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Full text of "Die Psychoanalytische Bewegung I. Band 1929 Heft 2"

^^m 



Die psychoanalytisch© | 



g I. Jahrgang Juli^August 1929 HciFt 2 g 

iimiii 



Freud und der Mensdi 

Von 

Arnold Zweig 

Das Erdbeben von Lissabon 1755 — man spürt es im Werk jedes 
einzelnen Begabten seiner Zeitgenossen — veränderte die Haltimg der 
weißen Menschheit zu allen Fragen des Glaubens, der Vorherbestim- 
mung, der göttlichen Güte, kurz, die Stellung der Menschen im christ- 
lichen oder besser im theistischen All. Eine ähnliche Wirkung hat 
der Weltkrieg; sie wird von Jahrfünft zu Jahrfünft deudidier hervor- 
treten. Aber während jene Katastrophe auf eine tmvorbereiteie oder 
unzurcidiend vorbereitete Menschheit traf, war das Heilmittel gegen die 
ungeheuren Verwüsmngen, die der Krieg in der geistigen Welt an- 
riditete, schon zwei Jahrzehnte vor ihm in Wirkung getreten, im Ver- 
borgenen zunächst, wie sich's fiir alles Große gebührt: durch die Per- 
son, das Werk und die Schule von Sigmund Freud. 

Freud bat die Stellung des Menschen in der Welt entscheidend gelin- 
dert, indem er ihr eine volle Hälfte an Erkenntnisraum hinzufügte, 
gleich als hätte die weiße Rasse bislang nur die der Sonne zugewen- 
dete Seite ihres Planeten bewohnt und von ihm die Entdeckung der 
unbesonnten empfangen. Vor Freud gab es jenseits der Fachliteratur 
und sogar in ihr nur jene bewußtseinsfähige Lebenssphäre, die von den 
Jahnausende alten Werten, Überzeugungen und Gewohnheiten unserer 
vernunftbeherrschten Gesinung eingeteilt, erkundet und gebilligt war. 

PlA. BCWtgUng ; gj y 



a 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSVCHOANÄLVTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Das iS. Jahrhunden sprach nur am deuilidisten aus, was von allen 
entsdieidenden kulturschafFenden Menschenleistungen vor und nadi ihm 
ebenfalls angestrebt odei- verwiildicht wurde: das helle Gebilde eines 
Dasems, das von der Wachheit des zivilisierten Individuums angeschaut 
und durchmessen werden konnte und an ein Jenseits grenzte, das 
audi in der Ansicht der großen Denker eine Fortsetzung dieser Wene- 
welt ins noch Hellere, Geläutertere, Harmonischere darstellte. Der Rest 
aber war des Teufels, des Irrenarztes, des Sn-africhters, des Gefängnis- 
wärters und des prügebden Lehrers. Mit tausend kleinen und großen 
Intuitionen hat sidi Sigmund Freud auf diese vor ihm verdunkelte 
Hälfte des menschlichen Planeten vorgewagt, und, was er sah, mit der 
Geduld des echten Forschers erwogen und ausgedeutet. Der Arzt in 
ihm, der geniale Arzt, sammelte die Erfahrungen, die der Denker in 
ihm, der geniale Denker, Schritt für Schritt immer zugleich unvergleich- 
lich kühn und ebenso vorsichtig, zueinander in Beziehung setzte. Der 
Umgang mit Kranken hatte ihm jene Vorurteilslosigkeit gegeben, die 
alle guten Ärzte haben; aber wahrend jene diese Vorurteilslosigkeit 
verläßt in dem Augenblick, wo sie aus der Sphäre ihrer Wissenschaft 
in die des Alltags, das heißt in die Welt zurücktreten, bielt er es In 
der Haltung dieser seiner Vorurteilslosigkeit ein Menschenaher lang aus. 
Niemand hat mehr gesehen als er, und niemand hat geduldiger dem 
Gesehenen auch zugehört, es nach den Gasetamäßigkeiten befragt, denen 
es unterliegt, und nach den Aufschlüssen, die es über den Lauf der 
Welt, das heißt des Menschen zu geben vermochte. Dadurch wurde 
er Schritt für Schritt zu einem neuen Deuter von fast unserer ganzen 
kulturellen Sphäre; nicht ein Gebiet blieb, was die Tiefendimension 
anlangt, von seiner Einwirkung unumgewühlt und unbefruchtet. Es 
^bt heute einfach zwei Arten von Betrachtern : die einen, die die 
Analyse gründlich erfahren haben, und die anderen, die entweder vor 
ihr Furcht hatten und sie flohen, sich arg gereizt und beunruhigt 
gegen sie versdilossen und sie befeindeten, oder die aus Hemmung 
oder Stumpfheit vorläufig noch unfähig waren, ihre Wichtigkeit und 
umstürzende Macht zu ermessen. 

— 98 — 



I 



Freud hat es sich keinen Augenblick Seines Lebens leicht gemadit; 
nd wie einfach wäre das gewesen! Wenn er nur statt des mutigen 
nd kühlen Wortes Libido, der Begierde, den platonisdien Eros ge- 
etzt hätte, der ganz genau das Gleiche, aber eben in der kunsthaft 
gestaltenden Denkart des großen Antiken aussagt — alle Griechen- 
^unde, Ästheten und Schonbolde hatte er für sich gehabt, das ganze 
Bedürfnis nach Edelkitsch, welches seine Zeitgenossen so tief durch- 
färbte, hätte sich ihm angeschlossen; während sie so in der wohl- 
tuendsten Entrüstung gegen ihn ^den Geist" verteidigen konnten. Aber 
er sah, was er sah, und er sagte, was er sah, gemäiS dem Gesetz der 
großartigen Nüchternheit einer Naturwissenschaft, die den Einblick in 
das Triebsystem des Menschen einer heilenden und lehrbaren Kunst 
und einer weiser machenden und lelu-baren Erkenntnisdiziplin unter- 
warf. Schon gibt es in der Gegenwart kaum mehr eine Seite des 
Lebens oder Lehrens, die nicht von der Analyse entscheidend beein- 
flußt worden ist, selbst in der olfemlidien Meinung, die sich noch 
nicht entschließen konnte, mit lauter Summe für Sigmund Freud den 
Nobelpreis der Medizin zu verlangen, der ihm langst gebührt. 

Daß eine neue Heilmethode jene Erkrankungen des heutigen Euro- 
päers oder Amerikaners auflöst und erlöst, die vorher ui qualvoller 
Verleugnung oder falscher Behandlung zu übermenschlichen Selbstver- 
gewaltigungen und, wie oft, zum Tode führten, braucht hier nur kurz 
erwähnt zu werden. Aber der Traum hat seine Sprache verraten 
müssen und damit die Seele des Menschen aufgetan — jene Seele, 
die vorher nur von den Dichtem gewußt wurde, und der die psycho- 
logische Wissensdiaft ein Billardspiel von Vorstellungen, Assoziationen, 
Wollungcn und Begriffen unterschoben hatte, das heute schon nicht 
mehr für glaublich gehalten wird, das uns aber Professoren, berühmte 
Namen, noch aufreden wollten. Bei Freud und seit Freud gab es 
plötzlich als wissenschafdiche, genau besdireibbare Wirklichkeit Angst 
und Lust, Schrecken und Zweifei, Machtgier und Verzicht — eine 
neue Psychologie, die vielschichtig und bestürzend herrlich das Innere 
eines wirklich lebenden Wesens, des Menschen, aufdeckte und zur 

— 99 — -t 



£ 



Nachprüfung hinhielt. Plötzlich war die innere Person des Menschen 
da, ein Charakter entstand und veränderte sich, ein unabrelßendes 
FhefJen von der Geburt bis zum Tode erschuf den lebendigen 
Menschen. Ja, neun wichtige Leben smonate wurden jedem Ge- 
borenen zugelegt zur Lebenszeit, die Monate vor seiner Geburt, und 
diese selbst ward mit Besdineidung oder Taufe ein grundsätzliches 
Ereignis, dessen Einwirkung kein Ich entrann. So änderte sich die 
Biologie des Menschen, so aber auch die Religion, ihre eingreifende 
Macht. Der Sinn ihrer Riten erhellte sich, und in entscheidenden Ver- 
Öffendichungen des Meisters und der Schulen wurden die Brücken 
zum Urmenschen geschlagen, zu dem in uns, zu dem in den geolop. 
sehen Sdiiditen und paläontologischen Lehrbüdiern und zu dem, der 
heute noch auf Inseln und südlichen Kondnenten lebt; und der heute 
besser verstanden wird, trotz alles Großen, was von Bachofeu etwa 
oder von Frazer und ihren Gefolgen schon geleistet worden war. So 
verband sich zum ersten Male die magische und die animisrische Vor- 
stellungswelt der vergangenen Weltalter mit der tätigen Seele der 
Kinder, die 1929 geboren werden, und die in ihrer eigenen Umwelt 
das Dasein der Erwadisenen erleiden müssen, all ihre ungewollten 
Überwältigungen, Anbhcke, Mißbrauche, deren Tragweite erst Freud 
redit ermessen und ausgedeutet hat. ^ 

Die Berichterstatter in den Gerichtssäcn sehen mit seinen Augen 
auf die Taten der Triebhemmung kindlich gebliebener Erwachsener, 
die ihre Infantilismen in „Verbrechen" entladen müssen. Eine gütigere 
Beurteilung greift Platz jenen ungenügend ausgereiften Formen des 
Eros und Sexus gegenüber, die noch vor dem Kriege aufs Unbarm- 
herzigste verfolgt und verlacht wm"den, (Nur die Gesetzemacher von 
1928 stehen unter den Befehlen unbelehrbarer Berater.) Die Werke 
literarischer Kunst unterliegen seither einer schärferen Prüfung, was 
die Tiefendimension anlangt, in der sie den Menschen erfassen ; und 
sogar so weit geht dies, daß dramatische Belustigungen des Verstandes 
und des Witzes ungeheuren Zulauf haben, in denen Rohstoff der 
Analyse, ungenügend geformt und nicht sehr tief verstanden, auf die 

— 100 — 



I 



Szene gebeut wird. Die Werke der bildenden Kunst, besonders 
die des Grotesken und Grausigen, werden besser, weil ohne Neugier 
aufgenommen, und die Deutung der Triebe selbst, aus denen der 
pliantasierende Mensch zum Ton greift, um ihn zu kneten, zur Tube, 
um die Farbe auszuquetschen, zum Pinsel, um mit ihm zu malen, hat 
heute ein entschiedeneres Gesicht als früher. Die Naturen der Großen 
und Geistigen sehen in analytisdier Beleuchtung weniger erhaben, aber 
gerade dadurch ergreifender und ermutigender aus ; und die Gewohn- 
heiten, des Alltags und die Verzerrungen, die der Alltag alltäglichen 
Charakteren zufugt, haben plötzlich völhg neue Bedeutungen : Geiz 
ist nicht mehr bloß Geiz wie früher, Eifersucht nicht mehr bloß Eifer- 
sucht, Neugier und Klatsch nicht mehr Neugier und Klatsch ; die Hab- 
sucht und die Verschwendung, die Hilfsgier und die Hartherzigkeit, 
das rätselhafte Versagen gewisser Menschen in gewissen Situationen, 
und das ebenso rätselhafte plötzliche Aufspringen schöpferischer Kräfte 
in gewissen Lebenslagen werden von einem erforschbaren Wcltprinzip 
erklärt. Wenn heute Künsder vorzeitig erlahmen, wenn ihrer Schaffens- 
kraft sich immer zäher und zäher Hemmungen bemächtigen, uner- 
klärbar aus dem allgemeinen sichtbaren Habitus des Mannes oder der 
Frau, die die Begabung tragen, so crschheßen sich dem Kundigen 
nicht nur verschwiegene Tragödien auch in anderen Lebenszonen 
dieser Personen, sondern ebenso sehr auch Möglichkeiten, in solchen 
Fällen Hilfe zu bringen und Heilungen zuzufügen denen, die bislang 
verzweifelt zu Drogen und Giften griffen oder greifen, um ihr Ver- 
sagen noch einmal zu überspringen und dafür umso tiefer in die Ver- 
strickung zu fallen. Die Erziehung der Kinder hat ein vöUig neues 
Gesicht bekommen. Zehntausende von jungen Menschen wachsen 
heute auf, betreut von einem Maß von Einsicht, das vorher unvor- 
stellbar war. Die Bewertung der sozialen Lebenssphäre und der Triebe, 
die zu ihr hin- und von ihr wegführen, steht damit und daneben in 
immer gründlicherer Beachtung, und was die Religion von Jahrhundert 
zu Jahrhundert ohnmächtiger ward zu ordnen, weil sie sich an den 
Staat verkaufte : das Leben des Menschen im Staate, d. h. in der Ge- 

— 101 ~ 



Seilschaft, läßt sich nach neuen, angemesseneren Skalen umordnen. 
Sogar die Sphäre der großen Politik wird dank der Entdeckung und 
Beschreibung jener Gruppenlcidenschafien, die sie beherrschen, in 
Zukunft ihren eigenen Gesetzen entsprechend beeinflußbar sein, wenn 
diese Erkenntnis auch vorläufig noch weithin unbemerkt geblieben 
ist; aber während heute noch vielen Völkern, die unmündig bleiben 
möchten aus Furcht vor ihrer eigenen Erwachsen heit, Diktaturen die Flucht 
vor der Selbstverantw Ortung erleichtem, diese reaktionäre Flucht in 
den behüteten Zustand, wo der mächtige Vater der Horde befahl, 
so wird dodi, je breiter analytische Erkenntnis unsere Anschauung 
auch vom Leben der menschlichen Gruppen durchsetzt, dieser Drang 
nadi rückwärts sich von selbst durch Nachreiftmg dieser Gruppenindi- 
viduen erledigen. 

Der Mensch sieht in sich kein brütendes Chaos mehr, sondern ein 
unerschöpfliches Becken von Kräften, denen es sinnvoUe Ziele zu 
setzen gilt, und deren Wege erforschbar sind und erforscht werden 
müssen. Der Mensch sieht in sich keine hysterischen Hohlräume mehr, 
in denen er plötzlich versinken kann, wenn er in sich selbst zusammen- 
stürzt vor jähen Einbrüchen elementarer, bisher verdrängter Gewalten, 
Der Mensch hat um sich und unter sich keine Hölle mehr, in der 
Teufel und böse Geister das Böse in der Weh übermächtig machen. 
Der Mensch bedarf keines beaufsiciitig«nden Gottes mehr, der ihn 
mit semem Finger lenkt, und keiner Flucht mehr in ein Geistiges, 
das er um so geistiger, heiliger und unwirklicher übertreibt, je trieb- 
gebundener und angstvoUer er vor der Macht seines eigenen Unver- 
nünftigen steht. Der Kot kann ihn nicht mehr beschmutzen und der 
Tod nicht mehr entsetzen, denn der Eine wie der Andere wird ge- 
regelt und eingeordnet von Trieben, Sehnsüchten, Erlösungen und 
Ängsten, die die Person des Menschen aufbauen, indem sie ihr zu 
gleicher Zeit Schranken setzen. 

Dies sind, in viel zu kurzem Abriß, einige Veränderungen un- 
seres Weltbildes seit dem Auftreten eines Mannes, geheißen Sigmund 
Freud. 

— 102 — 



\ 



Die Insel Irland 

Ein paydioanalytisdier Beitrag zur politisdien Psydiologie 
Von Ernest Jones (London) 

Aui dem EngUsdiEa abcnclit 
von Luise Zucker { Wim) 

Dem uQbelangenen Beobachter ist gewiß sdion oft die merkwürdige Er- 
sdieinung aufgefallen, daß Irland auf alles, was von England ausgeht, so völlig 
anders reagiert als Schoiiland und als Wales. Es ist niclit notwendig auf den 
Grad der Verschiedenheit näher einzugehen : die Tatsache steht uns heute 
klar vor Augen. Zweck dieser Abhandlung ist nach psychoanalytischen 
Bidiüinien danulegen, daß ein wichtiger Faktor, der diesen Untersdiied her- 
vorruft, die geographisdie Beziehung der Länder untereinander, ungleich sub- 
tiler und verwickeker einwirkt, als man vermuten könnte. Es ist dabei klar, 
daß wir wissendich einen einzigen Faktor herausgreifen und nicht etwa die 
Absicht haben, die /ahlreichen anderen wohlbekannten Momente, die histori- 
schen, dynastischen und ökonomischen, zu unterschätzen. 

Ich glaube nidit auf Widerspruch zu stoßen, wenn icli feststelle, daß die 
psychologischen Motive, die Schottland und Wales veranlassen, sich freund- 
schaftlich mit England zu verbinden, augenfälliger sind und weniger der Auf- 
klärung bedürfen, als jene, die den Kampf zwischen Irland und England nicht 
ZM Ende kommen lassen. Die Beziehungen zwischen Schottland und England 
gehören dem gleichen Typus an, wie die zwischen zwei kräftigen und eben- 
bürtigen Männern, die nach einer Periode erbitterter Fehde übereinkommen 
sich zu versöhnen, um sich zum gegenseitigen Wohl in einer Gemeinschaft zu 
vereinen. Dieses Eigebnis wurde gewiß durch den Umstand erleichtert, daß 
Kasse und Kultur beider Länder vorwiegend anglosächsisch waren ; tatsächlich 
bestehen, abgesehen vom westhchen Hodiland kaum größere Unterschiede 
zwischen Schottland und Nord-England als zwischen Nord- und Süd-England. 
Das Gleiche kann nidit in Bezug auf Wales und England gesagt werden, wo 
die großen Kultur- und Rassen unterschiede sehr liefgehend sind, und dodi 
haben es diese zwei Nationen verstanden, Jahrhunderte lang harmonisch im 
engsten Kontakt miteinander zu leben. Man kann auch nicht sagen, daß die 
Vereinigung unter einem Herrscherhaus zur Zeit der Tudors mehr als einen 
vorübergehenden Anted au diesem Ergebnis gehabt hat. Die Beziehtmg zwischen 
Wales und England ließe sich mit der zwischen zwei ungleicli gearteten 
Brüdern vergleidien : gutmütige Toleranz auf der einen Seite und ein Ge- 
misch von Widerspruch und Bewunderung auf der anderen. 

— 103 — 



In der Bezieimng zwlsdicn England und Irland sehpn «ir dagegen eine fori- 
laufende Kcitc mililärisclicr Untcrdrüiinn);, Ausbeufung und Quälerei, der 
sich von der Gegenseite verbissener und aufrührerisdier Widersland entgegen- 
stellt. Während der vergangenen sieben Jahrhunderte wurden relativ geringe 
Anstrengungen gemacht, um zu irgend einer Form crträgliclier Versländigung 
zu gelangen. Es erhebt sich nun vor allem die Frage, ob dieser Zustand der 
Dinge eine vollkommen natürliche Reakrion von seilen Irlands gegen eine 
außerordenüich große Unterdrückung durch England darstellt, oder ob es nicht 
andererseits irgend ein besonderer Charakterzug der Irländer war, der stets 
eine Reibung bedingce und daher die Eintracht verhinderte, die man sonst in 
vielen Teilen Europas zwisdien veradiie denen Narionen und Rassen beobach- 
ten kann. 

Da. ich midi hier nur mit dem Wesen der irischen Einstellung zu befassen 
habe, unterlasse ich jede Analyse, die man an der englischen Haltung 
vornehmen könnte. Daß man England für die ganze Situation nicht verant- 
wortlidi raadien kann, geht klar aus einem Vergleich zwischen Wales und 
h-land hervor. Vom rein militärisdicn Standpunkt betrachtet, befand sich Wales 
gegenüber England viele Jahrhunderte lang in der gleidien Lage wie Irland ; 
der größere Widerstand, den Irland einer Einverleibung in das vereinigte 
Königreich entgegensetzte, kaon also kaum auf bessere Erfolgsmögüchkeiten 
gegründet sein. Es scheint daher gereditfertigt, in der nationalen Verschieden- 
heit der zwei Völker eine Erklärung zu suchen. Hier wird die Aufgabe ao- 
gleich ersdiwcrt, denn es gibt keine tiefgehenden Rassenuntcrsdiiede zwisdien 
den Beiden. Sowohl Irländer als Walliser stammen im Wesentlidien von 
einer mitte lländis dien Rasse mit ursprünglidi neolilhisehem Einsddag ab, wo- 
bei in beiden Fällen vermudich zufolge derlj^terwerfiing eine gänzliche An- 
iiahme der keltisdien Kultur und Sprache erfolgte. Wir können kaum der 
größeren Vcrsdimelzung mit dem dänischen Stamm an einigen der Küsten- 
stridie Irlands, nodi der gänzlidien Romanisierung der Briten irgend eine weit- 
reidiende nationale Wichtigkeit beimessen. Trotzdem lassen sich innerhalb des 
historischen Zeitraumes drei hervorstechende Abweichungen im Verhalten der 
beiden Völker beobachten: i) Wales stellte frühzeitig eine harmoniadie Ver- 
bindung mit England her, was sich mit Irland immer als unmüglidi erwiesen 
hatte ; 2) Irland blieb von der Reformation unbeeinflußt, wäiircnd Wales zum 
extremen radikalen Protestantismus überging. 3) Als Nation wie als Individuen 
gesehen, waren die Walliaer im Großen und Ganzen ein friedliebenderes Volk 
als die Iren. 

Von den vielen Faktoren, die für dieses Ergebnis maßgebend sind, haben 
■wir uns hier nur mit einem einzigen zu befassen, nämlich mit dem Umstand, daß 

— 104 — 



Irland eine Inse! ist. Man hat oft darauf hingewiesen, daß die Psydvologie der 
Inselbewohner die Tendenz zeigt von der Psychologie der verwandten Völker 
auf dem Festland abjuweidien und wir selbst sind keine Ausnahme dieser 
Regel. Die Insiiiaritäl der Briten mit allem was das Wort sonst beinhaltet, ist 
sprichwördich auf dem Kontinent, hnmcrhin ist es wahrsdieinlich, daß die 
(eladve Größe der Insel in diesem Zusammenhang von beträclitlicher Bedeu- 
tung ist und daß zum Beispiel die Insularität Austrahens, Japans und Groß- 
I britaniens sehr wesendich von jener der kleineren Inseln abweicht, mögen sie 
I auch allen gemeinsame Züge aufweisen. Die geographisdie Tatsache der In- 
sularität kann die Mentalität der Inselbewohner in versAiedener Weise beein- 
flussen ; ihr Abseits stehen, ihnen eigen tümlidie Gebräuche, hervorgerufen durdi 
den Wunsch nadi Sicherheit und so fort ergäben ein ausführhches Kapitel für 
[sich; hier ist es nur möglich einen speziellen Gesichtspunkt herauszugreifen; 
Ldie Tendenz der geographischen Insularität sich unbev^ißt mit besonderen 
JKomplexen zu verbinden und dadurdi diesen eine Ausdrtidcsmöglichkeit zu 
l gewähren. 

Der Begriff einer Inselheimat verknüpft sich vorzugsweise mit Komplexen, die 
Isidi auf die Vorstellung des Weibes, der Jungfrau, der Mutter und des Sdioßes 
[beziehen ; alle diese versdiraelzcn zum Zentral komplex des Schoßes einer 
ijungfräulidien Mutter. Dies bedeutet natürlich unsere eigene Geburisstättc. Im 
idefsten Herzen hegt jeder Mann die Hofhiung, daß sehe Mutter eine Jung- 
lürau sei ; sie stellt jenen Widerwillen gegen den Vater dar, den die Psycho- 
Lanalyse als normalen Bestandteil des umfassenden Oedipuskomplexes aufge- 
Ideckt hat. Es ist nicht erstaunlich, daß sich durdi die Gedankenassoziation 
lunserer Heimat und unseres Landes mit der eben erwähnten tiefen Gefühls- 
Equelle wichtige Folgecrsdieinungen im Leben ergeben, was sogleich dargelegt 
I werden soll. 

Auf zweierlei Arten läßt sich die Existenz dieser unbewußten Assoziation 

beweisen. Erstens zeigt die Psydioanalyse, daß die Phantasien des Individuums 

Jvon wunderbaren Inseln so allgemein verbreitet sind, daß sie Dichtern und 

Schriftstellern als immer wiederkehrendes Thema dienen. Bei derartigen Unter- 

Wdiungen habe idi wiederholt unzweideutiges Beweismateria! für die vor- 

piegende Assoziation erhalten. Zweitens findet man über die Literatur und 

lythologie verstreut unzählige Hinweise auf eraen besonderen geheimnisvoll 

Diienden Zauber (appeal), den Inseln auf die Einbildimgskraft ausüben ; der 

pdare Beweis für die Sdilußfolgerung wird durch das Studium der genauen 

|Forraen erbracht, weldie diese Phantasien annehmen. 

Daß die Vorstellung unseres eigenen Geburtslandes — ob Insel oder nicht 
'— allgemein mit dem Begriffeines weiblichen Wesens mit jungfräulichen und 

— 105 — . 



miitterlidien Attributen verknüpfen ist, geht klar aus der bekannten Tatsache 
hervor, tlaß die meisten Länder allgeniein in dieser allegorischen Form dar- 
gestellt werden : man denke nur an Britannia, Columbia, Germania, Iialia und 
alle Übrigen. Diese symbolischen Frauengestalren haben trotz ihrer ausge- 
sprochen mütterlichen Charakleristiken niemals einen Gatten. Immerhin geht 
die hier aufgestellte These über diese sdilidite Tatsache hinaus : sie besagt, daß 
die oben erwähnte Assozialion ^äei intensiver ausgeprägt und weil stärker 
gefühlsmäßig betont wird, wenn das Heimatland eine Insel ist. Ich glaube 
jeder wird mit mir übereinstimmen, daß uns der Begriff Britannia viel mehr 
bedeutet, als den Bürgern der Vereinigten Staaten der Begriff Columbia. 

Was ich hier aus der zweiten Gruppe der Beweise anführe, ist meistens 
populären und lilerarischen Quellen entnommen und bezieht sich direkt auf 
Irland ; aber es werden auch ähnliclie Proben dieses Thema betreffend aus 
anderen Ländern erwähnt werden. 

Vor allem ist es zweifelhaft, ob es für irg.nd ein anderes Land eine soldie 
Mannigfaltigkeit weiblicher Namen gibt. Außer dem gebrau diii dien Erin, der 
deti meisten anderen Ländern genügen würde, heißt Irland audi unter ande- 
rem : Cäitün Ni Houlihan, Morrin Ni Cullinan, Roisin Dubh (kleine dunkle 
Rose), Shan Van Vocht (alte Frau), Seau Bheau Bhoet, Dark Rosaleen, femer 
gibt es die Namen von drei Königinnen von Tuatha Di Danann : Eire, Bauba 
und Fodhia. Zahlreiche Hinweise auf Irland als Frau und besonders als Mutler 
finden sich in Gedichten, Reden und Sdiriften ; die folgenden mögen als 
typisdie Beispiele dienen.' 

Ich bin Irland 

Idi bin älter als i!as Alte Weib von Bcare.^ 

Groß mein Ruhm, " 

Ich, die Cüchulainn, den Tapferen gebar. 

Groß meine Sdimadi 

Die Mutter von ihren eigenen Kindern verraten. 

Und Mutter veraloßt Du auch 
Das Kind, da^ fiir Dich sterben "will. 
Mein heißestes Flehen ^älte doch Dir 
(For cuisle geal mo croidhe).' 

Du hast mich ersdilagen, oh mein Weib und nidilf wird es Dir Irümmea, 
Denn die Seele in mir liebt Dich nicht seit gestern noch seit heute. 
Du hast midi sdiwach und gebrochen an Leib und Seele gelassen, 
Verrate mich nicht, mich der Dich lieht, meine Dunkle Rose. 

l) Ich verdank? jit MIas VioicT FiEzgdrold. 
1) P. Pcafsc: Ich bin Irland. 

5) MidiäcE Dahcny. A cuibEe geril um truidhc. 1S4S fliih Dohtny nadi Amerika, nachdem er 
am O^Brien Aufstand Leilgcnommcn halte. 

— 106 — 



1 




Halte ich ein Gespann Pferde, ich pflügic hügeUufwäns. 

Inmitten der Meise würde idi meint kleine Dunkle Rose als Evangelium anbeten. 
Ich mächte dem jungen MUcldieii, das mir seine Jugend sdienkte, einen Kuß geben 
Und in diesem Kuß würde ich doch nur meine kleine Dunkle Rose umarmen. 

Die Eme soll zum reißenden Strom anschwellen und die Berge Bollen bersten. 

Die See soll in raten Wellen brausen und Blut verKOSscn werden. 

Jede Bergeswiese in Irland und alle Moraste sollen erbeben 

Ehe eines Tages meine kleine Dunkle Rose zugrunde gehen sali.' 

Abgefallen ihre bezaubernde Schönheit 
Von ihrem lieblidi geformten Antlitz. 
Vollbfüstige Spenderin der holden Schar, 
Kein Erbe bleibt Dir erhalten. 

Sie hat keinen Freund, keinen Gefährten, 

Keinen Liebsten in ihrem Bett. 

Eine Frau ohne des starken Mannes Schutz ! 

Kein Mann liegt neben ihr 

Niemand der ihrem Herzen nahesteht, 

Sie hoffi nicht mehr auf einen Gallen, 

Denn das treue gaelischc Blut 

Zog hinweg über die slürmischc weiß-umbrandctc See. 

Darum ist ihr Gemiil bedrückl. 

Die edle Witwe soll keinen Liebhaber, keinen 

Freund und Gelahrten finden. 

Ehe nicht die treuen Gaelen heimkehren 

Mit dem drohenden Jauchzen des Freien, 

Kein Wunder, daß die Insel der Kraft 
Einstmals geliebt, nun trauern muß 
Um das gaeliscjie Volk, an Talen reich, 
Das ein« so mit Liehe sie umgab. 

Schützend betreust Du den PHegling, obgleidi 
Verwitwet und gallenios 
Oh Maria, welch grausames Geschici, 
Beraubt ist sie all ihrer ererbten Schönheit ! 

Ohne Schutz gegen die Gefahren der Inseln 

Adi wie ist sie beklagenswert ! 

Und so von ihr Btsilz ergriffen, — 

Der ehrwürdigen Mutler von Mileadhs Söhnen. 

Gleich eine Hure ohne Ehre und Ansehen 
Ist dieses Land ^ einst Parthoion's Bollwerk, 
Unbclohnt blieb sie, — ihre Sinne schwanden 
Und ihre Kinder sind Wilden untenan,' 



i) GfwöhtiMch Hugh CDgnneii, i6oi lugesdiricbcn. 

?) Gcoffr^i^ KfSlijlg; Mj' Pitjr Ho«. Ir;land Slamicih. 1644 adrr 1650, 



107 — 



«Und doch gebe ich die Heimat nichl auf. Ich sehe sie i:i einer Ohnmacht 
befangen, aber sie ist nicht tot : obwohl sie hilflos und unbeweglich in ihrem 
Grab liegt, spielt doch auf ihren Lippen ein Schein des Lebens und auf iliren 
Wangen ein Sdiimmer von Schönheit".' „Beschützerin unserer Jugend ist sie 
und voller Liebreiz ihr Anblick."" Aber vielleicht die rührendste Schilderung 
von allen finden wh in W. B. Yeals' Stück „Cathleen ni Houlihan", wo der 
Geist Irlands als arme, wandernde, alte Frau dargestellt wird, deren Kummer 
die Jünglinge (die Szene spielt im Jahre 1798) alles andere, seihst ihre Bräute 
am Hodizeitstage vergessen und ilirem Ruf folgen läßt. Der junge Held des 
Stüdtes tut dies und das Stück sdiiießt mit der Frage, die seine Familie an 
einen eben eintretenden jungen Bursdien stellt, „Sahst Du eine alte Frau den 
Pfad herabgehen ?" Worauf er antwortet : ,Nein, doch ich sah ein junges 
Mädchen und sie hatte den Gang einer Königin", Pfier haben wh die Identi- 
fizierung von Jungfrau, aher Frau und Königin (d. i. Mütter), die für die un- 
bewußte Vorstellung der Mutter so cliaraktcris tisch ist. 

Wir gehen nun zu einem scheinbar andersartigen Thema über, dessen Zu- 
sammenhang mit dem Vorangegangenen später gezeigt werden wird. Auf der 
ganzen Welt kann man auf die Überzeugung stoßen, daß u'gendwo, gewöhn- 
lich in einem westlichen Meer eine zauberhafte Insel exisriert, die mit dem 
Himmel identifiziert whd. Li Europa tritt sie unter verschiedenen Namen auf: 
Meropis, der Kontinent des Kronos, Ogygia, Atlantis, der Garten der Hespe- 
riden, die Glückseligen Inseln und so fort. Die Lage der Insel verseichneien 
viele mittelalterliche Landkarten, wie die von Lambeitus Floridus im zwölften 
Jahrhundert (jetzt in der Bibliothcque Natiouale zu Paris), die Hereford-Land- 
karte aus dem dreizehnten Jahrhundert uni^die Weltkarte aus dem zwölften 
Jahrhundert im Corpus Christi College zu Canbridge. 

Drei charakterisriache Merkmale sind regelmüßig mit dieser Vorstellung ver- 
bunden. 1] In diesem Land werden alle Wünsdie erfüllt ; 2) aus ihm gehen 
neue Seelen hervor; 3) es ist das Land, wohin die Toten gehen. Diese drei 
Merkmale sollen der Reihe nach betrachtet werden. Das erste ist den Psycho- 
analytikern gut bekannt. Die Phantasie von einem Leben, in dem alle Wünsclie 
leicht erfüllt werden, die unbewußte „Allmacht des Gedankens" stellt den 
Wunsch dar, die einmal gekostete Erfahrung solcli einer Existenz wieder zu 
erleben. Die Vorstellung; von der Möglichkeit eines soldien Lehens ist nidit 
so phantastisch und ansprudisvoll als es Schemen mag, wir alle haben es latsäch- 
hch in einer gewissen Entwitklungsphase empfunden und wünsclien einfach zu 
dieser Erfahrung zurückzukehren. Ich spiele natürlich auf die Periode vöUiger 

1) Rede gegen die Union, gehalten von Gratlao, am 36. Mai 1800. 

s) O'Grady, Vcrzeidinis dtr Maniutriptt im Briliidicn Muscuni. 1894, Nr. 385. 

— 108 — 



I 



ßjfriedigung an, wälirend unseres intrauterinen Daseins, deren Vollkommen- 
lieit nadi und nach „im Licht des Alltags verblaßt" wie Wordsworth sagt und 
■ [(1 die folgenden Enlwicklungsatadien der Kindheit und Jugend übergeht. Zwar 
■werden die Freuden, die man auf der Insel der Seligen genießt in gewählteren 
Ausdrücken gesdiildert, als dieser primitive Ursprung vermuten ließe, — eine 
Lgani verstiindhche Tatsache, — aber es ist beachtenswert, daß die Rolle die 
■■die Nahrung — der Hauprgenuß der Kindheit — spielt, in den meisten Schil- 
I derungen besonders hervortritt. Wenige dieser Phan las icin sein sind ohne ihren 
I Lebensquell, ewige Jugend und einen reichen Vorrat an goldenen Äpfeln ; 
fdiese S)inbole als die Milch und Brust der Mutter zu erkennen, fällt nicht 
schwer. Obst, besonders Äpfel, sind im Unbewußten ein immer wiederkehren- 
' des Symbol für die Brust. In so natürlichem Zusammenhang steht die Vor- 
stellung der kösdichen Nahrung mit dem Begriff einer glückseligen Insel, daß 
die Karikaturen des Minelalters darüber, — wie r.um Beispiel Cockneyland 
', und das Sdilaraffenknd — kaum von etwas anderem handeln ; gebratene 
I Gänse stolzieren in den Straßen herum und erreiclien durdi fortwalirendes 
I Drehen die letzte Vollendung, der Wein fließt in Strömen und so fort. Man 
iTtann kaum daran zweifeln, daß unbewußte Erinnerungen an den Schoß der 
Mutter und die Brust weitgehend zur Bildung dieser Phantasie eines wunsdilosen 
[Paradieses beigetragen haben. Ihre Beziehung zur Erinnerung an die Mutter 
H]unn in dem Stück „Mary Rose" von Sir James Batrie deuthdi zum Atisdmdc. 
[ Man wird sidi erinnern, daß die Peter Pan ähnhdie Heldin des Stückes, die 
mit ihrem Mann streitet und ihren Vater fürchtet, aber ihre Mutter und ihr 
Kind zärtlidi liebt, d. h. eine sehr ausgeprägte münerlidie Bindung zeigt, durch 
die unwiderstehlidie Zauberkraft einer magisdien Insel hinweggelockt wud ; 
diese wird in Gestalt einer Frau dargestellt, die mit Musik um sie wirbt. 
Nebenbei ist die Musik, z. B. das besänftigende Schlummerlied der Mutter 
I außerordcntlidi eng mit der Vorstellung der Kinder und dem dritten unserer 
Themen, dem Tode veiknüplt. In ganz Nordeuropa warnte man die Kinder 
I den liebbchen Gesängen der Elfen [deren Musik in Deutschland als Alpleidi 
I oder Elfenreigcn, in Sdiweden als elllr-lek, in Island als liudings-Iag, in Nor- 
wegen als HuldresUt bekannt ist) zu lauschen, damit sie nidit von Frau Holle 
I fortgezaubert würden und Baring-Gould' hat in interessanter Weise die gleiche Idee 
1 in vielen unserer Dissenterhymncn verfolgt, wie z. B. „Horch, horch meine 
I Seele I Engelsgesänge erheben sidi", „Liebliche Engel rufen mich vom jensei- 
• dgen Ufer," 

Das zweite Merkmal, daß die Insel der Ort ist, wo die Kinder herkom- 
oen, deutet am klarsten aid' einen mütterlidien Ursprung hin. Der Ort, wo 
l] Boring-Gould : SeJtsDme Mylben diu dem MitltMicr, S. 4?^. 



— 109 — 



Kinder geboren werden, kann offenbar nichts anderes als ein Symbol für den 
Sdioß der Mutter aeio. Vor allem machte uns die ausführiidie Arbeil von 
Otto Rank' mit der ungewöhnlich großen Rolle veriraui, die der Betriff des 
Wassers in Mythen und Legenden spielt, die sidi auf die Geburt beziehen. 
So ist es nicht erstau.iiich, als gcwÖhnHches Symbol für den weiblichen Schoß 
einen Ort zu finden, der in so enger Verbindung mil dem Wasser steht, wie 
eine Insel : dies ist uns aus der Psychoanalyse am Individuum wohlbekannt 
Der häufig unbewußte Vorgang der Umkehrung trägt natürlid, dazu bei (ein 
Ort, umgeben vom Wasser, statt eines Ones, der Wasser enthält). Es ist sehr 
bekannt, daß in der Folklore und in der Mythologie kleine Kinder meistens 
aus einem Fluß, einer Quelle, einem Teidi oder aus dem Meer kommen, 
jedenfalls aus einem Gewässer, wo sie aufbewahrt werden. In dem oben 
zitierten Gedicht von Wordsworth Jntimations of ImmoriaJity from Recollec- 
tions üf Early Chüdhood" spricht er von der Geburt des Knaben aus -iImI 
imperial palacc wkence he arnie" und fährt dana fort ; 

UnJ so, in Sommersonne und in Fritden, 

Ob idi landwärL^ auch geh, 

Sieht ;ioch die Stele die urew'ge See, 

Die uns gcbrathi. In einem Augenblitk 

Findet sie wieder ihren Weg juriick 

Und sieht die Kinder spielen an dem Strand 

Und hört die Wellen brausen übers Land. 

Die Bedeutung- des d r i 1 1 e n Merkmales, daß die Glückliche Insel auch der 
Aufenthalt der Toten sein soll — aus diesem Grund nennt man sie auch oft 
die Insel der Seligen — ist weniger klar und wird erst dann verständlich, 
wenn man sich an die Vorstellung erinnert.-^e wieder gewöhnlich im Volks- 
glauben wie im Unbewußten des Individuumr^u finden ist, daß man durch 
den Tod emfadi zu dem Ort zurückkehrt, von dem man kam, „Staub bist Du 
und üu Staub sollst Du werden." Das Unbewußte in uns kann den Begriff 
der Vernichtung nicht fassen und setzt an dessen Stelle die Rückkehr zur 
Nirvanaexistenz. des Lebens vor der Geburt. Wahrscheinlidi stützt sich darauf 
im Wesentlichen der Glaube an die Wiedergeburt und die Reinkarnarion.' 
Von diesem Standpunkt aus ist es ganz begreillich. daß was als uterine Vor- 
stellung des Todes beieidmet werden kann, wieder in engem Zusammenhang 
mit dem Begriff des Wassers steht.= Für die VorsteQung. daß die Seelen der 
Toten über ein Wasser gelangen müssen, ehe sie an ihren endlichen Besrim- 
tnungs ort ankommen, könnte man tausende von Beispielen zitieren, von dem 

i] Oiiu Rank: Dir Lohcngrinsagc 191], S. sS— 3!, usw. 

5) Sithc Kapilrl XXXVni und XXXIX indncr Abhandlung über Psydioimalyae, igi8 

3) STche Ouo Bank: op. cii. und Hsj-dioBnals^ädic Bciitägc lur Mj'lhenfnrsciiuag, 1919, 

— 110 — 




I StyJt der Griechen bis zu Böcklin's Toteninsel, Reste dieses heidnischen Glau- 
I bens sind in vielen englisdien Hymnen zu finden: 

I Treff" idi didi am andern Ul'cr, 

I Allem WoKcnstiirm entrütki. 

Wo in eiiioni bessern Lande 
I Kummer nie das Herz beiinjdü '/ 

I Treff' idi dich im guten Hafen 

— Nach dem Scurm der See — um Strand ? 
Werden wir den Anker senken 
In dem schönen Himmelsland ? 

Die folgenden Zeilen kommen in der Lyra Messianica vor, in einem Gedicht 
über „Die letzte Reise". 

Durdi die See, die van Siürmen zerrissen. 
Durchs Leben ohn' Freud' und ühn' Ruh' 
— Das Deck ist mein Heim und mein Kissen — 
I Der Insel der Seligen zu. 

Ihr Walser des Grams und der Sorgen 
Wie tübi ihr und braust ihr lum Strand. 
Doch vorwärlB ! schon seh' ich das Morgen, 
Es dämmert ein besseres Land, 

Nun wiiiJ Leid und Kummer sidi lindern, 
Die lobenden Wugen sind weit. 
Ich singe mit glücklichen Kindern 
Von cw'ger Zufriedenheit, 

»Oder idi erinnere an die Verse in Tennysons „Grossing- the Bar". 
Sonnenunlergang und Abc ndi lern, 
Und ein heiler Rut an midi 1 
Und möge die Hafenbarte nicht adizen. 
Wenn ich in See steche. 



Wenn auch bewegt — die Fiut scheint sdilaTend. 

Zu hoch steht sie, um Raum lür Klang und Schaum zu geben, 

Wenn er, der in endlose Weilen zog. 

Wieder heimkehrt. 



So sehen wir, daß alle Gesichtspunkte der Vorstellung einer paradie- 
sischen Insel eng mit den Phantasien vom mütterlichen Schoß verbunden sind, 
mit unseren tiefsten Gefühlen die Geburt, den Tod und die Mutter betreffend. 
Nun mödite idi vor allem darauf hinweisen, daß dieser Zusammenhang, wenn 
I audi anderswo gebriudilich genug, in der Vorstellungswelt des Irländers be- 
fcsonders betont ist. Ohne einen Widersprudi zu befürchten, kann man wohl 
behaupten, daß es keine andere Kultur gibt, die so völlig und von so zahl- 
eidien Glauben und Legenden durditränkt ist, die mit dem Begriff einer 

„ III — 



paradiesischen Insel zusammenhängen.' Die Zahl der ersischen Namen dafür 
legt an sich ein sprei'hendcs Zeugnis ab. So ist : Thierna na ogc, das Land 
der Jugend ; Tir-Innambco, das Land des Lebens ; Tirno-nog, das Land der 
Jugend ; Tir Tairngire, das Land der Verheissung ; Tir-N-aill, das andere 
Land ; Mag Mär, die große Ebene ; Mag Meli, die erfreuliche Ebene. Die 
gaelische Flath Innis, die edle Insel, wohin die Seelen der Abgesdiiedenen 
gehen, ist äugen sdicinlidi eine Variante der glcidien Idee. Diese Vorstellungen 
setzen sidi aus den oben erwäiinien Elementen zusammen. Dort finden wir 
den Quell des Lebens, die güldenen Äpfel, von dort kommen die Kinder und 
die Toten kehren zu ihr zurück. Helden macliten sich auf, den wunderbaren 

Kessel der Wiedergeburt — ein typisches Symbol für den weiblichen Schoß 

zu sdiützen, wie sie es anderwärts mit dem heiligen Gral taten. Die Idee der 
Wiedergeburt in Beziehung zur Insel der Anderen Welt spielt eine außer- 
gewöhnliche Rolle in der irischen Mythologie. Die Glückseligen Inseln der 
frländer befanden sidi immer im Westen, Von der Odysee an wurde der 
Westen immer mit dem Tod in Zusammenhang gebracht und lange Zeit vor 
dem Krieg lautete in der irischen Grafschaft Munster der übliche Ausdrud 
Kr Sterben „nach dem Westen gehen". 

So sehen wir erstens, daß der Begriif Irland in nahem Zusammenhang mit 
den Begriifen des Weibes, der Mutter, Pflegerin und Jungfrau" steht und 
zweitens, daß kein anderes Land so allumfassend und zäh an der Vorstellung 
einer westlichen Insel, ausgestaltet mit den uterinen Attributen des Glückes, 
der Geburt und des Todes festhielt. Die Schlußfolgerung liegt nahe, daß die 
beiden Themen miteinander verknüpft sind, daß die Zauberinsel eine ver- 
herrlichte Idealisierung der eigenen Geburts^tte des Irländers, der Insel Irland 
war; tatsächlich bezeidinen es auch die allnM-dischen Völker, — die vor der 
Zerstörung ilires Königreiches Lemster zu Clontarf (1114) vieles aus der 
irischen Vorstellutigswelt übernahmen — mit dem Namen Wand hit Mikla 
(größeres Irland). Daher ist es ganz verständlidi, daß der Durchs dm ittsirlän der 
auf den Gedanken an eine fremde Invasion anders reagiert als der ccmscisn- 
lÜMS ubjedor, der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, wenn man 
an ihn die übliche Frage riditete : Was würden Sie tun, wenn ein Deutscher 
Ihrer Mutter Gewalt antäte? Der Urinstinkt der meisten Männer in dieser 
Situation ist — wie die Psydioanalyse ausführlich gezeigt hat — auf den tief- 
eingewurzelten Ödipuskomplex zurüd^zuführen, auf die sadistische Vorstellung, 

1) Die voUiiändigütn Angaben finJca sich in Jubainvillt's L'Epopic cdiiqu? cn Irlandt, iSgl 
und ia dem 'Eway upon tlic Iriih viiiun nf Happy Otlicrworld and the Ctllic Docirine of Re- 
Birlli" von Alfred Nult, der firößim Autoiiläl auf dicitm GcbitI, in BEind II von Mcytr'j Vgyagr 
of Bran, 1897. 

s) E5 151 inttressant, djß mchrtre SdirifisiqUtr Irlandj nalionalci Muiik-lninumcni. die Haifer 
mit dem Siimini der Isis (einem SpnbiM der Jungfi-äuli dllteil) in Verbindung bradilcn. 

— 112 — 



tdie «A dis mciscen Knaben von der grausamen und heftigen Art der Liebes- 
läußening des Vaters der Mutter gegenüber machen. 

Zugegeben, daß dies bei den Irländern vergangener Zeilen der Fall gewesen 
jein mag — haben wir irgend einen Beweis, daß sich soldte aus alten Zeiten 
gUinmende Vorstellungen unbewußt erhalten und die Menschen der Gegen- 
wart beeinflußt haben sollten ? Ganz abgesehen von allgemeinen VermuCun- 
n, gegründet auf die Beständigkeit der ihnen unterUegenden Komplexe, gibt 
|c3 eine Fülle von Beweisen, die eine bejahende Antwort auf diese Frage 
eben. Den Irländern ist es anscheinend fast unmöglich ihre Gefühle über 
politisdie Dinge auszudrücken, ohne ähnliche Büder, wie die oben besdiriebe- 
[ncn zu gehrauchen — und daß diese Bilder für sie voll inhaltsreicher Bedeu- 
ng sind, zeigt ihr Verhalten. Es isi kein Zufall, daß Irland als einziges von 
[den wesenihchen Gliedern des britischen Reiches im sechzehnten Jahrhundert 
SiA weigerte auf den katholisdien Kult der jungfräulidien Mutter zu ver- 
idchlen und daß die Jungfräuhchkeit nirgends in höheren Ehren gehalten wird. 
lUnd vielleicht ist es mehr als ein Zufall, daß einige der unversöhnhchsten 
jepublikanisdien Führer wie DeValera, Erskine, Childers usw. 
lur mütterlicherseits Irländer sind. 

Nehmen wir als Beispiel den ersten der neuzeitlichen Führer, Charles Ste- 
wart Pamcll, lange Zeit hindurch der angebetete Führer der Natiotialpartei. 
l,Man glaubte, die Parnells hätten in ihrem Haus entweder Feniera versteckt 
[oder Dokumente bloßstellenden Inhalts oder Waffen. Auf jeden Fall erschien 
ebe Untersuchungskommission, bestand darauf, durch das Haus lii geben, ließ 
^di nirgends den Zutritt verwehren und wollte tatsächlich in das Schlafzimmer 
der Mrs. Parnell eindringen, um hier mit frevelhafter Hand angebUche Ver- 
stecke zu durchstöbern. So faßte es zumindest der junge Mann in Cambridge 
auf, als ihm alles berichtet wurde. Dies war krasses Sakrileg und Verletzung 
der Heihgkeit des Zimmers seiner Mutter. Er verfiel in krankhaftes Brüten. Es 
wurde zu einer ungeheuerlichen Angelegenheit. Die Erinnerung an jene 
Schmach beeinflußte sein ganzes Wesen. Sie machte ihn zu einem Hasser jenes 
England, in dessen Auftrag die Tat gescliehen war . . . Die Männer der 
Untersuchungskoimnisaion, die in den Sddafraum seiner Mutter eingedrungen 
waren, schienen nidits gefunden zu haben ... Es wäre denn ein Schwen, das 
Charles gehörte und das sie mit sidi nahmen. Was er mit dem Schwert wollte, 
oder welches Recht er darauf hatte, weiß ich nidit, aber wahrscheinhch war 
dieser Raub wie öl auf das Feuer seines Hasses".' Oder ich könnte folgende 
Stelle aus Killiher's „Glamor of Dublin" ig20 zitieren: „Inminen der rohen 
Kämpfe um irdische Dinge steht Irland allem, gleich einer anbetungswürdigen 
LJ KutchinSDn : ParrraETä ai ihi^ Eightccs. 1920. pp. 30, ^L. 

PiA. Bewegung jjg S 



Frauenges ta!t, geduldig in ihrer alten geheiligten Zivilisation, Ehrfurdic gebie- 
tend der Jugend, einzig dastehend in einer Zeit des aligemeinen Abfalls, sich 
aufopfernd für eine verlorene Sache — all dies sind die Wundmale ihrer ge- 
marterten, doch unzerstörbaren Seele." 

Und wir lieben Dich, ü Bauba !" 

Mag auch der Zerstörer in Deinen Hallen sein, 

Und Du beraubt bist aller — 

Blieb nur der Geist Dir zum Freund, 

Der allts endlich zum Guten wendet: 

Sind auch Deine Augen ein Schweri, das 

Deine Liebhaber auf nianchem Schladilfcld ersdilug. 

Als besdiwingt zum Kampf sie eilten 

Trunken von dem Lidit Deines Leibe«, 

Um für Dich SU sicrbeii, Baubai 
Idimöditenodi ein paar Stellen aus Reden anführen, die im Frühjahr 1922 gehal- 
ten wurden, fn seiner Rede am 23. Februar sagte De Valera; „Es gab Leute, 
die Irland als Mutterland betrachteten und niemals einwilligen würden in iJir 
eine Art ilJegitime Tochter zu sehen ... Da Wand ein Mutterland ist, hat es 
das Redit auf eine Stellung, der Würde eines Mutterlandes entsprechend." Im 
gleichen Monat schrieb Mithael GoIIins in ähnlicher Tonart; „Anläßlich 
einer Konferenz in London mit den britischen Rcgierungsvenretem legte ich 
es klar dar, daß Irland ein Mutterland ist, mit den Pflichten und der Verant- 
wortung eines Mutterlandes." Am 30. April sagte De Valera von den Free 
Statcrs : „Sie wollten daß wir kommen und Irland haken, während es gefesselt 
wurde." So wetteifern die ältesten und jüngsten Berichte der Irländer überein- 
stimmend — in Bitterkeit der Verzweiflung und jetzt schließlich mit der 
Genugtuung des Triumphes — über diei^ergewaltigungen und Greueltaten, 
die ihrem geliebten Multerlande angetan wurSen. 

Ich möchte nidit behaupten, daß der in dieser Abhandlung vertretene Ge- 
sichtspunkt zu geringfügig ist, aber er sieht zu isoliert da, um aus ihm mit 
Sicherheit praktische Schlußfolgerungen zu ziehen. Immerhin sei es mu gestattet, 
darauf hinzuweisen, daß sich die Geschidite mÖglidierweise anders gestaltet 
hätte, wenn England mehr von den hier erwähnten Zusammenhängen geahnt 
und anstatt die Jungfrau Irland gleich einer Hure zu schänden, um sie mit 
dem Angebot einer ehrenvollen Verbindung geworben hätte. Daß dies die 
einzig aussichtsreiche Enstellung war, erkannte man erat, als die Staatsgewalt 
in England dem Bürger eines anderen kleinen keltischen Landes, dem Walli- 
ser Lloyd George, anvertraut wurde. 

1} Einer der vielen weiblidicn Namea für Irland. 



— 114 — 



„Die ganze Mensdiheit als Patient" 

(Neurosentherapie und Religion) 

Man kennt die Gefahr, die der Psydioaiialyse von Seiten ungebetener Hel- 
ifer droht, die da versprechen, die rohe Freudsche Lehre zu destülieren und zu 
[■entgiften und sie dann durdi edlere Zutaten zur Weltanschauung zu machen, 
[zumindestens der Psychoanalytiker selbst kennt diese Gefahr der angehlidi 
[philosophischen Verwässerung zur Genüge und ist vor ihr oft und unmißver- 
Igtändlidi gewarnt worden. Theodor Reik aber gehört zu jenen Psydio- 
[analytikcrn, die nidil nur angesidits soldier von außen kommenden Ver- 
lüachungsbestrebungen aus ihrem Herzen keine Mördergrube madien. Er wird 
l'audi nicht müde, eindringlich zu warnen vor der Gefahr, die der Psychoanalyse 
von inoen her droht, vor der Gefahr der Sclbstbeschränkung 
"auf das Therapeutische. Die Überbetonung der einen praktischen 
herapeutischen Anwenduagsmögüdikeit führt nadi Reik mit gesetzmäßiger 
Notwendigkeit zur ungereditfertigten Einschränkung der Bedeutung der Psycho- 
analyse als psychologischer Wissensdiaft und in ilirer weiteren Folge zum Auf- 
geben ihrer tiefsten wissenschaflhchen Emingenschalten ; die Psychoana- 
lyse wird eine Psychologie sein oder sie wird nicht sein. 
Diesen Standpunkt setzte Reik vor einiger Zeit in einer Diskussion im 
„technischen" (therapeutischen) Seminar der „Wiener Psychoanalytischen Vereini- 
gung" auseinander. Dabei wies er besonders darauf hin, daß nidit nur die 
psyclm analytische Neurosenlehre Entscheidendes für das Studium der Entste- 
hung und Entwiddung religiöser und moralischer Begriffe beisteuert, sondern 
daß — umgekehrt ~ auch Theologie und Ethik der wissen sdiaftlichen 
Psydiologie vorgearbeitet haben (die Existenz und die Bedeutung de 
unbewußten Schuldgefühls sei z. B. auf dem Gebiete der Religion früher 
bekannt gewesen, als auf dem des Neurosen Studiums). Der Erfolg der Neuro- 
sentherapie ist daher nach Reik in einem großen Maße davon abhängig, ob 
es ihr gelingt, retigiöse und moralische Faktoren mit Verständ- 
nis psydiisch in Redinung zu stellen, u. zw. besonders für die Einsdiätzung 
des Verdrängungs Widerslandes und für die der „Tiefendimension der Neurose" 
Reik meint auch, daß die individuelle (therapeutische und pädago- 
gisdie) Aufgabe der Psychoanalyse in der Zukunft nicht die wichdgste sein 
kann. Die individuelle analytische Therapie werde an Bedeutung zurücktreten 
gegen andersartige Wirkungen, wie z. B. die kollektive Therapie und 
Prophylaxe, gewissermaTsen die soziale Psychohygiene. Sdion 
Freud hat es ausges prodien, daß er erkennen mußte, eigenüidi die ganze 

— 115 -^ ^* 



Menschheit zum Patienten zu haben. Und um für diese Aufgabe 
gerüstet zu sein, muß die Psydioanalyse noch lief in das Wesen der reli- 
giösen Ersdieinungen eindringen. Diese Forderung müßten ancli die Thera- 
peuten, die „praktlsdien" Psychoanalytiker erkennen, denn schließlich „wer 
und was beschützt und bestärkt wohl die Sexualverdrängung stärker als die 
Rdigion und die mit ihr so innig verknüpfte Tradition'. Eine künftige Zeil 
wird denn auch in Freud nicht nur den großen Entdecker eines neuen 
psychotherapeutisdien Verfahrens sehen, sondern einen der großen befreienden 
Geister der Menschen, der es vermodit hat, ilir drückendes Schuld- 
gefühl zu vermindern, sie ein wenig von leeren Ängsten zu 
befreien und ihnen den Aufenthalt auf diesem Planeten et- 
was zu erleichtern. Auf dem Wege zu diesen wohltätigen Erfolgen 
wird allerdings die Psychoanalyse nach Reiks Ansicht vorerst noch eineo 
Rückschlag erfahren, der im Namen der Religion gelülut werden 
wird. Im Falle der Psydioanalyse wird es ebenso zugehen, wie sdion oft bei 
der Entdeckung neuer überraschender Wahrheiten. Zuerst sagt man: „das 
ist nicht wahr". Bald wird es heißen ; „es widerstreitet der 
Religion". Und schheElidi dann : „ach, das haben wir schon 
lange gewußt". 

Seinen Beitrag in der oben genannten Wiener Diskussion veroffentlidit 
Seik nun auch im Drudt unter dem Titel „Neurosentherapie und 
Religion" io der äoeben ersdiieneneo „Jones-Festschrift" der 
„Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse"'. Der Gedankenreichtum der 
Reikschen Ausführungen dürfte sdion aus unserem kurzen Referat ersichtlidi 
sein und es wirdsichdaher wohl mancher Lefii(i' dieser Zeilen nidit nehmen lassen, 
zum Aufsatze Reiks selbst zu greifen. " A, J. St. 

l] Das zum 50. Gebunstage von EmsT Jones crsdiicDCDC Doppelheft der „In t crnat iq- 
nalcn Zeitschrift für Paychnanalysc'" cnihäli außer dem Beerüfiungiartitd von Signi. 
Prcud ü. a. folgende Abhandlungen: Fcrcnczi: Das unwillkomcneiie Kind und aein Todcs- 
meb — Van Opliuijaep: Da^ Scsuolziel deä gewaklätigen Sadismus — Sad ger: GeuitiEc 
udd cxtragenitale Libido — Klein: itolltnbildung- ha Kinderspiel — Isaaes : Entbehrung und 
Sdiuldgefühl — Hi vi e rc ; Wcibiidikeil als Maske — ■ Chadwick: Furdit vor dem Tode — 
Searl: FluAr in die Realitit — Sl ärcke! Das Gewissen und die Wiederholung — Glover: 
Zur analytisdicfl Grundlegung der Masaenpsj-diologie — FJügcl: Syiubulik und Ambivalenz in 
der Kleidung — Federn: Über einen alltäglichen Zwang — Alexander: Straf bedürfnia und 
Todestrieb — Sil arpe: Hamlets Ungeduld — Ed er: Ökonomie und Zukunft des Über4dis — 
Laforgue: Absperrungsmedianisnien in der Neurose — Payn e: Der Mythus von derBemikel- 
Gans "Low: Der Einfluß der Piychuanalyse auf die Erziehung in England — usw. (Preis des 
Doppelheftes — im Umfange von 25Ö Seiten Großoktav — Mark l^' — ), 



— 116 — 



Der Kampf ums Redit 

Von Franz Alexander und Hugo Staub 

Vor einigen Wuttco isl unter dtni Tiic] ^Dcr Verbrecher und 
leine Richter, Ein piychoaiialydsdier Einblidc in die Welt der Paragra- 
piicn", ein Budi von Franz Alexander und Hugo Staub crsdiienen, daa 
zum erstencnai in äu^führlidier und zusammenliäpgender Wciae die Ergeb- 
nisse dei Treudsdicn Forsdiung für die Krjminajpolitik nutzbar madit. SowchJ 
mit seiner KritiEc der Eieniigen SirafrcditspJlege und mit meinen tbeorelisdien 
Ausführungen über die F*sydio!ogic vcrsdiicdcner Vcrbrcchcrkalcgüricn, als 
mit meinen Beispielen von psydioanaiyciadier Durchlcuditung konkreter 
Kriminairälle und mit seiner praktisdien AufgabcsicUung lur dit Jusd; der 
Gegenwart und der nädtsten Zukunft erhebt dieses neue Werk Anspruch auf 
das InTcrc^e aller Gebildelen, Aus den einleitenden Ausführungen zur 
Theorie des Verbrechens geben wir den Abschnitt «Der Kampf uma Redii" 
wieder. 

Als grob empirisdie Beweise für die zerset/enile Wirkung, die Fehlurteile 
I auf jede soziale Organisation haben, können geschiditlidie Tatsachen in be- 
[üebigcr Fonn angeführt werden. Sowohl Fehlurteile, die in Verurteilungen 
I wegen nicht begangener Taten bestehen, wie auch solche, deren Ungerech- 
tigkeit auf einem Mißverhältnis zwischen Vergehen und Buße beruht, wirken 
aufreizend auf die Massen, die dann nidit mehr gewillt sind, die bestehende 
Ordnung und ihre Gesetze anzuerkennen. Die massenpsychologische Wirkung 
von Fehlurteilen ist die Empörung und die Abnahme einer bereits er- 
[ reichten sozialen Anpassung. Triebe ins chränkun gen, die der Mensch mit 
I Rücksicht auf seine Mitmenschen sidi auferlegt hat, werden, unabhängig da- 
[von, ob sie auf Einsicht, d. h. freiwilliger Unterwerfiing oder auf sozialer 
I Unterdrückung beruhen, durch Verletzung des Gereditigkeitsgefiihls ersdiiit- 
tert. So sehen wir am Anfang sozialer Umwälzungen als auslosendes Mo- 
ment, jedoch keineswegs als Ursache, die Häufung von Fehlurteilen. Man 
könnte sagen, das chronische Geiuhl der Ungerechtigkeit wegen sozialer 
I Unterdrückung, das nicht die dynamische Kraft besitzt, die revolutionäre 
[Auflehnung in Handlung umzusetzen, wird bei akuter Verletzung des 
[Rechtsgefühls durch Fehlurteile zur Empörung gesteigert und erst diese Em- 
pörung bildet den Boden für die revolutionäre Tat, den Durdibruch bisher 
[eingeschränkter Triebe. Die Fehlurteile verwandeln den chronischen, 
[jedoch noch statischen Zustand der Verbitterung in den akuten und 
[dynamischen Zustand der Empörung. So beginnt die französische Re- 
volution mit der Häufung von Fehlurteilen, aber audi jede Meuterei auf 
Srund von harten, ungerechten Strafen, die Reformation mit der korrupten 
tAbsolution der Reidien in der katholischen Kirche. Bei jeder Revolution gilt 
fder erste Gang der revoltierenden Massen den Gefängnissen, um die Ver- 
lllrteilten zu befreien. 



117 - 



Zwei psychologisdie Wirkungen können demnach als allgemein gültige 
Folgen der Verlef.ung des RediwgefiihJs formuliert werden : 

i) Das massenpsychologische Interesse für die Ungerechtigkeit. Jeder ein- 
zelne empfindet zumindest die Unbill, die einem der gleichen sozialen 
Schidite Angehörenden widerfährt, als eigene Sache. Offenbar beruht diese 
massenpsychologische Wirkung der Ungerechtigkeit auf der Grundlage der 
Identiöiierung : Jedem von uns könnte das Gleiche zustoßen". 

2) In jedem einzelnen Mitglied derselben sozialen Gruppe erfolgt eine 
Störung des bisher mehr oder weniger stabilen Gleichgewichtes zwischen Trieb- 
einschränkung und Triebspannung zugunsten der bisher gehemmten Triebe. 
Es erfolgt eine Regression von Triebeinschränkung zum Trieb durclibruch. 

Während die massen psychologische Wirkung des verletiten Gerechtigkeits- 
gefühls ohneweiters verständlidi ist, bedarf der regressive Vorgang einer ein- 
gehenden Untersuchung. Die psychoanalytische Theorie der Ich-Entwicklung 
wird uns helfen, diesen Vorgang zu verstehen. 

Trieb ein sdiränkungen werden im allgemeinen auf Grund von Unlusthe- 
fürchtungen und von positiven Lusterwartungen vorgenommen. Sie bedeuten 
die Anpassung der subjektiven Trieb ansprüche an die objektiven Gegeben- 
heiten der Realität. Man verzichtet auf gewisse Triebbefriedigungen entweder, 
weil die Befriedigung nicht möglidi ist, oder weil sie mehr Unlust zur 
Folge hätte als der Verzicht. Oft genügt es, gewisse Triebbefriedigungen 
aufzuschieben, die Spannung eine Zeitlang zu erdulden, um dadurch eine 
Unlust, die die sofortige Befriedigung nach sich ziehen würde, zu vermeiden, 
oder um durch den Aufschub die Triebbefriedigung vor äußeren Stöiungen 
zu sichern. Freud hat diesen Vorgang die Entwicklung vom Lustprinap 
zum Realitätsprinzip genannt. Das Realitätsprinzip bedeutet also ein ver- 
bessertes, an die Gegebenheiten der Realität angepaßtes Lustprinzip. Triebe 
drängen nach Abfuhr, nach Befriedigung, "^ie Realität setzt ihnen Wider- 
slände entgegen, das Realitätsprinzip besteht m einer zweckmäßigen Anpas- 
sung der Triebansprüche an die gegebenen Befriedigungsmöglichkeiten. Es 
ist selbstverständlich, daß die Verzichte nur so weit gehen, wie es gerade 
nötig ist. So entsteht ein Gleichgewichtszustand zwisdien Triebverzichi und 
Befiriedigung, der gestört wird, wenn neuer Triebverzicht verfangt wird. 

Die gesamte Erziehung beruht auf diesem Prinzip. Sie ist eine systema- 
tisch geleitete Anpassung der ursprünglich asozialen Triebansprüche des 
Kindes an die Anforderungen der Erzieher. Ebenso wie die Anpassung an 
die physikahsche Realität steht auch die Anpassung an die Sozietät im Zei- 
chen der Entwicklung vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip. Den unlust- 
vollen Erlebnissen, die dann entstehen, wenn unsere Triebhandlungen die 
Eigenheiten der Natur nidit berücksichtigen, entspricht auf dem Gebiete der 
Erziehung, überhaupt auf dem sozialen Gebiete, die Strafe. Der Lustprämie 
■geglückter Befriedigungen, dem Lohn für geleistete Triebe ins chränkungen 
entspridit in der Erziehung die Liebe derjenigen, die von uns die sozialen 

— 118 — 



I Triebe! nsdiränkungen fordern. Angst vor Sirafe und Hoffnung auf Geliebt- 
twerden sind also die beiden sozialen Regulaloren des Trieblebens. Zu dieser 
[einfadicn Formulierung kam Freud in seinen letzten zusammenfassenden 
[Arbeiten über das menschliche Triebieben. („Das Idi und das Es" und 
^Hemmung, Symptom und Angst".) 

Die psychologische Bedeutung der Strafe ist von Freud und seinen 
■Schülern eingehend dargestellt. Sie ist die Nachbildung des Verhältnisses der 
lunpersonlichen Natur zum Triebleben. Der Umwelt nicht angepaßte Trieb- 
handlungen haben UnJust zur Folge. Der strafende Erzieher übernimmt 
l.diese Unlust verursachende Rolle der unpersönlichen Natur. Dem übermütig 
lumhcrtoUenden Kinde, das sidi an der Tisdikance eine Beule schlägt, wird 
Idieses Mißgeschick vom Erzieher als Strafe gedeutet und in der körperlichen 
^Züchtigung aktiv nachgebildet. 

Nur der zweite Faktor, die Hoffnung auf Geliebtwerden oder, was das- 
[selbe bedeutet, die Angst vor Liebes verlust, bedarf einer eingehenderen Er- 
|f5rterung als er bisher in der psychoanalytischen Literatur erfahren hat. 
^Während die Trieb ein sdiränkungen, die aus Angst vor Strafe vorgenommen 
Verden, auf einem Machtwort beruhen, bedeutet die Einschränkung, die 
tman um geliebt zu werden, leistet, einen stillschweigenden Vertrag, eine 
lArt Liebeshandei. Dieser Vertrag lautet etwa : „Ich nehme gewisse Trieb- 
Jcmschränkungen auf mich, die du von mir verlangst. Ich verzichte also dir 
liebe, um von dir geliebt zu werden. Den Nutzen dieser Liebe erkenne 
in erster Reihe in der Sicherheit, die sie mir gewährt". Das Geliebt- 
Verden enthält neben seinem eigenen Lustwert die Sicherheit gewisser er- 
^laubtcr Triebbefriedigungen, und folglich ist es mit dem Gefühl der Sicher- 
heit überhaupt engstens verknüpft. Dieser Liebeskontrakt besteht also in dem 
Jmtausch von Triebbefriedigungen gegen Geliebt werden, das selbst einen 
encD Lustwert hat. 

Dieser Tausdihandel zwischen Liebe und Vcrzidit beginnt in der frü- 
[■hesten Kindheit. Die Liebe ist eine Gabe, die das Kind zuerst von der 
[Mutter erhält. Milch, Wärme, Sorgfalt sind die ersten greifbaren Äußcrun- 
Lgen der Munerüebe. Dodi der mütterliche Instinkt versteht es, mit der 
[Dosierung und Entziehung dieser Liebesgaben auf das kindliche Trieblehen 
Deinen bestimmenden Einfluß zu gewinnen. Liebe zu spenden und zu ent- 
[iziehen, darin besteht die große Macht der Mutter, mit der sie das Kind zu 
I Trieb verzichten zwingen kann. Erst später kommt das väterliche Erziehungs- 
Imotiv, die Strafe, als direkte Zufügung von Unlust zur Geltung, So erweist 
[sich die Mutter eher als Lustquelle, der Vater als erster Vertreter des harten 
iealitälsprinzips. Erst, wenn das Kind die vollständige Abhängigkeit von 
[der Mutter allmählich verliert und immer mehr zu einem selbständigen 
(Wesen wird, reicht das Erziehungsprinzip der Liebesprämie und Entziehung 
von Liebe nicht mehr aus, und es tritt die Strafe als unmittelbare Zufügung 
»von Unlust an ihre Stelle. Je unabhängiger das Kind von der Mutter wird, 



— 119 — 



iimso mehr verliert das Geliebtwerden an Bedeutung, da das Kind nun 
allein für seine Lustbefriedigungen sorgen kann und nicht mehr aussdiüeß- 
lieh auf das Geliebtwerden angewesen ist. Jetzt erst wird das Machtwort 
der Strafe als hemmender Falttor nötig. 

Angst vor Strafe und vor Liebesverlust — auch das ist ja nur eine be- 
sondere Form der Strafe — sind die beiden Erziehungsfaktoren, sie bleiben 
auch später für den Erwadisenen die hauptsächlichsten Regulatoren des 
Trieblebens. Der Triebverzicht auf Grund bewußter Einsidit spielt neben 
diesen beiden emotionalen Momenten — wie die analytische Erfahrung zeigt 
— eine recht bescheidene Rolle. Das Streben nach Lust und nach Vermei- 
dung von Unlust ist die elementare Grundlage aller Anpassungen. 

Diese Überlegungen enthalten die stillschweigende Berüdcsiditigung der 
Tatsadie, daß bei jeder Trieb einschränkung eine mächtigere triebeinschrän- 
kende Außenwelt den schwächeren Trieb an Sprüchen gegenübersteht, mag 
diese einschränkende Instanz Natur, Erzieher, sozialer Führer oder stärkere 
soziale Klasse heiläen. Dieser Prozeß der Triebeinschränkung, die Anpassung 
an cuie mächtigere einschränkende Instanz, führt zu einem Gleichgewichts- 
zustand, in dem der sich einschränkende seelisdie Apparat gerade nur das 
unbedingt nötige Quantum an Verzicht leistet, um dafür die größtmögliche 
Sidierheit für die übrigen Triebbefriedigungen zu erhalten. Jeder soziale 
Rechtszustand bedeutet einen solchen Gleichgewichtszustand zwischen Trieb- 
verzicht und zugesicherten Befriedigungen, eine Art Vertrag zwischen trieb- 
ein sdiränkenden Instanzen und Trieb ansprijchen des einzelnen. Der überaus 
empfindliche gefühlsmäßige Regulator dieses Gleichgewichtszustandes ist das 
Gefühl der Gerechtigkeit. Es ist kemcswegs auf der Kenntnis der Redils- 
bestimmungen aufgebaut, was (bering im „Kampf ums Recht" bereits 
klar erkannte, es ist ein rein instinktiv funktionierender Indikator, etwa mit 
der Angst oder, wie Ihering meint, mit dem Schmerz vergleichbar. Wie die 
Angst die drohende Gefahr signalisiert, so reagiert der Gerechtigkeitssinn 
auf jede Bedrohung der erlaubten Triebbeiriedigungen, die durch Trieb- 
verzidite so bitter erkauft wurden. Der Mensch empfindet mit einer erstaun- 
lichen Genauigkeit, wenn seine erworbenen Rechte — und jedes Recht ist 
einmal erworben worden — irgendwie bedroht oder geschmälert werden, 
tuid reagiert auf den Rechtsbruch auch seinerseits sofort mit der Kündigung 
des Vertrages, mit Aufhebung der bisher geleisteten Triebein sdiränkiragen. 
Und so entsteht die Regression von Triebhemmung zum Triebdurchbruch. 
Die Empfindlichkeit des Rechtsgefühls, dessen Verletzung fähig ist, Massen 
zu entzünden, erklärt sich noch besonders daraus, daß der Vertrag zwischen 
einer schwächeren und einer stärkeren Partei gesdilossen wurde. Das Ich, 
das den Triehverzicht nur mühsam dem Drängen seiner Trieb an forderungen 
abringt, bringt der mächtigeren Instanz — der Gemeinschaft — dieses 
Opfer nur in Erwartung einer Gegenleistung, deren Wesen wir in dem 
.Geliebtwerden erkaimt haben. Die sozialen Äußerungen dieses Geliebtwer- 



I 



— 120 — 



j 



dcns sind Anerkennung, Aditung, die ganze Stufenleiter von der jedem 
Bürger zustehenden persönlichen Freiheit bis zu den höchsten Auszeichnungen. 
Diese Gegenleistungen erleiclirem das Ertragen der Einschränkung pcrsön- 
lidier Souveränität. Und um diese Gegenleistungen werden der ungerecht 
Behandelte und mit ihm alle Gemein schaftsgenossen, denen das gleiche 
widerfahren könnte, betrogen. Der Triebverzicht wurde a!ao für nidirs ge- 
leistet. So entsteht die Empörung mit dem trotzigen Entschluß, sicli für alle 
geleisteten Verzichte in schranken! osem Ausleben der bisher eingeschränkten 
Triebe schadlos zu halten. 

Darum wirkt es so aufreizend, wenn der Unsdiuldigc durdi ein Fehl- 
urteil wie ein Verbrecher behandelt wird, aber auch, wenn in der Härte 
eines Urteils die Willkür des Machthabers zum Vorschein kommt. Diditer 
bearbeiten gern die besonders emporende Situation, in der gerade dem 
Rechtschaffenen, der in der Erwartung auf den endlichen Sieg der Gerech- 
tigkeit lange geduldig schweigt, ein Unredit widerfährt. Doch diese trotzige 
{}eduld eines Michael Kohlhaas enthält die unheimliche Stille vor dem Sturm. 
Hinter ihr verbergen sich die Gewitterwolken sich aufbäumender Triebe. 

Der Kleistsche Held ist ein tragisdies Opfer dieses gesetzmäßigen Vor- 
ganges der Triebregression bei verletztem Reditsgefühl. Die Komiptheit der 
Madithaber erschüttert die Madit ihrer inneren Vertreter, der hemmenden 
moralischen Kräfte, und so wird der Mensch ?.ura Spielbail der entfesselten 
Triebe. Midiael Kohlhaas, der Rechtschaffene, der Unrecht lange genug er- 
tragen hat, wird zum Plünderer, Räuber und Mörder, nachdem seine Hoff- 
nung auf WiederguMadiung des an ihm verüblen Unrechts endgültig 
sdi windet. Mit der Erschütterung seines Vertrauens zu den weltlichen 
Autoritäten schwindet gleichzeitig auch die Madit seines Über-Ichs. Das Volk 
sieht aber in ihm den Vorkämpfer der Gerechtigkeit. Nur Luther erkennt 
hinter dem Gewand dieses Rechtsfanatismus den Haß, der seine Handlungen 
im Grunde bestimmt. 

Aber es ist keine Willkür dichterischer Phantasie, kein llterarisch-tedi- 
nischer Kniff, um die Gemüter zu bewegen, und auch kein Zufall, wenn 
gerade dem besonders Rechtschaffenen solches Unrecht widerfahrt. Er ist ja 
ein Vorkämpfer der abstrakten Idee der Gerechtigkeit, des fair play, und 
sein tapferes Festhalten an der Idee, das zähe Einhalten jener Seite des 
Vertrages, die ihn verpflichtet, ist das stärkste Hindernis gegen die Will- 
kür der Machthaber, die nun ihrerseits auch gezwungen sind, den Vertrag 
zu halten. Wenn das Unredit gesdiehen soll, so midi der zähesle Verteidi- 
ger des Redits zunädist beseitigt werden. Und so wird er zum heldenhaften 
Verteidiger jenes unsiditbaren Vertrages zwischen Individuum und Gesell- 
sdiafc, den die gesdiriebenen Gesetse, so ausführlich und umständlich sie 
auch verfaßt sein mögen, nur sehr unvollständig wiedergeben, jenes Ver- 
trages, der dem Individuum den Rest seiner Freiheit als Lohn für die ge- 
leisteten Triebverzichte zusichern soll. Scheinbar ein Vorkämpfer des Rechts, 

— 121 — - 



ist er in Wirklidikeit ein Vorkämpfer der Freiheit. Er harre beim Gesetz 
aus, um die andere Partei ins Unrecht zu setzen, uad dann die Hemmungen 
des Gesetzes abstreifen zu können. 

In den tiefsten Schichten unserer Persönlichkeit, in unserer ursprünglich, 
sten Sehnsudit nach uneingeschränkter Triebbefriedigung fühlen wu- alle mit 
ihm. Seine ungerechte Verurteilung gibt uns die Berechtigung, auch unserer- 
seits die drückenden Fesseln abzustreifen. Die psychologische Wirkung dieser 
so gern phantasierten Situation zeigt am klarsten, daß der in Gesellsdiaft 
lebende Mensch im tiefsten Innern nur darauf lauert, daß die andere Partei 
als erste den conlral social bricht und ihm dadurch die Rückkehr zu seinem 
ursprünglichen, im Grunde nie aufgegebenen Individualismus ermöglicht. 

So erweist sich das GerechtigkeitsgefiihI hinter semer Maske des Ver- 
teidigers des absoluten idealen Rechts als eme infolge der Häne der 
Realität bescheiden gewordene Form des Lustprinzips, das verzweifeile 
Wachen dos Individuums über den Rest seiner so arg beschnittenen persön- 
licten FreiheiL 



Zur Psychologie des Films 

Von Hanns Sachs (Berlin) 

Eine „Handlung", gleidigültig ob die eines Romans, Theaterstückes oder 
Films, besteht aus miteinander verschlungenen psychologischen Zusammen- 
hängen. Der Film kann eine Handlung nur dadurch ausdrücken, daß er 
psychologische Zusammenhänge sichtbar macht, also innere Vorgänge durch 
äußerlich wahrnehmbare ersetzt und — n»%licl7SE als Bewegung — gestaltet. 

Seelisclie Vorginge werden am ungezwungensten äußerlich wahrnehmbar, 
wenn sie sidi im Gesichtsausdruck spiegeln. Der nächstliegende Weg für den 
Film war also der, die Gestaltung in das Ausdrucksvermögen des Schauspielers 
zu verlegen. Dies erwies sich bald als Irrweg, denn weit starker und ver- 
ständhcher als durch Gesicht und Bewegung drückt der Mensch seine Empfin- 
dungen und Leidenschaften durcli das Wort aus. Der auf Mimik aufgebaute 
Film bleibt ein stummes Theater, eine Pantomime, ein lächerliches Kreuzungs- 
produkt ohne die Fälligkeit zur Fonpfianzung und Entwicklung'. Damit waren 
der Mimik enge Grenzen gesteckt; aber was sollte an ihre Stelle treten? 
Den Menschen im Film künsdich stumm zu machen geht nicht an, aber die 
Dinge sind stumm und man braucht ihnen nicht gewaltsam den Mund zu 
verschließen, wenn man sidi ihrer bedient, um seelische Vorgänge, die siiJi 
an ihnen, um ihretwillen, um sie herum abspielen, mit ihrer Hilfe auszudrücken. 



l) Inzwiädirn hat dfr FUiD .Die heilige Johanna" von Drcytr hrwiMen. difi «in 
Auanahmsfilkn mäg]ich ist, audi auf dieiem .Irfwcg- groKc künstlerisdit Wirkungen lu enielen. 

— 122 — 



r 



Dies ist der Weg des modernen Films, am dem die Russen, besonders 
Eisenstein im , Panzerkreuzer Potemkin", am weitesten und 
konsequentesten vorgeschritten sind. 

Der schauspielerische Ausdrude ist hier nur eines unter vielen Hilfsmitteln, 
um eine Wirkung zu steigern, die schon von anderswoher festgelegt sein 
muß. Der Mensdi steht gleichberechtigt zwischen den leblosen Dingen und 
wird ebenso wie sie der Träger der Handlung, aber nur soweit sich bei 
ihm seelisdie Vorgänge abspielen, die vor oder jenseits der Sprache stehen ; 
damit treten die Reflexbewegungen, aber nodi weit mehr jene kleinen un- 
beabsichtigten, von Freud als Symptom- oder Fehlhandlungcn 
beschriebenen Ausdrucksbewegungen in den Mittelpunkt des Interesses. 

Nach Freud sind diese kleinsten, an und für sich unauffälligen und 
unbedeutenden Bewegungen wie etwa das Fallenlassen oder Verlieren einer 
Sache, das gedankenlose Spielen mit irgend einem kleinen Gegenstand, das 
Vergessen oder Versäumen einer sonst mechanisdi vollzogenen Handlung im 
hödisten Maße aufschlußreich über die inneren Erlebnisse eines Menschen, 
über seine Wünsche uod AiTekte, und zwar sogar über solche, von denen 
er nichts oder nodi nichts weiß. Durdi die eben geschilderten Bedingungen 
der Ausdruckstechnik des Films getrieben, haben alle bedeutenden Regisseure 
solche und ähnlidie Dinge als wesentüdie Ausdrucks mittel im Film benützt ; 
die meisten sicherlich ohne von der theoretischen Erfassung der Bedeutsamkeit 
dieser Dinge etwas zu ahnen. 

Die Übereinstimmung der Künstler und Dichter aller Zeiten mit den 
Grundsätzen der Psychoanalyse ist uns schon lange bekannt. Es braucht uns 
nicht zu wundern, daß der Film diese große Tradition auf seine Weise 
übernimmt und fortsetzt. 



r 



l) „Panzerkreuzer Potemkin" von Eisenstein 



Ein Freund erzählte mir, nachdem er den Film Eisensteins zum 
dritten oder vierten Mal gesehen hatte, daß ihn eine Stelle darin ganz be- 
sonders stark berührt habe, ohne daß er verstehe, woher die Wirkung komme. 
Es sei das die Stelle gewesen, wo auf Befehl des Kapitäns das Segeltuch 
auf Deck getragen wird. Mitten in dieser Handlung erscheint ganz kurz, auf 
höchstens eine Sekunde der Kopf des Flügelmannes der zur Erschießung 
kommandierten Wadie, der sich einen Augenblick zur Seite dreht. Irgend ein 
besonderer Ausdruck ist dem Kopf nicht gegeben, wäre mit Rücksicht aul 
die Kürze des Bildes für den Zuschauer audi nicht wahrnehmbar. Da mein 
Freund ia Filmfragen auGerordendich wohlerfahren und sachverständig ist, so 
reine es mich, dem Rätsei dieser Wirkung auf den Grund zu gehen und 
als ich mir den Film das nächste Mal ansah, schenkte ich dieser Stelle be- 
sondere Aufmerksamkeit. Ich hatte bald erkannt, warum diese an und für 
sidi gleichgültige und nebensächliche Handlung so wffksam ist. Man ver- 

— 123 — 



gegenwärtige sich die Situation : Aul der einen Seite die Wadie in Habi- 
aditstellung, fest, eisern, unbewegt, durch den Zwang der Disziplin mechanisch 
gebunden — auf der anderen Seite das wirre Durcheinander der zwisdicn 
Wut, Verzweiflung und lang geübtem Gehorsam hin und her getriebenen 
Matrosen. Wenn der Kommandant das Segeltuch bringen läßt, beginnt die 
letzte Steigerung der Spannung und unsere Teilnahme konzentriert sich 
in der bangen Frage, was stärker sein wird, das menschliche Leid oder 
der Zwang der Disziplin. Wird die Wache siießen oder nidii? Wenn in 
diesem Augenblick einer von der Waclie, die wir bis daiiin nur als eine 
durch den Drill des Einzellebens entblößte raasdiinenhaft hinktionierende Ge- 
samtheit kennen gelernt haben, sich als Einzelwesen von der Masse ablöst 
und durch eine Bewegung, die ihm gehört und nicht von der Disziplin be- 
fohlen ist, seine menschliche Anteilnahme an den Vorgängen — er bliiit 
sich nach dem vorbeigetragenen Segeltuch um — wenn auch noch so leise 
zu erkennen gibt, so ist das die erste Antwort auf unsere Frage. Es beweist, 
daß auch die Wache, als Gesamtheir eine fiihllose Maschine, aus einzelnen 
des Mitleids fähigen Menschen besteht und wir beginnen zu hoffen. 

Für den Aufbau dieses großen Spannungsmomentes ist es von höchster 
Widitigkeii, daß das Umschlagen im Augenblick der höchsten Gefahr bei dem 
Kommando „Feuer" plätzhch und unerwartet geschieht. Nur dadurch wird 
jene Wirkung der gewaltsamen Entspannung erreicht, die jeden Zuschauer 
mitreißt. Diese explosive Wirkung muß aber für den Zuschauer nur sdicinhar 
plötzlich, in Wirklichkeit sehr gut vorbereitet sein. Irgend etwas in ihm muß 
das Ereignis gehofft, geahnt, vorausgesehen haben, weil es ihm sonst als eine 
vom Himmel gefallene Errettung, als ein Dens ex machina innerlich fremd 
bliebe. Der Eindruck der großen seelischen Befreiung tritt nur dann eb, 
wenn sie einem vorher bestehenden qualvollen Hinundhergescliaukeltwerden 
zwischen Angst und Hoffnung ein plötzlich" Ende setzt. Der Zusdiauer muß 
diese Wendung der Dinge erwarten, ohne von seiner Erwartung selbst zu 
wissen. Zu den Hilfsmitteln, durch die eine soldie unbewußte Erwartung 
vorbereitet und genährt wurde, gehört dieser Kopf. Gewiß haben von den 
Millionen Zusdiauem des „Potemkin" nur wenige die Kopfbewegung auch 
nur bemerkt und trotzdem hat er auf alle ebenso gewaltig gewirkt wie aui 
meinen Freund. Hier ist der Fihn eine Art psychologische Zeitlupe, d. h. er 
zeigt uns Dinge, die im Leben ebenso sind, aber sich dort unserer groben 
Beobachtung entziehen, deuthch und nachweisbar. 

2) „Mutter" von Pudovkin 
Auch hier handelt es sich darum, ein Spannungsraomenr riditig vorzube- 
reiten. Der Sohn sitzt im Geßngnis, die Mutter will ihm bei der Sprech- 
stunde einen Zettel zustecken, der ihm den Weg zur Freiheit weist. Die 
beiden sprechen miteinander durch ein Gitter und die Aufgabe der Mutter 
besteht darin, die Aufmerksamkeit der KontroUorganc zu täuschen und den 



— 124 — 



J 



Zettel unbemerkt dem Sohn in die Hände zu sdimuggeln. Es sind zwei Aut- 
Sichtspersonen da. Auf der Seite der Mutler sitzt ein Beamter an einem 
■j-jsch, der tut, was eines Aufsichtsbeamten Pflicht ist — er scliläft ; von ihm 
hat die Mutter also nichts zu befiirchien. Aber auf der anderen Seite steht 
mit aufgepflanztem Gewehr der Wachtposten, der den Sohn zu der Unter- 
redung gebradit hat und ihn wieder zurückführen wird, ein Bauerniümmel 
mit ausdruckslosen Zügen, der schon aus Ermangelung irgend eines andern 
interessanten Objektes unverwandt auf die Beiden starn. Der Regisseur könnte 
nun die Spannung dadurch herbeiführen, daß die Mutter einigeraale versucht, 
den Zettel durdizustecken und die Hand wieder zurückzieht. Er konnte dies 
durch Großaufnahmen der Hand auch hinreichend betonen, aber er fand eine 
andere, genialere Lösung. In nächster Nähe des Wachsoldaten steht eine 
Schüssel mit dicker Mildi und hier findet sich ein anderes Objekt, das seine 
Aufmerksamkeit anrieht. In die Schüssel ist ein Insekt geraten, eine Sdiabe, 
die sich bemüht, sich herauszuretten. Der Soldat sieht üu, wie es dem Käfer 
nach einigen Anstrengungen gelingt, den rettenden Rand des Gefäßes zu 
erreichen. Nun stößt er ihn grinsend mit seinem Finger zurück und diesen 
Augenblick benützt die Mutter, um den Zettel in die Hand des Sohnes zu 
schieben. Hier ist die Spannung dadurch erreiciit, daß sie aul eine Neben- 
handlung verschoben ist, auf etwas sdieinbar ganz Kleines und Nebensäch- 
liches, an dem doch ein Menschenleben hängt. Aber wie beziehungsreich ist 
diese Nebenhandlung gewählt ! Sie gibt uns zunächst im kleinen ein Bild 
des Milieus, der schauderhaften Zustände im Gefängnis, wo jede Nahrung 
^Yerimieinigt und verseucht ist; dann aber wiederholt sie wie zutaUig genau 
^ndie Haupthandlung : Es geht hier wie dort um einen Gefangenen, der sich 
befreien will und zurückgestoßen wird. Aber was dem einen, dem Insekt, 
den Untergang bringt, gibt dem anderen, dem Sohn, den ersten Schritt zur 
Befreiung. Das ist nicht nur ein Kontrast, sondern gleichzeitig eme Vor- 
ahnung. Er ist in Hände gefallen, aus denen es keine Befreiung gibt, die 
mitleidlos jeden, der sich schon gerettet wähnt, wiederum zurückstoßen. Damit 
präludiert diese Episode der Haupthandlung, denn auch der Sohn fällt später 
unter den Kugeln der Soldaten, gleich nachdem er dem Gefängnis entflohen 
ist. Die Beziehungen der beiden Handlungen sind aber nodi tiefer. Sie reichen 
hiJiab in eine Tiefe, wohin ihnen nicht mehr der Verstand wohl aber das 
Gefühl des Zuschauers folgen kann. Die Milch ist das Symbol der Mutter 
als das erste und widitigsle Gesdienk, das die Mutter dem Kinde gibt und 
das die Beiden als Gebende und Empfangende auf ewig verknüpft. Das 
bsekt, das in der Milch ertrinkt, weist nicht nur darauf hin, daß es für 
den Sohn kerne Befreiung gibt, sondern audi darauf, daß er nidit in dem 
harten und sdimutaigen Gelangnis zugrundegehen, sondern als Befreitet in 
den Armen seiner Mutter sterben wird. So ist durdi eine kleine Neben- 
handlung der tielste und eigentliche Gefiihlsinhalt des Kunstwerkes angedeutet 
^kund vorweggenommen. 



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3) „Drei Frauen" von Lubitsäi 

Ein junger Lebemann ist, um ihres Geldes willen, der Liebhaber einer 
alternden Frau geworden. Was er in dieser Hijisicht von üir haben wollte 
hat er bereits erreidii und er legt nun keinen Wert mehr darauf, sie noch 
weiter von seiner Liebe zu überzeugen. Sie aber weiß davon nodi nichts 
will nichts davon wissen und bietet sich dem Widerstrebenden immer wieder 
an. Das ist eine außerordentlidi heikle Situation, die zu zeigen selbst aul 
dem Theater nicht ganz leicht wäre ; für den Film, wo das unmittelbar 
Gesehene, durdi kein Wort umschrieben und verschleiert, unvergieichhch bru- 
taler wirkt, ist es eine fast unlösbare Aufgabe. Wie hat der Regisseur es 
mögUch gemacht, diese Situation docli filmisch zu gestalten, ohne von ihrer 
Prägnanz irgend etwas zu opfern? 

Die beiden sitzen nebeneinander auf dem Divan ; die Frau drückt sidi 
an den Mann, liebkost ihn, tändelt an seinem Anzug. Ilire Hände umschließen 
seinen Hals. Spielerisch zupft sie an seiner Krawane und zieht sie schheßliii 
heraus, so daß sie über die Weste herabhängt. Der Mann sdiiebt sie wieder 
in den Westen ausschnitt hinein, und bringt so den Anzug wieder in tadel- 
lose Ordnung. 

Hier ist der Ausdruck sehr viel einfacher und kürzer. Es handelt sich auch 
nicht um eine Spannung, sondern nur darum, etwas an und für sidi Unaus- 
drüdibares durch die Verschiebung auf ein kleines Detail ausdrückbar zu 
madien. Die Frau sagt: ,Z:eh didi aus", und der Mann: „Idi will nicht", 
aber die Handlung ist doch so gelialten, daß beide noch so tun können, 
als ob sie das Verhalten des anderen für eine bloße Spielerei müßiger Finger 
hielten. Der Mann will nidit verstehen, was die Frau wiU, die Frau nidit 
sehen, daß der Mann sie nicht verstehen wiU, aber der Zuschauer schätzt 
die kleine Episode nach ilirem wahrem WeJfrein und weiß in einem Augen- 
blick besser Bescheid, als wenn es ihm durdi" einen langen Titel" erläutert 
worden wäre. Für ihn ist der Vorgang deutlich genug und dies „Verschieben 
auf ein Kleinstes" ist grade wieder eines jener Ausdrucksmiitcl, von denen 
Freud zuerst nachgewiesen hat, daß sich das Unbewußte der Menschen 
überall, z, B. im Traum und im Witz ihrer bedient, ohne ihr Vorhanden- 
sein anerkennen zu wollen. Der Fihn scheint ein neuer Weg zu sein, um 
den Menschen diese Anerkennung abzuzwingen. 

Dazu kommt noch etwas, was dem Bewußtsein des Zuschauers allerdings 
ferne bleibt, aber vielleicht docIi in seiner Aflektreaktion weiters chwingl ; die 
volle Erklärung wird erst durch die sexualsymbolische Bedeutung 
der Krawatte gegeben, die Freud in semer „Traumdeutung" (Gesammelte 
Schriften, Bd, III. S, 72) mitteUt. 






— 126 — 



(Anspielung und Entblößung 
Von Theodor Reik (Berlin) 
„Die Fliege, die nicht geklappt sein will, stlU 
lidi am sicherslen auf die Klappe sdbst," 
Lichlenberg. 
Die Technik der Anspielung, von Freud auch als „indirekte Darstellung" 
bezeichnet, ist nicht auf den Witz bcsdiränki. Sie erscheint in Wort und 
Bild im politischen und gesell schafilichen Leben, in der Konversation des Alltags 
und in der wisse nsdiafdichen Diskussion häufig ohne die Charaktere des 
Witzigen. Für die witzige Anspielung ist es wesendicli geworden, daß sie 
am Wordaute hängt. In den meisten Fällen ergibt die Analyse der witzigen 
Anspielung, daß sie den Ersatz einer Auslassung darstellt. Die Arten dieses 
Ersatzes sind mannigfaltig. Wühlen wir als Beispiel das Bruchstück eines Ge- 
spräches, das der „Simpiizissimus" eine junge Dame und einen fierren führen 
läßt : die Dame ; „Was, jetzt sdilafen Sie nodi bei offenem Fenster ? Huh, bei 
der Kälte könnte ich es niclit aushalten!" — ,Ja. liebes Fräulein, dann 
würde ich die Fenster natürlich schließen". 

Das klingt zuerst wie ein Mißverständnis : die Dame will sagen, sie könnte 
bei offenen Fenstern in ihrem Zimmer nicht sdilafen. Der Herr faßt aber ihre 
Aussage so aul', als hätte sie gesagt, sie könnte bei offenen Fenstern in 
seinem Zimmer nidit schlafen. Wir bemerken natürlich sofort, daß das Miß- 
verständnis ein absidididies ist: das Wönchen „dann" („dann würde ich die 
Fenster natürlich schließen"] deuten auf den ausgefallenen, d. h. nicht direkt 
ausgedrückten Gedanken hin. Die Technik dieses Witzes ist die der Darstel- 
lung durcli ein Kleinstes. Der im Hintergrund stehende Gedanke wird auf ein 
Detail, das des Oifenhaliens oder Schließens der Fenster, versdioben. Es sei 
sogleidi bemerkt, daß dieselbe Anspielungstechnik sich auch in Witzen findet, 
die anderen Tendenzen dienen. Hier ein Witz aus dem politisdien Milieu, 
der zeigt, mit wie geringen Mitteln die Anspielung ihr Ziel erreicht. Während 
der Verhandlungen des Obersten Rates in Cannes soll Lloyd George ein- 
mal sein schönes Phlegma verloren' und sich plötzlidi gegen seine französischen 
Kollegen gewendet haben: „Ak, -aous aiilres, Fran^ais, vorn eins des vaniieux ; 
mais prcncz garde : erüTe la vamli et le ridiculeÜJi'y aqu'un pas !" ^Oiii, k Pas 
de Calais" warf B r i a n d nachlässig ein. Das Ziel dieses Witzes wird durdi 
ein Wonspiel erreicht, das, an sich harmlos, in den Dienst aggressiver Ten- 
denzen gestellt wird. 

— 127 — 



i 



Bei jenen Witzen, die sidi auf sexuelle Themen beziehen, umfaßt die An- 
spielung das weite Feld zwischen der groben Zote bis zum geistreichen Ans. 
Spruch, vom Wink mit dem Zaunpfahl bis zur unaufialligsten Andeutung. Q^ 
achtzigjährige Diditer Fontcnelle hob einer schönen jungen Dame einen 
Fächer auf, ohne ein Wort oder eine Bewegung des Dankes von ihr zu er- 
halten. In sanftem Tone sagte er seiner Nachbarin : „0 Madame, wie sehr 
verschwenden Sie Ihre Kälte!" Dieser in so geistreicher Form ausgedrückte 
Vorwurf will sagen, wie häufig eine demonstrativ kühle Haltung gegenüber 
dem Manne darauf berechnet ist, ihn nur mehr anzuziehen. Die Galanterie 
gebietet es oft wie in diesem Falle, eine unangenehme Wahrheit zu versüßen. 
So gelingt es mandunal, eme Abweisung durch ein Kompliment auszudrüdten. 
Mme de Stael wünsdite zu wissen, ob Talleyrand ihr eine andere 
Dame vorziehe. Da sie es lange nidit klar zu entscheiden wußte, fragte sie 
einmal den Diplomaten direkt : „Wenn Mme X und idi ins Wasser fielen, 
welche von uns beiden würden Sie retten ?' — ,0 Madame, idi weiß, daß 
Sie ausgezeichnet schwimmen." Man spricht vergebens viel, um zu versagen, 
aber manchmal wird soldie Versagung leichter ertragen, wenn es wie hier ge- 
lingt, sie witzig anzudeuten, ohne viel zu sprechen. 

Will man dem Wesen der Anspielung psychologisdi näherkommen und 
sudit man die Bedingungen, weldie ihre Lustwirkung bestimmen, zu besiirei- 
ben, so entdeckt man überrascht, daß man dabei immer wieder Ausdrücke 
und Bilder gebraucht, die aus einem sehr entfernten Gebiete stammen. Man 
versucht etwa zu zeigen, daß der Witz seinen Sinn verhüllt und doch enthüllt, 
spricht von der witzigen Einkleidung eines Gedankens u, s, w. Es kann nicht 
Zufall sein, daß wir hier Bilder aus dem IJjB'on der Bekleidung wählen. Sollte 
sich hier viellcidit ein Weg öffnen, die Natui" der Anspielung besser zu ver- 
stehen ? Die Sprache ist ja so oft klüger als diejenigen, welche sie sprechen. 
Jedenfalls lohnt es sidi, die Spur ein Stück weh zu verfolgen. Sie führt eine 
gute Strecke abseits von der üblichen Heerstraße ästhetischer Betrachtung. 



n 



Was immer die Motive gewesen sein mögen, welche die Menschen der 
Prähistorie zur Bekleidung geführt Iiaben,' es kann nicht die Scham 
gewesen sein. Diese kann sich erst cntwidteln, wenn der Wechsel von nackt 
und bekleidet schon zum Bewußtsein gekommen ist. Sie setzt die Bekleidtmg 

i) Eine nidit publizierte analytisdic Theorie fuhrt die mensdiliche Kleidung auf ma- 
gische Motive zurück und leitet ihren Ursprung von Voraussetzungen, die sich aus dem 
Tolemisraus ergeben, ab. 

— 128 — 






als allgemeine Sitte bereits voraus. Die Sdiam ist mit der Entblößung verbun- 
^- den, nicht mit der primitiven Nacktheit. 

Die Nad:theit wurde später als unziemlich empfunden, das Bekieidetsein er- 
Udiien den Menschen als Normalzustand. Sie waren freilidi oft gezwungen, 
daran zu denken, daß sie unter den Kleidern nackt waren. Das ursprüngliche 
Jnteresse am weiblichen Körper mußte nun bei der Kleidung verweilen. Viele 
Fälle von Fetischismus zeigen dem Analytiker, daß dieses alfektbctonie Ver- 
|,weilen der Phantasie die Ausbildung ietisdiisiischer Neigungen bestimmen 
kann'. Das Luststreben folgte den Wegen der Hemmung : es bezog sich bald 
juf ilie Entblößung, welche die völlige Nackdieit in Aussicht stellte oder ver- 
[trat. Die plötzliche Entblößung scheint wirklicji einst jene Wirkung gehabt zu 
aben, die man auch beim Wilz wiederiindet. Eine Hemmung wird als über- 
Büssig empfunden und die Ersparung von Hemmungsaufwand wird sich in der 
Form des Lachens beim Zuschauer Ausdruck verschaffen. Die griediische Sage 
zählt, daß Demeter auf der Sudie nach ihrer Toditer nach Eleusis gekommen 
fei. Von Dysaules und Baubo gastfreundlich aufgenommen, verweigerte sie in 
irer tiefen Trauer Speise und Trank. Da hob die Winin Baubo plötzlich ihr 
Jeid und enthüllte ihren Leib, wodurch die Göttin zum Lachen gebracht 
de'. (Auf Terakotten, die in Klcinasien gefunden wurden, sieht man Baubo 
nit dem aufgehobenen Rock dargestellt.) Solche Wirkung der plötzlichen 
oiblößung ist uns nicht völlig entfremdet, man kann ihre Spuren noch 
immer in der Entblößung durdi das Wort, in der Zote und im Witz wieder- 
linden. 

Die Entblößung, welche diese Wirkung ausübte, muß sich ursprünglich auf 
das Genitale und den After bezogen haben, erst mit dem sükularen Verdrän- 
gungsfortschritt, der eine Versdiärfung des Schamgefühles bradite, wurden auch 
andere Arten von Entblößungen als lustvoll empfunden. Die Intensivierung 
des Schamgefühles hatte nun zur Folge, daß auch die Entblößung der an das 
Genitale angrenzenden Korperpartien zum Vorlustziel wurde. Die dem Wege 
der Voyeurbegierde folgende Phantasie zeidmele nun die Konturen des weib- 
lichen Körpers unter der Hülle nach und jede geringe Entblößung des sonst 
Bedeckten wurde zum Anlaß, diese Phantasie zu erwecken. Die Entblößungs- 
lust, die ihr Ziel nicht ganz erreichen konnte, heftete sidi an die einzelnen 
Stationen. Jedes Detail der Entblößung regte dazu an, sidi den nackten Körper 
vonustellen. Die Frauenkleidung kam soldicm Liutstreben entgegen, indem sie 

i) Freud, Drei Abhaniilungcn zur Scxun!ihenric (Ges. Schriften. Bd. V). 

s) Man vergleiche Salomon R c i n a c h, Cultes. Mylhes ei Religion. Paris 1912. — 
Freud hai diese Sage in Beziehung lu besiimmtcn Zwangsvorsidlungen gebracht 
(Ges. Schrillen. Bd. X, S, 241)- 

P.A. Bcwfguiig — 129 — 8' 




bald diesen, bald jenen Körperteil dem Blidt freigab. Entblößungen dieser 
An. die von der Mode gefördert, ein geringes Stück des Körpers der Neu- 
gierde preisgeben, kann man psydiologiscli mit gutem Recht mit der Anspie- 
lung vergleichen. Das Wesen der Anspielung besteht nämlich im Hinweis auf 
einen verdeckten Zusammenhang durch Enlhüllung eines Elementes, das auf 
das verborgene Ganze deutet. Solcher Art sind auch jene partiellen Entblößun- 
gen, wie sie die Frauenkleidung bietet {das Dekollete, der kurze Rock usw.). 
Die Anspielung ist eine Art Anregung, welche die Assoziation des Zuhörers 
oder Lesers in besonderer Art auf einen bestimmten Zusammenhang lenken 
sali, ebenso wie jene partielle Entblößung dazu anregen soll, den Weg von 
der Lust an der EnthüQimg des Details bis zu der an der völligen Entblößung 
in der Phantasie zurüduiuiegen. Beide Erscheinungen be;ieichnen einen partiel- 
len Durchbruch eines Verbotes und es ist charakteristisch, daß diese Verbois- 
aufhebung in der Verschiebung auf ein Kleinstes vor sieh geht. Es obliegt dem 
Zuhörer nun, von jenetn Kleinsten aus zu erraten, was hinter der Anspielung 
steckt. Das Finden dieses Zusammenhanges, das Wiedererkennen, erweckt Lust, 
Bisher hat sich unser Vergleich nur insofeme bewährt, als er uns zeigte, daß 
die Vorgänge der partiellen Entblößung und der Anspielung psycliologisch 
parallel laufen. Es besteht ein Verbot hier des Zcigena der Nacktheit, dort der 
Darstellung einer Triebregung. Die Lust an der Entblößung dort entspricht der 
Lust am Aussprechen jener verpönten Triebtendenz hier. Da die Durchsetzung 
dieser Triebtendenz an der primären Stelle nicht möglich ist, wird sie solange 
verschoben, bis sie sich in Bezug auf ein Detail äußern darf, ohne als grober 
Triebausdruck abgewiesen zu werden. Die von der Mode vorgeschriebene 
Entblößung muß zwei Anforderungen zuglqi^i gereclit werden : sie soll sowohl 
die Exhibitionslust als auch die Gebote der Sdiicklidikeit ein Stück weit be- 
friedigen. Sie soll die Nacktheit zeigen, aber audi verbergen. Ebenso die An- 
spielung in der Rede oder im Bilde : sie soll genügend deutlich sein, um den 
Leser oder Zuliörer einen verhüllten Zusammenhang erraten zu lassen, sie soll 
indessen nicht überdeutiidi sein, weil sonst Abweisung oder Verurteilung zu 
gewärtigen sind. 

m 

Was bisher gesagt wurde, bezieht sich auf das Wesen der AnspieUing 
überhaupt ; uns ist hier aber die spezielle Anspielung im Witz wichtig. Kann 
uns jener Vergleich noch ein Stück weiter führen und uns dem Verständnis 
der witzigen Anspielung näherbringen ? Wie mh sdieint, ist dies nicht unmög- 
di. Die Anspielung im Witze entsteht, indem man demonstrativ etwas ver- 
deckt und dadurcli die Aufmerksamkeit und die Lust des Eikennenwoilens 

— 15Ü — 



1 



darauf lenkt. Eine Dame, die den Aussdinitt des Kleides oder den RoA, der 
sich nacli oben versdioben hat, zuredttrückt. gehorcht den Geboten des Anstandes, 
die ihr seit Kindheil gelehrt wurden und die dann zum inneren Gebot wurden. 
Jedermann weiß, daß solche sdianihafte Korrektur sidi manchmal gut mit den 
entgegengesetzten Tendenzen zu einer eigenartig-en Komprom iß le istung verbin- 
den kann. Dieselbe Bewegung, die sie durchführen soll, lenkt die Aufmerk- 
samkeit des Anderen auf die vorher nicht beachtete Entblößung. Dies ist nun 
genau dasselbe, was die witzige Anspielung tut. Sie besteht in einem demon- 
sDBliven Verdecken, das die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und die Phan- 
lasie zur völligen Enthüllung reizt. 

Freud bemerkt, daß der Wita umso feiner wird, je größer das Mißver- 
hältnis zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen und dem von ihr mit 
Notwendigkeit Angeregten ist. Auch die Frauenkleidung wird umso „reiz- 
voller", mit je geringerem Ausmaß von Entblößung es gelingt, im Manne die 
Vorstellung der völligen Nacktheit hervorzurufen, Audi hier ist jenes wechsel- 
volle Spiel zwischen Verhüllen und EntliüUen wirksam, das je nadi Zeit 
und gesellschaftlichem Milieu versdiiedene Formen annimmt. Je strenger die 
Anforderungen der Schamhaftigkeit sind, eine umso geringere Entblößung kann 
genügen, jene spezifische Voyeurlust zu erwecken. Je größer die Prätentionen 
des Schamgefühles sind, umso weniger ist dazu notwendig, soldie Freude auszulö- 
sen. So ist die witzige Anspielung umso wirksamer und umso feiner, je mehr 
es ihr gelingt, mit dem geringsten Ausmaß der Enthüllung zu arbeiteti und 
der Phantasie dodi den freiesten Spiehaum zu geben, d. h. je mehr sie ver- 
hüllt läßt. ,Evcry pktiiTe lells a 3lory°. Die witzige Anspielung wird in diesem 
Sinne besonders lustvoll seui, wenn der Zeichner imstande ist, mit möglidist 
wenigen Strichen den Betrachter zur Vorstellung jener Gesdiiciile zu bringen. 
Von hier ist nttf nodi ein Schritt zu einer weiteren Aufklärung über das 
Wesen der witzigen Anspielung. Bestimmte Erfahrungen der analytischen 
Praxis lassen erkennen, daß der Anblidt der Nadtheit der Frau die Libido 
vieler Männer sdiwächt und hemmt, ja in einzelnen Fällen die Entwicklung 
einer libidinosen Erregung aufzuhallen vermag. Die Psychoanalyse kann dann 
Dachweisen, daß diese Störung durdi den Kastrationskomplex bedingt ist, wel- 
dier das weibliche Genitale unbewußt einer Wunde gleidisetzt und den 
Mann für die fntaktheit seines eigenen Geschlechtsteiles fürchten läßt. Ich kenne 
einige Fälle, in denen Männer ihre volle Potenz nur erreichen können, wenn 
die Frauen teilweise bekleidet bleiben ; wenn ihre sexuelle Partnerin nackt ist, 
versagen sie oder ihre Potenz erweist sidi zumindestens als kapriziös. Man 
darf es ausspredien, daß eine ungeahnt große Anzahl von Männern in ihrem 
Liebesleben manife.?t oder latent zu dem hier bezeidineieii Typus gehören. 

— 131 — flf 



Wenn so die Nacktheit, deren Anblick ursprünglich das Triebzie! der 
Voyeurtcndenzen war, nicht mehr libidoerregend wirkt, so wird in einer An- 
zahl der Fälle audi eine Fixierung an eine infaniile Voyeursiluation vorliegen 
deren Inhalt eine particUe Entblößung des Frauenkorpers war. Beide Mofive 
fuhren einzeln oder in ihrer Kombinierung: z" der Wirkung, dali nicht der 
nackte, sondern der teUweise entblößte Frauenkörper libidoerregend wirkt. Dij 
Nacktheit muß wenigstens partiell bedeckt werden, damit jene speiielle Sexual- 
bedingung erfüllt oder angedeutet erscheint. Man erinnert sich der Stiche 
FeUcien R o p s', auf denen der Künsder seinen nackten Frauenligurcn, 
ihren Hut, ihre Strümpfe oder ihren Kopfadimuck läßt, um den Flindiuck di 
Nacktheit zu dem libidinös erregenderen der Entblößung; zu steigern. Die 
Frauen haben mit ihrem feinen sexuellen Instmkt diese besonderen Liebes- 
bedingungen gealmt und auf sie in ihrer besonderen Art in Abwehr oder 
Entgegenkommen reagiert. Ich führe zum Beweise eines soldien weiblichen Ver- 
ständnisses eine Stelle aus einem Roman von Analole France an, in der 
dieser Frauenkenner eine typisdie weibliche Reaktion dieser Art schildert r 
kam wieder za ihr, nahm sie in seine Arme und überhäufte sie mit Liebko- 
sungen. Binnen kurzem sah sie ihre Kleider in solcher Unordnung, — daß ab" 
gesehen von alien anderen Gefühlen — schon das Schamgefühl ihr geboten halte, 
sie abzulegen" („Monsieur Bergeret k Paris"). 

Man findet die analoge psychische Konstellation im Witze dort, wo das 
Thema als aoldiea dazu reizt, sexuellen oder feindseligen Gefühlen eine AuS' 
drucksmöglichkeit zu geben. Wird ein solcher Ausdruck vom Zuhörer erwarli 
so muß die Anspielung besonders fein in der Form sein oder sldi auf eio^ 
überraschende Art einstellen, um die Lusivirkung zu gewährleisten. Die witzige 
Anspielung setzt die Verhüllung voraus ; v^ sich die Gefahr der nackten Tat- 
sach enfes (Stellung ergibt, muß sie erst den Zusammenhang versdiieiern, damit 
eine Entblößung stattlinden kann. Ein Beispiel ; ein Kritiker schrieb über die 
noch immer erfolgreiche Diva X in einem Premierenbericht : „Frau X ist keine 
gute Sängerin, sie ist keine gute Schauspielerin und keine gute Tänzerin, sii 
ist nur eine gute Vierzigerin'. Die Technik dieses ungalanlen Witzes, dessen 
Grausamkeit nur durdi die gezierte Jugendlichkeit und Anmaßung jener Säu' 
gerin entschuldigt werden kann, ist emfach : Doppelsinn mit Anspielung. Wo 
sind darauf vorbereitet, daß der Kritiker in seiner Aggression fortfahren wird; 
statt dessen setzt er nun anscheinend eine positive Aussage. Dann erst erken- 
nen wir ihren wirklichen Sinn : das Lob, das er der Diva spendet, verwendet 
das Wort „gut" doppelsinnig und die darin enthaltene Anspielung soll 
Sängerin nur noch mehr herabsetzen. Hier ist also die Verhüllung deshalb 
gebradit, um jene spezifisdie Steigerung der Lustwirkung zu produzieren, die 

— 132 — 



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durch die vorangegangene Aggression notwendig geworden ist. Hätte der Kri- 
[ijter seinen Angriff in der früheren Art fortgesetzt, so waren wir ernst geblie- 
ben, ja hätten sogar Mitleid mit jener Sängerin empfunden. Die witzige An- 
spielung verwandelt hier, um ?.u unseren Vergleich zurüdizukehren, die Lust 
an der Nacktheit in Lust an der Entblößung. Dieselbe Wirkung eneicht die 
Anspielung auch, wo sie sich eines anderen Medianismus der Steigerung be- 
dient wie in folgendem Beispiele; der Wiener Schriftsteller Saphir, der als 
Tude geboren war, trat luersl zum Katholizismus über und nahm dann nach 
einiger Zeit den protestantischen Glauben an. Ober die Gründe eines so ühcr- 
rasdicnden Glaubenswechseis gefragt, antwortete er; „Sehen Sie, als Jude hat 
Gott mich gesehen, ich aber habe ihn nicht gesehen ; als Katholik habe ich 
Gott gesehen, aber er hat mich nicht gesehen ; als Protestant sieht er mich 
nicht und ich seh ihn nicht." Die Meinung dieses Ausspruches ist klar: im 
Judentum ist die Allgegenwart Gottes vorgesehen, das Anfertigen von Bildern 
der Gottheit aber ist untersagt. Im Kadiolizismus gibt es zahlreiche Bilder Gott- 
vaters und Gottsohnes, man kann sie sehen, aber diese Bilder sind nichts 
Lebendes ; sie selbst sehen den Beschauer nicht. Im Protestantismus braucht 
rain sich überhaupt um Gott nicht zu bekümmern, er ist ausgeschaltet und das 
ist das Bequemste. Durch die Vorerzählung sind wir darauf gefaßt, von S a- 
nhir Äußerungen des Zweifels an der Vollkommenheit der betreffenden Reli- 
gionen m hören. Wir bekommen sie auch zu hören, aber erst die Steigerung 
in der Aussage über das Wesen des Protestantismus löst diejenige Lustwir- 
kung aus, die dem Witz eigen ist. Die kunstvolle Verhüllung in der Anspie- 
lung, welche auf eine potenzierte Blasphemie hinausläuft, bringt diese Wirkung 
hervor. Ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Anspielungsart, welches die Not- 
wendigkeit der indirekten Darstellung besonders dort zeigt, wo eine Kraßheit 
vorangegangen ist, findet sich bei Anatole France in dem Roman „La Revolte 
des Anges". Dort wird crzäldt, wie der in einen Menschen verwandelte Engel 
Arcade und Herr Gaetan einander am Krankenbette des jungen Aristokraten 
Maurice begegnen. Man spricht zuerst über Religion und Philosophie. Im Laufe 
der langen Unterhaltung wurden dabei Zoten gesagt, die nach des Dichters 
Beschreibung „nicht bloß einen Sergeanten . . . sondern sogar eine Pariserin 
hätten erröten lassen.' Die Anspielung durch Steigerung dient hier wie so oft 
im Witze der Absicht der Herabsetzung. 

Nicht immer ist der Witz in seiner Anspielung so böswillig wie m den zu- 
letzt angeführten Beispielen, Er kann sich auch sanfter und liebenswürdiger 
über Menscidiches und Göttliches äußern. Vielleicht ist es schicklich, diesen 
kleinen Beitrag mit einem Beispiel zu schließen, in dem die Anspielungstechnik 
b den Dienst so freundlicher Regungen gestellt wird. In Paris erzählte man 

— 133 — 



unlänsst folgende reiuende Geschichte : ein Herr hatte mit dem firommen und! 
kunstfrcundlichen AbW Mugnier, der Huysmans und andere Freigeister 
wieder zum Christentum zurückgeführt hat, eine Unterhaltung über Anatolc 
l'rance. „Glauben Sie" fragte er, „daß unser guter Meister jetzt im ewigen 
Höllenfeuer röstet?" — ,Ach nein", antwortet der alte Priester, „sicherlieli 
hat Gott seine Bücher gelesen". 



1 



Das Problem Führer und Masse 

und die Psychoanalyse ^_ 

Von ^H 

Ridiard Behrendt 

Das Ziel, das sich dieser kleme Versudi setzt, ist, die Bedeutung der 
psydioanaiyiisdien Forschung, ihrer Methode und ihrer Resultate für die 
Untersuchung der sozialen Beziehungen zwischen dem Füh- 
rer eines sozialen Gebildes und dessen übrigen Angehöri- 
ge n zu erkennen. Diese Aufgabe ist eine soziologische. Ihre Losung 
ist weitgehend abhängig von Erkenntnissen, die die Soiialpsydiologie vermitielt 
Es wird für uns daher notwendig und wichtig sein, zu zeigen, wie die 
Psychoanalyse zu der bisherigen So'üij- und speziell Massenpsydiologie 
steht, in welchen Punkten sie sich von ihr sdieidel, zu welchen für uns 
relevanten Ergebnissen sie gelangt und ob sie Probleme löst, deren Auf- 
hellung der bisher maßgebenden Massenpsychologie nicht gelungen war. 
Dann kann, darauf aufbauend, versucht werden, Konsequenzen auf sozio- 
logischem Gebiete zu ziehen. 

Der Ursprung und die wohl auch heute noch grundlegende Bedeutung 
der Psychoanalyse ist in der Psychopathologie und der Individualps ychologic 
zu suchen. Die Psychoanalyse stellt ihrem Wesen und der Anschauung ihrer 
Begründer nach eme Heilmethode dar. Es scheint geraten, sidi diese Tal- 
sache wieder einmal vor Augen zu führen. Denn wenn man die sdion 
heute außerordentlich weit verzweigte Literatur, die von psychoanalytischer 
Seite ausgeht und diejenige, kaum weniger umfangieidie, die sich kritisdi 
mit ihr beschäftigt oder sie irgendwie auszuwerten bestrebt ist, zu über- 
schauen versucht, so erhalt man den Eindruck, es mit einer schlecht- 
hin alle menschlichen L eb e n s g e b i e t e umfassenden 

— 134 _ 



ireistigen Strömung zu tuu zu haben. Es ist klar: die Psychoanalyse 

j ist aus einer Heilungsmetliode ffir den psychisch kranken Menschen iu einer 

I nidits unbeeinflußt lassenden, vieles zutiefst aufwühlenden neuen Seh- und 

Auffassung sart vom Menschen überhaupt geworden. Diese Entwicklung mußte 

wohl, der Konstellation der Zeil entsprechend, eintreten. Ob sie berechtigt 

' ist und ob sie von Dauer sein wird, — darüber haben wir selbstversiand- 
iich nichts zu sagen. 

I Die Beschäftigung niit der Welt des Sozialen liegt der Psychoanalyse 
an sidi sehr nahe. Das wird evident, sobald man die Bedeutung beriick- 
siditigl, die der sozialen Umwelt von der psychoanalylisdien Theorie für 
den Ablauf der Trieb sdiicksale des Einzelmensdien zugesprochen wird ; 
stellt sie doch den die Verdrängung, bezw. Sublimierung ver- 
pönter Wünsthe erzwingenden Faktor dar. ,Die Verdrängung ist ihrem 
Wesen nach auch eine gewaltsame Dressur des Individuums im Dienste der 
Gesellsdiafisorganisation" (K o I n a i, Psychoanalyse und Soziologie, S. 4g). 
Demnadi wird selbst eine über den bloßen Heilungsproreß kaum hinaus- 
gehende rein psydioanaly tische Betraditung an der ge sei Isdiaft liehen Situation, 
die das Heilungsobjekt bildende Individuum umgibt, niiht uninteressiert bleiben 
können. 

So lag eine Weiterverfolgung der in der Psyche des Neurotikers aufge- 
■spürten Fäden in den Beinrk ihrer Provenienz, in das Soziale, nahe. Mit 
fortschreitender Konsolidierung der Psychoanalyse wurde dann auch begon- 
nen, andere Wissensgebiete durch Anwendung psychoanalytischer Erkcnnt- 

' nisse auf sie zu fördern, wobei natürlich stets die Absicht milspradi, audi 
auf diese Weise die praktische Brauchbarkeit der neuen Richtung zu er- 

Lweisen und sie vor weiteren Kreisen zu legitimieren. 



Psydioonalyse und Massenpsychologie 

Was nun die Massenpsychologie betrifft, so ist von vorneherein festzu- 

|:stellen ; die Psychoanalyse erstrebt keine Ersetzung, sondern Verliefung und 

^ Ausbau der bisherigen Massenpsyehologie. Und wir dürfen uns gestehen, 

daß das etwas dringend notwendiges ist. Die junge Disziplin der soge- 

I nannten Massenpsydiologie hat — wir denken dabei in erster Linie an 

I L e Bons berühmtes und auch in Deutschland so einflußreiches Budi — 

ii fa d eskriptiver Hinsicht zweifellos hervorragendes geleistet. Sie gab 

eine Fülle lebendiger ^- wenn auch noch keineswegs erschöpfender — 

[^Beobachtungen über die sidi bei einer Vergeselkchaftung einer Vielzahl von 

I Menschen herausbildenden psychischen Phänomene. Den Zeniralpunkt aller 

dieser Beobachtungen und zugleich die Legitimierung einer selbständigen 

„masscn' psychologischen Betraditung überhaupt stellt immer wieder die Tat- 

[sadie dar, daß der einer Masse {in dem von uns bald festzulegenden Sinne) 

ngehörende Mensdi eine radikal andere psychische und damit audi äußere 



— 135 — 



I Grundhaltung aulwcisl als im Ein xeli:u stand. Aus diesem — im übrigen ja 
allgemein bekannten — ■ Piiänomen zogen die Sozialpsychologen in seltener 
Eiiimüiigkeit den Schluß, es existiere eine „Masse ns e e! e", ein „Koj. 
le k t i vb e wu ß t se i n", das das individuelle Bewußtsein, die individuelle 
Denkfälligkeit des Einzelnen, sobald er in die Masse eintrete, suspendiere 
und sidi an deren Stelle setze. Der Einzelmensch wird in der Masse äußerst 
leicht beeinflußbar, in einem Grade, der auf Suggestion hinzudeuten scheint 
er scheint einer intensiven Ansteckung durdi seine Massengenossen zu unter- 
liegen und er verliert offenbar das ihm im normalen Zustand mehr oder 
weniger eigene Verantwortungsgefühl für seine Handlungen vollkommen. 
Diese drei Momente werden in ähnlicher Form von L e Bon wie 
Sighele und McDougall festgestellt. Die Folgerung auf soziologischem 
Gebiet ist die sehr schwerwiegende These : das Individuum geht in der ihn 
aufnehmenden Masse auf — sie ist das primäre, übergeordnete, er das sekun- 
däre, untergeordnete. Wir führen von den Soziologen, für deren System 
diese Ansicht von großer Bedeutung ist, nur V i e r k a n d t und Theodor 
Geiger an. 

Nun sollte es von vorneherein klar sein, daß die Annahme einer solchen 
„Massenseele", die an d(c Stelle der EinzelseeJen tritt, unmöglich der Weis- 
heit letzter Schluß sein kann. Sie kann vielleicht als Hilfskonstruktion gute 
Dienste leisten [obwohl wir auch dies bezweifeln mochten), — wollte man 
sie aber darüber hinaus gelten lassen, so verfiele man jenem verhängnisvollen 
„Mystizismus, der seelische Vorgänge außerhalb von Seelen, die immer ein- 
zelne sind, stellen will" (Georg Simmel, Soziologie, S. 5^57). Es ist prinzi- 
piell genau dieselbe Erscheinung, wenn die Sozialpsychologen für jede ihnen 
auffallende Begleiterscheinung in irgendeinem Vergesellschaftungsgebilde einen 
„Trieb", einen „Instinkt" konstruieren. Da gibt es z.B. (bei Vier k an dt) 
einen .Untcrordnungsinstinkt" und manche^Amerikaner nehmen vier Kate- 
gorien von „Wünschen" an, die zur Bildung von Vergesellschaftungen führen 
[verel. V. W i e s e, I. c. S. 38/39). Diese Triebe und Wünsche, die an den 
Stellen jeder soziaipsycliologischen Betrachtung auftauchen, die man sich an- 
scheinend nicht tiefer erklären kann, sollen also die Kräfte darstellen, deren 
Wirken das Entstehen der „Massenseele" zu verdanken ist, die den einzelnen 
Empfindungsträger in ihren Bann ziehen, ilin seiner Persöidichkeit berauben 
und ihm jene Merkmale aufoktroyieren, die wir eben kennengelernt haben. 
Solche Klassifizierungen und Fiktionen mögen durchaus notwendig sein, un- 
gefährlich smd sie u. E. nur dann, wenn man sich darüber klar ist, daß 
ihre Feststellung fast völlig im Bereich der Deskription bleibt : sie setzt 
an Stelle besonders ausgeprägter Verhaltungsweisen der Massenangehorigen 
Benennungen, die diese Verhaltungs weisen verdeutlichen, aber 
nicht erklären. Hier erst müßte die Analyse beginnen, die es sich zum 
Ziel setzt, „die psychischen Wechselwirkungen zwischen den zu eüier Masse 
vereinigten Individuen und die Modifikationen, die die Seele des einzelne» 

— 136 — 



^ 



dadurch erfährt, zu untersuchen" (V I e u g c I s, Wesen und Eigenschaften 
^er Masse, S. 71) und die daher bestrebt sein muß, inöf;Iichst wenige ein- 
deutige psychische Grundkomponenten aufsuzeigen. Und hier setzt die 
Psychoanalyse ein. 

Die hier ßrundlegende Publikation ist Freuds zuerst 1921 erschienenes 
Buch „Massenpsychologie und I ch - A 11 al y se" {Ges. Schriften, 
Bd. VI, S. 259 ff,). Die Freudsche Masscnpsychologic verdient diese Bezeichnung, 
das sei sofort gesaB:t, nur in dem Sinne, daß sie sich mit in einer Masse 
vergesellschafteten Menschen beschäftigt. Sie bleibt ihrer Methode nach 
vaiJE._I"di'''dualpsycholügie, — muß es naturgemäß bleiben. Und wenn 
sie Erfolge zeitigte, so liegt gerade hierin die Haupturaachc, wie wir glauben 
möchten und wie wir im folgenden zu zeigen versuchen werden. Sie kam 
(äadureh nämlich nicht in die Gefahr, wie ihre Vorgänger eine Kollektivseele 
anzunehmen und sich nun auf diesen leicht verdienten Lorbeeren auszuruhen. 
Sie überträgt vielmehr auch auf dieses Gebiet unbeirrt ihre Einsteilung „auf 
den einzelnen Menschen und verfolgt, auf welchen Wegen derselbe die Be- 
friedigung seiner Triebregungea zu erreichen sucht" (Freud, VI, 261). Mit anderen ; 
Worten : daß der Mensch mit seiner Teilnahme an einer Kollektivhandlung 
eine Befriedigung irgendwelcher Triebregungen erstrebt, ist für die Psycho- i 
analyse selbstverständliche Voraussetzung, Da der zentrale und alles beherr- 
schende Trieb aber die Libido ist, so folgt daraus, „daß Liebesbeziehungen 
indifferent ausgedrückt ; Gefiihlsbindungen) auch das Wesen der Massenseele 
ausmachen" (Freud, VI, 288). (Der Gebrauch des Terminus „Massenseele" durch 
Freud ist, wie wir sehen werden, rein sprachtcchnisch bedingt.) Die spezielle 
Fragestellung lautet demnach: welche libidinosen Beziehungen kommen für 
die Massenangehörigen in Frage, um sie zum Zusammenschluß und Zusammen- 
halt zu veranlassen ? Freud antwortet : in erster Linie die libidinöse Fixierung 
der einzelnen Empfindungsträger an den Führer. Damit ist schon die über- 
ragende Stellung angedeutet, die die Psychoanalyse der Gestalt des Führers 
für Entstehung und Existenz der Masse zuweist. Jeder Einzelne in der Masse 
ist durch Ichidealersetzung, die ihrerseits auf zielgehcmmtcr Objckt- 
libido beruht, an den Führer gebunden. Den Sinn dieser These werden wir 
uns vorerst 7U verdenUichen haben : Jede zielgehemmte libidinöse Fixierung 
ist von einer Idealisierung des geliebten Objektes begleitet, die ursprünglich 
nur dazu dient, die Tatsache der Nichlerreicbung des Zieles, nämlich der 
direkten Sexualbefriedigung durch eine auf allseitige Vorzüge des geliebten 
Objektes gerichtete Verherrlichung vor sich selbst zu verschleiern oder doch 
in ihrer Bedeutung zu dezimieren. Diese Idealisierung kann nun, je unwahr- 
schemlicher die direkte Sexualbefriedigung wird, wachsen und die ursprüng- 
hch ganz sinnliche Fixierung für das Bewußtsein des Idealisierenden völlig 
zurückdrängen. Dadurch wird also das geliebte Objekt in der Auffassung 
des Liebenden ungeheuer überragend über das eigene Ich, sein Narzißmus 
wird weilgehend eingeschränkt zugunsten der „Hingabe" an das idealisierte 

— 137 — 



Objekt. Das Extrem dieser Entwicklung ist erreiciit. wenn das gelieble Objekt 
sich an die Stelle des Ichideals gesetzt hat (Freud, VI, 31g). Was ist dai 
Ichideal? Es stellt die außerordentlich wichtige Instanz dar, die, gesondert 
vom realen Ich, alle Forderungen der Außenwelt an dieses gleichsam reprä- 
sentiert und zur Geltung zu bringen sucht. Dieses Idealich, das als „Zensur" 
für die an die Außenwelt drängenden Triebregungen fungiert, verpönte von 
dem Eintritt ins BewulSisein mrüdweist und damit die Verdrängung bezw. 
Siiblimierung in die Wege leitet, wird bei dem Vorgang der Ichidealersetiung 
als solches für einen bestimmten, mehr oder weniger umfassenden Bezirk 
ausgeschaltet und aus der eigenen Individualität auf die Persönlichkeit des 

in Frage kommenden Objektes — in unserem Falle also des Führers 

überragen. Infolgedessen fällt jede Kritikfähigkeit diesem gegenüber und 
gegenüber den eigenen, von ihm inspirierten Handlungen fort. 

Das der Masse angehörende Individuum also sieht in seinem Führer 
sein schlechthin absolutes Ideal. Diese psychische Situation nun ermöglicht 
erst die zweite, für die Entstehung und Existenz der Masse ebenso bedeut- 
same; Alle einzelnen Massenangehörigen identifizieren sich unter- 
einander infolge ihrer auf die gleiche Person bezogenen Idiidealersetzung 
und des Glaubens, daß umgekehrt der Führer für alle das gleiche intensive 
Gefühl hege. Diese Diusion — denn das ist sie natürhch — ist Voraus- 
setzung für die Identifizierung der Massenmitglieder untereinander und damit 
überhaupt für die Massenexistenz — was ohne weiteres klar erscheint, wenn 
man die vorhergegangenen Gedanken akzeptiert. Wir kommen demnach zu 
dem vorläufigen Ergebnis ; Massenbildung beruht auf zwei notwendig verbun- 
denen psychischen Hauptprozessen, deren zweiter aus dem ersten resultiert ; 
] 1) lehi d eal er Setzung durch die Person des Führers, d. h. 
völlige Aufgabe individuellen Denkens, .^F'oIIens und Handelns zugunsten 
' des vom Führer dikuerten. 2) Identifizterung mit allen sich in 
der gleichen psychischen Situation befindlichen Indi- 
, V i d u e n unter selbstverständlicher Annahme völliger Gleichheit auch in 
- anderen Hinsichten. (Daß sich alle diese Vorgänge natürlich im Unbe- 
wußten abspielen und sich höchstens in Symbolen manifestieren, sei hier 
nur der Sicherheit halber wiederholt.) 

Fragen wir uns zunächst ; was ist mit der Freudschen Deutung des psy- 
chischen Habitus der Masse für die Erklänmg der ihr eigentümlichen Merk- 
male gewonnen? Wir skizzierten sie vorhin schon: Die offenbare Ver- 
antwortungslosigkeit der Massenmitglieder fiir ihre Handlungen. 
Das ist sehr einfach durch den Fortfall des permanenten sozialen Zwanges 
erklärt, der normalerweise die asozialen Triebe, die nun freie Bahn finden, 
der Verdrängung unterwirft. Diese Erkenntnis ist übrigens nicht neu, 
denn auch L e Bon deutet das Phänomen schon derartig, wenn natürlich auch 
nicht mit Hilfe der psychoanalytischen Terminologie (Le Bon I. c. S. 14). Die 
beiden übrigen Merkmale aber versucht Le Bon als „Orientierung der Ge- 

— 138 — 



danken und Gefühle in derselben Richtung durch Suggestion und Anstedung" 
(S, i6) zu definieren und zugleich zu erklären, ohne jedoch deutlich zu 
sagen, von wem diese Suggestion und Ansteckung ausgehen soll. Freud 
Übernimmt den [aucii in der übrigen Masse npsychoiogie ja eine groEe Rolle 
spielenden) SuggestiansbegrilT. Aber er zeigt auch den Urheber auf: den 
Führer, und er vertieft ilm, indem er ihn als Auswirkung der Ichideal- 
ersctiung erkennt. Die Hypnose der Masse, ausgehend vom Führer, ist ihm 
völlig identisch mit der Hypnose in der normalen Form zwischen zwei 
Personen, Deshalb spricht er auch von der „Masse zu zweien", d. h. 
eben dieser hypnotischen Beziehung, wo der eine Partner die Rolle des 
[Führers, der andere die der Masse spielt (VI, 314), eine Bezeichnung, die oft 
miJJverstanden wurde. Nun ist das Wesen der Masse, wie wir gesehen 
haben, mit der hypnotischen Beziehmig Führer-Masse noch nicht erschöpft. 
Ergänzend tritt zu ihr die „Ansteckung", die „gegenseitige Indukrion", wie 
M c D o u E a 1 1 sie nennt, also offenbar eine Beziehung zwischen den Mas- 
sengliedem, zwischen einander gleichgestellten und als solche von der 
Suggesrion zu trennen. Hieraus folgt die Annahme, daß diese An.^teckung 
als höchstgesteigerte Fähigkeit, die Affekte der übrigen Massenangehörigen 
aufzunehmen, eine Folge und Begleiterscheinung der identilizienmg darstellt. 
Somit könnte man wohl annehmen, daß die Phänomene, die seither 
immer zur Konstruktion der berühmten „Massenseele" zu zwingen schienen, 
cämlich „eine gemeinsame seelische Verfassung, welche die Individuen zu 
übereinstimmenden Geistesakten prädisponiert" (Geiger, Die Masse und 
ihre Aktion, S. 180), durch die auf dem Boden der Individiialpsychologie 
bleibende Psychoanalyse erklärt sind. Danach wäre, streng genommen, eine 
I selbständige Disziplin Massen psycho logie nicht zu halten. Nun kommt für 
, uns eine Kritik vom psychologischen Standpunkt natürlich nicht in Frage. 
Wir werden vielmehr die Thesen Freuds, nachdem wir sie jetzt in knappster 
Form kennen gelernt haben, auf ihre Anwendbarkeit für soziologi- 
sches Denken zu prüfen und in soziologischer Betrachtung eventuell zu 
I jrgänzen versuchen. 



Soiiologisdie Terminologie 

Zuerst drängt sich uns die Frage auf: Gibt es denn, wenn der Führer 
eine so entscheidende Rolle für die Masse spielen soll, überhaupt keine 
(Massen ohne Führer? Die Beobachtung scheint einer solchen An- 
L nähme doch zu widersprechen. Und der Versuch, diese Frage zu beantwor- 
llen, wird uns zunächst zu einigen prinzipiellen Erörtenmgen führen. Wir 
Imüssen uns nämlich darüber klar sein, daß Freud in seinem kleinen 
■ Buch keineswegs etwa eine systematische Darteilung der Masse vom psycho- 
^alytischen Standpunkt gibt oder geben will. Er gibt vielmehr nichts als 
Kinigc tiefschürfende aber eng -auf das Spezi alproblem begrenzte Anregungen, 

— 139 — 



die viele Fragen offen und der Weiterfülirung weiten Spielraum lassen. Und 
50 versucht er auch nirgends eine Abgrenzung und Unterteilung dessen, 
was er unter , Masse" versieht. Das hat er übrigens mit hst allen seinen 
Vorgängern in der Massenpsychologie gemeinsam, die z. T. dicke Bücher" 
geschrieben haben, ohne diesen von der So;tiotogie gestellten bescheidensten 
Forderungen zu genügen. L e B o n z. B. versteht unter Masse schlechthin 
jede Vielheit von Menschen, wenn er auch häufig einzelne, fortwährend 
wechselnde spezielle Vergesellachaltungen damit bezeichnen will. Wir glau- 
ben, daß gerade dieser fast völlige Mangel jeglicher klaren Terminologie 
viel zu der Verworrenheit und Ungekläriheit im sozialpsychologischen Lager 
beigetragen haL Unsere Aufgabe wird es nunmehr sein, klar und deuüich 
zu bestimmen, was wir unter Führer und Masse im Sinne und im Rahmen 
dieses Versuches verstehen. 

Wir schränken den hier zur Erörterung kommenden Begriff des Führers 
auf den (nach Max Weber) mit Charisma behafteten Führer ein und 
lassen Max Webers Definition hier folgen; „Charisms soll eine als auSer- 
alltäglich . . . geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen 
sie als mit übern atürhchen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch 
außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften 
oder als gotlgesendet oder als vorbildlich und deshalb als ,Führer' ge- 
wertet wird. Wie die betreffende Qualität von irgendeinem ethischen, ästhe- 
tischen oder sonstigen Standpunkt aus .objektiv' itchtig zu bewerten sein 
würde, ist natürlich dabei begrifflich völlig gleichgültig : darauf allein, wie 
sie tatsächlich von den charismatisch Beherrschten, den .Anhängern', bewertet 
wird, kommt es an" (Wirtschaft und Gesellschaft, S. 140). Wh- glauben also 
die Lehren der psychoanalytischen Massenpsychologie wenn aucli nicht aus- 
schließlich, so doch in erster Linie auf diesen Führertyp beziehen zu sollen. 
Weim wir in dieser Untersuchung lrotzdein\pn den beiden übrigen Führer- 
typen Max Webers, dem rational und dem traditional legitimierten (vgl. a. 
a. O. S. 124) ganz absehen, so mag dies vicileieht als eine unberechtigte 
mid dem Thema Zwang antuende Einengung erscheinen. Wir wollen damit 
die Herausarbeitung, die ja doch immer eine „idealtypische" sein muß, 
möglichst eindeutig, wenn damit auch einseitig gestalten. Außerdem steUt 
doch nun einmal der charismatische Führer den Führer kat'exoehen dar. 
Fast nur die als außeraUtäglich gellende Persönlichkeit wird sichals^ geeig- 
netes Objekt für die Ichidealerseizung erweisen, wird fähig sein, in solchem 
Maße den Kristallisierungspunkt des Fühlens und Wollens einer Vielzahl 
von Menschen zu bilden, wie die Psychoanalyse bei ihrem Führertyp fest- 
stellt. Einiges davon ist schon in dem Hinweis Webers enthalten, daß .das 
Charisma die Quelle seiner Wirksamkeit in dem Glauben der Beherrschten 
findet" {a. a. O. S. 765). Gewiß wird auch der traditionale Führer (der sich 
also in der Regel als erblicher Inhaber einer Herrschaftsposition erweisen 
wird) unter Umständen dazu befähigt sein, aber doch stets — solange er 

— 140 ~ 



nur kraft traditioiialer Legitimierung Führer ist — fußend auf der Autorität 
des Begründers der Tradition, der immer ein charismaiischer, außeralltägliclier 
Führer ist. 

So wäre also unser FDlirertegiiff an Hand der so deutlichen Max Weber- 
sicn Definition abgegrenzt. Umgekehrt steht es mit dem der „Masse". Hier 
werden wir — sofern wir in ihr, wie bisher, die Antithese xum Führer 
begreifen — keine Einschränkung, sondern eine Ausweitung über den üblichen 
Sprachgebraudi hinaus vornehmen müssen. Nun ist u. E. der Terminus 
Masse in diesem Sinne, als die Bezeidinung der Geiuhrieu, schlecht gewählt. 
Pie Wahl reditiertigt sidi nur durch das Fehlen eines wirklidi umfassenden 
Ausdrucikes. „Masse" nämlidi bedeutet uns andererseits einen ganz bestimmten 
Typ jnensdilicher Vergesellschaftung, und zwar, nach einer Definition 
L. V. W i e s e s, dem wir uns in der folgenden Unterteilung der sozialen 
Gebilde ansdiließen, .ein lockeres zwisdienmensdiüches Gefüge oder Be-i 
Ziehungsgebilde . . ., das sich aus einer Menge Für kurze Dauer zu einer 
einheidichen Kette von KoIIeklivhandlungen bildet, wenn die Situation eot- ' 
sprechende alle Teilnehmnr mehr oder weniger behcrrsdiende Affekte aus- 
löst' (Allgemeine Soziologie, Teil 2, Gebildelehre, S. 104}.' Dieses spezielle Gebilde 
also bezeidinen wii, abweichend von unserem bisherigen Modus, wo wir 
alle GeFührten darunter verstanden, als Masse. Hiervon streng zu sdieiden 
ist die soziale Gruppe. Die Gruppen sind im Gegensatz zu der stets 
unorganisierten, kurzlebigen und beständig affektbetonten Masse zwisdien- 
menschliche Gebilde „von solcher verhältnismäßiger Dauer und verhältnis- 
müBiger Einheitlidikcic . . . , daß man die in üincu verbundeneti Mensdien 
als relativ zusammengehörig betraditet" (v. Wiese, L c. S. 128). War die 
Masse eine durchaus konkrete, an Raum und Zeit gebundene Erscheinung, 
so ist die Gruppe erheblidi weniger konkret und z. ß. nicht mehr unbe- 
dingt auf räumliches Vereintseiii für ilu'e Funktion angewiesen. Dir Ende 
erreicht diese Entwiddung bei den sogenannten abstrakten Kollcktiva, die, 
weitgehend von Raum und Zeit unabhängig, wie schon ihr Name sagt, den 
höchsten Grad von Abstraktheit, der für zwischenmensdiUdie Gebilde möglich 
ist, eneidit haben. Dies dokumentiert sich audi in der Tatsadie, daß sie 
von ihren Mitgliedern als Individuen relativ unabhängig sind. liir Prototyp 
ist der Staat. Da diese Termini hier nur als Hilfsmittel herangezogen werden, 
müssen wir es bei diesen ganz kurzen Bemerkungen bewenden lassen und 
hoffen, daß ihre Bedeutung nodi durdi die Anwendung klarer ersichtlidi 
werden wird. 



1) v. Wiese unterscheide L neben dieser, von ihm ikuie oder konkrete Masse ge- 
nannten noch eine laicnie oder ali.^trakle Masse, wie dies aiith andere Suziologen, 2. B. 
Geiger, wenn auch z. T. unter anderen Bezeichnungen inn. Abgesehen davon, daß 
wir diesen letzceren Massenbegrill nidii als soJdien anerkennen können, ist er anch für 
unsere ZiveL'ke irrelcvani. 



— Hl — 



Die Funktion des Führers in den sozialen Gebilden 

Diese (erminologisdien Vorbemerkungen waren unbedingt erforderlich. Wir 
wissen jetzt, daß es sich darum handelt, die Beziehungen, die den charis- 
malisdien Führer mit dem sozialen Gebilde verknüpfen an Hand der psycho 
analytischen Sozialpsychobgie zm untersuchen und können uns wieder der 
von uns oben gestellten Frage zuwenden : gibt es keine führerlosen Massen ? 
und weiter : besteht für alle von uns eben kurz skizzierten sozialen Gebilde- 
typen die Möglichkeit der Anwendung der Freudschen Theorie ? Wir sehen 
nunmehr ohne weiteres, daß, wenn überhaupt die Möglichkeit einer fuhrer- 
losen Masse besieht, sie nur für die Masse im engeren, oben definierten 
Sinne in Frage käme. Denn sie allein stellt ja ein soziales Gebilde dar, 
dessen Besonderheit gerade im Fehlen jeder Organisation seiner Mitglieder 
besteht. Vergegenwärtigen wir uns kurz die typische Genesis einer Masse. 
Wir werden dadurch am leichtesten zur Beantwoitung unserer Frage gelangen 
und zugleich eine gedrängte Betraditung der Führer funktion bei den ver- 
schiedenen Vergesellschaftungstypen überhaupt einleiten. 

Masse wird sich in den meisten Fällen aus einer Menge herausbil- 
den. Unter einer Menge verstehen wir eine räumlich versammelte 
Vielheit ^o-a Menschen, die untereinander i n keinen direkten 
Beziehungen stehen. Die Voraussetzung der Umwandlung aus Menge 
in Masse ist das Entstehen eines einheitlichen affektiven Wil- 
lens bei diesen zusammenbefindlichen Menschen. Dieser Wille, der stets 
auf die Beseitigung eines Unlust erjeugenden Objektes 
gerichtet ist — also in der Zielsetzung immer rein negierend ist — 
kann durch die Einwirkung einer Persönlichkeit auf die Menge erweckt 
werden. Nur erweckt — nicht hervorgerufen werden, denn irgend- 
welche Vorbedingungen müssen gegeben seiaftz. B. allgemeine Unzufrieden- 
heit wegen großer Teuerung. Nun kann diese* beeinflußende Persönlichkeit 
— vorläufig ist sie noch nicht mehr — die an sich zur Negierung bereite 
Stimmung der Menge sammehi und konzentriert auf>gendein ihm geneh- 
mes Objekt lenken. Voraussetzung hierfür ist in erster Linie, daß das 
Objekt konkret und jedem leicht verstellbar ist. keineswegs braucht es mit 
der Ursache der hier angenommenen Unzufriedenheit in irgendeinem inneren 
Zusammenhang zu stehen ; es könnten also z. B. in diesem FaUe als solches 
sowohl die Regierung fungieren, wie etwa die Kapitalisten, die Juden oder 
die Franzosen, sofern stets nur einer dieser angeblich verursachenden Fak- 
toren genamit wird, auf die der negierende Wille ungeieUt gelenkt wird. 
Nie darf mit „einerseits-- andererseits' operiert werden. Gehngt es dem Be- 
einflußer. eine Vielzahl der von ihm bearbeiteten Individuen mit diesem 
einheitliehen affektiven Bewußtseinsinhalt zu erfüllen, so ist damit eine Vor- 
aussetzung Kur Massenbildimg gegeben. Der Übergang von der bloßen Menge 
zur Masse ist jedoch erst dann restlos vollzogen, wenn sich aus dem bloßen 

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^Rvillen Kur Aktivität der Massenakt selbst herausbildet. Allein die Aktion 
^kann Manifestation des gemeinsamen Willens sein. Der Beeinflußer 
der Menge ist in dem Moment, in dem die von ihm Beeinflußten ihm fol- 
gen und sich zu der von ihm inspirienen Massenaktion zusammenschließen, 
zum Führer — und zwar zum charismatischen Führer geworden. Er hat 
es durch sein persönliches Einwirken, durch sein AppeUieren an ihre aifek- 
üve Potenz erreicht, daß jedes Massenraitglied in ihm den Repräsentanten 
seines Willens, sein personifiziertes Ichideal sieht, demgegenüber jede Mög- 
lichkeit selbständigen rationalen Handelns völlig entfällt. Daß hieraus die 
Identifiziening jedes mit jedem ebenso Empfindenden resultiert, wissen wir 
schon. 

Es ist auch eine andere Art der Massenentstehung möglich. Es ist mög- 
lich, daß sieb die Bildung des einheitlichen MassenwiUens ganz spontan als 
selbstverständliche Reaktion auf eine von außen kornmende, als Angriff auf- 
gefaßte Handlung vollzieht. Voraussetzung dafür ist allerdings eine von vorne- 
herein vorliegende weitgehend einheitliche Slimmungslage der Einzelnen in 
der Menge. Aber auch hier ist der Massenakt nur dadurch möglich, daß 
eine Persönlichkeit die Initiative ergreift und den übrigen vorangeht. Sie 
wird zum Fülwer, wenn sie ihm folgen. Es ist allerdings nicht anzunehmen, 
daß ein solcher spontaner Führer es längere Zeit bleibt. Seine Funktion 
bestand nur darin, der angesammelten Spannung, dem gehäuften WiUcus- 
impuls der entstehenden Masse die Möglichkeit zm- Lösung, zur Umsetzung 
in Aktivität zu geben. Da dies stets nur durch eine einzelne Person ge- 
scliehen kann, die für diesen Augenblick zum Führer wird, so muß die 
Antwort auf unsere Frage : gibt es führerlose Massen? eine 
verneinende sein, mit dem Vorbehalt, daß der Führer unter UraMän- 
den erst relativ spät und nur als Exponent der psychischen Situation auf- 
treten kann. Eine auch nur relativ längere Dauer einer derartigen ganz 
spontan entstandenen Massenaktion ist jedoch nicht wahrscheinlich. Dabei 
müssen wir uns überhaupt der Tatsache erinnern, daß eine Masse ein 
kurzlebiges Gebilde darstellt. Sie wird sich — das liegt in ihrer Natur — 
relativ bald auflösen, oder in eine Gruppe umwandeln. An 
beiden Metamorphosen hat der Führer entscheidenden Anteil. 

Die Auflösung der Masse kann durch äußere Gewalt erzwungen 
werden. Hier stoßen wir auf das Phänomen der Panik. Der Tatbestand 
ist hierbei der, daß die Furcht vor Gefahr die Massenmitglieder scheinbar 
zum Auseinanderlaufen veranlaßt. Dieser Satz gibt aber natürlich wieder 
nur eine Beobachtung wieder, keine Erklärung. Freud bemerkt sehr rich- 
tig : „Es gehört geradezu zum Wesen der Panik, daß sie nicht im Ver- 
hälmis zur drohenden Gefahr, oft bei den nichügsten Anlässen ausbricht" 
[VI, 293). Daher muß die Erklärung lauten : Nicht — wie bisher angenommen 
— die die Masse zusammenhaltenden Aifekte unterliegen der Angst vor der 
Gefahr, sondern die Angst tritt erst dann ein, ja die Gefahr wird über- 

— 143 — 



haupt erst dann als solche wahrgenommen, wenn die libidinösen Bindungen 
sieh gelockert haben. Die Ursache wird in der Regel der Verlust oder das 
Versagen des Führers sein. Hieraus erklärt sich die bekannte Talsache, daß 
eine revolutionäre Aktion, so lange sie sicli noch im Massen Stadium befin- 
det, durch die Unschädlichmacliung der Führer überraschend schnell nieder- 
geschlagen werden kann. Nun hat der Führer die Chance, die Auflösung 
der Masse aucli selbst herbeizulühren, indem er deren Lifaidobindung an 
sich rückgängig za machen und jedem Einzelnen volle Bewußiseinsfähigkeit 
zurückzugeben sucht : er „ernüchtert" sie. Es ist allerdings auch möglich 
daß die vorliandene Erregung der Empfindungsträger in soldien Fällen von 
einem anderen ausgenutzt wird und die libidinöse Fixierung nur ihr Ob- 
jekt wechselt. 

Eine noch bedeutsamere Rolle spielt der Führer bei der Umwand- 
lung der Masse in eine Gruppe. Im NormalfaJI wird jeder Führer 

— sofern er nicht Interesse an einer rechtzeitigen Aullösung der Masse hm 

— bestrebt sein, dutdi Organisation und feste Bindung der ihm Folgenden 
an seine Person seine Stellung zu konsolidieren und in gewisser Hinsicht 
nach außen hin zu legitimieren. Das führt sdinell zur Gruppenbilduag, 
denn Organisation und Funktionsverieilung sind die beiden 
wesendichen äußeren Merkmaie der Gruppe gegenüber der Masse. Alles 
deutet bei ihr darauf hin, daß es sich um ein relativ dauerndes Gebilde 
mit subjektiv klargeseiztem Ziel handelt, in dem die Beziehungen der Mit- 
glieder zueinander und die des Gebildes zu der Außenwelt relativ feste, 
traditionell bestimmte Formen annehmen. Und das führt zu der ohne wei- 
teres einleuchtenden Konsequenz, daß je ausgeprägteren Gruppe ncharakter 
ein Vergesc lisch aftungsge bilde annimmt, destomehr der charismatische Führer 
als solcher zurückgedrängt und schließlich völlig überflüssig wird. So wenig 
es eine führerlose Masse geben kann, umsBhiehr führerlose Gruppen 
und erst recht führerlose abstraktf Kollekliva gibt es — so 
paradox diese Behauptung audi klingen mag. Vorausgesetzt ist dabei natür- 
lidi unsere Gleichsetzung des Führerbegriffes mit dem des charismatischen 
Führers. Denn je dauernder (oder genauer : je mehr auf Dauer eingestellt) 
und umfangreicher ein ursprünglich charismatisch begründetes und geführtes 
soziales Gebilde ist, desto schneller und zwangsläufiger wird sich eine 
Gfiederung herausbilden, die in festen, vorgeschriebenen Formen die Funk- 
tionen dieses Gebildes erfüllt [oder wenigstens zu erfüllen scheint) und auf 
die Erfordernisse des Alltags eingestellt sein muß. So tritt Bürokratie 
und Berufsbeamten tum, d. h. — zugespitzt und generalisierend — Durch- 
schnitt an Steile der engeren Gefolgschaft des Führers, der Auserwähken, die 
unter seinem direkten Einfluß handelten. Gleichzeitig verwandelt sich das 
Wir, der Führer und seine Gefolgsdiaft, in ein Es, z. B. den Verein oder 
den Staat. Der Zweck der Vergesellschaftung, die Verfolgung der vom Führer 
gesetzten Ziele deshalb, weil er sie gesetzt hat, tritt mehr und mehr zurück 

— 144 — 



lilnler der Organisation, dem Gebilde als soldiem, das letzlidi Selbstzweck wird. 
Diese mit fast namrgesetzlicher Notwendigkeit einlrelende Entwicklung 
kann man in allen liistorisd:en Epodien und an allen Unlertypen der Gruppen 
und abstrakten Kollektiva verfolgen. Ursprünglich wird dem Führer um 
seiner selbst, um seiner PersönÜdikeit willen gefolgt, nidit etwa der Richtig- 
keit seines Zieles wegen — das haben wir gesehen. In der Gruppe wird 
sich früher oder später das Bedürfnis nach einer rationalen Begründut>g der 
Gefolgschaft vor sidi selbst und vor der Außenwelt bemerkbar machen ; ihr 
tut der Glaube genüge, daß man einer Idee folge, die überpersönlidi, 
mogüdist auch überzeidich sei, und der sidi alle, auch der Führer, zu beugen 
hätten. Die Begründung der Verantwortungslosigkeit des Individuums wird 
vom Führer auf diese Idee .übeitragen", in deren Namen, wenn auch 
I äußerlich wohl auf Befehl des Führers der Individuaieihik als sündhaft 
I gellende Handlungen geschehen. (Audi Sdieidung von Individual- und Gruppen- 
moral setzt in diesem Stadium ein.) Diese Entwicklung kann nur proportional 
zu dem Wachsen und der Festigung der Organisation fortschreiten. Die 
; Organisation umgibt schließlich die Massenglieder mit einem festen, immer 
' unlösbarer werdenden Ring, so daß die iibidinose Bindung an den konkreten 
Führer für die Identifizierung der Mitglieder untereinander immer entbehrlicher 
I wird. Der Führer wird immer mehr zum Delegierten der Gruppenangehörigen 
und zum bloßen Repräsentanten der Gruppe nach außen. Das Extrem ist 
eireidit, wenn auch die Fiktion der metaphysischen Idee zurücktritt hinter 
I der nun immer mehr um sich greifenden, langst von äußerer Regelung zu 
(innerer Diktatur fortgeschrittenen Organisation. Das Gebilde, der Verein, die 
IXirche, der Staat (denn für die Kollektiva gilt das Gesagte prinzipiell ebenso) 
liBi nunmehr Selbstzweck. Es gibt keinen Führer mit seiner Gefolgsdiaft mehr, 
t sondern es gibt nur noch eine streng hierarchisch gegliederte, traditional und 
[rational legitunicrte Bürokratie, deren Laufbahn bis in die Details g^egelt 
[ist, .Führer" ist jetzt, wer ein entsprechendes Amt innehat, z. B. die Chargen 
r.vom Feldwebel aufwärts" für die Kompagnie oder der Partei Vorsitzende, 
[der von einem kleinen Kreis innerhalb der Gruppe .gewählt" wird. Fülirer- 
Itum ist jetzt eben ein Amt, von dem angenommen wird, daß an es der 
Jdazu benötigte Verstand gebunden sei, nicht mehr eine durchaus irrational 
[bedingte urpersönliche Bindung an den (natürlich subjektiv so empfundenen) 
außeralltäglidien, den Überdurchsdhnittsmensdien.' 

Die durch den Fortfall des diarismatisdicn Fübrers frei gewordene Libido 
ider Mitglieder hat sidi dem Gebilde selbst, also dem Geschöpf des Führers, 



l) An dieseu Tatsachen kann auih z. B. Cure Geyer nidits ändern, der alle die, 

Idie das Fehlen poliiisdier Führer im heutigen Deutsdiland beklagen, damit trostei. daß 

■-S ja sozialdemokratische Partei vors iizen de und Gewerkschafissekrecäre gäbe. Trotidem 

emcrkc er an anderer Sielle ganz richtig, das „Führerschaft die Wediselbezichung 

Bwiadien dem einzelnen und seiner an ihn glaubenden Gefolgsdiaft" sei. (Führer und 

ilasse in der Dcmokralie, S. 24.) 



riA. BewcguPB 



— 145 — 



■o 



zugewandt. Es bildet siti jene „Vergottung" des Staates, des Bundes usw, 
heraus, die für alle unpersönlich gewordenen Zeitalter so bezeidinend ist. 
Nun kann das Ichideal tatsächlich durch das Gebilde, die Tatsache der Ver- 
gesellschaftung mit der ihr zugrunde gelegten Idee oder — bei vorgeschrittener 
Organisationsstufc — dem Verhallenskodex ersetzt sein. Er bildet zuletzt das 
Ideal, er formt das Äußere und Innere des Individuums und bestimmt seinen 
Habitus in einem unerhört hohen Grade. Aus der gemeinsamen unbedingten 
Hingabe an diese Kräfte resultiert die Identifizierung der Mitglieder unter- 
einander ebenso wie ursprünglich aus der Hingabe an den persönlichen 
Führer. Auf die abstrakten Kollektiva kann u. E. die Freudsche Theorie 
nur in dieser Form angewandt werden. Denn mindestens im Normalzusland 
pflegt ia ihnen eine intensive und direkte Einwirkung einer führenden Per- 
sönlichkeit auf ihre Angehörigen unmöglidi zu sein. Ihr bloßes, sdieinbar 
liir die Ewigkeit berechnetes Dasein, der äußere Bau ihrer Organisation und 
die daraus resultierende Autorität ilircr Institutionen beanspruchen für sidi 
schon alle zur Verfügung stehende Bindungspotenz. Nur in Ausnahmczeiien 
kann dies alles, durch einen der Panik analogen psychisdien Vorgang, — 
den wir hier nun nidit mehr zu betrachten brauchen, — wankend, unsicher 
geworden, hinter einer Ausnaiime Persönlichkeit zurücktreten, deren Funktion 
dann notwendig eine derjenigen in der Gruppe entsprediende ist : die 
Herbeiführung von AUtagszusländen. 

In den außeralliäglidicn Situationen jedoch und besonders in allen orga- 
nisatorisdi weniger fortgeschrittenen Gruppen, wird der Führer, besonders 
wenn er zugleich Gründer ist, immer fast seinen unumsdiränkten charis- 
matisdien Einfluß ausüben. Das gilt namentlich für alle Gruppen, die üu-er 
Natur nach weniger nadi Betätigung in der öffcnilldikelt als nach geistigen 
Zielen hin tendieren. Bei derartigen Gruppen, z. B. religiösen Sekten, philo- 
sophischen jüngerhaften „Kreisen" usw. siSften wir oft auf die interessante 
Erscheinung eines sekundären Führers, der nadi dem Tode des 
.Meisters", also des Gründers und Führers, die Führerschaft übernimmt. Hier 
wird sich eine eigenartige Spaltung der Führer funktionen er- 
geben : das Ichideal wird stets der tote Meister auf sich beziehen. Infolge 
der Unmöghdikeit jedoch, die jeweiligen Handlungen und Meinungen seiner 
Willenskundgebung zu unterwerfen (soweit sie schriftlich niedergelegt ist. 
wird sie diesem Zweck nur unvollkommen entsprechen) und den daraus 
resultierenden Meinungsversdiiedenheiten wird die Gefolgschaft entweder zer- 
fallen : Die eine Partei erkennt nicht mehr die Idii dealersetz ung der anderen 
als an den toten Führer gebunden an und identifiziert sich demnach nidil 
mehr mit ihr. Oder, im anderen möglidien Falle, formt der sekundäre 
Führer — gleichsam der Statthalter auf Erden — sofern er eine dafür ge- 
eignete Persönlichkeit darstellt, das Ichideal als das nunmehr allein güldge 
zu einem Abstraktum, einer Lehre nach seinen Intentionen um. Es wird 
geheiligtes Dogma, das nimmehr als der Diskussion entzogenes festes Ichideal 



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J 



fungiert. Als das bedeutendste Beispiel dafür, daß ein offiziell sekundärer 
Fülirer durcfi die Stabilisierung und Umformung des fchideals nach seinen 
Intentionen faktisch ?.ura wiridichen Führer wird, kann wahrscheinlich Paulus 
dienen. 

Arnold Zweig konstatiert in seinem gedankenreichen Budi „Cali- 
ban oder Politik und Leidenschaft' als die die Gruppenmit- 
glieder beherrschenden psychischen Momente den (von ihm sogenannten) 
Dlffereni;- und den ZentralitäisafTekt. Er brauchte für seine Zwecke diese 
zweifellos richtig und fein beobachteten Triebmomente nicht bis zu einer 
letzten Wurzel zu verfolgen. Jedoch kann man beide mühelos mit Hilfe der 
uns von der Psychoanalyse gegebenen Fingerzeige auflösen : Alle positiven 
Affekte der Gruppenmitglieder konzentrieren sich um die Gestalt des Füh- 
rers bezw. um die (angeblich) von ihm ausgegangene Idee, die alles we- 
senlhdie schlechthin umfaßt. Da jede rationale Urteilsfähigkeit ausgcsdialtet 
ist, kann die dieser Vergesellschaftung gleichgültig oder gar feindlich gegen- 
überstehende Außenwelt garnidii irgend positiv ge werter werden. Die 
Gruppe wird ium absoluten Mittelpunkt, „um die sich die gesamte Welt 
der Werte und Tatsachen zonenmäßig gruppiert ; diese Gruppe, ihre Gruppe, 
ist die Spitze der Schöpfungspyramide" {Zweig a. a. O. S. 54), ihre An- 
gehörigen zu den einzig Begnadeten und Erkennenden, durch die gleiche 
Offenbarung eogstens Verbundenen. Man glaube nicht, diese Schilderung 
erstrecke sich etwa nur auf religiöse Gruppen. Diese Affekte bilden das 
Fundament jeder menschlichen organisienen Vergesellschaftung, und audi 
erst recht das der Kollektiva, bei denen sie sich von Zeit zu Zeit ja 
drastisch manifestieren. Was der innere Halt, den das Individuum durch 
die Zugehörigkeit zu einer ihn derartig umfassenden Vergesellschaf tutig er- 
hält, bedeutet, erkennt man an den Begleiterscheinungen des Zusammen- 
brudiea einer solchen Stütze oder einer ihrer, sie vielleicht in expunierter 
Stellung repräsentierenden Institutionen, z.B. der Dynastie, die ja in 
diesem Sinne audi nicht etwa Führerschaft, sondern libidübesetate Institu- 
tion ist. 

I Führer und Vaterideal 

Die Psychoanalyse hat sidi bemüht, auch diese Zusammenhänge zu klären 
d wenn ihr dies mit ihren bisherigen Resultaten auch vielleicht nodi 
nicht voll gelungen ist, so werden wir doch ganz kurz darauf eingehen. 
Freud begnügt sich in seinem Buch „Massenpsychologie und Ich-Analyse" 
nicht, die Tatsache der libidinösen Fixierung der Massenange hörigen an 
den Führer aufzudedien, sondern er versucht auch, dieses Faktum in Ver- 
bmdung zu bringen mit prähistorisch-ethnologischen Hypothe- 
sen. Die Masse ersdieint Freud „als ein Wiederaufleben der Ur- 
hor d e" (VI, 325). Der Vater der Urhorde ist das Prototyp des Führers. Un- 
umschränkter Herrsdier über die Horde, mit sehr stark ausgeprägtem Nar- 

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zißmus ist er im Besitz aller Weiber der Horde und verhindert 
die Söhne an dec Befriedigung ihrer direkten sexuellen Strebungen, die 
nun, sublimiert, sich in Anhänglichkeit an ihn und aneinander manifestieren ■ 
die Masseusituntion. Diese Hypothese ist ja aucli die Grundlage der 
Totemtheorie Freuds. 

Will Freud die libidinöse Fixierung an dem Führer somit als Regression 
einer urzeitlichen be^w. primitiven Periode deuten, so bemühen sich zwuj 
andere psychoanalytische Autoren, das Vaterideal des Kindes als maßgebeod 
für die Art der sozialen Einordnung des Individuums überhaupt und die 
soziale Struktur ganzer Gebilde zu erweisen. Paul Federn geht davon 
aus, daß „die Stellung des Kindes zum Vater die Grundlage alles Autori- . 
lätsrespektes in ihm bildet" (Die vaterlose Gesellschaft, S. 71 und daß dem- 
nach der Erwachsene auf Grund seines Vaterideals eine Reihe von psychi. 
sdien Vaterbildern wählt, „die gemeinsame gesellsdialthche Institudonen 
repräsentieren und so alle die einzelnen Söhne zu Untettaaen des väterli- 
chen Autoritäisstaaies vereinigen" (S. 9). Es ist klar, daß, wenn dieser ein; 
so große Rolle in der Psyche des Individuums spielende Staat eine Um- 
wähiung erleidet, dies außerordcntlidie Folgen für die nunmehr „vaterlose 
Gesellsdiaft" haben muß. Daran knüpit audi Emil Lorenz in seinem 
interessanten Bucli „Der politische Mythus" an, der an einigen 
Ersdieinungdii aus der Iranzösischen Revolution die plötzlich vor sich ge- 
hende Regression der Massenangehörigen zu primitivem prähistorischen 
Fühlen und Handeln verdeutlichen will ; In den Aristokraten {nid;t als 
Individuen, sondern als Angehörige ihres Standes, des „Vater-Standes") wird 
der Urvater gemordet imd (wie es in einem Falle geschehen ist) gefressen. 
(Lorenz a. a. O. S. 32 — 34.} 

Die psydiische Bedingmi^ des Führers 

Aber dies sind dodi mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen, die 
nicht untrennbar zur psycho an alyüschen Führertheorie gehören. Nachdem wir 
bisher die Anwendbarkeit der Freudschen Theorie auf die verscliiedenen 
möglicl^en Vergese lisch altungs typen und die Funktion des Führers bei diesen 
geprüft haben, wenden wir uns jetzt eben so kurz der psychischen 
Situation des Führers selbst za. 

Freud wirft zwar — und wahrsd-.einlidi mit Redit — der bisherigen 
Maasenpsychologie ihre mangelhafte Beschäftigung mit dem Führer vor und 
betont, „daß das Wesen der Masse bei Vernachiassigung des Führers 
nidit zu hegreifen sei" (VI, 320), aber er selbst gibt über die psychisdie Lage 
des Führers gegenüber der Masse kaum mehr als einige Andeutungen. Wir 
glauben aber, daß, wenn man die Frage ; wie kommen Führer und Masse 
zusammen und wie verhallen sie siii. zueinander ? beantworten wiU, man um 
die Klärung beider konstitutiven Komponenten gleichmäßig bemüht sein muß, 

— 148 — 



Was Freud bezüglich der den zukünftigen Füiirer zur Einnahme dieser 
Position (reibenden Motive nur angedeutet hat, hat ein anderer psycho- 
analytischer Autor, Erwin Kohn, weiterzuffihren versu'iit. Und zwar hat 
jr zu diesem Zweck in seinem Buch „L a 5 s a 1 1 e — der Führer" die 
Gestalt Lasaalles als besonders ausgeprägten Typ benutzt und dessen psychi- 
sdien Habitus, soweit er für ihn als Führer relevant ist, analysiert. Als die 
Grundlage der Führerpsyche erkennt er natürlich seinen besonders starken 
fJarzißmua, der sich in Ichlibido manifestiert. Folglich bleibt lür Objekt- 
libido des Führers nur geringe Potenz. Als Ersatz für solche objekilibidinose 
Bindung sieht Kohn seine partielle Identifizierung mit der 
Gefolgschaft an. Der ausgeprägt narzißtisdie Mensch „umgjbt sidi 
flänilidi mit Abwandlungen seiner eigenen Persünlidikeit" (a, a. O. S. 11), 
womit nacli Kolm eine Analogie mit dem homosexuellen Typ besieht. 
Jede objekdibidinösen Beziehungen jedoch {sowohl vom Fülirer zur Gruppe, 
wie zwisclien den Gruppenmitgltcdem) stören das Verhältnis, wenn sie auch bei 
längerer Dauer der betreffenden Gebilde mit großer Wahrscheinlichkeit ein- 
(rcten. Dieser überstarke Narzißmus ist für Kohn aber nur eui Moment 
möglichen Führertums. Dieser rein egoistischen, ja egozentrischen Haltung 
[wenn diese vergröbernden, aber auch verdeuthchenden Ausdrücke hier er- 
laubt sind) gegenüber und ihr entgegengesetzt ersdieint ihm als eine kon- 
stitutive Komponente die „ Rettun gscinstellung' des Führers, „eine der spezi- 
fischen Wurzeln des Revolutionismus" [S. 61), eine (wenigstens in der 
Wirkung) durdiaus altruislisdie Erscheinung. Sie führt Kohn auf die Identi- 
fizierung des Mannes mit seiner Mutter lurijck, die die Psyclio- 
analyse bekannllidi als häufig grundlegend für die Entstehung der männ- 
lidien Homosexualität ansieht. Aus dieser Tatsache und aus derjenigen, daß 
„die quantitative und intensive Überlegenheit gleidigeschledidiclicr Gruppie- 
rungen über gern isditgesclilechdi che unzweifelhaft ist" (S. 10), glaubt Kohn 
den Schluß ziehen zu können, daß die Führertum mitbedingende Rettung s- 
ein Stellung (gegenüber der Gefolgschaft natürlich) „Auswirkung eines 
Mutter gewordenen Mannes (des mit scber Mutter identifizierten Homoero- 
likers)" ist. (S. 88.) — Wir kommen also zur sdicmatisclien Gegenüber- 
steKung zweier divergenten Libidokomponenten, deren Zusammentreffen Vor- 
aussetzung jedes Führertums ist: Höch.stgesteigerter Narzißmus, 
erstrebt Geliebtwerden und identifiziert die Gefolgsdiaft mit sich. Muttcr- 
Identifizierung, beruhend auf Homoerotik, sucht Objekthbido. Omen 
steht die Objektlibido der folgenden Masse gegenüber, die dem Narzißmus 
entgegenkommt und gleichzeitig die sie glcidimäßig umfassende Liebe des 
Führers voraussetzt und somit der ursprünglichen Objektlibido des Homo- 
erotikers In sublimer Form Genüge tut. 

Wir haben schon früher die Ansicht Freuds wiedergegeben, daß die 
Führer-Masse- Beziehung eine durchaus suggestiv getragene sei. Kohn weist 
nun, gestützt auf Ferenczi, jeder dieser beiden Triebkomponenten eine 

— 149 — 



besondere Art der Hypnose in der Werbung um die Gefolgscliaft zu (S. 77). 
Die Rettungseinstcüung sudit durcli „Mu 1 1 erh y p n o s e", d. h 
durch „Bitten, Sdimeidieln, Zureden" zu wirken, die narziß tis che Ein- 
stellung durch die ,V a t e r h y p n s e", d. h. durdi „Drohen, Sclirecken 
Fordern, Befehlen". 

Die soziale Bedingtheit des Führers 

Besinnen wir uns noch einmal auf die prinzipiell und notwendigerweise 
enge und einseitige psydioanalytisdie und überhaupt psydiologisclie Problem- 
stellung. Wir sahen, daß die psydioanaly tische Forschung sich in unserem 
Falle aussdiheßlidi die Frage nach der veränderten seelischen 
Struktur des Massenmenschen vorlegte und beantwortete. Wir 
versuchten aus ihren Resultaten soziologische Konsequenzen zu ziehen. 
Aber wir glauben uns nicht mit der engsten Anpassung an diese Ergebnisse 
begnügen zu müssen. Wir glauben zuletzt den Versudi wagen zu dürfen 
die Gestalt des Führers — oder doch wenigstens eines Führertyps — audi 
aus seiner sozialen Bedingtheit zu befreifen (oder besser : zu erahnen). Und 
ivir glauben diese soziale Bedingtheit des Führers, ganz unhe- 
schadet semer psychischen Voraussetzungen, von denen wir eben erfuhren, 
und ergänzend zu ihnen tretend, in seiner Asozialität sehen zu müssen. 

Wir gehen dabei aus von zwei von A. Eleutheropulos aufgestellten 
und begründeten Sätzen ; „In der Asozialität wird ein spezielles, eigenes 
Innere, ein Persönlichkeitshabitus befriedigt." „Der Einzelmensch, der Mensdi 
ist asozial oder sozial im Dienste seines Dranges sich selbst auszuleben' 
(Einzelmensch und Gesellschaft, S. 217/18). Darauf fußend fahren wir fort; 
Alle Menschen stehen auf versdiiedenen Punkten zwischen den Extremen 
sozial und asozial. Diejenigen, die dem Punkte sozial am nächsten stehen, 
sind je nachdem mehr oder weniger DurcSainitts menschen {das Wort natür- 
lich ohne jede Bewertung gebraucht) ; Sie leben sich unbemerkt aus, d. h. 
sie geraten in dem naturgemäßen Streben, sich auszuleben, nicht in Konflikt 
mit der derzeit bestehenden Gesellschaftsordnung. Die in ihnen etwa auf- 
steigenden Strebungen, die in der Manifestation irgendwie gegen die be- 
stehende gesell schaftlidie Ordnung verstoßen würden, sind so schwach, daß 
sie von dieser zurüdigewiesen werden. Entweder nun treten diese in ihrem 
ursprünglichen Zustand asozialen Strebungen garnicht ins Bev/ußtsein des 
Individuums, da die „Zensur" sie vorher abfangt und für ihre Verdrängung 
oder Sublimierung sorgt. Oder sie treten, falls sie stärker sind, ins Bewußt- 
sein des Trägers, der sich aber ihrer unter sozialem Zwang bewußt und 
rational scheinbar entledigt — er resigniert. Auch hier tritt im Unbewußten 
Sublimierung oder Verdrängung ein. Bei all dem bleibt das Individuum eb 
„soziales", d. h. die in ihm wirkende soziale Ordnung ist stark genug ge- 
wesen, um den Ansturm der als asozial verpönten Triebe abzuweisen. Bei 
anderen, stärker ausgeprägten „Persönlichkeiten" wird sidi eine andere Enl- 

— 150 — 



■widdung abspielen : Die asozialen Triebregungen werden nicht nur ins Be- 

'^wTißtsein, sondern audi zur Auswirkung gelangen und, je nach dem Grade 

' und der Intensität ihrer an der bestehenden Gesellschaftsordnung gemessenen 
relativen Asozialität, den Träger selbst zu einem asozialen machen. Diese 

I asozial^" Individuen können natürlidi den verschiedensten Typen angehören, 

, z, B. einen Menschen ,mit Eigenheiten" (Gewohnheilen, die eben wegen 
ihrer atypiscbea Besonderheit asozial erscheinen) und einen sogenannten radi- 

. kaien Utopisten, dem das Leben in der jeweils existenten sozialen Ordnung 
schlechthin unmöglich ist, umfassen. 

Alle diese asozialen Menschen werden die gesellscbaftlidie Ordnung nadi 
ihren Intentionen umzuändern bestrebt sein, d. h. sie wollen dieser 
ihrer Umgebung eine ihren Triebregungen adäquate Form verleihen und 
diese Triebregitngen dadurdt zu sozialen machen. Es ist also normalerweise 
niemand so asozial, daß er nidit den Wunsch hätte, zu einem sozialen 

' Menschen zu werden : Ein seiner Natur nach durchaus auf Narzißmus be- 
ruhender Wunsch, der aber wieder den nur graduellen und durchaus rela- 

' tiven, zeitbedingten Unterschied zwisdicn zwei angehhch wesens verschiedenen 
Typen zeigt. Asozialität wird erst abnorm, wenn jede soziale Umwelt, wie 
sie auch gestaltet sein möge, abgelehnt wird. Dann erst stellt sie sich jen- 
seits jedes normalen sozialen Habitus und scheidet fiir generelle soziologische 
Betrachtung aus (nicht jedoch für spezialisierte). 

Vorausgesetzt nun, daß das Bedürfnis zur Umgestaltung der sozialen 

t Umwelt ein genügend starkes ist und da sie selbst dazu die einzige Mög- 
lidikeit bietet, wendet sich der Asoziale an sie mit dem Bestreben, eine 
Gefolgschaft zu gewinnen. So führt Asozialität zuFührertum, wieder 
vorausgesetzt, daß sie, gemessen an den anß erindividuellen in Frage kom- 
menden Faktoren stark genug ist. Diese hochgradige Asozialität bildet u. E. 

' eine wichtige Voraussetzung jedes diarismatiachen Führemims. 

Die bisherige Betrachtung bezog sich auf Führer aller Vergesellsdiaftungs- 

, arten, d. h. Mensdien, deren asoziale Motive auf den versdiicdcnsten 
Lebensgebieten zur Auswirkung gelangen konnten. Asozialität kann ebenso 
zur religiösen Sekten bilciung führen wie zur Gründung einer politischen 

\ Partei oder zur revolutionären Aktion. Greifen wir nun zuletzt einen uns 

F besonders interessant erscheinenden Typ heraus, der als solcher in der 
Regel nur auf politisch- sozialem Gebiet festzustellen sein wird, nämlich den 
des ,A b t r ü n n i g e n" als Führer. Der Abtrünnige ist ein ursprünglidi 
äußerlich einer herrschenden Schicht angehörender asozialer Mensch, der sidi 

[zur Reahsierung seiner asozialen Triebregungen der jeweils revolutionär 
prädestinierten Schichten zu bedienen suclit. Die Motive, die ihn zu dieser 
Haltung treiben, fassen wir (nach dem Vorbild Alfred M e u s e 1 s) unter 
dem Ausdruck „Erl ös ungsb e dürft igk e i t" zusammen. Meist wird 
eine politische Losung als Deckmantel für die verschiedensten möglichen 
Triebkomponenlen dienen. Es kann sieb unter ihr ebenso etwa ein Vater- 



— 151 — 



komplex verbergen wie ein ungelöster Sexualkonflikt oder ein Minderwer- 
tigkeitsaffekt. (Eine naheeu klassische Vereinigung aller dieser drei Kompo. 
nenten mit denen des Füiirermms würde wahrsdieiuJidi bei einer Analyse 
Mirabeaus aufgedeckt werden.) Ob diese Erlösungsbedürftigkeit stark 
genug ist, um die Fesseln der gewohnten Umwelt abzuwerfen und siA 
aktiv an den politischen Umgestaltungs versuchen zu beteiligen, vielleidit gar 
Führer ZM werden {falls die dafür von uns kurz vorher skizzierten Voraus- 
setzungen gegeben sind) oder ob sie sidi mit einer rein passiven „Abseitig- 
keif begnügt — das ist im Prinzip irrelevant. Wichtig ist dagegen für uns 
die daraus resultierende Feststellung: der Abtrünnige als Führer hat ein 
radikal anderes Erlösungsbedürfhis als die Masse (das Wort wieder im en- 
geren Sinne, der ja hier nur in Frage kommt). Sein Erlosungsbedürfnis ist 
durchaus individuell bedingt, ja egozentrisch und bedient sich nur — not- 
gedrungen — der sozialen Umwelt, ist aber nur scheinbar sozial. Das Er- 
lösungsbedürfnis der Masse dagegen wirkt sich nicht nur sozial aus, sondern 
ist auch seiner Genesis nach völlig sozial, Resultat «nd Exponent sozialer 
Schichtungen und Situationen. Die Solidarität der Interessen und die von 
vorneherein existente Identität der Siimmungsiage der ihr Angehörenden 
sind dafür Symptome. Selbstverständlich — das brauchen wir nach aliem 
vorher gesagten nicht mehr zu begründen — darf diese Divergenz keinem 
von beiden Partnern bewußt werden, solange sie eben Partner sind. 

Wir haben uns in unserem Versuch besdiränkt aul die streng soziolo- 
gisdie Seite des Problems. Wir haben — obwohl sehr ungern — verzichtet 
auf jede Verdeutlichung an historischen Beispielen, so nahe sie gelegen 
hätten. Wir waren bemüht, eine bloße Darstellung der Beziehungen zwi- 
schen Führer und sozialem Gebilde mit dtp ihnen hauptsächlich zugrunde 
liegenden psycliischen Faktoren, wie die Psychoanalyse sie uns zu sehen 
gelehrt hat, zu geben. Jenseits der Grenzen einer solchen Betrachtung liegt 
selbstverständlich die Frage nadi dem Wesen der Führer in „objektiver', 
ethischer Beleuchtung, die Frage, ob tatsädilidi die Aristo! Führer werden 
oder die massen ähnlichen Typen, ob, im psychoanalytischen Sinne gespro- 
chen, das Ichideal des Massenindividuums tatsächlich, auch objektiv gesehen, 
ein „Ideal" darstellt oder ob es nur eine Übersetzung der Durch sehn itts- 
psychc ins Quantltativ-Imponierende ist. Nichts können und wollen wir über 
Wert und Gewicht des Massenurteils sagen, wie es sida in der Wahl des 
Führers und in der Einstellung zu ihm dokumentiert, weil das die Grenzen 
soziologischer Belradiiung überschreiten würde. Aber es sei uns gestattet, 
zwei eigenartig zusammengehörende Aussagen anzufügen ; 

„Es ist Torheit, der Masse den Beruf abzuspredien, über die Leistung 
des Führers zu entscheiden. Für die Menschheit, die es vennocht hat, die 
übermensdilidie Gestalt eines Christus in Ehrfurcht zu erkennen, gibt es 

— 152 — 



I 



keine inenschlidie Größe, über die zu urteilen sie nidii das Vermögen bc- 
siizen sollte." Friedrich v. Wieser (Führer und Masse, S. 495). 

.Bedenken wir, daß wir unter öffentlichem Beifall Sokrates vergiftet, 
Christus gekreuzigt und Jeanne d'Arc verbrannt haben, weil wir nach einer 
Uniersucliung durch verantwortliche Rediisgelehrte und Priester zu dem 
Sdduß kamen, sie wären zu verworfen, als daG man sie am Leben lassen 
könnte — : bedenken wir das, so können wir uns schwerlich zu Richtern 
Über menschliche Werte aufwerfen oder behaupten, daß wir sie aufrichtig 
wertschätzen". Bernard Shaw (Sozialismus und Kapitalismus). 



Literatur 



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— 153 ~ 



Sexualsymbolik in der „Frommen Helene" von 
Wilhelm Busdi 

V^on Hans Cornioley, Bern 



Die — 1871 entstandene — „Fro m- 
m e H e 1 e n e" ist zweifellos das reifste 
undberühmtesle Werk von Wilhelm 
Busch. Hinter dem unübertrefflichen 
Humor und satirischen Witz in Wort 
und Zeichnung dieses Werkes steckt 
mehr als Situationskomik. Hinter der 
Gesdiichte der „frommen Helene' 
taucht das prägnante Lebensbild eines 
durdiaus unfrommen weibiidien We- 
sens auf. Ein Stadtniädchen entflieht 
_den Lasrerfreuden". all den „sünd- 
lichen Exzessen", den „aierlidien 
Mosjös", den 

„ - - , £^ka[f n 
Wo dtr Böse nädididi praßt, 
Wq im Kreis der Librrältn 
Man dfn lieirgcn Valpr hafii" 

den „ . . -Konzrrlen, 
Wo der Krnner hodi cdLj^ückt 
Mit dcni ipelenwoU-vtrfcJärtcn 
OperngJaie um uidi blrdLt; 
Wo mit wc^idi^n Wogcbusdn 
Man schon vaiia beiaammcro sitzt,'' 

dem p . . . Theater," 

wo ,dcs Ahcods spät, 
Sthöne Mtitltr, alter Vater 
Arm im Arm nach Hause ß:eht.'' 

Das „liebe Kind Helenchen" geht 
auf den Rat des „braven Vormunds" 
auf das 

- . . . Land, wo «anfif Sdiafe 
Und die Itommcn Lämmer sind." 

Die Flüchtige kann wohl einer gc- 
fahrlidien Umgebung ausweichen, aber 
der aufkeimenden Erotik ihrer selbst 
gegenüber gibt es kein Entrinnen. 
Aus dem Üeben Kind wird ein Back- 
fisch, der Onkel und Tante mehr 
oder minder harmlose Streiche spielt, 
wird die zu allem Tun und Lassen 
bereite Kusine eines ebenso bereit- 



willigen Vetters, wird eine junge 
Dame, die in Erwartung des Gatten 
mit Vögeln und Katzen allerhand Er- 
satzkurzwcil treibt, wird die Gattin 
eines mehr auf Wein als auf Weib 
und Gesang erpiditen Feinsdimedcers, 
wird durdi frommen Bittgang und 
Ehebruch Mutter (der „gute Vetter 
Franz, den seit kurzem die Bekannten 
nur den heiigen Franz benannten", 
spielt die notwendige Rolle dazu), 
wird eine fromme und „sdilanke 
Büßerin", nachdem Gatte und Vetter 
kurz nacheinander sterben, und endet 
zum Schluß als Säuferin in der Hölle, 
wo „der heil'ge Franz auch schon" 
als Kunde sitit. 

Was bewegt den Dichter und Maler, 
ein eigendidi erschreckend dü- 
steres Frauenbild vor uns auf- 
zustellen? Gibt es Belege für die Ver- 
mutung, Busdi charakterisiere in der 
froi^men Helene die Frau über- 
haupt? Weldie Gründe haben den 
Künstler zu einer solchen Auffassung 
geführt ? 

Wir wollen zunächst die „Fromme 
Helene" näher ins Auge fassen. Der 
besorgte Vormund führt sie also aufs 
Land zu Onkel und Tante, bei denen 
„Tugend und Verstand" zuhause sind. 
Sie empfangt auch alsbald weise Lehren 
über das Böse; 

pEi macht fjiiir, wenn man es ist. 

Es macht Verdruß, wenn inins geweaer!" 

Die alten Leute, die alles hinter 
sich haben und nun recht tugend- 
voll geworden sind, erreichen das 
Gegenteil ihrer Absicht. Helene be- 
gehrt ja nidits sehnlicher, als alle 



— 154 — 



I 



Geheimnisse des Bösen kennen zu 
lernen — sie kann nichts wider den 
scürmischen Drang ihres jungen Blutes. 
Im Sdilafzimmer des Onkels nähe 
sie seinem Nachthemd Hals 
und Ärmel zu, und nun sdiildert 
Busdi mit geradezu sadistisdicm Be- 
hagen die Folgen des Streiches: der 
' Onkel ärgert sich, das Licht fällt, die 
Dose und die Uhr, auch der Nacht- 
tisch sogar, und endlich zerreißt das 
Hemd. Es ist möglich, daß die Un- 
behollenhelt und Unfähigkeit des 
Onkels, sich mit dem vernähten Hemd 
zurechtzufinden, eine symbolische Dar- 
stellung und Verspottung der durch 
das Alter hervorgerufenen männ- 
lichen Unfähigkeit des Wgend- 
predigenden Onkels ist. Denn gleich 
im nächsten Kapitel hebt das Spiel 
mit der Potenz, mit der Jugend, 
an. Der Vetter Franz kommt an, 
. und die Tante gibt wieder Anstands- 
I lehren : nidit ungebührlich sein, nicht 
I krumm sitzen, nidit herumgafFen, und 
I ganz besonders ; das so sehr ausge- 
, sdmittene grüne Gewand nicht an- 
I ziehen. Selbstverständlich madit Helene 
I wieder das Gegenteil. Die „ganz be- 
; sondere'' Warnung treibt ihre erotische 
I Spannimg auf die Höhe, und sie 
,5<haut auch sdion durchs Schlüs- 
selloch", wie der Vetter Franz 
I gründlich und umständiich seine Mor- 
I gentoUette vornimmt. Auf dem Höhe- 
I punkt der Erregung passiert Helene 
! eine Fehihandlung; der Vetter 
steckt seine Pfeife an (eine 
I Aktion, die symbolische Wertung be- 
I anspruchen kann) und ist im Begriff, 
das Zimmer zu verlassen. Da flieht 
Helene und stolpert über eine Gieß- 
kanne voll Wasser. Im Nu ist 
das Unglück da: Helene stürzt die 
Treppe hinunter, reißt das Dienst- 
mädchen mit, beide werfen die Tante 
fuin, und »auch der Onkei kriegt was 



ab". Oben an der Treppe steht der 
Vetter Franz mit der langen Pfeife, 
unschuldig-schuldig hat er einen nicht 
alitägiidien Blick auf vier nadi oben 
gestreckte Mädchenbeine. Die Gieß- 
kanne (deren breites Gefäß und 
langer Ausguß zwanglos an den 
äußeren Sexualapparat des Mannes 
erinnern) schüttet ihren feuchten In- 
halt in ganzer Fülle auf die drei 
Frauen aus ~~ nur der Onkel und 
der Vetter Franz bleiben davon ver- 
schont. 

Zwischen dem Vetter Franz und 
unserer Helene entwickeln sith bald 
Liebesbeziehungen. Denn 

, . - . Fninz war wirklich an^cnqhin, 
'leila diescihalb. tciJ.'i ^luGtrHipm, 
Wenn in der Kiidic oder Kanirinr 
EinNa^cl fehll. — FranÄlipIl: den Hammer] 
Wenn man den Kellerrauni bpirilt, 
Wu's öd und dunkrl ^ Franz geht mit I 
Wenn man nach dem Gemüip sab 
In Fdd und Garten — Franz ist da!" 

Es fallen hier die aus der „Traum- 
deutung bekannten weiblichen 
und männlichen Symbole 
Küche, Kammer, Nagel, Hammer, Feld, 
Garten auf und man ahnt leicht, was 
der Dichter andeutet. Ober das, was 
im öden und dunklen Keller ge- 
schehen kann, hat ein anderer be- 
rühmter Humorist, Moritz Gotdieb 
Saphir — vor rund hundert Jahren 
— folgendes geschrieben : 

„ . . . Wir kamen (."-IficWidi in dein Keller an. 
Wir waren unicr drei, ich nnd Zipcrf [die 
Köchin) und der Gcntui. der die Unachuld he- 
pchiit7I. Ich wußlf aber, dal^ der Genius gerne 
ein Glas Wein trinkr, beaondcra wenn man den 
Genius einmal im Keller hat. Ich muß dem 
Ltaer bei die^r Geleg-enhcit sagen, daß ich den 
Wein nach allen Kenncrtcifeln pume ! lujm Be- 
weis, weiß ich es nodi. Ich nahm das Beil und 
schlug- oben den Zapfen vom Spundloch, dann 
stedde idi den Zeigefinger hinein, um nadizu- 
sehcn. wieviel nachgcfÜJil werden muß. Dann 
llillte ich das Faß iiill jun^'cm Wein nach, bis 
am Rande, blies die ,kamidire' Decke ab, fiihr 
mit der Bürste ins Faß, rieb an die Scitenwändc. 
füllte wieder nach, blies ab uaw- Zuweilen klupft 
man mit dem Knie an die vordere flache Faß- 



— 155 — 



Seite, dadurdi geht allci ,kaniidjK' in äic Hübe, 
dann füllt man wieder nadi, blast wieder ab 
und das aa lange, blfl der Wein im Fali und 
das Gewissen in uns reiji ist ; dann wäscht man 
den Zapfen ab, trocknet ihn, ddtlagt ein weißes 
Läppdi-n herum und heilt das Faß zu ', ist daa 
^eadiehcn, dann ists ein fait accompli, und man 
hat seinen PJata ausgefüllt. Ali wir zu Ende 
waren, veriicGen wir den Keiler ; beim Ausgang 
bejnerkten wir, daß wir jetzt nur zvvei .-Hnd, 
und daß dfr Genius der Unschuld nrellt mit 
uns iTürütkgegan^en isL Ziperl wollte Kaben, 
wir sollen nochmal ziirüekkeliren, um zu aehen, 
wo der Genius geblieben ist, allein idi sagte: 
Zipcrl, laß den Genius gehen, et" vertragt nidii 
^"iel, wenn er den Rausch ausgeschlafen haben 
wird, wird er wieder kunimen ! . . ." f,D i c 
Zigeunerin.") 



frommen Helene' und 



Zurüdt zur , 
ihrem Vetter: 

„Kurzum, PS sei nun, was es sei — 
Der Vetter Frani ist gern dabei." 

Er 6 et £t dem Onkel einen leben- 
digen Frosch in die Tabaks- 
dose und wir erkennen wieder die 
Sexualsymbolik dieses Screidies. Das 
sprungbereite kleine Tier riditet beim 
alten Ehepaar Unheil und Schrecken 
an : die Tante, in deren Schoß er 
hupft, fallt in Ohnmacht, dem Qnkcl 
springt er an die Nase (Kastra- 
tionssymbolik?). Hanndien, die Un- 
sdjuld vom Lande, entfernt ^oline 
Furdit und Bangen" „das Sdieusal 
mit der Zangen", indeß der Onkel 
mit der „Brause" die Tante aus 
der Ohnmacht weckt. 

Den Vetter Franz sieht man in- 
dessen nicht nur um Helene sich be- 
mühen, sondern auch um Hanndien. 
Denn 

„ . . . Jeder Jünjling- hat wohl mal 

'n Hang für's Küdienpeisonal, 

und sündhaft ist der Mensdi im Ganzen I" 

Der Onkel grollt, 

.Natürlich lüi er dieses bloß 

In Anbetracht der Tabaksdos . . ," 

und wir lesen dahinter den Neid des 
Alten auf die Jugend wegen der ihm 
bereits versagten Genußfähigkeit. 
Franz tritt vom Sdiauplatz ab und 



Helene schreibt ihm einen Liebesbriei 
voller Glut: 

.Gelichter Franz I 
Du weißt es ja, dein btti ich ganz '. 
Wie reizend sdiön war doch die Zeit, 
Wie himmlisdi war das Herz erfreut. 
Als in den Sehnabelbohnen drin 
Der Jemand eine Jemandln 
ich darf wohl sagen : herzlidi küßte. — 
Adi Gott, wenn das die Tante wüßte! 
Und adiE wie ist es hierzufand 
Dodi jetzt so schrcddidi anigant! 
. . . Wenn's irgend mögljdi, Franz, so komm 
Und trockne meiner Sehnsudit Träne! 
lo.ooo Küsse von Helene!" 

Der Onkel drückt der verliebten 
Schreiberin die Nase auf den heißen 
Siegellack, um sie üu strafen. Helene 
rächt sich, indem sie nachts mit einer 
Sdinur die Bettdecke vom Lager, 
aul dem Onkel und Tante Iriedlidi 
schlafen, wegzieht. Es scheint ein 
grausamer Spott über die unerotisdi 
gewordenen Nächte des Alters zu 
sein. Daß der Onkel seine große Zehe 
an der Angel festhakt, die die Bett- 
decke bewegt, ist offenbar wieder 
(diesmal in der Verlegung nach unten) 
eine Kastrsitions- uad Impo- 
tenz-Phantasie. Nun aber haben 
die Gequälten genug: „statitepeh" 
muß Helene anderntags ihre Sachen 
padJen und abreisen. 

Im siebenten Kapitel finden wir 
Helene als junge Dame, die auf den 
richtigen Mann wartet. Die einleiten- 
den Verse sind außerordentlich durch- 
sidicig : 

.[latsam ist und bleibt es immer 
Für ein junges Fraueniimmer, 
Eiueti Mann ^idi zu erwählen 
Und womöghdi zu vermählen. 
Erstens : Will es so der Braudi. 
Zweitens: Will maus selber tiuiii. 
Drittens : Mau bedarf der Leitung 
Und der männlichen Begleitung, 
Weil beltanntlich m^intiic Sadien, 
Welche große Freude machet], 
Mädchcti nicht allein verstehen. 
Als da ist: in's Wirtshaus gehen." 

Der Nachsatz „Ins Wirtshaus gehn" 
khngt durchaus konventionell und 



I 



— 156 



harmlos und ist darum nach der Vor- 
bereitung durch die vorhergegangenen 
Zeilen in seiner symbolischen An- 
äpielung umso wirksamer. 

Freilich oft — heißt es dann weiter — 

, . . . wfDn man üuch mnchTc, 
FiüdeT sich nicht gleich der Rcchle : 
Und dErweJi man so allein, 
Sucht man Lonst sich ETI zerslreu'n-" 

Diese Zerstreuungen sind in sym- 
bolischer Hinsicht nid« uninteressant. 
Helene hat „zwei Kanari in der Hecke", 
offenbar ein Pärchen, und sie hat auch 
eine Katze, der sicli „Kater Munzel, 
fredi und klug." beigesellt. Die beiden 
Vierbeiner m:Ldien den Vögeln die 
Hälse lang und naschen dann auf 
dem KaFTeelisch hemm, bis des K a t e r s 
dicker Kopf den Rückweg 
aus dem Sahne topf nicht mehr 
findet. [Eine Fehlhandlung, die wie- 
der symbolisch wirken könnte.) Der 
geängstigte Kater wütet herum und 
zertrümmert, was ihm unter die Pfoten 
gerät: vom Sahnetopf bis zur Venus 
.von Medici und dem Hängeleuditer. 
iHelene kann dem Kater den 
iSchwanz einklemmen und nun 
befestigt sie mit Siegellack eine Tüte 
an den Schweif und zündet sie an. 
.Jetzt läßt man den Munzel los — 
' mau ! — wie ist die Hitze groß !" Und 
I Helene sieht man zufrieden lachen. 
Die Szene ist einer der eroiisdien 
I Höhepunkte des ganzen Werkes ; 
'sadistische Tierquälerei an- 
1 stelle der sexuellen ßefriedi- 
[gung. 

Helene nimmt sddießUch zum 
Gatten G. J. C. Schmöck, der „schon 
längst bereit". Die Hochzeits- 
reise führt nadi Heidelberg. Schmöck 
ladiwitzt und Helene soll sidi mit 
[ eigener Hand davon überzeugen. Sie 
tut es, indem sie ihm an den feisten 
Baudi tippt. Zum Nachtessen gibt es 
.außer Schinken und Koteletts auch 



Spargeln — man sieht Helene mit 
offenbarem Behagen an einem 
Stengel saugen. 

Aber nun kommt die bittere Ent- 
täuschung für die Neuvermählte : 
Schmöck zieht den Genuß des Alko- 
hols allen anderen Freuden vor. „He- 
lenen ihre Uhr ist Neune . , , Hele- 
nen ihre Uhr ist zehne", der Gemahl 
denkt nicht ans Bett. Schließlich liegt 
er betrunken in einem und Helene 
mit einer dicken Träne im anderen 
Bett — dazwischen steht, symbolisch 
zu nehmen, die Kerze, deren Licht 
der Betrunkene ohne Umstände zum 
Verschwinden gebracht hat. 

Busch muß tiefe Zusammenhänge 
geahnt haben, daß er gleidi im näch- 
sten Kapitel Helene als fromme 
Christin zeigt, die ,oft und gerne 
zur Kirdie" wandelt, „obschon sie lerne." 

,Dodl \5l Helene nicht allein 

Nur auf srdi selbst bedacht. — O nein ! — 

Ein guter Mensth gibt gcmc Acht, 

Ob andi der Andre wai Bösea machte 

Und strebt durch häußge Belehrung 

Na dl seiner Btsserung und Bekehrung." 

So spottet Busch über die sdiönste 
Christentugend, die Nächstenliebe, 
Daß Helene in ihrem Bemühen audi 
die Taschen ihres Dieners 
untersucht, hat vielleicht ebenfalls 
einen tieferen Sinn. 

Helene bekommt kein Kind von 
ihrem Mann. 

..Viel Freude mudiT, wie männiglidi bekannt 
Für Mann und Weib der heilige Ehestand 
Und lieblich ist es für den Frommen, 
Der die Genehmigung dazu bekonimen. 
Wenn er sodann nach der üblichen Frist 
Glütklichcr Vater und Mutter ist, — 
Düdi maudima] ärgert man sidi blüfl. 
Denn die Ehe bleibe kinderlos. -^ 
Dieses erfuhr nadi einiger Zeit 
Helene mit großer Traurigkeit." 

Ein frommer Mann rät ihr zu den 
„geistlichen Mitteln", die allein helfen 
können, nämlich zu einer Wallfahrt 
nach ,Chosemont de bon secours". 



— 157 — 



wo die Wiege der Fruchtbarkeit 
steht, weiclie wahre Wunder wirkt. 

.Suliics hal nadi vor cilidieü Jihren 
Leiderü^tts ! eine frümme Jungl'ür erfahren, 
Wcldie, indem sie bis data in diesen 
Dillgell nidil ^au^iam unterwiesen. 
Aus Unbedacht und kindlichcni Vergnügen 
Die Wiege hal angefangeo zu wiegen. — 
Und ob sie sehun nur ein wenig gewiegt, 
Hat sie deiinoth ein ganz kleines Kind ge- 
kriegt.' 

So rieht Helene als Pilgerin hin 
zu der Höhe von Chosemont. Busch 
gießt beißenden SpoK über diese 
Wallfahrt, wo 

.in dem seligen Gedrang-e 

Andadilävoller C brist enmenge" 

man noch fühlt „des anderen Nahe", 
wo 

.aus der Seele tiersleiu Grunde 
Haucht lieh warni und innig an 
Pilgerin und PilgersiiLann." 

WO die Jiuigferngilde schreitet, 

^Buf den Lippen Harmonie, 
[n dem Busen Engcüsmildc, 
hl der Hand das Parapiü," 

Das Paraplü soll gewiß nicht nur 
grotesk wirken, sondern symbolisch 
anspielen. 

Helene, „traurig-heiter", geht 

„SoEusagen ganz alleine. 
Denn ibr einziger Begleiter, 
Stdlverklärt im Kunncnglanz, 
Ist der gute Veltcr Franir. 
Den seit kurzem die Bekannten 
Nur den .heiligen Fran-;' benunnEen." 

In der Kirche wird „mit Eifer und 
Bedadit", das „Nötige", wie Busch 
sich sachlich ausdrückt, „vollbracht". 
Nach einem Abend Spaziergang im 
sanften Mondschein 

„. . . ziehen sie beim zu zweit 
Als iwci gute PilgcrslcuL" 

Im ig. Kapitel kann der Vetter 
Franz dem mit Zwillingen beschenkten 
Schmöck gratulieren. Busdl gibt sidi 
große Mühe, zeichnerisch zu beweisen, 
daß unmöglich Schmöck der Vater 
sein kann, daß die Ähnlidikeit viel- 



mehr auf den frommen Gratulanten 
!i in weist. Am selben Tag bleibt 
Sdimöck eine Fischgräte im 
Hals s te cke n und „er sdiließt den 
Lebenslauf." 

Die trauernde Witwe hat Franz 
als einzigen Freund, und er schwört 
es ihr „mit mildem Hauch — i^ 
wars, ich bins und bleib es auch!" 
Aber sein „Hang fürs Küchenper- 
sonal" führt ihn ins Verderben: der 
eifersüchtige Diener erschlägt ihn 
von hinten mit einer Flasche. 

Nun kriegt es Helene mit dem 
Gewissen zu schaffen. „Sdimerzdurch- 
zittert" wirft sie die falschen Zöpfe, 
Schminke, Pomade, das „Apparat der 
Lüste" und „hochgewölbtes Herz- 
gerüste" genannte Korsett, die ,Lust- 
und Sündensliebel" und allen anderen 
eitlen Kram ins Feuer. Sie wird zur 
schlanken und sehr frommen 
Büßerin. 

Aber die Katastrophe naht : 

„Rs ist ein Braudi von Altera heri 
Wer SorgEQ hat, hat audl Likör.' 

Helene betet und trinkt, betet 
und erliegt der Versuchung. Sie 
stoßj^^ betrunken an den Tisch, die 
Lampti. stürzt 

.Und bülEns und mit Angstgewimmer 
Verkohlt dies fromme Frauenzimmer." 

Mit zynisdier SadilichJccit schließt 
das Kapitel ; 

.Hier sieht man ihre Trümmer tauchen. 
Der Rest ist nicht mehr zu gcbraudien." 

Ein Engel und ein Teufel 
streiten um die Seele Helenes, wobei 
der Engel seinem Gegner erheblich 
den Schwanz kürzt, indes der 
Teufel seinem Widersacher mit der 
Gabel zwischen die Beine 
fährt {gegenseitige Kastration). 
Der Satan siegt, Helene fährt in den 
Höllenschlund — „hinein mit ihr, 



— 158 — 



I 



huhu, haha ! Der lieilge Franz ist 
auch schon da', was uns nidit weiter 
verwundert. 

■ 

^H Es bleibt uns übrig, einen Blidt 
^Kif das LebenWillieiixBuschs 
^K|| werien. Ich entnehme die nach- 
^Jfolgendcn Berichte der Selbstbio- 
graphie, die Busdi 1893/94, aisff 
oojahre nach der , Froramen Helene'', 
verfaßt hat. Er wurde 1833 als Äl- 
tester von sieben Geschwistern ge- 
boren, mußte also die Mutter mit 
mehreren Geschwistern teilen, Sie war 
^still und fromra, schaffte lleilSig in 
Haus und Ganen". Der Vater, ein 
Krämer, war „heiter und arbeitsfroh". 
Busch ist der unfromme Sohn 
einer frommen Mutter geworden 
— es läßt sich vermuten, daß hinter 
der Ablehnung der Religion {wir 
haben ja seine Spöttereien gebort) der 
verdrängte Wunsdi nadi der Mutter 
liegt 

,AJ5 icH" — crzähtt er — „tieben, odit Jahre 
all war, durfic idi zuiveikn mit der GruSmiitter 
auf^lehn; und im Winitr bcMnders kam cä niir 
wannig gchpimnisvüll vor, io früh am Tog 
idion splbaibcwufit in dieser Wtit ij acin, wenn 
ringsunibcr nac^ alle-^ »IUI und im und dunkel 
wir. Dann aaJlen wir '^wci, bis das Wasatr 
kodile, im engen Lidilbczirk der pompejanisdi 
gefonulen zinnernen Lampi:. Sic spann. Ich lü5 
ein paar sdiönc MarEcnUeder aus dem Gciang- 
budi vür." 

Die Großmutter scheint hier 
Mutterersatz geworden zu sein. 

Mit 9 Jahren zog er zum Onkel. 
Bei einem Wirt vertiefte er sidi in 
„freireligiöse Schriften, die begierig 
versdilungen wurden". Der Ödipus- 
komplex muß zu dieser Zeit gewirkt 
haben, denn wir vernehmen folgendes: 

„Der Lehrer der D^rEjugend, weil nichl der 
mdnige, hatic keine Gcwali über mich . — sa- 
Jange er lebte. Aber er hing- sich auf^ fiel her- 
Dnicr, schnitt sich den Hals ab und wurde auf 
dcfli Kirdihol dich! vor meinem Kammerfenste'" 
begraben. Und von nun an 7wang er midi all- 
DädiiHdi, auch in der heij^eslen Sommerzseii, 



ganz unTcr der Dedte lu liegen. Bei Tag ein 
Freigeisr, bei Nadir ein Geiiietseher," 

Er fand aus diesen Konilikten den 
Weg zura Liebesobjekt — aber nur 
den halben Weg, und wir wissen 
nicht, was ihn bewogen hat, Jung- 
geselle zu bleiben, wenn es etwas 
anderes ist als die ungelöste 
Mutterbindung. Er erzählt: 

.Zwischen all dem herum aber schwebic be- 
ständig das anmudge Bildnis eines btondEockigEn 
Kindes, Naiürlidi sehnte ich oft die bekannic 
Feuersbrunst herbei niit nadi folgendem 
Tode ?u den Fülien der gerellelcn Geliebicn. 
Meist jcdodi war ich nicht so rüi:ksicbTsl(»s 
gegen midi selbst, sondern begnügte midi mii 
dem Wunsch, daß ich saübcrhaft fliegen und 
hupfen könnte, hodi jn der Lufl, von einem 
Baum Äum andern und daß sie es mit ansähe 
und wäre slair vor Bewunderung." 

Als Dreizehnjähriger war Busch 
Zeuge von ehelichen Streitig- 
keiten in einem Nebenhaus: 

„Das Srüd^ ling an hinter der S^ene, .spieki^ 
weiter auf dem Flur und schloß im Freien, 
Sie ätand oben vor der Tür und schwang 
IriLirnphierend den Rei^erbesen ; er stand unten 
im Bach und streckte die Zunge heraus; und 
so halte er audi seinen Triumph." 

Diese Erfahrung mag ein Baustein 
zu dem Gebäude der Verachtung von 
Frau und Ehe geworden sein. 

Er wurde Maler und arbeitete 
in Düsseldorf und Antwerpen, und 
er interessierte sich für das Leben 
des Bienenvolkes und den Streit um 
die Parthenogenesia, und er las Dar- 
win und Schopenhauer. 1859 erschien 
die erste Zeichnung mit eigenem 
Text in den „Fliegenden Blättern", 
imd da begann der Anstieg zum 
Erfolg. 

Busch gibt in seiner Autobiographie 
zu, ein Sonderling zu sein, aber ein 
Bücherwurm sei er nicht, obwohl er 
die Bibel lese, „die großen Drama- 
tiker, die Bekenntnisse des Augustin, 
den Pickwick und Donquixote und 
die Odyssee für das schönste der 
Märchenbücher" halte. 



— 159 — 



Wir dürfen vermuten, daß zwi- 
schen der seelisdien Entwicklung des 
Künsders und deren Niederschlag in 
seinem Unterbewu Etaein einerseits und 
dem Charakter und Inhalt seiner 
Werke, insbesondere auch der „From- 
men Helene" andererseits ein inniger 
Zusammenhang besteht. Schon durch 
die obigen kurzen Hinweise adieint 
Wesentüdies in Parallele gebradit 
zu seinr das un erfreuliche Bild 
der Frau, die Spottsucht, die 
aus Ablehnung und verdrängtem Be- 
gehren quillt, die Verhöhnung 
des Religiösen, die, ein Sonder- 
fall der soeben genannten Sponsucht, 
mit Vaterkomplex undMutter- 



bindung in engem Zusammenhang 
steht. Und in der besonderen Nei- 
gung zur Darstellung des Komischen 
müssen wir einen regressiven 
Zug erblicken, dessen inneres Ziel 
nur das „verlorene Paradies" der 

Kindheit sein kann. „ Die Euphorie "■ 

sagt Freud am Ende seiner Schrift über 
den „Witz" und seine Beziehung zun. 
Unbewußten, — „welche wir auf 
diesen Wegen iu erreichen streben 
ist nichts anderes als die Sthnmung 
unserer Kindheit, in der wir das Ko- 
mische nicht kannten, des Witigj 
nicht fähig waren und den Humor 
nidii brauchten, um uns im Leben 
glücklich zu fühlen." 



Pflastersteine 

Zwangsgewohnheiten auf der Straße 

Wenn man sidi der Mühe unterzieht, eine Zeidang aufmerksam den Fuß- 
gängern auf einem aus Pflastersteinen bestehenden Troctoir zuzusehen, wird 
man nicit verfehlen können, eine aufiallcndc Beobachtung zu madien. Man 
wird nämlich bemerken, daß viele Fußgänger, man kann wohl sagen die 
meisten, in ihrer Gangart durch Form und Zusammensetzung der Pflastersteine 
irgendwie beeinilußt werden. So wird d« eine z. B. immer nur auf den 
Randsteinen gehen und dabei etwa nur jedeii zweiten betreten, der andere 
wieder einmal in die Mitte jedes zweiten, dann wieder jedes dritten Pflaster- 
steins treten, ein anderer wieder so gehen, daß seine Schritte mit der Zeich- 
nung der Plhstersteine ein neues Muster ergeben, noch andere wieder alle 
Pllasterfugen vermeiden ust. 

Man erinnert sich dabei unwillkürlich an ein in Wien „Tempelhuplen" 
genanntes Kinderspiel, das darin besteht, daß auf dem Boden eine Anzahl 
von Vierecken aufgezeichnet werden, die man dann nach bestimmten Regeln 
auf einem Fuß durchhüpfen mufS, ohne die die Vierecke trennenden 
Zwischenlinicn zu berühren. Es wäre vielleicht naheliegend anzunehmen, daß 
es sich bei den Fußgängern, die sich in ihrer Gangart irgendwie nach den 
Pflastersteinen riciten, nur um zufällige Eigenheiten oder in Anlehnung an 
dieses Kinderspiel um irgend ein spielerisdies Gehen handelt. Wenn man 
aber einen dieser Fußgänger fragen würde, warum er sich denn beim Gehen 
so von der Konfiguration des Pflasters beeinflussen lasse, gewinnt man bald 
die t)berzeugung, daß es sich da um keinen ZufaU handelt, vielmehr, dafi 



— 160 — 



der Betreffende gar nidit anders geten köniie, gewisserinaßen als ob ef afi 
eine besiimmte „Gangvorschrift" gebunden wäre, deren Nidi [ein hallung bis- 
weilen sog^ größtes Unbehagen hervorrufen würde. Der Befragte wird iwar 
niemals zugeben wollen, daß er einen mehr oder minder starken Zwang in 
siA verspüre, diese Gangvorschrift einzuhalten, daß er diesem Zwang in 
manchen Fällen sogar ganz willenlos unterworfen sei, er wird vielmehr ver- 
sudien, seine merkwürdige Gangart auf irgend eine Weise zu begründen, zu 
rationalisieren, etwa, daß es eine gute Übung sei, exakte Sdiricte zu machen, 
oder daß es ihm als gute Vorbedeutung lür das Gelingen anderer Pläne 
gelte, wenn er imstande sei, seine „Gangvorsdirift" fehlerlos zu befolgen. 

Der Psychoanalytiker wird sich aber mit soldien rationalisierenden Er- 
klärungen nicht zufriedengeben und versuchen, die tiefere Bedeutung dieser 
sonderbaren zwangsmißigen Handlungen aufzudecken. 

Paul Federn berichtet inseiner soeben erschienenen Arbeit „Über einen 
alltäglichen Zwang" (Internationale Zeitschrift für Psydioanalyse, Bd. XV, 
igag, Heft 2/3) von einem außerordcntlidi charakteristisdien Fall einer solchen 
zwanghaften „Gang Vorschrift", dessen erschöpfende analytische Durdileuchtung 
besonders geeignet erscheint, das Wesen dieser merkwürdigen Zwangshand- 
lungen zu erklären. 

Federns Patient litt in der Pubertät an einem besonders komplizierten 
PÖastersteinzwang. Vor einem Hause, vor dem wie der Patient meinte, das 
, schönste, quaderhafte Pflaster der Stadt" war, trat dieser Zwang xum erstenmal 
auf. Er bestand darin, daß der Kranke dort immer von der Mitte eines 
großen Pflastersteines zur Mitte des nächsten hüpfen, dabei mit der „rechten 
Hand erst die Mitte des Unterschenkels und dann die des Oberschenkels 
berühren mußte, wobei er den Überzieher zur Seite schob". Der Patient, 
für den die .ganze Welt in gefährdende, offene ördichkeiten und in wohlige, 
geschützte" geteilt war, mußte immer die symbolische Beruhigung einer 
„Sdiutzecke" haben, in der man vor lebensbedrohenden Gefahren, wie Tod 
und Kastration, sicher sein konnte. Eine solche Schutzecke wurde durch die 
HandberOhrungen mit dem beim Hüpfen gebeugten Knie gebildet. Diese 
Schutzecke war für ihn auch ein Symbol der Mutterbrust und die Hand- 
hewegungen sollten ihm wie durch cm magisches Zeichen Schutz, Mutlerliebe 
im Gegensatz zum Tode und der vom Vater drohenden Kastration sichern. 
Das Hüpfen stellt auf zweifache Weise einen Versuch dar, die Todeadrohung 
aufzuheben. Einerseits bedeutet das Emporhüpfen „weg von der Erde, weg 
vom Grabe". Andererseits wieder wurde durch das Hüpfen, das die beiden 
Pflastersteine durch einen Schwung verbindet und das im Gegensatz zum 
, abgesetzten und eckigen" Gehen steht, die trennende Fuge zwisdien den 
beiden Steinen, die ein Aufhören bedeutet, sozusagen aufgehoben, also wieder 
ein Todessymbol unwirksam gemacht. 

Eine besondere Bedeutung hatte es natürlich auch, daß dieser Pflasterstein- 
zwang gerade vor einem bestimmten Hause auftrat. Dieses Haus stand an 
der Grenze zwisdien den Wohnungen der Ärmsten und Reidien. Der Be- 
sitzer dieses schönen Hauses hatte aber, wie der Knabe wußte, Selbstmord 
begangen. Für den Knaben, der im Geschichtsunterricht, der ihn besonders 
interessierte, immer wieder von Glück und jähem Sturz der Mächtigsten hörte, 

PiA. Btwrguaj 161 " 



ward dieses Haus zum Sinnbild des immerwährend drohenden plöczlidieß 
Unterganges, — der Selbstmörder hieß außerdem merkwürdigerweise „Sturz" 

- den er unbewußt dem tatsächlidi maditvollen Vater wünsdite und den er 
gleichzeitig von sidi abzuwehren sudite. • 

So erweist sich dieser korapliziene Pllastersteinjwang in allen seinen De- 
tails als eine magisdie Handlung, die den Zwetk hat, auf Schritt und Tritt I 
die drohende Todesmöglichkeit abzuwenden. 

Werner Achelis beridilet in seinem Aufsati „Das Plattenlaufen' 
{Zeitschrift liir psydtoanalytisdie Pädagogik, igsg, III. Jahrg., Heft 8/9) aujj 
von einem außerordentlich interessanten Pliastersteinzwang. Der diesem Zwang 
unterworfene Patient durfte nur in einer sehr komplizierten Art und Weise 
das Pflaster betreten. Er durfte nur auf die Mitte der Pflastersteine treten, 
die die Platten verbindenden Linien durften nur nach einer bestimmten Regel 

begangen werden, die wie folgt lan- 
>• tete : wenn man mit einer verbo- 

tenen Linie begirmt, war die nädiste 

" gestattet, dann aber wieder die zwei 

■ folgenden verboten, dann eine erlaubt 

und die nädiste wieder erlaubt usf. 
" Die Figur stellt dieses Verbotssystem 

^ dar. Die Linien sind die Verbindungs- 

linien der Platten, die mit einem 

Kreuz bezeidineten Linien, der An- 

n schaulichkcit halber verlängert, gelten 

als verbotene Linien, 

y Der Patient, ein bekannter Mathe- 

y matiker und Zahle ntheoretiker, hatte 

sich diese Gangvorsdtrift so zu eigen 

f gemacht, daß er sie ohne Nachdenken 

pz automatisch befolgen konnte. 



Wenn man sich bei Betrachtung der Zeldrijjjng in zwei der eng aneinander 
liegenden verbotenen Linien einen Buchstaben eingezeidinet denkt, so sieht 
man sofort, daß dieses Liniensystem mit dem des Schreibheftes eines 
A-B-G-Schützen identisch ist. Der Patient hatte audi tatsächlich schon als 
Vierjähriger immer gehört, daß es Prügel gäbe, wenn man über die Linien 
beim Sdireibenlernen hinausfahre. Der Lehrer pflegte dann auch, als er in 
die Schule kam, jeden Klecks oder Schreibfehler mit einem Schlag des Rohr- 
stockes auf die Finger zu bestrafen. Daraus entwidcelte sich beim Patienten 
später eine geradezu pathologische Schreibfaulheit: auch seine übermäßig in- 
fantile, beinahe ungebddet anmutende Handschrift entstand aus diesem Über- 
maß an Unlust, mit dem bei ihm das Schreiben belegt war. 

Codi war diese magisdte Beschwörungsformel gegen die Angst vor den 
bei Übertreten der Linien drohenden Strafen nicht die einzige Ursadie dieses 
Zwanges, wie sieh im Laufe der Behandlung heraussteUte. Mit der Zeit wurden 
die verbotenen Linien, die zuerst die Linien des Schreibheftes bedeuteten, 
über die man nidit hinausfahren durfte, zum Symbol für die „Grenzen" des 
Anstandes und der Höfliddceit, die man, um mit der Gesellschaft nidit in 

— 162 — 



Konflikt zu geraten, nicht übenreten durfte. Der Patient mußte einsehen 
lernen, daß diese Gang Vorschrift zum symbolischen Ausdruck seiner gesamten 
I^benseinsrellung geworden war, daß sein ganzes Leben unter dem Druck 
der Angst vor den Folgen stand, die sidi einstellen würden, wenn er seine 
unterdrückt gehaltenen Affekte über die Linien hinauslasse. 

Diese beiden ganz verschiedenen Fälle von Pflastersteinzwang zeigen deut- 
lidi, daß auch ein sdieinbar so unbedeutender und zufälliger Vorgang wie 
die Beeiniluasung der Gangart euies Menschen durdi die Konfiguration des 
Pflasters eine streng detenninierte Handlung ist, deren Motive für den Han- 
delnden zwar unbewußt, aber darum nidit weniger bedeutungsvoll sind. 
Dabei haben sowold die P II astersteine selbst als auch ihre Fugen und Tren- 
nungslinien eine tiefe symbolische Bedeutung, die aul die individuelle Ge- 
staltung des Zwanges einen entscheidenden Einfluß ausübt. 

Dr. Editba Sterba 



Askese und Sadomasodiismus 

p , . . Der asketiAchc Pricsttr — tr haue eräichdich gcsicgr, jj c j n 
Reich war t'ektiinmcD : achoo kla^tt man nicht gsgcn Jcq Schmer;, 
man lechzte nach dem Schmers ; ,me hr Schmerz! mehr Sdiinefzl' 
ao sd^He das Verlangen seiner Jünger und Eingeweihlen Jahrhunderte 
lang. Jede Aussdiweifung- des Gefühls, die wehe tat . . , diente fürder- 
hin dem Sicg-e seines Ideala. des askeiisdien Ideals . . ,"' 

Ni e rasche 

„ ... Es ist sonderbar, daG nidil langst die Association von Wollust, 
Religion und Grausamkeit die Mcnsdien auf ihre innige Verwaodl- 
sdiaft und ihfe gemeinSchaFtUdie Tendenz aufmerksaEn gemacht hat." 

Novalis 

Der bekannte norwegisdie Theologe Kristian ScLjelderup (dem übri- 
gens seine kirchlidien Vorgesetzten wegen seiner Besdiäfiigung mit der 
Psydioanalyse die Ausübung der See! Sorgetätigkeit untersagt haben) ver- 
I öffentlicht im Verlag Walter de Gruyter 8: Co. in Berlin eine religions- 
psychologisdie Untersudiung über die Askese. Im Laufe seiner religions- 
I wisse nschafilidien Arbeiten sah sich Sdijelderup immer mehr und mehr auf 
die Notwendigkeit der Zuhilfenahme psychoanalytischer Erkenntnis- 
1 methoden verwiesen, sodaß er sich schließlich durch Pfarrer Dr. Pf ist er in 
I Zürich in die psychoanalytische Technik einführen ließ. 

Das Budi über Askese, führt der Verfasser im Vorwort aus, behandelt 
[ein Gebiet, das besonders geeignet ist, einen Begriff von der Fruchtbar- 
ikeit der Gesichtspunkte zu geben, welche die psychoanalytisch orientierte 
(Psychologie der Rellgionslorsdmng zur Verfügung stellt. Schjelderups Unter- 
lauchung sdiöplt hauptsächlich aus folgenden Fällen ; aus der Analyse einiger 
[Fälle asketisch-mystischer Tendenz (darunter eines Einsiedlermönches aus dem 
(■Orden der Augustiner), aus Aufzeichnungen des Verfassers anläßlich zalil- 
treicher Aufenthalte in Benediktiner- und Franziskanerklöstern Mitteleuropas, 
Jin Brahmanen- und Buddhisten kl Ostern in Indien, China, Japan usw., und 
Sdiließlidi aus der asketisdien Literatur. Drei Fragen versucht das Buch haupt- 

— 163 — 



aächJidi zu beantworten und gliedert sich audi dementsprediend : Was treibt 
den Menschen zur Askese? Weldie Wirkungen hat sie? Weldien Wert? 

Der erste Teil der Arbeil, der sich mit den Motiven der Askese be- 
schäitigt, behandelt u. a. die Askese als Kompromißbildung in Analogie 
zur Enmehung des neurotischen Symptoms. Wie im neurotischen Symptome, 
kehren in der asketischen Praxis die unterdrückten und verdrängten Triebe 
zurück und linden eine verdeckte Befriedigung. Schjelderup setzt dann aus- 
einander, wie sich die verdrängten Pariialtriebe der Sexualität in der Askese 
durchzusetzen versuchen. Neben den exbibitionistisdien, ferischistisdien, kopro- 
lagnisdien und nekrophilisdien Zügen der Askese behandelt Sclijelderup be- 
sonders den sadomasochistischen Anteil der Askese ausführlich. Aus 
diesem Abschnitte wollen wir hier einiges anführen. 

Wenn der sexuellen Libido die Beiriedigung auf normalem Wege versagt 
wird, SU verhält diese sich (mit einem Freudsdien Gleidinis gesprochen) wie 
ein Strom, dessen Hauptbett trockengelegt wird. Sie füllt die koUaieralen 
Wege aus, die bisher vielleidit leer waren. So verstärken sich audi in der 
Askese alle Partial triebe der infantilen Sexualität, insbesondere auch die 
sadistischen und masodiistischen. In zahlreichen fällen tritt die Askese, be- 
sonders in der Form aktiver Selbstkasteiung, als direkte Beiriedigung einer 
mas och istischen Triebrichtung hervor. Wenn ein junges Mädchen nach den 
Anleitungen eines katholisierenden Moralpädagogen eine Brandwunde mit 
dem Vierfachen des vorgeschriebenen Quantums ätzt, ist der Schmerz, den 
sie fühlt, sicher beinahe unerträglich. Und doch gibt es ihr eine Befriedigung, 
ähnlich wie bei Kindern, die ihre Wunden immer wieder aufkratzen. Mar- 
guerite Marie Alacoque, die Begründerin des Herz-Jesu-Kultes (Sacre 
Coeur) behauptete, keinen Augenblick ohne Leiden leben zu können ; je mehr 
sie litt, desto mehr sehnte sie sich nach Leiden, so daß sie zulecü nahe 
daran war, sich die Qualen der Holle zu wünschen. „Schmerz allein", 
Bclircibt sie in ihren Briefen, „macht das Leben erträglich". Die 
größte Freude der llorentinisdien KarmeUternonne Maria Magdalena 
di Pazzi war, wenn die Priorin ihr die HSnde auf den Rücken band und 
ihr in Gegenw^u't sämtlicher Sdiwestern die Lenden geißeln ließ. Sie hatte 
dabei Halluzinationen üppigsten erotisdien Inhaltes. Die große Ausbreitung 
der Flagellantenbewegung zeigt, wie stark der Drang nach Schmerz und 
Leiden ist. Bemerkenswert ist dabei der zeitweiien auftretende theologisdie 
Streit über die Vorteile der dhdplina seaindum sußra (Geißelung vorzugsweise 
des Rückens und der Schultern) im Gegensatz zur „disdplina seamdum sab' 
(Geißelung der Lenden und der Gesäßgegend). Abbe Boileau polemisiert 
gegen die unkeusdi erregende Peitscliung der Lenden muskeln. „Diese Ein- 
drücke gehen sogleich in das Gehirn über, malen hier lebhafte Bilder ver- 
botener Freuden, bezaubern durch ihre trügerischen Reize den Verstand, und 
die Keusdiheit liegt in den letzten Zügen." 

Das Beispiel der Flagellanten zeigt, daß zugefügte Schmerzen eine moti- 
vierende Wirkung in fortgesetzt asketisch er Richtung haben 
können. Die Askese bildet aus sich heraus selbst die Disposition zur Askese. 
Schjelderup bringt das Beispiel eines norwegisdien theologischen Studenten, 
der im Alter von 17 Jahren bekehrt worden war und nadi seiner AuiTassung 

— 164 — 



^ 



des ChrisCenCumes fand, daß er der Bekehrung durdi gewisse askeiisdic 
I Übungen Ausdruck geben mußte. Unter anderem wölke er seinen Leib 
dadurch peinigen, daß er die Hosen so stramm wie möglich zog. Anfangs 
erreg^E diese Übung starken Schmerz. Zuletzt ging indessen die Selbstkasteiung 
■ in eine heftige Masturbation über, — von weicher er als Knabe völlig 
frei gewesen war. (Die Askese und die Masturbation dauerten, bis er in ein 
Ijeb es Verhältnis zu einem jungen Mädchen trat.) 

Es gibt auch einen „ideellen Masochismus" und dieser ist für das 
Verständnis gewisser asketischer Erscheinungen von wesendidier Bedeutung. 
.(Gelübde des Gehorsams und der Armut.) 

Ein psychologisches Motiv der Askese in Verbindung mit masodiistischer 
Triebbefriedigung ist audi die Iden tifikations tendenz: der Asket sucht 
den Schmerz, weil das geliebte Objekt selbst ein Mann der Schmerzen war 
(imilatio Christi). Von besonderem Interesse ist die Bedeutung der Identifikations- 
tendenz zum Verständnis der Stigmatisation, dieses höchsten Zieles des 
asketischen Christenlebens. Die Identifikatianstendenz erkennen wir auch bei 
der russischen Sekte der Chilis ten. Entscheidend für das Erlangen der 
' „Christus würde" sind bei dieser Sekte die messianischen Leiden (Fasten, Kälte 
und Hitze, Stummheit), Kann das Leiden nicht durch Verfolgung erreidit 
'werden, sudit ein „Christus" durch symbohsdie Darstellung die messianischen 
\ Leiden zu ersetzen, entweder steht er z. B. stundenlang mit ausgebreiteten 
I Händen da oder er stelle sich tot und „steht nachher gleidisam wieder auf." In 
I der stark verbreiteten russisdien Sekte der S k o p z e n spielt bekanntlich 
sogar die Selbstkastration eine Rolle. 

Bei den russischen Sekten kann auch deutlidi beobachtet werden, wie die 
masodiistisdien Selbstkasteiungen in Sadismus umschlagen können. Während 
, des wilden Glesangs und Tanies geraten die Ghliisten in ekstatisclie Wut, 
wobei sie sich nicht nur auf grausamste Weise selbst mißhandein, sondern sidi 
auch auf harmlose Zuschauer losstürzen und einzelne von diesen gelegent- 
lidi sogar zu Tode peitschen. Es ist auch zu beachten, daß die grausamen Inqui- 
sitoren der katholischen Kirche meist Asketen waren. Wie sich der Sadis- 
I mus in Einzelfällen äußern konnte, zeigt Konrad von Harburg, „der 
erste Inquisitor Deutschlands ". Er war der Beichtvater der heiligen Elisabeth 
von Thüringen und steigerte — wie es heißt — „seine Strenge gegen die 
zarte Frau bis zur Grausamkeit." Immer wieder forderte er, daß sie ihre 
t Selbstverleugnung schärfen sollte, und nidit selten sdilug er sie hart für selbst 
[ganz unbedeutende Fehler. 

Man beachte auch den Sadismus in einer Sctulderung, die Katharina 
|von Siena in einem Briefe an ihren Beiditvater über ihren Besudi im 
iGefangnis bei einem zu Tode verurteilten jungen Edelmann gibt: „Und 
' er hielt seinen Kopf an meiner Brust. Ich fühlte da eine Freude und einen 
Geruch seines Blutes und es war nidit ohne den Geruch meines 
[Blutes, welches ich verlange hinzugeben für den süßen Verlobten Jesus. Und 
rwie das Verlangen in meiner Seele wuchs und ich sein Zittern fühlte . . ." usw. 
(Bei der Hinriclitung war Katharina anwesend. Der Gottmensch erschien ihr 
Mabei und ihre Freude war so groß, daß, als der jimge Mann ausgelitten 
[hatte, „meine Seele in Ruhe und Frieden war, in soliiem Dufte des Blutes, 



— 165 — 



daß idi midi nicht entsdiließen konnte, das Blut wegzuwagdien, das mir aufs 
Gewand gekommen war von ilim." „Ich will Blui" — ruft sie an einer 
anderen Stelle ihrer Schriften aus, — „nur Blut genügt meiner Seele. Nur 
durch Blut kann unser Durst gelösdit werden." 

Entscheidendes Licht auf das Problem der sadomasochistischen Askese wirft 
nach Sdijelderup die Freudsdie These über die den Seitu altrieben neben- 
geordneten Todesttiebe (Destruktion triebe), und über das Wechselver- 
hältnis zwisdien den nach außen und den nach innen geriditeten Destrnktions- 
tendenzen. Der vollkommene Asket überwindet den raensdilichen Destruktions- 
trieb nach außen, indem er ihn ganz gegen das eigene Ich wendet. 

Auf das Problem des Sadismus kommt Sdijelderup auch im Sdilußkapitel 
seiner Arbeit, das die religiös-ethisdie Wertung der Askese behandelt, zurück. 
Wer hart gegen sidi selber ist. wird leidit audi hart gegen andere. Daraus 
erklärt sich die in der Geschidite der Kirche so häufig wahrnehmbare grau- 
same Herzensroheit der Asketen gegen ihre Mitmensdien. Alle Rüdtsiditen 
mußten weichen, bloß damit sie ihrer eigenen asketischen Lust folgen konnten. 
— „Die Asketen — wie überhaupt viele religiöse Menschen — beschäftigen 
sich prinzipiell aussdiheßlich mit der Erlösung ihrer eigenen Seele; Ihre Um- 
gebung hat für sie nur Wert als Mittel hiezu . . . Weil man den Wert der 
Umwelt nicht anerkennen will und alles in egozentrischer Beleuchtung sieht, 
fehlen die reellen Hemmungen, die sidi den menschlichen Grau samkeils trieben 
entgegenstellen können." St. 



Psydioanalyse im Sdilafwagen 

Edward M. S w i f t und Charles S. B o y d (beide Doktoren der Medizin) 
schildern im letzten Heft der „PsychoÄalytic Review' {Band 15, 
Heft 4) die Beobachtungen, die sie als SchlafwSgenbc dien stete (Portsr) mehrere 
Jahre in Amerika, Kanada und Mexiko zu machen Gelegenheit halten. 

Wenn man erwägt, was denn die Beobachtungen eines Schlafwagenporters 
dem Psychoanalytiker Interessantes bieten können, — schreiben die beiden 
Autoren, — wird man sich woh! zuerst die Frage vorlegen müssen, warum 
denn die Menschen eigentlich Reisen unternehmen. Abgesehen von den rein 
gesdiäftlichen und persönhch-famihären Interessen, um deretwilien man Reisen 
machen muß, sind bei den vielen Tausenden, die immerfort umherreisen, zahl- 
reiche andere Motive vorhanden. Man reist, weil man sich krank oder müde 
fühlt, aus Neugier und Sensationslust, auch aus bloßer Lust und Freude an 
der Bewegung. Um aber die eigentliche Ursache zu finden, müssen wü- in un- 
sere erste Kindheit und Jugend zurückgehen, müssen wir zurückgreifen 
auf die wundersamen Träume und Phantasien, die wir damals hatten, in denen 
uns noch alle Möglichkeiten offenstanden und wir uns alles wünschen konnten. 
Wenn wir als Erwadisene durdi den Alltag mit seinen Pflichten und seinem 
Zwang allzusehr gehemmt sind, wollen wir ihm entlliehen und versuchen eine 
neue, glütiUchcre Umgebung zu finden, in der vieUeidit doch unsere Tagträume 



— 166 — 



i:: 



Erfiillung finden können. Vielleidit liegt der Versuch, unsere Jugend- 
wünsche zu verwirklichen, dem Reisedrang zutiefst zugrunde. 

Wenn man außerdem noch bedenkt, daß die Menschen auf Reisen viel 
unabhängiger von ihrer sozialen Umgebung und von ihren Hemmungen und. 
Jjnschränkungen sind, wird man sidi nidit wundern, daß man mandie Beob- 
ditungen im Schlafwagen machen kann, zu denen man sonst vielleidit nicht 
jo leicht Gelegenheit hat und die auch dem analytischen Psychologen mandie 
interessante Beiträge zur Charakteristik verschiedener Typen bieten können. 

Auf dem berühmten Expreß zwischen New York und Chicago, dem be- 
kanntesten und schnellsten Zug, fuhr immer ein Industrieller, der den Souverän 
auf Reisen spielte. Er war immer von Kammerdiener und Leibarzt begleitet. 
Vor seiner Abreise verständigte er stets den Oberkontrollor, daß er mit diesem 
oder jenem Zug reisen werde. Dieser, der schon wußte, daß ihn ein großes 
Trinkgeld erwarte, pflegte dann sedis oder acht seiner stattlichsten Porter um 
sich zu versammeln und erwartete so mit einem großen Stab die Majestät. Er 
erschien immer nur drei Minuten vor Abgang des Zuges. Jeder der Porter 
eilte dann, alle in einer langen Reihe, mit einem Gepäcksstüdte zum Zug, am 
Sdiluß der Industrielle mit Diener und Leibarzt, der dann unter Verwunderung 
aller Reisenden einstieg. Dieser Mann, der aus den ärmsten Verhältnissen 
stammte, war zu dieser Zeit impotent. Es ist also nach Swift und Boyd klar, 
daß seine Haltung und sein Auftreten den Leuten sagen sollte, , schaut her, 
wie stark und bedeutend ich bin". 

Einmal wurde eine gelähmte Dame in den Zug hereingebracht, Ihr 
linkes Knie war steif und sie konnte nur schwerfällig mit einem Stock gehen. 
Es kam bei dieser Fahrt zu einem Zusammenstoß. Die Gelähmte rannte genau 
so aus ihrem Abteil heraus wie die gesunden Leute und alles glaubte an ein 
Wunder. Die Patientin, die sdiön ein Vermögen an Ämc versdiwcndet hatte, 
htt offenbar an einer Ko nversionshysterie. Vielleicht kann man sich 
diese Heilung so erklären, daß die Angst vor der lebensbedrohenden Gefahr 
größer war als die, vor der sie das Symptom schillzen sollte. 

Ein KontroUor erlaubte niemandem, das Verbot, Hunde in den Schlaf- 
wagen mitzunehmen, zu übertreten, audi wenn man ihm ein sehr gutes Trink- 
geld geben wollte und wenn es sich um ganz'klcinc Schoßhünddien in Käfigen 
handelte. Er hatte nämlidi seit seiner Kindheit eine arge Hundcphobie 
und konnte absolut nicht zusammen mit einem Hund reisen. 

Oft findet man natürlich audi Exhibitionisten im Schlafwagen, die ja 
dort gerade besondere Betätigungsmöglichkeiten haben. Diese Perversion stellt 
ja eigentlich eine Regression auf die infantile Freude am Sichnacktzeigen dar. 
Einmal wurde der eine der beiden Autoren in ein Abteil gerufen, um ein 
Fenster zu schließen. Dort fand er ein junges Mädchen vor, das voll- 
kommen entkleidet war. Ebenso bäuüg begeben sich Reisende 
mangelhaft bekleidet, mit halb oder ganz entblößten Genitalien zum Baderaum. 

Auch die N e u g i e r d e, die besonders sexuellen Dingen gegenüber so stark 
sein kann, daß sie jedes normale Empfinden ganz aussdiUeßt, kommt natürlidi 
bei Reisenden sehr häufig vor. Von den für einen bestimmten Helden sdiwär- 
menden Frauen, die von ihrem Abgott einen Blick zu erhaschen suchen, bis 
zu dem perversen Voyeur, der auf alle Weise versudit, Liebespaare zu be- 

— 167 — 



lauschen trathtec, sind da natürlich alle Stufen und Grade vorhanden 
Die Autoren berichten von einem sehr interessanten Fall von K 1 e p t o-^ 
m a n i e. Der eine Autor zog sich einmal das Mißfallen eines Herrn Y. zu, der 
mit Frau und Sohn reiste, weil er ihn nicht zur ausgemachten Zeit weckte. Er 
reditfertiEte sich damit, daß er seine Uhr nidit habe finden können. Später 
fand er sie dann unter dem Kopfpolster des jungen Y. Dieser Junge muSie 
zwangsmäßig Uhren stehlen. Als Kind nahm er einmal dem Vater die Uhr 
weg und als er die Pflegerin kommen hörte, versteckte er sie. Als der Vater 
dann verzweifelt die Uhr, ein akes Familien erb stück, suchte, erinnerte sich der 
Kleine an die versteckte Uhr und brachte sie dem Vater. Dieser erstickte sein 
Kind fast vor Küssen, daß es dieses ihm so kostbare Familienstück wieder- 
gefunden habe. Das Kind aber wiederhohe daraufhin immer wieder soldie Dieb- 
stähle, um vom Vater, der sich sonst gar nicht um das Kind kümmerte, Liebes- 
beweise zu erhalten. Die Familie ladite zuerst darüber, versuchte dann energisch 
die Diebstähle zu unterdrücken, aber da war es auch schon zu spät. 

Man wird in diesem kurzen Auszug aus den Beobachtungen von Swift und 
Boyd alle Arten von neuroiisdien Symptomen und Erkrankungen, Charakter- 
anomalien und Perversionen finden, die wohl nicht wesendich von den Beob- 
achtungen im gewohnlichen Alltag abweichen, aber vielleicht docli einiges 
Interessante zur psychologischen Beleuchtung reiselustiger Personen beitragen 
können, ^ „ 



AUS DEM SCHÖNEN 
LITEEATUE 



„Das Pferd und der Faun" 

Eine Novelle von Andre Maurois 

An anderer SteUe' konnte gezeigt werden, wie stark der Einfluß der 
Tiefenpsychologie auf die zeitgenössische französisdie Literatur ist, wie sehr 
der psychologische Roman und das Drama die Charaktertypen der natura- 
listischen Zeit, der Goncourt, Zola, Bourget und France aufgegeben hat, um 
zu den Ergriindungen zu kommen, die der Psychoanalyse vorbehalten waren, 
wie sehr also Stoff, Thema und selbst die Form mit diesen Ergründungen 
rechnen müssen. Das ist in Frankreich so, aber auch in England, Amerika, 
in Deutschland, überall wo Seele bedichtet wird. 

Wenn nun diese Diditer sich deudich von jenen der vorangehenden 
Generation unterscheiden, so bleibt beiden dodi stets gemeinsam, daß sie 

l) Frili Lehn er Der Einbruch der Psvdiüana])'5e in die ftaniösisdic Lileratur. ALnanadi JQSq 
ia InIcraaOonalen Psydjojiiälyiisdiai Verlag!. S. 2us. ^^ 

— 168 — 



auf ^er Suche nadi dem Leben aus sind ; es ist nur so, daß ein anderes 
Leben interessant geworden ist, daß man es anders sieht, daher anders 
darstellt. Kein cinaiger unter den ateren aber kann es mit Andr6 Mau- 
r i s, dem Autor von ,Disraeli" aufiiehmen, und bisher audi keiner unter 
den jüng'eren : denn er hat bereits vor einem Jahrzehnt in den „D i s- 
cours du docteur O'G r a d y", einer Sammlung von Humoresken 
dadurch Neuland entdciit, daß er den in der französischen Literatur 
erstmaligen Versuch unternommen hat, eine psydio analytische Behandlung in 
den Mittelpunkt einer Novelle zu stellen. Eine Analyse im Mittelpunkt einer 
Humoreske ; ea zeigt die Überzeugung des Autors, aber audi die Art des 
Eindrucks, den diese Wissenschaft auf ihn macht, wenn er seinem Doktor 
O'Grady die Psydioanalyse als Arbeitsmethode mitgibt und durdi sie einen 
englischen Arzt zu einem mundgeredilen Sherlok Holmes der Seelenerfor- 
schung werden läßt. Und das geht so zu : 

Ein Freund bringt dem Doktor eine ihm bekannte Dame, die vom Alb- 
druck heimgesucht ist und die mehrere Nächte hintereinander träumt; ,Iäi 
sehe bei einer Siraßenwendung ein Pferd auf midi zukommen, dos sehr stark und 
fürdUerlick zu sein scheint Idi weiß, daß das Pferd da ist, um midi zu verfd- 
gen. Xeben meinem Kopf sehe idi sein Maul, das es luie zum Ladun aufreißt, 
seine großen gelben Zähne, seinen Blick, der zzigleidi üerisdi und mensddich ist. 
Idi stürze vor ihm nieder, stoße einen Sdiredensruf aus und springe mit klopfen- 
dem Herzen auf, mit Tränen in den Augen, mit einem schlaifen, zer- 
sdJagenen Körper. Voll Wut gegen mich selbst, versuche ich einiusdilafen." 
Doktor O'Grady erzählt der Dame sofort von der Verdrängung [Madame, 
sagt er, ein hartnäckiger Albdruck, wie der Oire, kommt häufig von Ge- 
danken, die von der Vernunft verdrängt werden, weil sie ein zu peinliches 
GefiihJ wachrufen!] und davon, daß er sie von dem „moralischen" Tumor 
nicht wie von einem »physischen" durch Operation befreien könne. „Aber 
wenn ich die Assoziationen der ungesunden Ideen entdecken kann, wenn 
ea mir gelingt, sie Ihnen zu zeigen, dann wird der Kreis von Ideen, da 
er Ihnen wieder bewußt geworden ist, aufliören, gefährlidi zu sein". Dann 
gibt er ihr eine Liste von Wörtern, die er «les cvocaieursy {Reizworte !) 
nennt ; er liest Uir die Wörter langsam vor und verlangt sofortige Assozia- 
tion. Vier Wortpaare haben Erfolg : 
i) Begicrdc-Faun 



S) Pfcrd-Newmarket j Assozialionsworl kommt nach 2 Sekunden. 

3) Liebc-Theaicr (Assoziation erst nadi langer Pause. 13 Sekunden, daher: erste 

Assoziation wurde weggetaucht, durch eine hurmloEL' erseizi.) 

4) Handel-Spitzen (bcnicrkenswerL langer Zeitraum zwischen Reiz- und Reakiionswort). 
Und nun geht es munter immer tiefer hinab, erst zu , Begierde-Faun", 

von hier zu , Faun-Pferd", dann über „Blick des Pferds im Traum" zu: 
^Als ich ein kleines Mädchen war, gab es in unserem Garten eine antike 
Statue, die einen Faun darstellt. Dieser Faun jagte mir Angst ein; er hatte 

— 169 — 



j 



eine seltsame Maske ... ein Lächeln ... Sie haben Recht, Doktor, von 
dort her hat das Pferd seinen Blick . . . Das ist wunderbar." Ohne Station 
kommen wir zum ^Pferderennen von Newmarket", hier zu heftigstem Er- 
röten {„Haben Sie in einem Stail etwas g-csehen, das Sie sich gemerkt 
haben?") und schließlich zu der tas dien spielerartig- vorgezeigten Losung: „Sie 
lieben einen Mann {nidit ihren Gatten ! !) ; sie haben ihn im Theater ge- 
sehen, er verkauft Spitzen!!!" Und er gibt ihr den Tip : „Fahren Sie fort 
zu Ihrem Mann, der über See ist oder nehmen Sie sich einen Geliebten." 
(„Doktor," sagt nun der anglikanische Geisdiche, dem O'Gn&y diese Ge- 
schichte ironisdi gefüttert erzählt, „Sie sind ein schlechter Heide. Was hat 
denn nun das arme Geschöpf gemadit?" — „Padre," erwidert ihm der 
Arzt, „es ist ihr Handwerk, Seelen zu kennen: ich lasse es Sie erraten!') 
Diese Novelle zeigt die erste Phase des Einbrudis der Psychoanalyse in 
die Literatur ; die neugewonnene Erkenntnis entzückt und blendet und ist 
wert, — als besonders gelungener DetcktivknitF verwendet zu werden, was 
ein uneingestandenes Lob für ihre Brauchbarkeit ist. Man bleibt dabei noeh 
besdieiden im Vorhof der Erkenntnisse ; für den angestrebten Zweck ge- 
nügt das Erreidite vollkommen. Nadi Maurois beginnt der Arzt die Behand- 
lung damit, daß er dem Patienten einen Vortrag über das Wesen der 
Psychoanalyse hält ; dann erzählt er von der Verdrängung, um schließlich 
im Assoziationsexperiment im Handumdrehen den einen Punkt zu ent- 
decken, aus dem der Patient kuriert werden muß ; das ist primitiv und 
verdichteter als dichterisdie Freiheit sonst zu sein pflegt. Wichtiger aber 
als das Wie ist uns hier das Was; nämlich daß Maurois igig in der 
Psychoanalyse ein für den Künstler brauchbares Werkzeug entdeckt hat. 
Das „Pferd und der Faun", wie die Novelle heißt, ist auch für ihn nur 
eine erste Phase der Einordnung der Psychoanalyse in sein Denken ; und 
wie Besitz erst besessen wird, wenn er i^h selbstverständlich gehört, be- 
weisen alle nächsten Büdier des Schriftstellers, „Meipe oder die Befreiung", 
die vom Abreagieren drei nette Geschichtchen erzählt, „Disraeli", der ..Ber- 
nard Quesnay", besonders aber die vor kurzem erschienenen „Climats" 
(igaS), in der von der Psychoanalyse nidil mehr gesprochen wird, weil man 
nidit mehr sie, sondern durch sie sieht. In ihnen ist der Einbruch gelun- 
gen ; der Feind lebt als Freund im Land. 

Dr. Fritz L e h n e r 

„Zeno Cosini" von Italo Svevo 

Es kann wohl nidit anders sein, als daß Kunst, die sich jeweils mit dem 
Gesamtgehalt der Kultur auseinanderzusetzen hat, auch ai neuen Inhalten 
dieser Kultur, ihren wissenschafdichen, technischen, weliansdiau liehen Produkten 
in irgend einer Weise Stellung nehmen, sie sidi irgend einverleiben muß. So 

— 170 — 



I 



iäj audi "1'^ Psydioanalyse für die Literatur widitig geworden ; aber gleidiwohl 
j,, anderem Sinne als andere wissensdiaftlidie oder geistige Schöpfungen der 
Zeit. Denn sonst es ist wohl stets so, daiä sich Kunst das jeweils Neue nur zum 
Gegenstand der kün stier isdien Gestaltung wählt, ob neue, oberflächliche 
oder tiefe Lebensform, die sie, die ewige Kritikerin alles Lebens, darzustellen, 
eindrucksvoll zu machen, deutend zu formen sucht. Oder es ist so. daß die 
Kunst dem zivilisatorischen Fortschritt nur ein Mittel für ihren Ausdruck 
enioimmt, einen technischen Behelf für ihre im übrigen unabhängige Aufgabe. 
Beides ist auch der Fall in der Reaktion der Literaturen auf die Erscheinung 
der Psychoanalyse; sie wird zum Gegenstande der Behandlung und sie muß 
auA technische Mittel der Darstellung liefern. Doch damit ist, in diesem 
Falle, die Beziehung zwisdien Literatur und Psychoanalyse nicht erschöpft. 
Was es sonst an kulturellen Erscheinungen gibt, vom Darwinismus bis zum 
laufenden Band, gab der Kunst ein jeweils neues Thema ; und soweit es 
Ausdruck und Symbol einer neuen Lebensform war, wurde es zur vor- 
nehmsten Funktion der künstlerisdien Arbeit, diesen symbolischen Charakter 
in Klarheit und Intensität zu bilden. Die universelle Symbolik alles Daseins 
lebte nur in der Kunst. Und diese war es auch, die der Fülle der Erleb- 
nisse, die potentiell in ihrem Gegenstände enthalten waren, Sprache gab und 
sie damit der bewußten Erleb ensfähigkeit der Menschen öffnete; damit hat 
sie gleichsam immer neue Gebiete der Seele mit Wegen und Wegweisern 
versehen und so dem Publikum zur Benützung geöffnet. In der modernen 
Psychologie der zentralen Persönlichkeitsproblcme. in erster Linie somit in 
der Psychoanalyse, ist der Kunst damit erstmalig eine Konkurrentin erstanden. 
Denn auch die Psychoanalyse sucht seelisches Urland wegsam zu maclien, 
sucht — nädist manchen anderen ihrer wissenschaftlichen Aufgaben — bislang 
Unbemerktes im Seelenleben in ihre Sprache zu fangen und der bewußten 
Erlebbarkeit zugänglich zu machen. Und die universelle Symbolik des Lebens 
schwingt in jedem ihrer Gedanken. Somit beschränkt sich der Einfluß der 
Psychoanalyse auf die Literatur nicht nur auf die Anregung, zum neuen 
Gegenstande Stellung zu nehmen, oder auf die Lieferung technischer Dar- 
stellung sb ehe Ife. Der Psychoanalyse gegenüber muß die Kunst erstmalig 
Stellung nehmen zu der Talsadie, daß ihr nunmehr von wissenschaftlicher 
Seite das Monopol, Landkarten der Seele zu zeichnen, streitig gemacht wird. 
Sie kann die ästhetische Kraft der neuen wissenschaftlichen Richtung nicht 
länger übersehen und geht allmählidi daran, sich die psychoanalytische 
Leben seinsidit einzuverleiben, nicht nur — wie auf oberflädilichster Stufe — 
als technisches Hilfsmittel, sondern als eine Art ku sehen, die zum Erlebnis 
des Sdiauens dazugehört, wie mandies andere, was uns die Kunst zuerst 

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sehen gelehn hat. Wenn die Erkenntnis künstlerischer wird, wird die 
Kunst wohl mehr vom Mikroskop der Erkenntnis rehrtien müssen 
Es ist nidit überrasdiend, daß in dieser Entwicklung einer literarischen 
Assimilation der Psychoanalyse in tieferer Sdiicht solche Geister führend sini 
die sdion vor der Kenntnis der Psychoanalyse, aus ähnlichen geistigen 
Quellen stammend, aus denen sich die Analyse entwickelt hat, auf ähnlichen 
Spuren waren wie diese: so vor allem Proust, von dem es heißt, daß er 
□ie etwas von Freud gelesen hat, und Andrf Gide. 

Heute ist das ganze mittet- und westeuropäische Schrifttum durchsetzt von 
diesem Prozeß der Auseinandersetzung mit dem psychoanalytischen Erlebnii 
und Gedankengut. In Deutsdiland ist es Thomas Mann, der die Analyse 
neben Nietzsche und Wagner als drittes bestimmendes Element seines Schaffens 
aufgenommen hat. Hierher zählt Hermann Hesse in der mit dem „Demian" 
einsetzenden zweiten Phase seines künsderischen Schaffens, wählen Alfred 
Döblin, Arnold Zweig, Stefan Zweig und andere. Hierher zählt in der 
französischen Literatur alles, was seit Proust mehr oder weniger unter seinem 
Einfluß arbeitet, zählen Jules Romain, Duhamel und ebenso Mauriac, Bernanos. 
Und sdiliefähdi hat die engliaihc Uteratur entgegen aller Tradition einen 
Jaraes Joyce hervorgebracht, der den analytischen Einfluß in reinster 
Inkarnation darstellt. All diese entnehmen der Psychoanalyse nicht bloß ein 
Thema; sie suchen von ihr spezifisches Schauen der aeelisdien Entwicklung 
und des Schicksals zu übernehmen und zum selb s verständlichen Gut des 
künstlerischen Schauens zu machen, mit dem es ja, seines wissenschafdichen 
Ursprungs und seiner wissensdiaftlichen Reditfertigung ungeachtet manches 
Verwandle hat. ^ 

In diesen fCreis, wenngleich nicht in diese Größenordnung, gehört audi 
Italo Svevo, dessen „Zeno Cosini' uns der Rhein-Verlag in vortreff- 
hcher Übersetzung (von Piero Rismondo) vorgelegt hat. Auch Svevo reagierte 
auf die Ideen Freuds nidit mit dem Gefühle völliger Neuheit; er fand wohl 
nur vieles klar formuliert, was er selbst zuvor schon dunkel geahnt hatte. 
Ein wohlhabender Triestincr Müßiggänger hat auf Veranlassung eines Arztes 
seme Lebensgeschidite niedergesdirieben. Dutzendtypus aus dem Bürgertum 
der Vorkriegszeit, nicht bedeutend und nicht besonders eigenartig, mit einer 
Neurose begabt, die man nicht allzu tragisdi nehmen wird. Er gehört zu 
jenen, die das raffinierte Talent besitzen, aus jeder Situation Lustgewinn für 
sich herauszuschlagen, mag die Rolle, die sie gespielt haben, noch so wenig 
rühmlich gewesen sein, es gelingt ihnen immer, etwas von dem Geschehenen 
in kleine Münze für das Selbstgefühl oder die Selbstrechtfertigung, zumindest 
für die Selbstbemideidung umzusetzen. Solche Menschen hängen wie mit 

— 172 — 



Ketten an ihrer Neurose, die ihnen solchen Vorteil ermöglicht. Was ihnen 
wirküdi fehlt, ist das starke, tiefe Erleben. An dem tausendfältigen kleinen 
Lustgewinn des Alltags, den sie za erwischen verstehen, halten sie sich schadlos. 

Der Krankenge sdiidtte, die voll ist von feinster Beobachtung und ein 
Weltbild zeichnet, wie es sich im Hirn eines Cosini spiegelt, folgt ein Stüti 
Analyse bei dem Arzt, der Cosini zur Niederschrift seiner Lebensgesdiichte 
veranlaßt hat. Es ist natürlich nichts weniger als eine wirkliche Analyse, was 
hier gegeben wird; vom psychoanalytischen Standpunkt aus ist es voll ganz 
grotesker Mißverständnisse. Dodi dem Künstler mag man vielleidit die Frei- 
heit zubilligen, für seine Zwedte audi mit seinem wissensdialtlidien Material 
umzugehen, wie es ihm beliebt. Zeno Cosini wird in der Behandlung seines 
Arztes nicht geheilt. Er wird es erst, als das Leben mit einer wirklichen 
Aulgabe an ihn herantritt. Der Krieg mit Italien ist ausgebrodien, sein 
Prokurist Olivi, den Cosinis Vater mit lebenslänglicher schrankenloser Voll- 
macht versehen hatte, ist Reichsitaliener und mußte ilüditen. Und so ist 
Zeno Cosini, dessen sdiüchterne Versudie, sidi eine Stimme in seinem Geediäft 
zu erobern, bisher immer mit schmählichem Mißerlolg geendet hatten, plötzlich 
an die Spitze der Firma gestellt. Der Erfolg, den die Kriegskonjunktur ihm 
zuträgt, damit der endliche Sieg über den Alpdruck Olivi, läßt ihn gesunden. 

Es sdieint sonach, daß Svevo hier als Ergebnis aller Psychologie den Weg 
hinaus ins tätige Leben weisen will — beiläufig bemerkt ein Schlußgedanke, 
ähnlich dem Gedanken, von dem Thomas Mann in seiner Problematik 
seinerzeit ausgegangen ist; — dern Analytiker bleibt mandicr Zweifel. 

Gewiß kann es geschehen und geschieht es häufig, daß der fest zupackende 
Griff des Lebens einen Menschen aus allen Konflikten und sogar aus seiner 
neurotisdien Phamasiewek herausreißt; doch gesdiiehc es wohl noch häufiger, 
daß die reale Lebensaufgabe einen Mcnsdien vorfindet, der gänzlich unfähig 
ist, sie zu lösen, und gerade jetzt, da er sich bewähren könnte, vollends 
zusammenbricht. 

Auch Svevo sdieint im Grunde nidit allzu überzeugt von der Dauer- 
haftigkeit der Heilung seines Helden; sdiließlidi wird es ja nidit immer 
eine Konjuktur geben, in der man Vermögen nach Methoden gewinnen 
kann, zu denen sidi Olivi nie bereitgefunden hätte. Es muß der Tag 
kommen, da Olivi in dieser oder jener Gestalt recht behält und da der 
erste Triumph Cosinis zu seiner größten Niederlage wird. 

Dennoch; in der überwiegend unpsychologisdi orientierten italienisdien 
Literatur ist Svevos Schaffen eine Pioniertat und auch in der europäischen, wo 
es dodi Anverwandte in Menge hat, bedeutet es eine hÖdist eigenartige Note. 

Robert Wälder 
— 173 — 



S ECHO DElj 
PSYCHOANALYSE' 



Thomas Mann entlarvt! 

Clownerie — Tridworführung — Traurige Begehrlichkeit — Ditkierisdies UnvermögenA 
Morbidiiäi — End^tdge Seibslerledigung — Trostlose Hemmungslosigkeit 

Und Sigmund Freud? 

Enllieiligl jede Vergangenheit ! vergifl^l jede Gegenuiarl ! tätet jede Zukunft ! 1 

Es war zu erwarten, daß der große Aufsatz von Thomas Mann über 
„Freuds Stellung Inder modernen Geistesgeschichte" im i. Hefe dieser Zeil- 
schrift in der öffendichkeit einen tiefen Eindruck hinterlassen wird. Führende i 
Zeitungen beschäftigen sich ausführlich mit dem Essay des Dichters, zum Teil ■ 
an leitender Stelle, und mil Recht wurde nun von einem „geistesgeschicht- 
lichcn Manifest des so. Jahrhunderts" gesprochen. Nicht minder war 
aber auch zu erwarten, daß nicht nur Äußerungen der Bewunderung für 
des Dichters tiefgründige und tapfere Stellungnahme ausgelöst werden wür- 
den, sondern daß in jenen Kreisen, denen das leistungsreiche Leben Thomas 
Manns bereits viele Steine des Anstoßes TÄ den Weg gestellt hat, auch seine I 
jüngste Tat wider den „Dumpfheitskonservaiivismus" nicht nachgesehen werden 
wird. Treu dem psychoanalytischen Grundsatz, daß es aufschlußreicher ist 
die Zeichen des Widerstandes zu beachten, denn die der Zustimmung, woileo 
wir hier nicht positive Stimmen zum Bekenntnisartikel Thomas Manns zi- 
tieren, vielmehr uns damit begnügen aus der Reihe der gegnerischen Äuße- 
rungen den wuterfüllten Aufschrei eines deutschvolkischen Organs, der 
Berliner Wochenschrift „Der Ring" [da nicht gezeichnet, vermutlich aus des 
Herausgebers Heinrich von Gleichen Brust selbst herrührend) hier zu ver- 
zeichnen. Daß „der Direktor seines Zauberbergzirkus, Herr Thomas Mann" 
sich zur „Wiener Geschlechtsphilosophie" bekennt, sei eine sensationelle 
Trickvorführung, eine tiefsinnig aufgemachte Clownerie. Thomas Mann habe 
sich in Nietzsches Maske gehüllt, „um so bei dieser ideengeschichtlichen 
Filmschlacht in heroisch betoniertet Deckung zu bleiben". Nun habe er 
„selbst die letzten dünnsten ästhetischen Vorwände, mit denen er bislang sich 
selbst und den großen Haufen betrogen hat, durchbrochen". Niemand werde 

— 174 — 



nun Thomas Mann an Torheit und Leichtsinn je übertreffen können. Die 
Begriffe seien für ihn nur Sklaven und Instrumente seiner Affekte, seiner 
fortgesetzten Trübungen, trostlose Hemmung-slosigkeit nach Hall und Raum 
greife bei ihm um sich. In Freud sieht unser Hüter des einzig echten, 
deutschvölkischen „Rings" selbstvcrsiändhch „den Zerstörer aller natürlichen 
und historischen Unbefangenheit der Seele", der „zusammen mit Karl Marx 
und durch seine Unterbau-Überbaulehre jede Zukunft lötet, jede Vergangen- 
heit endieiligt, jede Gegenwart vergifter. Um dieses offenbare Geheimnis der 
beiden großen Aufrührer des ig. jatu-hunderts von sich abzuwerfen, 
ura sich aus der Geschichte in die Literatur zurückziu'etten, um der Niedrig- 
keit seines Dämons weiterhin frötmen tmd firohnden /u können, hat Thomas 
Mann alles aufgeboten, um den Retter Freud seinen verwirrten Zeitgenossen 
im Gewölk eines ideologischen Verklärungshimmeis erscheinen zu lassen: 
ihn, den Entfesseier der Unterweit, preist er als Heiland an . . .° 

Wie auch in so vielen anderen Fällen, in denen die Gegner der Psycho- 
analyse nicht einmal bei ihrer Bekämpfung ohne Anleihen bei ihr selbst 
auskommen, in denen sie die Pfeile, die sie gegen die Psychoanalyse schleudern, 
in Gifte tauchen, die sie sich in den auch Wegelagerern frei zugänglichen 
Garküchen an der Peripherie der psychoanalytischen Bezirke zusammenbrauen, 
so läßt es sich auch dieser völkische Gegner der Psychoanalyse nicht nehmen, 
etwas was er für Psychoanalyse hält, als Waffe gegen Thomas Manns 
Psychoanalysefreundlichkeil zu versuchen. Nunmehr erkenne man bei Thomas 
Mann „mit automatischer Sicherheit den ganzen Komplex seiner Komplexe, 
die Geschichte seiner Verdrängungen und seiner in Schrifts teuere i umgesetzten 
Neurosen. Schon im Zauberberg roch es an allen Ecken und Enden nach 
Krankenbett und Morbidität. Hier haben wir nun sein eigenes Kranken- 

Moumal . . ." „Alle alte Unordnung und alles verfrühte Leid findet in der 
Psychoanalyse ihre — jähe Aufklärung." Thomas Mann sei der endgültigen 

'Selbsterledigung gleichsam in die Arme geeilt, habe sich selbst unter 

jdas Messer geliefert, ., 

Nein, das Gift, in das dieses teutonisch funkelnde Messer getaucht ist, 

Iwird an Thomas Maim nicht viel Sehaden verursachen. Und kann schon 

fdieses Messer etwas ritzen, sind es am ehesten die Lachmuskeln. 

A. J. St. 

Die Psydioanalyse verantwortlidi für die „Versadilidiung 
der Sexualität," für „das Ende der Liebe"? 

Dr. Colin Ross, der bekantite Weltreisende, veröffenthcht soeben im 
l Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig (wo auch seine fesselnden Reiseschilde- 
[rungen und weltpolitischen Betraditungen über Südamerika, über das euro- 
jpäisdie und das asiatische Rußland, über Indien, über das Erwachen der 
JEingeborenen Afrikas usw. ersdiienen sind) einen kleinen Flssayband unter 

— 175 — 



dem Titel ,Die Welt auf der Waage. Der Quersdinitt von ao Jaliren 
Weltreise" Worüber das Buch handelt, ersieht man besten aus den Titeln 
der einzelnen Aufsätze, von denen wir einige hier anführen : „Die Ver- 
teilung der materiellen und geistigen Machesphären der Rassen über die Erde." 
— „Die Relativität der Moral und die Normung der MoralbegrilFe." 
„Die Realttion des farbigen Mensthen auf die Technisierung," — „Vom 
Wesen menschlicher Herrschalt, " — ,Die Vereinigten Staaten und Sowjet- 
luEland als wesens verwandte Herrschaflsfurmen," — -Der Mythos der Ma, 
sdiine." usw. — Uns interessiert an dieser Stelle vor allem der Essay über 
„das Wesen und die Gestaltungsmoglichkeiten der 
mann-weiblichen Beziehungen", der auch auf die Psycho- 
analyse Bezug nimmt. Dr. Ross, der übrigens seinerzeit auch als einer 
der Manuskriptverfasser des „psydioanalytisdien Films" der Ufa in Beilin 
zeichnete [vgl. „Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse", XII, Band, 
1926, S. 580 f), konstatiert vor allem auf dem Gebiete des Geschlechts- 
lebens eine „Lösung von der Namr als dem Maße aller Dinge", die sich 
zunädist „in einer ansteigenden Welle medizinisch -hygieni- 
scher Aufklärung und in der öffendichen Diskussion selbst heikelster 
und geheimster Themen" äußert. Als Folge der Versachliehung der mann- 
weiblichen Beziehungen, „dieser Reduzierung der unendlich schillernden 
Vielfalt der Liebe auf das Punktum Punkti, das so nebenbei zwischen 
Spon, Beruf und Kameradschaft erledigt wird, prophezeien die einstmals 
freiescen Geister einer entschwindenden Zeit das Ende der Liebe", 
Aber, führt Dr. Ross dann aus, vielleidit müssen wir die Periode 
äußerster seelischer Schamlosigkeit durchmadien, um mit all dem, was im 
Unbewußten schlummert, aufzuräumen und da einmal gründlich Inventar zu 
halten. „Möglidi, daß die Liebe davon profitiert, möglich aber audi, daß 
die ganze sexuelle Aufklärung unserer Zeit im Grunde mehr Schaden als 
Nutzen stiftet." „Als die Menschen an übernatürliche Erscheinungen glaub- 
ten, als sie anfingen, Hexen zu prozqmeren, da hatten sie Geister und 
Gespenster, so viel sie wollten ; da war e^ ausgeschlossen, um Mitternacht 
über den Friedhof 2u gehen, ohne einem Dutzend zu begegnen. Heute 
haben wir die Psychoanalyse, haben Komplexe und alles, was 
dazu gehört. Nun kann mau mir den nicht unrichtigen Einwand machen, 
daß Hexenwahn und Psychoanalyse im Grunde dasselbe sind und nur eine 
ihrer Zeil geraäße Form angenommen haben. Sicher ist das richtig, insofern 
es sich eben hier um die ganze Welt der unbewußten Seelenkjäfte han- 
delt, die in unserer materialistischen Zeit zwar nicht hoch im Kurse stehen, 
aber letzten Endes das einzig Wirksame sind, und die audi 
dadurch wirksam werden, wie wir sie hypothetisch zur Geltung bringen. 
Da kann ich mir durchaus eine Zeit vorstellen, die weder an Hexen 
noch an Psychoanalyse glaubt, sondern weldie die den beiden 
zugrunde liegenden Seelenkräfte in einer zweckmäßigeren und nützlicheren 
Weise forme, sei es audi, daß sie sie in einer sparsameren Weise ver- 
wendet. Sddießiidi handelt es sich hier, was man in unserm Zeitalter der 
demokratisdien Gleichheit natürlich nicht wahr haben will, um Kräfte, die 
stets nur in die Hand Berufener gehörten und die in unberufenen 

_, 176 _ 



l.fjänden nur Unheil stiften können. Die Psychoanalyse ist g'enau so 
I ein Zeichen unserer Zeit wie die Relativität. Man hat von 
I der Psychoanalyse gesagt, sie sei die Krankheit, deren Heilung zu sein sie 
, vorgibt. In diesem bitteren Wort liegt der Schlüssel für manche psydio- 
pathisdien Erscheinungen unserer Zeit. So wenig geleugnet werden kann 
und soll, daß durch die Arbeit Professor Freuds die ganze psydiische 
, Forsdiung unserer Zeit, die Kenntnis von den unbewußten Seelenkräflen 
kgidi gesteigert hat, so sehr kann man darüber im Zweifel sein, o b 
[ihr Nutzen oder Schaden größer ist Denn es handelt sich 
laudi hier wieder um Probleme oder richtiger gesprodien um Kräfte, die in 
Idieser für den Hausgebrauch von jedermann zurechtgemachten Form und in 
[■dieser Popularität ihre Bedenken haben. Wenn man ab und zu eine Zeit- 
llang in Busch und Steppe lebt und dann wieder in die europäisch-amerika- 
Inische Zivilisation zurückkommt, so ermißt man erst, welche geistigen In- 
[fektionsherde die modernen Großstädte sind und welche geistigen 
und körperlichen Erkrankungsmöglichkeiten gerade durch die Beschäftigung 
mit ihnen erst aufgerührt werden. Ich habe durchaus keinen Zweifel an der 
Jerotischen Komponente im Kinde, und daß in jedem Men- 
Isdien ein Ödipuskomplex steckt. Aber würde von diesen Komplexen 
[nicht gesprochen und geschrieben, würde wahrscheinlich 
[ noch kein Tausendste! oder Hunderttauseudstel der Mensdien, die jetzt alle 
oöglidien psychischen Störungen und perverse Neigungen haben, überhaupt 
ifissen, daß es so etwas gibt, geschweige selbst davon infiziert sein." 

[Marie Bonapartes »Fall Lefebvre" vor dem Katheder 

Herrn Dr. Ernst Haft er, Professor des Strafredits und der Redits- 
philosophie an der Universität Züridi 1 

Sehr geehrter Herr Professor! 

Im letzten Heft der „Sdjweizerischen Zeitschrift für Strafrecht" besprechen 
Sie die Arbeit „Der Fall Lefebvre, Zur Psychoanalyse einer Mörde- 
rin" von Marie Bonaparte, und sdiüeßen mit den Worten: „Wie 
lange noch soll solcher Unsinn unter dem Deckmantel der 
Wissenschalt in die Welt hinausgetragen werden?" 

Dieser Ausruf im Tonfall Ihres Fakultätsgenossen Cicero riditet sidi wohl 
eigentlich nicht gegen die Verfasserin selbst, denn schließlich ist Unsinn 
denken und sdireiben ebenso menschlidi, wie der Wunsdi, ihn auch zu 
verSfFendidien. Eher auf diejenigen, die den „Deckmantel" beisteuern, unter 
dem sie dann den Unsinn in die Welt hinaustragen, ist wohl Ihr Quousque 
landem gemünzt. Und so kann idi nidit umhin, verehrter Herr Professor, 
mich von einer der Bänke, über die Ihre gerissene Geduld das schwere 
Won schleudert, zu erheben und mich als catilin arisches Medium Ihrem 
Zorne zu stellen. Der Aufsatz der Prinzessin Bonaparte erschien zuerst in 
der Zeitschrift „Imago", zu deren Redakteuren idi zahle imd dann audi 

FtA. Bewegung 177 , u 



e. 



selbständig in Budiform im Internationalen Psydioanalytischen Verlag, dessen 
Leitung mir anvertraut ist. Der Vorwurf, Unsinn in die Welt hinauszutra- 
gen, ist schwer und selbst den MiJderungsgrund der Gutgläubigkeit lassen 
Sie nidit zu, denn der „Deckmantel der Wissenschaft" seta 
doch ein berechnetes Täusdiungsmanöver voraus. 

Nun, Psychoanalytiker sind wahrhaftig nicht verwöhnt. Daß sie die Ju- 
gend verderben wollen oder das Bedürfnis haben, mit der pornographi- 
sdien Ausgeburt ihrer krankhaften Phantasie ihre Leser zum Erröten zu 
bringen oder daß sie mit allen möglichen Hintergedanken die Gesellschaft 
unterwühlen und dergleichen Verbrecherisches mehr, hat den Psydioanalyri- 
kern schon manche titel- und ämterreidie Unterschrift schwarz auf weiß he- 
sdieinigt. Und nidit zu selten, um nidic in den meisten Fällen von uns 
ohne Gegenrede eingesteckt zu werden. Doch gibt es Fälle, in denen 
man sidi in einer Weise benimmt, wie man es etwa in Freuds Auf- 
satz „Zur Psychologie des Gymnasiasten" (Ges. Schriften, Bd. XI) besduie- 
ben finden kann : „Man gehorcht aulomaiisdi, wie jener ausgediente Soldat, 
der auf das Kommando .Habt adif die Hände an die Hosennaht anlegen und 
seine Pädcchen zu Boden fallen lassen muß." 

Auch ich muß jetzt strammstehen vor Ihnen, Herr Professor. Wenn ich 
den Ausruf ex cathedra über den Unsinn, den wir unter falschen Hüllen 
verschleisaen, vernehme, so ist es mir, als wäre die Zeit, da ich auf den 
Bänken der Universität Zürich Ihre Vorlesungen über Strafrecht und die 
über Reditaphilosophie hörte, gestern gewesen und nicht schon vor zwanzig 
Jahren. [Und da fällt mir übrigens auch ein, daß In derselben Zeitschrift, 
in der ich jetM ihre vernichtende öffentliche Zensur erblassend lesen muß, 
vor zwanzig Jahren meine erste wissenschaftliche Arbeit — von Ihnen ver- 
öffentlicht worden ist ; übrigens eine — zwar psychoanalytische, aber da- 
mals auch in liiren Augen unphantastiscK; vorsichtige Warnung davor, daß 
dem — vom Juristen gehandhabten — Assoziationsexperiment eine beson- 
dere Bedeutung für die Tatbestandsdiagnostik in der Sirafuntersuchung zuer- 
kannt werde.) 

Die Psychoanalyse hat uns aufgezeigt, wie sehr unser Unbewußtes uns 
dazu verführt, Affekte, positiver wie negativer Natur, vom Vater auf die 
Lehrpersonen zu übertragen und wieviel schlechtes Gewissen sich 
darin ausdrückt, daß man sich von außen und oben her schwere Achtungs- 
gebote auferlegen läßt, „um lange zu leben auf Erden". Die aktive und 
passive Beschäftigung mit der Psychoanalyse räumt vieles von den nicht- 
reahtätsgerechten Gefühlsbindungen, von den an unschuldige fremde Objekte 
„angelöteten" Affekten auf und was dann übrig bleibt, hat jedenfaHs An- 
spruch höher und als Objektiveres gewertet zu werden. Und so darf ich 
Ihnen, Herr Professor versichern : auch jenseits des vierten Gebotes, d. h. 
nach dessen Zersetzung, ist meine Achtung ftir Sie bestehen geblieben, 
meine Achtung für Sie, als vorzüglichen Lehrer. Darf ich auch gleich hin- 

— 178 — 



zufügen, daß ich über diese außerordentliche Hochschätiung des Lelirers 
jiiaaus niemals zu einem Uneil über Ihre wissenschafdiclie Forschungs- 
leistung gelangen konnte. Halten Sie uns doch diese geflissentlich vorent- 
halten. Ich entsinne mich Ihrer Vorlesungen über Rechtsphilosopliie. Im 
ersten Teil des Semesters wollten Sie uns die verschiedenen bestehenden 
Theorien zu den einzelnen Problemen auseinandersetzen und Sie taten dies 
in einer trefflichen, einprägsamen, didaktisch mustergültigen Art. Nur dehnte 
sich diese Wiedergabe der Forschungserkenntnisse Anderer so weit aus, 
daß Sie gegen Ende des Semesters — mit einem leichten Lächeln — 
schließlich erklärten, auf die Entwicklung eigener Ansichten nun verzichten 
gu müssen, 

Glauben Sie ja nicht, dies werde Ihnen nun vorgeworfen. Ganz im Ge- 
genteil ; eine bessere Erfüllung der Lehrfunktion der Hodischule, wie es in 
Ihren Vorlesungen geschah, ist kaum vorzustellen. In klassischer Selbst- 
cctäußerung konnten Siedle Anschauungen Anderer korrekt und sachlich zu- 
sammenfassen, das Wesentliche herausschälen, fremde Theorien präzis, ele- 
gant und leicht verständlich darstellen, oft viel besser, als die Urheber jener 
Theorien selbst es konnten. Und diese Lehrerleis tung rangiert gewiß höher, 
ais die solcher Lehrer, die glauben aus zwölf bestehenden Doktrinen auf 
dem Wege der Permutation unbedingt eine dreizehnte herausschinden und 
all eigene vortragen zu müssen und dadurch audi der Pflicht jene zwölf 
riditig und zureichend bekanntzumachen, enthoben zu sein. In diesen zwan- 
zig Jahren habe idi in Gesprächen und Debatten wiederholt gerade Sie als 
Beispiel eines vorlrefflidien Lehrers angefülirt, als Beispiel der optimalen 
didaktischen Wirksamkeit vermöge der objektiven Einfühlung in das Werk 
Anderer und dessen klare Darstellung und damit gewiß zusammenhängend 
audi als Beispiel der bescheidenen Zurückhaltung dort, wo das Eigene be- 
ginnen könnte. 

Ein mustergültiger Lehrer Ihrer Art, nimmt man an, wird die aufgezähl- 
ten Vorzüge auch ia der verwandten Funktion als Rezensent nicht 
vermissen lassen. Wie verhalten Sie sidi nun zu dem Versuch der Bonaparie, 
die Mordtat der Madame Lefebvre {die sie nach erfolgter Verurteilung im 
Zuchthaus besuchte und studierte) psychoanalytisch aufzuklären ? 

Überraschung : gerade aller jener Qualitäten entbehrt Ihr Referat, die eben 
an Ihnen gerühmt werden durften. 

Den kriminellen Tatbestand selbst geben Sie mil folgenden Worten 
wieder; „Im Jahr 1935 hat Frau Lefebvre in Lille unler eigenartigen Um- 
ständen ihre schwangere Schwiegertochter erschossen. Das Schwurgericht hat 
sie zum Tode verurteilt. Der Präsident der französischen Republik hat die 
Frau zu lebenslänglicher Frei heilss träfe begnadigt." Ein Professor des Straf- 
redits (und der Reditsphilosophie obendrein) kann diesen Mord nicht anders 
diarakterisieren, als damit, daß er .unter eigenartigen Umständen" erfolgt 
ist? Dann tischen Sie verschiedene Zitate aus der Deunmgsarbeit Marie 

~ 179 — »»* 



Bonapartes auf, die — zusammenhangslos und vom Peniswunsch der Frauen' 
und ähnlidien Greueln handelnd — auf den Leser begreiflicherweise be- 
stürzend wirken müssen, zumal da Sic, Herr Professor, dem Leser gar 
nicht mitgeteilt haben, was die „eigenartigen Umstände" sind, die die 
Psychoanalyse aufklären will und um deren willen allein die Psychoanalyse 
sidi doch um den zunächst nicht verständlichen Fall bemüht 

Die Leser der , Schweizerischen Zeilschrift für Strafrecht" werden mit den 
roten Professors trieben unter den einzelnen herausgegriffenen Sätzen nichts 
anfangen können und Ihnen, der Sie gewissermalien aus einer geheimen 
Gerichtsverhandlung herauskommen, einfach aufs Wort glauben oder nicht 
glauben, daß das, was Sie dort drinnen hinter gepolsterten Türen abgeur- 
teilt haben, blanker Unsinn oder grober Unfug sei. 

Warum haben Sie, sonst so gewandt im sachUchen Referieren, diesmal 
die doch auch in Ihren Augen „eigenartigen" Umstände des Mordes Ihren 
Lesern vorenthalten : den unvernünftigen und unbegründeten Geiz der 
61-jährigen reichen Frau Lefebvre, mit dem sie der Schwiegenochter Vorhalte 
machte; den rational ebenso unbegründeten Haß gegen die angeblich in 
die Familie eingedrungene und respektlose Schwiegertochter; die vorher 
überlegte und kaliblüiige Ermordung der schwangeren Schwiegertochter 
während einer Auto Vergnügungsfahrt ohne aktuellen Anlaß und in Gegen- 
wart des Sohnes ; die vollkommene Reuelosigkeil der streng religiösen Mör- 
derin nach der Tat, wälirend des Prozesses und auch nach dem Urteil im 
Zuchthaus, usw. 

Hätten Sie es nidit unlerlassen, entsprechend hin2«wei5ep auf die gauac 
psych ologisclie Kompliziertheit des Falles, über die sich Geridit und Öffent- 
lichkeit nidjt wenig gewundert haben, hinzuweisen mit der Ihnen sonst ge- 
läufigen Fähigkeit, fremde Darstellungen richtig wiederzugeben, so hätten Sie 
sich natürlich von Ihren Lesern sagen lajjen müssen : „Wenn wir Ihnen 
nun recht geben, und die freudistische Erklärung des Falles Lefebvre als 
phantastisch und unsinnig ablehnen, wie erklären Sie nun, Herr Professor 
Hafter, diesen , eigen artigen' Fall, der, wie es sdieint, mit den Mitteln dei 
.Oberfiächenpsychologie' nidit aufzuklären ist." Sie hätten dann selbst eine 
Erkliu-ung für das „Eigenartige" riskieren müssen und dem wollten Sie aich 
nidit aussetzen, das wollen Sie halt durchaus nicht, das Beste gönnen Sie 
den Buben nicht, vielleicht ist aud» das Semester wieder mal zu Ende . . , 

Sie haben es sich leicht gemacht : Sie haben den Tatbestand selbst, den 
die Deutungen der Prmzessin Bonaparte betreffen, fast zur Gänze Ihrem 
Leser vorenthalten. Dieser Leser darf wohl von Ihnen erfahren, daß die 
Bonaparte unsinnige Deutungen in die Welt hinausschickt, was das 
aber ist, das sie deuten will, weldies die zugegeben „eigenartigen" Momente 
des Falles sind, die zu deuten versucht werden, darf Ihr Leser nicht er- 
fahren. Nicht genug aber, daß Sie der Verfasserin nicht jene minimale Ge- 
rechtigkeit willfahren lassen, da& sie mitteilen, wo und wie sie sidi die 

— 180 — 



I 



^ 



w 



Probleme gestellt hat, tun Sie ihre Ergebnisse, ihre Erklärungen der „Eigen- 
artigkeiten" mit Sdi impf Wörtern gröbsten Kahbers ab, ohne auch nur andeu- 
ningsweise zu verraten, ob und wie Sie, Professor des Slrafredits und der 
Reditsphilösophie (übrigens seit 2 Jahrzehnten auch wichtiger Mitarbeiter an 
der sthweizerisdien Strafrechtsreform), das „Eigenartige" des Falles vielleicht 
besser und richtiger zu erklären vermögen. 

Unmöglich kann ich diese zwiefache Abweichung von den oben rühmend 
angefühnen Qualitäten Ihres Lehrerdiarakters so erklären, als hätten Sie sich 
in zwanzig Jahren schließlidi zu Ihrem Nachteil verändert. Vielmehr muß 
__ als einfacher und für Sie günstiger — angenommen werden, daß irgend 
ein Moment in diesem konkreten Falle die Integrität des geschilderten hoch- 
wenigen Lehrer- und Rezensentendiarakters empiindliJi gelahrdet. Jemand 
so plötzlich von seinen guten Eigensdiaften verlassen sehen ... — nein, 
da muß zu Ihrem Gunsten angenommen werden, daß persönlidie, Ihnen 
vermudich nicht bewußte Gründe bei Ihnen eine so wirksame negativ- 
affektive Einstellung gegen die Psychoanalyse geschaffen haben, daß Sie, wo 
Sie ihr als Riditer gegenüber stehen, em akutes Opfer Ihres Unbewußten 
werden. 

Darum kann wohl auch nidit erwartet werden, daß Sie Ihre Befangenheit 
in diesem Falle, das Aussetzen der Rezensenten Objektivität, erkennen und 
eingestehen. 

Aber vom Dritten, vum Leser Ihrer Kritik und dieser Zeilen kann er- 
wartet werden, daß er erkennt, Ihre drastisch verwerfende Kritik nicht 
akzeptieren zu dürfen, ehe er nicht weiß, worin jenes „Eigenartige" des 
Kriminalfalles bestand. War es Ihr Bestreben, Herr Professor, Ihre Leser 
von der Lektüre der Bonapartes dien Studie zurückzuhalten, so dürfte Ihnen 
kein Erfolg besdiieden sein ; der Leser erfährt von Ihnen nur, wie S i e 
selbst in affektiver Hinsicht zur Psychoanalyse stehen, aber was das Problem 
hei der Bonaparte ist, wie sie mit ihm zu Ende kommen will, wird er jetzt 
erst redit bei der Bonaparte selbst lesen wollen. 

Übrigens darf ich in diesem Zusammenhang wohl audi daraui hinweisen, 
daß auch die Psychoanalyse nicht so rasch fertig ist mit dem Wort, wie 
man nach Ihren Ausführungen annehmen könnte. Vielmehr ist die Psydio- 
analyse der Meinung, daß ihre tiefen psydiologis dien Deutungen fast immer 
noch weitere Vertiefungen vertragen (allerdings nach jener Richtung hin, 
woher — nach Ihrem Wertungsmaßstab — noch Unsinnigeres an den Tag 
gefordert wird). So hat z. B. auch der Fall Lefebvre auch noch eine weitere 
psychoanalytische Deutung erfahren. Franx Alexander und Hugo Staub 
erörtern in ihrem vor einigen Wochen erschienenen Buche „Der Ver- 
brecher und seine Richter, Ein psychoanalytischer Einblick in die 
Welt der Paragraphen" in einem eigenen Kapitel den Fall Lefebvre und 
ergänzen in aufschlußreicher Weise die ßonapanesche Studie. 

— 181 _ 



Ich glaube kaum, daß die beiden Berliner Autoren in Ihren Augen meli 
Gnade finden werden, als die Pariserin. Es sei denn, daß Sie Ihrem Mangc 
an Unbefangenheit gegenüber der Psychoanalyse doch noch auf den Grund 
gehen, was Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, als auch im Interesse de 
Strafrechtsreform, der eine Beeinflussung durch die Psychoanalyse nur nüK 
kann, auf das aufrichtigste wünscht 

Ihr (diesmal raiar bekümmerter, trotzalledem ver- 
ekrungsvoller und dankbarer) einstiger Sdiüler 

A. J. Storfer, 

Unzufrieden mit der De utungs arbeit der Prinzessin Bonaparte am Fall 
Lefebvre ist auch Dr. Gotthold M a m 1 o c k. Auch er ist der Inhaber einea« 
Amtes, dem das Zugehörige gegeben, und wenn auch nicht eines Katheders, so« 
doch des Amtes des wissen ach afdi eben Redakteurs des , Berliner Tageblattes". 
Die Bannflüche, die er aus diesem Stuhle schon wiederholt gegen die Psycho- 
analyse geschleudert hat, sind begreiflicherweise weithin vernehmbar. Diesmal 
macht er in einem Feuilleton, das die Überschrift „Traumdeutung — Die 
Prinzessin besucht die Mörderm" trägt, den Einwand, man habe die 
Lefebvre überdüssigerweise vorher über den Besuch der Psychoanalytikerin 
und dessen Zweck unterrichtet und sie habe daher Träume nach 
psychoanalytischem Rezept produziert. Darin sei eine Gefahr ge- 
legen : „es läuft schließlich darauf hinaus, dafi jeder Rechtsbrecher dem 
Psychoanalytiker sein eigenes seelisches Plaidoyer als Traumerlebnis diktiert.' 
Der Eweite Fehler der Bonaparte sei die .Überbetonung und Aus- 
legung sexueller Gesichtspunkte, die auch durch Umschreibung hier nicht 
einmal angedeutet werden können." 

e 

Im „Prager Tagblatt" stellt Max Brcyl in einem Aufsatz über „Volks- 
charaktere" die Behandlung des Schwiegermutter motivs im diinesi- 
schen Roman „Meine Mutter" (von Cheng Tscheng) dem Charakter der 
französischen Schwiegcnochtermörderin Madame Lefebvre (auf Grund der 
Schrift von Marie ßonaparte) gegenüber. „Es bleibt" — schreibt Max 
Brod absdiließcnd — „wie nadi der Lektüre fast aller psydio analytischer 
Schriften ein lief pessimistisdies Gerüh! : die Triebwelt des Menschen er- 
scheint als verbrecherisches Pandämonium und verlangt, daß der Mensdi 
ihren gespenstischen Winken folgt. Tut er's, so wird er zum Zerstörer 
fremden Lebens ; tut er es nicht, so wird er grenzenlos unglücklidi. Das ist 
die vielgerühmte freie sittliche Wahl." Brod zitiert dann einen Satz von 
Theodor R e i k (aus dem in diesem Frühjahr ersdiienenen Essayband „Der 
Schrecken"), in dem die schließliche, einen Frieden vortäuschende Zermürbung 
der von ihren Trieben Gefolterten beschrieben wird: „Eines jener nadi' 
denklichen, noch in ihrer Heiterkeit schwermütigen Worte, die in meinem 
Volke fortleben, drängt sich hier auf: Was für ein Glüd: ist es, daß niditi 

— 182 _ 



jjur die Gejagten müde weriJen, sondern auch die Jäger. — Das mag ein 
Trost für die Geheizten sein. Er ist keiner mehr für diejenigen, welche mit 
gebrochenen Augen auf der Stredte geblieben sind. Diese wie jede andere 
Weisheit dieser Welt läßt sie nun ziemlich kalt." 

„Und so sage idi ganz sdilidit: 

dieses Budi ist eine Gemeinheit." 

IAls „eine Analyse der Psychoanalyse" charakterisiert sidi im Untertitel das 
Budi „Freuds tragischer Komplex" von Charles E. Maylan, das 
soeben im Verlag Ernst Reinhardt, München erschienen ist. 
Im geistigen Erleben des Analytikers — findet Maykn — sei .die groß- 
artige Tat der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes nidit überzeugend ver- 
wirklicht" und er — Maylan — schicke sich nun an, Freuds Werk diesen 
ietiten Dienst r.a erweisen. Der Analytiker selbst weidie seinem Vater- 
komplex aus, Freud bleibe in der Analyse der eigenen Träume au£ halbem 
Wege stecken. Nun wird es von ihm — Maylan — vollbradit. Die Eigen- 
beispiele aus der Traumdeutung werden einzeln herangezogen und wo Freud 
versagt, feig und geheimcuerisdi, kann er — Maylan — noch weiter. Und 
aus all dem, was Maylan aus der Nachanalyse der Freudsdien Träume 
herausbekommen haben will, setzt sich ein trübes Konterfei, Grau in Grau, 
nodl eher Gräuel in Gräuel, der Psychoanalyse und ihres Schöpfers zu- 
sammen. Wir erfahren, daß unter dem Mantel Wissens chafdi eher Objektivi- 
tät heftig-bewegte Haßaffekce lodern, daß die analytisdie Methode aus 
der Qual der ungenialcn jüdischen Rasse herausgeschwiizt ist, daß Freud 
die Weltherrschaft der Juden unter dem Papsttum 
der Vernunft anstrebt, daß im gehetzten Gemütsleben Freuds ein 
Negativismus gegen Alles und Alle um sich wütet. Auch über den Sinn 
der „L a i e n d e b a 1 1 e", der innerhalb der Psychoanalyse vor sich gehen- 
den Diskussion darüber, ob die Ausübung der analytischen Therapie Medi- 
zinern vorbehalten bleiben soll, erhalten wir Aufschluß : es handle sidi dort 
darum, „ob ein gewisser Typus Mensch am besten dabei gedeihe, daß man 
dieses zweischneidige Chirurgen mess er der Seelenanaiyse dem jüdischen Arzte 
vorbehalte, oder ob er — zur unfreiwillig unwissenden Mitarbeit an seinem 
kasiiiert gehaltenen Ziele r d, i. an der Herrsdiaft Israels über die Welt 
aus der trügerischen Madit des iiberfruditeten Intellekts, — ob er das 
sdiarle Messer getrost auch dem arischen Philosophen in die Hand geben 
solle, in der bestimmten Erwartung seiner Unkenntnis der sicheren selbst- 
mörderischen Wirkung für Diesen und Seinesgleichen." Die Freuds die 
Psydioaiialysc verspreche Freiheit, aber sie löse das Versprechen nicht ein 
im Einsatz der eigenen Person, und der großspredierisdi ausgeworfene 
Köder ist nur utopistische Verantwortungslosigkeit 
eines bolschewistischen Demagogen. Man muß an das 
Dilemma von den Kretensern denken: Epimcnides behauptet, daß alle 
Krecenser lügen; Epimenides ist aber selbst Kretenser; dann ist aber audi 

— 183 — 



seine Behauptung eine Lüge . . . usw. Die Psychoanalyse entspringt nj(j, 
Maylan dem Mangel an „eingeborenem Adel", dem Bestreben nadi 
„PöbelheiTsdiafi" und der haßerfüllten Tendenz zur „Zersetzung d^j 
biologisch wohlgelungenen Lebens", diese Fesistellungen 
macht aber Maylan selbst angeblidt aul dem Wege der Psychoanalyse , . . 
Aber er empfindet es doch nicht als Dilemma, denn er betone ausdrücklich 
daß das Wertvolle der Psychoanalyse rettbar sei, wenn sie aus den 
Händen Freuds in die Hände „biologisch wohlgelungener neuer Philosophen" 
kommen wird, und das wird sie bald, wie man hoffen darf ; das erste 
wohlgelungene Händepaar, eingeborenen Adels, offen zur Entgegennahme 
ist eben nach ihr ausgestreckt worden. 

Wenn man auch bemüht ist, diesem affektiv herausgespieenen Buche mit 
einer objektiven Gelassenheit zu begegnen, die seine Eigenart kaum ver- 
dient, kann man doch eine Frage aufwerfen : gehört es za der Eigenart 
„eingeborenen Adels" „biologisch wohlgelungenen Lebens" an der Spitze 
eines Pamphlets gegen eine lebende Person das Porträt dieser ohne ihre 
Befragung und ohne Befragung des Künstlers, der das Porträt schuf, also 
sittlich und rechtlich unbefugt zu veröffentlichen, — und das 
Unterschriftsfaksimile des Objektes des Pamphlets ebenfalls und so in den 
herbeigelockten Lesern zunächst den Eindruck zu erwecken, als sei dieses 
Werk irgendwie mit Wissen und Einverständnis seines Opfers zustaode- 
gekommen ? Dr. Drill — der das Maylansehe Budi in der „Frankfurter 
Zeitung' referiert — spridit denn audi vom „Dolch im Gewände". Das 
Urteil Drills gipfelt Übrigens in dem Satze; „Und so sage ich ganz schlicht; 
dieses Buch ist eine Gemeinheit." Damit nun im Lager der 
Philosophie „eingeborenen Adels" nidit etwa vermutet werde, Dr. Drill ge- 
höre audi zu der jüdisdi-ärztlicli-materialis tischen Verschworung, sei von ihm 
festgestellt, daß er von jeher zu den Kritikern der Psydioanalyse vom 
philosophischen und ethisdien, kantischen Gesichtspunkt gehört ; wohl nidit, 
um sich -MC Psydioanalyse ku bekennen, ^ndern um Wesen und Wirkung 
des Maylanschen Budies von Mensch zu Iljensch, von Subjekt zu Objekt 
zu qualifizieren, bezeichnet es Drill schlechthin als Gemeinlieit, A I C* 

Psydioanalyse und Sdiulpsydiologie 

Im Juliheft der „Allgemeinen Ärztlidien Zeitschrift £ür Psychotherapie" 
besdiäftigt sich ein beachtenswerter Aufsata von Harald K. Schjelderup, 
Professor der Psydiologie an der Universität Oslo, mit den , Beziehungen 
zwischen moderner theoretischer Psychologie und Psychoanalyse". Die Psydio- 
logie wird als Wissensdiaft vom Erleben und Verhalten der Lebewesen 
definiert, sie hat die menschlichen (und tierisdien) Reaktionen aus einem Zu- 
sammenwirken von ursprünglidicn Reaküonstendenzen mit den Spuren 
früherer Erfahrungen zu erklären. Der beschreibenden Psychologie fälU 
die Aulgabe der Vergegenwärtigung bestimmter Bewußtseins zu stände und 
der Analyse ihrer Eigenart zu ; die viel wichtigere Aufgabe hat aber die 
erklärende Psychologie. Das Studium der individuellen Lebens- 
geschichte ist die einzige Methode, die uns den Sdilüssel zum Verständnis 

— 184 — 



(Jer Reaktionen der einzelnen Menschen zu geben vermag und ist somit für 
die gesamte erklärende Psychologie von zentraler Bedeutung. Die nicht- 
psychoanalytische Psychologie aber — führt Prol. Schjelderup aus — verfügt 
jjber keine Methode, die ein tieferes Eindringen in die Lefaensgcschichte 
eines Mensdien ermöglicht. Gewöhnliche Ausfragung, Fragebogenmelhoden usw. 
fördern nur ganz oberflächlidics und zutälliges Material zutage. „Man ent- 
behrt so der Mittel, um zu entscheiden, in welchem Grade und auf weldie 
Weise frühere Eindrüdte, die man ermittek hat, noch in der Seele des Be- 
ireffeßden fortwirken, und vor allem : man verfügt über keine systematisdie 
Methode, um der Dinge habhaft zu werden, die .vergessen' oder aus dem 
Bewußtsein .verdrängt' wurden, ahcr trotzdem einen bestimmenden Einfluß 
au£ die seelischen Reaktionen ausüben... Gerade diese Lücke füllt 
die Psychoanalyse aus." 

„Von der modernen, biologisch orientierten Auffassung der Psychologie 
aus gesehen, findet demnach die psychoanalytische Methode einen natürlichen 
Platz unter den Hauptmethüden der erklärenden Psychologie. Die Psydio- 
analyse ist somit nidlt von nur philosophischem Interesse für die allgemeine 
theoretlsdie Psydiologie, sondern ihre Resultate haben notwendig Bedeutung 
für die gesamte Seelenlehre. Für den Psychologen, der die PsydioanaLyse 
rcidiiich kennt, nicht nur als Theorie, sondern seiner eigenen Erfahrung 
nadi, kann es denn auch kaum einem Zweifel unterhegen, daß die ganze 
landläufige Schulpsychologic einer vollkommenen Um- 
schmelzung anheim fällt, sobald nur die Fachpsychoiogen mit der 
psychoanalytischen Methode umzugehen lernen und die wichtigsten psydio- 
logisdien Untersuchungen nicht mehr den Medizinern allein überlassen." 

Bemerkenswert sind die Ausführungen Prof. Schjelderups über seine 
eigenen Erfahrungen mit der Psychoanalyse: „Der Verfasser 
dieses Aufsatzes war als Experimentalpsychologe ausgebildet und Professor 
für Psychologie geworden, bevor er die Psydioanalyse durch eigene Analyse 
und durch Analyse anderer näher kennen lernte. Er glaubt daher mit einer 
gewissen Bereditigung würdigen zu können, was von der Anwendung der 
psydioanalytisdien Methode für die Vertiefung und Bereicherung der aU- 
gemeinen psychologischen Erkenntnis zu erwarten bt. Für ihn sehen die 
Dinge so aus, als ob die Sdiulpsychologie mit ihrer oberflächlich be- 
gründe ten Ablehnung auf dem besten Wege ist. ins Hintertreff en 
zu geraten und das nicht allein in Bezug auf (las theoretische Wissen von 
der Menschenseele, sondern auch hinsichtlich der Fähigkeit, auf die seelisdien 
Reaktionen praktisdi einzuwirken. Dem Verlasser ist es begegnet, — als er 
noch die Psychoanalyse nicht eingehender kannte, — daß er Mensdien gegenüber- 
saß, die ihn als Psychologen aufsuditen, um Hilfe in ihren seehschen Kon- 
flikten zu finden, und daß er versuchte, die Reaktionen der Betreffenden 
vermittels seines schulpsychologischen Wissens zu verstehen. Er muß aber 
bekennen, daß ihn dieses Wissen, praktisch gesprodien, vollkommen i m 
Stiche ließ, und er sieht sich genötigt, offen einzugestehen, daß ihm die 
Psychologie als Wissensdiaft erst dann zu einer riditigen Hilfe wurde, 
die Menschen, die ihm im Leben begegneten, zu verstehen, als er gelernt 
halle, mit der psychoanalytischen Methode umzugehen." Sf. 

— 185 — 



Psydioanalyse und Jugendkunde 

Vom „Jahrbucli der Erziehungswisscnachaft und Jugend- 
kunde", das von Dr. phil. et med. Erich Stern, a. o. Professor an der 
Universität Gießen, Dozent am Pädagogischen Institut Mainz, bei der «Union 
Deutsdie Verlagsgesellsdiaft", Berlin, herausgegeben wird, ist jetzt der IV. Band 
erschienen. 

Von den Beiträgen dieses Bandes sind besonders drei für den Psycho- 
analj^iker von nähcrem Interesse. Der Herausgeher selbst, Prof. Eridi Stern 
behandelt die „Psychologie in der Ausbildung der Erzieher". 
Der Beruf des Erziehers — betont er nachdrücklidi — ist kein wissenschaft- 
licher Beruf; eher noch kann er mit dem des praktisdien Arztes verglichen 
werden. Die Psychologie muß in der Erzieherausbildung eine zentrale Stellung 
einnehmen, aber nicht etwa wegen ihres rein wissenschafdichen Wertes, son- 
dern weil und insofern sie den Erzieher zur Ausübung seines Berufs be- 
(ahigt. Die Psychologie soll dem Erzieher Mittel und Wege weisen, sich über 
sich selbst klar zu werden, den Zögling richtig zu verstehen, sich selbst zu 
leiten und den Zögling zu behandeln. Welche Richmngen, welche Methoden 
der Psychologie — fragt Stern — kommen hier in erster Reihe in Frage? 
Die naturwissenschaftlich-experimentelle Psydiologie, meint er, klärt nur 
gewisse, vorwiegend das Lernen, den Unterricht, betreffende Teilvorgänge 
auf und ist insbesondere geeignet, vom anderen Menschen abzuziehen, während 
die geisteswissensdiafthche Psydiologie eher zu ihm hinführt. Die wichtigsten 
Bausteine zur Psydiologie des Erziehers selbst, zu seiner Selbsterkenntnis, 
haben nach Stern Strukturpsydiologie, Psychoanalyse und Individualpsycho- 
logie beigetragen. 

Dozent Dr. Fritz Giese (Stuttgart) verfolgt in seinem Beitrag -Experimental- 
psychologie und Jugendkunde" u. a. historisdi den Einfluß der Freudschen 
Entdeckungen auf die pädagogisdie Psychologie. Er erinnert an den „gehar- 
nischten Protest", der 1913 miter Wilii^m Sterns Führung in Breslau 
anläßlich der Tagung des „Bundes für SiJiulreform'' gegen die Freudsdie 
Lehre von der infantilen Sexualität formuliert worden ist. „Diese ablehnende 
Haltung konnte jedodi nicht aufrechterhalten bleiben. Niemand 
anderer als W. Stern erwies es in seiner .Psychologie der frühen Kindheit', 
deren Neuauflage sichdich durch die medizinisch begründete Tiefenpsycho- 
logie audi im positiven Sinne beeinfiuEt war." Und weiter unten schreibt 
Giese; „Trotz aller Einwände mußte es nur ein Frage der Zeit sein, wenn 
die von Freud begründete Tiefenpsychologie, die nicht nur das äußere 
Wie, sondern audi das innere Warum zu ermitteln sich mühte, end- 
gültig Einzug auch in pädagogische Kreise halten konnte." 

Der dritte Aufsatz des „Jahrbuches", auf den hier hingewiesen werden 
soll, ist von Dr. Heinrich Meng und behandelt „Psychoanalyse und 
Jugendkunde". Er setzt auseinander, welche Bedeutung für die Jugend- 
kunde die Entdeckungen Freuds haben, die zuerst die Grundlagen für eine 
Trieblehre und eine das gesamte Psychische (also auch das Unbewußte) 
umfassende Jugendkunde schufen. Meng erörtert die praktisdie Wichtigkeit 
der psychoanalytisdien Forderung, daß nitht nur Ärzte, die ihre Patienten 

— 186 — 



der Psychoanalyse unterziehen woEen, zuerst selbst einer Psychoanalyse 
unterzögen werden sollen, sondern daß auch die in der praktisdien Jugend- 
beratung und Pädagogik beruflich Tätigen sich analysieren lassen sollen. „So 
ist die Psychoanalyse in Form der Lehranalyse die wünschenswerte, nach un- 
serer Meinung unumgängliche Erziehungshilfe für die Erziehung 
des in der Jugendkunde beruflidi Täligen geworden, auch wenn er sie nidit 
praktisch und methodisch lum Psydio analysieren anwenden will." Sl. 

Religionskritik bei Marx und bei Freud 

Im Juniheft der in Jena ersdieinenden (von Prof. Dr. Julius Sdiaxel ge- 
leiteten) kullurpolilisdien Monatsschrift „Urania" finden wir einen Beitrag 
von Otto Jenssen unter dein Titel „Die Illusion ohne Zukunft 
— Marx und Freud," Der Verfasser findet die soziologischen Einwände 
die Karl K a ul s k y gegen Freuds These vom Vatermord in der Urhorde auf- 
zeigte, zum Teil berechtigt (wenn er auch Kautaky in der Ablehnung der Psydio- 
analyse schlechthin nidit folgen kann). Die Religion ändert ihren Charakter in 
der Klassengesellschaft insofern, als sie zu einem Herrschaftsmiitel wu'd und 
bei dem großen Unterschied an wisse nschafthcher Erkenntnis und Triebbefrie- 
digung bei den versdiiedenen Klassen sich noch in einer primitiven Form er- 
hält, wenn sie in anderen Gruppen schon überwunden oder stärker durdi 
wissenschaftliche Erkenntnis zurü (ige drängt isl. „Diese im einzelnen nachzu- 
weisen und in seinen mannigfachen sozialpsydiologischen Ersdieinungen dar- 
zustellen, wäre die Aufgabe einer von psychoanalytischen Er- 
kenntnissen befruchteten marxistischen Religions- 
g e s c h i c h t e." 

Nur wenn man die durch die Produktionsweise maßgebend bestimmte 
Willens- und Gefühlseinstellung berücksichtigt. — führt dann Jenssen aus, — 
versteht man den Erfolg oder Mißerfolg antireligiöser Weltanschauungen und 
die Grenzen der Macht der Religion als soziale Illusion. Die Zukunft gehört 
nicht den „urzeiüichen Phantasien, sondern der Wissenschaft und den Getüblen 
moderner Klass engemein Schaft, die der heutigen Gesellschaft und ihren 
Kämpfen entsprießen. Freud hat den Charakter der Rehgion als einer 
Illusion und einer neurotischen Wunscherfüllung nachgewiesen. Marx zeigt 
uns, daß die gcsellschaftiiche Stunde der Religion geschlagen hat, wenn wir . . . 
unseren Willen und unsere Triebe riditen auf eine Gesellschaft, die keiner 
niusionen mehr bedarf." 



„Unerhörter Angrifi auf die diristlidie Sittenordnung" 

Der „Verlag der Zeilsdirift für psydio analytische Pädagogik" halte einen 
Prospekt an Lehrer und Lehrerinnen versandt. Um über das Stoffgebiet der 
Zeilsdirift zu informieren, enthält dieser Prospekt auf 32 Seiten von 32 ver- 
sdiiedenen Aufsätzen, die in den swci ersten Jahrgängen erschienen sind, je 
eine (d. h. die erste) Seile. Wer hätte gedacht, daß jemand diese Bruch- 
slütke zu einem anderen Zwed;e ansdiauen kannte, als um zu erfahren, weldie 

— 187 — 



Themen in dieser Zeilsclirift behandelt werden und in welcher Art (also %. ß 
ob sie für den Nichtmediziner verständlich sind usw.). Der ^Zweigverci^ 
Bühl-Baden-Rastat t" des „Vereins katholischerdeutschei 
Lehrerinnen" hat es fertig gebracht, auf Grund der ga Bruchstücke des 
Prospektes (die, wie gesagt, ganz willkürlich jeweils beim SdJuß der ersten 
Seite abbredien) über die Psychoanalyse schlechthin ein Urteil tv. fällen. Der 
genannte Zweigverein veröffendicht in der „ W ochenschrift für 
Katholische Lehrerinnen" einen Protest gegen die Psychoanalyse 
„nadi eingehender Lektüre und Prüfung sämtlicher Abhandlungen des Probe- 
heftes" {gemeint sind die unznsammenhängenden Probeseiten). In diesem Protest 
heißt es u. a. ; 

„Freuds Pan Sexualismus . . . lehnt die chrisdiche Psychologie ab . . . Als 
eine Entartung übelster Art und einen unerhörten Angriff auf die 
Ethik und christliche Sittenordnung betrachten wir es, wenn 
unter dem Deckmantel der Wissenschaft in den einzelnen Abhandlungen der 
obgenannten Zeitschrift das Gewissen als etwas Relatives beieidinet 
und der freie Wille der Menschen in Frage gestellt wird , . ." 

Als besonders abschreckend werden aus dem Zusammenhang gerissene 
Stellen aus dem Sonderheft „O n a n i e" der „Zeitschrift für psydioanalytisdie 
Pädagogik" zitiert (so z. B. ein Satz von W. Reich, daß „die Fähigkeit, ohne 
Schuldgefühl ungestört onanieren ^u können, zur seelischen Gesundheit gehört"). 

Im Juliheft der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" entgegnet 
Dr. Heinrich Meng an leitender Stelle auf jenen Protest katliolischer 
Lehrerinnen. 



MITTEILUNGEr^ 



Psydioanalytisdie Veranstaltungen 

In der Zeit vom 26. bis zum 31. Juli findet in Oxford der XI. Kon- 
greß der Internationalen Psychoanalytischen Vereini- 
gung statt. Es werden folgende Vorträge gehalten: 

Prof. Dr. Paul Schilder (Wien): Der Grundplan der Seele 

Dr. EdwarJ G 1 v c r (London) ; Grades of Ego-diffcrentiation 

Dr. H. N un b c r g (Wien): Die synthetisdie Funktion des Idi 

Dr. A. R. Alleody (Farii): L'inslincl: social 

Dr. Emest Junes (London); Anxlely, Haie and Guilt 

Dr. Ludwig Jekels (Wien): Zur Psychologie des Mideids 

Dr. S. Ferencii (Budapest): Fartsdiritlc der analylisdien Tcdinik 

Dr. Rene Laforgue (Paris): La therapeutique psydioanalydque et !a volonte de 
gTierir 

Dr. Franz Alexander (Berlin) : Die Grenzen und die EnCwicklungsmÖglidikeitcn 
der iisydioanaly tischen Behandlungsteduitk 



— 188 — 



Dr. Erast S i ra m e 1 (Berlin) : Beilrag :ium Suchtprobiem 

Dr, Paul F e d e r n (Wien) : Unierscheidung des gesunden und krankhaften Nariißmus 
Dr. H. D. Eder [London); Dreams as Resistance 

Melanie Klein [London) ; Thcoretisdie Ergebnisse aus der Analyse einer frühinfantilen 
> pementia praecox 

Hina Searl (London): Dangers Situacions of the Immature Ego 

Anna Freud [Wien); Ein Geeeiislück zur Tierphobie der Kinder 

Dr. S. Pfeifer (Budapest): Über einen Typus der Abwehr 

Dr. laador Coriat (Boston): Instincmal Medianisms in the Neuroses 

Dr. Wilhelm Reich (Wien): Klinisdie Bemerkungen zur Trieblehre 

Dr. Helene Deutsch [Wien): Über Frigidität 

Dr. Maxim Steiner (Wien); Die Bedeutung der femininen Idenliiizicrung tur die 

männliche Poleni 

Dr. Otto Fenichel (Berlin): Zur Psychologie des Transveititismus 

Dr. A, S. Lorand [New York): Fecischism in statu nascendi 

Dr. Dorian Feigenbaum (New York) : Paranoia und Magie 

Dr. Carl Miiller-ßr aunschwcig (Berlin): Der normale Kern der religiösen 

Ein Stellungen 

Hans Z u 1 1 i g c r (Itligen-Bern) ; Psydioanalysc und Fuhrerschaft in der Sdiule 

Dr. Michael Balint [Budapest); Psych ose Kueüe Parallelen zum biogenetischen 

Grundgesetz 

Ella S h a r p e (London) ; On Certain AipecEs of Sublimation and Delusion 

Dr. Sarasi Lal Sarkar [Bengal): A Gonveriion Phcnomcnon in the Lile ol tht 

Dramatist Giiish Chandra Cliose 

* 

In der Zeit vom 29. Juli bis ztim 3. August veranstalten die Herausgeber der 
,Zeitsdirift für psychoanalytische Pädagogik" in Stuttgart (itn Kursaal 
Cannsiatt) die „Zweite Pädagogische Woche zur Einführung in die 
psychoanalytische Pädagogik". Es werden folgende Kurse gelesen; 

Dr. Gustav Hans G r a b e r (Bern) : I. Werden und Vergehen im Mythus 
und in der Vorstellung des Kindes — 11) Das Traumleben des Kindes — 
III) Analyse eines nachtwandelnden Knaben 

Dr. med. et phil. Wilhelm H f f e r (Wien): Pubertät und Neurose 

Dr. Heinricli Meng (Frankfurt a, M.) : I) Die Krisis der Pädagogik durdi 
Freud — U) Die katholischen Lehrerinnen und die psyAoanaiy tische Pädagogik 
(Antwort auf einen Protest) 

Prof. Dr. Ernst Schneider (Stuttgart) : I) Angst und Schuld — 11) Der 
Rorschachsdie Form deute versuch und seine diagnostische Verwertung io der 
Sdiule 

Hans Z u 1 1 i g e r (Ittigcn-Bern) ; Praktisdie Anwendung und Ergebnisse de 
Psychoanalyse in der Schule. 

Der Lehrausschuß der , W iener Psychoanalytischen Ver- 
einigung" kündigt für das Wintersemester igaa^SO folgende Kurse an; 
A. Aichliorn; Analyse des Verwahrlosten (4 Stunden. Beginn i 4. Oktober) 
Dr. R. Wälder: Traumtheorie. (5 Stunden. Beginn 15. Oktober) 
Dr. Helene Deutsch: Spezielle Neurosenlehre (ö Stunden. Beginn 
19. November) 

Dr. W. Reich; Psydioanalyse und Gesellschaftslehre (4 Stunden. Beginn 
21. November) 

; _ 189 — 



Dr. P. Federn: Spezi alprobleme des Narzißmus (4 Stunden, Beginaj 
7. Januar) 

Dr. H. Nunberg: Traumdeutung (6 Stunden. Beginn 13. Januar) 

Dr. L. J e k e 1 s r Psychoanalytische Charakterologie (5 Stunden. Beginn 
4. Februar) 

Dr. E. B i b r i n g : Probleme der Psydiiatrie (4 Stunden. Beginn 24. Februar) 

Dr. H. H a r t ni a n n : Einführung in die Wissens chaftslheorie der Psycho- 
analyse. 

IJr. R.. Wälder: Gesdiichte der Erlösungslehren. 

Außerdem werden abgehalten: Seminare für psychoanalytische Therapie 
(geleitet von Dr. W. R e i c h) und zur Technik der Kinderanalyse (geleitet 
von Anna Freud), ferner eui Pädagogisdies Praktikum in Horten, Tages- 
heimstäiten und Kinderheimen (A, A 1 c h h o r n). 

Auskunft über Fragen des dieoretisehen Unterrichts und der praktischen Aus- 
bildung in der Psychoanalyse bei Frau Dr. Helene Deutsch, Wien I, Woll- 
zeile 33 [Mittwoch 2—3 Uhr nachmittags) 



Das „Berliner Psydioanalylische Institut' (W 62, Wich- 
mannstraße 10) kündigt für das Quartal Oktober— Dezember 1929 folgende 
Lehrkurse an : 

1) S. R a d 6 ; Einführung in die Psychoanalyse, I. Teil (7 Stunden, ab 31. Okt.) 
a) F. Alexander: Einfiihrung in die Traumdeutung (7 Stunden, ab 
31. Okt.) 

3) J. H a r n i k : Triehlehre, I. TeU (7 Stunden, ab 30. Okt.) 

4) O. F e n i c h e I : Spezielle Neurosenlehre, ü. Teil (7 Stunden, ah 
1. Nov.) 

5) H. Sachs: Psychoanalytische Technik, I. Teil [7 Stunden, ab 4. Nov.) 

6) C, Müller-Braunschweig; Seminar über Freuds metaspsydio- 
logische Schriften (7 Doppelstunden, ab 4j^ov,) 

7) M. Eitingon u. a. : Technisches Seminar 

8) M. Eitingon u, a. : Praklisch-therapeulisdie Übungen 

g) Karen H o r n e y : Sexualbiologie (j Stunden, ab 30. Okt.) 
10) S. Radö: Referatenabende (4 Doppelstunden, ab 31. Okt.) 
it) Siegfried Bernfeld: Psychoanalytische Besprechung praktisch-päda- 
gogischer Fragen (Ab 1. Nov.) 

12) Arbeitsgemeinschaft für psychoanalytische Kinder- und Jugendpsycho- 
logie (ßernfeld, Harnik) 



Psydioanalytisdie Zeitschriften 

Von der „Int ernationalen Zeitschrift für Ps y ch a n a I y s e" 
(Offizielles Organ der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung", heraus- 
gegeben von Sigmund Freud) ist soeben Doppelheft a/3 des Jahrgangs igag 
(Band XV) als Festschrift zum 50. Geburtstag von Ernest Jones er- 

— 190 — 



jdueneD.' Auf den Inlialt dieses Jooes-Heftes -ist bereits an einer anderen 
SteKe hingewiesen worden, (Man vgl. die Fußnote auf S. 116 dieses Heftes). 
Das Hefl enihält übrigens auch ein vollständiges Namen- und Adressenver- 
^idinis der Mitglieder der „Intcraationalen Psydioanalytischen Vereinigung." 

Die ebenfalls jetzt erschienene englische Jones-Festschrift (Heft 2/3 des 
Jahrgangs igag des „International Journal of Psydioanalysis") hat zum großen 
Teil einen mit dem der deutschen Zeitschrift identischen Inhalt. Folgende Bei- 
uäge sind jedoch nur im englisdien Jones-Heft enthalten : A. A. Brill : Un- 
(onscious Insight: Some of iis Manifestations — C. P. Obemdorf: Sub- 
mucous Resection as a Castration Symbol — John Rickman : On Quolations 

— Th, van Schelven : Psydiiatry and Psychoanalysis. 

Soeben erschien von der „Imago, Zeitsclirift für Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften" (herausgegeben von Sigm. 
Freud) Heft 2 des Jahrgangs 1939 (Band XV) mit folgendem Inhalt r Winter- 
stein: Dürers „Melancholie" im Lichte der Psychoanalyse ~ Reik: Künstle- 
risches Schaffen und Wiizarbeit — Reik: Freuds Studie über Dostojevski — 
Kielholz: Johann Georg Zimmermann zum 300, Geburtstag — Wulff: 
Zur Psychologie der Kinderlaunen — Referate. Preis der Hefte M. 6,— ; 
Abonnement des ganzen Jahrgangs (4 Hefte) M. 22. — . 

Das Julihefi der „Zeiisdirift für psycho an alytisdie Pädagogik" (III. Jahrgang, 
Heft 10) erschien soeben mit folgendem Inhalt : Meng: Zur Protesterklärung 
katholisdier Lehrerinnen gegen die Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik — 
Reik: Das Kind betet — S a d g e r : Verstehen wir die Liebe unserer Kinder ? 

— Baudouin: Ein Fall von Bettnässen — P i p a I : Er möchte ein Mädchen 
sein — Heilpern: Über den Vorgang des „Kaufens" bei Kindern — Be- 
ridite. — Preis des Heftes M. 1. — {Abonnement M. 10.— jälirlich.) Das 
nächste Heft (Doppelheft u/12) erseheint als Sonderheft über den „Selbst- 
mord" im September. 

Das soeben erschienene neueste Heft der von Prof. H. Levi-Bianchini 
fTeramo) herausgegebenen Vierteljahrsschrift „Ardiivio Generale di Neuro- 
logia, Psichiatria e Psicoanalisi" enthält einen Aufsatz von Dr. Edoardo Weiss 
[Trieste) über den „Ursprung der sozialen und religiösen Gefühle vom psycho- 
analytischen Gesichtspunkt". 

1) Preij dicjcj Doppclhdics M. 15.— ; Aboimcnirni: des janien Jahrganpi loäq (4 Htfie) 

M »a,— 



EigCDfüinpr und Verleger : 

Inlernadon^kr Psych oanalylisdier Verlag, Gm. m. b. H., Wieji, t., S6racfa33c 11 

Herausgeber: Adolf Josef Slorfcr, WicD, 1., Börsegasse ii 

Für die Redaklion vtiantwordidi : Dr. Ediiha Slerba, Wien, VI., MariahilferstraKc 71 

Druck: Johann N. Vcmoy A.-G.. Wien, IX., CanijiiLigajjc S— 10 

— 191 — 



n 



5ICM. FREUD 

GESAMMELTE SCHRIFTEN 

Klf Bände in Lexüconformat 



Unter Milwirltung Jcs Verfasserj teraiu gegeben 
voa Abho Freud ucd A. J. S torler 



I) Studl»n über Hyrterie / FrOhe Aibellcn zur timiatailtlae iSctf— 1899 

11) Die TrauiDdetitung 

III) ErgäniunRen und Zusalaliapitel lur Traumdeutung / Über den Tratuu / Beiträge 
lur Traumlehre / Beiträge zu den «Wiener Diflkuiainnen" 

IV) Zur Psychopathologie des Alltafislebenj / Daj Interesäe an der Fsjchoanalyse / 
Ober Psjdhnanaljse / Zur Geschichte der psychoanalytisch eu Bewegung 

V) Drei Abhandlungen jur Seiualtheori« / Arbelt«i tarn Seiualleben nnd iDr 

Neurosenlehre / Metapsychologie 
VI) Zar Technik /Zur Einführung des NaniDmuj/Jenselti des Lujtprinilpj/ Maaen- 
psychologie und Ich-AnaJyse / Das Ich und das Es / Anhane 
VH) Vorlesungen zur Klnfiihrung it» die Psychoanalyse 
VHI) Krankengeschichten 
IX) Der WltE und seine Bedehnng lum Uahewußten / Der Wahn und die Tratune 
In W, lenseni „GiBdiva"" / Eine KlndheltieiinneninB des Leonardo da Vind 
X) Totem und Tabu / Arbeilen im- Anwendung der Piycboanaljse 
XI) Schriften aus den Jahren 1933— 19:6 / Geleitworte in fremden Werken / Gedenk- 
acHkel /Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren iga6—\tpä 

Geheftet M.%8o. — , in Ganzleinen M.330.—, 
in Salbleder (Smweinsleaer) M. 380, — 

Hermann Hc^se in der »Neuen Rundsoiau « ; Eine gTol|e, 
«iöne Gesamtausgate, ein würdiges und verdienstvollej \v erfe 
■wird da unter Dadi getradit. — Prof. Rayinund Oclimidt in 
den »Annaleti der Pliiloaoptiie«: DruJt und Ausstattung »ind 
geradeiu aufregend «Jiön. 

AusfüLrlidie Frolpekte auf V erlangen ron 

Internationaler Fsychoanalytiscner v e r 1 a g 
AV^ien I, Börsegasse i»