Die Feinde hatten wissen lassen, daB sie mit der Monarchic in Deutsch- 
land den ersehnten Frieden nicht abschlieBen wurden, und weithin in der 
deutschen Nation wurde daraus die Folgerung gezogen, daB die Monarchic 
abdanken miisse. Da war es auch fiir einen Monarchen aus hartem Stoff schwer. 



Wilhelm II. 277 

fur seine Stellung zu kampfen. Es lag nahe, die sogenannte Selbstbestimmung 
des Volkes anzunifen. Der Konig von Wurttemberg entschloB sich zu einem 
parlamentarischen Ministerium, und es wurde eine Erklarung erlassen, unter- 
zeichnet vom Konig und den Ministern, die vom Konig nur noch in der dritten 
Person sprach und mit der Mitteilung begann, daB ein Ministerium, auf dem 
Vertrauen der gewahlten Volksvertretung aufgebaut, »die Regierung iiber- 
nommen« habe. »In Ubereinstimmung mit ihm« ordnet nun der Konig die 
Wahl einer »konstituierenden Landesversammlung« an, fiir die zugleich mit 
richtiger Berechnung das Frauenwahlrecht eingefuhrt wird. »Ihre Aufgabe 
soil sein, unserem Staat eine den Bediirfnissen der neuen Zeit geniigende Ver- 
fassung auf demokratischer Grundlage zu geben. Die Mehrheit des wurttem- 
bergischen Volkes soil damit in die Lage versetzt sein, die Entscheidung iiber 
die kiinftige Regierungsfonn zu treffen. Der Konig spricht aus, daB seine Person 
niemals ein Hindernis einer von der Mehrheit des Volkes geforderten Entwick- 
lung sein wird, wie er auch bisher seine Aufgabe einzig darin erblickt hat, dem 
Wohl und den Wiinschen seines Volkes zu dienen. « Diese Unterwerfung unter 
die Volkssouveranitat hatte gar keine Zeit, im Lande zu wirken. Wahrend die 
neuen Minister eben vom Konig vereidigt wurden, bereitete die Meuterei des 
9. November der alten Ordnung ein gewaltsames Ende. Es war beschlossene 
Sache und des Konigs ausgesprochener Wille, daB kein Biirgerblut vergossen 
werden solle. Besonders nicht um seine Person — denn er fafite es wohl so auf, 
daB er nicht fiir eine Sache, die er zu vertreten habe, sondern fiir sich selbst 
Blut zu vergieBen schien. So walzte sich denn eine wiiste Masse, hauptsachlich 
Arbeiter aus der Kriegsindustrie, die keine Wurttemberger waren, gefiihrt von 
einem Matrosen, auch in die Privatwohnung des Konigs ; man zog dort die rote 
Fahne auf und notigte ihn zur Abfahrt. Nach einigen Stunden verlieB er Stutt- 
gart. Danach bedankte er sich noch bei dem Posten, der ihn bis zur Abfahrt 
zu schutzen hatte. 

Dem Wunsch, auf die Krone sofort zu verzichten, stellten sich seine fruheren 
Ratgeber noch eine Zeitlang entgegen ; am 30. November erschien dann die von 
ihm selbst verfaBte Urkunde, in der er die Krone niederlegt; er will der »freien 
Entwicklung« den Lauf lassen, dankt aus Herzensgrund alien, die ihm treu 
gedient und ihm Gutes erwiesen haben, und ruft Gottes Schutz fiir sein Land 
an. »Erst mit meinem letzten Atemzuge wird meine Liebe zur teuren Heimat 
und ihrem Volke erloschen. « Mit einem Dank antwortete auch die Revolutions- 
regierung; sie hat dann in einigermaBen zulanglicher Weise fiir den Konig ge- 
sorgt. In dem herrlichen Zisterzienserkloster Bebenhausen bei Tubingen, das 
von seinen Vorfahren als Sommersitz und Jagdschlofllein eingerichtet war, 
brachte er unter dem selbstgewahlten Namen »Herzog Wilhelm zu Wurttem- 
berg « noch fast drei Lebensjahre zu, in denen er viele Zeichen der Liebe und 
Dankbarkeit seiner Wurttemberger erlebte. Dort starb er nach kurzer Krankheit. 

Wie er im Sommerrefektorium der Monche aufgebahrt lag, umgeben von 
dem Herbstlaub seiner Walder, das gluhte wie in den Farben der scheidenden 
Sonne, unter der Totenwacht der treuen Forstbeamten, da zogen in langen 
Wallfahrtszugen die Menschen hin, ihn noch einmal zu griiBen. Uberwaltigend 
kam zum Ausdruck, wie das Volk durch alle Schichten hin an ihm und der 
alten Zeit hing. Dann wurde der tote Konig in einem einfach-wiirdigen Leichen- 
zug, der die Residenzstadt mit ihrer schmutzigen Novembererinnerung im 



278 192 1 

Bogen umfuhr, zu dem Grab in Ludwigsburg an die Seite seiner ersten Ge- 
mahlin geleitet. Dort trat in imponierender Versammlung noch einmal das alte 
Wiirttemberg auf : die fiirstlichen Verwandten unter Fuhrung des Thronfolgers, 
des Herzogs Albrecht von Wiirttemberg, die hohen Beamten des Staates und 
des koniglichen Hofes, die Generale des siegreichen Heeres. 

Literatur: Der Hofprediger Pralat Dr. K. Hoffmann hat im „Wurtt. Nekrolog" des 
J. 1 92 1 (Kohlhammer, Stuttgart) ein I^ebensbild gezeichnet, das vor Herausgabe des Ge- 
samtbandes einzeln erschienen ist (1923). Mit Literaturangaben. Fiir die Zeit bis zum 
Regierungsjubilaum, 19 16, ist auf das Sammelwerk » Wiirttemberg unter der Regierung 
Konig Wilhelms II. «, herausgegeben von Prof. Dr. Viktor Bruns, zu verweisen. (Deutsche 
Verlags-Anstalt, Stuttgart 19 16.) Uber die Regierung des Konigs hat zuvor Karl Weller 
in Eugen Salzers Kalender » Von Schwabischer Scholle« 19 16 (Heilbronn) als » ersten Ver- 
such« eine gedrangte tJbersicht gegeben, in der wiirttembergische Eigentiimlichkeiten im 
Vergleich mit anderen Staaten hervorgehoben werden. Cber die Tage des Umsturzes 
werden noch Veroffentlichungen erfolgen; bis jetzt ist auf einen Aufsatz des friiheren 
Direktors des Staatsarchivs, Dr. Eugen Schneider, zu verweisen, der als letztes Stuck in 
Schneiders Vortragen und Abhandlungen »Aus der wiirttembergischen Geschichte«, bei 
Kohlhammer in Stuttgart 1926, abgedruckt ist. Zum Tode des Konigs: » Schwabischer 
Merkur« vom 3. bis etwa zum 10. Oktober 1921. 

Tubingen. Adolf Rapp. 

Wolzendorff, Kurt, * am 12. April 1882 zu Nassau an der Lahn, f in Halle 
am 21. Marz 192 1. — Die juristische Doktorwiirde erwarb W. am 22. Mai 1905 von 
der jur. Fakultat der Universitat Marburg. Ab November 19 12 war er Gerichts- 
assessor bei der Kgl. Staatsanwaltschaft Wiesbaden, welche Stellung er erst 
am 31. Marz 1917 aufgab. Am 30. April 1913 habilitierte er sich in Marburg. 
Ab 1. April 1917 wurde er zum etatsmafiigen a. o. Professor an der Albertus- 
Universitat Konigsberg ernannt fiir die Facher : Staats-, Verwaltungs-, Kirchen-, 
Volker-, Kolonialrecht sowie Deutsche Rechtsgeschichte. Seit Sommersemester 
1 9 19 bis zu seinem Tode war er ordentlicher Professor in der rechts- und staats- 
wissenschaftlichen Fakultat der Universitat Halle-Wittenberg als Nachfolger 
E. Loenings. 

^Bevor W. sein Amt in Halle antrat, wirkte er als Sekretar seines friiheren 
Lehrers, des deutschen Mitbevollmachtigten Professor Dr. W. Schiicking bei 
den Friedensverhandlungen in Versailles mit. Mehrere scharf geschliffene, heute 
noch zitierte Satze besonders in der Mantelnote zu den »Bemerkungen der 
Deutschen Friedensdelegation zu den Friedensbedingungen « vom 29. Mai 1919 
stammen aus W.s Feder. 

W. ist aus der Heidelberger Schule G. Jellineks hervorgegangen, jener 
Schule, der die Staatstheorie der ganzen Welt so groBe und weitgehende An- 
regungen verdankt, wie kaum einer anderen Schule der Neuzeit. Er hat dem 
grofien I<ehrer dadurch ein Denkmal der Dankbarkeit gesetzt, daft er ihm seine 
wohl wertvollste Arbeit, sein Werk iiber den Polizeigedanken des modernen 
Staats widmete. 

Daneben war er zugleich ein Schiiler W. Schiickings — dessen treuester. Er 
ist Schiicking bis zuletzt in groBter Anhanglichkeit eng verbunden geblieben ; 
ihm geistig nahestehend insbesondere durch den sittlich betonten naturrecht- 
lichen Zug seiner wissenschaftlichen Grundeinstellung, weiterhin eine ent- 
schieden liberale Staatsauffassung, sowie durch tiefen Glauben an das sittlich 
erfafite Postulat der Notwendigkeit der Erweiterung des Rechtsgedankens iiber 



Wilhelm II. Wolzendorff 



279 



die Welt. Im Vorworte zu seiner Schrift iiber die Liige des Volkerrechts steht 
z. B. im AnschluB an eine ahnliche Bemerkung Bluntschlis der schone Satz: 
»Das rechtliche Gewissen in internationalen Dingen zu wecken und zu festigen, 
das ist immer noch die erste und wichtigste Aufgabe.« 

Aber nicht nur wissenschaftlich war er dem Lehrer und Freunde kongenial. 
Er ahnelte ihm auch insbesondere durch die kunstlerische Note seines Wesens, 
die sich bei ihm in einer ausgesprochenen zeichnerischen und charakteristischen 
Weise speziell karikaturistischen Begabung auBerte. Der kiinstlerische Zug 
zeigte sich auch in der personlichen Lebenshaltung und dem auBern und 
innern Habitus dieses groBzugigen, nie auf den eigenen Vorteil bedachten 
Mannes mit den nicht immer seinen Verhaltnissen voll entsprechenden groBen 
Alliiren. 

Unterschieden war er von W. Schiicking vor allem durch den Mangel an 
praktischem politischem Interesse. Nicht, daB ihm deshalb Sinn fiir das leben- 
dige Leben oder gar fiir Tagesprobleme abzusprechen gewesen ware ! Im Gegen- 
teil : die sozialwissenschaf thche Betrachtungsweise hat er gegeniiber der reinen 
Begriffskonstruktion stets auf das Entschiedenste betont, und so bedeuten die 
Worte seines Werkes iiber den Pohzeigedanken, er wolle am Beispiel der Polizei 
den Nachweis versuchen, daB diese sozialwissenschaf tliche Betrachtungsweise 
der Verwaltungslehre prinzipielle Erkenntnis von Erscheinungen zu fordern 
vermag, die nicht nur neben der juristischen Erkenntnis des Rechtslebens der 
Verwaltung, sondern gerade auch fiir diese von erganzender Bedeutung ist, 
geradezu ein Programm. Und diese Einstellung war es zugleich, die inn zu 
einem Vorkampfer der Wiederbelebung der immer noch daniederliegenden, so 
dringend benotigten Verwaltungslehre machte. 

Sein Interesse an politischen Gegenwartsf ragen bef riedigte er auf theoretische 
Weise. Die Ergebnisse dieses Nachdenkens sind in ungemein zahlreichen Denk- 
schrif ten (von denen leider ein Teil unverof f entlicht in Akten ruht) , Auf satzen 
und Broschiiren enthalten, in denen durchweg der theoretisch-rechtsgedank- 
liche Charakter im Vordergrund steht. Unter diesem weitzerstreuten Material 
finden sich manche von W.s besten und fruchtbarsten Ideen. 

Icherinnere hier nur an seine letzte postume Schrift iiber Minoritatenschutz 
mit dem signifikanten Titel: »Grundgedanken des Rechts der nationalen 
Minderheiten (Naturrecht des Minderheitenschutzes) nebst einem Exkurs tiber 
Nationalkataster«. Diese Arbeit von nur 46 Seiten ist fiir jede grundsatzliche 
Beschaftigung mit dem Minoritatenproblem neben insbesondere dem be- 
kannten Werk von Karl Renner (Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, 
Leipzig und Wien 1918) und den Arbeiten von R. Laun trotz der schnellen Ent- 
wicklung, die die Minderheitenfrage inzwischen genommen hat, noch heute 
unentbehrlich und wird es vermutlich noch auf absehbare Zeit bleiben. 

Aber noch eine dritte geistige Verwandtschaft W.s muB festgestellt werden : 
seine Abhangigkeit von O. v. Gierke und dessen Genossenschaftsgedanken, in 
dem W. die deutsche Rechtsidee KaT£$o%t)v enthalten sieht. Diese Uber- 
zeugung und dieser Glauben tritt besonders stark zutage in seiner Schrift iiber 
deutsches Volkerrechtsdenken. Hier steigert sich W. unter anderem zu folgen- 
den Satzen: »Vielheit in der Einheit, die deutsche Rechtsidee, das ist in der Tat 
der Schliissel zum Problem des Volkerrechts. Und eben deshalb ist das Pro- 
blem des Volkerrechts: der V61kerbund.« (S. 44) . . . »De , r innerste Kern in 



280 1921 

der Idee des Rechtsstaats und der Idee des Staatenrechts, des Volksstaats und 
des Volkerbundes, ist die deutsche Rechtsidee. « 

Aber diese Auff assung zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Den- 
ken ; wir f inden sie ebenso in seiner Schrift iiber den deutschen Staat und sein 
Recht, wie auch zum Beispiel in der erwahnten Arbeit iiber die L,iige des Volker- 
rechts. Zu letzterer hat zum Beispiel Stier-Somlo in einer Besprechung im 
Archiv des offentlichen Rechts (1921, S. 251) gesagt, sie enthalte sichtbare 
Spuren »der geradezu mit der Kraft einer Zwangsvorstellung wirkenden Geistes- 
einstellung auf die Genossenschaftsidee« (S. 67). 

Mit den somit festgestellten geistigen Ableitungen ist iibrigens W.s wissen- 
schaftliche Originalitat keineswegs in Frage gestellt. Sie besteht vor allem in 
der Verarbeitung dieser drei Einfliisse durch eine scharfkantige, geistvolle, ja 
zuweilen kapriziose Personlichkeit zu einer ungemein reizvollen neuen synthe- 
tischen Einheit. 

Was auch W. geschrieben hat, es fesselt durchweg nicht nur durch die darin 
sich auBernde Formulierungskunst und ein zum Teil geradezu beangstigendes 
Wissen dieses iiberaus fleiBigen und belesenen Gelehrten. Ein Mann wie 
Laband hat diese W.sche Eigenschaft in einer Besprechung von W.s ge- 
lehrtestem Buch: Staatsrecht und Naturrecht in der Lehre vom Widerstands- 
recht des Volkes usw. ruhmend hervorgehoben, allerdings dabei zugleich die 
zu groBe Weitschweifigkeit dieser Arbeit beanstandet (Arch, des offentl. 
Rechts 1917, S. 132). 

Allgemein ist man nicht berechtigt, diesen Vorwurf gegen W.s Schriften zu 
erheben. Ein Teil von ihnen laBt im Gegenteil dem Bedauern Raum, daB Ver- 
fasser nicht ausfuhrlich genug das behandelte Thema durchschiirft habe. 

Ein weiterer Grund seiner wissenschaftlichen Eigenart besteht darin, daB er 
dogmatisch genau so fest im Sattel saB wie historisch, und daJ3 er mit gleicher Liebe 
und gleichem Verstandnis f iir Grundprobleme sowohl wie auch f iir Einzelf ragen 
begabt war. So verlor er bei aller Neigung zum theoretischen Denken niemals die 
Tatsachen aus seinem Beobachtungsfelde. Das ermoglichte es ihm auch, gleich- 
zeitig Spezialfragen des Verwaltungsrechts, wie staatstheoretische und volker- 
rechtliche Grundbegriffe zu klaren, und das machte ihn nicht nur zu einem der 
ersten Kenner des preuBischen Polizeirechtes, sondern stellte ihn bereits mit 
seinen jungen Jahren in die vorderste Reihe der jiingeren Staatstheoretiker. 

Kein Vollendeter war er, als er schied, sondern ein Ringender noch und ein 
Suchender, aber ein groBes Talent und eine Zukunftshoffnung. 

Nicht daB er nicht durchaus Fertiges geschaffen hatte! Ein Vergleich ins- 
besondere seiner tiichtigen Gesellenarbeit : »Die Grenzen der Polizeigewalt« aus 
den Jahren 1905/06 mit seinem 1918 erschienenen Hauptwerk iiber den Polizei- 
gedanken beweist das. 

Von seiner vorerwahnten Arbeit iiber Naturrecht und Staatsrecht hat be- 
sonders befugte Seite das (bisher ungedruckte) schwerwiegende und auBerst 
schmeichelhafte Urteil gefallt: »eine in gewissem Sinne abschlieBende Dar- 
legung der pohtischen Ideen, die an dem Ausbau der modernen Staatsverfas- 
sungen mitgewirkt haben«. 

Und sein Werk iiber die Luge des Volkerrechts hat durch seinen Schiller Vor- 
werk neben einiger Kritik das Urteil erhalten: »Sicherlich wird dieses Buch 
innerhalb der deutschen Wissenschaft fiir absehbare Zeit grundlegend und 



Wolzendorff. Zorn v. Bulach 28 1 

richtunggebend fiir jede in die Tiefe dringende Behandlung der rechtlichen 
Seite der Probleme Krieg und Volkerbund bilden.« 

Aber wie sein Werk iiber den Polizeigedanken das Ergebnis und der zu- 
sammenfassende AbschluB von zahlreichen, vorher hier und dort erschienenen 
vorbereitenden Arbeiten gewesen, so war alles, was eriiberhaupt geschrieben, 
als er scheiden muBte, nur Ausschnitt und Vorbereitung eines groBziigigen, um- 
f assenden, bei ihm in Formung begriffenen staatstheoretisch-rechtsgedanklichen 
Denkgebaudes. 

Er hat bisher keinen geistigen Nachfolger seiner eigenartigen Arbeits- 
methoden und Problemstellungen gefunden. Und so ist die groBe Liicke, die 
sein vorzeitiger Tod in der Zahl der Genossen seiner so sparlich vertretenen 
Facher gelassen hat, auch heute noch unausgefiillte, schmerzliche Gegenwart. 

Literatur: Auswahl der Schriften K. W.s (auf Wiedergabe der ungemein groflen Menge 
von Auf satzen muBte verzichtet werden) . Die Grenzen der Polizeigewalt I und II (Heft 3 
und 5 der Arbeiten aus dem jiiristisch-staatswissenschaftlichen Seminar der Koniglichen 
Universitat Marburg), Marburg 1905, 1906. — Der Gedanke des Volksheeres im deutschen 
Staatsrecht, Tubingen 19 14 (Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart 4). — Staats- 
recht und Naturrecht in der Lehre vom Widerstandsrecht des Volkes gegen rechtswidrige 
Ausubung der Staatsgewalt. Zugleich ein BeitragzurEntwicklungsgeschichtedesmodernen 
Staatsge<Jankens, Breslau 19 16, (Untersuchungen zur deutschen Staats- und Rechtsge- 
schichte, H. 126). — Vom deutschen Staat und seinem Recht. Streiflichter zur allgemeinen 
Staatslehre, Leipzig 191 7, — Der Polizeigedanke des modern en Staates. Ein Versuch zur 
allgemeinen Verwaltungslehre unter besonderer Beriicksichtigung der Entwicklung in 
Preuflen, Breslau 1918 (Abhandlungen aus dem Staats- und Verwaltungsrecht, H. 35). — 
Deutsches Volkerrechtsdenken, Miinchen 1919. — Die Luge des V61kerrecht9. Der Krieg 
als Rechtsinstitution und das Problem des Volkerbundes im Gedankensystem des Volker- 
rechts, Leipzig 191 9. — Geist des Staatsrechts. Eine Studie zur Biologie des Rechts und 
zur Psychologie des Volksstaates, Leipzig 1 920. — Grundgedanken des Rechts der nationalen 
Minderheiten (Naturrecht des Minderheitenschutzes) mit einem Exkurs iiber National- 
kataster, Berlin 1921. (Das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen.) 

Konigsberg. Herbert Kraus. 



Zorn von Bulach, Hugo, Freiherr, Staatssekretar von ElsaB-I/)thringen, * in 
StraBburg im ElsaB am 2. Februar 1851, | am 20. April 192 1 auf seinem Stamm- 
gut Osthausen im Unter-ElsaB. — Z. v. B. war der SproB eines der altesten 
elsassischen Adelsgeschlechter. Ein Z. spielte schon auf der Hohe des Mittel- 
alters im Kampf der Strai3burger Geschlechter gegen den Bischof eine groBe 
Rolle. Die Familie war und ist beiderseits des Rheins begiitert, aber der Schwer- 
punkt des Geschlechts lag inamer im ElsaB. Im elsassischen Boden hatte auch 
der Verstorbene seine starken Wurzeln. Er war der Typus eines elsassischen 
Landedelmannes und als solcher in gewissem Sinne eine singulare, charakte- 
ristische Erscheinung, weil seit der Franzosischen Revolution der alte an- 
gestammte Landadel groBenteils aus dem Lande verschwunden ist oder, sofern 
er noch blieb, durch die Verbindung nach Frankreich hin sich stark franzosiert 
und das Elsassische mehr oder weniger abgestreift hat. Das Z.sche Geschlecht 
hatte im 19. Jahrhundert vor andern es sich angelegen sein lassen, das An- 
gestammte, naturhaft Elsassische des Landjunkertums zu behaupten und auch 
nach auBen zur Darstellung zu bringen. 

Dieses Originell-Urspriingliche mochte den Vater seinerzeit Napoleon III. 
empfohlen haben, der ihn zum Kammerherrn der Kaiserin Eugenie erhob, und 



282 1921 

das Gleiche war es wohl auch, das Kaiser Wilhelm II. an dem Sohn anzog, so 
daB er ihm seine Gunst ganz besonders zuwandte. 

Vater und Sohn hatten den stark ausgepragten Ehrgeiz, in dem Land, das 
sie gleichsam in ihrer Person symbolisch verkorperten, auch demgemaB eine 
fuhrende, ausschlaggebende Rolle zu spielen: das entsprach Tradition und 
Stellung der Familie. Es lag also in der Linie der Natur der Familie, daB man, 
fest auf elsassischem Boden beharrend, auch verschiedenen Regimes, wechseln- 
den nationalen Regierungen diente. Ein knorriger elsassischer Stamm, der durch 
die Jahrhunderte hindurch im Heimatboden wurzelt, der bleibt, was er ist, ob 
unter franzosischem oder deutschem Himmel. Das Entscheidende und Aus- 
schlaggebende ist der elsassische Lebens- und Beharrungstrieb. So hat der Vater 
schon 1 87 1 rasch auch den AnschluB an die deutsche Seite gefunden, und der 
Sohn f unite sich erst recht der Heimat verpflichtet und hatte somit keine Muhe, 
dem Regime, das jetzt uber die Heimat gebot, seine Dienste zur Verfugung zu 
stellen. 

Die ersten Studien machte Hugo Z. v. B. auf dem bischoflichen Gymnasium 
in StraBburg; er studierte dann auf der wurttembergischen landwirtschaft- 
lichen Hochschule in Hohenheim und an der StraBburger Universitat, ver- 
heiratete sich 1883 mit Mercedes von Heeren aus Hamburger Reederkreisen. 

Fruh schon widmete er sich gemaB den tTberlieferungen des Hauses dem 
offentlichen Leben, trat 1878 in den Bezirkstag ein, 1879 m °^ en LandesausschuB, 
erregte damals schon die Aufmerksamkeit durch die auffallend scharfe Kritik, 
die er an dem Manteuffelschen System iibte. Aber er wuBte zu gut, daB iiber 
das Schicksal der Heimat letztlich nur in Berlin entschieden ward, und daB 
man darum, wenn man dem ElsaB niitzen wollte, an der Reichszentrale festen 
FuB in dortigen parlamentarischen und Regierungskreisen fassen muBte. So 
nahm er schon 1881 ein Reichstagsmandat an, das er aber bei den Septennats- 
wahlen 1887 verlor. Von 1890 — 1893 war er wieder Mitglied des Reichstages. 
Seit dem Jahre 1895 gehorte er zur elsaB-lothringischen Beamtenhierarchie als 
Unterstaatssekretar der Landwirtschaft, und damit hatte das elsassische ein- 
heimische Element zum ersten Male eine gebietende Stellung im hoheren 
Beamtentum erobert. Im Jahre 1909 erhob der Kaiser, der an der Kraftnatur 
des » gentilhomme campagnardu sein besonderes Wohlgef alien gefunden hatte, 
den »Landwirtschaftsminister« auf die hochste regierende Stelle: er machte ihn 
zum Staatssekretar. Es sollte diese Berufung auch eine dem elsassischen Volke 
geltende Geste sein, die also an sich dazu angetan gewesen ware, der elsassischen 
Eigenliebe zu schmeicheln und den Willen zur positiven Zusammenarbeit mit 
einer Regierung zu starken, an deren Spitze eine das ElsaB symbolisch ver- 
korpernde Personlichkeit stand. Diese erhofften Wirkungen blieben jedoch aus. 
Die Griinde liegen heute ziemlich klar zutage. Einmal war Z. v. B. mit dem 
Augenblick, da er den Staatssekretarposten antrat, der hochste Beamte, der 
als solcher naturnotwendig sich mit dem »altdeutschen<( Beamtentum, das das 
Riickgrat des elsaB-lothringischen Gemeinwesens war, solidarisch fiihlen muBte. 
Gegen dieses Beamtenriickgrat war aber schon die Opposition des Parlamenta- 
rismus in vollster Bliite. Das Anrennen gegen die Bureaukratie als das ausschlag- 
gebende Element des Staates wurde darum zwangslaufig ein Anrennen gegen 
den obersten Vertreter des Beamtenstaates. Ob er nun Elsasser war oder nicht, 
er gehorte fur die parlamentarischen Parteileute zu der feindlichen Phalanx, 



Zorn v. Bulach 283 

die es zu durchbrechen gait, urn das Parlament zur Basis des Staates zu machen. 
So hatte gerade er von seinen eigenen Landsleuten die starksten StoBe aus- 
zuhalten. Aber mit diesem Kampf gegen das Prinzip des Beamtenstaates 
mischte sich nun in eigentumlicher Weise der Kampf gegen das Fremde. In der 
Opposition gegen die Beamtenhierarchie steckte die Opposition der Boden- 
standigen gegen das aus alien Gauen des Deutschen Reiches zusammengesetzte, 
nach Ansicht der Einheimischen landfremde Element, dessen Vorherrschaft 
gebrochen werden sollte. Die parlamentarische Opposition erhielt durch diese 
nationalistisch-elsassische Tonung eine besondere Scharfe. Bei der ganzen ritter- 
lichen Art, die fur das Wesen des Land junkers Z. v. B. bezeichnend war, wuBte 
er: seine Stellung war auf der Seite der Schicht, der letzlich die Opposition gait. 
Der Elsasser deckte die PreuBen, Bayern, Schwaben oder Hessen; es war seines 
Amtes. Bei seiner primaren bodenstandigen Einstellung war ihm alles Natio- 
nale etwas Sekundares ; ihm gait stets : einem Elsasser steht der eigene Heimat- 
boden am nachsten. Von dieser Einstellung aus war ihm allerdings der »fran- 
zosisch geschminkte nationalistische Rummel«, der in den Jahren 1909—1913 
einen »Fall« nach dem andern heraufbeschwor, im tiefsten Grunde zuwider, 
well damit die Lebensinteressen des Heimatstaates schwer geschadigt werden 
muBten. DaB die ausschlaggebende elsaB-lothringische Partei, das Zentrum, 
es nicht fertig brachte, sich von diesem nationalistischen Element aus rein elsas- 
sischem Interesse zu scheiden, das brachte ihn auch in Gegensatz zu dieser 
katholischen Partei, der er doch durch Geburt, Beziehungen, Konfession am 
nachsten stand. Mit HauB, dem spateren Fuhrer der elsaB-lothringischen Land- 
tagsfraktion des Zentrums, der dieser gemachten, von Frankreich her genahrten 
Agitation, ebenso widerstrebte, verstand er sich darum auch stets gut; das El- 
sassische vonunten, das gegen den Beamtenstaat sich richtete, und das Elsas- 
sische von oben, das dieses Beamtenelement als Achse des Gemeinwesens decken 
muBte, traf sich in dem bodenstandigen Instinkte, der aus dem elsassischen 
Selbsterhaltungstrieb heraus doch dem Positiven zustrebte und die reine Ne- 
gation nationalistischer Opposition ablehnte. Den Ausgleich zu finden war 
beiden versagt. 

Wir haben Grund anzunehmen, daB heute die Elsasser fahiger sind, ihren 
einstigen ersten Minister gerecht zu beurteilen, und damit auch jetzt schon dem 
Urteile naher zu kommen, das einmal der ruhige Geschichtsbetrachter iiber ihn 
fallen wird. Er wird gewiB nicht ganz mit Unrecht feststellen, daB er der Stunde 
nicht vollig gewachsen war. Es mag zugegeben werden, daB er seine Landsleute 
nicht in der notigen Distanz sah und sie darum gelegentlich unterschatzte, aber 
er hat doch den sicheren Instinkt besessen fiir das, was seinem L,ande nottat, 
daB namlich die Parteien es hatten fertig bringen miissen, iiber den maBlosen 
Parteigeist und die unklare, zum Teil so verlogene »Culte du passee«-Schwa.T- 
merei hinweg zu niichterner elsaB-lothringischer Staatsbejahung zu kommen 
trotz allem, was noch zu dem Eigenstaate fehlte. Hatten die Parteien von 191 1 
bis 1914, statt in » Fallen « zu wuhlen, keine Zweifel daniber gelassen, daB der 
Wille zum elsaB-lothringischen Staat ihnen zu hoch stehe, als daB sie ihn ver- 
schwommenen, unwahren Sentimentalitaten zum Opfer bringen konnten, 
hatten sie in ihren Kundgebungen damals mehr von dem erklingen lassen, was 
der unterelsassische Depute Prof. E. Miiller im Sommer 1925 in der fran- 
zosischen Kammer aussprach: »Wir waren so gut wie autonoin« — dann ware 



284 J 92l 

wahrscheinlich vielesanders gelaufen. Solche unzweideutigen Bekundungen el- 
saB-lothringischen Staats- und Volkswillens hatten sich in der Weltmeinung 
festgesetzt, und im November 1918 hatte man an diese AuBerungen elsaB- 
lothringischen Lebenswillens ankniipfen konnen, so daB ElsaB-IyOthringen nicht 
einfach so bedingsunglos den Franzosen hatte tibergeben werden miissen. 

ElsaB-Lothringen wird in Zukunft B. den Rnhm zuerkennen, daB der Weg, 
den er wies, richtig war. So erfullt sich auch an ihm das allgemeine Geschick, 
daB erst die Toten ihre Mission als Fuhrer und Wegweiser ganz erfullen. Sein 
Land fangt heute an, im Geiste eines B. und eines Karl HauB zu handeln ; viel- 
leieht ist es doch noch nicht zu spat. 

Iriteratur: M. Spahn im Bd. I des »I^safl-Lothringischen Jahrbuches*, herausgegeben 
vom »Wissenschaftlichen Institut der EIsaB-Lothringer im Reich*, Verlag W. de Gruy- 
ter & Co., Berlin 1922, S. 182 ff. — A. v. Puttkamer, Die Ara Manteuffel, Stuttgart, 
S. 143 ff. — Fritz Bronner, Die Verfassungsbestrebungen des Landsausschusses fiir ElsaB- 
Lothringen. Heidelberg 1926 — Verhandlungen des elsafl-lothringischen Landes- 
ausschusses, 10., 11. und 14. Session. — Verhandlungsberichte des elsaB-lothringischen 
landtags. 

Freiburg i. Br. Wilhelm Kapp. 



TOTENLISTE 



Verzeichnis der Abkiirzungen 



Ein Stem (•) vor dem Namen bezeichnet, daB das ^Deutsche Biographische Jahrbuclm 
dem Toten eine eigene Biographie gewidmet hat, aui die am Schlusse des Artikels mit 
DBJ unter Angabe von Band- und Seitenzahl verwiesen ist; die zu jedem Namen der 
Totenliste angefuhrte Literatur verzeichnet die Quellen des Bearbeiters und gibt auch 
weitere, zum Teil aus zweiter Hand geschopfte Hinweise; W deutet dabei an, daB dort 
ein Verzeichnis der Werke des Verstorbenen, P, daB ein Portrat beigegeben ist. Wo jkein 
Jahrgang angegeben ist, ist der Jahrgang 1921 gemeint. 



Andere Abkiirzungen sind: 

A A = Amtliche Auskunft. 
AD = Das akademische 

Deutschland. 
AdW = Akademie der 

Wissenschaf ten . 
A A1Z = Allg. Musikzeitung. 
A T = Adeliges Taschen- 

buch. 
B = Brockhaus, Handbuch 

des Wissens, 6. Aufl., 

1923/24. 
BB = Borsenblatt. 
BJ s.DBJ. 
BKW = Berliner Klinische 

Wochenschrift. 
BR = Briimmer, Lexikon 

der deutschen Dichter, 

6. Aufl. (1913). 
BZ = Bibliographic der 

deutschen Zeitschriften- 

literatur. 
ChZ = Chemiker-Zeitung. 
DBJ = Deutsches Biogra- 

phisches Jahrbuch. 
DBZ = Deutsche Bauzei- 

tung. 
DJZ = Deutsche J uristen- 

zeitung. 
DKZ= Deutsche Kolonial- 

zeitung. 
DMW = Deutsche Medizi- 

nische Wochenschrift. 
DUO ~ Deutsche Rund- 
schau fur Geographie u. 

Statistik. 



E = Echo, Das Blatt der 
Deutschen im Ausland 
(mit der Beilage E.v.T. 
= Echo vom Tage). 

EG = Eisenberg, GroBes 
Biogr. Lexikon der deut- 
schen Biihnen. 

ELK = Allg. evang.-luth. 
Kirchenzeitung. 

ERL = Ehren-Rangliste d. 
ehemah'gen deutschen 
Heeres (Berlin 1926). 

Frh T = Freiherrliches 
Taschenbuch. 

GK= DeutscherGeschichts- 
kalender. 

GT = Grafliches Taschen- 
buch. 

H = Hochland. 

HA = Handbuch despreu- 
Bischen Abgeordneten- 
hauses. 

HBL = Hirsch, Biograph. 
Lexikon der hervorr. 
Arzte. 

HNV= Handbuch der Na- 
tional versammlung. 

HV = Histor. Vierteljahrs- 
schrift. 

J A W= Jahresberichte iiber 
die Fortschritte der 
klass. Altertumswissen- 
schaft. 

JB = Jahrbuch der deut- 
schen Bibliotheken. 



JB Peters = Jahrbuch der 

Musikbibliothek Peters. 
JSTG = Jahrbuch der 

schiffsbautechn. Gesell- 

schaft. 
IZ = Leipziger Illustrierte 

Zeitung. 
Kchv = Kunstchronik. 
KL 17 = Kurschner, Deut- 

scher Literaturkalender 

1917. 
KR = Keiters, Katholischer 

Literaturkalender. 
KW = Kunstwart. 
L = Leopoldina. 
LE = Literarisches Echo. 
LJ= Lobells J ahresberichte, 
LNN = Leipziger Neueste 

Nachrichten. * 

LZ = Literarisches Zentral- 

blatt. 
MAR = (Miinchener) AU- 

gemeine Rundschau. 
MAZ = Miinchner Allg. 

Zeitung. 
MMK = Miinchner Medi- 

zinische Klinik. 
MMW = Miinchner Medi- 

zinische Wochenschrift. 
MS = Miiller-Singer, Allg. 

Kiinstlerlexikon . 
MW = Militarwochenblatt. 
Meyer*, 7 = Meyers (Kon- 

versations-) Lexikon, 6. 

(7.) Auflage. 



288 



Verzeichnis dcr Abkiirzungeci 



N = Die Naturwissen- 
schafteu. 

NMZ = Neue Musikzei- 
tung. 

NZZ = Neue Ziiicher Zei- 
tung. 

OR = Osterrekh. Rund- 
schau. 

PBL = Fagel, Biogr. Lesi- 

kon hervorr. Ante. 
. PF = Foggendorff, Biogr.- 
Uterar. Handworterbuch 
zur Gesch, der exakteu 
Naturwisseuschaf ten . 

PM = Petermanns Mittei- 
luugen. 

FY - Pataky, Lexikon 
dentecher Frauen der 
Feder. 



if 1 = Riemaan, Musik-Lexi- 

kon, 8- Aufl. (1922). 
RH ~ Reichstagshandbuch* 
SB = Sitzungsberichte. 
SchK = Schwabische Chro- 

ttik. 
SM = Schwab. Merkur. 
SMH = Suddeutsche Mo- 

natshefte. 
Sos. MM ^ Sozialistiscfae 

llouatshefte. 
St* u. E. =• Stahl uud Eiseu, 
TB = Thieme- Becker, Allg + 

J>xikon der bildenden 

Kiinstler. 
TR = Tagliche Rundschau. 
U = Universum. 
UAT— UradeligesTascheu- 

buch. 



UK = Aschersous Univer- 

aitaU-Kaknder. 
VDI = Zcitschrift dea Ver- 

eius deutseher Inge- 

nteure. 
VZ = Vossische Zeitung. 
WP,* = Wer Ufa? (7. u. 

8. Auflage). 
W J = Wurttembergisch.es 

Jahrbuch. 
WMW = Wiener Medizin. 

Wochemschrift. 
WN = Wtirttembergischer 

Nekrolog. 
WZ = Weser-Zeitung. 
Ztf = ZentraIblattder Bau~ 

verwaltung* 
2B»W = Zentralblatt fiir 

Bibhothekwescn. 




Totenliste 



Abichl, Rudolf, Dr. phil., Prof., Privatdoz. 

fur slaw. Philol. a. d. Univ. Breslau, Pfar- 

rer em. der evang. u ooo-Jungfrauen- 

Kirche in Breslau; * Breslau 9. VIII. 

1850; f Breslau 12. II. — WI 7 (W) ; 

LZ Sp. 222; TR 17. VI. 
A blotter, Johannes Leonhard, Prasident 

a. D. der wiirtt. Ministerialabteilung fur 

gelehrte Schulen; * Heidenheim 30. XI. 

1844; f Stuttgart n. VI. — SchK. 

Nr. 263, 266, 267; WJ fiir 1921/22. 
Ackermann, Friedrich, Ingenieur im Neun- 

kircher Eisenwerk von Gebr. Stumm ; 

* Reichelsheim 16. I. 1857; f Neunkir- 
chen 1. VII. — VDI 65, 998 (P). 

Adamkiewicz, Albert, Dr. med., o. Prof. d. 
Medizin a. d. Univ. Wien, Erforscher der 
Krebskrankheit, Erfinder des »Kan- 
kroin«; * Zerkow 8. VIII. 1850; f Wien 
31. X. — W.: »Krebsoperationen sind 
Verbrechen* (191 7); »Die Eigenkrafte 
der Stoffe* (1920); »Prof. Dr. Albert A.« 
(19 14) = Biographien zeitgen. Dichter 
und Denker 2; KL (W);PBL 5— 7 {*): 
Meyer 7 I, 105; LZ Sp. 985; WI 8 1767; 
TR 19. XI. 

Albers-Schdnberg, Heinrich, Emil, Dr. med., 
o. Prof, der Rontgenologic an d. Univ. 
Hamburg; * 21. I. 1865; f Hamburg 
4. VI. — W.: » Rontgenatlas der Kriegs- 
verletzungen* (1916); Hrg. der »Fort- 
schritte auf dem Geb. der Rontgen- 
strahlen* und »R6ntgentechnikum«; 
LZ Sp. 486; DMW 785 f. (StrauB); 
Fortschr. auf dem Geb. der Rontgen- 
strahlen 28, 197 — 205 (Grashey); TR 
7. VI. 

Albu, Albert, Dr. med.. Prof, der inneren 
Medizin an d. Univ. Berlin, Patholog; 

* Frankfurt a. O. 8. III. 1867; f Berlin 
15. I. — W.: »Zahn- und Mundkrank- 
heiten in ihren Beziehungen zu organi- 
schen und allgemeinen Erkrankungen 
(1919, M922); PBL 26 (W); BKW 141 f. 
(Boas); MMK 1345 (P. Krause) ; DMW 

DBJ 19 



107 f. (Alkan) und 785 (0. StrauB) ; WMW 
253; Archiv fiir Verdauungskrankh. 27, 
224 — 226 (Alexander); TR 16. VI. 

d'Andrade, Francesco, Kgl. bayr. Kammer- 
sanger, Baritonist der Berliner Staats- 
oper, beriihmter Don-Juan-Darsteller; 
* Lissabon 11. 1. 1859; f Berlin 8.H.— P: 
Nationalgalerie Berlin (als Don Juan von 
Slevogt); AMZ io9;Signale 133; WJ fur 
192 1/22; Meyer 7 I, 556; JB Peters 192 1, 
7; Velh.u.Klas. Monatsh. i92i,H. 4,213 
— 2 1 6 (Hocker) ; R 8 26 ; Kla vierlehrer 42 ; 
B 1 , 8 1 ; BZ 48 ; Soz. MH 368 (N. Zeppler) . 

* Auguste Victoria, Deutsche Kaiserin, K6- 
nigin von PreuBen, geb. Prinzessin zu 
Schleswig-Holstein, Gemahlin Kaiser Wil- 
helmsll. ; * Dolzig (Niederlausitz) 22. X. 
1858 ; f Haus Doom (Holland) 1 1 . IV. — 
W.: Aus nachgelassenen Niederschriften 
(Gedichte), hrsg. von Ernst Pfeiffer, Ber- 
lin 1925. — Strecker, Unsere Kaiserin 
(1921); Kaiserin A. V., Gedenkblatt der 
Leipz. 111. Zeitung (1921); H. Wagenfiihr 
v . Arnim, Ansprache zum Gedachtnis 
(192 1); J oh. Kritzinger, Unsere ver- 
ewigte Kaiserin A. V., ein Gedenkblatt 
(1921); Kaiserin A. V., zum Gedachtnis. 
Hir ieben und Wirken, ihre Heimkehr 
und Beisetzung (R. Hobbing, 192 1); 
A.O.Meyer, Kaiserin A. V. (1921); J. 
Vogel, A. V. (1921); Bogdan Krieger, 
Unsere Kaiserin als Landesmutter 19 14 
bis 1 9 18 (192 1); lyindenberg, D. Buch 
der Kaiserin A. V. (1927) — Meyer 7 1, 
1 1 50 f.; BZ 48 u.49; Neue Christoterpe 
1922, 1 — 10 (Conrad), 1925 (Briefe der 
Kaiserin, hrsg. von Bartelsu. Kogel); IZ 
4046 (P; du Moulin Eckart) und 4047 (Bil- 
der der Beisetzung) ; Monatsschr. fiir Pas- 
toral theol. 1 7, 209 — 2 1 2 (Dryander) ; Kon- 
servat. Monatsschr. 455 (Everking) und 
540 bis 544 (Koppen); Allg. Rundschau 
(Miinchen) 18, 208 (Aschenbrenner) ; 
PreuB. Kirchenztg. 37 (Raack) ; Mitteil. 
d. Ver. fiir Gesch. Berlins ^3, 17 (Torge) ; 



290 



Totenliste: Balan — Beseler 



ELK 262 f ; KW 34 II, i22;Zentralbl. der 
christl. Gewerksch. 21, 119; Die Frau 28, 
235 (Hel.Lange); Christl. Welt 35, 282 
(Martin), Deutsche Lehrerzeitung 182 
(Weber); E 1263 — 1265 (P); DBJ 3, 
S.n/13 (A.O.Meyer). 

Balan, Curt, D. theol., President des Evang. 
Konsistoriums der einstigen Provinz Po- 
sen, Mitgl. der preuBischen Generalsynode 
seit 1900, Vors. des Posener Provinzial- 
verb. fiir Innere Mission; * Breslau 4. X. 
1855; f Potsdam 4. XII. —ELK 32; 
WI 7 53- 

Barthel, Max, Direktor der staatl. Maschi- 
nenbau- und Hiittenschule in Duisburg; 

* Potsdam 17. X. 1863; f Duisburg 21. I. 
— VDI 65, 446 (P). 

Bassewitz-Levetiow, Karl Heinrich Ludwig 
Graf v., 1 90 1 — 14 mecklenb.-schwerin. 
Staatsminister, Wirkl. Geh. Rat, Exz. f 
FideikommiBbesitzer ; • Schwerin 3. III. 
1855; t Bristow 23. II. — Meyer 7 I, 1546; 
WI 7 68, 8 i768; GT 1922. 

Battenberg, Ludwig Prinz von, Durch- 
laucht, 191 2 — 17 Erster Seelord der 
englischen Admiralitat; * Graz 24. V. 
1854; f Paris 11. XI. — Meyer 7 I, 
1563; WI 7 69; 8 1768; Hessenland 35, 
142. 

Baudlssln, Graf Friedrich v., Admiral a. D.; 
vormals a la suite des Seeoffizierkorps, 
1908 — 09 Chef des Admiralstabes, 1909 
bis 191 3 Chef der Marinestation der 
Nordsee, Ritter des Schw.-Adler-Ordens; 

* Schierensee (Holstein) 3. IV. 1852; 
t Charlottenburg 5. II. —Meyer 7 I; WI 7 
70, 8 1768. 

Bauer, Alexander, Dr. phil., Dr.-Ing. e. h., 
emer. Prof, der Chemie a. d. Techn. Hoch- 
schule Wien; * Altenburg (Ungarn) 16. II. 
1836; f Wien 13. IV. — W.: »Lehrbuch 
der chemischen Technik* (mit Hinter- 
berger) (1865). — PFV 73 (W);KL(W); 
Pharmaz. Monatsh. (Pharmaz. Post) 
1 92 1, 61; Almanach 71 (1921) der AdW 
Wien 180 — 183; Osterr. ChZ 99 — 104 
(Bock); ChZ 585 (Pribram); Zeitschr.fur 
angew. Chemie 34, 401 (Diergart). 

v. d. Beek, Theodor, Bildnis- und Genre- 
maler; * Kaiserswerth 20. IV. 1838; 
f Dusseldorf 15. III. — MS 91 (W); 
Kchr 56, 523. 

Beger, Albert v., Baudirektor der wurttem- 
bergischen Domanendirektion, Erbauer 
zahlr. staatl. Bauten ; * Geislingen 1 1 . III. 
1855 ; f Stuttgart 14. VIII. — Wiirttemb. 
Staatsanz. 191; SchK m\ DBZ 316; 
WJ fiir 1921/22; ZB 621 — 623 (Rimmele) 
(P). 



Behaghel, Karl Hermann, Oberbaurat, 
ehemal. Vorstand der evang. Kirchen- 
Bauinspektion in Heidelberg, bedeu ten- 
der Kirchenbaumeister Bad ens; * Mann- 
heim 6. I. 1839; | Leipzig 7. IV. — DBZ 
148. 

Behla, Robert, Dr. mid., Prof., Regierungs- 
und Geh. Medizinalrat, Mitglied des 
PreuBischen Statist. Landesamts, Medi- 
zinalstatistiker; * Luckau (N.-L.) 2. VI. 
1850; | Charlottenburg 22. I. — PBL 
122 f. (W); Neues Lausitzer Magazin 97, 
206; WI 7 89; TR 27.I. 

Benzler, W T illibrord, D. theol. , 1901 — 19 19 
Bischof von Metz; * Niederhemer 16. X. 
1853; | Baden-Baden 16. IV. — W.: »Er- 
innerungen aus meinem Lebenf, hrsg. v. 
Pius Bihlmeyer-Beuron (1922). — Meyer 7 
II, 122; KR 1914, 43; IZ4047 (P); WI 7 
100; ElsaB-lothr. Jahrb. I (1922), 185 f. 
(M. Spahn); B I, 239; TR 19. IV.; Ev. 
T1364. 

Berchem, Max v.. Orientalist, besonderer 
Kenner der Inschriften Syriens und Agyp- 
tens, Mitarb. von Sasse-Herzfelds Archao- 
log.Reise(i9ii — 20); •Genf 16. III. 1863. 
t Genf 7. III.— LZSp. 301 ; MiinchnerKa- 
lender 19 19/21 (Jg. 36) (G. A. Seyler); 
S0Z.MH841; Kchr 56, 804 f. (Sasse). 

Berg, Hans Hansen, Handelsdampferkapi- 
tan, im Kriege bekannt als Kapitan des 
Prisendampfers »Appam«; * Schauby bei 
Appenrade 23. IX. 1876; f Hamburg 
23. XI.— TR 12. XII. 

Berlepsch-Valendas, Hans Eduard v., Archi- 
tekt, Maler und Schriftsteller, Vorkamp- 
fer der Gartenstadtbewegung und Woh- 
nungsreform, 1. stellv. Prasident der 
Miinchner Oriental. Gesellschaft; • St. 
Gallen 31. XII. 1852; f Planegg bei Miin- 
chen 17. VIII. — W.: » Sozialismus und 
geistige Erneuerung* (192 1). — MS I, 
inf.; KL 17 (W) ; LZ Sp. 669; LE 24. 56; 
DBZ 307; Kchr 56, 868; WI 7 105, 8 1768; 
Meyer 7 11. 171. 

* Beseler, Hans v., Generaloberst, Eroberer 

von Antwerpen (1914) und Nowo-Geor- 
giewsk (191 5). 191 5 — 18 deutscher Gene- 
ralgouverneur von Polen; * Greifswald 
27. IV. 1850; f Neubabelsberg 20. XII. — 
W.: »Gedanken iiber Ausbildung und 
Truppeniibungen« (191 3); »Die allge- 
meine Wehrpflicht, Gedenkwortt (191 3). 
— Technik und Wehrmacht 25, 17 
(Schwarte); WI 7 113, 8 1768; B 1 256; 
TR 23. XI.; DBJ 3, S. 13/19 (v.Tschisch- 
witz) . 

• Beseler, Max v., Dr. iur., 1905 — 17 preuB. 

Justizminister, Ritter des Schwarzen- 
Adler-Ordens; * Rostock 22. IX. 1841; 



Totenliste: Bethmann Hollweg — Bofldorf 



291 



t Berlin 24. VII. — WI 7 113, B I, 256; 
Meyer 7 II. 245 ; TR 26. VII. ; Evh. T 2384 ; 
DBJ 3, S. 19/21 (Huber). 

* Bethmann Hollweg, Theobald v., Dr. iur., 
1908 — 17 deutscher Reichskanzler und 
preufi.Ministerprasident, vorher seit 1896 
Reg.-Prasident in Bromberg, 1899 Ober- 
prasident der Provinz Brandenburg, 1905 
preufi. Minister des Innern, 1907 Reichs- 
staatssekretar des Innern ; • Hohenfinow 
29. XI. 1856; t Hohenfinow 2. I. — W.: 
• Betrachtungen zum Weltkriege«, 2 Bde. 
(191 9, 1 921); »Friedensangebot und U- 
Bootkrieg* (19 19); »Kriegsreden«, hrsg. 
von F. Thimme (19 19). — H. Koetschke, 
Unser Reichskanzler. Sein Leben und 
Wirken (1916) ; G. Egelhaaf , Th. v. B. H., 
der f iinf te Reichskanzler (Aufrechte Man- 
ner, 6. 1916); B. Guthmann und R. Kir- 
cher, Bethmann — Tirpitz — Luden- 
dorff, Regierung und Nebenregierung 
(Flugschr. der Frankf. Ztg., 1919); 
Junius alter, Das Deutsche Reich auf 
dem Wege zur geschichtlichen Episode. 
Eine Studie Bethmann Hollwegscher 
Politik in Skizzen und Umrissen ( f i9i9); 
W. Kapp, Die nationalen Kreise und 
der Reichskanzler, Denkschrift (19 16); 
E. Majer-Leonhard, Die Frankfurter 
Ahnen des Reichskanzlers (1914); 
H. Fhr. v. Liebig, Die Politik B.s (1919); 
Ferdinand Graf v. Zeppelin, Wichtige 
Brief e in ernster Zeit (an B. H.) (1916). — 
Monatsh. fiir Politik u. Wehrmacht 50, 
113 — 126 (v. Liebig); Deutsche Politik 
6 I, 81 — 86 und 186 — 191 (Thimme); 
Soziale Praxis 35; Deutsche Stimmen 
24. VIII. 1919 (Stresemann) , abgedr. in 
Stresemann, Reden und Schriften, Bd. I, 
1926, S. 296/310; Die Hilfe 4 (Heile); 
Forum 89 — 92 (Herzog); Allgem. Rund- 
schau 18, 25 (Eisele); 19, 65 (v. Land- 
mann); MAZ 9; Gegenwart 50, 358 
(Erenyi) ; KW 34 I, 289 — 292 (Troeltsch) ; 
Deutsche Revue Juni 1922, 194 — 204 
(Wahnschaffe) ; Ecce Pforta 19 19/21, 68; 
IZ 4039 (P); Soz.MH 1921, 33 f. (Kra- 
nold); WI 8 1769; E 185 f.; Herres Polit. 
Handworterbuch I, 222 <(F. Hartung); 
GK 192 1, I, S. 10 [Nachrufe im Reichs- 
DBJ 3, S. 21/41 (F. Hartung). 

Bewer, Max, Schriftsteller und Bismarck- 
Forscher; * Diisseldorf 19. I. 1861; 
t Laubegast 13. X. — W.: »Gedichte« 
(1895); »Gedanken tiber Bismarck* 
(•1890) ;»G6ttliche Lieder* (*I9I9) ; » Weis- 
heit und Humor* (Auswahl, 192 1 ) ; »Schil- 
lers letzte Stunden* (dramat. Werk). — 
WI 7 n8. 8 1769; KL 17 ; BR I, 221 f.; KZ 
702 (Sametzki) ; Das deutsche Theater, 



Jahrb. I (1922/23), 416; GK; LZ 828; 
LE 24, 308; LNN 16. X.; E 3401. 

Bodenhausen, Bodo Freiherr v., Dr. iur. et 
Dr. iur h. c. (Berlin), Kammerherr, Land- 
rat a. D., ehemals Mitghed des preuB. 
Herrenhauses ; * Leipzig 29. XI. 1841; 
t HaUe a.S. 7. V. — Frh.T 1924. 

Bdhm, Theodor, em. o. Prof, des Hoch- 
baus a. d. Techn. Hochschule Dresden, 
Geh. Hofrat; * Cleve 17. II. 1847; t Dres- 
den 18. V. — W.: »Handbuch der Holz- 
konstruktionen des Zimmermanns* 
(1911). — DBZ 1917, 76 und 1921,215. 

Boehn, Max v., Generaloberst, Chef des 
Schlesw. -Hoist. Inf. -Reg. Nr. 163, a la 
suite des Inf. -Reg. Hamburg Nr. 76, 
Ritter des Schwarzen-Adler-Ordens und 
des Ordens pour le merite mit Eichenlaub, 
Kriegsteilnehmer 1870/71 und 191 4/1 8, 
im Kriege 2. VIII. 1914 bis 2. II. 1917 
Fuhrer des IX. Reservekorps, darauf bis 
11. III. 1917 der Armeeabteilung C, und 
bis 31. X. 1918 Oberbefehlshaber der 
7. Armee; * Bromberg 16. VIII. 1850; 
j Schlofl Sommerfeld 18. II. — IZ 4043 
(P); DerKrieg 19 14/ 19, hrsg. von Dietrich 
Schafer, III 199; Meyer 7 H 606; TR19. II. 

* Bonnet, Robert, Dr. med., em. o. Prof. 

der Anatomie a. d. Univ. Bonn, Geh. 
Medizinalrat, Mitbegrunder des Archivs 
fiir Anatomie; * Augsburg 17. II. 1851; 
j Wiirzburg 13. X. — W.: »Lehrbuch der 
Entwicklungsgeschichte* ( 8 i9i8, 4 i92o); 
»Der diluviale Menschenfund von Ober- 
casseU (1919). — PBL I, 213 f. (W); LZ 
860; Soz.MH 1 07 1 ; Zeitschr. fiir die ges. 
Anatomie 1922, 425; WI 7 162, ^769; 
DBJ 3, S. 41/43 (Sobotta). 

• BoBdorf, Hermann, niederdeutscher Dich- 

ter, Obertelegraphenassistent a. D., Verf. 
plattdeutscher Dramen; * Wiesenburg 
(Flaming) 29. X. 1877; f Hamburg 24. 
IX. — W.: »De Fahrkrog« 1919, »Bahn- 
meesterDodf, »KramersKray« (1920), »De 
rode t)nnerrock«; ein Stortebeckerdrama 
bheb unvollendet; »Eichen im Sturm « 
(1919); »01e Klocken« (Balladen, 1919); 
»Det Schattenspel« (Komodie, 1920); 
» Letzte Ernte«, hrsg. von A. Janssen 
(1922); Hermann B.-Buch«, hrsg. von 
A. Janssen (1922). — LZ yjy, LE 186 
und 258 (Janssen); Das Land 30, 32 
(Dohse) ; Unser Pommerland 6, 396 (Jans- 
sen) ; Mitteitungen aus dem Quickborn 
15, 26 — 30 (Janssen und Wriede) und 60 
(Briefe) ; Niedersachsen 27, 299 (Janssen) ; 
Deutsches Volkstum 1922, 189 (R. 
Werner); Die Trese (Liibeck) I, 2, 8 — 11 
(Fromme); Das deutsche Theater-Jahrb. 
I, 416; DBJ 3, S. 43/47 (Janssen). 



292 



Totenliste: Bracht— Bulach 



• Bracht, Eugen, Prof. a. d. Akadernie der 
bild. Kiinste in Dresden, Geh. Hofrat, 
Landschaf tsinaler ; * Morges bei Lausanne 
3. VI. 1842; f Darmstadt 15. XI. — W.: 
»Abenddammerung am To ten Meer« 
(188 i f Nationalgalerie, Berlin); »Ziehende 
Wolken* (Kunsth., Karlsruhe) ; »Wald- 
wiese« (Pinakothek, Miinchen) u. a. — 
WI 7 i 75 (W), 8 i769; B I 338 (W) ; MS I, 
167 f.; Kchr 57, 159 f.; IZ 4062; KW 3; 

1, i83;LNNi7.XI.;TRi8.XI.;E 3929"; 
DBJ 3, 47/52 (Amersdorf fer) . 

Brandt, Marianne (d. i. Marie Bischof), Kgl. 
preufl. Kammersangerin, (1868 — 86) Al- 
tistin der Berliner Hofoper, 1882 Kundry 
in Bayreuth; * Wien 12. IX. 1842; 
f Wien 9. VII. — Meyer 7 II, 78 1 ; R 8 1 35 ; 
Soz. MH 1 007 ; EG 121; Signale 756 ; AMZ 
545; NMZ 42, 396; Die Stimme 15, 229; 
Rheinische Musik- und Theater -Zei- 
tung 263; Klavierlehrer in; J B Peters 
7. — La Mara, Musikalische Studien- 
kopfe V; M. Steinitzer, Meister des Ge- 
sanges. 

Bredt, Max, Orient- und Portratinaler; 

* Leipzig 17. VI. i860; f Ruhpolding 
18. VI. — WJ fur 1921/22; WI 7 187; 
MS I, 174; Kchr 56, 727. 

Bressler, Emil, Oberbaurat, Architekt, 
friiher President der Zentralvereinigung 
der osterr. Architekten, Erneuerer des 
Palais Windischgraetz in Wien u. a.; 

* Wien 3. XII. 1847; t Wien 29. I. — 
W.: Schlofl Mauer; Ausstellungsbauten 
Amsterdam 1883, Antwerpen 1885. — 
WI 7 182; MS I, 177; DBZ 64. 

Brock, Heinrich, Dr. tned., Geh. Sanitats- 
rat, Generalsekretar der Balneologischen 
Gesellschaft, Herausgeber der Schriften 
derselben; * Bromberg 29. VIII. 1832; 
| Berlin 30. V. — LZ 496; Allgem. Med. 
Zentralztg. 90, 1 39 (Hirsch) ; Korresp.-Bl. 
der arztl. Bez.-Vereine in Sachsen 92, 2 1 1 ; 
TR 3. VI. 

Brockhaus, Albert, Verlagsbuchhandler, 
Chef der Brockhausschen Verlagsbuch- 
handlung in Leipzig, 1901 — 07 1. Vor- 
steher des Borsenvereins der deutschen 
Buchhandler, 191 1 — i8Mitgl.der i.Kam- 
mer des sachs. Landtags; * Leipzig 

2. IX. 1855; f Leipzig 27. III. — W.: 
♦Netsuke, Versuch einer Geschichte der 
japan. Schnitzkunst « 1905, * 1925. — 
KLi7;BBf.d.deutsch. Buchh. 1921,1,6 
(B. Hartmann); LZ 301; IZ 4046 (P) ; 
Meyer 7 II, 904; LE 23, 956; WI 7 198. 
8 1 770; B I, 359; »Dieersten Vorsteher des 
Borsenvereins der deutschen Buchhand- 
ler 1825 — 192541 (Leipzig 1925), S. 127 
bis 130 (P). 



Buchholz, Hugo, Dr., Prof, der Astronomic 
a. d. Univ. Halle; * Lubeck 2. IV. 1866; 
f Halle a. S. 24. XI. — W.: »Angewandte 
Mathematik. Dasmechanische Potential*, 
■1916; »Theorie und Berechnung der 
statistisch unbestimmten Tragweite*. 
192 1, Bearb. von Klinkerfus, »Theoret. 
Astronomie*. — LZ 964; H 17 II, 57 — 73 
(Linzen); TR 25. XL; PF V, 182." 

Buchner, Max, Dr. tned., Prof., Ethnograph 
und Forschungsreisender, 1887 — 1907 Di- 
rektor des ethnograph. Museums in Miin- 
chen; 1875 Reise urn die Welt in engl. 
Dienst, 1884 nrit Nachtigal in Afrika 
(Schutzvertrag iiber Togo); * Miinchen 
25. IV. 1846; f Miinchen 25. IV. — \V.: 
»Reise durch den Stillen Ozean« (1878); 
»Kamerun« (1888); »Das Bumerang- 
werfen« (1918) ; »Eine orientalische Reise 
und ein konigliches Museum « (191 9). — 
KL 17 (W); Meyer 7 II, 1029; PF IV. 200; 
LZ428; Soz. MH 735; PM 130; WI 7 2i3. 
8 1770; TR 11. V.; EvT 1596. 

Budde, Emil Arnold, Dr. ph., Physiker. 
Dr.-Ing. e. h.. Prof., 1893 — 1 9 11 Vor- 
standsmitgl., seitdem Mitgl. des Auf- 
sichtsrats der Siemens-Schuckertwerke. 
Vorsitzender der Vereinigung fur exakte 
Wirtschaf tsf orschung ; * Geldern 28. VII. 
1842; | Feldafing a. Starnberger See 1 5 . 
VIII. — W.:»LehrbuchderPhysik«(i879), 
> Mechanik der Punkte im starren System « 
(2 Bde, 1890 — 91); frNaturwissenschaft- 
liche Plaudereien* ( 2 i9o6). — Meyer 7 II, 
io 4 if.; PFV. 183 (W); LZ692; Verh. 
der dtsch. physikal. Ges. Ill 2, 66; 
Dinglers Polytechn. Journal 336, 291; 
Elektrotechn. Zeitschr. 42, 11 53 f. (Wer- 
ner); Soz.MH 1012; TR 20. VIII. 

Buhl, Otto v., wiirtt. Staatsrat a. D., seit 
1902 lebenslangliches Mitglied der 1. 
wiirtt. Kammer, 191 3 I. Vizeprasident 
derselben, Prasident der evang. Landes- 
synode Wurttembergs, seit 1891 Vor- 
tragender Rat im wiirtt. Finanzmini- 
sterium; * Stuttgart 29. VIII. 1842; 
f Stuttgart 29. XI. — WJ fur 1921/22; 
Wurtt. Staatsanz. Nr. 281; SchK 553; 
Das Bayernland 32, 371 (Forster); SMH 
Nov. 1 92 1, 97 (Guttenberg-Buhl) ; EvT 
2184. 

BQhlmann, Josef, Dr.phil., Dr.-Ing. e. h. ; 
o. Prof, der Baukunst a. d. Techn. Hoch- 
schule Miinchen, Geh. Hofrat; • GrofJ- 
wangen 28. IV. 1844; f Miinchen 29. X. 
— W.: »Die Architektur des klass. Alter- 
tums in der Renaissance*, 3 Bde., 191 3 
bis 1919. — DBZ396; ZB576; MSI, 194; 
WI 1 217, 8 i77o; KL 17. 

Bulach,s. Zorn. 



Totenliste: Biilow — Daenell 



293 



* Billow, Karl v., Generalfeldmarschall, 
Chef des ehem. Gren.-Regts Nr. 12, Dom- 
herr von Brandenburg, 2. VIII. 191 4 bis 
4. IV. 191 5 Oberbefehlshaber der 2. Ar- 
mee; * Berlin 24. III. 1846; | Berlin 
31. VIII. — W.: »Mein Bericht zur 
Marneschlacht* (19 19). — Meyer 7 II, 
1079; IZ 4056 (P); WI 7 2i8, 8 i77o; TR 

4. IX.; E 2825; DBJ 3, 52/61 (Rey- 
mannj. 

Buesgen, Moritz, Dr. phil., o. Prof, der Bo- 
tanik an der forstl. Hochschule in Han- 
nover-Minden ; * Weilburg 24. VII. 1858; 
| Hannover-Mind en 12. VI. — W.: »Bau 
und Leben unserer Waldbaume* * 191 7. — 
KL 17 (W); LZ 509; PM 164; Soz.MH 
1922, 124. 

Burckhardt, Albrecht, Dr. med., em. Prof, 
der Hygiene an d. Univ, Basel; * Basel 
13. VII. 1853; f Basel 2. XI. — W.: 
» Untersuchungen iiber die Gesundheits- 
verhaltnisse der Fabrikbevolkerung in 
der Schweiz«; » Geschichte der medizin. 
Fakultat zu Basel 1460 — 190041 (191 7). — 
PBL 282; LZ 1020; Schweiz.Med. Woch.- 
Schrift 52, 460 (J. L. Burckhardt). 

Burlage, Heinrich Eduard, Reichsgerichts- 
rat, M. d. R. (Zentrum), 2. Vors. der Zen- 
trumsfraktion des Reichstags, 1897 bis 
1907 Mitgl. des oldenburg. Landtags, 
Mitarb. des Kommentars zum BGB. von 
Reichsgerichtsraten ; * Huckelrieden 25. 
XI. 1857; f Berlin 19. VIII. — KL 17; 
WI 7 22*8; Meyer 7 II, 1126; LZ 670; Mit- 
teilungen des Verb, deutscher Paten tan w. 
Jahrg. 1921, 124; LNN 22. VIII.; E 2719. 

Camerer, Gottfried Rudolf, Dr. phil., Dr.- 
Ing., Prof, der Maschinenbaukunst an der 
Technischen Hochschule in Miinchen; 

* Karlsruhe 25. VIII. 1869; f Miinchen 
19. IV. — W.: »Beitrage zur Berechnung 
der Zentripetalturbinen « (19 13); »Vor- 
lesungen iiber Wasserkraftmaschinen« 
(1914. »I924). — LZ 383; WI 7 2 3 9, 
8 1 770; TR 24. IV. 

Cauer, Paul (Pseudon.: Ludwig Logander), 
Dr. phil. Geh. Reg. -Rat, Provinzialschul- 
rat von Westfalen und o. Honorarpro- 
fessor der klass. Philologie, der Padagogik 
und der Geschichte des hoheren Schul- 
wesens a. d. Univ. Munster; * Breslau 
17. XII. 1854; t Minister 26. XI. — W.: 

♦ Die Kunst des t)bersetzens«, 1894, 

5. Aufl. 1 9 14; »Siebzehn Jahre im Kampf 
um die Schulref orm « ( 1 906) ; » Aus Beruf 
und Leben Heimgebrachtes« (19 12); 
» Aufbau oder Zerstorung ? EineKritik der 
Einheitsschule« (19 19); »Beigaben zur 
Hiasund Odyssee* (1920); »Grundfragen 
der Homerkritik* ( 8 i92i); »Ketzereien 



iiber Lehrerbild.* (1920); »W. Rathenaus 
st aatsbiirgerliches Progr amm « ( 1 9 1 8 ) ; 
»Von deutscher Spracherziehung* (*I9I9). 
— LZ 985; KL 17 (W); WI 7 246; Neue 
Jahrb. fur klass. Altertum II, 1922, 
S. 42 — 47 (Schurig); Das humanistische 
Gymnasium 1922, 2 — 7 (Hoik); KW 35 I, 
255 (Avenarius); JAW 43, 1 — 33 (Fr. 
Cauer); Meyer 7 II, 13 19. 

Christians, Rudolf, Schauspieler u. Theater- 
leiter (Neues Schauspielhaus, Berlin); 
♦Middoge (Oldenburg) 15. 1. 1869; | Neu- 
york 2. II. — Rollen: Romeo, Hamlet, 
Richard III., Mephisto, Egmont. — WI 7 
253; EG 155 f. 

Conrad- Ramlo, Marie, beriihmte Ibsendar- 
stellerin des Miinchner Staatstheaters; 
•Miinchen 8. IX. 1850; | Miinchen i.X. — 
EG 162; Soz.MH 1008; Meyer 7 II, 171 1. 

* Czapek, Friedrich, Dr. phil. et med., o. 
Prof, der Botanik a. d. Univ. Leipzig, 
korresp. Mitglied der AdW Wien; * Prag 
16. V. 1868; f Leipzig 31. VII. — W.: 
»Ratgeber fiir Studierende der Botanik « 
(mit J. Meisenheimer, 1921); »Biochemie 
der Pflanzen« (3 Bde., "1913 — 21); Her- 
ausg. der »Monographien aus dem Gebiete 
der Physiolog. der Pflanzen und der Tiere 
(I9i4ff.). — Almanach 72 (1922) der 
AdW Wien, S. 168—170 (Becke) ; LZ 638; 
Soz.MH 1072; Ber. der Botanischen Ges. 
1 92 1 , Bd. 39, 97/1 14 (K. Boresch, Pund W) 
Lotos, Bd. 69. 3 — 14 (K. Boresch) ; TR 3. 
VIII.; Meyer 7 III, 144; DBJ 3, S. 61/64 
(W. Ruhland). 

Dachler, Anton, hervorragender Vertreter 
der osterr. Heimat- und Hausforschung; 
* Achau (N.-O.) 17. I- 1 841; t Wien 
31. X. — W.: »Das Bauernhaus in Nie- 
derosterreich«. — DBZ 412; Wiener 
Zeitschr. fiir Volkskunde, Jahrg. 15, S. 46 
(K. Rhamm), Jahrg. 27, S. 20 (Haber- 
landt) und S. 75 (Nachruf). 

Daenell, Ernst Robert, Dr. phil., Litt. Dr. 
h. c. (Columbia), LLDr. h. c. (Wisconsin), 
o. Prof, der Geschichte an der Univ. 
Munster; * Stettin 28. VIII. 1872; 
f Munster i. W. 17. XII. — W.: »Die 
Bliitezeit der deutschen Hanse« (gekr. 
Preisschrift, 2 Bde., 1906) ;»Geschichte der 
Verein. Staaten von Amerika«, (■1913, 
■1923); »Die Spanier in Nordamerika« 
(191 t) ; »Danemark« (1919); »Nordame- 
rika, Mittelamerika, Siidamerika«(Handb. 
der Staatengesch. 2, 9, 1923). — LZ 45; 
PM 17; KL 17 (W) ; WI 7 281 ; Meyer 7 III, 
232; Hansische Geschichtsblatter 47. 
Jahrg., Bd. XXVII, S. I/VII (1922) 
(D. Schafer m. P) ; TR 21. XII.; Die 
Neue Zeit (The News Times), Chicago, 



294 



Totenliste: Dantscher — Duensing 



111., Jahrg. IV, Nr. 4, 28. I. 1922 (F. 
Schonemann); Hist. Zeitschr. 125, 552. 
Dantscher v. Kollesberg, Viktor, Dr. phil., 
o. Prof. derMathematik a. d. Univ. Graz; 
♦Innsbruck 29. X. 1847; t Grazim VIII. 

— PF IV 296, V 260 (W); LZ 669. 
*Defregger, Franz v., Historien- und Genre- 

maler, Professor a. d. Miinchner Kunst- 
akademie, Ehrenbiirger der Stadt Miin- 
chen, Ehrenmitglied der Akademien Ber- 
lin, Wien und Miinchen, Ritter des Ordens 
pour le merite; * Stronach bei Dolsach 
(Pustertal) 30. IV. 1835, t Miinchen 2. I. 

— W.:»Dasletzte Aufgebot* 1874 (Hof- 
museum, Wien), tHofers letzter Gang* 
(Konigsberg) ; »Die Heimkehr der Sieger 
1809* (Nationalgalerie, Berlin); Ulustr. 
zu den Dichtungen »Von Dahoam* von 
Karl Stieler ( 1 92 1 ) . — Rosenberg, Def reg- 
ger ( 8 191 1) ; MeiBner, Franz v. Defregger 
(1900). — »Tyroler Ehrenkranz«, S. 144 f. 
(Josef Graber) (P); MS I, 324 f.; MAZ 20 
(Doering); Vein. u. Klas. MH Mai 1921, 
S. 303—308 (Stieler) (mit Bildern); LZ 
62; Christl. Kunst 17, 132 (Doering); 
Soz. MH 271 ; H 18 II, 763 (Ranftl) ; Kchr 
56, 299 — 303 (Uhde-Bernays) ; IZ 4039 
(Delphy) ; Gartenlaube 48 (Hagen) ; » Die 
Kunst fiir Alle« $6, 150; Die Woche 29 
(Kienzl) ; KW 34 1, 309 — 3 1 1 (A venarius) ; 
E 202; Meyer 7 III, 362; DBJ 3, S. 64/68 
(P.Schmidt). 

DelbrQck, Clemens Gottlieb v., Wirkl. Geh. 
Rat, Exz., Ritter des Schwarzen-Adler- 
Ordens, 1896 Oberburgermeister von 
Danzig, 1902 Oberprasident von West- 
preuBen, 1905 preuB. Minister fiir Handel 
und Gewerbe, 1909 — 16 Reichsstaats- 
sekretar des Innern und Stellvertreter des 
Reichskanzlers, darauf o. Honorarprof. 
a. d. Univ. Jena, X — XI. 1918 Chef des 
Zivilkabinetts des Kaisers, 1919 — 20 Ab- 
geord. zur Deutschen Nation alversamml. 
(Deutschnat. Volksp.), 1920 — 21 M. d.R.; 
♦Halle a. S. 19. 1- 1856; f Jena 18. XII.— 
W.: »Reden 1906 — 1916*, hrsg. von M. 
Frhr. v. Braun (1917); »Die Ausbildung 
fiir den hoheren Verwaltungsdienst in 
PreuBen (1917) ; »Die wirtschaftliche Mo- 
bilmachung in Deutschland 1914* (1924). 

— Joachim v. D., Clemens v. D. Ein 
Charakterbild (1922); Rich. Bahr, Cle- 
mens v. D. (1916). — IZ 4064 (P) ; Soziale 
Praxis 30, 1337; Deutsche Handelswacht 
29, 63; HNV 148 (P); wr 297, 8 i77i ; 
Meyer 7 III, 391; E 4177. 

Diederich, Franz, Dr. phil., Schriftsteller. 
Feuilletonredakteur des »Vorwarts«, ver- 
dient um das Volksbildungswesen ; 
* Hannover 2. IV. 1865; f Polzin 28. II. 



— W. :»Wintersonnenwende«, Spiel, 1893, 
M914; »Kriegssaat. Kampfgedichte 19 14 
bis 1916* (1916); » Fritz EberU (1919); 
• Jungfreudig Volk. Gedichte* (1925); 
»Von unten auf«, sozialist.-lyr. Antho- 
logie, 2 Bde. (191 1); »Flugschriften zur 
Ausdruckskultur*; »Lassalle-Breviert 
(1920) und » Marx-Brevier* (1920). — 
KL 17 (W); Soz. MH 418 f.;LE 23, 825; 
Die Neue Zeit 39 I, 561; BR II, 16; WI 7 
309; KW 34 II, 42 (Avenarius). 

Dietz, Wilhelm, Dr.-Ing. e. h., o. Prof, der 
Ingenieurwissenschaften a. d. Techn. 
Hochschule Miinchen, Geheimer Hofrat ; 
•Wien 19. V. 1850; | Miinchen 11. II. — 
W.: »Bewegliche Briicken* * (1907). — 
WI 7 316, 81771. 

Doebber, Johannes, Kapellmeister u. Kom- 
ponist; • Berlin 28. III. 1866; j Berlin 
26. I. — W.: »Der Zauberlelirling*; »Der 
Schmied von Gretna Green*; »Die Mil- 
lionenbraut* (Operette); Sinfonie op. 34; 
Lieder. — R* 252; JBPeters 192 1, 8; 
AMZ 71 ; NMZ 42, 164; Rheinische Musik- 
u. Theater-Ztg. 57; Klavierlehrer 26; Die 
Stimme 15, 140; WI 7 323; 8 1 771 . 

Ddring, Hans Georg v., Geh. Reg.-Rat, 
Oberstleutnant a. D., I9i4stellv. Gouver- 
neur der Kolonie Togo ; * Konigsberg i. Pr. 
7. IV. 1866; f Bochuin 24. XL — PM 
263; TR 25. XI.; AT 1920. 

•Dflhrlng, Eugen, Dr., Philosoph und 
Nation alokonom, Schriftsteller; * Berlin 
12. I. 1833; t Nowawes bei Potsdam 
21. IX. — W.: »Der Wert des Lebens 
( 8 i922); »Waffen, Kapital, Arbeit* 
( 3 i924) ; »Cursus der National- imd Sozial- 
okonomie* ( 4 i92 5). — EmilDoll, Eugen D. 
Seine Geisteshaltung im Leben und seine 
Bedeutung fiir die Nachwelt « ( 1 9 1 4 — 2 1 ) ; 
Emil Doll, »Eugen D.« (1893, W) ; F. 
Engels, »D.s Umwalzung der Wissen- 
schaft* (1878). — Kh 17 (W); LZ 791; 
Soz.MH975f. (Lau), 993 (Schmidt), 1132L 
(Kleineibst) ; IZ 4059 (P) ; LE 24, 248; 
Polit.-anthropol. Monatsschr. 21, 82 — 85 
(U. Diihring); WI 7 343. 8 i772; Meyer 7 
III, 1066; TR 30. IX.; E3121; Deutscher 
Herold, Jg. 23, 9, S. 113 — 120 (Dietr.Litt- 
mann); DBJ 3,8.68/74 (A. Wenzl). 

Duensing, Frida, Dr. iur., deutsche Sozial- 
politikerin, Direktorin (seit 19 19) der 
sozialen Frauenschule in Miinchen, Her- 
ausgeberin der Jahrbiicher fiir Jugend- 
pflege; * Diepholz 26. I. 1864; f Miinchen 
5. I. — W.: »Frida D. Ein Buch der Er- 
innenmg.«Hrsg. von Ricarda Huch u. a. 
(1922). — Monatsschr. fiir Kinderhort- 
wesen 5, 113 (Koepp) ; Die Frau 28, 140 
(Eudres), 161 — 167 (Briefe von F. D.); 



Totenliste: Dvorak — Eigenbrodt 



295 



Soz. MH 547 und 253; Frauenfrage 23, 9 
(Koepp) ; Kindergarten 70 ; Die Lehrerin 
37* J 49 (H. Bohme); Meyer 7 III, 1100. 
* Dvorak, Max, Dr. phiL, o. Prof, der 
Kunstgeschichte a. d. Univ. Wien; 

* Raudnitz a. E. 14. VI. 1874; f GruU- 
bach bei Wien 8. II. — W.: »Idealismus 
und Naturalismus in der gotischen Skulp- 
tur und Malerei« (19 18); »Katechismus 
der Denkmalspflege* (1916, , i9i8); »Zur 
Entwicklungsgeschichte der barocken 
Deckenmalerei in Wien « ( 1 920) ; » Betrach- 
tungen iiber die Entstehung der neuzeit- 
lichen Kabinettsmalerei*, hrsg. von h. 
Baldass (1923); » Kunstgeschichte als 
Geistesgeschichte « ( 1 924) . — Herausgeber 
von »Jahrb. des kunsthistor. Instituts in 
Wien« und (mit A. Burda) »Die Ent- 
stehung der Barockkunst in Rom « (1922). 
j— »Max D. zum Gedachtnis* von Dag. 
Frey (1922); »Ein Gedenkblatt zur 
Trauerfeier fur Max D.« (1922). — Al- 
manach 71 (1921) der AdW Wien, 253 
bis 259 (Schlosser); I,E 826; Die Denk- 
malpflege 23, 40 (Kohte) ; Hist. Zeitschr. 
124, 188; GK; hZ 172; Soz.MH 271; 
DBZ 76; Kchr 56, 409 u. 441 — 444 (H. 
Tietze) ; Meyer 7 III, 1 1 3 1 ; DB J 3, S. 74/77 
(H. Tietze). 

Dybwad, Peter, Baurat, Architekt in Iyeip- 
zig, Mitpreistrager beim Bau des Reichs- 
gerichts, Erbauer der Gartenstadt Ma- 
rienbrunn; • Christiania 17. II. 1859; 
f Leipzig 13. X. — DBZ 375; ZB 540; 
B 1,617. 

Eberleln, Richard, Dr. phil. et med., Prof, 
der Chirurgie an d. Tierarztl. Hochschule 
Berlin, dz. Rektor der Hochschule; 

* Groflsalze 16. X. 1869; f Berlin 10. XH. 

— W.: »Leitfaden des Hufbeschlags* 
(1903, 5 i9i3); »Kompendium der spezi- 
ellen Chirurgie fur Tierarzte* (1920) ; »Die 
Veterinarchirurgie und der Krieg* (1918). 

— KL 1 7 (W) ; WI '352, * 1772 ; Fortschr. 
auf dem Geb. der Rontgenstrahlen 29, 
126; Berliner tierarztl. Wochenschr. 38, 
92 (Schmaltz) u . 229 (Weiser) ; TR 1 2 . XII. 

Eberschweiler, Wilhelm, Nikolaus, S. J.; 

* Piittlingen (Saarbriicken) 5. XII. 1837 ; 
j Exaeten (Holl. Limberg) 23. XII. 
Novizemeister, Missionar, in Aachen, 
Gorheim, Wynonandsrade und Exaeten, 
Walter Sierp S.J. Ein Aposteldesinneren 
Lebens. W. E., SJ. (1837 — 1921), Frei- 
burg i. B. 1926. 

Eckenbrecher, Karl Paul Themistokles v., 
Landschafts- und Marinemaler; * Athen 
17. XI. 1842. t Kiel 7. XII.— W.: Nor- 
dische und orientalische L,andschaften 
und Marinebilder. — Meyer 7 III, 11 72; 



WI 7 355 f. (W); MS I. 384; Kchr 57, 
227 f.; TR 8. XII. 

Ecker, Otto, Dr. iur., seit 1900 Direktor der 
Hamburg- Amerika-Linie, 1909 ord. Dele- 
gierter des Deutschen Reichs zur internat. 
Seerechtskonferenz in Briissel; * Ham- 
burg 17. IV. i860; | Hamburg 22. XI. — 
WI 7 356. 

* Ehrenberg, Richard, Dr. cam., Geh. Hofrat, 
o. Prof, der Staatswissenschaften a. d. 
Univ. Rostock und Direktor des staats- 
wissensch. Seminars, Griinder des Insti- 
tuts f iir exakte Wirtschaf tsforschung da- 
selbst; • Wolffenbuttel 5. II. 1857, | Ro- 
stock 17. XII. — W.: »GroBe Vermogen* 
(1902) ; »Die Unternehmungen der Briider 
Siemens t (2 Bde., 1006 — 16), »Landar- 
beit und Kleinbesitz* (1 iBde., 1906 — 1 1) ; 
♦ Die Fugger, Rothschild, Krupp* ('1925) ; 
»Das Haus Parish in Hamburg « ("1925). 

— Herausgeber des »Archiv fiir exakte 
Wirtschaf tsforschung*. — LE 24, 575; 
Soziale Praxis 30, 1337; LZ 45; Ecce 
Pforta, Jahrg. 1919/21, S. 49; WI 7 361, 
8 1 772; TR 20. XII.; Meyer 7 III, 1238; 
DBJ 3,S. 77/80 (C. v. Eickstedt.) 

*Ehrenwerth, Josef Gangl von E., ehem. o. 6. 
Prof, der Eisenhiittenkunde an der mon- 
tanistischen Hochschule in Leoben(Steier 
mark), Hofrat, Dr. mont. h. c, Dr.-Ing. 
h. c; * Spittal in Karnten 14. VI. 1843; 
t Klagenfurt 12. I. —St. u. E. 41. I, 283 
(F. Schraml m. P); DBJ 3, S. 80/82 (O. 
v. Keil-Eichenthurn). 

Elchhoff, Franz Richard, o. Prof, der Eisen- 
hiittenkunde an der (friiheren) Bergaka- 
demie Berlin, vorher (1904 — 06) Direktor 
der Elektrostahl-G. m. b. H. in Rem- 
scheid; * Essen 1. IV. 59; \ Berlin 1. VI. 

— WI 7 366; LZ 486; St. u. E. 41 n, 944 
(P); TR 4. VI. 

Elchhorst, Hermann Ludwig, Dr., Prof der 
inneren Medizin a. d. Univ. Zurich, Direk- 
tor der Medizinischen Klinik; * Konigs- 
berg 3. III. 1849; | Zurich 26. VII. — 
W.: »Hygiene des Herzens und der Blut- 
gefaBe« ( 3 i9i5, 4 i922). — PBL 447 f . 
(P) ; I,Z 628 ; sichweiz. Med. Wochenschr. 
51,881 (Huber); BKW 1260; DMW 1,304 
(Naegeli); WI 7 366, % \-j-]2. 

Eigenbrodt, W T olrad (Pseudon.: E. Wolrad), 
Dr. phil., Lektor der schwed. Sprache 
und Ijteratur a. d. Univ. Jena, Schrift- 
steller; * Koblenz 10. VI. i860; f Jena 
25. V. — W.: »Marchen« (1886); »Ge- 
dichte« (1896); »Aus der schonen weiten 
Welt« ( 4 i9i8); »Baumchen im Fruhling. 
Kinderlieder« (1919); »Friihlingsgarten. 
Kinderlieder« (192 1). — »Schwedentum 
an deutschen Universitaten. Gedenk- 



296 



Totenliste: Engel — Erzberger 



schrift fur D. W. E.« Hrsg. von seinen 
Schiilern und Freunden (Geleitwort: R. 
Eucken, 1922). — KL 17 (W); LE 23, 
1214; LZ 446; TR 26. V. und 2. VI. 
Engel, Johann Friedrich (auch John Fre- 
derik) Landschafts-, Portrat- und Genre- 
maler; * Bernkastel a. d. Mosel 27. IV. 
1844; t Miinchen 2. III., lebte 1847 — 62 
und 1868 — 1872 in Albany undNeuyork. 

— \V.: Fischerin am Chiemsee; Badende 
Kinder am Strand; Der Gliickwunsch; 
Die Gratulanten, Chioggia. — TB 10, 529 
(H. Holland m. W u. Lit.); Drefllers 
Kunstjahrbuch 191 3 und 1921, S. 129; 
Botticher, Malerwerke des 19. Jahrh. 1; 
MS (3. Aufl.), S. 399; Jansa, Deutsche 
bild. Kiinstler in Wort und Bild, 191 2; 
R. Raupp und Fr. Wolter, Die Kunstler- 
chronik von Frauenchiemsee ^192 4), 
S. 31 f., 47, 59 (mit Ulustr. und P); G. J. 
Wolf, Miinchner Kunstlerfeste 1925, S. 67 
(m. Abb.); Daheim 1906, 25; Uber Land 
und Meer 1906, 49; MNN 1914, 30. IV.; 

1 92 1 5. III.; 1922 11. III. 
* Erb, Wilhelm, Dr. med., W T irkl. Geh. Rat, 
Exz., em. o. Prof, der inneren Medizin 
und Direktor der medizin. Klinik a. d. 
Univ. Heidelberg, Mitbegrunder der Neu- 
rologie; * Winnweiler (Pf alz) 30. XI. 1840; 
f Heidelberg 29. X. — W.: »Handbuch 
der Elektrotherapie « (1882), »Handbuch 
der Krankheiten des Riickenmarks und 
des verlangerten Marks « (1876). — Her- 
ausg. der »Zeitschrift fiir Nervenheil- 
kunde*. — » Wilhelm E., Gedachtnisworte, 
gespr. am 2. Nov. 1921 am Sarge« (1922). 

— KL 17 (W); LZ 909; MMW 1525 
(Schoenborn) und 1922, 31; Med. Klinik 
17, 1468 (Striimpell); BKW 58, 1399 
(E. Meyer); DMW 1595 f. (Weizsacker) ; 
PBL464f. (W); WI 7 383; Schweiz. Ar- 
chiv fiir Neurol, u. Psychiatr. io, 347; 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol, u. Psychiatr. 
74, I— X; WMW 2027; IZ 4061 (P); 
Meyer 7 IV, 83; E 3589; TR 1.11.2. XL; 
DBJ 3, S. 82/87 (Fr.Schultze). 

*Erdmann, Benno, Dr. phil., Geh. Reg.- 
Rat, o. Prof, der Philosophic a. d. Univ. 
Berlin; * Guhrau 30. V. 1851; | Berlin 
7. I. — W.: »Kants Kritik der reinen 
Vernunf t« ( 5 1 900) ; » Logik « ( 1 892 , 3 1 92 3) ; 
»t)ber Inhalt und Geltung des Kausal- 
gesetzes* (1904); »Elementarlehre der 
Logik « (1907); »Grundziige der Repro- 
duktionspsychologie* (1920); »Die philo- 
sophischen Grundlagen von Helmholtz' 
Wahrnehmungstheorie* (192 1) ; »Die Idee 
von Kants Kritik der reinen Vernunft* 
(191 7); »Berkeleys Philosophic im Lichte 
seiner wissenschaftlichen Tagebiicher* 



(191 9). — Herausgeber der »Abhand- 
lungen zur Philosophic und ihrer Ge- 
schichte*. — KL 17 (W) ; LZ 86; Soz. MH 
408; LE 23, 700; Logos io, 249; Kant- 
studien 26, 138 — 150 (Wentscher) ; 
Ethische Kultur 249 (Wentscher); SB 
PreuB. AdW 1921, 497—508 (Stumpf) ; 
Meyer 7 IV, 133; TR 11. I. — E. Went- 
scher: »B. E-, der Historiker der Philo- 
sophie« (Kantstudien 26) ; DBJ 3, S. 88/92 
(Dietrich). 

Erlenmeyer, Emil, Dr. phil., Prof., Geh. 
Reg.-Rat, Mitglied der Biologischen 
Reichsanstalt in Dahlem; * Heidelberg 
14. VII. 1864; f Berlin 14. II. — PF IV, 
392 (W); WI 7 386, 81772. 

Ernst Gunther, Herzog zu Schleswig-Hol- 
stein, Hoheit, Schwager Kaiser Wil- 
helms II., Mitglied des ehemal. preufi. 
Herrenhauses ; * Dolzig 11. VIII. 1863; 
f Primkenau 22. II. — W.: » Reform vor- 
schlage im Reich und PreuBen, einge- 
reicht der Staatsregierung in den Jahren 
1917 und 191841, (*I9I9)- — IZ 4043 (P); 
WI 7 57, 81772; Meyer 7 IV. 184. 

Erzberger, Matthias, Reichsfinanzminister 
a. D., M. d. R. (Zentrum) seit 1903; 
* Buttenhausen 20. IX. 1875; t ( er ~ 
niordet) auf dem ELniebis bei Griesbach 
(Baden) 26. VIII. — W.: »Erlebnisse im 
Weltkrieg* (1920); »Reden zur Neu- 
ordnung des deutschen Finanzwesens« 
(1919); »Der stille Kulturkampf* (191 2); 
»Die Militaranwarterfrage« (19 14); »Die 
Mobilmachung« (19 14); »Die Riistungs- 
ausgaben des Deutschen Reiches« (19 14); 
»Politik und V6lkerleben« (1914); »Ver- 
gangenheit, Gegenwart und Zukunft.« 
Rede ( 1 920) ; » Der Verstandigungsfriede. « 
Rede (1917); »Der Volkerbundt (1918); 
»Duellund Ehre« (19 13); »Die Zentrums- 
politik im Reichstag t (191 3); »Der V61- 
kerbund und die Fried ensf rage* (19 19); 
»Der Wehrbeitrag 1913* (1913); »Das 
deutsche Zentrum* (*I9I2); »Zwart- 
wychwstanie Polski« ()>Polnische Auf- 
erstehung«) (19 17). — Ernst Bauer, E., 
Bilder aus seinem Leben und Werden, 
Kampfen und Leiden (208 $.), 2. Aufl. 
1925 (P); »Der E.-Prozefi. Stenograph. 
Bericht* (1920); ^Matthias E. und der 
Militaretat. Nach den stenograph. Be- 
richten des Reichstags « (1909); »Ehren- 
denkmal fiir Matthias E. Einweihung am 
27. VIII. 192241 (1922). — Meyer 7 IV, 
211 f.; E 2719; WJ fiir 1921/22; Wiirtt. 
Staatsanz. Nr. 199; SCI1K394; MAZ 345 ; 
Allg. Rundschau (Miinchen) 18, 473 und 
489; Monatsh. fiir Politik u. Wehrmacht 
50, 361 — 372 usw. (v. Liebig) ; SMH Marz 



Totenliste: Eulenburg — Foerster 



297 



1 92 1 , 446 ; Deutsche Stimmen 4 . IX . (Stre- 
semann) wieder abgedruckt in Strese- 
manns Reden u. Schriften, Dresden 1926, 
Bd. I, 378/388 ; Zeitschr. fur die ges. Straf- 
rechtswiss. 42, 193 — 196 (Ebermeyer, 
»Das Recht im ProzeB E.-Helfferich«); 
Zentralbl. der christl. Gewerksch. 21, 273 
und 277; Grenzboten 80 II, 91 — 100 
(Stadtler); Korrespondenzbl. des Allg. 
Deutschen Gewerkschaftsb. 31, 497; 
Nachrufe, zusammengestellt in GK 1921 

11, S. 84 ff. und 157L 

* Eulenburg, Graf August zu, ehemal. Haus- 
marschall und Hausminister Kaiser Wil- 
helms II., General d. Inf. a. D., Ritter 
des Schwarzen-Adler-Ordens, Kammer- 
herr; * Konigsberg i. Pr., 22. X. 1838; 
t Berlin 18. VI. — WI 7 395; GT 1922; TR 
1 9. VI. ; Meyer 7 IV, 294 f. ; DB J 3, S. 92/95 
(Bogdan Krieger). 

* Eulenburg-Hertefeld, Fiirst Philipp zu, 

Durchlaucht, Wirkl. Geh. Rat, Exzell., 
erbl. Mitgl. des ehern. preuB. Herren- 
hauses, 1894 — 1902 Botschafter des Deut- 
schen Reiches in Wien; * Konigsberg i.Pr. 

12. II. 1847; | Liebenberg 17. XII. — W.: 
»Erinnerungen an ein Clevesches Ritter- 
geschlecht* (1899); » Skald engesange* 
(1892); »Rosenlieder«; »Aus 50 Jahren. 
Erinnerungen, Tagebiicher und Brief e aus 
dem NachlaB*. Hrsg. Joh. Haller (1923). 
— Joh. Haller, »Aus dem Leben des Fiir- 
sten zu E.-H.« (1924). — »Ahnentafeldes 
Fiirsten Philipp zu E.-H.«,Revidiert vorn 
PreuB. Heroldsamt (191 8). — Gothaer 
Hofkalender 192 1 ; WI 8 ; E 3041 ; Meyer 7 
IV, 295; DBJ3, S. 95/103 (Herzfeld). 

Ewald, Richard, Dr. med., friiherer o. Prof, 
der Physiologie a. d. Univ. StraBburg, 
Geh. Medizinalrat ; * Berlin 14. II. 1855; 
f Konstanz 22. VII. — WV. »Eine neue 
Hortheorie* (1899); »Der Schwindel« 
(1 910). — Red. der » Zeitschr. fiir Sinnes- 
physiologie*. — KL, 17 (W); PBL 480; 
WI 7 397; GK; L,Z 653; Pflugers Archiv 
T 93, 109 — 127 (Bethe); Zeitschr. fiir 
Psychol, u. Physiol, der Sinnesorgane II, 
Bd. 53, 123 (Gildemeister) ; TR 3. VIII.; 
Meyer 7 IV, 352 f. 

Fiedler, Alfred, Dr. med., Prof., Wirkl. Geh. 
Rat, Exz., Leibarzt der letzten drei sachs. 
Konige, Mitglied des sachs. Landes- 
Medizinalkollegiums, 1868 — 1901 Ober- 
arzt am Stadtkrankenhaus Dresden, 
Ehren burger der Stadt Dresden ; * Moritz- 
burg 5. VIII. 1835; t Dresden 3. VI. — 
PBL 499 f-l LZ 469; Sachs. Kirchenbl. 
257 (Lotichius); Bausteine, Monatsbl. fiir 
innere Mission 53, 80; WI 7 419 (W), 
8 1 772; LNN 4. VI. 



Fleck, Friedrich, General der Inf. a. D., seit 
191 2 Kommandeur der 27. Inf.- Brigade, 
191 5 — 16 Fiihrer des VIII. Reservekorps, 
1916 — 1 8 des XVII. Armeekorps, Februar 
bis Oktober 19 18 des Generalkommandos 
62; * Glogau 26. VI. 1859; t Menow 
(Mecklenburg) 16. II. — B II, 64. 

Fleischhauer, Karl v., Dr. iur. h. c, 1906 
bis 1 91 2 und 1918 wiirtt. Kultusminister, 
191 2 — 18 Minister des Innern; ♦Stutt- 
gart 15. IX. 1852; f Stuttgart 17. VII. — 
WJ fiir 1921/22; SchK Nr. 326 und 328; 
Wiirtt. Staatsanz. Nr. 164; WI 7 433; 
EvT 2384; Meyer 7 IV, 845. 

Forkel, Albert, Direktor der Schule fiir 
Textilindustrie in Plauen i. V., namhafter 
Lehrer auf dem Gebiete der Textilkunst; 
* Plauen i. V. 31. XII. 1864; | Plauen i. V. 
19. IX. — Kchr 57, 81 f.; Die L^ipziger 
Mustermesse V, 452. 

Forrer, Ludwig, schweizerischer Staats- 
mann, 1903 — 17 Mitglied des Bundesrats, 
seitdem Direktor des Zentralamtes fiir 
intern ation ale Eisenbahntransporte, Dr. 
iur., Dr. h. c, 1906 und 191 2 schweiz. 
Bundesprasident; * Islikon 9. II. 1845; 
f Bern 28. IX. — GK; Schweiz. Zeitschr. 
fiir Straf recht 34, 275 ; WI 7 442 ; Schweiz. 
Zeitgen.-Lrexikon (1921) 216; Meyer 7 IV, 

95°- 
Foerster, Wilhelm, Dr. phil., em. o. Prof. 
der Astronomie a. d. Univ. Berlin, 1 865 bis 
1903 Direktor der Berliner Sternwarte, 
Direktor der Normaleichungskommis- 
sion, Geh. Reg.-Rat, Ehren prasident des 
intern at. Komitees fiir MaB und Gewicht, 
Schopfer der Berliner Urania, Mitbegr. 
der Zeitschr. » Himmel und Erde«; * Griin- 
berg 16. XII. 1832; f Bornim 18. 1. — 
Herausg. der »Enzyklopadie der Natur- 
wissenschaften« (1881 — 1904). W.: »Le- 
bensfragen und Iyebensbild « (2 Bde.); 
»lrebenserinnerungen und -hoffnungen* 
( 1 9 1 1 ) ; » Die Freude an der Astronomie « 
(M920). — PF V, 376 (W); KL 17 (W); 
LE 23, 700; Jahrb. d. bayer. AdW, S. 38 
bis 40 (Seeliger); IZ 4