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Full text of "Die Psychoanalyse als Methode"

BEIHEFTE ZUR «INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT 


FÜR 


PSYCHOANALYSE» UND ZUR «IMAGO» 




HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 




NUMMER 1 




DIE PSYCHOANALYSE 




ALS METHODE 




VON 




IMRE HERMANN 




1934 




INTERNATIONALER 


PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 





INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Alle Rechte 

insbesondere die der Übersetzung 

vorbehalten 

Copyright 1934 

by Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I. 



Druck : Manzschc Buchdruckerei, Wien IX. 



I. Einleitung 
i. Das Bewußte und das Unbewußte 

Die Welt des erwachsenen Menschen, der sich über die Tatsachen der "Welt 
besinnt, ist eine Doppelwelt. Der „äußeren" Welt steht eine „innere" Welt 
gegenüber, die zwar mit jener zu kommunizieren scheint, sich aber dank ihrer 
eigenartigen Beschaffenheit von ihr stets sondern läßt. 

Diese zwei Welten wurden von der Wissenschaft nicht gleichmäßig be- 
arbeitet. Die innere Welt verblieb als eine in naiver Unmittelbarkeit beob- 
achtbare Welt, die Welt des Bewußtseins; die äußere Welt dagegen ergab 
gerade außer dem naiv-unmittelbar Beobachtbaren andere Orientierungs- 
punkte für das wissenschaftliche Denken. Die Erkenntnis der einzelnen 
Außenwelttatsachen — zwar aus den unmittelbaren Gegebenheiten, den 
Quellen der Wahrnehmung, entspringend und dorthin zurückkehrend — , ist 
dem Naiv-Unmittelbaren entwachsen und ist bestrebt, Qualität und Quantität 
der Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten durch ein von der Subjektivität ge- 
reinigtes „symbolisches" Begriffssystem von dem naiv-subjektiven, immer der 
Innenwelt zugehörigen Erkenntnisvorgang unabhängig zu machen. Wie weit 
entfernt ist z. B. Existenz und Qualität des als Baustein der Außenwelt gelten- 
den Atoms von alldem, was wir in empirisch-unmittelbarer Erfahrung be- 
merken! Es ist klar, daß wir zur Annahme des Atoms auf dem Wege der 
Vereinigung vieler Erfahrungen, durch Konstruktionen, d. h. Verallgemeine- 
rungen und Reduzierungen gelangen. Die Entwicklung der Naturwissen- 
schaften zeigte uns aber, welche Bedeutung dieser theoretischen Aufstellung in 
der Erforschung der Außenwelts-Erscheinungen zukommt. Die Außenwelt des 
wissenschaftlich denkenden Menschen ist eigentlich eine in die naive Beob- 
achtung der Außenwelt eingepferchte theoretisch-konstruierte Welt „sym- 
bolischen" Charakters. 

Es fragt sich nun, ob das, was die Wissenschaft auf der einen Seite vollzog, 
daß sie nämlich mit Hilfe konstruierter Aufstellungen die Fesseln des augen- 
blicklich Naiv-Gegebenen von sich warf, nicht auch auf der anderen Seite 
vollziehbar und zu vollziehen wäre. Anders gesagt: ob sich nicht auch die 



Einleitung 



„innere" Welt auf die Erkenntnisstufe bringen ließe, wohin wir in der Er- 
kenntnis der Außenwelt schon gelangt sind. Für die unmittelbar-naive Auf- 
nahme gibt es nur eine Ebene der "Welten: die äußeren und inneren Er- 
scheinungen so, wie sie sich für unser Bewußtsein darstellen. In der wissen- 
schaftlichen Auffassung spaltet sich die eine Ebene und es erscheint die 
Außenwelt der flüchtigen Beobachtung und die der beständigen Konstruktion: 
neben ihr wäre mit Recht eine innere Welt zu erwarten, die nicht nur die 
naiven, ewig sich wandelnden Daten des Bewußtseins enthielte. Käme diese 
Gleichsetzung zustande, so stünde eine neue Welt der äußeren, teilweise 
konstruierten Welt gegenüber, die Welt der Seele. Das Bewußtsein wäre ge- 
wissermaßen nur ihre subjektive Widerspiegelung, geradeso wie die unmittel- 
bar-empirischen Wahrnehmungsdaten die der Außenwelt. 

Nichts Neues wurde hier abgeleitet. Der Seelenbegriff der alten Psycho- 
logie diente gerade dem Zweck, die hinter dem Bewußtsein arbeitenden 
seelischen Kräfte in sich aufzunehmen. Dieser Seelenbegriff war aber der- 
maßen mit Vorurteilen überladen, daß die neue Psychologie, die eine Natur- 
wissenschaft der Seele zu werden wünschte, mit ihr brach, als Reaktion der 
alten Auffassung nur das Reich des Bewußtseins als Forschungsobjekt annahm, 
die Seelenwissenschaft mit der Wissenschaft des Bewußtseins identifizierte und 
alles andere der Metaphysik überließ. 

Einige Psychologen (so unter den deutschen Fechner, Lipps, Herbert z) 
wollten sich den wissenschaftlichen Vorteil, den die Einteilung der Seele in 
Bewußt- und Außerbewußt-Realpsychisches bietet, doch nicht versagen und 
meinten hinter dem Bewußtsein das Walten eines mit seelischen Qualitäten 
versehenen Unbewußten zu erblicken. Diese Psychologen sagten sich, daß, 
wenn z. B. meine einmalige Wahrnehmung (sagen wir die Überschwemmung 
der Donau), bzw. das Erinnerungbild dieser Wahrnehmung in mir verbleibt, 
ich also von Zeit zu Zeit imstande bin, dieses Erinnerungsbild in mein Be- 
wußtsein zu rufen (mir wieder vorzustellen, wie die Überschwemmung der 
Donau aussah), so muß dieses Erinnerungsbild nicht nur im flüchtigen Augen- 
blicke des Wiederauflebens, sondern auch jedes andere Mal, ständig, solange 
nur mein Organismus nicht zerfällt, seelische Beschaffenheit besitzen, ist also 
nicht einfach z. B. mit einer Veränderung der Gehirnzellen zu beschreiben. 
Nach diesen Psychologen wäre im Seelenleben des Menschen eine Kon- 
tinuität vorhanden, die Kontinuität des Unbewußten, aus welcher 
einzelne Bruchstücke sich zeitweise erheben und die ständig wechselnden, 
diskontinuierten Daten des Bewußtseins liefern. 

Diese Anhänger des Unbewußten wußten vom Unbewußten selbst nur eine 
einzige Tatsache und auch diese Tatsache ist eine negative: daß nämlich diese 
Welt eine seelische Welt, aber unbewußt sei. Und gerade dies ist der 



Die Prinzipien der Bearbeitung der psychoanalytischen Methodenlehre 5 

Punkt, von wo der kühne Schritt Freuds neue Pfade eröffnet. 1 Freud 
näherte sich dem Wesen und der Funktionsweise des Unbewußten mit po- 
sitiven Feststellungen. So gelang es ihm aufzuzeigen, daß es vom Standpunkte 
des Bewußtwerdens zweierlei Arten des Unbewußten gibt: eines, das ohne 
stärkere Hindernisse zur Bewußtheit gelangen kann, und ein anderes, das am 
Bewußtwerden durch mächtige Kräfte gehindert wird. Das erste ist das Vor- 
bewußte, das zweite das Unbewußte im eigentlichen Sinne; dieses letzte ist 
es, dessen Begebenheiten und Inhalte der unmittelbaren Beobachtung ver- 
schlossen sind. 

Freuds Forschungen warfen Licht sowohl auf die qualitativen Gegeben- 
heiten wie auf die Inhalte dieses Unbewußten. "Wir erfuhren einerseits, daß 
dieses Unbewußte durch Wünsche und Triebe gelenkt wird, daß es von zeit- 
licher Orientierung unberührt bleibt, daß es keine Negation kennt, daß sich 
in ihm gegensätzliche Inhalte gut vertragen, daß seine spezifischen Mechanis- 
men — die Verschiebung, die Verdichtung usw. — den Gesetzen des be- 
wußten Denkens nicht unterworfen sind. Andererseits ergab sich die Mög- 
lichkeit, seine Inhalte kennenzulernen, und es ergab sich, daß diese zwar in 
jedem individuell gegeben sind, jedoch, dank dem gemeinsamen Entwicklungs- 
gang des Menschen, identische Knotenpunkte besitzen. Der wichtigste von 
diesen ist der Ödipus-Komplex. 

Wie kam Freud zu diesen Feststellungen? Die Selbstbeobachtung, von der 
herkömmlichen Psychologie als Methode angewandt, war dieser Aufgabe nicht 
gewachsen. Die Psychoanalyse — diesen Namen gab Freud der neuen Wissen- 
schaft — konnte zu ihren neuartigen Feststellungen nur durch eine neuartige 
Methode gelangen. Durch ein Verfahren, welches zur vollständigen und 
wahrheitsgemäßen Offenbarung der Seeleninhalte führt, wird das Vorbewußte 
zur Sprache gebracht und werden verständliche Signale dem Unbewußten 
entlockt. 

Oft wurden schon die inhaltlichen Ergebnisse der Psychoanalyse dargestellt 
und systematisiert, doch gibt es keine Arbeit, welche sich die ausführliche 
Analyse ihrer Methode zum Ziele setzte. Diese Studie — deren Kern in der 
Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung gehaltene Ausbil- 
dungsvorträge bilden — will sich dieser Aufgabe widmen. 

i. Die Prinzipien der Bearbeitung der psychoanalytischen Methodenlehre 

Die Methode einer Wissenschaft hat den spezifischen Möglichkeiten dieser 
Wissenschaft zu folgen und entspringt ihren spezifischen Bedürfnissen. Die 

1) Die Merkmale, welche der Philosoph E. Hartmann, für das „Unbewußte" aufzählt: 
das Unbewußte erkrankt nicht, ermüdet nicht, kann nur von unsinnlicher Art sein, schwankt 
und zweifelt nicht, braucht keine Zeit, irrt nicht, hat kein Gedächtnis — sind negativer 



Einleitung 



Psychologie ging ihrer Eigenart zufolge von der Methode der Selbstbeobach- 
tung aus, doch ist es größtenteils ihrer Vergangenheit zuzuschreiben, daß die 
Methode der Naturwissenschaften, das Experiment, revoltierend gegen manche 
theologisch-philosophische Befangenheit, in ihr erst spät zur Anwendung ge- 
langte. Aus der Notwendigkeit, sich mit den Seelenleiden des einzelnen Menschen 
zu befassen, ging die auf Heilung gerichtete Psychologie hervor. Diese Psy- 
chologie mußte zuerst theologisch-illusionistisch sein und sie ist erst spät dazu 
gelangt, ihre Grundlagen nicht in Weltanschauungsprinzipien zu suchen, sondern 
in konkreten Gegebenheiten, wobei die Tatsache der Heilung als Mittel der 
Kontrolle diente. Die eine Besonderheit der psychoanalytischen Methode liegt 
in dem Umstand, daß sie in einer festen Verbindung mit der Praxis, mit der 
Behandlung von teils kranken, teils durch Besonderheiten in ihrem Charakter 
leidenden Menschen steht. Wie die wissenschaftlichen Fortschritte der Physik 
Hand in Hand mit der Entwicklung der Technik gehen, so stehen die Psycho- 
analyse als Forschungsmethode und als Heilverfahren in gegenseitiger Ab- 
hängigkeit. Wie die Physik in ihren Experimenten einzelne Erscheinungen 
mit Vernachlässigung der übrigen isoliert und heraushebt, so macht es die 
individuelle Entwicklung mit dem kranken Menschen, der sich der Psycho- 
analyse unterwirft. Somit ist es der analytischen Methode gegeben, die all- 
täglichen Seelenprozesse in der Vergrößerung durch die Pathologie zu sehen 
und sie zu gleicher Zeit auf das alltägliche Niveau herabzusetzen. Die Mög- 
lichkeit einer solchen Verkittung von Erkenntnis und Heilverfahren liegt in 
der schon erwähnten Eigenart der psychoanalytischen Methode, daß sie Ein- 
blick in die dem Bewußtsein verborgenen Seelenschichten gewährt: damit ge- 
lingt es ihr nicht nur, die hier angesammelten Kräfte kennenzulernen, son- 
dern auch die schädlichen abzuleiten oder einem anderen Ziel zuzuführen, 
die Augen des bisher im Dunkeln Tappenden zu öffnen, den neurotischen 
Kranken neuzuerziehen und zu einer besseren Entwicklung seiner Kräfte zu 
befähigen. Das Neuartige und spezifisch Psychoanalytische dieser Methode 
soll uns in dieser Arbeit beschäftigen. 

Wie es in der Entwicklung der Wissenschaft so oft zu gehen pflegt, wird 
das Alte vom Neuen nicht verbannt, sondern nur in eine andere Ebene ver- 
setzt. Auch die Psychoanalyse hält viel von der Selbstbeobachtung und ist 
bestrebt, ausführliche Beschreibungen der Seelengeschehnisse zu erhalten, auch 
die Psychoanalyse wirft das Experiment nicht beiseite, sondern ist — insofern 
einem Verfahren, das zwecks systematischer Beobachtung eine bestimmte, 
von der normalen abweichende, kontrollierbare und wiederholbare Konstella- 
tion hervorruft, der Name des Experimentes zukommt — selber als ex- 
Art, nur das allerletzte Merkmal, im Unbewußten sei Wille und Vorstellung in untrenn- 
barer Einheit verbunden, sagt etwas Positives aus. (Philosophie des Unbewußten, C. Kap. I.) 



Die Prinzipien der Bearbeitung der psychoanalytischen Methodenlehre 7 

perimentelle Methode zu betrachten. Die „psychoanalytische Konstellation" 
ist jene von uns angestrebte seelische Einstellung, welche analytischer Beob- 
achtung und Heilung am besten entspricht. Die Aufgabe der psychoanalyti- 
schen Methodenlehre ist systematische Untersuchung dieser Konstellation 
einerseits, die praktische und wissenschaftliche Bearbeitung des in 
dieser Konstellation gewonnenen Materials andererseits. Dem- 
entsprechend gliedert sich unsere Untersuchung in zwei Teile: in die Metho- 
dologie der Beschaffung und der Bearbeitung des Materials. Es ver- 
steht sich von selbst, daß wir uns durch diese Sonderung nur die Beschreibung 
erleichtern, in Wirklichkeit sind die Verfahren miteinander verwoben. 

Noch einige Worte von den Leitsätzen, die mich bei der Ausarbeitung der 
Methodenlehre geführt haben. Der eine besteht darin, daß ich technische 
Fragen, also Verfahren, die der praktischen Durchführung der in der Me- 
thodenlehre niedergelegten Grundsätze dienen, kaum berühre. Mein Ziel ist 
die reine und systematische Bearbeitung der ' methodologischen Grundsätze, 
insofern sie den Grundbau des Verfahrens und somit auch der wissenschaft- 
lichen Erkenntnis der Psychoanalyse abgeben und demnach ihre Kennt- 
nis für die wissenschaftliche Beherrschung und Kritik der Psychoanalyse 
als Methode unerläßlich ist. Mein anderes Ziel ist ein solcher Aufbau 
des Systems, der nicht spekulativen Begriffen folgt, sondern jeden 
einzelnen Begriff am praktischen Verfahren selbst findet bzw. bestimmt. Nach 
dem Grundsatz der neuen physikalischen Methodenlehre soll die eigentliche 
Bestimmung eines Begriffes nicht durch die Angabe seiner Eigenschaften, 
sondern durch die in der Wirklichkeit ausführbaren Verfahren geschehen (i). 2 
Meiner Ansicht nach sind die methodologischen Hauptbegriffe der analytischen 
Psychologie, wie Sinn, Widerstand, freie Assoziation, Übertragung usw. nur 
innerhalb des analytischen Verfahrens sinnhaltig; außerhalb nur in dem Maße, 
in welchem es sich vorstellen läßt, daß, wenn eine Erscheinung in dem ana- 
lytischen Verfahren Gegenstand der Analyse wäre, an ihr diese dort beob- 
achtbaren Erscheinungen zu beobachten wären oder wenn es sich um eine der 
analytischen Konstellation, gewissermaßen analoge Konstellation handelt. Des- 
wegen glaube ich, daß diese Hauptbegriffe primären Erkenntniswert nur 
für die analytische Konstellation besitzen, für andere Konstellationen — der 
Vollständigkeit der Analogie gemäß — nur einen mehr oder weniger abge- 
schwächten. Die aus dem Leben abgeleiteten psychologischen Begriffe haben 
solange nur sekundären Erkenntniswert, bis sie in der analytischen Kon- 
stellation gefaßt werden können. Das Gesagte hat noch eine Voraussetzung: 
die, daß der Analytiker die tatsächlichen Verläufe, die wir in Begriffe zwin- 

2) Die zwischen Klammern stehenden Ziffern beziehen sich auf die entsprechenden Ein- 
ordnungszahlen des Literaturnachweises auf Seite 108 ff. 



Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



gen, also die Begriffe der ausführbaren Verfahren, aus unmittelbarer 
Beobachtung — was in der Psychologie mit Selbstbeobachtung gleich 
ist — kennenlernen muß. Keine psychoanalytische Methodenlehre kann die 
unmittelbare, subjektiv selbstbeobachtende Erfahrung ersetzen. Wie ein zu 
beobachtender physikalischer Vorgang sich nicht vom Meßinstrument trennen 
läßt (2), da er mit diesem zusammen eine Ganzheit bildet, so ist der psy- 
chische Vorgang in der analytischen Konstellation von dem Analytiker nicht 
zu trennen, was dem Analytiker ganz spezielle, nur durch eine durchgemachte 
Analyse richtig lösbare Aufgabe stellt. Die Voraussetzung alles Weiteren in 
dieser Arbeit ist also die Selbstanalysiertheit des Analytikers, wie im Schul- 
plan des werdenden Psychologen die Forderung, selbst als Versuchsperson zu 
fungieren, selbstverständlich ist. 

Auch habe ich mich bestrebt, zwar e i n e Methode, doch innerhalb derselben 
die Verzweigungen in verschiedene Richtungen nachzuweisen. Die heutige 
Methode ist Resultat eines historischen Ablaufes mit mehreren „Fixierungs- 
punkten" und schon deswegen der subjektiven Bewertung von Seiten des Be- 
arbeiters unterworfen. In der gegenwärtigen Lage der Psychoanalyse, wo viel 
Inhaltliches starr zu werden, viel anderes zu wanken scheint und vieles neue 
Aspekte erblicken läßt, könnte man, nach sinngemäßer Umgestaltung eines be- 
kannten politischen Spruches aussagen: Methode ist alles, Inhalt ist irrelevant. 
Methode wäre der fixe Punkt in der Analyse; aber auch Methode ist: Be- 
wegung. 

IL Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des 

Materials 

1. Die Grundregel. — Die Rolle der Aufmerksamkeit. 

Aus der beschriebenen Gliederung der menschlichen Seele in bewußte und 
unbewußte Schichten folgt, daß der über den Inhalt seiner Seele einfach be- 
fragte Mensch keine volle Antwort zu geben vermag. Das Bedürfnis der Psycho- 
therapie verlangte also nach speziellen Methoden, welche ein tieferes Eindrin- 
gen in die Seele gestatten und auch das zutage fördern, was der methodisch 
einwandfreien systematischen Selbstbeobachtung notwendigerweise verschlos- 
sen bleibt. 

Der historische Beginn wurde durch das Verfahren eines Wiener Arztes, 
Breuers, geliefert; dieser ließ seine hysterische Patientin in einem von Tag 
zu Tag neu hergestellten hypnotischen Zustande die für ihr Bewußtsein in 
Vergessenheit geratenen Erinnerungen ihres Lebens erzählen und sie mit ihrer 
Erzählung ihre Krankheitssymptome gleichsam „abreagieren". Diese sogen, 
„kathartische" Methode gab Freud den Anstoß zur Ausbildung eines Ver- 



Die Grundregel. — Die Rolle der Aufmerksamkeit 



fahrens, das auch in wachem Zustand die Möglichkeit des Tiefer-Dringens und 
des vorbehaltlosen Enthüllens gibt. Es ist die Methode, die man in etwas 
entstellender Vereinfachung die „Methode der freien Assoziation" nennt. 
Diese Vereinfachung in der Benennung vereinfacht auch die Anschauung und 
hat so nicht nur begrifflich, sondern auch sachlich verwirrend gewirkt; auch 
darum wird es sich lohnen, die Grundlagen dieser Methode im einzelnen zu 
prüfen. Wenn wir dabei auch kulturhistorische Betrachtungen anstellen, so 
wird damit die Entdeckertat Freuds nicht im geringsten geschmälert. 

Es gibt einen ideellen Vorläufer der psychoanalytischen Methode, auf den 
Freud in seiner „Urgeschichte der analytischen Technik" hinweist (3). Es 
handelt sich um einen Dichter-Einfall, welcher nirgends — höchstens in der 
aller-allerneuesten Literatur — zur Ausführung gelangte. (Es war Dr. Hugo 
Dubovitz, der die Aufmerksamkeit auf die hier angeführte Studie Börnes 
lenkte.) In einem Aufsatz von Börne aus dem Jahre 1823, welcher die viel- 
versprechende Aufschrift trägt „Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschrift- 
steller zu werden", sind folgende bemerkenswerte Zeilen zu lesen: „Nehmt 
einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und 
Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr 
denkt, von euch selbst, von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Fonks 
Kriminalprozeß, vom jüngsten Gericht, von euern Vorgesetzten — und nach 
Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue un- 
erhörte Gedanken habt, ganz außer euch kommen." Wir wollen die Börne- 
sche Aufforderung besser ins Auge fassen. 

Sie besteht aus zwei Teilen, einem generellen („schreibt alles nieder, was euch 
durch den Kopf geht") und einem spezialisierenden. Im letzteren ist inter- 
essanterweise ziemlich alles enthalten, was sich bei einer Offenbarung „ohne 
Falsch und Heuchelei" als grundlegend erweist: das Erotische und das Sa- 
distische, die Mutter und der Vater, die Pflicht und der Glaube. Wir wollen 
diesen zweiten Teil doch abspalten und, indem wir dem Börneschen Satz 
einige Willkür antun, den ersten herausheben. 

„Alles aussagen, was einem durch den Kopf geht" — wir wollen es das 
Börnesche Prinzip nennen — ist tatsächlich ein Teil der methodischen 
Grundregel der Psychoanalyse, ja sogar nach der oben erwähnten verein- 
fachenden Tendenz, der grundlegende. Wohin führt nun die strenge Be- 
folgung des Börneschen Prinzips? 

Man findet sie in einer Denkform, die als Ideenflucht bekannt ist. Sie ist 
die Denkform des manischen Krankheitsbildes und wird in der Psychiatrie als 
Aneinanderreihung von Vorstellungen auf Grund rein äußerer Assoziation, 
daher völlig sinnlose Verknüpfungen ergebend, gekennzeichnet. Als Beispiel 
stehe hier das klassische Beispiel von Liepmann. Auf die Frage des 



inspizierenden Arztes an den manischen Kranken „Wie geht's?" geht 
es bei diesem los: „Es geht, wie's steht. In welchem Regiment haben Sie ge- 
standen? Herr Oberst ist zu Hause. In meinem Hause, in meiner Klause! 
Haben Sie Dr. Klaus gesehen? Kennen Sie Koch, kennen Sie Virchow? Sie 
haben wohl Pest oder Cholera? Ach die schöne Uhrkette, wie spät ist es?" (4) 

Wenn wir uns fragen, auf welchen Zusammenhang durch die im Beispiel 
gesprochenen Sätze hingewiesen wird, welcher Sachverhalt ihnen entspricht, 
so können wir die Frage nicht beantworten: einen solchen Sachverhalt gibt 
es nicht. Diese Rede ist von diesem Standpunkt sinnlos, sie entbehrt des 
Sachverhalt-Sinnes. Ob sie aber auch von einem anderen Standpunkte 
sinnlos ist? 

Das einzige, was wir über den Patienten wissen, ist, daß er in seinem 
früheren Leben Offiziersdiener war, doch dieses eine genügt, um einiges aus 
seiner Antwort zu verstehen. Es läßt sich eben herausfühlen, daß er den ihn 
befragenden Arzt, seinen jetzigen „Vorgesetzten" mit seinem früheren Herrn 
identifiziert, man spürt auch etwas aus dem schwer durchdringenden Wunsch, 
sich mit dem Arzt-Offizier auf gleichen Fuß zu stellen, ihm die Frage nach 
dem Befinden zurückzugeben. Und damit gewährt diese, auf den ersten Blick 
völlig sinnlose Satzreihe des Manisch-Kranken einen tieferen Einblick in 
sein Seelenleben, wie die bei Li ep mann ebenfalls zitierte sachverhalt- 
sinnvolle Antwort des nicht-ideenflüchtigen, nicht-manischen Neurotikers, der 
sich über Schlaflosigkeit beklagt und sie dem heißen Bad oder dem Lärm des 
einen Kranken zuschreibt. Der Sinn, den wir in der angeführten ideenflüch- 
tigen Rede finden, ist also nichts anderes, als Auflösungsmöglichkeit der ak- 
tuellen Situation, und zwar durch eine Einreihungsmöglichkeit in das 
seelische Erlebniskontinuum des Redenden. Dies ist der Sinn, 
dessen Auffindung die erste Aufgabe des analytischen Verfahrens darstellt: dies 
ist eben der psychoanalytische Sinn. 

Daneben gibt es aber ideenflüchtige Reden, die auch dieses psychoanalyti- 
schen Sinns entbehren, sei es, daß wir noch weniger über die Person des 
Redenden wissen, sei es, daß der Krankheitszustand zu einer noch völligeren 
Auflösung der Vorstellungsinhalte führt. 

Die strikte und jeder anderen Instruktion entbehrende Befolgung der 
Börneschen Aufforderung ist also, wie es die Analogie der Ideenflucht zeigt, 
für die Psychoanalyse nur innerhalb einer optimalen Zone zu verwerten. 
Innerhalb dieser Zone können innere, d. h. aus dem seelischen Erlebniskonti- 
nuum sich ergebende Zusammenhänge erblickt und Sinnhaftigkeiten erkannt 
werden, die der herkömmlichen Selbstbeobachtung verborgen bleiben. Außer- 
halb dieser Zone fällt aber nicht nur der Sachverhalt-Sinn weg, sondern es 
entschlüpft auch der analytische Sinn unseren Händen. 



Die Grundregel. — Die Rolle der Aufmerksamkeit 



Aufgabe der analytischen Methodenlehre ist es also, einerseits den seeli- 
schen Mechanismus aufzuzeigen, der die Reaktion auf die Börnesche Auf- 
forderung analytisch fruchtbar macht, anderseits auf den Mangel hinzuweisen, 
demzufolge seine Fruchtbarkeit sich nur auf ein beschränktes Gebiet erstreckt. 

"Welche sind nun die seelischen Bedingungen, die bei der Einstellung „alles 
aussagen, was einem durch den Kopf geht" als Begleitumstände das Weiter- 
und Tiefergleiten, die Berührung mit lebenswichtigen Inhalten gestatten? Eine 
wichtige Bedingung sehen wir in einer besonderen Einstellung, besser gesagt 
in einer besonderen Aufhebung der Aufmerksamkeit, welche ein 
ständiges Abgleiten von den einzelnen Vorstellungsinhalten und ein Weiter- 
gleiten auf andere zuläßt. 3 

Bei dem Manisch-Kranken ist diese Aufhebung der fixierenden Kraft der 
Aufmerksamkeit Begleiterscheinung des Krankheitszustandes. Ziemlich schwer 
läßt sie sich bei Gesunden, d. h. Nicht-Manischen hervorrufen. Die fixierende 
und festhaltende Tätigkeit der Aufmerksamkeit ist eine der primärsten Er- 
scheinungen des bewußten Seelenlebens, die schon auf ganz früher Stufe den 
Ablauf der Vorstellungsinhalte regelt. Ihre künstliche Auflockerung läßt sich 
z. B. erreichen, indem man der Aufmerksamkeit einen bestimmten Gegenstand 
zum Fixieren gibt und Gedanken und Vorstellungen „nebenherlaufen" läßt. 
So gab ich versuchsweise meinen Patienten Puzzle-Spiele zu lösen und ließ sie 
dabei sprechen. Ein andermal ließ ich den bekannten Bourdon-Test (Aus- 
streichen bestimmter Buchstaben in einem sinnlosen Texte) in der analytischen 
Stunde ausführen. Es kam manchmal zu überraschenden Ergebnissen. Einem 
Patienten tauchte beim Bourdon-Test ein schon völlig vergessener Traum auf, 
ein anderer erinnerte sich beim Puzzle-Spiel, wo ein von ihm schon seit Tagen 
gesuchtes Schriftstück zu finden sei. Einem zwanghaft selbstbeobachtenden 
Kranken gab ich zwecks Herbeiführung einer besseren Aufmerksamkeitsver- 
teilung einmal den Bourdon-Test und ein anderes Mal das Labyrinth-Spiel mit 
gutem Ergebnis. 

3) Wir können uns hier nicht mit der Psychologie der Aufmerksamkeit befassen, welche 
ein fast völlig unbearbeitetes Gebiet in der psychoanalytischen Psychologie darstellt. Soviel 
steht fest, daß sie keine isolierbare Funktion ist (wie es isolierbare Funktionen im Gebiete 
der Psychologie überhaupt nicht gibt) und daß stärkere Aufmerksamkeitskonzen- 
tration mit einem Mitschwingen der Sexualität einhergeht. (Freud, Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V, S. 29.) Eine weniger starke Aufmerk- 
samkeitskonzentration bringt vielleicht eine Auflockerung der sexuellen Positionen mit sich, 
was mit der später zu behandelnden Strömungsschichtung zusammenhängen mag. — Wovon 
die Aufmerksamkeit selbst erregt wird, hängt auch von quantitativen Faktoren, von dem 
Maß der Besetzung mit seelischen Energien ab. (Freud, Über einige neurotische Mechanis- 
men bei Eifersucht usw., Ges. Sehr., Bd. V, S. 394.) Ein Spiel der inneren Konflikte kann 
es sein, daß Energien auf Inhalte verschoben werden, welche an sich der Aufmerksamkeit 
nicht wert sind. 



!2 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



Die völlige Aufhebung der gerichteten Aufmerksamkeit, das total-passive 
Sich-Überlassen den auftauchenden Seeleninhalten führt aber, wie wir sahen, 
nicht zur vollständigen Entäußerung des Seelenkontinuums. Deshalb halten 
wir die ohne weiteres Kommentar verabreichte Aufforderung „alles 
aussagen, was Ihnen durch den Sinn geht" — besonders in den ersten, aber 
fast auch in allen anderen Stunden der Analyse, wo der Patient alles sagen 
sollte, was ihm am Herzen liegt — für ebenso bedenklich, wie den jedenfalls 
schon vor vielen Jahren gesprochenen Satz eines Analytikers: „In der Analyse 
findet nur jener, der nicht sucht." 

Freud gibt, um ein der Erinnerung entfallenes Wort aufzufinden, die 
Anweisung, „aufrichtig und kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen einfällt, 
wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre Aufmerksamkeit auf das ver- 
gessene "Wort richten" (5). (Von uns gesperrt.) Neben Freiheit und Un- 
gebundenheit tritt hier also das Gerichtetsein, das „Suchen" auf. Tatsächlich 
scheint es sich bei der für die analytische Erkenntnis günstigen Einstellung um 
ein Optimum zu handeln, zwischen Freiheit und Gerichtetsein, zwischen 
dem Börneschen Prinzip und einer erwartungsvollen Aufmerksamkeit. Na- 
türlich könnte man sich auf die Erfahrung berufen, daß ein Redeschwall ohne 
eine — wenn nicht anders, so unbewußte — Obervorstellung auf die Dauer 
überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit ist. Doch warum eine Anweisung 
geben, die Verwirrung stiftet und wörtlich genommen der Intention der 
analytischen Einstellung zuwiderläuft? Bemerkenswert ist auch, daß mit der 
Aufforderung „alles aussagen" oft, bei Fülle der Einfälle, eine nur frak- 
tioniert erfüllbare Aufgabe gestellt ist. 

Eine interessante Illustration der hier abgeleiteten Einstellung bietet die 
Situation, in welcher der Vergessenheit anheimgefallene Träume am Morgen 
wieder wachgerufen werden können. Eine bestimmte Intention, ein be- 
stimmter Aufmerksamkeitsakt sucht den Traum zurückzurufen, doch ist es 
nicht ratsam, diese Aufmerksamkeit in der Verhaltungsweise des bewußten 
Suchens auf die auftauchenden Seeleninhalte zu richten, sondern sie eher ab- 
zulenken, schweben zu lassen oder direkterweise mit einer anderen Arbeit zu 
binden. Auf diesem Wege kann die Anfangs-Intention des Suchens unerwartet 
erfolgreiche Arbeit verrichten. Dasselbe ist auch beim Vergessen von Namen 
zu beobachten. Nach dem Abgleiten der Aufmerksamkeit taucht der ver- 
gessene Name manchmal blitzartig im Bewußtsein auf. 

Das Wesen der „freien Assoziation" wird also mißverstanden, wenn man 
sich als deren Ideal einen vollständig ungebundenen Gedankengang vorstellt (6). 
Steht uns ein Forschungsmaterial (Symptom, Traum, Fehlleistung usw.) zur 
Verfügung, so soll die Aufmerksamkeit auf dieses, wenn nicht, so auf eines 
der allgemeinen Ziele der Analyse (Aufdeckung der Vergangenheit, Offen- 



Die Grundregel. — Die Rolle der Aufmerksamkeit 13 

barung des Tiefinnersten) gerichtet werden. Aber im Gegensatz zur ge- 
bundenen Assoziation, löst sich das Ich von dieser Aufmerksamkeit los, das 
bewußte Aufmerken gleitet gewissermaßen vom fixierten Material ab. Diese 
Einstellung ist es, der sich Analysand und Analytiker gleicherweise unter- 
werfen, der Analysand, damit das Unbewußte in Erscheinung tritt, der Ana- 
lytiker, damit er die Signale, die aus dem Unbewußten des andern kommen, 
in einer mit ihm harmonisierenden Einstellung auffangen kann. Diese Ein- 
stellung — die Aufmerksamkeit und das darauf folgende Abgleiten — ist aber 
darum erfolgreich, weil sie der Funktionsweise des Unbewußten entspricht; 
das Unbewußte kennt nämlich keine direkte, gerade und ständig dem Ziel 
zustrebende Richtung. Im Ich wird die Richtung durch die Aufmerksamkeit 
quasi geradegerichtet, einem Ziel zugeführt, im Unbewußten gibt es dagegen 
eine derartige Aufmerksamkeit nicht, sondern ein der Aufmerksamkeitsfunk- 
tion artnahes „krummes" Gerichtetsein. 

Betrachten wir nun, wie die analytische Aufforderung bei Freud lautet, 
d. h. welches nach ihm die günstigste seelische Konstellation zur Gewinnung 
des analytisch brauchbaren Materials ist. Freud zitiert an mehreren Stellen 
und in mehreren Fassungen, so auch in den „Vorlesungen zur Einführung in 
die Psychoanalyse", die analytisch-technische Grundregel: „"Wir legen es dem 
Kranken auf, sich in einen Zustand von ruhiger Selbstbeobachtung ohne Nach- 
denken zu versetzen und alles mitzuteilen, was er dabei an inneren Wahr- 
nehmungen machen kann: Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, in der Reihen- 
folge, in der sie in ihm auftauchen. Wir warnen ihn dabei ausdrücklich, 
irgendeinem Motiv nachzugehen, welches eine Auswahl oder Ausschließung 
unter den Einfällen erzielen möchte, möge es so lauten, das ist ihm zu un- 
angenehm oder zu indiskret, um es zu sagen, oder das ist zu unwichtig, 
es gehört nicht hierher, oder das ist unsinnig, braucht nicht gesagt zu 
werden. Wir schärfen ihm ein, immer nur der Oberfläche seines Bewußtseins 
zu folgen, jede wie immer geartete Kritik gegen das was er findet zu unter- 
lassen, und vertrauen ihm an, daß der Erfolg der Behandlung, vor allem aber 
die Dauer derselben von der Gewissenhaftigkeit abhängt, mit der er diese 
technische Grundregel der Analyse befolgt" (7). Eine andere die Rolle der 
Aufmerksamkeit und der schlafnahen Einstellung hervorhebende Stelle be- 
findet sich in der Traumdeutung (8). 

Was ist das Mehr, was diese Aufforderung der Börneschen gegenüber 
bietet? Wir können es in drei Punkte zusammenfassen: die Aufforderung 1. 
zur ruhigen Selbstbeobachtung, 2. zum Gerichtetsein auf Ge- 
fühle, Gedanken und Erinnerungen und 3. zur Bekämpfung dessen, 
was wir mit dem Sammelbegriff des Widerstandes bezeichnen. 

Sehen wir zu, was sie zu bedeuten haben. 



2. Die ruhige Selbstbeobachtung. — Das Lebendigwerden der Vergangenheit. 

Haben wir im Börneschen Prinzip — alles aussagen, was einem durch 
den Kopf geht — das eine Extrem der psychoanalytischen Einstellung dar- 
gestellt, so ist der von Freud geforderte Zustand der „ruhigen Selbstbeob- 
achtung" aufs äußerste getrieben wohl das andere. Während jenes einer 
manisch-gespannten Seelenverfassung entsprach, entspricht dieses eher einer 
depressiv-erschlafften. Wir fanden den vorzeitigen Verkünder des ersteren 
in einem Romantiker: dem Schriftsteller Börne. Sicherlich ist es kein Spiel 
des Zufalls, daß wir auch für das zweite einen Vorläufer aus der romantischen 
Epoche vorfinden: die Epoche der entfesselten Phantasien, der Rückkehr zum 
Realismus war ein günstiger Boden für psychologische Gedankengänge, die 
eine Auflockerung der Seelenmechanismen zum Ziele hatten. 

Der Mann, auf den wir uns hier berufen, ist kein Dilettant auf wissen- 
schaftlichem Gebiete. Es ist der große Physiologe des 19. Jahrhunderts, Jo- 
hannes Müller, der Verkünder der spezifischen Sinnesenergien. Ein kleines 
Büchlein „Über die phantastischen Gesichtserscheinungen", aus dem Jahre 
1826, ist schon in seiner physiologischen Theorie verankert, dabei an Beob- 
achtungen einzigartig und für uns von besonderem Interesse. Außer der theo- 
retischen Grundlegung enthält es die Schilderung der Seelenzustände, in 
welchen sich bei Müller eigenartige Gebilde, eben die „phantastischen 
Gesichtserscheinungen" melden. „Es ist selten" — schreibt er — , „daß ich 
nicht vor dem Einschlafen bei geschlossenen Augen in der Dunkelheit des Seh- 
feldes mannigfache leuchtende Bilder sehe. Von früher Jugend auf erinnere 
ich mich dieser Erscheinungen, ich wußte sie immer wohl von den eigentlichen 
Traumbildern zu unterscheiden; ich konnte oft lange Zeit noch vor dem 
Einschlafen über sie reflektieren. Vielfache Selbstbeobachtung hat mich denn 
auch in den Stand gesetzt, ihre Erscheinung zu befördern, sie festzuhalten. 
Schlaflose Nächte wurden mir kürzer, wenn ich gleichsam wachend wandeln 
konnte unter den eigenen Geschöpfen meines Auges. Wenn ich diese leuchten- 
den Bilder beobachten will, sehe ich bei geschlossenen, vollkommen aus- 
ruhenden Augen in die Dunkelheit des Sehfeldes; mit einem Gefühl der Ab- 
spannung und größten Ruhe in den Augenmuskeln versenke ich mich ganz 
in die sinnliche Ruhe des Auges oder in die Dunkelheit des Sehfeldes. Allen 
Gedanken, allem Urteil wehre ich ab, ich will bei einer vollkommenen Ruhe 
des Auges wie des ganzen Organismus in Hinsicht der äußeren Eindrücke nur 
beobachten, was in der Dunkelheit des Auges als Reflex von inneren organi- 
schen Zuständen in anderen Teilen erscheinen wird". Die „leuchtenden" und 
sinnlichen, d. h. keineswegs nur vorstellungsartigen Bilder, die durch jegliche 
Reflexion „auf die Stelle verscheucht werden", „sind selten bekannte Gestalten, 



gewöhnlich sonderbare Figuren, Menschen, Tiere, die ich nicht gesehen, er- 
leuchtete Räume, in denen ich noch nicht gewesen. Es ist nicht der geringste 
Zusammenhang dieser Erscheinungen, mit dem was ich am Tage erlebt, zu 
erkennen". — Der« Zustand vor dem Einschlafen scheint diesen Aufzug frei 
emporstrebender Bilder besonders zu begünstigen, doch lassen sie sich auch am 
Tage heraufbeschwören. „Gar manche Stunde der Ruhe, vom Schlafe weit 
entfernt, hab ich mit geschlossenen Augen zu ihrer Beobachtung zugebracht" 
— sagt Müller. „Ich brauche mich oft nur hinzusetzen, die Augen zu 
schließen, von allem zu abstrahieren, so erscheinen unwillkürlich diese seit 
früher Jugend mir freundlich gewohnten Bilder. Ist nur der Ort recht dunkel, 
bin ich nur geistig ganz ruhig, ohne leidenschaftliche Stimmung ... so darf 
ich, wenngleich an Schlaf gar nicht zu denken ist, der Erscheinung gewiß 



sein. 



"Was geht hier vor? Frei schwebende Bewußtseinsinhalte tauchen auf und 
versinken; sie entziehen sich jeglicher Lenkung, erscheinen dem bewußten 
Ich fremd, wie eine Botschaft aus unbekannten Tiefen. Es ist etwas, das in der 
Linie der psychoanalytischen Zielsetzung liegt, wie auch in der Müll er sehen 
Einstellung das Gemeinsame mit der Freudschen Instruktion nicht zu ver- 
kennen ist. Auch er braucht einen Zustand der völligen Ruhe, auch er bedarf 
der hingebenden Selbstbeobachtung. Bringt er wirkliche Offenbarungen 
zutage? 

Er tut es nicht, weil seine Einstellung nur ein Extrem der analytischen 
Konstellation darstellt. War die Freiheit bei Börne eine Richtungslosigkeit, 
so ist die Ruhe bei ihm eine Sperrung. Er konzentriert sich auf das optische 
Gesichtsfeld und verschließt Urteilen, Gefühlen und Gedanken den Weg. Der 
psychische Schauplatz seiner Erscheinungen ist das Optische — nichts weiter. 
So steigen ihm dann Bilder auf, die er nicht versteht, die — wenn auch dem 
analytisch Geschulten vielleicht deutbar — ihm zusammenhanglos erscheinen, 
des Sachverhalt-Sinnes entbehren. Eine Entäußerung der Seele kann hier 
ebensowenig zustande kommen, wie bei der ideenfluchtartigen Reaktion auf 
die künstlich eingeengte Börnesche Aufforderung. 

Doch wie sich bei dieser ein fruchtbarer Kern herausschälen ließ, so läßt 
vielleicht auch die Einstellung von Müller eine dem analytischen Ziel ent- 
sprechende Verschiebung zu. Müller selbst teilt eine interessante Beschrei- 
bung aus Moritz und Pockels' Magazin zur Erfahrungsseelenkunde mit: 
„In (der) Zwischenzeit zwischen Schlaf und Wachen bemerken wir gemeinig- 
lich jene bizarren, bald lächerlichen und unanständigen, bald auch fürchter- 
lichen Bilder, welche unsere Seele durchkreuzen und deren Ursprung noch 
ein Rätsel in der Psychologie zu sein scheint. Bisweilen erinnern wir uns 
alsdann auf einmal, ohne die Ideenassoziation in uns wahrzunehmen, aus der 



16 Die psychoanalyti sche Konstellation. Die Beschaffung des Material s 

man das Erinnern erklären könnte, Dinge, die wir längst vergessen hatten; es 
fallen uns Szenen aus unserer Jugend ein, die wir mit einer erstaunlichen 
Pünktlichkeit gleichsam vor unsern Augen vorübergehen sehen; oder wir 
erblicken einen hell leuchtenden Gegenstand, eine abscheuliche menschliche 
Gestalt, eine Leiche, einen Abgrund, ein reizendes Frauenzimmer ... Mit 
einer innern lebhaften Wehmut erinnern wir uns dann oft eines Fehlers un- 
serer Jugend, welcher, während daß wir wachten, keine solche unangenehme 
Empfindung in uns zu erregen pflegte; wir erröten in der stillen Einsamkeit 
der Nacht bei gewissen Gedanken vor uns selber, wenn wir gleich den ganzen 
Tag von diesem Gefühl verschont wurden . . ." 

Was hier vorgeht, ist nichts weniger, als daß die Sperrung der Müll ersehen 
Einstellung gelöst wird und dadurch derselbe Zustand „zwischen Schlaf und 
Wachen" Inhalte hervorbringt, die bei der Beschränkung aufs Optische fern- 
bleiben. Die von Freud geforderten „Gedanken, Gefühle, Erinnerungen" 
melden sich, sie sind dem Beobachter wohl verständlich, wenn ihn auch die 
Kräfteverschiebungen dem wachen Leben gegenüber eigenartig berühren. Die 
Bildhaftigkeit der Müll er sehen Einstellung bleibt erhalten, nur sind die 
Bilder nicht mehr fremd, sondern tief im Seelen-Kontinuum verankert. Es 
ist ein Zustand, der uns allen bekannt ist: der Zustand der „Tagträumerei". 
Varendonck(9) beschreibt den Hergang der Träumerei — von ihm 
„vorbewußtes phantasierendes Denken" genannt — in einer Weise, die mit 
der oben mitgeteilten viel Ähnlichkeit aufweist. Auch er wird von den 
Phantasien sehr oft, doch nicht immer, vor dem Einschlafen befallen, auch 
bei ihm tauchen Bilderreihen auf, allerdings mitunter von dialogartigen Ge- 
sprächen unterbrochen, auch er wird von Erinnerungen bestürmt. Dies letztere 
ist es, was uns am meisten interessiert und die nächste Frage muß lauten, ob 
zwischen dem Auftauchen von Erinnerungen und der Müller sehen Einstel- 
lung irgendein Zusammenhang besteht. 

Unsere Antwort lautet unbedingt bejahend. Um sie zu verstehen, müssen 
wir die beschriebenen Gesichtsbilder näher ins Auge fassen. 

Die phantastischen Gesichtserscheinungen Müllers werden von der 
heutigen Psychologie als gesichert regressive Phänomene betrachtet. Stellen 
sie im Leben des erwachsenen Individuums meist einen Sonderzustand dar, so 
sind sie in der Kindheit normal. Das wußte schon Johannes Müller und er 
erzählt uns, wie er in der Kindheit manche Stunde damit verbrachte, an der 
Wand des gegenüberliegenden Hauses in den Umrissen des abgefallenen und 
stehengebliebenen Kalkes „Gesichter" zu sehen, die einen sprechenden Aus- 
druck für ihn erhielten. Später wollte ihm dieses Spiel nicht mehr gelingen. 
Es ist das Verdienst von E. R. Jaensch, Umfang und Gesetze dieser von ihm 
Eidetismus genannten Erscheinung zu klären. Durch eine Menge von 



Die ruhige Selbstbeobachtung. — Das Lebendig werden der Vergangenheit 17 



Versuchen gelang es ihm zu beweisen, daß die eidetischen Bilder der Kindheit 
wirkliche Gesichtsbilder und keine Vorstellungen sind, daß sie eine dem 
späteren Wortdenken gegenüber primitivere Entwicklungsstufe darstellen, daß 
sie die der Kindheit eigentümliche Anschauungsform bilden, um im er- 
wachsenen Alter nur bei Ausnahmezuständen oder bei ausnahmsweise dazu 
veranlagten Individuen wieder zu erscheinen. Ein solcher Ausnahmezustand 
der „traumhaften Entrüektheit" (Jaensch), der die Regression ins Eidetische 
begünstigt, scheint der Zustand vor dem Einschlafen zu sein. Das ver- 
hilft uns aber schon zum Verständnis dessen, daß derselbe Zustand, indem er 
funktionelle Regressionen begünstigt, auch eine andere Art der Regression, die 
Zurück Versetzung in die Vergangenheit, das Auftauchen längst über- 
wundener Ich-Zuständlichkeiten gestattet (10). Der Umstand, daß Er- 
innerungen auftauchen, wird uns ebensowenig Wunder nehmen, wie daß die 
Erinnerungen bildhaft in der Anschauungsform der Kindheit erscheinen. 

Und nun müssen wir uns daran erinnern, was ja in der Psychoanalyse schon 
längst bekannt ist: an die regressive Natur des Schlafes. Nach Freud ist der 
„alte" überwundene Zustand beim Schlaf der intrauterine Zustand. Es ist 
Ferenczi, der zu dieser Auffassung auch den physiologischen Beleg lieferte, 
indem er unter vielem anderen z. B. auf das Wiedererscheinen des Babinski- 
schen Reflexes hinwies (11). Wir wissen, was dieses Wiedererscheinen zu be- 
deuten hat: eine Tonusverminderung des höheren Hemmungsapparates im 
Zentralnervensystem und wir wissen auch zu welcher grundlegenden Be- 
deutung dieses und das mit ihm parallel verlaufende Nachlassen der seelischen 
Hemmungen in der Theorie des Traumlebens gelangte. Spuren davon lassen 
sich aber auch schon im schlaf nahen Zustand der Müll er sehen Versenktheit, 
der Varendonckschen Tagträumerei — und der analytischen Konstellation 
erkennen. 

Kehren wir nun zur letzteren zurück, so leuchtet die regressive Kraft in 
einem ruhig-versenkten, erschlaffend-schlafnahen Zustande ohne weiteres ein. 
Wir können die Bedeutung dieser Regression noch besser einschätzen, 
wenn wir an die Schlafstellung des Säuglings denken. Sie erinnert nicht 
an die intrauterine Position, sondern ist die Stellung des an die Mutter 
angeklammerten Affenkindes (12, 13). Der Trieb nach Anklammerung, der 
erste unbefriedigte Wunsch des Menschenkindes, kann wohl im Schlaf und in 
schlaf nahen Zuständen regressiv empor tauchen; wird ein solcher Zustand in 
der Analyse erreicht, so ergibt dieser, mittels Wiederbelebung des körperlichen 
Anklammerungswunsches, eine wichtige Grundlage für spezifische Gefühls- 
erscheinungen in der Analyse. 

Diese schöpferische Regression kann aber nicht nur durch Ruhe und 
Versenkung hervorgerufen werden. Durch eine gewisse Art von Bewegt- 

H ermann, Psa. als Methode 3 



i8 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



sein, wie z.B. das gleichmäßige Gehen, das gleichmäßige Arbeiten kann sie 
auch herbeigeführt werden. Je größer die Monotonie der Bewegung, um so 
eher kann auf ihr Erscheinen gerechnet werden. Bezeichnend hierfür ist die 
Beschreibung eines deutschen Ingenieurs, Hultzsch, der sich als Arbeiter bei 
Ford anstellen ließ: „im selben Maße als ich mir die Arbeit rhythmisch an- 
eignete, . . . begann ich mich vom werktätigen Vollzug abzulösen . . . Erinne- 
rungsbilder erschienen vor dem geistigen Auge, Gedankenketten bildeten sich 
und dies alles bei gespannter Aufmerksamkeit . . ." Das Regressiv-Primi- 
tive des rhythmischen Vorganges läßt sich leicht durchblicken; vielleicht 
kommt hier auch das Rhythmisch-Einlullende kindlicher Wiegenlieder zur 
Geltung. Jedenfalls gelang es mir einmal die richtige Einstellung bei einem 
schwer-zwangsneurotischen, die Aufmerksamkeit stets kritisch überspannenden 
Kranken dadurch zu erreichen, daß ich ihn ein Wort vielmal hintereinander 
auf ein Blatt Papier schreiben ließ. Er wählte sich dazu den eigenen Namen 
und bildete einen Schreibrhythmus heraus, unter welchem sich Erinnerungen 
und Affekte meldeten, denen in der späteren Behandlung eine grundlegende 
Bedeutung zukam. Es handelt sich bei solchen rhythmischen Manipulationen 
nicht nur um die Ablenkung der Aufmerksamkeit, wie sie zur Erklärung der 
quasi-manischen Einstellung beschrieben wurde, sondern um das positive Hin- 
eingleiten des Ichs in eine schlafnahe Situation mit Hilfe der einschläfern- 
den Kraft der rhythmischen Vorgänge. 

Endlich mögen noch zwei an das oben Gesagte streifende Verfahren erwähnt 
werden. Das eine ist das von J. H. Schultz, der, ohne ihn zu erwähnen, ein 
auf die Müll ersehe Einstellung gegründetes Heilverfahren entwickelte (14). 
Nach ihm wäre die Erschlaffung- Vertiefung-Relation eine urtümliche Re- 
aktion, was sich auch aus der vielseitigen Analogie zur lösenden Wirkung des 
Einschlummerns ergibt. Das „autogene Training" wird durch eine biologische 
Umschaltung ermöglicht. Das Verfahren von Schultz, obzwar es „auto- 
kathartische" Abreagierungen liefert, ist eher auf eine Resonanzlosigkeit 
gegen Affekte als auf eine analytische Konfliktlosigkeit gerichtet und damit 
verrät es sich auch — obzwar es die Erreichung des „autohypnotischen" Zu- 
standes seinen Zielen einreiht — methodologisch als ein Verfahren der ver- 
schließenden Abwehr. 

In den relaxations-technischen Neuerungen von Ferenczi bezieht sich die 
Relaxation in der analytischen Konstellation auf vieles andere, vor allem 
auf Gefühlsverhältnisse, aber auch auf das Training der körperlich erschlaffen- 
den Vertiefung (ij). 

Zusammenfassend läßt sich soviel sagen: der Zustand ruhiger Selbstbeob- 
achtung, wie sie in extremer Form bei Johannes Müller zu finden ist, vermag 
einen schlafnahen Zustand herbeizuführen, welcher die regressive Versenkung 



Die Ableitung der Affekte in Worte. — Das Geheimnis 19 



in die Vergangenheit und das Auftauchen bildhafter Erinnerungen besonders 
begünstigt. Bildhafter Erinnerungen bedarf aber die Analyse, weil viele Kind- 
heitserinnerungen eidetisch niedergelegt sind und das analytische Ziel, mit 
einem prägnanten Ausdrucke von Freud, eine Vertiefung in die Lebensge- 
schichte ist (16). v 

3. Die Ableitung der Affekte in Worte. — Das Geheimnis. 

Wir haben im Bisherigen zwei Einstellungen kennengelernt, die aus der 
Ganzheit der psychoanalytischen Einstellung herausgerissen Teil- und Grenz- 
erscheinungen derselben bildeten. Die eine entstand bei der strikten Befolgung 
der Börneschen Aufforderung: alles aussagen, was einem durch den Kopf 
geht, die andere durch die aufs Schauen gerichtete ruhige Selbstbeobachtung, 
die bei Johannes Müller beschrieben ist. Eine dritte Seite der psychoanalyti- 
schen Einstellung ist schon in der Benennung des ur-psychoanalytischen 
Verfahrens angezeigt: wir meinen seine „kath artische" Zielsetzung. 

Zu den zwei früher beschriebenen Einstellungen konnten geistesgeschicht- 
lich zwei Parallelen aus der romantischen Periode vom Beginn des 19. Jahr- 
hunderts angeführt werden. Sollte die „kathartische" Einstellung wohl auf die 
klassische Poetik des Aristoteles zurückgehen? Die Katharsis-Lehre des Aristo- 
teles ist in Verlust geraten und verschieden aufgebaute Interpretationen woll- 
ten das Verlorene ersetzen. Die Auslegungen selbst nehmen, wenn sie folge- 
richtig aufgebaut sind, den einen oder den anderen von zwei entgegengesetzten 
Standpunkten ein, entweder den moralisierenden oder den psychologisierenden. 
In der ersteren Art hatte L e s s i n g Erfolg, der mit seiner Auffassung die Jahr- 
zehnte um 1800 beherrschte, in der zweiten Art — nach einem ersten Anstoß 
von Seiten E. Müllers (1837) — Bernays, mit einer Abhandlung aus dem 
Jahre 1857 (17). Hier wird Katharsis einer Art medizinischer Kur gleichge- 
stellt. „Wir sehen an den heiligen Liedern — soll Aristoteles gesagt haben — , 
daß, wenn dergleichen Verzückte Lieder, die eben das Gemüt berauschen, auf 
sich wirken lassen, sie sich beruhigen, gleichsam als hätten sie ärztliche Kur 
und Katharsis erfahren. Dasselbe muß nun folgerecht auch bei den Mitleidi- 
gen und Furchtsamen und überhaupt bei allen stattfinden, die zu einem be- 
stimmten Affekt disponiert sind . . ., für alle muß es irgend eine Katharsis 
geben und sie unter Lustgefühl erleichtert werden können." Bernays meint, 
man solle mit dem Begriff des „Verzückten" alle Leute mit „nervösen oder 
wie man jetzt sagt, somnambulistischen und magnetischen Symptomen" um- 
fassen. In einer Schrift aus dem dritten Jahrhundert wird, im Zusammenhange 
mit dem Phallus-Kult und den schmutzigen kultischen Reden, mit folgender 
Beweisführung auf die Wirkung der Dramen eingegangen: „Die Kräfte der in 



ao Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 

uns vorhandenen allgemein menschlichen Affektionen werden, wenn man sie 
gänzlich zurückdrängen will, nur um so heftiger. Lockt man sie dagegen zu 
kurzer Äußerung in richtigem Maße hervor, so wird ihnen eine maßhaltende 
Freude zuteil, sie sind gestillt und entladen und beruhigen sich dann auf gut- 
willigem Wege ohne Gewalt. Deshalb pflegen wir bei Komödie sowohl wie 
Tragödie durch Anschauen fremder Affekte unsre eignen Affektionen zu 
stillen, mäßiger zu machen und zu entladen; und ebenso befreien wir uns auch 
in den Tempeln durch Sehen und Hören gewisser schmutziger Dinge vor dem 
Schaden, den die wirkliche Ausübung derselben mit sich bringen würde." 
Diese Auffassung soll die aristotelische gut wiedergeben. Auch Aristoteles soll 
nicht von abtötenden Radikalkuren der Affekte Heil erwartet haben, sondern 
er soll, ihres zeitweiligen palliativen Effektes wegen, Zutrauen zu der ab- 
leitenden pathologischen Katharsis gefaßt haben. 

Der Breuer-Freudschen Katharsis steht jedoch auch diese psychologi- 
sierende, nicht moralisierende, Auffassung von Bernays ferne. Es wird hier 
zugesehen, angehört, höchstens durch Identifikation mitgewirkt; in der Analyse 
hingegen muß der zu Befreiende selber affektvolle Aussagen treffen. Und da 
trifft sich ein nicht geringerer als Goethe, der im Jahre 1826 die Lessing- 
sche Lehre entschieden zurückweist, in seiner Gegnerschaft freilich jede ästhe- 
tische Lehre verneint, welche auf die moralische Wirkung des künstlerischen 
Materials ausgeht — doch eine Katharsis anerkennt, und zwar der Personen, 
also der am Trauerspiel aktiv Mitwirkenden (18). 4 

Kehren wir zu den zwei Einstellungen zurück, die wir bisher kennenlernten, 
so konnte hinter dem Sachverhalt-Sinn bei beiden der analytische Sinn 
erscheinen. Doch zeitigte die erste Einstellung — wenn wir die Grenzformen 
betrachten — eine Art Ideenflucht, die andere das Auftreten loser eideti- 
scher Bilderreihen. Es ist nun etwas, was beiden gemeinsam ist, und zwar in 
ihren Grenzfällen ihre Unabhängigkeit von intellektuellen Funktionen. Statt 
durch die Gesetze des Verstandes werden sie durch eine Gesetzmäßigkeit in 
ihrem eigenen System geregelt: bei der ersten herrschen Klangähnlichkeiten, 

4) „. . . wenn (die Tragödie) durch einen Verlauf von Mitleid und Furcht erregenden 
Mitteln durchgegangen, so müsse sie mit Ausgleichung, mit Versöhnung solcher Leiden- 
schaften zuletzt auf dem Theater ihre Arbeit abschließen." — „Er (Aristoteles) versteht 
unter Katharsis diese aussöhnende Abrundung, welche eigentlich von allem Drama, ja 
sogar von allen poetischen Werken gefordert wird . . ." „. . . denn es gibt wohl keine höhere 
Katharsis als der ödipus auf Colonus, wo ein halbschuldiger Verbrecher, ein Mann, der 
durch dämonische Konstitution, durch eine düstere Heftigkeit seines Daseins, gerade bei der 
Großheit seines Charakters, durch immerfort übereilte Tatausübung den ewig unerforsch- 
lichen, unbegreiflich-folgerechten Gewalten in die Hände rennt, sich selbst und die Seinigen 
in das tiefste, unherstellbarste Elend stürzt, und doch zuletzt noch aussöhnend ausgesöhnt, 
und zum Verwandten der Götter, als segnender Schutzgeist eines Landes eines eigenen Opfer- 
dienstes wert, erhoben wird." 



Wortassoziationen, Wiederholungen, Reime und Alliterationen vor, bei der 
zweiten durch die Gestaltungskraft des Sehfeldes bedingte Veränderungen im 
Bildmaterial. Hier wie dort handelt es sich um Automatismen, um Auto- 
matismen der Sprache und Automatismen des Sehfeldes. 

Es gibt aber noch einen dritten dem Verstände feindlichen Automatismus: 
den Automatismus der Affekte. Ob wir auf Darwinscher Grundlage 
stehen oder ihn verlassen haben, soviel steht aus seiner Lehre von den Ge- 
mütsbewegungen fest, daß Affektäußerungen jetzt sinnlos gewordene Wieder- 
holungen einst sinnvoller Vorgänge sind. Ein klassisches Beispiel hierfür ist 
die Affektäußerung des Zornes, bei welchem im Zähneknirschen und Fäuste- 
ballen die Ansätze zum Beißen und Schlagen noch ziemlich gut zu erkennen 
sind. Andere Affektabläufe verraten ihren Ursprung schwerer und auch die 
Darwinsche Ableitung ergibt einen weniger durchsichtigen Zusammenhang; 
allen gemeinsam ist jedoch eine zwangsmäßige Folge motorischer Begleit- 
erscheinungen, für die — jenseits des intendierten Sinnes — weder der Affekt- 
beladene, noch der Zuschauer eine verstandesmäßige Erklärung findet. Sie 
haben ihre eigenen Gesetze, außer den phylogenetisch bedingten auch eine 
gewisse „Wirbelhaftigkeit", da sie alles Angrenzende automatisch mitreißen 
und einem Wirbelzentrum zuführen. 

Die Stelle, wo der Affekt in die psychoanalytische Konstellation einspringt, 
ist wohl eine der wesentlichsten in ihrer Methodenlehre. Auch historisch 
steht sie am Anfang und wir müssen, um ihr zu begegnen, auf das B reuer- 
Fr eudsche Hysterie-Buch zurückgreifen. Hier ist die folgende Be- 
schreibung zu lesen: „Wir fanden, . . . daß die einzelnen hysterischen Sym- 
ptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, 
die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu er- 
wecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann 
der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem 
Affekte Worte gab. Affektloses Erinnern ist fast immer wirkungslos; der 
psychische Prozeß, der ursprünglich abgelaufen war, muß so lebhaft als mög- 
lich wiederholt, in statum nascendi gebracht und dann ,ausgesprochen' wer- 
den" (19). 

Wir greifen aus dieser vieles enthaltenden Beschreibung das für diesen Zu- 
sammenhang Wichtigste heraus. Es muß eine Einstellung geschaffen werden, 
die die ursprünglichen Affekte hervorlockt; doch — und hier ist der sprin- 
gende Punkt — sie werden nicht (ebensowenig, wie bei der Born eschen Ein- 
stellung, falls sie analytisch fruchtbar werden soll, die Worte und bei der 
Müll er sehen die Bilder) ihrem eigenen automatischen Verlauf überlassen, 
sondern müssen ausgesprochen werden. Der Affekt-Automatismus 
muß in die Richtung der Sprache dirigiert werden: so — und nur 



22 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 

so — kommt theoretisch die analytische Erkenntnis und therapeutisch die Ab- 
reagierung zustande. Dies ist es, was bei Freud Katharsis genannt wird: 
das In-Statum-Nascendi-Bringen der Affekte und ihre gleich daran an- 
knüpfende Aussprache. 

Es wird zwar eine völlig „kathartische" Wirkung der Reaktion des Ge- 
schädigten auf das Trauma von Breuer-Freud nur dann anerkannt, „wenn 
sie eine adäquate Reaktion ist, wie die Rache. Aber in der Sprache findet der 
Mensch ein Surrogat für die Tat, mit dessen Hilfe der Affekt nahezu ebenso 
,abreagiert' werden kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst der 
adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die Pein eines Geheimnisses 
(Beichte!). Wenn solche Reaktion durch Tat, Worte, in leichteren Fällen 
durch Weinen nicht erfolgt, so behält die Erinnerung an den Vorfall zunächst 
die affektive Betonung" (19). 

Die Berechtigung des kathartischen Verfahrens wird durch die Erfahrung 
geliefert: je reiner es verwirklicht werden kann, um so sicherer der Erfolg. 
Die Methodenlehre muß jedoch nach der inneren Notwendigkeit fragen. 
Warum soll der Ablauf der Affekte in Worten enden — das ist die 
Frage, die uns nun beschäftigen soll. 

Wir wollen sie von zwei Seiten anfassen; wir fragen zunächst, ob in der 
Natur der Sprache etwas liegt, was den Ablauf in Worten begünstigt und 
dann, ob bei dem analytisch behandelten Kranken (oder allgemeiner dem 
menschlichen Individuum) eine innere Triebkraft vorausgesetzt werden kann, 
welche ihn zum sprachlichen Ausdruck drängt und der die analytische Auf- 
forderung nur entgegenkommt. 

Schon die erste Frage, die nach der Natur der Sprache, ist allzu verwickelt, 
um nach allen Richtungen ausgebeutet zu werden. Wir wollen nur einige 
Tatsachengruppen herausgreifen. 

Wenn wir die Sprachvorgänge näher betrachten, so muß die Affektnähe des 
Lautes zuerst auffallen: das Ausleben der Affekte ist mit der Lautgebung 
aufs engste verbunden. Es wäre eine weitere und zu weit führende Aufgabe, 
die Gründe dieses Zusammenhanges tiefer zu erforschen. Man kann sich ihm 
psychologisch nähern, wie es Pfeifer (20) tat; man kann eine Erklärung auf 
Grund des anatomisch-physiologischen Tatbestandes suchen, wonach die stimm- 
gebenden Muskeln vom selben Nerv, dem Vagus, innerviert werden, welcher 
auch im Affekt stark mitgenommen wird; man kann sich endlich auch auf 
tierpsychologische Erfahrungen berufen, wonach z. B. Menschenaffen auf den 
Affekt mit einem sehr starken Krampf ihres lautgebenden Apparates reagieren: 
ihr Glottiskrampf droht sie manchmal fast zu ersticken. Jedenfalls steht so- 
viel fest, daß der Sprachbestandteil: Laut zum Affektausdruck höchst ge- 
eignet ist. 



In ganz anderer Art wirkt das Wort, welches wir nur dann würdigen kön- 
nen, wenn wir es in das regressive Bereich zurückverfolgen, aus dem seine 
Wirkung stammt. Das "Wort ist beim Kinde, ebenso wie beim Primitiven, ein 
von dem unseren wohl verschiedenes Gebilde. Es ist ein Bestandteil der magi- 
schen Welt, selber ein starkes magisches Zentrum. Eine Macht strahlt von ihm 
aus — eine auch fernwirkende Macht, die stark genug ist, den Affekt zu 
tragen und den Willen in Wirklichkeit umzusetzen. Das Aussprechen des 
Wortes ist in dieser Welt noch nicht bloße Mitteilung von Inhalten, es läßt 
vielmehr Kräfte in Erscheinung treten, die auf die Umänderung der Welt ge- 
richtet sind. Es ist aber auch das Wort, das, ohne Magie, vom Kinde Gehorsam 
verlangt, das Widerstand erweckt und wieder zu versöhnen vermag. 

Das Entscheidende spielt sich aber nicht hier, sondern bei dem in Worte ge- 
faßten Gedanken ab. Da geht die Veränderung im Affekt vor, die für das 
weitere ausschlaggebend ist: er wird objektiviert. Was heißt hier aber 
Objektivierung? Unausgesprochen ist der Affekt mit der Person des Indi- 
viduums aufs innigste verschmolzen; er gehört ganz zu ihm, ist eins mit ihm. 
Es kann sich von ihm nur befreien, indem es ihn benennt, somit ihn zum Teil 
der Außenwelt werden läßt. Das theoretisch und therapeutisch Bedeutungs- 
volle dieses Schrittes liegt also in seiner ablösenden, hinausversetzenden Rolle. 

Aber noch von einer anderen Seiteist der in Worte gefaßte Gedanke bedeut- 
sam: durch dieZeithaftigkeit, welche ihm anhaftet. In Worte gefaßt wird der 
ursprünglich unzeitliche Affekt zeitlich, er gehört entweder der Vergangen- 
heit oder der Zukunft an. Er wird in die objektive Zeit hinausversetzt und 
dadurch vom Subjekt losgelöst. Die zum „Abreagieren" leitende Eigenart der 
Sprache kann von da aus wohl am besten verstanden werden. 

Hierher führt auch der Weg, wenn wir die Sprache nicht nach ihrem Auf- 
bau, sondern der Funktion nach betrachten. Von diesem Standpunkte aus ist 
sie ein Mittel zur sozialen Verständigung, wobei der Schwerpunkt für uns am 
„Sozialen" liegt. Das Nur-Ich spricht nicht — und es ist die Sprache, die 
uns vom Nur-Ich befreien kann. Durch die Sprache wird der Affekt sozial 
oder kultiviert oder, wie wir es auch sagen könnten: sublimiert. Der sprach- 
liche Ausdruck führt zu einer Sublimierung des Affektes, und zwar in statu 
nascendi, welch letzteres übrigens für alle gelungenen Sublimierungen be- 
zeichnend ist (21). 

Damit sind wir aber schon bei unserer zweiten Frage angelangt, ob nämlich 
der sprachliche Ausdruck des Affektes einer inneren Notwendigkeit entspricht. 
Gibt es etwas im Menschen, das ihn zur Aussprache drängt, das ihn zur Auf- 
deckung seiner Geheimnisse veranlaßt? Wenn ja, so entspräche die analytische 
Aufforderung einem von Innen kommenden Antrieb. 

Nun gibt es eine Richtung in der neuesten psychoanalytischen Literatur, 



24 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 

deren Annahme die Entscheidung unserer Frage sehr erleichtern würde. Nach 
ihr würde im Menschen ein permanentes Strafbedürfnis leben, das ihn zum 
Geständnisse zwingt. Der innere Drang, den wir suchen, bestünde nach ihr in 
der Sehnsucht nach der vom Geständnisse heraufbeschworenen Strafe, handle 
es sich auch in der analytischen Situation nur um die Beschämung (22). 

Wir stehen jedoch der Verallgemeinerung dieser Auffassung — wie auf- 
klärend sie auch für individuelle Fälle sein mag — ziemlich skeptisch gegen- 
über. Bestünde sie zu Recht, arbeitete im Menschen wirklich ein so starker 
Wunsch nach Bestraftwerden, der den Neurotiker zu ständigen Fehltritten 
und den wirklich Kriminellen zu seiner eigenen Kompromittierung zwingt, so 
wäre der große Apparat des Sicherheitswesens — Polizei und Gendarmerie — 
wohl stark überdimensioniert. 5 In der Analyse würde die Annahme eines 
Strafbedürfnisses unsere Arbeit oft erleichtern; ein weiteres Eindringen bringt 
aber meist tiefer liegende Motivierungen zutage. Mehr zur Demonstration als 
zum Beweis sei der Fall eines ij jährigen Jungen erwähnt, der in der Schule 
gerade dann nicht ordentlich antworten konnte, wenn er gut vorbereitet war. 
Er kam mit der Analyse schon früher in Berührung und dieses Symptom 
seiner Neurose wurde einfach als ein von seinem Schuldbewußtsein bedingtes 
Strafbedürfnis gedeutet. Die Assoziationen in der Analyse führten jedoch zu 
bestimmten Übungen in der Gymnastikstunde, bei welchen einer seiner 
Freunde Erektionen bekam und mit Hilfe dieser Erinnerung ließ sich auch sein 
Versagen als Erektions- und Ejakulationsangst deuten, als Angst etwas von 
sich herauszugeben und vom Wirbel des Triebes mitgerissen zu werden. Über 
diese Angst war das Strafbedürfnis nur oberflächlich gelagert. 

Wir müssen uns auch nach einer anderen Richtung orientieren, und zwar 
nach der Richtung des Geheimnisses. Das Geheimnis ist eine in bezug auf 
die Schuld neutrale psychische Erscheinung; es kann ebenso Gutes verbergen, 
wie Schlechtes. Etwas anderes liegt in seiner Natur: nämlich, daß es teils 
nach Verschweigen, teils nach Mitteilen verlangt. 

Der Zufall spielte mir vor vielen Jahren eine Reihe von Statuten „geheimer 
Gesellschaften" von Schulkindern in die Hände. Sie ergaben alle das nämliche 
Bild: Geheimnisse manifest oder latent sexueller Natur, die vor der Umwelt 
unter sieben Siegeln gehütet, den Mitgliedern der Gesellschaft aber stets mit- 
geteilt werden mußten (23). Das Geheimnis ist eben eine soziale Erscheinung, 
bei dem Verbergen und Mitteilen sich gegenseitig ergänzen. 

5) Die kriminelle Tat läßt Spuren hinter sich ev. infolge des Geständniszwanges, doch 
ist es eine viel allgemeinere Erscheinung, daß jede menschliche Tat — ja sogar jedes phy- 
sische Ereignis — Spuren läßt. (Vgl. d. Abschnitt: Spielraum. Zufall. Kausalität.) Die Rück- 
kehr des Täters an die Stelle der Tat ist oft die "Wirkung der Desorientiertheit des Real- 
Verfolgten. 



Die Ableitung der Affekte in Worte. — Das Geheimnis 25 



Was liegt nun im Geheimnis, das den Drang nach Mitteilung stets aufrecht- 
erhält? "Wir können es mit einem Worte bezeichnen: es isoliert. Solange 
ich mein Geheimnis für mich bewahre, bin ich ein einsamer Mensch; es ist 
nicht der Inhalt des Geheimnisses, der mich isoliert, sondern die Tatsache des 
Geheimnishabens selbst. Die Liebe duldet keine Geheimnisse, entweder, weil 
eine Mitteilung an andere das Band der Ausschließlichkeit zerreißt und 
den Partner stärkere Verbindungen eingehen läßt, oder noch mehr, weil es 
Scheidewände erhebt dort, wo ein restloses Überfließen verlangt wird. Dieses 
Überfließen ist aber auch die primitivste Orientierungsart des Lebewesens, die 
Orientierungsart nach Wärme und Kälte (24), die Orientierungsart, die die 
Körperlichkeit der Mutter mit der des Säuglings verbindet, und die bei dem 
vom Körper der Mutter losgelösten menschlichen Säugling die erste unerfüllte 
Sehnsucht hinterläßt. Am Geheimnis scheitert aber dieser ursprünglichste 
Trieb nach einem sich-selbst-aufgebenden Überfließen. 

Mit anderen Worten: bei dem, der Geheimnisse hat, ist tatsächlich ein stän- 
diger Wunsch vorhanden, sich ihrer zu entledigen. Gelingt es nicht, so kann 
ein neurotischer Überbau zustande kommen. Es ist nicht die negative Be- 
wertung, die die Geheimnislast unerträglich macht, sondern die auch bei posi- 
tiver Bewertung entstehende Isolierung und Liebesarmut des Individuums. 

Hier ist es, wo wir für die Aussprache des Affektes ein inneres Entgegen- 
kommen finden: die Sprache als soziale Erscheinung macht der Isolierung ein 
Ende. Die nach gemeinsamem Fühlen dürstende Seele findet in der das ge- 
meinsame Verstehen vermittelnden Sprache das Werkzeug, sich aus ihrer 
Vereinsamung zu lösen. Auch vom hervorbrechenden Geständnis der Schuld 
gilt dasselbe: das Geständnis vollzieht sich dabei nicht wegen, sondern trotz 
der darauffolgenden Strafe. Das Aufhören des Geheimnisses erfüllt den An- 
klammerungswunsch mit neuer Hoffnung. 6 

Es ergibt sich auch, daß die Abfuhr durch Worte einen anderen Heilungs- 
versuch: die Abfuhr des verdorbenen Mageninhaltes durch den Mund (Er- 
brechen) zum Vorbilde nimmt. Nicht selten wird beobachtet, daß das Empor- 
brechen alter verschütteter Erinnerungen von Brechreiz und Ekel begleitet 
wird. 

Dabei muß hier noch eine, nach all dem Gesagten eigentümlich anmutende, 
doch eigentlich recht selbstverständliche Bemerkung gemacht werden. Wie 
bei den zwei vorigen „unvollständigen" Einstellungen, so kann auch bei dieser 
vollkommen erscheinenden Einstellung das Prinzip ad absurdum geführt wer- 

6) Beim Geheimnisse muß man außer den genannten auch noch andere Affektbeteiligungen 
berücksichtigen. Geheimnis bewahren ist oft ein Zeichen von Stärke, und sein Aussprechen 
ein Zeichen von Schwäche. Anderseits wieder gehört Mut zum Aussprechen und das Ver- 
schweigen kann feige sein. 



g 6 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



den. Die Sprache kann als Mittel nicht nur der Mitteilung, sondern auch des 
Verbergens der Geheimnisse dienen. Technisch läßt sich dieser immer wieder 
durchbrechende Automatismus der Sprache eventuell bekämpfen, indem man 
den schnell sprechenden Analysanden langsamer reden läßt, etwa Pausen in 
seiner Rede zuläßt oder gar einschiebt. 

Eine andere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der Analysand 
der hier skizzierten Objektivierung nicht auf allen Gebieten fähig ist, sondern 
daß affekterfüllte Erinnerungen oft nur als subjektives Erlebnis aufzutauchen 
vermögen. Diese Frage, welche mit den später zu behandelnden Erscheinun- 
gen der Affektübertragung eng zusammenhängt, wurde von Ferenczi aus- 
führlich behandelt. Seine Lösung lautet dahin, daß der erlebnishaften Repro- 
duktion — mit einer vorläufigen Vernachlässigung des Abreagierens — auch 
nachgeholfen werden muß, damit sich endlich der Zustand des objektivieren- 
den, besprechenden Erinnerns einstellen kann (ij, 25). 

Es muß noch scharf betont werden, was die Katharsis nicht ist: sie ist nicht 
einfache Abfuhr der bis dorthin angehaltenen Energien. Sie hat einen kom- 
plizierten psychischen Grund und keinen einfach-physiologischen. Ähn- 
liches habe ich bereits für die Ausdrucksbewegungen der Affekte nach- 
zuweisen versucht (Vortrag geh. in der Ung. Psa. Verein, im Jahre 192 1) und 
zu ähnlichem Schlüsse kam Freud bezüglich des Angstaffektes und dessen 
Verhältnis zu der angehaltenen Libido. 

Erinnern wir uns nun an die am Anfang aufgestellte Frage, warum kann 
und soll der abreagierende Ablauf der Affekte durch die Sprache gehen. Man 
sieht, die analytische Methode erfordert dies, weil diese Art des Abreagierens 
methodisch entwickelt und beherrscht werden kann, während der direkte Ab- 
fluß der Affekte, z. B. bei der Rache, schwere Schäden für den Patienten und 
seine Mitmenschen mit sich bringen könnte. Doch ist eine kleine Türe stets 
auch in dieser Richtung offen und es soll ein verschiebbares Ventil zwischen 
der „völligen Katharsis" und der Katharsis durch die Sprache angebracht und 
soviel auch direkt abreagiert werden, als notwendig und zweckmäßig ist. Die 
von Breuer-Freud erwähnte dritte Stufe der Reaktion, das Weinen, 
nimmt auch keinen geringen Anteil an der affektiven Reaktion des Patienten. 
Eine richtige Analyse, ohne daß der Patient im Weinen Abfluß seiner Span- 
nungen sucht, kann ich mir gar nicht vorstellen. Das Weinen vermag sehr 
tiefe Affekte zu berühren und sein Erscheinen bezeugt das Aufbrechen tiefer 
Seelenwunden. Wie das Kind, das schon zu weinen aufgehört hat, beim Er- 
blicken der Mutter oder des Vaters wieder in Tränen ausbricht, wie dem einer 
Depression Verfallenen schon leichter zu Mute wird, wenn er weinend seine 
Pein erzählt, so gibt auch der weinende Patient seinem Vertrauen Ausdruck 
mit seinem Weinen. Das Weinen — wie auch das Weinen bei einer erhabenen 



Die rezeptive Einstellung des Analytikers 27 

Gelegenheit zeigt — beweist das Gefühl der Erlösung von einer schwierigen 
Situation, die Hoffnung auf das Wiedergewinnen der verlorenen geliebten 
Person. 

4. Die rezeptive Einstellung des Analytikers. 

Die Einstellung des Analysanden wurde als eine optimale Einstellung zur 
Selbstentfaltung des Tief seelischen beschrieben; vom Analytiker wird dem- 
entsprechend eine Einstellung verlangt, die zum Erhaschen der Signale 
aus diesem geeignet ist. Auch er soll die Aufmerksamkeit nach an- 
fänglichem Ansatz entgleisen lassen, auch er soll seine Einfälle ohne Sieb 
durchlassen, auch er kann eine dem Wachsein entrückte Bewußtseinslage an- 
nehmen; doch statt des kathartischen, abreagierenden, „motorischen" Ver- 
laufes ist er auf eine — wir möchten sagen — sensorische Tätigkeit eingestellt. 
Diese sensorische Tätigkeit bearbeitet selbständig die Sinnesdaten aller Modali- 
täten und versucht diese noch vor der gewohnten Apperzeption zu 
erhaschen. Sie setzt somit das Ich sozusagen auch im Gebiete der Sinnesauf- 
nahme auf ein „vorbewußtes" Niveau. Durch diese Einstellung des Analyti- 
kers wird teilweise eine Auflockerung des den Sachverhalt-Sinn ergebenden 
grammatisch-logischen Sprachmaterials erreicht, teilweise ein auf die Wahr- 
nehmungsdaten gerichteter Spürsinn zur Auffindung des Unausgesprochenen 
mobilisiert. 

Von den nun folgenden zwei Beispielen veranschaulicht das erste die sprach- 
liche Auflockerung, das zweite die Funktion des analytischen Spürsinnes. 

Eine Patientin spricht von dem Briefe, den sie aus fernem Lande erhalten 
hat, sie liest den Brief stellenweise auch vor, spricht im Laufe der Stunde — 
ohne das gemeinschaftliche „Brief-Thema" zu bemerken — von einem anderen 
Briefe, dessen ein Bekannter ihr gegenüber Erwähnung tat, und auch von der 
scharfen Logik, die in einem ihr vorgezeigten Briefe sich äußerte. Ich frage sie, 
ob sie denn nicht etwas anderes von einem Briefe zu sagen hat? Sie verneint zu- 
erst mit der Bemerkung, sie könne nicht dafür, daß alle diese Briefe aktuell 
waren. Doch gleich darauf sagt sie: „ . . . ich will ja schon seit vielen Monaten 
von dem Impuls sprechen, den ich verspüre, wenn ich auf der Gasse einen 
Briefträger sehe. Ich möchte die Briefe seiner Hand entreißen. Merkwürdiger- 
weise kam ich noch nie dazu, davon in der Analyse zu sprechen, obzwar ich 
diese Erscheinung nicht verheimlichen wollte." Die Aufdeckung des analyti- 
schen Sinnes, der sich in diesem Impulse kundgibt, wurde dann zur weiteren 
Aufgabe der Analyse. 

Die Patientin unseres anderen Beispiels spricht zu Beginn einer Stunde gegen 
ihre Gewohnheit den Wunsch aus, eine Zigarette anzuzünden. Ich frage sie 



sofort, ob sie sich denn nicht mit ihrer Schwiegermutter zerzankt hätte, denn 
scheinbar will sie die Hexe verbrennen. Sie sagt auf meine Frage erstaunt ja. 
Das Erraten selbst war keine Hexerei. Ich wußte, daß das Verhältnis zwischen 
ihr und ihrer Schwiegermutter in den letzten Tagen gespannt war, ich wußte 
auch, daß die Schwiegermutter in ihren Phantasien als eine Art von Hexe 
figuriert. Das übrige tat die Deutung der Stimme, die Beobachtung der Be- 
wegungen zu Beginn der Stunde. Natürlich handelte es sich in diesem Falle 
zwar um Unausgesprochenes, doch nicht um Unbewußtes, was einen großen 
Unterschied von mehreren Standpunkten aus bedeutet, doch vom Standpunkte 
des Spürsinnes eigentlich keinen. Wir fangen die Daten mit Hilfe der Ein- 
stellung auf das Erhaschen des Unausgesprochenen auf, gleichgültig, ob man 
etwas vor uns verheimlicht oder noch nicht dazu gekommen ist, es uns zu 
sagen, oder es wegen seiner Unbewußtheit nicht sagen kann. 

Könnte man keinen Wegweiser zu dieser Spürkunst finden? Vielleicht ist 
mit zwei allgemeinen Regeln etwas in dieser Richtung getan. Erstens soll 
alles beobachtet werden, oder besser gesagt, es soll den Sinnen erlaubt werden, 
entgegen den alltäglichen Gewohnheiten, alles beobachten zu dürfen. Mit — 
ich möchte sagen — paranoider Beobachtungsschärfe soll darauf geachtet wer- 
den, daß dem Auffassungsapparat nichts entgehe. So tut der Analytiker recht 
daran, seine Aufmerksamkeit zeitweise von allem anderen abzuwenden und 
auf das Lautmaterial zu richten. Unausgesprochene Inhalte' und Gefühle wer- 
den durch dasselbe verraten: aus dem Tonfall, in dem der Analysand einen 
Satz zu Ende spricht, ist herauszufühlen, daß er noch etwas zu sagen hätte, ja 
mit der nötigen Kenntnis der Seelengeschichte läßt es sich auch herausfühlen, 
was das Verschwiegene ist. Unaufrichtigkeit, Affektiertheit, identifizierende 
Hineinversetzung in jemand anderen, aggressive Einstellung der Welt gegen- 
über sind aus der Stimme genau herauszuhören. (Natürlich wird dieselbe 
Technik der Menschenkenntnis auch vom Analysanden angewandt, dem Ana- 
lytiker gegenüber, den er nicht sieht, dessen Stimme er nur hört. Wir wären 
oft bereit, ein solches „Erraten" als Gedankenlesen aufzufassen, wissen aber, 
daß es sich nur um eine nicht-bewußte Stimmenanalyse handelt.) 

Zweitens soll ein ständiges Absuchen stattfinden mit der Frage: ist das der 
Situation, der Erzählung adäquat oder inadäquat? Die Inadäquatheit kann 
sich in Bewegungen, in dem Ausdruck der Augen, in der Stimme, in der Wort- 
wahl, im unmotivierten Lachen oder Weinen, in der Wendung der Erzählung 
und in sämtlichen, von der Psychoanalyse entdeckten Einbrüchen des Unaus- 
gesprochenen oder Unbewußten, also im Versprechen, Vergessen, Vermischen, 
in der Wahl der Beispiele und Symbole verraten. Diese unsere „Sinnestätig- 
keit" soll zwar belehrt, soll aber mit vieler Belehrung nicht verdorben werden. 
Sie soll nicht gekünstelt, sondern kunstgemäß arbeiten. 



Die Einstellung des Analytikers auf das dargebotene Material soll — ob sie 
nun auf das Ausgesprochene oder Unausgesprochene gerichtet ist — nicht in 
einem Gebiet oder Material verankert, aber auch nicht manisch-flüchtig sein. 
Sie soll also Elastizität, als allgemeine Verhaltungsweise des Analytikers — 
Begriff und Name stammen von Ferenczi — besitzen. „Man hat, wie ein 
elastisches Band den Tendenzen des Patienten nachzugeben, doch ohne den 
Zug in der Richtung der eigenen Ansichten aufzugeben" (26). In unserer 
Ausdrucksweise bedeutet diese Elastizität hier auch soviel, daß die Richtungen, 
mit welchen der Analytiker den Patienten anhört, gleichsam nicht geradlinig, 
sondern in verschiedener "Weise bogenartig, mit verschiedenem Krümmungs- 
maß gekrümmt sind, um sich bald loslösen, bald wieder anklammern und mit- 
gerissen werden zu können. Man hört den Patienten an, indem man in ver- 
schiedenem, wechselndem Maße auch sich selbst, seine eigenen, vom Anhören 
ausgelöste Phantasien und Wahrnehmungen anhört. 

5. Die Widerstände. Ihr Ursprung und ihre Erscheinungsform. 

Nach all dem, was bisher beschrieben wurde, würde die Vorstellung vom 
Analysenverlauf etwa die sein, daß der Analysand dem Analytiker seine Seele 
eröffnet, ihm Geständnisse liefert, deren Sinn dieser in einer noch näher zu 
beschreibenden Weise nur zu entziffern braucht. Nun — , dem ist nicht so 
und Ursache und Folge dieses Andersseins gehören wieder zu einem Haupt- 
kapitel der analytischen Methodenlehre. 

Wir stehen Erfahrungstatsachen gegenüber. Die günstigen Bedingungen für 
die analytische Konstellation im hier entwickelten Sinne wären vorhanden; 
der Analysand hätte guten Grund und gute Gelegenheit, sein Innerstes zu 
offenbaren und die Offenbarung kommt doch nicht zustande. Es meldet sich 
ein Gedanke, eine Erinnerung, doch der Versuch seines Aussprechens versagt, 
der Analysand verspürt Angst oder Scham — und hält inne. Es könnte analy- 
tisch verwertbares Material kommen — , doch es kommt nicht, der Analysand 
könnte reden, — doch, obzwar er sich vielleicht frei von Angst oder Scham 
fühlt, er schweigt. Oder er bringt Einfälle, die eher geeignet sind, den wahren 
Sachverhalt zu verhüllen als ihn aufzudecken. Umsonst kam er in die Ana- 
lyse mit dem Ziel, gesund zu werden, sein Verhalten zeigt einige Minuten, 
Stunden, Tage oder Wochen hindurch nichts von seinem Gesundungswillen. 
Umsonst bittet ihn der Analytiker, sich des Schwersten zu entledigen, seine 
Hauptaufgabe findet er im Widerstreben. Er verwirft die ihm schon bekann- 
ten Regeln der Analyse, vergißt seine Träume und kommt verspätet in die 
analytische Stunde. Er kümmert sich nicht um die Aufklärungen des Analyti- 
kers oder er bekrittelt jede seine Äußerungen; er leugnet die bisherigen Er- 



folge oder schreibt sie dem Laufe der Zeit zu, ist aber wegen jedes Übels zu 
Vorwürfen bereit. Es scheint, daß hier eine sich widersetzende Kraft im Spiele 
ist. Die Frage nach ihrem Ursprung ist methodologisch um so dringender, da 
ja im bisherigen stets nur davon gesprochen wurde, wie die analytisch günstige 
Einstellung das Herauf befördern der Geständnisse begünstigt, ja beinahe her- 
auszwingt. Worin besteht nun dieser Widerstand, der sich dem in der 
analytischen Konstellation erreichten günstigen Zusammentreffen äußerer und 
innerer Umstände entgegenstemmt? 

Der Widerstand könnte einer Kraft gleichgesetzt werden, die jeder Ver- 
änderung — im Seelischen ebenso wie im Körperlichen — also auch jeder 
produktiven Phase der Analyse widerstrebt. Eine narzißtische Liebe zum be- 
stehenden Ich empfindet jeden Eingriff beleidigend, jede Umänderung 
schmerzhaft. Selbst im Falle von Seelenleiden und des Entschlusses, sie los zu 
werden: das Ich fühlt sich vom gewissen Übel in die beängstigende Ungewiß- 
heit gedrängt, ihm schwindelt und es ist nicht gewillt zu folgen. Es fühlt sich 
beleidigt, weil etwas in ihm vorausgesetzt wird, dessen es sich entledigen muß. 
Es will seinen alten Beziehungen jedweder Art treu bleiben. Besonders ist die 
Struktur seiner Seele etwas, dessen Umwälzung es befürchtet und es ist darauf 
bedacht, das Unbewußte auch weiter unbewußt bleiben zu lassen. Eine allge- 
meine Furcht stemmt sich der Befreiung entgegen: Furcht vor der Freiheit 
der Triebe, was als ein In- Wirbel-Geraten oder dem Wortsinn entsprechend 
als ein „Verrückt"werden empfunden wird. 

Schon die Erklärung für dieses gegen jeden Eingriff feindliche Ge- 
samt-Verhalten läßt uns in der Geschichte des Individuums zurückgreifen. 
Die Psychoanalyse ist ja nicht der erste Eingriff, der von der Außenwelt an 
das Individuum herantritt. Die Loslösung des Menschenkindes vom mütter- 
lichen Körper, die Entwöhnung, die Forderungen der Erziehung waren lauter 
schwer verschmerzbare Eingriffe, gegen welche die Seele, um ihre Schmerz- 
haftigkeit zu lindern, mit einer bestimmten Verhaltungsweise reagiert. Nach 
anfänglichen Empörungen und Angriffen läßt sie die Wünsche, gegen die sich 
die Eingriffe richten, verstummen, befürchtet ihr Erscheinen und unterdrückt 
die Regungen, die sich den Eingriffen widersetzen; dadurch kommen aber nur 
Schein- Veränderungen zustande, der Weg jeder wirklichen Veränderung ist 
gesperrt. Diese altgewohnte Reaktionsart wiederholt sich nun in der Analyse. 
Auch hier wird Schmerzhaftes von der Preisgabe der Seele und von der sinn- 
gebenden Deutungsarbeit des Analytikers befürchtet, auch hier versucht die 
Seele nach anfänglicher Revolte Scheinveränderungen, Zurückhaltung und 
Versperrung. 

Neben diesem allgemeinen Widerstand läßt sich stets auch ein spezifi- 



Die Widerstände. Ihr Ursprung und ihre Erscheinungsform 31 

scher finden. Die Erklärung des spezifischen Widerstandes geht auf die Ge- 
schichte des Einzelfalles zurück: der Analysand weicht z.B. nicht jetzt zum 
ersten Male vor dem Aussprechen eines gewissen obszönen Wortes zurück, 
sondern einst, in längst vergangenen Zeiten, in einem wichtigen Moment seines 
Lebens oder hätte es damals tun sollen. Auch vor der Berührung des Liebes- 
lebens seiner Eltern flüchtet er sich nicht jetzt zum ersten Male, sondern er 
hat sich davor schon in der affektvollen Periode seiner Kindheit flüchten 
müssen. 

Wir hoffen Einblick in diese Widerstände zu bekommen, wenn wir die 
Aufzählung der einzelnen Widerstandsarten mit einer systematischen Auf- 
teilung verbinden. Schon die Gesichtspunkte der Aufteilung versprechen auf- 
schlußreich zu sein. Als erste und einfachste Aufteilungsgrundlage bietet sich 
die Unterscheidung des bewußten und unbewußten Widerstandes. Will 
man jedoch diese zweifelsohne zu Recht bestehende Einteilung ins Konkrete 
übersetzen, so melden sich Schwierigkeiten. Die reinen Fälle sind selten, fast 
jeder bewußte Widerstand scheint auch unbewußte Komponenten zu ent- 
halten. Um hier Klarheit zu schaffen, müssen wir auch die Einteilungen 
nach anderen Gesichtspunkten benutzen, die sich mit dem vorigen in ver- 
schiedener Weise kreuzen und die unserer ganzen späteren Aufteilungsarbeit 
zugrunde liegen. Es sind dies die Fragen nach dem Ursprung und nach der 
Erscheinungsform der Widerstände. Die Frage nach dem Ursprung 
trennt sich wieder in diejenige nach der Kraftquelle und in diejenige nach 
dem intentionierten psychischen Gegenstand. 

Widerstrebt es dem Analysanden, etwas, sagen wir ein obszönes Wort, aus- 
zusprechen, so kann dieses Widerstreben ihm bewußt sein und er kennt viel- 
leicht neben dem Gegenstand auch die Kraftquelle seines Widerstandes. Dies 
letztere braucht aber nicht der Fall zu sein: er weigert sich etwa bewußt gegen 
die Aussprache des Wortes, ohne die wahre Quelle seiner Weigerung angeben 
zu können; in anderen Fällen sind beide, Gegenstand und Quelle, unbekannt; 
der Analysand will nicht sprechen, obzwar er nicht weiß, daß ein Widerstand 
in. ihm gegen das Aussprechen eines obszönen Wortes arbeitet, natürlich kann 
er diesem Widerstand auch nicht nachgehen. Wir sehen, wie hier viele 
Variationen — bewußte Erscheinungsform, bewußter Gegenstand, bewußte 
Kraftquelle — bewußte Erscheinungsform, bewußter Gegenstand, unbewußte 
Kraftquelle usw. — möglich sind. 

Die Frage nach dem Ursprung des Widerstandes als Kraftquelle ist völlig 
gerechtfertigt. Das Aussprechen eines obszönen Wortes kann an und für sich 
die ganze Wucht des Widerstandes kaum heraufbeschwören: er muß aus 
anderen Quellen gespeist werden. 



32 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 

Freud selbst geht in seiner Aufteilung der Widerstandsarten von den topi- 
schen Unterschieden im Ursprung der Widerstände aus. Die Quelle des 
Widerstandes kann 

im Ich 

im Es 

oder im Über-Ich 

gesucht werden (27). Wir wollen diese Widerstandsarten der Reihe nach vor- 
nehmen, dabei soll die erste und komplizierteste zuletzt angeführt werden 

Das Es verleiht dem Widerstand nicht die Motivierung, sondern die Kraft, 
da doch das Unbewußte, aufs Emporstreben gerichtet, von sich selbst aus 
keinen Widerstand dagegen besitzt. Will aber ein verdrängter Trieb an die 
Oberfläche gelangen, so arbeitet eine Kraft im Es, um den Trieb nicht anders 
wie in der einmal schon erreichten Form hervorbrechen zu lassen. Der 
Wiederholungszwang ist hier am Werke und steht, stets auf alte Lösungs- 
formen zurückgreifend, der in der Analyse geforderten neuen Äußerungs- 
form im Wege. 

Der Widerstand, der dem Über-Ich entspringt, ist oft unverkennbar: man 
soll sich brav, wahrheitsliebend, moralisch, liebenswürdig usw. zeigen. Dagegen 
ist er sehr schwer in seiner unbewußten Erscheinungsform zu erkennen. 
Freud kennzeichnet ihn mit einem wichtigen Kriterium: ruft unsere Deu- 
tungsarbeit beim Patienten statt Besserung Verschlechterung hervor, so ist 
das dem unbewußten Widerstand des Über-Ichs zuzuschreiben. Das Über-Ich 
verhängt die Krankheit als Strafe über das Individuum und wehrt sich gegen 
die Heilung. Daher der Widerstand der sonst Erleichterung bringenden 
Lösung gegenüber. 7 

Der Widerstand des Ichs kann aus dem die Verdrängung zustande brin- 
genden Teil des Ichs stammen, der sich nun mit seiner alten Angst der Preis- 
gabe der Verdrängungen widersetzt. 

Er kann der Übertragung entspringen. Diese Art des Widerstandes 
macht einen beträchtlichen Teil sämtlicher Widerstände aus; sein volles Ver- 
ständnis kann erst im nächsten Abschnitt erreicht werden. 

An ihm kann die Tendenz mitbeteiligt sein, die die Aufrechterhaltung 
der Krankheit befürwortet. Die Tendenz selbst entspringt zwar dem Un- 
bewußten, saugt jedoch, einmal gegenwärtig, Kräfte auch von der Ich-Seite 
auf. 8 

7) Dabei ist zu berücksichtigen, daß eine Verschlechterung auch infolge unvollkommener 
Deutungsarbeit eintreten kann, wenn nämlich tiefere Schichten zur Wirksamkeit gebracht 
und nicht erledigt werden. 

S) Bemerkenswert ist, daß der die Aufrechterhaltung der Krankheit bezweckende Wider- 
stand nicht nur vom Kranken, sondern auch von seiner Umgebung ausgeht. 



Die Widerstände. Ihr Ursprung und ihre Erscheinungsform 33 

Er kann narzißtisch begründet sein, in welchem Falle er Argumente wie 
„mir kann nichts Neues gesagt werden", „ich weiß schon alles über mich" 
usw. gebraucht. 

Er kann, wie Reich betonte, als neurotische Charaktereigenschaft 
zutage treten und die formalen Eigenarten des Ichs — langsames Verständnis, 
zornvolles Reagieren usw. — in seinen Dienst stellen (28). 

Die angeführte Einteilung folgt dem Freud sehen Schema der topischen 
Unterschiede. Der andere Gesichtspunkt (der Ursprung im Gegenstand) 
zwingt sich auf, wenn man einer rein psychologischen Einteilung Raum läßt 
und entweder die Inhalte der Einfälle oder das Nicht-Realisierenkönnen 
unserer Ratschläge in bezug auf den freien Gedankenablauf betrachtet. Nimmt 
man diese Einteilung zum Ausgangspunkt der Betrachtung, so ergeben sich 
Widerstände zweierlei Ursprungs; erstens entspringen sie aus Reaktionen auf- 
tauchenden Inhalten (Erinnerungen, Gefühlen) gegenüber, zweitens aber aus 
der Angst, welche von der künstlich hergestellten analytischen Konstella- 
tion hervorgerufen wird. Diese Einstellungswiderstände richten sich 

erstens gegen das freie Strömen der Gedanken. Die Furcht ist hier 
die Furcht des Nicht-stehenbleiben-Könnens, des alles verschlingenden 
Wirbels; 

zweitens gegen den schlafähnlichen Zustand der Entspannung. 
Der Schlaf, wenn er nicht vollständig sein soll, erinnert an Nachtwandeln, an 
schlaftrunkene Taten. Der Analysand befürchtet, daß er sich vollständig 
„gehen lassen" wird, wie in den tollsten Träumen. Der Widerstand erlaubt 
den erschlafften Zustand nicht, da er sich nicht wehrlos den Angriffen aus- 
setzen lassen will. Er weckt sich stets durch Muskelspannungen, Gähnen auf; 

drittens gegen das ruhige Beschauen des Innern. Die Furcht ist als 
Furcht vor der Konfrontierung, als Furcht vor dem Blicke des Gegenüber- 
stehenden zu entlarven. Die Augen sollen — dem Feigen — zugedrückt 
werden, er will nicht sehen, er kann die Blicke des andern nicht ertragen; 

viertens gegen das Lautwerden des Innern. Das Lautwerden des 
Innern erinnert an Leiden, wie Herzklopfen, schweres Atmen. Dieses Laut- 
werden scheint ein dem M o r o sehen Reflex zugehöriges Weckzeichen bei jeder 
Erschütterung zu sein. Es weist so auf eine äußere Gefahr hin. Jede Aus- 
sprache ist aber ein Lautwerden des Innern. 

Zu den konkreten Erscheinungsformen der Widerstände kann eine 
erschöpfende Aufteilung kaum geboten werden, doch hoffen wir mit den 
folgenden Gruppen das Wesentliche herauszuheben. 

Der Widerstand kann sich direkt gegen das emporgetauchte Material 
richten, wenn ein obszönes Wort nicht ausgesprochen werden kann. Dies ist 

Hermann, Psa. als Methode 3 



34 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



wohl der einfachste Fall, hinter welchem wir jedoch meistens den zweiten und 
tiefergehenden argwöhnen können. 

Wieder scheint sich der Widerstand gegen ein Wort oder irgendeinen 
plötzlichen Einfall zu richten, doch erweist sich dieses Wort nur als Vor- 
wand für einen anderswo begründeten Widerstand. Der Analysand befindet 
sich in einem tiefer begründeten Zustand des Widerstandes und rationali- 
siert seine Zurückhaltung, indem er das auftauchende oberflächlichere 
Material beschuldigt, das hier aber nur eine sekundäre Rolle spielt. (Eine 
Kranke z. B. zeigt große Widerstände gegen das Aussprechen von Lästerun- 
gen. Sie meinte erst, daß dieser Widerstand in ihrer „Häßlichkeit" begründet 
ist; erst später stellte es sich heraus, daß ihr Vater bei großen Familienszenen 
das Bild des Verrücktwerdens bot und dabei seinen Zorn in lästerndem Ge- 
schrei entlud.) 

Solch ein sekundäres Anhaften des Widerstandes kann nicht nur am ober- 
flächlichen Material vorgeführt werden. Eine sehr wichtige Anklammerungs- 
f lache bietet die Übertragung. Wenn im Laufe der Analyse verdrängte 
oder stark verheimlichte Inhalte daran kommen sollen, so werden — eventuell 
mit diesen zusammenhängende — auf den Analytiker bezügliche Gedanken 
vorgeschoben, die der Analysand nicht aussprechen will. Der bewußte Wider- 
stand richtet sich gegen das Aussprechen dieser nach Ansicht des Analysanden 
den Analytiker beleidigenden oder in Verlegenheit bringenden Gedanken, der 
unbewußte gegen die verdrängten oder verheimlichten Inhalte. 

Ebenso kann sich der Widerstand an die beschriebenen, analytisch gün- 
stigen Einstellungen anklammern und sie zum Schutze der zu verheim- 
lichenden Inhalte ad absurdum führen. So kann die Aufforderung alles aus- 
zusprechen zu ideenflucht-artiger Reaktion, die schlafnahe Einstellung zu 
wirklichem Einschlafen, das Abreagieren in Worten zu stereotypen Affekt- 
äußerungen ohne innere Beobachtung verleiten. 

Dasselbe wiederholt sich bei den Erklärungen des Analytikers. Auch 
hier stehen dem im Widerstand befangenen Patienten verschiedene Möglich- 
keiten zur Verfügung, sich dem Einwirken des Analytikers zu entziehen. Er 
will die Sinn verleihenden Erklärungen nicht verstehen oder er bezweifelt sie 
— oder aber er versteht sie und nimmt sie an, vergißt sie aber in der nächsten 
Minute. 

Eine andere Gruppe der Erscheinungsform dieses indirekten Widerstandes 
ist das Anklammern des Widerstandes an ein „Mißverständnis" seitens 
des Unbewußten, dessen Aufhellung durch den Analytiker manchmal 
frappante Ergebnisse zeitigt. Hier bedarf es eines Beispiels. 

Eine Patientin kann schon seit längerer Zeit der Analyse nicht folgen. Sie 
verspürt die Unlust selber und führt an, daß die ganze Analyse ihr zu 



Die Widerstände. Ihr Ursprung und ihre Erscheinungsform 35 

„nüchtern" sei und sie mit dem Verlust ihrer Kindlichkeit bedrohe. Die 
Analyse mache sie „reif" und sie wehrt sich dagegen. — Diesen seltsamen Ein- 
wand gegen die Analyse können wir nur verstehen, wenn wir in die Kindheit 
der Patientin zurückgreifen. In ihrer Kindheit hatte „reif" dieselbe Bedeutung 
wie „alt" — und diese kindliche Identifizierung besteht für das Unbewußte 
noch immer. „Die Analyse macht reif" bedeutet für das Unbewußte soviel, 
daß die Analyse alt macht, und der "Widerstand klammert sich an diesen 
Irrtum des Unbewußten. 

Ein solches Mißverständnis des Unbewußten kann aber auch den Wider- 
stand gegen die Heilung rationalisieren helfen. Auch hier gibt es mehrere 
Möglichkeiten. So kann das Unbewußte die Heilung mit dem „Verlieren" der 
Krankheit, mit dem „Verlieren von Etwas", mit dem Verlieren des eigenen 
Selbst gleichsetzen. Aber es kann auch die gegenwärtige Situation mißver- 
standen und die zu erwartende Heilung einer alten, bereits überstandenen 
gleichgesetzt werden. "War die Heilung von damals mit peinlichen Erleb- 
nissen verbunden, so richtet sich das Unbewußte gegen die Heilung, die gegen- 
wärtig im Gange ist. 

Es ist auch nützlich, die Form des "Widerstandes zu kennen, die von einem 
meiner Patienten als negativer "Widerstand gekennzeichnet wurde und die 
sich darin zeigt, daß der Analysand seine irgendwie anfechtbaren, also mit 
"Widerstand behafteten Verhaltungsweisen einfach prophylaktisch unterläßt. 
Diese kommen — wenigstens aus aktuellem Anlaß — darum nicht zu Worte, 
weil der Analysand seine Lebensführung so einrichtet, daß er Ereignissen, in 
denen eine solche Verhaltungsweise (z. B. eine bestimmte Perversion) realisiert 
werden könnte, einfach aus dem Wege geht. "Was es nicht gibt — lautet dieser 
Einwand — muß auch nicht eingestanden werden. 9 

Im weiteren Sinne gehört auch der Widerstand hierher, der sich in der Form 
des Vergessens äußert. Der Kranke möchte z. B. gerne von dieser oder 
jener seiner Angewohnheiten sprechen, doch seltsamerweise kommt sie ihm 
in der Analysenstunde nie in den Sinn. Als ob sie gar nicht bestünde, tröstet 
ihn diese Form des "Widerstandes. 

Das beiliegende Schema soll die beschriebenen "Widerstandsarten übersicht- 
lich wiedergeben. (Siehe Seite 37.) 

Der Analytiker ist an den "Widerständen nicht nur um ihrer selbst willen 
interessiert. Dem Analysanden muß über sie hinweggeholfen, die Analyse 
weitergeführt werden. Welche Mittel stehen nun hierin dem Analytiker zur 
Verfügung? 

Die Antwort, die in der allgemeinen Linie der analytischen Arbeit liegt, 

9) Hierher gehören die Fälle, die Freud „Flucht in die Gesundheit" nennt. 



würde lauten, man muß die "Widerstände bewußt machen. Doch, wie wir 
wissen, gibt es auch bewußte Widerstände. Vielleicht wären diese nur Deck- 
erscheinungen und wir könnten im Hintergrund die unbewußten entdecken? 
Oft wird aber diese Arbeit geleistet, ein ganzes Netz der Widerstände wird 
enthüllt und die Analyse geht doch nicht weiter. 

Es ist wieder Freud, der diese Erscheinung unserem Verständnis näher- 
rückte, indem er den Begriff des „Durcharb ei tens" zur Erklärung heran- 
zog. Ein Widerstand wird nicht eher gelöst, bis er nicht durch und durch auf- 
gearbeitet ist, d. h. bis nicht die aufklärende Arbeit des Analytikers vom ge- 
samten Ich und vom gesamten Unbewußten des Analysanden assimiliert 
wurde. Dabei hat der Abbau der Widerstände auch eine ökonomische Seite: 
das Überwinden der "Widerstandskraft kann nie in einem Zuge, sondern stets 
nur dosiert gelingen. Die „Ökonomie des Leidens" (Ferenczi) muß hier ganz 
besonders Beachtung finden. 

Man bekommt denselben Widerstand bei demselben Analysanden oft vor 
Augen und man wird denselben Widerstand wiederholt aufdecken müssen. 
Doch psychologisch ist es nicht stets dieselbe Konstellation. 10 

Zum Durcharbeiten der Widerstände gehört auch die Auflösung solcher 
einheitlich erscheinender Tatbestände, wie Angst, Scham und Gewissen. 11 Die 
Analyse der Angst geht auf Urphänomene von Gefahrsituationen, in der 
Hauptsache auf den Verlust der Mutter und auf dessen Abkömmlinge, die 
Furcht vor dem Verlust bzw. vor dem Zerstören der Genitalien und auf die 
Furcht vor der Auflösung des Seelenorgans zurück. Nach Freud sollen wir 
in der Angst ein Gefahrsignal im Ich sehen, welches entsteht, um das Es be- 
einflussen zu können. Als Vorbild der Angst bietet sich meiner Ansicht nach 
der Zustand des vom mütterlichen Körper abgetrennten Säuglings, das sich 
nicht an ihm anklammern kann. Daher der oft gehörte Wunsch des Patienten, 
die Hand des Analytikers halten zu dürfen. — Die Desorientiertheit, 
welche allein stehen oder eine Teilerscheinung des Angstaffektes sein kann, 
kann aus dem Urphänomen der Furcht vor den leuchtend aufblitzenden 
Augen des Gegenüberstehenden abgeleitet werden. Das schreckhafte Zu- 
sammenfahren setzt den Moroschen Reflex auf erschütternde Reize fort, 



10) Sehr schön können wir diesen Tatbestand an einer Analogie aus einem Gedankengang 
von G. Th. Fechner illustrieren: „Als Student hatte ich einen Stubenburschen, der sich 
nicht leicht aus dem Bett zu finden vermochte. Einst, als mir's daran lag, erreichte ich es 
auf folgende Weise. Ich rief ihm von J zu 5 Minuten immer dasselbe Wort ,Steh auf!' zu. 
Das erste Mal hatte es gar keinen Erfolg; das zweite Mal sagte er: ,laß mich in Ruhe!'. Das 
dritte Mal: ,es hilft dir alles nichts!' Das vierte Mal schwieg er, aber es kochte; das fünfte 
Mal fing er an zu wettern und zu fluchen; das sechste Mal rief er: ,es ist nicht auszuhalten!' 
Das siebente Mal hielt er's wirklich nicht mehr aus, sprang aus dem Bette, um über mich 
herzufallen; doch schwand sein Zorn alsbald, indem er nun selbst froh war, sich außer dem 
Bette zu finden, und hat sich nicht wieder niedergelegt." (Über die Seelenfrage, 1S61, S.V.) 



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findet seine Deutung oft im Zähneknirschen des mit Auffressen Bedrohenden 
und zeigt die Sehnsucht nach dem Anklammern an die Mutter an. — Auf 
das Geburtstrauma kann eher die alles mitreißende Erregung als der Angst- 
affekt selbst zurückgeführt werden. 

Das Sich-Schämen entwickelt sich aus der desorientierenden Angst; das 
Auge kann den gegenüberstehenden leuchtenden Augen nicht mehr stand- 
halten, das Gesicht entzündet sich an ihnen. Es entsteht eine lähmungsartige 
sklavische Unterwerfung mit Hemmung des eigenen Willens. Eine Identifi- 
zierung mit einem sich unterwerfenden Tiere (Hund) setzt konsequent 
ein. Das Gesicht des Sich-Schämenden wird als besudelt (mit Kot beschmiert) 
empfunden. Das Sich-Schämen ist ein mehr kollektives Phänomen als die 
Angst; dies wird auch durch die bemerkenswerte Tatsache demonstriert, daß 
der Scham-Widerstand desto stärker ist, je eher der Gegenstand des Sich- 
Schämens in der Umgebung des Patienten (Eltern) und nicht an ihm liegt. 
Die narzißtische Libido schwankt im Schamaffekt, der Desorientiertheit ge- 
mäß, zwischen Ich und „Kollektivschema". Der Schamaffekt ist ein dem 
Kinde anbefohlener Affekt, wohingegen Angst spontan entsteht. 

Wir wollen nun die Ineinander- Verwobenheit der verschiedenen Wider- 
stände und die dadurch bedingte Schwierigkeit des analytischen Vorwärts- 
dringens an einem Beispiel demonstrieren. 

Es handelt sich um eine Patientin, die schon ziemlich vieles über ihre 
Widerstände weiß und auch den Weg ihrer Bekämpfung kennt. Dennoch 
kommt sie einmal in die analytische Stunde und erzählt, in Gesellschaft ein 
obszönes Wort gebraucht zu haben, das sie hier nicht reproduzieren will. Ich 
dringe nicht weiter in sie und warte, was folgen wird. Den nächsten Tag 
bringt sie einen Traum: sie sah zwei Hasen koitieren, die zur Erhöhung ihrer 
Lust Malagatrauben aßen. Ich meine, der Traum hängt wohl mit dem Wort 
zusammen, das sie nicht sagen will, doch da ich es nicht kenne, kann ich 
auch den Traum nicht verstehen. Zwei Tage später beklagt sie sich, vom 
Wort wahrhaft verfolgt zu werden und gesteht es endlich. Es heißt „tojok 
rd" („ich lege Eier darauf"), was im Ungarischen als ein nicht einmal zu 
arges Schimpfwort gebraucht wird. Wir verstehen nun den Hasentraum 
(Ostereier) — „Malaga" zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit einem ebenfalls 
obszönen Wort für „Hinterer" (valaga). — Die Frage ist, woher die Kraft des 
Widerstandes gegen das verhältnismäßig harmlose Schimpfwort außer der 
Schicklichkeit herrührt? Zu allererst gilt sie den infantilen Geburtstheorien, 
die das Kind als Defäkationsprodukt auffaßten und für die die Hasen-Oster- 
eier-Legende gewiß auch Bestätigung war. Es wäre aber falsch, hier stehen zu 

n) Über die Analyse des Gewissens, s. im IV. Abschnitt. 



Die Grundstimmung. — Affekt- und Konfliktübertragung 39 

bleiben. Die Patientin faßt die analytische Aufforderung zur Preisgabe ihrer 
Geheimnisse als Verführung auf, sie kämpft gegen diese Verführung. Sie muß 
sich ferner der Preisgabe auch als Zerstörung ihrer Isoliertheit widersetzen, 
denn eine allzu große Annäherung an den Analytiker erinnerte sie an An- 
näherungen anderer Art, die eine bedeutende Rolle in ihrem Leben gespielt 
haben. Die Scheidewand muß aufrechterhalten werden, denn die körperlichen 
Annäherungen, an die sie sich erinnert, waren seltsamerweise in einigen be- 
sonderen Fällen zeitlich mit Todesfällen verbunden. Würde sie ihre Iso- 
lation aufgeben — hier wieder ein typisches Mißverständnis seitens des Un- 
bewußten — , so könnte wieder ein ähnliches Unglück heraufbeschworen 
werden. Sie gibt auch viel darauf, daß in ihren Gedankengängen „Auslassun- 
gen" vorkommen, damit gibt sie ihrem "Wunsch nach „Ausgelassenheit" Aus- 
druck. Mit der Geschichte eines ihrer Geschwister hängt endlich die Ein- 
stellung zusammen, eher etwas gutmachen zu wollen, als davon zu reden. Die 
Aussprache wird bei ihr — wo es nur begründbar — auch verboten, weil 
dieser Widerstand eine Ausbreitung der Abwehr gegen die Erinnerungen an 
jetzt Ekel erregende Mundfunktionen ist. In einer solchen inzestuösen Situa- 
tion versäumte sie das Rufen nach Hilfe. 

Wir sehen, wie in einem gering anmutenden Widerstand eine Menge an- 
derer Widerstände enthalten ist und wir sehen auch, wie die Enthüllung der 
einen Widerstandsgrundlage nicht zum Abbau des ganzen Widerstands- 
gebäudes genügen kann. 

6. Die Grundstimmung. — Affekt- und Konfliktübertragung 

Im vorigen Abschnitt erfuhren wir, wie der Analysand, trotz der günstigen 
Gestaltung der äußeren Umstände einerseits und des inneren Dranges nach 
Mitteilung andererseits, doch der Eröffnung seines Innersten widerstrebt. Wir 
lernten die maßloser Steigerung fähige Kraft des Widerstandes kennen und 
haben nun das volle Recht zu fragen, wie die Analyse dieser Widerstandskraft 
gegenüber doch zustande kommen kann? 

Die erste Antwort liegt auf der Hand: es ist der Wunsch nach Gesund- 
werden und nach Erkenntnis, was hier weiterhilft. Wahrlich, diese Kräfte 
sind bedeutend und kommen auch sehr in Betracht, doch die Erfahrung lehrt 
uns, daß eine noch größere Kraft den Analysanden der wirklichen Entfaltung 
näherbringt. Es ist die Kraft einer auf den Analytiker gerichteten Gefühlsart, 
die den Analysanden fähig macht, sich zwar schwer und manchmal zögernd, 
aber dennoch dem angsterregenden Spiel der inneren Wirbel zu überlassen. 

Eigentlich handelt es sich um zweierlei. Erstens bringt die analytische Kon- 
stellation jene Gefühlsstimmung mit sich, die sich als die Resultierende des beim 



40 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



Analytiker vorausgesetzten Wohlwollens und Verständnisses einerseits, der 
eigenen Verstehens- und Annahmebereitschaft andererseits ergibt. Vom Zu- 
sammenhang der Geheimnis-Mitteilung, der Liebe und des Wunsches nach 
Anklammerung war bereits die Rede. Anfangs kommt der Analysand oft 
noch nicht mit vollem Vertrauen; wird er aber durch nichts vor der Eröff- 
nung seines Innersten abgeschreckt, bekommt er im Analytiker keinen Richter, 
aber auch keinen überlegenen Entschuldiger seiner „Sünden", sondern jeman- 
den, von dem er fühlt, daß er ihn mit Verständnis, mit Geduld, doch nicht 
mit indiskreter Neugierde durchblickt und ihm helfen will, dann wird sich 
eine der realen Situation entsprechende Vertrauensstimmung ent- 
wickeln. Diese Vertrauensstimmung ist eine Art der Liebe. Sie enthält das 
Wissen, daß er hier gerne gesehen wird, man sich gerne mit ihm befaßt, ihn 
versteht. Er kann Hilfe erwarten, Mensch steht dem Menschen gegenüber, 
kein strafender Richter, kein Erzieher mit der Rute, kein Verführer. Dieser 
idealgemäßen, realen Konstellation entspricht die eigenartige Liebesstimmung, 
die wir Grundstimmung heißen wollen. 

Im Laufe der Analyse entspricht die Grundstimmung etwa dem, was das 
ideale Elternhaus für das Kind darstellen würde: das Heim, wo es nach seinen 
Streichen ebenso liebevoll empfangen wird, wie früher, wo es alles, was die 
Möglichkeiten erlauben, bekommt. Aber wie das Elternhaus nicht immer und 
nicht gleichmäßig ideal zu sein pflegt, so ist auch die Grundstimmung — und 
dies ist eine sehr bemerkenswerte Erfahrung — ständigen Schwankungen aus- 
gesetzt. Diese Schwankungen können der Konstellation entsprechend in zwei 
Richtungen erfolgen. Einmal kann, wie das Familienheim nicht ideal war und 
nicht ideal sein konnte, auch die reale Konstellation, der entlang die Grund- 
stimmung sich fortbewegt, nicht immer idealgemäß sein. Vielleicht verstand 
der Analytiker etwas nicht, was er hätte verstehen sollen, vielleicht war er un- 
aufmerksam, folgte nicht ganz tadellos der sich auftuenden Kontinuität des 
Analysanden, er trat etwa mit ernsterem Gesicht ins Zimmer oder hielt seine 
Hand den Bruchteil einer Sekunde länger oder war es vielleicht seine Stimme, 
die Müdigkeit oder Ungeduld zeigte. Die Grundstimmung kippt in diesen 
Fällen aus realen Motiven um: es liegt am Analytiker, sie wieder herzustellen. 
Die schädliche Realität muß der wohltuenden Realität weichen. Dies ist Frage 
des Taktes, 12 wobei taktvolles Arbeiten nicht mit „Kunstgriffen" verwechselt 
werden soll. Die Analyse ist ein natürlich ablaufender Prozeß, in welcher 
keine „Kunstgriffe" Platz finden können. Alles Gekünstelte muß ausgeschaltet 
werden. Einzelheiten davon gehören schon der Technik im weiteren Sinne 
und nicht der Methodenlehre an. 

12) Takt, als wichtigstes Erfordernis des analytischen Eingriffes, wird von Ferenczi 
ganz besonders gewürdigt (26). 



Die Grundstimmung. — Affekt- und Konfliktübertragung 41 



Ebenso kann sich die Grundstimmung ändern, wenn der Analysand durch 
einen seiner gewohnheitsmäßigen Charakterzüge zu bestimmten Ver- 
haltungsweisen gezwungen wird, z. B. wenn er sich durch jede Kritik wie im 
Leben so auch in der Analyse beleidigt fühlt. Diese Erscheinung, die die 
Grundstimmung stört, muß der Widerstandskonstellation zugerechnet werden. 
Nicht selten ist auch eine Störung der Grundstimmung mit folgendem Ablauf 
zu beobachten: der Analysand fühlt Zornimpulse dem Analytiker gegenüber 
und begründet diese durch die ihn erregenden Äußerungen oder durch das ihn 
erregende Stillschweigen des Analytikers. Im weiteren wird aber klar, daß die 
Zornimpulse im Laufe der freien Assoziation sinngemäß erscheinen mußten 
und sich durch Projektion, d. h. durch das Hinausverlegen der Ursachen 
des Gefühls, an die Person des Analytikers hefteten. Dann kann er auch seine 
eigenen Zorngefühle unbeachtet lassen und fälschlich — oder wenigstens ober- 
flächlich fälschlich — dem Analytiker solche Gefühle andichten. Das bildet 
eine Art Abwehr mit „ejektiver Objektivierung" der eigenen 
Affekte mittels einer anderen Person. (Im laxen Sprachgebrauch wird auch 
dies Projektion genannt.) 

Neben den bisher erwähnten Schwankungen der Grundstimmung unterliegt 
sie aber auch Fluktuationen ganz anderer Art. Ausgehend von der realen 
Konstellation, die dem oben geschilderten Ideal möglichst entspricht, kann sich 
die Grundstimmung einmal bessern, als ob ihr Optimum nicht hier, sondern 
in einer andern Liebesart verankert wäre, ein andermal sich in dem Maße ver- 
schlechtern, daß wir von dem ursprünglichen Genesungswunsch nichts mehr 
merken. Die Grundstimmung kann sich also verschieben, ohne daß die 
Intensität der Arbeit nachläßt, in der Richtung eines zweiten Optimums, 
ja sogar, dieses überholend, doch noch immer in der Richtung der Liebe, und 
kann sich einer verderbnis-verheißenden Richtung zuwenden. Der Analysand 
gibt vielleicht auch aktuelle reale Ursachen für die Veränderungen an, doch 
können wir diese in solchen Fällen nicht als wahren Grund annehmen, oder 
müssen wenigstens, als Übergang zur zuvor erwähnten Veränderung der 
Grundstimmung, eine übertriebene Reaktion auf die Realität voraussetzen, um 
die Veränderung zu verstehen. So kann der Analytiker, ohne zu wollen, durch 
eine Äußerung — z. B. durch das Drängen nach Erlebenlassen der Affekte — 
sich selbst in die Sphäre einer alten Gefühlssituation des Analysanden hinein- 
versetzen und somit die übermäßige Reaktion hervorrufen. 

Die Erscheinung, der wir hier begegnen, welche also eine gewisse — vom 
Analysanden nicht erkannte — Irrealität in die Sphäre der Analyse bringt, 
wurde von Freud Übertragung genannt, zur Bezeichnung dessen, daß sie 
ihrem Wesen nach eine Übertragung von Etwas von anderswoher darstellt. 
Die Übertragung kann eine positive und eine negative sein. Die erste 



42 Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



führt in die Richtung des erwähnten zweiten Optimums: es ist die Über- 
tragung der Liebe, der Dankbarkeit, der Verliebtheit. Die negative Über- 
tragung ist von zweierlei Art: entweder eine Übertragung von Affekten, von 
Zorn, Haß, Mißtrauen, oder von Konfliktsituationen. Neben der positiven 
und negativen Affektübertragung läßt sich somit auch von einer kom- 
plexeren Konfliktübertragung reden. 

Die Affektübertragung stört also die Grundstimmung, die reale Konstella- 
tion gleichsam mißverstehend, in der Richtung eines andern Affektes. Aber 
warum muß sich ein solches Mißverständnis einstellen? Denn es muß sich 
wahrhaftig: diese Erscheinungen ergeben sich notwendigerweise in jeder 
Analyse. 

Das Mißverständnis beruht in erster Linie auf dem regressiven Geschehen 
in der Analyse, wodurch gewisse, sich aus der Erlebniskontinuität heraus- 
hebende Erinnerungen nicht objektiviert, sondern, entlang den Regressionen, 
in ihrem subjektiven Eingebettetsein erscheinen. Noch genauer: sie klopfen 
in einem solchen Eingebettetsein an die Türe der Erinnerung und müssen, 
um objektiviert werden zu können, eine neue Erlebnisstufe erreichen (29). 
Die Erlebnishaftigkeit wird realisiert, indem die bisher latenten, auf alte Liebes- 
oder Haßobjekte bezogenen oder auch freischwebenden Affekte nun auf die 
Person des Analytikers bezogen erscheinen. 

Etwas Ähnliches zeigt sich auch im Leben z. B. dann, wenn die neue Liebes- 
wahl an gleichen Charakteren fortschreitet, wenn also der neue Auserwählte 
den Körperbau, die Haarfarbe, den gütigen Blick des ersten Liebesobjektes 
(meistens des Vaters oder der Mutter) trägt. Diese im Leben vorkommende 
Erscheinung ist eine Liebe nach einem Vorbild. Die Affektübertragung 
— auch nicht zu verwechseln mit der Erscheinung der Affektverschiebung — 
ist eine eigenartige, auf die Analyse beschränkte Form dieser Objektwahl, 
sie läßt größere Möglichkeiten als sonst im Leben zu, ist von den realen Ge- 
gebenheiten unabhängiger. 13 Im Leben wird z. B. gefordert, daß die Person, 
auf welche die ursprünglich der Mutter geltenden Gefühle gerichtet werden, 
deren sie sich in einer gewissen Ausstrahlung bemächtigen, ein Weib und jung 
und blond und gütig sein soll. Die Affektübertragung begnügt sich mit weit 
geringeren, ja mit winzigen Zeichen, demgegenüber gibt sie — eben weil dem 
Unbewußten freie Bahn gelassen wird — nicht nur die Ausstrahlung des ur- 
sprünglichen Gefühls, sondern trachtet danach, das ursprüngliche Gefühl 
selbst wieder erleben zu lassen. Nur die neurotischen Symptome zeigen im 
Leben dem Aufbau der Affektübertragung ähnliche Erscheinungen. Oder 

13) Zur Unabhängigkeit von den realen Gegebenheiten soll auch der Umstand beitragen, 
daß der Analysand im Laufe der Analyse den Analytiker nicht sieht, da letzterer hinter 
ihm Platz nimmt. 



methodischer gesprochen: vom Aufbau der Affektübertragung — im hier ent- 
wickelten Sinne — kann auf den Aufbau der Symptome rückgefolgert werden. 

Auch die der Konfliktübertragung anscheinend ähnlichen Erscheinungen 
sind im Leben nicht unbekannt. Es ist oft zu beobachten, wie jemand, so oft 
er in eine neue Umgebung hineingerät, stets dieselben Beschwerden (z. B. 
gegen die Vorgesetzten) aufbringt, wie seine Liebschaften immer das gleiche 
Ende nehmen. Auch hier handelt es sich um Anlehnungen an eine erste pein- 
liche Situation, um "Wiederholungen eines ersten Mißgeschicks. Aber die 
analytische Konfliktübertragung erscheint in einer unerwartet irrealen Weise; 
so kann dem Analysanden schon das geringste Zeichen genügen, um verstimmt 
zu werden, da er die Enttäuschung, die ihm der Analysand bereiten wird, im 
voraus sieht und er in diesem „Warten auf die Enttäuschung" seine alten 
Konflikte wiedererlebt. 

Es lohnt sich zu vergegenwärtigen, daß das analytische Verfahren an 
mehreren Stellen wunde Punkte offenbart, an welchen die Konfliktübertra- 
gung, dem alten Muster gemäß, erscheint oder bei bestehender Konfliktbereit- 
schaft einen Konflikt heraufbeschwören kann, welcher ohne Vorhandensein 
eines analogen Vorbildes nun die Konfliktmöglichkeit ausnützt. 

Solche konfliktauslösende Stellen sind: das Abbrechen der Strömung nach 
jeder Stunde, das „Fortschicken" des Patienten mit seinen Leiden; die Nicht- 
erfüllung seiner erotischen Wünsche, was er beleidigend finden kann; das 
Geld, welches er für seine Kur opfert, was auch besagt, daß er nicht aus Liebe 
behandelt wird; die Einstellung des Analytikers auf seine Mission, was der 
Patient als die Arbeit einer Maschine fühlen kann; die Tatsache, daß der 
Analytiker Familie und andere Patienten hat, was seine Eifersucht heraus- 
fordert; die Dankbarkeit, welche er wegen der Erfolge spürt und die ihn zu 
Übertreibungen und deswegen zu Zurückhaltungen veranlaßt. Konflikte 
werden aber nicht nur durch diese notwendigen Mitläufer einer Analyse 
heraufbeschworen: das Erscheinen eines jeden Triebes birgt — eben wegen 
der Wirbelnatur der Triebkraft — Konfliktmöglichkeiten in sich, ein 
Wählenmüssen zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen Einstellung auf 
Heute oder auf Morgen, ein Suchen der Grenze, bis wohin man gehen kann 
und darf, wo die Zwecklosigkeit aufhört oder beginnt, wo die Lebensgefahr 
in Erscheinung tritt. 

Wesentlich für die Methodenlehre ist folgendes: spielen sich diese Störungen 
der Grundstimmung in einer regelmäßigen Kurve ab, so sind alle Bedingungen 
zum richtigen Verlauf der Analyse gegeben. Wird die positive Affektüber- 
tragung von der Liebe beherrscht, so macht das den Analysanden empfäng- 
licher, öffnet schwer zugängliche Türen des Unbewußten, läßt die Stunden 



der Analyse willkommen erscheinen. Dagegen lauert im Hintergrund der 
Wunsch des Analysanden, sich beim Analytiker nicht nur durch seine Heilung 
und sein Verständnis, sondern auch durch seine guten Eigenschaften, seine 
hohe Sittlichkeit und Wahrheitsliebe, durch seine brave Familie beliebt zu 
machen — lauter Anknüpfungspunkte für das Verschweigen, für das Un- 
verständnis, mit einem Wort für das Anbringen der Widerstände. Will sich 
die positive Affektübertragung, jenseits des zweiten Optimums, zur Verliebt- 
heit mit realen Ansprüchen steigern, so häufen sich die Widerstände, da ja 
eine Enttäuschung, also eine Konfliktssituation, stets die Folge sein muß, noch 
mehr. (Darum sehen wir im ersten ein stabiles, im zweiten ein labiles Opti- 
mum.) Zum Verlauf der regelmäßigen Kurve gehört nun ein bestimmtes Ver- 
halten des Analytikers, welches das ganze Übertragungsverhältnis für die Ana- 
lyse produktiv zu gestalten vermag: er betrachtet die Übertragungen des 
Analysanden als — passagere — Symptome und nimmt an ihnen nur soweit teil, 
wie an seinen sonstigen Symptomen, Freuden und Leiden. Der Analytiker hat 
auch hier zu verstehen und zur richtigen Zeit zu deuten, d.h. die Übertragungen, 
wenn auch nicht in statu nascendi, da die Analyse der Erinnerungen und der 
Liebesgefühle bedarf, aber doch noch in der Phase der Irrealität in die stabile 
Grundstimmung der Analyse zurückzurufen. Das wird von Freud durch die 
Forderung, die Analyse geschehe in der Versagung, gemeint. 

Es ist sehr wichtig, diesen Übergangscharakter der Übertragung zu betonen. 
Der Verlauf der Analyse führt den Analysanden in eine Richtung, der entlang 
er früher oder später die Irrealität und den wahren Sinn der Übertragungen 
selber einsieht. Meiner Erfahrung nach stößt die Analyse bei den sogenannten 
narzißtischen Neurosen, die von Freud den Übertragungs- (d. h. der Über- 
tragung fähigen) Neurosen entgegengestellt werden, nicht darum auf so viel 
Schwierigkeiten, weil sich in ihnen keine Übertragung entwickelt, sondern 
weil die Kranken den Glauben an die reale aktuelle Grundlage der Über- 
tragungen nicht verlassen können. 

Beim Verständnis der Übertragungen darf die kontinuierliche Verwobenheit 
der seelischen Vorgänge nicht vergessen werden: nur theoretische Isolierungen 
sind hier zu vollziehen. Positive und negative Affektübertragung, Konflikt- 
übertragung, die Fülle der Widerstände und die Produktion des analytischen 
Materials, verlaufen alle zusammen, nur daß abwechselnd das eine oder das 
andere klarer auf die Bildfläche tritt. 

Die hier entwickelte Auffassung, welche sich streng an die von Ferenczi 
unterstrichene Besonderheit der analytischen Übertragung gegenüber den im 
Leben sich äußernden ,,Introjektionen"(3o) hält und die von Freud rein 
herausgearbeiteten Unterschiede der Übertragungsliebe und der Liebe des All- 



Die Grundstimmung. — Affekt- und Konfliktübertragung 45 

tagslebens ernst nimmt (31) 14 — und folglich nicht bei jeder Affektäußerung in 
der Analyse den Terminus „Übertragung" zuläßt, sondern eine Domäne der 
Affektäußerungen außer der Übertragung auch in der Grundstimmung an- 
erkennt — , ermöglicht uns, außer der obigen in bezug des Ablaufs der Über- 
tragung, klare Stellung zu mehreren anderen Fragen der analytischen Me- 
thodenlehre zu nehmen. 

Erstens drängt sich die sehr heikle Frage der sogenannten „Gegenüber- 
tragung", d. h. der Affektäußerungen von seiten des Analytikers auf. Sogleich 
steht eine Antwort bereit, die sonst äußerst schwer zu gewinnen ist: die 
Affektäußerungen des Analytikers sollen den Charakter der Grundstimmungs- 
affekte haben, gemieden sei aber jede Einmischung einer Affekt- oder Kon- 
fliktübertragung seinerseits. Die Analyse kann auch seinerseits nicht ohne 
affektive Anteilnahme stattfinden, doch darf diese den Rahmen der Grund- 
stimmung nicht sprengen. 

Die zweite Frage, welche wir jetzt beantworten können, rührt am Cha- 
rakterproblem. Auf welchem "Wege kann jemand in der Analyse in seinen 
Charaktereigenschaften verändert werden? Diese Frage erhält ein besonderes 
Gewicht durch Anschauungsweisen, wie sie z. B. die Jendrassik-Kollarits- 
Schule vertritt, nach welcher die Neurosen im Grunde Teilerscheinungen von 
Charakterarten sind. Eine solche Anschauungsweise hat zur Folge, daß jedes 
neurotische Symptom gründlich nur durch Charakterveränderung verwischt 
werden kann. M. Balint gibt die Antwort, es muß in der Analyse etwas in 
Erscheinung treten, was er als „Neubeginn" betrachtet: der Patient muß 
endlich den Gewohnheitsreaktionen ein Ende machen und beginnen auf andere 
Art zu reagieren (32). Die Erfahrungstatsachen, an denen Balint dies demon- 
strierte, sind richtig; doch glaube ich, daß man mit der oben entwickelten 
Übertragungsauffassung zu folgender Beschreibung gelangt: Solange der Ana- 
lysand die analytische Situation mit seinen gewohnten Reaktionen beant- 
wortet, befindet er sich entweder im Charakterwiderstand oder in einer von 
der Analyse noch nicht angegriffenen, die Grundstimmung beeinflussenden 
Art der Affektäußerung, doch nicht in jener Übertragung, welche das Ver- 
borgene, einst Begonnene, doch Verlassene wiederbeleben soll. Kommt es aber 
zu dieser Auflockerung, so steht er im Bereiche einer echten Übertragung — 
und eben deshalb bei einem (vermeintlichen) Neubeginn. Diese echte Über- 
tragung stammt nicht aus den gewohnten Charaktereigenschaften, sondern 
aus den abgewöhnten. 

14) Um das volle Verständnis der Übertragungsliebe zu erreichen, sollen nach dem Freud- 
schen Muster die Bestimmungen „die Realität des Liebesaffektes" und „das Entbehren der 
Rücksicht auf die Realität" scharf gesondert werden, was nicht immer geschieht. 



Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



7. Positive Ratschläge zur Sicherung der freien Assoziation 

Von mehreren Seiten wurde bisher die analytische Einstellung geprüft. 
Neben dem Börneschen Prinzip sahen wir das "Walten des Müller sehen 
Prinzipes und endlich des Freudschen Prinzipes des Abreagierens; wir sahen 
den Kampf des Entäußerungs-Bedürfnisses mit dem Verhüllungs-Bestreben, 
die fördernde und hindernde Rolle der Übertragungen. Im Aufzeigen und 
Ableiten der Widerstände, im Sieg des Heilungs- bzw. Erkennungswunsches 
über sie, lernten wir den Weg des Fortschrittes, in der Grundstimmung die 
Sicherung des Fortschrittes kennen. Wir verwiesen darauf, daß unsere höchste 
Aufgabe darin besteht, durch Verständnis Vertrauen zu erwecken und daß wir 
auch vom Analysanden das Verständnis seiner selbst und seines Verhaltens in 
der Analyse erwarten. 

Ein Gesichtspunkt wurde jedoch bisher außer acht gelassen. Wir betonten 
zwar, daß wir dem Analysanden gleich am Anfang nicht die „freie Assozia- 
tion" ans Herz legen, sondern ihn auffordern, alles zu sagen, was ihn bedrückt 
und was ihm weh tut. Wir wiederholten ausführlich die Freudsche An- 
weisung und stellten ihre Verzweigtheit dar. Doch hatten wir bisher keine 
Gelegenheit auseinanderzusetzen, wie dem Analysanden das, was Wir von ihm 
verlangen, veranschaulicht wird. Denn ob wir die Aufforderung geben, alles 
ihn Bedrückende mitzuteilen oder die ausführliche Freudsche Anweisung, 
beide sind mißzuverstehen, beide sind zu allgemein gehalten und — was vom 
Analysanden am Anfang besonders stark beanstandet wird — sie enthalten 
wenig Positives. Auch darf es nicht außer acht gelassen werden, daß der 
Analysand nicht unbedingt psychologische Fähigkeiten besitzen und im Beob- 
achten seiner seelischen Verläufe bewandert sein muß, ja sogar daß dieses Be- 
wandertsein noch immer nicht jene Fähigkeit darstellt, die von der analyti- 
schen Einstellung erfordert wird. 

Gerade darum ist vonnöten, die richtige Einstellung des Analysanden durch 
positive Ratschläge zu unterstützen. Von diesen kann hier nur in Verallge- 
meinerungen gesprochen werden: sie müssen sich in jeder Analyse von Innen 
heraus ergeben und von Innen heraus anschauliche Erklärungen erhalten. Der 
eine Kranke kann sofort und völlig verstehen, was „Selbstvergessenheit" zu be- 
deuten hat, bei einem anderen muß die bloße Benennung durch eine Reihe 
konkreter Beispiele ergänzt werden, indem man sich z. B. auf seine Einstellung 
beruft, als ihm eine Äußerung „entschlüpfte" oder auf den Zustand, in 
welchem er seinen betrunkenen Bruder heimkehren sah. Die positiven Rat- 
schläge können in drei Gruppen geteilt werden. 

In der ersten verlangen wir eine im allgemeinen erwartungsvolle Einstel- 
lung. Wir bitten den Analysanden, in ständiger Bereitschaft zum Ertappen 



[ 



seiner selbst zu sein, damit er jede sich gerade meldende Erinnerung, jedes 
Gefühl, jeden Gedanken beim Schöpfe fassen kann. Dies ist mit der Ein- 
stellung des „Sich-Ertappens" beim Selbstbeobachter analog (33). Im Interesse 
dieser allgemein-erwartungsvollen Einstellung machen wir den Analysanden 
auf die Äußerungen der seelischen Kontinuität aufmerksam, z. B. darauf, wie 
eng das Material des Stundenbeginns — ohne beabsichtigt oder bewußt-be- 
merkt zu sein — mit dem Material der vorigen Stunde zusammenhängt. 

Hierfür ein Beispiel: in der einen Stunde handelt es sich darum, wie der 
Kranke den Endausgang seiner Angelegenheiten immer verdirbt, seine Prü- 
fungen immer am Ende verpatzt, wie er eine bestimmte Verhaltungsweise 
nur eine Zeitlang verfolgt und sie dann mit einer anderen vertauscht, zur 
Zeit der Pubertät aber die Ejakulation für etwas zu Vermeidendes und Ver- 
werfliches hielt. In der nächsten Stunde redet er nun gleich am Anfang davon, 
daß es im Traume vielleicht gar keine Wunscherfüllung gibt und diese alte 
analytische These der Revision bedarf. Ich mußte seine Aufmerksamkeit auf 
die Gedankenkette „Wunscherfüllung-Ejakulationsvermeidung" richten, damit 
auch ihm das Funktionieren der seelischen Kontinuität klar wurde. 

In den Stunden soll mit Hilfe der sich gerade bietenden kleinen Begeben- 
heiten der Glaube an die "Wichtigkeit jedes unansehnlichen Einfalles vom Ge- 
sichtspunkt des Weiteren befestigt werden. Am eigenen Fall soll es illustriert 
werden, wie der unausgesprochene Gedanke stets zurückkehrt, das Thema, 
dem man aus dem Weg gegangen ist, sich viel anspruchsvoller meldet — oder 
gerade umgekehrt, wie es im Dienste der "Widerstände alle Einfälle um sich 
allmählich einfängt, so daß endlich alles unbedeutend wird oder auch eine 
volle Leere im Bewußtsein entsteht. Die allgemeine Erwartung hat sich daher 
auch darauf zu richten, daß sie, den Widerständen Front bietend, alles auf den 
ersten Schwung aus sich herausbringt. Diese Seite unseres allgemeinen Rat- 
schlags verlangt also ständige Bereitschaft den Widerständen gegenüber und 
will die dem Wettlauf -Training ähnliche ,,second-wind"-Ersche'mung wach- 
rufen, eine Erscheinung, wonach der Wettläufer die ersten Erschöpfungs- 
zeichen überwindet und in eine zweite, mehr ausgeglichene Atmungstechnik 
hineingerät, in welcher er automatisch weiterläuft und weniger Erschöpfung 
empfindet. Mit dieser „schwungvollen", auf die sofortige Überwindung der 
Widerstände gerichteten Einstellung kommt der Analysand viel weiter, als 
wenn er in jedem einzelnen Falle zwischen Aussprache und Zurückhaltung 
zu entscheiden hätte. Wir zeigen ihm, daß in seiner Seele Strömungen einher- 
fließen, denen er sich überlassen kann, deren Richtung am Anfang noch un- 
bekannt ist, wenn er aber ein noch so unbedeutend erscheinendes Gedanken- 
glied ausläßt, er die Strömung staut und die einsetzende Seeleneröffnung ver- 
hindert. 



Die zweite Gruppe unserer positiven Ratschläge verbleibt noch im all- 
gemeinen Rahmen, doch gestaltet sie sich in der formellen Erfassung der seeli- 
schen Einstellung konkreter als die vorige und geht mehr ins einzelne. 
Hieher gehört, daß wir den Analysanden nicht nur bitten auszusprechen, 
was ihm das Herz bedrückt und wir von ihm nicht nur die Registrierung 
seiner hervorquellenden Gedanken und Gefühle verlangen, sondern auch, daß 
er in voller Unverantwortlichkeit spricht, sich — natürlich nur im Rahmen 
der Einstellung — so unverantwortlich gehen läßt, wie es nur ein kleines Kind 
tun kann. Er soll sich erlauben, kulturlos zu werden, d. h. er soll seine seeli- 
schen Offenbarungen — natürlich wiederum nur im Rahmen der Einstellung 
— nicht dadurch beeinflussen lassen, was sich zu denken gehört, was sich zu 
fühlen nicht schickt, was sich ziemt und was nicht, welcher Ausspruch oder 
welche Phantasie strafbar ist. Eine besondere Aufforderung hat die Einstellung 
auf Zeitlosigkeit zum Gegenstand. Der ärgste Feind des Unbewußten ist das 
Denken an die Zeit: der Analysand soll nicht auf seine Uhr schauen (auch 
nicht der Analytiker), er soll seine Seele so dahinfließen lassen, als ob sich die 
Analyse außerhalb der Zeit abspielen würde. Er soll mit seiner Seele ins 
Unendliche schauen und sich nicht hierher oder dorthin fixieren (das kann 
sich, wie vieles andere auch, oft ganz automatisch einstellen). Er soll sich 
einstellen, wie wenn er durch etwas nachdenklich würde und nicht, wie wenn 
er über etwas nachdenkt. Er soll sich die Selbstvergessenheit erlauben. Er 
soll seine Gedanken zerfließen lassen, er soll sich nicht scheuen herumzuirren, 
und soll, seine Seele gleichsam auflockernd, in eine ständige Fluktuation ge- 
raten. Er soll sein Innerstes sprechen lassen und mit seinem Ich nur als Beob- 
achter teilnehmen. So kann ihn sein Schwung soweit bringen, daß es in seinem 
Innern zu einem wahrhaftigen Aufruhr kommt. Er soll sich, seine An- 
gehörigen und den Analytiker in jeder Hinsicht entlarven wollen. Auch auf 
die Erkenntnis des Neuen soll die Einstellung gerichtet werden, er soll 
in jeder Stunde mehr über sich erfahren, als er bisher gewußt hat. Die An- 
näherung an den Zustand vor dem Einschlafen ist auch einer der Wege, dessen 
Richtung zur Vertiefung dem Analysanden gut einleuchtet. Er kann auch 
eine Einstellung suchen, ähnlich jener, in welcher ein vergessener Traum oder 
ein vergessenes "Wort ihm in Erinnerung kommt. 

Die dritte Gruppe unserer positiven Ratschläge will, jenseits der Form 
der Einstellung, die Art der Erfassung der Inhalte stärker veranschau- 
lichen. Einer der wichtigsten ist hier unser ständiger Hinweis auf das volle 
Erleben. Wir bitten das Allgemeine immer mit konkreten Fällen zu ver- 
tauschen und in den konkreten Fällen verlangen wir nach immer neuen und 
neueren Einzelheiten. Die Erinnerungen sollen leben — das sei unsere Devise. 
Nur die lebendige Erinnerung oder die lebendige Szene kann wirklich in die 



Tiefe der Seele greifen. Der Analysand soll die auftauchenden neuen Einzel- 
heiten, die Denkbruchstücke und Denkansätze der Tageserinnerungen in 
voller Art, in allen ihren Konsequenzen zu Ende denken. In jeder Stunde soll 
er sich darauf einstellen, alles zum Leben zu erwecken, was er bisher, in den 
vergangenen Stunden berührte, er soll somit den Kontakt mit der ganzen 
Analyse einerseits, mit seinem ganzen Leben andererseits aufnehmen. 

Eine, und zwar eine sehr naheliegende Aufforderung ist aber bestimmt zu 
vermeiden oder ist wenigstens in ihrer Lautbarmachung sinnlos — und dies 
ist die Berufung auf den Willen. Der Analysand verfügt zumeist gar nicht 
über seinen "Willen, weder was das Auftauchenlassen der Erinnerungen, noch 
was die Bekämpfung der Widerstände betrifft. Aber auch der Geist, mit dem 
die Analyse steht oder fällt, erfordert es, daß der Wandel in der Seele nicht 
mit Gewalt oder Verführung — dies bildet meiner Ansicht nach die nach 
Innen gewendete Triebgrundlage des Wollens — , sondern mit der Beseiti- 
gung der Hindernisse, mit der Erkenntnis des Sinnes und mit dem Schwung 
der Lebenskräfte vollführt wird. 

Oft, bei Analysanden, welche unter der Herrschaft von Schamaffekten 
stehen, wäre es auch gewagt, direkt das Erleben der Affekte verlangen zu 
wollen. Damit käme der Analytiker in dieselbe Stellung, in welcher die 
Person, welche die Schamäußerungen befohlen hat, einstens war. 

8. Niveau und Schichtung der Assoziationsketten 

Es wird unter dem Erschließen der wahren Seele eigentlich zweierlei ver- 
standen und dementsprechend von der Grundmethode zweierlei verlangt: 
erstens soll sich im Laufe des Assoziationsstromes das Unbewußte inhaltlich 
möglichst klar und ungebrochen melden, zweitens sollen außer den Inhalten 
auch die sie speisenden Kräfte in Bewegung gesetzt werden. 

Auf die Übereinstimmung der freien Assoziation mit der Funktionsweise 
des Unbewußten wurde schon verwiesen. Zwei Begriffe, der des Strömens 
und der der Krümmung veranschaulichen diesen Zusammenhang. Im Ana- 
lysanden fließt ein Strom, dem er sich zu überlassen hat und der, indem er 
indirekten, „krummen" Richtungen folgt, ein intermittierendes Loslösen und 
Festklammern erfordert. 

Nun, dieselben Begriffe des Strömens und der Krümmung befähigen uns, ein 
Bild vom Unbewußten und von den im Es waltenden Triebrepräsentanten zu 
entwerfen. Aus klinischem Material, z. B. aus den Abläufen von Depressions- 
zuständen, kann gefolgert werden, daß im Es wirbelartige Kräfte verschleudert 
sind und daß die Triebe eigentlich Wirbelkräfte sind. Die freie Assoziation 
besteht innerlich aus den von den Wirbelgebilden gespeisten Strömungen und 

Hermann, Psa. als Methode 4 



5° Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 



dementsprechend aus Krümmungen. So sehen wir, daß die Instruktion zur 
freien Assoziation eigentlich das Erscheinen dieser Strömungen veranlassen 
will, daß also die Instruktion einer Instruktion zur Herstellung eines Modells 
des Unbewußten gleich ist. Soweit haben wir mit Hilfe zweier Modellbegriffe 
die Abläufe beschrieben. Der Zwang, den der Analysand oft zur Weiter- 
führung der Analyse verspürt — ein gutes Zeichen für den richtigen Gang 
der Analyse — , stammt aus diesen Wirbelströmungen. Diese sind verantwort- 
lich für die sich während des Ganges der Analyse entwickelnde analytische 
(Übertragungs-) Neurose. 

Es wäre aber nicht viel gewonnen, wenn wir diese Einsichten nicht zur 
weiteren Beantwortung praktischer Fragestellungen im Gebiete der freien 
Assoziation benützen könnten. Es ist ja einleuchtend, daß die von Johannes 
Müller — wie ich glaube — zuerst beschriebene Strömung des optischen 
Materials dem schlafnahen Zustande seine Entstehung verdankt und die 
Instruktionen zur körperlichen Entspannung von Schultz, sowie auch die 
zur gefühlsmäßigen von Ferenczi schlafnahe Zustände hervorzuzaubern 
trachten. Es scheint auch, daß es ein das Strömen begünstigendes Optimum 
zwischen Schlaftrunkenheit und Nüchternheit geben muß, in welchem das 
Strömen und das Krümmungsmaß vom Standpunkte des Unbewußten am 
produktivsten sind. Diese optimale Entfernung von gewissen Nullpunkten 
— sie mag das Niveau des Assoziationsstromes genannt werden — unter- 
liegt Oszillationen nicht nur in bezug auf die Zwischenlage zwischen Schlaf- 
trunkenheit und Nüchternheit, sondern auch in bezug auf die Entfernung 
von den Wirbelzentren der Triebe. Analysiert man einen Jungen in 
der Pubertätszeit, so fällt einem das ständige Bereitsein zum Agieren, das blitz- 
schnelle Mitgerissenwerden von einem neuen Wirbel, die heitere Ausgelassen- 
heit mit Verspottung des Analytikers, die Häufigkeit der Erektionen auf. 
Derselbe triebnahe Symptomkomplex im Assoziationsstrome ist auch ge- 
legentlich bei Erwachsenen nachzuweisen. 

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine Erscheinung, die ich 
Parallel-Denken in der Assoziation nennen möchte. Es sind dabei zwei 
Strömungsniveaus zu beobachten. Der Analysand spricht, scheinbar mit 
voller Einhaltung der Grundregel, und dann stellt es sich heraus, daß er schon 
seit einer geraumen Zeit eine gewisse Arbeit in der Phantasie verrichtet, so 
z. B. ununterbrochen die Bücher im Ordinationszimmer nach einer neuen 
Anordnung umräumt und gleichfarbige nebeneinander stellen will. Oder er 
zeichnet im Gedanken ununterbrochen Dreiecke an die Wand. 

Die nicht ausgesprochenen Gedanken stehen der agierenden Triebschicht 
näher als die ausgesprochenen, sie sind auch außerhalb der Analyse verfolg- 



Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 5 1 



bar, 15 haben sehr oft sexuelle Aggressionen zum Inhalt und werden manchmal 
fast zur Tat. So ertappte sich eine Patientin, die in der Stunde viel Parallelen 
beobachtet, am Vortage am Strande beinahe die Busen einer Frau berührt zu 
haben, als sie im Gespräch mit ihrem Manne war und diese Parallel-Idee mit 
einer Intention zur Ausführung auftauchte. 

Die Analyse hat sich die Aufgabe zu stellen, in die Region dieser triebnahen 
Schicht einzudringen und sie möglichst zur Hauptströmung werden zu lassen. 
Sie ist ein unmittelbarer Rest der Triebdurchbruchs-Phasen der Entwicklung. 
Die geometrische Natur vieler Parallelen geht vermutlich auch auf den Cha- 
rakterzug des Unbedingten der drängenden Triebe zurück. Die Erschütterung 
der Libido-Positionen verspricht in dieser triebnahen Schicht Erfolg. 

Auch hier gilt aber der Grundsatz, daß das Hineingleiten in diese Schicht 
nicht durch Verbot eingeleitet sei, d. h. nicht mit der Aufforderung geschehe, 
die oberflächliche Gedankenkette nicht beachten zu wollen. Die Instruktionen 
sollen überhaupt positiv lauten und keine Negationen enthalten. „Tue das" 
kann im Unbewußten eher Widerklang finden, als der Aufruf „tue das nicht". 
Wenn ich bemerke, daß der Patient Parallel-Gedanken entwickelt, was sich 
auch durch die Resonanzlosigkeit in mir selbst kundgeben kann, so frage ich 
direkt nach den Parallelgedanken; ich erkundige mich, womit er sich während 
seiner fließenden Rede noch beschäftigt und versuche die Gedankenketten in 
diesem Strome weiterfließen zu lassen. 

III. Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

i. Das psychoanalytisch Sinnvolle. — Seelische Kontinuität und 

Determinismus 

Wir sahen, wie die analytische Konstellation den Analysanden zum Ge- 
stehen seiner Geheimnisse treibt. Aus dem Tiefsten und Lebenswichtigsten 
muß er schöpfen, alles, was in ihm ist, muß er offenbaren. So wäre — sollte 
man meinen — die Analyse eine Reihe erschütternder Beichten, endloser Ge- 
ständnisse. Zum Teil ist sie es ja auch — doch nicht im ganzen. Einmal lernt 
der Analysand vieles von seinem Innersten erst durch die Analyse kennen, sein 
Mitteilen kann höchstens ein Ringen nach Geständnissen — ein Ringen gegen 
die Widerstände — sein. Dann wäre es auch gezwungen, in den vielen Stun- 
den der Analyse, Monate und Jahre hindurch, mit bewußter Absicht immer 
am Tiefsten und Lebenswichtigsten zu rühren. Der Analysand spricht viel 
mehr von allem, er bringt Geständnisse ebenso wie die Einfälle des Alltags. 
Doch ist alles, was er bringt, was er in der analytischen Stunde sagt und emp- 

15) Wichtig ist die Kenntnis der Parallel-Gedanken, z.B. bei Stotterern. 



findet, jedes Thema, das er berührt, ja alles, was er in der Gegenwart oder 
auch unter dem Einfluß des Analytikers anderswo treibt, all sein Gebärden- 
spiel und seine Mienensprache, analytisches Material. 

War bisher von den Einstellungen die Rede, die geeignet sind, das analy- 
tische Material zutage zu fördern, so soll jetzt von den Voraussetzungen ge- 
sprochen werden, die zum Verstehen und Verwenden dieses Materials not- 
wendig sind. Daß es in jedem Falle verstanden werden muß und kann — ist 
schon eine Voraussetzung der analytischen Theorie. Sie besagt, daß jeder Ein- 
fall des Analysanden sinnvoll ist, sinnvoll in einer ganz bestimmten Be- 
deutung. 

Betrachten wir ein Beispiel. Eine Patientin fängt die analytische Stunde mit 
der Erzählung einer kleinen Begebenheit an: sie habe im Autobus einen ihrer 
Handschuhe verloren. Der erste Einfall, der sich daran knüpft, ist: wenn es 
noch mein Taschentuch gewesen wäre! "Warum gerade Taschentuch? Nun 
ja, das erinnere an galante Geschichten, an die Dame und den Ritter, an fran- 
zösische Hofepisoden. Die Stunde geht weiter — sie spricht davon, wie sie in 
ihrer Mädchenzeit umschwärmt wurde, was für ein begehrtes Mädchen sie 
war. Am Ende noch eine kleine Fehlhandlung: sie schließt ihre Tasche auf, 
schaut hinein und schließt sie wieder zu. Auf meine Frage gesteht sie, sie hätte 
das Gefühl gehabt, als habe sie ihr Taschentuch soeben hier verloren. 

Was wir an dem Beispiel demonstrieren wollten, ist die Bedeutsamkeit schon 
des ersten, scheinbar nichtigen Einfalles. Es ist kein Zufall, daß die Patientin 
auf den Gedanken des Taschentuches kam — wir sagen, dieser Einfall war 
determiniert. 

Doch hier müssen wir stehen bleiben. Das Determiniertsein der seelischen 
Inhalte ist kein Novum, das von der Psychoanalyse in die Seelenwissenschaft 
gebracht wurde. Der Kampf der Deterministen und Indeterministen ist eine 
uralte Fehde, deren Schauplatz zwischen Philosophie, Theologie und Psycho- 
logie wechselt. Hier wurde der Standpunkt der Deterministen zuletzt von 
der sogenannten Assoziationspsychologie vertreten. Nach ihr wäre alles, was 
in der Seele auftaucht, von den Gesetzen der Ideenassoziation bestimmt: dem 
Gesetze der (örtlichen und zeitlichen) Berührung und dem Gesetze der Ähn- 
lichkeit. Alles, was uns einfällt, fällt uns ein, weil es mit den Vorangehenden 
örtlich oder zeitlich verknüpft war, oder weil eine Ähnlichkeit zwischen den 
beiden Inhalten besteht. Der seelische Verlauf wird durch die Gesetze der Be- 
rührung und der Ähnlichkeit determiniert. 

Freud sagt etwas anderes. Nicht äußere oder innere Assoziation, nicht Be- 
rührung oder Ähnlichkeit, sondern der Sinn der Seeleninhalte wirkt deter- 
minierend, läßt sie miteinander verknüpfen. In unserem Beispiel hieße das, daß 
nicht etwa das örtliche Beisammensein von Handschuh und Taschentuch die 



Kontinuität und Determinismus 53 

Verknüpfung herbeiführte, sondern ein innerer Sinn, der sich im Laufe der 
analytischen Stunde immer mehr vertiefte. Es kam noch manches hinzu: es 
kam die Rede auf den Gatten, der beim Verlieren des Handschuhs zugegen 
war, auf die näheren Umstände des Verlierens — sie habe Kastanien, die ihr 
Mann ihr gekauft hat, aus der Tüte nehmen wollen — , und daran knüpft sich 
auch der Gedanke, daß sie die Kastanien für den Mann immer selber aus dem 
Feuer holen muß. Der Sinn des Einfalles heißt also: möchte doch jemand 
kommen, mir den Hof zu machen, einer, der ritterlicher ist als mein Mann, 
einer, der nicht selber Dienstleistungen von mir erwartet, einer, der mich so 
anbetet, wie ich in meiner Mädchenzeit angebetet worden bin. Oder kürzer: 
man möge mich doch lieben und bedienen, besser als mein Mann es tut. 
Aber abgekürzt ist es nicht mehr dasselbe: im Sinn des Taschentucheinfalles 
ist eben alles enthalten, das Liebesbedürfnis, die dahinschwindende Jugend, 
die Kastanien, der unbeholfene Gatte. Auch das Thema des Stundenbeginns 
selbst ist in diesem Sinn-Knäuel enthalten: der erste Einfall konnte darum 
sinnvoll sein, weil er schon aus diesem Thema-Sinn-Knäuel herausgeschleudert 
wurde. Ja, einen Schritt weitergehend, sehen wir nicht nur das Thema, son- 
dern auch den Kern seines Tatbestandes, das Verlieren des Handschuhs selbst, 
in diesem Sinn eingebettet, was durch die Episode am Ende der Stunde — als 
sog. passageres Symptom (Ferenczi) — auch angedeutet wird. Der Sinn des 
Tatbestand-Kerns ist schon dem Sinn des neurotischen Symptoms analog, 
dessen Auflösung den Analytiker seinem Ziele nach beschäftigt. 

Wie der Einfall einen Sinn hat, so kann auch die ganze analytische Stunde 
einen Sinn haben. "Wenn wir z. B. sagen, daß sie bei einer gewissen Patientin 
mit Gedanken an die Scheidung erfüllt war, so kann man dies so kurz aus- 
drücken, nur weil sich zwischen dem Analytiker und dem Analysanden schon 
eine gemeinsame Sprache herausgebildet hat. Tatsächlich ist in diesen Ge- 
danken an die Scheidung weit mehr enthalten, eine ganze Fülle aktueller und 
vergangener Erlebnisse. 

Wir können auch vom Sinn einer Lebensperiode sprechen, wie z. B. bei 
einer Patientin, die sich lange Zeit hindurch mit ihrer schwerkranken 
Schwägerin identifizierte, woraus sich viele ihrer Krankheitssymptome erklären 
ließen — der Schwägerin, die die Frau ihres heißgeliebten Bruders war. 

Oder wir können auch den Sinn eines bestimmten Verhaltens angeben; als 
Beispiel sei ein Patient angeführt, bei dem sich jede noch so starke Liebe bei 
dem nichtigsten Zwischenfall in ein leidenschaftliches Haßgefühl wandelt, das 
jede Spur der Liebe im Nu auszulöschen vermag. Der Sinn dieser eigenartigen 
Ambivalenz liegt in seinem Verhältnis zum Vater, den er mit 8 Jahren verlor. 
In der frühen Kindheit hing er mit großer Liebe an ihm; diese Liebe wurde 
von der Mutter erschüttert, die den schon kränkelnden Vater stets derb an- 



54 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

fuhr und verächtlich machte. Der Knabe mußte in seiner Identifizierung mit 
der Mutter auch ihren Haß gegen den Vater übernehmen: seine Liebe für ihn 
mußte oft durch plötzliche Haßanwandlungen unterbrochen werden. Das 
wirkte determinierend auf das spätere Leben, hier liegt der verborgene Sinn 
seines Verhaltens, sein ständiges Suchen nach dem Vater und seine Empfind- 
lichkeit jedem Fehler gegenüber. 

Was ist nun das Gemeinsame dieser Beispiele? Was heißt es, den Sinn eines 
Einfalles, einer analytischen Stunde, einer Lebensperiode, eines Verhaltens an- 
geben zu können? Es heißt etwas ganz Bestimmtes und "Wesentliches: es heißt, 
den Einfall, die Gedankenreihe, die Lebensperiode, das Verhalten in das 
Seelenkontinuum der Person einreihen zu können. Etwas analy- 
tisch zu verstehen, heißt den Platz kennen, den dieses Etwas in dem Seelen- 
kontinuum der Person einnimmt. Dieser Platz ist jedoch nicht mit einem 
Punkt zwischen anstoßenden Punkten zu bezeichnen (wie es die Assoziations- 
psychologie erfordern würde), sondern mit einer verzweigten, sich hin und 
her windenden Kurve, mit einer viele Fäden umspannenden Verdichtung im 
Seelengewebe. Der Kontinuität sind auch die verdrängten Seelenteile unter- 
worfen, da die Verdrängung nur in gewissen Richtungen den Weg der seeli- 
schen Abläufe abbricht. 

Jetzt verstehen wir auch, warum schon der erste Einfall als sinnvoll-deter- 
miniert angenommen werden mußte: er kommt eben auch aus dem vom 
Thema berührten Kontinuum der Seele, reißt alles Anhaftende mit sich, ist 
mit allem Angrenzenden verwoben. Wir könnten hier das Bild eines aus dem 
Wasser gehobenen Gegenstandes gebrauchen: es ist durch und durch naß, es 
ist mit dem Stoff, den es soeben verließ, vollgesogen, ist mit dem schon ver- 
lassenen Element durch die ihm anhaftende Nässe noch immer verknüpft. So 
vollgesogen mit allem Umgebenden, was in der Seele ist und war, ist auch 
jeder Einfall, der sich von dem Kontinuum der Seele loslöst. 16 Nur dem 
Strömen der freien Assoziation entlang wird es klar, wie viele Fäden von den 
einzelnen Einfällen und vom Thema her in die Seelengeschichte des Analy- 
sanden führen. Wir stehen hier einer Erfahrungstatsache gegenüber. Die 
freie Assoziation besitzt eine Funktion, welche als sinnentlockend zu be- 
zeichnen ist. 

Die Bestimmung des „Sinnes" als Zugehörigkeit zum Seelenkontinuum kann 

16) Dieser Vergleich bringt vielleicht jene oft beobachtbare Tatsache dem Verständnis 
näher, wonach es gerade der erste Einfall ist, der die wichtigsten Wege ins Unbewußte 
eröffnet. Oft wird sozusagen schon das ganze heimliche Schloß durch den ersten Einfall 
aufgetan, nur daß er sich eben — oder gerade darum — dem verwerfenden Urteil der Kritik 
gegenüberfindet, die einem solchen Gedanken-Herkömmling nicht traut. — Doch darf mit 
Übertreibung und Umkehrung dieser Tatsache nicht gefolgert werden, daß die Lösung so 
und so lautet, weil das schon im ersten Einfall enthalten war. 



Kontinuität und Determinismus 55 



bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit sogleich an einer Art von Antinomie er- 
probt werden, die vor einigen Jahren von Schneider in die Problematik der 
analytischen Methodenlehre hineingeworfen wurde (34, 35). 

Schneider machte die Feststellung, daß wenn man jemanden zu einer 
beliebigen — also nicht von ihm selbst angegebenen — Zahl als Thema assozi- 
ieren läßt, dieser im Laufe der Assoziation ebenfalls auf Komplexe stößt, also 
ebenso assoziiert, wie wenn die Zahl seinen eigenen Seeleninhalten entstammte. 
— Ich habe selbst folgenden Versuch öfters angestellt: ich wählte ein "Wort 
aufs Geratewohl aus einem "Wörterbuch, gleich danach ein zweites und fand 
durch Assoziationen das zweite mit dem ersten stets verbunden. Oder, um 
die Versuchsbedingungen zu verändern, wählte ich ein Wort, assoziierte dazu, 
schlug während der Assoziationsproduktion das "Wörterbuch bei einem zweiten 
"Wort auf und fand dieses eingebettet in die Assoziationsreihe. Die Methode 
der freien Assoziation besitzt also außer der sinnentlockenden auch eine sinn- 
gebende Funktion. 

Da wir im Normalfalle — also wenn der Analysand zum eigenen Thema 
Einfälle bringt — die sinnvolle Bedingtheit dieser Einfälle alsBeweisfürdie 
gemeinsame Determiniertheit des Themas und der Einfälle betrachten, 
könnte man in der Sehn ei der sehen Feststellung eine Annullierung dieses 
Beweises sehen. Sind nämlich die Einfälle auch zu einem fremden Thema sinn- 
voll bedingt, so kann der sinnvolle Ursprung der Einfälle zum eigenen Thema 
nicht als Beweis für die Determiniertheit dieses Themas oder gar seines Tat- 
bestand-Kerns gelten. 

Nun, indem man die psychoanalytische „Sinnhaftigkeit" als die Zuge- 
hörigkeit zum Seelenkontinuum des einzelnen psychischen In- 
dividuums auffaßt, indem man also der Determiniertheit eine bestimmte 
Bedeutung: die Bedeutung des vom individuellen Lebenslauf bedingten 
gibt — so wird der Sehn ei der sehen Antinomie der Sinn genommen. Da 
unserer Voraussetzung nach die psychoanalytische Methode auf der Seelen- 
kontinuität der individuellen Person beruht, so ist die Analyse des frem- 
den Themas überhaupt nicht zulässig. Sie arbeitet mit der an sich sinn- 
gebenden Funktion der Methode und kann mittels Analogieschlüssen oder 
auf Grund einer „phylogenetischen Kontinuität", wie sie in den typischen 
Symbolen zutage tritt (Fe renezi), eventuell richtige Resultate ergeben: doch 
prinzipiell führt sie zu einer Falschdeutung. Das Arbeiten mit ihr wäre ein 
methodologischer Fehler, wie etwa das Dividieren durch Null in der Mathe- 
matik oder das Abmessen der Länge eines sich schnell bewegenden Körpers in 
der Weise, daß während seiner "Weiterbewegung die Projektionen seiner beiden 
Endpunkte nacheinander bestimmt und abgemessen werden. Man kann mit 
jedem Amperometer einen Ausschlag des Zeigers erhalten und eine Zahl zur 



56 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 



Bestimmung der Stromstärke gewinnen, doch richtig wird nur jene Messung, 
bei welcher das Amperometer regelrecht in den zu messenden Strom ein- 
geschaltet war. 

Eine Einsicht ist es doch, die wir der Schneider sehen Feststellung ver- 
danken: daß nämlich die auf die Determinierung gegründete Rückfolgerung 
vom analytischen Material auf die determinierenden Faktoren des Themas em- 
pirisch nur durch einen Wahrscheinlichkeitsschluß erfolgen kann. 

Die „Determiniertheit innerhalb des Seelenkontinuums" ist die 
wichtigste Voraussetzung der Psychoanalyse. Sie besagt, daß die Geschehnisse 
innerhalb dieser Kontinuität sich gegenseitig durch verzweigte "Windungen be- 
dingen. Den vollen Sinn dieser Geschehnisse angeben, hieße sämtliche Deter- 
minanten aufweisen können. Die sinnentlockende Funktion der analytischen 
Methode führt zur möglichst reichen Aufdeckung dieser Determinanten. 

Das läßt uns auch verstehen, warum sich der „Sinn" in seiner psychoanalyti- 
schen Bedeutung im allgemeinen schwer definieren, im Konkreten schwer be- 
stimmen läßt. Am „Sinn" von etwas haftet eben alles Vorangegangene, jede 
Abkürzung ist schon Auslassung und Verzerrung. 17 

Das Gesagte wirft übrigens auch ein Licht darauf, wie die Seele durch die 
Psychoanalyse aufgefaßt werden muß. Nicht als eine Aufeinanderfolge von 
Elementen, sondern als ein dem Bewußtsein fremdes eigenartiges Kontinuum, 
wo der Teil das Ganze enthält, wo Anfang und Ende nicht anzugeben sind 
und die Kontinuität ins Unendliche verläuft. Sie ist mathematisch gesprochen 
nicht mit der meßbaren und abzählbaren Summe, sondern mit der unendlichen 
Menge zu vergleichen. Die Gesetze der Logik des Meßbaren, des Endlichen 
sind auf diese ebensowenig verwendbar wie auf jene; die Veränderungen, die 
wir an ihnen anstellen müssen, führen zu Gesetzmäßigkeiten, die uns als 
Mechanismen des Unbewußten bekannt sind. Anders gesagt: aus dem Prinzip 
des Seelenkontinuums können bestimmte Eigenheiten der unbewußten Vor- 
gänge auch deduktiv abgeleitet werden. Sinnhaftigkeit, Kontinuität, das Un- 
bewußte und seine Eigenheiten sind einander gegenseitig tragende Elemente 
der analytischen Erkenntnis. 

2. Zur Charakteristik der spezifischen Kontinuität der seelischen 

Geschehnisse. 

Wir fühlen das Bedürfnis, die spezifische Kontinuität der seelischen Ge- 
schehnisse näher bestimmen zu müssen. Sie soll zuförderst von dem Leibniz- 



17) Eben darum hat es meistens keinen echten Sinn, zu fragen, welcher von zwei einander 
bedingenden Faktoren früher da war, ob z. B. die nach Außen oder die nach Innen ge- 
richtete Aggression, das Nachlassen der nach Außen gewendeten Libidoströmung oder das 
Zunehmen der Aggression. Das Nachfühlbare geht in D u al - Schritten. 



Zur Charakteristik der spezifischen Kontinuität der seelischen Geschehnisse 57 

sehen Kontinuitätsprinzip 18 unterschieden werden. Bei Leibniz findet man 
die Kontinuität des Außerinhaltlichen, wie der Bewußtheit, der Intensität, mit 
dem analytischen Kontinuum soll aber die Kontinuität der Inhalte, der trieb- 
haften, emotionalen und rationalen Geschehnisse bezeichnet werden. Der 
Erfahrung gemäß zieht die seelische Kontinuität durch konfliktuöse Gescheh- 
nisse hindurch, das heißt, äußere Einwirkungen, innere Abbildungen, innere 
Strebungen und Gegenstrebungen stehen im ständigen Kontakt und wenn 
auch der Ablauf eines Geschehens unterbrochen wird, wird die Kontinuität 
des Ablaufes durch die unterbrechende Tätigkeit übernommen. Demnach 
könnte man von einer Kontinuität ersten und einer Kontinuität 
zweiten Grades sprechen. Die Psychoanalyse ist bestrebt, die Kontinuität 
zweiten Grades (Kontakt) durch eine solche ersten Grades (ununterbrochener 
Ablauf) zu ersetzen. 

Neue Probleme des seelischen Kontinuums fließen aus der Trauma-Lehre 
von Ferenczi. Ein psychisches Trauma soll — nach Ferenczi — die Seele 
mehr-weniger zersplittern, atomisieren. Es fragt sich nun, wie weit das Zer- 
reißen des Kontinuums reichen mag, ob eine vollständige Ablösung möglich 
sei und ob die zurückgebliebenen Kontinuitäts-Brücken nicht eine noch primi- 
tivere Kontinuität des Seelischen, vielleicht eine nur-dynamische Kon- 
tinuität enthalten. Dieses nur-dynamische Kontinuum ermöglicht es, daß 
die abgespaltenen Seelenteile in bildlosen Träumen dem Trauma zur nächt- 
lichen Reproduktion verhelfen. 

Eine andere Frage wäre, wie sich das Orientieren im Gebiete des Seelen- 
kontinuums zu den bekannten logischen Prinzipien verhält. "Wie oben schon 
angedeutet, kann das Unbewußte, als einer gewissen Mengenart analoges Ge- 
bilde aufgefaßt, nicht unbedingt den logischen Prinzipien unterworfen kon- 
struiert werden. Was mag der Inhalt einer so absurd erscheinenden Aus- 
sage sein? 

Am zweckmäßigsten halten wir uns hier an die Gedankengänge eines Mathe- 
matikers. Er — Brouwer — will die außersprachliche Existenz der reinen 
Mathematik zum Bewußtsein bringen und hat daher vorerst zu untersuchen, 
inwiefern die logischen Prinzipien „auch in der Unendlichkeitsmathematik als 
praktisch zuverlässige Ubergangsmittel zwischen reinmathematischen Kon- 
struktionen fungieren können. Diese Untersuchung ergibt für die Prinzipien 
der Identität, des "Widerspruchs und des Syllogismus ein positives, für das 

18) Über die Leibnizsche Auffassung wurde ich durch G. Revesz, Die Psychologie 
von Leibniz (ungarisch) 1917, unterrichtet. — Die Bemerkung von Freud in „Das Ich und 
das Es", wo die — der Existenz eines qualitativ-spezifischen Unbewußten widersprechende 
— Annahme einer stetigen Reihe von Bewußt zu Unbewußt zurückgewiesen wird, ist gegen 
die Beweiskraft des Leibnizschen Prinzips gerichtet. 



Prinzip des ausgeschlossenen Dritten dagegen ein negatives Resultat, d. h. es 
erweist sich, daß den Aussagen des letzteren Prinzips und den auf demselben 
beruhenden Schlußfolgerungen im allgemeinen keine mathematische Realität 
entspricht." (36) 

Die Sachlage ist in betreff des Unbewußten eine ähnliche, da auch hier die 
Existenz, die außersprachliche Existenz eines konstruierten Bereiches zum Aus- 
gangspunkt gewählt wird. Nur setzt die Betrachtung der Existenz der mathe- 
matischen "Welten das Urphänomen des Auseinanderfallens eines Lebens- 
momentes in zwei qualitativ verschiedene Dinge voraus, da sich von hier aus 
die zeitliche Einstellung ableiten läßt (36) — hingegen wird die Be- 
trachtung des Unbewußten diesem erst adäquat, wenn, der Forderung der 
Kontinuitätsauffassung entsprechend, kein Auseinanderfallen angenommen und 
keine zeitliche Einstellung vorausgesetzt wird. So wäre der Schluß zu ziehen, 
daß im Bereiche des Unbewußten eine Logik, welche sich grundsätzlich auf 
Isolierung (der Begriffe) gründet, unanwendbar, d. h. kein einziges logisches 
Prinzip imstande sei als Ubergangsmittel von einer Tatsache des Unbewußten 
zu einer anderen zu dienen. Das ist gleichbedeutend mit der Erkenntnis, daß 
für das Unbewußte die Existenz einer jeden Tatsache unabhängig von allen 
anderen erkenntlich gemacht werden muß. 

Nur wäre zu hoffen, daß logische Prinzipien nicht-aristotelischer 
Art annäherungsweise doch eine gewisse Ordnung im Kontinuum des Un- 
bewußten schaffen könnten. Vielleicht könnten die Prinzipien der Dualität 
und der Umkehrung — beide Prinzipien einer Ubergangslogik(37) — 
noch mehr aufgelockert und weiterentwickelt und damit dem Kontinuum 
noch mehr angepaßt werden. Solange aber eine solche Logik nicht erreicht ist, 
ersetzt die Kontinuität als Prinzip das logische Prinzip, die Forderung der 
Widerspruchsfreiheit. Das Kriterium für einen Sachverhalt, ob er dem in- 
dividuellen Unbewußten zugeteilt ist oder nicht, ist stets das, ob er der Kon- 
tinuität dieses Unbewußten entnommen ist oder nicht. 

Daß das Arbeiten mit einem dynamischen Kontinuum einerseits, die nicht- 
aristotelische Logik andererseits einander bedingen, wurde schon mehrfach be- 
obachtet. So äußert sich z.B. G. Th. Fechner dort, wo er über die Dyna- 
miker, d. h. die Gegner der Atomisten spricht, wortwörtlich wie folgt: „Da 
— bei den Dynamikern — handelt es sich von Kohäsionsrichtungen, Polari- 
täten, Potenzen, Differenzierung, Indifferenzierung, Allgemeinheit, Besonder- 
heit, Individualität, Zentralität, Punktualität, Umschlagen, Aufheben der Be- 
griffe ineinander, Gleichsetzen des Entgegengesetzten..." (38). 

Zur Bekräftigung der Aussage, Kontinuum und nicht-aristotelische Logik 
bedingen sich gegenseitig, soll noch die „neue Logik" von Ouspensky an- 
geführt werden. Das „Tertium Organum" kennt keine endlichen konstanten 



Spielraum. Zufall. Kausalität 5g 



Größen in der Welt, auch keine abgrenzbaren Begriffe, es darf die Welt nicht 
zertrennen, alles soll in der ursprünglichen Einheit verbleiben. So wird eine 
neue „Logik des Unendlichen, der Ekstase" aufgestellt und deren Haupt- 
charakter darin gefunden, daß das Wissen des Ganzen im Teile enthalten ist, 
daß das ewige Dualisieren der Welt in A und Non-A aufgegeben wird, denn A 
sei sowohl A als auch Non-A. Die Welt sei eine Welt der Einheit von Gegen- 
sätzen. (39). 

Damit soll nicht gesagt werden, daß Ouspensky eine richtige, verwendbare 
Logik erdachte, es soll nur der angegebene Zusammenhang demonstriert 
werden. 

3. Spielraum. Zufall. Kausalität. 

Die deterministische Auffassung des Geschehens steht so sehr im Mittel- 
punkte der analytischen Methode, daß uns ihr Problem, trotz seines abstrakten 
Charakters, noch näher beschäftigen soll. 

Von Rado stammt eine ins Tiefe dringende Studie über die kultur- 
historische Entwicklung des Begriffes „Determinismus" (40); hier weist er 
auch darauf hin, daß in der modernen Physik die Lehre eines strengen Deter- 
minismus schon überwunden sei (41) — doch meint er, daß sie in der Psycho- 
logie, wegen der Jugend dieser Wissenschaft, noch lange Zeit aufrechterhalten 
werden muß. Meiner Ansicht nach bedarf, bei näherer Betrachtung der fak- 
tischen Tatsachen, das Rado sehe Resultat einer anderen Formulierung. Was 
will der physikalische Determinismus besagen? Dem Sinne nach, die Voraus- 
berechenbarkeit der Zukunft (1, 42). Besagt aber Determinismus in der Psycho- 
analyse dasselbe? Nein, niemandem wird es einfallen, den Trauminhalt eines 
Patienten voraussagen zu wollen. 19 Etwas Ähnliches hat sich die Physik ge- 
fallen lassen müssen in der sogenannten statistischen Physik, wo die Voraus- 
sage nicht mehr das einzelne mikrokosmische Geschehen, sondern nur das Re- 
sultat gehäufter Geschehnisse betrifft. Die einzelnen Ereignisse verlaufen nicht 
im Sinne eines Vorausberechenbarkeit enthaltenden Gesetzes, sondern inner- 
halb eines „Spielraumes" (Kries) (43). Der Determinismusgedanke der Psycho- 
analyse liegt, richtig betrachtet, dieser Spielraumauffassung viel näher als dem 
Gedanken eines eindeutig stringenten Gesetzes. Nur ist dieser Spielraum ganz 
und gar spezifisch für die Seele und duldet keine Möglichkeit von Spielräumen 
anderer Art neben sich; dieser spezifische psychische Spielraum ist es, dessen 

19) Die Geschehnisse der Seele als Hindernisse des Voraussagbarkeitsprinzips wurden 
von Bohr hervorgehoben (zit. nach Frank). Demgegenüber können die Handlungen mit 
großer Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden, insofern es sich um Erscheinungen handelt, 
die dem Bereich des Wiederholungszwanges angehören — auch die „Rigidität" des 
Charakters oder die Fehltritt-Serien des charakterlosen Menschen haben hier ihren Ur- 
sprung. 



6o Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 



Qualität mit dem Namen „Sinn" bestimmt wurde. Alles psychische Geschehen 
läuft im Spielräume des Sinnhaften ab, wobei die Zugehörigkeit zu diesem 
Spielraum entweder unmittelbar abzulesen oder mit Hilfe der analytischen 
Methode aufzudecken ist. (Hier liegt implizite wieder eine Definition des 
„Sinnes" vor.) Die Kontinuität der Seele geht entlang den Ausdehnungen von 
Spielräumen. 

Daß die Zulassung mehrerer Möglichkeiten eine dem Sinnvollen konstitu- 
tionell innewohnende Wesensart ist, läßt sich auch aus der Rolle ersehen, die 
die „Möglichkeiten" in einer anderen, das Sinnvolle zum Gegenstand erheben- 
den Wissenschaft spielen: in der Logik. Auch hier brach die moderne Logik 
mit dem alten Standpunkt, daß nämlich mit der Logik die Realität berührt 
werden kann. Die Logik vermag nur Möglichkeiten aufzustellen, unter wel- 
chen zu wählen außerhalb ihres Machtbereiches liegt. 

"Wir stellten die Behauptung auf, daß „psychoanalytisch sinnvoll" gleichbe- 
deutend sei mit der Hineinversetzbarkeit ins seelische Kontinuum des In- 
dividuums. Drei Forderungen sind es, die aus dieser Behauptung erwachsen. 
Einmal heißt es, das Bereich des Sinnvollen, sodann den Begriff des Sinn- 
vollen theoretisch abzugrenzen; als drittes aber die Bedingungen anzu- 
geben, die zur Erkennung des Sinnvollen notwendig sind. Dieser 
letzten Frage soll ein eigener Abschnitt gewidmet werden. 

Unserer Behauptung nach ist „alles", was sich in der analytischen Situation 
ergibt, analytisches Material, d.h. sinnvoll. Schwer erscheint die Frage der 
Sinnhaftigkeit einer Gruppe von Erscheinungen gegenüber, die sich an der 
Grenze von Seelischem und Körperlichem befinden: wir meinen die Triebe. 
Einem vorsichtigen und jeder Theorie baren Standpunkt nach kann ein Trieb 
die verständliche Grundlage einer Absicht bilden, ist aber selbst psychologisch 
irrationell; 20 sinnhaltig scheint er nur seiner Wunschseite nach zu sein. Eine 
vor der Theorie nicht zurückweichende Anschauungsweise vermag diese Ein- 
schränkung zu erweitern. Indem Freud den Trieb als einen dem belebten 
Organismus innewohnenden Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zu- 
standes auffaßt, erreicht er methodologisch soviel, daß die Kontinuität der 
psychischen Person gewahrt und der Trieb ins Gebiet sinnreicher Abläufe 
hereinbezogen wird. Der Trieb, richtiger sein Repräsentant im Es, will, im 
Sinne dieser Erweiterung der analytischen Voraussetzung, die Kontinuität der 
Person zwangsmäßig aufrechterhalten und diese seine Absicht erscheint uns 
eben darum sinnvoll. 

Kurz wurde schon auf eine andere Art seelischer Gebilde hingewiesen, die 
uns auf den ersten Blick ebenfalls Schwierigkeiten zu machen scheinen: auf die 

20) Nicht zu verwechseln mit dem biologischen Sachverhalts-Sinn der Triebe! 



Spielraum. Zufall. Kausalität 61 



Symbole. Es wurde auch gesagt, daß es die phylogenetische Kontinuität 
ist, die ihr Verständnis ermöglicht und sie sinnhaft erscheinen läßt. Mit einer 
gewissen Dehnung des Kontinuitätsbegriffes wird also auch für das Ver- 
ständnis der Symbole die Voraussetzungsgrundlage geschaffen. Die Deutungs- 
arbeit an Symbolen ist nach Freud eine zweite auxiliäre Methode der 
Deutung (7). 

In den schweren Grenzfragen nach der Analysierbarkeit oder Sinnhaftig- 
keit organischer Krankheiten können wir uns auch auf das Prinzip 
der seelischen Kontinuität stützen. Das Hereinbrechen der Krankheitskeime 
in den Organismus löst dort physiologische Vorgänge aus und die Seele kann 
in bestimmter Weise darauf reagieren. Doch dies alles ist für die intra-indi- 
viduelle Determiniertheit der Krankheit ebensowenig beweisend, wie die Ein- 
fälle, die zu einem fremden Thema gebracht werden und mitunter lebens- 
wichtige Komplexe berühren, nichts über die Entstehung dieses Themas be- 
sagen. Natürlich kann prinzipiell ebensowenig gegen diese Determiniertheit 
vorgebracht werden — meine Ansicht ist es jedenfalls, daß das, was an or- 
ganischen Krankheiten als determiniert angesehen werden muß, nicht in ihrer 
Entstehung, sondern in ihrer Aufrechterhaltung bzw. Verhinderung durch 
bestimmte Verhaltungsweisen und der Unterlassung bzw. der Förderung ent- 
sprechender Gegenmaßnahmen besteht. 21 

Doch wie weit reicht die Kontinuität der Seele? Inwiefern werden ihr vom 
äußeren Geschehen aus Grenzen gesetzt? 

Das äußere Geschehen berührt vom Standpunkte der Seele die Möglichkeit 
und die Grenzen des Zufalls. Zufall, d.h. Indeterminiertheit, Unabhängig- 
keit, seelenfremde Einwirkung findet Platz, sobald wir die Grenzen des 
eigenen Seelenkontinuums verlassen. Die innere Determiniertheit hört außer- 
halb der Grenzen des eigenen Systems auf, der Raum für den „analytisch 
sinnlosen" Zufall eröffnet sich. Nur im paranoiden Wahnsystem sind die 
Grenzen dieses Eigensystems soweit vorgeschoben, daß dem Zufall, der Un- 
abhängigkeit, dem Sinnlosen — subjektiv — kein Platz zugewiesen werden 
kann. Besteigt einer den Zug, der von Matuska in die Luft gesprengt wird, 
so ist das bestimmt ein Zufall und nicht z. B. ein unbewußter Selbstmord- 
versuch, denn die Tat Matuskas liegt außerhalb des Seelenkontinuums des 
Reisenden. Nur im paranoiden Wahnsystem heißt es, Matuska habe seinet- 
halben den Zug gesprengt und somit sei sein Unglück kein Zufall, sondern 
beabsichtigt und sinnvoll. 



21) Die Einreihung organischer Krankheiten in das seelische Kontinuum kann ebenso 
dem Narzißmus des Analytikers wie des Patienten entspringen. Auch der Selbstvorwurf „ich 
bin schuld daran" kann den Glauben an dem psychischen Ursprung erwecken. 



Hat der Analytiker mit dem Zufall zu rechnen? Wie verhält es sich bei 
dem Zusammentreffen zweier — beliebiger —Spielräume? Voraussetzungs- 
gemäß bildet die Seele einen Spielraum: sie kommuniziert mit der Außenwelt 
und mit ihren unzähligen Spielräumen. Angenommen, es geschieht in der 
Außenwelt etwas, das Sachverhalt-Sinn besitzt, sagen wir physisch deter- 
miniert ist: hat es auch Sinn für die Innenwelt des Seelenspielraumes? Be- 
gegne ich Leuten während meines Spazierganges, so gehören ihre Abbilder so- 
gleich dem Spielraum meiner Seele an. Wenn ich mit jemandem eine Zusam- 
menkunft vereinbart habe, so wird auch schon diese Begegnung sicher in das 
Sinngefüge meiner Seele gehören; treffe ich mich mit einem Bekannten, von 
dem ich weiß, daß er denselben Spaziergang zu machen pflegt wie ich, so kann 
die Begegnung — wenn die Anwendung der analytischen Methode Daten dazu 
bietet — in das Sinngefüge meiner Seele gehören; wenn ich aber jemanden 
treffe, von dem ich nicht einmal wissen konnte, daß er sich in derselben Stadt 
aufhält, so hat es keinen Sinn, der Begegnung — mag auch jedes Erscheinen 
an sich sinnvoll sein — einen analytischen Sinn geben zu wollen. Diese 
Begegnung wird durch keine sinngemäße Untersuchung als ein in meinem 
Spielraum sich abspielendes Ereignis nachgewiesen werden können, es ist un- 
abhängig von mir, es sei denn, daß wir an okkulte Zusammenhänge denken. 

Man sieht, eine Zone der Ungewißheit ist nicht zu vermeiden. Wo das Zu- 
sammentreffen zweier Spielräume das Problem bildet, kann das fragliche Er- 
eignis von dem einen Seelenleben aus determiniert, sinnvoll, oder — wenig- 
stens was den Zeitpunkt der Begegnung betrifft — undeterminiert sein, oder 
aber die Zugehörigkeit des Ereignisses muß unentschieden bleiben. Aber, so 
mag noch einmal gefragt werden, gibt es denn überhaupt zufällige Ereignisse, 
d. h. solche, welche im Gefüge des einen Spielraumsystems — wir meinen hier 
natürlich kein physikalisches, sondern ein seelisches — ohne Halt, d. h. außer 
dem Sinnhaften liegen? Dieser Frage ist gewissermaßen von der Erfahrung 
aus nahezukommen. Angeregt durch einen Vortrag von Hollos (44), habe 
ich eine Zeitlang Fälle von „zufälligen" Zusammentreffen gesammelt: es waren 
Fälle, welche außer einer tief-okkultistischen Erklärungsmöglichkeit keine 
andere, als nur eine die Unabhängigkeit der Systeme betonende Interpretation 
zuließen, da vom Standpunkte des einen Systems die Frage, ob das Zusam- 
mentreffen einen analytischen Sinn hat, keinen brauchbaren Sachverhalts-Sinn 
haben konnte. Das heißt aber wieder soviel, daß die analytische Methode 
dort nicht richtig angewendet werden kann, wo es sich nicht um Ereignisse 
handelt, die sich in einem Spielraum abspielen. 

Drei Beispiele mögen aus meinem Material angeführt werden. Das eine 
vollzog sich an mir selbst in folgender Weise: Ich gehe auf der Straße und 
Gedanken jagen sich in meinem Kopfe. Ich denke an einen Arzt, der sich 



jemandem gegenüber so und so benahm, vielleicht nicht nur das erstemal, 
wie ich es eben eine Stunde vorher erfuhr; ich verstehe es gar nicht, Wie 
dieser X.-Y. Arzt sein kann. So hin- und hergrübelnd, kommt von der ent- 
gegengesetzten Richtung ein Frachtwagen die Straße hergefahren. An der 
Seite trägt er eine Aufschrift: X. Y. . . . Kaufmann. Wäre es mein Traum ge- 
wesen, so würde sich sein Sinn klarer als die Sonne ergeben: X. Y. ist gar kein 
Arzt mehr, sondern Kaufmann. Doch es war kein Traum, sondern Wirklich- 
keit und ich dachte vom Wagen unabhängig an X., aber auch der Wagen 
fuhr unabhängig von mir seines Weges. 

Das zweite Beispiel ergab sich in der Analyse. Jemand erzählt, wie seine 
Uhr, deren tadelloser, verläßlicher Gang zu rühmen war, gerade bevor er in 
die Analysenstunde kam, stehen blieb. Umsonst stöberte und schüttelte er 
daran, umsonst zog er sie wieder auf, sie wollte doch nicht gehen. Es ist 
wahr, sagt er, gestern habe er mit der Uhr ein Erlebnis gehabt, das vielleicht 
in ihm — oder wenn man will in der Uhr — ein Schuldbewußtsein hinter- 
ließ. Am Radio hörte er nämlich Moskau und konnte Punkt zehn Uhr die 
Glockenschläge des Kremls (dort Mitternacht) hören. Er war sehr stolz auf 
seine Uhr, daß sie in einem so vollkommenen Einklang mit Moskau stand. 
Sie zeigte Punkt zehn. Den nächsten Tag erzählte er, daß wir die Uhr schein- 
bar erfolgreich analysierten, denn als er gestern nach Hause zurückkam, wurde 
er schon mit der Nachricht empfangen, die Uhr gehe. — Die Uhr liegt aber 
außerhalb des seelischen Kontinuums und es kann für sicher angenommen 
werden, daß ihr nicht mit der Analyse geholfen wurde. 

Dem dritten Beispiel liegt eine kleine Beobachtungsfolge zugrunde. Als 
ich mit meiner 7 Jahre alten Tochter mit der Eisenbahn fuhr, hantierte sie 
in ihrer Langweile mit zwei Stöcken herum, nahm sie dann unter die Achseln 
und ging im Coupe herum, als wären ihre Füße verkrüppelt. Das kleine Mäd- 
chen hat am Vortag vom Fußgeschwür eines Bekannten gehört, der seinem 
Leiden am nächsten Tag erlag. In einigen Minuten, bei der nächsten Halte- 
stelle, stieg ein Mann mit amputiertem rechten Bein, mit einer Krücke in 
derselben Achselhaltung, in die Abteilung. 

Von den Fällen, welche sich in zwei Spielräumen abspielen und so dem 
Zufall zuzurechnen sind, sind folgende Fälle mit nicht zufälligem Zusammen- 
treffen isolierter Spielräume zu unterscheiden. Erstens jene Fälle, welche auf 
Grund der „Gleichförmigkeit des psychischen Geschehens" (Marbe) (45) 
von einem gemeinsamen Ausgangspunkte aus deswegen eine Übereinstimmung 
in zwei isolierten psychischen Spielräumen zeigen, weil der seelische Ablauf 
einen gesetzmäßigen Weg gewählt hat. Man kann eine allgemeine Gleich- 
förmigkeit, nach welcher Menschen in denselben Lebensbedingungen, mit dem- 
selben Intelligenzgrad gleichförmig denken, von einer speziellen Gleichförmig- 



64 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

keit, nach welcher eng angeschlossen Lebende (z. B. Mann und Frau), die sich 
einander gegenseitig angleichen, gleichförmig denken, unterscheiden. — 
Zweitens gibt es hier Fälle, bei welchen ein gemeinsamer Ausgangspunkt, 
der eventuell in Vergessenheit gerät, und nicht der vermeintliche „abgelesene" 
Gedanke, den Vorfall im Sinne des folgenden Beispiels begründet: 
"Während einer analytischen Stunde finde ich mich mit der flüchtigen Phan- 
tasie beschäftigt, die Zahl 505 dividiert durch 101 ergibt j. Kurz darauf 
erzählt die Patientin ihren Traum, in welchem die Bezahlung von 5 Pengö 
50 Heller vorkommt. Ich bin ganz betroffen, doch fällt es mir bald ein, daß 
die Patientin die Stunde mit der Äußerung „Ich habe mich wieder um 
5 Minuten verspätet" angefangen hat. Die Äußerung und der Traum stehen 
im Kontinuitätsverhältnis; meine Phantasie mit der Äußerung ebenfalls, doch 
nicht meine Phantasie mit dem Traume. 

Es sollen auch, um konkrete Fälle richtig beurteilen zu können, die Fälle 
mit Seh ein Übereinstimmung beachtet werden. So geschah es einmal, daß 
ich über einen Herrn Abcde nachdachte; kurz darauf, schon gedanklich 
anders beschäftigt, erblicke ich eine Firmentafel mit dem Namen Abcde. Nur 
nach einigen "Wochen bemerkte ich, daß das Schild den Namen Fbcde trug. 
Natürlich liegt hier doch eine Übereinstimmung — nur keine vollständige — 
vor, und zwar auf Grund des Zufalls. — Eine andere Art von Scheinüber- 
einstimmung kommt zustande auf Grund einer subjektiven Täuschung in der 
Bestimmung der Gleichzeitigkeit. Diese Täuschung kann die zeitliche Folge 
sogar umkehren und das Spätere als das Frühere präsentieren. — Es kann 
drittens der Fall eintreten, daß das später Ausgesprochene durch eine klare 
Andeutung schon früher verraten wird. 

Neben dem Prinzip der Kontinuität der seelischen Person soll also auch 
mit dem Zufall gerechnet werden. Ja, ich halte es sogar für zweckmäßig, 
neben diesem Grundprinzip ein zweites, ihm entgegengesetztes aufzustellen, 
das Prinzip der Diskontinuität der weltlichen — nicht inner- 
seelischen — Geschehnisse. Dieses Prinzip duldet nicht die Methode der 
freien Einfälle, muß das zufällige unabhängige Eintreffen gewisser Ereignisse 
anerkennen und muß andere Untersuchungsmethoden — eben die Methoden 
der Naturwissenschaften — entwickeln. Es ist nicht unnütz, sich dieses Prin- 
zip auch während der Analyse, wenn es sich um zwei Spielräume handelt, 
vor Augen zu halten. So wäre es sehr nützlich gewesen, wenn ich, in der 
Kenntnis der aktiven tuberkulösen Ansteckungsfurcht eines Patienten, das 
Husten seiner Geliebten nicht, wie auch er selbst, für nervös übertrieben ge- 
halten, sondern als den Ausdruck eines akuten Schubs erkannt hätte, dessen 
äußere Ansteckungsquelle später auch eruierbar war. Über Indizienbeweise 
kann man leicht stolpern! 



Spielraum. Zufall. Kausalität 65 

Es ist leicht einzusehen, daß während der individuell-seelischen Entwick- 
lung diese beiden Prinzipien einander nicht ebenbürtig sind. Anfangs 
herrscht die überfließende objekt-narzißtische Liebe (Temperaturorien- 
tierung) (24) mit dem Wirklichkeitssinn der Allmacht (Ferenczi) vor; erst 
später spaltet sich die Liebe in Objektliebe und narzißtische Liebe — und der 
real angepaßte Wirklichkeitssinn in das Erfassen des Ichs und der unabhängi- 
gen Objekte. 

Unserer Erkenntnis über das Eingreifen des Zufalls Rechnung tragend — 
und uns daran erinnernd, was wir über das Prinzip der Diskontinuität, über 
die Sehn ei der sehe Antinomie und über die Problematik der organischen 
Krankheiten gesagt haben — erhebt sich die methodologische Frage, wessen 
Analyse statthaft ist, wo also die sinnentlockende Funktion am Werke 
sein kann und methodisch unantastbare Ergebnisse verspricht? Die Antwort 
kann nur annäherungsweise gegeben werden. 

Die Methode der Analyse — die freie Assoziation — ist auf die Annahme 
der seelischen Kontinuität gegründet. Die Ganzheit des Seelenkontinuums 
wird aber nicht durch das Bewußtsein, sondern durch das Unbewußte ge- 
liefert. Demzufolge kann als analysierbar das — und nur das — an- 
genommen werden, dessen Berührung mit dem Unbewußten auf 
irgend einer Weise schon im vorhinein angezeigt wird. Dieser 
Bedingung genügen erfahrungsgemäß die Träume, die neurotischen Symptome 
usw. Auch eine organische Krankheit kann (Schein-) Determinanten, d.h. 
einen (Schein-) Sinn oder wenigstens nachträglich einen Sinn zeigen; 22 metho- 
dologisch zulässig kann aber ihre Sinnesanalyse nur in dem Falle sein, wenn 
irgendeine ihrer Besonderheiten das Mitwirken des Unbewußten 23 im vor- 
hinein verrät. 

Unsere Antwort, wenn auch methodologisch unantastbar, kann in ihrer 
Anwendung nur ein annäherndes Kriterium bieten, da wir mit der Bereiche- 
rung unserer Kenntnisse immer neue und neue Indizien für das Hineinspielen 
des Unbewußten erhalten können. Aus den schon bestehenden mögen fol- 
gende angeführt werden: 

1. Die Entstehungsumstände. — Wie der Traum und traumhafte Er- 
scheinungen ihre Entstehung unter dem Einfluß des Unbewußten durch den 



22) Besonders irreführend kann es sein, wenn die Gewinnung des scheinbar determinieren- 
den Sinnes und die Lösung des organischen Symptoms zeitlich zusammenfallen. Es kann 
sich nämlich ergeben, daß der primären Lösung des organischen Symptoms eine große Be- 
wegung im Libidohaushalt folgt und die Libidobewegung das organische Symptom in sinn- 
volle Zusammenhänge einbezieht, wie es z. B. die Dynamik des Traumes mit den Körper- 
schmerzen tut. 

23) Wie wir noch sehen werden, kann das Hineinspielen der Triebe auch zur An- 
wendung der Analyse als Hilfsmethode — doch nicht mehr als Sinnes-Analyse — indizieren. 

Hermann, Psa. als Methode e 



66 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

Umstand ihrer Entstehung (Schlaf) beweisen, so können uns traumatische Er- 
eignisse bekannt sein, die dem Entstehen eines Symptoms vorangingen, wenn 
sich auch kein real-logischer Zusammenhang zwischen Trauma und Symptom 
finden läßt. So kann das Auftreten von Angstzuständen bei einem Kinde mit 
dem Geburtsdatum eines Geschwisterchens zusammenfallen, so kann eine 
Liebesenttäuschung Platzangst auslösen. Der Zusammenhang wird durch das 
Mitwirken des Unbewußten auf Grund der traumatischen Einwirkung ge- 
schaffen. 

2. Mit der Entstehung einer Erscheinung gehen auch andere seelische 
Veränderungen einher, so kann mit dem Auftreten eines Zwangs- 
symptoms sich gleichzeitig eine auffallend leichtsinnige, auf Selbstzerstörung 
gerichtete Verhaltensweise melden. 

3. Das eigenartige Sich-Fortpflanzen der Erscheinungen. So 
verschließt sich vor einem Agoraphobiker nach und nach die Möglichkeit der 
freien Bewegung in solchem Maße, daß er endlich nur in Begleitung gewisser 
Angehöriger auf die Straße gehen kann, später sich auch zu Hause nur in 
ihrer Gegenwart beruhigt fühlt. Der Einfluß des Unbewußten betraf schon 
ursprünglich das Verhältnis zu diesen. Ein Zwangskranker sucht erst in den 
Schuhen nach Nadeln, muß dann das Klosett untersuchen, ob er nicht dort 
etwas verloren hätte, sodann die Abgußöffnungen auf der Straße, ob er nicht 
ein Kind hineingeworfen, endlich — natürlich ohne Aufgabe der früheren 
Zwangserscheinungen — geht er an die Feststellung dessen, ob er nicht die 
Mutter koitiert hätte. Dieser Gedankenkreis war, als die bewegende Kraft 
seiner Zwangsimpulse, schon ursprünglich zugegen, das Kind, das er seinem 
Zwangsgedanken nach in den Abguß wirft, ist er selber, denn er war es, den 
der Vater — wie es ihm früh genug erzählt wurde — als zmonatige Früh- 
geburt unter das Bett schmeißen wollte. Diese Kontinuität, dieses Sich- Ver- 
breiten der Symptome in die Richtung eines immer deutlicher werdenden 
Zieles beweist wiederum die Mitwirkung des Unbewußten, da es endlich den 
verdrängten Inhalt selbst herauf befördert (Freud: Wiederkehr des Ver- 
drängten). 

4. Der vom Standpunkte des Bewußtseins illogische Charakter. Der 
früher erwähnte Zwangsneurotiker fand z. B. in seinen Ängsten auch dann 
Beruhigung, wenn er dem Straßenkehrer sagte, er hätte einen Schlüssel im 
Abguß verloren und werde später zurückkommen, um zu fragen, ob er ihn 
nicht gefunden hätte. Zurück brauchte er nicht mehr zu kommen, diese 
formale Erledigung genügte zu seiner Beruhigung. Leider läßt sich dieses 
Indizium nicht umkehren, d. h. es kann nicht behauptet werden, daß der 
logische Charakter die Quellen aus dem Unbewußten ausschließt. Ein Gedanke 
kann ja sehr logisch sein — z. B. daß wir zugrunde gehen werden — und doch 



Spielraum. Zufall. Kausalität 67 



der Zeitpunkt, in welcher diese Angst entstand, zeigt auf das Mittun des 
Unbewußten. Und überhaupt läßt sich Logisches und Unlogisches nicht so 
scharf scheiden, stehen ja auch die Grundprinzipien der Logik unter dem Ein- 
fluß unseres unbewußten Uber-Ichs (37), was auch daraus ersichtlich ist, daß 
unsere allgemein angenommene Logik von der modernen Logik nur als ein 
engumschriebener Grenzfall in der allgemeinen Welt der Logik betrachtet 
wird (46). Daher können uns Überraschungen bezüglich der Einwirkung des 
Unbewußten überall treffen. 

Die Frage, wessen Analyse statthaft sei, wurde von der methodologischen 
Seite aus besprochen und der Einreihbarkeit ins seelische Kontinuum gleich- 
gesetzt. Eine andere Seite derselben Fragestellung richtet sich darauf, wessen 
Analyse im Sinne einer Heilung Erfolg verspricht. Die Antwort auf 
diese Frage deckt sich nicht vollständig mit der ersten, obzwar wir schon 
Gelegenheit hatten, auf das Zusammentreffen von Deutbarkeit und Heilbarkeit 
hinzuweisen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß im Flusse der Analyse 
Triebstörungen stattfinden sollen, ferner auch Übertragungen, d. h. nicht- 
narzißtische Liebesregungen, dann wird man die Antwort naheliegend finden, 
daß für die Heilbarkeit die Art der Erkrankung ausschlaggebend ist. 
Somit ist die Entscheidung dieser Frage den Indikationsstellungen der Psycho- 
analyse zu überlassen, uns soll sie hier nicht weiter beschäftigen. 

Somit können wir uns unserer zweiten Aufgabe zuwenden: der begriffr 
liehen Abgrenzung der psychoanalytischen Sinnhaftigkeit. Sie 
muß hauptsächlich nach zwei Richtungen hin erfolgen, einerseits der Zweck- 
mäßigkeit, andererseits der Kausalität gegenüber. 

Es steht außer Zweifel, daß psychoanalytisch sinnvoll nicht gleichbedeutend 
mit zweckmäßig ist. Man erinnere sich an unser Beispiel vom Verlieren des 
Handschuhs. Kurz und nicht ganz einwandfrei ließ sich ungefähr der Sinn 
angeben: möge ein Ritter kommen, der mich bedient und verehrt; doch wäre 
es widersinnig zu behaupten, daß das Verlieren des Handschuhs an sich zweck- 
mäßig war. Oder nehmen wir eine Affektäußerung: sie läßt sich verstehen, 
indem sie aus dem seelischen Kontinuum der Person hervorquillt — dabei kann 
sie aber in höchstem Maße zweckwidrig sein; wir brauchen nur auf die 
Äußerungsform der Angst zu verweisen. Die Zweckmäßigkeit in der phan- 
tasierten oder auch realen Situation kann uns zwar eine Erscheinung teilweise 
verständlich machen, d. h. bei ihrer PI atz -Zuweisung in das seelische Kon- 
tinuum behilflich sein, doch tut sie es nicht immer und nicht ausschließlich. 

Schwerer läßt sich die Sinnhaftigkeit der Kausalität gegenüber bestimmen. 
Indem wir uns stets auf die Determiniertheit der Seelengeschehnisse stützen, 
wäre es naheliegend, Sinnhaftigkeit mit eindeutiger Ursachen-Bestimmtheit zu 
identifizieren. 



Versuchen wir zunächst uns zu vergegenwärtigen, was „Ursächlichkeit" 
zu bedeuten hat. Sie kann bekanntlich naiv und anthropomorph ausgelegt 
werden: die Folge wird von der Ursache bewerkstelligt, „gemacht", 
zustande gebracht. Demgegenüber heißt es in der mehr gereinigten 
neueren philosophischen Auffassung, daß die Kausalität eine Relation darstellt, 
die durch das Gesetz „wenn a dann b" bestimmt wird. Darin ist aber auch 
die Forderung der Verallgemeinbarkeit enthalten. 

Wie steht es nun vom Standpunkte der analytischen Sinnhaftigkeit? Läßt 
sie sich als eindeutige Kausalität bestimmen und verstehen? 

Verbleiben wir im Konkreten und greifen wir auf unser Beispiel zurück. 
Sitzt eine Frau im Autobus neben ihrem Mann, hat sie eine lichtvolle Ver- 
gangenheit des ritterlichen Umschwärmtwerdens hinter sich, greift sie in eine 
Tüte von Kastanien, die ihr von dem etwas unbeholfenen Gatten beschert 
wurde — muß sie dann, der Kausalität gehorchend, den Handschuh unbedingt 
verlieren? 

Wir fühlen das Unnatürliche und Widersinnige dieser Aufstellung; das legt 
sich aber sofort, wenn wir die in der Frage enthaltene Zeitfolge umkehren. 
Hat eine Frau den Handschuh verloren, während sie im Autobus neben dem 
Gatten saß, eine Frau mit einer bestimmten Vergangenheit, mit einem be- 
stimmten Charakter des Ehegemahls, mit einer bestimmten Einstellung ihrem 
jetzigen Leben gegenüber, so muß schon ihre diesbezügliche Phantasiekonstel- 
lation als auslösende Ursache des Handschuhverlierens betrachtet werden. 

Wie läßt sich diese seltsame Asymmetrie des analytisch Sinnvollen erklären? 
Als gefälligste Erklärung bietet sich, daß die Unkenntnis sämtlicher Deter- 
minanten uns an der Aufstellung eines eindeutigen Kausalverhältnisses hindert. 
Wäre uns im Handschuh-Beispiel außer der angegebenen noch eine Reihe 
anderer vorausbestimmender Tatsachen bekannt, so ließe sich aus ihnen die 
notwendige Folge des Handschuh- Verlierens auch im voraus bestimmen. Daß 
wir das Kausalverhältnis „wenn a dann b" im Sinnvoll-Seelischen nur rück- 
folgernd ablesen und nicht voraussagend aufstellen können, würde demnach 
daran liegen, daß uns das a dieser Relation nie vollständig bekannt ist. 

Diese Erklärung führt zu einem methodologischen Chaos und dringt auch 
nicht tief genug in das Wesen der seelischen Sinnhaftigkeit. Daß die unend- 
liche Verwickeltheit der seelischen Tatsachen ein Durchschauen im höchsten 
Maße erschwert, wenn nicht unmöglich macht, entspricht vollständig der 
Wahrheit. Doch dürfen wir unser methodologisches Prinzip nicht vergessen, 
demzufolge nur kontrollierbare Begriffe anzuwenden sind. Eine Auffassung, 
welche zu den unbekannten Determinanten flüchtet, kann nicht als Grund- 
lage einer Methode gelten. Außerdem zieht die kausal-deterministische Er- 
klärung zwei Wesenszüge des Psychischen nicht in Betracht. Der eine ist 



Spielraum. Zufall. Kausalität 69 



das Konkret-Individuelle, das allem Seelischen anhaftet und sich jeder 
Verallgemeinerung (wenn a dann b) widersetzt; der zweite, die schon erwähnte 
Eigenschaft des Sinnvollen, Möglichkeiten in viel größerem Maße zu- 
zulassen, als es auf anderen Gebieten geschieht. Jede Konstellation eröffnet 
den Weg für eine beschränkte Anzahl möglicher Folgen, für einen Spielraum 
einiger Möglichkeiten; wird eine dieser Möglichkeiten realisiert, so läßt sich 
die vorangehende Konstellation als auslösende Ursächlichkeit ebenso einwand- 
frei bestimmen, wie wenn von derselben Konstellation aus eine andere Mög- 
lichkeit zur Realisation gelangt wäre. Daher die Möglichkeit, die Ursache, 
und die Unmöglichkeit, die Folge zu bestimmen. 

Dabei ist hier vor einem Fehlschluß zu warnen, welcher entsteht, wenn 
jemand jede Folge als intentionierte, beabsichtigte — eventuell unbewußt 
heraufbeschworene — Folge betrachten will. Wird z. B. eine Frau schwanger 
und behält sie gegen den Rat einiger ihrer Bekannten, doch dem Rate des 
Frauenarztes folgend, die Schwangerschaft, wobei sie mit der Möglichkeit 
eines Kaiserschnittes rechnet, wird dann das Kind tatsächlich durch Kaiser- 
schnitt entfernt und stirbt dann die arme Frau in einigen Tagen infolge einer 
Thrombose, ist in diesem Falle wirklich zu erklären, die Frau wollte, bezweckte 
ihren Tod, wenngleich nur soviel offenbar ist, daß sie ein Kind wünschte? 
Eines ist sicher: Folgen können nur intentioniert sein, wenn sie keine Zufalls- 
ereignisse sind. Doch gibt dieser Satz noch keinen sicheren Bescheid, denn 
es können auch Situationen mit Zufallsereignissen intentioniert sein (z. B. im 
vorigen Falle die schwere Geburt). Es gibt keinen anderen Ausweg, als auch 
hier im Sinne des Beweisbaren vorzugehen und die Entscheidung einer mög- 
lichen Analyse zu überlassen (was natürlich im Todesfall nicht möglich ist). 
Ich glaube aber den wirklich analytisch Denkenden von dem nur schematisch, 
d. h. nicht-analytisch Denkenden gerade mit Hilfe solcher Fälle unterscheiden 
zu können. Der nach Schemen Denkende wird der Folge sofort die Ursache 
beistellen, der analytisch Sehende wird keine Lösung sofort treffen können. 
Der in Schemen Denkende kommt mit dem Unbewußten in 
keinerlei Berührung. 

Überhaupt wäre oft zu beachten, daß eine logische Implifikation keine 
psychologische Verknüpfung in sich einschließt. Das was logisch in einer Aus- 
sage mitangegeben ist, muß psychologisch nicht anwesend sein, auch nicht 
unbewußt. 

Mit dem Nachweis des psychischen Spielraumes und der daraus resultieren- 
den Auffassung der Kausalität, ist die strenge Kausalität aus dem Reich der 
Psychoanalyse, nicht vollständig ausgeschlossen. An die strenge Kausalität 
grenzt, wie schon erwähnt, jede Erscheinung, in welcher der Wieder- 



jö Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

holungszwang zu Worte kommt. Der Wiederholungszwang ist nämlich 
die mechanisierte Form des Sinnes. 

Es gibt außerdem auch hier ein Gebiet, wo das Kausalgesetz in vollem 
Umfang herrscht: das Gebiet der Metapsychologie. Dies ist das Gebiet, 
wo das „Sinnvoll-Seelische" ausgeschaltet ist und die eigentliche Kausalität zu 
voller Geltung gelangt. Hier gilt nicht das „Sinnvolle" als Leitprinzip, son- 
dern die sogenannten topischen, dynamischen und ökonomischen Gesichts- 
punkte, aus dem physischen "Weltbild entlehnte Begriffe. Besonders bezeich- 
nend ist die Zurückführung auf die Triebdynamik, welche ebenso verall- 
gemeinernd und ebenso kausal vorgeht, wie in den übrigen, nicht psychologi- 
schen Naturwissenschaften. Die Grundlage dieser Möglichkeit liegt darin, 
daß der Trieb selbst eine außerseelische Kraft ist und in die Seele nur 
durch seine Repräsentanten gelangt. Die sogenannten Aktualneurosen sind 
kausale Folgen gewisser Triebschicksale ohne einen wesentlichen analytischen 
Sinn. 

Als wir die Forderung stellten, in der Schichtung des Assoziationsstromes 
die triebnahe Schicht zur Sprache kommen zu lassen, lag es uns gerade 
daran, jene Wirkung der freien Assoziation zu fördern, welche kausale Er- 
kenntnisse liefert und kausal eingreift. Natürlich muß man sich vergegen- 
wärtigen, daß in der laxeren Sprachweise unter kausaler Erkenntnis zweierlei 
verstanden wird: sowohl die Einsicht in die Sinneszusammenhänge wie die Er- 
kenntnis des dynamischen Kräftespiels. Die freie Assoziation bietet mit Hilfe 
der Emfallsströmungen Sinneszusammenhänge aus der seelischen Kontinuität. 
Auch wenn man zu seelenfremdem Material assoziieren läßt, bietet sie Sinnes- 
zusammenhänge. Die Sinneszusammenhänge sind aber, wie wir wissen, noch 
keine echt kausalen Erklärungen. Erst die Einsicht in die Triebdynamik kann 
ursächliche Erklärungen ergeben. Sind wir also in einer triebnahen Strömung, 
so gelangen wir mit einer größeren Wahrscheinlichkeit zu Ursachenerklärun- 
gen, doch nicht als Resultat der Methode der freien Einfälle allein, sondern 
durch weitere Beobachtungsreihen. 

Wenn Untersuchungen anderer Art ergeben haben, daß z. B. bei der Ent- 
stehung einer organischen Erkrankung Triebe kausal verantwortlich sind 
(z. B. infolge tiefer Regressionen), dann kann man hoffen, daß, durch Er- 
wachenlassen der triebnahen Schichten in der freien Assoziation, eine Um- 
stellung in der Triebdynamik erfolgt. Dann hat man mit einem Material zu 
tun, welches kausal nicht mit dem Unbewußten, dem Es, sondern mit einer 
biologisch noch tieferen, der Analyse nicht mehr unmittelbar zugänglichen 
Schicht zusammenhängt. Die Methode der freien Assoziation ist dann nicht 
mehr eine verstehende Forschungs- und Heilungs-Hauptmethode, sondern 
eine die Triebdynamik ausnützende Hilfsmethode. Sonst aber ist sie beides. 



4- Die Sinngebung in der Praxis. Die Funktion des „Sinn-Organs" 

Einen „Sinn" an sich gibt es nicht — er meldet sich nur in dem, der ihn 
auffaßt. 

War bisher vom Sinnvollen der Einfachheit halber als von etwas Gegebenem 
die Rede, als von Etwas, das sich in das Kontinuum einfügt, so handelt es sich 
bei der uns jetzt bevorstehenden Aufgabe darum, diese Gegebenheit auf- 
zulösen, den Sinn als das Ergebnis der Einfügbarkeit zu betrachten und nach 
den Bedingungen zu fragen, die das Erkennen des Sinnes in einem 
bestimmten Zusammenhang ermöglichen bzw. erleichtern. 

Zur Lösung dieser Frage nehmen wir den Faden aus dem Abschnitt über 
die rezeptive Einstellung des Analytikers wieder auf. Indem wir diese als 
eine Art „Sinnestätigkeit" des Analytikers bezeichnen, gebrauchen wir das 
Bild eines Organs, das für das Erfassen des Sinnes ebenso geeignet ist, wie etwa 
das Auge zur Wahrnehmung des Lichtes und der Farbe. Diese Parallele ist zu 
erweitern. Ebenso wie z. B. das Auge, dank seiner „spezifischen Sinnesenergie" 
auch auf ihm inadäquate, nichtoptische Reize (drücken, schlagen usw.) mit 
optischen Empfindungen reagiert, so reagiert dieses Organ „sinnvoll", auch 
wenn ihm nichtsinnvolles Material zugeführt wird. Dies läßt die Möglichkeit 
der Analyse eines fremden Themas, wovon oben die Rede war, besser ver- 
stehen. Wie für das Auge das Licht den objektiv-adäquaten Reiz darstellt, 
so ist das seelische Kontinuum der objektiv-adäquate Reiz dieses Sinn- 
Organs. 

Was an diesem „Sinn-Organ" real ist, soll hier nicht erörtert werden — 
unserer Meinung nach trägt dieses Reale an ihm, neben dem früher be- 
schriebenen „vorbewußten" Niveau der Wahrnehmungen, nicht weniges zur 
wirklichen Menschenkenntnis, zum Verständnis dessen bei, was im andern 
vorgeht. Die Bedingungen, die zum Erfassen des Sinnes von etwas not- 
wendig sind, sollen nicht als mechanische Forderungen, sondern als Funktions- 
weisen eben dieses „Sinn-Organs" dargestellt werden; wir glauben, daß diese 
Darstellung eine bessere Einfühlung in das Organisch-Notwendige dieser For- 
derungen gewährt. Aus ihrer zweifellos größeren Fülle wollen wir das Folgende 
herausheben. 

i. Das Haften am Erlebnis-Niveau. Während bei Untersuchungen 
anderer Art stets danach getrachtet wird, das konkrete Material in allgemeine 
Gesetzmäßigkeiten zu fassen, funktioniert unser „Sinn-Organ" auf andere 
Weise. Es wird von den konkreten Erlebnissen kein Abstraktum aufgebaut, 
sondern es wird nach anderen konkreten Erlebnissen gesucht, die hinter jenen 
verborgen sind. Der Sinn von etwas kann nur auf diesem Wege, durch das 



7 2 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 



Verbleiben am Erlebnis-Niveau gefunden werden. Im Seelen-Kontinuum gibt 
es überhaupt keine Abstrakta. 

Das Zurechtbestehen dieser Forderung wurde schon sehr früh erwiesen. In 
der Beschreibung des Breuer-Freudschen Verfahrens werden wir von fol- 
gender Eigentümlichkeit des Abreagierens unterrichtet: Ist jemandem etwas 
widerfahren, wurde er im Leben oft auf dieselbe peinliche Weise ver- 
letzt, so nützt es ihm nicht, wenn er im Laufe des kathartischen Abreagierens 
einfach berichtet, auf diese Weise vielmals verletzt worden zu sein. Die Er- 
leichterung stellt sich nur ein, wenn er möglichst sämtliche Fälle, einen nach 
dem andern, in Konkreto erzählt. Die Kontinuität der Seele kennt keine Ver- 
allgemeinerung: jedes einzelne pathogene Erlebnis muß möglichst wieder er- 
lebnismäßig durchlebt werden. Das Vermissen der begleitenden Affekte im 
Strome der Analyse kann eine Folge davon sein, daß nur die weniger affek- 
tiven Erinnerungen gleichen Inhalts auftauchen. 

Dem Bestreben des Analysanden nach Verallgemeinerung in der Analyse 
muß sich der Analytiker stets widersetzen. Der Analysand muß in das seeli- 
sche Kontinuum, das er durch seine Verallgemeinerung verließ, zurück- 
geführt werden, 24 er muß immer aufs neue aufgefordert werden, das Erlebnis- 
Niveau nicht zu verlassen. Nur hier kann sich das Einfügen des sinnverheißen- 
den Materials abspielen. 

2. Die Bewahrung der Unvoreingenommenheit. Diese Funktions- 
weise des „Sinn-Organs" ist es, die dem Analytiker die reine und zuverlässige 
Arbeit möglich macht. Damit wird eine harte Forderung an ihn gestellt, die 
aber für wirkliches Erfassen des Sinnes in jedem einzelnen Falle Vorbedingung 
ist. Er muß sich bei jeder Beurteilung des gerade Gegebenen freihalten davon, 
was er bisher bei diesem Analysanden, besonders aber davon, was er bei 
andern erfahren; er hat immer wieder für den Moment alles andere aus- 
zuschalten, was nicht gerade hier und gerade heute gegeben ist. Die Elastizi- 
täts-Forderung von Ferenczi gilt auch hier. 

Eine andere Richtung dieser selben Unvoreingenommenheit verlangt, stets 
mit mehreren Möglichkeiten zu rechnen. Wir sahen, wie das Offenbleiben 
für verschiedene Möglichkeiten zum Wesen des Sinnhaften gehört; der Ana- 

24) Wir pflegen manchmal, um das Erlebnishafte zu verstärken, die beschriebene Situation 
vom Analysanden abzeichnen zu lassen. Ein gut bewährtes Mittel ist z. B. zur Hervor- 
lockung neuerer Erlebnis-Erinnerungen das zeichnerische Konkretisieren der früh-kindlichen 
Wohnungs-Erinnerung (Lage der Betten usw.), welches das Beziehen der damaligen Beob- 
achtungen auf konkrete Situationen sehr erleichtert. — Die Verallgemeinerung im Laufe 
der Analyse ist Widerstand gegen das Konkrete, besonders gegen die Triebäußerungen — 
zugleich aber auch Wiederholung der erzieherischen Beeinflussungen, welche aus dem In- 
dividuum ein allgemeines, „gutes Kind" zurechtstutzen wollten, und daran waren, seine 
individuellen Bestrebungen möglichst zu beseitigen. 



lytiker muß darauf achthaben, sich nicht schon im voraus für die eine oder 
die andere Möglichkeit zu entscheiden. 

Zur Demonstrierung ein Beispiel. Bei einer Patientin ergab es sich öfters, 
daß sie die analytische Stunde mit Schweigen begann. In allen bisherigen 
Fällen hatte dieses Schweigen eine bestimmte Bedeutung: die Patientin fühlte 
sich durch Deutungen der vergangenen Stunde vom Analytiker gekränkt, sie 
ließ im Schweigen ihre negativen Gefühle reden. Eines Tages hat aber dieses 
Schweigen einen anderen Charakter und wenn der Analytiker dies nicht be- 
merkt hätte, so wäre sein Sinn für ihn endgültig verschlossen geblieben. Doch 
mit Hilfe dieser Beobachtung enthüllt das momentane Schweigen seine kon- 
krete Bedeutung: es ist die Wiederholung einer kleinen Szene, die sich am 
Morgen desselben Tages zwischen dem Patienten und dem Gemahl abspielte. 

Noch allgemeiner läßt sich dasselbe an den Symbolen demonstrieren. Jedes 
Symbol, das der Analysand bringt, ist eine Verlockung für den Analytiker: 
stets bietet sich ihm der schon begangene Weg, den allgemeinen Sinn dieses 
Symbols für die Erklärung des konkreten Falles heranzuziehen. Er muß das 
fast immer unterlassen: oft wird das Symbol zwar tatsächlich die allgemeine 
Bedeutung haben, oft aber auch eine individuelle und oft wird das Gewicht 
des Sinnes gar nicht mehr auf der symbolischen, sondern auf der konkreten 
Bedeutung beruhen. 

Hier, wo die Forderung an das Unterscheidungsvermögen des Analytikers 
besonders hoch gespannt wird, ist die Beantwortung einer Frage am Platze, 
die sich dem Leser vielleicht aufdrängen könnte. Wäre unser halb bildhaft, 
halb real angenommenes Organ für das Erfassen des Sinnes nicht einfach der 
Intuition gleichzusetzen? 

Bei der Beantwortung müssen wir uns auf Freud berufen. An einer Stelle, 
wo er zwar nicht von der Analyse, sondern von der wissenschaftlichen Arbeit 
überhaupt spricht, bekennt er, nicht an die Intuition zu glauben. Wo sich die 
Intuition als erfolgreich erweist, sei sie nichts anderes als Unvoreingenommen- 
heit (47). 

Wir wollen die Freudsche Behauptung umkehren und sagen: eine Un- 
voreingenommenheit im beschriebenen Sinne macht uns intuitiv, „hinein- 
sehend", in wörtlicher Bedeutung des Ausdrucks. Wird unser Blick nicht 
durch trübende Medien gestört, so können wir den Sinn von etwas rein und 
unmittelbar erfassen. 

3. Das Erfassen der Konvergenzen. Das Sinn-Material trachtet in 
seiner Suche nach Worten unser „Sinn-Organ" nicht nur in einer Weise, im 
Verlaufe der freien Assoziation, in Träumen usw. zu erregen; die Funktion 
dieses Organs ist es, in den verschiedenen Erregungen die Richtungen nach 
dem gemeinsamen Sinne zu bemerken. 



Einen Kranken mache ich beim Weggehen am Ende der Stunde darauf auf- 
merksam, daß seine Geldbörse aus seiner Hosentasche heraushängt, im Be- 
griffe ist herauszufallen. (In der Stunde handelte es sich um seine Ejakulations- 
Angst.) Der Kranke beginnt die nächste Stunde damit, daß er anale Reizun- 
gen verspüre, sodann geht er an die Erzählung eines seit mehreren Tagen auf- 
gehobenen Traumes; die letzte Szene dieses Traumes lautet, daß er nach einer 
Koitus-Situation die Geldbörse verliert. Der Traum wurde von ihm beim 
Erwachen aufgeschrieben, der Zettel in seine Geldbörse gelegt: mit diesem 
Zettel wollte er die Börse am vorigen Tag verlieren. Nach der Erzählung 
des Traumes und der Auffrischung der Szene vom Vortage erzählte er 
seinen frischen Traum: ein Mann begleitet ihn und vergleicht ihn mit Raffael. Er 
findet, daß dieser Traum eine homosexuelle Note enthält und bemerkt es 
selbst, daß die anale Erregtheit bei Stundenbeginn mit diesem Traum-Erlebnis 
zusammenhängt. (Damit meldet er auch das Aufhören der analen Erregung.) 
Jetzt konnte darauf hingewiesen werden, daß sich in beiden Fällen etwas Reales 
aus dem Trauminhalt zeigte: in beiden Fällen erzählte er etwas ohne "Worte 
aus dem Traume. Aber ebenso könnte auch eines seiner Hauptsymptome 
(Zuckungen) als die Mitteilung latenter Koitus- und Ejakulationsphantasien 
aufgefaßt werden. Die Entstehung dieses Hauptsymptoms fiel tatsächlich in 
die Zeit, als er von einem kleinen Mädchen, das sich ihm dort anbot, uns 
Klosett gelockt wurde. Daß er zu dieser Zeit Erektionen hatte, steht außer 
Zweifel. 

4. Die „schwebende" Anschauungsweise, schwebend in dem Sinne, 
wie die absolute Zahl der Mathematik vom Vorzeichen (Plus oder Minus) ab- 
strahiert. Das „Sinn-Organ" faßt das Sinnes-Material als etwas „Absolutes" 
auf, nimmt weder im Negativen die Leugnung, noch im Positiven die Be- 
hauptung in Betracht. Ein zwischen zwei Personen bestehendes Gefühlsver- 
hältnis wird von ihm schwebend gesehen, im Liebesmaterial ein Schweben 
zwischen Liebe und Haß erblickt — um nur am Ende in einem bestimmten 
Sinne entschieden zu werden. 

5. Die Transponierung. Der von einem Bekannten mit Abscheu er- 
zählte Vorfall kann auf einen anderen Bekannten oder auf den Patienten 
selbst transponiert werden. Die Absicht, die der Patient für eines seiner Ziele 
eingesteht, kann als verborgene Absicht eines anderen Vorhabens enthüllt 
werden. Überhaupt ist das Prinzrp der Transponierung einer der wichtigsten 
Helfer der Durchführung des Kontinuitätsprinzips. 25 In Analogien ist der 
Sinn in seiner Transponierung zu erblicken. Eine besondere Form der Trans- 

2 J) Vgl. im Zusammenhang mit der Gestaltpsychologie Hermann, Normalpsychologische 
Grenzfragen, Imago, XI, 1925. 



ponierung ist diejenige, welche formelle Eigenschaften an Inhalten darstellt 
(funktionales Phänomen nach Silber er). 

6. Die Interpolation. Was diese Funktionsweise unseres „Sinn-Organs" 
zu bedeuten hat und wo sie zur Anwendung kommt, soll an zwei Beispielen 
gezeigt werden. 

Das eine betrifft eine Patientin, deren Symptome begannen, als sich der 
Zustand ihrer schwerkranken Schwägerin verschlechterte. Auch fühlte sie 
Todesangst in Gegenwart dieser Schwägerin, die die Frau ihres geliebten 
Bruders war. Das ist das Material, das sie uns diesbezüglich bringen kann; um 
es zu verstehen, müssen wir nur noch einen ergänzenden Schritt machen. 
Wenn wir diesen Schritt tun und annehmen, daß die Patienten unbewußt 
phantasierte, nach dem Tode der Schwägerin würde sie den Platz der Frau 
an Seite ihres Bruders einnehmen, so wird der Sinn der ganzen Situation ver- 
ständlich. 

Die Patientin unseres anderen Beispiels beklagt sich, oft ungenügend mo- 
tivierte Zornausbrüche zu haben. Vielleicht sei sie übermüdet; als sie einmal 
in ihrem Leben zu längerem Ausruhen kam, wurde sie nur zweimal von Zorn 
überfallen. Sie erinnert sich auch der Anlässe: das eine Mal wollte jemand, 
während sie Toilette machte, in ihr Zimmer dringen, das andere Mal schien 
jemand sie ausforschen zu wollen, drang indiskret in sie ein. "Wenn wir noch 
eine, ihr höchst wichtige Kindheitserinnerung hinzunehmen, wonach sie von 
ihrer Mutter, falls sie weiter onaniere, mit dem Einführen des Katheters be- 
droht wurde — und uns endlich daran erinnern, daß die Zornausbrüche selbst 
von ihr als etwas ihr Fremdes und Aufgepropftes charakterisiert worden sind, 
so wird uns der interpolierende Schritt, den wir zum Verständnis des seeli- 
schen Verhaltens vollziehen müssen, ziemlich einleuchtend nahegebracht. Es 
besteht eine Angst vor dem „Eindringen" des Fremden, aber auch eine Phan- 
tasie vom Eingedrungensein desselben. 

7. Die Extrapolation. Zum Verständnis dieser Funktion, die der vorigen 
verwandt ist, wollen wir auf ein bekanntes Beispiel von Freud zurückgreifen. 
Es ist das berühmte Beispiel aus der „Psychopathologie des Alltagslebens": 
jemand will die Vergilschen Zeilen „exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor" 
zitieren und dabei fällt ihm das "Wort aliquis nicht ein. Freud könnte es ihm 
in Erinnerung bringen, indem er ihn assoziieren ließe und warten würde, bis 
die Assoziationen das gesuchte "Wort an die Oberfläche werfen. Er schlägt einen 
anderen Weg ein: er sagt ihm das Wort selber und fordert ihn nachträg- 
lich zur Assoziation auf. 

Freud hatte die freie Wahl zwischen Verschweigen und Vorausschicken des 
komplexbetonten Wortes. Diese freie Wahl ist uns im Laufe der Analyse oft 
entzogen. Hier gibt es produktive Assoziationen, die die gesuchte sinn- 



gebende Situation von sich aus produzieren — es gibt aber auch andere, 
nichtproduktive, die sie nur vermuten lassen. Im letzten Falle müssen 
wir selber eingreifen, die Konstruktion allein vollziehen, die gesuchte, dem 
gebrachten Material sinngebende Situation extrapolieren und den Analysanden 
seine Meinung darüber und seine Einfälle dazu nachträglich hervorbringen 
lassen. 

Vom Freud sehen Beispiel unterscheidet sich unser Verfahren natürlich 
auch darin, daß wir uns bei der Konstruktion nicht auf Wissen aus fremder 
Quelle, sondern auf das bisher vom Analysanden gebrachte Material stützen. 
Solche extrapolierende Konstruktionen sind in der Analyse ziemlich häufig 
und ermöglichen die Weiterführung der Analyse auch dort, wo sie sonst 
allzu lange ins Stocken geraten würde. 

Der Inter- und Extrapolation gemeinsam ist, daß in beiden Fällen etwas 
„erraten" wird, im ersten Falle eine wichtige Verknüpfung von Erlebnissen 
mittels des Sinnes, im zweiten ein affektauslösendes Ereignis. „Erraten" als 
Aufgabe der analytischen Methode wird von Freud wiederholt genannt. 

8. Die Funktion des „Sinn-Organs" muß auch einer kritischen Er- 
wägung unterzogen werden. Die kritische Erwägung ist keine elementare 
Funktion mehr, die Parallele mit den Sinnesorganen versagt. (Allerdings wird 
eine gewisse selektive und korrigierende Funktion auch von den Sinnes- 
organen, z.B. dem Sehapparat, geübt; wir können daher eine solche von 
unserem „Sinn-Organ" gleichfalls erwarten.) 

^ Worin besteht nun diese kritische Funktion? Was wird von der vollzogenen 
Sinnes-Deutung gefordert? Wir können diese Forderungen in folgende, be- 
stimmt nicht das Ganze erschöpfende Punkte fassen: 

a) Der Sinn, den wir unserem Material verleihen, muß nachfühlbar sein, das 
richtige Passen ins seelische Kontinuum muß empfunden werden. 26 

b) Es muß die Möglichkeit oder, noch besser, die reale Gegebenheit von 
den unseren analogen „reinen" Fällen vorhanden sein, bei welchen der von 
uns konstruierte Sinn, wie manchmal bei Kinderbeobachtungen, in ursprüng- 
licher und unkomplizierter Form zum Ausdruck gelangt. 

c) Der Sinn muß stets etwas Individuell-Spezifisches enthalten. Mit einem 
Hinweis auf den Ödipus-Komplex ist z. B. nichts gesagt; nur wenn der 
Ödipus-Komplex sich in individueller Gestaltung herausformt (z. B. als Erinne- 

26) Man pflegt zu sagen, daß wir wirklich nur dasjenige verstehen, was wir an uns selbst 
schon erlebt haben. Diese Meinung ist nur zum Teil stichhaltig. Es ist wahr, daß das 
eigene Erlebnis das Verstehen erleichtern kann — demgegenüber kann das an uns selbst 
Durchlebte schneller das Gefühl der Deutbarkeit erwecken als es objektiv begründet wäre. 
Was wir selbst durchlebten, verzeihen wir vielleicht dem andern leichter — vielleicht ver- 
werfen wir es mehr, jedenfalls kann durch den subjektiven Faktor unsere Arbeit gehemmt 
werden. Zur Befreiung von der Subjektivität führt größtenteils die Selbstanalyse. 



Die Sinngebung in der Pr axis. Die Funktion des „Sinn-Organs" 77 

rungen eines jungen Mannes aus der Zeit, wo er neben der Mutter schlief: wie 
weit darf er den mütterlichen Körper berühren?), haben wir den Schlüssel 
zum Verständnis gefunden. 

d) Werden Intra- oder Extrapolationen vollzogen, so muß die kritische Er- 
wägung besonders stark einsetzen. Als Gewähr für die Richtigkeit unserer 
Konstruktion kann zweierlei dienen: einmal, daß das Konstruierte vieles von 
dem bereits Vorgebrachten neu erleuchtet und erklärt, sodann daß neue und 
bestätigende Erinnerungen — eventuell eine allgemeine Besserung das kon- 
struierte Gebäude stützen. 

Es soll nun sinngemäß gefragt werden, ob denn das durch das' „Sinn-Organ" 
Erfaßte stets auf dieselbe Niveau-Höhe zu stellen sei, d. h. ob es nicht auch 
hier Schichtungs-Unterschiede gebe? Anders gesagt, ob nicht ein „Indivi- 
dualniveau" 27 abzustecken wäre, zu welchem jede Deutung ein bestimmtes 
Niveau- Verhältnis einhalten muß. In der bisherigen Erfahrung wissen wir von 
einem Individualniveau, insofern als wir die Inhalte in Schichten geordnet fin- 
den je nach ihrer Entfernung einerseits von dispositionellen Faktoren, 
welche auch die Reaktionen auf ein Trauma bestimmen, andererseits von 
Traumen, welche ihrerseits die Dispositionen umformen. Diese beiden, oft 
scheinbar lose miteinander verknüpften Qualitäten des Individualniveaus (Dis- 
position und Trauma) sind erfahrungsgemäß verknüpft in einer Mittelregion 
des Individualniveaus, in welchem Traumen als unvermeidliche 
Erlebnisse des werdenden Menschen die Führung übernehmen. 
Diese sind die Urtraumen der Beobachtung des elterlichen Koitus 
(„Urszene"), der Kastrationsdrohungen (in der Rankschen Über- 
treibung das Trauma der Geburt) — und nach Ferenczi die grob-sexuel- 
len Irritations-Traumen des sich nach zärtlicher Liebe sehnenden 
Kindes. 

Vielleicht wird es auch nicht unwichtig sein, darauf zu achten, daß in einer 
Reihe ähnlicher Erlebnisse (es können auch die Urtrauma-Erlebnisse sein) im 
Individualniveau nicht die ganze Reihe vorliegt, sondern nur die ersten oder 
letzten Glieder oder gleichzeitig beide. So wird es von der Randbevor- 
zugung (48) des kindlichen und unbewußten Seelenlebens erfordert. In diesen 
Randgliedern haben wir das verankerte Traumatische zu suchen. 

Im Gebiete der Erinnerungen an Traumen ist die Frage des Individual- 
niveaus nochmals zu stellen. Es werden nämlich von dem Analysanden im 
Laufe der Analyse entweder immer bewußt gewesene oder zeitweilig latente 
Kindheitserinnerungen hervorgebracht, welche reale traumatische Vorfälle 

27) Den Ausdruck nehme ich von Burkamp: Begriff und Beziehung, 1927, S. 67 u. ff. 
In der Logik handelt es sich um die Stufe „Gegenstände" im Gegensatz zu Begriffen. — Man 
könnte die Inhalte des Individualniveaus Grundinhalte gegenüber den Folge-Inhalten nenne n. 



zum Inhalt haben und es fragt sich, ob diese angeblich realen Vorfälle tat- 
sächlich aus dem Individualniveau stammen oder ob sie nur die Rolle von 
Deckerinnerungen für andere Traumen des Individualniveaus spielen. Wir 
wissen doch von Freud, daß die Kindheitserinnnerungen weiter deutbar sind, 
d. h. daß sie ins Unbewußte verdrängte Erlebnisse überdecken. Lautete z. B. 
die Erinnerung eines Mädchens, sie habe ein Parfumfläschchen in ein Faß ge- 
worfen, kurz nachdem ihr Brüderchen das Tageslicht erblickte, so war diese 
Erinnerung in das schmerzhafte Erlebnis einfügbar, in dem Sinne, daß sie mit 
dem beobachteten Geschlechtsunterschied fertig werden wollte. Gewisse Er- 
innerungen entpuppen sich aber als Deckerinnerungen anderer Art, näm- 
lich als Phantasieprodukte und da heißt es, ein Urteil zu fällen zwi- 
schen wahrheitsgerechten und diesen widersprechenden — phantasierten — 
Erinnerungen. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn bei voller Anerkennung 
einer psychischen Realität, wird doch ein Hindernis in den Weg der analyti- 
schen Arbeit gelegt, wenn der Platz des Individualniveaus von einem Erlebnis- 
inhalt ungerechtfertigt beansprucht wird. Auch wird der psychologische 
Scharfblick des Analytikers mit der Darbietung phantasierter Erinnerungen, 
von deren Irrealität der Analysand unbewußte Kenntnis hat, geprüft und 
eventuell als leicht befunden. Gibt es hier Kriterien zur Entscheidung? Viel- 
leicht sind die zu Beginn der Analyse angegebenen traumatischen Erlebnisse 
eher solche phantasierter Art und verdienen den Platz des Individualniveaus 
nicht. Auch die Schwäche der moralischen Instanz läßt das Festhalten an einer 
phantasierten Erinnerung eher zu. Zu den verdrängten, realitätsgerechten 
Erinnerungen des Individualniveaus gelangt die Analyse nur mit großer Mühe 
und, wie es Ferenczi lehrte, nur stückchenweise. 

Die eigentlichen Deckerinnerungen, also realitätsgerechte, doch dem In- 
dividualniveau entfernter liegende Erinnerungen bieten der Analyse oft in- 
sofern Schwierigkeiten, als sie eine zeitliche Verschiebung aufzeigen können. 
Es kann geschehen, daß traumatische Erlebnisse einer späteren Zeit in Er- 
innerungen aus einer früheren Zeitphase verborgen sind. Eine zeitliche Ver- 
schiebung kann übrigens auch die echte traumatische Erinnerung treffen, 
welche in eine frühere Phase verschoben den Anschein hat, noch keine ge- 
waltigen psychischen "Wirkungen entfaltet zu haben (z. B. die Erinnerung an 
den Todesfall der Großmutter wird vom Analysanden in das erste Lebensjahr 
statt in das zweite versetzt). 

Tatsächliche Deckerinnerungen sind oft sprachlicher Natur und eine sprach- 
liche Zweideutigkeit kann das traumatische Erlebnis andeuten; z. B. 
„ang'steckt" als Beschreibung einer Krankheit: im Hintergrunde die Angst 
aus dem Kastrationskomplex [vgl. Freud, Fetischismus, mit dem zweideutigen 
Wort Glanz — glance (49)]. 



"Wir zeigten bis jetzt von verschiedenen Seiten her, wie in der analytischen 
Arbeit das eine Hauptziel der Methode, das Vordringen vom Manifesten 
zum Latenten, d. h. von der Diskontinuität der bewußten Erleb- 
nisse zum Sinn, von den Signalen des Unbewußten zur Kontinuität 
des Unbewußten erreicht wird. Diese Richtung des Arbeitens darf aber 
nicht zum Fehlschluß führen, daß das Erkennen des Manifesten zu- 
gunsten des Erkennens des Latenten vernachlässigt werden kann. Wir 
erwarten nicht umsonst so viel von der Erzählung von Träumen, die zwar 
durch die Analyse den Weg zum Latenten aufschließen sollen, doch auch als 
manifeste Ausgangs- und Stützpunkte in der Arbeit unentbehrlich sind. Das- 
selbe gilt von den Erinnerungen und aktuellen Erlebnissen (29) während der 
Analyse. Nicht nur, weil „all unser Wissen immer an das Bewußtsein ge- 
bunden" ist, nicht nur, weil „die Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige 
Leuchte im Dunkel der Tiefenpsychologie" (50) ist. Sondern ganz besonders 
deswegen, weil die Deutung nur Sinn für das Konkret-Deutbare besitzt und 
je vielgestaltiger das Deutbare ist, desto überzeugender und tiefgreifender die 
Deutung ausfallen kann. Auch gibt es kein schöneres Zeichen der richtig 
fortschreitenden analytischen Arbeit, als das immer breiter strömende mani- 
feste Material, wobei das früher Latente nunmehr den Platz des Manifesten 
einnehmen kann. 

Zwischen Manifestem und Latentem bestehen nun zwei eigenartige Re- 
lationen. Die eine ist ähnlich der Kausalitäts-Relation im Seelenkontinuum. 
Wenn das Latente erraten ist, so kann der Weg, welcher von diesem zum 
Manifesten führte, nachgewiesen werden, und zwar durch die von Freud er- 
forschten Vorgänge der Verdichtung s Verschiebung, der Symbolisierung, Aus- 
lassung, Ersetzung der Und- Verbindungen durch andere Denkrelationen, dann 
auch durch die Randbevorzugung (Darstellung durch das Erste, Letzte, 
Kleinste). Vom Manifesten aus kann aber — ohne Kenntnis der Einfälle — 
durch einfaches Ausprobieren dieser Abläufe das Latente nicht konstruiert 
werden, ausgenommen vielleicht durch die Rückübersetzung der Symbole, also 
durch die Anwendung der auxiliären Methode. 

Die zweite Relation zwischen Manifestem und Latentem betrifft die Be- 
wußtseinsfähigkeit. Das Latente ist stets inhaltlich oder strukturell bewußt- 
seinsunfähiger, ichfremder, ichstörender als das Manifeste. Im Aufbau des 
Manifesten aus dem Latenten ist das Lustprinzip stets mitwirkend. Diese zwei 
Relationen ergeben während der Deutungsarbeit eine vage Richtung der 
Deutung, nach vollendeter Deutung eine Kontrolle des Geleisteten. 

Ein weiterer Gesichtspunkt für die Suche nach dem zu Erratenden ist der 
Gesichtspunkt der Stellung eines Seelengeschehens im Gefüge der Abläufe. 
Es kann ein Seelenereignis von den Trieben abstammen oder aber von der 



Abwehr des Ichs oder aus der Einmischung der moralischen Instanzen. Es 
kann ein direkter Abkömmling des Konfliktes sein, oder aber ein indirekter 
Abkömmling in dem Sinne, daß ein Heilungsvorgang sich einmischte und 
Erscheinungen produzierte, wie die Wortbesetzung bei der Schizophrenie. 
Der Heilungsvorgang kann selbst der Abwehrarbeit des Ichs beigemengt sein, 
wenn es sich nämlich nicht um das Aufhalten des Übels, sondern um die Ge- 
sundung aus dem erlebten Übel handelt. 



Mit der Sinneserfassung des Dargebotenen kommt der letzte Schritt der 
analytischen Arbeit, die Mitteilung des Erratenen an die Reihe. Dem 
Taktgefühl, das angibt, wie und wann das zu geschehen hat, wird eine harte 
Aufgabe gestellt. Dies ist eine Aufgabe der Technik. Doch wir wollen hier 
wieder nur beim Prinzipiell-Methodischen verbleiben und sehen das allgemeine 
Problem der Mitteilung in der Aufgabe, das Erratene in Worte fassen zu müs- 
sen. Der Analytiker hat sich ja von den sprachlichen Ausdrücken nach Mög- 
lichkeit befreit, er wollte das Unausgesprochene einsaugen, er wollte die ganze 
Entwicklung des Analysanden vergegenwärtigen. Das konnte aber nur ge- 
schehen, wenn er nicht an der Wortfassung bei den erzählten Erinnerungen, 
auch nicht an den anschaulichen Szenenbildern haften blieb, sondern wenn er 
es verstand, sich in die Stimmungen und Stimmungswechsel des ständigen und 
abwechselnden Milieus des Analysanden zu versetzen. Aus diesen Stimmun- 
gen heraus muß er die Deutung selbst und die Worte der Mitteilung finden. 
Wir sahen schon, weshalb die Freudsche Katharsis in Worten ablaufen soll. 
Jetzt müßten wir noch begründen, weshalb die Mitteilung in Worten seitens des 
Analytikers einen so wichtigen Teil der Methode ausmacht. Natürlich steht 
auch hier die Kraft der Sprache, Isolierungen zu lösen, voran. Zum Ab- 
reagieren ist dabei das Aussprechen unerläßlich, zum Festhalten im Bewußt- 
sein das Anhören: Wirklich real, d. h. mit der äußeren Realität gleichwertig 
wird das Innerseelische, wenn sein Inhalt von außen gehört wird. Vermittelnd 
steht hier die laute Aussprache von eigener Seite, was gegenüber der Flüchtig- 
keit des Nur-Gedachten einen großen Schritt zur Realität bedeutet. Neben 
dem bereits Angeführten soll hier auch auf den Umstand verwiesen werden, 
daß das Sich-selbst-Mitteilen durch die Sprache die Inhalte des Unbewußten 
zu einer ausgeprägteren Form verhilft und eventuell — wie es Freud für die 
Zwangsneurose fand — der Analysand mit dem wirklichen Inhalt seiner Ideen 
erst durch das Aussprechen bekannt wird. Der Takt und auch der stärkere 
Schutz gegenüber kritischen Einwänden verlangt oft, daß die Mitteilung des 
Erratenen diesen vermittelnden Weg abwartet und erst danach die Mitteilung 
des Analytikers mit seinen Beweisen folgen läßt. 






Aufbau der wissenschaftlichen Feststellungen 81 

5. Aufbau der wissenschaftlichen Feststellungen 

Im bisherigen wurde die analytische Methode als die praktische Erkenntnis 
des konkret gegebenen Menschen, des Individuums verstanden. Die Frage 
lautete, welche die optimale Konstellation ist, in welcher sich die Seele 
des Menschen in ihrer ganzen Fülle auftut, in welcher er im analytischen Sinne 
der Aufrichtigkeit „sprechen" kann, 28 in welcher der Seelen-Registrierapparat 
d. h. der dazu berufene Analytiker, die Seele des sich vor ihm Eröffnenden 
versteht. Nun werfen wir die Frage auf, wie die analytische Methode als 
Verfahren für Verarbeitung des Rohmaterials zur Gewinnung 
wissenschaftlicher Feststellungen beschaffen sei. 

Wenn es auch möglich wäre, daß für eine gewisse höhere Synthese alle 
wissenschaftlichen Methoden identisch sind — in ihren tieferen Schichten trägt 
jede die Erfordernisse ihres spezifischen Materials an sich. Gerade in der 
Analyse, wo die Herstellung der Kontinuität, das Streben nach dem Kon- 
kreten, die Ausschließung des seelenfremden „Allgemeinen" als Leitmotiv gilt, 
kann sich das Baconsche Prinzip — der Weg der Wissenschaft in Mittel- 
schichten anstatt in Abstraktionen — viel prägnanter durchsetzen. 

Auch die Richtungslinie der wissenschaftlichen Feststellungen ist bemerkens- 
wert. Wie schon erwähnt wurde, sind die „Gesetze" einer jeden kausal auf- 
gebauten Wissenschaft eigentlich Wegweiser für die Voraussage der Zukunft. 
Die Psychoanalyse gibt als Konsequenz des ihr eigentümlichen deterministi- 
schen Gebietes Wegweiser für die Aufdeckung der Vergangenheit und 
ihre allgemeinsten Feststellungen suchen die menschliche Vergangenheit zu 
entwirren. 

Im folgenden soll der logische Aufbau von Freuds wissenschaft- 
lichen Feststellungen an konkreten Beispielen geprüft werden. 

I. Der Gegenstand unseres ersten Beispiels wird durch eine kurze, aber sehr 
klar aufgebaute klinische Feststellung geliefert, in welcher Freud den Zusam- 
menhang der Analerotik mit bestimmten Charaktereigen- 
schaften aufzeigt (51). Der logische Gang gliedert sich hier zu folgenden 
Schritten: 

1. Später nicht einmal angebbare einzelne Veranlassungen erweckten in ihm 
den Eindruck, daß bestimmte Charakterzüge, und zwar Ordentlichkeit, Spar- 
samkeit und Eigensinn sich bei solchen Personen zeigen, in deren Kleinkinder- 
geschichte den Stuhlgang betreffende Besonderheiten (eine länger als gewöhn- 
lich anhaltende Incontinentia alvi, bei der Aufforderung zur Entleerung Stuhl- 

28) Nicht jeder, der sich selbst aufrichtig erscheint, ist vom Standpunkte seines gesamten 
Seelenlebens aufrichtig. Es fühlt sich auch derjenige aufrichtig, der momentan die Lügen- 
haftigkeit seiner Aussage vergißt. Deswegen sprechen wir von Aufrichtigkeit im analytischen 
Sinne. 

Hermann, Psa. als Methode 6 



82 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 



verhaltung, allerlei Beschäftigungen mit dem Kote) zu verzeichnen sind, d. h. 
bei welchen sich eine konstitutionell stärkere Analerotik bemerkbar machte. 
Dies wäre die Bemerkung einer einfachen „Korrelation", ohne daß daraus 
der kausale Zusammenhang eindeutig zu erschließen wäre. Denn es ließe 
sich ja gut vorstellen, daß — wenn einmal konstitutionelle Faktoren zuge- 
lassen werden — sich auch die Charaktereigenschaften konstitutionell ent- 
wickeln und von der Sexualkonstitution entweder vollständig unabhängig 
sind oder die eine Charaktereigenschaft, z. B. der Eigensinn, sich auch im Ver- 
halten dem Stuhlgang gegenüber äußert, oder aber, daß eine allgemeine Eigen- 
schaft (das Suchen nach dem „Lustnebengewinn") sich einerseits in der Spar- 
samkeit, andererseits in der Stuhlverhaltung kundgibt. Bemerkenswert ist, 
daß diese Möglichkeiten in der Freud sehen Ableitung nicht einmal berührt 
werden; 29 nur in einer 10 Jahre späteren Studie macht er einen Schritt in 
dieser Richtung mit der Bemerkung, daß, wenn wir uns vorsichtiger und voll- 
ständiger ausdrücken wollen, wir eigentlich nur davon sprechen können, daß 
die benannten Charaktereigenschaften Zuschüsse aus den Triebquellen der 
Analerotik beziehen (52). Aber auch aus dieser Auffassung erhellt die be- 
stimmte Stellungnahme zum kausalen Zusammenhang. "Was führte ihn zu 
dieser Stellungnahme? 

Der 2. Schritt weist schon deutlicher den Weg. Dieser bewegt sich 
noch immer im Rahmen der Erfahrung und ergänzt das Erkennen des Zu- 
sammenhanges. Es ist zu beobachten, sagt Freud, daß sich bei denselben 
Personen nach abgelaufener Kindheit nichts mehr von diesen Schwächen und 
Eigenheiten des Stuhlganges auffinden läßt, daß also bei ihnen die Analzone 
ihre erogene Bedeutung im Laufe der Entwicklung eingebüßt hat. 

Hier knüpft der 3. Schritt an, welcher schon keine Erfahrung, sondern 
eine „Vermutung" ist und welcher die Konstanz jener Trias von Eigenschaften 
mit der Aufzehrung der Analerotik in Verbindung setzt. Wie sehr diese Ver- 
mutung des Beweises bedarf, erhellt daraus, daß sich die umgekehrte Vor- 
stellung: die Abschwächung der Analerotik infolge des (sagen wir konstitutio- 
nellen) Anwachsens der Ordentlichkeit usw. ganz ungezwungen zu Ende 
denken ließe. 

4. Die Vermutung erfordert mehrseitige Unterstützung. Das eine Argu- 
ment besagt, daß wir uns hier dem Sonderfall einer allgemeinen Erscheinung 
gegenüberfinden, die Triebsublimierung benannt wird. Die Berufung auf die 

29) Die Ausschaltung des „Allgemein"en als einer Erklärungsmöglichkeit zeigt sich öfter 
im Freud sehen Gedankengang. So in seiner Auffassung, wonach das Denken eine Probe- 
handlung mit minimalem Kraftaufwand sei. Die Zurückführung auf eine Probehandlung 
schließt die Möglichkeit aus im Handeln und im Wort-Denken die Erscheinungsweisen einer 
gemeinsamen, allgemeinen Denkfunktion zu sehen. 



r 



Aufbau der wissenschaftlichen Feststellungen 83 

Triebsublimierung macht die Vermutung wahrlich annehmbarer — "besteht aber 
die Tatsache der dem kausalen Zusammenhang entgegengesetzt aufgestellten 
Möglichkeit nicht für jeden, im allgemeinen enthaltenen Einzelfall? 

5. Es läßt sich herausfühlen, daß Freud den "Wert seiner Vermutung auch 
von anderer Seite aus zu sichern trachtet. Als neuen Gesichtspunkt bringt er 
hervor, daß es möglich wäre, die innere Notwendigkeit des Zusammenhanges 
aufzuschließen, also die induktiv feststellbare Verknüpfung der Tatsachen auch 
deduktiv abzuleiten. Obzwar er zugibt, daß diese innere Notwendigkeit auch 
ihm selbst nicht durchsichtig ist, verweist er doch darauf, daß Sauberkeit, 
Ordentlichkeit, Verläßlichkeit den Eindruck von Reaktionsbildungen gegen 
das Unsaubere, Störende, nicht zum Körper Gehörige machen. Aber wiederum 
ist es ersichtlich, daß die Zusammenhänge auch so nur eine Korrelation und 
keine kausale Richtung bestimmen, daß die sich aus ihnen zu erschließende 
Kausalität nur schwebend und nicht gerichtet ist. 

6. Es reihen sich Sprachgebrauch und mythologische Parallelen an. Sie 
mögen sehr einleuchtend und nachempfindbar sein, doch erstens haben wir 
keine Garantie, daß jemand nicht entgegengesetzte oder anders gerichtete 
Sprachgebräuche oder mythologische Parallelen aufzeigt, zweitens aber können 
diese nur der Befestigung der Erfahrung dienen und keinesfalls in bezug auf 
ihre Beweiskraft und Sicherheit auf das Niveau der Erfahrung gebracht wer- 
den. Gerade diese Erscheinungen sind es ja, denen gegenüber die im Ge- 
danken vollführte Beziehung auf die analytische Konstellation versagt. Wenn 
wir die Hinausversetzung des in der Analyse Beobachtbaren ins Leben nur 
unter gewissen Kautelen erlauben — mit der Annahme, daß wenn diese 
Person in die Analyse käme, wir diese Erscheinung bei ihr vorfinden würden 
— wie viele Kautelen erfordert dann die Übertragung der analytischen Er- 
fahrung auf analytisch nicht einmal beobachtbare Erscheinungen! Sprach- 
gebrauch und mythologische Parallele können übrigens immer nur soviel be- 
sagen, daß ein ähnlicher Gedanke über diese Zusammenhänge bereits auf- 
getaucht ist, sie besagen aber nicht, daß gerade dieser Gedanke die richtige 
Erkenntnis der Zusammenhänge darstellt; es kann ja sein, daß der richtige Ge- 
danke noch nicht einmal gedacht wurde. 

7. Der Aufbau der Beweisführung wird durch ein Gedankenexperiment er- 
gänzt. Der entscheidende Schritt wird dort vollbracht, wo das Aufhören der 
Analerotik festzustellen ist. Es erhebt sich die Frage, was dort geschieht, wo 
die Analerotik der Kinderjahre auch für später bewahrt bleibt. Nach dem 
Gedankenexperiment dürfte man hier die analen Charaktereigenschaften -- 
wenigstens in besonderer Ausprägung — nicht vorfinden. „Wenn ich nicht 
sehr irre" — sagt Freud — „befindet sich die Erfahrung zumeist in guter 
Übereinstimmung mit diesem Schlüsse." Hier würde man natürlich auch 

6* 



' 



$4 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

eine Berufung auf die zusammengestellten Erfahrungen erwarten. Doch was 
könnten auch diese gegen die Möglichkeit eines anders gerichteten kausalen 
Zusammenhanges (i., 3. Schritt) beweisen? 

"Wir sahen den logischen Aufbau des zwischen Analerotik und Anal- 
charakter konstruierten Zusammenhanges. Vom Anfang bis zu Ende spürten 
wir einen Mangel, ein Sich- Verschließen einer anderen Anschauungsweise 
gegenüber. Der allerletzte Satz der Studie erleuchtet nun etwas, das wir 
mehrere Schritte hindurch umsonst gesucht haben. Dieser Satz lautet: „Für 
die Bildung des endgültigen Charakters aus den konstitutiven Trieben läßt 
sich allerdings eine Formel angeben: Die bleibenden Charakterzüge sind ent- 
weder unveränderte Fortsetzungen der ursprünglichen Triebe, Sublimierungen 
derselben oder Reaktionsbildungen gegen dieselben." 

Wenn wir diese Formel vom Ende an den Anfang versetzen, sehen wir so- 
fort ein, daß das System, das Freud auf Grund der an Neurotikern ge- 
machten Erfahrungen herausgebildet hat, notwendigerweise eine solche, auf 
die Priorität der Triebe gegründete Auffassung auch des Charakters erfordert. 
Die Triebpriorität ist die Voraussetzung, welche sich in einem Teil 
der Erscheinungen erfahrungsgemäß erwiesen hat und in einem 
andern Teil der Erfahrungen als ein erstes Glied jeder Schluß- 
folgerung figuriert. 

II. Unser zweites Beispiel zur Demonstrierung der wissenschaftlichen Me- 
thode Freuds enthält wieder die Verallgemeinerung klinischer Beobachtun- 
gen. Er beschreibt eine Phantasie, welche, bei mehreren Kranken angedeutet, 
ausgeprägt in sechs Fällen von ihm beobachtet wurde (53). 

1. Die Erfahrung. Der kurze Inhalt der Phantasie ist, daß ein Kind ge- 
schlagen wird. Ich könnte kein besseres Beispiel für das Konkretisieren und 
die Hineinversetzung in die Kontinuität aufbringen, als gerade jene feinen Be- 
obachtungen Freuds, mit deren Hilfe dieses Phantasie-Schema zum Leben 
erwacht, sich mit Menschen bevölkert. Um genauere Verallgemeinerungen zu 
erhalten, behandelt Freud seine vier Frauen-Fälle gesondert vom Material 
der zwei Männer. Sich in die Lebensgeschichte vertiefend, konnte er bei den 
Frauen drei aufeinanderfolgende Phasen der Phantasie unterscheiden. In der 
ersten Phase steht ein wirkliches Erlebnis vor dem noch nicht schulpflichtigen 
Kinde: ein kleineres Geschwisterchen wird vom Vater gezüchtigt. In der 
dritten Phase wird ein Bub von jemandem, oft vom Lehrer, geschlagen. 

2. Der nächste Schritt des Aufbaus beruht auf Interpolation: die dazwischen 
liegende zweite Phase ist nämlich nicht eine auf Grund der Erzählung beob- 
achtete, sondern aus dem Gesichtspunkt der Kontinuität interpolierte, re- 
konstruierte Phantasie. Ihr Inhalt besagt, daß der Vater sie selbst schlägt. 
Diese Phase war bei allen Frauen unbewußt. Der Gefühlskomponente nach 






Aufbau der wissenschaftlichen Feststellungen 85 

ist in der ersten Phase Eifersucht auf das Geschwister und Freude darüber ent- 
halten, daß der Vater jetzt den verwöhnten Liebling schlägt; in der zweiten 
eine ausgesprochen masochistische Lust, in der dritten ein sadistisches onanisti- 
sches Gefühl. 

3. Die Rekonstruktion ist notwendig, denn nur durch sie wird der ganze 
Entwicklungsgang verständlich. "Wenn wir nämlich die Phasen noch fester 
in die Kontinuität, in die ihnen zukommenden Plätze einfügen, so kann nach 
Freud die erste Phase auf die Zeit vor der Entwicklung des starken Ödipus- 
konfliktes, die zweite auf die Zeit seiner Vorherrschaft und die dritte auf die 
Zeit nach seinem Ablauf verlegt werden. Rolle und Umwandlung des Sexual- 
triebes wird somit ersichtlich. Die konstruierte Phantasie ist nämlich noch 
immer nicht die originäre, sondern nur eine Fortsetzung jener, in welcher sich 
die direkte genitale Regung zum Vater kundgibt. Das daran sich knüpfende 
Schuldbewußtsein wandelt den genitalen Wunsch zum masochistischen um, 
bringt gleichsam eine Kompromißbildung zwischen Wunsch und Strafe zu- 
stande. 

4. Aber auch das Schuldbewußtsein könnte diese Umwandlung nicht zu- 
wege bringen, wenn es sich bei der sadistisch-masochistischen Triebäußerung 
nicht um ein regressives Rückgreifen handeln würde. Es sind dies Kinder, 
bei denen die sadistische Komponente aus konstitutionellen Gründen vorzeitig 
hervortreten konnte. Freud versucht dieses Argument auch damit zu reche- 
fertigen, daß von seinen sechs Fällen drei Zwangsneurotiker waren, von der 
Zwangsneurose wissen wir aber, daß sie auf einer' konstitutionell stärkeren 
sadistischen Komponente beruht. 30 Die Phantasie der mittleren Phase ist also 
gleichzeitig ein Kompromiß zwischen Erotik und Schuldbewußtsein. 

5. Durch die Erfahrung bei den beiden männlichen Kranken wird das ge- 
wonnene Bild gut ergänzt. Der eine Mann konnte sich auch der bei den 
Frauen unbewußten zweiten Phase der Phantasie erinnern. Doch hinter dieser 
steckte bei ihm, ebenso wie bei dem andern, die Phantasie, vom Vater ge- 
schlagen, d. h. sadistisch geliebt zu werden. So schält sich eine allgemeinste 
These heraus, wonach hinter jeder Schlagephantasie eine inzestuöse Liebe zum 
Vater verborgen ist und wir stehen der umformenden Wirkung dieser gegen- 
über. 



30) Wir könnten^ auf den Mangel dieser letzten Beweisführung hindeuten, da wir doch zu 
ihrer "Würdigung die allgemeine Verhältniszahl der Zwangsneurotiker unter den Kranken 
kennen müßten. Wir könnten auch das methodisch Interessante der mit dieser zusammen- 
hängenden Beweisführung hervorheben, wonach uns das Nicht - Zwangsneurotisch-Sein der 
übrigen drei Kranken als ein Negativum nicht angeht. Negative Feststellungen (z.B. es ist 
noch nicht geglückt, ein Perpetuum mobile herzustellen) führen ja oft wesentlich weiter. 
Dieses Prinzip Freuds hängt fest mit dem skizzierten Charakter des „analytischen Sinnes" 
zusammen. 



86 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

Die Logik der Ableitung ist von auffallender Ähnlichkeit mit der im 
früheren Beispiel skizzierten. "Wie wir dort eine Hinwendung zur Trieb- 
priorität vorfanden — welche übrigens auch hier in der Annahme eines kon- 
stitutionell stärkeren Sadomasochismus wiederkehrt — , so sehen wir hier die 
Hinwendung zur Priorität des Ödipuskomplexes. Diese Priorität zeigt sich 
nicht nur darin, daß Freud, trotz der Triebpriorität, die infantile Trieb- 
perversion aus dem Ödipuskomplex abgeleitet sieht — obwohl man, wenn 
man den Zwang des Systems ablegt, auch davon sprechen könnte, daß der 
Trieb durch den Ödipuskomplex zur perversen Wirkung kommt. Aber 
diese Priorität drückt sich hier hauptsächlich darin aus, daß Freud der 
ödipusphantasie einen eigenen, eventuell auch phylogenetisch bestimmten 
Entwicklungsgang zuerkennt, während er der anderen Phantasie eine solche 
selbständige Existenz versagt. Doch ist dies wieder die Forderung des Systems, 
in welchem nicht alle Phantasien von gleichem Range sind, sondern um so 
bedeutungsvoller, je mehr sie an den Kern rühren. Der Kern aber, dem alles 
andere entsprießt, ist der Ödipuskomplex. Daß man sich im Rahmen des 
Systems an diese Wertverteilung zu halten hat, wird durch eine ganze Reihe 
von klinischen Beobachtungen bezeugt. 

III. Als drittes Beispiel nehmen wir die Ableitung eines allgemeinen seeli- 
schen Gesetzes. Das Lustprinzip, als ein Grundpfeiler des Seelenlebens, hat 
schon vor Freud viele psychologische Theorien beschäftigt. Auch Freud 
stand lange auf dem Standpunkt, daß dies das allgemeinste Seelengesetz sei 
und die Realitätsanpassung nur eine reifere Umformung desselben. Später 
jedoch stellt er, wie er dies in seinem Werke „Jenseits des Lustprinzips" ent- 
wickelt (47), eine noch allgemeinere Grundfunktion fest, eine Funktion, welche 
die Herabsetzung der Reizspannungen im seelischen Apparat bezweckt. Dem 
Lustprinzip gibt er nur im Rahmen dieser Funktion Platz und stellt eine 
andere, nicht unmittelbar auf die Lust gerichtete Tendenz, den Wiederholungs- 
zwang, im Dienste dieser allgemeinen Funktion dem Lustprinzip voran. Wir 
wollen nun prüfen, welche Schritte Freud zur Erkenntnis und zur begriff- 
lichen Platzzuweisung des Wiederholungszwanges geführt haben. Diese Prüfung 
ist um so wichtiger, da die neuere Triebtheorie Freuds, welche zwei Grup- 
pen der Triebe, die Lebens- und Todestriebe unterscheidet, auf diese Erkennt- 
nis, bzw. auf diesen logischen Aufbau gegründet ist. 

1. Der erste Schritt sucht nach Orientierung in den seelischen Erscheinun- 
gen, um Erklärung für die viele Pein und Unannehmlichkeit zu erhalten, die 
uns trotz der angeblichen Herrschaft des Lustprinzips betreffen. Als solche 
Erklärungen bieten sich das schon erwähnte Realitätsprinzip, ferner die Spal- 
tung des seelischen Apparats, welche es zur Folge haben kann, daß das, was 
für die eine Schicht lustvoll ist, die andere unlustvoll berührt. Besonders gilt 



dies für die verdrängten unbewußten "Wunschregungen, denen dieses Schicksal 
gerade darum zuteil wurde, weil sie, ihrem Drang nach Befriedigung zum 
Trotze, für das erwachsene Ich nur Scham, Unlust, Not und Schuldbewußt- 
sein bringen würden. Auf viele Unlust stößt ferner die Seele einfach durch 
die blinden, die Absichten der Seele naturgemäß nicht würdigenden Ein- 
wirkungen der Außenwelt. 

2. Gewisse Beobachtungen scheinen darauf zu verweisen, daß wir das Lust- 
prinzip nur aus theoretischer Voreingenommenheit auf bestimmte Er- 
scheinungen übertragen. Diese Erscheinungen gehören formell alle in eine 
Gruppe, indem sie das gleiche unlustvolle Erlebnis oft wiederholen lassen. Das 
zeigt sich in den Träumen der an traumatischer Neurose Erkrankten, aber 
auch in dem Spiele eines genau beobachteten iV 2 Jahre alten Kindes, das die 
ihm schmerzliche Trennung von der täglich fortgehenden Mutter mit dem 
Wegwerfen von Gegenständen wiederholte. "Wenn es uns beliebt, so können 
wir für jeden dieser Fälle eine solche Erklärung finden, welche die Geltung 
des Lustprinzips nicht aufhebt; eine solche kann z. B. im Kinderspiel die- 
jenige sein, wonach das Kind selber aktiv wird, seine niedergehaltenen aggres- 
siven Affekte dadurch abreagieren kann, daß es den Großen spielt. Da das 
Lustprinzip — wenn auch in nicht so primitiver Form, wie wir es vom Traum 
oder vom Kleinkind erwarten würden — , dennoch bewahrt bleibt, können 
wir hier noch keine Entscheidung gegen die allgemeine Geltung des Lust- 
prinzips und für das Bestehen eines Wiederholungszwanges erwarten. 

3. Es sind wieder die in der Analyse beobachtbaren Erscheinungen, die 
den entscheidenden Beweis liefern. Wenn wir den Analysanden zur Er- 
innerung nötigen, so entspricht er eine Weile dieser Aufgabe; später jedoch 
tritt immer stärker in Erscheinung, daß das von ihm Produzierte nicht mehr 
Erinnerung im psychologischen Sinne des Wortes ist, sondern die Wieder- 
holung längst überlebter Situationen, Konflikte und Gefühlseinstellungen. 
Diese Wiederholungen steigen aus dem verdrängten Unbewußten hervor 
und beziehen sich oft auf recht peinliche Erlebnisse. Der Analysand wird es 
selbst gewahr, daß sich die Wiederholung in jeder Weise über die Möglichkeit 
des Lustvollen hinwegsetzt. Es scheint hier etwas Elementares, Ursprüngliches, 
Triebhaftes zur Geltung zu kommen, etwas Elementareres, Ursprünglicheres, 
Triebhafteres als das Lustprinzip. Die Erscheinung hat etwas Dämonisches an 
sich, ähnlich dem Schicksal jener Menschen, denen oft nacheinander dasselbe 
Übel widerfuhr. Die klinische Beobachtung entscheidet also, bei unvor- 
eingenommener Anschauung der Tatsachen, für die Annahme eines primären 
Wiederholungszwanges. 

4. Der so festgesetzte neue Begriff kann nicht in der Luft hängen, er muß 
im analytischen Begriffssystem untergebracht werden. Das ist nur mit Hilfe 



88 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 



theoretischer Spekulationen zu vollziehen. Eine solche Spekulation geht vom 
Trauma aus, da ja die eigenartigen, das Trauma wiederholenden Träume der 
traumatischen Neurotiker stark genug ins Auge fallen. Eine mögliche Kon- 
struktion der Seele kann — nach Erprobung mehrerer Annahmen — die 
sein, daß sie gegen die auf sie einwirkenden kleineren Kräfte mit Hilfe der 
Angstentwicklung Gegenkräfte mobilisiert, einer unvorbereiteten und großen 
Einwirkung gegenüber jedoch schutzlos ist und völlig entkräftet werden 
kann. Der vom Trauma Betroffene sucht sich in die traumatische Situation 
wieder hineinzuversetzen, um durch Herbeiführung einer Angstentwicklung 
das damals Unterlassene jetzt nachzuholen. Damit wird die Beziehung des 
ein solches Trauma wiederholenden Zwanges zum Lustprinzip deutlicher: er 
schafft die Grundlage dafür, daß es sich später geltend machen kann. 

5. Die Spekulation anderer Richtung knüpft sich an den Punkt, wo die 
Triebähnlichkeit des Wiederholungszwanges ersichtlich wird. Was kann die 
Beziehung zwischen Trieb und Wiederholungszwang sein? Freud bespricht 
hier nicht die theoretisch möglichen Beziehungen — so z. B. die, daß der 
Wiederholungszwang die Triebkraft von irgendwo entlehnt oder daß dies 
nur ein Schein wäre und was sich in ihm zeigt, keine Triebkraft sei, sondern 
das Ganze eine Grenz erscheinung zwischen Triebäußerung und Lustquellen 
darstelle. Die Überlegungen Freuds gehen hier geraden Wegs der Richtung 
zu, im Wiederholungszwang eine Triebeigenschaft zu erblicken. Sein Ge- 
dankengang ist, kurz gefaßt, der folgende: 

Das traumatische Erlebnis ist gezwungen, sich in Wiederholungen zu repro- 
duzieren; 

die Triebenergie, besäße sie keine Schranken, würde die Seele überschwem- 
men, ein traumatisches Erlebnis hervorrufen: folglich 

ist die Triebenergie gezwungen, sich in Wiederholungen zu reproduzieren. 

Wenn wir nun die Triebenergie auf die Entstehungszeit zurückverlegen, so 
können wir dasselbe auch so ausdrücken, daß der Trieb selbst die Wieder- 
holung eines Traumas, der Zwang zur Herstellung eines alten traumatischen 
Zustandes sei. 

Die heiklen Punkte der Beweisführung springen ins Auge. Es ist nirgends 
ausgesagt, daß sich nur ein traumatisches Erlebnis in Wiederholungen repro- 
duzieren muß, da doch dies auch im allgemeinen die primäre Reaktion gegen 
alles sein kann. Ferner läßt es sich auch vorstellen, daß die Schranke der 
Triebenergie die Lust selbst ist, welche, diese Energie absorbierend, dem Trieb 
das weitere Einwirken auf das Ich nicht gestattet: in diesem Falle wäre es 
unnötig, für die Einschränkung des lustvollen Triebes eine besondere Funktion 
anzunehmen. Endlich aber kann daraus, daß die Triebenergie sich in Wieder- 
holungen reproduzieren muß, noch nicht gefolgert werden, daß die Trieb- 






energie selbst das Resultat einer solchen, Wiederholungen produzierenden 
Kraft sei, da wir nicht einmal wissen, ob von ihrer Entstehung überhaupt 
gesprochen werden kann. 

Wir sind damit zum springenden Punkt der ganzen Ableitung gelangt, zur 
Frage, daß, wenn alle diese Möglichkeiten bestehen, warum sich Freud 
gerade für jene entschied? Wir glauben, daß es auch hier nicht schwer fällt, die 
hinter jeder Schlußfolgerung bestehende Voraussetzung zu finden: den ein- 
deutigen, verständlichen Zusammenhang der Seele. Der außerhalb des ana- 
lytischen Kontinuums stehende Trieb wird, indem er nur alte Traumen zu 
wiederholen trachtet, wie schon angedeutet, wenigstens durch seine Repräsen- 
tanten, sofort zum Gliede des Systems. 

Das Resultat unserer drei Beispiele zusammenfassend, sehen wir in jedem 
die wunderbare Beobachtungsgabe, die unvergleichlich scharfe Beleuchtung 
der Übereinstimmungen, die Unvoreingenommenheit im Herausfühlen der Zu- 
sammenhänge und eine spekulative Anschauungsweise vom "Wesen dieser Zu- 
sammenhänge, welche ein festes Bestreben nach der Aufrechterhaltung und 
dem Weiterbau des bisher bewahrheiteten Systems widerspiegelt. Erweckt 
dies alles subjektiv auch den Eindruck der wissenschaftlichen Kühnheit, ob- 
jektiv muß festgestellt werden, daß der Gang einer jeden Wissenschaft den- 
selben Charakter aufweist. Die Physik arbeitet ständig daran, ihre neueren 
Beobachtungen dem Rahmen ihres Systems einzufügen und wenn das System 
schon umzukippen droht, so kommt ein neues, welches für den Fernstehenden 
dem vorigen diametral entgegengesetzt zu sein scheint, in Wirklichkeit jedoch 
nur eine Erweiterung und Verallgemeinerung des älteren darstellt. Dieselbe 
Anhänglichkeit zum bestehenden System und seine dennoch erfolgende Er- 
weiterung jenseits der alten Grenzen ist es, was die Psychoanalyse, als wissen- 
schaftliche Methode, in ihrem jetzigen Entwicklungsstand kennzeichnet. 

Wir fühlen, daß die Bedenken noch nicht ganz gelöst, die Überzeugung 
noch nicht vollständig ist. Es mögen darum hier zwei Zitate nebeneinander- 
gestellt werden, eins von Freud, das andere vom Physiker Reichenbach. 
Der eine beschreibt seine eigene Arbeitsweise, der andere die seiner Wissen- 
schaft. 

Freud sagt folgendes: „Die Durchführung dieser Idee ist jedenfalls nicht 
anders möglich, als daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit bloß 
Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der Beobachtung entfernt. 
Man weiß, daß das Endergebnis um so unverläßlicher wird, je öfter man dies 
während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der Grad der Unsicherheit ist 
nicht angebbar. Man kann dabei glücklich geraten haben oder schmählich in 
die Irre gegangen sein . . . Man darf unerbittlich Theorien abweisen, denen 



schon die ersten Schritte in der Analyse der Beobachtung widersprechen und 
kann dabei doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt, doch 
nur eine vorläufige ist." „Man muß geduldig sein und auf weitere Mittel und 
Anlässe zur Forschung warten. Auch bereit bleiben, einen Weg wieder zu 
verlassen, den man eine Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts Gutem zu 
führen scheint" (47). 

Reichenbach stellt folgendes fest: „Vielleicht mag es dem Fernstehenden 
etwas rasch vorkommen, wie wir hier das Rutherfordsche Planetenmodell 
begründen; mancher hat sich wohl vorgestellt, daß die Physik wesentlich vor- 
sichtiger vorgeht, daß sie viel besser gesichertes Erfahrungsmaterial zusammen- 
trägt, ehe sie derart weitgehende Schlüsse daraus zieht. Wir müssen jedoch 
antworten, daß eine solche Meinung die Physiker zu sehr nach den Idealen ge- 
wisser Schulmeister beurteilt, die der Naturwissenschaft gern den Rang einer 
streng deduzierenden Wissenschaft verleihen möchten — was sie nun einmal 
nicht ist. Der Physiker von heute ist ein kühner Spekulant, er probiert es mit 
neuen Ansätzen auch wenn er noch gar keine wirklich zwingenden Gründe 
dafür hat. Freilich braucht man deshalb noch nicht zu befürchten, daß die 
Physik nun eine spekulative Wissenschaft sei; denn ob die Ansätze der Phy- 
siker von der Physik angenommen werden, entscheidet sich erst viel später, 
je nachdem, ob sie sich bewährt haben oder nicht. Der Physiker ist in der 
glücklichen Lage, spekulieren zu dürfen, weil er hinterher die Erfahrung 
fragen kann, ob sich seine Ansätze in allen Konsequenzen bestätigen . . . frei- 
lich . . . muß der Verstand bereit sein, sich vor neuen Tatsachen zu beugen 
und das Urteil ,wahr oder falsch' von der Beobachtung der Natur zu emp- 
fangen" (54). 

6. Leitlinien der psychoanalytischen Erklärungsweisen 

Auf Grund des im vorigen Abschnitt Entwickelten versuchen wir nun die 
Leitlinien des psychoanalytischen Denksystems, soweit sie faßbar sind, zu 
fixieren. 

1. Zuförderst mag festgehalten werden, daß die „Prioritäten" des Freud- 
schen Erklärungssystems — Triebprioritäten, Priorität des Ödipuskonfliktes 
als Spezialfall der Triebpriorität, mechanische Bewahrung der Kontinuität der 
Person — die Grundlagen zu Kausalketten bilden. Nach den früheren 
Ausführungen über das Wesen des analytischen Sinnes mag sich dies nicht so 
wunderlich anhören. Das Merkwürdige der analytischen Methode ist es eben, 
daß das praktische Verfahren mit Sinnesdeutung und Kausalkräften arbeitet, 
das wissenschaftliche System von kausalitätsbegründenden Gliedern 
ausgeht und so zur Sinnesdeutung gelangt. 



Leitlinien der psychoanalytischen Erklärungsweisen 91 

: — y 

2. Der blinde Trieb, die mechanischen Wiederholungen passen gut in eine 
bestimmte Wissenschaftsauffassung: in die mechanistische, welche im 
scharfen Gegensatz zur — innere Belebung atmenden — vitalistischen 
steht. Keine dieser polaren Wissenschaftsauffassungen ist spezifisch für die 
Analyse, beide haben ihre Voraussetzungen außerhalb der Analyse, doch ist 
Freud eher der ersten, Ferenczi der zweiten Auffassung zugeneigt. Bei 
Freud hört die Analyse mit den Trieben auf, bei Ferenczi beginnt die 
wichtigste analytische Deutungskunst eigentlich erst bei den Trieben und führt 
zur Bioanalyse. Ferenczi will auch keinen Wiederholungszwang anerkennen, 
sondern sieht die inneren Kräfte in ständigem Kampf und Drang nach Lust. 

3. Die Triebpriorität verweist auch auf die Niveau-Höhe des Unbewußten. 
Das Unbewußte als eine seelische Instanz muß — das biologische Niveau als 
Nullpunkt betrachtet — höher liegen und in ihm gibt es keine Triebe, son- 
dern nur Triebrepräsentanten. In dieser Höhen-Bestimmung liegt ein ge- 
waltiger Unterschied gegenüber anderen Auffassungen des Unbewußten. Das 
Unbewußte von Hartmann liegt z. B. ganz im biologischen Niveau. Aber 
eben deswegen ist das Hartmannsche Unbewußte allwissend und auch pro- 
phetisch, nämlich in betreff der eigenen Person — das Freudsche Unbewußte 
aber nicht. 

4. Die Triebpriorität, die Priorität des Ödipus-Konfliktes, die Sublimierungs- 
theorie, entsprechen einer Auffassung der Entwicklung epigenetischer Art, 
im Gegensatz zu den Präformations-Auffassungen, in deren Sinne wir einige 
kritische Bemerkungen im letzten Abschnitt getan haben. 31 Die Psychoanalyse 
ist ihrer inneren Struktur nach, wenigstens relativ, epigenetisch orientiert. 
Sehr viele Kritiker der Psychoanalyse haben nicht beachtet, daß sie psycho- 
analytische Anschauungen auf die Wagschale zu legen vermeinen, wenn sie 
von einer anderen Entwicklungsidee aus oder gar aus einer Verneinung der 
Entwicklungsidee überhaupt (auf idealistischer, phänomenologischer, absoluter 
Grundlage) Teilfolgerungen beanstanden, ohne den Unterschied des Stand- 
punktes klar ausgearbeitet zu haben. Dies betrifft besonders die Kritiker der 
psychoanalytischen Theorie des Ethischen und des Religiösen. 

j. Der Annahme einer sukzessiven Entwicklung widerspricht in gewisser 
Hinsicht die ursächliche Rolle, welche dem Trauma zugesprochen wird, 
doch wird sie durch das „Individualniveau" der Seeleninhalte begründbar. Die 

31) Die in der Biologie prinzipielle Frage wird von E. Laqueur folgend aufgestellt: „Ist 
die außerordentliche Mannigfaltigkeit im Körper des erwachsenen Individuums schon als 
ebenso große, wenn auch zum Teil unsichtbar, im Keim vorhanden (Präformation), oder ist 
der Keim einfach, und besteht die Entwicklung wirklich in Neuschaffung vorher gar nicht 
angelegter Mannigfaltigkeit (Epigenese)?" Seiner Antwort nach ist die Hauptfrage des Pro- 
blems keiner einheitlichen prinzipiellen Lösung fähig. (Entwicklungsmechanik tierischer Or- 
ganismen. In: Allgemeine Biologie. Kultur d. Gegenwart, III. Teil, IV. Abteilung, 191 5, S. 321.) 



92 Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

hysterischen Symptome sollen ursprünglich traumatischen Erlebnissen ent- 
sprungen sein, die Uber-Ich-Bildung soll im traumatischen Zerfall des ödipus- 
Komplexes ihren Entwicklungs-Motor finden und die Triebe sollen, wie wir 
sahen, traumatische Einwirkungen reproduzieren. Das Trauma kann eine 
unstetige Veränderung verständlich machen, die nicht im Entwicklungsplan 
liegt, und daher seine Rolle im Aufbau. Die Psychoanalyse nimmt — ihrer 
Erfahrung der Heilbarkeit der Neurosen gemäß — nicht im Entwicklungsplan 
liegende Veränderungen an und nur diese Annahme versichert die Mög- 
lichkeit, die Veränderung rückgängig zu machen, d. h. die Heilung. So ist 
es verständlich, daß die Katharsis-Lehre mit der Lehre der traumatischen 
Ätiologie einherging und Ferenczi mußte, als er auch der Therapie weitere 
Aufgaben — Veränderung scheinbarer „Dispositionen" — steckte, zu einer 
Neokatharsis und Auffrischung der Lehre vom Trauma gelangen. Überhaupt 
muß festgestellt werden, daß eine Behandlung der Neurosen nur insoweit 
sinngemäß sein kann, als man in ihnen zurückwandelbare Veränderungen und 
keine unbedingten Entwicklungen, keine dispositionellen, unbedingten Reak- 
tionen sieht. Die Auffassung vom traumatischen Ursprung widerspricht am 
entschiedensten der dispositionellen Theorie, wenn auch die Reaktion auf das 
Trauma in bestimmter, noch unaufgeklärter Art präformierte oder epigene- 
tisch entstandene dispositionelle Momente annehmen kann, ja sogar muß — 
im Sinne der Auffassung der Freudschen „Ergänzungsreihen". Die kon- 
sequente Durchführung einer Trauma-Lehre hat den Vorzug, daß sie nur 
„Auslösungen" und keine unbedingten Entwicklungszustände kennt. Sie soll 
natürlich nur die psychische Entwicklungslehre ergänzen und sie nicht voll- 
ständig verdrängen: die normalen Erscheinungen sind Produkte der Entwick- 
lung, die abnormalen sind Produkte von Traumen; zwischen diese fällt eine 
Zone der Verursachung 32 durch typische Traumen. 

Nimmt man an, daß jeder Schritt einer Entwicklung — ist sie nicht prä- 
formiert — eine Veränderung, eine Reaktion auf ein Trauma sei, so 
hat man eine Brücke zwischen der epigenetischen Auffassung der Entwick- 
lung und der zu erklärenden Tatsache der Entstehung neuer Formen geschlagen. 
Nicht nur in der Psychoanalyse stehen die Auffassung der Katharsis (des 
Spiegelbildes des Traumas) und die epigenetische Betrachtung nebeneinander. 
Aristoteles, der Schöpfer der (medizinischen) Lehre von der Katharsis, war 
ein entschiedener Gegner der platonischen Lehre von der Präexistenz der 
Ideen; er bekannte sich zu einem stetigen Entwicklungsgang der Lebewesen 
von einer potentiellen Grundlage aus, wenn er auch der — unstetigen — 
generatio aequivoca Raum ließ. Und Goethe, an den wir uns bei der Inter- 



32) Der Zusammenhang Trauma — Entstehung neuer Formen ist in die Cu vier sehe anti- 
evolutionistische Theorie der „Katastrophen" eingearbeitet. 



Leitlinien der psychoanalytischen Erklärungsweisen 93 

pretation der aristotelischen Katharsis-Lehre wenden konnten, war ein aus- 
gesprochener Anhänger der damals jungen Lehre von der Epigenese. Er 
schreibt, seine „Metamorphose der Pflanzen" (1790) habe eine kalte, faßt un- 
freundliche Begegnung erfahren. „Solcher "Widerwille jedoch war ganz natür- 
lich; die Einschachtelungslehre, der Begriff von Präformation, von suk- 
zessiver Entwicklung des von Adams Zeiten her schon Vorhandenen, hatte 
sich selbst der besten Köpfe im allgemeinen bemächtigt" (jj). 

"Wichtig ist auch die Erkenntnis, daß der Analytiker, je individualisti- 
scher er eingestellt ist, um so eher im Individualniveau Traumen aufzeigen 
kann; — je mehr das Auffinden allgemeiner Gesetzmäßigkeiten in seiner Denk- 
richtung liegt, desto mehr werden Traumen von ihm in den Hintergrund 
gestellt (56). 

6. Bei Freud ist die Metapsychologie, d. h. die Einführung der zu Grund- 
lagen der Naturwissenschaften gewordenen Begriffe: quantifizierbare Energie, 
Raum und Kausalität ein sichtbar wertvolleres Erklärungssystem als es die 
deutbaren Sinneszusammenhänge ergeben. Freud übersetzt die Resultate der 
Psychoanalyse gewissermaßen in die Sprache der Physik und glaubt dadurch 
ein festeres Gebäude errichtet zu haben. Unser — eben von der Physik ge- 
borgter — methodologischer Standpunkt, daß nämlich nur kontrollierbare 
Begriffe eingeführt werden mögen, ist hier einer starken Probe ausgesetzt. 
Es ist — trotz den Bemühungen von Bernfeld und Feitelberg (57) noch 
niemandem gelungen, die Begriffe der Metapsychologie in kontrollierbarer Art 
zu fassen. Nur nach Rückübersetzung in das Analytisch-Psychische wird eine 
Kontrolle — eben in der analytischen Methode — möglich. Wozu dann die 
Metapsychologie? 

Eine noch gewagtere Anwendung dieses Standpunktwechsels führt hier 
weiter. Ferenczi hat den Standpunkt des Utraquismus als eine besondere 
Methode empfohlen. Er sagt: „Allmählich erstarkte in mir . . . die Über- 
zeugung, daß ein solches Hineintragen naturwissenschaftlicher Begriffe in die 
Psychologie und psychologischer in die Naturwissenschaften unvermeidlich 
ist und außerordentlich fördernd sein kann ... In späteren Arbeiten scheute 
ich mich denn auch nicht mehr, diese Arbeitsweise, die ich eine utraquisti- 
sche nannte, zu empfehlen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sie der 
Wissenschaft gestatten wird, auch Fragen zu beantworten, denen sie bisher 
hilflos gegenüberstand. — Ist es aber einmal gestattet, von den bisher ver- 
schmähten Analogien ausgiebigeren Gebrauch zu machen, so ist es nur zu 
natürlich, daß diese von einem möglichst entfernten Gebiete geholt werden 
sollen. Analogien, die von verwandten Gebieten herstammen, würden ja nur 
wie Tautologien wirken und hätten als solche keine Beweiskraft. In wissen- 
schaftlichen Sätzen, die nicht analytische, sondern synthetische Urteile sein 



wollen, darf sich das Subjekt in der Aussage nicht wiederholen; diese ist auch 
die bekannte Grundregel jeder Definition. Oder um uns eines Gleichnisses 
zu bedienen: Materialien werden gewöhnlich mit artfremden Stoffen gemessen. 
So kommen wir unwillkürlich auch dazu, das Stoffliche am Nichtstofflichen zu 
messen und umgekehrt. — Die knappste Formulierung dieser Erkenntnis wäre 
die, daß alles Physikalische und Physiologische schließlich auch einer „meta"- 
physischen (psychologischen) und jede Psychologie einer meta-psychologischen 
(physikalischen) Erklärung bedarf" (n). 

Ferenczi könnte sich als einen „Utraquisten" bereits auf Fechner be- 
rufen, der in der Psychophysik ebenfalls vom Standpunktwechsel spricht. 

Wo blieb hier noch etwas von einer Methode mit kontrollierbaren Be- 
griffen? Borgen wir nochmals von der Physik, diesmal die Heisenbergsche 
Idee der Unbestimmtheitsrelation, nach welcher z. B. „im atomaren Prozesse 
gleichzeitige exakte Messung von Ort und Geschwindigkeit nicht ge- 
lingt" (j8). Es kann, wie es sofort klar wird, nicht gleichzeitig die analytische 
Methode und eine der physikalischen ähnliche Maßmethode angewendet wer- 
den; im Gegenteil, die analytische Methode verspricht nur dort Erfolg, wo 
das Kontinuum des Unbewußt-Seelischen, die physikalische aber nur dort, wo 
die Diskontinuität des Abgeschlossen-Materiellen in Frage steht. 

Mit anderen Worten: Die Metapsychologie wird unkontrollierbar ebendort, 
wo die Psychologie exakt arbeitet und umgekehrt. Wie dort nicht gleich- 
zeitig zwei Arten von Messungen, so können hier nicht gleichzeitig zwei 
Arten von Methoden angewendet werden. Aber es ist erlaubt, jedes Resultat 
der Methode auszudrücken, wie wenn es in der anderen gewonnen worden 
wäre, um am geeigneten Ort mit der adäquaten Methode eingreifen zu 
können. 



IV. Die Kontrolle 
i. Zur Kontrolle der Begriffe 

Im Laufe unserer Untersuchung ist uns die Aufgabe der Kontrolle an 
mehreren Stellen begegnet; nun soll diese Aufgabe einer systematischen Prü- 
fung unterworfen werden. 

Die Forderung, unsere Aussagen sollen durch ausführbare Handlungen 
kontrollierbar sein, legt auch der Verwendung der Begriffe Schranken auf. 
Um eine Aussage kontrollierbar zu gestalten, müssen auch die in sie eingehen- 
den Begriffe solcherart sein. Was soll das aber in der Psychoanalyse bedeuten? 
Die Begriffe Übertragung, Widerstand, Kontinuität, Determiniertheit, Sinn, 
sind in unserer Methodenlehre diesem Prinzipe gemäß bestimmt. Dasselbe 
wie für das Methodische wäre aber auch für das Inhaltliche durchzuführen. 



Zur Kontrolle der Begriffe 95 



Daß die psychoanalytische Begriffsanwendung solcher Kontrolle bedarf, be- 
zeigt am besten die Verwendung der Begriffe Aktivität resp. Passivität in der 
Bestimmung des Sexualcharakters. 

Aktivität und Männlichkeit werden in der analytischen Literatur 
oft als Korrelatbegriffe nebeneinander gestellt. In einer Definition heißt es: 
„Aktiv nennt man ein Individuum, das sein Sexualobjekt angreift, es erobert, 
passiv dagegen ist dasjenige, das sich dem Partner hingibt. Es ist uns allen 
geläufig, daß die erstgenannte Handlung im Liebesleben in der Regel vom 
Männchen angenommen wird, während das "Weibchen sich für gewöhnlich der 
passiven Verhaltungsweise bedient" (59). 

Demgegenüber muß folgendes festgestellt werden: 

Die Gleichstellung von männlich und aktiv kann gewissen Vorurteilen ent- 
springen; so identifiziert die Sexualmoral bestimmter Kulturperioden aktiv 
mit männlich, weil das „passive Weib" ihren Idealen entspricht. Durch diese 
Tendenz wird der Begriff Aktivität einer besonderen Art der Aktivität vor- 
behalten und die andersartige sexuelle Aktivität des Weibes, wie sie z. B. in 
der Koketterie und in der Verführung zutage tritt, nicht beachtet. Ferner 
ist es die neurotische Angst vieler Männer, die die Frau im Sexualakt passiv 
wissen will. Macht man sich von diesen kultur- und individualhistorisch be- 
dingten Befangenheiten frei, so muß zugegeben werden, daß die Aktivität des 
Weibes biologisch gut begründet ist (siehe das „Präsentieren" des Affenweib- 
chens); daß die unleugbar aktive Verführungs-Tendenz der Frau auch in der 
analytischen Situation deutlich zutage tritt; daß endlich die Annahme einer 
Passivität der Frau im Sexualakt auf der begrifflichen Verwirrung beruht, 
wonach „aktiv" mit „Eindringen" und „passiv" mit „empfangen" gleich- 
gesetzt wird: wahrheitsgemäß steht dem aktiven Eindringenwollen ein aktives 
Empfangenwollen gegenüber. 

Beim Vergleich der Aktivität des Mannes und des Weibes wäre vorerst zu 
entscheiden, wie wir den Grad der Aktivität abzumessen haben. Durch die 
Muskelaktionen? (ihre Intensität, Ausbreitung, Dauer?) Durch den Erfolg? 
Durch die verwendete Gedankenleistung? Durch das Unterwerfen des Willens 
eines anderen unter unseren eigenen? Durch den Grad der Initiative? Die 
Vernachlässigung eines dieser Gesichtpunkte bedeutet schon eine Vorein- 
genommenheit. 

Man könnte statt Messung des Grades eine prägnante Begriffsbestimmung 
versuchen. So schlägt Freud vor, dem Manne einen Trieb mit aktivem Ziel, 
der Frau einen Trieb mit passivem Ziel, d. h. dem Manne das Streben nach 
Lieben, der Frau das Streben nach Geliebtwerden zuzuordnen (60). Mir 
scheint aber, daß der Wunsch nach Lieben und Geliebtwerden im Gesunden 
nur verlötet in Erscheinung treten und die Isolierung nur künstlich geschehen 



kann, -wohingegen Männer und Frauen tatsächlich trennbar sind. Auch der 
Versuch von Bergler und Eideiberg, wonach aktiv mit geben und passiv 
mit aufnehmen gleichbedeutend wäre (61), versagt, da, wenn man auch „sagen" 
kann, der Mann gebe seinen Penis der Frau, man ebenso gut sagen kann, die 
Frau gebe ihre Genitalien — oder auch „sich selbst" — dem Manne; auch 
nimmt der Mann durch Umarmung die Frau auf. Dieser letzteren Begriffs- 
bestimmung liegt ein exquisit materialistischer Standpunkt zugrunde, welcher 
in der Psychologie doch zu vermeiden wäre. 

Selbstverständlich könnte durch einen definitorischen Machtwillen „männ- 
lich" und „aktiv" gleichgestellt werden; nur wird man dadurch in selbst- 
verursachte Verwicklungen geraten (z. B. „passive Rolle des saugenden Mun- 
des" [62], in der Mütterlichkeit kommt die Männlichkeit der Frau zu 
Worte [59]). Die obigen Auseinandersetzungen betreffen aber nicht nur die 
Definition. Ich glaube nicht, daß die Analyse einer Frau gelingen kann, wenn 
man ihr vorhält, sie wäre in ihrem Sexualleben „männlich", wenn sie aktiv ist. 

So schlagen wir vor, die allgemeinen Begriffe Aktivität und Passivität in 
der Bestimmung des Sexualcharakters überhaupt nicht zu verwenden, sondern 
statt dieser konkretere, von Erscheinung zu Erscheinung wechselnde, be- 
schreibende Begriffe. Dies wäre aber nur ein negativer Vorschlag. 

Als positiver Vorschlag zur Kontrollierbarkeit wäre folgendes zu sagen: 

1. Achtung auf die eindeutige Verwendung der Begriffe. So ist es eine 
laxe Redensart, worauf schon Freud aufmerksam gemacht hat, wenn man 
unter dem Kastrationskomplex Trennungserscheinungen anderer, nicht-geni- 
taler Art verstehen will. Ich habe bereits den Vorschlag gemacht, bei den in 
den Kastrationskomplex eingehenden anderen Trennungserscheinungen den 
Terminus „Modell zum Kastrationskomplex" zu gebrauchen (63). 

Unter Projektion wird zweierlei verstanden: erstens die Erscheinung, 
wenn die Ursache eines Geschehens nicht, wie richtig, im eigenen Ich, sondern 
außer diesem gesucht wird (z. B. ich hasse ihn, weil er mich verfolgt, statt 
ich hasse ihn, weil ich ihn liebe, aber nicht lieben darf). Zweitens, wenn ein 
inneres Geschehen in der Außenwelt wiedergefunden wird (z. B. ich bin 
traurig und alles ist grau in meiner Umgebung). Diese zweite Denkart sollte 
ejektive Objektivierung heißen. 

Auch bei der Verwendung des Begriffes Uber-Ich wird verschiedenes ver- 
standen, was daraus ersichtlich ist, daß ein Über-Ich-Kern nur dem männ- 
lichen Geschlecht zuerkannt wird, doch die allgemeine Theorie der Neurosen, 
bei welcher also auch die Neurosen des Weibes mitgemeint sind, mit dem Be- 
griff Über-Ich operiert. 

Die Freudsche Bestimmung läßt das Über-Ich in der Phase des Unter- 
ganges des Ödipuskonfliktes entstehen, doch wird von einem präödipalen 



Über-Ich gesprochen. Auch die Allgemeinheit der Existenz eines Uber-Ichs 
wird von Freud selbst bestritten, die meisten Leute sollen doch einfach aus 
sozialer Furcht „moralisch" sein (64), doch wird das Schema der Seele stets 
mit einem Über-Ich versehen gezeichnet. 

Hier schlug ich vor, von einem Pseudo-Über-Ich (65) zu sprechen, wenn 
die moralische Instanz kein integrierender und separierter Teil der Seele ist, 
sondern nur durch die Einreihung des eigenen Ichs in das kollektive Ich die 
moralischen Nötigungen erfährt. 

Unter Identifizierung wird gar dreierlei verstanden (eine Stellvertre- 
tung, eine Platzzuweisung neben anderen und eine überfließende Vereini- 
gung) (24). 

2. Die eindeutige Verwendung der Begriffe bildet jedoch nur eine erste 
Grundlage der Kontrolle. Es muß gefordert werden, a) daß dem Begriff 
wenigstens ein — kontrollierbares — spezifisches Merkmal beigestellt 
werde; b) daß diejenige psychische Konstellation, diejenigen psychischen Be- 
gleitumstände bekanntgegeben werden, mit welchen die Anwesenheit des 
in Frage stehenden Begriffsinhalts stets vergesellschaftet ist. 

So ist im Falle der Projektion resp. der ejektiven Objektivierung das spe- 
zifische, kontrollierbare Merkmal bei der ersten die Bearbeitung der Ursache 
des Geschehens, bei der zweiten das Überfließenlassen innerer Zustände in 
äußere. Als Begleitumstände können für die Projektion eine komplexe Riech- 
und "Wärmeorientierung, für die ejektive Objektivierung eine einfache "Wärme- 
orientierung festgestellt werden. Bei der paranoischen Projektion kann und 
muß der Nachweis einer dominierenden Riech- und "Wärmeorientierung stets 
gelingen (z. B. sehr schön im Falle Schreber) (24). 

Für den Begriff des echten Uber-Ichs sind gemäß seinem Aufbau die Mög- 
lichkeiten der Kontrolle viel verwickelter. Freud fand im echten Über-Ich 
eine innere ich-artige moralische Instanz, und zwar eine innere in dem Sinne, 
daß diese Instanz nicht gleichbedeutend mit dem Furchtzentrum vor äußerer 
Strafe sei. Das echte Über-Ich soll die Eigenschaften eines seelischen Systems 
besitzen. Diese Beschreibung enthält schon den Hinweis auf die Richtung der 
Kontrolle. Man muß stets beweisen können, daß das "Wirken der in Frage 
stehenden Befehle von der Anwesenheit äußerer furchteinflößender Personen 
unabhängig ist und daß nicht ein seelischer Inhalt, sondern ein System in 
"Wirkung getreten ist. 

Das erste Kriterium läuft auf die verwickelte Psychologie der Bewertung 
der Nichtanwesenden aus. "War ein Signal für das Vorhandensein eines Futters 
angegeben, das Futter jedoch noch eine Zeitlang verborgen gehalten, so suchen 
darnach Tiere nicht unbedingt (66). Haben Affen allerlei Sitten erlernt und 
führen sich auch nach diesen Sitten in der Anwesenheit des sie dominierenden 

Hermann, Psa. als Methode. 7 



Führeraffen oder Menschen auf, so genügt die Abwesenheit des Dominieren- 
den, um alles Erlernte in den Schutt zu werfen. Affen wollen sich von der 
Leiche ihres Liebespartners oder Kindes nicht trennen, doch geben sie nach 
der gewaltsamen Trennung kein Zeichen einer tiefen Verbundenheit. Auch 
ganz kleine Kinder weinen nicht während der Abwesenheit der Mutter, son- 
dern bei der Trennung und bei der Wiederbegegnung. Alle diese Erscheinun- 
gen bilden ein Analogon zur Tatsache, daß das Unbewußte keine Verneinung 
kennt. Zur Treue zum Nichtanwesenden führt erst ein neuer Entwick- 
lungsschritt. Diese Entwicklungsrichtung ist nach Freud mit dem Schicksal 
der Kastrationsangst verwoben; das wird verständlich, wenn man sich ver- 
gegenwärtigt, daß die Kastration mit der Negation in enger Korrespondenz 
steht und das Ausweichen vor dem im Sinne der Angst zur Kastration führen- 
den Situation mit der Errichtung einer die Abwesenheit bewertenden Ein- 
stellung Hand in Hand geht. Doch wäre es in der gesamten Frage des Über- 
Ichs eine Erleichterung, wenn diese ganze Entwicklungsrichtung statt an der 
Kastrationsangst, d. h. der spezialisierten Ablösung des Objektverlustes, allge- 
mein betrachtet an dem Objektverlust selbst hängen würde (67). Diese Ent- 
wicklung, welche durch das Respektieren des Nichtanwesenden zum Über-Ich 
führt, läuft parallel mit der Furcht und dem Respekt vor dem Toten. 
Tatsächlich ist erfahrungsgemäß die ständige Anwesenheit der Respekt- 
person (des Vaters) der Bildung eines echten Uber-Ichs hinderlich, die öftere 
Abwesenheit förderlich. 33 

Das zweite Kriterium, das aber von dem früheren nicht unabhängig ist, 
bezieht sich auf das "Wirken eines eigenen Systems. Ein System wird recht- 
mäßig nachgewiesen durch seine spezifische historische Entwicklung, durch 
sein spezifisches Bearbeitungsmaterial und durch seine spezifische Arbeits- 
weise. Das Es ist das ursprünglich-seelische, das Unbewußte außer diesem 
das durch Verdrängung abgespaltene, das Vorbewußte das durch die Ent- 
wicklung der Sprach- und Zeitbegriffe geschaffene, das Ich, das aus den 
Wahrnehmungen entsprossene System. Das Es arbeitet am Wirbel der Triebe, 
das Unbewußte auch an den Richtungskrümmungen, das Vorbewußte am 
Wortmaterial, das Ich an den Repräsentanten der Wahrnehmungen. Das Es 
und das Unbewußte arbeiten zeitlos und in Primärvorgängen, das Vorbewußte 
zeitlich geordnet und in Sekundärvorgängen, im Ich sind Lust- und Unlust- 
empfindungen entscheidend. Wie verhält sich das echte Über-Ich zu Be- 
stimmungen solcher Art? Der historische Entwicklungsweg wird von Freud 
kontrollierbar angegeben. Als Bearbeitungsmaterial bieten sich ideelle Werte 
von Moral und Logik. Die spezifische Arbeitsweise ist sodann — hier schließen 

33) Sekundär wird die Abwesenheit durch halluzinationsartige Gebilde, innere Bilder rück- 
gängig zu machen getrachtet. (Vorstellung von Gott.) 



Zur Kontrolle der psychoanalytischen Forschungsarbeit 99 

wir uns an das frühere Kriterium an — die Bewertung des Nichtanwesenden, 
vom Standpunkte des Es aus gesehen des Nichts. In der Widerspruchsfreiheit 
der Logik wird eben die Bewertung sämtlicher Aussagen, auch der nicht an- 
wesenden, ausgesprochen. Die Moral ihrerseits involviert die Bewertung längst 
verübter Taten. Sündhafte Taten sind auch Taten, welche nicht vergehen 
wollen, nicht vergessen werden können. 

Neben diesen spezifisch-kontrollierbaren Kriterien des echten Über-Ichs 
können noch Begleitumstände angegeben werden, welche sich besonders im 
Laufe der Analyse sehr auffallend zeigen. Es handelt sich um ein Kriterium 
des moralischen Charakters, wobei ein Gedanke von Bai int, der die Cha- 
raktereigenschaften als Eigenschaften der Liebesart auffaßt (32), zur "Wirksam- 
keit gelangt. "Wer nur ein Pseudo-Uber-Ich in der eigenen Seele enwickelt hat, 
wird leicht unmoralische Leute lieben können, wer von einem echten Über- 
ich geleitet wird, verspürt — wenn er in diese Eigenschaft eventuell durch 
kleine Zeichen Einsicht erhält — Abscheu im Verkehr mit moralisch nicht 
intakten Leuten. 

Freilich ist die wirkliche Sachlage infolge des undulierenden Charakters der 
Systeme mehr verwickelt, als es diese kurze Darstellung erkennen ließ. Das 
Schuldbewußtsein ist der Trennung des echten Über-Ichs vom kollek- 
tiven Pseudo-Über-Ich gemäß entweder diesem oder jenem zugehörig. "Wich- 
tige Unterschiede sind im Aufbau dieser Schuldbewußtseinsarten zweierlei 
Ursprungs festzustellen. Das kollektive Ich kennt noch keine absolute Sünde, 
der gegenüberstehende Beschämende oder Bestrafende darf sogar die böse Tat 
wiederholen und dies soll als Beschämung oder Abschreckung, aber nicht als 
Sünde wirken. Das echte Über-Ich hingegen bestimmt absolute Normen. 
Es äußert sich in Gehörs- und Schmerz-Symbolen, wohingegen das Pseudo- 
Über-Ich eher der Geruchs- und Temperaturorientierung unterworfen ist. 
Das Pseudo-Uber-Ich kennt keine Erlösung durch den Zeitablauf, während 
das echte Gewissen in der Reue und Strafe auf den Zeitablauf eingestellt 
werden kann. 

2. Zur Kontrolle der psychoanalytischen Forschungsarbeit 

Die Kontrolle der analytischen Forschungsarbeit hat nach zwei Richtungen 
hin zu erfolgen; erstens was die praktisch-therapeutische Deutungsarbeit, 
zweitens was den wissenschaftlichen Aufbau betrifft. 

A. Im praktisch-therapeutischen Deutungs-Verfahren könnten 
folgende Beweise des richtigen Vorgehens angeführt werden: 

1. Die Bestätigung erratener Vorfallenheiten. — Die Deutung 
kann bestätigt werden durch das Eingestehen, das Erratene tatsächlich ge- 

1* 



dacht zu haben oder tatsächlich in der erratenen Situation gewesen zu sein 
(z. B. in der Deutung eines Traumes findet der erratene verborgene Gedanke 
des Patienten Platz, etwas wäre „göttlich gut"; — der Patient erinnert sich 
dann, am Vortage in der Gesellschaft diesen Ausdruck tatsächlich gehört zu 
haben). Dann können äußere Bestätigungen erfolgen, z.B. durch Ange- 
hörige. Nicht nur die eigene Familie kann das Erratene nachträglich bestäti- 
gen. (Wenn jedoch der Vorfall von der Umgebung verneint wird, so kann auch 
die Verdrängung der Familienmitglieder im Spiele sein!) Der Zufall kann auch 
dazu führen, die Richtigkeit einer Deutungs-Annahme von ganz anderer 
Seite unvermutet zu erfahren. Hier führe ich noch die Umkehrung dieses 
Sachverhaltes an, wenn nämlich der Analytiker von der Umgebung 
einen Vorfall aus der Kindheit des Analysanden erfährt, welcher dem Ana- 
lysanden angeblich vollständig unbekannt geblieben ist. So nahm ich einen 
Knaben mit Zwangssymptomen in Analyse, dessen Stiefmutter mir im Ge- 
heimen erzählte, daß der Knabe sie als wirkliche Mutter kennt und nichts von 
der anderen Mutter weiß, die starb, als er noch ein Säugling war. Sie bat mich, 
das Geheimnis weiter zu bewahren. In den Träumen, in der Übertragung, in 
den Phantasien hat es sich aber immer klarer verraten, daß das Kind sein 
Schicksal und den frommen Betrug sehr gut — doch nur unbewußt — kannte. 
Ich deutete sein Material anfangs sehr vorsichtig in dieser Richtung, bis er 
selbst seine bis dahin auftauchenden Zweifel, z. B. bezüglich eines Geburts- 
zeugnisses, das ihm verheimlicht wurde, laut werden ließ. Auch frühkindliche 
Erinnerungen tauchten auf, welche darauf hinwiesen, wie er seine Stiefmutter 
als eine fremde Person empfand. [Nebenbei war der Fall ein schöner Beweis 
für die Auffassung, die ich über die Entstehung der Zwangsneurosen anderswo 
entwickelte (65).] 

2. Die weitere Aufschließung bisher verborgener Seelen- 
schichten. — Das wäre ein Teil der positiven psychoanalytischen Reak- 
tion. Wir wissen aber von Freud, daß es auch eine negative therapeutische 
Reaktion gibt, d. h. gerade bei einem richtigen „Treffer" unserer Deutung 
die Widerstände sich häufen. Daher ist die Sachlage zumeist die, daß die 
Richtigkeit einer Deutung nicht sogleich, sondern nur nachträglich, nach Ab- 
lauf einer kürzeren oder längeren Zeit kontrollierbar ist. Dann erst läßt sich 
der Entwicklungsgang des Analysenverlaufs durchblicken. 

Zu beachten ist jedoch, daß — auch bei einer so, durch den Verlauf der 
weiteren Arbeit kontrollierten Deutung — mit dieser Kontrolle eventuell 
nicht der ganze Inhalt der Deutung kontrolliert wird, sondern nur ein Teil 
desselben. Z. B. werden mit der Deutung: die Mutter besaß in der kindlichen 
Vorstellung einen Penis, gute Deutungs-Erfolge erzielt, und doch bezieht sich 
die Beweiskraft der Kontrolle nur auf die Vorstellung selbst und nicht auf ihre 



Zur Kontrolle der psychoanalytischen Forschungsarbeit 



originäre Natur, denn die weitere Aufschließung zeigt deutlich, daß die Geni- 
talien der Mutter, ganz besonders durch Geruchsempfindungen, vom väter- 
lichen unterschieden wurden und die Vorstellung der „phallischen Mutter" 
nur eine Schutzmaßnahme war. 

3. Der therapeutische Erfolg. — Bei diesem Kriterium der Kontrolle 
soll besonders kritisch vorgegangen werden. Wie schon bei der Frage der 
organischen Krankheiten angedeutet wurde, gibt es keinen eindeutigen Zu- 
sammenhang von Heilung und analytischer Deutungsarbeit. 

Bei der Frage der Beweiskraft der Heilung darf nicht außer acht gelassen 
werden, daß auch durch die Verbesserung, ja sogar durch die Verschlechterung 
der äußeren Umstände (Freud) Heilung sich einstellen kann, oder, daß sie auch 
während einer Analyse manchmal anscheinend spontan eintritt, oder wenn 
nicht spontan, so als Folge anderer, nicht analytischer Eingriffe. 34 Schließlich 
besteht die Möglichkeit, daß das Sistieren der Symptome nur eine 
Trugerscheinung ist: die Widerstände bringen auch dieses Negativum 
(s. bei der Besprechung der Widerstände) zustande, um dem tieferen, wahr- 
haftigeren Eingriff zu entgehen. Arzt und Kranker können durch solchen 
Widerstand auch an die Wand gestellt werden und nach 2 — 3 Monaten kann 
sich der Kranke von seinen Symptomen erlöst fühlen. Läßt sich der Analytiker 
nicht irreführen und gelingt es, die Arbeit fortzusetzen, dann merken erst 
beide, daß sie beinahe auf Sand gebaut hätten. Jedem, der es verstanden hat, 
welchen Eingriff die Psychoanalyse bedeutet, wird es klar, daß durch die Ar- 
beit einiger Monate die vollständige Offenbarung der Seele — natürlich immer 
nur in praktischem Sinne gemeint 35 — nur in seltenen Fällen erreicht werden 
kann. 

Wollen wir erfahren, worin die rein psychoanalytische Heilung besteht, 
jene, die als Beweis für die Richtigkeit der Deutungen gelten kann, so müssen 
wir, wenigstens skizzenhaft, auch die anderen Eingriffe während der Analyse 
kennenlernen. 

a) Am handgreiflichsten und der Analyse als Ur-Methode angehörig ist die 
Suggestion. Es besteht kein Zweifel, daß der Analytiker mit seinen An- 
spornungen, mit der Wiederholung seiner Deutungen, mit seinem Achthaben 
auf die Grundstimmung, besonders zur Zeit der positiven Übertragung, mit 
seinem zur Identifizierung reizendem Wissen und Können, reichliche Ge- 
legenheit für das Eintreten von Suggestionen gibt. Doch achtet er auch auf 



34) Dies ist nur scheinbar gleichgültig für den Kranken, dem die Hauptsache — so könnte 
man sagen — seine Genesung sei. Tatsächlich kann die Neurose auch mit Hilfe anderer 
Eingriffe geheilt werden, doch vermag die Psychoanalyse, durch ihre spezifische Eingriffsart, 
am radikalsten zu wirken. 

35) Man vergißt oft, daß eine wirkliche vollständige Auskundschaftung der Seele mit 
der vollständigen Lösung der Rätsel der Psychoanalyse gleichbedeutend wäre. 



Die Kontrolle 



ihre Stellung in der Behandlung, insofern er bestrebt ist, die suggestive Kraft 
nur bei der Bewältigung der "Widerstände zur Geltung kommen zu lassen, für 
seine eigene Person aber nicht die Autorität des Hypnotiseurs verlangt, nicht 
wie ein Vater oder eine Mutter respektiert werden will, auch keine Identifi- 
zierung mit seiner Welt- oder anderen Anschauungen verlangt, — er vielmehr 
sobald sich eine solche meldet, die Übertragung erkennt und ihren Abbau an- 
strebt. Auch verspricht der Analytiker keine unbedingte Heilung — wie er 
es aufrichtig auch nicht versprechen kann — und verspricht auch keine Heilung 
in einigen Monaten, da er das Einhalten dieses Versprechens, wenn es auch 
manchmal möglich ist, doch nicht garantieren kann. 

b) Die erzieherische "Wirkung. — Schon dadurch, daß jemand eine 
bessere Einsicht in die eigene Seele, in seine verdrängten Wünsche und un- 
verständlichen Verhaltungsweisen bekommt, wird er eine stärkere Kontrolle 
über sich selbst erlangen; gleichzeitig versteht er aber auch seine Umgebung 
besser, wird versöhnlicher allem Menschlichen gegenüber. Demzufolge ver- 
mindert sich die Zahl und Stärke der Lebenskonflikte. In dem Maße, als sich 
verdrängte Gebiete ihm eröffnen, kann sich seine ganze Orientierungs-Richtung 
verändern. (So wird z. B. der junge Mann, der bis zur Analyse infolge seiner 
Verdrängungen an analen Geschlechtsverkehr glaubte, zu einer anderen Ein- 
stellung dem ganzen Sexualleben gegenüber gelangen, sobald er seine irrtüm- 
lichen Kenntnisse mit richtigen vertauscht.) Dadurch, daß es jemanden 
gibt, der sich gerade mit ihm befaßt, ihn anhört, aber dennoch nicht ver- 
urteilt, sondern versteht, kann der Analysand einen Schritt weiter in seiner 
Selbstschätzung tun und somit sein Selbstgefühl erhöhen — ebenso, wie der 
übertrieben Selbstbewußte nach gewonnener Einsicht in seine seelischen Leiden 
und Mängel bescheidener wird. 

Auch wird dem Analysanden der Mut kommen, seine bisherigen Ideale 
einer Kritik zu unterwerfen und so wird er das Menschliche auch im Ver- 
götterten erblicken. Er wird vielleicht finden, daß eine schmerzliche Unauf- 
richtigkeit deswegen in sein Leben eingedrungen ist, weil sein heißgeliebter 
älterer Bruder, der ihm stets als Muster diente, viele Unaufrichtigkeiten be- 
ging ohne daß er, der Patient, das sich einzugestehen getraute. So wird er 
aber zu einem neuen, dem Leben näher stehenden Ideal erzogen werden 
können, 

c) Ermutigung zur Aktivität. — Von der Suggestion läßt sich diese 
Einwirkung absondern, weil ihr im Verlauf der analytischen Behandlung eine 
besondere Bedeutung zukommt. Ihre Theorie und Praxis wurde von 
Ferenczi bearbeitet, ausgehend von der Freud sehen Erfahrung, daß im 
Laufe der Analyse, um den Fluß des analytischen Materials zu beschleunigen, 
manchmal ein direktes Hervorrufen der Leidenssymptome vonnöten ist (68, 



69). Die Aktivitäten werden von Ferenczi damit charakterisiert, daß der 
Analysand in gewissen Fällen zu einem Verhalten gegen das Lustprinzip 
auch jenseits der Bekämpfung der Widerstände angehalten werden 
muß, z. B. durch die vorläufige Aufgabe einer im Leben verwirklichten lust- 
vollen Gewohnheit. (Um die Mehrdeutigkeit des Ausdruckes „Aktivität" zu 
vermeiden, sei bemerkt, daß die von Ferenczi beschriebene Aktivität nicht 
mit der forcierten und verfrühten Einmischung des Arztes in die Deutungen 
gleichzusetzen ist und kein unaufrichtiges Benehmen vom Arzte verlangt.) 

Die Anspornung zu Aktivitäten bildet — da sie mit Einbeziehung von 
Libidobewegungen arbeitet — schon einen Übergang zu den spezifisch 
psychoanalytischen Eingriffen, deren Wesen im folgenden zusammen- 
gefaßt werden soll. 

a) Veränderungen in der seelischen Organisation: mit der Auf- 
hebung der "Widerstände stehen Bewußtes und Unbewußtes nicht mehr als Feinde 
einander gegenüber. Der Verlauf dieser Veränderung am "Wege des Ab- 
reagierens wurde im Abschnitt über die Ableitung der Affekte schon dar- 
gestellt. Das Ich wird soweit gebracht, daß es nicht durch Angst und Scham 
fortwährende Gefahrzeichen geben muß. Auch die Kräfteverteilung zwi- 
schen der zu schwachen bzw. zu starken moralischen Instanz und den anderen 
Ich-Teilen kann verändert und damit die Einmischung des Schuldbewußtseins 
geregelt werden. Spezifisch für die Psychoanalyse ist, daß diese Veränderungen 
mit Hilfe der Bekämpfung von "Widerständen in einem Arbeiten gegen das 
Lustprinzip, mit anderen Worten mit Duldung unangenehmer, schmerzlicher 
Erlebnisse stattfinden. Ich habe die Wege abzusuchen getrachtet, welche in 
der Entstehung höherer psychischer Gebilde von hier aus weiterführen (70). 
Nunberg, der in der Genesung dem synthetischen Zusammenarbeiten 
der drei Systeme vieles zuschreibt, glaubt auch der Fähigkeit, Unlust zu er- 
tragen, welche das Ich in der Analyse erworben hat, vieles in der Genesung 
verdanken zu müssen (71). Meiner Meinung nach gehören diese zwei Seiten 
der Genesung streng zusammen. Mit der Unlustertragung wird die Synthese 
— sie bedeutet hier auch die nirgends unterbrochene Kontinuität der Seele — 
hergestellt. 

b) Veränderungen im Libidohaushalt. — Die Analyse bringt den 
narzißtisch Eingestellten zur Norm der Objektliebe, läßt die durch Regres- 
sionen erstarkten Partialtriebe (Sadismus beim Zwangsneurotiker, Masochis- 
mus bei dem aus übertriebener Moralität Selbstquälerischen) in das Reservoir 
der genitalen Libido einfließen. So können der Sättigung unfähige Triebteile 
sublimiert werden — die sadistische Einstellung kann in Charakterfestigkeit 
und in das Ernstnehmen der moralischen Anforderungen übergehen. Da- 
durch wird der rauhe, unverträgliche, rücksichtslose Neurotiker schmiegsamer, 



er wird liebesfähiger und liebenswürdiger, seine Ambivalenz wird geringer. 
Eine wichtige Bedingung dieser Entwicklung ist der Verzicht im Verhältnis 
zum Analytiker. Auch die Identifizierungen mit ihm gehen in eine unab- 
hängigere Beziehung über. Der Analysand soll ein auf eigenen Füßen stehen- 
der Mitmensch in seiner Umgebung werden. 

c) Der Analysand entsagt seinen unerfüllbaren Idealen dadurch, 
daß er sich von den in der Realität schon unsinnig gewordenen, nur durch das 
Unbewußte fixierten Libidoobjekten und Haßgegenständen lösen kann. 

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der schönste Erfolg der an der Be- 
kämpfung der Widerstände und an den Übertragungen fortschreitenden ana- 
lytischen Arbeit dann eintritt, wenn der Analysand seine Analyse damit be- 
endet, daß alles, was sich herausstellte, ihm als irgendwie schon früher gewußt 
erscheint (worin er auch insofern recht hat, als er nicht ihm aufgezwungene 
Dinge erfuhr, sondern in seinem Unbewußten auch bisher einheimisch Ge- 
wesenes), andererseits, daß er — auch nach der Meinung seiner Angehörigen 
— während der Analyse zu einem ganz anderen Menschen wurde. Nur ist 
dieser ganz andere Mensch doch derselbe, der er früher war, denn er liebt 
denjenigen, der wirklich zu ihm paßt, er kann sich lösen von dem, an den er 
bisher nur durch seine Trägheit gebunden war, er kann sich versöhnen mit 
sich selbst und mit demjenigen, mit dem er in Konflikte nur seinethalben ge- 
riet, er gab seine edlen Ideale, insofern sie nicht irreal sind, nicht auf und kann 
mit größerer Kraft und Sicherheit für das "Wohl seiner selbst, und seiner An- 
gehörigen kämpfen. 

B. Als zweite Richtung der Kontrolle nannten wir die Prüfung des wis- 
senschaftlichen Aufbaues. Das wäre, im weiten Sinne des "Wortes, der 
wissenschaftlichen Kritik der Psychoanalyse gleich. Über welche Anhalts- 
punkte verfügt nun solch eine Kritik, wenn sie die praktische Kontrolle, als 
etwas, das außer ihrer Kompetenz steht, beiseite läßt oder für erledigt hält? 

Der eine Weg der Kritik führt über die Darstellung der Methoden- 
lehre selbst mit der Aufgabe, Lücken, Widersprüche im Aufbau der Methode 
und des Begriffinventars herauszufinden. Inwiefern die analytische Methode 
systematisch entwickelbar ist ohne klaffende Lücken zu zeigen und 
ohne schlimme Widersprüche im Aufbau zu enthalten, dafür sollte die vor- 
liegende Darstellung selbst als Anhaltspunkt dienen. Die Kritik hat allerdings 
zu beachten, daß eine Methode, die bereits ohne jede Lücke und ganz ohne 
Widersprüche ist, nur einer toten Wissenschaft angehören kann. Bis nicht 
sämtliche praktische und theoretische Probleme gelöst sind, muß es in der 
Wissenschaft weitergehen, und dies vollzieht sich nicht nach den Regeln der 
Syllogismen. 



Zur Kontrolle der psychoanalytischen Forschungsarbeit 105 

Der andere Weg der Kritik ist der, sich nach Kontrollgegenständen um- 
zusehen. Solche findet sie entweder, wenn sie Resultate einbezieht, welche mit 
einfacher Beobachtung (a) oder aber mit einer nicht-analytischen naturwissen- 
schaftlichen Untersuchungsmethode (b) gewonnen worden sind. 

ad a) Die Tierpsychologie bietet sich als ein "Wissenszweig auf, der über 
solche Kontrollresultate verfügt. Um die Nähe der analytischen Resultate 
wirklich bewahren zu können, soll sie aber die von mir befürwortete Tier- 
psychologie „von oben" — mutatis mutandis geprägt von Fechner — , d.h. 
die Psychologie der Affen sein, denn nur sie ist hier leistungsfähig. In mehreren 
Aufsätzen habe ich schon Parallelen — auch gewisse Verschiedenheiten — 
zwischen analytischen Resultaten und den Ergebnissen der Affenpsychologie 
dargestellt. Aus diesen Zusammenstellungen wurde ersichtlich, ob und wie 
die von der Psychoanalyse erschlossenen Daten der Sexualtheorie, der Ich- und 
Massenpsychologie, die Tatsachen des ödipus- und Kastrationskomplexes, die 
verborgenen primitiven Denkschritte des Unbewußten in der Affenpsyche und 
der Affengemeinschaft offener zutage treten. Die Kinderpsychologie, also 
gründliche, systematische Beobachtung der Kinderseele in ihren Äußerungen, 
kann eine noch wichtigere Kontrollmöglichkeit bieten, wenn sie einerseits 
nicht von analytischen Deutungen beeinflußt ist, was in den Angaben der 
Literatur nur selten der Fall ist, und wenn andererseits die Äußerung der 
Kinderseele nicht schon einer früheren Einwirkung seitens ihrer analytisch den- 
kenden Umgebung unterliegt. Wenngleich daher, was das Erschließen des 
Materials anlangt, die systematisch unvoreingenommene Kinderpsychologie 
für die Psychoanalyse unentbehrlich ist, so tritt sie vom Standpunkte 
der Methode aus doch gegenüber der Affenpsychologie zurück. Die Ethno- 
logie liefert ein unentbehrliches Vergleichs- und Ergänzungsmaterial, doch 
keine Grundlagen-Kontrolle, besonders, wenn sie, wie bei Roheim selbst, mit 
Einbeziehung der analytischen Methode arbeitet. 

ad b) Die Psychoanalyse, mit ihrer Basis der Triebpriorität, stellt der Phy- 
siologie des Menschen Aufgaben, die der Kritik zugute kommen könnten. 
Wir denken nicht nur an die chemisch-innersekretorische Forschung, 
welche Freud als eine der zukünftigen Grundlagen der analytischen Theorie 
bestimmte. Auch eine anatomisch gerichtete Untersuchung, deren Plan 
vielleicht nach Johannes Müller 36 entworfen werden könnte und eine n erven- 
physiologische Untersuchung, deren Grundlagen tatsächlich von Johannes 
Müller geschaffen worden sind, 37 sind berufen, vieles zu klären. Auch 

36) Er fand — fälschlich? — in den Rankenarterien ein spezifisches anatomisches Substrat 
der Erektibilität. Jedenfalls wurde die Tatsache der erogenen Zonen von der ablehnenden 
Kritik nicht beachtet. 

37) Es muß jeder erfahren haben, welchen Mangel es bedeutet, daß der Libidobegriff nur 



die naturwissenschaftlich arbeitende experimentelle Psychologie gab 
schon manche Bestätigung (Schilder, Pötzl, Lewin). 

Bei der Kritik verweilend, dürfen wir nicht vergessen, daß hier von einer 
objektiven Kritik die Rede sein soll. Doch jeder weiß, wie schwer eine 
objektive Haltung der Kritik ist. Der Kritiker wird, wie Freud dies wieder- 
holt darstellte, von denselben Erscheinungen beeinflußt, welche den Analy- 
sanden während der Analyse beeinträchtigen. Nicht nur das spezifisch An- 
stößige im Analytischen, jede Neuheit verletzt das narzißtische Ich. Die 
positive und negative Übertragung erscheint in der Kritik als „augen- 
schließend-wohlwollende" oder als gehässige Beurteilung, beide als Ab- 
weichungen von der freundlichen Grundstimmung, welche allein das Ziel, das 
objektive Verstehenwollen, zusichert. Die gehässige Kritik kann sich in Ver- 
leumdungen, Beschimpfungen, im Persönlichwerden äußern, aber auch das 
Mißverstehen 38 — und wie viele haben in ihrer Kritik die Psychoanalyse miß- 
verstanden — gehört hierher. 

Wir sind in der Psychoanalyse gewohnt, jede Seelenäußerung historisch zu 
betrachten. Wie der Ton der Kritik alter Zeiten war, zeigen folgende Stellen: 
„. . . dieser geborene Samen soll in die Samengefäße kommen, wie es die närri- 
schen Ärzte sagen ... Es ist eine der größten Lügen, die die Ärzte ge- 
brauchen . . ." „Es gibt viele Narren und sie sind schlecht zu erkennen . . ." (72). 
„Harveys Werk (Exercitatio de motu cordis et sanguinis in animalibus, 1628) 
erweckte einen gewaltigen Sturm gegen ihn . . . Von allen Seiten drangen An- 
griff und Widerspruch auf ihn ein, teils in Gestalt würdiger Diskussion, teils 
in Gestalt gehässiger Polemik; sogar der jämmerliche Notbehelf neidischer 

begrifflich zu fassen, und keine Untersuchungsmethode vorhanden ist, welche die Libido 
objektiv nachweisen könnte. Johannes Müller schreibt nun in dem Handbuch der Physio- 
logie des Menschen, Bd. II, 1838, S. 497 — 8: „Ist die Empfindung der Schwingungen stärker, 
und findet sie an reizbaren Teilen, wie an den Lippen statt, so kann sie den Gesamtausdruck 
des Kitzels haben, wie wenn man eine schwingende Stimmgabel der Lippe nähert. Dieselbe 
Empfindung entsteht leicht an der Zunge durch Schwingungen. Dies könnte auf die Ver- 
mutung führen, daß auch bei den anderweitig entstandenen Empfindungen des Kitzels von 
Berührung, Schaukeln u. a. und der dem Kitzel nahe verwandten "Wollust Schwingungen des 
Nervenprinzips selbst in den Nerven mit bestimmter Geschwindigkeit stattfinden. Die Emp- 
findung des Kitzels und der Wollust ist in allem dem Gefühl überhaupt unterworfenen 
Teilen des Körpers möglich, am heftigsten in den Genitalien, geringer in der weiblichen 
Brust, in den Lippen, in der Haut und in den Muskeln." — Tatsächlich habe ich bei 
lutschenden Kindern beobachten können, daß die Zungenbewegung in einem ganz be- 
stimmten, schnellen, den fibrillären Zuckungen ähnlichen Rhythmus erfolgt. (Phylo- 
genetisch entspricht diese Lippen-Zungen-Bewegung dem „chattering" der Affen, welche Be- 
wegung „ein integrierender Teil jeder freundlichen und sexuellen Tätigkeit ist" Zucker- 
m a n, Functional affinities, S. 69 — 70). Bei Säuglingen ist während des Saugens eine gewisse 
Spreizung der Finger und der Zehen zu beobachten, die bestimmte Regelmäßigkeiten zeigt 
und Einblick in die Libidobewegung gewähren kann (12). / 

38) Das am meisten verbreitete ist wohl die „Pansexualität". 



Zur Kontrolle der psychoanalytischen Forschungsarbeit 107 

Tadler einer neuen Entdeckung fehlte nicht, die Behauptung nämlich: es sei 
ja gar nichts Neues; man wollte wissen, daß Salomon und Plato schon den 
Blutumlauf gekannt hätten . . . man machte ihn lächerlich als einen Zer- 
gliederer von Insekten, Fröschen und anderen Reptilien; neidische Kollegen 
zuckten die Achseln und erklärten ihn für verrückt . . ." (73). 

Woher kommt die so oft gehörte Beschimpfung mit der Narrheit? Dies ist 
in diesem Maße etwas Neues gegenüber den gewohnten Beschimpfungen in 
der Analyse, wenn sie auch da nicht unbekannt ist. Natürlich, trifft es sich, 
daß jemand, der mit neuen Ideen kommt, ein „Narr" ist (s. den Fall 
J. R. Mayer) — doch auch in diesem Falle gehört dies nicht zur objektiven 
Kritik. 

Es hat seine guten Gründe, daß dieses Epitheton in der wissenschaftlichen 
Kritik nicht gar selten ist, und diese Gründe können durch einen Einblick in 
die kulturhistorische Entwicklung der Kritik erschlossen werden. Es war in alten 
Zeiten sozusagen institutionell gesichert, daß die Wahrheit auch dem Mächti- 
gen gesagt werden könne, durch die Institution des Hofnarren. 39 Diese 
Stellung wird auf den die "Wahrheit Aussprechenden übertragen, es wird aus 
ihm ein „Narr" gemacht. Die Wahrheit anhören, dann, mit der Geste: „das 
sagt ja nur der Narr", darüber nicht erzürnen müssen, sondern im Lachen 
den Affekten kathartisch Abfluß lassen, um im Vorbewußten der neuen Er- 
kenntnis doch Platz geben zu können: dies ist der Weg, den die Wahrheit bei 
den Mächtigen einschlagen muß. 



39) Herrn Mosers Harlekin schreibt: „Ich aber mit dem Anstände meiner Einfalt kann 
die höchsten und niedrigsten Fehler, so lange ich keine Bosheit blicken lasse, kühn auf- 
decken, ohne die Empfindung des Getroffenen zu verletzen. Er wird sich schämen, sich 
von einem Narren beleidigt zu halten, und doch das seinige daraus nehmen." — Überhaupt 
geht die ganze Kunst des Hofnarren darauf aus, daß man lachen soll. Die Hofnarren haben 
jederzeit das Privilegium gehabt, die Wahrheit zu sagen, wo es auch für andere gefährlich 
gewesen wäre, mit der Sprache gerade herauszurücken. — Nach Schuppius: Es seien keine 
possierlichere Narren in der Welt, als die gelehrten Narren, welche nicht gestehen wollen, 
daß sie Narren sind, sondern ihre Torheit mit der Grammatik und Logik verteidigen. — 
Der „Clausnarr" redete nicht nur die Wahrheit, sondern alles aus, was im einfiel. Vgl. 
K. Fr. Flügel, Geschichte der Hofnarren, 1789, S. 4 — 22. — Der Narr in seinem volks- 
tümlichen Aufzuge erscheint als „theriomorphisch charakterisierter Vegetationsdämon. Der 
spitze Hut und die Narrenpeitsche sind Penissymbole" (74). Die Zumutung der Pansexualität 
hat auch hier eine Wurzel. 



Literaturnachweis 

Die Numerierung bezieht sich auf die Zahlenangaben des Textes 

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2. Planck: Wege der physikalischen Erkenntnis. Verl. Hirzel. 1933. S. 278. 

3. Freud: Urgeschichte der analytischen Technik. Ges. Sehr., Bd. VI. Int. Psycho- 
analyt. Verl. S. 150 — iji. 

4. Liepmann: Über Ideenflucht. Verl. Marhold. 1904. S. 21. 

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14. Schultz: Das autogene Training (Konzentrative Selbstentspannung). Verl. 
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15. Ferenczi: Relaxationsprinzip und Neokatharsis. Int. Zeitschr. f. Psa., 
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16. Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Ges. Sehr., Bd. V. Int. 
Psychoanalyt. Verl. S. 190. 

17. Bernays: Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über die 
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20. Pfeifer: Musikpsychologische Probleme. Imago, Bd. IX. 1923. 

21. Hermann: Die Regel der Gleichzeitigkeit in der Sublimierungsarbeit. Imago, 
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22. Reik: Geständniszwang und Strafbedürfnis. Int. Psychoanalyt. Verl. 1925. 

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analyt. Verl. S. 102. 

28. Reich: Charakteranalyse. 1933. 

29. Ferenczi-Rank: Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Int. Psa. Verl. 1924. 

30. Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. I. 
Int. Psychoanalyt. Verl. 1927. S. 24. 

31. Freud: Bemerkungen über die Übertragungsliebe. Ges. Sehr., Bd. VI. Int. 
Psychoanalyt. Verl. S. 131 — 132. 

32. Bai int M.: A jellemanalizis es az ujrakezdes (Charakteranalyse und Neu- 
beginn). Lelekelemzesi tanulmanyok. 1933. (Übersetzt in: Int. Zeitschr. f. Psa., 
Bd. XX. 1934.) 

33. Müller: Zur Analyse der Gedächtnistätigkeit und des Vorstellungsverlaufes, 
I.Teil. Verl. Barth. 1911. S. 69. 

34. Schneider: Zu Freuds analytischer Untersuchungsmethode des Zahlenein- 
falles. Int. Zeitschr. f. Psa., Bd. VI. 1920. 

35. Hermann: Randbemerkungen zum Wiederholungszwang. Int. Zeitschr. f. 
Psa., Bd. VIII. 1922. 

36. Brouwer: "Wissenschaft, Mathematik und Sprache. (Als erster Gastvortrag 
ausländischer Gelehrter der exakten Wissenschaften, "Wien.) Sonderabdruck aus den 
Monatsheften f. Mathematik und Physik, Bd. 36, H. 1. 1929. S. 153, 160 — 161. 

37. Hermann: Psychoanalyse und Logik. Int. Psychoanalyt. Verl. 1924. 

38. Fechner: Über die physikalische und philosophische Atomenlehre, 2. Aufl. 
Verl. Mendelssohn. 1864. S. 45. 

39. Ouspensky: Tertium Organum. The third canon of thought. A key to the 
enigmas of the world. Translation from the russian. 2. Ed. Verl. Knopf. 1930. 

40. R a d o : Die Wege der Naturforschung im Lichte der Psychoanalyse. Imago, 
Bd. VIII. 1922. 

41. Schrödinger: Über Indeterminismus in der Physik. Verl. Barth. 1932. 

42. Frank: Das Kausalgesetz und seine Grenzen. Verl. Springer. 1932. 

43. Kries: Logik. Verl. Mohr. 19 16. 

44. Hollos: Psychopathologie alltäglicher telepathischer Erscheinungen. Imago, 
Bd. XIX. 1933. 

45. Hermann: Über formale Wahltendenzen. Zeitschr. f. Psychologie, Bd. 87. 
1921. 

46. Reichenbach: Wahrscheinlichkeitslogik. Verl. d. Akad. d.Wissenschaf ten. 1932. 

47. Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Sehr., Bd. VI. Int. Psychoanalyt. Verl. 

48. Hermann: Die Randbevorzugung als Primärvorgang. Int. Zeitschr. f. Psa., 
Bd. IX. 1923. 

49. Freud: Fetischismus. Ges. Sehr., Bd. XL Int. Psychoanalyt. Verl. S. 395. 



Literaturnachweis 



50. Freud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI. Int. Psa. Verl. S. 362, 361. 

51. Freud: Charakter und Analerotik. Ges. Sehr., Bd. V. Int. Psa. Verl. S. 260 — 267. 

52. Freud: Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik. Ges. Sehr., 
Bd.V. Int. Psychoanalyt. Verl. S. 268. 

53. Freud: „Ein Kind wird geschlagen." Ges. Sehr., Bd.V. Int. Psa.Verl. S. 344 — 373. 

54. Reichenbach : Atom und Kosmos. Deutsche Buch-Gemeinschaft. 1930. 
S. 227 — 228. 

55. Goethe: Bildung und Umbildung organischer Naturen. Reclam- Ausgabe, 
Bd. 40. S. 5. 

56. Hermann: Bemerkungen zu Ferenczis Gedanken über das Trauma. Int. 
Zeitschr. f. Psa., Bd. XX. 1934. 

57. Bernfeld und Feitelberg: Über psychische Energie, Libido und deren 
Meßbarkeit; der Entropiesatz und der Todestrieb. Imago, Bd. XVI. 1930. 

58. March: Moderne Atomphysik. Verl. Barth. 1933. S. ij. 

59. Lampl de Groot: Zu den Problemen der "Weiblichkeit. Int. Zeitschr. f. 
Psa., Bd. XIX. 1933. S. 387. 

60. Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 
Int. Psychoanalyt. Verl. 1933. S. 184. 

61. Bergler und Eideiberg: Der Mammakomplex des Mannes. Int. Zeitschr. 
f. Psa., Bd. XIX. 1933. S. 573. 

6 z. Deutsch H.: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. Int. Psycho- 
analyt. Verl. 1925. 

63. Hermann: Modelle zu den ödipus- und Kastrationskomplexen bei Affen. 
Imago, Bd. XII. 1926. 

64. Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Int. Psa.Verl. 1930. S. 102, 103. 

65. Hermann: Die Zwangsneurose und ein historisches Moment in der Über- 
ich-Bildung. Int. Zeitschr. f. Psa., Bd. XV. 1929. 

66. Zuckerman: Functional affinities of man, monkeys and apes. Verl. Kegan, 
Trench, Trubner Sc Co. 1933. S. 127. 

67. Hermann: Zum Triebleben der Primaten. Bemerkungen zu S. Zucker- 
man: Social life of monkeys and apes. Imago. Bd. XIX. 1933. S. 121 — 123. 

68. Ferenczi: Weiterer Ausbau der aktiven Technik in der Psychoanalyse. Int. 
Zeitschr. f. Psa., Bd. VII. 1921. 

69. Ferenczi: Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik. Int. 
Zeitschr. f. Psa., Bd. XII. 1926. 

70. Hermann: Organlibido und Begabung. Int. Zeitschr. f. Psa., Bd. IX. 1923. 
71 Nunberg: Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer Grundlage. 

Verl. Huber. 1932. 

72. Paracelsus: Sämtl. Werke in d. Bearb. von B. Aschner. 1926. S. 310, 322. 

73. Meyer H.: William Harvey. 1880. S. 29. 

74. Winterstein: Zur Entstehungsgeschichte der griechischen Tragödie. Imago, 
Bd. VIII. 1922. S.461. 



Sacfi* und Namensverzeichnis 


Abreagieren 8, 22 ff. 


Durcharbeiten 36 


Affekt 21 ff. 


Eideiberg 96, 110 


Affektübertragung 42 ff. 


Eidetismus 16, 17 


Aktivität und Männlichkeit 95 


Elastizität 29, 72 


Aktivität in der psychoanalytischen Technik 


Epigenese 91, 92 


102 


Erleben, volles, 48 


Aktualneurosen 70 


Erlebnisniveau 71 


Alles aussagen 9 ff. 


Erraten 76 


Analcharakter 82 ff. 


Erscheinungsform des Widerstandes 31, 3 3 ff. 


Analogien 74, 93 


Erzieherische Wirkung 102 


Analysierbarkeit 6j ff. 


Ethnologie 105 


Analytische Neurose 50 


Extrapolation 75 


Angst 36 




Anklammerung 17, 25, 36 


Fechner 4, 36, $8, 94, ioj, 109 


Aristoteles 11, 12, 92 


Federn 108 


Aufbau der wissenschaftlichen Feststellun- 


Feitelberg 93, 110 


gen 81 ff. 


Ferenczi 17, 18, 26, 29, 36, 40, 44, 53, 55, 


Aufmerksamkeit 1 1 ff. 


57. 65, 72, 78, 92, 93, 94, 102, 103, 108, 


Automatismen 20 


109, 110 




Flügel 107 


Bacon 81 


Frank 59, 109 


Bälint 45, <)<), 109 


Freie Assoziation 8 ff., 46 ff. 


Bergler $6, 110 


Freud 5, 8, 9, n, 13, 14, ij, 16, 17, 21, 


Bernays 19, 108 


22, 26, 32, 33, 3j, 36, 41, 44, 46, 52, 57, 


Bernfeld 93, 110 


6o, 61, 66, 72, 73, 75, 76, 78, 79, 80, 81 ff., 


Bohr 59 


91» 9 2 > 93. 9 6 > 97. i°i, 102, ioj, 107, 


Börne 9 ff. 


108, 109, 110 


Breuer 8, 20, 21, 22, 26, 72, 108 




Bridgman 107 


Gegenübertragung 45 


Brouwer 57, 109 


Geheimnis 24 ff. 


Burkamp 77 


Gesichtserscheinungen, phantastische, 14 ff. 




Geständniszwang 24 ff. 


Darwin 21 


Goethe 20, 92, 108, 110 


Deckerinnerungen 78 


Grundlage zu Kausalketten 70, 90 


Desorientiertheit 24, 36 


Grundregel, analytische, 8 ff. 


Determinierung 52 ff., 59 


Grundstimmung 39 ff. 


Deutsch 110 




Diskontinuitätsprinzip 64 


Hartmann E. j, 91 


Disposition 77, 92 


Hartmann H. 108 


Dubovitz 9 


Harvey 106 



Sach- und Namensverzeichnis 



Heilungsversuch 25, 80 
Heisenberg 94 
Herbertz 4 
Hollös 62, 109 
Hultzsch 18 

Ideenflucht 9 ff. 
Identifizierung 97 
Individualniveau 77, 78 
Interpolation 75 
Introjektion 44 
Isolierung 25, 80 

Jaensch 17 
Jendrassik 45 

Kastrationskomplex 77, 96, 98 
Katharsis 8, 19 ff., 92 
Kausalität 67 ff., 70, 90 
Kinderpsychologie 10 j 
Kollarits 4$ 
Konfliktauslösungen 43 
Konfliktübertragung 42 ff. 
Konkretisierung 48, 71 
Kontinuität 4, 10 ff., 54 ff. 
Kontrolle der Begriffe 94 ff. 
Kontrolle der psychoanalytischen For- 
schungsarbeit 99 ff. 
Konvergenz 73, 74 
Kries $9, 109 
Kritik 104 ff. 
Krümmung im Unbewußten 13, 49 

Lampl de Groot 110 
Laqueur 91 
Latent 79 
Lautgebung 22 
Lautwerden des Innern 33 
Leitlinien der psychoanalytischen Erklärungs- 
weisen 90 
Lebendigwerden der Vergangenheit 14 ff. 
Leibniz 56, J7 
Lessing 19 
Lewin 106 
Libido 103, 105 ff. 
Liepmann 9ff., 108 
Lipps 4 
Logik, nicht-aristotelischer Art 5 8 ff. 



Logische Prinzipien 58 ff., 66 ff. 
Lustprinzip 86 ff., 103 

Manifest 79 

Marbe 63 

March 110 

Mechanistische Auffassung 91 

Metapsychologie 70, 93 

Meyer 110 

Mißverständnis seitens des Unbewußten 34 ff. 

Mitteilung des Erratenen 80 

Moritz 15 

Müller E. 19 

Müller G. E. 47, 109 

Müller Joh. 14 ff., 10 j 

Narzißtische Neurose 44 
Neokatharsis 92 
Neubeginn 45 
Nunberg 103, 110 

Objektivierung 23, 80 
Objektivierung, ejektive, 41, 96 ff. 
Optimum, stabiles und labiles, 44 
Organische Krankheiten 6 1, 65, 70 
Ouspensky 58, 109 
Ödipuskomplex 5, 84 
Ökonomie des Leidens 36 

Paracelsus 110 

Parallel-Denken 50 

Passageres Symptom $3 

Passivität der Frau 95 

Pfeifer 22, 108 

Physiologie ioj 

Planck 107 

Pockels 15 

Pötzl 106 

Präformation 91 

Produktive Assoziation 7$ 

Projektion 41, 96 

Pseudo-Über-Ich 97 

Psychoanalytische Konstellation 6 ff. 

Psychoanalytischer Sinn 10, 51 ff. 

Rado 59, 109 
Randbevorzugung 77, 79 
Rank 77, 109 



Sach- und Namensverzeichnis 



113 



Regression 17 

Reich 33, 109 

Reichenbach 90, 109, 110 

Reik 108 

Relaxation 18 

Revesz 57 

Rezeptivität des Analytikers 27 ff. 

Röheim 105 

Sachverhalt-Sinn 10 

Scham 37, 49 

Schichtung der Assoziationsketten 50 ff. 

Schilder 106 

Schlafnähe 14 ff., 50 

Schlaf Stellung 17 

Schneider 5$, 109 

Schrödinger 109 

Schuldbewußtsein 24, 32, <)<), 103 

Schultz 18, 108 

Schwebende Anschauungsweise 74 

Selbstbeobachtung 6, 13 ff., 46 

Sicherung der freien Assoziation 46 ff. 

Silberer 7$ 

Sinn 10 ff., 51 ff., 71 ff. 

Sinnentlockende Funktion der freien Asso- 
ziation 54 

Sinngebende Funktion der freien Assoziation 
55 

Sinnorgan 71 ff. 

Spezifisch-psychoanaly tische Eingriffe 103 ff. 

Spielraum 59 

Sprache 21 ff., 80 

Spürsinn 28 

Stellung eines Seelengeschehens 79 

Strafbedürfnis 24, 32 

Strömung im Unbewußten 49 

Suggestion 101 

Symbol 55, 61, 79 



Tagträumerei \6 

Takt 40, 80 

Tierpsychologie 105 

Training, autogenes, 18 

Transponierung 74 

Trauma $7, 77, 88, 91 

Trieb 49 ff., 60, 70, 88 

Triebpriorität 84, 90 

Treue zum Nichtanwesenden 98 

Unbewußtes 4 ff., 13, 49 ff., $6, 6jff., 79, 91 
UnVoreingenommenheit 72 
Ursprung der Widerstände 31 
Urtraumen 77 
Utraquismus 93 
Oberfließen 25, 65 
Über-Ich 32, 96 ff. 
Übertragung 32, 34, 41 ff. 
Ubertragungsneurosen 44 

Varendonck 16, 108 

Verallgemeinerung 72, 82 

Versagung 44 

Verstehen 46, 81 

Vitalistische Auffassung 91 

Vordringen vom Manifesten zum Latenten 79 

Weinen 26 
Widerstand 13, 29 ff. 
Wiederholungszwang 59, 69, 88 ff., 91 
Wiederkehr des Verdrängten 66 
Wille 49 

Winterstein 110 
Wirbelhaftigkeit der Triebe 49 ff. 
Wort 23 

Zeithaftigkeit 23 
Zuckerman 106, 110 
Zufall 61 ff. 
Zweckmäßigkeit 6y 



Hermann, Psa. als Methode 



Inhalts* Verzeichnis 

Seite 
I. Einleitung 

i. Das Bewußte und das Unbewußte 3 

2. Die Prinzipien der Bearbeitung der psychoanalytischen Methodenlehre 5 

II. Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaffung des Materials 

1. Die Grundregel. — Die Rolle der Aufmerksamkeit 8 

2. Die ruhige Selbstbeobachtung. — Das Lebendigwerden der Vergangenheit 14 

3. Die Ableitung der Affekte in Worte. — Das Geheimnis 19 

4. Die rezeptive Einstellung des Analytikers 27 

5. Die Widerstände. Ihr Ursprung und ihre Erscheinungsform 29 

6. Die Grundstimmung. — Affekt- und Konfliktübertragung 39 

7. Positive Ratschläge zur Sicherung der freien Assoziation 46 

8. Niveau und Schichtung der Assoziationsketten 49 

III. Die Verarbeitung des gewonnenen Materials 

1. Das psychoanalytisch Sinnvolle. — Seelische Kontinuität und Determinismus 51 

2. Zur Charakteristik der spezifischen Kontinuität der seelischen Geschehnisse 56 

3. Spielraum. Zufall. Kausalität 59 

4. Die Sinngebung in der Praxis. Die Funktion des „Sinn-Organs" 71 

5. Aufbau der wissenschaftlichen Feststellungen 81 

6. Leitlinien der psychoanalytischen Erklärungsweisen 90 

IV. Die Kontrolle 

1. Zur Kontrolle der Begriffe 94 

2. Zur Kontrolle der psychoanalytischen Forschungsarbeit 99 

Literaturnachweis 107 

Sach- und Namensverzeichnis in