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Full text of "Die Frage der Laienanalyse"

Sigm. Freud 

Die Frage der 

Laienanalyse 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 





SIGM. FREUD 

DIE FRAGE DER 
LAIENANALYSE 



DIE FRAGE DER 

LAIENANALYSE 

UNTERREDUNGEN MIT EINEM 
UNPARTEIISCHEN 

VON 

SIGM. FREUD 



1926 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig /Wien/ Zürich 






ALLE RECHTE, 

INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG, 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT IQ26 

BY „INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG, GES. M. B. H.«, WIEN, VII. 



DRUCK DER VERNAY A.-G., WIEN, IX., CANISIUSGASSE 8-IO 



EINLEITUNG 



Der Titel dieser kleinen Schrift ist nicht ohne 
weiteres verständlich. Ich werde ihn also erläutern: 
Laien =Nichtärzte und die Frage ist, ob es auch Nicht- 
ärzten erlaubt sein soll, die Analyse auszuüben. Diese 
Frage hat ihre zeitliche wie ihre örtliche Bedingtheit. 
Zeitlich insoferne, als sich bisher niemand darum ge- 
kümmert hat, wer die Psychoanalyse ausübt. Ja, man 
hat sich viel zu wenig darum gekümmert, man war 
nur einig in dem Wunsch, daß niemand sie üben 
sollte, mit verschiedenen Begründungen, denen die 
gleiche Abneigung zugrunde lag. Die Forderung, 
daß nur Ärzte analysieren sollen, entspricht also 
einer neuen und anscheinend freundlicheren Einstel- 
lung zur Analyse - d. h. wenn sie dem Verdacht ent- 
gehen kann, doch nur ein etwas modifizierter Ab- 
kömmling der früheren Einstellung zu sein. Es wird 
zugegeben, daß eine analytische Behandlung unter 
Umständen vorzunehmen ist, aber wenn, dann sollen 
nur Ärzte sie vornehmen dürfen. Das Warum dieser 
Einschränkung wird dann zu untersuchen sein. 



Sigm. Freud 



örtlidi bedingt ist diese Frage, weil sie nidit für 
alle Länder mit gleicher Tragweite in Betracht kommt. 
In Deutschland und Amerika bedeutet sie eine aka- 
demische Diskussion, denn in diesen Ländern kann 
sich jeder Kranke behandeln lassen, wie und von 
wem er will, kann jeder, der will, als „Kurpfuscher" 
beliebige Kranke behandeln, wenn er nur die Ver- 
antwortlichkeit für sein Tun übernimmt. Das Gesetz 
mengt sich nicht früher ein, als bis man es zur Sühne 
einer Schädigung des Kranken angerufen hat. In 
Österreich aber, in dem und für das ich schreibe, ist 
das Gesetz praeventiv, es verbietet dem Nichtarzt, 
Behandlungen an Kranken zu unternehmen, ohne 
deren Ausgang abzuwarten.* Hier hat also die Frage, 
ob Laien =Nichtärzte Kranke mit Psychoanalyse behan- 
deln dürfen, einen praktischen Sinn. Sie scheint 
aber auch, sobald sie aufgeworfen wird, durch 
den Wordaut des Gesetzes entschieden zu sein. 
Nervöse sind Kranke, Laien sind Nichtärzte, die 
Psychoanalyse ist ein Verfahren zur Heilung oder 
Besserung der nervösen Leiden, alle solche Behand- 
lungen sind den Ärzten vorbehalten; folglich ist es 
nicht gestattet, daß Laien die Analyse an Nervösen 
üben, und strafbar, wenn es doch geschieht. Bei so 
einfacher Sachlage wagt man es kaum, sich mit der 
Frage der Laienanalyse zu beschäftigen. Indes hegen 



*) Das Gleiche in Frankreich. 



c 



Die Frage der Laienanalyse 



einige Komplikationen vor, um die sich das Gesetz 
nidit kümmert, die aber darum doch Berücksichtigung 
verlangen. Es wird sich vielleicht ergeben, daß die 
Kranken in diesem Falle nicht sind wie andere 
Kranke, die Laien nicht eigentlich Laien und die 
Ärzte nicht gerade das, was man von Ärzten er- 
warten darf und worauf sie ihre Ansprüche gründen 
dürfen. Läßt sich das erweisen, so wird es eine 
berechtigte Forderung, das Gesetz nicht ohne Modi- 
fikation auf den vorüegenden Fall anzuwenden. 



Ob dies geschehen wird, wird von Personen ab- 
hängen, die nicht dazu verpflichtet sind, die Besonder- 
heiten einer analytischen Behandlung zu kennen. Es 
ist unsere Aufgabe, diese Unparteiischen, die wir als 
derzeit noch unwissend annehmen wollen, darüber zu 
unterrichten. Wir bedauern, daß wir sie nicht zu 
Zuhörern einer solchen Behandlung machen kön- 
nen. Die „analytische Situation" verträgt keinen 
Dritten. Auch sind die einzelnen Behandlungsstun- 
den sehr ungleichwertig, ein solch - unbefugter - 
Zuhörer, der in eine beliebige Sitzung geriete, würde 
zumeist keinen verwertbaren Eindruck gewinnen, 
er käme in Gefahr, nicht zu verstehen, was zwischen 
dem Analytiker und dem Patienten verhandelt wird, 
oder er würde sich langweilen. Er muß sich also wohl 
oder übel mit unserer Information begnügen, die 
wir möglichst vertrauenswürdig abfassen wollen. 

Der Kranke möge also an Stimmungsschwankungen 
leiden, die er nicht beherrscht, oder an kleinmütiger 
Verzagtheit, durch die er seine Energie gelähmt fühlt, 



Die Frage der Laienanalyse 



da er sich nichts Rechtes zutraut, oder an ängstlicher 
Befangenheit unter Fremden. Er mag ohne Verständ- 
nis wahrnehmen, daß ihm die Erledigung seiner 
Berufsarbeit Schwierigkeiten macht, aber auch jeder 
ernstere Entschluß und jede Unternehmung. Er hat 
eines Tages - unbekannt, woher - einen peinlichen 
Anfall von Angstgefühlen erlitten und kann seither 
nicht ohne Überwindung allein über die Straße 
gehen oder Eisenbahn fahren, hat beides vielleicht 
überhaupt aufgeben müssen. Oder, was sehr merk- 
würdig ist, seine Gedanken gehen ihre eigenen 
Wege und lassen sich nicht von seinem Willen lenken. 
Sie verfolgen Probleme, die ihm sehr gleichgiltig 
sind, von denen er sich aber nicht losreißen kann. 
Es sind ihm auch höchst lächerliche Aufgaben auferlegt, 
wie die Anzahl der Fenster an den Häuserfronten 
zusammenzuzählen, und bei einfachen Verrichtungen, 
wie Briefe in ein Postfach werfen, oder eine Gas- 
flamme abdrehen, gerät er einen Moment später in 
Zweifel, ob er es auch wirklich getan hat. Das ist 
vielleicht nur ärgerlich und lästig, aber der Zustand 
wird unerträglich, wenn er sich plötzlich der Idee nicht 
erwehren kann, daß er ein Kind unter die Räder 
eines Wagens gestoßen, einen Unbekannten von der 
Brücke ins Wasser geworfen hat, oder wenn er sich 
fragen muß, ob er nicht der Mörder ist, den die Polizei 
als den Urheber eines heute entdeckten Verbrechens 
sucht. Es ist ja offenbarer Unsinn, er weiß es selbst, 



IO Sigm. Freud 



er hat nie einem Menschen etwas Böses getan, aber 
wenn er wirklich der gesuchte Mörder wäre, könnte 
die Empfindung - das Schuldgefühl - nicht stär- 
ker sein. 

Oder aber, unser Patient — sei es diesmal eine 
Patientin - leidet in anderer Weise und auf anderem 
Gebiet. Sie ist Klavierspielerin, aber ihre Finger 
verkrampfen sich und versagen den Dienst. Wenn 
sie daran denkt, in eine Gesellschaft zu gehen, stellt 
sich sofort ein natürliches Bedürfnis bei ihr ein, dessen 
Befriedigung mit der Geselligkeit unverträglich wäre. 
Sie hat also darauf verzichtet, Gesellschaften, Bälle, 
Theater, Konzerte zu besuchen. Wenn sie es am 
wenigsten brauchen kann, wird sie von heftigen 
Kopfschmerzen oder anderen Schmerzsensationen 
befallen. Eventuell muß sie jede Mahlzeit durch 
Erbrechen von sich geben, was auf die Dauer 
bedrohlich werden kann. Endlich ist es beklagens- 
wert, daß sie keine Aufregungen verträgt, die sich 
im Leben doch nicht vermeiden lassen. Sie verfällt 
bei solchen Anlässen in Ohnmächten, oft mit 
Muskelkrämpfen, die an unheimliche Krankheitszu- 
stände erinnern. 

Noch andere Kranke fühlen sich gestört in einem 
besonderen Gebiet, auf dem das Gefühlsleben mit 
Ansprüchen an den Körper zusammentrifft. Als 
Männer finden sie sich unfähig, den zärtlichsten 
Regungen gegen das andere Geschlecht körperlichen 



Die Frage der Laienanalyse 



Ausdruck zu geben, während ihnen vielleicht gegen 
wenig geliebte Objekte alle Reaktionen zu Gebote 
stehen. Oder ihre Sinnlichkeit bindet sie an Personen, 
die sie verachten, von denen sie frei werden möchten. 
Oder sie stellt ihnen Bedingungen, deren Erfüllung 
ihnen selbst widerlich ist. Als Frauen fühlen sie sich durch 
Angst und Ekel oder durch unbekannte Hemmnisse 
verhindert, den Anforderungen des Geschlechtslebens 
nachzukommen, oder wenn sie der Liebe nach- 
gegeben haben, finden sie sich um den Genuß 
betrogen, den die Natur als Prämie auf solche Ge- 
fügigkeit gesetzt hat. 

Alle diese Personen erkennen sich als krank und 
suchen Ärzte auf, von denen man ja die Beseitigung 
solcher nervösen Störungen erwartet. Die Ärzte 
führen auch die Kategorien, unter denen man diese 
Leiden unterbringt. Sie diagnostizieren sie je nach 
ihren Standpunkten mit verschiedenen Namen: 
Neurasthenie, Psychasthenie, Phobien, Zwangsneurose, 
Hysterie. Sie untersuchen die Organe, welche die 
Symptome geben: das Herz, den Magen, den 
Darm, die Genitalien und finden sie gesund. Sie 
raten zu Unterbrechungen der gewohnten Lebens- 
weise, Erholungen, kräftigenden Prozeduren, toni- 
sierenden Medikamenten, erzielen dadurch vorüber- 
gehende Erleichterungen - oder auch nichts. End- 
lich hören die Kranken, daß es Personen gibt, 
die sich ganz speziell mit der Behandlung solcher 



12 Sigm. Freud 



Leiden beschäftigen und treten in die Analyse bei 
ihnen ein. 

Unser Unparteiischer, den ich als gegenwärtig 
vorstelle, hat während der Auseinandersetzung über 
die Krankheitserscheinungen der Nervösen Zeichen 
von Ungeduld von sich gegeben. Nun wird er auf- 
merksam, gespannt, und äußert sich auch so : „Jetzt 
werden wir also erfahren, was der Analytiker mit 
dem Patienten vornimmt, dem der Arzt nicht helfen 
konnte." 

Es geht nichts anderes zwischen ihnen vor, als 
daß sie miteinander reden. Der Analytiker verwendet 
weder Instrumente, nicht einmal zur Untersuchung, 
noch verschreibt er Medikamente. Wenn es irgend 
möglich ist, läßt er den Kranken sogar in seiner Um- 
gebung und in seinen Verhältnissen, während er ihn 
behandelt. Das ist natürlich keine Bedingung, kann 
auch nicht immer so durchgeführt werden. Der Ana- 
lytiker bestellt den Patienten zu einer bestimmten 
Stunde des Tages, läßt ihn reden, hört ihn an, spricht 
dann zu ihm und läßt ihn zuhören. 

Die Miene unseres Unpartenschen zeugt nun von 
unverkennbarer Erleichterung und Entspannung, ver- 
rät aber auch deudich eine gewisse Geringschätzung. 
Es ist, als ob er denken würde: Weiter nichts als 
das? Worte, Worte und wiederum Worte, wie 
Prinz Hamlet sagt. Es geht ihm gewiß auch die Spott- 
rede Mephistos durch den Sinn, wie bequem sich mit 



Die Frage der Laienanalyse 13 

Worten wirtschaften läßt, Verse, die kein Deutscher 
je vergessen wird. 

Er sagt auch: „Das ist also eine Art von Zau- 
berei, Sie reden und blasen so seine Leiden weg." 

Ganz richtig, es wäre Zauberei, wenn es rascher 
wirken würde. Zum Zauber gehört unbedingt die 
Schnelligkeit, man möchte sagen : Plötzlichkeit des Er- 
folges. Aber die analytischen Behandlungen brauchen 
Monate und selbst Jahre ; ein so langsamer Zauber 
verliert den Charakter des Wunderbaren. Wir wollen 
übrigens das Wort nicht verachten. Es ist doch ein 
mächtiges Instrument, es ist das Mittel, durch das wir 
einander unsere Gefühle kundgeben, der Weg, auf 
den anderen Einfluß zu nehmen. Worte können un- 
sagbar wohltun und fürchterliche Verletzungen zu- 
fügen. Gewiß, zu allem Anfang war die Tat, das Wort 
kam später, es war unter manchen Verhältnissen ein 
kultureller Fortschritt, wenn sich die Tat zum Wort 
ermäßigte. Aber das Wort war doch ursprünglich ein 
Zauber, ein magischer Akt, und es hat noch viel 
von seiner alten Kraft bewahrt. 

Der Unparteüsche setzt fort: „Nehmen wir an, 
daß der Patient nicht besser auf das Verständnis der 
analytischen Behandlung vorbereitet ist als ich, wie 
wollen Sie ihn an den Zauber des Wortes oder der 
Rede glauben machen, der ihn von seinen Leiden be- 
freien soll?" 

Man muß ihm natürlich eine Vorbereitung geben, 



14 Sigm. Freud 



und es findet sich ein einfacher Weg dazu. Man for- 
dert ihn auf, mit seinem Analytiker ganz aufrichtig 
zu sein, nichts mit Absicht zurückzuhalten, was ihm 
in den Sinn kommt, in weiterer Folge sich über alle 
Abhaltungen hinwegzusetzen, die manche Gedanken 
oder Erinnerungen von der Mitteilung ausschließen 
möchten. Jeder Mensch weiß, daß es bei ihm solche 
Dinge gibt, die er anderen nur sehr ungern mittei- 
len würde, oder deren Mitteilung er überhaupt für 
ausgeschlossen hält. Es sind seine „Intimitäten". Er 
ahnt auch, was einen großen Fortschritt in der psy- 
chologischen Selbsterkenntnis bedeutet, daß es andere 
Dinge gibt, die man sich selbst nicht eingestehen 
möchte, die man gerne vor sich selbst verbirgt, die 
man darum kurz abbricht und aus seinem Denken 
verjagt, wenn sie doch auftauchen. Vielleicht bemerkt 
er selbst den Ansatz eines sehr merkwürdigen psy- 
chologischen Problems in der Situation, daß ein eige- 
ner Gedanke vor dem eigenen Selbst geheim gehal- 
ten werden soll. Das ist ja, als ob sein Selbst nicht 
mehr die Einheit wäre, für die er es immer hält, als ob 
es noch etwas anderes in ihm gäbe, was sich diesem 
Selbst entgegenstellen kann. Etwas wie ein Gegen- 
satz zwischen dem Selbst und einem Seelenleben im 
weiteren Sinne mag sich ihm dunkel anzeigen. Wenn 
er nun die Forderung der Analyse, alles zu sagen, 
annimmt, wird er leicht der Erwartung zugänglich, 
daß ein Verkehr und Gedankenaustausch unter so 



Die Frage der Laienanalyse JS 

ungewöhnlichen Voraussetzungen auch zu eigenarti- 
gen Wirkungen führen könnte. 

„Ich verstehe," sagt unser unparteiischer Zuhörer, 
„Sie nehmen an, daß jeder Nervöse etwas hat, was 
ihn bedrückt, ein Geheimnis, und indem Sie ihn ver- 
anlassen es auszusprechen, entlasten Sie ihn von dem 
Druck und tun ihm wohl. Das ist ja das Prinzip der 
Beichte, dessen sich die katholische Kirche seit jeher 
zur Versicherung ihrer Herrschaft über die Gemüter 
bedient hat" 

Ja und nein, müssen wir antworten. Die Beichte 
geht wohl in die Analyse ein, als ihre Einleitung 
gleichsam. Aber weit davon entfernt, daß sie das 
Wesen der Analyse träfe oder ihre Wirkung erklär- 
te. In der Beichte sagt der Sünder, was er weiß, in 
der Analyse soll der Neurotiker mehr sagen. Auch 
wissen wir nichts davon, daß die Beichte je die Kraft 
entwickelt hätte, direkte Krankheitssymptome zu be- 
seitigen. 

„Dann verstehe ich es doch nicht", ist die Entgeg- 
nung. „Was soll es wohl heißen : mehr sagen als er 
weiß ? Ich kann mir aber vorstellen, daß Sie als Ana- 
lytiker einen stärkeren Einfluß auf Ihren Patienten 
gewinnen als der Beichtvater auf das Beichtkind, 
weil Sie sich soviel länger, intensiver und auch indi- 
vidueller mit ihm abgeben, und daß Sie diesen ge- 
steigerten Einfluß dazu benützen, ihn von seinen 
krankhaften Gedanken abzubringen, ihm seine Be- 



16 Sigm. Freud 



fürdbtungen auszureden usw. Es wäre merkwürdig 
genug, daß es auf diese Weise gelänge, auch rein 
körperliche Erscheinungen, wie Erbrechen, Diarrhöe, 
Krämpfe zu beherrschen, aber ich weiß davon, daß 
solche Beeinflussungen sehr wohl möglich sind, wenn 
man einen Menschen in den hypnotischen Zustand 
versetzt hat. Wahrscheinlich erzielen Sie durch Ihre 
Bemühung um den Patienten eine solche hypnoti- 
sche Beziehung, eine suggestive Bindung an Ihre 
Person, auch wenn Sie es nicht beabsichtigen, und 
die Wunder Ihrer Therapie sind dann Wirkungen 
der hypnotischen Suggestion. Soviel ich weiß, arbeitet 
aber die hypnotische Therapie viel rascher als Ihre 
Analyse, die, wie Sie sagen, Monate und Jahre 
dauert." 

Unser Unparteiischer ist weder so unwissend noch 
so ratlos, wie wir ihn anfangs eingeschätzt hatten. 
Es ist unverkennbar, daß er sich bemüht, die Psycho- 
analyse mit Hilfe seiner früheren Kenntnisse zu be- 
greifen, sie an etwas anderes anzuschließen, was er 
schon weiß. Wir haben jetzt die schwierige Auf- 
gabe, ihm klarzumachen, daß dies nicht gelingen 
wird, daß die Analyse ein Verfahren sui generis 
ist, etwas Neues und Eigenartiges, was nur mit 
Hilfe neuer Einsichten - oder wenn man will, An- 
nahmen - begriffen werden kann. Aber wir sind 
ihm auch noch die Antwort auf seine letzten Be- 
merkungen schuldig. 



Was Sie von dem besonderen persönlichen Ein- 
fluß des Analytikers gesagt haben, ist gewiß sehr be- 
achtenswert. Ein solcher Einfluß existiert und spielt 
in der Analyse eine große Rolle. Aber nicht dieselbe 
wie beim Hypnotismus. Es müßte gelingen, Ihnen zu 
beweisen, daß die Situationen hier und dort ganz 
verschiedene sind. Es mag die Bemerkung genügen, 
daß wir diesen persönlichen Einfluß - das „sugges- 
tive" Moment - nicht dazu verwenden, um die Lei- 
denssymptome zu unterdrücken, wie es bei der hyp- 
notischen Suggestion geschieht. Ferner, daß es irrig 
wäre zu glauben, dies Moment sei durchaus der 
Träger und Förderer der Behandlung. Zu Anfang 
wohl; aber später widersetzt es sich unseren analyti- 
schen Absichten und nötigt uns zu den ausgiebigsten 
Gegenmaßnahmen. Auch möchte ich Ihnen an einem 
Beispiel zeigen, wie ferne der analytischen Technik 
das Ablenken und Ausreden hegt. Wenn unser Pa- 
tient an einem Schuldgefühl leidet, als ob er ein 
schweres Verbrechen begangen hätte, so raten wir 
ihm nicht, sich unter Betonung seiner unzweifelhaf- 
ten Schuldlosigkeit über diese Gewissensqual hinweg- 
zusetzen ; das hat er schon selbst erfolglos versucht. Son- 
dern wir mahnen ihn daran, daß eine so starke und an- 
haltende Empfindung doch in etwas Wirklichem begrün- 
det sein muß, was vielleicht aufgefunden werden kann. 
„Es sollte mich wundern," meint der Unparteiische, 
„wenn Sie durch solches Zustimmen das Schuldgefühl 

Freud, Laienanalyse 2 



18 



Sigm. Freud 



Ihres Patienten beschwichtigen könnten. Aber was 
sind denn Ihre analytischen Absichten und was neh- 
men Sie mit dem Patienten vor ?* 



■ 



< ■ i ) * 



'■ 






■ 



II 



Wenn ich Ihnen etwas Verständliches sagen soll, 
so muß ich Ihnen wohl ein Stück einer psychologi- 
schen Lehre mitteilen, die außerhalb der analytischen 
Kreise nicht bekannt ist oder nicht gewürdigt wird. 
Aus dieser Theorie wird sich leicht ableiten lassen, 
was wir von dem Kranken wollen und auf welche 
Art wir es erreichen- Ich trage sie Ihnen dog- 
matisch vor, als ob sie ein fertiges Lehrgebäude 
wäre. Glauben Sie aber nicht, daß sie gleich als 
solches wie ein philosophisches System entstanden 
ist. Wir haben sie sehr langsam entwickelt, um 
jedes Stückchen lange gerungen, sie in stetem 
Kontakt mit der, Beobachtung fortwährend modifi^ 
ziert, bis sie endlich eine Form gewonnen hat, in 
der sie uns für unsere Zwecke zu genügen scheint. 
Noch vor einigen Jahren hätte ich diese Lehre 
in andere Ausdrücke kleiden müssen. Ich kann 
Ihnen natürlich nicht dafür einstehen, daß die 
heutige Ausdrucksform die definitive bleiben wird. 
Sie wissen, Wissenschaft ist keine Offenbarung, sie 

2* 



L_ 



2o Sigm. Freud 



entbehrt, lange über ihre Anfänge hinaus, der Cha- 
raktere der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehl- 
barkeit, nach denen sich das menschliche Denken so 
sehr sehnt. Aber so wie sie ist, ist sie alles, was wir 
haben können. Nehmen Sie hinzu, daß unsere Wis- 
senschaft sehr jung ist, kaum so alt wie das Jahr- 
hundert, und daß sie sich ungefähr mit dem schwierig- 
sten Stoff beschäftigt, der menschlicher Forschung 
vorgelegt werden kann, so werden Sie sich leicht 
in die richtige Einstellung zu meinem Vortrag 
versetzen können. Unterbrechen Sie mich aber 
nach Ihrem Belieben jedesmal, wenn Sie mir nicht 
folgen können oder wenn Sie weitere Aufklärungen 
wünschen. 

„Ich unterbreche Sie, noch ehe Sie beginnen. Sie 
sagen, Sie wollen mir eine neue Psychologie vor- 
tragen, aber ich sollte meinen, die Psychologie ist 
keine neue Wissenschaft. Es hat genug Psychologie 
und Psychologen gegeben, und ich habe auf der 
Schule von großen Leistungen auf diesem Gebiete 
gehört." 

Die ich nicht zu bestreiten gedenke. Aber wenn 
Sie näher prüfen, werden Sie diese großen Leistungen 
eher der Sinnesphysiologie einordnen müssen. Die 
Lehre vom Seelenleben konnte sich nicht entwickeln, 
weil sie durch eine einzige wesentliche Verkennung 
gehemmt war. Was umfaßt sie heute, wie sie an den 
Schulen gelehrt wird? Außer jenen wertvollen sinnes- 



Die Frage der Laienanalyse 21 

physiologischen Einsichten eine Anzahl von Einteilun- 
gen und Definitionen unserer seelischen Vorgänge, 
die dank dem Sprachgebrauch Gemeingut aller Ge- 
bildeten geworden sind. Das reicht offenbar für die 
Auffassung unseres Seelenlebens nicht aus. Haben Sie 
nicht bemerkt, daß jeder Philosoph, Dichter, Histo- 
riker und Biograph sich seine eigene Psychologie zu- 
rechtmacht, seine besonderen Voraussetzungen über 
den Zusammenhang und die Zwecke der seelischen 
Akte vorbringt, alle mehr oder minder ansprechend 
und alle gleich unzuverlässig? Da fehlt offenbar ein 
gemeinsames Fundament. Und daher kommt es auch, 
daß es auf psychologischem Boden sozusagen keinen 
Respekt und keine Autorität gibt. Jedermann kann 
da nach Belieben „wildern". Wenn Sie eine physika- 
lische oder chemische Frage aufwerfen, wird ein jeder 
schweigen, der sich nicht im Besitz von „Fachkennt- 
nissen" weiß. Aber wenn Sie eine psychologische Be- 
hauptung wagen, müssen sie auf Urteil und Wider- 
spruch von jedermann gefaßt sein. Wahrscheinlich 
gibt es auf diesem Gebiet keine „Fachkenntnisse". 
Jedermann hat sein Seelenleben und darum hält sich 
jedermann für einen Psychologen. Aber das scheint 
mir kein genügender Rechtstitel zu sein. Man erzählt, 
daß eine Person, die sich zur „Kinderfrau" anbot, 
gefragt wurde, ob sie auch mit kleinen Kindern um- 
zugehen verstehe. Gewiß, gab sie zur Antwort, ich 
war doch selbst einmal ein kleines Kind. 



22 Sigm. Freud 



„Und dies von allen Psychologen übersehene 
.gemeinsame Fundament' des Seelenlebens wollen 
Sie durch Beobachtungen an Kranken entdeckt 
haben ?" 

Ich glaube nicht, daß diese Herkunft unsere Be- 
funde entwertet. Die Embryologie z. B. verdiente 
kein Vertrauen, wenn sie nicht die Entstehung der 
angeborenen Mißbildungen glatt aufklären könnte. 
Aber ich habe Ihnen von Personen erzählt, deren 
Gedanken ihre eigenen Wege gehen, so daß sie ge- 
zwungen sind, über Probleme zu grübeln, die ihnen 
furchtbar gleichgiltig sind. Glauben Sie, daß die Schul- 
psychologie jemals den mindesten Beitrag zur Auf- 
klärung einer solchen Anomalie leisten konnte ? Und 
endlich geschieht es uns allen, daß nächtlicherweile 
unser Denken eigene Wege geht und Dinge schafft, 
die wir dann nicht verstehen, die uns befremden und 
in bedenklicher Weise an krankhafte Produkte er- 
innern. Ich meine unsere Träume. Das Volk hat 
immer an dem Glauben festgehalten, daß Träume 
einen Sinn, einen Wert haben, etwas bedeuten. 
Diesen Sinn der Träume hat die Schulpsychologie 
nie angeben können. Sie wußte mit dem Traum 
nichts anzufangen ; wenn sie Erklärungen versucht 
hat, waren es unpsychologische, wie Zurückführungen 
auf Sinnesreize, auf eine ungleiche Schlaftiefe ver- 
schiedener Hirnpartien u. dgl. Man darf aber sagen, 
eine Psychologie, die den Traum nicht erklären kann, 



Die Frage der Laienanalyse 23 

ist auch für das Verständnis des normalen Seelen- 
lebens nicht brauchbar, hat keinen Anspruch, eine 
Wissenschaft zu heißen. 

„Sie werden aggressiv, also haben Sie wohl eine 
empfindliche Stelle berührt. Ich habe ja gehört, daß 
man in der Analyse großen Wert auf Träume legt, 
sie deutet, Erinnerungen an wirkliche Begebenheiten 
hinter ihnen sucht usw. Aber auch, daß die Deutung 
der Träume der Willkür der Analytiker ausgeliefert 
ist, und daß diese selbst mit den Streitigkeiten über 
die Art Träume zu deuten, über die Berechtigung, 
aus ihnen Schlüsse zu ziehen, nicht fertig geworden 
sind. Wenn das so ist, so dürfen Sie den Vorzug, 
den die Analyse vor der Schulpsychologie gewonnen 
hat, nicht so dick unterstreichen." 

Sie haben da wirklich viel Richtiges gesagt. Es 
ist wahr; daß die Traumdeutung für die Theorie wie 
für die Praxis der Analyse eine unvergleichliche 
Wichtigkeit gewonnen hat. Wenn ich aggressiv er- 
scheine, so ist das für mich nur ein Weg der Ver- 
teidigung. Wenn ich aber an all den Unfug denke, 
den manche Analytiker mit der Deutung der Träume 
angestellt haben, könnte ich verzagt werden und dem 
pessimistischen Ausspruch unseres großen Satiri- 
rikers Nestroy recht geben, der lautet: Ein jeder 
Fortschritt ist immer nur halb so groß als er zuerst aus- 
schaut! Aber haben Sie es je anders erfahren, als 
daß die Menschen alles verwirren und verzerren, was 



L_ 



24 Sigm. Freud 



in ihre Hände fällt? Mit etwas Vorsicht und Selbst- 
zucht kann man die meisten der Gefahren der Traum- 
deutung sicher vermeiden. Aber glauben Sie nicht, 
daß ich nie zu meinem Vortrag kommen werde, 
wenn wir uns so ablenken lassen? 

„Ja, Sie wollten von der fundamentalen Voraus- 
setzung der neuen Psychologie erzählen, wenn ich 
Sie recht verstanden habe." 

Damit wollte ich nicht beginnen. Ich habe die Ab- 
sicht, Sie hören zu lassen, welche Vorstellung von der 
Struktur des seelischen Apparats wir uns während 
der analytischen Studien gebildet haben. 

„Was heißen Sie den seelischen Apparat und 
woraus ist er gebaut, darf ich fragen ?" 

Was der seelische Apparat ist, wird bald klar 
werden. Aus Welchem Material er gebaut ist, danach 
bitte ich nicht zu fragen. Es ist kein psychologisches 
Interesse, kann der Psychologie ebenso gleichgiltig 
sein wie der Optik die Frage, ob die Wände des 
Fernrohrs aus Metall oder aus Pappendeckel ge- 
macht sind. Wir werden den stofflichen Gesichts- 
punkt überhaupt bei Seite lassen, den räumlichen 
aber nicht. Wir stellen uns den unbekannten Apparat, 
der den seelischen Verrichtungen dient, nämlich wirk- 
lich wie ein Instrument vor, aus mehreren Teilen 
aufgebaut, - die wir Instanzen heißen, - die ein 
jeder eine besondere Funktion versehen, und die 
eine feste räumliche Beziehung zueinander haben, 



Die Frage der Laienanaiyse 25 



das heißt die räumliche Beziehung, das „vor" und 
„hinter", „oberflächlich" und „tief" hat für uns zunächst 
nur den Sinn einer Darstellung der regelmäßigen Auf- 
einanderfolge der Funktionen. Bin ich noch ver- 
ständlich? 

„Kaum, vielleicht verstehe ich es später, aber jeden- 
falls ist das eine sonderbare Anatomie der Seele, die 
es bei den Naturforschern doch gar nicht mehr gibt." 

Was wollen Sie, es ist eine Hilfsvorstellung wie 
soviele in den Wissenschaften. Die allerersten sind 
immer ziemlich roh gewesen. Open to revision, kann 
man in solchen Fällen sagen. Ich halte es für über- 
flüssig, mich hier auf das populär gewordene „Als ob" 
zu berufen. Der Wert einer solchen - „Fiktion" würde 
der Philosoph Vaihinger sie nennen - hängt davon 
ab, wieviel man mit ihr ausrichten kann. 

Also um fortzusetzen: Wir stellen uns auf den 
Boden der Alltagsweisheit und anerkennen im Men- 
schen eine seelische Organisation, die zwischen seine 
Sinnesreize und die Wahrnehmung seiner Körper- 
bedürfnisse einerseits, seine motorischen Akte ander- 
seits eingeschaltet ist und in bestimmter Absicht zwi- 
schen ihnen vermittelt. Wir heißen diese Organi- 
sation sein Ich. Das ist nun keine Neuigkeit, jeder 
von uns macht diese Annahme, wenn er kein Philo- 
soph ist, und einige selbst, obwohl sie Philosophen 
sind. Aber wir glauben nicht, damit die Beschreibung 
des seelischen Apparats erschöpft zu haben. Außer 



26 Sigm. Freud 



diesem Ich erkennen wir ein anderes seelisches Ge- 
biet, umfangreicher, großartiger und dunkler als das 
Ich, und dies heißen wir das Es. Das Verhältnis zwi- 
schen den beiden soll uns zunächst beschäftigen. 

Sie werden es wahrscheinlich beanständen, daß 
wir zur Bezeichnung unserer beiden seelischen Instanzen 
oder Provinzen einfache Fürwörter gewählt haben, 
anstatt vollautende griechische Namen für sie einzu- 
führen. Allein wir lieben es in der Psychoanalyse, 
im Kontakt mit der populären Denkweise zu 
bleiben und ziehen es vor, deren Begriffe wissen- 
schaftlich brauchbar zu machen, anstatt sie zu ver- 
werfen. Es ist kein Verdienst daran, wir müssen so 
vorgehen, weil unsere Lehren von unseren Patienten 
verstanden werden sollen, die oft sehr intelligent 
sind, aber nicht immer gelehrt. Das unpersönliche Es 
schließt sich unmittelbar an gewisse Ausdrucksweisen 
des normalen Menschen an. „Es hat mich durchzuckt" 
sagt man; „es war etwas in mir, was in diesem 
Augenblick stärker war als ich." „C'ätait plus fort que 
moi". 

In der Psychologie können wir nur mit Hilfe von 
Vergleichungen beschreiben. Das ist nichts Beson- 
deres, es ist auch anderwärts so. Aber wir müssen 
diese Vergleiche auch immer wieder wechseln, keiner 
hält uns lange genug aus. Wenn ich also das Verhältnis 
zwischen Ich und Es deutlich machen will, so bitte ich 
Sie, sich vorzustellen, das Ich sei eine Art Fassade 



Die Frage der Laienanalyse 27 

des Es, ein Vordergrund, gleichsam eine äußerliche, 
eine Rindenschicht desselben. Der letztere Vergleich 
kann festgehalten werden. Wir wissen, Rinden- 
schichten verdanken ihre besonderen Eigenschaften 
dem modifizierenden Einfluß des äußeren Mediums, 
an das sie anstoßen. So stellen wir uns vor, das 
Ich sei die durch den Einfluß der Außenwelt (der 
Realität) modifizierte Schichte des seelischen Apparats, 
des Es. Sie sehen dabei, in welcher Weise wir in 
der Psychoanalyse mit räumlichen Auffassungen Ernst 
machen. Das Ich ist uns wirklich das Oberflächliche, 
das Es das Tiefere, von außen betrachtet natürlich. 
Das Ich hegt zwischen der Realität und dem Es, dem 
eigentlich Seelischen. 

„Ich will Sie noch gar nicht fragen, woher man 
das alles wissen kann. Sagen Sie mir zunächst, was 
haben Sie von dieser Trennung eines Ich und eines 
Es, was nötigt Sie dazu?" 

Ihre Frage weist mir den Weg zur richtigen Fort- 
setzung. Das Wichtige und Wertvolle ist nämlich zu 
wissen, daß das Ich und das Es in mehreren Punkten 
sehr von einander abweichen; es gelten im Ich 
andere Regeln für den Ablauf seelischer Akte als 
im Es, das Ich verfolgt andere Absichten und mit 
anderen Mitteln. Darüber wäre sehr viel zu 
sagen, aber wollen Sie sich mit einem neuen Ver- 
gleich und einem Beispiel abfinden lassen? Denken 
Sie an den Unterschied zwischen der Front und 



28 Sigm. Freud 



dem Hinterland, wie er sich während des Krieges 
herausgebildet hatte. Wir haben uns damals nicht 
gewundert, daß an der Front manches anders vor- 
ging als im Hinterland, und daß im Hinterland vieles 
gestattet war, was an der Front verboten werden 
mußte. Der bestimmende Einfluß war natürlich die 
Nähe des Feindes, für das Seelenleben ist es die 
Nähe der Außenwelt. Draußen - fremd - feindlich 
waren einmal identische Begriffe. Und nun das Bei- 
spiel: im Es gibt es keine Konflikte; Widersprüche, 
Gegensätze bestehen unbeirrt neben einander und 
gleichen sich oft durch Kompromißbildungen ab. Das 
Ich empfindet in solchen Fällen einen Konflikt, der 
entschieden werden muß, und die Entscheidung be- 
steht darin, daß eine Strebung zugunsten der anderen 
aufgegeben wird. Das Ich ist eine Organisation, aus- 
gezeichnet durch ein sehr merkwürdiges Streben nach 
Vereinheitlichung, nach Synthese; dieser Charakter 
fehlt dem Es, es ist - sozusagen - zerfahren, seine 
einzelnen Strebungen verfolgen ihre Absichten unab- 
hängig von und ohne Rücksicht aufeinander. 

„Und wenn ein so wichtiges seelisches Hinterland 
existiert, wie können Sie mir begreiflich machen, daß 
es bis zur Zeit der Analyse übersehen wurde?" 

Damit sind wir zu einer Ihrer früheren Fragen 
zurückgekehrt. Die Psychologie hatte sich den Zugang 
zum Gebiet des Es versperrt, indem sie an einer 
Voraussetzung festhielt, die nahe genug liegt, aber 




Die Frage der Laienanalyse 2Q 



dodi nicht haltbar ist. Nämlich, daß alle seelischen 
Akte uns bewußt sind, daß Bewußt-sein das Kenn- 
zeichen des Seelischen ist, und daß, wenn es nicht- 
bewußte Vorgänge in unserem Gehirn gibt, diese 
nicht den Namen seelischer Akte verdienen und die 
Psychologie nichts angehen. 

„Ich meine, das ist doch selbstverständlich." 

Ja, das meinen die Psychologen auch, aber es ist 
doch leicht zu zeigen, daß es falsch, das heißt: eine 
ganz unzweckmäßige Sonderung ist. Die bequemste 
Selbstbeobachtung lehrt, daß man Einfälle haben 
kann, die nicht ohne Vorbereitung zustande gekommen 
sein können. Aber von diesen Vorstufen Ihres Ge- 
dankens, die doch wirklich auch seelischer Natur ge- 
wesen sein müssen, erfahren Sie nichts, in Ihr Be- 
wußtsein tritt nur das fertige Resultat. Gelegendich 
können Sie sich nachträglich diese vorbereiten- 
den Gedankenbildungen wie in einer Rekonstruktion 
bewußt machen. 

„Wahrscheinlich war die Aufmerksamkeit abge- 
lenkt, so daß man diese Vorbereitungen nicht be- 
merkt hat." 

Ausflüchte ! Sie kommen so um die Tatsache nicht 
herum, daß in Ihnen Akte seelischer Natur, oft sehr 
komplizierte, vorgehen können, von denen Ihr Be- 
wußtsein nichts erfährt, von denen Sie nichts wissen. 
Oder sind Sie zu der Annahme bereit, daß etwas 
mehr oder weniger von Ihrer „Aufmerksamkeit" hin- 



30 Sigm. Freud 



reicht, um einen nicht seelischen Akt in einen seeli- 
schen zu verwandeln? Übrigens wozu der Streit? 
Es gibt hypnotische Experimente, in denen die Exi- 
stenz solcher nicht bewußter Gedanken für jedermann, 
der lernen will, unwiderleglich demonstriert wird. 

„Ich will nicht leugnen, aber ich glaube, ich ver- 
stehe Sie endlich. Was Sie Ich heißen, ist das Be- 
wußtsein und Ihr Es ist das sogenannte Unterbewußt- 
sein, von dem jetzt so viel die Rede ist. Aber wozu 
die Maskerade durch die neuen Namen?" 

Es ist keine Maskerade, diese anderen Namen sind 
unbrauchbar. Und versuchen Sie nicht, mir Literatur an- 
statt Wissenschaft zu geben. Wenn jemand vom Unter- 
bewußtsein spricht, weiß ich nicht, meint er es topisch, 
etwas was in der Seele unterhalb des Bewußtseins hegt, 
oder qualitativ, ein anderes Bewußtsein, ein unterirdi- 
sches gleichsam. Wahrscheinlich macht er sich überhaupt 
nichts klar. Der einzig zulässige Gegensatz ist der zwi- 
schen bewußt und unbewußt. Aber es wäre ein folgen- 
schwerer Irrtum zu glauben, dieser Gegensatz fiele mit 
der Scheidung von Ich und Es zusammen. Allerdings, es 
wäre wunderschön, wenn es so einfach wäre, unsere 
Theorie hätte dann ein leichtes Spiel, aber es, ist 
nicht so einfach. Richtig ist nur, daß alles, was im 
Es vorgeht, unbewußt ist und bleibt, und daß die Vor- 
gänge im Ich bewußt werden können, sie allein. Aber sie 
sind es nicht alle, nicht immer, nicht notwendig und große 
Anteile des Ichs können dauernd unbewußt bleiben. 



r 



. Die Frage der Laienanalyse 31 

Mit dem Bewußtwerden eines seelisdien Vor- 
gangs ist es eine komplizierte Sache. Ich kann es mir 
nicht versagen, Ihnen - wiederum dogmatisch - dar- 
zustellen, was wir darüber annehmen. Sie erinnern 
sich, das Ich ist die äußere, peripherische Schicht des 
Es. Nun glauben wir, an der äußersten Oberfläche 
dieses Ichs befinde sich eine besondere, der Außen- 
welt direkt zugewendete Instanz, ein System, ein 
Organ, durch dessen Erregung allein das Phänomen, 
das wir Bewußtsein heißen, zustande kommt. Dies 
Organ kann ebensowohl von außen erregt werden, 
nimmt also mit Hilfe der Sinnesorgane die Reize der 
Außenwelt auf, wie auch von innen her, wo es zu- 
erst die Sensationen im Es und dann auch die Vor- 
gänge im Ich zur Kenntnis nehmen kann. 

„Das wird immer ärger und entzieht sich immer 
mehr meinem Verständnis. Sie haben mich doch zu 
einer Unterredung über die Frage eingeladen, ob 
auch Laien = Nichtärzte analytische Behandlungen 
unternehmen sollen. Wozu dann diese Auseinander- 
setzungen über gewagte, dunkle Theorien, von 
deren Berechtigung Sie mich doch nicht überzeugen 
können?" 

Ich weiß, daß ich Sie nicht überzeugen kann. Es 
hegt außerhalb jeder Möglichkeit und darum auch 
außerhalb meiner Absicht. Wenn wir unseren Schülern 
theoretischen Unterricht in der Psychoanalyse geben, 
so können wir beobachten, wie wenig Eindruck 



wir ihnen zunädist machen. Sie nehmen die ana- 
lytischen Lehren mit derselben Kühle hin wie andere 
Abstraktionen, mit denen sie genährt wurden. Einige 
wollen vielleicht überzeugt werden, aber keine Spur 
davon, daß sie es sind. Nun verlangen wir auch, daß 
jeder, der die Analyse an anderen ausüben will, sich 
vorher selbst einer Analyse unterwerfe. Erst im Ver- 
lauf dieser „Selbstanalyse" (wie sie mißverständlich ge- 
nannt wird), wenn sie die von der Analyse behaup- 
teten Vorgänge am eigenen Leib - richtiger: an der 
eigenen Seele - tatsächlich erleben, erwerben sie sich 
die Überzeugungen, von denen sie später als Ana- 
lytiker geleitet werden. Wie darf ich also erwarten, 
Sie, den Unparteiischen, von der Richtigkeit unserer 
Theorien zu überzeugen, dem ich nur eine unvoll- 
ständige, verkürzte und darum undurchsichtige Dar- 
stellung derselben ohne Bekräftigung durch Ihre eige- 
nen Erfahrungen vorlegen kann? 

Ich handle in anderer Absicht. Es ist zwischen uns 
gar nicht die Frage, ob die Analyse klug oder un- 
sinnig ist, ob sie in ihren Aufstellungen recht hat 
oder in grobe Irrtümer verfällt. Ich rolle unsere Theo- 
rien vor Ihnen auf, weil ich Ihnen so am besten 
klarmachen kann, welchen Gedankeninhalt die Analyse 
hat, von welchen Voraussetzungen sie beim einzelnen 
Kranken ausgeht, und was sie mit ihm vornimmt. Da- 
durch wird dann ein ganz bestimmtes Licht auf die 
Frage der Laienanalyse geworfen werden. Seien Sie 



r 



Die Frage der Laienanalyse 



33 



übrigens ruhig, Sie haben, wenn Sie mir soweit ge- 
folgt sind, das Ärgste überstanden, alles Folgende 
wird Ihnen leichter werden. Jetzt aber lassen Sie mich 
eine Atempause machen. 



Crl 






Freud, Laienanalyse 



III 



„Ich erwarte, daß Sie mir aus den Theorien der 
Psychoanalyse ableiten wollen, wie man sich die Ent- 
stehung eines nervösen Leidens vorstellen kann." 

Ich will es versuchen. Zu dem Zweck müssen wir 
aber unser Ich und unser Es von einem neuen 
Gesichtspunkt aus studieren, vom dynamischen, 
das heißt mit Rücksicht auf die Kräfte, die in und 
zwischen ihnen spielen. Vorhin hatten wir uns ja mit 
der Beschreibung des seelischen Apparats begnügt. 

„Wenn es nur nicht wieder so unfaßbar wird!" 

Ich hoffe, nicht. Sie werden sich bald zurecht- 
finden. Also wir nehmen an, daß die Kräfte, welche 
den seelischen Apparat zur Tätigkeit treiben, in den 
Organen des Körpers erzeugt werden als Ausdruck 
der großen Körperbedürfnisse. Sie erinnern sich an 
das Wort unseres Dichterphilosophen: Hunger und 
Liebe. Übrigens ein ganz respektables Kräftepaar! 
Wir heißen diese Körperbedürfnisse, insoferne sie 
Anreize für seelische Tätigkeit darstellen, Triebe, ein 
Wort, um das uns viele moderne Sprachen beneiden. 




Die Frage der Laienanalyse 35 



Diese Triebe erfüllen nun das Es, alle Energie im 
Es, können wir abkürzend sagen, stammt von ihnen. 
Die Kräfte im Idi haben audi keine andere Her- 
kunft, sie sind von denen im Es abgeleitet. Was 
wollen nun die Triebe? Befriedigung, das heißt die 
Herstellung solcher Situationen, in denen die Körper- 
bedürfhisse erlöschen können. Das Herabsinken der 
Bedürfnisspannung wird von unserem Bewußtseins- 
organ als lustvoll empfunden, eine Steigerung der- 
selben bald als Unlust. Aus diesen Schwankungen 
entsteht die Beihe von Lust-Unlustempfindungen, 
nach der der ganze seelische Apparat seine Tätigkeit 
reguliert. Wir sprechen da von einer „Herrschaft 
des Lustprinzips". 

Es kommt zu unerträglichen Zuständen, wenn die 
Triebansprüche des Es keine Befriedigung finden. Die 
Erfahrung zeigt bald, daß solche Befriedigungssitua- 
tionen nur mit Hufe der Außenwelt hergestellt wer- 
den können. Damit tritt der der Außenwelt zuge- 
wendete Anteil des Es, das Ich, in Funktion. Wenn 
alle treibende Kraft, die das Fahrzeug von der Stelle 
bringt, vom Es aufgebracht wird, so übernimmt das 
Ich gleichsam die Steuerung, bei deren Ausfall ja ein 
Ziel nicht zu erreichen ist. Die Triebe im Es drängen 
auf sofortige, rücksichtslose Befriedigung, erreichen 
auf diese Weise nichts oder erzielen selbst fühlbare 
Schädigung. Es wird nun die Aufgabe des Ichs, diesen 
Mißerfolg zu verhüten, zwischen den Ansprüchen des 

3* 



36 



Sigm. Freud 



Es und dem Einspruch der realen Außenwelt zu ver- 
mitteln. Es entfaltet seine Tätigkeit nun nach zwei 
Richtungen. Einerseits beobachtet es mit Hilfe seines 
Sinnesorgans, des Bewußtseinssystems, die Außenwelt, 
um den günstigen Moment für schadlose Befriedigung 
zu erhaschen, anderseits beeinflußt es das Es, zügelt 
dessen „Leidenschaften", veranlaßt die Triebe, ihre 
Befriedigung aufzuschieben, ja, wenn es als notwendig 
erkannt wird, ihre Ziele zu modifizieren, oder sie 
gegen Entschädigung aufzugeben. Indem es die 
Regungen des Es in solcher Weise bändigt, ersetzt 
es das früher allein maßgebende Lustprinzip durch 
das sogenannte Realitätsprinzip, das zwar die- 
selben Endziele verfolgt, aber den von der realen 
Außenwelt gesetzten Bedingungen Rechnung trägt. 
Später lernt das Ich, daß es noch einen anderen 
Weg zur Versicherung der Befriedigung gibt als die 
beschriebene Anpassung an die Außenwelt. Man 
kann auch verändernd in die Außenwelt eingreifen 
und in ihr absichtlich jene Bedingungen herstellen, 
welche die Befriedigung ermöglichen. Diese Tätigkeit 
wird dann zur höchsten Leistung des Ichs; die Ent- 
scheidungen, wann es zweckmäßiger ist, seine Leiden- 
schaften zu beherrschen und sich vor der Realität 
zu beugen, oder ihre Partei zu ergreifen und sich 
gegen die Außenwelt zur Wehr zu setzen, sind das 
Um und Auf der Lebensklugheit. 

„Und läßt sich das Es eine solche Beherrschung 



r 



Die Frage der Laienanalyse 37 



durch das Ich gefallen, wo es doch, wenn ich Sie recht 
verstehe, der stärkere Teil ist?" 

Ja, es geht gut, wenn das Ich seine volle Organi- 
sation und Leistungsfähigkeit besitzt, zu allen Teilen 
des Es Zugang hat und seinen Einfluß auf sie üben 
kann. Es besteht ja keine natürliche Gegnerschaft 
zwischen Ich und Es, sie gehören zusammen und sind 
im Falle der Gesundheit praktisch nicht voneinander 
zu scheiden. 

„Das läßt sich alles hören, aber ich sehe nicht, wo 
sich in diesem idealen Verhältnis ein Plätzchen für 
die Krankheitsstörung findet." 

Sie haben recht; solange das Ich und seine Be- 
ziehungen zum Es diese idealen Anforderungen er- 
füllen, gibt es auch keine nervöse Störung. Die Ein- 
bruchsstelle der Krankheit liegt an einem unerwarte- 
ten Ort, obwohl ein Kenner der allgemeinen Patho- 
logie nicht überrascht sein wird, bestätigt zu finden, 
daß gerade die bedeutsamsten Entwicklungen und 
Differenzierungen den Keim zur Erkrankung, zum 
Versagen der Funktion, in sich tragen. 

„Sie werden zu gelehrt, ich verstehe Sie nicht." 

Ich muß ein bißchen weiter ausholen. Nicht wahr, 
das kleine Lebewesen ist ein recht armseliges, ohn- 

I mächtiges Ding gegen die übergewaltige Außenwelt, 
die voll ist von zerstörenden Einwirkungen. Ein pri- 
mitives Lebewesen, das keine zureichende Ichorgani- 
sation entwickelt hat, ist all diesen „Traumen" ausge- 




38 Sigm. Freud 



setzt. Es lebt der „blinden" Befriedigung seiner Trieb- 
wünsdie und geht so häufig an dieser zugrunde. Die 
Differenzierung eines Ichs ist vor allem ein Schritt 
zur Lebenserhaltung. Aus dem Untergang läßt sich 
zwar nichts lernen, aber wenn man ein Trauma 
glücklich bestanden hat, achtet man auf die Annähe- 
rung ähnlicher Sitationen und signalisiert die Gefahr 
durch eine verkürzte Wiederholung der beim Trauma 
erlebten Eindrücke, durch einen Angstaffekt. Diese 
Reaktion auf die Wahrnehmung der Gefahr leitet 
nun den Fluchtversuch ein, der so lange lebensrettend 
wirkt, bis man genug erstarkt ist, um dem Gefährlichen 
in der Außenwelt in aktiverer Weise, vielleicht sogar 
durch Aggression zu begegnen. 

„Das ist alles sehr weit weg von dem, was Sie 
versprochen haben." 

Sie ahnen nicht, wie nah ich der Erfüllung mei- 
nes Versprechens gekommen bin. Auch bei den Le- 
bewesen, die später eine leistungsfähige Ichorganisa- 
tion haben, ist dieses Ich zuerst in den Jahren der 
Kindheit schwächlich und vom Es wenig differenziert. 
Nun stellen Sie sich vor, was geschehen wird, wenn 
dieses machtlose Ich einen Triebanspruch aus dem 
Es erlebt, dem es bereits widerstehen möchte, weil 
es errät, daß dessen Befriedigung gefährlich ist, eine 
traumatische Situation, einen Zusammenstoß mit der 
Außenwelt heraufbeschwören würde, den es aber 
nicht beherrschen kann, weil es die Kraft dazu noch 



' 



Die Frage der Laienanalyse 39 



nicht besitzt. Das Ich behandelt dann die Triebgefahr, 
als ob es eine äußere Gefahr wäre, es unternimmt 
einen Fluchtversuch, zieht sich von diesem Anteil des 
Es zurück und überläßt ihn seinem Schicksal, nach- 
dem es ihm alle Beiträge, die es sonst zu den Trieb- 
regungen stellt, verweigert hat. Wir sagen, das Ich 
nimmt eine Verdrängung dieser Triebregungen 
vor. Das hat für den Augenblick den Erfolg, die Ge- 
fahr abzuwehren, aber man verwechselt nicht unge- 
straft das Innen und das Außen. Man kann nicht 
vor sich selbst davonlaufen. Bei der Verdrängung 
folgt das Ich dem Lustprinzip, welches es sonst zu 
korrigieren pflegt, es hat dafür den Schaden zu tra- 
gen. Dieser besteht darin, daß das Ich nun seinen 
Machtbereich dauernd eingeschränkt hat. Die ver- 
drängte Triebregung ist jetzt isoliert, sich selbst über- 
lassen, unzugänglich, aber auch unbeeinflußbar. Sie 
geht ihren eigenen Weg. Das Ich kann zumeist auch 
später, wenn es erstarkt ist, die Verdrängung nicht 
mehr aufheben, seine Synthese ist gestört, ein Teil 
des Es bleibt für das Ich verbotener Grund. Die iso- 
lierte Triebregung bleibt aber auch nicht müßig, sie 
weiß sich dafür, daß ihr die normale Befriedigung 
versagt ist, zu entschädigen, erzeugt psychische Ab- 
kömmlinge, die sie vertreten, setzt sich mit anderen 
Vorgängen in Verknüpfung, die sie durch ihren Ein- 
fluß gleichfalls dem Ich entreißt, und bricht endlich 
in einer unkenntlich entstellten Ersatzbildung ins Ich 



40 Sigm. Freud 



und zum Bewußtsein durch, schafft das, was man 
ein Symptom nennt. Mit einem Male sehen wir den 
Sachverhalt einer nervösen Störung vor uns: ein Ich, 
das in seiner Synthese gehemmt ist, das auf Teile 
des Es keinen Einfluß hat, das auf manche seiner 
Tätigkeiten verzichten muß, um einen neuerlichen 
Zusammenstoß mit dem Verdrängten zu vermeiden, 
das sich in meist vergeblichen Abwehraktionen gegen 
die Symptome, die Abkömmlinge der verdrängten 
Regungen, erschöpft, und ein Es, in dem sich einzelne 
Triebe selbständig gemacht haben, ohne Rücksicht 
auf die Interessen der Gesamtperson ihre Ziele ver- 
folgen und nur mehr den Gesetzen der primitiven 
Psychologie gehorchen, die in den Tiefen des Es ge- 
bietet. Übersehen wir die ganze Situation, so erweist 
sich uns als einfache Formel für die Entstehung der 
Neurose, daß das Ich den Versuch gemacht hat, ge- 
wisse Anteile des Es in ungeeigneter Weise 
zu unterdrücken, daß dies mißlungen ist und das Es 
dafür seine Rache genommen hat. Die Neurose ist 
also die Folge eines Konflikts zwischen Ich und Es, 
in den das Ich eintritt, weil es, wie eingehende Un- 
tersuchung zeigt, durchaus an seiner Gefügigkeit ge- 
gen die reale Außenwelt festhalten will. Der Gegen- 
satz läuft zwischen Außenwelt und Es, und weil das 
Ich, seinem innersten Wesen getreu, für die Außen- 
welt Partei nimmt, gerät es in Konflikt mit seinem 
Es. Beachten Sie aber wohl, nicht die Tatsache dieses 



Die Frage der Laienanalyse 



41 



Konflikts schafft die Bedingung des Krankseins, - denn 
soldie Gegensätze zwischen Realität und Es sind un- 
vermeidlich und das Ich führt unter seinen beständi- 
gen Aufgaben, in ihnen zu vermitteln, - sondern der 
Umstand, daß das Ich sich zur Erledigung des Kon- 
flikts des unzureichenden Mittels der Verdrängung 
bedient hat. Dies hat aber selbst seinen Grund da- 
rin, daß das Ich zur Zeit, als sich ihm die Aufgabe 
stellte, unentwickelt und ohnmächtig war. Die ent- 
scheidenden Verdrängungen fallen ja alle in früher 
Kindheit vor. 

„Welch ein merkwürdiger Weg! Ich folge Ihrem 
Rat, nicht zu kritisieren, da Sie mir ja nur zeigen 
wollen, was die Psychoanalyse von der Entstehung 
der Neurose glaubt, um daran zu knüpfen, was sie 
zu ihrer Bekämpfung unternimmt. Ich hätte verschie- 
denes zu fragen, werde einiges auch später vorbrin- 
gen. Zunächst verspüre ich auch einmal die Versu- 
chung, auf Grund ihrer Gedankengänge weiter zu 
bauen und selbst eine Theorie zu wagen. Sie haben 
die Relation Außenwelt-Ich-Es entwickelt und als 
die Bedingung^ der Neurose hingestellt, daß das Ich in 
seiner Abhängigkeit von der Außenwelt das Es be- 
kämpft. Ist nicht auch der andere Fall denkbar, daß 
das Ich in einem solchen Konflikt sich vom Es fort- 
reißen läßt und seine Rüdssicht auf die Außenwelt 
verleugnet? Was geschieht in einem solchen Falle? 
Nach meinen laienhaften Vorstellungen von der Na- 



42 Sigm. Freud 



tur einer Geisteskrankheit könnte diese Entscheidung 
des Ichs die Bedingung der Geisteskrankheit sein. 
Solch eine Abwendung von der Wirklichkeit scheint 
doch das Wesentliche an der Geisteskrankheit." 

Ja, daran habe ich selbst gedacht, und halte es 
sogar für zutreffend, wenngleich der Erweis dieser 
Vermutung eine Diskussion von recht komplizierten 
Verhältnissen erfordert. Neurose und Psychose sind 
offenbar innig verwandt und müssen sich doch in 
einem entscheidenden Punkt voneinander trennen. 
Dieser Punkt könnte wohl die Parteinahme des Ichs 
in einem solchen Konflikt sein. Das Es würde in bei- 
den Fällen seinen Charakter von blinder Unnachgie- 
bigkeit bewahren. 

„Nun setzen Sie fort. Welche Winke gibt ihre 
Theorie für die Behandlung der neurotischen Er- 
krankungen?" 

Unser therapeutisches Ziel ist jetzt leicht zu 
umschreiben. Wir wollen das Ich herstellen, es von 
seinen Einschränkungen befreien, ihm die Herrschaft 
über das Es wiedergeben, die es infolge seiner 
frühen Verdrängungen eingebüßt hat. Nur zu diesem 
Zweck machen wir die Analyse, unsere ganze Technik 
ist auf dieses Ziel gerichtet. Wir haben die vor- 
gefallenen Verdrängungen aufzusuchen und das Ich 
zu bewegen, sie nun mit unserer Hilfe zu korrigie- 
ren, die Konflikte besser als durch einen Fluchtver- 
such zu erledigen. Da diese Verdrängungen sehr 



r 



Die Frage der Laienanalys e 43 

frühen Kinderjahren angehören, führt uns auch die 
analytische Arbeit in diese Lebenszeit zurück. Den 
Weg zu den meist vergessenen Konfliktsituationen, 
die wir in der Erinnerung des Kranken wiederbele- 
ben wollen, weisen uns die Symptome, Träume und 
freien Einfälle des Kranken, die wir allerdings erst 
deuten, übersetzen müssen, da sie unter dem Ein- 
fluß der Psychologie des Es für unser Verständnis 
fremdartige Ausdrucksformen angenommen haben. 
Von den Einfällen, Gedanken und Erinnerungen, die 
uns der Patient nicht ohne inneres Sträuben mittei- 
len kann, dürfen wir annehmen, daß sie irgendwie 
mit dem Verdrängten zusammenhängen oder Ab- 
kömmlinge desselben sind. Indem wir den Kranken 
dazu antreiben, sich über seine Widerstände bei der 
Mitteilung hinauszusetzen, erziehen wir sein Ich da- 
zu, seine Neigung zu Fluchtversuchen zu überwinden 
und die Annäherung des Verdrängten zu vertragen. 
Am Ende, wenn es gelungen ist, die Situation der 
Verdrängung in seiner Erinnerung zu reproduzieren, 
wird seine Gefügigkeit glänzend belohnt. Der ganze 
Unterschied der Zeiten läuft zu seinen Gunsten, und 
das, wovor sein kindliches Ich erschreckt die Flucht 
ergriffen hatte, das erscheint dem erwachsenen und 
erstarkten Ich oft nur als Kinderspiel. 



IV 



„Alles, was Sie mir bisher erzählt haben, war Psycho- 
logie. Es klang oft befremdlich, spröde, dunkel, aber es 
war doch immer, wenn ich so sagen soll : reinlich. Nun 
habe ich zwar bisher sehr wenig von Ihrer Psycho- 
analyse gewußt, aber das Gerücht ist doch zu mir 
gedrungen, daß sie sich vorwiegend mit Dingen be- 
schäftigt, die auf dieses Prädikat keinen Anspruch 
haben. Es macht mir den Eindruck einer beab- 
sichtigten Zurückhaltung, daß Sie bisher nichts Ähn- 
liches berührt haben. Auch kann ich einen anderen 
Zweifel nicht unterdrücken. Die Neurosen sind doch, 
wie Sie selbst sagen, Störungen des Seelenlebens. 
Und so wichtige Dinge wie unsere Ethik, unser Gewissen, 
unsere Ideale, sollten bei diesen tiefgreifenden 
Störungen gar keine Rolle spielen?" 

Sie vermissen also in unseren bisherigen Bespre- 
chungen die Berücksichtigung des Niedrigsten wie des 
Höchsten. Das kommt aber daher, daß wir von den 
Inhalten des Seelenlebens überhaupt noch nicht 
gehandelt haben. Lassen Sie mich aber jetzt einmal 



Die Frage der Laienanalyse 



45 



selbst die Rolle des Unterbrechers spielen, der den 
Fortschritt der Unterredung aufhält. Ich habe Ihnen 
soviel Psychologie erzählt, weil ich wünschte, daß Sie 
den Eindruck empfangen, die analytische Arbeit sei 
ein Stück angewandter Psychologie, und zwar 
einer Psychologie, die außerhalb der Analyse nicht 
bekannt ist. Der Analytiker muß also vor allem diese 
Psychologie, die Tiefenpsychologie oder Psychologie 
des Unbewußten, gelernt haben, wenigstens soviel als 
heute davon bekannt ist. Wir werden das für unsere 
späteren Folgerungen brauchen. Aber jetzt, was 
meinten Sie mit der Anspielung auf die Reinlichkeit? 

„Nun, es wird allgemein erzählt, daß in den 
Analysen die intimsten - und garstigsten Angelegen- 
heiten des Geschlechtslebens mit allen Details zur 
Sprache kommen. Wenn das so ist, - aus Ihren psy- 
chologischen Auseinandersetzungen habe ich nicht 
entnehmen können, daß es so sein muß, - so wäre 
es ein starkes Argument dafür, solche Behandlungen 
nur Ärzten zu gestatten. Wie kann man daran 
denken, anderen Personen, deren Diskretion man 
nicht sicher ist, für deren Charakter man keine Bürg- 
schaft hat, so gefährliche Freiheiten einzuräumen?" 

Es ist wahr, die Ärzte genießen auf sexuellem 
Gebiet gewisse Vorrechte; sie dürfen ja auch die 
Genitalien inspizieren. Obwohl sie es im Orient nicht 
durften; auch manche Idealreformer - Sie wissen, 
wen ich meine - haben diese Vorrechte bekämpft. 



46 Sigm. Freud 






Aber Sie wollen zunächst wissen, ob es in der Analyse 
so ist und warum es so sein muß? - Ja, es ist so. 
Es muß aber so sein, erstens weil die Analyse 
überhaupt auf volle Aufrichtigkeit gebaut ist. Man 
behandelt in ihr z. B. Vermögensverhältnisse mit eben 
solcher Ausführlichkeit und Offenheit, sagt Dinge, die 
man jedem Mitbürger vorenthält, auch wenn er nicht 
Konkurrent oder Steuerbeamter ist. Daß diese Ver- 
pflichtung zur Aufrichtigkeit auch den Analytiker unter 
schwere moralische Verantwortlichkeit setzt, werde 
ich nicht bestreiten, sondern selbst energisch betonen. 
Zweitens muß es so sein, weil unter den Ursachen 
und Anlässen der nervösen Erkrankungen Momente 
des Geschlechtslebens eine überaus wichtige, eine 
überragende, vielleicht selbst eine spezifische Rolle 
spielen. Was kann die Analyse anderes tun, als sich 
ihrem Stoff, dem Material, das der Kranke bringt, an- 
zuschmiegen? Der Analytiker lockt den Patienten 
niemals auf das sexuelle Gebiet, er sagt ihm nicht 
voraus: es wird sich um die Intimitäten Aires 
Geschlechtslebens handeln! Er läßt ihn seine Mitteilun- 
gen beginnen, wo es ihm beliebt, und wartet ruhig ab, 
bis der Patient selbst die geschlechtlichen Dinge an- 
rührt. Ich pflegte meine Schüler immer zu mahnen: 
Unsere Gegner haben uns angekündigt, daß wir auf 
Fälle stoßen werden, bei denen das sexuelle Moment 
keine Rolle spielt; hüten wir uns davor, es in die 
Analyse einzuführen, verderben wir uns die Chance 



nicht, einen soldien Fall zu finden. Nun bis jetzt hat 
niemand von uns dieses Glück gehabt. 

Ich weiß natürlich, daß unsere Anerkennung der 
Sexualität - eingestandener oder uneingestandener 
Maßen - das stärkste Motiv für die Feindseligkeit 
der Anderen gegen die Analyse geworden ist. Kann 
uns das irre machen? Es zeigt uns nur, wie neurotisch 
unser ganzes Kulturleben ist, da sich die angeblich Nor- 
malen nicht viel anders benehmen als die Nervösen. 
Zur Zeit als in gelehrten Gesellschaften Deutschlands 
feierlich Gericht über die Psychoanalyse gehalten 
wurde, - heute ist es wesentlich stiller geworden, - 
beanspruchte ein Redner besondere Autorität, weil 
er nach seiner Mitteilung auch die Kranken sich 
äußern lasse. Offenbar in diagnostischer Absicht und 
um die Behauptungen der Analytiker zu prüfen. 
Aber, setzte er hinzu, wenn sie anfangen von sexuel- 
len Dingen zu reden, dann verschließe ich ihnen den 
Mund. Was denken Sie von einem solchen Beweis- 
verfahren? Die gelehrte Gesellschaft jubelte dem 
Redner Beifall zu, anstatt sich gebührender Weise 
für ihn zu schämen. Nur die triumphierende Sicher- 
heit, welche das Bewußtsein gemeinsamer Vorurteile 
verleiht, kann die logische Sorglosigkeit dieses Redners 
erklären. Jahre später haben einige meiner damaligen 
Schüler dem Bedürfnis nachgegeben, die menschliche 
Gesellschaft vom Joch der Sexualität, das ihr die 
Psychoanalyse auferlegen will, zu befreien. Der eine 



48 Sigm. Freud 



hat erklärt, das Sexuelle bedeute gar nidit die Sexuali- 
tät, sondern etwas anderes, Abstraktes, Mystisches; 
ein zweiter gar, das Sexualleben sei nur eines der 
Gebiete, auf dem der Mensch das ihn [treibende 
Bedürfnis nach Macht und Herrschaft betätigen wolle. 
Sie haben sehr viel Beifall gefunden, für die nächste 
Zeit wenigstens. 

„Da getraue ich mich aber doch einmal Partei zu 
nehmen. Es scheint mir sehr gewagt, zu behaupten, 
daß die Sexualität kein natürliches, ursprüngliches 
Bedürfnis der lebenden Wesen ist, sondern der Aus- 
druck für etwas anderes. Man braucht sich da nur 
an das Beispiel der Tiere zu halten." 

Das macht nichts. Es gibt keine, noch so absurde 
Mixtur, die die Gesellschaft nicht bereitwillig schlucken 
würde, wenn sie nur als Gegenmittel gegen die ge- 
fürchtete Übermacht der Sexualität ausgerufen wird. 

Ich gestehe Ihnen übrigens, daß mir die Ab- 
neigung, die Sie selbst verraten haben, dem sexuellen 
Moment eine so große Rolle in der Verursachung 
der Neurosen einzuräumen, mit Ihrer Aufgabe als 
Unparteüscher nicht gut verträglich scheint. Fürchten 
Sie nicht, daß Sie durch solche Antipathie in der 
Fällung eines gerechten Urteils gestört sein werden? 

„Es tut mir leid, daß Sie das sagen. Ihr Ver- 
trauen zu mir scheint erschüttert. Warum haben Sie 
dann nicht einen anderen zum Unparteiischen ge- 
wählt?" 



Die Frage der Laienanalyse 49 



r= 

Weil dieser andere auch nicht anders gedacht 
hätte als Sie. Wenn er aber von vorneherein bereit 
gewesen wäre, die Bedeutung des Geschlechtslebens 
anzuerkennen, so hätte alle Welt gerufen : Das ist 
ja kein Unparteiischer, das ist ja ein Anhänger von 
Ihnen. Nein, ich gebe die Erwartung keineswegs auf, 
Einfluß auf Ihre Meinungen zu gewinnen. Ich bekenne 
aber, dieser Fall liegt für mich anders als der vorhin 
behandelte. Bei den psychologischen Erörterungen 
mußte es mir gleich gelten, ob Sie mir Glauben schen- 
ken oder nicht, wenn Sie nur den Eindruck bekom- 
men, es handle sich um rein psychologische Probleme. 
Diesmal, bei der Frage der Sexualität, möchte ich 
doch, daß Sie der Einsicht zugänglich werden, Ihr 
stärkstes Motiv zum Widerspruch sei eben die mit- 
gebrachte Feindseligkeit, die Sie mit so vielen anderen 
teilen. 

„Es fehlt mir doch die Erfahrung, welche Ihnen 
eine so unerschütterliche Sicherheit geschaffen hat." 

Gut, ich darf jetzt in meiner Darstellung fortfahren. 
Das Geschlechtsleben ist nicht nur eine Pikanterie, 
sondern auch ein ernsthaftes wissenschaftliches Pro- 
blem. Es gab da viel Neues zu erfahren, viel Sonder- 
bares zu erklären. Ich sagte Ihnen schon, daß die 
Analyse bis in die frühen Kindheitsjahre des Patien- 
ten zurückgehen mußte, weil in diesen Zeiten und 
während der Schwäche des Ichs die entscheidenden 
Verdrängungen vorgefallen sind. In der Kindheit gibt 

Freud, Laienanalyse a 



5o Sigm. Freud 



es aber doch gewiß kein Geschlechtsleben, das hebt 
erst mit der Pubertätszeit an? Im Gegenteile, wir 
hatten die Entdeckung zu machen, daß die sexuellen 
Triebregungen das Leben von der Geburt an be- 
gleiten, und daß es gerade diese Triebe sind, zu 
deren Abwehr das infantile Ich die Verdrängungen 
vornimmt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen, nicht 
wahr, daß schon das kleine Kind sich gegen die Macht 
der Sexualität sträubt, wie später der Redner in 
der gelehrten Gesellschaft und noch später meine 
Schüler, die ihre eigenen Theorien aufstellen? Wie 
das zugeht? Die allgemeinste Auskunft wäre, daß 
unsere Kultur überhaupt auf Kosten der Sexualität 
aufgebaut wird, aber es ist viel anderes darüber zu 
sagen. 

Die Entdeckung der kindlichen Sexualität gehört 
zu jenen Funden, deren man sich zu schämen hat. 
Einige Kinderärzte haben immer darum gewußt, wie 
es scheint, auch einige Kinderpflegerinnen. Geistreiche 
Männer, die sich Kinderpsychologen heißen, haben 
dann in vorwurfsvollem Ton von einer „Entharmlosung 
der Kindheit" gesprochen. Immer wieder Sentimente 
an Stelle von Argumenten! In unseren politischen 
Körperschaften sind solche Vorkommnisse alltäglich. 
Irgendwer von der Opposition steht auf und denun- 
ziert eine Mißwirtschaft in der Verwaltung, Armee, 
Justiz und dergleichen. Darauf erklärt ein anderer, 
am liebsten einer von der Regierung, solche Konsta- 



Die Frage der Laienanalyse 51 

tierungen beleidigen das staadiche, militärische, dyna- 
stische oder gar das nationale Ehrgefühl. Sie seien 
also so gut wie nicht wahr. Diese Gefühle vertragen 
keine Beleidigung. 

Das Geschlechtsleben des Kindes ist natürlich ein 
anderes als das des Erwachsenen. Die Sexualfunktion 
macht von ihren Anfängen bis zu der uns so ver- 
trauten Endgestaltung eine komplizierte Entwicklung 
durch. Sie wächst aus zahlreichen Parüaltrieben mit 
besonderen Zielen zusammen, durchläuft mehrere 
Phasen der Organisation, bis sie sich endlich in den 
Dienst der Fortpflanzung stellt. Von den einzelnen 
Partialtrieben sind nicht alle für den Endausgang 
gleich brauchbar, sie müssen abgelenkt, umgemodelt, 
zum Teil unterdrückt werden. Eine so weidäufige Ent- 
wicklung wird nicht immer tadellos durchgemacht, es 
kommt zu Entwicklungshemmungen, partiellen Fixie- 
rungen auf frühen Entwicklungsstufen ; wo sich später 
der Ausübung der Sexualfunktion Hindernisse ent- 
gegenstellen, weicht das sexuelle Streben - die Libido, 
wie wir sagen - gern auf solche frühere Fixierungs- 
stellen zurück. Das Studium der kindlichen Sexualität 
und ihrer Umwandlungen bis zur Reife hat uns auch 
den Schlüssel zum Verständnis der sogenannten se- 
xuellen Perversionen gegeben, die man immer mit 
allen geforderten Anzeichen des Abscheus zu be- 
schreiben pflegte, deren Entstehung man aber nicht 
aufklären konnte. Das ganze Gebiet ist ungemein in- 



52 Sigm. Freud 



teressant, es hat nur für die Zwecke unserer Unter- 
redungen nicht viel Sinn, wenn ich Ihnen mehr davon 
erzähle. Man braucht, um sich hier zurechtzufinden, 
natürlich anatomische und physiologische Kenntnisse, 
die leider nicht sämtlich in der medizinischen Schule 
zu erwerben sind, aber eine Vertrautheit mit Kultur- 
geschichte und Mythologie ist ebenso unerläßlich. 

„Nach alledem kann ich mir vom Geschlechtsleben 
des Kindes doch keine Vorstellung machen." 

So will ich noch länger bei dem Thema verweilen ; 
es fällt mir ohnedies nicht leicht, mich davon loszu- 
reißen. Hören Sie, das Merkwürdigste am Geschlechts- 
leben des Kindes scheint mir, daß es seine ganze, 
sehr weitgehende Entwicklung in den ersten fünf 
Lebensjahren durchläuft; von da an bis zur Pubertät 
erstreckt sich die sogenannte Latenzzeit, in der - nor- 
maler Weise - die Sexualität keine Fortschritte macht, 
die sexuellen Strebungen im Gegenteil an Stärke 
nachlassen und vieles aufgegeben und vergessen wird, 
was das Kind schon geübt oder gewußt hatte. In 
dieser Lebensperiode, nachdem die Frühblüte des 
Geschlechtslebens abgewelkt ist, bilden sich jene Ein- 
stellungen des Ichs heraus, die wie Scham, Ekel, Mo- 
ralität dazu bestimmt sind, dem späteren Pubertäts- 
sturm standzuhalten und dem neu erwachenden se- 
xuellen Begehren die Bahnen zu weisen. Dieser so- 
genannte zweizeitige Ansatz des Sexual- 
lebens hat sehr viel mit der Entstehung der nervösen 



Die Frage der Laienanalyse 53 

Erkrankungen zu tun. Er scheint sich nur beim Men- 
schen zu finden, vielleicht ist er eine der Bedingungen 
des menschlichen Vorrechtes, neurotisch zu werden. Die 
Vorzeit des Geschlechtslebens ist vor der Psychoana- 
lyse ebenso übersehen worden, wie auf anderem Ge- 
biet der Hintergrund des bewußten Seelenlebens. Sie 
werden mit Recht vermuten, daß beide auch innig 
zusammengehören. 

Von den Inhalten, Äußerungen und Leistungen 
dieser Frühzeit der Sexualität wäre sehr viel zu be- 
richten, worauf die Erwartung nicht vorbereitet ist. 
Zum Beispiel : Sie werden gewiß erstaunt sein zu 
hören, daß sich das Knäblein so häufig davor äng- 
stigt, vom Vater aufgefressen zu werden. (Wundern 
Sie sich nicht auch, daß ich diese Angst unter die 
Äußerungen des Sexuallebens versetze?) Aber ich 
darf Sie an die mythologische Erzählung erinnern, 
die Sie vielleicht aus Ihren Schuljahren noch nicht 
vergessen haben, daß auch der Gott Kronos seine 
Kinder verschlingt. Wie sonderbar muß Ihnen dieser 
Mythus erschienen sein, als Sie zuerst von ihm hör- 
ten ! Aber ich glaube, wir haben uns alle damals nichts 
dabei gedacht. Heute können wir auch mancher Mär- 
chen gedenken, in denen ein fressendes Tier, wie der 
Wolf, auftritt, und werden in diesem eine Verkleidung 
des Vaters erkennen. Ich ergreife diese Gelegenheit, um 
Ihnen zu versichern, daß Mythologie und Märchen- 
welt überhaupt erst durch die Kenntnis des kindlichen 



Sexuallebens verständlich werden. Es ist das so ein 
Nebengewinn der analytischen Studien. 

Nicht minder groß wird Ihre Überraschung sein 
zu hören, daß das männliche Kind unter der Angst 
leidet, vom Vater seines Geschlechtsgliedes beraubt 
zu werden, so daß diese Kastrationsangst den stärk- 
sten Einfluß auf seine Charakterentwicklung und die 
Entscheidung seiner geschlechtlichen Richtung nimmt. 
Auch hier wird Ihnen die Mythologie Mut machen, der 
Psychoanalyse zu glauben. Derselbe Kronos, der 
seine Kinder verschlingt, hatte auch seinen Vater Ura- 
nos entmannt und ist dann zur Vergeltung von 
seinem durch die List der Mutter geretteten Sohn 
Zeus entmannt worden. Wenn Sie zur Annahme ge- 
neigt haben, daß alles, was die Psychoanalyse von 
der frühzeitigen Sexualität der Kinder erzählt, aus 
der wüsten Phantasie der Analytiker stammt, so 
geben Sie doch wenigstens zu, daß diese Phantasie 
dieselben Produktionen geschaffen hat wie die Phan- 
tasietätigkeit der primitiven Menschheit, von der 
Mythen und Märchen der Niederschlag sind. Die an- 
dere, freundlichere und wahrscheinlich auch zutreffen- 
dere Auffassung wäre, daß im Seelenleben des Kin- 
des noch heute dieselben archaischen Momente nach- 
weisbar sind, die einst in den Urzeiten der mensch- 
lichen Kultur allgemein geherrscht haben. Das Kind 
würde in seiner seelischen Entwicklung die Stammes- 
geschichte in abkürzender Weise wiederholen, wie 



Die Frage der Laienanalyse 55 

es die Embryologie längst für die körperliche Ent- 
wicklung erkannt hat. 

Ein weiterer Charakter der frühkindlidien Sexu- 
alität ist, daß das eigentlich weibliche Geschlechtsglied 
in ihr noch keine Rolle spielt - es ist für das Kind 
noch nicht entdeckt. Aller Akzent fällt auf das männ- 
liche Glied, alles Interesse richtet sich darauf, ob dies 
vorhanden ist oder nicht. Vom Geschlechtsleben des 
kleinen Mädchens wissen wir weniger als von dem 
des Knaben. Wir brauchen uns dieser Differenz nicht 
zu schämen ; ist doch auch das Geschlechtsleben des 
erwachsenen Weibes ein dark continent für die 
Psychologie. Aber wir haben erkannt, daß das Mäd- 
chen den Mangel eines dem männlichen gleichwertigen 
Geschlechtsgliedes schwer empfindet, sich darum für 
minderwertig hält, und daß dieser „Penisneid" einer 
ganzen Reihe charakteristisch weiblicher Reaktionen 
den Ursprung gibt. 

Dem Kind eigen ist es auch, daß die beiden ex- 
krementeilen Bedürfnisse mit sexuellem Interesse be- 
setzt sind. Die Erziehung setzt später eine scharfe 
Scheidung durch, die Praxis der Witze hebt sie wieder 
auf. Das mag uns unappetitlich scheinen, aber es 
braucht bekanntlich beim Kind eine ganze Zeit, bis 
sich der Ekel einstellt. Das haben auch die nicht ge- 
leugnet, die sonst für die seraphische Reinheit der 
Kinderseele eintreten. 

Keine andere Tatsache hat aber mehr Anspruch 






56 Sigm. Freud 



auf unsere Beachtung, als daß das Kind seine sexu- 
ellen Wünsche regelmäßig auf die ihm verwandt- 
schaftlich nächsten Personen richtet, also in erster 
Linie auf Vater und Mutter, in weiterer Folge auf 
seine Geschwister. Für den Knaben ist die Mutter das 
erste Liebesobjekt, für das Mädchen der Vater, so- 
weit nicht eine bisexuelle Anlage auch gleichzeitig die 
gegenteilige Einstellung begünstigt. Der andere Eltern- 
teil wird als störender Rivale empfunden und nicht 
selten mit starker Feindseligkeit bedacht. Verstehen 
Sie mich recht, ich will nicht sagen, daß das Kind sich 
nur jene Art von Zärtlichkeit vom bevorzugten Eltern- 
teil wünscht, in der wir Erwachsene so gern das 
Wesen der Eltern-Kind-Beziehung sehen. Nein, die 
Analyse läßt keinen Zweifel darüber, daß die Wünsche 
des Kindes über diese Zärtlichkeit hinaus alles an- 
streben, was wir als sinnliche Befriedigung begreifen, 
soweit eben das Vorstellungsvermögen des Kindes 
reicht. Es ist leicht zu verstehen, daß das Kind den 
wirklichen Sachverhalt der Vereinigung der Geschlech- 
ter niemals errät, es setzt dafür andere aus seinen 
Erfahrungen und Empfindungen abgeleitete Vor- 
stellungen ein. Gewöhnlich gipfeln seine Wünsche in 
der Absicht, ein Kind zu gebären oder - in unbe- 
stimmbarer Weise - zu zeugen. Von dem Wunsche, 
ein Kind zu gebären, schließt sich in seiner Un- 
wissenheit auch der Knabe nicht aus. Diesen ganzen 
seelischen Aufbau heißen wir nach der bekannten 



Die Frage der Laienanalyse 57 

griechischen Sage den Oedipuskomplex. Er soll 
normalerweise mit dem Ende der sexuellen Frühzeit 
verlassen, gründlich abgebaut und umgewandelt 
werden und die Ergebnisse dieser Verwandlung sind 
zu großen Leistungen im späteren Seelenleben be- 
stimmt. Aber es geschieht in der Regel nicht gründ- 
lich genug und die Pubertät ruft dann eine Wieder- 
belebung des Komplexes hervor, die schwere Folgen 
haben kann. 

Ich wundere mich, daß Sie noch schweigen. Das 
kann kaum Zustimmung bedeuten. - Wenn die Ana- 
lyse behauptet, die erste Objektwahl des Kindes sei 
eine inzestuöse, um den technischen Namen zu 
gebrauchen, so hat sie gewiß wieder die heiligsten 
Gefühle der Menschheit gekränkt und darf auf das 
entsprechende Ausmaß von Unglauben, Widerspruch 
und Anklage gefaßt sein. Die sind ihr auch reichlich 
zuteil geworden. Nichts anderes hat ihr in der Gunst 
der Zeitgenossen mehr geschadet als die Aufstellung 
des Oedipuskomplexes als einer allgemein mensch- 
lichen, schicksalgebundenen Formation. Der griechische 
Mythus muß allerdings dasselbe gemeint haben, aber 
die Überzahl der heutigen Menschen, gelehrter wie 
ungelehrter, zieht es vor zu glauben, daß die Natur 
einen angeborenen Abscheu als Schutz gegen die 
Inzestmöglichkeit eingesetzt hat. 

Zunächst soll uns die Geschichte zu Hilfe kommen. 
Als C. Julius Caesar Ägypten betrat, fand er die ju- 



' 



Sigm. Freud 



gendliche Königin Kleopatra, die ihm bald so bedeu- 
tungsvoll werden sollte, vermählt mit ihrem noch 
jüngeren Bruder Ptolemäus. Das war in der ägyp- 
tischen Dynastie nichts Besonderes; die ursprünglich 
griechischen Ptolemäer hatten nur den Brauch fort- 
gesetzt, den seit einigen Jahrtausenden ihre Vor- 
gänger, die alten Pharaonen, geübt hatten. Aber das 
ist ja nur Geschwisterinzest, der noch in der Jetztzeit 
milder beurteilt wird. Wenden wir uns darum an 
unsere Kronzeugin für die Verhältnisse der Urzeit, 
die Mythologie. Sie hat uns zu berichten, daß die 
Mythen aller Völker, nicht nur der Griechen, über- 
reich sind an Iiebesbeziehungen zwischen Vater und 
Tochter und selbst Mutter und Sohn. Die Kosmologie 
wie die Genealogie der königlichen Geschlechter ist 
auf dem Inzest begründet. In welcher Absicht, meinen 
Sie, sind diese Dichtungen geschaffen worden? Um 
Götter und Könige als Verbrecher zu brandmarken, 
den Abscheu des Menschengeschlechts auf sie zu 
lenken? Eher doch, weil die Inzestwünsche uraltes 
menschliches Erbgut sind und niemals völlig über- 
wunden wurden, so daß man ihre Erfüllung den 
Göttern und ihren Abkömmlingen noch gönnte, als 
die Mehrheit der gewöhnlichen Menschenkinder be- 
reits darauf verzichten mußte. Im vollsten Einklang 
mit diesen Lehren der Geschichte und der Mythologie 
finden wir den Inzestwunsch in der Kindheit des Ein- 
zelnen noch heute vorhanden und wirksam. 



Die Frage der Laienanalyse 59 

„Ich könnte es Ihnen übelnehmen, daß Sie mir 
all das über die kindliche Sexualität vorenthalten 
wollten. Es scheint mir gerade wegen seiner 
Beziehungen zur menschlichen Urgeschichte sehr 
interessant." 

Ich fürchtete, es würde uns zu weit von unserer 
Absicht abführen. Aber vielleicht wird es doch seinen 
Vorteil haben. 

„Nun sagen Sie mir aber, welche Sicherheit haben 
Sie für Ihre analytischen Resultate über das Sexual- 
leben der Kinder zu geben? Ruht Ihre Überzeugung 
allein auf den Übereinstimmungen mit Mythologie 
und Historie?" 

Oh, keineswegs. Sie ruht auf unmittelbarer Beob- 
achtung. Es ging so zu: Wir hatten zunächst den In- 
halt der sexuellen Kindheit aus den Analysen Er- 
wachsener, also zwanzig bis vierzig Jahre später, er- 
schlossen. Später haben wir die Analysen an den 
Kindern selbst unternommen, und es war kein gerin- 
ger Triumph, als sich an ihnen alles so bestätigen 
ließ, wie wir es trotz der Überlagerungen und Ent- 
stellungen der Zwischenzeit erraten hatten. 

„Wie, Sie haben kleine Kinder in Analyse ge- 
nommen, Kinder im Alter vor sechs Jahren? Geht 
das überhaupt und ist es nicht für diese Kinder recht 
bedenklich?" 

Es geht sehr gut. Es ist kaum zu glauben, was 
in einem solchen Kind von vier bis fünf Jahren schon 






6o Sigm. Freud 



alles vorgeht. Die Kinder sind geistig sehr regsam in 
diesem Alter, die sexuelle Frühzeit ist für sie auch 
eine intellektuelle Blüteperiode. loh habe den Ein- 
druck, daß sie mit dem Eintritt in die Latenzzeit auch 
geistig gehemmt, dümmer, werden. Viele Kinder ver- 
lieren auch von da an ihren körperlichen Reiz. Und 
was den Schaden der Frühanalyse betrifft, so kann 
ich Ihnen berichten, daß das erste Kind, an dem dies 
Experiment vor nahezu zwanzig Jahren gewagt wurde, 
seither ein gesunder und leistungsfähiger junger Mann 
geworden ist, der seine Pubertät trotz schwerer psy- 
chischer Traumen klaglos durchgemacht hat. Den an- 
deren „Opfern" der Frühanalyse wird es hoffentlich 
nicht schlechter ergehen. An diese Kinderanalysen 
knüpfen sich mancherlei Interessen ; es ist möglich, daß 
sie in der Zukunft zu noch größerer Bedeutung kommen 
werden. Ihr Wert für die Theorie steht ja außer 
Frage. Sie geben unzweideutige Auskünfte über Fra- 
gen, die in den Analysen Erwachsener unentschieden 
bleiben, und schützen den Analytiker so vor Irrtümern, 
die für ihn folgenschwer wären. Man überrascht eben 
die Momente, welche die Neurose gestalten, bei ihrer 
Arbeit und kann sie nicht verkennen. Im Interesse 
des Kindes muß allerdings die analytische Beein- 
flussung mit erzieherischen Maßnahmen verquickt 
werden. Diese Technik harrt noch ihrer Ausgestal- 
tung. Ein praktisches Interesse wird aber durch die 
Beobachtung geweckt, daß eine sehr große Anzahl 



Die Frage der Laienanalyse 6l 



unserer Kinder in ihrer Entwicklung eine deutlich 
neurotische Phase durchmachen. Seitdem wir schärfer 
zu sehen verstehen, sind wir versucht zu sagen, die 
Kinderneurose sei nicht die Ausnahme, sondern die 
Regel, als ob sie sich auf dem Weg von der infan- 
tilen Anlage bis zur gesellschaftlichen Kultur kaum 
vermeiden ließe. In den meisten Fällen wird diese 
neurotische Anwandlung der Kinderjahre spontan 
überwunden ; ob sie nicht doch regelmäßig ihre 
Spuren auch beim durchschnittlich Gesunden hinter- 
läßt? Hingegen vermissen wir bei keinem der späte- 
ren Neurotiker die Anknüpfung an die kindliche Er- 
krankung, die ihrerzeit nicht sehr auffällig gewesen 
zu sein braucht. In ganz analoger Weise, glaube ich, 
behaupten heute die Internisten, daß jeder Mensch 
einmal in seiner Kindheit eine Erkrankung an Tuber- 
kulose durchgemacht hat. Für die Neurosen kommt 
allerdings der Gesichtspunkt der Impfung nicht in 
Betracht, nur der der Prädisposition. 

Ich will zu Ihrer Frage nach den Sicherheiten 
zurückkehren. Wir haben uns also ganz allgemein 
durch die direkte analytische Beobachtung der Kinder 
überzeugt, daß wir die Mitteilungen der Erwachsenen 
über ihre Kinderzeit richtig gedeutet hatten. In einer 
Reihe von Fällen ist uns aber noch eine andere Art 
der Bestätigung möglich geworden. Wir hatten aus 
dem Material der Analyse gewisse äußere Vorgänge, 
eindrucksvolle Ereignisse der Kinderjahre rekon- 

, 






62 Sigm. Freud 



struiert, von denen die bewußte Erinnerung der 
Kranken nichts bewahrt hatte, und glückliche Zufälle, 
Erkundigungen bei Eltern und Pflegepersonen haben 
uns dann den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß 
diese erschlossenen Begebenheiten sich wirklich so 
zugetragen hatten. Das gelang natürlich nicht sehr 
oft, aber wo es eintraf, machte es einen über- 
wältigenden Eindruck. Sie müssen wissen, die richtige 
Rekonstruktion solcher vergessenen Kindererlebnisse 
hat immer einen großen therapeutischen Effekt, ob sie 
nun eine objektive Bestätigung zulassen oder nicht. 
Ihre Bedeutung verdanken diese Begebenheiten na- 
türlich dem Umstand, daß sie so früh vorgefallen sind, zu 
einer Zeit, da sie auf das schwächliche Ich noch trau- 
matisch wirken konnten. 

„Um was für Ereignisse kann es sich da handeln, 
die man durch die Analyse aufzufinden hat?" 

Um Verschiedenartiges. In erster Linie um Ein- 
drücke, die imstande waren, das keimende Sexualleben 
des Kindes dauernd zu beeinflussen, wie Beobachtungen 
geschlechtlicher Vorgänge zwischen Erwachsenen 
oder eigene sexuelle Erfahrungen mit einem Er- 
wachsenen oder einem anderen Kind, — gar nicht so 
seltene Vorfälle, - des weiteren um Mitanhören von 
Gesprächen, die das Kind damals oder erst nachträglich 
verstand, aus denen es Aufschluß über geheimnis- 
volle oder unheimliche Dinge zu entnehmen glaubte, 
ferner Äußerungen und Handlungen des Kindes 



Die Frage der Laienanalyse 63 

selbst, die eine bedeutsame zärtliche oder feindselige 
Einstellung desselben gegen andere Personen be- 
weisen. Eine besondere Wichtigkeit hat es in der 
Analyse, die vergessene eigene Sexualbetätigung des 
Kindes erinnern zu lassen und dazu die Einmengung 
der Erwachsenen, welche derselben ein Ende setzte. 

„Das ist jetzt für mich der Anlaß, eine Frage 
vorzubringen, die ich längst stellen wollte. Worin be- 
steht also die ,Sexualbetätigung' des Kindes während 
dieser Frühzeit, die man, wie Sie sagen, vor der Zeit 
der Analyse übersehen hatte?" 

Das Regelmäßige und Wesentliche an dieser 
Sexualbetätigung hatte man merkwürdigerweise doch 
nicht übersehen ; das heißt, es ist gar nicht merk- 
würdig, es war eben nicht zu übersehen. Die sexu- 
ellen Regungen des Kindes finden ihren hauptsäch- 
lichsten Ausdruck in der Selbstbefriedigung durch 
Reizung der eigenen Genitalien, in Wirklichkeit des 
männlichen Anteils derselben. Die außerordentliche 
Verbreitung dieser kindlichen „Unart" war den Er- 
wachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere 
Sünde betrachtet und strenge verfolgt. Wie man diese 
Beobachtung von den unsittlichen Neigungen der 
Kinder - denn die Kinder tun dies, wie sie selbst 
sagen, weil es ihnen Vergnügen macht - mit der 
Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinn- 
lichkeit vereinigen konnte, danach fragen Sie mich 
nicht. Dieses Rätsel lassen Sie sich von der Gegen- 






64 Sigm. Freud 



seite aufklären. Für uns stellt sich ein wichtigeres 
Problem her. Wie soll man sich gegen die Sexual- 
betätigung der frühen Kindheit verhalten? Man 
kennt die Verantwortlichkeit, die man durch ihre 
Unterdrückung auf sich nimmt, und getraut sich 
doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren zu lassen. 
Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren 
Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der 
Kinder freigegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich 
ein starker Schutz gegen die spätere Erkrankung an 
individuellen Neurosen erzielt worden, aber nicht 
auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an 
der Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches 
spricht dafür, daß wir hier vor einer neuen Scylla 
und Charybdis stehen. 

Ob aber die Interessen, die durch das Studium 
des Sexuallebens bei den Neurotikern angeregt 
werden, eine für die Erweckung der Lüsternheit gün- 
stige Atmosphäre schaffen, getraue ich mich doch 
Ihrem eigenen Urteil zu überlassen. 



J 



r 



v 



„Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen. Sie wollen 
mir zeigen, was für Kenntnisse man für die Ausübung 
der Analyse braucht, damit ich urteilen kann, ob der 
Arzt allein zu ihr berechtigt sein soll. Nun, bisher ist 
wenig Ärztliches vorgekommen, viel Psychologie und 
ein Stück Biologie oder Sexualwissenschaft. Aber viel- 
leicht haben wir noch nicht das Ende gesehen?" 

Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken auszu- 
füllen. Darf ich Sie um etwas bitten? Wollen Sie mir 
schildern, wie Sie sich jetzt eine analytische Behand- 
lung vorstellen? So, als ob Sie sie selbst vorzu- 
nehmen hätten? 

„Nun, das kann gut werden. Ich habe wirklich 
nicht die Absicht, unsere Streitfrage durch ein solches 
Experiment zu entscheiden. Aber ich will Ihnen den 
Gefallen tun, die Verantwortlichkeit fiele ja auf Sie. 
Also ich nehme an, der Kranke kommt zu mir und 
beklagt sich über seine Beschwerden. Ich verspreche 
ihm Heilung oder Besserung, wenn er meinen An- 
weisungen folgen will. Ich fordere ihn auf, mir in 

Freud, Laienanalyse c 






66 Sigm. Freud 



vollster Aufrichtigkeit alles zu sagen, was er weiß 
und was ihm einfällt, und sich von diesem Vorsatz 
nicht abhalten zu lassen, auch wenn manches ihm 
zu sagen unangenehm sein sollte. Habe ich mir diese 
Regel gut gemerkt?" 

Ja, Sie sollten noch hinzufügen, auch wenn er 
meint, daß das, was ihm einfällt, unwichtig oder un- 
sinnig ist. 

„Auch das. Dann beginnt er zu erzählen und ich 
höre zu. Ja und dann? Aus seinen Mitteilungen er- 
rate ich, was er für Eindrücke, Erlebnisse, Wunsch- 
regungen verdrängt hat, weil sie ihm zu emer Zeit 
entgegengetreten sind, als sein Ich noch schwach war 
und sich vor ihnen fürchtete, anstatt sich mit ihnen 
abzugeben. Wenn er das von mir erfahren hat, ver- 
setzt er sich in die Situationen von damals und macht 
es jetzt mit meiner Hilfe besser. Dann verschwinden 
die Einschränkungen, zu denen sein Ich genötigt war, 
und er ist hergestellt. Ist es so recht?" 

Bravo, bravo! Ich sehe, man wird mir wieder 
den Vorwurf machen können, daß ich einen Nichtarzt 
zum Analytiker ausgebildet habe. Sie haben sich das 
sehr gut zu eigen gemacht. 

„Ich habe nur wiederholt, was ich von Ihnen ge- 
hört habe, wie wenn man etwas Auswendiggelerntes 
hersagt. Ich kann mir ja doch nicht vorstellen, wie 
ich's machen würde, und verstehe gar nicht, warum 
eine solche Arbeit soviele Monate hindurch täglich 



Die Frage der Laienanalyse 67 



eine Stunde brauchen sollte. Ein gewöhnlicher Mensch 
hat doch in der Regel nicht soviel erlebt, und was 
in der Kindheit verdrängt wird, das ist doch wahr- 
scheinlich in allen Fällen das nämliche.'' 

Man lernt noch allerlei bei der wirklichen Aus- 
übung der Analyse. Zum Beispiel: Sie würden es 
gar nicht so einfach finden, aus den Mitteilungen, die 
der Patient macht, auf die Erlebnisse zu schließen, 
die er vergessen, die Triebregungen, die er ver- 
drängt hat. Er sagt Ihnen irgend etwas, was zunächst 
für Sie ebensowenig Sinn hat wie für ihn. Sie werden 
sich entschließen müssen, das Material, das Ihnen der 
Analysierte im Gehorsam gegen die Regel liefert, in 
einer ganz besonderen Weise aufzufassen. Etwa wie 
ein Erz, dem der Gehalt an wertvollem Metall durch 
bestimmte Prozesse abzugewinnen ist. Sie sind dann 
auch vorbereitet, viele Tonnen Erz zu verarbeiten, 
die vielleicht nur wenig von dem gesuchten kostbaren 
Stoff enthalten. Hier wäre die erste Begründung für 
die Weitläufigkeit der Kur. 

„Wie verarbeitet man aber diesen Rohstoff, um 
in Ihrem Gleichnis zu bleiben?" 

Indem man annimmt, daß die Mitteilungen und 
Einfälle des Kranken nur Entstellungen des Ge- 
suchten sind, gleichsam Anspielungen, aus denen Sie 
zu erraten haben, was sich dahinter verbirgt. Mit 
einem Wort, Sie müssen dieses Material, seien es Er- 
innerungen, Einfälle oder Träume, erst deuten. Das 



geschieht natürlidi mit Hinblick auf die Erwartungen, 
die sich in Ihnen dank Ihrer Sachkenntnis, während 
Sie zuhörten, gebildet haben. 

„Deuten! Das ist ein garstiges Wort. Das höre 
ich nicht gerne, damit bringen Sie mich um alle Sicher- 
heit. Wenn alles von meiner Deutung abhängt, wer steht 
mir dafür ein, daß ich richtig deute? Dann ist doch 
alles meiner Willkür überlassen." 

Gemach, es steht nicht so schlimm. Warum 
wollen Sie Ihre eigenen seelischen Vorgänge von der 
Gesetzmäßigkeit ausnehmen, die Sie für die des an- 
deren anerkennen? Wenn Sie eine gewisse Selbst- 
zucht gewonnen haben und über bestimmte Kennt- 
nisse verfügen, werden Ihre Deutungen von Ihren 
persönlichen Eigenheiten unbeeinflußt sein und das 
Richtige treffen. Ich sage nicht, daß für diesen 
Teil der Aufgabe die Persönlichkeit des Analytikers 
gleichgiltig ist. Es kommt eine gewisse Feinhörigkeit 
für das unbewußte Verdrängte in Betracht, von der 
nicht jeder das gleiche Maß besitzt Und vor allem 
knüpft hier die Verpflichtung für den Analytiker an, 
sich durch tiefreichende eigene Analyse für die vor- 
urteilslose Aufnahme des analytischen Materials taug- 
lich zu machen. Eines bleibt freilich übrig, was der 
„persönlichen Gleichung'' bei astronomischen Beob- 
achtungen gleichzusetzen ist; dies individuelle Mo- 
ment wird in der Psychoanalyse immer eine größere 
Rolle spielen als anderswo. Ein abnormer Mensch 



Die Frage der Laienanalyse 69 

mag ein korrekter Physiker werden können, als Ana- 
lytiker wird er durch seine eigene Abnormität be- 
hindert sein, die Bilder des seelischen Lebens ohne 
Verzerrung zu erfassen. Da man niemand seine Ab- 
normität beweisen kann, wird eine allgemeine Über- 
einstimmung in den Dingen der Tiefenpsychologie 
besonders schwer zu erreichen sein. Manche Psycho- 
logen meinen sogar, dies sei ganz aussichtslos und 
jeder Narr habe das gleiche Recht, seine Narrheit 
für Weisheit auszugeben. Ich bekenne, ich bin hierin 
optimistischer. Unsere Erfahrungen zeigen doch, daß 
auch in der Psychologie ziemlich befriedigende Über- 
einstimmungen zu erreichen sind. Jedes Forschungs- 
gebiet hat eben seine besondere Schwierigkeit, die 
zu eliminieren wir uns bemühen müssen. Übrigens ist 
auch in der Deutungskunst der Analyse manches 
wie ein anderer Wissensstoff zu erlernen, zum Bei- 
spiel, was mit der eigentümlichen indirekten Dar- 
stellung durch Symbole zusammenhängt. 

„Nun, ich habe keine Lust mehr, auch nur in 
Gedanken eine analytische Behandlung zu unter- 
nehmen. Wer weiß, was für Überraschungen da noch 
auf mich warten würden." 

Sie tun recht daran, eine solche Absicht aufzu- 
geben. Sie merken, wieviel Schulung und Übung noch 
erforderlich wäre. Wenn Sie die richtigen Deutungen 
gefunden haben, stellt sich eine neue Aufgabe her. 
Sie müssen den richtigen Moment abwarten, um dem 






1 



70 



Sigm. Freud 



Patienten Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg mit- 
zuteilen. 

„Woran erkennt man jedesmal den richtigen 
Moment?" 

Das ist Sache eines Takts, der durch Erfahrung 
sehr verfeinert werden kann. Sie begehen einen 
schweren Fehler, wenn Sie etwa im Bestreben, die 
Analyse zu verkürzen, dem Patienten Ihre Deu- 
tungen an den Kopf werfen, sobald Sie sie gefunden 
haben. Sie erzielen damit bei ihm Äußerungen von 
Widerstand, Ablehnung, Entrüstung, erreichen es 
aber nicht, daß sein Ich sich des Verdrängten be- 
mächtigt. Die Vorschrift ist, zu warten, bis er sich 
diesem soweit angenähert hat, daß er unter der An- 
leitung Ihres Deutungsvorschlages nur noch wenige 
Schritte zu machen braucht. 

„Ich glaube, das würde ich nie erlernen. Und 
wenn ich diese Vorsichten bei der Deutung befolgt 
habe, was dann?" 

Dann ist es Ihnen bestimmt, eine Entdeckung 
zu machen, auf die Sie nicht vorbereitet sind. 

„Die wäre?" 

Daß Sie sich in Ihrem Patienten getäuscht haben, 
daß Sie gar nicht auf seine Mithilfe und Gefügigkeit 
rechnen dürfen, daß er bereit ist, der gemeinsamen 
Arbeit alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg zu 
legen, mit einem Wort: daß er überhaupt nicht 
gesund werden will. 



Die Frage der Laienanalyse 71 

„Nein, das ist das Tollste, das Sie mir bisher er- 
zählt haben! Ich glaube es auch nicht. Der Kranke, 
der so schwer leidet, der so ergreifend über seine 
Beschwerden klagt, der so große Opfer für die Be- 
handlung bringt, der soll nicht gesund werden wollen ! 
Sie meinen es auch gewiß nicht so." 

Fassen Sie sich, ich meine es. Was ich sagte, ist 
die Wahrheit, nicht die ganze freilich, aber ein sehr 
beachtenswertes Stück derselben. Der Kranke will 
allerdings gesund werden, aber er will es auch nicht. 
Sein Ich hat seine Einheit verloren, darum bringt er 
auch keinen einheitlichen Willen auf. Er wäre kein 
Neurotiker, wenn er anders wäre. 

„War' ich besonnen, hieß ich nicht der Teil." 

Die Abkömmlinge des Verdrängten sind in sein Ich 
durchgebrochen, behaupten sich darin, und über die 
Strebungen dieser Herkunft hat das Ich so wenig Herr- 
schaft wie über das Verdrängte selbst, weiß auch für 
gewöhnlich nichts von ihnen. Diese Kranken sind 
eben von einer besonderen Art und machen Schwie- 
rigkeiten, mit denen wir nicht zu rechnen gewohnt sind. 
Alle unsere sozialen Institutionen sind auf Personen 
mit einheitlichem, normalem Ich zugeschnitten, das man 
als gut oder böse klassifizieren kann, das entweder 
seine Funktion versieht oder durch einen übermäch- 
tigen Einfluß ausgeschaltet ist. Daher die gerichtliche 
Alternative: verantwortlich oder unverantwortlich. 
Auf die Neurotiker passen alle diese Entscheidungen 



72 



Sigm. Freud 



nicht. Man muß gestehen, es ist schwer, die sozialen 
Anforderungen ihrem psychologischen Zustand anzu- 
passen. Im großen Maßstab hat man das im letzten 
Krieg erfahren. Waren die Neurotiker, die sich dem 
Dienst entzogen, Simulanten oder nicht? Sie waren 
beides. Wenn man sie wie Simulanten behandelte und 
ihnen das Kranksein recht unbehaglich machte, wur- 
den sie gesund ; wenn man die angeblich Hergestellten 
in den Dienst schickte, flüchteten sie prompt wieder 
in die Krankheit. Es war mit ihnen nichts anzufangen. 
Und das nämliche ist mit den Neurotikern des zivilen 
Lebens. Sie klagen über ihre Krankheit, aber sie 
nützen sie nach Kräften aus, und wenn man sie ihnen 
nehmen will, verteidigen sie sie wie die sprichwört- 
liche Löwin ihr Junges, ohne daß es einen Sinn hätte, 
ihnen aus diesem Widerspruch einen Vorwurf zu 
machen. 

„Aber, wäre es dann nicht das Beste, wenn man diese 
schwierigen Leute gar nicht behandelte, sondern sich 
selbst überließe ? Ich kann nicht glauben, daß es der 
Mühe lohnt, auf jeden einzelnen dieser Kranken so 
viel Anstrengung zu verwenden, wie ich nach Ihren 
Andeutungen annehmen muß." 

Ich kann Ihren Vorschlag nicht gutheißen. Es ist 
gewiß richtiger, die Komplikationen des Lebens zu 
akzeptieren, anstatt sich gegen sie zu sträuben. Nicht 
jeder der Neurotiker, den wir behandeln, mag des 
Aufwandes der Analyse würdig sein, aber es sind 



Die Frage der Laienanalyse 73 



doch audi sehr wertvolle Personen unter ihnen. Wir 
müssen uns das Ziel setzen, zu erreichen, daß möglichst 
wenig menschliche Individuen mit so mangelhafter see- 
lischer Ausrüstung dem Kulturleben entgegentreten, 
und darum müssen wir viel Erfahrungen sammeln, 
viel verstehen lernen. Jede Analyse kann instruktiv 
sein, uns Gewinn an neuen Aufklärungen bringen, 
ganz abgesehen vom persönlichen Wert der einzelnen 
Kranken. 

„Wenn sich aber im Ich des Kranken eine Wil- 
lensregung gebildet hat, welche die Krankheit behalten 
will, so muß sich diese auch auf Gründe und Motive 
berufen, sich durch etwas rechtfertigen können. Es ist 
aber gar nicht einzusehen, wozu ein Mensch krank 
sein wollte, was er davon hat." 

Oh doch, das liegt nicht so ferne. Denken Sie an 
die Kriegsneurotiker, die eben keinen Dienst zu lei- 
sten brauchen, weil sie krank sind. Im bürgerlichen 
Leben kann die Krankheit als Schutz gebraucht wer- 
den, um seine Unzulänglichkeit im Beruf und in der 
Konkurrenz mit anderen zu beschönigen, in der Fa- 
milie als Mittel, um die anderen zu Opfern und 
Liebesbeweisen zu zwingen oder ihnen seinen Willen 
aufzunötigen. Das liegt alles ziemlich oberflächlich, wir 
fassen es als „Krankheitsgewinn" zusammen ; merk- 
würdig ist nur, daß der Kranke, sein Ich, von der 
ganzen Verkettung solcher Motive mit seinen folge- 
richtigen Handlungen doch nichts weiß. Man bekämpft 



74 



Sigm. Freud 



den Einfluß dieser Strebungen, indem man das Ich 
nötigt, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Es gibt aber 
noch andere, tieferliegende Motive, am Kranksein 
festzuhalten, mit denen man nicht so leicht fertig 
wird. Ohne einen neuen Ausflug in die psychologi- 
sche Theorie kann man diese letzteren aber nicht 
verstehen. 

„Erzählen Sie nur weiter, auf ein bißchen Theorie 
mehr kommt es jetzt schon nicht an." 

Als ich Ihnen das Verhältnis von Ich und Es aus- 
einandersetzte, habe ich Ihnen ein wichtiges Stück 
der Lehre vom seelischen Apparat unterschlagen. Wir 
waren nämlich gezwungen anzunehmen, daß sich im 
Ich selbst eine besondere Instanz differenziert hat, 
die wir das Über-Ich heißen. Dieses Über-Ich hat eine 
besondere Stellung zwischen dem Ich und dem Es. Es 
gehört dem Ich an, teilt dessen hohe psychologische 
Organisation, steht aber in besonders inniger Bezie- 
hung zum Es. Es ist in Wirklichkeit der Niederschlag 
der ersten Objektbesetzungen des Es, der Erbe des 
Ödipuskomplexes nach dessen Auflassung. Dieses 
Über-Ich kann sich dem Ich gegenüberstellen, es wie 
ein Objekt behandeln und behandelt es oft sehr 
hart. Es ist für das Ich ebenso wichtig, mit dem Über- 
Ich im Einvernehmen zu bleiben, wie mit dem Es. 
Entzweiungen zwischen Ich und Über-Ich haben eine 
große Bedeutung für das Seelenleben. Sie erraten 
schon, daß das Über-Ich der Träger jenes Phänomens 



Die Frage der Laienanalyse 



75 



ist, das wir Gewissen heißen. Für die seelische Ge- 
sundheit kommt sehr viel darauf an, daß das Über- 
ich normal ausgebildet, das heißt genügend unper- 
sönlich geworden sei. Gerade das ist beim Neurotiker, 
dessen Ödipuskomplex nicht die richtige Umwandlung 
erfahren hat, nicht der Fall. Sein Über-Ich steht dem 
Ich noch immer gegenüber wie der strenge Vater dem 
Kind, und seine Moralität betätigt sich in primitiver 
Weise darin, daß sich das Ich vom Über-Ich bestrafen 
läßt. Die Krankheit wird als Mittel dieser „Selbstbe- 
strafung" verwendet, der Neurotiker muß sich so be- 
nehmen, als beherrschte ihn ein Schuldgefühl, welches 
zu seiner Befriedigung der Krankheit als Strafe be- 
darf. 

»Das klingt wirklich sehr geheimnisvoll. Das 
Merkwürdigste daran ist, daß dem Kranken auch 
diese Macht seines Gewissens nicht zum Bewußtsein 
kommen soll.'' 

Ja, wir fangen erst an, die Bedeutung all dieser 
wichtigen Verhältnisse zu würdigen. Deshalb mußte 
meine Darstellung so dunkel geraten. Ich kann nun 
fortsetzen. Wir heißen alle die Kräfte, die sich der 
Genesungsarbeit widersetzen, die „Widerstände" des 
Kranken. Der Krankheitsgewinn ist die Quelle eines 
solchen Widerstandes, das „unbewußte Schuldgefühl" 
repräsentiert den Widerstand des Über-Ichs, es ist 
der mächtigste und von uns gefürchtetste Faktor. Wir 
treffen in der Kur noch mit anderen Widerständen 



zusammen. Wenn das Ich in der Frühzeit aus Angst 
eine Verdrängung vorgenommen hat, so besteht diese 
Angst noch fort und äußert sich nun als ein Wider- 
stand, wenn das Ich an das Verdrängte herangehen 
soll. Endlich kann man sich vorstellen, daß es nicht 
ohne Schwierigkeiten abgeht, wenn ein Triebvorgang, 
der durch Dezennien einen bestimmten Weg gegan- 
gen ist, plötzlich den neuen Weg gehen soll, den man 
ihm eröffnet hat. Das könnte man den Widerstand des 
Es heißen. Der Kampf gegen alle diese Widerstände 
ist unsere Hauptarbeit während der analytischen Kur, 
die Aufgabe der Deutungen verschwindet dagegen. 
Durch diesen Kampf und die Überwindung der Wi- 
derstände wird aber auch das Ich des Kranken so 
verändert und gestärkt, daß wir seinem zukünftigen 
Verhalten nach Beendigung der Kur mit Ruhe ent- 
gegensehen dürfen. Anderseits verstehen Sie jetzt, 
wozu wir die lange Behandlungsdauer brauchen. Die 
Länge des Entwicklungsweges und die Reichhaltigkeit 
des t Materials sind nicht das Entscheidende. Es kommt 
mehr darauf an, ob der Weg frei ist. Auf einer 
Strecke, die man in Friedenszeiten in ein paar Eisen- 
bahnstunden durchfliegt, kann eine Armee wochenlang 
aufgehalten sein, wenn sie dort den Widerstand des 
Feindes zu überwinden hat. Solche Kämpfe verbrau- 
chen Zeit auch im seelischen Leben. Ich muß leider 
konstatieren, alle Bemühungen, die analytische Kur 
ausgiebig zu beschleunigen, sind bisher gescheitert. Der 



Die Frage der Laienanalyse 



77 



beste Weg zu ihrer Abkürzung sdieint ihre korrekte 
Durchführung zu sein. 

„Wenn ich je Lust verspürt hätte, Ihnen ins 
Handwerk zu pfuschen und selbst eine Analyse an 
einem anderen zu versuchen, Ihre Mitteilungen über 
die Widerstände würden mich davon geheilt haben. 
Aber wie steht es mit dem besonderen persönlichen 
Einfluß, den Sie doch zugestanden haben? Kommt 
der nicht gegen die Widerstände auf?" 

Es ist gut, daß Sie jetzt danach fragen. Dieser 
persönliche Einfluß ist unsere stärkste dynamische 
Waffe, er ist dasjenige, was wir neu in die Situation 
einführen und wodurch wir sie in Fluß bringen. Der 
intellektuelle Gehalt unserer Aufklärungen kann das 
nicht leisten, denn der Kranke, der alle Vorurteile 
der Umwelt teilt, brauchte uns so wenig zu glauben 
wie unsere wissenschaftlichen Kritiker. Der Neurotiker 
macht sich an die Arbeit, weil er dem Analytiker 
Glauben schenkt, und er glaubt ihm, weil er eine 
besondere Gefühlseinstellung zu der Person des Ana- 
lytikers gewinnt. Auch das Kind glaubt nur jenen 
Menschen, denen es anhängt. Ich sagte Ihnen schon, 
wozu wir diesen besonders großen „suggestiven" Ein- 
fluß verwenden. Nicht zur Unterdrückung der Sym- 
ptome, - das unterscheidet die analytische Methode 
von anderen Verfahren der Psychotherapie, - sondern 
als Triebkraft, um das Ich des Kranken zur Über- 
windung seiner Widerstände zu veranlassen. 



78 Sigm. Freud 



„Nun, und wenn das gelingt, geht dann nicht 
alles glatt?" 

Ja, es sollte. Aber es stellt sich eine unerwartete 
Komplikation heraus. Es war vielleicht die größte 
Überraschung für den Analytiker, daß die Gefühls- 
beziehung, die der Kranke zu ihm annimmt, von 
einer ganz eigentümlichen Natur ist. Schon der erste 
Arzt, der eine Analyse versuchte, - es war nicht ich, 
- ist auf dieses Phänomen gestoßen - und an ihm 
irre geworden. Diese Gefühlsbeziehung ist nämlich - 
um es klar herauszusagen - von der Natur einer Ver- 
liebheit. Merkwürdig, nidit wahr ? Wenn Sie überdies 
in Betracht ziehen, daß der Analytiker nichts dazu 
tut, sie zu provozieren, daß er im Gegenteil sich eher 
menschlich vom Patienten fernhält, seine eigene Per- 
son mit einer gewissen Reserve umgibt. Und wenn 
Sie ferner erfahren, daß diese sonderbare Liebesbe- 
ziehung von allen anderen realen Begünstigungen 
absieht, sich über alle Variationen der persönlichen 
Anziehung, des Alters, Geschlechts und Standes hinaus- 
setzt. Diese Liebe ist direkt zwangsläufig. Nicht, 
daß dieser Charakter der spontanen Verliebtheit 
sonst fremd bleiben müßte. Sie wissen, das Gegenteil 
kommt oft genug vor, aber in der analytischen Si- 
tuation stellt er sich ganz regelmäßig her, ohne doch 
in ihr eine rationelle Erklärung zu finden. Man sollte 
meinen, aus dem Verhältnis des Patienten zum Ana- 
lytiker brauchte sich für den ersteren nicht mehr zu 



Die Frage der Laienanalyse 79 



ergeben als ein gewisses Maß von Respekt, Zutrauen 
Dankbarkeit und menschlicher Sympathie. Anstatt 
dessen diese Verliebtheit, die selbst den Eindruck 
einer krankhaften Erscheinung macht. 

„Nun ich sollte meinen, das ist doch für Ihre 
analytischen Absichten günstig. Wenn man liebt, so 
ist man gefügig und tut dem anderen Teil alles 
mögliche zu Liebe." 

Ja, zu Anfang ist es auch gunstig, aber später- 
hin, wenn sich diese Verliebtheit vertieft hat, kommt 
ihre ganze Natur zum Vorschein, an der vieles mit 
der Aufgabe der Analyse unverträglich ist. Die Liebe 
des Patienten begnügt sich nicht damit zu gehorchen, 
sie wird anspruchsvoll, verlangt zärtliche und sinn- 
liche Befriedigungen, fordert Ausschließlichkeit, ent- 
wickelt Eifersucht, zeigt immer deutlicher ihre Kehr- 
seite, die Bereitschaft zu Feindseligkeit und Rachsucht, 
wenn sie ihre Absichten nicht erreichen kann. Gleich- 
zeitig drängt sie, wie jede Verliebtheit, alle anderen 
seelischen Inhalte zurück, sie löscht das Interesse an 
der Kur und an der Genesung aus, kurz, wir können 
nicht daran zweifeln, sie hat sich an die Stelle der 
Neurose gesetzt und unsere Arbeit hat den Erfolg 
gehabt, eine Form des Krankseins durch eine andere 
zu vertreiben. 

„Das klingt nun trostlos. Was macht man da? 
Man sollte die Analyse aufgeben, aber da, wie Sie 
sagen, ein solcher Erfolg in jedem Fall eintritt, so 



80 Sigm. Freud 



könnte man ja überhaupt keine Analyse durch- 
führen." 

Wir wollen zuerst die Situation ausnützen, um 
aus ihr zu lernen. Was wir so gewonnen haben, kann 
uns dann helfen, sie zu beherrschen. Ist es nicht 
höchst beachtenswert, daß es uns gelingt, eine Neu- 
rose mit beliebigem Inhalt in einen Zustand von 
krankhafter Verliebtheit zu verwandeln? 

Unsere Überzeugung, daß der Neurose ein Stück 
abnorm verwendeten Liebeslebens zugrunde liegt, 
muß doch durch diese Erfahrung unerschütterlich be- 
festigt werden. Mit dieser Einsicht fassen wir wieder 
festen Fuß, wir getrauen uns nun, diese Verliebtheit 
selbst zum Objekt der Analyse zu nehmen. Wir 
machen auch eine andere Beobachtung. Nicht in allen 
Fällen äußert sich die analytische Verliebtheit so 
klar und so grell, wie ich's zu schildern versuchte. 
Warum aber geschieht das nicht? Man sieht es bald 
ein. In dem Maß, als die vollsinnlichen und die 
feindseligen Seiten seiner Verliebtheit sich zeigen 
wollen, erwacht auch das Widerstreben des Patienten 
gegen dieselben. Er kämpft mit ihnen, sucht sie zu 
verdrängen, unter unseren Augen. Und nun ver- 
stehen wir den Vorgang. Der Patient wiederholt 
in der Form der Verliebtheit in den Analytiker 
seelische Erlebnisse, die er bereits früher einmal 
durchgemacht hat, — er hat seelische Einstellungen, 
die in ihm bereit lagen und mit der Entstehung 



Die Frage der Laienanalyse 81 

seiner Neurose innig verknüpft waren, auf den Ana- 
lytiker übertragen. Er wiederholt auch seine 
damaligen Abwehraktionen vor unseren Augen, 
möchte am liebsten alle Schicksale jener vergessenen 
Lebensperiode in seinem Verhältnis zum Analytiker 
wiederholen. Was er uns zeigt, ist also der Kern 
seiner intimen Lebensgeschichte, er reproduziert 
ihn greifbar, wie gegenwärtig, anstatt ihn 
zu erinnern. Damit ist das Rätsel der Über- 
tragungshebe gelöst und die Analyse kann gerade 
mit Hilfe der neuen Situation, die für sie so bedroh- 
lich schien, fortgesetzt werden. 

„Das ist raffiniert. Und glaubt Ihnen der Kranke 
so leicht, daß er nicht verhebt, sondern nur ge- 
zwungen ist, ein altes «Stück wieder aufzuführen." 

Alles kommt jetzt darauf an und die volle Ge- 
schicklichkeit in der Handhabung der „Übertragung" 
gehört dazu, es zu erreichen. Sie sehen, daß die 
Anforderungen an die analytische Technik an dieser 
Stelle die höchste Steigerung erfahren. Hier kann 
man die schwersten Fehler begehen oder sich der 
größten Erfolge versichern. Der Versuch, sich den 
Schwierigkeiten zu entziehen, indem man die Über- 
tragung unterdrückt oder vernachlässigt, wäre un- 
sinnig; was immer man sonst getan hat, es verdiente 
nicht den Namen einer Analyse. Den Kranken weg- 
zuschicken, sobald sich die Unannehmlichkeiten seiner 
Übertragungsneurose herstellen, ist nicht sinnreicher 

Freud, LaienanaJyse 6 



L 



und außerdem eine Feigheit; es wäre ungefähr so, 
als ob man Geister beschworen hätte und dann davon- 
gerannt wäre, sobald sie erscheinen. Zwar manchmal 
kann man wirklich nicht anders ; es gibt Fälle, in 
denen man der entfesselten Übertragung nicht Herr 
wird und die Analyse abbrechen muß, aber man soll 
wenigstens mit den bösen Geistern nach Kräften ge- 
rungen haben. Den Anforderungen der überträgung 
nachgeben, die Wünsche des Patienten nach zärtlicher 
und sinnlicher Befriedigung erfüllen, ist nicht nur be- 
rechtigter Weise durch moralische Rücksichten ver- 
sagt, sondern auch als technisches Mittel zur Er- 
reichung der analytischen Absicht völlig unzureichend. 
Der Neurotiker kann dadurch, daß man ihm die 
unkorrigierte Wiederholung eines in ihm vorbereiteten 
unbewußten Klischees ermöglicht hat, nicht geheilt 
werden. Wenn man sich auf Kompromisse mit ihm 
einläßt, indem man ihm partielle Befriedigungen zum 
Austausch gegen seine weitere Mitarbeit an der 
Analyse bietet, muß man Acht haben, daß man nicht 
in die lächerliche Situation des Geistlichen gerät, der 
den kranken Versicherungsagenten bekehren soll. 
Der Kranke bleibt unbekehrt, aber der Geistliche zieht 
versichert ab. Der einzig mögliche Ausweg aus der 
Situation der Übertragung ist die Rückführung auf 
die Vergangenheit des Kranken, wie er sie wirklich 
erlebt oder durch die wunscherfüllende Tätigkeit 
seiner Phantasie gestaltet hat. Und dies erfordert 



Die Frage der Laienanalyse 83 



beim Analytiker viel Geschick, Geduld, Ruhe und 
Selbstverleugnung. 

„Und wo, meinen Sie, hat der Neurotiker das 
Vorbild seiner Übertragungshebe erlebt?" 

In seiner Kindheit, in der Regel in der Be- 
ziehung zu einem Elternteil. Sie erinnern sich, 
welche Wichtigkeit wir diesen frühesten Gefühls- 
beziehungen zuschreiben mußten. Hier schließt sich 
also der Kreis. 

„Sind Sie endlich fertig? Mir ist ein bißchen 
wirre vor der Fülle dessen, was ich von Ihnen ge- 
hört habe. Sagen Sie mir nur noch, wie und wo 
lernt man das, was man zur Ausübung der Analyse 
braucht?" 

Es gibt derzeit zwei Institute, an denen Unterricht 
in der Psychoanalyse erteilt wird. Das erste in Berlin 
hat Dr. Max Eitingon der dortigen Vereinigung 
eingerichtet. Das zweite erhält die Wiener Psycho- 
analytische Vereinigung aus eigenen Mitteln unter 
beträchtlichen Opfern. Die Anteilnahme der Behörden 
erschöpft sich vorläufig in den mancherlei Schwierig- 
keiten, die sie dem jungen Unternehmen bereiten. 
Ein drittes Lehrinstitut soll eben jetzt in London von 
der dortigen Gesellschaft unter der Leitung von 
Dr. E. Jones eröffnet werden. An diesen Instituten 
werden die Kandidaten selbst in Analyse genommen, 
erhalten theoretischen Unterricht durch Vorlesungen 
in allen für sie wichtigen Gegenständen und genießen 

6* 



84 Sigm. Freud 



die Aufsicht älterer, erfahrener Analytiker, wenn sie 
zu ihren ersten Versuchen an leichteren Fällen zu- 
gelassen werden. Man rechnet für eine solche Aus- 
bildung etwa zwei Jahre. Natürlich ist man auch nach 
dieser Zeit nur ein Anfänger, noch kein Meister. Was 
noch mangelt, muß durch Übung und durch den Ge- 
dankenaustausch in den psychoanalytischen Gesell- 
schaften, in denen jüngere Mitglieder mit älteren 
zusammentreffen, erworben werden. Die Vorbereitung 
für die analytische Tätigkeit ist gar nicht so leicht 
und einfach, die Arbeit ist schwer, die Verantwortlich- 
keit groß. Aber wer eine solche Unterweisung durch- 
gemacht hat, selbst analysiert worden ist, von der 
Psychologie des Unbewußten erfaßt hat, was sich 
heute eben lehren läßt, in der Wissenschaft des 
Sexuallebens Bescheid weiß, und die heikle Technik 
der Psychoanalyse erlernt hat, die Deutungskunst, 
die Bekämpfung der Widerstände und die Hand- 
habung der Übertragung, der ist kein Laie mehr 
auf dem Gebiet der Psychoanalyse. Er ist 
dazu befähigt, die Behandlung neurotischer Störungen 
zu unternehmen, und wird mit der Zeit darin alles 
leisten können, was man von dieser Therapie ver- 
langen kann. 



VI 



„Sie haben einen großen Aufwand gemacht, um 
mir zu zeigen, was die Psychoanalyse ist und was 
für Kenntnisse man braucht, um sie mit Aussicht auf 
Erfolg zu betreiben. Gut, es kann mir nichts schaden, 
Sie angehört zu haben. Aber ich weiß nicht, welchen 
Einfluß auf mein Urteil Sie von Ihren Ausführungen 
erwarten. Ich sehe einen Fall vor mir, der nichts 
Außergewöhnliches an sich hat. Die Neurosen sind 
eine besondere Art von Erkrankung, die Analyse ist 
eine besondere Methode zu ihrer Behandlung, eine 
medizinische Spezialität. Es ist auch sonst die Regel, 
daß ein Arzt, der ein Spezialfach der Medizin ge- 
wählt hat, sich nicht mit der durch das Diplom be- 
stätigten Ausbildung begnügt. Besonders, wenn er 
sich in einer größeren Stadt niederlassen will, die 
allein Spezialisten ernähren kann. Wer Chirurg werden 
will, sucht einige Jahre an einer chirurgischen Klinik 
zu dienen, ebenso der Augenarzt, Laryngolog usw., 
gar der Psychiater, der vielleicht überhaupt niemals 
von einer staatlichen Anstalt oder einem Sanatorium 



86 Sigm. Freud 



frei kommen wird. So wird es auch mit dem Psycho- 
analytiker werden; wer sich für diese neue ärztliche 
Spezialität entscheidet, wird nach Vollendung seiner 
Studien die zwei Jahre Ausbildung im Lehrinstitut 
auf sich nehmen, von denen Sie sprachen, wenn es 
wirklich eine so lange Zeit in Anspruch nehmen sollte. 
Er wird dann auch merken, daß es sein Vorteil ist, 
in einer psychoanalytischen Gesellschaft den Kontakt 
mit den Kollegen zu pflegen, und alles wird in 
schönster Ordnung vor sich gehen. Ich verstehe nicht, 
wo da Platz für die Frage der Laienanalyse ist." 

Der Arzt, der das tut, was Sie in seinem Namen 
versprochen haben, wird uns allen willkommen sein. 
Vier Fünftel der Personen, die ich als meine Schüler 
anerkenne, sind ja ohnedies Ärzte. Gestatten Sie mir 
aber, Ihnen vorzuhalten, wie sich die Beziehungen 
der Ärzte zur Analyse wirklich gestaltet haben und 
wie sie sich voraussichtlich weiter entwickeln werden. 
Ein historisches Anrecht auf den Alleinbesitz der Analyse 
haben die Ärzte nicht, vielmehr haben sie bis vor 
kurzem alles aufgeboten, von der seichtesten Spötterei 
bis zur schwerwiegendsten Verleumdung, um ihr zu 
schaden. Sie werden mit Recht antworten, das gehört 
der Vergangenheit an und braucht die Zukunft nicht 
zu beeinflussen. Ich bin einverstanden, aber ich fürchte, 
die Zukunft wird anders sein, als Sie sie vorhergesagt 
haben. 

Erlauben Sie, daß ich dem Wort „Kurpfuscher" 



Die Frage der Laienanalyse 87 

den Sinn gebe, auf den es Ansprudi hat an Stelle 
der legalen Bedeutung. Für das Gesetz ist der ein 
Kurpfuscher, der Kranke behandelt, ohne sich durch 
den Besitz eines staadichen Diploms als Arzt aus- 
weisen zu können. Ich würde eine andere Definition be- 
vorzugen: Kurpfuscher ist, wer eine Behandlung unter- 
nimmt, ohne die dazu erforderlichen Kenntnisse und 
Fähigkeiten zu besitzen. Auf dieser Definition fußend, 
wage ich die Behauptung, daß - nicht nur in den euro- 
päischen Ländern - die Ärzte zu den Kurpfuschern 
in der Analyse ein überwiegendes Kontingent stellen. 
Sie üben sehr häufig die analytische Behandlung aus, 
ohne sie gelernt zu haben und ohne sie zu verstehen. 

Es ist vergeblich, daß Sie mir einwenden wollen, 
das sei gewissenlos, das möchten Sie den Ärzten nicht 
zutrauen. Ein Arzt wisse doch, daß ein ärztliches Diplom 
kein Kaperbrief ist und ein Kranker nicht vogelfrei. 
Dem Arzt dürfe man immer zubilligen, daß er im 
guten Glauben handle, auch wenn er sich dabei viel- 
leicht im Irrtum befinde. 

Die Tatsachen bestehen ; wir wollen hoffen, daß 
sie sich so aufklären lassen, wie Sie es meinen. Ich 
will versuchen, Ihnen auseinanderzusetzen, wie es mög- 
lich wird, daß ein Arzt sich in den Dingen der Psycho- 
analyse so benimmt, wie er es auf jedem anderen 
Gebiet sorgfältig vermeiden würde. 

Hier kommt in erster Linie in Betracht, daß der 
Arzt in der medizinischen Schule eine Ausbildung er- 



fahren hat, die ungefähr das Gegenteil von dem ist, 
was er als Vorbereitung zur Psychoanalyse braudien 
würde. Seine Aufmerksamkeit ist auf objektiv fest- 
stellbare anatomische, physikalische, chemische Tat- 
bestände hingelenkt worden, von deren richtiger Er- 
fassung und geeigneter Beeinflussung der Erfolg des 
ärztlichen Handelns abhängt. In seinen Gesichtskreis 
wird das Problem des Lebens gerückt, soweit es sich 
uns bisher aus dem Spiel der Kräfte erklärt hat, die 
auch in der anorganischen Natur nachweisbar sind. 
Für die seelischen Seiten der Lebensphänomene wird 
das Interesse nicht geweckt, das Studium der höheren 
geistigen Leistungen geht die Medizin nichts an, es 
ist das Bereich einer anderen Fakultät. Die Psychiatrie 
allein sollte sich mit den Störungen der seelischen 
Funktionen beschäftigen, aber man weiß, in welcher 
Weise und mit welchen Absichten sie es tut. Sie 
sucht die körperlichen Bedingungen der Seelen- 
störungen auf und behandelt sie wie andere Krank- 
heitsanlässe. 

Die Psychiatrie hat darin recht und die medi- 
zinische Ausbildung ist offenbar ausgezeichnet. Wenn 
man von ihr aussagt, sie sei einseitig, so muß man 
erst den Standpunkt ausfindig machen, von dem aus 
diese Charakteristik zum Vorwurf wird. An sich ist 
ja jede Wissenschaft einseitig, sie muß es sein, indem 
sie sich auf bestimmte Inhalte, Gesichtspunkte, Me- 
thoden einschränkt. Es ist ein Widersinn, an dem ich 



keinen Anteil haben möchte, daß man eine Wissen- 
schaft gegen eine andere ausspielt. Die Physik ent- 
wertet doch nicht die Chemie, sie kann sie nicht er- 
setzen, aber auch von ihr nicht vertreten werden. Die 
Psychoanalyse ist gewiß ganz besonders einseitig, als 
die Wissenschaft vom seelisch Unbewußten. Das Recht 
auf Einseitigkeit soll also den medizinischen Wissen- 
schaften nicht bestritten werden. 

Der gesuchte Standpunkt findet sich erst, wenn 
man von der wissenschaftlichen Medizin auf die prak- 
tische Heilkunde ablenkt. Der kranke Mensch ist ein 
kompliziertes Wesen, er kann uns daran mahnen, daß 
auch die so schwer faßbaren seelischen Phänomene 
nicht aus dem Bild des Lebens gelöscht werden dürfen. 
Der Neuroäker gar ist eine unerwünschte Komplika- 
tion, eine Verlegenheit für die Heilkunde nicht min- 
der als für die Rechtspflege und den Armeedienst. 
Aber er existiert und geht die Medizin besonders 
nahe an. Und für seine Würdigung wie für seine 
Behandlung leistet die medizinische Schulung nichts, 
aber auch gar nichts. Bei dem innigen Zusammenhang 
zwischen den Dingen, die wir als körperlich und als 
seelisch scheiden, darf man vorhersehen, daß der Tag 
kommen wird, an dem sich Wege der Erkenntnis und 
hoffentlich auch der Beeinflussung von der Biologie 
der Organe und von der Chemie zu dem Erscheinungs- 
gebiet der Neurosen eröffnen werden. Dieser Tag 
scheint noch ferne, gegenwärtig sind uns diese Krank- 



90 Sigm. Freud 



heitszustände von der medizinischen Seite her un- 
zugänglich. 

Es wäre zu ertragen, wenn die medizinische 
Schulung den Ärzten bloß die Orientierung auf dem 
Gebiete der Neurosen versagte. Sie tut mehr ; sie gibt 
ihnen eine falsche und schädliche Einstellung mit. Die 
Ärzte, deren Interesse für die psychischen Faktoren 
des Lebens nicht geweckt worden ist, sind nun allzu 
bereit, dieselben gering zu schätzen und als unwissen- 
schaftlich zu bespötteln. Deshalb können sie nichts 
recht ernst nehmen, was mit ihnen zu tun hat, und 
fühlen die Verpflichtungen nicht, die sich von ihnen 
ableiten. Darum verfallen sie der laienhaften Respekt- 
losigkeit vor der psychologischen Forschung und 
machen sich ihre Aufgabe leicht. Man muß ja die 
Neurotiker behandeln, weil sie Kranke sind und sich 
an den Arzt wenden, muß auch immer Neues ver- 
suchen. Aber wozu sich die Mühe einer langwierigen 
Vorbereitung auferlegen? Es wird auch so gehen; 
wer weiß, was das wert ist, was in den analytischen 
Instituten gelehrt wird. Je weniger sie vom Gegen- 
stand verstehen, desto unternehmender werden sie. 
Nur der wirklich Wissende wird bescheiden, denn er 
weiß, wie unzulänglich dies Wissen ist. 

Der Vergleich der analytischen Spezialität mit 
anderen medizinischen Fächern, den Sie zu meiner 
Beschwichtigung herangezogen haben, ist also nicht 
anwendbar. Für Chirurgie, Augenheilkunde usw. bietet 



Die Frage der Laienanalyse Ol 

die Sdrnle selbst die Möglichkeit zur weiteren Aus- 
bildung. Die analytischen Lehrinstitute sind gering an 
Zahl, jung an Jahren und ohne Autorität. Die medi- 
zinische Schule hat sie nicht anerkannt und kümmert 
sich nicht um sie. Der junge Arzt, der seinen Lehrern 
so vieles hat glauben müssen, daß ihm zur Erziehung 
seines Urteils wenig Anlaß geworden ist, wird gerne 
die Gelegenheit ergreifen, auf einem Gebiet, wo es 
noch keine anerkannte Autorität gibt, endlich auch 
einmal den Kritiker zu spielen. 

Es gibt noch andere Verhältnisse, die sein Auf- 
treten als analytischer Kurpfuscher begünstigen. Wenn 
er ohne ausreichende Vorbereitung Augenopera- 
tionen unternehmen wollte, so würde der Miß- 
erfolg seiner Staarextraktionen und Iridektomien und 
das Wegbleiben der Patienten seinem Wagestück 
bald ein Ende bereiten. Die Ausübung der Analyse 
ist für ihn vergleichsweise ungefährlich. Das Publikum 
ist durch die durchschnittlich günstigen Ausgänge der 
Augenoperationen verwöhnt und erwartet sich Heilung 
vom Operateur. Wenn aber der „Nervenarzt" seine 
Kranken nicht herstellt, so verwundert sich niemand 
darüber. Man ist durch die Erfolge der Therapie bei 
den Nervösen nicht verwöhnt worden, der Nerven- 
arzt hat sich wenigstens „viel mit ihnen abgegeben." 
Da läßt sich eben nicht viel machen, die Natur muß 
helfen oder die Zeit. Also beim Weib zuerst die 
Menstruation, dann die Heirat, später die Menopause. 



92 Sigm. Freud 



Am Ende hilft wirklich der Tod. Audi ist das, was der 
ärzdiche Analytiker mit dem Nervösen vorgenommen 
hat, so unauffällig, daß sich daran kein Vorwurf 
klammern kann. Er hat ja keine Instrumente oder 
Medikamente verwendet, nur mit ihm geredet, ver- 
sucht, ihm etwas ein- oder auszureden. Das kann 
doch nicht schaden, besonders wenn dabei vermieden 
wurde, peinliche oder aufregende Dinge zu berühren. 
Der ärzdiche Analytiker, der sich von der strengen 
Unterweisung frei gemacht hat, wird gewiß den Versuch 
nicht unterlassen haben, die Analyse zu verbessern, 
ihr die Giftzähne auszubrechen und sie den Kranken 
angenehm zu machen. Und wie gut, wenn er bei 
diesem Versuch stehen geblieben, denn wenn er wirklich 
gewagt hat, Widerstände wachzurufen, und dann nicht 
wußte, wie ihnen zu begegnen ist, ja, dann kann er 
sich wirklich unbeliebt gemacht haben. 

Die Gerechtigkeit erfordert das Zugeständnis, 
daß die Tätigkeit des ungeschulten Analytikers auch 
für den Kranken harmloser ist als die des unge- 
schickten Operateurs. Der mögliche Schaden be- 
schränkt sich darauf, daß der Kranke zu einem nutz- 
losen Aufwand veranlaßt wurde und seine Heilungs- 
chancen eingebüßt oder verschlechtert hat. Ferner 
daß der Ruf der analytischen Therapie herabgesetzt 
wird. Das ist ja alles recht unerwünscht, aber es hält 
doch keinen Vergleich mit den Gefahren aus, die vom 
Messer des chirurgischen Kurpfuschers drohen. 



Die Frage der Laienanalyse 



Schwere, dauernde Verschlimmerungen des Krank- 
heitszustandes sind nach meinem Urteil auch bei 
ungeschickter Anwendung der Analyse nicht zu be- 
fürchten. Die unerfreulichen Reaktionen klingen nach 
einer Weile wieder ab. Neben den Traumen des 
Lebens, welche die Krankheit hervorgerufen haben, 
kommt das bißchen Mißhandlung durch den Arzt 
nicht in Betracht. Nur daß eben der ungeeignete 
therapeutische Versuch nichts Gutes für den Kranken 
geleistet hat. 

„Ich habe Ihre Schilderung des ärztlichen Kur- 
pfuschers in der Analyse angehört, ohne Sie zu 
unterbrechen, nicht ohne den Eindruck zu empfangen, 
daß Sie von einer Feindseligkeit gegen die Ärzte- 
schaft beherrscht werden, zu deren historischen Er- 
klärung Sie mir selbst den Weg gezeigt haben. Aber 
ich gebe Ihnen eines zu: wenn schon Analysen ge- 
macht werden sollen, so sollen sie von Leuten ge- 
macht werden, die sich dafür gründlich ausgebildet 
haben. Und Sie glauben nicht, daß die Ärzte, die sich 
der Analyse zuwenden, mit der Zeit alles tun werden, 
um sich diese Ausbildung zu eigen zu machen?" 

Ich fürchte, nicht. Solange das Verhältnis der 
Schule zum analytischen Lehrinstitut ungeändert 
bleibt, werden die Ärzte wohl die Versuchung, es 
sich zu erleichtern, zu groß finden. 

„Aber einer direkten Äußerung über die Frage 
der Laienanalyse scheinen Sie konsequent auszu- 



94 Sigm. Freud 



weichen. Ich soll jetzt erraten, daß Sie vorschlagen, weil 
man die Ärzte, die analysieren wollen, nicht kon- 
trollieren kann, soll man, gewissermaßen aus Rache, 
zu ihrer Bestrafung, ihnen das Monopol der Analyse ab- 
nehmen und diese ärztliche Tätigkeit auch den Laien 
eröffnen." 

Ich weiß nicht, ob Sie meine Motive richtig er- 
raten haben. Vielleicht kann ich Ihnen später ein 
Zeugnis einer weniger parteiischen Stellungnahme 
vorlegen. Aber ich lege den Akzent auf die Forde- 
rung, daß niemand die Analyse ausüben 
soll, dernicht die Berechtigung dazudurch 
eine bestimmte Ausbildung erworben hat. 
Ob diese Person nun Arzt ist oder nicht, er- 
scheint mir als nebensächlich. 

„Was für bestimmte Vorschläge haben Sie also 
zu machen?" 

Ich bin noch nicht soweit, weiß auch nicht, ob ich 
überhaupt dahin kommen werde. Ich möchte eine 
andere Frage mit Ihnen erörtern, zur Einleitung aber 
auch einen bestimmten Punkt berühren. Man sagt, 
daß die zuständigen Behörden über Anregung der 
Ärzteschaft Laien ganz allgemein die Ausübung der 
Analyse untersagen wollen. Von diesem Verbot wür- 
den auch die nichtärztlichen Mitglieder der Psycho- 
analytischen Vereinigung betroffen, die ein'e ausge- 
zeichnete Ausbildung genossen und sich durch Übung 
sehr vervollkommnet haben. Wird das Verbot er- 



Die Frage der Laienanalyse 95 



lassen, so stellt sich der Zustand her, daß man eine 
Reihe von Personen an der Ausübung einer Tätig- 
keit behindert, von denen man überzeugt sein kann, 
daß sie sie sehr gut leisten können, während man 
dieselbe Tätigkeit andern freigibt, bei denen von 
einer ähnlidien Garantie nicht die Rede ist. Das ist 
nicht gerade der Erfolg, den eine Gesetzgebung er- 
reichen möchte. Indes ist dieses spezielle Problem 
weder sehr wichtig, noch schwierig zu lösen. Es han- 
delt sich dabei um eine Handvoll Personen, die nicht 
schwer geschädigt werden können. Sie werden wahr- 
scheinlich nach Deutschland auswandern, wo sie durch 
keine Gesetzesvorschrift behindert, bald die Aner- 
kennung ihrer Tüchtigkeit finden werden. Will man 
ihnen dies ersparen und die Härte des Gesetzes für 
sie mildern, so kann es mit Anlehnung an bekannte 
Präzedenzfälle leicht geschehen. Es ist im monarchi- 
schen Österreich wiederholt vorgekommen, daß man 
notorischen Kurpfuschern die Erlaubnis zur ärztlichen 
Tätigkeit auf bestimmten Gebieten ad personam ver- 
liehen hat, weil man von ihrem wirklichen Können 
überzeugt worden war. Diese Fälle betrafen zumeist 
bäuerliche Heilkünstler, und die Befürwortung soll 
regelmäßig durch eine der einst so zahlreichen Erz- 
herzoginnen erfolgt sein, aber es müßte doch auch 
für Städter und auf Grund anderer, bloß sachver- 
ständiger Garantie geschehen können. Bedeutsamer 
wäre die Wirkung eines solchen Verbots auf das 



L 



Wiener analytische Lehrinstitut, das von da an keine 
Kandidaten aus niditärztlidien Kreisen zur Ausbil- 
dung annehmen dürfte. Dadurch wäre wieder einmal 
in unserem Vaterland eine Richtung geistiger Tätig- 
keit unterdrückt, die sich anderswo frei entfalten darf. 
Ich bin der letzte, der eine Kompetenz in der Be- 
urteilung von Gesetzen und Verordnungen in An- 
spruch nehmen will. Aber ich sehe doch soviel, daß 
eine Betonung unseres Kurpfuschergesetzes nicht im 
Sinne der Angleichung an deutsche Verhältnisse ist, 
die heute offenbar angestrebt wird, und daß die An- 
wendung dieses Gesetzes auf den Fall der Psycho- 
analyse etwas Anachronistisches hat, denn zur Zeit 
seiner Erlassung gab es noch keine Analyse und war 
die besondere Natur der neurotischen Erkrankungen 
noch nicht erkannt. 

Ich komme zu der Frage, deren Diskussion mir 
wichtiger erscheint. Ist die Ausübung der Psychoana- 
lyse überhaupt ein Gegenstand, der behördlichem Ein- 
greifen unterworfen werden soll, oder ist es zweck- 
mäßiger, ihn der natürlichen Entwicklung zu über- 
lassen? Ich werde gewiß hier keine Entscheidung 
treffen, aber ich nehme mir die Freiheit, Ihnen dieses 
Problem zur Überlegung vorzulegen. In unserem 
Vaterlande herrscht von altersher ein wahrer furor 
prohibendi, eineNeigung zum Bevormunden, Eingreifen 
und Verbieten, die, wie wir alle wissen, nicht gerade gute 
Früchte getragen hat. Es scheint, daß es im neuen, 



republikanischen Österreich noch nicht viel anders 
geworden ist. Ich vermute, daß Sie bei der Entschei- 
dung über den Fall der Psychoanalyse, deruns jetzt be- 
schäftigt, ein gewichtiges Wort mitzureden haben; 
ich weiß nicht, ob Sie die Lust oder den Einfluß 
haben werden, sich den bureaukratischen Neigungen 
zu widersetzen. Meine unmaßgeblichen Gedanken 
zu unserer Frage will ich Ihnen jedenfalls nicht er- 
sparen. Ich meine, daß ein Überfluß an Verordnungen 
und Verboten der Autorität des Gesetzes schadet. 
Man kann beobachten: wo nur wenige Verbote be- 
stehen, da werden sie sorgfältig eingehalten, wo man 
auf Schritt und Tritt von Verboten begleitet wird, da 
fühlt man förmlich die Versuchung, sich über sie hin- 
wegzusetzen. Ferner, man ist noch kein Anardiist, 
wenn man bereit ist einzusehen, daß Gesetze und 
Verordnungen nach ihrer Herkunft nicht auf den 
Charakter der Heiligkeit und Unverletzlichkeit An- 
spruchhaben können, daß sie oft inhaltlich unzuläng- 
lich und für unser Rechtsgefühl verletzend sind oder 
nach einiger Zeit so werden, und daß es bei der 
Schwerfälligkeit der die Gesellschaft leitenden Per- 
sonen oft kein anderes Mittel zur Korrektur solch 
unzweckmäßiger Gesetze gibt, als sie herzhaft zu 
übertreten. Auch ist es ratsam, wenn man den Re- 
spekt vor Gesetzen und Verordnungen erhalten 
will, keine zu erlassen, deren Einhaltung und Über- 
tretung schwer zu überwachen ist. Manches, was wir 

Freud, Laienanalyse 



98 Sigm. Freud 



über die Ausübung der Analyse durch Ärzte gesagt 
haben, wäre hier für die eigentliche Laienanalyse, die das 
Gesetz unterdrücken will, zu wiederholen. Der Her- 
gang der Analyse ist ein recht unscheinbarer, sie 
wendet weder Medikamente noch Instrumente an, 
besteht nur in Gesprächen und Austausch von Mit- 
teilungen; es wird nicht leicht sein, einer Laienperson 
nachzuweisen, sie übe „Analyse" aus, wenn sie be- 
hauptet, sie gebe nur Zuspruch, teile Aufklärungen 
aus und suche einen heilsamen menschlichen Einfluß 
auf seelisch Hilfsbedürftige zu gewinnen; das könne 
man ihr doch nicht verbieten, bloß darum, weil auch 
der Arzt es manchmal tue. In den englisch sprechenden 
Ländern haben die Praktiken der Christian 
Science eine große Verbreitung; eine Art von 
dialektischer Verleugnung der Übel im Leben durch 
Berufung auf die Lehren der christlichen Religion. 
Ich stehe nicht an zu behaupten, daß dies Ver- 
fahren eine bedauerliche Verirrung des menschlichen 
Geistes darstellt, aber wer würde in Amerika oder 
England daran denken, es zu verbieten und unter 
Strafe zu setzen? Fühlt sich denn die hohe Obrigkeit 
bei uns des rechten Weges zur Seligkeit so sicher, 
daß sie es wagen darf zu verhindern, daß jeder versuche 
„nach seiner Fa§on selig zu werden "? Und zugegeben, 
daß viele sich selbst überlassen in Gefahren ge- 
raten und zu Schaden kommen, tut die Obrigkeit 
nicht besser daran, die Gebiete, die als unbetretbar 



Die Frage der Laienanalyse 99 

gelten sollen, sorgfältig abzugrenzen und im übrigen, 
soweit es nur angeht, die Menschenkinder ihrer Er- 
ziehung durch Erfahrung und gegenseitige Beein- 
flussung zu überlassen ? Die Psychoanalyse ist etwas so 
Neues in der Welt, die große Menge ist so wenig über 
ae orientiert, die Stellung der offiziellen Wissen- 
schaft zu ihr noch so schwankend, daß es mir vor- 
eilig erscheint, jetzt schon mit gesetzlichen Vor- 
schriften in die Entwicklung einzugreifen. Lassen wir 
cüe Kranken selbst die Entdeckung machen, daß es 
schädlich für sie ist, seelische Hilfe bei Personen zu 
suchen, die nicht gelernt haben, wie man sie leistet. 
Klaren wir sie darüber auf und warnen sie davor, 
dann werden wir uns erspart haben, es ihnen zu 
verboten. Auf italienischen Landstraßen zeigen die 
Leitungsträger die knappe und eindrucksvolle Auf- 
schrift: Chi tocca, muore. Das reicht vollkommen 
hm, um das Benehmen der Passanten gegen herab- 
hängende Drähte zu regeln. Die entsprechenden 
deutschen Warnungen sind von einer überflüssigen 
und beleidigenden Weitschweifigkeit: Das Berühren 
der Leitungsdrähteist, weil lebensgefährlich, strengstens 
verboten. Wozu das Verbot? Wem sein Leben lieb 
ist, der erteilt es sich selbst, und wer sich auf diesem 
Wege umbringen will, der fragt nicht nach Erlaubnis. 
„Es gibt aber Fälle, die man als Präjudiz für die 
Frage der Laienanalyse anführen kann. Ich meine 
das Verbot der Versetzung in Hypnose durch Laien 

7* 



und das kürzlich erlassene Verbot der Abhaltung 
okkultistischer Sitzungen und Gründung soldier Ge- 
sellschaften." 

Ich kann nicht sagen, daß ich ein Bewun- 
derer dieser Maßnahmen bin. Die letztere ist ein 
ganz unzweifelhafter Übergriff der polizeilichen Be- 
vormundung zum Schaden der intellektuellen Freiheit. 
Ich bin außer dem Verdacht, den sogenannt okkul- 
ten Phänomenen viel Glauben entgegenzubringen oder 
gar Sehnsucht nach ihrer Anerkennung zu verspüren ; 
aber durch solche Verbote wird man das Interesse 
der Menschen für diese angebliche Geheimwelt 
nicht ersticken. Vielleicht hat man im Gegenteil etwas 
sehr Schädliches getan, der unparteüschen Wiß- 
begierde den Weg verschlossen, zu einem befreienden 
Urteil über diese bedrückenden Möglichkeiten zu 
kommen. Aber dies auch nur wieder für Österreich. In 
anderen Ländern stößt auch die „parapsychische'' 
Forschung auf keine gesetzlichen Hindernisse. Der 
Fall der Hypnose liegt etwas anders als der der 
Analyse. Die Hypnose ist die Hervorrufung eines 
abnormen Seelenzustandes und dient den Laien heute 
nur als Mittel zur Schaustellung. Hätte sich die an- 
fänglich so hoffnungsvolle hypnotische Therapie ge- 
halten, so wären ähnliche Verhältnisse wie die der 
Analyse entstanden. Übrigens erbringt die Geschichte 
der Hypnose ein Präzedens zum Schicksal der Ana- 
lyse nach anderer Richtung. Als ich ein junger Dozent 



Die Frage der Laienanalyse IOI 

der Neuropathologie war, eiferten die Ärzte in der 
leidenschaftlichsten Weise gegen die Hypnose, er- 
klärten sie für einen Schwindel, ein Blendwerk des 
Teufels und einen höchst gefährlichen Eingriff. Heute 
haben sie dieselbe Hypnose monopolisiert, bedienen 
sich ihrer ungescheut als Untersuchungsmethode und 
für manche Nervenärzte ist sie noch immer das 
Hauptmittel ihrer Therapie. 

Ich habe Ihnen aber bereits gesagt, ich denke 
nicht daran, Vorschläge zu machen, die auf der Ent- 
scheidung beruhen, ob gesetzliche Regelung oder 
Gewährenlassen in Sachen der Analyse das Richtigere 
ist. Ich weiß, das ist eine prinzipielle Frage, auf 
deren Lösung die Neigungen der maßgebenden Per- 
sonen wahrscheinlich mehr Einfluß nehmen werden 
als Argumente. Was mir für eine Politik des laissez 
faire zu sprechen scheint, habe ich bereits zusammen- 
gestellt. Wenn man sich anders entschließt, zu einer 
Politik des aktiven Eingreifens, dann allerdings scheint 
mir die eine lahme und ungerechte Maßregel des 
rücksichtslosen Verbots der Analyse durch Nichtärzte, 
keine genügende Leistung zu sein. Man muß sich 
dann um mehr bekümmern, die Bedingungen, unter 
denen die Ausübung der analytischen Praxis gestattet 
ist, für alle, die sie ausüben wollen, feststellen, irgend 
eine Autorität aufrichten, bei der man sich Auskunft 
holen kann, was Analyse ist und was für Vorbereitung 
man für sie fordern darf, und die Möglichkeiten der 



102 



Sigm. Freud 



Unterweisung in der Analyse fördern. Also ent- 
weder in Ruhe lassen oder Ordnung und Klarheit 
schaffen, nicht aber in eine verwickelte Situation mit 
einem vereinzelten Verbot dreinfahren, das mecha- 
nisch aus einer inadäquat gewordenen Vorschrift ab- 
geleitet wird. 



_ 



vn 



„Ja, aber die Ärzte, die Ärzte! Ich bringe Sie 
nicht dazu, auf das eigentliche Thema unserer Unter- 
redungen einzugehen. Sie weichen mir noch immer 
aus. Es handelt sich doch darum, ob man nicht den 
Ärzten das ausschließliche Vorrecht auf die Ausübung 
der Analyse zugestehen muß, meinetwegen nachdem 
sie gewisse Bedingungen erfüllt haben. Die Ärzte 
sind ja gewiß nicht in ihrer Mehrheit die Kurpfuscher 
in der Analyse, als die Sie sie geschildert haben. Sie 
sagen selbst, daß die überwiegende Mehrzahl Ihrer 
Schüler und Anhänger Ärzte sind. Man hat mir 
verraten, daß diese keineswegs Ihren Standpunkt 
in der Frage der Laienanalyse teilen. Ich darf na- 
türlich annehmen, daß Ihre Schüler sich Ihren For- 
derungen nach genügender Vorbereitung usw. an- 
schließen, und doch finden diese Schüler es da- 
mit vereinbar, die Ausübung der Analyse den 
Laien zu versperren. Ist das so, und wenn, wie er- 
klären Sie es?" 

Ich sehe, Sie sind gut informiert, es ist so. Zwar 



104 Sigm. Freud 



nicht alle, aber ein guter Teil meiner ärztlichen Mit- 
arbeiter hält in dieser Sache nicht zu mir, tritt für 
das ausschließliche Anrecht der Ärzte auf die ana- 
lytische Behandlung der Neurotiker ein. Sie ersehen 
daraus, daß es auch in unserem Lager Meinungs- 
verschiedenheiten geben darf. Meine Parteinahme ist 
bekannt und der Gegensatz im Punkte der Laien- 
analyse hebt unser Einvernehmen nicht auf. Wie ich 
Ihnen das Verhalten dieser meiner Schüler erklären 
kann? Sidier weiß ich es nicht, ich denke, es wird 
die Macht des Standesbewußtseins sein. Sie haben 
eine andere Entwicklung gehabt als ich, fühlen sich 
noch unbehaglich in der Isolierung von den Kollegen, 
möchten gerne als vollberechtigt von der profession 
aufgenommen werden und sind bereit, für diese 
Toleranz ein Opfer zu bringen, an einer Stelle, deren 
Lebenswichtigkeit ihnen nicht einleuchtet. Vielleicht 
ist es anders; ihnen Motive der Konkurrenz unter- 
zuschieben, hieße nicht nur sie einer niedrigen Ge- 
sinnung zu beschuldigen, sondern auch, ihnen eine 
sonderbare Kurzsichtigkeit zuzutrauen. Sie sind ja 
immer bereit, andere Ärzte in die Analyse einzu- 
führen, und ob sie die verfügbaren Patienten mit 
Kollegen oder mit Laien zu teilen haben, kann für 
ihre materielle Lage nur gleichgiltig sein. Wahr- 
scheinlich kommt aber noch etwas anderes in Be- 
tracht. Diese meine Schüler mögen unter dem Ein- 
fluß gewisser Momente stehen, welche dem Arzt in 



Die Frage der Laienanalyse 



105 



der analytischen Praxis den unzweifelhaften Vorzug 
vor dem Laien sichern. 

„Den Vorzug sichern? Da haben wir's. Also ge- 
stehen Sie diesen Vorzug endlich zu? Damit wäre ja 
die Frage entschieden." 

Das Zugeständnis wird mir nicht schwer. Es mag 
Ihnen zeigen, daß ich nicht so leidenschaftlich ver- 
blendet bin, wie Sie annehmen. Ich habe die Er- 
wähnung dieser Verhältnisse aufgeschoben, weil ihre 
Diskussion wiederum theoretische Erörterungen nötig 
machen wird. 

„Was meinen Sie jetzt?" 

Da ist zuerst die Frage der Diagnose. Wenn 
man einen Kranken, der an sogenannt nervösen 
Störungen leidet, in analytische Behandlung nimmt, 
will man vorher die Sicherheit haben, - soweit sie 
eben erreichbar ist, - daß er sich für diese Therapie 
eignet, daß man ihm also auf diesem Wege helfen 
kann. Das ist aber nur der Fall, wenn er wirklich 
eine Neurose hat. 

„Ich sollte meinen, das erkennt man eben an 
den Erscheinungen, an den Symptomen, über die er 
klagt." 

Hier ist eben die Stelle für eine neue Kompli- 
kation. Man erkennt es nicht immer mit voller Sicher- 
heit. Der Kranke kann das äußere Bild einer Neu- 
rose zeigen, und doch kann es etwas anderes sein, 
der Beginn einer unheilbaren Geisteskrankheit, die 



IOÖ Sigm. Freud 



Vorbereitung eines zerstörenden Gehirnprozesses. 
Die Unterscheidung - Differentialdiagnose - ist nicht 
immer leicht und nicht in jeder Phase sofort zu 
machen. Die Verantwortlichkeit für eine solche Ent- 
scheidung kann natürlich nur der Arzt übernehmen. 
Sie wird ihm, wie gesagt, nicht immer leicht gemacht. 
Der Krankheitsfall kann längere Zeit ein harmloses 
Gepräge tragen, bis sich endlich doch seine böse 
Natur herausstellt. Es ist ja auch eine regelmäßige 
Befürchtung der Nervösen, ob sie nicht geisteskrank 
werden können. Wenn der Arzt aber einen solchen 
Fall eine Zeidang verkannt hat oder im unklaren 
über ihn gebüeben ist, so macht es nicht viel aus, es 
ist kein Schaden angestellt worden und nichts Über- 
flüssiges geschehen. Die analytische Behandlung dieses 
Kranken hätte ihm zwar auch keinen Schaden ge- 
bracht, aber sie wäre als überflüssiger Aufwand bloß- 
gestellt. Überdies würden sich gewiß genug Leute 
finden, die den schlechten Ausgang der Analyse zur 
Last legen werden. Mit Unrecht freilich, aber solche 
Anlässe sollten vermieden werden. 

„Das klingt aber trosdos. Es entwurzelt ja alles, 
was Sie mir über die Natur und Entstehung einer 
Neurose vorgetragen haben." 

Durchaus nicht. Es bekräftigt nur von neuem, 
daß die Neurotiker ein Ärgernis und eine Verlegen- 
heit sind, für alle Parteien, also auch für die Analyti- 
ker. Vielleicht löse ich aber Ihre Verwirrung wieder, 



_ 



Die Frage der Laienanalyse 107 



wenn idi meine neuen Mitteilungen in korrekteren 
Ausdruck kleide. Es ist wahrscheinlich richtiger, von 
den Fällen, die uns jetzt beschäftigen, auszusagen, sie 
haben wirklich eine Neurose entwickelt, aber diese 
sei nicht psychogen, sondern somatogen, habe nicht 
seelische, sondern körperliche Ursachen. Können Sie 
mich verstehen? 

„Verstehen, ja; aber ich kann es mit dem ande- 
ren, dem Psychologischen, nicht vereinigen." 

Nun, das läßt sich doch machen, wenn man nur 
den Komplikationen der lebenden Substanz Rech- 
nung tragen will. Worin fanden wir das Wesen einer 
Neurose ? Darin, daß das Ich, die durch den Einfluß der 
Außenwelt emporgezüchtete höhere Organisation des 
seelischen Apparats, nicht imstande ist, seine Funk- 
tion der Vermittlung zwischen Es und Realität zu er- 
füllen, daß es sich in seiner Schwäche von Trieb- 
anteilen des Es zurückzieht und sich dafür die Fol- 
gen dieses Verzichts in Form von Einschränkungen, 
Symptomen und erfolglosen Reaktionsbildungen ge- 
fallen lassen muß. 

Eine solche Schwäche des Ichs hat bei uns allen 
regelmäßig in der Kindheit statt, darum bekommen 
die Erlebnisse der frühesten Kinderjahre eine so 
große Bedeutung für das spätere Leben. Unter der 
außerordentlichen Belastung dieser Kinderzeit - wir 
haben in wenigen Jahren die ungeheure Entwicklungs- 
distanz vom steinzeitüchen Primitiven bis zum Teil- 



Io8 Sigm. Freud 



haber der heutigen Kultur durchzumachen und dabei 
insbesondere die Triebregungen der sexuellen Früh- 
periode abzuwehren - nimmt unser Ich seine Zu- 
flucht zu Verdrängungen und setzt sich einer Kinder- 
neurose aus, deren Niederschlag es als Disposition 
zur späteren nervösen Erkrankung in die Reife des 
Lebens mitbringt. Nun kommt alles darauf an, wie 
dies herangewachsene Wesen vom Schicksal behandelt 
werden wird. Wird das Leben zu hart, der Abstand 
zwischen den Triebforderungen und den Einsprüchen 
der Realität zu groß, so mag das Ich in seinen Be- 
mühungen, beide zu versöhnen, scheitern, und dies 
umso eher, je mehr es durch die mitgebrachte in- 
fantile Disposition gehemmt ist. Es wiederholt sich 
dann der Vorgang der Verdrängung, die Triebe reißen 
sich von der Herrschaft des Ichs los, schaffen sich 
auf den Wegen der Regression ihre Ersatzbefriedi- 
gungen und das arme Ich ist hilflos neurotisch geworden. 
Halten wir nur daran fest: der Knoten- und 
Drehpunkt der ganzen Situation ist die relative Stärke 
der Ichorganisation. Wir haben es dann leicht, unsere 
ätiologische Übersicht zu vervollständigen. Als die 
sozusagen normalen Ursachen der Nervosität kennen 
wir bereits die kindliche Ichschwäche, die Aufgabe 
der Bewältigung der Frühregungen der Sexualität und 
die Einwirkungen der eher zufälligen Kindheitser- 
lebnisse. Ist es aber nicht möglich, daß auch andere 
Momente eine Rolle spielen, die aus der Zeit vor 



Die Frage der Laienanalyse 109 

dem Kinderleben stammen? Zum Beispiel eine angebore- 
ne Stärke und Unbändigkeit des Trieblebens im Es, die 
dem Ich von vorneherein zu große Aufgaben stellt? 
Oder eine besondere Entwicklungsschwäche des Ichs 
aus unbekannten Gründen ? Selbstverständlich müssen 
diese Momente zu einer ätiologischen Bedeutung 
kommen, in manchen Fällen zu einer überragenden. 
Mit der Triebstärke im Es haben wir jedesmal zu 
rechnen; wo sie exzessiv entwickelt ist, steht es 
schlecht um die Aussichten unserer Therapie. Von 
den Ursachen einer Entwicklungshemmung des Ichs 
wissen wir noch zu wenig. Dies wären also die Fälle 
von Neurose mit wesentlich konstitutioneller Grund- 
lage. Ohne irgend eine solche konstitutionelle, kon- 
genitale Begünstigung kommt wohl kaum eine Neu- 
rose zustande. 

Wenn aber die relative Schwäche des Ichs das 
für die Entstehung der Neurose entscheidende Mo- 
ment ist, so muß es auch möglich sein, daß eine 
spätere körperliche Erkrankung eine Neurose erzeugt, 
wenn sie nur eine Schwächung des Ichs herbeiführen 
kann. Und das ist wiederum im reichen Ausmaß der 
Fall. Eine solche körperliche Störung kann das Trieb- 
leben im Es betreffen und die Triebstärke über die 
Grenze hinaus steigern, welcher das Ich gewachsen 
ist. Das Normalvorbild solcher Vorgänge wäre etwa 
die Veränderung im Weib durch die Störungen der 
Menstruation und der Menopause. Oder eine kör- 






HO Sigm. Freud 



perliche Allgemeinerkrankung, ja eine organische 
Erkrankung des nervösen Zentralorgans, greift die 
Ernährungsbedingungen des seelischen Apparats an, 
zwingt ihn, seine Funktion herabzusetzen und seine 
feineren Leistungen, zu denen die Aufrechthaltung 
der Ichorganisation gehört, einzustellen. In all diesen 
Fällen entsteht ungefähr dasselbe Bild der Neurose; 
die Neurose hat immer den gleichen psychologischen 
Mechanismus, aber, wie wir erkennen, die mannig- 
fachste, oft sehr zusammengesetzte Ätiologie. 

„Jetzt gefallen Sie mir besser, Sie haben endlich 
gesprochen wie ein Arzt. Nun erwarte ich das Zu- 
geständnis, daß eine so komplizierte ärztliche Sache 
wie eine Neurose nur von einem Arzt gehandhabt 
werden kann." 

Ich besorge, Sie schießen damit über das Ziel 
hinaus. Was wir besprochen haben, war ein Stück 
Pathologie, bei der Analyse handelt es sich um ein 
therapeutisches Verfahren. Ich räume ein, nein, ich 
fordere, daß der Arzt bei jedem Fall, der für die 
Analyse in Betracht kommt, vorerst die Diagnose 
stellen soll. Die übergroße Anzahl der Neurosen, die 
uns in Anspruch nehmen, sind zum Glück psycho- 
gener Natur und pathologisch unverdächtig. Hat der 
Arzt das konstatiert, so kann er die Behandlung 
ruhig dem Laienanalytiker überlassen. In unseren 
analytischen Gesellschaften ist es immer so gehalten 
worden. Dank dem innigen Kontakt zwischen ärzdichen 



Die Frage der Laienanalyse III 

und nichtärztlichen Mitgliedern sind die zu befürch- 
tenden Irrungen so gut wie völlig vermieden worden. 
Es gibt dann noch einen zweiten Fall, in dem der 
Analytiker den Arzt zur Hilfe rufen muß. Im Ver- 
laufe der analytischen Behandlung können - am ehesten 
körperliche - Symptome erscheinen, bei denen man 
zweifelhaft wird, ob man sie in den Zusammenhang 
der Neurose aufnehmen oder auf eine davon unab- 
hängige, als Störung auftretende organische Erkran- 
kung beziehen soll. Diese Entscheidung muß wieder- 
um dem Arzt überlassen werden. 

„Also kann der Laienanalytiker auch während 
der Analyse den Arzt nicht entbehren. Ein neues 
Argument gegen seine Brauchbarkeit." 

Nein, aus dieser Möglichkeit läßt sich kein Ar- 
gument gegen den Laienanalytiker schmieden, denn 
der ärztliche Analytiker würde im gleichen Falle 
nicht anders handeln. 

„Das verstehe ich nicht." 

Es besteht nämlich die technische Vorschrift, daß 
der Analytiker, wenn solch zweideutige Symptome 
während der Behandlung auftauchen, sie nicht seinem 
eigenen Urteil unterwirft, sondern von einem der 
Analyse fernestehenden Arzt, etwa einem Internisten, 
begutachten läßt, auch wenn er selbst Arzt ist und 
seinen medizinischen Kenntnissen noch vertraut. 

„Und warum ist etwas, was mir so überflüssig er- 
scheint, vorgeschrieben?" 



112 Sigm. Freud 



Es ist nicht überflüssig, hat sogar mehrere Be- 
gründungen. Erstens läßt sich die Vereinigung or- 
ganischer und psychischer Behandlung in einer Hand 
nicht gut durchführen, zweitens kann das Verhältnis 
der Übertragung es dem Analytiker unratsam machen, 
den Kranken körperlich zu untersuchen, und drittens 
hat der Analytiker allen Grund, an seiner Unbefan- 
genheit zu zweifeln, da sein Interesse so intensiv auf 
die psychischen Momente eingestellt ist. 

„Ihre Stellung zur Laienanalyse wird mir jetzt 
klar. Sie beharren dabei, daß es Laienanalytiker 
geben muß. Da Sie deren Unzulänglichkeit für ihre 
Aufgabe aber nicht bestreiten können, tragen Sie 
alles zusammen, was zur Entschuldigung und Er- 
leichterung ihrer Existenz dienen kann. Ich sehe aber 
überhaupt nicht ein, wozu es Laienanalytiker geben 
soll, die doch nur Therapeuten zweiter Klasse sein 
können. Ich will meinetwegen von den paar Laien 
absehen, die bereits zu Analytikern ausgebildet sind, 
aber neue sollten nicht geschaffen werden und die 
Lehrinstitute müßten sich verpflichten, Laien nicht 
mehr zur Ausbildung anzunehmen." 

Ich bin mit Ihnen einverstanden, wenn sich zeigen 
läßt, daß durch diese Einschränkung allen in Betracht 
kommenden Interessen gedient ist. Gestehen Sie mir 
zu, daß diese Interessen von dreierlei Art sind, das 
der Kranken, das der Ärzte und - last not least - 
das der Wissenschaft, das ja die Interessen aller zu- 



Die Frage der Laienanalyse 113 

künftigen Kranken miteinschließt. Wollen wir diese 
drei Punkte miteinander untersuchen? 

Nun, für den Kranken ist es gleichgiltig, ob der 
Analytiker Arzt ist oder nidit, wenn nur die Gefahr 
einer Verkennung seines Zustandes durch die an- 
geforderte ärztliche Begutachtung vor Beginn der Be- 
handlung und bei gewissen Zwischenfällen während 
derselben ausgeschaltet wird. Für ihn ist es ungleich 
wichtiger, daß der Analytiker über die persönlichen 
Eigenschaften verfügt, die ihn vertrauenswürdig machen, 
und daß er jene Kenntnisse und Einsichten sowie 
jene Erfahrungen erworben hat, die ihn allein zur 
Erfüllung seiner Aufgabe befähigen. Man könnte 
meinen, daß es der Autorität des Analytikers schaden 
muß, wenn der Patient weiß, daß er kein Arzt ist 
und in manchen Situationen der Anlehnung an den 
Arzt nicht entbehren kann. Wir haben es selbstver- 
ständlich niemals unterlassen, die Patienten über die 
Qualifikation des Analytikers zu unterrichten, und 
konnten uns überzeugen, daß die Standesvorurteile 
bei ihnen keinen Anklang finden, daß sie bereit sind, 
die Heilung anzunehmen, von welcher Seite immer 
sie ihnen geboten wird, was übrigens der Ärztestand 
zu seiner lebhaften Kränkung längst erfahren hat. 
Auch sind ja die Laienanalytiker, die heute Analyse 
ausüben, keine beliebigen, hergelaufenen Individuen, 
sondern Personen von akademischer Bildung, Dok- 
toren der Philosophie, Pädagogen und einzelne Frauen 

Freud, Laienanalyse § 



u4 Sigm. Freud 



von großer Lebenserfahrung und überragender Per- 
sönlichkeit. Die Analyse, der sich alle Kandidaten 
eines analytischen Lehrinstituts unterziehen müssen, 
ist gleichzeitig der beste Weg, um über ihre persön- 
liche Eignung zur Ausübung der anspruchsvollen 
Tätigkeit Aufschluß zu gewinnen. 

Nun zum Interesse der Ärzte. Ich kann nicht 
glauben, daß es durch die Einverleibung der Psycho- 
analyse in die Medizin zu gewinnen hat. Das medi- 
zinische Studium dauert jetzt schon fünf Jahre, die 
Ablegung der letzten Prüfungen reicht weit in ein 
sechstes Jahr. Alle paar Jahre tauchen neue Ansprüche 
an den Studenten auf, ohne deren Erfüllung seine 
Ausrüstung für seine Zukunft als unzureichend erklärt 
werden müßte. Der Zugang zum ärztlichen Beruf ist 
ein sehr schwerer, seine Ausübung weder sehr be- 
friedigend noch sehr vorteilhaft. Macht man sich die 
gewiß vollberechtigte Forderung zu eigen, daß der 
Arzt auch mit der seelischen Seite des Krankseins 
vertraut sein müsse, und dehnt darum die ärztliche 
Erziehung auf ein Stück Vorbereitung für die Analyse 
aus, so bedeutet das eine weitere Vergrößerung des 
Lehrstoffes und die entsprechende Verlängerung der 
Studentenjahre. Ich weiß nicht, ob die Ärzte von einer 
solchen Folgerung aus ihrem Anspruch auf die Psycho- 
analyse befriedigt sein werden. Sie läßt sich aber 
kaum abweisen. Und dies in einer Zeitperiode, da 
die Bedingungen der materiellen Existenz sich für die 



Die Frage der Laienanalyse 115 



Stande, aus denen sich die Ärzte rekrutieren, so sehr 
verschlechtert haben, da die junge Generation sich 
dazu gedrängt sieht, sich mögüchst bald selbst zu er- 
halten. 

Sie wollen aber vielleicht das ärztliche Studium 
nicht mit der Vorbereitung für die analytische Praxis 
belasten und halten es für zweckmäßiger, daß die zu- 
künftigen Analytiker sich erst nach Vollendung ihrer 
medizinischen Studien um die erforderliche Ausbildung 
bekümmern. Sie können sagen, daß der dadurch ver- 
ursachte Zeitverlust praktisch nicht in Betracht kommt, 
weil ein junger Mann vor dreißig Jahren doch niemals 
das Zutrauen beim Patienten genießen wird, welches 
die Bedingung einer seelischen Hilfeleistung ist. Darauf 
wäre zwar zu antworten, daß auch der neugebackene 
Arzt für körperliche Leiden nicht auf allzu großen 
Respekt bei den Kranken zu rechnen hat, und daß 
der junge Analytiker seine Zeit Sehr wohl damit 
ausfüllen könnte, an einer psychoanalytischen Poliklinik 
unter der Kontrolle erfahrener Praktiker zu arbeiten. 
Wichtiger erscheint mir aber, daß Sie mit diesem 
Vorschlag eine Kraftvergeudung befürworten, die in 
diesen schweren Zeiten wirklich keine ökonomische 
Rechtfertigung finden kann. Die analytische Ausbil- 
dung überschneidet zwar den Kreis der ärztlichen 
Vorbereitung, schließt diesen aber nicht ein und wird 
nicht von ihm eingeschlossen. Wenn man, was heute 
noch phantastisch klingen mag, eine psychoanalytische 

8* 



IIÖ Sigm. Freud 



Hochschule zu gründen hätte, so müßte an dieser 
vieles gelehrt werden, was auch die medizinische 
Fakultät lehrt : neben der Tiefenpsychologie, die immer 
das Hauptstück bleiben würde, eine Einführung in 
die Biologie, in möglichst großem Umfang die Kunde 
vom Sexualleben, eine Bekanntheit mit den Krank- 
heitsbildern der Psychiatrie. Anderseits würde der 
analytische Unterricht auch Fächer umfassen, die dem 
Arzt ferne liegen und mit denen er in seiner Tätig- 
keit nicht zusammenkommt: Kulturgeschichte, Mytho- 
logie, Religionspsychologie und Literaturwissenschaft. 
Ohne eine gute Orientierung auf diesen Gebieten 
steht der Analytiker einem großen Teil seines Mate- 
rials verständnislos gegenüber. Dafür kann er die 
Hauptmasse dessen, was die medizinische Schule lehrt, 
für seine Zwecke nicht gebrauchen. Sowohl die Kennt- 
nis der Fußwurzelknochen, als auch die der Konsti- 
tution der Kohlenwasserstoffe, des Verlaufs der Hirn- 
nervenfasern, alles, was die Medizin über bazilläre 
Krankheitserreger und deren Bekämpfung, über 
Serumreaktionen und Gewebsneubildungen an den 
Tag gebracht hat: alles gewiß an sich höchst schätzens- 
wert, ist für ihn doch völlig belanglos, geht ihn nichts 
an, hilft ihm weder direkt dazu, eine Neurose 
zu verstehen und zu heilen, noch trägt dieses Wissen 
zur Schärfung jener intellektuellen Fähigkeiten bei, 
an welche seine Tätigkeit die größten Anforderungen 
stellt. Man wende nicht ein, der Fall liege so ahn- 






Die Frage der Laienanalyse 117 

lieb., wenn sieb der Arzt einer anderen medizinischen 
Spezialität, zum Beispiel der Zahnheilkunde, zu- 
wendet. Auch dann kann er manches nicht brauchen, 
worüber er Prüfung ablegen mußte, und muß vieles 
dazulernen, worauf ihn die Schule nicht vorbereitet 
hatte. Die beiden Fälle sind doch nicht gleichzusetzen. 
Auch für die Zahnheilkunde behalten die großen 
Gesichtspunkte der Pathologie, die Lehren von der 
Entzündung, Eiterung, Nekrose, von der Wechsel- 
wirkung der Körperorgane ihre Bedeutung ; den Ana- 
lytiker führt seine Erfahrung aber in eine andere 
Welt mit anderen Phänomenen und anderen Ge- 
setzen. Wie immer sich die Philosophie über die 
Kluft zwischen Leiblichem und Seelischem hinweg- 
setzen mag, für unsere Erfahrung besteht sie zunächst 
und gar für unsere praktischen Bemühungen. 

Es ist ungerecht und unzweckmäßig, einen Men- 
schen, der den andern von der Pein einer Phobie 
oder einer Zwangsvorstellung befreien will, zum Um- 
weg über das medizinische Studium zu zwingen. Es 
wird auch keinen Erfolg haben, wenn es nicht ge- 
lingt, die Analyse überhaupt zu unterdrücken. Stellen 
Sie sich eine Landschaft vor, in der zu einem gewissen 
Aussichtspunkt zwei Wege führen, der eine kurz und 
geradlinig, der andere lang, gewunden und um- 
wegig. Den kurzen Weg versuchen Sie durch eine 
Verbottafel zu sperren, vielleicht, weil er an einigen 
Blumenbeeten vorbeiführt, die Sie geschont wissen 



y§ Sigm. Freud 



wollen. Sie haben nur dann Aussicht, daß Ihr Verbot 
respektiert wird, wenn der kurze Weg steil und müh- 
selig ist, während der längere sanft aufwärts führt. 
Verhält es sich aber anders und ist im Gegenteil der 
Umweg der beschwerlichere, so können Sie leicht den 
Nutzen Ihres Verbots und das Schicksal Ihrer Blumen- 
beete erraten. Ich besorge, Sie werden die Laien 
ebensowenig zwingen können, Medizin zu studieren, 
wie es mir gelingen wird, die Ärzte zu bewegen, daß 
sie Analyse lernen. Sie kennen ja auch die mensch- 
liche Natur. 

„Wenn Sie recht haben, daß die analytische Be- 
handlung nicht ohne besondere Ausbildung auszu- 
üben ist, daß aber das medizinische Studium die 
Mehrbelastung durch eine Vorbereitung dafür nicht 
verträgt, und daß die medizinischen Kenntnisse für den 
Analytiker großenteils überflüssig sind, wohin kommen 
wir dann mit der Erzielung der idealen ärztlichen 
Persönlichkeit, die allen Aufgaben ihres Berufes 
gewachsen sein soll?" 

Ich kann nicht vorhersehen, welcher der Ausweg 
aus diesen Schwierigkeiten sein wird, bin auch nicht 
dazu berufen, ihn anzugeben. Ich sehe nur zweierlei, 
erstens, daß die Analyse für Sie eine Verlegenheit 
ist, sie sollte am besten nicht existieren, - gewiß, auch 
der Neurotiker ist eine Verlegenheit, - und zweitens, 
daß vorläufig allen Interessen Rechnung getragen 
wird, wenn sich die Ärzte entschließen, eine Klasse 



Die Frage der Laienanalyse IIQ 

von Therapeuten zu tolerieren, die ihnen die müh- 
selige Behandlung der so enorm häufigen psycho- 
genen Neurosen abnimmt und zum Vorteil dieser 
Kranken in steter Fühlung mit ihnen bleibt. 

„Ist das Ihr letztes Wort in dieser Angelegenheit, 
oder haben Sie noch etwas zu sagen?" 

Gewiß, ich wollte ja noch ein drittes Interesse in 
Betracht ziehen, das der Wissenschaft. Was ich da zu 
sagen habe, wird Ihnen wenig nahe gehen, desto mehr 
bedeutet es mir. 

Wir halten es nämlich gar nicht für wünschens- 
wert, daß die Psychoanalyse von der Medizin ver- 
schluckt werde und dann ihre endgiltige Ablagerung 
im Lehrbuch der Psychiatrie finde, im Kapitel The- 
rapie, neben Verfahren wie hypnotische Suggestion, 
Autosuggestion, Persuasion, die aus unserer Un- 
wissenheit geschöpft, ihre kurzlebigen Wirkungen der 
Trägheit und Feigheit der Mensdienmassen danken. 
Sie verdient ein besseres Schicksal und wird es 
hoffentlich haben. Als „Tiefenpsychologie", Lehre vom 
seelisch Unbewußten, kann sie all den Wissen- 
schaften unentbehrlich werden, die sich mit der Ent- 
stehungsgeschichte der menschlichen Kultur und ihrer 
großen Institutionen, wie Kunst, Religion und Gesell- 
schaftsordnung beschäftigen. Ich meine, sie hat diesen 
Wissenschaften schon bis jetzt ansehnliche Hilfe zur 
Lösung ihrer Probleme geleistet, aber dies sind nur 
kleine Beiträge im Vergleich zu dem, was sich er- 



12 O Sigm, Freud 



reichen ließe, wenn Kulturhistoriker, Religionspsycho- 
logen, Sprachforscher usw. sich dazu verstehen wer- 
den, das ihnen zur Verfügung gestellte neue For- 
schungsmittel selbst zu handhaben. Der Gebrauch der 
Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine 
ihrer Anwendungen; vielleicht wird die Zukunft 
zeigen, daß sie nicht die wichtigste ist. Jedenfalls 
wäre es unbillig, der einen Anwendung alle anderen 
zu opfern, bloß weil dies Anwendungsgebiet sich 
mit dem Kreis ärztlicher Interessen berührt. 

Denn hier entrollt sich ein weiter Zusammenhang, 
in den man nicht ohne Schaden eingreifen kann. 
Wenn die Vertreter der verschiedenen Geisteswissen- 
schaften die Psychoanalyse erlernen sollen, um deren 
Methoden und Gesichtspunkte auf ihr Material an- 
zuwenden, so reicht es nicht aus, daß sie sich an die 
Ergebnisse halten, die in der analytischen Literatur 
niedergelegt sind. Sie werden die Analyse verstehen 
lernen müssen auf dem einzigen Weg, der dazu offen 
steht, indem sie sich selbst einer Analyse unterziehen. 
Zu den Neurotikern, die der Analyse bedürfen, 
käme so eine zweite Klasse von Personen hinzu, die 
die Analyse aus intellektuellen Motiven annehmen, 
die nebenbei erzielte Erhöhung ihrer Leistungsfähig- 
keit aber gewiß gerne begrüßen werden. Zur Durch- 
führung dieser Analysen bedarf es einer Anzahl von 
Analytikern, für die etwaige Kenntnisse in der 
Medizin besonders geringe Bedeutung haben werden. 



Die Frage der Laienanalyse 121 

Aber diese - Lehranalytiker wollen wir sie heißen - 
müssen eine besonders sorgfältige Ausbildung er- 
fahren haben. Will man ihnen diese nidit verküm- 
mern, so muß man ihnen Gelegenheit geben, Er- 
fahrungen an lehrreichen und beweisenden Fällen zu 
sammeln, und da gesunde Menschen, denen auch das 
Motiv der Wißbegierde abgeht, sich nicht einer Ana- 
lyse unterziehen, können es wiederum nur Neurotiker 
sein, an denen - unter sorgsamer Kontrolle - die 
Lehranalytiker für ihre spätere, nichtärztliche Tätig- 
keit erzogen werden. Das Ganze erfordert aber ein 
gewisses Maß von Bewegungsfreiheit und verträgt 
keine kleinlichen Beschränkungen. 

Vielleicht glauben Sie nicht an diese rein theo- 
retischen Interessen der Psychoanalyse oder wollen 
ihnen keinen Einfluß auf die praktische Frage der 
Laienanalyse einräumen. Dann lassen Sie sich mahnen, 
daß es noch ein anderes Anwendungsgebiet der 
Psychoanalyse gibt, das dem Bereich des Kurpfuscher- 
gesetzes entzogen ist und auf das die Ärzte kaum 
Anspruch erheben werden. Ich meine ihre Verwen- 
dung in der Pädagogik. Wenn ein Kind anfängt, die 
Zeichen einer unerwünschten Entwicklung zu äußern, 
verstimmt, störrisch und unaufmerksam wird, so wird 
der Kinderarzt und selbst der Schularzt nichts für 
dasselbe tun können, selbst dann nicht, wenn das Kind 
deutliche nervöse Erscheinungen, wie Ängstlichkeiten, 
Eßunlust, Erbrechen, Schlafstörung produziert. Eine 



122 Sigm. Freud 



Behandlung, die analytische Beeinflussung mit er- 
zieherischen Maßnahmen vereinigt, von Personen 
ausgeführt, die es nicht verschmähen, sich um die 
Verhältnisse des kindlichen Milieus zu bekümmern, 
und die es verstehen, sich den Zugang zum Seelen- 
leben des Kindes zu bahnen, bringt in einem beides 
zustande, die nervösen Symptome aufzuheben und 
die beginnende Charakterveränderung rückgängig zu 
machen. Unsere Einsicht in die Bedeutung der oft 
unscheinbaren Kinderneurosen als Disposition für 
schwere Erkrankungen des späteren Lebens weist 
uns auf diese Kinderanalysen als einen ausgezeich- 
neten Weg der Prophylaxis hin. Es gibt unleugbar 
noch Feinde der Analyse; ich weiß nicht, welche 
Mittel ihnen zu Gebote stehen, um auch der Tätig- 
keit dieser pädagogischen Analytiker oder analyti- 
schen Pädagogen in den Arm zu fallen, halte es 
auch für nicht leicht möglich. Aber freilich, man soll 
sich nie zu sicher fühlen. 

Übrigens, um zu unserer Frage der analytischen 
Behandlung erwachsener Nervöser zurückzukehren, 
auch hier haben wir noch nicht alle Gesichtspunkte 
erschöpft. Unsere Kultur übt einen fast unerträg- 
lichen Druck auf uns aus, sie verlangt nach einem 
Korrektiv. Ist es zu phantastisch zu erwarten, daß 
die Psychoanalyse trotz ihrer Schwierigkeiten zur 
Leistung berufen sein könnte, die Menschen für ein 
solches Korrektiv vorzubereiten? Vielleicht kommt 



Die Frage der Laienanalyse I23 

nodi einmal ein Amerikaner auf den Einfall, es sich 
ein Stück Geld kosten zu lassen, um die social workers 
seines Landes analytisch zu schuleri und eine Hilfs- 
truppe zur Bekämpfung der kulturellen Neurosen aus 
ihnen zu machen. 

„Aha, eine neue Art von Heilsarmee." 
Warum nicht, unsere Phantasie arbeitet ja immer 
nach Mustern. Der Strom von Lernbegierigen, der 
dann nach Europa fluten wird, wird an Wien vor- 
beigehen müssen, denn hier mag die analytische 
Entwicklung einem frühzeitigen Verbottrauma erlegen 
sein. Sie lächeln? Ich sage das nicht, um Ihr Urteil 
zu bestechen, gewiß nicht. Ich weiß ja, Sie schenken 
mir keinen Glauben, kann Ihnen auch nicht dafür 
einstehen, daß es so kommen wird. Aber eines weiß 
ich. Es ist nicht gar so wichtig, welche Entscheidung 
Sie in der Frage der Laienanalyse fällen. Es kann 
eine lokale Wirkung haben. Aber das, worauf es 
ankommt, die inneren Entwicklungsmöglichkeiten der 
Psychoanalyse sind doch durch Verordnungen und 
Verbote nicht zu treffen. 





• 






SIGM. FREUD 






GESAMMELTE SCHRIFTEN 






ElfBände in Lexikon form at 






Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben 






von Anna Freud und A. J. Storf er 






1) Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre I892-I899 






II) Die Traumdeutung 






m) Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Cber den 






Traum / Beitrage zur Traumlehre / Beitrage zu den „Wiener 






Diskussionen" 






IV) Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der 






Psychoanalyse / Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der psycho- 






analytischen Bewegung 






V) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben 






und zur Neurosenlehre / Metapsychologie 






VI) Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / JenBeits des 






Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich 






und das Es / Anhang 






VII) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






Vm) Krankengeschichten 






IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn 






und die Träume in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheits- 






erinnerung des Leonardo da Vinci 






X) Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse 






XI) Schriften aus den Jahren 1923-1926 / Geleitworte zu fremden 






Werken / Gedenkartikel / Vermischte Schriften / Bibliographie 






1877-1926 / Register zu Band I-XI 






In engl. Ganzfeinen M 22o' - , Hafßfecfer CScßweinsfeder) 






M 28o' - , Ganzfeder (liandgeßunden in Saffian) M68o' - 






Verfangen St'e 






ausfüßrficße Prospekte 




- 



SIGM. FREUD 

ZUR GESCHICHTE DER 

PSYCHO ANALYTISCHEN 

BEWEGUNG 

Geßeftet M. 2'5o, Pappßd. 3~ 

Sigm. Freud gibt einen Rückblick auf sein Lebenswerk. 
Die Sonne seines Ruhmes steht im Zenith und mit er- 
hobenem Selbstgefühl darf er als Motto vor die kleine 
Sdirift den Wappensprudi der Stadt Paris setzen: Fluctuat 
nee mergitur. Wahrlich, Freud hat sidi mit seiner Lehre 
über Wasser gehalten und lange Zeit schwamm er allein 
auf einem Meer von Unverständnis. 

(Wissen und Leben, Zürid) 

Außer den individuellen Bekenntnissen der Traumdeutung 
das einzige, was der Begründer der Psychoanalyse per- 
sönlich hat verlauten lassen, und als Geschichte des schweren 
Kampfes einer extremen Forschungsrichtung interessant. 
(Deutsche Med. Wodensdrift) 

Wer die Persönlichkeit Freuds nach dem Grundsatze „Le 
style c'est 1'homme" unmittelbar auf sich einwirken lassen 
will, greife nach dieser kleinen Schrift. Abgesehen vom 
Inhalt - wer wüßte denn besser als Freud selbst, was 
die Psychoanalyse eigentlich ist - fesselt die Abhandlung 
durch die Form, die den Sprachmeister Freud in Pathos 
und Ironie auf der Höhe seiner Kunst zeigt. Die über- 
legene Polemik gegen Adler und Jung sollte von jedem 
dreimal gelesen werden. (Neue Treie Presse) 



Internationafer Psycßoanafytiscßer Verfag 

Wien, VII., Andreasgasse 3 



SIEGFRIED BERN FELD 

SISYPHOS 

ODER 

DIE GRENZEN DER ERZIEHUNG 

Geheftet M. 5'-, Ganzfeinen M. &5o 

Seit langem im fragwürdigen Bereich der Pädagogik keine wichtigere 
Erscheinung, als diese Schrift. Übrigens auch keine bei allem bitteren 
Ernst witzigere und vergnüglichere. 

(Gustav WyneSen im Bertiner lageßtatt) 

Ein geistreicher Beobachter der jungen Brut hat ein Buch heraus- 
gebracht, das er mit kühnem Mute „Sisyphos" nennt . . . Bernfeld sieht 
die Welt von einer Brücke, deren Köpfe auf Freud gestützt sind und 
auf Marx. Die bürgerliche Gesellschaft sieht er als einen Ozean der 
Lüge, auf dem die angeblichen Ziele der Erziehung treiben wie ver- 
faulte Schiffsfrümmer. (Tritz Wittets im Tag) 

Die glänzende Programmrede des Unterrichtsministers reicht an Anatole 
France heran und könnte in der Insel der Pinguine stehen. 

(Die Mutter) 



Geistreiche Sachlichkeit und anmutige Ironie. 



(Ostseezeitung) 



Bernfelds Buch ist natürlich, wesentlich und notwendig . . . Sezier- 
arbelt am didaktischen Größenwahn. 

(Paul Oestretö in Die neue Erzießung) 

Selten sind die scheinbar so sicheren Grundlagen der Pädagogik so 
gründlich unterwühlt worden, wie in dem vorliegenden geistreichen 
Buthe - (Zeitscnr. f. Sexuaiwissensdaft) 

Überaus farbige und temperamentvolle Schrift. Durch den hinter der 
Oberschicht einer feinen ironischen Plauderei spürbaren sittlichen Ernst 
sympathisch. (Prof. Storcß im ZSt. f. cf. ges. Neurof. u. Psydiiatrie) 



Internationafer Psycßoanafytiscßer Verfag 
Wien, PIL, Andreasgasse 3 



AUGUST AICHHORN 
VERWAHRLOSTE JUGEND 

DIE PSYCHOANALYSE IN DER 
FÜRSORGEERZIEHUNG 

Geheftet M. 9~, Ganzieinen ll'~ 

Aus dem Geleitwort von Prof. Sigm. Freud : 

„Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine so viel 
Interesse gewonnen, so viel Hoffnungen erweckt und demzufolge so 
viele tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die auf die Theorie und 
Praxis der Kindererziehung. Dies ist leicht zu verstehen. Das Kind 
ist das hauptsächliche Objekt der psychoanalytischen Forschung geworden; 
es hat in dieser Bedeutung den Neurofiker abgelöst, an dem sie ihre 
Arbeit begann. Die Analyse hat im Kranken das wenig verändert 
fortlebende Kind aufgezeigt, wie im Träumer und im Künstler, sie hat 
die Triebkräfte und Tendenzen beleuchtet, die dem kindlischen Wesen 
sein ihm eigenes Gepräge geben, und die Entwicklungswege verfolgt, 
die von diesem zur Keife des Erwachsenen führen. Kein Wunder also, 
wenn die Erwartung entstand, die psychoanalytische Bemühung um 
das Kind werde der erzieherischen Tätigkeit zugute kommen, die das 
Kind auf seinem Weg zur Reife leiten, fördern und gegen Irrungen 
sichern will . . . Mein persönlicher Anteil an dieser Anwendung der Psycho- 
analyse ist sehr geringfügig gewesen. Ich hatte mir frühzeitig das 
Scherzwort von den drei unmöglichen Berufen — als da sind : Erzlehen, 
Kurieren, Regieren — zu eigen gemacht, war auch von der mittleren 
dieser Aufgaben hinreichend in Anspruch genommen. Darum verkenne 
ich aber nicht den hohen sozialen Wert, den die Arbeit meiner päda- 
gogischen Freunde beanspruchen darf. 

Das vorliegende Buch des Vorstandes A. Aichhorn beschäftigt 
sich mit einem Teilstück des großen Problems, mit der erzieherischen 
Beeinflussung der jugendlichen Verwahrlosten. Der Verfasser hatte in 
amtlicher Stellung als Leiter städtischer Fürsorgeanstalten lange Jahre 
gewirkt, ehe er mit der Psychoanalyse bekannt wurde. Sein Verhalten 
gegen die Pflegebefohlenen entsprang aus der Quelle einer warmen 
Anteilnahme an dem Schicksal dieser Unglücklichen und wurde durch 
eine Intuitive Einfühlung In deren seelische Bedürfnisse richtig geleitet." 



Internationa fer Psycßoanafytiscßer Verlag 
Wien, VII., Andreasgasse 3 



Pressestimmen üßer „Ai&ßom .- Verwaßrfoste Jugend" 



Aichhorns Buch trägt die Bestimmung In sich, an aufklärender Er- 
ziehungsarbeit viel beizusteuern. Durch die Bildhaftigkeit seiner Aus- 
drucksweise, durch seine geschickte Verbrämung der praktischen Für- 
sorgeergebnisse mit den theoretischen Erklärungen hat er diesen zehn 
Vortragen die Spannung von der ersten bis zur letzten Seite erhalten. 
Man hat wirklich das Gefühl, einen lebendigen Sprecher zn hören. 

CSoziale Arbeit) 

Wer sich für die Probleme der Verwahrlosung interessiert, wird an 
dem Buche von Aichhorn nicht vorübergehen können und die dort 
geschilderten Fälle eingehend studieren müssen. 

(Preußische Leßrerzeitung) 

Dieses Buch ist dazu angetan, alle, die in der Erziehungsarbeit stehen, 
hellhörig und besinnlich zu machen. CSoziak Beruf sarBeit) 

Von besonderem Interesse ist die Schilderung der Erziehungsmethoden, 
die der Verf. anwendet, und die zweifellos eine glückliche pädagogische 
Treffsicherheit in der Erfassung des im gegebenen Moment einer 
bestimmten Individualität gegenüber Angebrachten verraten. 

(Zeitschrift f. Sexualwissenschaft) 

Solche Bücher, solche Männer möchten wir in reichlicher Anzahl unseren 
Massen zuführen und ihnen sagen können: „Seht Ihr's? So gehfs auch!» 

(Nepszava, Budapest) 

Jeder, der jemals erzieherisch täfig war, wird Aichhorn für sein Werk 
dankbar sein; und wer hat nicht wenigstens einmal in seinem Leben 
vor der Aufgabe gestanden, erziehen zu müssen: und wäre es nur 
die eine lebenslängliche erzieherische Tat, - sich selbst zu erziehen. 

CPester Lloyd) 

Wir begrüßen das Buch in doppelter Hinsicht : einerseits als Lehrbuch 
und andererseits als Führerbuch für diese wichtige Fürsorgefrage 
Dieses Buch ist auch ein persönliches Dokument und zeigt, wie ein 
Praktiker in unermüdlicher und selbstverleugnender Tätigkeit einer 
wissenschaftlichen Theorie, deren Erkenntnisgebiet außerhalb des Greif- 
baren liegt, Leben geben kann. 

CBtätter f. d. Woßlfaßrtsivesen d, Gemeinde Wien) 



Freud, Laienanalyse 



THEODOR REIK 
DER EIGENE UND 
DER FREMDE GOTT 

Geheftet M. S.So, Ganzfeinen lo.So, HaCßfeder 13.— 

Inhalt: Über kollektives Vergessen / Jesus und Maria im Talmud 
/ Der hl. Eplphanius verschreibt sich / Die wiederauferstandenen 
Götter / Das Evangelium des Judas Ischarioth / Psychoanalytische 
Deutung des Judas-Problems / Gott und Teufel / Die Unheimlichkeit 
fremder Götter und Kulte / Das Unheimliche aus infantilen Kom- 
plexen / Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare / Über Differenzierung 

Der tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer 
Zeit. (Schulreform, Bern) 

Einer der hellsten Köpfe unter den Psycho- 
( Alf red DöBlin in der Vossisdien Zeitung) 

Gut ist die Analyse des Fanatismus . . . Man wird eine Methode, die 
so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht a limine ablehnen. 

(Prof. Titius in der Ttieologisdien Literaturzeitung) 

Mau muß Reiks wuchtigen Vorstoß anerkennen . . . Rücksichtslos geht 
der Weg, zwar oft durch Dunkel und Schrecken und kaltes Grauen. 
Aber wer den Mut dazu hat, kann sich getrost der sachkundigen 
Führung Reiks anvertrauen. (Bremer Naairicßten) 

Das Buch ist unmittelbar erschütternd. Es versäume niemand, dem 
psychologischen Zusammenhang zwischen Christus und Judas Ischarioth 
unter Reiks sachkundiger Führung nachzusinnen. Der erste Eindruck 
mag leicht ähnlich erschreckend wirken, wie die Begegnung mit dem 
Hüter der Schwelle; allein auch hier wird sich der Schreck, vom 
Richtigen richtig erlebt, als heilsam erweisen. 

(Graf Hermann Keyserling im Weg zur Vollendung) 

Manches jdarln wird starken Anstoß erregen und doch . . . findet man 
immer wieder etwas in ein neues Licht gerückt. (TranSfurter Zeitung) 



Ein geistreiches Buch 
analyrikern. 



Internationafer Psycßoanafytfscßer Vertag 
Wien, VII., Andrsasgasse 3 



THEODOR REIK 

GESTÄNDNIS ZWANG 
UND STRAFBEDÜRFNIS 

PROBLEME DER PSYCHOANALYSE 
UNDDER KRIMINOLOGIE 

Geheftet M. <?'-> Ganzfeinen fo'~ 

I n h al t : Der unbewußte Geständniszwang / Wiederkehr des Verdräng- 
ten / Tiefendimension der Neurose / Der Geständniszwang in der Krimi- 
nalistik / Psychoanalytische Strafrechtstheorie /jDer Geständniszwang 
in Religion, Mythus, Kunst u. Sprache / Entstehung des Gewissens / 
Kinderpsychologie und Pädagogik / Der soziale Geständniszwang 

Die hochinteressante Arbeit eines tiefgründigen Denkers und scharfen 
Beobachters, deren große Bedeutung für die Weiterentwicklung der 
Psychoanalyse die Zukunft zeigen wird. 

(Österreichische Richtet Zeitung) 

Kein Leser wird sich dem Ernst entziehen können, mit dem Reik den 
seltsamen Kontrast zwischen äußerer Selbstgerecfatigkeit des Menschen 
(als Einzelnen wie als Kollektiven) und dem inneren Selbstgericht 
aufdeckt, der den Leitfaden der echten sittlichen Entwicklung bildet. 

(Bücherrundscßau) 

Vermittelt über die letzten Wurzeln des Geständnis- und Bestraf „ngs- 
triebes bei Neurotikern viele überraschende und originelle, sicher auch 
einst fruchtbar werdende Einsichten. 

(Zentralßtatt f. cf. ges. Neurologie u, Psydnatrie) 

Reik versteht es in glänzender Weise, seine Hypothesen vorzutragen. 
Ein bewundernswerter Glaube an die Bedeutung der Psychoanalyse 
läßt ihn zur höchsten Höhe einer optimistischen Zukunftshoffnung 
aufsteigen. CPwf _ TrhcftÖMcfer in der UmschauJ 



Internationafer Psycßoanafytiscfier Verfag 
Wien, VII, Andreasgasse 3 



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