(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Dostojewski - Skizze zu seiner Psychoanalyse"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




\ 



IMAGO-BÜCHER / IV 

D O STO JE WSKI 

VON JOLAN NEUFELD 



IMAGO-BÜCHER/IV 



DOS TO JEWS R I 

SKIZZE ZU SEINER 

PSYCHOANALYSE 

VON 

JOLAN NEUFELD 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 

1923 






ALLE RECHTE 

BESONDERS DIE DER ÜBERSETZUNG 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1923 „ „„„. , r 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 



GES. M. B. H. WIEN 



GEDRUCKT BEI K..LIEBEL IN WIEN 






Hätten Krieg und Revolution das autokratische Ruß- 
land nicht vernichtet, so hätte Rußland unter Teilnahme 
der ganzen gebildeten Welt 1921 den hundertsten Geburts- 
tag Dostojewskis gefeiert. Das bolschewistische Rußland 
huldigt einer so konservativen Autorität natürlich nicht, 
und so unterblieben nicht nur all die Festlichkeiten, mit 
denen die literarische Welt den größten Dichter Ruß- 
lands feiern wollte, sondern auch die Memoiren und 
Biographien, die die noch lebenden Mitglieder der Familie 
Dostojewski zu diesem Anlasse schrieben oder schreiben 
wollten, erschienen nicht. Nur die Tochter des Dichters, 
Aimee Dostojewski, gab ihre Erinnerungen an den be- 
rühmten Vater heraus.* Dieselben sind für den Psycho- 
analytiker von keiner großen Bedeutung, da Aimee Dosto- 
jewski alle Eigenschaften und Eigenheiten Dostojewskis 
aus dem Umstände ableitet, daß er einer litauischen Familie 
entstamme, also das Blut der Normahnen in seinen Adern 
rolle. Für die Dauer ist diese gezwungene Ableitung des 
väterlichen Charakters durchaus unbefriedigend und sogar 
abgeschmackt; doch hat das Buch den großen Vorteil, 
daß es die Aufmerksamkeit auf die Familienverhältnisse des 
Dichters lenkt. Aufmerksam gemacht auf die so eigenartigen 



*) „Dostojewski". Geschildert von seiner Tochter A. Dostojewski. Verlag 
Ernst Reinhardt, München 1920. 



Umstände, die das bewegte und ereignisreiche Leben 
Dostojewskis bestimmten, mußte es auffallen, daß diese 
Ereignisse einem widerspruchsvollen und rätselhaften 
Charakter entspringen. Man muß erstaunt fragen: wie ist 
es möglich, daß ein Mensch so loyal gesinnt ist, wie es 
Dostojewski war und dabei an einer Verschwörung gegen 
den Zaren teilnimmt? Wie kann jemand tief religiös und 
zugleich absolut ungläubig sein? Woher kommt es, daß 
ein Mensch, der mit jeder Nervenfaser an seiner Heimats- 
scholle klebt, Monate, ja Jahre im Auslande verbringt? 
Woher kommt es, daß er dem Gelde ununterbrochen 
nachjagt, um es dann wie etwas vollkommen Wertloses 
zum Fenster hinauszuwerfen? Wie das Leben, so ist auch 
die Dichtung Dostojewskis enigmatisch. Rätselhafte Cha- 
raktere, entgleiste Perverse sind die Helden seiner .Romane 
und geben uns Rätsel über Rätsel auf, die mit der Be- 
wußtseinpsychologie überhaupt nicht lösbar sind. Der 
Zauberschlüssel der Psychoanalyse aber sprengt die Schlösser, 
die diese Rätsel wahren und gewährt uns Einblick in den 
Charakter und die Dichtungen Dostojewskis. All das Wider- 
spruchsvolle und Rätselhafte erklärt die psychoanalytische 
Einsicht: Es ist ein ewiger Ödipus, der dieses Leben lebte 
und diese Werke dichtete, ein Mensch, der mit seinem 
Ödipuskomplex nie endgiltig fertig wurde. 

Die Familienverhältnisse Dostojewskis boten Anlaß 
genug dazu, um aus einem reizbaren, von unbegrenzter 
Eigenliebe beherrschtem Kinde, wie es der Dichter seiner 
eigenen Aussage nach war, einen Ödipus zu machen. Seine 
Mutter ist eine kleine Kaufmannstochter aus Moskau. 
Dostojewski sagt von ihr, daß sie die Unterwürfigkeit, 



Dostojewski 



Nachgiebigkeit, Geduld und Hingebung in Person gewesen 
sei. Es sind dies die Tugenden einer Gattin, und Aimee 
Dostojewski erzählt tatsächlich, daß der Gatte die junge 
Frau erzog und daß dieselbe mit unbegrenzter Hochachtung 
an ihrem Manne hing. Die zarte Gesundheit und fort- 
schreitende Tuberkulose warf sie oft aufs Krankenlager, 
auch ihre Kinder mußte sie von Ammen ernähren lassen, 
mit Ausnahme ihres ersten Sohnes Michail, den sie selbst 
nährte und den sie nach den eifersüchtigen Bemerkungen 
des Dichters auch am meisten liebte. Dennoch saß der 
Dichter oft stundenlang an ihrem Krankenbette, pflegte 
und zerstreute sie und las ihr vor. Dostojewski mußte 
also die Liebe der Mutter mit zwei glücklicheren Kon- 
kurrenten, mit Vater und Bruder teilen. Dostojewskis 
Vater übte auf die Charakterentwicklung einen ungleich 
größeren Einfluß aus. Michail Dostojewski kann mit einem 
Begriffe, den die Psychoanalyse schuf, erschöpfend charak- 
terisiert werden, er war ein analer Charakter. Heftig, auf- 
brausend, mürrisch, pedantisch und kleinlich, dabei krank- 
haft geizig. 

Nach dem früh erfolgten Tode seiner Gattin nimmt 
sein Alkoholismus immer mehr überhand und damit treten 
die sadistischen Züge seines Charakters immer schärfer 
hervor. Er verfolgt seine Töchter mit unwürdigen Ver- 
dächtigungen, seine Söhne mit Mißtrauen, Heftigkeit und 
Geiz, gibt seine Stelle, die er als leitender Arzt am Marien- 
hospital in Moskau innehatte, auf, zieht auf sein Landgut 
Darowoje, wo er seine Leibeigenen, die er stets streng 
behandelte, derart brutalisierte, daß sich diese endlich 
rächten. Eines Tages fuhr er auf sein anderes Landgut 



Tschermasnja, der Kutscher entwischte mit dem Wagen 
und man fand den Gutsherrn im Graben der Landstraße 
erdrosselt. Die Leibeigenen gestanden bei ihrer Verhörung, 
daß es ein Racheakt war. Wie aber auch der väterliche 
Charakter gewesen sein mag, immerhin erzog Michaü 
Dostojewski seine Söhne, besonders die zwei älteren, Michail 
und Fjodor, mit der größten Sorgfalt. Die Erziehung, die 
er ihnen zuteil werden ließ, war eigentümlich genug. Die 
Knaben besuchen zuerst das Suchardische und dann das 
Tschermakische Privatinstitut, weil dort der Unterricht 
viel intensiver war. Im Wagen werden die Knaben zur 
Schule gebracht und ebenso kehren sie wieder nach Hause 
zurück. In den Werken Dostojewskis finden wir keine 
einzige genaue Beschreibung seiner Vaterstadt, weil Dosto- 
jewski diese eben gar nicht kennt. Der Verkehr mit 
Altersgenossen, lärmendes Spiel ist ihnen strengstens unter- 
sagt. Nur in Begleitung der Eltern gehen die Knaben 
abends im nahen Marienhain spazieren, der Vater benützt 
die winkeligen Gassen, die dahinführen, um den Knaben 
die Begriffe der geometrischen Winkel anschaulich zu 
machen. Die unterwegs gefundenen Steine und Pflanzen 
geben Stoff zu botanischen und mineralogischen Er- 
klärungen. Abends liest der Vater die russische Geschichte 
von Karamsin, die heilige Schrift oder Geschichten aus 
dem Leben der zahllosen russischen Heiligen vor. Den 
lateinischen Unterricht erteilt der Vater selbst. Während 
die Kinder dem Unterrichte der übrigen Lehrer sitzend 
zuhören durften, mußten sie stehend, ja ohne sich anzu- 
lehnen, — wie die kleinen Ölgötzen, sagt Andrej, der 
jüngere Bruder des Dichters in seinen Erinnerungen - 



Dostojewski 



dem Unterrichte des Vaters folgen, seine jähzornigen Aus- 
brüche lassen sie erbeben. Auch Dostojewski teilte das 
Schicksal vieler Menschen, deren Vater zugleich ihr 
Lehrer war ; die väterliche Autorität, durch die Autorität 
des Lehrers verstärkt, fixierte den Knaben dermaßen 
an den Vater, daß er nie im Leben von dieser Bindung 
loskommen konnte. Der kleine Knabe haßt seinen Vater, 
den glücklicheren Konkurrenten bei der Mutter, bitter, 
wie wir dies später beweisen wollen, aber eben dieser 
Vater war ihm anderseits auch das hohe Ideal, dem er 
durch das ganze Leben nachstrebte, ohne je zu hoffen, 
daß er es erreichen könnte. 

Die Fixierung an den Vater geht aus zahllosen Zügen 
hervor, vor allem aus den Briefen des Dichters, die er aus 
der Ingenieurschule an den Vater richtet. Als Staatsbeamter 
bekam der alte Dostojewski für alle seine Söhne Freiplätze 
in staatlichen Instituten. Dort bekamen die Zöglinge un- 
entgeltlich alles Notwendige, allein es scheint in Rußland, 
im Lande Potemkins, die Verpflegung nicht einwandfrei ge- 
wesen zu sein. Dostojewski erzählt in verzweifelten Briefen 
an Vater und Bruder von den Entbehrungen, die er in der 
Ingenieurschule erlitt. Während der herbstlichen Waffen- 
übungen hat er einziges Paar Stiefel, die vom herbst- 
lichen Regen ganz durchnäßt sind und die er trotzdem 
nicht wechseln kann. Er erkrankt vor Hunger und Kälte 
und hat keine einzige Kopeke, um sich mit einem Schluck 
Tee zu erwärmen. Seine Kleidung schützt ihn nicht vor 
den Unbilden der Witterung. Obwohl er genau weiß, daß 
sein Vater in sehr günstigen pekuniären Verhältnissen 
lebt, zwei Landgüter besitzt und auch ein bedeutendes 



Jolan Neufeld 



Barvermögen zurückgelegt hat und obwohl er voll Er- 
bitterung war, schreibt er doch an den Vater nicht nur 
ehrfurchtsvoll, sondern fast demütig. „Mein lieber Vater" 
schreibt er, nachdem er seine schreckliche Lage geschildert 
hat, „Sie werden doch nicht glauben, daß Ihr Sohn, wenn 
er Sie um eine Geldunterstützung bittet, um etwas nicht 
Notwendiges bittet. Doch ich ehre Ihre Not und werde 
daher keinen Tee trinken." Trotz seines aufbrausenden 
Wesens macht er seinem Vater nie den leisesten Vorwurf, 
wie sehr ihn auch sein Geiz bedrücken mochte. 

Über die allzu große Ehrfurcht des Dichters vor seinem 
Vater erzählt uns auch Andrej Dostojewski. Als er mit 
dem Dichter bereits in dessen höherem Alter einst auf 
den Vater zu sprechen kam, da ergriff dieser seinen Arm, 
wie er es zu tun pflegte, wenn ihm, was selten geschah, 
das Herz aufging und rief: „Ach Bruder, das waren fort- 
geschrittene Leute und solche Gatten, solche Familien- 
oberhäupter werden wir nie." Man bedenke, daß dieser 
Vater seine Söhne mit Strenge und Geiz, seine Töchter 
mit unwürdigen Verdächtigungen, seine ganze Familie mit 
seinem mürrischen und aufbrausenden Charakter quälte, 
nur einem infantil verbliebenen Neurotiker kann ein solcher 
Vater als unerreichtes Ideal vorschweben. Alle Erinnerungen 
an das Vaterhaus sind durch denselben Affekt gefälscht, 
was auch Mereschkowski über die Aufzeichnungen im 
Tagebuche eines Schriftstellers bemerkte. 

Familienoberhaupt zu sein, wie der Vater, ist ein Ehr- 
geiz, der den Dichter durch sein ganzes Leben nicht ver- 
läßt. Als er in erster Ehe eine Witwe heiratet, die bereits 
einen Knaben hatte, freut er sich ungemein, die „hohe 



Dostojewski 



Würde, Vater zu sein, genießen zu können". Sein früh- 
verstorbener Bruder Michail hinterläßt eine sehr zahlreiche 
Familie. Der Dichter übernimmt all ihre Schulden, hilft 
der Witwe weit über seine materiellen Kräfte, dafür aber 
will er unumschränkter Gebieter dieser Familie sein, wider- 
setzt sich der Heirat beider Mädchen, macht den Knaben 
Vorschriften über ihre Zukunft und Studien, spielt also 
den eigenen Vater. 

Daß es nicht nur Großmut und brüderliche Liebe 
war, die ihn zu dieser großen Opferwilligkeit bewegte, 
geht auch daraus hervor, daß seine eigene Familie zu 
gleicher Zeit darbte, ja daß er in Anfällen von Spielwut 
den letzten warmen Rock seiner Frau ins Leihhaus trug. 
Seine Gefährten im Zuchthause unterrichtet er ebenso, 
wie später die Soldaten, mit welchen er in Semipalatinsk 
zusammen diente, er ist ihnen also der Vater. Besonders 
zeigt sich diese Nachahmung des väterlichen Ideals, als er 
seine eigenen Kinder zu erziehen beginnt. Sie beten das- 
selbe Gebet, das er als Kind gelernt hat, und er kann die Zeit 
nicht erwarten, um ihnen vorzulesen, wie es einst bei ihm 
der Vater tat. Seine Tochter erzählt in ihren Memoiren 
humoristisch, wie der Vater ihr und dem noch jüngeren 
Brüderchen, also fünf- und sechsjährigen Kindern die Räuber 
Schillers vorliest. Die Kinder fühlen instinktiv, daß dem 
Vater an dieser Vorlesung sehr viel gelegen ist, sie versuchen 
krampfhaft wach zu bleiben und verständig zuzuhören, das 
große Kind Dostojewski muß aber endlich doch einsehen, daß 
die Kinder zu solchen Experimenten noch zu jung sind. 

Zwei kleine Züge erwähnt auch Aimee Dostojewski, die 
sie richtig als Bindung an den Vater erkennt. Sie erwähnt 



12 Jolan Neufeld 



die Vorliebe des alten Dostojewski für die französische 
Sprache, die sein Sohn übernimmt, daher sprechen die 
Romanhelden des Dichters das Russische oft mit französi- 
schen Floskeln vermischt. Bei russischen Dichtern sollte 
diese Eigenheit als natürlich angesehen werden und keiner 
Deutung bedürfen, sprechen ja die Helden Turgenjeffs 
oder Tolstojs eine ähnliche Sprache, jedoch sind dies inter- 
nationale Menschen, bei Dostojewski gebrauchen ausschließ- 
lich Vaterimagines das Französische, z. B. der Vater im 
Jüngling, der alte Karamasow, usw. 

Der andere Zug, den Aimee Dostojewski erwähnt, ist 
ebenfalls bezeichnend. Die strenge Zucht und lieblose Be- 
handlung der Schüler war einem so sensiblen Jünglinge, 
wie unserem Dichter, eine Quelle steter Bitternisse in der 
Ingenieurschule. Als aber die Schüler gegen -diese Behand- 
lung demonstrieren, ist Dostojewski der Einzige, der an 
dieser Demonstration nicht teilnimmt. Die Übertragung 
auf die Vaterimagines der Lehrer ist stärker, als die Auf- 
lehnung gegen die strenge Zucht und das Solidaritäts- 
gefühl. 

Haßgefühle gegen den Vater können aber noch in viel 
größerer Anzahl aufgezeigt werden. Aimee Dostojewski 
erzählt, daß ihrem Vater die Erinnerung an den Vater 
während einer langen Epoche seines Lebens so peinlich 
war, daß er es überhaupt nicht über sich vermochte, über 
seinen Vater zu sprechen. Die ganze Ambivalenz des Knaben 
Dostojewski spiegelt sich vollkommen im Romane „Der 
Jüngling". Orest Miller und Mereschkowski bringen die 
Epilepsie des Dichters ebenfalls mit seinen negativen Ge- 
fühlen gegen den Vater in Verbindung. Der erste Biograph 



Dostojewski 1 5 



erzählt, als er auf die Krankheit Dostojewskis zu sprechen 
kommt, sehr dunkel und zurückhaltend: „Es gibt noch 
eine ganz besondere Überlieferung, welche die Krankheit 
Dostojewskis auf ein erschütterndes Ereignis, welches im 
zarten Kindesalter des Dichters im Familienleben der Eltern 
vorgekommen war, in Verbindung bringt. Doch obzwar es 
mir von einem durchaus glaubwürdigen und der Familie 
des Dichters sehr nahestehenden Menschen mündlich mit- 
geteilt wurde, will ich es hier doch nicht wiederholen." 
Die durchaus unangebrachte Diskretion des Biographen ist 
Schuld daran, daß wir nicht wissen können, welcher Art 
das psychische Trauma war, auf welches das Kind so heftig 
reagierte, wenn wir aber bedenken, daß Orest Miller die 
Sexualität Dostojewskis überhaupt allzu prüde behandelt 
und daß in unserer Gesellschaft das Sexuelle als das Un- 
anständige und Undiskutierbare behandelt wird, können 
wir mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es sich 
um etwas Ähnliches im „Leben der gottesfürchtigen russi- 
schen Familie" — wie sie Dostojewski selbst nennt — 
gehandelt haben mag. 

Mit der negativen Einstellung zum Vater mögen zwei 
hysterische Symptome des Kindes- und Knabenalters eben- 
falls zusammenhängen. Andrej Dostojewski erzählt, daß sein 
Bruder im Alter von ungefähr zehn Jahren an einer Wolfs- 
phobie litt. Es ist wohl nicht unstatthaft, eine Tierphobie 
ohneweiters als Furcht vor dem Vater aufzufassen, wenn 
wir außerdem bedenken, daß der ängstliche Knabe diese 
Halluzination „Der Wolf kommt" in Tschermasnje hatte, 
also auf dem Lande, wo er, frei von Pflichten, seinen 
Spielen und Träumereien leben konnte, wohin der Vater 



I 



J 



i ; 



"i 
I:,,! 



i';! 






1 a Jolan Neufeld, 



der Familie nicht folgte. An dem Ort, wo also der Knabe 
die mütterliche Zärtlichkeit mit diesem gefürchteten 
Konkurrenten nicht teilen mußte, wird die Annahme, 
daß der Angstruf, der Wolf komme, eigentlich die Angst 
bedeute, der Vater komme, um das Idyll des Sommer- 
aufenthaltes zu stören, wesentlich gestützt erscheinen. Daß 
Tschermasnje der Ort war, wo sich der Knabe inzestuösen 
Phantasien oft hingeben mochte, beweist auch der Roman 
„Brüder Karamasow", am Tag des Mordes fährt der 
Sohn nach Tschermasnje, um den Vatermord durch sein 
Fernsein zu begünstigen. 

Das andere hysterische Symptom entstand während 
der Pubertät Dostojewskis, unmittelbar nach dem Tode 
der Mutter, also um sein sechzehntes Lebensjahr. Nach 
einer Wagenfahrt zur Kirche konnte er plötzlich erst über- 
haupt nicht und später nur mit Anstrengung ganz leise 
sprechen. Die Heiserkeit der Patientin Freuds Dora kann 
zur Erklärung dieses Symptoms herangezogen werden. Wie 
Dora wollte vielleicht auch unser Dichter mit niemandem 
mehr sprechen, nachdem die Einziggeliebte tot war und 
er das Wort nicht mehr an sie richten konnte. Es mag 
aber Trotz gegen den Vater ebenfalls eine Rolle bei dieser 
Krankheit gespielt haben. Freud meint mit Recht, daß. 
jedermann in seinem eigenen Unbewußten ein Instrument 
besitze, womit er das Unbewußte eines anderen auffasse 
und da Dostojewskis Vater die Krankheit des Sohnes da- 
durch zu heilen trachtete und zum Teil auch heilte, daß 
er ihn von den übrigen Familienmitgliedern vollkommen 
isolierte, können wir annehmen, daß er die Krankheit des 
Sohnes unbewußt ebenfalls als Trotz und Auflehnung wertete. 



Dostojewski \ g 



In dieser, an den Vater übermäßig fixierten, zwischen 
Liebe und Haß hin- und hergerissenen Seele ruft der 
gewaltsame Tod des Vaters eine schreckliche Erschütterung 
hervor. Aimee Dostojewski übermittelt uns die Familien- 
tradition, daß der Dichter den ersten epileptischen Anfall 
in dem Augenblicke bekam, als ihm die Mitteilung von 
dem tragischen Tode des Vaters gemacht wurde. Und wenn 
dies auch nicht der Wahrheit entspricht, wenn wir diesen 
ersten Anfall, gestützt auf Orest Millers Gewährsmann, 
auch in das zarteste Kindesalter verlegen, ist es doch un- 
zweifelhaft richtig, daß Dostojewski auf diese Nachricht 
mit heftigen Anfällen reagierte. Daß diese Anfälle mit 
dem durch die Hiobsbotschaft erlittenen Chok zusammen- 
hängen, beweist die Erzählung eines Jugendfreundes Dosto- 
jewskis, des Schriftstellers Grigoro witsch, der in der Ingenieur- 
schule Mitschüler des Dichters war und nach ihrem Aus- 
tritt aus dieser Anstalt mit Dostojewski zusammen hauste. 
Grigorowitsch erzählt, daß sie bei einem gemeinsamen 
Spaziergange unvermutet auf einen Leichenzug stießen. 
Kaum erblickte der Dichter den Zug, als er umkehren 
wollte, aber schon im nächsten Augenblicke bekam er 
einen besonders heftigen Anfall, von dem er sich nur 
schwer erholte. Die unbewußten Haß- und Rachegedanken 
gegen den Vater mögen bei dem unerwarteten Anblicke 
dem Bewußtsein so nahe gekommen sein, daß die Zensur 
sich derselben nur mittels einer tiefen Ohnmacht erwehren 
konnte. 

Ob es sich bei Dostojewski um epileptische oder hystero- 
epileptische Anfälle handelte, ist schwer zu entscheiden. 
Bemerkenswert ist jedenfalls, daß zu gleicher Zeit eine 



16 Jolan Neufeld 



J 






ganze Schar anderer, ebenfalls im Ödipuskomplex wurzelnder 
hysterischer Symptome, auf die wir gleich näher eingehen 
werden, existierten, ferner, daß die Häufigkeit und Inten- 
sität der Anfälle zeitlebens sehr variabel und von ver- 
schiedenen Umständen abhängig war, daß der Dichter seine 
Epilepsie auf das Zuchthausleben zurückführt und von der 
Krankheit der Jünglingsjahre als Hysterie spricht und daß 
endlich der vom Dichter sehr geliebte und oft zu Rate 
gezogene verständige Hausarzt Dr. Janowski behauptete, 
daß Dostojewski in seinem Jünglingsalter an einer der 
Epilepsie sehr ähnlichen Krankheit litt, die aber keine Epilepsie 
war. Auch Aimee Dostojewski erzählt, daß der Dichter einige 
Jahre vor seiner Einkerkerung hysterisch wurde. 

Die bedeutendsten Symptome dieser Krankheit erzählt 
uns der Dichter teils selbst, teils liegen uns glaubhafte Be- 
richte von Freunden und Familienmitgliedern vor. Nach letz- 
teren soll der Dichter an einer beständigen Furcht gelitten 
haben, lebend begraben zu werden. Wenn er sich abends 
zur Ruhe begab, legte er auf seinen Tisch stets einen 
Zettel mit der Aufschrift: „Heute werde ich in den lethar- 
gischen Schlaf verfallen. Begrabet mich nicht vor fünf 
Tagen." Die Psychoanalyse aber enträtselte die geheimnis- 
volle Angst der Neurotiker vor dem Lebendbegrabenwerden 
als Inzestphantasie. Außer dieser quälenden Angst litt der 
Dichter um sein zwanzigstes Lebensjahr an hypochondri- 
schen Anfällen. Er selbst sagt darüber in seiner an den 
Untersuchungsrichter gerichteten Verteidigungsschrift: „Die 
Hälfte meiner Zeit war ausgefüllt durch die Arbeit, die 
mich nährte, die andere Hälfte mit hypochondrischen Ein- 
fällen." An Hypochondrie und Zweifeln über ihre Lebens- 



Dostojewski j 7 



dauer aber leiden nur solche Neurotiker, die einem ihnen 
Nahestehenden den Tod gewünscht haben, und dessen Tod 
bald danach tatsächlich eingetroffen ist. 

Nicht nur diese hysterischen Symptome, auch das ganze 
sexuelle Leben Dostojewskis zur Zeit der Pubertät und der 
Jünglingsjahre trägt das Gepräge der inzestuösen Bindung 
an sich. Intime Bekannte und Familienangehörige des 
Dichters behaupten, daß er vollkommen asexuell war, seine 
Tochter z. B. überliefert uns die Familientradition, daß 
der Dichter bis zu seinem vierzigsten Lebensjahre voll- 
kommen abstinent lebte. Sie findet dies vollkommen glaub- 
haft und erklärt das Phänomen einerseits damit, daß die 
Männer des Nordens überhaupt schwer reifen, und Epi- 
leptiker eine noch mehr verzögerte Entwicklung durch- 
machen, daß also ihr Vater die volle Geschlechtsreife erst 
in diesem Lebensalter erreichte. Dr. Riesenkampf, ein Arzt 
aus Reval, den der ältere Bruder Michail dem Dichter 
empfahl, und mit dem er lange Zeit zusammen hauste, 
ein guter Freund, und wie es scheint, auch ein guter 
Beobachter in gewissen Dingen, schreibt über denselben 
Gegenstand: „Mit zwanzig Jahren laufen die jungen Leute 
allen Schönen nach. Nichts dergleichen war an Dostojewski 
zu bemerken. Er war gegen Frauen gleichgiltig, hatte 
beinahe eine Abneigung gegen sie." Aimee Dostojewski 
weiß auch davon zu berichten, daß ihr Vater von seinen 
Freunden wegen allzu großer Zurückhaltung den Frauen 
gegenüber oft verspottet wurde. Danach sollen die Freunde, 
besonders der Liebling der Frauen, Turgenieff, den Dichter 
lange Zeit hindurch gehänselt haben, daß er in Ohnmacht 
falle, wenn es gelte, eine Frau zu umarmen. 

Neufeld: Dostojewski 2 




1 ; 



y 

Jolan Neufeld 



Dabei aber fehlt es nicht an Fingerzeigen, wonach 
Dostojewski zu dieser Zeit sogar ein ausschweifendes und . 
perverses Sexualleben führen mochte. Nach seinem ersten 
grossen Erfolge schreibt er z. B. einigemale in sehr rosiger 
Stimmung an seinen Bruder. In der Randbemerkung eines 
aus dieser Zeit stammenden Briefes ohne Datum, schreibt 
er: „All die Minchen, Klärchen, Mariannen und dergl. 
sind so schön geworden, wie nur denkbar, kosten aber 
fürchterliches Geld. Turgenieff und Bielinski haben mich 
wegen meines unordentlichen Lebens ausgescholten." . . . 
Am 1. Feber 1846 schreibt er wieder an denselben: „Ich 
habe auch sonst eine Menge Geld verdient, so daß ich in 
kurzer Zeit mehr als dreitausend Rubel verlebt habe. Ich 
lebe eben sehr unordentlich, das ist die Sache" und setzt 
dann in einer Nachschrift verzweifelt hinzu: „Ich bin so 
liederlich, daß ich gar nicht mehr ordentlich leben kann, 
ich befürchte den Typhus, oder ein Fieber. Meine Nerven 
sind krank." Und wenn uns der ehrfurchtsvolle und ein 
wenig beschränkte Biograph Orest Miller auch immer 
wieder versichert, daß sich diese Liederlichkeit und Un- 
ordnung nur auf pekuniäre Dinge bezieht, paßt die Ver- 
zweiflung und Hypochondrie doch sehr wenig zu dieser 
Auffassung. 

Eine ähnliche Selbstanklage hört übrigens Mereschkowski 
aus der Beichte des Helden der „Memoiren aus dem Mause- 
loche" heraus, den der Dichter also reden läßt: „Zeitweise 
verfiel ich einer dunklen, ekelhaften, nicht Lasterhaftigkeit, 
sondern Geilheit. Meine schmutzigen Leidenschaften waren 
heftig brennend, infolge ständiger krankhafter Erregung.- 
Es waren hysterische Anfälle mit Tränen und Krämpfen." 




Dostojewski 2 q 

(Hysterische Anfälle von ungemeiner Heftigkeit hatte Dosto- 
jewski zu dieser Zeit tatsächlich.) „Ein tiefes Weh überkam 
mich, ein hysterischer Durst nach Widersprüchen und 
Kontrasten." (Der Wunsch nach dem Ausleben der heftig 
drängenden perversen Triebe, und nach Rückgängigmachung 
der Verdrängungen und Sublimierungen, können wir an- 
nehmen) — „und ich gab mich den gemeinsten Aus- 
schweifungen hin. Ich befriedigte meine Triebe im Ver- 
borgenen, nachts, heimlich und furchtsam mit einem 
brennenden Schamgefühl, das mich auch in den aller- 
ekelhaftesten Augenblicken nicht verließ, um in solchen 
Momenten bis zur Selbstverfluchung anzuwachsen." 

Wir werden Mereschkowski unbedingt Recht geben, 
wenn er behauptet, daß diese Zeilen Beichten, Selbst- 
anklagen und Selbstgeißelungen in poetischer Form sind, 
und stehen nun vor dem Rätsel, daß der Dichter von 
Nahestehenden bald für asexuell, bald für pervers und aus- 
schweifend gehalten wird, — und beides wahr zu sein 
scheint. Die Psychoanalyse aber kann die Abstinenz, ja 
absolute Impotenz der Jünglings- und Mannesjahre mit 
der überstarken sexuellen Begierde sehr wohl in Einklang 
bringen. In den „Beiträgen zur Psychologie des Liebeslebens" 
schreibt Freud, als ob er eben unseren Dichter vor Augen 
gehabt hätte, daß bei dem inzestuös Gebundenen die zwei 
Strömungen des Liebeslebens, die zusammen ein normales 
Liebesleben ausmachen, die sinnliche und zärtliche Strö- 
mung nicht zusammengeflossen seien, nachdem das Maß 
der Anziehung des infantilen Liebesobjektes so groß ist, 
daß die zärtliche Strömung dauernd an dasselbe gefesselt 
bleibt. Die Sexualbetätigung solcher Personen muß der 



Jolan Neufeld 






zärtlichen Strömung ausweichen, und es findet eine Be- 
schränkung der Objektwahl statt. Die aktiv gebliebene 
sinnliche Strömung sucht nach Objekten, die nicht an die 
verpönten inzestuösen Personen mahnen. Das Liebesleben 
solcher Menschen bleibt in zwei Richtungen gespalten, die 
von der Kunst als himmlische und irdische Liebe perso- 
nifiziert werden. Wo sie lieben, begehren sie nicht, und 
wo sie begehren, dort können sie nicht lieben. y 

Nichts könnte das sexuelle Fühlen Dostojewskis besser 
charakterisieren, wie diese klassische Schilderung der psy- 
chischen Impotenz. Es wird im Leben des Dichters eine 
Periode gegeben haben, und auf diese bezieht sich wohl 
die erwähnte Hänselei der Freunde, wo er absolut impotent 
gewesen sein mag. Die unbewußte Fixierung an die Mutter 
muß so mächtig, die Verdrängung der inzestuösen Wünsche 
so vollständig gewesen sein, daß sich kein Ausweg in die 
Realität fand, und es zur Bildung von hysterischen Symp- 
tomen, wie die Furcht vor dem Lebendbegrabenwerden, 
kam. Zu einem späteren Zeitpunkte kamen die Klärchen, 
Minchen und Mariannen an die Reihe, die er begehren 
konnte, ohne zu lieben. Dies wissen wir jedoch nicht 
genau, wenngleich wir uns auf das Zeugnis von Aimee 
Dostojewski und den Dichter selbst berufen können. Sicher 
aber ist eines. Nie begegneten einander in der Poesie 
Dostojewskis die beiden Arten der Liebe. Er kennt entweder 
die ganz erdfremde, keusche, der schrankenlosesten Selbst- 
aufopferung fähige Liebe, ein Preisgeben jeder egoistischen 
sexuellen Regung, wie Djewuschin in den „Armen Leuten' , 
wie der Cherum Aljoscha Karamasow, Fürst Myschkin im' 
„Idioten", oder im Gegenteil die brunsttolle Bestie im 



Dostojewski 



Menschen, mit allen perversen, undomestizierten, brutalen 
Trieben, „die Schweine", wie er sie zu nennen pflegt, 
wie Swidrigailow in Schuld und Sühne, der alte Fjodor 
Karamasow, oder Stawrogin in den Dämonen. Diese 
niedrigsten Ausschweifungen und Perversionen schildert er 
mit einer solchen Kraft und Kühnheit, mit einer solchen 
Anschaulichkeit, daß selbst Mereschkowski, dem die psycho- 
analytische Anschauungsweise vollkommen fern steht, sich 
zweifelnd fragt: „Hat er dies alles wirklich nur durch 
äußere Wahrnehmung, durch Beobachtung anderer Menschen 
erfahren? Selbstverständlich muß man hier vieles auf die 
Rechnung des Hellesehens des Genies schreiben. Vieles, 
aber ob auch Alles? Hier ist etwas, was die Grenze der 
Kunst übersteigt, es ist zu lebendig." „Bemerkenswert ist," 
sagt Mereschkowski an anderer Stelle, „auch die Tatsache, 
daß derartige Gestalten in seiner Phantasie überhaupt auf- 
tauchen konnten, das Interesse, das Dostojewski der Schän- 
dung eines kleinen Mädchens, oder dem Liebesabenteuer 
des Fjodor Karamasow mit der übelriechenden Lisaweta 
entgegenbrachte. " 

Wir können den Bedenken des feinen Psychologen nur 
beistimmen und seine allzu zaghafte Frage, auf die Ergeb- 
nisse der Psychoanalyse gestützt, dahin beantworten, daß 
der Dichter garnichts anderes kann, als seine eigenen 
unbewußten Konflikte darzustellen, und wenn Dostojewski 
die erdenfremde Heiligkeit seiner Helden, und die tiefsten 
Abgründe der Wollust seiner Antihelden schildert, gewährt 
er uns Einblick in sein eigenes disharmonisches Seelenleben, 
in sein Unbewußtes, welches von wilden Trieben, starker 
Verdrängung und grandiosen Sublimierungsversuchen, die 



Jolan Neufeld 



J 



doch zum Teil immer wieder rückgängig gemacht werden, 
hin- und hergerissen wird. 

Unbewußte, und eben deshalb vollkommene Fixierung 
an die Mutter charakterisiert das psychosexuelle Leben 
Dostojewskis zur Zeit der Pubertät, und in den ersten 
Zwanziger jahren. Die Asexualität des Helden der „Armen 
Leute" und die paranoisch gefärbte Erotomanie des Herrn 
Goljädkin, im „Doppelgänger", werfen ein scharfes Licht 
auf die Einstellung des Dichters zum Problem der Liebe. 
Doch nicht nur die inzestuöse Bindung an die Mutter 
steht dem Ausleben der Sexualität im Wege, sondern 
auch die Fixierung an die väterliche Autorität, welche das 
Verbot des Inzestes und in weitester Fassung jeder sexuellen 
Betätigung überhaupt besonders scharf machte, die nor- 
male Libido überhaupt nicht aufkommen ließ, und auf 
Regressionswege zur Perversion, zur „lasterhaften Geilheit" 
drängte. Die väterliche Autorität, die so dem Ausleben des 
Liebesbedürfnisses im Wege stand, muß die bereits be- 
stehende ambivalente Einstellung dem Vater gegenüber 
zum brennenden Hasse im Jüngling geschürt haben, denn 
dieser Haß ist es, der sich in der Teilnahme an der 
Petraschefsky-Affaire entlädt, die uns sonst vollkommen 
unverständlich erscheinen müßte. Wer nur je eine Seite 
eines Dostojewskischen Romanes gelesen hat, der wird ihn 
zumindest konservativ nennen müssen. Religion, Zar und 
Vaterland sind ihm hehre, unantastbare Ideale. Als be- 
geisterter Slawophile ist er jedem Umsturz abhold. Eine 
leichtfertige Bemerkung über die Religion konnte in ihm 
jenen unbändigen Haß erwecken, der immer wieder her- 
vorbricht, wenn er auf seinen einstigen Gönner, den be- 



Dostojewski 2,7. 



deutendsten russischen Kritiker Bjelinski zu sprechen kommt, 
dem er doch seinen ersten großen literarischen Erfolg ver- 
dankt, und den er dennoch die schmachvollste Erscheinung 
des russischen Lebens nennt, bloß wegen seiner Frei- 
geistigkeit. Der Materialismus ist ihm ein Greuel. Dem 
Sozialismus steht er seiner ganzen Persönlichkeit nach 
feindlich gegenüber. Er predigt ja ununterbrochen den 
Heroismus der Sklaverei, er verkündet, daß unter den 
Russen der Gottmensch erscheinen wird, um die Welt, 
die durch den Sozialismus entartet in Tränen und Blut 
gebadet ist, wieder zu erlösen. Die andere Backe hinhalten, 
wenn man auf die Rechte geschlagen wird, den Nächsten 
mehr lieben, als sich selbst, „bis zur brennenden Leiden- 
schaft" — wie er selbst sagt, — das ist es, was er von den 
Menschen fordert, und nicht Selbsthilfe. Nichts hält er 
für ein so schreckliches Unglück für Rußland, als wenn das 
Zarentum aufhörte zu sein. Es ist ohne analytische Einsicht 
schlechterdings unverständlich, was ein so veranlagter Mensch 
in einer Verschwörung zu suchen hatte, welche die Ab- 
schaffung der Autokratie, Freiheit, Gleichheit und Brüder- 
lichkeit, also Ideen, die Dostojewski in den Tod zuwider 
waren, bezweckte. Nur der Vaterkomplex erklärt sein Ver- 
halten, denn im Unbewußten bedeuten Vater und Zar 
(Kaiser) dieselbe Person, wie uns dies aus zahlreichen 
Träumen gesunder und neurotischer Individuen, aus Mythen 
und Märchen, geläufig ist. Hinter dem Tyrannen, den 
Dostojewski um der Freiheit willen aus dem Wege räumen 
will, steckt der gehaßte Vater, der den inzestuösen Wünschen 
des Sohnes im Wege steht, und daher fortgeschafft werden 
soll. Der unbewußte Gedankengang, daß Vater und Zar 




24 Jolan Neufeld 






dieselbe Person bedeuten, war Dostojewski besonders nahe- 
liegend, nennen doch die Russen ihren Zaren „Väterchen" 
und war ja dieser Despot noch vor Kurzem mit der ganzen 
Machtvollkommenheit des Vaters in einer patriarchalischen 
Gesellschaftsordnung ausgestattet ; Dostojewskis Vater aber 
war, wie wir bereits erwähnten, ein strenger und mit 
großer Machtvollkommenheit ausgestatteter Herrscher seiner 
Familie. Der Anschlag auf das Leben des Zaren ist also 
der Vatermord, zu welchem den Dichter einerseits die 
inzestuöse Bindung, anderseits der große Druck, den der 
väterliche Geiz zeitlebens ausübte, unbewußt drängt. 

Die erschütterndsten Seiten seines größten Romanes, 
„Brüder Karamasow" beweisen diese Annahme vollgiltig. 
Vor allem die Stoffwahl. Ein alter, trunksüchtiger, aus- 
schweifender Vater, dessen Geiz den Söhnen das Leben 
verbittert, und der dazu der gehaßte und gefürchtete 
Nebenbuhler seines Sohnes ist, wird von einem seiner 
Söhne getötet, während jedoch auch die übrigen drei den 
väterlichen Tod nicht nur wünschen, sondern auch her- 
beizuführen trachten. Also eine vollkommene Analogie 
mit der Situation, die wir bei unserem Dichter nach em- 
pfangener Todesnachricht annehmen. Interessant ist, daß 
Dostojewski drei Brüder besaß, und im Romane der Kara- 
masows ebenfalls vier Brüder nach dem Leben des Vaters 
trachten. Einen anderen interessanten Beweis bildet der 
Umstand, daß Dostojewski zeitlebens nach epileptischen 
Anfällen an Gewissensbissen litt, die Vorwürfen ent- 
stammten, als hätte er jemanden ermordet. Über den eigent- 
lichen Mörder des Fjodor Karamasow legt der Dichter 
dem Staatsanwalt, der an das Verbrechen Smerdjakows 



Dostojewski 



25 



keinesfalls glauben will, folgende Rede in den Mund: 
„Die an starker Fallsucht Leidenden sind nach Ansicht 
der größten Psychiater zu einer ständigen und selbstver- 
ständlich krankhaften Selbstbeschuldigung geneigt. Sie 
quälen ihre Seele mit irgend einer Schuld, leiden an Ge- 
wissensbissen oft ohne Grund, übertreiben in vielen Dingen, 
und ersinnen sogar verschiedene Verbrechen, die sie nie- 
mals begangen haben." Aber der Staatsanwalt ist im Irr- 
tume, denn Smerdjakow ersinnt diese Selbstbeschuldigung 
nicht, er ist ja tatsächlich der Mörder, es ist also, als ob 
der Dichter zu seinen Gewissensbissen die Tat, der die- 
selben gelten, hinzuphantasiert hätte. Dostojewskis guter 
Freund, der Kritiker Strachoff erzählt hierüber, daß „der 
Gemütszustand des Dichters nach einem epileptischen An- 
falle ein sehr bedrückter war, er konnte seinen Kummer 
und eine gewisse gesteigerte Sensibilität kaum überwinden. 
Das Wesen dieses Kummers bestand nach seinen eigenen 
Worten darin, daß er sich als Verbrecher empfand, und 
den Wahn nicht abschütteln konnte, eine unbekannte 
Schuld,: ein ungeheueres Verbrechen laste auf ihm." 

Demgegenüber behauptet die Psychoanalyse, daß die 
Gewissensbisse des Neürotikers nie eigentlich unbegründet 
sind, sie erscheinen bloß so, weil der triftige Grund dem 
Bewußtsein entzogen im Unbewußten lebt. Natürlich sind 
in vielen Fällen diese Gewissensskrupel nur durch das 
Vergrößerungsglas des neurotischen Gewissens betrachtet, 
berechtigt, wo das Gesetz von der Vollgiltigkeit der psy- 
chischen Realität in Anwendung kommt. Für die Psycho- 
analyse aber bedeutet die Tatsache, daß Dostojewski den 
Vatermörder an Epilepsie leiden läßt, an welcher Krankheit 



26 Jolan Neufeld 

er selbst litt, sowie, daß dem Dichter und der von ihm 
erfundenen Gestalt die Gewissenspein gemeinsam ist, einer- 
seits die Identität des Dichters mit Smerdjakow, anderseits, 
daß die Gewissensbisse Dostojewskis nach einem Anfalle 
unbewußten Mordgedanken entstammen. 

Wahrscheinlich hat Dostojewski Recht, wenn er zwischen 
epileptischen Anfällen und Gewissensskrupeln eine Kausal- 
verbindung zu finden wähnt, dies hängt jedoch wohl damit 
zusammen, daß im postepileptischen Dämmerzustande daö 
Unbewußte sich vernehmbarer äußert, der Druck der 
Zensur weniger intensiv ist, und darum das Gewissen als 
verdrängende Instanz sich ebenfalls hörbarer äußern muß. 

Ob der aus dem Ödipuskomplex stammende Mord- 
impuls gegen den Vater nur im Unbewußten des Dichters 
lebte, und sich nur anläßlich epileptischer Anfälle regte? 
Wer könnte diese Frage mit Bestimmtheit beantworten? 
Interessant ist jedoch, daß der Dichter Iwan Karamasow 
vor Gericht den Ausruf in den Mund legt: „Wer von 
uns ist es, der seinen Vater nicht hätte ermorden wollen!" 
Was aus der üblichen Verallgemeinerung ins Spezielle 
übersetzt lauten würde: „Ich wollte meinen Vater töten." 

Der Roman der Karamasows bietet für die Annahme des 
Mordimpulses gegen den Vater noch weitere Stützpunkte. 
Aus analytischen Forschungen ist es uns wohl bekannt, 
daß der Dichter eigentlich die miteinander ringenden 
Strebungen seines Unbewußten in den Geschöpfen seiner 
Phantasie zur Darstellung bringt, und so sind die vier 
Brüder, die den Tod des Vaters herbeisehnen, (übrigens 
auch der Vater, wie wir später zeigen werden), Abspal- 
tungen des Charakters Dostojewskis. Auch bewußt wollte 



der Dichter sich selbst in den vier Brüdern schildern, 
was sehr wohl erkennbar ist, und auch von seiner Tochter 
wahrgenommen wurde. 

Mitja, der Enthusiast, der schuldig-unschuldige Mörder, 
gleicht Dostojewski in vielen Stücken. Er ist Soldat, wie 
es der Dichter zur Zeit des Todes seines Vaters war, ist 
großmütig und erregbar, Eigenschaften, die der Dichter 
sich selbst zuschreibt. Er hat an seinen Vater zwei For- 
derungen zu stellen, er verlangt Geld, das ihm unge- 
rechterweise vorenthalten wird, wie dem Dichter selbst, 
und die Einziggeliebte, d. h. in der Sprache des Unbe- 
wußten die Mutter. Die Identität des Dichters mit dem 
Vatermörder geht schon aus diesen Dingen hervor. Ein 
weiterer gemeinsamer Zug ist die Verschwendungssucht. 
Mitja wird als Mensch charakterisiert, der mit Geld absolut 
nicht umzugehen weiß, dieselbe Eigenschaft aber wird 
unserem Dichter nachgesagt. Aimee Dostojewski erzählt, daß 
ihr Vater ungemein verschwenderisch war, man nannte ihn 
den Henker des Geldes. In Familien- und Freundeskreisen 
sind viele Anekdoten über seine Verschwendungssucht er- 
halten. Besonders liebte es der Dichter, Delikatessen für den 
Nachtisch einzukaufen, und gab bei dieser Gelegenheit zur 
großen Freude seines Töchterchens und zum noch weit 
größeren Ärger seiner Frau bedeutende Geldsummen aus. 
Plotnikow hieß der Kaufmann, bei dem er diese Einkäufe 
besorgte, und denselben Namen trägt der Kaufmann, bei 
dem Dimitrij eine Unmenge von Delikatessen einkauft, in 
jener Nacht, als er hinging um den Vater zu ermorden, 
statt dessen aber nur den alten Diener verletzte, und dann 
zur Geliebten fährt, um sie dem Vater abspenstig zu machen. 



28 Jolan Neufeld 



Iwan Karamasow ist bewußt und unbewußt ebenfalls ein 
Selbstporträt. Er ist die Verkörperung des Epikureismus, des 
Unglaubens und des Materialismus, deren sich der Dichter 
zur Zeit des väterlichen Todes zeiht. So wie er Iwan be- 
schreibt, wollte er mit zwanzig Jahren ausgesehen haben, so 
wenigstens berichtet uns Aimee Dostojewski. Den Dolch zum 
Morde des alten Karamasow hat Iwan geschärft, wenn er 
auch nicht selbst zustößt, und es ist keinesfalls ein Zufall, 
daß Dostojewski seinen Helden am Tage des Mordes gerade 
nach Tschermasnje fahren läßt, damit Smerdjakow den Mord 
ungestört verüben könne, denn so hieß, wie erwähnt, das 
Gut, auf welchem der alte Michail Dostojewski von seinen 
Leibeigenen ermordet wurde. Ist es nicht, als ob der Dichter 
damit unbewußt ausdrücken wollte: „Ich war es, der den 
Vater aus Eifersucht und Habgier in Tschermasnje ermordete, 
wenn ich das Messer auch nicht selbst führte." 

Im Walde von Tschermasnje bekam Dostojewski, wie 
bereits erwähnt, die Wolfsphobie, hier müssen ihn unbe- 
wußte Mordgedanken gegen den Vater stark beschäftigt 
haben. Andrej Dostojewski erwähnt, daß der Dichter hier 
besonders gerne hauste, befreit vom lästigen Zwange des 
Lernens und der väterlichen Autorität. Oft legte der zehn- 
jährige Knabe den Weg von Darowoje nach Tschermasnje 
allein zurück, um einen Auftrag seiner Mütter auszuführen 
oder zu überbringen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß 
seine schon damals überwuchernde Phantasie ihm das Bild 
vorgaukelte, daß es schön wäre, wenn es immer so bliebe 
wie im Sommer, wenn der Vater stets abwesend (tot) wäre, 
und er allein mit der Mutter, als ihr Helfer und ihre 
Stütze (Gatte) zusammenleben könnte. 



Dostojewski 29 






Smerdjakows Identität mit dem Dichter beweist außer 
den Gewissensbissen auch die Epilepsie, die Dostojewski 
ihm andichtet. Während Smerdjakow so die niedrigsten 
Instinkte des Dichters, gleichsam sein Unbewußtes, personi- 
fiziert, stellt Aljoscha die bewußten ethischen Strebungen 
der ringenden Seele dar. In ihm zeichnet er den Menschen, 
der erlöst und Erlösung findet, wie auch der Dichter 
durch die Schaffung dieser Gestalt die eigene Erlösung 
von den Ungeheuern seines Unbewußten anstrebt. Trotz- 
dem ist auch Aljoscha ein Karamasow, auch in seinem 
Blute wühlt das Insekt der Wollust, und was besonders 
bedeutsam ist — auch er kennt den Impuls des Vatermordes. 

Der große Roman des Vatermordes blieb unbeendet. 
Der Dichter gibt uns eigentlich nur die Einleitung, den 
Vaterkomplex selbst, bleibt uns aber mit dem zweiten 
Teile, in welchem die Brüder den Komplex zu überwinden 
lernen, schuldig, weil er diese Arbeit eben selbst nie leisten 
konnte. Die Frage bleibt eigentlich offen, ob Mitjas Cha- 
rakter dauernd verändert bleiben wird, ob er stark genug 
sein wird, das Kreuz auf sich zu nehmen, auch Iwan soll 
ein Anderer werden, wenn er .sich vom Krankenlager er- 
hebt, auf welches ihn sein Mordwunsch hingeworfen hat, 
die Veränderung selbst aber beschreibt der Dichter nicht. 
Und selbst Aljoscha der Heilige muß dem Befehle des 
weisen Sossima gemäß noch jahrelang in der Welt leben, 
d. h. mit seinem Ödipuskomplex weiterkämpfen, ehe er 
denselben endgiltig überwinden lernt. 

Auch Aimee Dostojewski bemerkt einzelne gemeinsame 
Züge zwischen den Geschöpfen der Phantasie des Dichters 
und seinem Charakter, nur ist ihr der Grund hiefür 



)_ 

5° Jolan Neufeld 



unbekannt, da sie von den unbewußten Determinanten des 
dichterischen Schaffens nichts weiß. Unter anderem lenkt 
sie unsere Aufmerksamkeit auf die identischen Züge Dosto- 
jewskis mit den erdichteten Eigenschaften des alten Fjodor 
Karamasow. Nachdem sie feststellt, daß der Alte ein ziem- 
lich getreues Porträt des alten Michail Dostojewski ist, 
jedoch auch Charakterzüge aufweist, die ihr Großvater 
nicht besaß, meint sie: „Interessant ist auch, daß mein 
Vater dem alten Karamasow seinen eigenen Namen 'ver- 
leiht." Die Psychoanalyse, die an der strengen Determination 
jedes psychischen Geschehens festhält, wird dies ebenfalls 
sicherlich für keinen Zufall halten, wie ja übrigens die 
Tatsache, daß der Name eines Menschen etwas Wichtiges 
bedeutet, auch dem Nichtanalytiker geläufig ist. So weist 
z. B. Goethe seinen Freund Herder scharf zurecht, weil 
dieser sich auf den Namen Goethes ein nicht sehr ge- 
schmackvolles Wortspiel erlaubt, und auch der Volksglaube 
weiß davon, daß man einen Mondsüchtigen nicht beim 
Namen anrufen darf. Daß wilde Völker den Namen für 
etwas besonderes halten, ist uns aus zahlreichen Beispielen 
ebenfalls bekannt. Daß also der alte Karamasow den Namen 
des Dichters trägt, welchen Taufnamen nach russischer 
. Sitte alle vier Söhne ebenfalls tragen, bedeutet soviel, als 
daß der alte Karamasow nur bewußt ein Porträt von 
Dostojewskis Vater ist, unbewußt aber auch den Dichter 
selbst bedeutet. Sind die hervorstechendsten Charakterzüge 
Fjodor Karamasows, wie Geiz, Trunksucht, dem väterlichen 
Charakter entnommen, wissen die Biographen nichts von 
einem ausschweifenden Lebenswandel des Vaters unseres 
Dichters, ja Aimee Dostojewski bemerkt dazu direkt, daß 




Dostojewski 5 1 



dies kein treues Porträt ihres Großvaters sei, da er ein 
treuer Gatte und guter Vater gewesen sei. Was bedeutet 
also dieser auffällige Charakterzug Fjodor Karamasows? 
Dieser ist, wie jedes psychische Geschehen, üherdeterminiert, 
es ist anzunehmen, daß der infantil verbliebene Neurotiker 
das eheliche Leben des Vaters als Unzucht auffaßt, wichtiger 
aber ist, daß sich der Dichter selbst des Fehlers der „laster- 
haften Geilheit" zeiht, also in jenem „Fjodor" eigentlich 
sich selbst portraitiert. Daß übrigens Dostojewski den elter- 
lichen Verkehr tatsächlich als Unzucht auffaßte, beweist, daß 
die meisten seiner Frauengestalten, auch solche, die augen- 
scheinlich Mutterimagines sind, wie Sonja in Raskolnikow, 
Mastascha in den Beleidigten und Erniedrigten, die Heldin 
der „Armen Leute", die Mutter des Arkadij Markarowitsch im 
„Jüngling" alle entweder Prostituierte oder Gefallene sind. 
Der große Roman der Karamasows beschäftigte Dosto- 
jewski jahrzehntelang. Unvollendete Romane enthalten Teile, 
die diesem seinem Schwanengesang einverleibt wurden, aus 
Briefen, die er aus seinem viele Jahre lang dauernden 
letzten Auslandsaufenthalte schrieb, klingt uns immer wieder 
diese ,Melodie entgegen, d. h. der Mordimpuls gegen den 
Vater beschäftigte das Unbewußte und die Phantasie Dosto- 
jewskis sein ganzes Leben hindurch. Vor der Petraschewski- 
Affäre erkennen wir den unbewußten Mordwunsch aus 
den erwähnten neurotischen Symptomen, nach der Ver- 
haftung, und während der ein Jahrzehnt datiernden Straf- 
zeit an seinem ganzen Verhalten, nach verbüßter Strafe 
an jeder Zeile, die er schrieb. Es ist, als ob das ganze 
Leben des Dichters mit dem Kampfe gegen diesen einen, 
übermächtigen Trieb vollkommen ausgefüllt gewesen wäre. 



32 



Jolan Neufeld 



Das unendliche Schuldbewußtsein empfand die Ver- 
haftung direkt als Erleichterung, nur dies kann das sonst 
unerklärliche Verhalten des Dichters während dieser Zeit 
erklären. Seine Frau schrieb seine Aussage in ihr Tagebuch, 
daß er irrsinnig geworden wäre, hätte ihn die Verhaftung 
davor nicht behütet. Aimee Dostojewski erzählt, daß ihr 
Vater einige Jahre vor der Verhaftung an schweren hyste- 
rischen Symptomen krankte. Er mied jede Gesellschaft, 
irrte tagelang allein auf den Straßen umher, sprach laut 
mit sich selber, und konnte kaum mehr arbeiten. Über 
die übrigen neurotischen Symptome, die Furcht vor dem 
Lebendbegrabenwerden, die Hypochondrie, die Schlaflosigkeit, 
und die gehäuften hystero -epileptischen Anfälle, sprachen 
wir bereits. Im Augenblicke der Verhaftung verschwinden 
all diese Symptome wie mit einem einzigen Schlage. Er 
wird vollkommen ruhig, klagt fast nur über Hämorrhoiden 
und wird psychisch völlig normal, wo kräftige und ganz 
geistesgesunde Kameraden schwere psychische Störungen 
davontrugen. In der Novelle: „Der kleine Held", welche 
er während seiner Untersuchungshaft in den Kasematten 
der Peter -Paul -Festung schrieb, ist soviel Lebensfreude 
und Sonnenschein, als ob sie an einem lachenden Maitage 
unter blühenden Bäumen auf grünem Rasen geschrieben 
worden wäre, und nicht im feuchten Kerker, wohin den 
ganzen Sommer über kein Sonnenstrahl leuchtete. 

Wohl soll er vom Todesurteile, das so theatralisch 
inszeniert wurde, einen Choc fürs Leben davongetragen 
haben, aber eigentlich ist außer einigen Reflexionen im 
„Idioten" darüber nicht viel zu bemerken. Als er nach vier 
Jahren Zuchthaus seinem Bruder über die Erlebnisse dieser 




Dostojewski 33 



schrecklichen Epoche berichtet, kommt er auf jenen Weih- 
nachtsabend zu sprechen, an welchem er in Ketten gelegt 
wurde, die er vier Jahre nicht ablegen durfte. Er schreibt: 
„Weißt Du noch, mein Teurer, wie wir uns getrennt 
haben? Gerade um Mitternacht wurden mir am Weihnachts- 
abend zum ersten Male Fesseln angelegt. . . . Da man ge- 
wöhnlich vor jedem neuen Lebensabschnitt eine besondere 
Lebendigkeit und Rüstigkeit empfindet, so war ich im 
Grunde durchaus ruhig." Dann erzählt er ausführlich von 
der angenehmen Fahrt im Schlitten und dem ausgezeich- 
neten Appetit, dessen er sich unterwegs erfreute. Ein 
Freund der beiden Brüder Dostojewski, der ihn mit Michail 
Dostojewski an diesem Weihnachtsabende besuchte, schreibt 
über das Verhalten des Dichters: „Man hatte den Eindruck, 
als ob dieser Mensch die ihm bevorstehende Zuchthaus- 
strafe, (von der er eine Kostprobe bereits in den Kasematten 
der Peter-Paul-Festung bekommen hatte) wie eine Ver- 
gnügungsreise ins Ausland behandelte." In seinem oben 
zitierten ersten Briefe schreibt er seinem Bruder Michail: 
„Wenn Du glaubst, daß ich noch immer hypochondrisch, 
reizbar und mißtrauisch bin, so bist Du im Irrtum, nicht 
eine Spur ist mir davon geblieben." Aimee Dostojewski er- 
zählt viel darüber, daß der Dichter in Familien- und 
Freundeskreisen oft erwähnte, daß er die Zuchthaus- 
arbeiten als Gymnastik betrachtete, die geeignet dazu sei, 
ihn körperlich zu kräftigen und daß er gerne Alabaster zer- 
stampfte, Bäume fällte, Holz trug, Ziegel schleppte, daß 
dies seiner schwächlichen Gesundheit von großem Nutzen 
war. Wenn aber Dostojewski die Qualen der Einzelhaft in 
der Festung, bei unendlichen Entbehrungen und Strapazen, 

Neufeld: Dostojewski 5 



34 Jolan Neufeld 



den ekelhaften Schmutz des Zuchthauses nicht nur ertrug, 
sondern an Leib und Seele gekräftigt aus dieser Hölle 
hervorging, wo andere blühende Menschen, wie z. B. der 
mit ihm verurteilte Edelmann Durow, gleich einer Kerze 
verlöschten, so ist das nur damit erklärlich, daß er im 
Zuchthause die unbewußten Mordgedanken unbewußt sühnt, 
daher all diese Entbehrungen, Leiden und Strapazen mit 
einem hohen Lustgefühle einhergehen. 

Die Familie Dostojewskis weiß nach der Erzählung des 
jüngeren Bruders, Andrej Dostojewskis, eigentümlicherweise 
von einer Prophezeihung des alten Michail Dostojewski, 
daß der Dichter ins Zuchthaus kommen werde. Er soll, 
wenn der junge Dostojewski wie ein Feuerbrand im väter- 
lichen Hause herumgewirbelt war, und gar zu freie An- 
sichten verfocht, oft gerufen haben: Ei, ei, Fedja, gib acht, 
daß dir die rote Mütze, (das Abzeichen der sibirischen 
Strafkompagnien) nicht auf den Kopf gesetzt wird. Wie 
so viele Pröphezeihungen, mag ja vielleicht auch diese, 
eine nachträgliche sein, sollte sie aber auf Wahrheit be- 
ruhen, was bei der Einfachheit und Lauterkeit des Charakters 
Andrej Dostojewskis wahrscheinlich erscheint, so mag sie 
dem Sühnebedürfnisse des Sohnes nicht wenig Nahrung 
gegeben haben. Jedenfalls ist an dieser Prophezeihung 
interessant, daß sie die Zuchthausstrafe mit der Auflehnung 
gegen den Vater, (allzufreie, revolutionäre Ansichten) in 
Verbindung bringt. 

Das große Sühnebedürfnis geht auch daraus hervor, 
wie er sein Vergehen selbst auffaßte. Als er nach einem 
Jahrzehnt endlich nach Europa zurückkommen durfte, 
wurde im Freundeskreise oft über die unmenschliche Strenge 



Dostojewski gg 



dieser Strafe, und über die Unschuld des Dichters gesprochen, 
ja einer seiner Freunde verfaßte sogar ein Gedicht auf 
seine unverdienten Leiden. Dostojewski aber meinte bei 
dieser Gelegenheit: „Nein, die Strafe war verdient, denn 
ich habe gegen die Regierung böse Absichten gehabt." 
Ein anderesmal motiviert er seine Meinung damit, daß 
derjenige, der dem russischen Volke den Zaren wegnehmen 
will, nicht hart genug bestraft werden kann. Damit rationa- 
lisiert er aber bloß sein aus dem Ödipuskomplex entstam- 
mendes Schuldbewußtsein, und auch durch diese Motivierung 
schimmert noch der unbewußte Gedankengang hindurch, 
daß der Mord, den man am Zaren verübt, als Vatermord 
gewertet werden müsse. Daß Dostojewski sich tatsächlich 
als Vatermörder betrachtete, und sich eigentlich nie für einen 
politischen Verbrecher hielt, geht auch aus seinem berühmten 
Zuchthausromane „Aufzeichnungen aus einem toten Hause" 
hervor. Der Roman ist in Ichform geschrieben, und die 
Hauptperson ist ein offenkundiges Selbstporträt. Die Tat 
aber, wegen welcher der Held ins Zuchthaus gerät, ist der 
Mord aus Eifersucht, was wir keinesfalls als bloßen Zufall 
betrachten werden. Aber während des ganzen Romanes 
spricht der Dichter von sich immer wieder nur als Mörder 
und Verbrecher. 

Mit der Verdrängung der Haßgefühle gegen den Vater 
geht die Wandlung seiner ganzen Gefühlswelt Hand in 
Hand. So kommt es, daß der Revolutionär, der den Zaren 
töten wollte, zur Krönung Alexanders IL eine Lobes- 
hymne dichtet, bei jeder Gelegenheit seine Liebe und 
Ergebenheit der Zarenfamilie gegenüber bekundet, wobei 
sein Gebaren vollkommen aufrichtig, ohne eine Spur von 

3* 



! : 



36 



Jolan Neufeld 



Servilismus ist. Und das nach Jahren des Zuchthauslebens, 
wo er tausende und tausende von Greuelszenen mit eigenen 
Augen sah, und nach einer glaubhaften Überlieferung sogar 
selbst gezüchtigt worden ist, jedenfalls aber alle Schrecken 
des Zarentums am eigenen Leibe zu fühlen bekam. Zweifellos 
ist dies nur aus seinem im Ödipuskomplex wurzelnden 
Sühneverlangen erklärlich, beweist jedoch zugleich seine 
algolagnische Disposition. 

Keinen Ton der Empörung kann man selbst zwischen 
den Zeilen lesen, wenn er über die tausend und tausend 
Rutenhiebe erzählt, welche wegen der geringfügigsten 
Vergehen den Rücken der unglücklichen Züchtlinge zer- 
fleischen. Die scheußlichsten Greueltaten der tierischen 
Vorgesetzten erzählt er mit einer epischen Breite, man 
könnte fast sagen, mit einem Behagen, daß der Leser 
davon ganz krank wird. Er schildert seine Empfindungen, 
als er einen Sträfling nach einer solchen Exekution be- 
trachtet. „Ich war in einer unbeschreiblichen Aufregung" 
versichert er immer wieder, und wir fühlen uns ver- 
anlaßt hinzuzufügen, daß es wohl eine sexuelle Erregung 
war, mit welcher er den Gezüchtigten betrachtete. Er 
läßt sich immer wieder die Wunden zeigen, und kann 
nicht aufhören, nach dem Schmerze zu fragen. Die lako- 
nische Antwort der Gepeinigten, „es brennt, es brennt, wie 
höllisches Feuer", befriedigt ihn offensichtlich nicht, und er ist 
sozusagen fasziniert von der Prügelstrafe. Ein Gemisch von 
Sadismus und Masochismus ist unverkennbar, wenn er z. B. 
von jenem bestialischen Vorgesetzten erzählt, der im Sträf- 
linge erst Hoffnung auf Straferlaß, oder wenigstens Mil- 
derung der Strafe erweckt, um dann über den aus allen 



Dostojewski 57 




Himmeln der süßesten Hoffnung Gefallenen wie toll zu 
lachen, und die Soldaten zu noch unbarmherzigeren Hieben 
anzuspornen. 

Auch der feinfühlige Dichter Turgenieff erkannte den Sado- 
Masochismus Dostojewskis. Nur ein Dichter mit solchen Nei- 
gungen kann dem Untersuchungsrichter Porfir in „Schuld 
und Sühne" die Geschichte jenes Bauern in den Mund 
legen, der im Zuchthause einen hochstehenden Vorgesetzten 
angreift, ihm absichtlich nicht das geringste Leid zufügt, 
und mit diesem Angriffe nur bezweckt, hart bestraft zu 
werden, um zu leiden. „Denn das Leiden ist gut", läßt 
ihn der Dichter sagen, „und wenn es von Amtspersonen 
kommt, und man unschuldig ist, umso besser." Diese 
eigentümliche Logik aber kann wieder nur die Psycho- 
analyse erklären. Vorgesetzte, Soldaten, Wächter, Polizisten 
und Amtspersonen jeder Art sind Vaterimagines, und von 
solchen gezüchtigt zu werden, kann der infantil verbliebene 
Neurotiker mit seinem schuldbeladenen Gewissen lustvoll 
empfinden. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, daß ' 
die Algolagnie Dostojewskis ebenfalls im Ödipuskomplex 
wurzelt, der Sadismus wäre demnach die Identifizierung 
mit der Machtvollkommenheit des Vaters, während der 
Masochismus dem unsterblichen Schuldgefühle des inzestuös 
Gebundenen enstammte. 

Deutliche masochistische Züge enthalten Episoden aus 
den Aufzeichnungen aus einem toten Hause. So z. B. die 
Erzählung über das Osterfest im Zuchthause. Die Sträflinge 
besuchen in der Karwoche die Frühmesse. Es berührt 
eigentümlich, zu lesen, wenn der Dichter erzählt, daß es 
ihm eigentlich angenehm war (sie!), wenn er im frühesten 



5 8 Jölan Neufeld 






Morgengrauen (man bedenke im Vorfrühling in Sibirien) 
zur Frühmesse geführt wird, und kettenklirrend ganz unten 

i stehen muß, er, der früher stets unter den Adeligen ganz 

oben Platz genommen hatte. Er findet es angenehm, daß 
ihn viele neugierig betrachten, einige bemitleiden, andere 
sich mit Abscheu von ihm abwenden, und mitleidige 
Seelen ihn sogar mit einigen Kupfermünzen beschenken. 
„So sei es denn", sagt er sich und behält die Kopeke 
„als Andenken seiner Schmach". Diese ganze Erzählung 
wird von einem starken Schuldgefühl getragen, ein über- 
starkes Schuldgefühl aber ist verankert im Ödipuskomplex, 
und dieses Schwelgen in der Demütigung und im Be- 
wußtsein der eigenen Schwäche und Niedrigkeit, hat eine 
infantil -sexuelle Note. Sich ganz schwach und hilflos 
fühlen, wie einst als Kind, ausgeliefert der Macht eines 
Überstarken, diese masochistische Phantasie verbirgt sich 
hinter der christlichen Demut. Daß eben die Osterfeier- 
tage den Masochismus wecken, ist leicht verständlich, da 
die Identifizierung mit Christus zur Osterzeit besonders 
naheliegend ist. Übrigens beherrscht diese Identifizierung 
ein gutes Stück seines Verhaltens und seiner Weltanschauung 
überhaupt. Gottvater ist ihm zeitlebens ein erhöhter leib- 
licher Vater, und in der Liebe zu Gott sublimierte er 
einen guten Teil seiner homosexuellen Liebe zum Vater, 
aber auch die Identifizierung der eigenen Person mit 
Christus ist offenkundig, Leiden, sich beugen, dulden, darin 
findet der Dichter den Sinn des Lebens, d. h. er identifi- 
ziert sich mit dem leidenden Gottessohne. „Ich murre 
nicht", schreibt er aus dem Zuchthause immer wieder, 
„es ist mein Kreuz". Damit seine kleine erstgeborene 



Dostojewski 



39 



Tochter am Leben bliebe, möchte er „alle Kreuzesqualen 
gerne auf sich nehmen", er identifiziert sich also immer 
wieder mit dem leidenden Gottessohne. Die Ambitendenz 
des christlichen Mythus .war, wie für so viele andere 
Neurotiker, auch seiner zwischen ambivalenten Gefühls- 
regungen ewig schwankenden Seele ein Anlaß zu dieser 
Identifizierung. Gottvater, der seinen Sohn am Kreuze 
unschuldig des qualvollsten Todes sterben läßt, der mit 
tauben Ohren die flehentliche Bitte, daß der bittere Kelch 
an ihm vorübergehe, nicht hören will, gleicht dem harten 
und ungerechten Vater Dostojewskis, der ihn unverdient 
so viel leiden und entbehren ließ. 

Die Ambitendenz der Sohneseinstellung ist auch Schuld 
daran, daß das Verhalten gegen die Religion bei unserem 
Dichter zeitlebens ambivalent bleibt. Wer ihn oberflächlich 
liest, schwört natürlich darauf, daß er der tiefreligiöseste 
Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Hat aber ein 
Dichter oder Philosoph jemals stärkere Beweisgründe gegen 
die Existenz Gottes und gegen die Religion überhaupt 
geschmiedet, als Dostojewski? Reichen seine positiven Ge- 
fühlsäußerungen auch nur annähernd an die verneinenden, 
ja lästernden heran? Ja, ist denn ein Mensch, der Kyrillow 
in den Dämonen, die Episode des Großinquisitors in den 
Brüdern Karamasow geschaffen hat, noch überhaupt religiös 
zu nennen? Wie Stawrogin an Schatow in den Dämonen, 
könnten wir uns auch an den Dichter mit der Frage 
wenden, ob er eigentlich an Gott glaube. Und wie die 
von ihm erfundene Gestalt, müßte auch der Dichter ant- 
worten: „Ich glaube an Rußland, ich glaube an seine 
orthodoxe Lehre, ich glaube an Christi Körper, ich glaube, 




40 



Jolan Neufeld 



y 



daß eine neue Wiederkunft sich in Rußland vollziehen 
wird, ich glaube" . . . Und da Stawrogin drängt : Aber an 
Gott? An Gott? Und da antwortet Schatow mit gesenktem 
Haupte und stockend: „Ich, ich werde auch an Gott 
glauben." Jedenfalls hat er sich diesen Glauben unter 
großen Seelenkämpfen heiß erstritten, auch war dieses so 
heiß erkämpfte Gottvertrauen oft schwankend, und wenn 
Dostojewski es auch nicht wahrhaben wollte, so kannte er 
den Unglauben nur allzu gut. Nach verbüßter Zuchthaus- 
strafe, also nachdem er die vielgerühmte Wandlung zum 
Glauben bereits durchgemacht hatte, schreibt er an die 
Frau eines Dekabristen, d. h. politischen Verbannten, die 
ihm während seines Aufenthaltes im Ostrogg und nachher 
unendlich viel Gutes getan hatte: „Ich will Ihnen von 
mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein Kind 
des Unglaubens und der Zweifelsucht und es wahrschein- 
lich (ich weiß es gewiß) bis an mein Lebensende bleiben 
werde. Wie entsetzlich quälte mich (und quält mich auch 
jetzt) die Sehnsucht nach dem Glauben, die umso stärker 
ist, je mehr Gegenbeweise ich habe." 

Dieses Bekenntnis entstammt einem Privatbriefe im 
fernen Sibirien, aber auch seine offiziellen Schriften, die 
direkt Kampfschriften gegen Unglauben und Gottesleugnung 
sind, enthalten solche Stellen. Er sagt z. B. im Tagebuch 
eines Schriftstellers, daß die Gottesleugner sich nicht ein- 
mal träumen lassen von einer solchen Gewalt der Ver- 
neinung, wie er sie durchgemacht habe. Endgiltig aber 
hat er die Verneinung nie erledigt, weil die immer wieder 
hervorbrechenden negativen Gefühle gegen den Vater, ihn 
in immer neue Empörung gegen den Gottvater, d. h. in 



Dostojewski 



41 



Gottesleugnung und Unglauben trieben. Bis zuletzt ist 
dieser Kampf nicht ausgekämpft. Trotzdem verhelfen ihm 
seine religiösen Gefühle immer wieder zur Bekämpfung 
seines ambivalenten Ödipuskomplexes, d. h. auch zur Subli- 
mierung seiner homosexuellen Veranlagung. 

Die Haßgefühle gegen den Vater wurden also als 
Religiosität sublimiert, das inzestuöse Begehren aber als 
Vaterlandsliebe. Insoferne diese Wünsche nämlich verdrängt 
wurden, führten sie zur neurotischen Erkrankung, wie 
z. B. in der Furcht vor dem Lebendigbegrabenwerden, zu 
dem erwähnten „mythischen Entsetzen". Da aber diese 
Zustände sich im Zuchthause besserten, müssen wir an- 
nehmen, daß inzwischen ihre Sublimerung angebahnt 
wurde, und zum größeren Teile auch gelang. „Ich glaube 
an Rußland" — so lautet der erste Glaubenssatz Schatows, 
und dies ist zugleich das Credo Dostojewskis, wie wir dies 
in jeder Zeile seiner Werke entnehmen können. Er glaubt 
unentwegt daran, daß sein Vaterland das erkorene Land Gottes 
sei, er predigte, daß von dem Meere von Tränen und Blut, 
mit welchem der Sozialismus die ganze Welt überschwem- 
men werde, Rußland die Welt erlösen werde, daß es Rußland 
vorbehalten sei, Europas Vorbild zu werden und einen wahr- 
haft christlichen Staat zu gründen. Die Psychoanalyse aber 
lehrte die unbewußten Triebregungen kennen, die der Vater- 
landsliebe zu Grunde liegen. Demnach sollte die Vaterlands- 
liebe eher Mutterlandsliebe genannt werden, da die Ge- 
fühlsbindung des Patrioten im Verhältnis zur Mutter-Erde 
wurzelt. Das Unbewußte identifiziert die Mutter, die 
Pflegerin, Ernährerin und gütige Helferin mit dem Erd- 
boden, der den Menschen nährt, ihm alles für das Leben 



4 2 Jolan Neu feld 



■*r* 



Notwendige gütig spendet. Ausdrücke wie Erdenkinder, 
für Mensch, Mutter Natur, Leibesfrucht für Kind usw. 
bezeugen genugsam, daß es sich hier um eines der ge- 
bräuchlichsten Symbole handelt. 

Das Vaterland, als jenes Stück der Erde, wo man ge- 
boren wird, (das uns gebiert, wie der ungarische Ausdruck 
szülöföld für Heimat besagt), welches den Menschen nährt, 
ihm eine Zufluchtsstätte gegen die Unbilden der Witterung 
gewährt, hat ein Anrecht auf all die inzestuöse Liebe des 
Mannes, welche sich dem direkten Ausleben widersetzt. 
Darum lebt das Vaterland als Frau in der Phantasie aller 
Völker, wie dies die Gestalten der La France, Hungaria, 
Mütterchen Rußland, Germania u. s. w. bezeugen. Daß 
Dostojewski dieses Symbol geläufig ist, ist aus dem bereits 
erwähnten Symbol, der Furcht vor dem Lebendbegraben- 
werden offenkundig. In einem Briefe an seine Nichte aus 
dem Auslande schreibt er einmal, daß die Russen die im 
Auslande leben, ihre Mutter (Rußland) ohrfeigen. Die Glut, 
die der irdischen Mutter gegenüber strafbar wäre, kann in 
der inbrünstigen Liebe zum Vaterland vorwurfsfrei und ohne 
Gewissensskrupel ausgelebt werden. Slawophile, orthodox 
und konservativ gesinnt zu sein, bedeutet also nicht, daß 
sich Dostojewski, wie viele Menschen und auch er selbst 
glaubt, durch tragische Lebensschicksale geläutert zu dieser 
Weltanschauung durchgerungen hat, ebensowenig, daß er 
mit politischem Scharfsinn nach den Irren und Wirren 
der Jugendjahre den richtigen Weg Rußlands erkannte, 
sondern, daß sein Ödipuskomplex sich in allen Relationen 
seines Lebens immer wieder äußert. Die Glut, mit welcher 
er seine politischen und religiösen Meinungen verficht, 



Dostojewski 



43 



weist auf die affektive, unbewußte Wurzel derselben genug- 
sam hin, jedoch verrät sich der Zusammenhang seiner 
Weltanschauung mit dem Ödipuskomplex auch aus kleinen 
Einzelnheiten. 

So nannte sich die Gruppe jener Slawophilen, die sich 
um Dostojewski und seine Zeitschrift scharte, „die Boden- 
ständigen", und -weisen mit dieser Benennung auf den 
Zusammenhang ihres Patriotismus und der inzestuösen Ge- 
bundenheit hin. Mit seinem erbitterten Haß verfolgte 
Dostojewski bis an sein Lebensende die Westler, die frei- 
denkenden, oft im Ausland lebenden Russen, die er 
„Skitaltzky", Entwurzelte nennt. Unbewußt haßt er in 
diesen Leuten jene Glücklichen, die es über sich ver- 
mochten, auf den Inzestwunsch zu verzichten, sich der 
Mutter zu entfremden. Seine stetige Furcht, während 
seines unfreiwilligen Aufenthaltes im Auslande, dem Vater- 
lande entfremdet zu werden, wurzelt ebenfalls in diesen 
unbewußten Gedenkengängen. In keinem Briefe bleibt diese 
seine krankhafte Furcht unerwähnt, und wenn er seiner 
Lieblingsnichte Sophie schreibt, daß im Auslande leben 
für ihn viel schrecklicher ist, als die Deportation nach 
Sibirien war, so ist das keine Übertreibung, sondern voll- 
kommen wahr. 

Eigentümlich ist es aber dabei, nnd kann wieder nur 
mit der inzestuösen Gebundenheit, resp. der Verdrängung 
derselben erklärt werden, daß Dostojewski diese Auslands- 
reisen weit über das nötige Maß ausdehnte. Obzwar er 
während des letzten mehrjährigen Aufenthaltes ganz krank 
vor Sehnsucht war, will er im letzten Augenblicke noch eine 
Reise nach dem gelobten Lande antreten, auch waren die 



44 Jolan Neufeld 



Schulden, die ihm ins Ausland trieben, wie dies der deutsche 
Verleger seiner Werke richtig bemerkt, bei der Heimreise 
ebensowenig beglichen, wie bei der Flucht. Und gelingt 
es diese Reise noch bis zu einem gewissen Grade zu 
rationalisieren, und unumgänglich notwendig erscheinen zu 
lassen, so gilt dies für die übrigen Reisen schon überhaupt 
nicht. Gleich beim Antritt der ersten Reise, erklärt der 
Dichter, daß er „an Europa nicht glaube", daß das Aus- 
land ein großer Friedhof sei, daß die Zukunft Rußland 
gehöre. Und während er die im Auslande lebenden Russen 
verachtet und glühend haßt, sucht er dieses Ausland fast 
zwanghaft immer wieder auf. Es ist eben die unbewußte 
Angst vor dem Inzestgedanken, der ihn immer wieder 
von Mütterchen Rußland fliehen macht, während es die 
Rückkehr des Verdrängten verursacht, daß er im Auslande 
selbst die paradiesischen Gegenden kaum eines Blickes 
würdigt. Alles ist ihm nicht nur höchst gleichgiltig, sondern 
direkt zuwider, ihn interessiert höchstens eine Gegend, die 
ihn an Petersburg erinnert. 

Nicht nur der Patriotismus, die Liebe zur Heimats- 
scholle entspringt des Dichters inzestuöser Gebundenheit, 
sondern auch ein großer Teil seiner Religiosität hat die- 
selbe Wurzel. Auch die Kirche wird von Neurotikern oft 
als weibliches Symbol verwendet.* 

Die große Liebe und das überwiegende Interesse Dostojewskis für die 
orthodoxe Kirche wurzelt ebenfalls im Ödipuskomplex, obwohl die vielen 
Heiligen der orthodoxen Kirche als Vaterimagines bei dieser Vorliebe eben- 
falls eine große, doch unbewußte Rolle spielen mögen. Sossima im Romane 
der Karamasows, der Priester, dem Stawrogin seine schreckliche Beichte ab- 
legt, (die bis jetzt im Dostojewski-Museum verwahrt, erst vor Kurzem erschien) 
sind Heilige, deren Vaterbedeutung offenkundig ist. 



Dostojewski 45 



Der Ödipuskomplex bringt Dostojewski also in das 
Zuchthaus, und derselbe Komplex, das Sühneverlangen 
macht es überhaupt möglich, daß der Dichter die Zucht- 
hausstrafe nicht nur überlebte, sondern in relativ besserem 
Gesundheitszustande diese Hölle verließ, als er hinkam. 
Es ist schwer, sich über diese qualvollen vier Jahre ein 
einigermaßen richtiges Bild zu machen. Ein Ästhet und 
Kritiker Dostojewskis sagt, daß die Episode des Bades in 
den Aufzeichnungen aus einem toten Hause sich würdig 
an die Bilder der Danteschen Hölle anreihen könnte. Und 
nicht dies ist der schrecklichste Teil dieses schrecklichen 
Gemäldes. Die langen sibirischen Winternächte, während 
welchen es nicht erlaubt ist ein Licht anzuzünden, Stunden 
und Stunden sich schlaflos auf dem von Ungeziefer wim- 
melnden harten Pritschen herumzuwerfen, in der greulichen 
Ausdünstung hunderter von ungepflegter Körper, in der 
verpesteten Luft und dem entsetzlichen Gestanke, den der 
vor der Türe des Schlafraumes stehende Trog verbreitet, 
in welchen die Züchtlinge ihre Notdurft von Sonnen- 
untergang bis zum nächsten Morgen verrichten, die niemals 
gewaschenen, von Schmutz und Eiter starrenden Gewänder 
des Krankenhauses, es ist kaum glaublich, daß ein Mensch, 
von dem, wie von unserem Dichter erzählt wird, daß er 
pedantisch und reinlich war, und zum täglichen Waschen 
viel Eau de Cologne verbrauchte, dieses Leben auch nur 
*" eine Stunde auszuhalten vermochte. Unendlich muß sein 
Schuldgefühl gewesen sein, dem solche Leiden angemessen 
erschienen. Denn aus den Aufzeichnungen seiner dortigen 
Vorgesetzten, unter welchen er viele Gönner hatte, geht 
hervor, daß er absolut keine Erleichterung seiner Lage 




wünschte. Dostojewski, wie sein früherer Freund und Mit- 
verschworener Durow, wurden nämlich dem Kommandanten 
des Ostroggs wärmstens empfohlen, und sowohl er, wie 
auch die Seekadetten, die wegen einer Revolte gestraft, 
dort den Dienst versahen, waren gewillt den beiden Edel- 
leuten als politischen Gefangenen jede nur mögliche Erleich- 
terung zu gewähren. Während aber Durow sich dankbar, 
liebenswürdig und freimütig erwies, so daß ihn jedermann 
liebgewann und förderte, stand Dostojewski mürrisch, miß- 
trauisch und verschlossen seinen Gönnern gegenüber, nur 
ungern nahm er Begünstigungen und Erleichterungen an, 
und entfremdete sich alsbald seine Gönner. Sein Schuldgefühl 
wollte eben den Kelch der Bitternisse, der Erniedrigungen 
und Qualen bis zur Neige leeren. Interessant ist auch der 
Haß, den er gegen Durow fühlte und überhaupt nicht 
verbergen, geschweige denn bezwingen konnte. Während 
all der vier Jahre sprach unser Dichter kein Wort zu 
diesem gewesenen Freunde, ja in den Aufzeichnunger 
erwähnt er ihn nur als „ich und der andere". Er haßt in 
Durow eben sein eigenes Verbrechen, und zwar nicht nur 
das eingestandene und offenkundige, die Verschwörung 
gegen den Zaren, sondern jenes andere, unbewußte und 
unverzeihliche, den Vatermord. 

Nach vierjähriger Zuchthausstrafe werden unserem 
Dichter die Fesseln zwar abgenommen, aber seine Freiheit 
besteht zunächst nur darin, daß er als gemeiner Soldat 
in das sibirische Linienregiment in Semipalatinsk eingereiht 
wurde. Wie der Schatten eines Menschen, so folgt ihm 
sein Ödipuskomplex und konstelliert sein Tun und Lassen 
wie bisher. Hier findet er nämlich jene Frau, die ihn 



Dostojewski 47 



das Lieben zum ersten Male gelehrt haben soll. Maria 
Dimitrijewna war die Gattin eines an Tuberkulose leidenden 
trunksüchtigen Kameraden Dostojewskis, den er bereits aus 
der Militärschule gekannt haben soll. Die allzu ehrfurchts- 
vollen Biographen des Dichters, die sich scheuen, solche 
Intimitäten aus seinem Leben an das Licht der Öffent- 
lichkeit zu zerren, die seine menschlichen Schwächen 
dokumentieren würden, diese Biographen sind Schuld daran, 
daß wir von diesem für den Analytiker so interessanten Ehe- 
leben sozusagen gar nichts wissen, und zum größten Teile 
auf Vermutungen verwiesen sind. Baron Wrangeis Auf- 
zeichnungen — mit ihm lebte Dostojewski zur Zeit dieser 
Liebesleidenschaft zusammen — geben uns einige, wenn 
auch spärliche Fingerzeige. Seine Tochter aus zweiter Ehe 
berichtet ausführlich, aber naturgemäß nichts weniger als 
objektiv über dieses seltsame Verhältnis. Zum Verständnis 
desselben werden sich die autobiographischen Daten, die 
der Roman „Beleidigte und Erniedrigte" enthält, als die 
brauchbarsten erweisen. 

Für den Psychoanalytiker wird es nicht ohne Bedeutung 
sein, daß diese Frau unfrei, d. h. die Gattin eines Kameraden 
ist, als sich unser Dichter in sie verliebt und daß sie 
während der ganzen Zeit, vom Augenblicke ihrer Bekannt- 
schaft an, keine Minute frei ist, d. h. von diesem Momente 
bis zu ihrem Tode stets Grund zur Eifersucht bot. Als 
der Dichter sie kennen lernt, ist sie gerade in einen anderen 
Kameraden ihres Mannes verliebt, und als Gattin des Dichters 
unterhält sie, nach Aussage der Tochter Dostojewskis, ein 
langjähriges Verhältnis mit einem Hauslehrer. Nachdem 
ihr erster Gatte an den Folgen seiner Trunksucht und der 



48 Jolan Neufeld 



dadurch verschlimmerten Schwindsucht starb, setzte der 
Dichter charakteristischerweise alles Menschenmögliche in 
Bewegung, um der Witwe die Heirat mit dem Geliebten, 
d. h. mit seinem Nebenbuhler möglich zu machen. Er 
bestürmt seine Verwandten und seine einflußreichen Be- 
kannten, damit sie sich für seinen Nebenbuhler ver- 
wenden, ihm eine gute Lebensstellung verschaffen, und 
so seine Heirat mit Maria Dimitrijewna zu ermöglichen, 
anderseits verzehrt er sich in der grundlosesten Eifersucht. 
Als diese Heirat trotz seiner Bemühungen nicht zustande 
kommt, heiratet er die Witwe, um sie vor materiellen 
Schwierigkeiten zu retten. 

Unschwer werden wir in dieser Liebe jene Charakter- 
züge auffinden, welche Freud in den „Beiträgen zur 
Psychologie des Liebeslebens" dem inzestuös Gebundenen 
zuschreibt. Vor allem die Unfreiheit des Liebesobjektes. 
Maria Dimitrijewna gehörte während der ganzen Zeit 
ihrer Liebe und Ehe mit dem Dichter einem anderen 
Manne an, zuerst dem Gatten, dann dem Nebenbuhler 
und endlich dem Geliebten, keinen Augenblick aber dem 
Dichter selbst. Die Liebesbedingung des „geschädigten 
Dritten" sehen wir in dieser Liebesaffäre voll erfüllt. 
Ebenso die Bedingung der Eifersucht, über welche Leiden- 
schaft Baron Wrangel ausführlich berichtet, wie auch die 
Retterphantasie. In dieses Kapitel gehört vor allem die 
Mühe, die sich Dostojewski gab, dem Geliebten seiner 
nachmaligen Frau zu einer Stelle zu verhelfen, auch 
rettet er nicht nur die Frau, sondern auch ihren kleinen 
Knaben buchstäblich vor dem Hungertode, endlich rettet 
er auch den guten Namen der Maria Dimitrijewna, deren 



Dostojewski 



49 



freies und exaltiertes Wesen der kleinen sibirischen Stadt 
nicht wenig Anlaß zum Klatsch bot, wie Baron Wrangel 
zu erzählen weiß, und deren Liebesverhältnis mit dem 
Hauslehrer, — nach Aimee Dostojewski, — stadtbekannt 
gewesen sein soll. Interessant ist^ daß Dostojewski, wie 
die inzestuös Gebundenen im Allgemeinen, gegen den je- 
weiligen, sozusagen rechtmäßigen Besitzer der Maria Dimitri- 
jewna gar keine Eifersucht verspürte, aber bei unbedeu- 
tenden Anlässen von krankhafter Eifersucht verzehrt ward. 
„Wir waren beide sehr unglücklich" — erzählte der 
Dichter über seine Ehe dem vertrauten Freunde Baron 
Wrangel, — „aber je unglücklicher wir waren, umso 
weniger konnten wir voneinander lassen, denn wir liebten 
einander bis ans Ende." All diese Liebesbedingungen be- 
weisen uns aber, daß diese Liebe eine inzestuöse, die 
Geliebte eine Mutterimago war. In der Eifersucht durch- 
lebte Dostojewski die kindliche Eifersucht gegen den 
Vater, während der geschädigte Dritte den unbewußten 
Triumph über diesen ewigen Konkurrenten bedeutet. 

Aimee Dostojewski sagt, daß die erste Gattin ihres Vaters, 
die Tochter eines Mameluken Napoleons, von glühendem 
Hasse gegen den Dichter erfüllt gewesen sei. Nach der 
übermittelten Familientradition heiratete sie ihn, um vor 
materieller Not geschützt zu sein, machte sich jedoch aus 
Dostojewski nichts, und verspottete ihn grausam mit ihrem 
Liebhaber, dem schon genannten Hauslehrer, der ihr bereits 
nach der Hochzeit wie ein Hündchen von Stadt zu Stadt 
nachgereist sei, und als die Verbannung Dostojewskis endlich 
ihr Ende erreichte, und er sich infolge besonderer Gunst 
Alexanders IL in Twer, einer Stadt zwischen Moskau und 

Neufelcl: Dostojewski 4 



50 Jolan Neufeld 



St. Petersburg niederlassen durfte, soll er ihnen auch dahin 
gefolgt sein. Der Dichter soll von diesem Verhältnisse 
nichts geahnt haben, obwohl er den Hauslenrer gut kannte, 
ihn aber für so unbedeutend gehalten haben, daß er 
an einen Betrug gar night dachte. Dem Ahnungslosen soll 
seine Frau, die infolge der fortschreitenden Tuberkulose 
in äußerst gereizter Stimmung war, welche Stimmung in 
Verzweiflung ausartete, als die kranke und daher ihrer Reize 
beraubte Frau von ihrem Geliebten verlassen wurde, selbst 
die Augen geöffnet haben. Zum Äußersten getrieben, 
gestand sie ihrem Manne den langjährigen Betrug mit 
Hohn und Spott. Trotzdem soll Dostojewski nach diesen 
Enthüllungen sein Benehmen gegen seine Frau in keiner 
Weise geändert haben. Erst viel später, als ihn seine 
publizistische Tätigkeit dringend nach St. Petersburg berief, 
verließ er die Frau, die ihm so große Schmerzen bereitet 
hatte. „Sein Herz war zerbrochen" — schreibt seine Tochter 
— „aber das Pflichtgefühl gegen jene, die seinen Namen 
trug, blieb unverändert. Das aber entwaffnete Maria 
Dimitrijewna nicht. Sie haßte meinen Vater mit jenem 
unerbittlichen Hasse, den nur Negerinnen kennen. Die 
Leute, die sie pflegten, berichteten später, daß sie lange 
Stunden unbeweglich in schmerzliche Betrachtungen ver- 
sunken im Lehnsessel verblieb. Dann stand sie plötzlich auf, 
durchschritt fieberhaft die Räume ihrer Wohnung. Im Wohn- 
zimmer hielt sie vor Dostojewskis Bild inne, sah es lange 
an, drohte ihm mit der Faust und schrie: Sträfling, ehrloser 
Sträfling! So gebärdete sie sich bis zur vollen Erschöpfung." 
So erzählt Aimee Dostojewski, die Psychoanalyse aber 
wird sich mit der Auskunft „grimmiger Haß der Negerin" 



Dostojewski 5 1 



nicht zufrieden geben und die Frage stellen: Warum sollte 
eine Frau den Mann, der nicht nur sie selbst, sondern auch 
ihren kleinen Sohn buchstäblich vor dem Hungertode rettete, 
so grimmig hassen? Warum soll sie ihn, den zu dieser Zeit 
bereits ganz Rußland nicht nur als großen Dichter, sondern 
sozusagen als Propheten feierte, beschimpfen? Maria Dimi- 
trijewna spielte in Semipalatinsk die Dame von Geist und 
Kultur, die über Kleinlichkeit und gesellschaftliche Be- 
denken hoch erhaben ist, sie verkehrte mit Ostentation mit 
Dostojewski, als dieser noch ein gemeiner Soldat war, und 
gar viele Vorgesetzte ihres Mannes diesen vertrauten Verkehr 
mißbilligten. War sie über Vorurteile damals hoch erhaben, 
war es nachher direkt lächerlich Dostojewski „Sträfling" 
zu schelten, als er die hohe Achtung des ganzen russischen 
Reiches, ja der Zarenfamilie genoß. Wenn das Verhältnis 
zum Hauslehrer tatsächlich bereits von Anfang an existierte, 
was für einen Grund hatte sie gehabt, ihren Mann grimmig 
zu hassen? Aus französischen Lustspielen kennen wir ja 
den Gemeinplatz bis zum Überdrusse, daß die Menages 
ä trois nicht die schlechtesten sind. Und nachdem sie von 
ihrem Hauslehrer verlassen wurde, ist es wieder nichts 
weniger als folgerichtig, wenn sich ihr Haß gegen den 
Gatten wendet. Solche Szenen hätte sie höchstens vor dem 
Bilde des ungetreuen Geliebten aufführen müssen. Ihr 
Gebaren ist in der Beleuchtung Aimee Dostojewskis voll- 
kommen unverständlich. Dies sind Ausbrüche einer Frau, 
die ihren Gatten liebt und Grund zur Eifersucht hat, 
oder zu haben wähnt. Denn der Haß ist nur die Kehr- 
seite der Liebe, und nur den einst Geliebten kann eine 
Frau hassen. Und verachten? Sicherlich wird es einer Frau 



w ^ 



52 JoZarc Neufeld 



von Maria Dimitrijewnas Temperament und Charakter 
nicht einfallen, ihren Mann wegen eines politischen Ver- 
gehens zu verachten, wohl aber verachtet eine solche Frau 
einen Mann, an dessen Seite sie geschlechtlich unbefriedigt 
lebt. Grund zur Eifersucht mag Maria Dimitrijewna genug 
gehabt haben. Schon eine geraume Zeit vor dem Tode 
der Gattin lebte Dostojewski fast ausschließlich in Peters- 
burg. Dort knüpfte sich jene Bekanntschaft mit einer jungen 
Studentin Pauline N., wie sie Aimee Dostojewski nennt, 
(der Pauline der „Spieler"), welche rasch zur glühenden 
Leidenschaft anwuchs und der er ins Ausland nachreiste, 
um mit ihr sozusagen die letzten Lebensmonate der Gattin 
zu verbringen. Und mag hier die gekränkte Eitelkeit 
Dostojewskis immerhin eine Rolle gespielt haben, wenn wir 
uns die inzestuöse Fixierung des Dichters vor Augen halten, 
wenn wir daran denken, daß er dort nicht lieben konnte, wo 
er begehrte, und wo er liebte, dort nicht begehrte, wenn 
wir uns dazu noch an die Worte erinnern, die er über 
sein Verhältnis zu seiner Frau an den Baron von Wrangel 
richtete, daß sie beide tief unglücklich waren, aber nie 
aufhörten einander zu lieben, wenn wir endlich noch 
hinzufügen, daß sowohl der ersten Ehe der Maria Dimi- 
trijewna, wie auch der zweiten Ehe Dostojewskis Kinder 
entstammten, während diese Ehe kinderlos blieb, können 
wir nicht umhin, hinter dem banalen Haß der Negerin 
ein trauriges Familiengeheimnis zu vermuten. Daß Maria 
Dimitrijewna an derselben Krankheit litt und starb, wie 
des Dichters Mutter, und ungefähr in demselben Alter 
sein mochte, wird uns an der Auffassung dieser Familen- 
tragödie nicht gerade irre machen. Körperlich wird die 



Dostojewski 55 



erste Gattin des Dichters von Strachoff, dem Mitarbeiter 
seiner Zeitung, als zart und gebrechlich beschrieben, was 
von der Mutter des Dichters ebenfalls behauptet wird, 
und Dr. Riesenkampf gedenkt ihrer als einer guten Haus- 
frau, die es verstand, ihr Heim wohnlich zu gestalten, 
also ebenfalls mütterliche Eigenschaften. All dies mag wohl 
zusammengewirkt und die Harmonie des ehelichen Lebens 
gestört haben, nachdem es die Inzestscheu Dostojewskis 
geweckt hatte. Damit mag es wohl zusammenhängen, was 
der bereits erwähnte Kritiker Strachoff über das sexuelle 
Leben des Dichters zu dieser Zeit schreibt. 

Nachdem er ein Bild der Weltanschauung des Dichters 
gibt und diese als Verzeihen und Verstehen menschlicher 
Schwächen bezeichnet, setzt er fest: „So war denn der 
literarische Kreis, in den ich hier eintrat (es handelt sich 
um die Mitarbeiter der Zeitung, die die Brüder Dostojewski 
zur Zeit der schweren Erkrankung der Maria Dimitrijewna 
herausgaben), für mich in vieler Hinsicht eine Schule der 
Humanität. Doch ein anderer Zug, der mich besonders 
frappierte, stellte an sich eine ■weit größere Abweichung 
von meinen Ansichten dar. Zu meiner größten Verwunde- 
rung bemerkte ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen, 
ja Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung 
beimaß. Dieselben Menschen, die in sittlicher Beziehung 
von so ungeheuerer Feinfühligkeit waren, die den höchsten 
Gedankenflug hatten und selber zum größten Teil jeder 
psychischen Ausschweifung fernstanden, dieselben Menschen 
sahen indessen mit vollkommenem Gleichmut auf alle 
Extravaganzen, sprachen von ihnen, wie von spaßigen 
Narreteien oder nichtssagenden Lappalien, denen sich in 



54 Jolan Neufeld 



einer freien Minute hinzugeben durchaus statthaft sei. 
Geistige Unanständigkeit wurde streng und scharf gerügt, 
fleischliche Unanständigkeit hingegen überhaupt nicht be- 
achtet. Diese sonderbare Emanzipation des Fleisches wirkte 
geradezu verführerisch, und in einigen Fällen hatte sie 
Folgen, an die zu denken schmerzlich und furchtbar ist. 
Von denen, die ich während meiner literarischen Mit- 
arbeiterschaft namentlich in den sechziger Jahren kennen 
lernte, habe ich einige infolge dieser psychischen Sünden, 
die so belanglos schienen, sterben und wahnsinnig werden 
gesehen." 

Strachow erzählt uns zwar nichts darüber, ob unser 
Dichter, der ja der geistige Mittelpunkt und Führer dieses 
Kreises war, diese Ausschweifungen nur sozusagen theo- 
retisch guthieß oder an solchen sich auch beteiligte, läßt 
aber das letztere vermuten, da er in diesem Zusammen- 
hange einige Zeilen weiter von jenen Widersprüchen 
spricht, die in Dostojewskis Handlungen und Gedanken 
auffallend waren, die aber in der Tiefe einer Seele ihren 
natürlichen Ausgleich fanden, und ihn in vielen Fällen 
vor falschen und unnormalen Wegen zurückhielten. 

Der Roman „Beleidigte und Erniedrigte", der die erste 
Ehe Dostojewskis poetisch beschreibt, zeigt uns den Dichter 
ebenfalls im Kampfe mit seinem Ödipuskomplex. Zu der 
Figur der Natascha soll seine erste Frau Maria Dimitrijewna 
Modell gestanden haben. Die ein wenig lächerliche Gestalt, 
die sich der Dichter in diesem Romane zuteilt, die Rolle 
des schützenden Engels, der liebt, ohne zu begehren, ent- 
stammt dem Ödipuskomplex, d. h. dem verdrängten Inzest- 
wunsche. 



Dostojewski 55 



All dies beweist, daß es dieser Komplex war, der die 
Liebeswahl Dostojewskis bestimmte, und an demselben 
Komplex scheiterte dann sein Eheleben, da er dem Aus- 
leben der normalen Sexualität hindernd im Wege stand. 
Das bereits erwähnte Liebesverhältnis zu Pauline N. weist 
dieselben Züge auf, wie die eben besprochene erste Liebe. 
Wieder ist die Geliebte unfrei. Die junge Studentin be- 
warb sich lange Zeit erfolglos um die Gunst des berühmten 
Dichters. Väterliche Zuneigung und Interesse, die ihr Dosto- 
jewski bewies, genügen dem temperamentvollen Mädchen 
nicht, und des langen Zögerns überdrüssig, reist sie rasch 
entschlossen nach Paris und sagt sich von dort von Dosto- 
jewski los, nachdem sie dort die Bekanntschaft eines jungen 
russischen Studenten gemacht hatte. Die Eifersucht des 
inzestuös Fixierten ist mit .diesem Briefe geweckt, und 
nachdem die Liebesbedingung erfüllt ist, brennt seine 
Liebe lichterloh. In fliegender Eile packt er seine Sachen, 
kümmert sich nicht um seine bereits auf dem Totenbette 
liegende Frau, kehrt sich nicht im Geringsten an seine 
so geliebte Zeitung, der er sonst seine ganze Tätigkeit 
widmete und ä\e er vorher Pauline als Grund angab, die 
Abreise ins Ausland zu verzögern, er fragt nicht danach, 
ob diese Reise, die naturgemäß eine große Menge Geld 
kostet, durch ihre Unzeitgemäßheit die Zeitung, und somit 
sich selbst und den heißgeliebten Bruder mit seiner zahl- 
rteichen Familie ins Verderben stürzt. Er reist Tag und 
Nacht, erreicht die Geliebte, bittet, droht und überredet 
sie endlich, ihm wieder ihre Gunst zuzuwenden. Und als 
er endlich erreicht, was er so heiß ersehnt, Pauline ihren 
Geliebten verläßt, um mit dem Dichter zu ziehen, ist er 



56 Jolan Neufeld 

nach wenigen Monaten von seiner Leidenschaft geheilt. Im 
Augenblicke, wo die Liebesbedingungen der Eifersucht und 
des geschädigten Dritten nicht mehr erfüllt sind, ist auch die 
blinde Leidenschaft vorbei. Bezeichnenderweise hatte auch 
dieses Mädchen einen anrüchigen Lebenswandel, sie war Stu- 
dentin vom Typus der ewig Studierenden, die das Studium 
nur zu dem Zwecke betreiben, um ein freies Leben zu führen. 
Dostojewskis zweite Ehe soll vollkommen glücklich ge- 
wesen sein. Seine Frau, von der Natur mit viel praktischem 
Sinn ausgestattet, hält seine verwickelten pekuniären Ver- 
hältnisse in Ordnung, stenographiert seine Werke, und 
schreibt sie ins Reine, räumt ihm jede Schwierigkeit aus 
dem Wege. Aber auch auf den Beginn dieses Ehelebens 
warf der Ödipuskomplex Dostojewskis trübe Schatten. Der 
Dichter selbst gibt in seinen Briefen aus seinem Auf- 
enthalte in Europa zu, daß seine Frau viel unter seinen 
Charakterfehlern zu leiden hatte. Auch Aimee Dostojewski 
weiß viel von den Schwierigkeiten des Anfangs zu erzählen. 
Danach soll der Dichter, von seinen Verwandten auf- 
gestachelt, seine Frau für viel zu jung und kindisch ge- 
halten haben, um mit ihr seine Gedanken und Sorgen zu 
teilen. (Es scheint, daß die große Jugend seiner Frau eine 
Übertragung von der Mutter auf die Gattin verhinderte.) 
Die Familie seines Bruders machte sich im Hause des 
Dichters breit, machte der jungen Frau den Rang als 
Hausfrau und den Platz im Herzen des Gatten streitig. 
Nur die Reise ins Ausland, welche die Schuldenlast und 
der drohende Ruin unumgänglich notwendig machte, und 
welche Reise die kluge und einsichtsvolle junge Frau 
aus allen Kräften begünstigte, entfremdete den Dichter 



Dostojewski 



57 



allmählich den Familienbanden. Aber selbst nach jahrelanger 
Dauer der Ehe mußten Störungen vorgekommen sein. Die 
kleine Episode aus Dresden; die uns Aimee Dostojewski 
erzählt, mag in den Augen der Bewußtseinspsychologie 
unbedeutend erscheinen, wird jedoch dem Psychoanalytiker 
■weitgehende Schlüsse ermöglichen. In Dresden soll der 
Dichter nämlich die Geburt seines zweiten Kindes amtlich 
melden. Man verlangt in einem so pedantischen und bureau- 
kratischen Lande, wie Deutschland, natürlich genaue Daten 
über die Familienverhältnisse, und siehe da, dem Dichter, 
der sich über eine solche überflüssige Pedanterie nicht 
wenig ärgert, fällt auf Befragen des deutschen Beamten 
der Familienname seiner Frau absolut nicht ein. Nachdem 
er den vergessenen Namen keineswegs erinnern kann, bleibt 
ihm nichts anderes übrig, als ärgerlich über die vielen 
unnützen Fragen des Deutschen, nach Hause zu gehen und 
seine Frau zu befragen. In den Familienerinnerungen der 
Familie Dostojewski gilt diese kleine Episode, wie auch 
mehrere ähnliche, als Zeichen der besonderen Zerstreutheit 
des Genies. Als Zeichen dieser Zerstreutheit erzählt uns 
Aimee Dostojewski, daß der Dichter an einer Straßenecke 
von seiner Frau um ein Almosen gebeten wird, welches der 
immer allzufreigebige ihr reicht, ohne zu bemerken, daß 
es die eigene Frau war, mit der er soeben gesprochen hatte. 
Hätte die Gemahlin Dostojewskis die Tendenz des Ver- 
gessens und der Fehlhandlungen überhaupt so gekannt, 
wie der Psychoanalytiker dieselben seit den Forschungen 
Freuds über die „Psychopathologie des Alltagslebens" wertet, 
sie würde beide kleinen Episoden für ihre Person nicht für 
allzu schmeichelhaft gehalten haben. 



7 I 



58 Jolan Neufeld 



Jedenfalls aber war die zweite Ehe des Dichters so 
ziemlich glücklich, was mit den mütterlichen Eigenschaften 
seiner Frau zusammenhängen mag, anderseits schwächte 
das zunehmende Alter und die dichterische Produktion die 
Intensität seines Ödipuskomplexes allmählich. Die Vater- 
würde war für unseren Dichter eine stets sprudelnde Quelle 
der tiefsten Freude, die in dieser unbewußten Identifizierung 
wurzelte. Auch Aimee Dostojewski erzählt von gemeinsamen 
Spaziergängen und Kirchenbesuchen, von gemeinsamen 
Andachtsübungen und abendlichem Vorlesen. Dostojewski 
befaßte sich also mit seinen Kindern ganz genau in der 
Weise, wie einst sein Vater mit ihm. 

Daß der Lebensabend des Dichters sich bei Weitem 
ruhiger gestaltet, ist abgesehen von seinem immer größer 
werdenden Dichterruhme, zum größten Teile dem Finanz- 
talente seiner Frau zu verdanken. Nur wer die schwierige 
pekuniäre Lage kennt, mit welcher der Dichter ■ zeitlebens 
kämpfte, wird die Bedeutung dieses Umstandes ermessen 
können. „Als er das Licht der Welt erblickte" — sagt einer 
seiner Biographen — „erschaute er zuerst die Armen des 
Krankenhauses, welchem sein Vater vorstand, und von 
diesem Augenblicke heftete sich die Armut an seine Fersen, 
um ihm ein treuer Gefährte für das Leben zu sein." So 
ist sein ganzes Leben sozusagen eine einzige tolle Hetzjagd 
nach dem Gelde, und wenn man seine von Zahlenreihen 
und Rechnungen strotzenden Briefe, seine verzweifelten 
Bitten um Geld, und immer wieder um Geld liest, muß 
man denken, daß er dem Gelde eine ungemeine Wich- 
tigkeit beimaß, ja daß er es liebte. Allein schon seine 
Tochter macht uns aufmerksam, daß die pekuniären Ver- 



Dostojewski 59 



legenheiten ihres Vaters zum größten Teile selbsverschuldet 
waren 3 sie gibt der übergroßen Freigebigkeit des Dichters 
die Schuld und weist darauf hin, daß man ihn in Familien- 
und Freundeskreisen den Henker des Geldes zu nennen 
pflegte. 

Auch Mereschkowski bemerkt mit großem Scharfblick, 
daß die große Armut Dostojewskis, so quälend sie für ihn 
gewesen sein mag, weniger in äußeren Zufälligkeiten, als in 
seinem innersten Wesen begründet war. Die Psycho- 
analyse bestätigt diese Annahme, indem sie darauf hinweist, 
daß die Wertung des Geldes tatsächlich dem innersten 
Wesen des Menschen, also seinem Unbewußten entstammt, 
u. zw. der analerotischen Komponente seiner Libido. Ver- 
schwendungssucht und Ungenauigkeit sind Charakterzüge 
des Analerotikers, während Geiz, Pedanterie und Trotz 
Eigenschaften jenes Analerotikers sind, dessen Analerotik 
sublimiert, resp. aufgesogen wurde. Analerotische Züge 
unseres Dichters sind uns wohlbekannt. Er litt zeitlebens 
an hartnäckiger Stuhlverstopfung, die ihm oft Grund zu 
Klagen gibt. Während der Haft in der Peter-Paul-Festung 
verringern sich sozusagen alle seine nervösen Beschwerden, 
bis auf die Obstipation, von der er schreibt: „Ich lebe 
fast nur noch von Rizinusöl." Stets klagt er über Hämor- 
rhoiden. Von seinem älteren Bruder Michail wissen wir, 
daß Fjodor Dostojewski nie wußte, was er besaß, sei es 
an- Geld, Kleidungsstücken, Wäsche oder anderen Gebrauchs- 
gegenständen. Dr. Riesenkampf war vergeblich bemüht, ihm 
etwas deutsche Pedanterie und Genauigkeit beizubringen. 
Er erzählt, daß obwohl Dostojewski oft über ziemlich nam- 
hafte Einnahmsquellen verfügte, — sein Vormund schickte 



6o Jolan Neufeld 



ihm nämlich ziemlich regelmäßig bedeutende Summen — 
er sich doch in beständiger Verlegenheit befand. Nachdem 
er an einem Tage zweitausend Rubel für nötige und un- 
nötige Dinge ausgegeben hat, bat er ihn oft bereits am 
andern Morgen um ein Darlehen von fünf Rubel. In 
dieses Kapitel gehört, daß Dostojewski mit Ausnahme 
seines ersten Romanes niemals etwas schrieb, was nicht 
bereits im Voraus bezahlt gewesen wäre. Mit einer ge- 
wissen Passion nimmt er auf seine Werke Vorschuß, die 
er lange plant und fast niemals zur vereinbarten Zeit 
abliefert. Er trennt sich sozusagen schwer von seinen 
Werken, die in seinem Kopfe schon fertig sind, und bringt 
damit seine Verleger oft in Verzweiflung. Strachoff, der 
diese Eigenschaft seines Freundes erwähnt, hält dies für 
die Faulheit des Genies, wir sehen darin einen anal- 
erotischen Zug. Die Analerotik unseres Dichters manifestiert 
sich in seinen Werken oft deutlich. So in der Szene, wo 
Aljoscha Karamasow und das ganze Kloster teils ver- 
zweifelt, teils eine lebhafte Schadenfreude empfindet, weil 
die Leiche Sossimas, (des Vaters) in Verwesung übergeht 
und einen entsetzlichen Leichengeruch ausströmt, wie 
auch darin, daß der Vatermörder im Romane der Kara- 
masows „Smerdjakow" heißt, was auf russisch ebenfalls 
„der Stinkende" heißt. 

Die Anfälle von Spielwut, welchen Dostojewski zwischen 
seinem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahre unterlag, 
finden ihre Erklärung in demselben Komplex. Daß 
diese nicht nur in Geldgier wurzelte, sondern auch un- 
bewußte Determinanten hatte, liegt auf der Hand, sie 
brachte ihn in so unwürdige und verzweifelte Lebens- 



Dostojewski 6 1 



lagen, daß an der Krankhaftigkeit dieser Anfälle nicht 
gezweifelt werden kann. So hatte er in Baden-Baden 
wieder einmal all sein Geld verloren, und schreibt an 
seinen Freund Maikow (1867): „Ich schreibe für Sie allein, 
überliefern Sie mich nicht dem Urteil der Welt. An 
Baden-Baden vorüberfahrend, fiel es mir ein einzukehren. 
Ein verführerischer Gedanke quälte mich, zehn Louisdor 
zu opfern, um vielleicht zweitausend Franken dazu zu 
gewinnen. Am schlimmsten "war es, daß ich auch früher 
zuweilen gewonnen habe. Noch schlimmer, daß ich eine 
gemeine und zu leidenschaftliche Natur besitze. Der Teufel 
spielte mir sofort einen Streich. In zwei Tagen gewann 
ich viertausend Franken mit ungewöhnlicher Leichtigkeit. 
Die Hauptsache aber war das Spiel. Wissen Sie, wie das 
anzieht? Nein, ich schwöre es Ihnen, es war nicht allein 
Gewinnsucht. Ich spielte weiter und verlor. Ich versetzte 
meine Kleider und Anna Grigorjewna all das ihrige. Was 
ist das für ein Engel!" 

Es folgen flehentliche Bitten um Geld. „Verlassen Sie 
mich nicht", beendigt er diese Epistel, „Gott wird es ihnen 
lohnen. Benetzen sie mit einem Trunk Wasser die in der 
Wüste verschmachtende Seele." An diesen Bekenntnissen 
nimmt unser Interesse vor allem das ambivalente Verhalten 
zum Gelde in Anspruch. Immer wieder wirft er es zum 
Fenster heraus, um demselben dann gierig nachzujagen. Er 
verschenkt es völlig unwürdigen Fremden, um es dann 
von Freunden, deren Lage, wie er wohl weiß, nicht glänzend 
ist, zu erbitten, erbittet es aber oft von Fremden mit einer 
unterwürfigen Beredsamkeit, mit einer fast kriecherischen 
Demut, mit welcher er Personen bitten läßt, die alle Selbst- 



62 Jolan Neufeld 



achtung verloren haben, wie Febjadkin in den Dämonen, 
oder Marmeladow in Schuld und Sühne. Diese Trinker 
und Spieler, diese „Unglücklichen", wie er sie nennt, sind 
daher Abspaltungen seines eigenen „leidenschaftlichen und 
gemeinen Charakters. " 

In diesem ambivalenten Verhalten zum Gelde finden wir 
unbewußte, aus dem Ödipuskomplex stammende Wünsche 
realisiert. Daß der Dichter betont, nie ohne Vorschuß ge- 
schrieben zu haben und dann die Arbeit nur ungern und 
unpünktlich liefert, gerne Geld leiht und noch lieber ge- 
winnt, hängt mit der unbewußten Bedeutung des Geldes 
zusammen. Geld ist für den Erwachsenen ein Mittel zur Be- 
friedigung seiner Bedürfnisse und als Machtmittel geschätzt. 
Anders aber ist die Schätzung des Geldes bei Kindern und 
Neurotikern, die in dieser Beziehung infantil verblieben, 
wie unser Dichter. Wie das Kind kein anderes Geld kennt, 
als das ihm geschenkt wird, bilden Geld und Geschenk 
einen und denselben Begriff. Selbst schenken ist ein Akt, 
den das kleine Kind seinem Narzißmus der Objektliebe 
wegen abringen muß. Das erste Geschenk des Kindes an 
seine Pflegeperson ist sein Kot, den es zur Lustgewinnung 
zurückhalten möchte. Der Freigebigkeit bezw. dem Wunsch 
beschenkt zu werden, das Geld nicht verdienen zu müssen, 
liegt also die unbewußte Gleichung Geld = Kot zugrunde. 
Zu den ältesten Kinderwünschen der Neurotiker gehört der, 
von der Mutter ein Kind zu haben, (resp. der Mutter ein 
Kind zu machen, schenken). So tritt der unbewußten, vorhin 
erwähnten Gleichung Geld = Kot, als drittes Glied Kind 
hinzu. Von der Mutter ein Kind zu haben, dieser unbewußte 
Inzestwunsch steckt hinter der Spielwut und hinter dem 



Dostojewski 63 



Wunsche leicht, ohne Arbeit und Mühe Geld zu bekommen, 
(eigentlich geschenkt zu erhalten). 

Die bewußte Freigebigkeit Dostojewskis beruht allerdings 
auf vorbewußten Gedanken, die mit der Auflehnung gegen 
den Vater in Verbindung stehen. Der Sohnestrotz hat den 
exzessiven Geiz des Vaters, zu dem der Dichter die Anlage 
geerbt zu haben scheint, in Verschwendungssucht ver- 
wandelt, doch ist ja der Trotz selbst ein analerotischer 
Charakterzug, den übrigens nicht nur der Dichter, sondern 
auch dessen Schwester Barbara und auch andere nahe Ver- 
wandte väterlicherseits geerbt zu haben scheinen. Ist hier 
die krankhafte Disposition offenkundig, so mündet trotz- 
dem auch diese krankhafte Neigung in den Ödipus- 
komplex ein. 

Wie die verstärkte Analerotik, ist die stärkere Eroge- 
neität der Mundzone ebenfalls ererbt. Außer dem Vater 
Dostojewskis, litten zwei Brüder, der schon oft erwähnte 
älteste, Michail, und der jüngste, Nikolaj, an Trunksucht. 
Unser Dichter selbst war sehr mäßig, er vertrug den Alkohol 
sehr schlecht, dafür aber liebte er Süßigkeiten überaus. Dem 
Schriftsteller Strachoff fällt diese Eigentümlichkeit ebenso 
auf, wie Aimee Dostojewski. Stets soll er eine Menge 
Feigen, Datteln, Fruchtpasten und andere Süßigkeiten in 
seinen Schränken verwahrt und während des Tages ge- 
nossen haben. Auch seine Vorliebe für starken Tee und 
schwarzen Kaffee hängt mit der Munderotik zusammen. 
Diese macht einen charakteristischen Zug der Dichtungen 
Dostojewskis verständlich. Seine Helden essen eigentlich 
nie, wenigstens nicht ordentlich. Wenn sie völlig erschöpft 
wahrnehmen, daß sie hungrig sind, essen sie in irgend 



64 Jolan Neufeld 



einem schmutzigen Wirtshause einige Bissen, sonst aber 
nehmen sie ausschließlich Genußmittel, Kaffee und Tee zu 
sich, höchstens rauchen sie noch. Unser Dichter war selbst 
ein starker Raucher. 

Nachdem im Seelenleben Dostojewskis so ziemlich alle 
Perversionen nachweisbar sind, fragen wir uns, ob der Trieb 
der aktiven und passiven Schaulust ihm fremd war. Nichts 
derartiges ist uns zwar von ihm bekannt, nur seine Tochter 
übermittelt uns den mit seinem Charakter nicht gut in 
Einklang stehenden Zug, daß er sich gerne gut und mit 
großer Sorgfalt kleidete, seine Kleidungsstücke stets selbst 
mit großer Sorgfalt bürstete und pflegte und sich freute, 
wenn seine Kleider lange wie neu aussahen. Das Bedürfnis 
aber, sich reich und gut zu kleiden, ist nach psychoanaly- 
tischer Erfahrung ein Ergebnis der Verdrängung exhibi- 
tionistischer Tendenzen. Zwei Eigentümlichkeiten seiner 
Werke lassen uns ebenfalls ahnen, daß er eine starke aktive 
und passive Schaulust unterdrückte, resp. sublimierte. Vor 
allem, daß die Natur in seinen Werken einen so geringen 
Platz einnimmt, wie etwa in den Werken Michelangelos. 
Naturbeschreibungen sind bei ihm ganz selten. Auch während 
seines jahrelangen Aufenthaltes im Auslande kümmerte ihn 
die Natur so wenig -wie nur möglich, die zauberhaften 
Gegenden Italiens und der Schweiz, die Rheingegend 
würdigt er kaum eines Blickes. Wenn er dieselben in 
einem Briefe erwähnt, so ist sein Entzücken ganz konven- 
tionell, eine Gegend interessiert ihn nur, insoferne sie ihn 
an Mütterchen Rußland erinnert, oder an die langweilige, 
öde Gegend von Petersburg. Strachoff erzählt von der 
ersten Auslandsreise Dostojewskis, welche sie zusammen 



Dostojewski 65 



machten, daß sie gewöhnlich im Kaffeehause saßen und 
russische Zeitungen lasen, oder so laut politisierten, daß die 
Leute sich verwundert nach ihnen umsahen. In Florenz 
verbrachte der Dichter Tag und Nacht mit dem Lesen 
des Romanes Viktor Hugos „Les miserables", die Uffizi 
Gallerie sah er ein einziges Mal an, begann sich aber 
alsbald zu langweilen, so daß sie die Venus von Medici 
gar nicht ansahen. Dafür aber spazierten sie gerne in der 
Stadt, die Fjodor Michailowitsch an die Fontanka in Peters- 
burg erinnerte. Die Natur und ihre Nachahmung, die 
Kunst interessierten Dostojewski sehr wenig. Aus psycho- 
analytischen Erfahrungen aber wissen wir, daß bei Malern 
der Drang zur Darstellung des menschlichen Körpers als 
Ersatz der Beschäftigung mit dem Mutterleibe dient, und 
daß eine intensive Verdrängung dieses Wunsches die Ver- 
schiebung des Malen wollens des menschlichen Körpers auf 
die Natur im allgemeinen überträgt. Wo wir bei einem 
Dichter finden, daß die Beschreibung der Natur, wie auch 
sein Interesse für die Schönheiten derselben überhaupt auf- 
fallend kärglich ausfällt, werden -wir stets eine ausgiebige 
Verdrängung der Schaulust vermuten. Sublimiert manifestiert 
sich die Schaulust ^sowohl wie die verdrängte Entblößungs- 
lust bei Dostojewski im Malen der nackten Seelen, wie auch 
in der großen Subjektivität seiner Seelengemälde. So meint 
Strachoff, der mit richtigem Instinkt dies ebenfalls bemerkte, 
daß es ein wahres Glück war, daß Dostojewski nicht zu 
bemerken schien, wie er sein intimstes Seelenleben preisgab, 
denn sonst wäre ihm dies sicherlich unmöglich gewesen. 

Wenn wir so das Leben dieses großen Dichters im 
Lichte der psychoanalytischen Forschung betrachten, finden 

Neufeld: Dostojewski 5 



66 Jolan Neufeld 



wir, daß sein Charakter durch sein Verhältnis zu den 
Eltern konstelliert, seine Schicksale und sein Erleben von 
seinem Ödipuskomplexe nicht nur abhängig waren, sondern 
sozusagen ausschließlich von demselben bestimmt wurden. 
Perversion und Neurose, Krankheit und Schaffenskraft, 
Eigenschaften und Eigenheiten, alles konnten wir auf den 
Elternkomplex, ja nur auf diesen zurückführen. Der große 
Dichter, dessen Werke die verstecktesten Regungen der 
menschlichen Seele beleuchten, war selbst ein ewiges Kind, 
dessen Seele zwischen Liebe und Haß, Verehrung und Miß- 
achtung, Opferfreude und Mordgier gegen den Vater hin- und 
hergerissen wurde. Ob er von Seelenregungen erzählt, oder 
von Gefühlen, von Patriotismus oder Religiosität, alle seine 
Gefühle, Gedanken, seine Erkenntnis, alle wurzeln in seinem 
Ödipuskomplex oder münden in denselben ein. Des Men- 
schen Schicksal ist sein Ödipuskomplex, können wir sagen, 
und noch mehr bereitet dieser das Schicksal des Dichters 
und Neurotikers, wie es Dostojewski war. 



Wir müssen auf Grund des vorher Gesagten daher er- 
warten, daß bei der großen Intensität des Ödipuskom- 
plexes des Dichters wir denselben ebenso in jedem seiner 
Werke vorfinden müssen, wie in jeder seiner Lebensphasen. 
Dies ist auch tatsächlich der Fall und nachdem wir das 
reichbewegte Leben Dostojewskis von diesem unserem Stand- 
punkte überblicken, wollen wir sehen, ob unsere Erwartung 
sich auch bei Analyse seiner Dichtungen erfüllen wird. 

Dostojewski trat als fertiger Dichter vor das Publikum. 
Von seinen Jugendarbeiten sind uns nur die Titel über- 
mittelt. Sehen wir uns also diesen Roman, der das Werk 
des ungefähr Zwanzigjährigen ist, von diesem Standpunkte 
näher an. Dieser Antiheld Djewuschin, der trotzdem mit 
jeder Geste ein vollkommener Held ist, ist ein inzestuös 
Gebundener. Er liebt, kann aber nicht begehren, wie alle, 
die am Ödipuskomplex fixiert sind, dies gibt dem Roman 
den Anschein des Asexuellen. Das Mädchen, welches der 
Held liebt, ist eine Mutterimago. Sie ist unfrei, d. h. sie 
hat eine Vergangenheit, in deren Schatten sie lebt und zu 
welcher Vergangenheit sie am Ende des Romanes wieder 
zurückkehrt. Den eigentlichen Roman füllt die Rettungs- 
phantasie aus, d. h. die heroische Aufopferung, die Opfer- 
freudigkeit Djewuschins der Geliebten gegenüber. Die Vor- 
bildlichkeit der Sexualität, die nach Freud der Gesamt- 



68 Jolan Neufeld 



persönlichkeit ihren unauslöschlichen Stempel aufdrückt, 
verursachte es, daß das Leitmotiv dieses Romanes das 
Entsagen ist. Die Geste, die bei Dostojewski immer wieder- 
kehrt. Trotzdem ist der Roman unverkennbar die Inzest- 
phantasie des infantil Verbliebenen. Es ist, als ob der Dichter 
zu Gericht gesessen wäre über sein Unbewußtes, es ver- 
urteilt hätte, um sich den Gesetzen der Moral zu beugen. 

Nicht nur Ibsen erfaßte bewußt, daß das Leben des 
Dichters ein Kampf gegen seine Komplexe, seine Dichtung 
ein Gericht über seine unbewußten Tendenzen ist, auch 
Dostojewski wußte es. Er fühlte es auch von solchen 
Werken, bei denen tiefgreifende Verschiebungen und Ver- 
änderungen nicht offensichtlich erkennen lassen, daß es 
sich um Komplexe des Dichters handelt. So sagt er nach 
Beendigung des Goljadkin, als er Nastascha Neswanowna 
zu schreiben beginnt, seinem Bruder: „Auch dieses Werk 
wird eine Beichte und Selbstverurteilung sein, wenn auch 
in anderer Form, als das erstere." 

Die kleineren Erzählungen der ersten Periode, der kleine 
Held, Nastascha Neswanowna, Feiertag und Hochzeit, handeln 
von der kindlichen Erotik, wie auch über die erotischen Ge- 
fühle der Erwachsenen. Während Ärzte und Pädagogen noch 
immer entrüstet sind über die Entdeckung Freuds, daß 
dem unschuldigen Kindesalter eine Sexualität und dazu noch 
eine „perverse" zugeschrieben werden muß, schildert der 
Dichter in Nastascha Neswanowna zärtliche Fixierung an 
den Vater mit unvergleichlicher Kraft und Lebendigkeit, wie 
ja auch die daraus folgende Ambivalenz, der Todeswunsch 
gegen den anderen Elternteil seinem psychologischen Scharf- 
blicke nicht entgangen ist. Von ihrer Liebe zum Vater 



Dostojewski 69 



läßt der Dichter das kleine Mädchen wie folgt erzählen: 
„In jener Stunde erwachte in mir eine grenzenlose Liehe 
zum Vater, aher es war eine wunderliche, gleichsam gar 
nicht kindliche Liehe . . . Der Vater erschien mir immer 
dermaßen bedauernswert, daß es für mich etwas ganz 
Unmögliches gewesen wäre, ihn nicht ganz bis zur Be- 
sinnungslosigkeit zu lieben und zu trösten, nicht zärtlich 
zu ihm zu sein . . . Ich erzählte bereits von meinem ersten 
Erwachen aus dem Kindheitsschlaf, von meiner ersten be- 
wußten Regung in einem bewußten Leben. (Gemeint ist 
das Erwachen ihrer Liebe zum Vater.) Mein Herz war 
von dem Augenblicke verwundet, meine Entwicklung setzte 
ein und vollzog sich mit unglaublicher, sich überhastender 
und ermüdender Schnelligkeit." Von der Zeit an, als der 
Vater sich wütend vergißt und sagt, daß er erst aufleben 
werde, wenn seine Frau gestorben sein werde, setzte sich 
in dem kleinen Mädchen die Hoffnung fest, daß dieses 
neue Leben auch für sie eilten bedeutenden Platz haben 
werde. „Dann aber, als ich fortwährend darüber nachdachte 
und mich allmählich an die schreckliche Hoffnung des 
Vaters gewöhnte, kam mir bald die Phantasie zu Hilfe. 
Wenigstens ertrug ich die Qual der Ungewißheit nicht 
lang und mußte wohl naturgemäß zu irgendeiner Ver- 
mutung gekommen sein. Und da, ich weiß nicht, wie es 
anfing, aber zu guter Letzt glaubte ich wirklich, daß der 
Vater, wenn erst die Mutter gestorben sei, alsbald diese 
langweilige Wohnung verlassen und mit mir irgendwo 
hinziehen werde." Dann erzählt sie ausführlich über ihre 
phantastische Hoffnung, mit dem Vater in einem benach- 
barten Hause, das reich und schön war und von dem 



7° Jolan Neufeld 



kleinen Mädchen schon lange angestaunt wurde, zusammen 
zu leben. Auch von der Lieblosigkeit des inzestuös fixierten 
Kindes weiß uns die Kleine zu erzählen. „Der Mutter 
Strenge allein hätte mich nicht so gegen sie einnehmen 
können. Aber ich weiß, was es war: es war dies meine 
phantastische Liebe zu meinem Vater, die mich in ihrer 
Ausschließlichkeit verdarb ... In meinem späteren Leben 
habe ich die Beobachtung gemacht, daß viele Kinder oft 
entsetzlich gefühllos sind und daß sie, wenn sie jemand 
liebgewinnnen, diesen einen Menschen ganz ausschließlich 
lieben und das selbstverständlich auf Kosten Anderer . . . 
So wuchs ich in unserer Dachstube auf, und allmählich 
steigerte sich meine Liebe, nein, richtiger meine Leiden- 
schaft, denn ich kenne kein anderes Wort, das ein so 
unbezwingbares, mich selbst quälendes Gefühl, wie ich fin- 
den Vater empfand, ausdrücken könnte, steigerte sich bis 
zu einer krankhaft ausgearteten Empfindsamkeit. Ich kannte 
nur noch eine einzige Lust, an ihn zu denken, von ihm 
zu träumen, nur noch einen Wunsch und Willen — alles 
zu tun, nur um ihm eine Freude, oder sei es ein noch 
so kleines Vergnügen zu bereiten. Wie oft erwartete ich 
ihn, zitternd und blau vor Kälte auf der zugigen Treppe, 
nur um wenigstens ein paar Augenblicke früher sein 
Kommen zu hören und ihn zu sehen. Streichelte er mich, 
wenn er bisweilen zärtlich zu mir war, so wurde ich ganz 
wirr vor Freude. Und dennoch peinigte es mich oft bis 
zum körperlichen Schmerz, daß ich in meinem Verhalten 
zu meiner armen Mutter hartnäckig und kühl blieb . . . 
In der Tat, diese wunderliche Anhänglichkeit erinnerte 
etwas an einen Roman." 



Dostojewski 7 1 



Wenn wir die Herzensergüsse des kleinen Mädchens 
hier (gekürzt) wiedergeben, so geschieht es nicht nur um 
zu zeigen, daß Dostojewski den Ödipuskomplex der Kinder 
bis in die feinsten Regungen kannte, sondern weil er diese 
Regungen an sich selbst erkannte. Das Mädchen liebt in 
dieser Weise einen von Trunkenheit verkommenen Vater, 
also handelt es sich eigentlich um den Ödipuskomplex des 
Dichters. Wie wir später sehen werden, behandelt der 
„Jüngling" dasselbe Problem, nur daß hier direkt die Ambi- 
valenz des Knaben das Leitmotiv bildet. 

Auch in den übrigen Erzählungen der ersten Epoche 
von Dostojewskis dichterischem Schaffen wird sozusagen 
Gerichtstag gehalten über die kindliche Erotik, über den 
Unfug, Kinder als erotisches Spielzeug zu behandeln (der 
kleine Held), über die Un Vergänglichkeit der kindlichen 
Eindrücke, wie auch über die Perversionen des Kindes- 
alters. (Nastascha Neswanowna, der kleine Held, Feiertag und 
Hochzeit.) 

Der Doppelgänger, der seine Phantasie ungefähr zu 
gleicher Zeit beschäftigt, ist ebenfalls eine Selbstverurteilung, 
wie dies der Dichter in einem an seinen Bruder geschrie- 
benen Brief erkennt. Die Figur des Goljadkin entsteht 
in ihm in jener traurigsten Epoche seines Lebens, wo 
nach dem Tode des Vaters und vor der Petraschefsky- 
Affaire seinem ersten großen Erfolge kein zweiter auf 
dem Fuße folgt. Die Selbstverurteilung spaltet den Cha- 
rakter Goljadkins in zwei einander entgegengesetzte Teile. 
Einerseits wird das narzißtische Ichideal in dem erfolg- 
reichen, selbstbewußten, charaktervollen Goljadkin II. ab- 
gespaltet und von dem übrigen Ich, des kleinen, gedrückten, 



7 3 Jolan Neufeld 



auf der Schattenseite des Lebens wandelnden freud- und 
erfolglosen kleinen Beamten als voll existierend und feind- 
lich gegenüberstehend empfunden, andererseits verkörpert 
Goljadkin II. die Wunschphantasie des kleinen Beamten, 
(d. h. des Dichters selbst), der erreicht, was dieser selbst nur 
gewünscht und niemals verwirklichen konnte, dem alle 
Schicksalsmöglichkeiten offenstehen, die dem unglücklichen 
Beamten vorenthalten wurden. Freuds Untersuchungen über 
den Narzißmus und Ranks „Motiv des Doppelgängers" 
decken sich vollkommen mit der Phantasieschöpfung Dosto- 
jewskis. Für die Entstehung dieses kleinen Meisterwerkes, 
auf das der Dichter übrigens sehr stolz war, wird das 
Minderwertigkeitsgefühl und Schuldbewußtsein des Neuro- 
tikers verantwortlich sein, des Dichters oft erwähnter 
krankhafter Stolz auf dieses Werk ist wohl als Kompen- 
sation für das Minderwertigkeitsgefühl aufzufassen, welches 
sich in der Dichtung manifestiert. Niederdrückende Armut, 
Erfolglosigkeit, Unzukömmlichkeiten mit Freunden werden 
. an der Stimmung, die dieses Werk hervorbrachte, wohl 
ihren Anteil haben, werden das vorbewußte Material ge- 
bildet haben, die eigentliche Triebkraft aber entstammt 
sicher dem Unbewußten, dem Ödipuskomplex. Eigentlich geht 
dieser Antiheld an seiner unglücklichen, verlachten und ver- 
schmähten Liebe zu Grunde, d. h. sein Wahnsinn wird mani- 
fest, als er nicht zum Geburtstag der Angebeteten geladen 
wird. Die erste unglückliche Kinderliebe, die damit enden muß, 
daß sie verlacht und verschmäht wird und die das berüch- 
tigte Minderwertigkeitsgefühl des Neurotikers verursacht, hat 
unserem Dichter unbewußt vorgeschwebt, wenn er seinen 
Helden an verschmähter Liebe zu Grunde gehen läßt. 






Dostojewski 73 



All diese Werke der ersten Periode haben den 
Ödipuskomplex zum Stoffe, sind aber sozusagen nur die 
Ouvertüre. Die Urtat, wie die Psychoanalyse den Vater- 
mord nennt, wird in der Katorga verbüßt, nach der 
Petraschefsky-Affäre wird aus dem Empörer ein Demüti- 
ger, aber die rächenden Eumeniden sind hinter dem 
Dichter her, geben ihm keine Ruhe, fortan hört er 
nicht auf, seine Schuld zu sühnen, seine Helden werden 
die bekehrten Nihilisten, er wird der Dichter des Anti- 
nihilismus, d. h. die Revolte gegen den Vater und Strafe 
und Sühne derselben bilden fortan sozusagen das ein- 
zige Thema seiner Dichtung, ja seiner literarischen Werke 
überhaupt. Mit Rodion Raskolnikow (1866) beginnt diese 
zweite Epoche seines Schaffens, die bis zu seinem Tode 
dauerte. Wie gewaltig auch jede einzelne seiner Schöp- 
fungen dieser zweiten Epoche ist, keine brachte ihm die 
Befreiung von seinem Ödipuskomplex, wie dies z. B. bei 
Gottfried Keller der Fall war, keinen Augenblick seines 
künftigen Lebens und Schaffens wird er fortan im Kampf 
gegen den Vatermord frei, weil dieser Drang zur Urtat 
eben nie restlos erledigt wurde. Mereschkowski und 
andere Kritiker wollen wissen, daß das Todesurteil 
mit der grausamen Inszenierung der nachfolgenden Be- 
gnadigung jenen Bruch in des Dichters Seele verursachte, 
der nie wieder heilte und die Eigenheiten seines Schaffens, 
das Enigmatische daran verursachte. Der Dichter selbst 
erwähnt das Todesurteil oft als erschütterndes Ereignis, 
das es ja in der Tat war. Jedoch besitzen bewußte Er- 
innerungen nie diese faszinierende Eigenschaft, welche nur 
dem Unbewußten zukommt, und so erklärt die Eigenheiten 



74 Jolan Neufeld 



des Dostojewskischen Schaffens restlos nur die Berück- 
sichtigung seines Ödipuskomplexes. Aimee Dostojewski 
meint, daß ihr Vater im Raskolnikow den jungen Leuten 
von zwanzig Jahren und besonders den Studenten zeigen 
wollte, wohin einen braven, talentvollen, ja selbstlosen 
jungen Menschen der Hochmut, die Selbstüberhebung, 
der Mangel an christlicher Gesinnung treibt. Aber nichts 
steht dem erschütternden Romane so fern, als hausbackene 
pädagogische Absichten. Es ist der grandiose Kampf des 
Menschen mit dem Ödipuskomplex, der in seinem Unbe- 
wußten tobt, den Dostojewski darstellt. Die alte Wuchererin, 
die Raskolnikow tötet, ist eine Vaterimago. Schon allein 
der Geiz, den sie bekundet, welcher den jungen Studenten 
so aufbringt, wie einst den Dichter gegen seinen 
Vater, kennzeichnet sie als solche. Daß der Dichter eine 
Frau zur Vaterimago wählt, mag in dem Umstand seine 
Erklärung finden, daß seine Schwester Barbara, die er als 
Kind besonders liebte, in ihren späteren Jahren von einem 
krankhaften Geiz befallen wurde. Die Unglückliche soll, 
trotzdem sie glänzend verheiratet, von ihrem Manne einige 
Zinshäuser erbte, und trotzdem sie ihre Kinder glänzend 
versorgte, so gelebt haben, wie die ärmste Bettlerin. Nur 
einmal wöchentlich kaufte sie etwas Brot und Milch, 
weinte und jammerte, wenn sie ihren Geldbeutel öffnen 
mußte, lebte ohne Dienerschaft und wurde endlich von 
einem jungen Mann, der in der Nähe ihres Hauses 
wohnte, mit Hilfe eines Bauern ermordet. Im Familien- 
kreise war dieser tragische Tod der Schwester wahrschein- 
lich vorausgesehen, und so geschah es, daß Dostojewski 
statt des männlichen Wucherers eine weibliche Figur 



Dostojewski 75 



beschreibt* Die Identität des Dichters mit Raskolnikow 
liegt auf der Hand. Derselben Schuld folgt hier dieselbe 
Sühne, die Verbannung nach Sibirien wird Raskolnikow 
läutern, wie sie einst den Dichter läuterte. Sonja ist eine 
Mutterimago. Wie wir bereits erwähnten, ist es für den 
an die Mutter fixierten Neurotiker bezeichnend, die Mutter 
unbewußt der -Dirnenhaftigkeit zu zeihen. Wieder einmal 
hielt der Dichter Gerichtstag über sich selbst, um sich zu 
sagen, demütige dich, du bist eine Laus. Entsage! 

In den Beleidigten und Erniedrigten kämpft er wieder 
den Kampf mit dem Ödipuskomplex. Zu der Figur der 
Nastascha des Romanes soll seine erste Frau Maria Dimi- 
trijewna Modell gestanden sein, seine unerwiederte Liebe 
den Gegenstand des Romanes geliefert haben. Maria 
Dimitrijewna .aber entpuppte sich uns bereits als Mutter- 
imago, und so ist die Frau, der er entsagt, die zu lieben 
er nie aufhört, die ihm aber nie angehören kann, wieder 
nur die Mutter. Die Beleidigten und Erniedrigten ist der 
schwächste Roman Dostojewskis. Er meinte später selbst, daß 
er papierene, aus Büchern stammende Menschen schilderte, 
die weder Fleisch, noch Blut haben. Die Selbstverurteilung 
ist richtig, was den Wert des Romanes betrifft, die Schuld 
aber trägt wieder nichts Anderes, als der Ödipuskomplex. 
Daß der alte Herzog Valkovskij eine Vaterimago bedeutet, 
den bösen Vater, der den Inzestgelüsten des Sohnes im 
Wege steht, ist offenbar. Dieser Vater aber, der das Liebes- 
verlangen seines Sohnes unterdrückt, wird aus infantiler, 

*) Nach Kapplan soll das „sich auf die Alte stürzen" einen unbe- 
wußten sexuellen Nehensinn haben, es bedeutet den Inzest. S. „Der tragische 
Held und der Verbrecher". 



7^ ^^ Jolan Neufeld 



ambivalenter Einstellung als Monstrum geschildert. Die 
kranke Charakteristik dieser fast operettenhaften Charaktere 
entspringt dem Unbewußten, es ist die laute Sprache des 
Infantilen, die sich hier äußert, und dieser ist kein Ton 
zu schreiend und unharmonisch, wenn es gilt, den gehaßten 
Nebenbuhler anzuschwärzen. 

Am besten gelingt die Verdrängung des Ödipuskomplexes 
im Idioten. Die schöne Handschrift, die der Fürst schreibt, 
seine graphologischen Kenntnisse, seine „heilige Krankheit", 
seine Gedanken über die Todesstrafe charakterisieren ihn 
genugsam als idealisiertes Selbstporträt. Natürlich sind die 
Gestalten, die ihn umgeben, mit ihren ungezügelten Trieben, 
niedriger Gesinnung und unverdauter Ideologie wieder Ab- 
spaltungen des eigenen Charakters. Seiner eigenen, dis- 
harmonischen Natur schwebt die harmonische, ungeteilte 
(nicht ambivalente) Natur des Idioten als Wunschphantasie 
vor. Einfältig zu sein, Gott -Vaters auserkorenes Kind zu 
sein, das er wegen seiner Einfältigkeit und Unschuld am 
meisten liebt, leidenschaftslos und wunschlos sein, keinen 
Ödipuskomplex zu haben, dieser unbewußte Wunsch bildet 
das Motiv dieses eigenartigen Romans. Statt aktiv nach 
der Mutter zu verlangen, phantasiert der Dichter hier 
eigentlich eine Verführungsszene (Potipharphantasie), die 
leidenschaftliche Nastasia Fillipowna, sowie Aglaja sind 
wieder Mutterimagines. Die Verdrängung der unbewußten 
Inzestregungen ist hier am vollkommensten, der Held 
scheinbar ganz asexuell. Das Gebot des Entsagens ist hier 
in seiner schärfsten Fassung in Kraft. Entsage, bedeutet 
hier nicht nur das Verzichten auf den Inzest, sondern auf 
die sexuelle Liebe überhaupt. Die Inzestliebe ist vollkommen 



Dostojewski jj 



sublimiert, als Menschen- und Nächstenliebe. Die Christus- 
identifikation Dostojewskis wird hier ganz offenkundig, 
die Sublimierung gelingt in dieser Dichtung am voll- 
kommensten. 

Umso heftiger tobt der Kampf im folgenden großen 
Roman, in den Dämonen. Dostojewski findet keine Farbe 
zu grell, keinen^ Ton zu schreiend, um den Nihilismus, 
d. i. Empörung gegen den Vater zu brandmarken. Während 
Schiller, dem bekannterweise sein Vaterkomplex auch viel 
zu schaffen machte, immer Freiheitshelden schildert, kennt 
Dostojewski infolge seiner heftigen Verdrängung dieses 
Komplexes nur die Karikatur des Helden, nur den Abhub 
des Nihilismus, die edlen Gestalten der Märtyrer der 
russischen _ Freiheitsidee, wie z. B. die edle Gestalt des 
Herzogs Krapotkin, existieren für ihn überhaupt nicht. 
„Das Buch ist von leidenschaftlichem Hasse eingegeben 
und hat leidenschaftlichen Haß geweckt" sagt ein Literatur- 
historiker, allein mit Unrecht. Haß gegen sich selbst, gegen 
das Verbrechen des Ödipus ist die Wurzel dieses Buches. 
Die bewußte Persönlichkeit, sozusagen das politische Credo 
Dostojewskis repräsentiert die Person Schatows, doch in 
viel tieferen Seelenschichten, als die Invektiven gegen den 
politischen Nihilismus wurzeln jene Seiten des Romanes, 
in welchen der Dichter Gericht hält über den Atheismus, 
über die sexuelle Immoralität der Nihilisten, d. h. über sich 
selbst. Stawrogin verkörpert den vollkommen ungläubigen, 
entarteten und perversen Gottesleugner, der Tod und Ver- 
derben um sich streut, das Böse um des Bösen Willen tut,, 
weil er entwurzelt ist, „weil er das Band mit der Heimat" 
zerrissen hat, ohne welches es kein Heil auf Erden gibt. 



Daß aber diese Liebe zum Erdboden, zu Mütterchen Ruß- 
land der unbewußten Inzestphantasie entspringt, haben 
wir schon betont. Der Inzestwunsch regte sich also bei 
dem Dichter, während er die Gestalt Stawrogins schuf, 
die Person des Kyrillow personifiziert die Revolte gegen 
den Vater. Epileptiker und Grübler, wie der Dichter selbst, 
ist er der Maniakus des Unglaubens. Der Mensch erfand 
Gott — läßt ihn der Dichter sagen — um das irdische Leben 
und den Schrecken des Todes ertragen zu können. Wer 
diesen Betrug aufdeckt, wer sich vor dem Nichts nicht 
fürchtet und sich zu töten wagt, ist selbst Gott. Hier er- 
reicht die Ablehnung des Vaters die exzessivste Form. Frei 
will Dostojewski sein von der infantilen Sehnsucht nach 
dem Himmlischen, d. h. nach dem irdischen Vater, frei 
von Liebe, Sehnsucht und Furcht möchte er furchtlos ver- 
zichten auf das Kinderparadies des blinden Glaubens und 
der Sphinx der Realität fest ins Auge blicken. Kyrillow 
rettet sich in den Tod, der Dichter aber geht mit seiner 
Empörung wieder einmal ins Gericht und wieder einmal 
kehrt er zum Glauben, zu seiner kindlichen Einstellung 
zu Gott-Vater zurück. Es ist aber ein Pyrrhussieg, den er 
erfochten hat, der immer wieder ausgefochten werden muß 
weil sein Hosianna durch Gotteslästerung geht. 

Spielt sich der Kampf gegen den Ödipuskomplex in 
den erwähnten Romanen, von Raskolnikow bis zu den 
Dämonen, sozusagen in Übertragung als Kampf gegen den 
Nihilismus ab, so wird der eigentliche Komplex im „Jüngling" 
wieder lebendig. Makarewits Arkadij, der Sohn einer Leib- 
eigenen und des Gutsherrn, der sie geraubt (Familien- 
roman) wird als einziger armer Schüler unter vielen Reichen 



Dostojewski ja 



in einem Privatinstitute erzogen. Sein Vater bezahlt wohl 
den kärglichen Erziehungsbeitrag, kümmert sich aber um 
den Knaben fast gar nicht. Wie die Phantasie des Knaben 
von der einmal gesehenen glänzenden Gestalt des Vaters 
gefangen genommen wird, wie das ambivalente Verhalten 
gegen den Vater die ganze Seele des Knaben erfaßt und 
ausfüllt, dies ist der eigentliche Stoff des Romans. Wie 
viele Mängel auch diesem Romane mit Recht vorgeworfen 
werden können, wie sehr sich das Sprunghafte der Er- 
zählungweise Dostojewskis auch fühlbar macht, so daß 
dieser Roman zu den wenigen schwächeren Werken des 
Dichters gerechnet wird, nie ward eine glänzendere Schilde- 
rung des ambivalenten Verhaltens des Knaben gegeben. 
„Mit jedem meiner Gedanken und Träume klebte ich an 
ihm" läßt der Dichter den Jüngling reden. „Jeder meiner 
Träume war mit ihm verknüpft, beschäftigte sich gewöhn- 
lich ausschließlich mit ihm, oder endigte im Resultat mit 
seiner Person. Ich weiß selbst nicht, ob ich ihn liebte 
oder haßte." Der bewußte Grund dieser ambivalenten 
Einstellung des Sohnes ist die verletzte Eitelkeit, der ge- 
wöhnliche Familienroman der Neurotiker, vom Vater ver- 
lassen, in niederen Verhältnissen auferzogen worden zu 
sein, aber auch der Ödipuskomplex meldet sich alsbald 
unverhohlen, wenn auch verschoben. Einerseits macht der 
Held die Mutter zur Dirne, indem er sie in Liebe zum 
Herzog Versilow erglühen und ihren Mann verlassen läßt, 
andererseits liebt der Jüngling alsbald jene Frau, die sein 
Vater geliebt und fortwährendes Mißtrauen und Eifersucht 
entwickeln sich alsbald im Sohne. Auf die Identität des 
Helden mit dem Dichter weisen hier nicht nur zahlreiche 



8o Jolan Neufeld 



autobiographische Züge hin, sondern auch der Umstand, daß 
die Idee, welche das treibende Motiv der Handlungen des 
jungen Mannes ist, reich, unermeßlich reich zu sein, ein 
Wunsch war, den Dostojewski während seiner Jünglings- 
zeit aus Haß gegen den Vater nur allzu oft hegen mochte. 

Als hätte dieses sozusagen direkte Ausleben des Ödipus- 
komplexes eine kathartische Wirkung auf den Dichter 
ausgeübt, versiegt für die nächsten Jahre die dichterische 
Produktion, deren Quelle ja das aus dem Ödipuskomplex 
stammende Schuldbewußtsein ist. Die Jahre 1875 — 1880 
sind fast ausschließlich der publizistischen Tätigkeit ge- 
widmet, doch ist dieselbe außerordentlich subjektiv und 
der Komplex läßt sich als Wurzel derselben immer wieder 
erkennen. Politik, Tagesereignisse, kriminalistische Affären 
werden glossiert, Erinnerungen an die Jugend tauchen auf. 
Aber die ewige Melodie des „Ödipus" kann auf diesem 
so entfernten Gebiete trotzdem herausgehört werden. Liebe 
zur Mutter-Erde Rußland, Achtung vor den Gesetzen des 
Gott-Zaren- Vaters, Hingebung an die orthodoxe Mutter- 
Kirche, diese Melodie erklingt in allen Variationen. Dazu 
die Identifizierung des russischen Volkes mit Gottes aus- 
erwähltem Volke, resp. die Identifizierung der eigenen 
Person mit der des Heilandes. 

Wie subjektiv diese lyrischen Ergüsse, diese publizisti- 
sche Romantik auch gewesen waren, für die Dauer konnte 
sie dem Ausleben des Unbewußten nicht genügen. Noch 
einmal regt sich das Schuldbewußtsein mit solcher Macht 
und so laut, wie nie zuvor, der Dichter singt seinen 
Schwanengesang, die letzte Variation des ewigen Liedes. 
Doch nur als Grundmotiv erklang es in den drei dicken 



^^ Dostojewski g 1 

Bänden des Romanes, es wurde nicht zu Ende gesungen, da 
eine Lungenblutung dem unruhigen Leben Dostojewskis am 
19. Januar 1881 ein Ende bereitete. Ganz laut, fast be- 
wußt, erscheint hier der Gewissenskonflikt. Doch nur für 
den Dichter selbst endet hier der Kampf mit dem Ödipus- 
komplex, seine Gestalten kämpfen den ewigen Kampf 
weiter. Es war dem Dichter nicht gegeben, Hosianna zu 
singen, die Saite sprang, als er das Lied anstimmte und 
das weitere Geschick der drei Vatermörder blickt uns ewig 
rätselhaft wie die Sphinx an. Wird Mitja das Kreuz auf 
sich nehmen? Und wenn auch der Hedonismus Iwans, 
sein Skeptizismus und Materialismus gebrochen ist, wird 
er Slawophile und Strenggläubiger? Und wird seine kräftige 
Natur den Tod besiegen? Und wird Aljoscha aus dem 
Fegefeuer des Lebens geläutert hervorgehen? So endet die 
Geschichte der Vatermörder nicht und ein großes Frage- 
zeichen bleibt im Leser zurück. Als ob sich der Dichter 
die Frage vorlegte: Kann man der Mutter entsagen? Kann 
man die auf den Vater gerichteten Todeswünsche auf- 
geben? Nicht der Tod des Dichters ist der letzte Grund, 
daß dieser Roman ein so gewaltiger Torso blieb, sondern 
der unsterbliche Komplex ließ ein harmonisches Ausklingen 
nicht zu. 



Neufeld: Dostojewski 



Entgleiste, Perverse, disharmonische Charaktere, Geistes- 
kranke bilden die gespenstische Schar der Dostojewskischen 
Helden. Kein einziger ist geistig gesund, kein einziger 
lebt das Leben eines Alltagsmenschen. Wilde, ungezügelte 
Triebe leiten die Handlungen dieser Menschen, sie wenden 
sozusagen ihr Unbewußtes gegen den Leser und enthüllen 
die seltsamsten Geheimnisse ihres Seelenlebens. Dostojewski 
malt das unbewußte Seelenleben dieser seiner Helden, als 
ob er die Psychoanalyse lange vor Freud, sozusagen zu 
seinem Privatgebrauche, entdeckt hätte. Sein Wissen um 
die Geheimnisse der menschlichen Seele ist nicht bloß 
das intuitive Wissen der Dichter, bewußt spricht er oft 
Wahrheiten aus, die die Psychoanalyse fast ein halbes 
Jahrhundert später entdeckte, und sind diese Wahrheiten 
auch nicht nach streng wissenschaftlicher Methode ge- 
wonnen, so sind sie für die Psychoanalyse doch von unend- 
lichem Werte, weil die Wahrheiten der neuen Wissen- 
schaft auf einem anderen Gebiete und mit einer völlig 
anderen Methode sich bewahrheiteten. In seinen Auseinan- 
dersetzungen mit Jung meint Freud, daß jeder, der die 
Existenz des Unbewußten und der Verdrängung anerkennt, 
verdiene, Psychoanalytiker genannt zu werden. Dostojewski 
erfaßt die Existenz des Unbewußten völlig klar. Im „ewigen 
Gatten", dieser herben Selbstverspottung, läßt er den Lieb- 



Dostojewski 83 






haber über den mit Hörnern gezierten Gatten, der in 
seinem Schmerze nach Petersburg kommt, nachdem er 
nach dem Tode seiner Gattin deren Untreue erfährt, den 
Verführer aufsucht und mit einem Rasiermesser verletzt, 
über all diese Ereignisse also philosophieren (interessant 
ist, daß Dostojewski dieses Kapitel „Analyse" betitelt): 
„wenn es nun wirklich feststeht, daß sein Mordanschlag 
ein unvorbereiteter war, sollte ihm dann der Gedanke, 
mich umzubringen, nicht wenigstens einmal schon früher 
in den Kopf gekommen sein? Wenn auch nur als Einfall, 
in einem Augenblick der Wut?" Er beantwortet sich die 
Frage sehr sonderbar, und zwar dahin, daß Pawel Pawlo- 
witsch ihn allerdings habe ermorden wollen, daß jedoch 
der Gedanke an einen Mord dem Mörder kein einziges 
Mal vorher in den Sinn gekommen sei. „Kurz, Pawel 
Pawlowitsch wollte mich ermorden — sagte er sich — • 
wußte aber selbst nicht, daß er es wollte. Das 
klingt widersinnig, ist aber trotzdem richtig." 
„Nicht um sich versetzen zu lassen, und auch nicht 
Bogotoffs (der andere Liebhaber seiner Frau) wegen ist er 
nach Petersburg gekommen, obzwar er sich versetzen 
lassen wollte und sich über den Tod Bogotoffs ärgerte. 
Aber wegen mir war er gekommen. Er ist nach Peters- 
burg gekommen, um mir um den Hals zu fallen 
und mit mir zu weinen, wie er sich selbst gemein 
ausdrückte, d. h. um mich zu ermorden, und glaubte 
doch selbst, daß er fahre, um mich zu umarmen 
und mit mir zu weinen." 

Klarer hat wohl die Existenz des Unbewußten, die 
Tatsache, daß intensiv wirksame Gedankengänge dem 

6* 



84 Jolan Neufeld 



Bewußtsein dauernd entzogen in unserer Seele existieren 
können, noch niemand erfaßt. Daß dieser arme Pawel 
Pawlowitsch, der betrogene Gatte, eine Stunde bevor er 
den Liebhaber seiner Frau töten will, denselben sorgsam 
und zärtlich pflegt, als Weltschaninoff plötzlich eine heftige 
Gallensteinkolik bekommt, das ganze Haus alarmiert, seinem 
Nebenbuhler Teller auf den Bauch wärmt, diese mit dem 
eigentümlichen Humor eines humorlosen Menschen ge- 
zeichnete Szene, beweist, wie genau der Dichter die von 
Bleuler beschriebene Eigentümlichkeit der neurotischen 
Seele, die Ambivalenz kannte. Doch nicht nur diese gro- 
teske Form der Ambivalenz kennt und beschreibt der 
Dichter. Dostojewski, der selbst in allen Lebensbeziehungen 
diese starke Ambivalenz aufweist, teilt diese Eigenschaft 
jedem seiner Helden mit. Sie kennen dieses Gefühl in 
allen nur möglichen Abarten, Kinder den Eltern, Freunde 
den Freunden, Liebhaber den Geliebten gegenüber. Alle 
lieben und hassen zu gleicher Zeit, mit derselben Inten- 
sität. Keiner von ihnen weiß eigentlich selbst, ob er liebt 
oder haßt, verehrt oder verachtet, alle sind durchaus zwie- 
spältige Charaktere. Vom kleinen Knaben angefangen, der 
den Vater glühend liebt, dem dieser das Sinnbild aller Voll- 
kommenheiten bedeutet, und den er zu gleicher Zeit bitter 
haßt, ja verachtet, bis zum vorhin erwähnten Ehemanne, der 
den Liebhaber pflegt, um ihn dann „gerettet" zu ermorden, 
der sich über die Untreue der toten Gattin nicht beruhigen 
kann, um sofort danach eine andere Ehe einzugehen, sind 
alle Helden und Heldinnen in allen Situationen ambivalent. 
Iwan Karamasöw liebt und haßt Katja zu gleicher Zeit, 
die diese ambivalenten Gefühle erwidert, und dabei noch 



Dostojewski 85 



zwischen den zwei Brüdern Iwan und Mitja nicht zu 
wählen vermag. Gruschenka weiß bis zum entscheidenden 
Augenblick selbst nicht, ob sie Mitja haßt und verachtet, 
oder so sehr liebt, daß sie ihm in Verbannung, ja in den 
Tod folgen möchte. Nastascha Fillipowna liebt den Fürsten 
Myschkin und entläuft ihm, ihr Geliebter Rogozin liebt 
sie so leidenschaftlich, daß er sie ermordet, -um sie völlig 
und auf ewig zu besitzeii. Aglaja verehrt den „Idioten", 
in dem sie den wahren Jünger Christi erkennt und ver- 
spottet ihn trotz alledem fortwährend. 

Aber auch auf andere Gefühlsregungen wie die eroti- 
schen erstreckt sich diese Zwiespältigkeit. Aljoscha Kara- 
masow hegt den glühenden Wunsch, Mönch zu werden, 
und gesteht dabei seinem Freunde, daß er eigentlich nicht 
einmal wisse, ob er an Gott glaube. Marmeladow verkauft 
die letzten Kleidungsstücke seiner Frau, um dem Laster 
der Trunksucht zu fröhnen, er gibt seine Familie dem 
entsetzlichsten Elend preis, und ist dabei doch der zärt- 
lichste Vater und der rücksichtsvollste Gatte. Seine Frau 
mißhandelt ihre Kinder, weil ihr Herz blutet, daß sie vor 
Hunger weinen. Sie treibt ihre Stieftochter Sonja auf die 
Gasse, in die Arme der Prostitution, und tut dies mit 
bitteren, hohnvollen Worten, um ihre Schmach dann gegen 
jedermann zu verteidigen, und ihre Füße zu küssen, als 
sie von dem Wege der Schande nach Hause kommt. Die 
Ambivalenz des kleinen Mädchens gegen die Mutter zeigt 
uns Dostojewski in Nastascha Neswanowna, die des Knaben 
gegen Vater und Mutter im „Jüngling". Er kennt alle 
Motive dieser zwiespältigen Einstellung, wie Eifersucht, 
beleidigte Eitelkeit, und vor allem die unersättliche Gier 



des Kindes, vom geliebten Elternteil Zärtlichkeit zu be- 
kommen und betreut zu werden. 

Die kindliche Sexualität, gegen deren Existenz sich 
Ärzte und Männer der Wissenschaft immer wieder sträuben, 
kennt Dostojewski genau und mit allen ihren „perversen" 
Komponenten. Im „Jüngling" läßt er den kleinen Knaben 
von seiner Liebe zum Vater also reden: „Mit allen meinen 
Gedanken und Träumen klebte ich an ihm. Jeder meiner 
Träume stand mit ihm im Zusammenhange, beschäftigte 
sich gewöhnlich ausschließlich mit ihm oder endigte in 
seiner Person. Ich weiß selbst nicht, ob ich ihn liebte 
oder haßte, doch jeder meiner Zukunftspläne und Träume 
drehte sich um ihn, er war der Mittelpunkt jenes Lebens, 
das meiner noch harrte." Oder an einer anderen Stelle 
spricht er über den Vater; „Bereits in meiner Kindheit 
war ich daran gewöhnt, daß ich diesen Mann, meinen 
zukünftigen Vater, mir in einem gewissen Glänze vor- 
stellte. In meinen Träumen blieb er mir stets in einem 
gewissen Glänze im Gedächtnis. Endlich, ich bin ge- 
zwungen, ein vollständiges Bekenntnis abzulegen: Ich liebte 
diesen Menschen. Und warum ich mich in ihn verliebte, 
auf ewig, während eines einzigen kurzen Augenblickes, 
als ich ihn in meiner Kindheit einmal sah? Unsere Be- 
gegnung ist eine ganze Geschichte, die keinen Kern hat, 
ich jedoch baute daraus eine ganze Pyramide. Diese 
Pyramide begann ich bereits in meinem kleinen Kinder- 
bett zu bauen, bevor ich einschlief, und gerne geweint 
hätte oder geträumt. Wovon? Ich weiß es selbst nicht. 
Ist es seine Schuld, daß ich mich in ihn verliebte, und 
aus ihm ein phantastisches Idealbild schuf?" Es gibt in 



Dostojewski 87 



der Weltliteratur keine Beschreibung, die die zärtliche 
Fixierung des Knaben an den Vater anschaulicher und 
wahrheitsgetreuer schilderte, als diese, die einem von der 
Literaturgeschichte als schwach klassifizierten Romane des 
Dichters entstammt. Die zärtliche Fixierung der kleinen 
Nastascha Neswanowna erwähnten wir schon früher. Der 
Haß und die Eifersucht gegen die Mutter, die der erhofften 
ewigen und vollkommenen Vereinigung zwischen dem 
kleinen Mädchen mit dem Vater im Wege steht, die 
Todeswünsche gegen diese Mutter, die vollkommene Ge- 
fühllosigkeit der Kleinen gegen diese gehaßte Konkurrentin, 
trotz besserer Einsicht, die Phantasien, nach dem ersehnten 
Tode der Mutter mit dem Vater in glänzenden Verhält- 
nissen, in ewiger Seligkeit zusammen zu leben, die heftige, 
von Sexualität unzweifelhaft unterfütterte Leidenschaft für 
den Vater, all dies gibt eine glänzende Schilderung der 
kindlichen Erotik, die sich mit der Entdeckung Freuds 
bis ins Einzelne vollkommen deckt. 

Doch kennt Dostojewski nicht nur die zärtliche Fixie- 
rung des Kindes an den andersgeschlechtlichen Elternteil, 
sondern auch die ersten zarten Regungen der Sexualität gegen 
Fremde, wie auch den erotischen Untergrund jener Zärt- 
lichkeit der Erwachsenen, deren sexuellen Unterton der 
Analytiker so gut heraushört, welche Sache aber von Nicht- 
analytikern immer wieder bestritten wird. Den kleinen 
Knaben von elf Jahren läßt Dostojewski über die gefähr- 
liche Unsitte, das Kind als erotisches Spielzeug zu behandeln, 
also sprechen: „In den Augen all dieser reizenden Damen 
war ich noch das kleine unbestimmte Lebewesen, das sie 
liebkosten und mit dem sie wie mit einer Puppe spielen zu 



88 



Jolan Neufeld 



dürfen vermeinten. Ich war natürlich noch ein Kind, nicht 
mehr als ein Kind, und die schönen Damen, die mich lieb- 
kosten, machten sich weiter keine Gedanken über mein 
Alter, aber merkwürdig! Trotz meiner elf Jahre bemächtigte 
sich meiner zuweilen doch schon eine seltsame Empfin- 
dung, die ich freilich selbst vorläufig noch nicht begreifen 
mochte: es war, als streiche irgend etwas ganz leise und zart 
über mein Herz, etwas Unbekanntes und Ungeahntes, wo- 
von mein Herz wie nach einem heftigen Schreck zu brennen 
und zu pochen begann, und mir oft ganz plötzlich das 
Blut heiß ins Gesicht trieb. Es kamen Augenblicke, in 
denen ich mich der verschiedenen kindlichen Vorrechte, 
die ich genoß, geradezu schämte und sie fast als persön- 
liche Beleidigung empfand." Gerade so anschaulich ist die 
folgende Schilderung des erotischen Spieles, das eine über- 
mütige Schöne durchaus nicht harmlos mit dem kleinen 
Knaben spielt. Kurz, Dostojewski wußte nur zu gut, und 
zeigte es in jedem seiner Werke, daß das Kind von drei, 
vier Jahren bereits ein reiches, erotisches Leben lebt, aller 
Liebesäußerungen des Erwachsenen fähig ist und daß 
diese Sexualität des zartesten Kindesalters nicht nur den 
Charakter, sondern auch die Lebensschicksale dauernd, ja 
für ewig beeinflußt. 

Über das Wissen Dostojewskis vom Traume können 
wir nicht genug staunen. Im „Jüngling" z. B. läßt er seinen 
jungen Helden einen Traum erzählen. Nach einer langen 
Krankheit träumt der Jüngling diesen Traum, von dem 
er sagt, daß er einen Wendepunkt seines Lebens bedeutete, 
und ihm ewig in Erinnerung blieb. Arkadij sieht sich in 
einem schönen und großen Zimmer. Herein kommt die 



Dostojewski 8 g 



Geliebte, von der er sich wachend gar nicht getraut, sich 
selbst zu gestehen, daß er sie zu lieben wagt. Doch sie 
sieht ihn mit verführerischen, ja herausfordernden und 
schamlosen, lächelnden Mienen an, und gibt ihm deutlich 
zu verstehen, daß sie für das Dokument, das Arkadij in 
seinen Kleidern eingenäht aufbewahrt, und dessen Inhalt 
für die schöne Frau sehr gefährlich ist, bereit wäre ihm 
ihre Gunst zu schenken. „Oh, dieser Traum" ruft der 
Jüngling — erwacht und an diesen Traum beschämt zurück- 
denkend — aus: „Fort, fort mit dieser erniedrigenden Er- 
innerung! Verfluchter Traum! Ich schwöre, daß vor diesem 
schamlosen Traume in meinem Geiste nichts lebte, was 
einem so schmachvollen Gedanken auch nur ähnlich ge- 
wesen wäre. Nicht einmal unwillkürlich lebte in mir eine 
solche Phantasie, (obzwar ich das Dokument in meiner 
Tasche eingenäht trug und manchmal lächelnd in meiner 
Tasche befühlte). Doch wie war das möglich, daß all dies 
in dieser fertigen Form in mir auftauchte? Dies kam daher, 
daß in mir die Seele einer Spinne lebte! Dieser Traum 
beweist, daß in meinem verderbten Herzen all dies schon 
lange keimte, in meinem Wünschen lag, doch im wachen 
Zustande schämte sich mein Herz noch dafür und getraute 
sich nicht, etwas derartiges bewußt zu vergegenwärtigen. 
Doch im Traume zeigte meine Seele, was in meinem 
Herzen lebte, zeigte es in scharf sichtbaren Bildern, der 
Wahrheit gemäß und in prophetischer Form. Der Traum, 
den ich damals sah, ist eines der eigentümlichsten Er- 
eignisse meines Lebens." Hier zeigt Dostojewski, daß er 
bewußt die wunscherfüllende Tendenz des Traumes, die 
Regression, den erotischen Charakter der verdrängten 



9o Man Neufeld 



Wünsche, also sozusagen alle Ergebnisse der Freud'schen 
Traumforschung erkannt hatte. 

Der regressive Charakter des Traumes ist ihm auch 
sonst geläufig. So träumt Raskolnikow an dem Tage, wo 
er den Entschluß faßt, die alte Wuchererin zu ermorden, 
daß er als kleiner Knabe, vom Vater an der Hand geführt, 
weinend zusieht, wie ein betrunkener Bauer sein kleines 
mageres Pferdchen mit schrecklichen Peitschenhieben tötet. 
Erschöpft und schweißtriefend erwacht er mit klopfendem 
Herzen und sein erster Gedanke ist: „Werde ich die alte 
Frau wirklich töten?" Es scheint, als ob Dostojewski nicht 
nur die Tendenz des Traumes, vor aktuellen Schwierig- 
keiten des Lebens in die Kindheit zu flüchten, kenne, sondern 
als ob er auch die Traumsymbole kenne, oder sie wenigstens 
intuitiv richtig zu gebrauchen verstehe. Das Pferd ist als 
Symbol der zu tötenden Frau, also in diesem Falle als 
Vaterimago, da ja die alte Frau im Unbewußten den Vater 
Dostojewskis bedeutet, richtig gebraucht. 

Denselben regressiven Charakter zeigt auch der Traum 
Dimitrij Karamasows, als er nach begangenem Morde zu 
seiner Geliebten fährt. Er träumt von einem kleinen Knaben, 
der vollkommen verlassen und vernachlässigt heftig weint. 
Also wohl von seiner eigenen Kindheit, in welcher ihn 
sein Vater so sehr vernachlässigte, im Hinterhause auf- 
wachsen ließ, wo ihn nur ein treuer Diener betreute. 

Nicht nur Traum und Neurose, auch die Auffassung 
der Psychose Freuds scheint Dostojewski zu teilen. In 
dem Aufsatze „Zur Einführung des Narzißmus" sagt Freud 
z. B., daß der Zustand der Dementia -praecox -Kranken 
durch zwei Dinge gekennzeichnet sei, durch den Größen- 



Dostojewski 91 



wahn und die vollständige Abkehr von der Realität. 
Dostojewski schildert eine solche Kranke in den Dämonen. 
Sie ist die einstige Geliebte Stawrogins, Maria Lebjadkin. 
Als der Dichter sie uns zum ersten Male vorführt, sitzt 
sie selig vor sich hinlächelnd auf einem wackeligen Stuhle, 
während um sie die größte Verwahrlosung, Schmutz und 
Unordnung herrschen. Eine angebissene Semmel liegt vor 
ihr auf den Tisch, die sie aufzuessen schon tagelang ver- 
gißt. Während sie scheinbar an dem Gespräche der Gäste 
teilnimmt, hört sie eigentlich nur jene Worte, die mit 
ihren Komplexen (der Verlust des Geliebten) in irgend 
einer Verbindung stehen. Der Besucher Schatow kann seinem 
Gefährten ungestört über ihre Person erzählen, ihre Intro- 
version ist so vollkommen, daß sie von all dem, was gesprochen 
wird, nichts vernimmt. Schatow erzählt seinem Freunde, 
daß der Trunkenbold Lebjadkin die kranke Schwester täglich 
einige Male mit der Peitsche gräßlich mißhandelt, diese 
aber von alledem garnichts zu bemerken scheint, und sich 
so benimmt, als ob ihr Bruder nicht der sie quälende 
Tyrann, sondern ihr Diener wäre. Sie erteilt ihm den 
Befehl, Wasser zu bringen, sie zu bedienen, spricht mit 
ihm überhaupt nur in befehlendem Tone, obzwar ihre 
Befehle niemals befolgt werden, ihr aber stets neue Miß- 
handlungen eintragen. Der Größenwahn ist also ebenso 
unverkennbar, wie die Abkehr von der Realität, dabei zeigt 
uns Dostojewski mit unnachahmlicher Feinheit, daß die 
Verblödung der Bedauernswerten nur eine scheinbare, d. h. 
affektiv bedingt ist. 

Die Paranoia Goljadkins ist ebenso meisterhaft geschil- 
dert. Freud bemerkt, daß der Verfolgungswahn eigentlich 



9 2 Man Neufeld 



das vom übrigen Ich abgespaltete Gewissen, die Ich- 
kritik als real existierend und dem übrigen Ich feindlich 
gegenüberstehend empfindet. Dieselbe Projektion macht 
Goljadkin. Dostojewski läßt als Korrelat des Minderwertig- 
keitsgefühles den Doppelgänger vor uns entstehen. Schon 
in der ersten Szene beim Arzte sehen wir, daß das unge- 
nügende Selbstgefühl, die unbefriedigte Erotik, die infantile 
Angst vor dem Vorgesetzten, das Motiv der Krankheit 
bilden, daß der Wahn nichts Zufälliges schafft, sondern 
daß Goljadkin II die Verkörperung des Gewissens von 
Goljadkin I in die Realität projiziert darstellt. Dostojewski 
weiß genau, daß im Wahn Sinn ist, daß die verworrensten 
Reden der Geisteskranken deutbar sind. 

Mehr oder weniger neurotisch sind alle Gestalten 
Dostojewskis, der Schöpfer dieser Gestalten weiß aber, daß 
die Neurose, wie dies Freud bewies, keinen spezifischen 
Inhalt hat, und daß der Neurotiker an Komplexen erkrankt, 
die dem Gesunden ebenfalls zu schaffen machen. Die 
Freud'schen Mechanismen sind an den Gestalten Dosto- 
jewskis stets deutlich erkennbar. Wenn Goethe von Shake- 
speares Gestalten mit Recht sagt, daß sie Uhren gleichen, 
deren Gehäuse aus Glas besteht, so daß man das Uhrwerk, 
die Triebräder ebenso sehen kann, wie die Stunden, so 
zeigen die Gestalten Dostojewskis uns noch ein Stück mehr. 
Sie enthüllen nicht nur die bewußten Triebfedern ihrer 
Handlungen, nicht nur ihre bewußten Gefühle, sondern 
auch ihr Unbewußtes. 

So sahen wir denn Leben und Dichtung Dostojewskis 
im Lichte der Psychoanalyse, und sahen wenigstens zum 
Teile die Triebe, die dieses Leben und diese Dichtung 



Dostojewski 93 



determinierten. Das Bild eines kleinen Knaben entstand 
vor uns, von seiner Mutter ein wenig vernachlässigt, von 
seinem Vater in enggesteckte Grenzen verwiesen. Verein- 
samt im Vaterhause und in der Schule, voll heftig drän- 
gender Triebe und unerfüllbarer Wünsche, voll Träumen 
von Reichtum, Macht und Größe, flüchtet er aus der 
Realität in die Welt der Phantasie, _der Tagträume, wo 
die Erfüllung aller versagten Wünsche winkt. Aus diesen 
Träumereien stammen seine Dichtungen, deren Wurzel 
erotische Triebe, deren Gegenstand unbewußt der Inzest- 
wunsch ist, Leben und Dichtung Dostojewskis, seine Hand- 
lungen und Gefühle, seine Schicksale und seine Dichtung, 
sie entstammen alle seinem Ödipuskomplexe. 



IMJGO-BÜCHER 



DER KUNSTLER 

ANSÄTZE ZU EINER SEXUALPSYCHOLOGIE 
VON 

DR. OTTO RANK 

II 
TOLSTOIS KINDHEITSERINNERUNGEN 

EIN BEITRAG ZU FREUDS LIBID OTHEORIE 

VON 
DR. N. OSSIPOW 

III 
DER EIGENE UND DER FREMDE GOTT 

ZUR PSYCHOANALYSE DER RELIGIÖSEN ENTWICKLUNG 

VON 
DR. THEODOR REIK 

IV 
DOSTOJEWSKI 

SKIZZE ZU SEINER PSYCHOANALYSE 

VON 

JOLAN NEUFELD 



INTE RNA T I O NALER 

PSYC HO A NALYTI S C H ER VERLAG 

WIE N, VII. ANDREASGASSE 3 



WER KE VON PROF. S I G M. FREUD 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. (Fehlleistungen, 
Traum, Allgemeine Neurosenlehre.) Drei Teile in einem Band. 
Großoktavausgabe, 4. Auflage (5.-11. Tausend) 1922. 
Tasc/ienausgabe, 2. Auflage (3.-7. Tausend) 1923. 

Die Traumdeutung. 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1922. 

Über den Traum. 3. Auflage. München 1921. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver- 
sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 9. Auflage. 1923. 

Totem und Tabu. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 3. Auflage. 1922. 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 3. Auflage. 
Leipzig und Wien 1921. 

Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jähr. Gründungs- 
feier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Auflage. 1922. 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage. 1922. 

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erste Folge. 
4. Auflage. 1922. — Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. — Dritte Folge. 
2. Auflage. 1921. — Vierte Folge. 2. Auflage. 1922. - Fünfte Folge. 1922. 

Studien über Hysterie (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1922. 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". (Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Auflage. 1912. 

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Schriften zur 
angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 3. Auflage. 1923. 

Jenseits des Lustprinzips. 3. Auflage (5.-9. Tausend) 1923. 

Massenpsychologie und Ich-Analyse. 2. Aufl. (6.— 10. Tausend) 1923. 

Das Ich und das Es. 1923. 



Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreasgasse 3 



J