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Full text of "Die Ambivalenz des Kindes"

.MAGO-BÜCHER/VI 



DIE AMBIVALENZ 
DES RINDES 



VON 



Dr. GUSTAV HANS GRABER 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien VII. Andruflsgnssc 3 



SIGM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 

I psy duschen Geschehens — Der Untergang des öd ipus 



Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten 

zur Neurosenlehre (lötjS — tjö) (Charcot — 
Quelques considerations pour une etude camparative 
des parolysies motrices organ. et hystcriques — Die 
Abwehr-Neuropsychosen — Über die Berechtigung! von 
d. Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex 
a]s !h Ai>£stneurOse" abzutrennen — Ohsessions elphohles 

— Zur Kritik d. Angstneurose — Weitere Bemerkungen 
über die Abwehr-Neuropsychosen — L'her&dite et 
l'etioiogie des nevroses — Zur Ätiologie der Hysterie 

— Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen) 

II 

Die Traumdeutung {l—vi. Kapitel) 

in 

DieTraumdeutung (Vll. a. VIlLKapittt) f Über 
den Traum / Beitrage zur Traumlehre 
(Märchenstoffe in Traumen — Ein Traum als Beweis- 
mittel — Traum und Telepathie — Bemerkungen wr 
Theorie und Praxis der Traumdeutung) 



IV 



Alltagslebf 



Zui Psychopathologie des Alltagslebens 

/ Das Interesse an der Psychoanalyse / 

Über Psychoanalyse / %ut Geschichte 

der psydioanalytisdien Bewegung 

V 
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / 
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neu- 
rosenlehre (Meine Ansichten über die Rolle der 
Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — Zur se- 
xuellen Aufklärung der Kinder — Die „kulturelle* 
Sexual m oral und die Nervosität — Über infantile 
Sexual theorien — Beitrüge x. Psychologie des Lsebes- 
lebens: Ober einen besonderen Typus der Objektwall] 
beim Manne. Über die allgemeinste Erniedrigung des 
Liebeslebens. Das Tabu der Virgmität -— Die infantile 
Genitalorganisation — Zwei Kinderlügen — Gedanken- 
assoziation eines 4 jähr. Kindes — Hysterische Phan- 
tasien und ihre Beziehung zur Bisesualität — Ober 
den hysterischen Anfall — Charakter und Anelerotik 

— Über Triebumsetxungen, insbesondere der Anul- 
crotik -— Die Disposition zur Zwangsneurose — Mit- 
teilung eines der psychoanalytischen Theorie wider- 
sprechenden Falles von Paranoia - — Die psychogene 
Sehstärung in psychoanalytischer Auffassung; — Line 
Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom 

— Über die Psyehogcnese eines Falles von weiblicher 
Homosexualität — „Ein Kind wird geschlagen." — 
Das ökonomische Problem des Masochismus — Über 
einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Pa- 
ranoia u. Homosexualität — Über neurot. Erkrankungs- 
typen — Formulierungen über die zwei Prinzipien des 



komplexes) / JvletapsydiologiC (Einige Bemer- 
kungen über d. Begriff des Unbewußten in der I's A. — 
Trieb© u. Triebschi cksele— Die Verdrängung —Das Un- 
bewußte — MetapsycJiolog. Ergänzung z. Traumäehre 

— Trauer und Melancholie — Neurose und Psychose) 

VI 
Zur Technik (Die Freudache psychoanalytische 
Methode — Über Psychotherapie — Die zukiinftigeia 
Chancen der psychoanalytischen Therapie — Über 
„wilde" Psychoanalyse — Die Handhabung der Traum- 
deutung in der Psychoanalyse — Zur Dynamik der 
Übertragung — Ratschläge Für den Arzt bei der psy- 
choanalytischen Behandlung — Über faussc reeou- 
nai&sance [„deja raconte'*'] wahrend der psychoana- 
lytischen Arbeit " Zur Einleitung der Behandlung 

— Erinnern, "Wiederholen u. Durcharbeiten — Bemer- 
kungen über dieUcbertragungs] ietje — "Weg der psych o- 
anaiyt. Therapie — Zur Vorgeschichte der analyt. Tech- 
nik) / Zur Einführung des Narziljmus / 
Jenseits d. Lustprinzips / JMassenpsydio- 
logie u. Ich- Analyse / Das Ich u. das Es 

VII 

Vorlesungen zur Einführung in. die 

Psychoanalyse 

vm 

Kranhengesdiiditen (Bruchstück einerHysterie- 
analyse — Analyse der Phobie eines 5 jähr. Knaben 

— Ueber einen Fall v. Zwangsneurose — Psa, Bemerkun- 
gen über einen autobiogroph. beschriebenen Fall v. Para- 
noia — Aus der Geschichte einer infantilen Neurose) 

IX 

Der ^V~itz und seine Beziehung zum 
UnbeTvul}ten./DerWahn und d ieTräuine 
in W. Jensens „Gradiva"/ Eine Kind- 
lieitsermnerung des Leonardo da V inci 

X 
Totem und Tabu /Arbeiten zur Anwen- 
dung der Psychoanalyse {Tntbcstnndsdio- 
gnostik und Psychoanalyse — Zwangshandlungen und 
Religionsübung — Ueber den Gegensinn der Urworte 

— Der Dichter und das Phantasieren — Mytholo- 
gische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung 

— Das Motiv der Kästchenwahl — Der Moses des 
Michelangelo — Einige Charaktertypen aus der psy- 
choanalytischen Arbeit — Zeitgemäßes über Krieg and 
Tod — Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse — Eine 
Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" — 
Das Unheimliche — Eine Teufelsneurose im 17. Jahrh,) 

XI 

Nachträge / Bibliographie / Register 



Die Bände IV, V t VI ' u. VII ersdieinen im Mal z $2$, die anderen lia Ende i$z5 



H 








IMAGO-BÜCHER VI 



DIE AMBIVALENZ 
DES KINDES 

VON D«G. H. GRABER 



IMAGO -BÜCHER / VI 



DIE AMBIVALENZ 
DES RINDES 



VON 



Dh. GUSTAV HANS GRAB ER 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 

1904 



■ - 



ALLE, RECHTE, 

BESONDERS DIE DER ÜBERSETZUNG, 

VOR BEHALTEN 



COPYRIGHT 1924 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

GES. M.B.H. WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



GEDRUCKT BEI CARL FROMME GES. M.B.H., WIEN V 



EINLEITUNG 



DER BEGRIFF DER AMBIVALENZ 



i Graber 



A) AMBIVALENZ BEI BLEULER 



Ambivalenz ist ein von Prof. E, Bleuler (Zürich) 1 in die 
Wissenschaft eingeführter Begriff und bezeichnet, enger gefaßt 
als psychische Ambivalenz, die aus der Spaltung der Psyche 
in zwei Funktionstendenzen mit meist gegensätzlichem Charakter 
entstandene doppelte Wertung der Objektwelt, speziell des Men- 
schen. Der Begriff wurde geschaffen zur Heraushebung von in 
erster Linie pathologischen Erscheinungen, fand aber dann auch 
seine Anwendung auf das normale Seelenleben, 

Ambivalenz ist eine Besonder ung der aus der Philosophie, 
Psychologie und Biologie bekannten Polarität. Bleuler gibt 
folgende Definition der letzteren: 1 „Sie bezeichnet, daß zu sehr 
vielen Funktionen entgegengesetzte Strebungen gehören; man hat 
Sexualtrieb und Scxualwiderstand, Hunger und Abneigung vor 
dem Essen, man fürchtet sich vor Neuem, und strebt nach Neuem, 
die Gefäßregulation geschieht durch Erweiterer und Verengerer, 
die Herzregulation durch Beschleuniger und Verlangsamer usw. 
ins Unendliche. 

Die Polarität, deren Begriff ein vieldeutiger und in der 
Wissenschaft noch wenig klar umschriebener ist, äußert sich in 
mannigfaltigsten Formen in der gesamten Natur. Die Möglieh- 



i) E. Bleuler: Ambivalenz. 

2) Einer persönlichen Mitteilung entnommen. 



Der Begriff der Ambivalenz 



fceit der klareren Umschreibung der nur auf den Menschen be- 
zogenen, gleichen Erscheinung, eben der Ambivalent, Wog 
mich denn auch, zum Titel vorliegender Arbeit letzteren Bognii 
zu wählen. In diesem Sinne mitbestimmend war ein weiteres 
Moment, In der psychoanalytischen Schule, deren Ergebnisse 
in erster Linie zur Lösung unserer Aufgabe Verwertung finden 
sollen, ist der Begriff der Ambivalenz allgemein angewandt, und, 
wie wir sehen werden, auch zu weiterer Klärung geführt worden. 

Bleulers Definition lautet: 

„Mit dem Begriffe der Ambivalenz soll bezeichnet werden, 
daß das nämliche Ding positiv und negativ gefühls- 
betont, oder positiv und negativ gedacht oder erstrebt 

^ Bleuler unterscheidet also nach dem Wesen der Ambivalenz 
zwei Formen: i. die affektive und s. die „intellektuelle . 
Diese Unterscheidung macht er auch in seiner für unsere Aus- 
führungen grundlegenden Arbeit über „Die Ambivalenz" mit der 
Bemerkung, die wir besonders hervorheben, daß beide, affektive 
und intellektuelle Ambivalenz, nicht getrennt auftreten können, 
Mit jedem Gefühl ist auch eine Wertung gegeben. 

Wir sprechen allgemein dann von Ambivalenz, wenn Funk- 
tionen mit entgegengesetzten Strebungen in Zusammenhang w* 
Bewußtsein und Wertung stehen, während wir bei verwandten 
unbewußten Funktionen von Polarität sprechen. 

Der Bleulersche Begriff der Ambivalent hat vorwiegen* 
deskriptive und »tatische Bedeutung. 1 Fr soll im folgend™ In 
Kürze gezeichnet werden. 

Die affektive Ambivalenz findet vornehmlich eine Um- 
schreibung im Lehrbuch der Psychiatrie* (S. 9 a), und zwar mit 

1) Siehe Th. Reife: Der eigen* und der fremd* Gott, S. B3 9 . 

2) E. Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie. 



Ambivalenz bei Bleuler 



spezieller Betonung der pathologischen Seite, wonach auf die 
gleiche Idee oder das gleiche Objekt mit zweierlei Affektion 
reagiert wird, ohne daß sich die beiden Affekte überhaupt beein- 
flussen. Bildlich gesprochen, bleiben Lachen und Weinen stets 
beieinander, wie man dies gelegentlich von der russischen Natur 
sagen hört: der Russe lache mit dem einen Auge, und mit dem 
andern weine er. Der Fall, wo überhaupt kein Fazit zwischen 
den beiden Affekten gezogen wird, ist der extremste. Wir legen 
Gewicht darauf, daß auch Bleuler in der affektiven Ambivalenz 
des pathologischen und gesunden Menschen keinen prinzipiellen, 
sondern nur einen graduellen Unterschied sieht. Sie geht beim 
gesunden ohne jede Grenze über in die Erscheinung, daß eine 
Menge von Erfahrungen in einer Hinsicht angenehm, in einer 
andern unangenehm sind. Anders stellt sich Bleuler zur intellek- 
tuellen Ambivalenz, wobei dasselbe Objekt oder dieselbe Idee 
positiv und negativ „gedacht* und gewertet wird. Dies, meint 
Bleuler, sei „wohl beim Erwachsenen immer als krank zu be- 
zeichnen" (S. to6), während wir feststellen, daß auch die intellek- 
tuelle Ambivalenz nicht prinzipiell anders sein kann, als die 
affektive, die ja ihr Substrat bildet. Das Ursprüngliche ist immer 
die affektive Ambivalenz, die in der intellektuellen Ambivalenz 
nur eine besondere Ausdrucksmöglichkeit findet. 

Es ist nicht unzweideutig, wenn Bleuler meint, „die ge- 
wöhnliche Wurzel ambivalenter Gefühlsregungen sei entweder 
das Vorhandensein verschiedenartiger Eigenschaften oder ver- 
schiedener Beziehungen beim nämlichen Dinge" (S. 9,7). Wo 
sollen die verschiedenartigen Eigenschaften sein? Doch wohl nicht 
im Gefühl des Subjektes ; dies wäre eine Tautologie, denn der 
Begriff „ambivalente Gefühlsregung 4 * schließt das Vorhandensein 
verschiedenartiger Eigenschaften in sich ein. Diese können also 
nicht Wurzel sein, vielmehr ist die Setzung und Wertung von 



Eigenschaften eine Wirkung der ambivalenten Regungen des Gefühls. 
Also könnten sie nur als im Objekt vorhanden gemeint sein. Da- 
gegen sagt aber Bleuler ganz richtig (S. 99) : „Widersprüche in den 
Dingen gibt es aber nicht, sondern nur in unseren Auffassungen." 
Dasselbe gilt (gestützt auch auf diese letztgenannte Fest- 
stellung Bleulers) von den „verschiedenen Beziehungen beim 
nämlichen Dinge", die Ursache der ambivalenten Gefühls- 
regungen sein sollen. Es ist vielmehr umgekehrt so, daß die 
Spaltung des Gefühlslebens verschiedene Beziehungen beim näm- 
lichen Objekt zur Folge hat. 

Bleuler spricht in seiner Arbeit auch von der Ambivalenz 
der Sexualität, und stellt fest, daß sie nicht nur durch positive 
Wollusttriebe und negative Tendenzen wie Scham und Ekel re- 
guliert werde, sondern, daß die genannten Sexualhemmungen 
einen Bestandteil der positiven Triebe selber bilden (S, 101). 
indem der Widerstand des Partners (Sexualobjekt) geradem der 
Anlockung diene. Wir werden später sehen, daß auch diese Tat- 
sache der sexuellen Ambivalenz ihre Erklärung in der Spaltung 
der gesamten Persönlichkeit findet, deren Wirkungen sich natür- 
lich in allen Lebensäußerungen aufweisen lassen. Was diese letzte 
Erscheinung der Hemmung als positiver Bestandteil des Sexual- 
triebes anbelangt, so läßt sie sich leicht auf die »adistisch-maso- 
chistische Komponente zurückführen, mit dem Charakteristikum 
der Freude am Schmerz, was aber nicht mehr als ursprünglich 
positiver Trieb gedeutet werden kann, sondern bereits ein Versuch 
ist, die zum Erlebnis gewordene Kluft zwischen Lust und Schmerz, 
welche Ursache zur Ambivalenz der gesamten Persönlichkeit 
geworden ist, zu überbrücken durch die Umkehrung des Nega- 
tiven, des Schmerzes, in sein Gegenteil. 

Wir haben gesehen, daß Ambivalenz eine allgemeine Er- 
scheinung ist, welche die totale Persönlichkeit ergreift und darum 



Ambivalenz bei Bleuler 



sich in all ihren Äußerungen zeigt; so können wir mit Bleiüet 
von einer Ambivalenz- der Sexualität, des Gefühls, des Intellekts, 
des Wollens, des sittlichen, ästhetischen und religiösen Verhaltens 
und auch des Träumens sprechen. 

Neben diesen Formen haben wir noch Grade der Am- 
bivalenz zu unterscheiden. Bleuler, der ausging von der patho- 
logischen, der Ambivalenz im strikteren Sinne, wie sie 
ganz speziell bei Schizophrenie auftritt, verfolgte und fand dann 
rückwärts ihren Mechanismus auch beim neurotischen und „nor- 
malen" Menschen, nur abgeschwächt. Er unterschied darum von 
der pathologischen die normale (auch gewöhnliche, selbstver- 
ständliche) Ambivalenz, die er als „psychischen Ausdruck 
unserer Regulierungseinrichtungen überhaupt 1, definiert 
(S. 100). Der Gesunde zieht im allgemeinen in „den tausend 
gewöhnlichen Vorkommnissen des Alltags das Fazit von negativ 
und positiv", 1 d. h. in dem „Für und Wider" der Überlegung 
werden Entscheidungen getroffen. Von der normalen Ambivalenz 
scheidet Bleuler noch besonders aus eine „spezielle Form auf dem 
Gebiete des Strebens und Wollens" undnennt sie „Ambitendenz". 
Mir scheint diese Unterscheidung überflüssig, da ja unser ge- 
samtes Handeln und Erleben von Wollungen und Strebungen 
erfüllt ist, und ganz besonders gilt dies, wenn Handlung und 
Erlebnis vom Bewußtsein begleitet sind. 

Zum Schluß möchte ich noch auf eine interessante Aus- 
einandersetzung hinweisen, die zwischen Bleuler und C. G. Jung 
stattfand, und deren Inhalt sich hauptsächlich auf den Begriff 
der Ambivalenz bezog. 2 Wichtig erscheint sie mir auch deswegen, 



i) Aus der persönlichen Mitteilung. 

%) C. G, Jung: Kritik über E. Bleuler: Zjir Theorie des schizo- 
phrenen Negativismus. Jahrbuch, Bd. III, 1. Hälfte, S. 469 undE. Bleuler: 
Antwort darauf, ebenda S. 475. 



Di'r Begriff der Ambivalenz 



weil Jung in seiner Kritik eine Definition der Ambivalenz gibt, 
die deutlich in ihr das funktionelle Moment hervorhebt. Er 
sagtt „Mit Ambivalenz wird die psychologische Tatsache formu- 
liert, daß jede Tendenz durch eine m ihr kontrastierende 
balanciert ist, und so, wie jede Tendenz balanciert ist, so 
sind auch alle Gefühlsbetonungen kontrastierend balanciert, 
wodurch der gefühlsbetonten Vorstellung ein ambivalenter 
Charakter zukommt" (S. 469)- Wir begrüßen auch, daß in 
dieser Definition Ursache und Wirkung richtige Zuteilung 
finden. Nicht folgen können wir Jung, wenn er „die Wider- 
Standstendenz als das ursächlich Bedeutsame" (S. 47 J ) hinstellt 
und die Ambivalenz als sekundär- bezeichnet. Jung übersieht, 
daß im Begriff des Widerstandes eine Objektsetzung gegeben 
ist (wobei, wie im schizophrenen Negativismus, die Welt 
Objekt ist). Daß es aber zu einem Widerstand kommen kann, 
ist bedingt durch eine bereits vorhandene Spaltung im Ich. 
Hierin ist auch der Grund zu suchen, warum Bleuler in seiner 
Antwort zum Schlüsse kommen mußte, daß ihm der „Begriff 
des Widerstandes in der Jungschen Fassung nicht ganz klar sei" 

(S. 476)- 

Vollständig müssen wir uns auch Bleuler anschließen, wenn 
er auf die Jungsche Behauptung, „daß das Charakteristische für 
den krankhaften Geisteszustand nicht die Ambivalenz, sondern 
der Widerstand sei" (S. 471), antwortet, daß „es für ihn kern« 
von beiden, sondern die abnorme An und Wirkung der beiden 
xn jeder Psyche vorkommenden Dinge sei" (S. 476}. 






B) AMBIVALENZ BEI FREUD 

Der Begründer der Psychoanalyse, Sigm. Freud, hat nach 
dem Bekanntwerden des Bleulerschen Begriffes der Ambivalenz 
denselben übernommen und ihn in fast sämtlichen seiner spätem 
Werke angewandt. Er bezeichnet ihn als einen „glücklichen" 
Namen (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S. 61), oder als 
einen trefflichen Ausdruck (Totem und Tabu, S. 27), 

Der Freud sehen (und seiner Schüler) Übernahme und Ver- 
tiefung hat der Begriff sein allgemeines Bekanntsein zu verdanken. 

Ks soll in Kürze gezeigt werden, worin die Freu dsche Ver- 
tiefung besteht, da sie richtunggebend wurde für den Haupt- 
teil unserer Arbeit. 

Während wir bei Bleuler mehr eine deskriptive Dar- 
stellung der Ambivalenz finden, versuchte Freud uns ihr Wesen 
verständlicher zu machen durch eine phylo- und ontogenetische 
Deutung ihrer Entstehung. Beide Deutungen haben stark hypo- 
thetischen Charakter, aber sie erbringen doch die wesentlichsten 
Zusammenhänge, die mm Verständnis des Phänomens nötig sind. 
Daneben führte Freud die Ambivalenz als psychische Er- 
scheinung, entsprechend seiner biologischen Persönlichkeits- 
psychologie, zurück auf innere, primäre Triebe und verankerte 
jene so in der Polarität, allerdings ohne immer eine scharf be- 
grenzte Unterscheidung zwischen bewußten, widersprechenden 
Tendenzen (Ambivalenz) und unbewußten, gegensätzlichen Trieb- 






Der Begriff der Ambivalenz 



funktionell (Polarität) zu machen. Er spricht %, B. 1 von der 
Polarität der Lebens- und Todestriebe und im Anschluß daran 
von der Polarität der Objektliebe (Objektbeziehung), die sich in 
Liebe (Zärtlichkeit) und Haß (Aggression) äußere, Wir sprechen 
in der Objektbezogenhcit, die meist von einem, wenn auch oft 
sehr geringen Teil Bewußtsein begleitet ist, immer von Ambivalenz, 
da immer Haß und Liebe an der Qbjektbezogcnheil beteiligt sind, 
während wir in dem von Freud als „Liebe- und Haß-Ambivalenz 
bezeichneten „ursprünglichen Sadismus, der keine Ermäßigung und 
Verschmelzung erfährt", nur einen extremsten Fall sehen, 

Tendenzen stehen im Dienste von Trieben und diese wiederum 
im Dienste organischer Funktionen, eine Einsicht, die uns zwingt, 
in einer biologischen Psychologie die Ambivalenz (Tendenzwider- 
spruch) auf die Polarität (Triebgegensälzlichkeit) und ihre orga- 
nische Bedingtheit zurückzuführen. Dies erhellt zugleich, wenn 
auch eine schärfere Begrenzung der Begriffe Ambivalenz und 
Polarität möglich wurde, daß diese Begrenzung doch nicht eine 
vollständige sein kann, Besonders schwierig zu bestimmen ist 
sie in bezug auf das Unbewußte. 

Die phylogenetische Darstellung der Bildung der Ambi- 
valenz im Menschen führt Freud insbesondere aus in den Werken 
„Totem und Tabu" und „Massenpsychologic und Ich-Analyse' . 
Er stellt vorerst fest, daß wir über die Herkunft der Ambi- 
valenz nichts wissen (Totem und Tabu, S. 145)- daß wir „die 
Annahme machen könnten, sie sei ein fundamentales Phä- 
nomen unseres Gefühlslebens, daß aber auch die andere 
Möglichkeit beachtenswert erscheint, daß sie, dem Gefühlsleben 
ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex 
(respektive Eitern komplex) erworben wurde. 



l) Siehe Freud: Jenseits des Lustprinzips, 1920, S. 51. 



Ambivalenz bei Freiid 



Die Zusammenfassung letzterer Annahme ist im Einklang 
mit Freuds Ausführungen ungefähr folgende: 

Wir gehen aus von der Tatsache, daß in der Urhorde, 
analog den Horden der höheren Affen (wie dies Darwin nach- 
gewiesen hat) und den noch bestehenden Horden der Naturvölker 
ein starkes Männchen die Führung an sich reißt. In der Ur- 
horde ist es gewöhnlich der Älteste oder Machtigste. (In der An- 
nahme einer Urfamilie wäre es der Vater.) Dieser lebt sich ab- 
solut narzißtisch aus, ist selbstsicher und selbstherrlich. Die 
Untergebenen sind von ihm abhängig. Er schafft Nahrung, und 
seine überlegene Kraft bietet Schutz gegen feindliche Mächte. 
Hieraus entwickelt sich in den Gliedern der Sippe (Söhnen) das 
Gefühl der Verehrung und Hingabe. Aber gleichzeitig mit diesem 
Gefühl entsteht das Gegensätzliche: Neid und Haß, die aus 
dem Ohnmachtsbewußtsein in bezug auf die eigenen Fähigkeiten 
erwachsen, und das Begehren, zu sein wie der Führer (Vater), 
erzeugen. Da aber dieses Begehren und dessen gesuchte Befriedi- 
gung von ihm als Abbruch seiner Macht empfunden wird, so 
läßt er natürlich eine Realisierung nicht zu und unterdrückt 
sie. Das hat zur Folge, daß die unterstellten Glieder der Ur- 
gemeinschaft (Söhne) jegliches Gelüsten nach des Mächtigen 
Stellung verdrängen oder es nur auf Umwegen zu befriedige)! 
suchen. Im Mittelpunkt steht, wie Freud annimmt und in 
„Mawenpsychologie und Ich-Analyse" ausführt, die Hypothese, 
daß der Urvater seine Söhne an der Befriedigung ihrer direkten 
sexuellen Strebungen verhinderte; „er zwang sie zur Abstinenz 
und infolgedessen zu den Gefühlsbindungen an ihn und anein- 
ander, die aus den Strebungen mit gehemmtem Sexualziel her- 
vorgehen konnten". (Hierin ist wohl die Ursache zur später auf- 
tretenden Inzestscheu zu suchen.) Damit ist die ambivalente 
Steljung beider Teile geschaffen: Die Glieder der Urgemein- 



12 



Der Begriff der Ambivalenz 



schaft (Sühne) begehren und erstreben die allmächtige 
Stellung des Führers, verdrängen aber diese Regung, um nicht 
bei ihm in Ungnade zu fallen. Der Führer (Vater oder Ältester) 
seinerseits sucht seine Sippe zu erhalten und zu schützen, 
hat sich aber anderseits gegen die in ihr aufsteigenden Macht- 
gelüste zu wehren. 

Zur Erleichterung dieses gewordenen Ambivalenzkonfliktes 
mit seiner Spannung im Seelenleben werden die „feindseligen 
und ängstlichen Gefühle auf ein Vatersurrogat, auf das Totem- 
tier übertragen." Der Konflikt wird aber nicht erledigt, da die 
„Ambivalenz sich auf das Verdrängungsobjekt fortsetzt." 

Auch der Vatermord, der übrigens nach Freud der Totem- 
bildung vorausgegangen sein mußte, hatte keine Befriedigung 
geschaffen, da ja jeder der Söhne Anspruch erhob auf die Vater- 
rolle, also der Streit sich unter ihnen selbst fortsetzte. 

Ebenso scheinen das Tabu, Geister und Dämonen dieser 
Ambivalenzübertragung in ein Vatersurrogat ihr Werden und 
ihre Existenz zu verdanken. 

Analog nun dieser phylogenetischen, weist Freud in (Mito- 
genetischer Untersuchung dieselben Mechanismen auf, gleich- 
sam als vom Wiederholungszwang beherrscht. 

Das Kind wird in dieselbe Elterneins Lellung hineingedrängt, 
erlebt dieselben Einschränkungen in seinen narzißtischen Libido- 
ansprüchen und sucht, auf ähnliche Weise wie der Primitive, 
der dadurch in ihm entstandenen Spannung der. Geiühlambi- 
valenz los zu werden. 

Was nun als Ursache zur Bildung der Ambivalenz in der 
ontogenetischen Entwicklung des Kindes eine Rolle spielt, und 
mit welchen Mitteln ferner das Kind versucht, diese Ambivalenz 
wieder aufzuheben, dies soll den Hauptteil unserer Arbeit aus- 
machen. 



IL 
HAUPTTEIL 



DAS WESEN DER AMBIVALENZ 
DES KINDES 



A) AMBIVALENZBILDUNG 

i, HEREDITÄRES UND AKZIDENTELLES 

Es ist unsere erste Aufgabe, zu untersuchen, ob das neu- 
gebome Kind bereits vererbt ambivalente Gefühls- und Willens- 
regungen zeigt. Während in der herkömmlichen Psychologie 
sowie von Vertretern auf dem Gebiete der Familienforschung 
(Sommer, Joerger etc.) das Interesse sich mehr auf den Nach- 
weis der Vererbung der Charaktereigenschaften richtete (insbeson- 
dere derjenigen des Vaters mit erwiesen jahrhundertelang vor 
herrschendem Einfluß), finden wir in der neueren Psychologie, 
speziell in der Psychoanalyse, eher die Ansicht vertreten, daß 
der Heredität weniger Gewicht beizulegen sei für die Charakter- 
bildung des Menschen als seiner Beeinflussung durch die Um- 
welt. Freud sagt darüber treffend folgendes: 1 

„Gegenüber den Sexualentbindungen, Verdrängungsschüben 
und Sublimierungen, letztere beide Vorgänge, deren innere Be- 
dingungen uns völlig unbekannt sind, treten alle anderen Ein- 
flüsse weit an Bedeutung zurück. Wer Verdrängungen und Subli- 
mierungen mit zur konstitutionellen Anlage rechnet, als die 
Lebensäußerungen derselben betrachtet, der hat allerdings das 

■ " — — — " ~T 

1) Sielie Freud: Drei Abhandlungen aur Sexuallheorie, S. 97 bis §8, 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 






Recht zu behaupten, daß die Endgestaltung des Sexuallebens' 
vor allem das Ergebnis der angeborenen Konstitution ist. Indes 
wird kein Einsichtiger bestreiten, daß in solchem Zusammen- 
wirken von Faktoren auch Raum für die modifizierenden Ein- 
flüsse des akzidentell in der Kindheit und späterhin Erlebtem 
bleibt. Es ist nicht leicht, die Wirksamkeit der konstitutionellen 
und der akzidentellen Faktoren in ihrem Verhältnis zueinander 
abzuschätzen. In der Theorie neigt man immer zur Überschätzung 
der ersteren; die therapeutische Praxis hebt die Bedeutsamkeit 
der letzteren hervor. Man sollte auf keinen Fall vergessen, daß 
zwischen den beiden ein Verhältnis von Kooperation und nicht 
von Ausschließung besteht. Das konstitutionelle Moment muß 
auf Erlebnisse warten, die es zur Geltung bringen, das akziden- 
telle bedarf einer Anlehnung an die Konstitution, um zur Wir- 
kung zu kommen. 

Es ist klar, daß sowohl der Konstitution, als dem akziden- 
tell Erlebten Rechnung getragen werden muß. Die Verschieden- 
artigkeit des Aspektes aber fördert auch verschiedene Resultate. 
Sind wir mehr auf Vererbungstheorie eingestellt, dann werden 
wir versuchen, möglichst viel von dem, was die Eltern aus- 
zeichnet, als vererbt auch im Kinde zu konstatieren, also auch 
die ambivalenten Äußerungen. Neigen wir aber nach der Seite 
der neueren Psychologie mit der Auffassung der mehr akziden- 
tellen Beeinflussung, dann suchen wir möglichst viele Charakter- 
eigenschaften des Kindes als von äußeren, postnatalen Einflüssen 

l) Sexualleben ist im Hinblick auf unseren Zusammenhang im 
weitesten Sinne als Eros, LebenstrieB überhaupt z\t nehmen. Etwa so wie 
wenn C. G. Jung in seinem Aufsalze „Die Bedeutung des Vaters für 
das Schicksal des einzelnen" sagt; „Die infantile Einstellung (zu den 
Eltern) ist nichts anderes als infantile Sexualität, Wir müssen sagen, daü 
unsere Lehensschicksale mit den Schicksalen unserer Sexualität im wesent- 
lichen identisch sind." Jahrbuch, Bd. I, i. Hälfte, S. 1^0. (Meine Bemerkung.) 



Ambivalenzbildung 1 7 



verursacht, nachzuweisen. Mit den Ehern verwandte Züge finden 
dann ihre Deutung in dem bekannten Phänomen der Identifikation. 

Vertreter dieser zweiten Auffassung gelangen denn auch 
-zum Schlüsse, das Geistesleben des Kindes müsse bei der Geburt 
vollständig unberührt, einheitlich und eine Spaltung mit ambi- 
valenten Folgeerscheinungen erst später hinzugekommen sein. Eine 
ähnliche Auffassung finden wir bereits bei John Locke, dem eng- 
lischen Empiristen des siebzehnten Jahrhunderts, der sagt, daß die 
Seele des Kindes ursprünglich vollständig leer sei, eine unbeschriebene 
Tafel, tabula rasa, aufweiche die Erfahrung erstEinprägungen mache. 

Dieser Auffassung käme zu gut, daß in erzieherischer und 
therapeutischer Hinsicht die Aussicht auf Korrektur und Heilung 
schlechter oder krankhafter Charaktereigenschaften größer wäre, 
als wenn konstitutionelle Bedingtheit als das Ausschlaggebende 
angenommen werden müßte. 

Wir schenken darum vornehmlich dieser Auffassung unser 
Interesse, und zwar im Zusammenhange unserer Arbeit vor allem 
auch deshalb, weil, wenn sich uns Möglichkeiten des Nachweises 
von in erster Linie akzidentellen Ursachen zur Ambivalenzbildung 
im Kinde ergeben sollten, wir gleichzeitig zwei Resultate er- 
brächten: 1, Mehr Evidenz für die bloß hypothetisch gesetzte 
Einheit im Kinde bis unmittelbar vor der Geburt und a. Ein- 
sicht in Bildung und Wesen der Ambivalenz. 

Wir sind uns natürlich dabei bewußt, daß immer auch eine 
hereditär-konstitutionelle Disposition die Entwicklung der Folge- 
erscheinungen eines akzidentellen Erlebnisses begünstigen oder 
beeinträchtigen kann. 

Zur hypothetischen Setzung der erwähnten Einheit im Kinde 
sagt S. Ferenczi folgendes: 1 „Man kann annehmen, daß dem 

1) S. FerenczK Introjektion und Übertragung (S 11). 
a Grater 



: g p^ joggen der Ambivalenz des Kindes 






Neugebornen alles, was seine Sinne wahrnehmen, einheitlich, 
gleichsam monistisch, vorkommt. Erst später lernt er die tiicki- 
sehen Dinge, die seinem Willen nicht gehorchen, als Außen- 
welt vom Ich, d. h. die Gefühle von den Empfindungen zu 
sondern. Das wäre der erste Projektionsvwgang, die Urprojek^ 
tion, und den so vorgezeichneten Weg dürfte der später para- 
noisch Werdende dazu benützen, um noch mehr vom Ich m die 
Außenwelt zu drängen. 

Ferenczi nimmt also an, daß aui einer ersten Stufe das 
Kind noch vollständig ohne jegliche Beziehung zum Objekt lebt. 
Es ist denkbar, daß das Kind noch keine Zweiheit zwischen sich 
und der Objekt weit erkennt und darum für es auch noch keine 
Veranlassung vorliegt, eine Brücke zum Objekt zu bilden. Das 
Kind lebt noch ganz im „Es" 1 . Es ist noch nicht zur Bildung 
eines Ich gekommen. Wohl nicht ganz richtig ausgedrückt ist 
es, wenn Ferenczi sagt, „daß das Kind erst später lerne, die 
tückischen Dinge, die seinem Willen nicht gehorchen, als 
Außenwelt vom Ich zu sondern", da ja die Entstehung «n« 
Willens bereits Folgeerscheinung der „erkannten" Zweiheit ist. 
Wille ist, wie wir später noch deutliche sehen werden, immer 
schon Ausdruck der Zerrissenheit (Ambivalenz) einerseits und 
Funktion zur Wie der her Stellung der Einheit anderseits. 

Damit kommen wir aber schon zur Frage der Spaltung, 
und es ist notwendig, daß wir vorerst versuchen, einiges über 
den intrauterinen Zustand auszusagen, was unsere Annahme 
der Einheit stützen dürfte. Wir bewegen uns hier allerdings aus- 
schließlich auf dem Gebiete der Hypothese. Wir dürfen annehmen, 
daß im intrauterinen Zustand der Unterschied Objckt-Sub- 
jekt für das Kind noch nicht besteht, daß ferner der Zu- 
x) N «h einem Ausdruck von G. Groddcck: Das Buch vom Es. 
Ebenso Freud: Das Ich und das Es. 






J 



A mbivalenzb ild ung 



stand ein alibidinöser ist, die Gegensätze Lust — Unlust, Ich- 
libido und Objektlibido sich noch nicht gebildet haben, zu ver- 
gleichen etwa mit dem Zustand der einzelligen Protisten oder 
dem Urnarzißmus der Samenzellen. 1 

Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß der alibidinöse Zustand 
bereits im Mutterleib eine partielle Wandlung erfahrt und sich 
Ansätze zum Narzißmus bilden. Diese Wandlung kann verursacht 
sein durch „Eigenbewegungen des kindlichen Körners, sowie 
durch den Einfluß äußeren Druckes beim Gehen und bei 
anderen Bewegungen der Mutter, a die Erschütterungen des 
mütterlichen Uterus zur Folge hatten," Alle diese Betätigungen 
des Muskelsinnes müssen erste Lustempfindungen zur Folge 
haben. Dr. H. Hug- Hellmuth vertritt mit Dr. K, J. Fried- 
jung die Ansicht, 3 daß z. B. „die Freude am Rhythmus, die 
fast jedem Kinde in der ersten Lebenszeit eigen ist, in ursäch- 
lichem Zusammenhang mit den Beweguiigsempiindungen des 
Fötus im Mutterleibe stehen," Verfasserin führt weiter aus 
(S. 3): „Hinter dem Volksglauben, daß Kinder besonders eroti- 
scher Natur seien, deren Mütter während der Gravidität den 
Sexual verkehr bis nahe zur Entbindung fortgesetzt haben, steckt 
mehr als bloßer Aberglaube." 

Wir können also über den intrauterinen Zustand zusammen- 
fassend sagen, daß das angenommene alibidinöse Leben bereits 
anfangt in das urnarzißtische überzugehen, daß aber auch dieses 
immer noch eine Einheit repräsentiert. 



. 



1) Siehe Freud: Jenseits des Lustprinzips. 

2) H. Hug -Hellmuth: Ans dem Seelenleben des Kindes (S. 2\ 

3) Ebenda S. 5, 

2* 



<2. ZERSTÖRUNG DER EINHEIT 

Das alibidinös-umarzißtisch bedürfnislose Lebe» des Kindes 
im intrauterinen Zustand wird gestört durch da, furchtbare 
Schmerzerlebnis des Geburtsakte, Dieser ™uck des 
Unlustvollen ist Auftakt für ein neues Sei«, das als bestanden 
Begleiter den Schmer, hat. Da. Kind erlebt diesen krasse*** 
von allen denkbaren Gegensätzen im menschlichen Sem. Lrgtbt 
seinem Seelenleben das Gepräge. 

E Jones erwähnt/ daß, neben Freud, „der darauf ver- 
wiesen habe, daß die unlustvoUen Eindrücke, die das Kind 
während des Geburtsaktes empfangen, zum Vorbild far •!!• 
späteren Angsterlebnisse werden, so daß man in gewissem Sinne 
j den Anfall von Angst als eine teilweise Wiederholung jenes 
Ußen Umdruckes bezeichnen könnte«, ähnhehes auch hon 
LachtzehntenJahrhnndertvonErasmusDarw.n^enrGroflva r 

Charles Darwins, behauptet worden ist, "^— « » 
schreibt in seiner „Zoonomia« (Vol. i, p. 148) *« *£« - D " 
ers ten starken Empfindungen, die nach der Geburt auf das Junge 
eindringen, entstehen durch Atemnot mit Beklemmung der Brust 
und durch den plötzlichen Übergang aus einer Temperatur jon 
57 Grad in unser kaltes Klima. Das Junge zittert, das heißt es 
setzt nacheinander alle Muskeln in Bewegung, um sich von dem 

x) Siehe Intern. Zeitichr. £ PsA., IX., 1923, S. 79- 



A mbivalenzbildung 



21 



Druck auf seine Brust zu befreien, und es beginnt, mit kürten, 
schnellen Atemzügen Luft zu schöpfen. Gleichzeitig zieht die 
Kälte seine gerötete Haut zusammen, so daß sie langsam erblaßt ; 
der Blasen- und Darminhalt wird entleert, und aus dem Erleben 
dieser ersten unlustvollen Sensation entsteht der Angstaffekt, der 
nichts anderes ist als die Erwartung unlustvoller Sensation. Diese 
frühzeitige Kombination von Bewegungen und Empfindungen 
erhält sich durch das ganze spätere Leben ; durch den AngstafTekt 
wird Kälte und Blässe der Haut, Zittern, Beschleunigung der 
Atemtätigkeit und Entleerung von Blase und Darm bewirkt ; und 
diese Erscheinungen werden so zum natürlichen, universellen 
Ausdrücksmittel für diesen Affekt. 

Das Erleben des Gegensatzes, des neuen unlustvollen Seins 
und des früheren lustvollen, ist die tiefste Ursache zur Zer- 
störung der Einheit des Seelenlebens und damit zur 
Bildung der Ambivalenz. Die Gegensatzpaare Lust— Unlust 
sind geschaffen, der ganze Fluß des Erlebens bekommt durch sie 
seine Richtung. Die neue, im Verhältnis zur früheren als 
schmerzvoll empfundene Lage, bildet darum auch das Substrat 
für das Werden des Ichs, das sich dann ebenfalls in seiner 
polaren Seite äußert, im Begehren, Streben, Wollen des 
früheren, alibidinös-urnarzißtischen Zustandes, um den allein es 
sich dabei handeln kann. Alles Begehren, Streben, Wollen hätte 
demnach den Sinn, einen Zustand zu erreichen, wo nichts 
mehr begehrt, erstrebt, gewollt werden muß. 

Und ebenso wäre das Ziel des Ichs (in Verschränkung der Ich- 
und der Liebestriebe), das ja mit den Wollungen am innigsten ver- 
knüpft ist, sich selbst aufzuheben. Damit würde aber auch die 
Ambivalenz aufgehoben und die Einheit wieder hergestellt. 
Tatsächlich ist nach den Ergebnissen neuerer Forschungen, 
speziell der Psychoanalyse, immer evidenter geworden, daß alles 



Das Wesen der Ambivalenz das Kindes 



23 

Begeh™ und Strebe» nicht m* des Kh.de, „»tan 4. Mensohe" 
ÜWnanpl. dahin geh,, den alpine*™», ^ *£- 
.vieder irgendwie «. erreiehen. Darin die.» hnde, s.ch für da 

Begehen der ÜWU nach*ei S haren ^TT^^'^i 

a jn, TrJpstriebe eine Erklärung, breuü 
Wiederholungszwanges und der rde S nebe 

sazt in Jenseits des Lustprinzips (S. 53)- « u ' lD 
Wschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenleben, 
überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstantcrhahung 
Aufhebung der inneren Reizspannung erkannten, WM ^mLu.t 
prinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten 
Motive an die Existenz von Todestrieben zu glauben. 

Wenn nun diese Reizspannung durch die Erzeugung von 
Lustgefühlen einen partialen Ausgleich erfüllt, so ^s« 
uns stets bewußt sein, daß diese Lusterzeugung, sowie die Mam 
festationen des Lusiprinzips überhaupt immer nur Ersatz iur 
den nicht zu erreichenden, jenseits der Gegensätze stehenden 
Zustand des alibidinösen Seins ist. Diese Einsicht dürfte wohl 
auch zum Aufschluß beitragen, warum viele Gegner der Psycho- 
analyse dieser vorwerfen, es gebe im Menschen noch andere 
Strebungen als nur die libidinbsen, auf welche die Psychoanalyse 
eben alles zurückführe. 

Damit hätten wir auch eine Antwort auf die Frage, die 
Freud in „Jenseits des Lustpvinzip*« (S. S o) selbst stellt, gegeben. 
Er sagt: »Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur 
sind, dann haben wir vielleicht überhaupt keine anderen TWbe 
als libidinöse. Es sind wenigstens keine anderen zu sehe». Dann 

rt Nach einem Ausdrucke von B. Low «»oh ab Nirwanaprnmp 
Wilettb verw«.. U« auf Fr oud: *** <££%%£& 
vor allem auf die 2anx «.rzligM.e Arbeit V011 D '- F ""' A 11 *''""' 
Teer „L" S UC* SiL psyeV.iJ.er »ging.:« («- Mb Ver s e„ k u,.g S - 
lehre.) Imago IX, 1923, Heft 1. 



J 




m uß man aher doch den 6*»»* ■*•* **"?»^f 
rj-hn« ■»!». dieI>s ; choana>v S e erkläre .11.,«. hg 
SJ oder den Neueren wie Jung, die; kurz entschlossen, LOndo 
£ Triebkraft überhaupt gebrauch, habe. I,t dem nach 
lr Wir meinen ja, «eil gewiß ach alle Strebungen a^hh 
kos nachten lassen, müssen aber beifügen, daß thr Zrel d.e 
Sclbstaufhebung is,, der alibidiniise Zuband 

Kehre» wir .am Neugebornen zurück, und sehen wir, 

■,v, „.m n neuen Lage verhält. Da sein ganzes Streben 
er sich nun mr neuen ■_■ & _ 

dahin geh,, den früheren Zustand wieder au erretchen und da 
ml, die durch das Unlusterleben entstandene Spaltung, d,e Amb,- 
valenz und die diese begleitende Spannung anzuheben, so mußten 
wir eigentlich, was wir weher zu sagen haben über d,e Ent- 
wicklung des Kindes, herein unter einen Abschnitt „Versuche 
zur Aufhebung der Ambivalenz" einordnen. Es lieg, uns aber 
vor allem daran, zu zeigen, wie sich diese „Uramhtvalenz 
manifestier,, wie die Spaltung großer wird, welche Ursachen 
hiehei mitwirken und in welchen Formen die Amb.valcnz s ,ch 

des weiteren äußert. 

Der neu. Zustand des allseitigen Mangels, der besonders 
dann stark empfunden wird, wenn Hunger oder Durst, dte das 
Li zuvor nicht kann«, einsetzen, hat also, wte wrr sehen d.e 
S "bstsezung des Ich zur Folge. Es wechseln nun rm Erleben 
7„s,~es ausgesprochenen Bedürfnisses (unlustbetont) tm, 
"der per tiaLUiedigung |^ *JMg 
se „ung des ich entsteht der neue G ^™^>^ J^ 
Die Obiektwel, wirf vom Kinde gletchsam al. Trager der 
Schuld an seinem neuen, unvorieilhaften Sein empfunden. S e 
wirf darum „in globo" abgelehnt, sie (oder «-£*£* 
sie) ha, ja auch wirklich die Ambivalenz von Lust-Unlust 

verursacht. 






2i Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 

S. Ferenczi 1 fahrt in dem oben erwähnten Passus fort 
(S. n): „Ein mehrminder großer Teil der Außenwelt läßt sich 
aber nicht so leicht vom Ich abwälzen, sondern drängt sich ihm 
immer wieder auf, es gleichsam herausfordernd: .Kämpf mit mir, 
oder sei mein Freund!'" (Wagner, Götterdämmerung, I. Akt.) 

„Hat das Individuum unerledigte Affekte zur Verfügung, und 
die hat es bald, so folgt es dieser Aufforderung, indem es sein 
Jnteresse 1 vom Ich auf einen Teil der Außenwelt ausdehnt. Das 
erste Lieben und Hassen ist eine Übertragung der autoeroti- 
schen Lust- und Unlustgefühle auf die Objekte, die jene Gefühle 
verursachen. Die erste Objektliebe und der erste Objekthaß 
sind gleichsam die Ur Übertragungen, die Wurzeln jeder künf- 
tigen Introjektion." 

Wir sehen also, daß mit der libidinösen Einstellung des 
Kindes der Gegensatz Subjekt — Objekt notwendig gegeben ist, 

Nach und nach lernt das Kind erkennen, daß gewisse Ob- 
jekte seinem Lustbedürfnisse entgegenkommen, diese werden be- 
gehrt und von der übrigen, immer noch abgelehnten Objektwelt 
abgesondert. So entsteht langsam die Übertragung der eigenen 
Spaltung auf die Objektwelt. Es entstellt die begehrte 
und die abgelehnte Welt. Die Differenzierung wird mit zu- 
nehmendem Alter bei normaler Entwicklung eine immer aus- 
gesprochenere. Es entspricht ja gerade dem „gesunden Menschen, 
daß er zu scheiden und zu wählen versteht. Das Kind aber ver- 
mag diese Scheidung noch nicht so gut zu vollziehen. Gemäß 
seiner, in erster Linie noch autistischen Einstellung, 3 kann es 
die gesamte Objektwelt, wie auch das einzelne Objekt, bald 
begehren, bald verwerfen. Darum sprechen wir auch wohl von 
der größeren Ambivalenz beim Kinde als beim Erwachsenen. 



i) Introjektion und Übertragung, 

2) Nach einem Ausdrucke Bleulers. 



A mbiva lenzbildung 



25 



Es ist nun unsere weitere Aufgabe, zu zeigen, wie das junge 
Wesen in der Übertragung von Lust- und Unlustgefühlen auf die 
Objektwelt, wobei auch das Ich Objekt sein kann, in eine Bindung 
an diese gerät, die, geteilt in zwei entgegengesetzte Strömungen, 
Liebe und Haß, das Kind und später auch den Erwachsenen, nie 
mehr frei läßt. Ferner ist zu zeigen, wie diese Bindung eine immer 
intensivere wird, wie positiv bewertete Objekte immer unlösbarer 
ans Ich geknüpft werden, und wie anderseits die Bindung ebenfalls 
durch eine heftiger werdende Ablehnung (Haß) nur verstärkt wird. 






. 



g. DER URHASS UND DIE AMBIVALENZ 
JEDER BINDUNG 

Die große Masse des Materials, die es für das Kapitel der 
Bindungen zu bearbeiten gibt, nötigt, damit eine Übersicht 
möglich wird, zu einer besonderen Auswahl mid Gliederung, die 
neben einem gelegentlich angewandten genetischen Gesichtspunkte 
vor allem die Manifestationen der Ambivalenz hervorheben soll. 

Vergegenwärtigen wir uns nochmals die erwähnte Annahme, 
daß der Neugeborne das neue Sein als im. höchsten Grade unlust- 
voll gegenüber dem vorhergehenden Sein empfindet, daß mit 
dem Erlebnis zweier Seinsmöglichkeiten, einer lust- und 
unlustvollen, die Ambivalenz in ihm ihre Wurzeln getrieben 
hat und sich darin äußert, daß der postnatale Zustand üb ge- 
lehnt und regressiv der intrauterine beg ehrt wird. Die Ab- 
lehnung bezieht sich natürlich auf die gesamte Objektwelt, die 
zum neuen Sein gehört. 1 Und wenn wir von ^Willen sprechen 
wollen, so sagt Hug-Hellmuth ungefähr dasselbe, wenn sie fest- 
stellt : a „Die ersten Äußerungen, infantilen Wollens sind Negierung 
des Willens der Umgebung." Dieselbe erwähnt ebenfalls die „von 
allen Kinderforschern bestätigte Tatsache (S. 25), daß Kinder das 

1) Wir wollen immerhin beifügen, dalJ das Kind in Seinen Lebens- 
äußerungen es nie 211 einer totalen Ablehnung bringt, indem erstcre 
bereits von Anfang an mit positiv libidinösen Streuungen gemischt sind. 

s) Hug- Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes (S. 23). 



1 



Ambivalenzbildimg 37 



Kopfschütteln eher in seiner richtigen Bedeutung anwenden, als 
das Nicken, und früher das ,Nein' als das ,Ja' gebrauchen; das 
,Nein' ist dem Kinde zunächst der Ausdruck des Nichtwollens; 
es hat ausschließlich volun tarischen Charakter, was sich in der, 
bei allen Kindern wiederkehrenden Verdopplung ,Nein, nein' deut- 
lich ausspricht." 

Das „Nein" ist gewiß, was Hug- Hellmuth meint, ein „Protest 
der infantilen Seele gegen jeden Zwang", ist „seine Auflehnung 
gegen die Überlegenheit der Erwachsenen an körperlicher und 
geistiger Kraft , aber es sind dies nur Spezialisierungen dos großen 
„Neins , das der Neugeborne dem Zwange des neuen Seins, 
aus dem er flüchten möchte, überhaupt entgegenbringt. 

Ein Kollege C, berichtet mir nach seinen Tagebuchnotizen, 
daß sein Töchterchen im sechzehnten Monat von einer völligen 
Negierungsmanie ergriffen wurde, die über zwei Monate dauerte. 
Das kleine Leni antwortet zu allem iiützig: Nei — (nein) — 
nei — neu Es bewegt dazu abwehrend seine Hand, schüttelt sogar 
in unbeholfener, aber wuchtiger Art den Kopf. Im siebzehnten 
Monat kann Leni noch nicht „ja sagen, ebensowenig kann es 
nicken, während das Kopfschütteln ihm jetzt sehr gut gelingt. 

Das unausgesprochene „Ur-Nein" des Neu gebor nen kann 
aber schon bald nach dem ersten Schrei eine Durchbrechung 
erleiden. Mit dem „Nein", der „Ablehnung" ist gleichzeitig die 
polare Streb ung, das „Ja", das liegehren des frühern Zustandes, 
gegeben. Und nun begeht der Neugeborne gleichsam seine 
erste „Fiktion"; er tut gewissen Lagen, Funktionen, Objekten 
gegenüber, die er irgendwie als mit dem intrauterinen Zu- 
stand „verwandt empfindet, so, „als ob sie dieser Zustand 
selbst wären, oder zu ihm hinführten, oder ihn ersetzten, 
Er gibt nach wiederhoher Erfahrung diesen Dingen ein „Ja", 
er begehrt sie. Damit geht er den Urkompromiß mit der Welt 



2 8 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



ein, der Vorbild aller spätem Kompromisse wird, Hug- Hell- 
muth kommt ungefähr zu denselben Schlüssen, wenn sie sagt; 1 
„Seine (des Säuglings) ersten Gefühle gegen die Personen der 
Umgebung sind durchaus abwehrend und feindselig, denn alle 
Maßnahmen der Aufzucht empfindet er als unerwünschten Ein- 
griff in die Beschaulichkeit seines selbstzufriedenen jungen Daseins. 
Er hat vorerst keinen Anlaß, auf den stillen unbehinderten 
Entwicklungsgang der intrauterinen Phase zu ver- 
zichten. 2 Allmählich aber lernt er die Betreuung seitens der 
Pflegeperson als seinem. Ich wohltuend und förderlich erkennen 
und er wendet einen Teil seiner Eigengefühle dieser zu, ohne 
darum die rein narzißtische Stufe seiner Entwicklung aufzugeben. 
In der Einbeziehung der Außenwelt in sein Gefühlsleben, in der 
Objektfindung, vollbringt das Kind seine erste Kulturleistung." 
Wir erhalten damit auch eine klarere Einsicht in das Wesen 
der Ambivalenz, die in jeder Einstellung oder Bindung (die, wie 
wir gesehen haben, immer libidinöser Art ist) vorhanden ist. 
Die ursprüngliche Ablehnung, ich möchte sagen der Urhaß, 
bleibt jedem Dinge, auch dem Ich, und auch dem begehrten, 
dem „geliebten" Objekt gegenüber bestehen, gleichsam als der 
Unterton. Das Kind liebt nur, weil das Objekt einen geringen 
Ersatz für das eigentlich Begehrte bildet, aber der Urhaß bleibt 
gleicherzeit bestehen, weil dies Objekt, das von der kindlichen 
Seele aus gesehen Mitschuld an diesem „verhaßten" Sein trägt, 
nie die volle Befriedigung schaffen kann. Was wir also als Haß 
bezeichnen, setzt sich zusammen aus der Urablehnung einer- 
seits und der Umkehr der „Liebe" anderseits. Diese Umkehr 
erfolgt aus der Enttäuschung, die das Kind erlebt, wenn es ein 
Objekt als Ersatz begehrt und diesen dann nicht findet. Wenn 

i) Hug- Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes (S. 36). 
2) Von mir gesperrt. 



sser: 



Ambivalenzbildung- gQ 



xvir von Haß im alltäglichen Sinne sprechen, so meinen wir 
stets diesen letzteren. 

Aus obiger Darstellung wird uns nun vieles verständlich, 
vor allem die stete Ambivalenz von Haß und Liebe, aber auch 
die Beobachtung Freuds, „daß der Haß nicht nur der uner- 
wartet regelmäßige Begleiter der Liebe ist (Ambivalenz), nicht 
nur häufig ihr Vorläufer in menschlichen Beziehungen, 1 
sondern auch, daß Haß sich unter mancherlei Verhältnissen in 
Liebe, und Liebe in Haß verwandelt" 2 (S. 49). Und noch ein 
Drittes wird evident: Wir haben eine Bestätigung für die Richtigkeit 
der Freudschen Ableitung des Destruktionstriebes aus dem 
Sadismus (Urhaß) und zugleich eine Erklärung für das Be- 
stehen dieser beiden letzteren Triebe und für den auf das Ich 
als Objekt bezogenen Autosadismus^ (Masochismus), der ebenfalls 
im Urhaß seine tiefste Begründung findet. 

Es darf in diesem Zusammenhange nicht unerwähnt bleiben, 
daß mit unserer Setzung des Urhasses, der von Alfred Adler als 
primär angenommene Aggressionstrieb seine Berechtigung 
findet; nur dürfen wir dabei nicht vergessen, daß weder der 
Aggressionstrieb noch der Liebestrieb, die eben beide libidinöser 
Art sind, das wirklich Primäre sind. Sie sind freilich beide dem 
Kinde in die Wiege mitgegeben, sind beide Versuche der Einstellung 
zur Weh, aber hinter beiden steht der viel größere Trieb nach 
dem Zustand ohne Einstellung, ohne Bindung, dem Zustand, 
dessen Werden durch die Aufhebung der beiden erstgenannten 
Triebe bedingt ist. Gerade dieses wird aber im entfachten Streit 
Adler kontra Freud selten oder nie berücksichtigt. Der Streit 
dürfte überhaupt mit unserer Erkenntnis hinfällig geworden sein. 

1) Von mir gesperrt. 

2) Freud: Das Ich und das Es. 

3) Nach einem Ausdrucke von H. Hug -Hellmuth. 



. 






I 
4. BINDUNGEN ANS ICH 

Das erste Objekt, dem der Neugeborne „Interesse" und 
„Liebe entgegenbringt, ist das Ich. Diese Ureinstellung, die 
eine rein autoerotisch-narzißtische ist, bleibt Vorbild für alle später 
erfolgenden Einstellungen zu irgend einem Objekte. Freud sagt 
darüber in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (S. 79): 
„Die narzißtische oder Ichlibido erscheint uns als das große 
Reservoir, aus welchem die Objektbesetzungen ausgeschickt und 
in welches sie wieder einbezogen werden, die narzißtische Libido- 
besetzung des Ichs als deT in der ersten Kindheit realisierte Ur- 
zustand, welcher durch die spätem Aussendungen der Libido nur 
verdeckt wird, im Grunde hinter denselben erhalten geblieben ist." 

Wir dürfen uns aber diesen ersten Versuch einer „positiven" 
Einstellung nach unsern Ausführungen über den Urhaß nicht 
als absolut „positiv" 1 vorstellen, es ist vielmehr diese erste Ein- 
stellung zum Ich auch schon deutlich ambivalent. Neben sehr 
gut erkennbarer Lust an gewissen Muskelempfindungen und 
Muskelbetätigungen weiß sich der Säugling, den sehr oft 
ein starkes Kratzgelüste treibt, empfindliche Kratzwunden beizu- 
bringen. 1 Erwähnter Kollege C. berichtet mir, daß es bei „Leni" 
notwendig war, ihm schon in der ersten Woche die Händchen 
in Tuchhüllen zu stecken, weil es sich am Gesichtchen arg ge- 
kratzt hatte. - — Beinahe aus allen seinen Funktionen weiß sich der 

1) Siehe Bug-Hellmuth: Aus dein Seelenleben dos Kindes [S. 5). 






Ambivalenzbildung = j 

Neugeborae Quellen der Lust zu schaffen, so vor allem aus der 
Nahrungsaufnahme (Saugen etc.). Die Lust an dieser scheint 
aber ebenfalls den „grausamen" Unterton zu besitzen, wenn 
nämlich das Kind jeden nur erreichbaren Gegenstand sich „ein- 
verleiben" will, also die gesamte „verhaßte" Objektwelt zu ver- 
schlingen trachtet, um sie so aufzuheben. 

Ebendasselbe Interesse („Liebe" 1 ) bringt das Kind gleichsam 
dem Gegenstück der Nahrungsaufnahme, den Defäkations- 
aktert, entgegen. Es kennt keinen Ekel, im Gegenteil: Geruch, 
Wärme, Weichheit und Form der Exkremente behagen ihm 
sehr. Die Koprophilie ist eine fast allgemeine Erscheinung der 
Säuglinge, 

Eine Mutter berichtet mir von ihrem neunjährigen Willi, 
daß er immer mit großer Liebe im Kot im Bettchen gelegen 
habe, daß er so meist die längste Zeit mit dem Ausdruck großen 
Wohlbehagens still gewesen sei und dann angefangen habe, sich 
über und über zu beschmieren. Der Knabe selbst (ein Stotterer) 
erzählt mir in der Analyse, die sich fast ausschließlich um 
Koprophilie und Analkomplex drehte, er hatte das Schmieren 
nicht machen sollen, aber er habe gedacht, es sei so lustig. Er 
habe auch immer gedacht, woher das „Gagga" 1 komme, und 
wie es komme, und warum es rieche. Wir sehen in diesen 
Fragen das große Interesse, das der Kleine seinen Exkrementen 
entgegenbringt. Auch, sagt er weiter, hat es mir gefallen, weil 
es so Wurstchen gab. Ich habe manchmal davon auf die Finger 
genommen und damit „gäggelet". 1 



1) Ein Provinzialausdruck für Kot. 

2) Ein von „Gagga" abgeleitetes Tätigkeitswort, das das Spielen 
mit „Gagga" wiedergibt, wenigstens nach dem wörtlichen Sinne; in der 
Volkssprache bedeutet „gäggele" einfach das Spielen der Kinder über- 
haupt und hat seinen ursprünglichen Sinn verloren. Der kleine Hans sagt 



-i 2 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



Aber neben der „Liebe" zum Kot, die noch eine Verstär- 
kung erhalten mag, dadurch, daß das Liegen im warmen, weichen 
Kot an das Liegen im Mutterleib „erinnert", mag auch hier 
wieder, wie der Nahrung gegenüber, die Grausamkeit sich äußern. 
Ein Teil der „verpönten" Objektwelt ist verschluckt worden und 
wird nun hier als eigenes Produkt beherrscht. Es ist denkbar, 
daß das Kind den Urzustand, das ringsum Emgescrdossensein im 
Mutterleib, durch das Sichbeschmieren wieder herzustellen sucht. 
Nahrungsaufnahme und Defäkationsakt sind erste 
Aktivierungen und geben eine Möglichkeit, die Objektwelt 
nicht mehr vollständig nur erleiden zu müssen. 

Etwas Ähnliches wiederholt das Kind im Spiel überhaupt, 
ganz besonders in jenem „Verstecken und Sichfinden lassen", 
welchem Spiel Freud in „Jenseits des Lustprinzips" besondere 
Aufmerksamkeit geschenkt hat. 

Nach dem Hinweis auf die Ambivalenz der typischsten 
Hbidinösen Funktionen des Ichs ( gehen wir über zu den Be- 
ziehungen des Kindes, die es zur eigentlichen, fremden Objekt- 
welt macht, und die zu weiteren Modifikationen seines Seelen- 
lebens führen. 



selbst, daß die Kinder auch in der Schill* „gHggelen^.iind daß die ganz 
Kleinen, noch nicht schulpflichtigen, in die „Güggelischule" (ein allge- 
meiner Ausdruck für den Kindergarten) gehen. „Gäggelcn« wird auch 
etwa in zynischem Sinne dem Erwachsenen entgegengehalten, wenn er 
irgend eine nutzlose, dem Kinderspiel gleichende Beschäftigung treibt. Die 
game Verschiebung dürfte uns ein Fingerzeig sein für die Verdrängung, 
die hier stattgefunden, analog derjenigen vom Kotspielen mm Spielen 
überhaupt. 



5. DIE ELTERNBINDUNG 

a) Mutterbindung 

Die erste, mächtigste und zugleich vorbildliche Fremd- 
Objektbesetzung macht der Neugeborne bei der Mutter. Die 
Bindung an sie ist neben der Ichbesetzung die am positivsten 
„bewertete**, die begehrteste, deren Abbild auch in allen übrigen 
Bindungen des Lebens irgendwie und bis zu einem gewissen 
Grade wiederzuerkennen ist. Wir wissen aus häufigen Erfahrungen, 
daß überall dort, wo die „ Liebe" eines Kindes zur Mutter in 
bleibenden „Haß" umgeschlagen hat, dies jenem meist für das 
ganze Leben nachteilig wird. 

Worin liegen nun die Ursachen zu dieser so außerordentlich 
starken Besetzung? Wir dürfen füglich annehmen, daß der 
Säugling instinktiv erfaßt, daß bei der Mutter das „Paradies" 
ist, „aus dem er vertrieben worden". Leni, das Töchter chen 
des Kollegen C, zeigte in den ersten Wochen einen Mangel 
an Vitalität (eine Erscheinung, die nach ärztlicher Feststellung 
ziemlich häufig vorkommt), und man hatte Mühe, das Kind aus 
seiner Apathie herauszubringen und zum Saugen zu veranlassen. 
Die zweite Woche hatte allerdings eine Ausnahme gezeigt, indem 
das Kind meist, wenigstens des Nachts, heftig schrie und nur 
ruhig wurde, wenn es an der warmen Brust der Mutter liegen 
konnte (Regression). Seine Sehnsucht nach dem Ort des intra- 
uterinen Lebens überträgt sich auf dessen Träger, der freilich 

3 Grabirr 



54 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



auch nie Erfüller dieses mächtigsten Wunsches wird und dem 
deshalb der Urhaß ebensosehr gilt wie der übrigen Objektwelt. 
Darum kann das Kind auch der Mutter gegenüber sadistische 
Züge die aus diesem Urhaß abzuleiten sind, zeigen, und zwar 
sogar in dem Augenblick, wo es mit größter Wonne an der 
Mutterbrust saugt, einem Akte, der wohl in der ersten Phase 
als der am meisten lustbetonte in den Beziehungen zur Mutter 
bezeichnet werden kann. Aber wir dürfen bei dieser krassen 
Ambivalent nicht vergessen, daß eben auch der Sadismus Lust 
erzeugt und deshalb nur eine Steigerung zu den Wonnen des 
Saugens bedeutet. Hug-Hellmuth> erwähnt den Fall, wo ein 
viermonatiges Mädchen seiner Mutter während des Gesaugt- 
werdens tiefe Kratzwunden an der Brust beibringt. Kollege C. 
teilte mir mit. daß sein Töchterchen „Leni* der Mutter schon 
am zweiten Tage nach der Geburt eine Brustwarze stark wund 
gerissen habe, was es auch in der zweiten und dritten Woche 
fortsetzte. Es schien den Eltern, als ob es „absichtlich daran 
heruimerre, um die Schmerzen der Mutter zu vergrößern. Ich 
glaube es ist nicht mehr notwendig, darauf hinzuweisen, daß 
das Saugen eine erste Äußerung des Sexualtriebes ist und die 
Lippenzone eine stark erotische Auszeichnung bekommt. Wir 
bissen daß erstens fast jede Bewegung, und die Nahrungsauf- 
nahme, wie wir sahen, ganz besonders, lustbetont ist, oder doch 
Lust zuführen soll, und daß zweitens das Kind es versteht, m 
seinem autoerotischen Trieb, jeden einzelnen Kürperteil, ja jede 
Stelle am Körper zur Lustquelle zu machen, denn immer und 
immer ist sein größter narzißtischer Trieb der, sich von der 
Umwelt unabhängig zu machen. Wenn wir gesehen haben, daß 
jede Lustgewinnung nur Ersatz ist für den nicht mehr zu er- 

i) Hug- Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes (S. 3). 



AmbivalenzhildurLg 35 



reichenden alibidinösen Zustand, so fällt dieser Ersatzcharakter 
besonders dem Ludein und Lutschen zu, und es scheint mir 
gar nicht mehr so sehr von Wichtigkeit, zu betonen, daß das 
Ludein besonders sexuellen Einschlag hat und niemals nur als 
Ersatz für die Nahrungsaufnahme angesehen werden darf. Da 
wir ja gesehen haben, daß die größte Konzentration der Libido 
sich auf jene Funktionen bezieht, so ist es ohne wertem ein- 
leuchtend, daß diese Konzentration bereits ebenso groß sein muß 
in bezug auf den Ersatz, nämlich das Ludein. Es muß über- 
haupt der ganze Vorgang des Saugens (wie auch seines Ersatzes) 
das Kind am meisten „erinnern* an das intrauterine Sein, viel- 
leicht weil es damit die engste Wiedervereinigung mit der Mutter 
erlebt welche es eben, in beständigem Hangen an ihr, trinkt, 
in sich aufnimmt, sich „einverleibt". Hug-Hellmuth 1 erzählt 
eine seltsam anmutende, aber in diesem Zusammenhang ver- 
ständliche Tatsache: 

„Ich habe bei meinem Neffen wiederholt beobachtet, daß bei 
dem durch die Nacht fortgesetzten Lutschen sich am Morgen 
an den Fingern der dem weiblichen Genitale spezifische Geruch 
bemerkbar macht, und diese Wahrnehmung haben mir mehrere 
Mütter bestätigt. Dieser Geruch dürfte durch die stundenlange 
Einwirkung des Speichels auf die Haut der Finger Zustande- 
kommen. Es scheint, als ob die Geruchsempfindung mit ein- 
bezogen ist in die durch das Ludein erzeugte Lust; tatsächlich 
hat mein Neffe in seinem vierten Jahre, als versucht wurde, ihn 
von dieser Gewohnheit unter Hinweis auf den üblen Geruch 
des Fingers abzuhalten, erwidert: ,Oh, das riech' ich gernl' a 
Diese Bevorzugung stammt möglicherweise von den 

i) Hug-Hellmuth: Aus dem Seeknieben des Kindes (S. 5V 
2) Das folgende von mir gesperrt. 



" g ~ Das Wesen der Ambival enz des Kindes 

Geruchserinnerungen an den Sterinen Zustand her". 
Eben eine solche Erinnerung an diesen Zustand kann beim Saugen 
an der Brust die Wärme und Weichheit des Mutterleibes auslosen. 
Ähnlich wirken auch die Wärme de, Bades und des Bettchens. 1 
Die laue Wärme des Bade*, der geringe Widerstand der Flüssig- 
keit mag in dem Säugling eine dunkle Erinnerung an .emen 
fötalen Zustand wachrufen und ihn veranlassen, die pränatale 
Stellung der hochgezogenen Beine und der an den Korper ge- 
beugten Arme einzunehmen. Diese Lage wird von vielen Kindern 
Jahrelang im Schlafe bevorzugt und das Anpressen der gekreuzten 
Arme an die Brust, wie dies Kinder und Erwachsene beim 
Anhören gruseliger Geschichten üben, scheint mir ein über- 
bleibsei aus der prähistorischen Periode des Kindchens „ 

Wir sehen aber neben der „Liebe" zu all diesen Dmgen, 
™* ganz besonders zur Mutter, die ja überall irgendwo dabei 
mitbetätigt ist, wie der Urhaß Unterton ist, das zeigt sich ge- 
legentlich darin, daß das sonst geliebte Bad plötzlich heftig ab- 
gelehnt wird, daß das sonst mit Befriedigung aufgenommene 
Ins-Bettchen-Legen ohne verständliche Motivierung abgelehnt wird, 
ia es können zum Entsetzen der Mutter sich plötzlich, für sie 
absolut rätselhaft, heftige Trotz-, ja sogar Wutäußerungen zeigen. 
Der frühere „Autosadismus" überträgt sich auf das fremde Objekt 
U nd wird zum eigentlichen Sadismus. Wir kennen genügend 
Beispiele aus unsern eigenen täglichen Erfahrungen, wie grausam 
kleine Kinder sein können, wie sie jauchzend der Mutter ins 
Gesicht schlagen, sie kratzen, ihre Fingerchen irgendwo m die 
Haut der Mutter einzukrallen und zu zerren versuchen, wie sie, 
wenn die ersten Zähnchen da sind, beißen. Oft begleiten diese 
Aktionen sichtlich diabolisch-gierige Gesichtsausdrücke. 

Hug-Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes (S. 15)- 



Auch hier wieder erkennen wir die starke Ambivalenz, 
indem gerade den Objekten und Funktionen höchster Lust - 
betonung gegenüber, eben weil sie immer doch nur Ersatz blexben 
u „d nie volle Befriedigung bringen, gleichsam aus Rache dafür 
und damit zur Steigerung der Lust, die Aggression eine hefoge 

wird. 

b) Vaterbindung 

Wie die Einstellung zu allen Objekten, die natürlich Per- 
sonen (auch Tieren) gegenüber meist am intensivsten ist, so l*t 
auch die Einstellung zum Vater keine prinzipiell andere als 
die bereits nachgewiesene zur Mutter. Es ist eine Tatsache, die 
nach dem Gesagten über die Mutterbindung verständlicher >st, 
daß eine Einstellung des Säuglings tum Vater ersten, viel spater 
erfolgt und zweitens eine viel „kühlere" ist als diejenige xur Mutter. 
Er kommt als Libidoobjekt erst überhaupt nicht und auch lange 
Zeit später nur ganz minim in Betracht, Das Kind äußert xhm 
gegenüber das Fremdheitsgeiühl, das ja anfänglich der gesamten 
Objektwelt gilt und so wie dieser letzteren, gibt es auch dem 
Vater die Abneigung kund, Erst nach und nach, nachdem mit 
der positiven Besetzung der Mutter tiefgreifende „Erfahrungen 
über den fremden Menschenleib gemacht worden smd, vermag 
es eine „Übertragung" zu bilden von der Mutter zum Vater, 
und erst dann wagt es auch eine analoge Besetzung benn Vater, 
die dann in geringerem Grade genau dieselben Erscheinungen 
zeigt, wie wir sie bei der Mutter nachgewiesen haben, also auch 

die Ambivalenz. p . 

Ich habe bis dahin nur gesprochen von der rein auusnsch- 
narzißtischen Einstellung der prägenitalen Organisataon des 
Säuglings, und zwa^ohm^v^ 

i) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (S. 6o\ 



sondere Abgrenzung zwischen einer oral-kannibalischen und 
einer sadistisch-analen Phase m machen, die gewiß ihre Berech- 
tigung hat, aber mir in unserem Znsammenhang als von geringerer 
Bedeutung erscheint. Beide Phasen greifen ineinander über und 
es erhellt ja ohneweiters, daß die zweite, die nach Freud als 
die spätere bezeichnet wird, eben deshalb als die später, : erscheint, 
weil das Kind erst später für den Außenstehenden locht wahr 
nehmbare Äußerungen seiner sadistisch- analen Aktivität zu real. 
sieren vermag. Zudem wird die sadistische Betätigung auch erst 
im Gegensatz zur vollzogenen „positiven" Besetzung als „auf- 
fallend« wahrgenommen. Daß der angenommene Urhaß und der 
damit verbundene Sadismus bereits auch schon in der ersten 
or al-kannibalischen Phase vorhanden ist, dürft, durch di< , Hmw««e 
auf sadistische Äußerungen des Säuglings schon wahrend de, 
Lten Tage durch Freyer, Scüpin, Hug-Hellmuth etc. ge- 
nügend erwiesen sein. Ich erinnere nur noch an die bereit, 
erwähnten sadistischen Akte des Töchterchens meines Kollegen C, 
das damit schon am zweiten Tage begann. 

* * 

Wir haben noch beizufügen, daß auch in der Geschwister- 
bindung sich nichts prinzipiell Neues zeigt. Geschwisterzank 
und Geschwisterliebe wechseln fast tagtäglich. Me»t »ndEifer- 
sucht und Herrschgelüste Hauptmotive zur negativen Umstellung. 
Aber auch der Geschlechtsunterschied spielt hie. schon eine große 
Rolle Bruder und Schwester können in eine so große positive 
Bindung geraten, daß es ihnen nicht möglich wird, im späteren 
Leben sich zu trennen und eine Ehe mit fremden Menschen ein- 
zugehen. Die Menschen sind ihnen eben immer zu „fremd . 

' GewaltigeKomplikationen sowohl der Ich- als auch der Eltern- 
nnd Geschwisterbindung zeigen sich nun erstens in der Erschei- 




J» durch die Menschen in die Objektwelt gesehen und 
aung der durch d>e * Lustbeg ehren und das 

vun ihnen vertretenen *■-*** Velho , JU belegen 

Lus.gcnießcn mrt eanem T »\^ ""£ des Kindes „ 

- weiten, durch die langsame ' **«— Kenntnis 
genitalen Organisation und damrt der dammerna 

Md r Ph „ eme f^ : ^z^zrzz 

nehmen müssen, so „erlebt sie das aon 
*nät als vom Objekt herkommend. 

P Schon aus iesem Grunde lehn, sie das Kind ursprunghch 
W ie die™ außen Kommende ah. Beide Tatsachen drangen 
7h tZ auf es muß schließlich sich mit ihnen abfinden und 
sich ihm aut, ^ . ihnen einen 

^ den Ausführungen «her die organische Erscheinung de 
Lehlechtsunterschiedes, weü das Verbot «h ,a gan 
T f die eben in die Geschlechtsteile zentralisierte Lmrt 
ffÄÄf - - verbot teir^ei 

bezieht. & * Wl32 vom Geschlechtsunterschiede hat. 

lange bevor es eine Ahnung voi 



J 



mm 






6. DER GESCHLECHTSUNTERSCHIED 

Wir haben gesehen, wie der Säugling anfänglich seine Libido 
hauptsächlich auf die Funktionen der Nahrungsaufnahme, Ver- 
dauung und Defäkation verlegt. Neben den auf den ganzen 
Körper verteilten erogenen Zonen haben diejenigen Körperteile, 
vor allem also Mund und After, an die jene Funktionen ge- 
bunden sind, eine Vorzugsstellung, die, wie Freud nachgewiesen 
hat, 1 sich oft auch später beim Erwachsenen noch eine Vorzugs- 
stellung zu wahren wissen. 

Meist sehr früh schon tritt nun neben die erwähnten ero- 
genen Zonen eine nette, nämlich die genitale, in den Vorder- 
grund des Interesses, Wie der Säugling eben alle Verrichtungen 
seines Körpers nach und nach lustvoll zu erleben verstellt, so 
erlebt er auch die Harnentleerung lustvoll, die wegen ihrer 
großen Verwandtschaft mit der Defäkation (es wird ja auch ein- 
genommene Nahrung ausgeschieden) dieselben Erscheinungen 
aufweist. Der warme Urin, der die Haut (Genitale, Beine etc.) 
überläuft, erinnert an den fötalen Zustand und löst Lust aus, 
Zu dieser Reizung kommen diejenigen der Waschungen etc. 
hinzu. Freud sagt: 3 „Durch die anatomische Lage, die Über- 
strömung mit Sekreten, durch die Waschungen und Reibungen 
der Körperpflege und durch gewisse akzidentelle Erregungen (wie 

l) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 

a) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie V S. 51). 






Ambivalenzbildung a i 



die Wanderungen von Eingeweidewürmern bei Mädchen) wird 
es unvermeidlich, daß die Lustempfindung, welche die Körper- 
stelle zu ergeben fähig ist, sich dem Kinde schon im Säuglings- 
alter bemerkbar mache und ein Bedürfnis nach ihrer Wieder- 
holung erwecke, überblickt man die Summe der vorliegenden 
Einrichtungen und bedenkt, daß die Maßregeln zur Reinhaltung 
kaum anders wirken können als die Verunreinigung, so wird 
man sich kaum der Auffassung entziehen können, daß durch 
die Säuglingsonanie, der kaum ein Individuum entgeht, das 
künftige Primat dieser erogenen Zone für die Geschlechtstätig- 
keit festgelegt wird. a 

Die Säuglingsonanie ist wenigstens bei Knaben (bei Mädchen 
äußert sie sich mehr in dem Zusammenschließen der Ober- 
schenkel) eine ziemlich allgemeine Erscheinung. Nach Freuds 
Konstatierung pflegt der Sexualtrieb der Genitalzone nach kurzer 
Dauer seiner Befriedigung durch die Onanie abzunehmen, um 
erst so gegen das vierte Altersjahr wieder zu erwachen. Von 
hier ab fängt alles Interesse an, sich immer mehr auf die Geni- 
talien zu richten, weil hier (meist auch schon früher, aber oft 
auch erst sehr viel später) die Erkenntnis des Geschlechts- 
unterschiedes von Mann und Frau, sich bildet. Wir werden 
sehen, wie einschneidend die Tatsache dieser Erkenntnis für das 
Seelenleben des Kindes wird, wie sehr vor allem es diese wie 
alles Neue ablehnt und verdrängt, wohl weil sie es zu einer neuen 
Sonderung zwingt und den Gegensatz Subjekt — Objekt vergrößert. 

Die ersten Zeichen einer Verstandesentwicklung zeigen sich 
im Gedächtnis des Kindes. Es versteht einmal entdeckte Lust- 
quellen wieder zu finden. So richtet sich, wie wir sahen, an- 
fänglich sein ganzes Interesse auf die Nahrungsaufnahme und 
die Ausscheidung der Exkremente. Wenn auch später bei den 
ersten Sprach versuchen der InteTessekreis des Kindes bereits ge- 






4,2 Das fVesen der Ambivalenz des Ki?ides 

waltig erweitert ist, so sind doch die ersten Laute oft unzwei- 
deutig mit der Nahrung und den Exkrementen in Beziehung zu 
bringen, so das bekannte A- a und Ä — ■ — ä. 

Ist die Sprache weiter entwickelt, dann bringt das Kind 
auch seine ersten Fragen, die, falls nicht bereits starke Dumme 
in ihm errichtet sind, sich ähnlich wie bei dem erwähnten Willi 
auf die Exkremente beziehen, „woher sie kommen, wie sie 
kommen, warum sie so riechen". Willi zeigte überhaupt ein 
außerordentlich reges Interesse für den Vorgang der Verdauung. 
Es ist anzunehmen, daß die Antwort auf die Frage der meisten 
Kinder „woher (von was und wie?) komme ich?" von ihnen 
gefunden wird im Vergleich mit den eigenen „Schöpfungen , 
„Kindern" (Exkrementen). Für das Kind ist ja anfänglich alles 
„beseelt", und es mag die Lust am Kneten und Formen der 
Exkremente auch eine Begründung darin finden, daß das Kind 
eben aus seinen „Schöpfungen" „Kinder" zu formen versucht. 
Willi sagte, das „Gagga" habe ihm so gefallen, weil es so 
„Würstchen" gab, und weil man es drücken und formen konnte. 

Der ganze Wiß-, Forscher- und Schöpfungstrieb des 
Kindes ist in seiner Auswirkung immer nur ein erneuter Versuch, 
die Urambivalenz aufzuheben, und zwar nun nicht mehr 
ausgesprochen regressiv durch die Ablehnung des postnatalen 
Seins, sondern durch die Bemächtigung, das Einfangen, die 
„Einverleibung" der Objektwelt. 

Wenn wh sagten, daß das Ziel aller Wollungen ihre Selbst- 
aufhebung ist, so würde natürlich auch mit der „Einverleibung 
der Welt die Möglichkeit gegeben sein, den urnarzißtischen Zu- 
stand wieder herzustellen, jede weitere Strebung überflüssig zu 
machen, die Ambivalenz aufzuheben. Dies vermag der Säugling 
anfänglich auch tatsächlich in weitgehendstem Maße zu voll- 
bringen ; er „verleibt" sich die Welt ein und ist so das Ein und 



Ambivaleiizbildung ** 



das Alles. Spätere Träume der Kinder, in denen sie von Hexen etc. 
verschlungen werden, eine Tatsache, die sich auch in den 
Märchen wiederfindet, mögen eine Umkehrung und Selbst- 
bestrafung sein für ihr „Verschlingen" der Mutter, zugleich aber 
liegt darin auch der Wunsch, verschlungen zu werden, um in 
den Mutterleib zurückkehren zu können. Diese narzißtische Ein- 
heit wird durch die wachsende „Erkenntnis" des Kindes immer 
mehr durchbrochen, indem es langsam „merkt", daß" sein Ver- 
schlingen eine Seifasttäuschung war, daß von der Welt noch 
sehr viel bestehen bleibt. Nach und nach äußert sich darum 
immer heftiger sein Sadismus, und damit wird auch die Spaltung 
im Kinde größer. 

Wir haben noch als Beweis für die Behauptung, daß das 
Kind seine „Geburtstheorien" in Analogie mit dem Defäkations- 
akt finde, ein typisches Beispiel zu bringen: 

Der kleine Willi 1 dachte sich, die Mutter habe ein Stück 
Fleisch gegessen, dieses wuchs in ihr und zuletzt kam hinten 
(Anus) ein Kindlein heraus. Er grübelte viel darüber nach, wie 
es wohl so ein Stück Fleisch" geben könne und vor allem, wie 
dieses Kinderform bekommen könne, und ob das Kindlein 
in der Mutter auch schon gelebt habe. Wir sehen, es sind Pro- 
bleme, die er sich bereits bei seiner Defäkation gestellt hatte, 
und die er dort nicht zu lösen vermochte. Interessant ist, daß 
er das Lebendigwerden nun einer Geheimkraft zuschreibt. Die 
Mutter wird krank, wenn sie das Stück Fleisch gegessen hat, 
der Arzt muß kommen und muß ihr ein „Mittel" (Arznei) 
geben, und dies bewirkt dann, daß aus dem Stück Fleisch das 
Kindlein wird. Das „Mittel" holt der Arzt aus der Apotheke, 
wo es aus einem ganz seltenen Kräutlein gemacht wird, 

n Vgl. S. 31 £ 



44 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



Zwischen dem dritten und fünften Jahr ungefähr erlebt das 
Kind, sei es durch ein akzidentelles Erleben, verbunden mit 
Exhibition und Schaulust, sei es durch fremde Aussagen, daß 
es noch Menschen gibt, die anders beschaffen sind als es selbst. 
Es fühlt sich durch diese Sonderung unsicher geworden, ist nie 
recht klar, welche Rolle ihm selbst zugefallen ist oder noch 
zufallen wird. 1 

Es setzt sich darum ohneweiters über die Tatsache hinweg 
und vereinheitlicht, um nicht in weitere Widersprüche dieses 
Seins hineingerissen zu werden. Knaben und Mädchen vertreten 
die Annahme des männlichen Genitales und trösten sich, daß es 
dem Mädchen eben noch wachsen müsse. Erst nachdem immer 
neue Wahrnehmungen das Kind schließlich zur Korrektur seiner 
Hypothese zwingen, beginnen seine neuen Seelenkämpfe. Es 
finden ümschaltungen statt, und die Ambivalenz erfahrt neue 
Fixierungen und Komplikationen. Aber auch hiebei versucht es 
immer wieder mit neuen Fiktionen die verlorene Einheitlichkeit 
wieder herzustellen. 

Ein über zehn Jahre alter Knabe, namens Kurt, ist noch 
immer der Ansicht, daß Knaben und Mädchen ein „Schneggi" 5 
(Penis) besäßen. Er hat vor Jahren einmal in der Badeanstalt 
ein kleines Mädchen nackt gesehen und beobachtete dabei auch 
sein „Schneggi". Dort muß er das Urbild des weiblichen Penis 
in sich aufgenommen haben. Er sagt: Das „Schneggi" ist rund 
wie eine Kugel, fast wie eine Wurst und hängt vom herunter 

i) Dr. Th. Reik berichtet in seinem Buche „Der eigene und der 
fremde Gott": Ein fünfjähriger Knabe äußerte, als die Mutter ihm ein 
Stück Torte verweigerte, zornig: „Wenn ich mal Mama sein werde, 
werde ich meine Kinder auch so behandeln." (S. 84}. 

2) Verkleinerung für Schnecke. Ein hier gebräuchlicher Ausdruck 
für Penis. 



Ambivalenzhildung 4.5 



wie beim Knaben. Das Mädchen hat kein Säcklein {Hodensack), 
dafür ist sein „Schneggi" größer als dasjenige des Knaben. 
Hinten und vorn ist es gleich dick und hat nur ganz zuvorderst 
eine kleine Spitze (Klitoris). Es geht weit in den Bauch 
hinein, beim Knaben aber nicht. Beim Mädchen ist es dick 
und kurz, beim Knaben dünn und lang. Das Mädchen aber hat 
kein Säcklein bekommen, weil dieses sonst vielleicht länger ge- 
wesen wäre, als das „Schneggi" (womit er wohl die Vorstellung 
der Koitusbehinderung verband). Er erklärte mir übrigens vor- 
erst, daß zuerst alle Kinder Mädchen seien, und daß, wenn man 
daraus einen Knaben machen wolle, man das Mädchen als Knaben 
taufen müsse, und daß damit dann das Säcklein wachse. Ich 
glaubte erst, die Freudsche These, daß nämlich das Kind all- 
gemein die Annahme des männlichen Genitales mache, korrigieren 
zu müssen, merkte aber dann, daß diese Idee Kurts nur eine 
Ersatzbildung war für die verdrängte Kastrationsidee, die schließ- 
lich dann auch zum Vorschein kam in der besonderen Form, 
daß nämlich dem Mädchen das „Schneggi" abgeschnitten und 
dann wieder eingesetzt worden sei. Das Fleisch sei hierauf dar- 
über gewachsen und nur ein Teil sei „dick davor geblieben. 
Ein anderer zehnjähriger Knabe, Alfred, der noch in diesem 
Alter keine klaren Begriffe von den beiden Geschlechtern hat, 
berichtet mir folgendes: „Als ich etwa fünf Jahre alt war, sah 
ich einmal, wie das kleine Schwesterlein gebadet wurde und 
daß es nur eine „Bitze" hat. Ich dachte, das sei so, damit man 
unterscheiden könne, was ein Knabe und was ein Mädchen sei. 
Vorher habe ich gedacht, Frauen und Männer seien 
gleich, so wie ich. Als aber das Schwesterlein größer wurde 
und ich es immer gleich sah, dachte ich, man habe ihm das 
Gliedlein abgeschnitten und dann eine „Ritze" gemacht. Ich 
habe dann lange, lange Zeit Angst gehabt, man schneide mir 



a,6 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



das Gliedlein auch ab (Kastrationsangst), Das hätte weh getan, 
und ich wollte lieber ein Knabe sein. 

Eine erste Fixierung der Ambivalenz geschieht beim Kinde 
nun dadurch, daß es seine beiden Triebrieb tun gen Nicht- 
wollen — Wollen (Passivität — Aktivität) nach außen projiziert 
und in Frau und Mann (Mutter und Vater) Personifikation dafür 
findet. Die Frau (Mutter) vertritt nun jene Kraft, die zurück 
will ins pränatale Sein (Regression), und der Mann (Vater) die 
Kraft, die sich dieses, des postnatalen Seins bemächtigt. Und da 
nun in jedem Augenblicke im Kinde beide Kräfte wirksam sind, 
so ergibt sich sowohl für die männliche wie für die weibliche 
Person eine doppelte Wertung. Die Frau erhält posiü%-e Wertung, 
weil sie das Wesen ist, in dem die Kraft der Regression ver- 
körpert ist („das ewig Weibliche zieht uns hinan") und wird 
verachtet, weil sie für dieses Sein kraftlos, $chwach erscheint. 
Der Mann dagegen %vird bewundert als der Vertreter der Kraft, 
die die Objektwelt und damit dieses ganze Sein meistert, be- 
herrscht, und wird „gehaßt", weil er zu eben diesem Sein zwingt. 
Es war bei jenem Alfred außerordentlich interessant zu ver- 
folgen, wie sich seine ganze Ambivalenz des Wollens und Nicht- 
wollens mit den Begriffen Mann und Frau verknüpfte. Das 
Schwanken zwischen beiden Idealen zeigte sich auch darin, daß 
er spielend bald aus sich selbst ein Mädchen machte und ans 
dem Schwesterlein einen Knaben und bald wieder das Um- 
gekehrte in seiner Phantasie vollzog. Sein ganzer Kastrations- 
komplex war ungewöhnlich kompliziert. Vor allem versuchte 
er sich anfänglich immer wieder dadurch vor dem einerseits 
durch die Elternbindung gewünschten und anderseits aber doch 
gefürchteten Mädchenwerden zu retten, indem er sich tröstete, 
wenn man ihm das Gliedlein auch abschneiden würde, so hätte 
er die „Ritze" dann immer noch nicht. Wenn er aber dann 



. 



Ambivalenzbildung 47 



wieder das Schwesterlein mit der „Wunde" sah, dann wurde die 
Angst wieder sehr groß, der Vater würde es ihm abschneiden 
und dem Schwesterlein anhängen und aus diesem einen 
Buhen machen, weil er das Schwesterlein lieher hatte. Wir sehen, 
daß Alfred hier die Bevorzugung des Schwesterleins durch den 
Vater noch nicht mit dem Geschlechtsunterschied in Verbindung 
bringt, d. h. nicht in der uns bekannten Form, nach der der 
Vater das Mädchen mehr Hebt. Dieser macht vielmehr aus seinem 
„Liebling" einen Knaben, weil Knaben in der Welt mehr gelten. 
Langsam dämmert dem kleinen Alfred aber doch auf, daß der 
Vater eben die Mädchen überhaupt bevorzugt. Er befürchtet nun 
die Kastration nicht mehr, weil der Vater mit seinem Gliedlein 
aus dem Schwesterchen einen Knaben machen will, sondern 
weil der Vater eben auch ans ihm ein Mädchen machen will, 
Er fängt darum schon sehr früh an, sich als Mädchen feminin 
m betragen, um dem Vater zu gefallen. Aber die Ambivalenz 
wird noch erhöht dadurch, daß, wie ein Traum mir zeigte, auch 
die Mutter die Kastration begehrt. Alfred stellt sich vor, auch 
die Großmutter (mütterlicherseits) hat einst durch Abschneiden 
aus. seiner (Alfreds) Mutter, die ursprünglich ein Knabe war, ein 
Mädchen gemacht, damit sie später, wie dies auch lange geschah, 
als zwei Frauen zusammenleben könnten. Und nun fürchtete er, 
daß auch die Mutter ihm gegenüber vom selben Wunsche ein- 
genommen sei, er befliß sich also auch ihr gegenüber, die er 
anderseits gerade wegen ihrer entgegengesetzten Geschlecht- 
Hchkeit liebte, sich als Mädchen zu betragen. Die Bindung an 
beide Eltern zwang ihn also zum Mädchensein, das er deshalb 
herbeiwünschte. Dem stand der ursprüngliche Wunsch, ein Knabe 
zu sein gegenüber, der aus dem allgemeinen günstigen Urteil 
über Knaben und der Angst vor dem Schmerze der Kastration 
sich bildete. Dies gab er unzweideutig einmal dadurch zu ver- 



48 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 

stehen, daß er, als er und sein Schwesterlein einen gleichen 
blauen Filzhut trugen, weswegen man ihn gelegentlich auch 
auslachte und „Mädchen" nannte, energisch forderte, daß man 
ihm einen neuen Hut kaufe. Er suchte dann in der ganzen 
Stadt herum in allen Geschäften eine Wettrennerkappe, Er 
wollte eine solche besitzen, wie der Vater sie trägt. 

Aus dieser verzwickt ambivalenten Lage rettete sich der 
Knabe schließlich dadurch, daß er beide Geschlechter ab- 
lehnte und jenen Gedanken, der ihm erst nur Abwehr gegen 
das Mädchensein war, ausbaute. Immer hatte er sich damit ge- 
tröstet, wenn ihm auch das Gliedchen abgeschnitten würde, so 
fehlte ihm ja immer noch die „Ritze". Und als er schließ- 
lich von dem ewigen Hin und Her ermüdet war, da dachte er 
(immer nach seinem Bericht), als er wieder einmal dem Ab- 
schneiden nachgrübelte, er wolle sich jetzt diese Frage aus dem 
Sinne schlagen, ob er ein Knabe oder Mädchen sei, es sei gleich- 
gültig, er wäre zwar lieber ein Knabe geblieben. Die Flucht aus 
dem Kampf, aus der Ambivalenz war damit eingeleitet. Er machte 
sich zum Neutrum und dachte schließlich, die Ehern wollten 
dadurch, daß sie ihm das Gliedchen abschneiden würden, ohne 
die Ritze (Vagina) zu machen, aus ihm einen einzigartigen 
Menschen machen, der ganz anders sein würde als alle Frauen 
und Männer der ganzen Welt. Das abgeschnittene Gliedchen 
würden jene aber bloß gebrauchen, um es vorn beim Garten- 
schlauch zu befestigen, damit man besser den Garten spritzen 
könne. Wir sehen, das Glied hat jetzt nur mehr einen ganz 
nebensächlichen Wert, 

Alfred begehrt sogar die Kastration. Einen ähnlichen Fall 
berichtet Pfister. ' Dort vollzieht der Knabe selbst in seinem 

1) O. Pfister; Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen 
(S- 230.) 



Ambivalenzbildung 49 



Träumen und Phantasieren die Kastration, und „wißbegierig will 
er erfahren, was aus dem Amputierten wird . 

Für Alfred sind überhaupt Mann und Frau ziemlich wertlos 
geworden; das, was von ihm zuvor doppelt begehrt wurde, wird jetzt 
regressiv, erstens, weil nicht erreichbar, und zweitens der Urein- 
stellung zur Welt entsprechend, auszuschalten versucht. Damit ist 
auch ein stark gefühlsbetontes Hin- und Hergeworfensein aufge- 
hoben, eine Art Einheit hergestellt, in der es ganz gleichgültig ist, 
ob man dasselbe Ding positiv oder negativ werte. Darin glaubt die 
Forschung (Bleuler etc.) in Analogie zum Zustand der Paranoiker, 
die große Ambivalenz zu sehen. Wir dürfen aber dabei nicht 
vergessen, daß gerade durch die Gleichgültigkeit den Gegensätzen 
der Objektwelt gegenüber eine weitgehende Unabhängigkeit erreicht 
wird und damit ein Zustand, der dem urnarzißtischen nahekommt, 
der eine Art Einheit darstellt, Wenn diese uns auch nur als eine 
fiktive erscheint, so wird sie vom Subjekt eben doch „erlebt . 

Alfred glaubt ein „Auserwählter" zu sein und begehrt 
die zugleich gefürchtete Kastration, Wir haben mit unser m 
Fall einen neuen Einblick in die Psychologie des „Auserwählten 
erhalten. Er entwertet und schaltet die ihm verhängnisvoll er- 
scheinende Tatsache der Geschlechtstrennung in Mann und Weib 
aus macht sich zum Neutrum und wird so von der Ambivalenz 
dieses neuen Gegensatzes befreit. Alfreds Bericht ist die typische 
Darstellung der „Hamletbindung". ' 

Zugleich sahen wir, wie mit der Fixierung der Ambivalenz 
auf die Geschlechter, auch die Elternbindung eine außer- 
ordentlich kompliziertere wird, als wir sie anfänglich dargestellt 
haben. Es sollen nun im nächsten Kapitel diese Komplikationen 
weiter beleuchtet werden. 



1) Siehe auch 0. Pfister: Die Liebe des Kindes und ihre Fehl- 
entwicklungen (S. 251 bis 258). 
4. Grabet- 



7 . DAS LUST VERBOT 

a) Allgemeines 

In dem kurzen Hinweis (siehe Einleitung) auf die phylo- 
genetische Entwicklung versuchte ich anzudeuten, wie die Ge- 
fühlsbindungen der Glieder der Urfamilie (Urhorde) an ihren 
Vater (Führer), der rein narzißtisch (entsprechend dem Kinde) 
sich auszuleben versuchte, ambivalenten Charakter erhielten. 
Der Urvater hegehrte alle Lust für sich, vor allem aber die 
sexuelle Befriedigung. Er vertrieb darum seine zur Geschlechts- 
reife herangewachsenen Nebenbuhler und wurde sodann von 
ihnen, die sich verbündet hatten, erschlagen, Der Mord ver- 
besserte nichts an der Lage. Jeder begehrte in des Vaters narziß- 
tischer Stellung zu sein. Das ganze Ringen führte als Ablenkung 
zur Einführung des Totemtieres, das mit hauptsächlich zwei 
Tabuverboten belehnt wurde: erstens der Exogamie (für die 
Glieder der Familie oder Sippe) und zweitens dem Verbot, das 
Tier zu töten. 

Das Totemtier ist ein Vatersurrogat. Die beiden Tabus, die 
für jeden Clangenossen bindend wurden, sind die Urverbote 
gegen die größte und begehrteste Lust, gegen die Liebe des 
Sohnes zur Mutter (Inzest) und gegen den durch die Unter- 
drückung erfolgten Vatermord. 1 Beide Begehren und beide Ver- 

1) Näheres siehe Freud: Totem und Tabu. 



Ambivalenzbildung 



5i 



böte gehören auch heute noch zu den stärksten Polen, zwischen 
denen das sittliche Leben pulsiert (Ödipuseinstellung). Es ist 
nur eine Variante desselben Komplexes, wenn die Tochter den 
Vater für sich begehrt und von der Mutter verhindert wird. 
Das Lustverbot war ursprünglich nur gegen die dem Horden- 
führer unterstellten Glieder gerichlet gewesen und auch nur für 
sie verbindlich. Später aber, nach Einführung des Totems, wurde 
das Gebot der Exogamie innerhalb des Clans für alle Genossen 
bindend. Das Inzestverbot gilt darum auch in der heutigen 
Gesellschaft nicht nur den Kindern, sondern ebensosehr den 
Eltern, Im Geschlechtsunterschied, der die Grundlage bildet zur 
größeren Bindung des Sohnes an die Mutter, der Tochter an den 
Vater, liegt auch die tiefste Ursache 2um Entstehen des Inzest- 
verbotes, das seinerseits Urbild aller übrigen Lustverbote ist. Es 
ist die Tragik und wohl auch „Rettung" der Menschheit, daß 
sie sich früh schon und immer erneut gegen den einzigen Ersatz 
für das verlorene „Paradies des urnarzißtisclien Seins, gegen 
die Lustbefriedigung, Dämme errichtet hat, Dämme, die so tief 
im Wesen jedes einzelnen aufgeführt sind, daß wir auch bereits 
im Neugebornen organisch bedingte Dispositionen annehmen 
müssen. Solche Dämme sind der Ekel, die Scham und alle die 
bekannten ästhetischen und moralischen Anforderungen. 

Das Lustverbot reißt gleichsam die Wunde der Ur 
ambivalenz wieder auf. Die Lust, die eine Möglichkeit Sau- 
gers oh nung" mit diesem Sein ergeben hätte, wird verboten. 
Dies muß das Kind zu neuer Ablehnung des ganzen Seins, 
zu Trotz, zu verstecktem Befriedigen und der damit ver- 
bundenen Angst, zu Verdrängung, Widerstand und ner- 
vöser Erkrankung, als einem möglichen Ausweg, führen. Das 
Lustverbot bedeutet also eine neue, vielleicht schwerste Kompli- 
kation für das Seelenleben. In der narzißtischen Einstellung des 

4* 



Säuglings zur Welt gab es für ihn nur Begehren und Ablehnen, 
weil kein erreichbar Begehrtes letzte Befriedigung brachte. Im 
Lustgenießen war ein Ersaß gegeben und der krasseste Riß m 
der Seele damit geheilt. Mit dem Lustverbot aber wird die Ambi- 
valenz gleichsam auf die Spitze getrieben. Dem beständigen Be- 
gehren nach Lust steht das beständige Verbot gegenüber. Damit 
wird auch das Erreichbare unerreichbar. Und wo trotzdem Lust 
genossen wird, da ist das Genießen nie mehr reim Immer 
schleicht eine störende Macht, der Dämon des Verbotes, sich 
hinein, paart das Genießen mit Angst, Scham, Ekel und ge- 
staltet es um zu seinem Gegenteil. Es ist nur die Kehrseite 
dieser Ambivalenz des Erlebens, wenn der Mensch Leid und 
Schmerz, die Gegenstücke zu Genuß und Lust, sucht, sie ge- 
nießt" vor ihrer Flucht warnt und das „Kreuztragen als Mittel 
zur Erlösung preist. Aber wir dürfen nicht unbeachtet lassen, 
daß vielleicht auch darin ein tieferer Sinn liegt: Lust bindet 
an dieses Sein, macht es begehrenswert, Leid und Schmerz aber 
führen zur Abkehr, und sie entspricht der Urablehmmg, dem 
Urhaß, führt also auf regressivem Wege direkt zur ersehnten 

„Erlösung . 

Wir sahen, wie der Säugling noch unbehindert seiner Lust 
frönt Die Zerrissenheit, die, hervorgerufen durch das Lustverbot, 
das narzißtisch einheitliche Erleben stört, wird also größtenteils 
von den Eltern auf das Kind übertragen. 

Oft herrscht in der Kinderstube eine beständige Unter- 
drückungsarbeit. Und was muß ja nicht alles unterdrückt 
werden: Das Schreien, der Trotz, das Zappeln, das Kratzen, das 
Nacktseinwollen, das Spielen mit dem Genitale, die ganze Urethral- 
und An alerotik, die Koprophiüe usf.! Oft setzt hier schon die 
Trüber das Kxeu*trag«i siebe Reik: Der eigene und der fremde 
Gott (S. 112 u. f,). 



AmhivalenzUld ung 55 

M Züchtigung ein, die es bewirken kann, daß eine bleibende 
Furcht und Entfremdung das Kind ergreift. Hug-Hellmuth 
safft darüber: 1 „Zorn und Trotz (des Kindes) werden scheinbar 
unterdrückt, ohne daß s ich die Eltern der Gefahr bewußt werden, 
der sie die Charakterentwicklung des Kinde, und das einstige 
Verhältnis des Kindes zu ihnen aussetzen. Mancher Vater, der 
sich rühmt, sein Kind hatte nur ein einziges Mal offenkundig 
Trotz gezeigt und nach erhaltener Züchtigung nie wieder ge- 
wagt, «ich gegen seinen Willen aufzulehnen, weiß nicht, daß 
er damals den Grund legte zu dauernder Entfremdung zwischen 

sich und dem Kinde." 

Die Mutter des bereits erwähnten Willi 2 erzählte mir. der 
Heine Knabe sei immer furchtbar erschrocken, wenn sein Vater 
nur laut gesprochen habe, wohl weil er ihn oft angeschrien 
habe. Willi sei, so wie er des Vaters Stimme in der Nähe gehört 
habe, zusammengezuckt und sein Gesicht chen habe sich krampf- 
haft verzerrt. Der Knabe ist ein Stotterer geworden und die 
Mutter wollte die Ursache der Symptombildung auf des Kindes 
Furcht vor des Vaters Strenge zurückführen. Sie tat es mit einigem 
Recht Es zeigte sich aber, daß ein doppeltes Lustverbot, das 
vom Vater ausging, Ursache zu starken Verdrängungen des 
Knaben wurde, die dann ihrerseits Ursache zur Symptombüdung 

wurden. 3 

. Es ist klar, daß solche Schreckerlebnisse die Zerrissenheit 
aes'Kindes erhöhen. Pfister* gibt einen interessanten Fall, wo 
die Zerrissenheit sogar körperlich empfunden wurde (S. 96). 
Der Analysana beschäftigt sich viel mit einer Tagesp hantasie. 

1) Hug-Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes (S. 85> 

2) Vgl. S. 31 und 43. 

=0 Der Fall soll im nächsten Kapitel Erwähnung finden. 

4) O. Pfister: Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen. 



_^ 



54 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



Der im zwölften Jahre stehende Knabe hat das Gefühl, der 
Mond schnüre ihn auseinander, als wollte er ihm den Brust- 
korb durchschneiden. Der vom Mond beschienene Teil des Körpers 
gehöre dann nicht mehr zum übrigen. Die Einfälle führten den 
Analysanden darauf, daß er als kleines Kind, wenn der Vater 
ihn anschrie, den Nacken (angstvoll) hintenüberlegte und ihn 
starr ansah. Er erinnert sich dabei an eine bestimmte Situation : 
„Der Vater stand einmal an der Türe, da schrie er mich wegen 
einer Sache an. Ich weiß nicht mehr, worum es sich handelte, 
aber ich entsinne mich, daß er mir später sagte, ich solle nicht 
immer an der Mutter Schürze hängen. Wichtig ist mir der Ein- 
druck, das Gefühl des Entzweigeschnittenwerdens rühre 
vom Schreien des Vaters her." 1 

Der Analysand war aber auch seelisch entzweigeschnitten. 
Pfister sagt von ihm weiter (S. 97 ) : „Das Harte, Männliche, 
and das Milde, Weibliche, klaffen auch im ganzen Leben des 
Analysanden weit auseinander. Diese Polarisation von Regungen, 
die beisammen sein sollten, bewirkten einen Riß in seinem 
Leben. Darum kann er nie etwas völlig Befriedigendes zustande- 
bringen und schwankt zwischen Depression und Exaltation, 
Niedergeschlagenheit und Hochgefühl." 

Das Schreien des Vaters ist ja immer ein Ausdruck seiner 
eigenen Zerrissenheit und Pfister stellt bei einem andern Fall 
direkt den Satz auf (S. 186): „Die Zerrissenheit der Kindesseele 
ist eine Herübernahme der elterlichen Zerklüftung in die Kindes- 
seele. Das Kind trägt unvermittelt die miteinander unverträglichen 
Züge des Vaters und der Mutter: Seine Barschheit und Wider- 
spenstigkeit, ihre Güte und Weichheit. Dieser Konflikt läßt seine 
Seele bluten, seine Lebensfreudigkeit verbluten." 



1) Von mir gesperrt. 



Ambivalenzbild ung 5 5 

Zu einem ähnlichen Schlüsse in bezug auf das Übertragen 
der elterlichen Komplexe auf das Kind kommt auch C. G. Jung, 1 
wenn er sagt: „Die Eltern können auch (und tun es leider nur 
%u oft) das Schlimme in die Seele des Kindes hineinbilden, indem 
sie die Unmündigkeit ausnützen, um das Kind zum Sklaven 
ihrer Komplexe zu machen. 

Freud erwähnt übrigens auch den Fall,* daß neuropathische 
Eltern durch ihre maßlosen Liebkosungen die Dispositionen des 
Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. Er 
knüpft daran den Schluß: „Man ersieht aus diesem Beispiel, daß 
es für neurotische Eltern direktere Wege als den der Vererbung 
gibt, ihre Störung auf die Kinder zu übertragen.'' 

Natürlich können auch Schreckerlebnisse, ausgelöst etwa 
durch das Donnern, einen Knall (Zuschlagen der Türe), „harm- 
lose" Überrumpelungen, später Drohungen, Maskenspiele, der 
belauschte und als sadistischer Akt empfundene Koitus der Eltern, 
Tiere usf., die Kluft in der Seele des Kindes vergrößern. 

Wir haben nun noch einige bestimmte Auswirkungen und 
Folgen des Lustverbotes etwas näher ins Auge zu fassen. 

b) Die ersten Lustverbote 

Diese sind, wie wir bereits angedeutet haben, meistens ge- 
richtet gegen die Hbidinösen Bindungen des Säuglings an sein 
Ich. Vor allem ist es die Unterdrückung seiner Onanie, die zu 
erster Verdrängung, Angstauslösung und verstärkter Ambivalenz 
im Verhalten zur Objektwelt (speziell zu den Eltern) und zu 

i) CG. Jung: Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
einzelnen. Jahrbuch, Ed. I, i. Hälfte (S. 167). ~. : ; 

»1 S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheone {S. 84). 



g6 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 

einer längeren Latenzperiode zwingt. Wie immer bei Verdrän- 
gungen, tritt auch hier schon sehr bald eine Ersatzbefriedigung 
auf, die gewöhnlich in die leichter zugängliche Zone des Mundes 
verlegt wird, Dus Kind merkt bald, daß ihm liier mehr „erlaubt" 
ist. Hug-Hellmuth 1 berichtet von einem Knaben, „der im Alter 
von sieben Monaten wiederholt unter listigen Blicken versucht 
hatte zu onanieren, und habe, sobald ihm dies verwehrt worden, 
mit deutlichem Trotz zum Ludein seine Zuflucht genommen", 

Aus der von Freud aufgezeichneten Analyse des kleinen 
Hans 2 entnehmen wir, daß, nachdem Hans gestanden, er beschäftige 
sich jede Nacht vor dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem 
Penis und er bereits den Abgewöhnungskampf (natürlich erst 
nach erfolgter Vermahnung) begonnen, sich Verdrängung und 
Angst einstellte (S. 17). Ja, mehr noch! „Arzt und Patient, Vater 
und Sohn treffen sich darin, der Onanieabgewohnung die Haupt- 
rolle in der Pathogenese des gegenwärtigen Zustandes (Tierphobie) 
zuzuschreiben" (S. 19). In dem Satze des Kleinen; „Gib nicht 
die Finger zum weißen Pferd, sonst beißt es" (S. 19) äußert sich 
die ganze Umkehr und damit die durch das Lustverbot geschaffene 
Ambivalenz des früher lust betonten — nämlich den Finger 
zum Penis geben, wo es ihn beißt — und des jetzt in der Ver- 
drängung und Übertragung gefurchtsten Gebens des Fingers. 

Es kann natürlich schon in dieser ersten Onanieentwöhnung, 
wenn sie durch die Mutter erfolgt, die bereits eroberte positive 
Bindung an sie in vollen Haß umschlagen, besonders dürfte es 
dann der Fall sein, wenn die Mutter selbst das Kind durch 
Waschungen, Reibungen etc. auf die Lustbetonung der Genital- 
zone und damit die Onanie führte. Es entsteht dann das Unge- 
reimte, daß die Mutter verbietet, was si e selbst gelehrt- Das 

1) Hug-Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes (S. 81. 

2) S. Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. 



Amhivalenzbiläung 57 



Kind schwankt dann (Ambivalenz) zwischen der Liebe (Dank- 
barkeit) füx die Unterweisung und dem Haß wegen des Verbotes. 
Ein krasser Fall bot sich mir in der Behandlung eines 
neuneinhalb jährigen Knaben, eines Bettnässers, nennen wir ihn 
Werner, der in seinem Unbewußten einen sehr tiefen Haß gegen 
seine Mutter nährte, einen Haß, dessen Entstehen fast ausschließ- 
lich auf den erwähnten Mechanismus zurückzuführen ist. 

Die Mutter berichtet mir, daß Werner, der ein liebes 
Kind gewesen sei, mit neun Monaten durch die Ausscheidung 
einer weißen, eiterartigen Masse am Penis einmal an einer Art 
Verklebung (Verwachsung) der Vorhaut litt, so daß er am Uri- 
nieren verhindert war und durch sein Schreien die Mutter 
schließlich aufmerksam machte. Sie ging mit ihm zum Arzt, 
der die Sache auflöste und ihr den Rat gab, dem Knaben von 
Zeit zu Zeit die Vorhaut zurückzuziehen und die Eichel gut 
einzufetten. Die Mutter tat dies einige Wochen lang ungefähr 
alle Tage einmal und beobachtete dabei, wie das kleine Glied- 
lein Werners regelmäßig in starke Erektion geriet, so daß es, 
wie sie sagte, heftig zuckte. Sie unterließ schließlich das Ein- 
fetten, und von da ab begann das abnormale ungewöhnlich 
häufige Bettnässen, so daß die Mutter gezwungen war, Werner 
bis zwanzigmal des Nachts aufzunehmen. Dabei beobachtete sie, 
daß sein Glied regelmäßig dieselbe starke Erektion aufwies wie 
früher beim Einfetten. Dazu kam in Werners Wesen ein häufiger 
Trotz, der sich gelegentlich bis zu heftigstem Jähzorn und Wut- 
ausbrüchen gegen die Mutter steigerte, was ihm später mit 
Schlägen „ausgetrieben" 1 wurde. Der Bericht der Mutter und 
des Kindes über dieses „Austreiben" decken sich ungefähr: 
Werner (damals etw a dreijährig) riß einmal im Zorn (aus unbe- 
l) Es ist bezeichnend, daß hier der Volksmund denselben Ausdruck 
braucht, wia wenn man vom DSm<™«n- n Ai»tKiben« spricht. 



58 Das Wesen der Ambivalenz, des Kindes 

kannten Gründen) das Wasserbecken mit Inhalt im Schlafzimmer 
vom Tisch herunter. Die Mutter schlag ihn (auf das Gesäß) und 
nahm ihn, mit sich in die Küche. Dort erwischte er in gestei- 
gerter Wut einen Milchtopf und warf ihn (wieder mit Inhalt) 
herunter. Wieder schlug ihn die Mutter, heftiger als zuvor. 
Werner gab nicht nach, riß auch noch eine Pfanne mit Inhalt 
herunter, erhielt erneute, verstärkte Züchtigung und wurde darauf 
ins Schlafzimmer gesperrt, wo die Mutter zuerst alles Erreichbare 
entfernte. Als sie später ins Zimmer trat, hatte Werner sein 
Bettlern vollständig ausgeräumt und die einzelnen Stücke im 
ganzen Zimmer herum verstreut. Auch dieser Handlung folgte 
die obligate Züchtigung. „Ausgetrieben" wurden dem Knaben 
seine Zomausbrüche schließlich durch einen Verwandten, der 
ihn mit der Reitpeitsche „gründlich" schlug, so daß man dem 
Knaben nur noch mit jenem Manne zu drohen brauchte, und 
er sich dann „duckte". Das Bettnässen, weswegen der Knabe 
öfters in ärztlicher Behandlung war, blieb. (Er erhielt nach Aus- 
sage der Mutter Tropfen zum Einnehmen, wurde in der Blasen- 
gegend elektrisiert und bekam auch eine Einspritzung.) Ebenso 
blieben die die Enuresis begleitenden Erektionen. Ich habe noch 
beizufügen, daß mit dem Aufhören der Manipulationen der Mutter 
am Gliede der Knabe mit der Onanie einsetzte, die ihm mit 
begleitender Strafe verboten wurde. 

Wir beginnen wieder bei jenen Manipulationen der Mutter, 
die, wofür die auftretenden Erektionen genügend Beweis sind, 
für Werner deutlich lustbetont waren. Sowie die Befriedigung 
durch die Mutter aufhört, schafft er sie sich selbst. Das Lust- 
verbot hat die Enuresis nocturna zur Folge. Mit ihr ist ein 
Ersatz für die verdrängte Masturbation gegeben, da sie, wie dies 
in der psychoanalytischen Literatur genügend erwiesen ist, der 
nächtlichen Pollution der Erwachsenen gleichzusetzen ist. Sie ist 



A mbivalenzb üdung 



59 



also nicht nur, wie dies Alfred Adler annimmt, als „Mittel, 
um sich durchzusetzen", anzusehen. Aber sie bedeutet natürlich 
neben dieser primär erotischen Befriedigung (das Glied des Knaben 
ist ja jedesmal in Erektion) auch eine Befriedigung der Haß- 
einstellung gegen die Mutter, die erstens die Lust nicht mehr 
weiter erzeugt, und zweitens sogar dieselbe Erzeugung, von ihm 
bewerkstelligt, bestraft. 

Die Ambivalenzeinstellung zur Mutter äußert sich auch 
im Akt der Enuresis. Die begehrte Mutter wird im Bann ge- 
halten und wird anderseits bestraft (als eine Art Vergeltung für 
ihr Strafen), indem sie in ihrer Ruhe gestört ist, den von ihr 
verpönten Erektionen und „Pollutionen" doch beiwohnen und 
obendrein noch das lästige Trocknen und Reinigen in Kauf 
nehmen muß. 

Dieselbe Haßbefricdigung äußert sich auch in Werners 
Herunterschlagen der Gefäße, was er nicht nur in jenem er- 
wähnten Falle, sondern sehr oft tat. Wenn er mir in der Analyse 
davon berichtete, ergriff ihn jedesmal ein heftiger Lachanfall, in 
dem deutlich die Schadenfreude zu erkennen war. Das Gefäße- 
zerschlagen und Ausschütten des Inhaltes entsprechen überhaupt 
als Symbolhandlungen dem Bettnässen. Erbringt sie ja selbst, 
in der Steigerung seines Trotzes, durch das . Auseinanderreißen 
des Bettchens damit in Beziehung. 

Seine in Haß gekehrte libidinöse Bindung an die Mutter 
geht neben dem, daß er sie in eine Hexe (Traum) verwandelt, 
so weit, daß er ihr den Tod wünscht, was in der Verdrängung 
auch seinen eigenen Tod nach sich zieht. Er brachte mir fol- 
genden Traum: „Wir (eine Gesellschaft) gehen auf einen Berg. 
Einer spielt verbotenerweise Handharfe, und man tanzt. Eine 
Frau tritt einem Manne auf den offenen Schuhriemen, sie stol- 
pern, fliegen beide den Berg hinunter und sind tot." 



6o Das JVesen der Ambivalenz des Kindes 

Die Einfälle ergeben deutlich die Spaltung seines Ichs in 
die zwei männlichen Personen des Traumes. Er ist der verboten er- 
weise M a n d harfenspielende (Onanie) und ist auch der Tanzende. 
Die Frau ist die Mutter, die ihm auf seinen Riemen 1 (Penis) 
tritt (Masturbation) und nun mit ihm den Tod erleiden muß. 
Aber auch, im Tode bleibt er mit der Mutter verbunden und 
bis in den Tod, ja, im Sturze selbst zeigt sich die durch das 
Lustverbot heraufbeschworene ungewöhnliche Ambivalenz der 
Bindung. 

Wir könnten viele ähnliche Fälle aus der psychoanalytischen 
Literatur anführen, aber wir müssen uns mit diesem typischen 
begnügen. 

Ich erwähne nur noch, daß in ähnlicher Weise für den 
Säugling schon die Entwöhnung von der Mutterbrust, wie auch 
das Verbot der Koprophilie zum Trauma werden können. 

Wir kommen damit zu einem Phänomen, dem»in der Psycho 
analyse die größte Beachtung geschenkt worden ist. 

Es ist 

c) der Elternkomplex 

W T enn wir in einem früheren Kapitel von „Elternbin- 
dung sprachen und nun von „Elternkomplex", so soll natürlich 
damit nicht eine besondere Abgrenzung gegeben sein, als ob dies 
zwei verschiedene Dinge wären. Es handelte sich einfach vorerst 
darum, zu zeigen, unter welchen Umstanden erst einmal eine 
Bindung zustande kommt. Nun dies getan ist, können wir den 
Komplikationen dieser Bindung nachgehen und sehen, zu was 
für einem „Komplex" sie sich aus wachsen kann. Wir stellten in 
jeder Bindung eine Ambivalenz des Verhaltens fest. Dasselbe 
muß in erhöhtem Maße für den ganzen Komplex gelten. 

i) Im Volksmund wird Penis oft mit Riemen bezeichnet. 



Ambivalenzbildung 



61 



Als Hauptmoment kommt hinzu, daß, verursacht durch die 
Differenzierung der Geschlechter, sich bei „normaler" Entwick- 
lung des Kindes bald eine besondere Vorliebe für den gegen- 
teiligen Geschlechtsvertreter der Eltern zeigt, eine Vorliebe also 
des Knaben für die Mutter, der Tochter für den Vater. Der 
Knabe 1 begehrt die volle Lustbefriedigung, den vollen Ersatz für sein 
pränatales, bedürfnisloses Sein, und er findet relativ größte Befriedi- 
gung bei der Mutter, die ihm übrigens aus eigener Vorliebe für 
das männliche Geschlecht ihr liebevolles Interesse schenkt. Es ist, 
wie dies Freud 2 dargestellt hat, anzunehmen, daß auf Grund 
dieser gegenseitigen Geschlechtsanziehung das Kind bereits vor 
der Pubertät differenzierte Sexvialregungen hat. Der Knabe begehrt 
die volle Besitzergreifung der Mutter, die er durch die erste 
Nahrungsaufnahme, die wir als „das Trinken der Mutter"* er- 
kannten, aufrecht zu erhalten sucht. Er zwingt sie daher, wie 
wir dies z. B. bei dem Knaben Werner* sahen, in seinen Bann. 
Ist er einmal über die Rolle der Genitalien und über den 
Geschlechtsverkehr aufgeklärt, dann setzen auch seine inzestuösen 
Phantasien ein, und seine bereits vorher erwachte Eifersucht 
gegen den Vater, seinen „Rivalen", verschärft sich. Die am- 
bivalenten Gefühlsregungen des Knaben, die in der mehr auto- 
erotischen Einstellung zur Welt jedem Objekt gegenüber ge- 
äußert wurden, finden nun eine Fixierung an zwei bestimmte 
Objekte, die damit gleichsam Vertreter für die entgegengesetzten 
Gefühlsströme werden. Die Mutter vertritt den positiven und 

1) Analog soll ein Fall, die Einstellung des Mädchens betreffend, 

angeführt werden. 

g ) Freud: Drei Abhandlungen lur Sexualtheone. 

3 ) In unserm Volksmund (Kanton Bern) gibt es eine verwandte Wort- 
bildung. Mutter heißt „Mammi" (Verkleinerung von Mama) und Mutter- 
milch (auch Milch für Kinder überhaupt) „Mämmi". 

4.) Vgl. S. 57 bis 60. 



62 *>» Wesen der Am bivalenz des Kindes 

wird geliebt, der Vater den negativen und wird gehaßt. Natürlich 
hebt dies die Ambivalenz gegenüber dem einen Vertreter nicht 
auf. Der Mutter gilt trotz der großen heterosexuellen Liebe doch 
auch der Urhaß, wie wir dies bereits gezeigt haben, während 
dem Vater in Umkehrung des Hasses, gleichsam als Sühne- 
leistung, Liebe zufließen kann. Die Ambivalenzemstellung des 
Knaben zum Vater ist immer schon dadurch gegeben, daß ihm 
dieser eben zugleich als Erzeuger, Erhalter und Beschützer (posi- 
tive Wertung) und als Rivale, Verdränger und Kastrator (Mörder) 
(negative Wertung) erscheint. Haß und Liebe können ja über 
haupt beim Kinde sehr leicht nebeneinander bestehen und sich 
auf dieselbe Person entladen. Es gibt ein beliebtes Spiel in der 
Kinderstube, das darin besteht, daß das kleine Kind die Wangen 
der Mutter oder sonst einer Person liebkosend streichelt, dies 
begleitend mit den gesungenen Worten: „Liebes Kätzchen, liebes 
Kätzchen!" Plötzlich aber fängt das Kind an, die Wangen zu 
schlagen und ruft scheinbar entrüstet: „Böse Katze, böse Katze!« 
Denselben Wechsel kann es immer wieder wiederholen. 

Sadger 1 sagt dazu: „Ganz abgesehen davon, daß Haß und 
Liebe nur die beiden Seiten einer und derselben Medaille sind 
der Haß oft nur zurückgevdesener Liebe entspricht, so haben 
sie, selbst wenn sie verschiedenen Wurzeln entstammen, doch 
sehr gut nebeneinander Platz i n der Kinderseele. Ein Kind ver- 
mag, wie Psychoanalysen unzweifelhaft dartun, den Vater den 
es homosexuell liebt, daneben, ja zu gleicher Zeit, aus hetero- 
sexuellen Motiven auch wütend zu hassen und diese beiden 
schembar inkompatiblen Empfindungen sehr gut zu vereinen." 
Die Inzestschranke ist der Kern der Lustverbote. In der 
Liebe des Knabe n zur Mutler findet dieser den Wahrer der 

J. Sadger, Aus dem Liebesleben Nikolaus Le na us (& e8). 



Ambivalenzbildung Q * 



Schranke in der Person des Vaters, was den Sohn in die bekannte 
Ödipus-Einstellung hineinzwingt, Freud 1 nimmt an, „die 
Inzestschranke gehöre zu den historischen Erwerbungen der 
Menschheit, und sie dürfte wie andere Moraltabus bereits bei 
vielen Individuen durch organische Vererbung fixiert sein." 

Es zeigt sich nun aus Träumen, Phantasien, symbolischen 
Zeichnungen und oft auch direkten, bewußten Handlungen, wie 
sehr das Kind, vor allem aber sein Unbewußtes, die Schranke 
zu durchbrechen begehrt und oft auch durchbricht. Der Vater, 
der „Hüter des Gesetzes", wird zu diesem Zwecke einfach auf 
irgend eine Weise beiseitegeschafft, unschädlich gemacht, denn 
ihm wird — genau wie dem Urvater — die Schuld am Nicht- 
erreichen der Mutter zugeschrieben, auch er wird, wie der Ur- 
vater, „getötet", um die Mutter ganz freigehen zu müssen. Zur 
Urambivalenz gegenüber der Mutter tritt in des Knaben Liebe 
die Ambivalenz des Lustverbotes. Er begehrt die Liebe, verwirft 
sie aber gleichzeitig, weil sie vom starken Vater verboten ist. 
In der psychoanalytischen Literatur ist dem Konflikt, der aus 
dieser Ambivalenz entsprungen ist, das Hauptinteresse geschenkt 
worden. Schon deswegen, ganz besonders aber, weil wir ihn in 
Zusammenhang mit der eingehender behandelten Urambivalenz 
brachten, können wir uns hier etwas kürzer fassen. 

Bei einem neunjährigen Knaben Hugo, der nachts leib- 
haftige Geister sieht, die ihn töten wollen, zeigt sich in der 
Analyse eine sehr starke positive und eine ebenso intensive 
negative Bindung an den Vater. Der Vater erscheint ihm als 
der Vollzieher der Kastration, der ihm für sein inzestuöses Be- 
gehren „das sündige" Organ, aber damit auch den „Lebens- 
faden" abschneidet. Der Kastrationskomplex steht überhaupt 

i) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (S. 86). 



6 4 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



im Mittelpunkt des ganzen Elternkomplexes, und zwar auch bei 
Mädchen. Die Ambivalenz äußert sich übrigens nicht nur wie 
bei dem erwähnten Alfred 1 in einem Balancieren zwischen 
„Knabesein" und „Mädchensein", sondern, wie Freud dies in 
„Das Ich und das Es" (S. 76 bis 77) entwickelt, gelegentlich 
auch zwischen „Leben und Sterben". Auf jeden Fall stehen, vvie 
wir bei dem Knaben Hugo sehen werden, Kastrationsangst (auch 
Gewissensangst) und Todesangst in sehr enger Beziehung zuein- 
ander. 

Hugo spricht viel von den Marterwerkzeugen, die er im 
Museum gesehen hat, und vor denen er sich fürchtet, er identi- 
fiziert sich dabei mit dem „kleinen Muck" 3 macht aber inter- 
essante Verwechslungen, die uns bereits ordentlich über seinen 
Vaterkomplex Aufschluß geben. Er erzählt, der „kleine Muck" 
habe einen „blöden Fall getan", im Märchen ist es aber dessen 
Vater, der auch daran stirbt, Hugo nun, der also den „blöden 
Fall" sich selbst (immer in der Identifikation mit dem Muck) 
zuschreibt, begeht damit eine Sühnehandlung für den dem Vater 
zugewünschten Tod. Gleicherzeit ist aber der „blöde Fall" auch 
sein, eigenes inzestuöses Vergehen, denn der „kleine Muck", so 
heißt es in seinem Berichte weiter, wurde dafür zur Strafe vom 
Vater geprügelt, halbtot geschlagen. Auch dies stimmt mit dem 
Märchen nicht überein, denn dort wird der Märchenerzähler 
selbst, des kleinen Muck wegen, von seinem Vater halbtot ge- 
prügelt. Und nun fügt Hugo noch bei, der Vater des „kleinen 
Muck habe noch so einen schönen, großen Dolch (Penissymbol) 
gehabt, den er immer in seinen Gürtel hineingesteckt habe. Im 
Märchen besitzt Muck diesen Gürtel und den Dolch, „der so lang 
war, daß man nicht wußte, ob Muck an dem Dolch, oder der 

1) Vgl. S. 45 bis 49, 

2) Aus dem gleichnamigen Märchen von Wilhelm Hauff. 



AmbivaUnzbildung 65 



Dolch an Muck stak". Wir stoßen hier unzweifelhaft auf den 
Penisneid Hugos. Der Knabe hat aber, wie die spätere Analyse 
zeigte, die Kastrations- und Todesphantasien gegen den Vater 
verdrängt, ja in der Identifikation mit dem Idealbild des Vaters 
nun auch die auf denselben projizierten Phantasien und Wünsche 
ins Ich einbezogen und so in einer Selbstbestrafung gesühnt. 
Das lebhafte Interesse, das er aber dem Märchen zollt, dürfte 
Ausdruck sein für den verdrängten Wunsch, des Vaters Dolch 
(Penis) zu besitzen und ihn, so wie er, in den Gürtel (Vagina- 
symbol) zu stecken. 

Von starkem Penisneid wurde auch der kleine Willi 1 ge- 
quält, der, als er noch nicht vierjährig war, einmal bei seinem 
Vater schlief und durch das Leintuch sah (es war Sommer, und 
sie deckten sich nur leicht), daß dieser einen viel größeren Penis 
hatte als er. Er dachte, warum er nicht auch so ein großes Glied 
habe. Das sei etwas Dummes. Er fürchtete nun, sein Glied 
bleibe immer gleich groß, er sei wohl „nicht gut heraus- 
gekommen", sei so eine Art Mißgeburt und müsse einmal zum 
Arzt. Auch daß er keine Haare (Schamhaare) habe wie der Vater, 
auch das bestärkte ihn im Gedanken, eben eine Mißgeburt zu 
sein, und als er später einmal sein Schwesterlem im Bade sah 
und das Fehlen des Penis konstatierte, da war für ihn eben auch 
das Schwesterlein eine Mißgeburt, nur daß es, wie er sich aus- 
drückte, noch viel schlimmer sei als bei ihm, weil alles weg sei. 
Damals brachte er des Schwesterchens „Mißgeburt" noch mit 
dem Storch in Zusammenhang, der habe gewiß Hunger gehabt 
und das Gliedlein dem Schwesterchen abgebissen, oder er habe 
das Schwesterchen aus „Versehen" am Gliedlein aus dem Teich 
im Walde herausgezogen und es ihm so ausgerissen. 



l) Vgl. S. 51, 45 und 53. 
5 Graber 



66 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



Auch hei Willi, wie z. B, beim kleinen Hans in Freuds 
„Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" (Jahrbuch, Bd. I), 
wird der Vater als Besitzer des großen Genitales bewundert, aber 
zugleich auch gefürchtet als der Bedroher des eigenen Gliedes. 
Der Geist nun in Hugos Phantasien erweist sich bald in der 
Fortsetzung der Analyse als der totgewünschte Vater, der eben als 
„böser" Geist sich rächen kommt (Hamlet). Damit dürfte dieAmbi- 
valenzeinstellung zum Vater gegeben sein: Der Totgewünschte, 
den man zutiefst immer noch mit der gleichen Kraft haßt, muß 
nun mit möglichst derselben Kraft wieder geliebt werden, um 
den rächenden Geist, den Vergelter, zu beschwichtigen. 

So schafft sich eigentlich im Ambivalenzkonflikt 
der Mensch automatisch immer irgendwie Gleich- 
gewicht. Hugo erzählt von schwarzen Geistern, vom „schwarzen" 
Herzen wenn man etwas Böses getan, von den schwarzen Leuten 
hei Beerdigungen, und daß die Gestorbenen als Geister weiter- 
leben. Hier hat er starke Hemmungen, behauptet, nichts mehr 
zu wissen und ergeht sich, nach meiner Behauptung des Gegen- 
teils, als Beaktion auf das „angeschnittene" Peinliche, in gro- 
tesken Wunschphantasien, die vor allem (meist symbolisch) auf 
den Alleinbesitz der Mutter ausgingen. 

Der während der Behandlung aus der Verdrängung auf- 
steigende Vatermord kommt in verschiedenen Variationen zum 
Ausdruck. So identifiziert Hugo sich mit David, der den Goliath 
erschlägt, Oder aber er läßt in Verschmelzung des Vater-Gottes 
mit- dem Sohn-Gott 1 (Christus), eben entsprechend seiner doppelten 
Identifikation mit dem Vater, jenen wieder „kreuzigen . 

Zu „Geist" (der oft auch in Gestalt eines Hundes erschien) 
gibt er die dem Obigen entsprechenden Einfälle: „Wenn ich 

1) Ein Problem, dem Th. Reik in „Der eigene und der fremde 
Gott" in tiefgehender Analyse nachgegangen ist. 



Ambivalenzbildung 



6 7 



auch einmal einen Menschen erschlagen würde, oder wenn ich 
den lieben Gott (hier ist Christus gemeint) totschlagen würde! 
Er würde aber nie ganz sterben und würde auferstehen und 
ginge in den Himmel und sähe es, wenn ich böse wäre" (Geist). 
„Es ist besser, daß der Heiland gestorben ist, sonst würde ihn 
ja wieder jemand töten." (Hier kann nur er selbst als Mörder 
gemeint sein.) 

Wir sehen, zu welchen Umgestaltungen der Ambivalenz- 
konflikt den Knaben zwang. Der Sohn selbst wird in der Ge- 
stalt des identifizierten Vaters (als Rächer-Gott) zum Voll- 
strecker des früher diesem und nun dem eigenen Ich zuge- 
sprochenen Todesurteils. Der abgesandte Pfeil kehrt auf den 
Schützen zurück. 

Hugo litt an beständiger Angst, der Vater, der „Metzger" 
oder sonst wer werde ihn köpfen. In einem Traume ist der Vater 
ein Henker mit zweischneidigem (dürfte auf die Ambivalenz 
deuten) Schwert, der ihm den Kopf abschlagen will, dem er aber 
hinterlistig einen Stoß zu versetzen weiß, so daß er sich flüchten 
kann. Bezeichnend ist hier, daß er sich aus diesem Kampf in 
eine Höhle (Mutterleib) rettet, vor welcher ein dichtes Gebüsch 
war (Schamhaare), Es scheint mir dies ein deutlicher Hinweis 
auf die Regressionstendenz zu sein. 

Die Angst vor dem Kopfabschneiden erwies sich dann als 
eine Erweiterung der Kastration sangst, der Angst vor dem Ab- 
schneiden des Kopfes (Eichel) am Penis, so daß mir scheint, es 
dürfte darin ein Reweis liegen für die innere Verwandtschaft 
der Kastrations- mit der Todesangst. Angst ist übrigens immer 
ein Ausdruck der Ambivalenz. Sie entsteht da, wo etwas gleich- 
zeitig begehrt und abgelehnt wird. Kastration wird gleichzeitig 
begehrt (am Vater vollzogen) und abgelehnt (am Ich vollzogen). 
Sie kann aber als Sühne oder in anderen Verknüpfungen, wie 



BH^Be 



68 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



bei dem Knaben Alfred, 1 auch am Ich begehrt werden. Der Tod 
nun dürfte in seiner großen Verwandtschaft mit dem begehrten 
alibidinösen Zustand allen Menschen irgendwie, wenn auch vielleicht 
meist nur unbewußt, als Freund erscheinen und von ihnen be- 
gehrt sein, wird aber anderseits heftig abgelehnt. Eine Verstär- 
kung der beiden Willensrichtungen (und damit der Ambivalenz) 
kann sich, wie bei -Hugo, mit der Übernahme der Selbstbestra- 
fung für den begehrten Tod einer fremden Person ergeben. Für 
den Selbstmord dürfte in den meisten Fällen in diesem Ver- 
schieben die Hauptursache liegen. 

Daß hinter den Todesphantasien Hugos gegen seinen Vater 
als treibendes Moment das Begehren der Mutter und die 
Eifersucht standen, geht aus seinen vielen Liebesbezeigungen 
hervor, dann auch aus seinen Identifikationen mit Märchen- 
prinzen, die den bösen Rivalen (Vater) nach harten Kämpfen 
auf die Seite geschafft haben und so sich den Platz an der Seite 
der Königin eroberten. 

Aber die Liebe zur Mutter ist auch hier keine ungetrübte, 
auch Hugo träumt von ihr als einer Hexe, ja sogar tags, wenn 
sie büse ist, meint er, sie sei eine Hexe wie die alten Frauen. 
Diese Ambivalenz, rührt daher, daß die Mütter eben doch mehr 
dem Vater gehört als ihm, und so kehrt sich ihm die unerfüllte 
Liebe in Haß. Aber auch die Sühne gegenüber dem Vater for- 
dert gleichsam als Opfer seine Ablehnung gegen die Mutter, 
denn damit wird der Vater zufriedengestellt. Es liegt hier der 
Fall vor, den Freud 2 als den vollständigen Ödipus-Komplex 
bezeichnet, „der ein zweifacher ist, ein positiver und negativer, 
abhängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h. 
der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Einstellung zum Vater 

i) Vgl. S- 45 bis 49. 

2) Freud: Das leb und das Es (S. 38V 



Ainbivalenzbildttng 



69 



und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter, sondern er be- 
nimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er zeigt die 
zärtliche feminine Einstellung zum Vater und die ihr entsprechende 
eifersüchtig-feindselige gegen die Mutter . 

Zugleich aber steigert sich der Ambivalenzkonflikt bei Hugo 
wieder so sehr, daß er auch hier eine radikale Lösung versucht und 
ganz einfach nun das Streitobjekt, die Mutter, tot wünscht, was 
aus Träumen und beständigen Befürchtungen, sie könnte sterben, 
ersichtlich wurde. 

Der umgekehrte Fall nun, wobei das Mädchen den Vater 
für sich beansprucht, bietet im wesentlichen dieselben Erschei- 
nungen, nur daß wir hier eine erste Verschiebung annehmen 
müssen, die der Knabe nicht durchzumachen braucht. Das Mäd- 
chen der ersten Säuglingszeit liebt vorerst auch ausschließlich 
die Mutter, erst später erfolgt eine Loslösung und eine Über- 
tragung der positiven Gefühle auf den Vater. Erst diese hetero- 
sexuelle Liebe erweckt dann die Eifersucht gegen die Mutter, 
die Haßeinstellung und die Todeswünsche. 

Eine Mutter (seit drei Jahren Witwe) berichtet mir, daß 
ihr zehnjähriges Töchterchen Emma sich ihr gegenüber so 
benehme, daß es einfach nicht mehr zum Aushalten sei. Es 
bekomme meist unbegründet förmliche Tobsuchtsanfälle, behandle 
sie als Dienerin, befehle und schreie wie früher der Vater. 
Ln der Schule ist Emma aber ungewöhnlich schüchtern, sehr 
nervös, spielt nie mit ihren Kameradinnen, sondern drückt sich 
irgendwo in den Winkeln des Spielplatzes herum. 

Gleich der erste Traum, den mir Emma in der Analyse er- 
zählt, erklärt die ganze Ambivalenz ihres Verhaltens, zugleich 
aber gibt er auch die gewünschte Lösung: Ein Fräulein geht 
die Treppe hinauf in den zweiten Stock zu einem Herrn, der 
dort ein Zimmer gemietet hat. 



Das Fräulein ist Emma selbst. („Es hatte vom so große 
Zähne wie ich.") Im zweiten Stock wohnte die Familie, als der 
Vater noch lebte, jetzt wohnt sie im ersten. Emma will also, 
wie das Fräulein zum Herrn, zu seinem Vater zurück. Es kann 
seinen Tod nicht verschmerzen und gibt diesem Gefühl auch 
Ausdruck: „Ich ginge lieber wieder in den zweiten Stack dort 
war mehr Sonne, waren zwei Balkone und war der Vater. Die 
Schuld aber an Vaters Tod schreibt Emma der Mutter zu und 
fühlt sich nun, in einer Identifikation mit dem Vater, ver- 
pflichtet, die Rolle des Rächers zu spielen, daher das Toben 
gegen die Mutter und anderseits die große Schüchternheit in der 
Schule, wo eben ein Vater Surrogat, der Lehrer, da ist. In den 
Träumen erscheint ihr oft eine kleine Frau in Trauerkleidern 
(die Mutter), die sie verfolgt und töten will. Auch hier W In 
der Ambivalenzeinstellung zur Mutter Gleichgewicht hergestellt. 
Der Todeswunsch ihr gegenüber wird durch den eigenen (drohen- 
den) Tod gesühnt. Nach dem Aufdecken dieser Zusammenhange 
kamen dann in den Träumen die verdrängten Inzestwunsche 
wieder zum Vorschein, die darauf ausgingen, vom Vater drei 
Kinder zu bekommen. (Die Mütter hatte nur zwei.) Die Aggres- 
sionen gegen die Mutter schwanden mit der Behebung der Vater- 
identifikation, ja es zeigte sich eine Art Reue und ein Wieder- 
gutmachen für das ungerechtfertigte Quälen. 

Wir sehen, wenn auch Lustverbot, Geschlechtsunter- 
schied und der mit beiden verknüpfte Elternkomplex nicht 
als ursprünglichste Faktoren zur Entstehung der Ambivalenz im 
Kinde in Betracht kommen, so haben sie doch zu ihrer weiteren 
Bildung dadurch beigetragen, daß sie diese durch bestimmte 
Fixierungen wie ein Labyrinth ausbauten und vor allem zum 
bewußten Konflikt erhoben. 



8. VERDRÄNGUNG UND WIDERSTAND 

Wir haben in den letzten Kapiteln viel von Verdrängung 
gesprochen) es wird darum notwendig, auch diesen Vorgang 
etwas näher ins Auge zu fassen. Es soll aber keine Theorie der 
Verdrängung entwickelt werden. ' Es handelt sich für uns ledig- 
lich darum, zu zeigen, wie sie zugleich Ambivalenzprodukt 
und Amhivalenzbildnerin ist. 

Freud gibt folgende Definition der Verdrängung, an die 
wir uns halten können. 2 „Unter den aus dem Infantilen stam- 
menden, unzerstörbaren und unhemmbaren Wunschregungen 
befinden sich auch solche, deren Erfüllung in das Verhältnis des 
Widerspruches zu den Zielvorstellungen des sekundären Denkens 
getreten sind. Die Erfüllung dieser Wünsche würde nicht mehr 
einen Lust-, sondern einen Unlustaffekt hervorrufen, und eben 
diese Affektverwandlung macht das Wesen dessen aus» 
was wir als „Verdrängung" bezeichnen und worin die 
infantile Vorstufe der Verurteilung (der Verwerfung 
durch das Urteilen) erkennen." 

Die Verdrängung steht, wie bereits ersichtlich wurde, in 
engstem Zusammenhang mit dem Lustverbot. Sie ist ohne das- 
selbe nicht gut denkbar. Zum Begriffe der Verdrängung gehören 
auch die Begriffe Bewußtsein und Unbewußtes. Diese Spaltung 

i) Näheres rieh* Freud: „Die Traumdeutung« (S. 456 bis 472). 
2I Ebenda (S. 468). 



1 



jg, Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



der Psyche, die nun von allen neueren Forschern anerkannt wird 
(mit Ausnahme etwa von Münsterberg, Ziehen, Vera Straßer u. a„), 
ist uns ja ein Beweis für die Unstimmigkeit im Seelenleben. 

Wir sahen, daß Bewußtsein wohl nur aus teleologisch zu 
erklärenden Gründen sich bildete im Unlusterleben einerseits 
und der dieses verwandelnden und kompensierenden Lusttendenz 
anderseits. Bewußtsein vereinigt also immer diese beiden Pole 
in sich. Es ist gleichsam immer von etwas erfüllt, wovon es 
sich zu befreien sucht; dies gibt ihm den Ambivalenzcharakter, 
wie wir ihn kennen lernten. 

In seinen früheren Schriften vertrat Freud 1 die Auffassung, 
daß das Unbewußte (Ubw), das er als das „eigentlich reale 
Psychische darstellte, das uns nach seiner inneren Natur so un- 
bekannt wie das Reale der Außenwelt, und uns durch die Taten 
des Bewußtseins (Bin) ebenso unvollständig gegeben sei, wie die 
Außenwelt durch die Angaben der Sinnesorgane (S. 474), daß 
dieses Ubw sich spalte in ein latent-bewußtseinsfahiges (vbw) und 
ein verdrängtes Ubw, das ohne die bekannte Behebung des Wider- 
standes durch die Analyse nicht zum Bw gelangen kann. Die 
tiefste Schicht im Ubw erwies sich also als vom Bw herstammend, 
als verdrängt. Das ließe den Schluß zu, daß das Ubw überhaupt 
nur als eine Abspaltung des Bw zu betrachten sei. Tatsächlich 
geht ja Freud auch noch in seiner letzten Schrift „Das Ich und 
das Es" vom Bw aus zur Erklärung der Entstehung des Ubw 
(S. 10) und stellt dar, „daß der Begriff des Ubw aus der Lehre 
von der Verdrängung gewonnen wurde" , und daß das Verdrängte 
also Vorbild für das Ubw sei (S. 12). 

In unseren Zusammenhang gebracht, würde das Ubw also 
erst mit dem Beginn und der ersten Wirkung der Lustverbote 

1) Hauptsächlich Traumdeutung, IV. Auflage. 



A m b ivalenzb ildung 



73 



sich zu bilden beginnen. Es könnte also auch erst mit diesem 
Vorgang von einer Spaltung der Seele in Bw und Ubw und 
damit von einer Ambivalenz gesprochen werden, und wir sähen 
uns gezwungen, den Begriff der Urambivalenz, den wir auf- 
gestellt, fallen zu lassen. 

Nun aber weist Freud, 1 ausgehend von der Einsicht, daß das Ich 
während der Analyse unter der Herrschaft des Widerstandes stehen 
kann, ohne selbst etwas davon zu wissen, darauf hin, „daß im Ich 
also etwas ist, was auch ubw ist, sich gerade so benimmt wie das 
Verdrängte, d. h. starke Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu. 
werden* (S. 16)- Damit hat Freud in strukturellem Sinne eine 
Korrektur der Deutung seines Begriffes vom Ubw vorgenommen: 
Das Ubw fällt nicht mehr mit dem Verdrängten zusammen, es 
bleibt richtig, daß alles Verdrängte ubw ist, aber nicht alles Ubw 
ist auch verdrängt. Auch ein Teil des Ichs ist also ubw" (S. 17). 
Wenn auch C. G. Jung in seinem Buche „Die Psychologie 
der unbewußten Prozesse" mit der Einführung der Begriffe „per- 
sönliches und überpersönliches Ubw", wie mir scheint, eher ver- 
wirrend als klärend gewirkt hat, so glauben wir anderseits, daß 
sich sein Begriff des kollektiven Uhw mit dem nun von Freud 
als zum Ich gehörend bezeichneten Ubw deckt. Auch Bleuler 2 
spricht von diesem Ubw. Er sagt: „Ein großer Teil der psychi- 
schen Funktionen ist schon in der Norm nicht mit der bewußten 
Person verbunden-, ein anderer Teil wird aktiv, weil unerträglich, 
abgespalten, funktioniert aber noch weiter. Beide Gruppen zu- 
sammen, von denen die erste sehr groß, die letztere beim Ge- 
sunden verhältnismäßig sehr klein, wenn auch nicht unbedeutend 
ist, bilden das Unbewußte. 



1) Freud: Das Ich und das Es. 

z) E. Bleuler: Naturgeschichte der Seele und ihres Bewußtwerdens 

(S. sag). 



74 Ö« Wesen der Ambivalenz des Kitides 



Wir haben also auch hier wie bei Freud ein ursp rund- 
liches Ubw und ein verdrängtes Ubw. 

Wir fassen wieder die Urambivalenz ins Auge, die sich 
in dem Unlustgefühl dieses Seins und dem Begehren des früheren, 
alibidinösen Seins (intrauteriner Zustand), respektive dessen Ersatz, 
der libidinösen Lustbefriedigung» äußert. Wir sahen, wie dieser 
Urambivalenzkonflikt zur Bildung des Bw zwang. Wir 
müssen also hier, statt wie man gewöhnlich von einer Abspaltung 
des Ubw (im Sinne der Verdrängung) spricht, im Gegensatz dazu 
von einer Ausscheidung des Bw sprechen. So %vird die Spaltung 
Ubw und Bw eben nur ein Ausdruck für die Urambivalenz. Die 
Verdrängung aber ist im Verhältnis zu diesem Vorgang als ein 
regressiver Akt zu bezeichnen und führt zu jenen Komplika- 
tionen des Ambivalenzkonfliktes, wie wir sie, als durch das Lust- 
verbot veranlaßt, kennen gelernt haben. Das Lustverbot ist ja 
auch das treibende Moment bei der Verdrängung. 

Es dürfte uns mit dieser Einsicht verständlicher geworden 
sein, daß das Bw eben nur äußerste Oberflache der gesamten 
Psyche ist. 

Auf den Widerstand glaube ich nur soweit eingehen zu 
müssen, als es notwendig ist, auch ihn mit der Urambivalenz 
in Zusammenhang zu bringen. Widerstand war es, was der Neu- 
gebome dem neuen Sein gegenüber äußerte, Widerstand wiederum 
zwang zur Sonderung, zur Ichgestaltung und zur Bildung des Bw. 
Dabei bleibt aber das ständige Begehren, diese Sonderung wieder 
rückgängig aufzuheben, d as Ich wieder irgendwie mit dem Es 
zu verschmelzen, die Spaltung, die Ambivalenz aufzuheben. Der 
Widerstand nun, der das Verdrängte zurückhält, bewirkt natür- 
lich im Zusammenhang mit diesem auch eine Verschärfung des 
Ambivalenzkonfliktes, ist aber auch mit dem „Urwiderstand 
n verwandt". Der „Urwiderstand" galt diesem postnatalen Sein 



™^"W«=5 



A m b iva lensbildung „ ,- 

und führte zur Bildung des Ichs, der Widerstand, der das Ver- 
drängte nicht biu werden läßt, ist gegen dieses Ich gerichtet, das 
wieder im Es untergehen muß, soll der Ambivalenzkonflikt über- 
haupt zu einer Lösung kommen. 

Einen anschaulichen Fall von Verdrängung mit neurotischer 
Symptombildung bot der kleine Willi. ] * a 

Wir erinnern uns, daß er einer ausgesprochenen Koprophilie 
frönte. Als dann das strenge Verbot der Eltern kam, das vom 
Vater aus meist mit Züchtigung verbunden war, sah sic h Willi 
gezwungen, die Kotlust aufzugeben, um sich nicht damit mehr 
Unlust als Lust zuzuziehen. Die Koprophilie verfiel der Verdrän- 
gung. Im Unbewußten aber blieb das Begehren. Bewußt setzte 
auch Willi (wohl als Aktivierung des erlittenen elterlichen Willens) 
jetzt allem, was irgendwie mit Kot in Beziehung stand, sich ent- 
gegen. Wie ambivalent sich aber das Bewußtsein nach erfolgter 
Verdrängung verhält, das sehen wir darin, daß Willi sich nicht 
nur seinen Kameraden gegenüber, die ihm lästig waren, oder 
die irgendwie mit etwas Kotigem in Verbindung 2U bringen 
waren, in heftigsten Beschimpfungen, welche selbst wieder ein 
koprolales Frönen bedeuteten, erging, sondern daß er dieselben 
Beschimpfungen auch jenen Menschen entgegenwarf, die den 
„geliebten" Kot wegschafften, so hauptsächlich der Mutter, die 
er doch sonst so innig liebte, aber auch den Straßenputzern, die 
er gar nicht leiden kann. Ein Traum gibt ein deutliches Bild 

i) Ich verdanke die Einsicht in diesen Fall hauptsächlich der Ana- 
logie eines beschriebenen Falles, der Auszug eines Referates ist, gehalten 
von Dr. R. Brun (Zürich) in der Sitzung vom 25. März 1922 der Schweize- 
rischen Gesellschaft für Psychoanalyse, Der Auszug, der diesen analogen 
Pall darstellt, erschien im Korrespondcnzblatt. der Internationalen Psycho- 

analytischenVereinigHng{Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Ed. IX, 
1923, Heft 1). 

2) Vgl. S. 3], 43, 55 und 6g. 



7*5 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



dieser Ambivalenz: Willi ist in einem Reitklub und putzt hier 
mit andern die Pferde, und zwar erhält jeder vom „Meister" 
dazu too Gramm Butter. Willi will also im Traume putzen, 
nimmt aber dazu etwas „Schmutziges" (Butter) und schmiert 
darum gleicherzeit. Sein Putzen ist ein neues Schmieren. Es ent- 
spricht vollauf seinem Putzenwollen in der Rede, die auch immer 
wieder zugleich ein „ Schmieren u mit „schmutzigen" Wörtern 
ist. Dieser Ambivalenzkonflikt führte dann zur Symptombildung 
des Stotterns. 

Willi behielt auch nach der Verdrängung der Koprophilie 
sein großes Interesse am Anus. Er knüpfte verschiedene Zeu- 
gungs- und Gebunsphantasien daran, Er dachte sich : Wenn Vater 
und Mutter zusammen schlafen und warm haben, so geht etwas 
von der Warme des Vaters beim After in die Mutter hinein, 
und es gibt dann ein Kindlein in ihr. Dann denkt er sich, der 
Schweiß könnte dem Vater über den Rücken hinunterlaufen 
und bei der Mutter durch den After hineingehen. Dann wieder 
hat er Vorstellungen von einem sadistischen Akt: Vielleicht hat 
der Vater einmal einen wüsten Traum von Räubern gehabt, und 
er hat sich so herumgewälzt und der Mutter weh getan, und 
daraus ist das Kindlein entstanden. Aber vielleicht ist die Mutter 
auch vom Bett heruntergefallen. Willi scheint auch den Ein- 
druck des belauschten Koitus der Ehern verdrängt zu haben. 
Nach Aufhebung des Widerstandes in der Analyse wurde Stück 
um Stück der damaligen Gesamt Vorstellung wieder bewußt. Zu- 
letzt kam dann die Darstellung des Koitus per anum, 

Die Verdrängung der Koprophilie war insofern eine unvoll- 
ständige, als erstens Willi später sich in der Schule und auch 
sonst als großer Schmierer auszeichnete und zweitens, wie bereits 
angetönt wurde, sich einer ausgesprochenen Koprolalie („Kot- 
reden ) hingab. Auch diese letztere wurde von den Eltern ver- 



m 



A m b ivalenzb ildung 



77 



boten, und Willi erlitt körperliche Bestrafung. Es erfolgte auch 
hier eine Verdrängung, die wiederum eine unvollständige war 
Nun bildete sich das Krankheitssymptom des Stottern*, in dem 
die Ambivalenz des Begehrten und des Verbotenen deutlich zum 
Ausdruck kommt. Das Verbot äußert sich in der ängstlichen 
Zurückhaltung der Rede, einem beständigem „Putzen" (wie im 
Traum), das ganz besonders diesen Wortbildungen gilt, die in 
irgend einem (bewußten oder unbewußten) Zusammenhang mit 
der Koprophilie standen. Aber das „PuW ist ein neues 
Schmieren , indem gerade die verpönten Laute besonders lange 
durch die Verdoppelungen im Munde herumgewälzt werden und 
so d.e begehrte Koprolalie versteckt sich wieder äußern kann 
Sogar das eigentliche „Schmieren" (Koprophilie) kommt symbo- 
lisch zum Ausdruck, indem Willi beim schwierigen Laut drückt 
und preßt und dabei von einem Bein auf das andere tritt so 
wie Meine Kinder tun, wenn sie ihre Notdurft verrichten sollten. 
Wir sehen, daß in der Symptomhandlung die Ambivalenz 
so ausgesprochen sich äußert, daß dieselbe Funktion immer gleich- 
zeitig entgegengesetzten Tendenzen Ausdruck gibt. Verdrängung 
und Widerstand, die wir als Produkte des Ambivalenzkonfliktes 
kennen lernten, werden in ihrer Auswirkung selbst wieder 
Forderer der Ambivalenz, 



9 . SYMBOLISIERUNG 

Der Symbolismus ist eine allgemein menschliche Erscheinung, 
die wir nicht nur heim Erwachsenen in seinem gewöhnlichen 
Sprachgebrauch, der Dichtung, Malerei, Religion und auch der 
Wissenschaft vorfinden, sondern die wir bereits sehr früh auch 
beim Kinde schon feststellen können. Auf die Symbolik in Kunst, 
Religion und Wissenschaft hat Pfister in seinem Buche: „Die 
psychoanalytische Methode" in vielen Zitaten hingewiesen (S. 234 
bis B39). Es ist unsere Aufgabe, der SymboUaieruUfc beim 
Kinde nachzugehen und zu sehen, in welchem Verhältnis sie 

zur Ambivalenz steht. 

Es wird sehr oft auch in bezug auf die Symbolbildung die 
Frage aufgeworfen, ob diese etwas hereditär Ursprüngliches sei 
oder sich erst durch die Erziehung und das akzidentelle Erleben 
ergebe. Ich meine, wir können uns auch hier stützen auf das, 
was wir im ersten Abschnitte über „Hereditäres und Akziden- 
telles" aussagten, können zugleich aach hier unsere Forschung 
nur auf das Akzidentelle richten, indem wir besonders darauf 
verweisen, daß ja Symbolbildung beim Kinde erst eigentlich aus- 
geprägt mit der Sprachbildung zum Ausdruck kommt, daß aber 
die ganze Realität zur Zeit der Sprachentwicklung des Kindes 
von ihm bereits mit ambivalenten Gefühlen erlebt wird. Und 
zwar meine ich hier nicht bloß die durch die Urambivalenz 
bewirkte Einstellung, sie ergäbe eine einheitliche Ablehnung der 



1 



Ambivalenzbildung 



79 



gesamten Realität und könnte uns für die Erklärung der Symbol- 
bildung nur insofern dienen, als wir begriffen, daß eben alles 
entstellt werden müßte. Aber die Symbolisierung entspricht nicht 
der Negierung, und wir haben immer noch keine Erklärung für 
die Entstehung des Symbols. Die Ambivalenz nun, die das Kind 
(schon zur Zeit der Sprachbildung) zum Symbol zwingt, ist die- 
jenige, welche dem Kampf zwischen Trieb und Verbot entspricht. 
Das Symbol ist eigentlich eine Kompromißbildung zwischen 
beiden und gleicht in dieser Beziehung dem Traum. Es ist 
Ausdruck sowohl für das Begehrte als auch für dessen Verbot 
und darum auch Ausdruck für die Ambivalenz. Das Symbol ist* 
wie Pfister 1 sagt, „real und irreal zugleich, genügt in gewisser 
Beziehung dem Realitäts- und dem Lustprinzip unseres Geistes. 
Viele Symbole wollen gleichzeitig aussagen und verbergen, so 
die geheimnisvollen Riten, die Namen gewisser Geheimbünde, 
das Pentagramm etc." 

Wenn auch das S3rmbol Ausdruck der Ambivalenz ist, so 
dürfen wir nicht vergessen, daß es, gerade weil es aus einem 
Ambivalenzkonflikt heraus entstand und als Kompromißgebilde 
die beiden entgegengesetzten Pole in sich aufnimmt, auch als 
Mittler wirkt, die feindlichen Machte zu vereinen versucht und 
so den Ambivalenzkonflikt abschwächt, 

Triebbefriedigung und Triebeinschränkung finden wenigstens 
eine partiale Realisierung. Herbert Silberer 2 gibt diesen Ge- 
danken der Symbolbildung aus dem Ambivalenzkonflikt, sowie 
denjenigen des Symbols als Kompromißerscheinung wieder (Jahr- 
buch, Bd, I, i. Hälfte, S. 514 und 515), wenn er sagt, daß „der 
Kampf der beiden antagonistischen Elemente, Schlaftrunkenheit 

1) O. Pf ist er: Die psychoanalytische Methode (S. 258). 

2) Herbert Silber er: Methode, symbolische Halluzinationserschei- 
mmgen hervorzurufen usw. Jahrbuch, Bd. I und II. 



8o 



Pas Wesen der Ambivalenz des Kindes 



und Anstrengung zum Denken das charakteristische ^symbo- 
lische« Phänomen erzeugt. Es ist für das Zustandekommen der 
Erscheinung ferner wichtig, daß keines von beiden dementen 
die Oberhand habe; es muß vielmehr ein unentschiedener 
Streit beider Elemente miteinander stattfinden, so dafl 
eine Wage, welche die ringenden Kräfte gegeneinander abwöge 
das Zünglein bald links, bald rechts ausschlagen ließe Das Über 
gewicht des ersten Elementes würde den Schlaf, das überwiegen 
des zweiten Elementes würde geordnetes, normales Denken zur 
folge haben, während das in Rede stehende „autosymbohsche 
Phänomen sich an der Grenzscheide von Wachen und Schlaf 
einstellt. (Das „autosymbolische" Phänomen kann sich auch ein- 
stellen bei den antagonistischen Elementen „Schlaftrunkenheit , 
Störung des Einschlafens" [durch Empfindungen oder Gefühle] 
und ergibt dann seinen somatischen Charakter [S. 518].) 

Ich glaube von dieser ans dem Ambivalenzkonflikt erklärten 
Entstehung der'symbole machen sowohl das bewußte Symbol 
als auch das Symbol des gewöhnlichen Sprachgebrauchs 
keine Ausnahmen. Wir können freilich ihre Entstehung, wie 
Pfister* es tut, auch begründen mit dem Vorzug ihrer „Kurze, 
Anschaulichkeit, Leichtfaßlichkeit, ästhetischen Annehmlichkeit, 
inhaltlichen Fülle, andeutenden Verheißung, diskreten Verhüllung . 
aber wir kommen auch mit diesen Begründungen nicht aus dem 
zwiespältigen menschlichen Wesen heraus; sie dienen alle irgend- 
wie dem Lustprinrip oder sind Konzessionen an das Lustverbot. 
Auf jeden Fall liegt in ihrer Äußerung ebenfalls eine Mam- 
festation des Prinzips vom geringsten Widerstand. Die harte 
Realität setzt überall Widerstand entgegen, der Mensch versucht 
ihn zu überw inden oder ihm auszuweichen, und die SymboL 

i) Von mir gesperrt. 

a) O. Pf ist er: Die psychoanalytische Methode (S. 339)- 



Ambivalenzb ildung 



81 



bildung ist ein Mittel dazu wie irgend eine Handlung. Schließ- 
lich ist ja die Sprache überhaupt (wie vielleicht jede Hand- 
lung) in diesem Sinne nur Symbol, Es handelt sich für uns 
aber vorerst nur darum, das bewußte, gewollte Symbol und jenes 
vom gewöhnlichen Sprachgebrauch, die beide ihre Entstehung 
in den oben angeführten Pf ist ersehen Begründungen finden, 
mit den automatischen, den „gemußten" Symbolen in Beziehung 
zu bringen. Genau dieselben Motivierungen, die Pfister für das 
Symbol des gewöhnlichen Sprachgebrauchs anführt, sind auch 
bestimmend für das automatische Symbol. Darauf haben auch 
Freud 1 in seiner „Psychologie der Traumvorgänge H und Silberer 3 
hingewiesen, letzterer insbesondere, wenn er vom automatischen 
Symbol sagt (S. 516 und 517): „Das anschauliche Bild trat gewisser- 
maßen als eine Erleichterung des Denkprozesses auf, und zwar als 
eine fühlbare Erleichterung" . . . „diese bildliche Art zu ,denkeii' 
kostet eine weit geringere Anstrengung als die gewöhnliche. Wenn 
also Silberer 3 sagt: „Das Symbol tritt da ein, wo der Gedanke sich 
in seiner eigentlichen Gestalt aus irgend einem Grunde im Bewußt- 
sein nicht manifestieren kann", so fühlen wir uns höchstens nach 
dem Ausgeführten veranlaßt, beizufügen: oder nicht manifestieren 
will. Damit verstricken wir uns aber unausweichlich in den. großen 
Streit über die Willensfreiheit und die Determinierung des psychi- 
schen Geschehens. Schließlich weist übrigens auch Pfister 4 auf 
die große Verwandtschaft der beiden Arten von Symbolismen hin, 
die er besonders in jenen Bildungen feststellt, „die ebensogut auto- 
matisch als auf Grund bewußter Überlegungen auftreten können." 



1) Freud: Traumdeutung. 

2) Silber er: Methode, symbolische Hallminationserseheimmgen 
hervorzurufen usw. Jahrbuch, Bd. I und II. 

3) H. Silber er: Über Symbolbildung. Jahrbuch III (S. 664). 

4) Pfister: Die psychoanalytische Methode (S. 240). 
6 Gräber 



g 3 ]) as Wesen der Ambivalenz des Kindes 



Wir müssen uns nach den Feststellungen über Symbolbild ung, 
die im Wachleben wie im Traume sich nach denselben Gesetzen 
vollzieht und nach weiteren Feststellungen über die Beziehung 
des Symbols zum „eigentlichen" Gegenstand, begnügen mit der 
Belegung obiger Thesen durch einige typische Beispiele aus der 

Kinderpsyche, 

Die Symbolbildung hangt eng mit dem Mechanismus der 
Verdrängung und dem sie begleitenden Widerstand zusammen. Wir 
sahen, daß die Verdrängung immer gerade bei den am stärksten 
lustbetonten Handlungen (auch Gedanken) eintrat, weil gerade sie 
in erster Linie vom Lustverbot der Erzieher betroffen werden. 
Der Säugling, der onaniert, wird auf das Händchen ge- 
schlagen; sofort beginnt er eine Handlung, die ihm doch teil- 
weise die verlorene Lust ersetzt: Das Lutschen am Finger. 1 Die 
Ersatzhandlung des Lutschens wird hier zur Symbolhandlung für 
das Onanieren. Bei letzterem war es der Penis, an dem herum- 
gezogen und gedreht wurde, nun ist es der Finger als Ersatz. 
Der Finger ist zum Symbol geworden für den Penis. Die Symbol- 
handlung steht unter der Herrschaft des Lustprinzips, insofern 
sie Ersatzhandlung für eine lustbetonte Handlung ist, steht aber 
gleichzeitig auch im Dienste des Lustverbotes, und zwar insofern 
als sie nur Ersatzhandlung ist. Wir finden hier den Ambivalenz- 
charakter der Symbolhandlung, welche die sich sonst ausschließen- 
den Gegensätze von Trieb und Verbot zu vereinigen vermag und 
beiden Mächten eine partiale Realisierung ermöglicht. 

Man liest immer und immer wieder, auch in neuesten 
Kritiken über die Psychoanalyse, nachdem gewöhnlich einige 
konventionell-anerkennende Sätze gesagt wurden, es liege eine 
große Gefahr darin, daß die Vertreter dieses neuen Wissenschafts- 

i) Vgl. S. 56, 



A tibivalenzbildung 



85 



zweiges hinter allen Handlungen, allen geäußerten (und oft sogar 
ungeäußerten) Gedanken irgend etwas „Sexuelles" witterten. 
Diese Gefahr habe etwas Peinliches. Nun scheint mir, es dürfte 
doch wohl das Peinliche nicht darin liegen, daß wir in unseren 
Handlungen (im weitesten Sinn) die, wie wir dies darzustellen 
versucht hahen, nur libidinöse Triehäußerungen, d. h. Strebungen 
nach einem anderen, „höheren", triebfreien Sein sind, diesen 
Ersatz- und Symbolcharakter nachweisen, sondern darin, daß 
dieser bereits soweit im menschlichen Geiste als das „Absolute 
fixiert ist, daß man es nicht mehr wagt, ihn auf seinen Ur- 
sprung zurückzuführen. Es ist der Weg „hinab zu den Müttern", 
den wir gehen lernen müssen. Es ist darum auch nicht die 
Psychoanalyse als solche, die zu diesem Zurückführen auf den 
Ursprung in irgend einer willkürlich erfundenen Methode geführt 
hätte, sondern es ist das innerste Wesen des Menschen selbst, 
welches, suchend nach dem ruhenden Pol in der Flucht der 
Strebungen schließlich zu dieser Forschung zwang, die ihm am 
nächsten kommt. 

Da die stärkste Lust mit der Sexualität verbunden ist, zwingt 
eine Deutung der Symbolhandlungen, letztere mit ihrem ursprüng- 
lichen Sinn wieder in Beziehung zu bringen ; die Symbole selbst 
werden zum Sexualsymbol, das entweder mehr männlichen oder 
weiblichen Charakter hat, entsprechend seiner Ähnlichkeit der 
Form mit dem Genitale oder seiner ähnlichen Funktionalität. Es 
gibt darum typisch männliche und typisch weibliche Sexual- 
symbole. 

Unser Kurt 1 mit dem vollständigeren Ödipus-Komplex, in 
dessen Träumen wir die Wiederkehr des Totemopfers finden 
werden, lasse ich, da er stets bei Wörtern, die mit dem Konso- 



1) Vgl. S. 44. 



84 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



nanten m beginnen, stotterte, eben solche mit m beginnende 
Worte nach freier Assoziation aufzählen. Er bringt folgende 
Reihe, aus der bereits deutlich der ganze Üdipus-Koraplex heraus- 
gelesen werden kann: „Messer, inachen, messen, Mist, 
Mutter, Maß." Ich schicke meine wohl etwas willkürlich er- 
scheinende Deutung voraus, che spätere Analyse wird aber ihre 
Richtigkeit ergeben: Das Messer ist ein altbekanntes Penissymbol. 
Mit diesem will er etwas machen (messen = koitieren), und zwar 
bei der Mutter. Dazwischen ist aber etwas Unsauberes (Mist), 
denn der Vater ist das Maß aller Dinge, er mißt (koitiert). 

Die weitere Analyse ergibt die Richtigkeit obiger Deutung. 
Schon auf das nächste Reizwort assoziiert Kurt mit Einfällen, 
die den Kastrationskomplex, den wir als den Kernkomplex der 
Ödlpus-Einstellung kennen lernten, aufdecken. Ich nehme die 
Zusammenstellung der beiden ersten Worte : 1 (Mit Messer machen) : 
Papa sandte mich einst zum „Pulver" [Schlächterei], um eine 
Wurst zu holen. Dann sah ich zu, wie Papa sie in kleine Stuck- 
lein schnitt, und er fragte mich, ob ich auch von der Wurst 
begehrte, es sei eine Zungenwurst. Da sagte ich: O ja! und er 
gab mir davon. 

(Zungenwurst) : Mama sagte, ich solle „pressieren [mich 
beeilen], ich müsse ja noch das Gärtlein spritzen. Auf dem Felde 
stach den Viktor [einen Kameraden] eine Biene. Auf mich kamen 
zwanzig Bienen und sie flogen mir immer nach und stachen mich. 
Das Messer bekommt sofort, wie es als Reizwort gegeben 
ist, seine ursprüngliche Bedeutung wieder. Die Handlung aber, 
die der Vater damit ausführt, wird zur Symbolhandlung. Wurst 
ist eine weitverbreitete triviale Bezeichnung für Penis. Die Zunge 
nun spielt in der Analyse Kurts eine große Rolle, und zwar 







Der Einfachheit halber setie ich meine Reiiworte in Klammern (}. 



A m biva hrizb ildung 



85 



ebenfalls, in der Verlegung nach oben, als Penissymbol. Er war 
als Stotterer stets gezwungen, damit der schwierige Laut ihm 
gelang, die Zunge herauszustrecken, was wir dann als eine un- 
vollständig verdrängte Exhibition entlarven konnten. Der Vater 
erscheint also hier als der Kastrator, der das Glied Kurts in 
Stücke schneidet. Die neuen Einfälle, die letzterer zu „Zungen- 
wurst" bringt, erhärten unsere Deutung. Mit dem „Spritzen des 
Gärtleins" bringt er die Zungenwurst (Penis) in Beziehung zum 
Urinieren, zugleich aber auch zu der Vorstellung von etwas 
Stechendem, die sich zurückführen ließ auf einen belauschten 
Koitus der Eltern, den Kurt als sadistischen Akt deutete. 

(Stachel-Garten spritzen); In A . . ., wo ich in den Ferien 
war, ist ein großer Brunnentrog. Wir ließen das Wasser hinaus- 
fließen und spritzten die Wiese. Über Mittag wurde das neue 
Wasser im Trog warm, und wir badeten dann. Wir wollten aber 
an den S , . . bach gehen, aber Hedi [seine drei Jahre ältere 
Schwester] wollte w-egen der Schlangen nicht. Pauli [ein älterer 
Ferienkamerad] sagte, es mache nichts. Wir gingen dann und 
erzählten auf dem Wege Schlangengeschichten. Aber unten am 
Bache war wirklich eine braune Schlange, eine Kreuzotter, Pauli 
nahm das große Messer und wollte sie in tausend Stücke zer- 
schneiden. Die Schlange kam näher und stellte sich so auf 
(Erektion). Dann zerschnitten wir sie mit der Sichel in viele 
Stücke. Nachher kehrten wir heim und haben noch die Wespen 
in einem Loch mit kochendem Wasser gespritzt. 

KuTt bringt mit der Schlangengeschichte nur eine Variante 
zur Zungenwurstgeschichte. Die Schlange als phänisches Symbol 
ist ein uraltes Kultphänomen. Auch in der Kunst wird häufig 
der Phallus durch eine Schlange ersetzt. Pf ister 1 hat diesem 



1) O. Ffister: Die psychoanalytische Methode (S. 245 bis 249). 



L=b 



86 Das JVesen der Ambivalenz des Kindes 



typischen Sexualsymbol besondere Aufmerksamkeit geschenkt; ich 
brauche ihm hier nicht weiter nachzugehen. Kurt und Pauli 
zerschneiden nun die Schlange in viele Stücke. Wir sehen hier 
bereits eine Aktivierung der passiv erlebten Kastrationsangst. Bei 
der Wurst war es der Vater, der zerschnitt, hier ist es vorerst 
der ältere Kamerad „Pauli" (Vatersurrogat), der schneiden will, 
und bei der Ausführung sind sie beide beteiligt ; sie zerschneiden 
des Vaters Glied Coden den Vater). Am Schlüsse wird übrigens 
der Schlangengeschichte als Wiederholung eine zweite Aktivierung 
angegliedert: Die Wespen mit dem Stachel (Vater mit Penis), 
vor welchen man sich fürchtet, werden mit kochendem Wasser 
getötet. Ich verbinde nun alle die Symbole, um den Knaben, der 
an einer sehr starken Verdrängung litt, mit der Realität wieder 
in Einklang zu bringen. Man beachte nun, wie der noch nicht 
zehnjährige Knabe, der natürlich von einer Darwinschen Ent- 
wicklungslehre noch nichts gehört hat, doch eine Entwicklung 
vom Pflanzen- zum Tierreich und zum Menschen aus dem Un- 
bewußten schöpft. Die aufgezählten Kreaturen bilden für Kurt 
alle Penissyinbole, 

(Was ist wie eine Zungenwurst, wo Wasser her ausspritzt, 
oder wie ein Stachel, eine Schlange?): 

Pfirsich, Banane, Kokosnuß, Zwetschke, Butterbirne, Schlange, 
Wurm, „Ohrengrübel" (Ohrwurm), Raupe, Käfer, Fliege, Blind- 
schleiche, Krokodil, Elefant — flenn mit dem Rüssel kann er 
Wasser spritzen, — Maus — der Schwanz ist wie der Zipfel bei 
der Wurst, — Horniß — er hat einen Stachel, und die Schuppen 
sind wie die Haut der Wurst, — Drache, Giraffe — sie ist wie 
eine Wurst, und der lange Hals ist der Zipfel, — die Kuh - 
sie ist länglich wie die Wurst, und der Schwanz ist der Zipfel, — 
Fuchs (sein Totemtier), Hund, Wolf, Bär, Eichhörnchen, 
Eidechse, der Blinddarm, Därme, Zunge, Mund, Luftröhre, der 



Ambivalenzbildwig 



87 



Kropf, das Gehirn — es ist wifi Würste, — Lunge, Nieren, 
Bauch — ich sah auf einem Bilde einen Mann mit einem 
solchen Bauche wie eine Wurst, — Füße, da wo man „bislet" 
(uriniert), das „Schneggi" (Schnecke, sein bereits bekannter 
Ausdruck für Penis). 

Die ganze Reihe von Sexualsymbolen, die schließlich in 
ihrem Endglied zum Sexualorgan zurückführt, bringt neben der 
bereits erwähnten biologischen Entwicklung auch sonst allerhand 
Interessantes. So wird das Tierreich sowohl als die Gattung 
Mensch immer mit dem typischesten Sexualsymbol eingeleitet, 
beim Tier mit der Schlange, beim Menschen mit dem Blind- 
darm. Kürt hat eine schwere Blinddarmoperation durchgemacht, 
die sich als eine „Sühnekastration" erweist, Interessant ist ferner, 
daß, sobald er zu höheren Tiergattungen gelangt, er anfängt, 
bestimmte Teile, wie Rüssel, Schwanz, Stachel, Schuppen, langer 
Hals, besonders zu nennen und so dem Sexualorgan immer 
näher kommt. 

Es würde zu weit führen, all den Verstrickungen nach- 
zugehen, die es zur Analyse des Stotterns aufzulösen galt. Es 
handelt sich hier nm darum, einen typischen Fall von aus- 
gesprochener- Sexualsymbolik zur Darstellung zu bringen. Die 
Symbole sind sämtlich ausgesprochen männlich, vielleicht mit 
Ausnahme des Mundes, obschon auch dieser hier, weil zur Zunge 
(Penis) gehörend, als Vorhaut betrachtet werden kann. 

Die Ambivalenzeinstellung ist analog derjenigen zum Totem- 
tieT (Fuchs), von der im nächsten Kapitel die Rede sein soll, bei 
allen übrigen genannten Sexualsymbolen dieselbe. In anderen 
Fällen manifestiert sie sich oft auch dadurch, daß das Sexual- 
symbol sowohl ein männliches als ein weibliches sein kann. Hier 
rührt die Eindeutigkeit daher, weil Kurt auch der Frau noch 
einen Penis zuschreibt. 






io. TIERPHOBIEN 



Der Ambivalenzcharakter, den, wie wir festgestellt haben, 
jede Bindung trägt, zeigt sich auch besonders ausgeprägt in dien 
Tierphobien, einer ziemlich häufigen Erscheinung bei Kindern, 
die sich als eine Bindung mit zwangsneurotischem Charakter erweist. 

Das Kind zeigt auch dem Tier (anfänglich sind es meist 
Katze und Hund) zuerst seine Ablehnung, bekommt aber 
meist ziemlich bald ein sehr „intimes" Verhältnis zu ihm, oft 
ein intimeres als zu dem erwachsenen Menschen, den es weniger 
gut „versteht". 1 Es gibt genug Erzählungen, die das Verhältnis 
Kind — Tier schildern. Ich erinnere mich einer Szene, wo ein 
kleines Mädchen, es mochte etwas mehr als zweijährig sein, auf 
den schlafenden „bösen" Haushund hinauf kroch, der aufwachte, 
das Kind ruhig gewähren ließ, höchstens den Kopf etwas beiseite- 
schob, wenn es ihm mit seinen spitzen Fingerchen neugierig an 
den Ohren und Augen herumtastete. Als die Eltern das Kind 
erblickten, eilten sie entsetzt herbei und rissen es weg. Der 
Hund aber knurrte unzufrieden. 



i) Freud sagt dazu (Totem und Tabu, S. 117 bis 118): „Das Kind 
zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut, welcher dann den erwachsenen 
Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur durch eine scharfe Grenzlinie 
von allem anderen Animalischen abzusetzen. Es gesteht dem Tiere die 
volle Ebenbürtigheit 211; im ungehemmten Bekennen EU seinen Bedürf- 
nissen fühlt es sich wohl dem Tiere verwandter als dem ihm wahrschein- 
lich rätselhaften Erwachsenen." 



Amb ivalenzbi Idung 



8g 



So wie das intime Verhältnis zur Mutter den Urhaß nicht 
völlig aufzuheben vermag, so bleibt auch die Beziehung des 
Kindes zum Tiere nie eine ungetrübte. Das kleine Ding kann 
plötzlich anfangen, den Hund oder die Katze zu schlagen, an den 
Haaren zu ziehen usf., und bei diesen sadistischen Akten größte 
Lust zu äußern. Oft läßt das Tier zum Erstaunen der Erwachsenen 
sich alle diese Quälereien gefallen, wo es dem Erwachsenen gegen- 
über sich längst zur Wehr gesetzt hätte oder geflohen wäre. 

Die Furcht des Kindes beginnt meist erst mit einem akziden- 
tellen Erlebnis, bei dem seine Liebesbezeugungen oder seine lust- 
betonten Haßäußerungen, welch letztere wohl in der autoeroti- 
schen Auffassung des Kindes nicht als Trübung des Verhältnisses 
zum Tier empfunden werden, plötzlich durch einen vom Tier 
verursachten Schmerz (durch Beißen oder Kratzen) unterbrochen 
werden. Furcht kann auch durch andere Erlebnisse ausgelöst 
werden, wie z, B. bei dem kleinen Hans, 1 wo es durch das Um- 
fallen des Pferdes geschah. Die Furcht kann eine permanente 
werden bei etwaiger Wiederholung des Erlebnisses und bei be- 
ständiger ängstlicher Warnung durch die Erwachsenen. 

Das Kind, das erstlich seine eigene Ambivalenz auf das Tier 
Überträgt, erlebt nun ganz ähnlich, wie sonst von den er- 
wachsenen Menschen (Lustverbot), durch das akzidentelle Erlebnis 
ebenfalls eine Ablehnung, gleichsam eine Bestrafung vom Tier 
für die genossene Lust. Das Erlebnis übt dieselbe Wirkung 
aus wie das Lustverbot, So sind die Grundpfeiler zur Über- 
tragung der Elterneinstellung auf das Tier gelegt, und die Brücke 
baut sich aus durch die beständigen Warnungen der Eltern. Es 
ist wohl gar nicht notwendig, daß das akzidentelle Erlebnis ein- 
tritt, um die Furcht zu wecken, die Warnungen der Eltern be- 



ll Freud: Analyse der Phobie eines fünfj übrigen Knaben. 



9° 



Das Wesen der Ambivalenz des Ki?tdes 



wirken ohnehin eine Übertragung der Bindung auf die Tiere, 
Aber auch noch ohne diese Warnungen würde diese Übertragung 
doch stattfinden können. 

Freud hat nachgewiesen, 1 wie der Mensch sich durch den 
Mechanismus der Projektion eines seelischen Konfliktes, der sich 
immer bei ambivalenter Einstellung bildet, zu entledigen versucht. 
Mit dieser Projektion der Ambivalenz, des unerträglichen Kon- 
fliktes von Trieb und Verbot auf das Totemtier, schaffte sich 
der Primitive Erleichterung, die seelische Spannung wurde 
geringer, weil die Spaltung zwischen Clangenossen (Söhnen) 
und Führer (Vater) geringer wurde, Das Totemtier wirkte als 
Mittler. 

Ein ähnliches Verhältnis wie der Primitive hat auch das 
Kind zum Tier. Mit dem besonderen Interesse, das es ihm ent- 
gegenbringt, ist die Urablehnung durchbrochen und das Verhältnis 
ein ambivalentes, eine Mischung von Zu- und Abneigung ge- 
worden. Bei der später durch das Lustverbot hervorgerufenen, 
verschärften ambivalenten Einstellung zu den Ehern (beim Knaben 
speziell zum Vater), verschiebt das Kind vornehmlich seine Haß- 
gefühle auf das Tier, und zwar meist gerade auf dasjenige Tier, 
das es zuvor besonders geliebt. Zur Sühne kann das Kind wiederum 
innerlich gedrängt werden, dem n unschuldig" gehaßten Tier 
Liebe entgegenzubringen. Wir sehen auch hier wieder, wie ein 
Zusammenfließen von doppelten Gegenströmungen zur extremen 
Ambivalenzbindung mitwirkt. Das erwähnte akzidentelle Unlust- 
erlebnis (Beißen, Kratzen etc.) kann wirklieh äußerer Anlaß zum 
vollen Ausbrach der Furcht und Haßeinstellung des Kindes zum 
Tiere werden, aber letztere kann auch ohne erstere entstehen. 
Der kleine Hans 2 gibt deutlich zu verstehen, daß eben das Pferd 

1) Freud: Totem und Tabu, 

2 Siehe Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Kabeji, 



Amhivtdenzbildung g 1 



für ihn Vatersurrogat .ist, an dem er nun seine Todeswünsche, 
die ursprünglich dem Vater galten, realisieren möchte, um eben 
im Alleinbesitz der Mutter zu sein (Üdipus-Komplex) . Freud hat 
hier die Analogie mit dem Totemtier, das mit den beiden Tabus 
— Exogamie und Verbot des Totems — belehnt wurde, her- 
gestellt. 

An einer ausgesprochenen Tierphobie litt der früher er- 
wähnte Knabe Kurt, 1 und zwar galt dieselbe nicht einer Tier- 
gattung allein, sondern er identifizierte seine Eltern mit ver- 
schiedenen Tieren, wie dies übrigens auch der kleine Hans tat, 
der neben der Identifizierung des Vaters mit dem Pferd ihn auch 
mit der Giraffe verglich. 3 

Die stärkste Bindung Kurts war diejenige an den Fuchs, 
den er im fünften Altersjahr zu fürchten begann, nach ver- 
schiedenen Warnungen, die ein Seim auf einer Alp, wo viele 
Füchse waren, dem Knaben gab. Kurt war dort in den Ferien, 
Seine starke Kastrationsangst hatte sich bereits aktiviert, so daß 
er sich häufig mit Kastrationsphantasien und auch Todesphanta- 
sien, die gegen den Vater gerichtet waren, beschäftigte. In der 
Projektion dieser Phantasien auf den Fuchs nun, der nach des 
Sennen Aussage rasch aus dem Loch schlüpft, einen beißt und 
wieder verschwindet, entstand die Angst vor dem Fuchs, der das 
Schneggi" (Penis) abbeißen könnte. 3 In seinen Träumen be- 
schäftigt sich Kurt bis zur Analyse, also während fünf Jahren, 
fast ausschließlich mit Füchsen. Er selbst befindet sich dabei 
meist auf der Jagd nach, ihnen oder wird von ihnen verfolgt. 
Ein typischer Traum ist folgender: Kurt ist im Wald, und es 

1) Vgl. S. 44. luid 85. 

2) Jahrbuch, Ed. I, S. 24. 

3") Wir erinnern uns hier an die Angst vor dem Beißen des Pferdes, 
die der kleine Hans in Freuds Analyse leigt. 



9 3 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



kommt ein Fuchs mit einer Mähne auf ihn los und will ihn 
beißen. Er schießt ihn in den Bauch. Darauf ruft er „Iledi" und 
„Pauli". Zu beiden bestand eine stark erotische Bindung. Sie 
schleppen den toten Fuchs in die Sennhütte, „metzgen" (schlachten) 
ihn, braten das Fleisch und essen es gemeinsam mit dem Senn. 
Aus dem Fell aber macht sich Kurt ein Paar Lederhosen. 

Der Traum entspricht vollständig dem Totemopfer und 
der Totemmahlzeit, wie sie durch die Darstellungen von 
W. Robertson Smith 1 bekannt wurden, und wie sie dann 
Freud in „Totem und Tabu" weiter vorarbeitete, Das Totem- 
tier, das zu töten sonst verboten ist, darf nach bestimmtem Zeit- 
raum, wenn der ganze Clan die Verantwortung mitübernimmt, 
getötet und darauf gemeinsam verzehrt werden. Da das Totem- 
tier Vatersurrogat ist, muß diese Opferung eine Wiederholung 
des Mordes am Urvater bedeuten, den ja ebenfalls alle Söhne 
gemeinsam begingen. Durch das Aufessen wird das Totemtier 
mitsamt seinen Eigenschaften „einverleibt' , es findet also hier 
indirekt eine Identifikation mit dem Vater statt, die den Sinn 
hat, die Uneinigkeit (Ambivalenz) aufzubeben. Robertson Smith 
berichtet auch, daß die Stammesgenossen, um die Identifikation 
mit dem geschlachteten Totemtier vollständig zu machen, sich 
mit ähnlichen Fellen bekleideten und das Tier in Lauten und 
Bewegungen nachahmten. Im Traume Kurts geschieht genau 
dasselbe: Das Töten des Fuchses, die gemeinsame Mahlzeit und 
das Sicheinkleiden in das Fell des geschlachteten Tieres. 

Kurt steht trotz seiner Intelligenz, die er in der Schule an 
den Tag legt, doch auf einer außerordentlich primitiven, kanni- 
balistischen Stufe. Auch seine Unkenntnis über den Geschlechts- 
unterschied war schon Zeugnis dafür. 



1) W. Robertson Smith: The rcligion of the Semite*. 



Ambivalenzbildung gg 



Wie bereits erwähnt, beschränkte sich seine Phobie nicht 
allein auf den Fuchs. Im Verlaufe der Analyse zeigte er auch 
eine starke Furcht vor Leoparden und in enger Verbindung 
damit vor Mördern. Von beiden wurde er im Traum oft verfolgt 
und getötet. Hinter beiden ließ sich auch unschwer der Vater 
erkennen. Kurt aktivierte auch hier wieder, vollzog die Identifi- 
kation mit dem Leoparden, schlüpfte im Traum als solcher in 
der Mansarde unter das Bett, um dem Mörder zu entgehen, 
schnarchte und pustete, so daß der Mörder meinte, es sei ein 
Leopard und, sich zum Fenster hinaus flüchtend, zu Tode 
stürzte. Die Träume Kurts bringen immer glänzend die Lösung 
des Konfliktes. Einmal sind es Vater und Mutter, die als 
„Hyäne" und „Dertäne'' 1 ihn in tiefem Walde bedrohen. 
Hyäne war das Männchen (Vater) und die „Dertäne" das 
Weibchen (Mutter). Diese Namenverteilung rührt daher, daß 
der Vater im Bett „hier drüben" („Hyäne") und die Mutter „dort 
drüben" („Dertäne") lag. 

Auf der lagd steht ihm der Senn bei. Sie finden in einer 
Höhle Spieße und Gewehre und stellen sich hinter einem Baume 
auf. Auf ein verabredetes Zeichen (Hochhalten der Hand) schießt 
Kurt und trifft die Hyäne (Vater). Der Senn aber schießt auf 
die „Dertäne" (Mutter) und trifft sie in den Bauch, aber sie ist 
nicht tot. Unterdessen ist auch die Hyäne wieder entwischt. Der 
Kampf geht fort. Zuletzt werden beide Tiere ins Gehirn getroffen. 
Das Fell wird ihnen abgezogen, das Fleisch gekocht und daraus 
ein feiner Braten gemacht. Am Mahl beteiligen sich neben dem 
Senn wieder die Schwester Hedi und Pauli. Aus dem Fell aber 
machten sie Kleider. 

*) S) Hy-<hier};Lue" und „Dert-(dort}äne" ist ein provinzialischer, 
spaßiveiser Ausdruck und heißt ungefähr soviel wie „hierdriiben" und 
„dortdrüben". 



94 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



Wir haben hier dasselbe Totemopfcr, dieselbe Totemmahlzeit 
wie bei dem Fuchs. Rätselhaft war mir anfangs nur, wieso hier 
beide Tiere getötet wurden, was ja dem Morde von Vater und 
Mutter entsprechen und den ganzen Sinn des Totemopfers ent- 
stellen würde, kam aber dann darauf, daß sie ja nur aus einem 
Fell Kleider verfertigten, Als ich Kurt darauf aufmerksam machte, 
wußte er nicht mehr mit Sicherheit zu sagen, ob die „Dertäne" 
wirklich auch getötet worden war. Die Mutter war öfters auch 
beim Sennen in den Ferien, und es ist möglich, daß Kurt sich 
Phantasien über einen Geschlechtsverkehr (in den Bauch treffen) 
zwischen Senn und Mutter ausmalte. 

Nachdem Kurt die Zusammenhänge seines Vater- und Kastra- 
tionskomplexes bewußt geworden, verschwanden auch die Tier- 
phobien. Seine Angst war früher so stark gewesen, daß er diese 
Tiere nachts überall witterte, sogar im Hause sich vor ihnen 
fürchtete. 

Sein Ambivalenzkonflikt hatte ihn gezwungen, in beständiger 
Flucht vor der unerträglichen Realität, sich fortwährend in 
Phantastereien (meist über Jagden) zu verlieren, was er schon 
so weit gebracht hatte, daß er, zur Beunruhigung der Eltern, 
überhaupt nicht mehr zu unterscheiden vermochte, was von seinen 
„Geschichten" der Wirklichkeit entsprach und was phantasiert 
war. Nach der Korrektur des Verhältnisses zu seinen Eltern verlor 
sich dieser Hang zur Phantasterei, die ja immer nur ein Versuch 
gewesen war, die unerträgliche Spannung der Ambivalenz, in die 
ihn sein entstelltes Realleben zwang, herabzusetzen. 



ii. TRAUME 

Auf den besonders stark ambivalenten Charakter der 
Träume hat schon Bleuler hingewiesen. 1 Es ist klar, daß der 
Traum, der sich als eine unbewußte Fortsetzung des Wachlebens 
erweist* Bezug nehmen muß auf die letzteres beherrschenden Ambi- 
valenzkonflikte. Da aber das Es und das mit ihm enger als mit dem 
Ich zusammenhängende Unbewußte amoralisch ist, eigentlich 
keine Konflikte anerkennen will, so versucht es mit Hilfe des 
Traumes diese aufzulösen, oft in „launischer' 1 Art auch so, daß 
es einen Konflikt so ungeheuer und unverständlich kompliziert 
macht, daß man den Eindruck gewinnen möchte, das Unbewußte 
mache sich einen Spaß daraus, die dummen Konflikte des Bewußt- 
seins Ms ins Grotesk-Lächerliche zu verzerren. Die These Freuds 
von der Wunsch erfüllung des Traumes (die von ihm nur eine 
Einschränkung erhalten hat), gilt ganz besonders für den Kinder- 
traum. Den unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen des Tages 
wird im Traum unverhüllt nachgelebt. Übrigens ist ja auch das 
Tagträumen bei Kindern eine außerordentlich häufige Er- 
scheinung, die man ganz besonders in der Schule beobachten 
kann. 2 Erst wenn das Lustverbot und die Verdrängung ihre 
tiefen Wurzeln geschlagen haben, fangen auch in Kinder- 



i) E. Bleuler: Die Ambivalenz (S. 101). 

2) Darauf bat auch Freud in seinem Aufsätze: Hysterische Phan- 
tasien und ihre Beziehung sur Bisejcualität hingewiesen. 



96 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 

träumen, die bekannten Entstellungen und Verdichtungen an, 
sich zu zeigen. 

So ist z. B. in dem erwähnten .Traume der kleinen Emma 
die Erfüllung des Wunsches, zum Vater in den zweiten Stock 
zurückkehren zu können, bereits entstellt durch eine Über- 
tragung auf eine fremde Person (Fräulein), die an Stelle des 
Ichs hinaufgeht. So auch Emmas Tagesphantasie, drei Kinder zu 
besitzen. Wenn der Traam erstere auch unverhüllt realisiert, so 
gibt er doch eine Entstellung, indem die Kinder von Emma in 
einem fremden Kinderwagen herumgeführt werden. 

Es ist, als ob der Traum die Tendenz verfolgte, nlle Lust- 
begehren zu erfüllen, aber auch zugleich dem Lustverbote 
gerecht zu werden, auch ihm zu dienen. Darum würfelt er 
die beiden im Wachleben einander im Ambivalenzkonflikt gegen* 
überstehenden Tendenzen, wobei gewöhnlich im gleichen Zeit- 
punkt nur eine von beiden zur Auswirkung kommt, durchein- 
ander, negiert gleichsam ihren Gegensatz und bringt beiden Er- 
füllung in der „sinnvollen" Entstellung, die bis zur scheinbaren 
„Sinnlosigkeit gehen kann. Diese Verdichtung und Entstellung 
schafft also oft scheinbar Hyperkonflikte der Ambivalenz, aber 
eben nur scheinbar. Der Traum will im Gegenteil gerade zeigen, 
daß sich alles miteinander vertragen kann, daß es wie im 
alibidinösen Zustand überhaupt keine Gegensätze gibt. Der Kinder- 
traum, wie übrigens ja auch derjenige des Erwachsenen, bedient 
sich dabei meist des Symbols. 

Der erste Traum, den der Stotterer Willi* mir brachte, 
ist folgender: „Ich bin auf einer Wiese mit hohem Gras und 
grabe hier mit einer kleinen Schaufel ein IjocIi. Ich sitze hinein 
und meine, es merke es niemand- Das Loch ist schmutzig. Es 

1) Vgl. S. 69. 

») Vgl. S. 51, 4,3, 53, 65 und 75. 



Ambivalenzbildung gy 



kommt aber ein Geist, der hat glühende Augen. Er erschreckt 
mich und verzaubert mich auf eine schöne (gemähte) Zauber- 
wiese. 

Der Traum enthielt das ganze Programm für die zu voll- 
ziehende Analyse. Vorerst brachte er eine Wunscherfüllung in 
bezug auf das Lust begehren der Mutter gegenüber. Willi koitiert 
mit ihr mit seinem kleinen Penis (kleine Schaufel) so, wie er 
meint, daß es der Vater tue, nämlich per ariurn. Seine kleine 
Schaufel (kleiner Penis = Mißgeburt) genügt hier. Neben der 
Erfüllung des Inzestwunsches frönt Willi zugleich seiner Kopro- 
philie, indem er auch hier wieder mit dem Kot, den er aus 
dem schmutzigen Loche (After) schafft, „gäggelet", 1 Inzest und 
Koprophilie sind aus dem Wachleben verdrängt, bleiben aber im 
Ubw weiter begehrt und schaffen sich im Traum in Verkleidung 
wieder an die Oberfläche des Bewußtseins. Der Traum ignoriert 
aber die im Ambivalenzkonflikt des Wachlebens dem Lustbegehren 
entgegenstehende Macht nicht. Ja, die Ambivalenz scheint noch 
erhöht. Der Vertreter der Lustverbote ist der Vater. Im Traume 
erscheint er als der totgewünschte Vater, der nun als Geist 
wiederkommt, um sich zu rächen. Der Ambivalenzkonflikt ist 
hier so scharf zugespitzt, daß wir, die ganze Situation ins Wach- 
leben verlegend, zum wenigsten irgend eine Katastrophe erwarten, 
mindestens den Tod des Knaben. Der Geist ist ja der von Willi 
gemordete" und wiedererstandene Vater, der kommt schon 
ohnehin, um sich zu rächen, den Tod des „Mörders" fordernd 
Dabei erlebt er noch, daß der Sohn mit der Mutter Sexualver- 
kehr hat, deretwegen er (der Vater) ja „gemordet" wurde. Des- 
halb das Erschrecken des Knaben im Traume. Aber die Kata- 
strophe erfolgt nicht, sondern der Geist selber zaubert Willi auf 



i) Vgl S. 51. 

7 Grabtr 



9 8 



Das if'esen der Ambivalenz des Kindes 



die schöne, gemähte Zauberwiese. Das hohe Gras der ersten 
Wiese deutet auf die Schamhaare, die Willi einst beim Vaier 
sah und wohl auch bei der Mutter vermutet. Der Geist nun 
bringt ihn auf die gemähte Zauberwiese (keine Haare), wo die 
Gegensätze und Konflikte aufgehoben sind. 

Wir müssen uns auf die Deutung beschränken und müssen 
davon absehen, die Details der Analyse, die die Deutung stützen 
würden, anzuführen. 

Ähnlich wie im Symptom kommt die Ambivalenz und zu- 
gleich ihre Aufhebung zum Ausdruck in jenem Traume Willis, 
wo er Pferde mit 100 Gramm Butter putzt. 1 Wir sahen bereits, 
wie der Traum beiden ambivalenten Zielstrebigkeiten, dem Lust- 
genießen (Schmieren-Koprophilie) und dem Lustverbot (Putzen) 
gerecht wird. Das Putzen ist ein neues Schmieren. Der Am- 
bivalenzkonflikt wird auf den äußersten Punkt der Gleichgewichts- 
störung gebracht und hebt mit der Überschreitung dieses Punktes 
die Störung, die Gegensätze, und damit sich selbst auf (Putzen 
ist Schmieren, und Schmieren ist Putzen). 

Aber auch in Träumen wie denjenigen Werners 2 des Bett- 
nässers, in denen der Konflikt gesteigert wird bis zur Katastrophe, 
die denn auch wirklich eintritt, finden wir doch Wunscherfüllung; 
auch hier wird im Traum die Ambivalenz aufgelöst durch Re- 
alisierung der entgegengesetzten Forderungen (Trieb und Verbot) 
des Wachlebens. 

Ein Traum lautet: „Ich hatte Geld in meiner Kasse. Ich 
nahm es heraus und ging in die Stadt, um der Mutter Teller 
zu kaufen. Als ich in den Laden kam, frug ich, was sie kosten, 
Sie sagten: „Zwanzig Rappen das Stück." Ich nahm drei Stück, 
Als ich sie in den Korb tat, zerbrachen sie (starkes, befreiendes 

i) Vgl. S. 7 6. 
*) Vgl. S- 57- 



Ambivalenzbüdung gg 



Lachen Werners). Ich verlangte andere. Die Verkäufer sagten 
nein. Ich wurde böse und schlug eine ganze Reihe Teller her- 
unter und sprang hinaus. Die Leute gingen aber auf die Polizei, 
und ich mußte alles bezahlen. Als ich heimkam, hatte ich kein 
Geld mehr. Mama fragte danach. Sie ging auch in die Stadt, 
um zu fragen. Da lagen die Scherben noch, und ich bekam 
Schläge. 

Wer den Knaben nicht kennte auch nichts wüßte von 
Traumdeutung, würde schwerlich hier eine Wunscherfüllung 
herausfinden. Wir kennen aber bereits die stark sadistische Ein- 
stellung Werners zu seiner Mutter und kennen auch die Ursachen, 
die dazu führten. 1 Auch im Wachleben hat ja Werner der Mutter 
beständig mit großer Schadenfreude das Geschirr zerschlagen. 
(Lachen.) Wir haben dieses Zerschlagen mit der Enuresis noc- 
turna in Beziehung gebracht und dieselbe wiederum mit der 
frühern Masturbation „ die die Mutter an Werner ausgeübt. Die 
Enuresis und das Zerschlagen sind nur Verschiebungen und 
Ersatz der Masturbation. Wenn also der Knabe sein Geld ausgibt, 
um der Mutter Teller zu kaufen, so dürfte darin ein ursprüng- 
licher Liebesakt liegen. (Auch eine Wiedergutmachungstendenz 
für die am Tage zuvor zerschlagenen Teller.) Er kauft aber die 
Teller auch, um das Zerschlagen (Enuresis and Masturbation) 
zu wiederholen. Tatsächlich sind die drei ersten Teller ja auch 
von fremder Hand zerschlagen (Masturbation der Mutter). So 
wie er einst von der Mutter die weitere Masturbation verlangte, 
so verlangt er auch hier weitere Teller. Die Verweigerung hat 
die Wut zur Folge und die Selbsthülfe (Onanie). Er schlägt eine 
ganze Reihe Teller herunter. In der Katastrophe nun, die erfolgt, 
die scheinbar rein negativ für die Wunsch erfÜllung ausfällt, also nur 



i) Vgl. S, 5»- 
? 



— 



joo Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



dem Lustverbot zur Realisierung verhilft, sind aber gleichzeitig 
alle drei libidinösen Wünsche (drei Teller, die er gekauft) er- 
füllt. Erstens führt die Mutter durch (las Schlagen auf das Gesäß 
die verpönte und unterlassene Masturbation wieder aus, sodann 
befriedigt er gleicherzeit durch sein Wasserlassen (das immer die 
Schläge begleitet) den bisherigen Ersatz für Masturbation, die 
Enuresis, und drittens könnte im Schlagen auch noch der Ersatz 
für die Enuresis, nämlich das Zerschlagen des Geschirrs, realisiert 
sein. Letzteres dürfte zweifelhaft sein, immerhin sagt man in 
unserem Dialekt: Geschirr „verschlagen" und das Gesäß „ver- 
schlagen". 

Wir sehen, das im Wachleben sich Widersprechende, Trieb 
und Verbot, die einander ausschließen und beständigen -Kampf, 
beständige Ambivalenz zur Folge haben, sind im Traume ver- 
eint. Eine Traumbegebenheit, sogar eine katastrophale, vermag 
gleichzeitig beide Mächte zu realisieren, die Ambivalenz auf- 
zuheben, Einheit herzustellen. 

Dasselbe Resultat ergibt, wie bereits angedeutet, die Analyse 
jenes Traumes, in dem Werner mit seiner Mutter den Berg 
hinunterstürzt. Wieder führt die Katastrophe die entgegengesetzten 
Strebungen ans Ziel. Der Masturbation wird gefrönt, die Mutter 
tritt auf den Riemen (Penis), und Mutter und Sohn stürzen im 
Liebesakt zu Tode. Liebe und Tod, vollkommene Triebbefrie- 
digung und vollkommene Triebeinschränkung werden hier (wie 
häufig in Psychologie und Kunst) identisch, sind ein und 
derselbe Akt. 



J 



12. DAS ÜBER- ICH 

In diesem Abschnitte der Ambivalenzbildung gingen wir 
aus von der ursprünglichen autoerotisch-narziß tischen Bindung 
des Kindes an das Ich, leiteten sodann über, entsprechend der 
Entwicklung seiner Libido, auf die Fremdobjektbesetzungen, 
hauptsächlich der Mutter und des Vaters, und kehren nun mit 
den den Objektbesetzungen parallel erworbenen Identifizierungen 
zu einer neuen Bindung des Ich an das Ich, respektive an das 
Ideal- oder Über-Ich zurück. 

Aus den Identifikationen des Knaben mit seinem Vater und 
dem sich aus der Zurücksetzung hinter denselben ergebenden 
Zwang der Übersteigung der väterlichen Kapazität entsteht der 
Größenwahn des Kleinen. Er ist Direktor, Lehrer, Dirigent, 
General, Prinz. Seinem Größenwahn förderlich ist die über- 
tragene narzißtische Haltung der Eltern, welch letztere meist 
„dem Zwange unterliegen, dem Kinde alle Vollkommenheiten 
zuzusprechen. 

An dieses Ideal-Ich kann nun die- ganze Libido, welche 
anfänglich das wirkliche Ich und später teilweise Fremdobjekte 
genossen, verschwendet werden. Mit der Spaltung aber in Aktual- 
Ich und Über-Ich ist eine neue Form des Ambivalenzkon- 
fliktes gegeben, die wir abschließend noch zu betrachten haben . 



j) Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch, Bd. VI, S. 15. 



102 Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



Das Über-Ich ist durch Identifikation mit dem Vater (auch 
der Mutter) entstanden. Das Kind überträgt Bein eigenes nar- 
zißtisches Ich, als direkte Wirkung des Lustverbotes und der 
Verdrängung, auf den Vater, glaubt nun denselben in der 
Allmachtstellung, die es selber verlor, und es sucht auf 
dem Umwege der Identifizierung mit dem Vater und dem 
Ideal-Ich das frühere urnarzißtische Ich wieder zu er- 
reichen. Das Ziel aller Wollungen und Strebungen ist dieses, 
einen Zustand zu erreichen, wo nichts mehr gewollt und 
erstrebt werden muß, das heißt, wo die Ambivalenz auf- 
gehoben, die Einheit des Erlebens wieder hergestellt wäre. Dies 
deckt sich auch mit Freud, 1 wenn er die Sätze aufstellt: „Die 
Rückkehr der Objektlibido zum Ich, deren Verwandlung in 
Narzißmus, stellt wieder eine glückliche Liebe her, und ander- 
seits entspricht auch eine reale glückliche Liebe dem Urzustand, 
in welchem Objekt- und Ichlibido voneinander nicht zu unter- 
scheiden sind. Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Ent- 
fern ung vom primären Narzißmus und erzeugt ein intensives 
Streben, diesen wieder zu gewinnen. Wiederum ihr eigenes Ideal 
sein, auch in betreff der Sexualstrebungen, wie in der Kindheit, 
das wollen die Menschen als ihr Glück erreichen." 

Das Ideal-Ich, das an der Elternidentifikation erworben 
wurde, wird gleichsam Repräsentant für die Forderungen 
dieses Seins überhaupt, dem gegenüber das Ich trotz der 
Libidobesetzungen sich ablehnend verhält. Die Libidobesetzungen 
waren nur Kompromisse, Fiktionen des Einklangs mit der Welt. 
So versteht man auch die quälende Ambivalenz, die darin besteht, 
daß man stetig sein Ideal-Ich zu erreichen begehrt, und es stetig 
doch als lästig empfindet und von sich schütteln möchte. Man 

1) Zur Einführung des Narzißmus, Jahrbuch, Bd. VI, S. 23. 



A m biva lenzbild ung 



105 



möchte eine große Persönlichkeit werden vor der Welt, aber 
man möchte auch als ein Nichts, als ein Nur-Mensch ohne 
Pflichten und Strebungen vegetieren. 1 

Als die Instanz, welche das aktuelle Ich unausgesetzt dem 
Ideal-Ich gegenüberstellt, bezeichnen wir gewöhnlich das Ge- 
wissen, wir könnten aber vielleicht mit ebensoviel Recht das 
Bewußtsein Überhaupt als diese Instanz bezeichnen. Gewissen 
leitet sich auch von Wissen ab, nämlich dem Wissen um die 
Kluft zwischen Sein und Seinsollendem, oder anders ausgedrückt, 
zwischen Aktual-Ich und Über-Ich. Gewissen hat aber einen 
moralischen, ja sogar religiösen Einschlag erhalten. Man spricht 
etwa von „gutem" Gewissen, wenn die Lebensweise dem Sollen 
(Norm) des HeaMch entspricht, und umgekehrt von „schlechtem" 
Gewissen, wenn das AktuaMch sich von der Norm des IdeaMch 
entfernt oder dies letztere herabsetzt. Die Unterscheidung scheint 
mir aber in unserem Zusammenhang nur dann von einigem 
Wert, wenn wir das IdeaMch wieder abbauen und auf den Vater 
zurückfuhren. Nun sehen wir, daß das Kind ursprünglich haupt- 
sächlich dann ein „schlechtes" Gewissen hat, wenn es nicht den 
Willen des Vaters tut. Diesen Willen vermag es aber trotz aller 
Identifikationen nie restlos zu erfüllen. Das Ich bleibt sowohl 
dem Vater als später dem Über-Ich gegenüber immer in einem 
Schuldverhältnis; davon erlöst auch alles pflichtmäßige Handeln 
nicht. Oft' sehen wir das Gegenteil; Das Über-Ich kann hyper- 
moralisch sein und das Ich immer grausamer in die Schuld, in 
das Bewußtsein der großen Spaltung, in den Ambivalenzkonflikt 
hineintreiben, und zwar desto tiefer, je mehr das Ich sich dem 
Über-Ich ergibt. 

1) Ich erinnere an die klassische Stelle in Dostojewskis „Anten 
biographischen Schriften", wo er sich über die Persönlichkeit ausläßt. 
(Piper & Gie., München 1919, Bd. XI, Z*veite Abteilung, S. 255 bis 259.) 



i(>4 Da* Wtstn der Ambivalenz des Kindes 

Es kann sein, daß, wie im Falle der Melancholie, 1 das eine 
Ich (Über-Ich) gegen das andere Ich wütet und es zu zerstören 
sucht, Th. Reik ist diesem Probleme nachgegangen in seiner 
„Deutung des Judasproblems". 8 Es bilden sich daher eigentlich 
zwei Formen der Identifikation. In das Ideal-Ich wird die Am- 
bivalenz des Vaters aufgenommen, d. h. das was er gebietet 
und das was er verbietet. 5 Beide Forderungen treten im Über- 
ich dem Ich als gesonderte Systeme gegenüber und erheischen 
Gehorsam, so daß es soweit kommen kann, daß dem Ich alles 
zu tun geboten und gleicheren verboten ist. Dies dürfte 
die Form des schärfsten Ambivalenzkonfliktes sein. 

In der Analyse des Knaben Alfred 4 wiesen wir bereits auf 
diese doppelte Ambivalenz hin, in der er dem Vaterideal nach- 
strebend sich als Knabe entwickelt und sich zugleich dem 
Rivalitätskampfe entziehen will durch die feminine Einstellung. 
Das Ich-Ideal nun verlangt diese Doppelung, der sich dann der 
Knabe, nicht anders, denn in einer fiktiven Synthese zu ent- 
ziehen weiß, indem er nämlich beide Identifikationen, die vom 
Über-Ich gefordert waren, als solche aufhebt, wohl weil durch 
das beständige Hin- und H ergeworfen werden instinktiv die 
Unmöglichkeit einer Realisierung der eigenen Lebenstendenzen 
eingesehen wurde. Indem er nun ein neues, einheitlicheres 
Ideal aufstellt, das nur eine Forderung enthält, nämlich ein 
Auserwählter zu sein, „rettet" er sein Aktual-Ich vor der 
Sisyphusarbeit, die es dem früheren Über-Ich gegenüber zu 
leisten hatte, 

j) Siehe Freud: „Trauer und Melancholie" in „Sammlung kleiner 
Schriften mr Neurosen lehre." IV. Folge. 

s) Th. Reik: Der eigene und der fremde Gott, 1923. 
5) Siehe Freud; „Das Ich und das Es" (S. 40). 
4) Vgl. S. 4,5 und 68. 



Ambivalenzbildung 10g 



In einer ähnlich ambivalenten Lage befand sich die kleine Emma 
ihrem Über-Ich gegenüber (Vgl . S.6o) . Sie hatte in ihrer Identifikation 
mit dem verstorbenen Vater dessen doppelte Einstellung zur Mutter 
übernommen. Emma fühlte sich einerseits verpflichtet, sie zu quälen, 
wie der Vater es getan hatte, und verknüpfte die sadistische Kom- 
ponente, wie wir sahen, mit dem Gedanken, die Mutter sei schuld an 
des Vaters Tod, übernahm also gleichsam für den verstorbenen Vater 
die Rolle des Rächers. Neben dieser Haßeinstellung gebot das Über- 
ich aber auch, die Mutter zu lieben, wie ein Mann die Frau liebt, 
was gelegentlich zu Zärtlichkeiten führte, die aber sofort, sowie sie 
von Mutters Seite erwidert wurden, wieder in Sadismus umschlugen. 
Die Ambivalenz war so stark, daß ein beständiges Umschlagen von 
Haß und Liebe das Kind sowohl als auch die Mutter in eine uner- 
trägliche Lage brachte. Das Toben und Wüten der beiden aus dem 
Über-Ich strömenden Mächte gegen das Ich brachten das Kind so weit, 
daß es selbst in der Verzweiflung inTobsuchts-und Wutanfälle geriet. 

* * 

* 

Wir haben in diesem Abschnitt der Ambivalenzbildung den 
Kreis von der narzißtischen Ichblndung über die Objektbindung 
zurück zur Über-Ichbindung geschlossen und gesehen, wie jede 
Bindung eine Flucht aus der Ambivalenzspannung ist, ein Versuch 
zur Aufhebung der letztem, zugleich aber (wieder verstärkter) Aus- 
druck der nur modifizierten, nicht zu überwindenden Urambivalenz. 

Indem wir bis dahin, mit Ausnahme etwa der Symbolisierung 
und der Träume, bei allen Phänomenen das Hauptgewicht unserer Dar- 
stellung mehr auf die Ambivalenzbildung verlegten, soll in einem 
letzten Kapitel noch die Kehrseite kurz beleuchtet und gezeigt werden, 
wie jede Bindung, ja jede Ambivalenzbildung, zugleich — so paradox 
es uns erscheint — ein Versuch zur Ambivalenzaufhebung ist. 



1 



B) AUFHEBUNG DER AMBIVALENZ 
UND REGRESSION 

Wir haben in der Bearbeitung des Stoffes über „Ambivalenz- 
bildung" des öftern auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß 
bei allen libidinösen Bindungen an die Objektwelt die Urambi- 
valen*, die gerade, wie von der Regressionstendenz beabsichtigt 
war, hätte überwunden werden sollen, sieb in neuen Mani- 
festationen äußerte. Die restlose Befriedigung, das alibidinöie 
Sem, dieser von der Menschheit so heiß erworbene Zustand der 
Freiheit wird paradoxerweise in Bindungen gesucht, Objektbin- 
düngen, deren Ambivalenzcharakter sich darin äußert, daß die 
eine Tendenz des Subjekts diese Bindungen stets enger zu knüpfen 
sucht, wahrend die entgegengesetzte Tendern stets das Ziel ver- 
folgt, die Bindungen aufzulösen. Erstere Tendenz, die in der 
Lustbefriedigung einen Ersatz gefunden für das alibidinose Sein 
sucht in progressiver Richtung immer mehr Lust am Objekt' 
wobei das Ich eingerechnet äst, zu erwerben, während die zweite 
Tendenz in umgekehrter, regressiver Richtung sich vollständig 
von jeder Bindung befreien möchte, Man spricht bei ersterer 
Tendenz oft von „Wegideal" und bei letzterer von „Ziel- 
ideal , spricht auch etwa von abendländischem und morgen- 
landischem Kulturideal. Beide sind im Subjekt begründet, wirken 



f 






Aufhebung der Ambivalenz und Regression 107 

beständig, nie restlos versöhnt, drängen dem Menschen zum 
„Entweder-Oder" und bieten ihm doch gleichzeitig immerfort 
das „Sowohl-ah-auch" an, Freud 1 sagt dazu: „Der Weg 
nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch 
die Widerstände, welche die Verdrängungen aufrechterhalten, 
verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen 
noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne 
Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichen zu 
können." 

Der kleine Willi 2 hat in seiner Symptomanalyse des Stotterns 
eine charakteristische Darstellung der entgegengesetzten Strö- 
mungen im Fluß seines Seelenlebens gegeben und ihr Vorhan- 
densein als Ursache zur Bildung und Entwicklung des Symptoms 
bezeichnet. Einiges davon berechtigt zur Verallgemeinerung auf 
das Seelenleben überhaupt. Er sagt: „Es braucht eine große 
Kraft, bis das Reden herauskojnmt. Es sind zwei Kräfte vor- 
handen, eine, die reden will und eine, die zurückhält. Die 
letztere ist die ,böse' Kraft. Zuerst sind beide Kräfte gleich stark, 
zuletzt wird die Kraft, die nach außen treibt, etwas stärker. Man 
sieht die Kräfte nicht, aber es ist, wie wenn zwei Eisenbahn- 
züge zusammenstoßen. Mitten zwischen beiden ist der Bahn- 
wärter, der beiden das Zeichen gibt zum Anhalten (könnte als 
Verkörperung des Todestriebes angesehen werden). Sie stoßen 
aber aufeinander und stoßen immer weiter, eine von da, die 
andere von dort, und keine will nachgeben. Beide Kräfte 
gehen den falschen Weg und müssen zurück' (Regression). 

Willi gibt nun im Anschluß daran während vielen Stunden 
Beispiele aus seinem Leben, wo er „gute*' und „böse" Kraft 



1) Freud; Jenseits des Lustprimips (S. 40). 

2) Vgl. S. 51, 4.5, 55, 65, 75 und 96. 



io8 



Das Wesen der Ambivalenz des Kindes 



miteinander im Kampfe wahrnahm. Immer aber ist bei ihm 
die „gute" Kraft diejenige, die „hinaus" will (Trieb) und die 
„bSse diejenige, die zurückhält (Hemmung, Triebcinscbränkung). 
Die zurückhaltende „böse" Kraft ist auch diejenige, die hinein 
will. Schließlich kommt Willi auf die Zeugungskraft. „Es ist 
kein Wind", sagt er, „kein Mensch, und kein Geist, die das 
Kindlein in die Mutter hineintreiben, sondern bloß so eine Kraft, 
eben die .böse 1 Kraft," Es könnte uns, kennten wir nicht Willis 
Ambivalenzeinstellung zum Vater, wundern, daß hier Triebein- 
schränkung mit Zeugungskraft (Trieb) identifiziert wird. Aber 
wir wissen, der Vater ist die Verkörperung des Lustverbotes, ist 
aber auch, verdrängt für Willi, der Erzeuger. Daß eine Ver- 
drängung vorliegt, ergibt sich aus den drei aufgezählten Faktoren, 
die nach ihm nicht in Betracht kommen können, nämlich dem 
Wind (ein in Sage und Mythus häufig erwähntes Zeugungs- 
phänomen)/ dem Menschen und dem Geiste. Eigentlich sollte 
sein Satz, der in seiner Entstellung ganz den Charakter eines 
Traumes hat, lauten: Der (warme) Wind 2 eines Menschen (Vater), 
der ein böser Geist ist, hat die (böse) Kraft der Zeugung. Die 
„gute" Kraft bringt Willi mit der Geburt in Beziehung; sie 
macht, daß das Kindlein herauskommt. Die Vorstellung von der 
„Geburt der Wörter" ist bei ihm aus dieser Analogie entstanden. 
Bezeichnend ist auch, daß nach einer späteren Feststellung Willis 
beim Stottern zuerst nur die „böse" Kraft (Zeugung) vorhanden 
ist, daß dann von dieser immer mehr Kraft weggenommen und 
der „guten" gegeben wird, bis jene schließlieh ganz verschwindet, 
und diese die Wörter alle gut herausbringt (gebiert). 



i) Siehe C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido. 

2) Wir erinnern uns, daO Willi nach Beseitigung der stärksten 
Widerstände davon sprach, es gehe etwas von der Wärme des Vaters in 
die Mutter durch den After über, und das erzeuge dos Kind. 






Aufhebung der Ambivalenz und Regression loa 

Die tiefere Analyse aber bringt bei weiterer regressiver 
Forschung noch andere Zusammenhänge: Die „böse" Kraft ist 
auch jene Kraft, die die Objekt weit einverleiben will (Nahrungs- 
aufnahme), ist der Bemächtigungstrieb, der Lebenstrieb, der alle 
die Bindungen mit sich bringt, während die „gute" Kraft die- 
jenige ist, die die Exkremente herausbringt, die aufgenommene 
Objektwelt wieder abstößt, von ihr befreit. Nahrungsaufnahme 
und Defäkationsakt waren bei Willi, wie dies bei den meisten 
Kindern der Fall ist, auf einer bestimmten Stufe identisch mit 
Zeugung und Geburt. 

All unser Tun ist ein stetes „Zeugen* und „Gebären". Das 
eigene Ich soll durch immer neue Schöpfungen mit der Objekt- 
welt eins weiden, damit jede libidinöse Einstellung, der Gegen - 
salz Subjekt — Objekt, die Ambivalenz aufgehoben werde. Diese 
Zielstrebigkeit zeigt sich in allen Bindungen, in der Lustbefriedi- 
gung sowohl als im Lustverbot, sie zeigt sich überhaupt in allen 
jenen Phänomen, die wir bei der Ambivalenzbildung kennen 
lernten. Sie sind gleichsam der Ausdruck dafür, daß unser Wesen 
sich mit diesem Sein noch nicht ausgesöhnt hat. Scheinbar vor- 
wärtsdrängend, suchen sie doch regressiv die Wiederherstellung 
des früheren, alibidinösen Zustandes, von dem das Ich freilich 
nichts mehr weiß, zu welchem es aber durch das Unbewußte 
mächtig zurückgezogen wird. 

Wir müssen Willi recht geben, wenn er sagt, daß „beide 
Kräfte den falschen Weg gehen und zurück müssen", zurück 
nämlich zum Ur-Ich, wo es nur eine ungeteilte Kraft gab, 
wo Subjekt und Objekt noch nicht getrennt, wo die Trieb- 
gegensälze noch vereint, wo Ich und Außenwelt noch identisch 
waren. 

Unser Ideal-Ich. ist im Grunde das Spiegelbild des Ur-Ichs; 
vermöchten wir jenes zu erreichen oder auszulöschen, so 



1 10 



Das Wesen der Ambivalenz, des Kindes 



würden wir damit auch das erniedrigte Ich auslöschen, die 
Spaltung aufheben und eine Einheit, ähnlich derjenigen des 
Ur-Ichs, wieder herstellen. 



in. 

SCHLUSS 

AUSBLICK 



Wir haben in unserer Arbeit das Hauptgewicht auf die 
Bildung der Ambivalenz im Kinde deshalb gelegt, weil eine 
Psychologie der Ambivalenz des erwachsenen Menschen letztere 
bei näherer Prüfung als Wirkungsrest der Kindheit erkennen 
wird und darum zu ihrem Verständnis gezwungen ist, die Rück- 
beziehung auf sie zu vollziehen. Die Ambivalenz des Erwachsenen 
zeigt nur graduelle Verschiedenheiten. 

Wenn wir für die Dynamik der Seele das in der Psycho- 
logie oft gebrauchte Bild der balancierenden Wage gebrauchen, 
so können wir das Verhältnis der kindlichen Psyche zu derjenigen 
des Erwachsenen wohl am besten so zeichnen: 

Die Psyche des Kindes gleicht der Goldwage. Ein Staubkorn 
in der einen Schale bringt die Wage aus dem Gleichgewicht. 
Die geringsten Einflüsse ergeben ein Stürzen hier und ein 
Emporschnellen dort und umgekehrt. Die Reibung ist äußerst 
gering. In der kindlichen Psyche wechseln Freud und Leid rasch. 
Das Schwanken ist ein rasches und heftiges, aber die Spannung 
ist eine geringe. 

Die Psyche dus Erwachsenen dagegen gleicht der verrosteten 
Krämerwage. Allzu schwere Lasten liegen in den Wagschalen. 
Wenn auch ein stetes Balancieren stattfindet, so braucht es doch 
ziemlich schwere Gewichte, um die Wage in das Gleichgewicht 
und wieder daraus zu bringen. Sie hat durch die Verrostung ihre 
Beweglichkeit verloren. Die Tragfähigkeit der Wagebalken aber 
ist durch die beidseitige schwere Belastung einer harten Probe 

8 Graber 



1 14 



Ausblick 



ausgesetzt. Die Psyche des Erwuchsen en ist im allgemeinen 
geringeren Schwankungen unterworfen als diejenige des Kindes, 
aber dafür ist die Spannung eine um so größere. 

Ein ähnliches Verhältnis "besteht zwischen dem nervös kranken 
Menschen und dem „normal en". Der pathologische Mensch weist 
in seiner starken Regression in das Infantile dessen Eigentümlich- 
keiten auf. Wir können auch seine Psyche mit der beschriebenen 
Dynamik der Gold wage vergleichen, müssen aber beifügen , daß, 
gegeben durch die Vermischung des Infantilen mit dem Erwachsen- 
sein, auch eine Vermischung der Eigenarten beider Alter sich 
ergibt. Es können darum die Schwankungen groß sein wie beim 
Kinde, es kann aber auch zugleich die Spannung groß sein wie 
beim Erwachsenen. 

Wenn wir nun als Beispiele für die Ambivalenz des Kindes 
meist Analysen von Kindern mit nervösen Charaktererscheinungen 
anführten, so haben wir damit nicht Besonderungen gegeben, 
die nicht auch verallgemeinert beim „normalen" Kinde sich 
aufweisen ließen. Herausgegriffen haben wir sie deshalb, weil 
sie besonders ausgeprägt die allgemeinen Erscheinungen zeigen. 






LITERATURNACHWEIS 



Abkürzungen 

jhjj, _ Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische 
Forschungen. Franz Deuticke, Leipzig und Wien. 
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1 16 



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— Das artistische Denken. Jhb., Bd, 4, (1), 1912. 

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Ferenczi; Introjcktion und Übertragung. Deutitke, Wien ig 10. 

— Symbolische Darstellung des Lust- nnd Realitütsprinzipes im Ödipus- 
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— Die Traumdeutung. IV. Aufl. Ebenda, 1914. 

— Zur Psychopathologie des Alltagslebens. V, Aufl. Karger, Berlin 1917. 

— Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. IIL Aufl. Deuticke, Wien 1915: 

— Der Witz und seine Beziehung mm Unbewußten. IIL Aufl. Ebenda, 1921, 

— Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 1„ 2. und 5. Folge. 
4. Felge Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Wien 1918. 

— Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen. IIL Aufl. Deuticke, Wien 1916. 

— Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Ebenda, igi/l. 

— Totem und Tabu. Hugo Heller & Cie., Leipzig und Wien 1315. 

— Jenseits des Lustprinzips. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1920. 

— Massenpsychologie und Ichanalyse, Ebenda, 1921. 
-- Das Ich und das Es. Ebenda, 192g. 



Literaturnachweis 1 1 7 



Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Jhb., Bd. 2 und 4. 1910 

imd 1912. 
Pormuli erun gen über die zwei Prinzipien psychischen Geschehens, 

Ebenda, Bd. 3. 1911. 

— Zur Einführung des Narzißmus. Ebenda, Bd. 6. ig 14- 

— Über den Gegensinn der Urworte. Ebenda, Bd. 2, (1), 1910. 

— Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Ebenda, Bd. 1. (1 u. 

*), 1909- 

— Über Deckerinnerungen. Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, 

VI, 1899. 

— Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität, Zeitschrift 
für Sexualwissenschaft, Jahrg. I, Heft 1, 1908. 

Friedjung: Über verschiedene Quellen kindlicher Schamhaftigkeit. 

I. Z. f, Psa. Heft 4, 1913. 
C. Furtmüller: Selbsterfundene Märchen. H. 11. B. 
A. Furtmüller : Der Kampf der Geschwister. Ebenda, 
Groos: Das Seelenleben des Kindes. IV. Aufl. Reuther und Reichhard, 

Berlin 1913. 
Häb erlin: Das Ziel der Erziehung. Kober C. F., Spittlers Nachfolger, 

Basel 1917. 

— Wege und Irrwege der Erziehung. Ebenda, ig 18. 

— Kinderfehler. Ebenda, 1921. 

— Eltern und Kinder. Ebenda, 1922. 

— Der Gegenstand der Psychologie. Springer, Berlin 1921. 
Hitschmann: Gesteigertes Trieblebcn und Zwangsneurose bei einem 

Kinde. I. Z. f, Psa. Heft 1, 1913. 
Horney: Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes, LZ, f. Psa. 

IX. Jahrg., Heft i, 1923. 
Hüg -Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes. Deuticke, Wien igei, 

— Das Kind und seine wahre Vorstellung vom Tode. Imago, I. Jahrg., 
Heft 3, 1912. 

— Über erste Kindheitseriimerungen. Imago, IL Jahrg. , Heft 1, 1915. 

— Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens. IL Aufl. Internat. Psychoana- 
lytischer Verlag, Wien-Leipzig- Zürich 1921. 

Jones: Die Bedeutung der frühesten Eindrücke für die Bedeutung von 
Vorliebe und Abneigung. I. Z. f. Psa. Heft 6, 1913. 



n8 



Literaturnachweis 



Jung: Über Konflikte der kindlichen Seele. Deuticke, Wien jgiG. 

— Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. Jhb,, 
Bd. 1. 190g. . 

— Kritik über E. Bleuler: Zur Theorie des schizophrenen Negativismus. 
Jhb,, Ed. g. 1912. 

— Wandlungen und Symbole der Libido. Jhb,, Bd. 3 n, ^ i 9 i 2 , 

— Die Psychologie der unbewußten Prozesse. Rascher u. Cie,, Zürich igi ? . 
Kaus: Über Lügenhaftigkeit beim Kinde. H. u. B. 

Lint: Der Kampf des Kindes gegen Autorität. Ebenda. 
Müder: Über das Traumproblem. Deuticke, Wien 1914. 
Pfister; Die psychoanalytische Methode. Pädagogium, Bd. 1, Klinkhardt, 
Berlin und Leipzig l£>ig. 

— Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen. Bircher, Leipzig- 1922. 

— Analytische Untersuchungen über die Psychologie des Hasses und der 
Versöhnung. Jhb., Ed. 2. igio. 

— Vermeintliche Nullen und angebliche Musterkinder. Bircher, Bern 1922 
Preyer: Die Seele des Kmdes. VII. Aufl. Griebens, Leipzig i Qo8 , 
Rank: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Deuticke, Wien « lt( 

— Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung. International. Psycho- 
analytischer Verlag, 191g. 

— Der Mythus von der Geburt des Holden. Deuticke, Leipzig u. Wien 1908. 

— Die %mfcolschichtimg im Wecktraum und ihre Wiederkehr im 
mythischen Denken, Jhb., Bd. 4. 1912, 

— Ein Beitrag zum Narzißmus. Jhb., Bd. 5. 1912. 

Reik; Von der Kinderseele. Imago, IT. Jahrg., Heft 1. 1915. 

— Wie die Kinder fabulieren. Imago, I. Jahrg., Heft 3, 191s. 

- Der eigene und der fremde Gott. Internat. Psychoanalytischer Verlag, 
Leipzig-Wien-Zürich 192g. 
Sachs: Traumdeutung und Menschenkenntnis. Jhb., Bd, 5. 1912. 
Sa dg er: Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus. Deuticke, Wien J 9 og. 

— Über den sado-masochistischen Komplex, Jhb., Bd. 5 . 1915, 

— Über Urethralerotik. Jhb., Bd. 2, 1910. 

Silber er: Symbolik des Erwachens und Schwellen Symbolik überhaupt. 
Jhb., Bd. g. 1912. 

— Über die Symbolbildung überhaupt. Jhb., Ed. 5. 1912. 

— Über Symbolbildung. Jhb., Ed. 5. i 9 i2. 






Silberer, Methode, symbolische Halluzmationserscheiriungen hervorzu- 
rufen etc. Jhb., Bd. i u, a. 190g, 

Smith; The religion of the Semites, £. Edition, London 1907. 

Spielrein: Beiträge zur kindlichen Seele. Zentralblatt für Psychoanalyse. 
Heft 3, 1912. 

Stekel: Beiträge zur Traumdeutung. Jhb., Bd. 1, 190g. 

Taitsk: Zur Psychoanalyse der Kindersexualität. I. Z. f. Psa., Hefts, ^S- 

Wexberg ; Ängstliche Kinder. H. u. B. 

Ziilliger: Psychoanalytische Erfahrungen ans der Volksschulpraxis, 
Bircher, Bern 1921. 

— Aus dem unbewußten Seelenleben unserer Schuljugend. Ebenda 1025. 



INHALTSVERZEICHNIS 
I) Einleitung; Der Begriff der Ambivalenz 

A) Ambivalenz bei Bleuler 5 

B) Ambivalenz bei Freud 9 

II) Hauptteil : Das Wesen der Ambivalenz 
des Kindes 

A) AmbivalenzMIdung 

i. Hereditär« und Akzidentelles . 15 

2,. Zerstörung der Einheit 20 

3. Der Urhaß und die Ambivalenz jeder Bindung . 26 

4. Bindungen ans Ich. 50 

5. Die Elternhin chmg , 53 

a) Mutterbmdung- 55 

b) Vatertiiidung- 37 

6. Der Geschlcchtsunterschied 4° 

7. Das Lustverbot « « 5 (> 

a) Allgemeines > « 5° 

b) Die ersten Lustverbote 55 

c) Der Elternkomples 60 

8. Verdrängung und Widerstand ........ 71 

9. Symbolisierung 7^ 

io- Tierphobien 83 

1 1 . Träume 95 

12. Das Über-Ich i°i 

B) Aufhebung der Ambivalenz und Regression ioG 

HL) Schluß; Ausblick »* 

Literaturnachweis 115 




IMAGO-BÜCHER 



I, 
DER KÜNSTLER 

ANSÄTZE ZU EINER SEXUAL-P5YCHOLOGIE 

Von Dr. OTTO RANK 

Das Werk Ranks behandalt in lichtvoller Darstellung 
tut scheidende Fragen. Der Weg ist kühn — aber kein 
Marsch auf der Straße. Die Zeit. 

Viele sehr verdienstvolle, wenn auch harte und bei- 
nahe rücksichtslose Meinungen. Es gehört eine große 
Freiheit des Geistes und eine sehr schätzbare Unbe- 
fangenheit dazu. Rank hat auf dem Wege zur Seelen- 
schau des Künstlers eine ganze Menge psychologischer 
Probleme auf ihren sexuellen Gehalt hin geprüft und 
mit schöner Prägnanz, demonstriert. 

Münchner Allgemeine Zeitung. 

II. 

TOLSTOIS KINDHEITS- 
ERINNERUNGEN 

EIN BEITRAG ZU FREUDS LIBIDOTHEQRIE 
Von Dr, N. OSSIPOW 

Auf der gigantischen Persönlichkeit dieses grollen 
. Russen, erschütternd entgegenfchiramernd aus seinem 
künstlerischen Schaffen, fast nacktgeschürft in dem 

Autobiographischen, ruht liier zum crsli-n mal der 

geschärfte und geläuterte Bück psychoanalytischer . 
Erkenntnis. Der Mensch und Künstler, selbst ein 
Zergliederer, selbst ein Träger genialischer Tiefen- 
psychologie, tritt hier in den Leuchtkegel modernster 
■wissenschaftlicher S Geleneinsicht. In merkwürdiger 
Welse kreuzen sich dabei die Wege Tolstoischer 
Sexualgrubelei mit denen der psychoanalytischen Eros- 
lehre. Die Studie -beansprucht, sowohl von den Ge- 
nießern Tolstoischer Kunst ■willkommen geheißen zu 
werden, als auch bei dem wissenschaftlich orientierten 
Leser brennendes Interesse vorzufinden, 



III, 

DER EIGENE 
FREMDE 



UND DER 
GOTT 



ZUR PSYCHOANALYSE DER 
RELIGIÖSEN ENTWICKLUNG 

Von Dr. THEODOR REDX 

Inhalt: Über kollektives Vergessen. — Jesus und 
Maria im Talmud. — Der hl, Epiphamius verschreibt 
sich. — Die wiederauferstandenen Götter. — Das Evan* 
geliunt des Judas Ischkarioth. — Die psychoanalytische 
Deutung des JudasprobleroS, — Gott und Teufel. — 
Die Unheirolichkeit fremder Götter und Kulte. — Das 
Unheimliche aus infantilen "Komplexen. — Die Äqui- 
valent d. Triebgegensatzpaare. — Über Differenzierung. 
Diese Arbeiten sollen, schreibt der Verfasser in der 
Vorbemerkung, „euren Versuch darstellen, von ana- 
lytischen Gesichtspunkten aus die Erscheinungen der 
religiösen Feindseligkeit und Intoleranz psychologisch 
zu erklären und zugleich den tieferen Ursachen der 
religiösen Verschicdenheitan nachzuforschen. Wofenie 
die Konvergenz der Ergebnisse in diesen von ver- 
schiedenen Seiten hergeführten Untersuchungen einefl 
Schloß auf die Richtigkeit des Ganzen zuläßt, würde 
ich hoffen, _ daß die vorliegende Aufsatzreihe ein 
wichtiges Stück der religiösen Entwicklung in einem 
neuen Lichte erscheinen läßt." 



IV. 
DOSTOJEWSKI 
Von JOLAN NEUFEED 

Wie ist es möglich, daß ein Mensch so loyal gesinnt 
ist und dabei an einer Verschwörung gegen den 
Karen teilnimmt? Wie kann jemand tief religiös und 
zugleich absolut ungläubig sein? Woher kommt es, 
daß ein Mensch, der mit jeder Nervenfaser an seiner 
HeimntschoUc klebt, Monate, ja Jahre im Auslände 
verbringt? Woher kommt es, daO er dem Gelde un- 
unterbrochen nachjagt, um es dann wie etwas voll- 
kommen Wertloses zum Fenster hinauszuwerfen? 
Wie das Leben, so ist auch die Dichtung Dostojewskis 
enigmatiseh. Rätselhafte Charaktere, entgleiste Perverse 
sind die Helden seiner Romane und geben uns Rätsel 
über Rätsel auf, die mit der Bewußtseinspsychologie 
überhaupt nicht lösbar sind. Der Zauberschlüssel der 
Psychoanalyse aber sprengt die Schlösser. 



GEMEINSAME 
TAGTRÄUME 

Vor. HANNS SACHS 

Als die Psychoanalyse auf die entscheidende Bedeutung 
der Tagträume für den Lebensweg und die Liobeswahl 
des Einzelnen hinwies, traf sie wenigstens an dieser 
einen Stelle mit einer längst gangbaren Überzeugung 
zusammen, daß nämlich die Tagträume die allgemein 
menschliche Vorstufe seien, von der aus sli^t in be- 
gnadetem Sonderfalle der Aufstieg zum Kunstwerk, 
zur Dichtung vollziehe. Sachs weist min die unbe- 
wußten Quellen der Tagträume nach, und untersucht 
eingehend die Frage, wie sich der Tagtraum zum 
Kunstwerk verwandelt, wodurch sich der Dichter vom 
Neurotiker, vom Verbrecher, vom Führer der Masse 
und schließlich in der Literatur vom Pfusch er und Nach- 
ahmer unterscheidet. Rr weist auf den Zusammenhang 
zwischen dem nach Entlastung lechzenden Schuldbe- 
wußtsein und dem zur Aufgabe des Ichs unfl zur 
Verschiebung auf das Werk bereiten Narzißmus hin. 
Im Besonderen analysiert er dann in zwei breit an- 
gelegten Studien zwei Kunstwerke, die beide Anzeichen 
und Vorboten einer Produktionshcmmung im Leben 
ihrer Schöpfer darstellen; Schillers „Geisterseh er" 
und Shakespeares „Sturm". Die Psychoanalyse 
entwickelt sich „nach dem Gesetz nach dem sie ange- 
treten"; da sie aus der Erforschung der Störungen er- 
wachsen ist, die der unvollkommenen Bewältigung im*- 
bewußter Wünsche ihr Dasein verdanken, so vermag sie 
sich den Problemen der künstlerischen Schöpfung auch 
«in besten von der Seite der Hemmungen her zu nähern. 

VI. 

DIE AMBIVALENZ 

DES KINDES 

Von Dr. HANS GUSTAV GRABER 

Aus dem Inhalt: Ambivalent bei Bleuler; bei Freud 
Der Urhaß. Die Elternbindung. Der Geschlechtsunter- 
schied. Das Lustverbot. Tierphobien, Das Über-Ich. 

VII. 

PSYCHOANALYSE 

UND LOGIK 

Von Dr. I. HERMANN 

Ausdemlnhalt: Dualschrttte aus derEntwicklungs- 

psychologie; in der Biologie; in der schönen Literatur. 

Der Utnkehrsehritt, Der Abwendmigssenritt. Der 

Schritt des Sinkens. Über Sophismen. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien VII. Andreasgasse 3 




Über die Fortschritte der psychoanalytischen Theorie wia 
"raxis unterrichten fortlaufend unsere beiden Zehsgiriften: 

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

Herausgegeben von irol. Ol gm. Ireuj 

Redigiert von 

Dr. S. Fercnczi und Dr. Otto Rani. 

Budapest -Wico 

Und 

IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWEHDUNG 
DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 

GEISTESWISSENSCHAFTEN 



H 



erausgegeben von 



Prot. Oigm. xreud 



Im Jahre xps^ werden in den beiden Zeitschriften u. a. folgende Beiträge ersdieinen : 



Prof, Df . Sigm. Freud: Neurone und Psydiose, 
*• Das ökuuOznii- Jil- Problem des Masotfujirius. 
Dr. Karl Abraham (Berlin); Zu einer un- 
beachteten infantile» Sexual tneorie. 
Man- Chadwick (London): Zur Genese de« 

"Wist ü ns t r i et es, 
Di.A. vander Cli i js (Amsterdam): Anwendung 

der Ps A. auf die musikalische Koinposi tion. ' 
I>oz. Dr. Fei« DeuMcL (Wien): über die 

Bildung des KonverjiGiwympromj, 
Dr. Helene Deut« et (Wi«) : Zur Psycho- 
logie de* Sports. 
Di'. S. Fercncsi (Budapest): über forcierte 

Phantasien. (Beitrug tut uL.Uvi.-ii 1 hernpic.) 
Dr. H.W.Frmk (New York); Die amerika- 

nisdic pjA, Literatur 1920— igaa. 
Dorotliy Garley (London): Der Sdiock des 

GeborenwcrdenJ und seine Nndivrtrkungen. 
Dr. Fritz Giese (Halle ». S-) '■ Psychoanalyse 

und Wirtschaftsleben. 
— Psych olügisdie Eignungsprüfung und Piy» 

choanalysc. 
Prof, Dr, Heinrich Gampers (Wien) : Par- 

meiudes. Ookr&tcs. 
Dr. H. v. Hattingberg (München) 1 Zur 

Analyse der |W0» Situation. 
Dr. Clara Happcl (Frwikftir t) ; Aus den 

frühen Kindesaiier. 



Dr. I. Hermann (Budapest): Kleine Beiträge 

zur Bcgiilumgs- und Sublim ieruiigstlicorie, 
IJr, Eni est Jones (London) : Dtu Wesen (1er 

Autosuggestion. 
Dr. Smotuea Kcmpner: Beitrag:. Oralcrotik. 
Dr. r. Lo w t sky (Berlin); Eine okkult» tischt: 

Bestätigung der Psych onnnlyse. 
Dr. H, N uitbcrg (Wien): über Dcperjounlj- 

jutioiisziistäiidc im Liane der Libidotlicone. 
Beate Rank (Wien): Zur Rolle der Frau iu 

der Entwicklung d. niensdilidicn Gcscllsaiait. 
Dr. W. Rlh.1i (Wich): über Genialität. 

— Ulier Erythrophobic. 

Egeuolf Rocdur (Baden-Baden) : Qualität 

und Quantität. 
Dr. Raymond de Snuisure (Genf}: Die 

französudic psu- Literatur 1930— 192 S. 
Dr. Ernst Si 111 mcl (Borliti) ; Eine Durk- 

erinnerutig in statu iiasceiidi, 
Dr. Alice Sperber (Wien): Die leelindien 

Ursadicndcs Alterns und der Jugcjidlidikcit, 
San. -Rat Dr. S. Wanke (KicJridiro Ja) : Pa u , 

Am tili fsbc bu 11 d j nngv 
Dr. Edoardo Weif) (Triestel : Psydiulogisdic 

Ergebnisse der PsA. 

— Zum psyditd. Verständnis de* orc Je cercle 
Hans Zu Niger (Bern): Totuimjiakl eines 

ä& jährigen Knabe»,