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Full text of "Die Zukunft einer Illusion [2. Auflage]"

i3igm. Freud 




Die Zukunft 

* 


einer 

Illusion 














INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



SIGM. FREUD 
DIE ZUKUNFT EINER ILLUSION 





J_Jie ^ukunlt 
einer Xllusion 

Von 

Oigm. Jureuo 

2. Auflage (G.— 16. Tausend) 

1928 

Internationaler 

xsycnoanalytisclier Verlag 

-Leipzig / W i e n / Jülich. 









ALLE RECHTE, 

INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG, 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1928 

BY „INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG, GES. M. B. H.", WIEN 



6. BIS 16. TAUSEND 



DRUCK: CHRISTOPH REISSER'S SÖHNE, WIEN V 






"Wenn man eine ganze "Weile innerhalb einer be- 
stimmten Kultur gelebt und sich oft darum hemüht hat, 
zu erforschen, wie ihre Ursprünge und der Weg ihrer 
Entwicklung waren, verspürt man auch einmal die V er- 
sudiung, den Blich nach der anderen Richtung zu wenden 
und die Frage zu stellen, weldies fernere Sdiicksal dieser 
Kultur bevorsteht und welche Wandlungen durchzumadien 
ihr bestimmt ist. Man wird aber bald merken, dal} eine 
solche Untersuchung von vornherein durch mehrere Mo- 
mente entwertet wird. Vor allem dadurch, dalj es nur 
wenige Personen gibt, die das mensailidie Getriebe in all 
seinen Ausbreitungen übersdiauen können. Für die meisten 
ist Besdiränltung auf ein einzelnes oder wenige Gebiete 
notwendig geworden; je weniger aber einer vom Vergan- 
genen und Gegenwärtigen wei.§, desto unsiaierer mub sein 
Urteil über das Zukünftige ausfallen. Ferner darum, weil 
gerade bei diesem Urteil die subjektiven Erwartungen des 
Einzelnen eine schwer abzusdiätzende Rolle spielen; diese 
zeigen sich aber abhängig von rein persönlichen Momenten 



seiner eigenen Erfahrung, seiner melir oder minder hoff- 
nungsvollen Einstellung zum Leben, wie sie ihm durdi 
Temperament, Erfolg oder Mißerfolg vorgesdirieben 
worden ist. Endlich kommt die merkwürdige Tatsadie 
zur Wirkung, dalj die .Mensdien im allgemeinen ihre 
Gegenwart wie naiv erleben, ohne deren Inlialte wür- 
digen zu können; sie müssen erst Distanz zu ilir ge- 
winnen, d. li. die Gegenwart muJj zur Vergangenheit ge- 
worden sein, wenn man aus ilir Anhaltspunkte zur Be- 
urteilung des Zukünftigen gewinnen soll. 

Wer also der Versuchung nadigibt, eine Äußerung 
über die walirsdieinlidie Zukunft unserer Kultur von sidi 
zu geben, wird gut daran tun, sidi der vorliin angedeuteten 
Bedenken zu erinnern, ebenso wie der Uiisidierbeit, die 
ganz allgemein an jeder Vorhersage haftet. Daraus folgt 
für midi, dalj idi in eiliger Fludit vor der zu grofjen Auf- 
gabe alsbald das kleine Teilgebiet aufsudien werde, dem 
auch bisher meine Aufmerksamkeit gegolten hat, nach- 
dem ich nur seine (Stellung im grofjen Ganzen bestimmt 
habe. 

Die mensdilidie Kultur — idi meine all das, worin 
sidi das mensdilidie Leben über seine animalischen Be- 
dingungen erhoben hat und worin es sidi vom Leben der 
Tiere unterscheidet — und idi verschmähe es, Kultur und 
Zivilisation zu trennen — zeigt dem Beobaditer be- 
kanntlich zwei (Seiten. Sie umfaßt einerseits all das 
Wissen und Können, das die Mensdien erworben 



haben, um die Kräfte der Natur zu beherrsdien und 
ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürf- 
nisse abzugewinnen, anderseits alle die Einriditungen, 
die notwendig sind, um die Beziehungen der Menschen 
zueinander, und besonders die Verteilung der erreich- 
baren Güter zu regeln. Die beiden Riditungen der 
Kultur sind nidit unabhängig voneinander, erstens, weil 
die gegenseitigen Beziehungen der Mensdien durdi das 
Mafj der Triebbefriedigung, das die vorhandenen Güter 
ermöglidien, tiefgreifend beeinfluljt werden, zweitens, weil 
der einzelne Mensdi selbst zu einem anderen in die Be- 
ziehung eines Gutes treten kann, insofern dieser seine 
Arbeitskraft benützt oder ihn zum Sexualobjekt nimmt, 
drittens aber, -weil jeder Einzelne virtuell ein Feind der 
Kultur ist, die dodi ein allgememmensdilidies Interesse 
sein soll. Es ist merkwürdig, dalj die Mensdien, so wenig 
sie audi in der Vereinzelung existieren können, dodi die 
Opfer, -welche ihnen von der Kultur zugemutet werden, 
um ein Zusammenleben zu ermöglidien, als seh -wer drüdtend 
empfinden. Die Kultur mulj also gegen den Einzelnen 
verteidigt werden und ihre Einriditungen, Institutionen 
und Gebote stellen sida in den Dienst dieser Aufgabe; 
sie bezwedten nicht nur, eine gewisse Güterverteilung her- 
zustellen, sondern auch diese aufrechtzuhalten, ja sie 
müssen gegen die feindseligen Regungen der Menschen 
all das beschützen, was der Bezwingung der Natur und 
der Erzeugung von Gütern dient. Menschlidie odiöpfungen 



sind leictt zu zerstören und Wissensctaft und Tedmik, 
die sie aufgetaut taten, können audi zu itrer Vernidi- 
tung verwendet werden. 

So tekommt man den Eindruck, dafj die Kultur etwas 
ist, was einer widerstretenden Metrteit von einer Minder- 
zatl auferlegt wurde, die es verstanden tat, sict in den 
Besitz von Mactt- und Zwangsmitteln zu setzen. Es liegt 
natürlidi nate anzunetmen, da^ diese Sckwierigkeiten 
nictt am Wesen der Kultur seltst taften, sondern von den 
Unvollkommenkeiten der Kulturformen tedingt werden, 
die tis jetzt entwickelt worden sind. In der Tat ist es 
nickt sctwer, diese Mängel aufzuzeigen. "Wätrend die 
Mensditeit in der Beterrsckung der Natur ständige Fort- 
sdintte gemactt tat und noct größere erwarten darf, ist 
ein ätnlicter Fortsctritt in der Regelung der mensctlidien 
Angelegenteiten nictt sicter festzustellen und watrsctein- 
lict zu jeder Zeit, wie auct jetzt wieder, taten sict viele 
Menscten gefragt, ot denn dieses Stück des Kulturerwerts 
ütertaupt der Verteidigung wert ist. Man sollte meinen, 
es mü^te eine Neuregelung der mensdilicten Bezietungen 
möglict sein, welcte die Quellen der Unzufriedenteit 
mit der Kultur versagen mactt, indem sie auf den Zwang 
und die Trietunterdrückung verzicttet, so daf; die Men- 
scten sict ungestört durct inneren Zwist der Erwertung 
von Gütern und dem Gem4 derselten tingeten könnten. 
Das wäre das goldene Zeitalter, allein es fragt sict, ot 
ein solcter Zustand zu verwirklidien ist. Es sdieint viel- 

8 



• 



me 
au 



hr, daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzidit 
fbauen muß; es sdieint nidit einmal gesichert, daß beim 
Aufhören des Zwanges die Mehrzahl der menschlichen 
Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung auf sich 
zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer Lehensgüter 
bedarf. Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen, 
dal} bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und 
antihulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese 
bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, 
um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu 
bestimmen. 

Dieser psychologischen Tatsache kommt eine entschei- 
dende Bedeutung für die Beurteilung der menschlichen 
Kultur zu. Konnte man zunächst meinen, das VV esentlidie 
an dieser sei die Beherrschung der Natur zur Gewinnung 
von Lebensgütern und die ihr drohenden Gefahren liefen 
sich durch eine zweckmäßige Verteilung derselben unter 
den Menschen beseitigen, so scheint jetzt das (Schwer- 
gewicht vom Materiellen weg aufs oeelisdie verlegt. Es 
wird entsdieidend, ob und inwieweit es gelingt, die Last 
der den Mensdien auferlegten Triebopfer zu verringern, 
sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und 
dafür zu entschädigen. Ebensowenig wie den Zwang zur 
Kulturarbeit, kann man die Beherrschung der Masse durdi 
eine Minderzahl entbehren, denn die Massen sind träge 
und einsichtslos, sie lieben den Triebverzicht nicht, sind 
durdi Argumente nicht von dessen Unvermeidlichkeit zu 



üterzeugen und ilxre Individuen Wärken einander im 
GewäkrenWn ilxrer Ziellosigkeit. Nur durdx den Ein- 
fluß vorkildlidxer Individuen, die sie als ilxre Fülxrer 
anerkennen, sind sie zu den Arbeitsleistungen und Ent- 
sagungen zu Wegen, auf weldxe der Bestand der Kultur 
angewiesen ist. Es ist alles gut, wenn diese Fülxrer Per- 
sonen von üWegener Einsidxt in die Notwendigkeiten 
des LeWs sind, die sidx zur Belxerrsdxuxxg ikrer eigenen 
Triekwünscke aufgesdxwuxxgen katen. Aker es Wellt für 
sie die Gefalxr, da| sie, um ihren Einfluß nickt zu ver- 
lieren, der Masse mekr nadigeken als diese iknen, und 
darum ersdxeint es notwendig, daf 3 sie. durdx Verfügung 
üker Madxtmittel von der Masse unakkängig seien. Um 
es kurz zu fassen, es sind zwei weit verleitete Eigen- 
sten der Mensdxen, die es versdxulden, daf 3 die kultu- 
rellen Einrichtungen nur durdx ein gewisses Mal^ von 
Zwang gelxalten werden können, nämlidx, daf 3 sie spontan 
nidxt arheitslustig sind und daf 3 Argumente nidxts gegen 
ilire Leideixsdxaften vermögen. 

Idx weil], was man gegen diese Ausfülxrungen einwenden 
wird. Man wird sagen, der lxier gesckilderte Clxarakter der 
Mensdxenmassen, der die Unerläfjlidxkeit des Zwanges zur 
Kulturarheit beweisen soll, ist seilst nur die Folge felxler- 
kafter kultureller Einridxtungen, durdx die die Mensdxen 
erhittert, radxsüdxtig, unzugäxxglidx geworden sind. Neue 
Generationen, liehevoll und zur Hodxsdiätzung des Den- 
kens erzogen, die frülxzeitig die V/olxltateu der Kultur er- 



lO 



■ 



fahren haben, werden auch ein anderes Verhältnis zu ihr 
haben, sie als ihr eigenstes Besitztum empfinden, bereit 
sein, die Opfer an Arbeit und Triebbefriedigung für sie 
zu bringen, deren es zu ihrer Erhaltung bedarf. «Sie werden 
den Zwang entbehren können und sidi -wenig von ihren 
Führern untersaieiden. Wenn es menschliche Massen von 
solcher Qualität bisher in keiner Kultur gegeben hat, so 
kommt es daher, dal} keine Kultur nodi die Einriditungen 
getroffen hatte, um die Menschen m soldier vv eise, und 
zwar von Kindheit an, zu beeinflussen. 

.Man kann daran zweifeln, ob es überhaupt oder jetzt 
sdion, beim gegenwärtigen iStand unserer JNaturbeherr- 
schling möglidi ist, solaie kulturelle Einriditungen her- 
zustellen, man kann die Frage aufwerfen, woher die 
Anzahl überlegener, unbeirrbarer und uneigennütziger 
Führer kommen soll, die als Erzieher der künftigen 
Generationen -wirken müssen, man kann vor dem unge- 
heuerlidien Aufwand an Zwang erschredien, der bis zur 
Durchführung dieser Absiditen unvermeidlidi sein wird. 
Die Großartigkeit dieses Planes, seine Bedeutsamkeit 
für die Zukunft der menschlichen Kultur wird man nicht 
bestreiten können. Er ruht sidier auf der psydiologisdien 
Einsidit, dal} der Mensdi mit den mannigfaltigsten Trieb- 
anlagen ausgestattet ist, denen die frühen Kmdheitserleb- 
nisse die endgültige Richtung anweisen. Die (Schranken 
der Erziehbarkeit des Menschen setzen darum audi der 
Wirksamkeit einer soldien Knlturveränderung ihre 



11 



en 
worden. 



Grenze. Man mag es bezweifeln, ob und in weldiem 
Ausmaß ein anderes Kulturmilieu die beiden Eigen- 
sdiaften menschlicher Massen, die die Fülirung der mensdi- 
lidien Angelegenheiten so selir erschweren, auslösdi 
kann. Das Experiment ist nodi nicht gemadit word 
Wahrscheinlich wird ein gewisser Prozentsatz der Mensen- 
lieit — infolge krankhafter Anlage oder übergroßer Trieb- 
stärke — immer asozial bleiben, aber wenn man es nur 
zustande bringt, die kulturfeindlidie Mehrheit von heute 
zu einer Minderlieit herabzudrücken, tat man sehr viel 
erreicht, vielleicht alles, was sidi erreichen läßt. 

Idi möchte nidit den Eindruck erwecken, daß ick midi 
weit weg von dem vorgezeidineten Weg meiner Unter- 
suchung verirrt habe. Ich will darum ausdrücklich ver- 
sichern, daß es mir ferne liegt, das große Kulturexperi- 
ment zu beurteilen, das gegenwärtig in dem weiten Land 
zwischen Europa und Asien angestellt wird. Ich hat 
weder die «Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über d 
Ausführbarkeit zu entscheiden, die Zweckmäßigkeit d 
angewandten Methoden zu prüfen oder die "Weite d 
unvermeidlichen Kluft zwischen Absicht und Durdi- 
führung zu messen. Was dort vorbereitet wird, entzieht 
sich als unfertig einer Betrachtung, zu der unsere längst 
konsolidierte Kultur den «Stoff bietet. 



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issen 

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er 



12 



II 



Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins 
Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren wir ver- 
sucht, den Kulturbesitz in den vorhandenen Gütern und 
den Einriditungen zu ihrer Verteilung zu suchen. Mit 
der Erkenntnis, daij jede Kultur auf Arbeitszwang und 
Triehverzicht heruht und darum unvermeidlich eine Op- 
position hei den von diesen Anforderungen Betroffenen 
hervorruft, wurde es klar, dal) die Güter seihst, die 
Mittel zu ihrer Gewinnung und Anordnungen zu ihrer. 
Verteilung nidit das Wesentliche oder das Alleinige der 
Kultur sein können. Denn sie sind durch die Aufleh- 
nung und Zerstörungssucht der Kulturteilhaher bedroht. 
Neben die Güter treten jetzt die Mittel, die dazu dienen 
können, die Ktdtur zu verteidigen, die Zwangsmittel 
und andere, denen es gelingen soll, die Menschen mit 
ihr auszusöhnen und für ihre Opfer zu entschädigen. 
Letztere können aber als der seelische Besitz der Kul- 
tur beschrieben werden. 

Einer gleidiförmigen Ausdrucksweise zuliebe wollen 



wir die Tatsacbe, dai" ein Trieb nicbt befriedigt werden 
kann, Versagung, die Einricttung, die diese Versagung 
festlegt, Verbot, und den Zustand, den das Verbot berbei- 
fübrt, Entbebrung nennen. Dann ist der nädiste iScbritt, 
zwisdien Entbebrungen zu unterscheiden, die alle be- 
treffen, und soldien, die nickt alle Betreffen, olof 3 
Gruppen, Klassen oder seiest einzelne. Die ersteren 
sind die ältesten: mit den VerLoten, die sie einsetzen, 
bat die Kultur die Ablösung vom animalisdien Ur- 
zustand Begonnen, vor unbekannt wie vielen Tausen- 
den von Janren. Zu unserer TJberrascbung fanden 
wir, daij sie nodi immer wirtsam sind, noeb immer den 
Kern der Kulturfeindseligkeit bilden. Die Triebwünsdie, 
d le unter ibnen leiden, werden mit jedem Kind von 
neuem geboren; es gilt eine Klasse von Mensdien, 
die Neurotiker, die bereits auf diese Versagungen mit 
Asozialität reagieren. Soldie Trieowünsdie sind die des 
Inzests, des Kannibalismus und der Mordlust. Es ltlingt 
sonderbar, wenn man sie, in deren Verwerfung alle 
Mensdien einig sdieinen, mit jenen anderen zusammen- 
stellt, um deren Gewälirung oder Versagung in unserer 
Kultur so lebbaft gekämpft wird, aber psydiologisdi ist 
man dazu bereditigt. Audi ist das kulturelle Verbalten 
Ses en J les e ältesten Triebwünsdie keineswegs das gleicbe, 
nur der Kannibalismus ersdieint allen verpönt und der 
mebt analytisdien Betraditung völlig überwunden, die 
Otärke der Inzestwünsdie vermögen wir nodi binter dem 

*4 



V erbot zu verspüren und der Alord "wird von unserer 
Kultur unter bestimmten Bedingungen nom geübt, ja 
geboten. JMiöglidierweise steben uns Entwicklungen der 
Kultur bevor, in denen nom andere, beute durchaus 
mögliebe AV^unsdibefriedigungen ebenso unannebmbar er- 
saieinen werden, -wie jetzt die des Kannibalismus. 

iScbon bei diesen ältesten Triebverziditen kommt ein 
psydiologisdier Faktor in Betracbt, der auai für alle 
■weiteren bedeutungsvoll bleibt. Es ist niebt ncbtig, dalj 
die mensdilicbe iSeele seit den ältesten Zeiten keine 
Entwidmung durebgemaebt bat und im Gegensatz zu den 
Fortsdiritten der Wissensdiaft und der Tedinik beute 
noeb dieselbe ist, wie zu Anfang der Gesdiicbte. Einen 
dieser seelisdien Fortscbntte können wir bier nachweisen. 
Es liegt in der Ricbtung unserer Entwicklung, dab, äuljerer 
Zwang allmäblidi vermnerlidit wird, indem eine beson- 
dere seelisdie Instanz, das XJber-Idi des jMensdien, lbn 
unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind Iübrt uns den 
Vorgang einer soldien Umwandlung vor, wird erst durdi 
sie moraliscb und sozial. Diese Erstarkung des über-ldis 
ist ein bödist -wertvoller psydiologisdier Kulturbesitz. 
Die Personen, bei denen sie stdi vollzogen bat, werden 
aus Kulturgegnern zu Kulturträgern. Je gröfjer ibre An- 
zabl in einem Kulturkreis ist, desto gesidierter ist diese 
Kultur, desto eber kann sie der äuljeren Zwangsmittel 
entbebren. Das Mal} dieser Verinnerlicbung ist nun für 
die einzelnen Triebverbote sebr verscbieden. Für die 



erwäknten ältesten Kulturforderungen sdieint die Ver- 
innerlickung, wenn wir die unerwünschte Ausnakme der 
Neurotiker leiseite lassen, weitgehend erreidit. Dies 
Verliältnis ändert sidi, wenn man sidi zu den anderen 
Trielanforderungen wendet. Man merkt dann mit Uler- 
rasdiung und Besorgnis, da-g eine Ulerzakl von Mensdien 
den dieslezüglicken Kulturverloten nur unter dem Druck 
des äußeren Zwanges gekorckt, also nur dort, wo er sidi 
geltend madien kann und solange er zu lefürdten ist. 
Dies trifft audi auf jene sogenannt moralischen Kultur- 
forderungen zu, die in gleidier Welse für alle lestimmt 
sind. Das meiste, was man von der moralisdien Unzu- 
verlässigkeit der Mensdien erfälirt, geliört nielier. Un- 
endlick viele Kulturmensdien, die vor Mord oder Inzest 
zurücksckrecken würden, versagen sick nickt die Befrie- 
digung ikrer Haigier, ikrer Aggressionslust, ikrer sexu- 
ellen Gelüste, unterlassen es nickt, den Anderen durdi 
Lüge, Betrug, Verleumdung zu sckädigen, wenn sie 
dalei straflos Heilen können, und das war wokl seit 
vielen kulturellen Zeitaltern immer elenso. 

Bei den Einsckränkungen, die sick nur auf lestimmte 
Klassen der Gesellsdaft lezieken, trifft man auf grole 
und audi niemals verkannte Verkältnisse. Es stellt zu 
erwarten, dai^ diese zurückgesetzten Klassen den Bevor- 
zugten ikre Vorreckte teneiden und alles tun werden, 
um ilr eigenes Melir von Entlekrung los zu werden. 
Wo dies nickt möglick ist, wird sick ein dauerndes Mal" 



von Unzufriedenheit innerhalb dieser Kultur behaupten, 
das zu gefährliaien Auflehnungen führen mag. Wenn 
aber eine Kultur es niait darüher hinaus gebracht hat, 
dalj die Befriedigung einer Anzahl von Teilnehmern die 
Unterdrückung einer anderen, vielleicht der Aiehrzahl, 
zur Voraussetzung hat, und dies ist bei allen gegenwärtigen 
Kulturen der Fall, so ist es begreiflich, dalj diese Unter- 
drückten eine intensive Feindseligkeit gegen die Kultur 
entwickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an deren 
Gütern sie aber einen zu geringen Anteil haben. Eine 
V erinnerlichung der Kulturverbote darf man dann bei 
den Unterdrückten nicht erwarten, dieselben sind viel- 
mehr nidit bereit, diese V erböte anzuerkennen, bestrebt, 
die Kultur selbst zu zerstören, eventuell selbst ihre Vor- 
aussetzungen aufzuheben. Die Kulturfeindschatt dieser 
Klassen ist so offenkundig, dal} man über sie die eher 
latente Feindseligkeit der besser beteilten Gesellschafts- 
sdiiditen übersehen hat. Es braucht nicht gesagt zu werden, 
dalj eine Kultur, welche eine so grolje Zahl von Teil- 
nehmern unbefriedigt läJjt und zur Auflehnung treibt, 
weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, nodi es 
verdient. 

Das Maij von Vermnerlidiung der Kulturvorsdiriften 
— populär und unpsyaiologiseh ausgedrückt ; das moralisdie 
Niveau der Teilnehmer — ist nicht das einzige seelisdie 
Gut, das für die vVürdigung einer Kultur in Betradit 
kommt. Daneben steht ihr Besitz an Idealen und an 

Freud: IUu.lon. 2 1J 



Kunstscböpfungen, d. Ix. die Befriedigungen, die aus Leiden 
gewonnen werden. 

Man wird nur allzuleidit geneigt sein, die Ideale einer 
Kultur, d. b. die Wertungen, welcb.es die bödiststebenden 
und am meisten anzustrebenden Leistungen seien, unter 
deren psydnsdie Besitztümer aufzunelimen. Zunädist 
scbeint es, als ob diese Ideale die Leistungen des Kultur- 
preises Bestimmen würden ; der wirtliche Hergang dürfte 
aber der sein, dal^ sidx die Ideale nadi den ersten Lei- 
stungen bilden, weldie das Zusammenwirken von innerer 
Begabung und äuljeren Verbältnissen einer Kultur er- 
möglidit und dalj diese ersten Leistungen nun vom Ideal 
zur Fortfübrung festgebalten werden. Die Befriedigung, 
die das Ideal den Kulturteilnebmern scbenkt, ist also 
narzi^tisdier Natur, sie rubt auf dem Stolz auf die be- 
reits geglückte Leistung. Zu ibrer Vervollständigung be- 
darf sie des Vergleicbs mit anderen Kulturen, die sidi 
auf andere Leistungen geworfen und andere Ideale ent- 
wickelt baben. Kraft dieser Differenzen spricbt sidi jede 
Kultur das Redit zu, die andere gering zu sdiätzen. Auf 
solcbe Weise werden die Kulturideale AnlaJ^ zur Ent- 
zweiung und Verfeindung zwisdien versdiiedenen Kultur- 
preisen, wie es unter Nationen am deutlidisten wird. 

Die narzil^tisdie Befriedigung aus dem Kulturldeal 
gebort audi zu jenen Mäcbten, die der Kulturfeindscbaft 
innerhalb des Kulturkreises erfolgreidi entgegenwirken. 
Nicbt nur die bevorzugten Klassen, welcbe die Wobl- 

x8 



taten dieser Kultur genießen, sondern audi die Unter- 
drückten können an ihr Anteil haben, indem die Be- 
reditigung, die Außenstehenden zu veraditen, sie für die 
Beeinträchtigung in ihrem eigenen Kreis entschädigt. Man 
ist zwar ein elender, von odiulden und Kriegsdiensten 
geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen 
Anteil an der Aufgabe, andere Nationen zu beherr- 
schen und ihnen Gesetze vorzusdireiben. Diese Identi- 
fizierting der Unterdrüdtten mit der sie beherrsdienden 
und ausbeutenden Klasse ist ater nur ein Stück eines 
größeren Zusammenhanges. Anderseits können jene affektiv 
an diese gebunden sein, trotz der Feindseligkeit ihre Ideale 
in ihren Herren erblidcen. Wenn nicht solche im Grunde 
befriedigende Beziehungen bestünden, bliebe es unver- 
ständlidi, dal) so manche Kulturen sidi trotz berechtigter 
Feindseligkeit großer Mensdienmassen so lange Zeit er- 
halten haben. 

Von anderer Art ist die Befriedigung, weldie die 
Kunst den Teilhabern an einem Kulturkreis gewährt, 
obwohl diese in der Regel den Massen, die durch er- 
sdiöpfende Arbeit in Anspruch genommen sind und 
keine persönlidie Erziehung genossen haben, unzugäng- 
lich bleibt. Die Kunst bietet, wie wir längst gelernt 
haben, Ersatzbefriedigungen für die ältesten, immer nodi 
am tiefsten empfundenen Kulturverzidite und wirkt dar- 
um wie nidits anderes aussöhnend mit den für sie ge- 
braditen Opfern. Anderseits heben ihre Sdiöpfungen 



die Identifizierungsgefühle, deren jeder Kulturpreis so 
setr bedarf, durdi den Anla| zu gemeinsam erlebten, 
bodieingesdiätzten Empfindungen; sie dienen aber audi 
der narzi|tisdien Befriedigung, wenn sie die Leistungen 
der besonderen Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art 
an ihre Ideale mannen. 

Das vielleicht bedeutsamste Stück des psydiisdien 
Inventars einer Kultur liat nodi keine Erwähnung ge- 
funden. Es sind ihre im weitesten Sinn religiösen Vor- 
stellungen, mit anderen später zu reditfertigenden Worten, 
ihre Illusionen. 



20 



III 



^N^orin liegt der besondere \\^ert der religiösen Vor- 
stellungen? 

AV^ir Laben von Kulturfeindseligkeit gesprodien, erzeugt 
durai den Druck, den die Kultur ausübt, die Triebver- 
zidite, die sie verlangt. Denkt man sidi llire Verbote 
aufgeboben, man darf also jetzt zum /Sexualobjekt jedes 
W^eib wählen, das einem gefällt, darf seinen Rivalen 
beim vVeib, oder wer einem sonst im YYeg Stent, ohne 
Bedenken erscblagen, kann dem anderen audi irgend- 
eines seiner Güter wegnehmen, obne llin um Erlaubnis 
zu fragen, wie scbön, weldi eine Kette von Befriedi- 
gungen 'wäre dann das Leben! Zwar findet man bald 
die näcbste (Schwierigkeit. Jeder andere bat genau die- 
selben VVünsdie wie idi und wird mich mdit sdionender 
bebandeln als idi lbn. Im Grunde kann also nur ein 
Einziger durdi soldie Aufbebung der Kultureinsdirän- 
kungen uneingesdiränkt glücklidi -werden, ein Tyrann, 
ein Diktator, der alle ^Machtmittel an sidi gerissen bat, 
und auch der bat allen Grund zu wünschen, daf3 die 

21 



Anderen wenigstens dies eine Kulturgebot einlialten: du 
sollst nidit töten. 

Aber wie undankbar, wie kurzsiditig überhaupt, eine 
Aufhebung der Kultur anzustreben! Was dann übrig 
bleibt, ist der Naturzustand und der ist weit sdiwerer 
zu ertragen. Es ist wahr, die Natur verlangte von uns 
keine Triebeinsdiränkungen, sie lielje uns gewähren, 
aber sie hat ihre besonders wirksame Art uns zu be- 
schränken, sie bringt uns um, kalt, grausam, rücksidits- 
los wie uns sdieint, möglidierweise gerade bei den An- 
lässen unserer Befriedigung. Eben wegen dieser Gefahren, 
mit denen die Natur uns droht, haben wir uns ja zu- 
sammengetan und die Kultur geschaffen, die unter anderem 
audi unser Zusammenleben möglidi machen soll. Es ist 
ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseins- 
grund, uns gegen die Natur zu verteidigen. 

Es ist bekannt, dai" sie es in manchen Stücken schon 
jetzt leidlidi gut trifft, sie wird es offenbar später ein- 
mal viel besser machen. Aber kein Mensdi gibt sidi der 
Täusdmng hin zu glauben, dal^ die Natur jetzt schon 
bezwungen ist; wenige wagen zu hoffen, dafj sie einmal 
dem Menschen ganz unterworfen sein wird. Da sind 
die Elemente, die jedem menschlichen Zwang zu spotten 
scheinen, die Erde, die bebt, zerrest, alles Menschliche 
und Mensdienwerk begräbt, das Wasser, das im Auf- 
ruhr alles überflutet und ersäuft, der Sturm, der es weg- 
bläst, da sind die Krankheiten, die wir erst seit kurzem 



2a 






als die Angriffe anderer Lebewesen erkennen, endlich 
das sdimerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein 
Kräutlein gefunden wurde und wahrsdiemlidi keines 
gefunden werden wird. Mit diesen Gewalten stellt die 
Natur wider uns auf, großartig, grausam, unerbittlich, 
rüdtt uns wieder unsere Schwädie und Hilflosigkeit vor 
Augen, der wir uns durch die Kulturarbeit zu entziehen 
gedachten. Es ist einer der wenigen erfreulidien und er- 
hebenden Eindrüdte, die man von der Menschheit haben 
kann, wenn sie angesidits einer Elementarkatastrophe 
ihrer Kulturzerfahrenheit, aller inneren jSdiwierigkeiten 
und Feindseligkeiten vergibt und sidi der großen gemein- 
samen Aufgabe, ihrer Erhaltung gegen die Übermacht 
der Natur, erinnert. 

Wie für die Mensdiheit im ganzen, so ist für den 
Einzelnen das Leben sdiwer zu ertragen. Ein Stück Ent- 
behrung legt ihm die Kultur auf, an der er Teil hat, 
ein Malj Leiden bereiten ihm die anderen Menschen, 
entweder trotz der Kulturvorsdiriften oder infolge der 
Unvollkommenheit dieser Kultur. Dazu kommt, was ihm 
die unbezwungene Natur — er nennt es Sdiicksal — an 
Sdiädigung zufügt. Ein ständiger ängstlidier Erwartungs- 
zustand und eine schwere Kränkung des natürlichen 
Narzihmus sollte die Folge dieses Zustandes sein. Wie 
der Einzelne gegen die Schädigungen durdi die Kultur 
d die Anderen reagiert, wissen wir bereits, er ent- 
ickelt ein entsprechendes Maf3 von Widerstand gegen 



uii' 
wi 



die Einrichtungen dieser Kultur, von Rulturfeindschaft. 
Aber wie setzt er sich gegen die Übermächte der Natur, 
des Schicksals, zur Wehr, die ihm wie allen anderen 
drohen ? 

Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ah, sie besorgt 
sie für alle in gleidxer Weise, es ist aui bemerkens- 
wert, da£ so 2 iemlidx alle Kulturen hierin das gleiche 
tun. Sie macht nicht etwa halt in der Erledigung ihrer 
Aufgahe, den Menschen gegen die Natur 2U verteidi- 
gen, sie setzt sie nur mit anderen Mitteln fort. Die 
Aufgahe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte 
Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt 
und dem Lehen sollen ihre Schred.en genommen werden, 
nehenhei will audi die Wißbegierde der Menschen, die 
freilidayon dem stärksten praktischen Interesse angesehen 
wird, eine Antwort haben. 

Mit dem ersten Schritt ist bereits sehr viel gewonnen. 
Und dieser ist, die Natur zu vermenschlichen. An die 
unpersönlichen Kräfte und Sdnctsale kann man nicht 
neran, sie bleiben ewig fremd. Aber wenn in den Ele- 
menten Leidenschaften toben wie in der eigenen Seele, 
wenn selbst der Tod nichts Spontanes ist, sondern dij 
Gewalttat eines hösen Willens, wenn man überall 
in der Natur Wesen um sieh hat, wie man sie aus der 
eigenen Gesellschaft kennt, dann atmet man auf, fühlt 
sich heimisdx im Unheimlichen, kann seine sinnlose Angst 
psychisch bearbeiten. Man ist vielleicht „och wehrlos, 

24 



aber nicht mehr hilflos gelähmt, man kann zum min- 
desten reagieren, ja vielleicht ist man nicht einmal wehr- 
los, man Kann gegen diese gewalttätigen Übermenschen 
drauhen dieselben Mittel in Anwendung bringen, deren 
man sich in seiner Gesellschaft bedient, hann versudien, 
sie zu beschwören, besdiwichtigen, bestechen, raubt ihnen 
durch soldie Beeinflussung einen Teil ihrer Madit. iSolai 
em Ersatz einer Naturwissensdiaft durch Psyaiologie 
sdiafft nidit bloJg sofortige Erleichterung, er zeigt auch 
den Weg zu einer weiteren Bewältigung der /Situation. 
Denn diese Situation ist nichts Treues, sie hat ein in- 
fantiles Vorbild, ist eigentlidi nur die Fortsetzung des 
früheren, denn in solcher Hilflosigkeit hatte man sidi 
sdion einmal befunden, als kleines Kind einem Eltern- 
paar gegenüber, das man Grund hatte zu fürditen, zu- 
mal den V ater, dessen Sdiutzes man aber auda siaier 
war gegen die Gefahren, die man damals kannte. So 
lag es nahe, die beiden Situationen einander anzu- 
gleidien. Audi kam wie im Traumleben der Wunsdi 
dabei auf seine Rechnung. Eine Todesahnung befällt 
den Schlafenden, will ihn in das Grab versetzen, aber 
die Traumarbeit weil} die Bedingung auszuwählen, unter 
der auch dies gefürchtete Ereignis zur Wunscherfüllung 
wird; der Träumer sieht sich in einem alten Etrusker- 
grab, in das er selig über die Befriedigung seiner archäo- 
logisdien Interessen hinabgestiegen war. Ähnlidi madit 
der Mensch die Naturkräfte nicht einfach zu Mensdien, 



mit denen er wie mit seinesgleichen verkehren kann, 
das würde auch, dem überwältigenden Eindruck nickt ge- 
redit werden, den er von ihnen hat, sondern er gitt 
ihnen Vatercharakter, madit sie zu Göttern, folgt dahei 
nicht nur einem infantilen, sondern audi, wie ich ver- 
sudit hahe zu zeigen, einem phylogenetisdien Vorhild. 

Mit der Zeit werden die ersten Beobaditungen von 
Regel- und Gesetzmäßigkeit an den Naturerscheinungen 
gemadit, die Naturkräfte verlieren damit ihre mensch- 
lichen Züge. Aher die Hilflosigkeit der Mensdien hleiht 
und damit ihre Vatersehnsucht und die Götter. Die 
Götter hehalten ihre dreifadie Aufgahe, die Sdirecken 
der Natur zu hannen, mit der Grausamkeit des iSchick- 
sals, hesonders wie es sich im Tode zeigt, zu versöhnen 
und für die Leiden und Entbehrungen zu entschädigen, 
die dem Mensdien durdi das kulturelle Zusammenlehen 
auferlegt werden. 

Aher allmählidi verschieht sich innerhalb dieser Lei- 
stungen der Akzent. Man merkt, dafj die Naturerschei- 
nungen sich nach inneren Notwendigkeiten von seihst 
ahwidieln; gewif3 sind die Götter die Herren der Natur, 
sie haben sie so eingerichtet und können sie nun sich 
selbst überlassen. Nur gelegentlich greifen sie in den 
sogenannten Wundern in ihren Lauf ein, wie um zu 
versidiern, dal) sie von ihrer ursprünglidien Maditsphäre 
nidits aufgegeben haben. V^as die Austeilung der (Schick- 
sale betrifft, so bleibt eine unbehaglidie Ahnung be- 



stellen, dalj der Rat- und Hilflosigkeit des Menschen- 
gesckledits nidit abgeholfen werden kann. Hier versagen 
die Götter am eliesten; wenn sie selbst das odiicksal 
machen, so muij man iliren Ratsdiluij unerforsdilick 
keinen; dem begabtesten Volk des Altertums dämmert 
die Einsicht, dal} die Moira iVber den Göttern stekt 
und dalj die Götter seltst ikre iSchidisale kaken. Und je 
mekr die Natur selbständig wird, die Götter sick von 
ikr zurückzieken, desto ernstkafter drängen alle Erwartun- 
gen auf die dritte Leistung, die iknen zugewiesen ist, 
desto mekr wird das Moraliscke ikre eigentlidie Domäne. 
Göttliche Aufgake wird es nun, die Mängel und Dekaden 
der Kultur auszugleichen, die Leiden in ackt zu nekmen, 
die die Mensdien im .Zusammenleben einander zufügen, 
über die Ausfükrung der Kulturvorsckriften zu wachen, 
die die Mensdien so sdileckt befolgen. Den Kultur- 
vorsckriften selbst wird göttlicker Ursprung zug^esprodien, 
sie werden über die mensdilidie Gesellsdiaft kinausge- 
koben, auf Natur und Weltgesckeken ausgedeknt. 

So wird ein jSckatz von Vorstellungen gesdiaffen, ge- 
boren aus dem Bedürfnis, die menseklicke Hilflosigkeit 
erträglick zu macken, erbaut aus dem Material der Er- 
innerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kind- 
keit des Mensdiengesckledits. Es ist deutlidi erkennbar, 
dalj dieser Besitz den Menschen nach zwei Richtungen 
besekützt, gegen die Gefakren der Natur und des iSckick- 
sals und gegen die Sdiädigungen aus der menscklicken 



Gesellschaft selbst. Im Zusa.mxacnh.ang lautet es: das 
Lehen in dieser Welt dient einem liölieren Zweck, der 
zwar nidit leidit zu erraten ist, aber gewilj eine Ver- 
vollkommnung des menschlidien Wesens bedeutet. Wahr- 
scheinlich soll das Geistige des Menschen, die (Seele, die 
sich im Lauf der Zeiten so langsam und widerstretend 
vom Körper getrennt nat, das Objekt dieser Erhebung 
und Erhöhung sein. Alles was in dieser Welt vor sich 
geht, ist Ausführung der Atsiditen einer uns überlegenen 
Intelligenz, die, wenn auch auf schwer zu verfolgenden 
Wegen und Umwegen, schlieljlidi alles zum Guten, d. h. 
für uns Erfreulidien lenkt. Über jedem von uns wacht 
eine gütige, nur scheinbar gestrenge Vorsehung, die nicht 
zuläht, dalj wir zum (Spielball der überstarken und 
sdionungslosen Naturkräfte werden; der Tod selbst ist 
keine Verniditung, keine Rückkehr zum anorganisch 
Leblosen, sondern der Anfang einer neuen Art von 
Existenz, die auf dem Wege der Höherentwicklung 
liegt. Und nadi der anderen (Seite gewendet, dieselben 
(Sittengesetze, die unsere Kulturen aufgestellt nahen, te- 
herrsdien auch alles Weltgeschehen, nur werden sie von 
einer höchsten richterlichen Instanz mit ungleich mehr 
Madit und Konsequenz behütet. Alles Gute findet end- 
lidi seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nidit 
sdion in dieser Form des Lebens, so in den späteren 
Existenzen, die nach dem Tod beginnen. (Somit sind alle 
(Schrecken, Leiden und Härten des Lebens zur Austilgung 

2 8 



bestimmt; das Leben nacli dem Tode, das unser irdisdies 
Leben fortsetzt, 'wie das unsiditbare «Stück des Spektrums 
dem sichtbaren angefügt ist, Dringt all die Vollendung, 
die wir liier vielleicht vermißt haben. Und die über- 
legene Weisheit, die diesen Anlauf lenkt, die Allgüte, 
die sich in llim ankert, die Gereditigkeit, die sidi m 
ihm durclisetzt, das sind die Eigenschaften der göttlidien 

Wesen, die audi uns und die Welt im Ganzen ge- 
sdiallen haben. Oder vielmelir des einen göttlidien 

Wesens, zu dem sidi in unserer Kultur alle Götter der 

V orzeiten verdiditet haben. Das V olk, dem zuerst solche 
Konzentrierung der göttlichen Eigenschaften gelang, war 
mait 'wenig stolz auf diesen Fortsdiritt. Es Latte den 
väterlidien Kern, der von jener hinter jeder Gottes- 
gestalt verborgen war, freigelegt; im Grunde war es eine 
Rückkehr zu den historischen Anfängen der Gottesidee. 
Nun, da Gott em Einziger war, konnten die Beziehun- 
gen zu ihm die Innigkeit und Intensität des kindlichen 

V erhältmsses zum Vater wiedergewinnen. Wenn man 
soviel für den Vater getan hatte, -wollte man aber audi 
belohnt werden, zum mindesten das einziggeliebte Kind 
sein, das auserwählte Volk. Sehr viel später erhebt das 
fromme Amerika den Anspruch, »God s own countiy« zu 
sein, und für eine der Formen, unter denen die JMensaien 
die Gottheit verehren, trifft es auch zu. 

Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusammen- 
gefaßt wurden, haben natürliai eine lange Entwicklung 



2 9 



durchgemacht, sind von versdiiedenen Kulturen in ver- 
schiedenen Pliasen festgehalten worden. Ich habe eine 
einzelne soldie Entwicklungsphase herausgegriffen, die 
etwa der Endgestaltung in unserer heutigen weisen, dirist- 
lidien Kultur entspridit. Es ist leidit zu bemerken, dal} 
nidit alle Otücke dieses Ganzen gleidi gut zueinander 
stimmen, dalj nidit alle dringenden Fragen beantwortet 
werden, dalj der Widersprudi der täglidien Erfahrung 
nur mit Mühe abgewiesen werden kann. Aber so wie 
sie sind, werden diese V orstellungen — die im weitesten 
oinn religiösen — als der kostbarste Besitz der Kultur 
eingesdiätzt, als das ^Wertvollste, was sie ihren Teil- 
nehmern zu bieten hat, -weit höher gesdiätzt als alle 
Künste, der Erde ihre odiätze zu entlocken, die Mensch- 
heit mit Nahrung zu versorgen oder ihren Krankheiten 
vorzubeugen usw. Die JMensdien meinen, das Lehen 
nidit ertragen zu können, wenn sie diesen Vorstellungen 
nidit den vVert beilegen, der für sie beansprucht wird. 
Und nun ist die Frage, was sind diese Vorstellungen 
im Lidite der Psydiologie, woher beziehen sie ihre Hoch- 
sdiätzung und um sdiüditern fortzusetzen : was ist ihr 
■wirklicher W^ert ? 



3o 



IV 



Eine Untersuchung, die ungestört fortschreitet wie ein 
Monolog, ist nicht ganz ungefährlich. Man gibt zu leicht 
der V ersuchung nadi, Gedanken zur »Seite zu sdiieben, 
die sie unterhredien wollen, und tausdit dafür ein Ge- 
fühl von Unsidierheit ein, das man am Ende durch allzu 
grobe Entschiedenheit übertönen will. Idi stelle mir also 
einen Gegner vor, der meine Ausführungen mit Miß- 
trauen verfolgt, und lasse ihn von" Stelle zu Stelle zu 
vS^orte kommen. 

Ich höre ihn sagen : »Sie hahen wiederholt die Aus- 
drüdie gebraudit : die Kultur schafft diese religiösen Vor- 
stellungen, die Kultur stellt sie ihren Teilnehmern zur 
Verfügung, daran klingt etwas befremdend; ich könnte 
seihst nicht sagen warum, es hört sich nicht so selhstver- 
ständliai an, wie dalj die Kultur Anordnungen gesdiaffen 
hat üher die Verteilung des Arbeitsertrags oder über 
die Rechte an vV^eib und Kind.« 

Ich meine aber doch, daß man bereditigt ist, sich so 
auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen, daß die reli- 



giösen Vorstellungen aus demselben Bedürfnis hervor- 
gegangen sind wie alle anderen Errungenschaften der 
Kultur, aus der Notwendigkeit, sidi gegen die erdrückende 
Ubermadit der Natur zu verteidigen. Dazu kam ein 
zweites Motiv, der Drang, die peinlidi verspürten Un- 
vollkommenteiten der Kultur zu korrigieren. Es ist 
audi Besonders zutreffend zu sagen, dal^ die Kultur dem 
Einzelnen diese Vorstellungen schenkt, denn er findet 
sie vor, sie werden ikm fertig entgegengebradit, er wäre 
nidit imstande, sie allein zu finden. Es ist die Erb- 
sdiaft vieler Generationen, in die er eintritt, die er 
übernimmt wie das Einmaleins, die Geometrie u. a. Es 
gibt hiertei freilidi einen Untersdiied, aber der liegt 
anderswo, kann jetzt noch nidit beleuditet werden. 
An dem Gefülil von Befremdung, das »Sie erwärmen, 
mag es Anteil taten, dalj man uns diesen Besitz von 
religiösen Vorstellungen als göttlidie Offenbarung vor- 
zuführen pflegt. Allein das ist selbst sdion ein Stück 
des religiösen Systems, vernadilässigt ganz die uns be- 
kannte historische Entwicklung dieser Ideen und ilire 
Versdiiedenlieiten in versdiiedenen Zeiten und Kulturen. 
»Ein anderer Punkt, der mir widitiger ersdieint. iSie 
lassen die Vermenschlidiung der Natur aus dem Bedürf- 
nis liervorgelien, der mensdilidien Rat- und Hilflosigkeit 
gegen deren gefürditete Kräfte ein Ende zu macken, sich 
in Bezieliung zu iknen zu setzen und sie endlidi zu be- 
einflussen. Aber ein solches Motiv scheint überflüssig zu 



sein. Der primitive Mensch, hat ja keine ~W ahl, keinen 
anderen 'Weg des Denkens. Es ist ihm natürlich, wie ein- 
geboren, daß er sein Wiesen in die V^elt hinausprojiziert, 
alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußerungen von 
\fesen ansieht, die im Grunde älinlich sind -wie er selbst. 
Es ist das die einzige Methode seines Begreifens. Und 
es ist keineswegs selbstverständlich, viel mehr ein merk- 
würdiges Zusammentreffen, wenn es mm gelingen sollte, 
durai solches Gewährenlassen seiner natürlichen Anlage 
eines seiner grollen Bedürfnisse zu befriedigen.« 

Ich. finde das nicht so auffällig. Mxinen oie denn, 
daß das Denken der Mensdien keine praktischen Mo- 
tive kennt, bloß der Ausdruck einer uneigennützigen 
Wißbegierde ist? Das ist dock sehr unwahrscheinlich. 
Eher glaube ich, daß der Mensch, auch wenn er die 
TSTaturkräfte personifiziert, einem infantilen Vorbild 
folgt. Er hat an den Personen seiner ersten Umgebung 
gelernt, daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt, 
dies der AVeg ist, um sie zu beeinflussen, und darum 
behandelt er später in der gleichen Absicht alles andere, 
was ihm begegnet, wie jene Personen. Ich widerspreche 
also Ihrer deskriptiven Bemerkung nicht, es ist wirklich 
dem Menschen natürlich, alles zu personifizieren, was 
er begreifen will, um es später zu beherrschen, — die 
psydiische Bewältigung als Vorbereitung zur physischen, — 
aber iai gebe M.otiv und Genese dieser Eigentümlich- 
keit des menschlichen Denkens dazu. 



Freud: Illusion. 3 



33 



»Und jetzt nom ein drittes: Sie hahen ja den Ur- 
sprung der Religion früher einmal behandelt, in Urem 
Bück ,Totem und Tabu'. Aber dort sielit es anders aus. 
Alles ist das Sonn- Vater- Verhältnis, Gott ist der erhöhte 
V ater, die Vatersehnsucht ist die VV urzel des religiösen 
Bedürfnisses. Seither, scheint es, haben Sie das Moment 
der menschlichen Ohnmacht und Hilflosigkeit entdeckt, 
dem ja allgemein die gröijte Rolle hei der Religions- 
bildung zugeschriehen wird, und nun schreiben Sie alles 
auf Hilflosigkeit um, -was früher Vaterkomplex war. 
Darf ich Sie um Auskunft üher diese V/andlung hitten ?« 
Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung. AV^enn 
es wirklich eine Wandlung ist. In »Totem und Tahu« 
sollte nicht die Entstehung der Religionen erklärt werden, 
sondern nur die des Totemismus, Können Sie von irgend- 
einem der Ihnen hekannten Standpunkte verständlidi 
machen, daJj die erste Form, in der sich die schützende 
Gottheit dem Menschen offenharte, die tierische war, 
dal} ein Verbot bestand, dieses Tier zu töten und zu 
verzehren, und doch die feierlidie Sitte, es einmal im 
Jahr gemeinsam zu töten und zu verzehren ? Gerade 
das hat im Totemismus statt. Und es ist kaum zwedt- 
mälug, darüher zu streiten, oh man den Totemismus 
eine Religion herben soll. Er hat innige Beziehungen 
zu den späteren Gottesreligionen, die Totemtiere werden 
zu den heiligen Tieren der Götter. Und die ersten, aber 
tiefgehendsten, sittlichen Beschränkungen — das Mord- 

34 



und das Inzestverbot — entstehen auf dem Boden des 
Totemismus. OL Sie nun die Folgerungen von »Totem 
und Tabu« annehmen oder nidit, ich holte, Sie werden 
zugeben, dal} in dem Buch eine Anzahl von sehr merk- 
würdigen versprengten Tatsachen zu einem Konsistenten 
Ganzen zusammengefaßt ist. 

"Warum der tierische Gott auf die Dauer nicht ge- 
nügte und durdi den menschlidien abgelöst wurde, das 
ist in »Totem und Tabu« kaum gestreift worden, andere 
Probleme der Religionsbildung linden dort überhaupt 
keine Erwähnung. Halten Sie solche Beschränkung für 
identisch mit einer Verleugnung ? Meine Arbeit ist ein 
gutes Beispiel von strenger Isolierung des Anteils, den 
die psychoanalytisaie Betrachtung zur Lösung des reli- 
giösen Problems leisten kann. W^enn ich jetzt versudie, 
das andere, weniger tief Versteckte hinzuzufügen, so 
sollen Sie mich nicht des Widerspruchs besaiuldigen 
wie früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich meine Auf- 
gabe, die Verbindungswege zwischen dem früher Ge- 
sagten und dem jetzt Vorgebrachten, der tieferen und 
der manifesten Motivierung, dem Vaterkomplex und der 
Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit des Mensdien auf- 
zuzeigen. 

Diese Verbindungen sind nicht saiwer zu finden. Es 
sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu 
der sie fortsetzenden des Erwachsenen, so dalj, wie zu 
erwarten stand, die psychoanalytische Motivierung der 



Religionsbildung der infantile Beitrag zu ihrer mani- 
festen Motivierung -wird. Versetzen -wir uns in das 
Seelenleben des kleinen Kindes, Sie erinnern sicn an 
die Objektwahl nadi dem Anlehnungstypus, von dem die 
Analyse spricht ? Die Libido folgt den V/egen der nar- 
zißtischen Bedürfnisse und lieftet siai an die Objekte, 
welche deren Befriedigung versickern. 1S0 wird die Mutter, 
die den Hunger befriedigt, zum ersten Liebesobjekt und 
gewiij auch zum ersten Schutz gegen alle die unbe- 
stimmten, in der Außenwelt drohenden Gefahren, zum 
ersten Angstsdiutz, dürfen wir sagen. 

In dieser Funktion wird die Mutter bald von dem 
stärkeren V ater abgelöst, dem sie nun über die ganze 
Kindheit verbleibt. Das Verhältnis zum Vater ist aber 
mit einer eigentümlichen Ambivalenz behaftet. Er war 
selbst eine Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhält- 
nis zur Mutter her. oo fürchtet man ihn nicht minder, 
als man sich nadi ihm sehnt und ihn bewundert. Die 
Anzeidien dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind 
allen Religionen tief eingeprägt, wie audi in »Totem und 
Tabu« ausgeführt wird. W'enn nun der Heranwachsende 
merkt, dal} es ihm bestimmt ist, immer ein Kind zu 
bleiben, dalj er des odiutzes gegen fremde Übermächte 
nie enthehren kann, verleiht er diesen die Züge der 
Vatergestalt, er sdiafft sich die Götter, vor denen er sich 
fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen et; doch 
einen Ochutz überträgt. iSo ist das Motiv der Vajer- 

36 



Sehnsucht identisch mit dem Bedürfnis nach Ochutz gegen 
die Folgen der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr 
der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der Reaktion auf 
die Hilflosigkeit, die der Erwachsene anerkennen muij, 
ehen der Religionshildung, ihre charakteristischen Züge. 
Aher es ist nidit unsere Ansicht, die Entwicklung der 
Gottesidee weiter zu erforsdien; wir haben es hier mit 
dem fertigen Schatz von religiösen Vorstellungen zu 
tun, wie ihn die Kultur dem Einzelnen übermittelt. 



3 7 



Um den Faden der Untersuchung wieder aufzunehmen : 
VV elches ist also die psychologisdie Bedeutung der reli- 
giösen Vorstellungen, als -was können wir sie klassifi- 
zieren ? Die Frage ist zunächst gar nickt leickt zu be- 
antworten. Nach Abweisung verschiedener Formulierungen 
wird man hei der einen stehen bleiben : Es sind Lehr- 
sätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisse der 
äuheren (oder inneren) Realität, die etwas mitteilen, was 
man selbst nicht gefunden hat und die beansprudien, dajj 
man ihnen Glauben schenkt. Da sie Auskunft geben über 
das für uns VV ichtigste und Interessanteste im Leben, werden 
sie besonders hochgeschätzt. Vv er nichts von ihnen weil}, 
ist sehr unwissend; wer sie in sein vVissen aufgenommen 
hat, darf sich für sehr bereichert halten. 

Ls gibt natürlidi viele soldie Lehrsätze über die ver- 
sdnedenartigsten Dinge dieser VV^elt. Jede Schulstunde ist 
voll von ihnen. \\^ählen wir die geographische. AV'ir 
hören da : Konstanz liegt am Bodensee. Ein Otudenten- 
lied setzt hinzu : AVer's nicht glaubt, geh' hin und seh'. 

38 



Idi -war zufällig dort und kann bestätigen, die schöne 
Stadt liegt am Ufer eines weiten Gewässers, das alle 
Umwohnenden Bodensee heiben. Idi bin jetzt auch, von 
der Richtigkeit dieser geographischen Behauptung voll- 
kommen überzeugt. Dabei erinnere ich mich an ein an- 
deres, sehr merkwürdiges Erlebnis. Idi war schon ein 
gereifter Atann, als ich zum erstenmal auf dem Hügel 
der athenischen Akropolis stand, zwisdien den Tempel- 
ruinen, mit dem Blick aufs blaue Meer. In meine Be- 
glückung mengte sich ein Gefühl von Erstaunen, das 
mir die Deutung eingab : Also ist das wirklich so, wie 
wir's in der iSdiule gelernt hatten ! ^V^as für seichten und 
kraftlosen Glauben an die reale "Wahrheit des Gehörten 
muJj ich damals erworben haben, wenn ich heute so er- 
staunt sein kann! Aber ich will die Bedeutung dieses 
Erlebnisses nicht zu sehr betonen ; es ist noch eine an- 
dere Erklärung meines Erstaunens möglich, die mir da- 
mals nicht einfiel, die durchaus subjektiver Natur ist 
und mit der Besonderheit des Ortes zusammenhängt. 

Alle solche Lehrsätze verlangen also Glauben für 
ihre Inhalte, aber nicht ohne ihren Anspruch zu be- 
gründen. Sie geben sich als das abgekürzte Resultat 
eines längeren, auf Beobachtung, gewilj auch iSchluJg- 
folgerung gegründeten Denkprozesses ; wer die Absicht 
hat, diesen Prozelj selbst durchzumachen, anstatt sein 
Ergebnis anzunehmen, dem zeigen sie den W^g dazu. 
Es wird immer auch hinzugesetzt, woher man die Kennt- 

3. 9 



nis tat, die der Lehrsatz verkündet, wo er nickt, wie 
Lei geographischen Behauptungen, seltstverständlich ist. 
Zum Beispiel die Erde hat die Gestalt einer Kugel; als 
Beweise dafür werden angefülirt der Foucaultsche Pendel- 
versudi, das Verhalten des Horizonts, die Möglidileit, 
die Erde zu umsdiiffen. Da es, wie alle Beteiligten 
einsehen, untunlich ist, alle (Sdiulkinder auf Erdumseg- 
lungen zu schicken, tescheidet man sich damit, die Lehren 
der (Schule auf »Treu und Glauben« annehmen zu lassen, 
ater man weil}, der Weg zur persönlichen Uterzeugung 
tleibt offen. 

Versuchen wir die religiösen Lehrsätze mit demselten 
Mah zu messen. "Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf 
sich ihr Anspruch gründet, geglautt zu werden, ertalten 
wir drei Antworten, die merkwürdig schleckt zusammen- 
stimmen. Erstens, sie verdienen Glauten, weil sdion 
unsere Urvorväter sie geglautt taten, zweitens tesitzen 
wir Beweise, die uns aus eten dieser Vorzeit überliefert 
sind, und drittens ist es ütertaupt vertoten, die Frage 
nach dieser Beglautigung aufzuwerfen. Dies Unterfangen 
wurde früter mit den allertärtesten (Strafen telegt und 
noch heute sieht es die Gesellschaft ungern, daij jemand 
es erneuert. 

Dieser dritte Punkt mufj unsere stärksten Bedenken 
wecken. Ein solches Vertot kann doch nur die eine 
Motivierung taten, dat" die Gesellsdiaft die Unsicher- 
heit des Anspruchs sehr wohl kennt, den sie für ihre reli- 

4° 



giösen Lehren erhebt, vv äre es anders, so -würde sie ge- 
wih jedem, der sich seihst eine Überzeugung schaffen 
will, das Material dazu bereitwilligst zur Verfügung 
stellen. "Wir gehen darum mit einem nicht leicht zu be- 
schwichtigenden Miljtrauen an die Prüfung der beiden an- 
deren Beweisgründe. vVir sollen glauben, weil unsere Ur- 
väter geglaubt haben. Aber diese unsere Ahnen waren weit 
unwissender als -wir, sie haben an Dinge geglaubt, die 
wir heute unmöglich annehmen können. Die Möglich- 
keit regt sich, dal} audi die religiösen Lehren von solcher 
Art sein könnten. Die Beweise, die sie uns hinterlassen 
haben, sind in Ochriften niedergelegt, die seihst alle 
Charaktere der XJnzuverlässigkeit an sich tragen. Sie 
sind widerspruchsvoll, überarbeitet, verfälscht; -wo sie 
von tatsächliaien Beglaubigungen berichten, selbst unbe- 
glaubigt. Es hilft nicht viel, wenn für ihren "Wortlaut 
oder auch nur für ihren Inhalt die Herkunft von gött- 
licher Offenbarung behauptet wird, denn diese Behaup- 
tung ist bereits selbst ein Stück jener Lehren, die auf 
ihre Glaubwürdigkeit untersucht werden sollen, und kein 
»Satz kann sich doch selbst beweisen. 

So kommen -wir zu dem sonderbaren Ergebnis, dalj 
gerade diejenigen Mitteilungen unseres Kulturbesitzes, 
die die gröfjte Bedeutung für uns haben könnten, denen 
die Aufgahe zugeteilt ist, uns die Rätsel der "Welt auf- 
zuklären und uns mit den Leiden des Lehens zu ver- 
söhnen, dal} gerade sie die allersdiwädiste Beglaubigung 

4 1 



haben, wir würden uns nicht entschließen tonnen, eine 
für uns so gleichgültige Tatsache anzunehmen, wie daß 

VVallische Junge gehären anstatt Eier abzulegen, -wenn 
sie nicht besser erweisbar wäre. 

Dieser oachverhalt ist an sich ein sehr merkwürdiges 
psychologisches Problem. Auch möge niemand glauben, 
daJg die vorstehenden Bemerkungen über die Unbeweis- 
barkeit der religiösen Lehren etwas Neues enthalten, 
oie ist zu jeder Zeit verspürt worden, gewiJj auch von 
den Urahnen, die soldie Erbschaft hinterlassen haben. 

Vyahrscheinlidi haben viele von ihnen dieselben Zweifel 
genährt -wie wir, es lastete aber ein zu starker Druck 
auf ihnen, als daß sie gewagt hätten, dieselben zu 
äuljern. Und seither haben sich unzählige Menschen 
mit den nämlichen Zweifeln gequält, die sie unter- 
drücken wollten, weil sie sich für verpfliditet hielten 
zu glauben, sind viele glänzende Intellekte an diesem 
Konflikt gescheitert, haben viele Charaktere an den 
Kompromissen Ochaden gelitten, in denen sie einen 
Ausweg suchten. 

Wenn alle Beweise, die man für die Glaubwürdig- 
keit der religiösen Lehrsätze vorbringt, aus der Ver- 
gangenheit stammen, so liegt es nahe umzuschauen, ob 
nicht die besser zu beurteilende Gegenwart auch soldie Be- 
weise liefern kann. VV^enn es gelänge, nur ein einzelnes 
otück des religiösen iSystems soldier Art dem Zweifel 
zu entziehen, so würde dadurai das Ganze auijerordent- 

4* 



lieh, an Glaubhaftigkeit gewinnen. Hier setzt die Tätig- 
keit der Spiritisten ein, die von der Fortdauer der in- 
dividuellen Seele überzeugt sind und uns diesen einen 
Satz der religiösen Lehre zweifelsfrei demonstrieren 
wollen. Es gelingt innen leider nicht zu widerlegen, daß 
die Erscheinungen und Äußerungen ihrer Geister nur 
Produktionen ihrer eigenen Seelentätigkeit sind. Sie 
haben die Geister der größten Menschen, der hervor- 
ragendsten Denker zitiert, aher alle Äußerungen und 
Auskünfte, die sie von ihnen erhielten, waren so alhern, 
so trostlos nichtssagend, daß man mdits anderes glaub- 
würdig finden kann als die Fähigkeit der Geister, sidi 
dem Kreis von Alenschen anzupassen, der sie herauf- 
beschwört. 

Man muß nun zweier Versuche gedenken, die den Ein- 
druck krampfhafter Bemühung machen, dem Problem zu 
entgehen. Der eine, gewaltsamer Natur, ist alt, der andere 
subtil und modern. Der erstere ist das Credo quia ab- 
surdum des Kirchenvaters. Das will besagen, die reli- 
giösen Lehren sind den Ansprüchen der Vernunft ent- 
zogen, sie stehen über der Vernunft. Man muß ihre 
Wahrheit innerlich verspüren, braudit sie nicht zu be- 
greifen. Allein dieses Credo ist nur als Selbstbekenntnis 
interessant, als Machtspruch ist es ohne Verbindlichkeit. 
Soll ich verpflichtet werden, jede Absurdität zu glauben? 
Und wenn nicht, warum gerade diese ? Es gibt keine 
Instanz über der Vernunft. V'enn die V^akrheit der reli- 

4 3 



giösen Lehren abhängig ist von einem inneren Erlebnis, 
das diese Wahrheit bezeugt, was macht man mit den 
vielen Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis nicht 
haben ? Man kann von allen Menschen verlangen, dal} 
sie die Gabe der Vernunft anwenden, die sie besitzen, 
aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung 
auf ein Motiv aufbauen, das nur bei ganz wenigen exi- 
stiert. Wenn der Eine aus einem ihn tief ergreifenden 
ekstatischen .Zustand die unerschütterlidie Überzeugung 
von der realen VV ahrheit der religiösen Lehren gewonnen 
hat, was bedeutet das dem Anderen? 

Der zweite Versuch ist der der Philosophie des »Als 
ob«. Er führt aus, dal) es in unserer Denktätigkeit reich- 
lich Annahmen gibt, deren Grundlosigkeit, ja deren 
Absurdität wir voll einsehen. iSie werden Fiktionen ge- 
heihen, aber aus mannigfachen praktisdien Motiven 
müfjten wir uns so benehmen, »als ob« wir an diese 
Fiktionen glaubten. Dies treffe für die religiösen Lehren 
wegen ihrer unvergleichlidien Wichtigkeit für die Auf- 
rechterhaltung der menschlidien Gesellschaft zu. 1 Diese 
Argumentation ist von dem Credo quia absurdum nicht 
weit entfernt. Aber ich meine die Forderung des »Als ob« 

l) Idi lioffe kein Unrecht su begehen, wenn ich Jen Philosophen 
des »Als od« eine Ansidit vertreten lasse, die auch anderen Denkern 
nickt fremd ist. Vgl. H. Vailiinger, Die Philosophie des Als ob, 
Siebente und adrte Auflage 1922, S. 68: »Vir ziehen in den Kreis 
der Fiktion nicht nur gleichgültige, theoretische Operationen berein, 

44 



ist eine solche, wie sie nur ein Philosoph aufstellen 
kann. Der durch die Künste der Philosophie in seinem 
Denken nicht beeinfluhte Mensch -wird sie nie annehmen 
können, für ihn ist mit dem Zugeständnis der Ahsurdität, 
der Vernunftwidrigkeit, alles erledigt. Er kann nidit 
dazu verhalten -werden, gerade in der Behandlung 
seiner wiaitigsten Interessen auf die Sicherheiten zu ver- 
ziditen, die er sonst für alle seine gewöhnlichen Tätig- 
keiten verlangt. Ich erinnere mich an eines meiner 
Kinder, das sich frühzeitig durai eine Besondere Be- 
tonung der (Sadilichkeit auszeichnete. "Wenn den Kindern 
ein Märchen erzählt wurde, dem sie andächtig lauschten, 
kam er hinzu und fragte: Ist das eine -wahre Gesdiichte? 
Nachdem man es verneint hatte, zog er mit einer 
geringsdiätzigen Miene ah. Es steht zu erwarten, dal) 
sidi die Menschen gegen die religiösen Märchen hald 
ähnlich benehmen werden, trotz der Fürspradie des 
»Als oh«. 

Aber sie benehmen sich derzeit nodi ganz anders und 
in vergangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen 
trotz ihres unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den 
allerstärksten Einfluß auf die Menschheit geübt. Das ist 

sondern Begriffsgehilde, welche die edelsten Menschen ersonnen nahen, 
an denen das Hers des edleren Teiles der Meusdiheit hängt und 
welche diese sich nicht entreißen läljt. Wir wollen das audi gar nicht 
tun — als praktische Fiktion lassen wir das alles hestehen, als 
theoretische Wahrheit aher stirht es dahin.« 

4 5 



ein neues psychologisches Problem. M.an muh fragen, 
■worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, -«reichem 
Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen An- 
erkennung unabhängige Wirksamkeit ? 



4 6 



VI 



Ich meine, -wir hahen die Antwort auf beide Fragen 
genügend vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die 
psychische Genese der religiösen Vorstellungen ins Auge 
lassen. Diese, die sich als Lehrsätze ausgehen, sind nicht 
Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Den- 
kens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärk- 
sten, dringendsten V^ünsche der Menschheit; das Geheimnis 
ihrer Stärke ist die Stärke dieser V^ünsche. AV^ir wissen 
schon, der schreckende Eindruck der kindlichen Hilflosig- 
keit hat das Bedürfnis nach Schutz — Schutz durch 
Liehe — erweckt, dem der Vater abgeholfen hat, die 
Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durdas 
ganze Lehen hat das Festhalten an der Existenz eines 
— aher nun mäditigeren Vaters — verursacht. Durch 
das gütige V^alten der göttlichen Vorsehung wird die 
Angst vor den Gefahren des Lehens hesch wichtigt, die 
Einsetzung einer sittlichen V^eltordnung versichert die 
Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die innerhalb der 
menschlichen Kultur so oft unerfüllt gehliehen ist, die 

47 



Verlängerung der irdischen Existenz durch, ein zukünftiges 
Leben stellt den örtlidien und zeitlichen Rahmen hei, 
in dem sich diese "W unsdierfüllungen vollziehen sollen. 
Antworten auf Rätselfragen der menschlichen vvißbe- 
gierde, wie nach der Entstehung der Vv elt und der Be- 
ziehung zwischen Körperlichem und (Seelischem werden 
unter den Voraussetzungen dieses (Systems entwickelt; 
es bedeutet eine großartige Erleichterung für die Einzel- 
psyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der 
Kinderzeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und 
einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden. 
V^enn ich sage, das alles sind Illusionen, muß ich 
die Bedeutung des Abortes abgrenzen. Eine Illusion ist 
nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nidit not- 
wendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, dalj 
sich Ungeziefer aus Unrat entwiatle, an der das un- 
wissende Volk nodi heute festhält, war ein Irrtum, eben- 
so die einer früheren ärztlichen Generation, daß die 
Tabes aorsalis die Folge von sexueller Aussdiweifung sei. 
Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen. 
Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er 
einen neuen (Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der 
Anteil seines AV\insches an diesem Irrtum ist sehr deut- 
lidi. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser 
Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die 
einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben, 
den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei 

48 



em W^sen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt 
charakteristisch die Ableitung aus menschliaien AV"ünschen, 
sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen 

vVahnidee, aher sie scheidet sich, abgesehen von dem 
komplizierteren Aufbau der "Wahnidee, auch von dieser. 
An der Wahnidee heben wir als wesentlich den AV^ider- 
sprudi gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion mulj 
nicht notwendig falsch, d. h. unrealisierbar oder im W^ider- 
sprudi mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann 
sich z. B. die Illusion machen, dalj ein Prinz kommen 
wird, um sie heimzuholen. Es ist möglich, einige Fälle dieser 
Art haben sich ereignet. Da.J3 der Messias kommen und ein 
goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger 
wahrscheinlich; je nadi der persönlichen Einstellung des 
Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder 
als Analogie einer vVanniaee klassifizieren. Beispiele 
von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst 
nidit leidit aufzufinden. Aber die Illusion der Alchi- 
misten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können, 
könnte eine solche sein. Der Wunsch, sehr viel Gold, 
soviel Gold als möglidi zu haben, ist durdi unsere 
heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr 
gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der 
Metalle m Gold nicht mehr für unmöglidi. \fir heiljen 
also einen Glauben eine Illusion, wenn sidi in seiner 
Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen 
dabei von seinem V erhältnis zur W^irklidikeit ab, ebenso 

Freud: Illusion. 4 AQ 



en 

er 



wie die Illusion selbst auf ilire Beglaubigungen ver- 
zichtet. 

Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder au 
den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend 
sagen: iSie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand 
darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie 
zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, 
so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über 
die Realität der Welt erfahren haben, dalj man sie — 
mit entsprechender Berücksiditigung der psychologisch 
Unterschiede — den Wabnideen vergleichen kann. Üb 
den Realitätswert der meisten von ihnen bann man nicht 
urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch un- 
widerlegbar. Man wei'l noch zu wenig, um ihnen kri- 
tisch näher zu rücken. Die Rätsel der Welt entschleiern 
sich unserer Forschung nur langsam, die Wissenschaft 
kann auf viele Fragen beute noch keine Antwort geben. 
Die wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns der einzige 
Weg, der zur Kenntnis der Realität auijer uns führen 
kann. Es ist wiederum nur Illusion, wenn man von der 
Intuition und der oelbstversenkung etwas erwartet; sie 
kann uns nichts geben als — schwer deutbare — Auf- 
schlüsse über unser eigenes «Seelenleben, niemals Aus- 
kunft über die Fragen, deren Beantwortung der reli- 
giösen Lehre so leicht wird. Die eigene Willkür in die 
Lücke eintreten zu lassen und nach persönlichem Er- 
messen dies oder jenes »Stück des religiösen «Systems für 

5o 



mehr oder weniger annehmbar zu erklären, wäre frevel- 
haft. Dafür sind diese Fragen zu bedeutungsvoll, man 
möchte sagen: zu heilig. 

An dieser Dtelle kann man auf den Einwand gefaljt 
sein: Also, wenn selbst die verbissenen okeptiker zu- 
geben, dalj die Behauptungen der Religion nicht mit 
dem Verstand zu widerlegen sind, warum soll ich ihnen 
dann nicht glauben, da sie soviel für sich haben, die 
Tradition, die Übereinstimmung der Menschen und all 
das Tröstliche ihres Inhalts? Ja, warum nicht? oo wie 
niemand zum Glauben gezwungen -werden kann, so audi 
niemand zum Unglauben. Aber man gefalle sich nidit 
in der iSelbsttäusdiung, day man mit solchen Begrün- 
dungen die Wege des korrekten Denkens geht. Wenn 
die Verurteilung »faule Ausrede« je am Platze war, so 
hier. Die Unwissenheit ist die Unwissenheit ; kein Redit 
etwas zu glauben, leitet sich aus ihr ab. Kein vernünftiger 
Mensdi wird sidi in anderen Dingen so leichtsinnig be- 
nehmen und sidi mit so armseligen Begründungen seiner 
Urteile, seiner Parteinahme, zufrieden geben, nur in den 
höchsten und heiligsten Dingen gestattet er sich das. In 
Wirklichkeit sind es nur Bemühungen um sich oder 
anderen vorzuspiegeln, man halte nodi an der Religion 
fest, während man sich längst von ihr abgelöst hat. 
Wenn es sidi um Fragen der Religion handelt, machen 
sidi die .Mensaien aller möglidien Unaufriaitigkeiten 
und intellektuellen Unarten schuldig. Philosophen über- 



+* 



dehnen die Bedeutung von Worten, bis diese kaum etwas 
von ihrem ursprünglichen iSinn übrig behalten, sie heilen 
irgendeine verschwommene Abstraktion, die sie sich ge- 
schaffen haben »Gott«, und sind nun auch Deisten, 
Gottesgläubige, vor aller W^elt, können sich selbst rühmen, 
einen höheren, reineren Gottesbegriff erkannt zu haben, 
obwohl ihr Gott nur mehr ein wesenloser (Sdiatten ist 
und nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit der reli- 
giösen Lehre. Kritiker bekarren darauf, einen Menschen, 
der sich zum Gefühl der mensdilidien Kleinkeit und 
Ohnmacht vor dem Ganzen der "Welt bekannt, für »tief 
religiös« zu erklären, obwolil nickt dieses Gefükl das 
Wesen der Religiosität ausmadit, sondern erst der näckste 
Schritt, die Reaktion darauf, die gegen dies Gefükl eine 
Abhilfe sudit. Wer nidit weiter gekt, wer sidi demütig 
mit der geringfügigen Rolle des Menschen in der grollen 
Welt bescheidet, der ist vielmekr irreligiös im walirsten 
oinne des \V^ortes. 

üs liegt nickt im Plane dieser Untersudiung, zum 
W akrkeitswert der religiösen Lekren (Stellung zu nekmen. 
Es genügt uns, sie in ikrer psych ologisdien Natur als 
Illusionen erkannt zu haben. Aber wir brauchen nickt 
zu verhehlen, daß diese Aufdedcung audi unsere Ein- 
stellung zu der Frage, die vielen als die wichtigste er- 
scheinen muß, mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefäkr, 
zu welchen Zeiten die religiösen Lekren geschaffen word 
sind und von was für Menschen. Erfakren wir nodi, 



en 
aus 



5z 



welchen Motiven es gesdiah, so erfährt unser Standpunkt 
zum religiösen Problem eine merkliche V erschiebung. 
VV lr sagen uns, es wäre ja sehr schön, wenn es einen 
Gott gäbe als AV^ltenschöpfer und gütige Vorsehung, 
eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges Lehen, 
aber es ist doch sehr auffällig, dafj dies alles so ist, wie 
wir es uns wünschen müssen. Und es wäre noch sonder- 
barer, dah unseren armen, unwissenden, unfreien Vor- 
vätern die Lösung all dieser schwierigen AV^elträtsel ge- 
glüatt sein sollte. 



53 



VII 

Wenn wir die religiösen Lekren als Illusionen er- 
kannt taten, erkekt sick sofort die weitere Frage, ok 
nicht audi anderer Kulturbesitz, den wir kockkalten 
und von dem wir unser Leben beherrschen lassen, ärm- 
licher Natur ist. Ob nickt die Voraussetzungen, die 
unsere staatlichen Einrichtungen regeln, gleichfalls Illusi- 
onen genannt werden müssen, ot nickt die Beziekungen 
der Gesckleckter in unserer Kultur durck eine oder eine 
Reike von erotiscken Illusionen getrükt werden? Ist 
unser Mißtrauen einmal rege geworden, so werden wir 
auck vor der Frage nickt zurücksckrecken, ok unsere 
üterzeugttng, durct die Anwendung des Beotacktens und 
Denkens in wissensdiaftlicter Arkeit etwas von der 
äukeren Realität erfakren zu können, eine kessere Be- 
gründung kat. Nidits darf uns akkalten, die Wendung 
der Beokacktung auf unser eigenes V^esen und die Ver- 
wendung des Denkens zu seiner eigenen Kritik gutzu- 
teiien. Eine Reite von Untersuctungen eröffnet sick 
kier, deren Ausfall entsckeidend für den Aufkau einer 

5 4 



»V/eltanschauung« werden müijte. VVlt almen auch, dal} 
eine solche Bemühung nicht verschwendet sein und dafj 
sie unserem Argwohn wenigstens teilweise Rechtfertigung 
bringen wird. Aber das Vermögen des Autors verweigert 
sich einer so umfassenden Aufgabe, notgedrungen engt 
er seine Arbeit auf die Verfolgung einer einzigen von 
diesen Illusionen, eben der religiösen, ein. 

Die laute (Stimme unseres Gegners gebietet uns nun 
halt. \V^ir werden zur Rechenschaft gezogen ob unseres 
verbotenen Tuns. Er sagt uns: 

»Archäologische Interessen sind ja recht lobenswert, 
aber man stellt keine Ausgrabungen an, wenn man 
durch sie die V^ohnstätten der Lebenden untergräbt, 
so dafj sie einstürzen und die Menschen unter ihren 
Trümmern verschütten. Die religiösen Lehren sind kein 
Gegenstand, über den man klügeln kann wie über einen 
beliebigen anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen auf- 
gebaut, die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft hat 
zur Voraussetzung, dalj die Menschen in ihrer überzahl 
an die \S^ahrheit dieser Lehren glauben. Wenn man 
sie lelirt, da.§ es keinen allmächtigen und allgerechten 
Gott gibt, keine göttliche Weltordnung und kein künf- 
tiges Leben, so werden sie sich aller Verpflichtung zur 
Befolgung der Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder 
wird ungehemmt, angstfrei, seinen asozialen, egoistischen 
Trieben folgen, seine Macht zu betätigen suchen, das 
Chaos wird wieder beginnen, das wir in vieltausend- 

55 



jäliriger Kulturarbeit gekannt haken. (Seihst wenn man 
es wüljte und beweisen könnte, cla^ die Religion nickt 
im Besitz der YVahrheit ist, müljte man es verschweigen 
und sich so benehmen, wie es die Philosophie des ,Als oh' 
verlangt. Im Interesse der Erhaltung Aller! Und von 
der Gefährlichkeit des Unternehmens ahgesehen, es ist 
auch eine zwecklose Grausamheit. Unzählige Menschen 
linden in den Lehren der Religion ihren einzigen Trost, 
können nur durch ihre Hilfe das Lehen ertragen. Mau 
will ihnen diese ihre (Stütze rauhen und hat ihnen nidits 
Besseres dafür zu gehen. Es ist zugestanden worden, dafj 
die "Wissenschaft derzeit nidit viel leistet, aher auch wenn 
sie viel weiter fortgeschritten wäre, würde sie den Men- 
schen nicht genügen. Der Mensch hat noch andere im- 
perative Bedürfnisse, die nie durch die kühle Wissen- 
schaft hefriedigt werden können, und es ist sehr sonder- 
har, geradezu ein Gipfel der Inkonsequenz, wenn ein 
Psycholog, der immer hetont hat, wie sehr im Lehen 
der Menschen die Intelligenz gegen das Triehlehen zu- 
rücktritt, sich nun hemüht, den Menschen eine kostbare 
Wunsdihefriedigung zu rauhen und sie dafür mit in- 
tellektueller Kost entschädigen will.« 

Das sind viel Anklagen auf einmal! Aher ich hin 
vorhereitet, ihnen allen zu widersprechen und üherdies 
werde idi die Behauptung vertreten, dalj es eine gröijere 
Gefahr für die Kultur hedeutet, wenn man ihr gegen- 
wärtiges Verhältnis zur Religion aufrecht hält, als wenn 

56 



man es löst. .Nur weiJj ldi kaum, womit ich. in meiner 
Erwiderung Deginnen soll. 

Vielleicht mit der V ersidierung, da.g ich selbst mein 
Unternelimen für völlig harmlos und ungefährlich, halte. 
Die Überschätzung des Intellekts ist diesmal nicht auf 
meiner oeite. Wenn die .Alenscken so sind, wie die 
Gegner sie besdireiben, — und idi mag dem nicht wider- 
sprechen, — so bestellt keine Gefahr, dafj ein Fromm- 
gläubiger sich, durch meine Ausführungen überwältigt, 
seinen Glauben entreihen läJjt. Außerdem habe ich mdits 
gesagt, was nicht andere, bessere JMänner viel vollstän- 
diger, kraftvoller und eindrucksvoller vor mir gesagt 
haben. Die Namen dieser Männer sind bekannt; ich 
werde sie nicht anführen, es soll nicht der Ansdiein ge- 
weckt werden, dafj idi mich in ihre Reihe stellen will. 
Ich habe bloi3 — dies ist das einzig Neue an meiner 
Darstellung — der Kritik meiner groljen Vorgänger 
etwas psychologisdie Begründung hinzugefügt. Dal} ge- 
rade dieser Zusatz die vWirkung erzwingen wird, 
die den früheren versagt geblieben ist, ist kaum zu er- 
warten. Freilich könnte man mich jetzt fragen, wozu 
schreibt man soloie Dinge, wenn man ihrer ^Wirkungs- 
losigkeit sicher ist. Aber darauf kommen wir später 
zurück. 

Der einzige, dem diese Veröffentlichung Ochaden 
bringen kann, bin ich selbst. Ich werde die unliebens- 
würdigsten Vorwürfe zu hören bekommen wegen Oeichtig- 



keit, Borniertheit, Alangel an Idealismus und an Ver- 
ständnis für die höchsten Interessen der Menschheit. Aber 
einerseits sind mir diese Vorhaltungen nicht neu, und 
anderseits, wenn jemand sdion in jungen Jahren sich 
üher das Mißfallen seiner .Zeitgenossen hinausgesetzt hat, 
was soll es ihm im Greisenalter anhaben, wenn er sicher 
ist, bald jeder Gunst und Mißgunst entrückt zu werden? 
In früheren Zeiten war es anders, da erwarb man durch 
solche Äußerungen eine sichere Verkürzung seiner irdi- 
schen Existenz und eine gute Beschleunigung der Gelegen- 
heit, eigene Erfahrungen über das jenseitige Leben zu 
machen. Aber ich wiederhole, jene Zeiten sind vorüber 
und heute ist solche iSchreiberei auch für den Autor 
ungefährlich. Höchstens daß sein Buch in dem einen 
oder dem anderen Land nicht übersetzt und nicht ver- 
breitet werden darf. Natürlich gerade in einem Land, 
das sich des Hochstands seiner Kultur sicher fühlt. Aber 
wenn man überhaupt für "Wunschverzicht und Ergebung 
in das (Schicksal plädiert, muß man auch diesen (Schaden 
ertragen können. 

Es taudite dann bei mir die Frage auf, ob die Ver- 
öffentlidiung dieser (Schrift nicht doch jemand Unheil 
bringen könnte. Zwar keiner Person, aber einer (Sache, 
der Dache der Psychoanalyse. Es ist ja nicht zu leugnen, 
dalj sie meine (Schöpfung ist, man hat ihr reichlich Miß- 
trauen und übelwollen bezeigt; wenn ich jetzt mit so 
unliebsamen Äußerungen hervortrete, wird man für die 

58 



Verschiebung von meiner Person auf die Psychoanalyse 
nur allzu bereit sein. Jetzt siebt man, wird es neigen, 
w obin die Psychoanalyse führt. Die Mäste ist gefallen; 
zur Lieugnung von Gott und sittlichem Ideal, wie wir 
es ja immer vermutet haben. Um uns von der Ent- 
deckung abzuhalten, hat man uns vorgespiegelt, die Psycho- 
analyse habe keine Weltanschauung und könne keine 
bilden. 

Dieser Lärm wird mir wirklich unangenehm sein, 
meiner vielen .Mitarbeiter wegen, von denen mandie 
meine Einstellung zu den religiösen Problemen über- 
haupt nicht teilen. Aber die Psychoanalyse bat schon 
viele otürme überstanden, man muJj sie auch diesem 
neuen aussetzen. In Wirklichkeit ist die Psychoanalyse eine 
Forschungsmethode, ein parteiloses Instrument, wie etwa 
die Infinitesimalrechnung. AV^enn ein Physiker mit deren 
Hilfe berausbekommen sollte, da.§ die Erde nach einer 
bestimmten Zeit zugrunde gehen wird, so wird man 
sich doch bedenken, dem Kalkül selbst destruktive 
Tendenzen zuzusdireiben und ihn darum zu ächten. 
Alles, was ich bier gegen den W^hrheitswert der Reli- 
gionen gesagt habe, brauchte die Psychoanalyse nicht, 
ist lange vor ihrem Bestand von anderen gesagt worden. 
Kann man aus der Anwendung der psychoanalytisdien 
Methode ein neues Argument gegen den AV^abrbeits- 
gelialt der Religion gewinnen, tant pis für die Religion, 
aber Verteidiger der Religion werden sich mit demselben 

5 9 



zu 
eine er- 



Redit der Psychoanalyse bedienen, um die affective Be- 
deutung der religiösen Lehre voll zu würdigen. 

Nun, um in der Verteidigung fortzufahren: die 
Religion liat der mensdilichen Kultur offenbar grofje 
Dienste geleistet, zur Bändigung der asozialen Triebe 
viel Beigetragen, aber nicnt genug. iSie liat durch viele 
Jahrtausende die mensdilidie Gesellsdiaft beherrscht; 
hatte Zeit zu zeigen, was sie leisten kann. Wenn es 
llir gelungen wäre, die Melirzalil der Mensdien zu De- 
glücken, zu trösten, mit dem Leben auszusöhnen, sie zu 
Kulturträgern zu machen, so würde es niemand einfallen, 
nadi einer Änderung der Bestellenden Verhältnisse 
streben. Was seilen wir anstatt dessen? Dal} 
schreckend große Anzahl von Menschen mit der Kultur 
unzufrieden und in ihr unglücklidi ist, sie als ein Joch 
empfindet, das man abschütteln muß, daß diese Menschen 
entweder alle Kräfte an eine Abänderung dieser Kultur 
setzen, oder in ihrer Kulturfeindsdiaft so weit gehen, 
dal} sie von Kultur und Triebeinsdiränkung überhaupt 
nichts wissen wollen. Man wird uns hier einwerfen, 
dieser Zustand komme eben daher, dal} die Religion 
einen Teil ihres Einflusses auf die Menschenmassen ein- 
gebüßt hat, gerade infolge der bedauerlichen Wirkung 
der Fortschritte in der Wissenschaft. Wir werden uns 
dieses Zugeständnis und seine Begründung merken und 
es später für unsere Absichten verwerten, aber der Ein- 
wand selbst ist kraftlos. 

60 



Es ist zweifelhaft, ob die Mensdien zur Zeit der 
uneingeschränkten Herrschaft der religiösen Lehren im 
ganzen glücklicher -waren als heute, sittlicher waren sie 
gewiß nicht. Sie hahen es immer verstanden, die reli- 
giösen Vorschriften zu veräufjerlichen und damit deren 
Ahsichten zu vereiteln. Die Priester, die den Gehorsam 
gegen die Religion zu bewachen hatten, kamen ihnen 
dabei entgegen. Gottes Güte mußte seiner Gerechtigkeit 
in den Arm fallen. Man sündigte und dann krachte 
man Opfer oder tat Buße und dann war man frei, um 
von neuem zu sündigen. Russisdie Innerlichkeit hat 
sidi zur Folgerung aufgeschwungen, dal; die Sünde un- 
erläßlich sei, um alle Seligkeiten der göttlichen Gnade 
zu genießen, also im Grunde ein gottgefälliges Werk. 
Es ist offenkundig, daß die Priester die Unterwürfigkeit 
der Massen gegen die Religion nur erkalten konnten, 
indem sie der menschlichen Triebnatur so große Zu- 
geständnisse einräumten. Es hlieh dahei: Gott allein ist 
stark und gut, der Mensdi aber schwadi und sündhaft. 
Die Unsittlichkeit hat zu allen Zelten an der Religion 
keine mindere Stütze gefunden als die Sittlichkeit. "Wenn 
die Leistungen der Religion in hezug auf die Beglückung 
der Menschen, ihre Kultureignung und ihre sittlidie Be- 
schränkung keine besseren sind, dann erheht sich dodi 
die Frage, oh wir ihre Notwendigkeit für die Mensdi- 
heit nicht überschätzen und oh wir weise daran tun, 
unsere Kulturforderungen auf sie zu gründen. 

6t 



Man überlege die unverkennbare gegenwärtige Situation. 
Wir haben aas Zugeständnis gehört, daß die Religion nidit 
mebr denselben Einfluß auf die Menschen bat wie früber. 
(Es bandelt sidi bier um die europäisch-christliche Kultur.) 
Dies nicbt darum, weil ibre Versprechungen geringer ge- 
worden sind, sondern weil sie den Menseben weniger glaub- 
würdig erscheinen. Geben wir zu, daß der Grund dieser 
Wandlung die Erstarkung des wissenschaftlichen Geistes 
in den Oberschichten der mensdilicben Gesellschaft ist. 
(Es ist vielleicht nidit der einzige.) Die Kritik bat die 
Beweiskraft der religiösen Dokumente angenagt, die Natur- 
wissensdiaft die in ibnen enthaltenen Irrtümer aufgezeigt, 
der vergleichenden Forschung ist die fatale Ähnlichkeit 
der von uns verebrten religiösen V orstellungen mit den 
geistigen Produktionen primitiver Völker und Zeiten auf- 
gefallen. 

Der wissenscbaftlidie Geist erzeugt eine bestimmte 
Art, wie man sidi zu den Dingen dieser V^elt einstellt ; 
vor den Dingen der Religion macht er eine W^ile balt, 
zaudert, endlich tritt er audi bier über die Schwelle. 
In diesem Prozeß gibt es keine Aufhaltung, je mehr 
Mensdien die Sdiätze unseres "Wissens zugänglich werden, 
desto mehr verbreitet sidi der Abfall vom religiösen 
Glauben, zuerst nur von den veralteten, anstößigen 
Einkleidungen desselben, dann aber auch von seinen 
fundamentalen Voraussetzungen. Die Amerikaner, die 
den Affenprozeß in Dayton aufgeführt, haben sich 



allein konsequent gezeigt. Der unvermeidliche Übergang 
vollzieht sich sonst über Halbheiten und Unaufrichtig- 
keiten. 

V on den Gebildeten und geistigen Arbeitern ist für die 
Kultur wenig zu befürchten. Die Ersetzung der religiösen 
Motive für kulturelles Benelimen durch andere weltliche 
würde bei ihnen geräusdilos vor sieb geben, überdies sind sie 
zum guten Teil selbst Kulturträger. Anders stellt es um die 
grobe Masse der Ungebildeten, Unterdrüditen, die allen 
Grund haben, Feinde der Kultur zu sein. Solange sie nidit 
erfahren, daij man nicht mehr an Gott glaubt, ist es gut. 
Aber sie erfahren es, unfehlbar, auch wenn diese meine 
iSdirift nicht veröffentlidit wird. Und sie sind bereit, die 
Resultate des wissenschaftlichen Denkens anzunehmen, 
ohne dah, sich in ihnen die Veränderung eingestellt hätte, 
weldie das wissensdiaftliche Denken beim Mensdien herbei- 
führt. Besteht da nicht die Gefahr, dah^ die Kulturfeind- 
schaft dieser Massen sich auf den sdiwachen Punkt stürzen 
wird, den sie an ihrer Zwangsherrin erkannt haben ? Wenn 
man seinen Nebenmensdien nur darum nicht erschlagen 
darf, weil der liebe Gott es verboten hat und es in diesem 
oder jenem Leben schwer ahnden wird, man erfährt aber, 
es gibt keinen lieben Gott, man braucht sich vor seiner 
Strafe nidit zu fürchten, dann erschlägt man ihn gewÜ3 
unbedenklich und kann nur durch irdische Gewalt da- 
von abgebalten werden. Also entweder strengste ISTieder- 
haltung dieser gefährlichen Massen, sorgsamste Ab- 

65 



Sperrung von allen Gelegenheiten zur geistigen E-rweckung 
oder gründliche Revision der Beziehung zwischen Kultur 
und Religion. 



Q 



VIII 

Man sollte meinen, dafj der Ausführung dieses letz- 
teren Vorschlags keine Desonderen Schwierigkeiten im 
Wege stehen. Es ist richtig, dah man dann auf etwas 
verzichtet, ater man gewinnt vielleicht mehr und ver- 
meidet eine groije Gefahr. Aher man schreckt sich davor, 
als oh man dadurch die Kultur einer noch größeren Ge- 
fahr aussetzen würde. Als Sankt Bomfazius den von den 
/Sachsen als heilig verehrten Baum umhieb, erwarteten 
die Umstehenden ein fürchterliches Ereignis als Folge des 
Frevels. Es traf nicht ein und die Sachsen nahmen die 
Taufe an. 

AV^enn die Kultur das Gebot aufgestellt hat, den 
Nachbar nicht zu töten, den man haljt, der einem im 
V^ege ist oder dessen Habe man begehrt, so geschah es 
offenbar im Interesse des menschlichen Zusammenlebens, 
das sonst undurchführbar wäre. Denn der Mörder würde 
die Rache der Angehörigen des Ermordeten auf siai 
ziehen und den dumpfen Neid der anderen, die eben- 
soviel innere Neigung zu solcher Gewalttat verspüren. 

Cr 

Freud: Illusion. 5 DO 



Er würde sidi also seiner Racke oder seines Rautes nickt 
lange freuen, sondern Iiätte alle Aussicht, tald seiest 
ersctlagen zu werden. Seltst wenn er sict durck auljer- 
ordentlidie Kraft und Vorsidit gegen den einzelnen 
Gegner sdiützen würde, mü|te er einer Vereinigung von 
«Sdiwäckeren unterliegen. Käme eine soldie Vereinigung 
nickt zustande, so würde sidi das Morden endlos fortsetzen 
und das Ende wäre, da| die Menscken sidi gegenseitig aus- 
rotteten. Es wäre derselbe Zustand unter Einzelnen, der in 
Korsita noen unter Familien, sonst ater nur unter Nationen 
forttestett. Die für Alle gleidie Gefalir der Letens- 
unsickerkeit einigt nun die Mensdien zu einer Gesell- 
schaft, welcke dem Einzelnen das Töten verbietet und 
sidi das Redat der gemeinsamen Tötung dessen vortetält, 
der das Vertot ütertritt. Dies ist dann Justiz und Strafe. 
Diese rationelle Begründung des Vertots zu morden 
teilen wir ater nidit mit, sondern wir tetaupten, Gott 
kate das Vertot erlassen. "Wir getrauen uns also seine 
Atsictten zu erraten und finden, audx er will nidit, 
da| die Mensdien einander ausrotten. Indem wir so ver- 
fatren, umkleiden wir das Kulturvertot mit einer ganz 
tesonderen Feierlichkeit, riskieren ater datei, dai" wir 
dessen Befolgung von dem Glauten an Gott atkängig 
macken. Wenn wir diesen iSckritt zurüdsnekmen, unseren 
Willen nickt mekr Gott zusekieten und uns mit der 
sozialen Begründung tegnügen, taten wir zwar auf jene 
Verklärung des Kulturvertots verzidxtet, ater auck seine 

66 



GefäWung vermieden. Wir gewinnen aber audi etwas 
anderes. Durdi eine Art von Diffusion oder Infektion 
tat sidi der Cbarakter der Heiligkeit, Unverletzlichkeit, 
der Jenseitigkeit möchte man sagen, von einigen wenigen 
groJjen Verboten auf alle weiteren kulturellen Einrich- 
tungen, Gesetze und Verordnungen ausgebreitet. Diesen 
stekt aber der Heiligenschein oft schleckt zu Gesidit; nidit 
nur, dafj sie einander selbst entwerten, indem sie je 
nach Zeit und Ortlicbkeit entgegengesetzte Entscheidungen 
treffen, sie tragen auch sonst alle Anzeidien menschlidier 
Unzulänglicbkeit zur iSdiau. Man erkennt unter innen 
leicht, was nur Produkt einer kurzsichtigen Ängstlichkeit, 
Äußerung engberziger Interessen oder Folgerung aus unzu- 
reichenden Voraussetzungen sein kann. Die Kritik, die 
man an ibnen üben mulj, setzt in unerwünschtem Ma^e 
auch den Respekt vor anderen, besser gerechtfertigten 
Kulturforderungen lierab. Da es eine mijjlicne Aufgabe 
ist, zu sdieiden, was Gott selbst gefordert bat und was 
sieb, eber von der Autorität eines allvermögenden Par- 
laments oder eines boben Magistrats ableitet, wäre es 
ein unzweifelnafter Vorteil, Gott überbaupt aus dem 
»Spiele zu lassen und ebrlidi den rein mensdxlidien Ursprung 
aller kulturellen Einriditungen und Vorsdiriften einzu- 
gesteben. Mit der beanspruchten Heiligkeit würde audi 
die Starrbeit und Unwandelbarkeit dieser Gebote und 
Gesetze fallen. Die Menseben könnten verstellen, daij 
diese gesdiaffen sind, niebt so sebr um sie zu beberrsdien, 



sondern vielmehr um Ihren Interessen zu dienen, sie 
würden ein freundlicheres V erhältnis zu ihnen gewinnen, 
sich anstatt ihrer Abschaffung nur ihre Verbesserung zum 
Ziel setzen. Dies -wäre ein wichtiger Fortschritt auf dem 
"Wege, der zur Versöhnung mit dem Druck der Kultur 
führt. 

Unser Plaidoyer für eine rein rationelle Begründung 
der Kulturvorsdiriften, also für ihre 2/Urückführung auf 
soziale rs otwendigkeit, wird aber hier plötzlich durdi 
ein Bedenken unterbrochen. V^ir haben die Entstehung 
des Mordverbots zum Beispiel gewählt. Entspridit denn 
unsere Darstellung davon der historisdien Wahrheit? 
Vvir fürditen nein, sie sdieint nur eine rationalistische 
Konstruktion zu sein. "Wir haben gerade dieses iStück 
menschlicher Kulturgesdiidite mit Hilfe der Psycho- 
analyse studiert, und auf diese Bemühung gestützt, müssen 
■wir sagen, in vv lrklidikeit war es anders. Rem vernünf- 
tige Motive richten noch beim heutigen Mensdien wenig 
gegen leidenschaftlidie Antriebe aus; um wieviel ohn- 
mächtiger müssen sie bei jenem Mensdientier der Urzeit 
gewesen sein! Vielleicht würden sidi dessen Nadikommen 
nodi heute hemmungslos, einer den andern, ersduagen, 
wenn unter jenen Mordtaten mdat eine gewesen wäre, 
der Totschlag des primitiven Vaters, die eine unwider- 
stehliche, folgenschwere Gefühlsreaktion heraufbesdiworen 
hätte. Von dieser stammt das Gebot: du sollst nidit 
töten, das im Totemismus auf den Vaterersatz besdiränltt 

68 



war, später auf andere ausgedehnt wurde, noch heute 
nicht ausnahmslos durchgeführt ist. 

Aher jener Urvater ist nach Ausführungen, die ich 
hier nicht zu wiederholen hraudie, das Urhild Gottes 
gewesen, das Modell, nach dem spätere Generationen die 
Gottesgestalt gehildet hahen. Somit hat die religiöse 
Darstellung redit, Gott war wirklidi an der Entstehung 
jenes Verbots beteiligt, sein Einfluß, nidit die Einsicht 
in die soziale Notwendigheit hat es geschaffen. Und die 
Verschiebung des menschlichen \V^illens auf Gott ist 
vollberechtigt, die jMenscben wußten ja, dafj sie den 
Vater gewalttätig beseitigt hatten und in der Reaktion 
auf ihre Freveltat setzten sie sidi vor, seinen Yvillen 
fortan zu respektieren. Die religiöse Lehre teilt uns 
also die historisdie "Wahrheit mit, freilich in einer 
gewissen Umformung und Verkleidung; unsere rationelle 
Darstellung verleugnet sie. 

W^ir Bemerken jetzt, dalj der (Schatz der religiösen 
Vorstellungen nicht allein V^unsdierfüllungen enthält, 
sondern audi bedeutsame historisdie Reminiszenzen. Dies 
Zusammenwirken von Vergangenheit und Zukunft, welch 
unvergleichliche Alachtfülle mu| es der Religion verleihen! 
Aher vielleicht dämmert uns mit Hilfe einer Analogie 
auch schon eine andere Einsicht. Es ist nicht gut, Be^- 
griffe weit weg von dem Boden zu versetzen, auf dem 
sie erwachsen sind, aher wir müssen der Übereinstim- 
mung Ausdruck geben. Über das Menschenkind wissen 

G 9 



wir, daJj es seine Entwicklung zur Kultur nicht gut 
durchmadien kann, ohne durch eine bald mehr, bald 
minder deutliche Pliase von Neurose zu passieren. Das 
kommt datier, dafj das Kind so viele der für später un- 
brauchbaren Triebansprüche nidit durdi rationelle Geistes- 
arbeit unterdrücken kann, sondern durch Verdrängungs- 
akte bändigen niuijj hinter denen in der Regel ein 
Angstmotiv stellt. Die meisten dieser Kinderneurosen 
werden während des "Wachstums spontan überwunden, 
besonders die Zwangsneurosen der Kindheit haben dies 
Sdncksal. Mit dem Rest soll auch noch später die psydio- 
analytisdie Behandlung aufräumen. In ganz ähnlicher 
Weise hätte man anzunehmen, dal} die Mensdiheit als 
Ganzes in ihrer säkularen Entwicklung in Zustände 
gerät, welche den Neurosen analog sind, und zwar aus 
denselben Gründen, weil sie in den Zeiten ihrer Un- 
wissenheit und intellektuellen Schwäche die für das 
menschliche Zusammenlehen unerläßlichen Triebverzichte 
nur durch rein affektive Kräfte zustande gebracht hat. 
Die Niederschläge der in der Vorzeit vorgefallenen 
verdrängungsähnlichen Vorgänge hafteten der Kultur 
dann noch lange an. Die Religion wäre die allgemein 
menschlidie Zwangsneurose, wie die des Kindes stammte 
sie aus dem Ödipuskomplex, der Vaterbeziehung. Nach 
dieser Auffassung wäre vorauszusehen, daJj sich die Ab- 
wendung von der Religion mit der schitksalsmäfjigen 
Unerhittlichkeit eines Wachstumsvorganges vollziehen 

7° 



mulj, und daJj wir uns gerade jetzt mitten in dieser 
Entwicklungsphase befinden. 

Unser Verhalten sollte sich dann nadi dem Vorbild 
eines verständigen Erziehers richten, der sida einer bevor- 
stebenden Neugestaltung nickt 'widersetzt, sondern sie zu 
fördern und die Gewaltsamkeit ilires Durdibrucbs ein- 
zudämmen sucht. Das Wiesen der Religion ist mit dieser 
Analogie allerdings nicht erschöpft. Bringt sie einer- 
seits z/wangseinschränkungen, wie nur eine individuelle 
.Zwangsneurose, so enthält sie anderseits ein System von 
Yvunschillusionen mit Verleugnung der Wirklichkeit, 
wie wir es isoliert nur bei einer Amentia, einer glück- 
seligen halluzinatorisaien V erworrenheit, finden. Es sind 
eben nur Vergleichungen, mit denen wir uns um 
das Verständnis des sozialen Phänomens bemühen, die 
Individualpathologie gibt uns kein vollwertiges Gegen- 
stück dazu. 

Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden (von 
mir und besonders von Th. Reih), bis in welche Einzel- 
heiten sich die Analogie der Religion mit einer Zwangs- 
neurose verfolgen, wieviel von den Sonderheiten und 
den (Schicksalen der Religionsbildung sich auf diesem 
VV ege verstehen läJjt. Es stimmt dazu auch gut, daJj der 
Frommgläubige in hohem Grade gegen die Gefahr ge- 
wisser neurotisoier Erkrankungen geschützt ist; die An- 
nahme der allgemeinen Neurose überhebt ihn der Auf- 
gabe, eine persönliche Neurose auszubilden. 



7 ] 



Die Erkenntnis des historischen W^rts gewisser reli- 
giöser Lehren steigert unseren Respekt vor iknen, macht 
aber unseren Vorschlag, sie aus der Motivierung der 
kulturellen Vorschriften zurückzuziehen, nickt wertlos. 
Im Gegenteil! Mit Hilfe dieser kistoriscken Reste kat 
sick uns die Auffassung der religiösen Lekrsätze als 
gleichsam neurotischer Relikte ergehen und nun dürfen 
wir sagen, es ist wakrsckeinlick an der Zeit, wie in der 
analytischen Behandlung des Neurotikers die Erfolge 
der Verdrängung durch die Ergehnisse der rationellen 
Geistesarbeit zu ersetzen. Daij es hei dieser Umarheitung 
nicht heim Verzicht auf die feierliche Verklärung der 
kulturellen Vorschriften bleiben wird, dalj eine allge- 
meine Revision derselben für viele die Aufhehung zur 
Folge hahen mu|, ist vorauszusehen, aher kaum zu be- 
dauern. Die uns gestellte Aufgahe der Versöhnung der 
Menschen mit der Kultur wird auf diesem "Wege weit- 
gehend gelöst werden. Um den Verzicht auf die histo- 
rische "Wahrheit hei rationeller Motivierung der Kultur- 
vorschriften darf es uns nicht leid tun. Die "Wahrheiten, 
welche die religiösen Lehren enthalten, sind doch so ent- 
stellt und systematisch verkleidet, dalj die Masse der 
Menschen sie nicht als "Wahrheit erkennen kann. Es 
ist ein äknlicker Fall, wie wenn wir dem Kind erzählen, 
dafj der Storch die Neugebornen bringt. Audi damit 
sagen wir die Wakrkeit in symbolischer Verküllung, 
denn wir wissen, was der gro|e Vogel hedeutet. Aher 

7 2 



das Kind weiJg es nickt, es hört nur den Anteil der 
Entstellung heraus, hält sich für ketrogen, und wir wissen, 
wie oft sein Mißtrauen gegen die Erwachsenen und seine 
Widersetzlichkeit gerade an diesen Eindruck anknüpft. 
\V^ir sind zur Überzeugung gekommen, dalj es kesser ist, 
die .Mitteilung solcker symkolisdier V ersdileierungen der 
vVakrkeit zu unterlassen und dem Kind die Kenntnis 
der realen Verhältnisse in Anpassung an seine intellek- 
tuelle otufe nicht zu versagen. 



7$ 



IX 



»Die gestatten sieb Widersprücbe, die scbwer mitein- 
ander zu vereintaren sind. Zuerst bebaupten iSie, eine 
»Scbrift wie die Ibrige sei ganz ungefäbrlicb. Niemand 
werde sidi durdi soldie Erörterungen seinen religiösen 
Glauben rauben lassen. Da es aber dock Ilire Absiebt 
ist, diesen Glauben zu stören, wie sieb später beraus- 
stellt, darf man fragen : warum veröffentlicben iSie sie 
eigentlicb ? An einer anderen Stelle geben Sie aber doeb 
zu, daij es gefäbrlicb, ja sogar sebr gefäbrlicb werden bann, 
wenn jemand erfäbrt, dalj man niebt mebr an Gott 
glaubt. Er war bis dabin gefügig und nun wirft er den 
Geborsam gegen die Kulturvorscbriften beiseite. Ibr 
ganzes Argument, dalj die religiöse Motivierung der 
Kulturgebote eine Gefabr für die Kultur bedeute, rubt 
ja auf der Annabme, dalj der Gläubige zum Ungläubigen 
gemaebt werden bann, das ist doeb ein voller Wider- 
spruch« 

»Ein anderer Widersprucb ist, wenn «Sie einerseits 
zugeben, der Menscb sei dureb Intelligenz niebt zu 

7i 



lenken, er werde durch seine Leidenschaften und Trieh- 
ansprüche heherrscht, anderseits aher den Vorschlag 
machen, die affektiven Grundlagen seines Kulturgehor- 
sams durdi rationelle zu ersetzen. Das verstehe wer 
kann. Mir scheint es entweder das eine oder das an- 
dere.« 

ȟhrigens, nahen iSie nichts aus der Geschichte ge- 
lernt? Ein solcher versuch, die Religion durch die Ver- 
nunft ahlösen zu lassen, ist ja schon einmal gemacht 
worden, offiziell und in großem otil. oie erinnern sich 
doch an die französische Revolution und Rohespierre ? 
Aher auch an die Kurzlehigkeit und klägliche Erfolg- 
losigkeit des Experiments. Es wird jetzt in Rußland 
•wiederholt, -wir hrauchen nicht neugierig zu sein, wie es 
ausgehen wird. Meinen oie nicht, dah wir annehmen 
dürfen, der Mensch kann die Religion nicht enthehren?« 

»Sie hahen seihst gesagt, die Religion ist mehr als 
eine Zwangsneurose. Aher von dieser ihrer anderen 
oeite hahen oie nicht gehandelt. Es genügt Ihnen, die 
Analogie mit der Neurose durchzuführen. Von einer 
Neurose mulj man die Menschen hefreien. Was dahei 
sonst verloren geht, kümmert oie nicht.« 

Der Anschein des Widerspruchs ist wahrscheinlich 
entstanden, -weil ich komplizierte Dinge zu eilig hehan- 
delt hahe. Einiges können wir nachholen. Ich hehaupte 
noch immer, dalj meine ochrift in einer Hinsicht ganz 
ungefährlich ist. Kein Glauhender wird sich durch diese 

75 



oder ähnlidie Argumente in seinem Glauben beirren 
lassen. Ein Glaubender liat Bestimmte zärtlidie Bindungen 
an die Inhalte der Religion. Es gibt gewilj ungezählt 
viele Andere, die nidit in demselben Sinne gläubig sind. 
Sie sind den Kulturvorschriften gehorsam, weil sie sidi durdi 
die Drohungen der Religion einschüchtern lassen, und 
sie fürditen die Religion, solange sie dieselbe für ein 
Stück der sie einschränkenden Realität lialten müssen. 
Diese sind es, die losbrechen, sobald sie den Glauben 
an inren Realitätswert aufgeben dürfen, aber auch dar- 
auf liaben Argumente keinen Einfluß. Sie liören auf, 
die Religion zu fürditen, wenn sie merken, da.§ audi 
andere sie nicht fürditen, und von ilinen liahe idi be- 
hauptet, dalj sie vom Niedergang des religiösen Ein- 
flusses erfahren würden, audi wenn ich meine Sdirift 
nicht publizierte. 

Ich glaube aber, Sie legen selbst mehr Wert auf den 
anderen Widerspruch, den Sie mir vorhalten. Die Men- 
schen sind Vernunftgründen so wenig zugänglich, werden 
ganz von ibren Triebwünschen beberrscbt. Warum soll 
man also ilinen eine Triebbefriedigung wegnebmen und 
durch Vernunftgründe ersetzen wollen ? Freilieb sind die 
Menseben so, aber baben Sie sidi gefragt, ob sie so 
sein müssen, ob ihre innerste Natur sie dazu nötigt? 
Kann der Antbropologe den Schädelindex eines Volk 
angeben, das die Sitte pflegt, die Köpfchen seiner Kind 
von früb an durch Bandagen zu deformieren? Denk 



es 
er 
en 



oie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlen- 
den Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denh- 
sdiwäche des durchsdimttlichen Erwachsenen. VVäre es 
so ganz unmöglich, dafj gerade die religiöse Erziehung 
ein großes Teil Schuld an dieser relativen Verkümme- 
rung trägt? leb meine, es -würde sebr lange dauern, bis 
ein niebt beeinflußtes Kind anfinge, sidi Gedanken über 
Gott und die Dinge jenseits dieser AVelt zu machen. 
V ielleicbt würden diese Gedanken dann dieselben \S^ege 
emscblagen, die sie bei seinen XJrabnen gegangen sind, 
aber man wartet diese Entwicklung nidit ab, man fübrt 
lbm die religiösen Lebren zu einer Zeit zu, da es weder 
Interesse für sie noeb die Fähigkeit bat, ibre Tragweite zu 
begreifen. V erzögerung der sexuellen Entwidmung und 
verfrühung des religiösen Einflusses, das sind dodi 
die beiden Hauptpunkte im Programm der beutigen 
Pädagogik, nidit wahr? vVenii dann das Denken des 
Kindes erwacht, sind die religiösen Lehren bereits un- 
angreifbar geworden. jMLeinen oie aber, daß es für die 
Erstarkung der Denkfunktion sehr förderlich ist, wenn 
ihr ein so bedeutsames Gebiet durch die Androhung 
der Höllenstrafen verschlossen wird? Vver sich einmal 
dazu gebracht hat, alle die Absurditäten, die die reli- 
giösen Lehren ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen, 
und selbst die AVidersprüdie zwischen ihnen zu über- 
sehen, dessen Denkschwäche braucht uns nicht arg zu 
verwundern. Nun haben -wir aber kein anderes .Mittel 



77 



zur Bekerrschung unserer Triebkaftigkeit als unsere 
Intelligenz. "W^e kann man von Personen, die unter 
der Herrschaft von Denkverboten steten, erwarten, 
dal} sie das psydiologisdie Ideal, den Primat der In- 
telligenz, erreicnen werden? Sie wissen aucn, dal} man 
den Frauen im allgemeinen den sogenannten »pkysio- 
logisdien Schwachsinn« nacbsagt, d. t. eine geringere In- 
telligenz als die des Mannes. Die Tatsache seiest ist 
strittig, ilire Auslegung zweifelhaft, aber ein Argument 
für die sekundäre Natur dieser intellektuellen Verküm- 
merung lautet, die Frauen litten unter der Härte des 
frühen Verbots, ilir Denken an das zu wenden, was sie 
am meisten interessiert liätte, nämlicn an die Probleme des 
Geschlechtslebens. Solange auijer der sexuellen Denk- 
hemmung die religiöse und die von ihr abgeleitete loyale 
auf die frülien Jakre des Menschen einwirken, können 
wir wirklick nickt sagen, wie er eigentlich ist. 

Aber ick will meinen Eifer ermäßigen und die Mög- 
lichkeit zugesteken, daij auck ich einer Illusion nachjage. 
Vielleidit ist die Wirkung des religiösen Denkverbots 
nicht so arg wie ick 's annekme, vielleicht stellt es sich 
keraus, da| die menschliche Natur dieselbe bleibt, audi 
wenn man die Erziekung nickt zur Unterwerfung unter 
die Religion mil^braudit. Ick weil} es nickt und Sie 
können es auck nickt wissen. Nickt nur die großen Pro- 
bleme dieses Lebens sekeinen derzeit unlösbar, sondern 
audi viele geringere Fragen sind sckwer zu entsdieide 



Jen. 



7 8 



Aber gestehen Sie mir zu, da| liier eine Berechtigung 
für eine Zukunftshoffnung vorhanden ist, da.§ vielleicht 
ein Schatz zu heben ist, der die Kultur bereichern kann, 
dafj es sieb der Mülie lohnt, den Versucli einer irreli- 
giösen Erziehung zu unternelimen. Fällt er unbefriedi- 
gend aus, so bin icb bereit, die Reform aufzugeben und 
zum früberen, rein deskriptiven Urteil zurückzukehren: 
der Menscb ist ein Wesen von schwacher Intelligenz, 
das von seinen Triebwünschen beberrsebt wird. 

In einem anderen Punkte stimme idi Ibnen obne 
Rückhalt bei. Es ist gewiJj ein unsinniges Beginnen, die 
Religion gewaltsam und mit einem iScblage aufbeben zu 
wollen. Vor allem darum, weil es aussichtslos ist. Der 
Gläubige läfjt sieb seinen Glauben niebt entreißen, niebt 
dureb Argumente und nidit dureb Verbote. Gelänge es 
aber bei einigen, so wäre es eine Grausamkeit. Wer 
dureb Dezennien Schlafmittel genommen bat, kann na- 
türlidi niebt schlafen, wenn man ibm das Mittel ent- 
zieht. Dalj die Wirkung der religiösen Tröstungen der 
eines Narkotikums gleichgesetzt werden darf, wird dureb 
einen Vorgang in Amerika kübsch erläutert. Dort 
will man jetzt den Mensdien — offenbar unter dem 
Einfluß der Frauenherrschaft — alle Reiz-, Rausdi- und 
GenuJjmittel entziehen und übersättigt sie zur Entschädi- 
gung mit Gottesfurcht. Auch auf den Ausgang dieses 
Experiments braucht man nicht neugierig zu sein. 

Idi widerspreche Ihnen also, wenn iSie weiter folgern, 



79 



daß der Mensdi überhaupt den Trost der religiösen 
Illusion nidit enthekren kann, daß er olme sie die 
Schwere des Letens, die grausame Wirklichkeit, nicht 
ertragen würde. Ja, der Mensdi nidit, dem Sie das süße 
— oder kittersüße — Gift von Kindlieit an eingeflößt 
liaten. Ater der andere, der nüditern aufgezogen wurde ? 
Vielleicht braudit der, der nidit an der Neurose leidet, 
auch keine Intoxikation, um sie zu betauten. Gewiß wird 
der Mensdi sich dann in einer schwierigen Situation be- 
finden, er wird sich seine ganze Hilflosigkeit, seine 
Geringfügigkeit im Getriebe der Welt eingestelien 
müssen, nidit mekr der Mittelpunkt der Schöpfung, 
nidit mekr das Objekt zärtlicher Fürsorge einer gütigen 
Vorsekung. Er wird in derselben Lage sein wie das 
Kind, welches das Vaterkaus verlassen kat, in dem es 
ikm so warm und bekaglick war. Aber nickt wakr, der 
Infantilismus ist dazu bestimmt, überwunden zu werden? 
Der Mensdi kann nidit ewig Kind bleiben, er muß 
endlich liinaus, ins »feindlidie Leben«. Man darf das 
»die Erziekung zur Realität« heißen, brauche idi 
Iknen nodi zu verraten, daß es die einzige Atsidit 
meiner Sdirift ist, auf die Notwendigkeit dieses Fort- 
sdiritts aufmerksam zu machen .' 

Sie fürditen wakrsdieinlich, er wird die schwere Probe 
nidit hesteken? Nun, lassen Sie uns immerlun koffen. 
Es macht schon etwas aus, wenn man weiß, dalj man 
auf seine eigene Kraft angewiesen ist. Man lernt dann, 

80 



sie/ richtig zu gebrauchen. Ganz ohne Hilfsmittel ist der 
Mensch nicht, seine Wissenschaft hat ihn seit den Zeiten 
des Diluviums viel gelehrt und wird seine Macht noch 
weiter vergrößern. Und was die großen Sdiicksalsnotwen- 
digkeiten betrifft, gegen die es eine Abhilfe nicht gibt, die 
wird er eben mit Ergebung ertragen lernen. Was soll 
ihm die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes auf dem 
Alond, von dessen Ertrag doai noch nie jemand etwas ge- 
sehen hat ? Als ehrlicher Kleinbauer auf dieser Erde 
wird er seine odiolle zu bearbeiten wissen, so daß sie 
ihn nährt. Dadurai, daß er seine Erwartungen vom 
Jenseits abzieht und alle freigewordenen Kräfte auf das 
irdische Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich er- 
reichen können, daß das Leben für alle erträglidi wird 
und die Kultur keinen mehr erdrückt. Dann wird er 
ohne Bedauern mit einem unserer Unglaubensgenossen 
sagen dürfen : 

Den Himmel überlassen -wir 
Den Engeln und den (Spatzen. 



Freud: Illusion. 6 Öl 



X 



»Das klingt ja großartig. Eine Menschheit, die auf 
alle Illusionen verzichtet liat und dadurch fällig geworden 
ist, sidi auf der Erde erträglidi einzurichten! Ich aber 
kann Ihre Erwartungen nickt teilen. Nickt darum, weil 
ick der hartnäckige Reaktionär wäre, für den Sie midi 
vielleidit lialten. Nein, aus Besonnenkeit. Ick glaube, 
wir haben nun die Rollen getausdit; Sie zeigen sidi als 
der Schwärmer, der sick von Illusionen fortreiten labt, 
und ick vertrete den Anspruch der Vernunft, das Reckt 
der Skepsis. Was Sie da aufgeführt haben, sckeint mir 
auf Irrtümern aufgebaut, die ick nach Ikrem Vorgang 
Illusionen beigen darf, weil sie deutlich genug den Ein- 
ilulj Ihrer Wünsche verraten. Sie setzen Ihre Hoffnung 
darauf, dal3 Generationen, die nicht in früher Kindheit 
den Einfluß der religiösen Lebren erfahren haben, leicht 
den ersehnten Primat der Intelligenz über das Trieb- 
leben erreichen werden. Das ist wohl eine Illusion ; in 
diesem entscheidenden Punkt wird sick die menschliche 
Natur kaum ändern. AV'enn idi nidit irre, — man weilj 

82 



so -wenig von anderen Kulturen, — gibt es audi kente 
Völker, die nickt unter dem Drudi eines religiösen 
«Systems aufwadisen, und sie kommen Ikrem Ideal nidit 
näner als andere. W"enn (Sie aus unserer europäischen 
Kultur die Religion wegsckaffen wollen, so kann es nur 
durch ein anderes (System von Lekren gesdielien, und 
dies würde von Anfang an alle psychologischen Charak- 
tere der Religion übernehmen, dieselbe Heiligkeit, (Starr- 
heit, Unduldsamkeit, dasselbe Denkverhot zu seiner Ver- 
teidigung. Irgend etwas dieser Art müssen (Sie haben, 
um den Anforderungen der Erziehung gerecht zu werden. 
Auf die Erziehung können (Sie aher nidit verzichten. 
Der "Weg vom (Säugling zum Kulturmenschen ist weit, 
zu viele Menschlein würden sich auf ihm verirren und 
nicht rechtzeitig zu ihren Lebensaufgaben kommen, wenn 
sie ohne Leitung der eigenen Entwicklung überlassen 
werden. Die Lekren, die in ihrer Erziehung angewendet 
wurden, werden dem Denken ihrer reiferen Jahre immer 
(Sdiranken setzen, genau so wie (Sie es keute der Reli- 
gion zum Vorwurf machen. Merken (Sie nidit, dalj es 
der untilgbare Geburtsfehler unserer, jeder, Kultur ist, 
dalj sie dem triebhaften und denksdiwadien Kinde auf- 
erlegt, Entsdieidungen zu treffen, die nur die gereifte 
Intelligenz des Erwachsenen rechtfertigen kann? (Sie kann 
aher nicht anders, infolge der Zusammendrängung der 
säkularen Menschheitsentwicklung auf ein paar Kindkeits- 
jahre, und das Kind kann nur durdi affektive Mädvte 

e* 83 



zur Bewältigung der ihm gestellten Aufgate veranlagt 
werden. Das sind also die Aussichten für Ihren ,Primat 
des Intellekts'. « 

»Nun sollen Sie sidi nicht verwundern, wenn idi für 
die Beibehaltung des religiösen Lehrsystems als Grund- 
lage der Erziehung und des menschlichen Zusammen- 
lebens eintrete. Es ist ein prahtisdies Problem, nidit 
eine Frage des Realitätswerts. Da wir im Interesse der 
Erhaltung unserer Kultur mit der Beeinflussung des 
Einzelnen nidit warten tonnen, bis er kulturreif ge- 
worden ist, — viele würden es überhaupt niemals werden, 
— da wir genötigt sind, dem Heranwachsenden irgend- 
ein Dystem von Lehren aufzudrängen, das bei ihm als 
der Kritik entzogene Voraussetzung wirken soll, er- 
sdieint mir das religiöse (System dazu als das weitaus 
geeignetste. Natürlich gerade wegen seiner wunsdierfül- 
lenden und tröstenden Kraft, an der »Sie die ,Illusion' 
erkannt haben wollen. Angesidits der iSdiwierigkeiten, 
etwas von der Realität zu erkennen, ja der Zweifel, ob 
dies uns überbaupt möglich ist, wollen wir dodi nicht 
übersehen, dalj auch die menschlichen Bedürfnisse ein 
otück der Realität sind, und zwar ein wichtiges, eines, 
das uns besonders nahe angeht.« 

»Einen" anderen Vorzug der religiösen Lehre finde 
ich in einer ihrer Eigentümlichkeiten, an der Sie be- 
sonderen Anstoß zu nehmen scheinen. Sie gestattet eine 
begriffliche Läuterung und iSublimierung, in weldier d 



las 



8 4 



meiste abgestreift werden kann, das die Spur primitiven 
und infantilen Denkens an sich trägt. Was dann er- 
übrigt, ist ein Gebalt von Ideen, denen die Wissen- 
schaft nicbt mebr widerspridit und die diese audi nidit 
widerlegen kann. Diese Umbildungen der religiösen 
Eehre, die iSie als Halbheiten und Kompromisse ver- 
urteilt haben, machen es möglich, den Rifj zwischen der 
ungebildeten Masse und dem philosophischen Denker 
zu vermeiden, erhalten die Gemeinsamkeit unter ihnen, 
die für die /Sicherung der Kultur so wichtig ist. Es ist 
dann nicht zu befürchten, der JMann aus dem Volk 
werde erfahren, daij die Obersdiichten der Gesellschaft 
,nidit mehr an Gott glauben'. Nun glaube ich gezeigt 
zu haben, dalj Ihre Bemühung sich auf den Ver- 
sudi reduziert, eine erprobte und affektiv wertvolle 
Illusion durdi eine andere, unerprobt und indifferent, 
zu ersetzen.« 

oie sollen mich nidit für Ihre Kritik unzugänglidi 
finden. Ich weifj, wie schwer es ist, Illusionen zu ver- 
meiden; vielleidit sind audi die Hoffnungen, zu denen 
ich mich bekannt, illusorisdier Natur. Aber einen Unter- 
schied halte idi fest. Meine Illusionen — abgesehen da- 
von, daf3 keine Strafe darauf steht, sie nidit zu teilen — 
sind nidit unkorrigierbar wie die religiösen, haben nidit 
den wahnhaften Charakter. AV^nn die Erfahrung — 
nicht mir, sondern anderen nach mir, die ebenso denken 
— zeigen sollte, dal} wir uns geirrt haben, so werden 

85 



wir auf unsere Erwartungen verzichten. Nehmen Sie 
doch meinen Versudi für das, was er ist. Ein Psydio- 
löge, der sidi nidit darüber täusdxt, wie schwer es ist, 
sidi in dieser Welt zurechtzufinden, Lemüht sidi, die 
Entwidmung der Menschheit nadi dem Li^chen Einsicut 
zu beurteilen, das er sidi durdi das Studium de* seeli- 
sdien Vorgänge Leim Einzelmenschen während dessen 
Entwicklung vom Kind zum Erwadisenen erworben liat. 
Dabei drängt sieb, ilim die Auffassung auf, dalj die 
Religion einer Kindheitsneurose vergleichbar sei, und er 
ist ojptimistisdi genug anzunelimen, daJj die Menschheit 
diese neurotisdie Phase überwinden wird, wie so viele 
Kinder ihre ähnliche Neurose auswachsen. Diese Ein- 
sichten aus der Individualpsychologie mögen ungenügend 
sein, die Übertragung auf das Menschengeschledit nicht 
gerechtfertigt, der Optimismus unbegründet; ich gehe 
Ihnen alle diese Unsicherheiten zu. Aber man kann sich 
oft nicht abhalten zu sagen, was man meint, und ent- 
sdiuldigt sidi damit, daJ3 man es nicht für mehr ausgibt, 
als es wert ist. 

Und hei zwei Punkten mulj ich nodi verweilen. 
Erstens, die iSchwäche meiner Position bedeutet keine 
Stärkung der Ihrigen. Ich meine, Sie verteidigen eine 
verlorene Cache. W"ir mögen noch so oft betonen, der 
menschlidie Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum 
menschlidien Triehlehen, und Recht damit haben. Aber 
es ist doch etwas Besonderes um diese jSdiwädie; die 

86 



Stimme des Intellekts ist leise, aber sie rukt nickt, elie 
sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig 
oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies 
ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die 
Zukunft der .Menschheit optimistisch sein darf, aber er 
bedeutet an sich nickt wenig. An ikn kann man nodi 
andere Hoffnungen anknüpfen. Der Primat des Intellekts 
liegt gewiß in weiter, weiter, aber wakrsckeinlich dock 
nickt in unendliaier Ferne. Und da er sied voraussicht- 
lich dieselben Ziele setzen wird, deren Verwirklichung 
oie von Ihrem Gott erwarten — in menseklicker Er- 
mäßigung natürlich, soweit die äußere Realität, die 
'kvdy%X\, es gestattet — : die Mensdienliebe und die Ein- 
schränkung des Leidens, dürfen wir uns sagen, daß 
unsere Gegnerschaft nur eine einstweilige ist, keine un- 
versöhnliche. \T\v erhoffen dasselbe, aber Sie sind un- 
geduldiger, anspruchsvoller und — warum soll idi es 
nickt sagen? — selfcstsüditiger als ick und die Meinigen. 
iSie wollen die Seligkeit gleidi nack dem Tod be- 
ginnen lassen, verlangen von ikr das Unmögliche und 
wollen den Anspruch der Einzelperson nidit aufgeben. 
Unser Gott Aoyo? 1 wird von diesen Wünschen verwirk- 
licken, was die Natur außer uns gestattet, aber sekr all- 
mäklick, erst in unabsekbarer Zukunft und f 
Mensdienkinder. Eine Entschädigung für uns, die 



ur neue 
wir 



1) Das Götterpaar höyoc,-' Avä^m} des Holländers Multatuli. 

8 7 



schwer am Leben leiden, verspricht er nicht. Auf dem 
VVege zu diesem fernen Ziel müssen Ihre religiösen 
Lehren fallen gelassen werden, gleichgültig oh die ersten 
Versuche miljlingen, gleichgültig oh sich die ersten Ersatz- 
hudungen als haltlos erweisen. iSie wissen warum; auf 
die Dauer kann der V ernunft und der Erfahrung nichts 
widerstehen, und der Widerspruch der Religion gegen 
heide ist allzu greifbar. Audi die geläuterten religiösen 
Ideen können sich diesem Ochicksal nicht entziehen, so- 
lange sie noch etwas vom Trostgehalt der Religion 
retten wollen. Freilidi, wenn sie sich auf die Behauptung 
eines höheren geistigen \Vesens einschränken, dessen 
Eigensdiaften unhestimmhar, dessen Absichten unerkenn- 
bar sind, dann sind sie gegen den Einspruch der "Wissen- 
schaft gefeit, dann werden sie aber audi vom Interesse 
der Manschen verlassen. 

Und zweitens: Beaditen »Sie die Versdiiedenheit Ihres 
und meines Verhaltens gegen die Illusion. jSie müssen 
die religiöse Illusion mit allen Ihren Kräften verteidigen; 
wenn sie entwertet wird, — und sie ist wahrlich bedroht 
genug, — dann stürzt Ihre W^elt zusammen, es bleibt 
Ihnen nidits übrig, als an allem zu verzweifeln, an der 
Kultur und an der Zukunft der Menschheit. Von dieser 
Leibeigenschaft bin ich, sind wir frei. Da wir bereit sind, 
auf ein gutes Otüdt unserer infantilen W^ünsche zu ver- 
zichten, können wir es vertragen, wenn sich einige unserer 
Erwartungen als Illusionen herausstellen, 

83 



Die vom Druck der religiösen Lekren befreite Er- 
ziehung wird vielleidit nickt viel am psydiologisdien 
Wesen des Mensdien ändern, unser Gott Aöyos ist viel- 
leidit nickt sekr allmäcktig, kann nur einen kleinen Teil 
von dem erfüllen, was seine Vorgänger versprocken 
kaken. Wenn wir es einseken müssen, werden wir es 
in Ergebung kinnekmen. Das Interesse an Welt und 
Eeken werden wir darum nidit verlieren, denn wir 
kaken an einer Stelle einen sickeren Ankalt, der 
Innen feklt. Wir glauken daran, da§ es der wissen- 
sckaftlicken Arkeit möglick ist, etwas üker die Realität 
der Welt zu erfakren, wodurck wir unsere M.adit 
steigern und wonack wir unser Leken einrickten können. 
Wenn dieser Glauke eine Illusion ist, dann sind wir in 
derselben Lage wie Sie, aker die Wissensckaft kat uns 
durdi zaklreidie und kedeutsame Erfolge den Beweis er- 
kradit, dal} sie keine Illusion ist. Sie kat viele offene 
und nodi mekr verkappte Feinde unter denen, die ikr 
nickt verzeiken können, daJj sie den religiösen Glauken 
entkräftet kat und ikn' zu stürzen drokt. Man wirft ikr 
vor, wie wenig sie uns gelekrt und wie unvergleicklidi 

kr sie im Dunkel gelassen kat. Aker dakei vergibt 
, wie jung sie ist, wie kesdiwerlick ikre Anfänge 
waren und wie versdiwindend klein der Zeitraum, seit- 
dem der mensdilidie Intellekt für ikre Aufgaben erstarkt 
ist. Felden wir nickt alle darin, da.! wir unseren Urteilen 
ZU kurze Zeiträume zugrunde legen? Wir sollten uns 

8q 



me 
man 



an den Geologen ein Beispiel nelimen. Man heklagt sich 
üher die Unsidierlieit der "Wissenschaft, daß sie teilte als 
Gesetz verkündet, was die nächste Generation als Irrtum 
erkennt und durdi ein neues Gesetz von ehenso kurzer 
Geltungsdauer aklöst. Aber das ist ungeredit und zum 
Teil unwahr. Die Wandlungen der wissenschaftlichen 
Meinungen sind Entwicklung, Fortschritt und nickt Um- 
sturz. Ein Gesetz, das man zunächst für unbedingt gültig 
gekalten kat, erweist sidi als «Spezialfall einer umfassen- 
deren Gesetzmäßigkeit oder wird eingesdiränkt durck ein 
anderes Gesetz, das man erst später kennen lernt; eine 
rolie Annäkerung an die Wahrheit wird ersetzt durck 
eine sorgfältiger angepaßte, die ihrerseits wieder eine 
weitere Vervollkommnung erwartet. Auf verschiedenen 
Gehieten kat man eine Pkase der Forschung nock nickt 
überwunden, in der man Annahmen versucht, die man 
hald als unzulänglidi verwerfen muß; auf anderen gibt 
es aher hereits einen gesicherten und fast unveränderlichen 
Kern von Erkenntnis. Man kat endlich versucht, die 
wissenschaftliche Bemühung radikal zu entwerten durch 
die Erwägung, daß sie, an die Bedingungen unserer 
eigenen Organisation gebunden, nichts anderes als suh- 
jektive Ergehnisse liefern kann, wäkrend ikr die wirk- 
liche Natur der Dinge außer uns unzugänglich hleiht. 
Dahei setzt man sich üher einige Momente hinweg, die 
für die Auffassung der wissenschaftlichen Arheit ent- 
scheidend sind, daß unsere Organisation, d. h. unser 

9° 



seelischer Apparat, eben im Bemülien um die Erkun- 
dung der Außenwelt entwickelt worden ist, also ein 
iStüdi Zweckmäßigkeit in seiner Struktur realisiert haben 
muß, daß er selbst ein Bestandteil jener VVelt ist, die 
wir erforschen sollen, und daß er soldie Erforschung sehr 
wohl zuläßt, daß die Aufgabe der W'issensdiaft voll 
umschrieben ist, wenn wir sie darauf einsdiränken zu 
zeigen, wie uns die AV^elt infolge der Eigenart unserer 
Organisation erscheinen muß, daß die endlidien Resul- 
tate der AV^issensdiaft gerade wegen der Art ihrer Er- 
werbung nidit nur durdi unsere Organisation bedingt 
sind, sondern au da durdi das, was auf diese Organisation 
gewirkt hat, und endlich, daß das Problem einer AVelt- 
besdiaffenheit ohne Rücksicht auf unseren wahrnehmenden 
seelisdien Apparat eine leere Ahstraktion ist, ohne prak- 
tisches Interesse. 

Nein, unsere ^Wissenschaft ist keine Illusion. Eine 
Illusion aber wäre es zu glauben, daß wir anderswoher 
bekommen tonnten, was sie uns nidit geben kann. 



9 1 



In dem gleichen Formaie und in der gleichen Ausstattung wie das 
vorliegende Buch sind früher erschienen: 



jSIGjM. FREUD: Die Frage der Laien a n alys e. Unter- 
redungen mit einem Unparteiischen, Geheftet M 3. so, Granzleinen 
M 4.80. 

Prof. Freud nimmt Stellung zu der durch einen Kurpfuscherprozeß in Wien aktuell ge- 
wordenen Fra^e, ob die Handhabung des tiefenpsychologischen Heilverfahrens den Ärzten 
vorbehalten bleiben soll. Der Schöpfer der Psychoanalyse verwahrt sich temperamentvoll 
dagegen, daß die Psychoanalyse „von der Medizin verschluckt werde". In diesem Zusammen- 
hang entwirft Freud in knappen Zügen auch ein Bild seiner ganzen Lehre. Insbesondere 
die konkreten Vorgänge während der analytischen Kur werden eingehender verdeutlicht 
als in früheren gemeinverständlichen Darstellungen. 



ANNA FREUD: Einführung in die Tecknit der 
Jvin oeranalyse. Geheftet JyL 2.70, Ganzleinen M. 4. — . 

Vier Vorlesungen am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung: I) Die 
Einleitung der Kinderanalyse — II) Die Mittel der Kinderanalyse — III) Die Bolle der 
Übertragung in der Kinderanalyse — IV) Das Verhältnis der Kinderanalyse zur Erziehung. 



THEODOR REIK: Wie man Psyckologe wir! 
Geheftet M. 5.6 o, Ganzleinen JM 5. — . 

Inhalt: I) Wie man Psychologe wird — II) Psychologie und Depersonalisation — III) Die 
psychologische Bedeutung des Schweigens. 



SIEGFRIED BERNFELD: /3; syp ko S oder: Die 

Grenzen der Erziekung. Geheftet M. 5. — , Ganzleinen M. 6.5 o. 

Seit langem im fragwürdigen Bereich der Pädagogik keine wichtigere Erscheinung, als 
diese Schrift. Übrigens auch keine bei allem bitteren Ernst witzigere und vergnüglichere. 
(Gustav Wyneken im Berliner Tageblatt.) — Die glänzende Programmrede des Unterrichts- 
ministers reicht an Anatole France heran und könnte in der Insel der Pinguine stehen. (Die 
Mutter.) — Geistreiche Sachlichkeit und anmutige Ironie. (Ostseezeitung.) — Vollzieht in 
eigenkräftiger Klarheit die Paarung oder besser: die Durchdringung Freud -Marx . . . 
Sezierarbeit am didaktischen Größenwahn. (Paul Oestrei~h in Die neue Erziehung.) — 
Selten sind die scheinbar so sicheren Grundlagen der Pädagogik so gründlich unterwühlt 
worden, wie in dem vorliegenden geistreichen Buche. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft.) 



Internationaler Psy choanaly t ischer Verlag, Wien I, Börseg 



asse 11 



ZUR PSYCHOANALYSE 



SIGM. FREUD: Totem und Tat«. Einige Übereinstim- 
mungen im Oeelenleken der "Wilden und der Neurotiter. Geheftet 
M 5.—, Hallleinen M6.~. 

Inhalt: Vorwort — I) Die Inzestscheu — II) Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühls- 
regungen — III) Ammismus, Magie und Allmacht der Gedanken — IV) Die infantile 
Wiederkehr des Totemismus. 

Diese wundervolle Untersuchung dringt bis zu den Ursprüngen der religiösen und sozialen 
Beschränkungen vor. Die Ergebnisse stürzen in der Tat die alte Psychologie vollkommen 
um. (The New York Times,) 

jSIGM. FREUD: Massenpsyckologie und Ick-Ana- 
lyse. M 3.5o. 

Reich an Ideen, fesselnd und anregend zugleich; hat die Massenpsychologie durch eine 
vertiefte Problemstellung bereichert und auf neue Bahnen geführt. (Kölner Vierteljahrsscm: 
f. Sozialwiss.) — Die Vorzüge Freudscher Darstellungsweise durchdringen auch dieses ge- 
danklich bedeutsame Buch. (Zeitschrift für Sexualwissenschaft.) 

olCr-M. FREUD: Eine Teufelsneurose im xy. Jak r- 
kundert. M. 1.80. 

Wie man ein religiöses Schicksal psychoanalytisch auffassen kann, ohne platt, trivial, un- 
ehrfürchtig zu werden: dafür ist das Schriftchen ein feinsinniges Beispiel. Die Grazie der 
Darstellung bietet überdies einen literarischen GenuD. (Archiv für Frauenkunde,) 

HAN5 ZULLIGER: Zur Psyckologie der Trauer- 

und -Bestattungsgeträucke. JVf 2. — . 

Inhalt: I) Eine Schulkameradin ist gestorben — II) Über Speiseverbote und Fasten- 
gebräuche — III) Begräbnisgebräuche. 

C D. DAEY: Hindu-JYLytkologie und Kastrations- 
komplex. Geheftet M. 2.80, Ganzleinen M. 4.20. 

Inhalt: I) Psychologie der Hindu. Die Rückkehr zu den analen Interessen und die 
Fixierung in ihnen als Resultat der Kastrationsangst. Ambivalente Einstellung zu den 
weiblichen Genitalien — II) Die hinduistische Göttin Kali. Lha-Mo, das tibetanische 
Gegenstück — III) Der Kali-Symbolismus — IV) Der Penisneid — V) Die Todesangst der 
Hindu. Kali, die Schlachtenkönigin. Das „Unheimliche" und das „Geheimnisvolle". Der 
Menstruationskomplex. 



DER RELIGION 



THEODOR REIK: Der eigene und der fremd 
Gott. Geheftet M. 8.5 o, Ganzleinen M 10. 5 • 



e 



>o. 



Aus dem Inhalt: Jesus und Maria im Talmud — Der hl. Epiphanius verschreibt sich — 
Das Evangelium des Judas Ischarioth — Die Unheimlichkeit fremder Götter u. Kulte — u. s.w. 

Der tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer Zeit. (Schulreform, 
Bern.) — Man wird eine Methode, die so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht 
a limine ablehnen. (Prof. Titius in der Theologischen Literaturzeitung.) — Man muß Reiks 
wuchtigen Vorstoß anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weg, zwar oft durch Dunkel 
und Schrecken und kaltes Grauen. (Bremer Nachrichten.) — Das Buch ist unmittelbar er- 
schütternd. Es versäume niemand, dem psychologischen Zusammenhang zwischen Christus 
und Judas Ischarioth unter Reiks sachkundiger Führung nachzusinnen. (Graf Hermann 
Keyserling im Weg zur Vollendung.) - Ein geistreiches Buch . . . Einer der hellsten Köpfe 
unter den Psychoanalytikern. (Alfred. Doblin in der Vossischen Zeitung.) 

THEODOR REIK: Dogma uncl Zwangsidee. Gek. 

M. 5.6o, Ganzleinen ify. — . 

Inhalt: I) Das Dogma — II) Die Entstehung des Dogmas — III) Dogma und Zwangs- 
idee (Das Dogma als Kompromißausdruck von verdrängten und verdrängenden Vorstellun- 
gen. Die Verschiebung auf ein Kleinstes. Zweifel und Hohn. Dogma und Anaihema. Der 
Widersinn im Dogma und in der Zwangsidee. Die sekundäre Bearbeitung in der ratio- 
nalen Theologie. Fides und Ratio. Das Tabu des Dogmas. Der latente Inhalt des Dogmas 
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Das Wiederkehrend-Verdrängte. Die Stellung 
des Dogmas in der Religion. Glaubensgesetz und Sittengeselz). 



iweize- 



HERMANN RORSCHACH (f) : Zwei sc k 

riscke Se t tens tif ter. Geheftet M 2.20, Ganzleinen M 3. 4 o. 

Inh alt: I) Johannes Binggeli — II) Anton Unternährer. (Nach Vorträgen in der „Schweize- 
rischen Gesellschaft für Psychoanalyse".) 

GEZA RÖHEIM: Mondmytkologie und Mond- 
religion. Geheftet M 3. 60, Ganzleinen M 5. — . 

Inhalt: I) Die Wasserträger im Monde. Der Mondbaum, der ewige Faden und die 
Spinnerin. Zusammenhänge zwischen Südostasien und Polynesien. Die Kröte. — II) Mond- 
mythen und Weckträume. Naturmythos und Elementargedanke oder Psychologische 
Mythendeutung und Wanderungstheorie. Mondsage, Durstreiztraum, Harnreiztraum Flut 
sagen. Urindrang und Mondsucht - III) Danaidenarbeit. Neuseeländische Varianten. Das 
Los der alten Jungfern. Die Sonntagsschänder und ihre ewige Arbeit. Diebstahl und Mond- 
versetzung - IV) Die Mondmutter und der Mondkult. Mondsucht und Menstruation 
Kiddus lebana. Die lunare Sympathie. 



DAS 



Soeben erschi 



TUAL 



Psychoanalytische Otudien 



THEODOR ILEIK 

JVlit einer Vorrede von iSigtn. Freuo 

Zweite, durchgesehene und ergänzte Auflage der »Probleme der 
Religionspsycnologiee 

Geheftet M 12. — , Ganzleinen M 14. — 

Int alt: Die Couvade (M.ännerkindbett) und die Psydiogenese der 

Vergeltungsfurcht — Die Puhertätsriten der Wilden — Kolnidre — Das 

iSdiofar — Der M_oses des ^Michelangelo 

Es ist eine schwere Kost, die vorsichtig genommen und mehrmals ver- 
daut werden muß, — aber es ist eine Arbeit, die, wie alle psycho- 
analytischen Werke, den Problemen wirklich nahezukommen 
sucht, es ist nicht dieses ewige kompilierende Denken, das so häufig 
in der übrigen medizinischen Literatur uns ichthyosaurierhaft an- 
mutet . . . Wenn Reik am Schlüsse seines Werkes schreibt, daß er 
der Religionswissenschaft einen neuen Weg gewiesen hat, den er an 
der Hand seines Meisters Freud betrat, dann muß ihm jeder Vor- 
urteilsfreie, auch wenn er ihm nicht in allen Deduktionen folgen kann, 
recht geben. Wie schmerzlich manchem die Sondierung religiös- 
ethischer Gefühle sein mag, vom wissenschaftlichen Standpunkt ist 
sie berechtigt, und die Psychoanalyse ist zweifelsohne befähigt, diese 
Erkenntnis in ein bisher unbekanntes Reich zu führen. Reiks Buch 
kann nicht referiert werden, da jedes Referat nur Stückwerk bleiben 
muß; es ist ein Buch, das durchforscht zu werden verdient und 
das in sich den Keim neuen Werdens trägt. 

Prof. Liepmann in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft". 



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Die Zukunft 



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