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Full text of "Die Frömmigheit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Ein psychoanalytischer Beitrag zur Kenntnis der religiösen Sublimierungsprozesse und zur Erklärung des Pietismus"

SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIOM. FREUD 

ACHTES HEFT 



DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 
LUDWIG VON ZINZENDORF 



EIN PSYCHOANALYTISCHER BEITRAG ZUR KENNTNIS 

DER RELIGIÖSEN SUBLIMIERUNGSPROZESSE UND ZUR 

ERKLÄRUNG DES PIETISMUS 



VON 



/ DR. OSKAR PFISTER, X 

' PFARRER IN ZÜRICH. 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1910. 

VerIags>Nr. 1764. 



VEBLAG VON FRANZ DEÜTICKE IN LEIPZIG UND WIEN. 



Nachstehende sieben Werke, welche als die Dokumente ffir 
den Entwicklungsgang und Inhalt der Freudschen Lehren anzu- 
sehen sind, werden, wenn auf einmal bezogen, zum Vorzugspreise 
Ton M 80.— = K 36.— (statt M 36.50 = K 43.80) abgegeben : 

Studien über Hysterie. 

Ton Dr. Josef Breuer and Prof. Dr. S. Freud. 
Zweite Auflage. Preis M 7.— = K 8.40. 

Die Traumdeutung. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Zweite, Termehrte AaCla^. Preis M 9.— » K 10.80. 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie* 

Von Prof. Dr. Sigm. Frend. 
Zweite Auflage. Preis M 2.— « K 2.40. 

Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre. 

Von Prof. Dr. Sigm. Frend. 
I. und n. Reihe. Preis k M 6.— » K 6.—. 

Der Wahn und die Träume 
in W. Jensens »Gradiva«. 

(Schriften znr angewandten Seelenknnde. I. Heft.) 

Von Prof. Dr. Sigmund Frend in Wien. 

Preis M 2.50 » K 3.—. 

Der Witz 
und seine Beziehung zum Unbewußten. 

Ton Prot Dr. Sigm. Freud. 
Preis M 6.— == K 6.—. 

Ober Psychoanalyse. 

Fünf Vorlesongen, gehalten sor SOjährigen Gründongsfeier 

der Clark üniversity in Worcester Mass. 

Von Prof. Dr. Sigm. Frend. 

Preis M 1.— -« K 1.20. 



SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKÜNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PrOP. Dr. SIGM. FREUD 
ACHTES HEFT 



DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 
LUDWIG VON ZINZENDORF 



EIN PSYCHOANALYTISCHER BEITRAG ZUR KENNTNIS 

DER RELIGIÖSEN SÜBLIMIERÜNGSPROZESSE UND ZUR 

ERKLÄRUNG DES PIETISMUS 



VON 



De. OSKAE PFISTER, ^ 

PFABBBB Or ZOBIOH. 



LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTIOKE 

1910 



Verlags-Nr. 1764. 



BURDAOH 









HERRN Dr. med. et jur. C. G. JUNG 
m DANKBAßBJEIT UND H0CHSC5HÄTZÜNG 

DER VERFASSER. 



Mi09299 



Inhalt. 



Seit« 

Einleitung i 

I. Die Jugend 8 

1. Die Kindheit (1700—1710) 8 

2. Die Knabenjahre (1710—1716) 7 

8. Das Jünglingsalter (1716—1722) 9 

II. Das Mannesalter 18 

1. Von der Verheiratung bis zur Schwarmperiode (1722—1741) . . 12 

a) ÄuBerer Lebensgang 12 

h) Die innere Entwicklung und ihre kirchengeechichtliche Stellung 14 

2. Die Eruptionsperiode (1741—1749) 27 

A. Äultere Vorgänge und allgemeine Grundzüge 27 

B. Zinzendorfe Frömmigkeit in der Eruptionsperiode • . . « 89 

1. Ihre Voraussetzung: Die Verdrängung der primären Erotik 89 

2. Die sublimierte Erotik 41 

a) Jesus 41 

a) Seine Gesamtersoheinung 41 

ß) Sein Leichnam 47 

y) Die Kreuzesluft 60 

() Die Wunden im allgemeinen 50 

t) Das Blut 64 

Der Angstschweifi 56 

1)) Das nS^itenhöhlchen" als Geburtsorgan und homo- 
sexuelles Ziel 67 

9) Das Membrum 66 

h) Der Heilige Geist als Mutter 68 

e) Gott- Vater als Groß- und Schwiegervater 71 

d) Die Dreieinigkeit 72 

e) Der Mensch als Eheweib Jesu 73 

/) Der Kultus 76 

a) Kultische Neubildungen 75 

ß) Abendmahl als „Umarmung des Mannes" .... 76 

f) Taufe und Exorzismus 78 

l) Konfirmation 79 

t) Beerdigung 79 



VI INHALT. 

Seite 

g) Die sittlichen Anschauungen und Kräfte 80 

a) Prinzipiell 80 

ß) Askese 80 

7) Das Los 81 

l) Sexualität und Ehe 82 

t) Kindererziehung 84 

C) Mission 86 

1)) Brüdergemeine 86 

h) Die Theologie 87 

C. Psychologische Bemerkungen zur Frömmigkeit der Eruptions- 
periode 87 

3. Der letzte Lebensabschnitt (1749—1760) 94 

A. Äußere Begebenheiten . . 94 

B. Die Frömmigkeit 98 

Schluß: Zur Würdigung Zinzendorfs 104 

1. Religionspsychologische Bemerkungen 104 

2. Ethische Würdigung 109 

8. Religionshistorische Beleuchtung 112 

Literatur, 119 



Die Geschichte hat den Namen des Grafen Ludwig 
von Zinzendorf mit unvergänglichen Lettern in ihre 
Annalen eingetragen. Leseing und Herder, die personi- 
fizierte Vernunft und die Fleisch gewordene Humanität, 
stellten sich mit dem blitzenden Schwerte ihres Geistes vor 
den vielgeschmähten Mann, der jimge Goethe lauschte in 
den Bekenntnissen jener jesustrunknen schönen Seele dem 
Wehen Zinzendorfischen Geistes. Der feinsinnige Liederdichter 
Albert Knapp versteigt sich gar zu der Behauptung, der 
Graf stehe mit Augustinus und Luther an Geisteskraft auf 
gleicher Höhe und versichert : »Diese drei genannten Männer 
scheinen mir und manchen anderen, die ein kompetentes 
Christenurteil besitzen, die drei größten Zeugen Christi seit 
der Apostelzeit zu sein«.*) Th. Schmidt nennt noch 1900 
Zinzendorf einen »wunderbaren Mann«, »der auf manchem 
Gebiete der Prophet einer neuen Zeit gewesen ist.« *) 

' Von dieser enthusiastischen Erhebung ist man allerdings 
fast ganz zurückgekommen, besonders seit AlbrechtRitschl 
und Karl Hase die bedenklichen Züge Zinzendorfs mit 
voller Offenheit hervorzogen. Auch die neueren trefflichen 
Historiker der Brüdergemeine, z. B. Plitt, Bernhard 
Becker, Jos. Müller, Kölbing, Reichel u. a. nennen 
mit lobenswerter Aufrichtigkeit des Grafen Mängel. Die neueste 
Schilderung erlaubt sich sogar, das Prädikat eines »ganz ver- 
rückten Kerls« gegenüber dem Grafen zu billigen, freilich 
mit dem Zusatz: »Es ist ja etwas Wunderbares um die soge- 
nannten »verrückten Kerle«, die dabei aber doch geistvoll 
und tief sind und die »vernünftigen Menschen« ihrer Zeit 
weitaus überragen.« ^) 

Es ist nicht zu verwundern, daß der Stifter der Herrn- 
huter Gemeinden von zahllosen Historikern gewürdigt wurde. 

^) A. Knapp, Oeistl. Gedichte des Grafen y. Z., S. XI. — *) Th. E. 
Schmidt, Zs. soziale SteUung. Vorwort III. — ^ J. Jüngst, Pietisten, 73 f. 

Pf ist er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig Ton Zinzendorf. 1 



• ■ • • •• 



1^ t ■, * * y . ■ j» ■ , ; — t j\ 1 

■ * ÜIB FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 



Allein wiewohl die Literatur über Zinzendorf einen enormen 
Umfang angenommen hat, fehlt noch immer der Versuch, für 
die Eigenart dieses interessanten Charakters psychologisches 
Verständnis zu gewinnen. Sogar Plitt in seinem dreibändigen 
Werk über Zinzendorfs Theologie beschränkt sich auf eine 
systematische Gruppierung und gelegentliche historische Er- 
innerimgen. Sämtliche Autoren konstatieren, daß in den 
Vierzigerjahren »krankhafte Verbildungen« auftraten, daß 
aber bald wieder eine gesunde Frömmigkeit die Oberhand 
gewann. Die vollständige wissenschaftliche Ratlosigkeit, mit der 
man bis zur Entdeckimg der Psychoanalyse durch Sigmund 
Freud den tieferen Zusammenhängen des frommen Lebens 
gegenüberstand, nötigte zum Verzicht auf kausale Erklärung. 

Und man war froh, mit sanfter Entschuldigung, beißen- 
dem Hohn oder pathetischer Entrüstung den peinlichen Gegen- 
stand abzuschütteln, um sogleich zu betonen, daß vor und 
nach der Periode schwärmerischer Verirrimgen Zinzendorf 
einer erfreulichen Normalfrömmigkeit ergeben war. 

Eine wirklich wissenschaftliche Erklärimg kommt nicht 
so wohlfeil davon. Es geht nicht an, einen so langen Zeit- 
raum, wie ihn die sogenannte Sichtungszeit darstellt, als einen 
Lapsus zu behandeln, der mit dem eigentlichen Leben im 
Grunde nichts zu tun hat. Wem es um wirkliches psycho- 
logisches Verständnis der religiösen Eigenart Zinzendorfs zu 
tun ist, der kann sich der allerdings peinlichen Aufgabe nicht 
entziehen, in jene Abgründe seines Seelenlebens hinabzusteigen, 
die nur ein sittlich ernster und wissenschaftlich gereifter Be- 
obachter aufsuchen kann, ohne von Ekel und Grauen oder 
anderen Emotionen überwältigt zu werden. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 



I. Die Jugend. 
1. Die Kindheit (1700—1710). 

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der Sohn eines kur- 
fürstlich sächsischen Ministers, wurde am 26. Mai 1700 in streng 
pietistischer Familie geboren. Daß Spener, der Vater des 
Pietismus, zu seinen Taufpaten gehört habe, wie Spangen- 
börg,^) von Schrautenba ch,^) Hase') und sogar noch 
von Natzmer*) und Rom er ^) angeben, hat sich nach 
Joseph Müller^) bei urkundlicher Forschung als Sage 
herausgestellt. Immerhin weihte S p e n e r den vierjährigen 
Knaben mit Handauflegung »zur Beförderung des Reiches 
Christi«. 7) 

Der Vater unseres Analysanden hatte während längerer 
Lungentuberkulose in der Welt des Glaubens Ersatz für die 
Armut des Erdenlebens gefunden. Er starb schon am 9. Juli 
1700 an einem Blut stürz. Daß sein Andenken für Ludwig 
wichtig werden sollte, geht schon daraus hervor, daß dieser 
alljährlich des Vaters Todestag feierte.®) Mit welchen Erinne- 
rungen es geschah, verrät das Bekenntnis : »Den ersten Ein- 
druck auf mein Herz machte das, was mir meine Mutter von 
meinem seligen Vater und dessen heiliger Liebe zur Marter- 
person des Heilandes sagte.« ^) So gab die Gestalt des Vaters 
starken Anstoß zur Übertragung der Liebe auf Jesus, wenn 
auch Götz wohl zu weit geht in seiner These, daß »der 



*) Spangenberg, Leben Zs. 5. — *) Schrautenbach, Der Graf v. Z. u. 
d. Brüdergem. s. Z. 70. — ») Hase, Kirchengesch., lU. Teil, 2. Abt., 89. — 
*) Natzmer, Die Jugend Zs. 3. — ») Römer, N. L. Graf v. Z. 4. — «) J. MüUer, 
Art. >Z.« in Haucks Realenc. f. prot. Th. u. K. », XXI., 680. — ') Römer 4. 
— •) J. G. Müller, Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst. 
Bd. III, 5. — ») F. Oehninger, Gesch. d. Chr. 400. Becker, Z. 4. 

1* 



DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 



heimgegangene Vater weit mehr als die lebenden Glieder mit 
seiner Glaubensart auf den Knaben einwirkte«.*) 

Im nämlichen Sinne beeinflußte die Mutter ihr einziges 
Kind. Sie war der Religion, besonders der Jesusverehrung 
gleichfalls eifrig und gelegentlich beinahe ängstlich zugetan. 
Geistig hochstehend, in antiken Sprachen wohlbewandert, aber 
»von bedenklichem Gemüt«, 2) trat sie in kein herzliches Ver- 
hältnis zu ihrem Söhnchen und übte auf seine Erziehung 
keinen direkten Einfluß aus, zumal sie es nur etwa ein Jahr 
bei sich hatte. ^) Im vierten Jahre des Knaben verheiratete 
sie sich mit dem preußischen Feldmarschall von Natzmer. 
Später bewies sie für Ludwig reges Interesse, aber bei aller 
Liebe eine übertriebene Strenge. Der Sohn bekannte später 
(1745), daß er die Mutter, die ihn nach ihrem Zeugnis dem 
Heiland übergeben hatte, lebenslang nicht nur als Kind, son- 
dern als Untertan ehrte.*) Da auch dieses Objekt infantiler 
Erotik hinter die Lichtgestalt des Heilandes zurücktrat und 
zerfloß, mußte sich die kindliche Liebe in Jesus einen Ersatz 
suchen und schaffen. 

Dies um so mehr, als auch die übrigen Erzieher die 
direkte Übertragung ablehnten und die Libido auf Jesus hin- 
drängten, wobei sie den Abzugskanal weltlicher Freuden, 
auch der harmlosesten Vergnügungen verstopften. Zinzendorf 
durfte und konnte nicht Kind sein. Die Großmutter verfügte 
über eine erstaunliche Bildung und verblüffende Energie. Sie 
las die Bibel in ihren Grundsprachen, dichtete deutsch und 
lateinisch und korrespondierte mit bedeutenden Gelehrten. 
Ihre Lieder gab Paul Anton, Professor in Halle, heraus. *) 
Sie war auch Tonkünstlerin und Malerin. Da sie viel an 
Kopfschmerz litt, ließ sie sich trepanieren und benachrich- 
tigte erst nachträglich ihren Mann vom Geschehenen. *) Für 
ihren Enkel war bedeutsam, daß ihre tiefe Frömmigkeit sich 
an den Schäden der Kirche so sehr stieß, daß sie auf deren 
Besserung bedacht war. ^) Über den kirchlichen Parteien 
stehend, konnte sie weder als orthodox noch als Pietistin gelten. 



*) W. Götz, Zs. Jugendjahre 16. — «) Sdiratttenbaeh 70. — •) Ebenda. 
— *) Creutz-Reich 56. — ») Natzmer 11. — •) Sehr. 69 f. — ') Natzmer 11. 



LUDWIG VON ZINZENDÖRF. 



In noch höherem Grade war Ludwig angewiesen auf seine 
Tante Henriette, eine um vierzehn^) (nicht zehn*) Jahre 
ältere »etwas wunderliche Person«.*) Das Mädchen war zur 
Schwester und Spielgefährtin zu alt, zum Muttersurrogat zu 
jung und im Vergleich zur natürlichen Mutter zu unbeson- 
nen und aufgeregt. Zinzendorf bezeugt ihr in einem an sie 
gerichteten Geburtstagsgedicht: »Ich habe vieles, was ich 
weiß, von dieser SeeP erlernt; Sie hat mich von der Welt 
entfernt, Und bracht aufs rechte Gleis.«*) 

Täglich wurde in der großmütterlichen Familie morgens 
und abends eine Betstunde abgehalten. Überdies betete vor- 
her und nachher Henriette mit ihrem Neffen. Tagsüber ver- 
kehrten häufig pietistisch gesinnte Leute (»Erweckte«) im 
Hause. *) Vom dritten bis zehnten Jahre wachte zudem ein 
streng religiös empfindender Hofmeister, der spätere Lieder- 
dichter Edel in g, über des Knaben Erziehung. 

Vom Verkehre mit anderen Kindern war Ludwig abge- 
schlossen. Im vierten bis sechsten Jahre mußte der schwäch- 
liche Kleine dafür »möglichst viel« Weltgeschichte lernen. ^) 

Die Übertragung auf den Heiland gelang. Mit ihm re- 
dete der Knabe stundenlang allein, '') in ihm fand er Bruder- 
Freund, Gespielen, in ihm einen Ersatz für Vater und Mutter. 
Noch ehe er vier Jahre alt war, rühmt Spangenberg, 
»hatte er schon die Hauptstücke christlicher Lehre gefaßt und 
insonderheit den Punkt, daß Christus unser Bruder und daß 
er für uns gestorben sey, tief zu Herzen genommen.«^) Weil 
er in einer Hausbetstunde den Vers verschlief: »Unser lieber 
Vater Du bist, weil Christus unser Bruder ist«, weinte er einmal 
sehr.*) Auf die Lieder von Jesu Marter freute er sich lange 
voraus.^®) Er nahm sich vor, alles Gesungene so lebhaft vor- 
zustellen, als wäre er dabei gewesen, und führte den Vorsatz 
auch aus.*^) Im sechsten Jahre beschließt er, lediglich dem 
Manne zu leben, der sein Leben für ihn gelassen. ^^) Mit sieben 



^) Jos. Müller, Z. als Erneuerer der alten Brüderkirche 6. — ') Römer 
(S. 6) gibt das Alter unrichtig an. -- ^ Natzmer 11. — ^) Teutsche Gedichte 
10». — «) J. G. Müller 7. — •) Sp. 21. — 'f) Kinderreden 412. -^ «) Sp. 21. 
— ») Ebenda. — ") Sp. 22. — ") Sp. 23. — ") J. G. MüUer 10. 



DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 



Jahren will er in einem Zimmer, an welches er sich später 
(1747) genau erinnerte, »das erste Gefühl von den Wunden 
Jesu« gehabt haben; es seien ihm da »die ersten Freuden- 
tränen über den blutigen Heiland und seine Versöhnung« ge- 
flossen.^) Mag das Gedächtnis in dieser Schilderung durch 
starke Linsen geschaut haben, sicher ist, daß Zinzendorf ge- 
meinsam mit der Tante sein Herz dem Heiland antrug*) und 
es als seine Seligkeit empfand, den Heiland im Herzen zu er- 
fahren.*) Bekannt ist, daß er dem Heiland Brief chen schrieb, 
die er aus dem Fenster warf.*) Diese Liebe zum Heiland führte 
ihn nach einem Ausdruck des Jahres 1738 zu einem von 
Kindheit an gefühlten »Feuer in seinen Gebeinen, die ewige 
Gottheit Jesu zu predigen.«*) Selbst seinen nächsten Ver- 
wandten ging der Knabe in seiner Liebe zum Heiland zu 
weit. Sie bezichtigten ihn des geistlichen Hochmutes, so daß 
sich der Kleine als um des Heilands willen verfolgt ansah. ^) 

Im siebenten und achten Jahre traten bereits starke 
geistliche Anfechtungen ein. Leider sind wir über diese Vor- 
gänge ungenau unterrichtet. Wir wissen nur, daß dem Knaben 
in einer schlaflosen Nacht entsetzliche Dinge einfielen beim 
Gedanken an ein Lied. Der Heiland sei ihm aber beige- 
standen, auch wenn die ängstlichen Spekulationen, die ihm 
alles zweifelhaft machen wollten und ekelhaft waren, immer 
wieder kamen.') Spangenberg fügt bei: »Ich getraue 
mich nicht zu sagen, was unseren Grafen in die Not gesetzt 
hat.«®) In der Denkschrift „Ilepl laüxoü" bestätigt Zinzendorf 
seine vom achten Jahre an ausgestandenen Gemütsleiden, die 
es ihm nicht zuließen, auf einen Augenblick vom Steinritz 
(der Seitenwunde Jesu) zu weichen; »das wagte mein Herz 
nicht.«®) 

Der Sachkundige kann keinen Augenblick bezweifeln^ 
daß dieser Angstzustand sexuell bedingt ist. Die ungesunde 
Entwicklung hemmte die Betätigung der primären Lusttriebe, 
vor allem die Übertragung auf Eltern und Geschwister oder 

*) Sp. 1711. — «) Sp. 24. — ») Kinderreden 7. — *) Sp. 80. — ») J. G. 
Müller 10. — •) Götz 19, Becker, Z. 4. - ^) Sp. 28. — «) Sp. 29. — •) Ilepl 
iauTOÜ, Beil. 70. 



LÜDWia VON ZINZENDORF. 



deren Surrogate, sowie die freie Beschäftigung in kindlichem 
Spiel und Scherz. Die Sublimierung der Libido im Anschluß 
an den Heiland kam anscheinend glücklich und ohne Be- 
nachteiligung der normalen Euphorie zu stände. Bald aber .ver- 
rieten Ängstsymptome die unvollkommen gelungene Sexual- 
verdrängung. Äußer der Angst, die beim heutigen Stand der 
Neurosenlehre als sicherer Beweis für unbefriedigte Libido an- 
gesehen werden muß, deutet auch die Benennung jener quä- 
lenden Oedanken als ekelhafter auf sexuelle Ätiologie der in- 
fantilen Glaubensstörungen. 

2. Die Knabenjahre (1710—1716). 

Der Aufenthalt im Pädagogium zu Halle (1710 — 16) war 
für den jungen Grafen eine Zeit des Darbens. Die Mutter 
mahnte schon bei der Ankunft den strengen August Her- 
mann Prancke, ihren Sohn sehr niedrig zu halten, da er 
zum Hochmut neige. Die gesamte Lehrerschaft erfuhr — wie 
übrigens auch der im Nebenzimmer lauschende Knabe — den 
Wunsch der hohen Prau und lebte ihm redlich nach.^) Ludwig 
wurde in eine zu niedrige Klasse gesetzt und nach seirfftn 
eigenen Zeugnis ungebührlich geziichtigt, z. B. vor der 
Klasse kastigiert, »mit angehangenen Eseln auf die Gasse ge- 
stellt« und bei Beschwerden über Kameraden, die ihn ins 
Wasser stießen oder seine Bücher verbargen, wegen falscher 
Anklage gestraft.*) Die Mutter, von der schlechten Auffüh- 
rung ihres Lutz in Kenntnis gesetzt, verlangte wiederholt »ge- 
ziemende Schärfe« für den Fall, daß Güte nichts helfe.') Aus 
dem Protokoll der Lehrerkonferenz erfahren wir, daß dem 
zwölfjährigen Grafen wegen exzessiver ünordentlichkeit und 
Unart angedeutet wurde, er werde künftige Woche die Rute 
haben.*) Man begnadigte ihn jedoch auf Verwenden seines 
Hofmeisters Homann. Die Großmutter nennt ihn (August 1712) 
eitel, hochmütig und zur Verschwendung geneigt.^) Die Klagen 
der Anstalt nahmen immer mehr zu.^) Ein naher Freund der 
Familie, von Canstein, beschwert sich oft über die ün- 



/ 



*) Natzmer 18. — «) 23, 253. — ») 24, 41. — *) 26. — «) 28. — •) 31. 



DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 



Wahrhaftigkeit und Bosheit Ludwigs, ja er hat alle Hoffnung 
verloren, daß der Junge auf ordentlichem Wege gebessert 
werden sollte.*) Der zweite Hofmeister, Crisenius, ein harter 
und verlogener Mensch, trug dazu bei, dem Knaben das Leben 
sauer zu machen. Freie Aussprache gegen die Angehörigen war 
dem Zögling untersagt, und als er der Mutter in der Not 
seines Herzens dennoch sein Herz auszuschütten wagte, wurde 
er von Crisenius jämmerlich geschlagen. 

Auch während dieses schweren Lebensabschnittes war 
Jesus der einzige Tröster.*) Der tägliche Verkehr mit 
Francke, an dessen Tisch der Schüler speiste, die Bekannt- 
schaft mit Missionaren und anderen Männern, die für ihren 
Glauben viel gelitten hatten, schürte die Glut für den Hei- 
land. 

Die Lust zum Leiden grub sich dem Knaben, der immer 
noch oft von Angst gequält wurde, tief ein.*) Die damals 
entstandenen Gedichte spiegeln diese Gemütslage recht 
deutlich. 1713 schreibt der Knabe: »Du treuer Heyland! 
allerliebstes Leben ! Ich, dein Geschöpf f, muss zittern und er- 
beben Vor deinen schweren Leibs- und Seelen-Plagen, Die dich 
geschlagen.« »Drum habe Danck, du edler Freund der Seelen! 
Ach ! nimm uns ein in deine Seiten-Höhlen ; Draus wollen wir 
den Bösewicht bekriegen Und wollen siegen.«*) Im folgenden 
Jahre, bei der ersten Kommunion, bezeugt Ludwig: 

»Er (Gott) hat mich Liebes-Krancken, Bey seligen Ge- 
dancken, Zu seinem Trost geleitet Und theure Kost bereitet.« 
»Sein letztes Angstgethöne klingt meinen Ohren schöne.«^) 

1716 singt der Knabe: »Jesus aber ist dein Fall, Tod! 
und deine Qvaal, o Hölle ! Teufel, Deine Pestilentz, wenn ich 
mich zu dem geselle, O so seyn ja eure Pfeile nur umsonst 
auf mich gespitzt. Weil in Jesu Wunden Holen, Geist und 
leib geruhig sitzt. «^) 

In bezug auf sexuelle Dinge wahrte sich Zinzendorf 
nach seinem Bekenntnis vollkommene Integrität an Seele und 
Leib. Und doch geriet er in den Angstzustand, den Paulus 



*) 31 f. 39. — «) Sp. 43. — ») Sp. 42. — *) T. G. 1 f . — ») T. G. 2. — 
") Tagebuch, Z. f. Brüdergesch. I (1907) 120. 



LUDWIG VON ZmZENDORF. 



im 7. Kapitel des Römerbriefes beschreibt, in ein Gefühl 
furchtbaren Sündenelends. ^) 

Mit den Kameraden verstund er sich allmählich besser. 
Er hielt mit ihnen heimlich Oebetszusammenkünfte und grün- 
dete nicht weniger als sieben Knabenvereine, in welchen be- 
reits verschiedene »Religionen« waren. Aber in allen Reden, 
Grebeten und Liedern wurde kaum ein anderer Gegenstand als 
Jesu Leiden und Sterben berücksichtigt.*) Einer der Vereine 
trug das Emblem des Ecce homo mit der Umschrift: Nostra 
medela, d. h. Jesu Wunden unsere Arznei.^) Das Abendmahl 
mit seiner Erinnerung an Jesu Leiden versetzt den Jüngling 
beinahe in Ekstase.^) 1715 schließt ein ihm bekannter Knabe 
mit einem Freund einen Bund zur Heidenbekehrung. ^) Wie wenig 
er trotzdem echte Freundschaft erfuhr, verrät der Ausspruch: 
»Ich habe vom sechsten Jahre bis ins einundzwanzigste allein mit 
ihm (dem Heiland) leben müssen, und habe niemand gehabt, 
dem ich mein Herz hätte vertrauen können.«*) 

Die viele Kümmernis ließ Zinzendorf nach Spangenbergs 
Angabe zu keiner rechten Gesundheit kommen.^) Mitunter litt 
er, wie ein Tagebuch meldet, an »wütendem Kopfweh.®) Die 
Sublimierung mißglückte auch während der Pubertätsent- 
wicklung zum guten Teile. 

3. Das Jünglingsalter bis zur Yerheiratnng 

(1716—1722). 

An der Universität Wittenberg (1716 — 1719) wurdenZinzen- 
dorfs pietistische Neigungen eher verstärkt als gedämpft. Von 
der Verderbtheit seiner Natur überzeugt, legte er sich asketische 
Übimgen auf: Gelegentlich verwandte er eine ganze Nacht 
auf Gebet und Schriftbetrachtung, fastete eine Weile trotz 
seiner Schwächlichkeit jeden Freitag, später jeden Sonntag 
und lehnte an diesem Tage alle Besuche ab, um desto genauer 
auf das Heil seiner Seele bedacht sein zu können.^) Gegen 



*) Sp. 44. — «) Ilepl iauTou, BeU. 7. — ») Sp. 49. — *) Sp. 53. 
— ») Sp. II, i Beil. 7. — •) Jos. MüUer, Z. a. E. 9. — *) Sp. 58. — «) Tagebuch 
156. — ») Sp. 62. 



10 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

die Adiaphora stritt er heftig *) und mußte wegen seines from- 
men Eifers viel leiden. Geistesverwandte Freunde schlössen 
mit ihm einen Bund zum Zwecke gegenseitiger Olaubens- 
stärkung. 

Reisen nach Holland und Frankreich befestigten die bis- 
herige Entwicklung. Gesteigerte Ängstlichkeit verrät sich in 
dem zuletzt doch überwimdenen Bedenken, daß der Sonntag 
den Christen nicht geboten sei.*) 1719 erklärte der Graf, daß 
er den Tod nicht fürchte, sondern als Hochzeitsfreude be- 
trachte.') Allmählich erlischt die Heftigkeit gegenüber den 
»Mitteldingen», doch bleibt der Wunsch, von der Welt und ihren 
Annehmlichkeiten immer mehr abgelöst zu werden.*) So kommt 
er dem Heiland immer näher. ^) 

Im Kardinal von Noailles erblickt er eine edle Heilands- 
liebe jenseits der Schranke seiner Konfession. In der be- 
kannten mutigen Auseinandersetzung mit dem greisen Gönner 
redet er — eine seltene Erscheinung! — von unserem lieben 
Gott und Vater, der die Gläubigen im zukünftigen Leben wieder 
zusammenbringt.*) Doch hängt seine Liebe am Heiland, dessen 
Blut und Wunden uns mit Gott verbinden. 

In die Heimat zurückgekehrt, warb Zinzendorf 1720 um 
seine siebzehnjährige') Cousine Theodore von Gastell, 
die dilatorisch, wenn auch freundlich antwortete. Er legte 
ihr Verhalten zu seinen Gunsten aus. Als aber sein Freund 
Heinrich XXIX. von Reuß das Mädchen begehrte, trat unser 
Graf zurück, da der Rivale ebenfalls die Geliebte der Welt 
entreißen und überdies besser versorgen werde.®) Er fügte 
hinzu : »Ich habe sie ohnehin zu lieb und hänge zu sehr an 
ihr; welches mir und ihr schädlich seyn oder werden kann«.*) 
Es kam ihm blitzartig in den Sinn, daß seine Liebe zu ihr 
nur »Naturliebe« sei.**^) 

Viermal befand er sich in der Lage, daß er eine Person 
heiraten sollte oder wollte, aber fand, sie passe besser für 
einen anderen.*^) Wie stark die Libido schon jetzt auf Jesus 

1) n. k. Beil. 8. — «) Sp. 102. — ») 104. — *) 134. — ^) 119. — •) 135. 
— ^) 156. Spangenberg zitiert falsch, daß das betreffende Lied in den T. 
G. als Nr. VIII stehe. Es findet sich im christl. Gesangbuch der Ev. Brüder- 
gemeinden von 1736 (a. 1741) als Nr. 56. — «) Jos. Müller, Enc. 681. — •) Sp. 
160. — ") 161. — ") Job. Müller, Enc. 681. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 11 

konzentriert war, bewies der Graf auch im widerwillig, ja tränen- 
den Auges ^) 1721 übernommenen sächsischen Staatsdienst, 
der ihm wenig zur Ehre Jesu und zum Heil der armen Men- 
schen auszutragen schien,^) denn alle Dinge auJSer Jesus sind 
ihm Kot. ^) Daß er beim Amtsantritt die eidliche Verpflichtung 
auf die Konkordienformel nur mit der Einschränkung: »So 
weit ich ihren Inhalt anerkennen kann« übernahm, beweist 
den sittlichen Ernst des Grafen-. 

Der homosexuelle Charakter der libidinösen Übertragung 
auf Jesus tritt schon jetzt deutlich hervor, wenn auch noch 
nicht so kraß ausgemalt wie in einer späteren Periode. Be- 
reits heißt Jesus »der reine Bräutigam meiner Seele« und 
»der Mann« :*) 

»Reiner bräutgam meiner seelen, tilge fremder liebe flamm, 
lass mich deine lieb erwehlen, auserwehlter bräutigam! 
j Welcher unter allen denen, die natur verbinden kan, die 
sich nach geliebten sehnen, welcher gleichet meinem mann? 
i^Aber deines mundes küsse, die voll liebliichkeiten sind, 
schmecken einem himmel süße, wenn man dein verwehntes 
kind.« (225, a. 1721.) 

Sich selbst schildert der Dichter als Magd, die im Kran- 
kenbett liegt und sich nach Flügeln sehnt. ^) Anderseits leidet 
er an ermüdender Sündenarbeit und saurer fleischlicher Last.^) 
Starke Todessehnsucht redet aus dem Herbstlied »Angenehme 
Sterbens-Gedanken« (1721), '') die natürliche Wirkung jener 
Überverdrängung, die sich zum Gebete verstieg : »Töte meine 
Sündenglieder«. (225i2.) 



1) n. L 113. — «) Sp. 189. — ») 212. — *) Sp. 201. — ^) T. G. 19. — •) T. 
G. 24. — 'f) 17. 



12 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 



n. Das Mannesalter. 

1. Von der Verheiratimg bis zur Schwarmperiode 

(1722-1741). 

a) Äußerer Lebensgang. 

Auch nach seiner am 7. Sept. 1722 erfolgten Verheiratung 
mit Erdmuth Dorothea, Gräfin Reuß, bekleidete Zinzen- 
dorf, wenn auch mit innerem Widerstreben, das Amt eines Justiz- 
rates. Der Plan, sich vom Staatsdienste abzulösen, veranlaßte 
1721 den Ankauf des Gutes Berthelsdorf. ^) Kurz vor der Hoch- 
zeit hatten sich auf dieser Besitzung die ersten mährischen 
Brüder angesiedelt,^) und 1724 folgten andere nach. Zinzen- 
dorf ging von Anfang an mit dem Plane um, aus ihnen 
eine Gemeinde innerhalb der Kirche zu bilden.^) Seine Neigung, 
religiöse Freundschaftsbünde zu schließen, betätigte er 1723 
in doppelter Weise : Durch Gründung einer Hausgemeine und 
durch Bildung eines Bundes mit drei frommen Freunden.*) 
Der Tod der Großmutter ermöglichte ihm, sich 1727 vom Staats- 
dienste zurückzuziehen imd der jungen Herrnhutergemeine zu 
widmen, der bald (12. Mai 1727) eine Verfassung gegeben 
wurde. ^) Außer den täglichen Singstunden und Bibelbetrach- 
tungen, den »Nachtwachen« 6) und den bis gegen den Morgen 
währenden Neujahrsvigilien ') führte Zinzendorf das von 
einer Mitternacht zur anderen währende »Stundengebet« ein, 
eine an die Übungen der alten Akoimeten erinnernde Ein- 
richtung.®) Ebenso stiftete er 1728 einen monatlichen Dank- 
und Fasttag.^) In den »Liebesmahlen« erneuerte er die alt- 
christlichen Agapen. Als Gemeindefeier ordnete er die Puß- 
waschung an. 

Einige Jahre später sonderte sich eine Anzahl junger 
Männer von ihren Familien ab, um ein eigenes Haus zu be- 



1) Römer 29. — ») Sp. 221 f. — ») Jos. Müller, Z. a. E. 14. — *) Ebenda. 
«) 16, 23. — •) Sp. 424. — ^ Sp. 823, 1606. — «) Sp. 440. — •) Römer 60. 



LUDWIG VON ZmZEKDORF. 13 

ziehen. 1) Bald schlössen sich die Jungfrauen in ähnlicher 
Weise zusammen. So entstanden die »Banden« oder »Chöre«, 
die anfangs auf Freiwilligkeit beruhten, bald aber offiziellen 
Charakter erhielten und die ganze Gemeine gliederten in die 
Chöre der Kinder, der größeren Knaben, der größeren Mäd- 
chen, der ledigen Brüder, der ledigen Schwestern, der Ehe- 
leute, der Witwer und der Witwen. Jeder Chor hatte eigene 
Vorgesetzte und feierte eigene Feste ; das Familienleben kam 
dabei nicht zu seinem Rechte, zumal die Kinder möglichst bald 
den Eltern entzogen und in Anstalten versorgt wurden.*) Offen- 
bar realisierte Zinzendorf durch dieses Verfahren seine eigene 
Jugend in den Kindern seiner Anhänger und erstrebte die 
möglichst starke Übertragung auf den Heiland. 

Im Jahre 1731 bereitete ihm die Annahme eines Ordens 
Gewissensnöte, die in ihm den Vorsatz weckten, Jesu Schmach 
noch lieber zu haben und sein Wort noch getreuer zu be- 
kennen.*) In dieser Gemütslage lernte er zwei bekehrte Grön- 
länder sowie einen getauften Neger aus St. Thomas kennen 
und hörte von der Not des bedeutenden Missionars Egede. 
Auch das Elend der westindischen Sklaven beschäftigte ihn 
lebhaft. Schon im folgenden Jahre sandte er die ersten Heiden- 
boten nach St. Thomas mit dem Auftrag, zunächst den leiden- 
den imd gekreuzigten Heiland zu verkündigen.*) 

1736 aus Sachsen verbannt, fand der Graf gütige Auf- 
nahme in Preußen, dazu Anerkennung seiner lutherischen 
Rechtgläubigkeit, ja sogar am 20. Mai 1737 die Ordination 
zum Bischof der Brüderunität.^) 

Nach langwierigen Reisen in Holland, der Wetterau 
(östlich von Frankfurt a. M.), Livland, England, Brandenburg, 
der Schweiz begab sich Zinzendorf Ende 1738 nach West- 
indien, um die Schöpfungen seiner Missionare zu besichtigen. 
Als kranker und müder Mann, mit Geschwüren bedeckt,^) 
kehrte er im Juni 1739 zurück. Aber dennoch arbeitete er 
von Stimd an voll Eifer für seine Werke, hielt Predigten, 
leitete einen »Gemeintag«, wanderte predigend nach Württem- 

1) Römer 54. — ») Jos. MüUer, Z. 686. — ") Sp. 690. - Sp. 749. 
- *) Sp. 1059. — •) Sp. 1192. 



U DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

berg und betätigte sich schriftstellerisch, bis er endlich ent- 
kräftet niedersank, von Sehnsucht nach Auflösung und Ver- 
einigung mit dem Heiland erfüllt.^) 

Die Familie des Grafen vermehrte sich langsam. Von 
den zwölf Kindern, die ihm zwischen 1724 und 1740 geboren 
wurden, blieben nur vier längere Zeit am Leben. 

b) Die innere Entwicklung und ihre kirchengeschichtliche 

Stellung. 

Unter eigentümlichen Umständen kam die Eheschließung 
zu Stande. Im April 1722 schreibt Zinzendorf: »Ich bin jung, 
aber ich möchte grau werden vor Besorgnis und Kummer, 
daß ich mich in die Welt befangen, und meine Seele, die 
eine Braut Christi ist, in so vieler Gefahr sehe von Seiten 

des Fleisches und der natürlichen Leichtsinnigkeiten. 

Gott wird mir Gnade geben, daß ich der Sünde widerstehe; 
und sollte es auch mein Leben kosten.«^) 

Die Angst infolge verdrängter Sexualität ist nach der 
ersteren Stelle bereits zur Angst vor der Sexualität über- 
haupt geworden. Damit steht unser Analysand hart vor der 
Gefahr, sich den Ausweg zur normalen Befriedigungsausfuhr 
zu verrammeln und in die. Bahn jener Asketik zu drängen, 
deren verderblichen, unsittlichen Charakter die christliche 
und nichtchristliche Heiligengeschichte mit grauenerregender 
Deutlichkeit schildert. Wie dringend diese Gefahr bereits ge- 
worden war, verrät ein an die Mutter gerichteter Brief vom 
9. Mai, laut welchem er wohl lieber ledig bleiben würde, 
wenn er der Neigung seines Herzens folgen dürfte ; allein da 
er bei Unverehelichten öfters wahrgenommen habe, daß sie 
sich in diese und jene Gefahr stürzten, so habe er sich zur 
Ehe entschlossen.^) Später (1750) bekennt er, daß dieser Plan 
erst reifte, nachdem ihm die Möglichkeit eines christlichen 
Ehestandes durch fromme Herzensfreunde versichert wor- 
den war. 

Am 19. Juni desselben Jahres äußert er sich: »Was die 
Gräfin Erdmuth belanget, gegen welche man mir eine kalte 

1) Sp. 1199. — «) Sp. 241. — ») Sp. 217. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 16 

Liebe beymisset : so .... ist dem lieben GOtt nur allzubekannt, 
mit was für hertzlicher Zuneigung ich ihr ergeben sey. Daß 
ich aber eine fleischl. irdische Liebe zu ihr haben sollte, da 
behüte mich GOtt vor. Die eheliche Liebe und Freundschaft 
gehöret sich meines Erachtens nicht ehe als biss man vor 
GOtt schon verbunden ist. Zudem ich nun die liebe Com- 
tesse Erdmuth dem äussern nach nicht considerieret, so ge- 
schieht es, dass solche Liebe etwas indifferent scheinet, weil 
sie mehr in das inwendige als in das äussere gehet.« ^) 

Um die Verehelichung Zinzendorfs zu verstehen, müssen 
wir einen Blick auf die kirchengeschichtlichen Verhältnisse 
werfen. In den enthusiastischen Gemeinschaftskreisen herrschte 
damals, wie zu allen Zeiten, ein starkes Mißtrauen gegen alle 
primären Lustfunktionen. Bekannt ist, wie heftig Spener 
und Prancke die weltlichen Freuden des Schauspieles und 
Tanzes bekämpften.^) Manche Kreise gelangten sogar bis zu 
ausgesprochener Askese, ja Weltflucht. Die Graf innen von 
Wittgenstein z.B. schlössen sich mitten im Walde und an 
Berghängen in Bretterhütten ein und ließen sich die Speise 
durch die Fensterlöcher reichen. Sie enthielten sich aller 
Lust, um nur der ewigen Sophia zu leben. Von Holland her 
wurde diese Bewegung unterstützt. Teellinck(t 1629) ließ die 
neurotischen und sublimiert-erotischen Züge stärker hervor- 
treten in seiner Forderung, daß der Mensch durch Angst- 
gefühle und Buße hindurch die bräutliche Liebe zu Jesus, 
dem schönsten Bräutigam, erlange. Der interessante La- 
badie (f 1674), dessen Anhänger Zinzendorf als teure Glieder 
der reformierten Religion schätzt,^) postuliert Kinderzeugung 
ohne sinnliche Lust, lediglich zur Mehrung des Reiches 
Gottes.*) Beiläufig sei erwähnt, daß der alternde Prediger 
Gütergemeinschaft einführte, sich und seine noch ältere 
Freundin Schürmann »Papa und Mama« nennen ließ, sie 
beim Abendmahl küßte und mit einer jüngeren Dame ein 
Kind zeugte.^) Labadie machte übrigens in Genf auf den 

*) Greutz-Reich, Einl. — *) Hagenbach, Der evangel. Protestantismus, 
2. Teü, 206. — • ^ Passagier 142. ~ *) Kurtz, Kirchengesch. II, 1, 272. — 
^) Hagenbach 826. 



16 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

jungen Spener, den Vater des Pietismus, einen gewaltigen 
Eindruck. 

Am heftigsten eiferte gegen die Ehe Valentin Weigel 
(t 1588). Er nannte sie geradezu viehisch. Johann Gichtel 
(t 1710), ein Asket und Angstneurotiker, Rechtsanwalt von 
Beruf, Verehrer Jakob Böhmes, ein Mann, der selbst die 
Klavierbegleitung zum geistlichen Liede als sinnlich und 
sündlich aufgab und Visionen produzierte, verlästerte die 
Ehe als Hurerei, durch welche die in der Wiedergeburt voll- 
zogene geistliche Ehe mit der himmlischen Sophia wieder 
zerstört werde. ^) Dieser Mann, dessen Analyse ich einem 
sachkundigen Forscher empfehle, empfand Entzückungen, in 
welchen sich seine ganze Seele in eine Liebesflamme ver- 
wandelt fühlte,*) hielt aber jede irdische Liebe für unver- 
träglich mit der zum Bräutigam Jesus, und seine Anhänger, 
die sogenannten Engelsbrüder, erklärten vollends die Ehe- 
losigkeit zur Bedingung des engelreinen Lebens.*) 

Die sittliche Gefahr derartiger Anschauungen trat kraß 
hervor bei Eva von Buttlar (f 1717), die einerseits die 
Ehe für sündlich ausgab und Ertötung der sinnlichen Lust 
in geistlicher Gemeinschaft empfahl, anderseits bei Erreichung 
dieses Zieles ähnlich Labadie auch die Mixtio camalis für 
heilig hielt. Die sexuelle Promiskuität dieses Kreises mag 
nicht wenig dazu beigetragen haben, Zinzendorfs Berater vor 
den Gefahren der Ehelosigkeit zu warnen.*) Aber noch der 
Gelehrte Joh. Gottfried Arnold (f 1714), der bei den 
Pietisten hochgeachtete Kirchenhistoriker, betrachtete fleisch- 
liche Liebe als Zerstörung der Liebe zur himmlischen Sophia, 
und wenn er auch selbst in die Ehe trat, so behielt er doch 
den asketischen Zug.^) Seine Theorie von der ursprünglichen 
Androgynie Adams, die erst wegen einer Sünde ihm genom- 
men wurde, indem Gott das weibliche Element ihm zugleich 
mit einer Rippe entzog, kommt erst viel später für uns in 
Betracht. 



*) Kurtz 274. — >) Hagenbach 326. — ^) Reichel, Spangonberg 29. — 
*) Die ähnlich geartete »bordelumsche Rotte« und die »Sekte der Zioniten** 
entstanden erst nach 1722. — ^) Dibelius, R.-E., II, 124. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 17 

Der starken Sexualverdrängung entsprach genau die 
religiöseErotik, die sich mitunter in recht naturalistischen 
Ergötzungen für den Verzicht auf primäres Liebesleben ent- 
schädigte. Gottfried Arnold will, daß die Menschenseele 
in Liebesrerkehr mit der Sophia, der Gtemahlin Gottes, der 
»Braut« und »ewigen Jungfrau« trete. Der Blut- und Wunden- 
kidtus stand in Blüte. Die Seitenwimde Jesu feierte mit über- 
schwenglichem Enthusiasmus JohannesHeermann(t 1647) . 
Noch weiter ging in tändelnden Ausdrücken JohannesRist 
(t 1667). Das Massivste leistete wohT Ahasverus P ritsch 
(t 1701) in seinem »Liebeslied des seufzenden Turteltäubleins«, 
seinem »Himmlischen Liebeskuß der göttlichen Liebesflamme«, 
seiner »Geistlichen Buhlschaft der Seele«. Bei ihm erreicht 
auch die Vorliebe für Diminutive wie »Jesulein, Schätzelein, 
Herzelein« einen vorläufigen Höhepunkt. 

Die Wahl unseres Analysanden fiel auf eine ihm und 
seiner Mutter kongeniale Persönlichkeit, die ohne Zweifel für 
ihn die Bedeutung eines Muttersurrogats hatte. Auch Erd- 
muth von Reuß war in streng pietistischer Tamilie aufge- 
wachsen. 1720 hatte sie eine Bekehrung durchgemacht und, 
wie Zinzendorf berichtet, den Welteitelkeiten entsagt.^) Ihrem 
Gatten ordnete sie sich bedingungslos unter, fügte sich alle- 
zeit in seine Entscheidungen und besorgte unter schwierigen 
Umständen mit grenzenloser Opferwilligkeit seine Ökonomie. 
Ihre zahlreichen Lieder *) atmen eine milde Prömmigkeit, die 
von der ungestümen Weise ihres Gatten stark absticht. 
Ebenso verraten sie eine auffallende Vorliebe für prägnante, 
aus der Bibel oder eigener Anschauung geschöpfte Gleich- 
nisse, die klugen Verstand und gute Bildung bekunden. An- 

^) n. £., Beil. 21. — ^) Nach Lelong sind es folgende Gesangbuch- 
lieder: 43 (1724), 45, 812 (1732), 996 (1733), 1012 (1736), 1013 (1736), 1024-26 
(1735), 1042, 1044 (1733), 1047 (1734), 1077 (1730), 1078 (1734), 1083 (1736), 
1092, 1104(1735), 1106 (1735), 1110, 1119 (1734), 1123 (a. 1736), 1126 f. (1736), 
1129 (1735), 1130 (1736), 1134, 1137, 1141, 1143, 1148 f. (1737), 1151 (1737), 
1181 (1736), 1192 (1735), 1232 (1738), 1278, 1303, 1313 (1737), 1361, 1362, 1390 
(1735), 1415, 1428, 1477 (1739), 1496, 1509, 1554, 1560 (1740), 1575, 1691, 1672, 
1686(1740), 1716, 1765 (1741), 1790 (1741), 1791, 1801 (1742), 1826(1742), 1827, 
1834, 1889, 1984 (1744). 

Pf ist er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. 2 



18 DIE FRÖMMIGKEIT DES 'GRAFEN 

fangs wendet sich ihre religiöse Begierde auf Gott, ihren 
Vafter, z. B. : »Wohlan (mein Vater)! ich lege mich in deine 
armen, als wie ein kleines Kind!« (43g, a. 1724). Mit keinem 
Worte ist von Jesus die Rede. Allmählich tritt dieser in ihr 
religiöses Zentrum, ohne aber die bluttriefende Gestalt zu 
werden, die Zinzendorf bezauberte. Man hat das Gefühl, daß 
die sympathische Frau eigentlich mehr aus Nachgiebigkeit 
und Gehorsam gegen ihren Gatten als aus eigenem Antrieb 
die spezifisch herrnhuterische Frömmigkeit sich aneignete. 

Zinzendorf übernahm von der charakterisierten Fröm- 
migkeit die Abneigung gegen weltliche Vergnügungen und 
jegliche Fleischeslust. Seine Ehe kam ohne sexuelle Liebe 
zu Stande. Daß diese Sexual Verdrängung mit seinem innersten 
Denken zusammenhängt, verraten manche Äußerungen jener 
Zeit. Noch vor der eigenen Vermählung singt Zinzendorf in 
einem Hochzeitslied (1722) : 

»Manch lüstern Lamm Den Bräutigam Verschertzt mit 
samt der Jungfrauschafft, Indem es sich ins Fleisch vergafft.« 
»Die beste Eh Halt ich vor Weh, es sei der Mann denn 
Christi Braut, Und auch das Weib dem HErrn vertraut.« 
»Und ist dein Weib Ein Glied am Leib Des Bräutigams; so 
lieb es dann Allein in Ihm, denn Er ist Mann.« (T. G. 34;) 

Weiter klagt der Dichter, die Lüsternheit sei einge- 
drungen in die Ehe, welche Paulus nicht ehrenwürdig nennen 
dürfte, 

»Wenn einge Lust GrOtt unbewußt. Und die nicht in sein 
Reich gehör. Im Ehestand erlaubet war.« 

Das Carmen schließt mit der Mahnung zu keuscher Ehe 
und der Verheißung: 

»Dann werdet ihr, so dort als hier, in Jesu Liebe nim- 
mer matt Und einst in reiner Wohllust satt.« (40.) 

Die »eigenen Hochzeitsgedanken« bestätigen: »Uns ist 
in dieser Zeit kein Feyertag bereit; Hier gilt's Weinen . . «(42.) 
»Du hast aus Zweyen Eins gemacht. Wir sind von einem 
Stamm, Du bist der Bräutigam.« (T. G. 45.) 

Sechs Jahre später warnt Zinzendorf: 



I.ÜDWIG VON ZINZENDORF. 19 

»Deine .blutigen C^ts^lten Müssen unsern Et^estand Immer 
in .den Schranken halten .... Lass uns nicht beschämet ste^i^n, 
Wann du Eh'-Gerichte hegst. Sondern mit zur Hochzeit g^hen, 
Wo du zu bewirten pflegst.« ,(1728, T. Q. 155 .f..) 

Wie nahe diese Theorie dem katholischen Dogma kommt, 
illustriert ein Hymnus auf Maria : 

»O Hochzeit ! die man Sabbaths-Ruhe nennet, O Tag des 
Herrn! geheimes Bild der Bh', Ihr Huren, Säue stürtzt euch 
in den See, Die ihr in eurer Eh' Befleckung kennet. Und die 
ihr nichts um Satans Tiefen wisst, Konmit her und lernt, was 
ehlig werden ist. 

Ihr Seelen ! die sich in der Eh gefunden. Nicht, weil sie 
wider Christum geile sind. Nicht, weil Natur sich mit Natur 
verbindet. Nein! weil sie Gott in diesem Stand verbunden; 
Kommt, betet neben mir der Seelen Mann, Das Kind des 
Geistes und Mariae an.« 

»Drum wiU der Herr, bevor wir ehlich werden. Das 
Aergerniss soU |^ den Tod hinein. Das Fleisch soll blind, be- 
täubt, beschnitten seyn; sonst ist die Eh' der Christen HöU 
auf Erden; Wer aber Gteist aus Geist geworden war. Mit 
dessen EW hats weiter nicht Grefahr.« 

Auf noch einmahl! ihr tei^m Ehegatten, in, denen sich 
der Geist geregt. So, wie er (e)3 alsdenn zu machen pflegt. 
Wenn er unß will mit Kräften überschatten. Auf! und dem 
Mami, dem Hißrnii euch hiugcjgjßbe^. Dem Mann, der sich in 
unser .Pleis<?Ji verkleidt . . . .« (1,729, T. G. 184 f.). 

(Seiner. Frau widmet er .1830 ein Geburtstagslied, in dem 
gesagt ,^ir|d : 

»Liebe Frau! ich bitte dich um des ew'gen )F,elsejx& 
willen. Draus wir beyderseits . gehaue^, wo aucjli unser 'Stein- 
ritziist: . . .»unser Man^ ist Jesus Christ. Hüter des YpU^u- 
dung-Saals, wo so viele Braut^g^^i^cjbL^r, , Drinnen ^ich , die 
Seelen »schiaucken, nimm dich meiner Schwester, [=G^ftii)] 
an. ;lDh will M^ndachai seyn, sey du Werber uftd Yer- 
spreoher, (Und 4er .grosse jSpl^i des JlQnigs.sey.dQr/Esthe 
Ehe-Mann.« (T. G. 219 f. a. 1730t) 



20 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

In diesen Worten stellt sich der Graf als bloßen Vormund 
oder Vetter, Jesus aber als Gatten der Gräfin hin! Viel- 
leicht spielt in der häufigen Bezeichnung »Esther« die Base 
Theodore von Castell nach. Damit auch der Einwand, dieser 
Herzenserguß sei nicht gar so ernst zu nehmen, ausgeschaltet 
sei, erklärt Zinzendorf noch 1738 in seinem »Eventual-Testa- 
ment« : 

»Gleichwie alle Brfider den befleckten Rock des Fleisches 
von Hertzen hassen müssen; so ist ihnen auch die Zeugung 
der Kinder mit gleichem Ernste als die wichtigste Handlung 
der menschlichen Greatur . . . auffs tieffste einzudrukken, da- 
mit in einer Gemeine keine andere Kinder gezeuget werden, 
als dem HErm, und vor dem HErm, und die Vereinigung der 
Eheleute zu diesem grossen Zweck mit nicht geringem Re- 
spectu und Ehrfurcht geschehe, als die Geburth, oder auch die 
Scheidung der Seele von ihrer Hütte« (Theolog. Bedenken 172). 

Nicht nur die Fleischeslust, sondern auch ihre Organe 
sind unrein und bedürfen der Reinigung durch Jesus: 

Nr. 2121^ : »O brächt uns unser Ehe-Freund Die blut- 
besprengten glieder, die zu dem bunde nöthig seynd, in ihre 
Unschuld wieder!« g^Wir leben zwar in* einem fleisch, doch 
nicht als fleisch der sünden, und also bleibt das herze 
keusch, die seel im blut-empfinden«. i^^^^s^hämung und er- 
niedrigung mag sich im mann bewegen; der glaube waget 
seinen schwung aus allem fleisches-regen.« i3»Der Schwester 
sey die tötung gross und innig und empfindlich, die JEsu 
braut in seinem schooss an dem erfährt, was sündlich.« 
14 »Hängt doch der ganze ehestand an JEsu martergängen ; 
drum wolln wir unser eheband mit bundesblut besprengen« 
(a. 1729; Sp. 1205). 

Zur Sexualverdrängung stimmt die Weltyerachtung, die 
bei der Geringschätzung des Leibes beginnt und schließlich 
das ganze Dasein umspannt. Den Leib nennt Zinzendorf 
1740 eine Cloake (IMSg, Sp. 1296), die Welt ein Tränental 
(13). Demgemäß fehlen zahlreiche Angstbezeugungen nicht. 

Diese Ethik beweist, daß die infantile Introversio libi- 
dinis sich ebenso wie die religiöse Sublimierung be- 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 21 

hauptet hat. Noch stärker als früher tritt die sublimierte 
Liebesbetätigung als Feindin oder Beherrscherin der primären 
auf. Die psychologische Grundlage jenes Antagonismus liegt 
darin, daß die Verdrängung aufrecht erhalten werden muß, 
wenn nicht die alte sexuelle Not wieder bewußt werden soll, 
der die Trieberhöhung ein Ende bereitete; das Motiv dieser 
Triebbeherrschung durch das Ideal finden wir im Bedürfnis 
nach äquivalenter oder supervalenter Kompensation. Daß die 
Verdrängung nicht leicht aufrecht zu erhalten war, verrät das 
1728 herausgegebene Buch »Einfältige aber theure Wahrheiten 
in einer Sammlung«. Hier finden wir Strophen wie: 

»Gedencke mein, wenn meine lüste stürmen, und laß mich 
deine grosse macht beschirmen! Ach! schenk mir mut und 
kräffte aus der höh, daß ich doch ihnen keine herrschaft 
lasse, und alles ihr begehren stets verfluch und hasse; so 
konmien sie bald ab von ihrer pein: gedencke mein,«*) 

Wie infolgedessen die primäre Erotik eine stark religiöse 
Färbung empfangen mußte, wurde auch Zinzendorfs Fröm- 
migkeit ostentativ sexualisiert, und zwar in genauer Über- 
einstimmung mit den Ansprüchen der primären Triebe. 

Jesus wird das vornehmste und fast ausschließliche Ob- 
jekt der religiösen Begierde. Zinzendorf nennt ihn den 
Seelenbräutigam oder Seelenehemann, die mensch- 
liche Seele dementsprechend die Braut oder das Eheweib 
Jesu. »Der Mensch ist Braut, und Gott ist Bräu- 
tigam« (T. G. 276, a. 1733). Ob die Seele einem Manne oder 
einem Weib angehört, fällt für Jesus außer Betracht, sie ist 
einfach Braut (T. G. 69, a. 1723). 

»Die Zeit des Lebens ist die Zubereitungs-Zeit. Die Mon- 
den, die der Fürst, seitdem er sie erkennet. Und sie als Jungfer 
selbst zum Ehe-Bett ernennet. Zur Salbung und Geschmuck 
der schönen Seelen leiht« (T. G. 59, a. 1723). 

Jesus ist »Quell der ew'gen Ehe« und »Seelen-Mann« 
(T. G. 74, a. 1724). Ein Gebet zu Jesus versichert: 

»Mein braut-herz hält sich keusch, mir gnügt an deinem 
Fleisch« (647, a. 1729, Sp. 543). 

*) Wahrheiten 126. 



^ DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Ein andiöres' blttöt: 

»Mein Salomo! vermähle dich mit meinem herz und 
öiütibn!^ (&80i6, a. 1725, Siegfried 79.) 

Daß dieses Verhältnis mit Jesus ^ark sinnlich gefärbt 
ist, zeigt auch die Schilderung des' Vörkehres mit dem himm» 
lisfeh^h Gteliebten. Den »aufgeregten Liebestrieb« zieht es heftig 
»iü Jesu Liebesarme« (T. G. 121, a. 1726). Der Gattin wünscht 
ZÜÄzendorf 1729 zum Geburtstag: 

»Hier legen wir die Schwester dir zu' Füssen, Noch mehi*, 
wir legen sie dir an das Hertz, Du wollest ihr der Leiden 
bittern Schmertz Durch gnädige Umhalsung recht vei^sülssen ; 
Ja, führe sie von diesem Tage an Auf einer ziemlich practi- 
cablen Bahn« (T. G. 194). 

Einer mit 50 Jahren verstorbenen Jungfrau legt der 
Dichter die Worte in den Mund: 

»Ich liabe meinen Freund gesehn. Er war noch schöner 
als ich dächte: Wie' ist mir doch so wohl geschehe, Daß ich 
mich an die Liebe machte ? . . Und wenn i<5h ihn an« Hertze 
drütek. So fühl ich freundliches ümarmto« (T. Q. 341 f., 
a. 1731). 

Schon in diesem Zeitraum begegnet uns die Vorliebe, 
einzelnen Teilen und Stellen des Leibes Jesu besonders innige 
Andacht zu weihen. 

Das Blut Jesu wird gewürdigt in Aussprüchen, Wife 
»Auge meines Heylanda, Wende dich zui!n Guten, Das du durch 
dein schmertzlichs Bluten, wieder eingesaltzen. Denn es war 
verdorben« (T. G. 286, a. 1733). 

Noch kräftiger: »Erhalte tm« nafch deinem Willdh*, Biß 
jedes sich, du Seelen-Mann, In deinen blutgeri Wunden stillen. 
Und deines Joches rühmen kann« (T. G. 246, a. 1732). 

Dem schwärmerischen Rock schreibt er 1731: »So lange 
ihr an Christo bleibet, und all euer Gutes aus seinen Wunden 
säriget, so lange sind wir unzertrennlich.«^) 

Schon wird der sexuelle Charakter der Blutverehrung 
deutlich angetönt, z. B. : 



*) Briefwechsel 45. 



IiUDWIG VON ZIKZSNDORF. 23 

1079^^: »Dem (frommen Herzen), 13t das Blut ein freuden- 
spiely ein unvergleichlichs liebs-gefühl« (a. 1740, Sp. 1262). 

Mehr und mehr aber drängt sich die Seitenwunde 
Jesu hervor, ohne daß schon verraten würde, was gerade 
ihr eine so enorme Anziehungskraft verliehe. Vorhin er- 
wähnten wir das Oeburtstagslied von 1730 mit seinem Hin- 
weis auf den >Steinritz«. 1733 redet Zinzendorf den Heiland 
an als Gott, Vater der Ewigkeiten, lieben Buhlen, Steinritz 
U.S.W. (T. G. 265 ff .). Zum darauffolgenden Neujahr betet er: 
^Errette manchen Feind zu diesen Gnaden-Stunden Im Stein- 
ritz deiner Wunden« (T. G. 293, a. 1734). Die Erinnerung an 
die Taube in den Steinritzen (Hohelied 2iJ drängt sich schon 
jetzt auf. 

Während an dieser Stelle von allen Wunden die Rede 
ist, bemächtigt sich anderwärts die Seitenwunde der frommen 
Aufmerksamkeit mit eifersüchtiger Vorliebe, z. B. : 

»Du unser auserwehltes Haupt, An welches unsre Seele 
glaubt; Laß uns in deiner Nägelmahl Erblicken die Gnaden- 
Wahl, und durch der aufgespaltnen Seite Bahn Führ unsre 
Seelen aus und durch und an« (T. G. 305, a. 1734). 

(Im letzten Satze dieses bekannten Verses ersetzte das 
Brüder-Gesangbuch bezeichnenderweise das Wort »Bahn« durch 
»Schrein« und »an« durch »ein« (973i). 

Auch die ganze Gemeine wird zur Seitenhohle empfohlen : 
»Nimm dir dein volck in künfftger zeit in deine liebe offne 
seit, und schließ es in des hertzens-schrein und in dein ein- 
geweide ein« (1584i8, Sp. 1263, a. 1740). 

Im Jahre 1738 begegnet uns bereits, wenn auch undeut- 
lich, die Symbolik, die im folgenden Zeitraum mit rasender 
Leidenschaftlichkeit das religiöse Denken beherrscht: Der 
Cl^rist ate Bienelein: 

»Die bienlein auf den wunden, die bleiben alle Stunden 
in ungestörter ruh« (1267i, Sp. 1074, a. 1738). 

Worin der zauberhafte Reiz der Seitenhöhle besteht, 
bleibt vor der Hand, wie gesagt, rätselhaft. In der histori- 
schen Bedeutung kann er nicht liegen. Auch die vom Johannes- 
evangelium nahegelegte Symbolik des der Wunde entströmenden 



S4 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Blutes und Wassers reicht nicht aus, die Anziehungskraft jener 
Stelle zu erklären, zumal Zinzendorf auf diese Stoffe selten^) 
Bezug nimmt. Das Rätsel wird sich uns später lösen. 

Wer mit der Psychoanalyse auch nur wenig vertraut ist, 
wird allerdings schon in dieser Periode aus dem prononziert 
sadistischen und masochistischen Verhalten des 
Dichters unbedenklich Rückschlüsse auf den wahren Charakter 
der Wundenfrömmigkeit wagen. Noch deutlicher sprechen 
die folgenden Äußerungen: 

»Wehethun ist bey der Liebe Einer der gewohntsten 
Triebe; wer dem Herrn am Hertzen lieget, Wird nicht alle- 
zeit gewieget« (T. G. 134, a. 1726). 

Während im ersten dieser Sätze der primäre Sadis- 
mus in geradezu klassischer Prägnanz beschrieben wird, 
schildert eine Menge anderer Stellen die Wollust der religiös 
betätigten Grausamkeit, die sublimierte Sadistik, z. B. 
der bereits erwähnte Pasuss: 

>Dem (geisterfüllten Herzen) ist das blut ein freuden- 
spiel, ein unvergleichlichs liebs-gefühl« (1579i4, Sp. 1262, 
a. 1740). Ferner: 

>Lafl uns voraus in dieser zeit was fühlen von der (ewigen, 
himmlischen) herrlichkeit (da man Jesus als Morgenstern 
und durchstochenen Herrn sieht), von dieser Seligkeit 
im blut, die solche GOttes-wunder thut« (1584i8, Sp. 1263, 
a. 1740). 

Die masochistische Komponente tritt in dieser reli- 
giösen Erotik wie bei primärer Sexualbetätigung als unab- 
trennbare Begleiterin der sadistischen auf. Wir holen ein 
merkwürdiges Gedicht vom Jahre 1721 nach: 

»Ach wäre noch der Tag, da man mit Staupen-Schlägen, 
Mit Stock- und Pflöcken sich an deinen Gliedern rieb. Und 
sie den Schafen gleich aufs Mord-Gerüste trieb; So würde 
sich mein Gram mit leichter Mühe legen. Denn HErr! das 
weissest du, ich küsse Rad und Pfahl Um deinetwillen gern; 
Ich jauchzte bey der Qual« (T. G. 22). 



^) Z. B. 18824, Sp. 1263, a. 1740. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 26 

1 

Das Geistesleben Zinzendorfs weist in der ganzen 
Periode keinen einzigen prinzipiellen Gedanken auf, der nicht 
aus dem Kindesalter herübergenommen wäre. Höchstens An- 
passungen an die gegenwärtigen Verhältnisse sind zu ver- 
zeichnen. Entliehen ist vor allem die Übertragung fast der 
ganzen Libido auf Jesus, um den sich das gesamte Leben 
dreht. Nichts Neues ist der Kultus der Seitenhöhle, die Freude 
an der Marter des Heilands, die Vorliebe zu Bündnissen mit 
Gleichgesinnten zum Zweck der Christolatrie, die angstvolle 
Abschließung von den Lüsten der Welt. Sogar die beiden 
welthistorisch bedeutsamen Werke des Grafen, die Gründung 
der Herrnhutergemeinde als einer die Lutheraner, die mähri- 
schen Brüder und die Reformierten zusammenschließenden 
ecclesiola in ecclesia sowie die Brüdermission gehen auf in- 
fantile Wünsche zurück. 

Infantil blieb auch die psychologische Form überall, wo 
die innersten, glühendsten Neigungen hervorbrechen. Daher 
1727 die Verse: »Schenck uns lauter Kinder-Freuden, Laß 
uns wie die Kinder leiden. Mit den Kindern frölich weiden, 
Wo der Sohn der Liebe ist« (T. G. 141). 

In pathologischer Hinsicht ist der besprochene Zeitraum 
als günstig zu bezeichnen. Innerhalb der religiösen Sphäre 
betätigt Zinzendorf in theologischer, kirchenpolitischer und 
missionarischer Arbeit so erstaunlich weitgreifende Inter- 
essen, daß von krankhafter Verengerung des geistigen 
Gesichtsfeldes nicht geredet werden kann. Auch Angst- 
symptome finden sich verhältnismäßig wenige. Auffallen 
muß Zinzendorfs viele Bekümmernis über die noch toten 
Herzen seiner Anstaltskinder; mit ihnen redet er an seinem 
Geburtstag so, daß »eine wahre Reue und Verlegenheit über 
ihren elenden Zustand, und ein Seufzen und Schreyen zum 
Heiland um Erbarmung« entsteht (Sp. 427 f., a. 1727). Im 
ganzen aber denkt der Graf von der Jugenderziehung ziem- 
lich milde. In seinem »kurzen Aufsatz von christlicher Er- 
ziehung« (a. 1739, Passagier 128 ff.) fordert er liebreiche, 
freundliche und muntere Behandlung der Kinder; doch redet 
eigene Jugendnot aus der unsinnigen Mahnung, den Eigen- 



26 DIB FRÖMMIGKEIT DBl» GRAFEN 

willen der Kleinen' zu brechen, oie selten, aber empfindlich 
ZU' züchtigen und den Verkehr mit »natürlichen« Leuten oder 
mit dem< anderen Geschlechte zu verwehren. 

Auf unvollständige Sublimierung deutet der Wunsch, in 
seinen Augen noch geringer zu werden (Sp. 284, a. 1724). 
Die infantile Wurzel dieser Erscheinung erinnern wir uns im 
Pädagogium zu Halle angetroffen zu haben. Abgesehen hie- 
ven können wir Zinzendorf in nosologischer Hinsicht schein- 
bar Glück wünschen. Nicht nur über eigene, sondern auch 
über fremde Not setzt er sich auffallend leicht hinweg (z. B. 
Berl&aer Reden, 104 ff.). Die Gemeinschaft mit dem Heiland 
versetzt ihn in die höchste Euphorie. 1736 muß er mit einer 
»Aeltestin« zusammen »weinen, wie nahe einem der Heiland 
seyn kann« (Sp. 1142). 

Aber trotzdem muB die Angst bei Zinzendorf eine erheb- 
liche Rolle gespielt haben. Der Graf bezeugt selbst: »Daß 
ich hundertmal mehr Angst, Not und Tränen erfahren habe, 
als ich von irgend einem Sünder jemals fordern werde, ist 
sicher, und ich war der Seligkeit so gewiß wie meines Daseins. 
Dennoch gestand ich es denen, die es mir absprachen, leicht- 
lieh zu, daß ich noch nicht bekehrt sei. So kam ich in ein 
möglicher Weise unnötiges, aber doch segensreiches Ringen 
und Flehen und habe die Versiegelung des ewigen Friedens 
und der Eindschaft seit der Zeit mehrmalen so empfindlich 
erfahren, daß ich endlich innegehalten, sie weiter zu begehren.« 
(Römer 81 f.; vergl. 11. L 31.) Aus dieser Stelle, wie über- 
haupt seinem Kampfe gegen den eine radikale Wiedergeburt 
fordernden Methodismus (H. i. 68) empfangen wir übrigens 
eime Bestätigung der geradlinigen Entwicklung die» Grafen. 



LUDWIG VON ZUrZEimORF. %T 

2. Die Ernptionsperiode. 

(1741—1749.) 

A. Äußere Vorgänge und allgemeine Grundzüge. 

Schon gegen Ende des vorhin behandelten Lebensab- 
schnittes beobachten wir gleichzeitig mit zunehmender Welt* 
und Leibesverachtung ^) eine stärkere Akzentuierung der Blut^ 
und Wundenfrömmigkeit. 1740 entstand die von Zinzendorf 
oft zitierte Strophe: 

»Bis dahin glaube ich der äugen todten strich, des mundes 
speichel-trauffe, des leichnams feuer-tauffe^ wie sie im hohen 
liede so steht von glied zu gliede« (1382a, Sp. 126S). Allein 
erst seit Antritt der zweiten Missionsreise (28. September 1741) 
verändert sich, wenigstens wo die Sprache des Herzens er- 
klingt, die ganze Ausdrucksweise. Von da an nennt er den 
Heiligen Geist die Mutter und behandelt ihn als Eheweib in 
der trinitarischen Familie. Schon früher war ausnahmsweise 
eine ähnliche Redeweise vorgekommen, allein ohne klare Vor- 
stellung und affektive Betonung. *) Jetzt dagegen wird die 
auf Bibelstellen und P r a n c k e zurückgeführte Lehre wuchtig 
betont. Weit wichtiger noch ist die enorm gesteigerte Erotik 
gegenüber Jesus. Auf der Reise dichtet Zinzendorf (nach 
Lelongs Zeugnis) die Verse : »Also, geliebter und treuer Mann ! 
sollst du mich lieben, wie Sanct Johann; wie die Magdalene 
will ich dich küssen, und will so warten zu deinen füssen 
auf einen blick ; — weinen, wenn du mir nicht immer bist, 
wie ein mann seiner geliebten ist ; merck ich um die achseln 
nicht dein umarmen, fühl ich im hertzen nicht dein erwar- 
men; so bin ich aus« (17246-7; Lelong, Sp. 1370). 

Der Verkehr mit dem Bfeiland wird mehr und mehr nach 
Art homose:3tuel}er Akte ausgemalt, und zwar mit naitüralisti- 
scher Deutlichkeit und einer in Haserei, Verbigeratien und 
Ekstase sich steigernden Affektbetonung. 1741 finde ich atf^h 

*) Vgl. z. R. oben 1549 (a. 1740) der Leilx als Kloake, die Welt als 
Tränentid. — *) Beek^^ Z. 999 Ur 



28 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

zum erstenmal bei Zinzendorf die Bezeichnung seiner selbst 
als der Riebe (Rippe) Jesu, und damit die Anspielung auf die 
Geburt aus der Seite des Gekreuzigten (ITöTg, Sp. 1347). 
Auch begegne ich gleichzeitig dem ersten Auftreten jener 
Phantasie, die den Sünder zu seinem Ergötzen immerwährend 
in Jesu lieblichen und freudenreichen Wunden sitzen läßt 
(I62O9, Sp. 1333, Lelong; vgl. ITTS^g L.) und die Kraft vom 
Wundensaft des »blutigen Kirchenfürsten« verherrlicht (14863, 9, 
Sp. 1307, L.). 

Auch die Betonung des Gedankens, daß der Heiland und 
nicht der Vater der »Schöpfer« der Welt sei, begegnet uns 
immer wieder von 1741 an. *) 

Aus diesen Gründen lassen wir 1741 die neue Periode 
einsetzen. Zinzendorf begab sich nach Pennsylvanien, um da 
eine neue Missionsstation zu gründen. Seine Begleiterin, jedoch 
nicht von Anfang an, war AnnaNitschmann, seine spätere 
Gattin, die in Gesellschaft ihres Vaters die Reise unternahm 
(Creutzreich, Additamenta). Das damals 26jährige Mädchen 
hatte ihm offenbar tiefen Eindruck gemacht Schon 1733 
dichtete er auf ihren 18. Geburtstag einen eigenen Hymnus 
(T. G. 286 f. ; den Anfang zitierten wir oben S. 22) ; 1738 schrieb 
er auf sie Nr. 1320 und 1398 (L.).*) Ihre schwärmerische Natur 
ergab sich gern der Wundenfrömmigkeit und dichtete im 
Greiste extremen Blutgenusses. 1738 schrieb sie in einem 
Kinderlied : 

»Ein's jeden bienleins munde steht offen JESU wunde, 
ist eines unter euch, das gern gleich wolte trinken und süssig- 
lich versinken, das komme nur, und komme gleich« (I27I4, L.). 
Femer: »Aufs lammes wunden bleibt fleissige bienlein« 
(1316e, a. 1738, zum neuen Jahr, also kurz vor 1739). 

Schon 1735 hatte sie gesungen: 

»Das strömlein aus der seite riz, das war uns gut zum 
bade« (12966, I^-)- Ebenso: »[Wir] Wissen auch von keinen 
kräfften als den blut'gen balsams-säfften, die aus deinen 



^) Eölbing 272. — >) Ebenso später 1606 auf Annas Leib-Vers (L.), 
femer 1616, 1727 (a. 1741 auf der See gedichtet), weitere s. u. S. 93. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 29 

wunden sprützen, die du liessest vor uns ritzen« (14723, L. 
a. 1736). 

1739 fuhr sie nach einigen nüchternen Liedern (1316, 
1318, 1324) fort: 

»Ihr aufgerißne wunden, wie lieblich seyd ihr mir! ich 
hab in euch gefunden ein plätzgen für und für« (1369^). 
»Da bin ich, herzensliebe, und mein geschwister auch, wir 
sind dein fleisch und riebe, thu denn nach deinem brauch« do). 

Auf Zinzendorfs Geburtstag entströmen ihr die Worte: 

»Deine [des Lämmleins] brüder, deine Schwestern, wären 
gerne lauter Esthern ; wollten sich so wenig sperren, als Marie 
die magd des HErren« (I46I7). »Lammes-blut, heil' alle 
schaden deinen armen wunden-maden!« (^q). 

Von Seeräubern bedroht, betet sie: 

»mein hertzens-Lamm, ich glaube, dass du mich arme 
daube verbirgst in deine seit« (I6II1). >ünd will das müth- 
lein sincken, das an den wunden trincken, das lebt mich 
wieder auf« (g). 

Bei der Landung in Pennsylvanien rief sie: ^ 

»Ich sagt's meinem Manne [Jesus] mit thränen für, als 
ich zum ersten sah dis revier [der:nftgelmahle des Lämmleins], 
er soll mich erhalten in seinem bunde, und bei dem blut der 
gespaltnen wunde, sein würmelein« (15932). 

Wie stark Zinzendorf von Anna Nitschmann ein- 
genommen war, zeigt unter anderem die Tatsache, daß er 
ein wichtiges Sendschreiben an seine Gemeinde unterzeichnete : 
»Ludwigs und Annas einfältige Erklärung«.^) Die angegebenen 
Proben beweisen, daß die bevorzugte Herrnhuterin von der 
Wundenverehrung Zinzendorfs entflammt war. Wie weit sie 
hierin dem Dichter nachfolgte, wie weit sie ihm voranging, 
läßt sich heute schwer ausmachen. Dem poetischen Ausdruck 
nach hätte sie den Grafen eher überflügelt. Allein wir wissen 
nicht, wie weit sie durch ihre Gespräche mit ihm inspiriert 
war. In den Oktobertagen des Jahres 1742 kam dieser 

*)Plitt, II, 6. Der vorzüglich orientierte Bernhard Becker, Lehrer 
am theolog. Seminar der ünität, erzählte in seinen Vorlesungen, daß Zinzen- 
dorf einst, als seine Frau erkrankt war, von seiner eventueUen Vermählung 
mit Anna sprach. 



/ 



80 DIE KRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

auf den Gedanken, (Beinen Sohn eu ibezeichnen als »Kreuz- 
würmlein und Ereuzluftvogelein, kränkelnd vor Liebespein 
nach Jesu seitenschrein«.^) Auf Annas Geburtstag, den^l^. No- 
vember 1746, dichtete der Graf das tolle Lied 2277, dessen 

81 Strophen meist beginnen: »Was ist ein?«, nämlich Greutz- 
Luft-Stäubelein, Creutz-Luft Schwämmelein, -Herzelein, -Kerze- 
lein, -^Nebelein, -Hünelein, - Bienelein, -Sohäfelein, «^S^äbelein, 
-Kälbelein, -Schwälbelein, -tLerchelein, -Wölkelein, -Wägelein, 
-Kahn, -»Bäumlein, -Rebelein, -Sälbelein, -Leibelein u. s. w.« 
L e 1 ong verschweigt den Autor dieses Gedichtes und gibt das Ent- 
stehungsdatum (Dez. 1746) falsch an. Allein Plitt zitiert,^) 
ohne das betreffende Lied anzugeben, aus dem »Jüngerhaus- 
Diarium« Worte, aus denen der aufmerksame Leser findet, dsiß 
diese groteske Poesie wirklich dem von mir angegebenen Anlaß 
seine Entstehung verdankt. 

Die Gräfin von Zinzendorf scheint ihr^n Gemahl keines- 
wegs in seinem schwärmerischen Treiben unterstützt zu hab^n, 
so sehr sie wegen ihrer Ablehnung der trockenen Moral ge- 
lobt wird. Wohl tritt sie 1742 energisch für die Bluttheologie 
ein (I8265, 10) • Allein sie enthält sich der neuen Diohtungs- 
weise bis auf wenige Spuren, die mehr ihre religiöse Un- 
selbständigkeit als eigene Empfindung verraten (z.;B. 1834^), 
wie sie denn überhaupt die Verleugnung des eigenen Willens 
zu den vornehmsten Tugenden rechnete. Die liederselige Frau 
lieferte zur Sohwarmdichtung der vier Zugaben keinen ein- 
zigen Beitrag, Anna Nitsohnuinn ihrer mehrere (2174, 2208, 
22S2, 2236). 

Als Zinzendorf im April 1743 in Gesellschaft der .Anna 
Nitsehmann nach der Wetteran, dem damaligen .Zentrum 
seiner Gemeinden, zurückgekehrt war, fand er mifiUche Ver- 
hSltüisse vor. Die Finanzlage drohte Gefahr, aueh das religiöse 
Leben flöfite Bedenken ein, wenn schon das häßlichste Treiben 
erst • einige Jahre später ausbrach. Ähnlich wie Labaidie 
nahm Zinzendorf den Namen »Papa« an, nachdem schon 
zuvor seine Gemahlin sich hatte »Mama« nennen lassen 
(Sp. 1500). Kurz laach der Rückkunft stiftete er eine;n .jieuen 

1) PUtt II, 21. — *) II, 22 f. 



LUDWIG VON Znr^EKDOBF. 81 

Orden, den der »Närrchen«. Sp angenberg verschweigt^den 
Namen, gibt aber an, daß Zinzendorf »einen besonderen Bund 
machte, der ganz auf die Einfalt und Kindlichkeit abzielte« 
(1501). Cr an z begründet in seiner »alten und neuen Brüder- 
historie« diese Maßregel damit, daß der Graf sich nicht 4n so 
vielen schweren Geschäften verwirren und in eigentliche 
Formen einlassen wollte, sondern vielmehr nach Matth. ll^g 
den Ausgang wie ein unmündiges Kind in die Hand des Herrn 
legte. 1) 

Aus diesem Geiste ging jenes extravagante Treiben hervor, 
das in der Kirchengeschichte den Namen der »Sichtimgezeit« 
(nach Luk. 2231)') erhielt. Jüngst schildert es vorzüglich in 
folgenden Ausführungen: »Es ist die Zeit der tollsten reli- 
giösen Verirrungen des Grafen und seiner Anhänger, be- 
sonders in der Wetterau, in Herrnhag. Freilich wurzelte das 
alles söhon in der vorangegangenen Entwicklung und schließ- 
lich in der Natur Zinzendorfs . . . Bei einem Gehaben von 
gesucht unnatürlicher »Natürlichkeit« und mit kindischer 
»Kindlichkeit« redete und schrieb man nur noch in Ver- 
kleinerungsformen wie Närrchen, Herzchen, Hühnchen, Würm- 
lein u. s. w. Man trieb mit abgeschmackten ^Festen, Deko- 
rationen, Transparenten und Illuminationen, in läppischen 
Redewendungen xmd Liedern einen rührseligen Kultus nlit 
Jesu Wunden, besonders mit dem »Seitenhöhlchen«, in das 
man »ewig vernarrt und vergafft bleiben wollte«. Dieses 
wurde statt Christi zum selbständigen Anbetungsgegenstand. 
Die »Kreuzleutelein« schwelgten in der Luft um das Kreuz 
als »Kreuzluftvögelein« und sogen als »Wundenbienelein« an 
des Lämmleins Blut und Wunden. Man freute sich zugleich 
der Niedrigkeit Christi, indem man sich über seine undd'er 
Apostel Rede- und Schreibweise in möglichst verächtlichen 
Ausdrücken erging. Zugleich faßte man die Erlösung durch 
Christi Blut ganz materiell-naturalistisch und feierte Christus 
als den Schöpfer der Welt und als Erzeuger seiner Brüder- 
gemeine aus dem »Seitenschrein«. Gott trat überhaupt hinter 
Christus völlig zurück. Das Unser Vater sollte z, B. an 

*) Dav. Cranz 608. — •; Pütt II, 40. 



DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 



Christus gerichtet werden. Gott selbst blieb nur eine Art 
»Großvater oder Schwiegervater«, und der Hl. Geist wurde 
zur »Mutter« in der als »Familie« aufgefaßten Dreieinigkeit: 
Gott = Papa, der Hl. Geist als Mama, undihrFlämmlein, Bruder 
Lämmlein. Die Seligkeit des Christen, der im bewußten Gegen- 
satz zum Halleschen Pietismus keine Sündennot und Buße 
mehr kannte, entlud sich in wunderlichen geistlichen Be- 
lustigungen. Man erläßt mir wohl die nähere Schilderung 
dieser Torheiten. Sie hatten leider auch eine sittlich nicht 
unbedenkliche Seite. Man hob die strenge Zucht auf. Der alte 
Vergleich von Christi Ehe mit der Seele wurde in Reden und 
Liedern bis zur Schmutzigkeit durchgeführt. Sogar das hl. 
Abendmahl hieß »Umarmung des Mannes«. Das Gemeindeleben 
blieb davon nicht unberührt. Christus sollte der Mann nicht 
nur der Gemeine, sondern insbesondere aller Frauen in ihr, 
und die Ehemänner sollten nur »Vizemänner« sein; die Ehe 
wurde nur Beruf sehe für Christi Zwecke und ein »Sakrament«, 
das fleischliche Lust und daher auch die Scham ausschließe. 
Daher wurde ihre Eingehung bis auf die geheimsten Vor- 
gänge der Aufsicht der Gemeindepfleger unterworfen«.*) 

Diese Schilderung ist keineswegs übertrieben. Ritschi 
erzählt nicht weniger charakteristische Details : Eine Gemeine- 
älteste habe gesagt, es müsse noch dazu kommen, daß nur 
noch von Wunden, Wunden, Wunden gesprochen werde und 
man in alles andere speie, möge es auch noch so biblisch 
und göttlich sein ; denn wer in des Heilands Wunden Wohnung 
genommen mit Tisch und Bett, der müsse fröhlich sein ; wenn 
man auch Streiche begehe, die andere Leute Sünden nennen, 
so sei der Heiland doch nicht unzufrieden, sondern freue 
sich über die fröhlichen Wundenwürmelein.*) Christian Renatus, 
Zinzendorfs Sohn, schreibt 1746: »In unserer Gemeine geht's 
immer blutiger zu, und die Kreuz- und Blutmaterie wird 
inmier niedlicher und Herz durchdringender. Es schmeckt 
uns auch nichts mehr in Stunden, als Wunden und Wunden 
und Wunden und Wunden«.') Vor dem Bilde der Seitenwunde 



*) Jüngst 71 f. — «) Ritschi, III, 400. — ») Janixasch, Chr. R. v. Z. 
Zeitschr. f. Brüdei^esoh., 1909, 66 f. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 33 

Jesu wurde sogar gekniet.^) Mit Hilfe von Transparenten 
und sogar von lebenden Bildern wurde dargestellt, wie der 
Sünder im »Höhlchen« Zuflucht finde.*) In den Wohnstuben 
wurde eine mit rotem Tuche ausgeschlagene Nische angebracht, 
in welche man zeitweise die Kinder als in das »Höhlchen« 
legte. Der Schlafsaal hieß »das Seitenhöhlchen« u. s. w. »Ob 
wirklich geschlechtliche Ausschweifungen vorgekonmien sind, 
läßt sich nicht mehr feststellen, aber daß vielfach die Be- 
dingungen zu solchen vorhanden waren, läßt sich nicht 
leugnen.« (Briefliche Mitteilung des Herrn Dr. Jos. Müller.) 
Leider sind wir nicht genauer unterrichtet, da die bezüglichen 
Akten verbrannt wurden. 

Wie weit ist Zinzendorf für diese Extravaganzen ver- 
antwortlich zu machen ? Ohne Zweifel ist er der intellektuelle 
Urheber und jahrelang trotz der ernsten Einsprache vieler 
bedeutender Herrnhuter der Förderer und Verteidiger des 
auffallenden Verhaltens. Wenn er dies später leugnete und 
erklärte, daß er sich seiner durch die Herausgabe der »Zu- 
gaben« bewiesenen »Nachsicht« (!) schäme (Sp. 1675), so gehört 
dies zu den deutlichen Spuren seiner ünwahrhaftigkeit, die 
er aus der Kinderzeit herübernahm und zeitlebens in dem 
Maße an sich trug, daß selbst ein begeisterter Anhänger, wie 
der Freiherr v. Schrautenbach, sein Biograph, ihm »eine 
tiefe Dissimulation« zum Vorwurf machen muß.') 

Auf der Hand liegt, daß das geschilderte Unwesen die 
Ideenwelt Zinzendorf s ausdrückte. Höchstens die Darstellungs- 
mittel gehen nicht alle auf den Grafen zurück. Allein es hätte 
nur eines energischen Einspruches von seiner Seite bedurft, 
um die dithyrambischen Geister zu bannen. Der Graf führte 
ein sehr herrisches Regiment. 1743 erklärte er die »General- 
konferenz«, die oberste Brüderbehörde, kurzweg für aufge- 
hoben*) und 1744 sich für den »bevollmächtigten Diener der 
Brüderkirche«. ^) Allgemein ist zugestanden, daß er sich damit 
eine Machtstellung sdiuf, die ihm unbegrenzte Autorität 
eröffnete. 



») Ritschi 401. — «) Römer 134. — ») Sehr. 47. — *) Burkhardt 72. 
— *) Sp. 1547. 

Pf ist er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. 3 



U DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Was die von uns in Bälde zu besprechenden Lieder an- 
betrifft, so stammen viele der auffallendsten von ihnen aus 
Zinzendorfs eigener Feder. Gegen feindliche Angriffe mihm 
er sie lebhaft in Schutz. Als die Kritik sich über diese geist- 
lichen Gesänge skandalisierte, gab er, wie er am 11. Juli 1747 
in der Vorrede zur dritten Zugabe trotzig in Aussicht stellt, 
erst recht herausfordernde Produkte dieser Art heraus. Und 
er hielt Wort! Man vergleiche nur die ersten Nummern der 
dritten Zugabe ! Von Nr. 2277 war schon die Rede. Hier eine 
kleine Probe aus dem unförmlichen Lied. Vers 11 singt: 
»Wie macht's das Creuz-Luft- Bienelein? es fliegt in die 
Würz-Gärtelein, wo die gesunde wunden-luft vertrieben hat 
den erden-duft. Da stehn dann bäumlein da, :/: daran man 
wunder-früchte findt; denn denkt nur nach, die blätter sind 
zur cur der Heiden. Da saugt sich's voll das bienelein, und 
trägt in seinem rüsselein den himmel-süßen honigseim aus 
de&en wunden-blüthen heim, denn komm'n die Lammsgesinder 
und holen für die kinder.« In ähnliehem Jargon sind fast alle 
31 Strophen geschrieben ! Nr. 2278, datiert vom 8. Jänner 1747, 
lautet : 

»So immer seit-wärts schielerlich, so seiten-heimweh- 
fühlerlich, so Lamms-herz-gruft-durchkriecherlich, so Lamms« 
schweiß-spur-beriecherlich, an der magnetschen Seit :/: so 
JEsus-schweiB-tropfhaftiglieh-, vor liebes-fieber schütterllch, 
wie's kind voll Geistes, so leichnams-luft-anzieherlich, so 
wunden-nass-aussprüherlich, so grabesdünste witterlich, aufs 
Mensch-Sohnszeiehen zitterlich, dem licht in Salems gassen, 
wenn sonn und mond erblassen. 

3. Indeß so Lammhaft seliglich, einfältig, taubenartiglich, 
so sünder-schamroth inniglich, so sündermäßig ^ielerlieh, 
worein's doch immer summ' : efflavit animum ; vor ereuzes- 
freuden weinerlich, so brust-blat-jüngermäßiglich, wie Sand 
Johannes; so Marter-Lamms-herzhaftiglieh, so JEsus-knaben^ 
haftiglich, so Marie Magdalenelich, kindlieh, JungfräuUeh, 
ehelich soll uns das Lamm erhalten, bis zum kuß seiner 
Spalten.« (Lelong kennt den Autor nicht, Plitt, II, 23 nennt 
Zinzendorf.) 



Lin>wio voir kikzekdorf . 



Der folgende Gesang eablSgt einen mäßigeren, aber nocii 
immer sehr scharfen Ton an. Nr. 2280 schwelgt: 

»Wie macht's ein creuz-luft-vögeleln, wenn's will, wenn's 
eben darf hinein ? da nehmen's die ereuzlaf telein und führen's 
bis Torö Leich^lein, die flügel werden schlapp, das vöglein 
fiel herab, wenn's nicht mit seinem schnäbelein sich zwischen 
feil und fleisch hinein gepikket hätte. Da hängt's nun an 
dem Ur-Magnet, da hängt das vöglein steiff und stät, verging 
ihm drüber stund und zeit, und mehr als eine Ewigkeit, viel 
glüks zu ewgen leben ! ihr heiigen, laßt mich kleben. 

3. Wie macht's das Ehe-Herzelein, dass es ein solches 
täubelein, wenn's noch in diese zeit gehört, in seinem sabbathis-^ 
mus stöhrt ? das stellt der liebe Mann auf diese Weise an, 
dass er dem vor dem Seitenschrein vor lieb entschlafnen 
täubelein das eingebissen, aufs zugefallne schnäbelein auf 
einmal einen blutstrom geusst, der übers ganze vöglein fleusst. 
Das losgeweichte vöglein macht wieder creuz-luft-seglein.* 
(Vermutlich stammt auch dieses Lied, das überschrieben ist : 
»Gesegnet »ey deine rede! aus der Pleura, Hosiannah!« von 
Zinzendorf.) 

Das 5* Lied, »unser liebes Einderversel«, wie Zinzendorf 
es nennt, ^) besagt: 

»Seitenhöhigen ! Seitenhöhigen ! Seitenhöhigen, du bist 
mein: allerliebstes Seitenhöhigen, ich verwünsch mich ganz 
hinein. Ach mein Seitenhöhigen ! du bist meinem seeigen doch 
das liebste plätzelein ; Seitenschrein ! leib und seel fährt in 
dich nein:/:« (2281). 

Weit exponierter ist Nr. 2282, ein Lied, das bei Anlaß 
des Knabenfestes die Sexualität Jesu in drastischer Weise zum 
Vorbild hinsteUt. 

2283 empfiehlt u. a. den ledigen Brüdern : »Werdet nur 
recht niedlich, und dem Lamm gemüthUch, an dem creuzharz 
klebende, lebende, durohgeschwitzte hünelein, nahe Leioh-^ 
nömfiA)ienelein.« 

Genug der Proben ! Wie die Vorrede beweist, wünschte 
der Graf eine solche Poesie und übernahm die volle Verant- 



* Wunctenhom. 81. 

3* 



36 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

wortlichkeit für sie, auch wo er nicht als Dichter in Betracht 
kommt. Solang ein öffentlicher Skandal noch ausblieb, tat 
sich Zinzendorf auf die Einführung der neuen Sprechweise 
nicht wenig zu gute. 1747 rühmt er seine Gattin, weil sie 
sich der in den ersten Jahren seiner Anstalten einschleichen- 
den Trockenheit widersetzt habe.^) Kräftig eifert er gegen 
die »Zucht-Trokkenheit«, die hölzerne Art der Gerechten, 
Philosophen und Deisten, die sich unvorteilhaft unterscheiden 
von den »andern Herzein, den klugen Närrlein des Heilands, 
den wirklichen und wahren Sectierern des Steinritzes in 
JEsu Seite.« ^) Eifrig rühmt er »die saftigeren und seligeren 
Geschwister, die man anbohren mag, wo man will, so trieft's 
von Blut«,^) die treuen »Wundenwürmlein« des Heilands, die 
»deckenhoch hüpfen« in ihrer »Blutwürmleinsmässigkeit.«*) 

Auch nach Schluß der gesamten Serie von »Elegantien«, 
wie Zinzendorf den neuen Sang benannte, trat der Graf für 
das Ganze warm ein (1748).*) Den Gegnern, die sich dar- 
über entsetzen, gibt er lediglich zu bedenken, daß es sich 
nicht um offizielle Gemeindelieder handle. Mit dieser Ausrede, 
die von den neueren Historikern der Brüdergemeinde als un- 
genügend anerkannt wird,^) hat er den Inhalt jener Herzens- 
ergüsse wiederum sanktioniert. 

Somit müssen wir in Zinzendorf mindestens den intel- 
lektuellen Urheber auch des schwarmgeistigen Treibens der 
»Sichtungsperiode« erkennen, gibt es doch lediglich den herr- 
schenden religiösen Gedanken und ihrer Affektbetonung den 
entsprechenden Ausdruck. 

Unser Analysand stand jedoch mit dem seltsamen Enthu- 
siasmus in noch innigerem Zusammenhang. Die Kolonie in 
der Wetterau, wo die infantile Symbolik ihre bizarrsten For- 
men annahm, bildete während dieses Zeitraumes des Grafen 
bevorzugte Residenz. Nirgends hielt er sich so lange auf, wie 
hier. Nachdem sich Zinzendorf 1747 in Herrenhaag ange- 
siedelt hatte (Sp. 1679), erreichten die (religiösen) »Aus- 
schweifungen und der Leichtsinn«, wie Spangenberg die 



*) Ebenda, Widmung. — *) Wundenhom. 31. — ») 32. — *) 32. — 
«) Nacherümerung zur 4. Zugabe. — «) Z. B. Plitt, II, 82 f., Jos. MüUer, Enc. 696. 



LUDWIG VON ZINZEXDORF. 87 

eigentümliche y erhaltungsweise nennt, ^) erst recht einen hohen 
Grad. Schon vorher hatte Zinzendorf die ernsten Beschwerden 
wohlgesinnter Gemeindeglieder über das aufkommende Un- 
wesen niedergeschlagen. Die älteren Historiker der Brüder- 
gemeinde suchen den Grafen im wesentlichen damit zu ent- 
schuldigen, daß er die Verhältnisse ungenügend kannte, oder 
daß er die Sache in fatalistischer Frömmigkeit wollte sich 
ausreifen lassen (Sp. 1631), oder daß er Heuchelei aus Ehr- 
furcht vor ihm zu verhüten suchte (Granz 505). Natürlich 
ist mit solchen Entschuldigungen nicht auszukommen. Zinzen- 
dorf mußte den eingezogenen Greist kennen. Wenn er auch 
seit 1744 auffallend zurückgezogen, beinahe einsam lebte 
(Sp. 1601), so wurde bei ihm doch häufig Klage geführt, war 
es doch beinahe bis zur Spaltung der Gemeinde in eine nüch- 
ternere und eine enthusiastische gekommen (Sp. 1637). Daß 
er Klagen gegen Brüder ungnädig aufnahm (Sp. 1631), konnte 
unmöglich verhindern, daß ihm die wichtigsten Symptome der 
Bewegung auffielen. Bezeichnenderweise fällte er über die 
Gegner der Schwärmerei ein strengeres Urteil als über die 
Exzedenten (Sp. 1638). 

Daß der hervorbrechende Geist Zinzendorfs Seele inner- 
lich durchglühte, beweisen drastisch die im Sommer 1747 auf 
Herrenhaag gehaltenen »34 Homiliae über die Wunden-Litaney 
der Brüder«. Diese Reden bilden neben den Liedern wohl das 
stärkste Stück religiöser Sexualbetätigung. Angesichts dieser 
Leistung kann man der Versicherung des alten Cranz*) kaum 
Glauben schenken, daß der Graf im nämlichen Jahre vor 
Tändeleien und unverständlichen Ausdrücken gewarnt habe, 
daß aber das Übel in der Gemeinde trotzdem zunahm (!). 

Im Herbst des Jahres 1747 durfte Zinzendorf nach, 
Sachsen zurückkehren. Auch in der Heimat schwelgte er in 
seiner Christolatrie. Den Kindern wünschte er »inniglich ver- 
gnügte und in Jesu Blut schwimmende Herzen« (Sp. 1716). 
Die im darauffolgenden Jahre gehaltenen »Chorreden« warnten 
vor den Gefahren des Ehelebens für die Seele und wiesen die 



*) Sp. 1680. — «) Oranz 607. 



DIE FRÖMMXa^fllT DB8 ORAFEN 



Ledigen aiif die Pflicht hin, immer üx Liebe nach Jesus %u 
breanen (Sp. 1732). 

Nach vielen Bemühungen, sein Werk vor der säehsisohen 
Regierung und Kirche zu rechtfertigen, siedelte er im Sep* 
tember 1748 nach Holland und am Neujahrstage 1749 nach 
England über. Noch immer wollte er von der besonders in 
Herrenhaag blühenden Schwärmerei nichts Genaues wissen und 
geriet bei auigenotigten Enthüllungen in derartige Erregung, 
daß der Diskurs abgebrochen werden mußte (Sp. 1771). Sogar 
dem ehrlichen Spangenberg, der ihm wegen dieses Ver- 
haltens zürnte, wurde er gram. Der gute Herrnhuter sucht 
seinen Grafen zu entschuldigen, er habe aus Furcht Tor 
seinem zu starken Eifer gegen geliebte Personen^) Vogel Strauß 
gespielt. Wir werden prüfen, ob diese Erklärung zutrifft. 

Wir erwähnen noch einen armseligen Versuch Zinzen- 
dorfs, die Schuld an d«n Vorgängen der »Sichtungszeit« von 
sieb abzuwälzen. In der Verteidigungsschrift „Ilepl iatycoo^ 
behauptet er nämlich, er sei bei der zweiten Wiederkunft aus 
Amerika mit dem Zustand der Gemeine und ihrer Arbeiter 
weniger zufrieden gewesen, als bei der ersten, und fühlte sieh 
zur Bußpredigt geneigt; darum habe er auch den im 11. An- 
hang befindlichen, mit dem Titel »Der Gemein-Gei^t« ver- 
sehenen Hymnus geschrieben (302). Allein auch in diesem 
als Kronzeuge aufgerufenen Liede (Nr. 1723) ist nur all- 
gemein von Verschuldungen, besonders anderer Kirchen und 
Gemeinschaften die Rede, und des Grafen Frömmigkeit wird 
so hoch auf den Leuchter gesetzt, seine Blut-Theologie so 
überschwenglich gepriesen, daß von einer »Bußpredigt« keine 
Rede sein kann. 

Zu bemerken ist noch, daß die angegebene Phase im 
Leben Ziuzendorfs die theologisch produktivste Epoche dar- 
stellt.«) 



*) Sp. 1771. - ») Kölbing «SO. 



LüDwia TON znrzBiniORF. 39 



B. Zlinzendorfs Frömmigkeit in der Eruptions* 

periode. 

t Ihre YoraHaBetzung : Die Verdrängung der primären 

Erotik. 

a) Sexualität und Ehe. 

Die Gewalt des Geschlechtstriebes kennt Zinzendorf 
genau: »Der jungen pursche stand in der weit ist eigentlich 
nur eine raserey, eine zeit, da man nicht weiB, ob man bei 
sinnen ist oder nicht. Es gibt da freylich auch solche lenden- 
lahme leute, solche schlaf -mutzen, wie in allen ständen, die 
nichts vorzunehmen wissen : aber was ein ganzer mensch ist, 
der ist ein vieh in seinem sogenannten ledigen stand.« i) 

Darum müßten nach des Heilands erstem Plane alle 
großen Knaben mit 20 bis 21 Jahren »amts-männer«, d. h. 
Ehegatten geworden sein.^) Allein, um die noch fehlenden 
Seelen für Ihn zu gewinnen, sind ledige, d. h. muntere, über- 
schüssige Kraft besitzende Leute notig, die von hausväter- 
lichem Geiste noch frei sind.') Im unverehelichten Zustand 
aber sollen die Jünglinge alle Heiratsideen vergessen. »Da- 
durch muß das theure bundes-glied in ein solches vergessen, 
ungebräuchlichkeit, und folglich in eine solche natürliche er- 
sterbung durch den nicht gebrauch kommen, dass, wenn einer 
hernach in die ehe soll, und solPs wieder brauchen, so muss 
es ihn der Heiland lehren, so muss er sich erst wieder re- 
stituieren lassen vom Heiland von der mortification seiner 
hütte, die er ums Lammes willen, um der umstände willen, 
erlitten.«^) »Und das sind sachen, die ich selbst er- 
fahren habe, zu meiner Zeit.«^) 

Wie man sieht, fehlt es Zinzendorf keineswegs an Vor- 
aussetzungen, die psychologischen Scharfblick verraten. Man 
würde jedoch irren, wenn man hinter dem Hohn auf die 
lendenlahmen und viehischen Leute eine Anerkennung der 
mäßigen primären Sexualfunktionen annähme. Die Sexual- 



») Zeyst 35 f. — «) 86. — ») 86. - *) 87 f. — *) 88. 



40 DIE FRÖMMIGKEIT DES QRAFEN 

Organe sind an und für sich — seit dem Sündenfall im Pa- 
radies — pudenda.^) Das Fleisch ist an und für sich ein 

»Der jetzige Leib ist schon ein Carcer, die jetzige Ver- 
einigung der Seele und des Leibes (damit sich niemand ein- 
bilde, als wenn's im Leib und in der Seele allein läge) macht 
zusammen den Leib des Todes aus, und das ist so gleichsam 
eine Verdammung unter die Sünde. Wer eine solche Hütte 
an sich trägt, wessen seine Seele in den Gliedern stekt, und 
mit den Gliedern vermengt ist, und die Glieder, i. e. durch 
einen gewissen Ganal und durch gewisse Röhren operiren 
muss, da ist eine Infection, ein gewisser Rost unvermeidlich.«*) 

Wie die Sexualorgane müssen auch ihre primären Betä- 
tigungen an und für sich als sittlich unrein angesehen werden. 
Nur unter einer Bedingung ist die Ehe statthaft: Aus ihr 
muß alle Wollust verdrängt sein, ist diese doch i^eine solche 
Passion, da der Mensch seine Befriedigung in steter Verän- 
derung der Gedancken, und Abwechslung der Sinnen, son- 
derlich des Geschmacks und Gefühles vergebens suchet : oder 
da man die Ergötzlichkeiten des Fleisches vor das höchste 
Gut hält« (Kl. Schriften, 7. Sammig., S. 815). Zu ihrer Ab- 
tötimg empfiehlt Zinzendorf lediglich religiös-ethische Über- 
legungen, sowie Askese (823 — 825). Feierlich protestiert er 
dagegen, daß ein Jünger Jesu zur Stillung der Lüste heiraten 
dürfe (Kl. Sehr., 9. Sammig., 1023). Die wahre Ehe hat mit 
Fleisch und Blut nichts zu tun (Pennsylv. Reden, 11, 132)« 
Schon vor der Ehe muß der Adam tot sein (ebenda). 

Daß Zinzendorf auch jetzt seine eigene Ehe in diesem 
Sinne führte, steht fest. In einer hübschen Aufzählung vom 
Jahre 1748 rühmt er den unanstößigen Wandel seiner Frau, 
ihre geschickte Hausführung, ihre liebevolle und doch wür- 
dige Haltung in der Gemeinde, ihre Geduld während seiner 
langen Reisen und vieles andere,*) allein wir vermissen die 
Zärtlichkeit der Gattenliebe vollständig. 



1) Zeyst 7, 11. k. 111. — «) 1845,, (Sp. 1488, a. 1743). — ») Augspurger 
D. 171 t — *) n, kr lu. 



LUDWIG TON ZINZENDORF. 41 

ß) Die Stellung zur Welt. 

Am 11. November 1742, als Zinzendorf in Amerika 
der Mission oblag, predigte er: »So lang noch jemand oder 
etwas in der Welt ist daran man mit einem Gedancken hangt 
so muss daran gearbeitet werden, damit man keine Ehe- 
brecherin werde und endlich eine Huren-Stirn kriege.«^) 
Schroff verbietet der Graf alles Tanzen, weil es alle Geilheit 
und Leichtfertigkeit befördere.*) Ein Aufsatz über diesen 
Gegenstand schließt mit den Worten: »Ich habe so viel mit 
dem Tode zu thun, dass ich des Tantzens wohl vergesse.«') Die 
Liebesneigung zu Gott »ist verknüpft mit einem heiligen 
Haß wider die Sünde, Fleisch und Welt«.*) 

Wie sehr sich Zinzendorf nach außen hin abschloß, er- 
wähnten wir bereits. Spangenberg berichtet, daß jener 
»mitten in der Gemeine beynahe ein Anachoret wurde«. ^) Zu 
der hierin ausgedrückten involutio libidinis paßt trefflich die 
zunehmende Selbstverachtung, die Zinzendorf allen Frommen 
zumutet. Der Christ »achtet sich unwerth, das allergeringste 
stäublein unter allen den sohimmlichen stükgen zu sein, die 
nach dem Leichnam JEsu geformet, und mit seinem heiligen 
Blute zur Sauerteigs-Natur angemacht sind«.^) 

2. Die Bublimierte Erotik« 

a) Jesus. 
a) Seine Gesamterscheinung, 

Die Frömmigkeit, in welcher Zinzendorf erzogen wurde, 
feierte in Jesus die zweite Person der Gottheit. Unser Ana- 
lysand suchte ihn so sehr in den Vordergrund zu schieben, 
daß die beiden anderen Personen der Trinität zurücktreten 
mußten. Jesus wird für den Grafen der eigentliche Gott,') 
Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Heiligmacher der 
ganzen Welt.®) Im Liede: »Ach Schöpfer meiner seel, 
Formirer meiner härlein! O du, in freuden-öl Ver- 

1) Penns. R., II, 166. — «) Kl. Sehr. 10. Sammig., 1196. — «) 1200. — 
*) Kl. Sehr., 7. S., 848. — «) Sp. 1602. — «) Zeyst 209. — ») Penns. R., I, 47. — 
*) n. i. 196. Jesus als »Schöpfer aUer Dinge« auch 66. 



4S DIS FRÖMMIGKEIT DEg GRAFEN 

Wandler meiner zährlem! meines menscfathums Ehemann, 
mein's amtes Principal, Ur-Engel, Erz-decan der ganzen 
gnaden-wahl« (2276i, a. 1746 0- Der Jehova des AUen Bundes 
ist Jesus geworden.^) 

Aber auch andere theologische Benennungen kommen oft 
vor. Der »Schöpfer« Jesus ist auch Prophet, König, Hohe^ 
priest er,') Titulaturen, welche den drei munera Christi 
der altprotestantischen Dogmatik entsprechen. 

Besondere Vorliebe zeigt Zinzendorf seit 1739/40 für den 
Ausdruck »Lamm«, wenn auch v. Sehr autenb ach über- 
treibt, sofern er ihn für den beinahe durchgängig gebrauchten 
Namen Jesu angibt.^) In den Liedern trifft man häufig das 
Diminutiv »Lämmlein« oder »Herr Lämmlein«. ^) 

Auf die Beziehung Jesu zum Gläubigen gehen Benennungen, 
wie: »Vater«, ^) »Mittler zwischen GOtt und den 
menschen, Gesetz-Prediger, Beicht-Vater, Tröster, 
Exorcist, Heiland, Gnaden-stuhl, Exempel«,^ 
»Bruder«.®) 

Ein stark sexueller Unterton klingt mit in der Bolle, 
die Jesus als Hohel zugewiesen wird in folgendem Passus: 
»Das ist des Heilands sein eigen geschäft, wenn er uns küsset 
zum erstenmal nach der Vergebung der sünde, da thut er 
was der Mohel, der beschneider, der priester verrichtet. Denn 
wenn die beschneidung geschiehet, so reisset er's mit seinen 
zahnen entzwey und rein ab. Das thut nun bey uns der richter 
der gedancken.«*) 

AUe anderen Bezeichnungen Jesu verschwinden jedoch 
hinter den zahllose Male wiederholten Namen »Bräutigam, 
Ehemann, Mann«, wobei ein Unterschied zwischen diesen 
Benennungen nirgends gemacht wird. Daß Zinzendorf diese 
Ausdrucksweise nicht etwa nur wie die Bibel als Metapher, 
sondern im Sinne einer stark naturalistisch empfindenden 
Erotik auffaßte, beweist die ganze Lyrik dieser Zeit. DieBe^ 



^) Wo nicht anders bemerkt, ist bei sämtlichen zitierten Liedern Zinzen- 
dorfii Autorschalt dnrch Ler!ong festgesteUt. — ^) Penns. R , I, 48. — ") Plitt, 
II, ISO. — *) Schrautenbach 212. — «) Z. B. 2019 (a. 1744). — «) Darlegung 
72. — ») n. i. 88. — •) Sieben Reden 7. — •) Zeyst 11 t 



LUDWIO VON zurziaiDosF. 43 

ziehniigzuJesus ist aufsstärkste sexuell innerviert, 
stärker als in der früheren Periode. 

Wir erwähnen zunächst einige Stellen, die yon Jesn Ge- 
samterscheinung sprechen. Einmal yerkiindet Zinzendorf: 
»Kommt Er (Jesus) nicht dazu, kriegt er einen nicht beym 
Herzen, nimmt er einen nicht in seinen Arm, drukt er einen 
nicht seine Wunden, und sein ganzes Creuzes-Bild wahrhaftig, 
empfindlich, wesentlich wie ein Siegel auf ; so kann man nicht 
sagen, dass man voll Liebe Christi ist, dass man in Ihn ver- 
liebt ist Aber sobald man um die Achseln sein Umarmen, 

und in seinem Herzen sein eigenes, blutiges, leichenhaftiges 
Erwarmen und sein magnetisches Andringen fühlt, und er 
ist uns sitzen blieben mit aller seiner Pein, es ist nicht nur 
ei». Sehimmer, sondern es sind seine Wunden und sein ganzer 
liarter^Leib gewesen, die sich uns eingedrukt, eingeätzt und 
eingebrannt haben, da geht ein solches Kind GOttes, ein 
solches JEsus-Herz . . . nun meistens JEsushaft in der Gremeine 
hemm.«*) 

Oft ist nur im allgemeinen vom Umfangen des Mannes 
die Rede, z. B. : 

»Lieben nur lieben ist meine sach, meiner seel erretter 
als Mann umfangen, an seiner seele und leibe hangen mit 
seel und leib.«^) 

Oft aber wird von einem eigentlichen Eheverkehr ge- 
sprochen, z. B. : 

»Die ewige Wunde (im Herzen) wird nicht wieder heil, 
bis ins Ehe-Bett. Das heißt ein Christ, oder Christin, ein can- 
didat der ewigen Ehe, ein Bräutlein des Lammes.«*) — »Wenn 
der Ehe-Mann der Menschheit in Person kommt, und mich 
küsst, umfängt und anwehet, . . . dann fühlen wirs, merken 
wir's, daß er's ist. Er hat uns so lieb, wir fühlen den Trieb, 
in welchem er brennt, wenn uns unser Schöpfer umarmet: 
Augenblicklich steht der Fürste mit der offnen Seite da, und 
man sieht es, wie er dürste, daß er eine Seel umfah*.»*) 



») Hom. Wund. «8« f. — «) 1724, (Sp; 1370, a. 1741). — ») Zeyst S05. — *) Hom. 
Wund. 299 1 I^iese Aussagen bilden ein homoeexueUes Gegenslüok zu den tausen- 
den Ten Liebesdrgüssen, wie sie die kaiholiscbe und protestantiscftie FrdBUDin^it 



44 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Am 20. Mai 1746 stand Zinzendorf am Schluß einer Rede 
auf und — so erzählte das von ihm selbst herausgegebene 
Referat •— »fing mit einem ganz unaussprechlichen Abend- 
mahls-mäßigen gnadengefühl an zu singen nebst der ganzen 
Gemeine: O daß sich JEsu treues Weib, die Creuz-Gremeine, 
mit dem Leib der für sie abgeschlachteten Lieb in diesem 
augenblik begrub. Gemeine zittre heiliglich, der tod des 
Lamms durchsäuert dich, das unbeflekte Passah-Fleisch er- 
hält dir leib und seele keusch «,i) Damit ist auch der pro- 
phylaktische Zweck der Jesulatrie angedeutet: Hilfe gegen 
sexuelle Anfechtungen. 

Weit krasser wird dieser homosexuelle Umgang mit dem 
Heiland ausgemalt in der Verwertung der Wunden Jesu. Sollte 
noch jemand daran zweifeln, daß wirklich eine derartige Be- 
ziehung zu Jesus vorherrschte, so sei er darauf hingewiesen, 
daß Zinzendorf mindestens in seinen Phantasien, folglich auch 
in seinem Triebleben sehr kräftige homosexuelle Neigungen 
verrät. Anders ließe sich nicht erklären, daß sein Literesse 
sich immer wieder mit dem sich auf den toten Knaben legen- 
den Elisa beschäftigt. Einige Belegstellen: 

»Er (Jesus) tritt vor eines jeden sein herz, vor eines 
jeden seinen leichnam, und thut was Elisa dem Knaben that, 
und breitet sich über ihn, und legt glied auf glied, und lässt 
sein gnadenleben, das in seinem Tode verborgen ist, über 
eine solche hütte wehen, und lässt seine todes-kräfte über 
einem solchen leib dünsten, und tötet, und macht zxmi Sauer- 
teige, und macht die natur, und was daran noch natürlich 
lebt, in so fem es seiner seligen gestalt unähnlich ist, schimmlich 
wie das brod verschimmelt, macht daß das natürliche ihnen 
unanständige leben verwese, und der sündliche leib aufhöre 

so drastisch hervorbrachte. Ein beliebiges Beispiel, das wir bei Albrecht Dieterich 
finden (Mithrasliturgie 138): »Eine Vision der Adelheid Langmann (tl375) 
lautet: »Da sprach si: sag mir über herre, waz ist daz grozt heiligtum, daz 
auf ertreich ist?« Da sprach er: ,daz ist mein heiliger leichnam, den man 
altag wandelt', und sprach da : ,mein gemintez lip<, und prait sein arm auf 
und umying si und druket si an sein gotleich hertz, daz si dankt, si klebot 
in im als ain wass in ainem insigel — und mer denne vir wochen was er 
ir gegenwertig ein irem herzen als sie in gesehen hat«. >- ^) Zeyst 20%, 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 46 

durch seinen leichnam. Das heißt der apostel: Er tötet die 
glieder, die auf erden sind, die noch der weit dienen. Und 
das ist eine solche handlung, die ich mit Worten nicht aus- 
drükken kann, die ich dem gefühl ieden bruders und Schwester 
überlassen muß, was sie in einen solchen augenblik in ihren 
gliedern (!), seele und gemüthe bey dieser Um- 
armung fühlen, und ob's ihnen dabey ist wie dem 
weibe seyn wird, wenn's ihr mann erkennt.«^) 

In dieser Parallele zwischen Elisa und dem Knaben einer- 
seits, einem in Kohabitation begriffenen Ehepaar anderseits ist 
der homosexuelle Charakter der Zinzendorf sehen Jesus Verehrung 
auch für den bewiesen, dem sublimierte Homosexualität zuerst ein 
Unding schiene. Auch die Häufigkeit der Stellen, in der Elisa 
sich mit dem Knaben beschäftigt, sowie die Analogie anderer 
Stellen (z. B. das von 60 Helden umstandene Bett des Königs 
Salomo) bestätigen imsre naheliegende Interpretation. Weitere 
Beispiele sind: 

In denWundenhomilien wird einmal ausführlich die Historie 
von Elisa und dem toten Knaben in Parallele gesetzt zur Be- 
ziehung, die Jesus zu seinen Frommen hat. Unter anderem heißt 
es da: »Es ist also ein Actus, wenn sich der Heiland über 
eine Seele breitet, wie Elisa über den Knaben, damit den 
zweyen, dem Bräutigam und der Braut, dem Lamm und der 
Seele geschieht, was der Heiland (Matth. 19) sagt: icpocxoXXcuvxat, 
sie werden zusammengeleimt, sie werden so mit einander ver- 
mengt, und so in einander verschoben, dass keins ohne das 
andere mehr bestehen kann, es wird was neues.«*) — Nur 
stark homosexuelles Empfinden kann auch hier wieder ohne 
weiteres Elisa und den Knaben durch Braut und Bräutigam 
ersetzen und in der biblischen Szene einen der Begattung 
gleichartigen Vorgang erblicken. 

»Dass ich jedes dieser leutgen wende zu dem blutgen 
seitgen (Jesu), da sich alles 'raus gepikket, was mit recht ins 
Chor gerükket. Dass Elisa dieser Tage nach ein's jeden 
namen frage, und ihm seinen engel sende, bis ans pförtgen 
seiner lende« (23358-9). 

1) Zeyst 868 f . — «) Hom. Wund. 284. 



A» DIE FRÖMKIGKEIT DES GRAFEN 

(Diese Auslassung wird verständlich duroh Zimendorfs 
Einleitung zur ersten »Zugabe« (1746). Da lesen wir nämlich : 
»[Es] wird unter der Seite oder Lende des Heilands keines- 
wegs sein theures unterscheidungs-glied verstanden, sondern 
der Ort der Pleura.« Die Bemerkung, Jesu Seite bedeute 
nicht das membrum (!), gibt zu denken. Die Psychologie des 
Wundenkultus löst uns das Rätsel.) 

In den »Homilien über die Wunden-Litaney« schildert 
Zinzendorf einmal das Entzucken über die »Wunden-Süssig- 
keit«. Unser Herz soll auf leibliches Sehen, Hören und Fühlen 
verzichten und denken: »Du guter Leib, mein lieber Haus* 
Wirth, wenn du wüsstest, was ich weiss, wenn du. . .es so nahe 
hättest, wie ich's habe, wenn dir die Augen geöffnet wären, 
wie es dort steht : ,HErr, öffne dem Knaben die Augen, was 
würdest du darnach machen?'^) Das Zitat geht höchstwahr- 
scheinlich auf 2. Kön. 4^4^,5, die Auferweckung des toten 
Knaben durch Elisa, jene Stelle, die S. Da ich es auf eine 
babylonische Beschwörungsformel zurückführt,*) oder dann 
auf die ähnliche Situation in Apostelgesch. 20^0, wonach Paulus 
sich auf einen aus dem Fenster gestürzten Jüngling warf, ihn 
umfaßte und heilte. Ähnliche Stellen werden wir noch kennen 
lernen« 

Wie weit diese sublimierte Homosexualität, die Zinzeu" 
dorfs Religiosität in diesem Zeitraum fast ganz ausfüllt, mit 
Verdrängung der primären heterosexuellen Funktionen zu- 
sammenhängt, werden wir später prüfen. 

In der hier geschilderten Frömmigkeit ist Zinzendorf 
der Mystik nahe gekommen. Am deutlichsten zeigt dies 
der Vers: 

»Ach wie hungert mein gemüte nach dem fleische und 
geblüte; weil es weiss, dass sein gebeine sich dadurch mit 
GOtt vereine. «3) 

Im höchsten Grad bemerkenswert ist der Umstand, daß 
die ethische Persönlichkeit Jesu und seine sittliche Forderxmg 
für Zinzendorf keine nennenswerte Rolle spielt. Jesus als 

^) Hom. Wund. 234. — ^ Revue de rhistoire des Religions, 1909, 
S. 193. — ») Zeyst 308. 



LUDWIG TON ZINZENDORF. 47 

Objekt einer sinnlichen Erotik, als peripher cha- 
rakterisiertes Sexualobjekt schaltet die ethische 
Beziehung aus. 

ß) Der Leichnam Jesu. 

Es muß ein starkes Bedürfnis sein, das Zinzendorf an- 
treibt^ dem Leichnam Jesu so glühende Affekte zuzuwenden. 
Der Graf kann seine Begierde nach der Leiche kaum brünstig 
genug ausdrücken, z. B. in folgender Ausführung: 

»Seht, meine Geschwister, das ist die eigentliche Übung 
für uns, die Geduld-Schule, darein uns unser Lämmlein führet, 
dass wenn wir nun z. B. im heiligen Abendmahl wirklich in 
seinen Tod und Marter-Leichnam hinein beissen, wenn wir 
uns an ihn anhängen, und uns todt küssen möchten an Ihm, 
und er an uns, so daß er real tödtet, frisset, verschlingt, 
zerreisst alles das, was ihm an uns nicht gefällt . . ., dass bey 
alle dem unsere leibliche Augen doch geschlossen, und unsere 
leibliche Ohren zugethan bleiben, dass doch unsern natürlichen 
Geschmak nicht erlaubt ist, die Wunden-Süßigkeit zu 
schmekken, die Leiblichkeit, die Leichenhaftigkeit, durch den 
natürlichen menschlichen geruch inne zu werden, wie wir's 
gerne manchmal hätten; unsere Seele riecht, schmekt, hat 
alle Empfindung davon.« ^) 

An dieser Predigtstelle interessiert uns vor allem der 
betonte Wunsch, daß auch die Sinnesorgane an dem Liebes- 
genuß der Leiche teilnehmen. Der Graf stattet in der Be- 
schreibung seine religiöse Nekrophilie mit allen Zügen aus, 
welche uns die Pathologie der primären Sexualbetätigung 
an Leichen mitteilt. 

Daß der Graf auch der letzteren in seinem Phantasie- 
leben einen Spielraum gewährte, hat er am 13. August 1747 auf 
offener Kanzel verraten, wagt er doch folgende Behauptung : 

»Da kan eine Frau ihrem Mann noch am Halse liegen, 
wenn er schon längst gestorben ist, die es wol wird bleiben 
lassen, dass sie zu der ersten besten Leiche hingeht, und ihr 
am Halse liegt eine viertel oder halbe Stunde lang. Also die 



») Hom. Wund. 232 f. 



48 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Liebe, das Herz, das Gefühl, die Gewohnheit einer Sache 
macht ihr eine Niedlichkeit, die kein anderer Mensch drinnen 
finden kann. 

So geht's den Wunden JEsu, meine Geschwister ! Wunden 
und Beulen sind in der That nichts angenehmes, das ist gewiss: 
aber wie kommt's doch, dass allen Leuten, die sonst kein Blut 
leiden, kein Pflaster abnehmen, und ohne entsetzen sich nicht 
an ein Geschwür erinnern können, das Herz lacht, wenn sie 
in der Gemeine von des Heilands Schmarren, Beulen und 
Wunden und Eiter singen und denken. Woher kommt das? 
Es hat eine Niedlichkeit für sie, es betrifft ihren lieben 
Mann, ihr liebes Herz, an dessen Leichnam sie liegen möchten 
eine ganze Ewigkeit, und würden's nicht müde.«^) 

Wer die Gesetze der Sublimierung kennt, wird hienach 
den primär nekrophilen Untergrund des Leichenkultus un- 
möglich leugnen können. Diese sexuelle Triebfeder erklärt 
uns auch die enorme Überbetonung der diesbezüglichen 
Phantasien, die sich nie erschöpfen. 

Ein Lied läßt sich nach der herrlichen Melodie: »Wie 
schön leucht't uns der Morgenstern!« vernehmen: 

»Ich stimmte gerne auch mit ein in unsre liebeslieder- 
lein, die man so macht den Chören; wenn ich nur immer 
gründlich wüsst', ob ihr geschmak voll Leichnam ist, und sie 
gern Lammhaft wären. Chöre ! höre ich's geriesel eurer kiesel 
im blutbächlein ; so sind wir im rechten fächlein« (2227i, a. 1746). 

In Holland predigt Zinzendorf: »So steht's im alten 
testamente von denen leuten, die bein von seinem beine, und 
fleisch von seinem fleisch sind, die der heilige Leichnam 
berochen, angefasst, denen der Heiland die vorhaut ihres 
herzens zerrissen, die der blutige Mund geküsset, die der 
Leichnam JEsu umfangen hat, auf die sich der Leichnam, 
glied für glied gebreitet hat, und hat sie erkannt«.*) (Er- 
kennen in Luthers Bibel = beiwohnen.) 

Der Zusammenhang zwischen Leichenverehrung und 
Sexualität kommt auch darin zum Ausdruck, daß erstere als 
Palladium gegen die Anfechtungen der letzteren verwertet wird : 



») Hom. Wund. 876 f. — «) Zeyst 206. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 49 

In seinen Bekenntnissen »Ilspllaütou« antwortet Zinzendorf 
auf die Frage: »Hast du denn keine böse Lust mehr?« daß 
er zwar noch Fleisch der Sünde an sich trage; aber, fährt 
er fort, »weil meine glieder durch den Leichnam JEsu ge- 
todtet werden, so ofte ich zum Sacrament des Altars nahe; 
so lasse ich ihnen nicht gerne Zeit, sich zu erholen; ich 
enervire sie, aber nicht durch Macerationen, Fasten, Wachen, 
Kampf, und dergleichen Schul-Exercitia, sondern ich erdrükke 
sie so fleissig mit JEsu Leichnam, und ersäuffe sie so oft mit 
dem Blute aus seiner heiligen Seite, dass es sich wol bis an 
das Ende meiner sterblichen Tage so fort machen wird, wenn 
ich nur dem Heilande keinen Tag aus seinen Armen und 
Schoosse komme.« ^) 

Eine andere Anweisung bemerkt: »Es ist nicht genug, 
sich bewahren in seinem ledigen stände, sich durch den 
Leichnam JEsu an allen überflüssigen gedanken und Sachen 
tödten lassen, sich durch den todtkalten Leichnam kalt und 
todt, steintodt machen lassen gegen die lüste und alles was 
einem seel und leib beflekken kan; das ist recht, so soll's 
werden, das ist der zwek des ledigen Chorgangs: dass 
der sinn dem Lamms-sinn gleiche, und die hütte seiner 
Leiche.«*) 

Der Leichnam Jesu bildet somit die ideale Kompensation 
des brünstigen Leibes. Nach dem Gesetz der sublimierenden 
Komplexauslösung, kürzer gesagt, der Sublimierung muß der 
Komplexgegenstand in der Sublimation durch ein überwertiges 
Ebenbild mit positivem Wertcharakter ersetzt sein. Dies ist 
hier der Fall: Dem unreinen, durch die Sexualität verun- 
zierten Menschenleib entspricht der Leib des göttlichen 
Heilands, dem imreinen Feuer des Trieblebens die Kälte des 
aus Liebe gestorbenen Jesus. Allein die sexuelle Begierde 
wendet sich mit ungeminderter Intensität ihrer Partial- 
ansprüche an das religiöse Objekt, um mit aufdringlicher Deut- 
lichkeit ihren Komponenten die Zügel schießen zu lassen. 
Weitere Determinanten siehe unten Seite 106. 



*) 2 n. L 112. — *) Zeyst 210. 
Pf ist er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. 



50 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Y) Die Kreuzeslufi. 

Das nekrophile Bedürfnis Zinzendorfs wandte sich mit 
großem Eifer der den Leichnam Jesu umgebenden Luft zu. 
Eine Lieblingsbezeiohnung für den Gläubigen lautet fortan 
»Kreuzluftyögelein«, gelegentlich mit dem Zusatz : »kränkelnd 
vor Liebespein.« 

Beispiele: »Für wimden-würmelein verliebt in seine vier 
nägelein, für Creutz-Luft- Vögelein, kränkelnd vor liebes-pein 
nach JEsu Seitensohrein . . .« (2255, a. 1746). 

»Fallt zusammen aufs angesicht und singt im wunden- 
licht : . . . Oreutz-Luft-Vögli, was machst du da in der heiden- 
hut?« (2269, a. 1746.) 

»Die Creuz-Luft-Vögelein in eurem nestelein führt in 
die gegend nein als wunden-bienelein« (2270, a. 1746). 

»Seid Creuz-Luft-Vögelein und täucherlein, fahrt ins 
loch hinein, das ihm der speer geritzt, und wenn ihr drinnen 
sitzt, so schwimmt unverrückt drinn herum, denn sehet euch 
auch um, ob nicht für andere mehr auch noch platz übrig 
war« (2275, a. 1746). 

Eine ganze Ereuzluft-Menagerie, ja ein ganzes Ereuz- 
luft-Museum rückt auf in dem öfters erwähnten Lied 2277 
auf Anna Nitzschmann (s. o. S. 30). 

Zur Psychologie dieser Frönmiigkeit, die nur einen 
Spezialfall der sublimierten Nekrophilie überhaupt bildet, sei 
hingewiesen auf den von Zinzendorf geäußerten Wunsch, 
auch mit dem natürlichen Geruch den Leichnam inne zu 
werden (s. o. S. 47). Dabei war der Geruch von den anderen 
Sinnesempfindungen merklich ausgezeichnet worden. Die von 
Freud in ihrer Wichtigkeit zum erstenmal gewürdigte Riech- 
lust^) macht sich in der »Ereuzluftpoesie« deutlich geltend. 
Das Bild des Vogels erklärt sich aus seiner sexualsymboli- 
schen Bedeutung und der des Fliegens. 

8) Die Wunden im allgemeinen. 

Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß die religiöse 
Temperatur Zinzendorfs mit der Verengerung seines Objektes 

*) Freud, Bemerkimgen ü. e. FaU von Zwangsneurose, 420. 



LUDWIG VON ZINZEKDORF. 



51 



zunimmt. Über dem ganzen Leib stehen dem Grafen die 
Wunden. Er nennt es geradezu seine Hauptmaterie, zu zeigen, 
wie Jesu Wunden von den Seelen können gefühlt und geküßt 
werden, und wie diese darin ihre Gnadenwahl erblicken können.^) 
Der Gemeinde Hauptdienst ist, die Wunden zu grüßen.*) 

Ein monströses Denkmal des Wundenkultus bildet die 
»Wunden-Litaney«, die Zinzendorf in nicht weniger als 34 
Predigten auslegte. Ich kann nicht umhin, dieses Werk eine 
religiöse Orgie zu nennen. Angeredet werden unter anderem 
die Ritzen von der Dornenkron, der speicheltriefende Mund, die 
bespieenen Wangen, die gebrochenen Augen, der blutige 
Schaum vom Rücken, die zerschwitzten Haare, dann die 
Wunden. Wir geben ein kurzes Stück daraus wieder: 



Erstes Chor. 

»O ihr heiligen fünf 

WUNDEN, 

Wunder- Wunden JESU, 



Kraftige Wunden JESU, 



Geschwundne Wunden JESU, 



Geheime Wunden JESU, 



Funkelnde Wunden JESU, 



Hohle Wunden JESU, 



Zweytes Chor. 

Macht's wie Elisa ! wir wol- 
len das Kind seyn. 

Ihr heiligen Löcher, macht 
Sünder heilig, aus heiigen 
Schacher. Wie wunderlich! 

So naß, so blutig, blut't 
mir aufs Herz so bleib ich 
muthig, und Wundenhaft. 

Wenn ich dazwischen meiner 
Seel betten gekonnt und 
tischen, geht wieder zu. 

Ich dank's dem Pfarren^ 
der mich mit meines Lamms 
Beulen und Schmarren be- 
kanntgemacht. 

Ihr macht mein Herze zu 
einer blendenden Gnaden- 
Kerze vor Strahl imd Blitz* 

In euren Horten sitzen 
geräumlich viel tausend Sor- 
ten von Sünderlein. 



» Penns. R. II, 817. — «) Hom. Wund. 384. 



52 



DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 



Purpur-Wunden JESU, 



Saftge Wunden JESU, 



Niedliche Wunden JESU, 



Niedliche Wunden JESU, 



Meine Wunden JESU, 



Am Ende aller Noth, 



Ihr seid so saftig, was euch 
nur nah konunt, wird wunden- 
haftig und trieft von Blut. 

Wers Stäblein spitzet, und 
euch damit nur ein wenig 
ritzet, und lekt, der schmekt 
[nach 1. Sam. 1^^: Jonathan 
sich an Honigwaben labend]. 

In keinen Pfühlen kan sich 
ein Kindlein so sicher fühlen 
vor kalter Lust. 

So zart, so zierlich, ihr 
seyd so Kindern proportio- 
nierlich zum Bettelein. 

Meine, ja meine! mir ist, 
als wäret ihr ganz alleine 
für mein Herz da. 

ölt uns ein, ihr Wunden 
rot!«i) 

Dies einige der 23 AUokutionen allein an die Wunden 
im allgemeinen. Man sieht, wie Zinzendorf seinem sonstigen 
Verfahren getreu eine Menge von typischen Sexualsymbolen 
zum Ausdruck seiner Empfindungen benützt. 

Der Symbolik bedient sich Zinzendorf überhaupt zum 
Zwecke der Wundenverehrung in überschwenglichem Maße. 

unglaublich lebhaften Beifall fand der Dichter mit 
seinem »Wundenbiene lein«. Schon hörten wir zwei präg- 
nante Beispiele. (2277ii »Greuzluftbienelein«, s. o. S. 34, 2270, 
s. o. S. 50.) 

Ebenfalls beliebt waren die »Wunden-Täucherlein«, 
z. B. »Fliegende f ischelein, sind arme dingelein wissen nicht 
aus noch ein. Aber was täubelein und lustge täucherlein auf 
JEsu wunden seyn, der weit zu gross und klein, fragen nach 
keinem schreyn der feinde der gemein« (2270, a. 1746). 

»Seyd ihr nur kem-gute herzelein, und wunden-täucher- 
lein, das andre wird immer gut seyn« (2269, a. 1746). 

^) Hom. Wund. Inhaltsverzeichnis. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 68 

Charakteristisch ist der Titel »Blutwundenfisch- 
lein«: »Zumal wenn so ein klein blut-wunden-f ischelein in 
dem demente sich lässt so selig seyn, als es ein iedes könte. 
Hol dir, Lämmelein! deine fischelein nach einander 'rein« 
(20264, a. 1744). 

Zu erwähnen ist noch der bevorzugte Name »Wunden- 
kunde«. 

»Zieht denn hin in dem licht der wunden, o ihr liebe 
wunden-kunden« (2275, a. 1746). 

Die Wunden werden schließlich für Zinzendorf das 
höchste, das einzige Gut, um das sich das ganze Leben, nicht 
nur die Frömmigkeit dreht. Dies drückt der Prediger mit 
folgenden Worten aus: 

»Wenn ich dazwischen (zwischen den geschwundenen 
Wunden Jesu) meiner Seel betten gekönnt und tischen, das 
heisst: wenn ich so darinnen zu Hause bin, daß ich nicht 
nur ruhen und mich erquikken, sondern auch alle meine 
Arbeit und Geschaffte darinne verrichten, darinnen essen und 
trinken, und überall meine Weide darinnen finden kan, so, 
dass ich für meine Person nichts mehr brauche in Zeit und 
Ewigkeit: dann bin ich zufrieden, dann macht euch wieder 
so veste zu, wie sich ein Schnekken-Häusgen, wie sich eine 
Purpur-Muschel zuschliesst.«^) 

Daß auch diese Traumatolatrie eine Sexualfunktion dar- 
stellt, braucht kaum mehr bemerkt zu werden. Daran ändert 
gar nichts, daß sie sich erhebt auf einer Erlösungslehre, de- 
ren tiefer sittlicher Gehalt von der Liebesraserei Zinzendorfs 
sich von Grund aus unterscheidet. Den Taumel des sexuellen 
Orgasmus erblicken wir deutlich in Liedern, wie z. B. : 

»Des wundten Creuz-GOtts bundesblut, die wunden- wun- 
den-wundenfluth, ihr wunden! ja, ihr wunden! eur wunden- 
wunden-wunden-gut macht wunden-wunden-wunden-muth, und 
wunden, herzens- wunden, wunden ! wunden ! wunden ! wunden ! 
wunden! wunden! wunden! wunden! wunden! wunden! O! 
ihr wunden! 



*) Hom. Wund. 349. 



64 DIE FROMMIGKElt DES GRAFEN 

So sey denn tausendfach gegrüsst, du blut von mein'm 
HErm JEsu Christ ! du erste bunds-glieds-wunde ! du blut'ger 
tod-sohweiss in dem wein, den du zum bund gesetzt hast ein ! 
du schweiss zur busskampfs-stunde ! Wunden ! wunden ! geissei- 
wunden ! dornen- wunden ! nägel-sehrunden ! Speer-schlitz ! 
Dank euch 's GOtt, ihr wunden!« (1945, a. 1745.) Plitt geht 
nicht zu weit, wenn er diese Verse ein Blutgelalle nennt. ^) 

e) Das Blut Jesu. 

Die Bluttheologie schreibt ihrem Gegenstand meistens 
die Aufgabe vor, zu sühnen und zu waschen. Besonders die 
»zweimal Geborenen«, wie James sie nennt, die durch eine 
Bekehrung aus Sündennot Erlösten, würdigen das Blut in 
diesem Sinne. Ich habe öfters auf analytischem Wege eruieren 
können, wofür es in solchen Fällen eine ideale Kompensation 
bildet. Da Zinzendorf keine ähnliche Wandlung erfuhr, muß 
das Blut Jesu in der Symbolsprache des Theologen einen 
anderen Begriff decken. 

Nur ausnahmsweise ist davon die Rede, daß Jesu Blut 
für uns Genugtuung leistete.^) Aber hart daneben erfüllt es 
andere Aufgaben : Unsere Gnade, unser Herz, unsere Gestalt 
soll nie ohne Blut sein, die geringste Gnade soll mit Bundes- 
blut besprengt werden, unser Herz muß in seinem Blute 
schwimmen und baden') u. s. w. Greifbar sind folgende 
Angaben : 

1. Das Fleisch der Sünde soll im Blute Jesu ersäuft 
werden.*) Das Blut hat somit dieselbe Bestimmung, wie der 
ganze Heiland, sein Leichnam und seine Wunden. 

2. Es soll die Seelen täglich und stündlich speisen: 
»O blutger Heiland! ich möcht dich umfangen, an dem viel 
tausend blutstropfen hangen, anfassen den blutigen saft.« 
»Dein fleisch und blut mich speisen thut.« (1956^ u. ^o >" ii^ch 
einem alten Wallfahrtslied.) Durch die Taufe wird der Mensch 
Jesus als dem Weinstock eingepflanzt, um »täglich und stünd- 
lich des Blut-Saftes mitzugeniessen«.^) 

») Plitt, II 16. — *) Hom. Wund. 37. — ») 87. — *) 11. k. 112. — 
») Penns. R., II, 185. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 55 

3. Es soll uns segnen: 

»Dein schweiss und blut lass über uns regnen, uns kan 
auf erden nichts besser segnen. O theurer schweiss, o heiiges 
blut!* (1966i8.) 

4. Die Frommen sollen in ihm allezeit sich aufhalten: 
»Wer sich recht in den Heiland hinein geliebet hat, und 

gelebet, der fährt wies fischlein in dem wasser bis in die 
ewigkeiten vergnügt und ungestöhrt, der geht dahin in dem 
Clement des blutes.«*) 

Von Kanada aus redet Zinzendorf in der Vorrede zum 
11. Anhang am 16. Oktober 1742 die Gemeinden an: »Ihr 
Blut-Würmlein im Meer der Gnaden.« (S. 1686.) 

Ein letztes Exempel: »Was sind wir? Herzelein, in 
seinem Blut so rein, schwimmende würmelein, verliebt in seine 
vier nägelein, ja Creuz-luft-stäubelein, kränkelnde täubelein, 
nach seinem seiten-schrein.« (2206, HIj, a. 1746.) 

5. Die Gläubigen sollen im Blute baden.*) 

6. Mit seinem Blute erwirbt der Bräutigam (Jesus) die 
Braut (die Seele).») 

Somit bildet die Blutverehrung wiederum ein Zentrum 
Zinzendorf scher Frömmigkeit. »Wenn man mit Wahrheit sagen 
kan: das ist ein Herzelein, das ist ein Blut-würmelein, das 
ist ein Creuz-Luft- Vöglein, ein kränkelnd Täubelein nach JEsu 
Seitenschrein; so spricht der Bräutigam: Lass mich sehen 
deine Gestalt, denn deine Gestalt ist lieblich.«^) (Aus Hohe- 
lied 2i4.) 

Es ist nur folgerichtig, daß das Blut Jesu auch den 
Eardinalpunkt der Theologie Zinzendorfs ausmacht. »Dass 
nichts mehr hafft von wissenschafft, als einzig die bluttheo- 
logie, die ist mein dement, ja könnt ich selig seyn, und nicht 
allein durch JEsu blut, so hätt ich keinen muth.« (172340* 
Nach Lelong stammte dieses Lied aus der Feder der Gräfin. 
Doch hat Zinzendorf seine Autorschaft selbst bezeugt.^)) 

Daß Zinzendorf auch am Blutergötzen die Sinnesorgane 
teilnehmen läßt, zeigt u. a. der Vers:" »Ich habe Blut ge- 

*) Zeyst 888. — *) Hom. Wund. 87. — *) Penns. R. IL, 86. — *) Hom. 
Wund. 47. — «) n. L 802. 



56 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

schmekt, als mich das Lamm gewekt und habe dran gelekt: 
und nun besuch ich fein die schönen blümelein am domen- 
krönelein aufs Lammes scheitelein, und da riech ich nein, 
ach da saug ich ein. Prosit proficiat! die blümlein machen 
satt« (2355i_a, a. 1747). 

C) Der Angstschweiß. 

Spangenberg bezeugt: »Kommt der Ordinarius auf 
Gottes Marter zu sprechen, so ist er fast außer sich. Sie ist 
seines Herzens Freude. So kam er darauf, die Jesum lie- 
bende Seele als ein Vöglein anzusehen, welches an den Angst- 
schweißdüften seine Freude und Nahrung hat.«^) Der Autor 
nimmt diese Betrachtung sogar als schriftgemäß in Schutz !*) 
Zinzendorf gab eine Rechtfertigung seines Enthusiasmus, in- 
dem er behauptete, der Leichnam des Lämmleins habe all 
unsere Sünden ausgeschwitzt. Wie bei gewissen Fiebernden 
Schweißausbruch das Ende der Not anzeige, so bedeute der 
Schweiß in Jesu Bußangst das Ende der Sündenangst für die 
brauthafte Seele, die von ihm eingenommen sei.*) Daher die 
Bitte in der Wunden-Litaney : »Dein Schweiss im Buss-Kampfe 
Dünste uns über Leib und Seel.«*) 

Zinzendorf malt diese Vorstellung mit offenbarem Be- 
hagen aus, wie überhaupt seinem Sadismus die Spuren des 
Leidens Jesu, auch die schauerlichsten, nur zu höchstem Ent- 
zücken Anlaß geben. Eigentümlich mutet uns an die Strophe : 

»Wo ist gefunden so unverdrossen ein gärtner, der seine 
blumen begossen mit eignem schweiss und theuren blut? 

Den gärtner hab ich am ölberg gefunden; eh er von 
Jüdischen bänden gebunden, sprengt er durch alle schweiss- 
löcher blut. 

Dein schweiss und blut lass über uns regnen, uns kan 
auf erden nichts besser segnen« u. s. w. (1956^3, 14, ig). 

Vom Blutschweiß im Abendmahlswein hörten wir bereits 
(1945, s. S. 54 o.). 



*) Sp., kurze Darlegung 34. — *) 38. — «) Hom. Wund. 
*) 208. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 57 

Daß Zinzendorf hiedurch die historische Bedeutung des 
Angstschweißes im Sinne seiner eigenen Libido umdeutete, 
liegt auf der Hand. 

13) Das »Seitenhöhlchen Jesu^. 

Zinzendorf verfährt mit den Leidensspuren Jesu ähnlich, 
wie der Henotheist mit seinen Göttern. Der jeweilige Gegen«« 
stand wird so behandelt, als wäre er die höchste Bürgschaft 
des Heils, das summum bonum, die Wonne der Wonnen. Doch 
werden Unterschiede gemacht. Zurücktreten müssen »des 
Mundes Speicheltraufe« und »der Augen Totenstrich«. Dafür 
treten Körperteile hervor, die mit dem Erlösungswerk der 
Marter nichts zu tun haben, dafür aber erotisches Interesse 
besitzen: die Arme und der Schoß. 

»Ihr Geschwister! sagt Zinzendorf, wir sind dazu ge- 
schaffen, in seinem arm zu schlaffen, «i) »Und legst du dich 
aufs lager hin, im schlaf-saal oder sonst wo drinn, so denk, 
daß wir dem Lämmelein in seinen arm geschaffen sein« 
(21906). 

»Wenn ich nur dem Heilande keinen Tag aus seinen 
Armen und Schoose komme!«*) 

Wenn man die ganze literarische Produktion des Grafen 
überblickt, so wird man dem mit Jesu Seitenwunde getriebenen 
Kultus zweifellos den Primat einräumen, was Frequenz und 
Intensität anbetrifft. Dem »Seitenhöhlchen« wendet sich die 
religiöse Libido mit einer Brunst zu, die den höchsten Or- 
gasmus, die Ekstase erreicht. 

Reichel beschreibt die Verengerung des religiös-ero- 
tischen Objektes zutreffend mit den Worten: »Das ,Lamm' 
wurde durch ,Blut und Wunden* und diese wieder von der 
einen Seitenwunde verdrängt. Sie erscheint personifiziert ge- 
radezu als das religiöse Objekt. ,Der blutige Heiland, von 
dem man sang weiland, ist mit all seinen Wunden ins Höhl- 
chen verschwunden.' Bei uns Kreuzleutelein gilt oft der 
Seitenschrein fürs ganze Lämmelein.«^) 

*) Hom. Wund. 63. — *) 11. L 112. — ») Reichel, Sp. 163 t Letzteres 
Zitat stammt aus 2343i. Lelong kennt seinen Autor nicht, Pütt nennt (II, 23) 



68 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Woher stammt die Verengerung ? Ans der historischen Be- 
deutung des Objektes gewiß nicht, zumal die »Pleura« Jesu 
erst nach seinem Tode geöffnet wurde. Auch die Symbolik 
des hervorbrechenden Blutes und Wassers, obwohl schon im 
Neuen Testament (1. Joh. 5^) gewürdigt, enthält keinen AnlaB, 
die religiöse Libido mit so ungestümer Eifersucht auf sich zu 
konzentrieren. Übrigens tritt bei Zinzendorf diese Symbolik 
ganz in den Hintergrund (s. o. S. 23 f.). 

Der Oraf löst das Rätsel selbst mit einer Deutlichkeit^ 
die jeden Zweifel ausschließt. So peinlich es uns Leser be- 
rühren mag, Zinzendorf schildert mit aufdring- 
licher Beredsamkeit das »Seitenhöhlchen« als 
weibliches Genitale, und zwar einerseits als Oe- 
burtsorgan, anderseits als Ort der maximalen Be- 
friedigung des mit allen Merkzeichen der pri- 
mären gleichgeschlechtlichen Sexualbetätigung 
ausgestatteten religiösen Eros oder der in die 
religiöse Sphäre gedrängten Homosexualität. 
Daher die enorme Affektbetonung. 

Als Geburtsorgan wird die Seitenwunde ausgemalt in 
Sätzen, wie: »Man heisst die Christen nach dem Manne, weil 
sie von dem Manne genommen sind. Wenn ist das geschehen ? 
Antwort: Da man hat zur Vesper-Zeit die Schacher zer- 
brochen, ward JEsus in seine Seit mit einem Speer ge- 
stochen . . . Ich sehe an den Fels, daraus ich gehauen bin, 
und des Brunnens Gruft, daraus ich gegraben bin.«^) 

»Wer unter den letzten Geburts-Schmerzen (!) des 
Heilandes aus seiner Seite gebohren ist, der hat Macht dass 
er sich von ihm (dem Teuffei) weg- in seine Vestung hinein- 

Zinzendorf. Da ich mehrfach nachweisen konnte, dafi Lelong entschieden Tom 
Grafen herrührende, sehr krasse Lieder anderen zuschreibt und somit wie 
Cranz u. a. ihn von der Schuld an den »Verirrungen« der > Sichtungszeit« 
entlasten will, stammen Jedenfalls noch manche der krassesten Gesänge, deren 
Urheber Lelong verschweigt, von Zinzendorf. Plitt verdient als gründlicher 
und kritischer Gelehrter Zutrauen, um so mehr, als ihm die handschriftlichen 
Quellen zu Gebote standen. Übrigens hat ein Fehlgriff in der Autorschaft 
keine Bedeutung, da die sicher beglaubigten Stellen zur Argumentation aus- 
reichen. — >) n. i. 106. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 59 

und die Thfire zu-macht, und darf ihn der Arge nicht an- 
tasten. Er mahlt die Pleuram an die Thüre, und der Arge 
darf nicht hinzu. Da ist angeschrieben Blut-Revier, dass uns 
der Gott dieser Welt nichts anhaben kan.«^) 

Auch sonst ist öfters davon die Rede, daß wir aus Jesu 
Pleura geboren seien, wie Eva aus Adams Seite genommen 
wurde (vgl. o. S. 28, ü. 4. 105, Plitt, H, 10 f.). 

Die Auffassung des »Höhlchens« als weibliches Ge- 
schlechtsorgan wäre für den, welcher die Psychologie der 
Homosexualität nicht kennt, unannehmbar, weil doch so oft 
Jesus als Ehemann, der Fromme als Eheweib, Braut, Männin 
auftritt. Allein der Gleichgeschlechtliche sucht häufig ein 
männliches Sexualobjekt, das doch möglichst prägnante Cha- 
rakteristika des weiblichen Körpers an sich trägt und legt 
jenem in seinen wunschbedingten Phantasien sogar anatomi- 
sche Bestandteile des Weibes bei.*) 

Selbst wer von dieser bekannten Tatsache nichts wüßte, 
wäre durch Zinzendorfs eigene Aussagen zur Einsicht genötigt, 
daß der Graf in seinem Höhlchenkultus Jesus in ein weib- 
liches Sexualobjekt verwandelt. 

Der Schwestern- und Männerchor besingt einmal nach- 
einander das »geheimnisvolle Glied«, wie wir sogleich hören 
werden, und sodann den Leib, der zeuget und gebärt. Die 
erstere AUokution lautet: »Und geheinmissvolles glied! das 
die ehelichen salben JEsus halben heilig gibt und keusch emp- 
f äht im gebet, in dem von dem Erz-erbarmen selbst erfundenen 
umarmen, wenn man kirchen-saamen sä't; Sey gesegnet und 
gesalbt mit dem blut, das unsrem Manne dort entranne : fühle 
heisse Zärtlichkeit, zu der seit die fürs Lamms ge- 
mahlin offen, seit der speer hineingetroffen, das object 
der eheleut« (2010g-9, a. 1743). Diese Worte reden in kaum 
mißzuverstehender Weise vom Trieb des membrum virile nach 
dem »Höhlchen«. Da letzteres aber nicht mit völliger Klarheit 
in seiner sexuellen Bedeutung erfaßt wird, gelingt es, im 
selben Atemzug auch die Neigung zu passiver Homosexualität 

*) Augspurger Diskurse 270. — ^ Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie, 11. 



60 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

mit Jesus als Mann und der Seele als Weib zu betätigen. 
Deutlicher noch redet folgende Stelle, in der sich Zinzendorf 
von seiner Leidenschaft so weit mitreißen läßt, daß er Jesus 
als ihn umarmendes Weib Jesus als dem Bräutigam über- 
ordnet : 

»Wenn die (Leibes-)Hütte wird zurechte gemacht seyn, 
und wird auch in dieselbe Creuz-Lufthaftigkeit verwandelt 
seyn, daß nichts irdisches, nicht das geringste von dem 
groben Duft und von der schweren Luft mehr wird übrig 
seyn, sondern alles zu lauter Wunden-Aether geworden seyn 
wird, es wird alles, auch die ganze Hütte verwandelt seyn in 
einen solchen Creuz-Luft-Leib, ähnlich dem verklärten, und 
dem mit Wunden marquirten, und dazu noch mit dem Seiten- 
Höhlgen ausgezierten Leibe, dem ähnlich zu werden nicht in 
seiner Marter-Gestalt, nicht in seiner Ehe-Grestalt, nicht in 
seiner Dignität, in seiner Bräutigams-Gestalt; sondern 
in der Braut-Gestalt, in der Jungfrauen-Gestalt, 
in der Magd-Gestalt, in der er mich umarmen, an 
seine Wunden drükken und ewig behalten kan: 
wenn das wird so weit seyn, wenn die Hütte wird so weit 
bereitet seyn, da will ich wieder in sie hinein fahren, da wird 
meine Seele wieder hineinziehen, und drinnen wohnen, und da 
wird sie auch das sehen, das hören, conversiren, ohne die 
geringste Ausnahme mit dem Leibe theilen, was sie bis dahin 
allein genossen hat. Indessen küssen uns die blassen Lippen 
viel tausendmal aufs Herz . . .«i) 

In dieser Auslassung tritt auch die Sehnsucht nach 
primär homosexueller Betätigung stark hervor. Fast ebenso 
deutlich redet ein anderer Passus, von dem wir den Anfang 
bereits erwähnten: 

»Ihr geschwister! wir sind dazu geschaffen, in seinem 
Arm zu schlaffen. Wenn man's hätte eher bedacht, ehe er 
noch die geöffnete Seite gehabt, da hätte man doch schon 
können sagen : ich will in seinem Arm schlaffen, ich will um 
ihn herum seyn, ich will an seiner Seite seyn; dawäre ohngefähr 
so ein Hohes-Lied herausgekommen, wie wir eins in der Bibel 

*) Hom. Wund. 236. f. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 61 

haben: die schönsten Flekgen wären freylich die Weissagungen 
aufs künftige gewesen, die so manchmal mit untergelauffen ; 
aber eigentlich hätten wir's doch nicht zu nennen gewusst. 
Jetzt aber, nachdem der ganze Leichnam des Heilands con- 
summirt . . ., so können wir nicht an seinen Arm denken, 
drinnen zu schlaffen, oder es muss uns allemal das Seiten- 
höhigen mit einfallen; denn wir können nicht in seinem 
Arm schlafen ohne das Seitenhöhigen zu berühren, ohne an 
dem Seitenhöhigen zu seyn, zu liegen und zu rühren: wir 
können uns auch nicht concipiren draussen zu seyn; denn 
weils in der heiligen Schrift eine enge Thür genennet wird, 
durch die wir zum Leben eingehen müssen, und unsere alte 
Theologi das auch so verstanden haben: durch deine auf- 
gespaltne Seit mein' arme Seele heimgeleit; so können wir's 
uns nicht anders concipiren, als hinein zu gehen, um inwendig 
zu Haus zu seyn; nicht nur an ihm zu liegen, sondern in 
ihm daheim zu seyn. Und so wie die leibliche Creatur in 
seiner Allgegenwart lebet und schwebet, also lieget eben die 
geistliche Creatur, die erlösete, die gefreyete, die ehemals 
zur Braut auserwehlete und wieder retablirte Creatur in seinem 
Seitenhöhigen in dem ganzen verdienst seiner Wunden, in 
dem Centro aller seiner Wunden und seines Bluts, dahin alles 
zusammen geschossen, von da es auf den Erdboden zur 
Salbung und Heiligung und Weyhe der verfluchten Erde 
heraus gestürtzt ist. Da geht denn alles Sehnen und Verlangen 
hinein, Leib und Seel fährt da hinein! 

So lange man in dem Gange geht, so lange einem so 
ist, so Braut-Herzig, so Brust-Blat-Jünger-mäßiglich, so 
Marie-Magdalenelich, aufs Mensch-Sohnszeichen zitterlich, so 
lange hats keine Noth vor der geringsten Trokkenheit.«^) 

Wenn diese Ausführung die Weiblichkeit des Objektes 
nicht ganz so deutlich wie die vorangehende aussagt, so be- 
tont sie dafür stärker den aktiven Charakter der Beziehung 
zu jenem. Was die Behandlung des Höhlchens anbetrifft, so 
macht Zinzendorf u. a. folgende Beschäftigungen ausfindig: 



1) Hom. Wund. 63 f. (Die Schlußworte spielen an auf SSTSg, 
8. o. S. 84). 



62 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

1. Sich hineinlegen: »Nun dabey bleibts in ewigkeit: 
wir legen uns die läng und breit, die creuz und quer, wies 
uns gefällt, und wie man sichs so vorgestellt, in die magnet- 
sehe Seit!« (2251io.) 

2. Hineinkriechen: »Aber wenn das Herz gekrochen 
in das wündlein, das der speer gestochen, da zu hausiren, 
mags der Eheherr selbst caressiren« (21938, ^- 1745). 

3. Sich einnisten: »Ihr lieben herzen gukt! das vöglein 
hat da 'nein genistet, wo's kirchlein raus gegraben ist, ins 
selge höhigen« (2251i). 

4. Hineinpfeifen : »Ihr lerchelein ! spielt vors Lämmleins 
keusches seeigen, pfeif ft ins Seiten-Höhlgen« (23184). 

5. Wählen: »Und die muntern Knaben, die das Lamm 
lieb haben, und an statt zu spielen, wie sonst junge leute, 
in der blutgen Seite wie sanct Thomas wühln . . .« (23185). 
»Jünger Finger mögen mähren in den schwären dieser höhle ; 
mir entflöge meine Seele« (1924^, a. 1744). 

6. Spielen: »LAMMShüttlein ! dein müthlein im blute 
zu kühlen, im seitritz zu spielen, in wunden zu wühlen . . ., 
das gönne ich dir, und es ist auch mir ein wenig bekannt.« 
(I92I1). 

7. Belecken, saugen: »Mein allerliebstes Lämmelein, ein 
zart verbundnes herzelein mit denen creuz-luft-vögelein be- 
riecht und küsst dein Leichelein; doch übers Seitrevier, da 
zappelts herze mir. Ich sehs noch, wie der kriegsknecht stach 
das allerliebste Seiten-fach, das Seiten-höhigen. GOtt lob! 
für diesen speerestich, du kriegsknecht, ich bedanke mich. 
Ich hab es um und um belekt, das Steinsalz ! o wie hat's ge- 
schmekt ! In dem pimkt ist mein seelchen verrükt, zum Seiten- 
höhigen« (2305, Plitt, n, 23). 

»Auf deiner Seite schrein bin ich ein bienelein« (2194^). 

8. Baden : »Das Wasser, welches auf den Stoss Des Speers 
aus seiner Seite floss. Das sey mein Bad, und all sein Blut 
Erquicke mir Herz, Sinn und Mut.«*) 

9. Sich als Täubchen und Fischlein darinnen regen: 
»Jus höhigen wo's so blutig blitzt hat's vögeP sich hinein 

^) Passagier 35. 



LUDWIG VON ZINZBNDORF. 63 

verfitzt; drumher hat's wundenschwänelein, im schloß-canal 
vom seiten-schrein ; da lernt das selge seelchen ein täucher 
seyn im höhigen. O ich erfreu mich sehr, dass ich gefunden 
das wundenmeer; da bin ich täubgen und fischlein, da hab' 
ich mein bettgen und tischelein und alles« (2251i, Plitt, II, 22). 

10. Fröhlich sein: »Seitdem ihr (der Jungfrauen) Chor 
im höhigen sitzt, im höhigen da's so blutig blitzt, ists Lamm 
sein liebstes Herze. Das macht, dass ihre jungfräulein so selig 
und so fröhlich seyn ; Er ist ihr freud imd schmerze.« (22578, 
a. 1746). 

11. Sitzen: »Fahrt (ihr Missionare) ganz sicher durch 
eiß und fluth naß vom Blut, bethaut mit purpurfarbnem 
öle, sitzend im Schreine der seiten-höhle« (2275^, a. 1746). 

12. Ruhen: »Kein kind kan in seinen Pfühlen ruhiger 
und sicherer liegen als er die Seele bewahrt in seiner Seite.«*) 

13. Schlafen : »Was macht ein Creutz-Luft- Vögelein, wenns 
raus fliegt aus dem bettelein ? Es hat geschlafen in der hohl 
der Seite, selig, sanft und wohl, und steht so niedlich auf« 
(2251,, vgl. ,). 

14. Immer im Höhlchen bleiben: »So reden wir, so denken 
wir, und das alles in der wirklichen Pleura drinn, von dem 
Sitz herab, aus der Spalte heraus, wie man sich ein Täubgen, 
ein kleines Vögelgen in seinem Fels-Ritz concipiren kan, da 
es so sitzt, daraus es pfeift, und seine Stimme hören lässt; 
so . . . kommen wir niemals ganz heraus aus der Vestung, 
sondern wir behalten immer den Sitz, den Platz, wir stekken 
manchmal das Köpfgen, oder ein Flügelgen, ein Füßgen 
heraus; aber die Seiten-Spalte behält uns doch, und läßt uns 
nicht heraus.«^) 

15. Sich einfressen: »So niedlich, blutig, seliglich, so 
lammhaft, turteltäubelich soll uns das Lamm erhalten bis zum 
kuß seiner Spalten. Chor: Gelobet seyst du JEsu Christ, dass 
ich und andre täublein in deiner Pleura eingenistet, ich freß 
mich ein, wies stäublein« (2251io). 

16. Das Höhlchen auf das ganze Leben anwenden: 
»Es bleibt der seiten-stich des selgen herzeis haupt-allee sein 

") Hom. Wund. 376. — *) Hom. Wund. «16 t 



64 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

luft-schiffi) Über alle see. Ein GOttes närrgen ist schon so 
imaginatif ins Lämmleins seine Pleura tief: kein fischgen 
schwimmt, kein vöglein singt, kein bäumgen blüht, kein 
hirschgen springt, so applicirts das selgen auf sich unds 
wunden-höhlgen« (225I4). 

17. In ihm nach dem Tode leben: »Wie machts ein 
Creutz-Luft-Vögelein, wenns raus will aus dem hüttelein? das 
hüttgen wird ein bißgen krank, dem seeigen wirds kurz oder 
lang den Bräutigam zu sehn, so siehts ihn balde stehn; es 
sieht die seite, hand und fuß, das Lämmlein gibt ihm einen 
kuß aufs matte herzgen : das küßgen zieht das seeigen raus 
und in dem mäulgen mit nach haus, dem hüttgen sieht maus 
küßgen an ; darnach wirds auf den test gethan, wenns gar ist, 
holts das seeigen zu sich ins wunden-höhlgen« (22518). 

18. Das Höhlchen als couveuse für die vor Christus leben- 
den Seelen, die wie Embryonen hier gleichsam ausgebacken 
werden.*) 

Vorstehende Aufzählung erhebt keineswegs den Anspruch, 
die mannigfachen Ergötzlichkeiten, die das Höhlchen dem 
Grafen bietet, vollständig zu nennen. Auch die Stadien des 
Höhlchengenusses will ich nur andeutungsweise angeben. 
Charakteristisch ist die angeführte Stelle vom Kreuzluft- 
vögelein, das Jesu Leichelein beriecht und küßt, und dem das 
Herz schier zappelt übers Seitrevier (2305i). Der scherz- 
hafte Ton, der zu der tragischen Szene durchaus nicht paßt, 
klingt wiederum sadistisch. 

Anschaulich beschreibt einmal Zinzendorf: »Ich bleib 
ein stäublein, ein thier vor ihm, bis dass er blut sprengt auf 
meinen fim (Auskehricht), dann wird erst das würmel zum 
purpurschnekkel, dann kriechts dem Bräutigam ins rechte 
flekkel, und liebt sich weg« (22918). 

Von halber Trunkenheit reden die Verse: »Die fuße hab 
ich in der eil, so gut es ging, besehen, zwey löcher, als von 
einem pfeil zerschossen, sah ich stehen, die beyden bände, 
sonderlich die, wo die sünder sitzen, die nahm und die be- 
sähe ich mit ihren nägel-schlitzen. 

») Vom Luftschiff redet Zinzendorf öfters. — «; Plitt II, 218. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 66 

Ob ich geküßt, geweint, gelacht, gebetet, hlagesunken, 
geschlafen oder aufgewacht, ach! alles, und halb trunken: 
denn in demselben augenblik, da ich die vier beroohen, da 
sähe ich den blutgen schrik, den ihm der speer gestochen . . . 

Auch wisst ihr aus erfahrung wohl, daß ihr es kaum 
dürft wagen, den kranken von der seiten-hohl noch vieles 
vorzusagen ; sie werden leichtlich so entzükt in seine wunden- 
spalten, dass sich der geist behende schikt, die heimfahrt 
nauf zu halten.« (202Ö8, ,, a. 1743.) 

Starken Orgasmus bezeugen auch folgende Strophen: 

»Bey uns creutz-leutelein gilt oft der seitenschrein fürs 
ganze Lämmelein : ihr armen sünderlein, nur tief f, nur tief f hinein, 
ja tieff, recht tieff hinein, und wer will selig sein, der wünsch 
sich dahinein ins Sammelplätzelein aller der schätzelein. 

Charmantes Lämmelein, ich armes dingelein küsse die 
ringelein an deinen fingerlein. Du wunde von dem speer! 
halt auch dein mündlein her, es muss geküsset seyn, Lamm! 
rede mir nichts drein! dieses minutelein bist du mein und 
allein.« (2343, PL, H, 23.) 

Die masochistische Ergänzung zum sadistischen Höhlchen- 
kultus haben wir bereits angeführt, nämlich die Stelle, an 
welcher die Seele Elisa- Jesus zuruft: »Umfasse mich nicht 
nur, sondern beisse dich ein!«^) 

Das letzte Stadium, die Ekstase, finde ich in den sicher 
beglaubigten Kundgebungen Zinzendorfs nur angedeutet. Ge- 
nau beschrieben ist sie in Liedern seiner Getreuen, z. B. in 
den Worten seines Sohnes Christian Renatus: 

»Es ist zwar das lieben mir sehr gemein: denn erstlich 
lieb ich mein Lämmelein nicht allein ganz erstaunlich; son- 
dern ich hange an bänden, fußen, brüst und wange wie 
eine kett. 

Aber das ist extraordinair, seit ich die wunde der seit 
vom Speer und die nägel-wunden an Ihm gefunden, bin ich 
von wunden, wunden imd wunden halb ausser mir.« (2215i_2.) 

Ein anderer Getreuer Zinzendorfs singt unter Genehmigung 
des Grafen: 

») Hom. Wund. 284. 
Pf ist er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. ^ 



66 DIE FRÖUHIGKEIT DES. GRAFEN 

»Wunden und Närbelein, die bleiben meine Freude; die 
blutgen schweiß-tröpflein sind meines herzens weide, und in 
der seiten-hohl ist meiner seel so wohl, daß ich mich oft be- 
sinn', ob ich, und wo ich bin?« (22247.) 

Verzfickung spiegeln auch die Worte: 

»Ach HErr JEsu ! solche nähen, machen mich im Seiten- 
schrein nach und nach zu gründe gehen, immer tieffer, immer 
'nein. O du ewigs glukke! das gibt helle blikke in das gött- 
liche revier, daß man schier sünderhaft gen himmel führ.« 
(233I7.) 

Ganz mystisch-ekstatisch endlich lautet das Bekenntnis: 
»Ach! wenn ich seh mein Lämmelein, so fahr ich in die seit 
hinein mit meinem leib und seele, und Er fährt wieder 'nein 
in mich, und bleibet in mir ewiglich; mein herz ist seine 
höhle, bis ich endlich in die Lende, in die bände, in die füsse 
gar verschwinde und zerfliesse. (2308i. Die beiden zuletzt 
zitierten Strophen stammen vielleicht von Zinzendorf.) 

0) Das Membrum. 

Die homosexuelle Beziehung zum Heiland heftete die 
Aufmerksamkeit Zinzendorfs mit peinlicher Zähigkeit an die 
Sexualität des Objektes. Stoff zu heißen Phantasien und Vor- 
wand zu häufigen Reden und Liedern*) bietet die Beschnei- 
dung Jesu, deren Bedeutung der Graf in folgenden Funk- 
tionen sieht: 

1. Sie beweist, daß Jesus wahrer Mensch, und zwar 
ein Männlein gewesen sei.^) 

2. Sie ist »eine art einer execution an dem gliede, welches 
aus dem edelsten theil des menschlichen Korpers seine schmach 
worden war.«') 

3. Sie macht das pudendum zu einem verendum und 
macht es wieder den edelsten theilen des leibes gleich.^) 

4. Sie heiligt die Männer überhaupt: »Der die braut hat, 
der ist bräutigam. Das ist ein theurer werther satz, der weiset 



») Z. B. 208ßß. — ») Zeyst 6. — ») Ebenda. — *) Zeyst 7, D. i, 11t, 
Vorr. zur 1. Zugabe zum 12. Anhang. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 07 

alle mit dem bunde der allerersten bundes-wunde geheiligte 
manns-namen in ihren platz.« (2321, a. 1747.) 

5. Sie hilft zur sexuellen Abstinenz der Jünglinge : »Du 
sollst die klein und großen knaben für deine erste wunde 
haben: Jünglinge halten sich ihr in ehr: was war die ehe, 
wenn sie nicht war?« (IGöß^j.) Also: 

6. Sie heiligt die Ehe. 

Die Wichtigkeit, die der Gegenstand für Zinzendorf hatte, 
kommt darin zum Ausdruck, daß ein eigenes Fest der Be- 
schneidung eingeführt wurde, das einen priapischen Bei- 
geschmack aufweist. Eines der bei diesem Anlaß gesungenen 
Lieder, das von Zinzendorf in seine Sammlung aufgenommen 
wurde, aber aus Cammerhofs Feder floß, beginnt: »Haupt- 
Oeconomufe der reihen, die als Jünglinge gedeihen beym 
gnaden-volke, beim Kirchelein, zum heiigen seiten-schrein, zu 
der durchgrabenen bände weh, & proprie, zur allerheiligsten 
bundes-wunde, die's knäblein JEsus am glied empfunde, das 
sonst pudendum, die schaam genannt, zu ewger schmach ver- 
bannt ; aber durch diesen schnitt, den Er an sich erlitt', das 
ehren-zeichen, das ihm gebührt, wieder recuperirt, und zum 
verende wird, bis sich die männin gürt, — sey mit hunderttausend 
zähren angebetet von den Chören...« (2220^-2^) 

Auch beim Knabenfest wird des Membrums Jesu höchst 
ausführlich gedacht. An einem Orte heißt es u. a. 

»Von derselben selgen stunde (der Erlösung durch die 
Wunden und der Berührung durch den Leichnam) trägt man 
dies glied für Ihn.« »Darum dankt dem bundesgliede, was 
bey wochen-kindem gar etwas von dem unterschiede gnaden- 
innig wird gewahr. (Beigefügte Anmerkung : Eine selige und 
reale reflexion bey der unvermeidlichen connexion beyderlei 
geschlechts in familien.) Ihr in knaben-jahren, ihr sollt selbst 
erfahren, dass euch JEsu bunds-glieds-bann um und an jung- 
fräulich bewahren kann.« {2282^^, j^q. Zinzendorf s Urheber- 
schaft ist nicht erwiesen.) 

Am seltsamsten berührt uns, daß der Graf sogar die 
Kinder, »die theuern kleinen herzen«, mit dieser Angelegen- 



68 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

heit beschäftigt. Er singt ihnen nach der Melodie »Die braut 
spricht zu dem« etc, vor: 

»Ich seh den priester stehen, der unter geistes-wehen, 
am glied der männlichkeit des knaben ohne sünde, nach seiner 
gottsdienst-künde, die vorbaut würdiglich beschneidt. 

Ach ! heiige bunds-glieds-spalte, ach heiige wunde ! walte 
der theuren mannbarkeit der sündigen gesohöpfen, die du zu 
ehren-töpfen mit deines gliedes blut geweyht. 

Die knaben die verhüllen um deines gliedes willen sich so 
vor iedermann; die Jünglinge verriegeln sich der natur mit 
siegeln, die nur der schöpfer öffnen kan. 

Wird eine Gnaden-Esther, und nach dem leibe Schwester, 
das bundesglied gewahr, so schliessen sich die sinnen, und sie 
wird heilig innen, daß GOttes söhn ein knabe wan. 

Ihr heilige matronenl die ihr in ehe-thronen um vice- 
christen seyd, ihr ehrt das theure zeichen, daran sie Christo 
gleichen, mit inniger gebogenheit.« (19903_7, a. 1744.) 

Den Gedanken, daß die Erinnerung an Jesu Genitalien 
die Männer den Frauen respektabel mache, hat Zinzendorf 
in einer Homilie über die Wundenlitanei ausgeführt.^) - 

Des Grafen Gewohnheit, seine sexuellen Vorstellungen 
passiv und aktiv auszubauen, bestätigt sich auch hier : Jesus 
ist auch der Mohel, der Beschneiden 

»In dem moment, da wir gnade kriegen, da uns der 
Heiland den friedens-kuss gibt, so reisset er uns die vorbaut 
des herzens gleichsam mit seinen richterlichen Zähnen ent- 
zwey, der richter alles fleisches.«*) 

b) Der Heilige Geist als Mutter. 

Ein genaues Gegenstück zur Verwandlung Jesu in ein 
weibliches Sexualobjekt bildet die ümdeutung des früher 
männlich gedachten Heiligen Geistes in ein weibliches Wesen. 
Wie aber der Erlöser auch als Mann auftritt, so mitunter der 
Heilige Geist. Bildet jener ein Surrogat des Eheweibes, so 
dieser als Weib einen idealen Ersatz für die Mutter. 



*) Hom. Wund. 82. — «) Zeyst 11. (Die Fortsetzung zitierten wir 
oben S. 42.) 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 69 

Bis 1741 erscheint der heilige Geist fast stets als Masku- 
linum (z. B. 1214, 1301, 1364, 1437, Sp. 1117; nach Lelong 
stammte das letzte von Benigna Zinzendorf). Seine Bezeichnung 
als »Mutter« begegnet uns zum erstenmal ganz vereinzelt 
in einem Missionslied von 1736, darauf im »Heidenkatechismus« 
von 1740. Zinzendorf selbst gibt an, daß er den ersten Auf- 
schluß über den Geist schon 1738 erhalten habe, und zwar 
durch Vermittlung des Liedes: »Ei bittet Gott den heiigen 
Geist«. ^) Doch kann es sich nicht um eine deutliche Erfassung 
der Mutterschaft handeln. Allein ebenso wenig läßt sich bloß 
an einen Aufschluß über den Heiligen Geist als dritte Person 
der Trinität denken, wie Becker anzunehmen scheint, da 
dieser Begriff dem Grafen von der Kindheit an geläufig war. 
Höchst wahrscheinlich ist die Rede von einem Aufdämmern 
der Mutteridee. Diese begegnet uns häufiger erst von 1741 
an, z. B. in dem Missionslied 2009, sodann in den Abschieds- 
reden dieses Jahres, doch ohne eigentliche Theorie.*) Zinzen- 
dorf nennt hier den Heiligen Geist Freund, Prediger, Lehrer 
und ohne Zusatz »eine Mutter« . •) Wenn P 1 i 1 1 bemerkt, letzterer 
Ausdruck sei dem Grafen damals sonst noch nicht gebräuch- 
lich gewesen, so muß ich dies bezweifeln. In einem am 21. No- 
vember 1741 auf der See gedichteten trinitarischen Verse 
lesen wir: 

»O Vater! freu dich meiner; ich bin des Sohnes einer; 
ach Mutter küsse mich, und nimm mich an zum kinde; Ver- 
söhner meiner sünde! da hast du mich, mein ander Ich!« 
(1756j5, Sp. 1368, Lelong.) 

Am 30./31. Dezember erklärt der Graf in seiner ersten 
pennsilvanischen Rede: 

»Wenn wir JEsum zu unsrem bruder und einigen mann 
haben, der unser fleisch und blut ist, so spricht man von 
seinem und unserm Vater, von dem Geist, der seine 
und unser aller wahrhaftige mutter ist.«*) 

Zinzendorf selbst berichtet, daß ihm erst 1741 auf der 
Reise nach Amerika der volle Aufschluß über die Mutter- 



*) Becker 899. — «) Becker 399 f., 7, Reden, S. 7 (11. VI 1741). — 
») Hitt I. 221. — *) Penns. R., I, 44 f. 



70 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Schaft des Geistes geworden sei.*) 1744 wurde die Lehre zur 
Gemeindedoktrin erhoben und gefeiert.*) 

Zu seiner Lehre gibt der Graf eine biblische und eine 
dogmatische Begründung. Nach Joh. 14, ^ ff. ist der Heilige 
Geist der Tröster, nach Jesaja 66i8 tröstet Gott wie eine 
Mutter, also ist der Geist Mutter.^) Ferner: »Wer uns zeugt, 
darüber sind die Theologi wohl einig; wer uns nimmt, wenn 
wir zu Jahren gekommen sind, das werde ich auch nicht 
sagen müssen; da fehlt aber noch die Geburt dazwischen«; 
Jesus zeigte dem Nikodemus, daß im Heiligen Geist der Mutter- 
leib zu suchen sei.*) Auch auf Franckes Autorität berief 
sich Zinzendorf.*) 

Die Verrichtungen der »Mutter« beschreibt unser Ana- 
lysand genau. »Der hl. Geist ist uns zur Mutter gegeben 
pariendo, nutriendo, educando, solando.«*) Der Hl. Geist ist 
die Mutter, die uns geboren hat.^) Er ist unsere Amme: 
»Wir wünschen euch in dieser Zeit, noch vor der ewigkeit, 
den nahen Seitenschrein, und denn das brünnelein der Mutter- 
brust des Heilgen Geistes: was draus fleusst (denn wahrlich 
fleusst es) das fliess euch über eure seePn und leibes-höhl'n« 
(2181, a. 1744). 

Er ist unsere Erzieherin: 

(Jesus spricht :) »Siehe lieber heiiger Geist ! siehe Kirchen- 
Mutter! nimm mein häuf gen in deine pflege, ziehe es an, 
schmükke es, salbe es, halt es reine, mach es blutig, mach 
es satt, mach es geschikt, mach es lieblich, daß ich meine 
freude daran sehe, wenn ich einmal werde hochzeit machen, 
wenns geschöpf wird den Schöpfer frey'n und Abba Conse- 
crator seyn.«®) 

Als Mann tritt die »Mutter« auf in der Conceptio Mariae : 

»GOtt, du Mutter der Kirchen all, GOtt, Vaters ewiges 
Gemahl, Der Jungfraun leib nicht hast verschmäht, In der 
heiligen zeugungsstätt. Worauf sie den Sohn gebahr. Der der 
Vater der wesen war.«^) 



*) Becker 400. — «) Plitt, II, 10. — «) 11. k: 64, Jos. MüUer, Z. 695. — *) 11. L 
65. — 6) 1578.—«) Darlegung 190. — ') Zeyst, Vorr. — «) Zeyst 319. — •)18966-«. 
Plitt, II, 12 ; Lelong kennt den Autor nicht. Derselbe Vorgang auoli 18978. 



Lüi>wia VON imzwumonF. n 

Damit ist die androgyne Natur desHl. Geistes 
ebenso wie früher diejenige Jesu klar und deut- 
lich erwiesen. 

Denselben Hermaphroditismus deutet an die Apostrophe : 

»Die mutter ehrt mit liebe, sowohl den lieben Heilgen 
gelsty als die euch so viel guts erweist, ich meyne seine Riebe. 
Seine kleine, die durchgehe das gewehe aus den wunden, dts 
ihr schon so lang empfunden« (22278). 

Die Rippe aus der Mutter ist jedenfalls die Gemeinde. 
Somit spi^t der Hl. Greist die Rolle der Mutter und des Adam 
zugleich. Eine ähnliche, aber nicht ebenso deutliche andro- 
gyne Darstellung, die im selben Atemzug die männliche und 
weibliche Natur angibt, lautet: 

»Der Geist, der über den wassern schwebte (1. Mos. lg) 
und alle dinge lebendig machte, als die allgemeine mutter, 
der hat den ewigen Gott in dem leibe der Jungfrau Maria 
wie ausgebrütet.«^) 

Die Affekthöhe der Pneumatolatrie schildert Spangen- 
berg mit den Worten: »Unser Graf freute sich darüber, dass 
wir an dem hl. Geist ein solches Mutterherz hätten, un- 
glaublich; er äusserte sich darüber oft in den zärtlichsten 
Ausdrücken.«^) 

Da die Gemeinde nach Zinzendorf auch sehr oft aus dem 
Seitenhöhlchen Jesu geboren sein soll, geraten die beiden 
Geburtsorgane in Rivalität. Einmal versucht der Graf, das 
Verhältnis beider zu bestimmen : Der Hl. Geist, der sich aus 
der Matrize der Seitenwunde gleichsam erbaut, fuhr im Moment 
des Todes Jesu aus ihr heraus.^) Eine Lösung des Problems 
ist dies natürlich nicht. Allein gerade diese Unsicherheit ent- 
spricht den Schwankungen der Zinzendorfschen Libido religlosa, 
deren primäre Quellen wir später zu untersuchen haben. 

c) Der Vater-Gott als Groß- und Schwiegervater. 

Durch die Erhebung Jesu zum Schöpfer, Erhalter, 
Vater und Seligmacher ist der himmlische Vater, auf den 
Jesus selbst die Gläubigen hinwies, eigentlich überflüssig ge- 

») Pwne. R., I, 47. — «) Sp. 1678 f . — ») PHtt, II, 199. 



79 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

worden. Zinzendorf leugnet allerdings, daß in der Bibel der 
Name »Gott« den Vater-Gott bezeichne. Vielmehr will er ihn 
auf Jesus oder dann auf die ganze Dreieinigkeit bezogen 
wissen.*) 

Was für eine Rolle spielt also der Vater? Er ist das 
Haupt innerhalb der trinitarischen Familie. Für den Menschen 
ist er ohne erhebliche Bedeutung. »Der Vater Jesu Christi 
ist viel mehr unser Großvater als Vater zu nennen.« Christus 
ist unser einiger Vater. »Wir rufen ,ünser himmlischer Vater* 
nur durch ihn, unsern Vater«.*) Auch der Name »Schwieger- 
vater« kommt für den Vater Jesu vor!*) 

Übrigens gibt es auch in der Schwarmperiode eine höhere 
Bewertung. In den überhaupt durch Nüchternheit aus- 
gezeichneten Londoner Reden von 1746 steht das Gebet: 
»Treuer und gnädiger Vater! deiner Kinder wahrer Vater, 
deiner Hertzen wahrer GOtt, die mit JEsu deinem Sohne ein 
Geist und ein Leib sind! Du wollest dich der gemeinde an- 
nehmen!«*) Auch die Anrede des »Unser Vater« wird auf 
den Vater Jesu bezogen.^) Offenbar redete Zinzendorf vor 
seinem Publikum nicht frei heraus. In einer der »sieben letzten 
Reden« von 1741 wird gesagt : »Der Sohn hat meine leibliche 
Pflege an seinen Vater übergeben: Denn Er kümmert sich 
nur um mein Hertz, und vor zarter Liebe zu meiner Seele 
nimmt er sich nicht Zeit zeitliche Sachen mit mir zu thun.«^) 

d) Die Dreieinigkeit. 

Wenn auch die Trinitätspoesie Zinzendorfs kaum noch 
gefährlicheres Material enthielt als die Wundenverehrung, wie 
Reichel meint, ^) so enthielt sie doch des Bizarren genug. 
Seinem Vorsatz, über die Tiefen der Gottheit nicht zu speku- 
lieren, wurde Zinzendorf untreu. Einmal versichert er, daß 
die Trinitätstheologie über den Bäumen schwebe und »für 
iemand, der pressantere Geschäfte hat, nicht compatible sei«.®) 
Aus diesem Grunde wollte er in der Gottheit nicht eine meta- 

*) Plitt, II, 144, 7, letzte Reden 36. — «) Darlegung 72. — ') Pütt, II, 
138. — *) Londoner R. 16. — ^) 28. — •) Sieben Reden 39. — ») Reichel, Span- 
genberg 164. - ^) n, fc, 62. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 73 

physische distinotio sexus anerkennen. An und für sich ist 
der Vater kein Mann, der Hl. Geist kein Weib.^) 

Für das religiöse Bewußtsein aber besteht jenes 
Familienverhältnis'und klingt aus vielenLiedern und Reden, z.B.: 

»Papa! Mama! und ihr Flänunlein, bruder Länunlein, 
und sein täublein, segnet uns beblut'te stäublein!« (19424, 
a. 1743.) 

»(Jesus) der ewige und lebendige GOtt, der so wahr- 
haftig aus seines Vaters schooss ist, als wir aus den lenden 
unserer Väter sind . . ., der hat sich belieben lassen, vom 
Vater, aus sich selbst, in dem Heiligen Geist, in einer mensch- 
lichen creatur aufzuleben.«*) 

Damit hat Zinzendorf, wie so oft, seiner Versicherung 
zuwidergehandelt, indem er massivste Trinitätstheologie trieb. 

e) Der Mensch als Eheweib Jesu. 

Oft mußten wir bereits erwähnen, daß Zinzendorf den 
Frommen in seinem Verhältnis zu Jesus konsequent als Ehe- 
weib oder Tochter behandelt. Die Seele ist ihm als »anima« 
femininum, und zwar von jeher. Adams Sünde im Paradiese 
bestand darin, daß er als »sinnlich-geistiges Wesen» sich nicht 
am gottlichen Manne, Jesus, genügen ließ. Darum gab ihm 
dieser aus Eondeszenz das Weib zur sichtbaren Gehilfin.^ 
Durch die »Zeugung vom Vater und Geburt vom Heiligen 
Geist« vermag der Mensch zu glauben.*) Die »Verlobung mit 
dem Heiland« wandelt ihn zum neuen Geschöpfe um.^) 

Was dabei herauskommt, erfuhren wir deutlich genug, 
als wir von Jesus sprachen. Es ist ein mit heißen Affekten 
ausgestatteter Verkehr mit dem Heiland, wobei die Einzel- 
heiten des primären perversen, speziell homosexuellen Sexual- 
lebens vorherrschen. Dem früher Mitgeteilten füge ich noch 
einige weitere Proben bei. 

»Wenns aber ans umarmen geht, ans küssen und ans 
herzen, so zieht der Sohn als ein magnet, und macht ihr 
liebes-schmerzen, der braut, die Er für sich erschuf, und ihr 

») Ebenda. -- «) Penns. R., I, 46. — *) Plitt, II, 207. S. Gottfried Arnold 
o. S. 16. — *) AugBburger 74. — «) Londoner R., 169. Plitt, II, 244. 



74 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

zum ewigen behuf , sich ihr selbst einnaturte. Bis die Christin 
beym Christ wird seyn, Glaubt sie an GOtt ihr fleisch und 
bein« (2175n, a. 1746). 

»Die alte Bibel lehret fein, dass uns ein Mann geschaffen, 
dem wir prädestiniret seyn in seinem arm zu schlafen« (2I88121 
a. 1745). 

»Ich blieb ziemlich indolent bey gar manchem wunder, 
bis er mich als Mann erkennt, da fuhrs auf im zunder« 
(222I9, a. 1746). 

»Agne Dei, Agnae mas (Anmerkung: ap(J8v, Luk. 2,,), 
ave, salve, fave, und mit deiner wunden nass ora sponsae 
suave« (222I10). 

Da Zinzendorfs Homosexualität verdrängt wird und nur 
in der sublimierten Region Duldung findet, unterscheidet der 
Graf am Menschen die physische Männlichkeit und die geist- 
liche Weiblichkeit: 

»Nachdem die ganz neue Oeconomie angegangen ist, da 
wir erstlich zwar leiblicher Weise noch Männer sind, aber 
nicht mehr im Geist, denn im Geist sind wir alle Schwestern ; 
da wir ferner der Autorität über unsere Schwestern nicht 
mehr durch Gesetze dürffen versichert werden, weil unsere 
Autorität in derselben Seligkeit unserer Schwestern liegt, dass 
sie an uns in dieser gegenwärtigen Zeit eine Art einer Ab- 
bildung ihres Mannes haben, und wissen, dass uns ein In- 
terims-Amt aufgetragen ist, selbiges im Namen ihres Mannes 
an ihnen zu verwalten, weil sie auch im Glauben schon ge- 
trauet sind mit Ihm, und wir nur die Procurators sind, weil 
wir nur die Leute sind, die gleichsam den Fuß zu ihnen ins 
Bette stekken, den gestiefelten Streiter-Fuß, Ephes. 61^, wie 
ehedem ein grosser Herr, wenn er eine Princessin als Pro- 
curator heurathete im Namen des Bräutigams zu thun pflegte, 
und also in der Realität und cum Effectu sich kein Mensch, 
kein Kind GOttes, kein Mann GOttes rühmen kan, dass er eine 
Frau hat, sondern ein jeder ein blosser Kämmerer ist, der 
die verlobte Person durch das Jammerthal hindurch begleitet, 
bis er abgeloset, oder sie heimbegleitet hat : so brauchen wir 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 75 

kein weiteres Zeichen mehr, das uns bey ihnen Respect 
macht.«!) 

Zu erwähnen ist noch die Vorstellung des Menschen als 
der Riebe (Rippe) Jesu, der damit als Gatte (Adam) und durch 
des Geburtsorganes des »Höhlchens« als Mutter zugleich auf- 
tritt, also wie gewöhnlich androgyn, während der Fromme 
als Weib und Tochter erscheint (ITöTg, Sp. 1347). 

/) Der Kultus. 

a) Kidtische Neubildungen Zinzendorfs (NacJUuHwhen, FußvHxachung^ 
Liebesmahl, Bruderkuß). 

Der Enthusiasmus Zinzendorfs führte zu neuen Kultus- 
formen, die teils in ihrer asketischen Gestalt die hinter seiner 
Frömmigkeit liegende Angst, teils in ihrer verliebten Über- 
schwänglichkeit die erotische Spannung ausdrücken. 1729 stiftete 
der Graf nach Joh. 13 und dem Vorbild der griechisch-katholi- 
schen Kirche, der »Inspirierten« und der »Philadelphia« das 
Sakrament des Pedilaviums, der Fußwaschung, *) wobei » die 
ledigen Brüder den ledigen Schwestern die Füsse bis an die 
Kniee waschen, fein sanft abtrocknen, hernach die Füsse an- 
dächtig küssen sollen«.^) Eine Feier ohne sakramentlichen 
Rang war das Liebesmahl.*) Auch der Bruderkuß spielte 
eine erhebliche Rolle. ^) Als eine Zeitung diesen Brauch auf 
natürliche Liebe zurückführte, entgegnete Zinzendorf , daß ein 
junger Mann wegen eines solchen »natürlichen Kusses« mit 
neun Wochen Arrest bestraft worden sei ! 

Daß bei allen Zeremonien die »Wundenbieneleüi« und 
»Kreuzluftvögelein« in ihrem Element schwelgten, braucht 
nicht erst versichert zu werden. 

Alle oder fast alle Gemeinefeiern waren mit Bibellektüre 
versehen. Daß Zinzendorf diese mit vollem Bewußtsein teil- 
weise aufbot, um die Sexualverdrängung aufrecht zu erhalten, 
verraten die Worte: 

»Nur erst die bibel removirt, mensch! die du täglich 
liest, wenn GOttes bundsglied dich choquirt, und dirs beschwer- 

1) Hom. Wund. 83 f. — «) Sp. 548, Plitt, II, 616. — ») Hase 92. — 
*) PUtt, II 517. — 6) Hase 93. 



76 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

lieh ist, ZU ehren die Fabrik vom Christ, die aller mütter 
ehre ist; wir Christinnen sind ihrer froh in Pleurae jubilo« 
(2340ii, a. 1748). 

Einen Schritt weiter in der Entwicklung zur Angst- 
neurose führen die Bekenntnisse : »Meine vom achten Jahr an 
ausgestandenen Gemüts-Leiden haben mir nicht zugelassen 
auf einen Augenblick vom Steinritze zu weichen . . . Bey 
dem allen erschrekt mich ein jeder Wind, der vor meiner 
Kluft vorbey rauscht, und der den Tauben auch nahe kommen 
muss, die mir die nächsten sind. Ich muss ihn Gewissens wegen 
auf mich lokken, aber es geschieht mit Zittern. Denn 1. glaube 
ich von ganzem Herzen den Streit mit dem Teuffei und der 
Vernunft für Leute, die JEsus zum Streit bereitet hat; 2. traue 
ich mir nicht das geringste in solchen Sachen. Ich höre das 
Brausen gerne aus . . . ., dann kan der Gegner und meine 
Brüder das Wort hören: So stehts geschrieben, und das ist 
in einer Gemeine gnug.«*) 

ß) Abendmahl. 

Das vornehmste Sakrament wird für Zinzendorf auch 
zum Höhepunkt der religiösen Erotik, nämlich zur »Um- 
armung des Mannes«.*) Diese Auffassung lag nahe. Wie stark 
der Mund auch in Zinzendorfs Frömmigkeit als erogene Zone 
mitwirkte, bekundete uns die Symbolik des Wundenkultus. 
Ferner bildet essen, wie jeder Analytiker weiß, eine typische 
Repräsentation für die Kohabitation. Die Libido des Grafen 
feiert denn auch im Abendmahl wahre Bacchanalien, hinter 
denen der eigentliche Sinn der schlichten Feier, der histori- 
sche und religiöse Gedanke an das heroische Liebesopfer 
Jesu als den erhabenen Ausdruck der christlichen Grundidee 
und die soziale Idee der Bruderschaft aller gänzlich verloren 
geht. Die sublimierte Nekrophilie wird in der ehrwürdigen 
symbolischen Handlung zur Nekrophagie. 

Die Feier ist für Zinzendorf ein tremendum myste- 
rium, >ein actus, auf den ich mich 24 Stunden vorher schon 



1) n. i, BeU, 70. — >) Reichel, Spangenberg 164. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 77 

fieberhaft sohüttem kann, oder auch nachher, so lieb ich 
ihn habe.«*) 

Die historische Szene läßt der Graf nicht auBer acht, 
aber er deutet sie derart, daß seine sexuellen Bedürfnisse auf 
ihre Rechnung kommen. Jesus nahm das Brot in seine vom 
Angstschweiß ganz feuchten Hände,*) er knetete »die Parti- 
kelchen seines Todesleidens ins Brot hinein«.*) »In demselben 
augenblik, da er das brod für seine jünger gesegnet, geheiligt 
und gebrochen hat, hat sich das brod mit seinem leichnam, 
und mit seines leichnams marter-dünsten vermischt und ver- 
menget, und da er den becher in seine band nahm, hat sich 
der wein in dem becher mit seinen angstthränen, mit seinen 
blutigen thränen, mit dem geblüt das in seinen ädern wallte, 
vermischt, so daß sie nicht nur brod gegessen, sondern JEsu 
todesschweiss gegessen haben, sie haben den dunst seines leich- 
nams in sich gezogen, sie haben einen theil seiner sterbenden 
hütte genossen, und haben nicht nur wein getrunken, sondern 
sie haben das blut, den blutigen dunst getrunken, der damals 
schon hat angefangen aus seinen schweißlöchern zu dringen.«*) 
Es gebe ja wirklich Leute, die vor Todesangst Blut schwitzen.^) 

Die Erwartung, das Abendmahl Zinzendorfs ziele auf 
libidinöse Befriedigung, geht in Erfüllung. Es ist »wesentliche 
Vereinigung unsers armen sündigen Wesens mit OOtt, mit 
imserm wahren Bräutigam und Mann, mit seinem wahren 
Leichnam und Blut, mit dem wahrhaftigen Wasser, dass aus 
seiner Seite geflossen ist, mit seinem wahrhaftigen Todes- 
Schweiß...zu einer seligen Erhaltung des Geistes, der Seele 
und des Leibes bis ins Grab«.«) 

Während der Feier ist der Gläubige mit Vorliebe in die 
»Pleura« versetzt: »Bei gewissen Gelegenheiten, wenn man 
sich... tief f hineinvergräbt, hinein arbeitet in die Höhle, ja 
verwünscht sich ganz hinein, sonderlich beym heiigen Abend- 
mahl, wenn der Mund den Wunden-Bund hält mit dem un- 
zertheiligsten : da kans einem manchmal so nahe seyn, da 



i\ 



1) Plitt II. 518, Apologet. Schlußschr. 462. — «) Plitt, II, 520. — 
•) SchlußBchrift 666. — *) Zeyst 879. — ") 379 f. — •) Augspurger Diß- 
eurse 894. 



78 DIE FRÖMMIOKEIT DBS GRAFEN 

kan man wirklich denken, itzt wird man ihn beym Leibe 
haben.« ^) 

Nur ein anderer Ausdruck für dieselbe Erotik liegt in 
dem Verse: 

»Wenn uns einmal ein kranker hört: Komm mit zum 
abendmahle! ihrwisst, er sagt nicht viel, und fährt sogleich 
zum hochzeitsaale.« (20250, a. 1743.) 

Die hiebei gespürte Lust schildert der Graf : »Wenn ich 
Ihn essen kan, so ist mirs am gesundsten, imd wenn mein 
lieber mann sein öl läßt in mich dünsten.« (2085^, a. 1745.) 

Den stärksten sadistischen und masochistischen 
Orgasmus schildert jene Stelle, die vom EinbeiBen in Jesu 
Marter-Leichnam, vom Sichtotküssen und ähnlichen Handlungen 
redet. ^) Auch bei anderer (Gelegenheit erinnerte der Graf 
daran, daß beim Abendmahl gesungen werde: Beiß dich ein!') 

Auch das Abendmahl ist sowohl ungewußte Wirkung als be- 
auftragte Ursache der Sexualverdrängung. Es ist für Zinzendorf 
ein »praecipitirendes Pulver«, das »der Sünde in Gliedern durch 
den Leichnam JEsu eingegeben wird«,*) so daß sie sich »in 
der Zwischenzeit kaum wieder erholen kan, bis wir wieder 
Leichnams-Eräfte holen, bis wir neues Antidoton bringen, 
dass sie sich von einer Zeit zur andern nicht raffen, noch 
aus ihrer Etourderie heraus finden kan, sondern liegt da, als 
wie etwas, das man geschleudert hat mit einer Schleuder, 
und das sich eine Zeitlang besinnen muss, ehe es wieder aus 
seinem Dusel zu sich selbst kommen kan«.^) 

1f) Taufe und Exorzismus, 

Die Kinder müssen, »weil sie durch den menschlichen, 
i. e. sündigen, Oanal gegangen, von ihrer Sündlichkeit und 
Lnfection mit 31ut und Wasser aus JEsu Herzen gebadet 
werden.«^) Bedeutet die Taufe diese Reinigung? Offenbar, denn 
Zinzmidorf lehrt: »Die Tauffe ist das Wasser, darinnen das 
neugebohrene Kind gebadet wird.« ^) Aber noch mehr! »Sie ist 



») Hom. Wund. 232. — «) S. o. S. 47, Wund. Hom. 282 f . — ») Hom. 
Wund. 284. — *) Augspurger D. 189. — ^) Ebenda. — •) 11. 4. 1 1 1. — 
') Augspurger D. 84. 



LUDWIG VON ZINZBNDORF. 79 

nicht nur die Installation, die Inauguration unserer Oemein* 
Kinder in den heiligen Geist, in die neue Geburt, und ins 
Recht, Kinder GOttes zu seyn; sondern es ist auch nicht 
wider die Schrift, zu glauben, wenn ein Kind den heiligen 
Gteist noch nicht hat, dass es ihn in dem Moment kriegen 
könne, da es getaufft wird, dass der Funke aus dem Seiten- 
Höhlgen vom heiigen Geist den Moment in das Kind hinein- 
fährt, da wirs mit dem Wasser und Blut JEsu Christi be- 
strömen.«^) 

Plitt leugnet, daß mit der Kindertaufe ein Exorzismus 
verbunden gewesen sei.*) Ein Apostat der Hermhuter, namens 
Sutor, behauptete jedoch, gesehen zu haben, wie Zinzendorf 
bei der Taufe eines Kindes Teufel austrieb, die auch dessen 
Eltern besessen hatten.^) 

Sicher aber vollzog der Graf jene Prozedur immer bei der 
Taufe erwachsener Heiden mit der Begründung: »Wo eine 
wirklich-bewusste Connexion der Seele mit dem Satan ist ; da 
gehört er (der Exorzismus) hin und legitimiert sich.«*) Auch 
bei anderen Gelegenheiten wandte Zinzendorf diese Zeremonie 
öfters an, einmal bei der Taufe eines dreizehnjährigen Mäd- 
chens,^) einmal um die ganze Gemeinde zu reinigen«.®) 

8) KonßmuUion. 

Nach einer beigefügten Anmerkung bezieht sich auf die 
Konfirmation eine homosexuell gefärbte Strophe, die besagt: 
»Eine andre stunde lässt du schlagen für das creatürelein, da 
läset du ihm ohne worte sagen, du willst ihm Elisa seyn; 
kaum dass die vom blut noch warme lippe auf des candidaten 
wange tippe, so entglitscht ihrs wängelein und versengt sich 
an dem dein'n.« (23459, ^* 1748.) 

s) Beerdigungsfeier. 

Bei einer Bestattung läßt Zinzendorf singen: »So fährt 
denn unser liebes herz mit inniglich gebeugter seele zur höhle 
der seit. Sie thut sich auf. Fahr in den sichern schrein in 



») Augsp. 84. — «) Plitt, II. B12. — ») Fresenius 7t«. — *) Apolog. «lö. 
6) Sp. 1113. — •) Darlegung 143, 18B. 



80 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

GOttes Heilands-Namen nein. Wo köntst du besser seyn?« 
(1866, a. 1744.) 

Ein andermal rät der Dichter, zum »Manne« zu sprechen: 
»Wenn ich JEsu leichnam verspeiste, eh ich verreiste, so tötete 
er dich und mich; und wenn ich seines bluts getrunken, so 
fuhren lebensf unken in dich. . .Du aber werd ein grünes körn : 
und wenn du völlig ausgebom, verspreche ich dich meinen 
keuschen verklärten JESüS-gliedem einzufleischen, daß dich 
des Lammes reine brunst mit mir zugleich durchdunst.« (1866, 
a. 1745.) 

g) Die sittlichen Anschauungen und Kräfte, 
or) Prinzipien. 

Die »trockene Moral« kann Zinzendorf kaum eifrig ge- 
nug ablehnen.^) Die von ihr gepredigte Liebe ist parteiisch 
und selbstsüchtig.^) Alles, was nicht durch Jesus geheiligt und 
geboten ist, was nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit 
ihm steht, ist schnöde, nichtig, sündlich. Mit Jesus soll man 
daher alles tun, sonst ist es sittlich wertlos. 

»Und denn so bete, als wärest du JEsus der Jüngling 
und nicht nur du; so verriebt die nothdurfft;*) so nimm die 
speise; denke so; arbeite so und reise ; sey kr anck und stirb.« 
(184Ö17, Sp. 1488, a. 1743.) 

ß) Askese. 

Des Grafen Lebensweise zeugt von Angst. Die peinlich 
genaue Einhaltung eines oft schon Monate zuvor ausgearbeiteten 
Planes*) erinnert an das Gebaren vieler Neurotiker. Bei der 
herrischen, oft brutalen Handlungsweise Zinzendorfs nimmt 
sich eigentümlich aus die Versicherung: »Ich habe mich 
manchmal halb tod geängstet in den etlich und zwanzig jähren. 



1) n. I. 114. — 2) Hom. Wunden 339 f. Jeremias 12 f. (a. 1740). — 
^ Ähnlich Cammerhof: (Ihr ledigen brüder, denkt:) »So stund er [Jesus] 
auf, so legt er sich ... er sättigte sich kümmerlich, hielt haus von seinem 
{Ohne, bequemte sich wie du und ich, gebeugt zum aphedrone.« (Anmerkung: 
»zum natürlichen gange«.) (2198«.) — *) J. G. Müller 276. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 81 

seit ich dazu gekommen bin meinem nächsten was guts zu 
thun, wenn ich gedacht habe, wie will ich doch allen helfen : 
ich habe aber noch nicht die ursach gehabt, iemandem was 
abzuschlagen. «0 

Das liebste Kind der Angstneurose ist die Askese. Zinzen- 
dorf entrichtete ihr seinen Tribut. Noch vor Beginn der 
Eruptionsperiode zählt er unter den Tugendwegen die As- 
kese auf.*) Jetzt bezeugt er, daß er die den Juden verbotenen 
Speisen nicht esse, »weil ich ein jedes Titellgen der Schrift 
so gern habe, dass ich alles, was darinnen steht und nicht im 
Neuen Testament zur Sünde gemacht ist, wie z. B. die sakra- 
mentale Beschneidung und dergleichen mehr k la lettre ob- 
servire. Es kommt auf etliche Essen mehr oder weniger nicht 
an.«^) Aus demselben Grund hält Zinzendorf auch den Sabbath 
neben dem Sonntag inne.*) 

y) Das Los, 

Um seine blinde Unterwerfung unter den Heiland zu 
bewähren, ordnete Zinzendorf bei manchen sehr verantwortungs- 
und folgenreichen Entscheidungen das Los an. Begründet 
wird diese direkt unsittliche Maßregel: 

(Das Los ist) »ein einfältiger Weg, bei völliger Abge- 
storbenheit des Eigenwillens den Sinn des Herrn zu erfahren 
oder sich selbst außer Verantwortung zu setzen«.^) 

Schon 1740 hatte der Graf auf die Frage, »ob der Teuf fei 
seyn Spiel mit dem Looße haben kan?« geantwortet: »Was 
Salomo sagt: Es fällt wie der Herr will. Je äusserlicher und 
mechanischer eine Sache ist, je näher kommt sie dem Gehor- 
sam gegen den Schöpffer: je vermengter sie mit Verstand 
und Willen ist, je gefährlicher und des Satans seynen An- 
schlägen und Willen exponierter, «ß) 

In der Eruptionsperiode tritt diese vernunftfeindliche, 
fatalistische Betrachtungsweise erst recht hervor. Zinzendorfs 
Behauptung vom Jahre 1745, der Gebrauch des Loses sei 

*) Zeyst 332. — «) Kl. Sehr. 887. — ») Darlegung 140. — *) Ebenda. 
— «) Ritschi, III, 893. — •) Erwartete Erklärung 70. 

Pf ist er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. 6 



88 DIE FBÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

seiner Gemeine auf allen Synodis öffentlioh widerraten und 
beinahe unter Qemeindezucht verboten worden,^) ist eine un- 
geheuerliche Behauptung, die durch zahlreiche Zeugen, z.B. 
Spangenberg*) widerlegt wird. Sogar bei der großen Säu- 
berung vom 29. Jänner 1749 läßt Zinzendorf das Los unter 
Einschränkungen bestehen! (S. u. S. 96 f.) 

6) Sexualität und Ehe. 

Von der Verdrängung des primären Sexuallebens war 
oben (S. 39 f.) die Rede. Jetzt haben wir die positive Lösung 
des Problems näher zu beleuchten. 

Jesus gibt auch dem Oeschlechtsleben seine Würde zurfiok. 
Zinzendorf drückt dies einmal in folgenden Sätzen aus: 

»1. Dass ich die menschlichen Unterscheidungs-Glieder der 
Christen für die ehrwürdigsten am ganzen Leibe achte, weil 
sie mein HERR und mein GOTT theils bewohnet, theils selbst 
getragen hat. 2. Dass ich von keiner andern Vereinigung 
menschlicher Hütten etwas verstehe, als in Sensu oeconomico 
& ministeriali, Amts-halber aus GOttes Gebot, als der Liturgie 
einer eigens darzu bestimmten Sacristey, die man das Ehe- 
Bett nennet, wo zwey Personen, deren eine den Mann aller 
Seelen, und die andere die ganze Seelen-Gemeine, d. i. den 
Leib dieses Mannes, vor eine Zeit repraesentiren, einen täg- 
lichen Gottesdienst halten, da denn unter andern Amts- 
Pflichten und Kirchen-Gnaden auch diese vorkömmt, dass 
respective im Namen JEsu Kinder erzeuget und im Namen 
der Kirche empfangen werden, die hernach, weil sie durch 
den menschlichen, i. e. sündigen Canal gegangen, von ihrer 
sündlichkeit und Infection mit Blut und Wasser aus JEsü 
Herzen gebadet werden.« (11. S. 111.) 

Neben der uns bekannten Ablehnung der direkt eroti- 
schen Beziehung zwischen Mann und Weib fällt uns hier be- 
sonders auf die Erklärung der Beiwohnung als täglich (!) 
auszuübender Amtspflicht und die Heiligsprechung der männ- 
lichen, die Ächtung der weiblichen Sexualorgäne. 

1) Creutzreich 48. — «) Sp. 1603 f. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 88 

Über letzteren Gegenstand sprach sich Zinzendorf aus- 
führlich aus in den Zeyster-Reden vom Jahre 1746. Daselbst 
wird auch ausgeführt, daß die weibliche Hütte, in deren einer 
der Mann der Seelen empfangen und geformt wurde, eben- 
falls selig sei.^) Ein andermal proklamiert Zinzendorf : »Der 
Schöpfer aller creatur hat ein männliches glied an sich ge- 
tragen, und in der person seiner heiligen mutter alle weib- 
liche glieder auf ewig geheiliget, und das wort Schaam in 
ansehung dieser theuren glieder unter Christen aboliret.«^) 
Aber doch wird das männliche Zeichen höher geschätzt: 

»Das alles haben wir dazu, damit wir Heilande werden 
in dieser Welt, Heilande desjenigen leibes-gliedes, das uns das 
Lamm anvertraut, des modellgen seiner Gottes-Capelle, des 
Vice-Eirchleins, daran sich eben so was von den Gliedern 
Christi repraesentirt, als an uns den Männern, das Haupt.«») 

So verfällt Zinzendorf aus extremer Verdrängung in so 
überschwängliche Bejahung, daß der erstere Vorgang auf 
eine heimliche Furcht vor den unabsehbaren Folgen der Ent- 
fesselung des gewaltigen Feuers zurückzugehen scheint. 

In der Ehe warnt der Graf immer wieder vor direkter, 
d. h. sündlicher Erotik. »Zielt in dem ehe-wandel direkt aufs 
Heilands wandel« (19908, a. 1744). 

Der vice-mann holt sich »von seines amtes Principale« 
Instruktion, »um alles, was der Principal gethan will haben 
am gemahl, als aus der ersten hand zu haben« (2321, a. 
1747). 

An seine Gemahlin schreibt er: »Das Lamm das dich 
erwehlet hat, zu seyn sein ewger ehe-gatt, und hat mich dir 
zur vicarey geschaffen, bis ers selber sey« (22683, a. 1746). 

Diese Grundsätze wurden in der Praxis nach Kräften 
durchgeführt. Weil Jesus der Eheherr, wurde in der Sich- 
tungszeit die Gattenwahl durchs Los allgemein.^) Zinzendorf 

*) Zeyst 209 f. — ■) Vorw. zur 1. Zugabe. — •) 210. In der Apologet. 
Schlußschrift sagt Zinzendorf in unaufrichtiger Weise, daß er hierin kein 
Wort finde von einer Beschreibung des weiblichen Gliedes. So geschickt 
macht er sich die Vorteile der Symbolsprache zu nutze ! — *) Plitt, II, 399. 
Eine genaue Beschreibung gibt Sp. 1503 f. Qegen D. Baumgarten behilft sich 
Zinzendorf mit der zutreffwden, aber irreleitenden und unwahrhaftigen Be- 

6* 



84 DIE FRÖMMIGKEIT DES GBAFEN 

erklärte es für eine Sünde, wenn zwei einander heiraten 
wollen; der HErr müsse sie zusammengeben.^) Er rühmte, 
daß Ehen aus Verliebtheit bei seinen jiingen Leuten weniger 
zu vermuten seien.') Den Neuvermählten wird ein erfahrenes 
Ehepaar beigegeben, um sie wegen ihrer »Inhabilität« mit 
den ehelichen Verrichtujigen bekannt zu machen.^) Die Braut, 
nachte wurden in besonders eingerichtetem blauen Kabinett 
gefeiert, wobei sich Zinzendorf »geschmacklos, unverschämt 
einmischte«.*) 

Über die Eheführung hat Zinzendorf ein Wort gespro- 
chen, das tief blicken läßt: »Unsere Ehen haben viel gnade 
und Seligkeit, aber noch nicht die gar genaue Observation 
des amtes und genusses derselben. Wir thun und gemessen 
noch nicht genug, die Männer mühen sich noch nicht genug 
für ihre weiber, es geht noch zu abstract zu. Unnatürlich 
und gekünstelt soUs wol nicht gehen, aber doch auch nicht 
cavalierement, nicht so philosophisch; sondern sacramentlich 
in einer ieden ehe.«^) »Und in diesem tramite müssen auch 
die kinder ins rechte fach gebracht werden.«*) 

e) Kindererziehung. 

Die Frömmigkeit des Grafen in der Eruptionsperiode 
trug so sehr infantilen Charakter, daß sie natürlich auch den 
Kindern aufgenötigt werden mußte. Die religiösen Perver- 
sitäten des Gemeindeleiters drangen auf die Knaben und 
Mädchen mit grausamer Hartnäckigkeit ein. Eine Probe : 

Fragen : Antworten : 

1. »Ihr Kinder! wo seyd ihr Geborgen sind wir in dem 

unfehlbar geborgen? blutigen Schreine. 

2. Was aber für Kinder sich O nein doch! sie kommen 
draussen befinden, wo bleiben geflogen wie tauben. Was 
denn die ? Bleibt das alles da- täublein ist, lässt Er sich nie 
binden ? wieder rauben. 

merkung, daß die »Synodi« weder eben machen noch »loeen« (Oreatzreich, 
SchlnBabschn., Nr. 38). Wie wenn der Angritt auf die Person des Losen- 
den, Synodalen oder Älteste Gewicht legte! — «)Penns. R., II, 131. — ") Er- 
klärung 79. — ») Plitt, II, 366. — *) Hase 92. - «) Zeyst 211. — •) 212. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 



85 



3. Wird aber für alle die menge 
der heerden im schreine der 
Seite auch räum gemacht wer- 
den? 

4. Was hört ihr, was sagt ihr, 
was singt ihr in stunden? 



5. So sagt, zum exempel, wies 
Lämmlein gestaltet? 



Wie ist denn das Lämmlein 
so blutig und grindig? 



Was ist nun der kinder ihr 
liebstes auf Erden? 



11. Auf die art; so hättet ihrs 
ewige leben? 



Das ist so. Und allenfalls 
kan noch in ritzen der bände 
und füsse manch stäubelein 
sitzen. 

Man hört nichts, man sagt 
nichts, man singt nichts als 
WUNDEN. Man hört nichts, 
man sagt nichts, man singt 
nichts als WUNDEN, und 
WUNDEN, und WUNDEN, 
und WUNDEN, und WUN- 
DEN :|: 

Das Lämmlein! Die seit 
ist vom Speere gespaltet, ein 
glied ist beschnitten, der 
rücken geschunden, das haupt 
geritzt, nägelschlag machte 
vier wunden. 

Ist daher : Wir kinder sind 
allzumal sündig; so ward 
GOtt ein Lämmlein ; und Das 
ist gestorben, und hat uns 
mit blute die gnade erworben. 

Des Lämmleins sein schäf- 
gen und täublein zu werden. 
So schäfgen die haben denn 
ewige weide, so täublein im 
seitenritz freud ohne leide. 

Ja wohl. Denn er nimmt 
nichts, was er einmal geget 
ben: Der Vater der herz- 
uns; der Mann lässt nicht 
fahren, das Mütterlein pflegt 
uns, die Englein bewahren.« 
(1917, auch Kinder-Reden 
422 ff.) 



86 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

So lautet also die pädagogische Summa: »Die künftgen 
kinderlein soUn ins loch hinein, das der Speer gerissen« 
(19338). 

Um maximale Übertragung auf den Heiland herauszu- 
pressen, trennte Zinzendorf, wie wir schon hörten, nach Kräften 
die Kinder von den Eltern und von Altersgenossen des an- 
deren Geschlechts. In letzterer Hinsicht gibt Aufschluß die 
Versicherung: »Es wird nicht nur manns- und weibsleute bey 
uns getheilt, von den wiegen-kindem an biß an die greisen : 
sondern es sind unsere versanmilungs-örter, zeiten und um- 
stände sorgfältig auseinandergesetzt.«^) Daß Zinzendorf in 
den Kindern seine eigene Jugend realisierte, haben wir oben 
(S. 13) bemerkt. Wie schwer er sie durch seine Unnatur miß- 
handelte, blieb ihm verborgen. 

C) Mission. 

Zinzendorf faßt die Mission keineswegs als humanitäre 
Kulturarbeit zur Herstellung einer Völkerfamilie, wie sie die 
soziale Frage, die Idee des Völkerfriedens und andere Mensch- 
heitsfragen voraussetzen. Der Befehl des Heilands und die 
religiöse Not der Heiden sind ihm Motiv, die Seelengewin- 
nung für den Mann wird für ihn Ziel des Werkes, das er mit 
so erstaunlicher Tatkraft schuf und förderte.*) 

7]) Die Brüdergemeine. 

Auch die andere der Weltgeschichte angehörige Tat Zin- 
zendorfs, die Gründung der Brüdergemeine, geht natürlich 
auf seine Beziehung zum Heiland zurück. Indem die Ortho- 
doxie ihre aus der Religion verbannte Libido gemäß ihrer 
Zwangsneurose im Dogma fixierte (das Dogma gehört neben 
den mysteriös verstandenen Sakramenten zum neurotischen 
Zeremoniell), mußte sie intolerant sein. Zinzendorf wendet 
seine Erotik der Person des Erlösers direkt zu und findet 
dadurch die Freiheit, verschiedene Lehrtropen im Prinzip 
seiner eigenartigen Jesusverehrung und im Organismus seiner 
Gemeinen zusammenzuschließen. 



1) Erklärung 35. — «) Sp. 1271—1273. 



LUDWIG VON ZnSFZBNDORP. 87 

h) Die Theologie. 

Es wäre leicht nachzuweisen, wie die Theologie Zinzen- 
dorfs aufs engste seinen Komplexen entspricht. Wir zeigten 
dies an vielen Punkten : Die Christologie, die Pneumatologie, 
die Trinitätslehre und andere Begriffslabyrinthe waren nötig, 
um die sexuellen Bedürfnisse sublimiert ausleben zu können. 
Dies gilt auch von anderen Lehren, z. B. dem Tode Jesu als 
Lösegeld an den Teufel.^) Allein wir haben es hier nur mit 
Zinzendorfs Frömmigkeit zu tun.^) 

C. Psychologische Bemerkungen zur Frömmigkeit 
der Eruptionsperiode. 

Viele Züge der eben dargestellten Frömmigkeit sind offen*- 
bar aus der Kinderzeit herübergenommen, vor allem die 
Konzentration fast sämtlicher Libido auf die 
Marterperson Jesu. Zinzendorf hielt diese infantile Über- 
tragung aufr^ht und verwendete sie zu analogen neuen Ge- 
dankengängen, weil seine Komplexe sich behaupteten. Wie 
der leibliche Vater über sich hinaus den religiösen Eros auf 
Jesus leitete, so mußte es nun auch der himmlische Vater 
maeheui der deshalb für Zinzendorf, wo er aus vollem Herzen 
redet, außer betracht fällt imd mit der Zeugung Jesu seine 
Rolle eigentlich ausspielte. Da die leibliche Mutter gemäß ihrer 
eigenen Anleitung durch Jesus ersetzt werden mußte, rückte 
dieser in ihre Stelle ein, sofern der Graf sich aus seinem in 
der Pleura liegenden Geburtsorgan geboren weiß. Wie Jesus 
dem Kinde Verwandte und Freunde ersetzen muß, so daß er 
nur mit ihm allein in stundenlangem einsamen Verkehre steht, 
so jetzt in den Jahren selbstgesuchter Einsamkeit. Die Freuden- 
tränen des Siebenjährigen über den blutigen Heiland (oben 
S. 6) kehren in dem sadistischen Entzücken des gereiften 
Mannes wieder. Die im ersten Jugendgedicht zu Beginn der 
Pubertätsentwicklung ausgesprochene Sehnsucht, ins Höblohen 



^) Becker 295. — ^ Den folgerichtigen Zusanimenhang ^wischen Re- 
ligion und Theologie bei Zinzendorf erkennt auch Eölbing 264. 



88 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

aufgenommen zu werden (s. o. S. 8), findet sich im nunmeh- 
rigen Seitenkultus befriedigt. 

Gleich nach erfolgter Geschlechtsreife wurde Jesus für 
Zinzendorf der Bräutigam, der durch seinen sinnlich vorge- 
stellten Verkehr mit der Seele für die verdrängte Liebe zum 
Weibe Ersatz bietet. (S. o. S. 18 f., a. 1721.) 

Kurz vor Beginn der Eruptionsperiode wurde die Blut- 
und Höhlchenfrömmigkeit deutlich sexuell betont, während 
früher die Libido der Gesamtpersönlichkeit Jesu zugewandt 
war. Die polymorphe Perversität steigt aus ihren Tiefen her- 
vor, ihre Komponenten verlassen das Grab und zeigen sich 
in der heiligen Stadt des Glaubens. 

Es fragt sich nun, ob die den homosexuellen Primär- 
funktionen des genauesten entsprechende Behandlung der 
Marterzeichen Jesu etwas grundsätzlich neues bedeute oder 
ob in ihr Triebe hervorbrechen, die schon längst, vielleicht 
von der Kindheit oder der Pubertätsentwicklung an in Zin- 
zendorf ruhten und lediglich wegen der früheren Verdrängung 
latent blieben. Im Bejahungsfall ist der Ausdruck »Eruptions- 
periode« gerechtfertigt. 

Sicher ist, daß die exzessive Wundenfrömmigkeit ledig- 
lich den verschiedenen Funktionen des sadistischen Gelüstens 
unverhohlenen Ausdruck gibt. Wir sahen dies an der brün- 
stigen Nekrophilie, dem Orgasmus der Blut-, Wunden-, Schweiß- 
und Höhlchenerotik, dem Wühlen, Spielen etc. in den Wun- 
den, dem Treiben des Kreuzluftvögeleins und Wundenbiene- 
leins u. s. w. öfters war es uns möglich, auch die primären 
Triebe, die sich in diesen religiösen Ausschweifungen aus- 
leben, nachzuweisen (z. B. Elisa auf dem Knaben liegend, 
das Weib am Hals des toten Gatten). Mit größter Wahrschein- 
lichkeit darf man annehmen, daß diese Triebe von jeher in 
außergewöhnlicher Stärke in Zinzendorf angelegt waren. 

Anderseits fanden wir bei ihm lange vor der Eruptions- 
zeit eine eigentlich periphere Verliebtheit, die bei beginnender 
Geschlechtsreife auf sinnliche Liebesfunktionen mit dem Bräuti- 
gam ausging, aber auch mit einer aus den Worten Zinzen- 
dorfs und der heilsgeschichtlichen Bedeutung des Objektes 



HJDWIG VON ZINZENDORF. 89 

nicht erklärbaren Affektsumme sich auf die Wunden, speziell 
die Seitenhöhle konzentrierte. In den Kinderjahren freute sich 
Zinzendorf lange voraus auf die Lieder von Jesu Marter, die 
er sich aufs lebhafteste vorstellte (S. o. S. 5 f.), mit sieben 
Jahren hatte er das erste »Gefühl von den Wunden« und ver- 
goß die ersten Freudentränen über den blutigen Heiland, mit 
acht Jahren erfährt er Angstzustände infolge von Sexualver- 
drängung, dreizehnjährig phantasiert er sich in einem Gedichte 
in die Seitenhöhle hinein, um »den Bösewicht« zu bekriegen, 
ein Jahr später bezeugt er, wie Jesu Angstgetöne seinen 
Ohren schöne klingt. Wenn also offenbar die gesamte Libido 
und vor allem ihre vorherrschende sadistische Komponente 
schon in den Kinderjahren auf des Heilands Wunden gerichtet 
waren, so bestund schon damals eine starke homo- 
sexuelle Übertragung, wenn auch die Geschlechtsunreife 
dieserBeziehung noch nicht den Stempel der erotischenUmarmung 
gewähren konnte. Bei vorgerückter Entwicklung mußte Jesus 
das Surrogat der Geliebten, die ideale Geliebte abgeben. Da- 
bei ging selbstverständlich die Libido schon damals darauf 
aus, an Jesus ihre sadistisch-masochistischen Gelüste zu voll- 
ziehen. Daß dies nicht offener zu Tage tritt, als bereits der 
Fall ist, erklärt sich aus der Verdrängung und Befriedigungs- 
abfuhr eines erheblichen Teiles der Libido mit Hilfe der 
heterosexuellen Komponente, welche sich gemäß der Theorie 
von der Ehe in den Dienst der religiösen Homosexualität 
stellte. 

Damit ist der Nachweis geliefert, daß die Schwärmperiode 
von 1741 bis 1749 in bezug auf die Christolatrie nichts Neues 
brachte, sondern einfach die von jeher in Zinzen- 
dorf schlummernden sadistischen und masochisti- 
schen, homosexuell gerichteten Begierden aus 
ihrer Verdrängung befreite und im Gewände der 
Frömmigkeit in vollem Tageslicht sich exzessiv 
betätigen ließ. Daher ist der Name »Eruptionsperiode« be- 
gründet. 

Als ich mich kurze Zeit nach der Lektüre von Silberers 
Aufsatz ȟber eine Methode, gewisse symbolische Halluzina- 



90 DIE FBÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

tioneerscheinungen hervorzarufen und zu beobachten« ^) ror dem 
Einschlafen auf einen Namen für Zinzendorfs Schwarmperiode 
besann, sah ich vor mir einen Tramwagen, der stecken ge- 
blieben war, weil auf der Querstraße das Pflaster aufgerissen 
war. Einige Steine lagen locker auf, andere waren bereits 
festgestampft worden. Vor und nach der Kreuzung lief das 
Tram über Asphalt. 

Die sofort angestellte Analyse ergab folgende Einfälle: 
Am Traumtag sah ich, wie ein Bürgersteig aufgerissen wurde. 
Neben dem im Traume gesehenen Platz prangt an einem Hause 
das bekannte Bild eines Pelikans, der seine Brust aufreißt, 
um seine Jungen vor dem Hungertod zu retten (An^ielung 
auf Zinzendorfs Blutfrömmigkeit). Ebenso befindet sich in 
jener Gregend ein angesehenes, von Pietisten geleitetes Geschäfts- 
haus; die Frage, ob der moderne Geschäftsbetrieb sich mit 
christlicher Gesinnung vertrage, war mir oft brennend; eine 
dritte und wichtigste Determinante kann ich aus Gründen der 
Diskretion nicht nennen. 

Der Sinn des Symbols liegt auf der Hand: Zuvor lief 
der Wagen (Zinzendorf) über Asphalt, welches den Unt^grua^i 
verbarg (die Verdrängung). Das aufgerissene Pflaster Ififlt 
letzteren offen hervortreten. Auch das Einstampfen der Steine 
treibt die Erde nur desto kräftiger hervor. Zinzendorfs Lage 
vor, in und nach der Schwarmperiode ist durch das schlichte 
Traumsymbol somit treffend charakterisiert. 

Die Eruptionszeit gibt uns den Schlüssel für die psycho- 
logische Beurteilung der früheren, auf Jesus bezogenen reli- 
giösen Erlebnisse Zinzendorfs in die Hand. Der Psychoana- 
lytiker, der in zahlreichen Fällen die Entstehung derartiger 
Erscheinungen exakt zu beobachten Gelegenheit hatte, findet 
in den Ausführungen über die Eruptionsphase eine bloße Be- 
stätigung der Schlüsse, die er längst ex analogia in bezug 
auf Zinzendorfs Frömmigkeit in der vorangehenden Zeiil; zo^. 

Hier wäre nim der Ort, durch biblische und kirchen- 
geschichtliche Untersuchungen auszumachen, wie weit Zinzen- 
dorf von außen her in der Ausgestaltung seiner religiösen 

*) Jahrb. t psychoanal. n, psychopath. Forschungen 1909, Bd. I, %. H. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 91 

Phantasien bestimmt wurde. Eine Anzahl von Einzeknitteilun* 
gen haben wir dargeboten. Daraus geht hervor, daß Zinzen- 
dorf sich vom Sinn und Geist der Bibel himmelweit entfernte 
und ihr, wie dem kirchlichen Leben das entnahm, was er in 
den Dienst seiner homosexuellen Neigung und seiner infantil 
bedingten Sexualverdrängung stellen konnte, damit seine 
Triebe sich in religiöser Form auszuleben, auszutoben im stände 
waren. Eine genauere Feststellung wäre uninteressant. 

Dagegen sind noch die Ursachen aufzusuchen, wegen 
derer es zur Eruption kam. Zwei Umstände sind von vorn- 
herein geeignet, eine derartige Veränderung zu erzeugen : 
Entweder wird die primäre Erotik gestaut, so daß die Libido 
sich mit gesteigerter Inbrunst in die sublimierte Betätigung 
werfen muß (sofern nicht Neurose bevorzugt wird), oder der 
Zwang hört auf, welcher der sublimierten Funktion eine der 
ersehnten primären Betätigung analoge Weise verbietet. Wie 
verhält es sich nun bei Zinzendorf ? 

Über sein Eheleben sind wir leider nicht genügend 
unterrichtet. Von jeher befand sich der Graf viel auf Reisen. 
Besonders aber seit 1738 treffen wir ihn von seiner Gemahlin 
meistens getrennt: Im September gebar sie ihm einen Sohn, 
im Oktober nahm er bei der Abreise nach dem Grabe so vieler 
seiner Missionare, nach Westindien »nicht anders Abschied 
von ihr, als wenn er in die Ewigkeit ginge, und sie wußte 
auch nicht, ob sie ihn wieder sehen würde «.^) Beide erneuern 
ihren mit dem Heiland geschlossenen Bund. Damit war eine 
neue Sexualverdrängung geschaffen. Es ist gewiß nicht Zufall, 
daß im Jahre 1738 (nach Lelong vielleicht auch 1739) zum 
erstenmal das Wundenbienelein auftaucht (S. o. S. 23) und 
bald nachher in eine Reihe von Äußerungen der Sadismus 
deutlicher als zuvor redet (z. B. 1579i4 o. S. 24, 1584i3, jg, 
o. S. 24). Nach der im Jimi 1739 erfolgten Rückkehr lag 
Zinzendorf, wie wir wissen, bald krank darnieder und begab 
sich nach einer Genesung wieder auf neue Reisen, die ihn 
von der Gattin trennten. Im Dezember 1739 und Jänner 1740 
verweilte er z. B. in der Schweiz. Im April 1740 wurde er 

») Sp. 1121. 



92 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

zum zwölften, letztenmal Vater, den Herbst verbrachte er 
als kranker Mann. Vom Februar bis anfangs Juni 1741 nahm 
ihn die Arbeit in Genf in Anspruch,^) am 7. August trat er 
die große Reise nach Holland und Amerika an.') Damit be- 
ginnt die Zeit der maximalen Verdrängung, die um so akuter 
wurde, als die ihm kongeniale, dem Bräutigam Jesus weit mehr 
als die Gattin ähnelnde Anna Nitzschmann seine Erotik un- 
zweifelhaft beeinflußte. Daß bald nach der zweiten Abreise 
nach Amerika die Eruption erfolgt, ist somit aus der maxi- 
malen Verdrängung der primären Sexualbedürfnisse erklärt. 

Hinzu kommt, daß Zinzendorf sich immer weniger aus 
der üblen Nachrede machte und auf seine eigene Autorität 
immer zuversichtlicher baute. Damit tritt auch die Verdrän- 
gung der peripheren Sexualphantasien in der religiösen Erotik 
zurück, die Zensur hört auf, die unterbewußten Triebe feiern 
ihre Orgien in sublimem Land. 

Mit Anna Nitzschmann fuhr der Graf im April 1743 
nach Holland zurück und erreichte bald darauf die Heimat 
in der Wetterau. Erst am 21. Mai sah er seine aus Rußland 
eintreffende Gemahlin wieder.') Über seine intimen Be- 
ziehungen zu ihr wissen wir nichts. Allein daß er im Juni 
1743 den »Närrchenorden« stiftete, zeugt von jenem Infanti- 
lismus, der regelmäßig auftritt, wenn eine Triebströmimg 
gestaut wird. Aus den mir zugänglichen Quellen ist nicht er- 
sichtlich, ob er von Anna getrennt war. Sicher ist jedoch, 
daß sie vom Herbste 1744 an ihn beständig zu Hause und 
auf seinen Reisen imigab, wenn sie nicht gerade als Ȁlte- 
stin« anderwärts in Anspruch genommen wurde.*) Von der 
Gattin war er oft und lange getrennt, z. B. vom April bis 
November 1746, als er sich auf einer Reise nach Holland und 
England befand, und vom September 1748 an bis Mai 1750, 
als er sich in England aufhielt.^) 

Über Zinzendorf s innerste Primärerotik wissen wir wenig ; 
doch fällt uns auf, daß er der Anna mehr Lieder widmete 
als seiner Gemahlin und seine Orgien mehr in jenen als in 

*) Sp. 1811, 1332. — ») Sp. 1344. — ») Sp. 1498. — *) Sp. 1680. — 
*) Sp. 1836. 



LUDWIG VON ZIKZENDORF. 98 

diesen Hymnen feiert.^) Die vermehrte Verdrängung ist somit 
auch durch die äußeren Zeugnisse mindestens höchst wahr- 
scheinlich gemacht. Auch der erwähnte Umstand, daß die 
Gräfin keine weiteren Kinder empfing, ist für den Psychologen 
nicht ohne Belang. 

Wir wenden uns nun der psychologischen Betrachtung 
eines anderen Produktes Zinzendorfscher Frömmigkeit zu: 
Der Behandlung des Heiligen Geistes als einer Mutter. 
Sogleich fällt uns auf, daß das Jahr 1738, in welches Zinzen- 
dorf seine erste vorläufige Erkenntnis der Pneumatologie 
verlegt, das Wundenbienelein und die Mutterschaft des Geistes 
zeitigte, und daß überhaupt auch der Intensität nach beide 
Glaubensinhalte einander genau parallel gehen. Besonders 
das Jahr 1741 gibt beiden eine starke Förderung (S. 28, 69). 

Der innere Zusammenhang ist nicht schwer zu finden. 
Als Jesus in Ermanglung der Gattin ein mit deutlich aus- 
gebildeten Sexualorganen ausgestattetes Surrogat des Ehe- 
weibes wurde, konnte er nicht mehr die Mutter ersetzen, was 
er, wie wir wissen, bisher getan hatte. Das Höhlchen wurde 
als Begattungsorgan affektvoll in Beschlag genommen. Als 
Geburtsorgan spielte es mehr nur eine historische Rolle und 
genoß pietätvolle Würdigung, nicht mehr. Die auf bestimmte 
Punkte, die erogenen Zonen, konzentrierte Aufmerksamkeit 
gestattete wegen der Inzestschranke die Vermischung beider 
nur ungern. 

Hinzu kommt, daß einige Tage vor Beginn des Jahres 1738 
die Distanz zwischen Zinzendorf und seiner Mutter vergrößert 
worden war. Sogar der milde, irenische Spangenberg 
erzählt, daß der Graf gewahr werden mußte, daß seine Mutter 
seinetwegen bedenklich gemacht worden war.*) Der Umstand, 
daß Zinzendorf ihr sein Haus in Bertholdsdorf offerierte,*) 

*) Auf Anna Nitzschmann geben die Lieder T. G. 286, Nr. 1320, 
1398, 1404, 1442, 1492, 1606, 1616, 1627, 1683, 1727, 1780, 1805, 1816, 
2187, 2277, auf die Gräfin später nur 1643, 1846, 1878, 1989, 2010, 
2019, 2170, 2268. Zu beachten ist, daß Anna von 1740 bis 1742 (Nr. 1404 
bis Nr. 1816) elf Lieder, dann lange keine mehr erhielt, dafür die Gräfin 
eine Anzahl, bis endlich Anna zwei besonders extreme Liebesergüsse empfing. 
Offenbar nahm Zinzendorf auf andere Rücksicht, da seine Widmungen auf- 
fielen. — «) Sp. 1082. — ») Sp. 1101. 



DIE FRÖMMIGKEIT DES ORAFEN 



spricht bei seiner bedingungslosen Ehrfurcht vor der Mutter 
nicht gegen die Annahme, daß innerlich eine gewisse Ent- 
fremdung eintrat. Das Bedürfnis nach einem Ersatz 
für die Mutter, als welchen wir den Hl. Geist 
offenbar betrachten müssen, dürfte auch durch 
diese Stellung zur Mutter bedingt sein. 

Qott Vater konnte Zinzendorf beiseite stellen, da er den 
leiblichen Vater nicht kannte und entbehrte. Wie letzterer 
für ihn nur der Erzeuger war, so der himmlische Vater in 
bezug auf Jesus, der schon durch des gestorbenen Ahnen 
Liebe zur Marterperson berufen war, Vaterstelle zu vertreten. 
In dieser Weise ist Gott als Großvater infantil determiniert, 
und damit liegt auch die psychologische Erklärung der 
übrigen Eigentümlichkeiten der eruptiven Frömmigkeit und 
Sittlichkeit vor uns. Um nicht Selbstverständliches zu sagen, 
verzichte ich auf die Einzelergründung. Nur daran sei er- 
innert, daß der Teufelsglaube auf die infantilen Angst- 
erlebnisse, die Liebe zur Brüdergemeine auf den kindlichen 
Verkehr mit »Erweckten« verschiedener Denominationen bei 
bestimmter Kirohlichkeit und der Eifer für die Mission auf 
Jugendeindrüoke seitens mancher Missionsfreimde zurück- 
gehen. 

Als Infantilismen verstehen wir auch die Vorliebe für 
Diminutive und das von Großmutter und Mutter übernommene 
Wohlgefallen an fremdsprachlichen Ausdrücken, die Zinzen- 
dorf s Lieder und Prosaschriften vielfach zu einer polyglotten 
Merkwürdigkeit erheben. 

3. Der letzte Lebensabschnitt (1749—1760). 

A Äußere Begebenheiten. 

Anfangs 1749 wurde Zinzendorf gezwungen, seine Vogel- 
straußpolitik gegenüber dem schwärmerischen Treiben in 
seinen Gemeinen aufzugeben. Nicht nur deuteten die Gegner 
mit Hohngelächter oder ehrlichem Zorne auf das extravagante 
Wesen, sondern es lehnten sich auch die gediegenen Elemente 



LUDWIG VON ZINaEirDORF. 96 

der Brüderunität selbst mehr und mehr dagegen auf. Ein 
mutiger Gemeinarbeiter, dessen Namen Spangenberg ver- 
schweigt^) (es ist Bruder von Peistel), legte dem Grafen den 
traurigen Stand der Dinge offen dar.^) Zinzendorf antwortete 
durch einen an alle Gemeinden gerichteten Strafbrief vom 
29. Jänner 1749 (10. Februar neueren Stils), dem ich fol- 
gende Bestimmimgen entnehme: 

»Nach der mir an euch gegebenen Macht zu bessern, ge- 
biete ich euch: 

1. Daß niemand mehr ein diminutivum brauchen soll, 
das kein diminutivum in der teutschen Bibel hat. Niemand 
soll mehr sagen oder schreiben Schäzzel, Seitenhöhlchen, 
Närrohen, Bräutel . . .« 

2. »Alle neuen Worte, die ich in meinen öffentlichen 
Cantzelreden noch nicht gebraucht, sollen gänzlich aus der 
öffentlichen Lehre wegbleiben . . .« (Das Folgende gegen die 
Fremdwörter.) 

3. »Wer in den Chören, es sey männlichen oder weib- 
lichen Geschlechts, mit jemandem einen fleischlichen oder 
fleischlich klingenden discours führt . . . ., der soll sogleich 
aus der Gemeine explorirt werden . . .« 

4—6. Gegen schriftliche Sündenbekenntnisse. 

11. Gegen Special-Umgang lediger Brüder mit einer 
Schwester. 

12. Kein lediger Bruder soll über Materien reden, die 
nur Eheleute einsehen sollen. 

14. »Das Looss wird hiemit auf ein Jahr gänzlich auf- 
gehoben.« (Ausnahmen werden zugestanden.) 

15. »Das Fußwaschen soll einige Jahre in der öffent- 
lichen Gemeine gänzlich ceßiren.« 

16. «Die nach des Schöpfers eigener Angabe in der Ge- 
meine gemachte Anstalt zimi Dienste Junger angehender Ehe- 
leute soll lediglich in derer Hände bleiben, die dazu gesezzt 
werden.« 



^) Sp. 1768. — *) Jannasoh Chr. R. v. Z., 76. Das Datum des Briefes 
(Nov. 1749) ist unrichtig angegeben. 



96 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

17. »Ein led. Bruder, der überführt werden kann, dass 
er die hl. Seite des Heilands auf die Art, wie es unsre Gegner 
beschreiben, oder nach einem mir selbst bekannt gewordenen 
Exempel betrachtet . . ., der soU darum ein volles Jahr vom 
Abendmahl ausgeschloßen werden. Die hl. Seite des Heilands 
ist aller Seelen Mutterstatt, wie die Erde des Leibes .... 
Überhaupt ist die Rede von der hl. Seite schon überjahrt und 
gehört in die Sacristey zurück bis auf ein andermal, damit 
kein Gewäsche daraus wird.« 

18. Von Brüdern und Schwestern, die in einer ver- 
schlossenen Stube angetroffen werden. 

19. und 20. Vom Küssen. »Wer beim Friedens- und 
Abendkuß küsst, dass es schmazzt, und die respectable Gemein- 
art entweder nicht kann oder nicht will lernen, der soll nach 
zweimaliger Erinnerung vom Friedensküßen wegbleiben.« 

23. Zinzendorf legt den Titel »Papa« nieder. 

Den Schluß bilden Drohungen mit schweren weltlichen 
und göttlichen Strafen. Das P. S. lautet; »Wenn ihr mir nicht 
folget, so will ich nicht nur mein Amt niederlegen bey allen 
Gemeinen, und zu seiner Zeit einen Auszug aus euch machen, 
sondern euch auch zum voraus versichern, dass der Herr 
seinen Stab über euch weggeben wird. Ich weiß, wohinter ich 
stehe und kann nicht anders.« 

Allerdings verrät der Drohbrief mehr den Papst als den 
Papa. Die Durchführung der Bestimmungen entsprach dem 
Bedürfnis nach wirklicher Reinigung so wenig, daß Spangen- 
berg ernstlich ungehalten wurde, da Zinzendorf noch immer 
der vollen Wahrheit verschlossen blieb.*) Nur der arme 
Christian Renatus, des Vaters in der Denkweise vollkommen 
getreuer, aber verschlimmerter Abklatsch, wurde seiner Ämter 
in der Wetterau Knall und Fall entsetzt und nach London 
befohlen.^) Der Unglückliche mußte den Sündenbock abgeben 
für die Verirrungen des Vaters; erst später, am 10. August 1750, 
erkannten er und die Gemeinde, »daß es nicht nur eine in 
übertriebene Ausdrücke gekleidete Gefühlsreligion gewesen 
war, der man damals in Herrenhaag gehuldigt, sondern daß 

>) Sp. (1717) 1803. — «) Jannasch 76. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 97 

unter dem Deckmantel der Ehereligion, geschützt durch den 
Heilandsnamen, die dunklen sinnlichen Triebe bereits ihr 
Spiel getrieben hatten.«^) 

Wie wenig jedoch in Zinzendorf eine wirkliche Änderung 
der religiösen Stimmung eingetreten war, bewies der Aus- 
spruch, den er am 28. Jänner 1752 offiziell tat: »Die Tändel- 
haftigkeit hat seit 1745 die Kindlichkeit so prostituiert, daB 
wir erst ein bißchen zurückkommen müssen in die männliche 
und jünglingsmäBige Gesetztheit, eher wir wieder (!) spielen 
und lallen dürfen mit Sicherheit«.') 

Mit einigen Worten nennen wir die wichtigsten Begeben- 
heiten der letzten Jahre. Im Juli 1750 kehrte Zinzendorf von 
England zurück. Da die Gemeine Herrenhaag unterdessen zu 
Grunde gegangen war,*) wählte er Herrnhut zum bevorzugten 
Aufenthaltsort. Allein schon im Juli 1751 zog es ihn aber- 
mals nach England, das bis März 1755 sein Arbeitsfeld blieb. 
Hier verlor er am 28. Mai 1752 seinen Sohn Renatus, vor 
dessen Leiche er unschlüssig war, ob er den Toten ins Leben 
zurückrufen sollte oder nicht.^) Zweimal besuchte ihn während 
dieses Aufenthaltes seine Gemahlin: Den 6. — 23. August 1752 
und vom August bis zum Oktober 1754 weilte sie in seiner 
Nähe. 

Am 2. Juni 1755 erreichte er Herrnhut, dem er einige 
Jahre, abgesehen von kleineren Reisen, treu blieb. Am 
19. Juni 1756 starb seine Gattin nach einem an Arbeit und 
Entsagung reichen Leben, eine protestantische Heilige an 
Selbstentäußerung und Christusmystik, wenn nicht diese Ver- 
neinung der primär-psychischen Sexualität dem Protestan- 
tismus widerspräche. Der Tod der Gattin versetzte Zinzen- 
dorf in lange Untätigkeit,^) die erst bei der zweiten Ver- 
mählung wich. Acht Tage nach Ablauf des Witwenjahres war 
Zinzendorf wieder verheiratet, und zwar mit Anna Nitzsch- 
mann, die er seit ihrem 18. Geburtstage mit auffallenden 



*) Jannaßch 80 f . — *) Reichel, Sp. 167. — ') Die von Götz aufgesteUte 
ungeheuerliche Behauptung, Zinzendorf habe den Ort wegen der Sichtung 
aufgehoben (ZinzendorfB Jugendjahre, 30), entbehrt ]eder historischen Be- 
gründung. — *) Jannasch 90. — *) Sp. 2101. 

Pf ist er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig Yon Zinzendorf. 7 



98 DI£ FRÖMMIGKEIT D£S GRAFEN 

Ounsthezeigungen überhäuft hatte (s. o. S. 29, 93). Anderthalb 
Jahre lang blieb diese Vermählung vor der Gemeine ver- 
borgen, ja zeitlebens bekannte er sich nach außen hin nie 
offen zu diesem Schritte.^) 

Mit Ausnahme einer Reise nach der Schweiz (September bis 
Dezember 1757) und eines langen Aufenthaltes in Holland 
(August 1758 bis November 1759) treffen wir Zinzendorf an 
seinem Lebensabend in Herrnhut, wo er am 9. Mai 1760 einer 
akuten Lungenkrankheit erlag. Seine Gemahlin folgte ihm 
im nämlichen Monat.') 

B. Zinzendorfs Frömmigkeit in der letzten Periode. 

Die durch den Druck der wissenschaftlichen Untersuchung 
zugänglich gemachten Quellen fließen für Zinzendorfs letzte 
Phase nicht so reichlich wie für die vorangehende. Da die 
öffentliche Meinung Zurückhaltung gebot, verbergen die apo- 
logetischen und erbaulichen Schriften allerlei Gedanken, die 
zuvor frei aufgetreten waren. Wir dürfen erwarten, daß die 
Lieder eher des Herzens innerste Geheimnisse verraten. Allein 
aus den gedruckten Sammlungen ist ihre Autorschaft nicht 
ersichtlich, und es fehlt noch der Lelong, der auch zu diesen 
Dichtungen ein Autorenregister anfertigte. Der 1755 gedruckte 
»Anhang der übrigen Brüder-Lieder« enthält vorzugsweise 
kläglich zugestutzte Überreste einstiger Üppigkeit. 

Lnmerhin reicht das uns zugängliche Material voll- 
kommen aus, um nachzuweisen, daß Zinzendorfs Frömmigkeit 
sich ihrem Inhalte nach nicht im mindesten verändert hat, und 
daß hinter den gemäßigten, dem Vulgärpietismus 
eher angepaßten Ausdrücken überall dieselben 
libidinösen Kräfte liegen, wie hinter den reli- 
giösen Orgien der Eruptionsphase. Für die Psycho- 
logie desjenigen Pietismus, der von vornherein einer stär- 
keren Verdrängung auch der sublimierten Sexualmanifestation 
unterliegt, ist diese Übersetzung ins bürgerlich Korrekte be- 
deutsam. Hinter Zinzendorfs Gtemeindepredigten der letzten 

1) Schmidt 87. — *) Sp. 2236. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 99 

Jahre würde man — abgesehen von einer Anzahl verdäch- 
tiger Stellen — gewiß nicht die Dämonen abnorm starker 
sadistischer und masochistischer, homosexueller und nekro- 
philer Begierden wittern. Deutlicher redet die »apologetische 
Schlußschrift« und die Sammlung der 1755 — 1757 gehaltenen 
Reden an die Kinder. In der großen Zahl und dem Inhalte 
dieser 85 Reden, von denen 50 allein im Jahre 1756 gehalten 
wurden, fand der Graf nicht ungeschickt einen Ersatz für die 
Infantilismen des Stils, besonders die Diminutive. Nach der 
Wiederverehelichung wurden diese Ansprachen selten, ver- 
mutlich weil die Triebstauung aufhörte. 

Auch in der letzten Phase geht Zinzendorf aus von der 
Sexualverdrängung. Er weiß, daß jeder, auch der Hei- 
lige, noch im 98. Jahr, ob einsam oder gesellig, die Sünde 
im Fleisch trägt, wobei ein wahres »Misvergnügen zwischen 
gemüth und fleisch« entstehen kann.^) Aus diesem Tode, der 
aus dem Fleischesdienst hervorgeht, hilft nur Jesus.*) Wir 
sind mit den Instrumenten, die Ihn marterten, gleichsam be- 
schnitten an allen Gliedern. Kann man seine Augen und 
Hände nicht bezwingen, so klagt man's seinen gebrochenen 
Augen und durchgrabenen Händen. »So klagt man dem 
ganzen Leichnam JEsu sein elend, das die verwesliche glieder 
haben; da wird man in schütz genommen gegen die sünde. 
da thut Er an einem, was Elisa an dem knaben that. Er 
tödtet die sündliche glieder ^ . . Er beschneidet ohne bände. «^) 
(Anspielung auf das Abreißen der Vorhaut mit den Zähnen.) 
Alle früher verwendeten Titel Jesu bleiben in Kraft. 
Jesus ist der Schöpfer, mit Vorliebe »der blutrünstige GrOtt«,*) 
der Bräutigam, der Mann,^) der künftige Ehe-Mann.«) Der 
Mensch trägt dementsprechend die Würde einer Männin, ^) 
einer Braut, eines Eheweibes und einer Witwe.®) 

Der Verkehr mit Jesus trägt den Charakter eines ehe- 
liehen Aktes. Auf die vom Gegner aufgeworfene Frage: 
»Setzen die Brüder die Glückseligkeit des ewigen Lebens in 



») Londoner Reden I, 421 f . — «) 422. — «) 430. — *) Kinderr. 163, 
2^74 u. ö. — 6) Lond., I, 23, Bethel 138. — •) Lond., I, 268. — ') Bethel 138. 
— «) Lond., I, 28. 

7* 



100 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

dieselbe immittelbare Beywohnung Christi, welehe von Ihm 
in der Welt mittelbarer Weise durch die Ehemänner an seiner 
statt verrichtet werde?« antwortet Zinzendorf: »Die unmittel- 
bare Beywohnung J. C. (aber nicht auf die mittelbare Weise ; 
denn das sind entweder Grillen oder Aufbürdungen) ist der 
höchste Grad des ewigen Lebens, «i) Unermüdlich hält der 
Graf den Kindern den Vers vor: »Merk ich imi die achseln 
nicht dein umarmen, fühl ich im herzen nicht dein erwarmen, 
so bin ich aus.«') Deutlich wird einmal gesagt: »Der cörper 
ist in Christo: und also je corperlicher und lebhafter wir es 
machen können, je lieber ist's uns.«') Den kleinen Mägdlein 
in Herrnhut predigt Zinzendorf: »Wenn wir aber einmal 
einen paroxysmum krigen, eine fest- und sabbaths-stunde, da 
wir gehen und uns das Bild besehen, wie Er für unsre noth 
am Creutz sich nicht nur zu tode geblutet hat, sondern wie 
auch in dem moment, da der Stich in die seite geschähe, ein 
jedes kind neu geboren ward, und alle meine geschwister: 
Zu der Zeit möchte man, wenn man Dm wo leiblich haben 
könte, wol tausend meilen wallen, sich zum gerippe sehnen, 
und einen bach von thränen aus seinen äugen schütten, wenn 
Er sich liess erbitten.«*) Einige Wochen später : »Wir wollen das 
kind seyn. Soll man das kind seyn, das durch die umarmung des 
Elisa seinen vorigen geist wieder bekam, so muss man erst 
überhaupt ein kind worden seyn. Es kans der Heiland an einem 
menschen, wenn er schon sechzig Jahr alt ist, immer noch thun. « ^) 
(Zinzendorf war 56 Jahre alt.) . . . »Resolvire dich nur, dass 
du es machen wilst wie Elisah, dass Du mich in deine Arme 
nehmen . . . und alles in und an mir, was unbeugsam, tödten 
wilst durch den für meine Schuld gesohlachtHen Leichnam.»^) 
In dieser und vielen anderen Stellen drängt sich die alte 
Nekrophilie hervor. Ein Beispiel: »Wir sind jetzt noch ein 
sündiges Volk: sonst wäre die oftmalige umarmung seines 
Leichnams, die man zu seiner zeit auch erfährt, und die die 
allerkräftigste hülfe und arzeney gegen die sünde ist, uns 
nicht sowol zur Cur, als zur blossen freude.«^) Etwas zahmer: 

») Apol. 196 f . — *) Kindorr. 178, 189, 273, 859, 389. — ») Lond., I, 
27o. — *) Kinderp. 168 1 — ») 246. EUsa auoh S. 73, 368. — •) 247. — *) 206. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 101 

Das Geheimnis, sich vor Gottes Rache urd Feuer nicht zu 
fürchten, sondern »Seine zärtliche Umarmung zu gewarten, 
besteht darinn: Kommt itzt Seinem Leichnam nah!«^) 

Auch die Ereiizluft übt ihren Reiz aus: »Eine gesunde 
und ungesunde luft werden in der natur sehr unterscliieden. 
Die gesunde luft der seele ist die Leichnams-luft, die atmo- 
sphär des heiligen Grabes.«*) Das »Kreuzluftvögelein« flattert 
noch immer umher, doch wird sein Name umschrieben : »Da- 
her ist das eine reale sache, dass der geist in Leichnams- 
lüften, wie ein vöglein rum fliege.«®) 

Die Wunden Jesu haben nichts von ihrem Zauber ein- 
gebüßt. In sie will Zinzendorf sich »wikkeln« oder »ein- 
wikkeln«.*) Sie sind »meine, ja meine«.**) »Drück uns an 
dein Herze, an deine Wunden; so haben wir immer sePge 
stunden, Lamm, Lamm, o Lamm!«^) Die kleinen Mädchen 
bekommen zu hören: »Er soll seine verwundete Liebes-arme 
über euch ausbreiten und zuschliessen, als ob ihr von Seinem 
Geren überdekket wäret.« ^) Die ungeheuerlichen Respon- 
sorien, von denen wir oben S. 84 f eine Probe gaben, kommen 
im Anhang der Reden an die Kinder nochmals zimi Abdruck,^) 
aber wesentlich gemildert. 

Mit dem Angstschweiß beschäftigt sich Zinzendorf so 
eifrig wie zuvor;^) ebenso mit dem Blut Jesu. »Man schätzt 
sich glücklich, ein Glied am Leibe zu seyn, wo vom Haupt 
von Domen ganz zerrissen Blut herunter fliesst, wo des An- 
gesichtes Schweiß sich ein Paradeis machet.«*®) »Ich denke 
immer, wenn die Geschwister hübsch beblutete Herzen haben, 
und sich in den Marter-Mann und in Seine Arme recht hinein 
schmiegen . . . .«**) »O dass mein herze offen stund, und fleissig 
möcht aufsaugen die tröpflein Bluts, die meine Sund im gar- 
ten dir abdrängen!«*^) 

Die Seitenhöhle hat nichts verloren als die diminutive 
Form ihrer Benennung. Noch ist sie Geburtsorg an für 
uns und den Hl. Geist. i^) Eines der anstößigsten »Höhlchen- 

*) Reden 1757, 16. — «) Kinderr. 360 f . — ») 352. — *) Lond. I, 214. — 
«) 262, — •) Bethel 55. — ^ Kinderr. 269. — «) Kinderr. 422 f. — ») Z. B. 
Kinderr. 60 f. — ") Reden 1757, 11. — ") Reden 12. — ") Bethel 16. — 
*•) Kinderr. 120, 182, 164, 162. 



102 DIF FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

lieder*) nimmt Zinzendorf in Schutz.*) Es besagt: »Sie (die 
Kirche) wird seit der Herrenhuthschen grossen syrraxi ein kind ; 
sie geht auf ein neues nutschen, wo mans loch zimi herzen 
findt.« Nur den letzten Satz will der Di<5hter abändern in: 
>Wo mans Hertze sucht und findt,« Im ganzen trat der 
Kultus der Pleura entschieden zurück. Daß aber im Hinter- 
grunde genau die frühere sadistische Libido lauerte, beweist 
die fatale Ermahnung an die Mägdlein, zu denken : »Wirst du 
mir nicht einmal in leiblicher Person nahe werden, mich wirk- 
lich in deine arme nehmen, und an dein Herz und an deine 
Wunden drükken ? werde ich nicht einmal meinen mund an 
deine Seite ansetzen und trinken dürfen ? Wer das fleißig ge- 
dacht, und nach gelegenheit mehr als einmal drüber geweint 
hat: Den erhört er endlich.«*) 

Die Beschneidung Jesu spielt die frühere erhebliche 
Rolle.*) 

Die androgyne Natur Jesu verharrt somit unverändert. 
Am kürzesten wird sie angegeben in der Anrede : »Einiger 
jungfräulicher Mann«,*) doch ist die Interpretation dieses 
Ausdrucks nicht eindeutig. 

Der Heilige Oeist behielt seine Mutterschaft und — als 
Erzeuger Jesu — seine Vaterschaft, ja es tritt die erstere 
sogar häufiger hervor als in der Eruptionsphase. •) Als Mann 
erscheint der Hl. Geist nur, sofern er Maria beschattete, ähn- 
lich wie Jesus unsere Mutter nur ist, sofern er uns in der 
Vergangenheit geboren hat.') 

Gott als himmlischer Vater wohnt noch immer als Groß- 
vater im Altenteil. Immerhin hat ihm der Heiland (wie gütig !) 
wie schon nach Zinzendorf s Reden von 1741 (S. o. S. 72) die 
leibliche Pflege der Gläubigen übergeben, und um Jesu willen 
dürfen wir ihn unsern Vater nennen.®) Es ist aber ein Irrtum, 
ihn als unseren direkten Vater zu bezeichnen.*) Doch ist ein 
»Gros- Vater« auch ein rechter Vater, aber nicht unmittelbar.*^) 

*) 1951, Vers 7 (Z. a. 1740). — «) Apol. 176. — «) Kinderr. 282. — 
*) Apol.303, Kinderr. 68,70,234, 236, 415. — ^) Kinderr. 414. — •) Weiblich: 
Apol. 183, 176. Kinderr. 174, 197, 247, 826, 328, 362, 368, 383, 403, 41t); 
männlich: Apol. 223. BisexueU : Kinderr. 92.— ')Apol. 281.— ^ Apol. 229—233. 
— •) Apol. 281. — ") Apol. 282. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 108 

Die Dreieinigkeit ist frei von männlich^ weiblich und 
Kinderzeugen. ^) Doch besteht sie aus »Bräutigam und Vater 
und Mutter«.*) Trinitarisch verstanden ist das Kindergebet: 
»Wenn ich doch immer des himmlischen Vaters sein un- 
mündiges und der Mutter ihr Kind wäre, dem aug und herz 
rinnt, wenn es die Wunden und Beulen seines Freundes, 
Schöpfers und Mannes von ihr verklären hört.«*) 

Vom Menschen als Eheweib war schon die Rede. Auch 
die Oszillation zwischen der weiblichen und männlichen Rolle 
im Verkehre mit Jesus, dem an der Seite Verwundeten oder 
Jesus-Elisa, haben wir gewürdigt. 

Das Abendmahl bleibt nach wie vor die Umarmung des 
Mannes.^) Betont wird aber auch, daß der Fromme durch 
den gegessenen Leichnam Jesu der Sünde absterben müsse/) 

Die Sittlichkeit gründet sich ganz auf Jesu Person. Wir 
essen und schlafen nur, weil Er es will.®) Auch der Tugend- 
hafteste ist traurig, daß er ein verlorener und verdammter 
Mensch ist und ohne des Heilands Blut und Verdienst lebt.') 

Die Ehe bezieht ihre Heiligung aus Jesu Wunden.®) Sie, 
ist durch die Öffnung der Seite Jesu gleichsam gestiftet 
worden.*) So ist sie denn »eine Religion, i. e. eine Art eines 
Gottesdienstes in der Gemeine Chisti«.*^) Sexuelle Empfindung 
ist keine Sünde und Frigidität keine Gnade ; allein »weil nicht 
zu leugnen steht, dass die fleischlichen lüste eine tiefere Wurzel 
in den irdischen Gliedern haben, als die bloss geistlichen 
Sünden, die dann doch allemal die ärgsten und gefährlichsten 
bleiben : so kann die Heiligung und Bewahrung des leiblichen 
Grefäßes, und eine weißliche Diät bey Seelen, die die wahren 
Gr^itzen des demütigenden Glieder-Elends, und der auch in 
den Gliedern dominierenden Gnade des Verdienstes JEsu 
kennen, von sehr guten Effect seyn.«^0 Diese Ausführimg 
klingt freilich anders als die Rede vom »täglichen Gottesdienst«. 
(S. o. S. 82.) 



*) Apol. 182. — *) Ebenda. — ») Kinderr. 358. — *) Apol. 274. — «) Lond., 
1,312. — •) Loiid- !•> I- 427.— ») Bethell09.— ») Apol. 171. —•) Apol. 802. — 
— *•) Apol. 268. — ") Apol. 159. 



104 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Die Eindererziehong betrachtete auch f ürderhin als oberste 
Aufgabe die Ablösung der Libido von allen Menschen, be- 
sonders Vater und Mutter, und ihre Übertragung auf 
Jesus.*) 



Schluß: Zur Würdigung Zinzendorfs. 
1. BeligioDspsychologische Bemerkungen. 

Die Entstehung der Zinzendorf sehen Frömmigkeit ist i m 
ganzen für jeden Kenner der psychoanalytisch gewonnenen Tat- 
sachen vollkommen durchsichtig und verständlich. Nur wer von 
diesen Dingen nichts weiß, kann sich das billige Vergnügen 
des Kopfschütteins zu den im vorliegenden Essai angewandten 
Prinzipien der kausalen Verknüpfung leisten. Der Psychoana- 
lytiker sieht massenhaft ähnliche Vorgänge, wie bei Zinzen- 
dorf wahrzunehmen sind, am lebenden Menschen sich ab- 
spielen. 

Allerdings kann heute eine Frömmigkeit wie diejenige 
Zinzendorfs nur schwer auftreten. Wir verdanken das Her- 
vorbrechen der unentstellten Naturtriebe in diesen religiösen 
Manifestationen dem Umstand, daß man im XVIII. Jahrhundert 
von den Perversitäten der Homosexualität und Nekrophilie, 
des Sadismus und Masochismus nichts oder fast nichts wußte. 
Heute müssen diese Grundtriebe bei religiöser Sublimierung 
eine erhebliche Transformation eingehen. 

Als Hauptmotiv der Entwicklung Zinzendorfs zum reli- 
giösen Menschen erkannten wir die riesigen infantilen Sexual- 
verdrängungen, darin bestehend, daß ihm nicht nur die autero- 
tischen Betätigungen, sondern auch die Übertragungen auf 
Eltern und Geschwister oder ihre Surrogate unter schweren 
Qualen abgeschnitten waren, anderseits die Rezipienten einer 
Liebe zu Jesus, die auf ihn alles das projizierte, was dem 
Bedürfnis nach primärer Erotik vorenthalten wurde. 

») Z. B. Kinderr. 5. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 105 

Die sadistische Komponente des Sexus wurde übermäßig 
angeregt durch den dem Kinde auf Schritt und Tritt vorge- 
haltenen blutigen »Marter-Mann«, die masochistische durch 
die Verweigerung fast jeglicher dem kindlichen Bedürfnis an- 
gemessenen Freude. Dadurch entstand eine Involutio libidinis, 
die eine gewisse asketische Selbstquälerei zur psychologischen 
Notwendigkeit, bald aber zum subjektiven Bedürfnis und zur 
grausamen Wonne machte. Auch Zinzendorf machte aus der 
durch eine bedauerliche Jugend bedingten Unfähigkeit 
zu den meisten harmlosen Freuden eine höhere Form von 
verdienstlichem Leben, anders gesagt: Er machte aus 
der Not eine Tugend und besorgte damit, wie es bei unseren 
Neurotikern und in der Geschichte der religiösen Moral leider so 
oft vorkommt, die Geschäfte des Masochismus, der nun auf 
dem ehrwürdigen Boden der Frömmigkeit seinen Gelüsten 
frönt. 1) 

Gern kennten wir die genauen Bahnen, in denen Zin- 
zendorfs Entwicklung verlief. Leider sind uns die infantilen 
Phantasien, in denen so manche Analyse an lebenden Personen 
und in besonderen Glücksfällen bei Verstorbenen *) den Keim 
der gesamten späteren Geistesentwicklung nachweist, in 
unserem Falle verborgen. Besonders bedauern wir, die ersten 
AngstvorsteUungen (s. o. S. 6) nicht zu kennen. 

Und doch gehen wir nicht irre, wenn wir Zinzendorf 
wenigstens eine Phantasie beilegen, die er sicherlich in seinen 
ersten Kinderjahren kannte, da sie damals in keiner Kinderstube 
fehlte, geschweige denn im gräflichen Hause zu Hennersdorf, 
und die sich im wichtigsten Zentrum der Zinzendorf sehen Fröm- 
migkeit spiegelt. Es ist die Vorstellung von derErschaf- 
fung des Weibes aus der Rippe Adams (1. Mos. 2^^). 
Hier erscheint die geöffnete Seite des Mannes als Geburtsorgan .®) 
Wie nahe lag daher später die Übertragung dieser Vorstellung 

^) Vergl. meinen Au&atz : Die Psychanalyse als wiss. Prinzip u. seel- 
sorgerl. Methode, Ev. Freiheit 1910, Sep. Abz. 31 ff. — *) Vergl. Freud, Eine 
Eindheitserinnerung Leonardo da Vincis. 7. Heft dieser Sammlung. — *) Herr 
Professor Freud macht mich güti^t darauf aufmerksam, dafi das periphere 
Geburtsorgan in der Kindheit vielfach als Wunde betrachtet wird, was man 
aus den Träumen Erwachsener nachweisen kann. (Vgl. Freud, Traumdeutg. 142.) 



106 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

auf Jesus, den Paulus (z. B. 1. Kor. 1545) den zweiten Adam 
nennt! Hier begegnet uns auch Adam als androgynes Wesen 
wie bei Gtottlieb Arnold und so vielen anderen protestantischen 
Mystikern, die gleich Zinzendorf den direkten Sexualverkehr 
ablehnen. In der infantilen Provenienz der Vorstellung von 
der offenen Seite und von dem Androgynismus fänden wir somit 
eine Hauptursache, weshalb sich die sadistische Komponente 
der Zinzendorfschen Sexualität mit so enormer Überbetonung auf 
diese Objekte warf . Dazu stimmt vorzüglich, daß der Höhlchen- 
kultus seinen Maximalgrad damals erreichte, als infolge ver- 
mehrter Sexualverdrängimg und geschwächter Zenmir eine 
stärkere Triebstauung und daher eine rückläufige Bewegung 
nach den infantilen Bahnen hin entstand. Das zeitliche Zu- 
sammentreffen der Infantilismen des Stils (besonders der Dimi- 
nutiva) und des Höhlchenkultus, sowie der chargierten Andro- 
gynie Jesu ist damit erklärt. 

Des Grafen Nekrophilie dürfte auf die infantilen 
Affekte zurückgehen, welche die Vorstellung vom toten Vater 
und vom gestorbenen Heiland in der starken homosexuellen 
Komponente des Knaben auslösten (s. o. S. 49). 

Da jedoch das Kind offenbar eine außergewöhnlich in- 
tensive, aber normale bisexuelle Beanlagung mitbrachte, 
mußte es sich auch sein heterosexuelles Liebesobjekt verschaffen. 
Dem Katholiken hätte Maria aus der Not geholfen. Der Pro- 
testant klammerte sich in jener Zeit, wie wir hörten, an die 
himmlische Sophia (s. o. S. 16 f, Gichtel, Arnold u; a.) oder 
er verfiel einer introversio oder conversio libidinis oder er 
entschied sich für Primärerotik und evangelische Überleitung 
in Nächsten- und GottesUebe. Damit verpaßte er die Süßigkeit 
des Madonnenkultus, aber er entging auch der Gefahr miß- 
glückter Verdrängungen, welche in Katholizismus und Pro- 
testantismus soviel Unglück anrichteten. 

Der Graf ging seinen eigenen Weg. Anfangs genügten 
seinem heterosexuellen Bedürfnis Tante, Großmutter und 
Mutter, sogar bis zu vollendeter Pubertätsentwicklung, da er 
alle periphere Sexualbetätigung verdrängte. Was sollte nun 
aber geschehen, wenn auf der einen Seite die Libido mit Ein- 



LUDWIG VON ZINZENDOHF. Ii07 

Schluß aller ethischen Kräfte auf Jesus projiziert war, ander- 
seits der Trieb nach dem Weibe sich trotz aller Gegen- 
bemühungen heftig regte ? Zinzendorf schloß das Kompromiß, 
das seine Frömmigkeit und Ethik maßgebend bestimmt: An 
seiner libidinösen Übertragung auf Jesus hielt er zähe fest 
und stellte die Ehe als Mandat des Heilands hin. Dabei je- 
doch konnte dem Weibe keine direkte Geschlechtslust zuge- 
wandt werden, weil die frühere Verdrängung bereits den Damm 
einer involutio libidinis gegen sie aufgeworfen hatte. Somit 
erhielt die Gattin von den normalen primären Sexual- 
beziehungen nur die peripheren Verrichtungen, während die 
ihnen parallellaufenden Vorgänge in der Seele des Mannes 
sich Jesus zuwandten und vor allem die Lustgefühle auf ihn 
sich bezogen. Auf diese Weise wurde die heterosexuelle Kompo- 
nente gestaut, und die homosexuelle mußte überwuchern, 
selbst wo sie sich in das religiöse Gewand der Jesusverehrung 
hüllte. Wir werden uns daher nicht wundern, daß die ver- 
drängten polymorphen Partialtriebe sich in die Religion flüchten 
und dort aufs häßlichste austoben. 

Von wirklicher Gattenliebe darf bei dieser Differenzierung 
nicht geredet werden. Auch konnte eine Befriedigung des 
erotischen Bedürfnisses nicht eintreten, weshalb die primäre 
Libido in stetiger Gereiztheit zurückblieb {vergl. der »tägliche« 
Gottesdienst des Ehe-Bettes o. S. 82), und das sexuell natura- 
listisch ausgemalte Phantasieleben jene Erhitzungsgrade er- 
reichte, die zu religiösen Orgien führte. Wir sehen aus 
diesen Prozessen, daß es innerhalb der verschiedenen 
Schichten der Triebfunktion ebenso Vordrängungen geben 
kann, wie bei den Zuweisungen an ein anderes Funktions- 
niveau oder eine andere Schicht des Bewußtseins. 

Die eigentümliche Verdrängung der Libido und ihre 
Sublimierung auf den androgynen Jesus führte in Verbindung 
mit äußeren Erlebnissen zu einer auffallenden Polarisation 
der Erotik, und zwar hinsichtlich des Subjektes wie des 
Objektes. Ich will die Entwicklungsgänge dieser Erscheinung 
nicht einzeln schildern, sondern begnüge mich mit dem Hinweis 
auf das^ Ergebnis. Im erotischen Verkehre mit dem Heiland 



108 DIE FRÖMMIQEEIT DES GRAFEN 

treten die sadistische und die masochistische Komponente einan- 
der gegenüber, Zinzendorf selbst fühlt sich und handelt bald als 
Weib (anima, braut, Ehegattin), bald als Mann (Höhlchenkultus) ; 
bald als Kind (aus der Seite geboren), bald als Glied des 
Ehebundes (Eheweib oder männlicher Faktor der Umarmung) ; 
bald als vorwiegend homosexuelles Wesen (in der Beziehung 
auf Jesus), bald als heterosexuelles im Genuß der Mutter- 
schaft des heiligen Geistes, sofern die starke Sehnsucht nach 
der Mutter und ihre Bevorzugung vor dem Vater auf der- 
artiges infantiles Empfinden zurückgeht. Dabei überwiegt je- 
doch die sadistische Komponente über die masochistische, die 
konjugale Liebe über die des Kindes zur Mutter, die homo- 
sexuelle Triebrichtung über die heterosexuelle. 

Von diesen Differenzienmgen dürften in frühe Kindheit 
zurückgehen und bis ins Alter angehalten haben die zwischen 
Sadismus und Masochismus so wie die zwischen Homo- und 
HeteroSexualität. Dagegen ergab sich eine andere Differen- 
zierung erst im Laufe der Entwicklung. Dem Kinde ersetzte 
Jesus Eltern und Altersgenossen, also Freund und Geliebte, 
wobei das Elternsurrogat überwog. Dagegen spricht durchaus 
nicht, daß schon Zinzendorfs erstes Lied sadistisch-masochisti- 
sche Züge an Jesus betätigt. Die Psychoanalyse hat in zahl- 
reichen Fällen nachgewiesen, daß die Mutter vom Kinde selbst 
als Geliebte gefaßt und behandelt wird. Ich habe diese schwer 
glaubliche These Freuds so oft bestätigt gefunden, daß sie 
für mich nicht bloß Wahrscheinlichkeit besitzt. Später diffe- 
renzierte sich die Beziehung zu Jesus derart, daß dieser mehr 
die respektive der Geliebte wurde und nur historisch, für die 
einstige Geburt Vater- und Mutterbedeutung übrig behält. 
Dabei ist Jesus in bezug auf die Gegenwart und das eroti- 
sche Verhalten vorzugsweise die Geliebte, indem die aktive 
Homosexualität (besonders im Höhlchenkultus) die passive 
überwiegt. Aber ebenso ist Jesus gegenüber der Genese 
mehr der Vater, Schöpfer, Erzeuger, während Jesus als 
Mutter (das Geburtsorgan des Höhlchens) mit seiner ein- 
maligen Funktion des Gebarens mehr nur beiläufig gewürdigt 
wird. (In der Vermeidung des Mutternamens für Jesus sieht 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 109 

man wieder den Einfluß der Verdrängung.) Anderseits ließ 
die Differenzierung Jesu zur Geliebten die Stelle der Mutter 
frei werden. Den leeren Posten füllt aus der Heilige Geist, 
der nun — eine Art Gegenstück zu Jesus — ebenfalls in 
erster Linie weibliche und erst im nur einmal betätigten 
Nebenamt als Erzeuger Jesu männliche Natur trägt und in 
die Rolle des Großvaters einrückt. 

Daß Zinzendorf selbst den sexuellen Charakter seines 
religiösen Erlebens nicht kannte, muß ebenso betont werden 
wie die Tatsache, daß diese Erlebnisse nicht nur als reine 
Sexualfunktionen zu verstehen sind. Vielmehr glaubte der 
Graf das natürliche Triebleben völlig verdrängt zu haben — 
wiewohl ihm schon die Brauchbarkeit der religiösen Irritation 
für den Geschlechtsakt die Augen hätte öffnen müssen, wenn 
nicht diese Erkenntnis für ihn peinlich gewesen wäre. Ander- 
seits übernahm unser Analysand in seine Frömmigkeit eine 
Menge historischer und religiöser Stoffe, deren Gehalt seinen 
eigenen Besitz turmhoch überragte. Aber freilich wußte er 
sie so gewaltsam umzudichten und in den Dienst seiner Kom- 
plexe zu stellen, daß ihr Eigenwert verloren ging. 

2. Ethische Würdigung. 

Volle Anerkennung verdienen Zinzendorfs Energie, 
Arbeitsfleiß, Treue gegen die erkannte Pflicht. Eine Tat, 
deren welthistorische Größe wir kaum überschätzen können, 
war die Vereinignng verschiedener Konfessionen in seiner 
ecclesiola. Zinzendorf hat zu seiner Zeit eine Duld- 
samkeit geübt, für die ihm die Nachwelt fort und 
fort die tiefste Dankbarkeit schuldet. Von ihm 
stanmit das schöne Wort: »Wir sind nicht gleich berechtigt, 
jemanden eines Irrtums darum zu zeihen, weil er anders 
denckt, oder redt, als wir; sondern die Demuth lehrt uns 
zufrieden seyn, wenn man nur uns erlaubt, bey der erkanten 
Wahrheit zu bleiben und sie zu behaupten. Wir wären grob 
und stolz, wenn wir andere darum verwerfen wollten, weil 
sie anders denken.«*) Ein erfreuliches Wort — aber Luther 
hätte viel wuchtiger geredet! 

») Apol. 441. 



110 DIE FBÖHHIGKEIT DES GRAFEN 

Es wäre jedoch ungerecht, Zinzendorfs Schattenseiten 
zu verschweigen . VonSchrantenbach, der enthusiastische 
Verehrer des Grafen, sieht sich zu folgendem Geständnis ge. 
nötigt: »Eine gewisse, unterweilen bedenkliche, Verdacht 
schöpfende Politik, eine tiefe Dissimulation, eine gewisse Zärt- 
lichkeit unterweilen für seine Autorität, die Niemand ihm 
bestritt, ein Wegwerfen gewisser Dinge, die noch geworfen 
werden sollten; — waren in ihm liegende Züge des Cha- 
rakters.«^) Die neueren Historiker der Brüdergemeine, Männer 
voll Pietät und Objektivität, geben ihm durchaus Recht. 

Ich will versuchen, diese und andere hieher gehörige 
Eigentümlichkeiten in ihrem Zusammenhang mit Zinzendorfs 
Entwicklung verständlich zu machen. 

Zuvor jedoch eine prinzipielle ethische Bemerkung. 
Daß Zinzendorf die Gebrechen der supranaturalistischen 
Sittenlehre ins Absurde vergröbert hat, wird kein nachkanti- 
scher Ethiker bestreiten wollen. Unser Analysand vertritt in 
seiner Monopolisierung des Sittlichen zu Gunsten Jesu einen 
kraB heteronomistischen Standpunkt, der keinen ent- 
schiedeneren Gegner kennt als den, der gesprochen hat : »Was 
heißest du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein!« 
(Mark. lOja.) Femer bewirkt die ungesunde dualistische Orien- 
tierung des Grafen eine derartige Entwertung des Erden- 
lebens, daß das Sittliche seine selbständige Würde verliert 
und hinter dem Kultus weit zurücksteht; während Jesus 
gerade die Beziehung von Mensch zu Mensch als den höchsten 
Gottesdienst erkannte und den Eultusapparat zurückschob 
(z. B. Math. öja). Gleichzeitig wurde durch Zinzendorf der 
geistige Horizont in kulturfeindlichem Sinne verengert, so 
daß das Leben verarmte. Endlich tritt an die Stelle eines 
ernsten sittlichen Strebens die erotische Ausschweifung, die 
im Reiche der Religion die rohesten Perversitäten ohne die 
leiseste Sublimierung austoben läßt, ja diese Bacchanalien 
zum Ziel und Ideal des gesamten Lebens macht. 

Die Unfähigkeit, sein Triebleben ethisch zu sublimieren, 
blickt denn auch bei Zinzendorf aus zahlreichen Zügen hervor. 

^) Schrautenbach 47. 



LUDWIG VON ZINZ£NDORF. 111 

Zum sittlichen Charakter im vollen Sinne des Wortes hat er 
sieh nioht entwickelt. Wie wenig er die Ehrfurcht vor der per- 
sönlichen Verantwortlichkeit kannte, beweist seine Vorliebe 
für das Los, diese Bankerotterklärung des Pflichtgefähls. 
Der ünwahrhaftigkeit war er zeitlebens verfallen : Unaufrichtig 
bestreitet er gegen Baumgarten die Anwendung des Loses bei 
Ehegründungen (s. o. S. 81 ff.)i im Gegensatz zu den Tatsachen 
bestreitet er seine Mitschuld an den »Sichtungsvorgängen«, 
hart züchtigt er andere, z. B. den harmlosen Renatus, während 
mit ihm, Zinzendorf, der Heiland zufrieden sei!^) Unlauter 
klagt er sich 1753 an, daß er sich dem Unwesen nicht mit 
genügendem Eifer widersetzte,*) wo er doch das ganze Treiben 
provozierte und trotz des Protestes der Gegner und trefflicher 
Anhänger die längste Zeit protegierte! In England beruft er 
sich auf das Zeugnis der Tübinger Fakultät, das ihm für 
rechtgläubig erkläre, während unterdessen ein neues Zeugnis 
das frühere umgestoßen hatte') u. s. f. 

Fast noch mehr tritt hervor Zinzendorfs Mangel an 
wirklicher Menschenliebe. Seine sinnliche Liebe zum Heiland 
flammte in derartiger Eifersucht, daß für Jesus als sittlichen 
Helden und verkörperte Nächstenliebe, sowie für die Neben- 
menschen kein Gehör, keine direkte Sympathie übrig bleiben 
konnte. Daher war ihm auch kein sonniges, herzliches 
Familienleben möglich. Gegen seine Gemahlin war er höflich, 
aber kalt; wir wissen, wie er sich jahrelang von ihr fem 
hielt. Den Untergebenen begegnete er herrisch; mit niemanden 
war er familiär.*) Während er mit seiner Demut prahlte, 
war er in Wirklichkeit zu Aufschneiden und Selbstruhm ge- 
neigt.^) Mit Schulden überladen, läßt er sich aus englischem 
Geld ein herzogliches Schloß für 75000 Taler herrichten.«) 
Gern spielte er im Namen Jesu den strengen Despoten, ')ja Papst.®) 
Wegen Kleinigkeiten bricht er in maßloses Schelten aus, z. B. 
weil eine Bank ungeschickt gestellt ist.^) Bei einer Abschieds- 
feier löscht nach dem Singen der Lieder ein Diener zufällig ein 

1) Sp. 1633. — *) Sp. 1941. — ») Plitt,II,32. — *) Schrautenbacsh 52. — 
«) Schmidt 37. — •) 46. — ') Ritschi, III, 362 ff. — ») 380 f. — •) Riteohl, 
369. 



112 DIE FRÖMMIOKEIT DES GRAFEN 

Licht aus; Zinzendorf hält hierauf statt der erbaulichen Rede 
eine heftige Dissertation über die Koboldstreiche der Diener 
und Qemeinangelegenheiten. ^) Selbst seine nächsten Vertrauten 
konnten wegen der Zornausbrüche nicht zu Worte kommen 
und berechtigte Beschwerden anbringen.*) Doch konnte er 
sich gelegentlich auch zum Bekenntnis eines Fehlers herbei- 
lassen.') Großartige Opfer bringt Zinzendorf namentlich in 
ökonomischer Hinsicht seiner Gemeine ; allein bei seiner Welt- 
und Oeldverachtung wird man auch diese Leistungen nicht 
auf die Rechnung der Menschenliebe setzen können. Die Art, 
wie der Graf die Kinder mit seiner Frömmigkeit mißhandelte, 
den Eltern entzog, mit Angst- und Todesgedanken sowie 
Martervorstellungen quälte, so daß man sie nachts über Jesu 
»Liebe« weinend antraf, ist beinahe als ein Verbrechen an der 
Jugend zu bezeichnen.^) 

So rächte sich bei Zinzendorf, wie wir es so oft bei 
Neurotikern beobachten, die asketische Vergewaltigung der 
Natur durch beträchtliche Verkürzung des sittlichen Gehaltes 
und der sittlichen Leistungsfähigkeit. 

S. Religionshistorische Beleachtang. 

Es ist im höchsten Grade auffallend, daß in Zinzendorfs 
Frömmigkeit diejenigen Vorstellungen wieder auftauchen, die 
in primitiven Religionen und antiken Mysterienkulten die Ver- 
einigung von Mensch und Gottheit ausdrücken. Das Rätsel 
löst sich dadurch, daß wir auch die mystischen Begierden 
Zinzendorfs wie die der Naturvölker und der Verehrer des 
Mithras, Attis, Dionysos, der großen Mutter, der Isis und 
ähnlicher Gottheiten als Infantilismen auffassen, also auf 
kindliche Träume und Begierden zurückführen. So liefert 
unser Explorand einen neuen Beitrag zu Jungs Satz, daß im 



») Schmidt 38. — ») Sp. 1771 u. ö. — ») Hase 95. — *) Die 
Brüdergemeine hat sich mit gesundem Instinkt Yon Zinzendorf Lieblingsideen 
[bei ihrer erzieherischen Tätigkeit] getrennt. Daß sie einen »Gottfried Käm- 
pfer« heryorbrachte, beweist schon an nnd für sich ihr pädagogisches Fein- 
gefühl. Doch geht sie noch immer zu weit in der Geschlechtertrennung und 
Abkehr yom realen Leben. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 118 

Psyohoneurotiker häufig geistige Gebilde neu erstehen, die 
in längst überwundenen Entwicklungsphasen das Denken be- 
herrschten. 

Albert Dieterich, der leider so früh verstorbene aus- 
gezeichnete Religionshistoriker, der ahnungslos so viele glän- 
zende Bestätigungen der psychoanalytischen Religionstheorie 
lieferte, unterscheidet drei Stufen, auf denen im Laufe der 
Entwicklung der Mensch die Vereinigung mit seinem Numen 
anstrebte: 1. Das Essen des Gottes, 2. die körperliche Ver- 
mischung mit ihm, 3. das sich von ihm Gezeugt- oder Geboren 
Wissen.*) 

Alle drei Formen finden sich bei unserem Grafen. Das 
Essen des Gottes, diese Ȋlteste Anschauungsform der Einigung 
mit Geistigen, der Gewinnung geistiger Eigenschaften«*) ist 
in der nekrophagen Abendmahlslehre wie bei Luther ver- 
treten. Meine bisherige psychoanalytische Erfahrung hat mir 
die Wurzeln dieser in der antiken und christlichen Religions- 
geschichte mit so Ungeheuern Affekten ausgestatteten Praxis 
noch nicht enthüllt. Es scheint mir denkbar, daß die Trieb- 
federn einerseits in der infantilen Begierde nach der Mutter- 
brust, anderseits in jener bei gewissen Perversitäten kraß 
hervorbrechenden Komponente des Sexuallebens liege, die 
bei normaler Verdrängung sich äußert in vulgären Aus- 
drücken, wie : »Ich hab' dich zum Fressen gern, du bist mir 
zum Anbeißen lieb« u. dgl. Jedenfalls ist aber der erotische 
Hintergrund der lutherischen Abendmahlslehre unverkennbar. 

Die zweite Stufe Dieterichs, die geschlechtliche Ver- 
bindung mit der Gottheit, ist diejenige, die Zinzendorf weit- 
aus am stärksten fesselte. Während eine feinere Religiosität 
jedoch diesen sinnlichen Charakter abstreift, bleibt der Ordi- 
narius fratrum an sie gebunden. Weil er sich die normale Ge- 
schlechtsbefriedigung versagte, betätigten sich die durch 
einen abstrusen ehelichen Verkehr gereizten Sexualkompo- 
nenten in unmäßigen Ausschweifungen im Zentrum des reli- 
giösen Lebens. Damit verurteilt sich Zinzendorf in die Nähe 
der unzähligen Frommen, die von Unwissenden als Wunder 

^) Dieterioh, Eine MithrasUturgie, 95 ff., 121 ff., 184 ff. — >) a. a. 0. 101. 
Pill t er, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Ziniendorf. 8 



It4 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

der Frömmigkeit angestaunt und verehrt werden, bei ge- 
nauerer Betrachtung ihres seelischen Zustandes aber sich als 
widerliche, religiös und sittlich ekelhafte Persönlichkeiten 
herausstellen, selbst wenn die Eirchengemeinschafti deren ge- 
fährliche, unevangelische Moral sie in Verbindung mit schlim- 
men Lebenserfahrungen in ihr Elend stieB, sie mit einem 
Heiligenschein beschenkte. 

Die dritte Phase ist bei Zinzendorf in seltsamer Ähn- 
lichkeit mit dem alten Mysterienglauben ausgebildet. Meistens 
erscheint die Gottheit als Vater, oft aber auch als Mutter.^) 
Schon die altchristliche Kirche kannte die Lehre von der 
»Mutterschaft des Heiligen Oeistes«, überließ sie aber den 
Häretikern.^) Sogar die Tatsache, daß die Seele von Zinzen- 
dorf als weiblich gedacht wird, findet ihren Vorläufer in an- 
tiken Ideen: Dem Gott gegenüber war der Myste 
weiblich.») 

Die Denkweise der antiken Mysterien war der christlichen 
Kirche niemals gänzlich fremd. Besonders in den Sakramenten 
der Taufe und des Abendmahls wirkten analoge Bedürfnisse 
und Komplexbefriedigungen nach.^) Bei Zinzendorf aber ist 
bemerkenswert, daß seine Komplexe fast ohne jegliche ent- 
gegenkommende Tradition, sozusagen autochthon die nämlichen 
religiösen Gedanken und Gefühle schufen. 

Wir fassen noch kurz die Stellung unseres Analysanden 
zu den Prinzipien des Christentums ins Auge. 

Mit Unrecht hält sich Zinzendorf für einen Geisteserben 
Jesu. Letzterer führte allerdings die Liebe ins Zentrum des 
Lebens, ins Herz der Religion und Sittlicheit ein und überwand 
damit Angst und Zeremonialismus, welche die national bedingte 
Sexualverdrängung seinem Volke eingetragen hatte. Auch 
Zinzendorf erhob die Liebe zur alleinigen Trägerin der 
Frömmigkeit, aber wie ganz anders als sein Meister! Jesus 

1) a. a. O. 141 ff. -^ «) a. a. O. 139 ff. — ») Dieterich 124. — 
*) Die Geschichte der Taufe bestätigt yollauf die Behauptungen, die 
Otto Rank in seinem Büchlein »Der Mythus von der Geburt des Helden« 
(Heft 5 der Schriften zur angewandten Seelenkunde) begründet Die Taufe 
ist seit Paulus bis auf Luther ein geboren werden aus dem Wasser, genau 
wie im Mythus der Held aus dem Wasser stammt. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. HB 

hat die primäre Sexualität keineswegs in Verruf erklärt. Er 
betont kräftig und ohne die geringste Prüderie, daß die Ehe- 
gatten ein Fleisch seien (Matth. 19^), er lebte so harmlos, daß 
ihn die Asketen seinerzeit einen Fresser und Weinsäufer 
nannten (Matth. llij). Allein er verhinderte die Alleinherrschaft 
und Despotie des Animalischen, indem er durch sein Oebot 
der Selbstverleugnung so viel Sexualität in Nächstenliebe und 
Gottesliebe überleitete, als nötig war, damit der Mensch sich 
zur geistig vollwertigen Persönlichkeit und zum gesunden 
Glied am Organismus der Menschheit entfalte. Jesu Parole 
lautete im gewissen Sinne: »Zurück zur Natur!« — aber 
weder zur rein animalischen, noch zur kulturfeindlichen 
Natur ; darum entspricht seinem Ideal nicht der Priester und 
Pharisäer, sondern das Kind Gottes, das frei und froh der 
Menschheit dient in der Gewißheit, daß es damit die Sache 
des höchsten die Welt führenden Willens fördert. Freiheit, 
Freude, die Hoffnung auf eine von Wahrheit, Gerechtigkeit 
und Liebe durchgeistigte Menschheit bilden die Signatur seines 
ethischen Ideals. Gott ist für ihn der väterliche Wille, den 
sein Zukünftsglaube, sein ethisches Ideal als Realgrund vor- 
aussetzen muß, damit es nicht in der Luft schwebe. Als Ga- 
rant des Lebens in freier universeller Liebe ermöglicht Gott 
die maximale ethische Eraftentfaltung zur Bildung der höch- 
sten sittlichen Persönlichkeitswerte und sozialen Kräfte. Die 
Religion gibt dem sittlichen Leben Glanz, Sicherheit, jene 
Fülle von Kraft, die Jesus zum größten ethischen Reformator 
der Weltgeschichte, noch mehr, zur gewaltigsten lebendigen 
Kraftquelle gemacht hat. Gerade die Psychoanalyse, die uns 
zeigt, wie wir in erster Linie nicht von abstrakten Ideen, 
sondern von Liebeskräften und damit von geliebten Personen 
abhängen, gibt uns das rechte Verständnis für die Sehnsucht 
der Anima christiana nach Jesus. 

Wie jammervoll hat Zinzendorf diesen grandiosen Auf- 
bau geschändet! Indem er die primäre Sexualität ächtet, fällt 
er in Angst, Weltverachtung, Überschätzung der Zeremonie, 
Entwertung des Ethos zurück. Statt die Primärerotik in den 
Dienst des sittlichen Ideals zu stellen und damit zu heiligen, 

8« 



116 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

treibt er ihre niedrigsten Eomponenten, die sadi- 
stischen und masoohistischen Gelüste, die homo- 
sexuellen Begierden, die polymorph perversen^ 
die Sinnesorgane einzeln reizenden Triebe etc. 
ins Innerste der Religion und feiert in Form fiber- 
betonter Phantasien die unschönsten Orgien, die 
selbst aus der aufgenötigten Reserve des Alters widerlich her- 
vorschimmern. So verwüstet er die sittliche Schönheit des 
christlichen Ehelebens ebenso wie die der Frömmigkeit Jesu 
und verrennt sich in die höchst minderwertige ethische Situa- 
tion, die wir bereits kennen lernten. Zusammenfassend müssen 
wir bekennen : Zinzendorf hat die Religion auf das Häßlichste 
sexualisiert, der Sittlichkeit aber alle, auch die sublimierte 
Libido entzogen und sie total entwertet. So verfiel der Graf 
trotz redlichen Strebens dem tragischen Geschick, ein Ver- 
derber der Sittlichkeit und der Frömmigkeit zu sein. 

Es schmerzte wohl manchen Leser, daß Zinzendorf bei 
unserer Beleuchtung verlor. Dies ist nicht nur bei psychoana- 
lytischer, sondern bei jeder kritisch ehrlichen Untersuchung 
der Fall. Der Religionspsychologe kann sich des Eindringens 
in intime Verhältnisse nicht entschlagen. Der verständige 
Theologe wird sich durch Zinzendorfs Mängel die Freude an 
seinen positiven Leistungen nicht rauben lassen. Manches 
wirklich schöne Lied bleibt auch modernen Christen lieb.^) 

') übrigens sind die heute unter Zinzendorfs Namen gebräuchlichen 
Lieder nur zum Teil Werke des Dichters, dem sie zugeschrieben werden. 
Eines der bekanntesten beginnt z. B. in der seit Albert Knapp benütztan 
Form: 

»Herz und Herz vereint zusammen, Sucht in Qottes Herzen Ruh'; 
Lasset eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu! Er das Haupt, wir 
seine Glieder; Er das Licht, und wir der Schein; Er der Meister, wir die 
Brüder; Er ist unser, wir sind sein.« (Knapp, Et. Liederschatz 1127i.) 

Im Original dagegen steht: 

»Herz und herz vereint zusammen, sucht in GOttes herzen roh, keusche 
liebes-geistes-flammen lodern auf des Lämmlein zu; das vor jenes Alten 
throne in der blut-rubinenpracht, und in seiner unschuldskrone sich den 
seinen herrlich macht« (885i). 

Die zweite Hälfte der Knappschen Version stammt aus Strophe 2 des 
Originals: »Er das Haupt . . . wir der Schein: bringt er Canaan herwieder 
ey I so nahmen wir es ein.« 



LUDWIG VON ZINZENDORF, 117 

Zinzendorfs Predigt der religiösen Duldsamkeit und Brüder* 
lichkeit in einer Zeit der Verketzerungssucht, die Betonung der 
Frömmigkeit als inniger Liebe, nicht bloßer Dogmatik und 
Moral, die grandiose Perspektive auf die Menschheit bleibt 
uns groß und ehrwürdig, auch wenn die Gefäße, in denen 
Zinzendorf seine Schätze trug, uns widerlich sind. Ich bekenne 
frank und frei, daß noch manche Kirche von der Milde, Weit- 
herzigkeit und Innigkeit der Brüdergemeine viel zu lernen 
hat, auch wenn die pietistische Abschließung von der Welt, die 
in geschlossenen Gemeinen noch immer übliche Beaufsichtigung 
des Ehelebens, die Vernachlässigung mancher Eulturinteressen 
ihre ernsten Gefahren bergen. 

Um Zinzendorf gerecht zu werden, muß man sich daran 
erinnern, daß er noch keineswegs die häßlichsten und un- 
sittlichsten Formen christlicher Religionsverirrung darstellt 

Einige andere Abweichungen in demselben Liede: 

Knapp : Zinzendorf : 

»So hat Jesus uns geliebet, »So hat uns der Freund geliebet, 

Als er für uns gab sein Blut.«8 so zerschmolz er dort in blut.«« 

»Einer reize doch den Andern, »Einer reize doch den Andern, 

Kindlich, leidsam und gering, seinem blutbefreundten Lamm 

Unsrem Heiland nachzuwandern, yor das lager nachzuwandem 
Der für uns am Kreuze hing. «4 (Hebr. ISis), ^^ ^or uns zur 

Schlachtbank kam.«« 

Von Knapp ist ausgelassen worden: 

»Nichts, als nur des Braut 'gams stimme sey die regul unsrer that, weil 
er nicht mit löwen-grimme uns in staub getreten hat, sondern mit gehäuften 
strömen seines bluts den zom ertränkt. Ey! wer will sich nicht bequemen, 
daß er sich ihm wiederschenkt« (8860). 

Das Sterbelied »Die Christen gehn Yon Ort zu Ort« zeigt u. a. folgende 
Varianten : 

Knapp : Zinzendorf : 

»Wie seyd ihr doch so wohl gereist! »Wie seyd ihr doch so wohl gereist. 

Gelobt sey'n eure Schritte! gelobt seyn eure schritte! 

Du friedoYoU befreiter Qeist, du aUbereit befreiter geist, 

Du jetzt verlassne Hütte! du iezt yerschlossne hütte, 

Du, Seele, bist beim Herrn; den nährt der bräutigam 

Dir glänzt der Morgenstern. mit sanfter liebesflamm, 

Eure OUeder deckt mit sanfter Ruh' die dekt bey ungestöhrter ruh 

Der Liebe stiUer Schatten zu« (2887t.)- der liebe stiller schatte zu« (677t). 



118 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

und daß er kein Heuchler oder Wüstling, wohl aber das 
Opfer einer verfehlten Erziehung und einer an bizarren Ge- 
schmacklosigkeiten überreichen Zeit war. Weit mehr zu 
bedauernde Erscheinungen weist die Religiosität vieler 
katholischer Heiligen auf, ^) ebenso die protestantische Sekten* 
geschichte. Erst die Psychoanalyse gibt uns den Schlüssel 
zum psychologischen Verständnis und zur erfolgreichen thera* 
peutischen Behandlung derartiger Phänomene. Sie auch schärft 
uns den Blick für den Segen einer gesunden, die höchsten 
Lebensgüter und die gewaltigsten ethischen Energien er- 
zeugenden Religion. Das Christentum kann durch die psycho- 
analytische Forschung nur gewinnen, weil seine Lebenskraft 
in der Wahrheit gegründet ist. 



') Vergl. meinen obenerwähnten Aufsatz. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 119 



Literaturverzeichnis. 

Von Zinzendorf wurden benützt (die Abkürzung steht in Klammem): 

Tagebuch 1716—1719. Zschr. f. Brüdergesch. I (1907) 113—291, II (1908) 
81—117. 

SehlÜBsel zur HeU. Sohrift. 1781. 

Teutsoher Gedichte erster TheU. 1785 [T. G.]. 

Berlinische Reden. (1788 gehalten) 1758. 

(Anonym) Inhalt derjenigen Reden, welche in Berlin in denen Abend-Stunden 
sonderlich für die Manns-Personen gehalten worden. 1788. 

(Anonym) Inhalt einiger Reden, welche im Jahre 1788 in Berlin an die Frauens- 
personen daselbst gehalten worden. 1788. 

Sonderbare Gespräche zwischen einem Reisenden und allerhand anderen Per- 
sonen von allen in der Religion vorkommenden Wahrheiten. 1789 [Pas- 
sagier]. 

Jeremias, ein Prediger der Gerechtigkeit. 1740. 

Eine Predigt vom Geheimniss der Religion. 1740. 

Kleine Schriften, 1740. [Kl. Sehr., 18 TeUe, zus. 1869 S.] 

Erwartete Erklärung 1740 [Erklärung]. 

Geheimer Briefwechsel des Herrn Grafen v. Zinzendorf mit denen Inspi- 
rierten 1741. [Briefwechsel]. 

Ghristliches Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeinen von 1785 zum 
drittenmal herausgegeben. 1741. 
Zweiter Teil: Anhänge, daraus besonders wichtig: 
9. Anhang 1741 (Nr. 1871—1527). 

10. Anhang 1741 (Nr. 1528—1681). 

11. Anhang 1742 (Nr. 1682—1862). 

12. Anhang 1745 (nach Spangenberg 1610) (Nr. 1868—2156). 
Dazu: 1. Zugabe 1746 (laut Vorwort) (2157—2201). 

2. » 1746 od. 1747 (2202—2276). 
8. » 1747 (laut Vorwort) (2277—2818). 
4. » 1748 (laut Nachwort) 2814—2857). 
[Zahlen beim zitierten Vers gehen auf diese Sanmüungen, denen nur durch 
Spangenberg, Lelong oder Zinzendorf selbst beglaubigte Lieder entnommen 
wurden, wo nichts anderes bemerkt ist.] 
Theologische und dahin einschlagende Bedencken. 1742 [Bedenken]. 
Sieben letzte Reden, vor seiner abermaligen Abreise [1741] nach Amerika ge- 
halten, 1748 [Sieben Reden]. 



180 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN 

Eine Sammlung öffentlicher Reden von dem HErrn der unsere Selifi^eit ist 

und über die Materie yon seiner Marter. In dem Jahre 1742 mehrentheils 

in dem nordlichen Theil von Amerika gehalten. Zwei Theile. 1844. 

[Penn8.R.]. 
Siegfrieds bescheidene Beleuchtung des von Herrn D. Baumgarten gefäUten 

Urtheils. 1744 [Siegfried]. 
Die gegenwärtige Gestalt des Crantz- Reichs Jesu in seiner Unschuld. 1746 

[Greutzr.]. 
Die an den Synoden der Brüder in Zeyst yom 11. May bis den 21. Junii 1746 

gehaltene Reden [Zeyst]. 
IIEPl EATIOT. Das ist: NatureUe Reflexiones über allerhand Materien. 

(12 Stücke. 1746—1749) [11. fc.]. 
84 Homiliae über die Wunden-Litaney der Brüder, gehalten auf dem Herren- 
haag in den Sommermonathen 1747 von dem ordinario fratrum. [Hom. 

Wund.] (Spangenbergs Register gibt unrichtig das Jahr 1744 an.) 
21 DlBcurse über die Augspurgische Oonfession, gehalten vom 16. December 

1747 bis zum 8. Mart. 1748. [Augspurger D.] 
9 öffentliche Reden, gehalten zu London. 1748. 
Anhang der übrigen Brüder-Lieder seit 1749 (1766). 
Missiye an alle Directorien der Brüdergemeinen, d. d. 29. Jan. 1749. Hand- 

schriftl. Kopie. 
Darlegung richtiger Antworten auf mehr als 800 Beschuldigungen gegen den 

ordinarium fratrum. 1761. (Fragen von Spangenberg, Antworten Ton Zin- 

zendoif) [Darlegung]. 
Apologetische Schlufi-Schrift, worinn über tausend Beschuldigungen gegen 

die Brüder-Gemeinen und ihren zeitherigen ordinarium beantwortet 

werden. 1762. [Apol.] (Fragen ron Spangenberg, Antworten von Zincen- 

dorf.) 
Einiger seit 1751 von dem ordinario fratrum zu London gehaltenen Predigten 

Erster Band. 1766 [London, I]. 
Einige Reden, Tomehmlioh 1766 zu Bethel gehalten. 1768 [Bethel]. 
Sanmüung einiger yon Aimo 1756 bis 1767 gehaltenen Reden an die Kinder 

1761 [Einderr.]. 
Einige Reden, mehrentheils auf seinen Reisen im Jahre 1767 gehalten. 1768 

[R. 1767.] 
Geistliche Gedichte, gesammelt und geachtet Ton Albert Knapp. 1846. (Stark 

abgeändert.) 
Zinzendorfe Orthographie ist durehwegs genau beibehalten worden, selbst wo 
Verdacht auf Druckfehler yorherrschte. 



B. Becker, Zinzendorf im Verhältnis zu Philosophie und Kirchentum seiner 

Zeit. Leipzig 1886. 
G. Burkhardt, Die Brüdergemeine. 2. Aufl., Gnadau 1906. 
D. Cranz, Alte und neue Brüder. Historie. Barby 1771. 



LUDWIG VON ZINZENDORF. 121 



F. Dibelius, Art. Gottfried Arnold, in Haucks Real-Enz. f. prot. Th, u. E. 

3. Aufl. II, 122 ff. 
A. Dieterich, Eine Mithrasliturgle. Leipzig 1903. 
S. Freud, Die Traumdeutung. 2. Aufl. Wien 1909. 
S. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2. Aufl. Wien 1910. 
S. Freud, Bemerkungen über einen Fall Yon Zwangsneurose. Jahrb. für psycho- 

analyt. u. psychop. Forschungen. Bd. I, 2 (1909), 366—421. 
S. Freud, Eine Eindheitserinnerung Leonardo da Vincis. Wien 1910. [Leonardo 

da Vinci.] 
I. F. Fresenius, Bewährte Nachrichten yon Herrnhutischen Sachen. 1. und 

2. Sammlung, Frankfurth 1746. 
W. Ctötz, Zinzendorfe Jugendjahre. Leipzig 1900. 
E. R. Hagenbach, Der eyangelische Protestantismus. 2. Teil. Leipzig 1864. 

E. T. Hase, Eirchengeschichte. 3. T., 2. Abt. Leipzig 1892. 

W. Jannasch, Christian Renatus, Graf y. Zinzendorf. Z. f. Brüdergeschichte 

(2. u. 3. Jahi^.) 1908 u. 1909. 
J. Jüngst, Pietisten. Religionsgesch. Vosksbücher. 1906. 
A. Enapp, (Geistliche Gedichte des Grafen y. Zinzendorf, Vorwort. Stuttgart und 

Tübingen 1846. Eyangelischer Liederschatz. Stuttgart und Tübingen 1860^ 
P. Eölbing, Zur Charakteristik der Theologie Zinzendorfs. Z. t Theol. u. 

Eirche 1906. 246—283. 
J. H. Eurtz, Lehrbuch der Eirchengeschichte. 10. Aufl., II. Bd., Leipzig 1887. 
Isaac Lelong, Authores (sie) nebst historischen Nachrichten und Gelegenheiten 

zu den Liedern im Hermhuthischen Gesangbuch wie auch in denen zwölf 

Anhängen. (Handschriftliche Eopie aus dem Unitäts-Archiy, bez. N B IV 

R. l N 66.) (Lelong war ein holländischer Zeitgenosse Zinzendorfs.) 
Joh. G. Müller, Bekenntnisse merkwürdiger Männer yon sich selbst. 8. Bd. 

2—302. Winterthur 1796. 
Jos. Th. Müller, Art. »Zinzendorf« in Haucks Realenz. 3. Aufl, Bd. XXI, 

679—703. [Z.] 
Jos. Th. Müller, Zinzendorf als Erneuerer der alten Brüderkirche. Leipzig 

1900. [Z. a. E.] 

G. E. y. Natzmer, Die Jugend Zinzendorfs im Lichte ganz neuer Quellen. 

Eisenach 1894. 

F. Oehninger, Geschichte des Christentums. Eonstanz und Emmishofen (1897). 
H. Plitt, Zinzendorfis Theologie. 1. Bd. Gotha 1869. 2. Bd. 1871. 3. Bd. 1874. 
O. Pfister, Die Psychanalyse als wissenschaftliches Prinzip und seelsorgerl. 

Methode. Eyang. Freiheit 1910, Heft 2 ff. 
O. Rank, Der Mythus yon der Geburt des Helden. Schriften zur angewandten 
Seelenkunde. Heft 6. Leipzig und Wien 1909. 

G. Reichel, A. G. Spangenberg, Bischof der Brüderkirche. Tübingen 1906. 

A. Ritschi, Geschichte des Pietismus in der lutherischen Eirche des 17. und 

18. Jahrh. III. Band. 2. Abt. 1886. 
H. Römer, N. L. y. Zinzendorf. Gnadau 1900. 
Th. E. Schmidt, Zinzendorfä soziale Stellung. Basel 1900. 



122 DIE FRÖMMIGKEIT DES GRAFEN LUDWIG VON ZINZENDORF. 

L. C. y. Schrantenbaeh, Der Graf y. Zinzendorf und die Brüdergemeine seiner 

Zeit. 2. Aufl. Gnadau 1871. [Sehr.] 
A. G. Spangenbergy Leben des Herrn N. L., Grafen von Zinsendoil 8 Teile« 

1776. [Sp.] 
H. Silberer, Bericht über eine Methode, gewisse symbolisehe Hallozinations- 

Erscheinungen herrorzumfen und zu beobachten. Jahrbuch £ psyoho- 

analyt. u. psychopath. Forschung. I. Bd., 2 Hälfte. Wien 1909, 618—626. 
Herrn Dr. Jos. Müller in Hermhnt, Archivar der Brüdergemeine, 
spreche ich für seine literarischen Auskünfte und Überlassung seltener Drucke 
und Handschriften meinen yerbindlichen Dank aus. 



K. o. K. HoAmolidniokorai Karl Ttodtaäk^ Tesoluen. 



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y. Heft: Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho- 
logischen Mytbendentong. Von Otto Rank. Preis M 8.— » K 8.60. 

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VH. Heft: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Von Prof. 

Dr. Sigm. Freud in Wien. — Preis BL 2-50 =» K 8'—. 
vm. Heft: Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von 
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Psychologie des Hasses und der Versöhnung. 

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