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Full text of "Die Weltbühne 29 1933"

Die 

li^Uliuliiie 

Der SchAubuhncXinLSalur 

Bedrondrtvon Siegfried JacoiisQliD 

Vnler MLilarbeii vontturlTucholsksr 
tfdeiiei ««m Call v.Ossieizky 



29. Tahrgang 

1 ? 3 3 



L 



VeilaiS dcr Vldfliahne 

ChAriDiienbur^^Kaiitfsfrasse 152 



XXIX. Jahrgang 3. Jannar 1933 K«)ilii|r^ 

Wintertnarchen von cari v.ossietzky 

Die Ritter 

Am Anfang des Jahres 32 stand die Nazidiktatur vor dcr Tiir, 
^^ war die Luft vol! Blutgeruch, schien die Erfiillung des Pro- 
gramms von Boxheim nnr eine Frage der Zeit zu sein. An 
seinem Ende wird die Hitlerpartci von einer heftigen Krise ge- 
schiittelt, sind die langen Messer still ins Futteral zuriick- 
gesteckt und offentlich sichtbar nnr die langen Ohren des 
FiLhrers. Die deutschc Entwicklung geht nicht glatt aber rapid. 
Als ich mich vor mehr als sieben Monaten verabschiedete, 
regierte Briining noch und jencr inzwischen sagenhaft gewor- 
dene Groener, der jetzt wiedcr seine iiberzahlige Figur aus der 
Versenkurig schiebt, in der ihn sein Freund Schleicher so ele- 
gant hatte verschwinden lassen. Es kam der Herrenklubr und 
die autoritare Regierung. Ein ganzer Artushof von heftig irren- 
den Rittern schwarmte aus und in gut bezahlte Positionen hin- 
ein, und Lancelot vom , See wurde Reichskanzler, wahrend 
Merlin, der Zauberer, als Professor Wagemann verkleidet, seine 
Kunst an der Wirtschaftskrise versuchte. Hokuspokus, hokus- 
pokus, dreimal schwarzer Kater. In alien Ressorts saBen plotz- 
lich schlanke Kavaliere, wie aus praeraffaelitischen Tapeten ge- 
stiegen, uiwl verhangten das Mittelalter iibcr uns, Es fehlte 
neben andem Edikten, um uns auch ganz konsequent in die 
schonere Vergangenheit zuriickzufiihren, nur noch die Wieder- 
einliihnmg des jus primae noctis, obgleich nach den devastie- 
renden Wirkungen des Kulturbolschewismus eine nennens- 
werte Ausbeute nicht mehr zu garantieren gewesen ware. 

Das Regime Papen beganni mit vehementem Auftrieb. Es 
entialtete vor den Augen der verbliifften Nation eine ent- 
schlossen reaktionare Aktivitat, die von keiner bescheidenen 
Ahnung der Wirklichkeit gelenkt wurde. So koUidierte der 
grundsatzlich neu gefiihrte Staat, dem nur noch die nominelle 
monarchische Spitze fehlte, mit dem nun einmal vorhandenen 
gesellschaftlichen Fundus; die flotten Herrenreiter fielen dabei 
kopfiiber in den Graben. Sie zogen sich still in ihren Friih- 
stiicksklub zuriick und suchen nun die blaue Blum« in der 
Weinkarte, Das Ganze wirkte wie eine postmortale Mani- 
festation, als sollte den jungen Leuten von heute gezeigt wer- 
den, wie der Staat von 1910 ausgesehen und was fiir briillende 
Unfahigkeit damals ganz oben Posto gefafit hatte. 

Und nun ist Kurt von Schleicher endlich Reichskanzler. 
Ein Ehrgeizigcr ist am Ziel. Wenn er zum Besten des Vater- 
lands ahnliche feste Ellenibogen zeigt wie in seiner eignen Kar- 
riere, so gehen wir goldenen Zeiten entgegen. 

Die Landsknechte 

Papen woUte gemeinsam mit Hitler das sacriun imperium 
machen. Hitler lehnte ab, und die Berater des Reichsprasiden- 
ten waren nicht geneigt, mit Ritter Lancelot allein zu reiten. 

1 1 



Schleicher findet bei scinem Begimi die Nazipartei in 
argsten Verlegcnheiten, ihr Expansionstrieb hat sich durch 
Furcht vor dcr legalcn Verantwortung ebenso wic vor der 
revolutionaren Aktion selbst ad absurdum gefiihrt; Die von 
dem e wig en Hitlerschreck belreite Linke begriiBt den neuen 
Kanzler mit einem erleichterten Aufatmen und schrcibt sei- 
nem staatsmannischen Ingenium freudig zu, was teils das Werk 
anonymer sozialer Krafte ist, teils das naturliche Ergebnis einer 
dilettantischcni Fiihrerschicht, der man besser aufs Maul sicht 
als aui die Fauste. Es ist jedoch notwendig, in dcr nachsten 
Zeit auch anf die Taschen zu achten. Wer sie wicder fiillen 
kann, der wird auch die Partei haben. 

Die Krise der Nazis ist vor allem eine finanziell^?. Die 
theorctisch interessierte Schicht in der Partei war immer herz- 
lich diinn, Di« Intellektuellen sind schon mit Otto StraBer imd 
Buchrucker geschieden oder sammeln sich im ,Tat'-Kreis 
und in unzahligen Konventikcln, Das Gros der Parteimitglie- 
der best eh t aus den Diimmsten der Dmnmen, die Cadres der 
Braunjacken werden durch Barzahlim.g zusammengehalten imd 
nicht durch eine Gesinnung. Die Zentralc hat a*us dem Vollen 
gewirtschaftet, sie hat von der Aussioht gelebt, in absehbarer 
Zeit den Staat mit ihren Heuschreckenschwarmen zu uber- 
ziehen, und sie hat sich darin getauscht. Ihre alten Brotgeber 
von der Industrie sind entweder pleite oder durch einige sozial- 
radikale Zwischenspiele enttauscht. Mitten, in einer bettelarm 
werdenden Zeit war Propaganda der Partei und Lebensstil der 
Fuhrcrschaft auf eine Opulenz gestellt, die zwar die sozialisti- 
schen Arbeiter nicht blendete^ wohl aber jenes verrottende 
Kleinbiirgcrtum, das jeden Propheten zu steinigen bereit ist, 
der sich nicht einen Mercedeswagen und ein Quartier im 
nKaiserhof* * leisten kann. Dieser Parvenustil ist bedroht; SA- 
Leute ohne Sold in imgeheizten Mannschaitsstuben wittern 
hinter der Hitlermessiade den Klanteschwindel und gr einen. Es 
ist nicht ausgeschlossen, daB Adolphus luid die Seinen mit zu- 
nehmender Mis ere spirit ueller werden, aber die Hun^rigen imd 
Beuteiustigen, die auf sie geschworen haben, werden mit geisti- 
gcn Reizen kaum zu betoreni sein. 

Der Konflikt zwischen Hitler imd Gregor StraBer hat die 
irniern Schwierigkeiten der Partei evident gemacht, Wir wol- 
len nicht Prognosen iiber den moglichen Verlauf des Streites 
wag en; bei dem unerforschlichen Ehrenkodex dieser Wahrhaft 
Teutschen ist sogar eine Versohnung nach reichlichem Dreck- 
bombardement nicht ausgeschlossen. Dcr baumstarke Gregor 
ist ohne Zweifel kein halbseidner Jammerlappen wie der groBe 
Adolf, aber was er will, was er als Personlichkeit, losgelost 
von seiner Garde, bedeutet, das hat noch niemand ergriindet. 
Seit Jahr und Tag raunen geschaftige Freunde, Gregor sei dcr 
„Eigentliche" und kein bloBer Aufschneidcr und Versammlungs- 
Schlagododro wie die Andern, sondern trage ein Programm 
der Verbriiderung aller Werktatigcn fix und fertig in der 
Tasche. Vor nicht vielen Wochen noch iiberraschte uns ein 
Gregorianer mit der Neuigkeit einer „Gewerkschaftsfront*' 
unter dem Kommando dieses ewig kommendenj Mannes* Wir 
haben Gregor StraBer mit jenem Intcresse verfolgt, das cine 



Vitalitat erwcckt, mud habcni nichts gcfundcn, was zm Furcht 
odcr Hof fnunig bercchtigtc. Es stellte sich immcr nur ein breit 
moralisicrender Rhetor und Interpret sozialkonscrvativer Idccn 
vor, die hcute unter alien lilcrarischen Kaff eehaustischen acht- 
los fortgefegt werden, andrcrseits aber auch cin durchaus un- 
bestimmter Politiker, dcr sioh cbensogcrn nationalrevolutionar 
gab wie er Verbindungsmann zu Herrn von Schleicher und dcm 
Zcntrum spielte. Grade well diescr Gregor tiber sympathischc 
Ziige verfiigt, ist man gencigt, ihn mit einer Sachlichkcit zu 
priifen, die an eine hysterische Kascmilbe wie Gocbbels ver- 
schwendet ware, aber diese Priifung fordert nichts zu Tage als 
eincn Sack veil Nebel 

DaB eine Partci, die vor ein paar Monaten noch alles f or- 
dertc und nach ihrem Umfang auch fordern durftc, sich hcute 
schon in Krampfen windet und of fen die kiinftigen klasscn- 
maBig bedingtcn Teilungsschnittc zeigt, ist natiirlich cin einzig- 
artiges Schauspiel Dcnnoch scheint es uns angebracht zu sein, 
vor liber spannten Erwartungen zu warncn. Die wirtschaftliche 
Grundlage ist noch immer dazu angctan, Desperados zu ziich- 
ten< Nur eine neuc allgemeinc Koniunktur ware imstande, den 
Nationalfascismus griindlich zu enlblattem, und auch die vor- 
aussetzungslosesten Optimisten wagen das nicht in nahe Aus- 
sicht zu stcUen, 

Man darf auch nicht vcrgcssen, daB eine modcrne Partci 
cin friiher unbckanntcs konzentricrtes Machtgebilde darstellt. 
Wir habcn nacheinander in verschiedencn Partcicn Meuterei 
und Sezession erlcbt — ; und was ist daraus geworden? Wcr 
auf der Kasse sitzt, tmd' mag sic noch so leer sein,, das Schalt- 
werk der Organisation vor sich, der bcherrscht auch die Situa- 
tion, der kann die Aufsassigen zunachst hinauswerfen> Der 
liberale, tolerante Parteityp alter Muster ist im Absterben be- 
grif fen, nicht mehr das Programm -sondcmi das Statut ist der 
Koran einer modemen Partei. Solangej noch em Disziplinar- 
urtcil vollstreckt werden kanni, ist die Omnipotenz der Zcn*- 
tralen nicht bedroht. Das sicht bei Wels, bei Thalmann, bei 
Hugenbcrg nicht viel anders aus. Die Partcicn August Bcbels 
odcr Eugen Richters warcn geistige Arcnen. Die heutigc 
Parteiform wird von Mussolini und Stalin bestimmt. In Re- 
krutendepots diskutiert man nicht, 

Trotzdem stcckt in der Krise des, Nationalsozialismus cin 
realcr politischer Kern, der allerdings nicht leicht sichtbar 
wird, Ein Riickbildungsproz cB findct statt, die Partci sucht 
thre UTsprunglichc Basis wiederzufinden. Sic hat in ihrem 
metcorhaften Lauf iiberall hospitiert und schmarotzt. Sic hat 
die KPD kopiert und sich nicht gescheutt in einem Streik an 
ihre Scitc zu treten, imd Herr Goring hat die Rechtc dcs deiho- 
kratischcn Parlamcntarismus so tonend vertreten, als hie Be er 
Erich Koch- Wcser. Die Zeit der sozialrevolutionarcn und 
republikanischen Eskapaden scheint definitiv voriiber zu sein, 
wenn nicht alles triigt, ist ins Braune Haus nach so viel Aus- 
schweifimgen doch eine Art Magdalcnenstimmimg eingczogen. 
Die Partci, die noch in jiingstcr Verging cnheit manche Lager 
gcteilt bat, will wieder die Rcchtspartci werden, die sic gc- 



wcscn ist, und nach einigen Zickzackmanovern wieder ihre alie 
Farbe tragen, Aus braiin muB wieder gelb werden. 

Die Hitlerpartei betont gern ihre Andersartigkeit, und sie 
darf in der Tat nicht mit hergebrachten Normcn gemessen 
werden, Wiirde sie heute jah in Atome zerspringen, so bliebe 
doch das Fakttim bcstehen, daU sie noch vor kurzem fiinlzehn 
Millionen Wahler gcfunden hat. Sic muB also nicht nur einem 
politischen Bedurfnis sondem auch einer speziellen deutschen 
Gemiitsanlage entsprechen. Ihre Brutalitat, Grofimauligkeit 
und Hirnlosigkeit haben nicht abschreckend sondern anziehend 
gewirkt und bedingungslose Gcfolgschait gefunden. Das bleibt 
eine nicht leicht zu beseitigendc Tatsache. 

Die Nationalsozialistischc Partei hat fiir fiinfzehn Millionen 
Deutsche genau das erfiillt, was sie sich unter einer politischen 
Partei vorgestellt haben. Niemals ist das deutsche Biirger- 
tum in einem Sakulum so ehrlich gegen sich gewesen wi€ in 
diesen paar Jahren riationalsozialistischen Wachstums. Da gab 
es nicht mchr intellektuellen Aufputz, nicht mehr geistige An- 
spruche, nicht mehr die akademischB Fassade reicherer Jahr- 
zehnte, Der okonomische Zusamraenbruch hat die inncre 
Roheit, die plumpe Geistfeindlichkeit, die hartc Machtgicr 
biirgerlicher Schichten — Eigenschaften, die sich sonst halb 
anonym hieltcn odcr in private /Sphare ableiteten — oifen 
bloBgelegt, Nur einmal haben nationalistischer Blutrausch imd 
politische Hilflosigkeit so bedenkenlos ftochzeit gefeiert, und 
das war zu Kriegsbeginn, Insofem ist die Nationalsozialistischc 
Partei der in Permanenz erklarte 4. August, Sie tragt am deut- 
lichsten die Illusionen dieses traurigsten Datums der deutschen 
Geschichte in eine verandcrte Zeit. 

Der grofle volkische Fiihrcr mit dem AuBem und den 
Alliircn eines Zigeunerprimas mag seine Saison haben und mit 
dieser abbliihcn. Was er an bosen und haBlichcn Instinkten 
hervorgerufen hat, wird nicht so leicht verwehen und fUr langc 
Jahre noch das gesamte offcntliche Leben in Deutschland ver- 
pesten. Neue politische und sozialc Systcme werden kommen, 
aber die Folgen Hitlers werden auf stehen, und spatcre Gene- 
rationen noch werden zu jenem Gurtelkampf antreten miissen, 
zu dem die deutsche Republik zu feige war. 

Der Mann dnzwischen 

Schopenhauer hat einmal dariibcr gespottct, daB die Uni- 
versitatsphilosophie die Weisheit des Sokrates zum Axiom er- 
hoben habc, denn sie sei ja durch kcin cigncs Werk des Mannes 
verbiirgt. Man mochte cine ahnliche Fragc crheben angesichts 
der begeisterten Artikel iiber die staatsmannische Begabung 
des Herrn von Schleicher, 

Die groBstadtische Pressc kennt keinen Dank. Wo sind 
Bnining und Grocner geblieben, ihre alten Lieblingc? War 
nicht Briining ein von mystischen Gaben Gcspeister, der auch 
beziiglich kommender Notvcrordnungen in seiner Kammer mit 
Gottes Engel rang? War nicht Groener der selbstvcrstand- 
lichc Nachfolger Hindenburgs? Ou sont les neiges d'antan? 

4 



Hcrr van. Schleicher ist eine Hiatergrundspcrsonlichkeit, 
die sich meisterhaft an die Rantpe gespiclt hat. Seine mili- 
tarische Lcistimg bcsteht in der Erlegung seiner Vordermanner 
nach den klassischen Rcgeln dcr Vernichtungsstrategic. Seine 
politische Leistung in der Schalfung ein«r absoluten Vormacht- 
stellung dcs Militars, in der Totmamovrierung des biirgerlichen 
Staates. Die Hauptetappen seiner glanizvollen Laufbahn sind 
zuglcich die Leidensstationen dcr Republik von Weimar 

Vielleicht ist es allzu rigoros, an den VorschuBlorbeercn 
fiir einen neuen Mann kritisch zu zerren. Die hoflicheren eng- 
lischen und franzosischen Blatter geben in solchcm Falle Chan- 
cen, lassen wenigstens zunachst die Fallstricke beiseite. Eines 
erklart aUerdings die Herrn von Schleicher gespendete 
Warme; er ist der Nachfolger des Herrn von Papen. Danach 
ist es nicht schwer, als Genie zu £elten, Und ware selbst, an- 
statt Schleichers, Micbaelis selig aus seinem friedlichen Alters- 
heim auf den Kanzlerstnhl geschritten, so hatten doch alle 
hochbcgliickt „Avc Caesar!" gcrufen. 

In der demokratischen Presse fliegen noch immer frisch 
gepuderte Weihnachtscngel aui und verkiinden eine neue libe- 
rale Aera< Die kleine Atempause um die Fciertage wird iiber- 
schatzt. Die Partcien sind des Wahlens miide und beziehen 
neuc Position, Abgewirtschaltet hat nicht nur der Kurs Papen 
sondem auch, was gern verkannt wird, der Kurs Bruning. 
Auch dicscr Riickweg ist versperrt. Was soil also werden? 
Ein parlamentarisches Regime ist kaum; denkbar, und moglich 
nur, nach mancherlei andem Versuchen, die neue, schroffere 
Diktatur. So sitzt man an den Kamincn, schaut traumend in 
die rote, Glut und erz'alhli sich Marchen von, Besserung,, Frei- 
heit imd Versohnung — Marchen, die nicht so lange wie dieser 
Winter wahren werden. 

General von Schleicher wird in eincr merkwiirdigen' Phase 
Reichskanzler. Deutschland hat sich in diesem Spmmer zur 
Konterre volution ebenso unfahig gezeigt wie 1918 zur Revolu- 
tion, und jetzt herrscht auf der Link en eine gewisse Verbliif- 
fung dariiber, da6 auch die von Rechts weder gescheiter noch 
€nergischer sind. Dieser Verwirrung verdankt Schleicher ein 
^utes Stuck seiner ijungen Autoritat. Seine Bar den behaupten 
zwar, sein Kopf strotze gradezu von politischen Id-een^ was aber 
nur schwer bewiesen werden kann xuidvon ihm in seiner Rxmd- 
lunkrede jcdenfalls sorgf altig getarnt wurde. Dagegen kann nicht 
bestritten werden, daB er iiber eine glanzende Personenkennt- 
nis verfiigt und leidenschaftlich gem jene diplomatische Kunst 
ausiibt, die man friiher „Finassiercn** nannte, Man darf sicher 
sein, daB Auseinandersetzungen mit seinem altenFruhstiicksgast 
Hitler und dem verb it ter ten Briining in den erprobtesten For- 
men einer nicht mchr ganz zeitgemaBen Kabinettspolitik vor 
sich gehen werden. Liebhaber von Kabalen allcr Art diirftcn 
auf ihre Kosten kommen — aber werden da von die Arbeits- 
iosea satt? 

So muB also! angenammeni werden, daB der weniger amii- 
sante Teil dcr Politik auch weiterhin bei Herrn Bracht liegcn 



wird, der schon bcwicscn hat, daB er die Scelc eines Gendar- 
mcn aufs gliicklichste mit dcr Faust eines alten Mobelpackers 
vereint imd der hintef seinem jovialcn Herrn hcrgeht wie der 
Lictor mit dem Beil. Nachdem die net ten Weihnachtswitnsclie 
vcrhallt sind, wird die Politik dcs vergangenen Kabinetts treu- 
lich fortgesetzt^ die Bcvorzugung der Agrarier ebenso wie 
der Abbau von sozialdemokratischen Beaunten. Herr von 
Schleicher war der starke Arm der Papenregierung, er mag 
dabci gelernt haben, daB auch der Kopf nicht auszuschalten 
ist, aber er ist jedenfalls nicht an die Spitze geholt worden^ 
wcil man ihn fiir eine profunda politische Begabimg halt, son* 
derni well er die Wehrmacht rcprasentiert, die einzige stabile 
Kraft in der Auflosung aller andern Ge wait en, 

Damit ist eine jahrelange Maskerade beendct, die wirk- 
lichc Macht tritt imverhiillt hervor. Und sie wird diktatorisch 
herrschen, bis ihr eine neugebildete Macht entgegentritt. Es 
ware vermessen, iiber Schlcichers Person prophczeien zu wol- 
len, wahrscheinlich wird er sich, bei dem Fehlen nenncns- 
werter biirgerlicher Gegengewichte, lange halt en, wenn auch 
die Berater, Heifer und Hilfsarbeiter oft wechseln werden. 
Eines aber ist sicher: er eroffnet die Reihe dcr Pratorianer- 
Kanzler. 



CarO-PetSChek-Finale von Wemer Arendt 

TJber diesen ProzeB ist viel zu viel geredet, gc witzelt, ge- 
*^ schimpft imd viel zu wenig nachgedacht worden. Wer die An- 
gelegenheit mit den Wort en „FamOienschmutz'* abtut und gar 
beiden Teilen die Schuld giibt, verkennt, daB es sich hier lun 
keine biirgerliche Rechtsstreitigkeit und um kein Privatklage- 
vcrfahren handelt, ubcrsieht, daB ntu- der eine Teil diesen Pro- 
zeB gewollt hat und daB der nunmchr freigesprochene Caro 
ganz gewiB kein sonderliches Vcrgniigen daram gcfunden haben 
kann, als Einundsechzigjahriger sechs Monate hindurch an ins- 
gesamt 96 Verhandlungstagen als Angeklagter in Moabit zu 
stehen, imd macht es sich denn doch «in wenig zu leicht, wenn 
er sich iiber die Ehre seiner Mitmen«chen ein Urteil bilden wilL 
Aber es kommt ja fur die Allgemeinheit viel weniger auf die 
Hauptfigtiranten dieses nun — hoffentlich! — erledigten Pro- 
z esses an als auf die erschiittemde TatsaChe, daB es brutale 
Geldmacht war, die die Einleitimg eines solchen Verfahrens^ 
ermoglichte und seine Durchfiihrung in diesem Ausmafl er- 
zwang. Ware hierbei ein Unrecht geschehen, ein Gesetz vcr- 
letzt worden, soi lage ein bedauerlicher Einzeliall vor, iiber dett 
man sich in der Offentiichkeit beklagen konnte, aber es ist ja 
grade das betriibliche, daB derartiges nicht unter Verlctzimg 
sondem unter peinlichster Bcachtung dcr gcsetzlichen Bestim- 
mungen moglich war, Waren die Petscheks so arm, wie sic ia 
Wahrheit reich sind, und Caro so schuldig, wie er tatsachlich 
unschuldig ist, nic ware es zu einem SkandalprozcB dicser Art 
und dieses AusmaBes gekommen, und wenn das Hauptverfah* 
ren eroflnet worden ware, so hattc es ganz gewiB nicht in sol- 



chcr Weise und so lange Zcit hindurch die Offentlichkcit be- 
schaftigt; Spitzcl aus Warschau, Gutachter aus London und 
Zcugen aus Ottawa (Canada) warcn dann ganz gewiB nicht zxun 
Termin gekommen. Hatte andrerseits Caro nicht libcr die Mit- 
tel vcrfiigt, die ihm tatsachlich zu Gebote stchen, so ware er 
nicht in der Lage gewesen, dem Gericht seine Unschuld zu bc- 
wcisen und sich gegen die schweren Vcrdachtigungen zu 
wehren, die von den drei Anwalten des Nebenklagers bis ziun 
letzten Moment mit Beharrlichkeit vertreten wurden. Wenn 
es auch immer heiBt, dafi man dem Angeklagten seine Schuid 
bcweisen miiBte, in der Praxis ist er es ja, doch, den die ge- 
samte Schwere der Beweislast triift Hier waren kostspielige 
Ermittelungen im Auslande notwendig, hier war es erforderlich, 
der Vernchmung von Zeugen im Auslande beizuwohnen, die 
bereits im Vorverfahren stattfand, und dabei schon Anwalte 
hinzuzuziehcn, hier konnte auf cine wortgetreue stenographische 
Aufnahme der 96 Verhandlungstage nicht gut verzichtet wer- 
den, wenn man diese Materie noch beherrschen wollte, und 
hier bedurfte man iiir die Hauptverhandlung mehrerer beson- 
ders erfahrener Strafvertcidiger, da eih einzclner zur Fiihrung 
dieses Monstre-Prozesses nicht in der Lage gewesen ware. Das 
sind allcs Aufwendungen, die etwa einc halbc Million verschlin- 
gen und von denen nach den geltenden Bcstimmungen dem 
Freigesprochenen nur ein ganz geringer Tcil als ,,'Uotwendige" 
Auslagen auch in solchen Fallen zuriickerstattet wird, in denen 
der Nebenklager ,,samtliche Kosten" zu tragen hat. 

Um was handelt es sich? ,,Kampf zwischen Kohlc und 
Stickstoff", so sagen Leute, die sich fiir ganz besonders geist- 
reich halten, ohne sich cine Vorstellung von dem Unsinn 
machen zu konnen, den sie da reden; einen Unsinn, den seibst 
das groBte zeichnerische Talent graphisch darzustellen nicht 
in der Lage ware, Nein, mit wirtschaftlichen Dingen hat 
die Entstchung dieses Streites nichts zu tun, es handelt 
sich ma etwas andres; Ein Vater schiitzte seine Tochter 
vor einem Ehemann, dem die Wahrnehmung seiner ehe lichen 
„Rechte" iiber alles ging, der eine Frau fiir eine Art von t.Kin- 
der-Forderungsmaschine" hielt und auf die dringenden War- 
nungen der Arzte mit einer Fragc nach der prozentualen Hohc 
der Mortalitatsziffer antwortete. Solchem Sachverhalt gegen- 
iiber muBtcn alle andem Bedenken zuriicktreten, und wenn 
eine Frau sich nach zehnjahriger Ehe von einem Mannc trennt, 
der schlieBlich der Sohn imd Erbe eines der reichsten In- 
dustriellen von Europa ist, so geschicht es gewiB nicht aus 
Mutwillen, Ehescheidung, Mitgiftsklage, Strafanzeige, so 
heiBen die weiteren Etappcn dieses Konflikts, der schlieBlich 
im Hauptvcrfahren in Moabit auf die Spitze gctrieben wurdc. 
Wie es dort zuging, ist den meisten nicht bekannt und aus den 
taglichen Verhandlungsberichten auch nicht zu ersehen ge- 
wesen. Petschek hatte nicht nur drei Anwalte an der Schrankc 
sondern noch mehrere im Zuhorerraum, der auflerdem mit 
Spitzeln beideriei Geschlcchts durchsetzt war. Gencralstabschef 
war der Senatsprasident am Reichsgcricht Tittel, der sich im 
Ruhestande befindet und seine Dienstc jetzt Hcrrn Doktor Pet- 
schek mit derselben Treue und Hingebung wie einst dem Reiche 



leistet. Keinea Tag lieB dicscr emcritiertc Wiirdentragcr vor- 
ubcrgehcn, ohne sich in iBeglcitung •eincs der Pctschck-Anwalte 
an die Richter heranzumachen unil mit ihncn im Erfrischungs- 
raum zu plaud^rn, Da6 uber den ProzcB gesprochen odcr daB 
damit das Gesprach begonnen wtirdei ist nicht anzunehmen, 
und ebenso wird jede direkte EinfluBnahme kliiglich untcr- 
blieben sein, Aber es kam wohl mchr darauf an, hier eine 
giinstige Atmospharc zu schaffen und im gegebenen Moment 
eventuell seinen juristischen EiniluB auszuspielen, denn wozu 
brauchten Petscheks sonst einen ehemaligen Senatsprasidenten 
vom Rcichsgericht als .rProzcB-Beabachter"? Grade von diesem 
inolfiziellen Sachwalter der Petscheks, der heute noch seine 
hohe richterliche Amtsbezeichnung wciterfiihrt und sich nicht 
etwa als Anwalt niedergelassen hat, ware zu erwarten gewesen, 
daB er aus eignem Taktempiinden jeder Unterhaltung mit den 
Mitgliedern der moabiter Kammer aus dem Wege gegangen 
ware, grade cr batte sich bei seiner langjahrigen richterlichen 
Erfahrung sag en miissen, daB er dutch die Herbeifuhrung von 
Fruhstucksgesprachen wahrend der Verhandlimgspausen die 
friihereii Kollegcn schweren Unamiehmlichkeiten ausgesetzt 
hatte — wofern diese zu einer Verurteilung gekoramen waren, 
wie es ja dem Wunsche seines Auftraggebers entsprochen 
hatte. Heute kann gesagt werden, daB zu derartigen Vorwiirfen 
Iceine Veranlassung vorliegt, da ja das freisprechende Urtcil 
beweist, daB die Mitglieder der Strafkammer keinerlei Ein- 
fliissen zuganglich waren. Was muB sich eigcntlich dieser 
friihere Senatsprasident vom Reichsgericht gedacht haben, und 
worauf mag seine etwas sonderbare Vorstcllung von der Mcn- 
talitat der Richter bertihen? Wenn man dariiber nachdenkt, 
wird einem bestimmt nicht besser . , , 

DaB das Gericht dem Nebenklager die Kostcn sowie die 
Erstattung der im Sinne des Gesetzes „notwendigen" Auslagen 
des Freigesprochenen auferlegte, ist bestimmt sehr erfreulich, 
denn es ware immerhin moglich gewesen, daB diese Kosten 
auch der Staatskasse batten aufetlegt werden ' konncn. 
Es ist eine dringende Aufgabe der Gesetzgebung, dafiir zu sor- 
gen, daB dergleichen in Zukunft nicht einmal begrifflich mog- 
lich ist, denn das hatte ja grade noch gefehlt, daB Multimillionare 
ihrc personlichen Rachegeluste gar auf Kosten der offentlichen 
Hand bcfriedigcn diirften, die wahrlich heutzutage notwendigcre 
Au£gaben zu erfiillen hat. 

Wem die offentlichen Anklagcbchorden nicht geniigen, 
wer selbst gem die RoUe eines Staatsanwalts spiclen odcr spie- 
Icn lassen will, sollte wcnigstens die voile Verantwortimg dafiir 
tragen, falls er die Wahrheit der von ihm behaupteten An- 
schuldigungen nicht erweisen kann, sowohl dem Staate gegen- 
uber, dem er erhohte Gerichtskosten erstatten, wie auch dem 
freigesprochenen Angeklagten gegenuber, dem er nicht nur die 
,,notwendigen Auslagen" ersetzen sondern in weitestem Sinne 
Schadenersatz leisten miiBte. Dann wird es nic mehr einen 
ProzeB k la Caro-Petschek geben, denn iibermiitige Multi- 
millionare straft man am besten da, wo sie am empfindlichsten 
sind; an ihrem GcldbeuteL 

8 



Spann von Kurt Hiller 

I 

r\er nationalistisc'hen Riickwartserei io Deutschlamd umd 
Ocsterreich feUt kemeswegs das gleichsam geistige Ftind^a- 
mcnt- Zwar schcint es wcniger granithart als das der kleri- 
kalen; es zeigt eiiuen jnehr mooirigeii od^r schlammigen oder 
lehmigen Aggregatzustand , . , doch es tragt. Die nationaUstiscKe 
Ruckwartserei hat cinstweilen kein Genie, aui das sie sich 
bcrufen konntc; aber sie verfiigt iiber ein Rudel Talente; sie 
hat ihre Theoretiker, ihrc Lcierschlager, ihre Literaten, ihre 
Prof'essoren. Da sind: nicht nur der selige Houston Stewart 
Chamberlain, der alte Adolf Bartels, der posthum einf luB- 
reiche Moeller van den Bruck; sondern auoh, sehr lebendigi 
die Bliiher, Grimm, Giinther, Hielscher, Jiingcr, Schwarz, 
Spengler; und da ist Sp^ann. 

Spann, Othmar, geboren 1878 zu Wicn, wirkl seit 1919 
an der Univcrsitat seiner Heimatstaidt als ^ordentlichter offent- 
licher Professor der politischen Okonomie nod Gesellschafts- 
lehre" (falsches Deutsch! vor .Gesellschaftslehrc* gehort ,dcr' cin- 
gcsohoben; denn „politische Gesellschaitslchre** ist Blech). Er 
liest und schreibt ubex Soziologie, Volkswirtschaft, Staats- 
wissenschaft, Melapolitik — ein Werk hieiUt sogar ,Der Schop- 
fungsgang des Geistes* . Wer Spann Totalitat absprache, ware 
far'benblind; ein enges HJerz, ein trockner Fachmann, ein 
Sauertopi ist diieser Professor nicht. Uncrhorte Quanten von 
Suggestion entstrahlen allsemesterlich seinem Katheder; er ist, 
zumal seit Kelsen nach Koln ging, der St2ir der wiener Hoch- 
schule; den besseren, nicht stumpf handwerklich gerichteten, 
sondern mit einem gewissen Hunger nach Thcorie geladcnen 
nationalistischcn Studenten aJlcr Spielarten bedeutet er un- 
gefahr d'as, was vor einem Vierteljahrhundert ons bessern 
Linksstudenten Georg Simmel bedeutet hat. O temporal 

Es ware sehr f alsch, die politischc Wirkliohkeit cines 
sojchen Erziehers zn unterschatzen; die reale, wtenn auch 
mittelbare Macht eines solohen Gesbinungsformcrs ga|izcr Ge- 
schlechter won Bildirngsbiirgem. Je mehr Urbanitat der Form 
und geistiger Reichtuni diesen osterreiohischen Ideologcn aus- 
zeichnen, desto giefahrlicher ist er. Kaffem, Seminarwebcl, 
reaktionare BuUen auf Lehrstiihlen sind keine Gefahr. Ich 
habe einigc Kilo Spann-Produktion d'urchsiebt; trostlich, daB 
der Geistgehalt in letzter Zeit, wie es scheint, abnimmt. Aber, 
zum Beispiel, seine .Gesellschaftslehre' (erstc Auflage: 1914) 
ist ein Buch von iippiger Ideenentfaltung, das sich dabei in 
verhaltnismaBig subtiler Weise mit Gcgnem aoiseinandersetzt 
uad dem ntu* eine genaue, ins Einzclne gehcnde Kritik, das 
heiBt eineBroschiire, wirklich gerecht wiirde. Ich muB mich 
beschranken, zu reiferieren, daB den Kemgedanken dieses 
Werks die Negation des „!ndividiialismus'* oder der „Einzel- 
heitslehre" und die Position des „Umversalismus" oder der 
„Ganzhcitslehre" bildet, Auf hunderten von Seiten bemuht 
sich der Verfasser mittels immer netier Argumente, den Nach- 
weis zu fiihren, daB die Gesellschaft keine Summe von Wechscl- 



bezieliuiigen, kcine bloBe Abstraktion, sondem ctwas „Eigen- 
wirkliches*' sei; <1^0 der Glaube irre, wonach sic „niir aus 
Einzeinen bcstunde" imd „<li'C«e Einzebien als selbstwuclisige» 
in sich gegriindete Realitaten sioh crwciscn ', Als das erwie- 
sen sich die Individu^n durchatis nicht; viebnehr „d>as Ganze, 
die Gcsellschaft, ist die eigeaitliche Realitat", „das Ganzc ist 
das Prim arc". Wobci „primar" in keinem zeit lichen Sinnc, 
soBidern im Sinmc einer „logischein Prioritat*' gemcint wird, 
wclcher damn heimlich cine mystisch-moralische entwachst, »,Fiir 
den Inidividualismus gibt es wohl eine Individtialethik, abcr 
keineSozialethik": scheinscharfsinnig unddurchaus imzutref f end ; 
denn jemand kann als Ontolog atomistisch-analytisch und zu- 
gleich als Ethiker kollektivistisch-synthetisch, namlich sozial 
denken; wie man auch zugleich ,,universalistisch" imd wirt- 
schaftsindividualistisch denken kann. . , Beweis: Spann, der 
in seinen mannigfachen Feldziigcn gegen Marx nicht etwa nur 
(was tins lieb sein konnte) dessen methodisch-philosophische, 
sondcm auch allemal seine okonomisch-politischc Flanke be- 
reniit, Pikant, daB der unerbittliche Verfolgcr jenes Indivi- 
dualismiis,! zu dem wir mystiklosen Zergliederer des Seienden 
Ja sagen, sich als Hort und Heller jenes andern Individualismus 
©ntpuppt, den wir als Propagatoren eines sozialistischen Sol- 
lens verwerfen. Die Sachc erinnert an die bekannte faktische 
Unchristlichkeit unterstrichen i.christlich*' firmierender Politik. 
Schlechte Theorien stammen zuletzt immer von einem der 
drei groBen Verderber der Menschheit: Laotse, Paultis, HegeL 
(Dem Prediger wider die Tat; dem Lasterer der Sinnie; dem 
Verherrticher des Bestehenden,) Spann beruft sich auf die 
antike Vorlorm Kegels; auf Aristoteles. Er stellt sein eignes 
System auf den Satz aus der ^Politik*: das Ganze sei not- 
w^enidig friiher ab der Teil, Aristoteles ■ — Kenner werden sich 
erinncm — benutzt als Beispiel FuB mid Hand, die zu existie- 
ren aufhoren, auBer dem Namen nach, wenn der ganze Leib 
dahin ist. Das Beispiel stimmt; aber was Spann damit be- 
weiscn will, bleibt unbewiesen; denn so wendgf irgendwer 
zweifelt, daB, wenn ein Mensch starb, auch jedes seiner Glie- 
der tot isii so zweifelhaft bleibt, ob dort. Wo eine Gruppe, 
eine Gemeinschaft, ein Verband, eine Gcsellschalt, eine 
Nation stirbt (falls sie das iiberhaupt kann), auch jene Einzel- 
nen notwendig unexisient, sei es auch nur seelisch-geistig 
uniexistent, werdea, aus denen sie bestanden hatte; mit an- 
dernWorten; ob der] Einzelne sich zur Gruppe funktionell so 
verhaltwie das Korperg lied zum Korperganzen, Der Rationalis- 
mus aller Zeit en hat' das bestritten, unid' seine Argument e sind 
unwiderlegt- Das Korpcrglied kann ohne das Korperganze 
nicht leben; der Einzelne in Trennung von der Gemeinschaft 
schwer — doch er kanns. Vor allem; Sinn des Korpergliedes 
ist, Werkzeug des Korperganzen zu sein; aber imigekehrt Sinn 
jeder kollektiven Organisation: den einzelnen Menschen zu 
dienen. Das Korperglied fiir sich ist ohne Sinn; der einzelne 
Mensch — wie librigens auch dsLS einzelne Tier, das einzehie 
Pflanzcngeschopf — tragi seineni Sinn in sich, Wer i'hn be- 
zw^eifelte oder bestritte, wiirdle anerkennen miissen, daB dann 
auch der Sinn jcder Kollcktivierung von Einzelnen, jeder Or- 

10 



ganisation, ja de& .gestalteten Gcsellschaftsganzen sclbst zwci- 
iclhait utiid' bestreitbar ist — schlieBlich liberhaupt d'es Natur- 
phanomens „Lcben", Nun gibt es fr agios Universalien, die 
ctwas ohne Zutun des Willens Gcwordcnes iixid keine Or- 
ganisierthcitcn sitid (etwa „Nation*\ im Gegensatz zu „Staat"); 
abcr sLmd' sic dartun Organismen,? Oder gar, nach Spaim, ,,Obcr- 
organismcn**? Einc altc metapliysische Hypdthesc, fiir die 
nichts sprichtl Einc Metapher, urspriinglich vicllcicht frucht- 
bar, die sich als Wahrheit selbstandig gemacht bat und nun 
todlichwirkt, Ein Dreh von Interessicrten odeif von gelehrten 
Lakaien einer Intercssiertengruppe (welchc gar nicht zu wis- 
scn brauchen, daB sie das sind), Der Giftgaskrieg von morgen 
ist cine Folgc dcr organischen Staatsthcoric von gestcm. Die 
„ubcrorganisoh>e'* Nationtbeoric taugt urn nichts mehr. Die 
Nation ein Organismus, der Mensch nur cin bclangloscs und 
vcrachtcnswertes Zcllchen darin; gar die Nation cin „Ubcr- 
organismus" (der Mcnsch: ein popligcr Organismtis) — dies 
Dogma paBt Denen, die sie in der Gcwalt haben, die Nation, 
und die sich hinter ihr versteckcn, damit alle Dingc, die fiir 
die Hcrrcn selbcr geschchen, sich ausnehmen, als geschahen 
sie fiir die Nation. Da es den Tatbestanid, den Spann bewcisen 
mochtCf voraussctzt, hat die Heranzichung des aristotelischen 
Beispicls mit FuB und Hand wedcr Hand noch FuB, Hundcrt- 
tnal die praktische Unmoglichkeit von Robinsonadcn zugegc- 
ben, so entkraftct cs doch kcineswcgs, daB der Staat fiir die 
Mensohen da ist und nicht der Mcnsch fiir den Staat. Die 
umschwarmte Riegc jener Metaphysikeri die mit dem Blut 
denkcn, mit den Haden denkcn, mit der Nebennierc, mit dier 
biindischcn Driise, mit gottweifiwclchicn Organcn und nur 
nicht mit dcm Gehirn denkcn, mag den Satz: yder Staat ist 
fiir die Menschcn da* als ,,libcralistisch" schlechtmachcn odcr 
als „individualistisch" — was tut das! Erst auf der Gnmd- 
lage der Erkenntnis, daB der Staat fiir den Einzclnen da ist, 
wird ein Philosophicren iiber die SchluBfolgicrungen aussichts- 
reich^ die der Einzelnc aus der Tatsachc Ziehen soil, daB cr 
den Stem nicht allcin bcwohnt. 

Bei alle dem weiB Spann: „Dic Gemeinschaft kann nicht 
wirklich fiir den Einzclnen fiihlen, wollcn und denkcn," Nun 
also! Er fordcrt „di€ Unabhangigkeit des Einzclnen von den 
umgebendcn Gemeinschaiten" ; erst recht; nun also! Wie wenig 
Schieres blcibt da ubrig vom Schvintlstklumpen seiner These; 
„Di€ Selbstcntwicklung geschicht nur in und durch Gemein- 
schaft, das Leben des Ich ist Selbstschaffung aus Gemcin- 
schaftlichkeit,*' Zugegeben! Von mir aus! SchlicBlich lauft 
dicse ganze ,,Gan2hcitsl©hre** auf cine Platitiidc hinaus, die 
keini ^Individualist" je bestritten hat.i Was ,,friihcr" da sei, 
der Ein-zelne oder die Gemeinschaft — meinc Herren, dias ist 
cine Frage von gleicher Wiirde wie das ,, Problem", ob die 
Henne erst da v^^ar oder das Ei. 

AuBrc ich dcrglcichcn, so persilliere ich nicht. Nein, Spann 

lebt in der Luft dieser sozus^gen bizarr-banialen Problematik, 

Wer konnte zum Beispiel sagen, ob die Abplattung der Erde zu 

ihrem Wesen gehore, also ob sie ein Vollkommeidieitszeichen sei, oder 

aicht? Bei einetn Lowen dagegen liegt, es schon am Tage, daB das 

11 



FehleiL de$ Gebisses oder cines FuBes dem W-esen zuwider ist, weil 
uns liier dcr Gehalt der Lebensverrichtung bereits innerlich zuganglicb 
und be^reiflich erscheint — als Ganzheit. 

Mit diesem LowenfuB schlieBtj Seite 562, die .Gesellschtaits- 
lehre', und man crschntippert axis der Luft einen Duft z wise hen 
Kinderstube, Irrenhaus und Christian Morgans tern, Einen mcta- 
physischen Duft, versteht sich, 

Himmlischer Vater, was folgt, folgt, folgt dcnn nur aus 
diescr,Art Philosophclei? Nichts! Gar nichtsi Ein Zuchter» 
der sich fiir das Pra der Henne cntschcidct (das zeitliche? be- 
wahre! das log;ische!), gewinnt ja d'adurch schwerlioh einen 
Vorsprimg vor dem, der fiir das Pra des Eies optiert. Und 
umgekehrt. Es kommt nichts h era us bei diesen Gespinsten, 
als immer ntu- wieder Gespinst, 

Und doch. Man muB die Soziologie dieses Mannesi ken- 
nen, um seine Polito-Doktrin zu erf ass en — vieknehr ihren 
Seelenliintergrund, 

Ein Zwischenreioh bildet das Opus ,Der wahrc Staat*. 
Ihr schmeckts, ihr habt den ganzen Schinkcn auf der Zungc, 
wenn ich euch zwei Scheibchen serviere: 

Der Individualismus ist damit seiaem tonersten Zu^ nach: 
a-metaphysisch, ferner im Geprage alles Geistigen: 
empiristisch, 
relativistisch^ 
subjektivistisch, 
induktiv,. 

kausalwissenschaftlicb, 
utilitariscb; und endlich in der Politik 
kosmopoliiisch einerseits (soweit das Verbaltnis der Volker in 

Betracht kommt), 
atomistisch und zentralistisch andererseits, soweit das innere 

Geftige des Staates in Betracht kommt. 
Unid; 

So ist der Zug des Universalismus: 
Objektiv statt snbjektiv; 
apriorisch statt relativistisch (innere Eigengesetzlichkeit der 

Ganzheiten) ; 
deduktiv statt induktiv; 
intuitiv statt empiristisch (innere Erfahrung statt auBerer) ; 

inneres Wissen statt der Aufklarung; 
Gliederungs- imd Zweckwissenschaft statt Kausalwissenschaft; 
durchsetzt mit Irrationalitat statt reiner Herrschaft des Ratio- 

nalen; 
metaphysisch statt a-metaphysisch; der Geist ist mit sich selbst 
beschaftigt — Zuriickdrangung, Bindung der Wirtschaft; reine 
statt utilitarische Sittlichkeit; standisch-organisch statt kapi- 
talistisch. 
Welch cine Kaskadc von Fehlcrn! Der Individualismus, nam- 
lioh das, was Herr Spann so nennt, er sieht ja sogar im Marxi- 
schen Sozialismus ,,vorhcrrscheniden Individualismus mit diem 
univcrsalistischen Einschlag der Kollektivierung der Erzeu- 
gungsmittcl" , , . der , Individualismus' braucht in Wahrheit 
durchaus nicht empiristisch zu scin, relativistisch zu sein:, in- 
duktiv zu sein, kausalwissenscbaftlich zu sein; er kann auf 
geradezu herausfordemde Art apriorisch, voluntarisch, deduk- 
tiv, final sein (ich melde mich als Kronzeugen); mit Entriistung 

12 



iiber Kosmopolitismus und Zcfntralismus widcrlegt man wcdcr 
dicsen noch jenen; und die ,,Durclisct2t"heit „mit Irrationalitat*' . 
ist kein Monopol sagcnanint univcrsalistisclvcr Bctrachtuiigs- 
weise. Spann, in d'em etwas kindlichicn Bemuhen'^ alles, was 
er nicht leiden magi atif cinicnj Nenner zu brijiigen (dler Anti- 
fetisckist als Systematiker!)^ begeht zwei gaaiz vulgarc Vcr- 
wechslungcn: erstens die von Irrationalem und Metaphysik; 
zweitens di0 von ratio (Vernunft, Geist); und intellectus (Vcr- 
stand). ,,Die gcistige Kultur des Individualismus ist Rationialis- 
mus imd Wirkunig nach auBen, d, L Zivilisationi — also in 
Wahrheit keine Kultur! ... Der Individualismus ist kulturfeind- 
lich, da er di« Geistigkeit reduzicrt und die Zivilisation for^ 
dert** — Spann hat das Achtzelinte Jahrhtindcrt, ihat das 
Zwanzigste, hat das Ethico-Aktive aller Aufklanmg, alien 
Humanitarismus, aller revolutionaren Geistpolitik nicht he- 
griff en, als • Hegel-, Baader-, Novalis-, Adam Miiller- und 
Gorresschwarmer; als, sagen wir es laut, echter Meta-Boche! 
,,Der Individualist** (das heiBt d'er zergliedernd-fordernde 
Geistmensch) „bkibt immer im Stand'e des WoHens und er- 
reicht niemals das Ziel", w,^gt dieser Vormarzler, dicser Ober- 
konservativc zu hohnicn, er, der ja gerade alles tut, zu ver- 
hindern, daB jenes Ziel^ das ewige aller messianischen Herzen, 
errcicht wird. Der Erzeuger der Tragik riimpft die Nase uber 
den Tragischen. Der Hohepriester, im Namen Gottes, verspottct 
Christum am Kreuz. 

TrOtzki, Cohn und BreslaU von Arthur Rosenberg 

Genossen Matrosen! Ich appellicre an Euch alle, iiber die 
Lage nachzudenken, die jetzt bei uns im Lande entstanden ist. 
Weim wir Kasan erobern, werden wir dadurch die feindliche 
Front brechen . . , Das schwache englisch-franzosischc Lan- 
dungskorps wird uns keine Furcht mehr einflofien . . . Genossen 
Matrosen! Reifit Euch zusammenl SchmeiBt die Miesmacher 
hinaus, wenn solche unter Euch vorhanden sind. Fegt alle 
Schlamperei, Schlappheit und Saumseligkeit hinweg. Alles mufi 
auf militarischen Fufi gcstellt werden. Keine Minute ist zu 
verlieren. Kein FuCbreit Land ist herzugeben . . , Wcr nicht 
riskicrt, der gewinnt niemals, Ich driickc Euch die Hand, Ge- 
nossen Matrosen. 
Co sprach Leo Trotzki 1918 zu den Matrosen der Wolga-Flotte; 
*^ unter der Losung; „Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr." 
{Leo Trotzki, Die Geburt der Roten Armce, Wien 1924.) Leo 
Trotzki ist der Schopfer der Roten Armee. Unter seiner Fiih- 
rung haben RuBlands Arbeiter und Bauern die feindliche Welt 
zuriickgeschlagen. Wenn unsre rechtsstehende Studenten- 
schaft wirklich die „nationale Revolution" woUte, so miiBtc sie 
diesen Trotzki bewundern, Aber jetzt soil Professor Cohn 
von der Universitat Breslau weggehetzt werden, weil er in 
einer sehr vorsichtigcn, sehr vcrklausulierten Erklarung ein 
Asylrecht fiir Trotzki nicht unbedingt verweigerte! 

Der urspriingliche Sturm der rechtsstehcnden Studenten- 
schaft gegen Professor Cohn brachte eine neue Note in die 
Reihe der Universitatskrawalle, die wir in den letzten Jahren 
eriebten. Bei den friihern Fallen, Dehn, Gumbel etcetera, 

3 13 



hattfe man wenigstens den Schein cincr sachlichicn Beschwcrdc. 
Gegen Professor Cohn lag wciter nichts vor als seki Name. 
Und doch hatte in der gut en, alten Hohenzollemzeit ein andrer 
Professor Cohn cinie hochst ehren voile, langjahrige Wirksam- 
keit an der gleichen breslauer Universitat gchabt. Es war 
Hermami Cohn, der beltannt^ breslauer Augenarzt, der Vatcr 
Emil Ludwigs. Auch sonst sind unsre ,,nationaIen** Parteien 
gegen den Namen Cohni nidht so empfindlich, wenn sie einen 
„Cohn'* braucben. Bei der Rcichstagswahl 1912 stand im 
Kreise Nordhausen, der alt en libcralen Hochburg, der Sozial- 
demokrat Oscar Cohn in der Stichwahl dem Fortschrittler 
gegenuber. Die Konservativen und Antisemiten wollten da- 
mals der Fortschrittspartei einen Streich spielcn, iind sie) ver- 
halfen dem Marxist en, der dazu noch Cohn hieB, zum Sicg. 
Die Kriegervcreine im Kreis Nordhausen sollen damals fiir 
die Sache Cohn mobilisiert worden sein, Man soil sogar einem 
Verein ein neues Fahneniband vcrsprochcn haben, wenn Cohn 
siege, Ein Witzblatt hat 1912 die nordhauscncr Situation mit 
den Versen charakterisiert; 

Vorwarts fur Cohn und Vaterland! 

Ohne Cohn kein Fahnenbandl 
In Wirklichkeit ist der Fall Cohn-Breslau genau so zu be- 
werten wie der Fall Dehn-Halle. Es handelt sich im Grunde 
gar nicht um Namen und Rasse sondcrn um den Machtanspruch 
der Icudal-groBkapitalistischen Reaktion. Sie will die Allein- 
herrschaft auf den deutschcn Hochschulen, sie will jeden mund- 
tot machen, der sich ihr widersetzt, Dabei bedient man^ sich 
der nationalsozialistischen Studcnten als Vorhut, und man 
opfert auf cinmal einen unpolitischen Dozentcn judischcr Ab- 
stammung im hohern Interesse, um die einheitliche ,3arz- 
burger" Stimmung am den Universitatcn zu bewahren, 

Der breslauer Senat hat urspriinglich Professor Cohn gc- 
deckt, als man ihn, nur seines Namens wcgcn, beschimpfte 
und bedrohte, Dann nahm der Senat plotzlich das Trotzki- 
Intervicw zum AnlaD» um Cohn prciszugcben, Dafur gibt es 
nur eine Erklarung: Mafigebende breslauer Senatoren miissen 
von Anfangi an zwar nicht die nationalsozialistischen Metho- 
den im Einzclnen, aber doch die allgemeinc universitatspoli- 
tische Tendenz der demons trier cndcn Studenten, gebilligt 
haben, Dann haben diese Senatoren den erst en Vorwand er- 
griffen, um selbst demonstrativ mit der rechtsstehenden 
Studentenschaft Frieden zu schlieBen, 

In der Erklarung des breslauer Senats heiBt es unter 
anderm; 

^ Es ware eine selbstverstandiiche PfHcht des Professors Cohn ge- 
wesen, unter den besonderen Verhaltnissen unsrer Universitat alles 
zu vermeiden, was zu einer weitern Verscharfung der Lage fuhren 
konnte. Leider hat Professor Cohn diese pflichtgemaBe Zurtickhaltung 
durch sein unnotiges Hervortreten in einer politischen Frage vcr- 
missen lassen. 

Man achte darauf, wie hier der Begriff „Pflicht" verwcn- 
dct wird. In den deutschen Universitatsstatuten heiBt es ge- 
wohnlich; „Die Lchrer der Universitat sind verpflichtet, die 
Universitat und ihre Aufgabcn nach Kraften zu fordem," Der 

14 



brcslauer Senat hat xiunt willkurlich fxir Professor Colm einc 
bcsondcrc „Pflicht'* konstruicrt, konstatiert dann, dafi er dtcse 
t,Pflicht'* verletzt habc und stcllt ihn damit als cinen seine 
Pflicht vergessenden, dcmnach iintragbarcn, Universitats- 
dozenten bin. Ahnliche Tendcnzcn sind aucb an andern 
Universitatcn zu merken. So hat man es dem Prof essor Gum- 
bel amtlich zum Vorwurf gemacht, daB cr Unterschriften zu- 
gunisten von Ossictzky gesammclt babe I Oberhaupt hat dcr 
tief bedauerlichc Vcrlauf des Falles Gumbel erst die Basis fxir 
den Fall Breslau gcschaflen. 

Diei republikanischen und isozialistischen Dozcnten an den 
deutschen Hochschtdcn wcrdien sich imter das kaudinische Joch 
willkurlich erfundener Extra-Pflichten nicht beugen. Sie wer- 
den nur die eine Pflicht anerkennen, die Wahrhcit zu sagen 
und in voraussetzimgsloscr Forschunig wirklich der Universitat 
zu dienen, Diesclben Krafte, die heute in Deutschland die 
akademische Freiheit vernichten wollen, haben im letzien Jahr 
deutlich geniug gezeigt, was sie auch mit den tibrigen Frei- 
hciteni des deutscheni Volkcs, besonders des werktatigen deut- 
schen Volkcs, machen wollen. Darum ist der brcslauer Uni- 
versitatsstreit cin Stuck des groBen, deutschen Kampfes von 
heute. 

Banse denkt ans Morgenland von Hein Berbers 

r\er ,V6lkische Beobachter' (Nummcr 299) schrcibt; 

Professor Ewald Banse, der bekannte Gcograph und Wehrwissen- 
schaftler an der Technischen Hochschule zu Braunschweigf hat ein 
Werk fertiggestellt, das gleichzcitig ein Handbuch der neuen natio- 
nalen Wehrwissenschaften und eine neue tnilitargeographische Kritik 
des Weltkrieges darstellt* Es wird im Laufe dieses Monats unter 
dem Titel „Raum und Volk im Weltkriege" im Vcrlage von Gerhard 
Stalling, Oldenburg, erscheinen. Sein Inhalt umfai^t im wesentlichen 
folgendes: Im Gegensatz zu vielen Geschichts- und Erinnerungs- 
werken tiber den Wcltkrieg, die sitets nur vom Geschehen sprechen* 
schildert dieses Werk die Bedeutung des Raumes und des Volkes, 
zugleich aber auch der Wirtschaft und des Verkehrs, der Technik und 
des Volkscharakters fur die Kriegsftihrung und erlautert dieses an 
den Beispielen aus dem Weltkriege.' Es ergibt sich, dafi nur ein 
seelisch vorbereitetes Volk, einen Krieg zu gewinnen vermag, Uns 
bieweist das Buch, daB die Kriegsfuhrung nicht mehr wie 1914 nur 
ein heldisches Erlebnis ist sondern aufierdem einc wirtschaftliche, 
technische, ja vor allem einc psychologische Angclcgenheit. Aus den 
gegebenen Beispielen sieht man, wie wichtig die neue Methode der 
Kriegsbetrachtung ist. Sie mufi unserm Volke nutzbar und in ein 
Lehrgeb*aude» gebracht wcrden. Damit erweitert sich dieses Buch zu 
einem AbriB der Wehrwissenschaft. Es zeigt, was als nationale Lehre 
des Weltkrieges fiir unser Volk zu wissen und nachzuachten ist. 

Diescr Banse, der zu seinem geographischen Ruhm nun 
auch noch den des nachzuachtenden naiionalsozialistischcn 
Wehrwisscnschaitlers und Kriegs- und Raumpsychologen hinzu- 
gewinnen soil, verdicnte auch als, Romanschriftsteller bekannt 
zu werdcn. Es gibt f reilich erst einen Roman von ihm („Sonincn- 
sohnc", W«sterraann-Verlag), aber nicht die Masse tut es son- 
dern die Qualitat. Banses Roman ist ein Roman von der Rasse. 
Seine Helden sind Wikin^er, auch Lic^htlinge genannt, die den 

15 



Doppelbcruf haben, einerseits Stadtc und Lander zu crobern 
und andrerseits als reinc Torcn von niedcrrassigen^Ma-dohcn 
umgarnt zu werdcn und zu dcgeneriercn, Nur die Konige haben 
hin und wieder Rasseninstinkt: 

Diei Welt de& fernen, des eben verlassenen Stidens umspiiite ihn' 
(Ortnit, den Wikingerkohig) noch einmal: ein Bad mit lockendem 
Wellenspiel, Palmen und weifie Palaste, blutroter Wein und farbige 
Weiber, Ein Stohnen stieg aus ihm hervbr, violette Rader roUten 
iibers Meer: dann taucbte eine Gestalt aus der biauen Flut, eine Frau, 
von deren Scheitel blonde Flechten h«rabfIossen, die stieg hohcr und 
hoher, bis ihr klares Haupt . mit der Sonne verwuchs. Da sprang 
Ortnit auf. Stiirzte ins Vorderschiff, unter die schwarzhaarigen Wei- 
ber, die dort hockten — Adier im Huhnervolk. Rifl die schonste, sein 
Beutestucki eines Sultans Tochter, empor, wiirgte sie am Halse, der 
sogleich ' zerbrach, und schleuderte sie ins Wasser. Dessen Lippen 
schlossen sich schmatzend ob so seltenem FraB. Ober des Drachen 
Riicken rann es, als neige ein Eisberg, gruftkalt, sich iiber alle. Schwer 
atmend aber und herrischen Blickes schritt der junge Konig wieder 
zum Heck, das Schiff krachte in seinen Spanten und schwankte. So 
fiel alles Fremde von ihm ab, jenes Schlechte, das gleifinerisch aus 
dunkler Welt an den Lichtling sich herangeschlich«n hatte. Von den 
Gefahrten des Beutezuges aber folgte keiner seinem Beispiele, alle 
freuten sich harmlos ihrer Sklavin, die so wildfremd rochcn und so 
neue Ktinste der Liebe spendeten. 

Fur den Augenblick war das sicher sehr reizvolL Aber 
fiir die Rasse solltc cs nicht ohne Folgen bleiben* Viele 
Generationen nach Konig Ortnit zog sein Stamm cndgiiltig dem 
Siiden zu, Je heftigcr die Sonne aui die Haut branntc, desto 
starker regte sich das Blut der siidlandischen Ahnfrauen, 

Mit der Anderung der Haut schien auch eine Umsetzurig der Ner- 
ven sich vorzubereiten, der ganzen seelischen Einstellung des Men- 
5chcn. 

Bei Dinter schon passieren bekanntlieh die tollsten Sachen, 
wenn jemand eine jiidischc Mutter hat. Das krauskopfige Wesen 
fangt schon in der Wicge' an zu mauscheln und den Vater zu 
betriigen, Aber Banse kann das noch ganz anders. Die schone 
blonde Konigin Asa stammt in der sechsten Generation von 
ciner bedauerlicherweisc nicht oder zu spat gekillten Siidlan- 
derin ab, Wie nun mit der warmeren Sonne auch bei ihr die 
Umsetzung der Haut erfolgt, kann sie sich derselben nicht mehr 
^egen allerlei Versucher wehren. Und so betriigt sie ihren 
hcrrlichen Gatten mit — - was mcincn Sie wohl? — mit ihr em 
Pagen? — nein; mit ihrem Stallknecht? — nein; mit einem 
Neger? — das n-ebenher auch — {nUnd der Konig peitschte dem 
Gierling wortlos das Haupt vom Rumple"!) — Banse soil es 
Ihnen selbst erzahlen: 

Plotzlich gellte irgendwo ein Schrei. Die Konigin sprang auf. 
Die Kleider riB sie sich vom Lcibe und warf sie auf die Scheite. Nun 
ging sie zwischen die Baume, unnatiirlich lange Arme vorn auf- 
stutzend, die Beine cingeknickt . , , Die ungliickliche Konigin nun, 
Asa, aller Frauen Krone, schritt zwischen die Baume, stieg an einem 
empor, nicht wie Menschen klettern sondern wie man es Tags iiber 
an den Affen gesehen hatte ... 

Das weitere, so wie der Professor es sich vorstellt, mit 
Lustschreien und sterbendem Verrocheln bleibt uns nicht er- 
spart, 

16 



Bci einer solchcn. Bedeutung der Rasse mu6 man eigent- 
lich bedaucm, daB das gelahrlichc schwarzc Geziicht nicht 
rechtzcitig ausgerottet wordcn ist. Das bedaucrt Bansc dcnn 
auoh. Auf Scitc 197 wird cine Stadt crsturmt aach dcr Melo- 
dic eines zwciversigen Wikingerliedcs: 

Wean die Flammen lodern der weiBen Stadt 
Heihol und die Axte j^eschwungenl 
welches Banse sclbcr gedichtet hat. Da heiBt es dann woUustig: 

AUes Maimlichc wurde niedergemacht. , Auch der Weiber und 
Kinder Mehrzahl muBte dran glauben, doch leider gab es WeiOe, die 
es nicht iiber sich brachten, die eine oder andre zu erwiirgen, Einige 
Dutzend kamen mit dem Leben davon^ und auch sie trugen dazu bei* 
das lichte Blut zu schanden. Das alte Erbteil der nordischen Volkert 
ihr gutes. Herz, selbst dem Fcind und Schadling gegeniiber, es ver- 
leugnete sich nicht . . . 

Um wieviel besser standest Du da, Volk{ von Nordland, hattest 
Du jc und je das dimkle Geziicht vertilgt auf Deincm Wege und 
nicht Mitleid bezeigt mit seiner Brut. Wie herrlich warst Du und 
glanzend I 

Fluch Deinem guten Herzen, mein Volk, werde hart, hart wie 
Granit Deiner alten Heimat und Dir gehort die Welt, zum Herrschen 
und Begliicken seit Anfang der Zeit Dir bestimmt ... 

Wahrscheinlich mciat der Kricgsdurchhalte-Psychologc des 
jVolkischen Beobachters* das alles gar nicht so. Dieser Jack 
the Ripper schwingt statt des Messers den Fcdcrhalter. Seine 
Au£gabe ist es nur, das sinnlos vcrgossene Blut des Krieges 
in jcnc heroische Tintc zu verwandeln, mit der Geschichtc, In- 
struktions- und Lesebiicher geschrieben wcrden. Banse selber 
— ich horte einmal einen geographischeti Vortrag. von ihm — 
ist ein kleincs muntcres Mannlein. Ob seine Haare blond und 
seine Angen blau waren, konnte ich nicht feststellcn, da er 
einerseits mit einer Glatze und andrerseits mit einer Hornbrille 
bckleidet war. Auch fraB cr durchaus kcin Eiscn sondern 
zeigte iriedlichc' Bild'er aus dem Morgenland. 

Abstincnte amerikanische Pastoren, die in Paris einen 
Kongrefi mit einem Kommers im Bordell eroffnen wiirden, 
kamen uns sicherlich bcmerkenswert vor. Das Privatleben 
unsrer Mitnienschen ist uns sonst glcichgultig. DieFrage; „Wo 
waren Sie im Kriege, Herr?" dtirlen wir Marxisten und Pazi- 
fisten mit cincm stmnmen Achsclzucken beantworten. Aber 
von solch schaumendem Wikinger und volkischem Kriegs-durcb- 
haltcpsychologcn wiiBte man doch gcrn, wo er eigcntlich Verdun 
berannt hat, wo er wahrend des Krieges alien erreichbaren 
Kriegsgefangencn und Russinnen, Serbinnen, Polinnen, Fran- 
zosinnen und dem andern fremdartig riechenden und schon vor 
Van dc Veldc neue Kiinste der Liebe spend enden Geziicht die 
schwarzen Kopfe undl Halse zerbrochen hat. Banse tat nichts 
dcrgleichen. Er hat sick rcklamieren lassen, 

Es gibt von ihm eine Selbstbiographie {t,Die Seele der 
Geographie", Westermann-Vcrlag). Darin heiBt es: 

Die Lustlosigkeit der letzten Kriegszeit mit ihrer ungeniigenden 
Emahrung . . . war auf mich nicht ohne EinfluB geblieben . . . 
Und: 

Der gcdstigen Aufgercgtheii; der Jahre 1914 und 1915 folgte die 
lahmende Stille der Kriegsjahre 1916, 17, 18, Ich kam als Kriegs- 

17 



geologe nach; Galizien, £Isa3 und der Champa^e^ war aber noch so 
vollig orientaliscfa ein^estellt, da6 ich nur widerwillig an das Neue 
herantrat, meine Arbeit recht und schlecht erledigte und einzig an 
meine Studien uber das Morgenland dachte. 

Wie der kommende Krieg aussehen, wie das Gedrangc und 
der Verkchr drauBen an der Front sein wird, welcher Art die 
materiellen und psychologiscKen Vorbereitungen der national- 
sozialistischen Lichtlinge liir diesen Krieg sind, das wissen wir 
nicht* Eins wird funktioniereh — das Kriegsprcsseamt. 

Pallenbergs Schwejk von Alfred poigar 

r\er Schwejk ist, trotz dcm scharfen Erdgeruch, der ihm an- 
haftetf eine Marcheniigur. Seine durch nichts zu erschiit- 
ternde Seclenruhel kommt, so, scheint es, a us dem BewuBtsein 
(od^er UntcrbewuBtsein), in der Hut guter Gcister zu stehen, 
die ihrem Scihiitzling Sichcrheit gewahrleisten. Er iiberwindet 
durch Unterwindung, rebelliert durch Dulden, Weil er gar 
keine Anstrengungen macht, sich zu retten^ bleibt ei; in der 
See der Plagen obenauf. Sein Gehorsam ist todlich fiir d^eBe- 
fchle, seine bedingungslose Anerkennung der Autoritat hat' es 
in sich, diese zu untergraben, und mehr Beweiskraft gegen den 
fiirchterlichen Aberwitz des Kricges als in den revolutionarsten 
Gedank^n, die einer aussprechen konnte, liegt in den Gedan- 
ken, die sich der Schwejk uber den Krieg nicht macht, * Wider 
die trockne Sabotage, die seine Fiigsamkeit ins militarische 
Schicksal iibt, kommt dieses nicht auf. Er ist der Geist, der 
stets bejaht; ein wahrhaft iibermephistophclischer Trick, um zu 
zeigen, daB, was besteht, wert ist des Zugrundegehens. 

An der unsterblichen Gestalt, wie Jaroslaw Hasek sie gc- 
schaf fen hat, ist Pallenberg nicht spurlos vorubergegangen. Aber 
was sic, scit Piscator, an politischer Bitterkeit verlor, wird mehr 
als rcichlich ersetzt dWchdieFuUe undLeuchtkraft, welche die 
ihr eingeborene Komik in der Verschmelzimg mit der schopfe- 
rischen Komik Pallenbergs gewann. Die Wcsensziige der Figur 
sind unangetastet geblieben. Pallenbergs Schwejk hat die kost- 
bare Mischung von Einfalt und Pfiffigkeit, wie siei in Haseks 
Buch steht, er ist leibhaftig die gute Miene ztum bosen Spiel, 
die dieses erbarmungsloser entlarvt^ als die heftigste Em- 
porung es imstande ware. An der Widerstandslosig- 
keit des b raven Soldaten lauft sich der kricgerische Mechanis- 
mus, in den er geraten ist, zu Tode. 

Mit den ersten Schritten, Blicken, Gebarden, mit dem 
Tonfall der ersten Satze Pallenbergs schon, ist das Besondere 
der Figur eindcutig bestimmt, sind ihre Grundbeziehungen zu 
Welt und Umwelt festgclegt. Dieser Htmdefanger geht einher 
als der verkorperte Muttcrwitz seines Volkes, ein Repeti-er- 
maul, das immerzu Historchen abgibt, Geschichten aus Tausend- 
undeiner Nacht proletarischen, kleinbiirgerlichen Wandels, bc- 
sinnliche Erzahlungen, saftigst gclullt von «inem Stoff, der, so- 
zusagen, eine Mischung ist aus Powidl und Ekrasit, In hun- 
dertcrlei Reflexen spiegelt Pallenbergs sanftcr RedefluB, von 
nichts aufgehalten als vom Gelachtcr der Zuhorer, den burles- 
ken, d-en gutmiitigen, den scharfen, den kindisch-verdroselten 

18 



Humor des unvcrgleichlichcn Schau&piclers wiedcr. Erschiit- 
ternd komisch seine tretiherzige Amoralitat; die strahlend- 
freudige Uberrischung, mit dcr er allcs empfangt, was ihm 
zutcil wird, auch das Widrige; die kindliche Arglosigkeit, mit 
der er, zum wehrlosen Objckt gemachtt den Gewaltcn, die ihn 
hiezu' gemacht haben, die Tiicke des Objekts zu spiiren gibt; 
das Liebliche seiner Unvcrschamtheitt die Grazie seiner Tolpe- 
lei. Zu nett etwa die elegante Handbewegung, mit welcher 
Pallenberg, wenn dcr Leutnant schimpfend sich hinter die 
Szene entfemt, das Leiserwcrden und Verklingen dcr Schimpfe- 
rci glcichisam graphisch darstellt, od'cr wie seine Finger die mFo- 
rclljc" machen, die sich scblangclt, weshalb sic leichter zu 
photographieren ist als cia Bahnhof, dcr stillhalt, 

Unangegriffen von all dcm SpaB blieb die menschliche 
Substanz dcr Figur, ohnc Schaden behauptet sic sich in den 
Strapazen des Komischen^ die Pallenberg ihr zumutct. Er ist 
durchaus bczaubernd als Soldat und brav. fiigsam dcm Gott, 
dcr die Flintcn wachscn lieB und das Kom, in das man 
sic wirit. 

Gott, Kaiser und Bauer von jniins Hay 

AnlaBlich der Aufftihrung von Julius Hays „Gott, Kaiser 
und Bauer" im Deutschen Theater hat sich der fiir Berlin ganz 
unerhorte Fall begehen, dafi eine Buhne, ohne dazu gezwungen 
zu sein, ein Stiick vom Spielplan absetztc, weil Protcstkund- 
gebungen dagegen inszeniert worden waren. Bei den acht Auf- 
fiihrungen des Stiickes in Breslau gab es keine nennenswerten 
Storungen, und auch in Berlin verliefen die ersten drei Abende 
vollig ruhig. Erst als die Hetze der katholischen und der 
nationalsozialistischen Presse einsetzte, wurdc die vicrtc und 
fiinfte Vorstcllung von gottgcsandten Rollkommandos ad majo- 
rem dei gloriam gestort, und schon die sechstc wurde von der 
Direktion Beer und Martin abgesetzt, obwohl die Polizei Schutz 
zugesagt hattc. Prompt fiigte man sich den Wiinschen der 
larmcnd«n Claque und servierte am nachsten Abend als weni- 
ger stark gewurzte Kost: „Essig, und 51", aus den benachbarten 
Kammerspielen hastig iibernommen. Wcder der Autor noch der 
Verlag S. Fischer wurden von der Absetzung des Stiickes ver- 
standigt. Man darf hoffcn, daB diesc Feigheit nicht Schule 
macht. Es folgt hier diejenige Szene aus Hays Drama, die vor 
allem den Unmut der Glaubigen erregt hat, 
(Im Quariier des Papstes in Konstanz* Nachfs. Papst Jo- 
hann XXIII., Bischof v. Mainz, Sigismund und Gara treten ein,) 
Sigismund: Heiliger Vater . . . 
Papst: Mein lieber, lieber Sohn . . . 

(Sigismund und Gara beugen die Knie. Papst setzt sicht Sigis- 
mund und Gara kiissen seinen Ring.) 

Sigismund: Ich wollte schon langst eine der Mufiestunden Eurer 
Heiligkeit fiir mich beschlagnahmen. Und da Ihr in dieser spaten 
Stunde ganz bestimmt nichts andcres vorhabt . . . 
Papst: Du bist mir ein sehr, sehr lieber Sohn- 
Gara: Die beiden Beherrschcr der christlichen Welt sprechen in 
diesem Raum. Wollen wir nicht ins Nebenzimmer gehen, Herr 
Bischof? (Gara und Mainz entfernen sich.) 

Sigismund: Ein schoner, lebhafter B^trieb hier in Konstanz. 
Nicht, heiliger Vater? 

Papst: Ach, zu viel Menschen. Viel zu vicl Menschen. 

19 



Sigismund: Das ist ja grade das Schone daran. Htmd^rttausend 
Kopfc zahlt Konstanz mehr als zuvor. Eine solche Versammlung der 
christlichcn Welt gab es noch nie. 

Papst: Du bist jung und gesund, Du findest noch deine Freude 
daran. Was aber habe ich von der Fulle der Patriarchen, Kardinale, 
Erzbischofei Bischofe, Herzoge und Gesandten? 

Sigismund: Sie sind ja die besten der Herde, deren guter Hirt 
Ihr scid. 

Papst: Was habe ich von all dieser Mcnschenmenge, wenn ich die 
Luft dieses' Tals hier nicht vertragen kann? 

Sigismund: Mein Konstanz hat ein beriihrnt gutes KHma- Die Luft 
vom Bodcnsee . . , Geht iibrigens gleich auf die Frage der Kirchen- 
spaltung los, dann ist das Konzil bald zu Ende. 

Pcpst: Jeder der drei Papste* will die Kirchenspaltung aufheben, 
indem er die Andern absctzen und alleiniger Papst blciben will. Der 
Kaiser aber will alle drei absetzen und einen neuen, ihm ergebenen 
wahlen lassen. 

Sigismund: Oder einen von den dreien behalten, falls er von nua 
an eine brauchbare Kirchenpolitik treibt und der weltlichen Macht 
nicht ihre Existenzmoglichkeit raubt, Hebt Ihr in diesem Sinne die 
Kirchenspaltung auf, 

Papst: Ich rede jedcsmal von der Kirchenspaltung. 

Sigismund (ruhig): Die lebenswichtigsten Fragen der Kulturwelt 
totzureden ist fiir viele der einzige Zweck aller Kongresse, Fur mich 
aber nicht. Meine Politik fordert Taten und Erfolge. 

Papst: Ich beabsichtige auch Taten, In diesem Kasten liegt eine 
schriftliche, Erklarung fertig, laut welcher ich bereit bin, durch eine 
freiwillige Thronentsagung den Weltfrieden herzustellen, sobald diese 
beiden Ketzer von Konkurrenzpapsten ebenfalls freiwillig abdanken, 

Sigismund: Das heifJt: niemals, denn dieser Fall wird nie ein- 
treten. 

Papst: Das weiB die AUgemeinheit nicht so genau wie du, 

Sigismund (etwas nervos): Hm. Es Ware mir gar nicht recht, 
heiliger Vater, wenn diese Urkunde jetzt vorgelesen wiirde. 

Papst: Macht nichts, mein Sohn. Nichtsdestoweniger werde ich 
sie vorlesen, wenn ich es fiir richtig finden werde. 

Sigismund: Solche nichtssagenden, grofituerischen Erklarungen 
waren imstande, die einfaltigeren Teilnehmer des Konzils zu bctoren 
und fur Euch zu stimmen, — wenn nicht tagtaglich von geheimnis- 
vollen Handen deutlich geschriebene Zettel auf die Tore der Kirchen 
und Palaste angenagelt waren, die einen solchen Betrug entlarven- 

Papst: Diese geheimnisvollen Hande und die dazu gehorigen ge- 
heimnisvollen Kopfe scheinen diese F I ugzettel method e vom Ketzer 
Hu6 gclernt zu haben, der diese in Prag eifrig betrieb. 

Sigismund: Vom Ketzer HuS laBt sich allerhand lernen. Zum 
Beispiel scharf gegen einen verbrecherischen Papst vorzugehen. Ein 
Papst, der freiwillig abdankt, kann seine Abdankung, wenn er sich 
nachher in Sicherheit fiihlt, widerrufen; einer aber, der vom Konzil 
verurteilt und abgesetzt wird, kann nicht mehr zuriick. Euch kann 
das leicht passicren, heiliger Vater. 

Papst: Na — na, mein Sohn, na — na. 

Sigismund: Etliche Konzilteilnehmer haben eine Denkschrift ab- 
gefaBt, die eine unendliche Liste von Todsiinden eines gewissen 
Papst es auf zahlt. Dieser Papst soil durch Ermordung seines Vor- 
gangers auf den papstlichen Stuhl gekommen sein, er soil ein Sohn 
des Verderbens, der Simonie schuldig, ein Dieb, ein Liigner, ein 
Wucherer sein, einer, der Hurerei arger trcibt als irgendein Teufel, 
einer, der die Sakramente offentlich verkauft . . . Ich spreche von 
Euch, heiliger Vater. 

Papst: Ich merke es, mein licber Sohn, ich merke es, 

Sigismund: Balthasar Cossa. genannt Papst JohannI Die Zeit der 
20 



falschen, doppclziingigen Dokumente ist hin. Die Welt ist aufgeklart 
und kein Mensch fallt mehr auf dein€ Gaukcleien rein. 

Papst: Du irrst, mein Sohn, Die Welt ist dumm und glaubt 
alles. Du wirst schwerc Enttauschungen erleben, wenn du an Auf- 
klarung glaubst. Ein Kaiser ohn« ein blindglaubiges Volk ist kein 
Kais«r. Kaiser und Papst mussen ewig zusammen leben oder zu- 
sammen fiir ewig verschwinden. 

Sigismund: Fiir dich ist nur die Dummheit eine Macht. Ich sehe 
eine noch grofiere in dcr Vernunft. 

Papst: Der Konig von Neapel erkennt einen anderen Papst an, 
aber cr wird durch' die Angst fast zum Wahnsinn getmbcn, sobald 
ich ihn excommuniciere. Die Prager stehen wie ein Mann auf der 
Seite ihres HiiB, aber sie winseln zu Fiifien meines Legatcn, wenn ich 
ihnen die heiligc Messc verbiete. Die Menschcn plappern vom Aus- 
merzen der kirchlichen Korruption, aber, sie zahlen mir all ihr Hab 
und Gut fiir den AblaB, damit ich ihnen nur crlaube, sich in ge- 
weihter Erde begraben zu lasscn. Glaube oder Aberglaube, ich herrsche 
durch sie, und meine H«rrschaft bricht kein HiiB, kein Bischof von 
Paris und . . . auch du nicht, mein lieber, teurer Sohn, 

Sigismund: Ich habe mit HuB und Gerson nichts g€mein. Und 
ich will Eure Herrschaft — wi© gesagt — nicht unbedingt brcchen, 
Ihr konnt Eure Stelle behalten, wenn Ihr -ein Papst scid, wie ich mir 
einen Papst vorstelle. 

Papst: Ich aber bin ein Papst, wie ich mir einen Papst vorstelle. 

Sigismund: Die Erbschaf t des armen St. Petrus scheint Auf - 
fassungasache zu sein. Jesus Christus aber hat seine Kirchfe auf einen 
Felsblock gebaut. 

Papst: Auf eintraglicherem Boden floriert sie, besser. Du muflt 
das einsehen, mein lieber Sohn, Du mufit mehr Einsicht mit mir 
haben, Sigismund. 

Sigismund: Ihr meint, ich soil Euch schlafen lassen in spater 
Nachtstunde? 

Papst: Schlafen . . , Friiher hatte ich einen so gesunden Schlaf. 
Aber jetzt,., Ich bin krank . , . Die Luft in dicser gottverdammtcn 
Stadt bekommt mir gar nicht . . . Du glaubst es mir nicht, mein Sohn, 
aber ich bin wirklich sehr krank. 

Sigismund (gdhnt): Ich schicke noch heute meinen Leibarzt zu Euch. 

Papst: Ich brauche Luftveranderung. 

Sigismund: Ja. Fiir Eure Politik ware Italien oder Oesterreich 
cine viel gesiindere Operationsbasis. Ich habe aber im Interesse des 
Konzils einem jeden verboten, die Stadt zu verlassen. Es wiirde Eure 
Heiligkeit unbeliebt machen, wenn Ihr da eine Ausnahme bilden woUtet, 

Papst: Wenn ich wenigstens nach einem der naheliegenden Bade- 
orte konnte, 

Sigismund: Dort seid Ihr nicht in Sicherheit, es sei denn, ich 
ginge mit Euch. 

Papst: Danke, nein, nein. Ich werde schon eine Moglichkeit fin- 
den, ohne dich zu belastigen. 

Sigismund: Es ist lediglich eine Sympathiefrage, ob Ihr weg- 
konnt. Sympathisiert das Konzil mehr^ mit Euch als mit mir, dann 
konnt Ihr machen, was Ihr woUt. Findetl es aber mich sym- 
pathischer, so bin ich Herr uber Euch. Und bei solcher Lage der 
Dinge kann ich wohl ziemlich beruhigt sein, 

Papst: SchlieBt also das Konzil seine morgige Sitzung mit einem 
„Hoch lebe der Papst" . . , 

Sigismund: Dann konnt Ihr Euch von meinem Druck befreien und 
meine Lander pliindern wie zuvor, 

Papst: Endet aber die morgige Sitzung mit einem ,,Hoch lebe der 
Kaiser" . . . 

Sigismund (steht auf): So diirft Ihr meine Politik mitmachen oder 
endgiiltig von der Bildflache verschwinden. Kaiser" sein und Papst 



sein ist keinc Frage der Eitelkcit oder Ambition — cs ist nackte 
Existenzfrage. ' 

Papst: Es geht also zunachst um ein Hoch. 

Sigismund: Und nachher um eine Welt , , , Lebt wohl, heiliger 
Vater. Werdet Ihr der morgigen Sitzung personlich beiwobnen? 

Papst: Wenni es meine Gesundheit erlauBt. 

Sigismund (markiert nachlassig einen HandkuB): Gute Besserung, 
heiliger Vater. 

Geburtenregelung 

Auf falschem Wege von Fritz Jacobsohn 

rjber -das AlIgemeiBe der von Walther von Hollander gemach- 
ten Ausfiihrungen zur Frage der Geburtenregelung bedarf 
es wenigstens an dieser Stelle keiner Diskussion. Im Speziellcn 
jedoch sind sein© Vorschlage wedcr neu noch radikaL Darauf 
kame cs auch gar nicht an und kommt es sioherlich auch 
Walther von Hollander nicht an. Die von ihm vorgeschlagene 
Methode ist jedenfalls fiir die Masse und die Massen nicht an- 
wendbar. Sie ist unphysiologisch. Und die Macht des Menschen 
reicht in diesem Punkte nicht so weit wie sein Wunsch, Auch 
der Liebeskunstler hat es vor all em ganz und gar nicht in der 
Hand, ob er ein Kind zeugen will oder nicht. Mindestcns nicht 
auf die Dauer ungestraft. Alle Technizismen, die das Hinaus- 
riicken des orgastischen Hohepunktes und der Ejaculation 
kiinstlich zu verlangem suchen, ftihren eines Tages, friiher oder 
spater, in die arztliche Sprechstunde. Nach den Erfahrungen 
der meisten Arzte, die ^ich mit dem in Frage kommenden Ge- ' 
biet befassen, fiihren die von Walther von Hollander propagier- 
ten Beherrschungsubungen der Zeugungssafte gewohnlich zu 
einer Ejaculatio praecox, manohmal zu einer Kollikulushyper- 
trophie oder zu einer andern anatomisch greifbaren Storung 
der Potenz. Auch Herzstorungen und plotzUche Schwindel- 
anfalle werden beobachtet. Die ans Artistischc grenzcnde Ver- 
langerung der natiirlichen Coitu&dauer schliefit auch keines- 
wegs, wie Herr von Hollander meint, die Wahllo-sigkcit aus. 
Grade der verabscheueniswerte Typ bestimmter Roues briistet 
sich haufig mit der Meisterschaft in dieser Beherrsohungs- 
technik. 

Allenfalls kann man zugeben, da6 einige Manner die von 
Walther von Hollander .befiirwortete Beherrschungstechnik er- 
lernen und iiben konnen, ohne Schaden an ihrer Gesundheit * 
zu nehmen. Abgesehen von diesen Ausnahmefallen muB man 
vom medizinischen Standpunkt aus die Mannerwclt warnen. 
Vor allem aber ersoheint aiich sonst das Verfahren fiir die Ge- 
burtenregelung unbrauchibar, Denn die Ejaculation kann auch 
nach langer Verzogerung immcr noch zur Befruchtung fuhren. 
Man weiB heute ganz genau, dafi zur Befruchtung kein gleich- 
zeitiger Orgasmus bei Mann und Frau notwendig ist, Gefiihls- 
kalte Frauen konnen empfangen, tind Manner ohne Libidot 
Erektion und Voluptas kSnnen zeugungsfahigen Samen produ- 
zieren. Oder soil das modifizierte Karezza-Verfahrcn schlieB- 
lich doch mit der auch von Walther von Hollander verponten 
Interruption verkniipft werden? 

22 



Aotwort von Walther v. Boliander 

Ich bin kcin Sexualfachmann, obwohl ich die ,,cinschlagig€" 
Litcratur ganz gut kcnne. Das Material eines Spezialarztes 
st^ht mir nicht zur Verfiigmitg. Aber ich habe andres Material. 
Ich habe einigc Erfahrungcni g.eniacht und habe festgestellt, daB 
meine Erfahrutigen und meinc Gedanken iiber diese Erfahrun- 
gen weder neu noch vereinzelt sind. Ich fand sie in den Weis- 
heitsbiichern der Chinesen, in Bcrichten iiber primitive Volker, 
im Weisheitsgut kultivierter. Ich fand sic bei denjenigen Men- 
schen von heutc, die gewohnt sind, sich vorurteilslos zu bcab- 
achten und in Zudht zu neJimen. Das Resultat dieser Erfah- 
rungen und Beobachtungen hielt ich fiir mittcilenswert. Sicher- 
iich haben landre wieder andre Erfahrungen, iiber die man nach- 
denken kann. Ich finde nichtf daB die Entgegnun^gen, die hier 
veroffentlioht v^rurdcn und die ich sonst noch crhielt, meine Er- 
fahrungen widerlegen, 

Der Mann kann seine Zcugungssafte beherrschen, falls er 
sich bemiiht. Das ist eigentlich alles, was ich mitzuteilen hatte. 
Herr Doktor Jacobsohn sagt nun, daB diese Beherrschting in 
das Sprechzimmer des Spezialarztes fuihren miisse oder zu einer 
anatomisch greifbaren Storung der Potenz, Ich kann mir niicht 
vorstellen, daB Herr Jacobsohn den Bcweis fiir diese Bchaup- 
tung antreten kann- Nirgends in den alt en Schriften, die sonst 
vor alien Gefahren zu warnicn pflegen, wird von dieser Gefahr 
gcsprochen. Nicht einer der mir befrcundeten oder mir be- 
kannten Menschen, die sich dieser Methode bedicnen, ist krank 
gewordcn, 

Wenn die Menschen, wenn die Liebenden bisher gliicklich 
gcworden waren, so ware cs Unsinn, nach neuen oder alten 
Mcthoden zu fahnden. Tatsachlich aber sind sie zum groBten 
Tcil ungliickiich, unsicher, verwirrt, Es muB also etwas an den 
bisher angewandten Methoden nicht stimmen. Fiir die Men- 
schen, die das spiiren, habe ich geschriebcn. 

Meine ,, Methode" ist nicht meine Methode sondern das 
Ergebnis einer oft unterbrochenen imid immer wieder gekniipf- 
ten Kette von Eriahrungen und Beobachtungen mehrcrer Jahr- 
tausendc, Diese Erfahnmg besagt, daB derZeugungsakt genau 
so vielstufig ist wie lalles andre in der Natur und daB man iiber 
die Primitivstufe nur durch Obung, Pflege, Training und 
Selbstbeherrschung heriiberkommt, Jeder Mann kanni dieses 
Training auf sich nehmen. Auch „der Mann aus dem Volke*'. 
Sehr haufig weiB „dcr Mann aus dem Volkc" sehr gut Bescheid. 
Er weiB auch, daB man etwas leisten muB, wenn man etwas er- 
reichen will, und er scheut sich nicht davor. Fiir Manner frei- 
lich, die „dic Zumutung iibcrhaupt ablehnen", sich in Zucht zu 
nehmen, hat die Methode keincn Wert. 

Ich bin immer wieder zu einer noch genaucren Bcschrei- 
bung „meiner Methode" aufgefordcrt< Ich glaube, es ist zu- 
nachst nichts weiter dariiber zu sagen, als daB man die Zeu- 
gung b*eherrscht, sobald man sich durch Spiirsamkeit und Wach- 
samkeit, durch Einfiihliuiig in seinen Partner iiber die Stufe des 
„Von selbst" hinausgearbeitct hat. Auf die; Dauer wird man 
nicht weiterkommen, wenn man sich nicht in gjeicher Weise 

23 



allcr Moglichkeitcn und Kraftc dcs Korpers bemachtigt. Das 
Problem der Scxualerziehung; ist also imimer ein Problem dcr 
Gcsamtcrzieliuntg, und wer nicht lemen will, sorgfaltig mit sich 
timzugchen:, der wird auf dem Spczialgebiet der Sexualitat auch 
nicht erfolgreich sein, 

Auf vielfachen Wunsoh und mit groBtem Widerstreben 
dennoch einiges ,,Konkrete*'. Eigentlich milBte man sich zuvor 
iiber viele Voraussetzimgen einigen, Ober die Tatsachen der 
innern Sekretion zum Beispiel und wieviel von den nicht gleich 
ausgegebenen Sexualsaften schon wahrcnd der Gcschlcchtsver- 
einigung beim Mann in den innern Kreislauf auigenommen 
wird, so daB er (wie die Chinesen verlangen), verjiingt und ge- 
kraftigt aus der Liebesnacht hervorgeht. Man miiBte sich (iber 
die viel zu selbstverstandlich hingenommenen Tatsachen des 
Orgasmus unterhalten und ob wirklich weiblicher und mann- 
licher Orgasmus gleich zu setzen ist oder ob nicht vielmchr es 
wichtiger und meinetwegen ,,naturlicher" ist, daB die Frau zum 
Orgasmus kommt, wahrend der Mann mit scincn Safteni nicht 
nur zeugen soil sondem sich auch aufbauen (das wenigstens 
soil ten die Fachleute allmahlich mitbcriicksichtigen), man miiBte 
s«hr genau iiber die Fra^c des Schwingungsaustausches 
sprechen, iiber den innerhalb der weiBen Rasse nur die 
Karezzaleute nachgedacht haben (aber sie haben einen ge- 
wisscrmaBen verfriihtcn Seelenbegriff dazwischen gebracht), 
kurzum: die Fragcn iiegen so schwierig, daB man sie wohl dis- 
kutieren, aber nicht hin- und hcrartikeln kann, 

Trotzdem also ganz kurz: von der Karezza unterscheidet 
sich die von mir beschriebene Methode darin, daB sie keine Be- 
wegungslosigkeit verlangt sondcrn im Beginn ein vorsichtiges 
Einspielcn, ein Herangehcn an den Orgasmuspunkt, ein Ober- 
spielen dieses Punktes (am ibesten durch Atmung), worauf dcr 
Mann freie Fahrt hat, Er kann das Tempo, die Intensitat, 
meinetwegen die Heftigkeit anwcnden, die er will. 

Die Bcfriedigung auf dieser Stufe liegt nicht mehr (und auf 
alle Falle nicht immer) im Orgasmus sondern in der Erfrischung, 
Starkung und Beiriedigung dcs gesamten Organismus. LaBt 
man es dennoch zum Orgasmus kommen, der fticht zu dieser 
Method e gehort, dann f reilich bleibt auch in diesem Staditun 
nur die Wahl zwischen interruptus und der moglichen Zeugung, 
Aber auch dann noch hat der Mann zwei Vorteile: einmal nam- 
lich kann jcder Mann jedc Frau wirklich befriedigen. Und zum 
Zweiten kann er den Zeitpunkt dcs Orgasmus bcstimmen. 

Viele junge Menschen liirchten, daB sie durch die Behefr- 
schunjg lun den GenuB dcr Leidenschaft kamen. Die Natur, so 
meincn sie, sei unbeherrscht, Dazu ist auch wicder zu sagen, 
daB man sowoM das Unbcherrschtc wie das Beherrschtc zur 
Natur rechnen muB, dafi also auch die Natur nichts Eindeutiges 
ist. Wer mit scinen Leidcnschaf ten gliicklich gewordcn ist, soil 
auch weiterhin nicht gestort werden. Denen aber, die ungliick- 
lich sind, muB man sageuj, daB die Natur alle Krafte hundert- 
faltig wicdergibt, die man anwcndet, um die Natur zu er- 
schlieBcn. 

Mein Aiifsatz hat sich an die Manner gewandt, weil die 
Manner besonders wenig iiber die Zeugung nachzudenkea 

24 



pflcgen, Ich wollte aber nicht sajgcn, dafi die Frauen in dicsci 
Frage nichts zu siichcn hattcn. Im Gegenteil; sie koimtcn vicl, 
sic konatcn allcs crrciohen. Sic vor allem aber konntcn mit <lcr 
schrccklichcn Verweohslung von Uiibehcrrschtheit und Lcidcn- 
schaft cin Ende machen, die so viel Ungliiok in die Welt gc- 
braoht hat. Sic konntcn den Mannern die Beherrschting ihrer 
Funktioncn crleichtern, wenn sie auch cin biBchem besscr Be- 
schcid wiiBten. Dann wiirden vicle von ihnen die wirkliche 
Leidenschaft kennen lemen und in ihr warm, gliicklich und 
hciter werden, 

* 

Und die Frauen? von Hilda Walter 

Wer sich zu dem van Walther von Hollander und Van de 
Velde hier angcschnittenen Thema ,,Geburtenrcgelung" auBcrn 
will, ohttc die Legitimation des Mediziners oder Scxualforsohcrs 
zu besitzcn, muB sich auf iBeobachtungcn bcrufen, die aus 
sozialen und psycholoigischen Griinden bisher nicht zum Gcgcn- 
stand offentlicher Diskussion gemacht worden sind. Hollander 
hat bcreits gesa^t, daB die Frage der Nachkommenschaft genau 
im Schnittpunkt des Personlichcn imid des Sozialen liegt, Darum 
miissen die Erfahrtuigen ciner Generation von Frauen herange- 
zogen werden, wenn die soziale Frage der Geburtenregelung voll- 
kommencr als bis.her ^elost werden soil. Solange man sich 
Hollanders neue Theorie von der Entbehrlichkcit aller kiinst- 
lichcn Hilfsmittel noch nicht zu eiigen machen kann, bleibt nur 
die Feststellimg, daB die ganze Technik unsrer Geburten- 
regelung auf heute nicht mchr giiltigen soziologischen Voraus- 
setzungcn aufgebaut ist. Wissenschait und Industrie orienticren 
sich noch immer lediglich an der Vorstellung, als sei die mono- 
game Dauerbezichung das MaB aller Dinge. Leider sicht die 
Wirklichkeit ganz anders aus. 

Es igibt tmtcf den Icdigcn Frauen Tausendc, die mit ciner 
ewigen Sehnsucht nach dem zuverlassigen Daucrpartner hcriun- 
laufen, ohne ihn! jemals zu iinden. Wenn sie nicht in kloster- 
lichcr Zuriickgczogenheit lebeo wollcn, sind sie auf Zufalls- 
erfebnissc angcwiesen. Das gilt keineswegs niu: fiir die Unver- 
heirateten; auch zahllose Ehen bieten den Frauen nicht einmal 
mchr cin Minimum crotischcr lErfullim-g. Es ist in dicsem Zu- 
sammenhang glcichgiiltig, ob es sich dabci um einen Manuel an 
Licbeskultur :handelt, oder ob dicse Frauen unter dem Druck 
von materiellcn Sorgcn im taglichcn Klcinkram den Reiz fiir 
ihren Mann verlieren muBten.i Auch sic vcrlangen, von der 
sexucllen Not abgesehcn, hin und wiedcr nach einer erotischen 
Bcstatigung; sic brauchen das BewuBtsein, als Frau begehrt zu 
werden. Die Situation solcher Frauen wird im allgem'einen nicht 
diskutiert. Zwar haben die Romanschriftsteller auch dicse Seite 
des Lcbens gesehen und gcstaltet; aber die Verhutimg&mittcl- 
industrie sucht ihre MaBstabe nicht in der schonen Literatur. 
Die bcratenden Arzte, sogar die Sozialreformer, kampfen im 
guten Glauben, unerhort fortschrittlich zn sein, mit ganz unzu- 
langlichcn Waffen, Die Frau wird mit Verhiitungsmittcln ver- 
sorgt, die sie nur unter den giinstigsten auBeren Bedingung-cn 
uttbcobachtet und zugleich sorgfaltig anwenden kann. Alle 

25 



SchutzmaBnahm^nt scheinen aiisschlieBlich fiir die eheliche oder 
ehcahnliche Gemeinschait erfiuiideii, fiir die saturiertc Daucr- 
beziehung im eignen Hcim, fiir eine iiberraschimgslosc Pro- 
grammerotik. Jeder gewisseinjiafte Arzt wird iiberdies zug-ebcn 
miissen, da,Q eigentlich nur die Kombination mehrerer Methoden 
hundertprozentige Sicherheit ergibt; abgesehen davon, daB 
iinter Umstanden ein Mittel das andre Lni seiner Wirksamkeit 
beeintrachtigen kann. Damit bedeutet jede Improvisation fiir 
die Frau, die sich weder eine Schweingerschaft nooh eine Ab- 
treibung zumuten will, ein luiigeheurcs Risiko. 

Zu diesen technischen Schwierigkeiten kommen die oko- 
nomischen, Wcr emstlich vorsorgen will, muQ mit einem nur 
fiir wcnige erschwinglichen Kostenaulwand rechnen. Bcide 
Fragen, die technisclie und die finanzielle, konntefn vi^ll^cht 
eines Tagcs von den Fachleuten gelost werden, wenn ihnen 
diese meisi schamhaft kaschierte Seite d^s Problems eimdeutig 
kiar gem.acht wiirde. Auch die heutige unvoUkommene Si- 
tuation ware zur Not noch ertraglich, wenn nicht seelische 
Hemmungen die erfolgreiche Anwendumg der verfiigbaren Mit- 
tel dauernd gefahrdeten. Hier miiBte vor allem jenc mannlicKe 
Mitverantwortung einsetzen, von der Hollander im.d Vanj de 
Velde in anderm Zusammenhang gesprochen haben. 

Fiir gliickliche Menschen braticht man im Rahmen 
einer offentlichen Diskussion nicht auszusorgen. Echte Liebe 
findet den Ausweg aus dem ewigen Konilikt zwischen dem 
gut€n Geschmack und der Sorge um die Gesundkeit der Frau. 
Nur gibt es nicht allzu viele Bindungen, in denen starke mensch- 
liche Nahe und innige korperliohe Vertrautheit so voUkommcn 
gemischt sind. Bei weniger ausgewogenen Beziehungen 
wird das zweckmaBige Vcrhalten der Frau durch den mann- 
lichen Hang zu ungeklarten Situationen sabotiert, Es niitzt 
nichts, dagegen die moralische Forderung aufzustcllcn, daB sich 
jeder Mensch nur mit starker Gefiihlsbeteiligung in eine 
sexuelle Gemeinschaf t begeben soil. Wenn die gef iihlsmaBig stark 
beteiligte Frau sich einen zwar geneigten, aber nicht grade sehr 
bcgeisterten Partner ausgesucht hat, wird sie cs erst recht nicht 
wagen, ihrc ohnehin unsicherc Position durch technische I>c- 
battcn zu erschiittem, Auch im Krisenstadium einer alteren, 
vielleicht ehemals starken Bcziehiuig kann die ganze schon be- 
wahrte Verhiitungstechnik zum Tcufel gehn, wenn die letzte 
Rettung nur noch von der programmlosen, schcinbar improvi- 
sierten Wicdereroberung des verlorenen Partners zu erwart-en 
ist. Jede einigermaBen instinktsichere Frau fiihlt die mann- 
licbe Abwehr gegen alles, was den Mann verpflichtet, seine 
tricbhaften Wiinsche in bewuBtc und gewollte Handlung lun- 
zusetzen; ihre letzte weibliche Waffe im Kampf um den Mann 
bleibt dann der Verzicht aui die eigne Sicherheit, 

Von diesen Noten ist so wenig; bekannt, weil die so- 
genanntc emanzipierte Frau ein ganz neues Schamgefiihl ent- 
wickelt hat; Mangel an erotischer Anziehungskraft gilt als 
groBc Schande. Auch die weniger gequalten, von der Natur 
mit geniigend Anziehungskraft gesegneten Frauen opfem tmter 
Umstanden ihren Anspruch auf Schutz und Sicherheit der mann- 
lichen Abneigung gegen Vorbereitungen. Wenn sie merken» 

26 



dafi d^r Partner cine vallig iiberrasohende, abcnteuerliche Er- 
fiillung seiner Wiinsche vermutet, so vcrbietct ihnen ihr Stil- 
gefuhl die Beachtung der notwendigcn VorsichtsmaBregcIn, Die 
Schuld an uncrwiinscliten Schwaiiigerschaitcn, die aus Takt- 
und Geschmacksriicksichten entstehen, trifft natiirlioh nicht nur 
den Mann. Die weiblichc Eitelkeit ist ebenso gefahrlich wie 
der mannliche Mangel an Phantasic. 

Van de Velde hat bereits gesagt, daB Mann imd Frau die 
Verantwortung gcmeinsam zu tragcn haben; Hollander vcrlan,gt 
vom Mann eine sehr weitgehende, in ihrer Wirkung lun- 
strittene erotischc Umorientierung. Die Frauen wiirden mit 
einem viel bcscheidneren Resultat der Aufklarungs- und Er- 
ziehungsarbeit zufrieden sein: wcnn die Manner lern^n konn- 
Icn, ihr mitmenschliches Verstandnis fiir die Gefahrdung der 
Frau auch dann nicht zu vergessen, wenn ihr mannlicher In- 
stinkt durch das Erkennen wciblicher Vorsorge beleidigt wird, 

Weltwirtschaftliche Bilanz 1932 k. l. cTrstorft 

C cit dem Sturz der Briiningregierung malt man in den of f iziellen 
Kreisen Deutschlands die wirtschaftliche Entwioklung in 
optimistischen Farbcn. Das Institut fiir Konjunkturlorschung 
hatte die Auigabe, diesen Optimismus durch die Analyse der 
Wcltwirtschaft ctwas zu imtcrbauen, Als Papen sein Wirt- 
schaftsprogramm ankiindigtc, erklarte man, in den igroBen an- 
gclsachsischen Landern, in Amerika und England, sei bereits 
der tiefste Punkt der Krise erreicht, dort bcreitc sich schon 
der Wirtschaftsumschwung vor; nur in der deutschen Wirt- 
schaft ginge die Ankurbclung nicht so schnell wie in der Welt- 
wirtschaft. Und' diescn iZwiespalt in der Entwioklung der deut- 
schen und der ameiikanisch-englischen Wirtschaft soUtc Papens 
Wirtschaftsprogramm iiberbriicken, das den Unternehmern 
durch die Stcueranrcchnungsscheine und die Beschaftigungs- 
pramien iiber zwei Milliardeh in die Hand spielte, 

Man konnte damals in den objektiven, Daten des Wirt- 
schaitslebcns, in der Entwicklimig des AuBenhandels, der Pro- 
duktion, der Zahl der beschaftigten Arbeiter zwar noch keinc 
Anzcichen einer Wirtschaftsbelebung feststcllen, aber man er- 
klarte, das Stcigen der Rohstolfpreise in der ganzen Welt und 
die Aktienhaussc in den angelsachsischen Landetn sei das im- 
mittclbare Vorspiel daiiir, daB auch die objektiven Daten bald 
eine starke Verbesserung ausweisen wiirden. 

Was ist von alledem heutc, nach noch nicht vier Monaten, 
iibrig geblieben? Die beiden Hauptmerkmale, auf die man sich 
bei der Voraussage einer baldigen giinstigen Konjunktur 
stiitzte, die Entwicklung der Rohstoffpreise und der Aktien- 
preise, zeigen wieder cine gegenteilige Richtung. In den neu- 
sten Viertcljahrsbcrichten des Institutes fiir Konjunkturfor- 
schung mu6 das auch zugcgeben werdcn, Es heiBt dort: 

Die Preise an den Wei trohst off mark ten sind seit der zwciten 
Septemberhalfte wieder zuriickgegangen . . . Di« Preisriickgangc warea 
v€rschieden stark, Kaffee, Schmalz, Kautschuk, Kupfer und Blci 
Helen um 20 bis 25 v. H., Baumwolle und Fleisch um fast 40 v. H. 
Unter den Tief stand von Juni/Juli sind jedoch nur wemgc Preise, in 
der Hauptsache die Getreidepreise, gesunken. Insgesamt hat der 

27 



Rtickschlag an den Weltrohstoffmarkten von Anfang September bis 
Ende November die voraufgegangene Erhohung des Preisniveaus zum 
^roBten Teil wieder ausgeglichen. 

Mit der Erhohung d'er Rohstoffprcisc als Zcichen fiir den 
Beginn des Konjunkturumschwungcs war es also wieder ein- 
mal nichts. Mit deni Aktienkurscn steht es nicht besser, Es 
heifit im Vierteljahrsbericht: 

An den Aktienmarkten der maCgeblichen Lander sind — nach 
der teilweise stiirmischen Haussebewegung der Sommermonatc — fast 
tiberall heftige Rtickschlage eingetreten . . . Das Kursniveau wurde 
zumeist auf den Stand der ersten Augusthalfte, teilweise noch unt«r 
den Auguststand herabgedriickt. Die Unsicherheit auf den Aktien- 
markten diirfte nicht weichen, bevor nicht eine Besserung der Ertrags- 
chancen in der Produktion in greifbare Nahe geriickt ist. 

Rohstolfpreise und Aktienkurse zeigen also in den Ictzten 
Monaten das entgegengesetzte Bild wie im juli und August. 
Aber viellcicht ist die riicklaufige Bewegung nur durch ge- 
wisse spekulative Faktoren veranlaBt gewesen? Schen wir zu- 
nachst nach den angelsachsischen Landem: 

In England ist seinerzeit bekanntlich im AnschluB an die 
Entwcrtung des Pfundcs und die zoUpolitischen AbwchrmaB- 
nahmen eine gewisse Erholung der Produktion eingetreten, und 
zwar zu einer Zeit, wo in der ganzen Welt sich sonst die riick- 
laufigcn Tendenzen weiter fortsetzten. Diese Erholung der 
Produktion war aber im wesentlichen im Fruhjahr dieses Jahres 
beendet. Die gesamte englische Produktion betrug, wenn man 
den Stand von 1924 mit 100 ansctzt, im ersten Vierteljahr noch 
92,3, In der glcichen Zeit, als die Vierteljahrshcfte fiir England 
eincn Wiederanistieg prophezeiten, im zweiten Vierteljahr 
1932, ist der Index der Produktion auBerordentlich stark; ge- 
fallen, Er betrug nur noch 83,9, und in demselben England, in 
dem sich doch der Konjunkturaufschwung am ehesten voll- 
ziehen sollte, ist im drittcn Vierteljahr 1932, wie der uns vor- 
liegende Bericht zeigt, die Produktion wiederum gcsimken und 
auf 80,0 zuriickgegangen, 

Wie steht es in den Vereinigten Staaten? Da muB zu- 
nachst festgestellt wcrden, daB dort in diesem Sommer ganz im 
Gegensatz zu der saisoniiblichen Entwicklung der letzten Jahre 
noch cin auBerordentlich starker Riickgang der Produktion und 
eine betrachtliche Stcigerung der Zahl der Arbeitslosen ein- 
getreten ist. Hier hat sich in den letzten Monaten eine gewisse 
Bcsscrung ergeben. Die Zahli der Arbeitslosen ist nicht mehr 
so groB wie im Juli und August, sie ist „nur" noch so groB wie 
im Juni; sie betragt, wie von mafigebender Seite geschatzt 
wird, heute noch zwolf bis vi^rzehn Millionen, und auch die 
Produktion weist eine gewisse Stcigerung auf und erreichte die 
Zahlen vom Fruhjahr. Aber durch welche Faktorenreihen ist 
diese Prodtiktionssteigerung erreicht worden? Glauben die 
Unternehmer in den Vereinigten Staaten, daB der Tiefpunkt 
der Krise erreicht sei, und haben sie daher groBere Kapitalien 
fiir Neuinvestitionen eingesetzt, so daB die groBen Schliissel- 
industrien einen bedeutendjen Aufschwung genommen hatten? 
Davon kann keine Rede sein. Es heiBt in dem Bericht: 

Die Aufwartsbewegung war aber keineswegs allgemein. Die 
Mehrzahl der Produktionsgiiterindustrien hat an ihr nicht tcil- 

28 



genommen; dort, wo cine Bekbung cintrat, wie in der Stahlindustrie, 
hielt sie sich fast ausnahmslas in den Grenzen, die bei dem gegen- 
wartigen Tielfstand der Produktion den stets moglichcn Zufalls- 
schwankungen einzuraumen sind. 

Wenn cs aber nicht die Produktionsmittclindustricn ge- 
wesen sind, die zu einer gewissen Bclebung gefiihrt haben, 
wcnni die Untcrnehmer keine groBcrn Investitionen vorgenom- 
men haben, dann ist die Steigerung viellcicht dadurch eingctrc- 
ten, daB die Katifkraft der amerikanischen Bevolkerungt die 
Kaufkraft der Arbeiter, der^ Angestellten, der Farmer, gestie- 
gen ist? Auch d'avon kann keine Rede sein: 

Vom Konsum her .ist die Belebung der Produktion dagegen nur 
wenig gefordert worden ... Auch. von der Entwicklung des Ein- 
kommens sind auf Grund der rein konjiinkturellen Dynamik vorerst 
kaum nennenswerte Anstrengungen zu erwarten. 

Wenn aber wedcr die Investitionen gestiegen sind noch 
der Verbrauch der breiten Massen, wieso erfolgtc dami doch 
die Belebung der Industricn, vor allem der Verbrauchsindu- 
strien? Des Ratsels Losung ist sehr einfach. Die Vierteljahrs- 
hefte stellen fest; 

Die Produktions- und Umsatzbelebung in der Verbrauchsguter- 
sphare mufi also im wesentlichen als ein zwischen Industrie und Han- 
del sich abspielender EindeckungsprozeB betrachtet werden. 

Infolge der langen Krisendauer waren die Lagervorrate 
vor allem des Groflhandels sehr stark zusammengeschmolzen; 
und in der letzten Zeit hatj' der amerikanische GroBhandel in 
groBerm Umiange seine Lagervorrate weit iiber den wirk- 
lichen Verbrauch hinaus erganzt, so dafl er der Industrie gro- 
Berc Auftrage erteilen konnte. Es ist selbstverstandlich, daO 
diese Art der Produktionsbelebung von keiner langen Dauer 
sein kann. Und wir konnen an dieser S telle einmal ausnahms- 
weise dem zustimmen, was die Viertcljahrshefte schreiben: 

Mit dieser Feststellung ist aber zugleich ^ ein wichtigcr 
prognostischer Anhaltspunkt gefunden. Denn Eindcckungswellen, wie 
die eben gekennzeichnete, bieten fiir sich allein nicht die Gewahr der 
Dauer. Sie verebben gewohnlich in dem Augenblick, in dem die Pro- 
duktion dem Bedarf wieder angcpaBt ist oder die Tatsachen, die zu 
ciner Wiederauffiillung der Lagerstande Anlafi gaben, an Gewicht 
verlieren. So scheint auch ge gen wart ig die Belebung der Konsumgiiter- 
erzeugung wieder nachzulassen. Die Wieder anpassung der Produktion 
an die laufende Nachfrage ist voUendet. Auf Teilgebieten, wie z. B. 
in den Baumwollwebereien, liegt sie zur Zeit sogar fiber dem laufen- 
den Bedarf, so daB nach der Erlcdigung der fruher eingcnommenen 
Auftrage ein gewisser Rtickschlag unvermeidlich sein dtirfte, wenn die 
Nachfrage des Handels oder des Konsums nicht emeut zunimmt. Die 
Voraussetzungen hierfur sind aber gering. 

Es kann nach alledem nicht scharf genug protestiert wer- 
den, wenn in einem der letzten Wochenberichte des Institutes 
fiir Konjurikturforschung bei einer Darstellung der Weltwirt- 
schaft und der deutschen Wirtschaft gesagt wird"; 

Mit dem Jahre 1932 hat Deutschland die Krisis, di6 seine Wirtschaft 
bis in die Grundfesten erschutterte, im wesentlicheh iiberwunden. 

GewiB ist es richtig, daB sich, wie in Amcrika, auch in 
Deutschland die Produktion etwas gchoben hat. Wenn man 
die Zahlen von 1928 mit 100 ansctzt, so war 1932 der Ticl- 
stand der deutschen Produktion mit 53,1 erreicht, wahrcnd im 
Oktober die Zahl bereits wieder 60,9 bctrug, Aber diese ver- 

29 



haltnismaOig geringfiigige Schwankung ergab sich nicht nur in 
den Herbstmonaten 1932. Im Jahre 1931 beispieUweisc war 
die Produktion, wiederum die Zahlen fiir 1928 mit 100 an- 
gesetzt, im Januar auf 67,8 heruntergegangcn und stieg dann 
bis April auf 76,3. Die Stcigerung in diesen Monaten war 
also groBer als die Steigerung in den Herbstmonaten 1932. 
Auch damals hat man von dieser Produktionssteigerung aus- 
^ehend einem naiven Optiraismus gehuldigt und lUusioncn iiber 
Illusionen in breiten Massen zu erwccken versucht, Der 
Katzenjammer kam bald hinterher. Auch dieses Mai benutzt 
man die geringfiigige Produktionssteigerung, um Illusionen zu 
erwccken, wahrend man auf der andern Seite gezwimgen ist, 
die Faktorcnreih^n aufzuzeigen, die zeigen, daB von einer ob- 
jektiven Oberwindim^g der Krise nicht die Rede sein kann, 

Weder in den angelsachsischen Landern noch in Deutsch- 
land ist die Voraussetzung dafiir gcgeben, und die gesamte 
weltwirtschaitliche Entwicklxing spricht durchaus nicht dafiir, 
daB! von den Weltmarkten, vom Welthandel her, in nachster 
Zeit starkc Auftriebstendenzen zu erwarten sind. 

Da der Aoitomatismus des Kapitalismus bei der Krisen- 
iiberwindung immer deutlicher versagt, so versucht man, ihm 
durch kiinstliche Mittel zu ^ilfe zu kommen. Aber auch 
hier haben wir ganz international ein Fiasko festzustcllen. Die 
amerikanischen Projekte, mittels Kreditexpansion die Wirt- 
schaft anzukurbeln, sind zusammenigebrochen. Die Arbeits- 
losigkeit bleibt driiben in ihrem riesenhaften Umfange be- 
stehen. Und in Deutschland hat man Herrn Gereke bereits, 
bevor er anfangt, sein Arbeit sbeschaffungsprogramm so zusam- 
mengeschnitten, daB sein EinfluB auf die Verringerung der 
Arbeitslosigkeit selbst im giinstigsten Falle minimal ist, 

Im Sommer sollen wir wiedcr einmal eine Weltwirtschafts- 
konferenz haben. Es ist nicht uninteressant, wie John Mayn- 
ard Keynes ihre Aussichten bcurtcilt, Keynes ist durchaus 
skeptisch in der Beurtcilung der weitern weltwirtschaftlichen 
Entwicklunig, Er halt es fiir moglich, daB wir (zitiert 
nach einem Auisatz von Keynes im hamburger Wirtschafts- 
dienst* vom 23, Dezember iiber ^Die Weltwirtschaftskonferenz 
1933") „nach einer bescheidcnen Aufwartsbewegung und zwei- 
f eihaften Hoffnungen auf Bcsserung abermals in den Sumpf zu- 
riickgcworfen werden", 

Und cbenso skeptisch ist er gegeniibcr den Ergebnissen 
der Weltwirtschaftskonferenz; 

Es ist leicht, die Tagesordnung der Konferenz vorauszusagen. Man 
wird eine Anzahl von EntschlieBungen annehmen, die besagen, daB 
tnancherlei Dinge geandert werden sollten; aber cs wird an der 
•ernsten Absicht fehlen, sie wirklich zu andern. So wird sich die Kon- 
ierenz als Sachverstandigen-Gesamtheit dariiber einig sein, daB Tarife 
und Kontingente den Gipfel der Absurditat erreicht haben und eine 
standige Bedrohung des internationalen Handels darstellen — aber cs 
wird nicht ein einziges Angebot irgend eines einzelnen Landes vor- 
Uegcn, selbst mit dem Abbau zu beginnen, Man wird sich iiber die 
Devisenreglementierungen beklagen, aber diejenigen Lander, die eine 
Devisenzwangswirtschaft eingefiihrt haben, werden zugleich ihr lebhaf- 
tes Bedauern dariiber auBern, daB sie zur Zeit nicht in der Lage sind, 
diese Zwangsbewirtschaftung aufzuheben, Man wird sagen, daB Schul- 
den niedergeschlagen werden sollten, sobald sie die Zahlungsfahigkeit 
30 



<ler Schuldner iibersteigen, aber kein einziges Glaubigerland wird das 
Ang«bot einer konkreten Schuldenstreichung vorlegen. Die Konferenz 
ivird erklaren, dafi eine allgemeine Ruckkehr zum Goldstandard sobald 
als nur moglich stattfinden solltei aber diejenigen Lander, die in 
dicscm Punkte die Freiheit probert haben, werden sie nicbt wieder 
aufgeben wollen, es sei denn zu Bedingungen, von denen sie nicht er- 
warten konnen, sie erftillt zu seben. Die Konferenz mag moglicherwejse 
sogar unter ergebungsvollem Sicblugen Frankreicbs, dahin iiberein- 
kommen, dafi die Preise gehoben werden s'ollten. Aber wird sie 
irgendeinen Plan zur Hebung vorlegen? 

Man kann Herm Kcyn-es nur bcistimraen. So wic die Kapi- 
ialisten der eiazelncn Lander unter der GesetzlicKkeit der Kon- 
kurrenz die Krisenwirkungcn auf die Arbeiterschaft und die 
Mittelschichten abzuwalzen suchen, so versuchen die einzelnen 
kapitalistischen Lander die Krisenwirkun^en von sich auf das 
Konkurrenzland abzuwalzen, unbekiimmert darum, ob die Welt- 
wirtschaftskrise als Gcsamterscheiming dadurcK welter verti,eft 
wird, welter vertieft werden miiB. 

Das ist die weltwirtschaftlichc Bibmiz des Jahres 1932: 
Eine Vertiefung; der Krisc national wie international bei einer 
Verlangsamung des Tempos in den letzten Monaten; ohne jede 
Aussicht, daB 1933 cine betrachtliche iBesserung bringen wird. 

Wochenschau des Ruckschritts 

— Die konunissarische PreuBenregierung hat eine ganze Anzahl hoher 
republikaniscber Beamten der Schulverwaltung, unter andern den Leiter 
der berliner Schulverwaltung Konig und Hildegard Wegscheider, ihrer 
Amter enthoben. Dem der Staatspartei angehorigen Rechtsanwalt 
Appel, der berelts zum zweitcn Mai von der Stadtverordnetcnver- 
sammlung in Eisleben zum Biirgermeister gewahlt worden ist, wiu-de 
von der kommissarischen PreuBenregierung die Bestatigung versagt. 

— Durch die Unachtsamkeit der dresdner Polizei konnten die 
Morder ihres SA-Kameraden Hentsch nach Italien entkommen. 

— Die Polizeidirektion Miinchen hat die Aufftihrung des Chor- 
werks „Potemkin" verboten, well durch die Darstellung revolutionarer 
Vorgange eine „Zersetzung'*. der deutschen Reichswehr und Reichs- 
marinc beabsichtigt sei. 

Wochenschau des Fortschritts 

— Das griechische Kriegsministerium hat aus Sparsamkeitsriick- 
sichten zwei Armeekorps aufgelost, sieben Infanteriedivisionen in 
Brigaden tungewandelt und sechs Infanterieregimenter voUstandig 
aufgehoben, 

— In Berlin haben mehrere Sturme der SA etwa 50 Prozent ihrer 
Mitglieder verlorcn. Aus dem Sturmbann III, Standarte 2, sind 
30 SA-Leute auf einen Schlag ausgetreten^ im Sturm 9 haben etwa 
20 Mann ihren Austritt erklart, aus den steglitzer Stiirmen sind 
innerhalb von 8 Tagen 48 Mann herausgegangen. Von der SA- 
Reserve Schoneberg haben 12 Mann ihre Mitgliedsbticher zuruck- 
gegeben, die charlottenburger Sturme sind ebenfalls in einer Woche 
um 17 Mann schwacher geworden. Die Unterfuhrer berichten von 
einem erschreckenden Rtickgang der Aktivitat der Mitglieder, die 
Standarte 2 bezeichnet die Dienstbeteiligung offiziell mit 45 Prozent. 
Der Umsatz der Parteizeitungen in Berlin hat sich nie so stark wie 
im Monat Dezember vermindert. Ein Beispiel fiir viele: der Zeitungs- 
fahrer des ,Angriff*, der die Ortsteile Schoneberg-Friedenau beliefert, 
verteilt an die Handler taglich rund 300 Exemplare, noch vor wcnigen 
Monaten hat er taglich 700 Zeitungen vertrieben. 

31 



Bemerkungen 



Die utngetaufte 
Abrilstungskonferenz 

VVTas wird aus der Abrustungs- 
■^ konferenz h«rauskommen? 
Erne, hoffentlich nicht zu weit- 
gehende, Aufriistung. 

Das ist der Eindruck, den 
Skeptiker schon lange von den 
genfer Verhandlungen haben, DaB 
ein solches Ergebnis der Wunsch 
so ziemiich aller Generalstabe der 
Welt ist, wird ihnen niemand ver- 
denken^ DaB es der Wunsch auch 
wichtiger deutscher Zivilisten sei, 
haben weitc Kreise des Auslan- 
des boshafterweise behauptet* Na- 
turlich sind sie jedesmal von der 
nationalen deutschen Pressc ge- 
biihrend in^ die Schranken ge- 
wiesen worden. 

Jetzt feiert Herr Minister a, D. 
Groener sein Weihnachtsfest in 
der iVossischen Zeitung* mit 
einem Artikel, der die schone 
Uberschrift tragt „Frieden auf 
Erden". Die Unteriiberschrift 
lautet allerdings nicht, wie es dem 
Text der Bibel entsprache, „und 
den Menschcn ein Wohlgefallen", 
sondern, wie es einem General an- 
steht, t,eine wehrpolitische Be- 
trachtung**, Dieser Unteruber- 
schrift entspricht der Inhalt. 

Von Herm Groener ging einsit 
das Qerucht, er stehe der Demo- 
kratischen Partei nahe. Nach 
auBcn trat das wenig in Erschei- 
nung. Was man von seiner Mi- 
nistertatigkeit bemerktej war in 
der Hauptsache eine gradezu fa- 
natische Campagne gegen den Pa- 
zifismus und seine Vertreter. 

Seine militarischen Grundsatze 
fafit Herr Groener in seineni Ar- 
tikel also zusammen; 

Einen wahren Frieden herbeizuftihren, 
ist die Aufgahe, Das Zentralproblem da- 
bei bildet die Abriistuagsfrage oder, besser 
gesagt, die Frage eines RGstungsausgleicbs. 
Damit ist praktisch weiter zu kommen als 
mit der Idee der absoluten Abrustungt die 
zwar tbeoretisch konstruiert werden kann, 
aber in Wirklichkeit nicht durchftihrbar 
ist. Nicht durch Schwachung aller Krafte. 
sondern nur durch ein gewisses Gleich- 
gewicht bei freiwilliger Entschlieitung der 
Nationen wird der Friede gesichert. 

Eine schroffere Absage an die 
bisherigen offiziellen Ziele der 
Abriistungskonferenz, als sie Herr 
Groener gibt, ist iiberhaupt nicht 

32 



dcnkbar, Er will keine absolute 
Abriistung, nicht einmal als ganz 
femes Endziel. Er will nicht ein- 
mal eine Etappe auf dem Wege 
zu diesem Ziel, namlich eine Min- 
derung (er nennt es Schwachung) 
aller Militarkrafte- Er will den 
Rustungsausgleich zu Gunsten 
Deutschlands, also deutsche Auf- 
riistung. Dem Sinne seiner For- 
derung wiirde es entsprcchen» 
wenn die Konferenz, die bisher 
Konferenz zur Minderung der 
Rustungen hiefi, in Zukunft den 
Namen , .Konferenz f tir den 
Riistungsausgleich'* annahme* 

Dieser Riistungsausgleich soil 
dadurch erfolgen, daB Dcutsch- 
land eine Miliz einfiihrt: 

In der gegenwartigen militarischen Lage 
Deutschlands wird man ftir die Zwccke 
eines ausreichenden Grenzschutzes eine 
Miliz ffir unentbehrlich halten miissen, 
besonders im Osten, wo die Schwierig- 
keiten des Grenzschutzes jedem Laien 
einl^uchten mussen, wenn er einen Blick 
auf die Kartc wirft. Freilich genOgt cs 
nicht, die Miliz, wie Immanuel Kant sich 
vorstcllte, auf die Freiwilligkeit des Staats- 
bfirgers aufzubauen. Wir brauchen die 
gesetzliche Festlegung, daO jeder Deutsche 
innerhalb gewtsser Lebensjahre zum Dienst 
in der Miliz, verpflichtet ist. 

Der Beinahe-Demokrat Groener 
verlangt demnach die Einfuhrung 
der allgemeinen Wehrpflicht fiir 
alle Deutschen, das heiBt die 
Ruckkehr zu dem Zustand vor 
1914, nur mit Abkurziing der 
Dienstzeit, Glaubt Herr Groener, 
daB die deutsche Delegation in 
Genf mit einem solchen Verlangen 
Gluck haben wird? Da es immer- 
hin 64 Millionen Deutschen gegcn- 
uber nur 40 Millionen Franzoscn 
gibt, diirfte die gesetzliche Fest- 
legung, „daB jeder Deutsche inner- 
halb gewisser Lebensjahre zum 
Dienst in der Miliz verpflichtet 
ist", nicht grade eine Erfullung 
der franzosischen Forderung auf 
Sicherheit in sich schlieBen. 

Herr Groener starrt wie hyp- 
notisiert auf den Osten; 

Wenn wir mit Hilfc ciner Miliz die 
Verteidigung unsrcr ostlichen Orenzlande 
wirksam gestaltcn konncn, dann cntfallt 
auch die dauernde Besorgois vor Feiod- 
scligkpiten und damit cine wcscntlichc 
Uroache der poHtischen Unruhc in den 
Ostprovinzen, 

DaB die bei uns im Osten herr- 
schende Unruhe nach EinfuhrUng 



d€r deutschen Miliz durch eine 
crhebliche Unruhe in Polen ab- 
gelost werden wiirdc, beunruhi^t 
den Politiker Groener nicht* Was 
sich der General Groener von 
einem ..Grenzschutz" fiir den Zu- 
kunftskrieg verspricht, ist ftir den 
einigcrmafien militarisch gebilde- 
ten Laien reichlich unklar. Gene- 
ral V. Seeckt hat schon vor Jah- 
ren festgestellt, dafi der Zukunfts- 
krjeg nicht an den Grenzen, son- 
dcrn aus der Luft heraus tiber 
den Zentren des Landes entschie- 
den werden wiirde. 

Natiirlich weiB General Groe- 
ner mit dcm technischcn Krieg 
Bescheid. Melancholisch bemerkt 
er dazu: 

GewiO wtrd DeutschUnd stets daliir zu 
baben sein, wenn es gilt, die technisch 
ubersieigerten Zerstorungsmittel aus dem 
Arsenal des Krieges zu entfernen. Eb 
ware auch fur die Krregftihrung ein Seffen 
gewesen, wenn die Technik. xticht 8ol''h 
rasende Fortschritte (femacbt hitte. Aber 
die Fortschritte der Technik lassen stch 
nicht hemmen. Wenn es so weiter geht, 
wird eines Tages die Technik den Krieg 
ad adsurdum fuhren. Bis dahin muB man 
streben, mit den technischen Zerstorungs- 
mitteln fertig zu werden, so gut es geht, 
Vielleicht gelinfit es der Weisheit der 
Staatsmanner, in diesem Punkt eine 
Losunsf zu finden* 

Herr Groener hat sich in seiner 
ersten Reichstagsrede zu einem 
verniinftigen Pazifismus bekannt. 
Lang, lang ists her. Seinen ver- 
niinftigen Pazifismus hat er da- 
mit betatigen zu miissen geglaubt, 
daB er die Pazifisten, die er fur 
nicht verniinftig hielt, riicksichts- 
los verfolgen lieB. Jetzt erfahrt 
man endlich, was er unter einem 
verniinftigen Pazifismus versteht: 
er mochte die technisch, tiberstei- 
gerten ' Zerstorungsmittel aus dem 
Arsenal des Krieges entfernen ! 
Mit andern Wortcn: er ist weni- 
ger gegen den Kricg an sich als 
gegen den technisch modernisier- 
ten Krieg. Zurtick zum Krieg der 
guten alten Zeit! Totet Euch, 
aber nicht mit Gas und Gift, son- 
dern mit anstandigen Kugeln und 
ritterlichen Kavalleriesabeln* 

Hellmut V, Gerlach 

Es regnete nicht 

Tn den iletzten Wochen haben 
* SA-Leutc einer dresdner Sturm- 
abteilung haufig und «rregt nach 
dem Barometer und dcm Himmel 



geschaut. Sic brauchten Regen, 
dringend Regen , . . odcr Schnec 
oder Frost. WoUte denn der 
Himmel kein Einschen haben? 
Der Kriminalkommissar, der dem 
Verschwinden eincs Menschen 
nachzuforschen hatte, war nicht 
halb so hartnackig und konse- 
quent wie das ewige Element 
Der Kriminalpolizei konnte man 
ein Schnippchen schlagen; man 
licB sie mit langer Nase stehen 
und entfernte sich durch die Hin- 
tertiire. Es war ein Kindcrspiel, 
und der SA-Mann Hentsch blieb 
verschwimden. Wenn ein Mensch 
sieben Wochen lang verschollcn 
ist, dann ist die Chance geriog, 
dafi man ihn noch findct. 
Schwamm dariibcr, Gras darubcr. 
Wenn es nur regnen wollte . , . 
Von Tag zu Tag wurden die SA- 
Leute unruhiger, Der Wasser- 
spiegel im Stausee der Talsperre 
bei Tharandt sank Woche um 
Wochc um vicle Zentimetcr. Und 
unter dem Spiegel lag, fiirsorglich 
mit Stcinen beschwert, der ver- 
schwundenc Mann . . . 

So ein riesiges Staubecken aus 
Zement hat cinen gewaltigen 
Fassungsraum fur uberflussiges 
Wasscr, es ist fiir Regenflut und 
Schneeschmelze trefflich einge- 
richtet, aber nicht fiir Mcnschen- 
blut, nicht ftir Mord. 

Wenn die Trockenheit weiter 
andauert, wird der sinkende 
Wasserspiegel etwas Furchtbares 
spiegdn. Es ist, als hebe sich 
aus der Tiefc wie auf einem 
Schaugertist eine Bahre empor, 
unaufhaltsam. Wenn der Himmel 
kein Einsehen hat und weder 
Regen noch Schnee schickt, ist 
der verschwundene Mann morgen 
wieder da, mit dem SchuB in der 
Brust, kein Verschollcncr mehr, 
der ganzen Welt sichtbar , . . 

Und der Himmel hatte kein 
Einsehen mit den Mordern. Er 
verschloB sich, es regnete nicht. 
Das Wasser der Talsperre fiel 
und fiel. Was die* Kriminal- 
polizei unterlieB, machte der 
Himmel wieder gut. Es hatte 
doch sein konnen, dafi aus dem 
Erzgebirge der geschmolzene 
Schnee in das Staubecken 
rauschte. Oder es konnte sein, 
dafi die Eisschicht der Talsperre 

33 



fest blieb. Daim ware der ver- 
schollene Mann, der schon acht 
Wochen auf der Sohle de& Stau- 
bcckens lag, unerkannt verwest. 
Aber es kam anders, Keine Nie- 
derschlage; und am Stauscc 
friihlinghafte Warmc, die die 
diinne £isdecke> schmolz. 

Der Himmel, der ein Einsehen 
hatte, arbeitetc unter Assistenz 
der meteorologtschen Gehilfen 
rait vorbildlicher krirainalistischer 
Exaktheit. 

Das Wasser des Staubeckens 
wich und wich; Strich um Strich 
am Pegel wurde frei, bis er klar 
anzeigtc; Mordl Kameradenmord. 
Kein Tropfcn fiel vom Himmel, 
damit das vergossene Blut und 
der sittliche Tiefstand an diesem 
Pcgel sichtbar wurde. Nun kann 
cs wicder regnen. 

Hans Natonek 

Jubilar Goldschmidt 

Manner machen die Geschichte. 
Wenn die Geschichte aber 
schief geht, tragen nicht die 
Manner sondern die Umstandc 
die Schuld. Die Siege wurden von 
Ludendorff erfochten, die Nieder- 
lage erlitt das Volk. Die Kon- 
junktur verdanken wir.bekannt- 
lich den deutschcn Wirtschafts- 
fiihrern, nicht zuletzt dem genialen 
Bankier Jacob Goldschmidt ; die 
Krise ist geheimnisvoller Her- 
kunft, soweit sie nicht — die bc- 
riihmte Sache mit der Armut und 
der Powerteh -'-- eine Folge der 
internal ionalen Wirtschaftskrise 
ist. 

Am 31, Dezember feierte Jacob 
Goldschmidt seinen fiinfzigsten 
Geburtstag. Schon Tage vor dem 
Festtag erschienen Gliickwunsche 
in der Presse. In einem Land 
ohne bcsiegte Feldherren gibt es 
auch keine besiegten Wirtschafts- 
fiihrer, DaB viele Mannschaften 
auf dem Felde der lange nicht 
mehr zitierten Wirtschafts«ehre ge- 
fallen sind, wird den Verantwort- 
lichen nicht nachgetragen, sie 
durfen weiter mitspielen. Andert- 
halb Jahre sind seit Goldschmidts 
Sturz vergangen, vor wenigen Mo- 
naten begann sein Wiederaufstieg. 
Unvoreingenommen sei festge- 
stellt; er war und ist ein tiichti- 
ger Mann. Als das hannoversche 

34 



Bankhaus, in dem er seine Lehr- 
j ahre verbracht hat, von der 
Darmstadter Bank libernommen 
wurde, soil Goldschmidt, so wird 
erzahlt, bei der berlincr Direktion 
liber die Untiichtigkeit seiner 
Vorgesetzten in Hannover Be- 
schwerdc gefiihrt haben. Der 
Streber flog hinaus, das war sevn 
Gliick. Im Apparat der GroBbank 
hatte er es vielleicht allmahlich 
zum Prokuristen gebracht, von 
auBen gelangte er schnell an die 
Spitze. Eines Tages wurde er in 
den Vorstand der Nationalbank 
berufen. Er fiihrte die Fusion 
mit der Darmstadter Bank durch 
und beherrschte dann ein Jahr- 
zehnt die Entwicklung des deut- 
schen Bankwesens. 

Das Schopferische wird ihm ab- 
gesprochen. Er hat keine neuen 
Werke erbaut sondern nur — das 
aber mit Meisterschaft • — ratio- 
nalisiert, fusioniert, mit Aktien- 
paketen jongliert. Das ist kein 
Vorwurf, das lag an seiner Zeit; 
im Spatkapitalismus kann man 
nicht die Leistungen des Friih- 
kapitalismus vcrlangen. Den Ver- 
kalkten seines Standes war der 
junge Emporkommling weit iiber- 
legen. Wunderbar drang er in die 
Clique und Sippe der Geldfurs.ten 
dritter Generation ein und zeigte 
ihnen, wie man gewandter, lie- 
bcnswiirdiger, groBziigiger Geld 
verdienen kann. Aber war Jacob 
Goldschmidt deshalb ein Wirt- 
schaftsfuhrcr, der ein Ziel vor 
sich sah? Nein, das war er nicht. 
Er taimielte vorwarts auf seinem 
Weg, geriet an einen Abgrund 
und stiirzte hinunter. Er ist der 
tiichtige Mann fiir naheliegende 
Aufgaben. Mehr nicht. 

Wo ist seine GroBe? Kauf- 
mannisch ist er gescheitert, nicht 
zuletzt deshalb, weil er theo- 
retische Kenntnisse, die er Vor- 
tauschte, nicht besaB. 1927 lieB 
er sich in Heidelberg zum Ehren- 
doktor der Staatswissenschaften 
machen. Ira September 1928 hielt 
der Mann mit den meisten Auf- 
sichtsratsposten auf dera kolner 
Bankiertag einen Vortrag uber 
„Staat und Kapitalismus", an dem 
alles so falsch war, wici man es 
von einem gelegentlich theoretisie- 



renden deutschcn Bankier erwar- 
ten muBte, Eine gewaltige Kon- 
j unktur wurde da vorausgesagt, 
Kartellen und Trustsj wurde die 
Aufgabe zugewiesen, den Pro- 
tektionismus uberflussig . zu 
machen, der Staat wurde aus der 
Sphare der Banken hinausgewie- 
sen. Louis Hagen sagte damals, 
Goldschmidt sei wie «ine Prima- 
donna aufgetreten. Goldschmidt 
selbst, so berichtet Zielenziger, 
lehnte es spater ab, „abermals 
einen Vortrag zu halteiif cr konne 
nicht immer wieder Neues sagen. 
Denn 'er spreche hochstens alle 
dreil^ig Jahre einmal. Man soU^ 
sich deshalb fiir 195S bei ibm 
vonncrken/' 

Ein Theoretiker ist er nicht. 
Wo Uegt sonst seine. Grofie? Fiir 
wohltatige Zwecke hat er viel 
Geld gegeben, ohne dabei Dis- 
kretion zu verlangen, Jildisches 
Elend ging dem Bankier, der sich 
in der Enge der Orthodoxie wohl- 
ftihite, besonders zu Herzen, Er 
ist Antizionist, aber nicht aus 
internationaler Gesinnung, aus 
kosmopolitischem Geist sondern 
aus) Furcht, in Deutschland an 
Boden zu verlieren, Politisch 
neigte der friihere kleine An- 
gestellte soweit nach rechts, wie 
das fur einen intelligenten Juden 
noch eben moglich war, 

Vorwurfe sind nicht am Platz. 
Von cincm Bankier mehr als die 
Wahrung seiner Interessen zu 
verlangcn, ist Dummheit der 
Epoche. Dafi er die Alliiren eines 
Diktators annahm, Filme finan- 
zierte, Kunst sammelte, oko- 
nomische Weisheiten verzapftc — 
dazu verfiihrte ihn eine zuchtlose 
Zeit, in gewisser Weise vergleich- 
bar mit der Aera Wilhelms IL 

Jetzt ist wieder alles in Ord- 
nung. Abgebaute Bankbeamte 
retten sich oft in den Beruf eines 
Maklers, Jacob Goldschmidt hatte 
denselben Gedanken. Er nutzt 
seine! prachtigen Beziehungen aus 
und vcrmittclt die wenigen grofien 
Geschafte, die noch zu machen 
sind. Er brachte der deutschen 
Industrie die Beteiligung am Irak- 
Petroleum, wobei das Reich Geld 
geben muBte. Er fiihrt einander 
bekampfende Aktionarsgruppen an 



den Verhandlungstisch und be- 
schrankt sich dabei auf das, was 
einem sogenannten Wirtschafts- 
ftihrer am meisten am Herzea 
liegt: er verdient Geld. 

Hermann ' Badzislawski 

Wasser, Brot und btaue Bohneti 

Von Zeit zu Zeit pilegen sich 
in einem abgelegenen Saal 
des moabiter Kriminalgericht& 
etwa zwci Dutzend kraftig ge- 
baute Gefangniswarter zu versam- 
melui um vereint gegen die Bos- 
heit und Verderbnis der Men- 
schen Zeugnis abzulegen. Ge- 
wiB soUte ein vcrbrccherischer 
Wille, der selbst vor diesen ehr- 
baren Familienvatern nicht zu- 
ruckschreckt, die Aufmerksamkeit 
der Welt erregen — aber die 
Welt beruhigt sich wohl bei dem 
Gedanken, daB niemand auf Er- 
den vor Anschlagen aller Art 
besser geschtitzt sein konne, als 
eben j ene altern Herren, deren 
Los es ist, eingesperrte Diebe 
und Morder zu bewachen, Ach! 
Man ahnt nicht, daB auch der 
wehrlos gemachte Verbrecher in 
seiner stillen Zelle zum Meute- 
rer werden und seine schwer be- 
waffneten Aufseher zu Gewalt- 
taten zwingen kann. Grade weil 
dieser Tatbestand den Theore- 
tikern des humanen Strafvoll- 
zugs weniger gelaufig ist, sollte 
die Offentlichkeit sich mehr mit 
ihm beschaftigen. Sie wtirde zu 
ihrem Schrecken erfahren, daB 
auch unsern beamteten Familien- 
vatern oft nichts iibrig bleibt» 
als mit Wasserschlauchen, Kara- 
binern und Knuppeln gemeinsam 
gegen einen Menschen vorzu- 
gehen, der selbst im Gefangnis 
seiner minderwertigen Natur 
nicht Herr wird. „Das ist eine 
traurigc Situation — als ob man 
im Felde einen Sturmangriff 
macht" — muBte dieses Zeugnis 
eines Beamten vor Gericht nicht 
auch den humanen Theoretikern 
die Augen offnen? 

Leider schweigt sich die Pressc 
iiber solche Prozesse aus. Um 
so dringender sei deshalb auf 
das Buch „Wasser, Brot und 
blaue Bohnen" von Gustav Rcg- 
ler hingewiesen (erschienen im 

35 



Neuen Deutschcn Vcrlag, Ber- 
lin; kartoniert 3,20 RM., gebun- 
den 4,80 RM,), Regler gibt eine 
kenntnisreiche Schilderimg der 
Zustande im Gelangnis, Er 
neigt allerdings dazu, die Ge- 
fangenen fiir wichtiger zu hal- 
tcn als die Warter. Von diesem 
Blickpunkt aus ergibt sich na- 
ttirlich ein Bild, das den Ansich- 
ten der Beamten in Meuterei- 
prozessen ganz und gar wider- 
spricht. Nun, der Verfasser ist 
I'ung und bringt ftir Sturm- 
angriffe auf geschlagene Feinde 
noch nicbt das gleiche Verstand- 
nis auf wie ein Familienvater. 
Dieser Scbreck des ersten Blicks 
aber unterscbeidet sein Buch zu- 
gleich von alien knocbernen 
Theorien. 

Regler schildert die vergif- 
tende Wirkung der siiBlich-trok- 
kenen Gefangnisluft mit bitte- 
rer Genauigkeit, Angef angen 
vom Mief des Scblafsaals, den 
Leibdunste und mannliche Gier 
scbwangern,' bis zum Keller- 
geruch der Tobzelle stinken die 
„notwendigen" Nebenfolgen des 
Strafvollzugs gen Himmel. Man 
erkennt aucb die ewigen Typen 
wieder, deren Jammer staatlich 
verwaltet wird; den ausweglosen 
Schwachling und den kindlicbcn 
Rohling mit seinen eingeklemm- 
ten Af f ekten, den triebgebundenen 
Luden und den frommelnden Ar- 
teriosklerotiker. Die innere Hilf- 
losigkeit der Kreatur wird unter 
dem Deckmantel des Sicberungs- 
zwecks in tiefste auBere Er- 
niedrigung verwandelt, Es ist 
verstandlicbf dafi Regler sein 
Bucb in ein Pamphlet gegen die- 
sen Strafvollzug der Familien- 
vater ausmiinden laCt. Er be- 
schrankt sich nicht darauf, das 
kreattirlichc Leiden unter sinn- 
losen und roben Schikanen dar- 
zusiellen, sondern mocbte die 
typische Klassenlage der Gefan- 
genen und ibrer beamteten War- 
ter berausarbeiten. Dabei gerat 
er leider ins Spintisiercn. Eine 
phantasierte Revolte mit Songs 
hangt sich als unwi/rkliches, 
bappy-cnd an den diistern Stoff 
und raubt ihm sein wahres Ge- 
wicht. Wie die Dinge liegen, 
pflegen solche Revolte-Traume 

36 



in Moabit zu enden, Dort sitzen 
dann in ibrer ganzen ma s siven 
Leiblichkeit jene Praktiker des 
Strafvollzuges, die nach Reglers 
romanhaftem SchluB langst er- 
schossen sein muBten, und 
verhelfen den Meuterern aufs 
neue zu Wasser, Brot und blauen 
Bohnen, Was aber diese Aus- 
sicht bedeutet, ist selten so ein- 
dringlicb beschrieben worden wie 
von Regler selbst, 

Erich Franzen 

Gretchens Bruder 
l^eine Faust-Auffuhrung ver- 
*^ zichtet auf Eigenwilligkeitcn 
und ungewobnte Akzente, Nur in 
einem Punkte scbeint der Biih- 
nenbraucb tabu. Icb wenigstens 
babe nie einen andern Valentin 
zu sehen bekommen als den iib- 
licben wackern Kriegsmann, der 
in gerecbtem Zorn den Verfuhrer 
der Schwester zur Verantwortung 
zieht, einen rauben, graden Kerl, 
aus dessen Erbitterung die 
schlichte, harte Denkart des Sol- 
daten spricht, Der eine Darsteller 
betont vielleicht mehr den hefti- 
gen Charakter, der andre die ein- 
facbe Ehrenhaftigkeit — immer 
jedenfallsi ist dieser Valentin ein 
kreuzbraver Bursche, dem unsre 
ergriffcne Teilnahme gebtihrt. 

Nichts selbstverstandlicher hier- 
zulande, als daB ein Soldat brav 
ist und demgemaB zu Gott ein- 
geht, Nur so laBt sich das allge- 
meine Ansinnen erklaren, mit die- 
sem Valentin zu sympathisieren. 
Seine letzten Worte zwar sind 
brutalste Verfluchung Gretchens, 
Hohn ihrer Schande, phari- 
saiscbes Uberzeugtsein von der 
eignen Tugend. ' Aber das beirrt 
die Christenheit nicht weiter. Ich 
babe ein paar von den hundert 
Faust-Kommentaren nacbgeschla- 
gen: tiberall ist Valentin ein red- 
licher Geselle ohne Fehl und wird 
freventlich ermordet. In Wirklich- 
keit wird das fensterlnde Paar 
Faust-Mephisto mcuchlings von 
einem Rowdy angefallen, der 
etwas von Scbadelspalten brullt 
und sofort wild zuschlagt. Und 
was hat den Mann so furchterlich 
aufgebracht? Emport sich maBlos 
der bruderliche Beschtitzer, sind 



seine Begriffe von Zucht und Sitte 
so ungeheuer verletzt? Aber nein, 
man hat ihn ein biOchen ausge- 
lacht und gehanselt, als er in der 
Kneipe grofitun wollte mit seiner 
allertugendsamsten Schwester. 

„Soll jeder Schurke mich be- 
schimpfen!" Das ist es, da geht 
er hochi da mu6 Blut fliefien. Als 
er dann leider selber daliegt, 
schauml die Tiicke in sinnloser 
Lasterung und Verwunschung aul 
das arme Madchen los. Wie von 
einer angesteckteni Leichen sollen 
alle braven Burgersleut vor ihr 
zuruckweichen. Ei, die werden 
sich das nicbt zweimal sagen 
lassen, wcnn doch der eigne Bru- 
der sie so rob tind grausam preis- 
gibt. 

Ist dieser Valentin nicht der 
Prototyp dcs ekelhaften Bruders, 
der sich unverschamt einmischt 
und zum groBmauHgen Hiitcr der 
schwestcrlichen Madchenehre auf- 
wirft? Ist er nicht in seiner Bul- 
Icnwut, in der uferlosen Gemein- 
heit seiner Beschimpfungen, in 
seiner vcrwilderten Reputierlich- 
keit eine wohlbekannte KommiB- 
Ausgcburt? Wie kommt es, dafi 
dieser tible Patron, in dem Goethe 
die zerstorende Unmenschlichkeit 
der Subalternitat eingreifen laBt, 
wie sie eben in alles Geschehen 
.einzugreifen pflegt, — wie kommt 
es, dafi dieser Valentin immer 
alien Ernstes als braver Soldat 
und anstandiger Kerl frisiert aui 
der Szene erscheint? 

Ja, wie das wohl kommt! Da 
rubren wir scbon an die deutsch 
Gretchenfrage; Nun sag, wie bast 
dus mit dem Militar? 

Willi Wolfradt 

Zwangsabonnenten be! 
Hugenberg 

Rundsckreiben 
VJ^ic wir festgestellt haben, ist 
*• ein grofler Teil unsres Per- 
sonals auf die in unserm Ver- 
lage erscbeinenden Zeitungen 
nicht abonniert, Wir konnen nur; 
annehmen, daB vielen Angestell-- 
ten der verbilligte Bezug (50 Pro- 
zent Rabatt) unsrer Verlags-*^ 
zeitungen nicht bekannt ist, und 
erinnern daran, daB die Zeitun- 
gen unsres Verlages: ,Lokal-An-f 



zeiger' statt 3,75 Br 1,65, ,Der 
Tag' statt 2,75 ftir 1,40, die 
,Nachtausgabc* statt 2,50 ftir 1,25 
bei frcier Zustellung ins Haus 
bezogen werden kdnnen« 

Die AngestcUten werden Inter- 
esse daran haben, wenigstens 
eine Zeitung unsres Verlages im 
Hause zu haben. Deshalb machcn 
wir heute noch einmal auf die ge- 
botene Gelegenheit eines billigen 
Bezuges aufmerksam. 

Wir bitten die beiliegende Liste 
in den Abteilungen zirkulieren ' 
zu lassen und dieselbe spatc- 
stens bis zum 5. 12, 32 an die 
Personalabteilung zuruckzugeben. 

Berlin, den 11. November 32. 
August Scherl G. m. h. H. 
gez. Scheuer Dr. Wenglein 

Die Bew^hrung 

Nacb dem Gasuberfall auf das 
Postsparkassenamt gab die 
wiener Polizeidirektion in einem 
Kommuniqu6 zufrieden bekannt: 

„Dcr Sicherheitsapparat, der 
das Postsparkassenamt bei An- 
schlagen irgendwelcher Art schtit- 
zen soil, hat auch in diesem Fall 
mit groBcr Prazision funktionicrt, 
obwobl er seit Jahren nicht mehr 
in Anwendung gelangt ist. Es 
wurden sofort auf Grund des er- 
haltenen Alarmavisos samtliche 
nach auBen fiihrende Turen ge- 
schlossen, so daB samtliche im 
Hause anwesenden Parteien form- 
lich gefangen waren. Dies scheint 
auch der Urheber des Anschlages 
gemerkt und gewuBt zu haben, 
daB ibm die Flucht durch eine der 
Ttiren nicht gelingen konne, Um 
sich doch in Sicberbeit zu brin- 
gen, ist er dann durch Stiegen 
und Gange so lange gelaufen, bis 
er zu einem im Hochparterre ge- 
legenen Fenster, das zum Georg- 
Cocbplatz fiihrt, gejangte. Dort 
hat er die Scheibe eingeschlagen 
und ist durch das Loch auf die 
Strafie gekrochen und gefliichtet. 
Passanten haben ihn davonlaufen 
gesehen." 

Die wiener Polizci bat also 
alien Grund, auf die VerlaBlich- 
keit ihrcr Sicberbeitsvorkebrungen 
stolz zu sein: der Tater ist zwar 
entwischt, aber alle tiberfallenen 
waren im Nu gefangen. 

37 



Das beste Welhnachtsgeschaft 

Am allerbesten war der Verkauf 
von Soldaten mit allem kriegs- 
maBigeu Zubehor wie Gulasch- 
kanonen, Planwagen usw. Die Fa- 
brikanten aus Brandenburg muB- 
ten teilweise sogar ibre eben erst 
fertig« Ware per Eilauto odcr per 
Eilpost nach Berlin schicken. 

Die Zahl der verkauf ten Sol- 
daten betragt wohl die Starke 
der Armeen der ganzen Welt. Das 
ist weiter kein Wunder, wenn man 
erfahrt, dafi es in Berlin zahl- 
reiche Leute gibt, die aus Samm* 
lerinteresse 20- bis 25 000 ver- 
schiedene Soldaten haben! 

,Tempo% 21. 12. 32, 

Liebe Weltbfihne! 
p\ie Samenvertriebs^gesellschaft 
'-^ Germania. Elberfeld, schickte 
am 31. Januar 1917 eine Post- 
karte an die nFirma Eiscngrube 
Gute Gottes Bruchertseifen b, 
Hamm (Sicg)". 

Die Karte kam zuriick mit dem 
Vermerk des Postboten: „Gutc 
Gottes besteht seit Kriegsaus- 
bruch nicht mehr Mattlaff 4." 



Telefongesprftch 

Guten Tag, der liebe Gott selbcr am Apparat? 
Ihr Gesdiatztes weiB meine Firma xu ehren. 
Metn, nidits von einem seeliscijen Attentat, 
Icfa wollte mich nicht bescfaweren. 
Nur ganz privat . . . 

Nur ganz privat woUt idi Sie fragen, idi bin 
versdiwiegen, 

Was wird aus den hundert Worten, 

Die ewig uber den Stadten liegen? 

Die die Sekunde spricht an tausend Orten? 

Was wird damit? 

Wo bleibt der Schrei der verschOttcten Bcrg- 

leute, 

Die am 8. Juni tief unten verredcten? 

Wo bleibt das Fliistern, mit dem wir beide 
uns heute — 

Die Freuttdin und idi — im Abend verstedtten? 

Waa wird damit? 

Spridit in hundert Jahren ein Baum 

la seinen Blattern, was heute uns berauschte? 

Bricht STcfa an einer KHppe Jm Sdiaum 

Der Besoffenen GebriiU, dem die Strafie heute 
lauscfate? 

Was wird damit? 

SdimeiSen Sie, Ueber Gott, der Pariamente 

Geseich 

Und die Worte der Millionen Liebespaare 

Auf eineo MuUhaufen im Kosmos oder in einen 

Tcifii ? 

Bitte, was mrd damit? 

Hallo? 

Haben Sie etwas gesagt? 

Wie? 

Ich habe dodi"dcutlich genug gefragt! 

Was sagen Sie, der alle Zeiten lenkt? 

Nichts . . . 

Teilnehmer hat abgehangt. 

Wilmont Haacke 



Hinweise der Redaktion 



Berlin 

Freitag 20.00. Rcichswirtschaftsrat, Bellevucstr. 15: Die 



Adolf Behne: Nationalgalerie, 



Lifia fiir Menschenrechte, „ 

Generale der Republik, Wilhelm Herzog. 
Der Kunstklub. Mittwoch 21. UO. Meineckestr. 27. 

Kronprinzenpalais — mal so, mal anders. 

Hamburg 

Weltbtihn exile ser. Donnerstag 20.30. Timpe, Grindelallee 10: Ruckblick auf dasjahr 1932. 
KoUektiv Hamburger Schauspieler. Oper im Schillertbeater. Sonn tag 11.00. Den Nagel 
auf den Kopf. 

Nflrnberg 

WeltbUhnenleser. Montag (9. I.) 20.30. Katharinenbau, Koppensaal: Kapitalistische 
und sozialistische Produktionsmethoden, Adrian y. 

Bficher 

E. E. Kisch: China geheim. Erich Reifl-Vcrlag, Berlin. 

Maria Leitner: Eine Frau reist durch die Welt. Agis-Verlag, Berlin. 

Robert Musil: Der Mann obne Eigenschaften, Buch 2. Ernst Rowohlt, Berlin. 

Rundfunk 

Dienstasj^i Konigswusterhausen 15.45: Meinhart Maur liest aus Vischers Auch einer. — 
Berlin 19.10: Archiv der Temperamente. — 20.00: Mozarts Symphonte D-dur. — . 
Langenberg 20.05 : Unbekanntes von Mozart. — Munchen 2005 : Ibsens Peer GynL — 
Konigswusterhausen 20.30- Die Lieder von Verdi, Felix Stflssinger. — Langenberg 
21.10: Muaikalische Drehbtihne. — Mittwoch: Berlin 20.00: Funf Takte aus dem 
Liede der GroBstadt. — Doanersta^: Berlin 20.05: Artur Schnabcl spielt. — K6nigs- 
wusterhausen 21.00: Mahomet-Fragment von Goethe. — Stuttgart 21.00: Geld. Hor- 
folgc mit Beitragen von Wcdehind, Kastner, Molifire, Balsac, F. C Serte. — 
Berlin 21.10: Moritalcn, Walter Gronoslay. — Leipzig 21.25: Obei-st Chabert, H6r- 
spiel nach Balzac von Alfred Mflhr. — Sonnabend: Moskau (Komintem) 20.00 : 
Marzismus — Lentnismus. 

38 



Antworten 

Roger Shaw, New York. Wir freuen uns iiber die Entschieden- 
heit, mit der Sie als Auslandsredakteur der ,Rewiew of Rcwiews' ge- 
gen die Schwierigkeiten protestieren, die eine amerikanische Behorde 
der Einreise Professor Einsteins in den Weg gelegi hat. Es ist inter- 
essant, daB sich nicht bloQ alle liberalen Elemente Amerikas sondern 
auch die konservativsten Zcitungen, wie .Evening Post* und .Herald 
Tribune'i gegen die Einreiseschikane gewendet haben. Wie Sie uns 
schreiben, ist die ..Patriotische Frauen-Vereinigung", die die ameri- 
kanische Behorde scharfgemacht hatte, eine ebenso kleine wie obskure 
Vereinigung reaktionarer Frauen. die dem Ungeist des Ku-Kux-Klan 
nahesiteht. Wir sind davon uberzeugt, daB Sie vollkommen recht 
haben. wenn Sie sagen: .,Mag Einstein Zionist oder Pazifist, Kommu- 
nist oder Buddhist, Mithra-Anbetcr oder Vegetarier seinl — wenn er 
zu uns kommt. kampft er fur die Relativitat und nicht fiir die Diktatur 
des Proletariats. Die ungeheure Mehrheit der Amerikaner ist liberal 
und nicht fascistisch. Darum heiBen wir Einstein und alle groBen 
Geister willkommen." 

Berliner Borsenzeitiing. Du nennst Hellmut v. Gerlach ..einen 
politisch fast Tot en", Und doch widmest du ihm binnen vier Tagen 
zwei ausgewachsene Leitartikel. Grenzt das nicht schon an Leichen- 
schandung? 

Kattowitzer. Sie schreiben uns: Seit Jahren hat die Deutsche 
Theatergemeinde fiir Polnisch-Oherschlesien unter der Leitung von Frau 
Rosa Speier wahre Kulturarbeit in dieser sonst so oden Gegend ge- 
leistet. Das deutsche Theater, an dem die Kunstler des Oberschlesi- 
schen Landestheaters spielen, hat in der Zeit des dramatischen Ge- 
dankenschwundes Auffuhrungen aller wichtigen Erzeugnisse der dra- 
matischen Produktion gebracht: Finkelnburgs Amnestie, Bruckners 
Elisabeth, den Hauptmann von Kopenick, Goethes Gotz und zuletzt 
Hauptmanns Vor Sonnenuntergang. Daneben hat der Intendant die 
Urauffiihrung von Krasinskis, des polnischen Klassikers, Ungottlicher 
Komodie in der deutschen tlhei^setzung von Franz Theodor Csokor 
herausgebracht. Als die Zentriunskommunalpolitiker von Beuthen die 
Auffuhrung der Dreigroschenoper als untragbar ablehnten, da lieB die 
Theatergemeinde Brccht- Weill in Kattowitz zu Wort und Ton kommen. 
Die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes amtisierte 
sich kostlich in ihrer Loge. Doch der Ftihrer der deutschen Katho- 
liken, Professor Pant, ein Christlich-Sozialer vom Stamme der DollfuB. 
aus nSudetendeutschland", schlief nicht* In der Generalversammlung 
der Theatergemeinde am 26. Oktober sagte er sehr deutlich im Hin- 
blick auf die jiidische Frau Speier, deutsche Art sei im Vorstand nicht 
vertreten; der Spielplan sei derart, daB „die Mehrheit des ober- 
schlesischen Volkes" oft AnstoB genommen habe. Mit Hilfe der in 
Massen erschienenen Mitglieder des DHV, der katholischen Jung- 
manner und der ..katholischen Bevolkerung" wurden daraufhin der 
Arzt R. und der Arzt W.. deren Namen so unwichtig sind wie ihre 
Personen, zu Vorsitzenden gewahlt. Das Peinliche fur did Vertreter 
der deutschen Art war nur, daB im zweiten Wahlgang 35 Stimmen 
mehr abgegeben wurden alsi im ersten. Ein Jurist legte isofort Ein- 
spruch gegen die Wahl ein, Und jetzt bildete sich eine kulturpolitische 
Front, die auBer den Vertretern des „Berufsdeutschtums" (.Berliner 
Tageblatt'i vom 27, Oktober ..Oberschlesien 1932" von Erhart Evers) 
Sozialisten. Liberate, Evangelische Frauenhilfe und Juden vereint, l3er 
Wojewode Grazynski bat am folgenden Tage Frau Speier zu sich und 
sagte ihr; ,.Ich danke} Ihnen fiir Ihre Kulturarbeit; ich verstehe das 
Vorgehen der Deutschen nicht, ich wtirde es auch nicht konnen. wenn 
ich Deutscher ware." Es muB daran erinnert werden, daB nach den 
Anpobeleien der polnischen Schauspieler in Oppeln, April 1929. Frau 

39 



Speier das Deutsche Theater rettete. Damals) giug sie zum Theater- 
direktor und zum Leiter der polnischen Theatervereinigung, tun ihnen 
die Abscheu der Deutschen Polnisch-Schlesiens iiber das oppelner 
Verbrechea auszusprechen. Als sich am 27. Marz 1930 als Ergebnis 
langer Verhandlungen und nach dem Schiedsspruch des ausgezeichneten 
Prasidenten der Gemischten Kommission, des Schweizers Calender, 
der Vorhang vor einem glanzenden internationalen Publikum zur Oper 
„Schwanda** des Tschechen Weinberger hob, als dann der ruhrige und 
geistig interessierte deutsche Generalkonsul Freiherr von Grtinau zum 
er.stenmale den Wojewoden, die polnischen und deutschen Schau- 
spieler, den Fiihrer der Deutschen, Herm Ulitz, und weitere Mitglieder 
der deutschen und polnischen Gesellschaft sowie der internationalen 
Instanzen bei sich sehen konnte, da wufite jeder, daB Frau Speier das 
erreicht hatte, Und heute — alles dahini Die deutsche Presse mit Aus- 
nahme des ,Sozialistischen Volkswille*, lehnt es ab, sich herauszu- 
stellen . » . im Interesse der Volksgemeinschaft, die der sozialistische 
Abgeordnete Kowoll mit Recht Liigengemeinschaft nennt. 

F. B.y Berlin. Sie fragen, ob die Angabe des F. W* Heinz, gegen 
den Walter Mehring in der ,Weltbuhne' polemisiert hat; „£rnst Toller, 
der sich mit roter Perucke und in Frauenkleidern in einen ver- 
schwiegenen und sonst nur ,Fur Frauen' bestimmten Ort gefliichtet 
hat , » ." auf Wahrheit beruhe, Selbstverstandlich bedient sich Heinz 
— wie stets, wenn er von seinen Gegnern spricht — der Verleum- 
dung, um dann seine SchluBfolgerimgen zu ziehen, 

Kamerad Neumann. Uber Ihre Rede in einer Versammlung des 
Reichsbundes j udischer Frontsoldaten, Ortsgrupj)e Berlin, berichtet 
,Der Schild': „Kamerad Neumann wendet sich gegen den JudenhaB* 
Er ist des Frontsoldaten nicht wurdig. Er fordert von den Juden, 
daB sie sich in den konservativen Parteien, daB sie sich in der 
Deutschnationalen Volkspartei organisieren. Diese Partei ist nicht 
antisemitisch, denn, so folgert er unter dem Widerspruch eines Teils 
der Versammlung, ihr Fiihrer Hugenberg ist kein Antiscmit, wie er 
es durch seine Personalpolitik in der ihm gehorigen Ufa und im 
Scherl-Verlag beweist." GewiB, Herr Kamerad Neumann, Hugenberg 
beschaftigt in seinen Unternehmungen eine ganze Menge Juden, ver- 
mutlich doch, weil er sie als besonders tiichtig erkannt hat, Offenbar 
ist er der Meinung, daB man mit dem Blutaberglauben zwar Politik, 
aber keine Geschafte machen kann, Seine Partei jedoch ist pro- 
grammgemaB antisemitisch, Und Sie fordern die Juden zum Bei- 
tritt zu einer Partei auf, die sich offiziell zum Antiscmitismus be- 
kennt? Halten Sie ftir den Idealtypus des Juden den Hausierer, der, 
auf der Vordertreppe hinuntergeworfen, dieHintertreppe emporklimmt? 

Dieser Nunimer liegt eine Zahlkarte ftir die Abonnenten bei, auf 
der wir bitten, 

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einzuzahlen, da am 10, Januar 1933 die Einziehung durch Nachnahme 
beginnt und unnotige Kosten verursacht, 

Manuskript* sind nur an die RedakHon der Weltbuhne. CharlbHenbursf, Kanlstr. 162, so 
riditen; es wird gebeten, ihnen Rudcporto beizulesfen, da sonat keine Ruckseodung erfolgen kann. 
Int Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anspruch auf Nachliefenmg 

oder Erstattung' des entsprecfaenden Ent^lta. 
Das Auf fahrun^rsrecht, die Verwertun^ von Tileln u. Text im Rafamen des Films, die musik- 
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bleiben fdr alle in der Weltbtthne erscheinenden BeitrSge ausdrUcklicb vorbehalten. 

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unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet — Vcrantworllidi : Wallher Karsdi, Berlin. 

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XXtl Jahfgang lO.Januarl933 Hammer 2 

Der Flaschenteufel von cari v. ossietzky 

Kanzler a» D, 

r\er verstorbene Wilhelm Cuno war nicht nur dcr crstc von 

rechts kommende Kanzler sondern auch so etwas wie cin 
Vorlanfer dcr „grunidsatzlich neuen Staatsfiihriing*'. Er kam 
nicht aus dem Krcis von Parlamentspolitikem und Partcifiih- 
rern; ein Reichsprasident betraute ihn nach dem Ratschlag 
unverantwortlicher Gutachter. Cuno brauchte die prasidiale 
Autoritat noch nicht zu bemiihen, auch dcr Professor Carl 
Schmitt war damals noch nicht erfuniden, Die nationale Parole 
dcs Ruhrkricgs vcrschafftc ihxn bombensichere Majoritiit. Mit 
der notwendigen Liquidation fiel auch Cuno; zuriick blicb In- 
flation, Separatismus, drohcnder Marsch auf Berlin, 

Neun Jahre spater durftcn dunkle Krafte abermals cine 
representative Nuilitat auf den Kanzlerstuhl lancieren. 1923 
grassierte noch der Aberglaubc von der Uberlegenheit der 
Wirtschaftsfiihrer, seitdem hat dicsc Katcgorie so ziemlich aus- 
gelitten, Im vergangenen Fruhjahr holte man sich eincn der 
Industrie verschwagcrtcn Amateur mit guten Sprachkenntnis- 
sen, dessen Kapazitat iiber die eines brauchbaren Dolmetschers 
nicht hinausging, Franz von Papen regierte ein halbes Jahr, 
und seine Tatigkeit wird am besten zusammengefaBt unter der 
Stichmarke: Der Hcrr im Sommer, Die Schlufibilanz ist nicht 
heiterer als die Cunos, Wir haben allmahlich gcnug von den 
gutgcschnittencn Gentlemen mit Widderprofil, deren diinne 
kosmopolitische Politiir den maBig begabtcn Ministerialbcam- 
teh darunter nicht vergcssen machen kann, 

Noch in den letzten Jahren hat Cuno eine rcge Kulissen^ 
tatigkeit cntfaltet- Durch das Medium dcr von ihm ausgehal- 
tenen ,DAZ* brachtc er sich wiederholt als Reichskanzlcr in 
Empfehlung; ebenso gehorte er zu jenen Wirtschaftsgebietern^ 
die dem angcblich antikapitalistischcn Hitler die zartlichstc 
Fursorge zuteil werden lieBcn. 

Auch dcr Romantiker Papen revolticrt gegcn den auf- 
gezwungenen Ruhestand und versucht sich einstweilen in be- 
scheidenen Kabalcn, So ist seine hcimliche Zusammenkunft 
mit Hitler postwcndend — und wohl nicht ganz ohnc Mithilfe 
dcs Hcrrn von Schleicher — in die Presse gelangt, Oder ist 
wieder cinmal irgendwo eine Mappe liegen gebliebcn? Der 
elegante Herr von Papen schliirft immcr auf Holzsohlcn durch 
die Politik, Selbst wo er auf Zehenspitzen auftritt, kracLen 
die Bohlcn, wo cr fliistert, steht immcr ungliicklichcrweise ein 
Lautverstarkcr. So bleibt er der ewigc Attache, dcr seinem 
Chef immcr feuchte Finger bereitet, und er wird es bleibcn bis 
zu der Zeit, wo er sich cndlich damit bcgniigt, in den paar 
noch erhaltencn Salons dcr groBcn Welt zu erzahlen, daB auch 
ereinmal Prinz in Arkadicn war. 

Kanzler z. b. V. 

Hcrr von Schleicher ist seinen offenen und geheimen Geg- 
nem im Komplotticren libcr. Auch diesmal hat er schnell und 

1 41 



scharf pariert. Kaum, dafi Hitler und Papen zusammensitzcn, 
ist die wcrdeadc Konspiration schon allcr Welt offenbar. Abcr 
Schleicher selbst war auch nicht muBig, Er hat mit Gregor 
StraBer und selbst mit Rohm Fuhlung genommen; er sctzt der 
Nazipartei,, um sie biindnisreif zu machcn, gleichsam Blutegel 
an. Das erinnert an den alten Simplicissimuswitz; „Er wird 
ein guter Ehemanni er ist schon etwas kraniklich/* 

Wir registrieren die Vorgange auf der Rechten tind um 
die Regierung herum mit dem Interesse des Bcobachters von 
der andern Seite und ohne Parteinahme fiir einen der helden- 
miitigieni Gralsritter, die ohne Helm und Lanze nicht anders 
und nicht vorteilhafter wirken als konkurrierende Teppich- 
juden, MuB man gewissen Republikanern immer wiedcr zu- 
tuschcln, daB cs sich bei alledem um Familienstreit handelt, bei 
dem uns nicht die, Beteiligten angehen sondern nur die stritti- 
g€n Objekte? Denn dazu gehoren auch wir, dazu gehort 
Deutschland, 

Ob sich Schleicher mit Adolf vertragt oder mit Gregor 
gegen Adolf, ob er mit Hugeoberg regiert oder ihn an die 
Wand quetscht — das Prinzip ist immer das gleiche. Es heiBt 
immer Autoritat und Militarismus gegen Demokratie, Sozialis- 
mus,, Republik, es heiBt immer Hcrrenschicht gegen Volk, 
einerlei ob diese offen, durch Agrar- imd Industriefeudalismus 
reprasentiert oder von Hitler- und Seldte-Kohorten maskiert 
wird- AUe diese Manner, die durch perso^lichen Ehrgeiz oder 
reale Gruppeninteressen getrennt sind, bilden doch Stiicke 
einer ideologischen Front. Sie kampfen fiir rcaktionare Machte, 
und nur die ungeheure Unsicherheit dieser Zeit hat sie in die 
absonderlichstcn Verkleidungen getrieben, 

Inmitten dieser schnell wechselnden Verbruderungen und 
Verfeindungen bedeutet der Reichskanzlcr von Schleicher die 
stabile Figur. Wir sind nicht wie seine eifrigen Lobredner 
von seiner staatsmannischcn Bcgabung iiberzeugt, ebensowenig 
von seiner Fahigkeit, schopferische Gedankcn zu produzieren. 
Aber er ist zugleich der Chef der Wehrmacht, deren zentrale 
Stellung im Staate nicht mehr anzuzweifcln ist, und er verfiigt 
iiber jenen Mangel wciter Aspekte, der in Deutschland Ver- 
trauen erweckt, weil man das fiir gesundcn Menschcnverstand 
halt. Herr von Schleicher hat sich im innern Ministerialbetrieb 
gebildet, dicsem schwicrigen Terrain gehort seine Passion, 
und de&sen Gesichtskreis und taktische Gepflogenheiten tragt 
er in die groBe Politik. Aber was er bisher offentlich verlaut- 
bart hat, zcugt von einer phantasielosen Subalternitat, die 
zur Bedeutung nur gelangen konntc in einer Periode allgemei- 
ner physischer Erschopfung. Wcnn in Deutschland ein Politi- 
ker schlecht und langweilig redct, glanbt man an die Tiefe 
seines Gemiits. Wenn er in allgemeinen Phrasen um die Wirk- 
lichkeit hcrumredct und seine Programmlosigkeit mit der greu- 
lich-en Plattheit salviert, er haltc weder von Sozialismus noch 
von Kapitalismus etwas, so gilt er fiir ein Genie der Synthese. 

Herr von Schleicher ist kein Troupier sondern ein 
Bureauoffizier, er vcrtritt die besondcre Nuance der Sabel- 
bureaukratie, wie sic sich in der Bendler-StraBe unter den 
Augen rcpublikanischer Regierungen entwickeln durfte. Das 

42 



deroutierte und anarchisiertc Bur^ertum hat cine Position nach 
der andem geraumt und sucht heute die Reste seiner okonomi- 
schen Stibstanz zu wahren und neu zu befestigen. Weil man 
an die beherrschcnden und ordnenden Krafte der Gescllschaft 
nicht'mehr zu glauben vermag, deshalb vergottet man den ab- 
soluten Staat, der nicht nur das rcspcktheischcnde Symbol des 
Sieges iiber das eigne Volk sein soil sondem. auch die Ver- 
heiBung kiinftiger militarischer Triumphe. Dieser Staat ist cin 
bewuBtes Intcrimistikum, wirklich eine Art nZwischcnreich*', 
dessen endgiiltige Form erst im Feuerofen einer neuen kriege- 
rischen Katastrophc gebildet wird. 

Eine solche Zeit unentschiedener Obergange schafft ihre 
eignen Diktat or en. Sie miissen nur zah genug sein, das Endziel 
nicht aus den Augen zu verlicren, elastisch genug, um sich 
sclbst in libcrale Episoden einizulatssen, ohne deren Geist zu 
verfallen, intelligent genug, um lialbwegs unkompromittiert 
durch die AuBenpolitik zu steuern, Es ist Schleichers Mission, 
die Exaltationen des cxtremen Nationalismus ebenso zu damp- 
fen wie die Anspriiche einer sich neu sammelnden Liaken. Es 
hieBe Schleicher iiberschatzen, in ihm einen Casar zu ver- 
muten, Er bleibt ein bewahrter Beamter, dcm man fur alle 
kommenden Falle gute Nerven zutrauen darf, Der Kanzler zur 
besondern Verwendung. 

Der . Flaschenteulel 

Nicmals ist in Deutschland mehr intrigiert worden als 
heute unter der prasidialen Autoritat. In den Jahren der 
Weimarer Koalition verstimmte der parlamentarische Kuh- 
handel, das Couloirtreiben der Parteifiihrer, niemals aber war 
der Parteifiihrer so sakral, so ausschlaggebend wie heute, wo 
der Parlamentarismus ausgeschaltet ist und niemand ohne Ver- 
achtung von ihm spricht. Wie unter der Republik das Kaiser- 
tum noch gespenstisch fortlebte, so fuhrt auch heute noch die 
Demokratie ein Scheindasein weitcr, so als ware nicht« ge- 
wesen. 

Deutschland ist auBerlich ruhiger geworden, aber alle Elc- 
mente, die im vergangenen Jahre bis an den Rand des Biirger- 
kriegs trieben, sind noch vorhanideitt und ebenso die wirtschaft- 
lichen Ursachen. Die neue Regierung hat bisher nicht gezeigt, 
daB sie auch nur einen produktiven Einfall hat; wie sehr 
Schleicher sclbst bis iiber die Ohrcn in der verquasten neu- 
konscrvativen Ideologic steckt, beweist die Bcrufung grade 
Herm Gerekcs auf den augeniblicklich wichtigsten Posten als 
Kommissar fiir Arbeitsbcschaffung. Hier zeichnen sich die 
Aniange der nachsten Plcite griindlich ab; Gcreke tragt alle 
Voraussetzungen in sich, fur Schleicfher das zu werden, was 
Treviranus fiir Briihing geworden ist. 

Der Teufel des Biirgerkriegs tobt nicht mehr frei herum/ 
man hat ihn eingefangcn, und in eine notdiixftig versicgelte 
Flasche gesperrt. Aber wird das Siegel haUenf und wird nicht 
doch einmal eine von einem fanatisierten Hirn gefuhrte Hand 
die Flasche einfach zu Boden werfen? Dann wird der ver- 
schlossene Geist ausstromen und sich groB und schrecklich cr- 
heben, und die Gefahr wird nicht geringer, weil sich so viclc 

43 



hcute in dcm Glaubcn schaukeki, sic ware langst voriibcr und 
allcs wicdcr halbwegs normal 

Man beliebt heute, den Nationalsozialismus mit der Bou- 
lange zu vergleichen, die kam und schnell verging. Die gegen- 
wartige Krise der Hitlerbewegung ermutigt die Herren des 
Braunen Hauses ganz gewiB nicht zu einem groBen Feuerwcrk, 
bei dem mehr brennen kann als ihre geschmackvoU gewahlten 
StilmobcL Aber inan darf Hitler eben nicht danach beurtei- 
len, was cr erreicht, sondern nur danach, was er angerichtet 
hat Als Haupt ciner Millionenpartei hat er nicht gewagt, die 
gierig ersehnte Macht an der Schulter zu packen, hat er sich 
mindestens in einer fast komischen Weise wieder fortmanSvrie- 
ren lassen. Aber seine Mission hat er trotzdcm erfullt, Deutsch- 
land ninamt die Diktatur als selbstverstandlich hin, demo- 
kratischc Prinzipien zahlen nicht mehr, und jede Partei hat 
sich vom Nationalismus infizieren lassen. Im Grunde konnte 
die Nazipartei heute mit gutem Gewissen vom Schau- 
platz abtreten, sie hat in kurzer Zeit mehr getan, als ihre Auf- 
traggeber von ihr erwarten durften, Sie hat keine fascistische 
Regierungsform geschaffen, wohl aber Deutschland den Fascis- 
mus ins Blut geimpft, sie hat, was sie die Befreiung ncnnt, 
nicht durchgesetzt, wohl aber die Stimmung bereitet^ in der 
eine neue Katastrophe moglich wird, Niemand wagt rnehr, 
die natiirliche Berechtigung der Reichswehr zur Alleinherr- 
schaft offentlich anzuzwcifcln. Soweit es noch cine Linke gibt, 
ist sie herzlich zufrieden, d%.Q Hcrr von Schleicher ihr die 
unangcochmc Verpflichtung zu selbstandigem Handcln ab- 
genommen hat, Mit einem nicht unbehaglichen Gruseln stcllt 
sie sich vor, wie der bosc Feind in der Flasche rumort, und 
halt sich fiir gerettet, wcil cin General draul sitzt. 

Parteitag der SPO von Hanns-Erich Kaminski 

Am 12. Marz wird in Frankfurt a, M. ein Parteitag der SPD 
. zusammentrcten. Auf der Tagcsordnung steht zunachst ein 
Vortrag Hilferdings tiber „Marx und die Gegenwart'*. Sodann 
wird Wels unter dem Titel „Die Politik der Sozialdemokratie" 
den Bericht tiber die Tatigkeit der Partei imd der Reichstags- 
fraktion erstattcn. 'Ferncr werden Aufhauser iiber ,,Krisen- 
bekampfung und Arbeitsbeschaffung'* und Breitscheid iiber,, Die 
wirtschaftliche und politische Volkerverstandigung'* sprechen. 

An dieser Ankiindigung ist alles merkwiirdig: das Tagungs- 
datum ebcnso wie der Tagungsort unid' wie die Tagesordnung, 

Die Fiihrer der Sozialdemokratie pflegcn unbequeme Pole- 
miken von Nichtmitgliedern mit der Frage zu beantworten, 
was diese Leute eigentlich die Angelegenheiten der Partei an- 
gingen. Man konnte darauf cinfach erwidern, daB, was in der 
bffentlichkeit geschieht oder unterlassen wird, jeden Menschen 
angeht. Doch wir wollen noch deutlicher werden, 

Wir sind Sozialisten, wir glauben, daB unser krankes 
Land nur durch den Sozialismus gesunden und daB dies Ziel 
allein durch die Kraft der Arbeiterklasse erreicht werden kann. 
Ein groBer Teil der Arbeitcrklasse ist aber in der Sozialdemo- 
kratie organisiert. DaB die Partei in absehbarer Zeit nicht ver- 

44 



schwinden wird, steht test, tmd sic auf dem Papier immer mal 
wi-edcr zu vcrnichtcn, ist sinnlos. Wer Politik machen will, 
muB mit ihr rechncn. Nicht als Feinde polcmisieren wir darum 
iegen sie sondem als Sozialisten, die eine Kampfbasis fiir die 
ganze Arbeiterkl^sse suchen. 

Was bedeutet nun der frankfurter Parteitag fiir das 
deutschc Praletariat, das mit der deutschen Linken iden- 
tisch ist? 

Erstens: Der Parteitag wird nach langem Zogem ztun 
12. Marz einberufen. Bis dahin also laBt sich die Sozialdemo- 
kratic Zeit, um durch ihre Kochste Instanz die Situation ana- 
lysicren und ihrer Alction die Richtung weiseni zu lassen. Die 
Politik Briinings und damit auch die sozialdemokratische Tol€- 
rierungspolitik haben zum Bajikrott der Republik gefiihrt, Hin- 
denburg wurde mit sozialdemokratischer Hilfe gewahlt, dann 
ernannte er Pap en, Braun und Severing wurden aus ihrer so- 
genannten Zitadelle vcrjagt, die Demokratie oder was noch so 
hieB wurde gekillt, dann kam die neue Krise, die, Fiihrer der 
Sozialdemokratie wurden vom Reichsprasidenten iiberhaupt 
nicht empfangen, Schleicher bekannte sich zum Sozialismus der 
preuBischen Konigc und der allgemeinen Wehrpflicht, und auch 
imter seiner Herrschaft werden sozialdemokratischc Beamte 
wciter abgebaut. Man sollte meinen, die Partei habe es eilig, 
die Fragen der Gegenwart zu Iclaren und ihre Haltung zu revi- 
dieren oder wenigstens zu rechtfertigen< Abpr sie hat Zeit, 
mindcstens bis zum 12. Marz. 

Zweitcns; Der Parteitag soil in Frankfurt a. M. stattfinden. 
Ich erinnere mich, wie auf dem Heidelbergcr Parteitag die Ein- 
ladung cines frankfurter Delegierten, das nachste Mal in seiner 
Stadt zu tagen, mit allgemeinem Gelachtcr aufgenommen wurde. 
Damals war Frankfurt namlich oppositionell. Inzwischen sind 
die „Stankcr" zum groBien Tcil zur SAP gcgangcn,^ Frankfurt 
titaugt wieder was". Jetzt kann man dort ungefahrdet zusam- 
menkommcn, man kann dort sogar die Geschlossenheit der 
Partei mit besonderm Nachdruck demons trier en. Ja, es ist der 
rechte Augcnblick fiir einen Triumph, sei es auch nur iiber den 
innem Feind! 

Drittens: Die Tagesordnung. Der Verein fiir Sozialpolitik 
wurde sie vermutlich als zu akademisch ablehnen. Die Titel 
der angekiindigten Referate lesen sich wie Zeitungsiiberschrif- 
ten, selbst Hilferding wird etwas tun und seine Horer in die 
Spharen der Theorie gelciten. Aber die Tage des „Finanz- 
kapitals" und der tFreiheit' sind langst voriibex, Hilferding wird 
nicht mit Zitaten seine eigne Politik totschlagen, er wird wahr- 
scheinlich auch nicht aus den Briefen von Marx an Engels vor- 
lesen, was der groBe Mann schon iiber die deutsche Sozial- 
demokratie dachte, als sie noch viel besser war; er wirdi den 
armen Marx nur strapaziercn, um den Marasmus der Gegen- 
wart wissenschaftlich zu begriinden. Es ist alles in Butter! 
Darum sehcn auch Braun und Severing keine Notwendigkeit, 
sich zu verteidigen, darum verzichtet Tarnow aui eine Stellung- 
nahme zu seinen iiberholten Prognosen, darum ist in der Ta- 
gesordnung keia Raum fiir die Fragen des bad'ischen Konkor- 
dats, der Jugendertiichtigung und des Rcichsbanners. Etwaige 

2 45 



Angriffe wird Wels notigcnfalls in seinem SchluBwort nabfcrti- 
gcn" Die Diskussionsredner haben ja nur zehn Minuten Zeit. 

Die SchluBfolgerung aus dem Sinn dieses Tagungsdatums, 
dieses Tagungsorts, dieser Tagesordnung ist zwingend: Die 
Sozialdemokratie hat gar nicht das Bediirfnis nacK eincm 
Parteitag; indem sie ihn abhalt, erliillt sie lediglich eine 
statutengemafie Pflicht. Um Jede Opposition von vornherein 
lahmzulegen, wird man zudem Crispien, obgleich er die bureau- 
kratiscbe Altersgrcnze npch nicht ganz erreicht hat, aus dcm 
Parteivorstand ausbooten und zu Fritz oder vielmehr Friedrich 
Ebert junior einen weitern Vertretern der ,,Jugend" hinein- 
wahl«n lassen. Da der Parteitag^ vorwiegcnd aus abhangigen 
Funktionaren besteht, wir)d voraussichilich auch alles klappen< 

Wie weit entfemt die Partei von jeder ernsthaften Dis- 
kussion ist, kann man aus der ,,Neujahrsbetrachtung" ersehent 
die der Parteivorsitzende Wels im ,Vorwarts' veroffentlicht hat. 
Da heiBt es: , 

Ein schweres Jahr liegt hinter uns. Bin nicht minder schweres 
steht vor uns, Um es wiederum zu bestehen, mufi die Schlagkraft der 
starksten Arbeiterpartci Deutschlands zur hochsten Vollendung ge- 
bracht werden. Das geschieht nicht durch langatmige Zeitungsartikel 
iiber taktische und organisatorische Fragen. Nichta liegt uns fcrner, 
als die traditionelle Diskussionsfreiheit der Partei einzuschranken. 
Aber angesichts der Fcinde ring^um sind jedem einzelnen von uns in 
seinen offentlichen MeinungsauBerungen Grenzen gesetzt, Sie be- 
ginnen dort, wo der Gegner aus dem geschriebenen oder gesprochenen 
Wort Waffen gegen uns Schmieden kann. Es gibt in der ganzen Welt 
keine zweite Partei, in der vor der gesamten Offentlichkeit so offen- 
hcrzig gehandelt wird wie bei der Sozialdemokratie. Mit diesem 
Grundsatz wollen wir es im allgemeinen auch in Zukunft halten. Aber 
wer kampfen will — und das wollen wir — der brcitet seine Plane 
nicht auf offenem Markte aus. 

Das erinnert in fataler Weise^ an die Erklarung Hitlers, er 
wei^de seine Rezepte fortan gehicim halten, da sic ihm sonst 
immer von der Regierung und andern Parteien gestohlen wiir- 
den. Ahnlich, beklagten sich die russischcn Sozialrevolutionarc 
im Exil lange Zeit iiber den Diebstahl ihres Agrarprogramms 
durch die Bolschcwiki; vielleicht bedauerten sie nachtraglich 
auch, Jahrzehnte fiir dieses Programm gekampft zu haben, 
d-enn erst dadurch war es ja bekannt geworden. Diese Be- 
sorgnis um die Geheimhaltung politischer Ziele, diescn Versuch, 
,,in groBen Dingen schlau zu sein'*, dieses , .Listen mit der 
Idee'*t hat bereits Lassalle verspottet, und solantge die Sozial- 
demokratie .seiner Methode iolgte, ,,auszusprechen was ist", ist 
sie ganz gut gefahren. Wels will seine Plane lieber verbergen. 
Will er damit nicht nur iede Opposition in der Partei abwlir- 
gen? Hat er uberhaupt Plane? 

Weitc Kreise der SPD und ihrer Wahler sind von einer 
tiefen Beunruhigung erfaBt. Diesc Menschen haben gesehen, 
wie grundlich[ die Politik der Partei versagt hat, sie haben be- 
obachtet, wie hilflos die Fiihrer vor den Ereignissen standen 
und noch stehen. Sie warten immer noch auf Aufklarung, auf 
eine Parole. Und was erhalten sie? Die stolze Mitteilung, 
daB die Partei ,,in ihrem Grundfesten uncfschutterlich ist", daB 
Wels geheimnisvolle Plane verfolgt und daB iiber taktische und 

46 



organisatorischc Fragca nicht gesprochcn werdcn darf! Da- 
von, <laB die Partci Fchlcr gcmacht hat und -daB sie daratis gc- 
Icrnt hat, gar was sic daraus gclemt hat, kein Wort. 

Wcls sagt; ,,Wir 'wolkn kampfcn.'* Abcr gleichzeitig mit 
dem Artikcl, in de:m das stcht, erschien folgeiuier Neujahrs- 
grufi Leiparts am die Funktionare der freien Gewcrkschaften: 
Unsere Ideen haben sicH in der Offentlichkeit mehr und mefar 
durchgesetzt. H«ute versucht die Regierung von Schleicher, einen Teil 
unserer Forderungen zu erftillen. Den Sozialismus wird diese Regie- 
rung nicht verwirklichen. Das wissen wir wohl. Sie will im Gegen- 
teil, ebenso wie die Regierung von Papen, die kapitalistische Wirt- 
schaft befestigen, Aber konnen wir in dieser Situation die Auffor- 
derung der Regierung ablehnen, an der Durchfiihrung der Arbeits- 
beschaffung mitzuarbeiten? Wenn wir als die berufene Vertretung der 
Arbeiterschaft zu dieser Mitarbeit bei der Durchfiihrung der Arbeits- 
beschaffung bereit sind, so geben wir von unseren letzten grofien 
Zielen kein Jota auf. Die Verantwortung ftir die Arbeiterschaft, die 
auf uns lastet, ist aber zu grofi, als daB wir es ablehnen konnen, mit 
diesem oder jenem zu verhandein, der uns auf Grund seiner Ver- 
^angenheit nicht angenehm ist. 

Die Gewerkschaften sind also zur Mitarbeit bereit, DaB 
ihnen Schleicher nur wegcn seiner Vergangenheit — folglich 
nicht auch wegcn seiner Gcgenwart — nicht angenehm ist, er- ' 
gibt sich daraus von selbst, Abcr lassen wir das. Entscheidend 
ist deriGegensatz zwischen der Ankundigung von Wels, ^cgen 
die, Regierung zu kampfen, und- der Ankaindigung von) Leipart, 
mit ihr zusammcnarbeitcni zu wollen, Sollen die Mitgliedcr 
der SPD, dariiber nicht diskuticren? Diirfen sie sich und der 
Partei nicht die Frage vorlegen, ob hinter diesem Gcgensatz 
womoglich eine Synthese steckt und was das fiir eine geheim- 
nisvolle Synthese: ist? 

Eine FormalieS ist hier sehr aufschluflreich, Wie Hinden- 
burg und Hitler hat auch Leipart seine Parole in einer Neu- 
jahrsbotschaft ausgegeben. Nicht ein Politikcr sprach hier zur 
Offentlichkcit, nicht ein Genosse zu Genossen sondern ein 
General zu seinen iEHfizicren, ein Chef zu seincn Beamten, 
kurz: der Vorsitzendc des ADGB zu seinen Funktionarcn. In 
unserm stramm hierarchischcn Vaterland sind somit auch die 
Gewerkschaften zu eincr Hierarchic gcworden. (Welch ein Irr- 
tum Mussolinis, zu glauben, die Hierarchic sci das Wesen des 
Fascismus!) In eincr Hierarchic aber diskuticrt man nicht; 
man, gehorcht. Das ist das ncue sozialdemokratischc Ideal. 

DaB die Fiihrerschaft allcs tut, damit auf das politische 
Fiasko der Partci nicht auch noch ein organisatorisches folgt, 
ist vcrstanidlich. Abcr die hochmiitige Selbstgerechtigkeit, die 
meint, es genuge, die Mitgliedcr zusammen und die Wahler bei 
der Stangc zui haltcn, nutzt nichts der Rcpublik unid noch 
wenigcr der Arbeitcrklassc. Es ist einiges geschchen in 
Dcutschlanid, was auch die Sozialdcmokratic nicht ignoricrcn 
kann. Wclchc Folgerungen zicht sie aus dicsen Ereignisscn? 
Da die Fiihrcr in ihrcn Amtern und Wiirdcn nicht darauf 
antworten, ware das Sachc der Opposition. Unglucklichcr- 
wcise ist die Linke inner halb der Partci durch die Obertritte 
zur SAP so gcschwacht, daB sic iiberhaupt nicht mehr sichtbar 
ist. Die Masse der Unzufriedcnen und dabci Unklaren klam- 

47 



mcrt sich jetzt an die Politik der sogenannten Jugcnd, die sich 
um die ,Neueii Blatter fur den Sozialismns' gruppiert. 

Das Schlimme ist, daB diese Jugend, obgleich sie im An- 
griff ist^ die hicrarchische Tendenz der Sozialdemakratie noch 
fordert. Diese OppositioncUen woUen cigentlich niicht dis- 
kutieren sonidern kommandieren, umd sic diskutiercn nur, weil 
sic noch nicht kommandieren diirfen. Die Hierarchic abcr, die 
allc Entschcidungen der Fiihrung oiberlaBt, ist nicht nur der 
Tod jeder Demokratie in der Partci, sic macht auch jedc 
theoretischc Durchdringunig ciner Situation iiberfliissig und so- 
gar unm6glich< 

Hoffcntlich wird es in Frankfurt Delegicrtc geben, die den 
Mut haben, auf diese Gefahrcn hinzuweisen. ProgrammgemaB 
soil niur festgcstellt werden, dafi alles in Ordnung ist. In Wirk- 
lichkeit ist Icidcr gar nichts in Ordnung. Die dcutsche Ar- 
bciterklasse hat cine furchtbare Nicderlage erlittcn, und die 
Sozialdemokratic tragt grofic Schuld daran. DaB sich die Partci 
inlolgcdessen in einer schwcren geistigen Krise bcfindet, ist 
offcnsichtlich. Um sie zu iiberwinden, braucht sie nicht cine 
Parade sondem Bekenoiinisse und Erkenntnissc, Sclbst- 
besiimung und Sclbstverstandigung ' und vor allcm den Willen 
zur Emeuerung. 

Das dcutsche Proletariat zcrfallt nun einmal in zwci Par- 
teien. DaB es nur als Ganzes kampfen tind siegen kann, wird' 
jedoch von WcLs so wonig wie vonj Thalmann bcstrittcn wer- 
den. Den Wcg dazu zu suchcn, sollte heutc die wichtigstc 
Aufgabc jedes Partcitags ciner Arbeitcrpartci sein. Die Sozial- 
demokratic kann das, genau wie die Kommunistische Partci, 
sclbstvcrstandlich nur im Rahmen ihres Programms tun. Aber 
tun muB sic cs, sofern ihrc Existenz iiberhaupt noch ein«n 
Sinn haben soil, nachdem die Koalitionspolitik zunachst zur 
Tolcricrungspolitik verblaBt und schlicBIich ins Nichts zcr- 
flattcrt ist. Das darf hier — zwcifcllos in Obereinstimmung 
mit unzahligcn Mitglicdem und Wahlern der SPD — gesagt 
werden, auch wenn die ,Wcltbuhne' alles andre als ein sozial- 
dcmokratisches Organ ist. 



Der Korridor von Hellmut v.Cerlach 

Cicherheit durch Revision! Das ist die neuste dcutsche Parole, 
die von ciner gewissen Pr6ssc mit- einer Einmiitigkcit und 
cinem Nadhdruck ausgegcbcn wird, als ware sic ihr von der 
WilhelmstraBe souifliert worden. 

Dcutschland forderte die Gilcichberechtigimg in der 
Riistungsfragc, Frankreich gestand sic zu „in cinem System, 
das alien Nationen Sicherheit bietet". Deutschland nimmt an, 
daB Frankreich auf der Abriistungskonfcrenz einen Garantie- 
pakt fur die augenblicklich in Europa bestehendcn Grenzen 
vorschlagen werdc, Vorsorglich laBt es schon jctzt crklaren, 
daB in diesem Fall Deutschland Grenzrevisionsanspruche an- 
meldcn werde. 

Schone Aussichtcn fur die Abriistungskonfercnzl 
48 



Wcim in. Deutschland von Grenzrcvision die Rede ist, so 
wird ztinachst an den Ostcn gedacht. 

An der Wcstgreazc diirfen wir nicht riitteln, ohnc off en 
vcrtragsbruchig zu werden, da sie durch den Locarno- Vertrag 
von uns freiwillig garantiert wordcn ist. So ungcrechtlcrtigt 
die mit eincr vcrfalschten Volksabstimmting verbnndene Ab- 
tretung voai Eupen-Malmedy war, so sind wir doch seit Lo- 
carno auch moralisch darani gebunden, Nur Belgien konntc 
cinst durch einen freiwiliigen Akt diese Uagcrechtigkeit aus 
der Welt schaffen. Die Nordfrenze gegeniiber Danemark ist 
durch eine e^hrliche VolksabstimmuBg last mathematisch genau 
nach dem Willen der dortigen Bevolikcrung festgesctzt worden. 

Blcibt also nur die Ostgrcnzc. Und zwar ist da der 
wundcste Pimkt der sogenannte Korridon Denn der weitaus 
groBte Teil der ehemaligen Provinz Posen ist kerBpolnisches 
Land und war es immer. Ober Oberschlcsicn aber hat die 
Volksabstimmung entschicdcn, Bei dem Teil der ehemaligen 
Provinz Westpreufien dagegen, den heutc die Polen Pomme- 
rellen und die Dentschen Korridor ncnnen, da stimmt etwas 
nicht, 

Es war eine falsche Interpretation der Wilsonschen Punkte 
und ein Hohn auf das Selbstbestinunungsrecht dcs Valkes, daB 
der Korridor 1919 ohne Abstimmung zu Polen kam, Zwar 
hatte ein erheblichcr Teil dieses Gebietcs immer polnisch ge- 
wahlt. Zwar war polnisch die Muttersprache der Mehrheit 
der Einwohncr. Aber ob diese Mehriheit 191% wirklich zu 
Polen wollte, kann niemand wissen. Auch in Oberschlesien 
sprachcn zwar zwei Drittel polnisch, aber nur ein Drittel 
woHte polnisch werden. 

Die Wurzel der tiblcn deutsch-polnischen Beziehungen ist 
die unterlassene Volksabstimmung im Korridor. Wie sic auch 
ausgclallen ware, ob fiir Polen odcr Deutschland, sic hatte 
klare Vcrhaltnisse geschalfen, 

Doch das sind historischc Betrachtungen, die man zwar 
zum psychologischen Vcrstandnis der heutigen Sachlagc 
braucht, die uns aber praktisch-politisch keincn Schritt vor- 
warts bringcn. 

Heute ist der Korridor unzweifclhaft polnisches Land, 
nicht nur dem Friedensvertrage sondern auch dem Willen der 
Bevolkcrung nach. Bei den letzten Wahlcn erhieltcn die pol- 
nischen Listen 85 Prozent der Stimmen. Die Dcutschen ihrcr- 
seits cmpfindcn es als luiertraglich, daB das kcmdeutschc Ost- 
preuBcn als Enklave im polnischcm Rciche liege. Kerndeutsoh 
namlich ist es, trotz dcs crheblichcn Prozentsatzcs der in ihm 
lebenden Masuren und Litauer, wcil diese Masuren und Litauer 
fast ohnc Ausnahme ziun Dentschen Reich gehoren wollcn, 

Zahllose Vorschlagc sind von wohJmeinenden Lent en, zu- 
mal in Frankreich und England, gemacht worden, wic man das 
Korridor problem in einer fiir beide Parteien annehmbaren 
Form bereinigen konnc. Da schlug der cine einen Tunnel 
unter den Korridor vor, um OstpreuBen in cine von Polen 
nicht kontroUicrte Verbindung mit dem Reich zu bringcn. Da 
empfahlen andre Eiscnbahn-Querlinien dtirch den Korridor, 
mit- cinem internationalisierten oder der dcutschen Sotiveranl- 

49 



tat unterstellten Lapidstreifen langs der Eisenbahn. Aller 
mcnsohlichc Scharfsinn wurde von Mannern wie Coudeahove- 
Kalergi aulgcboten, um die widerstrcitcnden Intcresscn zu ver- 
sohnen. 

Machcn wir uns nichts von Mit all diescn ausgckliigelten 
Hiifsmittelchen Icommt mart nicht zum Zicl, 

Mit einem gewissen Etitsetzen horte ich diescr Tage einen 
Herrn rcgicrunigsfreundlicher Obscrvcin*z, Journalistcn noch da- 
zu, sich foIgendermaBen expcktorieren; „Passen Sie auf, noch 
1933 wird der Korridor wieder dcutsch. Poleri bckommt zur 
Entschaidigung das Mcmelland. Dann liat es den gciwiinschtcn 
freien Zugang ziun Meer. AUe Schwierigkeiten zwischen 
Polen untd Dcutschland sind •damit bchoben." 

DaB wir iibcr das McmellaJid nicht zu v^rfiigen haben, 
schien den Herrn nicht weitcr zu beunruhigen. Ebensowenig 
die Frage, wie Litauen sich dazu stclle, Ebensowenig der Ge- 
dankc, dafj im Memelland iibcrhaupt kein Pole wohnt, im 
Korridor dagegen 85 Prozent, Er veranidertc die Grcnzen mit 
dersclben Genialitat, mit der Anfang August 1914 jedcr 
deutsche SpieBcr auf der Lsindkarte von Europa die Grenzen 
zugunsten Deutschlands abrundete, 

Fiir alle Polen o'hne Ansniahme, auch die Sozialdemokraten 
cinbcgriffcni, ist der Korridor ebenso unantastbarer nationaler 
Besitz wie Warschau odcr Krakau, Sie stiitzen sich dabei 
nicht niir auf das ethnographische sondern auch auf das histo- 
rische Moment. Westpreufien war ja viel langer polnischcr als 
deutscher Besitz, namlich 'bis 1792, eine Tatsache, die jed«m 
Polen lebcndig ist, abcr von manchen Deutschen vergcssen 
scheint. Unnottg zu sagen ubrigenst daB fiir jeden modernen 
Mensohcn die Historie nichts sein darf gegenuber der Ethiio- 
graphie. Der Wille dcs Volkes allein muB entschciden. 

Einer der besonncnsten und kundigsten AuBenpolitiker 
Frankrcichs ist Graf Wladimir d'Ormesson. In einem fiir die 
Carnegiestiftung geschriebcnen Aufsatz wendet sich d'Ormesson 
gegen die in Deutschland' weit verbrcitete Auffassung, daB die 
Losung des Korridorproblems cigcntlich nur von Frankreich 
abhange. Er bemerkt dazu; 

In den Augen Deutschlands ist Frankreich der traditionelle 
Freund und Verbundete Polens; es wiirde daher genugen, daB die 
franzdsische Regierung den entschlossenen Willen zeige, endgtiltig die 
deutsch-polnischen Beziehungen zu sanicrcn, um sogleich die Zustim- 
mung d«r. warschauer Regierung zu einer freundschaftlichen Revision 
dieses Grenzabschnittes (dcs Korridors) zu erwirken. 

Einc solche Ansicht ist durchaus falsch. Der Irrtum, auf dem sie 
beruht, bietet in der Tat den Schlussel zum Problem selbst. Die Deut- 
schen unterschatzen in erstaunlicher Weisc — um nicht zu sagen, ver- 
nachlassig«n volligj — die Macht und die Einstimmigkeit des pol- 
nischen Nationalgefuhls. Dieser Irrtum ist um so schwerwiegender, 
als die Geschichte sie davor warnen soUte, Nicht die materiellc Auf- 
erstehung isl die bcmerkenswerteste Tat seit der Wicderherstellung, 
sondern die moralische Auferstehung des polnischen Volkes. Nacn 
einer Frcmdherrschaft von mehr als andcrthalb Jahrhunderten ist 
heute die Nation, die in drei Teile zerstiickelt war, in kutzester Zcit 
vollig geeint wieder erstanden. Das polnische Nationalgefiihl ist in 
der Tat niemals g«schwacht word'en. An dem Tage, wo das Vater- 

50 



land wiederhergestellt war, hat es seine voile Schopferkraft wieder 
aufgenommen. Schon infolge dieses Erlebnisses ist es heute viel star- 
ker, vie! bewuBter, viel empfindlicher als je zuvor. Jeder Pole kann, 
wcnn er am Morgcn erwacht, sich mit Genugtuung sagen: Ich bin Herr 
im eignen Hause! Ein Franzose, ein Deutscher, ein Englander braucht 
solchc Gefuhle nicht zu haben, weil sein Vaterland nie zu existieren 
aufgehort hat. Beim Polen muB man solche Gefiihle respektieren und 
vcrstehen. Das Gefiihl dcs Besitzes ist um so starker, wenn das Be- 
sitztum nach einer langdauernd«n Beraubung zuriickerstattet wird. 

Kein vernunf tiger Franzose konnte verlangen, da6 Polen sich 
selbst aus Gutherzigkcit einen Teil seines Territoriums amputiere und 
dieses Opfer auf den Altar des Friedens lege -^ ganz einfach darum, 
weil es keinen Polen gibt* der ihn horen wiirdc. 

Wic empfindlich die Polen in Sachen der Unantastbar- 
keit ihres Gebietes sind, ersah ich vor Jahrcsfrist bci einem 
Vortrag in Bromiberg. Ich hattc darauf hingewiescn, daB der 
franzosische Professor Ruyssen, Gcncralsckretar der Inter- 
nationalen Volkerbundsassoziation, in einem Artikel sehr 
scharf die Tatsache kritisiert habc, daB fiinf iiberwiegend 
dentsche Dorier auf dem rechten Weichselufer zu dem Korri- 
dor igeschlagen seien. Ein gebildeter Pole, der sich als Pazi- 
f ist en bezel chnete, wandte sich mit einer Scharf c gegen mein 
Zitat, als ob er einen Krieg ftir unvermeidlich haltet wenn 
auch nur an eine Grenzkorrektur bei diesen fiinf Dorfern ge- 
dacht werdc. 

Polen hat keine Absichtcn auf OstpreuBcn. Wcr solche 
behauptet, tauscht das deutsche Volk. Oft genug hat Polen 
amtlich oder haibamtlich ein Ostlocarno angeboten, also eine 
feierliche gegenseitige Anerkenming der Grcnzcn, 

Die schroffe deutsche Ablehnimg dieser polnischen An- 
regungen hat in dem ganzen polnischen Volk die Obcrzeugtmg 
tief begriindct, daB Deutschland jede geeignetc Gelegenheit 
benutzcn werde, um wieder in den Besitz dcs Korridors zu ge- 
langen. Es wird bestarkt in seiner Uberzeugung, wenn es in 
einem der deutschen Regierung so nahestehenden Blatt wie 
der ,Taglichen Rundschau* im AnschluB an eine deutsche 
Weichselkundgebung AuBerungen wie diesc liest: 

Der Deutsche im Grenzgebiet hofft auf den Tag der Erlosung. 
Wann wird er kommen? Niemand im Ausiand leugnet h«ute mehr, 
daB cs so nicht bleiben kann, wenn ein neuer Krieg vermieden wer- 
den soil. 

Das schmeckt verdammt nach Drohung: entw^der Grenz- 
revision oder Krieg! 

Der Vertrag von Versailles sieht,i was ihn angenchm von 
friihern Friedensvcrtragen untcrscheidet, die Moglichkeit einer 
friedlichcn Revision auch der Grenzen vor. Das ist gut. Irr- 
sinn ist es, fiir alle Ewigkcit Grenzen festlegen zu woUen, 
Aber Wahnsinn, ,gefahrlicher Wahnsinn ware es, anzunehmen, 
der Zustand des iiberhitzten Europa gestatte schon heute, an 
die Grenzrevisionsfrage heranzugchen. 

Die deutsche Regierung konnte keinen groBcrn psycho- 
logischen Fehler begehen, als wenn sie die Abriistungskonfc- 
renz damit belasten walltc, Revisionsforderungen vorzubrin^ 
gen. Nicht bloB Frankreich und Polen, die Welt wiirdc den 
Eindruck habcn: hier wird vor of fenen Pulvcrfassern mit Ziind- 
holzchen gespielt. 

51 



Kolonie China von Asiaticns 



Schanghai, Mitte Dezember 1932 
Oun Yat-Sen hat eimnal den treffenden Ausspruch getan, China sei 
*^ als Haibkolonie schlimmer dran als eine Kolonie, denn cs werde 
nicht nur von einer GroBmacht sondern von; mehreren GroBmachten 
beherrscht und sei in Wirklichkeit unter dem Scheine der Unabhangig- 
keit die Kolonie der ganzen Welt. Der Widerstreit der auswartigen 
Interessen um China war in der Tat eines der wichtigsten Hindernisse 
ftir eine Aufteilung Chinas in mehrere Kolonien, Aber der Verlust von 
Randgebieten des Riesenreiches ist dadurch nicht nur nicht verhindert 
worden sondern war im Gegenteil ein Ergebnis dieses Ringens, Die andern 
Ergebnisse waren territoriale Stiitzpunkte, wie Hongkong und die Kon- 
zessionen in den wichtigsten Hafen, Flottenbasen, Besatzungen, eigne 
Poliz^i und Justiz, Zoll- und Finanzkontrolle, Kontributionen, Staats- 
anieihen und Investitionen in Eisenbahnen, Bergbau und Industrie. 
Riickstandige Lander konnen auslandische Staatsanleihen und in- 
dustrielle Investitionen manchmal gut gebrauchen; hier waren sie aber 
in der Hauptsache Pfander fiir besondere Interessen. Ob besondere 
EinfluBspharen oder Offene Tiir, ob . die Politik Japans und Englands 
oder die der USA, um die heute wichtigsten Partner zu nennen — der 
gewollte Endzweck dieser Politik war und ist, die imperialistische 
Durchdringung Chinas immer voUstandiger zu machen. Die EinfluB- 
spharen hatten die^ ZerreiBung Chinas in mehrere Kolonien zum Ziel, 
die Offene Tiir hingegen hat sich langst als ein Schild fiir die Koope- 
ration der GroBmachte und des internationalen Finanzkonsortiums ent- 
puppt, das unter Fiihrung der USA steht. Die chinesischen Regierun- 
gen haben seit je die eine Politik gegen die andre ausgespielt. Sie ver- 
suchten, zwischen beiden, die oft zusammengingen, zu balancieren. 

Die Zeiten haben sich geandert, die Krafteverhaltnisse unter den 
GroBmachten wechselten, das zaristische RuBland hat das Zeitliche ge- 
segnet, und in China ist das Kaiserreich langst verschwunden, seit Jah- 
ren ist die Kuomintang, die Partei Sun Yat-Sens, am Ruder, ihre Ju- 
gendstinde, den Kampf gegen England, hat sie abgebeten, die Spuren 
der Verbindung mit dem roten Acheron und dem neuen RuBland in 
Stromen von . Blut untergehen lassen. Die Grundlinien der imperia- 
listischen Politik gegcniiber China haben sich aber nicht geandert. Im 
Gegenteil, die offiziell abgesagte und unter der Hiille der Offenen Tiir 
weitergefiihrte Politik der EinfluBspharen hat eine Bcute heimgefiihrt, 
die alle friihern in den Schatten stellt. Was sind Annam, Tibet und 
die Mongolei gegeniiber der Mandschurei? Die Frage, ob EinfluBspharen 
oder Offene Tur, wird wieder of fen umstritten. Japan fordcrt die An- 
erkennung der Mandschukuo, Einbeziehung der inneren, freie Bahn 
nach der auBeren Mongolei und internationale KontroUe iiber China, 
England verstarkt seine Position im Siiden und in Schanghai, tritt ein 
fiir die Kooperation der Machte zur Schaffung einer „effektiyen Zen- 
tralgewalt" in Nanking, fordert von Japan Respektierung seiner Inter- 
essen in Nordchina (Eisenbahnen, Bergbau, Handel), ferner der Han- 
deLsinteressen in der Mandschurei. Zwischen den beiden Positionen 
gibt es mehr Beriihrungspunkte als Differenzen, Amerika bemiiht 
sich, durch die Streitfrage der Mandschukuo einen Keil zwischen Eng- 
land und Japan zu trciben, und beruft sich auf die alten Vertrage, die 
es jedoch nur durch ..passive Resistenz" verteidigen will, so durch die 
Nichtanerkennung der Mandschukuo und die Drohung mit einem inter- 
nationalen Anleihe-Embargo gegen Japan und den neuen Staat — falls 
die Andern mitmachen. Dieser Standpunkt hinderte aber amerika- 
nische Radiokapitalisten keineswegs, die Mandschukuo-Regierung um 
groBere Auftrage und Monopolrechte zu bercnnen. Wie auch diese 
Interessengegensatze schlieBlich cnden mogen, China wird doch das 
leidende Objekt bleiben — so lange es nicht aus eigner Kraft eine 
Wendung herbeifiihrt. 

52 



£s handelt sich heute nicht mehr allein urn die Mandschurei. Der 
Appetit kommt mit dem Essen. Die Man,dschukuo-Regicrung reklamiert 
auch die Provinz Jehol in der innern Mongolei fiir sich. Mit dem An- 
schlufi Jehols setzt sich Japan in der engsten Nachbarschaft Peipings, das 
es vom mongolischen Hinterland trennt, fcst. Der japanische Krieg in 
der Mandschurei hat Englands Position in China gewaltig verstarkt. 
Die Trennung der mandschurischen Zollstationen von der chinesischen 
Seezollvcrwaltung bedeutet fiir die Nankingregierung den Verlust von 
fast einem Vifertel ihrer wichtigsten Einnahmequelle, wodurch ihr© Ab- 
hangigkeit von Schanghaii und damit von England, das als groBtes 
Glaubigerland durch seinen Treuhander die SeezoUeinnahmen kon- 
troUiert, utn so grol3er wurde. Ein englisches Bankhaus hat erst ktirz- 
lich, zum ersten Mai seit 1912, der Regierung respektive der schang- 
haier chinesischen Stadtregierung eine Anleihe von sechs MilHonen 
chinesischer Dollar gegen Verpfandung stadtischer Einnahmequellen 
ftir den Wiederaufbau der durch Japan zerstorten Stadtteile gewahrt, 
Die vieleil Streitfragen mussen naturlich in dieser Atmosphare 
der „sinobritish cooperation" aufgeschoben werden, Ein besonderes 
englisch-chinesisches Komitee gewahrt jetzt aus dem Fonds der chi- 
nesischen Boxerkontribution an England eine Anleihe nach der andern 
iiir die Vollendung der Eisenbahn Kanton — Hankau und ihrer Verbin- 
dung mit Hongkong und fiir Regierungsauftrage an die cnglische In- 
dustrie. Zwischen Hongkong und Kanton herrscht jetzt das beste Ein- 
vernehmeri. Die Abhangigkeit Kantons und Sudchinas von Hongkong 
ist heiite politisch und wirtschaftlich noch viel grower, als es vor dem 
Boykott 1925/26 war, Der Slid West Politische Rat in Kanton, mit sei- 
nem Programm der „Autonomie'* des Siidens, wird offen von Hongkong 
begunstigt, Auch ist es kein Geheimnis, dafi England aktiven Anteil an 
den tibetanischen Ausfallen nach Schetschuan und an den standig.en 
Generalskriegen in dieser Provinz hat. Japans Press© bringt dazu 
trotz alier Freundschaft ausfiihrliches und bcweiskraftiges Material. 
Die Tatsache, daB Vcrluste von chinesischen Gebietsteilcn heute 
wieijer auf der Tagesordnung sind, hangt aber sehr wesentlich nicht 
nur mit der internationalen sondern auch mit der "innern chinesischen 
Situation zusammen. Das einstigc grofie chinesische Reich verdankte 
seine j ahrtausendlange Existenz der bis zur Vollendung entwickelten 
, vorkapitalistischen Landwirtschaft, die zusammen mit dem friihzeitig 
entwickelten und verbreiteten Merkantilismus China zum stabilsten 
und fortschrittlichsten Land in der asiatischen Abgeschlossenheit 
tnachte. Es war weniger ein Land mit einheitlicher Bevolkerung und 
gleichen wirtschaftlichen und politischen Verhaltnissen als ein Welt- 
teil unter der politischen und kulturellen Fiihrung der Chinesen. 
Dieses Riesenreich nach dem Zusammenprall mit dem industriell- 
kapitalistischen Europa, zu dem sich dann die USA und Japan ge- 
rsellten, zusammenzuhalten, ware nur moglich gewesen, wenn die re- 
volutionaren Krafte das verfallende Gesellschaftsgefiige aus demWege 
geraumt hatten. Nur mit Hilfe eines moderneh Staatsapparates" und 
eines modernen Heereswesen hatte die chinesische Bourgeoisie die 
Randgebiete, ihre Rohstoff- und Handelsmarkte, dem Reiche erhalten 
konnen. Die Tatsache, dafi diese Voraussetzungen unter biirgerlicher 
Fuhrung bisher nicht geschaffen wurden, hat zunachst das Schicksal 
der Randgebiete und jetzt auch das der Mandschurei besiegelt. Noch 
mehr. Die enge Verbindung der machtigen imperialistischen Staaten 
mit der altchinesischen Reaktion und der militaristischeni Provinz- 
despotie, ihrem wichtigsten Halt nach dem Niederbruch des Kaiser- 
reichs, hat den Verfallskraften eine ungeheure Zahigkcit verliehen. Die 
Folge davon ist, dafi China verhaltnismafiig leicht die inneie Mongolei, 
Sinkiang, Kokonor und das innere Tibet verlieren kann. Die innere Mon- 
golei grenzt an Peiping und das eigentliche Nordchina, das innere 
Tibet ist das Einfallstor nach Schetschuan, einer reichen Provinz mit 
etwa 70 Millionen Einwohnern. Die Nankingregierung hat liber diese 

8 53 



Provinz eher aoch weniger Gewalt, als sie sie in der letzten Zeit tiber 
die Maudschurei .hatte, wo die Dynastie Tschang Tso-Lins griindlich 
daftir gesorgt hat, dafi keine Sehnsucht nach ihrer Rtickkehr aul- 
kommt. So schreien diese Verhaltnisse direkt danach, daB eine Scheibe 
nach der andern vom chinesischen Kuchen abgeschnitten wird. 

Am widerstandsfahigsten ge^en den Imperialismus sind natur- 
gemaO die industriell entwickelteren Stadte, hauptsachlich an der 
Kuste und im JangtsetaL und das weite Land in Mittel- und Siid-^ 
chinai wo die landlichen Verhaltnisse fiir die Agrarrevolution uberreif 
sind. Hier sind die modernen Klassen vorhanden und treten auch in 
Aktion, obgleich der sie fiihrende moderne Staatsapparat fehlt. Das 
hat Schanghai 1925/27 und auch jetzt im Kampfe gcgen Japan be- 
wiesen, ebenso wie die Bauernschaft in Mittel- und Sudchina friiher 
^ den Kuomintang geholfen hat. Diese Gebiete sind vor dem direkten 
Zugriff des Imperialismus am sichersten. Aber auch hier kann weitere 
imperialistische Durchdringung, zunachst mit M^i^i^dlicher" finanzkapi- 
talistischer Aktivitat, nicht verhindert werden. 

Die Aufteilung Chinas in mehrere Kolonien ist kaum moglich und 
auch den Groi3machten, mit Ausnahme vielleicht von Japan, kaum er- 
wunscht. Seine Verkleinerung durch Losreifiung der ferncren Gcbietet 
und zwar nicht nur der Grenzgebiete sondern auch grofierer Landes- 
strichel mit etwa einem Viertel seiner Bcvolkerung, reicher Rohstoff- 
und Handelsmarkte, ist ein historischer Prozefi, der grade jetzt in eine 
akute Phase tritt. Dem ubrigen China droht t,nur" die sogenannte 
internationale Kontrolle, das heifit eine weitere Verscharfung seiner 
halbkolonialen Lage, sei es durch Verstandigung der GroBmachte oder 
durch weitere Entwicklung der EinfluBspharen. Am endgiiltigen Re- 
stiltat andert sich dadurch wenig; China bleibt, wie Sun Yat-Sen 
sagtef die Kolonic der ganzen imperialistischen Welt, Die Nanking- 
regierting aber fuhrt Krieg gegen die revolutionaren Arbeiter und 
Bauern, die ihr zur Macht verholfen haben und deren Existenzkampf 
nach wie vor der Kampf um die Befreiung Chinas ist, 

Spann von Kurt Hiller 

II 

Cpann will die „Herrschait des Besten" (interessanterweise 
^ nicht der, ncin, des , Besten, womit zunaohst ein Prinzip^ 
und kein M-ensch, kcin Monarch gemeint ist, zuletzt aber docit 
ein Mensch, doch jener Eine Homers, der Herr sein soil); wie 
kommt diese Kratie des Ariston zustande? Da ,,Herrschaft 
hoherer geistiger Kriifte" „nicht immittelbar moglich" sei,. 
„sondern nur mittelbar, niu- durch stufenweises Weitergeben",, 
SQ gelaoigt ,,dasj Geistige des Lcbens", ja, da staunt man, „im 
standischcn Staate allein zu sein-em voUen Recht". Also Hand- 
wierksobermeister plus BisChof plus Rittergutsbesitzer plus- 
General plus Generaldir-ektor plus Oberstudiendirektor plus 
Gewerkschaftswebel plus Reichsgerichtsrat: die Aristokratia. 
Freilich bilden sie sie nicht ,,atoniistisch'* „koordiniert*\ viel- 
mehr ^rang^stufig'* „deientralisiert** — acb, du gnmdgiitiger 
NovaUs! Der Satz ,Ein Volk, Einie Regierung' diirfe nicht 
mehr gelten, im Gegenteil: „viele Teilstande oder Volkskreisc, 
viele Teilregierungen oder Stanidesgewalten" (hier nahert sick 
Spann teils der Anarchie des Mittelalters teils dem Syndikalis- 
mus). „Die Herrschaft geiht grmidsatzlich in der Richtunig 
von oben hcninter * — das ist autoritar gtem^eint, aber, nimmt 
mans genau, ein bloB analytisches Urteil, namlich leeres, 

54 



Stroll; auch in dcr Demokratic, auch im Bolschewismus „geht** 
die Herrschaft mVoh obcn hcrunier"! Worauf es unter Philo- 
sophen aakame, ware; 2U ergrundcn, wcr detm nach „oben" 
gcKore xmd wie man ihn dbrt thinbringc. 

Einen Riiffel kricgt naturlich Plato. (Er, -die Vortorm 
Kants, ist ja, samt Sokrates und den Sophisten, gricchischcs 
Achtzehntes Jahrhiindjert.) Platons „Fehler** sei, »daB er vcr- 
lange, .^dem Stande >der Weisen die politischc Fiihrung zu 
ubcrtragen". ,,Diescr Stand ist dazu un^gecigpet ..." Gccignet 
bleiben die Standc der Nicht-Wciscn. Wie sie zur Fiihrung 
zusammentreten, wie sie sie tatigen sollen; Nebel und Vagnis! 
In ciner 1931 lierausgicgebcn^n Broschiire .Hauptpunkte der 
univcrsalistischen Staatsauffassung', ist von einem „Wirts6haft- 
lichen Standehaiis" als Beirat die Rede; bloficm Beirat; da- 
gegen miisse ,,sich jen-er MenscKenkrcis, dcr den Schlag liihrt, 
sclbst in irgendeiner Weise als .Stand Staat', als Korpcrschaft 
formicren/* („I)en Schlag fiihrt'* ist gut; man denkt an Richt- 
schwert, an Henkcrbcil) „Ein Staatsrat, der sich dann um 
den zukiinltigeni Staatsfiijhrcr schart, hatte das hcutige Parla- 
ment entwcder zu ersetzen oder — falls es formell bestehen 
bliebc — zu iiberhShen," Wind hier Papeni vorgcahnt? Mus- 
solLnisiert Othmar? Mich mutet das Bild, das er entwirft, 
beinah an wie die — aberi miBlumgene — Karikatur d«s Pro- 
jekts (Deutsches Herrenhaus* eines mir nahcstehenden Ver- 
fassers (1918). Anf jed'en Fall herrsoht im Clair-Obscur dieses 
Gemaldes d'as Obskure vor; storchhaft stakt Spann^ hcrum im 
Schlamm dcs Irgenidwie. 

Der Positivismius, das h^iBt die Zumutung an das Denken, 
sich aui Fcststellimg von Tatsachen zu bcschrankcn, bleibt 
hass'cnswert; angesichts ciner durfti^-id'ammrig.en Deontolotfic 
wie der Spannschen begreift man ihn. 

Die ernstihafte neo-anistk)kratischc Bew^gung vcrbindet 
mit ihr nichts; auch die antimaterialistisch-sozialistischc Aktiqp 
hat sich aufs scharlste gegen cine „Kritik des Marxismus** ab- 
ziigrenzcn, wie d'icser breit flackcmde Halbgcist siei ubt. Das 
Zutrcffende, das sie cnthalt, ist wertlos gleich Glimmerschup- 
pcn am Kics; noch keine Irrlehre cntriet ganz des Riohtig;cn. 
Uns Propagatoren der rcvolutionaren Revision und Frondleu- 
ren gegen den Marxismus ctwa Spann an die RockschoBe zu 
hangen — solchen Versuch bekame nur ein Tolpel fcrtig. 
„Der Standestaat ist der vollkommenstc Ausdruck der imiver- 
salistischcn Gesellschaftsauffasstmg"; niach Ke>niiitni&nahme 
dieses Bekenntnisses konnten wir uns von der „universalisti- 
scheii Gesellschiaftsauffassung** verabschieden. 

Aber wir duricn cs nicht, ohne wenigstens einien Blick 
auf die konkrctrpolitischen SchluBfolgcntngen zu wcrfcn, die 
ihr Bekcnner aus ihr zieht. Sie werden uns am immiBvcr- 
standlichsten dargebotcai' in der (schon 1913 erschienenen) 
Schrift ,Zur Soziologie und Philosophie des Krieges'. Spann 
Ichrte damals in Briinn (Mahren), Geschichtlioh lernen wir 
aus ihr, daB er cinl glubend'Cr Tscbechenhasser war imd einer 
der wildesten Kricgshetzer auf osterreichischen Lehrstuhlen, 
Die Schrift enthalt auf der zweit*en Seite einen richtigen Satz: 

55 



Die Menschenveriustef die der Krieg mit sich britigt, stellen... 
cine negative Auslese dar, weil sie die gcsiindesten uod kraftigsten 
Manner im l>esten Alter treffen. 

Diese Erkcimtnis war nicht an seiuem Spalier gewachseii; aber 

wie schon^ daB er sie auf dcm Teller hatte! Nur bewirkte 

. sie nichts. Sie bewahrte ihn keineswegs vor der Oberzengung; 

Die Verlustei an Menschenleben sind denn auch lange nicht das 
Schlinmiste am Kriegc. Das Leben ist nun einmal auf den Tod 
gestellt. 

Mit diescr Begriindung diirften die Arzte sich von der Bc- 
kampffung dicr Seuchen driicken! 

DaB der Krieg Gewaltaawcmdung von Gruppe zu Gruppe 
sei, eintspreche nur den Erscheinungen des freien Wettbewerbs. 
,,SchlieBlich lauft es? aiii cinen bloBea Formuntcrschiied hitiaus, 
ob es -eine Festung ist, die aiisgehnngert wird, 0der eini Kon- 
kurrent," Krieg sei „somit in diesem Licht« betrachtet kein 
Anachronism us, keine Stihvidrigkeit in unsrer fortgeschrittc- 
nen Zcit*'. Damals also beliebten Herr Professor Aprioricke 
nocE, cmpiristisch zu sein. Auf diese Art laBt sich auch der 
Lustmord vcrteidigcn. 

Daher wird das soziologisch geschultc Denken niemals zu dem 
Ergebnis kommen, dafi der Krieg jetzt und fiir absehbare Zukunft ent- 
behrlich werden kdnne. Demi es schaut hier Krafte am Werke, die 
auch sonst das Leben der Menschen bestimmen . . . 
Also unentbehrlich ist er, Nicht bloB ,,unvermcijdlich'\ Ich 
fiir mein Teil wiird© ja dem ,, soziologisch geschulten Denken'* 
ein denkerisch geschultesi Soziologentum vorziehen. Es kame 
kaum zu dem Ergebnis: 

Wenn die Volker von Anbeginn bis zum gegenwartigen Augen- 
blick Krieg gefiihrt haben, werden sie wohl schwcrlich nach Bcendi- 
gung des tripolitanischen und Balkankrieges ewigen Frieden schlieBen. 
Die Gcsohichte hat Herm Spann recht gegeben. Trotzdem 
gleicht sein Satzchen der AuBerung jenes Antitcohnikers aus 
der GroBvaterzeii: „Von Anbeginn bis heute sind die Men- 
schen nicht wie Vogel durch die Luft geflogcn; sic werden 
also audi in Zukunft nicht flicgen." Dicser Skeptiker wollte in 
Wialirheit nicht, daB gcflogen wird, Spann will nicht, daB die 
Kriege aufhoren< Ihnen wohnt namlich „jenes daseinskampf- 
lich-ev •aulruttclnid'e Element am' meisten inne, dasi die fiir alle 
Entwicklung unentbehrlichen,- auslesenden Wirkungen in sich 
tragt" („, -auslesenlden, ."!); tind mehr: der Krieg ist auch 
ngerecht"* Jawohl, da stehts. Er ist „jencs Geschehen, dias dem 
Starkeren und Bessercn zu seinem Platze verhilft". Zum Bei- 
spiel den Tschecken in Brunn. Der Krieg von 1914 . . , 

Wir (wir Deutschen in Oesterreich) miissen diesen Krieg herbeiwiin- 
schen, schon urn zu beweisen, daB au£ uns allein seine Last ruhen 
wird, wir allein ihn ausfechten mussen, mit der ganzen Kraft, welche 
die germanische Herrscherrasse durch die Jahrtausende hindurch be- 
wahrt hat. 
Zuletzt bestcigt der Recke das ametaphysische RoB; 

Der Mensch spurt, nun . . . die Verganglichkeit dieses Lebensi; er 
spiirt eindringlich, als ob es eine korperliche Empfindung ware, wie 
seine letztc Grundlage nicht hier liegt, sondern in dem, was wir vom 
Tode erwarten . - . Der Krieg erreicht beim gemeinen Manne das, was 
im Frie4en die Philosiopbie nur bei wenigen Auserwahlten erreicht ... 
So ist der Krieg, weil er das Leben auf seine wahrc Grundlage stcllt, 
den Tod, zugleich das hochste und reinste Lcbensphanomen , , . 

56 



Man karm das mit gleichem Rccht auch von dex Bubonenpcst 
sagen. Wcdcr sie noch dcr Kricg liat Hcrrn Spann geholt. 
Vielmehr blieb er bis heut in der Lage, zu lehren, es fiihrc 
ndcf Krieg, indem er die mietaphysische Empfindun;g aufs ge- 
'Waltigste in einem Volke wcckt, zux Geburt der Philosophie"; 
durch ihn werde sowohl in den Kampfern wic in den Zuriick^ 
bleibendlcn jcne „nictapliysische Stimmung und mystische Ah- 
nung geweckt, die der Mensch branch t, um sich ganz seiner 
vemiinftigen Natur wiirdig zu finden". 

Da Erdbeben iind Vulkanausbriiche bei den Betrofln^n 
ahnliche Wirkungen hervorrtifen: wie wars, wenn wir derartige 
Katastrophieni kiinstlich herbcizufiiliren versuchtcn! Kata- 
strophenprodnktion um ,,metaphysischer** und ,,niystischer** 
„Em,plindungen", „Stimmun!gen*\ „A'hnun'gen* willcn — dlas 
ware doch noch eiti Untemehmen, Herr Spann, ganz unsrer 
,, vemiinftigen Natur wiird'iig"! Bliiher, Jiinger und Spengler 
hiilfen gewiflr aulgekratzt mit. Und Scheler spendete aus dem 
Elysium seinen Segen dazu. Sind sie doch samtlich mit Spann 
der Meinung: 

Das Leben als letzter Zweck ftir sich hatte keinen W«rt mehr ftir 
die menschliche Vernunft . , . Staat und Nation abcr sind nicht blofie 
Mittel des Lebens, sondern das Leben selbst, Fleisch und Blut luisres 
eignen Lebens ... Im Kriegsopfer wird also das Leben nicht dem 
Staate als einem Mittel des Lebens geopfert, sondern dem Staate als 
dem Trager des Lebens selbst. Das Leben wird sich selbst geopfert . . 
— mit andern Worten; 

Das Blut dcr gefallenen Krieger ist die feurige Arznei fur die 
kreisenden Safte des staatlichen Organismus. 

Was nach 1918 alle Nationen, auch die siegreichen, ja am 
eignen Leibe deutlioh ge spurt haben« 

Man soil Weisen, denen es gelang, vom Irrtum zur Wahr- 
heit zu reiseii, ihren crlcdigten Irrtum nicht vorhialten. Narrcn, 
die beim Irrtum ver barren, haben jede Riicksicht verwirkt. 
Spann laBt vor dem Welt krieg drucken: „ selbst das wirtschaft- 
liche Leben" werde im Kriege von einem „Aufschwimg des 
Gemeingeistcs** „er griff en", „di0 Geschaftsmoral gehoben"i 
im iibrigen seien ,,dic Verluste an) Menschcnlebcn beule klei- 
ncr als friiher", „denn beute Schick t ein Volk einen kleineren 
Prozentteil als Kampfer in die Schlacht", Blamabell Aber 
Behauptungen, die durch Erfahrung nachpriifbar sind und 
durch die Tatsachen widerlegt wurden, blamieren einen Mann 
nicht entfemt in dem MaBe wie Thesen, die, jenseits a]ler Er- 
fahxung, der Geist durchstreicht. DaB Spann falsch prophic- 
zeit hat, mag ihn in Philisteraugen zur komischen Figur 
machen; daB er ein falscher Prophet, ein Advokat des Todes 
ist, setzt ihn in unscrn iherab. 

Seine Nacbkriegsschrift ,Vom Wesen des Vo Iks turns. Was 
ist deutsch?' zetgt ihn von keiner bessem Scite. Zwar geht 
Volkstum, wie er lehrt, iibcr Staat, Wirtschaft, Klima und 
vcrmag' selbst iiber Spradhe, ja „sogar iiber Rasse hiiiaus- 
zugchen und sich, wenn aucb nur in engbegrenztem MaBe, iiber 
sic hinweg idurchzusetzen" — womit er denn vom Zoologismus 
dcr Hakcnkrcuzler Icidlidi frei ware; „ Volkstum ist etwas 
Geistigcs, Volkstum beruht auf geistijger Gemeinschaft*': hm, 
Wie sieht die aus? Alles, was nicht Edda-Eckehart-Eichen- 

57 



dorff sondern Linie Lichtenberg ist, rechnct tinter die ,,Ent- 
wurzclten unxl dcr Volksgcmeinschaft geistig Entfremdcten". 
Pliilosophie mad Literatur, die ihm nicht paBt, mid mag sie 
von den deutschesten Meistem herruhreii, gilt ihm. als „valks- 
fremd"; ,,gut deutsch" dagegen ist „der badcnstandige, in 
fester volkischcr Oberlicfcrung, in altererbter Religion tind 
Sitte lebende Bauer*', So kommt er zu d'er Weisheit, ♦,daB 
nicht jeder Deutsche in igleichem MaUe ein Deutscher ist"; 
„dic cntwiu*zcltcn» dcr Volkssitte tind dem Volksleben ent- 
fremdeten Menschen unter den Fabrikarbeitern stnd am wenig- 
sten deutsch". Also Primitivitat mal Mystik gleich Volkstum; 
cthnisch axiigeputzte Zuruckgcbliebenheit gleich Volkstum; 
Romantik gleich Volkstimi. Merkmal des Nichtvolksttuns; das 
Intellektuelle, das Humanitarc, Fortschrittssinn und kritischer 
Geist. Goethe — Herm Spann ein peinlichcs Kapitcl; iiber 
die Inkamation der Fiille, die Verlebendigung der Polaritat 
alien Volkstums schweigt er betreten, 

Krahwinkelci^ das, ist wahr, lehnt er ab, „Volkstum ,geht 
iiber Stammesttmi; Stammestnm gcht iiber Heimat." Er soU 
bedankt sein. Aber warum bleibt er beim Volkstum st-ch^n? 
Wcshalb geht ihm nicht Europaertimi iiber Volkstum? Erd- 
biirgertum iiber Europacrtum? Wo er dooh die Sprachc so 
hoch nicht schatzt! 

Es schcint, ihn hinidert an dieser Konsequenz eine be- 
stinuntc Tatsaohentauibheit. Er glaubt; 

Die Art, wie wir uns verhalten (sittlich, kiinstlerisch, denkend, 
sinnlich), das gibt uns den inneren, vdlkis<;hen Charakter. 
Aber so wie er verhalt-en sich allerhand franzosische, eng- 
lische, italienische, slawische Metapolitikcr, wahrend unter 
seinen Antipoden beste Deutsche sind Die Grenzen zwischen 
deji Charakter-Typen decken sich nicht mit deo V6lker:gren- 
zen; im Gegcntcil, sie lauien quer. Mit ,,geis tiger Eigenart" 
hat Volksttmi nichts zu schaifcn; dafi eine ,,arteigen gcistige 
Gemeinschaft der Volksgenossen" bestehe, ist einfach unwahr. 
Der Art-Unterschied zwischen Spanin und Hcinrich Mann, 
aber auch der zwischen Spamn und Piefke ist ungleich igroBer 
als dcr Art-Unterschied zwischen Spann und Maurras. Wenn 
Spann „iErnst und Innerlichkeit" als „den Grundzug deutschen 
Wcsens" betrachtet und andenn Volkern diese Tugenden ab- 
spricht, so .gibt Maurras analog mit seinen Gallicrn an, Polc- 
mik lohnt hier nicht mehr. 

Mani wird von Professor Othmar Spann, einer im Grunde 
unschopferischen Primadonna des Katheders, einem nicht all- 
taglichen Verstand, der sich verbraucht in der Verbegriff- 
lichiing dumpfer, gegen (die ewi(ge Vermmitid'ee aulbegehrender 
GefCihle, einem wissensrcichen, virtiios-unklarcn, donaulandisch 
kidtivierten Reaktionar, einigc Jahre nach seinem Tod'e knapp 
den Namen noch kennen, Aber heute ist er eine Macht, Wider- 
icgung untergrabt sie nicht. Widerlegen lassen sich Tendenzen 
liberhaupt niemals. Nur cine Gegenmacht kann gegen sie auf- 
gerichtet werdcn. Ich sehc weder im liberalen Relativisten 
alten Stils noch im MarxpfaHen solche Gegenmacht. Vor funif 
Jahren starb zu Gottingen Leonard Nelson, An rund drciBi^ 
Universitaten deutscher Zunge Ichrt kein einziger Logokrat. 

58 



EINHEIRATI 

Horst Wessel 
Alraune, geb. Ewers 



von Walter Mebring 



Da warf sich, mit ausgebreiteten Armeiif die F^irstin auf 
das Madchen, driickte es mit dem machtigcn Gcwicht ihres Kor- 
pers zuriick in das Bett. Umfafite es rings, krallte die Finger . . . 
„ _ Alraune 

tLs war ihm, als ob er den ganzen nachsten lag uber einen 
Brecbrciz in der Kehle babe . . . Wessel 

C chliipf rig 

namiten die Sttitzcr und Gigerls, die Monokcl-und-Favori- 
tentrager dcr „Fiii-dc-si^cle*' ihrc Literatur. Hoch her gings 
da. In Boudoirs mit rotem Ampel'licht, die nach Patschuli 
rochen. Fesch-e Wciber mit Biiste. Jeimesse dorce imScham- 
ber sehpareh . . ahah , , beinah Sekt jesoEten! Vetter stand, bei 
Totenkopfhusaren; Philister trug Led en; Volk hieB Pobel — 
Mob — Krethi' und Fletki. Zur Bildtmg jehorte; Zola, Mikosch 
oder — abjekiirztes Verfahren — jleich Hanns Heinz Ewers. 
Doomerwetter, waren das Kerle! Haben spater Kiste mit Wclt- 
kricg getrudelt. Mode andcrt sich. „Kille-kille ..." stmgen die 
Alten. ,,Kille! kille!*' zwitschern die Jungen, die bei dcr Feme 
stehen. 

Die Mode andert sich. Rauhe Germanenfursten scblugen Feinden 
die Kopfe ab, machten Trinkbecher aus den Schadeln, soffen rotea 
Wein daraus — hu, Feindesblutl 

Prost! Mode andert sich mitnichten. BloB Poeten fordern 
Hand in Hand mit der Konjunktur ihr Jahrhxind'ert in die 
Schranken. Vater und Sohnfe crregen sich bei H. H. Ewers. 
Einst; Alraune, die Geschichte eines lebenden Wesens — Jctzt: 
Horst Wessel, ein deutsches Schicksal. 

Die Silnde atmet durch die tiefe Nachtf speit ihren Pesthauch weit 
hinaus iiber alle Lande (Alraune). Was hat das mit Moral zu tun? 
Begreifst du denn nicht, daB es nur um eins nocb geht in diesen 
Tagen? Nur um das eine . . . D«utschland? (Wessel.) 

„Es brinigt Ge^ld ins Haus ..." antwortetc Herr Gontram 
aus Alraune, 

Horst Wessel lachelte: „Das sagte Doktor Goebbels auch — wie 
toit unserm Freihcitskampf sei es. Zwei Jahre Fieber und wirre 
Garung, nun gchts aufwarts, unaufhaltsam zum Siegl" 

Auftakt 

Wie willst du leugnen, liebe Freundin, daB es Wesen gibt, die aus 
der verruchten Lust absurdcr Gedanken entsprangen? . . . Adolf Hitler; 
ei^ war es, der mir vor Jahresfrist im Braunen Hause die Anregung 
gab . . . Dir aber schrieb ich es* du wilde, sundige Schwester meiner 
heiBen Nachte. Ich mochte hier auf die eigentumliche Xhnlichkeit des 
Lebenslaufes Horst Wessels mit dem eines andern hinweisen — 
Alraimes. Wohin sein giftiger Atem traf, schrie alle Sunde. Beide 
stellten „Lcier und Scfawert" in den Dienst der deutschen Freiheit. 
Einer schlug es tot, der war es, der es einst dachte: Frank Braun. 
Und es hat obendrein den Vorzug — wahr zu sein. 

I 
Alraun — Mandragora officinarum. Nein, war kein berliner Kind. 
Wasser vom Rhein trank er in seiner Kindheit, wie der Mann mit den 

59 



gliihenden, sengenden Augen und den geballten Fausten, den er liebtc» 
wie Joseph Goebbels, Eine Pflanze,, die zu den Solanazeen gehort, 
sie findct sichi um das Mittelmeerbecken. 

„Befruchten Sie nur Affinnen, Herr Geheimrat?** fragte sie 
atemlos. 

Er ftihlte tief , . . er stand da, wo das Geschick ihn hingestellt 
hatte, oder Gott — wer mochte das sagen? Er sah sie an, breit grin- 
send. „Zweifcllos, Durchlaucht!'* Und er dachte, dafi sie zweifellos 
eine noch viel bes«ere Bordellmutter geworden ware. Er blickte zum 
Fenstcr hinaus. Rot war das Herz Berlins; Gleichgiiltige lebten hier, 
Frcidenker und Gottlose. Der Speichel tropfte ihm aus dcni Mund- 
winkeln. Er genoQ dieses Spiel, dieses koprolale Geschwatz, Ja, und 
wie hatte er ihr das erklaren sollen? Das Nationale, das war ihr 
selbstverstandlicb, Horst Wessel sprach. Dann war ihm, als ob ein 
andrer aus ihm sprache — ja, Goebbels — ja, Hitler I Da stand die 
GroBmutter im Zimmer, handeringend und klagend. Sie zitterte in 
heifiem Kitzel, uber ihre Fleischmassen kroch ein pcrlender SchweiB. 
nZackiges Leben in der SA." Ihr Atem keuchte. Das war auch so ein 
Bild) das man nicht mehr vergaB im Leben, 

II 

Welche Wonne, als er sich zum ersten Male Handgranaten mit- 
nehmen konnte, die im Rathaus in Mas sen aufgestapelt lagen. In^ der 
Schule konnte man damit Handel treiben. Was, Holzsabel, Erbsen- 
kanonen - — diese Jugerid spiel te mit echten Waffen. Patronen lager- 
ten haufenweise im Zimmer: unter seinem Kopfkissen lag stets der 
geladene Revolver. An der Wand hing ein buddhistischer Rosenkranz 
aus griinen Jadesteinen. 

Sie fuhren ins Pommerland mit Lastautomobilen, achtzig berliner 
SA-Manner, Eins waren sie, ein Leib und ein Geist. Die Kameraden 
sangen; „LaBt euch die Ketten nicht bekiimmern." Horst Wessel 
sagte; „Aber die Erde ist auch die ewige Metze . . . die immcr feile 
Dime . , . Keinem vcrsagt sie den geilen Leib. Und darum. Ohm 
Jakob, muBt du eine Dime wahlen/* 

Der Student nickte. Ja, so war es: aus dem Hirn kam das alles, 
nicht aus dem Hcrzen, Wcnn man Kommunisten heriiberzog in die 
eigncn Reihn, dann half die Rede. Aber daB man sie hielt, daB man 
deutsches Empfinden in ihre Herzen senkte — dazu war etwas andres 
notig. Etwas Seltsames, Mystisches. 

„Ich hab mirs iiberlegt," sagte Sprengel. „Was die Marxisten for- 
dern, ist stets dasselbe: sichere Arbeit, hohe Lohne, Spiel, Sport. 
Aber weim mans immer wieder hort, iind gar nichts andres dazut 
kotzts einen an. Wir wollen mehr — und das andre ist die Haupt- 
sache . , . Und wenn sie die rechte ist, wird sie dich an ihren fettigen 
Busen pressen und dich abkiissen. Weil — du ihr etwas bietest, was 
ihr kein andrer Mann jc bot — vor dir!" , . . 

,,Pa6 auf, Horst!" rief Sprengel; „sie ziehn die Kanonen! — 
Ballern!" 

Sie schossen beide — durch die Rocktaschen. Driiben schrie einer 
auf — 

„Den hats gehascht!" meinte der Sturmftihrer. 

Die Kommunisten flohen — schleppten den Verwundeten mit. 

. . , Ein Kind muBte begreifen, daB das Volk zerbrach unter den 
Lasten und Tributen! 

Ill 

Am Abend kam die Nachricht, daB Sprengel mit ein paar Kame- 
raden verhaftet sei. Das war nichts sonderliches. Man hatte auch da 
seine Verbindungen: durch einen befreundeten Schupomann erfuhr 
Horst Wessel ... Er eilte ?um Alexanderplatz . . , Mexiko, hieB das 
Lokal. Dimen an den Tischen. Die Dime setzte sich still zu ihm, 
suckelte an dem Schnaps, Er sagte: ,,Du gehst auf den Strich, was?'* 

60 



Ob sie denn nicht bei einem Verbande sei? O ja: beim rotea 
Frauen- und Madchenbund sei sie. Er nickte — naturlich war sie 
dabei; und die Vorsitzendc ihrer Gruppe war sicher auch eine aus- 
gediente Dime. 

„Da gehorea sie hin — die KPD kann sie brauchen . , . Dazu 
brauchen sie das Verbrecherpack der Ringvereine. Und die Prostitution 
jeder Art — was glaubst du wphl, welch gute Spionage die leistet?! . . . 
Darin wird uns Moskau immcr iiber sein!" sagte Fiedler auf Seite 88^ 

Aber auf Seite 121 zog Ernat die obzitierte Dtirne aus dem Mexika 
zu Wesseln. Er wuBte selbst nichtf wie das kam. Immer neue Auf- 
trage gab er ihr, dies auszufinden und das, was ihm wichtig erschien 
bei den Roten, Sie lief herum, traf alte Bekannte, horchte sie aus . . . 

„Ach, et is unser Alraunchen!" sagte Frau Gontram. *„Verdammt^ 
wie det Aas den Steifi schwingt!" 

O ja, sie schwang ihren SteiB. Schwang ihn, hober und frecher. 
Schwang ihn wie eine Flagge, wie ein sturmgefiilltes Banner nackter 
Sinnenlust, Die Sonne lachte iiber den Hakenkreuzfahnen, 

IV 

Einmal, als sie zu Bett geben woUte, erschreckte sie zu Tode die 
Wirkung des Brausepulvers in ihrem ,.Vase de nuit". Der Geheimrat 
grinstet als er in dem Lederbande eintrug: f.Dieser siifie Engel ist 
Alraune" . . . Dann sah er den Bericht durch, schickte ihn durch 
Mende zum Gau. „Das ist gut, Horst Wessel", iiberlegte er, „daB das- 
kein andrer sah. Gibts einen Burschen in Berlin, der anstandiger ist 
als du? Und doch speit das feige Pack dir ins Gesicht: Ludewigl . . ^ 
weil du mit detnem reinen Herzen sie herausholtest aus dem Sau- 
betrieb — das ist echt rotes DenkenI Pfui Teufel!",,, 

Immer eigenwilliger wurden ihre Launen, Der Alte gab, aber er 
handelte. LieB sich leicht kraulen auf der Glatze, oder mit raschen 
Fingern iiber den Arm spielen, auf und nieder. 

Dann stand sie auf, ging zum Fliigel, hob die Hande, senkte sie 
rasch auf die Tasten. Und begann: 
II etait une berg^re 
et ron ' et ron petit patapon ... 
Ein wenig ernster wurde ihr Gesicht, ganz versteckt klang eine 
leichte spottische Drohung aus ihrer halben Stiihme . . .: 
Der machtigste Konig in GroBberlin, 
Das ist der Isidor Weifi — 
Doch Doktor Goebbels, der Oberbandit, 
Der macht ihm die Holle schon heiB! . . . 
„Hubsch," sagte er. ,,Woher hast du das Kinderliedchen?" 
„Ein Dichter schrieb es . . . man sollte es weit durch alle Gassen 
schrein, drohnen soil sie und rasen die Luft, rasen im Donner der 
Rache — Deutschland erwache!*' 

Staf IV horchte auf und all seine Leute, was war das wieder fur 
ein neues Lied, das der f iinf te Sturm sang . . . ? 
Er fiel auf einen Stein, 
Er fiel auf einen — kille, kille, kille — 
Horst Wessel zog auf mit seinem Sturm — stramm ausgerichtet — 
das machte auch die Reichswehr nicht besser . . . ,,KuB weiterl" mur- 
melte er. „KuB michl" flehte er, „KuB michi" schrie er. „Kufl michl" 
wiederholte er leise. Gut, gut waren seine Kiisse. Schmeichelnd und 
welch, wie ein Harfenspiel. Wild auch, jah und rauh, wie ein Sturm- 
wind. „Ich brenne," jauchzte sie — Da riB er die Kleider ihr vom 
Leibe. Das machte auch die Reichswehr nicht besser. 

V 
Auf der Briistung des Teiches saB Alraune. SaB in schwarzem 
Seidemnantel. Langsam streifte sie das Hemd ab, legte es auf die 
Bronzenixe an ihrer Seite. Sechs Najaden saBen herum auf der Mar- 

61 



tnorbrustung des Teiches, gossen Wasser . . < spritzten es in diinncm 
Strahle aus den Brusten. In der Mitte blies Triton sein Horn . . . 

Sie setztcn auseinander, was man vorhabe: Horst Wessel fertig 
zu machen. 

„Jetzt ham wa*n'\ frohlockte Erwin. 

Aber si« blieben stehn. Else Cohn hetzte: Feiglinge seien sie! 
Was wiirdc Kupf erstein sagen . . . ! ? 

„Komm meih Freundl" sagte sic. 

Dann stiegen sie in das Wasser, Es war sehr kiihl und ihn 
f rostelte, Blau wurden seine Lippen , . . 

Wicder war es Else Cohnf die ihnen Mut machte, Ibr Gesicht 
verzcrrte sich, ihre dunnen Lippen spien giftigcn Hafi ... 

Die Tiir ging auf — da krachten Schiisse . * . 

Und wie sie zuruckkehrten, Hand iii Hand, unter den Blutbuchen, 
sagte sie; „Ich danke dir, Liebster!" 

i VI 

Dicke Luft bci den roten Klicken? Da verlor keiner den Ge- 
schmack an Schnaps und Karten, trank keiner eine Molle weniger. 
Wozu war die Partei da, wenn sie sokhe Heldentaten nicht decken 
solltc? In Prag wartete die rote Hilfc auf AH; cine uppige Kommu- 
nistin nahm den armen Verfolgtcn in Empfang. So widcrlich war 
diese giftigc Verlogenhcit, daB, auch die linksstehcndsten (!) Blatter 
auf burgerliclier Seitc ihrcn ehrlichen Abscheu bekundeten uftd — zum 
«rsten Male — einem Nazi Gerechtigkeit widerf ahren lieBen , . . 

Und vielleicht, du mein blondes Scbwesterchen, tropfcn auch 
dciner stillcn Tage Silbcrglockcn nun wcichc Klange schlafcndcr 
Stinden. 

, VII 

„Er war wieder bei mir, der Prinz", sagte der Krankc, „ihr muBt 
ihn aufnehmen." 

Goebbels wiegte den Kopf. „Es wird kaum gchn, Horst!... Wir 
diirfen die Bewegung mit nichts belasten, das nach Reaktion riccht!" 

Der junge Sturmftihrer gab nicht nach. Dieser Hohenzollemprinz 
August Wilhelm sei schon letzten August auf dem' Partcitag er- 
schienen . . . Wie und wo er konne, arbcite cr fiir Hitler, erziche seincn 
^ohn zu einem echten deutschen Nazijungen. 

„Gut**, sagte Goebbels, „ich werde es dem Fiihrer vorstellen ..." 

Das war nie geschehen, solange das Herrenhaus stand. Zwar full- 
ten die Frommen im Dorfe gleich am andcrn Morgen die Lampchen, 
aber sie sagten, daB es ein groBes Ungliick bedeute und das sichere 
Ende. 

Ausklang 

Nun schrieb ich dir^ Schwester, dies Buch . . . Es ist mir eine Hebe 
PfHcht, alien denen meinen Dank auszusprechen^ die mir bei diesem 
Buche geholfen haben. Vor allem dem Fiihrer der deutschen Frei- 
heitsbewegung Adolf Hitler ... In alle Himmel ragt sein Werk und 
bricht doch zusammen und begrabt im Sturz den frechen Tropf , der 

es dachte zahlt doch die Hitlerbewegung allein iibcr dreihundert 

Tote , . , Alte* langst vergessene Narben riB ich auf, mischte ihr dunk- 
les Blut mit dem hellen und frischen der letzten Qualen; schone Blu- 
ten wachsen aus solchem Boden, den Blut dungt . . . Wenn heute die 
SA die StraBe beherrscht, so hat sie das mit Stromen von Blut er- 
kauf t . . . DaB es Wesen gibt — keine Tiere — seltsame Wescn, die 
aus verrucht<?r Lust absurder Gedanken entsprangen — du wirst es 
nicht leugnen, Hebe Freundin, du nicht. 

Horst Wessel? 

Ach, et is imscr AlraunchenI Die Mode andcrt sich. Aber: 
obszon oder national, es ist der selbc Bhitrausch der Schwach- 
linge unid Impotent en. Wie der Ewersschen Phantasielosigkeit, 

62 



bcfruchtct von Villicrs -de I'lsle Adam, das Gewachs Alraune 
€ntsprungcn war, so wuchs aus Phantasiclo-sigkeit und Kascr- 
nenhof die Blutsaat des Weltkrieges. Die Busenfrcundc Marc 
Henry und Ewers wurden Kriegshetzer fiir ihre diesbeziiglicheai 
Vaterlander, dei* einc in der Schwciz, der andre in USA. Von 
dcr Literaturfront jcnscits des groBen Tciches satidte Hanns- 
heinz der Verhinderte der teuren Heimat beziebunigsweise der 
<BZ' jencs imvergeBliche Poem; 

Meiner Mutter Haus steht am Rhein — ist mm ein Krankenhaus 
mit 16 Krankenbetten . . . Abcr der Pionier wird uns wohl sterben » . - 
sie stachen ihm beide Augen aus, in Loucin bei Ltitticb . * . 

das keineswegs obendrein den Vorzug hatte, wahr zu sein, 
sondem — wie der ,Vorwarts* ihm nacbwies — i ein Schwindel 
Satz fiir Satz. Von diesem Abstechcr ins Heldischc kehrtc 
Ewers wieder in die Leibbibliothekserotik zuriick, wo ihm 
sein Bestes gelantg; Der Hanns Heinz Vampir von Hans Rei- 
mann. Und nun hat er heimgefunden — bis auf weiteres, 

Ich babe mir einen Scberz erlaubt mit dieser Geschichts- 
klitterung aus Alraune und Wcssel. NcLn, cs ist kein Scberz! 
Die Ewers-Alraunc und der Wessel-Ewers sind eines Ungeistes 
Kind, Der Wechselbalg ist tunstandebalber aus dem ScbloB 
des Geheimrats ten Brinken ins Braime Haus iibergesiedelt. 
Schone Stilblutcn wuchsen aus solchcm Boden, den Alraun- 
cben gediingt bat: Hakenkreuzweis und Judavcrrecklein. Das 
sind keine Glaubenskampfe, das ist ein Ausscblachten von 
Metaphem, Der Vampir auf dem volkiscbcn Lotterbett. 

Vergcsscn Sie alles, Stand, Beruf, Herkunft, vergessen Sici Kon- 
fession und Erziehung — hat Hitler gesagt — nur vergessen Sie nie: 

Dcutschland? Ne, Herr Ewers! Die Konjunktur! 

* 

Die antisemitischen Scbiiipfrigkeiten des volkiscben Kicse- 
wetters sind bei Cotta erscbienen. So beging der Goethe- 
Verlag, das Gocthejabr, Man achte dies Zeicben nicbt gering! 
Fast die balbe Nation laBt sicb ibr Heil aus dem braunen 
Kaffeesatz wahrsagcn. Der literariscbe Rauscbgifthandel, von 
Oben gegem den Kulturbolschewismus verordnet, wird Folgen 
haben, gegen die es keine Leibesiibungen, keine Ertiichtigung 
gibt. Die Hiiter der Nation werden sich wundem. wbhin der 
MiBb ranch des Naiionalen fiihrt, wohin es fiihrt, wenn Spcku- 
lation auf iibelste Instinkte; Nachsten- und Judenbetze tm- 
gestraft national firmieren darf. Es ist nicbt gleicbgultig, mit 
welcben Mitteln und zu welchen Zwecken man Heroismus, 
Opfermut und Tatendrang, der in jedcm Volke steckt, zur Aus- 
losung bringt. Die Volker, die 1914 gegeneinander zogen, 
batten ganz andre Feinde gemeint. Auch die vom Hakcnkreuz 
hypnotisierte Jugend konnte etwas ganz andres meinen. Ich 
kannte Wessel ebensowenig wie sein Biograph ihn gekannt 
hat, dafi aber Wtessel sich nicbt den Ewers ausg.csucht hatte, 
geht aus folgender Zuschrift an die ,Weltbuhne* hervor: 

Hanns Heinz Ewers schrieb auf Anregung Adolf Hitlers einen 
Roman „Horst Wessel", in dem der „.Kampf um idie StraBe", 
ein „Kapitel deutscher Geschicbte" gcschildert wird» Ewers 
wird sicb des ersten tmd wobi einzigen personlichen Zu- 
sammentreffens mit Wessel kaum erinnem, Wessel und ich 

63 



hatten als Statisten im ^Student von Prag*' mitgewirkt, hatten 
jeder erne Premier enkarte bekommen und sahen nun den 
Autor, der Jamais noch nicht unter die ^nationalen'* 
Schriftsteller gezalilt wurde, sich in der Kiinstlcrloge dem 
crstaimtem Publikum zeigen, Damals sagte Wcssel zu 
mir; ,,Solchc Lefute sollte man auch mit Nagclschuhen so 
lange in den Hintern treten, bis . . .'* Er wiirde diesen Aus- 
spnich sichcrlich bcute wiederholen, wenn er zimi Beispiel das 
Kapitel iibcr die Tot en w ache lase oder manche andre Ge- 
schmackliosigkcit. So leicht wird man cben doch kein deutscher 
Schriftstelicr, auch nicht auf „Anregung dcs Fiihrers der 
deutschen Freiheitsbewegung". R. J5. 

Die Flucht zu den Schachtelhalmen 

von Rudolf Arnheim 

„Solche Mifiigriffe", setzte er abbrechend hinzu, „sind unver- 
nieidlich, seitdem wir von dem Baum der Erkenntnis gegessen 
haben. Doch das Paradies.ist verriegelt und der Cherub hinter 
uns'i wir miissen die Reise um die Welt machen, und sehen^ 
ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist," 

Kleist: Vber das Marionettentheater 
P\ie Vcrntinft hat hcute einen schweren Stand. Auf den 
*^ Siegeszug des Beweisbaren, den die naturwissenschaft- 
lichen Philosophen , des vorigen Jahrhunderts angetreten 
hatten, folate der Katzenjammer der Zv^reiiler, die dtirch den 
Geist die Seele bedroht sahen. Man pilgerte zuriick ziim Ge- 
miit, zu den Sinnen, zur Natur, Universitatsprofessoren pre dig- 
ten die „Schau'\ und MaB ,tind Zahl — bisher hochst ver- 
trauenerweckend — err eg ten MiBtranen und MiBmut. In diese 
Geisteslage hinein brach der Konkurs d^er politischen Welt- 
ordnnng, und alle, die zu besserer Erkenntnis nicht bereit oder 
nicht fahig waren, beeilten sich, dies Ereignis als vorziiglichen 
Beweis fiir die Schadlichkeit des Geistes, des Fortschritts und 
der Technik anzufiihren). Die Gemutsmenschen imter den 
Gcisteswisscnschaftlem demonstrierten an der Weltwirt- 
schaftskrise die zcrstorerisch^e Damonie alles Verstandes- 
maBigen; die politischen Riickschrittler ihrerscits holten sich 
ans den Biichem der Geist feinde sehr willkommene Belegc da- 
fiir, daB nicht die widersionige Verteilung der Geld- und 
Machtmittel (fiir die sie vcrantwortlich und an der sie intcr- 
essiert waren) zum Rnin gefaihrt babe sondern das Prinzip ver- 
niinftiger Ordnung,, vertragsmaBiger Regelung iiberhaupt. Das 
international e Kleinbiirgertiun, von Ruhe xmd Ordntmg im 
Stich gelassen, stromt zu der Unruhe und Unordnimg geist- 
feindlicher Sektierer, von Aimce MacPherson bis WeiBcnberg 
und Hitler, Die Gebildeteren unter den Reaktionaren pinseln 
im Kammerohen Weltuntergangsphantasicn mit dem frommen 
Eifer des Fra Angelico. Viel Klugheit wird hier zur Wider- 
legung der Klugheit vertan. 

In diese Reihe gehorcn leider die beiden Essaybande, die 
Gottfried Benn herausgegeben hat: „Fazit der Perspcktiven'* 
und nNach dem Nihilismns" (Gustav Kiepenheuer, Berlin; 
3,40 und 4,25, im ersten Baind 25 Drudkfehler, im zweiten 34 — 
darunter so gretiliche wie: Shakeshand, Koctail Phydias, 
64 



Inignorabimus, Hamsum, Intcrnieur und Pathcnagencsis). Die 
Lektiire dicscr beiden Btichcr ist sehr zu empfehlcn. Wer 
durch Detektivromane nicht zu fcsseln ist, der fiiwiet bci Benn, 
was er bei Wallace vergeblich suchte: berauschende Untcrhal- 
tung, Spannttng von der ersteji bis ztir letzten Scite^ und 
dennoch keinerlei Konscquenz oder Berufsstorung und wenig 
Nutzcn. In einer groBartigen, stromenden Rhetorcnsprachc 
tragt Benn seine Abhandlungcn vor. Er ist Arzt, und so uber- 
nimmt er die Termini der medizinischeni WochenschriUcn in 
die Weltanschauunjg;sdebatte, cin Schwemmland von Frcmd- 
wortern, iiber das man schwankend, einsinkend, wie leicht an- 
gctrunken, schreitet Aber diese Sprache, die nur wenigen 
Lesern ohne die Hilfe eines Lexikons verstandlichi sein durfte, 
€nt spring t bestimmt nicht der snobistiscKen Sucht, .gebildet zu 
erscheinen. Hier wachst aus dem naturwissenschaftlich-medi- 
zinischen Fachjargon — und die bcsten sprachlichcn Neu- 
schopfungeni kommcn ja immer wieder aus den Fachsprachen! 
— r ein neucr Metaphernstil. So wie die Klassizisten zwischen 
den Tempeln und Gottern Griechcnlands, so wandelt hier ein 
Dichter zwischen blinkenden Instrumentenschranken, grell- 
farbigen anatomischen Wandtafeln, Firmenplakatfen und Bor- 
senberichten. Solche Bilder spiegeln sich tauscndfach in seinen 
Worten, und aus ihrer Fremdartigkeit gewinnt er den Abstand 
fur ein neues Pathos. Ihre Kiinstlichkeit dient ihm dazu, die 
Na turf erne der verhaBten Zivilisation in Anilinfarben zu malen. 

Das Leben wird seinen Rachen aufrciBen gegen diese Zivili- 
sationshorden, die das Meer als ein Nahrklistier achtcn urn ihre 
Austernbankc und das Feuer als Bierwarmer unter ihre Asbestplat- 
tcn. Weil es diese Friichtchen zur Vermehrung lafit, weil cs diese 
Wasserfarben sich mit ihren Samenflecken hochpinseln; laBt an sei- 
nen Basaltwanden, ist es noch lange nicht auf die Postille gebiickt. 
Der Tag wird kommen, wo diei Monts Pelees diese fruchtbaren Sied- 
lungen mit ihrer Lava ersticken und die Ozeanc diesen Meliorations - 
modder ohn« Gebriill iiberfluten werden — o schoner Tag der Reue 
der Natur, wenn auf einer Eisscholle zwei Tranh«rden mit Graten- 
keilen wieder um die Seehundsstellen boxen, o Heimkehr der Schop- 
f uhg, wenn gelackte Doppelhorden ihre Lippenf locke salben und unter 
Hakenschnabelmasken das Opfer bringen im Schrei des Totemtiers. 

Ein Jeremias fur Horer aller Fakultaten. Aber er ruft die 
Tochtcr Zions nicht zu Gott sondern verwcist sie zuriick an 
die Tranherde. ^,Ist denn keine Salbe in Gilead, oder ist kcin 
Arzt nicht da? Warum ist denn die Tochter meines Volkes 
nicht geheilet?" Der Arzt ist da, aber er verordnet Seltsames; 
Kuraufenthalt in den Schachtelhalmwaldern der Urzeit. 

Fiir Benn leben die Versteinerungcn, er sehnt sich in die ver- 
schiittcten Schichten zuriick, aus Abscheu vor der Ge^enwart. 
Den Weg zu einer Neuordnung des Lebens sieht er nicht, denn 
auf eine sehr charakteristische Weise verwechselt er den zivili- 
satorischcn Fortschritt mit dem MiUbrauch dieses Fortschrittes 
durch eine schlechte Gesellschaftsordnung. Wenn er von der 
„Reihe der Konquistadoren zwischen Induktion und Industrie** 
spricht, so ist das mehr ge^gen die Induktion als gcgen die In- 
dustrie igemiinzt; wenn ein amcrikanischcr Statistiker von der 
,,Gesundheit als Wirtschaftsgut*' prcdigt, so argert sich Benn 
iiber die Gcsundheit statt iiber die Wirtschaft; und wenn die 

65 



Hindufrauen, van. dcr Witw^nverbrcnnung bcfrcit, ,,211 g^ord- 
neter Arbeit mit ihren Kindem 16 Stundcn in die Bergwerkc** 
geschickt werden, so sagt eri das gcg^n die Bcrgwcrke, statt 
gegen die 16 Stimden. Sem HaB auf den Maschinien- und 
Zahlenapparat hindcrt ihn an gerechter BeurteOuug der Schuld- 
verhaltnisse. Wenn er von dem sprioht, was „an S telle der 
chthonlschen Macht als kiinstlicher Diingcr vertrieben" wird, 
so iibersieht <er, daJJ die Urkrafte des Lebens durch die Zutaten 
des Fortschritts nicht v«miclitet zu werden brauchen, Er 
bticht ziindendc Antinomien, wo cr naoh einem Ausgleich 
suchen konnte, Man spiirt hicr die begreifliche, aber ctwas 
iiberlebte Ncrvositat einer durch die Telephone und Latit- 
sprecher aus ihrer Riibe gekUngelten Generation, die vor den 
Brutschranken an den Miittem zweifelt. 

Und dabei ist doch langst klar, daij die Seelc durch die 
Experimentalpsychologie nicht vernichtet wird, das Schreiben 
nicht durch die Schreibmaschine, die Ktinst nicht durch das 
Kino. Der Fortschritt ersetzt zwar die ihm jeweils voraus- 
gegangene Zivilisationsstufc, niemals aber die grofien Urkrafte^ 
um die es Benn geht. Durch die Gliihbirne ist zwar die Pc- 
troleumlampe verdrangt worden, nicht aber die Sonne, und wer 
die Sonne zu sehen wiinscht, braucht also nicht bis vor Edison 
zuriiokzugehen, Benn retiriert zur Tranherde und zu den 
Schachtelhalmen, Eros ist weder durch Van de Velde noch 
durch die Psychoanalyse aus der Welt gctrieben worden. Wer 
zwingt Benn, sich mit den Leuten zu befassen, fiir die sein Satz 
gilt: ,,An den Genitalien wird nichts mehr ernst genomment 
abge^sehen von den Geschlechtskrankheiten"? Mit grofiartigen 
Worten schmaht er den Schieber-, Konjunktur- und Mcde- 
betrieb ^ — die Weltbiihnenlcser kennen seinen Vortrag „Die 
neue literarische Saison" — , und sicherlich sind solche 
Pamphkte niitzlich, aber sic get a ten in einen f alschen Rahmen^ 
wenn innerhalb einer Weltbetrachtimg, die mit den Riesen- 
maBstaben der geologischen Schichten arbeitet, als heutige 
Situation des Geistes bezcichnet wird, was nur der diirftigc 
Gesichtskreis der Boulevardredaktionen, Filmatelicrs, Cocktail- 
premieren vmd der Blatter fiir die elegante Welt ist, Wer 
zwingt ihn, der vom aristokratischsten Standpunkt her den 
Geistigcn aufiordert, iiber der Saison zu stehen, sich so heftig 
in der Saison zu verstricken? Statt zu tmtersuchen, wie sicfi 
bei den besten, in einem hoheren Sinne charakteristischen Ver- 
trctem unsrer Zeit das Gehim zur Zivilisation einerseits und 
zur Erbmasse der Urtriebe andrerseits verhalt. Gute Polemiken 
sind oft nichts als gctarnte Gewissensbisse. 

Auf einc reichlich demagogische Art tragt Benn Ar- 
gumente dafiir zusammen, daB die Menschheit an den zerstore- 
rischen Spiclereien der Gehime zugrunde gehe. Es ist eines 
gebildeten Menschen nicht rccht wiirdig, so zu tun, als be- 
triebcn unsre Biologen nichts als sinnlose Geduldspiele mit. 
Haarschlingen und Seziermesserchcn; als sei die euklidische 
Geometrie durch die nichteuklidische „widerlegt**; als be- 
deute die relativistische Raum- imd Zeitvorstellung gegen- 
uber der absplutistischen eine endgultigc Zertriimmerung des 
physikalischen Weltgebaudes, Und all dies angcsichts einer 
66 



Wissenschaft, die abcrall cincn fast ins Lyrische ausschweifen- 
dcn Hang zur Ganzheit, zur Sinnlichkcit, zu philosophischer 
Weltbetrachtunjg an den Tag legt! Ncin, hicr wird gcwaltsame 
Chaoshetze betricben. Ein Gehimmensch, dem die Hormone 
zu Kopf stcigen, findet die Natur in sich selbst nicht, wiinscht 
sie daher auch bei den Zeitgenossen zu vermissen und sucht 
sie in der ungefahrlicheren, zwar vom Beimischungiszwang der 
Zivilisation noch freien, dafiir aber auch nicht mehr aktuellen 
Urzeit der Hohlenbewohner und Mammutjager, Es ist schwer 
zu vcrstehen, wie ein Denker, der in scinem schonsten Aufsatz, 
liber „Goethe und die Naturwissenschaften", die Einheit von 
Natur und Denken so prachtig darlegt, aus einem andern 
Grunde als dem Selbstrechtfcrtigungstrieb zu der Meinting 
kommen kann, diese Naturgebundenheit des Denkens sei aus- 
gcrcchnet im Jahre 1832 fiir immer ausgestorben. Aber das tut 
Benn, und fiir diesen Zweck iiberspitzt er den Biologismus der 
modemen Scelenkunde zu einem unerwiinschten Extrem: wa 
man die Bedeutung des Triebhaftcn, des UnbewuBten, des 
Hirnstamms ins rechte Verhaltnis zu den intellektuellen Ftmk- 
tionen der Hirnrinde zu bringen sucht, da setzt Benn eincn 
Kult des Atavistischen an — verachtlich scheinen ihm einc 
,,Sch6pfung ohne Grauen, Dschungeln ohne Bisse, Nachte ohnc 
Mahre, die die Opfer reiten'. Wenn die Seele sich entwickele^ 
so bilde sie sich abwarts; wenn es noch eine Transzcndenz 
gebe, so miisse sie tierisch s^in, imd schlieBlich ist der Dichter^ 
als ein Taucher in der Tiefsee des Archaischen, katun noch zu 
tmterscheiden von dem Schizophrenen mit seinen grauenhaften 
Riickfallen in atavistische Seelenzustande. Zwanglos fiihrt 
solche Weltbetrachtung zu reaktionaren Gedankengangen, Wir 
lesen, daB „Ausbeutung eine Funktion des Lebendigen*' sei, 
und die groBartige Parabel von dem Mann, der mit einer winter- 
harten Weizensorte die Getreidewirtschaft Amcrikas for- 
derte und sich darni durch die Weltwirtschaftskrise um den 
Sinn seiner Arbeit bctrogen sah, lauit sich tot in peinlichen 
Auslassungen iiber das „Lebensgesetz tragischer Dialektik'V 
aus der auqh die Kornfrucht nicht losgelost sei, Aus einer selt- 
samenj Li«be zum Krankhaften, zum „Bionegativcn'*, zur „Mi- 
nusvariante", aus einem HaB gegen allcs Gesunde tmd Lebens- 
bejahende erst eh en Tone, wie wir sie bei Hans Bliiher tmd 
Franz von Papen wiederfinden; die Verhohnung des „Wohl- 
fahrtsstaates*'. Da fast alle groBen Manner krankhaft be- 
lastet waren, setzen wir „heute den Geist nicht in die Gesund- 
heit des Biplogischen ein'\ und Krankenkassen und Ambu- 
latorien crubrigen sich! 

Man muB bedauern, daB so viel dichtcrische Sprachkunst^ 
so viel Wissen und ein solcher geistiger Elan nutzlos vertai* 
werden, Aber da gerade der erwahnte Goethcaufsatz, in dem 
die Moglichkeit einer Synthcse von Hirn und Auge so packend^ 
die Hinneigung eines groBeti Menschen zu den kleinen Auf- 
gaben des praktischen Alltags so riihrend und nietzschef em ge- 
staltet ist — da grade dieser Aufsatz einer der neuesten Gott- 
fried Benns ist, darf man hoffen, daB hier eine Entwicklung 
beginnt, die uns noch Wichtigeres bringen wird als eine 
brennende, fesselnde Unterhaltung. 

61 



PreSSe-Ball im Savoy von Herbert Ihering 

In der groficm Pause des , .Balls im Savoy", der vom GroBen 
Schauspielhaus ,,wclturaufgefuhrtcn" ncuen Opcrcttc Paul 
Abrahams wird ein Extrablatt ausgcrufen; ,, Riviera- Journal! 
I^iviera-Journall" Darin heiBt es, schmatzend und anziiglich, 
*iber die „scnsationiellen" Gescllschaftsaffaren des Stiickes . . . 
,,es ist in den Annalen der internationalcn Chronique scan- 
daleuse ein eiinzig dastehcnder Fall, daB eine Dame der Ge- 
sellschaft sich auf eincm offentlichen Ball sclbst der Untreue 
bczichtigt . , , Im iiibrigen traut niemand der allgemein b^licb- 
tcn jungen Frau, deren Onkel Kammerprasident Bernard ist, 
'Cinen Ehebruch zu." 

Das liest man in d€;r Pause und das bleibt der Inhalt der 
Opcrette; dramatisiertes kleines JoumaL Pikant ist daran niur, 
daQ der Verein Berliner Presse grade diese Anffiihrung fur 
seime Fcstvorstellung wahlte. Die seriose Presse ladt Regie- 
rung, Behordien und Personlichkeiten zu einer ihrer groBcn, re- 
prasentativen Wohltatigkeitsveranstaltungen ein, und in der 
Pause bereiten Gebruder Rotter ihr die Ubcrraschung, mit 
einem Extrablatt nach Art der Skandalpresse aufzuwarten. 
Theaterleutc sind seltsam; vielleicht batten sie sich das als 
besondere Ehrimg der Presse ausgedacht. 

Man muB gerecht sein, Der Verein Berliner Presse hat 
scinen Mitgliedernj gegienuber groBe Verpflichtungen. Er muB 
fiir Joumalisten sorgen, die in Not geraten sind; er hat an 
Kranke, Wit wen und Waisen zu denken; seine Wohltatigkeits- 
kassen sind iiber Gebiihr in Anspruch gcnommen, Er kann also 
nur Festvorstellung;en wahlen, die etwas einbringen und eine 
:gesellschaHliche Attraktion bilden, Aui der andern Seite aber 
muD er die Unabhangigkeit der Presse wahren, Niveau halten 
und den offiziellen Machten eine geistig-e Macht entgegem- 
stellen. Es geniigt, diese Doppelaufgabe beim Namen zu rufen, 
xtm heute die Ausweglosigkeit eines auf Wohltatigkeit ab- 
:gestellten Systems zu erkennen und die Abhangigkeiten aufzu- 
zcigem, in die es, ohne Verschulden einzelner, hineiniuhrt. So 
kam es, daB derj Verein Berliner Presse kcincn andern) Aus- 
weg fand, als den „Ball im Savoy" und den Einzug der Rotters 
ins GroBc Schauspielhaus fiir seine erste groBe Winter- 
^eranstaltung zu wahlen. In demselben Augenblick, in dem das 
kiinstlerischc Theater in Berlin einen StoB nach dem andern 
empfangt, in dem jede VorstcUung des emsten Theaters ver- 
rissen oder nieder,gekntippclt wird (die einzige Ausnahme bil- 
deten die Hauptmann-Jubilaen), in demselben Augenblick 
schiitzt der Verein Berlinfer Presse mit seiner Autoritat eine 
Operetten-Urauffiihrung, die seiner Untcrstiitzung nicht bedarf. 

Unterstiitzung — natiirlich und mit Recht fassen alle 
Theaterdirektoren die Vorstellungen fiir den Verein Berliner 
Presse als Hilf e auf und sind hinter ihnen her. Die Reklame 
ist leichter, die Aufmachung in den Zeitungen licbcvoller, und 
die Kritik kann sich diesen (zumindest atmospharischen) Ein- 
iliissen kaum entziehen. 

Eine Vorstellung fiir den Verein Berliner Presse bcdeutet 
eine ungewohnliche Bevorzugung fiir das auserwahlte Theater 

68 



und' datnit erne, Ung^rcchtig^eit gegen alle andern iBiihiien. Es 
ist dabci gleicbgultig, ob es sich um die Rotters odcr um 
Reinliardt handelt, wenn das breitc, flache, populare Genre ge- 
wahlt wird und das emste Schauspiel nicht nur ohne jede Re- 
klamennterstiitzung bleibt sondera auch mit scharfster Kritik 
belastet wird. Wenn Faust und Mephisto kritisiert werden, ge- 
schieht es mit scharfster Betonung. Wenn im Grofien Schau- 
spielhaus Herr Oskar Denes spielt, als ob Josef Chapiro Ge- 
sangs- und Tanzkomiker gewordcn ware^ jubelt die Kritik. 
Festvorstellmiig fur den Verein Berliner Pr esse unid KLarheit 
des Urteils, das scheint unvereinbar zu sein. Deshalb diirfte 
der Verein nie mehr Premicr^n fiir seine Veranstaltun^en wah- 
Icn sondern erst Wiederholungsvorstellungcn von bercits kri- 
tisch gewiirdigten Auffiibrungeu, Im andern Falle bleibt der 
Widerspruch uniiberbriickbar, der Widerspruch zwischen den 
charitativen imd ethischen Aufgaben des Pressevereins. 

Das Extrablatt des Riviera-Journals fahrt fort: „Der Ober- 
kellner Pomerol vom Etablissement Savoy auBerte sich, daB er 
die Herrschaften bedicnt habe. Weiteres zu sagen, verbiete 
ihm seine Diskretion." Leider verbietet es auch der emst- 
haften Pressei oft die Diskretion^ iiber ihre eignen Veranstal- 
timgen und deren Zusammenhange die Wahrheit zu sagen« 

Verbutterte Margarine von Hermann Bodzlslawski 

Junker Heinrich von. Auc, der nach stolzem, hochmutigem Le- 
ben von ciner schrecklichen, ihm unerklarlichen Krankheit 
befallen wurde und den Tod vor Augen sah, wurde aber- 
glaubisch. Blut der Gesunden sollte ihn heilen. Doch der 
arme Heinrich hatte ein mitleidiges Herz. Schon schwcbte das 
Messer liber dem Opfcr. Da verzichtete er aul das Menschen- 
blut — und wurde doch oder vielleiclit grade deshalb gesiand. 
Heute sind die Junker anders. In ihrer Not haben sie von 
den Stadtern schon manches Opfer gefordert. Alles wurde 
ihnen g,egeben. Doch das Wunder der Heilung, der Sanie- 
rung unrentabier Giiter hat sich nicht voUzogen, Haben sie 
daraus gelernt? Wollen sie nun sclbst ein Opfer bringen, etwa 
eincn Teil ihrer Latifundien den Siedlern geben? Sie denken 
nicht daran. Neue Massenopfer werden von den zwei Dritteln 
des deutschen Volkes verlangt, die das Pech habcn^ in den 
Stadten zu woihnen. Erst wurde Spiritus in das Benzin ge- 
gossen — mag der Motor klopfen! Dann muBten die Backer 
Kartoffelflocken in den Brotteig, riihren!. Jetzt soil Butter in 
die Margarine geknetet werden. Die Margarine wird dadurch 
nicht besser sondem wahrscheinlich schlechter imd jedenfalls 
teurer. Aber ein guter Zweck wird doch damit erreicht: end- 
lich bekommen die armen Lcute, die -sich sonst nur Margarine 
leisten konnen, auch etwas Butter in den Magen, DaB das kein 
fauler Witz ist sondem weise Absicht, beweist die .Berliner 
Borsenzeitung*. Sie schreibt: 

Man erkennt dies am deutlichsten, wenn man das neue Verfahren 
einmal nicht so betrachtet,. daB Butter zur Margarine beigemischt wird, 
sondern umgekehrt so, daB Margarine einem Teil der verkauften 

69 



Butter beig«mischt wird. Diese Beimischung hat namlich die Wirkung, 
daB das Gemisch infolge Beigabe der wesentlich bilHgeren Margarine - 
rohstoffe zu einem Preis abgegeben werden kann, der neimenswert unter 
dem Preis fiir reine Butter liegt. 

Gelange • die mcnschenfrcundlichc Tat so, wie sic 
wahrscheinlich miBlingt, so stiinden wir viellcicht vor cincr 
Zeit, in der wir unserm Gast beim Abendbrot Appctit macheiif 
wenni wir ihm zuflustcrn; „Kosten Sie, reine Margarine!" Die 
Mischmargarine wird, so behaupten wenigstcns die Margarine- 
Eachleute, ziemlich friih ranzig. Cute Butter konnte aber unter 
Umstanden bald knapp werden. Die Landwirte, die seit einem 
Jahr mit alien Nacbbarn und guten Kuniden Deutschlands einen 
Buttcrkrieg fiihren, haben bishcr nicht soviel Butter geliefert, 
wic Dcutscbland braucht, aber vor alien Dingen viel schlechlcre 
Butter als Danemark und Holland. Immer schimpften sie iiber 
die aiislandische Konkurrenz, die bessere Ware billiger liefcrte. 
Nur ein Achtel der deutschen Butter kann an Qualitat mit der 
auslandischen verglichen werden. Die auslandische Einfuhr ist 
kontingentiert. Vorlaufig liegcn in den Kiihlhausern Vorrate, 
die auf den Markt drucken, und dadnrch ist die Butter nach 
Weihnachten billiger geworden. Wenn aber erst einmal die 
Vorrate aufgezehrt sind, wird Butter in Deutschland knapp 
werden; vor allem gutc Butter wird fehlcn. Die Margarine- 
fabriken wiirden aber nur die beste Markenbutter kaufen, dcnn 
mit der bilHgeren Landbutter miiBten sie ihre Margarine noch 
mehr verderben. Daraus ergibt sich: die wenig vorhandene 
gute Butter wiirde ziun Tcil in die Margarine geriiJirt werden, 
und wir konnten schlechtc Landbutter essen, die mindestens 
soviel wie jetzt die Markenbuttet kosten wurde. 

Die Bauern, die im ersten Augenblick davon begeistert 
waren, den Staidtern die Margarine zu verderben iind zu ver- 
teuem, sind schon wieder nuchtemer geworden, Dafiir gibt es 
mehrerc Bcweise: ziuiachst die abwartende und zum Teil ab- 
lehnende Haltung der Molkereiverbande, dann aber, und das ist 
gewiB iiberzeugend, die Stellung der Nationalsozialisten., Die 
nationalsozialistiscbe Reichstagsfraktion will, wenigstens im 
Augenblick, fiir die Aufhebung derMargarineverordnung stimmen, 
und sie wiirde das nicht tun, wenn sie damit die Baucrnwahler 
gegen sich aufbrachte. Die Margarineverordnung stammt aus den 
Kreisen der GroBagrarier, sie wurde von Herrn v. Rohr- 
Demmin erdacht. Dieser Jxmker ist der Vorsitzende des Pom- 
merschen Landbundes. Im Sommer setzte er sich fiir die Mar- 
garinesteuer eini, deren Ertrag zur Scnkung der Schlachtstcuer 
dienen sollte. Daraus wurde nichis. Jetzt hat Rohr-Demmin 
cinen umfassenden Plan zur Rettung der Landwirtschaft er- 
dacht, und da er iiber die besten Bezichungcn im Reichs- 
ernahrungsministerium vcrfugt^ muB man sich mit diesem Plan, 
von dem die Margarinevcrordnung nur ein St'iick darstellt, be- 
schaf tigen. Das ist kein Vergniiigen, 

Rohr-bemmin stellt ctwa folgcnde Oberlcgung an; ver- 
arbeiteten die Margarinefabriken nicht ErdnuBole, Soyaole 
und Walfischtran sondern statt dieser auslandischen Rohstoffe 
deutschc Butter, deutschen Talg, deutschen Raps und deut- 
sch>es Riibol, so wiirde die Margarine sehr viel teurer werden. 

70 



AuBerdem hatten wir abcr nicht aus den PreBriickstanden dcr 
auslandischeni Obaaten sovicl Oikuchen, es wiirde also das 
wichtigste Futtcrmittcl fiir die Bauernwirtschalten fehlen, 
Sperrt mart die Grcnzcn nicht nur fur Margarine -Rohst of fe 
sondem auBcrdem fair Futtermittel, so miiBten die Bauern das 
teure Kom verf lit tern, Sie miiBten auf solchem Boden^ auf 
dem sie jetzt Getreide bauen, wieder Hulsenfriichte pflanzcn, 
sie miiBten Ackerland in Griinland verwandeln, sie konnten 
Raps anpflamzen. Gabe es aber in Deutschland) weniger Ge- 
treide boden, so gabe es weniger Getreide unid hohere Getreide- 
preise — und damit waren die Ritterguter gerettet. Die 
Rittergiiter sollen aber gerettet werden, ergo miissen die Mar- 
garine-Robstoffe im Mand erzeiigt werden, 

Der Leitgedanke Rohr-Demmins und seiner Standesgenos- 
sen ist: Herstellting eines ,,gerechten Getreidepreises'*. Gerecht 
ist' der Getreidepreis dann, wenn die ostelbischea Junker bei 
ihrer MiBwirtschiaft b'lciben, aber trotzdem gut leben konnen- 
Solange Deutschland daraui angewiesen war, Getreide cinzu- 
fiihren, konnte man den Preis im Inland durch Schutzzolle 
hochhaltcn, Mit Jubel wurde es von der Land wir tschaft, aber 
auch von Kaliski in den ,Sozialistischen Monatshelten' begriifit, 
daB jetzt Deutschlands Getreideernte zum ersten Mai den Be- 
darf libers tieg. Damit verier en jedoch die ZoUe einen Tcil 
ihrer sohiitzenden Wirkung, das Gesetz von Angebot und 
Nachfrage trat wieder in Kraft, die Preise fielen. Der erste 
Einfall, den der nicht sehr ideenreiche Landbund hatte, war: 
das Reich muG die Preise stiitzen. Das umfassendere Projekt 
ist hier soeben dargelegt word en. Durch voile Autarkie zur 
Verteuerung aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse! Mit der 
Margarine wurde begonnen, weil man den Widerstand dieser 
Industrie am leichtesten zu brechcn dachte. Der Butterkrieg 
gegen Holland umd Danemark verargcrte die politisch machtige 
Ex port Industrie. Die Margarine wird zu vier Fiinfteln in den 
Fabriken des hollandisch-englisclien Unilever-Trusts hergestellt. 
In der offentlichen Diskussion, die die merkwiirdig autoritare 
Schleicherregierung mit dem Margarine verb and zur Zeit fiihrt, 
hat man die nationalistischen Massen in Deutschland zart auf 
diese Tats ache aulmerksam gemacht. Auch auf die hohen Ge- 
winne der Margarineindustrie wurde hingedeutet. Sie werden 
nicht immer nachzuweisen scin; denn da der Unilever-Trust 
nicht nur deutschte Margarinefabriken besitzt isondern auch 
sebr viele deutsche Olmuhlem und da er diesen die 51saaten 
liefert, ist er der Liefer ant seiner eignen Margarinefabriken. 
Wenn er die auslanidischen Rohstoff e diesen Fabriken teuer 
verkaaift, machen sie nur geringe Gewinne oder arbeitcn sogar 
mit Verlust; berechnet er die Rohstoff e billig^ so entstehen 
seine Gewinne nicht in Holland sondem in Deutschland, Durch 
knappe Devisenzuteilung keuui nuan ihn jetzt allerdings zwingen, 
seine deutschen Unternehmemi nicht zu iiberteuern, 

Wie der Margarinetrust im letzten Jahr abgeschnitten hat, 
laBt sich schwer iilbersehen. Jedenfalls hat die Landwirtschaft 
seine Macht untcrschatzt. Wenn Rahr-Dcmmin meintc, daBein 
Handelskrieg gegen die Margarine-Rohstoffe leichter zu fiihrcn 
sci als gegen die Buttereinfuhr/ weil Spyaole, Waif ischt ran und 

71 



Kokosfett aus der Mandschurei, aus dem Eismeer und aus 
Westindicni kommcn, also aus Landcrn, die sich nicht wchren 
konnei], hat cr tiicht mit der Kraft des Mzirgarmetrusts gc- 
rcchuet. Die Zirniutiung^ dem Volk die Butter in der Marga- 
rine als Mheimlichc Wohltat'* zukommen zu lassen — nach der 
Notveroidnung soil es verboten sein, mit der Venvcndung, von 
Butter fiir die Mischmargarine Reklamc zu machen — diese 
Zumutung hat der Margarincverband durch einen groBen 
Inseratenfeldzug in der deutschen Presse schon zunichte ge- 
macht. Die Regierung befindet sich vor dem aufgebrachten 
Volk wicder einmal aiii dem Riickzug. Wahrend unter 
Briining jede Notverordnung gcschluckt wurde, g^elingt 
es seit einigcr Z*eit nicht mehr, dem Volk alles auf- 
zuzwingen, Um den Riickzug zu verschleiern, wird nim da- 
von gesprochen^ statt Butter Fettmilch in die Margarine zu 
riihren- Fettmilch ist Vollmilch. Gewohnlich nehmen die Mar- 
garinefabriken Magermilch, aber in einigen Betrieben wird 
auch Vollmilch vcrarbeitct. Das lieBe sich also durchiiihren, 
ohne neue Maschinen anzufcrtigcn, ohne Lagcrraume zu 
micteni, ohne die Margarine wesentlich zu verteuern, und vor 
allem ohne sie zu verschlecktem, Aber damit waren auch die 
weitreichcnden Plane der Jimker ins Wasser gefallen. 

Unmittclbaren Nutzen 'hatte die Landwirtschaft weder von 
der Beimischung von Butter noch von der von Vollmilch. Die 
Preiserhohung der knapp werdenden Butter konnte bei der ge- 
ringcn Kaufkraft der stadtischen Massen nicht bedeutend sein. 
Dagegcn kotmtcn einige Spekulanten, die vor ein paar Wochen 
zuviel Butter aufgekaufv und in die Kiihlhauser gelegt haben, 
wieder zu ihrem Geld kommen, wenn die Vcrordntmg durch- 
gefiihrt wcrden sollte. Ob es gcschieht? Wahrscheinlich nicht. 
Es kommt darauf an, wie sich das deutsche Volk verhalt. GlaO- 
brcainer sagt dariiber: 

Gabe es keine G«rber, so brauchtcn sich die Ochsen nicht das 
Fell iiber die Ohren ziehen zu lassen; die Ochs,en miisiscn sich aber 
das Fell uber die Ohren ziehen lassen, ergo muB es auch G^rber gelsen. 

Wochenschau des Rfickschritts 

— Die kommissarische Preufienregierung hat den auBerordent- 
lichen Professor fur Staatsrcchtslehre an der berliner Handelshoch- 
schule, Carl Schmitt, der die Reichsrcgierung in dem ProzeB wegen des 
Eingriffs in PreuBen vor dem Staatsgerichtshof juristisch vertretcn 
hatte, zum ordentlichcn Professor an der Universitat Koln ernannt. 
Das Provinzialschulkollcgium Berlin hat auf Anordnung der kom- 
missarischen PreuBenregierung die Auflostmg der Korperkulturschule 
Adolf Kochs verfiigt. 

— Einc in Miinchen" geplante Demonstration der KPD wurde von 
der Polizei verboten. 

— Bei den Neujahrsbeforderungen in der Ordnungspolizei von 
Mecklenburg- Schwerin sind nur solche Beamte befordert worden, die 
der NSDAP angehorcn. 

Wochenschau des Fortschritts 

— Roland DorgcUs, der Verfasscr der ,,Hdlzernen Kreuze", ist 
zum Kommandeur der franzosischen Ehrenlegion ernannt worden. 

72 



Bemerkungen 

S!e suchen die Jugend 

Ochleicher will nicht zu denen 
•^ gehoren, die der Jugend er- 
zahlen, dafi sie das Salz der Erde 
und die Bltite der Nation s«i. Er 
sicht im Reichskuratorium fur 
Jugendertiichtigung nur die 
Frucht seiner Bemiihungen um 
die allgemeine Wehrpflicht im 
Rahmen einer Miliz. Weil er dies 
so deutlich sagte, besteht wohl 
auch Klarhcit liber den Zweck 
der am Heiligabend bescherten 
Notwerk-Suppen, die taglich zehn 
Minuten den Magen fiillen und 
vier Stunden lang zur „geistig- 
sittlichen und korperlichen Er- 
tiichtigung der deutschen Jugend" 
verhelfen sollen. 

Gottlob, wir sind schon wieder 
soweit, dafi wir auch das notwen- 
dige (.Material" fur ein „Volks"- 
heer zur Verfugung stellen konn- 
ten. Trotz Geburtenriickgang und 
kleinerem Reichsgebiet hat 

Deutschland, wenn es darauf an- 
kommt, heute mehr Kanonenfutter 
als jemals, Bei Ausbruch des 
Weltkriegs zahltc die- Reichs- 
bevolkerung rund 68 Millionen, 
wovon genau 6 349 000 (oder 
9,4 Prozent der Bevolkerung) 
j ungc Manner im Alter von 15 
bis 25 Jahren waren. Die Volks- 
zahlung 1925 ergab ebenfalls einen 
Bestand von 6 350 000 (10,2 Pro- 
zent der Bevolkerung) Manner 
dieses Alters. Die Fortschreibung 
der Zahlen laBt ein weiteres An- 
wachsen der mannlichen Jugend 
erkennen. Allein die ,,wehrfahige" 
Jugend (die Altersklassen von 
18 bis 25 Jahren nach Abzug 
eines Teils wegen Untauglichkeit, 
wie beiip friiheren Ersatzgeschaft 
des stehenden Heeres) zahlt heute 
mehr als 4 Millionen, reichlich 
mehr als der Vorkriegsstandl 

Hinzu kommt, daB man wirk- 
lich nicht wciB, was man mit der 
Jugend anfangen soil. Dcnn gut 
ein Viertel ist arbeitslos, und das 
Rezept, sie nach altem Brauch in 
den Waffenrock zu stecken, er- 
scheint auch manchem deutschen 
Republikaner als angangig, um 
die „Verwahrlosung" und neben- 
bei die Arbeitslosigkeit zu be- 
kampfen. 



Da aber „das Diktat von Ver- 
sailles tms diese wirklichc Lo- 
sung unmoglich machte", meint 
der Kanzler, „mufiten andre Mit- 
tel gefunden werden". Man 
schuf zuerst den freiwilligen Ar- 
beitsdienst, der indes die Wiinsche 
des Reichswehrministeriums nicht 
ganz erfiillte. Ja, gewisse Beden- 
ken kamen auf, wenn es auch ein 
Einzclfall bleiben mag, daB Jung- 
stahlhelmer in einem Arbeitslager 
in den Streik traten. Viel 
sicherer erscheint die Schaffung 
des Reichskuratoriums, die eine 
Woche nach der Stahlhelmparade 
vor Papen und dem Helden von 
Charleville erfolgte. An die Spitze 
dieses Kuratoriums wurde Gene- 
ral v. Stiilpnagel ^stellt. Ein 
sehr umfangreiches Reichsbiiro 
mit dreizehn Landesgeschafts- 
stellen, deren Leitcr {und Steno- 
typistinnen) Trager adeliger Na- 
men sind, nimmt mit den ver- 
schiedcnsten Sport- und Wehr- 
verbanden Fuhlung, richtet „Fuh- 
rerschulen" (vorlaufig zwanzig) 
ein, deren Besucher, auf ihre 
Tauglichkeit von einem Militar- 
arzt gepriift, bereits im Klein- 
kaliberschieBen, Entfernungs- 

schatzen, Zurechtfinden im Ge- 
lande, Kartenlesen und in ahn- 
lichcn „Erziehuttgsfragen" bewan- 
dert sein miissen, — und sorgt 
fiir feldmarschmaBige Ausriistung- 
Fiir all das ubernimmt das Reich 
die vollen Kosten, wahrend fiir 
berufliche Ausbildungsbestrebun- 
gen die staatlichen Mittel riick- 
sichtslos geschmalert werden, 
Zwar beschwert sich die Reichs- 
anstalt fur Arbeitslosenversiche- 
rung, daB Jugendliche in die Be- 
rufsausbildungskurse fiir Er- 
werbslose kommen, die trotz voll- 
endeter Lchrzeit nicht imstande 
sind, ein Werkstiick richtig in den 
Schraubstock cinzuspannen und 
eine Feile zu handhaben, aber 
dies gehort eben nicht zur „k6r- 
perlichen und geistigen Ertuchti- 
gung der Jugend, die dem Wehr- 
minister besonders am Herzen 
liegen muB". 

Solange die allgemeine Wehr- 
pflicht nicht eingefiihrt wcrden 
kann, wird das Reichskuratorium 

73 



iiber die Sportverbande die Ju- 
gend M«rtuchtigen". Die ziemlich 
Starke Beteiligung, die Herrn 
V, Stiilpnagel. bereits sicher ist, 
verschafit dieser Methode sogar 
manche Vor2ug€ gegenuber dem 
System der allgemeincn Wehr- 
pfiicht, denn man ist besonders 
gegen „bolschewistische Zer- 
setzung" ausreichend geschiitzt. 

Jungstahlhelm, Deutsche Tiirner- 
schaft, Eichenkreuz (evangelische 
Jugendbiinde) , Deutsche Jugend- 
kraft (katholische Vereine], alle 
Pf adf inder, Reichsland j ugend- 

bund, DH V-Ring der j ungen 
Mannschaft, ferner die Hitler- 
Jugend und der Kyf fhauscrbund — 
diese Jugendorganisationen unter- 
stutzen bisher direkt die Bestre- 
bungen des Reichskuratoriums und 
stellen die Schiiler fiir die „Fuh-. 
rerkurse". Zwar muBte Hoi- 
termannn auf Druck des 
Parteivorstands die Teilnahme 
des Reichsbanners widerrufen, 
und auch der Osaf soil die 
Zuriickziehung von SA-Leu- 
ten aus den Lehrgangen des 
Reichskuratoriums „befohlen" 

haben, aber immerhin bleiben 
noch etwa zwei Millionen Jugend- 
liche, die die erwahntcn Organi- 
sationen crfassen. Eine stattliche 
Zahl ; sie reicht vorlaufig aus, 
denn sie erfaBt bald die Halfte 
der iiberhaupt yorhandenen Ju- 
gendlichen, Und die Hoffnung auf 
eine breite MErtuchtigungs-Volks- 
gemeinschaft" bleibt bestehen. 
Denn auch die Gewerkschaften 
(der DHV ist schon mitten drin) 
und der sozialdemokratische Ar- 
beitersport wollen die Jugend lie- 
ber marschieren als „gehcn** 
sehen. Die christlichen Gewerk- 
schaftent die ebenfalls vorlaufig 
dem Kuratorium noch nicht an- 
gehoren, sprechen im .Deutschen' 
den Holtermanns, Wildungs und 
andern Arbeiterfiihrern aus dem 
Herzen: 

Es ware unsinnig, zu verlangen, daB die 
deutsche Jugend nur FuQball spielt. Mit 
Seide werdeo keine Sacke genght, und 
mit Gummib&Uen wird der Kampf urns 
Leben nicht gefabrt . . . Deutschland ist 
nur mit der innersten Anteilnahme der 
Arbeitnehmerschaft wehrfahig. Dem muB 
Rechnung getragen werden, nicht nur von 
der Reicbaregierungr nicht nur vom Wehr- 
minister, sondem auch von der Leitung 
des Reichskuratoriums fiir Jugenderttichti* 
gung. 

74 



Also, Herr v. Stulpnagel, etwas 
mehr Bemuhung um die „Arbeit- 
nehmerschaft", und Sie haben 
Deutschland wehrfahig gemacht. 
Auch moderne Militars rechnen 
nicht nur mit Kriegsmaschinen; 
man braucht halt brave Soldaten. 
M. Bergmann 



Eine grofiartige Leistung 

vollbringt in „F P 1 antwortet 
nicht" der Mitwirkende Speel- 
mans, bcziehungsweise die Figur, 
welche er darstellt, Damsky heiSt 
die Kanaille. In dem erwahnten 
Filmwerk wird bekanntlich zwi- 
schen zwei Kontinentcn von der 
Ufa eine ktinstliche Insel hinge- 
setzt, die, umspiilt von des 
Meeres und der Liebe Wellen, ge- 
wissen Leuten ein Dorn im tiicki- 
schen Auge ist. Was das fiir 
Leute isind, laflt der Film im er- 
regend Unklaren, nur ein einziges 
Mai und nur fliichtig bekommen 
wir ein paar von ihnen zu sehen: 
allem Anschein nach den Gene- 
raldirektor und zwei Subaltern- 
Schurken der infernalischen Ge- 
sellschaft, in deren Sold Speel- 
mans-Damsky auf der Insel die 
Vernichtung der Insel betreibt. 
Das Gesicht jenes Generaldirek- 
tors wird Keiner, der es geschaut, 
jemals vergessen. Grafilich spie- 
gelt in seinen, von kommerzieller 
Bosheit zerfressenen, Ziigen sich 
hamische Genugtuung ^ iiber die 
Untat wider, welche der Beauf- 
tragte Damsky voUbracht hat. Sie, 
die Ziige, wissen freilich noch 
nichts von dem Strich, den ihnen 
Hans^ Albers durch die Genug- 
tuung machen wird, der, als 
kiihner Flieger Ellison, die Insel 
und ihre Insassen rettet. Daiiir 
fliegen ihm aber auch Bewunde- 
rung und Dankbarkcit zu, indes 
Damsky , , . Vergegenwartigen wir 
uns cinmal, was dieser Mann zu- 
wege bringt: ganz allein, ohne 
Heifer, ohne daB von der hunderl- 
kopfigen Besatzung der Insel ir- 
gend jemand etwas merkte, wirft 
er samtliche Olvorrate der 
„F P r* ins Meer, ruiniert alle 
Sicherungen, die ein Untersinken 
der Insel verhindern, riistet fiir 
seine Flucht ein Spezial-Motor- 



boot mit Proviant und allem fur 
langere Secfahrt Notigcm, er- 
schiefit den Kapitan, listet die ge- 
samte Mannschaft, inklusive 
Wachen und Posten, alle ohnc 
Atisnahme, in luftdichL ver- 
schlosserie Raume, setzt sie dort 
unter bctaubendes Gas und ent- 
fernt sich handcreibend. Mo- 
ralisch ist seine Tat gewiB ver- 
werflich, aber rein als Leistung 
betrachtet, hat sie nicht ihres- 
glcichen in der Kriminalgcschichte 
des Films. Und deshalb sieht der 
Zuschauer es mit gemischtem Ge- 
ftihl, wie dieser Herkules der 
Dbeltaterei von seinen Auftrag- 
gebern, weil sie sich des Mit- 
wissers entledigen wollen, eiskalt- 
bliitig geopfert wird: sie schicken 
nicht das versprochene Schiff, das 
ihn auf hoher See iibernehmen 
soUte. So, von Gott und Teufel 
verlassen, mag Damsky (wie lange 
diirfte sein Proviant schon ge- 
reicht haben?) eines schlimmen 
Todes verblichen sein, das 
Rocheln sfeiner vergasten Opfer 
im Ohr. Auch er wuBt« ja, zumin- 
dest offiziell, nichts von der Da- 
zwischenkunft Hans Aibers', der 
stets Alles zum Guten lenkt. Wo 
gibt es den Jager, dessen dieser 
stattiichste Happy-Ender im deut- 
schen Filmv^^ald nicht spottete? 

Eduard Lunz 

Theater normal 

Theater anormal kennen wir; es 
crgibt sich bei jcder Premiere. 
Wcnn sie, mifilaunig begriiBt von 
abgehetzten und skeptischen Re- 
zensenten, hcranrauscht, dann er- 
scheint alsbald jene ziemlich 
glanzende Menge, die sich selbst 
als „das'* Publikum betrachtet. 
Darunter ers-tens die schon er- 
wahnten Kritiker, ein paar 
Dutzend sind es, verschieden an 
Gesinnung, Geschmack, An- und 
Aussehen, ja selbst von Rasse, 
und einig nur in triibseliger Sehn- 
sucht nach ruhigen Abenden im 
stillen Heim, fern von Urauffiih- 
rung und Nachtkritik; ferner ihre 
Frauen und die Frauen oder 
sonstigen^ Familienmitglieder der 
Schauspieler ; die Theaterdirek- 
toren der Provinz, ctliche offi- 
zielle Personlichkeiten, und end- 



lich die glitzernde Sippe, die 
man friiher Premierentiger nannte. 
Was dann am nachsten Tag iibcr 
die Aufnahme des neuen Biihnen- 
werks in der Zeitung steht, gibt 
aufier der Ansicht des Kritiker s 
nichts wieder als die Wirkung auf 
eine kleine Sippe, die mit dem 
normalen Theaterpublikum kei- 
neswegs identisch ist. 

Theater normal: wenn man das 
kennen lernen will, muB man ein, 
paar Wochen warten. Friiher oder 
spater, manchmal nach acht Ta- 
gen, manchmal erst nach zehn 
Wochen, komnit ja doch der 
Augenblick^ da die Theaterdirek- 
tion die kleinen Restaurantsi und 
Friseurladen der bcssercn Wohn- 
gegenden mit ffeundlichen Gut- 
schcinen „fur Plakataushang" 
liberschwcmmt, auf die man „im 
Vorverkauf urid an der Abend- 
kasse, auch Sonnabend und Sonn- 
tag, 1 bis 6 Parkettplatze zu 
1,75 RM., Rang 90 Pfennige** er- 
halt. Der Premierenkritiker sollte. 
wenn er grade Rasieren und 
Haarschneiden zahlt und zufallig 
die bunten Papierchcn erblickt, 
das eine oder andre einstecken 
und damit einmal abends an die 
Kasse wandern. Er wird sich 
reich belohnt finden. 

Zwar kauft cr weder den Platz 
zu 1,75 noch den zu 90, weil man 
auf beiden nichts sehen kann. 
Aber getrost: auch alle iibrigen 
sind zu halben Kassenpreisen zu 
haben. Die Provinzler konnen 
einem leid tun, die voll zahlen, 
und ersfrecht die mehr oder min- 
der stellungslosen Schauspieler, 
denen ihre Brotherren z. D. drei, 
fiinf, sieben Mark fur „Steuer" 
abknopfen. Der Kritiker betritt 
den Zuschauerraum und glaubt 
zu traumen. Er kennt die 
Schauspieler, er kennt das 
Theater. Es ist der gleiche Raum 
und doch nicht der gleiche. Denn 
es fehlen Alfred Kerr im Parkett 
und Lil Dagover in der Loge, es 
fehlen die fiinfzig Menschen, die 
„man" sofori erkennt. Hier ist 
normales Publikum, eine anonyme 
Majoritat, fiir die schlieBlich an 
neunzig von hundert Abenden gc- 
spielt wird. Hier ist Berlin, „wie 
es keincr kennt'*. 

75 



Man soil nicht Berlin mit 
Deutschland verwechseln und 
nicht den Kurftirstendamm mit 
Berlin. Man soil auch nicht un- 
nutz auf den Kurfiirstendanun 
schimpfen, aber docb daran) den- 
keUf daB er und das Zeitun^s^ 
viertel zusammen nun einmal 
wirklich nicht die Reichshaupt- 
stadt ausmachen, Auch die 
Elendsquartiere tun es nicht; ihre 
Einwohner ]5ehen zudem kaum ins 
Theater. Ins Normaltheater geht 
die Provinz. Die Provinz von 
Berlin. Die Manner haben 
Bauche, christliche Bauche, 
ohne sich ihrer zu scha- 
men;-auch die Frauen tiber zwan- 
zig zeigen keine Sportkorper und 
sehen alle miteinander so aus, als 
miiBten sie noch den schwarzen 
Tuchrock und die hartrosa Sei- 
denbluse fur u^uV* tragen und die 
Haare dazu ||ekreppt. Sie tun es 
natiirlich nicht, aber nicht darauf 
kommt es an. Sondern darauft 
wie diese Menschen ^'l^uf das re- 
agieren, was man ihnen vorspielt, 
woriiber sie lachen und woriiber 
sie weincn. Und da erlcbt man 
erstaunliche Dinge, 

Was die Frage desi geistigen 
Eigentums angeht, stellt sich als- 
bald heraus: hier ist es ganz 
gleich, ob der Autor Motive und 
Szenen geklaut hat; wenn sie gut 
waren, wirken sie auch im Pla- 
giat. Ferner stellt sich heraus, 
daB Situationen, Witze, Aphoris- 
men, iiber die unsereins nur miide 
lachelt, schreiend begeisterte Auf- 
nahme findcn — mit den ewigen 
Problemen verhalt es sich genau 
so. SchlieBlich beruht der Erfolg 
der Kiassiker zum grofien Teil ja 
darauf, dafi alle fiinf . Jahrc ein 
neues Publikum da is-t, dem diese 
Werke noch fremd sind. Man 
sollte sie liebcr etwas weniger 
vergewaltigen, als die Spielleiter 
es heute belieben: sie wirken 
trotzdem. Und nicht nur die 
Kiassiker. Ich sah eine Vorstel- 
lung von „Pygmalion"; die Ko- 
modie lief seit Wochen im Lessing- 
theater, und ihre Darsteller be- 
wiesen, daB nicht abgespielt zu 
sein braucht, was sich gut einge- 
spielt hat. Stiicke, die zwanzig 
Jahre alt sind, haben es schwcrer 
zu wirken als die hundertfiinfzig- 

76 



jahrigen. Pygmalion wirkt. £s 
wurde gelacht wie bei Pallenberg 
oder Harald Lloyd, und eine 
himmlisch heitere Stimmung er- 
goB sich von der Biihne aus uber 
das ganzlich unliterarische Publi- 
kum. Neben mir saB eine Eliza 
Dolittle, grade so weit gediehen 
in ihrer Entwicklung, daB sie die 
ihrer Schwester da oben begreifen 
konnte, Sie, meine Nachbarin, 
lachte so begeistert, wie ich sel- 
ten einen Menschen lachen sah. 
nDass iss — nee, groBartlg is das I" 
Was folgt? Kritik, Theater- 
kritik, ist eine bedauernswert 
zweischneidige Sache. Wenn die 
Theaterreferenten mehr Zeit 
batten, sollten sie, des SpaBes und 
der KontroUe halber, auBer zur 
Premiere zwischendurch mal zur 
zwanzigsten oder vierzigsten Auf- 
fuhrung gehen; sie konnten dann 
manchmal an ihrem Handwerk 
recht irre werden. (Gegenbeispiel: 
trotz einhelliger Hymnen der Kri- 
tik war es 14 Tage lan^ bei der 
Wessely leer; die Leute wollten 
sich nicht von „Rose Bernd" 
qualen lassen . . . Dann hatte es 
sich von Mund zu Mund herum- 
gesprochen, daB man die Schau- 
spielcrin sehen miisse, und dann 
gingen sie hin — mit der Kritik, 
trotz der Kritik!) Vielleicht 
sollte man, Doppelkritik auch 
hier, zur Erstauffiihrung neben 
dem erfahrenen Rezensenten einen 
unerf ahrenen, j ungen schicken, 
der das Stuck zum ersten Mal 
sieht, mit keiner friiheren Auf- 
fiihrung vergleichen kann und den 
frischen Eindruck auf ein harm- 
lostes Gemiit zu schildern vermag. 
Nur so kame eine fiirs normale 
Publikum giiltige Kritik zustande. 
Wenn sie notig ist. 

M. M. Gehrke 

On revient toujours 

Der schwarmerische Schauspie- 
ler Hans Rehmann hat inner- 
halb kurzer Zeit nun die zweitc 
Bildhauerin zu lieben. Nach Lil 
Dagover (in dem wimderhiibschen 
„Abenteuer der Thea Roland" 
von Kosterlitz und Wilhelm) jetzt 
Asta Nielsen (in „Unmdgliche 
Liebe"). On revient toujours. 
Auch Asta Nielsen kommt wieder, 
nachdem die j ahrelange Abnci- 



gun^ der Filmindustrie gegen 
charaktervoUe Frauen zu allzu 
fuhlbarer Langeweile gefiihrt hat. 
Sie j^erat in einen nach Manuskript 
und Regie merkwurdig hilflosen 
Tonfilm, gibt daher weniger, als 
sie vermutlicli geben konnte, 
wennschon ungewolmHch Schones, 
bereichert- aber eben deshalb die 
Filmtheorie um ' ein bemerkens- 
wertes Dokument. Wieso das? 

Die Urheber dieses Films, Erich 
Waschneck und Franz Winter- 
stein, bringen, offenbar im Solde 
einer PoUtermobelfirma, einen 
Totalausverkauf von Sofaszenen: 
symmetrische Damengruppen auf 
der Couch, rauchende Herren im 
Sessel, die.Projektionsflache als 
Sitzflache. Sie driicken sich — 
Tonf ilmrezept I — mit Hilfe des 
Tons um den Film, So ist denn 
Asta Nielsen, wie ihrc Kollegen, 
ziemlich sich selbst tiberlassen 
und spielt daher, was sie frtiher 
gespielt hat: stummen Film, Und 
es zeigt sich an einem sehr lehr- 
reichen Beis-piel, daB, was f ruber 
richtig war, heute falsch ist. 

Man erinnere sich der aller- 
ersten Tonfilme. Wie da imter 
der Wirkung des Sprechtons die 
Photofiguren runder, realer, war- 
mer zu wcrden schienen, Der 
Eindruck verlor sich spater, und 
dennoch zeigt Asta Nielsen jetzt, 
daB die Eingliederung eines Men- 
schenbildes als SchwarzweiB- 
ornament in die Flache nicht mehr 
so vollstandig moglich ist wie 
fruhcr. Die gcometrische, lack- 
schwarze ' Pagenfrisur, groBe 
schwarze Augen und ein scharfer, 
schwarzcr Mund in einem kalk- 
weiflen Gesicht, dies sehr fil- 
raische Ornament, war auf der 
hoheren Stilisierungsebene . des 
Stummfilms zugleich auch natur- 
nah genug. Nun spricht dies Ge- 
sicht, widerspricht dem Ton und 
wird darum zur Maske, 

Ahnliches ergibt sich fiir die 
Ausdrucks/- und Bewegungs- 
technik. Asta, Nielsen halt noch 
beim mimischen Dialog. Mit Ge- 
sichtsmuskeln und Gebarden de- 
monstriert sie, was auBerdem 
auch ihr Sprechtext enthalt; so 
redet sie zwei Sprachen zugleich 
und wirkt dadurch iiberdeutlich. 
Ihr stummes Spiel wirkt ausge- 



dehnt und langsam, weil im 
Stummfilm die zwischenmensch- 
lichen Beziehungen nicht durch 
das Wort sondern durch sehr aus- 
gespielte Gebardenmotive gegeben 
wurden, mit denen man die Zeit 
des Beieinanderseins ausftillte. 
Erst heute spuren wir, wie auch 
hier stilisiert wurde, wie das Feh- 
len eines wichtigen Sinnensektors, 
des Horbaren, die ganze Darbie- 
tung dem Wirklichen entruckte 
(was beileibe nicht als Tadel ge- 
meint ist). Und Asta Nielsen 
spielt nicht zum Partner sondern 
zur Kamera hin, weil die Breit- 
seite des Gesichts auf, den Zu- 
schauer abgeschossen werden 
muBte, als das Wort noch nicht 
zur Verstandigung beitrug, 

Asta Nielsen ist klug genug, 
umzulernen. Wir freuen uns, daB 
ohne Absicht der Beteiligten dies 
Experiment geliefert worden ist: 
beste Stummfilmtechnik im Ton- 
film, Ef f ekt : diese Bildhauerin 
Vera Holgk wirkt wie cine cin- 
drucksvolle, manchmal erschiit- 
ternde Bildhauerarbeit. (Zumal 
neben der entziickenden Lebendig- 
keit ihrer Tochter und Sofapart- 
nerin Ellen Schwannecke, die mit 
kraftigem, sicherem Stimmton die 
albernsten Drehbuchsatze er- 
stiirmt und so eindeutig, zu- 
packend, iiberrumpelnd und kraft- 
voll ihre kleinen Szenen gestaltet, 
daB man prophezcien darf: das 
wird cinmal eine groBe Schau- 



spielerin.) 



Rudolf Arnheim 



Verein der Freunde Schwejks 

A nlaBlich des Geburtsfestes der 
*^ tsichechoslowakischen jRepublik 
fand eine Zusammenkunft von 
Offizieren und Soldaten des ehe- 
maligen 91, Infanterie-Regimcnts 
statt. Ein interessantes Regiment; 
dort hat Jaroslav Hasek gedient 
und die Eindriicke fur seincn 
Schwejk bekommen. 

Beim letztcn Trcffen des 
Regiments stellten sich wirklich 
die Hauptpersonen von Schwejks 
Abenteuern ein, und cs soil die 
Absicht bestehen, auch all© andem 
Menschen aufzustobem, die dabci 
eine RoUe spielen. Man plant 
namlich einen „Verein der 
Freunde des braven Soldaten 
Schwejk". An der Sitzung nah- 

77 



men tmier aziderin Oberleutnant 
Lukasck — jetzt Stabskapitan im 
tschechoslowakischen Vert«idi - 
gungsministerium — iind Zugfuh- 
rer Marek — sein burgerlichcr 
Name ist Jan Mdlecek, Kapitan 
dcr Reserve und Beamter — teil. 
Ob es moglich sein wird, den 
Feldkuraten Katz fiir den Verein 
zu gewinnen, ist noch fraglich, 
aber die Initiatoren hoffen, da6 er 
genug Humor und Bekennermut 
hat, sich ins Vereinsregister ein- 
tragen zu lasisen. Da seine Fahig- 
keit zu geistiger und weltlicher 
Reprasentation von Hasek mit 
zwingender Kraft geschildert 
wurde, soil die Absicht bestehen, 
ihn sogar zum Prasidenien des 
Vereins zu wahlen. 

Der Leutnant Dub hat sich 
nicht gemeldet. Er ist namlich 
jetzt Direktor einer Mittelschule 
in Stidbohmen und hat es — sein 
Hang zum Nationalismus ist eben 
nicht auszurotten, auch wenn 
sichs nicht mehr um den deut- 
schen handeln kann — bis zum 
Ortsfiihrer der tschechischen Na- 
tionaldemokraten gebracht. Dies« 
Partei der Intelligenz (so pflegt 
sie sich mit einigem Stolz und 
wenig Berechtigung zu nennen) 
hat sich im Kampf gegen Ha- 
seks Roman besonders hervor- 
getan. Der Funktionar wird es 
also schwer haben, dem Verein, in 
dem er keine geringere Rolle spie- 
len konnte als im Roman, beizu- 
treten. 

Welche Ziele soil nun der „Ver- 
ein der Frcunde des hraven Sol- 
daten Schwejk'* verfolgen? Das 
wird man nicht leicht erraten. Mit 
der Vereinsgriindung wird beab- 
sichtigt, „fur ein groBeres Ver- 
standnis zwischen Armee tmd Zi- 
vilbevolkerung zu wirken". 

Ernst Frantek 

Krise unter Fingernflgetn 

/^aston weiB es. Ja, er ist fiir 
^^ sie da. Sie ist ftir ihn da. 
Dieses betaubende lockere Haar 
ist fiir ihn da, diese rosigen ar- 
beitslosen langen Fingernagel, 
dieser straffe Leib, sogar dieser 
blaue Schminkstrich unter den 
Augen. 

fBerliner Iliusfrirte Zeitung* 
78 



Der Termin 

Jahrelang hatte mich der Herr 
Direktor gezwungen, allmonat- 
lich den Futternachweis zu schrei- 
ben — eine abscheidich langwie- 
rige, tiberfltissige Arbeit. 

Endlich gelang mir, die Gotter 
fur mich zu stimmen — die Ver- 
nunft siegte — der Direktor er- 
hielt die Kiindigtmg ^~ am Drei- 
Bigsten soil er gehen. 

Da — am Achtundzwanzigsten 
— was verlangt er? Den Futter- 
nachweis, 

„Sie, Herr Direktor", sagte ich 
mild und ruhig, „wissen Sie, was 
Sie mich diesmal konnen?" 

„GewiB", antwortete er. „Aber 
erst am Dreifiigsten mein Lieber, 
erst am DreiBigstcn," 

Roda Roda 

Kotzpfrdpfchens Zeitvertreib 

Zeichen der Zeit! 
40 000 Exemplarc in 6 Wochen 
von Trotzkopf, Original-Volksaus- 
gabe in 5 Banden verkauft, da- 
bei schon durch betrachtliche 
Nachbestellungen. Das ist gewiB 
ein uberzeugender Beweis fiir die 
Abkehr vom unbedingt „modern- 
seinwollenden'* Jugendbuche und 
fiir die Wendung zum bewahrten 
Jugendbuche, in dem die un- 
vcrfalschten, naturgewachsenen 
Krafte des Herzens und Gemiites 
bestimmend wirksam sand. Wenn 
es also noch Sortimenter geben 
soUte, die den, nur in diesem 
Sinne „aItmodischen" ewigjungen 
Trotzkopf zu verkauf en sich 
scheuen, dann verstehen sie die 
Zeichen der Zeit nicht ganz und 
begehen gleichzeitig eine Sunde 
wider die eigene Ladenkasse. 

Anzeige im 
Buchhdndler-Bdrsenblait 

Rudern hebt den Geschmack 

In England kann man betrunken 
■ in einer Loge liegen und die 
toUsten Sachen rufen und die 
herrlichen Melodien von Sullivan 
und die genialen Texte von Gil- 
bert storen, wenn man schneller 
ruder t als andere. 

12 Uhr-Biatt 



EIngepaukt Liebe Weltbfihne! 

p ine eigenartige und wohlgelun- C ine nicht mehr gan2 junge 

*-• gene Veranstaltung im Schul- " Dame wunscht zum Theater 

funk der Dcutschen Welle horten ausgebildet zu werden: 

wir in Form ciner Dbertragung „Sind Sie schon vor mir bei je- 

aus Hamburg. Das Orchester der mandcn zur Talentprufung ge- 

Ordnimgspolizei Hamburg spielte wesen?" 

eine Reihc ausgewahltcr Marsche. j^^ ^ei Herrn von W/' 

beginnend mit dem Marsch der w/^^ ,. tt^_ ^^ w/ ^^eorft'?" 

Landsknechte (1462) und endi- ^Was hat Herr von W. gesagt? 

gend mit dem Kaiser-Friedrich- ?^ach emer Pause: „Es ist mir 

Marsch. Zwischcn den einzclnen Pemlich, davon zu sprcchen — — 

Marschen wurden verbindende ®'' ^^^*« ®^ ®^^*® 

Wort« gesprochen, so dafi die * * 

Schuler auf die nicht alltagliche „Er sagte, ich durfe mich nicht 

Art und Weise die Entwicklung dazu hergeben, das Proletariat am 

der deutschen Geschichte kennen- Theater zu vermehren — (in Tra- 

lernten, nen ausbrech«nd) : Und dabei bin 

Stahlhelm'Funkzeitung ich doch aus allererster Familiel 

Hinweise der Redaktion 

Berlin 

Internationaler SozialiBtischer Kampfbund. Dienstag 20.00. Haverlanda Festsale, Neue 
Friedrichstr. 35. Gustav Heckmann: Die Kriegsgefahr wachst. Freie Aussprache. 

Arbeitsgemeinschaft marxistischer Sozialarbeiter. Mittwoch 20.UO. Haverlands FestsSle, 
Neue Friedrichstr. 35. Offentliche Disputation zwischen Wilhelm Reich und Manes 
Sperber: Das Sexualproblem in der bUrgerlichen Gesellschaft. 

Club der Geistesarbeiter. Mittwoch 20.15. Gastabend im Kunslklub, Meinckestr. 27, 
Diskussion zwischen Fritz SchiS und Willi Wolfradt: Die Kunit ifreift ein. 

Die Lupe. Mittwoch 20.30. Aula der Ftirstin - Bismarck - Schule, Charlottenburg, 
Sybelstr. 2-4. Kurt Hiller und Franz Schauwecker: Heldische und Pazifislische 
Weltanschauung. In der Diskussion : F. Hielscher, F. W. Heinz. K. O. Paetel, O. StraQer, 
W. Mehring, E. Toller, Th. Plivier, W. Karsch, J. R. Becher und H. GoUong. 

Liga fiir Menschenrechte. Ortsgruppe Westen III. Donnerstag 20.15. Br&ustubl am 
Zoo. Werner Hegemann : 'Gustav Adolf — die deutsche Einheit und das Siedlungs- 
problem. 

Rote Studentengruppe. Matinee Sonntag 11.30. Piccadilly, U-Bahnho{ St&dtische Oper. 
Es wirken mit: Truppe 1931, Ernst Busch, Hanns Eisler, Wolfgang Heinz, Erich 
Weincrt und Stephan Wolpe. 

Galerie Gurlitt, Matthaikirchstr. 27. Ausstellung: Gerda v. Freymann, Kurt GOnther, 
Erich Isenburgert Karl May, Robert Stieler und Fritz Wagner. 

Hamburg 

Gruppe RevolutionSlrer Pazifisten. Mittwoch 20.00. Heimstatte, Nagelsweg. Offentliche 

Versammlung: Kirche und Krieg, Kurt Zornig. 
Kollektiv Hamburger Schauspieler. Sonnabend 23.00. Oper im Schillertheater: Den 

Nagel auf den Kopf. 

Mannheim 

Bund der Freunde der Sowjet-Union. Pienstag (ll) 20.00. Altea Rathaus. Hannea 
Meyer: Sozialistisches Bauen und di« Lage der Spezialisten in der UdSSR. 

Stuttgart 

Linkskartell der Geistesarbeiter und freien Berufe. Donnerstag 20.00. BQrgermuseum, 
. Langestr. 4. WillSchaber: UbernBerg? Betrachtungen zur Krise des Kapitalismus. 

Bacher 

Otto Heller: Wladi wostok. Neuer Deutscher Verlag. Berlin (kart 3.20; geb. 4.80). 
Andr£ Maurois. Verzicht auf das Absolute. Phaidon-Verlag, Wien (geb 6. ). 
Theodor Mommsen: Romische Geschichte. Phaidon- Verlag, Wien (geb. 4 80). 
Mit Oder gegen Marx zur deutschen Nation? Diskussion zwischen Adolf Reichwein, 
Wilhelm Rdfile, Otto StraOer und dem Leucht^nburgkreis. W. R. Linder, Leipzig (0.90). 

Rundfunk 

Diensta^i Berlin 15.20: Die Frau im 8£fentlichen Leben, Gertrud Sternberg -Isolani. — 
Breslau 17.50 '■ Hermann Kesser liest. — Berlin 18.05: Streichquartett von Hindemtth. 
— Freitasr: Moskau (Komintern) 20.00: Ein Gefangnis in der Sowjet-Union. — 
Hamburg 21.15: Paul Hindemith. — Miinchen 21.35; B. Traven: Die firttcke im 
Dschungel. — Sonnabend: Moskau (Komintern) 2U.00: Marxismus — Leninismus. 

79 



Antworten 



Carl V* Ossietsky dankt alien, die ihn zu seiner Riickkchr aus 
dem Gefangnis begliickwunscht haben, aufs herzlichste. Mehr die Um- 
stande als seine Neigungen haben ihn genotigt, in seinem Leben mehr 
Unfreundliches als Freundliches zu sagen; cr steht also vor soviel 
Sympathie etwas beschamt und verwirrt und weiB nicht recht, womit 
er sich das verdient hat. Er kommt sich schon beinahe wie Gerhart 
Hauptmann vor, AUes das ist sehr gegen sein Prinzip, er quittiert 
nochmals mit einem verlegenen KratzfuB und versichert zugleich, daB 
alles, was ihm jetzt an Nettigkeiten zuteil wurde, gleich fur das nachste 
Mai mit gelten soil, 

Elard y« Qldenburg-Januschau. Sie veroffentlichen in der ,Kreuz- 
zeitung' einen offenen Brief an Ludendorff, in dem Sie ihm bescheini- 
gen, daB seine Unkenntnis nur von seiner AnmaBung tibertroffen 
werde, Doch das nebenbei, Wir begriiBen, dafi Sie als klassischer 
Zeuge die Richtigk«it der in unserm Artikel „Die Ncudecker Luft" 
enthaltenen tatsachlichen Feststellungea bekunden. 

Wilhelm Kube. Als „Vertreter dcs Front soldatentums" haben Sie 
sich im Landtag gegen Herrn v. Schleicher gewandt. Daraufhin hat 
die (AP-Korrespondenz* den von Ihnen unterzeichneten Kriegsstamm- 
rollen-Auszug sich angesehen und festgestellt, „daB Herr Kubc bei 
Kriegsausbruch im hoffnungsvollen Alter von 27 Jahren stand; daB 
Herr Kube kerngesund war, sich aber zur Verteidigung des Vaterlan- 
des nicht stellte, sondern sich reklamieren lieB fiir den Beruf eines 
Partcibeamten der Deutschen Konseryativen Vereinigung ; daB Herr 
Kube jedoch am 5* Juli 1917, als der letzte Mann drauBen an der 
Front gebraucht wurde, vom Schicksal ereilt und ,zu den Waffen ge- 
rufen wurde; daB Herr Kubc aber uber Breslau nicht hinauskam, son- 
dern nach einundzwanzig Tagen Soldatentums sich am 26. Juli 1917 
erneut fiir den Parteidienst reklamieren lieB und bis zum Kriegsende 
im Bureau der Konservativen seiner ,Soldatenpflicht' geniigte". Zwi- 
schen Ihrem „Frontsoldatentum" und der Betatigung eines Kriegs- 
dienstverweigerers scheint uns, was den' kriegerischen Nutzeffekt an- 
geht, kein sehr erheblicher Unterschied bestanden zu haben. 

lAllgemeine Zeitung'i Chemnitz. In einem Schimpfartikel gegen 
Hellmut v. Gerlach findet sich bei dir folgender Satz: „Alle Dementis 
verhinderten und verhindern eben nicht, daB die ,Weltbiihne* und ahn- 
liche Presseerzeugnisse, deren finanzielle Grundlagen wert waren, in 
der Offentlichkeit erortert zu werden, in der Tschechoslowakei alles 
und jedes einfach himmlisch finden,'* Warum begnugst du als „teut- 
sches** Organ par excellence dich mit so dunklen Andeutungen? Die 
iWeltbuhne* bittet dringend darum, daB du ihre „finanziellen Vei- 
haltnisse" in der Offentlichkeit erorterst, Wir sind sogar bcreit, in 
diesem Ausnahmefall deine Spalten mit Offentlichkeit zu identifizieren. 

Internationale Friedens - Korrespondenz. Ihre Organisation, die 
Briefwechsel mit Auslandern und Austauschbesuche vermittelt, umfaBt 
jetzt bereits I'OO Mitglieder in 12 verschiedenen Landern. Nahere 
Auskunft erteilt Herchc, Wuppertal-Unterbarmen, Auerschulstr. 9, 

Manuskripte sind nur an die Redaktion der WeUbiifane. Charlottenburg, Kantstr. 152, zu 
richten ; es wird g-ebeten, ihnen Ruckporto beizulcgen, da sonst keine Rucksendung- erfotsfen kann. 
Im Faile boherer Gewalt oder Stretks haben unsere Bezieher keinen Anipnidi auf NachUeferuagr 

oder Erstattung^ des entsprecfaenden Entg^lts. 
Oas Auffahrunesrecht, die Verwertung von Titein u. lext im Rahmen des FilmB. die musik- 
mechanische Wtedergabe aller AH und die Verwertung im Rahmen von Radiovortrfigen 
bleiben fOr alle in der WeltbOhne erscheinenden BeitrS^e ausdrUcklich vorbebaiten. 

Die Weltbuhne wurde begriindet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky 
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlidi : Walthtr Karsdi, Bertia. 

Verlag der Weltbiihne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg. 

Telephon: Cl, Steinplatz 7767. — Postscheckkonto: Berlin 11968. 
Bankkonto: Dresdner Bank. Dcpositenkasae Charlottenburg, Kantstr. 112. 



XXIX. Jahrgang 17. Januar 1933 Ntiininer 3 

Bankrott der Autoritat von cari v. ossietzky 

Die Fehlleistung der Diktatur 

A Is Herr Bracht im vcrganigenen Soininer die preiiBisohe Re- 
^^ gienm^g ins Privatleben schickte, setzte atif der RccKten 
ein begreiflicher Trixunph iiber dias Emde des „Systems" eint. 
Dieses ^, System" 'hat nrur in seiner besten Zeit scinen) Namen 
verdient, seit den Tagen Briininigs Isag es siecih imd krank, 
auf seine Ablosiang wartend: 

Wir haben auch in dien Glanzta\gen des parlamentarischen 
Regimes nicimais zu den Zufried'cnen gezahlt sondem ihm tm- 
mer Mangel am Haltung, Energie und Zuigriff vorgewortcn. 
Wenn man indessen die Lcistungen des gegenwartigien prasi- 
dialen Regiments betrachtet, wird man Icicht igeneigt sein, dem 
Andenken lauch des sdiwachstcn demokratischen Kabinctts 
cine dicke Wachskerze zu spendien. Angeblichi wird naoh 
autoritaren Prinzipien regicrt, in Wirklichkeit bemerkt man 
weder, Autoritat noch Prinzip. Es gibt zwar einzebie Ressort- 
minister, die sic'h mehr scbledit als recht mit den Wortfiih- 
rem' der Interessentenhiauten herumscblagcn, die einmal auf- 
gedrehte Vcrwaltungsmaschine lauft noch| automatisch weiter, 
alber regiert wirdi nicbt mehr. 

Der parlamenlariscbe Ku'hJiandlel' war kein berzerfrcuender 
Aniblick, ging jedbch auf affenem, Markte vor sich, nnd sclten 
ilur vcrlor die Gffentlichkcit vollig! die KonitroUe, Seitdem 
jetdooh die Aera der Autoritat eroHnet ist aind ein Reiohs- 
prasident unmittelbar von der Vorsebung bedicnt wirdJ, hat 
ein obscurer Wettlaaif eingesetzt, lan dercn Stellc 2au trcten 
und die erleuchtenden Formelin immittelbar ins allerhochste 
Ohr zu flustern. Die Politik bat sio'b ini cine Reibe von nichts- 
nutzig.eni Kabalcn aufgelost. Programme sind durch person- 
lichc Betricbsamkeit ersetzt — es gi'bt iibetbaupt nur noch 
Personlichcs, nur noch Kapitane, die sich gegenscitig den Rang 
abzulauien tracbten, dazwischen freundliche Vcrmittler mit 
groOenwcihnsinnigen Provisionsianspruohen. Das Volk ist aus- 
geschaltet, sein Schicksal wird hintcr diohtcn Schleiern ent- 
schieden Von der ganzen Politik ist nichts igeblieben als eine 
Serie tanbegabt gespielter Mantel- und Degenstiicke. 

Tagtaglich berichtcn die Blatteri iiber neue Geheimkonfe- 
renzen, neue Tastversnche, Ballons d'essai wcrden mit dem 
Sclierenfernrohr gesichtet nnd Vermutungcn iiber ihre Rich- 
ttung vorsichtig; .geauBert. Ob Adolf oder Gregor oder Franz, 
ob sie miteiniander oder gcg^eneiBander, ob wer gegen wen; das 
ist der Inhalt der deutschen Politik geworden. Die souvcrane 
Nation macht indessen „Riihrt euch!'* und wartet geduTdig, daB 
die Herren endlich zu Stuhle kommen, 

Wir brauchen nicht lanjgc zn versichem, wic herzlich un- 
interessant das ist und daB wir kcine Ambitionen haben, uns 
an diem Ratselraten zu bctciligen. Ausgesprochen muB nur wer- 
den^ daB dieser Zustand eine ungeheure Blamage fiir Deutsch- 
larid bleibt, daB diese Manner^ die sich zu Lenkern seines Ge- 

1 81 



schicks ati^escbwungen haben, nichts mitbrinfg'eini als eliie 
diurckschnittliclie Piifiigkeit und seJir vie! Qualm,, *daB sie 
weder durch Originalitat noch dlurch Intelligeaz hervortreten. 
Charakteristisch sind sie nur ftir deai Gnad der geistigen Er- 
schopftmg D&utschlanids, In keinem and*eni Lande kounte Man- 
gel an Qualitat solche Rolle spielen^ In England, zuin BeispieL 
wiirde man die Gregorianer tind die Fraaiziskaner, wo sie sLch 
in die Politik zu drangen versuchten, an das Sonntagispublikum 
im Hyde Park verweisen. 

Die Demokratie hat viele sdhwer verzeihliche Siinden be- 
giangen -und biiBt dafiir. Das Regime der Autoritat ist eini ein- 
ziger Marasmus, Weldh eine HiJJIosigkeit in alien Dinigen, die 
auBerhalb deis Bereichs der Intrigue Ueg'eni Selbst wenn Herr 
Bracht weiterhin miOlWbige Beamte in die Wiiste) schickt, so 
hat man dabei kaum dtas Geiiihl eines planmaBitgen Handehis 
sondem einer nervosen Improvisation. Wer konnte aiich sonst 
aui diei groteske VorsteUmiig kommen, Herrn Klausener von. 
der Katholischen Aktion, die nodx eben ihre reaktionare Zu- 
verlassigkeit in dem Randal gegen das Dramai von Jodius Hay 
bewiesen hat, zu den zersetzenden republikanisc^hen Etemen- 
ten zu rechnen? 

Herr von Schleicher wird von seinen Freunden noch immer 
fiir einen groBen Mami ge^halten, und auch die demokratischen 
Blatter suchen die Fiktion eines liber d'en Durchschnitt hegab- 
ten Politikers etwas miihselig aufrechtzuerhalten, Wie es^ um 
dsis Ingenium des Kanzlers siehen mag, er ist um ein halbes 
j£thr zu friih. gekommen. Er schweibte ja schon lanige wie ein 
Fatum iifaer den groBen Wass.ern und jetzt, wo dieses eher 
im Steigen; begriffen schcint, wirkt er nur noch wie eine 
Fatalitat Er mag es sich recht schon ausgerechnet haben; 
Wenn Franz Gcntieman sich nooh bis zum Friihjahr halt und 
alle notwendigen unpopularen Dekrete erl^Bt und die Oko- 
nomisten recht behalten, die jetzt das Krisentief fiir iibcrschxit- 
ten erklaren, dann komme ich als der Letzte, als der Mann 
der Sanierung, dem die Lorbeerblatter zufallen, nachdem die 
Andem nur Stockpriigel bezogen haben. 

Diese Kalkulation hat sicli nicht erfullt. Im Gegenteil, 
Schleicher konunt grade in das dickstc Getiimmel der Inter- 
essenk ample, Indus trielle 'und Agrarier geraten sich in die 
Wolle, die Wirtschaftspolitik des Reichs zeigt ihre Briichigkeit, 
Schleicher ist grade recht zcitig auf die Szene ge tret en, um den 
von' Herrn von Sybel auf einer Mistforke iiberreichten iBund- 
schuh entgegenzunehmen. Der General, der alle Stande mit 
jovialem Handedruck versohnen woUte, erhalt von iiberatl 
Kriegserklanmgen. 

Die Agrarier habcn am wenigsten AnlaB zur Klage. Die 
Osthilfc erinnert mehr und mehr an die vergeudeten Ruhr- 
geXder. Die Osthilfe ist das echteste Kind der Aera Hinden- 
burg. Sie ware in diescm Umfang ohne den Reichsprasiden- 
ten nicht moglich gewesen, Brioht sie zusammen, so zieht 
das augenbiicklich Hindcntburgs Resignation mit sich. Der Land- 
bund w€iB^ was er riskieren kann, Er weiB, daB selbst eine 
Fronde gegen den Reichsprasidenten vom Kanzler aiusgeibadet 
wcrden muB. 
82 



Dcshalb bcschrankt sioh die Gegenwchr dcr Regicrung auch 
aul den einstweilig^n Abbruch der gesellschaftlichen Beziehun- 
gen zum Landbtmd. Eine weitere Anderung; tritt nioht ein. Das 
Selbstverstandliche ware, die agrarischen Subventioncn umdalle 
andern rcchtlich^n und wirtschaftlichcn Liebesgfaben fiir die 
Junikcr, die ohnehin eine grelle Verhohnung der hiungernden 
Stadter darstellen, augcnblickKch zu suspendieren. Der Kon- 
flikt bleibt durchaus innerhalb d^er gewohnten Herrenklub- und 
Casino- Alliiren. Der Kanzler kana bcsdhwichtigcn, kann kitten, 
kaim in der gleichen Bahn weitermachea Er kann niur nicht 
herrschen, Vielleicht verfkoht er heimlicK die Dummhcit der 
grofieni Interessenimachte, die ihm keine Ellcnbogcnfreiheit 
laBt. Aber das anidcrt auch nichts an d-er harten Tatsachc: 
er ist als Sabeltrager in sein Amt benifen, und den Sabel kantn 
er ntu* gegen die andre Klasse fiihrcn, nicht gegen die eigne. 

In dem Pronunciamento des Landbundes steht dcr an- 
gcniehme Satz, keine miarxistische Regierung hatte das den 
Agrariem zu bieten gcwagt. Man muB davon die Ubertreibung 
gegen Schleicher abziehen, dann stimmt der Satz durchatis. 
Alle republikanischcn Regierung en haiben niach der Rohrpfeife 
des Laiidbundes getanzt, nicht eine hat ein cntschiedencs Nein 
gewagt. Alle haben sie die AnmaBungen der grunen Dema- 
gogicn hochgepappclt, die Zentrumsleute haben Hermes bci- 
gesteuert, die Demokraten Dieirioh, di« Sozis Baade. Hatten 
die Volksbeatiftragtcn im Herbst 1918, als alles wieder zur Dis- 
kussion stand, mit ein em Federzug die Enteigmmg der Lati- 
fundien vollzagen, so ware die Geschichte der Republik anders 
vcrlauf'cn. 

Wunderzirkns in Lippe 

Scit vor ein paar Jahren Herr Hugenberg seine Varus- 
schlacht gegen den Youngplan am Hermannsdenkmal schlug, 
wird dicse stille Landsc^halt gem von dcr PoUtik freqtientiert. 
Jetzt ist Hitler an der Rcihc. 

Dasi ist d«r Teutobtu-ger Wald, 
den Tacitus hcschriehcn; 
das ist der klassische Morast, 
wo Varus stecken gehlieben. 
Hier schlug ihn der Cheruscerfiirstr 
der Hermannf der edle Recke; 
die deutsche Nationalitat, 
die siegte im diesem Drecke. 

So hat Heine die Moritat von Anno 9 ^efeiert, und Hitler iiber- 
zieht nusD als ein ctwas sudostlichcr Cheruskcr die 1215 qkm 
des Landchcns Lippe mit einem Tschingtraia, wie es dort 
scit den Tubablascm dcr Legionen kaum gchortj wurde. Die 
bestrenommierten GroBschnauzen der NSDAP schaumen uber 
Lippe, ein riesigcs Zeltlager ist aufgcrichtet, um die agitatori- 
schen Attraktionen, die sich anderswo sohoni den Wolf igeliaulen 
haibcn, richtig exerzicreni zu lassen, la Lippe regiert ein 
Sozialdemokrat mit dem gut mederdeutschcn Namen Drake, der 
von der nationals ozialistischen Ritterschaft erlcgt werden soil. 
Aber die Wahl in Lippe ist auch zrnn Gottesurteil (ibcr das 
fernierc Ver^halten der Partci ausersehen. Bringt Lippe einen 
Aufschwung, so wird die Partei ihre Meinung tiber cine Koali- 

83 



tionsregienmig revidicrcn, w-eim nicht, d'ann wicder in die gruind- 
satzlicEstc Opposition ztirucksturmen. Viel Ehre fur Lippc. 

So verlaxitctc es wenigstcns noch nieulich. Was dcr ge- 
waltigc Herr der Holien tmd Tiefen Jieute noch denkt, weiQ 
niemanid „Rodritgo,i tu Gelid in dcinen Beutel!'* Das ist gc- 
geniwartig die einzigc Devise dJer Partei, wo sic sick aiuch am-' 
biedert. Ihre Generallinie besteiht darin, auf einen zu wart en, 
dcr sic chartcrt. Die sozusagcn intelliektuell inter cssiert en 
Pg's sind damit jedooh nicht so zuiriedcn und diskuiicrcn andre 
M6glich,keiten, Sic sind mchr an den nac^hsten Reichstagiswah- 
len intcressicrt als an dem Gottcsurtcil von Lippe, Und wcil 
sic sich von Wahlen nicht mchr viel versprcohen, so greifcn 
sie auf einen alten Vorschlag von Goebbcls zuriick, durch 
Wahl'ent'haltung den Parlamentarismus fiir immcr zu ruiniereaiu 
Nationalsozialistische Provinzblatter brachtcn kiirzlich aiis cincr 
in Krcuznach gehaltcncn Rede die Stelle: „Dic Entsohcidung 
iibcr die Zulcunit in Deiitschland haben wir Nationalsozialisten 
untcr alien Umstanden in der Hand; denn wenn wir nicht zur 
nachsten Wahl gehcn, dann ist der Bolschewismus in D^titsch- 
land da/' Auch in bestimnjten Ecken des Braunen Haus cs 
selbst wird einc solche Moglichkcit erortert, wie dcnn (ibcr- 
bauipt in k cincr offentlichcn Vcrsammlung etwas liber das vor- 
bestimmte, Schema Hinausgehendes gesagt wird. 

Da6 man liber diese Idee emsthaft spricht, zeugt von cr- 
heblicher Katcrstimmiing. Wahl en thai tunig ist das Programni 
der spanischen Syndikalistcn, die auf dde direktc Aktion ein- 
gcschworen sind, deren Zugkraft in cincr blend end en, den per- 
sonlichen Einsatz fordernden Ideologie liegt, die nichts mit den 
Gassenraufereien des zum Mythos aufgeblascncn Zuhaltcrs 
Horst Wcsscl zu tun hat, Wahlenthaltung ist in Deutschland 
auch fiir einc antiparlainicntarischc Partei ein schwercs Wagnis; 
die allmahlicih an die Wahlurne gewohntcn Quiriten wiirden ein- 
f ach fiir andre Parteien votieren, Zudem kann man sich den 
Natiooualsozialismus leicht in mane hen mchr oder wcnigcr scho- 
nen Lcbcnslagcn) vorstcllen, ganz undenkbar ist nur, daB cr das 
Maul halt. In ruhigem selbstgewolltcm Verzicht beiscitc stehen, 
wahrend die Andem schwadronicren, das ist ihm schon cine 
physischc Unmoglichkeit, Hitlers geistiger Urvatcr mag, weiB 
Gott, wcr scin< Sein Lehrmeister in der Propaganda ist Bar- 
num, dcr amerikanische Rummclplatzkonig, dcr in jcdc Stadt 
feierlich cinzog mit seinen Elefanten, Kamelen und Affen, eincr 
ganzen Division von Fakiren und am Ende, feierlich untcr 
einem Baldachin, die Dame ohne Untcrleib. Das muS Hitler 
wciterfiihrcn, so lange sich noch ein Dummer findet, dcr zahlt. 

Die Militarattachss 

Wcr nach den politisohcn und sozialien Lcistungcn der Re- 
gierung Schleicher fragt, muB Fehlanzeigc notiercm. Nur fiir 
die Stammtische gibt es cine bcuc Art von patriotisohcm Frci- 
bicr: die Militarattaches, , 

Es wiirde zu weit fiihrcn, hier nochmals aufzuzahlen, was 
diese schr riihrige Gehaltsklasse der deutschen AuBcnpolitik 
in Jahrzehnten eingebrockt hat; Theodor Wolff hat das vor 
einigen Tagen ebenso amiisant wie aiusfiihrlich besorgt, Zudem 

84 



ist das Thema durch die amtliohe Aufcrstehtmig dcs Herm 
von Papcn wiedef irisch gcworden, wermgleich der Gcrcchtig- 
keit haliber crwahnt werden maiB, da.Q €r gamz gewifi zu den 
Trostlosesten dcs Genres gehort hat, Aber wir wiinschen auch 
nicht die Geschickten. 

Es ist kein Argimient, dtaB die andern Staaten und auoh 
das sonst so untraditionelle rote RuBland auf diese Institution 
nicht verzichtet haben. Es geniigt der Hinweis, daB Deutsch- 
land seit Kriegscnde die Entbehrlichkeit der Herren bewiesen 
hat. Mo gen Staaten, die sich fest in ibiirgerlioher Hand befin- 
den, ihre MilitarbevoUmachtigteri entseniden: sie sind, wenn 
nic^ht schadlich, so doch ein uberflussiges Ornament. In 
Deutschland, dessen Spitzcn ohnehin von Generalen besetzt 
sind, bedeuten sic nur die weitere MiUtarisieninjg der AuBcn- 
politik. 

Jeder diplomat ische Vertreter Deutschlands hat jetzt seine 
Auf passer im Haus, jeder Botschafter, der cine maBvolle Rich- 
ivmig bevorzugt, erhalt die notigc Korscttstange, um dcm Erb- 
fciiid, bci dem er akkreditiert ist, dixtrch stramme Haltung zu im- 
ponieren. Ganz davon abgesehen, daB unsre griindlich politi- 
sierten Reichswehroffiziere ohnehin schon dazu neigen, sich 
selbstandig zn machen. Mam denkc sich in jenc Zeit zurticki 
wo Stresemanns AuBenpolitik unter der Ungnadie des Herrn 
von Seeckt litt- Was hat ten brauchbare Militarattaches damals 
anrichtcn konnen? Und was werden sie nicht vcrhindern kon- 
ncn, wenn einmal die heutige Seelcnbarmomc zwischcn Wehr- 
ministerium und Auswiirtigem Amt aufhort? Hier wird gegen 
alle nur denkbare friedliohe Zukunftsarbeit schon heute ein 
Zeitziinder konstruicrt. 

Die Militarattaches sollcn unsem Anspruch auf voile Wehr- 
souvcranitat naher illustriercn. Sie illustriercn nichts alsi die 
vollLge psycho logische Unzulanglichkeit des Herni von Schleicher 
in auBenpoIitischen Dingen, Sie demcnticrcn in schlagendstcr 
Weise alle die net ten Anekdoten von seiner staatsmannischen 
Klugheit. Wahrend das Volk nichts zu beiBen hat, bictet 
ihm sein Kanzlergcneral nichts als ein bimtes Prestige fahnchen, 
dessen aktucller auBenpolitischer Schadcn groBer ist als sein 
daucmder Nutzen. 

Mogen ein paar Stammtische jubilieren, die Erkenntnis 
waohst, daB sich der militarische Sektor an seiner selbst- 
gestcUten Aufgabe, Dentschland offen zu regieren, libemom- 
men hat und daB er sein Manko mit ein paar neuen Parade - 
uniformen vergeblich zu iibers chat ten sucht. 

Brennender Balkan von Heiimut v. ceriach 

\r or einem Krankenhaus in Sofia spazieren zwei Militarposten 
^ auf und ab. Drinneni liegt namlich Trajanow, schwer ver- 
wuadet bei dem let z ten; blutigcn Kampf der beidcn Mazedonier- 
gruppen, bei dcm Eftymow, der Fuhrer der Gcgengr.uppe, tuns 
Lebdn kam. Die Posten -soUen verhiiten, daB die Anhaniger 
Eftymows Trajanow ganz 'criedigen, 

Trajainow wird liebevoll betreut von einier mazedonisohen 
Krankenpflegcrin. Eines Tages zicht sic unter ihrcr Schurze 

2 85 



eincn Revolver hervor unid sohieflt thren Pflegebefohlenen mil 
sichcrem KopEschuB ab, Als sie vernomimieii) wirdl erklart sie, 
der Revolver &ei ihr von leineiiTi imibekantnten Manm mit dean 
Befehl zur Erlediiguing Trajanows iiberg,eben worden. Als Maze- 
donierim; Eabe sie d'eai Befehl naturl'tch tausgeluhrt 

Als Albert; Lonidres in! seiniem letzten Buche „Der Terror 
auf dem Balloan" (Pliaidon-Verlag, Wient; 3,50 kartoniert, 4,80 
gebumdeni) die Schauerzustanide in Mazedonien aind Bulgarien 
sohilderte, frajgte manclier, so hock er den zu friih verstorbenen 
Franzosen schatzte, sich zweifelnd, ob die Phantasie nioht dooh 
manchmial mit dicm Schriftsteller durchgegangeai sei. 

Etwas Schauerlichers als den Mord der mazedonischen 
Krankenpflegeriini ami . dem ihr vertrauensvoU iibergebeneoti 
Lanidsmann ist tiberhaupt loioht vorstellbar. Wenn der hilflose 
Verwundete nicht eimimal niehr im Hospital vor seinemi eigaen 
Pflegepersonal sicher ist! 

Durch die Braamhemden ist dias System der Fcmemorde 
in Deutschland ein)g,efuhrt worden. 

Die mazedonischen Revolutioinare sind potenziert-e Naizis. 

Zwei Gruppen, die Protegierowistent imd die Alexandro- 
wisten (jetzt nach; der Ermordunig; ihres friiheren Fiihrers ge- 
Icitet von) Miohailow) ibekampfen einander aui Tod und Lebcn, 
Einig oder wenigstens angeblich einig mit der andern{ Gruppe 
im Ziel, sieht jede Gruppe in den Angiehorigen der andern Ver- 
rater. Und Verrater bringt man eben um. 

Das kontnte^ scheant 'es zunachst, den AuBcnstehenden 
ziemlich imiberuhrt Jassen. Wenn die morderischen Organi- 
sationen sidh gegenseitig dezimieren', darf das': nicht vielleicht 
als Gewinn fur die friedliebende Menschheit gebticht werd'en? 

In Wahrheit sind jedoch die mazedonischen Revolutionare 
nicht nxir eine Gefahr iiir sich selbst sondem vor allem fiir den 
Staat, in dem sie lebcn, oind fiir alle Staaten ringsherum, Sie 
sittd das Haupthuidernis der Pazifizierung des Balkans. 

Buligarien mit seinen etv^^a sieben Millionen Einwohnern 
zahlt 600 000 mazedonische Emigranten. Dies knappe ZeJintel 
iibt einen dominierenden EinlluB auf die restlichcn neun Zehn- 
teli aus. Die Mazed onier war en einst das Hauptobjekt der tiir- 
kischen Verfolgung, Das hat sie geschult zu Kampf und Ver- 
schwortiing, das ihat sie aktiv und wendig gemacht, das gibt 
ihnen eine gewaltigc Oberlegenheit iiber die Massen der arbeit- 
saanen und fricdliebenden bulgarisohen Bauerm Sie sind Frci- 
scharl'cr in Permanenz gcworiden. Den Komitadschicharakter 
nimmt allzu leicht nicht ntir der mazedonische Politiker son- 
dem so gar die mazedonische Krankenschwestcr an. 

Das ganze offentlichc Leben Bulgariens steht unter — 
wenn nicht dem Terror, so doch der Angst vor dem Terror der 
Mazedonier. Sie liaben es vcrstandeni, die wichtigsten Staats- 
stellungen in gianz ubcrwiegendem MaBe zu besetzen. Der 
friilherc Ministerprasident Liaptschew war Mazedonier. Von 
dert sechzehn Ge^sandtenposten des Landes sind elf in den 
Handen von; Mazcdoniem. Das bulgariscbe Parlamcnt wiirde 
nie wagen, etwas gegcn den Willen der Mazedonier zu be- 
schlieBen, 

86 



Die mazedomschen Ejiiigranten) ha-beii es zuweg,c gebriachit, 
daB die Intcrcsscn dcr ,,'unerlasteti" Mazedonicr in Jugoslavien 
undi Griechenland zum Hauptziel der bulgiarisohein Politik ge- 
wordeo suid. Alle andern Interesscn. werden dcnen der natio- 
nialen Mindcrheit auBenKaLb der ibiilgariscli&n! Grernzen hiatan- 
gestcUt. Daraus ergibt sidh der bisher unversohnlich erschei- 
nende Gegen&atz gegen andre Balkatistaateni, insbesondere 
gegen Jugoslavien, 

Was sind die Mazedonier eigcntlioK, cthnogriaphisch an- 
gesehen? Das ist erne der umstritteasten Fra,gen der Volker- 
geschichtc. 

Kommt man nach Sicbenburgen, so weiB mam ganz genau; 
diese Familie bcsteht aus Sachsen, jene atis Riimanen, die drittc 
aus Ung^m. Die drei Volksbestandteile sind reiiilioh von- 
cinander geschieden. Was vor hundert Jaihren sachsisch oder 
rumanisch oder im^garisch war, ist es heute noch. Bei den 
Volkszahhiingcn gibt es keine Zweifel, hochstcns bei den Zi- 
geumem, die ihre, Nationalitat der poUtischein Konjimktur an- 
zupassen pflegeni, 

Konunt man naoh Mazedonien, so ist alles labil, ein Vol- 
kcrgcm,isch versohwommenen und wechselndein Charakters. Die 
Serben behatiptein — sicker ztu Unrecht — , es gebe iiberhaupt 
keine mazedonische Mindyerheitsfra^ge, da die ihnen 1918 zu- 
erkannten Teile Mazedoniens dxirchweg von Jngoslaven be- 
wobnt seien. Die Bulg,areni ihrerseits reklamieren fast die Ge- 
samtheit dieser Bevolkerunig fiir sicL Unlosbarer imd wcnig- 
stens soheinbar unlosbarer Widerspruch! 

An dem bulgarisch-jugoslavischien Gc,gensatz ist di© dritte 
Balkankonferenz in Bnkarest im Oktober 1932 zusammien- 
gebroohcn. Ein wohldurcbdachter Balkanpakt aus griechischer 
Fedcr wurde der Konferenz vot^gelegt. Alle sechs Balkanver- 
tretungen (Tiirken, Griechem, Rumanen, Jugoslaven, Albanier, 
Bulgaren) hieBen gfimdsatzlich den Pakt gut. Aber die bul- 
garische Delegation weijgerte sicih, fur ihn zu stimmen, wenn 
nicht zuvor gewisse Verhandlunigen in Sachen der nationalen 
Minderhciten erledigt seicnv und verlieD vor der Abstimmung 
den SaaL 

Die in dieseni Fall sebr verwickelte Schuldfrage soil hier 
nidht crortert werden. Sicher batten die Bulgaren recht mit 
der Bebauptimig, daB die Jugoslaven in der Minderheitsfrage 
der Verschlepptmgstaktik htiidigten, Trotzdem war die intran- 
sigent e Haltung der Bulgaren taktisoh xmklug,.. Durch iihre Se- 
zession isolierten sie sich voUig, brachten sich im Gcgensatz 
zu samtlichen anidem fikif Staaten. Durch dies ihr Verhalten 
ist der Balkanfriede heule mebr bedroht,, als es noch 1931 auf 
der zweiten Balkankonferenz in Istanbul tmd Ankara schicn, 

Solangc sich die Balkanstaaten nicht durch cinen Pakt 
untereinander gegen gegenseitige Fricdensstorung zu sichem 
verstehen, werden sic immer der Spielball imperialistischer 
GroBmachte bleiben. 

Mussolini's expansive Gedanken schweifen nach dem Bal- 
kam Als unbequemsten Gegenspieler empfindet er Jugo- 
slavien, gegen das seine Prcsse grade jetzt einc HetzJcampagme 
ohneigleidien erolfnet hat. Er versucht es cinzukreisen- Von 

87 



Westen her rcchnet er aul <las arnie Albanicn, das ntir mit 
Miihc sich der Entwickluing zur italienischcn Kolbnic wider- 
setzt. Von Norden koaperiert er mit dler ihm gesitmim^sver- 
wandtenf Regieruimg der magyarischen Magnatcji, der^ er durch 
riesige Waffenschiebumgen imter die Arme zu greifen versteht. 
Von Ostein her mochte er deis mazedonisch infizicrte Bidgarien 
ganz in das Kielwasser seiner Politik zwingen — ein Zweck, 
dem seinerzeit auch die ehelicHe Verbindung einer italienischen 
Prinzessin mit dem buJigariscken Konig diente. Und im Suden 
— da besorgt der ewige Unrulheherd Mazedonien seine ehr- 
geizigen Geschafte< 

W<er iibrigens liefert den armen Teufeln von Mazedoniern 
die Waifen, wer sorgt bei ihiDen fiir den nervus rerum? Nie- 
mand kann hundertprozentige Bew-eise erbringem Aber wcr 
sich dcs fiihrenden Grundsatzcs des romischen Strafprozesses 
erinnert, wird auch hier fragien: Cui bono? Nur Mussolini kann 
davon profitieren, wenn die daiuerndc mazedonische Unruhe 
Erbfeindschaft zwiscb^en Bulgarien und Jugoslavien stabiJiert. 

Voim Balkan nahm dier w'eltkrieg seinen Ausgang, Heute 
wicder ist der Balkan Spielzeu,g fremder Machte, die nichts fiir 
den Balkan tun, aber moglichst vicl van i'hm haben woUcn, Die 
Balkanvolker sind Schachifiiguren oder soUen wenigstens als 
solche (benutzt wer\deih. 

Der Balkan den BalkaniernI Die groBe Freiheits- und Frie- 
densparolc kann nur dann verwirklicht werdcnj, wenn die Bal- 
kanstaaten samtlich dem ,groBen Beispicl folgen, das ihnen 
Kcmal und Venizelos igegeben haben, als sie die tiirkisch- 
^iechische Erbfeindschaft in ehrlichc Freundschaft umwandel- 
ten. Die Voraussetzung der Befreiung des Balkans ist das Zu- 
standekommen des Balkanpaktes, Jedes scheinbare nationale 
Opfer, das Bulgaren und Jug'osla,ven diesem groBen Ziele brin- 
gen, wird sich furl sie als nationaler Gewinn erweisen. Dies 
Opter allein gibt ihnen die Freiheit von fremdcn Einfliisscn und 
den Frieden, den, sie in ihrcr Wirtschaftsnot so bitter notig 
haben. 

Ein tragiSCheS GaStSpiel Rudolf AdrTa"n Dietrich 

Leo Trotzki, aus Rufiland verbannt, in Eiuopa nicht cin- 

gelasscn, hat eine Tochter durch Selbstmord verloren. Aus der 

geistigen Qual eines Mannea wird die Tragodie einer Familie. 

Welcher europaische Staat gibt dem Exilierten endlich ein mcn- 

schenwiirdiges Asyl? Soil sich die Schande von Sankt Helena 

wicderholen? Hier schreibt ein Zeuge von Trotzkisi kopenhage- 

ner Vortrag, dessen politischen Wcftungen wir uns nicht in 

allem anschliefien. 

r\er Mann, dem nun schon iiber drei Jahre samtliche Lander 

*^ der Welt das Einre is e visum vcrweigern, dem scin Heimat- 

staat iden,' RaB wegnahm, bringt es allein aul Grund der Tat- 

sache, daB er in Kopenhageni einen einmaligen „rein histo- 

rischen Vortrag" uber die Oktoberrevolution halten darf* allein 

durch sein Erscheinen in Wesleuropa fertig, daB WeiBgardistcn 

genau wie die Kommunistische Partei, christliche Reaktionare 

gcnau wie Mitglieder der Gottlosenbewegung sich im Protest 

hiergegen vollig cinig sind. Im PoUzeiprasidium in Paris hagelt 

88 



es Drohbriefe, ialls man etwa den Gedanken haben solltc, dem 
niuuhciralichcni Rciscndcn" auch mir fiir einc Nacht in dcr 
Hauptstadt Frankreichs Asyl zu gewabren, Deutsche Zeitungcn 
schreiben voU Entrustung, man miisse Dancmark fiir die sich 
aus diesem „Schritt" evemtuell ergebenideni Folgen zurVerant- 
wortung J Ziehen* Und in Danemark selbst wird ein Polizei- 
aufgebot auf die Beini© igebracht, wie es in dies em friedlichen 
Lande seitj erd'enktichen Zeiten nacht gesehen ward. 

Da bei der Kontroverse Stalin— Trotzki Stalin vorlaufig 
Sieger gebliebeni ist, wird Trotzkis Auiftauchen in einem Staate 
Westeuropas indirekt eine Art politischer Konfliktsigcfahr mit 
der UdSSR. (So konnte Schweden sich bci der Ablehnimg 
eines kurzen Aufenthaltsgesuchs auf den Einspruch der Ge- 
sandten Alexandra Kollontai beruien.) Trotzkis Prinzip der nie 
rastenidcn ,,Weltrevolution**, der „permaiicnteii Revolution", die 
stets das mit RuBland begonmene Werk dort fortsetzt, wo sich 
das jewcils „sohwachste Glied in derKette der kapitalistisch-en 
Staaten'* befinidet, wirkt beunru)hitg,enid!, zersetzend. Ware 
Trotzki einc anid're Natur, ware er infolge seiner Niedcrlage in 
jenem Machtkampf mit Stalin in eine Art passive Resignation 
versunken, hatte er sich selbst fiir politisch tot erklart, nie- 
mand wiirde ihn fiirchten oder bekampfen. Jedcr aber, der 
durch Trotzkis in Kopenhagen in deutscher Sprache gehaltene 
Rede einc Kostprobe da von bekommcn hat, wie dieser rastlos 
aktive Maim durch das gesprochenc Wort mehr noch als durch 
das geschriebene zu wirken, zu packen vermag — auch im 
Rahmen eines von auBen bcsehen „rein historischen" Vortrags, 
sogar in einem Arrangement, das keincswegs den ihm ent- 
sprechenden Resonanzboden zu geben vermochte — ,^ der kann 
sich einc ungefahrc Vorstellung da von machen, welche Aus- 
wirkunigen eine of fen politische Rede dieses Mannes haben 
muB, wenn der ihm cntsprechende Rcsonanzbo'den geschaffen 
wiirde, Man spiirtc schon ohne all dies die von so vielen Seiten 
gefiirchtete ,,Gefahrlichkeit" Trotzkis, Dabci waren die Be- 
glciterscheinungen, die bchordlich oktroyicrten MBcdingim- 
gcn" bei diesem kopcnhagener Vortrag derart, daB sie bis zu 
einem gcwissen Grade scin Bild und seine Wirkung grade unter 
Proletaricrn beeintrachtigen konnten. Trotzkis ganze Art zu 
sprcchen, jcder seiner klargcformten Satze, ist eigentlich an 
die Masse, an di© Massen sgerichtet; so wie jted'cr seiner Ge- 
danken die Kurvc einer historischen Bcwegung, das hciBt einer 
Massenbewcgung aufzeigt. In Kopenhagen wurde diese direkte 
Rede an die Massen aber nicht nur durch die Begrenzung, 
dtirch den Rahmen eines „rein historischen ' Vortrags und 
durch das ganze Arrangement beeintrachtigt sondern auch noch 
durch einc geflissentlichc Mystifizierung seines Aufenthalts- 
zweckcs und eine Ausbeutung seines Auftrctens zur Sensation 
im tmangeinelhmsten Sinne, DaB Trotzki, wahrend einc tausend- 
kopfige Menge ihn auf dem kopcnhagener Hauptbahnhof er- 
wartete, an einer Station miterwegs den Zug mit dem Auto ver- 
tauschend, sich, wie ein enttauschter kopcnhagener Journalist 
schrieb, „hcimlich in die Hauptstadt einschmuggeltc", daB 
seine Wohnung streng geheim ge halt en wurde unid .daB jederi 
der eine Kart© zu dem Vortrag Trotzkis in Idraetshuset haben 

89 



wollte, sich diurch die Mitgliecbkiartc der einladendeiii Student en- 
vereinigtmg oder sonst getiauestens auszuweisen Katie, wahrenid 
scin Name in eine Liste eingetragen wurde: — das alles war 
wohl unter iden gegebenen Bedinigamgen no tig od-er begriinjdet. 
Nicht no tig hingegen, wenn auch symptomatisch, war en die 
Mystifizierungen, deren Verworrenheit hochstens durch ihre 
Naivitat iiberbolen wurde und die von d'ensclben Kreisen lan- 
ciert wurden wie die „Offenen Brief e" in ,Berlingske Tidendc' 
und im .Cbristlichen Tageblatt'. So erstand der Nahrboden 
dies Sensationsbetriebs, der nm das Ganze gemacht wurde. DaB 
Fox-Film 5000 Dollar zahJte, um einen kurzen Ausscimitt aus 
dem E-^eignis fiir seine ^.tonende Wochenschau" aufzunehmen, 
daB nadh dem Verbot, die Rede auf den danischen Ruodfunk 
zu iibertragen, Columbia Broadcastings das Obertragungsrecht 
fur Amerika erwarb^n, daran batten diese Firmen schlieBlich 
cbensovicl Interesse wie Trotzki an dem „Reisekostenzuschufi", 
Unid so batten ,,Fania'* und ,, Sensation" es tatsachlich mit sich 
gebracht, daB ktirz vor Beginn des Vortrags die seit Tagen ver- 
breitetcn Geriichtc von der Moglichkeit eines Attentats, von 
Tranenigas iiinid Stinkbomben idie Spannung bis zur Explosions- 
gefahr gestcigert batten. 

.Und als dann trotz des^ zweifachen kontrollierenden Poli- 
zeikordons rings um Idraetsbuiset der Abend ohne Attentat auf 
Trotzki, ohne Stinkbomben, ja ohne irgendeine kleinste Saal- 
schlacht verlief, war ein Teil der Zuhorer beinahe ebenso ent- 
tauscht wie die einladende sozialdemokratische Vereinigvmg es 
dariiber sein muBte, daB ibr Redner absolut keine Fehler der 
bolschewistischen Partei oder ihrer Fuhrer, Fehler etwa seitens 
Stalin ,,enthullte'\ daB er inicht die Sowjetunion preisgab son- 
dern sich vorbehaltlos fiir die Sowjetimion einsetzte, Und 
nicht einmal packcnjde aufiere Bilder der Ok tob err evolution 
gibt dieser Leo Dawidowitsch Trotzki, wie es der Menschewik 
Abramowitsch vor einem Jahr an dieser Stelle getan hatte. 
Trotzki schilderte lediglich die Voraussetzungen und inncm Zu- 
sammenhange dier Oktoberr evolution, sprach vergleichsweisc 
auch einmal von der franzosLschcn Revolution,; zog Parallel en 
zwischen gewissen ahniichen Voraussetzungen damals und 1917 
und erzahlte so nebenbei auch etwas von den Voraussetzungen 
und der Berechenbarkeit aller Revolutionen. Nein, er sagt 
kein Wort gegen Stalin/ Er verteidigt lediglich seinen Stand- 
punk t von 1905, denj er freilich audi noch bis heute beibehal- 
ten hat. Er sagt es sogar mit einem witzigcn Bonmot, daB er 
noch immer an diesem alten Standpunkt hange: ,,Man wird 
zwar alter, aber man verbesscrt sich nicht!" DaB Josef Stalin 
seinen,, Leo Dawidowitsch Trotzk is, Standpunkt von 1905 nicht 
teilt, dafiir kann schlieBlich Trotzki nichts; aber diaB dieser 
Standpunkt von 1905 in der Praxis von 1917 seine Richtigkeit 
bewies, ist eine Tatsache luid nimmt an der n, noch nicht prak- 
tisch erwiesenen Auffassungen ziemlich viel Bod en. Zwischen- 
durch gruppieren sich in Nebensatzen Thesen und Gegenstandc, 
Begriffe wie der d'er ,,perm£inenten Revolution" werden er- 
iautert und ganz allmahlich entwickelt sich auf dem Hinier- 
grunid des „rein historischen Vortrags" oiber die Oktober- 
revolution von 1917 eine Theorie, eben seine, Trotzkis Theorie 

90 



dcs rcchten Weges zur sozialistiscben Weltepochc. Ein da- 
nischcr Referent schrieb spatcr uber diesen Vortrag; „In 
anderthalb Stundcn voni Professor zum Agilator.'* Das ist 
nicht ganz richtig, Deoui einmal: der Rahmen: dcs ,,histo- 
rischen" Vortrags wurde gewahrt. Zum andem; der Histo- 
riker, der an diesem Abend 'das Wort hatte, war nicht erst 
spater sondern vom ersten Satz an ein Politiker, Allerdings 
einer mit liberaus viel Fingerspitzengefiihl fiir den Rahmen 
seines Themas. In diescm Rahmen aber spiirte man allerhand 
von dem, was unter andern Bedingungen, was namlich bei 
cinem offen politischen Vortrag vor breiten Massen dieser 
Mann zu entfesseln vermochte, die element arc oGefahrlich- 
keit" seiner Nattir. (Unter den seltsamen Umstandem dieses 
Vortrags kam es allerdings nicht nur auf die Worte dcs Red- 
ners sondern auch auf die Ohren der Horer an.) 

Wahrend der letzten Partien scimes Vortrags schlugen 
Trotzkis Hande voni oben nach unten durch die Luft. Bis sie 
gegen SchluB, zu Faust en geballt, das Rednerpult trafcn, wicder 
. , . wieder . . , eini schlagendes Finale, dem nichts besser ant- 
war ten konnte als die nach SchluB der Rede aiis zweitauscnd 
Kehlen in vielerlei Sprachen, aber auf die cine Melodie ge- 
sungene Internationale, der Gesang der Weltrevolution, das 
Lied der Massen, die d&a Fuhrer woUen imd nicht cine Sen- 
sation. 

Die grSfite Firma von * „ * 



M 



an stiirzt aus dem fiinften Stock mit an Wahrscheinlichkeit 
grenzender Sicherhcif todlicher als aus dem ersten. Die 
Griinde, die zum Sturz fiihrten, werden meist erst gesucht, 
wenn die Leiche am Boden liegt. Hier aber? Die NSDAP lebt 
noch — und ist doch schon tot — mindestens angetotei . . . 

Adolphus Imperator Rex, Herr der Heerscharen — scin 
Nekrolog sei hier erspart: Adolphus ist der Mann der ver- 
paBten Gclegenheiten: das Jahr 32 hat sie ihm massenhaft ge- 
boten, Er schlug nicht ein. Er schlug aus- 

Adolphus, der Schopfer des KoUektivmutes war nicht 
immer, wer er heute ist: er war, wie er sclbst sagt, der un- 
bekannte Gefreite des Wcltkrieges, er habe diemen gelemt, 
daher konne er auch herrschcn. 

Wo Schmink^ sitzt, soil tind muB sie herujitcr; Kadaver- 
gehorsam ist keine straff e Organisation. Befehle sind, viel- 
mehr war en, in der Partei sakral. Ihrc Nichtbefolgung zog un- 
widerruflich AusschluB nach sich, undAusschluB hciBt iiber- 
setzt; weg von der Futterkrippc, weg aus der SA-Kiiche, weg 
aus der Frauenschaft oder aber weg vom Postchen. Und Post- 
chen gabs in Mengen. Man geht nicht fchl, wenn man an- 
ninrnit, daB 95 Prozent der Anhanger nach 1930 (September- 
wahl; 110 Abgeordnetc im . Reichstag) Morgenluft witterten, 
Postchen suchtcn und bekamen. 

Was vorhcr war, waren Revoiutionare, warcn Kampfer, die 
den steilcn Aufstieg mit ihrer Arbeit erst ermoglicht hatten, 

Es waren die Kampfer dcs Jahrcs 1923, die schon damals 
ihre erste Enttauschung hinunterwurgten — damals, als man 

91 



von Miinchen nach' Niirnbcrg funkte: Putsch hat versagt, Es 
stehcn die Gespenster auf: Kahr, Lossow, SeiBcr, 

Und dann kam. die Fcstxmgs-Tid . , , der erste Verfall und 
die zwcite Sammlung, die Anfangc zur Organisation. Sturm- 
Abteilung Hitler (Hakentkreuz am Stahlh^Im!) wurdei SA und 
die Lcibgarde SS, Nicht zu vergessen: die crsten Rollkom- 
mandos. Koburg lag friiher. In Memoriam: die^ erste Saal- 
schlacht. Treppcnwitz der Wcltgeschichte: Schwedenhochzeit 
1932 ebendort! 

Weit spater stcht die SA im Vordcrgrund, organisiert und 
aufgebaut nach dem Schema des Vorhriegsheeres. Nicht im 
Tohuwabohu der Uniform — jener Mischung aus den Uni- 
form en Eniglands, It aliens und Oesterreichs mit einem SchuB 
ins Deutsche — wohl aber in der Gruppierung: Kopie, wie 
alles an Hitler. 

SA tragt die Regimentsnummern der altcn Regimenter und 
ihrcr Standorte, tragt den Spiegel am Kragen: in Berlin 
schwarz, in Brandenburg welB und in Sachs en griin. Vorarbcit 
fiirs Dritte Reich: man tcilt den Sturm dem jeweiligen Re- 
giment zu. Basta. Oft treffen die alten Regimentsnummern 
auf die Reichswehr zu, dort ist es dann noch einfacher 

Und in der SA beginnt das Verbrccheni am Einzelnen: ja, 
das Vcrbrechen am deutschen Volk, denn wieder schwcbt 
Hitler ein GroBcrer vor, als er jemals sein kaxm: Napoleon! 
Jcder SA-Mann tragt zwar nicht den Marschallstab im Tor- 
nister, wohl aber die Aussicht, Gruf — Gruppenfiihrer, Truf — 
Truppfiihrer, Scharf — Scharfiihrer und vieles mehr zu werden, 

Das vertragt der einfache Mann nicht, das macht ihn 
groBenwahnsinnig; der Stallknecht Kabutzke darf plotzlich 
zehni Manm befehligen? Ist cr nicht schon fast Hitler selbst? 

Gigantische Auswertung menschlicher Dummheit — fast 
achtunggebietend; fast: w«nn wir nicht anno 14 mit dem glci- 
chen oder ahnlichen Geist ins groBte Schlachthaus gerutscht 
waren. 

Organisationseinzelheiten konnen erspart werden: aus 
Schar wird Trupp, atis Trupp wird Sturm und so fort. Und der 
Sturm hat einc Fahne, amd Fahnen miissen geweiht werden, auf 
Fahnen muB man vereidigt werden. Und mit Fahnen stirbt 
man. Jawohl, 

Vergessen ware beinahe die SS mit der gleichen Organi- 
sation und dem noch ,gr6Bem Kadavergehorsam, noch groBerm 
Fiihrerwahnsinn. Und mit den ewigen Reibcreien zwischen ihr 
und! der SA. Die sind da, und wenn sic tausendmal gcleiignet 
werden, sic sind, wo sich SA mit SS trifft, und sic shid massiv. 
Das Massive an ihnen ist sichtbar in Wimdcn, in Kriippeln und 
in Verfolgten. Womit, sogar in sehr klarer Form, der Feme- 
gedanke frohliche Urstand ficiert. Die Provinz neigt noch mehr 
zu Reibereicn als Berlin. Mag sein, daB das am engen Zusam- 
menleben liegt, mag sein, weil Einer des Andern sterblichste 
Stellc kcnnt, und grade dort feicrn sie Orgien. Gehctztc Krea- 
turen, gchetzt und verhetzt von ein em Gedanken, einer Idee, 
die keine greifbare Form aufzuweisen hat, die iibcrall, wo man 
sie fassen will, sioh ins Nichts auflost. 
92 



Ein Irrglaube die Zusammenarbeit. Wenn SS Marsch an- 
gesctzt hat, bleibt SA iin Ban — und umgekehrt. Nicht daran 
zu denkcn, dafi ein SS-Fiihrer sich eincm SA-Fuhrer tintcr- 
ordnen wiirde oder umgekehrt. Sie sind Fcinde, sic miissens 
ja scin, dean sie sind Deutsche, sie sind geschwollen vor Wich- 
tigkeit, sie nehmen sich.selbst zu wichtig, Und daran scheitcrt 
der Grundgedahke : die Verbriiderung, das Ausloschen des 
Standesdiinkels, In Praxi verstoBt der Fiihrer selbst taglich 
dagegen. 

Das Tragische fur Deutschland und das deutschc Volk liegt 
in der Tatsachc, daB es Hitler gelungen ist, die Dummheit rest- 
los zu mobilisieren., Ein Gekreuzigtcr ist noch lange kein Er- 
loscr, auch wenn er Hitler heiBt. Das isi; langszun bekannt ge- 
worden. Sogar in den Dorfern. Sogar am Meer, im Schwarz- 
wald und bei den abcrschlcsischen Kumpels, Der letzte Wahl- 
kampf hat diesen- Beweis eklatant erbracht, 

Man kann dem Volk nicht dreizehn Jahre das Paradies 
versprechen, Man kanni auf die Dauer keine Wechsel geben, 
die immer wieder zu Protest gehen, der letzte platzt mit Ge- 
tose. Wahrscheinlich ware auch dieser nicht so offensichtlich 
geplatzt, wenn nicht vor dem 6. November 32 schon offerie 
Rebellion geherrscht hatte. Rebellion insofern, als die wicfitig- 
sten Posten der NSDAP draufien auf dem flachcn Land mit un- 
fahigen Leuten besetzt waren — tmd noch heute besetzt sind. 
Man hat sie geschont, und jetzt kommt die Saubcrung- Sabo- 
tage der Versammlungen, ungcniigendc Vorarbcit waren an der 
Tagesordnung, Daran hat auch der an sich gute Apparat 
nichts geanidert, ein Apparat, der bis ins Kleinste geht; dcnn 
es gibt; den Blockwart, den Stiitzpunktleiter, den Ortsgruppen- 
leiter und den Kreisleiter. Die Figuren, die man hier zwi- 
scheoschaltct, haben lediglich KontroUfunktion. Sie werden, 
wie alles, gelcitet durch die Dienstordniing, die dem fruhern 
Militarreglement an Umfang und Unsinn kaum hachsteht umd 
sogar so weit ins Einzelne geht, daB darin die jeweiligen An- 
reden der Fiihrer, Unlcrfiihrer und deren Trabanlen enl- 
halten sind, 

Nach dieser Dienstordnung, die jcdcm Pg, der auf irgend- 
einem Posten steht, gegen Zahlung eines nicht unerheblichen 
Bctrages ausgehandigt werden niuB, wird der Oberstc SA- 
Fiihrer Adolf Hitler mit „Mein Fiihrer'* angercdet. Ist es auch 
Unsinn, so hat es doch System! 

Mein Fiilirer — mon prince — welche Duplizitat, wel- 
chcr Unsinn, welche Vcrgotterung, die bedcnkenlos gefordcrt, 
abcr auch ebenso bedenkenlos gewahrt wird. ZwoH Millionen 
hatten am 6, November das Denken vcrlernt, und unter ihnen 
waren ctwa 80000, die von der Gnade des Gottlichcn, von 
seincm Sold, lebten. „Wir geben schon innerhalb der Partci 
etwa 80000 Menschen Arbeit und Brot/* sagte der Doktor, 
sagte Goebbels, in einer der letzten Sportpalastversammlungen. 
Er hat nur vergessen zu sagcn: „Wir sind die groBte Firma in 
Deutschlandl" 

Und die groBtc Firma Deutschlands hat An«pruch auf den 
grofiten Bankerott des Jahrhundcrts, sie wird sich dieses An- 
spruches wiirdig zeigen. Ob zwolf Millionen a-usreicheni, ist 

^ 93 



eine Frage der Bilanz, Fcst stcht: Adolphus, der Prophet, dcr 
Erldser, hat sich keinesfalls gescheut, den letztea Groschen 
vom letzten Arbeitslosen zu nehmen, hat sich nicht gescheut^ 
ihn^ weim er zur SA wollte, mit den Uniformpreisen der Zcug-»^ 
meistcreicn iibcrs Ohr zu haucn, hat sich nicht gcscheut, die 
irrsinnigen Kostcn dcr durch ihn verschuldetcn Wahlkampfe 
auf die Schtiltern der Schwachsten der Schwachen uxnzulegen, 
Er hat einen Opfcrwillen und eincn Opfermut geemtet, mit 
dem heute nicht nur die Krise sondem wahrscheinlich das 
gaioze Arbeitslosenelend behoben ware. Uod das ist seine 
historische Schuld und sein historisches Verbrechen — nicht, 
da0 er es gewagt hat, an die Sterne zu greifen^ sondem: daB^ 
ihm allcin die Schtdd zu gcben ist, dafl vieles Gute durch seine 
Sabotage im Keim crstickt wurde, dafi Vieles nicht vorwarts 
kam, weil es nicht vorwartskommcn durftc, denn es paBte nicht 
ins ProgramnL Hitler lebte nicht von der Besserung, er lebte 
nur vom und durch das Massenelend. 

„Ich lebe nicht von der Partei'\ eines der geflugelten 
Worte des Osaf, Was ware er ohne Franz Eher, was ware er 
ohne die Partei? 

Vorlaufig lebt die NSDAP noch — auch wenn sie leicht 
angetotet ist — sie lebt imd reiBt das Maul, auf, das groBte, 
das sie hat, schon wieder steigen die tiMassen-Versammlimgen", 
schon wieder steht Goebbels, der ewige Ministeranwarter, in 
vorderster Front im kindlichen Glauben, die Klappe machts. 
Und eben dieser Goebbels vergiBt, daB man dratiBen nichts von 
ihm wissen will, daB sein GroBenwahn drauBen znr Ablehntmg 
gcfiihrt hat und fiihren mufite. Er fordcrt garantierte Besuchs* 
zif fern f iir seine yersammlungen und garantierte Honorare . . . 

Und weitcr geht der Kampf — wahrscheinlich mit dezi- 
mierter Kampferzahl, ohne das sagenhaftc • „Treibholz'*, ohne 
das Hitler ware, was Herr Meyer oder Herr Schulze ist. Und 
weitcr gehen die Eifersiichteleien der Ortsgruppenleiter dem 
Stutzpunktleiter gegeniiber, und der drangsaliert den Block- 
wart Und der seinerseits die Pgs, deren Bcitragsatze ins Un- 
ertragliche gesteigert sind, 

Klinisch gesehen, warei das der Beginn unheilbarer Para- 
lyse, politisch gesehen ist es die Fortsetzung eines einmal be- 
schrittenen Weges im Glauben an die Dummheit der Men- 
schen. Das eben begonnene Jahr 1933 wird zeigen miissen, was 
es zu bringen vermag: es wird die ewig Unheilbaren nicht 
hcilen, es wird aber die Iniizierten zu retten haben, Prognosen? 
Ja: Bankcrott der groBten Firma Deutschlands. 



Dem Doktor Goebbels zufolge gibfr die NSDAP etwa 80 000 
Menschen Arbeit und Brot* Niichtemer gesagt; sie hat 80000 
besoldete Parteiangestellte. Demgegeniiber ist zu vermerken, 
dafi die SPD, wie una von zustandiger Stelle mitgeteilt wird, 
1410 Personen besoldet, namlich 890 in ihren Zeitungen und 520 
im reinen Parteidienst. Diese ZahUn umfassen die Gesamtheit 
der Parteianges-tellten einschliefilich der Stenotypistinnen und 
der Laufjungen. Bei dcr KPD dtirftc es noch wenigcr besoldete 
Stellen geb^. Das sind die Parteien, fiir deren Funktionarev 
angebiich die Arbedtergroschen draufgehen. 



94 



Dreimal elektrischer Stuhl von Kurt oroBmann 

/fining N. Y. 354, Hunter Street. Nr. 81 784. Scit ubcr drei Jah- 
^^ ren wohnt hier der deutsche Staatsangehorige Fred W. Edel, im 
Zuchthaus. 

Am 29. Dezember 1927 wird die Schauspielerin Emely Harrington 
im Badezimmer ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Emely Har- 
rington war mit Fred W. Edel befreundet, der dadurch belaslet ist, 
dafi ein Scheckbuch der Ermordeten und Kleidungsstucke bei ilim ge- 
fundea werden. Seinen Beteuerungen, die Schauspielerin habe ihm 
die Sachen zur Aufbewahrung gegeben, glaubt man nicht.^ Am 29, De- 
zember wird die Tat entdeckt* Die Sachverstandigen erklaren, sie 
musse sechs Tage vorher, also am 23. Dezember, verubt worden seim 
Zeugen behaupten, Frau Harrington noch am 25. Dezember gesehen 
zu haben. Eine andre Zeugin, Mitbewohnerin, will am 23. Dezember 
gegen 10.30 Uhr vormittags einen Schrei aus der Wohnung der Frau 
Harrington gehort haben. Das Gericbt und die Sachverstandigen ver- 
steifen sich darauf, die Mordtat als um diese Zeit geschehen zu be- 
trachten. Warum ? 

Fred W. Edel hat an diesem Tage um 12.30 Uhr mittags sein 
Hotel verlassen und ist nach Springfield gefahren, Wenn Edel der 
later gewesen ist, so mufi die Tat vor 12.30 Uhr vollbracht worden 
sein. Denn vom 23. Dezember 1927 bis Ende des Jahres kann der 
Beschuldigte sein Alibi nachwelsen. Andre Mitbewohner haben den 
Schrei nicht gehort, ja eine behauptet, Frau Harrington noch am 
23. Dezember abends im Korridor oder in der Wandelhalle des Hauses 
gesehen zu haben. Noch ein andres Moment macht diesen Fall so 
mysterios.. Ein gewisser William Hoffmann aus Detroit hat von Frau. 
Harrington eine Weihnachtskarte erhalten. Der Poststempel war un- 
deutlich, Es kann der 23., aber. auch der 26. gewesen sein. Auf je- 
den Fall hat Hoffmann die Zeit noch fest im GedHchtnis, und die 
war 1,30 Uhr mittags. Es ist demnach unwahrscheinlich, daB der 
Mord um 10.30 Uhr passiert ist 

Alle diese Feststellungen sind von amerikanischen Joumalisten 
getroffen worden. Auch die Geschworenen scheuten nicht die lange 
Reise, um dem Gouverneur Roosevelt, dem jetzigen Prasidenten der 
Vereinigten Staaten, die neuen Ermittlungen vorzulcgen. 

Inzwischen ist die Justizmaschine weiter gelaufen. Am 23. De- 
zember 1929 soUte die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl in 
Sing-Sing stattfinden, Edel wird fur den letzten Gang vorbereitet. 
Der Kopf ist ihm kahl geschnittcn, die Hosen zur Anbringung der 
Elektroden aufgetrennt. Funfzig Minuten vor der Hinrichtung wird 
Edel vom Gouverneur des Staates New York ein dreiwochiger Auf- 
schub bewilligt. Nach diesen drei Wochen erreicht Edel einen neuen 
Aufschub vierzig Minuten vor der Hinrichtung. Die Offentlichkeit 
hat sich des Fallea angenommen, Auch aus Deutschland wird 
Roosevelt dringend beschworen, Edel zumindest zu begnadigen. 
Aber der Gouverneur hat Zeit. Endlich Ende Marz 1930, als Edel 
bereits zum dritten Mai zum Gang auf den elektrischen Stuhl vor- 
bereitet wird, trifft bei der Gefangnisdircktion die Nachricht ein, daB 
der Gouverneur ihn zu lebenslanglichem Zuchthaus begnadigt habe. 
In seinem Communique heifit es: „Die Tatsachen in diesem Falle 
haben eine hochst verwirrtc Situation geschaffen, seit dem Tage, wo 
ich den ersten Aufschub bcwilligte. Ich habe sorgfaltig und ganz 
ausfuhrlich alle Berichte gepriift, die mir durch private Nachforschung 
in der Aufsptirung der Tatsachen seit der ersten Fristverlangerung 
gemacht wurden. Ich habe sowohl die eidlichen Aussagen und Auf- 
zeichnungen gepriift ... als auch die von dem Richter Nolt vertretene 
Meinung, der diesen Antrag ablehnte. Obgleich wahr ist, dafi die 

95 



von dem Beklagten vorgebrachten Tatsachen sich auf Horensa^en be- 
scbrankten und infolgedessen nicht dazu angetan waren, 6ine n€ue 
Untersuchung zu rcchtfertigcn, licBcn sie doch in mir einen Zwcifcl 
entsteheiif der zu einer Umwandlung des Urteilsspruches in lebens- 
langliches Zuchthaus ausreichend war. Mchrere der Geschworenen, 
die den Beklagten fiir uberfiihrt halten, erschienen personlich vor mir 
und bestatigten mir, dafi, falls man ihnen einen neuen Beweis, der 
seit der Oberfuhruhg aufgetaucht ware, geben konnte, dieser einen 
berechtigten Zweifel in ihrer Meinung hervorgerufen hatte, Alle diese 
Umstande, die diescn Fall betrcffen, haben mich nicht davon iiber- 
zeugen konnen, daB die Oberfiihrung so zweifelsfrei ist, um diesen 
Mann zum Tode zu verurteilen. Die bisherigen Nachforschungen 
werden, wie ich hore, fortgesetzt. In dem Fallc, daU ein unbestrcit- 
barer Beweis spater dieses Mannes Unschuld zutage treten lafit, 
wiirdc natiirlich diese Umwandlung gegenstandslos werden. Im Falle, 
daB sich seine Unschuld nicht klar erweist, wird der Angeklagte den 
Best seines Lebens im Gefangnis verbringen." 

So wurde Edel vom Tode auf dem elektrischcn Stuhl befreit und 
nach der Huntsr Street gebracht, wo er sich noch heute befindet, 
immer seine Unschuld beteuernd- Keiner wird bcstreiten, daB die 
Indizien gegen ihn auBerordentlich schwach sind. 



GobineaU von Siegmund Feldmann 

r) as, Leben wird immer schwierigcr. Friihcr gcniigte * es, 
*^ arisch zu sein, jetzt muB man abendrcin ,,Hordisch be- 
stimmt** sein, um nicht der deutscheh Acht zu verf alien. Das 
hat vor ciniger Zeit Herr Hitler in seinem Heiratsukas seinen 
Mannen von neucm eingescharft, ' Das muBte kommen. Seit- 
dcm 1914 die Indogermanen sich so unsterblich blamicrten und, 
auf Kosten Deutschlarids, ubcrcinandcr herfielcn, konnte man 
mit ihrcr angeblichcn Wesens- und Seelcngcmcinschaft nicht 
mehr krebsen : gehen. Eine partikularistische Absonderung 
wurde unvermcidlich. Zu diesem Zwcckc erfanden die Gelehr- 
ten des Drittcn Reichs die „Aufnordung'* der Menschheit. 

Aber sie diirfen sicji auf' diese Erfindung durchaus' nichts 
einbilden. Den Norden als Qucllgebiet allcs Heils, als Heimat 
der Herrenrasse, der allein auf Erden das Recht auf Gesetz 
und Gewalt zustcht, hat schon bald aclitzig Jahre vor seinen 
heutigen Ausschreibern, 1855, der franzosische Graf Arthur 
de Gobineau in seinem vierbandigen ,, Essay sur I'lnegalite des 
Races humaines" gepredigt und gepriesen, worin er mit einem 
riesigen Aufwand von Datcn und Noten iiber die willkiirlich- 
stcn Verkniipfungen zu den abentcuerlichsten Schliissen stol- 
pcrt, Juda bleibt darin unverreckt. Er tilgt jcdoch diesen 
unleugbar groBen Schonheitsfehlcr dadxirch, daB er, der erste, 
aus der Ungleichheit der Mcnschenrassen auch dercn natur- 
gesetzte Unveranderlichkeit herleitet, mit der die volkische 
Lehre steht und fallt, 

Er hat damit die antisemitische Bewegung entscheidend 
gcfordert. Indem -er von jcdem uberlicferten Evangelium vol- 
lig absah und ihr an Stelle von theologischen mit anthropolo- 
gischen, cthnologischen, psychologischen und sonstigen kost- 
bar«n Beweisen beisprang, machte er das seinige auch den so- 

96 



gcnannten Intellektuellcn schmackhaft, die sich fruhcr heftig 
gcniert hatten, in das plebejischc Hepp! Hepp! aus der Unter- 
welt dcs Gcistes einzustimmen, Heute ist es der Geist der 
Oberwelt, der aus der „voraussctzungslosen'* Wisscnschaft 
seine schr primitive, aber, wic der Erfolg zeigt, auch fiir die 
nGebildeten" handliche Ideologie schopft, Dieser Ideologie 
die Stichworte gegebcn zu haben, reiht in Ermangelung andrer 
Taten Gobineau in die Weltgeschichte ein. Und cr hat es 
doch so ganz anders gcmeint! 

Wic er es gemeint hat, dariiber belehrt uns eine neue 
Biographic dieses merkwurdigen Mamies: „Gobineau" par J. 
N. Faiure-Bignet, die bci Plon in Paris erschicnen ist. Der 
Verfasscr hat sic aus bisher unbenutzten Familienbriefen und 
andern privaten Aufzeichnungen, zum allergroBten Teil aber 
aus vielen langen und vcrtraulichcn Mitteilungcn seiner Egcria, 
Madame Serpeilie, der Tochter Gobineaus, geformt und dabci 
dessen Lebcnsbild, ohne kritischc Stcllung zu seinem Stoffe, 
mit ihrcn Augen angesehen. Grade dieser vom Autor selber 
zugcstandcne Mangel des ubrigens literarisch vortrefflich ge- 
haltcnen Buchcs macht fiir uns seincn groBten Wert aus. Denn 
in dieser von keinem Zweifel getriibten, mit liebenden Han- 
den eingeschaltcten Beleuchtung wird Gobineau durchsichtig 
wic Glas, Der unbestrcitbar geistreiche, auBcrst anregbare 
und wohl auch anregendc, mit vielen Gelchrsamkeitcn voll- 
gekramte Viel- und Allesschreiber war ein ausgcsprochener 
Monomane, der alle Kenntnisse und Erkenntnisse seiner 
fixen Idee unterstcllte, in direkter Linic der Bluts- und Rechts- 
erbe des wikinger Heerkonigs (Jarl) Ottar zu sein. Dieser Ge- 
danke vcrlicB ihn keinen Augenblick; cr beschaftigte ihn un- 
ablassig und schlich sich auch in das gleichgiiltigste Alltags- 
gesprach ein. ,,Ich als Konigssohn" war eine seiner bcliebte- 
stcn Wcndungen, Er arbeitcte sein Leben lang an seinem 
Stammbaum, dem er die ausgcfallensten Ahnen aufpfropfte, um 
seine Hcrkunft zu beweisen- Selbst sein Werk iibcr die 
Rassen solltc nach seiner Absicht nur als (vierbandige!) „Ein- 
Icitung*' zur nGcschichtc seines Hauscs" und dem glcichen 
Zwcckc dicnen. Nichts auf Erden schien ihm wichtiger als die 
Feststellung seiner ,,Legitimitat". 

Schon im Alter von vierzehn Jahren fiihlt der in schr 
engen Vcrhaltnissen geborene Sohn eines , abgebauten Garde- 
hauptmanns der Rcstauration „dunkcl koniglichcs Blut in sei- 
nen Adcrn rauschen", und ]e alter er wird, desio fester ver- 
nietet sich dieser aus nichts als aus der Luft seiner hcimat- 
lichen Normanjdie - gegrif fenc Wahn in seincn Gchimwanden, 
zwischen denen der wiisteste feudale Spuk immer toller rumort. 
Auch cr soil Offizier werden, fallt aber bci der Aufnahme- 
priifung fiir St-Cyr durch, weil er die Vorbereitungszcit, ein 
ncuer Don Quijote, mit der Lckture von Rittergcschichten 
vertan hat, und als er sich hierauf der Literatur in die AJrme 
wirft, dichtet cr eincni „Amadis'\ cine „Manfredine** und, um 
des licbcn Brotes willcni, cincn StoB Kitschromanc, die zu- 
mcist in Ahncnsalcn, auf Burgsollern, in Kcmcnaten, auf Tur- 
nierplatzen und immcr um Abstammungs- und Ebenburtigkeits- 
fragen spielen. Und schon damals pragte er seincn Lcitsatz; 

97 



iiEin Staat ohne Adelsherrschaft kann vor dem rapiden Ver- 
kommen nur durch Wicderherstcllung ciner Intemationalen 
Chevaleric gercttet werdcn, die die Anspriiche dcr Leibeigenen 
(serfs) niederkampft/' 

Hochmiitiger und schrof f er konnte maa an des Konigs 
Artus TafelrutKle auch nicht sprechen. Der junge Mann, der 
so spracbf saB aber an einem viel beschekleneren/ Platze: an 
einem Pult im pariser Postamt, wo er hundert Franken mohat- 
Uch verdiente. Man muB schon sehr gut klcttem konnen, um 
so tief unten anzufangen und seine Laufbahn als Gesandter in 
den franzosischen Staatspalasten Teherans, Rios, Athens und 
Stockholms (erst 1877) zu vollenden. Der Ballast seiner Ober- 
zeugungen beschwerte ihn dabei nicht im geringsten. £r besaB 
aufier seinem FleiB und seiner Lebenswut Geschmeidigkeit ge- 
nug, um sich alien Gesinnungcn anzupassen, allc Verbin^ 
dungen zu niitzen und ihnen nach dem Munde zu reden. 

In um. so bemmungsloseren Ergiissen stromt seine Seele aus, 
wo er sich ganz gehen lassen kann. Seine erste auswartige 
Verwcndung fiihrte ihn als Legationasekretar nach Bern, wo 
er sich sehr unbehaglich fiihlt, Er haBt die Schweiz, er kann, 
wie er seiner Schwester Karoline schreibt, ,,in der ekelhaften 
Atmosphare dieses demokratischen Misthaufens, in dem libe- 
ralen Dreck" nicht atmen. Am meisten emport ihn, daB die 
Biirgersleute und das Landvolk in weiBen, festgefiigten, rein- 
lichen, bequemen Hausern wohncn, sogar ,,mit ciner Rasenbank 
vor der Tiir", was, seiner Ansicht nach, dem „den romischen 
Sklaven entsprossenen Drittcn Stand" nicht zukommt, und 
erst als er auf einer Erholungsreise in Piemont auf Dorfer 
stoBt, wo „die guten Bauern barfuB, in Lumpen, verlaust und 
mit ihrcm Elend zufrieden untcr ihren vcrfaulenden Stroh- 
dachem demiitig** hervorkriechen, erhellt sich sein Gesicht, und 
er bcginnt wicder getrostet an die gottliche Weltordnung zu 
glauben. 

Bei seiner Riickkehr vom Urlaub erwartet ihn eine cin- 
gcnchme Oberraschung. Er wird, 1851, zur Vertretung des er- 
krankten Gesandten nach Hannover beordert. Das sind vicl- 
leicht die schonsten Monate seines Lebens. Er kommt an einen 
Hof! Es gibt einen Konig, eine Favoritin, Kammcrherrcn, 
Rangordnungen, Galatafeln, und wenn er eingeladen in seiner 
Amtskarosse vorfahrt, tragt er „einen goldgestickten Frack 
und die Wache tritt ins Gewehr**. Und man be tit ell ihn 
Exzellcnz! Scin Wikingerherz jubelt. Majestat sind huldvoll, 
der Herzog (von Braunschweig) sind gnadig, der Himmel hat 
sich aufgetan. Brief um Brief fliegt in die Heimat, um seinen 
Angchorigen und Freunden diese „existence delicieuse" be- 
geistcrt zu schildern< Am meisten aber bczaubert ihn, so 
schrcibt er wieder der Schwester, daB ,,kein Adliger mit einem 
Biirgcrlichen verkehren kann, ohne sich der Verachtung und 
den Angriffcn seiner Standesgenossen auszusetzcn", und voU- 
ends bcgliickt verzeichnet er, dafi die „untergebene Bourgeoi- 
sie" sich von diesem Zustande „weder verletzt fiihlt noch sich 
dariiber beklagt!** Deshalb liebt er Deutschland so sehr, wo 
„die Ehrcrbictung gegen den Adel lebendiger geblieben ist als 
in and em Nationen." 

98 



So also sah der Mann aus, den sich die nationaiistiscbe 
Jugend zum Bcliefercr ihrer Ideale erkor, dcm sic an alien Uni- 
versitaten von StraOturg bis Kdnigsberg in den Gobincau- 
Vercinen Kultstatten errichtete: wildc Fakultaten der Unreifc 
und Uberhebttng, Seminare jenes Rassengerassels, das uos mit- 
ten im europaischen Klima au! einer exotischen, vom Welthafi 
iimbrandeten Insel isolierte. Diese Bekenntnisse einer schonen 
Seele mu0 man niedriger hangen, Man sollte sie an das 
Schwarze Brett aller Hochschulcn nageln, nebcn die Anschlage, 
in denen die von eignen und ihrer Lehrer Gnaden regierende 
Deutsche Studentenschaft ihre arische Notdurft ver * , * zapft; 
obenan den Satz aus einem amtlichen Bericht Gobineaus vom 
Frankfurter Bundestag, worin er seinen Minister beschwdrti 
,,eingedenk der sakularen Aufgabe Frankreichs'*, die Zer* 
stuckelung (morcellement) Deutschlands zu vertetdigen und 
sich mit* alien Kraf ten seiner Einigung zu widersetzen. In seines 
Herzens Tiefe gehen seine Wiinsche noch viel weitcr, bis hin- 
ter den Wiener KongreB und selbst den Friedcn von Luneville 
zuruck; Nicht nur in der Verewigung der bestehenden sondem 
auch in der Wiedereinsctzung der bercits rtmediatisierten Teil- 
Hirsten" in ihre Rechtc erblickt er die Pflicht, das Gluck und 
die Zukunft der deutschen Erde. 

Hier deutet sich der Punkt an, wo sein personlicher sich 
mit seinem Rassenwahn tiberschneidet. MuB man erst einen 
AbriB der Geschichte der Normannen geben, um dessen ab- 
griindige Hohlheit aufzudecken? Die Normannen waren die 
GeiBel ganz £iu*opas. Diese Seenomaden fielen in alle Lan* 
der ein, in vielen, in England, Nordfrankreich, RuBland, Unter- 
italien etcetera bemachtigten sie sich der Herrschaft und setz- 
ten sich feist, aber selbst, wo sie sich nicht auf die Dauer zu 
behaupten vermochten, vermischten sie sich Generationen hin- 
durch geschlechtlich mit den Eingeborenen, die von ihnen nicht 
„aufgenordet'* wurden sondern, im Gegenteil, durch ihre er- 
driickende Obcrzahl den Eroberem sehr viel mehr autochthones 
Blut abgegebcn als sie von diesen skandinavisches Blut emp- 
fangen haben. Und auf das Blut, auf nichts als auf das Blut, 
kommt es den Rassefanatikern doch an; auch dem Grafen 
Gobineau. Ihm aber nur auf das Blut der Edlcn und Herren, 
jencr „intemationalen Chcvalerie", die dem Volke, den „Leib- 
eigenen**, wie er sagt, nur „die Wahl zwischen der Unterwer- 
fung und dem Tod" laBt. Auch dem deutschen Volke nicht 
anders. Er hat nie das geringste Verstandnis fiir dessen 
GroBe, Aufschwung und Kulturwert gchabt und seine natio- 
nalen Forderungen als Diplomat wie als Publizist stets mit 
Verachtung bekampft. 

Die alldeutschc Megalomanie verehrt ihn nichtsdestow-cni- 
ger als ihren treustcn Eideshelfer, Und wenn heute an den 
Universitaten die alljahrliche Reichsgriindungsfeier wieder- 
kehrt, marschieren die Gobineau-Junglinge, ganz wie fruher 
bei Kaisers Geburtstag, mit ihren Fahnen und den Chargicrten 
in vollem Wichs auf und singen ergriffen „Deutschland, 
Dcutschland iibcr allcs", 

JaWohl, liber alles. Nur nicht iiber den numerus clausus. 
Bis auf weiteres, Und dafur wird schon imser Adoli sorgen- 

99 



Oh Falladab, die Du hangest! von Bert Brecht 

Alle Reckte vorbehalien 
(An einer Mauer hangt ein blutiger Pferdekopf) 
Reporter; 

Schauermarchen aus der Frankfurter All«c: 

Gesturztes/ Pferd voa Mcufichen angcfalleni 

In weniger als zehn Minulen nurmchr KnochenI 

1st Berlin die Arktis? Hat die Barbarci begonnen? 

Oh Falladah, die Du hangest! 

Wenn das Deine Mutter wiifite 

das Herz zerbrach ihr im Leibe! 

Wollen Sie tins den furchtbaren Vorgang naher erlautern! 



Pferd: 



Reporter: 



Plerds 



Reporter 



Pferd: 



Ich zog meine Fuhrc trotz meiner Schwache, 

Ich kam bia zur Frankfurter Allee. 

Dort denke ich noch: oh jel 

Diese Schwache! Wenn ich mich gehen letsse 

kanns mir passieren^ dafi ich zusammenbreche , . . 

Zehn Minutcn spater lagen nur noch mdne Knochen 

auf der StraBe 

Also zu schwere Fuhire? Also zu wcnig Futter? 
Nicht ohne Mitgeftihl sieht man in solcher Notzeit 
Mensch und Tier kampfen mit unertraglichem Elend! 
Oh Falladahf die Du hangest! 
Ausgcpliindert — ' bis — auf — die — Knochen! 
Mitten in unsrer Riesenstadt, vormittags 11 Uhr! 

Kaum war ich da namlich zusammengebrochen 

(der Kutscher lief zum Telephon) 

da sturzten sich aus den Hausern schon 

huAgrige Menschen, um ein^ Pfund Fleisch zu erhen, 

rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen 

und ich lebte uberhaupt noch imd) war gar nicht fertig 

mit dem Sterben 

Oh Falladah, die Du hangest! 

Aber das sind ja nicht Menschen! Aber das sind ja Bestien 

Kommen aus Hausern mit Messernj und Topfen 

und holen sich Fleisch einJ 
Dies bei lebendigem Leibe! Kalte Vcrbrecher! 
Wollen Sie uns sofort die&e Leute beschreiben? 

Aber die kannte ich doch von f ruber, die Leute! 
Die brachten mir Sacke gegen die Fliegen doch, 
schenkten mir altes Brot und ermahnten noch 
meinen Kutscher, sanft mit mir umzugehen. 
Einst mir freundlich und mir so feindlich heutej 
Plotzlich waren sie wie ausgewechselt! Ach was war 

mit ihnen ^eschehen? 

Da frage ich mich: was sind daa fur Menschen? 
Haben sie kein Gemut mehr? Schlagt da im Busen 
Keinem ein Herz? Mit eisemer Stime 
tritt das hervor und vergiBt die menschliche Sittel 
Zucht und Beherrschung vergiBt es kalt und ergibt sich 
den ttiedersteh Tri^benl Wie soil man da helfen? 
10 Millionen helfen! Das ist nicht m6glichl 



100 



Da tragte ich mich: was fiir eine Kaltc ^ 

muB uber die Leute gekommen scin! 

Wer schlagt da so auf sie ein 

dafi sie jetzt so durch und durch erkattet? 

So helfet ihnen dock! imd tut es in Baldel 

Soust passiert Euch etwas, was Ihr nicht fiir moglich haltetl 

1st der Rundfunk ein Theater? 

von Hans Georg Brenner 

Pj cr angcschene Intentdant cincr als fortschrittlich .gcriihmten 

Provinzbiihne antwortete einmal auf die Frage, was er im 
Winter zu spielen gedenke: ,,Mit Rcchts und mit Links hab 
ichs verdorbcn, infolgedessen spiele ich Klassiker." I3,er Rund- 
funk verfahrt heutc nach einem ahnlichen Prinzip: von Rechts, 
Ganzrechts und Mafiigrechts mochte er sich gern aushalten 
iassen, auf die gesamte Linkc kann er unter dem Schutz seiner 
gottgewoUten Auftraggeber pfcifen, und mit der verhaBten 
liberalen Mitte mochte er es nicht ganz verderben. Infolge- 
desscn erklart Herr Doktor Ehiske, der mit der Aufgabe be- 
traut worden ist, alle fortschrittlichen Elemente aus dem Funk- 
haus in der Masurenallee aus- oder abzuweisen; „Die lite- 
rarischc Abteilung beriicksichtigt in starkerem MaGe, als es 
friiher war, die Klassiker." 

Diese Verlegenheitslosung ist ebenso alt wie die bureau- 
kratische Angst vor dem Normalhorer, den es nicht gibt; der 
kolner Intendant Ernst Hardt huldigt ihr auf seiner ,,klassi- 
schen Scndebiihne" schon geraume Zeit ohne fuhlbaren Ge- 
winni, und die halbamtliche Zeitschrift ^Rufer und Horer', die 
so tut, als bemiihe sie sich um die Entwicklung cines cignen 
Rundfunkstils, propagiert sie im Interesse einer ,,Volksbildung" 
vcrschamt als das kleinere Obel. Herr Doktor Duskc kenn- 
zcichnet seine und seiner Auftraggeber Vorliebe fiir die Klas- 
siker selber als Verlegenheit, wcnn cr fortfahrt: 

Wir wissen, dafl sich vielcs gegen die Aufftihrung von Theater- 
stiickcn im Rundfunk sagen laBt, Dennoch haltcn wir die Kraft des 
Wortes unsrer groBen Dichter fur stark genug, um auch im Rund- 
funk zu wirken. Grade die Darstellun^ klassischer Werke wird 
immer wieder von neuem einen VergleichsmaBstab bieten, wenn es 
&ich um die Entwicklung besondrer Junkischer Formen handelt. Hs 
ist nattirlich, daB von den vielen Versuchen, zu einem besondern, in 
seiner Eigenart durch das Mittel des Rundfunks bestimmten Hor- 
kunstwerk zu gelangen, vieles eben nur Versuch sein kann, Es ist 
nicht moglich, Meistcrwerke aus dem Boden zu stampfen. Aber 
grade das Nebeneinander von klassischer Buhnendichtung und Funk- 
horspiel wird vielleicht deutlicher und schneller die besondem Bc- 
dingtheiten des Horspiels klarlegen. 

Abgcschen davon, daB cine ,,Darstcllung'* klassischer 
Werke nicmals einen VergleichsmaBstab fiir die Moglichkcitcn 
und Grcnzen eines Horspiels bictcn kann, weil es einc Dar- 
stellung von Biihncnwcrken vor dem Mikrophon nicht gibt, 
diirfte es Aufgabc der dafiir bestellten Dramaturgen sein, die 
notwendigcn Vcrgleichc vor sich selber anzustellen, den sclt- 
samen, sinnverwirrendcn Bcgriff „Sendebiihne** endgiiltig, aus 
alien gcdruckten imd ungedruckten Programmen zu streichen 
und ausschlieBlich an der „ Entwicklung besondrer funkischer 

101 



Formcn'* zu arbeiten. Aber so crust, wic Herr Doktor Duskc 
es darstcUt, diirftc aicht einmal dieses Einerseits-andrerscits- 
Programm gemeint sein. Die laute Liebe zu den Klassikem 
und das verdachtig aufdringliche Vertrauen zu der Kraft des 
Wortcs grade dicscr vcrstorbcncn und zeitlich entriickten 
Dichtcr diirften tatsachlich nur ein willkommener Vorwand 
sein, die Stimmen lebendiger Dichter zu ignorieren und das 
Horspiel, das heiBt ein aus den gesellschaftlicben Spannunr 
gen unsrer Epoche entstehendcs Kunstwerk, zur Forderung 
der Untertanen*Lethargic zu untcrdriicken — zumal die Praxis 
bisher gezcigt bat, daB man nur die binlanglicb bekannten, 
„fur den Schulgcbrauch gceignctcn" Dramen der Klassiker vor 
dem Mikrophon auszuprobieren gedenkt und grade die Ideen- 
Dramen, die auf theatralisch-optischc Effekte verzichten und 
ausschliefllich der Kraft des dichterischcn Worts und der Idee 
vcrtrauen, auch weitcrhin vemachlassigen wird, Sowcit sich 
die Dramatiker, von Shakespeare bis Hcbbel, auf den Boden 
der Biihne gestellt habcn, kann sich die Kraft ihrer Sprache 
auch nur auf der Biihne, in der gleichzeitigen sichtbaren Pro- 
jektion in den lichtbclcbten Raum entfalten. Ihre Sprache 
wird rudimentar, sob2dd ihr die optische Dreidimensionalitat 
der Biihne genommen wird. Was auf der modernen Biihne 
noch als verdichtetes Leben erscheinen kann, dringt aus dem 
Lautsprecher groBtenteils als kompromittierendes und unver- 
i standlichcs Echo exaltierter Deklamationen, Und kcini Rund- 
' funkbeamter denkt daran, aus diesen miBgliickten Scndungen 
die uncrlaBlichen Konsequenzen fiir das Horspiel zu ziehen, ob- 
wohl cr wahrscheinlich ganz genau weiB, daB sich die Kraft 
des dichterischen Worts nirgendwo besser beweisen kann als 
im Rundfunk. 

Das natiirliche Mittel des Horspicls ist nicht die Larm- 
kulisse als dynamischer LiickenbiiBer sondem das Wort, die 
dichterische Abstraktion, die dialektisch geordnete Sprache als 
Abbild des mcnschlichcn Scins, Wcnn Beispiele dafiir aus der 
dramatisChen Weltliteratur anzufiihren sind, sollten sie unter 
den kultischen Dramen der Antike gesucht werden, die andern, 
dem Horspiel naheliegenden Gesetzen gehorchen, und im 
Ideendrama von Lessing iiber Goethe bis Georg Kaiser und 
Wedekind. Lehrreiche Beispielet auch ftjr das eigcntliche 
Horspiel lehrrcich, konnten unter den ,,Versuchen'* Brechts 
gefunden werden, wenn es den Rundfunkbeamten wirklich um 
die „Kraft des Wortes unsrer groBen Dichter" zu tun ware. 
Und tatsachlich fehlt es nicht an originellen funkischen Ver- 
suchen, die die theatralischeni Rcminiszcnzen vor dem Mikro- 
phon bereits iiberwunden haben — von O, A. Palitzschs 
,,Etagenhaus** bis zu Glaeser-Weyrauchs ^Anabasis'*, von 
Friedrich Wolfs „SOSI Rao Rao Foyn,,/* bis zu Erich Kast- 
ners lyrischer Suite tXeben in dieser Zeit", von F. W, Bischoffs 
Horfolgen „Hallo, hier Welle Erdball!" und „Song" (der Ver- 
fasser dieser bahnbrechcnden Horfolgen scheint mit dem 
gegenwartigen breslauer Intendanten glcichcn Namens nicht 
mehr identisch) bis zu Gcrhart Pohls ,,Weltreise durch einen 
Arbeitstag", von Ernst Bringolfs literarischen Montagen ,,Der 
Dreifligjahrige Krieg'* und „Die verhexte Stundc" bis zu Walter 

102 



Benjamins literarischem Lehrspiel ,iWas die Deutschen lasen, 
wahrend ihrc Klassiker schrieben" (diesc letzten Beispicle ge- 
horcn in diese Erorterung hinein, weil sic die Horspieitcchnik 
gcfoidert,. teilweisc sogar iiberholt haben), 

Aber dicscn maBgebenden Vergleichsobjekten und Ver- 
suchcn gegeniibcr fiihlen sich die Funkgcwaltigcn heute nicht 
im geringstcn verpflichtet. Sic ignoricren diese Beispicle eincr 
eigenwilligen, schopferischen Rundfunk-Kunst, weil die unbc- 
strittene Wirkung dcr angefiihrten Werke darauf zuriickzu- 
fiihren ist, daB in ihnen jcweils cin dichterischer Stof f in 
funkischer Form cine ncuartigc, dcr raumlich und zeitlich un- 
begrenzten Phantasie dcs modemen Horers entgegcnkommende 
Prazision crfahren hatte, und weil diese Werke infolgedcssen 
das BcwuBtsein manches Horers verandert habcn diirften. 

Was also ist dcr Rundfunkweishcit letzter SchluB, wenn 
die „Aufbauarbcit an Volk und Staat" die Untcrdruckung des 
Geistes, die Aufrichtung eincr unkontroUicrbar vcrtciltcn Zcn- 
surgewalt erheischt und wcnn dcr Rcspckt vor dem Normal- 
horer, dcsscn Spukgcsicht mit jcdcr Rcgicrung wechsclt, 
groBer ist als die Achtung vor dem Lebendigent vor dem tag- 
lich sich Bckampfcnden und Emcucmdcn? ,,Dic litcrarische 
Abtcilung bcriicksichtigt in starkcrcm MaBc, als cs friihcr 
war, die Klassiker/* Die Klassiker dcr Btihne als Kronzeugcn 
ftir cine programmatisch crhartete gcistige Tragheit im Rund- 
funk! Die Klassiker schlcchthin als Wortfiihrer dcr Rcaktion! 
Das klassischc Schauspiel als Waffc gcgcn die Zeit, also gegen 
den schaffendcn, plancndcn, immcr zerstorenden und immer 
aufbauenden Gcist, also gcgen den Mcnschenf Das Theater, 
entkleidet der Kostiimc, dcr Schcinwerfer, Kulissen, Rampen 
und Wandc, als Karikatur auf den Rundfunk! Das Schauspiel, 
des Scbauspielcrs beraubt und eingespcrrt in schalldichte 
Raume, nur durch cinen Draht dcr Welt zuganglich und dem 
Ohr allein unbcgrciflich, das papiercn erstarrte Schauspiel als 
aratlichcs Zeugnis gcgen das Horspiel! Nicht gcnug damit, daB 
die haBlichcn Nebenerscheinungcn cincs Theatcrbctriebes — 
Erfolgneid, Cliquenwirtschaft, Klatsch, Intrige, Unzustandig- 
kcit und Abonncntenjagd — dank dem scligcn Herm Scholz 
jetzt in alien Funkhausern nach Spczialabtcilungcn geordnct 
crschcinen . . . soil auch noch die Biihne vors Mikrophon ge- 
stellt und das Schauspiel, dazu noch das Schauspiel dcr Ver- 
gangenhcit, als unzulanglichcs Not- und Vcrlcgcnhcits-Horspiel 
miBbraucht werden? Es ware interessant, durch cine Umfrage 
fcstzustellen, wie wcit die Unpopularitat des Theaters durch 
diese f ortgesctztcn Stilwidrigkeiten gefordert wird, ohne daB 
sich die Theaterkritiker, denen nicht nur die Beobachtung des 
gcgcnwartigcn sondcrn auch der Schutz dcs ererbten Dramas 
obliegt, gcgen diesen MiBbrauch bishcr gcwehrt und ohne daB 
sich cin Theatermcnsch gcgcn diese planmaBige Verstumme- 
lung des Theaters vcrwahrt hatte! 

Das Bekcnntnis zum Rundfunk schlicBt das Bekenntnis 
zum Horspiel mit cin, Oder umgckehrt: je weniger sich cine 
Generation von Rundfunkbeamten um das Horspiel und um 
die Ausbildung funkischer Unterhaltungsformcn iibcrhaupt 
ktimmert, je weniger sie praktisch an dcr formalen Entwick- 

^ 103 



lung dcr Rundfunk-Untcrhaltung, also auch an ihrcr inhalt- 
lichen Vertiefung, Aktualisierung und Schlagfertigkeit, arbcitct, 
um so weniger liegt ihr am Rundfunk und, da der Rundfunk 
hcute langst Allgemcingut geworden ist, an der Allgcmeinheit. 
Dicsen Rundfunkbcamten liegt wirklich nichts an allcdem, sic 
lieben nur sich selbcr. Was sie taglich mit der Encrgie von 
einigen hundert Kilowatt bcweisen. 

Wie werde ich lebendig und deutsch? 

von Adolf Behne 

^"Tretc Ring (Paul Cassirer) und Alfred Flechthcim haben ihre 
^^ Krafte vereint, um in drci Ausstellungcn die ,,lebendigc 
deutschc Kunsf" zu zeigen. Die erste Abteilung haben sie 
jetzt mit Baumeister, Belling, Campendonck, Dix, Feininger, 
Fiori, Garbe, Grosz, Kandinsky, Kirchner, Klee, Levy, Naucn, 
Purrmann, Roder, Schlemmer, Sintenis und E. R, WeiB eroff- 
net, Es ist eine durchaus sehcnswerte Ausstellung geworden, 
in der Schlemmers bicndcnde „Bauliaustreppe" den Ehrenplatz 
hat, Baumeister nobel, breit, gelassen. (Sein und Schlemmers 
Lehrer und einer der starksten Anrcger der Jiingcren uber- 
haupt, Adolf Holzel in Degerloch, wird demnachst achtzig, Es 
ware Ehrensache, diesem Mann endlich einmal fiir seine im- 
poniercndc tuidj ganz stillc Lebensarbeit offentlich zu danken. 
Aber er ist nicht „Lm Munde'*., In die National- Gal eric kam 
vor drciBig Jahren eine schone dachauer Landschaft, als Ge- 
schenk, blieb das einzige Bild — und hangt zumeist im Depot.) 
Fcininger, Kandinsky sind meisterlich wie stets* Klee, sehr 
schon vertreten, fesselt durch den hochst eigcnartigen 
Aggregatzustand seiner Ictztcn Abstraktioncn, die wie der 
Unterbau groBer gegcnstandlicher Kompositionen vor dem Ge- 
genstand wirken, Es ist ein ungewohnlich spannender Mo- 
ment der Balance, generell wichtig zu beobachten, man mochtc 
ihn fast mit der Zeitlupe festhalten. Das starkstc Erlebnis der 
Ausstellung aber scheint mir E, L. Kirchner, der mit einer 
prachtvoU jugendlichen Frische malerischer Phantasie bezau- 
bert. Merkwiirdigerweise verhalt sich grade Kirchner gcgen- 
iibcr die bcrliner Kritik hililos. Ahnlich wiirde Molzahn die 
Kritik iiberraschen — wcnn cr vertreten ware! Nolde scheint 
die Beteiligung abgclehnt zu haben, und dafi Arthur Segal 
fehlt, ist ja nur das Obliche, Er wird cbenso wie Otto Freund- 
lich seibstverstandlich auch in dicr zweiten Abteilung fehlen^ 
fiir die Barlach, Beckmann, Meckel, Hofer, Kokoschka, Kolbc, 
Marcks, Scheibe imd Schmidt-Rottluff gemcldet sind. Am 
wichtigst'en wird die dritte Abteilung sein, die den Nachwuchs 
prasentieren soil. Ich mochte fiir sie den Veranstaltem gleich 
einigc Nsmien ncnmen; Mahrimger, Ehmsen, Wahn, Scharlt 
Kupferbcrg, Pridohl, WaJdschmidt, Lahs, Seiwert, Haizmann, 
Rossing, Luft, Muche, H0I2. 

Leider steht im Katalog auch ein Vorwort, leidcr hat es 
nicht Flechthcim geschriebcn sondern Grctc Ring. Auf ihre 
Satze, die ein biBdicn nach Papen schmecken unS denen ein 
biedcr deutsches Romantikcr-Zitat mit autarkcm Beiklang vor- 
angcsctzt wurdc, ist zu erwidcm, daB es niemandcm einfallcn 

104 



wird, den; Kunsthaadler, wcnn cr cndlich die bcsten Kiinstlcr 
seiner Zeit entdeckt, sie auch ausstellt, sie sogai' verkatiit^ aiai 
alte Unterlassungssunidcn selbstgefallig hinzuweisen, Aber es* 
kann doch nur komisch wirken, wenn ausgerechnet derjenii^c 
Kunsthandler, der am allerlangsten an der lebendigen deut- 
schen Kunst vorbeisah, jetzt da er sich wohl einigen Vortcil von 
ihrcr nun ziemlich risikolosen Vertretimg verspricht, in ge- 
schwollenem Selbstbewufitsein die ,,Kunstschreiber'* ermahnt, 
„sich endlich der Notwendigkeit einer kontinuicrlichen Bc- 
trachtung nicht zu entzichen". Zwanzig Jahre lang hat sich 
die werte Firma urn diese Kunst nicht einen Deut gekiimmert, 
und sie wiirde sich auch heute nicht einen Deut um sie kiim- 
mern, wenn nicht inzwischen Schutzzolle in aller Welt ihre 
Mauern hoher und hoher bauten, wenn nicht Wahrungskrisen 
und die allgemeine Sehnsucht nach Autarkie und nationaler 
Unvergleichlichkeit, wenn nicht die wahrhaft Deutschen, Papcn 
und Gayl, und jene allgemeine Stockung des internationalen 
Warenaustausches gekommen waren. Jetzt, da geschaftlich 
kaum ein andrer Ausweg bleibt, entdeckt man die ,,leben<dige 
deutsche Kunst" . . < und wer hat nun die Schuld, dafi die 
Firma nicht friiher (als doch geschaftlich alles ganz anders lag) 
die (Jebendige deutsche Kunst" vertrat? Der Kunstschreiber, 
der Kritiker! „Es hat die Weltgeltung, die der deutschen 
Kunstunserer Generation nach ihrer Bedeutung geziemt (Don- 
nerwetter, man braucht wirklich nur bei edlen Frauen anzu- 
fragen!) so schmerzlich erschwert, daB grade die deutsche 
Kritik, die nicht bestehenden Gegensatze kiinstlich verschar- 
fend, fast ausnahmslos eng und starr auf die Alternative Alt 
oder Neu eingeschworen bli^b.** 

Zwanzig Jahre lang haben die besten deutschen Kritiker 
darauf hingewiesen, daB die Kunst der Klee, Kokoschka, Nolde, 
Schmidt-Rottluif, Kirchner, Schlemmer legitime Fortsetzung 
der frxihercn deutschen Meister sci; ja vom Erlebnis des 
Neuen aus ist mancher alte Meister erst neu und richtig jge- 
sehen wordcn . . . und diesen< Krilikern will heute einc nolfen 
nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitete Kunsthand- 
lung", die eben in dieser Minute erkannt hat, „daB die neuere 
deutsche Kunst, nunmchr auch handlerisch gesehcn, einem ge- 
weiteten Kreis dargeboten werden sollte", die Schuld an ihren 
Versaumnissen aufhalsen ... Versaumnissen in einer Zeit, da 
man sich halt von andern Wcltgeschaften mehr versprach! 
Mit lyrisohem Schwung schreibt heute die Firma; „Uns war 
es von jeher unerfindlich, weshalb der Verehrer nordischer 
Flachlandschaft (Heil!) nicht Ruisdael, C. D, Friedrich, Thoma 
und Meckel gleichcrweise suchen, weshalb nicht dcrselbe Lieb- 
haber wiinschen sollte, Cranach und Kirchner, Rubens xmd 
Kokoschka, Bosch und Klee, Fruhrenaissancebildwerke und 
Kolbe zu besitzen," Und nicht auch Le Nain und Courbet, 
Chardin und Cezanne, Watteau und Renoir? Wird sich nicht 
Paul Cassirer im Grabe herumdrehen, wie hier plotzlich seine 
groBen Franzoseni und seine groBe kiinstlerische Tat verleug- 
net werden?! 

Wer regte sich auf, wenn ein Kaufmann sich nach der 
Konjunktur richtet? Aber er moge die gcschaftliche Um- 

105 



stellung (auf wic lange wird sie kalkulicrt?) nicht mit dec 
blauen Blum^ der Romantik imd nicht mit Ausfallen gegen 
Leute, die mangels geschaftlicher Interessen keine Schwen- 
kungea vorzunehmcn brauchten, bemanteln, Flechtheim hatte 
dieses Vorwort streichcn sollen. 

Am wichtigsten bleibt die letztc Gruppe: -dcr Nachwiichs. 
In den ersten beiden Gruppen finden wir wieder nur die 
festen. stehcnden GroBen, wobci ich immer wieder wame, die 
Lisle, auf die sich albnahlich Muscen nnd Sammler und Hand- 
ler geeinigt baben, fiir richtig, endgiiltig imd komplett zu hal- 
tcn. Sie ist nur eine Konvention, ein imkampferischer Marken- 
Katalog. Es fehlt da mancher — nicht weil er schwacher ist, 
sondern nur weil cr ohnc Nimbus blieb , . , wie dcr herrliche 
Adolf HolzeL Entscheidend wird nun sein, ob uns Cassirer- 
Flechtheim in der letzten Abteilung wirklich eine Obersicht 
liber die Jugend geben werden, mit Mut, mit Eifcr, mit Liebe 
durchgcfiihrt, cwler auch hier nur wieder die bei der Gesell- 
schaft bcreits akkreditierten Jimg-Prominenzen. 

Amerika wird eUrOpaiSCh von Thomas Tarn 

yV Is 1926f wo in Amerika noch Hochkoojunkitir herrschtei in 
^^Deutsciiland ein schwerer Konjunkturruckschlag eintrat — mit 
ciner Winterarbcitslosigkeit von mehr als drei Millionicn, mchr- 
ten sicii bei uns die Stimmen, man miisse nur die amerika- 
nischen Wirtschafts-, die amcrikanischen Rationalisierungs- 
metfaaden (ibemehmeni man miisse den deutschen Kapitalismus 
amerikanisiercn, dann wiirde alles wieder aufwarts gehen, Man 
hat in Deutschland „amerikanisiert'*, man hat im scharfsten 
Tempo rationalisiert, das Tempo In der Krisenverscharfumg hat 
sich aber dadurch nur gesteigert. Auf der anderen Seite hat 
grade im letzten Jahrzchnt der amerikanische Kapitalismus 
seine Sonderbedingungen iram«r mehr verloren, hat sich das 
amerikanische Wirtschaftsleben in viclen Punkten immer star- 
ker .feuropaisiert"; ein EntwicklungsprozeB, der sich bcreits in 
den Vorkriegsjahren anklindigte und sich rmn in beschleunig- 
tem Tempo fortsetzte, 

Durch seine Sondcrbedingungen unterschied sich der 
amerikanische Kapitalismus lange Zeit von dem Wirtschafts- 
leben der alten kapitalistischen Staaten, vor allem Eng Lands 
und Deutschlands. In Englamd war bcreits um die Mittc dc& 
neunzchnten Jahrhunderts die landwirtschaftliche Bevolkcrung; 
dezimiert, in Deutschland setzte seit den siebziger Jahren eine 
auBerordentlich starke Abwanderung in die Stadte ein, so daB 
die Zahl der landwirtschaftlich tatigen Bevolkcrung seitdem 
voUig stagnierte. 

Dagegen erhielten sich die Vereinigten Staaten noc^h bis 
in tmser Jahrhtmdcrt hinein cine gewisse Kolonialstruktur; ihre 
landwirtschaftliche Bevolkerung nahm zwar relativ ab, in ab- 
soluten Zahlen aber stieg sie bis ins crstc Jahrzchnt des zwan- 
zigsten Jahrhunderts noch um viele Millionen. Da auBerordent- 
lich viel freies Lemd vorhanden war, muBtcn die Untemehmer 

10& 



ihren Arbcitcm, wemn sie sic sich ihaltcn wolltca, Lohne zahlen, 
die zumintdlcst so hoch waren wi« das Einkommcn; der freien 
Farmer. In industriellen Dcpressions^citen gingcn hundcrt- 
tauscnde Arbciter aufs Land, wodurch einc zu starke Lohn- 
scnkung verhiadert wiirde. Daruber binaus wiichs die Be- 
volkenim^ nicht nur diirch die Geburteniiberschiisse sondera 
auch infolge eincr riesenbaften Zmvanderun^g, die im letzten 
Jabrzehnt vor dem Krieg. etwa einc Million jabrlich betrug. 

Die starke Lohn- und Gcbaltsstcigcrung, das Anwachsen 
dcr landwirtscbaftlichen Bevolkcrung ttnd der Indiustriearbeiter 
brachten cs rait sich, daB trotz dcr auBcrordentlichcn Erhobung 
der Arbcitsproduktivitat dcr Absatz gestcigert werdert konntc. 
Und weitcr ergab sick ein Tatbestandr dcssen Bedeutimg auch 
fiir die heutige Entwicklimtg katim uberschatzt werden kann: 
fiir di^ amerikaxiische Produktion bleibt dcr Bumcnmarkt der 
cntscheid'Cndc Faktor. Wahrend in England ungefahr ein 
Drittel der Produktion ami den AuBenhandcl geht, in Deutsche 
land ein Vicrtel, schwzinkte die Zabl in Amerika nur zwischen 
fiini bis acht Prozent, 

Da die amcrikanischcn Ar'beitslohne einc so auBcrordcnt- 
lic'h ansteigendc Kurve hielten, gab es dort im Gegensatz zu 
Deutschland, im Gegensatz aber auch zu der cngUschcn Ent- 
wicklung der letzten Jahrzehnte bisher kcine politische Ar- 
beit erbewcgung groBern AusmaBcs. Die Arbciter blicben bis 
in die letzten Jahrc im Schlcpptau dcr beiden groBen biirger- 
lichen Partcien, sic wahlten Rcpublikamcr oder Demokraten. 
und nur ein gcringcr Prozentsatz liel liir sozialistischc od<cr 
kommunistische Zahlkandidaten ab. 

Das war der okonomische Hintcrgrund, der in den Ver- 
eintigten Staaten lange Zeit starke antieuropaische Stromungen 
hcrvorricf. Fiir den liberalen Amerikancr, der sah, wic es den 
Mittelschichten ttnd den Arbeitcrn bcsser ging, warcn diese 
curopaischicn Kkssenkampfc etwas, womit er sich nicht weitcr 
bcschaftigte, was cr instinktiv ablchnte. Wenn cr sich doch 
mit ihnen bcschaftigtc, fiihrte cr sie in dci^ Vorkriegszcit auf 
die Riickwirkung leudaler Hcrrschaftsformen zuriick und in dcr 
Nachkriegszcit auf die Zerrissenheit Europas, die ja. durch die 
Friedensvertrage nicht verkleinert sondem verstarkt wurdc. 

Im letzten Jahrc aber haben sich ganz entscheidcndc Ver- 
andcrunigen ergeben, die das Bewufitsein der biirgcrlichcn 
Schichtcn ebenso wic das dcr ArbeiterschaJt stark zu ver- 
andern beginnea, ja tcilwcisc schon vcrandcrt haben. Dcr 
amcrikanischc Kapitalismus hat seine Kolonialstruktm* ver- 
loren. Zwischen 1920 und 1930 hat zum ersten Mai die land- 
wirtscbaftliche Bevolkcrung nicht nur relativ sondem sogar ab- 
solut abgcnommen. Die Abwandcrung vom Land in die StadtCr 
die in den kapitalistischen Landem Europas bereits vor Genc- 
rationen einsetzte, hat in Amerika in diesem Jabrzehnt auBer- 
ordentlich starke Dimensionen angenommen, 

Freics Land war nicht mehr zu vertcilen, die Agrarkrise 
durch wachsende Rationalisierung dcr landwirtscbaftlichen Pro- 
duktion wirktc sich grade in USA besonders schwcr aus, und 
auch die Entwickliung dcr Industrie cntsprach nicht mehr den 

i07 



Vorkriegscpochen, Die Einiwajnidcrmig, die in der Krisc unter 
das Niveau von 1830 zuruckginig, war bcreits wahrend der Vorr 
aus^egangenen Konjouiktur stark abgcstoppt worden; sie be- 
trug litir noch ungefahr ein Viertel dcr Zalilen axis den Letzten 
Votkriegsjahrcn, So hatte der amerikanische Kapitalismus auf 
den bciden entsch.eidenden Gebieteii seine Kolonialstruktur 
verloren. / 

Auf der andemi Seite isl er genati wie die iibrigeni natio- 
naleri Kapitalisihen von der Vcrscharfung der Konkurrenz- 
kampfe um die Weltmarkte stark betroffen worden; es sind 
keine neiien Koloniein mehr zu verteilen, in den alten' regt sich 
immer mehr die nationale Bcwegimg, Sowjetrufiland baut sich 
auf der Basis seines AuBenhanidelsmoaopols eine eigne 
Schwerindustrie auf, und das Gewimmel der durchi den 
Versailler Vertrag neu geschaffcnen europaischen Staaten be- 
ginnt hinter hohen SchutzzoUmaiuem eine eigne Industrie zu 
orgamsieren. Die Antwort d'er entscheidenden kapitalistischen 
Staaten. auf diese Verscharfunig der Konkurrenzkampfe — und 
auch hier machen die USA keine Ausnahme mehr — istf eine 
Verscharfung des Tempos dcr Rationalisierung, Wenn die Welt- 
markte schon nicht wuchsen, wollte jeder einzelne Staat doch 
einen moglickst groBen Anteil des Weltexports an sich rciBeii> 
Und grade der Kapitalismus dier USA suchte einen Teil der 
veriorenem Biimenkaufkraft durch Forderung seiner Exporte 
wieder zu gewinnen. Daher die auBerordentfich stark e Ratio- 
nalisierung in der KoiijunkturcjKJche. Aber was war die Folge? 
Bereits 1928, also noch vor der Kris e, betrug die amerikanische 
Arbeitslosigkeit etwa vier Millionen. Da im Gegensatz zu 
friiher die Arbeitslosen nicht mehr aufs Land' abwandem 
konnten, ja infolgc der Agrarkrise noch dazu Abwanderungen 
in die Stadte eintraten, druckten die amerikanischen Arbeits- 
losen schon wahrend der Konjunktur auf den Lohn, so daB die 
Lohnsumme der amerikanischeni Arbeiterschaft zwischen 1926 
und 1928 nnr minimal gestiegen, in vielen Fallen sogar zuriick- 
gegangen ist. Die Krise, die etwa 1929 in den USA eintrat, 
sckloB also, genau wie in Europa, nicht mehr eine eindeutige 
Aufsliegsepoche ab sondem eine Konjunktiir, in der die Lohne 
kaum mehr gestiegen, die Arbeitslosenzahlen bereits stark ge- 
wachiSen warcn. 

In der Krise hat sich diese ,„Europaisieruttg" weiter fort- 
gesetzt. Wenn man die einzclincn amerikanischen Wirtschafts- 
kurven mit den analogen Ktu-ven Deutschlands und Englands 
vcrgleicht, wird man zuiweilen durch die frappierende Ahnlich- 
keit iiberrascht Beriicksichtigt man die Verschiedenheit der 
abspluten Bevolkerimgsziffem, so ist heute die Arbeitslosigkeit 
im USA;ungefahr so groB wie in Deutschland, das gesamte Ein- 
kommen derj Arbeiterschaft hat sich ahnlich wie in Deutsch- 
land ungefahr halbiert Hier wie dort hat sich die Rationali- 
sierung nicht auf das Arbeilcrdasiein beschrankt sondem auch 
eine ungeheure Erwerbslosigkeit imter den Angestellten hervor- 
gerufen, Deren Zahl ist dort wie bei uns groBer als die Ge^ 
samtzahl der Arbeitslosem frtiherer Krisen. Hier wie dort ist 
die Ind;ustriekrise von einer auSerordentlichen Agrarkrise be- 
^leitet— nut, daB diese in Deaitschland durch die jahrzehnte- 

108 



iamgc Unterstiitziung untdi Subventionicrung dcs GroBgrund- 
besitzcs noch bctrachtlicKcrc Dimension en aufweist. 

Natiirlich bestehen trotz dics^n Tenidenzen zur Europaisie- 
rung H'och wesentliche Diffcrenzen zwischen den USA und 
Deutschland. Der ameiikanischc Kapitalismtis ist gesiimder in die 
Krise geganigen^ 'Hooven, dier in der Prosperity gewahlt wurdei 
vcrsuchte mit alien staatlichen Mittcln, dicse Prosperity wicder 
zu organisieren; Grade in den USA wurde lauge vor tuns erklart, 
der Staat solle^ eingrcifen, er solle die Arbieitslosigkeit be- 
scitigen. Ja^ wemn er niur konnte. Seit Beginn der Krise soil 
der Staat eingreifen, soil er die Arbeitslosigkeit beiSieitigen, 
Aber der Staat ist ein kapitalistischer Staat. Und in der 
sciiarfsten Krise, die dien Kapitalismus bisber bctroffen hat, 
karni^ audi der kapitalistischc Staat nicht bessernd eingreifem 

In einem Aulsatz des .Hambiurgjer WirtschaftsdieniSts* 
,, Krise der Arbeitsbeschiaffiumg in den Vereinigten Staaten" 
heiBt es; 

Als der heutigc Prasident Hoov«r zur Zeit Coolidgcs das Amt 
eines Sekretars des Handelsamtes verwaltete, undi als solcher sich um 
den Prasident«nposten bewarb, gait Hoover als der Garant eines fort- 
gesetzten wirtschaftlicheu Auf&tiegs, Hoover hatte das Ungltickr, dafi 
noch nicht acht Monate seiner Amtszeit als Prasident der Vereinigten 
Staaten verstrichen waren, als die Krise im Oktober 19(29 den Anfang 
nahm. Dadurch wurde Hoovers Regierungsaufgabe grofitcnteils aus- 
gefiillt durch das Bemiihen um die Krisenbekampfung, Zu dlesem 
personlichen Mifigeschick kommt hinzUf daB Hoover im Dezember 
19312 dem KongreB ein Wirtschaftsprogramm vorgelegt hat, das einer 
weitgehenden Verurteilung der eignen bisherigen Grundsatze der 
Krisenbekampfung gleichkommt. Ganz im Gegensatz zum Inhalt der 
wirtschaftspolitischeix Vorschlage der Vorjahrc entscheidet sich Hoover 
in der KongrcBbotschaft vom 6. Dezember 1932 gegen Arbeits- 
beschaffung mxd fur den Vorrang der Aufgabe, das Gleichgewicht im 
Haushalt herzustellen. Wahrend bis zur Griindung dier Reconstruction 
Finance Corporation der President eine ausgesprochen expansive Be- 
kampfung der Krise vorgeschlagjen hatte, tritt er heute fiir eine aus- 
gesprochen resttriktivc Methode der Krisienbekampfimg (zumindest, so- 
weit diese den Staatshausihalt hetrifft) ein. Im Budget ist diesmal 
nur die Fertigstellung der offentlichen Bauarbeiten vorgesehen, soweit 
dicse bereits begonnen oder vcrtraglich festgclcgt sdnd. „Die Be- 
schleunigung der offentlichen Arbeiten wahrend der letzten vier Jahre 
zum Zwccke der Arbeitsbeschaffun^ hat zahlreichc Einrichtungen bis 
zu einem Punktc gefordert, wo eine weitere Ausdehnung dicser Ein- 
richtungen weder fur die Regierung noch fiir das| Volk nutzlich sein 
kann.** Dieser Feststelltmg in der KongrcBbotschaft fiigt Hoover nur 
die Empfehlung bei; „Als ein Mittel zur Bekampfung der Arbcits- 
losigkcit soUten wir auOerhalb des normalcn Bauprogramms die Her- 
stelluhg rcproduktiver oder sogenannter selbstrentierendcr Bauwerkc 
vomehmen." 

Was bcdcutct das? Der Kapitalismtis der USA ist fnoch 
heute der reichstc der Welt. Fiir das Arbeitsbesohaflungs- 
programm koimte Hoover riesenhafte Kapitalieni verwenden. 
Aber es zeigte sich bald folgcndes; Wenn Arbeitem wahrend 
der Krise unter privatkapitalistischen Gesacbtspunikten 
rentabel waren, damn wrurdent sie auch vom Pri vatkapi talis mus 
ausgefiihrt, d!ann brachtem si-e ja, Profit ein, Nur daJHi, wenn 
sic absoliit unrcntabel wareni, liberlieB sie der Privatkapitalis- 
mus dem! Staat. D&im belastcten sie aber das Budget immer 

109 



mehr, und so gab -cs fur Hoover wie iiir jede kapitalistische 
Regierung mir die Walil zwischen zwei Moglichkeiten: das 
olfentliche Ax^eitsbeschaiffiuigsprogramm aufzugcben be- 
ziehtuiiigsweise bis auf ein Minimum einzuscliraiiken, odcr so- 
lange Kredit zu gcben^ bis eine Kreditinilation eintrat. Dies en 
letzten Weg ist mani natiirlich nicht gcgangen, anid daher hat 
das Bcschaffimigsprogramm an den gigantischen Zahlen dcr 
amerikajniischen Arbeitslosigkeit nicht s andern konnen. 

Die Erfahrungen mit diescm Programm sind nicht im- 
wcsentlich fiir Deutschland, wo man heoite wieder Illusionen 
iiber die Wirkuingen offentlicher Arbcitsbeschaflunig zu er- 
wccken versucht. 

In der ofientlichen Arbeitsbeschaffung ist Amterika 
Deutschland vorausgegan^en; dagegen gibt es bis hieute driiben 
keine lamtlicke Arbeitslosenunterstiitzung, Es entbehrt nun 
nicht der Pikanterie, diaB znr gleichen Zeit, wo Papen seine 
Attacke gegen den Wohlfahrtsstaat ritt, in USA die Fragc der 
offentlichen Arbeitslosemintjerstxitzimg imimer starker ventiliert 
wurde< Und mancherlei Anzeichen deuten darauf bin, daB der 
amerikanische Staat sehr bald ein WoWfahrtsstaat im Sinne 
Papcns wird. Die Griinde sind kian Nach den Wort en eincs 
deutschen GroBinidustriellen ist die Arbeitslosenversichcrung 
noch immer die billigste Risikopramic gegen revolutioniare Um- 
walzunigien; lunid der von Hoover eingesetzte Forschungs- 
ajusschuO fiir soziale Probleme erklart in seinem Beridht unter 
anderm^ daB in den Vereinigten Staaten revoliutionare Mog- 
lichkieiten, MagiUchkeiten eines gewaltsamen Umsturzes be- 
stehen, wenn nicht sehr schnell die brennendsten sozialcn 
Proibleme befriedigend gelost wiirden. 

In USA spiirt linan bis tief in die biirgcrlichen Kreise hin- 
ein, daB der Kllassenkanipf nicht mehr eine europaische An- 
gelegenheit ist, daB er sich zwtangslaufig aus der okonomischen 
Situation ergibt. In den fiir das zwanzigste Jahrhundert ent- 
scheidenden Fragen ist die Europaisierung also bereits weit 
fortgeschritten. 



Wochenschau des RQckschritts 

— AIs Nationalsozialisten eine berliner KPD-Versammlung zu 
sprengen versuchten, hob dcr anwesendd PoHzeioffizier die Versamm- 
lung auf. 

— Die Premiere des Films „Madchen in Uniform" wurde in^ 
Italien verboten. 

Wochenschau des Fortschritts 

— An der Beerdigung eines vor kurzem von dcr SA ermordeten 
breslauer sozialistischen Arbeiters nahmcn Angehorige dcr Eisemen 
Front, der SPD, dcr SAP und der KPD teil; je ein Vertreter dicscr 
Organisationen sprach am Grabe des Ermordeten. 

— Durch das Zusammengchen zwischen SPD und KPD wurde in 
Leipzig ein Sozialdemokrat zum Prasidcntcn des Stadtparlaments gc- 
wahlt; auf die gleiche Weise kam in Pirna ein rein kommunistischcs 
Prasidium zustande. 

110 



Bemerkttngen 



Katalonien ohne PoHtik 

D evolution in Barcelona! Tote 
■^^ und Verwuhdete. Die Guardia 
Civil, das Militar, die Syndika- 
listeh, die Anarchisten . . . Von 
hier aus und durch die Spalten 
der mitteleuropaischen Zeitungen 
gesehen, muB man annehmen, der 
Teufel sei los und gaxLz Katalonien 
in Aufruhr. Wie aber sieht so 
etwas im Land aus, in einem klei- 
nen katalonischen Stadtchen, 
Badeort, neunzig Kilometer von 
Barcelona entfernt? 

Ungefahr so; Unter einem strah- 
lendblauen Mittclmeerhimmel sit- 
zen am Strand in der herrlichsten 
Landschaft der Welt die Fischer 
tind ruhen sich von der Fruh- 
morgenarbeit aus. Sie sind um 
drei Uhr aufgestanden, um ihre 
Netze einzuholen und die Fische 
auf den Markt zUj bringen. Die 
deutschen Badegaste, die aus 
ihrer vier Tage alten, deutschen 
Zcitung wissen, dafi in Barcelona 
i,etwasi Jos" war, mochten crfah- 
ren, was die Eingcborenen dazu 
meincn. Fortunate, Tintenfisch- 
und Sardinenf anger, begeisterter 
Katalane und guter spanischer 
Republikaner streitet mit Antonio, 
dem Kiistenwachsoldat, der aus 
Madrid stammt. Die Auseinandcr- 
setzung erschopft sich in Worten, 
Worten, Worten. Forttmato ist 
durchaus gliicklich dariiber, daB 
er reden kann und daB ihm je- 
mand zuhort. Und Antonio ist 
froh, daB er hier, wo nichts Ips 
ist, Kiistendienst hat, den er in 
Leinensandalen und, bei Regen, 
mit einem Schirm bcwalfnet 
macht, Nur „nix guerra", um 
Gottesi Willen nicht. Dabei stammt 
er aus einer kriegerischen Fa- 
milie: sein Vater ist aktiver 
General. 

Ob nicht jemand eine spanische 
Zeitung hat? Doch, der Schnei- 
der, der gleichzeitig Friedensrich- 
ter ist und auBerdem franzosisch 
sprechen soil. Er ist ein Jahr in 
Perpignan gewesen. Nun, was sein 
Franzosisch anbetrifft,, so ist es 
schlechter als unser Spanisch, 
aber eine Zeitimg hat er wirklich. 
Irgend etwas iiber die sozialen 



Zusammenhange der Unruhen 
st«ht nicht darin. VicUeicht weiS 
der Postdirektor? 

Wieso Postdirektor? Die Post, 
die taglich nur eine Stutlde, abends 
zwischen sieben und acht, ge- 
offnet ist, untersteht einer sehr 
hiibschen jimgen Spanierin. Was- 
sage ich? Untersteht? Sie gehort 
ihr ganz und gar. Sie ist Postvor- 
steher, Schalterbeamter undBricf- 
trager, alles in eigner Person. Sic 
erhali ftir jeden Brief, den sie 
ausliefert, funf Centimos Trink- 
geld. Sollte man das nicht wis- 
sen, braucht man sich nicht zu 
wundcm, wenn zimachst uber- 
haupt keine Post ankommt. 
Um sie in ein langeres Ge- 
sprach zu verwickcln — man 
hofft, sie zur Verletzung des 
Postgeheimnisses zu bringen, denn 
sie hat Ja doch wahrscheinlich 
Telegramme und Telephonate aus 
Barcelona angenommen — vcr- 
langt man von ihr zunachst ein 
paar Marken. Nein, Marken hat 
sic nicht zu vcrkaufcn, die gibt es 
nur im Tabakladcn. Aber der ist 
um diesc Zeit geschlossen. So. 
Aber, viellcicht ware sie so gut, 
eine Drucksache zu wiegen und zu 
sagcn, wieviel Porto sie kostet, Es 
tut ihr furchtbar Icid, eine Brief- 
wage habe sie nicht, da brauche 
man nur zum Apothcker zu gehen, 
der sei sehr liebenswiirdig. Wie 
das mit dcm Telcphonieren sei, ob 
man lange auf AnschluB nach 
Barcelona wartcn miiase? Das 
konne sie nicht sagen, denn „das" 
Telephon sei ebenfalls im Tabak- 
ladcn. Oder ob cs billigcr sei, zu 
telegraphieren? Das wissc sie lei- 
der auch nicht. Denn Telegramme 
miisse man bei einem besondercn 
Amt aufgcben. 

Obwohl ja nun eigentlich der 
Zweck meines Besuches vcrfchlt 
ist, und obwohl ich — leader — 
auch gar keine Geldsendung zu 
erwarten habe, frage ich, ob nicht 
vielleicht eine solchc fur mich an- 
gekommen sei. Ja, das sei sogar 
sehr wohl moglich, meinte sie, nur 
nicht bei ihr. Wenn, wiel ich be- 
hauptete, die Bank in Madrid mir 
etwas iiberweisen wollte, so ware 

111 



das jedenfalls beim Fris«ur ein- 
gegangen, der s«i namlich der Bc- 
vollmaohtigte der Bank. Friseurl 
Wie fein! Das war doch gewiB 
ein Gesprachsstoff fiir die schone 
Postmeisterin. Ob dieser Friseur 
auch ihrcn gutg-eschnittencn Bubi- 
kopf , , .? Neia, Das Haarschneiden 
besor^e einc Nonne. Und jctzt 
wurdc sie endlich lebhaft und 
intcressiert am offentlichen Lcben. 
Ob sic das aicht sehr gut gemacht 
habe, die Nonnc? Und heute 
abend sei Tanz im „Casino*', Und 
es miissc sich ja nun bald ent- 
scheidcn, ob der Kolonialwaren- 
handler, der zwar schon zweimal 
Witwer, aber einc schr gute Par- 
tie sei, sie heiraten werde oder 
nicht . . . 

Ich sah ein, daB diese Entschei- 
dung fiir ihr pcrsonliches Gliick 
vicl wichtiger war als die hohe 
Politik in Barcelona, beschlofi 
aber der Einfachheit halber gleich 
dorthin zu fahrcn. Hier wurde 
man ja doch nichts erfahrcn, und 
neunzig 'Kilometer ist ja nicht 
wcit. Gar nicht weit. JawohL Nur 
funf Stundcn Postauto- und 
Bahnfahrt braucht man fiir diese 
neunzig Kilometer. Wozu die 
Eile? Wir sind allc infiziert vom 
amerikanischen Tempo und der 
jiidischen Hast! Wir mochten am 
liebsten alles vorgestern schon 
wissen. ..iMaftana" ist , das Lieb- 
lingswort des Spaniers: „Morgen"- 
Unannehmlichkeiten crfahrt man 
morgen immcr noch friih genug. 
Gl'iickliches Land ohne Politik. 
Johannes Buckler 

Der Dyk-Skandal 

A rbcitsgcricht. Vor einem Pult 
** steht ein fristlos entlasscner 
Vorkampfer christlichcn Deutsch- 
tums, cr ficht zah, ohne Beweis- 
mittcl und hoffentlich ohne Er- 
folg. Gern gcbraucht er das Wort 
jtdeutschstammisch", vcrwechsclt 
aber die Zugchorigkeit zum dcut- 
schen Stamm mit dem Bcsitz deut- 
scher Staatsbtirgerschaft, worauf 
ihn der Richtcr Wawretzko, - ein 
nationaler deutscher Mann,, aus- 
fuhrlich iiber die verschiedenen 
von Italienern, Belgiern, Tsche- 
chen und Polen unterdriickten 
deutschen Gruppen belehrt, Der 

112 



Mann deutschen Stammes, der das 
nicht so genau weiB, heiBt Doktor 
Alexander Hirsch und sicht trotz 
zerhacktem Schadel auch so aus. 
Gegen ihn verteidigt sich Salomon 
Dyk, ein Agronom von Rang, Ge- 
schaftsfiihrer der Gemeinnutzigen 
Siedlungs - T^cuhandgescUschaft. 
Als der Richter ihn nach seiner 
polnischen Staatsangehorigkeit 
fragt, antwortet er: „Galizischer 
Jude bin ich auch." 

Dafi ein Angestellter, dem ge- 
kundigt wird, „auspackt", kommt 
oft vor. In diesem Fall schrieb cr 
am 12. August vorigen Jahrcs — - 
cinen Tag, bcvor Hitlers Eintritt 
in die Regicrimg scheitertc — an 
den Vorsitzenden des Aufsichts- 
rats cinen langen Brief, der offcn* 
bar spater vcroffentlicht werden 
oder mindcstens fiir einc Unter- 
suchung der Auf sicht sbehorde als 
Unterlagc dicnen sollte. Bestech- 
lichkcit und MiBwirtschaft waren 
darin die geringcren Vorwiirfe 
gegen Dyk, dessen Bruder und 
den zweiten Gcschaftsfiihrer der 
Gesellschaft; da der preufiische 
Staat die Majoritat der Anteile 
besitzt, muBte der kraftige Hin- 
weis darauf, daB die beiden Brii- 
dcr Dyk mchrfach das Deutsch- 
tum geschadigt und Auslandem 
Vorteile zugeschanzt batten, auf 
die kommissarischc PrcuBcnregie- 
rung noch groficrn Eindruck 
machcn. Der Brief war einc 
Kriegserklarung. Teils dieserhalb, 
teils auBerdem warf die Sied- 
lungsgcsellschaft den Gekiindigtcn 
nun fristlos heraus. Lief cr zum 
Staatsanwalt? Das hatte er nicht 
notig, da ein freundlichcs Arbeits- 
gericht ihm die ungcwohnliche 
Moglichkeit hot, cinen umfang- 
reichcn Wahrhcitsbeweis zu ver- 
suchcn und dabei die schweren 
Anschuldigungen gegen Salomon 
Dyk, der an dieser Stellc nicht 
einmal durch einen Rechtsanwalt 
geschiitzt werden darf, vor den 
eifrig mitschreibenden Jour- 
nalisten vorzubringen. 

Das Arbeitsgericht hat den An- 
gcstellten vor der Willkiir des 
Chefs zu schiitzen, und dabci hat 
es unsre Sympathie. Kann es cnt- 
schciden, ob sich untcr viclen 
hundert deutschen Siedlern einer 



befinden darf, der noch vor cin 
paar Jahren die polnische Staats- 
angchorigkeit besafi? 1st es fiir 
die Nationalitatenpolitik im Sied- 
lungswesen zustandig? ^ Darf cs 
sich in cinen strafrechtUchen Un- 
tcrsuchungsausschuB verwandeln 
und priifcn, ob in einer Gesell- 
scbaft mit einer Million Kapital 
allcs mit rechten Dingen zuge- 
gangen ist? In den paar Stunden, 
die ich der Verhandlung zuhortc, 
gewann ich die Uberzeugutig: ein 
deutscher Richter kann alles. 

Der ProzcB um ein paar hun- 
dcrt Mark eines entlassenen An- 
gestellten bot die Gclegenh-eit zu 
einem politischen VorstoB gegen 
die abgesetzte PrcuBenregierung 
Otto Braun, die einem Poleni gc- 
stattet hatte, seine bedeutenden 
tind iiberall ancrkannten Kennt- 
nisse fiir die Ansiedlung ^ deut- 
scher Bauern und Landarbeiter in 
der Mark Brandenburg zur Ver- 
ftigung zu stellen. Er schuf auch 
der Pogromstimmung gegen die 
unter uns lebenden Polen ein 
Ventil. So erklart sich die Laut- 
starkc des Echos, das die diirfti- 
gen „Enthullungen" un Gerichts- 
saal im schonen deutschen Blat- 
terwald gefundcn haben. Nun ist 
die Jagd auf einen polnischen Ju- 
den, der scit seinem zwolften Jahr 
in Deutschland lebt, als Oester- 
reicher gcboren wurde und in 
d«utschcu Staatsdiensten vicl ge- 
leistet hat, gewiB ein Vergniigen, 
dem man sich, heute gern ohne 
Habere Begriindung hingibt. Dyk 
hat teils aus Schlamperci, tcils in 
der sentimental-stolzen Absicht, 
spater seine Einbiirgerung nicht 
nicht zu erbittcn sondem fiir 
seine bedeutenden Leistungen zu 
fordern, um die deutsche Staats- 
biirgerschaft erst vor einigen 
Wochen nachgesucht. Die Jagd 
auf den Polen bringt einer be- 
stimmten Schicht Nutzen, Wem? 
Geraten. Die Junker konnen 
Salomon Dyk nicht leiden; seine 
Siedlungstatigkeit, durch die die 
Richtigkeit Franz Oppenheimers 
agrarpolitischer Forderungen ex- 
pierimentell bewiesen werden soil, 
nennen sie Agrarbolschewismus. 
Und so taucht hinter der) Polen- 
hetze, der Judenhetze und dem 
Angestelltenstunk ein uns langst 



vcrtrautes Gesicht auf; der 
deutsche Rittergutsbesitzer wahrt 
sein „Recht", 

Als Dyk Endc 1919, Anfang 
1920 mit seiner Siedlungsarbeit 
begann, soUtc er von PreuBen funf 
Domanen bekommen. Warmboldt 
der damalsi die Angelegenheit im 
Landwirtschaftsministerium be- 
arbeitete, gab ihm nur eine. Von 
Anfang an machtcn ihm die Jun- 
ker das Leben schwer. Nach Op- 
penheimers Plan soil der GroB- 
grundbesitz nicht in viele kleine 
Bauernparzellen zcrschlagen son- 
dem zum Teil erhalten und unter 
Gewinubeteiligung der Landarbei- 
ter in Zusammenarbeit mit den am 
Rand des Gutes angesiedelten 
Bauern rentabel, gemacht werden. 
Ob das richtig ist oder nicht, kann 
hier nicht nebenbei entschieden 
werden. Gliickt jedoch das Ex- 
periment Oppenheimers: und Dyks 
im Kleinen, so ware dadurch be- 
wiesen, daB man groBe Giiter 
besser ohne Junker als mit ihnen 
bewirtschaften kann. Die Herrcn 
vom Landbund werden daher 
wahrscheinlich nicht ruhen, bis sie 
die Siedlungs-Treuhandgesiellschaft 
zu Fall od«r in ihre Hande ge- 
bracht haben, Der erste, agitato- 
rische VorstoB scheint zu mifi- 
gliickcn. Der Aufsichtsrat, in derii 
PreuBen trotz seiner hohercn An- 
tcilc nur iiber ein Drittel der 
Stimmen verfiigt, hat den Ge- 
schaftsfiihrer Salomon Dyk nicht 
abberufen, well sein' Vertrag bis 
1940 lauft. Nun hat die Regierung 
eine Kreditsperre uber die Gesell- 
schaft verhangt, Sie will sie zu- 
grunderichten und dann die 
Masse billig ubernehmen, natiir- 
lich ohne Dyk. Wenn immer von 
einer Affarc Dyk gesprochen 
wird — wesiscn Skandal ist es 
cigentlich? ' 

Hermann Budzislawski 

Das Buch unsrer Schuld 

Am IS. Juni 1927. Sitzung im 
** Feme-UntersuchungsausschuB 
des Reichstags (so etwas gab es 
mall). Zeuge; Herr Oberst 
V. Schleicher, Verhandlungsgegen- 
stand: Wo sind die Akten iiber 
die Schwarze Reichswehr ge- 
blieben? 

113 



Der Zeuge macht wohlvorbe- 
r«itete, wohlabgewogene Ausfiih- 
rungen im verbindlichea Ton des 
Biedcrmanncs, der nichts verber- 
gen will, well — so soil es schei- 
nen — nichts zu verbergen ist. 
Der Vorsitzende stellt ein paar 
Fragen; recbt belangloser Natur, 
m«hr tun das Gesicht zu wahren. 
Einmal kann der Zeuge nicht 
antworten; „Wann ist das ge- 
wcsen?" — „Das miifite ich erst 
einmal feststellen. Ich babe, 
glaube ich, die Akten dartiber 
nicht bier.'* 

Da erklingt eine andrc Stimme: 
„Im Marz 1923/* Der Abgeord- 
netc Paul Levi greift ein. Er 
braucht nicht nervos in Akten zu 
blattern, er beherrscht diese 
Materie wie kein Zweiter in 
Deutschland. Noch eine Frage 
des Vorsitzendcn, noch eine Ant- 
wort des Zeugen; „Die Verneh- 
mungen sind aber selbstverstand- 
lich auch in den Akten des da- 
maligen RoBbach-Prozesses," Wie- 
der diese Stimme, rubig und be- 
stimmt: MNein." Vorhin drei 
Worte, , j etzt eins. Nicht eine 
Silbe zuviel. 

Und dann gibt es in dieser 
Verhandlung keinen Vorsitzenden 
mehr und keine sonstigen Aus- 
schuBmitglieder, Es gibt nur noch 
diesen sozialistischen Abgeord- 
neten, der Deutschlands kliigster 
politischer Anwalt ist, und den 
Zeugen Schleicher, der schon da- 
mals alle Faden der deutschen 
Wehnnachtpolitik in der Hand 
hat, Es folgt ein Duell in den 
elegantesten Formen; es endet 
damit, daB die Widerspriiche, die 
Unwahrheiten in den Auskiinften 
des Reichswehrministeriums ans 
Tageslicht kommen. Die machtige 
Generalsklique wird besiegt, so- 
weit das mit den Waffen des 
Geistes mbglich ist. Als Schlei- 
cher, sonst alien Situationen ge- 
wachsen, die Tiir des Sitzungs- 
saales hinter sich schlieBt, ist er 
leichenblafi. 

Das ist eine Szene aus dem so- 
cben erschienenen Buche von 
Kurt Caro und Walter Oehme; 
,,Schleichers Aufstieg" (Ernst Ro- 
wohlt-Verlag; kart. 4,80) , Der 
Titel gibt keine rechte Vorstel- 

114 



lung von der Bedeutung dieser 
Arbeit, Sie ist mehr als etwa 
eine Biographie einer noch so> 
wichtigen Personlichkeit, Sie ist, 
wie der Untertitel sagt, „ein Bei- 
trag zur Geschichte der deutschen 
Gegenrevolution" — und zwar ein 
hochst wertvollerf Eine Darstel- 
limg des Anteils der Militars am 
Siegeszug der deutschen Gegen- 
revolution, eine Geschichte der 
deutschen Reichs-wehr vom No- 
vember 1918 bis zum November 
1932, 

Wievielcs wird da . wieder le- 
bendig, wievieles wird erst i?tzt 
ins richtige Licht geruckt I Die 
Verbindung zwischen kaiserlicher 
Heeresleitung und sozialdemokra- 
tischen VolksbeauiEtragten gleich 
nach dem Umsturz — die poli- 
tische Hilflosigkeit der Arbeiter- 
und Soldatenrate — die Zeit der 
Freikorps und des Reichswehr- 
ministers Noske — der Kapp- 
Putsch — die langen Jahre des 
Regimes GeBler — 1923 und der 
heroische, weitsichtige Kampf 
Zeigners gegen die Schwarze 
Reichswehr — so geht es weiter 
bis in unsre herrliche Gegenwart. 
Eine Fiille von Material, gut aus- 
gewahlt, liberzeugend geordnet. 
Ein packendes, dramatisches, ein 
im bestcn Sinne politisches Buch. 

Manches kann man anders 
sehen als die Verfasser, Ich 
glaube, dafi sie irren, wenn sie 
der Schwarzcn Reichswehr, dem 
Grenzschutz und den andern An- 
hangseln der Wehrmacht nur 
innenpolitische, konterrevolutio- 
nare Bedeutung zuschreiben. Man 
darf nicht iibersehen, daB dies 
alles auch Faktoren in der Vor- 
bereitung neuer imperialistischer 
Bestrebungen waren, Ich meine 
auch, dafi man die wirtschaft- 
lichen Grundlagen nicht so un- 
erwahnt lassen darf, wie es die 
Verfasser gctan haben. 

Trotz dieser Einwande: Dieses 
Buch geschrieben zu haben, diese 
so entscheidend wichtigen Pro- 
bleme so mutig und so klug dar- 
gestellt zu haben, ist in hochstem 
MaBes verdienstvolL Dieses Buch 
zeigt, warum alles so gekommen 
ist, so kommen muBte, es ver- 
anlaBt uns einmal tiber das andre 



zu der Erkcnntnis; ..Nostra culpa, 
nostra maxima culpa!", Je mehr 
die Lehren dieses Buches AUge- 
mcingut werden, um so grofier 
ist die Aussicht, dafi wir bei der 
nachsten Gelegenheit anders, 
kliiger, erfolgreicher handeln! 

Walter Fabian 

Stafetten-Qesprftch 

Cinen Stierkampf der Geister 
•*-* durfte man crhoffen, als die 
„Gescllschaft fiir Deutsches 
Schrifttum" ein MStrcitgesprach" 
zwischen dem revolutionaren Na- 
tionalisiten Friedxich Hielscher, 
dem Protestanten Gtinther Dehn 
und dem Katholikcn Erich Przy- 
wara ankiindigte. Denn Hielscher 
hatte das Zeug dazu, die Herren 
von der Religion ausi ihrer form- 
vollen Ruhe zu kitzeln; bose, kalt 
und scharf, ein nackter Spitzkopf, 
aber zupackcnd, gebildet, intelli- 
gent — ein geistiger GenuB erstea 
Ranges. Sehr pragnant und) wit- 
zig, wo er ablehnt, und von einer 
zankischen Unduldsamkeit, ^f^o er 
bejaht. Ein Reich der Seelef will 
er. Deutscher is-t man nicht durch 
Rasse oder Abstammung son- 
dern durch eine bestimmte Denk- 
weise. Auch Chinesen und Ne- 
ger angenehm. Was fur cine Denk- 
w«ise? Der Bau, den Hielscher 
auffiihren will, ahnelt dem Vol- 
kerschlachtdenkmal. Recken un- 
ter! sich. Eine Art Kasernenhof- 
sozialismuSf der die Menschen 
schon gerecht zu behandeln 
glaubt, wenn er sie allc mitein- 
ander in Reih und Glied aus- 
richtet. 

Die Aussicht auf ein Streil- 
gesprach hatte den Saal bis auf 
den letzten Platz gefullt. Das 
Publikum etwa einer Wagnerauf- 
fiihruug im Abonnemcnt. Haus- 
frauen in Begleitung ihrer Ehe- 
manner, baimilange Studenten mit 
aneckenden Ellenbogen, kurze 
Madchen mit Notizbuch und un- 
bekiimmertem Bus€n — zuverlas- 
sige, aufmerksame, spiefibiirger- 
liche Zuhorcr. Aber nicht drei 
Kanzeln waren aufgebaut sondern 
nur eine, und die Veranstalter 
hielten sich an das Rezept aus 
Morgensterns Turmuhren-Gedicht; 
„Warum nicht auch die Volker 
hintereinander statt widereinan- 



der schlagen". Vortrage nach 
Manuskript, statt des Mutes zu 
impTOvisierter, lebendiger Ausein- 
andersetzung. Mit einem humani- 
stischen Feuerwerk griechischer 
und lateinischer Vokabeln be- 
leuchtete der kleine, schmale Je- 
suit den wenig aktuellch Begriff 
des Gottes-reiches. Daneben weich- 
licher und unbestimmter der pro- 
testantische Professor. Welch 
eine Zeit, die einen solchen 
— nach diesem Vortrag zu ur- 
teilen — friedlichen Phrasen- 
drescher auf der Tenne des Her- 
ren als Aufriihrer vom Kollegpult 
trieb! 

Was das Thema „Reich und, 
Kreuz" anlangt, so konnte die 
Auseinandcrsetzung zwischen einer 
mittelalterlichen Utopie und 
einem mittelalterlichen Symbol 
auch im besten Fall nicht sehr 
fesselnd werden. Immerhin zeigte 
sich das Publikum beunruhigt 
durch die Frage, oh das „Reich", 
das esi ni© geben wird, mit oder 
ohne den lieben Gott zu errich- 
ten sei, Dehn kennzeichnete Hiel- 
schers Gleichsetzung von Staat 
\md Gott nxit Recht als verkappte 
Gottlosigkeit. Er forderte, dafi der 
Staat insPrivatlebendesEinzelnen 
nicht eingreife, offenbar nicht aus 
Liberalismus, sondern wohl, well 
er dies Privatleben der Kirchen- 
praxisi zu reserviercn wiinscht. 
Die Herren teilen einen Besitz, 
der nicht ihr Eigentum ist, Hiel- 
scher vertrat einen Standpunkt 
ganzlicher Amoralitat im Dienste 
eines egoistischen Deutschtums, 
Die Heiligkeit, von der er gern 
spricht, ist im Grunde kedne 
andre, als die der Zweck dem 
Mittel verleiht, Wast existiert, ist 
eo ipso gut; der Kampf wird als 
notwendigc Grundbedingung alles 
Daseins akzeptiert; ubi patria, ibi 
bene und: wright or wrong — my 
country. Der Hohenfriedberger 
Marsch sei mit der Heilsbotschaft 
von Bethlehem nicht zu vereinen. 
Das sind klare Worte, an die 
man sich halten kann. 

Als nachste Veranstaltung ist 
cine Auseinandersctzung mit den 
Kommunistcn angekiindigt. Man 
mufi dringend wunschen, dafi die 
Volker • diesmal widereinander 

115 



streiten. Es besteht ein HeiBhun- 
ger nach solchen Diskussionen. 
Be^rtiBenswert, dafi sich, jenseits 
von Bxerseidel- und Taschenmcs- 
serdisputen, eine Aussprache zwi- 
schen den Gegnern anbahnt. 
Kampf ist erst moglich,- wo die 
Streiter aufeinandertreffen. Und 
so darf man sich iiber und auf 
solch Zusammentreffen mit den 
Worten des Clowns Charles Rivel 
freuen; ,,Eme Briicke — schooon!" 
Rudolf Arnheim 

Neues vom Kaffee 

r^er Nationale Kaffeerat in Bra- 
*^ silien kommt aus den Sorgen 
nicht heraus uiul ist darin ein 
verkleinertcs Abbild der hilf- 
losen europaischen Wirtschafts- 
beratungen in Permanenz. Alle 
bisherigen Versuche, sich des 
iibersichussigen Kaffees zu ent^ 
ledigen, haben zu kednem befrie- 
digcnden Ergebnis geftihrt. Es 
sei nur an den glanzenden Ein- 
fall' erinnert, aus Kaffee Briketts 
zu machen. Als die Briketts fer- 
tig waren, wuBten die Brasilianer 
nicht, wen und was sie damit an- 
feuern sollten. Soil man zwecks 
besserer Ausnutzung der Kaffee- 
briketts ncue Kesselanlagen cr- 
bauen? Und was mit dem Dampf 
dieser Kesselanlagen beginnen ? 
Welche Schwungrader soil er 
treiben? Und die Schwungrader: 
welche Maschinen sollen sie in 
Bewegung setzen? Und in wel- 
chen Fabriken sollen die Maschi- 
nen arbeiten? Und was sollen 
sie'erzeugen? Und wer soil das 
Erzeugte kauf en ? Lauter un- 
geloste Fragen angesichts der 
riesigen Kaffeebrikettlager. Ganz 
abgfesehen davon, dafi Brasilien 
kein Geld hat, auch nur einen 
neuen Ofen zu setzen, um Kaff ee- 
briketts zu verfeuem. Und wozu 
braucht man im tropischen Bra- 
silien Ofen? Nein, so war die 
Wirtschaft nicht anzukurbeln. 

Wills das Ungliick, daB jetzt 
dem Nationalen Kaffeerat in Bra- 
silien vora Kaffee-Forschungs- 
Institut in Sao Paolo eine inter- 
essante Entdeckung vorgelegt 
wird, wonach man die Kaffee- 
Ernte durch Anpflanzung von 
Eukalyptusbaumen ver doppel n 

kann; denn der Kaffeestrauch 

116 



wachst im Schatten doppelt so 
uppig, Und damit nicht genug, 
geben die Blatter des Eukalyp- 
tusbaumes ein besonders gutes 
Diingemittel fur die Kaffee- 
pflanze. 

Das Kaffee-Forschtmgs-Institut 
soil der Teufel holen, denkt der 
Nationale Kaffeerat in Brasilien 
und schiittet in nachtlicher Heim- 
lichkeit hunderttausend Sack 
Kaffee in den Ozean. 

Abcr diese nationalokono- 
mische KrisenmaBnahme geniigt 
nicht. Der brasilianische Kaffee- 
rat hat eine neue rettende Idee. 
Er hat herausgefunden, daB der 
Kaffee selbst ein noch besseres 
Diingemittel ist als- die Eukalyp- 
tusblatter, Laut BeschluB des 
Nationalen Kaffeerats wird aus 
den Kaffeebohnen an Stelle von 
Briketts ein organisches Diinge- 
mittel hergestellt. Das Kaffee- 
Forschungs-Institut in Sao Paolo 
soil zerspringen, 

Welch ein sinnvoUer Kreislauf: 
man macht aus Kaffeebohnen 
Diinger, damit noch mehr Kaffee 
wachst, aus dem man Dunger 
macht, damit . . . und so ins Un- 
endliche der Kaffeekrise. 

Unokonomisch ausgedruckt 

scheint es uns, daB der Nationale 
Kaffeerat in Brasilien Mist macht, 

Es ist dies eine der verbreitet- 
sten heuUgen Produktionsformen, 
und nicht nur in der brasiliani- 
schen Kaffeewirtschaft, 

An Stelle der Erfindung von 
Kaffeebriketts und Kaffeedunger 
ist eine groBe Welt -Entdeckung 
fallig, namlich, daB der Kaffee 
eigentlich zum Trinken da ist, 
Und daB es darauf ankommt, die 
Welt so einzurichten, daB die 
Leute sich wieder ein paar Tas- 
sen leisten konnen. Man hat in 
der allgcmeinen Geistesverwir- 
rung eine Kleinigkeit ubersehen: 
den Verbrauchcr. Nur darum 
diingt man mit Kaffee, um Boh- 
nen zu erzeugen, die man ver- 
feuert, um Warme zu gewinnen, 
diqj man nicht braucht, 

Aber um gerecht zu sein: der 
Nationale Kaffeerat ist nur ein 
Abfallprodukt der inteifnationa- 
Icn Ratlosigkeit. 

Hans Natonek 



Kann es dem Ehemann 
zugemutet werden? 
Cine Frau, namens Miiller, 
*-• schricb an ihren Ehemann: 
,;Mcin lieber Matz, sei verstandig 
und gonne mir den Otto N. Ich 
vcrlasse dich ja darum nicht. Es 
ist meine groBe Liebe, Deine 
Muschie (Margarete)/' 

Darauf der Mann namens Miil- 
ler: „ Liebe Margarete, nicht mehr 
Muschi, Ich denke gar nicht 
daran ,verstandig* zu sein. Du 
hast einen kleineni Vogel. Ich 
gonne dir Otto, lasse mich abcr 
scheiden, wcrde dich notfalls 
materiell sicherstellen. Max (nicht 
mehr Matz)/* 

Maxens Scheidungsklage wurde 
zugclas sen ; „Einer vcrheir ateten 
Fran", so lautetc das Urteil des 
prcufiischen Gerichts, „k6nne eine 
gro3e Liebe zu einem andern 
Mann nicht zugestanden werden. 
Sie muB entweder die groBe Liebe 
aufgeben oder die Ehe losen. Es 
kann einem Ehemann nicht zuge- 
mutet werden, damit einverstan- 
den zu sein, dafi seine Frau einen 
GcUebten hat," 

Max bekam also Recht, worauf 
Margarete Widcrkla'ge wegen der 
Beleidigung „Du hast einen klei- 
nen Vogel" erhob. In dem kleinen 
Vogel konnte das Gericht aber 
keine Beleidigung erblicken, 

Der Schriftsteller Bernstein, der 
die Handiung zum i.Traumenden 
Mund" geliefert hat, war der An- 
sicht : Z wei Manner und eine 
Frau — da bleibt nur: Ins Was- 
ser, und zwar mit der Frau. Aber 
da ist nun eine vernunftige, ehr- 
liche Berlinerin, der es ganz 
gleich ist, in welchem AusmaB die 
Literatur vom Ehebruch gelebt 
hat und was iiberbaupt die groQe 
Liebe ftir eine groBe Rolle spielt 
und daB sie ein Naturtricb ist, 
liber den die groBen Dichter und 
Menscben jeden Lebensalters sich 
den Kopf zerbrachen, und sie geht 
bin und denkt, man wird doch 
seinen eignen Mann noch fragen 
durf en und macht einen Vorscblag 
zur Gtite, den achtzig Prozent 
der Frauen und siebzij^ Prozent 
der Manner in allcr Heimlichkeit 
richtig finden. Aber dieser Max 
tragt einen dicken Kamm auf dem 



Haupt und ge,stattet nicht, Dabei 
ist es doch so, daB heute bei einer 
heimlichen Umfrage wahrschein- 
lich von hundert Mannern, die 
ihre Frauen lieben — und die mei- 
stcn Manner lieben doch ihre 
Frauen, sie trauen sich nur nicht, 
es offcntlich zuzugebcn — funfzig 
auf dem Standpunkt stehen wiir- 
den, eine lebendige Frau mit 
groBer Liebe sei ihnen lieber als 
eine tote im Wasser ohne groBe 
Liebe, Und die meisten lieBen es 
sich „zumutcn". 

Gabriel^ Tergit 

Liebe Wettbahne! 

LJier in Basel ist in einer Vor- 
'^ stadtstraBe ein ganz kleines 
Ladchen, das gehort einem alten 
Fraulein, darin verkauft sie 
Socken und baumwollene Damen- 
strtimpfe und Lcibchen und aller- 
lei brave Stricksachen. 

Weil wir nun aber die Kon- 
kurrenz der groBen Warenhauser 
haben und weil der Mittelstand 
auch leben will und weil das Lc- 
ben iiberhaupt sehr schwer ist, so 
hat sich das alte Fraulein eine 
gradezu amerikanische Reklame 
ausgedacht. 

In ihrem Schaufenster stcht, mit 
Watte umrahmt, ein Schildchen. 
Auf dem ist zu lesen: 
DAS KONNEN SIE 

AUCH BEI MIR HABEN! 

Dies wunscht Dir 

Dein treuer, aber noch nicht 
gesunder 

Peter Panier 

Weishelt aus dem Dritten Reich 

A us einer Rede d/es Pg Meyer- 
^^ Koblenz in Kreuznach; 

In Griechenland predigten die 
Juden die Frauenbefreiung, die 
Folgc war das Hetarentum, das 
Griechenland zu Fall brachte. . 

NicTit jeder Kommunist ist ein 
Verbrecher, aber jeder Verbrecher 
ist ein Kommunist. 

Die Frau braucht nicht zu wah- 
len und braucht nicht zu kamp- 
fen, sie ist mehr lyrisch ver- 
anlagt lind soil sich dieser Ver- 
anlagung entsprechend dem 
Manne wertvoll machten, dann 
kann sie ihm den Elan geben, 
den wir Manner brauchen, tun 

117 



Land und Volk wieder frei zu 
machen. So kann die deutsche 
Frau der Grundstcin der deut- 
schen Auferstehung werdcn, 

Im Aniang schuf Gott die Ras- 
seni die Klzissen hat erst der 
Fremdiiag Karl Marx geschaffen. 

Es kann ja gar nicht genug 
kostenl 

YJ^are die letzte Reichstagswahl 
** nur vier Wochen spater ge- 
wesen, wir hatten einen neuen und 
noch groBeren Erfolg errungen. 
Denn auch dieses Mai haben sich 
meine Prophezeiungen mehr als 
zu hundert Prozent erfullt. 

A. Hitler, SchriHsteller 

Frflh flbt sIch ... 

^iederscheldenhtitte, 11. Januar. 

*■ ^ Schidkinider hatten „Soldaten- 
klubs" gegriindet, Zwei dieser 
„Soldatenvereine", der „Adolf"- 
und der „Augusta"-Klub, lieferten 
sich cine rei^clrechte) Schlacht. 
Auf den Bunkeranlagen der f riihe- 



ren Hutte wurde die Schlacht 
ausgetragen. Mit Luftbtichsen, 
Steinen und Holzsaheln gingen 
die Kinder aufeinander los, Al« 
Erwachsene hinzukamen, hatte die 
Schlacht bereits zchn Venvundetc, 
zum Teil mit schweren Kopfver- 
letzungen, die von Stcinwiirfcn 
herruhrten, gefordert. Samtliche 
Verletzte mufiten sofort in arzt- 
liche Behandlung genonunen wer- 
den. 

Heche sieht durch Mauern 

T^ic Argumente, mit denen ra- 
*^ dikale Gruppen die Todes- 
strafe bekampfen^ wollen nicht 
viel bedeuten; ihre Motive sind 
durchsichtig; sie haben ein Inter- 
esse daran, dafi sie bei dem als 
Einleitung von Umsturzbewegun- 
gen iiblichen Offnen der Zucht- 
hauser bewahrte Verbrecher dort 
am Leben vorfinden. 

ProL Dr. A. £. Hoche, 
,Mo natsschrifi fur Kriminal- 
psychologie und Strahechts- 
reform\ Heft 9li0 



Hinweise der Redaktion 



Berlin 

Club der Geistesarbeiter. Dienstag 20,00. Spichernsale, Spichernstr. 3. Kontra- 

diktorische Diskussion zwischen K. A. Wittfogel, Otto Strafier und Herbert Blank; 

Kommunismus und Nationalsozialismus. 
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Oonnerstajf 20.00, Ca{£ Adier am D5nho£fplatz, 

Kommandantenstr. 84. Offentlicher Ausspracheabeod. Hans Joachim Wie^and: 

AafrUstuDg atis Angst; Hetnrich Mann: „Bekenntni8 zumUbemationalen" (Rezitation: 

Leo Menter). 
Club 1926. Freitag 20.00. Cal^ Wittelsbach, Bayrischer Plaiz2 Offentliche Diskussion: 

Wie ist ein einheitHcher Kampf gegen die Kulturreaktion moglich 7 £s sprechen: 

Elly BrQcker, Hanns-Erich Kamioski. Kurt Rosenfeld und Ernst Toller. 
Antikriegsmuseum, Parochialstr. 29. Freitag (27. 1.) 20.15: Ernst Friedrich h&lt die 

traditionelle Ex-Kaisersgeburtstagsfeier ab. 
Verein der Klinstlerinnen,, Schoneberger Ufer 38. 11.00—18.00. Sonntags 12.00-14.00: 

Ausstellung Arthur Segal. 
Kunstgruppe des Deutschen Lyzeum-Clubs, Lfltzowplatz 15. 11.00—16.00: Ausstellung 

Kathe MQnzer-Neumann. 

Dflsseldorf 

Gesellschaft zur Organisierung Sozialwissenschaftlicfaer Vortrage. Mittwoch 20.15. 
Ludwigsburg, Steinstr 40. Alfons Gotdschmidt : Reise nach Mittelasien oder 
Soziaiismus am Dach der Welt. 

Hamburg 

Weltbiihnenleser. Oonnerstag 20.30. Timpe. Grindelallee 10: Krisen und Kriseniiber- 
windung. 

Bficher 

Friedrich Wolf: Bauer Baetz. Erwin Schuler, Stuttgart (0,90). 

Riindhink 

Oiensta^t Berlin 18.30: Wir kritisieren una selbst. K. Heuser, H. Kasack und B.Nelissen- 
Haken. — Langenberg ao;00: Das Aschenseil, Herspie! von Walter Bauer. — 
Leipzig 22.00: Musik der Zeit. — Donnerstasr: Konigtwusterhausen 1800: Alfred 
Mombert liest. — Freitag: Moskau 20.00: Landwirtschafts- und Industrieplane 1933. — 
Berlin 21.15; Artur Scfanabel spielt. — Miinchjsn 21.40: Gedichte von Alexander 
Lernet-Holenia. ^ Sonnabend: Moskau 20.00: Marxismus und Leninismus. — Sonntajf t 
Moskau 20.00: Lenins Gedenktag. Montag; Moskau 20.00: Die Entwicklung der 
Landwirtschaft im Jahre 1933. 

118 



Antworten 



Professor Doktor Normano-Lewin* Dafi Sie an der beruhmtesten 
amerikanischen Universitat nationalokonomische Vorlesungen halten 
koimten, ohne die hierftir vorgeschriebenen Examina gemacht zu 
haben, spricht nicht gegen Sic, Ehcr schon, daB Sie imgeheure Mil- 
lionen erschwindelt haben, Sie meinen, ea sei ein Milderungsgrund, 
dafl man IhneA das so leicht gcmatht babe. Nach unsrcr Meinung 
nicht. Es entschuldigt Sie nicht, es belastet nur Ihre Gegenspieler. 
Wieso ist es moglich, daB man einem Mann mit unverkennbarem ost- 
judischcm Jargon ohne weiteres den PaB von Nicaragua glaubt? Wie- 
so war dies«r PaB von Nicaragua sogar echt? Stimmt es, daB Sie und 
viele andre ihn an der allein zustandigen Stelle gegen Geld bekommen 
haben mit der einzigen Verpflichtung, ihn nicht zu benutzen, um nach 
Nicaragua zu gehen? Und warum wird es einem Staatenlosen noch 
immer und iiberall so schwer gemacht, als solcher oder mit einem 
NansenpaB versehen durchzukommen? 

Reichsverband der Dentschen Presse. In dem Neujahrsartikel 
deines Verbandsorgans iiberhaufst du deinen bisherigen Geschaftsfuhrer 
Gustaf Richter mit Lobes- und Dankhymnen. In den Kreisen der Ver- 
bandsmitglieder denkt man tiber diesen Herrn vielfach recht anders. 
Man findet die Finanzwirtschaft, die er mit dem ..Haus der deutschen 
Presse** getrieben hat, keineswegs erfreulich und bedauert besonders, 
daB dadurch die Regi^rung zu finanzieller Unterstiitzung genotigt 
wurde, was weder im Interesse des Ansehens noch der Unabhangig- 
keit der Presse begruBt werdcn konnte, Man, wimdert sich auch tiber 
die etwas wcitgehende G«nerositat, mit der die Beziige des Herrn 
Richter geregelt wurden, Ein Monatsgehalt von 1700 Mark nebst 
800 Mark Reprasentationszulage war gewiB nobel. MuBte dies ganze 
Gehalt einschlieBlich der Reprasentationszulage Herrn Richter noch 
ein halbes Jahr nach seinem Ausscheidcn, bewilligt werden? Auch die 
Monatspension von 650 Mark erscheint etwas reichlich, zumal Herr 
Richter sich noch in voller Arbeitskraft befindet und auBerdem; eine 
Offizierspension bezichen soil. Die Mitglieder des Reichsverbandes 
haben durchschnittlich ein Monatseinkommen von 300 Mark. Dieser 
Bctrag erscheint uns nicht so crheblich, um eine so uppige Pensionie- 
rung eines Geschaftsfiihrers zu rechtfertigen, der allzu iippig mit den 
Geldern fur das Verbandshaus gewirtschaftet hat. Zumal in Krisen- 
zeiten wie der hcutigen die Zahl der erwerbslos wcrdenden Verbands- 
mitgUeder taglich groBcr wird I 

C. Z. Klotzel. Sie schreiben uns: „Warum gibt esi jedesmal ein 
Malheur, wenn in Deutschland sogenannte ,liberale' Professoren den 
Mund. auftun? In der ,Deutsch-Franz6sischen Gesellschaft* sprach 
vor einigen Tagen Herr Fritz Kern, Professor an der Universitat Bonn, 
ein Historikcr und Soziologe, dessen joumalistische Produktion in 
cini^en als liberal geltenden Blattern gleich serienweise abgelagert 
wird. Man hatte ihn als deutschen Redner dem Herausgeber der 
pariser ,Revue Allemande, Professor Boucher, gegenubergestellt, und 
das Thema der Herren war ,Sturz und Wiederaufstie^g, des Liberalis- 
mu9*. Der Franzose entledigte sich seiner Aufgabe in einer etwas 
abstrakten, im ubrigen aber nach Form und Inhalt noblen Weise: mit 
einer Apologie fiir das Selbstverantwortungsgefuhl des Individuums 
und die Geistesfreiheit, die kein .Glaujbe am den Fuhrer' zu ersetzen 
wurdig sei. Herr Kern versprach, die Ausifiihrungen Bouchers vom 
Standpunkt des Historikers und Soziologen zu erganzen. Was er 
sprach, war eine einzige moralische Rechtfertigung des Fascismus, 
von Hitler — dessen Namen zu nennen ei* sich noch genierte — bis 
zu Mussolini, den er als den einzigen europaischen Staatsmann pries, 
der es heute noch wagen diirfe, liberal is tische Ideen laut auszu- 
sprechen. Die Franzosen, so fuhrte Herr Kern aus, konnien gut Libc- 

119 



rale sein, sic seiea eben ein Volk von Biirgem und auBenpolitisch er- 
folgrcich, den Deutschcn aber habe Versailles den Appetit am Liberal- 
ismusi verdorben, i nachdem er ihm immer schon verdachtigt war, well 
sich dcm Deutschen die franzosische Revolution in der Hauptsache 
als( eine ,imperialistiisclie Expansion Frankreichs tiber seine Grenzen 
hinaus darstelle. In dies em Tone gings weiter: bis zu der Geschmack- 
losigkeit, die Deutschen hatteni im Ruhrkampf ihr redlich Teil dazu 
beigetragen, die Franzosen ,zur Vernunft zu bringen, so dafi sie dem 
Poincarismusi entsagten*. Als darob etliche Unruhe im Saal entstand, 
beeilte Herr Kern sich, hinzuzufiigen, leader seien die Deutschen selbst 
dadurch nicht verniinf tiger geworden..; Im iibrigen bemiihte dieser 
„liberale** Soziologe alle Methodcn des hifitorischen Materialismus, um 
darzutun, dafi man den Deutschen in ihrer wirtschaftlichen Notlage 
gar keinen Liberalismus zumuten diirfe, Und ais Beweis fiir das 
groBe Mafi liberalen Denkensi, das immer noch bei der deutschen In- 
telligenz, besonders bei den Richtern und Professorcn, wirksam sei, 
fiihrte Herr Kern den Fall Cohn-Breslau an, der als grandiose Aus- 
nahme die Regel bestatige. Im iibrigen ist der Herr* Professor opti- 
mistisch. Da er Liberalismus fort^esetzt mit freihandlerischem Kapi- 
talismus verwechselt, ist ihm um die Zukunft Europas nicht bange. 
Es wird .liberal' im Sinne eine® modifizierten Manchestertums sein. 
weii es gar nicht anders existieren konnte. So blamabel diese Selbst- 
entlarvung Kerns war, so wichtig ist es, sie festzimageln. Sie ist 
eines der kennzeichnendsten Symptome fiir die geheime Fascisierung 
der angeblich liberalen Kreise/* 

Roda Roda« Sie schreiben tins*: „Es gibt eine kleine Erzahlung von 
mir ,Die Cans von Podwolotschyska' — Geschichte vom Bahnhofswirt 
Zibebenstrudel, der jahrelang seine Gastcj um den Gansebraten 
prellte. Die Geschichte ist in drei Zeitungen erschienen: in Antho- 
logien, in meinen Ausgewahlten Werken; ich habe sie in Varict6s vor- 
getragen, im Rumdfunk, auf Schallplatten. Gestern schlage ich eine 
illuiSferierte Wochenschrift auf, imd was lese ich darin? Meinc Ge- 
schichte, Nur heifit sie diesmal anderis und ist von Jo Hanns Rosier. 
Mufll^ es mich nicht| mit Stolz erfuUen? Es fand ein jiingerer Autor 
so viel Gefalleni an meiner Arbeit, dafil er die Arbeit neucrdings ver- 
hreitet; allerdin^s unter seinem Namen." 

Reichsband jiidtscher Frontsoldaten. Wir nehmen gern yon Ihrer 
Zuschrift Kenntnis, wonach dier von uns^ glossierte „Kamerad Neu- 
mann", der bei Ihnen in einer Aufklarun^Siversammlung gesprochen 
hat, weder Mitglied Ihres Bundes noch iibcrhaupt Jude ist. Andem- 
falls, ware seine Empfehlung, der Deutschnationalen Volkispartei bei- 
zutreten, auch gar zu toll gewesen. 

Oberstudiendirektor Dr. Jacobsthal, Wilmersdorf. Bei der Weih- 
nachtsfeier der Oberreal^hule am Hindenburgpark fand eine Aufftih- 
rung statt, die im Schiitzengraben an der russischen Front spielte. In 
Ihrer liberaus kriegsbegeistertcn Festrede — Friede auf Erdenl — 
haben Sie die Fest«tellung gctroffen, ,rda6 niemals das Weihnachtsfest 
inniger, tiefcr und frommer gefeiert worsen sei als im Schutzengraben". 
Offenbar woUten Sie Ihren Schiilcrn den Mund wafirig machen nach 
einer kiinftigen Wcihnachtsfeier im Schiitzengraben. 

Mantukripte jind nur an die Redaktion der Welibahne. Charlottenbursr, Kantstr. 152; m 
riditen ; es wird ^beten, Jhnen Rudcporto beizulefeD, da sonst keine Rucksendung' erfolsen kann. 
hn FaUe boherer Gewalt oder Streika habea unsere Bezieher keinen Ansprudi auf Nadbliefeninj 

oder Erstattung- des enttprecfaenden EntgelU. 
Das Auf fOhnm^srechtf die Verwertunsr von Titein u. Text im Rahmen dea Films, die maaik- 
mechanische wiedereabe alier Art and die Verwertong im Rjihmen von RadioTortrfii^cn 
bleiben fOr alle in der Weltbtthne erscbeinenden Beitrfige ansdracklich Torbebalten. 

Die Weltbuhne wurde begrnndet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky 
imter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet — VeroDtwortlich : Wallher Karsdb, BerUn. 

Verlay der Weltbiibne, Sie^ried Jacobsohn & Co., Charlottcnl?urff. 

Telephont Cl. SteinpUtz 7767. — PoatsdiedckoDto : Beriin 11968. 
Bankkonto: Dreadner Bank. Dapositsnkasse Charlottenburg, Kantstr. 112. 



IXIX. Jahrgang 24. Jaonar 1933 Ntiinmer 4 

Auf Befehl! von Jan Bargenhusen 

A Is Papca ging und Schleicher kam — welch ein Aufatmen! 
^^ Wer damals zu sagea wagte, daB sich ja eigcntlioh im 
Grundsatzlichen nicht das Geringste geandert habe, wurde 
von den Realpolitikern hart angelassen. Nach zwei Maiiaten 
Schleicherkabinett ist die Ernuchtcrung fast ebenso g^oB wi^ 
damals der Obcrschwang- Die deutschc Politik hat niohts d'a- 
von gewonnen, daB der cwige ,,Marin im Hintergrimd** ge- 
zwungen wordcn ist, ins voile Rampenliclit der Verantwortung 
zu treten. Hat Schleicher den Schaden vom 20, Jnli wiedcr- 
gutgcmacht, hat er die preuflische Gcgenrevolution der Bracht 
und Papen riickwarts revidiert? Hat er, der „s9ziale Gene- 
ral", das Vertrauen des Volkes gefimden? Mufi er nicht be- 
fiirchten, dafi beim nachsten Zusammcntritt des Reichstags eine 
Boch vernichtendere Mehrheit fiir ein Mifitrauensvotum gegen 
ihn zustandekommt als gcgen Papen? Wo stcht die ver- 
sprochene Arbeitsbeschaffimg, der ,,einzige" Programmpunkt 
der Regierung? Und wo die Siedlung? 

Alles in allem muB; man heutc fragcn: Hat Schleicher je- 
mals regiert? Seit dem Beginn seiner Kanzlerherrlichkcit 
herrscht in den Ministerien eine Ruhe, die dieser Tage jcmand 
treffend mit den Wortcn charakterisiert hat, daB die Wilhelm- 
StraBe in ein ,rabenteucrliches Schweigen" gehiillt sci; Es gc- 
schieht nichts; es wird immer nur etwas verhindert. Die All- 
macht der Bureaukratie, die — sobald sie kcine Kontrolle iiber 
sich spiirt — cigentlich nur im Negativen groB ist, hat wieder 
einmal Formen angenommen, die jeder Beschreibung spottcn. 
Der Krieg der R^orts untereinander ist auf der ganzcn Linie 
entbrannt. Die Interesscnten abcr, denen die Wandelhalle des 
Reichstags verschlossen ist und die den Reichskanzler 
Schleicher vcrgeblich zur Erftillung zahlreicher friihercr Ver- 
sprechungcn des Reichswehrministers Schleicher mahneny — 
die Intercssentcn sturmen das Rcichsprasidenten-Palais. 

Gereke, der „Schaferhund*', der vordem mit muntern 
Kapriolen die ^zinsloscn" Arbeitsbeschaffungs-Kredite appor- 
tieren wollte, ist nicht nur an die Leine der Ressorts genom- 
men wordcn. Das ware ja noch kein Ungliick, im Gegenteil. 
Er wird auch von der iibermutigen Ministerialburcaukratic 
der umliegenden Hauser in einer so haBlichen und' iibcrfliissi- 
gen Weise geschurigelt, daB man dies Schauspiel nur mit cini- 
gem Mitleid betrachten kann, Und wcnn erst der Ictzte Mann 
auf der StraBc gesehen hat, welch groteskcs MiBverhaltnis 
zwischen den programmatischen VerheiBungcn des Kanzlers 
zum Thema Arbeitsbeschaffung und den realen Moglichkei- 
ten des „Sofortprogramms" bcsteht, dann gute Nacht! 

Einstweilen fangt . das, was man in Deutschland so schon 
„die Wirtsohaft" ncnnt, zu rcvoltieren an. Es sind keineswegs 
nur die Herren von Ruhr und Rhein, die Schleichers Passivi- 
tat heftig tadeln. Auch anderwarts macht sich der Unmut 
dariibcr, daB das politische Krisenspiel unverandert andauert, 
1 121 



in deutlichen Wortcn Luft. So habcn beispielsweisc die Kauf- 
leutc tmd Industriellen Oberbayerns — also gcwifi Lcutc, die 
allcs Andre als Scharfmacher sLnd — in ihrer miinchner In- 
dustrie- und Handelskammer cine Resolution angcnommen, in 
dcr mit Sor^e und Schmerz: 

„die zerstorenden Wirkungen der zerfleischenden Innen- und 
Parteipolitik auf den wirtschaftlichen GenesungsprozeB, der als 
Folge des Papenschen Wirtschaftsprogramms in vielen Branchea 
duTch eine bemerkenswerte Belebung sichtbar wurde . , ." 

vermcrkt werden, Sie'ht man noch immcr nicht, wohin diese 
Enttauschung liber das Ausbleiben der Ankurbelung trcibt? 

Papcn hat das luierhorte Gliick gehabt, daB zu Beginn 
seiner Kanzlerschaft, glcich nach Lausanne, wo er die reif- 
gewordene Frucht der Reparatio|ispolitik pfliicken konnte, 
das erste sanlte Sausclni einer aufsteigcnden Konjimktur durchs 
Land ging, Und nun ist er der Kanzler der ,,Krisenwende**; 
der Ruhm, die okonomische Entwicklung zum Besscrn gedrcht 
zu haben, wird ihm nie wieder genommen werden. DaB er, 
nach dem Willen des ,,Rcviers", abtreten muBte, weil sein 
Weiterregieren die Gefahr konjunkturzerstorender Komplikatio- 
nen heraufbeschworen hatte, ist bereits halb vergessen. In 
den Augen der ^Wirtschaft" steht er — oder vielmehr das 
System der autoritaren Regierung, das er verkorperte — wic 
ein Gigant da; sein Schattcn vcrdunkelt den Weg des Nach- 
folgers, der nicht, gleich ihm, den Mut aufgebracht hat, dem 
Kapitalismus noch einmal eine Chance, zu geben. 

Was ist denn Schleicher? Nach seinen eignen Worten 
weder Kapitalist noch Sozialist, also ein okonpmischer Zwitter. 
Da wufitc man ja unter Hermann Miiller schon eher, woran man 
war! Tatsachlich wird jctzt in der „Wirtschaft" der Verglcich 
zwischen Miiller xmd Schleicher gezogen; er fallt gcwiB nicht 
schmeichclhaft fiir den „Syndikus der Reichsw^hr* ' aus, wie 
man den General gern nennt. 

Mit aller Olfenheit wird jetzt ausgesprochen, daB 
Schleichcrs Idee der ,,gcwerkschaftlichen Volksfront" ebenso 
Schiffbruch erlitten hat wie sein Plan, mit Grcgor StraBcr 
gegen Hitler das Experiment zu wiederholcn, das er mit 
Treviranus — gegen Hugenberg — unternommen hatte. Und 
nun dieser Riickfall in die parlamentarischen Methoden, diese 
Suche nach einer Mehrheit, wenn auch nach einer Mehrheit 
der Rechten; dies Hin und Her der Parteifiihrer-Empfange . . . 
Die ,,Wirtschaft" ist herzlich unzufrieden; sie sehnt sich nach 
den Methoden Papens zuriick, Damals ging auoh bei der Lin- 
ken, wenn auch mit Zahneknirschen, das Wort um; „Regieren 
konnen di« Jungens doch — das muB man ihnen lassen!** 

Ganz kluge Leute in der Industrie munkeln freilich, die 
Passivitat Schleichcrs beruhe aul einem besondcrs fein ge- 
sponnenen Plan: er wolle lediglich dem Reichsprasidenten ad 
octdos d«monstrieren, daB die ihm gegebenen VoUmachten 
nicht ausreichend seien, um dem ,,Fortwursteln**, der „zersto* 
renden Parteipolitik**, ein Endc zu machen. Er werde erst 
dann die Maske der Passivitat abwerfen und, nach der aben- 
teuerlichen Ruhe von heute, eine nicht minder abenteuerliche 

122 



Aktivitat cntfaltca, wcnn seine* Ermattungsstrategie gcgeniibcr 
den Parteicn gesiegt habc — wcnni kl'ar cfwicscn sei, daB mit 
dcm Reichstag eben nicht rcgiert wcrden konnci weder in sei- 
ner jetzigen Zusammensetzung nooh nach Neuwahlcn, die ja 
keia grundsatzlich andres Bild crgeben. konntcn, 

Rechnet Schleicher wirklich so? Und muB er nicht fiirch- 
ten, daB er sich dabei schneller verbraucht als seiae Widcr- 
sacher — , so daB dann, wcnn liberhaupt, cin andrerl Kanzler 
an seiner Stelle die gewiinschten umfassenden Vollraachtcn fiir 
ein totales Prasidialsystem, fiir den direkten Appcll an das 
Volk, also fiir die Ausschreibung von Nationalversammlttngs- 
wahlen unter aeuem Wa:hlrecht, fiir die Beseitigung dcsDua- 
lismus Reich- PreuBen und so weiter crhalt — ? 

Freilich; viel gibt es da nicht mehr zu ,,verbrauchen'\ 

Der Fonds an personlicher Autoritat, mit dem Schleicher 
sein Amt angetreten hat, ist bereits schrecklich zusammen- 
geschmolzen. Bcsonders bose hat ihm der Landbimd zugesetzt. 
Die Herren vom Landbimd erzahlcn iiberall mit groBem Ver- 
gniigen vom der Szene, die sich — in ihrer Gegenwart — im 
Reichsprasidentenpalais abgespiclt hat. Nach einer aufgereg- 
ten Vorstandssitzuag des Reichslandbundes, ia der es dea ,,be- 
soaaenea Element ea" gcluagea war, durch Vorlage eiacr Kla- 
mauk-Rcsolutioa die Forderuagea der f,Radikalea** abzubie- 
gea — diesc woUtea namlich die Landwirtschaft ziim totalen 
Zahlungsstreik aufrufea — hatte maa eiaen Empfaag beim 
Reichsprasidentca improvisiert, Noch erhitzt von der Sitzitag, 
erschieaen die Landbund-Syadici bei Hindeaburg, ura sich dar- 
iiber zu beklagca, daB jetzt die Osthilfe Hquidiert, tl'er Siche- 
rimgsschutz allmahlich aufgehobca werde, sodaB einige der 
,,aiten Familien'' ihre Guter verlieren miiBten, Maa verstand 
es, diese MaBaahmen, die seit eiaem halbea Jahre iiberfallig 
siad, als etwas grundsatzlich Ncues hiaziistcllen — als eiae 
Aktioa zur nEntedelung" des Besitzes, uber die der Prasideat 
bisher von seiacm Kabiaett im Uaklaren gehaltcn sei. 

Und nun wurdea die Minister ziticrt, Wieder einmal sprach 
der Offizier zum Offizier. Schleicher erhielt dea „dicnstlichen 
Auftrag", binnea vicruadzwanzig Stuadea durch ErlaB eiaer 
aeuen Vcrordaung diese uaerwiinschtea Diagc abzustellca. 
So kam die neue Verordnuag iiber dea Vollstreckuagsschutz 
zustaade. Und die Laadbiiadlcr jubcltea iiber ihrea Erfolg, 
dea sie sich keiacswegs dadurch verekela licBea, daB die 
R^ichsregierung, eigcntlich nur: das Reichskabinett, wegea des 
uaerhortcn Toaes der mittlcrweile veroffentlichtea Resolutioa, 
nachtraglich die Beziehungea ztun Laadbuad abbrach. 

Die aeue Verordauag beriihrt zwar formell die Verhalt- 
nisse der Osthilfe aicht — abcr keiac Sorge! Die Sabotage 
der Siedluag wird deswcgea auf kaltem Vcrwaltuagswege 
doch weitergehea; maa weiB ja jetzt ganz genau, daB Hind en^ 
burg keinen Sicdiungsbolschewismus wiiascht! Die „Wirt- 
schaft", die laagst mit Schmerzea aui den Beginn der Siedliing 
und ein allmahliches Auftauen der bei dea Laadwirtea eia- 
gefrorenen Forderuagea gewart.et hat, wird durch die Ver- 

123 



or<liituig arg enttattscht; wcil diese erneut cine kiinstlichc 
Untcrtemperatur im agrarischcn Sektbr der Volkswirtschaft 
entstehen laBt, eine Vercisung also^ die das Erwachen des Kon- 
junkturfruhlings verzogert. Der Landbund aber wird jetzt mit 
der Behauptimg krebscn gchen, dafi Schleicher den Befehl Hin- 
denbiargs nicht richtig ausgefiihrt habe ^ — ein herrliches Stich- 
wort fiir die weitere Oppositianshctze der cigentliohen Macht- 
haber. 

So also macht Ostelbien heute bei uns Politik. Wenn ein- 
mal die geschriebcne der wirklichen Verfassung angepaBt wer- 
dcn wird — ein Vorgang, der schon deshalb erf orderlich ist, 
wcil kaum ein Mcnsch im In- oder Ausland mehr unsre Staats- 
form richtig zu klassifiziercn vcrsteht — ^ dann wird es ein- 
leitend vor der Feststellung, wem die Befchlsgewalt und wem 
die Gehorsamspflicht zukoinmt, heiBen miissen; „Das Deutsche 
Reich ist eiiic Republik, Alle Macht gcht vom Landbund aus," 



John Simons chemische Geschaf te 

von Gerald Hamilton 

^ ach alien Enthiillungen uiber die intcrnationalcn Verbrecher 
von der Rustungsinwiustrie, nach allem, was wir iibcr Krupp 
und Zaharoff und Shearer wissen, nach all den erwicscnen Be- 
richtcn von zynischer Schurkerei, groBzugigstcr Korruption 
und Mordlust um des Gcwinnes willen, nach allcdem halt man 
es fiir wenig wahrscheinlich, daB noch irgendetwas Ncues iiber 
die Riistungsindustric gcsagt wcrden konntc. Aber die 
Rustungsindustrie hat ihre Machtmittcl noch keineswcgs er- 
schopft — es scheint, als ware sie immer noch in der Lage, 
ihre eignen Spitzenleistungen aui dem Gebiete des Phantastisch- 
GraBlichen zu iiberbieten. 

So ist es heute zuni Beispicl bcreits allgemein bekannt, 
daB die Aktienmajoritat der fiihrenden Tageszeitimg in der u^rie- 
dcnsstadt** Genf, des , Journal de Geneve', von dem franzo- 
sischen Rustimgskonzern Schncidcr-Crcuzot kauflich erworben 
wurde. Aber cine andre Tatsache ist noch fast unbekannt, die 
Genf noch viel mehr angeht, die noch viel inniger mit Geni 
verkniipft ist: kein Geringcrer als Sir John Simon, der wich- 
tigstc Staatssekretar Seiner Britannischen Majestat und zu- 
gleich der machtigstc Einzeldelegierte an der schcrzhafter- 
weisc noch immcr so genannten Abriistungskonfcrenz, ist 
hochstsclbst als Aktienbesitzcr der Imperial Chemical In- 
dustries an einer Gesellschaft interessiert, die eine besondcrs 
wichtige Rollc in der Blutigen Internationale spielt. Das klingt 
unglaublich? Es ist trotzdem wahr. Die in Frage stehende 
Gesellschaft ist das wesentlichste Bindeglied zwisohen dem 
Britischen Chemie-Trust (Imperial Chemical Industries) einer- 
scits und dem groBten britischen Rustungskonzem (Vickers- 
Armstrong) andrerscits. Die Gesellschaft bezeichnet sich 
selbst iibcraus beschciden als Erzeugerin von ,,Dungemitteln 
und synthetischen Prod'ukten". 1st es da nicht sondcrbar, dafi 

124 



dieser Firma, trotz i'hrer bcschcidencn Angabcii, von den bri- 
tischen Behordcn eine so liberragende Wichtigkcit bcig^messen 
wird, daB die englische Rcgierung sowohl die Nominalsummc 
als auch den Zinsendienst des. Aktienkapitals im Betrage von 
5 500 000 Pfund Sterling zu garantieren ivr richtig gefunden 
hat? Die Werke der Gesellschaft, die sich in Billinghani, Eng- 
land^ befinden, warcn urspriinglich EigentunEi der britischcn Rc- 
gierung, doch veraufierte diese sic spater an die chemischen 
Fabrikcn ^Brunner Mond". Zugleich verkaufte sie damals die 
gcheimen Formeln fiir Giftgase und andre KriegskampfstoHc, 
die in den Nachkriegsjahren von den pffiziellen Mitgliedem 
der britischen Militarmissioncn und andcrn Regierungsspionen 
emsig in deutschen Wcrken ,,gesammelt*' worden waren. 
Spater wurde dann Brunner Mond dem Imperial Chemical 
Trust einverleibt. Die Gescllschait ist nun in ihrcn . Betf ieben 
in Billingham eifrig bemiiht, die Geheimprozesse zur Produktion 
von Kricgsmaterial, die sie in Deutschland gelernt batten^ in 
die Praxis umzusetzen, Als eines der wesentlichsten dieser 
Verfahren sei die Oxydation des LuftstickstoHs zu Salpcter- 
saure genannt. 

Am Gedeihen dieser Gesellschaft, deren eigentlicher Le- 
benszweck die Herstellung von Giftgasen ist, blcibt Sin John 
Simon im Umfange von melir als liinfzchnhundert Akticn der 
ICI direkt und personlich interessiert, Wie bereits erwahnt 
wurde, ist dieses Werk nichts andres als eine Tochtergesell- 
schaft der Imperial Chemical Industries. Und wie stebt cs nun 
mit den Kricgsvorbereitungen der ICI selbst? Diese Frage 
v/ird genugsam beanlwortct mit dem nachfolgenden Aussohnitt 
aus einem Geheimabkommen, das die offizielle Zusaqimcn- 
arbeit zwischen den ICI und dem Riistungskonzern Vickcrs- 
Armstrong rcgeln soil: „. . . in der Einhaltung solcher Richt- 
iinien, die im betreffenden Zcitpunkte von den vcrantwort- 
lichen Mitgliedem der Regierung Seiner Majestat fur richtig 
befimden werden , . ,** 

Unter den Hauptaktionarcn der ICI befindet sich auch 
kein Geringcrer als Mr, Neville Chamberlain, britischer Finanz- 
minister, mit genau 11 747 Aktien, 

Schon vor dem Kriege waren die engcn Zusammenhange 
zwischen Vickers- Armstrong und verschiedenen cngHschen 
Regierungsstellen kein Geheimnis. Die im Somerset House, 
dem offiziellen staatlichen Archiv- und Rcgisteramt, hinterleg- 
tcn Aufzeichnungen zeugen von cincr gradezu ficberhaften Tatig- 
keit im Handel von Riistungsindustrieaktien -wahrcnd des Friih- 
sommers 1914, Der Reprasentant der Pfandbriefbcsitzer von 
Vickers-Armstrong war damals Lord Sandhurst, der Lordkanz- 
ler von England selbst, der bis vor kurzer Zcit Unterstaats- 
sekretar im Kriegsministerium war. Der Staatssekretar fiir die 
Kolonien, der Rt. Hon. Lewis Harcourt, M. P., war einer der 
Hauptaktionare des Konzerns. 

Keine wenn auch no oh so oberflachlichc Aufzahlung dieser 
Umstande ware aber vollstandig ohne den Namen eines gric- 
chischen Abcnteurers, der ein ungeheures Vermogen aus dem 
Verkauf und der Erzeugung von Waffcn zusammengerafft hat: 

125 



Sir Basil Zaharoif, dcr ein enger pcrsonlicher Freiind und Rat- 
geber von Lloyd George war, zuerst Munitionsminister und 
spater Premierminister von England. Es ist nicht moglich fest- 
zustellen, wo die Macht und der EinfluB dieser ,,grauen Emi- 
ncnz** anfangt und wo sie endet, Erwiescn ist aber, daB, als 
im Jahre 1917 dtirch die Intervention der Vereinigten Staaten 
die MSglichkeit eines Friedensschlusses auftauchte, der bri- 
tische Gesandte in Paris^ Lord Bertie, angewiesen wm*de, 
Zaharoffs Meinung einzuholen, bevor die britische Regierung 
selbst eine Entscheidung zu treffen wagte. In seinem Tage- 
buch schrieb Lord Bertie unter dem 25, Juni 1917: ,,. , , babe 
Zaharoff gesehen. Er ist durchaus dafiir, den Krieg bis zum 
Ende weitcrzufiihren - . -" Jeglioher Kommentar eriibrigt sich 
wohl. 

Die heutigen Verhaltnisse sind ganzlich unverandert, wie 
jedermann, der in den Geheimbericht iiber die Gencralver- 
sammlung dcr Aktionare von Vickers-Armstrong vom 4. April 
1932 Einsicht zu nehmen Gelcgenheit hatte, bedauernd fest- 
stellea mufi. Wer aber sind heute die Aktionare? 

Es ist ebenso schrccklich wie traurig, auch in dieser Aktio- 
narliste so prominente Namen vorzufinden: Lord Hailsham, 
Staatssekretar fiir Krieg; Rt. Hon. Sir John Gilmour, M. P., 
Ackcrbauminister; und Rt, Rev. Dr. Carr, Lordbischof von 
Hereford. 

Man fragt sich erstaunt, was wohl dieser allerchristlichste 
Bischof glaubt, wozu die Kanoncn, in deren Erzeugung er so 
vici von seinem iiberfltissigen und unverdientcn Reichtum an- 
gelegt hat, ctwa verwendet wiirden? Stcllt er sich vielleicht 
vor, daB sic ausschlicBlich zur Abfeuerung von Ehrensalven 
anlaBlich des Besuchs auslandischer Herrscher in Verwendung 
kommcn wiirden, oder ist diese Handlungsweise nur die lo- 
gische Fortsctzung der kirchlichcn Tradition, wahrend des 
Kriegs Bomben, Geschiitze und Kriegsflugzeuge zu segnen? 

Wir sehcn also, daB, wahrend Abriistungsdiskussionen ein^ 
voriibergehcndc Modecrscheinung scin mogcn, die Kontinuitat 
der Riistungcn gewahrt bleibt; wie das Sir Herbert Lawrence, 
der Vorsitzendc der obencrwahnten 65, Jahresversammlung 
von Vickers-Armstrong ebenso freudig wie treffend ausgedriickt 
hat: „. , . erhebliche Fortschrittc in der Entwicklung unsrcr 
Landriistungen sind zu verzcichnen , . . ware die Nachfrage 
nach Waff en und Munition auf einer normalen Stufe gcwesen, 
so waren ohne Zwcifel die gcschaftlichen Expansionen der Gc- 
sellschaft in dieser Richtiuig hochst eintraglich gewesen . . . 
Vickers-Armstrong ist zum allcrgroBten Tcil von Riistungsauf- 
tragen abhangig, um existieren zu konnen . . ,** 

Der Erfolg dieser „Existenzkampfe" der Blutigcn Inter- 
nationale, die der Ring dcr Rustungsindustrien darstellt, ist 
klar zu erschen aus den statistischen Arbeiten Arnold-Forsters, 
dcr bcrechriet hat, daB im Dcprcssionsjahr 1931 ein Betrag, von 
19 600000000 Mark (bei pari) von der ganzen Welt fiir 
Riistungen ausgegeben wurdc. 

Uebertragen von Raymond Pollard 

126 



Richtung Kompromifi? von HannsErich Kaminskl 

T Jber die BedcutUntf, die die Nazis den lippeschen Wahlen 
^^ beimaBen, hat man sehr zu Unrecht gespottet, Soweit be- 
kanntf habcn die Bewohner von Lippe nicmals anders ab- 
gestimmt als die iibrigen Deutschen, Diesmal wurde ihnen 
ihre Entschcidting zudem durch keine Listen erschwert, die 
nur von lokalcn Interessen bestimmt waren. Es ist darum 
nicht einzuschcn, Mreshalb man- diese Wahl nicht ebenso hoch 
bewerten soil wie beispielsweise jede Nachwahl in England* 
Rechte und Linke erschcinen dann als ziemlich konstantc 
GroBen. DaB es zwischen Nazis und Dcutschnationalen vieic 
schwankende Gcstalten gibt, ist aufschluBreich, darf ims jedoch 
gleidigiiltig lassen. DaB cine groBe Zahl von kommimistischcn 
Wahlern wiedcr zur Sozialdcmokratie zuriickgckehrt ist, kann 
da^egcn, falls die nachste Rcichstagswahl es bestatigt, auBer- 
ordentlich wichtig werdcn. 

Die -deutschen Parteien, einschlieBlich der Arbeiterparteien, 
pflegen jeden Erfolg auf politische Lcistungen, jedcn MiBerfolg 
aui organisatorische und agitatorische Mangel zuriickziifiihrcn, 
Jetzt triumphieren die Sozialdemokraten, wahrend die Kommu- 
nisten sich entschuldigen. Bei den Ictzten Wahlen war es um- 
gekehrt, und bei den nachsten wird es vielleicht wieder um- 
gckehrt sein. Bewiesen wird dadurch nur, daB die bciden 
Arbeiterparteien niemals gleichzeitig vcrliercn odcr gewinncn 
sondern sich stets nur gegenseitig Wahler abnehmen. Keine 
von beiden ist imstande, ihre Leute bei der Stange zu halten, 
geschweige denn, neue Schichten aus dem feindlichcn Lager 
zu erobern. Die Ursache davon wird durch voriibergchcnde 
Teilerfolgc immcr wieder verdunkelt. Dennoch ist sie klar: 
beide Parteien machen sohlechte Politik, tmd keine besitzt ein 
Aktionsprogramm, das, von den Erfordernisscn des Alltags 
ausgehend, wachsende Massen dauernd zu fesseln und fiir 
groBere Ziele zu begeistern versteht. 

In Hundcrttausenden von Arbeitem und andcrn Links- 
stchenden ist so die Oberzeugung cntstandcn, der einzelne 
miisse selber Taktik treiben und sich bei jedcr Wahl von zwei 
Ubcln das kleinere aussuchen, Vor allem aber fiihrt diese Di- 
rektionslosigkeit dazu, daB alles gcbannt auf Wahlcrgcbnisse 
starrt und die Rettung von parlamcntarischcn Kombinationen 
erwartet* Das ganze Elend der deutschen Linken wird hier 
sichtbar. 

Der Deutsche aller Klassen iind aller Lager ist heute ein 
Enttauschter, Die Rechten sehen, daB der Anbruch des 
Dritten Reichs ebenso ausbleibt wie die Wiedcrherstel'ung 
der Monarchic. Auch auf der Linken aber sind weite Kreise 
dariiber enttauscht, so seltsam das klingen mag. Viele von 
uns hatten sich schon auf eine heroische Zeit gefaBt gcmacht, 
sie waren bereit, Hclden oder Martyrer zu werden, stark durch 
die Uberzcugung, daB aus solchen Prufungen das Proletariat 
einig und siegrcich hervorgchen wcrde. Nun schcint alles 
versumpft, und dariiber brauen Nebel, durch die kein trosten- 
der Lichtstrahl dringt, 

127 



Tatsache ist, daB die dtamatischca Ereignissc fehlen — 
vielleichtt weil wir schoa zu abgestumpft sind, um sic noch zu 
erkennen. DaB die Gegenrevolution trotzdem gesiegt hat, 
braucht hier nicht bewiesen zu werden. Sie ist jedoch uneinig 
und unfrei* Darum ist es ihr bisher nicht gelungenf ihre Hcrr- 
schaft in eine feste Form zu. bringen. Sie ist immcr noch auf 
der Suchc nach einer Legalitat. Alle Vcrsuche, mit Hitlers 
Hilfe eine neuc Legalitat zu Hnden, sind gescheitert und wer- 
den wahrscheinlich auch weitcrhin scheitcrn, Manchc Leute 
glaubcn deshalb schon, es bcreite sich die Riickkehr zur altcn 
Legalitat und zu einer Rehabilitierung der crstarktcn Sozial- 
demokratie vor, 

Natiirlich kann die Reaktion immer noch einen Mann £in- 
den, der, kiihner und bcgabter als unsre derzeitigen Regierer, 
seine Diktatur auf der Basis der allgemeinen Indifferenz er- 
richtet und die romantischen Bediirfnisse der Gcgcnwart be- 
friedigt. Moglich ist immerhin auch, daB die Herren des 
Tag^s, miidc der prasidialen Expcrimente, sich schlieBlich auf 
den Reichstag zuriickzichen und. daB diescr oder ein andrer 
Schleicher sogar der SPD die verlorenen Landratsamter wieder 
aushandigt. Severing wiirde dann sagen, er habc Reoht ge- 
habt, auf die Dauer konne cbcn doch nicht' ohne die Sozial- 
demokratic regiert werden. 

Er hatte dennoch Unrecht gchabt! Dcnn nicht auf den 
Namcn der Firma koinmt es an sondcrn auf ihre Ziele, Mittel 
und Moglichkeiten. In einer neuen Kqalitionsregierung aber 
waren die SoziaJdemokraten noch schwacher als fruher. Und 
sclbst wcnn Braun wieder in seine angestamraten Amtsraume 
iibersiedeln diirftc, wiirde er dort nur von der Reaktion ausgehal- 
ten werden. Geandert hat sich ja allein die Stimmung, wah- 
rend das Krafteverhaltnis das glcichc gcblieben ist. 

Auch der vielzitierte Gsuig nach Canossa brachte in Wirk- 
lichkeit dcm biiBenden Kaiser mehr als dem Papst ein. Ebenso 
wiirde ein Canossagang nach Weimar den buBenden Diktatoren 
mehr einbringen als den dann scheinbar siegreichen Republi- 
kancrn. Was die Reaktion braucht und wofiir sie unter Um- 
standen zu Zugcstandnissen bereit sein wird, ist bcstenfalls 
eine Schcinlegalitat. Die Riickkehr zum Parlamentarismus und 
zu Koalitionen wiirde darum nicht bedcuten, daB die Partie 
rcmis ausgegangen oder daB ein Waffenstillsland geschlossen 
ist, sie wiirde nur bedeutcn, daB die Gegenrevolution es fiir 
notig halt, sich ein neues Etikett aufzukleben, 

Nichts spricht daf iir, daB cine solche Prognose vorlaufig 
bercchtigt ist. Die Prasidialdiktatair kann mit wechselnden 
Kanzlcm noch ziemlich lange zwischen der Linken und der 
auBersten Rechten fortwursteln, Angesichts der neuen Wah- 
len» die uns bevorstehen, kann jedoch nicht friih genug vor 
Illusionen tmd Halbheiten gewarnt werden. 

Volkerschicksale sind noch niemals durch Wahlen cnt- 
schieden worden, und auch die dcutsche Gegenrevolution hat 
nicht dtwch den Stimmzettel gesicgt. Eine richtige Mehrhcil 

128 



hat sie bckanntlich bis heute nicht errungcn, abcr sic hat gc- 
sicgt und sic hcrrscht, weil sie schon untcr Briining imd noch 
friihcr allc matericllen Machtmittel in die Hand bckam. 

Das Ziel der Linken kann nicht sein, wicdcr nur eincn 
Anteil an dem burcaukratischen Obcrbau dicscr sehr realen 
Herrschaft zu crhalten, selbst wenn cr in cinigcn Minister- 
postcn bestehen sollte. Die Reaktion muB endlich einmal wirk- 
lich geschlagen werden, und das ist nur moglioh, wenn ihr die 
Machtmittel entwunden werden. Diesc Machtmittel sind erst 
in zweiter Linic militarischer, in erster aber wirtschaitlicher 
und sozialerj Natur, 

Solange man den Gegensatz zwischen rechts imd links als 
rein politisch ansieht, mag cin KompromiB moglich sein. Er- 
kennt man ihn jcdoch als das, was er ist, namlich als eincn 
Kampf zwischen Kapital und Arbeit, so wird klar, dafi es hicr 
nur Sieg oder Niedcrlage geben kann. Die Mensur mtifi also 
durchgepaukt werden bis zum letzten Gang, Im bestcn Fall 
wiirde sonst der Leidensweg der dcutsch^n Republik, auf dem 
die Ubermacht der reaktionaren Gewalten hochstens durch ge- 
Icgentliche Zugestandnisse gcmildcrt wird, nur nochmals von 
vorn beginnen. 

Es ware cin nationalcs Ungliick, wenn cs so kame, wenn 
schlicBlich die Fassade dcs Reichs wieder schwarz-rot-gpld 
iiberstrichen werden wiirde — nnd im iibrigen allcs bliebc, wic 
es ist. DaB die Kommunisten das nicht wollen, weiB jeder. 
Was aber will die Sozialdcmokratie? Wenn sie aus ihrcn 
Fehlern gelernt hat? muB sie vcrhindem, daB auch nur der Ge- 
danke auftaucht, sie mdrschiere auf ein derartiges KompromiB 
los. Dann muB sie Freunden und Feinden klarmachen, daB sie 
entschlossen ist, diesmal aufs Ganze zu gehen. Dann muB sie 
folgerichtig davor warnen, triigerische Schliisse aus Wahlen 
und Wahlerfolgen zu zichen, die heute weniger als je wirkliche 
Erfolgc sein konnen. 

Es mag schcinen, als sei der Zeitpunkt fiir solche Bctrach- 
tungen noch lange nicht da, Freilich, noch ist die Linke in 
der Vertcidigung. Jcdoch die Flauen, die mit Sehnsucht der 
Ara Briining gedenken, traumen schon wicdcr von cincm ,,Aus- 
glcich", und grade die bestcn Krafte fiirchten bereits, wiederum 
cinem Phantom nachzujagen wie vor 1918, Damit aber ent- 
stcht die Gefahr, daB auch die Linke in der deutschen Ent- 
tauschung untergcht und zu der sich ausdchnenden Indiffcrcnz 
beitragt, 

Wir durfen uns von der allgcmeinen Erschopfung nicht an- 
stecken lassen! Je schlechter die Aussichten der Rechtcn 
werden, desto mehr Kampfgeist braucht die Linke, desto wei- 
tcr muB sic vorstoBen/ desto starker muB ihr Willc sein, sich 
iiber den allgcmeinen Kretinismus zu crheben. Das kann nicht 
die Auigabe imsrcr Generation sein, in der Wiiste zu bleiben 
imd dort zu warten, bis cs einmal himmlisches Manna regiiet 
Was hinter der Wiistc licgt, ist sichcr nicht das gclobtc Land, 
aber es ist doch ein Land, in d'em wir bauen konnen. 

2 129 



General Kundts „Griine Hdlle'' 

von Gfinter Weisenborn 

Dcr Verfaisser dieser Zcilen hat vor etwa zwei Jahren 
jene Gebiete bereist, in denen General Kundt deutsche Er- 
werbslose „ansiedeln" will. 

pin dicker Matin mit wasscrhcllcni vcrschlagenen Augen und 

einer brutalen Wammc iiber dem Stchkragen erklart vor 
alien Leuten, er beabsichtige, in feindliche Kriegsdienste zu 
gehen. Es wird ihm nicht der PaB abgenommen:, wie es in 
solchem Fall das deutsche Gesetz vcrlangt, er wird mit Segens- 
wiinschen entlassen, -denn er ist kein Lehmann-Ruflbiildt son- 
dern ein General. Er helBt Hans Kundt, 

Gcneralmajor Kundt war Oberbefehlshabert der bolivia- 
nischen Armee, bis ihm 1930 eine sozialistische Revolution 
iinter der Fiihrung von Hinojosa Arbeit machte. Diese Arbeit 
muB selbst in La Paz nicht li'berall befricdigt h.aben, denn kiirz 
nach der Niederschlagung des Aufstandes verlieB Kundt Bo- 
livien und verwahrt« sich hier in markigen Interviews dagegen, 
daB er, als die Gewchre losgingen, in die deutsche Botschaft 
von La Paz gefliiohtet sei, 

Jetzt ist er wieder in La Paz, denn man braucht ihn dort. 
Das nordamerikanische OIkapital sehnt sich nach Profit, den 
cs im Chaco Boreal zu find en hofft. Leider gehort diese wiiste, 
aber an Bodenschatzen ungcheuer reiche Landschaft dem Land 
Paraguay, das den Chaco spater einmal scltber ausbeuten will. 
Die Olherren wendcn sich also an Bolivien, und Bolivien cnt- 
deckt rasch, "daB dcr Besitz des Chaco eine brcnnend^ Streit- 
frage sei. Prompt wird ein nationalistischer Diskant gestartet, 
ein berliner General gekauft, und Hans kommt und findet fiinf 
Bolivianer gegen einen Paraguayaner in der Notwehr, und da 
kann man siegen, meine Herren: fiinf gegen einen, ein typischer 
Verteidigungskrieg! In New York jubclt die Pressc, und in 
Berlin tut sie es auch: Dieser Kundt muB ein Teufelsjunge sein. 

Er ist es. Er ist nicht nur ein bolivianischer Heros sondern 
auch eine Art berliner Christus, denn er hat in Berlinj einen 
wohltatigen Plan entworfen, wie man dem deutschen Elend 
steuern konne. Das kann man, wenn man ein Christus in Stiefeln 
ist, man schickt namlich bloB Hunderttausende von Deutschen 
nach Siidamerika, wo sie siedeln sollcn, Man schickt Hundert- 
tausende von unterernahrten arbeitslosen Nordeuropaern in 
die griine Holle des Amazonasgebietcs, wo sie fiinfzehn Jzihre 
lang ohne einen Pfennig Lohn siedeln und Holz schlagen 
diirfen, sie werden lediglich ernahrt, Wenn es dann ans Lohn- 
auszahlen gehn sollte, lebt sowieso keiner mehr. Denn die Be- 
siedelung dieses Gebietes hat sich schon friihcr als immoglich 
erwicsen. Tausende von Versuchen sind ganz einfach daran 
gescheitert, daB keine Hand mehr am Leben blieb, Ein solcher 
Wahnsinnsplan, wie ihn die berliner „Inter-Coritinentale Ar- 
beitsgemeinschaft Agro-Industrie" propagiert, durfte vori 
keinem andern zu verantworten sein, 

Leider sitzen in alien Familien rote Kopfe, die den Plan 
ernst nehmen, denn er existiert mit Zahlen, die keiner nach- 

130 



priifen kamif er stiftet Verwirrtmg an, und es ist hochste Zeit, 
da3 Jtnan ihn abkillt. 

Zimachst: Ktaidt glaubt, daB die BIZ cine Anleihc gibt- 
Aber die BIZ ist nicht ermachtigt, langfristige Darlehen zu ge- 
wahren, Zweitens: Ktmdt behauptet, daB die deutsche Regie- 
rung dem Plan wahlwollend gegeniiiberstehe, Aber die Regie- 
rtrng bat die Fordening des Plans offiziell abgelehat. Damit 
fallt auch dessen Finanzierung durch Kapitalisicrung der 
Erwerbslosenversicberungen ins Wasser. Lediglich die Privat- 
wirtschaft bleibt iibrig, denn sie hat starke „Interessen". 

Wir wagen die Bebauptting, dafi es eine Verantwortimgs- 
losigkeit ist, Divisionen von hungemden Badensem, Oldenbur- 
gem und Schlesiern, die bisher in einer Durchschnittstempe- 
ratur von 9 Grad aufgewachsen sind, in eine durchschnittlichc 
Temperatur von 22 bis 24 Grad Celsius zu vcrpflanzen. (Wer 
50 Grad Celsius erlebt bat, und das passiert driiben haufigi, 
weiB, wie das schmeckt!) AuBcrdem gibt es Insekten, Seuchen^ 
Hitzschlage, Tropenkrankheiten, ungeheure Strapazen, die den 
Nordeuropaer weioh machen und ibn zielsicher erledigen, denn 
es handelt sicli am Amazonas nicbt um besiedelbare Gebiete, 
wie die Erfahrung lehrt, sondem um eine gigantische Urwald- 
holle. Ausgerechnet Hans Kundt will deutsche ErwerbsLose 
sanuneln tmd sie zu 8000 gebundelt in die GluthoUe des Ama- 
zonas verfrachten, mit Hausern, Flugzeugen, Drahtseilbahnen, 
Verpflegung. Eine Arbeitsdivision besteht aus 8000 Familien- 
vatern, macht zwci Brigaden, cine Brigade aus zehn Ba- 
taillonen, ein Bataillon aus vier Kompagnien, eine Kompagnie 
aus einem Fuhrer, einem Arzt, zwei Sanitatem und 98 Mann. 

Mit einem verschmitzten Seitenblick weist Kundt daraul 
bin, daB man aul diese Weise enormet Mengen von Holz auf 
den Weltmarkt bringen konne. Und bier wird die Sache intcr- 
essant, Man entsinnt sich, daB Nordamerika und England 
einen wilden Krieg gegen das Sowjetholz untemahmcn, weil 
es billiger war und dem intemationalen Holzhandel das Ge- 
schaft verdarb, Man rief zum Boykott auf gegen das Sowjet- 
holz, und jetzt iheiBt es plotzlichf daB die nordamerikanische 
und kanadische Privatwirtschaft an Kimdts Plan Minteressiert" 
sei. England gab inzwischen nach, und die „Timber Distri- 
buting Ltd.*' in London hat mit RuB^and einen Holzlieferungs- 
vertrag im Werte von 4,5 Millionen Pfund abgeschlossen, wo- 
gegen der kanadische Holzhandel blutig protestierte. RuBland 
ist im BegrifE, den intemationalen Ho&handel zu erschiittern. 
Gleichzeitig mit dem Boykottgeschrei fzist aller Nationalen 
aller Nationcn gegen RuBland wird von fast alien Nationalen 
aller Nationen Kundts Plan vorsiohtig bcfiirwortet. Merkwur- 
digerweise stehen dem General anscheinend ziemliche Gelder 
zur Verftigung, Zwolf Expeditionen soUen zum Amazonas ge- 
schickt, drei Viertel Millionea Mark fiir die Vorarbeiten aus- 
gegeben worden sein, 

Wenn man diese Tatsachen genau ansieht, so stellt sich 
bald der SchluB heraus, daB man den General benutzt, um das 
Sowjetholz zu bekampfen, Und Hans Kimdt benutzt eine Um- 
siedelung des Elends, um dieses Ziel zu erreichen. Die Gegen- 
maBnahme der intemationalen Holztruste heiBt Kundtplaa, und 

131 



der „siegrciohc" Kundt, xibcr den man in nationalen Zeitungcn 
plotzlich soviel Gutes liest, schickt sich an, Masscn enverbs- 
loscr Deutschcr in die tropische Sklaverei zu dcportiercn. 

Hunderttausende von Erwerbsloscn lesen die frohe Bot- 
schaft, nirgcndwo wird der Plan entlarvt, er iheizt die Dis- 
kussionen iiber den ^Ausweg", cr rotet die Kopfe, aber wenn es 
ein Atiswcg ist, so ist es einer in den Seuchentadt in die griine 
Holle und in fiinfzehn Jahre Zwangsarbeit. Die internatio- 
nalen Riesentruste drehen ein groBes Ding gegen den Steiat der 
Arbeiter, Wofiir werden sich die Arbeitslosen entscheiden? 



Von Reinhardt zu Rotter von Herbert Iherlng 

A Is die Studenten Alfred und Fritz Schaic vor dcm Kriege nach 
Berlin kamen, begann sie schon bald dieUniversitat sehrwenig 
und das Theater sehr stark zu interessieren, Gerissene Psycholo- 
gen, die sie waren, erkannten sic bald die Spannung, die zwischcn 
den beiden fiihrenden berliner Dircktoren bestand: die Span- 
nung zwischcn Otto Brahm und Max Reinhardt. Sic mcrkten, 
daO man an Reinhardt so schnell nicht herankommen konnte, 
weil um ihn selbst Wirbcl und Betricb war. Abcr bei dcm 
stillen Otto Brahm wiirdcn sic chcr auffallen< Er war ein- 
samer und wiirde die Theater-Plane zweicr Studenten als einc 
Mitarbeit der Jugend auffassen. 

So crschicnen Alfred und Fritz Schaie mit den Planen 
ihrer „Akculcmischen Buhnc" bei Otto Brahm, Zwei Briider. 
wic Max imd Edmund Reinhardt, aber vertrauend auf die stille 
Kunst Otto Brahms. So begannen sie mit einem Autor, den 
Otto Brahm nicht gespiclt hattc, mit Strindberg, abcr sie 
spielten ihn in der Wcisc Otto Brahms, ohne Aufwand, mensch- 
lich, taktvoU mit Rosa Bertcns, Helene Ritscher, Theodor 
Loos und Alfred Abel, Es war cine gute Vorstellung, auffal- 
Icnd durch die Begabung Helene Ritschcrs, die damals zum 
erstcn Male mit einer Rolle in Berlin durchschlug. 

So gesohickt waren die Rotters, daB sie gcnau wuBtcn. 
mit welchen Mittcln man damals Erfolg machen konnte, mit 
wclchcn geistigen Machten man sich stellen muBte, bis man in 
den Betrieb einsticg. Mit Schund war damals in Berlin kein 
Geschaft und erst recht kcinc Karricre zu machen. Man 
brauchtc die Visitenkarte Otto Brahms und glcichzeitig die 
Stiickc, die Brahm in seincm Spielplan vernaohlassigte und 
Reinhardt iibrig licB. Bald daraui spielten Alfred und Fritz 
Schaic Klcists „Penthesilca**, auf wenige Personen zusammcn- 
gcstrichcn. Es war ihre crste Fehlspekulation, Sie hatten 
zu schnell die Maskc fallen lassen. Sie mcinten, Kleists 
Name allein genuge zur Deckung, das andre sci Auffassung, 
Regie tind Bcarbeitung. Sic glaubtcn ja taglich zu erleben, daB 
Max Reinhardt damit Erfolgc hatte. Trotz dieses MiBcrfolgs 
hicltcn sic bald die Zeit fur gekommen, um mit offncr Konkur- 
renz gegcn Reinhardt auf zutreten. Dcm Deutschen Theater 
setztcn sic an der Weidcndammcr Briicke in der Komischen 
Oper ein Dcutsches Schauspielhaus cntgcgen, das allerdings 
Adolf Lantz leitcte, hinter dem aber, wic alhnahlich hcraus- 

132 



kam, die beiden Briidcr Schaie standen. Jetzt vcrwandcltcn sic 
sich in Fritz imd Alfred Rotter. Sie posaunten schon 
damals aus, daB sie alles, was Namen hatte, engagieren wiir- 
den und mit ganz neuen Mitteln arbeitcn woUten. Die Friedrich- 
StraBe, von der Passage his zur Komischen Opcr, sollte cine 
cinzige Lichtrcklame fiir ihre Stars werden, Sie dachten da- 
mals daran, Joseph Giampietro zu cngagieren, Der Name 
Massary wurde gcnannt. Fast alle Rcinhardtleute tauchten in 
ihren Notizen auf. Ihre Eroffnungsvorstcllung war „Egmont'\ 
den Friedrich KayBler spiclte. Die Vorstellung ficl durch. 
Siegfried Jacobsohn, der sie vcrriB, wurde das Haus verboten. 
Mit alien Mitteln der Beeinflussung versuchten die Rotters, 
sich durchzusetzen. Es miBlang, Die Zeiten waren noch zu 
gesund. Der Krach kam und dann der Kricg. 

Was die Rotters in dicser Zcit getan haben, ist nicht ganz 
klar, Sie stellten Ensembles zusammen und gasticrtcn. Kon- 
zcssionsgesuche wurden abschlagig beschieden. Der kaiserliche 
Zensor, Herr von Glasenapp, hatte ein tiefes MiBtrauen gegen 
die Rotters und lieB sie offiziell zur Theaterfiihrung nicht 
heran. Als die Revolution kam, hieltenj sie ihre Zeit fiir ge- 
kommen, Mit ihrer Witterung fiir die Schlagworte und fur 
die psychologische Situation stellten sie sich jetzt als Opfcr 
des fluchwiirdigcn alten Systems hin, spielten sich als die Ver- 
folgten auf und inszenierten sich als Martyrer. Das geht aus 
den Akten, die ich vor Jahren einmal durchgesehen habe, her- 
von Wcnn mich mein Gedachtnis nicht tauscht, war es der 
Polizeiprasident Eichhom, an den sie sich wandten. Man hatte 
damals wichtigeres zu tun, als sich um die Briider Rotter zu 
kiimmern. Sie benutztcn diese Laxheit und schliipften 
durch. Sie waren da, Sie machten Larm, Sie kannten keine 
Hemmung mehr. Sie glaubten zu wissen, was die aufgestor- 
ten, durcheinandergewirbeltcn Publikumsschichten sehen woU- 
ten: Pikantcrien und feine Welt, Die Rotters schrieben sich 
selbst ihre Kritiken und gaben sie mit Illustrationen als In- 
seratc auf. Da sah man dann die englischen Lords pikfein 
um einen Kamin gruppiert. Da wurden die harmlosesien Lust- 
spicle lasziv servicrt. Zwar war das nurdraufien, imResidenz- 
theater. Aber bald kam das Kleine Theater, das Lessing- 
Theatcr und das Theater des Westens hinzu. Gefordcrt wur- 
den sie kritisch oft grade dort, wo gegen die Verrottung des 
berlincr Theaterlebens, gegen das Novembcrsystem geschaimit, 
wo Leopold JeBner keine ruhige Minute gegonnt wurde. Die 
Rotters hatten, wie die Sklareks, viele Freunde. Heute will es 
niemand wissen. 

Wieder erfaBten die Rotters auch schauspielerisch die Si- 
tuation, Sie merkten, daB zur Zeit der ersten Martin- und 
JcBner-Inszenierungen einige Schauspieler den Boden unter 
den FiiBcn verloren hatten, darunter sogar Albert Bassermanii 
und Paul Wegener. Sie spiirten, daB fiir Ida Wiist und Irene 
Triesch, fiir Falkcnstein und Olga Limbiu-g keine Rollen da 
waren, Sie sammelten die Unzuiriedenen von Sudermann bis 
Fulda, von Wegener bis Irene Tries oh und knallten ihre Namen 
an die Litfafisaule und in die Inserate. Sie lieBen diese Schau- 
spieler jeden Satz unterstreichen. Sie ruinierten ihre Natur. 

133 



Jc mehr aber das Theater erweicht wurde, je mehr die 
strengern Gnmdisatze der Repertoirefxihrung nachlieBen, desto 
scharfer griffen die Rotters ein. Jetzt bildeten sie ihr System 
des Prominentenfangs systematisch aus* Theaterfiihrutig be- 
stand fiir sie eimlach darin, daB sie mehr boten als die andem. 
Sie kauften auf ^ sie sicherten sich, was zu haben war: Buhnen- 
gebaudc imd Stars, und machten dadurch jede regulare 
Theaterfiihrung umnoglich. Aber hattea sie nicht ein 
grofies Vorbild in Max Reinhardt? Was die Rotters betrie- 
ben, war im Ictzten Grunde eine Kopie der Reinhardtschen 
Theaterfiihrung. Reinhardt erklarte in den ictzten Jahren 
immer wieder, daB sein Deutsches Theater das letzte Bollwerk 
gegenj die Rotters sei. Merkte er nicht, da,fi die Geister, die 
er selbst gerufen hattc, ihn zu vernichten drohtcn? Was hatte 
er andres getan, als er Brahm eine so ensembleverwurzelte 
Kraft wie Else Lehmann abzujagen versuchte? Was andres, 
als er Bassermann wegnahm md Hermine Komer aus dem 
Dresdner Hof theater holte? Was andres, wenn er Stiicke 
annahm und sic nicht auffiihrtc, nur damit der Konkurrent 
keine Erfolgc haben konntc? Baute Reinhardt die Komodie 
und das Kurfiirstcndammtheater, so iiberzogen die Rotters 
Berlin mit cinem Netz von GmbHs. Lud Reinhardt die Ver- 
antwortung auf andre ab, so hatten sic ihren Lipschiitz. Es 
war der Rcinhardt-Geist, der sich uberschlug, Der Reinhardt- 
Geist, der in Rotters seine iibelste Auswirkimgfand, Hattc Rein- 
hardt seine Reibaro, so hatten sic ihre GescUschaft der Funk- 
freunde. Wie Rcgisscur und Stars sich bekriegten, so bckriegten 
sich die Abonnementsorganisationen. Der Krieg aller gegen alle 
begann, Keiner traute dem andern. Die Zcrriittung der ideolo- 
gischcn Grimdlagen, die Zertriimmcrung jeder wcltansohau- 
lichen Basis machten es moglich, daB die berliner Biihnen zu 
einem Manoverfeld fiir gerissene Konjunkturjager wiu-den. 

Aber die Entscheidung war schon vor zwanzig Jahren ge- 
fallen, als Max Reinhardt seine Repertoirevorstcliungen ver- 
wahrlosen lieB imd mit den ersten Kraftcn, dcnen die Reklame 
fiir die Vorstellun^ gegolten hatte, in die Provinz oder ins 
Ausland auf Tournee zog, Damals begann das Publikum zu 
verlemen, das Theater fiir eine solid e Angelegenheit zu h al- 
ien, an der Kasse die Auffiihrung einzukaufen, die angekiin- 
digt war. Damals horte es auf, zu glauben, daB ein Thcater- 
biflet ein Thcaterbiilet und ein Versprechen ein Versprechen 
sci. Hi«r und nur hier licgi die Wurzel auch fiir die spatern 
Methoden des irregularen Kassenvcrkaufs, dcs Billethandcls, 
der Hintenhcrumkarten, DaB man den Kiinstlcr Max Reinhardt 
beleidigt, wenn man ihn mit Alfred Rotter vergleicht, ist 
selbst vers tandlich. DaB der Regisseur Max Reinhardt bergc- 
hoch iiber den Rotter-Inszcnicrungen steht, braucht nicht be- 
tont zu werden. DaB aber der Theaterdirektor Max Reinhardt 
den Rottermethoden den Wcg geebnet, ja sie legitimiert hat, 
ist cine Tatsache* Wenn heute dieses g^.nze berliner Theater 
zusammenkracht, so kann det Fall nicht tief genug sein, Nur 
der rad'ikale Kladderadatsch bcdeutct eine Reinigung, Nur 
nach dem restlosen Zusammenbruch kann atif einer gesunden 
Basis weitcrgespielt werden — ohnc Bons und vcrschlcudertc 
134 



Karten in Laden nnd Friseurgeschaften, ohnc Stars imd' Brim- 
borium, Dcr Zusammcnbruch ist kcine Katastrophe. Einc 
Katastrophe ware nur, wenn auch dieser Zusammenbruch wic- 
der aufgefangen und mit halbcn Losimgen und Verb ess cniiijgen 

ausgeglichen wiirde. 

m 

Das G^heimnis des Erfolges 

Aus dem Pro^rammheft der Rotier-BUhnen, 

^ ifWie sich Verdicnst und Gliick verketten, 

das fallt dem Toren nicmals ein , . ." 
An dies Goethewort mufi man denken, wenn man den erfolg- 
reichen Aufstieg tmd die gliickliche Entfaltung eines Unternehmens 
miterlebt. In einer Zeit, die in der Eigenart ihrer Struktur keiner- 
lei Vergleichsmoglichkeiten mit friihem Epochcn bietet, ist es unmog- 
lich, vom Schreibtisch oder vom Direktionssessel aus den hundert- 
prozentigen Erfol^ — die Voraussetzung fiir die Lebensfahigkeit jedes 
Betriebes, die Lebensdauer vor allem aber des Theaters — kiihl zu 
errechnen, Nicht mit dem Gebirn und nicht mit dem Gefiihl allein 
ist heute ein Theaterbetrieb durch die ungebeuren Fahrni&se der 
Gegenwart zu steuern.' Notwendiger aber als je ist fiir den Biihnen- 
leiter im Krisenjahr 1932 jenes imaginare Fingerspitzengeftihl, jener 
nachtwandlerahnliche Sicherheitsglaubef der unbeirrbar das Latsyrinth 
der geheimnisvoUen, nuchternrphantastischen Bretter, die nun einmal 
die Welt bedeuteni zu duirchscbreiteu vermag. Hierzu muB man frei- 
lich berufen sein. Deshalb werden crfolgreichc Theatcrdirektorcn auch 
niemals, selbst wenn sie es woUten, ihr Rezept mittcilen konnen: 
eben wcil es keins gibt. Sic werden von der nheiligen Besessenbeit" 
sprechen, die nach dem Glauben der Weisesten aller Zeiten Grund- 
lage fiir jedes erfolgreiche Schaffen ist, von jener unbesiegbaren Liebe 
zu der buntfarbigen Welt des Scbeins, die alles, Hoffnungen und Ent- 
tauschungeUf auf sich nimmt und sich durch keinen Rtickschlag er- 
schuttcrn laBt — und sie werden endlich als wichtigstes Moment * 
jenes Wortchen in die Debatte werfen, das man je nach Welt- 
anschauung: Zufallf Schicksalf Gltick nennen mag, okne das aber 
beim Theater noch weniger etwas anzufangen ist, als anderswo . * - 

„Wenn sie den Stein der Weisen batten, 

der Weise mangelte dem Stein , , ." 

Zweierlei Rebellen von Radoif Amheim 

A uf einen groben Klotz gehort ein grober Keil. Spiegelt sich die 
** plumpe, ticrische Weltanschauung des Militarismus in einem Film, 
der auf klobigc Erschiitterungen gestellt, von einer behaarten Tatze 
gedreht ist, so bleibt trotz allem Mifibehagen wenigstens der Vorzug^ 
dafi Form und Inhalt einander wtirdig sind. Verbindet sich aber die 
Unbedenklichkeit des riidcn Naturburschen mit dem feinfingrigen, 
formgewandten, riickgratlosen Intellektuellen, kleidet sich der Schlage- 
tot ins glitzernde Gewand der Schonheit, so kann etwas entstehen, 
was nicht nur reaktionar und ablehnenswert ist sondern tief hose. 
Man besehe sich diesen Produktionsstab: die amerikauische Rieseh- 
firma des ausgewanderten Deutschen Carl Laemmle dreht, als eine 
,;Paul-Kohner-Produktion'*, einen nationalistischen Film aus dem 
tiroler Freiheitskrieg: „Der Rebell", unter der Regie des bartlosen 
Rubezahls Luis Trcnkcr und des schmalen, klugen GroBstadtjungen 
Kurt Bernhardt; mit einer Musik des Italieners Guiseppe Becce und 
nach einem Drehbuch des Volksbuhnenautofs- Steimnle. Und dann 
brechen riesige Steinlawihen hundert Meter tief auf vbruberziehende 
Menschen und Tiere nieder, immer wieder, und immer wicder klatscheil 
die Zuschauer. Man stelle sich ein Publikum vor, das einer ve#* 

135 



filmten Schlachthofszene zusah« und jedesmal, wenn einer Kuh der 
Hals durchgeschnitten wurde, in Applaus ausbrache. Was waren die 
paar armseligen Kuhe gegen den gigantischen Steinschlag, der, zur 
vaterlandischen Vergnugung des Publikums, hier auf Menschentruppen 
niederprasselti Eins der jjewaltigsten Sinnbildcr der Zerstorung, das 
jemals im Film gelang, kraftvoll und elementar, wird mifibraucht, um 
die Verwahrlosung hcutiger Menschen auf die iibelste Weise zu for^ 
dern. Der Grcuel des Krieges erreicht seinen Gipfel, wenn die 
Menschhcit nicht mit ihren selbstgebauten Zerstorungswerkzeugen 
ffUnter sich** bleibt sondern die Tiere' und die groCen Mittel der 
Natur hineinzerrt in die Materialschlacht, wenn die Erholungsland- 
schaft der Berg€, die letztc Zuflucht des Menschen, zum Kriegsschau- 
platz wird. Und dies alles hochst eindringlich gemacht dutch die 
Bilderkunst, begabter, aber verdorbener Filmleute. Was wird hier 
an Wertvollem vcrtani Da wird ein Mann durch das Gcstein zum 
hochsten Gipfel cmporgehetzt, in rasender Eile wird der UmriB der 
laufenden Gestalt durch alle Lichtabwandlungen des Schwarzen und 
des Weifien hindurchvariicrt. Oben uber den Wolken, auf der letzten 
Bergspitze im leeren Himmel endet die Jagd, die zu einem der 
groBen Filmerlebnisse hatte werden konnen, wenn sie straffer und 
folgerichtiger komponiert worden ware. Gut vielleicht, dafi das nicht 
gelungen ist. Dafi sich wenigstens das Hochste dem Niedrigen ent- 
zogen hat. 

Aus dem Grauen vor solcher Verirrung kann man sich' fluchten 
zu einem tiefern, warmern Rebellentum, wie es, im Gewande eines 
graziosen Tanzspiels, RenS Xlairs neuer Film tfDer 14. Juli" bietet. 
Clair hat sich diesmal aller handgreiflichen satirischen Themen, fur 
die seine politische Einsicht — ' wie wir erfahren haben — noch nicht 
zulangtf enthalten. Er zeigt das harmlose Vergniigen hilfloser Privat- 
meiischen, wahrt ganz den Volksstuckrahmen von i,Sous les toitsi de 
Paris** und gestaltet trotzdem sein tiefes Geftihl ftir das Sinnlose und 
Gespenstische heutigen Lebens in einem Humor, wie es ihn nur noch 
bei Chaplin gibt. So ist dies unheimliche, aufierlich so frohliche Sing- 
* spiel Clairs geschlossenster und schonster Film. Der 14. Juli ist nur 
ein Volksf est, und doch lebt der Geist des Bastillensturms in dicsem 
Film, wenn er den Greisenschwachsinn des reichen Roues zeichnet, 
der, veriacht und bestohlen, zwischen den schonen Tanzern des Volkes 
hilflos umhertorkelt. Man mufl das SchlachtgebruU der Trenkcr- 
Tiroler und ihrer modemen Nacheiferer im Ohr haben, wenn man mitan- 
siehti wie der vertrottelte Frackmensch in einem Tanzlokal seinen 
geladenen Revolver blank putzt, Krieg spielend zwischen friedlichen 
Menschen, selbst nahe vorm Grab und grade deshalb nicht mchr 
fahig, den Sinn des Totens zu begreifen, Sinn und Wert der Geld- 
scheine schwindet, wenn ein Irrer sie austeilt, ohne Gcgenleistung zu 
v«rlangen, und aus einer Brieftasche, die unleerbar scheint — wcrt- 
voll ist nur, was in begrenzter Menge existiert und eine Aufgabe hat 
in der Welt. Die abstcrbendc Macht, angezogen und geknechtet von 
der gesunden Kraft der Unhemittclten: der prachtige Chauffeur setzt 
den Zylindergreis ans Steuer und lafit sich kutschieren, 

Der Gchalt dieses Humors wird erst klar, wenn man seine 
Schopfungen bewuBt zergliedert, aber trotzdem beruht hicrauf seine 
unmittelbar wirksame Schlagkraft und GroBc. Und jedes Motiv ist 
meisterlich gescharft und zu Ende erfunden. Wenn die Mutter des 
Madchens stirbt, ist das Haus leer, alle Nachbarh sind beim Tanz, 
und der Hilferuf vcrhallt in den dunklen Treppcn — Einsamkeit des 
Todes. Die Schlechtigkeit des Nebenmenschen, dem man vertraut, 
kristallisiert sich zu Taschendiebsfiguren; die LeidenschaftHchkeit 
einer Auseinandersetzung wird konturiert durch einen Platzregen, der 
die Streitenden nicht zu verscheuchen vermag. Bis er sie doch ver- 
scheucht und die Liebenden einander in die Arme scheucht, ohne 
ihren Willen — Naturkraft. 
136 



BardamU von Jonatban Wild 

r\ie affiziclle Iranzosische Romanschrcibergildc hat cin nieder- 
^^ trachtiges Weihnachtsgcschenk bekommcn* Gesundcn Na* 
turinstinklcn folgcnd ist sic jctzt dabci, es griindlich in Fctzen 
zu rciBen, Abcr ihr Zorn wird immer groBcr, dcnn es zcigt 
sich, daB das hasscnswcrtc Geschcnk aus gutem. Material ist^ 

Und was sagt das Publikum? Es katift das Buch: „V6yage 
au Bout de la Nuit*\ eincn Walzer von 625 Seiten, zum ieurzA 
Preis von 25 Francs wie frische Semmebi. Sein Autor Louis- 
Ferdinand Celine heiBt in Wirklichkeit Destouches und ist 
Arzt an einem oHentlichen Krankenhaus im Nofden von Paris. 
Die Leser sagen schadenfroh zu jeder einzclnem Seite ja, 

Dreimal war Celine Kandidat fiir die notabelsten Winter- 
preise des franzosischen Literaturgeschafts. Zweimal ist er 
durchgesaust, und bekam nur mit Miihe den dritten, den Re- 
naudot-Preis, Die Ehre kam aber zu spat, einen Skandal zu 
erstickcn, der in der Goncourt-CIique zu rauchen b.cgann. 

* 

ffVoyage au Bout de Xa Nuit'* ist die Gesohickte cines 
Mannes von Kriegsatisbruch bis heute, Episoden, die essentielle 
Lebensabschnitte dieses Mannes sind. Bardamfu heiBt er^ 
Ferdinand BardamUn Er ist der Sohn einer pariser Gcmiise- 
handlerin; 1914 zieht er freiwillig in dcaa Krieg. Verwundct, 
mit Militarmedaille und zerriitteten Nervcn versehcn, kehrt er 
zuruck, im Spital aber geht er anstatt der Heilung einer 
rabiaten Angstpsychosc entgegen, die ihn felddienstuntauglich 
macht* Bardamu fahrt nach Afrika. Dort sieht er isich da& 
an: die versoffenen, korrmnpierten Direktoren der Kolonial* 
gesellschaften; die schwarzen, am lebendigen Leib verfaulen- 
den, ebenfalls korrumpiertea Eingeborcncn, schleppt sich, an- 
statt einen morderischen Dienst in der gliihenden Wildnis an- 
zutreten, mit letzter Krait in spanisches Kolonialgebiet und 
wird bewuBtlos auf ein Amerikaschifi verladen. Der Kapitan 
pappelt ihn, auf, teilt ihn der BordmannschaJt zu. Bardamu 
geht natiirlich in der Quarantane durch, schmuggelt sich in New 
York cin. Ohne Sou, niedcrgeschmettert von dicser Stadt, 
wandert er wcitcr und landet in Detroit bei Ford Dort gibt 
ihm ein gutherziges Bordellmadchen das Geld zur Riickreisc 
nach Europa. Im Sieger-Paris volIcnd«t er miihsam scin Mcdi- 
zinstudiimi, Nach viel Arger mit erbarmlichstcr Armut sucht er 
sich cine Praxis in eincm sohmutzigen pariser Arbeitcrvorort, 
Wir vcrlasscn ihn in eincm Narrcnasyl, wo er nicht als Narr 
sondern als zweiter Icitender Arzt tmtcrgekommen ist. 

Dieses Romanskelett ist der Vorwand fiir cine inlcr- 
nalische Demonstration. Tatsachlich ist schon lange in Frank- 
reich in eincm ahnlichen Idiom nicht geschricben worden, Obcr 
Krieg, Heklcntum, Gcldvcrdicncn, iibcr Fraueni Krankheiten, 
Liebe, Charakter, iibcr alles^ was imstande ist, das Lcben 
cincs Mannes nutzlos zu schinden und zu ycrgeudcn, werden 
Ansichten ausgcteilt, dafi cinem eingeht, wic schr den Tragern 
franzosischer Politessc und Bienscancc die Spuckc wegbleiben 
muB. jf 

137 



Dcr Soldiat Bardamu im Kricg ist voll unbezwingbarcr 
Todesangst, Er ist voll Hellsichtigkcit fiir den Wahnsinn dcr 
Zeit und rachedurstig wie ein cingesperrtes Tier* So wundcr- 
bar tmkompliziert wird er, daB er jcdcn Volltrcffer in den 
Schadcl cines Vorge^etzten dankbar begriifit, une vachc de 
moins, die ihn dem Kriegsgericht hatte auslicfem konnen. 
Nachts, wenn er auf Erkundtmg ist, stoBt er aiii keinen Feind; 
niemals. Aber immer auf andre Bardamus, die auch den Feind 
— suchen, Verwundet in Paris begcgnet er dcr amerikanischen 
Pflegcrin Lola, dcren Mission darin bestcht, den Apfelkrapfcn- 
Scryice fiir die ankommenden Verwtmdeten zu regeln iind tag- 
lich die oltriefendcn, dickgezuckerten Apfelkrapfen zu kosten. 
Ihr groBer Enthusiasmus ist der Krieg, ihr nicht minder starker 
Kummer die Angst, Ln diesem vaterlandischen Opfcrdienst die 
Hiiften zu verlieren. Als Lola seiner miide zu werden beginnt, 
ILndet Bardamu die wunderbareGeste: er geht statt ihrer jcden 
Morgen imd Mittag die fetten Apfclbcignicts kostcn. 

Diese amerikemische Lola hat so ihre Ideen, Eines Tages 
scUeppt sie Bardamu in eine SchicBbude; „Sie schicBcn sicher 
gut, Ferdinand,** sagt sie. Da langt er an zu schrein; „Es wird 
geschossen! Verdnickt cuchi Es wird gcschosseni Man 
schieBt euch tot! Man schieBt cucb alle tot!" — „Armer Sol- 
dat,** flustern die Leute. 

Die Comedie Fran9aise veranstaltet patriotische Gala- 
Abende. Ein Heldendicliter klappert die Spitaler ab, um 
Material zu sammeln. Bardamu erzahlt ihm: „Gliicklicherweise 
ist beim Heldentum nichts unmoglich/* 

Da er nicht mitspielt, lassen sie ihn laufen. „In AJrika 
habe ich gesagt; Je weiter fort, desto besser!'* Auf dem Schiff 
bat er das Pech, einigen sich graBlich langweilenden Kolonial- 
oflizieren zu miBfallen, Er hort, daB sie beim Whisky be- 
schlossen habcn, ihm bei der erstbesten Gclegenheit eine 
runterzuhaucn und ihn ins Meer zu werf en- Richtig, eincr stan- 
kert ihn an. Da hat Bardamu in auBerster Gcfahr die Idee, 
ein halbes Dutzend vaterlandischer Phrasen loszulassen. Das 
Mittel hilft. Er cndet seiae Rede folgendermaBen; „Unter 
tapfern Soldatcn, meine Herren Offiziere, wird man sich 
schlieBlich doch verstandigen? Es lebe Frankrcich, zum 
Donnerwetter! Es lebe Frankrcich!'* 

In Bambola-Bragamance im Kongo stcllt sich Bardam-u dem 
Direktor dcr Compagnic Porduricre vor, der eincn Posten zu 
vergeben hat. „Wollcn Sic Whisky?** fragt der Direktor, 
owollcn Sic was rauchen?" „Nein/* „Ich kann Angestclltc, die 
weder trinken noch rauchen, nicht vertragen... Sind Sic zu- 
fallig Pad-erast?! Nein? Um so schlimmen Diese Leute steh- 
len weniger als die andern . . .** 

Ford, Detroit: Bardamu steht Schlange mit vielcn andern, 
die auch auf Auinahme warten; „Aus der Masse drang ein 
Uriagestank wie im Krankenhaus/Wenn man mit ihncn sprach, 
vcrmied man ihren Atem, wcil er schon nach Vcrwesung 
roch." Abends geht er ins Bordell. „Dcr Kientopp geniigte 
mix nicht mchr!** Im BordcU' ist Molly, die einzige Frau, die 
Bardamu je lieben wird, und das natiirlich auf seine Art. Sie 
geht mit ihm spazieren, wcnn sie frei ist, kauft ihm cinen An- 
138 



2ug und nimmt ihn aus der Ford-Fabrik. Er Icbt von ihr 
und sic zahlt ihm, als ers nicht mehr aushalt, die Reisc nach 
Europa ... 

fiardamu ist Arzt gcworden in Euro pa, ein unglaubigcr und 
schon deshalb unmoglicher Arzt- Vor seinen Krmken vcrfaUt 
€r in grausamste Meditationen uber Wert und Unwert aller 
Dinge, abcr was das Lebcn dieser Ungjiicklichen betrifft, so 
ist dies wohl dasi letzte, was ihn interessieren konnte. Er sieht, 
wenn er ein Krankenzimmer betritt, alles; die lacherlichen 
Photos am Spind; die habgierigen Augen der Vcrwandten, 
aber niemals den Fingerzeig zur Rettung. „Der Todeskampf 
im erst en Stock hat nicht lang gedauert. Um so besser , . /* 

„Die Frau von oben blutet noch immer am Hint em. Fast 

ware sie krepiert, ohne sich lange aufzuhalten . . /' Das sind 
so seine Reflexionen angesichts Krankheit, Elend und Tod: 
Wahrscheinlich fuhlen vieie Arzte ahnlich. Aber dieser Bar- 
damu ist doch so voUig verlassen von jedem Sinn fiir Gemein- 
schaft,. daB er nicht die kleinste Geste der Hilfsbereitschaft 
linden kann. Und die Leiite, besonders die armen Leute, er- 
kennen schnell diese wurstige Gleichgiiltigkeit Das einfachste, 
womit sie sich rachen, ist, dafi sie seine Rechnungen nicht 
bezahlen. Bardamu wird fast niemals bezahlt, Und immer ist 
ein Konkurrent zur StcUe, der ihm das Brot wegnimmt, ein 
Kollegei der die Leute zwar genau so schnell ins Grab -befor- 
dert wie Bardamu, der ihnen aber zum Abschied die Hand 
driickt und sie mit fettem Lacheln arts Tor der HoUe begleitet, 
darauf kommt es an. Der Konkurrent wird bezahlt. 

Bardamu bringt die Miete nicht mehr zusammen. Und so 
verlaBt er seine Bude eines Abends auf Nimmcrwiedersehen. 
Er ist jetzt obdachlos. Aber man kann nicht sag^en, dafi er 
nun von Stufe zu Stufc sinkt, nein, er schwebt, er hangt in 
der Luft, das Gesetz der Schwerkraft funktionicrt nicht bci 
ihm, ein schlechtes Liiftchen schlenkert ihn herum, aui, ab* ab. 
Er wird Statist in einer Revue, ganz zufallig, er bekommt die 
Stelle im Narrenhaus, ganz ziifallig. Er greift den Madchen 
in die Schenkel, wo und wann «r kann — in der richtigen 
proletarischen Vorstellung, daB man die Gelegenheit packen 
miisse, wo und wann man kann, und sie prasentiert sich nicht 
zu oft. 

* , 

Man diskuticrt, was der Doktor Des touches mit Herm 
Bardamu beweisen will. DaB der Krieg Menschcn hinterlassen 
hat wie diescn? Ferdinand Bardamu ist ganz einfach der erstc 
wahre und imgeschminkte Prolet der franzosischen Literatur. 
Er ist ein besonderer Typus, der unter seiner Armut entsetz- 
lich leidet, sich aber zu ihr bekennt; mehr: zu ihr in fast 
mystischer, tmtilgbarer Beziehung steht. Bardamu i^it hungrig 
wie ein Hungriger nach* Weibem imd gutem Essen, und er wird 
sol ort schiichtern, wenn er vor diesen Reichtumem steht. Aus- 
kosten das Lebcn, immer daran denken, daB es nichis gibt als 
das; „Man muB noch im letztcn Augenblick genieBenv wenn 
man schon die Adern voll Gift hat!*' 

Er ist nicht der unkomplizierte, leicht -zu befriedigendc 
Prolet, der bezahlten Urlaubwill und sich. an den Reden seines 

139 



Lieblingsrcvolutionars aufmuntcrt. Nein, Er ist viclmchr cin 
ausgcwachscner, ein boser, cin stolzer, bcwufiter Eliteprolet, in- 
dividuell bis zura ExzeB und gar nicht koUektiv, der nicht mehr 
nach Bildimg Icchzt, wcil er sic hat imd schon verachtet, und 
dem kciner was vormachen kann in bezug auf Idcale, Die 
Kommunisten habcn sehr unrecht, sich liebevoll auf ihn zu 
stiirzen imd ihn in ihre Hohle zu schleppcn. Das ist kcinKom- 
munist, Bardamu, Das ist kein Revolutionary Er hat keine 
Kraft, ihm ist nicht zu helfen. 

Die scheintote Prinzessin vod Erich Kastner 

Teh hei6 Doornroschen, und ich bin 

*• die allerlangste Schlaferin 

bei Tage und bci Nacht. 

Sic wiss€n, daB ich vicle Jahr 

ununterbrochen schcintot war. 

Doch nun bin ich erwachtl 

Was gibts da grofi zu reden, 

wie das g«kommen ist? 

Es kam ein Prinz aus Schweden — und 

der hat mich wachgekuBt, 

Er gab mir einen KuB. 

Da wars mit Schlafen SchluB. 

In Coburg wurden wir getraut. 

Ich war die Braut und sang sehr laut: 

fflch hab geschlafen viele Jahr 

und mag nicht schlafen mehr. 

Und es muB wieder werden, wie es friiher war, 

weils sonst nicht wie friiher war/' 

Das war ein Fcst fiir Grofi imd Klein. 

Und alle fingen an zu schrein, 

als sei es^ ihre Sache. 

Sic schrien: nDeutschland erwachd'* 

und schliefen driiber ein. 

* ■ ■ 

Das war* ein Fest fiir GroB und Klein. 
Man hob den Arm und hob das Bein 
und briiUte „HochI*' und „Hcil!" 
Die Armut stand in Rcih und Glied 
und wunschte Gutcn Appctit, 
anstatt das Gcgenteil. 
Aus samtlichcn Provinzcn 
dcs Reichs erschienen sic 
und brachen vor dem Prinzen — samt 
und sondcrsi in die Knie. 
Ihr wollt cuch nicht befrein, 
Lakaien sind Lakain. 
Ihr schlaft mit der VcrgangenheitI 
Und alles schweigt. Und keiner schreit: 
nlhr habt geschlafen vielc Jahr 
und sollt nicht schlafen mehr. 
Und es darf niemals werdcn, wie cs friiher war, 
wcil es sonst wie friiher war!" 
Ihr seid Lakain. Ihr bleibt Lakaln. 
Ihr seid es. Und ihr wollt cs sein. 
Es ist nicht cure Sache, 
zu schrein: „Deutschland erwachel" 
Wenn ihr ruft, schlaft es cinl 
140 



DevisenSChieber von Bermann BudzisUwski 

r\ie begliickendc Fahigkcit, aus jedem ScKicksalsschlag Nutzen 
*^ 2U Ziehen, hUft dcm deutschen Volk odcr wenigstens ge- 
Tvissen Teilen des Volkes liber die Schwere der Zeit hinweg. 
Lebenskunstler dieser Art sind zum Beispiel die Devisen- 
^chieben Als die apokalyptischen Reiter im Juli 1931 liber 
der Burg-StraBe imd der Behren-StraBc crschienen, spiirten 
GroBbankfiirsten und kleine Makler und Privatbankicrs den 
nahenden Weltuntergang, Damit sich das schrecklidie Ereignis 
in geordneter Weise vollzoge, holte die Regierung aus ihrem 
Archiv die Dcvisenbestimmungen, die schon in der Inllation 
mustergiiltig versagt hatten. Die Borse war geschlossen, Als 
^ie wieder geoffnet wtirde, wollte sich das Publikum nicht 
mehr an einem Lotteriespiel beteiligen, bei dem es nur Nieten, 
keine Treffer und gewifi keine Hauptgewinne gab. Da erkann- 
ten die Drehkopfe, welche wundervoUcn Differenzgewinne 
durch die geschaftszerslorenden Devisenbestimmungen hervor- 
^ezaubert wurden. Wie Simson im Aasi des Esels den Honig 
fand, entdeckten sie in dem Kadaver der verendenden Borse 
sixQe Margen. 

Die Reichsbank imd die Regierung Briining waren keine 
Freunde der Devisenzwangswirtschaft. Doch das Ausland war 
iiber die deutschen Kapitalisten emport, die in Nazifiurcht und 
voll Angst vor dem Chaos nur noch der Parole nRette sich, 
wer kann'* folgten, ihr Kapited iiber die Grenzen brachten und 
damit den auslandischen Glaubigern immer weniger Pfand- 
objekte lieBen, Aniangs war das Netz der Devisenbestimmun- 
gen weitmaschig; durch die Locher entwischte das deutsche 
Fluchtkapital, abcr auch das zum „Stillhalten" verurteilte Kapi- 
ial der Auslander, Dann wurden die Maschen enger gczpgen. 
Zwoli Devisenverordnungen und mindestens ebensoviel Aus- 
fuhrungsbestimmungen und Richtlinien folgten in wenigen Mo- 
naten, bis im Mai vorigen Jahres alle Bestimmungen zu einer 
neuen Devisenverordnung zusammengefaBt wurden, Damals 
lief en in der Reichsbank tagiich fiinizigtausend pevisenkauf- 
gesuche ein; in der berliner Devisenabteilung der Reichsbank 
waren schon iiber tausend Lcutc beschaftigt. Die Devisen- 
bewirtschaltungsstelle, die Banken, die Zollfahndungsstellen 
muflten ihren Bcamtcnstab vcrgroBcriL Die einzige Arbeits- 
beschaffung, die in Deutschleind zu gliicken scheinti besteht im 
Aufbau neuer bureaukratischer Apparate. 

Das Kapitel hat sehr naenschliche Eigenschaften. In 
seinem Drang nach Freiziigigkeit schleicht es auch ohne PaB 
iiber die Grenze. Doch machtiger als ^er Freiheitsdrang ist bei 
alien Wesen der Fortpflanzungstrieb. In der Schweiz warf die 
Rcichsmark keine Zinsen ab- Da horten die Deviscnschiebun- 
gen, die der Kapitalflucht dieriten, allmahlich auf; Die Wclt- 
untergangsstimmung in Deutschland wich, dagegcn wurde im 
vergangenen Jahr auch in Zurich und m Genf geschossen. 
Nichts verdienen und dann noch Barrikadeakampfe ? SchlieB- 
lich erfuhr man im November vorigen Jahres, dag sich die 
franzosische Steucrbchordc die Abschrift von iiber tausend bei 
der Beiseler Handekbank igefiihrteii Konten hochangesehener 

141 



franzosischer Biirgcr verschaift hatte. Das Kapital rcist gem 
diskret. Da ikm -der Aufenthalt in der Freinde so verleidet 
worden war, hat es Heimweh bekommen, Auch deutsches 
Kapital, von jchcr im Grundc seines Herzens patriotisch ge- 
stimmt, schnt sich wied'er nach Hause zuriick nnd hat zum Teit 
schon die Heimiahrt angetreten. 

Das ist ein groBes Gliick, denn so kdnnen die neuen De- 
viscnschiebungcn, die eigentlich Effckterischiebungcn sind, in 
der Zahlungsbilanz des Volkes ausgeglichen werden. Taglich 
ertappen unsre zwciundzwanzig ZoIliahnduAgsstellen ein paar 
Devisenschieber — Zufallstrcffcr, in einen Schwarm von Zug- 
vogehi abgefeuert. Alle paar Tage wird- ein Bankier verhaftet*^ 
Sahe man genauer hin, so konnte ein groBes Untersuchungs- 
gefangnis die Anischrift erhalten; Nur fiir Privatbankiers, Die 
Bankiers sagen, die Devisenbestimmungen seien so gefaBt, da& 
jeder von ihnen einmal unbeabsichtigt gegen sie verstoj^n 
mtisse. Die Gegenseite fiigt hinzUf daB man leicht fahrlassig 
handelt, wenn sich dabei etwas verdienen laBt. Zugegeben: 
die kleinen Bankiers sind nicht schlechtere Menschen als die 
groBen und von durchschnittlicher Moral. Durch die Eigenart 
ihres Geschafts werden sie in last alle Devisenschiebungen 
verwickelt, wahrcnd' die eigentlichen Schieber aus den- bessem 
Kreisen schlechthin stammen und im Hauptbertif Rechts- 
anwaltef Geheimrate oder Prinzen sind. Es soil auch vorge- 
kommen sein, daB ein Bankier im Auftrag eines auslandischen 
Effektenschiebers fiir eine Million Wertpapiere verkauft, fiinf- 
zigtausend Mark Provision eingesteckt und dann den Rest 
nicht bar sondern auf SperrktMito gezahlt hat. Ein schoner Aus- 
nahmefall, der das Selbstgeliihl des ganzen Standes einschlieB* 
lich der GroBbankiers hebt. Die GroBbanken sind ja — ab- 
gesehen vom Fall Schafer in Diisseldorf, bei dem allerdings der 
Glanz der HoChfinanz einige Flccken abbekommen hat — in 
die Devisenschiebungen nicht verwickelt; auBerdem sind ihre 
Biicher schwer zu( priilen, und wo etwas passierte, konnte es 
nur den untern Angestellten bis hinauf zum Prokuristen zur 
Last gelegt werden- Im iibrigen hat der ganze Stand mit der 
Lammsgeduld dessen, der weder Abandenmgsvorschlage noch 
ein reines Gewissen hat, alle Verhaftungen und offentlichen 
Entehrungen ruhig iiber sich ergehcn lassen. 

Zuerst hattcn die Bankiers wenig mit den Devisenschiebun- 
gen zu tun. Als dem auswamderndcn Kapital plotzlich De^ 
visenbestimmimigen in den Weg gelegt wurdcn, steckte man 
sich Geld in die Brieftasche oder nahte es in das Mantelfutter 
ein, im berechtigten Vertrauen darauf, daB solche Konterbande 
kaum zu finden wan Wer vorsichtiger war, kaufte sich ber 
dem berliner Vertreter einer schweizer Gesellschait eine Le- 
bensvcrsicherung in Franken, bezahlte die ganze Pramie voraus 
in Reichsmark, f uhr dann in die Schweiz und machte mit einem 
gewissen Verlust von cmem vorher vcreinbartcn Riickkaufs- 
recht Gebrauch. Eines Tages wurde das verboten. Dann 
licBen Exportcure einen Teil ihrer Exportdevisen im Ausland* 
Zwisdhen erlaubter und vcrbotener Kapitalllucht gab es von 
Anfang an flieBende Obcrgange. 

Die eigentlichen Devisenschieber, die dem Kapital zur 

142 



Flucht verfialfen, sind von den Eff ektcnschicbern abgelost 
worden. In Amsterdam sindi deutsche Wcrtpapicrc ein Fiinftcl 
billiger als in Berlin, Kauft man sic dort und verkauft sic hier, 
so muB der Erlos auf ein Sperrkonto eingezahlt werden. Jcdc 
Zahlung an Atisland'er ist genehmigungspflichtig, lund da es sich 
um Interessen des Kapitals handclt, hat die Regierung endlich 
auch. die einzig verniinftigc Definition fiir Auslander und In- 
lander gefunden: olme Riicksicht aul Stamm und Staats- 
gchorigkcit ist, wcr diesscits der Grenzcn seinen Wohnsitz hat, 
Inlander, andernfalls ist er Auslander. Um das Sperrkonto zu 
umgehen-, wird' ein Strohmann vorgeschickt. Er verkauft die 
im Ausland crworbencn Effcktcn als inncrdeutsche Wertc bei 
eincr Bank, erhalt bares Geld, das cr ins Ausland bringt, imd 
holt von dort einen neuen Posten Wcrtpapicrc, So vcrschafft 
die Devisengcsetzgebung, nachdem ihr cigentlic^her Grund, die 
Kapitalflucht, langst forlgefallen ist, zahlreichen Personen in 
geschaltlich stiller Zcit ein schones Betatigungsfcld. Was dem 
Elfektenschieber vcrboten ist, wird der GroBindustrie unter 
Umstandcn erlaubt, Um mit valutaschwachen Landern auf dem 
Wcltmarkt in Wcttbewerb zu trcten, darf sic auf Antrag einen 
Tcil ihrcs Exportvermogens in deutsche Attslandsbonds um- 
wandcln, wodurch sic in Deutschland zwanzig Prozcnt hohere 
Einnahmen hat. Die Genchmigung dafur^ die schwcr zu cr- 
langen ist, soil eincm gewissen deutschen Unternehmen oft cr- 
tcilt worden sein; man hat daher schon in dicsem Zusammcn- 
hang von eincr Lex IG gcsprochen, 

Viel Geld laBt sich verdicnen, weiin man Spcrrkonten, die 
im Ausland mit eincm Abschlaig von zwanzig Prozcnt gchan- 
delt werden, durch falsche Erklarungen in offcne Konten vcr- 
wandcln kann. Deviscnschiebmigcn kommcn auch bei Im- 
porteurcn vor, die bei knapper Zutcilung auslandischer Zah- 
lungsmittel nicht soviet Waren importicren konnen, wic sic 
mochten. Eincs Tages merkt ein Konkurrcnt, wieviel Aus- 
landsware bei der Nachbarfirma eintrifft. Er lauft zur Zoll- 
fahndungsstcUe. Zur Devisengcsetzgebung gchoren untrcnnbar 
die Dcnunziationcn. 

Die meistcn Prozcssc schweben noch, sic befindcn 
sich in der Revision, Ein paar klcinc Makler wurden am- 
ncsticrt, wcil sic aus wirtschaftlichcr Not gchandclt haben 
soUcn. Jctzt hat ein vcrstandnisvolles Gericht erkannt, daB 
die Dcvisenschiebungen des Prinzcn Viktor Salvator von Isen- 
burg, die angeblich der Finanzierung der NSDAP dientcn, 
untcr die politische Amnestic fallen. Aber wic steht es mit 
dem Geheimrat Tillich, der zwolf Jahrc Bureauchef im Ge- 
heimen Zivilkabinctt Wilhclms IL g ewes en ist iind dann Ver- 
waltungsdircktor im PreuBischcn Wohlfahrtsministcrium wurdc? 
Er gehort zu den Deutschnationalen, seine vier Komplizcn, 
darunter der in viele Affaren vcrwickclte Doktor Adolf 
Borchardt, sind Nationalsozialisten. Da der Erlos ihrer Schie- 
bungcn „fiir nationale Zwecke im Sinnc der Rcgicrimg Papcn" 
bestimmt gewesen scin soil, wird vicllcicht auch dicser grofltc 
Devisenskandal des vcrgangcnen Jahrcs unter die Anmestie 
fallen. Mit gutcm Grund wird die Gffcntlichkeit ^parlich iiber 
die Dcviscnschieber unterrichtet. 

143 



Bemerkungen 

Was ist Miliz? 

F^ie Reichsgrundungsfeier des 
^ Kyffhauser-Bundes hat in 
liarmoiuscher W«ise die ragen- 
den Spitzen von heute mit den 
abgebrochenen Spitzen von Wes- 
tern in einer Stuhlreihe vereint. 
Neben den Reprasentanten des 
Reiches wurde die schnittige Fi- 
-gur des ehemaligen Harembesit- 
zers von Charleville allseitlg be- 
merkt und Gegenstand lebhafter 
Huldij^ungen, eine hochst pein- 
liche Situation, die indessen von 
den Offiziellen philosophisch 
ertragen wurde* £s ist nun ein- 
mal sOt dafi den Herren, die 
standijE die Wurde der Nation 
im Munde fuhren, das primitiv- 
sie Geftihl fiir die Wiirde des 
republikanischen Staates und des 
«i^nen Amtes abgeht. 

Die Rede, die der Herr Reichs- 
kanzler zur Feier beisteuerte, 
ist nicht geeignet, ihm als Staats- 
tnann Ehre zu machen. Der Kanz- 
ler-General hatte darauf. ver- 
2ichten musseui die Einfiihrung 
der allgemeinen Wehrpflicht selbst 
anzukiindigeni wenigstens hatte 
«r sich nicht einer so grob- 
schlacHtigen Formulierung be- 
dienen durfcn. Wenn sich im 
ganzen trotzdem nur einige 
Blatter in Paris und Warschau 
dariiber aufregten, so liegt das 
daran, dafi die verntinftigen 
Leute j enseits unsrer Grenzen 
nicht daran denken, bankrotten 
deutschen Politikern deis Stich- 
wort fiir die heifi ersehnte Flucht 
aus dem Stachelgestriipp sozialer 
Tatsachen auf das bequeme Feld 
der nationalen Entriistung zu 
lief era. 

Keine^ Regierung hat sich so 
steril, so arbeitsunfahig wie die 
gegenwartige- gezeigt. Keine hat 
es infolgedesseiv- so notwendig, 
die ausgebliebene burgerliche 
Leistung durch militarisches 
Spectaculum zu ersetzen. 

Unmittelbar nach der Rede des 
Reichskanzlers wuBte man inver- 
schiedenen Blattern schon aller- 
hand iiber die Plane im Reichs- 
wehrministerium zu erzahlen* 
Und wenn auch manches noch 
in vager Andeutung stecken 

144 



bleibt, gewifi ist, daB die Pro- 
jekte fur Umbau und Aufstockung 
unsres Wehrsystems schon weit 
gediehen sind, seitdem der Erb- 
feind so liebenswtirdig war, uns 
die Idee der Miliz auf dem Ser- 
vierbrett zu iiberreichen. 

Dabei ist durchaus nicht zu er- 
warten, daB man in der Bendler- 
StraBe auf die bisherige Form 
der Reichswehr leicht verzichten 
wird. Vor einigen Jahren erst 
hat Generaloberst von Seeckt 
sich in einer grundlegenden 
Studie um den Nachweis be- 
muht, daB die deutsche Armee 
angesichts der heutigen gesell- 
srchaftlichen Struktur gegentlber 
den Millionenheeren andrer Staa- 
ten Momente von Uberlegenhett 
aufweise. Eine solche Truppe von 
langjahrig Verpflichteten trage 
alle strategischen und technischen 
Moglichkeiten zur Elite in sich 
und sei, vor allem, gegen revo- 
lutionare Infektion gefeit. Was 
auf die Riesenheere, in denen die 
lichten Siegfriedsgestalten neben 
der Uberzahl schlecht genahrter 
proletarischer Schwarzalben ver- 
schwinden, nicht ganz zutrifft. 
Es ist nicht anzunehmen, daB die 
planemachenden Offiziere sich 
inzwischen von den Erkenntnis- 
sen Seeckts so voUig abgekehrt 
haben. Die allgemeine Wehr- 
pflicht diirfte ihnen wenigerHcr- 
zenssache sein als vielmehr Ge- 
legenheit zu einem demagogischen 
Schlagwort- 

In Deutschland wird ztu: Zeit 
alles Innenpolitiki alles zumGe- 
genstand von Balgereien zwischen 
Parteien, wirtschaftlichen Macht- 
gruppen, Verbands- und Cliquen- 
fiihrern. Auch die neue Militar- 
politik, mag sie noch so drauend 
ihr Angesicht gegen das Versail- 
ler System wenden, ist zunachst 
unter innerdeutschen Aspekten 
zu beurteilen. Der deutsche Mili- 
tarismus ist in der Republik 
noch exklusiver g-eworden, ihm 
liegt vornehmlich daran, sich das 
Wehrmonopol zu sichem. Zu viel 
Volk konnte da storen. Wie die 
Dessins in der Bendler-StraBe im 
einzelnen auch beschaffen sein 
mogen, man kann gewiB sein, daB 



die Quote, mit dcr die verschie- 
denen politischen Stromungen an 
der Armee der nahen Zuk>inft 
beteiligt sein sollen, ^anz bcson- 
dcrs schwicrige kalkulatorische 
Aufgaben stellt. 

Diese Frage ist in der Tat die 
heikelste. Wenn die stolzen 
Plane sich am Ende doch als 
imdurchfiihrbar erweisen sollten, 
dann wiirde nicht die schwache 
republikanische oder antimilita- 
ristische Abwehr daran schuld 
sein, sondern ausschliei^lich die- 
scr Quotcnstr«it, 

Manches in den Presseinfor- 
mationen tiber das Pro j ekt laBt 
auf Scbwierigkeiten in der Praxis 
schliel^en. Es wird nicht beab- 
sdchtigt, so heifit es unter an- 
derm, das alte Einjahrig-Frei- 
willigen-Prinzip wiedcr aufzu- 
nehmen. Man denke im Gegenteil 
daran, fiir die durch die hohere 
Schule gegangenen Volksteile, 
eine langere Dienstdauer einzu- 
fuhren und eine Verbindung mit 
dem sogenannten akademischen 
Dienstjahr und verwandten Ein- 
richtungen herzustellen, 

Nachtijall, ick hor dir laufen( 
Es soil also eine besondere Kaste 
von Daucrsoldaten geschaffen 
werden. Die akademisch gebilde- 
ten Burgersohne, die heute in 
materieller Hinsicht eine vollig 
hoffnungslose und deshalb auch 
ain heftigsten rumorende Schicht 
darstellen, sollen, wenn diese 
Mitteilungen auf Tatsachen be- 
ruhen, besonders lange im mili- 
tarischen Dienstverhaltnis bleiben. 
Daneben werden die weniger er-, 
wunschten Arbeitcr j ungen zu 
passag^ren Gestalten: sie lernen 
die Knarre handhaben, die Gas- 
maske auf setzen, - sich lang hin- 
werfen, kurzimi das, was der 
Soldat zum grade noch vor- 
schriftsmaCigen Leben und Ster- 
ben braucht. Die gehobeneKa- 
tegorie dagegen wachst zu einer 
Art von Schwertadel, durch Ge- 
sinnung und wirtschaftliches In- 
teresse den Inhabern des Wehr- 
monopols aufs cngste verbunden. 
Eine Klassenarmee, ein weiterer 
Schritt zum Feudalstaate- 

Es ist nicht unsre Aufgabe, das 
beste Wehrsystem zu ergrunden, 
Denn es gibt kein bestes Wehr- 
system. Es ist aber notwendig, 



die Herren Militarpolitiker in 
ihrem eignen Malepartus auf- 
zustobern und ihnen die Differenz 
zwischen Programm und ' wirk- 
licher Bedeutung nachzuweisen. 
Sie behaupten, die Miliz zu wollcn* 
Miliz aber bedeutet die Erfa&sung 
moglichst vieler Wehrtauglichcr 
und ihre gleichmafiige Ausbil- 
dung, keinesfalls aber gestattet 
ihr Prinzip die Einbauung eines 
besondern pratorianischen Sektofs. 

Unsre Militaristen bclieben, 
sich auf den toten Jaurds zu be- 
rufen, der ein paar Jahre vor 
dem Weltkrieg einen grofiztigigen 
Milizentwurf veroffentlicht hat. 
Wer sich die Miihc macht. sein 
Buch „Die neue Armee" zu stu- 
diereri, wird nichts darin finden, 
was den Leuten mit dem rostigen 
Stulpnagel im Hirn AnlaC geben 
kormte, diesen wunderbaren so- 
zialen Demokraten als Eideshel- 
fer zu miBbrauchen. 

Was proklamiertc denn Jaures 
als Ziel? 

„In Frankreich selbst mit alien 
Kraften der republikanischen 
Demokratie der Arbeit zum 
Siege liber das Eigentum zu ver- 
helfen; und durch entschiedenes 
und augenf alliges Verwerf en j e- 
der Angriffsidee und energisches 
Eintreten fiir Schiedsgerichte und 
nattirlichcs Rccht den Frieden 
drauBen zur Herrschaft zu er- 
heben." 

Die „neue Armee" war fiir 
Jaures die zweite Realisierung 
von 1793 und der levee en masse, 
ein Instrument zur Verteidigung 
der Arbeiterdemokratie, aber 
nicht einer militarischen und so- 
zialen Reaktion: 

„. . . durch seine unermiidliche 
Tatigkeit mufi das Proletariat be- 
weisen, daB es nicht aus furcht- 
samer Selbststicht, nicht aus 
menschlicher Feigheit und biir- 
gerlicher Tragheit den Militaris- 
mus und den Krieg bekampftr 
sondern daB es ebenso ent- 
schlossen und bereit ist, die voile 
Tatigkeitsentfaltung eines wahr- 
haft volksttimlichen und zweck- 
maBigen Armeesystems zu 
sichem, wie die Anstifter von 
Konflikten niederzuschlagen." 

Die „neue Armee", das ist kein 
Spielzeug fur feudale Generale 

145 



xmd Diplomaten, sie ist das Pro- 
letariat in Waff en! 

„Laut muB cs das GraBliche 
und Lacbcrliche des Kriegcs ver- 
Icunden, dcssen Rolle in dcr Ge- 
schichte d-er Menschheit schreck- 
lich zweischneidigf zuj^leich un- 
lieilbringend und fruchtbar war, 
der aber in unsrer Welt der De- 
mokratie und der Arbeit voll- 
kommen veraltet, widersinnig und 
verbrechcrisch ist. Mit einer 
revolutionaren Verzweif lungs tat 
muB es jede Regierung ernsthaft 
bedrohen, die so unvcrnunftig 
und strafwiirdig ist, einen Kon- 
flikt heraufzubescbworen ..." 

Die groBe Vision des Jaurcs 
ist heute in Frankreich wenigstens 
technisch in die Tat umgesetzt 
worden, wenu auch nicht dem 
Geiste nach, sie erscheint 
ehcr wie cine Vorahnung der 
Roten Armee, sie paBt aber ganz 
und gar nicht zu den gegenwar- 
tig in Deutschland betriebenen 
militarpolitischen Spekulationen. 
Wir verlangen von den Herren 
Offizieren nicht die durchschnitt- 
liche zivile Logik, wir denken 
nicht daran, so unsittliche Zu- 
mutungen zu stellen. Aber sie 
sollen wenigstens die gute solda- 
tische Tugend zeigen, die Begriffe 
sauber auseinanderzuhalten und 
nicht unvertragliche Dinge mitein- 
ander vermanscheu- 

Jaurcs bemerkt in der Einlei- 
tung zu seinem Werk: „Stendhal 
hat von Bonaparte geschrieben: 
Er hat niemals Unbestimmtes gc- 
sagt." Das sei unsern Bonaparte- 
Anwartern zur besondern Beach - 
tung empfohlen, 

Carl V. Ossietzky 

Der freiwIMige Arbeitsdienst 

schafft ArbeUslose 

In einem Beitrag der ,Weit- 

* biihne' vom 21. Juni vorigen 

Jahres schrieb ich: 

Ourch die Arbeitsdienstpflicht konnen 
nicht mehr vr>lk8wtrtBchaftUche Werte er- 
zeujjt werden als ohne sie, durch die 
ArbeitsdienstpiUcht konnen nicht mehr 
Waren dtrekt oder indirekt abgesetzt 
werden al« ohne sie. Wenn also jJroUere 
Arbeiten durch die Arbeitsdienstpflicht 
ausi{etGhrt werden, so werden zwangs* 
liufig an audrer Stelle des Produktions- 
prozesses neue Arbeitslose £escha(fen. 

Und es wurde dairn weiter aus- 
einandergesetzt, daB es nur eine 
einzige Mbglichkeit gabe, durch 

146 



den Arbeitsdien&t eine VergroBe- 
rung der Arbeitslosigkeit zu ver- 
meiden, wenn er namlich „zusatz- 
liche" (sonst unrentable) Arbeit 
schaffei die sonst im Rahmen des 
kapitalistischen Systems nicht 
ausgefiihrt werden wiirde. Bei 
dem katastrophalen Stand der 
deutschen Finanzen wiurde das 
fiir eine Utopie erklart. 

Seitdem ist fast ein halbes 
Jahr vergangen, und die Erfah- 
rungeui die man mit dem frei- 
willigen Arbeitsdienst gemacht 
hat, geben uns die MogUchkeit , 
unsre damaligen Behauptungen 
nachzupriifen; sie sind vollauf 
bestatigt worden. 

Die meisten Arbeiten, die der 
FAD ausfuhrte, sind Bauarbeiten 
gewesen. Handelte es sich da le- 
diglich um ..zusatzliche" Arbeit, 
so' batten die Vertreter der Bau- 
arbeiter kein groBeres Interesse, 
als sich mit dem freiwilligen Ar- 
beitsdienst zu beschaftigen. In 
Wirklichkeit ist das genaue Ge- 
genteil festzustellen. Und so ist 
das Blatt der freigewerkschaftlich 
organisierten Bauarbeiter, ,Der 
Grundstein, gezwungen, immer 
und immer wieder zum Arbeits- 
dienst Stellung zu nehmen. In der 
Nummer 45 bringt es einen Auf- 
satz ^Erneuter Notschrei der 
Bauarbeiter und eine Anklage 
zugleich", Hier werden zahl- 
reiche Belege gebracht, die zeigen, 
wie durch die Arbeiten des frei- 
willigen Arbeitsdienstes die Bau- 
arbeiter um Lohn und Brot kom- 
men. Die Vertreter der freige- 
werkschaftlich organisierten Bau- 
arbeiter haben wegen dieser un- 
erhorten MiBstande eine Be- 
sprcchung mit dem Reichsarbeits- 
ministerium gehabt. Ober sie wird 
im iGrundstein* in einem Aufsatz 
„Vom Krebsschaden des FAD 
und der Lohnsenkungsmanie" be- 
richtet. Es heiBt dort: 

Mit Nachdruck wurde ffefordert, dafi 
endlich einmal entsprechend den wieder- 
holten Erklaruoilen des ' Prftsidenten der 
Retchsanstalt fQr ArbeitsloseDversichening 
eigentliche Bauarbeiten nicht mehr im 
FAD ausgefuhrt werden. Wurde dieier 
Forderung entsprochen, dann koonten 
sch&tzungsweise hunderttausend Bau- 
arbeiter im ordentlichen ArbeitsverhEltnU 
zu tariflichen Bedintfungen Beschaftigung 
finden. Die im FAD ausgcftihrjen Arbeitem 
seien mindestens zu drei Vtertein ban- 
gewerblichen Charakters. 



Das ist deutlich geuug. Die ge- 
wcrkschaftlichen Vcrtreter der 
Arbeiterkatcgorien, die vom frei- 
willigen Arbcitsdienst besonders 
betroffen werden, erklaren^ da(3 
nicht weniger als 100 000 Arbeiter 
beschaftigt werden konnten, wenn 
der freiwillige Arbcitsdienst liqui- 
diert wUrde. Damit ist wortlich 
das bestatigtt was ich an diescr 
Stelle ausfuhrte. Da im freiwilli- 
gen Arbcitsdienst zu eincm groCen 
Teil unqualifiziertc, ungeschulte 
Krafte tatig sindi so ist es klar, 
dai3 die Zahl dcrcr, die im FAD 
arbcitcn, grofier ist als die Zahl 
der Bauarbeiter. die sic vcrdran- 
gen. Aber dafi hier in keiner 
Weise zusatzliche Arbeit gelcistet 
wird, geht aus den Fcststellungen 
dcs Baugewerksbundes eindeutig 
hervor. Notwendig ware es aller- 
dings, daB sich der Baugewcrks- 
bund nicht mit lahmen Protesten 
gegcntiber den einzelncn ministc- 
riellen Ressorts begntigt sondern 
da3 cr innerhalb dcs gesamten 
ADGB Alarm schlagt und die 
frcien Gewerkschaften zwingt, von 
ihrcr bisherigen halben, manchmal 
sogar sympathisierendcn StcUung 
zum FAD abzugehen und mit dem 
Baugewcrksbund eine Kampagne 
gcgen den FAD zu organisiercn. 
Dcnn es ist ja nicht nur so, dafi 
von den Jugendlichcn die altern 
Arbeiter aus der Arbeit gcdrangt 
werdcn, sondern cs findet auf dic- 
sem Wege ein kaltcr Abbau der 
Tarifvertragc und der gesamten 
sozialpolitischen Errungenschaften 
der Arbeiterschaft statt, gcgen 
den die Arbciterorganisationen 
grade in der heutigcn Lage nicht 
«charf, nicht energisch genug 
kampfen konncn. 

K. L. Gerstorff 

Hundez^hne 

T^er Prof cssor Piccard hattc bei 
•^ weitem weniger Schwierigkci- 
ten, in die Stratosphare zu ge- 
langcn als nun hinein in die 
Vereinigten Staaten. Der ameri- 
kanische Ticrschutzvcrein nam- 
lich erhob, ungcachtet dcs wis- 
senschaftlich bedcutsamen Zwek- 
kes, Protest gcgen die Einreise, 
weil Piccard seinem Hunde samt- 
liche Zahne habc ausziehcn las- 



sen, damit cr die Kinder nicht 
beiBc. 

Der Professor hat seinerseits 
den Tierschiitzlern die Zahne ge- 
zcigt und konnte sehliefilich doch 
nach USA, zumal die ganze grafi- 
lichc Anschuldigung aus der Luft 
gegriffen scin soil. , Immerhin 
gibt der Kasus zu denken. Solltc 
man es Herrn Piccard nicht ci- 
gcntlich hoch anrechnen, daB er 
so um das Wohl der Kinder be- 
sorgt ist und andrerseits nicht 
glcich den ganzen ihnen gefahr- 
lichen Hand abzuschaffen sich 
iiberwinden konnte soiidern nur 
dessen Zahne? MiiBte nicht mit 
besserem Recht der Kinderschutz- 
verein gcgen die Einreise jedes 
Mannes protestieren, der die un- 
schuidigcn Kleinen lieber beiBen 
lieBe, als daB er den, Hund zum 
Zahnarzt schicktc? Der Ticr- 
schutzvcrein ist wahrschcinlich 
der Ansicht, daB Piccard am 
besten hafte den Kindern die 
Zahne ziehcn soUen, aus Griin- 
den der Sichcrheit fiir den Hund. 

Es ist ein alter neidvoller 
Wunsch des Mcnschcn, auch ein- 
mal der ruhrenden Fursorge der 
Tierschutzlcr oder gar eincs be- 
sondcrcn Mensichenschbtzvercins 
teilhaftig zu werden. DaB man 
uns die Zahne zicht, und oft gc- 
nung alle, die wir besitzen, ohne 
- daB wir irgendjemanden damit 
bedrohcn, gingc noch hin. Aber 
was wird uns alles genommen, 
abgehackt, ausgerissen, ohne daB 
der leisestc Protest diescr zart- 
fiihlcnden Leute horbar wurde! 
Vor noch nicht zwei Dezennien 
ist Millionen Mcnschcn alles, 
alles auBer ihren Zahnen und 
ein paar Knochen, von ihren Hcr- 
ren wcggefetzt worden, und kein 
Schutzvercin hat sich gemuckst. 
Wir werdcn den richtigen Ver- 
ein wohl erst noch grunden miis- 
sen. 

DaB die Tierschutzlcr damals 
wider die massenhafte qualvollc 
Vergasung von Pferdcn leiden- 
schaftlichen Protest erhoben hat- 
ten, ist nicht bekannt geworden, 
Und sic waren meines Wissens 
nie auBer sich iiber das Heraus- 
brechen von Zahnen, sobald cs 
sich um Elcfantcn handelte. Rich- 

147 



ten sich emporte Kundgebungcn 
gegen Elfenbeinhandler, die in 
die Vereinigten Staaten wollen? 
Schwerlich. Da stehen eben gro- 
Bere Interessen auf dem Spiele 
als die Unverletzlichkeit von 
Kindern. 

Piccard, Icugnet die Untat, die 
man ihm vorwirft. Aber wenn 
er sie nun begangen hattc und 
wenn man sie unbedingt mifibil- 
ligen miiBte, so bliebe doch die 
Verweigerung des Einreisepasses 
eine etwas drolligc Konsequenz. 
Furchten die amerikanischcn 
Tierschiitzler denn, der Eroberer 
der Stratospharc wollc in ihrem 
Landc ein gewaltiges Zabneziehen 
unter den Hunden anrichten und 
als rasender Amateur-Dentist 
unter ihnen wiiten? 

Willi WoUradt 

Bin Leicbenwagen 
f&hrt vorfiber . . . 

Fiir Kronprinz Friedrich Wilhelm 

r^urdi die tagrelose Fruh 

*^ Hiipft der Sarg- in leiscm Spotte 

Weise nickt der Gaul im Trotte: 

Hotte Hotte 

Hotto Huh! 

Schaust Du, Kutsf^er, ob die Fuhrt 

Heimlich von der Karre stieg? 

Reckt sich eine Hand zum Sdtwurc? 

Keine Not I 

Tot ist tot 

Du deutsdie RepublikI 
Der verlornen Liebe$muh ' 
Singi der Erbenchor bi^otte 
Trauerpsalmen an der Grotte: 
Hotte Hotte 
Hotte Huh I 

Durdi die letzten Tag^sblatter 
Rauscht die welke Politik — 
Greise schauen nach dem* Wetter: 
Gibt es Putsch? 

Putsch ist futsdi 

Du deutsche Republik! 
Trane, rinoe! Reg^en, spruh! 
Ring-elreihen tanzt die ftotte 
Opportune Wurmerrotte : 
Hotte Hotte Hoite Hotte 
Hotte Hotte Hotte Hiih! 
Wurmer nur — nicht Barrikaden 
Feiern heute ihren Sieg- — 
Nicht Proleten — fette Maden 
Hatten Schmaus. 

Aus ist aus 

Du deutsche Republik! 
Durch die tagelose Fruh 
Stallwarts zottelt Kutschers Lotte, 
Schuttelt ihre Sorg^enzotte: 
Hotte Hotte 
Hotte Huh I 

Ooch dem Kutsdier, traumverf alien, 
Kltns^ wie Militarmusik 
Und er laBt die Peitsche knallen: 

Schimmel zieh! - ' 

. Hotte Huh 

Du deutsche Republik! 

Walter Mehring 
148 



Zu diesem Goebbeles 

LJierzu braucht cs keine Juden, 
^^ so wie iiberhaupt meine Er- 
fahrungen und Bcobachtungen da- 
hin gehen, daB ich auf jeden vor- 
lauten und schreienden Juden 
zwei der gleichen Cbristen, seien 
esi Franzosen oder Deutsche, 
Schweizer inbegriffen, rechnen 
kann. 

Gotifried Keller 

an Theodor Storm 

16. August 1881 

Sorgen 

17 s lieBe sich allerdings die Frage 
^ erheben, ob das Deutschsein 
nur eine bestimmte empirisch- 
geschichtliche Funktion auf die 
bestimmte empirisch vorgefundene 
Umweltsitutation ist, oder ob der 
deutsche Mensch als Deutscher 
nicht eine dem Menschen \an 
sich essentiell gegebene apriori- 
sche Art ist, die schon vor der 
Mitpragung der Umwelt von sich \ 
aus diese wesentlich mitbestimmt. 
,Neue Zuricher Zeitunji' 

Josefsehe 

Coviel die Erde zum Paradies 
ff*^ werden kann, wird sie es in 
einer glucklichen Ehe/' 

Ich iebe auf dem Landc und 
habe wenig Herrenbekanntschaf- 
ten. Ich bin 42 Jahre alt, sehe 
aber wie 30 , aus, und man nennt 
mich hubsch. Bin giitig . und an- 
passungsfahig. Gestmd. Brunett. 
Gute Hausfrau, Sehr kunstliebend, 
Sprechc mehrere Sprachen. Habe 
aber einen Korperfehler (ktinst- 
Hches Auge) und wtinschte mir 
einen Mann, der ebenfalls einen 
korperlichen Fehler hat oder lei- 
dend ist. Am liebsten alter als 
ich und auf keinen Fall geschie- 
den. Da ich sehr religios bin, 
wiirde ich mit einem edlen Mann 
auch eine Josefsehe eingehen. Ich 
bin Haus- und Geschaftsinhaberin 
und will nur einen Mann in sehr 
guten Vermogensverhaltnissen. 

Bcrufsvermittler, Anonymes und 
postlagernd zwecklos* Diskretion 
ehrenwortlich zugesichcrt und 
vcrlangt, Ausfiihrliche Briefc mit 
Bild erbeten unter „Nr/ 0741" an 
die Verwalttmg dieses Blattes. 
Jnnsbrucker Nachrichteri 



u 



Liebe WeltbUhnet den SpaB, am nachsten Tage den 

nter den sechs jungen Leutcn, Tatort aufzusuchen und einen 
die in Berlin verhaflet wor- Bencht fur seine Zeitung abzu- 



dcn sind, weil sie fiir ihre rote o . /-.i f • i i_ • i 

Jugendorganisation einen Ein- Sein Chef war jedoch nicht zu- 

bruch machten. befindet sich ^^ieden. Er tat einen Blick in 

auch ein Rcdaktionsvolontar aas Manusknpt und gab cs ibm 

einer liberalen Zeitung, der nie- mit den Worten zuruck: 

^and eine Begiinstigung von „Schlecbt recherchiert. mein 

Eigentumsvergehen vorwerfen Lieber, schlecht recherchiert I Sie 

kann. werden niemals ein richtiger Re- 

Der junge Mann machte sich porter werden , . /* 



Hinweise der Redaktion 

BerHn 

Bund Heistiger Befufe. Dienstag 20.30. Kammersale, Teltower St. 4. Adolf Grabowski : 

Worum geht es in Ostasien? Mittwoch 20.UO. Hmmerichs Linkhalle, Liokstr. 13: 

Arbeitggcmeinschaft Gertrud Bortsticber. — Frcitag 20.00. C&U Wittclsbach, 

Bayrtscher Platz Arbeitsgemeiaschaft A. Bolgar. 
Deutsches Komitee fiir China .gegen den Japanischen Krieg. Dienstag 20.00. Johann- 
Georg-Sale, Johann-Georii-Str. IS: Der Krieg ia China und wir. Es sprechen: 

Felix Boenheim, Hugo Greif, H. Henschke, Walther Karsch, Robert Kuczynaki, Franz 

Leschnitzer, Elsa Paulsen und Kurt Rosenfeld. 
Liga fiir Measchenrechte. Dieatitasr 2U.U0. Klubhaus am Knie, Berliner Str. 27. 

S. ICawerau: Die GeDerationsschtchtung in Deutschland in ihrer soziologischen und 

geistigen Struktur. In der Diskussion: Arthur Kosenberg und Hildegard Wegscheider. 
Klub der Geistesarbeiter, Mittwoch 2^.00. Tiergartenhoff Charlottenburg, Berliner 

Str. t. Hannes Meyer; Wie lebt der Kunstler und Geistesarbeiter im sozialistischen 

Staal? 
Der Kunstklub, Meineckestr. 27. Mittwoch 20.0^, Literarischer „Berlin-Abend". Es 

wirken mit; Giiother Birkenfeld, Ernst Blass und Joachim Ringeinatz. 
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Donnerstag 20.UO. Cafe Adler am Donhoffplatz, 

Kommandantenstr 84. Offentlicher Ausspracheabend. Anselm Bing: Der Pazifist 

als Padagog; Kurt HlUer; Wilhelm der Lugner (zur Feier seines 74. Geburtstages). 
Die Lupe. Donnerstag 20 00. Klubhaus am Knie, Berliner Str. 27. Landgerichlsrat 

von Kolten: Siedlung. ein Weg aus deutscher Not. 
Antikriegsmuseum, Parochialstr. 29. Freitag 20.15: Ernst Friedrich halt die traditionelle 

Eikaisersgeburtstagsfeier ab 
Gesellschaft zur Forderung IndividuaUPsychologischer Arbeit. Freitag 20.1)0. Schone- 

berger Rathaus am Rudolf- Wilde-Platz. trau Serge - Boehmke : Erfassung der 

Taterpersdntichkeit. 
Volksbuhne. Sonnabend 20.00 im Kunstgewerbemufieum, Prinz-Albrecht-Str. 7a. Fritz 

Schiff: Die Welt des 20. Jahrhunderts in den bildenden Kunsten und in der Musik. 
Individuatpsychologische Gruppe. Montag (3^) 20,00. Klubhaus am Knie, Berliner 

Str. 27. Paul Lazarsfeld: Zur Psychologie der Arbeitslosigkeit. 
Gewerkschaftshaus, Engelufet 24. 11.00-22.00: Groschen-Bucher-Messe. 

Hamburg 

Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Mittwoch 20.00. Heimstatte, Nagelsweg 10. Offent 
licfae Diskussion: Gibt es einen wirksamen Luf tschutz ? 

Nfirnberg 

Weltbfihnenleser. Montag (30.) 20.30. Zusammenkunft im Katharinenbau. Wappensaal. 

Stuttgart 

Linkskartell der Qeistesarbeiter und freien Berufe. Donnerstag 20.00. Burgermuseum. 
Hans Marchwitza: Die Arbeiterdichtung in der Gegenwart. 

Rundfunk 

Mittwoch. Konigswusterhausen 15.45: Albert Daudislel liest. ~ Berlin 18.30: Gibt es 
Schriften an die Nation ? W. Nolting und Herm. Proebst. — Donnerstag. Berlin 
16.15: Der Traum in der bild«nden Kunst, Fritz Schiff. -r- Hamburg 21.10: Der 
Philosoph am Fcnster, Horspiel um Lichtenberg. — Freitas^. Moskau 20.00: Ein 
Abend des deutschen proletari^chen Schriftstellers Schneider. ~ Frankfurt 20.30: 
Datterich und sein Dichter, Horspiel von Hans A. Joachim- — Sonnabend. 
Konigswusterhausen 15.45: B. Traven: Die Brticke im Dschungel. — Moskau 20.00: 
Marxismus— Leninismus. — Sonntag. Moskau 20.00: Die Ergebnisse des eisten 
Fiinfjahrplans. — Montag. Moskau 20.00: Der Staatshaushalt der Sowjetunion im 
Jahre 193j. 

149 



Antworten 

Kommunist. Leo Trotzki hat von Prinkipo an die Mitgliedcr des 
Zentralkomitees der Russischen Kommtinistischen Partei den folgen- 
d-en Brief gerichtet, der hier ungektirzt folgt: „l€h betrachte es als not- 
wendig, Euch mitzuteilen, wie und weshalb meine Tochter Selbstmord 
begangen hat. Ende 1930 habt ihr auf mein Gesuch hln meiner tuber- 
kulosen Tochter Sinaida Wolkow erlaubt, mit ihrem fiinf jahrigen Sohn 
'Wsewolod vorubergehend zur Kur in die Tiirkei zu reisen- Ich konnte 
damals nicht annehmen, dafi sich unter diesem Liberalismus Stalins 
e'm Hintergedanke verbarg, Im Januar 1931 kam meine Tochter hier- 
^er mit einem beiderseitigen Pneumothorax. Nach zebnmonatigem 
Aufenthalt in der Tiirkei gelang es — unter dauerndem Widerstand 
der auslandischen Sowjetvertretungen — fiir meine Tochter zwecks 
arztlicher Behandlung eine Einreiseerlaubnis nach Deutschland zu er- 
halten. Das Kind biieb yorerst bei uns in der Tiirkeif um die Kranke 
nicht zu belasten. Es gelang dem berliner Arzt nach einiger Zeit, 
weiteren Pneumothorax uberfliissig zu machen. Die Kranke begann 
allmahlich sich zu erholen und tratunte nun davon, zusanunen mit 
ihrem Kinde in die USSR zuriickzukehren, wo sich ihr Tochterchen be- 
findet und ihr Mann, der als Bolschewik-Leninist von Stalin in der 
Verbannung gehalten wird. Am 20. Februar 1932 habt ihr dann ein 
Dekret veroffentlicht, das nicht nur mich^ meine Frau und meinen 
Sohn sondern auch meine Tochter Sinaida Wolkow der Sowjetburger- 
rechte fiir verlustig erklarte. Im Auslande, wohin ihr sie mit einem 
SowjetpaB habt reisen lassen, hielt sich meine Tochter ausschlieBlich 
zu Kurzwecken auf. Sic nahm am politischen Kampfe keinerlei An- 
teil und hatte schon ihres Gesundheitszustandes wegen daran^ keinen 
Anteil nehmen konnen. Sie vermied sorgsam alles, was auch nur den 
Schatten von ^Unzuverlassigkeit' auf sie hatte wcrfen konnen. Da6 
man ihr die Sowjetbiirgcrrechte absprach, war ein purer, sinnloser 
Racheakt gegen mich. Fiir sie personlich aber bedcutete dieser Akt: 
Trennung von ihrem Tochterchen, ihrem Mann, all ihren Freunden, 
von dem gewolmten Leben, Ihre durch den Tod der jiingern 
Schwester und danach durch die eigne Krankheit ohnehin erschiitterte 
Psyche erlitt einen schweren Schlag, der sie um so barter traf, als er 
vollig uncrwartet und von ihr durch nichts hervorgerufen kam. Die 
Psychiater erklarten einmiitig, daB nur schnellste Riickkehr zu ihren 
gewohnten Lebensbedingungen, zur Familie, zur Arbeit die Kranke 
retten konnte. Doch eben diese Moglichkeit zur? Rettung war durch 
euer Dekret vom 20. Februar 1932 ihr geraubt. Alle Bemtihungen 
uahestehender Menschen, eine Aufhebung desi Dekrets, soweit es die 
Kranke betraf, zu erwirken, blieben, wie ihr" wiBt, erfolglos. Nun be- 
standcn die berliner Arzte darauf, dafi ihr wcnigstens der Junge ge- 
bracht werde: sie sahen darin noch eine Moglichkeit, das seelische 
Gleichgewicht der Mutter wiederherzustellen. Da ihr aber auch dem 
sechsjahrigen Knaben das Sowjetbiirgerrecht entzogen habt, verzehn- 
fachte das die Schwierigkeit, ihn von Konstantinopel nach Berlin zu 
bringcn. Ein halbes Jahr verging mit ununterbrochenen ergebnislosen 
Bemiihungen in einigen Landern Europas. Nur meine zufallige Reise 
riach Kopenhagen ermoglichte es, den Jungen nach Europa zu schaffen. 
Unter groBen Schwierigkeiten machte er die Reise von hier bis Berlin 
in sechs Wochen. Er hatte kaum eine Woche mit der Mutter in Ber- 
lin verbracht, als die Polizei des Generals Schleicher, zwcifellos in- 
folge von Intrigen der Agentcn Stalins, beschloB, meine Tochter aus 
Deutschland auszuweisen. Wohin? In die Turkei? Auf die Insel 
Prinkipo? Aber das Kind braucht eine Schule, die Mutter standige 
arztliche Behandlung, normale Familieniungebung. Der neue Schlag 
war fiir die Kranke unverwindbar. Am 5. Januar vergiftete sie sich 
durch Gas. Sie war einunddreiBig Jahre alt. Im Jahre 1928, bald 
nach meiner Verbannung nach Alma-Ata, erkrankte meine jungste 
150 



Tochter Nina, deren Mann von Stalin nun bercits fiinf Jahre in einem 
Isolator eingesperrt gehalten wird. Sie mufite ins Krankenhaus ge- 
bracht werden. Man stellte galoppierende Schwindsucht fest. Den 
rein pcrsonlichen Brief von ihr an mich, ohne die geringstcBezichung 
zur Politik, habt ihr siebzig Tage festgehaltcn, sodaB meinc Antwort 
die Tochter nicht mehr lebend erreichte. Nina starb im sechsund- , 
zwanzigsten Lebens jahre. Wahrend meines Aufenthalts in Kopen- 
hagen, wo meine Frau kaum begonnen. hatte, sich von einer emsten 
Krankhcit kurieren zu lassen, und ich erst noch plante, mich in Be- 
handiung zu begebcn, liefi Stalin durch die Telegraphenagentur Tass 
die falsche Nachricht an die europaische Polizei gelangen, in Kopen- 
hagcn) hatte sich eine .trotzkistische Konfercnz* versammelt! Das gc- 
niigtc der danischen sozialdemokratischen Regierung: Um Stalin Ent- 
gegenkommen zu zeigen, wies sie mich in fieberhafter Eile aus, Aber 
in diesem Falle, wie in vielen andern Fallen hatte das Stalin-Biindnis 
mit der kapitalistischen Polizei gegen mich immerhin ein politisches. 
Zicl. Die Verfolgung mciner Tochter jedoch entbehrt sogar des Schat- 
tcns eincs politischen Sinnes. Die Aberkennung der Sowjetbiirgcr- 
rechte, der Verlust der einzigen ihr gebliebenen Hoffnimg, in die nor- 
male, vertraute Umgebung zuriickzukehren, und schlieBlich die Aus- 
weisung aus Deutschland (zweifellos ein Dienst der deutschen Polizei 
fiir Stalin) bilden politisch sinnlosc Akte nackter Rache — • nichts 
weiter. Meine Tochter gab sich klar Rechenschaft ab iiber die Lage^ 
in) der sie sich befand. Sie erkannte, daB es fiir sie, in die Gewalt 
der europaischen Polizei geraten, die um Stalins willen sie hetzte,. 
keinc Rettung gab. Die Folge dieser Erkenntnis war ihr Tod am 
5. Januar 1933. Eincn solchen Tod ncnnt man freiwillig. Ncin, er 
war nicht freiwillig, Stalin hat ihr dicsen Tod aufgezwungen. Ich 
beschranke mich auf diese Feststellungen ohne weitere SchluBfolge- 
rungen. Fiir SchluBfolgerungen wird die Zeit kommen. Diese Schlufi- 
folgerungeu wird die wiedererstandcne Partei ziehen. Prinkipo, den 
12. Januar 1933, Leo Trotzki.'* Wir geben diesen Brief Trotzkis, der 
in vielen Blattern auszugsweise veroffentlicht worden ist, in seinem 
voUem Umfang wieder, denn es kann gar nicht bekannt genug wer- 
den, was die Moskauer in blinder Parteiwut ihrem groBten noch 
Icbcnden Hclden angctan haben, Kein Verniinf tiger wird Stalins 
Recht bezweifeln, sich seines genialen Kritikers so zu erwehren, wie 
er kann, Aber die Karapfmittel miissen dem Geiste der sozialistischen 
Revolution entsprechen, sie diirfen nicht dem schlechtesten Arsenal 
des biirgerlichen Polizeistaats entnommen werden. Die ungezahlten 
nichtkommunistischen Verteidiger der Sowjetunion in der garizen Welt,, 
die Jahr fiir Jahr gcgen idiotische Kommunistenhetzcn aufgetreten. 
sind, die sich bemiihen, ihren Regierungen die roten Opfer einzeln 
abzuringen, haben ein Recht auf Antwort. Mit welcher Legitimation 
sollen sie weiterarbeiten, wenn Moskau selbst nicht anders vorgeht 
als Chiappe oder Scotland Yard? 

H, T. Wien. Sie haben den Artikel von M, Bergmann nDic Krise 
der Gewerkschaften" (Heft 3S) und den von K. L. Gerstorff „Hitlers. 
Angst vor der Macht** (Heft 49) miteinander verglichen und glauben, 
einen gewissen Widerspruch zwischen den bciden Autoren in bezug 
auf ihre Angaben liber die Austritte aus den Gewerkschaften fest- 
stellen zu miissen, Dieser schcinbare Widerspruch laBt sich schr leicht 
aufklaren: 1930 und 1931 haben die Gewerkschaften ihre Erwerbslosea 
noch in groBcrm Umfange unterstutzen konnen als heute. Ausgeschie- 
den sin-d damals in erster Linie also nur die mit der Politik der Ge- 
werkschaften unzufriedenen Arbeiter, die erst wahrend der Konjunktur 
eingetreten waren, die also keine hohen Unterstutzungsanspriiche cr- 
worben batten. 1932 verschob sich das Bild insofern, als die lange 
Zeit Erwerbslosen nunmehr keinen Pfennig von der Gcwerkschaft be- 
kamen, sodaB sich deren Mitgliederverlust iiberwiegend auf diese 
Schicht auswirkte. 

151 



. Der Reichsbote. Du druckst den Artikel Hcllmut v, Gerlachs 
tiber den Korridor ab und verlangst glcichzeitig ein Vorgehen wegen 
..Volksverrats" gegen ihn. Dab6i enthalt der G^rlachsche Artikel nur 
erweislich wahre Tatsachen. Du hiitest dich natiirlich auch, die 
Wahrheit des Inhalts anznzweifeln. Trotzdem: der Gerlacb wird ver- 
brannt ! Wemi du deinen Lesern einmal ausnahmsweise etwas Rich- 
tiges und zugleich Wichtige® iiber die wahre Gesinnung der Polen 
vorsetzen wolltest, tatest du gut daran, aus dem Leitartikel des pol- 
nischcn Reg ierungs organs ,Gazeta Polska* vom 1. Januar folgende 
Stelle zu ziticren; „. . , Niemand kann Polen vorwerfen, cs entfaltc 
seine Frieden&bestrebungen und seine Initiative nur in einer Richtung. 
Ahnliche Bemiihungen haben wir des ofteren auch in der Richtung 
nach dem Westen bin dokumenticrt — sowohl durch Unterzeichnung 
und Ratifizierung des Handelsvertrages mit Deutschland wie auch 
durch Betonung unsrer Bereitschaft zum jederzeitigen AbschluB cines 
Nichtzingriffi&paktes mit dem Deutschen Reich. Ebensogut ist der ge- 
samten Welt die Haltung Berlins in dieser Angelegenheit bekannt." 
£s ist bedauerlich, daB das polnische Blatt so schreiben darf* Oder 
willist du, wahrheit si iebender Reichsbote, etwa bestreiten, dafi nur 
Deutschland gegen Handelsvertrag und Nichtangriffspakt ist? 

P, H. im fAngriif*; Du stellst folgende Forderung: „Vom Galgen- 
lieder-Dichter hatten alle Song- und Cbanson-Verfasser von Brecht 
bis Mehring lernen konnen. Wenn sie es nur getan hatten ! Sie 
hatten es dann nie gewagt, uns ihre Blodeleien vorzusetzen." Mehring 
hat sich das gleich zu Herzen genommen und aus Morgenstern 
(„Stufen") dieses gelernt: „Man will die deutsche Nation erstarken 
sehen, indem sie sich mehr abschliei3^n und begrenzen soil, und ver- 
gifit, daU grade das Unbegrenztseinwollen, das uber engen Nationali- 
tatsschranken-stehen-wollen ihre Haupteigentiimlichkeit ist," „Alles 
Jiidiscbe ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der grofite Jude, ist auch 
der grofite Destruktor der ,Welt'/* „Eure Todesstraffen, noch mehr 
euer Kriegfuhren, ihr Menschen, ist nicht mehr und nicht weniger als 
— Selbstmord/* Fiir kulturbolschewistisches und fiir chauvinistisches 
Denken lassen sich viele Beispiel^ aus der alteren Literatur finden. 
Aber wenn ihr altere Nazijahrgange braucht, dann miiBt ihr schon 
auf die Jesuitenpatres um den , Hexenhammer zuriickgreifen. 

Bund freier Rundfunkautoren, Ihr habt eine Stelle eingerichtet, 
in der alle die Falle gesammelt werden soUen, „wo durch die Rund- 
funkbehorden das fortschrittliche und freie kiinstlerische Schaffen der 
am Rundfunk tatigen Geisteskrafte behindcrt odcr unmoglich gemacht 
wird". Ihr bittet, derartige Falle mit alien Untcrlagen eurem Sekre- 
tariat Berlin-Reinickendorf-Ost, Aroser Allee 153, mitzuteilen. 

Republikanische Beschwerdestelle. Die Rechte glaubt, ihr liegt im 
Sterben. Der Jubel ist yerfruht, denn ihr teilt uns mit, dafi der Gene- 
ral Bcrthold v. Deimling der Gesellschaft eurer Freunde beigetreten 
ist; ein Zeichen, dafi ihr noch' sehr Icbendig seid imd nicht daran 
denkt, vor den Giftpfeilen der nationalistischen Presse die Waffen zu 
strecken. 

Student in Breslau. Haben Sic nicht den kleinen Cohn gesehn? 



Mannskripte aind our an die Redaktion der WellbGhne. Charlottenburg', Kantstr. 152, zu 
riditen; es wird s:«beten, ihnen Rudcporto beizulegen, da sonst keine RudcseDduag- erfol^n kann. 
im Falle boherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Aniprudi auf Nachlieferun^ 

oder Erstattung- des entspredienden Entgelts. 
Das Auff Uhrunsrerecht, die Verwertung von Titeln u. l ext im Katimen des Films, die musik- 
mecbanische Wiedergabe alter Art und die Verweriung im Rahmen von RadiovortrHgen 
faleiben fttr alle in der Vl^eltbabne erscbeinenden BeltrKjfe ausdrUcklicb vorbehalten. 

Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky 
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlich : Wallhtr Karscb, Berlin. 

Verlag der Weltbuhne, Sie^ried Jacobsohn & Co., Charlottenburg. 

Telepnon: Cl, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto Berlin 11958, 
Bankkonto; Dresdner Bank. Depoaitenkasse Charlottenburg, Kantstr, 112. 



XXIX. iahrgang 31. Jaoaar 1933 Nnmmer 5 

Kamarilla von Carl v. Ossietzky 

Cchoner Konsum an Rettern. Wieder eincr futsch, Wenn 

das autoritare Regime so weiter wirtschaftet, dann kann 
€s bald heiBcn; Jeder Deutsche einmal Reichskanzler! Eltern 
kinderreicher Familien, hier winkt noch eine Chance! 

Wie lange ist es her, dafi der letztc Kanzler, allseitig als 
5taatsmannisches Genie begrufit, auf die Szene trat? Und heute 
liegt der General von Schleicher, wundenbedeckt wie Casars 
Leichnam, auf dem verlassenen CapitoL Der „soziale Gene- 
ral", der alle Schwergewichte auf einmal stemmen woUte, 
stiirzt als Dilettant entlarvt, geschlagen sogar auf seincm 
hochstpersonlichen Gebiet: der Intrige< 

Wichtiger als der leidendc Held dieser Haupt- und Staats- 
aktion ist die Art, wie sie gemachtl wurde. Sie demonstriert 
in schlagendster Weise die Natur jenes prasidialen Regimes, 
das von servilen Juristcn als gottgewollte deutsche Staats- 
form gefeiert wird. Weil die Junker die Enthiillungen iiber 
die Osthilfe mit Recht fiirchten, deshalb wird von einem Kon- 
ventikel unverantwortlicher Interessenpolitiker die monumen- 
tale Gestalt des Reichsprasidenten vor die miBhandelte Staats- 
kassc gcschoben. Das allein spricht Gericht iiber den prasi- 
dialen Absolutismus, Selbst ein so hindenburgfrommes Blatt 
wie die ,Tagliche Rundschau' bemerkt dazu entsetzt; „Die be- 
vorzugte Behandlung Einzelner bei der Osthilfeumschuldung 
hat aber noch einen' viel wichtfgeren politischen Charakter. 
Der autoritare Gcdanke ist diskreditiert worden," Es gibt 
nichts mehr zu verschleiern, das ganzc Land weiB es jetzt; 
der Reichsprasident wird von einer Kamarilla dirigiert. 

Die Kamarilla ist eine gut altpreuBische Erfindung. Sic 
funktionicrte immer dann,. wenn es den Junkem schlccht ging 
und sie auf Kosten der Burgerkrapiile saniert werden miiBten. 
Eine Kamarilla hat schon den Freiherrn vom Stein weggebissen 
und sich nicht gescheut, diescn Patrioten sans reproche dem 
Franzosenkaiser zu denunzieren. Die Kamarilla hat immer mit 
der gleichen Skrupellosigkeit gearbeitet. So wird jetzt die 
raerkwiirdige Geschichte kolportiert, man habe Hitler bcim 
Alten Hcrrn madig gemacht, indem man ein Memorandtma 
iiber seine angeblichen schlcchten Sitten vorlegte. Dariiber 
mochte man gern mehr wissen, nicht wegen Hitlers Sittlichkeit, 
die uns, so oder so, gestohlen bleiben kann, sondern zur Kenn- 
zeichnung der heute beliebtcn Regierungsmethoden. 

In Hugenbergs Umgebung hat man, um einen Staatsstreich 
zu rechtfertigen, die Konstruktion eines ,,staatlichen Notstan- 
des'* geschaffen. Nun, ein staatlicher Notstand ist auch von 
einem ganz andern Standpunkt aus kaum zu leugnen, Er 
wird nicht durch das Vcrsagen der Konstitution charaktcri- 
siert oder durch eine ganz besonders rebellische Volksstim- 
mung sondern durch Personen wie Papen und Schleicher imd, 
vor allem, durch den Reichsprasidenten selbst, 

Sobald der Prasident der Republik Bcfugnisse verlangt, 
die uber die Verfassung hinausgehen, ist der Notstand da. 

1 153 



Er wachst in dem MaBe, in dcm das Staatsoberhaupt von ob- 
skurcn Gcstalten becinfluBt wird, die als „Gutsnachbarn" oder 
,,alte Rcgimentskameradcn" scin geneigtcs Ohr finden, Wcnn 
nicht mehr das Vcrtraucn des Parlamcnts Kabinette tragt 
oder verabschiedet und alles vom Vertrauen oder MiBtrauen 
des Reichsprasidenten abhangt, dann ist ein erheblicher Not- 
stand nicht zu verkennen. Der staatliche Notstand ist vor- 
handen, Er heiBt Hindenburg und nicht anders. • 

Es ist ein Verdienst der Kamarilla, das endlich dcutlich 
gcmacht zu haben, Wenn ein stockreaktionares Komitee einen 
politikfremden Offizier im. Patriarchenalter aus seinem behag- 
lichcn Ruhestandc zcrrt und auf den ersten Platz des Reiches 
stellt, so weiB es warum. Wenn aber Republikaner — So- 
zialisten und Demokraten — in dem gleichen Manne die starke 
Barriere gegen die Begehrlichkeit und die Diktaturgcliiste 
seiner eignen Kaste sehen, so ist das, milde gesagt, ctwas ab- 
surd- Den Dank an seine republikanischen Wahler hat Herr 
von Hindenburg ausgcsprochen, als er die preuBischen Minister 
aus ihren Amtern werfcn lieB, als er das harmlose Siedlungs- 
programm Briinings fiir Bolschcwismus erklarte, Oberall Ent- 
tauschung, Herr von Hindenburg wiirde heute nicht so viel 
Stimmen erhalten wie seiner Zeit Herr Duesterberg, Herr 
von Hindenburg verfiigt uber keine Autoritat mehr, dcnn er 
hat das Vertrauen des Volkes verloren; er hat keine Massen 
mehr hinter sich. 

Das Junkertum fiihlt sich in seinen wirtschaftlichen Wur- 
zeln bedroht, deshalb greift die Kamarilla offen nach der 
Staatsfiihrung. Dazu gesellen sich GroBindustrielle, die eine 
neue Konjunktur schnuppcrn und die der offentlichen Hand 
wieder entreiBen mochten, was sie im Krisenjahre 1931 an sich 
genommen hat, Schleicher mit seinen diffusen staatssozialisti- 
schen Idcen bot nicht die notige Sicherheit. Das ist der nacktc 
Interesseiihintergrund aller Kabalen, der iiber dem Personellen 
nicht vcrgessen werden darf. Daneben spielt eine untcr- 
geordnete Rolle, daB die Herren sich nicht recht einig werden 
konnen, daB Hitler erst einmal sich selbst will und Herr 
von Papen natiirlich auch zunachst sich selbst, daneben aber 
noch den Kronprinzen. Das sind nur die kleinen Nuancen der 
einen Konterre volution. 

Das crstc Kabinett Papen endetc mit Gelachter, ein zwei- 
ter Versuch wiirde mit Tranen cnden. Wird nicht sofort und 
bedingungslos der Weg zur Verfassung wieder angetreten — 
und dazu gehort vor allem der Rucktritt des Reichsprasidenten 
— , so wird die aufierparlamentarische Regicrungsweisc von oben 
mit auBerparlamcntarischcn Abwehrmcthoden von unten bc- 
antwortet werden. Denn es gibt auch ein Notrccht des Volkes 
gegen abenteuerliche experimentierende Obrigkeiten. Die 
deutsche Gcduld trabt oft lange dahin, ohne zu fragen, wcr 
ihrc Flanken driickt. Sollte aber eine Clique, die nicht zwei 
Prozent der Nation hinter sich hat, Sporen und Pcitsche fiih- 
len las sen, so wird auch dieses sanlte Reittier cndUch backen. 

Die Generals trcikparole gcht um, Si« wirkt fort, wenn cs 
auch vcrmessen ware, iiber das Tempo aussagen zu wollen. 

154 



In revolutionaren Situationen taktieren die Massen und nicht 
die Fiihrer. Was denken sich diese Hugcnberg, Papcn, ScKacht, 
Stiilpnagcl, diese plotzUch sichtbar wcrdenden Mitglieder der 
Kamarilla, die so konfliktslichtig nach vorn dringen? Welch 
ein frivoler Mut! Der Acheron schaumt. Die Herren seicn^zu 
einer Kkhnlahrt freundlichst eingeladen. 



Deutsch-franzdsische Disharmonien 

von Heilmut v. Gerlach 

\V7as geht eigentlich in Deutschland vor? Warum will man 
Schleicher stiirzen? So bin ich in den letzten Wochen 
wohl hundertmal in Frankreich gefragt worden, 

Ich weiB es nicht. Ich verstehe es selbst nicht. Das war 
so zicmlich alles, was ich meinen franzosischen Freunden ant- 
worten konnte. Die Meldungen der franzosischen und der 
deutschen Presse iiber die Vorgange in Berlin waren mir gleich 
tinverstandlich. Schleicher, kanm Kanzler gewordcn, soil wie- 
der verschwindenf Das natiirlich ist klar. Aber warum? Nur 
deshalb, well er kcin ganz so plumper Reaktionar wic 
Papcn ist? 

Scit Jahresfrist war ich nicht mehr in Frankreich gcwescn und 
land dort cine mich beinahe phantastisch anmutende Wandlung 
nach links hin vor. Die Maiwahlen von 1932 hatten ja der Lin- 
ken eine sehr starke Mehrheit gebracht, sodaB Tardieu zu- 
nachst durch Herriot und dann durch Paul-Boncour ersetzt 
worden war. Aber das driickt der Situation noch keineswegs den 
Stempel auf. Ihr mich iiberraschendes Charakteristikum ist 
die Entwicklungi innerhalb der Linken nach links, nicht etwa 
in Richtung auf den Bolschewismus, eher auf den Tolstoi- 
anismus hin. Man neigt sich in immer wachsendem MaBc 
eincm Fazifismus zu, dessen Radikalitat mit den Realitaten des 
Lebens in schweren Konflikt geraten kann. 

Tragik licgt liber den deutsch-franzosischen Beziehungen: 
immer, wenn der Kufs bei uns nach rechts geht, stimmt Frank- 
reich nach links, und umgekehrt. 

Die Maiwahlen von 1924 brachten in Frankreich eine 
linke Kammer, den Sturz des nationalistischen Prasidenten 
Millerand, das erste Kabinett Herriot, Bei uns wurde gleich- 
^eitig die Deutschna^ionale Volkspartei zur starksten Fraktion. 

Im Jahre 1928 triumphierte in Frankreich die Reaktion — 
was man in Frankreich eben Reaktion nennt. Bei uns wtirde 
man es eher eine Kombination von Staatspartei und linkem 
Fliigel von Volkspartei nenncn. Uns brachten die 28er Wah- 
; len das Kabinett Hermann Miillcr, traurigen Panzerkreuzer- 
Angedenkens, aber immerhin ein Kabinett der Linken. 

Im Friihjahr 1932 kam der groBe Rechtsruck in Deutsch- 
land, der groBe Linksruck in Frankreich. Briining wurde durch 
Papen ersetzt. Die neue franzosische Regierung, die sich auf 
eine gewaltige Linksmehrheit stiitzen konnte, war bereit 
Europaisch mit ihrem Partner zu sprechcn. Sie traf auf 
Manner, die nur Mittelhochdeutsch verstanden, 

155 



Unter den denkbar uBgiinstigsten Auspizien sind die Ar- 
beit en der Abrustungskonfcrenz wicder aufgenommeti wordcn. 
Fast aJle Staaten sind sich darxiber einig, daBi die Beschliisse 
liber die internationale Riistungsminderung nur dann einen 
Sinn habenf wenn ihre Ausfiihriing scharfstcr internationaler 
KontroUe unterliegt. Zum Wesen dieser KontroUe gchort natiir- 
lich, daB Anzeigen iiber Vertragsverletznngen nicht strairecht- 
lich verfolgt werden diirfen. Internationales Recht iiber natio- 
nalem Recht, will heiBen: iiber nationalem Unrccht! Das 
schcint selbstverstandlich, Aber energisch erhob sich sofort 
gegcn diese selbstverstandliche Fordernng der deutsche Dele- 
gationsfiihrer in Genf^ Herr Nadolny, Natiiriich wurde er voc 
dem Italiener sekundiert. Niedergeschlagcn aber fragte man 
mich in Frankreich; will Deutschland wirklich den boscn 
Schein erweckcn, als ob cs darauf bcstehe, auch in Zukunft 
seine Pazifisten, die sich zu dem Grundsatz internationalcr Vcr- 
tragstreue bekcnnen, ins Gcfangnis zu schicken? 

Wo ich sprach, im Osten, im Westen Frankrcichs oder in 
Paris selbst, iiberall wurde ich als deutscher Fazifist mit 
gradezu leidenschaftlicher Sympathie aufgenommen. Ob ich die 
Notwendigkeit franzosischer Abriistung, die Schaffung einer 
entmilitarisierten Zone auf franzosischer Seite oder die als- 
baldige Riickgabe des Saargebiets an Deutschland behandeltet 
immer unterstrich das Publikum grade die deutschen Fordcnin- 
gen mit besonderem BeifalL Framzosische Redner gingen 
manchmal noch weiter als ich, dabei getragcn von der Zustim- 
mung der Versammelten. 

Kam ich von solchen Versammlungen, die von dem be- 
geistertcn Willen zur Verstandigung mit Deutschland durch- 
drungen war en, nach Hause, so fand ich Sendungen aus Berlin 
yor, ganze Biindel von Ausschnitten aus deutschen Zeitimgen, 
die mit wildcsten Angriffen gegen mich gcspickt waren* Man 
schicn es schon als eine Art Landesverrat anzusehen, daB ich 
es iiberha-upt wagte, in Frankreich vor Franzosen gegen den 
Militarismus diesseits und jenseits der Grenzen zu sprechen, 
Ein braunschweiger Naziblatt bezeichnete mich als so tief ge- 
sunken, daB ich bereits in die Gescllschaft von Professor Fried- 
rich Wilhelm Foerster gehore. Die ^Deutsche Zcitung' forderte 
die deutschen Behorden auf^ dafiir zu sorgen, daB endlich mit 
meiner Betatigung SchluB gemacht werde. Die ,Lauenburger 
Zeitulig* iiberschrieb ihren Artikel „AuslandspaB fiir Landes- 
verrater". Der Artikel, der von verleumderisch wirkendem 
Schwindel iiber mich gradezu strotzte, schloB; 

DaB dieses Verhalten Gerlachs erneuter Landesverrat ist, kann 
jeder Sextancr verstehen. Aber man hat einen Ossietzky auf Grund 
der von den Parteien bestimmten. Amnestie freigelassen, Deshalb' 
schwillt Leuten wie Gerlach der Kamm. Wird er bei seiner Heimkehr 
an der Grenze so empfangen, wie es Deutschland sich selber schuldig 
ist, und an den nachsten Laterncnpfahl gehangt? Ach nein! Das 
Hochste ist eine leise Anklage, die aber wohl wieder durch eine neue 
Amnestic in die Versenkung verschwindet, Nachsicht gegen Landes- 
verrat ist Vorschub des LandcsvcrratsI Moge endlich die Reichs- 
regierung mit ihren allzu oft ausgestoBenen Drohungen Ernst machenf 

Wenn ein Deutscher nach Frankreich geht, xim dort das 
Zentralproblem der Friedenssicherung, die deutsch-franzosische 

156 



Verstandigung, sachlich zu erortern, bemiiht sich cine gcwisse 
dcutsche Presse, Pogroms timmung gegcn ihn zu entfcsseln. 
Was wiirde diese Presse erst sagen, wenn ich an Deutschland 
Forderungen des Inhalts richtete, wie sie in Frankreich von 
Franzosen an ihr Vaterland gerichtet werden? Da schrieb 
zum Beispiel am 25. Januar in der ,Volonte\ eincm der groBten 
und angcsehensten Blatter der biirgerlichen Linken, Armand 
Charpentier einen Leitartikel mit der Oberschrift „Die ein- 
seitige Entwaffnung". In diesem Artikel setzte Charpentier 
auseinander, dafi es fiir Belgien besser gewesen ware, wenn es 
1914 sich nach dem Beispiel Luxemburgs widerstandslos der 
deutschen Invasion gefiigt hatte. Er pladiert fiir die vollige 
Entwaffnung Frankreichs, selbst wenn kein cinziger andrer 
Staat seine Riistung auch nur vermindem wolle. Der Artikel 
schlieBt; 

Das groBte Ungliick, das einem entwaffneten Lande passieren 
kann, ware die fcindliche Besetzung wahrendi einiger Monate. Jedes 
Land dagegen, das toricht genug ist, sich, zu bewaffnen, ist sicher, dafi 
bei den Methoden des modernen Luftkrieges seine wichtigsten Stadte 
und zwei Drittel seiner Bevolkerung vernichtet werden. 

Bei der Wahl zwischen diesen beiden Ubeln mufi jeder klar 
denkende Patriot die Invasion, die keinen unwiederbringlichen Scha- 
den bedeutet, dem bewaffneten Wid-erstand vorziehen, der gleich- 
bedeutend ist mit der volligen, nicht wieder gutzumachenden Ver- 
nichtung seines Vaterlandes. 

Man stelle sich vor, ein deutscher Pazifist wiirde nach dem 
Vorbild des Franzosen Charpentier angcsichts der Abriistungs- 
konferenz offentlich dafiir eintreten, daB, was man auch in 
Genf beschlieBe, Deutschland auf jedc Bewaffnung verzichte, 
auf die Gefahr hin, von Polen oder Frankreich voriibergehcnd 
bcsetzt zu werden. Das Geheul der deutschen Presse miiBte 
man erleben. Keine Lebensversicherungsgesellschaft konnte 
mchr wagen, ein solches Individuum bei sich aufzunehmen. 

Armand Charpentier aber kann so etwas ohne das leiseste 
Risiko schreiben. Nicht einmal beschimpft wird er, nur kriti- 
siert natiirlich, 

Wie Charpentier denken, schreiben, sprechen immer mehr 
Franzosen, vor allem in den Kreisen der hochangesehenen 
Liga fiir Menschenrechte (sie hat 180 000 zahlende Mitglieder) 
und in der Sozialistischen Partei Frankreichs, Der extremste 
Pazifismus gewinnt immer mchr an Boden, 

Bei uns aber droht Herr v. Schleicher im Ultimatumston, 
daB Deutschland der Abriistungskonvention seine Unterschrift 
verweigern werde, wenn sie nicht der deutschen Forderung auf 
Gleichbcrechtigung, wie er sie auflaBt, voll entspricht, Und 
bei uns setzen machtigste Krafte Himmcl und HoUe, will sagen 
die Kamarilla lun Hindcnburg herum in Bcwegung, um Schlei- 
cher durch einen noch weiter rcchtsstehenden Kanzler zu 
ersetzen. 

Zwischen Deutschland und Frankreich gibt es uberhaupt 
keine wesentlichen Interesseng,egensatze. Trotzdem — unsre 
Reaktion macht, zur Freude der paar franzosischen Militaristen, 
jedc Verstandigung unmoglich. Die Kriegsgefahr fiir Europa 
bleibt in Permanenz, 

2 157 



StalinS Triumph von Mlchael Smllg-Benario 

YV7ir marschierca mit Volldampf auf dcm Wegc der In- 
'' dustrialisicrung zum Sozialismiis und lasscn die cwigc 

russische Ruckstandigkeit hinter uiis< Wir beginneni das Land 
des Eisens zu werdeti, das Land der Automobilisierung und 
Traktorisierimg. Und wcnn wir USSR aufs Auto mid den Mu- 
schik auf den Traktor, setzen, dann mogen die Herren Kapi- 
talisten, die sich mit ihrer Zivilisation so briistcn, versuchen^ 
uns einzuholen." Mit diesen Worten prazisicrte vor einigen 
Jahren Stalin den Sinn der Pjatiletka, des groBen Planes ziir 
Industrialisierung und Kollektivisierung. Als dies«r Plan 
seiner Zeit aufgestellt, seine optimale Variante angenommen 
wurde, und als dann sogar die Parole MFiinfjahresplan in vier 
Jahren'* ausgegeben wurde, muBte man iiber die Moglichkciten 
seiner praktiscben Durchfiihrung vollcr Skepsis sein. Das war 
urn so berechtigtcr, als das von Hunger und Elcnd geplagte und 
wirtschaftlich rucks tandige Land, aus eigner Kraft, in einer 
denkbap kurzen Zcitspanne einen Weg zuriicklegen sollte, fCir 
den andre Lander unter giinstigeren Verhaltnissen Jahrzehnte 
gebrauchten, 

Durch das MiBlingen der Verbandlungen in Genua und im 
Haa-g konnte die Sowjet union auf auslandische Krcdite nicht 
rcchnen. Unter diesen Umstanden bedeutcte der Versuch des 
Fiinfjahrplanes fiir die Volkcr der Sowjetunion eine iiber- 
menschlichc Anspannung, RuBland muBte erncut schwerstc 
Entbehrungen und bitterste Not auf sich. nehmen, denn der 
Plan sah vor allem. den' Ausbau der Schwerindustrie vor. Auf 
Kosten der Bedarfsindustrie so 11 ten in erster Linie Giganten 
der Eisen- und Metallindustrie, der Elektrifizierung und des 
Maschinenbaus errichtet werden. Der Lebensstandard der Bc- 
volkerung muBte dadurch bewuBt nicdrig gehalten werden. 

Warvun muBtcn aber dem Lande ncue Entbehrungen aul- 
erlegt werden? Warum muBte der Aufbau sich in cinem rasen- 
den Tempo voUziehen und das Volk zu iibermcnschlichen 
Leistungen aufgepeitscht werden? Eine Erklarung dafiir gab 
Stalin in seiner hekannten Rede auf dem Plenum des Zentral- 
komitees der Kommunistischen Partei RuBlands am 19. No- 
vember 1928. Er sagte: 

Das rasche Teinpo der Industrialisierung wurdc bei unsi nicht so 
dringend sein, wenn wir eine solch hochentwickelte Industrie und 
Technik hatten, wic sie beispielsweise Deutschland hat . - . Dieses 
Problem wiirde fur uns auch dann nicht so dringlich scin, wenn wir 
nicht das einzige Land der Diktatur des Proletariats waren. Die Frage 
der wirtschaftlichen Selbstandigkeit unsres Landes wurde in einem 
solchen Falle nicht so brennend sein. Wir hatten uns dann dem. 
System der fortgeschrittenen proletarischen Lander anSchlieBen 
konnen; wir hatten von ihnen Maschinen zum Ausbau unsrer In- 
dustrie und Landwirtschaft erhaltcn und wir selbst hatten sie mit 
Rohstoffen und Lebensmitteln versorgt. Doch Sie wissen genau, dafi 
ein<e solche Voraussetzung noch nicht gegeben ist, daB wir immer noch 
das einzige Land der proletarischen Diktatur sind, umzingelt von 
kapitalistischen Landern, von denen vielc in technisch-okonomischer 
Hinsicht uns weit voran sind. Deshalb ist fiir uns das Problem der 
wirtschaftlichen Einholun^ und tJberholung der fortgeschrittenen Lan- 

158 



der eine Frage auf Leben und Tod. Dies ist nicht nur untcr dem Ge- 
sichtspunkt des sozialistischen Aufbausi richtig, dies gilt auch. fur die 
Wahrung der Unabhangigkeit unsres Landes in der Periode der kapi- 
talistischen Einkreisung. Man kann nicht die Unabhangigkeit unsres 
Landes wahren, ohn« eine geniigende industrielle Basis fur die Landes- 
verteidigung zu haben. 

Die Notwcndigkeit cincr raschen. Industrialisierimg^, in 
ein^m sclbst in Amcrika nicht dagewescnen Tempo wurde aber 
von Stalin auch damit begriindet, daB die Landwirtschaft durch 
Kollcktivisicrung moglichst rasch in dcni Dicnst des sozialisti- 
schen Aufbaus gestcllt werden sbllte. Denn die vierund- 
rwanzig Millionen auf Privateigentum basierenden bauerlichen 
Wirtschaften bildeten das groi3e Reservoir fiir eine kapi- 
talistische Restauration. Die sozialistische Industrie und die 
bauerliche Privatwirtschaft konnten auf die Dauer nicht nebcn- 
einander existieren. 

Man kann nicht cndlos, das heiBt wahrend einer allzu langen 
Periode die Sowjetmacht und den sozialistischen Aufbau auf zwei ver- 
schiedenen, Grundlagen basieren lassen, auf der Grundlage der groB- 
ten und konzentriertesten sozialistischen Industrie und auf der Grund- 
lage der zersplittertsten und riickstandigsten bauerlichen Wirtschaft . , . 
Der Auswcg besteht in der Umwandlung dieser bauerlichen Wirt- 
schaften in Grofibetriebe auf der Grundlage der koUektivistischeji Be- 
arbeitung des Landes, auf der Basis der modernen Technik . . . £nt- 
weder losen wir diese Aufgabe und dann ist der endgultige Sieg ge- 
sichert? oder wir losen diese Aufgabe nicht und dann ist die Riick- 
kehr zum Kapitalismus eine unvermeidliche Tatsache. 

Wir baben absichtlich Stalin selbst sprechen lassen, um 
eine authcntische Ant wort darauf zu gcben, warum die heutig,c 
Fiihrung in RuOland die Industrialisierung und KoUektivisierung 
in einem iiberstiirzten.rasenden Tempo fiir crforderlich hielt. 
Beide sind fiii' Stalin die Pfeiler, auf die sich das sozialistische 
RuBland stiitzen solL Sie sind auch die Mittel zur politischen 
und wirtschaftlichen Unabhangigkeit dieser sozialistischen Ins el 
im Meerc der kapitalistischen Welt. Im Gegensatz zu Trotzki, 
der' die Rettung der So wjet union allein in der Wcltre volution 
erblickt, lie^t fiir Stalin die Rettxmg, wenigstens fiii^ eine bc- 
stimmte historische Zeitspanne, in RuBland selbst, in seincn 
unendlichen Steppeni und Waldern, in seinen gewaltigen 
Schatzen aa Kohle^ Eisen, Metallen und ErdoL 

Nunmehr hat die Sowjetunion die schwerste Etappe des 
sozialistischen Aufbaus hinter sich, und am' 7. Januar konntc 
Stalin vor dem Plenum des Zen tralk omit ees die Bilanz des 
erst en Fiinfjahr planes — einer Periode von vier Jahren und 
drei Monaten — Ziehen, „Die Grundaufgabe der Pjatiletka ist 
verwirklicht," proklamierte Stalin. Man mag zu den Ding en in 
RuBland stehen, wie man will, aber eine emste sachliche Be- 
urteilung wird die Richtigkcit dieser Behauptung nicht be- 
streiten konnen, Es kommt nicht so sehr darauf an, ob der 
Plan hundertprozentig verwirklicht wordcn ist oder nicht, und 
auf sehr wichtigen Teilgcbieten ist er iibrigens bereits 
hundertprozentig erfiillt wordcn, ob in qualitativer Hinsicht 
noch enormc Mangel zn verzcichnen sind, ob es an Qualitats- 
arbeitcm fchlt, ob die Produktionskosfen nicht entsprechend 
gesenkt wordcn sind, Es kommt vor allcm auf die ^grund- 
legende Tatsache an, daB es der Sowjetunion gelungen ist, 

159 



inncrhalb von wenigcn Jahren ohne auslandische Kredite einc 
Industrie aufzubauen, die die Basis fiir cine sozialistische Wirt- 
schaft bildct, die nach mcnschlichem Ermesscn die politische 
Unabhangigkcit des Landes im Evcntualfalle sichert und die 
allein imstande ist, die zu kollektivistischen Grofibetrieben um- 
gebaute Landwirtschaft mit Traktoren und Maschinen zu ver- 
sorgen- Die Bilanz des erst en Fiinfjahr planes ergibt also, daB 
die russische Politik der Ententemachtc. offensichtlich Schiff- 
bruchi erlitten hat. Die Spekulation auf den wirtschaftlichen 
und damit poUtischcn Zusammenbruch der Sowjetunion, die 
Spekulation darauf, daB RuBland ohne Hilfe der GroBmachtc 
dem Siechtum und Chaos preisgegeben sein wiirde, ist fehl- 
geschlagen. Das ist die wichtigstc Feststellung; allcs andre 
sind Details, 

Das gewaltige Land hat sich in eine riesige Baustattc ver- 
wandelt. Im Laufc der letzten zwei Jahre ist neben dem Don- 
jetzbecken die Grundlage iiir cin zweitcs Zentrum der Eisen- 
und Kohlcnindustrie ges chaff en word en — das Ural-Kusnjetzki- 
Kombinat, Die Riesenwerke von Magnitogorsk und Kusnjetzki 
haben zu ar*beiten begonnen und weitere groBe Werke werden 
gebaut. Es ist iibcrhaupt bemerkenswert, daB RuBland mit 
dem Fiinfjahrplan eine Wendung vom Westen nach dem Osten 
vollizieht. An der Wolga, in Mittelasien, im Ural und in West- 
sibirien entstehen neue Industriegebiete. 

Es ist der Sowjetunion in der ersten Pjatiletka gelungen, 
eine bed'eutcndfe Maschinenindustric aufzubaucn. 1913 stellte 
RuBland Maschinen im Wertc von 600 Millionen Rubel her, 
1932 ist der Produktionswert der russischen Maschinenindustric 
auf 5,4 Milliarden Rubel, also um das Ncunfache gestiegen, 
Spezieil auf dem Gebicte der Traktorenproduktion und der 
Herstellung von landwirtschaftlichen Maschinen steht RuBland 
heute bereits an crster Stelle. Es hat USA durch Errichtung 
der Traktorenwerke in Stalingrad und Charkow uberholt. Die 
Ubernahme eines TraktorengroBwerkes in Tscheljabinsk (West- 
sibirien) steht bevor. RuBland hatte friiher keine eigne Auto- 
mobilindustrie, heute besitzt es zwei Riesenwerke in Moskau 
und Gorki, ehemals Nishni-Nowgorod, RuBland hatte keine 
eigne Kugellagerproduktion, heute befindet sich eine gewaltige 
Kugellagerfabrik in Moskau. Es gibt kein Werkzeug, keine 
Maschine, keine industrielle Anlage mehr, die RuBland nicht 
heute schon aus eigner Kraft, mit Hilfe eigner Rohmaterialicn, 
in eignen Fabriken herstcllen kann, 

Durch starksten staatlichen Druck voUzog sich auf dem 
flachen Lande die Kollektivisierung und neben den fiinftausend 
staatlichen landwirtschaftlichen GroBbetrieben bestehen heute 
zweihunderttausendKollcktivwirtschaften. Damit ist die fiirden 
ersten Fiinfjahrplan gestellte Aufgabe weit uberholt worden, 
und es kommt fiir eine ernste Beurtcilung auch hier vorlaufig 
noch nicht so - sehr darauf an, ob diese kollektivierten land- 
wirtschaftlichen GroBbctriebe Idealwirtschaften darstcUen — 
wovon sie tatsachlich noch weit cntfernt sind - — es kommt nur 
aul die grundsatzliche Feststellung an, daB auf dem flachen 
Lande, besonders in den kornrcichen Gebieten, ein sozialisti- 
scher Sektor der Landwirtschaft gcschaffen worden ist, dessen 
160 



wirtscliaftlichc Bedeutung heutc schon ausschlag^ebend wirkl. 
Damit ist ciner kapitalistischen Entwicklung der Bodcn cnt* 
zogcn worden^ denn $ic hattc untcr den gcgebcncn Vcrhalt- 
nissen TUir vom flachen Lande Jicr komimen konncn. So schcint 
jctzt das Agrarproblem, politisch gcsehen, cndgultig zugunsten 
des heutigea Regimes gelost zu scin. 

Itn zweiten Fiinfjahrplan wird sich die Industrialisierung 
voraussichtlich mit Riesenschritten fortsetzcn, auch wenn das 
Tempo verlangsamt wird'- Der jahrliche Zuwachs soil im zwei- 
ten Plan 13 bis 14 Prozent betragen* Fiir das Jahr 1933 ist er 
noch auf 16 Prozent fcstgesetzt worden, wobei gleichzeitig die 
verarbeitende Industrie nicht mehr als Stiefkind betrachtet 
wcrden soil. Die Notwfendigkeit fiir das bisher rasende Tempo 
besteht nacb Stalin nicht mehr,, nachdem in der ersten Pjati- 
letka die Hauptaufgabc erfiillt worden ist — die Schaifung 
einer Basis fur eine weitcre Industrialisierung, fiir eine Kol- 
lektivisicrung d€s flachen Landes und fiir die Sicherung der 
Landeisverteidigung, Doch wird man wohl hauptsachlich der 
Roheisenerzeugimg^ die immer noch die wimdeste Stelle der 
Industrialisierun-g darstellt, die starkstc Beachtung schenken 
miissen. 

Unter groBten Entbehrungen schmiedct RuBland seine Zu- 
kunft, mn sein Ideal, den Sozialismus in cinem einz^lnen 
Lanide, zu verwirklichen, Sollte der zweite Plan auch nur an- 
nahernd gelingen, ohne da6 der Bogen bei der zweifellos bc- 
stehenden Disproportion in der Entwicklung der einzelnen 
Zweige der Wirtschaft iiberspannt wird, dann kann RuBIand 
cine GroBmacht erster Ordnung werden, eine Hochburg der 
Revolution, von wo aUs- die feindliche Welt des Kapitals gc- 
schlagen werden solL Der Aufstieg RuBlands ist somit zweifel- 
los ein Ercignis von welthistorischer Biedeutung. 

Hellseher von Bntno Frel 

r\er politische Hellseher ist ein Objekt der Kriminalistik, ob- 
'^ wohl er ein Subjekt der Politik ist. Das Delikt des Be- 
truges hat den Vorsatz zur Voraussetzung, Weim. der Vorsatz 
die Form eines politischen Bekenntnisses annimmt, so cntsteht 
entweder der betnigcrische Politiker oder der politische Be- 
triiger. Der Unterschied liegt darin, daB jener fiir fremde 
Interessen, dieser fiir die eigne Tasche arbeitet. Wir sprechen 
von diesem, Nicht seine Entlarvung ist das Ziel — das allein 
ware eincr verhaltnismaBig leichte aber liberfliissige Auf gab e — 
sondern seine Unschadlichmachung. 

Aber hier gibt cs eine Schwicrigkeit, Der politische 
Betriiger genieBt djeselben gesellschaftlichen Vorteile wie 
andre politische Verhrecher, obwohl der Unterschied in die 
AugeH springeind sein miiBte. Der politische Betriiger lebt 
von der Verwechslung des politischen Eff ekts seiner Hand- 
lung mit ihren eigensiichtigen Motiven. Der politisch© Betru- 
ger imterscheidet, sich dadurch zu seinem Nachteil vom politi- 
scheti! Morder,, Totschlagcr, Gewalttater etcetera, daB er mit 
seinem Delikt Geld verdient, ja um Geldzu verdienen, dasDe- 

161 



likt, den Betrug, in den Dienst der Politik stellt. Aber in dcm 
Augenblick, wo das Verbrcchen politisch nutzlicli wirdi 
sich in politischen Nutzen umsctzt, bring t es dem Verbrecher 
den Schutz jener politiscb-geseUscliaftlichcn Kraltc, denen der 
Nutzen zugute kommtf auch. dann, wcnn das Verbrechcn Be- 
trug, der Verbrecher ein Betriiger ist. 

Diese Vorbexnerkungen zur Soziologie des politischen Be- 
trugs war en no tig, um das Schwergewicht des Falles Hanus- 
sen verstandlich zu machcn, an dem, als Schulbeispiel, die 
Ausemandersetztmg imit dcm politischen Hellschertum juri- 
stisch greifbare Formen annehmen soil. 

Nicht um Hanussen als Person handelt es sich bei dieser 
Auseinandersetzung^ Die Erfindung, aus der dumpfen Unwis- 
senheit politisch eben crwachter Masscn dadurch Geld zu 
machen, daB man die Erfiillung ihrer politischen Sehnsuchte 
Mprophezeit", ist in Dctitschland weit verbreitet. Jeder kennt 
die schwarz-weiB-roten Blattchen aai jedeml Zeitungskiosk, die 
die politischen Tagesercignisse in Form von Horoskopen an 
den einfachen Mann zu bringcn suchcn. Mars und Venus sind 
imnier belicbt, wahrcnd der Saturn ini Opposition zum Uranus 
zu stehen pflegt. Befindet sich aber gar Jupiter aus dcm 
4; Fcld (Todeshaus) in Konjim.ktion mit dem Mond vom 3. Feld 
odcr die Quadratur des Uranus in Opposition zum Merkur 
— dann ist der Aspekt fiir SowjetruBland katastrophal Denn 
man kann nicht nur Menschen Horoskope stellen, diescn alt- 
modischen Standpurikt hat die modemc Astro logic langst iibcr- 
wundcn, man! kann Horoskope fur Parteien, Staaten, politische 
Ideen, iiixs Wetter, fiir die Mode, kurz iiir alle Rubriken 
stellen, aus denen heutzutage eine Zeitung best eh en muB, Je 
geringer der Sinn, desto groBcr der Effekt* Wenn cs ganz un- 
verstandlich ist, dann ist es am bestcn. 

Es ist kcin Zufall, daB diese Pest sich grade in Deutschland 
und; nur in Deutschland ausbreiten konnte- Das Elend der 
dcutschcn Volksschule und die in Deutschland weit verbreitetc 
Ncigung zum sektiererischen Mystizismus bildcn den Boden^ 
auf dem diese Saat aufgchen konttte. Als die Hitlerpropaganda 
die Mass en des bis dahin unpolitischcn Kleinbiirger turns er- 
weckte, da Wciren diese Blatter die natiirlichen Sendboteni der 
neuen Heilslchre, Hat nicht der Nationalsozialismus die Zcr- 
triimmerung der rationalen Wissenschaft gefordert, die Zcr- 
schlagung des Weltgebaudes, das uns das neunzehnte Jahrhun- 
dert hinterlieB? Lo^ische Einwande sind des nLiberalismus" vcr- 
dachtig, ja wahrscheinlich ist die ganze Logik mitsamt alter 
Naturwissenschaft und ihrer Kausalitat eine Eriindung der 
nWeisen von Zion". ^Schicksal" und ,,Mythos'* bcherrschcn 
den „Lcbcnsraum'\ der manchmal allcrdings auch ,,Landschaft" 
heiBt, Diese ncue vornehme Sprache, in der sich die alte Un- 
wissenheit sprcizt, die von alien staatscrhaltcnden Einrichtun- 
gen gcfordcrtc Diskreditierung des Wisscns und Glorilizicrung 
des Glaubens, diese Wiedererweckung des mittelaltcrlichen 
credo quia absurdtim war der Nahrboden der politischen Hell- 
scher. wcnn es in den Stcmen steht, daft Hitler an die Macht 
miisse, wenn schon das Horoskop die Kommunistische Partci 
dem Untergang weiht, dann fallt es dcm kleinen dcutschen 

162 



Mann nicht mehr schwer, sich. zu cntscheiden. Er will mit da- 
hex scin, wo der Erfolg von den Stemcn geiranticrt ist Was 
die andem in ihren Zeitun^gen sagen, kann wahr sein und. auch 
nicht. Aber tier siehts ,,wisseiischaftlich" bewiescn mit tinvcr- 
standlichen imd dcshalb sichcr schr gelehrtcn Horoskopabbil- 
dungen erlantcrt. 

Da gibt es eine drcsdner Hells cherzeitung ,Neues Deutsch- 
land*, „Aktuelle Zcitimg fiir Fortschritt und Kultur". In der 
Nummer vom 15, Januar djcses Jahres wird aus der Photo- 
:grapliie und aias dem Horoskop des ermordeten SA-Mannes 
Hentsch bewiesen, daB diescr Mann durch eignes Vcrschulden, 
durchNeigung zum Verrat zuigunsten sozialistiscKer Vcrbandc 
ermordet werdcn muffte. Wenn es in den Sternen geschrieben 
stehti dann ist es zwecklos, die Schuldfrag^e auEzurollen, Aus- 
driicklich bemeirkt der Verfasscr, daB er d^as tragische Vor- 
kommnis ,rfrei von parteipolitischen Riioksichten auf wisscn- 
schaltlicHc Art zu klaren" vorhabe. Nach dicser nWissen- 
schaft" sieht die Sachc so aus; 

Physiognomisch ist festzusrtellcn, daB Hentsch innerlich der so- 
zialdexnokratischen Weltanschauung naher stand als der NSDAPf und 
deshalb erscheint die Aionahme berechtigt, daB er der SA hauptsach- 
lich aus wirtschaftlichen Grunden beigetreten ist. 

Also nach der physiognomischen Wissenschaft (wobei der 
Verfasser nicht verfehlt, aul die entsprecbendeni Werke seines 
Verlags gebiihrend hinzuweisen) ist festgestellt, daB Hentsch 
ein Verrater wAr. Noch deutlicher aber ist sein Horoskop, 

Bemerkenswert ist in diesem Horoskop die Stellung des Schick - 
salsplaneten Saturn als Geburtsherrscher im bosen Aspekt mit dem 
Jupiter. Saturn befindet sich im ersten Feld der Persdnlichkeit, so- 
daB eignes Verschulden am Lebensende mitwirken soli. 

Die weitere Deutung des Horoskops geht atxf alle Einzel- 
heiten der Mordtat ein. Nach dem Stembild sind sowohl das 
Lebensende im Wasscr wie der LimgenschuB, sowohl die kurzc 
Reise wie der Verrat durch Brief e vorgezeichnet. Die armen 
Morder war en also einfach Will cnsvoUs Ire cker der ehemcn 
Gcsetzc des Schicksals. 

Wir wehren uns gegen den Fascismus in alien seinen Er- 
scheinungsformenv Unser kultur elles Gewissen kann immoglich 
so abgestumpft scin, daB wir di^sen kulturverbrecherischen 
Erschcintmgen passiv gegeniiberstehen. Haben wir das wissen^ 
schaftliche Welibild erworbcn,' um es zu besitzen oder urn es 
uns, das heiBt der Masse der Zeitgcnossen, von einem Ge- 
sinnungspobcl, der aus d^er Barbarei Geschafte macht, stehlen 
2U lassen? 

Damit sind wir bei der praktischcn Frage anigelangi, was 
zu tim ist. Kein Zweifel: Es muB ein Exempcl statuiert wer- 
den. Und nur aus diesem Grunde gibt es einen Fall Hanussen. 
Zynischer als alle andern, hat der tschcchischc Jude Hersch- 
mann Steinschneider, mit dem Buhncnnamen Erik Jani Ha- 
nussen, die astrologischc Hitlerpropaganda zu seinem Geschaft 
gemacht. Er hat erreicht, daB er als Jude die offizielle Freund- 
schaft imd den offiziellen Schutz der aul ihren Antisemi- 
tismus stolzen NSDAP genieBt, Auf seiner Yacht ^Ursel" ftihrt 
er die Hakenkreuzflagge, und in der berliner SA hat er warme 
Freundc. Der ,Angriff' stcllt sich schiitzend vor ihn< Er selbst 

163 



gibt sich in seiner Hellseherzeitung als ein Martyrer dcr natio- 
nalsozialistischen Sache aus, Er verkiindet „den imausblelb- 
lichen Sieg Hitlers und damit des volkischen Gedankens", weil 
er sich seiner innem Schau eindeutig manifesticrt hat, Er 
schreibt: 

Ich yerpflichte micb, der Erstc zm, sein, wenn es nottut, mit aliem, 
was ich habe und bin, restlos zur Verfiigung zu stehcn — wenn es 
gilt, auf dcm Altar deutscher Lande fiir Deutschland ein Opfer zu brin- 
gen, Und da ich diesc Opf^rfreudigkeit bei alien denen fand, die hin- 
ter den Fahnen des volkischen Gedankens stehen, da ich weiB, daS 
Adolf Hitler alles, was er hat, diesem Lande opferte, da ich SA- 
Leute sah, di« mit zerrisisenen Schuhen und mit dunnen Jacken, durch 
die der eisige Frost blies, stundcnlang ihrc Pflicht laten, da ich 
Selbstlo&igkeit, Echthcit und, wahre Vaterlandsliebe der Millionen, die 
um Hitler und Hugenberg stehen, erkannte, blieb mir nichts andres 
iibrig, als ihncn meinc Ehrerbietung und meine Dankbarkeit dadurch 
zu bczeugen, dafi ich mich nicht scheue, alien Hindernissen zum Trotz 
der Wahrheit zu dienen. •- 

Das wiirde ich tun, ob ich aus Honolulu stammte odcr aus Krah- 
winkel, ob mein Gro3onkel der Wunderrabbi ProBnitz ware, oder der 
Erzbischof von Koln. Ich wiirde es tun, wenn mir dadurch Millionen 
in den SchoB fielen oder wenn ich deshalb an den Bettelstab kame. 

Von jeder dieser beiden Moglichkeiten zieht Hanussen 
immefhin die erstcre vor. 

In seiner Heimat gibt es eitien Typ, den man in der dor- 
tig en Eingeborenensprache „Hcndlf anger" ncnnt. Dcr „Hendl- 
fanger" klaut zwar HendU aber er laBt .sich nicht erwischen. 
Wenn man den politischen Betrug erfolgreich bekampfen will, 
so gcniigt es nicht, sich auf diei politischen Motive zu berulen, 
sondcrn man. muB den Betrug im Sinne des Strafgesetzbuches 
nachwcisen- Das ware nach dem vorhandenen Material leicht 
moglich. Wenn es bis heutc nicht geschehcn ist,; so hat das 
seine bcsonderen Griinde. Fiir die Strafbehorden (Polizei und 
Staatsaiivk^altschaft) gibt es einen AnlaB zum Einschrciten erst» 
wenn Todesopfer zu vcrzeichnen sind, Man ist gegen den stcg- 
litzer ,tHellscher** Assermacher erst eingeschritten, nachdem 
er eine Klientin in den Tod getrieben hatte. Aber man kann 
die mangelnde Verfolgungslust der Anklagebfehorde verstchen, 
wenn man die Kiu-pfuscherpraxis der Gerichte kennt. An- 
geklagte Kurpfuscher werden haufiger frcigesprochen als ver- 
urteilt, weil von fiinf Sachverstandigen meistens drei die Kur- 
pfuscherei begiinstigen. 

Da es sich als zwecklos crwies, darauf zu warten, daB ein 
Staatsanwalt die Anklagc gegen einen ,,Hellseher" wegen Be- 
trugs erhebt, muBte ein andrer Wcg beschritten werden: der 
Weg der Beleidigung diarch die Presse, Die beleidigendcn Be- 
hauptungen soil ten vor Gericht als wahr bewiesen und somit 
slraflos gemacht werden. 

Der Plan scheitertc da ran, dafi Hanussen untcr k einen Um- 
standen zu bewegen war, eine solche Beleidigungsklagc ein- 
zureichen, Er versteckte sich hinter tausend Fornaalien, nur 
um dem offenkundig bevorstehenden Ziisammenbruch im Be- 
weisverfahren zu entgehen. Statt desscn beschritt er, auch 
hiei* in den FuBtapf en Adolf Hitlers wandelnd, den Weg der 
einstweiligcn Verfiigung. Aber schlieBlich ist auch im Zivil- 

164 



prozeB ein Bewcisvcrfahren moglich, weim aiich tunstandlichf 
und so kann man dem 21. Februar mit Intcresse entgcgcn- 
sehen, wo vor -dcr 2L Zivilkammer dcs Landgerichts I Tcrmin 
anberaumt ist in der Zivilklage des Erik Jaa Hanussen gegen 
<lie Zcitung .Berlin am Morgen* aui Unterlassung der Behaup- 
timg, daB nHanusscn Hellsehschwindcl bctreibt, und ein Char- 
latan, Schwindler und Bctriigcr ist, der dem Publikum dap 
Geld aus der Tasch© zicht". 

Hicr ist es hotwendig, zu dem soziologischen Ausgangs- 
punkt zuriickzukehren, Denn die Frage ist nicht allein cine 
Rechtsfragc sondern, so erstaunlich das klingt, zum allergroBten 
Teil eine Frage der offentlichen Meinung, Das Zivilgericht hat 
namlich nach einer absurd en Judikatur die Moglichkeit, den 
Wahrheitsbeweis abzulehnen und ohne jede Priifung des Wahr- 
heitsgchalts der aufgestellten Behauptungen auf deren Unter- 
lassung zu erkennen. Mit dieser Moglichkeit rechnet Hanussen. 
Das ist sein einziger, sein letzter Rettimgsanker gegen cine 
Bcwcislast, unter deren Wucht sein ganzes Gebaude zu- 
sammenbrechcn muBte. 

Es ist also eine Frage des offentlichen Gewissens, ob das 
Zivilgericht sich der moralischen Verpflichtung, das angebotene 
Bewcismaterial zu priifen, entziehen wird oder nicht. 

Fiir eine Anzahl Berufsschichten sollte es eine Ehrenfrage 
sein, diesen Kampf zu tinterstiitzen/ Das gilt vor allem fiir 
Arzte und' Naturwisscnschaftler, von dcr dem „Fortschritt" 
<lienenden Presse ganz zu schweigen. Auch die Internationale 
Artistenorganisation sollte an dcr Klarung dieser Frage nicht 
uninteressiert seiii. Niemand wird einem Biihnenartisten, einem 
Podiumzauberer seine Tricks als Betrug vorwerfen. Erst wenn 
jemand seincn artistischen Trick als eine. neue Wissenschaft 
ausgibt, private Sprechstunden abhalt, lun mit Hilfe des so ge- 
wonnenen Publikumsvertrauens seine politische Propaganda an 
den Mann zu bring en, wird aus dem Art ist en der politischc 
Bctriigcr. Jedes groBe Varieteuntcmehmen, das auf die Gunst 
des groBstadtischcn Publikums angewiesen ist, sollte es sich 
genau tiberlegcn, ehe es cine solche Hcrausforderung in sein 
Programm aufnimmt. Die Scala ist nicht der Bulowplatz. 

,,Welcher Philosoph", schrieb Immanuel Kant, als cr die 
„Traumc eines Geistersehers" erkenntniskritisch untersuchte, 
„hat nicht cinmal zwischen den Betcuerungen eines verniinf- 
tigen und festiiberrcdeten Augenzcugen und der inneren 
Gegen wehr eines unuberwindlichcn Zweifels, die cinfaltigstc 
Figur gemacht, die man sich vorstellen kann?" Abcr trotzdcm; 
kann sich dcr Philosoph der Aufgabc, dem Geistcrscher ent- 
gegenzutreten, entziehen? „Soll er auch nur eine einzige 
dieser Erzahlungcn als wahrscheinlich cinraumen? Wie wichtig 
ware ein solches Gcstandnis und in welche erstaunlichcn Fol- 
gen sieht man hinaus, wenn auch nur cine solche Bcgebenheit 
als bewiesen vorausgesetzt werden konnte!** 

Die Austreibung des Hcllschunfugs ist eine Forderung dcr 
sozialen Hygiene. Sic wird die gcistige Gcsundheit dcr Be- 
volkcrung wescntlich bessern, aber umgekchrt ■ setzt das Ge- 
lingen der Austreibung auch eine Bcsserung dcr geistigen Gc- 
sundheit der Bcvolkerung vera us. 

» 165 



Psychologie-BoHibe gegen den Geist 

von Kurt Hiller 

politischer Aktivismus", das ist Unsinn, Dcnii Aktivismus, 
w wie die Gcistcsgcschichte in Deutschlaud tind damit die 
Sprachgeschichte cinmal lief, heiBt: Lehrc vom Vorrang der 
Politik; und: ein Verhaltcn von Denkcrn, von Kiinstlern, von 
geistig bemiihten Privatpcrsonen, das iiicscr Lehrc entspricht. 
Sie ist uralt, stirbt immer wicder und aufcrsteht immer wie- 
den Zu Beginn <les vorigen Jahrhunderts wurde sie den 
Peutschen, welchc sie besonders notig hatten, von Fichte, 
Jeah Paul, Borne verkiindet; zu Beginn des unscrn schufen 
Landatier, Rubiticr, Nelson sie neu, und einige noch Lebende, 
Politische Aktivitat — neben alJerhand Arten von nichtpoli- 
tischer — '- gibts, unzweifelhaft; ,,politischer Aktivismus**, das 
ware wie sexueller Coitus odcr seefahrende Marine, Trotz- 
dem ncnnt ein wissenschaftlicher Schriftsteller ,,Dr/* Richard 
Behrendt sein Buch. so (bei C, L. Hirschfeld in Leipzig; 5,80); 
und es ist danach. Ich zeige es hiermit an — in jedem Sinne 
des Wortes. Dcnn ungckennzcichnet soil dicse Pampigkeit 
gegen den Geiist, die im Talar gelahrter Objektivitat auf 
vielen FuBnoten daherstelzt, nicht weiterwallen. Die Unzufrie- 
denheit des geistigen Menschen mit dem sozialen Tatbestand, 
den es bcim Erwachen seiner Vcrnunft vorfindet, und sein 
Aufbegehren, seinen schopferischen Protest dawider deutet 
Herr Behrendt als einen Mangel an Anpassungsfahigkeit, unter 
schiefen Anleihen bei der Libido-Thecric und nicht ohne zu 
beteuern, ,,da6 der Begriff der Asozialitat vcn allcr ethischcn 
Wertung strcng getrennt werden mu8**; er wascht also seine 
Psychologenhandc in Wertfreiheit und kommt sich dabei auBerst 
iiberlegen vor- Dagewesen ist dergleichen olt; durchgeJasscn 
werden darf es nicht. 

Stil hat immer Beweiskraft, ist MerkmaL Bei dem schauri- 
gen Dissertationsstil, der hier auf quill t, will ich nicht lange 
verweilen. Kleine Probe: ,,, , , ist es diesen sich von der Topic 
emanzipierenden Triebtendenzcn mit cincr gcwissen Regel- 
maBigkeit essentiell eigen, daB sic ihrc Befriedigung in der 
dynamischen Bewegung selbst suchen und finden** — ; Peter 
Pantcrn fiir seine Sammlung nachtriiglich zu Weihnachten gc- 
schcnkt! Wie licb hab ich Leute, die mit einem KloB im 
Mund (gleichsam) dcnken — zum Beispiel einem schootschio- 
logiischem ■ — und die ihrc Feder, nicht aus Stahl sondern aus 
halb-erweichter Gelatine, statt in, Tinte in Leim tunken! 

Aber daruber lieBe sich zur Not Nachsicht brciten. Mit- 
nichten iiber die verborgene Tendenz dieses Pamphlets (dap 
als geruhig-wisscnschaftlicher ,,Versuch" geschminkt ist); die 
Hcrabsetzung, die Diskreditierung des aut Xndcrung der Ord- 
nungen abzielenden, aus geistigcr Leidenschalt politischen (re- 
forniatorischen oder revolutionaren), dcstruktiv-umkonstruk- 
tiven, ethico-aktiven, erloserischen Typus Mensqh. 

Unter Aktivismus versteht Herr Behrendt ,,eine bcstimmtc 
einem Menschen habituell eigene psychische Einstellung und 
soziale Haltung, welche genercU unter alien Losungsmoglich- 
keitcn cines Problems diejcnige bevorzugt, die die unmittel- 
166 



bar€ und am schnellsten und eindcutigstcn Entsehcidung brin- 
gende Tat h^srbeMhrt" (^eine vc>rbildliche Kartchefi MieBnick- 
Definition), Un-d „politischer Aktivismus" ist „dicse typische 
menschliche Haltuttg, bczogcn auf die politischc Sphare**. In 
der politischeh Sphare gibt es demnach f iir Behrendt „L6sung&- 
moglichkeiten cincs Problems*' abgesehen von der Entschei- 
dimg bringenden Tat; L5sungsWunschbarkeiten nach dem 
Gnindsatz: immer laagsam voran! Schon; mag cr. 

Seine Frage stellt dieser Autor soi r,Was kann dem Men- 
schen erne politischc Betatigimg, ein politisches Interesse 
"unter emotionalcr Beteiligung vital notwehdig raachen?" (Aus 
dem Geschwollenen ins Deutsche iibertragen: Der Aktivismus 
eines Aktivisten — wie erklart er sich?) 

Subaltemer kann man nicht fragen. So fragt ein Farben- 
blinder -die Entziickten in der Galerie; so fragt der g-eborenc 
Eunuch, die Verliebten; so fragt eincr vori den Handlern und 
Wechslern Den, der im Begriff ist, sic aus dem Tempel zu 
pcitschen, 

Nicht, als ob forscherisches Fragen verboten sein soil tc. 
Aber statt zu imtersuchen, ob der Aktivismus stimmt, statt 
die geistigen Griinde zu prufen, die der Aktivist fur seine 
Theorie und Praxis vorbringt, und sic meinethalbcn a la Laotse, 
a la Rilke oder a la Thomas Mann von 1917 zu verwerfen, 
kriecht dieser Wurm ins private Innre des Aktivisten (vielmehr 
cincs Popanz von Aktivisten) urid durchwiihlt die seclischen 
Ursachen, die angeblich zu scinen Griindcn gefuhrt haben, 
Unter uns: diese Ursachen werden (nicht in der psychologi- 
schen Popanz- sondem in der wirklichcn Welt) von Fall zu 
Fall recht verschieden und in jedem Fallc hochst verwickelt 
sein. Fiir Herrn Behrendt sind sic allemal idcntisch und 
hochst cinfach; cr kennt keine wirklichen Aktivisten; cr laBt 
sie typisiert und gcnormt aus seiner Retorte steigen. Akti- 
visten des psychologischen Seminars, Lalboratoriums-Aktivisten. 
Aktivistische Homimcidi, 

Und stiinde ihm das frei — ; ob Konfuzius im Prinzip 
recht hat oder unrecht, ergibt sich nicht aus der Analyse der 
Entstehung seiner Gcsinnung. Aber ob cr recht hat, darauf 
allein kommt es an. Kritik kann niemals durch Psychologic 
ersetzt werden; normatives Denkcn niemals durch gcnetisches, 
Der Psychologismus ist die Abbiegung ins Unwescntlichc. (Wie 
jeder sonstige Positivismus auch.) 

Immcrhin behalt Psychologic ihren Eigcnwert, und die, 
deren ein Psychologist sich bedicnt, wfirde etwas taugen kon- 
nen. Die psych ologische Einsicht Behrendts , . . 

Ihm ersdieint „es evident, daB alle der sozialen Norm 
nicht weitgehend angepaBtcn Menschcn untcr dicker Nicht- 
anpassung zutiefst leidcn und durch sic in einer dauemden 
Spannung , , , gehaltcn werden, die sich in den vers chiedens ten 
Gradcn, von der auBcrlich unatilfalligen und daher ,harmlosen* 
Asozialitat des geistig differenziertcn Mcnschen bis zur schwe- 
rcn Neurose auBcrh kann**. Also der Aktivist ist asozial, bei- 
spielsweise N. Lenin; und jene Ich-Erweitcrung, als die man 
ja :Wohl das Wesensgeheimnis des messianischen Menschcn zu 
deuten hat, stellt cine zii geringe AngcpaBtheit an die sozialc 

167 



Norm dlar! Dicsc, die sozialie Plprm ^- mit ciiiem Inhalti dcr 
iibcrhaupt nicht diskutiert wird— ist das Sicherc, Unbezwci- 
iclbarc, dcr absolute WertmaBstabj an ihr rutteini wollent sie 
gar aufhcben wollcii; ein Netiroticum, ein PatKoiogiqum! nC^^r 
norniale Mcnsch aller normalen. Zeiten ist ein diircbaus impoli- 
tischer Mensch/* Jawohl, da stehts/ Selbst ein „descquilibrier- 
ter'* McBsch findc „normaler" Weise seine Konflilttslosung ,,ia 
dcr priyaten Sphare", Wer der offcntlicKen bedarf, dcr muB 
schon ein besonders pcnetranter Psychopath scin. Antikonscr- 
va;tiv denken und handeln, die Sozialwelt andem woUcn -^ das 
beweist, gar wenn die Intention nicht aus personlicher Miscrc 
stammt, eincn hohen Grad geistiger Erkrankung; es ist schon 
fast VoUwahnsinn. Nein< so sagt Hcrr Behrendt es nicht; aber 
es folgt aus dem^ was er sagt. Nicht jeder Minderwertigc odcr 
seelisch Krankc wird zwar Aktivist; aber man mu6 minderwer- 
tig pder seelisch kra.nk sein, um es zu werden. Wortlich; „Nicht 
jcde . , . Asozialitat muB» aber d'och niir cine solche kann einen 
Mcnschcn dazu vcranlasscn, sich konkret palitisch zu intcres- 
sicren und zu betatigen/V Allen Ernstes; lucus a non lucendo. 
Vollwcrtig, gcsund, ,, normal**, ,,soziar* ist dcr Zuiriedne, der 
still sich ins Gegebnc Fugcnde^ dcr Demutige; er hat es frei- 
lich psychologisch nicht notig, Politikcr zU sein, und wird es nic 
sein. Er kommt gar nicht auf den Gcdanken, an sozialcn Tat- 
bcstanden zu norgeln. Problcme der GcscUung intercssiercn 
ihn cinfach nicht; die Gesellschaft sclbeir ist ihm kcin Problem; 
er gehort ihr sozusagen aus Vcrsehcn an; er ist ein Stuck Vege- 
tation, Individualist ; — dasi ist er nur dcshalb nicht, wcil cr 
iiberhaupt kein -ist ist. Den Apolitiker, den Gleichgiiltigcn, 
den Philister in Rcinkultur — -normal und sozial nennt ihn der 
Psycholog BchrcndL Vollwcrtig, gcsund, irtiormal", .rsozial"" ist 
daian aber gcfalligst auch dcr raflcndc, rciBcnde Radikal-Egoist 
ohne politischen Ehrgeiz, die solipsistischc Bestic, dcr zynischc 
Ausbcutcr seiner Ncbenmcnschen, der legale Rauber, sofern cr 
fiir seine Zweckc dcs Umwcgs iibcr die' Politik nicht zu bedur- 
fen glaubt, Dcr fromm-dummlichc Anarchischc und dcr skru- 
pcllose Anarchischc — beide ,,norniar' und itsozial"; „asoziarS 
wcm die Formung der Gesellschaft, gar nach Grundsatzcn 
sittlicher Vcmunft, Lebcnsaufgabc ist! 

Den wundervollen Satz Fichtcs: ,,Was wiH denn der vcr- 
niinftigc Schriftsteller, und was kaim er wollen? Nichts andrcs 
denn cingrcifen in das zdlgcmcine und offcntliche Leben und 
dasselbe nach seinem Bilde gcstaltcn und umschaffcn; imdwenn 
er dies nicht will, so ist all sein Reden leercr Laut zum Kitzel 
miiBigcr Ohrcn" (Freundel um dieses einen Satzes willen kcin 
boscs Wort jc auf Fichte!): Behrendt fuhrt den Satz an .,, 
ctwa so, wic ein Psychiater Symptome anfuhrt. Auch uber 
Lassalle, auch uber Oscar Wilde; herablassendc Psychologen- 
spriiche; imd das L.^^ben5'twi*^ch*iS^< Neurotischc, Asozialc eincs 
Anatole France wird wic folgt bewiescn: „Anatole France hattc 
zcitweisc warme Sympathien fiir den SozialLsmus, vcrsagte aber 
vollig, wenn es sich auch nur darum handcltc, eine offentliche 
Ansprachc zu halten.** — Hier ward mir ubcL 

Gleichwohl drang ich bis Seite 80 vor^ und fand: ,ipoliti- 
schcr Aktivismus** verfolge „uberhaupt kcine rationafen , . . 

168 



Zielc"; man miissc „d>arauf vcrzichicn, dem Aktivistcn die Fragc 
nach dcm .W^arum* seines Handelns zu sUlIen und darauf 
cine untcr dem Gesichtspunkt der zweckvoUen Sinnhaftigkcit 
verstandesmaBig diskuticrbare Antwort zu erwarten"; „das Ent- 
scheidende** sei „in cinem Satz zu sagen": „Diese spezifische 
Haltung laBt den Mcnschcn Aktivitat urn der Aktivitat willen 
trciben/* Wohlgemerkt: nicht cinen gcwissen Typ, nicht revd- 
luzzende Kritflknabcn mit „freti schwcifender, Fixierung und 
Funktion suchender Libido"; scKndern ,fden** Menschcn (politi- 
schen Temperaments), „dcn*' Aktivisten; fiir ihn existicre 
„nicht iibergeordneter Zweck — sondcrn Handlung um der 
Handlung wiUen". 

Verallgcmcincrungen, Verdachtigungen solchcr Art zeugcn 
nicht mehr von problematischer Gcistigkcit; das ist ganz un- 
problematische Dreistigkeii, Hier setzt jemand kenntnislos 
hcrab. Er setzt aus Ahnungsarmut aufs Icichtfertigstc herab; 
Kommimisten, Demokraten, Libcrale, Pazifisten, Diesseitsreli- 
giose, auch den redlichcn Teil der Nationalistcn^ von den Akti- 
visten im engcrn, im Schulsinn zu sthweigen. Menschcn, den en ein 
brenncndes Recht durchs Herz flieBt, die aus Pflicht handein, 
denen es lun cine Sachc gcht, die um ihr Ziclbild, die Klarheit 
ihrcs Zielbildcs Icidcnsch^tlich und mit Erfolg gerungen haben; 
Menschcn, von denen viele viel lieber aui dem Riickcn im 
Grase lagen, mit dcm Anblick des Himmclsdoms bcschaftigt, 
als fiir wnrdigcrc, gercchterc, vemiinftigcrc Koexistcnzformcn 
tragisch zu kampfen — ihncn wird als Ei-gcnschaft die Infantili- 
tat und Lacherlicbkeit eincs nur lormalcn Aktivseins an- 
gehangt; mittels eines Psychologismus, der auf purer Kon- 
struktion und schlichter Ignoranz beruht- Sollte er am Ende 
bloB cane verkicidcte Konservativen-Moral sein? Haben 
der Herr Autor viclleicht ein Intcressc? Ein okonomisch- 
spziales? Ein politisches Intcressc ,gcg,cn die Politik? Wie 
wars, wcnn wir dicsen Psychologismus einmal nahmen, wie ers 
verdient: psychologisch? Am Endc wuchs er aus herrlicher 
»,AngcpaBt**heit an die hcrrschcnde „soziaIe Norm"; womoglich 
cntsproB er ciner Fabrikbcsitzerfamilie? 

Sittenlehre fQr Ungllubige von Rodoif Arnheim 

Die Wistscttschaft muB an die Stelle der Religion^ 
der Glaube an eine natiirliche und unverbriichliche 
Weltordnung an die Stelle des Geisiter- und Gespenster- 
Glaubens, die naturgemaBe Moral an die Stelle der 
kunstlichen oder Dogmen-Moral gesetzt werden. 

Ludwig Buchner: Kraft und Staff 
I 
YV7cr glauben kann, hat es leicht, wcnn auch zmncist nicht 
'^ gut. Die Giaubigen beunruhigcn sich nicht dariibcr, daB 
alle Verhaltcnsvorschtifien aui dem Vcrordhungswcge von 
©ben her erlassch werden. Von den Urbildern der Notvcr- 
©rdiungen, den zchn Geboten — die ubrigens durchweg Ver- 
botc sind, bis aui zwci, von denen cins wicdcrum die Aus- 

169 



lobung ciner unsachlichen PrS.mie bringtr „. , .anf da& du lange 
lebest im Lande . . /' — bis zu den neticsten AusHihrtings- 
bestimmtmgen dtirch die geistlichcn imd wcltlichen Instanzen, 
stiitzen sich die moralischen Satze der Obrigkeit auf keinc 
andre Autoritat als ihi-e eigne. Kein Zweifel nun, daO diese 
Autoritat immer starker ins Wanken gerat. Man verstoBt 
gegen viele der Vorschriften, und zwar nicht mehr in dem Be- 
wuBtsein, Unrecht zu tun, sondcrn, von dex Kriegsdicnstver- 
wcigerung bis zur Abtreibung, weil man eincr neucn, bessem, 
abcr noch unsanktionierten Moral zu tint erst elien glaubt, Diese 
Rebellion fand.ihre eigentlicbe Stiitze erst, als man guteGriinde 
gegen die Unantastbarkeit der Gesetze beibringen konnte. 
Es war kein geniigend eindtucksvoUer Gegenbeweis, daB die 
praktische Eriahrung und das gcsunde Gef iihl diese Gesetze 
f alsch nannten, denn wie wollte sich die unvoUkonimene Ein- 
sicht irdischer Menschen iibec Vorschriften von so erlauchtei" 
Provenienz zum Richtcr aufwerfen! Erst als man zu beweisen 
anfing, daB alle diese Erlasse aus bestimmten, sehr irdischen 
Klasseninteressen folgten und daB nur ,,geschichtliche, in dem 
Lauf der Praduktion voriibergchende Verbal tnisse in ewige 
Natur- und Vcrnunftgesetze yerwandelt'* worden waren, wie 
es im Kommunistischen Manifest yon 1848 heiBt, erst als man 
Menschenwerk, und zwar egoistisches Menschenwerk nennen 
durfte, was vorher als Verordnung einer allgerechten, iibcr- 
menschlichen Instanz gcgolten hatte, erst da war der Mensch 
dem Gegner gegeniiber satisfaktion§.fahig, tmd der Kampf 
konnte nim ohne Riicksicht auf schuldigen, Respekt mit sach^ 
lichen Argumenten ausgefochten werden. 

Zumal der Lehrc von der Erbsiinde ging es nun an den 
Kragen, die, nicht genug, daB die Menschen zu Iciden haben, 
ihneji auch noch die Schuld an ihrem Leid auf burden will. 
Diese Lchre erwics sich, zumindest in ihren Auswirkungen 
als kirchliches Dogma, als ein Mittel, spziale Ungercchtigkei- 
ten zu rechtfertigen- Der Bann des Urfluchs zerstob, die 
Aussicht auf den groBen Feierabend nach dem Tode vermochte 
weder die Unzutraglichkeiten des Wcrktages langer auszu- 
gleichen noch den Geschmack an den Freuden des Irdischen 
langer zu vcrdcrben. An die Stelle einer Moral gegen die Natur 
trat cine Naturmoral, die zunachst in das Extrem vcrfiel, gut zu 
nennen, was nur immer naturkraf tig war. Die Pf erdekrafte des 
Temperaments als mor£Jische MaBeinheit — das finden wir 
etwa bei Nietzsche, Wobei uberseh^n ist, daB wir uns zwar 
fahig halten sollen, uns an den groBen Ausbriich^en der „Un- 
temchmungssucht, Tollkuhnheit, Rachsucht, Verschlagenheit, 
Raubgier, Herrsehsucht** wie an einem prachtvollen Wasser- 
fall oder Vulkanausbruch zu crfreuen, daB es aber deshalb 
noch nicht die Aufgabe der Moral ist, Triebe zu ziichtcn. 
Echte Leidenschaft und Besesscnheit ist bekanntlich sehr sel- 
tcn, und <lic Moral soil einerseits die vielen Unbesessehfe'n, 
also nicht schon von sich aus unablenkbar in eine Richtung 
Getriebenen, in die wunsqhjenswertc Richtung treiben, andrer- 
seits die Walle aufrichtcBi an deren Durchbrechung cirst die 
echte Besesscnheit sich erweist. Eine damonische Kraft;^ 
menschenmoral fiir deii miekrigen Mittelstand wirkt komisch 

170 



uttd fiihrt zu den miad^rwcrtigcn Blutrauschetu des Hakcn-i 
kreuzcs. 

Ja, die Triete sind schwach geword^n, aber an ihre Restc, 
wenn auch nicht grade an die dcr asozieilen,, klammert sich 
die ncuc Naturmoral, um Mafistabe zu gewinn«n. Man kann 
dariiber strcitcn, ab wirklich, wie die daran interessierten 
Nationalisten bebaupten, der KampI der tierische Urzustand 
sei und nicht — zumindcst in den sozialcn Gemeinschaften, 
auf die es ja ankommt — die gegenseitige Hilfe. , Nicht aber 
kann man innerhalb der heutigen Gesellscbaitsform giiltige 
Untersuchungcn dariiber anstellen, ob der Mcnsch von Natur 
und Trieb her gut sei, denn das ware ebenso, als wollte man 
Experimente iiber die Sehtiichtigkeit des mcnschlichcn Aug cs 
nur in der Nacht anstellen oder den Charaktcr. des Hundes 
ausschlie0lich an Kettenhunden priifen. Wir verwerfen also 
alle demagogischen Versuche, triebhaft und grundsatzlich zu 
nennen, was nur vcrdorben und zuiallig ist, sondern glauben, 
daB der Mensch gut ist, weil namlich schon in der unorgani- 
schen Natur alles nach Harmonic und Ausgleich strebt, die 
asoziale Bosheit aber zur Disharmonie fuhrt. Es ist nicht 
cinzusehen, warum die menschliche Gemeinschaft von Natur 
diimmer sein soli als ein Kristall, und ehe wir einen Bruch 
in der Einheit der grofien Nat urges etzlichkeit annehmen, glau- 
ben wir licber an das, was uns zu glauben sowieso sympa- 
thischer ist! 

Von den Philosophen horen wir immer wieder, daB die 
Mcnschheit nach Gluckseligkeit strebe und daB es die Auf- 
gabe der Moral sei, dies Ziel naherzubringen. Schauen wir 
aber in uns hinein, .so bemerkcn wir, daB diese Lustgreis- 
theorie gliicklicherwcise nicht stimmt, sondern daB vielmehr 
allc Mensch en nach der Erreichung bestimmter Ziele streben, 
die bei dcm einen niedriger, bei dexn andern hoher sind. Der 
eine wtinscht nur, gut zu cssen oder Madchen zu verfiihren, 
der andrc wiinscht, cine groBe kiinstlerische oder wissen- 
schaftliche Auf gab e zu losen. In jcdcm Fall aber steht die 
Sache, das Zicl im Blicicpunkt, und es ist eine psychologisch 
falschc Beschreibung, daB der Mensch auf Lust aus sei. Be- 
fricdigung ist cine angcncbmc Begleiterscheinung aber nicht 
dcr Endzweck, dariiber sind sich die Don Juans mit den Ge- 
lehrten einig. 

Diescr Drang zur Erkenntnis, zur Gestaltung, zur Le- 
benserhaltung, zur Fortpflanzung, zur Liebesgemeinschait, zum 
Gruppenleben ist urspriinglich und triebhaft, wenn auch in 
seiner Deutlichkcit und Starke heute vcrwischt. An diese 
Triebreste halten wir ims; die Erf iillung dieser triebhaft ge- 
stcllten Auf gab en nennen wir den Sinn lujsres Lebens, und 
ihr zu dicncn, ist der einzige Zweck aller Moral Diese Be- 
hauptung stiitzt sich darauf, daB bei den primjtiyeren Lebens- 
formen des Organischen, die noch kein BewiiBtsein und also 
noch kcinc Eingriffe ins Naturgeschehen kennen, alles Tun 
^ul die Erfiillung solcher, Lebensaiifgabe^ gerichtet ist und alle 
Einrichtung^ in ihrem Dienst stchen, Unsre Entschliissc in 
die Richtungen einzupassen, in den en sich das noch automat 
tische Leben des Primitiy-Organischen bew^e^gt, Ist -das Bcstre- 

m 



ben unsrer Moral Wit wollen tins nicht wiedcr primitiv 
machen, a-ber wir strebcn fiir die Menschheit wie fiir Aeti 
Einzelm'eiischen -dieselbe Vollkommetihcit in der Anpasstmg an 
die Lebensaufgabe an, die im Tierischen und PJlanzlichen vcr- 
wirklicht ist. Diese Weltanschauung wurzclt in dem groBen, 
Mnchristlichen Gefiihl der Einhcit alles Lebendigen, das von 
Spinoza liber Goethe in die Welt gckommen ist und von der 
modernen Naturwissenschaft inuner schlagender bestatigt 
wird. Ein Beispiel dafiir, daB ein naturwissenschaftlich fun* 
diertes Weltbild und Sittenleben nicht armlicher und rationa- 
listischer sein inuB als ein rcligioses sondem im Gcgenleil 
poetischer, begluckender, gefiihlsreiner sein kann. Vom Wahr* 
heitsgehalt ganz abgesehen. 

Kant meintCf es gehore zur Wiirde der Ethik, daB sie 
zwecklos und also Sclbstzweck seii gcnau so wie cr ja den 
KunstgenuB als ein interesseloscs Wohlgefallen dcfinierte — 
vcrstandlich in einer Welt, fiir die der Begriff des Niitzlichen 
identisch mit dem des Erwerbsdienlichcn gcworden ist. „Alle 
Imperative", so sagt er in der Metaphysik der Sitten, ,,ge- 
bieten entwedef hypothetisch oder kategorisch. Jene stellen 
die praktischc Notwendigkeit einer moglichen Handlung ala 
Mittel zu etwas andrem, was man will (oder doch moglich isU 
daB man es wolle), zu gclangen vor. Der kategorische Impera- 
tiv wiirde der sein, wclcher eine Handlung als fiir sich sclbst^ 
ohne Beziehung auf einen andern Zweck, als objektiv-notwen- 
dig vorstcHte/' Hypothetisch nennt er die nlmperative der 
Geschicklichkcit", katcgorisch die „Imperative der Sittlich- 
keit'*, Wir wend'en uns mit Kant gegen die leicht unappetit- 
liche Gliickseligkeitslehre des Eudamonismus, dem er seine Be- 
hauptungen entgegensetzte, aber wir pfeif en auf die Wiirde 
einer Sittlichkeit und einer Kunst, die auf Zwecklosigkcit be- 
ruht. Was zwecklos ist, hat nicht zu existicren, nur verstehen 
wir den Zweck in einem Sinne, der uns wiirdig genug scheint. 
Kant hat bekanntlich auch viel Wert auf den Unter- 
schied gelegt, ob die gute Tat den uneigenniitzigen Willen des 
Taters einen schweren EntschluB koste oder ob sie ihm wenig 
Miihe mache oder gar Vergniigen, Er fuBte dabei einerseits 
d'arauf, daB der Mensch bose sci und sich also nur mit Gewalt 
zum Guten durchringen konne, andrerseits auf dem freicn 
Willen, Wir halten den Menschcn fiir wenigcr frci aber auch 
fiir weniger schlecht. Da die Willensfreiheit auch im achtzehn- 
ten Jahrhundert nur noch schwer zu beweisenwar, hat Kant 
sie einfach aus dem Postulat der Notwendigkeit und AUgemein- 
heit des Sittengesetzes deduziert. Wir wissen heute, wie 
stark die Entschlusse eines Menschen durch Konstitution, Er- 
ziehung^ Umwelt und Erlebnisse yorbestimmt sind, und legen 
dahcr weniger Wert darauf, seinen Willen zu stahlen, als viel- 
mehr darauf, ihn und seine Umwelt so zu gestalten, daB ihm 
das Vollziehen moralischer Handlungcn natiirlich und leicht 
wird, „in seiner Lihic liegt**. Wer das gewaltsam durchgesetzte 
Gute dem natiirlich und zwanglos produzierten vorzieht, er- 
innert an jene scnsationslustigen Leute, die einen blinden 
Pianisten h5her schatzen als einen sehenden, weil „es ihm 
schwcrer wird". Man soil sich aber freucn, wenn Jemandem 

172 



etwas Icicht fallt, zumal an titragischen Spanniuigcii", wic sie 
von den Fcinden allcs Volkswohlstandcs so gcschatzt wcrden, 
immcr noch gcnug in dcr Welt blcibt. Es stcht nicht zu be- 
fiirchtcn, daO aus Mangel an Widcrstand die groBen Kampfet 
aussterben! 

Der Begriff der Schuld durfte immer vcrdachtiger werden, 
und da allcs detcrminicrl ist, liegt es uns ob, in diese Dctcr- 
minierungen bessernd einzugreifen, statt Hiirdenrcnncn dcs 
moralischen Willens zu veranstalten. Die Handlung eines 
Tiercs ist nic gut oder schlecht sondern nnr die streng deter^ 
minicrte Rcsultante aus Anlockung und Abschrcckimg. Auch 
unser StrafvoUzug besscrt nicht sondern verstarkt nur nach 
Kraften die Abschreckungskomponente, , Und selbst die bib- 
lische Erbsiinde ist, wenn mans recht besieht, begangen wor- 
den< ehe die Menschen siindigcn konnten, denn ihre Stinde be- 
stand ja grade darin, daB sie gut und bose unterscheiden 
lernten< 

Was hier im GroBen umrissen wurde, soil demnachst fur 
Einzelfragen der Ethik nahcr ausgefiihrt werden; nicht mit 
dem Anspruch auf Systematik sondern zwanglos in Bezug aul 
die Themen wie die Reihenfolgc, 

Stendhal von ceisus 

P s gibt keine tieiere Freude als die einer unverhofften 
literarischen Entdeckung, Au5 Nietzsches Enthusiasmus 
fiir Stendhal spricht der Jubel eines. Einsamen iiber cinei ver- 
wandte Seele. Stendhals Auferstehung wird fiir Nietzsche ein^ 
neue Rechtlertigung der cignen Isolierung. 

Wir haben heute zu Stendhal ebenso gut Distanz gewon- 
nen wie zu Nietzsche, Wir sehen gewifl die verschicdenen Ele- 
niente in Stendhal scharfer, Nietzsche verehrte in ihm vor- 
nehmlich den genialen Amateur und Lebenskunstler, den Dandy 
mit der Geste des Bourgeoisverachters. Zu uns spricht Stendhal, 
der groBe Arbeitcr, deutlichcr. Ein paar gelehrtc Antiqui- 
taten, ein antike Gemme^ eine Melodic von Cimarosa, die 
letztcn Liebesgeschichten der Marchesa, eine Loge in der mai- 
lander Scala, das ist der Lebensinhalt des einen StendhaL 
Aber der andre Stendhal; das ist der Schriflsteller, dert lang- 
sam und mit sclbstgeschaffencr Miihe die Welt sehen lemt 
und sich dazu eine hochst sparsame und trockene Form schafftt 
die cs ihm ermoglicht, nicht nur das Exterieur sondern auch 
Blut und Nerven seiner Gestalten festzuhaltcn, Dieser von 
seiner Zeit verworfene Autor durfte mit Recht an die Nach- 
welt appellicren. 

Stendhal, vor himdertfiinfzig Jahren geboren, durchschnei- 
det drei Epochen und wird zu einem vielfaltigen Zeugcn. Er 
erlebt die Schlacht von Marengo, den napolconischen Sieges- 
zug durch Deutschland und' die Katastrophe von Moskau, Er 
wird ein miBmutiger und zuriickhaltcnder Teilnehmcr der 
traurigen Aera bourbonischer Restauration, Und dann bricht 
mit dem Biirgerkonigtum die technisch-kommerzielle Zeit aus. 
Das groBe Abenteucr wird rar, das Geld tVitt seine Hcrr- 
schaft an, Zwar wirbelt es cinzelnc dramatische Figuren 

173 



boch iind wieder in die Ticfc, aber den Millionen reglemen- 
ticrt und egalisiert cs die Existenz. Als Stendhal mit sechzig 
Jahren atif eiaer prosaischen pariser StraBe einem Schlaganiall 
erliegt, da f lammen schon abends die Gaslaterncn, rollen 
Eisenbahnen durch Land und fangt dcr Maler Daguerrc das 
menschliche Bild auf einer Glasplattei auf. Stendhal steht also 
am Beginn jener Entwicklung, die 1914 jah abstiirztc und dteren 
schwere Restbrocken wir vergebens zu liquidieren suchen, 
3alzac hat in dem Pathos dieser Zeit, in ihren gigantischen 
VerscWingungen, in ihrem ohrcnbetaubcnden Gctose ge- 
schwelgt. Stendhal ist bis zu ihrem Geist vorgedrungen, Er 
war als Schriftsteller kein Mann der Gliickstreffer, sondern 
ein bewuBter Beobachter von wissenschaftlicher Griindlich- 
keit, trotz geflisscntlich ablehnender Haltung ein Pionier. 

Es ist eine Zeit der ungeheuersten Gegensatze und Span- 
nungen* Kein Wonder, dafi ihr vor sich selbst graut. Sie flieht 
in die Romantik und halt ihre eignen Lebensgcsetze fiir Hexe- 
rei. So ist um die Manner der Metternichepoche mit ihrem 
blauen Frack und dem Wachstuchzylinder immer etwas Hoff- 
metnnscke Gespensterei und Doppelgangerci. Herr Henri Beyle 
aus Grenoble ist in scinem Alltag ein angenehmer Gesellschaf- 
ter, der von Napoleon zu plaudern weiB xmd von einem vcr- 
gangenen Italien, wie es im Nachklang des Rokoko zu musi- 
zieren und zu lieben wuBte. Ein Weltmann, der sogeir mit 
Byron gesprochen hat und gern bereit ist, die Bekanntschaft 
nait dem neuen Salonlowen oder einer allzu reservierten 
Sangerin zu vermitteln. Dieser selbe Herr Beyle halt sich aber 
auch fiir ein verkanntes Literaturgenie. Er schreibt lang- 
weillige Romane, nennt sich ^Stendhal" nach irgend einem deut- 
schenNest imd prophezeit, daB seinRuhm imil900faUig werde. 

Noch komischer als diese literarischen Ambitionen sind 
seine verliebten Eskapaden. Herr Beyle ist mit dieser Zeit, 
deren Realitat auf Zahlungsfahigkeit beruht, nicht sehr zu- 
frieden. Im Grunde gilt seine Sehnsucht einem abenteuern- 
den Kavaliertum, Er traumt sich als Ritter irrender Fiirstin- 
nen und heiBbegehrter Primadonnen, die er gegen alle Rivalen 
undl eine bose Welt am liebsten mit der Pistole in der Faust 
verteidigen. mochte. Der kleine, runde Mann hat das iiber- 
rei^te Ehrgefiihl eines klapperdiirren kastilischen Granden; in 
der Tat, die Begierden Don Jtians wiiten in der plumpen 
Tournure LeporeJlos. Er posiert gern die lusdiff erenz des Ab- 
gebriihten, des Aristokraten alten ScMags, In der Garderobe 
der umschwarmten Kunstlerin nicht minder als in der Schlacht. 
Mitten in dem grenzenlosen Eleni der Tage an der Bcresina, 
mitten in einer zerlumpten und verhungertcn Armee prascn- 
tiert er sich eines Morgens seincm Chef Daru mit frisch rasier- 
tem Kinn und wird dafiir mit einem Lob bedacht, als ware er 
ein neuer Bayard. 

Er ist in seinem Lcbensstil ein Ci-devant. So wie er ads 
Liebhaher die Alliireii eines gestorbcnen Jahrhunderts zu kon- 
s^Tvieren trachtet, so ist er auch als napoleonischer Olfizier 
kein Mann der Masse, Im Grunde sucht er nur die indivi- 
ciuelle Auszeichnm?g, er will Ritter gein. Heldetitaten begehen 
ifii; den Kaiser, fur eine Dame, das blcibt sein letzter Wtmsch. 

174 



Im Gninde haBt er den Krieg, den rohe und; schmutzige Sol- 
daten gegen einander fiiliren, Es ist hcrrlich, zu Pferd zu 
siizen upd im Ungewisse zu rciten — aber diese verstiimmel- 
tcn Totcn diort am Wege ... Pfiii* der Krieg ist abscheulicht 
d'er Krieg stinktl Sinnloses Gemetzel, das schon der alte 
Voltaire in seinem „Candide*' verspottet hat, jener Voltaire, 
der den romantischen jun^gen Lent en heute als ein Greuel aus 
der Zojjizcit erscheint. 

Die Friichte vom Baum der Erkenntnis sind noch keinem 
gut bekommen. Den Einen bringen sie friih ins Grab oder 
ins Narrcnhaus, dem Andern ruinieren sie den korperlichen 
und geistigen StoffwecbseL Stendhal, bald der ritterlichen 
Gcste, bald seinem unerbittlichen intellektuellen Verlangcn 
ppfernd, lauft zeitlebens mit ein em schweren Spleen herum. 
In seiner Denkwcise bleibt er ganz und gar der Sohn des 
achtzehntcn Jahrhunderts. Mitten in eincr Epoche idealisti- 
scher Verschwarmtheit. bcwahrt er den massiven Materialis- 
mus des Lamettrie oder Heivctius, Die Welt liegt schon wie- 
der schmachtend vor dem Kreuz: er verachtet Religion als 
Pfaifengewasch. Die Philosophen spekulieren wicder mcta- 
physisch* Er glaubt: mit dem Tod ist alles aus, und das Le- 
ben ist nur zum physischen GenuB da, Aus dieser Summe 
von Widerspriichen wachst eine historische Leistung; Stendhal 
wendet im Roman ztim ersten Mai die soziale Anatomic an. 
Seine Gestalten sind keine isoliertcn Einzelwesen mehr. Sie 
sind gesellschaftlich genau bestimmt, und weil der Autor weiB, 
woher sie kommen und was sie cssen und trinken, deshalb 
ist auch ihre Scele kein GefaB mehr, in dem olympische Par- 
fiime uribekannter Mischung dcstilliercn, sondern ein durch- 
forschbares Land, Wovon lebt eigentlich Wilhelm Mcister? 
Von wclchen irdischen Ressourcen nahren sich die athe- 
rischenHeldenChateaubriands? Was tut Childe Harold, wenn 
er nicht grade im Anblick heroischer Landschaften versinkt? 
Stendhal hat die Marchenprinzen cntthront imd fiir cwig auf 
die Hintcrtrcppe verwicsen, 

Damit war nach 1815 kein Erfolg, zu holcn. Stendhal blicb 
allein, seinem Sarg folgten ganze drei Personen. Aber in 
seinen Wirkungen ist er nicht mehr wegzudenken; er ist der 
Ahnherr einer ganzen Schreibergilde, er ist der Stammvater 
des modernen Romans ^ewordcn. Heute, wo wir wieder gegen 
sozusagen idealistische Verlogenheiten und gegen einen ver- 
biasenen Mystizismus zu kampfen haben, heute fallt auch von 
Stendhal die skurrile AuBenseite ab. Zuriick bleibt ein gei- 
stiger Held, ein barter, strengcr Erzieher, dessen Beispiel 
mahnt, so, wie er tim den wirklichen Ausdruck der Zcit zu 
ringen. Der Ruhm, der seinem nachgelassenen Werk so spat 
zuteil wurdc, wird wieder einmal welken. Das kann auch 
nicht andcrs sein, Aber vieles von dem, was Stendhal ge- 
schrieben hat, die „Karthause von Parma", „Rot und Schwarz", 
Stiicke aus „Lucien Leuwen *, die „Abtissin von Castro", die 
Aufzeichnungen uber die Liebe, die Studie iiber Napoleon, das 
alles wird seine Freunde finden, bis di6 Menschheit sich 
wieder entschUeBep wird, das Gliick des absoluten An- 
alphabetentums der gef ahrlichen Lust am Wissen yorzuzichen. 

175 



Das Ende von Kurt Kersten 

Aus einem demnachst bei Gustav Kiepenheuer, Berlin, er- 

scheinenden Buch ,,1848". 

In dcr vicrten Nachmittagsstunde des 23. Juli 1849 offncten 
sich die Torei der Fcstung; die liberwundenen Kampfer fiir 
die deutsche Revolution zogen aus; zu FuB und zu Pfcrde, mit 
alien Waff en und Geschiitzen, mit Wag en und der ganzen Ba- 
gage, Alte Manner im weiBen Haar und Jiinglinge, Manner 
vom Hambacher Fest, Manner aus den Freischarcn Hcckers 
und Struves, Manner aus Sachsen und Brandenburgi Wcst- 
falen und Thiiringen, aus Hessen, Wiirttemberg und Baden. 
Arbeitcr und Handwerker^ Studcnten, Schriftsteller, Advoka- 
ten, Offiziere, Bauernsohne aus dem Schwarzwald, und immer 
wieder Arbeiter und) Handwerker. Es sind die Kampfer vom 
Marz und September 48, vom Mai 49, Viele unter ihnen 
habcn im vergangenen Jahre in Scbleswig gekampft; manche 
im Ictzten Oktober in Wien. 

Die meisten unter ihnen batten seit Jahren den Krieg im 
Dunkeln gef iihrt, batten illegal gelebt, den Entscheidimgs- 
kampf vorbereitet, im Marz den Sturz des Systems erzwim- 
gen, das die deutsche Freiheit zu ersticken suchtc. Viele imter 
ihnen haben Verfolgung und Not erlitten im BewuBtsein, fiir 
ein bcsseres Dcutschland zu kampfen. Allen schwebte der 
Traum einer einigen deutschen Republik vor — ohne Konig 
und Fiirsten, ohne Hcrm und Knechte, ohne Unterdriicker und 
Unterdriickte. 

5600 Mann zogen an diesem Sommernachmittag in die 
Knechtschaft, warfen die Gewehre zusammen, schnallten den 
Degen ab. PreuBische Karionenrohre drohten den Ausmar- 
schierenden entgegen, Scharfe Kommandorufe schrillten, Einer 
Kolonne zog eine Musikkapelle voran und spielte eine Trauer- 
wcise. Ein preuBischer Offizier herrschtc den Befehlshaber 
an: „Wer hat die Musik befohlen?" „Ich'*, versetzte gutmiitig 
der Fiihrer, ,,Herr, in Dreideiwelsnamen, halten Sie das Maul. 
Sie haben hier einen Dreck zu befehlen. Hier befehle ich/* 

Viele hatten geglaubt, man werde die Besatzung frei ab- 
ziehen lassen. Es war doch ein oflener ehrlicher Kampf ge- 
wesen, Man hatte seinen Mann gestanden, hatte sein Recht 
verteidigt, man hatte gekampft liir das, woran seit dreiunddreiBig 
Jahren die Besten in Deutschland geglaubt, wofiir sie Opferge- 
bracht, wofiir sie gelittcn hatten. Fielen einem nicht jcne 
Worte Blums ein, die cr vor Jahresfrist in der Paulskirche in 
einem feierlichen Augenblick gesprochen hatte: „Wollen Sie 
das Himmelsauge brechen sehen, und die alte Macht fiber 
unser Volk aufs neue herauffiihren, so schaffeu Sie Ihrc Dik- 
tatur!" 

In der Feme sah man in einer Staubwolke davonspren- 
gendc Reiter, Es war der Prinz von PreuBen mit seinem Ge- 
folgc; er hatte an die preuBischen Regimenter, die vor den 
Fcstungstoren der Oberwundenen harrten, cine Ansprache gc- 
halten und ritt davon, als sich die Tore offnetcn: i.Ich will die 
Menschen nicht sehen/* 

176 



Und als sic waffcnlos an diesem Sommernachmittag vor 
Rastatt staridcn — 5600 Mann — Sohnc aus alien Provin- 
zcn Deutschlands, das sic Heimat nanntcn, dcsscn Sprachc sie 
liebten, dcsscn Frcihcit sie hattcii crfechten woUen — licB man 
sic in Reih und died zurucktreten und in die Kascmatten 
marschicren. Die Turen wurdcri vcrriegelt. Vicrundzwanzig 
Stunden blicben die Eingespcrrtcn ohne Wasser und Brot. 
Einer unter ihnen, Corvin, schrieb vcrgeblich dcm preufiischen 
General; „Ich bitte Sic nur um das fiir uns, was ich sclbst dem 
Hunde meines Fcindcs nicht verweigern wiirde — um ctwas 
Stroh und Wasser." 

Dann bcgannen die Kriegsgerichtc ohne Zogem ihre Ta- 
tigkcit. Die Frage des Rechts wurde nicht aufgeworfen. Man 
kummerte sich nicht um den Einspruch gcgcn Standgerichtc 
des preuBischcn Militars auf badischcm Boden^ 

Von den Gefangenen in Rastatt wurdcn neunzchn Manner 
erschosscn. Und man soil die Namcn dicser Opfer zum cwi- 
gcn Gedcnkcn aufzcichnen; Ticdemann, Boning, Heilig, Bauer, 
Ai Bcrnigau^ von Bicdenfcld, Counis, Gerhard, Giintard, Ja- 
cobi, Jagcr, Jansscn, Kilmarx, Kohlenbccker, Lenzinger, 
-Miewski, Schadc, Schrader, Zcnthoten 

Einimdzwanzig Manner wurden zu hohen Zuchthausstrafen 
„bcgnadigt", nachdem man sic zucrst zum Tode vcrurteilt hatte; 
unter ihnen befindet sich der Dichter Gottfried Kinkel, dcr 
spater auf abenteuerlichc Weise von Karl Schurz aus deirt 
Zuchthaus befreit wurde. 

In Freiburg war dcr jungc Max Dortu in preuBische Handc 
gefallen; er hatte am 18, Marz auf dcr Barrikade in Berlin 
gekampft und jctzt die Volkswehr in Freiburg kommandicrt. 
Das Standgcricht verurtcilte ihn zum Tode. Er fiel mit den 
Worten; ^Jch sterbe fur die Freiheit; schicBt gut, Briidcr!" 

In Mannheim hatte schon am 14. August Triitzschler, Ab- 
geordneter der Frankfurter Nationalvcrsammlung, auf dem Sand- 
haufcn gecndet. Er war Zivilkommissar von Mannheim gc- 
wesen, man verurteiltc ihn dcshalb wegcn Hochvcrrats zum 
Tode. 

In Freiburg wurde der achtundzwanzigjahrige Fricdrich 
Neff erschosscn, dcm man die Teilnahme am Septcmberauf'- 
stand vorwarf. Karl Hofer wurde in der Abcndstundc des 
17, August zu Mannheim „wcgen Widcrstandes gcgcn die bc- 
waffnete Macht" erschosscn. 

Alle starben, ohne Schwache zu zcigen. Alle starben, 
wie sic gelebt hatten, Keiner bat um Gnade. Keiner an- 
erkannte das Recht des Siegers. 

Hundertc und Hunderte wandcrten in die Zuchthauscr, 
Tausende und Tausende wandcrten in die Fremde. Baden 
vcrlor seine besten Manner. 

Unzahlige zogen iibers Meer nach Amerika. VieIc glaub- 
ten an bcvorstchende neue Kampfc, hielten sich bereit, taglich 
zuriickzukchren und wieder zu den Waffen zu greifen. Aber 
die Zeit ging ins Land, und cs kamcn die Jahre dcr Armut, 
Einsamkeit imd Bitternis, cs kamen alle jenc Schreckcn dcr 
Emigration — des Dascins hinter dcm Stachcldraht. Es kam 
die Zeit, da man sich untercinander stritt und befchdcte, un- 

177 



einig wurde und den Glauben verlor, da die Zankereien kein 
Ende nahmen uiul Not und Sorge die Besten Jteimsuchteil, 
Einer unter ihnen, Wilhelm Licbknecht, ebcn vierundzwanzig 
Jahre alt, rettete sich aus dem furchtbaren Hader, der die 
Seele zcrriittete, und entkam nach London, Dort traf cr 
gutc Freunde — Marx und Engels, Wilhebn. Wolff undFreilig- 
rath — die Manner der .Ncuen Rheinischen Zeitung*, Sie 
gaben ihre Sache nicht verloren, sie gingen nicht unter; die 
Erkenntnis der Vorgange, das Wissen von den Ztisammenhan- 
gcn, der Besitz ihrer so schwer erkampften Weltanschauung, 
des historischen Materialismus, befahigte sie, weiter zu ar- 
beiten, eine neue Organisation zu schaffen, ihre Lehre zu ver- 
vollkommnen und alien personlicben Enttauschungen zum 
Trotz die Reihen zu schlieBen, um den Kampf fortzufiihren. 

Ideologie der OpereUe von Amoid waiter 

Jaromir Weinberger, Rcgerschiiler, einer der erfolgrcichsten 
Opemkomponisten der Ictzten Jahre, hat eine Opercttc ge- 
schrieben; sie heiBt „Fruhlingssturme*\ wird im berliner Ad- 
miralstheatcr in prominentester Besetzung aufgcfiihrt und ist 
auBerordentlich langweilig. 

Das ware ja zunachst nicht so erschiitternd; denn an lang- 
weiligen Operetten altcrn und neuern Datums ist durchaus kein 
MangcL Sieht man aber naher zu, dann merkt man freilich, 
daB dies keinc gewohnliche Langcweile, kein individuelles Ver- 
sagcn innerhalb des Genres ist, sondern die kiinstlcrischen 
Kraftc heben sich merkwiirdig auf, sie machcn einander un- 
wirksam, es ist eine Art labilen Gleichgewichts im f eindlichen 
Gegencinander textlichcr Ideologie und musikalischer Faktur, 
Wenn Weinberger versucht, zu einem traditionellen Operetten- 
librctto anstandigere odcr gar anstandige Musik zu machen, 
bedeutet das, dafl er die Musik libcrschatzt, daB er der Ope- 
rettc von dei' artistischcn Seite her zu Leibe geht, die Wirk- 
samkeit der Ideologie aber, aus der die Operette erwachst, 
unterschatzt hai. Was sich grimmig racht — denn keiner wird 
sich zu seiner Musik cin andres Libretto, jedcr aber zu diesem 
andre, adaquaterc Musik gcwiinscht haben. Hier aber liegt 
das beispielhaft Unzulassige und darum notwcndig MiBgluckte 
des Verfahrens: Operette ist keinc frei wahlbare Form, kein 
lertiges GefaB, in das man bessern oder schlcchtcrn, primi- 
tiveren ader kunstreichcren Inhalt schiitten konnte, — sie ist 
ideologisch und formal ein merkwiirdiges Endprodukt eines 
Differ enzierungsproz esses, den individuelle Bemiihung nicht 
ungeschehen machcn kann. 

Absichtlich ist hier so vicl von Ideologie die Rede- Denn 
wenn irgendetwas im weitesten Bereich des Kiinstlerischcn, 
dann hat die Operette die „idcologische Funktion" (Mann- 
heim), neuartige seclische Reaktion zu verdecken und' zu ver- 
hindern; dann ist sie cin Musterbeispicl „falschcn BewuBt- 
seins", das dem wirklichen Sein schon langst nicht mehr cnt- 
spricht, das Jahrzehnte hinter aller psychologischen, ethischien, 
gescUschaftlichcn Entwicklung zuriickgeblicbcn ist und trotz- 
dem immer noch Wunschtraume groBer Schichtcn reprasen- 

178 



tiert, Wer das nicht glaubt, setze sich ctwa ins GroBe Schau* 
spiclhaus und gcnieBe den groBtcn Operettcnerfolg der Saison^ 
den „Ball im Savoy": staunend wird er Atmospharc, Handlung, 
Problematik^ formale L6i?ung und musikalischen Charaktcr (die 
paar Synkopcn tun da nichts zur Sache) so finden wic zu 
unsrcr Grofimuttcr Zcit . . ., ader gchc — noch arger, noch cr- 
schiittcrndcr — ins Rose-Theater, um mitten im Osten, in wirr- 
stcr, wiidester Wirklichkeit enthusiastische Antcilnahmc dcs 
Publikums an den seltsamen Schicksalen anscheinend imsterb- 
licber Operettenaristokratie zu erleben. 

Wie geht das zu? Wie das Denken die gleichc Wirklich- 
keit in verschiedcnen Systemcn verschieden erfafit (in echten 
und unechten freilich je nach ihrer Stellung dem sich neu Ge- 
staltenden gcgeniiber und wie diese Verschiedenheiten sozio- 
logisch determiniert sind — so gibt es auch vcrschiedenc, 
ebenso determinierte kiinstlerische Dcutungsmoglichkciten des 
glcichen Zustands: demLeben adaquatc; utopischc ferner und 
ideologische, das heifit; noch nicht und schon nicht mehr wahre. 
Dauert cs nun im Gedanklichcn schon lange, elie die Schein- 
haftigkeit einer Ideologie so transparent wird, daB sie nicht 
langer zu halten ist — im Kiinstlerischen, das das weitcre 
Tragheitsmomcnt kristallisierten Materials enthalt, dauert cs 
noch viel langer. Soziologisch© Trager d'er in Rede stehenden 
Ideologie aber sind jene Mittelschichten, die auf ihrc tatsach- 
liche Proletarisierung mit politischer Romantik reagieren; die 
die Ideologie des deutschen Burgers mit ihrer merkwiirdigen 
feudalen Riickversicherung (der die feudal gefirniBtc biirger- 
liche Operettenideplogie ganz genau cntspricht) iibernommen 
haben undr grotesk g&nug^ gegen ihr cignes Intcresse verfech- 
ien. Was nicht ausschlieBt, daB auch andre Schichtcn, die 
weder die Zusammenhange zu durchschaucn vermogen noch 
instinktiv abgestoBcn werdcn^ der ideologischen Fimktion der 
Operette verlallen und so an ncuartigem Reagieren gehindert 
werden. Daher kommt auch der trostlose Kreislauf: dernX 
diese neuartige Reaktion erst vermochte eine ncue Ideologie 
und dadurch neue Formcn zu schalfen. 

Das mag heutc alles richtig sein; .wic war es aber, als die 
sogenannten klassischen Operetten entstanden? Die nicht tra- 
vestierende, die groBe Walzeroperette etwa, war inuner ideo- 
logisch, immer in funktionaler Wechselbeziehung zu falschem 
BewuBtsein, sie wiedcr auszugraben ist von unscrm Standpunkt 
aus absurd. . Anders das Werk Offenbachs (als vollkommensfes 
Bcispicl der travestierenden Art), dcsscn Wiedcfbelcbung 
freilich Schwicrigkeiten iiber Schwierigkcitcn verursacht, Wird 
nicht immer die groBe Wand des zweitcn Kaiserreichs fiir 
seine Schattenspiele fehlen? Paris des neunzchnien Jahrhun- 
derts ferner und. die GroBe Opcr als Hintergrund der Kimst- 
satire, der GesellscKaftspersiflage? Wer ist heute wirklich im- 
stande, die laszivc Gleichzeitigkeit, die hinterhaltige Doppel- 
deutigkeit Offenbachs auf die Brettcr zu britigen, das satirischc 
Ncin und bacchantische Ja in Eincm, die grazios-uiiaufrichtige 
Verbindung von Mitmachen und Sichmokiercn, ironischer 
Skepsis und nonchalanter GenuBsucht? Immer wird man die 
Wahl und die Qual haben: zu bearbeiten, die Akzente also ins 

179 



AktucU-Parodistische zu verschieben, das Satirische zu iibcr- 
steigem; odcr alles unverandert zu lassen — wodurch dann 
freiUch nicht wenig verandert wird; immer wird man die 
wunderbare Atisgewogenheit Offenbachs und damit sich selbst 
in Gcfahr bring en. Von der ,iMadame Favart" des Lessing- 
theaters wollcn wir licbcr nicht red en; Jiirgen FcKlings ,tPrin- 
zessin von Trapezunt** in der Stadtischen Oper, vom Ballett 
her aufgezogen und ohne jede Retouche gcspielt, ^estatigtc nur 
die alte Erfahrung, daB man sich bei Offenbach-Bearbeitungcn 
nach dem Original, bei Originalauf£uhrungen nach Bearbcitun- 
gcn zu selmen pflegt. 

1st es iibrigens nicht charaktcristisch iiir das ganze Genre, 
dafi man die Gegenwart durch die Satire den Vergangenheit 
verulkt^ statt sich direkt an sie heranzuwagen? Die paro- 
distischen Ansatze, sie zerflattem nur zu bald, gelten gar nicht 
dem Leben, in dem nicht wenig parodienreif ware, sie gelten 
allenfalls dem Film oder der Operette selber (man crinnere 
sich der „Hundert Meter Gliick" im Metropoltheater, der 
^iZehn Minuten Gliick" am Nollendorfplatz) — sie sicid ohn- 
machtige, verzweif elte, zcrsetzende und wertlose Selbstparodien. 

Operette ist nicht deshalb eine gestrige, reaktionare, von 
lalschem BcwuBtsein tiberschattetc Angelegenheit, weil es 
keine geschickten Textdichter oder guten Komponisten mehr 
gibt, sondem weil sie der konsequente Ausdruck ciner im viel- 
faltigen gcsellschaftlichen Ganzen noch immer existenten aber 
ztim Sterben verurteilten Ideologie ist; die freiUch noch so 
lange leben wird, wie die deutschen Mittelschichten es sich 
nicht werden nehmen lassen, dcrartig ererbtes ,,Geistesgut" 
hoher zu werten als ncuc Auseinandersetzung mit einer 
schlieBlich doch nicht zu betriigcnden Wirklichkeit, 

Schliissel zur SchlQsselindustrie BernhaTd Citron 

Im 19, Jahrhundert bildeten den Ursprung der industriellen 
Entwicklung aui dem Gebiet -des Eiscnbahnwesens, der Berg- 
bau- und Hiittenindustrie, der Elektrizitats- imd der chemi- 
«chen Industrie die Erfindungen und Entdcckungen vorangegan- 
gener Jahrzehnte. Das zwanzigste Jahrhundert ist arm an 
neuen grimdlegend'en Entdeckungen geblieben, so daB sich 
die industrielle Entwicklung auf den Ausbau der bestehenden 
Wirtschaitszwcige beschranken muBte. Die alten Wirtschafts- 
zweige, die im neunzehnten Jahrhimdert ins Leben gerufen 
worden sind^ die sich im ersten Viertel des zwanzigsten Jahr- 
hunderts zu gewaltigen und vielfach iiberspannten Dimensio- 
nen entwickelten, suchen sich in stcigendem MaBe gegenseitig 
zu erganzen und aus neuen Verbindungcn neue Wirtschafts- 
zweige zu schaffen. 

Kohle und Eisen sindi seit iiber einem Jahrhundert fiir die 
menschliche Vorstellung zu ciner Begriffseinheit geworden. Auch 
kiinitig wird die Eisenindustrie nicht au! die Kohle, und die 
Kohle nicht auf die Eisenindustrie ganz verzichten konnen. 
Aber die neuen Errimgenschaften der Technik haben beiden 
Industriezweigen getrenntc Wcgc gewiesen. Der mit Koks 
beheizte Hochofen blieb ein Jahrhundert lang die Erzeugungs- 

180 



statte dcs Rohcisens In neuercr Zeit macht aber der Siemens- 
Martinofen mit Hilfe elektrischcr Energie dcm Hocholen den 
Rang strcitig. GewiB wird man die mit gewaltigen Mitteln 
erbauten Hochofenanlagen nicht von heute auf morgen veroden 
lassen. Aber der technischen Entwicklung kanni sich auf die 
Dauer auch die Montanindnstrie nicht entgegenstellen, Schon 
werden Vcrsuche gemacht, dutch elektrische Verfahren aus 
dem Erz unmittelbar Eisen zu erzeugen- 

Auch die Kohle findet den Anschlufi an die Elektrowirt- 
schaf t. Wahrend Heizungs- und Kokereizweckcn nur die GroB- 
kohle dicnt, findet in der Elcktrizitatsindustrie auch der 
Kohlenstaub Verwendung. Die Bedeutung der Elektro-Wirt- 
schaft als Absatzgebiet fiir die Kohle hat schon Hugo Stinnes 
erkannt, als cr nach dem Kriege die Siemens-Rhein-Elbe- 
Schuckert-Union griindete. Dieser gigantische Konzern fiel 
mit dem Zusammenbruch des Stinnes-Unternehmens ausein- 
ander. Die einzelnen Elektrounternehmungen besitzen Roh- 
stoffbascn im Kohlenbergbau, wahrend sich zahlreiche Gesell- 
schaften der Mont anindus trie auf dem Wege iiber Beteiligun- 
gen und Tochtcrgesellschaiten Absatzgebicte in der Elcktrizi- 
tatsindustrie gesichert haben, Wie wichtig die Verwandlung 
von Kohle in elektrische Energie oder in Erzeugnisse der 
elektrotechnischen Industrie sein kann, geht aus cinem ein- 
fachen Beispiel hervor. Die Kohle verliert durch Lagerung 
rasch an^ Wert, wahrend bei einer Umwandlung, ctwa auf dem 
Wege der Aluminiumerzeugimg, ein Wert ges chaff en wird, der 
durch Lageruiig keinen Verlust erleidct. 

Die Beteiligung des Rheinisch-Westfalischen Elcktrizitats- 
wcrks an der Rheinischen Braunkohlengesellschaft, die wah- 
rend der letzten Wochen im Mittelpunkt def offentlichen Er- 
orterungen stand', zeigt den Wunsch der Elektroindustrie, einc 
Verbindimg mit dem Bergbau einzugehen. Der bisherigc Be- 
herrscher 6!eT Rheinischen Braunkohlengesellsohaft, Paul Sil- 
verberg, hat sich bis in die letzte Zeit hinein gegen Ober- 
nahme seines Werkes durch den rheinischen Elcktrotrust ge- 
straubt. Aber Silverberg stieB sich nicht etwa an der Tat- 
sachc eines Montan-Elektro-Trusts, denn er selbst hat sich 
jahrelang mit diesem Gedanken getragen; seine Opposition 
entstand vielmehr aus dem Arger, daB ihm nicht selbst die 
Fiilirung zugefallen ist. Ahnlich wird es bei andem in naher 
oder ferner Zukunft sich anbahnenden Verbindungen der Fall 
sein. Die Montanindustriellen, die zu einem groBen Teil boden- 
standige Elemente sind und eine natiirliche oder angenom- 
mene Starrkopfigkeit besitzen, werden sich aus personlichen 
Motiven gegen die Elektro-Oberfremdung zur Wchr setzen. 
Vielleicht wurden derartige Verbindungen schneller vor sich 
gehen, wenn die Montanindustrie liquide genug ware, um 
selbst diei aktive Rolle zu spielen. 

Nicht minder wichtig als das Verhaltnis zwischen Kohle 
und Elektrizitat ist die Verbindung zwischen Kohle und che- 
mischer Industrie: Von zwci Seiten wird diese Annaherung 
gefordert. Die chemische Industrie hat in ihren technischen 
Laboratorien wertvolle Verfahren zur Kohlevcrfliissigung und 
Stickstoffgewinnung ausgearbeitet, Wahrend die Montanindu- 

181 



stric Gelegenheiten zur praktischen Ausbcute van Nebcn- 
produkten atiszunutzen suchL So gelaugen beide Industrie- 
zweige in der Erzeugimg des gleichen Produkts nur inioLge der 
Verschied^nlieit ihrer wirtscbaftlichen Motive haufig zu ganz 
andem Ergebnissen* Manchmal obsiegt sogar die Praxis der 
Montanindustrie uber die Wissenschaftlichkeit der Chemie. 
Die Stickstoff erzeugung wird im Leunawerk als Hauptzweck 
eines groBen Produktionsvorganges betrieben, wahrend die 
Ruhrchcniiie-AG, an der die groBen Montankonzeme beteiligt 
sind, Stickstoff und Benzol — ohne so kostspielige Anlagen 
wie die des Leunawerks — aU Nebcnproduktc der Gaserzcu- 
gung gewinnt. Viclleicht ihat die IG-Farben-Industrie bereits 
erkannt, dlafi die Leunawerke besser daran taten, sich atif die 
Herstelltmg deis synthetiscken Benzins zu beschranken, als 
die wertvollen Anlagen fiir einen ProduktionsprozeB zu ge- 
brauchcn, der von einem andem Industriezweig nebenbei vor- 
genommen wcrden kann. 

Die Montanindustrie Hefert der Chemie jahrlich dieWerte 
von hundcrt Millionen Meirk Rohprodukte fiir die Farben-, 
Trcibstoff- und Diingemittelerzeugung. Zweifellos ist diesc ge- 
schaftliche Verbindung fiir die Montanindustrie so vorteilhaft, 
daB sich — roh gerechnet — ein Jahresgewinn von fiinfzig 
Millionen Mark ergibt. Nimmt man em, daB sich der Kohlen- 
bergbau ans eigner Kraft erhalt, so miissen die Ertragnisse 
aus dem Absatz , an die chemische Industrie die Vcrlustc in 
der Eisen- und Stahlproduktion ausgleichen. Nichts liegt 
naher, aJs daB die chemische Industrie diese Preisspanne selbst 
auszubeuten sucht. Die IG-Farben-Indtistrie besitzt schon in 
den Rheinischen Stahlwerken eine wichtige Kohlenbasis, de- 
ren Erweiterung aber eines der wichtigsten Ziele der IG-Politik 
sein muB. Daher werden auch die Geriichte, daB die IG 
EinfluB auf die Vereinigten Stahlwerke oder einen Teil des 
Konzems zu gewinnen sucht, nicht versttimmen, bis die Mon- 
tanindustrie selbst in der chemischen Indtistrie FuB fassen 
kann- 

So begehren heute an der Pforte der Montanindustrie 
zwei machtige und kapitalkraftige Industricgnippcn, die 
Chemie und die Elektrizitat, EinlaB. Das Reich halt den 
Schliissel zu dem groBten Montan-Konzem in der Hand und 
steht vor der Frage, ob man die Nachbam hineinlassen soil 
oder nicht. Die tcchnische und wirtschaftliche Entwicklung 
fiihrt natumotwendig zu ciner Lockerung der Beziehimgen 
zwischen Kohlen- und Eisenindustrie und zu einer Annaherung 
dieser beiden noch , vereinten Gruppen an die Chemie und 
Elektrizitat* 

Sollte das Reich nicht selbst diesen gewaltigen Wirt- 
schaftsprozeB gestaltcn, hat nicht der Staat das Recht 
und die Pflicht, jene Machte, die heute schon an einem Ende 
mit der offentliqhen Hand verkoppelt sind, imter seine Hoheit 
zu zwingen? Die Entwicklung schreitet ohnedies vorwarts, 
aber das Reich hat die Moglichkeit, hier die Bildimg neuer 
Privatmonopole . zu hindern, dort altc und neue Monopole in 
offentliche Regie zu nehmen. Solche'Gclegcnheiten bieten sich 
in jedem Jahrhundert nur einraaL 

182 



I 



Bemerkungen 

Hinrichtiing In Permatienz 

m Mai 1931 hat der Maurer- 
^eselle Reins den Geldbrief- 
trager Schwan ermordet, Seit 
dem 12. Dezember des gleichen 
Jahres wartet er darauf, gekopit 
oder furi den Rest seines Lebens 
ins Zuchthaus gesteckt zu wer- 
den. Das sind rund zehntausend 
Stunden. Als am 11. Januar vori- 
gen Jabres das Urteit vom 12. De- 
zember rechtskraftig wurde, bat 
der Vcrteidiger, Doktor Herbert 
F«chs, cin Gnadengesucb fiir sei- 
nen Mandanten eingereicht, da s 
bis 2um heutigen Tage seiner Er- 
ledigung barrt. Die preufiische 
Regierung fand bis zum 20. Juli 
keine Zeit, eine Entscheidung zu 
fallent obwohl sich sogar der Ge- 
neralstaatsanwalt fiir das Gesucb 
ausgesprochen hatte, weil es sich 
hier um einen noch nicht vor- 
bestraften und erblich schwer be- 
iasteten Menschen handle. Seit- 
dem haben sich in Preu6en zwei 
Regierungen etablier t : die eine, 
das Staatskommissariat, ver- 
ordnet, wahrend die andrc, 
das „Hoheitsministerium" Braun, 
zuschaut. Inzwiscben lauft ein 
Mensch scbon vierhimdert Tage 
in seiner Zellc auf und' ab, jedeh 
Moment g^wartig, dafi ihm der 
Kopf abgeschlagen wird. Nicht 
er allein, sechzehn andre warten 
mit ihm in preuBischen Straf- 
anstalten, ob ihr Todesurteil 
vollstreckt wird oder nicht 

Unsrer Meinung nacb hat der 
Staat kein Recht, zu morden — 
aucb dann nicht, wenn er jeman- 
den zu bestrafcn hat, der seiner- 
seits einen Mord beging. Aber 
was ist ein staatlicH sanktionier- 
ter Mord, die Vollstreckung 
eines Todesurteils, gegentiber 
dem, was mit Reins geschieht? 
Das hier ist Mord in jeder Se- 
kunde. Weil der Staatsgerichts- 
hof mit dem 20. Oktober inPreu- 
Ben eine unhaltbare Situation ge- 
schaffen hat, weil er vergaB, die 
Kompetenzen in bezug auf das 
Gnadenrecht abzugrenzen, weil 
Herr von Hindenburg es in einer 
Verordnung vom 18. November 
den Staatskommissaren ubertra- 



gen hat, weil Braun die Rechts- 
gtiltigkeit dieses Aktes bestreitet, 
weil die beiden Stellen sich bis- 
her nicht einigen konnten, sodaB 
wahrscheinlich der Staatsgerichts- 
hof noch einmal angeruien wer- 
den muB — also um einer For- 
malitat, tim eines Rechtsstreits 
mit politischem Hintcrgrund! wil- 
len wird hier ein Mensch gefol- 
tert; ein Morder zwar, aber doch 
ein Mensch. Die Hoheitsregic- 
rung soUte durch einen demonstra- 
tiven, Akt, namlich durch die Be- 
gnadigung von Reins, eine Ent- 
scheidung iiber die Streitfrage 
herbeizwingen. Ihr fiirchtet die 
Konsequenzen? Die wahren Re- 
genten PreuBens konnten nun 
vielleicht sagen: Reins wird nicht 
begnadigt? LaBt sie doch! Da- 
mit ware der Augenblick gekom- 
men, wo eine gerichtliche Kla- 
rung, stattfinden muB, und der 
anstandige Teil der Offentlich- 
keit bekame dann besrtimmt keine 
bessere Meinung uber die Herren, 
die am 20. Juli PreuBen entmtin- 
digt' haben. 

Fiir die Situation, die in 
Deutschland besteht, seit Franz 
von Papen in den Sattel stieg, 
ftir die Personen, die unsre poli- 
tischen Gcschicke zu lenken sich 
anmaBen, fur die Atmosphare 
vierzehn Jahre nach dem 9, No- 
vember 1918 ist der Fall Reins 
symptomatisch. Er ist nirgends 
anders moglich als unter einem 
„autoritaren Regime", als unter 
dem Militarismus, von . dessen 
Geist die Verfechter dieses Re- 
gimes durchdrungen sind. Ja- 
wohl: der Fall Reins ist ein Stiick 
Militarismus, er ist, in diesem 
Jahrhundert, undenkbar ohne 
jene geistige Erscheinung, in, de- 
ren Kalkulationen der Mensch 
nur die Rolle des Objektsi spielt, 
des Objekts, das sich alles gefal- 
len lassen muB, Ob man ihm auf 
den Kasernenhof die Menschen- 
wiirde aus dem Leibe exerziert 
oder ihn ins feindliche Trommel- 
feucr jagt oder mit Notverord- 
nungen und AbbaumaBnahmen 
an den Rand des Ertraglichen 
„regiert", oder ob man ihn vier- 

183 



hundert lange Tage — Stunde 
um Stunde, Minute um Minute, 
Sekunde um Sekunde — zwischen 
Tod und Leben stellt — : er hat 
den Mund zu halten. Wie der 
Wunsch nach der allgemeinen 
Wehrpflicht, wie di« Kriegshetze, 
wie die braune Armee, wie die 
Feme, so ist auch das Schicksal 
dieses Gnadengesuches Charak- 
teristikum einer Zcit, der das 
Rasseln eines Generalssabels und 
das Juda-verrecke-Gebriill die 
Musik liefern. 

Es riecht nach Kasernen- und 
Schlachthofen. Nur in einer 
solchen Luft ist es moglich, dafi 
cin Mensch in Permanenz hin- 
gcrichtct wird. 

Walther Karsch 

Ochrana bei UHsteins 
fm zaristischen PplizeidepaTtement 
* wurdc cine Notiz gefunden, die 
dort am 10. Oktober 1913 in den 
Aktcn dei" Kleinbiirgerin Schorni- 
kowa vermerkt war. Diese Notiz 
stammtc aus der ,Vossischen 
Zcitung* und lautct iibersetzt wie 
folgt: 

Neben dem Beilis-ProzeB in Kiew wurde 
die ..russische Justiz" im Senat in ihrem 
wahrea Lichte beleuchtet, im Fall der 
Provokateurin Schornikowa. In diesem 
Fall hat die russiscbe Regierung offen- 
sichtltch sich entschlossen, mit alien „Vor- 
urteilen" der europaischen Rechtsregein 
des Gerichts zu brechen. Der Senat in 
Petersburg hat die Legalitat und Straf- 
losigkeit der gemeinsten Provokateur- 
tatigkeit aoerkanct. Diese Sache beweist 
dasFehlen aller Grundlagen ffir den ProzeB 
der sozialdemokratischen Parte! der 
zweiten Duma, die des Hochverrats an- 
geklagt ist. 

Es handelte sich damals darum, 
Stolypin, dem reaktionaren Hen- 
ker der russischen Revolution, 
den Vorwand zum offenen 
Staatsstrcich zu liefern. Es wurde 
einc Provokateurin, eben die ge- 
nannte Schornikowa, in die so- 
zialdemokratisch« Partei ge- 
schickt. Sie fabrizierte eine an- 
gebliche Instruktion zur Zer- 
setzung der Armee, die prompt 
aufgefunden imd der sozialdemo- 
kratischen Dumafraktion zuge- 
schricben wurde. Darauf wurde 
die Duma aufgelost, das Wahl- 
recht durch Dekret geandert, die 
Provokateurin, mit Geldmitteln 
versehen, auBer Verfolgting ge- 

184 



setzt, und vom Senat, der obcr- 
sten Ini&tattz, wiu-de diese selbst 
die russischen Gesetze schamlos 
brechende Art des Vorgehens 
gutgeheiBen. 

Die .Vossische Zeitung' ftihrte 
damals eine Kampagne gegen 
diese russischen Methoden. 

Der Inspirator der Schornikowa 
und ihr unmittelbarer Vorgesetz- 
ter war der Chef der petersbtir- 
ger Ochrana, General Gerassirdow. 

Dicser Gerassimow veroffent- 
licht jetzt in der ,Berliner 11- 
lustrirten' seine Memoiren. 

Zwar entschuldigt die Redak- 
tion der .Berliner lUustrirten* 
diesen merkwurdigen Mitarbeiter, 
Wenn man der Redaktion glauben 
darf, so hat sie Gerassimows Er- 
giisse nur angenonunen, damit 
man die Geschichte der crsten 
russischen Revolution auch eimnal 
„von der andern Seite" hort, aus 
Objektivitat sozusagen^ Diese 
riihrende Objektivitat ist, milde 
ausgedriickt, publizistische Un* 
klugheit. Noch nie und nirgends 
ist ein reaktionares Organ „ob- 
jektiv" gewesen. Es ist weder der 
.Deutschen Zeitung' noch der 
.Kreuzzeitung' oder der ,Deut- 
schen lUustrierten' jcmals einge- 
fallen, etwa die Memoiren eines 
der sozialrevolutionaren Terro* 
risten abzudrucken, damit „auch 
einmal die audre Seite zu Worte 
kommt", Auf solche liberal-ob- 
jektive Sensationen kommt nur 
ein „fortschrittliches" Blatt. Es 
kommt nicht auf den Gedanken, 
daB diese Gerassimows j ahr- 
zehntelang, namlich solange sie an 
der; Macht waren, der Welt ihre 
Auffassungen oktroyicrten und 
hauptamtlich schon die Leser der 
.Vossischen Zeitung* in RuBland 
in Gefangnisse steckten oder gar 
an den Galgen Heferten. 

Und es ist kein bekehrter Sun- 
der, der da an seine Brust 
schlagt. Das tvm solche Helden 
nur bei ganz andern Gelegen- 
heiten. Bei UHsteins kann er im 
zynischsten Tone offenherzig er- 
zahlen, was „wir'*, das heiBt der 
Zarismus und seine Beamten, zur 
Bekampfung der Revolution liir 
notig hielten. Er wird vielleicht, 
um dem genius loci entgegenzu- 



kommen, verschwcigen, wie „wir", 
also die Gerassimows, die Stoly- 
pins und die Schtscheglowitows, 
Judenpogrome organisicrtcn, und 
er wird nicht ganz wahrheitsge- 
mafi erzahkn, wie er Attentate 
organisi^ren lieB, um unentbehr- 
lich zu sein und zu glanzen. Ge-. 
rassimow war der immittelbare 
Vprgesetzte Azews, des groBten 
Provokateurs, und Azew hat 
immerhin den GroBfiirsten Sergius 
und den Minister Plehwc umlcgen 
lasscn; ab und zu lieB er seine 
Parteifreundc hochgehen, zu Han- 
den des Generals Gerassimow. 

Dieser hat einmal in scinem Le- 
ben Gelegenheit gehabt, seine 
Memoiren ungeschminkt darzu- 
stellen. Als der Zarismus im 
Marz 1917 gestiirzt war, crnannte 
die Provisorische Regicrung, de- 
ren Justizminister Kerenski war 
(eine biirgerliche Koalitionsregi«- 
rung), die AuBerordentliche Un- 
tersuchungskommission, die sich 
mit den Regierungsmethoden und 
den Wiirdentragern des Zarismus 
beschaftigte. Die stenographi- 
schen Protokolle diese^ Unter- 
suchungskommission, sieben 

Bande, sind in russischer Sprache 
veroffentlicht. 

Vor dieser Untersuchungskom- 
mission erschien am 26. April 
1917 der jetzige Ullsteinautor 
Gerassimow. Er erschien nicht als 
Angeklagter, denn die Regierung 
und ihre Kommission waren 
milde, Er erschien nur als Zeuge. 
Hier hatte ihn sein seitdem auf- 
gefrischtes Gedachtnis vollkom- 
men verlassen. Er spielte den zer- 
knirschten Sunder, schwor enf- 
rustet, er habe immer gegen die 
Provokation gekampft, er war, 
wenn man ihm glauben woUte, 
nicht ntu* ein Ehrenmann sondern 
auch ein reuiger Sunder. 

„Ich habe mich voUstandig ge- 
andcrt," sagte er, namlich seit 
seinem im Jahre 1913 erfolgten 
Abschied, „ich habe eingesehen, 
daB ich ein Verbrechen beging, in- 
dem ich j enem Regime diente," 
und noch mehr; „ich schamemich, 
daB ich dort gedient habe, und 
in letzter Zeit, entschuldigcn Sie, 
bin ichi selbst beinahe Revolutio- 
nar geworden." 



Die Memoiren dieses Gerassi- 
mow in der ,Illustrirten' sind auf 
einen andern Ton gestimmt. Ein 
dreister, hartgesottener Polizei- 
henker des Zaren beschreibt be- 
haglich seine Heldeniaten, nam- 
lich das System der Provokation. 
Robert Solnes 

Judenreines Theater 

Uber fiinftausend erwerbslose 
Buhnenkiinstler werden vor- 
aussichtlich in den nachsten Jah- 
ren ohne Engagement sein; auch 
bei voller Aufrechterhaltung der 
jetzt noch vorhandenen Spiel- 
moglichkeiten ist kein Platz fur 
sie da. Trotzdem besteht fiir 
viele von ihnen, die sich unter 
unbeschreiblichen Opfern ihre 
Leistungsfahigkeit erhalten ha- 
ben, \yenigstens in der Theorie 
die Chance, eines Tages doch 
wieder hereinzukommen. Wenn 
diese Illusion auch nicht satt 
macht, so ist sie doch lebensnot- 
wendig, will man iiberhaupt weiter 
'existieren. Nur fiir die Juden 
und Halbjuden unter den Schau- 
spielern gilt das nicht mehr. 
Wenn die nationalsozialistischen 
Stadtvater in der Provinz ihre 
Subventionen von der Judenrein- 
heit des Theaters abhangig 
machen, so wagen es eine Reihe 
von Intendanten und Theater- 
leitern nicht mehr, judische 
Schauspicler zu beschaftigen. 
Wo nicht genug Antisemiten im 
Stadtparlament sitzen, geniigt 
unter Umstanden ein kleiner 
Thaterskandal, den das Publikum 
bestreitet, 

Als im Gothaer Landestheater 
„Juwelenraub am Kurfiirsten- 
damm" aufgefiihrt wurde, gab es 
einen Theater skandal, well „Ju- 
denjungens da die Hauptrollen 
spielen". Das ging unter anderm 
gegen den Schauspieler Erich 
Ernst Berg, des sen Leistungen 
dem Intendanten Stickrodt im- 
merhin so wertvoU erschienen, 
daB er sich emstlich bemiihte, 
Berg dem Ensemble zu erhalten. 
Er kam auf die Idee, Berg solle 
dem Biirgermeister schriftlich den 
mildernden Umstand mitteilen, 
dafi er gar kein richtiger Jude 
sondern nur Halbjude sei; das 
geschah, und es ging eine Weile. 

185 



Stickrodi beschafti^te B«rg bei 
seinen Sommergastspielen inKol- 
berg und war bereit, ihn auch 
im Winter wieder fiir Gotha zu 
en^agieren; voraus^esetzt dafi 
der nationalsozialistische jjThe- 
atcrbeirat'* es dulden wiirde* Er 
duldete es keineswegs und gab 
an, daB Berg nicht dem „kunst- 
Icrischen Stil" entsprache, den 
der Theaterbeirat gepflegt zu 
sehen wunsche- Das iibliche 
Hin und Her solcber Verhand- 
lungen, die Vorbesprcchimgen 
und Korrespondenzen fuhrten da- 
zu, daB Berg sich fiir f est enga^ 
giert hielt, Als die Absage her- 
aus kam, klagte er beimBuhnen- 
schiedsgericbt auf Erfullung sei- 
nes Vertrages, Er wurde dort . 
und in der zweiten Instanz vom 
Biihnenoberschiedsgericht abgc- 
wiesen, weil tatsachlich kein bin- 
dender Vertrag zustande gekom- 
men war- Das Biihnenober- 
schiedsgericht betonte ausdriick- 
lich, es habe nur die rechtliche 
Seite der Sache zu priifen. 

Der Fall Berg ist nur einer 
von vielen; andre wcrden nicht 
so allgemein bekannt, weil die 
Beteiligten sich scheuen, die 
Wahrheit zu sagen. Es gibt noch 
einige mutige Intendanten, die 
die Beschaftigung begabter und 
bewahrter jiidischer Schauspieler 
durchsetzen, auch wenn sich 
Schwierigkeiten ergeben. Die an- ' 
dem verstecken sich hinter 
scheinbar sachlichen Ausreden. 
Sie huten sich sogar, dem Biih- 
nennachweis, der als voUkommen 
neutrale Instanz arbeitet, zu sa- 
gen: „Wir konnen keine Juden 
beschaftigen.** Bei der ungeheu- 
ren Auswahl gehort nicht viel 
dazu, die Juden aus kiinstle- 
rischen Griinden abzulehnen. 
Trotz dem weiB j eder , dafi es 
dreiBig bis vierzig Theater gibt, 
die auf keinen Fall mehr j ii- 
dische Schauspieler engagieren 
wiirden, auch wenn es fiir den 
gesuchten Typ keinen gleichwerti- 
gen Ersatz gibt. Der Pogrom 
geht sogar relativ gerauachlos 
vonstatten, Es gibt keine Mog- 
lichkeit, den zum wirtschaft- 
lichen Tode Verurteilten auf 
organisatorischem Wege zu hel- 
fen* Selbst die Biihnengenossen- 
schaft ist nicht die geeignete 

186 



Stelle, tun eiuzugreifen, weil sie 
ebensowenig wie der Buhnen- 
nachweis vorschreiben kann, wer 
engagiert werden soil, und wer 
nicht. Sie hat in ihrer Stel - 
iungnahme zu den Fragen des 
Boykotts auslandischer Kiinstler 
durchaus bewiesen, daB sie jede 
Form des volkischen Terrors 
beim Theater energisch ablehnt. 
Die Ausgeschlossenen selbst 
konnen nur sehr wenig tun^ 
wenn es sich um Neuengagements 
handelt. Sie konnten nur eine 
Abwehr organisieren, wenn bc- 
schaftigte judi^che Schauspieler 
wieder mit Gewalt entfernt wer- 
den sollen, oder wenn bei einem 
neuen Spielplan bewahrte Kiinst- 
ler verschwunden sind, weil sie 
Juden sind. Fast in jeder Stadt 
gibt es noch judisches Publikimt, 
das als (zahlende Theaterbesucher 
geschatzt ist. Es gibt jiidische 
Organisationen, die sich mit der 
-Abwehr von Boykottbewegungen 
beschaftigen. Sie konnten auch 
daftir sorgen, daB die ent- 
sprechenden. Theater boykottiert 
werden, weil ja schlieBlich nur 
auf dem Weg iiber den Kassen- 
miBerfoIg etwas zu machen sein 
diirfte. 

Hilde Walter 

Schupos als Sexualbaedecker 

A uf der Oktobertagung der Deut- 
** schen Gesellschaft zur Be- 
kampftmg der Geschlechtskrank- 
heiten wurden die verschieden- 
stcn Umbauplane fiir das Gc- 
schlechtskrankheitengesetz bc- 

sprochen, Uber einen Vorschlag, 
der von Jugendpflegcverbanden 
Westdeutschlands und von Ein- 
zelpersonen imterstiitzt wurde, 
berichtete Marie Elisabeth Liiders 
in einer Versammlung des Bun- 
des deutscher Frauenvercine und 
des Bundes fiir Frauen- und Ju- 
gendschutz- 

Dic Werbeschrift fiir den Vor- 
schlag .fiihrt den schonen Titel: 
MGedankenskizzcn zur Frage der 
Konzessionierung des Sexualver- 
kehrsgewerbes". Das Gewerbc 
soli konzessioniert werden. MaB- 
gebend ist ein Konzessionsaus- 
schuB, zusammengesetzt aus Biir- 
gerschaft, Jugendpflege und den 
bereits „Geschlechtsverkehrs- 



gewcrbslatigen" oder ihrea Ver- 
trauenspersonen. Bewerberinaen 
haben darzutun, dafi sie frci von 
ansteckenden Krankheitenf „eia- 
wandfrei** — das heiBt wegen 
ciniger in die Branche schlagen- 
den • Delikte noch nicht ,bestraft 
und sozusagen mit der Gewerbe- 
betriebsordnung und der notigen 
sanitaren Technik durchaus ver- 
traut sind. „Ausubung des Ge- 
scblechtsverkehrsgewerbes im Um- 
hexziehen * soil verboten sein, die 
Erteilung der Konzession von 
der Bereitstellung geeigneter, ein- 
wandfreier Betriebsraume abhan- 
gig gemacht werden. Die Kon- 
zessionierten sollen zwar als 
selbstandige Gcwerbetrcibende 
ohnc Angestellte versicherungs- 
pflichtig, dagegen von der Ge- 
werbesteuer bcfreit sein . . . und 
so geht das mit sturem Ernst 
und moralinsaurer Griindlichkeit 
weiter, bis sich das - Voyeurtum 
des Gedankenskizzlers endlich 
mattgeskizzelt hat. Ja, er hat 
nichts verge&sen, nicht mal den 
Rekommaftdeur, der doch nun 
einmal notwendig ist, wenn andre 
Reklame ais „sittlich anstoBig'* 
furderhin nicht geduldet werden 
soil — und so macht er alien 
Ernstes den Vorschlag, die Poli- 
zeibeamten sollen in Zukunft auf 
Anfrage die Adressen der* in 
ihrem Bezirk konzessionierten 
Sexualverkehrsgewerbctreibenden 
nennenf 

Soweit kann sittlicher Eifer 
gehcn. Es ist nun gut, daB Marie 
Elisabeth Liiders als eine seriose 
Dame bekannt ist, Ein andrer 
ware bei dieser Vorlesung wahr- 
scheinlich in den Verdacht ge- 
kommen, durch Zitate aus einer 
Faschingszeitung sich einer gro- 
ben Mystifikation der Versamm- 
lunjj schuldig zu machen. Aber, 
wie auch von andrer Seite ver- 
sichert wurde: groBere Fiirsorge- 
vcrbande und Mprominente Einzel- 
personen" haben sich bereits mit 
diesen Vorschlagen einverstanden 
crklart. 

In Smyrna gab es ein weitaus- 
gedehntes Bordcllviertel, das mit 
einer Mauer umgeben war und in 
dasi sich die Europaer nicht ein- 
zeln hineintrauten, in der Furcht, 
sicK in dem Gewimmel der Stra- 



Ben zu „verirren", Darimi wur- 
den wahrend des Krieges die Sol- 
daten in Trupps dorthingefiihrt. 
In den Raumen aber, wo sie sich 
vorher zu versammeln batten, 
standen Tafeln, auf denen die 
mannigfaltigen Spiel arten der ge- 
schlechtlichen Betatigung auf- 
gezeichnet waren. Jeder sucht 
sich die Tafel aus, die seinen 
augenblicklichen Wiinschen ent- 
sprach. Dann endlich konnten 
sich die Trupps in Bewegung 
setzen, 

Viel fehlt nicht mehr, und die 
Entwicklvmg der neudeutschen 
Zwickelperiode landet bei diesem 
Idealzustand. Vorlaufig empfeh- 
len wir, den Schupobeamten 
einen Band von Van de Veldes 
„VoIlkommener Ehe" mitzugeben, 
damit sie den Auskunftheischen- 
den auch auf die speziellsten 
Fragen Rede und Antwort stehen 
konnen. 

Penny Less 

Deutsche KInderfibet 

Vor einenci Jahrc erregte uns 
noch Brentanos Buchtitel 
„Der Beginn der Barbarei in 
Deutschland". Wcr konnte heute 
bestreiten, daB wir nun langst 
mitten drin stecken? Freilich gc- 
ben wir uns meist noch mit einer 
allgemeinen und verschwommenen 
Elends-Vorstellung zufrieden. Wie 
aber sieht, niichtern und genau, 
diese zunehmende Barbarisierung 
aus? Man darf „nicht naiv genug 
sein, anzunehmen, Barbarei miisse 
so aussehen, wie in gewissen Fil- 
mcn, die das Lebcn der Einge- 
borenen zu schildcrn vorgeben**. 
So spotten Ruth Fischer und 
Doktor Franz Hcimami, die das 
nahe Leben heutiger, ostberliner 
Einwohner zu schildem nicht vor- 
geben sondern es uns mit grau- 
samer, packender Eindringlichkeit 
vor Augen ftihren: „Deutsche 
Kinderfiber*. (Verlag Rowohlt; 
broscL 4,S0, Leinen 6, — J 

Heimann ist leitender Arzt 
eincs Krankenhauses. Ruth 
Fischer, einst kommunistische 
Fuhrerin, arbeitet als Wohlfahrts- 
beamtin in einem berliner Ver- 
waltungsbezirk, Beide sind also 
berufene Darsteller jener untcrn 
Bezirke der Gesellschaft, iiber die 

187 



wciter oben immer noch recht 
ungewisse Vorstellungen umgehen. 
Ihr Buch ist schonungslosi deutlich. 

Von den Kindcrn des Prole- 
tariats ist die Rede, von jenen 
Kindern, die in diesen Jahren der 
Arbeitslosigkeit, der wachsenden 
Not, der Unzulanglichkeit in je- 
dem Sinne aufgewachsen sind. 
Auf j ede Zuspitzung, auf riihr- 
selige Betrachtungen und auch 
auf jede Obertreibung ist verzich- 
tet; es werden kcine interessan- 
ten Falle gesucht ; die Autoren 
halten sich an alltagliche Tatbe- 
standc aus ihrem Arbeitsgebiet, 
Ihre einfache, liberzeugende Dar- 
stellung stiitzt sich auf Fiirsorge- 
akten, arztliche Zeugnisse; dazu 
ctwas Slatistik, ein paar Selbst- 
berichte, Brief e von Miittern , 
Pastoren, Vormiindern. 

Eine lange Reihe unvergeBlicher 
Gestalten wird vorgestellt : Die 
halbwtichsige Mutter. Der aus der 
Fiirsorge her in einen ungcHebten 
Zwangsberuf gesteckte, durch- 
gebrannte Junge, Ein unrettbar 
verlorener Tubcrkujoser, zu kur- 
zem, qiialvollcn Dasein heran- 
wachscnd. Die Verwirrungen deis 
Knaben Horst, der in der Enge 
der Einzimmerwohnung zu Vieles 
zu friih gesehen hat. Da® Mad- 
chen Charlotte, das als Kind ein- 
mal ein halbes Pf und Zucker ge- 
stohlen haben soil und deshalb 
der Mutter weggenommen und in 
Fiirsorge gesteckt worden ist; in 
einer sichereren Umwelt ware 
solchi ein Fall mit fluchtiger Be- 
strafung abgetan; hier reiflt er 
ein ganzes Dasein von Grund auf 
ein; nach langen Jahren, nach 
zahllosen Gesuchen und Ver- 
suchen der Mutter, nachdem, das 
Kind als Hausmadchen zu lieb- 
losen Leuten »,vergeben", ausge- 
nutzt, verstort, verbittert ist, darf 
es' „bedingt" nach Haus zurtick , , ,, 

AUc diesie kleinen Lebenslaufe 
haben keinen AbschluB, keine 
Pointe; sic verlaufen ins Lcere, 
eben: ins graue, hoffnungsarme 
Proletenleben, Wenn man bei 
ihrer Aufzeichnung von Gestal- 
ttmg iiberhaupt reden darf, so 
hochstens von einer, freilich 
auBerst wirkungsvoll angewand- 
ten Kontrast-Verwendiuig,, Da 

188 



werden etwa die, im Rtmdfunk 
und auch sonst, wohlwollend 
empfohlenen „Kiichenzettel ftir 
kleinste Einkommen'* durch die 
jammervollen Satze der Wohl- 
fahrtsimterstiitzung als Heuchelei 
entlarvt; da werden die aufgc- 
donnerten, literarisch wichtig ge- 
nommenen Schein-Note biirger- 
licher Jugend konfrontiert mit 
der ausweglosen Qualerei eines 
Halbverwahrlosten. Und hoch- 
wissenschaftliche Tabellen und 
Gutachten sehen wir enthullt als 
Muster jener Methode, die Scho- 
penhauer den Trick nannte, „bei 
einer Diskussion iiber den Atheis- 
mus das Gesprach auf den Tee- 
handel der Chinesen abzulenken". 
Politisch wird nur selten direkt 
gefolgert; aber dem nachdenk- 
lichen Lcser wird vieles Entschei- 
dende nahegelegt. Bcsonders 
scharf wendet das Buch sich 
gegen den heute zweckvoll ge- 
iibten MiBbrauch des Wortes 
Lumpenproletariat, Ein paar bei- 
gegebene Photos bringen nichts 
allzu Neues. Um so tiefer haften 

^ einige Zeichnungen von Drei- and 
Vierjahrigen im Gedachtnis des 
Bctrachters: Schauerliche Doku- 
mente einer gespenstisch friih- 
reifen, uberhitzten Beobachtungs- 

' gabe. 

Axel Eggebrecht 

Nacht am Wedding 

T^as Pflaster reizt zum Bau von Barrikaden, 

'-^ Die StraSen sind schr still. Nur eine Gruppe 

von Arbeitslosen steht vor einem Laden. 

Ein Stem tanzt leis auf eines Dadies Kuppe. 

Kleiner Sdiupo g^eht alfein 

durch den StraSenschadit, 

tritt yielleicht auf jenen Pflastcrstein, 

unter dem einmal sein Sdiadel kradit. 

Kleiner Sdiupo friert mit einem Male. 

Die Lateme leuditet grau. 

Splittem ihre Glaser? Ihre harte, kahle 

Eisenstange taugt zum Barrikadenbau. 

Dies ist eine von den letzten Naditen, 

da der Wedding nocfa, sdiwer atmend, traumt. 

Wahrend Gott s«iion die geraditea 

Burger sondert vod den sdilediten 

und die guten fursorfrlich zur Seite raumt. 

Damit, trotz der Barrikaden nahe, 

ihrem Baudi kein Leid geschehe. 

Diese Nacht sitzt in 4^n Fensterhohlen, 

und im Rinnstein hockt ihr Kind. 

In den letzten Kneipen hort man Manner grohlen , 

deren Ftauen wartend wacli im Bette sind. 

Das Pflaster ist so stumm wie ein Kanal. 

Es wartet auf die Tritte der Kolonnen. 

InWinkeln hat das Sdiwarz Gestalt gewonnen — 

Oh, diese Dunkelheit macht alle Strafien 

driidcend sdimal! 

Helmut Flieg 



Die schdnste Zeit 

In Zwickau gibt es einen gcwis- 
scn Roth, Si€gmund Roth, der 
handelt mit Schreibwarcn — in 
seiner freien Zeit aber befaBt er 
sich mit jiidischer Geschichte. 
Wie eben ein Dilettant: ohne 
Grundlage und Anlcitung, ganz 
obenhin. , 

Da unlangst auf dem Land 
lemt Roth einen gelehrten Rabbi 
kennen und beschlieBt, sich 
etliche Aufklarung von ihm zu 
hoi en. 

„Sie, Herr Doktor," sagt er, 
,,wie lang haben eigentlich die 
Juden unter den Richtern ge- 
lebt?" 

nNa — so ungefahr vierhun- 
dert Jahrc/' 

„Und ist es ihnen da gut ge- 
gangen?" 

„Nein. Sie lesen doch in der 
Bibel: ewiger Kampf und Unter- 
druckung," 

nSoso . . ," Roth nickt gedan- 
kenvolL „Und unter den Koni- 
gen?" 

„Von Saul an bis Zedekia — 
wicdcrum vierhundert Jahre." 

„Wie war es damals, Herr 
Doktor?*' 

, , Womogl ich no ch schi immer : 
Not, Pest, Pliinderungeiu Sie wis- 
sen, was die Propheten daruber 
schreiben." 

,tSo. Hm ..." Roth s^nkt ge- 
dankenvoll das Haupt. „Die 
Richtcr brachten Kampf und Un- 
terdruckung — die Konigc Pest 
\md Plundcrungcn — J a, wann ..." 
— ! Roth blickt auf — 1 „wann ist 
es den Juden gut gegangen?" 

„Das will ich Ihnen sagen, Herr 
Roth: unter Franz Joseph." 

Roda Roda 

Der Vergleich 

In den ,Arztlichen Mittcilungen', 
* Nr, 39, schreibt Herr Doktor 
G. Keiser unter der Oberschrift 
,J)er Kampf gegen die Uber- 
ffiiiun^ der Hochschulen und der 
akademischcn Bcrufe mit wissen- 
schaftlichen Methoden"; 

„Vor einiger Zeit hat in volks- 
wirtschaftlichen Krcisen cine 
Untersuchung gro£e Beruhmtheit 
gewonnen, die in denkbar exak- 
ter Weise nachgewiesen hat, dafi 



sich Schweinebestand und 

Schweinepreise in einem ganz ge- 
setzmafiigen, rund drcijahrigen 
Zyklus von Hoch- und Ticfstand 
ablosen, wobei gleichfalls^ die 
Schwankungen iiber das kon- 
junkturell oder saisonaliibliche 
MaB weit hinausg«hen. So gro- 
tcsk es anmuten mag, zwischen 
dem Markt fiir Schweine und dem 
Markt fur Akademikcr Vergleiche 
zu Ziehen, so bestehcn hier doch 
hochst xiberraschende tjberein- 
stimmungen." 

Sterben zeitgem&fi . . . 

17 s gibt ein altes^ Liedchen, das 
*-* jetzt wieder die National- 
sozialisten singen: Den Lorbeer 
um die Siegerstim — Das Krcuz- 
lein auf der Brust — Fur diesen 
Prcis, mein Vaterland — 1st 
Sterben eine Lust! 

Aber auch sonst wird das Ster- 
ben heute zeitgemaB erleichtert: 
.Herner Zeittmg* vom 17, 5. 32: 
„Der Weg lolmt sich bestimmt 
beim Kauf von einem Zweimeter- 
Sarg. Stelle dann den Lcichen- 
wagen gratis zur Verfugung- 
Schierbaum, Heme, Wicschcr 
StraBe 48. Neben dem Versor- 
gungsamt. 

Joachim v* Biilow 

Das Vergtiflgcn 

In die Untergrundbahn steigen 
* drei SA-Leute ein, die von der 
Horst-We&sel-Feier kommen. Ein 
kleines Madchen sagt zu ihrcr 
Mutter: „Die waren^ bei der 
Trauerkundgebung fiir Wessel." 
Darauf die Mutter; „Und nicht 
einmal das Vergntigen wollten sie 
ihnen gonnen," 

Die Begleitmusfk 

A Is das Schupoaufgebot bei der 
** SA-Demonstration das Karl- 
Liebknecht-Haus absuchte, horte 
der das Kommando fiihrende 
Polizeioffizier aus , einem Zimmer 
am Ende eines langen Ganges 
Grammophonklange ertonen. Ge- 
folgt von zehn Mann mit schuB- 
bereiten Revolvern ersturmtc er 
die vcrdachtige Tiir, 

„Hande hoch!" Der untersetzte 
Mann, der sich in dem beschei- 
denen Bureauraum befand, kam 

189 



I^ehorsam dem barschen Befehl beugt sich der Polizcioffizier hnlb 

Dach. Itn gleichen Moment war iiber den Apparat. 

die aufgeiegte Platte abgelaufen Auf der Platte stand; Ouver- 

nWas machen Sie hier!" hertschte, tiire zu „Figaros Hochzeit" von 

die Waffc im Anschlag, der OHi- Wolfgang Amadeus Mozart. 

zier den Mann im schlichten Zi- , . . „, ,,. „. , 

vil an. Immer noch mit erho- Liebe Weltbfihnel 

benen Handen antwortete der TV/Tan unterhalt sich iiber den 

mit leisem Lacheln; ,Jch . lautc ^" osterrcichischen Bundes- 

die GroGe Revolution ein." kanzler DollfuB. Dieser aufier- 

„Machen Sie keine faulen gewohnlich kleine Mann halt nun 

Witzc!'* fuhr der Uniformierte schon so lange mit groBer Zahig- 

ibn an. ,fOh, bitte sich nur selbst keit an seinem Amte fest, und 

zu uberzeugen . . ." Handbewe- man sagt ihm nach, er habe dik- 

^un^ nach dem Grammophon hin. taturistische Absichten, worauf 

MiBtrauisch, den Verdachttgen Anton Kuh vorschlagt, man solle 

nicht aus den Aiigen lassend, ihn „MilIimetternich" nennen. 

Hinweise der Redaktion 

Berlin 

Scfautzverband DeuUcher Scfarif tsteller. Ortsgruppe Berlin. Dienstag 20X)0. Cafe Wittelf - 

bach, Bayrischer Platz. Georg Lucacz Idealismus — Materialismus. Diskussion. 
Arbeitsgemeinschaft marxistischer Sozialarbeiter. Mittwoch 20.00. Haverlands Fest- 

sale, Neue Priedrichstrafie, Ecke RochstraUe. Disputation zwischen Doktor Reich und 

Manes Sperber: Oas Scxualproblem in der burgerllchen Gesellschaft. 
Club der Geistesarbeiter. Mittwoch 20.00. Alter Askanier, AnhaltstraBe 11. £. Reiche 

und Traute H61z Das Verhaltnis der Geschlechter im Sozialismus. 
Akademische Arbeitstagung europaischer Jugend. Aula KochstraBe 13. Donnerstag 20.00. 

Erwin Schrodinger; Aus den Problemen der modernen Pbysik; Sonnabend 20.00. 

Werner Helsenber?: Entwicklung der physikalischen Naturerklarung; Montag 20iX). 

Werner Sombart: ^ur Wirtschaftskrisis. 
Bund ^eistiger Berufe. Donnerstag 20.00. Emmerichs Linkhalle, LInkstraQe 13: Arbetts- 

gemeinschaft iiber volkswirtschaftliche Grundfragen; Freitag 20,00. Caf6 Wittels- 

bach. Bayrischer Platz: Arbeitsgemeinschaft fiber Weltanschauung und Natur- 

erkenntnis. 
Gruppe Kevolutionarer Pazifisten. Donnerstag 20.00, Caf6 Adier am Dfinhoffplatz, 

KommandantenstraBe 84: Offentlicfaer Ausspracheabend. Herbert Pfeiffer: Die 

bornierenden Gescfaichtsauffassungen; Wilhelm PHlgel : Wirtschaftsplan im kunftiger 

Sowjetdeutschland. 
Vortragssaal Wagner. Bayrischer Platz 2, Donnerstag 20.00. David Luschnat: Die Ver- 

wandtungskraft der Kunst. 
Liga tur Menschenrechte. Freitag 20.15. Beethoven-Saal, Kothencr Strafle 32. Kund- 

gebuag Die Kulturreaktion marschiert. Es sprechen: Peter Flamm, Manfred Georg, 

Fritz Karsen, AdoH ECoch, Emil Lind, Carl v. Ossietzky, Adele Schreiber-Krieger, 

Anna Siemsen und Hildegard Wegschelder. Karten an der Abendkasse. 
Oer Funke. Sonntag 11.00. Kamera, Unter den Linden 14: Achtung des Krieges. Es 

wirken mit: Ernst Glaeser, Alexander Granach, Erich Mtihsam, Theodor Plivier 

und Agnes Straub. 
Indivtdualpsychologische Gruppe. Montag (6. 2.) 20.00. Klubbaus am Knie. Berliner 

StraBe 27. Walther Filzhuth: Weltanschauung und Individualpsychologie. 
Internationale Frauenliga fiir Frieden und Freiheit. Montag (6. 2.) 20.00. Lehrervereins- 

haus, Alexanderplatz. Magda Hoppstock-Huth und Leo Klauber: Gaskrieg droht — 

tut Luftschutz not? 
Gewerkschaftshaus, Engelufcr 24. 11.00—22.00; Groschenbucher-Mcssc. 

Dresden 

WeltbuhnenJcser treften sich jeden Dienstag 20.15 im Sophiengarten, Kleine Plauensche 
Gasse 26, 

Hamburg 

Weltbiihnenleser. Donnerstag 20,30. Timpe, Grindelallee 10: Kulturpolitik in Sowjet- 
ruBiand. 

Rundfunk 

Dlenstag^. Frankfurt 20.00. Lessings Minna von Barnhelm. — Mittwoch. Breslau 16.0Q : 
Seibstkarikaturen g^roBer Kfinstler, Otto Brattskoven. — Konigswusterhausen. 21.36. 
Ernst Jiinger und Paul Adams: Kampi als Weltprinzip 7 — Donnerstag*. Konigs- 
wusterhausen 15.45: M Geis liest Franz HcsscL — Moskau 20.00: Wocbeti- 
rundschai^ und Briefkasten. — FreitasT* Leipzig 19.00: Forum der jungen Generation. — 
Moskau 20,00; Was habe ich wahrend der letzten Monate gemacht? — Sonnabend. 
Moskaii 20.00 Marxismus — Leninismus. — Sonntag. Moskau 20.UO: Die Rolle lind 
Autgaben der Gcwerkschalten. — Montag-. Moskau 20.00: Die Vorschulerziehung. 

190 



Antworten 

Oldenbur^-Januschau. Weil es etwas Larm iiber Ihre unbercch- 
tigte Sanierung durch die Osthilfe gibt, versuchen Sie jetxt in eiuer 
Erklarung, die Sache ins Scherzhafte umzubiegen. Als Motto stellcn 
Sie den netten Vers voran: „Da sprach der alte Pelikan, nun, Kin- 
der, laBt mich auch mal ran." Sie sind, was niemand bestreiten wird, 
lange und griindlich rangeblieben, Ubrigens ist nns noch ein andrer 
Vers in Erinnerung, der so beginnt: „Ein feiner Vog«l war der alte 
Pelikan . , /' Sie hatten das als Motto wahlen sollen. 

Ministerprasldent Gombos. Sie haben den bisherigen tin- 
garischen Gesandten in Berlin, Herrn v- Kanya, zum AuBenminister 
ernannt, Aus diescm AnlaB behaupten die ,Zeit-Notizen*, daB wah- 
rend des ersten Balkankrieges Herr v. Kanya Leiter der Pre&sestelle 
am wiener Ballplatz gewesen sei. In. dieser Eigenschaft habc er in 
ein harmloses Telegramm des osterreichischen Konsuls Prohaska in 
Prizren die Mitteilung „Icli bin kastriert" hineinfalschen lassen, wo- 
durch eine wilde Volkswut gegen Serbien in der Doppelmonarchie ent- 
fesselt wurde. Ferncr schreiben die ',Zeit-Notizen', Herr v. Kanya 
habe als berliner Gesandter in der beriichtigten Affare der Franken- 
falscher Prinz Windischgratz und Genossen den Falschern in 
Berlin Weisungen und falsche Passe gegeben, Wir muss«n die 
Verantwortung fiir diese Meldtmgen natiirlich den ,Zeit-Notizien' 
uberlassen. Immerhin traten sie in so substantierter Form auf, dafl 
eine Erklarung Ihrerseits uns unerlafilich scheint, Sind die Be- 
hauptungen der ,Zeit-Notizen* wahr? Wenn ja — ist Kanya trotz 
seiner Taten in Wien und. Berlin oder wegen ihrer mit dem AuBen- 
ministerium belohnt worden? 

Doktor Alexander Hirsch. Sie iibermitteln uns zu Hermann Bud- 
zislawskis Glosse „Der Dyk-Skandal" (Heft 3) ein Schreiben, dem wir 
folgendes entnehmen: „Ich gehore weder den rechtsradikalen Parteien 
an, noch hat der Rechtsstreit, den ich fiihren mufi, irgendctwas mit 
Parteipolitik zu tun. Personliche Bekanntschaft mit Franz Oppen- 
hcimer und die Verehrung, die ich ihm wegen seiner friihen Kampf- 
stellung gegen die Besitz- und Wirtschaftsverhaltnisse der Ostdeutschen 
Landwirtschaft entgegenbringe, fiihrten mich vor etwa 20 Monaten in 
seine Siedlungsgesellschaft. Nach einiger Zeit nahm ich dort Zu- 
stande wahr, die den Zielen der Gesellschaft abtraglich, ihrem Weiter- 
bestand gefahrlich werden muBten. Ich geriet dadurch in Gegensatze 
zu ihren Geschaftsfiihrern. Unterdessen waren in der Rcichs- und der 
preuBischen Verwaltung Veranderungen eingctreten, die die bisherige 
behordliche Forderung der Gesellschaft in ihr Gegenteil zu verkehren 
drohten. In dieser Lage erhielt ich im Juni 1932 Kenntnis davon, daB 
auf einem Gute der Gesellschaft Siedler polnischer Nationalitat an- 
gesetzt worden waren. In der Rechtspresse waren . damals schon 
scharfe Angriffe gegen die Gesellschaft erschienen. Ich muBte deshalb 
Professor Oppenheimer als Aufsichtsratsvorsitzenden darauf hinweisen, 
daB eine rasche Reform notwendig war* wenn er und die Gesellschaft 
nicht Gefahr laufen sollten, in einen Skandal verwickelt zu werden. 
Professor Oppenheimer forderte eine schriftliche Fixierung m«iner 
Beanstandungen, iibergab diese dem Geschaftsfiihrer Dyk zur Stellung- 
nahme, und die Gesellschaft sprach daraufhin die fristlose Entlassung 
gegen mich aus. In der Frist, die das Betriebsrategesetz fur eine 
Klage beim Arbeitsgericht vorschreibt, lieB ich nichts unversucht, um 
eine offentliche Behandlung vor dem Arbeitsgericht zu vermeiden und 
um zu erreichcn, daB die riotwendigen Verhandlungen in der Gesell- 
schaft intern durchgefuhrt wurden, Noch nach der Klageerhcbung 
fiihrte ich eine langcre Vertagung des Arbeitsgerichtsverfahrens her- 
bei. Herr Professor Oppenheimer schien jedoch trptz meiner drin- 
genden Vorstellungen die Gefahr einerf offentlichen Gerichtsverhand- 

191 



lung oicht zu erkenaen. So kam es zur Austragung des Recht&streits 
und zur Befassung der Prcsse mit dicsen unerfrculichen Dingen. So 
kam es zu dem Urteil, desseu Be^rundung fur die Gesellschaf t ver- 
nlchtend ist, de&sen Schlufilolgeruag mich jedoch zwingt, das Landes- 
arbeitsgericiit anzurufen. So kam es zur Sperrung der offentlichen 
Kredite. So wird es zur Befassung eines Landtagsausschusses mil 
dicsen Angelegenheiien kommen* Ich habe g«tan, was ich zur Ver- 
meidung dieses Skandals tun konnte, well ich Professor Oppenheimer 
nach wic vor die groBtc Achtung entg«genbringe und weil ich die 
Ziele seiner Gesellschaft nach wie vor fiir erstrebenswert halte.** 

Polizeiprasident von^, Dresden. Ihre Leute sind im Schiefien 
starker als im Recherchieren. Den nationalsozialiS'tischen Femembr- 
der haben sie entwischen lassen, dafiir aber elf harmlose VeTsamm- 
lungsbesucher zur Streckc gebracht. Schlafen Sie ruhig weiter, Herr 
Prasident. Elf tote Kommuni&ten wiegen in Deutschland nicht schwer. 

Henri Giiilbeaux. Herzlichen Gliickwunsch zui Ihrer Frei- 
sprechung, Nicht Ihnen allein gilt dieser Gliickwunsch, er gebiihrt 
aucb dem Kriegsgericht, das Si© freisprach, und dem Anklager, der 
Irelwillig auf seine Anklagerede v«rzichtete. 

Deutsche Liga iitr Menschenrechie. Ihr habt eine Schallplatte 
herausgebracht« auf der Albert Einstein sein „Glaubensbekenntnis" 
abgelegt bat. Die Platte ist fiir 1|10 Mark plus Porto und Verpackung 
von eurem Bureau^ Berlin N 24, Monbijouplatz 10, zu beziehen. 

General von StulpnageL Sie sind ein Idiot. In einem Zeitungs- 
artikel bei Scherl uber den Wirkungskreis der ktinftigen deutschen 
Militarattach^s bringen Sie es fertig zu schreiben: „Warschau und 
Prag stehen in Wirklichkeit kaum hinter Paris zuriick. In beiden 
Landern leben zudem starke deutsche Minderheiten, denen die ganze 
Aufmerksamkeit der Militarattach6s gelten mufi/' Man stelle sich 
danach den Larm in der nationalistischen polnischcn Presse vor. Und 
ein Mensch, der den Anspruch erhebt, fiir voUsinnig genommen zu 
iverden, aieht das nicht voraus. Ob Ihr Ehrgeiz, Minister zu werdect 
in Erftilltrng geht, wissen wir nicht. Aber Sie sind auch heute schon 
der Stulpnagel zum Sarge der deutschen AuBenpoIitik. 

Dr, J. K«i Leipzig, Wir finden keincn Anlafi, uns dariiber aufzu- 
regen, wenn die .Siiddeutschen Monatshefte' ihr JanuarheftJ mit dem 
Bild eines Zeitgenossen schmticken und darunter schreiben „Konig 
Rupprecht". Solange der Herr nur Konig von Suddeutschc-Monats- 
hefte-Gnaden ist . . , 

Hans UUstein* Ihr seid von einer Klage bedroht, die euch noti- 
gen will, als Nachtrag zu den Biilow-Memoiren alien Erwerbern dieser 
Memoiren ein Heft zu liefern, das samtliche von euch aus dem 
Manuskript weggelassene Stellen enthalten soil? Unter diesen Aus- 
iassungen sollen sich sehr interessante - Stellen befinden, zum Beispiel 
iiberaus scharfe Urteilc uber den Kaiser, sehr bemerkenswertc 
AuBerungen iiber die Kriegsschuld der deutschen Machthaber von 
1914 etcetera. Warum habt ihr das weggelassen? Die historische 
Wahrheit hatte doch eigentlich geboten, das Manuskript nicht zu ve;^ 
stummcln, Um so dankenswerter, daB Staatssekretar von Biilow auf 
dem Nachtrag besteht. 



Manuskripte sind nur an die RedaVtion der WeUbuhne. Charlottenbur^* Kanfstr. 162, zu 
richtcQ; es wird gebeten, ihnen R&ckporto beizulegea, da sonst keine Rucksendung' erfolgen kaan. 
Iqa Falle boh^rer Gewalt oder Streiks baben unsere Bezicher keinen Ansprucfa auf Nsdiliefenin; 

oder Erstattung des entspredienden Entgelts. 
Daa Aufftthru^sreclit, die Verwertung von Tileln u. 1 ext im Kahmen des Films, die musik- 
mechanische Wiedereabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von RadioTortrfigen 
bleiben fOr alle in -der WeltbQhne erscheinenden Beitrag-e ausdrttcklich vorbelialten. 

Die Weltfouhne wurde begriindet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky 

unter Mitwirku'ng von Kurt Tudiolsky geleitet — Verantwortlidi : Walther Karsdb, BerliD. 

Verlag oer Weltbiihne, Siegfried Jacobsohn & Co.^ Charlottenburg, 

Telephon: Cl, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto: Berlin 1J958. 

Bankkonto* Drtsdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. li'i. 



XXIX. Jahrgang 7. Febrnaf 1933 Hnmmef 6 

Kavaliere und Rundkopfe von cari v. ossietzky 

YJ^enn irgend etwas die Meinung libcr die iieue Reichs- 
regierung zu verwirren geeignet ist, so sind das die erstcn 
AuBerungen von Zeitungen, die seit Jahren die Obertragung 
der Macht an die geeinte Rcchte gefordert haben. In. der 
,DAZ\ die sich doch immer fiir die Hinznziehung der National- 
sozialisten eingesetzt hatte, schreibt Herr Doktor Fritz Klein: 

„Eine gewagte und kuhne Entscheidung ist es in jedcm. Fall, und 
kein verantwortungsbcwuBter Politiker wird zum Jubeln geneigt sein/* 
Was ist los? Warum bleibt Hcrrn Klein der Triller in der 
liederreichen Kehle stecken? 

Noch viel melancholischer wird Herr Hans Zehrer in der 
(Taglichen Rundschau , der doch wie kein Andrer den Natio- 
nalsozlalismus salonfahig gemacht hat: 

„Wie steht cs mit dcm nationalen Sozialismus, der. das Volk er- 
faBte und der es in die Reihen der national sozial ist is chen Partei 
trieb? Wer wird denn in diesem Kabinett den nationalen Sozialismus 
in die Wirklichkeit umsetzen? Wird ihn etwa Herr Hugenberg, der 
j etzt seine Diktatur auf gerichtet und die Herrschaft iiber die zu- 
kunftige Wirtschaftsgestaltung in Deutschland erlangt hat, durch- 
fiihren? Derselbe Hug«nberg, der seit Jahren einen erbitterten Kampf 
gcgen den Sozialismus der NSDAP fiihrte? Oder wird ihn Herr von 
Papen plotzlich unterstiitzen? Derselbe Herr von Papen, der als 
Reichskanzler eine verzweifelte Restauration des Privatkapitalismus 
durchzufilhren versuchte und nach sechs Monaten an seiner eignen 
Erfolglosigkeit und dem gfeschlossenen Willen des ganzen Volkes 
scheiterte? Oder soil er etwa vom Arbeitsministerium aus verwirk- 
licht werden, das dem Fuhrer des Stahlhelms zugefallen ist?" 
Und Zehrer resumiert mit Bitterkeit : 

„Ist das alles also ein Sieg Adolf Hitlers? Sieht so die Frucht 
aus, die ihm nach zwolfjahrigem Ringen reif in den Schofi fallt? Ist 
das die Fiihrung, die er erstrebte?" 

Wenn die Leute, die eigentlich begeistert sein miiBten, 
schon so niedergeschlagen gratxilieren, wenn sich bei ihn^n der 
Katzenjammer schon vor dem Gelage einstellt, die Ermattung 
schon vor der Lust, so enthebt das die Gegner des neuen Re- 
gimes der unfrcundlichen Pflicht, sich. um eigne Formulic- 
rungen zu bemiihen. 

Die Stellun^ des Reichskanzlers innerhalb seines Auf- 
gabenkreises zeichnet Herr Klein mit schonuagsloser Offenheit: 
. „Vielleicht werden sich seine Gegner iiber seine Regierungs- 
handlungen wundern und darunter leiden. Seinen Anhangern aber 
werden die Augen iibergehen, und diese Enttauschung ist wahrschein- 
lich vom gesamtnationalen Standpunkt aus noch mehr zu fiirchten." 

Diese Darlegung ist nicht ohne Zynismus. Sie, Herr Reichs- 
kanzler, so muB man: das lescn,! sind der Fuhrer einer Partci, 
die durch riicksichtslose antikapitalistische Propaganda in die 
Kobe gekommen ist, Jetzt, wo Sie obcn angelangt sind, gibt 
es das nicht mehr, Jetzt haben Sie den Restbestand des 
deutschen Kapitalismus zu konsolidieren, den GroBgrimdbesitz 
zu retten, die Ansatze zur Gemeinwirtschaft wieder riick- 
gangig zu machen. Jetzt stehen Sie auf der andern Seite der 

1 193 



Barrikade, und das werdcn auch Ihre braunen Truppcn spiirexi 
miisseB! 

Der Vorgaag ist interessant aber nicht neu. Er wiederholt 
sich immer wicder in der Weltgeschichte, wo Volkstribtmen 
endlich im Triumphmarsch in den Staat einziehen. Nicht viel 
anders mogen vor vicrzehn Jahrcn Stinnes und Duisberg zu 
Fritz Ebert imd den Sozialdemokraten gesprochen haben, und 
ihre Argumentc sind gehort worden. Es entbehrt nicht der 
tragischen Ironie, daB die revolutionaren Retter dcs Kapitalis- 
miis von 1933 ihren gestiirzten Vorgangern in ihrem ersten 
Regierungsmanifest das voUige Versagen attestiercn: ,,Invier- 
zehn Jahren haben die November-Parteien den deutschcn 
Bauernstand rniniert. In vierzchn Jahrcn haben sie cine Armce 
von Millionen Arbeitslosen geschaffen,'* 

Starke Worte fiir eine Rcgierung, die selbst auf einer 
labilen Obercinkunft beruht Die Nationalsoziolisten erhalten 
die politischen Posten, die Exekutive. Finanzen und AuBeres 
bleiben bei bcwahrten und durchau5 selbstandigen Beamten, 
Die nahrhaften Ressorts dagegcn sind von Herrn Hugenberg 
okkupicrt, dem letztcn Mannc in Deutschland, der noch so 
richtig an den massiven Kapitalismus von 1910 glaubt. Die 
schwersten Aufgabcn dieser wirtschaitlichcn Nachkriegskrisen 
liegen bei dem ausgepragtesten Vorkriegsmenschcn, der sich 
denken laBt. In seinem Gefolge amtiert im Arbeitsministe- 
rium der Stahlhelmfiihrer, der in scinen sozialen Anschauungen 
nirgends iiber die Enge des kleinen Fabrikanten hinauskommt 
und eine hochst unzeitgemaBe Gewcrkschaftsfeindlichkeit ver- 
korpert. 

Dieise Regierung ist d'as Produkt eifriger Vermittlungen, 
uberraschcnder Improvisationen, verborgener Kulissenspiele. 
Ihre Zusammensetzung verrat deutlich ihren Ursprung. Die 
„Kavalicre", wenn wir die Vertrctcr der „hauchdunncn Schicht*' 
so nennen wollen, haben die wirtschaftlichen Schliissclstellun- 
gcn bcsetzt; die Andem, die „Rundk6pfe**, die Verfechter 
eines nationalistischen Rigorismus, die Manner, die aus dem 
Volke kommen, haben die politischen Instrument c in der Hand, 
die notfalls in Bewegung gesetzt werden miissen, um die MaB- 
nahmen der „Kavaliere" durchzufiihren und zu verteidig^i. Die 
Deutschnationalcn werden zunachst fiir ihre Leute ernten, die 
Nationalsozialistcn ernten nichts als das Odium. 

Der erste Regie rxmgsaufruf ist nur aus dieser innern so- 
zialen Diskrepanz heraus zu verstehen, Er vcrtuscht die eig- 
nen Widerspriiche mit anklagerischem Pathos gegen Republi- 
kaner und Kommunisten. Er ist als Plattform diirftig, als 
agitatorische Leistung dagcgen betrachtlich. Die Propaganda 
war immer die schwache Seite der weimarcr Kabinette, Die 
NSDAP macht ihre agitatorische Sprache unbedenklich zimi 
amtlichen Stil So arbeitet Moskau, so Mussolini, so der 
sattelfeste Demokrat Daladier. Nur der deutschen Republik 
bammelte, wenn sic fiir sich Stimmung machen woUte, der amt- 
liche Zopf um die Nase herum. Auch die Verlautbarungen 
moderner Regierungen erfordcrni eine einpragsame, alien ver- 
standliche Ausdruckswcise, Die VerheiBung zweier Vierjahres- 

194 



plane muB dem Kritischen nebelhaf t erschcinen. Wcr Siim 
fur Humor selbst hcutc noch bewahrt hat, mag dariiber lacheln, 
dafi di© gleiche Regierung, die den Kommunismus verdomiert. 
Anieihen bei Stalin macht. Jedoch die Wirkung auf die Bauem, 
iibcrbaupt auf alle kleinbiirgerlichen Element e, die noch immer 
gern hoffen, kann groB sein, Dena die Regierung sagt damit 
offcn, daB sie nicht hexen kann, sondern Zeit braucht, aber 
sie stellt sich zunachst selbst einc Frist. 

Der erste groBe Verlierer des Umschwunges wird der 
Herr Reichsprasident sein. Unter ungeklarten Vcrhaltnisscn, 
zwischen absterbendem Parlamentarismus und auf gcbender Dik- 
tatur, konntc er eine autoritare Mittlerrolle einnehmen. Diesc 
wichtige Stellung schwindet, je mehr sich der klare Rechts- 
kurs festigt. Die Autoritat wird sich zukiinftig im Rcichs- 
kabinett verkorpern, der Reichsprasident selbst wieder zu einer 
ausschlicBlich reprasentativen Gestalt werden. 

Eine Frage wird in diesenj Tagen immer wieder gestellt: 
Welche Chance hat diese Regierung der geeinten Rechteni? 
Bedeutet sie den Obergang zu ciner Dauerhcrrschaft oder nur 
eine dramatische Episode? 

Die gegenwartige Regierung ist bis zum Zerspringen mit 
sozialen Disharmonien geladen. Der argste Ziindstolf ist in 
den SA enthalten, die erwarten, jetzt, nach der Machtergrei- 
fung durch ihren Fiihrer, in irgend einer Form dem Staate 
cinverlcibt zu werden. Gelingt das nicht, gclingt es auch 
nicht, Hugenberg zu verhindcrn, die gesamte Wirtschaft gegen 
sich aufzubringen und liberhaupt eine halbwegs volkstiimliche 
mittlere Linie zu finden, so wird diese Regierung so schnell 
und schattenhaft voriibergehen wie das Kabinctt Schleicher. 

Gelingt es ihr dagegen, die deutschc Misere auf. einem 
cbcn noch ertraglichcn Niveau zu stabilisiercn, verzichtet sie 
darauf^ den sozialpolitischen Fundus allzusehr anzutasten, ver- 
zichtet sie liberhaupt auf manche der mitgebrachten Konflikts- 
geliiste, so hat sie jedc Moglichkeit fur sich, ein System zu 
schaffcn, das fiir ein gutcs Menschenalter vorhalt. 

Die Rcchtsparteien sind unsern Freunden von links in 
manchem unterlegcn, Aber den kalten, harten Machtwillen, 
das Fingerspitzengcfiihl fiir die wirklich entschcidende Posi- 
tion, das habcn sic ihncn voraus. Die Republik hat diese Ba- 
taille verloren, nicht weil sic sich des ,,Novemberverrats" und 
andrcr Schandtaten schuldig gemacht haben soil, sondern weil 
es ihr an dem notwendigcn Leb ens will en fehlte, iibcr den die 
Rechte in hohcm MaB vcrfugt. Das Volk hat eine gute Witte- 
rung dafiir, und deshalb ging es zu den Extremen rechts und 
links. 

Die Gegenrevolution hat kampflos die Hohen besetzt. Sie 
behcrrscht das Tal, und wir leben im Tal. Minister a. D. laufen 
mit verdattertem Gesicht herum und schwclgen in Radikalitat. 
Hohe Funktionare schwarmen plotzlich fiir die „rote Einheit'*, 
die sie sonst mit MaBrcgelungen pramiicrt haben. Es ist 
schwer, ihrc spate Erleuchtung hinzunehmen, ohne grob zu 
reagieren. Es ist schwer, daran zu glauben, daB sie einmal 
b ess ere Kampfer werden konncn, Wir werden wohl mit neuen 
Menschen wieder begirnien, miissen. 

195 



Habebald und Eilebeute von Heiimnt v. Geriach 

Am Abend nach Hitlers Thronbesteigung saB ich mit einer 

Anzahr pdlitisch gcbildeter Auslander zusammen. Die 
Frage wurde aufgeworfen, warum Schleicher, noch im No- 
vember Vertrauensmana -des Rcichsprasidenten, so plotzlich 
gestiirzt sei. Einstimmig erschoU die Antwort: Natiirlich 
wegen der Osthilfe. 

Bismarck sprach davon, daB ihn der ,,Cauchemar dcs 
Coalitions" manchmal aus dem Schlafe schrecke, 

Auf den Schlossem Ostelbiens sitzt so mancher, der von 
dem Angsttraimi igequalt wird; wenn mcin Name aus dem 
Dunk el der Akten in das Licht des Reichstags treten sollte! 
Es ist ja vermutlich nicht blofl der Herr v, Quast, der das 
Jeuen, Saufen und Huren als unerlaBlich'en Bestandteil seiner 
Wirtschaitssanierung angesehcn hat, 

Wer die Verhaltnisse und vor all em die Machtverteil'ung 
bci uns kennt, dem muBte in dem Augenblick um das Schick- 
sal Schleichers bange werden^ als zum ersten Mai der Name 
Oldenburg-Januschaus in den Erorterungen des Hauptaus- 
schusses iibcr die Osthilfe fiel. Der brave Zentrumshandwer- 
ker Ersing war cs, der sich dieser Todsiindc schuldig machte. 
Sofort erhob sich Herr Quaatz, der Vertrauensmann Hugenbergs, 
und erklarte f eierlich, Herr v, Oldenburg, dieser beste Deutsche, 
dieser 'Ritter ohne Furcht und Tadel, habe nie etwas mit' der 
Osthilfe zu tun gehabt. 

Am nachsten Tage freilich muBtc Herr Quaatz zugeben, 
daB Herr v. OMenburg immerhin mit mehr , als sechshundert- 
tausend Mark von der Osthilfe bedacht worden war, um das 
zu seinen bisherigen drei Giitern hinzugekauftc vierte halten 
zu konnen, 

Herr v, Oldenburg hat dann. noch hochstpersonlich in 
dem ihm eignen Sauherdenton zu der Sache das Wort er- 
griHen, Es war ganz kurzweilig zu lesen, Dennpch -^ es 
stinkt, Herr v. Oldenburg. 

Als im HauptausschuB die Verhandlungen uber die Ost- 
hilfe begannen, hatten die Interpcllanten noch wenig Material 
in den Handen, Herrn Ersing waren zwar von Glaubens- 
genpssen einige interessante Daten ubermittclt worden. In 
Ostelbien ist es namlich noch immer so wic zu den Zeiten der 
HohcnzolLern, daB nur die protestantischen Junker vor den 
Behorden als hundertprozentig angesehcn werdcn. Aber das 
Material war diirftig, 

Kaum hatten jedoch die Lcute auf dem Lande erfahren, 
daB man im Reichstag im Zuge sei, Schweinereien bei der Ost- 
hilfe mit Namensnennung anzuprangern, da stromte den reini- 
gungswilligen Mitgliedem des Ausschusses das Material nur 
so zu, Immer neue Skandalosa wurden enthuUt, Der Regierung 
wurde himmelangst. Freiherr v- Braun versuchtc die weiteren 
EnthiiUungen mit dem Hinweis auf dias Steuergeheimnis zu 
brcmsen. Sofort wurde ihm entgegengehalten: Steuergeheim- 
nis? Unsres Wissens haben die Herren, um die es sich handelt, 
keine Steuem bezahlt, sondern sind im Gegcnteil vom Reich 

196 



mit den Stcuern andrer Leutc bcschenkt worden. Wer hicr von 
Verletzung des Steuergcheimniss cs sprcchen will, muQ nicht 
sonderlich gesetzeskundig sein. 

Freiherr v. Bratin wandte sich hilfesuchend an einen 
Untergebenen. Der brachtc das Gesetz iiber die Osthilie her- 
hex und wies aul einea bestimmten Paragrapken bin. Freiherr 
V* Braun in scinem Obereif er namn sich nicht erst die Zeit, den 
Paragraphen durchzulesen, sondern erklarte triumphierend, 
aach Paragraph so und so viel des Osthilfegesetzes bestehe 
Schwcigepflicht der Beamten, Worauf Ersing das Gesetz er- 
grifi, den Paragraphen durchlas und! d^nn mitteilte, dafi nach 
diesem Paragraphen zwar die Beamten dcm Publikum gegcn- 
liber zur Vcrtraulichkeit verpflichtet seien, dafi aber selbst- 
verstandlich dem Parlament gegenuber keine Schweigcpflicht 
l:>estehe, 

Freiherr v. Braun verlicB die Sitzung als zweiter Sieger 
in jedem Bctracht, Das Rccht des Reichstags war festgestellt 
worden, bis in die letzten Ecken der Osthilleaktion des agrari- 
schen WohlJahrtsstaatcs hineinzuleuchten, Selbst unter cinem 
Prasidialkabinett konnte also der Reichstag noch Macht aus- 
iiben und Nutzen schaffen, Sicherheit fiir die Wohlfahrts- 
empfanger der Osthilfe gibt es offenbar nur, wenn es uber- 
haupt keinen Reichstag mehr gibt* Was ja jetzt gliicklich er- 
reicht ist, Mit dem Reichstag zugleich ist auch der Unter- 
^uchungsausschufi iiber die Osthilfe in der Versenkung ver- 
^schwunden. 

Wenn jemand unschuldig an den Enthiillungen iiber den 
Mifibrauch der Osthilfe war, so bestimmt Hcrr v. Schleicher, 
Trotzdem sah die Kafaiarilla grade hier die giinstige Gelegen- 
lieit, ihn zu torpedieren. Sie sprengte das Geriicht aus, er 
babe Ersing das Material in die Hande gespielt. Kein wahres 
Wort daran! Aber gegen Geriicht e ist jedermann machtlos. 

Briining wurde gestiirzt, well gewisse Umwohner von Ncu- 
deck die Legende verbreitet batten, sein durchaus mafi voiles 
Siedlungsprogramm sci gleichbcdeuteud mit Agrarbolsche- 
wismus, 

Schleicher stiirzte in den Abgrund, in den von Rechts 
wegen die unlauteren NutznieBer der Osthilfe und die fur 
ihren MiBbrauch verantwortlichen Stellen gehorten. 

Wilhelm IL hat einst die Junker Ostelbiens als die „Edel- 
-sten und Best en der Nation** bezeichnet, 

Heute wieder sehen die mafigebendsten Stellen des 
Staates es ah ihre oberste Pflicht an, die Familien aus offent- 
lichen Mitteln zu stiitzen, die das Verdienst habcn, ihren 
Stammbaum recht vicle Jahrhunderte zuriickverfolgen zu 
konnen, Unfahigste und unwiirdigste Individuen werden durch 
die Osthilfe erhalten, nur lun der Familie ihr Stammgut zu er- 
halt en. Der Grundsatz der Demokratie; freie Bahn dem Tiich- 
tigen! wird abgelost durch die Losimg; Schutz dem Untiichtigeni 

Wie Reichskanzler Hitler zu der Osthilfe steht, ist noch 

tmbekannt. Bekannt ist nur, daB er als Parteifiihrer in den 

HauptausschuB als Vertreter seiner Partei Herrn v. Sybel ent- 

2 j9^ 



sandt hatte, den hochstbczahltcn Beamten des Lziiidbimdes, der 
die Intcressen des GroBgnmdbesitzes wahrnahm, aber nichi 
die der Millionen bauerlicher Naziwahler, 

Auch iiber Herm v, Hindenburgs StcUung zu den Einzel- 
fragen der Osthilfe ist nichts! bekamit, DaB cr den MiBbrauch 
von Staatsgeldem zugunsten von Luxusausgaben gewisser 
Empfanger der Osthille nicht billigt, ist bei seiner strengen 
Moralauffassung selbstvcrstandlicL Die Frage ist nun wic 
weit baben ihn seine Berater tiber die Skandalalfarc unter- 
richtet? 

Neudeck ist ein unrent abler Besitz, Die mangelnde Ren- 
tabilitat soil durch die Sammlung kompcnsiert werden, die 
Prasident Doktor Grund eingeleitet hat. Dagegcn ist nicht 
das geringste einzuwendcn. Warum sollen nicht Privatleutc 
in die Tasche greilen, um einem ihrer Meinung nach bcsonders 
verdienten Manne cine Ehrengabe zu iibermitteln? Wie der 
Wohltatigkeit diirfen auch der Gebefreudigkeit zu Spezial- 
zwecken keinc Schranken gesetzt werd'en. 

Viele Giiter Ostelbiens gibt es, die ebenso unrentabel sind 
wie Neudeck. Sie kiinstlich in der Hand des zufalligen Bc- 
sitzers zu erhaltcn, liegt nicht das geringste olfentlichc Inter- 
esse vor, das das Opfer von Steuergeldern dafiir rechtfcrtigcn 
konnte, Im Gegenteil, das Intcresse an der Gesundung der 
Landwirtschaft gebietet, daB solche ihrer Natur nach unein- 
traglichen Giiter entwedcr aufgeforstct oder parzelliert werden. 

Wir sind keine Sittenrichter. Auch auBcrhalb des Kreises 
der „Edelstcn und Besten" wird hinreichend gejeut, gcsoffen 
und gehurt. Das ist rcine Privatangelegenheit, Zu einer offent- 
lichen wird sic erst in dem Augcnblick, wo offentliche Gelder 
dafiir in Anspruch genommen werden. Das ist crwiesener- 
maBcn mindestens in recht vielen Einzclfallen bei Empfangern 
der Osthilfe geschehen. 

Das Bekanntwerden solchef Einzelfalle gcniigt, um gc- 
bieterisch die Untcrsuchung des Gesamtkomplexes der Ost- 
hilfe zu fordern. Schon heutc weiB man, daB die Barmat, Ku- 
tisker und Sklarcks ganz kleine Schacher waren gegeniiber 
gewissen Blaubliitem. Aber der Umfang des Sk and a Is liegt 
noch ganz im Dunkeln, 

Wer sich der restlosen Aufklarung widersetzt, gerat in 
den Vcrdacht, irgendwie an der Dunkclheit interessiert zu 
sein. Meinen Sie nicht auch, Hcrr v. Sybcl? 

Was gedenken Sie in Sachen der Osthilfe zu tim, Herr 
Rcichskanzler Hitler? Sie haben in Ihrer Regicrungserklarung 
die Siedlungspolitik als einen der Grundpfeiler Ihres Pro- 
gramms bezeichnct. Wie vertragt sich Siedlungspolitik mit der 
bisherigen Handhabung der Osthilfe? Sind Sie nicht auch der 
Meinung, jede gesunde Siedlungspolitik habe zur uncrlaBlichen 
Voraussetzung, daO zuvor der Augiasstall der Osthilfe aus- 
gcmistet werdc? 

Es ware niitzlich und ehrlich, wenn Sie noch vor dem: 
5, Marz dem deutschen Volk iiber Ihre Stellung zur Osthilfe: 
reinen Wein einschankten, 

198 



Nfichterne Betrachtung von Hanns-Erich Kaminski 

YJ^er heute Politik treiben will, der muB die Dinge schr niich- 

tern betrachtcn, gleich weit cntfcmt von Panik wie von 
unbegriindetem Optimismus. Vor allem ware es toriGht, jetzt 
auf die Uneinigkcit der Rcaktion zu bauen* Man dari nicht 
V erg ess en, daB die Gc genre volution ihre letzt© uu,d hochstc 
Karte ausgespielt bat und daB die Furcht vor der Niederlage 
sie besser zusammenhalten wird als jedes positive Ziel. Die 
Illusion aber, der Reichsprasidcnt oder die Verfassung konnten 
ihr Halt gebieten, wird bald vollig zerstort scin — sofcrn es 
liberhaupt noch Leute gibt, die sie sich maohen, 

Es kann auch nicht s helfen, sich mit der Erinnerung an die 
Noskezeit zu trosten, die wir iiberstanden habcn. In jenen Jah- 
ren kampfte das Proletariat fiir seine Revolution, gegen die 
Verbiirgerlichung der Republik; und als cs unterlegen war, 
blieb immerhin noch cin biBchen Dcmokratie iibrig, H^eute han- 
delt es sich gar nicht mehr um den Staat, der ist langst in den 
Handen unsrer Fcinde; es handelt sich um die Organisationen, 
die der Arbeiterklasse den Riickhalt der Solidaritat und die 
Moglichkeit zu kampfen geben. Nicht die Verfassung, die De- 
mokratie oder die Republik hat das deutschc Proletariat jetzt 
zu vcrteidigen sondern die Grundlagen seiner politischen und 
gewerkschaitlichen Existenz, die es sich in siebzig Jahren ge- 
schaffen hat. 

DaB es so weit kommen konnte, dafi sich in Deutschland, 
dem Land mit der bestorganisierten Arbciterschaft der Welt, 
nun Zug um Zug bis in die klcinsten Einzelheiten wiederholen 
kann, was sich vor zeh;i Jahren in Italicn ereignete, daB alle 
Warnungen, alle Mahnungen vergeblich gcblieben sind, das 
konnte an jedcr Hoflnung verzweifeln lassen. Dennoch besteht 
zwischen Mussolinis Marsch auf Rom und Hitlers Einzug in die 
WilhelmstraBe ein gcwaltiger Unterschied. Nicht, weal es in 
Italien keine Deutschnationalen gab, die den Fascismus behin- 
dertcn; nicht einmal, weil d'amals in Italien die Wirtschaftslage 
giinstiger war als gegenwartig in Deutschland; imd schon gar 
nicht, weil Italien weniger Riicksicht auf das Ausland zu p;ch- 
men brauchte als Deutschland. Keiner dieser Vergleiche ist 
stichhaltig, in mancher Hinsicht hatten es die Fascisteit sogar 
schwerer als hier die Nationalsozialisten. Der Unterschied ist 
cin andrer: In Italien. war die Arbeiterklasse bereits geschla- 
gen imd erschopf t, eine so groBe Gewerkschaft wie die der See- 
leute hatte schon den Verband der freien Gewerkschaft en ver- 
lassen und sich dem Fascismus gcnahert, tuid in ganzen Pro^ 
vinzen stand langst kein Gewerkschaftshaus, erschien langst 
keine sozialistischc Zeitung mehr, war en die Konsumgenossen- 
schaften zerstort, hatten die Parteisekretariate zu arbeiten auf- 
gehort. In Deutschland dagegen hat der Terror nocH nicht ge- 
siegt, ist noch vieles da, was die Arbeiterklasse zu verteidigcn 
hat Und pdas deutsche Proletariat ist noch kampffahig. und vor 
allem kampfwillig. 

Der Gedanke der prole tarischen Einheitsfront drangt sich 
jetzt auch Lcuten auf, die ihn noch vor ciner Woche hohnisch 
oder skeptisch ablehnten. DaB die beiden groBen Arbeiter- 

199 



parteicn sich der Notwendigkeit dcr Stunde nun noch entzichch 
konhten, erscheint undcnkbar, 

SoUtc cs zu Verhandlungen kommen, so werden die be- 
tciligten Fiihrer hoffentlicli jede Empfindlichkeit bciscitc lasscn. 
Ein groBes MaB gegcnseitigcr Nachsicht imd Duldung ist die 
erstc Voraussetzung, damit die Einheitsfront liberhaupt zu- 
stande kommt. Und auch dann wird man nicht zu vicl von 
ihr verlahgcn diirlen- Etwa ein en Strich unter die Vergangen- 
heit zu machen und von nun an alle Angriffe aufeinander zu 
unterlassen, ist unmoglich und nicht einmal wiinschenswert. 
Grade jetzt mxissen beide Parteien ihr Eigenleben bewahren, 
um ihre Anhanger zusammenhalten zu konnen« DaB damit 
nicht gesagt sein soil, sie sollen blciben, was sie sind, ist selbst- 
vcrstandlich. Aber ihre Erneucrung muB organisch von innen 
heraus erfolgen, ohne die Organisation zu gefahrdcn. 

Es ist tmvermeidlich, daB auch in Zukunft Sozialdemokraten 
und' Kommunisten cinander vorwerfcn werden, sie seien schuld 
an den herrschenden Zustanden. Diese Auscinandersetzung 
kann nicht zum Schweigen gcbracht werden, und sie darf nicht 
zum Schweigen gebracht werden, denn sie ist wichtig fur die 
Zukunft. Wohl aber ist moglich, daB die beiden Parteien nur 
noch mit geistigen Waffen ringen, daB sie sich als Telle eines 
innig verbundcnen Ganzcn fiihlen und daB sie sich auf eine tak- 
tisch© Linie einigen. Unter alien Urns t and en muB in dcm be- 
vorstehenden Wahlkampf und auch femerhin jede Kraftever- 
geiidung vermieden werden. Es wiirde aber nicht genii gen, 
wenn die beiden Zentralen etwa nur ein Geheimabkommen in 
dieser Richtung schlossen, Freunden und Feinden muB viel- 
mehr zum BewuBtsein gcbracht werden, daB die Arbcitcrklasse 
weiB, worum cs fiir sie geht, und daB sie cntschlossen; ist, 
diesen Kampf Klasse gegen Klasse zu fiihren. 

Wunder freilich wird auch die Einheitsfront nicht vollbrin- 
gen konnen. Wasi in vicrzehn Jahren versaumt ist, laBt sich 
nicht in wenigen Tagen oder Wochen nachholen, Besonders 
hat es keinen Sinn, jetzt sozialdemokratische und kommu- 
nistischc Wahler, Parlamentsmeindate oder auch Mitglieder und 
Abwehrorganisationen einfach zu addieren und aus ihrer 
Summe waghalsige Schliisse zu ziehcn. Das potentiel de guerre, 
das auf der Abnistungskonferenz eine so groBe Rolle spielt, hat 
auch innerhalb eines Landes seine Bedeutung. Die entschei- 
denden Machtmittel aber sind in den Handen dcr Gcgner, und 
mit der bloBen Zahl ist dagegen nichts auszurichten- Jeder Ver- 
such, sich gegen diese Realitat aufzulehncn, wiirde, wie die 
Dingc liegen, der Gc genre volution nur den Vorwand zu immer 
weitcrgehenden MaBnahmen liefern. 

Die proletarische Einheitsfront kann mit Aussicht auf Er- 
folg den Kampf nur dort aufnehmen, wo das potentiel de guerre 
ihr die Oberlegenheit sichert,' wo ihre Kraftquellen flieBep.; im 
Bctrieb- Das ist allerdings nicht dcr heroische Kampf mit Lie- 
dcrn und pahncn, von dem man allzu lange gesprochcn hat, 
ohne ihn zu wagcn, solange es noch Zeit war. Jetzt bleibt der 
Arbeiterbewegung nichts ubrig, als gleichsam von vorn zu be- 
ginnen^ indem sie aus dem sozialen Alltag heraus den Kampf 
gegen die Gegenr evolution zunachst nur um begrenzte sozlale 

200 



Zielc fiihrt, die sich erst spater ins Politische aiisweiten koimen. 
Schon langt man an, das Arbeitsministerium abzubaucn, schon 
riisten sich die Unternehmer, die Einheitstarif© zu zerschlagen 
und durch Sondertarife fiir jeden Betrieb zu erseUca Wie die 
Spruchpraxis der Schlichtungsstellen siqh gestalten wird, laBt 
sich err at en. In dem Aufruf der Reichsregierun|| aber liest 
man statt jeder national,,spzialistischen*' Verheifiung nur ein 
Wort von „dcr Nutzbarmachung dejr Initiative des einzelnen". 

Das Kampffeld, auf dem urn das soziale Gesicht Deutsch- 
lands gerungcn werden wird, ist also bereits abgesteckt In 
diesen Kampfen um den Lohn, die Arbeits^eit, den Urlaub, die 
Versicherungsbeitrage und die wphlerworbenen Rechte auf so- 
ziale Leistungen werden entscheidende Aufgaben den Gewerk- 
schahea zufallen. So bedeutsam eine politische Einheitsfront 
ist, noch wichtiger ist deshalb einc gewerkschaftliche Einheits- 
front des Proletariats. 

Die Kiuft zwischen dem ADGB und der RGO ist womog- 
lich noch groBer als die zwischen den politischen Organi- 
sationen. Aber diesc Kluft muB iiberbruckt werden. Dip ge- 
werkschaftliche Einheitsfront darf jedoch nicht auf Kommu- 
nisten und Sozialdemokraten beschrankt bleiben, sie muB aus- 
gedehnt werden auch auf die demokratischen,, auch auf die 
christlichen Arbeitcr, insbesondere, wenn moglich!, aui den 
Deutschnationalen Handlungsgchilfenverband, dessen Unzufrie- 
denheit mit der neuen) Regierung eine der Sensationcn dieser 
Tage ist. Nur wenn mit leidenschaftlicher Gcduld der Versuch 
gemacht wild, die Arbeiter dort, wo sie arbeitca und folglich 
Macht haben, zu sammeln, nur dann konnen sic ihre Existenz 
und ihr Recht als Klasse vertcidigen. 

Mit vollem BewuBtsein spreche ich hier immer nur yon der 
Arbeiterklasse. Mehr als je ist sic heutc die Linke. Zu ihr 
miissen sich jedoch auch alle die gcsellen, die. am Sozialismus 
uninteressiert sind, die nur nicht woUen, daB dieses Land im 
Fascismus versinkt und an ihm zugrunde gcht. Was ist dcnn 
iibrig geblieben von unsrcr glorrcichcn Demo-kratie? Was wird 
morgen noch von 'ihr da sein? Der Hort dcutscher Freihcit itnd 
deutschcr Zukunft ist jctzt all ein das organ isicHc Proletariat. 
Ihm bcizustehcn — auch mit Geld! — , seinen Opfem zu hclfen, 
seine Sorgen zu teilen, seinen Gcist . zu begrcif en, sollte hcute 
auch die Pflicht jener libcralen Bourgeoisie sein, dici Kultur 
stets als den hochsten Wert eines Zeitalters bezeichnet hat. 

Den Arbeitern aber und denen, die mit ihnen verbunden 
sind, mufi man sag en, daB sic jetzt nicht erwarten diirfen, von 
ihr en Organisationen verteidigt zu werden, sondern daB sie, um 
ihrer selbst und ihrcr Zukunft willen, niin ihre Organisationen 
verteidigen miissen. . Viele werden abfallcn, vielc iibcrlaufcn, 
aber wer das dcutsche Proletariat kennt, der weiB, da.6 c& als 
Ganzes ebenso wenig dem Terror wie demagagischen Lockun- 
gen weichcn wird sondern daB cs jetzt erst zeigen^ wird, was 
cs wert ist. 

In diesen trubcn Tagen konnen Millionen ihre Sehnsupht 
nur auf eine fernc Vision richt en.. Die GcwiBheit Jedoch/ dafi 
diesc Vision Wirklichkcit werden wird, muB uns stark machen, 
auch wenn der Weg, der vor uns liegt, lang und hart sein wird. 

.201 



NumerUS ClaUSUS von Rudolf SciUcet 

pin aufschluBreiches Geschehnis dcr Zcitgeschichte — der 
ominose BeschluB dcs Deutschen Anwaltsvereins, dcr scham- 
los tmd sturmisch den numcrus clausus fordert, ist nicht damit 
begraben und erledigt, daB er alsbald in der Presse gebiihrend 
niedrig gchangt wurdc, nicht damit, daB Chancen f iir seine Ver- 
wirklichung kaum bcstehcn. Wo sich die Versammlung von 
anderthalb Hundert prominenter Anwalte, reprasentativer Ver- 
treter ihrer Berufsgenossen, zu eincr fragwiidigen Massen- 
psychose hinreiBen lieB, jede Selbsteinsicht und jeden Stolz 
verlor, alte geistige Traditionen preisgab^ ohne die altmodisclien 
Ideologien auszuraunien, da lohnt sich das Nach- 
spiiren, lohnt sich Beschreibung und Feststellung. Und 
es ist notwendig, die so explodiertcn Problem e grimd- 
satzlich zu diskutieren. Sobald nicht engstirnig imd mit 
einem Berufscgoismus ohnegleichen argumcntiert wird — auf 
der Bbcne also, auf der man die auf ihre Frciheit stolze 
deutsche Advokatur sehen zu soUen triigerisch gcglaubt hat( — 
zeigt sich hxmdertprozentig; und eindeutig, welcher Verrat am 
Geistigen hier begangen wurde, welchc Wiirdelosigkeit man 
nicht gescheut hat. 

Drei Formen kann der numerus clausus annehmen. Wo 
jiidische Studentcn vom Besuch der Hochschulen ausgeschlos- 
sen werden sollten, erwics sich der numerus "clausus als wirk- 
sames Mittel. Das' ist eine glatte Sachc; beruht auf unver- 
schleiertem Obelwollen gegen die Betroffenen, Wessen Hiindin 
sechs Junge wirft und wer nur fiir zwei Hundesteuer bezahlen 
will, tut gut, vier Blester zu crsaufen. Drittens endlich haben 
Kanincheneltern die bedaucrliche Gewohnheit, aus nicht er- 
sichtHchcn Griinden alle geliebten Jungen totzubeiBen. Dann 
weincn die Kinder, imd die Kaninchen werden abgeschafft, 

Die Anwaltschaft hat cs nicht so leicht, Offenheit und 
Zynismus sind ihr verwehrt. Forderte sie Privilegien, Sub- 
ventionen, Schutzzolle oder Kontipgentierung mit der Un- 
umwundehheitr mit der sich die Ostbewohner, nicht Ost- 
juden, bei Regierimg und offentlicher Meinung erfolgreich 
melden, wiirden Erhohung der Armcnrechtsgebiihren, Ausbau 
des Anwaltszwangs und Anwaltsmonopols oder sonstige Er- 
leichterungen offen erstrebt, wiirde gar klar gesagt, daB das 
Einkommen a tout prix auf d^r Basis des sozial hochst diffe- 
renzierten Existenzminimums gehalten werden soil, niemand 
ware im Zweifel, d^B solchc Memorandcn und Petitioncn un- 
beachtet im Papierkorb endeten. Die Anwalte kampfen nicht 
gegen irgendwen, sodaB ihnen der Elan der erstgenannten 
Art numericrender Bcstrebungcn nicht zur Verfiigung steht. 
Sie kampfen nicht gegen sondem fiir — aber sic sagen nicht 
und diirfen nicht sagen, daB sie hochst nackt fiir sich selbst 
tmd den eignen Verdienst kampfen. Es licgt im Zugc der un- 
aiifrichtigen Zeit, und es entspricht dem geistig unordentlichen 
Aufbau dcr Anwaltschaft, die nicht auf die Dauer ein imklarcs 
Gcmisch von freiem Beruf und „Organ dcr Rcchtspflegc" blei- 
ben kann, daB der numerus clausus mit einer verbogenen, kul- 
turell aufgcputztcn Phraseologic erstritten werden solL Die 

202 



Argumentc, die man dazu vcrwendcti sind das Bedcnklicliste 
dabci; sie sind einer Berufsgruppc unwiirdig, zu dercn unerlaB- 
lichem Riistzeug es gehort, mutig und kampferiscli zui scin, 

Man weiB aus den authentischcn Auslassungen und aus 
anwaltlicher Darstellung, wie die unsclige und mimogliche Ge- 
schichtc schmackhaH gemacht werden soil Die Leier fangt 
ganz oben an: Das Rccht sei die Grundlage des Staats- und 
Gesellschaftslebens. Einc sittenreine, zuverlassige Anwalt- 
schaft sei demgemaB zu hohen Zwecken erforderlicL Im Inter- 
esse des ganzen Volks miisse regierimgsseitig durch eine Ver- 
starkung des Anwaltsmonopols um den numerus clausus ver- 
hindert werden, daB bei Anwalten Unterschlagungen und Ver- 
untreuungen vorkommen. Und deshalb miisse der Verminde- 
rung des anwaltlichen Einkommens vorgebeugt werden, weil, 
so scheint man zu glauben, anders die Vcrsuchung zu krimi- 
nellem oder standeswidrigem Verhalten auf die Dauer nicht zu 
bannen sei, 

Lassen wir beiseite, daB schon tatsachlich eine Menge von 
Irrtiimern und off ensicht lichen Fehlschliissen vorliegt, wobei 
m den bisherigen Diskussionen bereits anderweitig vor allem 
darauf verwiesen wurde, daB solche Unterschleife in der Mehr- 
zahl fe- Falle nicht bei Anwalten mit kleinem, als Existenz- 
minimum unzureichendem Einkommen sondern grade bei Gut- 
verdienern vorgekommcn sind. Ware cs die Not — oh An- 
w alt el — die zur Veruntreuung anvertrauter Gelder zwingt, 
ware der Vcrsuchung aus Not so schwer zu begegnen, daB des- 
halb gesetzliche MaBnahmen grausamster Art, deshalb ein 
^acrificio del intelletto erforderlich waren — die Reichspost 
miiBte die Gehalter ihrer Schaltcrbeamten tmid Geldbricftrager 
erhohen, jedem Kassierer von Amts wegcn ein Sparkassengut- 
haben fiir Krankheitsfalle bercit halt en. Wann haben je die 
Juristen anerkannt, dafi Not ein SchuldausschlieBungsgrund 
sei? Wann haben sie gelten lassen, daB die Macht der Ver- 
haltnisse starker sein kann als die Willenslestigkeit des ein- 
zelnen Menschen? Wann haben sie bei der Aburteilung von 
Prolctariern beriicksichtigt, was seit Lombroso immer wieder 
gefordert wurde? Eigenartig, jetzt zu horen, daB Zwangslatifig- 
keiten psychischer Art grade fiir Kreise gelten soUen, die doch 
die hoherc Moral fiir sich beanspruchten. Ich sagte einlcitend: 
aufschluBreiches Geschehnis. 

Das alles ist gar nicht wahrl Es ist bewuBt an den Haarcn 
herbcigezogcn. Es wird nicht nur aus Not unterschlagen, in 
deit Not wird sogar meist anstandiger gehandelt. Und wenn 
ein schwacher Mensch darunter ist, so muB man ihn aus- 
schlicfien, nicht aber die jungen wartcnden Juristen deshalb 
vom Beruf absperren. Kann dariiber wirklich Mcinungsver- 
schiedenheit bestehen? 

Aber es handelt sich ja um ganz andre Dinge. Die An- 
walts einkommen sinken, und die wcnigen, die noch grofie Ein- 
kiinfte haben, sind nicht typisch. DaB die Anwaltschaft an 
dieser Sachlage zu cinem Teil selbst die Schuld tragt, weil sie 
«ich den Wandlungen der Zeit nicht angepaBt hat, das sei hier 
nur nebcmbci erwahnt. Man braucht Anwaltc, aber nicht 
^jOrgane der Rechtspflege'*; nicht die staubigen Juristen, die 

203 



man dort oft lindct, nickt Leut6 mit Standesideologien aus dcr 
Ehrenkasigkcit des altcn Offizicrkorps. Man braucht freie, un- 
abhangige, schon obcn ist gesagt; mutige Anwaltc, die nicht 
ihrc Gemeinsamkeit mit d«m beamtetcn Jxmstentum* betonen. 
sqndcrn ihre Gcgensatzlichkeit zti ihm. 

Die sinkenden Einkommcn also soUcn gchoben werdcn. 
Unlcugbar ist dcr numcrus clausus dazu ein geeignetes Mittcl. 
Und er ist in dcr Anwaltschaft sdbst bestcns erprobt, indcm 
unter scinem Schutz die Anwaltc am Reichsgericht — in dcr- 
selbcn Zahl wic 1879 bei viclfach vermchrtcm Gcschaftsstand; 
— ein hcrrliches Einkommcn ohnc Sorge und ohnc allzuvicl 
Arbeit bezichcn. 

Hatte die Anwaltschaft die Macht, ein en numerus clausus 
durchzudriickcn, wenn sie glatt den okonomischcn Untergrund' 
dcr Bestrebung zugabc, so licBe sich dagegen schlieBlich nicht 
viel mehr einwenden als gegcn die schone modcrnc Wirtschafts- 
politik im iibrigen, wcnnglcich die Trockenlcgung des juristi- 
schen Nachwuchses iibel genug anmutet. 

Abcr die Herren Anwalte mit ihrer Massenpsychose habcn 
sich noch viel mehr BIoBen gegeben. Dcr numerus clausus 
scheint ihnen nicht nur des SchwciBes sondern auch dcr Luge 
dcr Edlen wert. Und so kommt die schwaimmige uiiaufrichtigc 
Aktion zustande, so werdcn ahnungslos mitlaufcnde Anwalte 
in cine Angelcgcnheit verwickelt, die beschamend ist wic nichts 
in dcr Geschichtc dieses Bcrufsstahdcs, Die Mause kreisen, 
ttnd gcboren wird Emporung imd. Gclachter. 

KnSpfke und Co von nermann Budzislawski 

"D undiunk-Zapf stellcn hat Peter Panter einmal die Laut- 
sprcchcr genannt, aus denen es fiir zwei Mark im Monat 
triibe platschert. Was da verzapft wird, Mildcs imd Mili- 
tarisches, macht jedcn Horer armen Ergicbiger ist es, den 
Rundfunk da anzuzapfen, wo nicht Geist sondern Geld flicBt^ 
also bei den Direktionen dcr Scndegescllschaften, Die magere 
Muse verwandelt sich dort in die schon von Schiller beisungenc 
Kuh von gewaltigem Milchrcichtum. Fast neunzig Millionen 
Mark nimmt die Post jahrlich an Rundfunkgebiihren ein; davon 
crhalten die Reichsrundfunkgescllschaft und die einzelnen 
Scndegescllschaften achtimddreiBig Millionen und somit eine 
Summe, bei dcr nach der Bezahltmg dcr Programmkostcn noch 
cine Klcinigkeit fiir Dircktorengehalter ubrigblciben kann. So- 
gut wic friiher, als Gehaltcr um achtzigtauisend Mark herum 
gczahlt worden sein soilcn, gcht es den Direktorcn frcilich nicht 
mehr; sie sind auf Ministcrgehalter gesctzt, miissen darben und 
sich nach Nebcneinkiinften umschen, Armer Knopfkel 

Die hoch qualifiziertcn Manner, die fiir den aufreibenden 
Dienst in dcr Rundfunk-Dircktion mit, sagen wir, dreiBigtau- 
send Mark kaum angemessen entschadigt sind, warcp. nicht 
leicht aufzutrciben, Wic fand man zum Bcispiel den Direktor 
des Mitteldcutschen Rundfunks, Doktor Fritz Kohl von der 
Mirag in Leipzig? Uber die Laufbahn dieses Mannes wie iibcr- 
haupt iibcr die Korruption im Rundfunk hat der ,Arbeiter- 
sender' viel Material zusammengctra gen, das durch Zuschrif ten 

204 



des Staatssekretars Brcdow nicht cntwcrtct sondcrn zum Teil 
sogaf bestatigt worden ist. Kohl hat friiher mit Kochtopfcn, 
Musikinstriimenten iind andcrn niitzlichcn Gcgenstanden gehan- 
dclt. Als dcr Sozialdcmokrat Doktor Jag.cr nicht langer erster 
Dircktor der Mirag blcibcn durftc, war scin Nachfolger Kohl 
grade Funkfachmann; er war aamlich Vorsitzcnder des Radio- 
Fachverbandes, der Organisation der leipziger Funkhandler. 
Ein Kerl, dicser Kohl, wie er wirklich nicht leicht aufzutreiben 
ist^ ein Tausendsassa, der alles kanni Da hat er zum Beispiel 
zusammen mit einem armcn Studenten cine wissenschaltliche 
Arbeit verfaBt und der Univcrsitat Freiburg zwci Rontgen- 
apparate geschenkt. Donnerwetter, dachten die Professoren 
und machten aus Kohl einen Ehrendoktor der Medizin. Mit 
oder ohnc Ehre erworben, ist der Doktortitcl heute nicht mehr 
vicl wert. Unser bcrliner Knopfke, friiher Montcur und spater 
Reklamcchef des Voxkonzerns, holte sich zur Verschonerung 
seines Namens daher aus Mecklenburg gar die Anrede Pro- 
fessor. Der leipziger Kohl mochte sich die Professur zu Hause 
anfertigen und hat deshalb ein Rundfunkinstitut gegriindet, wo 
fiinf Dozenten den Mirag-Sckretarinnen Privatstunden gebcn. 
Es gibt Institute und Professoren der ,,Zeitungswissenschaft**; 
es gibt eine „Rcklamewissenschaft"; warum soil es keine 
,,Rundfunkwissenschaft" geben? Bald werdcn die Oberwichtig- 
tuer des Metiers Anspruch auf den Profcssorentitel haben. 

Kohl hat sich mit dcr Medizin nicht nur aus dckorativen 
Griindcn abgegeben. Die „Fritz Kohl GmbH" in Leipzig, die 
elektro-medizinische Apparate vert rich en hat und jetzt liqui- 
dicrt wird, betrieb cr nebcnbei. Hat ihr Geschaftsfiihrcr Fritz 
Kohl friiher nicht zuwcilen mit dem Rundfunkdirektor Fritz 
Kohl Geschafte abgeschlosscn? Genaue Auskiinfte waren bis- 
her wohl nur darum schwer zu erlangen, weil sich Direktor 
Kohl in seinem umfangreichen Geschaftsbereich nicht um alles 
kiimmern kann, Kaum fand er hin und wicder Zeit, einen Auf- 
satz fiir die Zeitschrift , Mirag' zu schrciben, die der ,Funk- 
stunde' in Berlin entspricht, und die private Zeitschrift .Mirag* 
muBtc sich mit den Artikeln kleinercr Angestcliter der amt- 
lichen „Mirag*' begniigen. Oft wurde behauptet, dafl Direktor 
Kohl an den paar Pfennigen fiir die Artikelschreiberci nichts 
lagt da er ja laufend groBe Summen vom Verlag der privaten 
, Mirag' erhalten habe. Nun hat Kohl — cbenso wie Knopfke — 
vor langcrer Zeit dem Staatssekretar Bredow versichert, daB 
das nicht stimmc, und Bredow hat es in beiden Fallen geglaubt. 
Eincs Tages wird wohl trotzdem eine Untersuchung .cingclcitct 
werden miisscn, um den auch danach noch offentlich erhobencn 
Vorwurf zu entkraften, daB Kohl fiir jedcs Exemplar der Mirag- 
Zeitschrift zwci Pfennig bekommc. \ 

Ist Kohl ein Knopfke? Nein, beidc sind in offentliche 
Amter verschlagene Handelsvertreter^ die nie begriffen haben, 
was ein off entlichcs Amt in der Illusion des Volkes ist. Der 
bcrliner Funkdirektor muBte Sozialdcmokrat scin, also war 
Knopfke in der SPD, Der Direktor der Funkstundc durftc im 
vergangenen Sommer nicht mehr Sozialdcmokrat scin, also trat 
Knopfke aus der Partei aus. Abcr es gibt noch mehr Funk- 
direktoren in Deutschland. Aus Hamburg holte sich der Rund- 

8 205 



funkkommissar Scholz, der grade Nazi war, den Pg Norag- 
Dircktor Stapclfcldt, der aus der volkischen Bcwcgung kam 
und einmal Redaktcur der , Hamburger Nachrichten* gewesen 
ist, Als er 1924 zur Norag ging, muBte cr Sozialdenjokrat wer- 
deri, ein Fehltritt, der inzwischen riickgangig gcmacht wurde. 

Bei Mannern wie Knopfke oder Stapelfeldt soli man nicht 
nach dem Partcibuch sehen, das nur zufallig so und nicht 
andcrs aussieht. Da6 Knopfke einmal in der SPD war, brauchte 
<len Staatsanwalt nicht zu veranlassen, gcgen ihn allein vorzu- 
gehen. Er hatte^ so sagt man, auBerdem Material iiber die Be- 
ziehungen der brcslauer, hamburger oder leipziger Sendegesell- 
schaften zu ihren privat-ofliziellen Funkzeitschriften sammcln 
sollen, und er hatte cs vielleicht in Akten auf jencm Terrain 
gefunden, auf dem Knopfke audi spekuliert hat — gemeint ist 
die Masurenallee, Vorlaufig wciB man von Knopfke allerdings 
am meisten; die im Funkhaus langst bekannten Bcziehungen 
zwischen ihm und der Druckerei PreuB werden, welch gliick- 
licher Zuiall, grade dann entdeokt, wenn Knopfke fiir den Ge- 
schaftsbetrieb im Rundfunk iiberfliissig wird. Wie Schuppen 
fallt es alien, die vorhcr gern blind waren, von den Augen: 
schon die Propagierung der Charell-Revuen durch die Funk- 
stunde roch nach Korruption, So enthiillen sich die Gehcim- 
nisse, die jeder vomi Bau kemit und bisher als unvermeidliche 
Konstruktionsfehlcr in Kauf nahm, im richtigen Augenblick, 
namlich dann, wenn die der Unsauberkeit ebcnfalls verdachtige 
Gegenseitc grade wenig zu fiirchten hat. 

Was kann der Staatsanwa:lt, was kann der Staat gegen den 
Rundfunksumpf; tun? Gegen einen einzelnen Menschen reicht 
die Staatsgewalt immer aus; abcr hicr wird ,,der Rundfunk'' 
beschuldigt, private und offizielle Geschafte miteinander ver- 
mengt zu haben. Es gibt noch; mehr Surapf in Deutschland. 
Das liegt nicht an der Schlcchtigkcit der Menschen. Aber 
woran sonst? Ein Staat, der in den Handen der Privatwirt- 
schaft ist, kann offentiiche und private Geschafte nicht rein- 
lich scheiden, er vermen,gt sie von sclbst, 

Technokratie von Rudolf aUdebrand 

Duluth, Minnesota 

Jesus ist schon allerlei gewesen. Solltc er nicht auch ein 
Technokrat geiwescn sein? 

Das Thcma der Predigt fiir nachsten Sonntag wird an der 
Kirchentiir oder an eincm Plakatstand vor der Kirche groB 
angeschlagen oder angemalt. Dies ist eine alte amerikanische 
Sitt«, 

Die sogenannte* Technokratie ist das neueste Thema der 
Reverends. „Was sagt Jesus zur Technokratie?" ,, Techno- 
kratie in der Bcrgpredigt." Oder einfach; ,,Nachsten Sonntag 
10.30 Technokratie/* Der gelehrte Theologiedoktor von der 
First Methodist Church kiindigt an: „Fuhrt Technokratie zum 
Kommunismus?" Seine Antwort wird wahrscheinlich mystisch 
ausfalleji; Eincrseits Ja, aber andrerseits auch wiederum Nein. 

Was aber sagen die Technokraten selbst dazu? Sie sagcn 
Nein, sondern im Gegenteil; Technokratie rettet uns vor dem 

206 



Kommunismus. Sic sagen; Der Zusammenbruch des Kapi- 
talismiis ist ausgcmachtc Sache, kein menschlichcs Eingreifen 
kann daran etwas andern, Fiir die unvermeidliche Ncuordnung 
habcn wir die Alternative: cntweder Kommunismus odcr Tech- 
nokratic. So zu lesen im ^Common Sense*, unserm neuen 
offizioUen Technokratenblatt, 

Das kommiinistische Parteiorgan, der .Daily Worker', sagt; 
Technokratie ist einc Irrlehre, cnthalt zwei Hauptketzereicn, 
Sie will nicht das Privatcigentum abschaffen, und sie halt cine 
griindlichc Neuordnung der Geseilschaft auf friedlichcm Wcge 
fiir moglich, 

Ich abcr muB in aller Demut gestehcn: das gcht alles libcr 
meinen Vcrstand, 

Die Technokraten bcobachtcn tiefes Stillschweigcn iibcr 
die Frage nach Abschaffung oder Bcibchaltung der Privateigcn- 
tiimerschaft an Fabriken und an Produktionsmittcln. Sic wollcn 
abcr ganz entschieden Ausschaltung des Privatgewinns aus 
der Herstellung und Vcrteilung unsrcr Nahrung, Kleidung, Be* 
hausung, Automobilung, Amiisierung etcetera. Sie wollcn cine 
Gcsamtplanung fiir das ganze Wirtschaftslebcn: Produktion, 
Arbcitsverteilung, Arbeitsdauer, Arbcitslohn. Wic so etwas 
moglich ware unter Bcibchaltung der altcn Klasscngesellschalt 
und des Privatunternchmertums: dies einzuschen, bin ich cben 
zu dumm und habe also wciter nichts dazu zu sagen. 

Mich diinkt, in allcr Bcschcidenheit sci es gcsagt, Tech- 
nokratie ist Kommunismus, nur unter Vcrschweigung eines g-e- 
nicrlichen Hauptpunktes und Vcrmcidung des bosen Wortcs. 
Kommunismus, der sich selbst noch nicht rccht verstcht und 
auch sich ein bissel schamt. Technokratie ist cine sinnrciche 
Erfindimg, die es dem Amcrikancr ermoglicht, knallrotc Idccn 
zu bcfiirworten und doch <labei ein anstandiger Mensch zu 
bleibcn. Technokratie ist cine amerikanische Erfindun<g; sie 
enthebt uns also der Schande, von frcmden — also minder- 
wcrtigen — Volkcrn cine Lehrc annehmen und ihrc Einrich- 
tungcn nachahmen zu miisscn. 

Der Escl, der nicht gepriigelt wird, lernt nichts; und ganz 
ohne Mord und Totschlag passiert nichts in der sagenannten 
Weltgeschichte. Abcr das kommunistische Dogma von der 
transzendentalcn Unvermeidlichkeit des Univcrsalblutbadcs 
will mir nicht eingehen, 

Anno 1917 war der Kapitalismus in RuBland keineswegs 
zusammengebrochcn, Er war viclmehf erst im Aofbliihen, hatte 
seine besten Profitmoglichkeiten noch vor sich. Die sind ihm 
dann gcwaltsam abgeschnitten worden. Wo abcr nichts ist, 
kann auch nichts abgeschnitten werden. Da ist ein kleiner 
Untcrschied zwischen RuBland 1917 und Amcrika 1933. Henry 
Ford macht kein en Profit mehr, Er hofft frcilich noch; denn 
er ist, wiewohl ein tiichtiger Mechanikus und Finanzier, ein 
•engelreincs Kind. Aber andre Unternchmer mit bcsser ent- 
wickelten Gehirnen hoffcn auch nicht mehr. Stctig wachst die 
Zahl der Hoffnungsloscn, die einschen, daB imter der bisherigen 
Ordnung gar kein Profit mehr zu machen ist, daB der Kapi- 
talismus sich ausgelebt hat. Der Privatbesitz wird immer 

207 



mchr zur Vcrlustqucllc und uncrtraglichen Biirdc, Das gilt 
sogar vom Privatbesitz an groBen Landgutcrn mit Parks und 
Springbruimen uiid edlen Pferden, Da sind manche ^freichen** 
Lcutc schon schwer im Druck, und dcr Druck wird immcr 
schwercr. Sie konnen ihrc schoncn Lustschlosser nicht mehr 
ins t and fialtcn, konnen die Abgaben nicht beza^Jen, Manche 
haben no eh Kredit; man hofft ja noch, aber wie lange noch? 
Vcrkaufen? Wem? Sind ja aile in derselben Klemme, Er- 
losung, wenn schliefilich die ganze Last sachte in National- 
besitz iibergeht. Ja, ganz sachte und friedlich. Warum Men- 
schen zur Verteidigung imertraglicher Lasten Hecr und Marine 
aufbieten und blutige Schlachten licfern soUten, geht iiber 
meincn Vcrstand, 

Freilich ist die menschlich-e Torheit schon manchmal iiber 
meincn Verstand gegangen. Totschlag groBen Stils bleibt 
immerhin denkbar, Aber wahrscheinlich kommt es nicht dazu. 
Dafi der Kapitalismus in sich zusammenbricht, liegt in den USA 
so klar auf der Hand, Bei uns hat sich der Kapitalismus in 
Reinkultur entwickelt, unbehindert von so mancherlci Fak- 
torcn, die man anderswo fiir die Depression mitvcrantwortlich 
machen kann. Unser Kapitalismus hat keincn Siindcnbock, 
Hier gibt es keine auf Geburt und keine auf Bildung gegriin- 
deten Klassenunterschiede. Wir haben auch keincn Krieg ver- 
loren und seufzen uriter keiner Nationalschuldenlast, Bei uns 
hungem und frieren Millionen angesichts reichster Vorrate* 
Sic cntbehren des Notwendigen, und wir haben doch die Mog- 
licbkcit, das Leben von der materieUen Seite fiir alle leicht 
und angcnehm zu machen. Geld ist zwar reichlich in Banken; 
aber das ist, wie Hoover es ncnnt, ngefroren*. Man kann 
nicht s damit anfangen, kann es nicht in Umlaul bringen. Wenn 
man es unter die Lcutc verteilte, ware auch nichts geholfcn, 

Meine beschcidcne Prognose fiir die USA gebe ich in ein 
paar kleinen Thescn; 

Der ^Kapitalismus geht von selbst kaputt. M^nschliches 
Zutun kann scin Endc wcder bedeutcnd verzogern noch bc- 
schlcunigen. 

Die Umfwalzung wird im ganzen friedlich verlaufen,, weil 
man ihrc Unvermcidlichkeit rechtzeitig. einsehen wird, 

Nach Erlcdigung der kapitalistischcn Ordtiung ist bcim 
Stande der vorlicgcnden technologischen Entwicklung nur cine 
kommxmistische Ordnung moglich, in alien wesentlichcn Punk- 
ten der jctzt in RuBland bestehcnden gleich. 

Bei der Bezeichnung der kiinftigcn Einrichtungcn wird man 
solchc Worter wie nKommunismus", „Sowjet** sorgfaltig ver- 
m-eidcn. 

Viclleicht ist „Technokratie** das Wort der Zukunft. Dcnn 
dieses Wort, erst kiirzlich aufgekommen, hat in ungeahnter 
Weisc geziindet, Es schcint wirklich das erlosende Wort zu 
scin, das unschuldige Wort, wonach das amcrikanische Gemiit 
sich hciB gesehnt hat. Ein Arbcitcr lliegt unter Umstanden, 
wenn er in der Kantine sagt, daB Jesus ein Kommunist gewesen 
sei. Aber nun hort man an heiliger Statte: Jesus war ein 
Tcchnokrat, 

208 



Ich, Anna Czillag • . • von Johannes Bflckler 

r\ ie noch heute in Kraft stchcndc Rcichsgcwcrbcordnung 
von 1869 gestattet ausdriicklich jedem Deutschen die gc- 
werbs- und gewohnhcitsmaBigc Behandlting von Kranken, auch 
ohne Nachweis von Kenntnissen und Fertigkcitcn, Das 
Deutsche Reich nimmt in dieser Hinsicht cine Sonderstellung 
ein. Voile Kuricrfreiheit hat von den Kulturlandern nur 
Deutschland und der schwcizer Kanton Appenzell. In Eng- 
land existiert sie in beschranktem Umfange, jedoch hat der 
Kurpfuscher keine gcrichllichen Rechte, kann also keine For- 
derungcn einklagen, 

Der Hufschmied muB einc EignungspruJung ablegcn, aber 
was dem Pfcrd recht ist, ist dem Menschen noch lange nicht 
billig; der Kurpiuscber wird ohne jede Priifung auf ihn los- 
gelassen, Es gcniigt die Anmeldtmg beim Krcisarzt, der kein 
Einspruchsrecht hat; ledtglich wenn „Gaukelei** vorliegt, kann 
er davon Gebrauch. machen. 

Die hier folgenden Beispiele fiir den MiBbrauch der Kurier- 
freiheit entnehmen wir dem Material der .Zeitschrift fiir 
Volksaufklarung'. 



Schon unsre GroBmiitter kannten aus Zeitungs- und Zeit- 
schrifteninseraten das Bild jener Frau, die stolz im Schmuck 
ungchcuer lang;er Hziare prangt tuid behauptet, daB jeder 
solches Haar haben konne, d^ sich vertrauensvoU an sie, 
Anna Czillag, wcndc. In letzter Zcit war den Inseraten ein 
abtrennbarer Coupon beigegeben, auf dem bestimmte vor- 
gcdrucktc Fragen von den Haarkraliken beantwortet imd 
dem cine Haarprobe beigefiigt werden muBte. Die Sache 
sah also sehr reel! und wissenschaftlich aus. In Wirklichkcit 
handelte cs sich um einen jahrzchntelang gegliicktcn Schwindel, 
der jetzt endlich ein gerichtliches Nacl^piel gcfunden hat. 

In der Verhandlung stellte sich. durch Zeugenaussagen hcr- 
aus, daB die Haarprobcn stets ohne Untersuchung fortgcwor- 
fcn wurden. AuBerdcm bekundete der mcdizinische Sach- 
verstandige, daB es bei der groflen Anzahl yon Haarkrankheiten 
unmoglich sei, aus einer kleinen Probe fcstzustcllcn, was dem 
Haar fchle. SchlicBlich wurdc das „Wundermitter* der 
,,Anna-Czillag-Gcsellschaft'* chemisch untcrsucht, und siehe 
da, es erwies sich als einc simple Salbe aus ungefahr acht- 
undachtzig Prozent Schweineschmalz, zchn Prozent Bieiien- 
wachs und nicht ganz zwei Prozent Perubalsam imd Bcrgamot- 
tcnol. Also cine ganz gewohnliche Haarpomade, wie sie jeder 
Friseur fiihrt. Der sachverstandigc Apotheker errechnete den 
Herstellimgswert auf sechsundvicrzig Pf ennige, Verkauft wurdc 
das „Wundermitter* aber mit dreizehn Mark! Axif Grund die- 
ser Beweisaufnabmc kam das Gericht zu folgendem Urteil: 
Wegen Betrugs und unlauteren Wettbewcrbs werden dicAn- 
geklagten zu je drei Monaten Gefangnis und taiisend Mark 
Geldstrafe verurteilt — was aber kcinesfalls die Wiedercroff- 
nung des Untemehmens untcr einer andern Firma hindert. 

209 



Vor dcm Schoffengcricht in Prcnzlau stand kiirzUch der 
Fischcreipachtcr und Heundekmann Robert B,, der sich dort 
1931 Hiiicdcrgclasscn'* hatte. B. hatte eine besonderc 
,,Diagnostik", Er lieB die Kranken, die sich ihm anvcrtrauten, 
einige Zahlen multipliziercn und dividiercn. Aus der End- 
summe dieser Rcchenexempel ,,erkannte'* cr dana die Krank- 
hieit^ Bei einer so neuartigen Diagnostik konnte es nicht aus- 
bleiben, daB auch hocKst merkwiirdige Diagnosen heraus- 
kamen. So st elite B, einmal cinen „zwolf Meter langen Band- 
wurm mit drei Kopfen und groBen Hornem** fest, Und nur 
weil eines Tages eine Betrugsanzeige erfolgte, schritt der 
Staatsanwalt ein, und der Homerbandwurmentdecker erhielt 
eine Strafe von einem Jahr Gelangnis und 150 Mark BuBc. 

Der Nafurheilkundigc Klein, seines Zcichens eigentlich 
Maurer, war nicht klcinlich. In s ein en Werbeschreiben gab cs 
keine Krankheit, die er nicht hcilcn konnte. Seine Hilfsmittel 
waren die beriichtigte Augcndtagnose und Urinuntersuchun- 
gen. Mit der Urinuntersuchung stimmte allerdings nicht alles: 
der zur Priifung gegebcne Urin wurde namlich ohne wel- 
ter es fortgeschiittet, da iiberhaupt keine Apparate zu einer 
Untersuchung vorhanden waren, Daftir waren aber seine 
Kuren um so groBartiger. Er besorgte sich aus Apotheken und 
Drogerien Krauterpulver fiir zehn bis fiinfzig Pfennig e, anderte 
die Packung und verkauftc dann dies unfehlbare Heilmittel fiir 
sieben bis zehn Mark, Er war auch vollkommen auf der Hohe 
der Zeit, indem er Radiumkuren verordnete, die allerdings 
wiederum nur aiis harmlosen Krauterpulvcrn bestaiiden, die 
aber wegen ihres ,,Radiiimgehalts" fiinfundzwanzig bis vier- 
undvierzig Mark kosteten, Er wurde wegen f ortgesctzten Be- 
truges mit acht Monaten Gefangnia bestraft, Aber nichts hin- 
dert ihn daran, spatcr weiterzupfuschen. 

Zwei weise Frauen mit .jWunderol" standen kiirzlich in 
zwei vcrschiedenen Stadten vor Gericht. Die eine war schon 
vielfach verurteilt, weil sie hunderte und tausende von Kran- 
ken mit alkrhand ekclhaften und fragwurdigen „Medikamen- 
ten'* behandelt hatte. Diesmal hatte sic bei einem Schloisser 
,,innere Vereiterung in der Gegend der Wirbelsaule'* fest- 
gestellt imd ihn mit heilkraftigem 01 be- oder vielmehr miB- 
handelt. Der Patient hatte bereits 990 Mark bei der Weiscn 
Frau bezahlt und sollte noch weitere 1225 Mark hergeben! 
Da aber nahm er das ..Rosenol" und ging zum Kadi. Dort 
stellte man fest, daB es ganz gewohnliches Leitimgswasser 
warT Das Urteil lautcte auf neun Monatc Gefangiiis. 

Die andrc Frau hatte iibcr hundert Zeuginnen in den 
Gerichtssaal beordert, die allc unter ihrcm Eid aussagten, daB 
ihnen die Kur mit dem „Wunder6r' groBartig geholfen habe. 
Es niitzte aber der Angeklagten nichts. Denn zwei sachver- 
standige Chemikcr stellten an Gerichtsstelle lest, daB das 
Wunderol der eigne Urin der Frau war. Sie muB eine Riesen^ 
produktion gehabt haben. Urteil: mehrere Monate Gefangnis* 

Besser ging es einem Mann, der auch gewohnliches Leir 
tungswasscr als teures Heilmittel verkaufte. Er konnte zwar 
den beiden Sachverstandigen nicht widcrlegen, daB es sich 

210 



in der Tat um Leitungswasscr handelte, abcr cr habc es stets 
mit elektrischen Energien geladcn, die er als geheime Kraftc 
ia seinem eigneti Korper tragc, d'as sei fiir ihn jedesmal eine 
furchtbarc korperlichc Anstrcngung gewesen itnd rechtfertige 
daher den hohen Preis. Er wurde freigesprochen. 

Ein amii&antes Kapitel in der Kurpfuscherei sindj die so- 
genannten Fernbchandlungen, Da gibt es zum Beispiel einc 
„Kosmisch - magnetische - clektrische - Raumkraftfernstrahlen- 
therapie". Dem Herrn Raumkraftfernstrahler genugt zur 
Diagnosestellung das getragene Hemd der Kranken. Dann 
verordnet er folgende Kur: Die Kranke soil sich an bestimm- 
ten Tagen der Wochc und zu bestimmten Stunden still hin- 
legen und die von Herrn L, auf ftinfzig Kilometer Entfernung tfe- 
sandten MFern-Od-Strahlen" erwarten. Das sollte zur Hei- 
lung ciner unrcttbar Kranken geniigen. Es geniigte zwar 
nicht, was Herrn L. jedoch nicht hindcrte, wochentlich drei- 
mal „Od-Strahlen" zu drei Mark zu liquidieren, 

Im gunstigsten FaUe schaden alle diesc Kuren nichts, 
wenn sie auch nichts ntitzen, Aber sehr haufig treten auch 
mehr oder weniger groBe Schadigungen des Kranken ein. So- 
gar todlicher Ausgang ist nicht selten. Wahrend abcr ordent- 
liche Arzte fiir ,,Kunstfehler*' schwer bestraft werden, kommt 
der Kurpfuscher meistens mit einer sehr geringen Strafe da- 
von. Erst kiirzlich wurde ein ,tHomoopath'* S„ dem ein acht- 
zehnjahriges Madchcn in der Behandlui^| gestorbcn war, wegen 
fahrlassiger Totung zu zwei Wochen Gefangnis verurtcilt, 

Nicht verge ssen darf man, daB den Kurpfuschern ihre 
Arbeit auBcr durch das Gesetz dadurch ungeheucr erleichtert 
wird, daB die groBcn Tagcszcitungen und Zeitschriftcn wahllos 
ihre offensichtlichen Schwindelinserate gegen gutc Bezahlung 
aufnehmcn, Sie soil ten dann , aber wenigstens daran denkent 
dafl Fremdworter Gliickssache sind und den Inserenten dar- 
auf aufmcrksam machen, daB es ^Elepsie", Injecktion'*, eine 
nHeilpraktis*', „galwanischc Stromc" undsoweitcr nicht gibt. 

Im Ernst: Das Reich vcrwendet viele Millionen fiir medi- 
zinische Untcrrichts- und Forschungsanstalten, verkundet aber 
zuglcich, durch seine Gesetzgebung, daB die Krankenbehand- 
lung der einzige Beruf ist (auBer dem des ungelemten Ar- 
beit crs), fiir den man ,gar nichts gelernt zu haben braucht. 
- Das Gesetz fordert vom Kandidaten der Medizin eine griind- 
liche Priifung. Warum — wenn doch jedcr ohne Priifung 
Kranke behandeln darf? Die Reichsgewerbeordnung fordert 
Prufungszeugnis fiir jede Hebamme, aber Frauenkrankheiten 
darf jeder behandeln. Jeder Handwerker muBl drei oder vier 
Jahre lernen, fiir die Heilkunst braucht man gar nichts ge- 
lernt zu haben. Hebaramcn und Lehrer diirfen die Heilkunst 
beruflich nicht ausiiben, aber jeder Analphabet darf es. Der 
Korper des Deutschen wird auf alien Schritten bewacht: Luft, 
Wasser, Fleisch, Butter, Brot, Hauswandc, alles wird hygienisch 
iiberwacht. Aber sobald er wirklich krank ist, liberlaBt ihn 
der Staat jeder Schadigung. Auf dem Gebiet der Medizin 
spezialisieren sich die Arzte immer mehr. Nur der Kur- 
pfuscher heilt schlechtweg alles und jede Krankheit, Hier 
hat der Gesetzgeber noch viel zu tun. 

211 



Mifigriffe von Rndolf Arnheim 

CTine dreijahrige Tonfilmpraxis hat noch nlcht verhindern kdnnen, 
'^ daB gegen das richtige Verhaltnis von Ton zu Bild immer wieder 
gnindsatzliche VerstoBe vorkommen. Sei es, well das Gefiihl der 
Praktiker noch nicht sicher genug ist, oder sei es einfach aus mdu- 
striellen Gesichtspunkten« Dieset' Tage konnten wir Mudieren: einen 
Film, der miBlungen ist, weil ihm die Sprache fehlt; einen Film, der 
miBlungen ist, weil er Sprache bringt; einen Film, der miBlungen ist, 
weil er Bilder bringt. 

Die mechanische Wiedergabe eines Musikstiickes durch Nahaufnah- 
men des Orchesters zu, begleiten, das kann eigentlich nur als Speku- 
lation auf den Stardirigentenkult des Publikums gedacht sein. Warum 
sonst sollte man der Schallplatte und dem Rundfunk Konkurrenz 
machen, indem man, in der Series „I>aLS Weltkonzert", einen StrauB- 
Walzer seiner ganzen Lange nach nxit den Bildern streichender, zup- 
fender und tutender Herren bestuckte, die selbst beim genialsten Re- 
gisseur der Welt nicht ariders als; langweilig batten ausfallen konnen 
und die im vorliegenden Fall noch dazu ohne Riicksdcht auf den 
gleichbleibenden Mikrophonabstand Ansichten aus wechselnder Ent- 
lemung zeigten. (Entweder also man springt dauernd mit der Laut- 
starke, dann diirfte das Musikstiick zerplatzen, oder man laBt den 
Bildabstand entsprechend konstant.) Und der Anblick des monu- 
mental von unten, wie Mussolini auf dem Balkon, aiifgenommenen, 
vor schwarzem Grunde dirigierenden Erich Kleiber muB auf dieDauer 
seLbst den abgehartetsten Philharmoniebackfisch ermiiden, Ein Musik- 
stuck ist, im Gegensatz zum Tonpart eines echten Tonfilms, ein: in 
sich geschlossenes Werk, das durch optische Zutaten nur zerpfliickt 
wird, falls sie nicht aus dem Charakter der Musik erfunden sind, wie 
ein Tanz oder das Lichtspiel der Fischinger-Wiirmer. 

Geschlossene Tonwerke ertragen keine Bilder, geschlossene Bild- 
werke ertragen keinen Ton. Der neue Buster-Keaton-Film „Wer an- 
dern keine Liebe gonnt", zeigt, grade well die besonders gut gelun- 
gene Nachsynchronisierung sich um eine zwanglos volkstumliche 
Dialektkomik bemuht, daB der Tonfilm die Kunst der amerikanischen 
Stummf ilmgroteske grundsatzlich zerstort hat. Diesei auch historisch, 
von der Akrobatik herkommende Filmform ist wahrscheinlich der ein- 
zige gelungene Versuch gewesen, aus dem Fehlen des Akustischen die 
ktinstlerischen Konsequenzen zu ziehen. Man paBte sich in Spiel- 
handlung, Maske und Pantomimik dem uberirdischen Niveau an, auf 
dem der Film sich durch seine Stummheit sowieso bcfand. Die Not- 
wendigkeit einer stummen Gebardensprache wurde nicht moglichst ver- 
tuscht sondem zu dem Stil eines marionettenhaften Puppenspiels aus- 
geweitet. Buster Keaton hat diese seine Ausdrucksform beibehalten, 
ist aber zur tonenden Puppe geworden (weil das Publikum „keine' 
stummen Filme mehr will'* — eine Behauptung, die f iir Chaplin und 
Keaton heute bestimmt nicht zutrif ft) , und man hat ihn zwischen 
Dialogschauspieler der gewohnlichen Art gcstellt, die grade wenn sie, 
ihrem Wesen entsprechend, recht nattirgetreu reden, sich nicht mit ihm 
verstandigen kdnnen. , Charlie Chaplin feiert — vielleicht dieser 
Zwangslage wegen. Bringt er den Mut auf, seiner stummen Kunst 
kompromiBlos weiter zu dienen, so wird ihm der groBe Erfolg nicht 
fehlen, Fiigt er sich dem Aberglauben der Produzenten, so werden 
wir ihn verlieren, Wie Buster Keaton. 

Zum stilisierten Groteskfilm paBt "kein Dialog, ein ^wohnlicher 
Spieltonfilm aber ist ohne ihn unmoglich. Paul Fejos stand, bei seinem 
Legenden-Film „Marie'\ vor der Aufgabe, einen ungarischen Film zu 
drehen, der auch im Ausland verkauflich sein sollte. WeiB man das 
nicht, so wundert man sich, warum et, die sogenannte intemationale 
Version seines Films mit einem Gerauschkatarakt von Musik, 

212 



Glockenlauten, Aulschreien, Gelachter und Geheul uberschtittet, das 
gesproch«ne Wort aber fast ganz vermcidct- Alles Unartikulierte tont, 
auch aus den Menschen, aber im librigen geht es zu wie in einem Asyl 
fur taubstumme Holschauspieler. Feierlich langsam und schweigend 
wandeln . die PerSonen umeinander herum, und so ls>t ein auBenseite- 
rischer Film entstanden, dem das gebildete Publikum gleich anmerkt* 
daB es ihn gut zu finden hat, Demi unser Elite-Filmpublikum fliegt 
gern statt auf Qualitat auf Extravaganzen. Erstaunlicher ist, daB 
grade den anspruchsvolleren Kunstlern so haufig das primitivste Gc- 
fiihl dafiir abgebt, was filmisch ist und was nicht. Frei von dem ver- 
stockten Dogmenkodex der Filmindustrie, verfallen sie auf Absonder- 
licbkeiten, die der Sache des guten Films bei der Produktion und 
dem groBen Publikum schaden, (Ein Beispiel dafur ist der erschrek- 
kend miBgliickte er.ste Film von Gustaf Grundgens nEine Stadt steht 
Kppf": ein noch dazu durch diirftigstc Nachsynchronisierungen ver- 
unzierter Operettenklamauk altester Schule, mit hallendem Pointen- 
geschmetter und Aufzug der Cbargen in malerischer Gruppe und 
Gansemarsch, ein Film, der vom Theater nimmti was selbst auf dem 
Theater nicht mehr wirken kann,) Fejos glaubte wohl, aus der Not 
eine Tugend, aus dem' Wegfall der Sprache einen gehobenen Filmsiil 
machen zu konnen, der fiir eine ttLegende" die geeignete Form ab- 
gabe. Weglassen aber ist noch nicht Stilisierent und so hat der Film, 
bei einzelnem als Einfall guten Manuskriptepisoden, die Hilflosigkeit 
eines Verstummelten. Er scheint gute zehn Jahre alt und ahnelt 
an Gestalt und Geschmack verbluffend dem „Letzten Augenblick", dem 
ersten Film von Fejos, der ebenfalls die Leidensgeschichte eines jungen 
Menschen erzahlte, Altmodisch wirkt der Film nicht allein durch 
die kiimmerlichen Bauten, die falsch malerische Fleckigkeit der Bild- 
ausleuchtung (erzwungen vielleicht durch unzureichende Atelierein- 
richtungen in Budapest) sondern vor allem durch die veraltete Art, die 
vom Begriff her typische Szene zu geben anstatt der aus dem natur- 
lichen Handlungsablauf zwanglos entwickelten: wenn das Madchen um 
eine Stellung bittet, halt sie der Wirtsfrau schweigend ihr Dienstbuch 
entgegen — ein verstandliches Symbol, aber die Verstandigung mit 
dem Publikum ist unter Umgehung der Wirklichkeit zu billig und un- 
filmisch erreicht. Fejos hat nicht die Angst vor der Langeweile, die 
der Industrieregisseur durch eingestreute Animier-Episoden zu ver- 
meiden sucht. Gut tausend Meter lang laBt er die (ubrigens sehr un- 
dorflich«, feingliedrige und zartnervige) Annabella mit gesenktem Kopf 
im Zeitlupentempo wandeln, Lyrisch ist, wen^ nichts passiert* Fejos 
konnte von Ren6 Clair lern«n, wie vollbesetzt mit Einfallen ein guter 
Film sein mufi. Und vollends verdirbt er einem den Geschmack an 
seinem Film, indem er am SchluB das durch Leid gelauterte Dienst- 
madchen zu einer mit Goldgeschirr ausgestatteten Himmelskuche auf- 
schweben laBt . . , „Ich glaub, wenn wir in den Himmel kamen", sagt 
Wozzcck, „so mufiten wir donnern helfen/' Marie hilft, vermittels 
eines Wassereimers, regnen. Der todliche Kummer, den ihr bomierte 
Menschen angetan haben, erweist sich durch den SchluB streng kirch- 
lich als ein empfehlenswertes Mittel, die goldenen Fleischtopfe der 
ewigen Seligkeit zu erlangen, 

Mag sein, daB dieser SchluB als Bonbon fur die Zensur notwen- 
dig war; um im strengkatholischen Ungarn einen Film moglich zu 
machen, der zeigt, daB die Damen des offentlichen Hauses mehr 
Hcrz haben als die anstandigen Burger der Privathauscr. Ftir ims 
ist an einem solchen Motiv nichts auffallig Waghalsiges, und so wirkt 
der Film durch seinen SchluB reaktionar. Mag sein, daB Paul Fejos 
sich wundert, wenn man ihm das vorwirft, Kunstler pflegen sich von 
ihren unbewuBten Antrieben nicht Rechenschaft zu geben. So ist auch 
Luis Trenker, wie es scheint, erschrocken iiber die uble Hetzwirkung 
seines „Rebeir'-Films, von dem hier neulich die Rede war. Sein Film, 

213 



sagt er, sollte weder nationalistisch sein noch brutale Freude am 
Totcn erregen. Grade so aber wirkt er. 

Ein Kiinstler kann sich mcht damit verteidigen: man diirfe es 
doch nicht tendenzios nennen, wenn er ein Stiick faktischer Wirklich- 
keit vorfiihre. Was geschehen ist, sei doch wahr und nichts als das! 
Erstens einmal liegt fast immer eine Tendenz in der bloBen Auswahl 
des Stoffes: welches Stiick Wirklichkeit man in welchem Augenblick 
vor die Augen des Publikums bringt. Es bedarf keiner Erlauterung, 
wie die Darstellung eines bewaffneten Aufruhrs gegen die Franzosen 
zu einer Zeit wirkt, in der man, um im Filmfach zu bleiben, beispiels- 
weise plant, zehn Meter unter dem StraiknpflaMer des dresdner Alt- 
markts ein untcrirdisches Tausend-Personen-Kino zu bauen, das zu- 
gleich als — Gasschutzraum eingerichtet werden soil. Zweitens kommt 
es auf die Gestaltung des Mwirklichen" Vorgangs an. Was ist denn 
wirklich? Auf den Photographien von der Nazi-Demonstration am 
berlincr Biilowplatz sah man, soweit sie im .Angriff erschienen, lauter 
marschierende Nazis, in der kommunistischen ,WeIt am Abend' aber 
lauter bewachende Schupos. Trenker und Bernhardt zeigen in ihrem 
Film beispielsweise das Niedersinkcn der Getroffenen auf eine male- 
rische, reichlich unbestimmte Art. Sahe das Publikum die vom Fels- 
gesteih zerfleischten Menschen- und Tierlciber, so crstarrten ihm viel- 
leicht die beifallsfi^eudigen Hande. Man kann seine Statisten nicht 
ermorden, gewifi, aber man soil solche Aufnahmen eben erst gar nicht 
versuchen, 

Drittens und wichtigstens aber wirkt, dadurch, dafi man einen zu 
kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit wahlt, das Wirkliche oft als 
Schcinbeweis fiir eine falsche Weltbetrachtung und wird seines eigent- 
lichen Sinnes beraubt. Kriegsfilme und Kriegsromane pflegen zumeist 
den Kriegsfreund wie den Kriegsfeind in seiner Meinung zu bestarken, 
weil sie nur das Kampfen zeigen, nicht seine eigentlichcn Ursachen. 
Im vorliegendcn FaU'zcigt man tiroler Bauem, die, von fremden Sol- 
daten iiberf alien, vielleicht wirklich nichts andres tun konnen als 
wiederschlagen. Indem man aber nicht deutlich macht, welches die 
eigentlichc Ursache des Oberfalls ist, wird die nationalistische Vor- 
stellung eines von Natur aus feindlichen, beutegierigen Nachbarvolkes 
von Fremdlingen genahrt. Hatte man wahrheitsgemaU gezeigt, wie hier 
harmlose Menschen, die keinerlei Intercsse haben konnen, einander 
zu hassen oder zu berauben, aufeinahdergehetzt werden, um den Macht- 
geliisten und Soldatenspielereieh von ein paar Leuten zu dienen, die 
durch sinnlosen Handstreich oder Erbanspruch zur Herrschaft gelangt 
sind, so hatte sich die Perspektive auf einen Freiheitskampf weit 
grofieren Formats eroffnet: auf einen Freiheitskampf der MiBbrauch- 
ten diesseits imd jenseits der Grenzc. Aufruhr der Gladiatoren gegen 
die Herren in der Loge — das ware ein passendes Motiv fiir die ktinst- 
lerische Gestaltung des Freiheitskampf es, die Trenker, nach seiner Aus- 
sage, vorgeschwebt hat! 

Dann ware auch die mbrderische Steinlawinc, die jetzt dem Publi- 
kum ein so hemmungsloscs Vergniigen bereiten kann, weil sie ja „die 
Bosen richtet", als ein entsetzliches Riesenspielzeug der Regierenden 
erschienen, von verzweifelnden Bauem auf die Kopfe unschuldiger 
Mitmenschen geschleudert. Einen winzigen Ansatz zu solcher Betrach- 
tungsweise hat Trenker selbst in ^nem Film „Berge in Flammen" 
gebracht, als er vor den deutsch-italienischen Kampfen die Freund- 
schaft zwischen einem deutschen und einem italienischen Bergsteiger 
zeigte. Auf. den „RebeH" aber reagiert das Publikum genau so brutal 
und gefahrlich, wie der Film es verlangt. Der Idee des Freiheits- 
kampfes wird dadurch geschadet, dafi sie in eine falsche Richtung 
manovriert wird, und wenn der Regisseur Kurt Bernhardt als gelehri- 
ger Schiller mitteilt, man miissc den „Mut zum Heroischen" aufbrin- 
gen, so sei ihm gesagt, dafi es heute — im Gegensatz zu der natio- 

214 



nalistischen Manier, das Heroische als Selbstzwcck zu kultivicren — 
mehr denn j« darauf ankommtr im Dienste welcher Sach-e man sich als 
Held erwcist. Und daB er dies Heroische auf gesiindcrer und schone- 
rer Grundlage in eincm Lager finden konnte, fiir das er sich nach 
Konstitution und Vergangenhcit besser eignct als fiir das der heutigen 
Konjunktur, 

Hof mannsthals Roman! ragment Hermann^Kesten 

r^cm Enthusiasten scheint es, als ware groBe Kunst offenkun- 
*^ dig, tind ■dcnnocK ist die Wirkung der groBen Kunstwcrkc 
selten eine spontane. Hugo von Hofmannstbal, der einer der 
kunstvoilsten Prosaisten unsrer Zeit ist, hat ein Romanfrag- 
ment hintertasscn; ,, Andreas oder die Vereinigten", ein Muster 
einer herrlichen dichterischen Prosa, und dieses Fragment er- 
scheint, zusammen mit den interessantestcn und geistreichsten 
Notizen^ die der Dichter fiir seinen Roman sich machtc, im 
S. Fischer Verlag (brosch, 5, — ; kart, 6, — ; Leinen 7,50) und 
macht kcinc Sensation, nicht einmal eine literarischc, Aber 
das Buch ist in der Tat eine Sensation, nur eine von jener 
Art, die zuweilen ein Jahrhundert braucht, damit man sie in 
ihrem ganzcn Umfang gewahrc. Die Schonheit ist leicht in ihre 
einzelnen Ziige zu zerlegen^ nur kann man aus dicsen Ziigcn 
die Schonheit nicht wieder zusammensetzcn. Die Prosa Hof- 
mannsthals ist in jedem Detail Tradition, unschwer sind jene 
Millionare der Sprache zu identifiziercn, die er beerbte, etwa 
Goethe und Stifter und Biichner. Kein einzclner Zug seiner 
Prosa ist originell, und doch ist jede Seite cinzigartig und ge- 
heimnisvoll reich. 

Die Fragmente beginncn mit einem Motto aus Ariost; ,,Es 
hat in unsrer Mitte Zauberer und Zauberinnen, aber niemand 
weifi es/* Auchi Hofmannsthal war ein Zauberer der Prosa, und 
nur wenige wissen es- Die hinterlassencn Kapitel schildcrn die 
Ankunft des jungen adligen wiener Herrn Andreas in Venedig, 
seine Reise durch Karnten, seinen Aufenthalt auf eincm groBcn 
Bauernhof, wo er das schonc Madchen Romana trifft, seine 
Begcgnung in Venedig mit dem Ritter Sacramozo und einen 
Besuch bei Nina, einer Schauspielerin. Die Notizcn geben ein 
ungefahres Bild von der Idee des ganzen Romans; die aus- 
gefuhrten Kapitel sind etwa ein Vicrtel des geplanten Ganzen. 

Der Vergleich der Notizen und der ausgeftihrten Tcile cr- 
gibt sofort als starksten den zwiespaltigen Eindruck, daB das 
Einzelne und Ganze, Grundidee und jedes Detail, in der Skizze 
ganz Reflexion, in der Ausfiihrung ganz Anschauung sind. Der 
in telle ktuellste Schrifts teller nach der Intuition wird zum un- 
intellekiuellsten nach der Ausfiihrung, Im Plan scheint das 
Symbolische zu iiberwuehern, das ReflexioncUc droht das 
Poetische zu ierstickcn wic kaum je in den Tagebiichcm eines 
Hcbbel und in den Kunsttheoricn eines Schiller. In der Aus- 
fiihrung scheint Hofmannsthal (scheint nur so obcnhini) zu der 
Reihe jener reflcxionslosen Poetfen wic Stifter oder Eichen- 
dorff zu gehoren, die manche unsrer kunstf ernen Literatur- 
kritiker zu der Ansicht vcrfiihren, die wahre Poesie sci ver- 
nunftlos, und der Dichter denke in Bildem- Indes, die Dichter 

215 



sprechen nur in Bildcrn, und wo nur SinnLichkeit und Natur 
zu wait en scheiiien, haben Idee tind Reflexion geherrscbt, und 
dieses glanzende Beispiel, das dank einem ungliickscligen Gc- 
schick ein gliickliches Beispiel ward, mochte jenen unb.erufe- 
nen Literaturkritikern, die in Poesie und Ratio Antipoden 
sehen, zur Lehre dienen. 

Da Hofmannsthal die groBten Tendenzen hatte und er 
seine Ideen nach Art der romantischen und symbolischen 
Kunst nicht aussprecheu sondern erscheinen lassen woilte, 
muiJte er zu den kuhnsten und ungewohnliclisten Bildera und 
Szenen greifen, um durch die Seltenheit der Handlungen und 
Erscheinungen die GroBartigkeit der Ideen anzudeuten. Da 
er seinen Roman zu einem exemplarischen machen wollte, 
stelltc er did seltsamsten sinnlichcn Erlebnisse und seelischen 
Abenteuer in den konventionellen Rahmen der groBen curo- 
paischen Erziehungsromane: Ein jungcr Mensch reist, um an 
fremden Menschen und in fremden Situationen seinen Geist zu 
bilden, seinen Charakter zu finden, seine Person zu gestalten. 
Es ist wohl dieses Schema, das Jakob Wassermann meint, 
wenn, er in seinem ebenso schonen und bedeutenden wie er- 
greifenden Nachwort anlaBlich Hofmannsthals ,, Andreas" von 
einem ,,6stcrreichischen Wilhelm Meist^r'* spricbt. 

Die Situation in diescn Romankapiteln sind so seltsam, 
daB es aller Kunst bcdarf , lun si© glcichzeitig so natiirlich er- 
scheinen zu la&sen, wie sie uns hier erscheinen, Etwa ein 
Mann auf der StraBe oHnet den Mantel, er tragt darunter nur 
ein Hemd; ein Grai, der selber die Kiicheneinkaufe besorgt; 
cine Lotterie, deren einzigcr Gewinn die Jimgiemschaft der 
Grafentochter ist; die Graf in ist LogenschlieBerin, der Graf 
Lichtputzer im Theater; ein Diener, der ein Raubmorder war, 
er ist entsprungen; karntner Bauern, die von Ursprung adlig 
sind; ein Knecht, der die Magd, zu der er schlich, anbindet 
und vor ihr einen Scheitcrhaulen errichtet und ihn anziindct; 
ein Neffe, der an der Tiir des Kaffeehauses vor d'cm Onkel 
niederknict; ein Liebhaber, der nachtlicherwcile die Eltem 
seines Madchens belauscht, wie sie im Bette zartlich bei- 
einander liegen, er abcr wollte ins Bett seines Madchens 
schleichen; ein Mann, der Malteser Sacrampzo, dem man scin 
Eigen, das er auf der StraBe verlor, nachtragt, er nimmt es 
und kchrt sich nach ein paar Schritten um; und reicht- es hln 
und sagt, es sei nicht sein Eigen; ein Madchen, das in einem 
fremden Hof in einer fremden Stadt durch ein Rebendacb 
nach einem fremden Jiingling langt und verschwindet ; und so 
weiter und wciter. Alle diese als Symbole erdachten, als 
Symbolc gesetzten, wie zufallige Abenteuer erzahlten zwie- 
spaltigen Szenen fiihrcn zimi Hauptthema des Romans, zum 
„Problem des doppelten Ichs", wie Jakob Wassermann 
schreibt; zum Problem d'er Entzwciung der Welt, wie man 
sagen konnte; dcnn man darf nicht vergessen, die groBen ro- 
mantischen Romane hand'eln alle von einem groBeji Zwiespalt, 
etwa zwischcn Natur und Zivilisation oder zwischen Moral 
und Religion, zwischen Individuum und Gemeinschaft, oder 
handeln wie alle Bildungsromanc von der Entzwciung oder 
Doppelheit der Person. Der Dualismus, ein romantisches 

216 



Element, das in der Moral, in der Philosophie, in der Religion, 
im Staatswcscn u'berwundcn zu sein schcint, macht noch 
immer die Weltanschauung in vielen modernen Roman en aus. 

Die eine Notizensammlimg Hofmannsthals beginnt mit d*em 
Aper^u: ,, Andreas ZTvei Halftcn, die auseinanderklaffen" 
(S. 109) — oder S. 115; „das Doppelte seiner (des Chevalier) 
Natur" — S. 110: „der Untcrschicd zwischen Sein und Er- 
scheinung" — S. 115: „erster Anblick des Maltescrs: ein ge- 
ahnter harmonischer Kontrast zwischen Erscheinimg und 
Gcist** und so weiter. Dieser Dualismus ist in den Notizen Hof- 
mannsthals durchgangig. Er auBert sich im ausgefiihrten Teil 
als eine Technik der Kontrastwirkungen, 

In diesen Notizen, die voll der tiefsinnigsten und geist- 
reichstcn Anmerkuaigen sLnd und freilich zuweilen auch nebcn 
den wahrsten pseudophilosophische Ideen enthalten, spricht 
Hofmannsthal einmal iiber Poesie, vmd diese Worte gelten 
auch fiir seine Dichtung. AnlaBlich Ariost erklart Holmanns- 
thal als Funktion der Poesie: „Die Poesie hat es ganz und gar 
nicht mit der Natur zu tun. Die Durchdringung der Natur (des 
Lebens) beim Dichter ist Voraussetzung.** Und ,iDas Unmog- 
liche ist d^ cigentliche Gcbiet der Poesie/' 

Hier ist aufs Deutlichste jene Scheidung von Natur und 
Poesie ausgesprochen, die heute in der Vulgar-Literaturkritik 
gar nicht mehr begriffen wird, d'a diese annimmt, die dichte- 
rische Erfahrung sei mit der Statistik oder der Soziologie oder 
Photographic vcrwandt. Diese ganze so torichte und vul- 
garc Kunstbetrachtung krankt ebensowohl an ihrem Probabili- 
tatsbediirlnis als auch an ihrem iiberspannten Utilitaritatsver- 
langen; das Kunstwerk hat weder den Wahrscheinlichkeits- 
begriffcn verdiistertcr Kople noch dem Niitzlichkeitswahnsinn 
verrannter Parteitheoretiker' zu geniigen, wenn cs auch einer 
potcntiellen AUgcmeingiiltigkeit bedarf, 

Hofmannsthal sohreibt; ,,Das Hohe erkennt man an den 
Ob er gang en, Alles Leben ist ein Obergang" und ,, Poesie als 
Gegenwart, Das mystischc Element der Poesie: Die Oberwin- 
dung der Zeit" und „Man muB alles nach Vorbildcrn tun/* 

Hier sind in abgekiirzter Form Aesthetik imd praktische 
Philosophie miteinandcr verbunden, und Kunst und Leben wer- 
den cinandcr glcichgesetzt. Das ist eine spirituclle Weltauf- 
fassung, und Hofmannsthal schreibt auch; ,,Der Geist ist einer- 
lei" und ,, Die Menschen sind die Leiden undTaten des Geistes*' 
(S. 118) und „Der Geist ist ein Tun,'* 

Diese spirituellc Auffassung formt den Charakter der Prosa 
Hofmannsthals, und dennoch wird seine Prosa ganz sinnlich, 
ahnlich wie bei Heinrich Mann, an dessen Antithese ,, Gcist 
und Tat**, Hofmannsthals Definition „Geist ist Tat" (,,ein 
Tun") erinnert. 

Das symbolische Element gibt dem Romanfragment 
,, Andreas'* seine Ticfe, das romantische Element seinen mar- 
chenhaften Zauber, der sinnlichc Reichtum an Details den An- 
schein einer groBen realen Nahc. Die verborgenen und ver- 
schwiegenen Reflexionen blitzen auf wie groBe Ahnungen 
wundcrbarer Erkenntnisse von Welt und Leben, Durch un- 
geheure Verkurzungen der Gcfiihle und Charakteristiken er- 

217 



halt alle Schildermig eine unwiderstehliche Bedeutimg, Man 
vcrsinkt in dieser Prosa wic in den Erzahlungen Gottfried 
Kellers, Adalbert Stifters oder Brentanos, man vcrsinkt in 
eine getraumte Welt, die bedeutungsvollcr, geheimnisreicher 
und kostbarer als die gewohnliche Welt erschcint, 

Es ist kein Zweifel, Jakob Wassermann hat recht, dieses 
Fragment ist „eins von den unsterblichen deutschen Bruch- 
stiicken wie die Schubertsche H-moIl-Symphonie, der Biich- 
nersche Lenz imd der Ofterdingcn des Novalis". 

Der VerflOSSene von AUce Ekert-Rothholz 

Alle Rechte vorhehalten 
T afi die Vergangenheit, wo der Flieder wachst! 
■*-* Geniigt es nicht, daB eine Frau dir gehort? 
Was gewinnst du, wenn du ihren Verflossenen entdeckst? 

Lafi ihn ruhn! 
Im Schreibtisch. Im Herzen, Dort, wo er nicht stort. 

Was niitzt denn post festum ein Liebesverhor? 

Sie sagt dock nur, dein Vorganger war ein Malheur! 

„. . . LaB doch; gegen dich war der Junge ein armer Schattenf 
Und er trug immer so alberne PunktchenkrawattenT* 

Sie lacht , , . Und du stimmst begeistert ein, 

Ihr lacht den Verflossenen kurz und klein ... 
Er ist ein Schatten — 

Ein Schatten mit Piinktchenkrawatte. Ganz ohne Glorienschein. 

Sind nun deine Eifersuchte tot? 

I wo! Jetzt fragst du di^ Margarine vom Butterbrot! 
Doch jede Vergangenheit ist ein feindlichcs Drahtverhau ... 
Der Verflossene interessiert dich jetzt mehr als die Frau. 

Einmal. . . einmal war dieser Kerl doch ihr Held! 
Und jeder Mann schenkt der Frau ein paar Herzschlage lang seine 

Welt. 
Diese fremde Welt . . . umgeben von Schweigemaucrn und 

Riesenlatten. 
Man kennt bestenfalls den Heuschnupfen und den Lieblings- 

verein . , . 

War der fremde Verflossene fiir die Frau nur ein Schatten? 

Er war ein Mensch! Mit Punktchenkrawatte. Nicht ohne 

Glorienschein. 

Von jetzt ab seid Ihr immer zu dritt!' 
Der Verflossene tanzt (iberall mit euch mit, 
Lebt mit euch als selbsttatiges Argernis. 

Er sitzt bei euch am Tisch . , . stankert , . . grinst ungewiB . , . 
Er und ein Schatten? Mein Lieber, du hist ein Schatten! 
Jener ist: ein Heiliger mit Piinktchenkrawatten, 
Denn allmahlich vergoldet ihn deine Dame, 
Seine Abwesenheit macht ihm Gefiihlsreklame . . . 
Er schlief im Schreibtisch. Farblos . . . gesichtlos . . , staubbedeckt . . . 
Du selbst hast ihn zu furchtbarem Leben erweckt! 
Der Verflossene laBt euch nicht mehr allein, 
Ein liebes, altes Gespenst! 
Ein Gespenst mit Punktchenkrawatte und Glorienschein ... 

LaB die Vergangenheit wie einen Regenschirm stehn! 
Und bleib mit der Frau, die du liebst, allein . . . 
Wehc, wenn die Verflossenen auferstehn! 

Sie werden zu Siegern. 
Mit Punktchenkrawatte und Heiligenschein. 
218 



Das Experiment RGO von k. l. cerstorfi 

lV7ir stehen vor einer Reihe von Bctriebsratswahlen, die fiir 
die deutschc Arbeiterbewcgung von crheblichcr Bedeutung 
scin konnen. Da seit dem Krieg der Spalt durch die gesamte 
deutsche Arbeiterbewcgung ging, so sind auch die Freien Ge- 
werkscKaftcn davon natiirlich in erhcblicher Weise tangiert 
worden. Die Kommunisten haben zunachst in den Gewerk- 
schaften, wie iibcrhaupt in der Massenorganisation der Arbei- 
tcrschaft, die Taktik verfolgt, oppositionellc Gruppen aufzu-" 
Ziehen; und sie sind grade bei den Gewerkschaften damit recht 
gut gefahrcn, Es ist noch nicht' so lange her, da vermochten 
zum Beispiel im Mctallarbeiterverband die Kommunisten ein 
Drittel der Delegierten zu stellcn. 

Die kommunistische Taktik entsprach damals den Richt- 
linien, die Lenin in seinem beriihmten Buch ifier Radikalismus, 
die Kindcrkrankheit des Kommunismus" aufgestellt hattc. Un- 
gefahr am Beginn der Weltwirtschaftskrise brachen die Kommu- 
nisten, in volliger Verkennung der politischen Lagc und eig.ncn 
Starke, mit diescr Taktik* Sie zwangcn bei Bctriebsratswah- 
len ihrc Mitgliedcr, nicht mchr auf igemeinsamen Gewcrk- 
schaltslisten zu kandidieren sondern eigne rote Bctriebsrats- 
listen aufzustellen, Es war selbstverstandlich, daJ3 die Gcwcrk- 
schaftsbureaukratic aufs scharfste reagierte; sie stcUte die 
kommunistischen Funktionare sofort vor die Entscheidung; 
entweder ihr kandidiert auf Gewerkschaftslistcn oder gcgen 
die Gewerkschaftslisten, tut ihr das Letzterc, so werdet ihr 
ausgeschlossen. 

Auf dicsc Weise wurde die Elite der kommunistischen 
Funktionare aus den Gewcrkschaftcn geworfcn. Wcnn aber 
die kommunistische Partei geglaubt hatte, 'daB sich daraus cine 
Masscnbewegung zugunstcn der Ausgeschlosscnen ergeben 
wiirde, so sah sic sich schmahlich gcJtauscht, Auch friihcr 
hatte die Gewcrkschaftsburcaukratie vielfach unter direktem 
Bruch der Statuten Kommunisten ausgeschlossen. Aber wenn 
sic es nur aus politischen Griinden tun und ihr Vorgchen in 
keiner Weise organisatorisch begr linden konnte, dann hat ten 
sich vielerorts Hundcrte und Tauscnde von freigewerkschaft- 
lich Organisierten mit den Ausgeschlosscnen solidarisiert und 
deren Wicderaufnahmc in die Vcrbandc erzwungen, 

Bei der neuen Sachlage aber boten die Kommunisten der 
reformistischen Leitung ein en bequemen AusschlicBungsgrund 
gradezu auf dem Prasentierteller dar. Die schloB die Kommu- 
' nisten mit der Bcgriindung aus, daB sie Spaltcr seien, die 
durch eigne Betriebsratslisten die Einheit der Gewerkschafts- 
bewegung sprengcn, und diese Motivierung bewirkte, daB sich 
hinter die ausgeschlosscnen Kommunisten nirgendswo groBere 
Arbeitermassen stcllten, Durch diese rote Betriebsratstaktik 
haben sich daher die Kommunisten von den* breiten Massen 
der Arbeiterschait auch in den Bctrieben immer starker iso- 
liert, Aber die politische Entwicklung hat ihre immancnte 
Logik. 

Die Kommunisten muBten die Fimktionare, die infolge der 
ultralinken Taktik die gewerkschaftliche Basis verloren hatten, 

219 



wiedcr zusammenfasscin. Sic tatcn das in dcr RGO (Rote Ge- 
werkschaftsopposition), und erweckten damit in ihrcr EinfluB- 
sphare die unglaublichsten lUusionen. Die Sozialdemokratic 
ware nicht mehr nur reformistisch, sie ware bercits sozial- 
fascistisch. Die Gewerkschaften wiirden immer mehr zu 
Strcikbruchorganisationen werden, und die RGO hatte die 
Aufgabc, alle rcvolutionaren Arbeiter zu sammeln, auch die 
groBen Massen dcr bisher gewcrkschaftlich Unorganisierten. 

Von ihnen behaupteten die Kommunisten damals, daB sie 
zum Teil radikalcr und revolutionarer waren als die Organi- 
sierten und nur wegcn dcr strcikbrecheriscben Neigungen der 
Gewerkschaften diesen fern blieben. 

Die RGO besteht schon seit einigen Jahrcn, und wir konnen 
daher nachpriifcn, inwieweit die Hoffnungcn der KPD der 
Wirklichkcit entsprechcn. Auf dcm letzten Bezirksparteitagc 
dcr KPD hat man die neucstcn Mitgliedcrzahlen iiber die Ge- 
samtstarke dcr RGO in Berlin und im Reich angegeben: 







im Reich 




Berlin 


insgesamt 


Metall 


28 000 


78 000 


Bau 


9 800 


42 000 


Gemeinde, Verkehr, Hafen, Wasser 


15 200 


42 000 


Post und Staat 


950 


6 500 


Chemie 


700 


8000 


Holz 


5 500 


12 000 


Textil 


800 


10 800 


Graphik 


1800 


6 500 


Eisenbahn 


2 600 


15 000 


Nahrungs- und GenuCmitt^l 


6 200 


17 200 


Lcder 


150 


2 500 


Handel 


5 800 


16 700 


Banken 


900 


2 800 


Film, Biihne, Musik 


850 


3 500 


Land 


150 


4 500 


Bcrgbau 


— 


4 500 




insgesamt 79 350 


322 000 



Das Ergebnis dcr vierjahrigcn Tatigkcit ist ein vollig ka- 
tastrophalcs- In der RGO sind' heute nicht einmal 10 Prozcnt 
dcr in den freien Gewerkschaften organisiertcn Arbeiter. Abcr 
auch diesc Zahlcn sind noch zu giinstig. Die ,Rote Fahnc' hat 
sichcrlich cher nach oben als nach tmten abgcrundet, und jedcr 
Kenncr dcr RGO weiB, daB Zehntausende von Mitgliedern noch 
gcfiihrt wcrdcn, die langst keine Bcitrage mchr bezahlcn, weiB 
weiter, daB mchr als 80 Prozcnt arbeitslos sind. Wenn in dcr 
RGO noch 40 000 Betriebsarbciter sind, dann diirfte das eher 
zu hoch als zu niedrig gegriffen sein. Es ist selbstverstandlich, 
daB diesc Zahl vicl zu gcring ist, um groBcre Streikaktionen 
dcr Arbeitcrschaft moglich zu machcn, und wo die RGO, von 
den Gewerkschaften isolicrt, Streiks vom Zaune gebrochen 
hat, ist sie dcnn auch klaglich ^eschcitcrt. 

Wenn heute viclfach Betriebsarbciter, obwohl sie innerlich 
mit dcr Sozialdemokratic und ihrer Politik langst gebrochen 
haben, doch der sozialdemokratischcn Parole folgen, so ist cs 
nicht zulctzt diesc absolut ultralinkc kommunistische Gcwerk- 

220 



schaftspolitik, die in vielen Arbcitcrn den kommunistischeip. 
Gedankcn selbst diskrediticrt hat. Am dcutlichsten, • am plas- 
tischsten aber trat die Verkehrthcit der RGO-Politik beim. 
berliner Verkchrsarbeiterstreik hervor, Einc schonungslose- 
Analysc dicser MiBstandc ist notwendig, um die politischen> 
Konsequenzen in Zukunft zu ziehcn. 

Die BVG war einmal eine kommunistische Hochburg- Als- 
die Kommunisten noch auf den allgemeinen Gewcrkschafts- 
listen kandidicrten, bekamen sie die absolute Majoritat der 
abgegebenen Stimmen, circa doppelt so viel wic die Sozial- 
demokraten auf der frcigewerkscKaftlichen Liste. Als aber ber 
der BVG wie liberall die Kommunisten von ihren Funktionaren 
verlangten, daB sie gegcn die Gewcrkschaftslisten auf eignen 
Listen kandidierten, anderte sich bald das Bild, und bei der 
zweiten Wahl tmter diesem neuen Modus eroberte die frei- 
gewcrkschaftliche Liste, die nur noch au5 Sozialdemokraten 
bestand, die absolute Majoritat der Stimmen, wahrend die 
Kommunisten viele Tausende verloren. Es war selbstverstand- 
lich, daB die Gewerkschaftsbureaukraten die Gelegenheit be- 
nutzten, um auch den Funktionarkorper moglichst kommu- 
nistenrein, moglichst frei von alien revolutionaren oppositio- 
nellen Element en zu halten. Beim Verkehrsarbeiterstreik 
konntc man die Riickwirkung der falschen kommunistischcn 
Taktik mit aller Deutlichkeit feststcllen- Zur Obcrraschung 
der Bureaukratie hat ten sich mehr als 80 Prozcnt der Abstim- 
menden fiir den Streik erklart. Sie gab widerwillig dem Mas- 
sendruck von unten nach, Der Schiedsspruch wurdc daher von 
den Gewerkschaften abgelehnt; er wurde sofort fiir verbind- 
lich erklart. Und was geschah weiter? 

Am selben Tage, an dem in Berlin der Verkehr vollig 
stockte, an dem nicht nur die gesamte Arbeiterschaft sondem 
die weitestcn burgerlichen Kreise mit den streikenden Arbei- 
tern sich solidarisierten, an diesem Tage fand eine Funktionar- 
sitzung des Gcsamtverbandes statt. In dieser wurde nicht ein- 
mal die Frage zur Diskussion gestellt, ob man gegen einen 
verbindlich erklarten Schiedsspruch streiken kann, sondem es 
wurde mit 400 gegen 3 Stimmen der Verbandsfiihrung das Ver- 
trauen ausgesprochen und der BeschluB zur Wiederaufnahme 
der Arbeit gefaBt. Der Streik ging kaputt, Tausende von Ver- 
kehrsarbeitern wurden gemaBregelt, und natiirlich versuchtc 
man, die Betriebe moglichst von kommunistischen Elemcnten; 
zu saubern. 

Wenn die Kommunisten jedbch weiter Mitglieder geblie- 
ben waren, wenn sic bei der BVG die absolute Majoritat be- 
halten hatten, wenn im Funktionarkorper der kommunistische 
EinfluB auch nur annahernd so groB gewesen ware wie im Be* 
trieb, dann ware die ent^ch^idende Sitzung der Funktionarev 
die zum Abbruch des Streiks fiihrte, anders verlaufen, Dann 
ware der Verkehrsarbeiterstreik nicht abgebrochen sondern 
zum siegreichen Endc gcfuhrt worden. 

Die Konsequenzen aus der gesamten Entwicklung der 
RGO sind klar* Die Freien Gewerkschaften sind noch beute 
die starkste und machtigste Organisation der deutschen Ar- 

22t 



Ijeit'crklassc. Von hicr und grade van hier kann einc Gcsun- 
dung, (kann eine Aktivicriing der Arbeitcr kommen. Sie wird 
aber nur dann erfolgen, wcnn die KPD nicht nur halbe Wen- 
dungen macht sondem ganze, wenn sie die RGO liquidiert 
und' im Bund mit alien revolutiotiaren linken Elementen inncr- 
lialb der Gewerkschaftcn die Opposition organisiert. Die oppo- 
sitionellen Stromungen bci den Gewerkschaftsmitgliedern 
sind sehr betrachtlich. Es gilt nur, sie ,unter richtigen Parolen 
zu sammeln, 

IVochenschau des Rfickschritts 

— In Prcufien, Oldenburg, Mecklenburg-Schweriu und Thiiringen 
wurde ein Demonstrationsvcrbot fur die kommuriistischc Partci und 
alle ihr angeschlossenen Organisationen erlassen* Die fiir Sonntag, 
den 5. Februar, angesetzte Demonstration der berliner SPD im Lust- 
:garten wurde verbotcn, weil am gleichen Tage das Staatsbegrabnis 
fiir den nach dem Fackelzug vor dem Reichsprasidenten imd dem 
Reichskanzler erschossenen Schupo und fiir den bei der gleichen Ge- 
legenheit erschossenen SA-Fiihrer Maikowski stattfand; Maikowski 
hat am 9- Dezember 1931 den Kbmmunisten Lange angelslich in Not- 
wehr erschossen, war gefltichtet, nach langerer Zeit verhaftet und dann 
aus der Unter^uchung shaft entlassen worden, 

— Der tVorwarts* wurde wegen angeblichen Hochverrats auf drei 
Tage verboten* Wegen Vorbcreitung cines gewaltsamen Umsturzes 
wurden das ,Ruhr-Echo*, die niederrheinische ,Freiheit', die .Bergische 
Arbciterstimmc', die ,Bergische Volksstimme' auf vier Wochen ver- 
boten; die ,Siiddeutsche Arbeiterzeitung' auf cine Woche; beschlag- 
nahmt wurden einzelne Nummem der ,Roten Fahne, der ,Sachsischen 
Arbeiterzeitung* und des ,Echos des Ostens'; zwei Nummem der 
,Wiener Roten Fahne' wurden wegen ihrer Angriffe ^egen das Kabinett 
Hitler beschlagnahmt, ^ . 

— Das Karl-Liebknecht-Haus und and re Raume kommunistischer 
Organisationen wurden durchsucht, 

— • Der OrtspoUzeiverwalter von Hamborn und elnige Landjager, 
die bei einem ZusammenstoB mit Nationalsozialisten auf diese ge- 
^chossen batten, wurden auf Anordnung des kommissarischen preufii- 
schen Inncnministers Goring bis zur Klarung der Angelegenheit von 
ihren Am tern suspcndicrt. 

— Auf Ersuchen des neuen Arbeitsministers Seldte muBte der 
Staatssekretar Grieser aus dem Reichsarbeitsministerium sofort seinen 
-Abschied nehmen* 

— Nach einem Theaterskandal in Elbing wurden die weitcren 
Auffiihrungen des Stiickes von Alfred Herzog pKrach um Leutnant 
Blumenthal" abgesetzt, 

— Eine berliner Kundgebung, der Liga fiir Menschenrechte gegen die 
Kulturreaktion wurde verbpten, weil „Andersdenkende an den zu er- 
wartenden Reden AnstoB nehmeni konnten und somit Gewalttatigkei- 
ten zu befiirchten seien," 

— Eine Veranstaltung der prager Liga fiir Menschenrechte uber 
die) politische Justiz wurde (,aus Griinden der Bedrohung des offent- 
lichen Wohls" poHzeilich verboten. 

— Der kommunistische Reichstagsabgcordncte Koenen wurde nach 
-einer in Wicn gehaltenen Rede verhaftet und aus Oestcrreich aus- 
gewiesen. 

Wochenschau des Fortschritts 

— Gestrichen. 
222 



Bemerkungen 

Vorweggenommene 
Geschichtsfaischung 
p\ ie Wisaenschaf t der Geschichts- 
'^ schreibung beruht auf dem 
schlechten Gedachtnis der Men- 
schen. Fragen Sie heute einen 
PunfunddreiBigjahrigen nach dem 
Krieg oder den Spartakusaufstan- 
den oder der Inflation — er hat 
kelne Ahnung mehr. Das Erlnne- 
rungsbild weist tJbertreibungen 
nach oben oder unten auf, in je- 
dem Fall aber mehr Lticken als 
Ftillungen. Fine verschwommene 
Materialisationsphoto von Trom- 
melfeuer oder Brotkartcnelend ist 
2uruckgeblieben, die von Jahr zu 
Jahr blasser wird, Auf Grund 
dieser gliicklichen Vcranlagung 
des Menschengeschlechtes ist es 
moglich, die groBten Dummheiten 
und die groBten Verbrechen im 
Lauf einer einzigen Generation zu 
wiederholen. 

Photographie lugt nie, sagt das 
Sprichwort. Mit Hilfe der mo- 
dernen Technik muB es, sollte man 
meinen, moglich sein, der kiinfti- 
gen Geschichtsschreibung unwider- 
legbares Material zu liefern. Min- 
destenst das^ was gestern und 
heute geschieht, sei nicht zu fal- 
schen. Weit gefehlt. Von den 
parteiischen und parteilosen Zei- 
tungen abgesehen und abgesehen 
von alien Falschungen, die durch 
Weglassen entstehen, betrachte 
man ctwa einmal eine groBauf- 
gemachte SchluBseite der verbrei- 
tetsten deutschen Bilderzeitung. 
Die oberc Halfte ist von ^der 
Photographic einer Zeichnung ein- 
genommen, bei der es sich nicht 
um ein Kunstwerk handelt sondern 
urn den heute so beliebten Griff 
ins voile Menschenleben. „Was ich 
heute in der Stadtbahn eriebte: 
Stellungslose Artisten zeigen ihre 
Kunste," Dargestellt ist ein wohl- 
genahrter Athlet, dessen Not 
Eisen bricht oder wenigstens 
biegt. iJm ihn geschart das 
Publikum eines IIL Klasse-Ab- 
teils, das aus den Banken fallt, 
um nur ja nichts von den Dar- 
bietungen zu versaumen. Die Leute 
hinten springen auf, die Frauen 
hort man formlich schreien vor 



Begeisterung, die Manner verges- 
sen das- Aussteigen. Aha, denkt 
sich der Leser kiinftiger Zeiten, so 
war das also — der unentwegte 
deutsche Arbeitsoptimismus fand 
eben noch in hochster Not Aus- 
weg, Anerkennung, Lohn< Und 
dieser Zukunftsleser wird nie er- 
fahren, daB solche Darbietungen 
taglich erfolgt sind, daB kein 
Stadtbahnpassagier deswegen den 
Blick von der Zeitung hob, daB 
die Masse der Heimfahrenden bei 
solchen Gelegenheiten in dumpfer 
Feindseligkeit erstarrte und hoch- 
stens, um die gestorte Ruhe wie- 
der herzustellen, in seltenen Fal- 
len ein paar Pfennige lockerte. 
Gott mag wissen, woher der 
Zeichner seine Rpsenbrille be- 
zogen hat* 

Weiter tinten ist auf der glei- 
chen Seite, diesmal wirklich 
photographiert, die Telephonistin 
zu sehen, „die sich vor zwei Mo- 
naten vom berliner Funkturm aus 
einer Hohe von 75 Metern herab- 
sttirzte, Sie crlitt einen Schadel- 
bruch, einen Bruch der Halswir- 
belsaule und mehrere Knochen- 
bniche, und wird jetzt, vollig wie- 
derhergestellt, in den nachsten 
Tagen aus dem Krankenhaus ent- 
lassen." Wunderbare Heilung, 
steht dariiber. Aha, denkt sich 
der Leser in Gegcnwart und Zu- 
kunft, wie haben wir es herrlich 
weit gebrachtl Die Chirurgie auf 
dem Hohepunkt ihrer Entwick- 
lung, keine Aufgabe ist ihr zu 
schwer. Glucklich das Opfer, an 
dem ihre Leisttmgsfahigkeit de- 
monstriert werden konnte. Leider 
vcrschweigt die Unterschrift die 
Geschichte der dargestellten Tele- 
phonistin, die als einzige Ver- 
dienende ihrer insgesamt arbeits- 
losen Familie einem Abbau von ^ 
Arbeitszeit und Gehalt um fiinf- 
undzwanzig Prozent entgegensah 
und nicht wuBte, wie sie mit den 
restlichen achtundsechzig Mark 
monatlich weiter vier Personen cr- 
halten sollte. Sie rechnete und 
dachte solange nach, bis ihre Ner- 
ven rissen und sie den Tod suchte. 
Davon erzahlt die Zeitschrift 
nichts, und auch nichts von den 

223 



Wochen, in denen das Madchen 
bewuCtlos lag und ihrc Lippen un- 
aufhorlich das Hallo, wer dort? 
formten, das der Inhalt ihrcs Le- 
bens war. 

Wir wisscn nicht, was um uns 
g€schieht, nicht einmalf was in uns 
geschieht, Wie sollen wir wissen, 
was gc&chchen ist? Die Moglich- 
kcitcn, wcnigstens Tatsachen ein- 
deutig festzuhalten, werden miB- 
achtet und verfalscht^ Und es gibt 
doch wenigstensi nach der nega- 
tivcn Seite noch genug Dinge, die 
eindeutig sindl Hans Glenk 

Moskau fiber Sauerland 
7 uweilen gcht sogar in diesen 
^ Zeiten noch ein Wunsch in Er- 
fiillung. In: der Nummer 39 dcs 
vorigen Jahrganges driickte ichf 
atis AnlaB der Besprechung von 
Kurt Sauerlands „Dialektischem 
Materialismus", die Hoffnunj^ aus, 
es moge sich bei den Kommuni- 
stcn j emand f inden, der den Ver- 
fasser in seine Schranken weist, 
Es hat sich j emand gef unden: 
Julius Alpari zieht in drei Num- 
mern der ,Imprekorr\ der Jnter- 
nationalenPresse-Korrespondenz*, 
gegen Sauerlands Machwerk zu 
Felde und zerfetzt das Buch nach 
alien Regeln der Kunst, Alpari 
ist kein Irgendwer und die ,Im- 
prekorr' nicht irgendein Partei- 
blatt. Wenn der Fraktionsfiihrer 
der . ungarischen Kommunisten in 
dem amtlichen Organ der Komin- 
tern grundsatzliche Auslassungen 
veroffentlicht, dann geschieht das 
nicht nur nicht gegen den Willen 
Moskaus sondem, man kann wohl 
sagen: gradezu auf Wunsch der 
obersten Parteifiihrung. 

Zugegeben; Der Standpunkt, 
von dem aus Alpari Sauerland 
absticht, ist ein andrer als der, 
den wir hier einnahmen. Alpari 
will den Marxismus vor einem 
falschen Propheten retten, in der 
.Weltbiihne* sollte an dem Bei- 
spiel Sauerland demonstriert wer- 
den, wohin eine Theorie geraten 
kann, der mit aller Gewalt das 
frische Blut schopferischen Neu- 
UBUJieiisi vorifULuai Lt:ii wiiu. x/uCu 
darauf kommt es in diescm Zu- 
sammenhang gar nicht an. Wich- 
tig, ist die Tatsache an sich, wich- 
tig nicht nur ausi einem Gxunde. 

224 



Dem Leiter einer ernsthalteur 
oft sehr informativen, kommuni- 
stischen Zeitschrift, des ,Roten 
Aufbaus*, einem Manne also, der 
einen verantwortungsvollen Posten 
innehat, wird -auf siebzehn eng- 
gcdruckten Quartseitcn nachge- 
wiesen, daB sein Buch „nicht nur 
ein literarischer" sondern „auch 
ein politischer Skandal'* ist, und 
zwar grade deswegen, weil der 
also Kritisierte alle theoretischen 
Bemiihungen deutscher Sozia- 
listen^ damit auch die der Luxem- 
burg, Liebknecht, Franz Mehring, 
und naturlich nicht weniger die 
antircvisionistischen Vorkriegs- 
schriften jener Sozialdemokraten,. 
die inzwischen ihre Position er- 
heblich nach rechts verlegt haben 
— in Bausch und Bogen als un- 
marxistisch verwirft und die Ver- 
fechter dieser Ansichten groblich 
beschimpft. DieZuriickweisung die- 
ser Tatsachcnverfalschungen und 
Beschimpfungen ist ein bemer- 
kenswertes Symptom. Wenn Al- 
pari den Tatbestand richtigstellt 
und konkret bclegt, daB der Vcr- 
rat der SPD am Sozialismus 
nicht, wie Sauerland kiihn be- 
hauptet, schon vor 1914, ja schon 
gegen Ende des neunzehnten 
Jahrhundertsi vollzogen war son- 
dern erst mit dem 4. August 
1914 begann, so muB uns daran 
etwas andres weit wichtiger sein 
als das Bemfihen Alparis, die histo- 
rische Wahrheit zu Ehren kommen 
2u lassen und die Angepobelten 
gegen unberechtigtc Anwiirfe in 
Schutz zu nehmen. Es soil gewiB 
nicht ein Sinn in Worte hinein- 
gelesen werden, der nicht in ihnen 
steckt, abcr wer scharfer hinhort, 
wird merken, daB Alpari einen 
bedeutungsvollen VorstoB in einer 
ganz bestimmten Richtung unter- 
nimmt. Indem er — was er, ge- 
messen an der bisherigen Taktik 
der Kommunisten, doch gar nicht 
notig hatte — den antirevisionisti- 
schen Sozialdemokraten Gerech- 
tigkeit widerfahren laBt, zeigt er, 
daB es eine Moglichkeit zur Zu- 



OaUAUt^Ua 



1 u ™,..; 



demokraten und Kommunisten 
gibt — wenn namlich die Sozial- 
demokratie wieder auf die Linie 
der Vorkriegshaltung ihrer da- 



mals besten Kopfe zuruckfmdet 
tind wenn die Kommunisten end- 
lich aufhorcn, wertvolks Porzel- 
ian zu zertoppern. Sauerland hat 
eine ganze Menge solchen Por- 
zellans zerschlagen, als er s«ine 
wilde Attacke ritt, die kommu- 
nistenfeindlichen Sozialdemokra- 
ten gradezu das Stichwort liefcrn 
tnuBte fur den Beweis ihrer Be- 
taupttnigeii, daB der Kommunis- 
mus nicht das geringste gemein 
liabe mit dem, was die Sozial- 
demokratie vor 1914 getriebcn 
Aind gelchrt habe, Alpari unter- 
zieht sich dankenswerterwcise 
dem schwierigen Geschaft, das 
Porzcllan wieder zu kitten, indem 
er Sauerland gehorig ubers Maul 
lahrt. „Leeres Geschwatz", „Ig- 
iioranz",^ „Verleumdimg*', das sind 
so die Ausdrucke, mit denen er 
unsern Dogmatiker abkanzelt. Da 
Schadenfreude die reinste Freude 
ist, scheue ich mich nicht zu be- 
kennen, daB ich Herrn Sauerland 
die Gardinenpredigt aus Moskau 
Ton ganzem Herzen gonne. 

Und noch in einer andern Hin- 
sicht bietet Alparis Offensive in 
der Jmprekorr' AnlaB zur 
Freude, zeigt sie doch, dafi die 
Kominternleitung nicht gewillt 
ist, auf ihren theoretischen Lor- 
beern auszuruhen und alles gut- 
zuheiBen, was ihre hoffnungsvol- 
len Sprofilinge in diescr Richtung 
verzapfen. Die Selbstkritik, die 
in RuBland standig an den Feh- 
lern im Aufbau der russischen 
Wirtschaft geiibt wird, wirkt sich 
hier auch auf die Theorie aus, 
und das ist gut so. Denn mit 
dem starren Festhalten am l«b- 
losen Dogma kommen wir noch 
sonstwohin, nur nicht an das so- 
^ialistische Endziel. Sauerlands 
2urechtweisung durch Alpari lafit 
die Hoffnimg nicht unberechtigt 
erscheincn, daB man tiber kurz 
oder lang doch einmal den Mut 
finden wird, das gei^tige Riist- 
zeug des landlaufigen Sozialismus 
einer grundlegenden Revision zu 
unterziehen. 

Um nicht in eine falsche Nach- 
barschaft zu geraten: so schief 
Herr Goebbels liegt, wenn' er in 
seinem Blatt die selbstkritischen 
Notizen russischer Regierungs- 



organe in Zeichen ftir den bevor- 
stehenden Zusammenbruch des 
sozialistisehcn Aufbaus lundich- 
tet, so schief liegt Otto StraBer, 
wenn er des Glaubens ist, das 
Feuer, in dem Alpari Sauerlands 
Schmocker verbrennt, werde das 
metaphysische Siippchen der 
(Schwarzen Front' zum Kochen 
bringen. ^^^^^^^ ^^^^^^ 

Polnische Meinungsfabriken 

Ceit Jahren durchtobt den jun-' 
_ gen polnischen Staat ein er- 
bitterter Kampf zwischen der Mi- 
litarkamarilla und der Schwer- 
industrie, die sich in Opposition 
zur Regierung befindet. Am deut- 
lichsten zeichnet sich dieser 
Kampf in den fiihrenden pol- 
nischen Blattern ab. Genau wie 
die Schwerindustrie, die sich um 
den Trust „Lewiathan" gruppiert, 
mit den GroBagfariern verfeindet 
ist, kampft der Pressekonzern von 
Korfanty mit den Pressekonzernen 
,Prasa Polska' und ,Kurier Cod- 
z;enny*. Der ,Kurjer Codzienny' 
hat sich von einem kleinen gali* 
zischen Provinzblattchen, das 
fruher die osterreichischen Behor- 
den nicht oft genug seiner Er- 
gebenheit versichern konntc, zu 
der groBten polnischen Tageszei- 
tung entwickelt. Das Blatt, des- 
scn Konzern sich mit dem Scherl- 
Konzern meissen konnte, ist heute 
die reaktionarste und patrio- 
tischste Zeitung Polens. Aber, um 
zur Macht zu gelangcn, braucht 
man Geld. Die polnische Regie- 
rung, die ihre eignen Organe be- 
sitzt (,Gazeta Polska*, ,Polska 
Zbrojna') kann nur geringe Sub- 
ventionen geben, und der ,Kurjer 
Codzienny' braUcht sehr viel 
Geld. Er crrichtet ein grofies 
Verlagsgebaude und gibt standig 
neue Zeitschriften mit groBcn Auf- 
lagenziffern heraus. Nur die 
Schwerindustrie besitzt in Polen 
noch Kapital. Aber der ,Kurier' 
kampft gegen den „Lewiathan", 
der wiederum Herrn Pilsudski 
treu ergeben ist, Er kampft also 
dafiir, daB die Ausfuhrzolle fiir 
die Produkte der Schwerindustrie 
erhoht, die fur die Ausfuhr von 
Getreide dagegen gesenkt werden. 
Trotz allem bietet der ,Kurjer'.der 

225 



schlesischen Industrie seine Ak- 
tienpakete zum Kauf an. Aber 
die schlesische Industrie hat auch 
ihre eignen Organe: den Kor- 
fanty - Konzern ,Polonia*, und 
die ganze nationaldemokratische 
Presse, ,Gazeta Warszawska' und 
,Kur j er Warszawski*. Zwischen 
diesen Blattern und dem ,Kurjer 
Codzienny* beginnt nun ein er- 
bittcrter Kampf um die Sub- 
ventionen der Schwerindustrie* 
Auf natipnaldemokratischer Seite 
kampft Adolf Nowaczynski, der 
beste polnische Feuilletonist, Er 
hat die Aufgabe, die groBten 
Skandal- und Korruptionsaffaren, 
sofern sie nicht grade im eignen 
Lager passieren, ans Tageslicht zu 
zerren. 

Der jKurjer* wuchs und wuchs. 
Er kaufte kleine Provinzzeitun- 
gen auf. Die tagliche Auflage 
stieg von funfzehntausend auf 
zweihunderttausend. In Warschau 
saB die Konkurrenz; ,Prasa 
Polska*. Diese beherrschte die 
Hauptstadt, begann nun aber den 
(Kurjer Codzienny* aus der Prp- 
vinz zu verdrangen. Die ,Prasa 
Polska' war billiger und ein aus- 
gesprochenes Revolverblatt. Der • 
^Kurjer* beschlofi, sich der unbe- 
quemen warschauer Konkurrenz zu 
entledigen. Aber wieder fehlte es 
ihm an Geld. Zum Gltick gibt es in 
Polen noch deutsche Industrie- 
unternehmungen. So die Hiitten 
„Laura", „Frieden", einen Teil der 
„K6nigshutte", ,,Bismarckhutte", 
all das befindet sich in deutschen 
Handen. 

Der ,Kurjcr* verlangte von den 
deutschen Htlttenbesitzern eine 
Subvention in Hohe von 160 000 
Zloty monatlich. Die Deutschen 
lehnten ab. Da setzte im .Kurjer 
Codzienny* ein Kampf gegen alles 
ein, was in Polen deutsch ist. 
Etwas spater ging die ttichtige 
Verlagsdirektion sogar dazu iiber, 
den Deutschen ein Ultimatum zu 
stellen. Die deutschen Industriel- 
len subventionieren jedoch die 
kattowitzer .Polonia', womit Kor- 
fanty^nolens volens die angegriffe- 
nen Deutschen verieidigen muliie. 
Die jPolonia* brachte die ganze 
Angelegenheit ans Tageslicht und 
zweihunderttausend Leser des 
fKurjer Codzienny* crfuhren, aus 

226 



weichem Grtmde eigentlich die 
Deutschen den ehemaligen Kreuz- 
rittem gleichzusetzen sind und als 
solche ausgerottet werden mussen. 
Den Ausklang dieser Angelegen- 
heit stellte eine Gerichtsverhand- 
lung dar, die sich allmahlich in 
einen Skandal verwandelte. Kor- 
fanty bot den Wahrheitsbeweis 
an: Brief e mit Drohungen des 
,Kur j er*, Dokumente und Tele- 
gramme. Es zeigte sich, daB der 
(Kurjer* aus dem gleichen Grunde 
einen erbitterten Kampf mit den ^ 
Tschechen fuhrt, Bata und die 
Skodawerke wollten nicht zahlen, 
und sofort wurden die Tschechen 
Erbfeinde des polnischen Volkes 
und die Fabrikate Batas und 
Skodas ein Schund sonder- 
gleichen. 

Nach diesen Skandalaffaren be- 
gannen die Leute auf einmal, die 
Regierungspresse zu lesen und 
aufmerksam zu verfolgen. Adolf 
Nowaczynski, der antisemitische 
Oberosaf Polens, vergafi nicht 
mitzuteileui dafi der ,Kurjer' mit 
jtidischem Gelde antisemitische 
Propaganda treibt, und dafi in 
Krakau alles von A bis Z korrupt 



ist. 



Tgdaus Tarowski 
Beschwerden 



Dei d-en angepriesenen Buchern 
*-* dieses Jahres wurde ein aller- 
bestes vergessen: „Deutscher Geist 
in Gefahr" von Ernst Robert Cur- 
tius (Deutsche Verlags-Anstalt, 
Stuttgart; brosch, 2,25; geb. 3,50). 
1st es der Titcl, welchcr schreckt? 
Und trifft er vielleicht nicht zu? 
UmfaBt er nicht die wahre all- 
wichtige heutige Beschwerde? 

„Maria Theresia'* von Carl 
Burckhardt (Colemanns kleine 
Biographien; 0,60), In ftinfzig 
Seiten ein Dokument wunderbarcn 
Wissens und Konnens, In funfzig 
Seiten ein Bild, das in uns haften 
bleibt. In funfzig Seiten lebt hier 
nicht nur diese grofie Frau son- 
dern auch als ein reicher, weit 
ausladender Rahmen, ihre Zeit^ 

-•- • ■ fi 0_t-_0_ i.;_ix 1 

WiXa SIC IIL 1111 Clu <J\,IXVMJ^ u^^i.%. uuw. 

was die eminent politische Kaise- 
rin unbeirrbaren Blickes voraus- 



Walter Bauer: ttDie notwendige 
Reise" (Bruno Cassirer Verlag, 
Berlin; geh, 3,80, geb, 4,80). 

Vielleicht der Bestei imter den 
Jungen, insofern er kraft seiner 
ZielbewuBtheit, seiner stark dich- 
terischen Sprache berufen ware, 
die Massen hinzureiBen, anders 
als gewisse „Fuhrer", die nur mit 
hohlen Scblagworten die arme Ju- 
gend verfiihren und den verniinf- 
tigen Zeitgenossen beelenden. 

Ich zitiere aus Walter Bauers 
furwahr „Notwendiger Reise", 
Auch seine Parole ist: Siedlungen, 

liMeine Augen offneten sich, ich 
erkannte das leidbedeckte Ge- 
sicht der Masse, die von alien ge- 
braucht und verraten wird/' 

„Niemal5 gab es eine Losung, 
die es rechtfertigte, die Erde 
durch die Schande des Krieges zu 
verfinstern/' 

„Die Menschen diirfen ermatten, 
der Dichter dieser Zeit darf es 
nicht." 

„Der Zufall ist geil nach man- 
chen Menschen, er freut sich der 
Beute lebendiger Herzen/' 

„Es ist ja keine erfundenc Ge- 
schichte, die mich bedrangt, son- 
dern eine wirkliche, und das Le- 
ben verstreut die Steigerungen 
wahllos iiber die Ebene des Tags/* 

„Wir miissen, ehe wir uns 
sprechen — so sehr ich mich da- 
nach sehne — , die Munder der 
Geschutze zu Boden senken, da- 
mit sie nie mehr menschliche 
Worte iibertonen." 

Annette Kolb 

Mfinchener Kammersplele 
T\ ie miinchener Offentlichkeit 
*^ wird durch die Aussicht, die 
Kammerspiele im Schauspielhaus 
zu verlieren, in schmerzlicher Er- 
regung gehalten. Schon seit eini- 
gen Monaten wird iiber das 
Schicksal dieses einzigen kunst- 
lerischen Theaters in Mtinchen 
hinter verschlossencn Tiiren ver- 
handeit. Die starke Verschul- 
dung von 400000 Mark, davon 
70 OOO Mark an Schauspicler, Ar- 
beiter und Angestellte, hat bisher 
die Aussicht, mit den Glaubigern 
einen Vergleach zu schlieBen, illu- , 
sorisch gemacht, obwohl das tech- 
nische und kunstlerische Perso- 



nal den starkstten Opfersinn ge- 
zeigt hat und auf den grofitea 
Teil seiner Gagen und Gehalter 
zu verzichten bereit war. Bei denr 
starken Defizit im Haushalt der 
Stadt Mtinchen ist es dieser nicht. 
moglich, die Glaubiger abzufin- 
den oder den Kanunerspielen eine^ 
Subvention zu gewahren, wiewohL 
im Stadtrat von links bis rechts 
die einmiitige Absicht herrscht. 
zu helfen. Private Geldgeber 
waren zwar gewillt, dies Helfer- 
amt zu ubernehmen, jedoch nicht 
vor Ablosiuig samtlicher Schul^ 
den, 

Wenn auch eine Prophezeiung,, 
wie das Theater aus der Krise 
herauskommen wird, zwecklos. 
ware, so kann doch die Auskunft 
erteilt wcrden, wie es in sie hin- 
edngekommen ist. Die kiinstle- 
rischen Leiter dieses Theaters 
haben es sich nie so bequem ge- 
macht, ein Ausstattungs- und 
Unterhaltungstheater zu fuhren, 
um damit den Behorden, dem. 
Publikum tuid der Kritik zu ge- 
f alien; 6i^ Hauptgriinde, weshalb- 
es jetzt vor ToresschluB steht. 
Oftmals hat cs sich gefallen las- 
sen miissen, daB die Polizei- 
behorde ihm Auffuhrungen unter-- 
sagte, noch ofter, daB die 
miinchener Kritik es mit dem 
Schreckensruf „Ktdturbolschewis- 
mus" beim Publikum anschwarzte.. 
Doch diese reut jetzt ihre Hal- 
tung, und dieselben Kritiker der 
Rechtspresse, die oft leichtfertig- 
genug waren, den Miinchnern 
durch ihre neusten imd ach so- 
veraltcten Nachrichten iiber an* 
stoBige Aufftihrungen von Zeit- 
stiicken den Theaterbesuch zu 
verleidcn, fiihlen jetzt das 
schiechie Gewissen, und sie 
schreiben eifrige Artikel zur Er- 
haltung des Theaters, das sie^ 
durch manche Kritik geschadigt 
habeiL 

Niemals hat die Kritik, indcmt 
sie zwischen der Schauspielkunst 
von Falckenbergs Ensemble und- 
dem Komodiantentum desStaats- 
theaters kiinstlerisch unterschie-^ 
den hattc, den Kammer spiel en. 
den verdicnten Vorrang gegeben, 
denn das Staatstheater vertrat ja 
die gleichen Kulturinteressen wie- 

227 



^e Zeitungen, und so war man 
istillschweigend vcrpflichtet, im- 
•reinen Mund zu halten. 

In den Kammerspielen wurde 
in bewuBtem Gegensatz zu den 
Dekorationsmanovem Reinhardts, 
dem die Dichtung nur noch Vor- 
wand zui Entfaltung seiner Som- 
memachtstraume ist, Theater ge- 
spielt; hier hatte Otto Falcken- 
berg eine Ensemblekunst geschaf- 
£en, in der kein unrciner Sprach- 
ton geduldet wurde und die 
kleinste Charge eine ebenso li^be- 
volle Behandlung und strenge 
.Durchfiihrung erfuhr wie die 
^rofie Charsdcterrolle; hier half 
tschon von jeher die Einsicht in 
<den lebendigen. Zusammenhang 
^on Theater und Zeit zu dem 
^ntschluB, Dramatiker wie Wede- 
kind, Billinger, Brecht, Lampel, 
teilwelse in Erstaulfiihrtrngen, zu 
spielen (Brechts „Heilige Johanna 
<ier Schlachthofe" wurde von der 
Polizeibehorde zur Auffuhrung 
jiicht freigegeben). Hier wurde 
4as Zeittheater im edelsten Sinne 
^rfiillt als Theater gegen die 
Zeit, iind das Gesicht des Thsa- 
lers enthullte das Gesicht unter 
■der Maske, die die Zeit sdch vor- 
iiielt. Weil das Theater es wagte, 
in der Entscheidtmg ktinstleri- 
^cher Fragen polizei- und presse- 
4>olitisch« Gesichtspunkte zu ver- 
.nachlasisigen, weil es wagte, die 
wenigen Zeitdichter zu ihrem 
'Wort kommen zu lasisen, und ne- 
hen Shakespeare Brecht zu spie- 
len, deshalb wurde diese Kultur- 
>b{ihne von der Kritik mit dem 
Oditim der Kulturlosigkeit be- 
hangt und als Bolschewistenzelle 
gebrandmarkt. Und das Publi- 
kum lieh bereitwillig diesenEin- 
iliisterungen sein Ohr« 

Die Presse hat sich spat, viel- 
leicht zu spat, besonnen und. er- 
schreckt durch die Nachricht, daB 
die seit zwanzig Jahren wirken- 
den Kammerspiele untergehen 
soUen, iiber die Auffuhrung der 
4,Ratten" so begeisterte Lobreden 
losgelassen, daB seitdem jede 

A t- _„ J x_11. ^ 1 fi ..,„. 

SoUte das Theater geschlossen 
werden mussen, so werden die 
mtinchener Kritik und das 
miinchener Publikum die Schande 

228 



nicht los, ein Kulturth«ater dem 
Untergang prelsgegehen zu haben. 
Munchen aber ist ohne diese 
Theaterkunststatte keine Theater- 
kunststadt mehr. 

Walter Grohmann 

Ein wahres Wort 
In der .Frankfurter Zeitung' vom 
^ 26. Januar beginnt das Schrei- 
ben, mit d«m sich d«r kom- 
missarische preuBische Kultus- 
minister Kaehler ftir Poelzigs 
Verbleiben im Amt des Leiters 
der Vereinigten , Staatsschulen ein- 
setzte, folgendermaBen: 

,3ei der Berufung zu einem 
wichtigen Amt, wie es die Leir 
tung d«r Vereinigten Staats- 
schulden darstellt, ist das Urteil 
iiber die Gesamtpersonlichkeit 
ausschlaggebend/' 

Das Iquivalent 

/^fferte an einem Baum vor 
^^dem Arbeitsamt in Wanne- 
Eickel; 

„Eine fast neue SA-Uniform 
gegen ein JauchefaB umzutauschen. 
Lakory, Moltkestrafie 83." 

Die Retter 

piakat am Gebaude des PreuBi- 
^ schen Landtags: 

„Reichsverband der Inhaber der 
Rettungsmedaille am Band«, Hun- 
dertjahrfeier des Bestehens der 
pfeuBischen Rettungsmedaille, 

Ausstellung von Rcttungsmedaillen 
aller Staaten, EhrenausschuB: 
Kronprinz Wilhelm^ v. Schleicher/* 

Der Wunderrabbi 

Preisausschreiben 
17 in Wohlfahrtsempfanger schreibt 
■" utts: „Wi€ stelle ich es an, um 
mit 7,25 Mark Unterstiitzung die 
Woche zwei Menschen zu ernah- 
ren, Feuerung zu besorgen, Miete 
und Licht zu bezahlen?" (Gestern 
hat Adolf Hitler die Macht tiber- 
nommen; er wird Arbeit und Brot 
schaffen. D, Red.) 

fDer Angrifr, 3L Januar 

Bekehrt 

T? in T^t^nQffnnf^r^pn Rcfireibt an 

*-* das cannstatter Evangelisa- 
_ tionsblatt ,Der Weg zum Ziel'; 
„Seitdem ich bekehrt bin, fege 
ich auch unter den Matten/* 



Mit Damp! , Liebe Weltbfihne! 

Goit schuf nicht Ttichc und Unncn, In Lissabon hatte ich Geld ein- 

Doch Flach8 und BaumwoIU gab er I ^ , ,^ r> ■ t i • 

una 2um Spinnen. gcwechselt — Keichsmark in 

Aul SpUmrad^^md NVebsiuhl der mcnsch- portugiesische Noten. 

Viel Gutes und Schdnes zu schaffen weiB. Als ich aber im Laden Ziga- 

Doch soUt cr sie treibcn aus ciijcncr Kraft, retten kaufen woUte, wies man 

"^'^ \*r8cMlm.*'*'' ^^^*" "°^ """ '^'''''^'' ^^^^^ Eskudosnoten zuriick: sie 

Drum sind wir mit Dampf ihm zu heUen seien falsch. 

Mit Ktaa?die die Kohle der Ruhr unsvcr- Ich — fuchstcufelswild — ZU" 

^*^^*' ruck auf die Bank. 

Gott.schtifzedenBer^bauamUferderRuhr, Der Kassierer horte Itlich ruhig 

Halt fern stets den Franzmann von unserer ^ , 

Flur, an und sprach; 

S««n'^w^!r':!''**"v'^".*FV"*'>"°^w^^^^ ..Exzellenza werden eben gut 

Uann wird das Young-Elend auch bald ^ 

verschwinden. tun, Ihre Einkaufe immer et^t 

Prospekt einer westfdlischen Leinenfirma gegen Abend vorzunehmen/* 

Hinweise der Redaktion 

Berlin 

Diskussionsgemeinscbaft Parteipolitisch Andersdenkender. Dienstaff 20.00. Lehrer- 
vcreinshaus, Alexandcrstr. 41: Eingliederung der Arbcilerschaft in Staat, Wirtachalt 
und Gesellschaftsordnung. Eduard Stadtler contra Ernst Lemmer. 

Schutzverband Deutscher Schriftsteller. Ortsgruppe Berlin. Dtenstag 20.00. Caf6 Witlels- 

bach, Bavrischcr Platz 1. Anna Seghers : Das Handwerk des Schriftstellers. 
.Weltjugendliga. Dicnstag 20.00. Jugendheim des Ostens, GroBe Frankfurter StraBe 16. 
Gilbert Lesage: Franzosische Jugend im Kampf fur den Frieden. 

Akademische Arbeitsta^ung europaischer Jugend. Aula KochetraBe 13. Miltwoch 20.00: 
Der Krieg, Walter Johannes Stein; Donnerstag 20.00: Unser technischcs Schicksal, 
Eugen Diesel; Freitag 20.00 : Die eurSpaischie, zumal Deutschlands Krise von Afrika 
aus gesehen, Leo Frobenius; Sonnabend 20.00: Krisis der Geisteswissenschaft in 
der Gegenwart, Eduard Spranger; Montag (13.) 20.00: Alte und neuc Lebensform, 
Fritz Klatt. 

Deutsche Hochschule fiir Politik. Mtttwoch 20.15. Schinkelsaal der Hochschule, Schickel- 
plalz 6. Professor von Schulze-Gavernitz: Maschine und Arbeitslosigkeit. 

Club der Geistesarbeiter. Mittwoch 20,00, Spatenbrau, FriedrichstraBe 172. £. Rciche 
und Traute Holz: Das Verhaltnis der Geschlechter im Sozialtsmus. 

Gruppe Revolutionarer PaziEsten. Donnerstag 2000. Caf6 Adler am Donhoffplatz, 
KommandantenstraBe 84. Offentltcher Ausspracheabend. Eugen Brehm : Alfred 
Ddblin, ein falscher Prophet der Biirgerjugend; Kurt Hiller: Die Herren Genies. 

Dresden 

Weltbuhnenleser treffen sich jeden Dienslag 20.15 im Sophiengarten, Kleine Plauensche 
Gasse 26. Thema: Aktuelle Tagesfragen, Aussprache. 

Hamburg 

Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Mittwoch 20.00. Hetmstatte, Nagelsweg 10. Offent- 
licher Ausspracheabend: Nationalismus im Uchte der Parteien, 

Kollektiv Hamburger Schauspieler. Volksheim Barmbeck, MarschnerstraBe 36. Sonn- 
aoend und Sonntag 20.00: Dem Nagel auf den Kopf. 

Stuttgart 

Linkskartell der Geistesarbeiter und freien Berufe. Donnerstag 20.00. Biirgermuseum. 
Erich Schairer: Gottlosigkeit. 

Bficher 

A. E. Badajew: Die Bolschewiki in der Reichsduma. Mopr-Verlag, Berlin. Kart. 3,25; 
Lein. 4,80. 

Rundfunk 

DieuBtafr* Frankfort 19.30: Belebtcs Wort, Gcdichte von Georg Heym und Georg Trakl. 
— Mittwoch. Konigswusterhausen 20.00: Shakespeares Coriolan. ~ Donnerstag. 
Hamburg 18.00; Die Jungen der Gegenwart. — Moskau 20.00: Wochenrundschau 
und Brie fk as ten. — Freitajr- Moskau 20.00: Lenin uber Marx, — Sonnabend. 
Berlin 19.00: Keiner weiB, wo cr hingehort; Wilhelm Michel. — 19.40: Hat Michel 
recht? Ernst von Salomon und Armin T, Wegner. — Moskau 20.00: Marxismus — 
Leninismus. — Sonntasr. Moskau 20.00: Was die Revolution aus dem. alten ver- 
wilterten RuBland machte. — Montag. (13.) Moskau 20.00: Wer 6ind meinc Mit- 
arbeiter? Ingenieur Klamfort. 

229 



Antworten 

Kurt Grofimann. Sie richten an Herrn Generaldirektor Paul 
von Gontard den folgenden offenen Brief: „Am 15. Dezember 1932 
habe ich in einer offentlichen Versammlung der Deutschen Liga fiir 
Menschenrechie faehauptet, dafi Sie durch die Atissage, die Sie im 
BuUerjahn-ProzeB vor dem IV. Strafsenat des Reichsgerichts ablegten, 
gegen die Eidespflicht vprstofien haben. Am 16. Dezember 1932 habcn Sie 
mir durch Ihrcn Vertretcr, Rechtsanwalt Doktor Graf von Strachwitz, 
eine Privatklage wegen offentlicher Beleidigung und Verleumdung an- 
kundigen lassen. Hcute, am 5, Februar 1933, ist mir Ihrc Klage noch 
nicht zugegangen. Auf eine Anfrage meines Anwalts hat Ihr Anwalt 
erwidert, es stehe mir kein Rechtsanspruch auf eine Auskunft zu, es 
sei in Ihr freies Ermessen gestellt, wann Sie klagen wollten, und hat 
eine Angabe dartiber, ob Sie iiberhaupt klagen wollen, abgelehnt: Ich 
stelle also fest: Sie haben mir eine Klage angedroht. Sie haben aber 
keine Klage erhoben. Ich bedaurc Ihrc Zuriickhaltung; denn es 
liegen Griindei vor, die es notwendig crscheinen lassen, daB ich den 
Wahrheitsbeweis fiir die Bchauptungen fuhre, die ich in der offent- 
lichen Versammlung der Liga fiir Menschenrechte auf gestellt habe. 
Darum wiederhole ich; Sie, Herr Generaldirektor Paul von Gontard, 
Rittcrgutsibesitzer auf Grofi-Wudicke in der Mark, haben durch Ihre 
Aussage vor dem IV. Strafsenat des Reichsgerichts Ihre Eidespflicht 
verletzt. Ich behaupte und werde beweisen: 1. Es ist nicht wahr, 
dafl, wie Sie unter Ihrem Eid aussagten, englische Offiziere im Ja- 
.nuar 1925 in Ihrcr Gegenwart erzahlt haben, ein Angestellter Ihres 
Werkes, der sich Bullerjahn nannte, habe die Waffenlagcr dieses 
Werkes verraten. 2. Es ist nicht wahr, daB es Ihnen gleichgiiltig 
war, ob Ihr Name im Verfahren gegen Bullerjahn genannt wiirde. 
Viclmehr waren Sie eSi, der auf die Geheimhaltung Ihres Namcns ge- 
drangt hat, 3. Es ist nicht wahr, daB Sie ohne Interesse an der 
Untersuchung des angeblichen Vcrrats waren. Vielmehr waren Sie in 
starkstem MaBe daran interessiert, daB ein Verrater gefunden und 
abgeurteilt wurde- Ich begniige mich vorlaufig damit, diesc drei 
Punkte anzufiihren, in denen Sie vor dem IV. Strafsenat des Reichs- 
gerichts unter Ihrem Eid die Unwahrheit gesagt haben. Ich crwarte, 
daB Sie mir nunmehr Gelegenheit geben werden, den Beweis fiir meine 
Behauptungen zu fiihren." Wir fiirchten, Sie werden vergebens 
warten. 

Wilh^lm Michel, Darmstadt. Es bereitet mir keine groBe Freude, 
Sie niedriger zu hangen, denn Si, gehorten einst zum Mitarbeiterkreis 
der .Schaubiihne*, und ich weiB, daB S. J. groBe Stiicke auf Sie gehal- 
ten hat. Als Sie sich vor einigcn Jahren nach langer Zeit wieder 
mit einem Artikel bei uns meldeten, hatte ich keine Bedenken, ihn 
abzudrucken, und ich verteidigte Sie nachher lebhaft gegen einige 
Leser, die uns erzahlten, was Sie sonst so in Darmstadt trieben. Ich 
hielt das fiir ziemlich unwahrscheinlich, und deshalb geschieht es mir 
ganz recht, wenn mcui mir jetzt ein Theaterrefcrat von Ihnen, das* in 
der ,KdInischen Zeitung* am 1. Februar erschienen ist, unter die Nase 
halt. Sie vcrzeichnen mit Genugtuung, daB sich in Darmstadt heftiger 
Widerstand erhebt, das Schauspiel von Bert Brecht „Die heilige Jo- 
hanna der Schlachthofe** ami hessischen Landesthcater zur Urauffuh- 
rung zu bringen. Sie haben von Ihrer fruheren Zeit her noch genug 
Geschmack bewahrt, um diesem Werk den dichterischen Wert nicht 
abzusprechen, Sie nennen es Brechts hervorragcndste Leistung, Sie 
konstatieren „eine Art von satanischer JbSegeisterung". Auf diese 
Weise beschwichtigen Sie Ihr leise aufmuckendes asthctisches Gewisscn 
— Oberrest einer lange vergangenen besscrn Zeit. Dann aber geht 
es los: „Das Erfreuliche an dem^ darmstadter Widerstand gegen diese 
Dichtung liegt darin, daB er sich nicht mit asthetischem Wenn und 

230 



Aber abgibt sondcrn auf den Kern der Sache geht. Dcr Kern d^r 
Sache ist eindeutige bolschewikische Gottlosenpropaganda. Der Kern 
der Sacbe ist die Teufelsklaue, die sich gcgen Grundpfeiler des abend- 
landiscben Lebeas ausstreckt. Dieses Stuck hat aicht etwa, wie man 
so sagt, cine gewisse ,Beziehung' zur kommunistisch-bolschcwikiscben 
Religionsablehnung, sondern es ist dieses Niedertrachtige und Men- 
schenf rests erische selbst, was wir als den russiscken Kampf gegen Gott, 
gegen die Familie, gegen das ganze geschopfliche Leben kennengelernt 
haben. Jahre hindurch sieht das deutscheVolk dem russsischen Kessel- 
treiben gegen alles Glauben und hohere Wissen zu, den Kirchenschan- 
dungcn, den offentlichen Lasterungen, den Verbannungen — diesem 
ganzen unterweltlichen Treiben, in dcm ein groBes Volk Miene macht, 
seine lebendige Seele mit eignen Fausten zu zerreifien. Und nun tritt 
die Bestie in unserm eignen Haus auf. Sie wagt sich an luisern Tisch, 
sie blicki; uns mit den harten Augen, die wir aus Urzeiten kennen, 
mitten ins Gesicht, und aus dem Maul kommt hervor, was sie seit 
Schopfungstagen auf dem Herzen hat, mit einem dumpfen Rohren: 
Darum soil man dem, der da sagt, daB es einen Gott gibt . , . den Kopf 
so lange aufs Pflaster schlagen, bis «r verreckt ist!" Die darmstadter 
Spiefler rebellieren also, und Sie, ein Mentor in Kimstsachen, empfin- 
den diesen Widerstand „als eine begliickende Regung ungebrochener 
Lebensinstinkte gegen einen kiins-tlensch verkappten Mordversuch an 
un&rer Seele". Ich halte es fiir sehr gleichgtiltig, ob Ihnen als Kunst- 
kritiker das Drama Brechtsf gefallt oder nicht. Aber die Aufgabe des 
Kunstkritikers scheint es mir zu sein, ein Werk nach seiner Darbie- 
tung zu beurteilen, nicht seine Darbietung zu verhindem,. indem man 
sich dabei des Tons und der sattsiamen bekannten Alliiren eines- ge- 
wissen asthetischen Untermenschentums bedient. Sie reden etwas 
allzu eilfertig von einem Mordversuch an unsxer Seele. Aber was 
treiben Sie, wenn Sie verhindern wollen, dafi ein schon von vielen 
geschatztes Theaterstuck das Rampenlicht erblicken^ soil? Der Kunst- 
kritiker mag ein Drama nach der Auffiihrung abschlachten, aber ihm 
mit dem Messer zu Leibe zu gehen, noch ehe es auf der Szene er- 
scheint, das ist ein Attentat nicht nur gegen dieses eine Stuck sondern 
gegen das heutige deutsche Theater liberhaupt, das ganz gewi6 nicht 
unter einem OberfluB von Mut, Kraft und Talent leidet. Leben Sic 
wohl, Herr Wilhelm Michel! 

Dr. W., Charlottenburg. Sie schreiben uns: Am Abend des 
Hitlerschen Fackelzuges fuhr ich im Autobus 19. Ein alterer Herr 
im Innern des Wagens pobelte judisch aussehende Insassen an, wor- 
auf ihn der Schaf f ner energisch zur Ruhe verwies. Erregt protestierte 
der Herr und zertrummerte schliefilich in seiner Wut eine Scheibe. 
Darauf hielt der Schaf f ner den Autobus an und notigte den Ruhe- 
storer zum Aussteigen. Unter wildem Geschimpf auf die Juden ver- 
lieB cr mit seiner Frau den Wagen. Es sammelte sich cine Menge 
Menschen. Sie wtu*den also apostrophiert: nSeit 28 Jahren bin ich 
in meiner Bank. Morgcn halte ich den Herren meine Mitgliedskarte 
bci der NSDAP unter die Nase. Die werden staunen, Aber jetzt 
ist unsre Zeit gekommen.** Seine Frau, dcr die Szene immer pein- 
licher wurde, versuchte ihn fortzuziehen. Wilt end schlug er ihr ins 
Gesicht: „Lal£ mich! Dich geht Politik gar nichts- an/* Wiei ein ge- 
priigelter Hun^ schlich sich die arme Frau beschamt beiseite, 
wahrend der Mann weiter tobte. Ein alterer Zuschauer erklarte unter 
Zustimmung vieler Anwesenden: ,,So fangt die sittliche Emeucrung des 
deutschen Volkes an!" 

Martha Freund-Hoppe, Dresden. Aus Ihrem Bericht iiber die Be- 
erdigung der dresdner Polizeiopfcr entnehmen wir nachstehenden Ab^ 
satz: „Am starksten wirkte naturgemaB die Tatsache, daB hier am 
Grabe der Todesopfcr endlich, endlich diet, parteipolitischen Grenzen 
aufgehoben worden waren zu Ehren des hoheren Prinzips, die Kampf- 

231 



kraft der Arbeiterschaft zu erhalten, und daB sich Mitglieder aller 
proletarischen Formationen, ob sie sich KPD, SPD, SAP, Schutzbund, 
Eisernc Front, Rote Hilfc, Arbeitersamariter, Reichsbanner, Arbeitcr- 
jugend, Sozialistischer Jugend-Verband, Bctriebsrate der Grofibetriebe 
oder sonstwic nannten, in einer einzigen, iibcrwaltigenden Gcste 
proletarischer Solidaritat verbunden batten, Neben dem Vertreter 
des kommunistischen Zentralkomitees sprach der der Eisernen! Front, 
neben ihm wieder der der Sozialistischen Arbeiterpartei, neben ihm 
der der Roten Hilfe etcetera. Die einzig wiirdige Bestatigung zu den 
getragenen Klangen des russischen Chores: ,Unsterbliche Opfer, Ihr 
sanket dahin/ Welche tingeheure Macht hatte die Arbeiterschaft, 
wenn sie immer so einig ware!" 

Herrmann Budzislawski. Sie antworten auf Doktor Alexander 
Hirschs Zuschrift im letzten Heft: „Doktor Alexander Hirsch, in 
meiner Glosse ,Der Dyk-Skandal' aus guten Griinden «n bagatelle be- 
handelt, mochte sich mit seiner Zuschrift, die nichts Tatsachliches be- 
richtigt, aber Unwahrheiten enthalt, in den Mittelpunkt manoverieren. 
Ich habe nichtj behauptet, daS er ,den rechtsradikalen Parteien' an- 
gehort, wohl aber, dafl er, der sich vor einem Jahr als eingetragener 
Sozialdemokrat bezeichnete, vor Gericht die ihm schlecht; zu Gesicht 
stehende volkische Terminologie benutzt hat. Seine Beziehungen zu 
Professor Oppenheimer sind meines Wissiens einseitig, Unterschlagen 
hat Doktor Hirsch in seiner Darstellung, dafi er die angeblich fiir den 
Weiterbestand der Siedlungsgesellschaft gefahrlichen Zustande erst 
wahrgenommen hat, als ihn der Weiterbestand nichts mehr angiug, 
weil er bereits ordnungsmaBig gekiindigt war, Wenn Hirsch sagt, dafi 
,Siedler polnischer Nationalitat angesetzt worden seien, sehe ich darin 
keinen Vorwurf gegen Dyk. DaB kein polnischer Staatsbiirger eine 
Siedlerstelle erhalten hat, steht nun aber nach der Erklarung der 
hierin unverdachtigen kommissarischen PreuBenregierung fest; ob 
einer unter ein paar hundert Siedlern zwar deutscher Staatsbiirger, 
aber polnischer Nationalitat ist, soUte Doktor Hirsch keine unruhigen 
Nachte bereiten. DaB Hirsch nicht sieht, fiir wen er den Skandal ent- 
fachtl und warum er das Echo in der Rechtspresse erhalten hat, ist 
unwahrscheinlich, doch bei seiner von Eitelkeit, verletztem Stolz und 
uberdecktem Minderwertigkeitsgefiihl zcrriitteten Person nicht ganz 
immoglich." 

Dokfor Draegen Am 1, Februar haben Sie als Geschaftsfiihrender 
Vizeprasident des Arbeitsausschusses Deutscher Verbande auf der 
Kundgebung der Deutschen Liga fiir Volkerbund zur Abriistungsfrage 
sehr nationalistisch gesprochen und wiederholt einen neucn Austritt 
Deutschlands aus der Abriistungskonferenz angedroht. In Ihrer Rede 
nahmen Sie die Vaterschaft fiir den Volkerbund fiir Deutschlandl in 
Anspruch, indem Sie erklarten, er sei „auf deutschem Geistesacker 
aus den Ideen Kants" erwachsen. Nehmen wir das einmal als richtig 
an, so werden auch Sie nicht behaupten wollen, daB irgemd ein deut- 
scher Staatsmann des 19- und 20. Jahrhunderts den „Geistesacker 
Kants" im Sinne der Schaffung eines Volkerbundes beackert habe. 
Das Verdienst an der Verwirklichung des Volkerbundsgedankens 
— falls Sie das als ein Verdienst ansehen — werden Sie doch wohl 
Wilson iiberlassen miissen, 

Manuskripte sind aur an die Redakti(m der .Weltbuhne, CharloUenburs:, Kantstr. 152, zu 
richten ; es wird g-ebeten, ihnen Ruckporto beizule^en, da sonst keine Riidcsendun; erfolgfen kann. 
bn Falle hoberer Gewdt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anspruch auf Nachlieferung* 

oder ErstattuDg* des entspredienden Entgelts. 
r>«- A_:;*fi*hrun'-=recht, die V-r^ert«.ins Yon Ti^^in » ivw im RnhmAn riAR Film*, die muatk- 
mechaniscbe \^iederrabe aller Art und die Verwertunsr im Rahmen von RadioTortrSgen 
bleiben fOr alle in der Weltbflhne erscheinenden BeitrMge ausdracklich Torbehalten. 

Die Weltbuhne wurde begriindet von Siegfried Jacobsohn uod wird von Carl v. Osaietzky 
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlidi : Walther Karsch, Berlin. 

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mX.Jalirgang 14. Febrnar 1938 Hamner 7 

DeutSChland Wartet! von Carl v. Ossletzky 

In ciner Rcihe von Rechtsblattern und namentlich in solchen, 
die den Dcutschnationalcn nahestehen, stoBt man g,elcgcnt- 
Hch auf eine Art Bedauern, daB die Massen der sozialistischen 
Arbciter die Inthronisierung des neucn Regimes mit einer 
solchcn Gelassenheit hingenonunen haben. Viel lieber waren 
ihncn Drohungen und rabiate Kampfcrklarungen, damit es 
,,Ordnung" zu schaffcn gibt und der marxistischen Riesen- 
schlange endlicb der Kopf zertretcn werden kann. 

Es ist das Ungluck unsrer Reaktionare, daB sie dcii deut- 
schen Arbeiter ebensowenig kennen wie das deutsche Volk 
ttberhaupt, Sie phantasieren^ zwar standig von „Biutsverbun- 
denheit", aber von dem deutschen Durchschnittsmenschen, 
der seine Beziige nicht von der Osthilfe crhalt, wisscn sic so 
wcnig wie von einem Marsbcwohner, Sic bctraohten die Welt 
durch die Dachluke ihrer Ideologic, sic schcn nur den Rauch 
vom nachsten Schornstein, Sonst wiirden sie wisscn, daB der 
ArbeiterscKaft auch heute allcs fcrncr lie^t als cin wilder 
Radikalismus, Sic hat der Machtcrgreifung der Rechten jahrc- 
lang widerstanden und in ihr ein allgemeincs Ungluck crblickt. 
Heute, wo diesc endlich vollzogenc Tatsache ist, ballt sie 
nicht etwa die Faust e in ohnmach tiger Vcrzweiflung, sie 
stellt sich einfach hin und wartet. Sic wartet auf die sozialcn 
Taten der Rcgicrung. Sic gibt ihr offensichtHch einen anstan- 
digen Vorsprung, 

Man darf in dcr^ Tat gcspannt scin, in wclcher Wcisc die 
Rcichsregierung zu ciner Synthese der ihr innewohnendeni so- 
zialcn Widcrspriiche kommen will. Die Regierungsprcsse 
sclbst weist noch keincrlei Uniformicrung auf, alles geht bunt 
durcheinander. Im ,Angriff* wird zum Beispiel der fruherc 
Rcichsministcr Wissell geriiifclt, „dessen unsozialc Schieds- 
spriichc bei Lohnstreitigkeiten ihm die Emporung der gesamten 
Arbeitcrschaft eingetragen habcn". Gcmcinhin ncnnt man 
solchc Argumentation ,,l^lassenkampf", nicht wahr? Im baye- 
rischcn Landtag nimmt die Nazifraktion cincn Antrag an, die 
Banken untcr Staatsaufsicht zu stcllen, und die Sozis stimmen 
dafur. Die .Deutsche Allgemeine Zeitung* ist dariiber sehr 
beunruhigt, sic schwingt den Padagpgenfinger so nervos, als 
ginge es um. die Freien Gewcrkschaften; „. . , es hat sich offcn- 
bar noch nicht iibcrall im Lande hcrumgcspfochcn, daB der 
Nationalsozialismus jetzt vcrantwortun^sbewuBte Politik im 
groBen Stil zu bctrciben hat.** Die schwerkapitalistischc 
(Borscnzcitung* schlug riickhaltlos Larm, als davon gercdet 
wurde, daB Minister Hugenbcrg cine Zinssenkungsaktion plane, 
und im ,Lokalanzeiger* selbst, der doch jetzt frisch vom FaB 
gcschricben werden kann, liest man nicht etwa lichtvolle Dar- 
iegungcni iiber die angezeigtcn Vierjahresplanc sondern Moral- 
pauken iiber die deutsche Familie und die Ern^uerung der 
Seele, die iiber der Wirtschaft nicht vcrgessen werden darL 
Nur der neue Staatssekretar Bang^, der nach den Worten 
des friihcm Reichskanzlers Briining wie ciner der weissagen- 

^ 233 



den Rabcn Odins auf Hugenbcrgs Schultcr sitzt, hat jctzt in 
einer Rede sich programmatisch geauBert. Seine Ausfuhrun- 
gen miissen auf den so^ialistischen Flaigel der NSDAP. wie 
Vitriol wirkea. Wirtschaftsliberalismus altesten Datums, Man- 
chestertum, das um 1880 nicht tinangefochten durchgcgangen 
ware- 
Die Arbeitcrschaft hat im Laufe einer langen Tradition 
gutc Haltung gclernt, Sie wartet ohne Vertrauen, aber sie 
wartet. 

Sie hat ihr Augenmerk vor allcm auf das Reichsarbeits- 
ministerium gerichtet, in dem der Chef des Stahlhelms jetzt 
regiert, desscn Aufgabe es sein wird, die Briicke zu schlagcn 
vom nationalcn Pathos zur wirtschaftlichen Realitat. 

Es liegt durchaus im Bereiche der Moglichkeit, daB grade 
dieses Ministcrium zucrst zum PrelLbock werden kann< Das 
Reichsarbeitsministerium ist kein Amt, wo die vcrschiedenen 
miiitanten Ideen der Zeit ihre Fackeltanze aufzufiihren pflegen. 
Hier finden sich die Unterhandler aller sozialen Gruppen ein, 
Syndici undi Gewerkschaftssekretare, hochst penetrante und in 
alien Verhandlungsfinessen geiibte Leute, die nicht so leicht 
abzuwimmeln sind und mit „Weltanschauungen" schon gar 
nichts zu tun haben wollen. Es ist eine ganzi uninteressierte 
und strohtrockenc Matcrie, aber sie zwingt dazu, Ja oder Nein 
zu sagen, 

AIlc Arbcitcr und Angestcllten aber blicken heute nach 
dem. Reichsarbeitsministerium, wo es um ihre Tarifc geht, also 
um ihre Existent, Die christlichen und rechtsgerichteten Ge- 
werkschaften sind nicht minder argwohnisch als die ,,roten" 
Organisationen. Hier sitzen auch intime Kcnner der Rechts- 
parteieii, die in den friihern inncrn Auseinandersetzungen dort 
eine bedeutende Rolle gespielt haben. Grade in den betont 
wirtschaftsfriedlichen Verbandcn ist die Furcht vor sozialpoH- 
tisclier Reaktion bis zur Panik gcstiegen. Man wird gut tun, 
die Bewcgungen im christlich-nationalcn Gewerkschaftslager 
in der nachsten Zeit sorgfaltig zu vcrfoigcn. 

Jede deutsche Rcgierung mufi es sich heute gefallcn las- 
sen, zunachst nach ihrcn wirtschaftlichen Leistungcn beurteilt 
zu werden. Die Regicrung Schleicher ist unbestreitbar mit 
einem Enthusiasmus begriiBt worden, der kritischen Kopfen 
schwer verstandlich schien, Aber nach ein paarWochen schon, 
da wurdc die ungemutlichc Frage laut: wo bleibt die ver- 
heiBene Arbeitsbeschaffung? und damit wars vorbei, und jetzt 
ging es so wie im Marchen: alles sah, daB der Konig keine 
Klcidcr anhattc- 

Es kann schwer sein, mit einer Opposition fertig zu wer- 
den, die au! die StraBc drangt. Aber eine Opposition, die auf 
Leistungen wartet, ist schwierigcr. GcwiB sind bei ims die 
Partciducllc zu ungeheurer Intensitat entwickelt, aber die Men- 
srhftn sind auch des Kampfes der Schla^worte herzlichi miide; 
sic Kaben sich darEin sattgegessen und wiinscheri jetzt festere 
Kost. Gruppen, die jahrelang agitiert und angcklagt haben, 
sind endlich oben. Deutschland wartet. Die Regierung steht 
jetzt unter einem unerbittlichen Gesctz. 

234 



Niemand hat eine solche Situation plastischer gcschilderl 
ats der bcrliner Nationalokonom Professor Ludwig BernKard, 
der Freund Hugenbcrgs und Chronist seines Aufsticgs. Bern- 
hard, der als Wissenschaftler immer den schroffsten Arbcit- 
geberstandpunkt vertrcten hatte, schrieb in dem vor etwa drei 
Jahren erschienenen Sammelbuch „Der ProzeB der Diktatur" 
dicse uniheimlich aktuellcn Satze: 

Maa kann nicht mehr verzehren, als vorhanden ist. — Das ist 
die Nachtqual jedes Diktators. Solange Bewaffnete hiriter ihm 
stehen, kana er spiclen mit. der Politik, kann er diplomatisch verhan- 
deln mit der Kirche, und die Kultur kann er schminkcn las sen. AUc 
jauchzen oder lacheln oder schweigen. 

Die Wirtschaft aber spricht zu ihm und seinen Mannen; Ihr 
konnt nicht mehr verzehren, als vorhanden ist, Er ist der Herr; 
aber dem Gesetze des wirtschaftlichexii Ausgleichs muB er gehorchen. 
Die Bilanz ist starker als die Diktatur. Deshalb muD der Diktator, 
wenn die wirtschaftliche Lage bedrohlich wird,; mit der Bilanz pak- 
tieren. Dies geschieht, ihdem er um einen Aufschub bittet: „Der 
Fiinfjahresplan, die Pjatiletka, ist die Grundlagei aller Sowjetpolitik. 
Bis zum 1. Oktober 1933 ist positiv daran zu arbeiten und nicht zu 
kritisieren", so StaliuA — Und Mussolini: „In funf bis zehn Jahreri 
wird Italien vrirtschaftlich vom Auslande unabhangig. sein. Bis dahin 
ist die Weizenschlacht zu schlagen, und im iibrigen ist zu schweigen." 
So wird mit der Bilanz pakticrt. Die wirtschaftliche Krise der 
politischeni Diktatur wird hinausgeschoben; der Schuldschein prolon- 
giert ... 

Vor hundert Jahren mufitc der Diktator, um seine Mannen ge- 
fiigig zu halten und dem Volk zu imponieren, Kriegc fiihren. Heute 
hat er das nicht notig, dcnn imposanter ala der Krieg erscheint den 
Volkern die ,Planwirtschaft* des- Diktators, die mit Bauten und Bah- 
nen, mit auswartigen Bankverbindungen und amerikanischen Trust- 
magnaten operiert, und Leben, Bcwegung, Arbeit, Verdienst bringt. 

Es entspricht also einer tiefcn innern GesetzmaBigkeit, 
wenn die Regierung zunachst zwci Vierjahresplane zur Be- 
hebung der argstcn wirtschaftlichen Not ankiindigt; sie braucht 
Aufschub. Es entspricht aber auch durchaus ihrer uneinheit- 
lichen Zusammcnsctzung, dafi sie sich sclbst danach soiort von 
der wirtschaftlichen auf die nux politische Ebene transponiert. 
Sie setzt Wahlen an, die ein, paar Wochen; zunachst ganz mit 
Propaganda anfullcn. Sie erof fnet . einen Kampf gegen jenen 
armen Schatfen, der sich noch preuBische „Hoheitsregierung" 
nennt. Sie stellt Schreibe- und' Versammlungsfreiheit unter 
Ausnahmcrecht. Sie gewahrt aber — und das ist das cinzige 
sofort Verwertbare — durch eine kraftige Erhobiung der Flcisch- 
und Schmalzzolle den Agrariem eine erheblichc Gratifikation. 

Wir diirfen wohl annehmen, daB hinter allcdem vornchm- 
lich der Herr Vizckanzlcr steht, in! dem) man bis auf weiteres 
iiberhaupt das eigentliche Haupt der Regierung erblicken mufi. 
Den in dem Kampf e zwischen Industrie und Landwirtschaft 
schnell zerriebenen Kanzler drangt es heute, wo er als Vize- 
kanzlcr frohliche Urstand feiert, sein liegengelassenes Pro- 
:gramm zu vollcndcn. Sein lebhaftes Temperament sicht in der 
Entfesselung iiberfliissiger Konflikte eine Kronung der heiB an- 
gebeteten Machtpolitik. Damit zieht er die ganze Regicrimg 
auf abschiissiges Gelande. 

Wozu eine Wicderaufrollung der PrcuBcniragc? Die ganze 
Sozialdemokratie weiB heute, daB ihre Fiihrung am 20. Juli 

235 



aufs kiimmerlichste versagt hat. Mag der ProzcB vor dem 
Staatsgerichtshof auch ein scchzigprozentiger juristischcr Sieg 
gewescn sein, den ProzcB vor dcm Forum der Gcschichte hat 
die sozialdemokratische Fuhrimg am 20. Juli verloren, und. 
kein Gcrichtsspruch kann das wieder wettmachcn. Tief im 
Hintcrgrunde starb die Rcgicrung Braun ohnc Schonheit, wenn 
auch in Hoheit, dahin; ein grausiges Demonstrationsprojekt fiir 
die Ohnmacht der Partei. In dem Augcnblick a-ber, wo die 
Reichsregierung diesen unseligen Revcnant neu angrcift, stromt 
ihm auch. neues Blut zu, er gewinnt wieder Leben. Wenn der 
Staatsgcrichtshof ein zweites Verdikt gcgcn die Reichsrcgic- 
rung fallt, so^ droht ein ernster konstitutionellcr Konflikt, der 
siiddcutsche Partikularismus wird wieder frondieren, tmd zti 
alledem ist noch der Prasidcnt des Staatsgerichtshofs — nach 
einem erst im Dezcmbcr angcnommcnen nationalsozialistischen 
Antrag — der designiertc stellvertretende Reichsprasident, 
Hier zcichncn sich bereits zukiinftige Wirren von phantasti- 
schem AusmaB ab. 

Die Pressenotverordnung ist ja nicht die erste dieser Art. 
Schon manche der republikanischen Regierungen hatte ihrc 
cignen Mcthodcn, mit der vcrfassungsmaBig gewahrleistcten 
Meinungsfrcihcit lunzuspringen. Dicjenigen Zeitungcn, die sich 
Charakter, und Selbstamdigkeit bisher bewahrt haben, wcrden 
auch in der Zukunft nicht durch den Reifen springcn. Der Fall 
liegt schr einfach; bci dem uralten Duell zwischcn physischer 
Gewalt undi freiem Gedanken ist die Gewalt im letzten Gang 
immer unterlegcn. Wo einc diktatorische Hcrrschaft verweh- 
rcn will, dafi Ideen ausgesprochcn, geformt, niedergcschrieben, 
verbrcitet werden, da gibt es bald Vcrwesung, Friedhofgeruch. 
Dcutschland ist ein Land der differenziertesten oHcntlichen 
Funktioncn, man kann es nicht leicht in die Primitivitat einer 
geduldigen Kulistummheit zuriickschraubcn. Wo rcgicrende 
Gcwaltcn die Meinungsfreiheit der Mitlebenden mit einem Fc- 
derstrich kassieren, da liefcrn sie sich nur den anonymen und 
gestaltlosen Machten der Geschichte aus, die viel bosartigcr 
und schonungsloscr sind als der galligste Pamphletist. Immer- 
hin geht die deutsche Prcssc in eine bewegte Epoche hinein. 
Der wirklichc Presseball beginnt erst jetzt. 



Was das Volk crwartet, ist Brot und Arbeit. Die Regie- 
rung aber traktiert es mit Politik, sie dekretiert, sic vcrordnet. 
Ihr crster wirtschaUlicher Akt von Bedcutung aber ist eine 
den Agrariem erwicsene Gefalligikeit. Damit enthiillt sic nur 
die' Gegensatze in ihrer Konstruktion. Die hintcr ihr stehen- 
den Parteien fuhren den Wahlkampf so, als waren sie noch im- 
mer dic! ,,nationale Opposition"; sie schmettern furchtbar ge- 
gen die Sozis, dic Mordkommune, sic verwcchscln Versailles 
und Weimar, sie sabcln, wie der diirre kastilischc Rittcr, zu 

DiifTATirlpri imarfiTiare srhurftrdftnanzftrte Fcinde nieder. In 

Wahrheit ist dieser Wahlkampf wenigcr ein AppcII ans ganze 
Volk als viclmchr cine interne Auseinandersetzung der Harz- 
burger Koalition- Erlciden dic Deutschnationalen erhcbliche 
Vcrluste, so steht die Frage der Regierungsbildung neu zur 

236 



Diskussion. Das Zcnlrum halt sich wicdcr freundlichst bcrcit. 
Die Kabincttspolitik, die das ganze letzte Jahr beherrschte, 
geht nochmals groBen Zeiten entgegcn. In dem Brief des 
Reichskanzlers an den Pralaten Kaas vom 1. Fcbruar lautet 
die einpragsamste Stelle: 

Denn eine Diskussion d«r angefuhrtcn Punktc ohne das von mir 
erbetene Ergebnis wiirdc im Ausgange zu einer ebenso unfruchtbarcn 
wie mir unerwunschten Verbitterung fiihren. Denn ich wage auch 
heute wieder zu hoffen, daB, wenn nicht schon jetzt, dann in einer 
vielleicht nicht zu fernen Zeit eine Verbreiterung unsrer Front zur 
Beseitigung dcr drohenden innerpolitischen Gefahren in unserm Volk 
stattfinden konntc. 

So sieht es also schon wenige Tage nach der angeblichen 
Besitzergreifung Deutschlands durch die ,,cinige nationale 
Front" aus! Deutschland wartet — aber nicht auf neue In- 
trigen, neue Kulissenspiele! Die Parteien der leidenschaftlich- 
sten Anklagen, der starksten Versprechurigen fur die Zukunft 
sind nach oben gelangt. Das Volk hat ihncn die eine groBe 
Chance gegeben; — es hat nicht seiner eindeutigeni Abneigung 
politischen Ausdruck verliehen, es sagte zunachst: Nun arbeitet! 
Diescr Spruch ist fair, aber auch unerbittlich. Hie Rhodus, 
hie salta! Das ist ein Votum, idas keine Zensur unterdrucken 
kann, Wenn die Menschcn nicht mehr frag en diirfen, dann 
wcrden die Dinge fragen. 

Hitler oder Hugenberg? von Bemhard citron 

M iBtrauen ist die beste Seite der Dcmokratic, Bi&her ist das 
deutsche Volk wenigstens" in diescr Beziehung sehr dcmo- 
kratisch gewesen. Keiner Regierung hat man soviel Be- 
wegungsfreiheit gestattet^ dafi sic sich mit der Verwirklichimg 
ihrcr Plane Zeit lassen konnte. Die Regierung Hitler ver- 
sichert, sie habe einen Plan, der den Bauem eine Existenz, den 
Arbeitern Brot und dem ganzen Volke Wohlstand bringen 
werde. Dieses Wunder kann aber nicht pronipt geliefcrt wer- 
den, Vielmehr soil das deutsche Volk einen Wechsel mit vier- 
jahriger Laufzeit ausstellen, den die Firma Hitler, Hugenberg 
& Co. akzepticren werde. Am 5. Marz wird das deutsche Volk 
uber die Frage abstimmen, ob man diesen Wechsel an Zah- 
lungsstatt annehmen soil, ob man sich auf vier Jahre des besten 
Teilcs der Demokratie, des Rechtes auf MiBtrauen bcgebcn 
soil, Bei vierjahriger Zahltingsfrist konnen wir vorzcitige Riick- 
zahlung auch gar nicht verlangen. Wir brauchen uns deshalb 
auch nicht zu wundern, daB die Regierung wahrend der beidcn 
ersten Wochen ihrer Amtstatigkcit noch keine grundsatzlich 
neuen MaBnahmen auf wirtschaftlichem Gebiete durchgefiihrt 
hat. Wer vier Jahre Zeit hat, eilt sich nicht in den ersten 
vierzehn Tag en. We it erstaunlichcr ist es dagegen, daB noch 
nicht einmal ein Tilgungsplan vorgelegt worden ist, nach dem 
die Regierung ihre Verpflichtung gegeniiber dem deutschen 
Volk einzulosen gedenkt, SowohT Hitler wie Hugenberg haben 
lange genug aul den Augenblick der Machtergreifung' gewartet, 
urn mit festumrissenen Planen ihr Amt antreten zu konnen. 
Nun wird wahrscheinlich erst einmal geraume Zeit dariiber 

237 



hiagehen, bis aus cinem Hitler- und cinem Hugeabergplan citi 
Hitler-Hugcnbcrg-Plan wcrden kaim. 

Bis man sich iiber den klein-en Unterschied zwischen 
Kapitalismus und Sozialismus gceLnigt hat, wird Hugenbcrg die 
dcutsche Wirtschaftspolitik bestimmen, Zu diesem Zweckc 
hat cr sich bckanntlich fiinf Ministerien dicnstbar ge- 
itiacht: Reichswirtschafts- und Reichscrnahrungsministerium, 
preoBisches Handels- und Wohlfahrtsministeriunit die in einem 
Staatssckreiariat vereinigt sind, und schliefilich das preuBischc 
Landwirtschaftsministcrium. Fiir die Einheitlichkeit der deut- 
schen Wirtschaftspolitik ist in vorbildlicher Weise gesorgt. 
Der leidige Gcgensatz zwischen Reichswirtschafts- und Rcichs- 
ernahrungsministerium, der sich bisher bei jeder Kontingcn- 
tierung undZollerhohung unangenehm bemerkbar machte, besteht 
nicht mehr. Die Kampfe, die friiher zwischen Warmbold und 
dem Freiherrn von Braun ausgefochten wurden, finden jetzt 
im Busen des Ministers Hugenberg statt. Wie die handels- 
politischcn Entschcidungen nunmehr ausfallen werdcn, lehrt die 
Ankiindigung von Zollcrhohungen nach Ablauf des deutsch- 
schwedischen Han-delsvertrages am 15, Februar. In diesem 
Kabinett sind die Rollcn so verteilt, dalJ der nationalsozia- 
listische Minister Goring den schwedischen ZcitUngen Vor- 
schriften niacht, wie sic sich dem Reichskanzl^r Adolf Hitler 
gegenuber zu benehmen haben, und' daB der deutschnationaic 
Minister Hugenberg den schwedischen Bauern die Ausfuhr 
nach Deutschland erschwert. Es ist wohl keinc groBere Un- 
geschicklichkeit denkbar als dieses Zusammentreffen des 
Goring-Telegramms und der Hugenl;)ergschen ZollmaBnabmen, 
Deutschlands Position wird auf dem skandinavischen Markt 
gegeniibcr England kaum noch zu halt en s^in, 

„Die Brechung der Zinskncchtschaft'* gehort bekanntiich 
zum cisernen Bestand der nationalsozialistischen Ideologie. 
Gottfried Feder dachte urspriinglich an ein allgemeines Ver- 
bot des Zinsnchmens. In dem nationalsozialistischen Sofort- 
programm vom Jahre 1932 war nur noch an eine weitere Er- 
maBigung der Zinssatze entsprechend der Dezembernotverord- 
nung Briinings gedacht, Jetzt erklart Hugenberg als Vcrwal- 
tcr samtlicher Wirtschaftsressorts im Kabinett Hitler; 

Zwangseingriffe in die bcstehenden Vereinbarungen, wie sie die 
Dezembcr-Verordnung des Kabinett& Briining enthalt, entsiprechen 
meincn wirtschaftspolitischen Auffassungen ebensowenig wie sonstiges 
Herumpfuschcn des Staates in Dingen, die sich orfianisch aus sich 
selbst entwickeln konnen. 

Wenn Hugenberg nicht einmal ein en kleinen Eingriff in 
die Zinsverhaltnisse gestattet, so wird er noch viel weniger 
seine Zustimmung zu jener Brechung der „Zinsknechtschaft'* 
im weitern Sinne geben, dcrcn Ziel die Verstaatlichung der 
Banken ist, Auf Antra g der nationalsozialistischen Fraktion 
hat der bayrische Landtag in diesen Tagen beschlossen, die 
Reichsregicrung zu crsuchcn, die Verstaatlichung der Banken 
beschleiinigt durchzufiihren. War* dicser BeschluO, der durch- 
aus nicht mit der gegenwartigen Wirtschaftspolitik der Reichs- 
regicrung libcrcinstimmt, viellcicht Ausdruck des Unwillens 
der alt en Nationalsozialistcn iiber die Halbheitcn des Regimes 
Hitler-Hugenberg? Oder hat der Fiihrer bei seincm Besuch in 

238 



Miinchen sclbst der Fraktion ,,befohlcn**, dcm eigenwilligen 
Hugenber^ zu zeigen, daB Hitler sich in dcr WirtschaHspolitik 
nicht kaltstellen lasscn will. Handelte es sich um cinen reinen 
Agitationsantrag oder haben die bravcn Nazis aus Baycrn ver- 
gessen, <ia6 sic nicht mchr in der Opposition stehen sondern 
,,verantwortungsbewuBte Politik" zu treibcn baben? Solchc 
Gedanken drangen sich bci dcr Nachricht von dcm utizcit- 
gemaBen Antral der Nationalsozialistcn auf — da stimmt 
etwas nicht mit dcr Brechung der Zinsknechtschaft- 

In cinem Punktc sind sich Hitler und Hugcnberg bestimmt 
einig^ namlich in der Bckampfung der Gewcrkschaften, Viel- 
Icicht hat Hitler cine Zeit lang mit dem Gedanken gcspielt, die 
Gcwerkschaften fur sich zu gcwinneni. Diese Annaherung ware 
zwcifellos ein Vcrsuch ihit u'ntauglichcn Mittelnam untauglichen 
Objekt. Aber auch zur Off ensive gegcn die Gcwerkschaftsfront 
wird man sich im Rcgierungslager, wo man die Macht der Arbei- 
tcrorganisationen nicht unterschatzt, kaum entschlicBen. Im auf- 
rcibcnden Stellungskrieg soil den Gcwerkschaften langsam 
cine Position nach der andcrn entrissen wcrden. Einc gate 
Handhabc bictet hierfiir die Arbeitsdicnstpflicht. Die Unter- 
nehmer, die gehofft hattcn, daB sich aus der Armec dcr Ar- 
beitsloscn die Reserve der Strcikbrcchcr rckrutieren werde, 
sind enttauscht worden. Die Arbeitsdicnstpflichtigcn geben 
cLnc solchc Rcscrvearmec ab, denn sie nehmen keinc Arbeit 
an sondern werden zur Arbeit befohlen. 

Der zweitc Weg zur Brechung der Gcwerkschaftsmacht 
kihrt iibcr das jctzt geplante ,,Tarifamt". Die Bedcutungt die 
man diesem Amt bcinxiBt, geht schon daraus hervor, daB es 
dem Reichskanzler unmittelbar imterstellt werden solL Es 
diirfte kaum die Absicht Adolf Hitlers scin, ?ich mit Arbcit- 
gcbcr- und Arbcitnchmcrvertretern jedes Mai an einen Tisch 
zu setzen, wenn das Gastwirtsgewerbe die Arbeitszeit um einc 
halbe Stundc vcrlangern will, wenn im Bcrgbau der Stimden- 
lohn um zwci Pfennig gekiirzt werden soil oder wenn der Rah- 
mentarif in dcr Maschincnindustric ablauft. Bcstenfalls wer- 
den Arbcitgeber und Arbcitnehmcr kiinftig noch gehort wer- 
den, die Tariffestsetzung aber erfolgt atitonom durch das 
Tarifamt. Die Untcrnchmcr brauchcn nicht besorgt zu scin, 
daB diese Regclung ihren Intercsscn nicht gerccht wird. Der 
Ruhrzechenverband, der doch cine feinc politischc Witterung 
hat imd iibcrdics intimc Beziehungcn zur Rcgierung unterhalt, 
kiindigte ausgcrcchnet am 31, Januar, dem Tage nach der Er- 
nennung Hitlers zum Reichskanzler, vorsorglich die Tarif- 
vertragc zum 31. Marz. 

Wahrend sich ein groBcr Teil dcr Industricllen mit dem 
KoUektivvertrag langst abgefunden hat und auch den Gcwerk- 
schaften ihre Existenzbercchtigung durchaus zuerkennt, sind 
die GroBgrundbesitzer noch heute bcleidigt, daB die Land- 
arbeiter ihre gewerkschaftlichen Vcrtrctungen haben. Der 
ncue Staatssekrctar im prcuBischen Landwirtschaftsministe- 
rium von Rohr-Demmin hat in Pommem den Vcrsuch geniacht, 
die Landarbciter fiir Organisation en, die untcr dem EinfluB dcr 
GroBgrundbesitzer stchcn, zu kodem. In den Kopfen einigcr 
fuhrendcr GroBgrundbesitzer ist aber noch ein andrer Plan 

239 



gereift. Man hat davon gchort, daB das Landprolctariat, falls 
im nacKstcn Jahre auf dem brachliegenden GroBgrundbesitz 
nicht gesiedelt wird, selbst von dem Land Besitz ergreilen 
und dort sclbstandig siedeln will. Man wartet gespannt -^uf 
diese erstc AuBerting dcs „Agrarbolschewismus'*, um Einschi«n 
der staatlichen Machtmittel und Auflosung der landlichcn Ge- 
wcrkschaftcn aus „Sichcrheitsgrunden'* fordern zu konncn. 

Hugcnbergs Machtbczirk reicht noch iibcr die ihm imter- 
stellten fxinf Ministerialressorts hinaus. Es gibt noch cinige 
Ecken, an denen ilch die ehrlichen Anhangcr Hitlers vielleicht 
einmal den Kopf stoBen werden, Einc solche harte Ecke ist 
das Osthilfekommissariat, das fiir die Agraricr eine will- 
kommene Erganzung ihrer EinfluBzone im Reichsernahrmigs- 
ministerium und preuBischenLandwirtschaltsministcriumbildet. 

Bishcr ist esi iiblich gewesen, dafii ein neuer Minister bci 
seinem Amtsantritt allc Aufsichtsratspostcn in der Privatwirt- 
schaft niederlegt. Von Hugenberg ist unsres Wissens noch 
nicht bekannt geworden, dafil er diesen Schritt gctan hat. In 
eincr Aufsichtsratssitzung der Gclsenkirchen AG konntc es 
also geschchen, daB der offizielle Vcrtretcr dcs Reichswirt- 
schaftsministeriums gegen seincn eignen Chef stimmen muB, 
der privatim Mitglied des Aufsichtsrats dicser Gesellschaft 
gcbliebcn ist. Das ware natiirlich ein unmoglicher Zustand. 
Es kann nur cin^ Frage kiirzester Frist sein, daB Hugenberg 
so hajiidelt wie alle seine Vorganger, die sich sofort bei der 
Amtsubernahme ihrcr privatwirtschaftlichcn Bindungen ent- 
ledigten. Die Offentlicbkeit hat groBes Interesse daran, von 
dem EntschluB Hugcnbergs Kenntnis zu erhalten. 



Vorspiel zum Dritten Reich von Heiimut v. ceruch 

Am 5. Februar hielt Herr Duesterberg General-Appcll des 
^^ Stahlhclms ab. Bei der Gelegcnheit wurde folgendc Ent- 
schlieBung angenommen: 

Die Reichsregierung moge sofort ein Gesetz zum Schutze der 
deutschen Nation verkiinden. 

Es ist nicht langer angangig, dafi Landesverrater, wie Hello 
von Gerlach, die den Schandvertrag von Versailles als hochstes 
Wcrkzeug zur Wehrlosmachung Deutschlands preisen, frei herum- 
laufen oder daC das .Berliner Tageblatt' es wagcn darf, die deut- 
schen Bchorden fiir den Freitod der Schwester des grausamsten 
fanatischen Massenmorders aller Zeiten, Trotzki, verantwortlich zu 
machen. 

Wir fordern die Todesstrafe fiir Landesverrater und die Ver- 
achter wahrcn deutschen Volkstums wie Hello von Gerlach, die Aus- 
wei:sung aller im Kampf gegen die deutsche Nation und Kultur 
stehendfiui Ausland«r und das. dauernde Verbot von Zeitungen, die 
bemiiht sind, Deutschland und deutsche Art vor der Welt herab- 
zuwiirdigen und verachtlich zu machen. 

Der Stahlhelm stellt einen wcsentlichen Bestandteil der 
Regierungsmehrheit dar. Sein crstcr Vorsitzender ist^ Mitglied 
J — T>«i„u-i--u :««♦+« T^:^ EntschlieBiin'^ des Stahlhelnis kar"" 
nicht gut auf cine Linie mit eincr bcliebigen Volksversanmi- 
lungsresolution gebracht werden; 

Ziemlich ungewohnlich ist der Vorgang, daB cine groBe 
Regicrungsorganisation unter Bezugnahmc auf einen cinzelnen, 

240 



namentlich geniannten Privatmaiin die Einfiihrung der Todesstraf c 
fiir einen neuen Straftatbc stand fordert< Dafi zwischen einer 
solchcn Forderung und der amtlichen Verwirklichung cin ge- 
wisser Abstand liegt, ist eine Sache fiir sich. Immerhin konnte 
es heiBbliitige Elemente geben, die die Privatinitiative zur 
Verringcrung dieses Abstandes fiir eine patriotische Pflicht 
ansahen. Daran hat der Stahlhelm Batiirlich nicht gedacht. 
Vielleicht hatte er als Ordnungsfaktor par excellence daran 
denken soUen. 

Mit der Formulierung des Tatbestandcs fiir die Ausdeh- 
nung der Todesstrafe hat sich der Stahlhebn nicht sonderlioh 
in geistige Unkosten gestiirzt. Im Marz 1930 brachtc die 
nationalsozialistische Fraktion eine Reihe von Antragen ein^ 
von dcnen einer also lautete: 

Wer offentlich in Wort, Schrift, Druck, Bild odcr in andrcr 
Weise Deutschlands Alleinschuld od«r Mitschuld am Weltkrieg bc- 
hauptet, 

oder wer neuc auf der Kriegs&chuldliige beruhendc Lasten oder 
Verpflichtungen tibernimmt oder an«rkennt, 

oder wer sonstwie imter MiBbrauch der verfassungsmafiigen Lehr-, 
Prefi- oder Versammlungsfreiheit oder anvertrauter Regierungs- 
gewalt es unternimmt, Lebensinteressen des deutschen Volkes zu 
schadigeni 

oder den Willen zur politischen und kulturellen Selbstbchaup- 
iung des deutschcn Volkes zii lahmen oder zu zerstoren, 

wird wegen Volksverrats mit dem Tode bestraft, 

Volksverrat und Verrat der Nation — das kommt natiirlich 
auf eins hcraus. Hauptsache ist, daB der Tatbcstand hin- 
reichend unbestimmt formuliert sei, um eine politische Justiz 
gegen unbequcme Gegner zu ermoglichen. 

Am 5. Februar hat der Stahlhelm die lex Gerlach gefor- 
dert. Am Morgen des 9. Februar bekam ich eine vom 7, Fe- 
bruar datierte Verfiigung des berliner Polizciprasid-enten zu- 
gestellt, Sie lautete: 

Da Ihr bisherigcs Verhalten die Annahme rechtfertigt, dafi Ihr 
ReisepaB in Ihren Handen erheblichel Belange des Deutschen Reichcs 
gefahrdet, entziehe ich Ihnen hiermit auf Grund der §§ 19 und 11 
der PaBbekanntmachung des Reichsministers des Innern vom 7. Juni 
1932 {RGBl. I S, 257) den Ihnen am 14. November 1931 vom 
t57. Polizeirevier ertcilten deutschen ReisepaB Nr, 919/157/31. 

Auf Grund der §§ 14 und 41 des PVG. vom 1. Juni 1931 for- 
dere ich Sie hiermit auf, den PaB innerhalb 24 Stunden nach Zu- 
stellung dieser Vcrfugung bei dem fiir Sie jetzt zustandigen 152. Poli- 
zeirevier in Berlin-Wilmersdorf, Sachsische StraBc 23, abzuliefern. 
Sollten Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, so drohe ich 
Ihnen hiermit gemafi § 55 Abs, 2 des PVG. die zwang&wcise Ein- 
ziehung des Passes an. 

Da die sofortige Ausfuhrung dieser Anordnung aus iiberwiegen- 
den Griinden des offentlichen Interesises erforderlich ist, hat die 
Einlegung cines Rechtsmittels gegen diese Verfiigung gemaB § 53 des 
PVG. keine aufschiebende Wirkung. 

Der Herr Polizciprasident behauptet, dafi mcin ReisepaB 
in meinen Handen crhebliche Belange des Deutschen Reich es 
gcfahrdc. Eine naherc Begriindung halt cr nicht fiir* no tig. 
Wozu auch? Er hat ja die Macht, 

Die Zeitnahc zwischen der Forderung des Stahlhelms und 

*der Verfiigung des Polizeiprasidenten ist eine Tatsache. Von 

2 241 



einem Kausalzusammenhang darf man naturlich nicht sprechen. 
Er ist unbeweisbar. 

Was klar zutage lic^, ist nur, dafl seit den Vortragen, die 
ioh ab Mitte Januar in Frankrcich gchalten habe, eine grade- 
zu phantastische Hetze^ die sich bis zur Mordlietze steigerte, 
in der deutschen Rechtspresse eingesetzt hat. Und zwar nicht 
etwa auf Grund dessen, was ich in Frankreich wirklich gesagt 
habe, sondern aul Grund gefalschter Beriohte. 

Gegen solche Hetzkampagne ist man machtlos, Um jed'och 
wenigstens den Versuch zu machen, den gefalschten Berichten 
die Wahrheit entgegenzustelleni sandte ich am 30. Januar der 
fDeutschen Zeitung' einen eingeschriebenen Brief und appel- 
licrte an ihrc Loyalitat, damit sie meiner knappen Sach- 
darstcllung Raum gewahre. 

Wahrscheinlich hat die ^Deutsche Zeitung* meinen Appell 
an ihre Loyalitat fiir cine Naivitat hohen Ranges gehalten. 
Jedenfalls *hat sie von meiner Zuschrift kcine Notiz genommen^ 
sondern es vorgezogen, den Glauben an die Richtigkeit ihres 
cigncn Schwindelberichts weiterwuchern zu lassen. Der Er- 
folg dieser Taktik liegt klar zutage; Resolution des StahlheLms 
imd Entziehuhg des Passes, 

Dafi der Herr Polizeiprasident, ehe er einen so schwer- 
wiegenden EntschluB faBte, es nicht fiir notig hielt, mich auch 
nur anzuhoren, konnte Juristen uberraschen, Audiatur et 
altera pars! hat immer als cin beachtcnswerter Grundsatz ge- 
golten. Aber es er eigne t sich ja jetzt auch sonst manches 
Uberraschende an unsem Amtsstellen. 

Dem Stahlhelm jedenfalls kann ioh versichem, dafl er 
einem elendenj Schwindel aufgesessen ist, wenn er glaubt, ich 
hatte den Vertrag von Versailles gepriesen. Das habc ich 
weder jetzt in Frankreich noch je zuvor get an. Das hat kein 
Pazifist getan. 

Im Jahrc 1919 gingen die Ansichten untcr den Pazifisten 
schr auseinander, ob man den Friedensvertrag unterzeiohnen 
soUe odcr nicht. Manner so vcrschiedencr Anschauungsweise 
v/ie Professor Quidde und Professor F. W. Fperster waren 
gleichmaBig gegen die Unterzcichnung. Ich war dafiir, well 
die Nichtunterzeichnung das weitcre militarische Vorgehen der 
Entente in Deutschland zur unausblciblichen Folge haben 
muBte, was ich als das groBere Obel ansah. Schon 1919 bei 
der crstcn Zusammcnkunft des Internationalen Friedcnsbureaus. 
in Basel jedoch erhob ich scharfsten Widerspruch gegen eine 
groBc Rcihe von Bestimmungcn des Friedensvertragcs (zum 
Beispiel gegen die Farce der Abstimmung in Eupen-Mabnedy) 
und hatte die Genugtuung, die franzosischen und belgisohen 
MitgUeder des Fri^ensbureaus meinem Protest sich an- 
schlieBcn zu sehen. 

Auch diesmal habe ich bei meinen Vortragen in Frank- 
reich manniglach Kritik an dem Friedensvertrag geiibt. 

Vor allem habe ich bctont, daB an der Revisionsmogjich- 
keit, die der Vertrag ertreuiicherweise ja selbst vorstjue, un* 
bedingt festgehalten werden miisse, Kein Vertrag konne fur 
allc Ewigkeit unabanderlich sein. Der Zeitpunkt fur die Re- 
vision sci eine ZweokmaBigkeitsfrage. 

242 



Sehr eindrintglich habc ich die Saarfrage behanddt und 
die Franzosen dringcnd ersucht, cs nicht erst auf die Abstim.'- 
mimg im Jahre 1935 ankommen zu lassen, sandern schon jetzt 
das Land, das unbedingt deutsch bleiben wolle, aus freiem 
EntschluB an Deutschland zuriickzugebcn. 

DaB Dcutschland aus Gcrechtigkeitsgrundcn eincn An- 
spruch auf das Aufgebot von Kolonialmandaten habe, ist deut- 
lich von rair gcsagt wordcn. Allcrdings habe ich hinzugefiigt, 
es sei mir zweifelhaft, ob die Annahme eines solchen Angebots 
im dcutschcn Interesse liege. 

Aus Gcrechtigkeitsgriinden habe ich auch gefordert, daB 
der entmilitarisierten Zoiric auf dcutscher Seite eine solche auf 
franzosischer Seite cntsprcche. Diese Fordcrung hatte ich 
iibrigens bereits 1925 bei einem Vortrag, in StraBburg formu- 
liert und damit einen Sturm der franzosischen nationalistischcn 
Presse entfesselt, 

Fiir die Abriistungskonlerenz habc ich unsern Anspruch 
auf Riistungsmindcrung der Andern und insbesondcre Frank- 
reichs vcrtreten. AIs den mir am praktischsten erscheinenden 
Vorschlag habe ich den Hoovers mit seiner dreiunddreiBig- 
prozentigen Kiirzung der Militarausgaben empfohlen, Dagegen 
habe^ ich mich gegen den Plan Herriots gewendct, der die Ein- 
fijhrung der Dienstpflicht fiir ganz Kontinentaleuropa vorsieht, 
well ich darin nicht den Weg zur Abriistung, sondem den^ 
wenn nicht zur Aufriistung, so doch zur dauernden Erhaltung 
aller nationalen Hcere erblicke. 

Damit komme ich zu meiner Siinde. Wortlich habe ich 
namlich crklart: „So viol ich als Dcutscher an dem Vertrag 
von Versailles zu kritisieren habc, cine Bestimmung habc ich 
bcgriifit, namlich die, wodurch die Dienstpflicht in Dcutsch- 
land abgeschafft wurde. Weil ich in ihr den Beginn einer all- 
gemeinen Abschaffung der Dienstpflicht- crblickte, und ich als 
Pazifist die Dienstpflicht grundsatzlich bekampfe." 

Jawohl, ich bin G^gner der Dienstpflicht, ob man sic nun 
Miliz oder sonstwic nennt, fur Dcutschland, fiir Frankreich, 
fiir die ganze Welt- Ich halte es fiir die tiefstc Verlctzung 
der Menschenrcchte, daB man Leute zwingt, sich totcn zu 
lassen und andre zu totcn. 

Vertrage, die man unterschrieben hat, darf man nic zer- 
reiBen, auch wenn sic einem noch so lastig sind/ Man soli 
durch klugc Politik ihnen ihre Giftzahne eincn nach dem 
andem entreiBcn, Das war die Taktik Stresemanns. Das muB 
meiner Ansicht nach die Taktik jedes Deutschen scin, der sich 
um die Synthese von Vaterlandslicbe imd Vernunft bemuht. 

Ich halte es wed'er fiir klug noch auch fiir tapfer,^ sich an 
dem Liede „Siegreich wollcn wir Frankreich schlagen" zu be- 
rauschen, Mir schcint, bessern Dienst Icistct einem Volk, wer 
sich in Frankreich darum bemiiht, bei dem franzosischen Volk 
Verstandnis' fiir die Note und Bediirfnisse des deutschen Vol- 
kes zu erwecken, Wofur man frcilich eincn PaB braucht. 

Es gibt verschiedenc Methodcn der auswartigen Politik, 
Die von Herrni Minister Goring in Schweden angewandte hat 
sich bisher nicht graidc bcwahrt. 

243 



Der Fall Wagner von Frledrich Nietzsche 

Aus „Der Fall Wagner'*. Turin 1888, abgedruckt aus der 
Nietzsche- Ausgab€ des Neumann-Verlages, Leipzig 1904. 
r^ em Kiinstler der decadence — da steht das Wort. Und 

damit bcgiimt mein Ernst. Ich bin feme davon, harmlos 
zuzuschauen, wenn dieser decadent uns die Gesundheit ver- 
dirbt — und die Musik dazu! 1st Wagner iiberhaupt ein 
Mensch? 1st er nicht eher eine Krankhcit? Er macht alles 
krank, woran er riihrt, — er hat die Musik krank gcmacht, 

Ein typischer decadent, der sich notwendig in seinem ver- 
derbtcn Geschmack ftihlt« der mit ihm einen hohercn Gc- 
schmack in Anspruch nimmt, der seine Verderbnis als Gesetz, 
als Fortschritt, als Erfiillung in Geltung zu bringen wciB. 

Und man wehrt sich nicht. Seine Verfiihrungskraft stcigt 
ins Ungeheure, es qualm t um ihn von Weihrauch, das MiB- 
verstandnis tiber ihn heiBt sich „Evangelium'\ — er hat durch- 
aus nicht bloB die Armen des Geistes zu sich iiberredet! 

Ich habci Lust, ein wenig die Fenster aufztunachen. Luft! 
Mehr Luft! 

DaB man sich in Deutschland iiber Wagner betriigt, bc- 
fremdet mich nicht. Das Gegentcil' wurde mich befremden. 
Die Deutschen haben sich einen Wagner zurechtgemacht, den 
sie verehren konnen; sie waren noch nie Psychologen, sie 
sind damit dankbar, daB sie miBverstehen, Aber daB man sich 
auch in Paris iiber Wagner betriigt! wo man beinahe nichts 
andres mehr ist als Psycholog. Und in St. Petersburg! wo 
man Dinge noch errat, die selbst in Paris riicht erratcn war- 
den. Wie verwandt muB Wagner der gesamten europaischen 
decadence sein, daB er von ihr nicht als decadent empfunden 
wird! Er gehort zu ihr; er ist ihr Protagonist, ihr groBter 
Name . , . Man ehrt sich, wenn man ihn in die Wolken hebt. 
Dena dafi man nicht gegen ihn sich wehrt, das ist selbst 
schon ein Zeichen von decadence. Der Instinkt ist geschwacht. 
Was man zu scheuen hattc, das zieht an. Man setzt an die 
Lippen^ was noch schneller in den Abgrund trcibt. Will 
man ein Beispicl? Aber man hat nur da's regime zu beob- 
achten, das sich Anamische oder Gichtische oder Diabetikcr 
selbst verordnen. • Definition des Vegetaricrs: ein Wesen, das 
einc korroboriercnde Diat notig hat. Das Schadliche als 
schadlich empHnden, sich etwas Schadlichcs verbieten konnen 
ist ein Zeichen noch von Jugend, von Lebenskraft. Den Er- 
schopften lockt das Schadliche; den Vegctarier das Gemiise, 
Die Krankheit selbst kann ein Stimulans des Lebens sein: nur 
muB man gesund gcnug liir dies Stimulans sein! Wagner 
vermehrt die Erschopfung; dcshalb zieht er die Schwachen 
und Erschopften an. Oh iiber das Klapperschlangen-Gliick 
des alten Meisters, da er grade immer ,,die Kindlcin" zu sich 
kommen sah! 

Ich stelle diesen Gesichtspunkt voran: Wagners Kunst ist 
krank. Die Problem?, die er a^'^ dip Rnlnnft bring t — laiit^r 
Hysteriker-Probleme — , das Konvulsivische seines Affekts, 
seine iibcrreizte Sensibilitat, sein Geschmack, der nach immer 
scharfern Wiirzen verlangtc, seine Instabilitat, die er zu Prin- 
zipien verkleidete, nicht am wenigsten die Wahl seiner Hel- 

244 



den tLnd Hcldinnen, diese als physiologischc Typen belrachtet 
(einc Krankengalcriel); Allcs zusammcn stcllt cin Krankheits- 
bild dar, das keinen Zweifcl lafit. Wagner est une nevrose. 
Nichts ist viellcicht heute besser bekannt, nichts jedcnfalls 
bcsscr studicrt als dcr Proteuscharaktcr dcr Degenereszenz, 
der hier sich als Kunst und Kunstler verpuppt, Unsre Arzte 
und Physiologcn haben in Wagner ihren intcressantesten Fall, 
zum mindesten eincn sehr vollstandigen. Grade, well nichts 
modcrner ist als diese Gesamterkrankung, diese Spatheit und 
Uberreiztheit der nervosen Maschinerie, ist Wagner der mo- 
derne Kunstler par excellence, der Cagliostro dcr Modernitat- 
In seiner Kunst ist auf die verfiihrcrischste Art^gemiseht, was 
heute alle Welt am notigsten hat, — die drci groBen Stimu- 
lantia dcr Erschopften, das Brutale, das Kiinstliche und das 
Unschuldigc (Idiotische)* 

Wagner ist ein groBer Verderb liir die Musik, Er hat in 
ihr das Mittel erraten, miide Nerven zu reizen, — er hat die 
Musik damit krank gemacht, Seine Erfindungsgabe ist keinc 
kleinc in der Kunst, die Erschopftcstcn wicder aufzustachcln, 
die Halbtoten ins Leben zu rufen. Er ist der Meistcr hypno- 
tischer Griff e, er wirft die Starksten noch wie Stiere um, Dcr 
Erfolg Wagners — sein Erfolg bei den Ncrvcn und folglich 
bei den Fraucn — hat die ganzc ehrgeizigc Musikcrwelt zu 
Jiingern seiner Gcheimkmist gemacht, Und nicht nur die 
ehrgcizige, auch die kluge . . . Man macht heute nur Geld mit 
kranker Musik; unsre grofien Theater leben von Wagner. 

Fabriken von waiter Bauer 

l^abriken stehn an Rhein und Ruhr, 

*• in Pittsburg und am Hoangho, 

der gleiche Qualm, die gleiche Spur 

dcs Rauchs, der Untcrschied ist nur 

die Art dcr Produktion, 

Zur Fruhstiickspause schreien die Sirenen, 

der bleiche Himmel nimmt die Rufe an, 

und quillt der Rauchstrom aus den diinnen Rohrcn wieder, 

so weiB' man, daB die Mittagszeit begann. 

An Rhein und Ruhr, 

in Pittsburg und am Hoangho, 

der Unterschied liegt in der Zeit, er ist nur klein. 

Maschinen fressen Stoff und Zeit 

und Kraft, und von der Seligkeit 

des Daseins ist noch nicht viel zu bemerken. 

Am Abend schminkt der Himmel sich wie eine Frau, 

und stiirzt der Rauchschrei in das Dunkel aus dem Rohre grau, 

so quelln die Menschen um die Schichtzcit aus den Werken. 

An Rhein und Ruhr, 

in Pittsburg und am Hoangho, 

der Unterschied liegt in der Zeit, er ist nur klein, 

Und manchmal heiBt es; du bist jetzt zu alt, 

zu ofters krank und nicht mehr zu gebrauchen. 

Dann gcht man an die Brucke, an den werkzerfressnen FluB, 

well man mit seinem Dasein schnell zu Rande kommen muB. 

An Rhein und Ruhr, 

in Pittsburg und am Hoangho » 

der Unterschied liegt in der Zeit, er ist nur klein, 

245 



Zwei GranatSplitter von Axel Eggebrecht 

Das Material 
f^ic cnglische Granate Kaliber 7,62, Model! 03, verbesscrt 

1916, war cine kleine Prazisionsmaschinc von gefalliger 
Form. Den graulasicrten, guBeisem^n Zylinderkorper umgab 
der kupfeme Fuhrungsring, wie die Bind'e den Bauch des Gen- 
darnien. Im auigeschraubten, stahlernen Kopf saB das kompli- 
zicrte Gchirn,, der (Ziinder, durch cine von 400 bis 6800 Yard 
verstellbarc Skala zu rcgeln, Bcim Zcrspringen dcs 5,78 kg 
schwcren Geschosses war mit 80 bis 140 Sprengstiickcn zu 
rechnen. 

Herstellcr; Eine kleine, auf Kriegsbedarf mngcstelltc 
Mcsserklingenfabrik in Huddersficld', Grafschaft York, Im Ja- 
nuar 1918 betrug die Arbeitszeit in diesem Werk 113^ Stunden. 
Hierfiir wurde der auBerordentliche Lohn von 7K bis 10 K 
Schilling gezahlt, Der Herstellungspreis ciner Granate 7,62 
betrug, einschlieBiich Kartusche mit Mclinitladung und Bahn- 
iransport bis Materiallager Leeds, 9)4 Schilling. Der Staat 
zahlte 17 Schilling, 

Im Marz wurde die Granate, von der hier berichtet 
wird, mit Bahn und Schiff iiber London, Hastings, Boulogne, 
St. Onicr bis Hazcbrouck geschafft, lagerte dort bis Anfang April 
und kam am 9., dem zweiten Tage der dcutschcn Armenticres- 
Offensive, an die 3. Batterie des Suffolkregiments zur Ausgabc 
Am 12., abends gegen lialbsechs Uhr, bei beginnender Damme- 
rung, feucrten die beidcn ersten Geschutze auf eine eben auf- 
gefahrcnc, deutsche Feldbatterie, direkt, Entfernung 2400. Er- 
ster SchuB Volltrclfer, starke Wirkung beobachtet. 

Fahnrich E. wurde von zwei Splittern getrof f en. Der 
kleinere durchschlug den rechten Fufi von oben nach untcn 
undi blieb untcrhalb der Sohle 6 cm tief im Bodcn stecken- 
Dcr groBere ritzte das Dickfleisch des rechten Oberschenkcls, 
drang dicht hinter den Hoden in den linken, wurde erst durch 
den starken Mittelknochen aufgebalten. 

Flei$ch und Knochen 
Im fortdauemden feindlichen Feuer, bei sieben Totcn, elf 
Schwcrverlctzteh, ist wenig Gelegcnheit zu griindlicher Unter- 
suchung, Untcrarzt L, schneidet E.*s Uniform imd Stiefel weg, 
umwickelt und schient fliichtig den rechten FuB, klebt einen 
groBen Wattebausch auf die Schenkelwunde, In eine Zeltbahn 
geknopft, wird E, von kanadischen Gefangenen nach riickwarts 
getragein, Aufenthalt in einer stark vergasten Senke. Acht 
Uhr Verbandpiatz. Sondieren der Wunden, Verbandc, Te- 
tanusspritze, Nachts ins Feldlazarett Estaires. Zwei Tage 
ohne Behandlung. Dann Autotransport nach Lille. Die Stadt 
ist von Verwundeten ubcrfiillt. Massenlager in der Markt- 
halle, Stroh. Keine Arzte. Kleine Madchen bringen Malz- 
kaffee und Suppe. Am vierten Abend auf den Bahnhof. 
Lazarettzug nach Essen ist schon (iberbelegt. im rattemden 
StraBeiibahnwagen auf der Bahre weiter nach Tourcoing. Hohes 
Fieber. Ein Geschlechtskrankenlazarctt ist eben fiir die 
Verwundeten geraumt worden. Wasche zum Wcchseln nicht 

246 



vorhandcn. Nachts Abnahme des vereiterten Vcrbandes, so- 
fortigc Operation: Offnung des FuBcs, ZerlegQn der Sohle. 
Das rcchte Bein wird in eincr Schlinge hochgehangt, urn den 
Blutandrang ertraglich zu halten. 

Zwei Woclien spater im Lazarcttzug nach Deutschland. 
Der SchenkelschuB, als leichte Fleischwundc erklart, ist im 
Abhcilcn. Lazarett Offenbach ist soeben aus einem Seuchen- 
krankenhaus in ein- chirurgischcs Spital umgewandelt worden. 
Gleich nach der Einlieferung wird E, mit seinen Verbandcn in 
ein heiBcs Bad gelegt. Die Schwestern sind das von ihren 
Typhosen her so gewohnt, der Lausc wegen. Das Blui schieBt 
ins Wasser, E< verliert die Besinnimg. Drei Arzte kampfen 
stundenlang gegen die Verblutung, Kochsalzspritzcn stellen 
nachts das BewuBtsein wieder her. 

Befund drei Wochen spates; Rechtcs Bein bis zum Knie 
vcreitert^ Bchandlung beschrankt sich im wesentlichen auf 
VcrbandwechseL Fieber in stetigem Ansteigcn. Der Zufall, 
daB E.'s Vater Arzt ist, ermoglicht Oberfiihrung in eine andre 
Stadt, In den nachsten Monatcn mehrere Opcrationen, AuBerst 
schmerzhafte Behandlung, Bcim taglichen Atistamponieren 
der zerlegteni Sohle miissen zwei Leute das Bein festhalten. 

Im Juli ist der FuB gerettet. August: Erste Gehversuchc. 
Ende September: E. meldet sich in seiner Garnison zum Dienst. 
Am Stock humpelnd, bildet cr Rckruten aus. Mitte 1919 ist 
der FuB durch dauerndes Training wieder fast voll verwcn- 
dungsfahig. Nur zwei Zehetn blciben steif, die vierte stejit, 
als sogenanntc Hammerzehe, winklig in die Hohe, 

Acht Jahre spater; Starke Schmerzen im linken Obcr- 
schenkel, Behandlung auf Rheuma, dann auf Ischias, Bader, 
Massage, Einreibungen, Als das Fieber auf vierzig stcigt, wird 
ein Chirurg zugezogcn. Operation fordcirt zwei Liter Eiter und 
einen zackigcn Splitter von der GroBe eines halbeni eisemen 
Kreuzes zutage, der dicht am Oberschenkelknochen verkapselt 
saB, Urteil des Operate^urs; vierundzwanzig Stunden spater 
ware zur Lcbcnsrettung die Abmihme des ganzen Beiaes not- 
w en dig gewcsen. So kommt E. mit zwei Monaten Liegen und 
einer langen Narbe davon. Von den iiber tauscnd Mark be- 
tragenden Unkosten ersctzt der Staat schlieBlich 173.40 Mark, 

Eindriicke 
Der Fahnrich E. ist am Nachmittag des 12, April 1918 ein 
eben ncunzehnjahriger Mensch, vergniigt iiber das Abcnteuer 
des Kriegcs, stolz auf seine Trcssen und sein Portepce, sicher, 
daB ihm alies gut gerat, daB ihm in diescm Kriege nichts pas- 
sieren wird, daB diese Offensive die englischc Front durch - 
brechen, daB er in spat est ens zwei Monaten Leutnant sein 
wird. Die Granate hcult heran, aus dem Klang kann man kurz 
vor dem Einschlag genau horen: Das gibt einen Treffer. Fiinf 
Sekimden spater hockt E, auf dem Boden, maBlos erstaunt, 
daB es ihn erwischt hat, Er betastet sich. Seine Handc fassen 
in eine Pfiitze. Das Feuchte ist sein eignes Blut. Erstaunlich. 
Keine Schmerzen. Das Herunterschneiden des Stief els tut weh. 
Beim Abtransport halt E, krampfhaft seinen Feldstecher und 
die Gasmaskenbiichsc in der Hand. Als ihn die Kanadicr in 

247 



der yergastcn MuWc liegen lassen, briillt er laut: Schwcinerei! 
Bande! Schmcckt dann das SiiBIiche, stiOpt die Maske libcr, 
Spater am Verbandplatz wuste Schmerzcn. Die Sonde wiihll 
im FuB, wie ein Messer in der Buttcrdose. Die Tetanus- 
spritze stoBt hinten ins Flcisch, stumpf wie ein Bleistift- 
stummeL In Estaires liegt er, fieberbenommen, von den Ver- 
banden gefesselt, durchs Fenster sieht er benachbarte Hauser 
im Artillerief euer zusammenstiirzen. Dann tagelang nur noch die 
wirbelnde, verwirrcnde Fahrt auf dem Fiebermeer. Manchmal 
dringt ein Schrei, ein sinnloses Bild bis zum Bewufitsein durch. 
Nacbts nach der Operation sitzt ein junger katholiscber Geist- 
licher an E.s Bett, trostct ihn; Man kann auch mit einem FuB 
ganz gut weitcrleben. Das ist dem Durstigen ganz gleichgiiltig, 
cr will Mineralwass^r, Und der Pater soil liber alles reden, 
nur nicht iiber Religion. Der ist klug genug, so zu tun, (Monate 
spater die evangelischen Lazarettpfarrer sind aufdringliqher.) 
In Offenbach, als zugleich mit seinem Blut das BewuBtsein von 
ihm wegstromt, denkt er ganz zuletzt; Der olle Seneca hat 
doch recht: Vcrbluten im hciBen Bad ist der schonste Tod. 
Nachher im Sommer macht er sich zum ersten Mai im 
Lebcn Gedankcn, ob das alles einen Sinn hat. Patriotismus ist 
schlieBlich nur ein Teil der Schulbildung gcwesen. Abcr das 
Abenteuer, das war doch wirklich? Und jeitzt ist er das, was 
in den lateinischen Obungsbuchern ein Held hieB. Immerhin, 
er ist noch nicht Leutnant. Deshalb sauft er im Hcrbst jeden 
Abend mit dem Stabsarzt, damit der ihn, trotz dcmi lahmen 
FuB, k. v» schrcibt, Aniang November hat ers geschafft, am 
10. soil er einen Rekrutentransport nach Frankreich bring en. 
Aber am 8, ist die Rcvolte, die alle Plane zerschlagt. 

Srkcnntmsse 

Es ist erklarlich, dafi Fahnrich E, mit der plotzlichcn Be- 
en digung seiner Hcldcnlaufbalin uiizufrieden war. Fieber, 
Schmerzen, ^anuneirvolle Nachte, die hollische Tortur einer zcr- 
rissenen Sohle, das alles hatte ihn nicht ein einziges Mai an 
der Bcrechtigung des Krieges zweifebi lassen. So fest saB die 
biirgerlichc Erziehung. Manchmal betrachtetc er seinen ver- 
kriippelten FuB, dies fremde, glasige Fleisch, er lachelte, daB 
er nun noch dreiBig, vierzig Jahre als Zweihuier lebcn wiirde. 

So hciter und unbeschwert blicjb der hohere Schiiler, der 
Fahnrich und Student E. Er war noch immer nicht imstande, 
seine Erlebnisse zu deutcn. Es dauerte noch Jahre voller Zwei- 
fel und Erfahrungen,! bis er erkannte, was er erlebt hatte. 

Wenn Sie ihm hcute ctwas von Aufrufen gegcn den Krieg, 
van liebevollen Phrascn erzahlen, wird er nur grinsen. Er hat 
ja am eignen Leibe crfahrcn, daB an der menschlichen Dumm- 
neit sich nicht cinmal dann etwas andcrt, wenn man die Men- 
schen langsam in Stiicke fetzt. Morgen werden sie sich also 
genau so kindisch dem Gas in den Weg stellen, wie neulich den 
Granaten und einst den Laiiz-en. Nnn sagcn zwar schon Mil- 
lionen; Man dart es gar nicht so weit kommen lassen. Aber 
noch haben diese Millioncn nicht die Macht. Die Macht sitzt 
woandcrs. Sic lauert und bcwahrt sich vorlaufig und ist 
schwer angreifbar, 

248 



Abcr wcim nun, bald ader spatcr, das ncue g^roBe Gc- 
schaft gestartet werden soil, dann muB die Macht ja hcrvor- 
treten und sich einsctzcn, Deshalb halt E. den sinnlosen Krieg 
fiir unvermeidlich und hochst sinnvolL Das ist kein innerer 
Widerspruch; sondern die Folge davon, daU E. cndlich kapiert 
hat, was ihm -damals widerfahren ist. Man lernt nicht durch 
Schmerzcn: man muB vorher wissen, wofiir man sie erleidet, 
Noch einmal also wird die Riistungsindustrie Gelegenheit 
haben, an unsern Korpern zu verdicnen. Abcr das soil ihrc 
letzte Chance sein. Diesmal geht es auch lun ihre Existenz 
und nicht nur um unsre. 

Die lauten Barden des . blinden Heldetntums haben ganz 
recht; Erst jenseits cines Stromes von Blut liegt die Zukunft. 
Aber nicht wir werden es sein, die darin ertrinken, 

Sittenlehre fiir Unglaubige von Rudoif Amheim 

IL Egoismus 

*7\x Beginn seines Lebens nimmt der Mensch die subjektivc 
Perspcktive, in die er zufallig hineingeboren warden ist^ 
als eine objektiv giiltige. Ebenso schwer wie ein Volik lernt, 
daB es nicht im Mittelpunkt der Mcnschheit stehe, und die 
Menschheit, daB die Erdc nicht der Mittelpunkt der Welt sei^ 
ebenso schwer ist es fiir den einzelnen Mensch en, allem zum \ 
Trotz, was ihn seine Sinne lehren, scinen richtigcn Platz in 
der Welt ausBndig zu machcn. Das kleine Kind bexu*teilt alles, 
was geschieht, nur in bezug auf seine eignen Wiinsche, Leiden 
und Freuden, denn sie sind ja die einzigen, die es immittelbar 
erlebt, Diese infantile Haltung halt bei vielen Mensch^n ihr 
ganzes Leben hindurch an, Zwar paBt sich jedcr Mensch mil 
der Zeit den Beschrankungen an, die ihm das Zusammenleben 
auferlegt, aber diese „Erziehung" kann auf zweierlei ganz ver* 
schiedenc Weise zustande kommen. Entweder der Men«ch 
lernt nur, .d:aB es Miichte in der Welt gibt, die ihn zwingen 
konnen, sich zu bescheiden. Er lernt, was er darf und was er 
nicht darf. Das ist die Erziehungsform, die auch aul Ticre an- 
wendbar ist, bloBe fiir den Erzogencn sinnlose Dressur, und 
man kann sagen, daB auch die meisten Menschen in ihren 
ersten Lebensjahren nur eben „stubcnrein" gemacht werden. 
Dies Resultat erzielen strenge Eltern, die erzichen, ohne zu 
begrunden, und hierhin gehort auch der idyllische landliche 
Branch, Kinder durch Moihnsamen in eine gesundheitsschad- 
liche Schlafrigkeit zu versetzen, um ihrcr lastigen Lebhaftig- 
keit zu entgehen. Man kuriert Symptome. Die richtigc umt 
menschenwiirdige Art der Erziehung hingegen besteht darin, 
das Kind nicht nur zur gewiinsohten Handlungsweise sondern 
zur richtigen Denkweise zu bringen; es fiihlen und vcrstehcn 
zu lassen, daB neben ihm andrc Menschen mit ebenso berech- 
tigten Wiinschen und Rechten leben, und daB eben aus dem 
ZusammenstoB der Intercssenspharcn allc Beschrankungen dea 
Einzelnen notwendig und sinnvoll folgen. Wer sich das selbst- 
verstandlichc Gefiithl dafiir erworben hat, daB er als eincr 
unter vielen lebt, wird gar nicht auf den Gedanken kommen, 
mehr zu verlangen, alsj ihm zukommt, wahrend der nur dres- 

/ 249 



siertc Mcnsch ganz natiirlich darauf aus seia wird, sich so viel 
Vorteilc zu vcrschaffen, als sich die andern nur irgend ab- 
ringen lassen, Es entbchrt nicht dcs pikantcn Reizcs, daB wit- 
die konsequenteste Propagierung des Machtstandpunktes 
g«genuber dem Rechtsstandpunkt einem Madchenschullehrer 
verdanken. Max Stirner schreibt in ,,Der Einzige und scin 
Eigenttim"; 

Ich entscheide.i ob es ia Mir das Rechle ist; auBcr Mir gibt es 
kein Rccht. Ist es Mir recht, so ist es recht, Moglich, daB es 
darum den andem noch nicht recht ist; das ist ihre Sorge, nicht 
Meine: sie mogen sich wchren, Und ware etwas der ganzen Welt 
nicht recht, Mir aber ware es recht, d. h. Ich woUtc es, so friige ich 
nachi der ganzen Welt nichts. So macht es jeder, der sich zu schat- 
zen weiB, jeder in dem, Grade, als er Egoist ist, denn Gewalt geht 
vor Recht, und zwar — mit vollem Rechte. 

Jeder von uns weiB aus schmerzhaiter Erfahrung, daB 
sich auch mit solchcn Grundsatzcn das Ziel der Klasse er- 
reichcn laBt- Trate aber an die Stelle solchcr dutch die Uber- 
macht des Kathed-ers erzwungenen Zusammenarbeit das natiir- 
liche Gefuhl dafiir, daB in der Schularbcit gcmeinsame Inter- 
«ssen von Lehrer und Schiileri ineinandergreifen, so erschiene 
alle Beschrankung als niitzlich und notig, und die holzerne 
Stufc zwischen Lchrerpult und Schiilcrpult ware iiberfliissig. 
Wo aber Kampf herrscht, da braucht man auch Barrikaden, 

Grade in der Schule konntc man lernen, daB die Notwcn- 
digkeit, sich anzupassen, nicht, wic Stirner glaubt, der Riick- 
sicht auf das gotzcnhaftc Dogma eines heiliggesprochenen 
Rcchts entspringt, sondern daB dicse Anpassung praktisch und 
niitzlich ist. Aber die Schule pflegt ein Kampfgelande zu 
sein, auf dem man mit Lug und List und Mindestlcistung einen 
moglichst foequemen Sieg zu erringen sucht, Und tritt der 
junge Mensch dann in den Arbcitsbetrieb des ,,Lcbens" ein, so 
kann er feststellen, daB die Schule ihn in der Tat aufs Treff- 
lichste vorbcreitet hat. Die Schiitzengrabenisriahrungen, die 
er im Stellungskrieg gegen den Pauker gcsammelt hat, kommen 
ihm im Kampf um SolL und Haben zugute. 

Unser Verfahren, menschliche Arbeit zu entlohncn, iiihrt 
mit Notwendigkeit zu einer egoistischen Weltanschauung, Der 
Arbeitnehmcr wird in dem BewuBtsein, daB er niitzliche Arbeit 
fur die AUgemcinheit tut, gestort dadurch, daB er damit zu- 
glcich in die Tasche dcs Unternchmers arbeitet, an dessen Be- 
reicherung er kein Interesse hat und dessen Gcgenlcistung zu 
gering ist, Daraus cntsteht der schrecklichc Zustand, daB der 
schone Trieb, seine Arbeit moglichst gut zu machen, der in 
jedem normalen Mcnsohen steckt, beim heutigcn Lohnarbeiter 
gradezu dumm und lacherlich wirkt,. denn jener aussterbendc 
Typ des ehrlichen, alten Arbeit ers, der sich fiir seine Firma 
aufopfcrt, (oder des „Faktotums" im Haushalt) braucht cbcn, 
um so hemmungslos arbeitcn zu konnen, einen bctrachtlichen 
Mangel an sozialer Einsicht und Moral, Wcr dagegcn die Sach- 
lage kritisch iibersohaut, wird die Licbe zur Arbeit mit ziem- 
lichcr Sicherheit verlicrcn und schlieBHch nur noch daraut aus 
scin, moglichst wenig Arbeit Eiir moglichst viel Geld zuleistcn. 
Denn er begreift, was der amerikanische 5konom Mitchell 
{Rudolf Brunngraber ; , ,Tcchnokratie' ' , , Wiener Wcltbiihne' 

250 



Nummer'5) so formuliert hat; „Vom geschaftlichcn Standpunkt 
aus sind die erzeugten, lebcBsnotwendigcn Waren nicht mchr 
als Nebenproduktc auf dem Weg, Dividcnden zu verteilen.*' 
Dicse Vcrlagening dcs Schwerpunkts voni Produkt auf den 
Gewinn ergibt sich auch beim kleinen sclbstandigcn Produ- 
zenten ganz von selbst. Kauft ein Uhrmacher in einem Laden 
ein Paar Schuhe^ so vcrkauft der Schuster diesc Schuhe an 
^inen Menschen, an dem er kein personliohes Interesse hat; 
arbeitete er die Schuh© fur sich selbst oder fiir seine Frau, so 
wurde er sie auf alle Falleso sorgfaltig wie moglich machen 
— der fremde Uhrmacher aber bezahlt ja nur. DaB der Kaufer 
aber gar nicht deshalb Anspruch auf Schuhe hat, weil er Geld 
bringt, sondern deshalb, weil er seinerseits zum Besten der 
Ailgemeinheit und also auch zum Besten des Schusters Uhren 
fertigt, kann diesem gar nicht bewufit werden, weil ja ein ge- 
schlossener Wirkimgszusammenhang von Leistung und Gcgen- 
leistung zwischen diescn beiden Menschen geschaffen wird. 
Der Uhrmacher erscheint beim Schuster nicht^ um sich gute 
Arbeit als Lohn fiir gute Arbeit abzuholen, sondern lediglich 
als der „Kunde**, an dem man kein andres Interesse haben 
kann, als ihm moglichst billige Arbeit moglichst teuer zu 
licfern* Ware das, was ein Mensch braucht, von dem, was er 
leistet, wirtschaftlich voliig getrennt, hatte also der Schuster 
uncntgeltlichen Lebenstinterhalt und zugleich die Aufgabe, 
gratis Schuhe zu liefern, so wtirde ihm der groBe Zusammen- 
hang klar, in dem jeder Abnehmer zugleich Lieferant des 
Lieferanten ist und jeder daran inter essiert ist, daB jeder gute 
Arbeit leistet. Unsre Methode, die Einzelleistung cinzeln zu 
entlohnen, aber falscht einen Teilvorgang innerhalb eines 
groBen Mechanismus zu einem in sich geschlossenen Einzel- 
vorgang um, aus dessen Wcsen egoistische Geschaftsprinzipien 
zwangsmaBig f olgen. So wird aus der Kooperative der Men- 
sch eng em einschaft ein Gefiige gegeneinander kampfender 
Egoismen, Und der Trieb, gute Arbeit zu leisten, wird per- 
vertiert durch den richtigen Grundsatz, daB ein guter Ge- 
schaftsmann nicht mehr gibt, als man ihm unbedingt abverlangt. 

Unsre Arbeitsmethodcn drangen auf Egoismus, und des- 
halb drangt unsre offizielle Ethik so eifrig auf Selbstverleug- 
nung. Opfern solle man sich, dem Nachsten solle man dienen, 
und Egoismus ist verpont. Dabei sind die Begriffe Egoismus 
und Altruismus einander wiirdig. Sie sind beide gleich schief, 
weil sie auf dem sinnlosen Gegensatz von Ich und Nicht-Ich 
beruhen. Wer nur fiir sich da ist oder nur fiir die andern da 
sein will, weiB nicht, daB es, auch in der Ethik, darauf an- 
kommt, die Bediirfnisse der Menschen gegeneinander abzu- 
wagen, von der Ganzhcit der Menschengemeinschaft auszu- 
^chen und so die Funktion jedes Tells im Ganzen zu ermitteln. 
Womit nicht gemeint sein darf, dafl jeder gleiche Rechte und 
Pflichten habe, Nicht richtig gedacht ist: ich mochte nicht 
Klavier spielen, also hat er auch nicht Klavier zu spielen. 
Sondern; er mochte Klavier spielen, ich mochte Ruhe haben — 
welches ist das rechte Verbal tnis zwischen meinem und seinem 
Anspruch? Was daraus praktisch folgt, da von soil in der nach- 
sten Nummer die Rede sein, 

251 



Manfred Hausmann von Ema Mkhei 

VV7 cnn Manfred Hausmann aus scincn Wcrken licst, dann sind 
die Sale ubcrfiillt und achtzig Prozent der Horer sind 
weibliclien Gesclilechts. Hausmann liest, wic er schreibt; frisoh, 
unbekiimmert und gcsund. In der Verelirimg, die ihm von alien 
Seiten zuteil wird, ist eine — auf ctwas hoherer Ebene g«- 
legene — Parallele zur Verehrung; von Hans Albers zu er- 
blicken, Man liebt wieder Bizeps. Damit soil noch nichts 
gegen den Dichter Hausmann gcsagt sein, dessen Starke die 
Naturschildening ist- Leser, die aus Prinzip und meist mit 
Recht, die Naturbeschreibungen in den Romanen iiberschlagen, 
saugen sich bci Hausmann an jeder Zcile fcst, denn cr versteht 
cs, seine kleinen Betrachtungen mit Leben zu fiillen, er spricht 
eine cigenwillige Sprache, die unserm Ohr angenehm klingt, 
und er weiB seine Liebe zu den Dingen auf den Leser zu iiber- 
tragen. Seine Geschichten sind hiibsch, plastisch, oft auch 
spannend, Hinzu kommt, daB ihn eine sympathische und sicher 
nicht gckunstelte Bescheidenheit ziert. Die Schriftstellerci halt 
cr fiir cin schones Laster, das Honorar fiir cin unverdicntes Gliick. 

Dennoch gibt es ein groBes „Aber". Die Biichcr Haus- 
manns sind auf eine unbegreifliche Art zcitlos- Sie konnten 
zum Beispiel auch vorm Krieg geschrieben sein, oder vor hun- 
dert Jahren — wahrschcinlich sogar hundert Jahre nach unsrer 
Zeit. Es gibt ja Leute, die es fiir fein haltcn, wenn edner zeit- 
lose Kunst herstellt, und diediesenBegriff gegen den andern; 
t^zeitgebxindenes Schaffen" ausspielen. Zeitlosigkeit, das dst 
fiir sie der erste Schritt auf dem lorbeerbcstreuten Weg zur Un- 
sterblichkeit. Sie begreifen nicht, daB die Zeitlosigkeit, die 
ein Mensch crreichen kann, sich zur Unsterblichkeit, die er er- 
tramnt, verhalt wie der Bruchteil eines Punktes zum Atlan- 
tischen Ozcan. Und iiberdies: es kann unter Umstanden cin 
Werk^ das aus der Zeit und fiir die Zeit geschrieben) wurde, 
mehr Oberzeitliches und immer Giiltigcs (oder vorsichtiger; 
langc Giiltigcs) enthalten als eine tatsachlich zeitlose Arbeit, 

Damit keine MiBverstandnissc entstehen; es wird vom 
Schriftsteller kcin politischcs Glaubcnsbckcnntnis gefordert, Es 
wird erst recht nicht verlangt, er solle das Schreibcn iJberzeit- 
licher Romane unt^rlassen. Was jedoch yon ihm als geistigcm 
Menschen erwartet werden muB, ist eine StcUun^nahme zu 
den Dingen unsrer Zeit, Ringelnatz hat einmal gesagt, er lehne 
es ab, Politik zu treibcn, Man braucht dicscn Standpunkt nicht 
zuj billigen, abcr man kemn ihn verstehen, um soi Icichter, da 
man sieht, daB dieser Ringelnatz k eines wegs iiber die Fragcn, 
die im Brcnnpunkt der heutigen Interessen liegen, hinwegsieht 
— imGegenteil: Ringelnatz ist ein Dichter, der in unsrer Zeit 
lebt und aus ihr schopft, Manfred Hausmann stellt sich mit 
vollcm BewuBtsein abseits, und das ist eine Position, die abso- 
lut unhaltbar erschednt, in einer Obergangszeit wie der unsern 
mehr denn je, Man bcfindet sich in eincm Irrtum, wenn, main 
annimmt, daB die groBen Dichter vergangcncr Epochen zcitlos; 
gewesen warcn, Sie haben fast alle bei gegebener Veranlas- 
sung in das Raderwcrk des Gcschehens eingegriffen. Der 
Mensch ist kein Einzclwcsen sondem: Mitglicd einer Gcmein- 

252 



schaft. Eremite ri sind' Soniderlinge, heute kommcii sic eigeat- 
Uch nur noch im Silbenratsel vor. 

Hausmann hat bisher vier Romane geschrieben, deren 
Grundton trotz dcr auBcrn Verschiedcnheit glciclibleibt. In 
seinem Amerika-Buch laBt cr einen ,,jimgeji Mann" mit der ge- 
wiB reizvoUen Ncugier einer seeks Wochea altcn Katze hicr- 
un-d dorthin hopscn, ohne am Ende des Buches etwas wirklich 
Wcscntliches berichtet zui haben. Wenn cin junger luid vor- 
urteilsfreier Europaer nach Amerika fahrt, so wollen wir von 
ihm horen. was er ztir Prohibition, zu den fehlenden sozialen 
Einrichtungen, zur sprichwortlich gewordenen amerikanischcn 
Freiheit, zum Dollar-Machen und zu tausend andern Dingen zu 
sagcn hat, Hausmann sagt im Grund nichts, wenn auch alles 
hiibsch forraulicrt ist. In den beiden Biichern, in denen der 
i,junge Mann" noch Lampioon hieB und statt der elegantcn Hcr- 
renwasche eine nicht besonders saubere WanderkluH trug, auch 
in diesen beiden Biichern f allt kein zeitbetrachtendes oder zeit- 
kritisches Wort ^nd der viertc Roman ,,Abcl mit der Mund- 
harmonika", der zu Weihnachten auf jedcm bessern Gabentisch 
lag, iiihrt nicht einen Schritt wciter. Drei Jungens machcn cine 
Fahrt mit einer Segcljacht, cin jungcs Menschenpaar erlebt cine 
abenteuerliche Ballonr6isc — das ist geschickt miteinander ver- 
flochten. Das Mccr rauscht, dcr Sturm heult, die Mowcn 
kreischcn, das Wasser spritzt, ein Mast und ein Hcfz bricht . . . 
cin schongcistigcr Roman — aber was soil das? Was soil das 
in, cincr Zcit, in der die wenigsten Jungen cine Segeljacht be- 
sitzen, in der mancher viclmehr mit eincm halben Dutzend 
Familienmitgliedem zusammen cin Zimmer bcwohnt? 

Gegen Hausmanns Dichtcrtum ist nichts einzuwenden, das 
wurde cin^angs absichtlich und dcutlich bctont. Ware Haus- 
mann kein Dichter, so ware scin Fall bclanglos. Da er es 
aber ist, so muB seine Haltung aul die Dauer zum Wider spruch 
reizen. Und der Hinweis auf die hohe Auflagenziffer seiner 
Biichcr ware kein Gegenbewcis. Wir wisscn, wer und was 
alles hohe AuHagcn gehabt hat. Manfred Hausmann bleibt der 
„junge Mann", dcr durch seine Romane wandert. Die Natur- 
gesetze verlangcn, daB aus dem jungen ein rcifer Mann werde. 
Hausmann ist in seinen Schriften nicht gercift, es hat den; An- 
schein, als wiirde imd woUte cr nie rcifen. 

Dcutschland erlebt die Novemberrcvolution und den) Auf- 
stieg dcr Sozialdcmokratic : — Manfred Hausmann schreibt 
einen schongeistigen Roman. Dcutschland vcrclendet, die Krise 
naht und hilft dem Fascismus in den Sattcl — Manfred Haus- 
mann schreibt noch cincni schongeistigen Roman, Die Zukunft 
mag bringen, was sic will — ■ in spatcstens zwei Jahren wird 
Manfred Hausmann wiederum einen schongeistigen Roman ge- 
schrieben habcn. Fragte ihn jemand: ,, Mussolini odcr Stalin?", 
so antwortetc cr vermutlich; ,,S, Fischer!", um hierauf, gleich 
dem Ballon in seinem Roman, in die Wolken zu entschweben. 

Der Fall Hausmann ist kein Einzelfall. Doch er hcbt sich 
besonders markant heraus. Es gab und gibt Lmmer Leute, die 
es aus irgendwclchcn Griinden ablchnten, in der Zcit zu leben, 
in der sic lebcn. Man kann diese Leute, so leid es einem zu- 
wcilcn tut, nicht ernst nehmen. 

253 



Die Marneschlacht von Alfred poigar 

Mach geschichtlicher Annaihme warcn anfangs September 

1914 die deutschen. Armeen mit Frankreich radikal fcrlig 
gewordcn, wennj nicht die Obcrste Heeresleitung, die Situation 
verkennend, im entscheidenden Augcnblick Befchl zum Riick- 
zug gegeben hattc, 

Dieser entscheidende Augcnblick ist gewissermaBen dcr 
Held des Theaterstiicks i,Die Marneschlacht", das der Verfas- 
ser, Paul Joseph Crcmers, eine deutschc Tragodie nennt, Es 
rekonstruiert die Vorgange, welche den entscheidenden Augen- 
blick heranliihrten, und die Erwagungen oder Befiirchtungcn, 
auf Grund deren er ungeniitzt blieb. 

Bild cins, drei und vier lassen den Zuschauer einen langen 
Blick in die Gehimzelle des deutschen Krieges 1914 tun, in die 
Oberste Heereslcitung. Wir werdenj Zeugen strategischcr Er- 
orterungen zwischcn den Offiziercn dortsclbst, die Fahnchcn 
auf der Landkarte sind in Bewegung, welche sich als drama- 
tische Bewegung! dcr Szene mitteilt. Der Chef, Generaloberst 
von Moltke, ist ein kranklicher Mann; er. nimmt Medikamentc 
und greift si oh zuwcilcn an den Kopf. Er ist zogernd in sei- 
nen Entschlussen, und die verhangnisvoUe Entscheidung, den 
Riickzugsbcfehl, faBt -er nicht selbst, sondcrn beladt mit der 
Verantwortung, ihn vicllcicht zu fassen, den Oberstleutnant 
Hentsch, den er ausschickt, an Ort und Stcllc die Frontlage 
zu uberprufcn und aus Eignem das Notwendige zu verfiigcn, 
Moltke war^ wic die Historic meldet und der Dichter ihr nach- 
dichtct, kein Feldherr martialischen Stils, kein unbcirrter, 
selbstsicherer Kriegslenker, wie er im Helden- und Lesebuch 
steht, tmd ,,ubcr den namcnlosen Jammer der ungczahltcn Un- 
schuldigen" sah er nicht mit heroischem Fernblick hinwcg. 
„Welche Strome von Blut sind schon gcflossen! Welcher 
Ucunenlose Jammer ist iibcr die ungezahlten Unschuldigen ge- 
kommen - , . Mich iiberkommt ein Grauen, wenn ich daran 
denke", schreibt er an seine Frau. Das Programmbuch druckt 
Proben aus diesen so gestimmten Briefen ab untcr dem Titel; 
.„Dokumcnte des Pcssimismus", 

Die Schwachc des Generalobersten, das heiBt sein Mangel 
an schneidiger Unbcdenklichkeit des Urtcilens und Befchlen«, 
hat ihr Riihrendes. Moltke, so weich, tmforsch und von dcr 
GroBe seiner Aufgabe zerqualt (wie der vortrefflichc Schau- 
spicler Zistig ihn darstellt), wirkt gradezu osterreichisch. Und 
dieser Eindruck verstarkt sich noch, wenn dcr Chef der Ober- 
stcn Heeresleittmg, monologisierend iibcr seine Berufung zu 
solchem Amt, mehrmals auBert: „Ich habc es nicht gewollt.** 
Genau die gleichen Wortc sagtc Franz Joseph, als sic ihn ge- 
zwungen hatten, das* fahl' Pfcrd des Krieges aus dem Stall zu 
lassen. (Von diesem apokalyptischen Tier bis zum wciBcn 
RoBl, wo wir den Kaiser wiedersahen, und das er vermutlich 
auch nicht gewollt hattc — welch ein Weg!) 

Jcdenfalls ist der Generaloberst Moltke im Stiick ,,Die 
Marneschlacht" die einzige Figur, die menschlichen Schatten 
wirft. Allc andcrn Personen des Spiels trcten nur historisch 
belichtet, nur in ihrer soldatischen Funktion auf den Theater- 

254 



plan, grcifcn; mit kemem Wort, mit kcincr Regun^ dcs 
Geistes odcr Gefiihls aus dem rein militarischcn Bildc hinaus, 
zvL dem sic gruppiert sind. Nicht einmal die Figur dcs Oberst- 
Icutnants Hentsch, dcr jcnct schicksalhaftc Sendung hatte, den 
Riickzug zu befehlen, gibt sedbch ctwas hen Also auch nicht 
dramatisch. Wir erfahreti nichts von ihm, als daB er, ohne in- 
ilcrn Zwcifel odcr Zwicspalt, tat, was er tat. Bci der Gc- 
staltung des Vorgangs; ein Mcnsch wird Wcrkzcug dcs Schick- 
sals, ^ng dem Diohter den Mcnsch verloren. (Vom Darsteller 
Willy Birgel bckam er Energie in Haltung iind Stimmc.) 

Ein Bild der „Marhcschlacht'* fiihrt auch in den Schiitzcn- 
graben, weg von den fernhin Icnkenden Fiihrern zu den Ge- 
fuhrten, zum Gefrciten Schneider tind Ulancn Miiller. Wic 
schon die Namen bekunden: exemplarisch gemeinte Erschei- 
nungenausder Millionenschar uubckannter Soldatcn, von denen 
in jcdem Lande nur jc edncr ein Denkmal bckam, Als typische 
Schutzcngrabenliguren sind Gefreiter Schneider und Ulan Miil- 
ler nicht nur an dcr schlicht-rauhen, von vicler SchciBe durch- 
wiirztcn Mundart erkcnnbar, in dcr siel miteinander sprechen, 
sondern auch an der besondcren Schcrzlaunc, die sic, briil- 
Icnd umwolkt vom Dampf der Geschiitzc, entwickeln, jenem 
komigen und kernigen Himior, der in dcs Kriegers Seele frci 
wird, wenn ringsum die Granateni zwitschern, 

Wic schlimm es im September 1914 auch moralisch um 
den Feind stand, als die deutsche Faust ihren; Griff lockcrte,^ 
verrat cine Szenc des Stiicks, die im verstortcn Kabinett 
Poincarc spiclt, Verwirrung, Angst, Streit, Fluchen und Schimp- 
fen. Dcr franzosische Hahn, vcrkorpcrt durch das Staats- 
obcrhaupt^ kraht hysterisch. Wir erfahren nebenbei, wic sich 
die Franzosen darubcr giftcn, nicht den Dcutschen in Bel- 
gien zuvorgekommen zu scinv Und die Schrecken der Demo- 
kratic werden offenbar. Man horc, wie ein simpler Abgeord- 
ncter, der Deputierte des Departcmcnts Aisne, dem Staats- 
prasidenten riickhaltlos seine Meinung ins chrwiirdigc Antlitz 
schrcit, wic er, als sei das Parlament cine Macht, droht und 
fordcrt. Rcpublikartische Zustandel Dcr Schauspielcr Offen- 
bach gibt jenem ungcnicrten Deputicrten durchdring;ende 
Volkes-Stinmie. 

In der Szene bei Podncarc lerncn wir auch Marschall 
Joffre kcnncn, Eben rcilt in seinem Haupt, unter rotlicher 
Pcriicke, der EntschluB, die Gamison von Paris in Taxis und 
Privatautos an die Front zu iagcn. Leicht moglich, daB damals 
mancher piou-piou zum ersten Mai in cinem Taxi gescssen ist. 
Fiir den gcmcinen Mann muB es ja iiberhaupt ein rcchtes Er- 
lebnis gcwcsen sein, so bequcm in den Tod gefahren zu wer- 
den, Schade, daB noch kcin Dichter odcr Dramatiker sich 
dicser scltsamen, schattentiefen Episode ausfiihrlioher an- 
genommcn hat, 

Cremers Schauspiel (von den Mitgliedem dcs Mannheimer 
National-Theaters, Fiihrung: Herbert Maisch, exakt dar- 
gcstellt) macht cinen gcschichtlichcn Vorgang, indem es' ihn it* 
Bilder und Gespraohe auflost, anschaulich. Scan dramatisches 
Gewicht verdankt es dem historischen Gcwicht dcr Ereignisse^ 
die es behandclt, und dcr Zcitnahc der Figuren den Antcil, 

25S 



dent dcr Zuschauer an der Thcatcr-Erscheinung dieser Figurcn 
nimmt- Wenn es sich wirklich so verhicit, wie der Dichter, 
auf Forsohungsergebnisse gestiitzt, in seiner Biihncn-Fassung 
der geschichtlichen Begebenhedten zcigt, hat „Die Marne- 
schlacht" unbestreitbar informatorischcn Wert und libertrifft, 
well mit den Stimulantien des Theaters versetzt, an Eindrucks- 
tiefe jede rein erzahlende Darstellung der Vorgange, wie etwa 
jene, von dcr das Programmbuch ,Stichproben gibt. „Aber 
schon**, heiBt es zum Beispiel da, „waren fiinfzig Kanonen 
in Klucks Handen^ die strategischc Lage ins Gegentcdl ver- 
kehrt, die Niederlage des franzosischen Gencralstabs dxirch 
die meisterhafte Manovrierkunst des dcutschen Armeefuhrers 
in Fetzen gerissen/* „Die Niederlage in Fetzen gerissen": ent- 
wcder fehlt daj etwas, oder die Schilderung ist iiber sich sei- 
ber gestolpert, Sprach-Verwirrung in der Hitzc des Gefechts, 
das zu bcsohreiben war. 

Wochenschau des Riickschritts 

— Achttmdzwanzig sozialdemokratische Blatter, die den Wahlaufruf 
des Parteivorstandes nachgedruckt hatten, warden verboten, gegen den 
^erantwortlichen Redakteur des hannoverschen ,Vo Ik swill ens' wurde 
wegen desAbdrucks ein Hochverratsverfahren eroiixiei; das oldenbur- 
gische Zentrumsblatt, die ,Tageszcitung fiir den Amtsbezirk Fries oythe', 
wurde auf fiinf Tage verboten, weil sic den Wahlaufruf dcr olden- 
burgischen Zentrumspartei vcroffentlichte, in dem ang-cblich der 
Reichskanzlcr vcrachtlich gemacht wird- 

— Die Trauerdemonstrationen fiir die drei ermordeten berliner 
kommimistischen Arbeiter wurden verboten. Eine Versammlung der 
Roten Hilfe in Berlin wurde aufgelost, als der Referent Stellen aus 
dem ,Angriff' vom vorigen Jahr zitierte, die sich gegcn das Kabinett 
Papen richteten; wegen „Aufforderung zum Streik" wurde eine Rote 
Hilfe- Versammlung in NeukoUn aufgelost, cine Versammlung -des 
Kommunistischen Jugcndverbandes im Edcnpalast wegen „Veracht- 
lichmachung der Regicrung"; eine berliner Versammlung der Inter- 
nationaUn Frauenliga wurde aufgelost, als die Referentin einen Vor- 
fall aus Reims crwahntc, wo kiirzlich Arbeiter durch die Weigerung, 
an einer amtlich angcordneten Luftschutziibung teilzunehmen, deren 
Abhaltung immoglich gemacht haben; ein Plakat mit der Aufschrift 
^,Dritt€s Reich oder Sowjetdeutschland", das zu eineri berliner KPD- 
Versammlung cinladen sollte, durfte auf polizeiliche Anordnung nicht 
an den LitfaBsaulen angeschlagcn werden. 

— Die Rcichsregierung hat den Zoll fiir lebendes Vieh, Fleisch 
xmd Schmalz erhoht. 

— Durch den Rundfunk diirfcn nur solche Wahlreden verbreitet 
werden, die Kabincttsmitglicder in ihren Parteiversammlungcn halten. 

— Der Arbeiter Kosciel&ki aus Berlin wurde zu einem Jahr 
Gefangnis verurteilt, weil er bci einem politischcn ZusammenstoC 
einem Nationalsozialisten eine Fahne entrisscn und damit auf andre 
Nazis eingeschlagen. habcn soil. 

— Einer Reihc von Roten Sportvcreinen, so in einigen berliner 
Vorortcn, in Sorau, Seddin und Marienwerder, wurde das Spielgerat 
Ijcschlagnahmt; in Seddin wurden den Sportlern die sonntaglichen 
Vcreinsspiele verboten. 

— Der nationalsozialistische Burgermeistcr von Dessau hat die 
Biicher von Holz, Kastner, Ottwalt, Remarque, Trotzki und Turek 
aus der stadtischen Biicherei entfernen lasscn. 

Wochenschau des Fortschritts 

— Gcstrichen- 

256 



Bemerkungen 

BQrgerliche Ehrenrechte 
r^a ist vor kurzemi ein Mann 
*^ amnesticrt worden, der wcgen 
Bi^amie angcklagt war. Er hattc 
sich aus wirtschaftlicher Not dop- 
pclt verhciratet. Er war Gartner, 
arbeitslos, einc StcUung winkte, 
seine Frau war auswarts, sie 
wollte nicht kpmmen, da hat 
car sich schnell verheiratet, um die 
Stellung zu bekommen. Sichcr hat 
er aus wirtschaftlicher Not ge- 
bandelt. Sicher war die Amnestic 
bcrechtigt. 

Aber fol^endcr Fall; Einc Frau, 
deren Mann in eincr Anstalt ist 
und die nciin Kinder geboren hat, 
von denen scchs lebcn, fiir die sie 
sorgen muB, arbeitet bci einem 
Zwischenmeister Konfektion. Der 
Zwischenmeis.ter hat selbst lange 
keine Arbeit gehabt, bekam auf 
einmal einen ganzen Schwung. 
stellte zwei Leute ein, licB uber 
Himmelfahrt arbcitcn. Ein Nach- 
bar zeigte die verbotene Sonn- 
tagsarbeit an, Bei der Verhand- 
lung sagte der Zwischenmeister 
die Wahrhcit, der Arbciter, der 
inzwischen entlassen worden war, 
gleichfalls. Nur die Frau, die 
glaubte, sie habc sich mit der 
Sonntagsarbeit strafbar gemacht, 
und Angst hatte, ihre Arbeit zu 
verlieren, schwur einen Meineid, 
schwur, sie babe nicht ge- 
arbeitet. Sie wurde wegen dieses 
Meineids arigeklagt. Wcnn je ein 
Verbrcchen aus wirtschaftlicher 
Not, weniger bureaukratisch aus- 
gcdriickt, aus entsetzlichster Le- 
bcnsangst begangen wurde, dann 
dicsc. Aber sie konntc nicht am- 
nesticrt werden, weil einc hohere 
Strafe als sechs Monatc, die 
Grenze fiir die Amnestic, zu er- 



warten war. Sie bekam sechs 
Monate. 

Der Frau war die Strafbarkeit 
ihrcr Handlung nicht bewuBt: 
„Hatte der andre nicht gesagt, wir 
haben gearbeitet, wars nie raiis- 
gekommen/' Aus diesem kind- 
lichen Gcdankengang folgerte das 
Gcricht: „Keine Reuel", also „eine 
niedrigc und verwcrfliche Gesin- 
nimg" und sprach der Frau die 
biirgcrlichen Ehrenrechte auf zwei 
Jahre ab. 

Dieser Fall gehort zu denen, 
wo man bei Adam und Eva: an- 
fangen mochte. Dieser Frau sind 
ihre Kinder wicbtiger als der 
Staat, Primitiv, wie siie ist, meint 
sie, schlimm ist nicht die Liige. 
sondern daB sie herauskommt. 
Das zeugt von einer undifferen- 
zierten Ethik, die auch die Ethik 
der Spartaner war, und einer 
Kindlichkeit, es auszusprechen, 
aber keineswegs von niedriger 
und vcrwcrflichcr Gesinnung. Hin- 
gegen miiBte jedc Frau, die in 
dieser Zeit sechs Kinder allein 
durchbringt, extra die burgerlichen 
Ehrenrechte bekommen, und sie 
ihr zu entziehen ist von gar 
kcinem Standpunkt atis zu be- 
greifen. 

Sonst aber hat die Amnestie fiir 
politische Vergehen und solche 
aus wirtschaftlicher Not die 
Jusdiz arbeitslos gemacht und 
kcineswegs nur den Kleinen ge- 
holfen sondern sich auch zu- 
gunsten der GroBen ausgewirkt. 
Es ist ruhig in Moabit, wie in den 
Fcricn. Nur ein paar Devisen- 
prozesse laufen und der ProzcB 
gegen Lettow, den Herrn uber 
Milch und Mtill. 

Gabriele Tergit 




Bedaure — alles besetzt! 

Wenn Sie diese Auskunft 
vermeiden woHen,besorgen 
Sie sich rechtzeitig Karten 
zu „Menschen im Hotel" 

257 



Der Krieg — ein gutes Geschlft 

Eine Soaderstellting in der Industrie- 
konjunktur der Welt nimmt nach wie 
vor Japan ein. ... £b ist Japan ge- 
lunf^en, die Industrieproduktion tiber 
den Stand von 1929, das heiOt also 
Qber den Stand vor Ausbruch der 
Krise 7U heben. 

Viertelj'ahrshefte 
fiir Konjunkiurforsdiung 

pjas Sinken der Weltproduktion 
*-^ bat sich bei alien Grofimaichten 
au^ewirkt, ntJtr SowjetruBland 
nahm eine Ausnahmestellung ein. 
Dort war eine Aufwart&entwick- 
lung der Produktion f estzustel - 
len, Diese Aufwartsentwicklung 
ist aber nun nicht meh^ allein auf 
RuBland beschrankt geblieben, 
sie hat auch Japan erfaBt. 

Japan war zunachst yon der 
Krise besonders schwcr mitgenom- 
men wprden, Ein betrachtlicher 
Prozentsatz seiner gesamten In- 
dustrieproduktion wurde nicht im 
Binneniande abgesetzt sondern 
ging ins Ausland. Dabei waren 
zwci Lander entscheidend: USA 
und China, auf die fast zwei 
Drittel des gesamten Exportes 
fi«len. Der Einkommenriickgang, 
der sich in USA in immer star- 
kerm Umfange ergab, wirkt sich 
darin aus, daB immer weniger 
Luxusartikel, weniger Seiden- 
waren importiert wurden, die 
grade einen der Hauptausfuhr- 
gegenstande Japans nach den 
Vcreinigten Staaten bildeten. Auf 
der andern Seite beeintrachtigte 
natiirlich der chinesische Boykott 
japanischer Waren die japanische 
Ausfuhr auBerordentlich, 

Japan hat auf diese krisenhaf- 
ten Erscheinungen der Produktion 
so geantwortet, wie in der Epoche 
des Fruhimperialismus die kapi- 
lalistischen Machte schon im- 
mer geantwortet haben; mit Er- 
oberung neuer Markte. Und die- 
ser VorstoB nach China hat zu- 
nachst in doppelter Weise die 
Aufwartsentwicklung der japani- 
schen Produktion begiinstigt. Die 
japanische Eisen- und Stahlindu- 
strie hat infolge des Krieges in 
der Mands'churei und der Mobil- 
machung groBerer japanischer 
Truppenkrafte neue reichhal- 
tige Auftrage gefunden. DaB dia 
Profite der japanischen kapitali- 
stischen Konzerne nicht von Pappe 
sein werden, versteht sich am 

258 



Rande, Und es ist selbstver- 
standlich, daB man in Japan 
ebenso wie friiher in Deutschland 
nicht den Krieg durch Steuern 
finanziert, im Gegenteil: man laBt 
wie bei uns scheinbar alle reicher 
werden und bringt die Mittel fiir 
die Kriegsfinanzierung durch An- 
leihen auf. Die finanziellen Foi- 
gen sind schon heute deutlich. 
Die j apanische Wahrung wir d 
immer starker zerriittet. Der Yen 
hat heute nicht mehr die Halfte 
der Kaufkraft, die er bei Gold- 
einlosung haben miiBte. Die 
Wahrungssenkung betrug in den 
letzten Monaten fiinfundfunfzig 
bis sechzig Prozent. Zunachst 
wirkt sich, wie immer bei einer 
Inflation, die Wahrungsentwer- 
tung darin aus, daB sie die eigne 
Exportindustrie im Konkurrenz- 
kampf gegen die andern Lander 
begiinstigt. Infolgedessen hat die 
japanische Exportindustrie in 
letzter Zeit einen gewissen Auf- 
schwiwig erlebt, der in der 
Niederkonkurrierung zahlreicher 
Konkurrenten auf den asiatischen 
Markten bestand. . Dennoch hob 
sich. nicht nur die Eisen- und 
Stahlindustrie sondern auch die 
gesamte Textilindustrie, Die ja- 
panischen Fascisten erklaren denn 
auch, das feste Zupacken in der 
Mandschurci, der ifeste Ton gc- 
geniiber den Chinesen und dem 
Volkerbund habe nicht nur das 
japanische Ansehen in ganz Asien 
gestarkt sondern gleichzeitig die 
Wirtschaft „belebt'*. 

Das sind Stimmen aus dem Fer- 
nen Osten. Wer weiB, wann wir 
sie in unmittclbarer Nahe horen 
werden. ^^ ^ Gerstorff 

Wirtschaft im Roman 

A Is Mr. Taylor 1893 ... zur 
»»«*• Simonds Rolling Machine 
Co, hiniiberwechselte, hatte die 
Wisscnschaftlichc Betriebsfiih- 

rung eine solche Beachtung ge- 
wonnen, daB er sich von da ab. 
fiir einen Tagesverdierist von 
37 Dollar, der rein beratenden 
Tatigkeit widmen konnte," In 
diesem Jahr wird Karl Lakner 
geboren. Kurz vor seinem Frei- 
tod im Jahre 1931 horte er, „da6 
im Staate Louisiana fiir das kom- 
^ende Jahr die BaumwoDproduk- 



tion verboten wcrden soil, dafi in 
Oklahoma von der Staatsmiliz 
mehr als 3000 Bohrtiirme auf 
den Olfeldcrn. stillgelegt worden 
sind und dafi Texas iiber seine 
5lfelder den Belagerungszustand 
verhangt hat". 

Dazwischen liegt : Bliite und 
Agonie des Hochkapitalismus und 
das Dutzendleben des Sprofilings 
einer wiener Trambahn&chaffner- 
familie. Der 'Versuch, beides, den 
geschichtlichen Ablauf und das 
Lcben eines „kleinen Mannes" in 
dieser Periode, miteinander zu 
verkniipfen, ist Rudolf Brunn- 
graber in seinem Roman „Karl 
und das 20. Jahrhundert" (So- 
cietats-Verlag, Frankfurt a. M. ; 
geb. 4,80) nur zum Teil gelungen. 
Bis zum Kriegsausbruch lauft die 
Entwicklung der Weltwirtschaft 
neben dem Manne Karl Lakner her 
und . der Mann I^arl Lakner neben 
der Entwicklung der Weltwirt- 
schaft; der Zusammenhang ist 
nur ein auBerlicher, formaler. 
Abcr abgesehcn von d,iesem spiir- 
baren Bruch vermittelt auch der 
erste Teil des Buches einen viel- 
seitigen und interessanten Ein- 
bliclc in das wirtschaftspolitische 
Geschehen der VorkriegSizeit. Der 
Eindruck steigert sich in dem 
Augenblick, wo das Private mit 
dem Allgemeinen verschmilzt. 
Dann wird dieser Karl Lakner 
wirklich ein Kind seiner Zeit, 
seine Erlebnisse verlaufen genau 
parallel dem jeweiligen Entwick- 
iungsstadium des offentlichen Le- 
bens. Es ist dabei im Grunde 
genommen unwichtig, wasi dieses 
Individuum im Einzelnen durch- 
macht, steht es doch nur als Typ 
des Durchschnittsmenschen unsrer 
Tage da. Dafi Karl Lakner vom 
Fiiegeroberleutnant schliefilich 

bis zum ausgesteuerten Erwerbs- 
losen, der ^ Selbstmord begeht, 
..herabsinkt", ist my insofern be- 
langvoll, als, es zeigt, wie erbar- 
mungslos die von den Menschen 
zum Gotzen gemachte Wirtschaft 
mit eben dicsen Menschen ver- 
fahrt. Das Vorrecht des Men- 
schen, Herr der Erde zu sein, 
Mwar groteskerweise auf die Ein- 
fichtungen iibergegangen, die er 
entwickelt hatte". 



Gewifi ist Selbstmord kein 
Ausweg aus der durch einc un- 
verniinftige Wirtschaft entstande- 
nen Situation. Aber man muB es 
Brunngraber glauben, dafi seinem 
Helden keine andre Wahl blieb. 
So unsympathisch ein Mensch ist, 
der sich treiben lafit und nicht 
selber treibt: darin liegt ja grade 
das Allgemeingiiltige dieses Typs, 
der ein Opfer seiner gesellschaft- 
lichen Herkunft, seines Milieus, 
der Vorkriegsatmospharc und sei- 
ner Erziehung, die systematisch 
den Willen abtotete, ist. Man darf 
ruhig behaupten, auch in diesem 
Karl Lakner manifestiere sich 
jene unselige Philosophie, die in 
die iibelste aller Thesen miindet: 
„Alles, was ist, ist verniinftig, 
und alles, was verniinftig ist, ist." 
Brunngraber zeigt hier, wo ein 
Mensch endet, der in diesem 
Geiste grofigeworden ist. Das 
Schlimmste: es wurde kaum 
einem klar, woher das stammte 
und wie es beschaffen war, was 
Milieu, Atmosphare und Er- 
ziehung bestimmte, so tief hatte 
sich schon das Gift der Hegelei in 
den gesamten Volkskorper ein- 
gefressen. 

Manchem unsrer politischen 
Schriftsteller, die aus der Oko- 
nomie ihr geistiges Riistzeug be- 
ziehen, mochte man die Gestal- 
tungskraft Brunngrabers wiinschan. 
Es ist nicht iibertrieben, wenn man 
sein Buch einen Abrifi der Ge- 
schichte des Imperialismus in den 
letzten vierzig Jahren nennt. Ver- 
bliiffend treffsichere Formulie- 
rungen finden sich da, die beste: 
man woHe heute nicht mehr Welt- 




PrivatgesprSche sind 

VtSrUOien, oich nur erin- 
nern, daB Du rechtzeitig Karten fUr 
i.Menschen !m Hotel" besorgst. 

259 



beherrscher sondern „Welt(markt)- 
beherrscher" seia. Diese Klam- 
mer macht deutlicher als die lang- 
wierigsten okonomiscben Exkur- 
sionen, daB die Wirtschaft zum 
bestimmendea Element in der 
Politik gcworden ist. Aus der 
Welt' wurde der Weltmarkt. 

Ein Roman? Kaum, der Termi- 
nus paBt auf dieses Bucb ebcn- 
sowenig wie auf viele andre, die 
ihn fuhren^ obwobl nicht wenige 
Stellen Beweis ablegen von der 
Fahigkeit des Autors, Menschen- 
schicksale lebendig und plastisch 
zu machen. Walther Karsck 

Chansons 
Auf meinem Scbreibtiscb liegen 
'^ sieben ' Scballjplatten. uber die 
ich seit zwei Stunden schreiben 
will, aber stcts hindert mich eine 
neue Renting, noch einmal diese, 
noch einmal jene Stelle zu spie- 
len, statt anzufangenl Ich kenne 
jeden Ton in jeder Rille, wie oft 
soil ich noch versuchen, hinter das 
Geheimnis des Vollcndeten zu 
kommen? E& ist — und damit 
basta. Soil ich noch einmal nach- 
priifen, wie Yvonne Printemps in 
jeder Strophe das Wort chagrin 
mit einer neuen Niiancierung dun- 
kel untertont? Oder wie Fritzi 
Massary ohne jeden Obcrgang aus 
dem Sprechton ein schmetterndes 
Forte mit ziigelloser Unbandig- 
Iceit auf dem Wort „Freiheit" 
herrlich trifft? . Oder soil ich 
noch einmal mit Lucienne Boyer 
anfangen? 

Lucienne Boyer, das ist schon 
wie eine Krankheit, die sich der 
Patient auch von keinem Nervcn- 
arzt ausreden laBt. Seit einigen 
Wochen geht das Geheimnis die- 
scr beriickenden Platte durch 



Deutschland. Die Rundfunkiiber- 
tragung ist mcrkwiirdigerweise 
verboten und nur mir einmal ge- 
stattet worden. Warum diese 
Diskretion? Im Internationalen 
Wettbewerb in Paris hat diese 
Columbiaplatte den ersten Preis 
bekommen, woraus man unter 
anderm erfahrt, welche Rolle le 
disque in Frankreich spielt. Kcia 
Preis ist jemals richtiger vergeben 
worden, denn er kront das unfaB- 
bar zarte und doch metallisch 
schimmernde Piano dieser Auf- 
nahmetechnik, das Opiat der mil- 
den Stimme, das Klavier, das wie 
eine silberne Spieluhr eine char- 
mante Melodie umklingelt. Ob 
Frau Boyer nicht doch bei eincm 
personlichen Auftreten enttau- 
schen muB? Sic hat die Kunst, 
ganz nah und leise in das Mikro- 
phon zu singen, so voUendet ent- 
wickelt, daB man iibcr ihre 
Stimme, wie sie wirklich ist, ein- 
fach nichts £agen kann. Sicher iM 
sic jcdenfalls eine Mcisterin der 
schwermiitigen Barballade. Ihre 
zweite Platte ist namlich trotz 
aller Erwartungen keine Enttau- 
schung, Aus dem „ Attends!" 
macht sie eine kleine Szene, in 
der man den Raum, die Gestalt 
und den Zweiten sieht, dem sie 
ihr angstliches „Bleibe!** zuruft. 

Auch die Electrolaplatte von 
Yvonne Printemps rechne ich zur 
Chansonkunst. weil seit Yvette 
Guilbert in Frankreich, das auf 
alien Gebieten zeitlich simultan 
lebt, immer zugleich zwolftes und 
zwanzigstes Jahrhundert, das 
Volkslied und die klassische Arte 
auf dem Programm der Diseuse 
stehn. Nicht das Werk, der Vor- 
trag macht Chansons' aus diesen 



Amm Yickers 

der erste neue, grofie Roman von 

seit Erteilung des N o b e I p r e i se s 1930 

Soeben erschienen • 734 Seiten • Deutsch von Franz Fein 
Kartoniert RM 7.— « Leinenband RM 8.50 • In jeder guten 
Buchhandtung vorrmig * Rowohit Verlag, Berlin W 50 

260 



Stttcken alter Mcister, hier aus 
Lully und Martini (w«Ichcr Mar- 
tini? Oh, Schallplattcnetikctts!) . 
Au claire de la lune singt Yvonne 
Printemps mit einer Innigkeit, die 
sich mit der Spinettbegleitung 
bestrickend vermischt, Eine bc- 
zwingende Darstellerin des Tons 
ist sie auf der Riickseite dieser 
Platte im Plaisir d'amour, Wel- 
cher Wohllaut der Stimme, die 
cinem; opernhaften Vollklang 
noch den Zauber einer wunder- 
bar zeichnenden Wortkunst hin- 
zufiigt. 

Eine Chansonkunst von solcher 
schlichten Beseelung gibt es frei- 
lich in Deutschland nicht, einfach 
weil das Publikum nicht vorhan- 
den ist| das fahig ware, Dinge, 
die ohne alle Pointen nichts als 
Herz haben, zu goutieren, Und 
doch brauchte sich unsre Chan- 
sonkunst nicht zu verstecken, 
selbst wenn wir nur Fritzi Mas- 
sary besafien, die auf ihren 
Schallplatten offenbart, was ftir 
eine einzige Kiinstlerin des 
Worts und Tons sic ist, Nach 
dem bewegenden Eindruck ihrer 
„Frau, die weiB was sie will" 
zeigen ihre Schallplatten (Elec- 
trola) die unerschopfliche Fulle 
ihrer Kunst, jedem Einfall einen 
Charakter nicht nur durch den 
Ton sondern ebcn auch durch je- 
den Laut zu geben. GewiB, wcr 
nicht weiB, daB Fritzi Massary 
technisch zu den besiten deutschen 
Sangerinnen gehort, versteht vom 
Singen einfach nichts. Aber da 
ich nun seit Wochen immer von 
neuem iiber den Apparat gebeugt, 
die unerschopfliche Mannigfaltig- 
keit ihrer Mittel bewundere, mit 
denen sie aus kleinen Musikstuck- 
chen Meisterwerke seelischer 
Schicksale formt, weiB ich, dafi 
sic. eine neuc Lcbens periods, und 
zwar diesmal cine intemationale, 
beguinen wiirde, wenn sic mit 
ihren zwanzig schonstcn Schopfun- 
gcn auf die Konzcrt- und Chanson- 
biihne gingc. Wie soil sich in) eincr 
Buhncnrolle der Pfauenrcgcn- 
bogen dieser farbenreichsten 
Stimmc entfalten? Auf dicscn 
zwei Plattcn habc ich nicht we- 
nigcr als einundzwanzig verschie- 
dene Ausdrucksweisen gezahlt, 
von der I suBen Versponnenheit 



eincii Sehnsucht nach dem Unbe- 
kannten bis zu der zynischen 
Lache, die so nur eine reinc und 
groBc Kiinstlerin einlcgen kann. 
Einem on dit zufolge finden Neu- 
berliner dici Alpar „besser". So 
etwas kann man nicht diskutie- 
rcn, nur registriercn. 

Und nun noch zwei Flatten, die 
den Reiz haben, vergriffen zu 
sein, Abcr mit Flatten ist es nicht 
so wie mit Buchern. Setzt die 
Nachfrage wieder ein, so wird neu 
gepreBt. Es hangt also allein von 
den Lesern ab, so oft Harry Rich- 
man zu verlangen, bis die 
Deutsche Grammophon diesen 
groBartigsten, namlich mannlich- 
sten und rcbellischsten aller Jazz- 
sanger wieder hcrausgibt. Richman 
ist nach der Seuchc der Gigolo- 
tenore, die jeden Abend auf alien 
Sendern zum Schlagzcug ihre 
Refrains schmachtcn, eine her- 
rischc Kraft, die den anglisierten 
Jazz wieder zu scinen gefahr- 
lichen und dunklen Nigger- 
urspriingen zuruckfiihrt, Noch 
singt cr die Melodien dieser 
SiiBholzsangcr, aber die Substanz, 
die Wirkmiig ist verwandelt in 
Rebellion und Anklage. Die 
Marschkraft seines hcrrlichen Ro- 
ro-rolling ago (A 8801) oder 
seine machtvolle Erzahlungskunst 
im King for a day (A 8107) 
gehn einem sobald nicht aus den 
Knochen. Wis ihm zum letzten, 
durchschlagendcn Erfolg, iiber die 
Nightclubs von New York hinaus, 
fiir Amerika fehlt, das istt grade 
der Wert, der ihn fiir Europa zu 
einem groBen Namen machen 
soUte. p^ii^ Stossinger 




NaturlichkSnnenSie 
mich sehen, S^t^n^sT^ 

sich rechtzeltig Karten fUr „Men- 



schen im Hotel" besorgen. 



261 



Liebe Weltbfihne! „Ncin — tut mir leid/' 

Dei dem soebcn abberufenen "So -- ich dachte ~ da stauen 

*-' kommissarischen preuCischen sich namlich jetzt die Menschen." 
Kultusminister Kaehler war kurz "Was tun die Menschen?" 

nach seinem Amtsantritt ein tiSie stauen sich vor einem 

hoherer Beamter seines Ministe- Bilde, das einen Hauptmann zcigt, 

rium® zu Besuch. Im Laufe des wie er den letzten Sturmangriff 

Gesprachs fragte ihn der Mini- des Weltkrieges kommandiert." 
ster: ^Sagen Sie, kennen Sie Der Beamtc ist stumm, 

Miinchen ? ' ' „Und dieser Hauptmann bin 

tiJa — allerdings," erwiderte ich!" 
der Beamte, etwas erstaunt iiber Der Beamte macht ein an- 

die abrupte Frage. erkennendes' Gesicht, 

„Kennen Sie da den Odeons- „SamtHche Photographien von 

platz?" mir habe ich dem jungen Maler 

„Ja," gegeben, damit das Bild auch 

„Kennen Sie auch — " und recht ahnlich wird.*' Der Herr 

seine Stimme steigert sich mit Minister versinkt in Traumereien. 
jeder Frage — „kennen Sie auch Ja, und ein paar Tage spater 

die Buchhandlung am Odeons- hangt das Bild im Kultusministe- 

platz?" rium zu Berlin- 



Hinweise der Redaktion 

Berlin 

Deutsche Hochschulc ffir Politik. Dicnstag 20.30. Schinkelplatz 6. Theodor Leipart: 
Die Stellung der Gftwerkschaften in Staat und Wirtschaft 

Schutzverband deutschcr SchriftstcUer, Ortsgruppe Berlin. Dienstag 20.00. Cafe 
Wittel8t>ach, Bayrischer Platz 1, Georg Lukacs: Idealismus oder MaterialismuSf 
dialektisches odcr mechanisches Deoken, — Montag (20.) 20.00. Kammersale, Teltower 
StraUe 1—3. MitgliederversanimluDg mit Gasten: Fascismus uad Kulturreaktion. 
Es sprechen: Ludwig Marcuse, Carl v. Ossietzky und Karl Otten. 

Bund geistigcr Berufc. Dienstag 20.00. Gcnfer Klubhaus, Schiffbaucrdamm 5. lagcnicur 
Rothe: Ingenieur und Prosperity. — Mittwoch 20.00. Erdmanns Ltnkhalle, Link- 
straBc 13. Paul Massing: Die Stillhaltckonferenz. — Freitag 20.00. Caf6 Wittelsbach, 
Bayrischer Platz 1. A. Bolgar: Weltanschauung und Gesellschaftswissenschaften, 

Club der Geislesarbciter. Mittwoch 20.00. Musikersale, Kaiser-Wilhelm-StraBe 31. 
Erost Schneller und Dora Fabian: Das WeUFriedensproblem. 

Gesellschaft ffir deutsches Schrifttum. Mittwoch 20.00, Singakademie, Unterden Linden. 
Streitgesprach zwl^chen Friedricfa Hielscher, K. A. Wittfogel und einem Vertreter 
der berliner Metalliadustrie: Kapitalismus — ja und nein. 

Gruppc Revolutionarer Pazifistcn. Donnerstag 20.(0, Caf6 Adler am Donhoff platz, 
Kommandanten8tr.S4. OffentlicherAussprache-Abend. Ernst Hirschlaff: Universitats- 
philosophie (Uber Hu-^serl, Heidegger, Jaspers und Mannheim). Hans-Joactiim 
\Viegand: Unsre Stellung zu den Wahlen. 

Gilde freiheitlicher BGcherfreundc. Freitag 19.30- Artur MfiUer-Lehning: Bakunin, 
Marx und Lenin, die sozialistische Staatsauffassung und der staatslose Sozialismus. 

Dresden 

Weltbuhnenleser trefien sich jeden Dienstag 20.15 im Sophiengarten, Kleine Plauensche 



utDubnenieser tretten sich jeden Utenstag 20.15 im Sophie 
Gisse 26. Thema: Aktuelle TagesEragen, Aussprache. 



Hamburg 

Weltbuhnenleser: Donnerstag 20.30. Timpe, Grindelallee 10. Referat: Die inhen- 
politische Lage. 

Nfimberg 

Weltb&hnenleser. Donnerstag 20.00. Katharinenbau, Wappensaal. 

Rundfunk 

Dienstasr* Breslau 17.10' Z^r Kritik der Zeit, Diemar Moering. — 17.30: Prosa voa 
Otto Rombach. — Donneratasr* Moskau 20,00: Wochenrundschau usd Briefkasten. — 
Freitag^. Moskau 20.00: Ein Abend des deutschen proletarischen Schriftstellers 
Huppertz. — Sonnabend. Munchen 18.45: Vom romanischen Chanson his zum Song 
der Gegenwart. — Kdnigswusterhausen 20.00: Parodien in Wort und Ton, Hans 
ReimaoD. — Moskau 20.00 : Marxismus — Leninismus. — Montagr (20.). Moskau 20.00 : 
Stunde des deutschen Buches. 

262 



Antworten 



Wissenschaftlich-humanitares Komitee, Am 3. Februar starb im 
Alter von dreiunddreiBig Jahr€n an der Grippe Ihr zwciter Vorsitzen- 
der und langjahriger Sekretar Richard Linsert, Fiir den an sexual- 
wissenschaftlichen und sexualpolitischen Fragen Interessierten verbin- 
de\ sich mit diesem Namen der Begriff von einem Mann, der mit 
alien Kraften seines lantern Charakters und sein«r Intelligenz fiir 
die Entmuffung der offiziellen Anschauungen iiber das Sexuallcben 
gekanipft hat. Seine Mitarbeit am Kartell fiir Reform des Sexual - 
strafrechts fand ihren Nicderschlag in dem von Kurt Hiller redi- 
gierten .Gegen-Entwurf zu den Sexualparagraphen der Strafgesetz- 
vorlage, Zusammen mit Magnus Hirschfeld verfaBte er 1928 ein 
Buch (iber .Empfangnisverhutung', das im vorigen Jahr in achter 
Auflage erschienen ist, Ebenfalls 1928 schrieb er fiir das von, Mar- 
garete Kaiser herausgegebenc Sammelwerk ,Die Liebeslehre' einen 
Bcitragi iiber die Inversion. Die von ihm 1929 veranstaltete En- 
quete ,§ 297, Absatz 3' (an der sich von Mitarbcitern der ,Welt- 
biihne': Adolf Behne< Hellmut v^ Gerlach, Alfons Goldschmidt, Kurt 
Hiller, Arthur Holitscher, Rudolf Leonhard, Erich Muhsam, Ernst 
Toller, Ignaz Wrobel und Arnold Zweig beteiligten) wandte sich 
gegen die Strafbarkeit d«r sogenannten mannlichen Prostitution, In 
Zusammenarbeit mit Magnus Hirschfeld entstand 1930 die Schrift 
,Liebesmitter. , Sein Hauptwerk stellt das 1931 erschienene Buch 
,Kabale und Liebe' dar, das inj umfassender Weise die Beziehungen 
zwischen Politik und Geschlechtsleben aufzudecken bemtiht ist, Mit 
Richard Linsert verliercn nicht nur Sie, die Sie* fiir die gesellschaft- 
liche und gesetzliche Gleichberechtigung der Homosexuellen arbei- 
ten, mit ihm verliert der gesamte freiheitlich gcs.inntc Teil der 
Offentlichkeit Einen aus der kleinen Schar Derer, die mit Wort und 
und Tat fiir die Entbarbarisierimg unsres Sexualstrafrechts eingetreten 
sind, Und nicht auf dieses Gebiet beschrankte sich seine Tatig- 
kcit, das Zentralkomitee der KPD hat mit Recht durch seinen Vertreter 
bei der Einascherung erklaren lassen, dafi Richard Linsert der Partei 
unschatzbare Dienste erwiesen hat. 

General Joachim von StulphageL Sie beklagen sich iiber im- 
glimpfliche Bchandlung in Nummer 5 der .Weltbiihne'. Zuglfeich be- 
tonen Sie, mit dem Artikel im ,Tag' vom 26, Januar, ,,Die Aufgaben 
der Militarattaches", nichts zu tun zu haben; eine Versicherung, die 
Sie auch auf Ihre Vettern, die Herren Edwin und Otto von Stfilp- 
oagel, ausdehncn. Unsre unfr«undlich« Qualifikation gait dem Ver- 
fasser de& „H. G. v. St," gezeichneten Artikcls, der in einer Reihc 
von Blattern unwidersprochen Ihnen zugeschrieben wurde, Nachdem 
wi^ davon Kenntnis gcnommen haben, da6 weder Sic noch die bei- 
den Herren, in deren Namen Sie sprechen, mit der Autorschaft des 
Artikels in Zusammenhang gebracht v^rerden konnen, stehen wir 
nicht an, Ihnen fiir den Irrtum unser Bedaucrn auszusprcchen. 

Hans Zehrer, Seit Sie von der ,VoB' fort sind, ist mit Ihnen 
nichts mehr los,. Die Atmosphare in dem frommen Pastorenblatt 
bekommt Ihnen nicht. Jetzt haben Sic sich sogar in der ,Tat* als 
Moralist etabliert und ergehen sich in einem endloscn Artikel iiber 
„Dic eigentliche Not unsrer Zeit", eine zahe, langatmige Obung im 
schlimmsten Traktatchenstil. Sie sollten wieder zu Ullsteins zuriick- 
gehen, glauben Sie mir, lieber Herr, unter den Juden werden Sie 
wieder aufbliihcn, 

W. in Prag. Wegen des Ausrufes „Pfui dem deutschen Volke'* 
wurde der tschechische landwirtschaftliche Beamte Wenzel Janovec 
auf Grund des tschechoslowakischen Schutzgesetzes vom Kreisgericht 
in Pilsen zu 100 Kc. Geldstrafe oder 48 Stunden Arrest bedingt ver- 
urteilt. Das Obergcricht in Prag erhohte das Urtcil auf drei Tage 
Arrest unbedingt, also ohne Bewahrungsfrist. Sie fragen, ob in 

263 



Deutschland schon einmal jemand wegen Beschimpfung der Tschechen 
oder der Polen verurteilt wordcn sei, Uns ist nicht einmal eine Be- 
stimmung des deutschen Rechtes bekannt, die das ermoglichen wtirde. 
Aber vielleicht unternimmt jetzt Herr Hitler eine Erganzung de«^ 
Strafgesetzbuches in diesem Sinne, 

Frau VoB-Zictz- Sic aufiern in der ,Deutschen Zeitung* drci 
..kleine Wiinsche" an die Regierung: Abschaffung der republikani- 
schen StraCennamen, der Ebertbriefmarken imd der schwarzrot- 
goldnen Flagge. Erwarten Sie von der Erfiillung dieser Wiinsche 
eine Besserung nnsrer sozialen Verhaltnisse? Aber unsrc secha 
Millioncn Arbeitslosc interessieren Sie vielleicht wenigcr^ seitdem Sie^ 
einst radikalstte Frauenrechtlerin, zur auBersten Rechten hiniiber- 
gewechselt sind. , 

Rote Hilie. Da unter den gegenwartigen Umstanden die Zahl 
der von euch betreuten Gefangenen immer groBer wird, reichen die 
Bestande eurer Bibliothek nicht aus, um den Lesehunger der Inhaf- 
tierten zu befriedigen, Ihr sprecht daher noch einmal die dringende 
Bitte aiis, jedes verfiigbare Buch eurer Gefangenenbibliothek Ber- 
lin NW, Dorotheenstr. 77/78, zu libermitteln, Unser Aufruf im vorigen 
Jahr hatte einen schonen Erfolg zu verzeichnen, die&mal legt ihr 
besonderes Gewicht auf politische Elementarbiicher und auf wissen- 
schaftliche Werke aus dem Gebiet der Physik und Chemie. 

Ingeborg Roman. Sie veranstalten im Februar und im Marz vier 
Vortragsabende iiber Jakob Wassermann mit anschlieUender Dis- 
kussion. Der Preis fiir den Gesamtzyklus betragt 5, — Mark, Au- 
meldungeu erbitten Sie an Ihre Adresse Berlin-Friedenau, Blanken- 
bergstrafie 8, Seitenaufgang II, H 3 Rheingau 8100. 

Filmfreand mit Hochantenne, Unter dem Titel „Mechanische 
Kunste (Von der Kamera zum Mikrophon]" halt Rudolf Arnheim am 
Montag, dem 20. Februar, 20 Uhr, im Horsaal der Staatlichen Kunst- 
bibliothek, Prinz-Albrecht-Strafie 7 a (Hof) einen Vortrag, in dem er 
eine vergleichendei Theorie der Photographie, des Films und des 
Rundfunk$ versuchen will. 

Intourist. Ihr veranstaltet im Februar, Marz und April wieder 
Gesell&chafts', ^tudien- undi Rundreisen nach Sowj etruflland. Naheres 
erfahren die Interes&enten in eurem berliner Bureau NW 7, Unter dca 
Linden 62/63. 

Eiiriger Lcscr. Sie mochten gem den hier von Jonathan Wild 
in Heft 4 besprochenen Roman von; Celine „Voyage au Bout de la 
Nuit** lesen, vermissen aber die Verlagsangabe. Er ist in der Edition 
Denoel et Steele, Paris, Rue Amelie 19, erschienen- 

Schenken Sie Ihre besondere Aufmerksamkeit dem dieser Nummer 
beiliegenden Prospekt des Malik-Verlages. Theodor Plivier erzdhli 
darin von seinem Lehen und von seiner Arbeit Daneben finden} Sie 
Presse-Stimmen iiber seine beiden Biicher „Des Kaisers Kulis" und 
„Der Kaiser ging^ die Generate blieben\ die Verhandlung im dresdner 
Stadt par lament um die Entfernung des Romans „Des Kaisers Kulis* 
aus der stddtischen Biicher ei und einen Auszug aus dem in diesem 
Jahr erscheinendeni driften Band von Pliviers Romanzyklus. 

Manuskript« sind »ur an die Redalction der Weltbuhne, Chartottenbur?, Kantstr. 152, r.u 
riditen; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizutegen, da sonst keine Rucksendung^ erfolgen katin. 
Im Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Aniprudi auf Nachtief^un^^ 

oder ErstattuDg: des entsprecheoden Entgelts. 
Daa Auff Uhrung^srecht, die Verwertun^ von Titein u. Text tm Rahmen dei Film^ die mustk- 
mechaniache Wiederffabe alter Art and die Verwertunj; im Rahmen von RadiovortrSg^D 
bleiben fUr alle In der Weltbtthne erscbeinenden BeitrSge ausdrQckHch vorbehalten. 

Die Weltbiihnc wurde faeg-rQndet von Sie^ried Jacobsohn und wird von Car! v. Os«ietzky 

unter Mitwirkun^r von Kurt Tudiolsky yeleitet — Verantwortlich : Wallher Karsdi, Berlio. 

Verlay der Weltbuhne, Sie^ried Jacobsohn & Co., Charlottenbur?, 

Telephon: CI, Steinplati 7757. — Poatscheckkonto: Berlin 11958. 

Bankkonto: Dresdoer Bank. Depoaitenkasie Charlottenbure, Kantstr. 1L2. 



XXIX. Jahrgang 21* Febraar 193S Nommer 8 

Die neue Luft voq Hanns-Ericb Kaminski 

In Deutschland hcrrscht jctzt di€ Ruhe, die die autoritaren 
Regierungen liebcn. Die Opposition ist zum Schwcigen ver- 
urteilt, denn wer kann ermessen, ob nicht ein unbedachtes 
Wort als Verunglimpfung von Personlichkeiten, Vcrachtlich- 
machung von Einrichtungen, Aufforderung zum Ungehorsam 
gegen die Gesetze oder gar als Aufreizung zum Generalstreik 
angesehen und bestraft werden wird? Selbst die schuchtern- 
sten Liberalen miissen das Maul halten imd auf den Ablauf des 
doppelten Vierjahresplans warten, nach dem allcs besscr wer- 
den soil. Die Marxisten aber haben sogar zchn Jahre, nam- 
lich bis zu ihrer volligen Vernichtung, zu warten, Mit Neid 
blicken Journalisten jetzt auJ so gefahrlose Berufe, wie sie 
Seiltanzer oder Dachdecker ausiiben. 

Sagen, was sie denken, diirfen allein die Vertreter des 
herrschcnden Regimes, Leider machen die Herren von ihrer 
Freiheit sehr bescheiden Gebrauch. Wcnn iibcrhaupt, sprcchen 
sie von dcr Zukunft nur in allgcmcinen Wendungen, Man 
sollte annehmen, sie batten von der Vergangenheit so genug, 
daB sie davon nichts mehr horen noch sehen mochten, Selt- 
samerwcise zieht sie jedoch das Gewesene magisch an, und 
ihre posthumen AngriHc sind uncrschopflich, Immer von 
neuem erzahlen und erlautern sie, was in diesen vierzehn 
Jahren geschchen ist, sie erzahlen und erlautern es ein biBchen 
subjektiv, aber jede Geschichtsschreibimg ist subjektiv. Feme 
sei es von uns, dagegen zu pplemisieren, Ob Brutus ein ehren- 
werter Mann war, ist noch heute zweifelhaft. Warum soil 
nicht auch strittig sein, ob bei Kriegsende Deutschland reich 
ah Rohstoffcn war, ob damals Ordnung und Zufriedcnheit wal- 
teten und ob. es die Marxisten warcn, die dann erst die In- 
flation und die Korruption und die Prostitution machtcn? 

Bedauerlich ist nur, daB das offiziell gcwordenc Pathos 
sich lediglich gegen diesc Erschcinungen des gcstiirzten Systems 
richtet, ohne ihre Ursachen und Hintcrgrunde aufzuzeigen. 
Friiher versaumte die nationalsozialistische Literatur das nie. 
Sie schilderte vielmehr sehr eingehend, wie der Marxismus 
und das Finanzkapital, der Exprcssionismus und die franzo- 
sische Politik nur Wcrkzeuge des Juden sind, der sich ihrer 
bedient, um das arische Deutschland zu vcrderben, Durch die 
Erkenntnis und Verbreitung dieser Zusammenhange ist die 
nationalsozialistische Bewegung erst groB geworden, und ohne 
Zweifell werden ihre Ideen nun in ihrcn Rcgicrungstaten zum 
Ausdruck kommen. Doch grade davon hort man wenig. 

Die zur Vernichtung bestinamt sind, haben selbstvcrstand- 
lich kcin Recht zu fragen. Aber von den vierzehn Millionen 
Marxisten wird doch noch ein Teil welter Icben und arbeiten 
diirfen, Viele von ihnen sind viellcicht schon bereit, ihre 
alten Ideale zu verbrennen, sie mochten sicher nur gem wis- 
sen, zu welchen neuen sic sich bekenhen sollen und wie es 
eigentlich im Drittcn Reich aussehen wird. Die Marxisten 

1 265 



feind iti der Bcziehung vetwohftt, Dfer Judc hatte ihneh eine 
Theorie und ein Programm gegcben. Jetzt sagt man ihnen 
bloB, daB sie warten sollen, 

Damit soil keineswegs behauptet werden, die Regierung 
luc nichts, Sie tut sogar sehr viel, Man braucht nur an ir- 
gendein^m Tag einen Blick in ein beliebiges Blatt zu werfcn, 
um zu sehen, wie vicle Zeitungen und Zeitschriften verboten, 
wie viele Versammlungen aufgclost oder erst gar nicht geneh- 
migt, wie viele Beamte abgesetzt und ernannt werden, Aber 
alle diese MaBnahmen sind doch nur machtpolitischer Art. Die 
schopferische Aktivitat der Regierung hat sich bisher darauf 
beschrankt, die ZoUe fUr Schmalz und Fie is ch zu erhohen und 
samtliche landwirtschaftlichen Betriebe bis zum Oktober vor 
Pfandungen zu sichern, Ohne die Tragweite dieser Bestim- 
mungen zu verkleinern, darf man vermutlich bemerken, daB 
sie bestenfalls geeignet sind, den Landwirten iibcr die nach- 
sten Monate hinwegzuhelfen. DaB sie cine grundsatzlich 
neue Phase der deutschen Agrarpolitik oder gar der gesamten 
dcutschen Wirtschaftspolitik cinleitcn, miiBte jcdoch erst be- 
wiesen werden. Selbstverstandlich kann man nicht den Schutt, 
der sich in vierzehn Jahren angchauft hat, in wenigen Wochen 
bcscitigen, Immerhin konnte man ankiindigen, wo man anfan- 
gen und nach welchen Richtlinien man es tun will. 

Niemand wird im Ernst bestreiten, daB Deutschland er- 
neuerungsbediirftig ist. Wenn sich die beiden Rcchtsparteien, 
um alien Dbeln ein Ende zu bereiten, duf ein Programm ge- 
einigt haben, so haben sie jetzt die Macht, es zu vcrwirk- 
lichen. Aber wenn sie in vier Jahren Deutschland wirtschaft- 
iich und geistig auf einc vollig neue Grundlage stellen wollen, 
miisscn sie bald beginnen. Vier Jahre vergehcn rasch, und 
wenn sie voruber sind, werden von dem Marxismus, der ja 
erst in zehn Jahren ausgcrottct scin soil, noch mindestens 
sechs Zehntel vorhanden sein. Vielleicht werden diese Mil- 
lioncn auch nach vier Jahren nichts zu sagen haben, Jedoch 
schon vorher oder noch spater wird ein ganzcs Volk, das darbt 
und leidet, Rechenschaft fordern. Denn die Regierungen 
und selbst die Regime wechseln, das Volk aber bleibt, und 
es ist sehr anspruchsvoll und streng, auch wenn es manchmal 
langsam denkt, 

Noch ist nichts Positives geschaffen, Griindlich geandert 
hat sich indes bereits die Atmosphare. Seit dem 30, Januar 
gibt es wirklich ein andres Deutschland, in dem die alten Be- 
griffe und die alten Vorstellungen keinen Platz mehr haben. 
Man crinnere sich, welche Bedeutung weite Kreise vor ein 
paar Monaten dem Urteil des Staatsgerichtshofs iiber Preufien 
beimaBen. Jetzt ist das Urteil einfach aufgehobcn, vom Reich 
aus sind nun auch die preuBischen Reichsratsvertreter er- 
nannt worden, und der gesamte kunstvollc Aufbau des Reichs 
ist damit in seinen Fundamenten verandert, Aber niemand 
kiimmcrt sich noch um die neue Klage, die die abgesetzte 
preuBische Regierung beim Staatsgcrichtshof anhangig gemacht 
hat, niemand erwartet noch, die Frage, ob und inwicwcit 
Deutschland ein Bundcsstaat im bisherigen Sinne ist, konnte 
durch einen Rechtsspruch entschicden werden. Und das Glciche 

266 



wie fiir den Staatsgcrichtshof gilt fiir den Reichstag. Niemand 
zwcifelt daran, niemand denkt noch, die Zukunft werde von 
Abstimmungen abhangen. Eine neue Luft weht in Deutsch- 
land. 

Die Paragraphen haben ihre; liberragende Bedeutung ver- 
loren, und auch die Neigung zu Kompromissen gehort einer 
verflossenen Epoche an. Belehrt durch harte Tatsachen, weiB 
heute der letzte Bauer wie der letzte Arbeiter, daB in der 
Politik die Riicksichtslosen immer recht haben und daB die 
Macht allein das MaB aller Dinge ist. Die Nationalsozialisten 
haben von jeher die SpieBbiirger verspottet, die nur mit geisti- 
gen Waffen kampfen mochten. Nunmehr ergreift diese Obcr- 
zeugung unaufhaltsam die ganze Nation. Ein Deutschland ent- 
steht so, in dem der Glaube an die Kraft alle sentimentalen 
und juristischen Hemmungen iiberwindct. Der Wunsch, nur 
und um jeden Preis stark zu sein, steigt machtig in jedem ein- 
zelnen auf, und das ganze Land wird von dem Gefiihl, durch- 
drungen, daB das Leben unerbittlich ist und daB im Kampf 
urns Dasein Unbarmherzigkeit eine Forderung der Selbsterhal- 
tung ist. 

Das liberale Deutschland ist damit in Wahrheit tot, Eine 
Zeit hat nun begonncn, in der die Gegensatze brutal sind und 
in der Richter iiberfliissig erschcinen. Uns ziemt es nicht, 
diese Zeit zu begriifien oder zu beklagen, Wir konstatieren 
sie lediglich. Ihr moralisches Fazit werden unsre Kinder 
Ziehen. Uns bleibt nur librig, sie zu begreifen und aus ihr zu 
lernen. 

Verstandigung der Linken? von K.L.Gerstorff 

In der .Taglichen Rundschau' vom 16. Februar findet sich ein 
Aufsatz mit dem sehr aktuellen Thema: „Kommt die linke 
Einheitsfront?" Es hciBt da: 

Man muB bei der Beurtcilung dieser Frage sich zwei Dingc vor 
Augen halten. Einmal ist der zweifellos vorhandenc Wille inrier- 
halb der Massen der sozialdemokratischen und kommunistischen 
Part eianh anger zu einer groBen Einheitsfront unter ZuriicksteUung 
aller grundsatzHchen und taktischen Verschiedenheiten sehr stark 
im Wachsen, auf der anderen Seite ist die Fiihrerschaft auf beiden 
Teilen bisher noch nicht gewillt, diesem Wunsche ihrcr Gefolgschaft 
nachzukommen. 

Bis zum 5. Marz, bzw. zum 12, Marz, dem Tag der Kommunal- 
wahlen, wird sich daran nichts andem, da bis dahin von Rcgierungs- 
seite kaum eine wirtschaftspolitische oder staatsrechtliche Aktion 
grofiern Stilszu erwarten ist, 

Es ist sicher, daB inncrhalb der Arbeiterschaft der Willc 
zur Einheitsfront weit starker ist als bei der Fiihrung der bei- 
den groBcn Arbeiterpartcien. Aber die Fiihrung muB diesem 
Massenwillen bercits unverkcnnbar Konzessionen machen. 
Unter dem Druck von unten erklartc der Fiihrer der sozial^ 
dcmokratischen Reichstagsfraktion, Breitscheid^ im Parteiaus- 
schuB der SFD: 

Der Kampf der Arbeiterklasse gegen den Fascismus ist in einen 
neuen Abschnitt getreten. Unser aller Wunsch ware, daB damit auch 
ein neuer Abschnitt in unscrm Verhaltnis zur kommunistischen Partei 
beginnen konnte, Ob das moglich ist, han^t jedoch vom Verbal ten 
der Kommunisten ab. 

267 



Und cs ist dersclbc Druck von unten, der das ZK der 
KPD vcranlaBte, Torglcr zu beauftrag.en, bei der letzten Lust- 
gartendemonstration der Sozialdemokratie zu sprcchen. Die 
Schnsucht der Massen nach gemeinsamer Front, das zeigt sich 
vielerorts spontan, ist sehr grofi. Man ist sich aber noch nicht 
iibcrall klar dariiber, was sie heutzutage bedcutet. 

Im politischen Vokabular der Vorkriegszeit, in den 
ProtokoUen sozialdemokratischcr Parteitage, in den zahl- 
reichen politischen Broschiiren von damals wird man vergeb- 
lich nach dem Wort „Einheitsfront'* suchcn. Man brauchte 
damals die Einheitsfront nicht, weil man eine geschlossenc 
Partci hatte. Heute ist das andcrs. Die Einheitsfront soil 
dahcr auch nicht iiber die starkc politischc Zcrklitftung der 
deutschen Arbciterbcwegung hinwegtauschen. Aber unbescha- 
dct dieser Gegensatze gibt es heute cben konkrcte politische 
Verteidigungszielc, fiir die die ungcheure Majoritat der Ar- 
beitcrsehaft bcreit ist, die Einheitsfront einzugehen. Die Frag e 
ist nur, in welchem Tempo sich diese Gedanken durchsetzen 
werdcn. Ihj dem bereits zitierten Aufsatz der .Taglichcn Rund- 
schau* heiOt es: 

Ob nach dem 12. Marz der Druck der Masse so stark werden 
wirdi daB die Fuhreitden der belden Parteien nachgeben miissen, 
muB abgcwartet werden und wird sich hauptsachlich nach den Er- 
eigniss^n auf der Gegenfront richten ... 

Genau so, wie sich direkt nach der Kabinettsbildung durch die 
Harzburgerfront eine gemeinsame Aktion anzubahnen schien, die so- 
fort in dem Augenblick, als bekannt wurde, dafi Wahlcn ausgeschrie- 
bcn wurden, von beiden Seiten abgcblasen wurde, ebenso kann nach 
den Wahlen, wenn eine langere Aus^chaltung der verfassungsmafiigen 
Moglichkeit der politischen WillensauBerung durch die Massen etwa 
eintreten sollte, dieser Wille sich spontan sowohl in der Masse als 
auch in der Fiihrcrschaft durchsetzen. Die Haltung der Fiihrung 
der Gewerkschaften und des Reichsbanncrs, die bisher sich stark gc- 
gen irgendwelche Massenaktion ausgesprochen haben, wird in diescm 
Falle zweifellos ciner Revision unterzogen werden miissen. 

Mit den letzten Worten hat die ,Tagliche Rundschau' un- 
bedingt recht, und aucht in Gewcrkschaftskreisen beginnt sich 
diese Erkcnntnis durchzusetzcn. Wenn ein Mann wic Lei- 
part, der noch vor kurzem bcreit war, mit flicgendcn Fahnen 
zu Schleicher iiberzugehen, in eincr Rede in der Hochschulc 
fiir Politik erklartc, daB bei ciner Bcdrohung der Freiheits- 
rcchtc der Arbeitcrklasse sic bereit ist, auf Tod und Lcbcn zu 
kampfcn, so zcigt das schon, daB sich ein gcwisser Umschwung 
in der Gewerkschaftsbureaukratic vorzubcreitcn beginnt. 

Die Fra^c des Tempos wird allerdings hier sehr entschci- 
dend sein. Wenn die Rcden. Breitschcids und Leiparts, wenn 
der bekanntc Aufsatz von Stampfcr iiber eincn, NichtangrifLs- 
pakt zwischen SPD und KPD, wenn die Bereitschaft der KPD 
zu Spitzcnverhandlungen bereits in die Zeit der Papen- und 
Schleicherregierung gcfallcn ware, so ware das ein ungchcurer 
Fortschritt gewesen. Jctzt aber ist die Dynamik der Zeit schon 
eine so schnelle, daB das, was vor wenigen Wochen und Mo- 
natcn nock absolut fortschrittlich war, es hcutc nicht mehr ist. 
Auf der Seite der Rcaktion, auf der Seite des Monopolkapi- 

268 



tals, strcitet man zur Zeit nicht iiber die Eintheitsfrpnt, man 
verwirklicht sie bereits. Auf der Seite dcr Arbeiterklasse da- 
^egcn ist man noch immer in der Vordiskussion, in den Vor- 
vcrhandlungen. 

Es ist immer die Eigenschaft der herrschenden Klasse gc- 
wesen, daB sie sich cin moglichst klares Bild iiber die weitere 
Entwicklung zu machen sucht und diesc Entwicklung recht- 
zeitig politisch vordiskonticrt. Damit hat sie immer ihren 
Gcgnern das Gesctz dcs Handelns aufgczwungen, Wic am 
4. August, so ist auch in dieser Krise die Arbeiterklasse 
— diesmal grade wegen ihrer Zerrissenheit — das Objckt des 
Handelns gewesen. Sie hat bisher nirgends den Gang der Er- 
cignisse bestimmt, sic hat im besten Fallc auf die Aktionen 
der andern Seite geantwortet. Wenn sie dem Tempo der wci- 
tern Entwicklung gerecht werdcn will, so darf sie nicht, wie 
bisher, weiter lediglich im Schlepptau dcr Ereignisse handcln, 
sondern sie mufi sich ein illusionsfrcies Bild der Entwicklung 
machen. Die kommenden Wochcn und Monatc wcrden auBer- 
ordentlich schwcr sein. In den Kreisen der Reaktion ist man 
sich daruber absolut klar. In der Abendnummcr vom 13. Fc- 
bruar schrcibt dcr Chefredaktcur der .Deutschen Allgemeinen 
Zeitung' in cincm Artikcl ,,Volkscntscheid": 

Die wirklichen Schwierigkeiten aber wcrden in dem Augenblick 
beginnen, dcr den antikapitalistischen Drang von unten nach oben 
wieder deutlich in die Erscheinung treten laBt. 

Und dann fahrt er fort; 

. . . eines Tagcs werden die verfiigbaren Stellen besetzt, die Um- 
ziige verrauscht, der Siegesjubel verklungen sein. Die Lohnttite aber 
wird den namlichen mangelhaften Inhalt haben wie bisher, die Unter- 
stiitzimgssatze werden keincswegs hoher sein, die Armee der Un- 
beschaftigtcn kann sich nur ganz allmahlich vermindem. Der Ge- 
dankc ^es Vierjahresplanes, gcwiB ein glanzender propagandistischer 
Einfall, muB auch diescn triiben Tatsachen gegeniiber standhalten, 
Dann wird die Probe auf die Tragfahigkeit der hochfliegenden natio-/ 
nalen Begeisterimg gemacht werden, die wir allc mit Genugtuung er- 
leben. Dann konunt fur den Hcrrn Reichskanzler, der die Nation 
innerlich und charakterlich umgestalten will, die Stunde der Entschei- 
dung, ab und auf welcheWeise xhm ein wirklicher Einbruch in die 
marxistischcn Bataillone doch noch gelingen konnte. Was bisher in 
dieser Hinsicht erzielt wurde, und voraussichtlich am 5- Marz erzielt 
werden wird, geht uber einen bescheidenen Anfangserfolg nicht hin- 
aus. Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 stimmten fur die 
marxistischen Parteien 13 228 018 Wahler. Bei den Wahlen zur Na- 
tionalversammlung am 19. Januar 1919 13 781748 Wahler. Das ist, 
auch wenn man die Zahlen, wie es notig ist, im Verhaltnis zur Ge- 
samtheit der Abstimmenden betrachtet (37,3 Prozent gegen 45,5 Pro- 
zent) noch lange nicht ausreichend. 

Die Quintesscnz dieses Aufsatzes scheint uns in folgenden 
Satzen zu licgen: 

Hitlers Kampf um die Eroberung des Volkes wird in absehbarer 
Zeit dem Frontalangriff auf die Arbeiterparteien nicht ausweichen 
konnen. Die Methode dieses Kampfes aber muB notwendigerweise 
die schwersten Probleme aufwerfen und kann groBe wirtschaftliche 
Gefahren mit sich bringen. 

Die ,DAZ* hat recht. Die Methode dieses Kampfes muB 
die schwersten Probleme aufwerfen. Und diese Probleme sind 

2 269 



cntscheidend von dem Tempo dcr weitern Entwicklung abhangig. 
Hier aber spiclt die zu erwartende okonomische Entwicklung 
eine wesentliche RoUe. Als Mussolini nach Rom zog, jetzt 
vor meJir als zehn Jahren, ergab sich beim Nicdergang des ge- 
samten kapitalistischen Systems ein kurzfristiger wirtschaft- 
licher Aufschwung^ der Ainerika wie Frankreich, Deutschland 
und nicht zuletzt Italien erfafitc. Die Stabilitat des fascisti- 
schen Systems ist nicht zuletzt dadurch begriindet worden, daB 
unmittclbar nach dem Zug auf Rom sich die wirtschaftliche 
Lage auch in Italien besserte und Mussolini somit die stadti- 
schen Mittelschichten genau wie die landwirtschaftlicbe Be- 
volkerung darauf hinweisen konnte, daB es ihnen wirtschaft- 
lich besscr gehe. Zu einem wirtschaftlichen Optimismus licgt 
aber heute wcniger denn je Veranlassung vor. Die ,DAZ* hat 
reoht, auch in nachster Zeit wcrden die Lohntiiten den ,,nam- 
lichen mangelhaften Inhalt haben wie bisher, wcrden die Un- 
tcrstiitzungssatze keineswegs hoher sein**, ja, es ist. durchaus 
zu bczweifcln, ob die Armee der Unbcschaftigten sich auch 
nur ganz allmahlicli verringern wird. Sicherlich kann im Som- 
mer eine gewisse Saisonentlastung wicder einsetzen, aber be- 
trachtlich wird sie schon darum nicht scin, weil auch ii;i die- 
sem Sommer wie im vergangenen der Baumarkt nicht sehr 
beschaftigt scin wird. Dazu spitzt sich auch die weltwirt- 
scbaftliche Lage weiter zu- Die amerikanischen Hoffnungen 
auf den Silbcrstreifen haben sich in keiner Weise bewahr- 
heitet, das Erwerbslosenhcer von zwolf bis vierzchn Millionen 
wird nicht kleiner und die jiingsten Bankenkrachs, die in 
Michigan zu einem achttagigcn Bankenmoratorium gefiihrt 
haben, zcigen, wie wenig bereinigt die amerikanische Bankcn- 
und Finanzlage ist 

Der Krieg in China geht weiter, die amerikanische Flotte 
bleibt im Stillen Ozean, die impcralistischen Kriegsgefahren 
werden also sicher nicht kleiner werden. Klar ist, daB so eine 
Belebung dcr Weltwirtschaft, der Kapitals- und AuBenhandcls- 
beziehungcn, in nachster Zeit kaum zu erwartcn ist, Der ge- 
samte AuBenhandel dcr Welt ist wieder riicklaufig und dcr 
deutschc AuBenhandel ganz besondcrs. Er hat mit ciner Aus- 
fuhr von 390,5 Millionen Mark im Januar cinen Rekordtief- 
stand erreicht, Und wahrend 1932 noch ein AusfuhriiberschuB 
von einer reichlichen Milliarde (1931 =: 2,7 Milliarden!) er- 
reicht wurdc, ist der ExportubcrschuB im Januar auf 23 Mil- 
lionen gesunken. Die ,DAZ' betont mit Recht, daB diese kata- 
strophale Zusammenschrumpfung nicht zuletzt die Folge der 
deutschen Agrarpolitik ist, Sie schreibt; 

Inwiefern es der Landwirtschaft niitzen soil, wenn cine Politik 
bctrieben wird, die sich eine Steigerung der land wirtschaftlichen Er- 
zeugung auf Kosten der Industrieproduktion zum Ziele setzt, ist ja 
auch voUig unverstandlich. Denn im Falle schlechten Absatzes, der 
heute vorliegt, muB es auf die Agrarpreisc weiter dnicken, wenn 
einerscits das Angebot vermehrt wird und andrcrseits die Kaufkraft 
der Abnchmer auch noch eine Drosselung erfahrt. 

Die Verschlcchterung dcr wirtschaftlichen Lage in der 
Welt wie in Deutschland, das braucht ja kaum naher ausein- 
andergesetzt zu werden, hat natiirlich entscheidende Folgen 

270 



auf das Tempo der wcitcrn Entwicklung- Wcnn wir id nach- 
stcr Zeit keine Besserung der wirtschaftlichen Lage bekommen, 
ja vicllcicht nicht einmal cine Stabilisierung d'es heutigen Tiel- 
standesr so wird schon schr bald das eintrcten, was die 
,DAZ* schreibt, daU man „dem Frontalangriff auf die Ar- 
beiterpartcien nicht auswcichen kann'*. 

Das Tempo in dcr Entwicklung wird so allcr Voraussicht 
nach schr beschleunigt scin. Es vcrlangt von der Arbeitcr- 
schaH, daB sic; mit altcn Vorurtcilen, Doktrincn und Absper- 
rungsmaucrn gegencinander schr schnell aufraumt, es vcrlangt 
cine bctrachtlichc politische Elastizitat, um dem Ernst der 
Stundc gcwachsen zu sein. 

„Aufstehen — Hinlegen!^ von Heinz poi 

Auf zwci Gcbiete werfen sich die Nazis seit ihrcr offizieUen 
^^ Machtergrcifung mit aller Kraft: auf die Exckutivc und auf 
die Kulturbclange, Diese bciden Stiitzpunkte baucn sic in 
groBtcr Eile und mit starkster Intcnsitat aus. Einmal, wcil 
sich von hier aus das ubrige Terrain leichter crobcrn laBt, und 
zwcitens, wcil die sozialc Zusammcnsctzung der Partei erfor- 
dert, daB grade in dicsen bciden staatlichen Domanen hundertc 
und tauscnde von Postcn freigcmacht werden, 

Ober die Machtergrcifung und den Ausbau dcr Gcwalt in- 
nerhalb dcr Exckutivc, vor allem PreuBens, kann man auf 
Grund dcr Pressenotvcrordnung, nur in Andcutungen sprechen, 
und viellcicht auch das nicht einmal. Hier bleibt es nicht etwa 
bci dem Absagcn ciniger hohercr Zivil- und Schutzpolizei- 
beamtcn in Berlin und andern groficrn Stadtcn, Das ist nur ein 
Anfang. 

Nicht vici andcrs sicht es auf dem zwcitcn Gebict aus, auf 
das sich die Nazis mit allcr Wucht stiirzen, das sind die kul- 
turellen Einrichtungen. Auch hier gilt es, nicht ctwa bloB ein 
paar hochbezahltc Intcndantcnposten freizumachcn, man muB 
viclmchr' den, tausenden und zehntauscnden von Nazi-Studen- 
tcn, Nazi-Lehrern und sonstigcn volkischcn Bildungstragcrn 
nunmchr die Gclcgcnheit gcbcn, sich praktisch und moglichst 
mit spatcrn Pcnsionsanspriichen zu betatigen. 

Wenn wir in dicscm Zusammenhang das Theater und die 
sonstigc Kunst bciscitc lassen und uns auf die Skizzicrung dcr 
Absichtcn bcschranken, die die Nazis hinsichtlich der Schulc 
und der Jugenderzichung auBern, so besitzcn wir hier rcich- 
haltigcs, ja was noch wichtiger ist, authcntisches Material. Und 
Herr Rust, dcr ncue preuBischc Kultusminister, dcr cs sich 
nicht nehraen lieB, mit Kind und Kegel, wie cr stolz verkiin- 
dete, ins Haus Unter den Linden einzuzichen, braucht nur tiich- 
tig nachzulescn, was sein Herr und Mcister, als cr noch nicht 
Rcichskanzler war, (ibcr Schulc und Jugenderzichung schrieb, 
und er ist im Bildc, Er hat es offcnbar schr sorgsam studicrt, 
das bcweisen seine ersten Erlassc, Wir allc haben viel zu 
wenig die nationalsozialistische Literatur gclcscn, hochstcns vicl- 
lcicht die fiinfundzwanzig Punkte dcs nationalsoiialistischcn Pro- 

271 



gramms, in deneh aber von dcr Schule und der Jugenderzichun^ 
kaum ctwas enthaltcn ist. Um so ausfiihrlicher hat sich Adolf 
Hitler bcreits vor sieben Jahren in seinem Buch „Mein Kampf'\ 
und zwar im zwcitcn Band, iiber diesc Dingc geauBert und hier 
klipp und klar ein ganz eindcutigcs Programm entworfcn, Bis- 
her stand es nur auf dem Papier, meistens gcsperrt gedruckt, 
jctzt soil es also auf dem Verordnungswege durchgefiihrt wer- 
den. Im Gegensatz zu seiner jungsten Sportpalastrede, in der 
Adolf Hitler nur „im allgemeincn" iiber sein Programm sprach, 
hat er sich in seinem BucK durchaus prazise und sehr konkret 
ausgedriickt, wenigstens was die deutsche Kultur betrifft, die 
von ihm dermalcinst voUig lungcbaut werden wiirde. 

Die Grundthese Hitlers lautet, da6 die wisscnschaftlichc 
Ausbildung der Jugend von durchaus minderer Bedeutimg sei, 
sie komme, wie cr auf Seite 41 ausfiihrt, erst ,,ais letztes**. Das 
Wichtigste sei vielmehr das „Heranzuchten kerngesunder Kor- 
per", danach kame die Ausbildung gewisser Charaktereigen- 
schaften, wie Mut, und erst dann die geistige Ausbildung. 

Hitler sctzt datm umstandlich auseinander, daB die Schule 
kiinftig ,,unendlich mehr Zeit** freimachcn miisse fiir die kor- 
perliche Heranziichtung. Es diirfe kein Tag vergehen, an dem 
der Schiiler nicht mindestens vormittags und abends je eine 
Stimde korperlich gedrillt werdc. Bei diesen Betrachtungen 
stimmt Hitler einen spaltenlangen Lobgesang auf das Boxen 
an, das unbedingt im Schulunterricht eingcfiihrt werden miisse. 
Hatten wir, so meint er, statt Ingenieux;e, Techniker, Chemiker, 
Juristen, Literaten und Professoren tiichtige Boxer gchabt, so 
ware die Revolution von 1918 nicht moglich gewesen, daran 
sei nur die Geistigkeit des deutschen Volkes schuld. 

Nun lieBe sich gegen eine Vermehrung des Gymnastik- und 
Turnunterrichts in der Schule durchaus nichts eiuwenden. Kor- 
perliche Ertiichtigung kann eine sehr schone Sache sein, es 
fragt sich nur zu welchem Zweck. Hitler spricht diesen Zweck 
durchaus unmiBvcrstandlich aus, indem er erklart, sie sei weiter 
nichts als „in groBen Ziigen schon die Vorbildung fiir den 
spatern Heeresdienst". 

Auf Seite 65 helBt es noch einmal: „wie denn iibcrhaupt 
die Militardicnstzeit als AbschluB der normalen Erzichung des 
durchsehnittlichen Deutschen gelten soil**. Mit andern Worten, 
allc Schulen sollen in Militarkadettenanstalten umgewandelt 
werden. 

Fiir den Schulunterricht im besondem gibt Hitler noch 
einige wesentliche Anweisungen. Sprachunterricht sei so gut 
wie iiberflussig, zwei Sprachen brauche iibcrhaupt kein Mensch 
zu lernen, auch der Geschichtsunterricht miisse sich auf das 
Wesentliche beschranken, das heiBt, in der Hauptsache sich 
mit den romischen und deutschen Helden beschaftigen. Die 
Kiirzungen konnten dann fiir Turnstunden verwendct werden. 

Was iiir die Schule gilt, gilt auch fiir die Universitat. Auf 
Seite 62 stabilisiert Hitler folgende Grundthese: 

Auch in dcr Wissenschaft hat der volkische Staat ein Hilfs- 
mittel zu erblicken zur iFdrderung des Nationalstolzcs. Nicht nur 
die Weltgeschichte, sondern die gesamte Kulturgeschichte muB von 

272 



diesem Gesichtspunkt aus bewertet werden, Es darf ein Erfinder 
nicht nur ^roB erscheinen^ als Erfinder, sondern er muB noch groBer 
erscheinen al& Volksgenosse. 

Als AbschluB dann, wie gesagt, die Militardienstzcit. 
Dieses ganze Schul- und Kulturprogramm ist gespickt mit 
Satzen von gradezu klassischcr Form. Unmoglichi sie alle auf- 
zuzahlen, aber einigc rundcn docb das Bild sehr schon ab. So 
beiBt es auf Scitc 45: 

Die gesamte Erziehung utid Ausbildung des jimgen Volksgenos- 
sen muB darauf angelegt werden, ihm die UberzeugunjS zu geben, 
andern unbedingt ilberlegen zu sein. Er muB in seiner korperlichen 
Kraft und Gewandtheit den Glauben an die Unbesiegbarkeit seines 
ganzen Volkstums wiedcr^ewinnen. 

Auf Seite 47 spricbt er davon^ daB der junge Mann nicht so 
sehr eitel auf schone Kleider als vielmehr auf einen schonen 
wohlgeformten Korper sein soUte: 

Auch ftir spater ist dies zweckmaBig. Das Madchen soil seinen 
Ritter kennen lernen. 

Seite 49 heiBt es: 

Analog der Erziehung des Knaben kann der volkische Staat 
auch die Erziehung. des Madchens von den gleichen Gesichtspunkten 
aus leiten. Auch dort ist das Hauptgewicht vor allem auf die korper- 
Hche Ausbildung zu legen, dann auf die Forderung der seelischen 
und zuletzt der geistigen Werte, 

Von Hitlers Thesen bis zu Rusts Erlassen ists nur ein 
Schritt. Des Kultusministers Rust erste Tat virar ein ErlaB, 
dem Hugenbcrgs Telegraphen-Union den durchaus rich- 
tigen Titel gab: „Gelandesportlchrgange fxir Turnlehrer". In 
diesem ErlaB heiBt es, daB die korperlichc und sittliche Ertiich- 
tigung der Jugend, nicht nur im Tumunterricht sondern im ge- 
samten Unterricht der Schule Beriicksichtigung finden muB. 
Wortlich heiBt es weiter; 

Das Reichskuratorium fur Jugendertuchtigung hat als besonders 
geeignetes Mittel, sein Ziel zu erreichen, den Gelandesport in den 
Vordergrund seines! Wirkens gestellt. Der Gelandesport ist ein vor- 
ziiglicher Weg, um die Jugend zur Disziplin und Kameradschaft zu 
erziehen und Korper und Sinne zu schulen. Um die Tatigkeit des 
Reichskuratoriums zu unterstiitzen, wird daher die Schule nicht nur 
durch allgemeine Pflege der korperlichen und sittlichen Ausbildung 
die Grundlagen und Voraussetzungen fiir eine erfolgreiche Schulung 
im Gelandesport zu schaffen habcn, sondern insbesondere die Ober- 
kla&sen der hoheren Schulen fiir die mannliche Jugend werden in 
gewissem Umfang auch eine Vorschulung auf einzelnen Gebieten des 
Gelandesports selbst ins Auge fassen konnen* 

Ober das Deutsch dieses Erlasses konnte es Meinungsvcr^ 
schiedenheiten geben, aber wenigstens der Inhalt ist klar ge- 
nug, Und noch klarer heiBt cs weiter: 

Dazu ist es notwendig, daB vor allem die mit dem Tumunter- 
richt betrauten Lehrer sich mit der Eigenart des Gelandesports ver- 
traut machen- Das Reichskuratorium hat sich bereit erklart, im 
kommenden Sommer besondere Gelandesportlehrgange fiir Lehrer an 
hoheren Schulen zu veranstalten. Fiir eine Teilnahme kommen ins^ 
besondere Personlichkeiten in Frage, welche die Lehrbefahigung fiir 
Leibesubungen und korperliche Erziehung besitzen. Die Meldungen 
sind von den Provinzialschulkollegien gcsammelt, bis zum 31. Marz 
beim Kultusministerium cinzureichen. 

So lautet der erste ErlaB des neuen Kultusministers, Diie 
weitern werden bald folgen. Schon hat Herr Rust in Hanno- 

273 



vcr in cincr groBen Kulturredc angekiindigt, er werde die 
Volksschulen voa allem Undcutschen reinigcn, und zwar „mit 
aller Brutalitat der Pflicht". In den Volksschulen seien vor 
alien Dingen die nvolkischcn Tugenden" zu lehren; weiter wird 
hicr eine genaue „^t>erprufung des Unterrichtsstoffes" durch- 
gefuhrt werden. Die verschiedenen Formen der hoheren Schule 
in Dcutschland konnten an sich bestehen bleiben, doch komme 
es darauf an, daB ihnen alien „der richtige Geist gegeben 
werde'* (wortlich zitiert aus dem tVolkischen Beobachter'). 

Das Wort ,, Geist" ist hier wohl etwas fehl am Platze, 
denn wit hoffen, daB unser Kultusminister diesen Begriff, der 
doch erst an letzter Stelle kommt, nicht mehr in den Mund 
nimmt, 

Und das Kommando in dem wesentlichstcn Tcil des Schul- 
unterrichts wird kiinftig lauten: ,,Aufstehen — Hinlegcn! Auf- 
stehen — Hinlegenl" 

Die Mainlinie von Kurt Kersten 

fn dem Augenblick, wo altpreufiische und westfalische Junker 
als Vertreter der Schwerindustrie und desGroBgrundbesitzes 
wieder im Proscenium des Staatcs erschienen, tauchte auch 
die Parole , .Mainlinie'* wieder auf, ein verhangnisvoUes un- 
,heimliches Wort, das in alien politischen^ militarischen, partei- 
politischen Diskussionen, Entwiirfen, Planen der deutschen Ge- 
schichte der letzten hundert Jahre erscheint und das jedesmal 
verkiindet, wie hochgradig das Reich vom Fieber erfaBt ist. 
Die Mainlinie spielt in den Angriffsplanen franzosischer 
Militars eine ebenso groBe Rolle wie in den Defensivplanen 
des preuBischen Generalstabes. Der Besitz der Mainlinie 
sichcrte Napoleon den Einmarsch in Norddeutschland, die Ver- 
teidigung der Mainlinie war eines der schwierigsten Probleme 
der moltkeschen Strategie, die Oberwindung, ja die Ausmer- 
zuhg der Mainlinie war das Kernstiick bismarckscher Diplo- 
matic. An der Mainlinie s.cheiterten nicht zuletzt 1848 die 
Kaiserreichbeschliisse der Frankfurter Nationalversanxmlimg ; 
um die Mainlinie liaben Welfen und Staufen gerungen, um 
die Mainlinie wcrden im Laufe dieses Jahrhunderts die Kampfe 
gefiihrt werden, die iiber das Schicksal Deutschlands zu einem 
gewissen iZeitpunkt endgiiltig ausgefochten werden miissen. 

Was sich in diesen Monaten um die Linie abspielte, 
wird spater eihmal nur eine fliichtige Episode gewesen sein. 
Mit dieser Linie verbindet sich nicht nur ein geographischer 
Begriff; und man sollte sich hiiten, zu glaubcn, diese Linie 
trenne zwei Telle Deutschlands, die man mit den Schlag- 
worten „rcaktionar" und ..liberar* charakterisieren konne; die 
Lage im Norden, und vor allem im Nordwesten imd in Mittel- 
deutschland, ist langst objektiv revolutionar, die Krise hat in 
diesen Gebieten einen weit scharfern Charakter erfahren als 
in den indlistriearmeren, kleinbiirgerlichcn Gebieten des Su- 
dcns- Wir nahern uns Zustanden des zweiten Reiches, wo im 
Siiden Prcufien als der Ifort der Reaktion gait, dafiir aber er- 
lebte die Arbeiterbewegung im Siiden einen besonders scharf 
ausgcpragten rcformistischen Charakter, Der Schein der starken 
Reaktion des Nordcns sollte nicht dariiber hinwegtauschen, 

274 



daB im Norden und nur im Norden die Entscheidimgen gefallt 
werden miissen. Wenn Bismarck die Siiddeutsfchen teils durc^ 
Zwangf teils durch Obcrredung, teils durch Zusicherung be- 
sonderer Privilcgien fiskalischer Natur fiir die Reichseinheit 
gewinnen konnte, so geschah es tatsachlich deshalb, weil 
Nord- und Mitteldeutschland die Fiihrung auf wirtschaftlichem 
Gebiete inne batten, weil sie die WasscrstraBen, die Verkehrs- 
linien beherrscbten, weil sie die groBten Industriegebiete be- 
saBen, weil sic mit PreuBen uber eincn einheitlichen Wirt- 
schaftsraum verfiigten, dcm sich die Siiddcutschen angliedern 
muBten* nachdem die Griindung des neuen Italien und die Aus- 
schaltung Oesterreichs Barriercn fiir eine sUddeutsche Expan- 
sion errichtet batten. Der deutsche Siiden erleidet das Scbick- 
sal, zu einer Gemeinscbaft gezwungen zu sein, die er subjektiv 
ablebnt, die er objektiv beJEihen muB, und desbalb baben alle 
diese RebelHonen, diese sogenannten separatistiscben Stromun- 
gen, diese Eigenstaatlichkeitstendcnzen etwa^ DonQuichotte- 
haftes und entbebren keineswegs einer gewissen Komik, die 
fiir einen ,,MuBpreuBen", wie fiir den Verfasser, stcts nie des 
Schimmers einer gewissen Melancbolie entbebren, 

Berlin und Miincben lassen sicb vielleicbt nocb am 
ehesten mit dem Petersburg und Moskau des Zarismus ver- 
gleicben; und wie einst die Zaren ibre Residenz nacb Peters- 
burg verlegten, so laBt sich vielleicbt sagen, daB die Luxem- 
burger oder Wittelsbacber, selbst wenn sie in Prag oder Miin- 
cben jabrbundcrtelang iiber das Reich gcberrscht hatten — 
eines Jahres Berlin gegrundet hatten. Berlin hatte erfunden 
werden miissen, wenn es nicbt d'agewesen ware; Und wie die 
Revolution in der Industriestadt Petersburg zuerst durch- 
bracb, so wird und bebalt der Norden Deutschlands seine iiber- 
ragende Bedeutung in alien innern Auseinandersetzungen, 
Hier muB geblieben, bier muB gekampft werden. 

In einem bei Gerhard Stalling in Oldenburg er- 
schienenen Buch Beumclburgs „ Bismarck griindet das Reich" 
(Ganzleinen 5,80; broscb. 4,50) liest man leider nicbts iiber diese 
Gegensatzc; nirgends wird auch nur der Versuchj gemacht, zu 
erklaren, weshalb grade dieser Mann aus der Altmark ein 
auseinandergefallenes Reich wiedcr zu kitten vefsuchte, imd 
weshalb die Suddeutschen in einem gewissen Zeitpunkt der 
Entwicklung der deutschen Bourgeoisie in den AnschluB an 
das Reich einwilligen muBten; denn bfei dieser Aktion hat 
Bismarck in einem hohem Sinne nur den Handlanger gespielt, 
die starksten Widerstande hat er eben nicbt bei der Bourgeoi- 
sie, nicbt einmal bei der Arbeitcrscbaft gefunden sondern 
bei den reaktionaren Kraften, bei den Fiirsten, bei den Jun- 
kem, bei den Oberbleibseln derFeudalklasse, denn gegen den 
Willen dieser Herrn wurdc das Reich gescbaffen, ein Reich, 
das die junge Bourgeoisie im Jabre 1848 nicht schaffen konnte 
und wollte, weil sie sich vor dem Proletariat fiirchtete, mit 
dem sie nicbt gegen die Feudalklasse auf die Barrikade gehen 
woUte. Wie kindisch quatscht Beumelburg iiber 18481 Auf 
die reife Bourgeoisie konnte sich. Bismarck stiitzenv well sie 
sich dank des preuBischen Militarismtis sicher fiiblte. Aber 
es ist ein radikaler Irrtum, zu glauben, Bismarck ware wie 
Hans im Gliick allein durch die Weltgeschichtc spazierstock- 

275 



schwingend gelaufen und hatte scin Werk allein ohnc Vcr- 
bindung mit andcrn Klassen ausgcfiihrt. Es gehort zu den 
fundamentalsten Fehlem von Beumelburgs Buch, daB es von 
diesen hochst bed^utsamcn Wechselwirkungen zwischen den 
Interessen der Bourgeoisie und Bismarcks, des Junkers, nichts 
sagtt daB der Autor sich gewissermaBen schamt, einzugestehen, 
daB dies Bismarcksche Reich eine Schopfung fiir die Bourgeoisie 
war, und zwar fiir das GroBbiirgertum, Rir die Schwerindu- 
stric und das Junkertum. Bei Bcumelburg werden die Vor- 
gange so dargcstellt, als ob Bismarck ein auBerst gerisscner 
Handler gcwesen ware, der einen ausgeruhten, pfifHgen Kop! 
und eine gutc Kombinationsgabe besaS, der mit Andcrn her- 
umf eilschte, die ein minder ausgcruhtes Kopfchen hatten, und 
der nun mit List und Schlauheit und genialcn Geistesblitzen 
in Kiirassierstiefeln die ganze Geschichte ins Lot brachte< 
Und weil man nun einmal die Konjunktur wahrnimmt, ver- 
wechselt Herr Bcumelburg zuweilen Hitler und Bismarck, und 
weil cr obendrein von einem bei \ms liblichen Magistcrfimmcl 
besessen ist, laBt er seitenlang den Satz sperren, um uns 
seine Weishciten griindlich einzublauen; iiber die wirtschaft- 
liche Struktur, die Klassenlage, ja iiber die Menschen erfahrt 
man nicht eine einzige Zeile. Bcumelburg halt das nicht ctwa 
fiir* nicht notwendig, sondern ihm fehlt cinfach dasVcrmogen, 
geschichtliche Vorgangc in ihrem Zusammcnhang mit wirt- 
schaftlichen Vorgangen zu erklarcn. Bei ihm wachscn gewisser- 
maBen die Baumc vom Himmel zur Erde herab, ohnc daB sic 
den Bodcn je crrcichen kdnnen, Sie nennen das Metaphysik 
und Idealismus, in Wirklichkcit ist es Ahnungslosigkeit. Dicsc 
Leutc philosophieren ewig mit dem Feigenblatt, 

Beumelburgs Buch bricht mit der Schilderung des 18. Ja- 
nuar 1871 ab, jencs Tages, da mitten im Kriegc, im Heer^ 
lager, auf fremdem, feindlichem Bodcn vor eincr bclagcrten 
Stadt, die man bombardierte, ein Kaiser der Deutschen pro- 
klamiert wurdc wic ein Hcrzog cines Stammcs in der Volkerr 
wandcrunigszeit. Das ..Zivil" vertrat bekanntlich bei der 
Zeremonie ein Oberspitzel, der beriichtigte Stiebcr, Die 
Jahre 1871 bis 1890 sind bei den nationalistischen Gcschichts- 
schreibern nicht sehr bcliebt, sic entbchren jcncs schcinbaren 
Heroismus, dessen Schilderung so billig ist. Vom heroischen 
Kampf der jungen deutschen Arbeiterbcwegung, vom So- 
zialistengesetz, vom Kulturkampf, aber auch von Bismarcks 
erbittcrten Kampf en mit den prcuBischcn Torys wiU man 
ebensowenig ctwas wissen wie von dem oft verzweifelten 
Spiel des Kanzlcrs mit den fiinf Kugeln, die Capri vi am Tag 
nach seiner Berufung rcsigniert in den Abgrund warf, aus dem 
das Unheil erwuchs. 



W^ 



Arbeiterstudenten yon Christine Foumier 

^arum werden Arbeiter Studenten? Wic leben sie? Was 
wird aus ihncn? 
Wir wissen wcnig odcr nichts iiber die Detcrminanten von 
Klugheit, Begabung, Talent. Wir kennen die Elemente nicht, 
die den Verstand formcn. Wir konncn nur erfahrungsgemaU 
feststellen, daB er nicht vercrbbar und nicht von der nguten 
276 



Kindcrstubc" abhaagig ist 1st man nun dcr Auffassung, es sci 
niitzlich, so vicl Intclligcnzkrafte als moglicb aus dcrMensch- 
heit herausholen zu woUen, so mufite man aus -diescr Erfahrung 
den SchluB Ziehen: alien Menschen ohnc Unterschied der 
Klasse soil die gleiche Chance gegeben werden, die Pro- 
duktivitat ihres Verstandes zu erproben, DaB cin solches 
System innerhalb unsrcr Gesellschaftsordnung undurchfiihrbar 
ist, wissen wir, Trotzdem werden in dieser Richtung Bcmiihua- 
gcn gemacht. Eine solche Bemiihung, Begabtcn, auch wcnn 
sie unbemittelt und ohne herkommlichc Vorbildung sind, den 
Weg zur Wissenschaft zu eroffncn, war die des einstigen 
Kultusministeritmis, als es . die Bestimmungen iiber „die Zu- 
lassung zum Universitatsstudium ohne Rcifezeugnis" herausgab. 
„Im Jahre 1922 erkannten die Hochschulverwaltungcn in 
einer Vereinbarung die Notwendigkeit an, Personen, die durch 
bcsondcre Verhaltnisse verhindert waren, auf einem der sonst 
geregclten Wege zur Hochschule zu gelangen, den Zugang zu 
einem bestimmten Hochschulstudium zu eroffnen, wenn sic auf 
Grund besondcrer Anlagen imd ausgezeichneter Lcistungen Gc- 
wahr dafiir bieten, daB sie durch akademische Studicn zu 
hoheren geistigen Lcistungen gelangen . . ." (Studium ohnc Reife- 
zcugnis in PreuBen von Doktor Otto Benecke, Weidmannschc 
Buchhandlung.) 

1923 erlicB dcr preuBische Kultusminister vorbereitende 
Bestimmungen iiber die Zulassung zum Universitatsstudium 
ohne Rcifezeugnis. Andre Lander folgten dcm preuBischen 
Beispiel. Am 11, Juni 1924 ergingen in Prcuficn die endgultigen 
Bestimmungen. Diese bcziehen sich aul Beamtetmd Ange- 
stellte ebenso wic auf Arbeiter, Da -aber die meistcn so- 
gensumten „Immaturcnstudenten'* aus d'em Proletariat stam- 
men, schcint es wichtig, die Bestimmungen grade vom Arbeitcr 
aus zu betrachten. 

Da ist zum Beispiel die Vorschrift, daB der Antragsteller, 
der sich um die Zulassung bewirbt, das fiinfundzwanzigste Le- 
bensjahr erreicht haben muB. Dabei wird vergesscn, daB 
geistige Rezeptivitat und Lernenthusiasmus beim Achtzehn- 
odcr Neimzehnjahrigen viel starker sind als bei dem durch 
jahrelange Betriebsarbeit und Entbehrungen bereits ermiide- 
ten Fiinfundzwanzigjahrigen. Aber dies ist nicht der einzige 
wunde Punkt der Bestimmungen, 

Der Lcidenswcg, den dcr zum Studium cntschlosscne Ar- 
beitcr gehen muB, ist folgender; dcr zukiinftigc Immaturen- 
student darf das Gesuch um*Zukssung zur sogcnannten „Be- 
gabtenpriifung'* nicht selbst einreichen, sondern der Antrag 
muB von „urteilsfahigcn Personlichkeiten" gesteUt werden, die 
mit den Voraussetzungcn und dem Wesen wissenschaftlicher 
Arbeit vcrtraut sind und den Bewerber, nach seinen bisherigen 
Lcistungen bereits kennen". DaB es einem der gelehrten Welt 
vollig fremden jungen Arbeitcr Schwicrigkeiten macht, sich 
cine solche Empfehlung zu vcrschaflcn, ist klar. 

Untcr den Anwartern wird einc schr strenge Auswahl ge- 
troffen. Zum Beispiel sind 1931 in Berlin von zweihundert nut 
fiinfzig zur Priifiuig zugelassen worden. Die Priifung bestcht 
aus zwei tmter Klausur anzufertigenden schriftlichen Arbeiteji^ 

'^ 277 



i\ 



^f dcm Bittgesuch min.'dcstens vier sehr gutc „FleiBzcugftissc** 
ijLb^t seiiic Klausurarbcit beilegt nn^ eine Bestatigung d^s hei- 
toatiichco Finanzamtes und der hcimatlichen Polizei iiber die 
Beiiirftigikeit seiner Familie. 
/ W'ovon aber leben die Arbeiterstudenten wirklicK? ■ Sic 
isscn es im Grundc selbst nickt. Alles ist ZufalL Eitx von 
ySltcnen, kleinen Gliicksfailen iinterbrochencs Hungern, das ist 
ihr Leben Einer dieser Stmdf>nf<> n sagtf> mir* I^h-ti^ke «:— . 



emen 



funschtraum; ein monatlicbes Fixum von 60 Mark," Be- 
btnte Universitatsprofessoren crzahlen oft voll Stolz, ^^^ sie 
;h in ihrer Studentcnzeit hart, aber doch durch Stu-nden- 
eiben durchgeschlagen haben; Heute batten sie weniger Gliick. 
enn die Eltern, die ihren Kindern Nachhilfestunden geben 
ssen konnen, sind selten gewordcn, 
I Der Arbeiterstudent ist seiner Klassc und auch 4em ein- 

V tnen Arbeit er im Bctrieb entfremdet. Es ist weiter nicht 

V ^wunderlich, daB seine bisherigcn Arbeitsgenossen in ihni 

V ht mehr den Arbeiter sehcn sondern einen Arrivicrten, der 
V^incm ihncn vollig unbekannten Milieu lebt, der einen biir- 

ichcn Wirkungskreis hat. Sie bewundern ihn und bringen 

^gleichzeitig MiBtraucn entgegen, Sie konnen ihm auch 

I verzeihen, daB er nicht mehr im selbcn MaB wie friiher 

Se Organisation tatig sein kann. Trotz allcr Anstrengun- 

ier Studenten wird das ehcmalige gute Verhaltnis gestort. 

auf der Universitat ? Ihre Atmosphare ist ihm fremd. Wie 

Hen ABC-Schutzen, der aus der proletarischcn ' Enge 

nt, die brciten Treppen, die hohen Raumc des Schulhauses 

beraubend, hemmend wirken, so wirkt das halbfeudalc, 

tnutgeschwangcrte, von verschi^denen Traditionen crfiillte 

;u der Hochschule aui den Arbeiterstudenten. Er wird 

seiner Aufgabe unmogUch gerecht werden konnen, wenn 

ph nicht, in dieser oder jener Form, dem neuen Milieu an- 

ssen vcrsteht. Er wird auch nicht umhin konnen, dem 

uB dieses Milieus zu unterliegcn, um so mehr, als er sich 

urzelt, isoliert, von den Seinen verlassen fuhlt. Der Ar' 

rstudent wird also — bis auf jene Ausnahmcn, die die 

^osition gegen Hochschulmilicu und Fascismus zu Konunu- 

Mgnmacht — , ehe er sichs vcrsieht, auf den We^ getricben 

">den sein, der zur Verburgcrlichung fiihrt. Aber er wird 

s Ziel dieses Weges, das wirkliche Biirgertum, nicht er- 

ichen konnen. Er wird immer wieder iiber die Hindcrnissc 

folpern, die i^ seiner proletarischen ader kleinbiirgerlichen. 

^inderstube ihren Ursprung haben, Er wird zum Beispiel die 

"erminologie der biirgerlichen Kultur, die gescHschaftliche 

^outinc, die dem Burgerkinde selbstverstandlich sind, nicht be- 

Tcrrschen konnen. Dem Arbeiterstudenten, dem Sohn eines 

Iroletariers, werden die bourgeoisen Umgangsformen fehlen. 

ler seiner Kiasse Entfremdetc wird unter Minderwertigkeits- 

sfiihlen leiden, die ihm die Sicherheit im Verkehr mit den 

Irgerlichen Kollegen und Professoren nehmen, die ihn zum 

msamcn, zum Sonderlinjg machen, 

I Hat also die Bourgeoisie die Ambition, starkc Intelligenzen 
a^'demisch auszubildcn, so miiBte sie ganze Arbeit machen 
^iticl das Risiko wagen, die ihr ais begabt erscheinenden Prole- 

^0 



taricrkinder von friihauf zu domcstiziercn, ihnen die gleiche 
Chance wie den biirgerlichen zu geben, ihnen die von biirger- 
lichcr, traditioneller Kultur erfiilite Luft einzupumpen, sie fiir 
daSi Hochschulmilieu cntsprechentd vorzubereiten, 

Ferner: Angenommen, man hat sich zur Aufgabe gestellt, 
die groBe Begabuiug, die im Proletariat zweifellos vorhanden 
ist, zu pflegen, urn sie fiir die Wissenschaft zu gewinnen — bei 
der Form, in der d'iese Aufgabe durchgefiihrt wird, kann woKl 
kaum ein fruchtbringcndes Resultat crzielt werdeu/ Wenn es 
auch, wie ich vorhin sagtc, erstaunlich ist, daB cs trotz der 
harten Bedingungen in Deutschland doch immcrhin drcitausend 
Arbeiterstudenten gibt, so muB umgekehrt fcstgestellt w^erden, 
daB, gemessen an den latenten, geistigen Kraften des Prole- 
tariats, eine viel groBere Anzahl Arbciter der geistigen Welt zu- 
gefiihrt wcrden konnte. AuBerdem; eine so entwiirdigendc Le- 
bensweise muB auch bei den bcstcn diescr hochbefahigten 
Menschen jede Widerstandskraft brechcn, Wie Beispiele be- 
wciscn, habcn vielc unter ihnen, nach Absolvicrung ihrer Stu- 
dien, da ihre produktive Arbeit erst beginnen solltc, die ehe- 
mals V'orhandcne Intensitat eingebiiBt. Andre s^kteppen sich 
zwolf, d'reizehn Semester lang durch dieses Martyrium, weil sie 
zu miide geworden sind, sich zu dem letzten Examcn aufzu- 
raffen. 

Sollte aber der Arbeiter das Studium als Mitt el zu dem 
Zwecke verwcnden wollen, seiner Klasse durch das erworbene 
Wissen besonderc Dienste zu leisten; oder sollte ein sozial- 
demokratisch orientiertcr Kultusminister geglaiibt haben, zum 
Beispiel mit Zulassung zum Universitatsstudium ohne Reife- 
zcugnis das Bildungsniveau der Arbeiterschaft zu hcben, ihr 
starke Krafte zuzufiihren, so miiBten dicse Ziclsetzungen als 
Illusion bewertet werden. Die marxistische Arbeiterschaft kann 
unmoglich Interesse dran haben, daB ihre Mitglieder Philo- 
sophie oder Nationalokonomie studieren, wie sie an unsern 
Universitaten gelehrt werden. Sie kann unmoglich wtinschen, 
daB ihre Sohne Theologie studieren. Tatsachlich weist die 
katholische Theologie — dank den fBestrebungen des Zcn- 
irums — von alien Fakultaten den hochsten Prozentsatz Stu- 
denten aus den Unterschichtcn aul; namlich 19 Prozent, dar- 
unter 12 Prozent Arbeiter sohne. 

Solltc die SPD planen, aus dcii Arbeiterstudenten tiichtigc 
Parteifunktionare zu machen, so miiBte sie erwagen, ob diesc 
auBcrordentlich begabten Menschen, um die es sich handelt, 
vielleicht nicht der jetzigen Partei, wohl aber der Arbeiter- 
bewegung micht noch viel groBere Dienste leisten wiirden, wenn 
sie nicht erst jahrelang die Stickluft der biirgerlichen Umgebung 
eingeatmet haben. Die proletarische Bewegung braucht Men- 
schen, die eine gute marxistische Schulc absolvicrt haben, 
nicht Doktoren der biirgerlichen Wissenschaften, 

Was bleibt iibrig von den Bemiihungen, innerhalb unsrer 
Gesellschaftsordnung dem Hochschulwesen; „Freiheit, Gleich- 
heit, Briiderlichkeit" einverlciben zu wollen? Im Grundc 
nichts als die paar Worte: fiir den Bildungsaufsticg ist gesorgt. 
Leere Worte, eine Selbsttauschimg, eine Enttauschung, 

281 



Richard Wagner von cari v. ossietzky 

Garstig glatter 
Glitschri^er Glimmer! 
Wie gleit ich aus! 
V/ on Ferdinand Lassalle stammt das bittre Wort von dcmKranich- 
zug der Klassiker iibcr Deutschland. Niemals bewahr- 
heitete es sich. crnstcr als im vergangenen Jahre, das bckannt- 
lich das ,,Goethcjahr" gewescn ist, Durch die schimmernden 
Schlcier der amtlichen Feierseligkeit blickte man auE ein gleich- 
guitig voruberhastendes Volk, das andre Sorgen hatte, und auf 
einen vergessenen Sarkopliag: Goethe, 

Der Musiker hat cs leichter als der Dichter, der Hirn und 
Nerven gleichmaBig beansprucht. Das Ohr ist ein williges 
Organ, durch das Ohr laBt sich der Kopf am leichtesten be- 
triigen, 

Nein, Richard Wagner ist nicht im Krariichflug iiber 
Deutschland gezogen. Er nistet noch mitten im Land. Er ist 
der genialste Verf iihrer, den Deutschland gekannt hat. Kcin 
Kiinstler hat auf den geistig-seelischen Habitus des Volkes vcr- 
hangnisvollern EinfluB genommen, niemand hat die Flucht aus 
der Wirklichkeit, den Kultus des schonen Scheins eindring- 
licher und verlockcnder gepredigt. Wohl haben andre mit 
hoherer Intensitat kiinstliche Paradiese gcschaffcn, wohl haben 
die Biumen des Boscn leidenschaftlichere Gartner gefunden — 
sie sind an den selbstgezogenen Friichten gcstorben. Richard 
Wagner, der alle berauschte, hatte selbst nicht viel Teil am 
Rausch, er blieb ein kiihler, bewuBter Hjerr seiner Mittel. Fine 
Welt geriet in Wahn durcb seine Tone, er selbst blieb ein 
ruhigcr Rechner und sein bester und iiberlegenster Propagan- 
dist. Sein Erfolg war so breit wie kein andrer, denn Richard 
Wagners Werk hat die gliicklichste, weil am meisten crfolg- 
vcrsprechcnde Mischiing: hinter rauschenden Akkordert, hinter 
einer. iippig quellenden Mclodik die grauenhafteste Trivialitat. 
Aber die olympischc Miene des Mannes heischt Bcwunderung 
und Unterwcrfung — er tritt auf wie das absolute Genie< Wer 
wagt es, , vor einer allgemeinen Suggestion ehrlich zu sein? 
Wer wagt es zu sagen, daB ihn einc Wagneroper scekrank macht ? 

Dies sind die Stadien von Richard Wagners Ruhm; zuerst 
die Begeisterung der asthetisch Geschulten; dazu die Snobs, 
die Neurastheniker, die stets auf die letzte Mode fliegen, Dann 
der riesige Opernsieg, die Eroberung des Publikums; die 
Wagnerzyklcn mit Sanger- und Kapellmeisterkult verkniipft. 
Und dann die hoffnungslose Verplebsung: die Entdeckung des 
sentimentalen Schlagers in der Harmonie der Spharen; der 
holde Abendstern im Bicrgarten als Pistonsolo zwischen ,,Stol- 
zenfels am Rhein*^ und „Gute NacKt, du mein herziges Kind!'* 
Wagner vom Militarorchester exckuticrt, die glorreiche Auf- 
findung des Ewig-Ordinaren in Walhall. 

So etwas kann auf die Dauer auch der bestfundierte Ruhm 
nicht vertragen. Die feinen Ohren wurdeii abtriinnig, die 
Kenner gutcr Musik mlBtrauisch, Auch das Ende der Parsifal- 
Spcrre tat nicht gut. Das Weihespiel, nicht melir an das 
bayrcuthcr Monopol gekettet, hielt seinen Einzug in die 
groBen Opernbiihnen und erniichterte. Das war es also! Ein 
282 



altes Rczept: Weihrauch mit Erotik, aber ohnc den hinreiBen- 
den Glaubcn von Barockmeistern, Die Unschuld siegt am Endc 
mit viel Orgclton und Glockenklang, aber um ihren Sieg 
triumphaler zu gestalten, muB inzwischen viel Weiberfleisch 
enthiillt werdcn, muB der keusche tumbe Tor mit Miihe Kun- 
drys Bordellatmosphare und das tingeltangelhafte Nuttcnballett 
der Blumenmadchen absolvieren. Die Klingsor-Girls! 

Komm! Komml 

Holder Knabe. 

laB mich dir bluhen! 

Dir zur Wonne und Labe v 

gilt mein minniges Miihen. 
Parsifals erstes offentliches Erscheincn tat der Wagnerbegteiste- 
rung nicht gut- Der Riickschlag war betrachtlich. Nietzsches 
Kritik war bishcr verlegen genug ignoriert, als unbegreifliche 
Skurrilitat oder als Akt personlicher Gekranktheit behandelt 
worden. Der Ruhm sacktc ab. Es erschien Emil Ludwigs ver- 
dicnstvolle Streitschrift ,, Richard Wagner oder die Entzaubcr- 
tcn" und iibte seine Wirkung. Mozart stand wicder auf, seine 
ewige Grazie lachelte die geschwo;llenen Cottcrfigurenin dieKu- 
lissen zuriick, Beethoven iibte neu seine Macht, und seine reine 
Gewalt sicgte iiber Bayreuths groBcnwahnsinnigen Theater- 
plunder. Bach, Handel, Gluck standen wieder auf. Das natiir- 
lichc Genie siegte iiber die genie-ahnliche Virtuositat. Die 
echte Kathedrale iiber den sakral aufgezogenen Rummclplatz. 
Wagner sank schnell im Kurs. Zu unbegrenzt war der An- 
spruch gewesen, und ^etzt waren uberall Unbefriedigte. Es 
kam eine neuc Musik, die frisch und ohne viel Umstande auf 
ihr Ziel losging, Wenn Strawinskys Soldatenballade vor ein 
paar bunten Leinwandfetzen mitreiBt und erschiittert — wozu 
dann der Kolossalpomp? Was braucht Musik, die durch die 
Ewigkeit rauschen will, solchc Szenerie? Das Theater machtc 
damals eine kleine Revolution durch, Plotzlich wurdc das 
Biihnenbild wieder einfacK — mit dem Verrui der Guckkasten- 
biihne kam aucK die Wagneroper in MiBkredit. Der alte 
Zauberer schien fiir immer ausgespielt zu haben- Vor zehn 
Jahren gehorte eine gewisse Courage dazu, sich als perfekter 
Wagnerianer zu bekennen. 
Doch 

in lichter Waffen Scheine 

ein Ritter nahte da, 

so tugendlicher Reinc 

ich keinen noch ersah , . , 
Dieser Ritter war der Nationalismus, 

Ein Phanomen, in der Tat; Eine neu aufstrebendc ' Be- 
wegung hiillte sich in die Klange einer bankrotten Kunst. Dicse 
selbst, die sich bisher, weni^stens in der Kassengebarung 
streng kpsmopolitisch gezeigt und dem polnischen Juden, wenn 
er nur zahlungsfahig war, gem cinen Logcnplatz im Festspiel- 
haus reserviert hatte, klammerte sich an eine Bewegung, die den 
Racismus auf ihre Fahne geschrieben hatte. Es darf in diesem 
Zusammenhang nicht iiberschatzt werden, daB im bayreuther 
Kreise zuerst die Rassentheorien Gobineaus gepflegt wurcien, 
daB Houston Stewart Chamberlain, der Schwicgersohn Richard 
Wagners, in einer konfusen Theorie die These von der schopfe- 

283 



rischen Oberlegenheit des reinen Ariertums entwickcltc, und 
er, der Sohn cines englischcn Admirals, im Kricgc der 
larmendste Herold der Alldeutschen war. Wichtiger ist, daB 
Wagners Musik die Bliitezcit des Biirgertums und des Imperia- 
lismus in Tone bannte und ihr den blendenden szenischen Hin- 
lergrund verlieh, 

Es ist heute wohl unmoglich, diesem biirgerlichen Zeitalter 
gerecht zu werden, Denn wir haben fxir seine falschen Ewig- 
keitsrechnungen und seine uneingelosten Schuldscheine einzu- 
stehcn. In Richard Wagners Werk fliichtct die biirgerliche 
Aera aus ihrer problemhaften Wirklichkeit in musikumbrausten 
Mythos, Sie fliichtet aus verschwitztem Bratenrock und qual- 
voiler Corsage in den kiihlen Harnisch und die weiten flieBen- 
den Gewander der Cotter, Sie heroisiert sich, sie reckt sich 
ins Ubermenschliche. Sie harft sich in Hochzeitsmarschen und 
Feuerzauber aus dem engen Ring der Konvention. Die Frauen 
schmettcrn ihre Frigiditat mit hohem C alien Mannern in die 
Ohreuj und die Manner selbst traumcn sich aus dem langwei- 
ligen Alltag der Ehe in die siebenjahrigen Ferien des Venusbcrgs, 
ins schrankenlosc Auslebcn, mag auch der Kater dahinter 
lauern. Wie schwiil ist das alles, was fiir ein Kompott zer- 
kochtcr und zerquetschter Liiste! Wie ist das alles aus' dem 
einen Punkte zu verstehen! Aber diese Cotter iind Gottinnen 
sind keine freien Hellenen, sie leiden unter cinem schlechten 
Gewissen. Sic ahnen die Katastrophe, sie fiihlen dumpf den 
Fluch ihres Rcichtums. Aus nachtlichem Dunkel flammt rot die 
Vision des Untergangs: das Versinken des Goldhortes im Rhein. 

Rheingold! Rhcingold! 

Reines Gold I 

O leuchtete noch ' 

in der Ticfe dein laut,«rer Tand! 

Traulich und treu 

ists nur in der Tief e ; 

falsch und feig 
ist, was dort oben sich freut! 
GcwiB, diese Symbolkra-ft ist nicht gering, aber alles ist ganz 
fern, in cine nebclhafte Opcrnwclt projiziert, ganz unnaiv — miih- 
same Konstruktion. Und dann zeigt diese Musik ihre Macht, 
sic infiziert die Wirklichkeit, sic dringt durch tausend unsicht- 
barc Kanale: aus der Theatergarderobe holt sich Wilhelm IL 
den Lohcngrinhclm und verwandelt die Wirklichkeit in eine 
schlechte Oper. 

Wagner wird heute andcrs kreiert als vor Jahrzehnten. 
Man muB sich diese groBen Wagnerauffiihrungen vor-stellen, 
wie sie noch vor zwanzig Jahren warcn, diese weiche sinnlichc 
Zerdehnung der Tempi, dieses Waten in Tonen, Und dazu diese 
Kammersanger, wie sie sich auf fahl gewordenen RoUenbildern 
prasenticren, diese Tristanc und Lohengrine mit Doppelkinn 
und Bicrbauch, und dazu diese Sangerinncn mit flachsgelben 
Periicken, das Auge verziickt erhoben, Wogebusen und Wackel- 
popo durch cin rotumbordetes, urtiimlich deutsches Nacht- 
hcmd wirkungsvoll untcrstrichcn . , , 

Hojotohol Hojotoho! 
Heiaha! Heiahal 
Hoj otoho ! Heiaha ! 
284 



Die heutigen Kapellmeister versuchen die Musik zu ent- 
faltcn, sie halten -den Rhythmus straff — im Grundc ist das 
ein denaturierter Wagner. 

Wir leben jetzt wieder im Tratun der biirgerlichen Re- 
naissance, und als klingender Herold dieser Sehnsucht tritt 
Richard Wagner wieder auf. Nicht mehr so exklusiv wie 
friiher, im Gegenteil, sehr klcinbiirgerlich geworden, Der Biir- 
ger ist plcite, seine Idcale wehen zerfetzt in alien Winden, nur 
seine Parvenuanspriiche sind geblieben, Bei Wagner ist nicht 
nur das ganzc Inventar des nationalistischenSchwertglaubens 
enthalten, sondern auch, inimer neu variiert, die angenehme Vor- 
stellung, von alien Obeln erlost zu werden, ohn© daU man da- 
fiir etwas zu tun braucht. Es eriibrigt sich, naher auszufiihren, 
was fiir eine Rollc in Dcutschland der Wunderglaube spielt und 
das Verlangen nach einem Hexenmeistcr, der mit einem Hokus- 
pokus Verschwindibus alle Kalamitaten fiir ewig beseitigt. 

Wagner selbst, der in der Erinnerung als der kleine alte 
Mann mit der Samtmiitze fortlebt, hat wohl als der Erste er- 
kannt, daB im biirgerlichen Deutschland Kunst nur dann 
dauernd wirkt, wenn sie gehorig mit Weltanschauung verbramt 
und mit dem schwarzen Siegel des Geheimnisvollcn versehen 
wird, Er hat der Musik Natur und Unschuld geraubt, hundcrt- 
fach treffen Nietzsches erbitterte Anklagen zu, Er war ein 
GroBmeister dcrReklame; schon die Freundschaft mit demver- 
riickten Bayernkonig verlieh ihm das Relief des Auserlesenen. 
Und er sicherte sich selbst fiir seinen Nachruhm die Kultstatte 
Bayreuth; hier ummauertc der GroBkophtascin Monopol Es 
ist nicht der begreifUche Wunsch des Kiinstlers nach Abgeschlos- 
senheit und Sammlung, es ist nicht das odi profanum des Horaz, 
die Barriere gcgcn Banausen, Es ist cine gut kapitalistische 
Kalkulation: er rcscrviert sein Werk fiir die Zahlungsfahigen. 
Kein wirklicher Kiinstler konntc so handeln. Man vcrgleiche 
das mit der noblen gcheimratlichen Abgeschlossenheit des alten 
Goethe/ man verglciche iiberhaupt die Pliisch- und Makartwelt 
Bayreuths mit der strengen Sauberkeit des Hauses am Frauen- 
plan — zwei Zeiten stehen sich schroff gegeniibcr! 

Ware dieser Rummel nicht, nicht die Aufmachung, nicht 
der unerhorte geistige Anspruch, man konnte Richard Wagner 
einfach historisch nehmen, man konnte sagcn: diese siiBe Melodik 
wird langsam fade, der Zauberspruch verliert seine Kraft, 
nachdem zwei Generationen seiner Vcrfiihrung unterlegen sind; 
man konnte den lieben altgewordenen Schwan mit geriihrtem 
Dank nach Haus schicken, Aber Richard Wagner wirkt fort, 
ein tonendcs Gespenst, zu Zwecken beschworen, die mit Kunst 
nichts mehr zu tun haben, ein Opiat zur Vernebelung der 
Geister. Zum zweitenmal soil aus Deutschland eine Wagner- 
oper werden, Siegmund und Sieglindc, Wotan, Hunding, Alberich 
und der ganze Walkiirenchor und die Rheintochter dazu sind — 
Heiajaheia! 
Wallalaleia heiajahei! 
iiber Nacht hereingebrochen mit der Forderung, iiber Leiber 
und Seelen zu herrsc'hen. Die kiinstlerische Seite dieses Pro- 
gramms billigcn wir nicht, denn wir glauberi in Wagner nicht 
die deutsche Musik erschopft, wir glauben sie bei andern 
Meistern echter und tiefer zu finden; wir sehen in Wagners 

285 



Wcrk vornchmlich einc kiinstliche Fontane in buntem Schcin- 
werferlicht und keincn reinen natiirlichcn Quell — abcr das ist 
Sache des Kunstgeschmacks, also Privatsache. Die andrc Seite 
dieses Programms ist es dagegcn nicht. Wir werden also etwas 
untemehmen mussen, da nicht zu erwarten ist, daB eine rcine 
Jungfrau, um uns zu erlosen, ins Wasser springt. 

* ^ * 

Der ewig getreue Wagner von waiter Mehring 

T^ic Schofarklangc diesjahrigcn Wagncrjubilaums, die bei wei- 

tcm die wohltempcriertc Goethe-Ehrung des Vorjahres 
iiberdrohnen, erhalten ihren rechten Vollklang nicht nur aus 
der ^,ewigen Melodic'* sondcrn auch und erst ganz aus den 
Tonen, die der Meistcr in seiner Schrift; ,,Das Judentum in 
der Musik'* ansbhlug. Astrale Gewalten scheinen es zu fiigen, 
daB Richard Wagner, Diktator im dritten Reich der Tone, lang- 
gehegte mystische Bediirfnissc stillt; von jcher gait er seinen 
Propheten als der Schopfer einer Kunstgattung, die nicht AU- 
gcmeinbesitz aller Kunstsinnigen sondern Privateigentum rasse- 
rcinier Gralswachter ist So fand sein Biograph C. F. Glase- 
napp-dic Begeisterung der Italiener und Spanier ,,um so auf- 
falliger^ als das voile Verstandnis der kerndeutschen Auf- 
fassung des Meisters in seiner Kunst ihnen dcnnoch versagt 
blieb". (Zum Bcispiel: Toscanini,) Doch nicht allein die musi- 
kalischcn Motive, auch das Leitmotiv zu Wagners antijiidischer 
Polemik diirite bei Nicht-Kerndeutschen auf einige Verstandnis- 
losigkeit stoBen, Uneingcweihtc konnen auf die absurde Aus- 
Icgung verfallen, daB des Meisters Stellungnahme fur und gegen 
Juden von materiell-pekuniaren Erwagungen nicht unbeeinfluBt 
geblicben ist. Etwa, wcnn er an Schumann aus Paris (22, Fe- 
bruar 1842) schreibt: 

Halevy ist kein absichtlich schlauer Betriiger wie Meyerbeer. 
DaB Sie aber auf diesen nicht schimpfen! Er ist mein Protector . . . 

Doch zweieinhalb Monatc zuvor an den absichtlich 
schlauen Betriiger: 

Ich werde in alle Ewigkeit nichts andcrs gegen Sie aussprechcn 
diirfen als Dank! Dank! Gott . . . triibe Ihr Auge nie mit Kummerr 
dies ist das aufrichtigste Gebet Ihres alleraufrichtigsten Schiilers . . . 

Ebcnso aufrichtig schricb er in seinem Hymnus auf die 
„Hugenotten ' (1840): 

Betrachten wir die Erschcinung Meyerbeers, so werden wir sowohl 
ihrer Tendenz als zumal auch ihren auBern Ziigen nach. unwillkiir- 
lich an Handel und Gluck erinnert . . . Vor alien Dingen ist nie aus 
den Augen zu verlieren, daB j cne Deutsche warcn, wic dieser es ist . . . 
Die Mehrzahl . . . erreicht doch nie die Hohe, deren der deutsche 
Genius fahig ware. Nur der Gliickliche crbeutet sich dies, was der 
Natur seines Vaterlandes abgeht, und einer dieser Gliicklichen ist 
nun jener groBe Heroe Meyerbeer... So frisch auch noch die Siege 
sind, die den Namen Meyerbeer zu einem der glanzendsten am musi- 
kalischen Himmel erhoben . . . Das ireine keusche deutsche Blut flieflt 
in seinen Adcrn; die Gestalt dea Mannes ist fertig und tadellos — 
nun kann er schaffen und Taten fiir die Ewigkeit verrichten. Von 
gewisscn gebrauchlichen und popularen Rhythmen und Melismen hat 
er die moderne Schreibart zu ein«m grandios einfachen Stil geftihrt, 
der den unendlichen Vorzug besitzt, daB er Sjeine Basis in den Hferzen 
und; Ohren des Volkes hat — und nicht bloB als einc raffinierte Er- 

286 



findtin^ eines neuerungssiichtigen Kopfes . . . 1st nicht jener fast heftige 
Drang nach religiosem ErgieBen in Mey^rbeers Werken eine auf- 
fallen-de Kundgebung dieser tief innerlichen Intention des Meisters? 
Und ist das nicht grade ein Zug, der seine deutschc Geburt so riih- 
rend in unser Gedachtnis ruft? 

Und gcnau so aufrichtig zchn Jahrc spater („Judentum in 
der Musik*\ Pseudonym; Frcigedank) iiber denselbcn Meyer- 
beer; 

Die Besorgtinjf dieser Tauschung hat nun jener heruhmte Opern- 
komponist zvl seiner kiinstlerischen Lebensaufgabe gemacht, Es ist 
zwecklbs, den Auf wand . . . naher zu bezeichnen . . . genug, daB er es 
vollkommen verstand, zu tauschen, und dieses namentlich damit, daB 
er jenen von uns naher charakterisierten Jargon seiner gelangweilten 
Zuhoterschaft als modern pikante Aussprache aller der Trivialitaten 
aufheftete. 

FuBnote: Wer die frech^ Zerstreutheit einer jiidischen Gemeinde 
wahrend ihres musikalisch ausgeftihrten Gottesdienstes in der 
Synagoge beobachtet hat, kann begreifen, warum ein jiidischcr Opern- 
komponist durch das Antreffen derselben Erscheinung bei einem 
Theaterpublikum sich gar .nicht verletzt fiihlt. 

Seltsames Zusammcntreffen. 1840, in schwcrster Geld- 
klemme, erbat er sich Mcyerbeers Hilfe; 

Ohne Sie, mein hochverehrter Gonner, soil ich nun einmal nichts 
beginnen, und nur durch Sie soil ich zu etwas gelangeu , . . Mir bleibt 
nichts weiter iibrig, als, mich auf tausend Beweise Ihrer gutigenTeil- 
nahme stiitzend, Sie abermals um Ihre Hilfe anzurufen . . . Dank! 
DankI . . . Ihr ewig getreuer , . . 

Doch 1869, hoch im Ruhm, dankte der ,,Ewig getreue" so; 

In jenem Aufsatz tiber das Judentum zeigte ich schlieBlich, daB 

es die Schwache und Unfahigkeit der nachbeethovenschen Periode 

unsrer deutschen Musikproductiou war, welche die Einmischung der 

' Juden in dieselbe zuliefi. 

Es ist ja wahr, daB Wagner durch den groBen Wagner- 
Dirigenten Hermann Levi und den Mime-Interpreten Julius 
Lieban unAer dieser Einmischung schwer zu leiden hatte, Doch 
warum nennt er, der 1850 erkennt, der Jude setze in Kunst- 
waremvechsel um, was ,,die Herocn der Kiinste dem kunst- 
feindlichen. Damon abranigen", warum nennt er 1883 den judcn- 
stammling Angelo Neumann: „Geehrtester Freund und 
Conner!'*, telegraphiert ihm; „Heil Angelo! GruB alien fur 
meincn Ruhm Verschworenen!" 

Und welch getiialischer Gesinnungswechsel: 

Mein lieber, lieber Mendelssohn, ich bin recht glucklich dariiber, 
daB Sie mir gut sind. Bin ich Ihnen ein klein wenig naher ge- 
kommen ... 

So hieB es 1844 an den umworbenen Gencralmusikdirektor, 
Doch 1850 iiber den Toten: 

Alles, was sich bei Erf orschung unsrer Antipathic gegen j (i- 
disches Wesen darbot , . . steigcrt sich zu einem vollig tragischen 
Kbnflikt in der Natur, dem Leben und Kunstwirken Felix Mendels- 
sohn Bartholdy ... 

Die astraien Gewalten, die den Marxismus ablosten, haben 
es im Wagncrjahre gefugt, dafi sich die Antipathien zu noch 
tragi$cheren als nur asthetischen Konflikten steigern, 

Doch: 

Wenn je eine Geschichtsperiode forderlich war, mit Blitzes- 
9chnelle einen Irrtum zu heilen, so ist es die der heutigen Reaktion, 
schrieb 1850 Wagner, der Revolutionary 

287 



Kunst nach Breitengraden von Adoif Behne 

p s ist wichtig, den Punkt, . wo wir die Reaktion in dcr Kunst 
beginnen sehcn, recht genau zu bezeichnen, wcil die Gcg- 
ner mit Spiegelfechtcreien die wahrc Situation, die wahre 
Stcllung der Fronten zu vernebeln versuchen. ; Es ist ein be- 
liebter Trick bei ihnen, uns, die wir uns gegen nationalistische 
Autarkiebestrebungen in der Kunst wenden, zu unterschieben: 
wir wollten cine neutralc, ausgedachte, intellektuell zusammen- 
gepantschte ,,europaische" Kunst, der kiinstlich alle bcsondern, 
lebendigen Ziige einer landschaftlichen Bedingtheit und mensch- 
liclien Verflcchtung wie faule Zahne ausgezogcn seien, bis 
schlieBlich ein mixtiun compositum ohne Lebensodem iibrig 
blicbe. 

Das ist natiirlich ein kompletter Unsinn, 

Wir wtinschen kein Kunst-Esperanto, denn das Espe- 
ranto hat ganz andre Aufgaben. Wir wiinschen weder aus 
Grunewald die deutschen, noch, aus Cezanne die franzosischen, 
noch aus Lionardo; die italienischen Sprachlormen herauszu- 
waschcn und diese Mcnschen dann als saubere Schemen zwi- 
schen Himmel und Erde schweben zu lassen. Abcr wirkeri 
woUen wir selbstverstandlich mit dem Werke unsrer Kiinstler 
liber die politischen Grenzen hinaus — so wie das gewissc 
Musikcr unsres Landes seit Generationen fruchtbar und be- 
gliickcnd fiir Alle getan haben, Aber nicht mit irgendwelchen 
noch so gut vcrsteckten politischen Propaganda- Absichten wiin- 
schen wir uns das fiir unsre Kunst, sondern einfach, weil der 
Kunst dcr Trieb, auf alle Mcnschen zu wirkcn, vom eignen 
Feld aus alle Rassen und Volkcr, rpinc und gemischte, zu er- 
grcifcn, eingcborcn ist, Jede Kunst, die dieses letztc Ziel vcr- 
schmahte, die sich bewuiJt mit der Wirkung auf den glcich- 
sprachigcn Nachbar und auf das Viertel um den eignen Kirch- 
turm begniigen wollte, miiBte sehr bald provinziell werdcn, 

Wenn wir uns aber fiir die eigne Leistung weltweite Wir- 
kung wiinschen, wcil Kunst nur mit vollcn Scgeln fahren kann, 
dann ist cs wohl selbstverstandlich, daB wir auch die Kunst 
der Andern an uns hcranlassen wollen, und hier ist der Punkt, 
wo wir uns gegen die Reaktionare in der Kunst scharfstens 
wcnden miisscn. 

Wir sind ja leider schon so provinziell geworden, daB wir 
am liebsten dem fcindlichcn Ausland noch zurufcn mochten; 
laBt es euch nicht einfallen, euch etwa fiir unsre Kunst zu 
intercssicreni 

Ich sprach vor einigen Monaten eincn polnischen Schrift- 
stcller, der mir erzahlte, daB cr in siebenjahriger Arbeit das 
gesamte Werk Heinrich von Klcists ins Polnische iibersetzt 
habc und daB erj -jetzt darangehe, wiedcr in einer Arbeit vori 
Jahren, das ganze Werk Rilkcs ins Polnische zu iibertragen, 
Ich crwahne diese Einzelhcit, weil wir ja in Deutschland grade 
liber dieses Land entwedcr gar nicht oder systematisch falsch 
informiert werden, und weil vor drei Jahren die deutsche Re- 
gicrung die bereits vorbcreitcte Ausstcllung polnischer Kunst 
in Berlin inhibicrte, obwohl im Jahrc zuvor, 1929, cine deutsche 
Kunst ausstellung in Warschau unbestritten mit alien Ehren und 
Auszeichnungcn aufgenommen worden war, 

288 



Es steht nicht so, daB ctwa unsrc Gegner einc deutsche 
Kunst woUten, wii^ aber cine Kunst im luftleeren Raum, son- 
dcrn so, daB jene ein6 Provinzkunst mit Gouvcrnanten- 
gcschmack — siche Schultze-Naumburg — woUen, wir aber 
eine deutsche Kunst, die mitten in der Welt steht. Wir wissen, 
daB in cinem Volkc, das die Dome von Worms und Bamberg 
und Limburg, Stadte wic Danzig, Liibeck, Wiirzburg, Augsburg 
geschaffen hat, kiinstlerische Kraftc ruhcn, die in die Welt hin- 
eingchoren, und wir vertrauen diesen Kraften und wissen, wie 
sinnlos es ist, von jeder Beriihrung mit andrer Kunst einen 
Knacks der deutschen zu befiirchten. Hier sci mit Respekt der 
Kunstgeschichtc gedacht, die der marburger Kunstprofessor 
Richard Hamann fiir den Verlag Th. Knaur geschrieben hat — 
an dieser Stelle nicht wegen des Rekordpreises von 4,80 RM. 
fiir tausend Seiten mit elfhundert Bildern sondern wegen 
der vorbildlich objektiven Darstellung des europaischen Mittel- 
alters mit seinen reichen Durchdringungen deutscher und fran- 
zosischer Kunst, Es gehort heutc Mut zu so voraussetzungs- 
ioser Obung der Wissenschaft. Auf ihrem Wege darf sich 
Hamann mit groBerm Recht auf Dehios groBes Vorbild be- 
rufen als das national-sentimentale letzte Opus Ludwig Justis, 

Heute macht man die alte Mainlinie als eine Grenze durch 
die deutsche Kultur hindurch wieder Icbendig, indem man aus 
der deutschen Kunst willkiirlich eifa Stiick herausschneidet und 
es als „nordisch" zur allein seligmachenden deutschen Kunst 
befordert, indem man aus dem Brcitengrad eine Weltanschau- 
ung macht, und es ist nur lustig, wie man grade im Nordcn 
— ich meinc jetzt den geographischen Norden — solche Ex- 
perimente glatt belachelt. 

Fragen wir, was denn nun eigentlich das „Nordische" sci, 
so sind die Prophcten um eine positive Antwort sehr vcrjegen. 
Aber eines steht ihncn — bis auf weitercs — fest: der Im- 
pressionismus ist verflucht undeutsch, unnordisch! 

Ist er es wirklich? 

Als vor siebenundzwanzig Jahrcn in Berlin die groBartige 
Ausstellung ,,Ein Jahrhundert deutscher Kunst" stattfand, die 
fiir unsre ganze Kenntnis der deutschen Kunst im neunzchn- 
ten Jahrhundert revolutionierend war — der Eroffnung blicb 
ja dann auch Wilhelm II, ostentativ fern — , in der das Werk 
der Kaspar David Fricdrich, der Blechen, Waldmiiller^ Rayski, 
Wasmann iiberhaupt erst entdeckt wurde, da hieB es ganz 
anders! Da hieB es; Scht Ihr wohl, nicht der Franzmann hat 
den Imprcssionismus gemacht, sondern deutsche Maler waren 
die Erstcn, Seht die blauen und violetten Schatten bei Blechen 
und vcrglcicht die Daten — da war der Impressionismus 
deutsch, urdeutsch, arisch und germanisch. 

Und' heute? Heute gibt es kein boseres Schimpfwort als 
„Impressionist**, das ist so viel wie Landcsverrater. Und 
Kunsthandler, die noch vor einem Jahr die Nasc riimpften, 
wenn man ihnen sagte, daB es junge deutsche Maler gebe, die 
besser seien als ihre dritte Wahl franzosischer Imprcssionisten, 
die erklaren heute diesen verdammten impressionistischen 
Import als" den wahren Ruin und Ruch der reinenj deutschen 
Kunst, fiir die grade sie immer soviel getan haben — und das 

289 



Gaazc ist einc reizcnde Komadie, bci dcr ich mich. schon auf 
den nachstcnj Akt frcue, wcnn dieselben Hcrrschaften im vicr- 
ten Reich wieder an Absatz ihrer im Keller wartenden Im- 
pressioaisten glaubcn, Wir woUcn sehen, welches Vorzeichen 
dieser Ruin der deutschen Kunst dann bekommen wird. 

Ich dachte ja immer, zum nordischcn Typ gehore vor all em 
die Treue, Ich empfinde es als eine groteske Untreuc gegen 
die eignen Leutc, wenn man hente alle jene zum altcn Eisen 
und zu den Volksvcrderbern wirft^ die innerhalb des impres- 
sionistischen Stils gearbeitet haben — von Blechen bis 
Liebermann, dem die deutsche Kunst mehr verdankt, trotz 
spatcrer Fehler und Hemmungen, als der ganzen Schar der 
heutigen Museumsdirektoren mit dem Geheimrats-Expressionis- 
mus. Die Art, wie sich heute kleinc Journalisten, die noch nicht 
einmal klar sind, ob sie mit ihrem ehrlichen jiidischen Namen oder 
arischpseudonym oder am bestcn anonym schreiben soUen, die 
deutsche Kunst in Fetzen schneiden, ist peinlich und traurig, 
und es ist die systematische Verschweigung der Lcistung 
seines groBcn Vorgangers Hugo von Tschudi, die auch Justis 
neues Buch uber die Kunst ,,von Rungc bis Thoma** in ein so 
mcrkwiirdiges Licht setzt. 

Am peinlichsten aber ist es, daB wir die nationalistischc 
Wetterfahnenkritik bis in die Linkspresse hinein finden, daB 
so eini biBchen selbst dife ,Vrfrwarts*-'Kritik in diese Kcrbe haut. 

Das groBte Werk unsrer Malerei ist Griinewalds Isen- 
heimer Altar — deutsch in jeder Faser, siidlich des Mains ent- 
standen, Arbeit eines Mannes von rheinisch-f rankischcr Stam- 
mesmischung. Es diirfen sich die Expressionisten auf ihn be- 
rufen und die Impressionisten, Auftraggeber waren ein Italiencr 
und ein Franzosc, Bestimmungsort ein Kloster im ElsaB, und 
ein belgischer Dichter und ein schwcizer Maler waren die 
ersten, die seine vcrgessene GroBe wieder entdeckten. 

Das ist eiuropaische Kunst, wie sie uns vorschwebt, nicht 
als abstrakt-europaisch in einem Volkerbundsatelier zusam- 
mengeredet, sondern selbstverstandlich aus einer Landschaft 
gewachsen am Main, an der Donau, an der Loire, an der Wolga^ 
aber so frei und groB gewachsen, daB sie von alien Menschen 
begehrt wird, und das waren auch die Gedanken des vor 
Verdun gefallenen deutschen Malers Franz Marc, als er aus 
dem Felde schrieb: 

Soil der Krieg uns das bringen, was wir crsehnen, so mussen wir 
Deutsche nichts leidenschaftlicher meiden als die Enge des Herzens 
und des nationalen WoUens. . . , Wir duellieren uns mit dem. Gcgncr, 
aber wir denken nicht daran, die franzosische Kultur auszu^chwefeln. 
Manche Nachricht, die uns vonj daheim errcicht, riecht leidcr stark 
danach . , , Wir stromen nicht tibcr die Grenzcn^ um nachher einc 
chines ische Mauer um unser Land zu zi^hen. Wir sind reich und 
stark g'enug, um im Kriege der Festungen und im Friedcn des Zaunes 
zu entraten. Im geistigen Dingen diirfen wir nicht angstlicher, eng- 
herziger sein als in allem andern. Auch in der Kunst darf esi nicht 
anders sein. Kannten wir doch auch ehedcn^ nicht Furcht vor dem 
Frcmden . , , Kein f remder Reichtum darf uns f remd sein, wenni wir 
reich blciben woUen. 

Den Reaktionaren liberlasscn, waren in Kiirze nicht nur die 
lebcndigen Beziehungen unsrer Kunst in der Welt zerstort^ 
sondern unsre eigne Kunst selbst miiBte absterbcn. 

290 



Realistik in Faust II von Alfred poigar 

T^ic Inszcnicrung von „Faust IF* im Staatstheater macht, so- 

wcit sie nur kann, die Symbolc und Allcgorien der Dichtung 
sinnfallig. Attrappen, Puppen, Masken, mechanisches Spicl- 
zcug vcrsinnlichen Obersinnliches, der Dichtcr wird unbarm- 
herzig beim Bild gcnommen, seine Gesichte erhalten reales Gc- 
sicht, seine Geister und Fabelwesen tun, indem sic sich korper- 
lich manifestieren, den Schritt vom Erhabenen ins Nachbar- 
gebiet, und zu vieles, was nur gedacht werden kann, bekommen 
wir auf der Buhne zu! sehen, Es wird, in des Wortes Bedeu- 
tung, anschaulicb'gemacht, was, weil andcrs als vom gcistigcn 
Auge nicht erfaBbar, jeder sinnlichen Wahrnehmung zutiefst 
widcrstrebt. Dem Theater wird bei diesem Verfahren mehr 
gegcben, als des Theaters ist; und es darf, trotz den ausver- 
kauften Hauscrn, bezweifelt werden, ob der erzielte Gewinn 
fiir die Biihne nicht zu teuer erkauft ist, mit dem Verlust an 
Spirituellem, den die groBartigste Gedankendichtung der Welt- 
literatur durch solche Schrumpfung ins Szenisch-Sinnfallige er- 
leidet. 

Am empfindlichsten in der klassischen Walpurgisnacht, die 
das Staatstheater als klassischen Luna-Park aufzieht, und deren 
Erscheinungen an gespenstischer Sachlichkeit mit den Zaubern 
der sogenannten ,,Grottenbahnen" wetteifern. Selbst wcnn 
man gar nichts von den mythologischen Figuren sahe, wiirden 
sie noch immer eindringlicher vorhandcn sein, als in der naiven 
Gestalt-Verwirklichung, in der sie auftreten. Mephisto, sehr 
mit Rccht, hat keinen PferdefuB, er schctikt sich verniinftigcr- 
weise auch das Hinken; aber die Sirenen, zum Beispiel, zeigen 
exakte Habichtskrallen, versuchen iiberdies, mit sinnlichem 
Gepiepse (toncndem sex-appeal), ihrem Ruf gerecht zu werden. 
Was {iir komische SchieBbudenfigur macht Chiron, aui dem 
Fleck stampfend, mit seinem angeschnallten starren Pferdeleib 
aus Pappe! Es ist nicht einzusehen, warum in der Bifhnen- 
vision heilenischer Geisterwelt, in der doch unscharfe, nur an- 
gedeutete, der optischen Kontrolle sich entziehende Erschei- 
nungen am Platze waren, diese eine Realitat vortauschen 
miissen, von deren grober Gegenstandlichkeit die Phantasie 
des Zuschaucrs gelahmt und die Szene en:t-geistert wird. 

Merkwiirdig, dafi der Faust II des Staatstheaters grade 
dort von puritanischcr Strenge ist, liberbescheiden im Figuralen 
und selbst mit dem Licht sparsam, wo der szenischen Phan- 
tasie keine Grenzen gesteckt waren, \vo sie im Bildhaften mit 
Glanz und Glorie sich schwelgcrisch auszuleben auch das ideelle 
Recht hattc: namlich im katholischen Himmel, der dem Un- 
sterblichen Fausts sich! offnet. 

Den Homimkulus, der jetzt als rotlich leiichtende Blase 
durch die Luft segelt, vertrate vielleicht besser ein bloBer 
Lichteffekt, und zweifelhaft «rscheint, ob das ikarische Stre- 
ben Euphorions, wie es in dessen Worten und den Worten des 
Chors sich ausspricht, durch die Hiipfbewegungen der „heiligcn 
Pocsic" nicht mehr verlacherlicht als verdeutlicht wird Aber 
das sind kleine Schonheitsfehler neben der Peinlichkcit des 
Requisits, mit dem Faust sich auf den Wcg zu den Miittern 

291 



macht. Es ist ein. Schliissel^ ein richtiger Schliissel, ein Haus- 
torschliissel, zwei Dezimeter groB, mit Bart und Griff. Zu 
denken, daB solchcr Schliissel, wie ihn* der Schlosscr macht, d^r 
Schliissel zum tiefstcn aller Geheimnisse sein, das Urmysterium 
offaen soil! Ganz so wirklich kann Mephisto den Schliissel, 
den er Faust mitgibt, auch kaum gemeint haben, denn dreiBig 
Vcrszeilen friiher sagt er sclbst, vom Wege zu den Muttern 
sprechend, ausdriicklich; „Nicht Schlosser sind, nicht Riegcl 
wegzuschieben/* 

Hugenberg von Hermann Budzislawski 

r^cr Ruf „Deutschland erwache" stammt nicht von Hitler, Er 
ist die Uberschrift des Manifestes, mit dem der Alldeutsche 
Verband in einem ganzseitigen Inserat der ,K6lnischen Zeitung* 
1892 zum ersten Mai vor die Oflentlichkeit trat. Zu den trei- 
benden Kraften dieser Rechtsopposition gegen die „schwach- 
liche" Politik des jungen Kaisers gchorte schon damals der Re- 
ferendar Hugenberg. 

Das Wort vom ,,Dritten Reich" stammt nicht von Hitler, 
und auch nicht von Moller van den Bruck, der es 1923 auf- 
nahm. Im Juli 1919 fand der erste Parteitag der Dcutsch- 
nationalen statt, Geheimrat Hugenberg hielt eine Rede iiber 
Wirtschaftspolitik. Ich fiirchte, so sagte er ungefahr, daB das 
Reich zerbricht, wenn es sich zum GerichtsvoUzieher der 
Feinde gegeniiber alien seinen Biirgern macht; dann fuhr er 
wortlich fort: ,,und hattc in diesem Fall lieber gesehen, daB der 
Feind es zerschlagen hatte, damit wenigstens die Sehnsucht 
nach einem neuen Dritten Reich - . , zuriickgeblieben ware/' 

Die Wortverbindung niiational und sozialistisch" stammt 
nicht von Hitler. Als man noch nicht wissen konnte, daB Hu- 
genberg als deutscher Krisenminister in der Geschichte fort- 
leben wiirdc, setzte ihm Otto Erich Hartlebcn in seiner Novclle 
vom abgerissenen Knopf ein pedantisches Denkmal. Hugenberg 
war Hartlebens Spielkamerad in Hannover, sein Studienfreund 
in Gottingen; er schrieb damals Gedichte uber die Ljtebe und 
die Wahrheit. In der Gemeinschaft der jungen Dichter ent- 
stand die Formulierung ,, national und sozialistisch", die der 
Kruppsche Generaldirektorf Hugenberg vcrgessen hatte und 
erst spater, als sie dem Konkurrenten Hitler Millionen An- 
hanger zuf iihrte, als geistiges Eigentum der Lyriker aus Han- 
nover wiedererkannte. 

Hugenberg hat eben immer alles vorausgesehen und im 
voraus formuliert. Seine Gcgner haben ihn nicht beachtct; nun 
sind sie iiberrascht, daB der vicr Jahrzchnte verkannte Prophet 
in seinem achtundscchzigsten Jahr zum ersten Mai nicht in der 
Opposition steht sondern alle Macht in seinen Handen ver- 
einigt. Denn cr hat immer in der Opposition gestanden; Als 
koniglich preuBischer Beamter gegen den Kaiser, der Sansibar 
gegen Helgoland tauschte; gegen Caprivis vorsichtige und Bii- 
iows ,,schlappe** Polenpolitik; natiirlich gegen Bethmann-Holl- 
weg. Im Krieg schrieb er in einem Brief iiber die Regierung: 
,,Es sind dicselben Leute, die uns durch ihre unverzeihliche 
und in der Wirkung frevelhafte Hochstpreispolitik bereits an 

292 



den Rand des Vcrhungerns gcbracht habcn,*' und cr sah Unheil 
vofaus, wenn die „Salondiplomatcn und Dinergencralc'* weiter 
daran iesthalten durftcn, dem Volk Lebensmittel zu crzwungen 
nicdrigcn Prcisen zu verschaffen, Dcr Krieg bot den Land- 
wirten eine Sonderkonjunktur, die sie ausniitzcn wollten. Den 
Patriotismus dcr Landwirte hatte Hugenberg nicht iiberschatzt; 
er war Rcalpolitiker, 

Vergesscn wird man viellcicht die Interviews, die Krupps 
GcneraldirektorHugenberg 1913 gab, um KarL Licbknechts 
Rcichstagsangriffe gcgen die groBte dcutsche Waffenfabrik zu 
entkraften. Die Angelegenheit war nicht popular. Vergessen wird 
man die Aufklarung der gehcimnisvollen Transaktionen, die 
notig waren, um Hugcnberg wahrend des Krieges die Fiihrung 
im Scherlverlag zu verschaffen. Das mysteriose Zwolfmanner- 
koU^ium stand dahinter, punktum. Da hier nur daran liegt, 
die Vergangenheit heraufzubeschworen, soweit sie zum Ver- 
standnis der Gegenwart und dcr Zukunftsplanc Hugenbcrgs 
notwcndig ist, sei auf Darstellungen verzichtet, die Obereifcr 
der Behorden als Beschimplung oder gar als boswillige Vcr- 
achtlichmachung eincs leitcnden Beamtcn empfindcn konntc. 
Wo etwas zitiert wird, wurde dcr bctrcffcnde Ausspruch Hu- 
genbcrgs in dcutschnationalen Schriften gefunden. 

Wcr hier cnttauscht innchalt, weil cr nicht die ruhige Dar- 
stcllung des ,,Hugenberg-Plans'*, falls es so etwas gibt, sondcrn 
eine drastische Bcschrcibung des Menschcn erwartetc, sci auf 
deutschnationale Propagandabroschiiren verwiescn, zum Bci- 
spiel auf die Plaudcrei Leo Wegeners, dcr Hugcnberg seit 
dreiBig Jahrcn bcsonders nahestcht. Da kann cr lescn; 

Er raucht 'nicht. Er spielt nicht Kartcn. Unanstandige Witze 
sind ihm zuwider. Dagegen hat er als Niederdeutscher Sinn fiir 
Humor. An dem Klatsch der Kollegen in den Wandelgangen des 
Reichstags beteiligt er sich nicht, Er ist bescheiden. Und was die 
Leute am wenigsten begreifen, er ist weder eitel noch ehrgeizig. Sagt 
ihm jemand eine Schmeichelei, dann redet er wirklich eine Mauer an. 
Weil er keines von beiden ist, versteht er nicht zu hassen . . , Er 
trinkt auch nicht zum Zeitvertrcih; womit nicht gesagt sein soil, daB 
cr den Alkohol verachtet ... Zu Hause lebt er sparsam und ein- 
fach . . . Von seiner Jujjend an war er Anhanger der Rohkost, soweit 
es Obst, Rettiche und Radieschen betraf ... Er sagt ofters, daB er 
ohne scinen Optimismus schon langst tot oder vernickt ware. 

Vcrgeblicher Versuch, den Unpopularcn popular zu machen. 
Das Volk liebt die Kauf leute nicht, und Hugcnberg gehort 
zu den wcnigen groBcn Kaulleuten unsrer Zeit, Schon als 
Assessor dcr Ansicdlungskommission in Posen cntwickelte er 
kaufmannische Talcntc; er schlug vor, in den Krcisblattern 
Nicdersachscns Anzeigen aufzugcben und . Vermittlungsburcatis 
cinzurichten, um Siedler in die Ostprovinzen zu ziehen, was 
der President dcr Kommission mit der Bcmerkung abschlug: 
.J>er preuBische Staat ist kein Ramschgeschaft." Doch Hugcn- 
berg setzte seinen kaufmannischen Kopf gegcn die Bureau- 
kraten durch. Bald hatte er die Beamtcnlaufbahn satt; man 
wolltc den GroBgrundbesitz nicht so auftcilen, wie Hugcnberg 
woUtc — pobiischen GroBgrundbesitz, versteht sich! AuBer- 
dem nahm man ihm seine Tatigkeit bci den Alldieutschen libcL 
Er wurdc Direktor landwirtschaftlichcr Genossenschaften, er- 

293 



wies sich auch dort als Quierkopf uad kchrte 1903 a Is Geheim- 
rat im prcufiischcn Finanzministerium in die Beamtenlaufbahn 
zuriick. Bis 1907 hielt cr cs aus. Verwandtschaftlichc Be- 
ziehimgen brachten ihm das Angcbot, Direktor der Berg- und 
Metallbank in Frankfurt zu wcrden. Hugenberg griff zu, quit- 
tierte den Dienst endgiiltig, 

Hugenberg wehrte sich immer dagegen, als ,,funfzigfacher 
Millionar** zu gelten. Man hat ihm woW auch Unrccht gctan, 
wenn man ihn mit Krupp und Thysscn in eine Rcihe st elite. Er 
gehort zu jcncr Klassc von immcrhin noch abhangigen Kauf- 
Icuten, die fast soviel und gelegentiich sogar mehr als ihrc Auf- 
traggeber zu sagen haben, aber cbcn nicht die Herrcn selber 
sind/ Im Jahre 1909 holte ihn Krupp aus Frankfurt fort, machtc 
ihn zum Generaldirektor im damals groBten deutschen Unter- 
nehmen* Drei Jahre darauf erhielt er den Vorsitz im Bergbau- 
lichen Verein, ,,eine Ehre, die bis dahin nur Bergwerksbesitzern 
zuteil geworden war," schreibt Wegener, der damit ganz rich- 
tig zwischen dem Bcsitzcr und dem Direktor untcrschcidet, Im 
Bergbaulichen Verein saBen wohl die wohlhabenden zwolf 
Manner, die Hugenberg das zum Aufbau seines Pressekonzerns 
notwendige Kapital zur Verfiigung stellten, Scherl, Telc- 
graphcn-Union, Ufa und andrc Unternehmen zur Beeinflussung 
der offentlichen Meinimg sind also nicht ausschlieBlich Eigen- 
tum Hugenbergs. 

Stresemann soil Krupp geratcn haben, Hugenberg auszu- 
booten. Jedenfalls schied Hugenberg am 31. Dezember 1918 
aus der Firma Krupp aus, lieB sich als Deutschnationaler in 
den Reichstag wahlen und baute, wohl in Fuhlung mit Stinnes, 
den gewaltigcn Presse-Apparat aus, iiber dessen ganzen Ein- 
fluB auf die Provinzpresse niemals Klarheit zu gewinnen war. 
Auch hier blieb cr Kaufmann. Durch Papierlieferungen, durch 
Sammlung von Inscratenauftragen, dtirch tausend wirtschaft- 
lichc Liebcsdienste gewann er die Herzen der Provinzverlcger. 

Hugenbcrgs EinfluB wurde nicht riickhaltlos fiir die 
Deutschnationalc Partei eingcsetzt. Auch in der eignen Partei 
stand der Vertrauensmami' der rheinisch-westfalischen Industrie 
in der Opposition gegen die „Vers6hnlcr", gegen Wcstarp und 
natiirlich gegen den Gewerkschaftsfliigel um Lambach. 1928 
siegte er in der Partei. Die Absplitterungcn ertrug der neue 
Parteifiihrer gclassen. Nie in seinem Leben konnte Hugenberg 
sich einer Disziplin fiigen; an die Macht gelangt,. verlangtc er 
in der Partei unerbittlich Unterordnung. 

Mit Hugenberg hat jene Gruppe die Ziigei ergriffcn, die in 
der Monarchic die rcaktionare Opposition bildete. Ein Pro^ 
gramm wurde nicht verkiindet. Gibt es eins? Und worin kann 
ein solcher „Hugenberg-Plan** bestehen? Vorlaufig kennen wir 
erst zwci Regierungshandlungen; neue AgrarzoUc und erweiter- 
ten Vbllstrcckungsschutz fiir die Landwirte. Mit der Landwirt- 
schaft sind die Deutschnationaleh eng verbunden; die Schmalz- 
zollc und die gesperrte Einfuhr von Futtergerste gehoren zu 
den ersten Punkten in dem agrarischen Sanierungsplan, den 
Hugenbergs Staatssekretar von Rohr cntworfen hat. Da diese 
Handelspolitik die Industrie schadigt, miissen die Industriellen 
auf andre Weise zufriedengestellt werdcn. Der Vollstreckungs- 

294 



schutz, der cine Art Moratorium fiir die Landwirtc bis zum 
Spatherbst bedcutct, benachtciligt cbcnfalls alle nicht agra- 
rischen Telle der Wirtschaft. Er ist nicht, wic man annimmt, 
einc Verlej^enheitsmaBnahme sondern gchort zu den notwcn- 
digen erst en Handlungen im Hugenberg-Plan. Schon in einem 
deutschnationalen Gesctzcntwuri vom Dczember 1930 finden 
sich Richtlinien fiir eincn solchen Vollstrcckungsschutz, der 
im iibrigcn yortrciflich in die Gedankengangc einer Denk- 
schrift Hugenbergs vom September vorigen Jahres pafit. 

Aus dieser „Denkschrift zur Fragc der Schuldenregelung'* 
gcht hervor, daB sich Hugenberg als Verwalterf der Konkurs- 
masse Deutsche Wirtschaft fiihlt. Der Wortfiihrcr der grund- 
satzlich freien Wirtschaft will einen ,,letzten Eingriff* in diese 
Wirtschaft vornehmen; ^^Es miissen sage zwanzig Milliarden 
fallige und bald fallige Kreditc in unkiindbare Tilgungskredite 
umgewandelt , . , wcrdcn." Da den Glaubigern so ihre sonst 
uncintreibbaren Forderungcn gcrettet werden, sollen sie sich 
mit einem ZinsfuB von vier Prozcnt und einer Tilgung yon zwei 
bis drei Prozent bcgniigen. Der Vollstrcckungsschutz hat bei 
der Landwirtschaft begonnen; nach der erwahnten Dcnkschrift 
lafit sich vermuten, daB er auf alle Betriebsvermogen, aber 
nicht auf sonstige Schuldvcrpflichtungen ausgcdehnt wird, um 
wahrcnd seiner Dauer die groBe Neuregelung der Schuldvcr- 
haltnissc durchzufuhren. 

Braucht keiner zu bezahlen, so werden Industrie und Han- 
del nicht mehr iibcr den Vollstreckungsschutz in der Landwirt- 
schaft zu klagen brauchcn, meint wohl Hugenberg, Aber wie 
kann die Industrie fiir die Bevorzugung der Landwirtschaft in 
der Handelspolitik entschadigt werden? Nur durch Eingriffe 
in die Arbciterrechte. In einem Vortrag, den Hugenberg am 
16, Oktobcr vorigen Jahres in Berlin gehalten hat, verwahrt er 
sich dagegen, cin Feind der Sozialpolitik zu scin. Dodh was 
vcrsteht er unter Sozialpolitik? 

Unsre deutschc Erziehung mufi wieder gesundexx. Christentum 
und Staat miissen sich bei dieser Aufgabe die Hand reichen. Ich er- 
innere emeut an das Bibelwortf dafi wir uber dem Kampf um diese 
Welt unsere Seele nicht verlieren diirfen. Das alks ist Sozialpolitik. 

Dagegen: 

Wer kann sich als einzelner des Machtinstrumentes erwehren, 
das die Gewerkschaftseinfltisse aus den „sozialen Einrichtungen" ge- 
macht haben? Erst wenn der einzelne Arbeiter von dieser Knccht- 
schaft befreit wird, fallt der Marxismus in sich zusammen. 

Die Gewerkschaften der verschiedenen Richtungen soUcn 
— nach diesem programmatischen Vortrag — durch „Werks- 
gewcrkschaften" ersetzt werden, zu denen auch die Untemeh- 
mer gehoren. Die Sozialversicherung wird nicht abgeschafft, 
jedoch umgewandelt. Statt einer Gcldrente soil sich der Ar- 
beiter irgetidwelches Eigentum ersparen, notfalls „Stockwerks- 
eigcntum" in einem Haus. Er muB bescheidenstcn Besitz er- 
langen. 

In einem Artikel im ,Tag* vom IS.Dezember 1932 schrieb 
Hugenberg: „Es kann nicht Gottes Wille sein, daB die Mensch- 
heit ihr crstes Volk verliert/' Jeder libersetzc sich das in 
seine Sprache. 

295 



Verlustliste 



— Auf Veranlass-ung des komtnissarischen preuOischen Ixmen- 
ministers wurden folgende hohere Beamte ihrer Amter entboben oder 
beurlaubt; 9 Regierun^sprasidenten, 13 Polizeiprasidenten, 4 Ministe- 
rialdircktoren, 1 Ministerial dirigent, 3 Polizciobersten, 2 Polizeiober- 
leutnaats, 1 techniscber Letter der Schutzpolizei, 1 Landjagermajor, 
1 Polizeimajor, 1 Polizeivizeprasident, 1 Landrat; die Betroffenen 
sind zum Tcil parteilos, zum Teil gehoren sie der Staatspartei, dem 
Zentrum oder der SPD an; die Stellen wurden mit Pcrsonen aus 
dem Lager der Nationalsozialisten und der Deutscbnationalen besetzt 
oder mit solcbcn, die einer der beiden Parteieri nahesteben. Mini- 
sterialdirigent Haentscbel vom Reicbsinnenministerium wurde beurlaubt. 

— Folgende Zeitscbriften und Zcitungen wurden verboten: Der 
.Vorwarts' und das ,8-Ubr-Blatt* auf je 8 Tagc wegen ibrer Kritik 
an den Bericbten uber Eisleben; die ,Rote Fahne' auf 14 Tage 
wegen Aufforderung zum Generalstreik; ,Das Reichsbanner' ebenfalls 
auf 14 Tage wegen Beschimpfung dei- Reicbsregierung; die ^Scbwarze 
Front', das Organ Otto StraBers, bis zum 26, Marz; die kommunistiscbe 
^Hamburger Volk&zeitimg* wegen Aufforderung zu Gewalttatigkeiten 
und vorbereitenden Handlungen zum Hochverrat bis zum 26, Februar; 
die kommunistiscbe ,Arbeiter-Zeitung* von Mannheim wegen Be- 
schimpfung und boswilliger Verachtlichmacbung der Regierung auf 
5 Tage; die sozialdemokratische ,Volkszeitung' von Schleswig-Holstein 
auf 14 Tage; der ,Volkswille* von Hannover auf 5 Tage; ,Die Ge- 
werkschaft*, das Organ des Gesamtverbandes der Gewerkschaften, 
wegen eines „£ingesandts'* aus Mitgliederkreisen his zum 26, Marz; 
die iVolkszcitimg* in Heidelberg wegen Beschimpfung und Veracht- 
lichmacbung der Regierung auf 5 Tage; das Zentrumsblatt, die ,Nei3er 
Zeitung', auf 3 Tage; die gesamte mecklenburgische SPD-Presse auf 
8 Tage; die politisch-satirische Wochenschrift ,Die Ente*, deren Re- 
daktionsratune vor etwa 8 Tagen tiberfallen worden waren, wegen 
Beschimpfung und boswilliger Verachtlichmacbung der Regiertmg bis 
zum 31. Marz; die sozialdemokratische ,Rheinische Zeitung* und die 
ebenfalls sozialdemokratische .Volkszeitung' von Magdeburg auf 
5 Tage*; die kommunistiscbe ,Volkswacht' von Stettin und Pommcrn 
bis zum 28. Februar; das kommunistiscbe .Volksecho' von Brandcn- 
burg-Lausitz auf 5 Tage; das ,Tempo' auf 8 Tage, veil in einem 
Borsenartikel „Vcrstimmung in der Burgstrafie. Aktien unter Druck*' 
einc bewuBt falsche Darstellung der Borsentendenz enthalten sei; die 
.Arbeiterpolitik', das Organ der KPO, wegen Aufforderung zum 
Generalstreik bis zum 31. Marz; die sozialdemokratische Presse in 
Koblenz und Trier wegen boswilliger Verachtlichmacbung der Re- 
gierung auf 4 Tage; die kommunistiscbe ,Thiiringer Volkszeitung* auf 
5 Tage; ,Berlin am Morgen' auf 14 Tage; die ,Sozialistische Arbeiter- 
zeitung' auf 5 Tage. Nach einer nationalsozialistischen Pressemeldung 
sollen die verbotenen Blatter in Zukunft ihren Lesern nicht mebr die 
Verbotsgriinde bekanntgeben diirfen. Beschlagnahmt wurden je einc 
Ausgabc der sozialdemokratischen .Volkszeitung* von Frankfurt an 
der Oder und der Wochenschrift ,Rotsport'. 

— Eine Einheitsfront-Versammlung in den berliner Spichern- 
salen wurde aufgelost, als der sozialdemokratische Vorsitzende des 
AUgemeinen Bankbeamtenbundes die Republik mit einer AG und 
den Reichsprasidenten mit deren Aufsichtsratsvorsitzenden verglicK, 

— Im AnschluB an ZusammenstoBe in Siegburg wurden alle offent- 
licben Versammlungcn der SPD und der Eiscrnen Front in Koln, 
Koblenz und Trier bis auf weiteres verboten. 

Wochenschau des Fortschritts 

Bis auf Weiteres: Gestrichen. 
296 



Bemerkungen 

Raubstaat Liechtenstein 

17 ingeklemmt zwisch^n der 
" Schweiz tmd Oesterreich 
liegt das sonderbare Staats- 
gebildc, das offiziell als Fursten- 
tum Liechtenstein firmiert. Es 
hat zchntau&end Einwohner und 
umfafit drei Quadratmeilen Lan- 
des, Im alten deutschen Bunde 
war es vollberechtigtes Mitglied 
und nahm als solches 1866 an 
dem Kriegc gegen Preufien teil, 
wofiir es vierundsechzig Solda- 
ten zu stellen hatte. Bei dem 
Friedensschlufi wurde cs von 
Bismarck vergessen. Friede zwi- 
schen Liechtenstein und PreuBcn 
ist nie geschlossen worden. 
Rechtlich befindet sich Vaduz 
seit 1866 noch immer im Kriegs- 
zustand mit Berlin, ohne dafi 
sich daraus praktische oder gar 
blutige Konsequenzen ergeben 
batten. 

Staatsrechtlich ist Liechten- 
stein souveran. Wenigstens teil- 
weise, Einen Teil seiner Souve- 
ranitatsrcchte hat es namlich an 
die Schweiz abgetreten, mit der 
cs zum Beispiel in Munzunion 
lebt. Wegen des Verzichts auf 
einen Teil seiner Souveranitats- 
rechte konnte dem Wunschc 
Liechtensteins auf Aufnahme in. 
den Volkerbund nicht ent- 
sprochen werden, Man darf den 
Volkerbund dazu begluckwiin- 
schen, daB er auf die Weisc um 
die Belastung mit moralischem 
Ballast herumgekonunen ist. 

Was Liechtenstein an Souve- 
ranitat iibrig geblieben ist, rcicht 
immerhin aus, um den Gebriidem 
Rotter und andern Europaern 
gleichen Edelgehalts Schutz ge- 
gen den Strafrichtcr zu gcwah- 
ren. Von alien Souveranitats- 
rechten liegt dem edlen Fiirsten- 
tum naturlich weitaus am mei- 
sten an der Steuerhoheit. Dank 
ihr konnten sich funfhundertund- 
neunundsiebzig Aktiengesell- 

schaften auf den drei Quadrat- 
meilen ansiedeln. Dank ihr 
konnte die Landesbank Liechten- 
steins in die Gesellschaft der 
upper ten gelangen^ in denKreis 
der zehn machtigsten Goldinsti- 
tute Europas. Gibt es hcute noch 



€ine sichere Geldanlage? fragt 
eiu) Finanzmann den andern. Ja- 
wohl, die gibt es, in Liechten- 
stein. Wer vor seinem eignen 
Finanzminister absolut sicher 
sein will, fluchtet sich nach 
Liechtenstein, in Person oder mit 
dem Sitz oder einer Filiale seiner 
Gesellschaft. Man kauft sich ein, 
durch Verhandlungen mit den 
Behorden des Furstcntums, von 
Gentleman zu Gentleman. Liech- 
tenstein ist kulant. Der einzelne 
Finanzgewaltige braucht nicht 
viel zu zahlen. Die Masse mufi 
es bringcn: Funfhundertundneun- 
undsiebzig Aktiengesellschaften! 
In der monarchistischen ,Deut- 
schen Zeitung' schreibt Hellmut 
Draws-Tychsen, dessen Speziali- 
tat das Studium der Zwergstaa- 
ten ist: 

Ich will trotz memer Beiahun^ der 
monarchischea Staatstorm freimtitig ein- 
ftestehen, daB meine Hochachtuntl inner- 
halb der europaiachen Miniaturstaaten den 
uralten, sauberen, freien, bescheidenen 
Republiken Andorra uod San Marino 
gefa5rt und nie und nimmer den korrupten 
Landchen Monaco und Liechtenstein. 
Hier wunsche ich keine Freude 7u haben, 
aber doit, wo die Einfnchheit, die Gast- 
freundschaft, der Glauben und die Un- 
verderbtheit herrschen. Tatkraft ist alles, 
denkt der Andorraner, wenn er dem kartfen 
Boden eine karf{e Ernte abrintit. Dagetfen 
philosopbiert der Liechtensteiner, der 
nichtstuerisch und geniefierisch die Hande 
in den SchoB le^^en kann: Geld allein 
macht glOcklich. 

Herr Draws-Tychsen liebt Mo- 
naco und Liechtenstein gleich 
wenig. Er geht von der Moral 
aus. Die sollte man in solchem 
Fall ausschalten. Ob die Mone- 
gassen oder die Liechtensteiner 
moralisch hoher stehen oder 
beide gleich niedrig, kann der 
Welt libejraus gleichgiiltig sein. 
Was ihr nicht gleichgiiltig sein 
kann, ist die Schadigung, die sie 
durch die beiden Opcrettenstaa- 
ten erfahrt, Und da liegt Liech- 
tenstein mit mehreren Pferde- 
langen voran. In Monaco ruinicrt 
sich wenigstens nur der einzelne 
Reiche, der das notige Geld hat, 
um 2ur Spielbank zu reisen. Das 
ist eine Privatangelegenheit, In 
Liechtenstein dagegen sammeln 
sich die Milliarden, die Deutsch- 
land, Oesterreich und alien mog- 
lichen andern Landern Europas 

297 



entzogen werden. Die Kapital- 
flucktgesetze werden zur FarcCi 
solange die Hehlerhohle Liech- 
tenstein sich internationalen 
Schutzes erfreut. Die Steuerzah- 
ler ^ ganz Europas mussen das 
aufbringen, was die Flucht ihrer 
potentesten Landsleute nach 
Liechtenstein ihnen entzieht, 

Selbstbestimmungsrecht der 

Volker ist sehr schon, Aber 
Liechtenstein ist kein Staat mit 
Hxistenzberechtigting. Es ist ein 
Parasit, der auf alien andern 
Staaten herumschmarotzt. Es ist 
eine Eiterbeule, 

Diese Eiterbeule muB auf- 
gestochen werden. Mit dem Rest 
der Souveranitat des Landchens 
ist schleunigst ein Ende zu 
machen. Das ist eine Angelegen- 
heit, die allc Volker Europas an- 
geht. Denn die Steuerkraft aller 
wird von der Eiterbeule zer- 
fressen. 

Am einfachsten ware es natur- 
Hch, wenn Liechtenstein der 
Schweiz einverleibt wtirde, Aber 
vielleicht widerstrebt ihr der Zu- 
wachs dieses Mifiwachses. Dann 
soUte Liechtenstein unter Vol- 
kerbundsverwaltung genommen 
werden. Irgendeine Losung mufi 
gefunden werden, um Europa 
von seiner partife la plus hon- 
teusc zu befrcien. Man darf ein 
staatsrechtliches Naturdenkmal 
in dem Augenblick nicht mehr 
dulden, wo es sich als Vampyr 
herausstellt, der alien Nachbarn 
das Steuerblut aus den Adern 
saugt. 

Hellmui v. Gerlach 



Wen w&hten die Juden? 
F\er Centralverband deutscher 
*^ Staats juden biirgerlichen Glau- 
bens ist restlos begeistert von 
Hugenbergs Radiorede. So be- 
geistert, dafi er daraufhin an- 
f ragen lieB, oh der Artikel 1 1 
des deutschnationalen Partei- 
programms, der Antisemiten- 
p^ragraph, nicht fallen gelassen 
werden konne. 

Daran ist zwar aus propagan- 
distischen Grunden nicht zu den- 
ken. Aber die treudeutschen 
Augen des Herrn Geheimrats 
blinzeln so beruhigend, — er 
wird doch weder seine judischen 
Chefredakteure an die Luft set- 
zea noch seinen besten Inseren- 
ten, den Warenhausern, etwas 
tun — , dafi man es trotzdem 
wagen kann. 

Das ist sicher, die Interessen 
des Privatkapitals sind nirgend- 
wo besser aufgehoben als bei 
dem Genossen der National- 
sozialisten, der durch seinen 
Staatssekrctar Bang so . beruhi- 
gend liberalistische Prinzipien 
verkunden lieB. Und so macht 
denn eine erkleckliche Reihe von 
bisherigen Wahlern der Staats- 
partei gar kein Hehl aus ihrem 
EntschluB, diesmal deutschnatio- 
nal zu wahlen. Man kann den 
Herren und ihrem Erwahlten nur 
Gluck witnschen. Bisher haben 
sie mit beachtlicher Sicherheit 
aufs falsche Pferd gesetzt. Aber 
diesmal sind sie wenigstens kon- 
sequent. Nach der EtappeMahraun 
war es klar, daB das Ziel Hu- 
genberg heiBen wiirde* Tubal 




Die 

Neunfe 

.^y^jymphonie 

\!cidcn/cfwmkhes Corfehcn , ines.fhmilerf 



298 



Tierfilme 

VY7cr cs noch nicht gewufit hat, 
** der kann j etzt aus einem 
Aufsatz des Kamcramanncs A. H. 
Fischer erfahren, da6 die atem- 
vcrsetzenden Tierkampfszenen der 
Urwaldfilme mei&tens reines 
Atelier produkt sind: arranj^iertes 
Ringen auf Leben und Tod in- 
mitten einer Wildnis, die die 
Warmhauser des Botanischen 
Gartens gelicfert haben. Etliche 
Quadratmeter Kunstd&chimgel bil- 
den den Rahmen fur die elemen- 
tare Auseinander&etzung der im 
Zoo mit der Milchflasche grofi- 
gepappelten und ntta muhevoll 
genuj^ aufgehetzten Bestien. Die 
bewundernswiirdige LeistuniJ der 
Kinoleute besteht weniger darin, 
furchtlos in den unergrundlichen 
Busch einzudringen und dort das 
Raubzeug auf seinen mordlustigen 
Abenteuern zu ertappen, als im 
Anstacheln der allzu friedferti- 
gen Kreatur, die ihrcn Nachsten 
zwar nicht liebt, wie wir Christen- 
menschen, aber auch nicht ohne 
Not anzufallen und zu zerflei- 
schen geneigt ist. Diese vom Film- 
standpunkt aus ganz unfruchtbare 
Vcrtraglichkeit des Jaguars, die- 
scr den Bedtirfnissen des Publi- 
kums so gar nicht Rechnung tra- 
gende Hang der Boa constrictor, 
sich lieber davon zu machen, 
erstehwercn die Aufnahme von 
stimmungsvollen Duellepisoden 
ungemein. Es bedarf immer 
wieder hingebender Anstrengun- 
gen der Tierpfleger, ihre Schiitz- 
linge mit Peitschenhieben und 
ahnlichen Aufmunterungsmittein 
sozusagen kamerareif zu machen 
und ihnen den notigen Wehrwil- 
len beizubringen. Man nennt 



derartige Filme darum auch Kul- 
turfilme. 

Solche dramatisch angefachten 
Darstellungen des Ticrlebcns ent- 
sprechen offenbar einem Wunsch- 
bild des Menschen, das sich auf- 
faliig von altern Idealen unter- 
scheidet. Friiher crtraumte man 
sich gern einen Zustand des 
Gottesfriedens, der sogar die blu- 
tigen Instinkte der Raubtiere ohne 
weiteres in lauter Wohlwollen 
und sanftes Gemiit verwandelt. 
Die idyllische Vorstellung des 
Paradiesgartens, der samtliche 
Kreatur zu heiterer Eintracht 
umfangt, malt seit jeher die kost- 
lichstc und erschnenswer teste 
aller Unwirklichkeiten. In dicsem 
beriickenden Mythos erscheint 
der Schmerz um die verlorene 
Harmonic der Schopfung verdich- 
tet, das Hoffen auf die Wiedcr- 
herstellung einer wie urspriing- 
lich konfliktloscn Natur. Und die 
Kunsl ist ' nicht miide gewordcn, 
den bewegcnden und begliicken- 
den Anblick blumiger Wiesen zu 
gewahren, auf denen das Reh 
ohne Bangen den freundlich blin- 
zelnden Lowen umspielt, der Hase 
zwischcn den Pfoten des gonner- 
baften Hundcs sein Schlafchen 
halt und nicht einmal der in nack- 
tcr Unschuld herumspazierende 
Mensch Angst vor der Mucke zeigt. 

Auch hcutc nbch hat die natur- 
haft-sundlose Ungebrochenheit 

des tierischen Daseins fiir unser 
Gertitit etwas hochst Anziehendes. 
Nach wie vor scheint sie uns die 
schlichte, gelauterte Lebensord- 
nung zu offenbaren, von der wir 
abgef alien sind und in die wic- 
dereinzugehen es uns verlant^f. 
Abermals entwirft unsre Phanta- 




Bedaure — alles besetzt! 



Wenn Sie diese Auskunft 
vermeiden wollen,besorpen 
Si© sich rechtzeitig Karlen 
zu ..Menschen Im Hotel". 



299 



sie paradiesische Bilder solchen 
Menschensehnens, und die neue 
Bildkunst des> Films laI3t sie 
sichtbar werden, Freilich, dies 
andre Paradies, dessen erhebende 
Veranschaulichun^ die Kino- 
branchc auch dcm widerspenstig- 
sten zoologischen Material abzu- 
trotzen weiB, ist kein Ort schlaf- 
rigen Friedens und rassenverrate- 
rischen Einvernchmens, wie ihn 
jenc alberne Utopie der Bibel 
schildert. Es bietet ganz im Ge- 
genteil ein einziges grandioses 
Panorama blutschmatzender Gur- 
gelbisse und mordtrunkener Um- 
schlingungcn, Es stellt sich dar 
als ein einziges herrliches 
Schlachtfeld der Schopfung, wo 
kein Geschopf auch nur sekun- 
denlang zogert, dem Schopfer da- 
durch seine Anerkennung zu be- 
zeugen, daB es jedes Mitgeschopf 
andrer Art in zerfetztes Aas ver- 
wandelt, Hier bricht in pracht- 
voll ausgeleuchteten Grofiaufnah- 
I men die unverkiimmerte Leiden- 
schaf t der Pranke durch, die Ur- 
glut fauchender Rachen, kurzum 
das Elementare, das unsern 
strammen Masochisten der Hosen- 
naht so imponiert. Ob die Bestie 
mag oder nicht, — sie mufi mit- 
agieren in der Apotheose reiBen- 
der Gcwalttatigkeit, zu der sich 
der zeitgenossische Heldenmifi- 
wuchs die Natur umtraumt, und 
den neuen Garten Eden mimen 
helfen, dessen iiberwirklicher 
Zauber aus einem berauschenden 
Pandamonium des Umbringens 



und Krepierens erwachst, wim- 
dersam gesteigert durch eine 
hymnische Begleitmusik aus Wut- 
gebriill und Verrocheln. 

Die Menschen scheinen sich 
ziemlich gleich zu bleiben, aber 
ihre Illusionen wechseln. Friihere 
Geschlechter mochten sich an 
dem auch nicht ein bifichen zacki- 
gen Bilde ergotzen, wie das 
Starke auf seine Machtmittel ver- 
zichtet und das Schwache jeder 
Furcht bar ist. Und mochten es 
als Gleichnis einer hochsten so- 
zialen Harmonic anhimmeln. Aber 
dieser schlappe Mythos ist ab- 
getan, diese Chimare einer riihr- 
seligcn Vergangenheit ist zer- 
stoben. Auch der entfesselte 
Kricgerverein, der heutzutage da 
und dort den Ton angibt, braucht 
bei seinem nicht geringen Gemiits- 
bedarf die Fata Morgana eines 
hochsten, jedoch nun im Sinne 
heroischer Kraftentfaltung hoch- 
sten Zustandes. Die Kamera- 
fritzen haben sie ihm prompt ge- 
liefert, ein von Gottes Entwurf 
nicht unwesentlich abweichendes 
und der mitwirkenden Tierheit 
offensichtlich zu inhumanes. Para- 
dies : die Holle der reinen 
Bestialitat. 

Willi Wolhadi 

Die Bardame 

r^ie Reform des Ehescheidungs- 
'^ rechts ist wie die ganze Re- 
publik, wenn auch sanfter als 
diese, infolge mangelnder Lebens- 
kraft vorzeitig entschlafen. In- 



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Die illustrierte Monatsschrift „UdSSR im Bau^'^n deutscher 
Sprache, Jahrgang 1932, wird zum Preise von RM. 21.— 
inkl. Porto geliefert 
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folgedessen hat das Oberlandes- 
gericht in Koln selbstandig ein- 
gegriffen und Scheidungslustigen, 
deren Ehe zerbrochen ist, ohn« 
da0 der vorschrifismafiige Bruch 
vorliegt, einen neuen Scheidungs- 
grund zur Verfugung gestellt. 
Nimmt namlich die Ehefrau eine 
Sfellung als Bardame an, so kann 
sich ihr Mann auch dann scheiden 
lassen, wenn nicht der mindeste 
sachliche Grund dazu vorliegt. 
Denn mit den Funktionen einer 
Bardame ist, ..wic dem Gericht 
bekannt ist, in jedem Falle man- 
ches verbunden, was sich mit der 
Stellung einer Ehefrau nicht ver- 
tragt. Zum mindesten muB jede 
Barangestellte durch personliche 
Liebenswurdigkeit und weites Ent* 
gegenkommen gegenubcr den Be- 
suchern der Bar fur eine mog- 
1 ichstc Steigerung des Verzehrs 
bcsorgt sein, zu diesem Zwecke 
also schon in intimeren Verkehr 
mit diesen Besuchcrn treten, als 
sich fur eine Ehefrau ziemt," 

Die kolner Richter wissen es, 
wie sie freimutig und sogar cin 
bifichen stolz zugeben, ohne bc- 
sonderen Lokaltermin. Sic haben, 
da es sich mit der Stellung eines 
Ehemannes natiirlich ohne weitc- 
res vertragt, in intimeren Verkehr 
mit Barangestellten zu treten, ent- 
weder selbst die notigen Erfah- 
rungen gesammelt und sich zur 
Steigerung des Verzehrs durch 
personliche Liebenswurdigkeit und 
weites Entgegenkommen veranlaBt 
gesehen odcr aber solches aus 
dem berufenen Munde ihres engern 
Bekanntenkreises erfahren. 

Leidcr sind die Kenntnisse der 
kolner Oberlandesgerichtsrate vom 
Wesen einer Bardame genau so 



intim wie der Verkehr, in den 
diese nach ihrer Ansicht mit den 
Besuchern treten muB. Infolge- 
dessen wissen sie nicht, daB diese 
Frauen der herrschenden Moral 
nicht mehr und nicht weniger zu- 
wider handeln als ihre Besucher, 
deren Ehefrauen schon abfallen 
wiirden, wollten sie mit dem Ar- 
gument auf Scheidung klagen, der 
Herr Gemahl habe eine Bar be- 
sucht. Infolgedesseui sind sie ' 
auch nicht dariiber informiert, daB 
der in einer offentlichen Bar mog- 
liche ^intimere Verkehr" sich von 
dem weiten Entgegenkommen in 
nichts unterscheidet, das so 
manche j unge Richtersf rau mit 
gutem Recht auf dem Maskenball 
dem Herrn Referendar erweist, 
ohne daB sie damit fiir eine 
..moglichste" Steigerung des Ver- 
zehrs besorgt ware. 

Auch die Logik dieser Entschei- 
dung ist so, daB sie sich mit der 
Stellung eines Richters nicht ver- 
tragen soUte. Denn schlieBlich 
kann man fa die an sich schlecht 
bezahlten Barangestellten nicht 
von Gerichts wcgen vor die Alter- 
native stellen, entwcder als 
Nonnen zu leben oder aber dem 
zu fronen, was unsre hervor- 
ragende Gesetzgebung eine Un- 
zucht heiBt. 

Aber, es ist wohl miifii^. sich 
um die Aufklarung des Wider- 
spruchs zu bcsorgen, der in der 
Zulassung eines Gewerbes und 
seiner gleichzeitigen Diffamierung 
als ehewidrig besteht. Der Wider- 
spruch steckt in der Gesell- 
schaftsordnung selbst, die aller- 
dings anders ist, als sich fiir die 
Menschheit ziemt, 

Walther Victor 



Soeben erschien: 



ERWIN TOPF 
Der Kampf um den deutschen Acker 

1.-5- Tausend • Kartonlert RM 4.80 • Der Verfasser, den der Leser bereits aus den In 
der «Weltbttluie» unter dem Namen Jan Bargenhusen verOffentliditen AufsAtzen kennt» 
gibt hler elnen vorzOglicfaen Wegweiser dur<h das Labyrinth der agrarpoUtlscfaen Pro- 
b!eme . In Jeder guten Budihandlung Torrflttg . ROWOHLT VERLAG BERLIN W 50 

301 



Theorie des Ufa-Films Der Tarlf 

A ber der Film als Kunstmittel |a Neusalz fand ich an der 

"'^darf niemals die platte Ab- * rij u » i j* t> •• i 

L -rx T *• i_ 17 '^ • Uderbrucke diesen Brucken- 

scnrift rcahstischer hreitfnisse 

sein Eondern hat die Aufgabe zu geidtanf: „FuBganger 5 Pfennig, 

erf till en, die Wunschtraumc der GroBeres Vieh 15 PfennijJ." 
Zuschauer zu ^estalten. 

,Der Monta^\ 6. Fehruar Joachim v. Biilow 

Hinwelse der Redaktion 

Berlin 

Deutsches Comifee ifegen deti iapanisctien KrieiJ. Dienstag 20.00. Pharus • Sale, 
MOUerslr. t42 fU-Babn Secstr.). E. E. Kisch: Dreimal Asicn (China, Japan, Sowjct- 
Asien). AuRerdem sprecben' Fritz KQster und Kurt Rosenfeld. 

Club der Geistesarbeiter. Mittwoch 20.00. Tiergartenhof, Bcrliaer Straflc 1. 
Kontradiktoriscbe DisVuMion zwiscben Dora Fabian, Walther Karsch und Ernst 
SchnellerT Die nationale Frage als Entscheiduntfsfraife ffir Geistesarbeiter — Sonn- 
abend 23 30: SondervorBlcllunjJ der Trupoc 1931 ..Wer ist der Dfimmste?" Kartcn 
Tu !,— Mk, (Erwerbslose 0,60) an der Kassc dcs Kleinen Theaters, Unter den 
Linden 44. 

Bund geiatitfcr Berufe. Mittwoch 20.00. Meinekeatrafie 4 bei Perls. Arvid Harnack t 
Vorschl^ge und Wetf zur Planwirtschaft in Deutschland. — Frei tag 20.30. Clubhaus 
am Knie, Berliner Strafie 27: Professor Lederer: Ifit die Krise am ^endepun^t? 

DtskussionsffemeinfichRft Partcipolitisch Ander»denkerder. Mittwoch 20.00, Nollendorf- 
Casino, Kleintstrafie 41. Kleo Pleyer: Bfindischer Kamof um die Macht im Staat. 

Grupoe Revolution&rer Pazifisten. Oonnerstag ?0.00. Caf^ Adler am Donboffplatz, 
KotnniandantenstraQe 84. Offentlicber Ausaoracbe- Abend: GroSparteien oder kleine 
Grtippen? Referent: Hans Joachim VCiegand; Korreferenten : Wilhclm Kreienbrink 
fKPD) und Gerhart Friters'fSPD). 

Schulzverband Ocutsrber Schriftstcller. Monta? (27.1 20.00. Caf^ Wittelsbach. Bayrischer 
Platz 1. Walter Mehrintf; Da^ Handwerk des Schrifts tellers. 

Der K«n«lkiub, Montai! (27.) 21.00 Fiachkfiche am Zoo, KantstraBv 8. Margot Riefls 
und Frank Warschaucr: Macbt die Technik den Kflnstler flberflfissi^ ? 

Antikrie^smuseum, ParochialstraBe 29. Montag (27.) 20.00. Erich Knauft Uchtbilder- 
Vortratf „Der ak^uelle Daumier"; Ernst Friedrich spricht akfuelle Dichtungen von 
Heine, Freiligrath und andem. ^ 

Dresden 

WeltbGhnenleser treffen sich ieden Dienstng 20.15 im Sophiengarten, fCleine Plauensche 
Gasse 26. Thema: Aktuelle Tagesfragen, Aussprache. 

Frankfurt/Maln 

Weltbahnenleser treffen sich jcden Freitag 20.30 im Caf^ Hauptwacbe, I. Stock. 
Linkskartell der Geittcsarbeiter und freien Berute. Mittwoch (1. 3-1 Saxophonaaal 

20.0n. Alfons Paquet und Johannes Resch: Krise der Kultur — Not der Geistes- 

arbeiter. 

Mannfiefm 

St&dtische Kunsthalle. Ausstellung: Deutsche Provinz, 

Stuttgart 

Linkfikartell der Geistesarbeiter und freien Rerufe. Donnerstag 20 00. Bflrgermu^eum. 
Joachim Boeckh (Moskau): Volksbildung und Schutwesen in der Sowjetunion. 

Bflcher 

To^annes R. Becher: Der Mann, der in der Reihe gJng. Universum Bucherei, Berlin. 
Werner Hegcmann: Entlarvte Gescbichte. Von Arminius bis Hitler. Jacob Hegner- 

V^rlag, Leipzig. Ganzleinen 4,80; kart. 3,50. 
W. L Lenin' Staat und Revolution. Intemationaler Arbeilerverlag, Berlin. 0,30. 

Rundfunk 

Dienstacr. Berlin 17.30: Die AuBisichten in den ktipstleritchen Berufcn; Hermann Sandktihl, 
I. Bahn und G. Hausdorf, — KSnigsberg 19.25; Roda Roda erzihlt Roda Roda, - 
Brcslau 19.40- Toscanini diri(»iert (SchallplattenV — Langenbertf 20.00: Balladcn 
von heuteund gestem. — Berlin 20.45: Artur Schnabel spielt Beethoven. — Leipzig 
2t.45; Purzelbiume der Zcit; Texte von Mordenstcm, Wedekind und Scher, — 
Mittwoch. Berlin 14.00: Mozart und Richard SirauB (Schallplatten).— Miinchen 21.00: 
Gedichte von Alexander Lemet-Holenia. — Donnerstag-. Hamburg 20.00: Himmlische 
Reise zu Mark Twain; Horfolfie von Rudolf Arnheim. — Moskau 20.00: .Die Rote 
Armee. — Freitag-- Moskau 20.00: Wochenruhdschau und Briefkasten. — Breslau 2030: 
H. Brunar liest aus Joseph Roths Radetzky-Marsch. — Mfihlacker 23.00: Gustav 
Meyrink-Siunde. — Sonn^end. Moskau 20.00: Marxismu« Leninismu*). — Sonntas. 
Moskau 20.0(>: Die ertte Reiterarmee (H5rspiel). — Monta^ (27.). FMoskau 20.00: 
Drei Generationen, drei Frauenschicksale. 

302 



Antworten 

Noske. Sie sind einmal der Licblin^ der ,Weltfauhne' gewesen, 
und vor longer Zeit haben sich viele Federn gespitzt, den Augenbiick 
zu besingen, wo Ihnen, dem ersten und groJiten Verderber der Republik, 
der verdiente Lohn zuteil werdenwiirde. Lon^ long ago, Jetzt sind 
bie ex, und wie gleichgiiltig ist das. £in Federzug und die amtliche 
Versenkung nimmt Sie still auf . Bei den Blattern, die Sie friiber als 
Held und Retter aus dem roten Chaos gefeiert haben, langt es kaum 
zu einer Colonelnotiz. Sie sind nur eine Nummer in ein^r Unglucks- 
liste, Ferner liefen . . , f erner stiirzten Gustav Noske etcetera. 

Genosse Z. Aucb Sie hat man in die Zwangspension geschickt. 
Man halt sich mit Ihnen nicht auf, obgleich Sie sich durch Ihre ber- 
liner Vergangenheit gentigend empfahlen. Die neuen Herren haben 
nicht viel Charme, aber sie haben wenigstens Charakter, 

Deutsche Zeitung, Der Reichsverband der deutschen Presse, dem 
auch die reaktionarstcn Journalisten angchoren, hat einmiitig einen 
Protest g€gen die* letzte Notverordnung erlassen, Du aber vcrsuchst, 
die Rcgicrung zur Anwendung dieser Verordnun;^ anzustachelnl In 
einem langern Artikel fallst du iiber die .Berliner Volkszeitung' und 
das ,Achtuhrabendblatt* her, weil sie ein paar Bilder gebracht haben, 
die die lacherliche und gefahrliche SoLdatenspielerei von Kindern 
beleuchten. Dein Artikel schlieBt; „Da es sich hier nicht um den 
inneren Partei- und Wahlkampf handelt, sondern um die hochsten 
nationalen Interestsen, ist die Handhabe zum scharfsten Vorgehen 
gegen die bei den Mosseblatter gegeben. Wir machen die iiir unsre 
nationale Sicherheit verantwortlichen Stellen mit besonderm Nach- 
druck darauf aufmerksam. Die Nationalregicrung hat u. E. die 
Pf licht, zuzugreif en vmd Blattern, die ihrer Uberlieferimg getreu in 
dieser infamen Weise die nationalen Interessen verletzen, das Hand- 
werk zu leg en." Am Tage nach dieser iniamen Denunziation warst 
du in der Lage, „mit Befriedigtmg" zu melden, daJQ das ,Achtuhr- 
abendblatt' verboten sei, zwar nicht wegen der Kinderbilder, aber 
immerhin. Im Anschlufi an diese Siegesmeldung erhobst du die For- 
derung „nach Handhaben, die es ermoglichen, bewuBt staatsfeindlichen 
Organen ein fiir allemal das Handwerk zu legen". Die ,Berliner Volks- 
zeitung', die zu deinem Bedauern noch nicht verboten ist, hatte sich 
erlaubt, dir eine kleine Vorlesung iiber Beruismoral zu halten, Dar- 
aul erwiderst du: „Die Mosseleute tun fast so, als stiinden wir mit 
ihnen in Berufsgemeinschaft." Du lehnst die Berufsgemeinschait mit 
Kollegen ab, nur weil sie politisch anders stehen als du! Was meint 
der Reichsverband der deutschen Presse dazu, der auf dem Gedanken 
der Berufsgemeinschaft aller Redakteure und Journalisten ohne 
Unter&chied der Weltanschauung aufgebaut ist? Will er die Prcdigt 
der Berufsunmoral in der ,Deutschen Zeitung* ignorieren? 

Hans Lowe* Sie schreiben uns eine lange Klage iiber die Zu- 
kunft des berliner Staatstheaters. Wie steht es damit? Nach langem 
vergeblichen Suchen hat man jetzt endlich gleich zwei Herren ge- 
funden, den weimarer Intendanten Ulbrich und den verdienstvoUen 
Expressionisten Hanns Johst. Wenn sich der Eine durch Unbedingt- 
heit empfiehlt, so der Andre durch Biegsamkeit. Herr Ulbrich ist, 
wie man mit Recht betont hat, ein bewahrter Praktiker. Er hat vor 
Jahren in Meiningen hochste militarische Ungnade gefunden, weil er 
Georg Kaisers „Gas" aufzufiihren wagte. Spater, in Weimar, hat er 
diese modernistischen Neigungen aufgesteckt und sich auf einen 
wohltemperierten klassischen Spielplan zuriickgezogen, dazu eine Per- 
sonalpolitik pflegend, die mit den Wunschen seiner Gebieter nicht im 
Widerspruch stand. Ein Praktiker, ein KompromiBler, gewifi keine 
seltene Erscheinung unter tinsern Theaterdirektoren; er wird es nicht 
besser und nicht schlechter machen als das Gros. Das Staatliche 

303 



Sckauspielhaus, so klagen Sie* sei jahrelang eine reprasentative Btihne 
j^ewesen — und wohin kommen wir nun? Ich kann nicht in Ihr 
Lamento einstimmen; mil der Reprasentation war es da schon lange 
so lala. Das Staatstheater war auch ein kr anker Posten im Etat, 
SoUen die neuen Herren ihn ^estuid machenl Uberhaupt — ist das 
alles so wichti^? Die Schaubuhne ist zwar eine moralische Anstalt, 
aber man kann niemanden zwingen, hineinzugehen. Das unterscheidet 
sie aufs angenehmste von andern nicht minder moralischen Instituten. 

Pazilist' Eine groBe Anzahl gewerkschaftlicher und kultureller 
Organisationen hat eine Aufklarungsstelle uber den Gas- und Luft- 
schutz gegrtindet, die den Zweck hat nachzuweiseni daB es gegen die 
modernen Kriegswaffen keinen wirksamen Schutz gibt. Die Auf- 
klarungsstelle lAdresse: Deutsche Liga fiir Menschenrechte, Berlin 
N 24, Monbijouplatz 10, Eingang IV/IIl) erbittet die Mitarbeit weiterer 
Organisationen und Personlichkeiten, 

DeutschtiationalerHandlangsgehillen-Verband. Dir ist vor deinen 
eignen Kundgebtingen gegen die Reichsregierung bange geworden. 
Deshaib verschickst du an deine Mitglieder ein Rundschreiben, in 
dem es heiBt: „Die groBe Hoffnung vieler Millionen Deutscher ist mit der 
Ubertragung des Reichskanzleramts an Adolf Hitler politische Wirk- 
lichkeit geworden. DaB Hitler die politische Ftihrungl im Btindnis mit 
der Harzburger Front, mit Hugenberg und Papen, iibernimmt, erfiillt 
uns mit tiefer Besorgni& Mit diesen Bundesgenossen zu regieren, 
heiBt die ganze Verantwortung fiir die Lebensgestaltung der Millionen 
arbeitender und arbeitsloser Volksgenossen auf die Schultern des 
Reichskanzlers Adolf Hitler legen"* Von Seldte hoffst du noch, er 
werde „sich nicht zum Handlanger der sozialpolitischen Reaktion 
machen und seinen Namen mit der Zerschlagung des Reichsarbeits- 
ministeriums verkniipfen". Dein Mifltrauen gegen Hugenberg dagegen 
ist uniiberwindlich, und du belegst es mit recht aufschluBreichen 
Pressestimmen iiber die deutschnationalen Wirtschaftsplane. Ja, 
weiBt du nicht, daB Hugenberg fast mit Wirtschaltsallmacht aus- 
gestattet und das Kabin«tt im tibrigen einig ist? DaB deine Verwaltung 
vollkonuneu nationalsozialistisch spricht, ist gewiB sehr. interessant, 
Nur ob deine Mitglieder eine so differenzierte Stellung zur Regierung 
begreifen werden, erscheint zweifelhaft. Nun, du wirst bald erfahren, 
was fiir Sozialpolitik jetzt in Deutschland! gemacht wird. 

L. K., Frankiiirt a. M< Sie schicken ims die .Westdeutschc Aka- 
demische Rundschau*, die in ungeheuren StoBen am Eingang der Uni- 
versitat zur Gratismitnahme auslie^t, und fragen uns, wer wohl die 
Kosten fiir dies Organ zur reaktionaren Verscuchung der Studenten- 
schaft trage- Ja, wer? Vielleicht dieselbe Stelle, die Ihnen gratis 
Wochen hindurch die ,DAZ' zustellt«. So dreckig es Deutschland geht 
— fiir gewisse Zwecke^ haben geheimnisvolle Stellen immer noch ge- 
hcimnisvolle Geldquellcn. 

D. B. S., Ziirich. Die Leitartikel der , Neuen Ziircher Zeitung' mit 
der Uberschrift „Die Ehre der Armee — die Ehre des Volkesl" ist 
typisch fiir die Wirkung, die das Bestehen der Miliz selbst auf ein so 
im tiefsten Grunde kriegsgegnerisches Volk wie das schweizer ausiibt, 

Manuskripte sind nur an die Redaktion der Weltbuhne, Cbarlottenbur?. Kantstr. 152, zu 
riditen ; es wird g^beten, ihnen Riickporto beizvle^a, da sonst keine Rucksendung^ erfol^n kann. 
bn Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Ansprudi auf Nachlieferung^ 

oder Erstattun; des entsprecfaenden Ent^elta. 
Daa Auffahruqsrsrecht, die Verwertun^ von Titcin u. Text im Rahmen dea Films, die musik- 
mecthanisdie Wiederffabe aller Art und die Verwertnng im Rahmen tod RadloTortrSsrcn 
bleiben fOr all* in der WeltbOhne eracheinenden Beitr{ls:e ausdrQckiich Torbefaalten. 

Die Weltbuhne wurde besfrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Cari v. Osaietzky 
unter Mitwirkung von Kurt TudioUky geleitet. — Verantwortlidi : Walther Karach, Berlin. 

Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg. 

Telephon: Cl, Steinplabt 7767. — Postachedckonto: Berlin 11968. 
Bankkonto: Dresdner Bank. Depoaitaokasse Charlottenbttrflr, Kaatatr. 112L 



Hitlers AufienpOlitik von Hellmtit v. GerUcli 

pin franzosischer Journalist* der zur Beobachtung der Wah- 
len nach Berlin gekommen ist, hatte dicser Tagc ein Ge- 
sprach mit einem nationalsozialistischen Untcrfuhrer. Dicser 
suchte vor allcm die Bcfiirchtung des Franzoscn zu zerstreuen, 
die Obernahme der Alleinmacht durch Hitler bedeute Kriegs- 
gefahr: nWir wissen ganz genau, daB Deutschland fiinfzehn 
Jahre braucht, um wirtschaftlich wicder zur Macht zu kommen, 
und weitere fimfzehn, um militarisch auf der Hohe zu scin.*' 
Zweifelnd war! der Franzose ein: ,,Abcr der Korridor?" 
Worauf der Natianalsozialist mit iiberzeugter Miene: „Pie 
Frage des Korridors beantwortet sich ganz von selbst ohrie 
Krieg. Es dauert doch nicht mehr lange, bis RuBland platzt, 
Dann lasscn wir den Polen die Ukraine bis nach Odessa und 
bekommen dafiir den Korridor und Danzig,'* 

Wie einiach doch manches fast unlosbar scbeinende 
Problem einem einiachen und durch Kenntnis des Auslandes 
nicht beschwcrten Verstande erscheint. 

Das kleine Erlebnis des Franzosen ist bezeichnend fiir die 
auBenpolitischen Gedankengange, die auf dem Boden der 
NSDAP aufsprieOen konnen. Schreiendes Unrecht aber ware 
es, die Partei als solche dafiir verantwortlich zu machen, Sie 
ist streuig hierarchisch gegliedert. Was^ derFiihrer sagt, ist fiir 
sie absolut verbindlich. Nur fiir das, was er sagt, kann sic 
verantwortlich gemacht werden, 

Der ganz orthddoxe Christ ist Anhanger der Verbal- 
Inspiration. Will heiBen: jedcs Wort der, Bibel muB er wort- 
lich nehmen. Pastor Hapke, der vor fiinfzig Jahren allsonn- 
taglich in Berlin cine groBc Gemcinde um sich zu sammcln 
pflegte, predigte voll Oberzeugung, daB die Sonne sich um die 
Erde drehe, wcil nach der Bibel einst das Gebot ergaqgen sci; 
Sonne, stche still im Tale Gideon! 

Die Bibel der NSDAP ist) Hitlers Buch „Mein Kampf". 
Seine Lektiirc fiir den Nicht-Pg ist nicht ganz einfach. Er vcr- 
steht manches nicht. Abcr das liegt natiirlich nicht an dem 
Buch, sondcrn an der Nichtzugehorigkeit des Lesers zur Partei. 

Das auBenpolitische Programm seiner Partei faBt Hitler 
also zusammen: 

Die AuBenpolitik des volkischen Staates hat die Existenz der 
durch den Staat zusamtnengefaBteii! Rasse auf diesem Planeten sicher- 
zustellen, indem sie zwischen der Zahl imd dem Wachstum des Vol- 
kcs einerseits und der GroBe und Giite des Grund und Bodens 
andrerseits ein gesundes, lebens-fahiges, natiirliches Verhaltnis schafft. 
Als gesundes Verhaltnis darf dabei immer nur jener Zustand an- 
gesehen werden, der die Ernahrung eines Volkes auf eignem Grund 
und Boden sichert. 

Was Hitler unter der „durch den Staat zusammengefaBten 
Rasse'* verstandcn wissen will, ist nicht ersichtlich. Fine 
deutsche Rasse gibt es bekanntlich nicht, selbst nicht nach 
Auffassung der volkischen Rassegelehrten, Es wohncn viel- 
mehr in Deutschland Angehorige der nordischcn, der ostischen, 

^ 305 



der. 4inarischeii und noch andrcr R ass en, natiirlich mcht reixi- 
lich voneinander geschiedcn, sondcrn, wic der Landwirt sagen 
wiirde, in buntcstcr Gcmenglagc- Ob Hitler diesem Rassssn- 
mischmasch im Reichsgebict die Existenz sicherstellen od^r 
vorerst einc sogcnanntc reine Rasse schaffen will, kann man 
nicht einmal ahnen, 

Sicher scheint nur das Einc, daB er fur Autarkic cintritt: 
die Ernahrung des Volkes muB auf eignem Grund und Bod en 
gcsichet-t sein. Der Gedanke der internationalen Arbcits- 
teiiun^ wird also verworfen, Als Gegenpol eiries v6lkischen 
Staatcs muB demnach England erschcinen, das fiir neun Zehn- 
tel seiner Bcvolkerung die Nahrung nur durch Handel und jn- 
dustriecxport gewtnnen kann. 

Wie kommt der voLkischc Staat zur Autarkic? Klar lautet 
Hitters Ant wort: 

Nicht West- und nicht Ostoricntierung d^rf das kunftige Ziel 
unstet^ Aufienpolitik sein, sondcrn Ostpolitik im Sinn der Erwerbung 
der notwendigcn SchoUe fiir unser deutschesi Volk. 

Also — gen Ostland wollen wir rcitcn! Wie weit, wird 
nicht spezialisiert. Auf Rufiland ist Hitler sehr schlecht zu 
sprechcn. Er nennt die Regenten dcs hcutigen RuBlaiid ;,blut- 
befleckte, gcmeine VerbrecKer, den Absohaum der Mensch- 
heit". Abcr RtiBland grenzt nicht an/Dcutschland, Wenn 
Dcutschland durch seine Ostpolitik die ihm notwendige Scholle 
crwerben soil, wird es die zwischcn Dcutschland und RuBland 
liegcnden Staaten nicht gut auslassea konnen. DaB die an 
Dcutschland grenzendcn Telle Pol ens nicht volksleer sondcrn 
sogar doppelt so stark bevolkert sind wic die dcutschc Ost- 
mark, weiB Hitler natiirlich. Wo soil dahcr,; selbst wenn wir 
staatsrechtlich in den Besitz gcwaltiger Landstrcckcn im 
Osten kamen, Sicdlungsraum fiir dcutschc Bauem herkommcn? 
Dies Tbema wird von Hitler nicht behandelt, obwohl ihm cine 
gewissc realpolitische Bcdcutung nicht abgesprochen wcrden 
kann. Das Ziel bczcichnct cr deutlich, Der Wcg zum Ziel 
bkibt uncrortcrt. 

' Als Haupthindcrnis auf dcm Wcge zum Ziel sicht er offen- 
bar Frankreich an. Gcgen Frankreich kann er nicht Worte 
gcnug der Verurteilung finden: 

Der unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt 
Frankreich . . ^ Dieses an sich immer mehr der Vernegerung anheim- 
fallende Volk bcdeutet in seiner Bindung an die Ziele der jiidischen 
Weltbeherrschung eine lauernde Gefahr fiir den Bestand der weiBen 
Rasse Europas. Denn die Verpestung durch Negerhlut am Rhein 
im Herzen Europasi entspricht ebensosehr der sadistisch-perversen 
Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes unsres Volkes, wie der 
cisig-kalten Oberlegung des Judcn, auf diesem Wege die Bastardie- 
rung des europaischen Kontinents im Mittelpunkt zu beginnen und 
der weiBen Rasse durch die Infizierung mit niederem Menschentum 
die Grundlage zu einer selbstberrlichen Existenz zu entziehen. 

Was Frankreich, angespornt durch eigne Rachsucht, planmaBij^ 
gefuhrt durch die Juden, beute in Europa betreibt, ist eine Siinde 
wider den Bestand der weiBen Menschheit und wird auf dieses Volk 
dereinst alle Rachegeister eines Geschlechts hetzen, das in der Ras- 
senschande die Erbsdndc der Menschheit erkannt hat. 

Hitlers AuBenpolitik rechnet also mit zwei benannten Zah- 
len: der Erbfcindschaft Frankreicbs und dem deutschen Willcn 

306 



xur terrilorialen: Ausdehnung nach dcm Osten. Das X in seiiL^r 
Rcchnung istr wie kommen wir zum Ostritt trotz der cwigfen 
Gcgnerschaft Frankreichs? 

Er lost dies X durch Einsetzung voa Italicn uud England 
als unsern Verbiindeten in seine Rechnung. 

Des Biindnisscs niit Italicn glaubt er sich sicher iniolgc 
seines Vcrzichts auf die Deutschen Siidtirols und kra£t der 
Scclengemeinschaft mit Mussolini. 

DaB es auf englischer Seite gcwisse Schwicrigkeiten gebcn 
konnte, scheint er zu schen. Aber da ist er erst rccht zu 
groBen Konzessionen bcreit. Die ganze deutsche Vorkricgs- 
politik gibt er preis; 

Ich gestehe offen, daB ich schon in der Vorkriegszeit es fiir ricli- 
tiger gehalten hatte, wenni sich Deutschlandi unter Verzicht auf Han- 
dets- und Kriegsflotte, mit England im Bunde, gegen RuBland ge- 
stellt' hatte und damit von d«r schwachen Allcrweltspolitiki zu einer 
entschlo&senen europaischen Politik kontinentalen' Bodenerwerbs uber- 
gegangen ware, 

Ganz konsequent erklart er deshalb fiir die Zukunft; 

DaB der Schrei nach einer neuen Kriegsflotte, d«r Wiedergewin- 
nung unsrer Kolpnien usw. wirklich bloB «in albernes Geschwatz ist, 
ohne auch nur einen Gedanken praktischer Ausfiihrbarkeit zu Be- 
sitzen, wird man bei ruhigem Dberlegen wohl kaum zu bestreiten 
vermogen. Wie man aber in England diese unsinnigsten Ergusse tejls 
harmloser, teils ■ verriickter, immer aber im stillen Dienste unsrer 
Todfeinde stehend«r Protestkampen politisch ausniitzt, kann nicht 
als giinstig fiir Deutschland bezeichn^t werden. 

Wic die Herren von der Kolonialgesellschaft sich zu die- 
sem Antikolonialprogramm stellen, weiB ich nicht. Aber das 
1st ihre Sache. Cberraschcn wird die Pazifi^tcn die energische 
Stellun^nahme Hitlers gegen eine neuc Kriegsflotte, Um so 
mehr wird sie sie libcrraschen, als die Parteigenossen Hitlers 
im ^Reichstag ausnahmslos fiir die neuen Panzerkreuzer ge- 
stimmt haben: 

Ob man jemals in dem urdemokratischen England Ncigung 
empfindien wird, auf Hitlers Bundnisangebot einzugehen, ttiuB 
die Zukunft lehren. Etwas bedcnklich diirfte es die ausnahms- 
los jedem neuen Krieg abholden Englandcr stimmcn, wenn 
Hitler schreibt: 

Ein Biindnis, dessen 2iel . nicht die Absicht zu einem Kriege um- 
fafit, ist Sinn- und wcrtlos. 

In der Bibel find en sich mattcherlci Stellen, die schw«r 
miteiixander in Einklang zu bringen sind. In der Laienbibel 
Hitlers ejitdeckt man stcllenweise sehr gescheite Ausspriiche, 
S6 wehri er den Diplomatcn zuriift: 

Einei Diplomatie hat dafur zu sorgen, daB ein. Volk nicht hero- 
isch zugrundc geht, sond«rn praktisch erhalten wird, Jeder Weg, der 
hierztr fiihrt, ist dann zweckmaBig, und s«in Nichtbegehen mufi .als 
pflichtvergessenes Verbrechen bezcichnct werden. 

Andrcrseits macht er den vcrflossenenRegierungeni einen 
Vorwurf daraus, daB sie nicht den Vertrag von Versailles daztt 
benutzt haben, um „die nationalcn Leidenschaften bis zur 
Si^dehitzc aulzupeitschen". Sein Wunsch jedcnfails ist es, 
daB das Angstgebet unsrer hetitigcn Vereinspatrioten „Herr, mach 
unsfmr* sich in dem G^hirn des klelnsten Jungen verwandclt zur 

307 



^tuhend^n Bitte: „Allmachtiger Gott, segne dereinst unsre Waffiaa; 
sei so g^recht, wie du e^ imm«r warst; urteile jetzt, ob wir die Frei- 
hcit nun vcrdienen; Herr, se^ne un&ern Kampfl" 

Wenn man iibcr Hitlers AuBenpolitik sich ciri objektives 
Urteil bilden will, tut man gut daran> sich Bismarcks hGc- 
danken und Erinncrungcn** wicder einmal vorzunehmen. Sie 
wirkea selbst hcute noch schr stark, wenn sie auch der 
starken Ausdriicke entbehren. 



Zu dieser Abriistungskonferenz Fdedricii metische 

I^eine Regierung gibt jetzt zu, dafi sie das Heer unterhalte« um ge- 
*^ icgcntlichc Eroberungsgeliiste zu bcfri«digcn; spndern dcr Vcr- 
teidigun^ soil es dienen. Jene Moral, welche die Notwehr billigt, wird 
als ihre Fiirsprecherin angerufen. Das heifit aber: sich die Moralitat 
und dem Gegner die Immoralitat vorbehalten, well er angriffs- tind 
eroberungs'lustig gedacht wcrden muB, wenn unser Staat notwendig an 
die Mittel der Notwehr denken soil; tiberdies erklart man ihn, der 
genati ebemso wie unser Staat die Angriifsltist I'cugnei und auoh seiner- 
seits das Heer vorgeblich nur aus Notwehrgrunden unterhalt, durch 
unsre Erklartmg, weshalb wir ein Heer brauchen, fiir einen Heuchler 
und lisligen Verbrecher, welcher gar zu gern ein harmloses und un- 
geschicktes Opfer ohne alien Kampf uberfallen mochte. 

So stehen. nun alle Staaten jetzt gegeneinander: sie setzen die 
schlechte Gesinnung des Nachbars und die gute Gesinnung b^i sich 
voraus. Diese Voraussetzung ist aber eine Inhumanitat, so schlimm 
und schlimmer als der Krieg: ja, im Grunde ist sie schon die Auf- 
forderuiig und Ursache zu Kriegen, weil sie, wie gesagt, dem Nachbar 
die Imtetoralitat unterschiebt und dadurch die feindselige Gesinnung 
und Tat zu provozieren scheint. 

Der Lehre von dem Heer als einem Mittel der Notwehr muB man 
ebenso griindlich abschworen als den Eroberungsgeliisten, Und es 
konimt Vielleicht ein groBcr Tag, an welchcm ein Volk, durch Kriege 
und Siege, durch die hochste Ausbildung der militarischen Ordnung 
und Intelligenz ausgezeichnet und gewohnt, diescn Dingen die schwer- 
sten Opfer zu bringen, freiwillig ausruft; „Wir zerbrechen das 
Schwert" — und sein gesamtes Heerwesen bis in seine letzten Fun- 
damente zertrummert. \ 

Sich wehrlos machen, wahrend man der Wehrhafteste war, aus 
einer Hohc der Enipfindung heraus, — das ist das Mittel zum wirk- 
lichen Frieden, welcher immer auf einem Frieden der Gesinnung ruhen 
mniQ: wahrend der sogenannte bewaffnete Fricdc, wie er jetzt in alien 
Landern einhergeht, der Unfriede der Gesinnung ist, der sich und dem 
Nachbar nicht traut und halb aus HaB, halb aus Furcht die Waffen 
nicht ablegt. Lieber zugrunde gehn als hassen tmd furchten, und 
zweimal lieber zugrunde gehn als sich ha^en und furchten machen, 
— dies muB einmal auch die oberste Maxime jedcr einzelnen staat- 
lichen Gesellschaft werden! 

Unsern liberalen Volksvertretern fehlt es, wie bekannt, an Zeit 
zum Nachdenken iiber die Natur des Menschen: sonst wurden sie 
wissen* daB sie imisonst arbeiten, wenn sie fiir eine „allmahliche Her- 
abminderung der Militarlast'* arbeiten. Vielmehr; erst wenn diese Art 
Not am groBten ist, wird auch die Art Gott am nachsten sein, die 
hier allein helfen kann. Der Kriegsglorien-Baum kann nur mit Einem 
Male, durch einen Blitzschlag! zerstort werden: der Blitz aber kommt, 
ihr wiBi es ja, au» der Wolk© und der Hohe. 

Aus: Der Wanderer und sein Schatten 

308 



Friedrich Adler gegen Kautsky von Bmno Frei 

iLjJan nennt die Einheitsfront gcrn und mit Recht: die Auf- 
gabe der Stundc. Die Frage ist nur, wic langc dauert 
«ine „Stunde" in der Weltgeschichte? Man mu6 crkennen 
und dieser Erkenntnis ins harte Antlitz schauen; die ,,Stunde", 
deren Aufgabe die SchaHung der Einheitsfront ist, kann, nein, 
wird einen Zeitraum umfassen, dessen Konturen in der Feme 
verschwimmen. Genauer ausgedriickt: die Einheitsfront ist die 
Aufgabe einer ganzen Geschichtsepoche, Um keine MiBver- 
standnisse aufkommen zu lassen; nicht der nachsten sondem 
der gegenwartigen. Mit dieser Erkenntnis soil selbstverstand- 
lich die Einheitsfront als praktische Aufgabe nicht verschobcn 
werden, aber es gilt die Illusion zu zerstoren, als ob sie, die in 
Wirklichkeit ein geschichtlicher ProzeB ist, den wir fordern 
und beschleunigen konnen, bloB eine anzunehmende Resolution 
sei, die an irgend cinem runden Tisch beschlossen werden 
konnte. Die Befreiung der durch die sozialdemokratische 
Politik paralysierten p^roletarischen Klassenkraft^ die Formung 
des Proletariats als Klasse, ist ein ProzcB, bei dem der Fascis- 
mus als Katalysator wirken kann, aber immerhin ein ProzeB 
und keine Wunderkur. 

Diese Vorbemerkungen sind notig, um die jiingsten auf- 
falligen Vorgange in der Sozialistischen Arbeiter-Internationalc 
(SAI) richtig einzurcihen und sich ebensosehr von sturem 
NichtvcrstehenwoUen wie von torichten lUusionen freizuhalten. 

Die Tatsachen; Auf dem letzten Parteitag der oster- 
reichischen Sozialdemokratie erklarte Otto Bauer in seinem 
Referat, die soziald^mokratischen Parteicn miiBten begreifen, 
daB nach dem Gelingen des Fiinfjahrplans in der Sowjetunion 
eine sozialistische Wirtschaft im Entstehen sei. Je besser 
diese Wirtschaft funktionieren, je mehr sie in die Lage 
kommen werde, die Bediirfnisse der Arbciter und Bauern zu 
befriedigen, desto eher werde die Diktatur ihren eignen Ab- 
bau vollziehen, um schlieBlich vollends der Demokratie zu 
weichen. Gestiitzt auf diese Erkenntnis, miiBten die sozial- 
demokratischen Parteien die Sowjetunion unter alien Umstan- 
den und mit alien Mitteln gegen jeden Angriff verteidigen, Der 
Augenblick eines Angriffs auf die Sowjetmacht werde die Ein- 
heitsfront der sozialdemokratischen und kommunistischen Ar- 
beiter zur Verteidigung der Sowjetunion bringcn. Vcrhand- 
iungen von Internationale zu Internationale, zwischen Zurich 
und Moskau, miiBten dann einsetzen, um diese Einheitsfront zu 
organisieren. 

Die Tatsache, daB Otto Bauer die Bemiihungen zur^haf- 
fung der Einheitsfront auf den Tag des Angriffs kapita^tischer 
Machte gegen die Sowjetunion verschiebt, hat ihren Grund 
darin, daB Otto Bauer in den auBerrussischen Landern nach 
wie vor den Weg der Demokratie im Gegensatz zu dem Weg 
der proletarischen Diktatur, der in der Sowjetunion zum Er- 
lolg gefiihrt hat, als gcgeben ansieht. Diese scharfe Trennung 
der auBenpolitischen Einheitsfront von der innenpolitischen 

a 309 



kennzeichnct die gaiize Konstruktion als eincn Entlafittmgs* 
versuch gcg^nubcr d^m wachsenden Dfuck von uflten. 

In dcr Februarausgabe dcr in Wicn erscheinendcn sozial- 
demokratischen Zeitschrift ,Der Kampf\ als dcren Herausgebef 
Friedrich Adler zcichnet, ist nun ein Bricfwechsel zwischeft 
Friedrich Adler und Karl Kautsky verofientlicht, und zwar im 
AnschluB an cinen; Artikel Kautskys iiber ,,Demokratie und 
Diktatur*'. Dieser Artikel stellt eine Antwort an Otto Bauers 
Parteitagsreferat dar, Kautsky geht von der Erklarung aus, 
die Demokratie sei nicht cincr der Wege, die zum sozialisti- 
schen Zielc fiihren, sondern (,ein Stuck dieses Zieles selbst**- 
Es gebe keinen andern Weg zum Sozialismus als die Demo* 
kratie. Da in der Sowjetunion die Demokratie beseitigt sei, 
habe das, was dort geschieht, mit Sozialismus iiberhaupt nichts 
zu tun. Die Diktatur in der Sowjetunion ist so zu bewerten 
wi^ die friihern utopistischen Versuchc in der ersten Halite, 
des vorigen Jahrhunderts. Der Fiinfjahrplan sei ebenso sirin- 
los wie die Versuche der liberalen Grofigrundbesitzer in den 
sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit den Entschadi- 
gungsgeldern^ die nach der Aufhebung der Leibeigenschaft ge* 
zahlt wurden, modeme Jandwirtschaftliche Maschinen nach; 
RuBland zu importieren. Diese Versuche scheiterten an der 
Riickstandigkeit des russischcn Bauern, Diese Riickstandig* 
keit dfes russischen Mcnschen konne nur durch eine Periode 
der Demokratie iiberwunden werden. Dcr Bolschewismu* 
hdlte diese Entwicklung auf, deshalb miisse er gestiirzt wer- 
den. Es sei nicht richtig, daB der Bolschewisnius naeh seinem 
Sturze von einer weifien Diktatur abgelost werden und daB^ 
dcr Sturz des Bolschewismus sich ungiinstig auf die Lage der 
internationalen Arbeiterklassc auswirken wiirde. Aufstande 
gegen die rote Diktatur miiBten von der europaischen Sozial-^ 
demokratie unterstiitzt werden. Der Sturz der Sowjetniacht. 
wiirde die Liquidierung der kommunistischen Parteien und so- 
die Einheits£ront, wie sie vor dem Kriegc bestand, wiederher- 
stellen. Eine andre Einheitsfront gebe es nicht. 

Dieser Artikel, dcr in der Tat alles iibcrtrifft, was aus; 
HaB gegen die Sowjetunion bisher produziert wordcn ist, cr^ 
schcint in der sozialdemokratischcn Zeitschrift unter auBer- 
gcwohnlichcn Begleitumstanden. Vorerst steht an seiner 
Spitze eine Verwahrung dcr Redaktion des ,Kampf', in der 
festgestcllt wird, daB manche der hier dargelegten Ansichtcn, 
,,insbesonderc auch die iiber SowjetruBland", „im schroffsten 
Gegensatz zu den Auffassungen stchen, die sowohl die Re- 
daktion des ,Kampf* wie auch die Soiialdcmokratische Ar- 
bciterpartci Ocstcrreichs in ihren Parteitagsbeschliissen, offent* 
lichen Kundgebungen und in ihrer Parteipresse vertritt". Dann 
abcr folgt dem Artikel ein Bricfwechsel zwischcn Kautsky 
und Friedrich Adler, dem zu entnehmen ist, dafi Kautsky den 
Artikel im Dezember eingesandt, daB abcr Friedrich Adler den 
Versuch unternommcnj hat, Kautsky von der Veroffentlichung 
des Beitrags abzubringen. Dieser Versuch ist gescheitert, da 
Kautsky unter alien Umstariden auf die Veroffentlichung des 
Artikels, den er off enbar als scin politisches Testament be- 
trachtet, bestand. Daraufhin entschloB sich Adler, den ganzel^ 

310 



Bricfwcchsel abzudrucken (mit Ausnahmc von einigen durch 
Gcdankcnstrichc ersetzten Stcllen). Friedtich Adlcr schfeibt 
an Kautsky, daB in seinen Ausfiihrungen 

ein Standpunkt vertreten wird, der nach meiner (Fri-edrich Adlcrs) 
t)berzeugung heutc nicht einer der innerhalb der Internationale mog- 
lichen Diskussionsstandpunkte betreffend SowjetruBlands sein kann* 
sondern daB Du (Kautsky) t so scbwer es mir auch ist, dies auszu- 
sprecben, Dicb in dieser Frage auf eine Plattform begibst, die mir 
innerhalb der Sozialistischen Arbciter-International« nicht, oder zu- 
mindest nicht mehr, moglich erscheint, 

Adlcr weist in einem langcn Schreiben vom 31, Dczembcr 
1932 nach, daB Kautskys Standpunkt sich mit dem der Gruppe 
nSarja" (Potressow, Ingermann etcetera) decke, dercn Aui- 
nahmc in die SAI schon anlafilich des hamburger Griindungs- 
kongresses 1923 einstimmig abgelehnt wurde mit der Bcgriin- 
dung, daB sie sich an Interventioncn gegen Sowjctrufiland bc- 
tciligt und es als ihre Aufgabe betrachtet, Aufstande in Sow- 
jctruBland hcrvorzurufen. Friedrich Adlcr wcist ausdriicklich 
darauf hin, daB diese Abgrcnzung gcgcniiber dem Standpimkt 
der Sarjalcute heute notwendiger sci als jcmals, auch auf die 
Gefahr hin, daB sich vielleicht „der cine oder der andre rcchte 
russische Menschewik oder Sozialrevolutionar von uns 
trcnnen werdc*'. 

Gegeniibcr der Kautskyschen Forderung nach einem ,,Sieg- 
frieden*' vcrtritt Adlcr die Forderung nach einem „Vcrstandi- 
gungsfrieden". Diesen Kcrnpunkt der Adlerschcn Ausfiihrun- 
gen wollcn wir wortlich hierher setzen: 

Fiir cine Einigung zwischen Sozialdemokraten und Bolschcwiki 
gibt es auf politischem Gebiet zwei Gesichtspunktet die das Minimum 
darstelleUf ohne die an eine Verstandigung uberhaupt nicht zu denken 
ist. Es bleiben dann noch immcr eine Fiille von Schwierigkeiten und 
Problemen prinzipieller, taktischer und organisatorischcr Natur, aber 
diese zwei Gesichtspunkte sind vor allem conditiones sine qua non: 

1. Die Bolschewiki miissen ^nerkennen, dafi der demokratischc 
Weg zum Sozialismus zumindest in gewisscn Landern (zum B^i&piel 
Skandinavien) nicht ausgeschlossen ist. 

2. Die Sozialisten miissen anerkennen, daB es nicht ausgeschlossen 
ist, dafi ohne Riickkehr zum Privatkapitalismus Sowjetrufiland aus 
seiner jetzigen Lagc schliefilich zum Sozialismus gelangt. 

Diese mit Absicht so ganz auBerordcntlich eingeschrankt lormu- 
iierten Gesichtspunkte muBten anerkannt werden, wenn das Reden 
von der Einheit ilberhaupt irgendcinen Sinn haben soil. 

Friedrich Adlcr unterstrcicht noch, daB Kautskys Stand- 
punkt zum Teil auf einem personlichen Resscntimcnt beruht. 
Die SAI aber wolle und konne nicht dabei stehcn bleiben, in 
die Vergangenheit zu blicken, sic miisse in die Zukunft sehcn. 
Zwischen dem Standpunkt der SAI, die Erhaltung und Forde- 
rung der Sowjetunion sei Pflicht allcr Sozialisten, und dem 
Standpunkt Kautskys, mit ,,spontanen*' Aufstanden in der 
Sowjetunion zu sympathisieren, gabc es keine Briicke, 

In einem Schreiben vom 10, Januar beharrt Kautsky auf 
seiner Forderung. Friedrich Adlcr antwortct nochmals am 
16. Januar und kiindigt an, daB nunmehr sowohl der Artikel 
als auch die ,,harte Antwort" veroffentlicht werde. Noch cin- 
mal bctont Adler, daB es sich bier nicht um eine Diskussion 
handle, denn allcs, was Kautsky in bczug auf die Sowjetunion 

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sagt* stche in Widcrspruch mit den Rcsolutionen dcr Exc- 
kutivct und zu dcr Auffassung dcr Mehrhei