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Full text of "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie [3., vermehrte Auflage]"

DREl ABTIANDLUNGEN ZUll 

SEXUALTHEORIE 



VON 

Prof. Dr. SiGM, Freud 

IN WIEN. 
DRITTE, VERMEHRTE AUFLAGE, 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1915. 



C^r%r\n\t> Orrginalfrom 

V^UUgH^ UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Verlags-Nr. 2259. 



E!. U.K. HofbnolidraokeTei Kurl Proohaska In Tasoheu. 



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I. '- '0 2 \ 






V's 






Vorwort zur zweiten Auflage. 



Der Verfasser, der sich uber die Lucken und Dunkel- 
heiten dieser kleinen Schrift nicht tauscht, hat doch der Ver- 
suchung widerstanden, die Forschungsergebnisse der letzten 
f unf Jahre in sie einzutragen und dabei ihren einheitlichen 
dokumentarischen Charakter zu zerstoren. Er bringt also den 
ursprunglichen Wortlaut mit geringen Abanderungen wieder 
und begnugt sich mit dem Zusatze einiger FuBnoten, die sich 
von den alteren Anmerkungen durch das vorgesetzte Zeichen 
* unterscheiden. Im ubrigen ist es sein sehnlicher Wunsch, 
daB dieses Buch rasch veralten moge, indem das Neue, was 
es einst gebracht, allgemein angenommen, und das Unzulang- 
liche, das sich in ihm findet, durch Richtigeres ersetzt wird. 

Wien, im Dezember 1909. 



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Vorwort zur dritten Auflage. 



Nachdem ich durch ein Jahrzehnt Aufnahme und Wir- 
kung dieses Buches beobachtet, mochte ich dessen dritte Auf- 
lage mit einigen Vorbemerkungen versehen, die gegen MiB- 
verstandnisse und unerfiillbare Anspriiche an dasselbe gerichtet 
sind. Es sei also vor allem betont, daB die Darstellung 
hierin durchwegs von der alltaglichenarztlichenErfahrungaus- 
geht, welctie durch die Ergebnisse der psychoanalytischen 
Untersuchung vertieft und wissenschaftlich bedeutsam gemacht 
werden soil. Die drei »Abhandlungen zur Sexualtheorie« kon- 
nen nichts anderes enthalten, als was die Psychoanalyse an- 
zunehmen notigt oder zu bestatigen gestattet. Es ist darum 
ausgeschlossen, daB sie sich jemals zu einer »Sexualtheorie« 
erweitern lieBen, und begreiflich, daB sie zu manchen wichtigen 
Problemen des Sexuallebens iiberhaupt nicht Stellung neh- 
men. Man woUe aber darum nicht glauben, daB diese iiber- 
gangenen Kapitel des groBen Themas dem Autor unbekannt 
geblieben sind oder von ihm als nebensachlich vernachlassigt 
wurden. 

Die Abhangigkeit dieser Schrift von den psychoanaly- 
tischen Erfahrungen, die zu ihrer Abfassung angeregt haben, 
zeigt sich aber nicht nur in der Auswahl, sondern auch 
in der Anordnung des Stoffes. Cberall wird ein gewisser 
Instanzenzug eingehalten, werden die akzidentellen Momente 
vorangestellt, die dispositionellen im Hintergrunde gelassen 




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und wird die ontogenetische Entwicklung vor der phylo- 
genetischen beriicksichtigt. Das Akzidentelle spielt namlich 
die Hauptrolle in der Analyse, es wird durch sie fast restlos 
bewaltigt; das Dispositionelle kommt erst hinter ihm zum 
Vorschein als etwas, was durch das Erleben geweckt wird, 
dessen Wiirdigung aber weit iiber das Arbeitsgebiet der 
Psychoanalyse hinausfuhrt. 

Ein ahnliches Verhaltnis beherrscht die Relation zwischen 
Onto- und Phylogenese. Die Ontogenese kann als eine Wieder- 
holung der Phylogenese angesehen werden, soweit diese nicht 
durch ein rezenteres Erleben abgeandert wird. Die phylo- 
genetische Anlage macht sich hinter dem ontogenetischen 
Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition eben 
der Niederschlag eines friiheren Erlebens der Art, zu welchem 
das neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akziden- 
tellen Momente hinzukommt. 

Neben der durchgangigen Abhangigkeit von derpsycho- 
analytischen Forschung muB ich die vorsatzliche Unabhan- 
gigkeit von der biologischen Forschung als Charakter dieser 
meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es sorgfaltig ver- 
mieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen 
Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium 
einzutragen, welches uns an der Sexualfunktion des Men- 
schen durch die Technik der Psychoanalyse ermoglicht 
wird. Mein Ziel war allerdings zu erkunden, wieviel zur 
Biologic des menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln 
der psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte 
auf Anschliisse und Cbereinstimmungen hinweisen, die sich bei 
dieser Untersuchung ergaben, aber ich brauchte mich nicht 
beirren zu lassen, wenn die psychoanalytische Methode in man- 
chen wichtigen Punkten zu Ansichten und Ergebnissen fiihrte, 
die von den bloB biologisch gestiitzten erheblich abwichen. 



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VI 

Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Ein- 
schaltimgen vorgenommen, aber darauf verzichtet, dieselben 
wie in der vorigen Auflage dnrch besondere Zeichen kenntKch 
zu machen. — Die wissenschaftliche Arbeit anf unserem Ge- 
biete hat gegenwartig ihre Fortschritte verlangsamt, doch 
waren gewisse Erganzungen dieser Schrift unentbehrlich, 
wenn sie mit der neueren psychoanalytischen Literatur in 
Piihlung bleiben sollte.^) 

Wien, im Oktober 1914. 



*) Nach der zweiten Auflage (1910) hat im gleichen Jahr A. A. B rill 
in New York eine englische, 1911 N. Ossipow in Moskau eine rus- 
sische Ubersetzung veroffentlicht. 



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Inhaltsangabe* 



Seite 
I. Die sexuellen Abirrungen 1 

11. Die infantile Sexualitat 37 

III. Die Umgestaltungen der Pubertat 69 



Google OrrginalffDnn 

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I. 

Die sexuellen Abirrungen/> 

Die Tatsache geschlechtlicher Bediirfnisse bei Mensch und 
Tier druckt man in der Biologie durch die Annahme eines 
»Geschlechtstriebes« aus. Man folgt dabei der Analogie mit 
dem Trieb nach Nahrungsaufnahme, dem Hunger. Eine dem 
Worte »Hunger« entsprechende Bezeichnung fehlt der Volks- 
sprache; die Wissenschaft gebraucht als solche »Libido«.2) 

Die populare Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstel- 
lungen von der Natur und den Eigenschaften dieses Geschleclits- 
triebes. Er soli der Kindheit fehlen, sich una die Zeit und im 
Zusammentiang mit dem Reifimgsvorgang der Pubertat ein- 
stellen, sich in den Erscheinungen unwiderstehlicher Anziehung 
auJBern, die das eine Geschlecht auf das andere ausiibt, und 
sein Ziel soil die geschlechtliche Vereinigung sein oder wenig- 
stens solche Handlungen, welche auf dem Wege zu dieser 
liegen. 



^) Die in der ersten Abhandlung enthaltenen Angaben sind aus 
den bekannten Publikationen von v. Krafft-Ebing, Moll, Moe- 
bius, Havelock Ellis, v. Schrenck-Notzing, Lowenfeld, 
Eulenburg, J. Bloch, M. Hirschfeld und aus den Arbeiten in 
den vom Letzteren herausgegebenen »Jahrbuch fiir sexuelle Zwischen- 
stufen« geschopft. Da an diesen Stellen auch die librige Literatur 
des Themas aufgefiihrt ist, habe ich mir detaillierte Nachweise er- 
sparen konnen. 

Die durch psychoanalytische Untersuchung Invertierter gewonne- 
nen Einsichten ruhen auf Mitteilungen von J. Sadger und auf eigener 
Erfahrung. 

*) Das einzig angemessene Wort der deutschen Sprache »Lust« 
ist leider vieldeutig und benennt ebensowohl die Empfindung des Be- 
diirfnisses als die der Befriedigung. 

Freud, Sexualtheorie. 3. Auflage. 1 



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2 I. Die sexuellen Abirrungen. 

Wir haben aber alien Griind, in diesen Angaben ein sehr 
ungetreues Abbild der Wirklichkeit zu erblicken; faBt man 
sie scharfer ins Auge, so erweisen sie sich iiberreich an Irr- 
tiimern, Ungenauigkeiten und Voreiligkeiten. 

Fuhren wir zwei Termini ein : heiBen wir die Person, von 
welcher die geschlechtliche Anziehmig ausgeht, das Sexual- 
objekt, die Handlung, nach welcher der Trieb drangt, das 
Sexualziel, so weist uns die wissenschaftlieh gesichtete 
Erfahrung zahlreiche Abweichungen in Bezug auf beide, Sexual- 
objekt und Sexualziel, nach, deren Verhaltnis zur angenommenen 
Norm eingehende Untersuchung f order t. 

1. Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt. 

Der popularen Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am 
schonsten die poetische Fabel von der Teilung des Menschen 
in zwei Halften — Mann und Weib — , die sich in der Liebe 
wieder zu vereinigen streben. Es wirkt darum wie eine groBe 
trberraschung zu hdren, daB es Manner gibt, fiir die nicht 
das Weib, sondern der Mann, Weiber, fiir die nicht der Mann, 
sondern das Weib das Sexualobjekt darstellt. Man heiBt solche 
Personen Kontrarsexuale oder besser Invertierte, die Tat- 
sache die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist 
sehr erheblich, wiewohl deren sichere Ermittelung Schwierig- 
keiten unterliegt.^) 

A. Die Inversion. 
Verhaiten der jy^^ betreffenden Personen verhalten sich nach verschie- 

Invertierten. 

denen Richtungen ganz verschieden. 

a) Sie sind absolut invertiert, d. h. ihr Sexualobjekt 
kann nur gleichgeschlechtlich sein, wahrend das gegensatz- 
liche Geschlecht fur sie niemals Gegenstand der geschlecht- 
lichen Sehnsucht ist, sondern sie kiihl laBt oder selbst sexuelle 
Abneigung bei ihnen hervorruft. Als Manner sind sie dann 
durch Abneigung unfahig, den normalen Geschlechtsakt 
auszufiihren, oder vermissen bei dessen Ausfiihrung jeden 
GenuB. 



^) Vergleiche iiber diese Schwierigkeiten sowie iiber Ver- 
suche, die Verhaltniszahl der Invertierten zu eruieren, die Arbeit von 
M. Hirschfeld im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstuf en 1904. 



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Die Inversion. 3 

h) Sind sie amphigen invertiert (psychosexuell-her- 
maphroditisch), d. h. ihr Sexualobjekt kann ebensowohl dem 
gleichen wie dem anderen Geschlecht angehoren ; der Inversion 
fehlt also der Charakter der AusschlieBlichkeit. 

c) Sie sind okkasionell invertiert, d. h. unter gewissen 
aiiBeren Bedingungen, von denen die Unzuganglichkeit des 
normalen Sexualobjekts und die Nachahmung obenan stehen/ 
konnen sie eine Person des gleichen Geschlechtes zum Sexual- 
objekt nehmen und im Sexualakt mit ihr Befriedigung 
empfinden. 

Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Ver- 
halten in ihrem Urteil iiber die Besonderheit ihres Geschlechts- 
triebes. Die einen nehmen die Inversion als selbstverstandlich 
hin wie der Normale die Richtung seiner Libido und vertreten 
mit Scharfe deren Gleichberechtigung mit der normalen. 
Andere aber lehnen sich gegen die Tatsache ihrer Inversion 
auf und empfinden dieselbe als krankhaften Zwang.^) 

Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhaltnisse. 
Die Eigentiimlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum 
entweder von jeher, soweit seine Erinnerung zuriickreicht, 
Oder dieselbe hat sich ihm erst zu einer bestimmten Zeit» 
vor Oder nach der Pubertat bemerkbar gemacht.^) Der Charak- 
ter bleibt entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt 
zeitweise zuriick oder stellt eine Episode auf dem Wege zur 
normalen Entwicklung dar. Auch ein periodisches Schwanken 
zwischen dem normalen und dem Invertierten Sexualobjekt ist 
beobachtet worden. Besonders interessant sind Falle, in denen 



*) Ein solches Strauben gegen den Zwang zur Inversion konnte 
die Bedingung der BeeinfluBbarkeit durch Suggestivbehandlung oder 
Psychoanalyse abgeben. 

*) Es ist von mehreren Seiten mit Recht betont worden, daB 
die autobiographischen Angaben der Invertierten liber das zeitliche 
Auftreten der Inversionsneigung unzuverlassig sind, da dieselben die 
Beweise fiir ihr heterosexuelles Empfinden aus ihrem Gedachtnis ver- 
drangt haben konnten. 

Die Psychoanalyse hat diesen Verdacht fiir die ihr zuganglich 
gewordenen Falle von Inversion bestatigt und deren Anamnese durch 
die Ausfiillung der Kindheitsamnesie in entscheidender Weise ver- 
andert. 



C^ f\n n 1 i> Origin al fro m 

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4 I. Die sexuellen Abirrungen. 

sich die Libido im Sinne der Inversion andert, nachdem eine 
peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht 
worden ist. 

Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im 
allgemeinen unabliangig nebeneinander. Von der extremsten 
Form kann man etwa regelmaBig annehmen, daB die Inversion 
seit sehr friiher Zeit bestanden hat, und daB die Person sich 
mit ihrer Eigentiimlichkeit einig fiihlt. 

Viele Autoren wiirden sich weigern, die hier aufgezahlten 
Falle zu einer Einheit zusammenzufassen, und Ziehen es vor, 
die Unterschiede anstatt der Gemeinsamen dieser Gruppen zu 
betonen, was mit der von ihnen beliebten Beurteilung der 
Inversion zusammenhangt. AUein so berechtigt Sonderungen 
sein mogen, so ist doch nicht zu verkennen, daB aUe 
Zwischenstufen reichlich aufzufinden sind, so daB die Reihen- 
bildung sich gleichsam von selbst aufdrangt. 

AuffftssniiK Die erste Wiirdigung der Inversion bestand in der Auf- 

inverdon. f assung, sie sei ein angeborenes Zeichen nervoser Degeneration, 
und war im Einklange mit der Tatsache, daB die arztlichen 
Beobachter zuerst bei Nervenkranken oder Personen, die 
solchen Eindruck machten, auf sie gestoBen waren. In dieser 
Charakteristik sind zwei Angaben enthalten, die unabhangig 
von einander beurteilt werden soUen : Das Angeborensein und 
die Degeneration. 

Degeneration. ^^^ Degeneration unterliegt den Einwanden, die sich 

" gegen die wahllose Verwendung des Wortes iiberhaupt erheben. 
Es ist doch Sitte geworden, jede Art von KrankheitsauBerung, 
die nicht gerade traumatischen oder infektiosen Ursprungs 
ist, der Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Ein- 
teilimg der Degenerierten hat es selbst ermoglicht, daB die 
vorziiglichste AUgemeingestaltung der Nervenleistung die An- 
wendbarkeit des Begriffes Degeneration nicht auszuschlieBen 
braucht. Unter solchen Umstanden darf man fragen, welchen 
Nutzen und welchen neuen Inhalt das Urteil »Degeneration« 
iiberhaupt noch besitzt. Es scheint zweckmaBiger, von Dege- 
neration nicht zu sprechen: 



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Die Inversion. 5 

1. wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm 
zusamnaentreffen ; 2. wo nicht Leistungs- und Existenzf ahigkeit 
im allgemeinen schwer geschadigt erscheinen.^) 

DaB die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berech- 
tigten Sinne sind, geht aus mehreren Tatsachen hervor: 

1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine son- 
stigen schweren Abweichungen von der Norm zeigen; 

2. desgleichen bei Personen, deren Leistungsf ahigkeit 
nicht gestort ist, ja die sich durch besonders hohe intellek- 
tuelle Entwicklung und ethische Kultur auszeichnen.^) 

3. Wenn man von den Patienten seiner arztlichen Erfah- 
rung absieht und einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen 
strebt, stoBt man nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche 
die Inversion als Degenerationszeichen aufzufassen verbieten. 

a) Man muB Wert darauf legen, daB die Inversion eine 
haufige Erscheinung, fast eine mit wichtigen Funktionen be- 
traute Institution bei den alten Volkern auf der Hohe ihrer 
Kultur war ; b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen 
wilden und primitiven Volkern, wahrend man den Begriff der 
Degeneration auf die hohe Zivilisation zu beschranken gewohnt 
ist (J. Bloch). Selbst unter den zivilisierten Volkern Europas 
haben Klima und Rasse auf die Verbreitung und die Beurtei- 
lung der Inversion den machtigsten EinfluB.^) 

*) Mit welchen Vorbehalten die Diagnose auf Degeneration zu 
stellen ist und welch geringe praktische Bedeutung ihr zukommt, 
kann man aus den Ausfiihrungen von Moebius [Uber Entartung. 
(Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Nr. Ill, 1900)] entnehmen: 
>Uberblickt man nun das weite Gebiet der Entartung, auf das hier 
einige Schlaglichter geworfen worden sind, so sieht man ohne weiteres 
ein, daB es sehr geringen Wert hat, Entartung iiberhaupt zu diagno- 
stizieren.« 

*) Es muB den Wortfiihrern des »Uranismus« zugestanden 
werden, daB einige der hervorragendsten Manner, von denen wir 
iiberhaupt Kunde haben, Invertierte, vielleicht sogar absolut Inver- 
tierte waren. 

^) In der Auffassung der Inversion sind die pathologischen 
Gesichtspunkte von anthropologischen abgelost worden. Diese Wand- 
lung bleibt das Verdienst von J. Bloch (Beitrage zur Atiologie der 
Psychopathia sexualis. 2 Teile 1902/3), welcher Autor auch die Tat- 
sache der Inversion bei den alten Kulturvolkern nachdriicklich zur 
Geltung gebracht hat. 



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6 I. Die sexuellen Abirrungen. 

Angeborensein. Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur fiir die erste, 
extremste Klasse der Invertierten behauptet worden, und zwar 
auf Grund der Versicherung dieser Personen, daB sich bei 
ihnen zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des 
Sexualtriebes gezeigt habe. Schon das Vorkommen der beiden 
anderen Klassen, speziell der dritten, ist schwer mit der Auf- 
fassung eines angeborenen Charakters zu vereinen. Daher 
die Neigung der Vertreter dieser Ansicht, die Gruppe der 
absolut Invertierten von alien anderen abzulosen, was den 
Verzicht auf eine allgemein-gultige Auffassung der Inversion 
zur Folge hat. Die Inversion ware demnach in einer Reihe 
von Fallen ein angeborener Charakter ; in anderen konnte sie 
auf andere Art entstanden sein. 

Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, 
daB die Inversion ein e r w o r b e n e r Charakter des Geschleehts- 
triebes sei. Sie stiitzt sich darauf, daB 1. bei vielen (auch ab- 
solut) Invertierten ein friihzeitig im Leben einwirkender 
sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen fortdauernde 
Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt, 2. daB bei 
vielen anderen sich die auBeren begiinstigenden und hemmen- 
den Einflusse des Lebens aufzeigen lassen, die zu einer friiheren 
Oder spateren Zeit zur Fixierung der Inversion gefiihrt haben 
(ausschlieBlicher Verkehr mit dem gleichen Geschlecht, Ge- 
meinschaft im Kriege, Detention in Gefangnissen, Gefahren 
des heterosexuellen Verkehrs, Zolibat, geschlechtliche Schwache 
usw.), 3. daB die Inversion durch hypnotische Suggestion 
aufgehoben werden kann, was bei einem angeborenen Charakter 
Wunder nehmen wiirde. 

Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicher- 
heit des Vorkommens einer angeborenen Inversion iiberhaupt 
bestreiten. Man kann einwenden (Havelock Ellis), daB 
ein genaueres Examen der fiir angeborene Inversion in An- 
spruch genommenen Falle wahrscheinlich gleichfalls ein fiir 
die Richtung der Libido bestimmendes Erlebnis der. friihen 
' Kindheit zu Tage fordern wiirde, welches bloB im bewuBten 
Gedachtnis der Person nicht bewahrt worden ist, aber durch 
geeignete Beeinf lussung zur Erinnerimg gebracht werden konnte. 
Die Inversion konnte man nach diesen Autoren nur als eine 



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Die Inversion. 7 

haufige Variation des Geschlechtstriebes bezeichnen, die durch 
eine Anzahl auBerer Lebensumstande bestimmt werden kann. 
Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die 
Gegenbemerkung ein Ende, daB nachweisbar viele Personen 
die namlichen sexuellen Beeinflussungen (auch in friiher 
Jugend : Verfiihrung, mutuelle Onanie) erf ahren, ohne durch 
sie invertiert zu werden oder dauernd so zu bleiben. So wird 
man zur Vermutung gedrangt, daB die Alternative angeboren 
— erworben entweder unvoUstandig ist oder die bei der In- 
version vorliegenden Verhaltnisse nicht deckt. 

Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, Erkiamng 
noch mit der anderen, sie v^rerde erworben, ist das Wesen ^ ^®^. 
der Inversion erklart. Im ersten Falle muB man sich auBern, 
was an ihr angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten 
Erklarung anschlieBt, daB eine Person die Verkniipfung des 
Sexualtriebes mit einem bestimmten Sexualobjekt angeboren 
mitbringt. Im anderen Falle fragt es sich, ob die mannig- 
fachen akzidentellen Einfliisse hinreichen, die Erwerbung zu 
erklaren, ohne daB ihnen etwas an dem Individuum entgegen- 
kommen miisse. Die Verneinung dieses letzten Momentes ist 
nach unseren friiheren Ausfiihrungen unstatthaft. 

Zur Erklarung der Moglichkeit einer sexuellen Inversion HeranziehniiK 
ist seit FrankLydstone, Kiernan und Chevalier eine der 
Gedankenreihe herangezogen worden, welche einen neuen ^" **** 
Widerspruch gegen die populare Meinung enthalt. Dieser 
gilt ein Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die Wissen- 
schaft kennt aber Falle, in denen die Geschlechtscharaktere 
verwischt erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung 
erschwert wird ; zunachst auf anatomischem Gebiet. Die Ge- 
nitalien dieser Personen vereinigen mannliche und weibliche 
Charaktere (Hermaphroditismus). In seltenen Fallen sind 
nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate ausgebildet 
(wahrer Hermaphroditismus) ; zu allermeist findet man beider- 
seitige Verkiimmerung.^) 



^) Vergleiche die letzten ausfiihrlichen Darstellungen des soma- 
tischen Hermaphroditismus: Taruffi, Hermaphroditismus und 



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8 I. Die sexuellen Abirrungen. 

Das Bedeutsame an diesen Abnormitaten ist aber, dafi sie 
in unerwarteter Weise das Verstandnis der normalen Bildung 
erleichtern. Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphro- 
ditismus gehort namlich der Norm an; bei keinem normal 
gebildeten mannlichen oder weiblichen Individuum werden 
die Spuren vom Apparat des anderen Geschlechts vermLBt, 
die entweder funktionslos als rudimentare Organe fortbestehen 
Oder selbst zur Ubernahme anderer Funktionen umgebildet 
worden sind. 

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten 

anatomischen Tatsachen ergibt, ist die einer urspriinglich 

bisexuellen Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung 

bis zur Monosexualitat mit geringen Resten des verkummerten 

\ Geschlechtes verandert. 

Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu 
iibertragen und die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck 
eines psychischen Hermaphroditismus zu verstehen. Um die 
Frage zu entscheiden, bedurfte es nur noch eines regel- 
maBigen Zusammentreffens der Inversion mit den seelischen 
und somatischen Zeichen des Hermaphroditismus. 

AUein diese nachste Erwartung schlagt fehl. So nahe 
' darf man sich die Beziehungen zwischen dem angenommenen 
psychischen und dem nachweisbaren anatomischen Zwittertum 
nicht vorstellen. Was man bei den Invertierten findet, ist 
haufig eine Herabsetzung des Geschlechtstriebes iiberhaupt 
(Havelock Ellis) und leichte anatomische Verkiimmerung 
der Organe. Haufig, aber keineswegs regelmaBig oder auch 
nur iiberwiegend. Somit muB man erkennen, daB Inversion 
und somatischer Hermaphroditismus im ganzen unabhangig 
voneinander sind. 

Man hat ferner groBen Wert auf die sogenannten sekun- 
daren und tertiaren Geschlechtscharaktere gelegt. und deren 
gehauftes Vorkommen bei den Invertierten betont (H. Ellis). 
Auch daran ist vieles zutreffend, aber man darf nicht ver- 
gessen, daB die sekundaren und tertiaren Geschlechtscharak- 



Zeugungsunfahigkeit, Deutsche Ausgabe von R. Teuscher, 1903, und 
die Arbeiten von Neugebauer in mehreren Banden des Jahrbuches 
fiir sexuelle Zwischenstufen, 



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Die Inversion. 9 

tore iiberhaupt recht haufig beim anderen Geschlecht auf- 
treten und so Andeutungen von Zwittertum herstellen, ohne 
daB dabei das Sexualobjekt sich im Sinne einer Inversion ab- 
geandert zeigte. 

Der psychische Hermaphroditismus wiirde an Leibhaftig- 
keit gewinnen, wenn mit der Inversion des Sexualobjekts 
wenigstens ein Umschlag der sonstigen seelischen Eigenschaften, 
Triebe und Charakterziige in die fiirs andere Geschlecht be- 
zeichnende Abanderung parallel liefe. AUein eine solche 
Charakterinversion darf man mit einiger RegelmaBigkeit nur 
bei den invertierten Frauen erwarten, bei den Mannern ist 
die voUste seelische Mannlichkeit mit der Inversion vereinbar. 
Halt man an der Aufstellung eines seelischen Hermaphroditis- 
mus fest, so muB man hinzufiigen, daB dessen AuBerungen 
auf verschiedenen Gebieten eine nur geringe gegenseitige 
Bedingtheit erkennen lassen. Das gleiche gilt librigens auch 
fiir das somatische Zwittertum; nach Halban^) sind auch 
die einzelnen Organverkiimmerungen und sekundaren Ge- 
schlechtscharaktere in ihrem Auftreten ziemlich unabhangig 
von einander. 

Die Bisexualitatslehre ist in ihrer rohesten Form von 
einem Wortfuhrer der mannlichen Invertierten ausgesprochen 
worden: Weibliches Gehirn im mannlichen Korper. AUein 
wir kennen die Charaktere eines »weiblichen Gehirns« nicht. 
Der Ersatz des psychologischen Problems durch das anato- 
mische ist ebenso miiBig wie unberechtigt. Der Erklarungs- 
versuch v. Krafft-Ebings scheint exakter gefaBt als der 
Ulrichs', ist aber im Wesen von ihm nicht verschieden. 
V. Krafft-Ebing meint, daB die bisexuelle Anlage dem 
Individuum ebenso mannliche und weibliche Gehirnzentren 
mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane. Diese Zentren 
entwickeln sich erst zur Zeit der Pubertat, zumeist unter dem 
Einflusse der von ihnen in der Anlage unabhangigen Ge- 
schlechtsdriise. Von den mannlichen und weiblichen »Zentren« 
gilt aber dasselbe wie vom mannlichen und weiblichen Gehirn, 



*) J. H alb an, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv 
fiir Gynakologie. Bd. 70, 1903. Siehe dort auch die Literatur des 
Gegenstandes. 



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10 I. Die sexuellen Abirrungen. 

und nebenbei wissen wir nicht einmal, ob wir fiir die Ge- 
schlechtsfunktionen abgegrenzte Gehirnstellen (»Zentren«) wie 
etwa fiir die Sprache annehmen diirfen. 

Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erorterungen immer- 
hin bestehen ; daB auch fiir die Inversion eine bisexuelle Ver- 
.anlagung in Betracht kommt, nur daB wir nicht wissen, worin 
diese Anlage liber die anatomische Gestaltung hinaus besteht, 
und daB es sich um Storungen handelt, welche den Gesclilechts- 
trieb in seiner Entwicklung betreffen.^) 

sexuaiobjekt Dj^ Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt 

iDTertieiten. voraus, daB das Sexuaiobjekt des Invertierten das dem nor- 

malen entgegengesetzte sei. Der invertierte Mann unterliege 



*) Der erste, der zur Erklarung der Inversion die Bisexualitat 
herangezogen, soil (nach einem Literaturbericht im 6. Band des Jahr- 
buches fiir sexuelle Zwischenstufen) E. Gley gewesen sein, der 
einen Aufsatz (Les aberrations de I'instinct sexuel) schon im Janner 
1884 in der Revue philosophique veroffentlichte. — Es ist ubrigens 
bemerkenswert, daB die Mehrzahl der Autoren, welche die Inversion 
auf Bisexualitat zuriickfiihren, dieses Moment nicht allein fiir die In- 
vertierten, sondern fur alle Normalgewordenen 'zur Geltung bringen 
und folgerichtig die Inversion als das Ergebnis einer Entwicklungs- 
storung auffassen. So bereits Chevalier (Inversion sexuelle, 1893). 
V. Krafft-Ebing (Zur Erklarung der kontriiren Sexualempfindung, 
Jahrbiicher fiir Psychiatric und Neurologic XIII. Bd.) spricht davon, 
daB eine Fiille von Beobachtungen bestehen, »aus denen sich mindestens 
die virtuelle Fortexistenz dieses zweiten Zentrums (des unterlegenen 
Geschlechtes) ergibt.« Ein Dr. Arduin (Die Frauenfrage und die 
sexuellen Zwischenstufen) stellt im zweiten Band des Jahrbuches 
fiir sexuelle Zwischenstufen 1900 die Behauptung auf: »daB in jedem 
Menschen mannliche und weibliche Elemente vorhanden sind (vgl. 
dieses Jahrbuch, Bd. I, 1899: »Die objektive Diagnose der Homo- 
sexualitat von Dr. M. Hirschfeld. S. 8—9 u. f.), nur — der Ge- 
schlechtszugehorigkeit entsprechend — die einen unverhaltnismaBig 
starker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle 
Personen handelt . . . .« — Fiir G. Herman (Genesis, das Gesetz 
der Zeugung, 9. Bd. Libido und Mania, 1903) steht es fest, »daB in 
jedem Weibe mannliche, in jedem Manne weibliche Keime und Eigen- 
schaften enthalten sind* usw. 

1906 hat dann W. Flies s (»Der Ablauf des Lebens«) einen 
Eigentumsanspruch auf die Idee der Bisexualitat (im Sinne einer 
Zweigeschlechtigkeit) erhoben. 



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Die Inversion. 11 

wie das Weib dem Zauber, der von den mannlichen Eigen- 
schaften des Korpers und der Seele ausgeht, er fiihle sich 
selbst als Weib und suche den Mann. 

Aber wiewohl dies fiir eine ganze Reihe von Invertierten 
zutrifft, so ist es doch weit entfernt, einen allgemeinen Charak- 
ter der Inversion zu verraten. Es ist kein Zweifel, daB ein 
groBer Teil der mannlichen Invertierten den psychischen 
Charakter der Mannlichkeit bewahrt hat, verhaltnismaBig 
wenig sekundare Charaktere des anderen Geschlechtes an sich 
tragt und in seinem Sexualobjekt eigentlich weibliche psychi- 
sche Ziige sucht. Ware dies anders, so bliebe es unverstandlich, 
wozu die mannliche Prostitution, die sich den Invertierten 
anbietet — heute wie im Altertum — , in alien AuBerlichkeiten 
der Kleidung und Haltung die Weiber kopiert; diese Nach- 
ahmung miiBte ja sonst das Ideal der Invertierten beleidigen. 
Bei den Griechen, wo die mannlichsten Manner unter den 
Invertierten erscheinen, ist es klar, daB nicht der mannliche 
Charakter des Knaben, sondern seine korperliche Annaherung 
an das Weib sowie seine weiblichen seelischen Eigenschaften, 
Schiichternheit, Zuriickhaltung, Lern- und Hilfsbediirftigkeit 
die Liebe des Mannes entziindeten. Sobald der Knabe ein 
Mann wurde, horte er auf, ein Sexualobjekt fiir den Mann 
zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das 
Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, 
nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider 
Geschlechtscharaktere, das KompromiB etwa zwischen einer 
Regung, die nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe 
verlangt, mit der festgehaltenen Bedingung der Mannlichkeit 
des Korpers (der Genitalien), sozusagen die Spiegelung der 
eigenen bisexuellen Natur.^) 



Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine voile Aufklarung 
liber die Herkunft der Inversion gebracht, aber doch den psychischen 
Mechanismus ihrer Entstehung aufgedeckt und die in Betracht kom- 
menden Fragestellungen wesentlich bereichert. Wir haben bei alien 
untersuchten Fallen festgestellt, daB die spater Invertierten in den 
ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber 
kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen, 
nach deren Uberwindung sie sich mit dem Weib identifizieren und 
sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, d. h. vom NarziBmus ausgehend 



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12 I. Die sexuellen Abirrungen. 

Eindeutiger sind die Verhaltnisse beim Weibe, wo die 
aktiv Invertierten besonders haufig somatiselie und seelische 
Charaktere des Mannas an sich tragen und das Weibliche 
von ihrem Sexualobjekt verlangen, wiewohl auch hier sich 
bei naherer Kenntnisnahme groBere Buntheit herausstellen 
diirfte. 

sexttai«iei Die wiclitige festzuhaltende Tatsache ist, daB das Sexual- 

invertierten. ^iel bei der Inversion keineswegs einheitlich genannt werden 
kann. Bei Mannern fallt Verkehr per anum durchaus nicht 
mit Inversion zusammen ; Masturbation ist ebenso haufig das 
ausschlieBliehe Ziel und Einschrankungen des Sexualzieles — 
bis zur bloBen GefiihlsergieBung — sind hier sogar haufiger 
als bei der heterosexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die 
Sexualziele der Invertierten mannigf altig ; darunter scheint 
die Beriihrung mit der Mundschleimhaut bevorzugt. 

schiufi- -^ij. sehen uns zwar auBer stande, die Entstehung der 

folfiToniDfir* 

Inversion aus dem bisher vorliegenden Material befriedigend 
aufzuklaren, konnen aber merken, daB wir bei dieser Unter- 
suchung zu einer Einsicht gelangt sind, die uns bedeut- 
samer werden kann als die Losung der obigen Aufgabe. Wir 
werden aufmerksam gemacht, daB wir uns die Verkniipfung 
des Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt als eine zu innige 



jugendliche und der eigenen Person ahnliche Manner aufsuchen, die 
sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir haben ferner 
sehr haufig gefunden, daB angeblich Invertierte gegen den Reiz des 
Weibes keineswegs unempfindlich waren, sondern die durch das Weib 
hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein mannliches Objekt trans- 
ponierten. Sie wlederholten so wahrend ihres ganzen Lebens den 
Mechanismus, durch welchen ihre Inversion entstanden war. Ihr 
zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt durch 
ihre ruhelose Flucht vor dem Weibe. 

Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Ent- 
schiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders 
geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie 
auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, 
erfahrt sie, daB alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl 
fahig sind und dieselbe auch im UnbewuBten vollzogen haben. Ja 
die Bindungen libidinoser Gefiihle an Personen des gleichen Ge- 



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Die Inversion. 13 

vorgestellt haben. Die Erfahrung an den fiir abnorm ge- 
haltenen Fallen lehrt uns, daB hier zwischen Sexualtrieb und 
Sexualobjekt eine Verlotung vorliegt, die wir bei der Gleich- 



schlechts spielen als Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere, 
und als Motoren der Erkrankung eine groBere Rolle als die, welche 
dem entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der Psychoanalyse erscheint 
vielmehr die Unabhangigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des 
Objekts, die gleich freie Verfiigung iiber mannliche und weibliche 
Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zustanden und friih- 
historischen Zeiten zu beobachten ist, als das Urspriingliche, aus 
dem sich durch Einschrankung nach der einen oder der anderen Seite 
der normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der Psy- 
choanalyse ist also auch das ausschlieBliche sexuelle Interesse des 
Mannes fiir das Weib ein der Aufklarung bediirftiges Problem und 
keine Selbstverstandlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung 
zu unterlegen ist. Die Entscheidung uber das endgiiltige Sexual ver- 
halten fallt erst nach der Pubertat und ist das Ergebnis einer noch 
nicht iibersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils 
aber akzidenteller Natur sind. GewiB konnen einzelne dieser Faktoren so 
iibergroB ausfallen, daB sie das Resultat in ihrem Sinne beeinflussen. 
Im allgemeinen aber wird die Vielheit der bestimmenden Momente durch 
die Mannigfaltigkeit der Ausgange im manifesten Sexualverhalten der 
Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist durchwegs das 
Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver psychischer 
Mechanismen zu bestatigen. Die Geltung der narziBtischen Ob- 
jektwahl und die Festhaltung der erotischen Bedeutung der 
Analzone erscheinen als deren wesentlichste Charaktere. Man ge- 
winnt aber nichts, wenn man auf Grund solcher konstitutioneller 
Eigenheiten die extremsten Inversionstypen von den anderen sondert. 
Was sich bei diesen als anscheinend zureichende Begriindung findet, 
laBt sich ebenso, nur in geringerer Starke, in der Konstitution von 
Ubergangstypen und bei manifest Normalen nachweisen. Die Unter- 
schiede in den Ergebnissen mogen qualitativer Natur sein; die Ana- 
lyse zeigt, daB die Unterschiede in den Bedingungen nur quantitative 
sind. Unter den akzidentellen Beeinflussungen der Objektwahl 
haben wir die Versagung (die friihzeitige Sexualeinschiichterung) be- 
merkenswert gefunden und sind auch darauf aufmerksam geworden, 
daB das Vorhandensein beider Elternteile eine wichtige Rolle spielt. 
Der Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit begiinstigt nicht 
selten die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, daB 
die Inversion des Sexualobjekts von der Mischung der Geschlechts- 
charaktere im Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein ge- 
wisses MaB von Unabhangigkeit ist auch in dieser Relation unver- 
kennbar. 



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14 I- Die sexuellen Abirrungen. 

formigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das Objekt 
mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu iibersehen. Wir werden 
so angewiesen, die Verkniipfung zwischen Trieb und Objekt 
in unseren Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist 
wahrscheinlich zunachst unabhangig von seinem Objekt und 
verdankt wohl auch nicht den Reizen desselben seine Ent- 
stehung. 

B. Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte. 

Wahrend die Personen, deren Sexualobjekt nicht dem 
normalerweise dazu geeigneten Geschlechte angehoren, die 
Invertierten also, dem Beobachter als eine gesammelte Anzahl 
von sonst vielleicht vollwertigen Individuen entgegentreten, 
erscheinen die Falle, in denen geschlechtsunreife Personen 
(Kinder) zu Sexualobjekten erkoren werden, von vorneherein 
als vereinzelte Verirrungen. Nur ausnahmsweise sind Kinder 
die ausschlieBlichen Sexualobjekte; zumeist gelangen sie zu 
dieser Rolle, wenn ein feige und impotent gewordenes Indivi- 
duum sich zu solchem Surrogat versteht, Oder ein impulsiver 
(unaufschiebbarer) Trieb sich zurzeit keines geeigneteren Ob- 
jekts bemachtigen kann. Immerhin wirft es ein Licht auf 
die Natur des Geschlechtstriebes, daB er so viel Variation und 
solche Herabsetzung seines Objekts zulaBt, was der Hunger, 
der sein Objekt weit energischer festhalt, nur im auBersten 
Falle gestatten wiirde. Eine ahnliche Bemerkung gilt fiir den 
besonders unter dem Landvolke gar nicht seltenen sexuellen 
Verkehr mit Tieren, wobei sich etwa die Geschlechtsanziehung 
iiber die Artschranke hinwegsetzt. 

Aus asthetischen Griinden mochte man gern diese wie 
andere schwere Verirrungen des Geschlechtstriebes den Geistes- 
kranken zuweisen, aber dies geht nicht an. Die Erfahrung 
lehrt, daB man bei diesen letzteren keine anderen Storungen 
des Geschlechtstriebes beobachtet als bei Gesunden, ganzen 
Rassen und Standen. So findet sich sexueller MiBbrauch von 
Kindern mit unheimlicher Haufigkeit bei Lehrern und Warte- 
personen, bloB well sich diesen die beste Gelegenheit dazu 
bietet. Die Geisteskranken zeigen die betreffende Verirrung 



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Minderwertige Sexualobjekte. 15 

nur etwa gesteigert, oder, was besonders bedeutsam ist, zur 
AusschlieBlichkeit erhoben und an Stelle der normalen Sexual- 
befriedigung geriickt. 

Dieses sehr merkwiirdige Verhaltnis der sexuellen Varia- 
tionen zur Stufenleiter von der Gesundheit bis zur Geistes- 
storung gibt zu denken. Ich wiirde meinen, die zu erklarende 
Tatsache ware ein Hinweis darauf , daB die Regungen des Ge- 
schlechtslebens zu jenen gehoren, die auch normalerweise von 
den hoheren Seelentatigkeiten am schlechtesten beherrscht 
werden. Wer in sonst irgend einer Beziehung geistig abnorm ist, 
in sozialer, ethischer Hinsicht, der ist es nach meiner Er- 
fahrung regelmaBig in seinem Sexualleben. Aber viele sind 
abnorm im Sexualleben, die in alien anderen Punkten dem 
Durchschnitt entsprechen, die menschliche Kulturentwicklung, 
deren schwacher Punkt die Sexualitat bleibt, in ihrer Person 
mitgemacht haben. 

Als allgemeinstes Ergebnis dieser Erorterungen wiirden 
wir aber die Einsicht herausgreifen, daB unter einer groBen 
Anzahl von Bedingungen und bei iiberraschend viel Indivi- 
duen die Art und der Wert des Sexualobjekts in den Hinter- 
grund treten. Etwas anderes ist am Sexualtrieb das Wesent- 
liche und Konstante.^) 

2. Abweichungen in Bezug auf das Sexualziel. 

Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Geni- ^ 
talien in dem als Begattung bezeichneten Akte, der zur 
Losung der sexuellen Spannung und zum zeitweiligen Erloschen 
des Sexualtriebes fiihrt (Befriedigung analog der Sattigung 
beim Himger). Doch sind bereits am normalsten Sexualvor- 
gang jene Ansatze kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrun- 
gen fiihrt, die man als Perversionen beschrieben hat. Es 



*) Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebesleben der 
Alton Welt und dem unsrigen liegt wohl darin, daB die Antike den 
Akzent auf den Trieb selbst, wir aber auf dessen Objekt verlegen. 
Die Alten feierten den Trieb und waren bereit, auch ein minderwerti- 
ges Objekt durch ihn zu adeln, wahrend wir die Triebbetatigung an 
sich geringschatzen und sie nur durch die Vorziige des Objekts ent- 
schuldigen lassen. 



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16 I. Die sexuellen Abirrungen. 

werden namlich gewisse intermediare (auf dem Wege zurBe- 
gattung liegende) Beziehungen zum Sexualobjekt, wie das Beta- 
sten und Beschauen desselben, als vorlaufige Sexualziele an- 
erkannt. Diese Betatigungen sind feinerseits selbst mit Lust ver- 
bunden, anderseits steigern sie die Erregung, welche bis zur 
Erreichung des endgiiltigen Sexualzieles andauern soli. Eine 
bestimmte dieser Beriihrungen, die der beiderseitigen Lippen- 
schleimhaut, hat ferner als KuB bei vielen Volkern (die hochst- 
zivilisierten darunter) einen hohen sexuellen Wert erhalten, 
obwohl die dabei in Betracht kommenden Korperteile nicht 
dem Geschlechtsapparat angehoren, sondern den Eingang zum 
Verdauungskanal bilden. Hiemit sind also Momente gegeben, 
welche die Perversionen an das normale Sexualleben ankniipfen 
Jassen und auch zur Einteilung derselben verwendbar sind. 
Die Perversionen sind entweder a) anatomische Cberschrei- 
tungen der fiir die geschlechtliche Vereinigung bestimmten 
Korpergebiete oder i)Verweilungen bei den intermediaren 
Relationen zum Sexualobjekt, die normalerweise auf dem Wege 
zum endgiiltigen Sexualziel rasch durchschritten werden soUen. 

a) Anatomische tyberschreitungen. 
Cberschatzungf Die psychische Wertschatzung, deren das Sexualobjekt als 

deft 

Sexuaiobjekts. Wunschziel des Sexualtriebes teilhaftig wird, beschrankt sich 
in den seltensten Fallen auf dessen Genitalien, sondern greift 
auf den ganzen Korper desselben iiber und hat die Tendenz, 
alle vom Sexualobjekt ausgehenden Sensationen miteinzube- 
ziehen. Die gleiche Uberschatzung strahlt auf das psychische 
Gebiet aus und zeigt sich als logische Verblendimg (Urteils- 
schwache) angesichts der seelischen Leistungen und VoUkom- 
menheiten des Sexualobjekts sowie als glaubige Gefiigigkeit 
gegen die von letzterem ausgehenden Urteile. Die Glaubigkeit 
der Liebe wird so zu einer wichtigen, wenn nicht zur uran- 
fanglichen Quelle der Autoritat.^) 



^) Ich kann mir nicht versagen, hiebei an die glaubige Gefiigig- 
keit der Hypnotisierten gegen ihren Hypnotiseur zu erinnern, welche 
mich vermuten laBt, daB das Wesen der Hypnose in die unbewuBte 
Fixierung der Libido auf die Person des Hypnotiseurs (vermittels der 
masochistischen Komponente des Sexualtriebes) zu verlegen ist. 



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Die anatomischen Uberschreitungen. 17 

Diese Sexualiiberschatzung ist es nun, welche sich mit der 
Einschrankung des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigent- 
lichen Genitalien so schlecht vertragt und Vornahmen an 
anderen Korperteilen zu Sexualzielen erheben hilft.^) Bei der 
Ausbildung dieser hochst mannigfaltigen anatomischen tJber- 
schreitungen ist ein Bediirfnis nach Variation unverkennbar, 
welches Hoc he als Reiz hunger bezeichnet hat.^) 

Die Bedeutimg des Momentes der Sexualiiberschatzung 
laBt sich am ehesten beim Manne studieren, dessen Liebesleben 
allein der Erforschung zuganglich geworden ist, wahrend das 
des Weibes zum Teil infolge der Kulturverkiimmerung, zum 
anderen Teil durch die konventionelle Verschwiegenheit und 
Unaufrichtigkeit der Frauen in ein noch undurchdringliches 
Dunkel gehiillt ist. 

Die Verwendung des Mundes als Sexualorgan gilt als Per- sexneiie 
version, wenn die Lippen (Zunge) der einen Person mit den Verwendung 
Genitalien der anderen in Beriihrung gebracht werden, nicht Lippen-Mund- 
aber, wenn beider Telle Lippenschleimhaute einander beriihren. *«^i«i™^nt. 
In letzterer Ausnahme liegt die Ankniipfung ans Normale. Wer 
die anderen wohl seit den Urzeiten der Menschheit gebrauch- 
lichen Praktiken als Perversionen verabscheut, der gibt da- 
bei einem deutlichen Ekelgefiihl nach, welches ihn vor 
der Annahme eines solchen Sexualzieles schiitzt. Die Grenze 
dieses Ekels ist aber haufig rein konventionell ; wer etwa mit 
Inbrunst die Lippen eines schonen Madchens kiiBt, wird viel- 
leicht das Zahnbiirstchen desselben nur mit Ekel gebrauchen 

S. Ferenczi hat diesen Charakter der Suggerier.barkeit mit 
dem »Elternkomplex« verkniipft. (Jahrbuch fiir psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen. I. 1909.) 

*) Es ist indes zu bemerken, daB die Sexualiiberschatzung 
nicht bei alien Mechanismen der Objektwahl ausgebildet wird, und daB 
wir spaterhin eine andere und direktere Erklarung fur die sexuelle 
Rolle der anderen Korperteile kennen lernen werden. 

*) Weitere Erwagungen fiihren zum Schlusse, daB J. Blochdas 
Moment des Reizhungers in seiner theoretischen Bedeutung iiber- 
schatzt hat. Die verschiedenen Wege, auf denen die Libido wandelt, 
verhalten sich zueinander von Anfang an wie kommunizierende Rohren, 
und man muB dem Phanomen der Kollateralstromung Rechnung 
tragen. 

Freud, Sexualtheorie. 3. Auflage. 2 



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18 I. Die sexuellen Abirrungen. 

konnen, wenngleich kein Grund zur Annahme vorliegt, daB seine 
eigene Mundhohle, vor der ihm nicht ekelt, reinlicher sei 
als die des Madchens. Man wird hier auf das Moment des 
Ekels aufmerksam, welches der libidinosen Uberschatzung des 
Sexualobjekts in den Weg tritt, seinerseits aber durch die 
Libido iiberwunden werden kann. In dem Ekel moehte man 
eine der Machte erblicken, welche die Einschranknng des 
Sexualzieles zu stande gebracht haben. In der Kegel machen 
diese vor den Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein Zwei- 
fel, daB auch die Genitalien des anderen Geschlechts an 
und fiir sich Gegenstand des Ekels sein konnen, nnd daB dies 
Verhalten zur Charakteristik aller Hysterischen (zumal der 
weiblichen) gehort. Die Starke des Sexualtriebes liebt es, 
sich in der Cberwmdung dieses Ekels zu betatigen. (S. u.) 
sexueiie Klarcr noch als im friiheren Falle erkennt man bei der 

^^^ep*"** Inanspruchnahme des Afters, daB es der Ekel ist, welcher 
Afterdffnung. dieses Sexualziel zur Perversion stempelt. Man lege mir aber 
die Bemerkung nicht als Parteinahme aus, daB die Begriindung 
dieses Ekels, diese Korperpartie diene der Exkretiou und 
komme mit dem Ekelhaften an sich — den Exkrementen — in 
Beriihrung, nicht viel stichhaltiger ist als etwa die Begriindung, 
welche hysterische Madchen fiir ihren Ekel vor dem mann- 
lichen Genitale abgeben: es diene der Harnentleerung. 

Die sexueiie RoUe der Afterschleimhaut ist keineswegs 
auf den Verkehr zwischen Mannern beschrankt, ihre Bevor- 
zugung hat nichts fiir das invertierte Fiihlen Charakteristisches. 
Es scheint im Gegenteil, daB die Padicatio des Mannes ihre 
RoUe der Analogie mit dem Akt beim Weibe verdankt, wah- 
rend gegenseitige Masturbation das Sexualziel ist, welches sich 
beim Verkehr Invertierter am ehesten ergibt. 
Bedeutung Das sexuelle tJbergreifen auf andere Korperstellen bietet 

KdrpersteUen ^^ ^^^ seinen Variationen nichts prinzipiell Neues, fiigt nichts 
zur Kenntnis des Sexualtriebes hinzu, der hierin nur seine 
Absicht verkiindet, sich des Sexualobjekts nach alien Rich- 
tungen zu bemachtigen. Neben der Sexualiiberschatzung meldet 
sich aber bei den anatomischen Uberschreitungen ein zweites, 
der popularen Kenntnis fremdartiges Moment. Gewisse Korper- 
stellen, wie die Mund- und Afterschleimhaut, die immer wieder 



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Ungeeigneter Ersatz des Sexualobjektes. 19 

in diesen Praktiken auftreten, erheben gleichsam den Anspruch, 
selbst als Genitalien betrachtet iind behandelt zu werden. Wir 
werden horen, wie dieser Anspruch durch die Entwicklung des 
Sexualtriebes gerechtfertigt, und wie er in der Symptomato- 
logie gewisser Krankheitszustande erfiillt wird. 

Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Falle, in Ungeeigneter 

lirsATz des 

denen das normale Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, sexnaiobjektei 
das zu ihm in Beziehung steht, dabei aber voUig ungeeignet ""*'®****'^™'"- 
ist, dem normalen Sexualziel zu dienen. Wir hatten nach den 
Gesichtspunkten der Einteilung wohl besser getan, diese hochst 
interessante Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes schon 
bei den Abweichungen in bezug auf das Sexualobjekt zu er- 
wahnen, verschoben es aber, bis wir das Moment derSexual- 
uberschatzung kennen gelemt hatten, von welchem diese 
Erscheinungen abhangen, mit denen ein Aufgeben des Sexual- 
zieles verbunden ist. 

Der Ersatz fiir das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen 
fiir sexuelle Zwecke sehr wenig geeigneter Korperteil (FuB, 
Haar) oder ein unbelebtes Objekt, welches in nachweisbarer 
Relation mit der Sexualperson, am besten mit der Sexualitat 
derselben, steht. (Stiicke der Kleidimg, weiBe Wasche.) Dieser 
Ersatz wird nicht mit Unrecht mit dem Fetisch verglichen, in 
dem der Wilde seinen Gott verkorpert sieht. 

Den Ubergang zu den Fallen von Fetischismus mit Ver- 
zicht aut ein normales oder perverses Sexualziel bilden Falle, 
in denen eine fetischistische Bedingung am Sexualobjekt er- 
fordert wird, wenn das Sexualziel erreicht werden soil. (Be- 
stimmte Haarfarbe, Kleidung, selbst Korperfehler.) Keine 
andere ans Pathologische streifende Variation des Sexualtriebes 
hat soviel Anspruch auf unser Interesse wie diese durch die 
Sonderbarkeit der durch sie veranlaBten Erscheinungen. Eine 
gewisse Herabsetzung des Strebens nach dem normalen Sexual- 
ziel scheint fiir alle Falle Voraussetzung (exekutive Schwache 
des Sexualapparats).^) Die Ankniipfung ans Normale wird 

*) Diese Schwache entsprache der konstitutionellen Voraus- 
setzung. Die Psychoanalyse hat als akzidentelle Bedingung die friih- 
zeitige Sexualeinschiichterung nachgewiesen, welche vom normalen 
Sexualziel abdrangt und zum Ersatz desselben anregt. 

2* 



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20 I- I^i© sexuellen Abirrungen. 

durch die psychologisch notwendige Oberschatzuiig des Sexual- 
objekts vermittelt, welche iinverraeidlich auf alles mit dem- 
selben assoziativ Verbundene iibergreift. Ein gewisser Grad 
von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben 
regelmaBig eigen, besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, 
in welchen das normale Sexualziel unerreichbar oder dessen 
Erfiillung aufgehoben erscheint. 

»Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust, 

Ein Strumpfband meiner Liebeslust !« (Faust.) 

Der pathologisehe Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben 
naoh dem Fetisch iiber solche Bedingung hinaus fixiert und 
sich an die Stelle des normalen Zieles setzt, ferner wenn sich 
der Fetisch von der bestimmten Person loslost, zum alleinigen 
Sexualobjekt wird. Es sind dies die allgemeinen Bedingungen 
fiir das tJbergehen blofier Variationen des Geschlechtstriebes 
in pathologisehe Verirrungen. 

In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Binet zuerst 
behauptet hat und dann spater durch zahlreiche Belege er- 
wiesen worden ist, der fortwirkende EinfluB eines zumeist in 
friiher Kindheit empfangenen sexuellen Eindruckes, was man 
der sprichwortlichen Haftfahigkeit einer ersten Liebe beim 
Normalen (»0n revient toujours a ses premiers amours«) an 
die Seite stellen darf. Eine solche Ableitung ist besonders 
deutlich bei Fallen mit bloB fetischistischer Bedingtheit des 
Sexualobjekts. Der Bedeutung friihzeitiger sexueller Eindriicke 
werden wir noch an anderer Stelle begegnen. 

In anderen Fallen ist es eine dem Betroffenen meist nicht 
bewuBte symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz 
des Objekts durch den Fetisch gefiihrt hat. Die Wege dieser 
Verbindungen sind nicht immer mit Sicherheit nachzuweisen 
(der FuB ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon im Mythus^); 
»Pelz« verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation mit 
der Behaarung des Mons veneris); doch scheint auch solche 



^) Dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des 
weibhchen Genitales. 



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Verweilungen und Fixierungen. 



21 



Symbolik nicht immer unabhangig von sexuellen Erlebnissen 
der Kinderzeit. ^) 

h) Fixierungen von vorlaufigen Sexualzielen. 

Alle auBeren und inneren Bedingungen, welche das Er- 
reichen des normalen Sexualzieles erschweren oder in die 
Feme riicken (Impotenz, Kostbarkeit des Sexualobjekts, Ge- 
fahren des Sexualaktes), unterstiitzen wie begreiflich die 
Neigung, bei den vorbereitenden Akten zu verweilen und 
neue Sexualziele aus ihnen zu gestalten, die an die Stelle des 
normalen treten konnen. Bei naherer Priifung zeigt sich stets, 
daJ3 die anscheinend fremdartigsten dieser neuen Absichten 
doch bereits beim normalen Sexual vorgang angedeutet sind. 

Ein gewisses Ma6 von Tasten ist wenigstens fiir den 
Menschen zurErreichung des normalen Sexualzieles unerlaBlich. 
Auch ist es allgemein bekannt, welche Lustquelle einerseits, 
welcher ZufluB neuer Erregung anderseits durch die Beruhrimgs- 
empfindungen von der Haut des Sexualobjekts gewonnen wird. 
Somit kann das Verweilen beim Betasten, falls der Sexualakt 
iiberhaupt nur weiter geht, kaum zu den Perversionen gezahlt 
werden. 

Ahnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten ab- 
geleiteten Sehen. Der optische Eindruck bleibt der Weg, auf 

*) Die Psychoanalyse hat eine der noch vorhandenen Liicken 
im Verstandnis des Fetischismus ausgefiillt, indem sie auf die Be- 
deutung einer durch Verdrangung verloren gegangenen koprophilen 
Riechlust fiir die Auswahl des Fetisch hinwies. FuB und Haar sind 
stark riechende Objekte, die nach dem Verzicht auf die unlustig ge- 
wordene Geruchsempfindung zu Fetischen erhoben werden. In 
der dem FuBfetischismus entsprechenden Perversion ist demgemaB 
nur der schmutzige und libelriechende FuB das Sexualobjekt. Ein 
anderer Beitrag zur Aufklarung der fetischistischen Bevorzugung des 
FuBes ergibt sich aus den infantilen Sexualtheorien. (S. u.) Der FuB 
ersetzt den schwer vermiBten Penis des Weibes. 

In manchen FaUen von FuBfetischismus lieB sich zeigen, daB 
der urspriinglich auf das Genitale gerichtete Schautrieb, der 
seinem Objekt von unten her nahe kommen wollte, durch Verbot 
und Verdrangung auf dem Wege aufgehalten wurde, und darum FuB 
Oder Schuh als Fetisch festhielt. Das weibliche Genitale wurde dabei, 
der infantilen Erwartung entsprechend, als ein mannliches vorgestellt. 



Anftreten 

nener 
Absichten. 



Betasten 

und 
Beschanen. 



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Orrginalfrom 
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22 !• I^ie sexuellen Abirrungen. 

dem die libidinose Erregung am haufigsten geweckt wird, und 
auf dessen Gangbarkeit — wenn diese teleologische Be- 
trachtungsweise zulassig ist — die Zuchtwahl rechnet, indem 
sie das Sexualobjekt sich zur Schonheit entwickehi laBt. Die 
mit der Kultur fortschreitende Verhiillung des Korpers halt 
die sexuelle Neugierde wach, welche danach strebt, sich das 
Sexualobjekt durch Enthiillung der verborgenen Telle zu er- 
ganzen, die aber ins Kiinstlerische abgelenkt (»sublimiert«) 
werden kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg 
auf die Korperbildung im ganzen zu lenken vermag.^) Ein 
Verweilen bei diesem intermediaren Sexualziel des sexuell 
betonten Schauens kommt in gewissem Grade den meisten 
Normalen zu, ja es gibt ihnen die Moglichkeit, einen gewissen 
Betrag ihrer Libido auf hohere kiinstlerische Ziele zu richten. 
Zur Perversion wird die Schaulust im Gegenteil, a) wenn sie 
sich ausschlieBlich auf die Genitalien einschrankt, h) wenn sie 
sich mit der Uberwindung des Ekels verbindet (Voyeurs : 
Zuschauer bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das 
normale Sexualziel, anstatt es vorzubereiten, verdrangt. Letz- 
teres ist in ausgepragter Weise bei den Exhibitionisten der 
Fall, die, wenn ich nach einer einzigen Analyse schlieBen 
darf, ihre Genitalien zeigen, um als Gegenleistung die Geni- 
talien des anderen Teiles zu Gesicht zu bekommen. 

Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und 
Beschautwerden ist, tritt ein sehr merkwiirdiger Charakter 
hervor, der uns bei der nachstfolgenden Abirrung noch inten- 
siver beschaftigen wird. Das Sexualziel ist hiebei namlich 
in zweifacher Ausbildung vorhanden, in aktiver und in 
passiver Form. 

Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und even- 
tuell durch sie aufgehoben wird, ist die Scham (wie vorhin 
der Ekel). 



^) Es scheint mir unzweifelhaft, daB der Begriff des »Sch6nen« 
auf dem Boden der Sexualerregung wurzelt und urspriinglich das 
sexuell Reizende (»Die Reize«) bedeutet. Um so merkwiirdiger, daB 
wir die Genitalien selbst, deren Anblick die starkste sexuelle Erregung 
hervorruft, eigentlich niemals »schon« finden konnen. 



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Sadismus und Masochismus. 23 

Die Neigung, dem Sexualobjekt Schmerz zuzufiigen und sadismns una 
ihr Gegenstiick, diese haufigste und bedeutsamste aller Per- ^**^^»smii8. 
versionen, ist in ihren beiden Gestaltungen, der aktiven und 
der passiven, von v. Kraf £t-Ebing als Sadismus und 
Masochismus (passiv) benannt Worden. Andere Autoren 
Ziehen die engere Bezeichnung Algolagnie vor, welche die 
Lust am Schmerz, die Grausamkeit, betont, wahrend bei den 
Namen, die v. Krafft-Ebing gewahlt hat, die Lust an 
jeder Art von Demiitigung und Unterwerfung in den Vorder- 
grund gestellt wird. 

Fiir die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln 
im Normalen leicht nachzuweisen. Die Sexualitat der meisten 
Manner zeigt eine Beimengung von Aggression, von Neigung 
zur Uberwaltigung, deren biologische Bedeutung in der Not- 
wendigkeit liegen diirfte, den Widerstand des Sexualobjekts 
noch anders als durch die Akte der Werbungzu iiberwinden. 
Der Sadismus entsprache dann einer selbstandig gewordenen, 
iibertriebenen, durch Verschiebung an die Hauptstelle geriickten 
aggressiven Komponente des Sexualtriebes. 

Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch 
von einer bloB aktiven, sodann gewalttatigen, Einstellung gegen 
das Sexualobjekt bis zur ausschlieJJlichen Bindung der Befrie- 
digimg an die Unterwerfung und MiBhandlung desselben. 
Strenge genommen hat nur der letztere extreme Fall Anspruch 
auf den Namen einer Perversion. 

In ahnlicher Weise umfaBt die Bezeichnung Masochismus 
alle passiven Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, 
als deren auBerste die Bindung der Befriedigung an das Er- 
leiden von physischem oder seelischem Schmerz von seiten 
des Sexualobjekts erscheint. Der Masochismus als Perversion 
scheint sich vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als 
sein Gegenstiick; es darf bezweifelt werden, ob er jemals 
primar auftritt oder nicht vielmehr regelmaBig durch Um- 
bildung aus dem Sadismus entsteht. Haufig laBt sich er-" 
kennen, daB der Masochismus nichts anderes ist als eine Fort- 
setzung des Sadismus in Wendung gegen die eigene Person, 
welche dabei zunachst die Stelle des Sexualobjekts vertritt. . 
Die klinische Analyse extremer Falle von masochistischer 



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24 !• I^ie sexuellen Abirrungen. 

Perversion fuhrt auf das Zusammenwirken einer groBen Reihe 
von Momenten, welche die urspriingliche passive Sexualein- 
stellung Qbertreiben iind fixieren. (Kastrationskomplex, 
SchuldbewuBtsein.) 

Der Schmerz, der ^iebei liberwunden wird, reiht sich 
dem Ekel iind der Scham an, die sich der Libido als Wider- 
stande entgegengestellt batten. 

Sadismus und Masochismus nehmen iinter den Perver- 
sionen eine besondere Stellung ein, da der ihnen zu Grunde 
liegende Gegensatz von Aktivitat und Passivitat zu den 
allgemeinen Charakteren des Sexuallebens gehort. 

DaB Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammen- 
gehoren, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit iiber jeden 
Zweifel, aber in der Aufklarung dieses Zusammenhanges ist 
man iiber die Betonung des aggressiven Moments der Libido 
niclit hinausgekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem 
Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kanni- 
balischer Geliiste, also eine Mitbeteiligung des Bemachtigungs- 
apparats, welcher der Befriedigung des anderen, ontogenetisch 
alteren, groBen Bediirfnisses dient.^) Es ist auch behauptet 
worden, daB jeder Schmerz an und fiir sich die Moglichkeit 
einer Lustempfindung enthalte. Wir woUen uns mit dem 
Eindruck begniigen, daB die Aufklarung dieser Perversion 
keineswegs befriedigend gegeben ist, und daB moglicherweise 
hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu einem Effekt 
vereinigen. 

Die auffalligste Eigentiimlichkeit dieser Perversion liegt 
aber darin, daB ihre aktive und ihre passive Form regelmaBig 
bei der namlichen Person mitsammen angetroffen werden. Wer 
Lust daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller Relation 
zu erzeugen, der ist auch befahigt, den Schmerz als Lust zu 
genieBen, der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann. 
Ein Sadist ist immer auch gleichzeitig ein Masochist, wenn- 
gleich die aktive oder die passive Seite der Perversion bei 



*) Vgl. hiezu die spatere Mitteilung iiber die pragenitalen 
Phasen der Sexualentwicklung, in welcher diese Ansicht bestatigt 
wird. 



d. 



C^ rkr\(n\t> OnginaTfrom 

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Allgemeines iiber die Perversionen. 25 

ihm starker ausgebildet sein und seine vorwiegende sexuelle 
Betatigung darstellen kann.^) 

Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regel- 
mafiig als Gegensatzpaare anftreten, was mit Hinbliek 
auf spater beizubringendes Material eine hohe theoretische 
Bedeutimg beanspruchen darf.^) Es ist ferner einleuchtend, 
daB die Existenz des Gegensatzpaares Sadismus — Masochis- 
mus aus der Aggressionsbeimengung nicht ohne weiteres ab- 
leitbar ist. Dagegen ware man versucht, solche gleichzeitig ^ 
vorhandene Gegensatze mit dem in der Bisexualitat vereinten 
Gegensatz von mannlich und weiblich in Beziehung zu setzen, 
dessen Bedeutung in der Psychoanalyse auf den Gegensatz ^ 
von aktiv und passiv reduziert ist. 

3. Allgemeines fiber alle Perversionen. 

Die Arzte, welche die Perversionen zuerst an ausgepragten Variation 
Beispielen und imter besonderen Bedingungen studiert haben, grankheit 
sind natiirlich geneigt gewesen, ihnen den Charakter eines 
Krankheits- oder Degenerationszeichens zuzusprechen, ganz 
ahnlich wie bei der Inversion. Indes ist es hier leichter als 
dort, diese Auffassung abzulehnen. Die alltagliche Erfahrung 
hat gezeigt, daB die meisten dieser Uberschreitungen, we- 
nigstens die minder argen unter ihnen, einen selten fehlenden 
Bestandteil des Sexuallebens der Gesunden bilden und von 
ihnen wie andere Intimitaten auch beurteilt werden. Wo die 
Verhaltnisse es begiinstigen, kann auch der Normale eine 
solche Perversion eine ganze Zeit lang an die Stelle des 
normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen Platz neben 
diesem einraumen. Bei keinem Gesunden diirfte irgend ein 
pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel fehlen, 
und diese AUgemeinheit geniigt fiir sich allein, um die Un- 



*) Anstatt vieler Belege fiir diese Behauptung zitiere ich nur die 
eine Stelle aus Havelock Ellis (Das Geschlechtsgefiihl 1903). »Alle 
bekannten Falle von Sadismus und Masochismus, selbst die von 
V. Krafft-Ebing zitierten, zeigen bestandig (wie schon Colin, 
Scott und Fere nachgewiesen) Spuren beider Gruppen von Er- 
scheinungen an ein und demselben Individuum.« 

*) Vgl. die spatere Erwahnung der »Ambivalenz«. 



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26 I- 1^16 sexuellen Abirrungen. 

zweckmaBigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens 
Perversion darzutun. Gerade auf dem Gebiete des Sexual- 
lebens stoBt man auf besondere, eigentlich derzeit unlosbare 
Schwierigkeiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen 
bloBer Variation innerhalb der physiologischen Breite und 
krankhaften Symptomen Ziehen will. 

Bei manchen dieser Perversionen ist inmierhin die Qualitat 
des neuen Sexualzieles eine solche, daB sie nach besonderer 
Wiirdigung verlangt. Gewisse der Perversionen entfernen 
sich inhaltlich so weit vom Normalen, daB wir nicht umhin 
konnen, sie fiir »krankhaft« zu erklaren, insbesondere jene, 
in denen der Sexualtrieb in der tJberwindung der Widerstande 
(Scham, Ekel, Grauen, Schmerz) erstaunliche Leistungen 
vollfiihrt. (Kotlecken, LeichenmiBbrauch.) Doch darf man 
auch in diesen Fallen sich nicht der sicheren Erwartung iiin- 
geben, in den Tatern regelmaBig Personen mit andersartigen 
schweren Abnormitaten oder Geisteskranke zu entdecken. Man 
kommt auch hier nicht liber die Tatsache hinaus, daB Per- 
sonen, die sich sonst normal verhalten, auf dem Gebiete des 
Sexuallebens allein, unter der Herrschaft des ungeziigeltsten 
aller Triebe, sich als Kranke dokumentieren. Manifeste Ab- 
normitat in anderen Lebensrelationen pflegt hingegen jedes- 
mal einen Hintergrund von abnormem sexuellen Verhalten 
zu zoigen. 

In der Mehrzahl der Falle konnen wir den Charakter des 
Krankhaften bei der Perversion nicht im Inhalt des neuen 
Sexualzieles, sondern in dessen Verhaltnis zum Normalen 
finden. Wenn die Perversion nicht neb en dem Normalen 
(Sexualziel und Objekt) auftritt, wo giinstige Umstande die- 
selbe fordern und ungiinstige das Normale verhindern, sondern 
wenn sie das Normale unter alien Umstanden verdrangt und 
ersetzt hat; — in der AusschlieBlichkeit und in der 
Fixierung also der Perversion sehen wir zu allermeist die 
Berechtigung, sie als ein krankhaftes Symptom zu beurteilen. 

Die seeiiflche Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen 

\l\ den* niuB man die ausgiebigste psychische Beteiligung zur Um- 

Pervepgionen. ^andlung des Sexualtriebes anerkennen. Es ist hier ein Stuck 
seelischer Arbeit geleistet, dem man trotz seines greulichen 



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Ergebnisse aus den Perversionen. 27 

Erfolges den Wert einer Idealisierung des Triebes nicht ab- 
sprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht 
nirgends starker als in diesen ihren Verirrungen. Das 
Hochste und das Niedrigste hangen in der Sexualitat uberall 
am innigsten an einander (»Vom Himmel durch die Welt 
zur H611e«). 

Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Ein- „ ^7®f 

Ergebnisse. 

sicht ergeben, daB der Sexualtrieb gegen gewisse seelische 
Machte als Widerstande anzukampfen hat, unter denen Scham 
und Ekel am deutlichsten hervorgetreten sind. Es ist die 
Vermutung gestattet, daB diese Machte daran beteiligt sind, 
den Trieb innerhalb der als normal geltenden Schranken zu 
bannen, und wenn sie sich im Individuum friiher entwickelt 
haben, ehe der Sexualtrieb seine voile Starke erlangte, so 
waren sie es wohl, die ihm die Richtung seiner Entwicklimg 
angewiesen haben.') 

Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daB einige 
der untersuchten Perversionen nur durch das Zusammentreten 
von mehreren Motiven verstandlich werden. Wenn sie eine 
Analyse — Zersetzung — zulassen, miissen sie zusammen- 
gesetzter Natur sein. Hieraus konnen wir einen Wink ent- 
nehmen, daB vielleicht der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches, 
sondern aus Komponenten zusammengesetzt ist, die sich in 
den Perversionen wieder von ihm ablosen. Die Klinik hatte 
uns so auf Verschmelzungen auf merksam gemacht, die 
in dem gleichformigen normalen Verhalten ihren Ausdruck 
eingebiiBt haben. 

4. Der Sexualtrieb bei den Neurotikern. 

Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes Die Psycho- 
bei Personen, die den Normalen mindestens nahe stehen, ge- "^^^y^e. 

*) Man muB diese die Sexualentwicklung eindammenden Machte t, 
— Ekel, Scham und Moralitat — anderseits auch als historische Nieder- 
schlage der auBeren Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in 
der Psychogenese der Menschheit erfahren hat. Man macht die Be- 
obachtung, daB sie in der Entwicklung des Einzelnen zu ihrer Zeit 
wie spontan auf die Winke der Erziehung und Beeinflussung hin auf- 
treten. 



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28 I* I^ie sexuellen Abirrungen. 

winnt man aus einer Quelle, die nur auf einem bestimmten 
Wege zuganglich ist. Es gibt nur ein Mittel uber das Ge- 
schlechtsleben der sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie, 
Zwangsneurose, falschlich sogenannte Neurasthenie, sicherlich 
auch Dementia praecox, Paranoia) griindliche und nicht irre 
leitende Aufschliisse zu erhalten, namlich wenn man sie der 
psychoanalytischen Erforschung unterwirft, deren sich das 
von J. Breuer und mir 1893 eingesetzte, damals »kathartisch« 
genannte Heilverfahren bedient. 

Ich muB vorausschicken, resp. aus anderen Veroffent- 
lichungen wiederholen, daB diese Psychoneurosen, soweit 
meine Erfahrungen reichen, auf sexuellen Triebkraften be- 
ruhen. Ich meine dies nicht etwa so, daB die Energie des 
Sexualtriebes einen Beitrag zu den Kraften liefert, welche die 
krankhaften Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern 
ich will ausdriicklich behaupten, daB dieser Anteil der einzig 
konstante und die wichtigste Energiequelle der Neurose ist, 
so daB das Sexualleben der betreffenden Personen sich ent- 
weder ausschlieBlich oder vorwiegend oder nur teilweise in 
diesen Symptomen auBert. Die Symptome sind, wie ich es 
an anderer Stelle ausgedriickt habe, die Sexualbetatigung der 
Kranken. Den Beweis fiir diese Behauptung hat mir eine seit 
zwanzig Jahren sich mehrende Anzahl von Psychoanalysen 
hysterischer und anderer Nervoser geliefert, iiber deren Er- 
gebnisse im einzelnen ich an anderen Orten ausfuhrliche 
Rechenschaft gegeben habe und noch weiter geben werde. 

Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer 
unter der Voraussetzung, daB dieselben der Ersatz — die 
Transskription gleichsam — fiir eine Reihe von affektbesetzten 
seelischen Vorgangen, Wiinschen und Strebungen, sind, denen 
durch einen besonderen psychischen ProzeB (die Verdran- 
gung) der Zugang zur Erledigung durch bewuBtseinsfahige 
psychische Tatigkeit versagt worden ist. Diese also im Zu- 
stande der UnbewuBten zuriickgehaltenen Gedankenbildungen 
streben nach einem ihrem Affektwert gemaBen Ausdruck, einer 
Abfuhr, und finden eine solche bei der Hysterie durch den 
Vorgang der Konversion in somatischen Phanomenen — 
eben den hysterischen Symptomen. Bei der kunstgerechten, 



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Die Psychoanalyse. 29 

mit Hilfe einer besonderen Technik durchgefiihrten Riick- 
verwandlung der Symptome in nun bewuBt gewordene, affekt- 
besetzte Vorstellungen, ist man also im stande, iiber die Natur 
und die Abkunft dieser friiher unbewufiten psychischen Bil- 
dungen das Genaueste zu erfahren. 

Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, Ergebnisse der 
daB die Symptome einen Ersatz fiir Strebungen darstellen, ^»y®^<>*"*^«®' 
die ihre Kraft der Quelle des Sexualtriebes entnehmen. Im 
vollen Einklange damit steht, was wir iiber den Charakter 
der hier zum Muster fiir alle Psychoneurotiker genommenen 
Hysteriker vor ihrer Erkrankung und iiber die Anlasse zur 
Erkrankung wissen. Der hysterische Charakter laBt ein Stiick 
Sexualverdrangung erkennen, welches iiber das normale 
MaB hinausgeht, eine Steigerung der Widerstande gegen den 
Sexualtrieb, die uns als Scham, Ekel und Moral bekannt ge- 
worden sind, eine wie instinktive Flucht vor der intellektuellen 
Beschaftigung mit dem Sexualproblem, welche in ausgepragten 
Fallen den Erfolg hat, die voile sexuelle Unwissenheit noch 
bis in die Jahre der erlangten Geschlechtsreife zu bewahren.^) 

Dieser fiir die Hysterie wesentliche Charakterzug wird 
fiir die grobe Beobachtung nicht selten durch das Vorhanden- 
sein des zweiten konstitutionellen Faktors der Hysterie, durch 
die iibermachtige Ausbildung des Sexualtriebes verdeckt, 
allein die psychologische Analyse weiB ihn jedesmal aufzu- 
decken und die widerspruchsvoUe Ratselhaftigkeit der Hysterie 
durch die Feststellung des Gegensatzpaares von iibergroBem 
sexuellen Bediirfnis und zu weit getriebener Sexualablehnung 
zu losen. 

Der AnlaB zur Erkrankung ergibt sich fur die hysterisch 
disponierte Person, wenn infolge der fortschreitenden eigenen 
Reifung oder auBerer Lebensverhaltnisse die reale Sexual- 
forderimg ernsthaft an sie herantritt. Zwischen dem Drangen 
des Triebes imd dem Widerstreben der Sexualablehnung stellt 
sich dann der Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt 



^) Studien iiber Hysterie. 1895. J. Breuer sagt von seiner Pa- 
tientin, an der er die kathartische Methode zuerst geubt hat: »Das 
sexuale Moment war erstaunlich unentwickelt.c 



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30 !• I^ie sexuellen Abirrungen. 

nicht lost, sondern ihm durch die Verwandlung der libidi- 
nosen Strebungen in Symptome zu entgehen sucht. Es ist 
nur eine scheinbare Ausnahme, wenn eine hysterische Person, 
ein Mann etwa, an einer banalen Gemiitsbewegung, an einem 
Konflikt, in dessen Mittelpunkt nicht das sexuelle Interesse 
steht, erkrankt. Die Psychoanalyse kann dann regelmaBig 
nachweisen, daB es die sexuelle Komponente des Konflikts 
ist, welche die Erkrankung ermoglicht hat, indem sie die 
seelischen Vorgange der normalen Erledigung entzog. 

Neurose und Ein guter Teil des Widerspruchs gegen diese meiae Auf- 

stellungen erklart sich wohl daraus, daB man die Sexualitat, 
von welcher ich die psychoneurotischen Symptome ableite, 
mit dem normalen Sexualtrieb zusammenf alien lieB. AUein 
die Psychoanalyse lehrt noch mehr. Sie zeigt, daB die Sym- 
ptome keineswegs allein auf Kosten des sog. normalen Sexual- 
triebes entstehen (wenigstens nicht ausschlieBlich oder vor- 
wiegend), sondern den konvertierten Ausdruck von Trieben 
darstellen, welche man als perverse (im weitesten Sinne) 
bezeichnen wiirde, wenn sie sich ohne Ablenkung vom BewuBt- 
sein direkt in Phantasievorsatzen und Taten auBern konnten. 
Die Symptome bilden sich also zum Teil auf Kosten abnormer 
Sexualitat; die Neurose ist sozusagen das Negativ 
der Perversion.^) 

Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker laBt alle die Ab- 
irrungen erkennen, die wir als Variationen des normalen und 
als AuBerungen des krankhaften Sexuallebens studiert haben : 

a) Bei alien Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im 
unbewuBten Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung 
von Libido auf Personen des gleichen Geschlechts. Ohne tief 
eindringende Erorterung ist es nicht moglich, die Bedeutung 
dieses Moments fiir die Gestaltung des Krankheitsbildes ent- 



^) Die klar bewuBten Phantasien der Perversen, die unter giin- 
stigen Umstanden in Veranstaltungen umgesetzt werden, die in feind- 
lichem Sinne auf andere projizierten Wahnbefiirchtungen der Para- 
noiker und die unbewuBten Phantasien der Hysteriker, die man durch 
Psychoanalyse hinter ihren Symptomen aufdeckt, fallen inhaltlich bis 
in einzelne Details zusammen. 



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Der Sexualtrieb der Neurotiker. 31 

sprechend zu wiirdigen; ich kann nur versichern, daB die 
unbewuBte Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere 
zur Auf klarung der mannlichen Hysterie die groBten Dienste 
leistet.^) 

h) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu 
den anatomischen Uberschreitungen im UnbewuBten und als 
Symptombildner nachweisbar, unter ihnen mit besonderer 
Haufigkeit und Intensitat diejenigen, welche fiir Mund- und 
Afterschleimhaut die RoUe von Genitalien in Anspruch nehmen. 

c) Eine ganz hervorragende RoUe unter den Symptom- 
bildnern der Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatz- 
paaren auftretenden Partial triebe, die wir als Bringer neuer 
Sexualziele kennen gelernt haben, der Trieb der Schaulust und 
der Exhibition und der aktiv und passiv ausgebildete Trieb 
zur Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum Verstandnis 
der Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und beherrscht 
fast regelmaBig ein Stiick des sozialen Verhaltens der Kranken. 
Vermittels dieser Grausamkeitsverkniipfung der Libido geht 
auch die Verwandlung von Liebe in HaB, von zartlichen in 
feindselige Regungen vor sich, die fiir eine groBe Reihe von 
neurotischen Fallen, ja, wie es scheint, fiir die Paranoia im 
ganzen charakteristisch ist. 

Das Interesse an diesen Ergebnissen wird noch durch 
einige Besonderheiten des Tatbestandes erhoht. 

a) Unter den unbewuBten Gedankengangen der Neurosen 
findet sich nichts, was einer Neigung zum Fetischismus ent- 
sprache; ein Umstand, der wohl Licht wirft auf die psycho- 
logische Besonderheit dieser gut verstandenen Perversion. 

P) Wo ein solcher Trieb im UnbewuBten aufgefunden wird, 
welcher der Paarung mit einem Gegensatze fahig ist, da laBt 
sich regelmaBig auch dieser letztere als wirksam nachweisen. 

^) Psychoneurose vergesellschaftet sich auch sehr oft mit mani- 
fester Inversion, wobei die heterosexuelle Stromung der voUen Unter- 
driickung zum Opfer gefallen ist. — Ich lasse nur einer mir zu teil 
gewordenen Anregung Recht widerfahren, wenn ich mitteile, daB erst 
private AuBerungen von W. FlieB in Berlin mich auf die notwendige 
Allgemeinheit der Inversionsneigung bei den Psychoneurotikern auf- 
merksam gemacht haben, nachdem ich diese in einzelnen Fallen auf- 
gedeckt hatte. 



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32 !• I^ie sexuellen Abirrungen. 

Jede »aktive« Perversion wird also hier von ihrem passiven 
Widerpart begleitet; wer iin UnbewuBten Exhibitionist ist, 
der ist auch gleichzeitig Voyeur, wer an den Folgen der Ver- 
drangung sadistischer Regungen leidet, bei dem findet sich ein 
anderer Zuzug zu den Syraptomen aus den Quellen masochi- 
stischer Neignng. Die voile Ubereinstimmung mit dem Ver- 
halten der entsprechenden »positiven« Perversionen ist gewiB 
sehr beachtenswert. Im Krankheitsbilde spielt aber die eine 
Oder die andere der gegensatz lichen Neigungen die iiberwie- 
gende RoUe. 

y) In einem ausgepragteren Falle von Psychoneurose findet 
man nur selten einen einzigen dieser perversen Triebe ent- 
wickelt, meist eine groBere Anzahl derselben imd in der Regel 
Spuren von alien ; der einzelne Trieb ist aber in seiner Inten- 
sitat unabhangig von der Ausbildung der anderen. Auch dazu 
ergibt uns das Studium der positiven Perversionen das genaue 
Gegenstiick. 

Partialtriebe und erogene Zonen« 

Halten wir zusammen, was wir aus der Untersuchung der 
positiven und der negativen Perversionen erfahren haben, so 
liegt es nahe, dieselben auf eine Reihe von »Partialtrieben« 
zuriickzufiihren, die aber nichts Primares sind, sondem eine 
weitere Zerlegung zulassen. Unter einem »Trieb« konnen 
wir zunachst nichts anderes verstehen als die psychische 
Reprasentanz einer kontinuierlich flieBenden, innersomati- 
schen Reizquelle, zum Unterschiede vom »Reiz«, der durch 
vereinzelte und von auBen kommende Erregungen hergestellt 
wird. Trieb ist so einer der Begriffe der Abgrenzung des 
Seelischen vom Korperlichen. Die einfachste und nachst- 
liegende Annahme iiber die Natur der Triebe ware, daB sie an 
sich keine Qualitat besitzen, sondern nur als MaBe von Arbeits- 
anforderung Mr das Seelenleben in Betracht kommen. Was 
die Triebe von einander unterscheidet und mit spezifischen 
Eigenschaften ausstattet, ist deren Beziehung zu ihren soma- 
tischen Quellen imd ihren Zielen. Die Quelle des Triebes 
ist ein erregender Vorgang in einem Organ, und das nachste 
Ziel des Triebes liegt in der Aufhebung dieses Organreizes. 



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Partialtriebe und erogene Zonen. 33 

Eine weitere vorlaufige Annahme in der Ti'ieblehre, 
•welcher wir uns nicht entziehen konnen, besagt, daB von den 
Korperorganen Erregungen von zweierlei Art geliefert werden, 
die in Differenzen chemischer Natur begriindet sind. Die eine 
dieser Arten von Erregung bezeichnen wir als die spezifisch 
sexuelle und das betreffende Organ als die »erogeneZone« 
des von ihm ausgehenden sexuellen Partialtriebes.^) 

Bei den Perversionsneigungen, die fiir Mundhohle und 
Aftereroffnung sexuelle Bedeutung in Anspmch nehmen, ist 
die RoUe der erogenen Zone ohne weiteres ersichtlich. Die- 
selbe benimmt sich in jeder Hinsicht wie ein Stuck des Ge- 
schleehtsapparats. Bei der Hysterie werden diese Korperstellen 
und die von ihnen ausgehenden Schleimhauttrakte in ganz 
ahnlicher Weise der Sitz von neuen Sensationen und Innerva- 
tionsanderungen wie die eigentlichen Genitalien unter den Er- 
regungen der normalen Geschlechtsvorgange. 

Die Bedeutung der erogenen Zonen als Nebenapparate 
und Surrogate der Genitalien tritt unter den Psycho- 
neurosen bei der Hysterie am deutlichsten hervor, womit 
aber nicht behauptet werden soil, daB sie fiir die anderen 
Erkrankungsformen geringer einzuschatzen ist. Sie ist hier 
nur unkenntlicher, well sich bei diesen (Zwangsneurose, 
Paranoia) die Symptombildung in Regionen des seelischen 
Apparats voUzieht, die weiter ab von den Zentralstellen 
fiir die Korperbeherrschung liegen. Bei der Zwangsneurose 
ist die Bedeutung der Impulse, welche neue Sexualziele 
schaffen und von erogenen Zonen unabhangig erscheinen, 
das Auffalligere. Doch entspricht bei der Schau- und Exhi- 
bitionslust das Auge einer erogenen Zone, bei der Schmerz- 
und Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes ist es die 
Haut, welche die gleiche Rolle iibernimmt, die Haut, die 
sich an besonderen Korperstellen zu Sinnesorganen differen- 



') Es ist nicht leicht, diese Annahmen, die aus dem Studium 
einer bestimmten Klasse von neurotischen Erkrankungen geschopft 
sind, hier zu rechtfertigen. Anderseits wird es aber unmoglich, etwas 
Stichhaltiges iiber die Triebe auszusagen, wenn man sich die Erwah- 
nung dieser Voraussetzungen erspart. 

Freud, Sexualtheorie. 3. Auflage. 3 



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34 I- I^ie sexuellen Abirrungen. 

ziert und zur Schleimhaut modifiziert hat, also die erogene 
Zone xai* s^oj^r^v.^) 

ErklHrung des scheinbaren 0berwiegens perverser SexualitSLt 

bei den Psychoneurosen. 

Durch die vorstehenden Erorterungen ist die Sexualitat 
der Psychoneiirotiker in eia moglicherweise falsches Licht ge- 
riickt worden. Es hat den Anschein bekommen, als naherten 
sich die Psychoneurotiker in ihrem sexuellen Verhalten der 
Anlage nach sehr den Perversen und entfernten sich dafur um 
ebensoviel von den Normalen. Nun ist sehr wohl moglich, 
daB die konstitutionelle Disposition dieser Kranken auBer einem 
ubergroBen MaB von Sexualverdrangung und einer iibermach- 
tigen Starke des Sexualtriebes eine ungewohnliche Neigung zur 
Perversion im weitesten Sinne mitenthalt, allein die Unter- 
suchung leichterer Falle zeigt, daB letztere Annahme nicht 
unbedingt erforderlich ist, oder daB zum mindesten bei der 
Beurteilung der krankhaften Effekte die Wirkung eines Faktors 
in Abzug gebracht werden muB. Bei den meisten Psycho- 
neurotikern tritt die Erkrankung erst nach der Pubertatszeit 
auf unter der Anforderung des normalen Sexuallebens. Gegen 
dieses richtet sich vor allem die Verdrangung. Oder spatere 
Erkrankungen stellen sich her, indem der Libido auf normalem 
Wege die Befriedigung versagt wird. In beiden Fallen verhalt 
sich die Libido wie ein Strom, dessen Hauptbett verlegt wird ; 
sie fiillt die koUateralen Wege aus, die bisher vielleicht leer 
geblieben waren. Somit kann auch die scheinbar so groBe 
(allerdings negative) Perversionsneigimg der Psychoneurotiker 
eine kollateral bedingte, muB jedenfalls eine kollateral erhohte 
sein. Die Tatsache ist eben, daB man die Sexualverdrangung 
als inneres Moment jenen auBeren anreihen muB, welche wie 
Freiheitseinschrankung, Unzuganglichkeit des normalen Sexual- 
objekts, Gefahren des normalen Sexualaktes usw. Perversio- 
nen bei Individuen entstehen lassen, welche sonst vielleicht 
normal geblieben waren. 

^) Man muB hier der Aufstellung von Moll gedenken, welche 
den Sexualtrieb in Kontrektations- und Detumeszenztrieb zerlegt. 
Kontrektation bedeutet ein Bediirfnis nach Hautberiihrung. 



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Infantilismus der Sexualitat. 35 

In den einzelnen Fallen von Nenrose mag es sich hierin 
verschieden verhalten, das einemal die angeborene Hohe der 
Perversionsneigung, das anderemal die koUaterale Hebung 
derselben durch die Abdrangung der Libido vom normalen 
Sexualziel und Sexualobjekt das MaBgebendere sein. Es ware 
unrecht, eine Gegensatzlichkeit zu konstruieren, wo ein Ko- 
operationsverhaltnis vorliegt. Ihre groBten Leistungen wird die 
Neurose jedesmal zu stande bringen, wenn Konstitution und 
Erleben in demselben Sinne zusammenwirken. Eine ausge- 
sprochene Konstitution wird etwa der Unterstiitzung durch die 
Lebenseindriicke entbehren konnen, eine ausgiebige Erschiitte- 
rung im Leben etwa die Neurose auch bei durchschnittlicher 
Konstitution zu stande bringen. Diese Gesichtspunkte gelten 
ubrigens in gleieher Weise fiir die atiologische Bedeutung 
von Angeborenem und akzidentell Erlebtem auch auf anderen 
Gebieten. 

Bevorzugt man die Annahme, daB eine besonders aus- 
gebildete Neigung zu Perversionen doch zu den Eigentiim- 
lichkeiten der psychoneurotischen Konstitution gehort, so eroff- 
net sich die Aussicht, je nach dem angeborenen Vorwiegen 
dieser oder jener erogenen Zone, dieses oder jenes Partial- 
triebes, eine Mannigfaltigkeit solcher Konstitutionen unter- 
scheiden zu konnen. Ob der perversen Veranlagung eine 
besondere Beziehung zur Auswahl der Erkrankungsforni zu- 
kommt, dies ist wie so vieles auf diesem Gebiete noch nicht 
untersucht. 

Verweis auf den Infantilismus der Sexualitat. 

Durch den Nachweis der perversen Regungen als Sym- 
ptombildner bei den Psychoneurosen haben wir die Anzahl der 
Menschen, die man den Perversen zurechnen konnte, in ganz 
auBerordentlicher Weise gesteigert. Nicht nur daB die Neu- 
rotiker selbst eine sehr zahlreiche Menschenklasse darstellen ; 
es ist auch in Betracht zu ziehen, daB die Neurosen von alien 
ihren Ausbildungen her in liickenlosen Reihen zur Gesundheit 
abklingen; hat doch Moebius mit guter Berechtigung sagen 
konnen : Wir sind alle ein wenig hysterisch. Somit werden 

3* 



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36 I- I^ie sexuellen Abirrungen. 

wir durch die auBerordentliche Verbreitung der Perversionen 
zu der Annahme gedrangt, daB auch die Anlage zu den Per- 
versionen keine seltene Besonderheit, sondem ein Stiick der 
fiir normal geltenden Konstitution sein miisse. 

Wir haben gehort, daJB es strittig ist, ob die Perversionen 
auf angeborene Bedingungen zuriickgehen oder dnrch zufallige 
Erlebnisse entstehen, wie esBinet fiir den Fetischismus nach- 
gewiesen hat. Nun bietet sich uns die Entscheidung, daB den 
Perversionen allerdings etwas Angeborenes zu Grunde liegt, 
aber etwas, was alien Menschen angeboren ist, als 
Anlage in seiner Intensitat schwanken mag und der Hervor- 
hebimg durch Lebenseinfliisse wartet. Es handelt sich um an- 
geborene, in der Konstitution gegebene Wurzeln des Sexual- 
triebes, die sich in der einen Reihe von Fallen zu den wirk- 
lichen Tragem der Sexualtatigkeit entwickeln (Perverse), an- 
dere Male eine ungeniigende Unterdriickung (Verdrangung) 
erfahren, so daB sie auf einem Umweg als Krankheitssym- 
ptome einen betrachtlichen Teil der sexuellen Energie an sich 
Ziehen konnen, wahrend sie in den giinstigsten Fallen zwischen 
beiden Extremen durch wirksame Einschrankimg und sonstige 
Verarbeitung das sogenannte normale Sexualleben entstehen 
lassen. 

Wir werden uns aber ferner sagen, daB die angenom- 
mene Konstitution, welche die Keime zu alien Perversionen auf- 
weist, nur beim Kinde aufzeigbar sein wird, wenngleich bei 
ihm alle Triebe nur in bescheidenen Intensitaten auftreten 
konnen. Ahnt uns so die Formel, daB die Neurotiker den 
infantilen Zustand ihrer Sexualitat beibehalten haben oder auf 
ihn zuriickversetzt worden sind, so wird sich unser Interesse dem 
Sexualleben des Kindes zuwenden, und wir werden das Spiel 
der Einfliisse verfolgen woUen, die den EntwicklungsprozeB 
der kindlichen Sexualitat bis zum Ausgang in Perversion, 
Neurose oder normales Geschlechtsleben beherrschen. 



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II. 

Die infantile Sexualitat. 

Es ist ein Stuck der popularen Meinung iiber den Ge- 
schlechtstrieb, daB er der Kindheit fehle und erst in der als 
Pubertat bezeichneten Lebensperiode erwache. AUein dies ist 
nicht nur ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer 
Irrtum, da er hauptsachlich unsere gegenwartige Unkenntnis 
der grundlegenden Verhaltnisse des Sexuallebens verschuldet. 
Ein griindliches Studium der SexualauBerungen in der Kind- 
heit wiirde uns wahrscheinlich die wesentlichen Ziige des Ge- 
schlechtstriebes aufdecken, seine Entwicklung verraten nnd 
seine Zusammensetznng aus verschiedenen Quellen zeigen. 

Es ist bemerkenswert, daB die Autoren, welche sich mit ^.Y**; 
der Erklarung der Eigenschaften und Reaktionen des erwach- des 
senen Individuums beschaftigen, jener Vorzeit, welche durch die infantuen. 
Lebensdauer der Ahnen gegeben ist, so viel mehr Aufmerksam- 
keit geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr EinfluB zu- 
gesprochen haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in 
die individuelle Existenz der Person fallt, der Kindheit nam- 
lich. Man sollte doch meinen, der EinfluB dieser Lebensperiode 
ware leichter zu verstehen und hatte ein Anrecht, vor dem der 
Erblichkeit beriicksichtigt zu werden.^) Man findet zwar in 
der Literatur gelegentliche Notizen iiber friihzeitige Sexual- 
betatigung bei kleinen Kindern, uber Erektionen, Masturbation 
und selbst koitusahnliche Vornahmen, aber immer nur als aus- 
nahmsweise Vorgange, als Kuriosa oder als abschreckende Bei- 



*) Es ist ja auch nicht moglich, den der Erblichkeit gebiih- 
renden Anteil richtig zu erkennen, ehe man den der Kindheit zuge- 
horigen gewiirdigt hat. 



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38 !!• I^ie infantile Sexualitat. 

spiele voreiliger Verderbtheit angefiihrt. Kein Autor hat mei- 
nes Wissens die GesetzmaBigkeit eines Sexualtriebes in der 
Kindheit klarerkannt und in den zahlreich gewordenen Schrif- 
ten iiber die Entwicklung des Kindes wird das Kapitel 
»Sexuelle Entwicklung« meist iibergangen.^) 



^) Die hier niedergeschriebene Behauptung erschien mir selbst 
nachtraglich als so gewagt, daB ich mir vorsetzte, sie durch noch- 
malige Durchsicht der Literatur zu priifen. Das Ergebnis dieser tJber- 
priifung war, daB ich sie unverandert stehen lieB. Die wissenschaft- 
liche Bearbeitung der leiblichen wie der seelischen Phanomene der 
Sexualitat im Kindesalter befindet sich in den ersten Anfangen. Ein Autor 
S. Bell (A preliminary study of the Emotion of love between the sexes, 
American Journal of Psychology, XIII, 1902) auBert: I know of no 
scientist, who has given a careful analysis of the emotion as it is seen 
in the adolescent. — Somatische SexualauBerungen aus der Zeit vor 
der Pubertat haben nur im Zusammenhange mit Entartungserschei- 
nungen und als Zeichen von Entartung Aufmerksamkeit gewonnen. 

— Ein Kapitel iiber das Liebesleben der Kinder fehlt in alien Dar- 
stellungen der Psychologie dieses Alters, die ich gelesen habe, so in 
den bekannten Werken von Preyer, Baldwin (Die Entwicklung des 
Geistes beim Kinde und bei der Rasse, 1898), Perez (L^enfant de 
3—7 ans, 1894), Striimpell (Die padagogische Pathologic, 1899), Karl 
Groos (Das Seelenleben des Kindes, 1904), Th. Heller (GrundriB 
der Heilpadagogik, 1904), Sully (Untersuchungen iiber die Kindheit, 
1897) u. a. Den besten Eindruck von dem heutigen Stande auf diesem 
Gebiet holt man sich aus der Zeitschrift »Die Kinderfehler« (von 1896 
an). — Doch gewinnt man die Uberzeugung, daB die Existenz der 
Liebe im Kindesalter nicht mehr entdeckt zu werden braucht. P^rez 
(1. c.) tritt fur sie ein; bei K. Groos (Die Spiele der Menschen, 1899) 
findet sich als allgemein bekannt erwahnt, » daB manche Kinder schon 
sehr friih fiir sexuelle Regungen zuganglich sind und dem anderen 
Geschlecht gegeniiber einen Drang nach Beriihrungen empfinden* 
(S. 336); der friiheste Fall von Auftreten geschlechtlicher Liebes- 
regungen (sex-lo\e) in der Beobachtungsreihe von S. Bell betraf ein 
Kind in der Mitte des dritten Jahres. — Vergleiche hiezu noch Have- 
lock Ellis, Das Geschlechtsgefiihl (iibersetzt von Kurella), 1903, 
Appendix, II. 

Das oben stehende Urteil iiber die Literatur der infantilen 
Sexualitat braucht seit dem Erscheinen des groB angelegten Werkes 
von Stanley Hall (Adolescence its psychology and its relations to 
physiology, anthropology, sociology, sex, crime, religion and education. 
Two volumes, New York 1908) nicht mehr aufrecht erhalten zu werden. 

— Das rezente Buch von A. Moll, Das Sexualleben des Kindes, Berlin 
1909, bietet keinen AnlaB zu einer solchen Modifikation. Siehe dagegen : 



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Vernachlassigung der Infantilen. 39 

Den Grund fiir diese merkwiirdige Vernachlassigung suche infantile 
ich zum Teil in den konventionellen Riicksichten, denen die -^J"^*®*®- 
Autoren infolge ihrer eigenen Erziehung Rechnung tragen, zum 
anderen Teil in einem psychischen Phanomen, welches sich 
bis jetzt selbst der Erklarung entzogen hat. Ich meine hiemit 
die eigentiimliche Amnesic, welche den meisten Menschen 
(nicht alien!) die ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 
8. Lebensjahre verhiillt. Es ist uns bisher noch nicht ein- 
gef alien, uns iiber die Tatsache dieser Amnesic zu verwundern ; 
aber wir hatten guten Grund dazu. Denn man berichtet uns, 
daB wir in diesen Jahren, von denen wir spater nichts im 
Gedachtnis behalten haben als einige imverstandliche Erinne- 
rungsbrocken, lebhaft auf Eindriicke reagiert hatten, daJB wir 
Schmerz und Freude in menschlicher Weise zu auBern ver- 
standen, Liebe, Eifersucht und andere Leidenschaften gezeigt, 
die uns damals heftig bewegten, ja daJ3 wir Ausspriiche getan, 
die von den Erwachsenen als gute Beweise fiir Einsicht und 
beginnende Urteilsfahigkeit gemerkt wurden. Und von alledem 
wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. Warum bleibt 
imser Gedachtnis so sehr hinter unseren anderen seelischen 
Tatigkeiten zuriick? Wir haben doch Grund zu glauben, dafl 
es zu keiner anderen Lebensweise aufnahms-und reproduktions- 
fahiger ist als gerade in den Jahren der Kindheit.^) 

Auf der anderen Seite miissen wir annehmen oder konnen 
uns durch psychologische Untersuchung an anderen davon iiber- 
zeugen, daB die namlichen Eindriicke, die wir vergessen haben, 
nichtsdestoweniger die tiefsten Spuren in unserem Seelenleben 
hinterlassen haben und bestimmend fiir unsere ganze spatere 
Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um gar keinen 
wirklichen Untergang der Kindheitseindrucke handeln, sondern 
um eine Amnesic, ahnlich jener, die wir bei den Neurotikern 

Bleuler, Sexuelle Abnormitaten der Kinder. (Jahrbuch der schweize- 
rischen Gesellschaft fiir Schulgesundheitspflege, IX, 1908.) 

Ein Buch von Frau Dr. H. v. Hug-Hellmuth, Aus dem 
Seelenleben des Kindes, 1913 hat seither dem vernachlassigten sexuellen 
Faktor vollauf Rechnung getragen. 

^) Fines der mit den friihesten Kindheitserinnerungen verkniipften 
Probleme habe ich in einem Aufsatze »Uber Deckerinnerungen« (Mo- 
natsschrift fiir Psychiatric und Neurologic, VI, 1899) zu losen versucht. 



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40 II- I^ie infantile Sexualitat. 

fiif spatere Erlebnisse beobachten, und deren Wesen in einer 
bloBen Abhaltimg von BewuBtsein (Verdrangiing) besteht. 
Aber welche Krafte bringen diese Verdrangung der Kindheits- 
eindriicke zu stande ? Wer dieses Ratsel loste, hatte wohl auch 
die hysterische Amnesie aufgeklart. 

Immerhin woUen wir nicht versaumen hervorzuheben, daB 
die Existenz der infantUen Aninesie einen neuen Vergleichs- 
punkt zwischen dem Seelenzustand des Kindes und dem des 
Psychoneurotikers schafft. Einem anderen sind wir schon 
friiher begegnet, als sich uns die Formel aufdrangte, daB 
die Sexualitat der Psychoneurotiker den kindlichen Stand- 
punkt bewahrt hat oder auf ihn zuriickgefiihrt worden ist. 
Wenn nicht am Ende die infantile Amnesie selbst wieder 
mit den sexuellen Regungen der Kindheit in Beziehung zu 
bringen ist! 

Es ist iibrigens mehr als ein bloBes Spiel des Witzes, die 
infantile Amnesie mit der hysterischen zu verkniipfen. Die 
hysterische Amnesie, die der Verdrangung dient, wird nur 
durch den Umstand erklarlich, daB das Individuum bereits 
einen Schatz von Erinnerungsspuren besitzt, welche der 
bewuBten Verfiigung entzogen sind, imd die nun mit assozia- 
tiver Bindung das an sich reiBen, worauf vom BewuBten her 
die abstoBenden Krafte der Verdrangung wirken.^) Ohne 
infantile Amnesie, kann man sagen, gabe es keine hysterische 
Amnesie. 

Ich meine nun, daB die infantile Amnesie, die fiir jeden 
einzelnen seine Kindheit zu einer gleichsam prahisto- 
rischen Vorzeit macht und ihm die Anfange seines eigenen 
Geschlechtslebens verdeckt, die Schuld daran tragt, wenn man 
der kindlichen Lebensperiode einen Wert fiir die Entwicklung 
des Sexuallebens im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner 
Beobachter kann die so entstandene Liicke in unserem Wissen 



^) Man kann den Mechanismus der Verdrangung nicht ver- 
stehen, wenn man nur einen dieser beiden zusammenwirkenden Vor- 
gange beriicksichtigt. Zum Vergleich moge die Art dienen, wie der 
Tourist auf die Spitze der groBen Pyramide von Gizeh befordert 
wird; er wird von der einen Seite gestoBen, von der anderen 
gezogen. 



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Die infantile Amnesie. 41 

nicht ausfiillen. Ich habe bereits 1896 die Bedeutung der 
Kinderjahre fiir die Entstehung gewisser wichtiger, vom 
Geschlechtsleben abhangiger Phanomene betont und seither 
nicht aufgehort, das infantile Moment fiir die Sexualitat in 
den Vordergrund zu riicken. 

Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und 
ihre Durchbrechungen. 

Die aiiBerordentlich haufigen Befimde von angeblich 
regelwidrigen und ausnahmsartigen sexuellen Regungen in 
der Kindheit sowie die Aufdeckung der bis dahin unbewuBten 
Kindheitserinnerungen der Neurotiker gestatten etwa folgendes 
Bild von dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu ent- 
werf en : ^) 

Es scheint gewiB, daB das Neugeborene Keime von 
sexuellen Regungen mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter 
entwickeln, dann aber einer fortschreitenden Unterdriickung 
unterliegen, welche selbst wieder durch regelrechte VorstoBe 
der Sexualentwicklung durchbrochen und durch individuelle 
Eigenheiten aufgehalten werden kann. Uber die Gesetz- 
maBigkeit und die Periodizitat dieses oszillierenden Ent- 
wicklungsganges ist nichts Gesichertes bekannt. Es scheint 
aber, daB das Sexualleben der Kinder sich zumeist um das 
dritte oder vierte Lebensjahr in einer der Beobachtung zu- 
ganglichen Form zum Ausdruck bringt.^) 



^) Letzteres Material wird durch die berechtigte Erwartung ver- 
wertbar, daB die Kinderjahre der spateren Neurotiker hierin nicht 
wesentlich, nur in Hinsicht der Intensitat und Deutlichkeit, von denen 
spater Gesunder abweichen diirften. 

^) Eine mogliche anatomische Analogic zu dem von mir behaup- 
teten Verhalten der infantilen Sexualfunktion ware durch den Fund 
von Bayer (Deutsches Archiv fiir klinische Medizin, Bd. 73) gegeben, 
daB die inneren Geschlechtsorgane (Uterus) Neugeborener in der 
Kegel groBer sind als die alterer Kinder. Indes ist die Auffassung 
dieser durch H alb an auch fiir andere Teile des Genitalapparates 
festgestellten Involution nach der Geburt nicht sichergestellt. Nach 
H alb an (Zeitschrift fiir Geburtshilfe und Gynakologie, LIII, 1904) 
ist dieser Riickbildungsvorgang nach wenigen Wochen des Extrauterin- 
lebens abgelaufen. 



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42 



II, Die infantile Sexualitat 



Die Sexual- 
heminiuif^en. 



Wahrend dieser Periode totaler oder bloB partieller 
Latenz warden die seelischen Machte aufgebaut, die spater 
dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den Weg treten und 
gleichwie Damme seine Richtung beengen werden (der Ekel, 
das Schamgefiihl, die asthetischen und moralischen Ideal- 
anforderungen). Man gewinnt beim Kulturkinde den Eindruck, 
daJJ der Aufbau dieser Damme ein Werk der Erziehung ist, 
und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. In Wirklichkeit 
ist diese Entwicklung eine organisch bedingte, hereditar fixierte, 
und kann sich gelegentlich ganz ohne Mithilfe der Erziehung 
herstellen. Die Erziehung verbleibt durchaus in dem ihr an- 
gewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf einschrankt, 
das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es etwas 
sauberer und tiefer auszupragen. 



v^'^**^^". Mit welchen Mitteln werden diese, fiir die spatere person- 

bildaniif and ' ^ ^ 

Sabiimierung. Uche Kultur und Normalitat so bedeutsamen Konstruktionen 
aufgefiihrt ? Wahrscheinlich auf Kosten der inf antilen Sexual- 
regungen selbst, deren ZufluB also auch in dieser Latenz- 
periode nicht aufgehort hat, deren Energie aber — ganz oder 
zum groJBten Telle — von der sexuellen Verwendung abgeleitet 
und anderen Zwecken zugefiihrt wird. Die Kulturhistoriker 
scheinen einig in der Annahme, daB durch solche Ablenkung 
sexueller Triebkrafte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf 
neue Ziele, ein ProzeB, der den Namen Sublimierung 
verdient, machtige Komponenten fiir alle kulturellenLeistungen 
gewonnen werden. Wir wiirden also hinzufiigen, daB der 
namliche ProzeB in der Entwicklung des einzelnen Indi- 
viduums spielt und seinen Beginn in die sexuelle Latenz- 
periode der Kindheit verlegen.^) 

Auch iiber den Mechanismus einer solchen Sublimierung 
kann man eine Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen 
dieser Kinderjahre waren einerseits unverwendbar, da die 
Fortpfanzungsfunktionen aufgeschoben sind, was den Haupt- 
charakter der Latenzperiode ausmacht, anderseits waren sie 
an sich pervers, d. h. von erogenen Zonen ausgehend imd 



*) Die Bezeichnung » sexuelle Latenzperiode^ entlehne ich eben- 
falls von W. FlieB. 



^y 



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Durchbriiche der Latenzzeit. 43 

von Trieben getragen, welche bei der Entwicklnngsrichtimg 
des Individuums nur Unlustempfindungen hervorrufen konnten. 
Sie rufen daher seelische Gegenkrafte (Reaktionsregungen) 
wach, die zur wirksamen Unterdriickung solcher Unlust die 
erwahnten psychischen Damme : Ekel, Scham und Moral, auf- 
bauen. ^) 

Ohne uns iiber die hypothetische Natur und die mangel- durchbriiche 
hafte Klarheit unserer Einsichten in die Vorgange der kind- Latenzzeit. 
lichen Latenz- oder Aufschubsperiode zu tauschen, wollen wir 
zur Wirklichkeit zuriickkehren, um anzugeben, daJ3 solche 
Verwendung der infantilen Sexualitat ein Erziehungsideal 
darstellt, von dem die Entwicklimg der einzelnen meist an 
irgend einer Stelle und oft in erheblichem MaBe abweicht. 
Es bricht zeitweise ein Stuck SexualauBerung durch, das sich 
der Sublimierung entzogen hat, oder es erhalt sich eine 
sexuelle Betatigung durch die ganze Dauer der Latenzperiode 
bis zum verstarkten Hervorbrechen des Sexualtriebes in der 
Pubertat. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie iiberhaupt 
der Kindersexualitat Aufmerksamkeit schenken, genau so, als 
teilten sie unsere Ansichten liber die Bildung der moralischen 
Abwehrmachte auf Kosten der Sexualitat und als wiLBten sie, 
daB sexuelle Betatigung das Kind unerziehbar macht, denn 
sie verfolgen alle sexuellen AuBerungen des Kindes als 
»Laster«, ohne viel gegen sie ausrichten zu konnen. Wir aber 
haben alien Grund, diesen von der Erziehung gefiirchteten 
Phanomenen Interesse zuzuwenden, denn wir erwarten von 
ihnen den AufschluB iiber die urspriingliche Gestaltung des 
Geschlechtstriebes. 

Die AuDerungen der infantilen Sexualit3.t« 

Aus spater zu ersehenden Motiven wollen wir unter den 
infantilen SexualauBerungen das L u d e 1 n ( Wonnesaugen) zum 

^) In dem hier besprochenen Falle geht die Sublimierung 
sexueller Triebkrafte auf dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. 
Im allgemeinen darf man aber Sublimierung und Reaktionsbildung 
als zwei verschiedene Prozesse begreiflich von einander scheiden. Es 
kann auch Sublimierungen durch andere und einfachere Mechanismen 
geben. 



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44 II. Die infantile Sexualitat. 

Muster nehmen, dem der ungarische Kinderarzt Lindner 
eine ausgezeichnete Studie gewidmet hat.^) 

Dag Latschen. Das Ludeln nnd Lutschen, das schon beim Saugling 

auftritt und bis in die Jahre der Reife fortgesetzt werden 
Oder sich durchs ganze Leben erhalten kann, besteht in einer 
rhythmisch wiederholten saugenden Beriihrung mit dem Mnnde 
(den Lippen), wobei der Zweck der Nahrimgsaufnahme aus- 
gesehlossen ist. Ein Teil der Lippe selbst, die Zunge, eine 
beliebige andere erreichbare Hautstelle — selbst die groBe 
Zehe — , werden zum Objekt genommen, an dem das Saugen 
ausgefiihrt wird. Ein dabei auftretender Greiftrieb auBert 
sich etwa durch gleichzeitiges rhythmisches Zupfen an Ohr- 
lappchen und kann sich eines Teiles einer anderen Person 
(meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemachtigen. Das 
Wonnesaugen ist mit voUer Aufzehrung der Aufmerksamkeit 
verbunden, fiihrt entweder zum Einschlafen oder selbst zu 
einer motorischen Reaktion in einer Art vonOrgasmus.^) Nicht 
selten kombiniert sich mit dem Wonnesaugen die reibende Be- 
riihrung gewisser empfindlicher Korperstellen, der Brust, der 
auBeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder 
vom Ludeln zur Masturbation. 

Lindner selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns 
klar erkannt und riickhaltlos betont. In der Kinderstube wird 
das Ludeln haufig den anderen sexuellen »Unarten« des Kindes 
gleichgestellt. Von seiten zahlreicher Kinder- und Nerven- 
arzte ist ein sehr energischer Einspruch gegen diese Auf- 
fassung erhoben worden, der zum Teil gewiB auf der Ver- 
wechslung von »sexuell« und »genital« beruht. Dieser 
Widerspruch wirft die schwierige und nicht abzuweisende 
Frage auf, an welchem allgemeinen Charakter wir die 
sexuellen AuBerungen des Kindes erkennen wollen. Ich meine, 



^) Im Jahrbuch fiir Kinderheilkunde, N. F., XIV, 1879. 

*) Hier erweist sich bereits, was furs ganze Leben Gultigkeit 
hat, daB sexuelle Befriedigung das beste Schlafniittel ist. Die meisten 
Falle von nervoser Schlaflosigkeit gehen auf sexuelle Unbefriedigung 
zuriick. Es ist bekannt, daB gewissenlose Kinderfrauen die schreienden 
Kinder durch Streichen an den Genitalien einschlafern. 



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Autoerotismus. 45 

daB der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen wir 
durch die psychoanalytische Untersuchung Einsicht gewonnen 
haben, uns berechtigt, das Ludeln als eine sexuelle AuBerung 
in Anspruch zu nehmen und gerade an ihm die wesentlichen 
Ziige der infantilen Sexualbetatigung zu studieren. 

Wir haben die Verpflichtnng, dieses Beispiel eingehend AutoerotigmnB. 
zu wiirdigen. Heben wir als den auffalligsten Charakter^ 
dieser Sexualbetatigung hervor, daB der Trieb nicht auf 
andere Personen gerichtet ist; er befriedigt sich am ei- 
genen Korper, er ist autoerotisch, um es mit einem/ 
gliicklichen, von Havelock Ellis eingefiihrten Namen 
zu sagen.^) 

Es ist ferner deutlich, daB die Handlung des lutsehenden 
Kindes durch das Suchen nach einer — bereits erlebten und 
nun erinnerten — Lust bestimmt wird. Durch das rhythmische 
Saugen an einer Haut- oder Schleimhautstelle findet es dann 
im einfachsten Falle die Befriedigung. Es ist auch leicht zu 
erraten, bei welchen Anlassen das Kind die ersten Erfahrungen 
dieser Lust gemacht hat, die es nun zu erneuem strebt. Die 
erste und lebenswichtigste Tatigkeit des Kindes, das Saugen 
an der Mutterbrust (oder an ihren Surrogaten), muB es bereits 
mit dieser Lust vertraut gemacht haben. Wir wiirden sagen, 
die Lippen des Kindes haben sich benommen wie eine ero- 
gene Zone, und die Reizung durch den warmen Milchstrom 
war wohl die Ursache der Lustempfindimg. Anf angs war wohl 
die Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des 
Nahrungsbediirfnisses vergesellschaftet. Die Sexualbetatigung 
lehnt sich zunachst an eine der zur Lebenserhaltung dienenden 
Fimktionen an und macht sich erst spater von ihr selbstandig. 
Wer ein Kind gesattigt von der Brust zuriicksinken sieht, mit 
geroteten Wangen und seligem Lacheln in Schlaf verfallen, 
der wird sich sagen miissen, daB dieses Bild auch fiir den 
Ausdruck der sexuellen Befriedigung im spateren Leben maB- 
gebend bleibt. Nun wird das Bediirfnis nach Wiederholung 



*) H. Ellis verdirbt nur den Sinn des von ihm gefundenen 
Terminus, wenn er die ganze Hysteric und die Masturbation in ihrem 
voUen Umfange zu den Phanomenen des Autoerotismus rechnet. 



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46 II- Die infantile Sexualitat. 

der sexuellen Bef riedigxing von deni Bediirfnis nach Nahrimgs- 
aufnahme getrennt, eine Trennung, die unvermeidlich ist, wenn 
die Zahne erscheinen und die Nahrimg nicht mehr-ausschlieBlich 
eingesogen, sondern gekaut wird. Eines f remden Objekts bedient 
sich das Kind zum Saugen nicht, sondern lieber einer eigenen 
Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil es sich so von 
der Aufienwelt unabhangig macht, die es zu beherrschen noch 
nicht vermag, und weil es sich solcher Art gleichsam eine 
zweite, wenngleich minderwertige, erogene Zone schafft. Die 
Minderwertigkeit dieser zweiten Stelle wird es spater mit dazu 
veranlassen, die gleichartigen Teile, die Lippen, einer anderen 
Person zu suchen. (»Schade, daJB ich mich nicht kiissen kanii«, 
mochte man ihm imterlegen.) 

Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daB jene 
Kinder dazu gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der 
Lippenzone konstitutionell verstarkt ist. Bleibt diese erhalten, 
so werden diese Kinder als Erwachsene KuBfeinschmecker 
werden, zu perversen Kiissen neigen, oder als Manner ein 
kraftiges Motiv zum Trinken und Rauchen mitbringen. Kommt 
aber die Verdrangung hinzu, so werden sie Ekel vor dem 
Essen empfinden und hysterisches Erbrechen produzieren. 
Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone wird die Verdran- 
gung auf den Nahrungstrieb libergreifen. Viele meiner Patien- 
tinnen mit EBstorungen, hysterischem Globus, Schniiren im 
Hals und Erbrechen waren in den Kinderjahren energische 
Ludlerinnen gewesen. 

Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die 
drei wesentlichen Charaktere einer infantilen SexualauBenmg 
bemerken konnen. Dieselbe entsteht in Anlehnung an eine 
der lebenswichtigen Korperfunktionen, sie kennt noch kein 
Sexualobjekt, ist autoerotisch, und ihr Sexualziel steht 
unter der Herrschaft einer erogenen Zone. Nehmen wir 
vorweg, daB diese Charaktere auch fiir die meisten anderen 
Betatigungen der infantilen Sexualtriebe gelten. 



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Infantile Sexualziele. 47 

Das Sexualziel der infantilen Sexualit&t. 

Aus dem Beispiel des Ludelns ist zur Kennzeichnung einer Charaktere 
erogenen Zone noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- ^z!men^ 
Oder Schleimhautstelle, an der Reizungen von gewisser Art 
eine Lustempfindung von bestimmter Qualitat hervorrufen. 
Es ist kein Zweifel, daU die lusterzeugenden Reize anbeson- 
dere Bedingungen gebunden sind; wir kennen dieselben nicht. 
Der rhythmische Charakter muB unter ihnen eine RoUe spielen, 
die Analogie mit dem Kitzelreiz drangt sich auf . Minder aus- 
gemacht scheint es, ob man den Charakter der durch den Reiz 
hervorgerufenen Lustempfindung als einen »besonderen« be- 
zeichnen darf, wo in dieser Besonderheit eben das sexuelle 
Moment enthalten ware. In Sachen der Lust und Unlust tappt 
die Psychologie noch so sehr im Dunkeln, daB die vorsichtigste 
Annahme die empfehlenswerteste sein wird. Wir werden spater 
vielleicht auf Griinde stoBen, welche die Besonderheitsqualitat 
der Lustempfindung zu unterstiitzen scheinen. 

Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Korperstellen in 
ausgezeichneter Weise anhaften. Es gibt pradestinierte erogene 
Zonen, wie das Beispiel des Ludelns zeigt. Dasselbe Beispiel 
lehrt aber auch, daB jede beliebige andere Haut- oder Schleim- 
hautstelle die Dienste einer erogenen Zone auf sich nehmen 
kann, also eine gewisse Eignung dazu mitbringen muB. Die 
Qualitat des Reizes hat also mit der Erzeugung der Lust- 
empfindung mehr zu tun als die Beschaffenheit der Korper- 
stelle. Das ludelnde Kind sucht an seinem Korper herum und 
wahlt sich irgend eine Stelle zum Wonnesaugen aus, die ihm 
dann durch Gewohnung die bevorzugte wird; wenn es zu- 
fallig dabei auf eine der pradestinierten Stellen stoBt (Brust- 
warze, Genitalien), so verbleibt freilich dieser der Vorzug. 
Die ganz analoge Verschiebbarkeit kehrt dann in der Sym- 
ptomatologie der Hysterie wieder. Bei dieser Neurose betrifft 
die Verdrangung die eigentlichen Genitalzonen am allermeisten, 
imd diese geben ihre Reizbarkeit an die librigen, sonst im 
reifen Leben zuriickgesetzten, erogenen Zonen ab, die sich 
dann ganz wie Genitalien gebarden. Aber auBerdem kann ganz 
wie beim Ludeln jede beliebige andere Korperstelle mit der 
Erregbarkeit der Genitalien ausgestattet und zur erogenen 



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48 II. I>ie infantile Sexualitat 

Zone erhoben werden. Erogene und hysterogene Zonen zeigen 
die namlichen Charaktere.^) 

infantiiet Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darln, die 

Befriedigung durch die geeignete Reizung der so oder so ge- 
wahlten erogenen Zone hervorzurufen. Diese Befriedigung muB 
vorher erlebt worden sein, um ein Bediirf nis nach ihrer Wieder- 
holung zuriickzulassen, und wir diirfen darauf vorbereitet sein, 
daB die Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um dieses 
Erleben der Befriedigung nicht dem Zufalle zu liberlassen. 
Die Veranstaltung, welche diesen Zweck fiir die Lippenzone 
erfiillt, haben wir bereits kennen gelemt, es ist die gleichzeitige 
Vorkniipfung dieser Korperstelle mit der Nahrungsaufnahme. 
Andore iilinliche Vorrichtungen werden uns noch als Quellen 
dor Sexualitat begegnen. Der Zustand des Bediirfnisses nach 
Wiedorholung der Befriedigung verrat sich durch zweierlei : 
(lurch oin oigontiimliches Spannungsgefiihl, welches an sich 
nu^hr vom Charakter der Unlust hat, und durch eine zen- 
t r a 1 b e d i n g t e, in die peripherische erogene Zone proji- 
'/i(U'to Juck- oder Reizempfindung. Man kann das Sexualziel 
liarum auch so formulieren, es kame darauf an, die proji- 
zierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen. 
auBeren Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung auf- 
hebt, indem er die Empfindung der Befriedigimg hervorruft. 
Dieser auBere Reiz wird zumeist in einer Manipulation beste- 
hen, die analog dem Saugen ist. 

Es ist nur im voUen Einklang mit unserem physiolo- 
gischen Wissen, wenn es vorkommt, daB das Bediirfnis 
auch peripherisch, durch eine wirkliche Veranderung an der 
erogenen Zone geweckt wird. Es wirkt nur einigermaBen 
befremdend, da der eine Reiz zu seiner Aufhebung nach 
einem zweiten, an derselben Stelle angebrachten, zu ver- 
langen scheint. 



^) Weitere Uberlegungen und die Verwertung anderer Beobach- 
tungen fiihren dazu, die Eigenschaft der Erogeneitat alien Korper- 
stellen und inneren Organen zuzuspreehen. Vgl. hiezu weiter unten 
iiber den NarziBmus. 



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Die Masturbation. 49 

Die masturbatorischen Sexual&uDerungen. 

Es kann uns nur hochst erfreulich sein zu finden, daB 
wir von der Sexualbetatigung des Kindes nicht mehr viel 
Wichtiges zu lernen haben, nachdem uns der Trieb von einer 
einzigen erogenen Zone her verstandlich geworden ist. Die 
deutlichsten Unterschiede beziehen sich auf die zur Befriedi- 
gung notwendige Vornahme, die f iir die Lippenzone im Saugen 
bestand, und die je nach Lage und Beschaf fenheit der anderen 
Zonen durch andere Muskelaktionen ersetzt werden muB. 

Die Afterzone ist ahnlieh wie die Lippenzone durch ihre Betatiguug 
Lage geeignet, eine Anlehnung der Sexualitat an andere Afterzone. 
Korperfunktionen zu vermitteln. Man mu6 sich die erogene 
Bedeutung dieser Korperstelle als urspriinglich sehr grofi vor- 
stellen. Durch die Psychoanalyse erfahrt man dann nicht ohne 
Verwunderung, welche Umwandlungen niit den von hier aus- 
gehenden sexuellen Erregungen normalerweise vorgenommen 
werden, und wie haufig der Zone noch ein betrachtliches Stiick 
genitaler Reizbarkeit fiirs Leben verbleibt.^) Die so haufigen 
Darmstorungen der Kinderjahre sorgen dafiir, daB es der 
Zone an intensiven Erregungen nicht fehle. Darmkatarrhe im 
zartesten Alter machen »nerv6s«, wie man sich ausdriickt; 
bei spaterer neurotischer Erkrankung nehmen sie einen be- 
stimmenden EinfluB auf den symptomatischen Ausdruck der 
Neurose, welcher sie die ganze Summe von Darmstorimgen 
zur Verfiigung stellen. Mit Hinblick auf die wenigstens in 
Umwandlung erhalten gebliebene erogene Bedeutung der 
Darmausgangszone darf man auch die hamorrhoidalen Ein- 
fliisse nicht verlachen, denen die altere Medizin fiir die Er- 
klarung neurotischer Zustande soviel Gewicht beigelegt hat. 

Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone aus- 
niitzen, verraten sich dadurch, daB sie die Stuhlmassen zuruck- 



*) Vergleiche hiezu die sehr reichhaltige, aber meist in den Ge- 
sichtspunkten unorientierte Literatur iiber Onanie, z. B. Ro hie der, 
Die Masturbation, 1899, ferner das II. Heft der Wiener Diskussionen 
»Die Onanie«, Wiesbaden 1912. 

*) Vergleiche den Aufsatz »Charakter und Analerotik« in der 
»Sanunlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre*, zweite Folge 1909. 

Freud, Sexualtheorie. 8. Auflage. 4 



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50 II- I>ie infantile Sexualitat. 

halten, bis dieselben durch ihre Anhaufung heftige Muskel- 
kontraktionen anregen und beim Durchgang durch den After 
einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausiiben konnen. Da- 
bei muB wohl neben der schmerzhaften die WoUustempfindung 
zu stande kommen. Es ist eines der besten Vorzeichen spaterer 
Absonderlichkeit oder Nervositat, wenn ein Saugling sich hart- 
nackig weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den 
Topf gesetzt wird, also wenn es dem Pfleger beliebt, sondern 
diese Funktion seinem eigenen Belieben vorbehalt. Es komnit 
ihm natiirlich nicht darauf an, sein Lager schmutzig zu maehen ; 
er sorgt nur, daB ihm der Lustnebengewinn bei der Defaka- 
tion nicht entgehe. Die Erzieher ahnen wiederum das Richtige, 
wenn sie solche Kinder, die sich diese Verrichtungen »auf- 
heben«, schlimm nennen. 

Der Darminhalt, der als Reizkorper fiir eine sexuell 
empfindliche Schleimhautflache sich wie der Vorlaufer eines 
anderen Organs benimmt, welches erst nach der Kindheitsphase 
in Aktion treten soil, hat fiir den Saugling noch andere wichtige 
Bedeutungen. Er wird offenbar wie ein zugehoriger Korperteil 
behandelt, stellt das erste »Geschenk« dar, durch dessen Ent- 
auBerung die Gef iigigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz 
des kleinen Wesens gegen seine Umgebung ausgedriickt werden 
kann. Vom »Geschenk« aus gewinnt er dann spater die Bedeu- 
tung des »Kindes«, das nach einer der infantilen Sexualtheorien 
durch Essen erworben und durch den Darm geboren wird. 

Die Zuriickhaltung der Fakalmassen, die also anfangs 
eine absichtliche ist, um sie zur gleichsam masturbatorischen 
Reizung der Afterzone zu beniitzen, oder in der Relation zu 
den Pflegepersonen zu verwenden, ist iibrigens eine der Wur- 
zeln der bei den Neuropathen so haufigen Obstipation. Die 
ganze Bedeutung der Afterzone spiegelt sich dann in der Tat- 
sache, daB man nur wenige Neurotiker findet, die nicht ihre 
besonderen skatologischen Gebrauche, Zeremonien u. dgl. 
hatten, die von ihnen sorgfaltig geheim gehalten werden. 

Echte masturbatorische Reizung der Afterzone mit Hilfe 
des Fingers, durch zentral bedingtes oder peripherisch unter- 
haltenes Jucken hervorgerufen, ist bei alteren Kindern keines- 
wegs selten. 



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Die Masturbation. 51 



Unter den erogenen Zonen des kindlichen Korpers befin- Betatii^ung 

der 
Genitalzonen 



det sich eine, die gewiB nicht die erste RoUe spielt, auch nicht 



die Tragerin der altesten sexuellen Regungen sein kann, die 
aber zu groBen Dingen in der Zukunft bestimmt ist. Sie ist 
beim mannlichen wie beim weiblichen Kind in Beziehung zur 
Harnentleerung gebracht (Eiehel, Klitoris) und beim ersteren 
in einen Schleimhautsack einbezogen, sodaB es ihr an Rei- 
zungen durch Sekrete, welche die sexuelle Erregung friih- 
zeitig anfachen konnen, nicht fehlen kann. Die sexuellen Be- 
tatigungen dieser erogenen Zone, die den wirklichen Ge- 
schlechtsteilen angehort, sind ja der Beginn des spater »nor- 
malen« Geschlechtslebens. 

Durch die anatomische Lage, die Uberstromung mit Se- 
kreten, durch die Waschungen und Reibungen der Korper- 
pflege und durch gewisse akzidentelle Erregungen (wie die 
Wanderungen von Eingeweidewiirmern bei Madchen) wird es 
unvermeidlich, daB die Lustempfindung, welche diese Korper- 
stelle zu ergeben fahig ist, sich dem Kinde schon im Saug- 
lingsalter bemerkbar mache und ein Bediirfnis nach ihrer 
Wiederholung erwecke. tJberblickt man die Summe der vor- 
liegenden Einrichtungen und bedenkt, daB die MaBregeln zur 
Reinhaltung kaum anders wirken konnen als die Verunreinigung, 
so wird man sich kaum der Auffassung entziehen konnen, 
daB durch die Sauglingsonanie, der kaum ein Individuum 
entgeht, das kiinftige Primat dieser erogenen Zone fiir die 
Geschlechtstatigkeit festgelegt wird. Die den Reiz beseitigende 
und die Befriedigimg auslosende Aktion besteht in einer rei- 
benden Beriihrung mit der Hand oder in einem gewiB reflek- 
torisch vorgebildeten Druck durch die zusammenschlieBenden 
Oberschenkel. Letztere Vornahme ist die beim Madchen weitaus 
haufigere. Beim Knaben weist die Bevorzugung der Hand be- 
reits darauf hin, welchen wichtigen Beitrag zur mannlichen 
Sexualtatigkeit der Bemachtigungstrieb einst leisten wird.^) 

Es wird der Klarheit nur f order lich sein, wenn ich an- 
gebe, daB man drei Phasen der infantilen Masturbation zu 



^) Ungewohnliche Techniken bei der Ausfuhrung der Onanie 
in spateren Jahren scheinen auf den EinfluB eines iiberwundenen 
Onanieverbotes hinzuweisen. 



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52 II. Die infantile Sexualitat. 

unterscheiden hat. Die erste von ihnen gehort der Saugliugs- 
zeit an, die zweite der kurzen Blxitezeit der Sexualbetati- 
gung um das vierte Lebensjahr, erst die dritte entspricht 
der oft ausschlieBlich gewiirdigten Pubertatsonanie. 
Die zweite Die Sauglingsonanie scheint nach kurzer Zeit zu schwin- 

lichen Mastar- ^®^> doch kann mit der ununterbrochenen Fortsetzung der- 
batiou. selben bis zur Pubertat bereits die erste groBe Abweichung 
von der fiir den Kulturmenschen anzustrebenden Entwicklung 
gegeben sein. Irgend einmal in den Kinderjahren nach der 
Siiuglingszeit, gewohnlich vor dem vierten Jahr, pflegt der 
Sexualtrieb dieser Genitalzone wieder zu erwachen und dann 
wiederum eine Zeitlang bis zu einer neuen Unterdriickung 
anzuhalten oder sich ohne Unterbrechung fortzusetzen. Die 
moglichen Verhaltnisse sind sehr mannigfaltig und konnen 
nur durch genauere Zergliederung einzelner Falle erlautert 
werden. Aber alle Einzelheiten dieser z we it en infantilen 
Sexualbetatigung hinterlassen die tiefsten (unbewuBten) Ein- 
drucksspuren im Gedachtnis der Person, bestimmen die Ent- 
wicklung ihres Charakters, wenn sie gesund bleibt, und die 
Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie nach der Pubertat er- 
krankt.^) Im letzteren Falle findet man diese Sexualperiode 
vergessen, die fiir sie zeugenden bewuBten Erinnerungen 
verschoben; — ich habe schon erwahnt, daB ich auch die 
normale infantile Amnesic mit dieser infantilen Sexualbetati- 
gung in Zusammenhang bringen mochte. Durch psycho- 
analytische Erforschung gelingt es, das Vergessene bewuBt 
zu machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom 
unbewuBten psychischen Material ausgeht. 

wiederkehr Die Scxualerrcgung der Sauglingszeit kehrt in den bezeich- 

(ler saugiings- j^^t^jj Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz 

lua.sturbation. *' ° 

wieder, der zur onanistischen Befriedigung auffordert, oder 
als poUutionsartiger Vorgang, der analog der Pollution der 
Reifezeit die Befriedigung ohne Mithilfe einer Aktion erreicht. 
Letzterer Fall ist der bei Madchen und in der zweiten Halfte 



*) Warum das SchuldbewuBtsein der Neurotiker regelmaBig, wie 
nochkiirzlichBleuler anerkannt hat, an diese onanistische Betatigung 
ankniipft, harrt noch einer erschopfenden analytischen Aufklarung. 



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Die Masturbation. 53 

der Kindheit haufigere, in seiner Bedingtheit nicht ganz ver- 
standlich und scheint oft — nicht regelmaBig — eine Periode 
friiherer aktiver Onanie zur Voraussetzung zu haben. Die 
Symptomatik dieser SexualauBerungen ist armselig; fiir den 
noch unentwickelten Geschlechtsapparat gibt meist der Harn- 
apparat, gleichsam als sein Vormund, Zeichen. Die meisten 
sog. Blasenleiden dieser Zeit sind sexuelle Storungen; die 
Enuresis nocturna entspricht, wo sie nicht einen epileptischen 
Anfall darstellt, einer Pollution. 

Fiir das Wiederauftreten der sexuellen Tatigkeit sind 
innere Ursachen und auBere Anlasse maBgebend, die beide in 
neurotischen Erkrankungsfallen aus der Gestaltung der Sym- 
ptome zu erraten und durch die psychoanalytische Forschung 
mit Sicherheit aufzudecken sind. Von den inneren Ursachen 
wird spater die Rede sein; die zufalligen auBeren Anlasse 
gewinnen um diese Zeit eine groBe und nachhaltige Bedeutung. 
Voran steht der EinfluB der Verfiihrung, die das Kind vor- 
zeitig als Sexualobjekt behandelt und es unter eindrucksvoUen 
Umstanden die Befriedigung von den Genitalzonen kennen 
lehrt, welche sich onanistisch zu erneuern es dann meist ge- 
zwungen bleibt. Solche Beeinflussung kann von Erwachsenen 
Oder anderen Kindern ausgehen ; ich kann nicht zugestehen, 
daB ich in meiner Abhandlung 1896 »Uber die Atiologie der 
Hysterie« die Haufigkeit oder die Bedeutung derselben iiber- 
schatzt habe, wenngleich ich damals noch nicht wuBte, daB 
normal gebliebene Individuen in ihren Kinder jahren die 
namlichen Erlebnisse gehabt haben konnen, und darum die 
Verfiihrung hoher wertete als die in der sexuellen Konstitution 
und Entwicklung gegebenen Faktoren.^) Es ist selbstver- 
standlich, daB es der Verfiihrung nicht bedarf, um das Sexual- 
leben des Kindes zu wecken, daB solche Erweckung auch 
spontan aus inneren Ursachen vor sich gehen kann. 



^) Havelock Ellis bringt in einem Anhang zu seiner Studie 
iiber das »Geschlechtsgefuhl« (1903) eine Anzahl autobiographischer 
Berichte von spater vorwiegend normal gebliebenen Personen iiber 
ihre ersten geschlechtlichen Regungen in der Kindheit und die Anlasse 
derselben. Diese Berichte leiden natiirlich an dem Mangel, daB sie die 
durch infantile Amnesie verdeckte, prahistorische Vorzeit des Ge- 



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54 



II. Die infantile Sexualitat. 



Polymorph 
perverse 
Anlage. 



Es ist lehrreich, dafi das Kind unter dem Einflufi der 
Verfiihrung polymorph pervers warden, zu alien moglichen 
"Oberschreitungen verleitet werden kann. Dies zeigt, daB es 
die Eignung dazu in seiner Anlage mitbringt ; die Ausf iihrung 
findet darum geringe Widerstande, weil die seelischen Damme 
gegen sexuelle Ausschreitimgen, Scham, Ekel und Moral, je 
nach dem Alter des Kindes noch nicht aufgefiihrt oder erst 
in Bildung begriffen sind. Das Kind verhalt sich hierin 
nicht anders als etwa das unkultivierte Durchschnittsweib, 
bei dem die namliche polymorph perverse Veranlagung er- 
halten bleibt. Dieses kann unter den gewohnlichen Bedingungen 
etwa sexuell normal bleiben, unter der Leitung eines ge- 
schickten Verfuhrers wird es an alien Perversionen Geschmack 
finden und dieselben fiir seine Sexualbetatigung festhalten. 
Die namliche polymorphe, also infantile, Anlage beutet dann 
die Dime fur ihre Berufstatigkeit aus, und bei der riesigen 
Anzahl der prostituierten Frauen und solcher, denen man die 
Eignung zur Prostitution zusprechen muB, obwohl sie dem 
Berufe entgangen sind, wird es endgiiltig unmoglich, in der 
gleichmaBigen Anlage zu alien Perversionen nicht das all- 
gemein Menschliche und Urspriingliche zu erkennen. 



Partiaitriebe. Im iibrigen hilft der EinfluB der Verfiihrung nicht dazu, 

die anfanglichen Verhaltnisse des Geschlechtstriebes zu ent- 
hiillen, sondern verwirrt unsere Einsicht in dieselben, indem 
er dem Kinde vorzeitig das Sexualobjekt zufiihrt, nach dem 
der infantile Sexualtrieb zunachst kein Bedurfnis zeigt. 
Indes miissen wir zugestehen, daB auch das kindliche Sexual- 
leben, bei allem tJberwiegen der Herrschaft erogener Zonen, 
Komponenten zeigt, fiir welche andere Personen als Sexual- 
objekte von Anfang an in Betracht kommen. Solcher Art 
sind die in gewisser Unabhangigkeit von erogenen Zonen 
auftretenden Triebe der Schau- und Zeigelust und der 



schlechtslebens nicht enthalten, welche nur durch Psychoanalyse bei 
einem neurotisch gewordenen Individuum erganzt werden kann. Die- 
selben sind aber trotzdem in mehr als einer Hinsicht wertvoll und 
Erkundigungen der gleichen Art haben mich zu der im Text erwahnten 
Modifikation meiner atiologischen Annahmen bestimmt. 



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Partialtriebe. 55 

Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen zum Genitalleben 
erst spater eintreten, aber schon in den Kinderjahren als 
zunachst von der erogenen Sexualtatigkeit gesonderte, selb- 
standige Strebungen bemerkbar werden. Das kleine Kind 
ist vor allem schamlos und zeigt in gewissen friihen Jahren 
ein imzweideutiges Vergniigen an der EntbloBung seines 
Korpers mit besonderer Hervorhebung der Geschlechtsteile. 
Das Gegenstiick dieser als pervers geltenden Neigung, die 
Neugierde, Genitalien anderer Personen zu sehen, wird wahr- 
scheinlich erst in spateren Kinderjahren offenkundig, wenn das 
Hindernis des Schamgefiihls bereits eine gewisse Entwicklung 
erreicht hat. Unter dem EinfluB der Verfiihrung kann die 
Schauperversion eine groBe Bedeutung fiir das Sexualleben 
des Kindes erreichen. Doch muB ich aus meinen Erforschungen 
der Kinder] ahre Gesunder wie neurotisch Kr anker den SchluB 
Ziehen, daB der Schautrieb beim Kinde als spontane Sexual- 
auBerung aufzutreten vermag. Kleine Kinder, deren Aufmerk- 
samkeit einmal anf die eigenen Genitalien — meist mastur- 
batorisch — gelenkt ist, pflegen den weiteren Fortschritt ohne 
fremdes Dazutun zu treffen und lebhaftes Interesse fiir die 
Genitalien ihrer Gespielen zu entwickeln. Da sich die Ge- 
legenheit, solche Neugierde zu befriedigen, meist nur bei der 
Befriedigung der beiden exkrementellen Bediirfnisse ergibt, 
werden solche Kinder zu Voyeurs, eifrigen Zuschauern bei der 
Ham- und Kotentleerung anderer. Nach eingetretener Ver- 
drangung dieser Neigungen bleibt die Neugierde, fremde Geni- 
talien (des eigenen oder des anderen Geschlechtes) zu sehen, 
als qualender Drang bestehen, der bei manchen neurotischen 
Fallen dann die starkste Triebkraft fiir die Symptombildung 
abgibt. 

In noch groBerer Unabhangigkeit von der sonstigen, an 
erogene Zonen gebundenen Sexualbetatigung entwickelt sich 
beim Kinde die Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. 
Grausamkeit liegt dem kindlichen Charakter iiberhaupt nahe, 
da das Hemmnis, welches den Bemachtigungstrieb vor dem 
Schmerz des anderen Halt machen laBt, die Fahigkeit zum 
Mitleiden, sich verhaltnismaBig spat ausbildet. Die griindliche 
psychologische Analyse dieses Triebes ist bekanntlich noch nicht 



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56 II* I^i^ infantile Sexualitat. 

gegliickt; wir diirfen annehmen, da6 die grausame Regung 
vom Bemachtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im 
Sexualleben auftritt, da die Genitalien noch nicht ihre spatere 
Rolle aufgenommen haben. Sie beherrscht dann eine Phase 
des Sexuallebens, die wir spater als pragenitale Organisation 
beschreiben werden. Kinder, die sich durch besondere Grau- 
samkeit gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken 
gewohnlicli mit Recht den Verdacht auf intensive und vor- 
zeitige Sexualbetatigung von erogenen Zonen her, und bei 
gleichzeitiger Friihreife aller sexuellen Triebe scheint die 
erogene Sexualbetatigung doch die primare zu sein. Der Weg- 
fall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit sich, daB diese 
in der Kindheit erfolgte Verkniipfung der grausamen mit den 
erogenen Trieben sich spaterhin im Leben als unlosbar erweise. 
Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grau- 
samkeit (des Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der 
GesaBhaut alien Erziehern seit dem Selbstbekenntnis J. J. 
Rousseaus bekannt. Sie haben hieraus mit Recht die For- 
derung abgeleitet, daB die korperliche Ziichtigung, die zu- 
meist diese Korperpartie trifft, bei all den Kindem zu unter- 
bleiben habe, bei denen durch die spateren Anforderungen 
der Kulturerziehung die Libido auf die kollateralen Wege 
gedrangt werden mag.^) 



*) Zu den obenstehenden Behauptungen liber die infantile 
Sexualitat war ich im Jahre 1905 wesentlich durch die Resultate 
psychoanalytischer Erforschung von Erwachsenen berechtigt Die 
direkte Beobachtung am Kinde konnte damals nicht im vollen Aus- 
maB beniitzt werden und hatte nur vereinzelte Winke und wertvolle 
Bestatigungen ergeben. Seither ist es gelungen, durch die Analyse 
einzelner Falle von nervoser Erkrankung im zarten Kindesalter einen 
direkten Einblick in die infantile Psychosexualitat zu gewinnen (Jahr- 
buch fiir psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 
Bd. I, 1909 und weitere). Ich kann mit Befriedigung darauf verweisen, 
daB die direkte Beobachtung die Schliisse aus der Psychoanalyse voll 
bekraftigt und somit ein gutes Zeugnis fiir die VerlaBlichkeit dieser 
letzteren Forschungsmethode abgegeben hat 

Die »Analyse der Phobic eines 5jahrigen Knaben« (Jahrbuch 
Bd. I) hat iiberdies manches Neue gelehrt, worauf man von der 
Psychoanalyse her nicht vorbereitet war, z. B. das Hinaufreichen einer 
sexuellen Symbolik, einer Darstellung des Sexuellen durch nicht 



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Die infantile Sexualforschung. 57 

Die infantile Sexualforschung. 

Urn dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine ner wifltrieb. 
erste Bliite erreicht, vom 3. bis zum 5. Jahr, stellen sich bei 
ihm auch die Anfange jener Tatigkeit ein,* die man dem 
WiB- Oder Forschertrieb zuschreibt. Der WiBtrieb kann 
weder zu den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch 
ausschlieBlich der Sexualitat imtergeordnet werden. Sein Tun 
entspricht einerseits einer sublimierten Weise der Bemach- 
tigung, anderseits arbeitet er mit der Energie der Schaulust. 
Seine Bezieliungen zum Sexualleben sind aber besonders be- 
deutsame, denn wir haben aus der Psychoanalyse erfahren, 
da6 der WiBtrieb der Kinder unvermutet friih und in uner- 
wartet intensiver Weise von den sexuellen Problemen an- 
gezogen, ja vielleicht erst durch sie geweckt wird. 

Nicht theoretisclie, sondern praktische Interessen sind es, Das Ratsei der 
die das Werk der Forschertatigkeit beim Kinde in Gang sphinx, 
bringen. Die Bedrohung seiner Existenzbedingungen durch 
die erfahrene oder vermutete Ankunft eines neuen Kindes, 
die Furcht vor dem mit diesem Ereignis verbundenen Ver- 
lust an Fiirsorge und Liebe machen das Kind nachdenklich 
und scharfsinnig. Das erste Problem, mit dem es sich be- 
schaftigt, ist entsprechend dieser Erweckungsgeschichte auch 
nicht die Frage des Geschlechtsunterschieds, sondern das 
Ratsei : woher kommen die Kinder ? In einer Entstellung, die 
man leicht riickgangig machen kann, ist dies auch das 
Ratsei, welches die thebaische Sphinx aufzugeben hat. Die 
Tatsache der beiden Geschlechter nimmt das Kind vielmehr 
zunachst ohne Strauben und Bedenken hin. Es ist dem 
mannlichen Kinde selbstverstandlich, ein Genitale wie das 

sexuelle Objekte und Relationen bis in diese ersten Jahre der Sprach- 
beherrschung. Ferner wurde ich auf einen Mangel der obenstehenden 
Darstellung aufmerksam gemacht, welche im Interesse der Uber- 
sichtlichkeit die begriffliche Scheidung der beiden Phasen von Auto- 
erotismus und Objektliebe auch als eine zeitliche Trennung 
beschreibt. Man erfahrt aber aus den zitierten Analysen (sowie aus 
den Mitteilungen von Bell s. o.), daB Kinder im Alter von 3 bis 5 
Jahren einer sehr deutlichen, von starken Aff ekten begleiteten O b j e k t- 
wahl fahig sind. 



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58 



II. Die infantile Sexualitat 



Kastrations- 

komplex nnd 

Penisneid. 



seinige bei alien Personen, die es kennt, vorauszusetzen, irnd 
unmoglich, den Mangel eines solchen mit seiner Vorstellung 
dieser anderen zu vereinen. Diese (Jberzeugung wird vom 
Knaben energisch festgehalten, gegen die sich bald erge- 
benden Widerspriiche der Beobachtung hartnackig verteidigt 
und erst nach schweren inneren Kampfen (Kastrations- 
komplex) aufgegeben. Die Ersatzbildungen dieses verloren 
gegangenen Penis des Weibes spielen in der Gestaltung 
mannigfacher Perversionen eine groBe RoUe. 

Die Annahme des namlichen (mannlichen) Genitales bei 
alien Menschen ist die erste der merkwiirdigen und folgen- 
schweren infantilen Sexualtheorien. Es niitzt dem Kinde 
wenig, wenn die biologische Wissenschaft seinem Vorurteile 
recht geben und die weibliche Klitoris als einen richtigen 
Penisersatz anerkennen muB. Das kleine Madchen verfallt 
nicht in ahnliche Abweisungen, wenn es das anders gestaltete 
Genitale des Knaben erblickt. Es ist sofort bereit, es anzu- 
erkennen, und es unterliegt dem Penisneide, der in dem fiir 
die Folge wichtigen Wunsch, auch ein Bub zu sein, gipfelt. 

Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv 
sie sich in der Vorpubertatszeit fur die Frage interessiert 
haben, woher die Kinder kommen. Die anatomischen L6- 
sungen lauteten damals ganz verschiedenartig : sie kommen 
aus der Brust oder werden aus dem Leib geschnitten, oder 
der Nabel offriet sich, um sie durchzulassen. An die ent- 
sprechende Forschimg der friihen Kinderjahre erinnert man 
sich nur selten auBerhalb der Analyse; sie ist langst der 
Verdrangimg verfallen, aber ihre Ergebnisse waren durchaus 
einheitliche. Man bekommt die Kinder, indem man etwas Be- 
stimmtes iBt (wie im Marchen), und sie werden durch den 
Darm wie ein Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen Theorien 
mahnen an Einrichtungen im Tierreiche, speziell an die 
Kloake der Typen, die niedriger stehen als die Saugetiere. 

Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen 

^"sexuTiver^^* ^^^^^^^^ zwischen Erwachsenen, wozu die Uberzeugung der 

kehrs. Grofien, das kleine Kind konne noch nichts Sexuelles verstehen, 

die Anlasse schafft, so konnen sie nicht umhin, den Sexualakt 

als eine Art von MiBhandlimg oder tfberwaltigung, also im 



Geburts- 
tlieorien. 



Sadistische 



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Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation. 59 

sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse laBt uns 
auch erfahren, daB ein solcher friihkindlicher Eindruck viel 
zur Disposition fiir eine spatere sadistische Verschiebung des 
Sexualziels beitragt. Des weiteren beschaftigen sich Kinder 
viel mit dem Problem, worin der Geschlechtsverkehr oder, 
wie sie es erfassen, das Verheiratetsein bestehen mag, und 
suchen die Losung des Geheimnisses meist in einer Gemein- 
schaft, die durch die Harn- oder Kotfunktion vermittelt wird. 

Im allgemeinen kann man von den kindlichen Sexual- Das typische 
theorien aussagen, daB sie Abbilder der eigenen sexuellen jjij|^^j\"^g° g^. 
Konstitution des Kindes sind und trotz ihrer grotesken Irr- ^caaiforschuiiK. 
tiimer von mehr Verstandnis fiir die Sexualvorgange zeugen, 
als man ihren Schopfern zugemutet hatte. Die Kinder nehmen 
auch die Schwangerschaftsveranderungen der Mutter wahr 
und wissen sie richtig zu deuten; die Storchfabel wird sehr 
oft vor Horern erzahlt, die ihr ein tiefes, aber meist 
stummes MiBtrauen entgegenbringen. Aber da der kind- 
lichen Sexualforschung zwei Elemente unbekannt bleiben, die 
RoUe des befruchtenden Samens und die Existenz der weib- 
lichen Geschlechtsoffnung — , die namlichen Punkte ubrigens, 
in denen die infantile Organisation noch riickstandig ist — 
bleibt das Bemiihen der infantilen Forscher doch regelmaBig 
unfruchtbar und endet in einem Verzicht, der nicht selten 
eine dauernde Schadigung des WiBtriebes zuriicklaBt. Die 
Sexualforschung dieser friihen Kinderjahre wird immer 
einsam betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selb- 
standigen Orientierung in der Welt und setzt eine starke 
Entfremdung des Kindes von den Personen seiner Umgebung, 
die vorher sein voiles Vertrauen genossen hatten. 

Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation. 
Wir haben bisher als Gharaktere des infantilen Sexual- 
lebens hervorgehoben, daB es wesentlich autoerotisch ist (sein 
Objekt am eigenen Leibe findet), und daB seine einzelnen 
Partialtriebe im ganzen unverkniipft und unabhangig von 
einander dem Lusterwerb nachstreben. Den Ausgang der 
Entwicklung bildet das sogenannte normale Sexualleben des 
Erwachsenen, in welchem der Lusterwerb in den Dienst der 



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60 n. Die infantile Sexualitat. 

Fortpflanzungsfunktion getreten ist, und die Partialtriebe 
unter dem Primat einer einzigen erogenen Zone eine feste 
Organisation zur Erreiehung des Sexualziels an einem fremden 
Sexualobjekt gebildet haben. 
PragenitaieOr- Das Studium der Hemmungen und Storungen in diesem 
ganisationen. Entwicklungsgange mit Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns 
nun Ansatze und Vorstufen einer solchen Organisation der 
Partialtriebe zu erkennen, die gleichfalls eine Art von 
sexuellem Regime ergeben. Diese Phasen der Sexualorgani- 
sation werden normalerweise glatt durchlaufen, ohne sich 
durch mehr als Andeutungen zu verraten. Nur in patho- 
logischen Fallen werden sie aktiviert und fiir grobe Beobach- 
tung kenntlich. 

Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genital- 
zonen noch nicht in ihre vorherrschende RoUe eingetreten 
sind, woUen wir pragenitale lieiBen. Wir haben bisher 
zwei derselben kennen gelernt, die wie Riickfalle auf fruh- 
tierische Zustande annoiuten. 

Eine erste solche pragenitale Sexualorganisation ist die 
orale oder, wenn wir woUen, kannibalische. Die Sexual- 
tatigkeit ist hier von der Nahrungsaufnahme noch nicht ge- 
sondert, Gegensatze innerhalb derselben nicht differenziert. 
Das Objekt der einen Tatigkeit ist auch das der anderen, das 
Sexualziel besteht in der Einverleibung des Objekts, dem 
Vorbild dessen, was spaterhin als Identif izierung eine 
so bedeutsame psychische RoUe spielen wird. Als Rest dieser 
fiktiven, uns durch die Pathologie aufgenotigten Organi- 
sationsphase kann das Lutschen angesehen werden, in dem 
die Sexualtatigkeit, von der Ernahrungstatigkeit abgelost, das 
fremde Objekt gegen eines am eigenen Korper aufgegeben hat. 

Eine zweite pragenitale Phase ist die der sadistisch- 
analen Organisation. Hier ist die Gegensatzlichkeit, welche 
das Sexualleben durchzieht, bereits ausgebildet; sie kann 
aber noch nicht ma nnlic h und weiblich, sondern muB 
aktiv und passiv benannt werden. Die Aktivitat wird 
durch den Bemachtigungstrieb von seiten der Korpermusku- 
latur hergestellt, als Organ mit passivem Sexualziel macht 
sich vor allem die erogene Darmschleimhaut geltend; fiir 



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Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation. 61 

beide Strebungen sind Objekte vorhanden, die aber nicht zu- 
sammenf alien. Daneben betatigen sich andere Partialtriebe 
in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind also die 
sexuelle Polaritat und das fremde Objekt bereits nachweis- 
bar. Die Organisation und die Unterordnung unter die Fort- 
pflanzungsfunktion stehen noch aus. 

Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits Ambivaienz. 
durchs Leben erhalten und ein groBes Stiick der Sexualbeta- 
tigung dauernd an sich reiBen. Die Vorherrschaft des 
Sadismus und die KloakenroUe der analen Zone geben ihr 
ein exquisit archaisches Geprage. Als welter er Charakter 
gehort ihr an, daB die Triebgegensatzpaare in annahernd 
gleicher Weise ausgebildet sind, welches Verhalten mit dem 
gliicklichen, von B 1 e u 1 e r eingef iihrten Namen Ambivaienz 
bezeichnet wird. 

Die Annahme der pragenitalen Organisationen des 
Sexuallebens ruht auf der Analyse der Neurosen und ist, un- 
abhangig von deren Kenntnis, kaum zu wiirdigen. Wir diirfen 
erwarten, daB die fortgesetzte analytische Bemiihung uns 
noch weit mehr Aufschliisse iiber Aufbau und Entwicklung 
der normalen Sexualfunktion vorbereitet. 

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervoUstan- 
digen, muB man hinzunehmen, daB haufig oder regelmaBig 
bereits in den Kinderjahren eine Objektwahl voUzogen wird, 
wie wir sie als charakteristisch fur die Entwicklungsphase 
der Pubertat hingestellt haben, in der Weise, daB samtliche 
Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen, 
an der sie ihre Ziele erreichen woUen. Dies ist dann die groBte 
Annaherung an die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach 
der Pubertat, die in den Kinderjahren moglich ist. Der 
Unterschied von letzterer liegt nur noch darin, daB die 
Zusammenfassung der Partialtriebe und deren Unterordnimg 
unter das Primat der Genitalien in der Kindheit nicht oder 
nur sehr unvoUkommen durchgesetzt wird. Die Herstellung 
dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist also die 
letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchlauft. 

Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, zweizeitige 
daB die Objektwahl zweizeitig, in zwei Schiiben erfolgt. ^^i^^*^*^'- 



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\ 



62 II' I^ie infantile Sexualitat. 

erfolgt. Der erste Schub ninmit in den Jahren zwischen 
3 und 5 seinen Anfang und wird durch die Latenzzeit zum 
Stillstand oder zur Ruckbildimg gebracht; er ist durch die 
infantile Natur seiner Sexualziele ausgezeichnet. Der zweite 
setzt mit der Pubertat ein und bestimmt die definitive Ge- 
staltung des Sexuallebens. 

Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im 
wesentlichen auf die Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird 
aber hochst bedeutungsvoll fiir die Storung dieses End- 
zustandes. Die Ergebnisse der infantilen Objektwahl ragen 
in die spatere Zeit hinein; sie sind entweder als solche er- 
halten geblieben oder sie erfahren zur Zeit der Pubertat 
selbst eine Auffrischung. Infolge der Verdrangungsentwick- 
lung, welche zwischen beiden Phasen liegt, erweisen sie sich 
aber als unverwendbar. Ihre Sexualziele haben eine Mil- 
derung erfahren und sie stellen nun das dar, was wir als die 
zartliche Stromung des Sexuallebens bezeichnen konnen. 
Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nachweisen, 
daB sich hinter dieser Zartlichkeit, Verehrung und Hochachtung 
die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen Sexualstrebungen 
der infantilen Partialtriebe verbergen. Die Objektwahl der 
Pubertatszeit muB auf die infantilen Objekte verzichten und 
als sinnliche Stromung von neuem beginnen. Das Nichtzu- 
sammentreffen der beiden Stromungen hat oft genug die 
Folge, daB eines der Ideale des Sexuallebens, die Vereini- 
gung aller Begehrungen in einem Objekt, nicht erreicht 
werden kann. 

Quellen der infantilen Sexualitd.t. 

In dem Bemiihen, die Urspriinge des Sexualtriebes zu ver- 
folgen, haben wir bisher gefunden, daB die sexuelle Erregung 
entsteht a) als Nachbildung einer im AnschluB an andere 
organische Vorgange erlebten Befriedigung, h) durch geeignete 
peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck einiger 
uns in ihrer Herkunft noch nicht voll verstandlicher »Triebe«, 
wie der Schautrieb und der Trieb zur Grausamkeit. Die aus 
spaterer Zeit auf die Kindheit zuruckgreifende psycho- 
analytische Forschung und die gleichzeitige Beobachtung defe 



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Quellen der infantilen Sexualitat. 63 

Kindes wirken nun zusammen, um uns noch andere regelmaBig 
flieBende Quellen fiir die sexuelle Erregung aufzuzeigen. Die 
Kindheitsbeobachtung hat den Nachteil, daB sie leicht miB- 
zuverstehende Objekte bearbeitet, die Psychoanalyse wird da- 
durch erschwert, daB sie zu ihren Objekten wie zu ihren 
Schliissen nur auf groBen Umwegen gelangen kann ; in ihrem 
Zusammenwirken erzielen aber beide Methoden einen geniigen- 
den Grad von Sicherheit der Erkenntnis. 

Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir be- 
reits gefunden, daB diese Hautstellen bloB eine besondere 
Steigerung einer Art von Reizbarkeit zeigen, welche in ge- 
wissem Grade der ganzen Hautoberflache zukommt. Wir 
werden also nicht erstaunt sein zu erfahren, daB gewissen 
Arten allgemeiner Hautreizung sehr deutliche erogene Wir- 
kungen zuzusehreiben sind. Unter diesen heben wir vor alien 
die Temperaturreize liervor; vielleicht wird so auch unser 
Verstandnis fiir die therapeutische Wirkung warmer Bader 
vorbereitet. 

Ferner miissen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung Mechanische 
durch rhythmische mechanische Erschiitterungen des Korpers ^rre^ngen. 
anreihen, an denen wir dreierlei Reizeinwirkungen zu sondern 
haben, die auf den Sinnesapparat der Vestibularnerven, die 
auf die Haut und auf die tiefen Telle (Muskeln, Gelenk- 
apparate). Wegen der dabei entstehenden Lustempfindungen 
— es ist der Hervorhebung wert, daB wir hier eine ganze 
Strecke weit »sexuelle Erregung« und »Befriedigung« unter- 
schiedslos gebrauchen diirfen, und legt uns die Pflicht auf, 
spater nach einer Erklarung zu suchen — ; es ist also ein 
Beweis fiir die durch gewisse mechanische Korpererschiit- 
terungen erzeugte Lust, daB Kinder passive Bewegungsspiele, 
wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr lieben und unauf- 
horlich nach Wiederholung davon verlangen.^) Das Wiegen 
wird bekanntlich zur Einschlaferung unruhiger Kinder regel- 
maBig angewendet. Die Erschiitterungen der Wagenfahrt 

^) Manche Personen wissen sich zu erinnern, daB sie beim Schau- 
keln den Anprall der bewegten Luft an den Genitalien direkt als 
sexuelle Lust verspiirt haben. 



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64 II- Die infantile Sexualitat. 

und spater der Eisenbahnfahrt iiben eine so faszinierende 
Wirkung auf altere Kinder aus, daB wenigstens alle Knaben 
irgend einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden 
woUen. Den Vorgangen auf der Eisenbahn pflegen sie ein 
ratselhaftes Interesse von auBerordentlicher Hohe zuzuwenden, 
und dieselben im Alter der Phantasietatigkeit (kurz vor der 
Pubertat) zum Kern einer exquisit sexuellen Symbolik zu 
machen. Der Zwang zu solcher Verknxipfung des Eisenbahn- 
fahrens mit der Sexualitat geht offenbar von dem Lust- 
charakter der Bewegungsempfindungen aus. Kommt dann 
die Verdrangung hinzu, die so vieles von den kindlichen Be- 
vorzugungen ins Gegenteil umschlagen laBt, so werden die- 
selben Personen als Heranwachsende oder Erwachsene auf 
Wiegen und Schaukeln mit Cblichkeit reagieren, durch eine 
Eisenbahnfahrt furchtbar erschopft werden oder zu Angst- 
anf alien auf der Fahrt^neigen und sich durch Eisenbahn- 
angst vor der Wiederholung der peinlichen Erfahrung 
schiitzen. 

Hier reiht sich dann — noch unverstanden — die Tat- 
sache an, daB durch Zusammentreffen von Schreck und me- 
chanischer Erschiitterung die schwere hysteriforme trauma- 
tische Neurose erzeugt wird. Man darf wenigstens annehmen, 
daB diese Einfliisse, die in geringen Intensitaten zu Quellen 
sexueller Erregung werden, in iibergroBem MaBe einwirkend 
eine tiefe Zerriittung des sexuellen Mechanismus hervorrufen. 

Moakei- DaB ausgiebige aktive Muskelbetatigung fiir das Kind 

tatij^keit ^^ Bedurfnis ist, aus dessen Befriedigung es auBerordentliche 
Lust schopft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas mit der Se- 
xualitat zu tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung ein- 
schlieBt oder AnlaB zu sexueller Erregung werden kann, das 
mag kritischen Erwagungen unterliegen, die sich ja auch 
wohl gegen die im Vorigen enthaltene Aufstellung richten 
werden, daB die Lust durch die Empfindungen passiver Be- 
wegung sexueller Art ist oder sexuell erregend wirkt. Tat- 
sache ist aber, daB eine Reihe von Personen berichten, sie 
hatten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren Genitalien 
wahrend des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen er- 



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Quellen der infantilen Sexualitat. 65 

lebt, in welcher Situation aiiBer der allgemeinen Muskelan- 
strengung noch die ausgiebige Hautberiilirung mit dem Gegner 
wirksam wird. Die Neigung zum Muskelstreit mit einer be- 
stimmten Person, wie in spateren Jahren zum Wortstreit 
(»Was sich liebt, das neckt sich«) gehort zu den guten Vor- 
zeichen der auf diese Person gerichteten Objektwahl. In der 
Beforderung der sexuellen Erregung durch Muskeltatigkeit 
ware eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu erkennen. 
Fiir viele Individuen wird die infantile Verknilpfung zwischen 
Raufen und sexueller Erregung mitbestimmend fiir die spater 
bevorzugte Richtung ihres Geschlechtstriebes.^) 

Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexuel- ^Mekt- 

vorgange. 

ler Erregung beim Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige 
Beobachtung wie durch spatere Erforschung festzustellen, 
daU alle intensiveren Affektvorgange, selbst die schreckhaften 
Erregungen, auf die Sexualitat iibergreifen, was iibrigens 
einen Beitrag zum Verstandnis der pathogenen Wirkung 
solcher Gemiitsbewegungen liefern kann. Beim Schulkinde 
kann die Angst, gepriift zu werden, die Spannung einer sich 
schwer losenden Aufgabe, fiir den Durchbruch sexueller 
AuBerungen wie fur das Verhaltnis zur Schule bedeutsam 
werden, indem unter solchen Umstanden haufig genug ein 
Reizgefiihl auftritt, welches zur Beriihrung der Genitalien 
auffordert, oder ein poUutionsartiger Vorgang mit all seinen 
verwirrenden Folgen. Das Benehmen der Kinder in der 
Schule, welches den Lehrern Ratsel genug aufgibt, verdient 
iiberhaupt in Beziehung zur keimenden Sexualitat derselben 
gesetzt zu werden. Die sexuell erregende Wirkung mancher 
an sich unlustiger Affekte, des Angstigens, Schauderns, Grau- 
sens erhalt sich bei einer groBen Anzahl Menschen auch durchs 
reife Leben und ist wohl die Erklarung dafiir, daB soviel 

^) Die Analyse der Falle von neurotischer Gehstorung und 
Raumangst hebt den Zweifel an der sexuellen Natur der Bewegungs- 
lust auf. Die moderne Kulturerziehung bedient sich bekanntlich des 
Sports im groBen Umfang, um die Jugend von der Sexualbetatigung 
abzulenken; richtiger ware es zu sagen, sie ersetzt ihr den Sexual- 
genuB durch die Bewegungslust und drangt die Sexualbetatigung auf 
eine ihrer autoerotischen Komponenten zuriick. 

Freud, Searualtheorie. 8. Auflage. 5 



C^ f\n n 1 i> Origin al f no m 

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66 II. Die infantile Sexualitat 

Personen der Gelegenheit zu solchen Sensationen nachjagen, 
wenn nur gewisse Nebenurastande (die Angehorigkeit zu einer 
Scheinwelt, Lektiire, Theater) den Ernst der Unlustempfindung 
dampfen. 

LieBe sich annehmen, dafi auch intensiven schmerzhaften 
Empfindungen die gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal 
wenn der Schmerz durch eine Nebenbedingung abgetont oder 
ferner gehalten wird, so lage in diesem Verhaltnis eine der 
Hauptwurzeln fiir den masochistisch-sadistischen Trieb, in 
dessen vielfaltige Zusammengesetztheit wir so allmahlich Ein- 
blick gewinnen. 

inteiiektueiie Endlich ist es unverkennbar, daB die Konzentration der 

Arbeit. Aufmerksamkeit auf eine inteiiektueiie Leistung und geistige 
Anspannung xiberhaupt bei vielen jugendlichen wie reiferen 
Personen eine sexuelle Miterregung zur Folge hat, die wohl 
als die einzig berechtigte Grundlage fiir die sonst so zweifel- 
hafte Ableitung nervoser Storungen von geistiger »t)ber- 
arbeitung« zu gelten hat. 

Uberblicken wir nun nach diesen weder voUstandig noch 
vollzahlig mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen 
der kindlichen Sexualerregung, so lassen sich folgende All- 
gemeinheiten ahnen oder erkennen: Es scheint auf die aus- 
giebigste Weise dafiir gesorgt, daB der ProzeB der Sexual- 
erregung — dessen Wesen uns nun freilich recht ratselhaft 
geworden ist — in Gang gebracht werde. Es sorgen dafur 
vor allem in mehr oder minder direkter Weise die Erregungen 
der sensiblen Oberflachen — Haut und Sinnesorgane — , am 
unmittelbarsten die Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene 
Zonen zu bezeichnende Stellen. Bei diesen Quellen der Sexual- 
erregung ist wohl die Qualitat der Reize das MaBgebende, 
wenngleich das Moment der Intensitat (beim Schmerz) nicht 
vollig gleichgiiltig ist. Aber iiberdies sind Veranstaltungen 
im Organismus vorhanden, welche zur Folge haben, daB die 
Sexualerregung als Nebenwirkung bei einer groBen Reihe 
innerer Vorgange entsteht, sobald die Intensitat dieser Vor- 
gange nur gewisse quantitative Grenzen iiberstiegen hat. Was 
wir die Partialtriebe der Sexualitat genannt haben, leitet sich 



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Quellen der infantilen Sexualitat. 67 

entweder direkt aus diesen inneren Quellen der Sexualerregung 
ab Oder setzt sich aus Beitragen von solchen Quellen und von 
erogenen Zonen zusammen. Es ist moglich, daB nichts Be- 
deutsameres im Organismus vorfallt," was nicht seine Kom- 
ponente zur Erregung des Sexualtriebes abzugeben hatte. 

Es scheint mir derzeit nicht moglich, diese allgemeinen 
Satze zu groBerer Klarheit und Sicherheit zu bringen, und 
ich mache dafiir zwei Momente verantwortlich, erstens die 
Neuheit der ganzen Betrachtungsweise und zweitens den Um- 
stand, daB uns das Wesen der Sexualerregung voUig unbe- 
kannt ist. Doch mochte ich auf zwei Bemerkungen nicht 
verzichten, welche Ausblicke ins Weite zu eroffnen ver- 
sprechen : 



a) Sowie wir vorhin einmal die Moglichkeit sahen, eine Terschiedene 

Sexual- 
kopstitntionen. 



Mannigfaltigkeit der angeborenen sexuellen Konstitutionen Sexual 



durch die verschiedenartige Ausbildung der erogenen Zonen 
zu begriinden, so konnen wir nun das gleiche mit Einbeziehung 
der indirekten Quellen der Sexualerregung versuchen. Wir 
diirfen annehmen, daB diese Quellen zwar bei alien Indivi- 
duen Zuflusse liefern, aber nicht alle bei alien Personen 
gleich Starke, und daB in der bevorzugten Ausbildung der 
einzelnen Quellen zur Sexualerregung ein weiterer Beitrag zur 
Differenzierung der verschiedenen Sexualkonstitutionen ge- 
legen sein wird. 

h) Indem wir die solange festgehaltene figiirliche Aus- ^®«® 
drucksweise fallen lassen, in der wir von » Quellen « der Sexual- BeeiiifiusBunjr. 
erregung sprachen, konnen wir auf die Vermutung gelangen, 
daB alle die Verbindungswege, die von anderen Funktionen 
her zur Sexualitat fiihren, auch in umgekehrter Richtung 
gangbar sein miissen. Ist z. B. der beiden Funktionen gemein- 
same Besitz der Lippenzone der Grund dafiir, daB bei der 
Nahrungsaufnahme Sexualbefriedigung entsteht, so vermittelt 
uns dasselbe Moment auch das Verstandnis der Storungen in 
der Nahrungsaufnahme, wenn die erogenen Funktionen der 
gemeinsamen Zone gestort sind. Wissen wir einmal, daB 
Konzentration der Aufmerksamkeit Sexualerregung hervor- 

6* 



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68 !!• I^i^ infantile Sexualitat. 

zurufen vermag, so wird uns die Annahme nahegelegt, daB 
durch Einwirkung auf demselben Wege, nur in umgekehrter 
Richtung, der Zustand der Sexualerregung die Verfiigbarkeit 
iiber die lenkbare Aufmerksamkeit beeinfluBt. Ein gutes 
Stiick der Symptomatologie der Neurosen, die ich von 
Storungen der Sexualvorgange ableite, auBert sich in 
Storungen der anderen nicht sexuellen Korperfunktionen, und 
diese bisher unverstandliche Einwirkung wird minder ratsel- 
haft, wenn sie nur das Gegenstiick zu den Beeinflussungen 
darstellt, unter denen die Produktion der Sexualerregung 
steht. 

Die namlichen Wege aber, auf denen Sexualstorungen auf 
die iibrigen Korperfunktionen iibergreifen, miiBten auch in der 
Gesundheit einer anderen wichtigen Leistung dienen. Auf 
ihnen miiBte sich die Heranziehung der sexuellen Triebkrafte 
zu anderen als sexuellen Zielen, also die Sublimierung der 
Sexualitat vollziehen. Wir miissen mit dem Eingestandnis 
schlieBen, daB iiber diese gewiB vorhandenen, wahrscheinlich 
nach beiden Richtungen gangbaren Wege noch sehr wenig 
Sicheres bekannt ist. 



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III. 

Die Umgestaltungen der Pubertat 

Mit dem Eintritt der Pubertat setzen die Wandlungen ein, 
welche das infantile Sexualleben in seine endgiiltige normale 
Gestaltung iiberfiihren sollen. Der Sexualtrieb war bisher vor- 
wiegend autoerotisch, er findet nun das Sexualobjekt. Er he- 
tatigte sich bisher von einzelnen Trieben und erogenen Zonen 
aus, die unabhangig voneinander eine gewisse Lust als einziges 
Sexualziel suchten. Nun wird ein neues Sexualziel gegeben, 
zu dessen Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, 
wahrend die erogenen Zonen sich dem Primat der Genitalzone 
unterordnen. ^) Da das neue Sexualziel den beiden Geschlechtern "^ 
sehr verschiedene Funktionen anweist^ geht deren Sexual- 
entwicklung nun weit auseinander. Die des Mannes ist die 
konsequentere, audi unserem Verstandnis leicliter zugangliche, 
wahrend beim Weibe sogar eine Art Riickbildung auftritt. / 
Die Normalitat des Geschlechtslebens wird nur durch das 
exakte Zusammentreffen der beiden auf Sexualobjekt und 
Sexualziel gerichteten Stromungeii, der zartlichen und der 
sinnlichen, gewahrleistet. Es ist wie der Durchschlag eines 
Tunnels von beiden Seiten her. 

Das neue Sexualziel besteht beim Manne in der Ent- 
ladung der Geschlechtsprodukte , es ist dem f riiheren, der Er- 
reichung von Lust, keineswegs fremd, vielmehr ist der hochste 
Betrag von Lust an diesen Endakt des Sexualvorgangs gekniipft. 
Der Sexualtrieb stellt sich jetzt in den Dienst der Portpflan- 
zungsfunktion ; er wird sozusagen altruistisch. Soil diese Um- 

*) Die im Text gegebene schematische Darsteilung will die 
Differenzen hervorheben. Inwieweit sich die infantile Sexualitat durch 
ihre Objektwahl der definitiven Sexualorganisation annahert, ist vorhin 
S. 61 ausgefiihrt worden. 



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70 III. Die Umgestaltungen der Pubertat. 

wandlung gelingen, so muB beim Vorgang derselben mit den 
urspriinglichen Anlagen und alien Eigentiimlichkeiten des 
Trlebes gerechnet werden. 

Wie bei jeder anderen Gelegenheit, wo im Organismus 
neue Verkniipfungen und Zusammensetzungen zu komplizierten 
Mechanismen stattfinden soUen, ist auch hier die Gelegenheit 
zu krankhaften Storungen durch Unterbleiben dieser Neuord- 
nungen gegeben. Alle krankhaften Storungen des Geschlechts- 
lebens sind mit gutem Rechte als Entwieklungshemmungen zu 
betrachten. 

Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust. 

Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Aus- 
gang und Endziel klar vor unseren Augen. Die vermittelnden 
Ubergange sind uns noch vielfach dunkel; wir werden an 
ihnen mehr als ein Ratsel bestehen lassen miissen. 

Man hat das Auffalligste an den Pubertatsvorgangen zum 
Wesentlichen derselben gewahlt, das manifeste Wachstum der 
auBeren Genitalien, an denen sich die Latenzperiode der Kind- 
heit durch relative Wachstumhemmung geauBert hatte. Gleich- 
zeitig ist die Entwicklung der inneren Genitalien so weit vor- 
geschritten, daB sie Geschlechtsprodukte zu liefern, resp. zur 
Gestaltung eines neuen Lebewesens aufzunehmen vermogen. 
Ein hochst komplizierter Apparat ist so fertig geworden, der 
seiner Inanspruchnahme harrt. 

Dieser Apparat soil durch Reize in Gang gebracht wer- 
den, und nun laBt uns die Beobachtung erkennen, daB Reize 
ihn auf dreierlei Wegen angreifen konnen, von der AuBenwelt 
her durch Erregung der uns schon bekannten erogenen Zonen, 
von dem organischen Innern her auf noch zu erforschenden 
Wegen und von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Auf- 
bewahrungsstatte auBerer Eindriicke und eine Aufnahmsstelle 
innerer Erregungen darstellt. Auf alien drei Wegen wird das 
namliche hervorgerufen, ein Zustand, der als »sexuelle Erregt- 
heit« bezeichnet wird und sich durch zweierlei Zeichen kund- 
gibt, seelische imd somatische. Das seelische Anzeichen besteht 
in einem eigentlichen Spannungsgefiihl von hochst drangendem 
Charakter; unter den mannigfaltigen korperlichen steht an 



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Das Primat der Genitalzonen. 71 

erster Stelle eine Reihe von Veranderungen an den Genitalien, 
die einen unzweif elhaften Sinn haben, den der Bereitschaft, 
der Vorbereitung znm Sexualakt. (Die Erektion des mann- 
lichen Gliedes, das Feuchtwerden der Scheide.) 

An den Spannimgscharakter der sexuellen Erregtheit ^»« 
kniipft ein Problem an, dessen Losung ebenso schwierig wie spannuug. 
fur die Auffassnng der Sexualvorgange bedeutsam ware. Trotz 
aller in der Psychologie dariiber herrschenden Meinungsver- 
schiedenheiten muB ich daran festhalten, daB ein Spannnngs- 
gefiihl den Unlustcliarakter an sich tragen muB. Fiir micliist 
entscheidend, daB ein solches Gefiihl den Drang nach Veran- 
derung der psychischen Situation mit sich bringt, treibend 
wirkt, was dem Wesen der empfundenen Lust voUig fremd 
ist. Rechnet man aber die Spannung der sexuellen Erregtheit 
zu den Unlustgefiihlen, so stoBt man sich an der Tatsache, 
daB dieselbe unzweifelhaft lustvoU empfunden wird. Uberall 
ist bei der durch die Sexualvorgange erzeugten Spannung Lust 
dabei; selbst bei den Vorbereitungsveranderungen der Geni- 
talien ist eine Art von Befriedigungsgefiihl deutlich. Wie 
hangen nun diese Unlustspannung und dieses Lustgefiihl zu- 
sammen ? 

AUes, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammen- 
hangt, riihrt an eine der wundesten Stellen der heutigen 
Psychologie. Wir wollen versuchen, moglichst aus denBedin- 
gungen des uns vorliegenden Falles zu.lernen,";und es ver- 
meiden, dem Problem in seiner Ganze naher zu tretea. Werfen 
wir zunachst einen Blick auf die Art, wie die erogenen Zonen 
sich der neuen Ordnung einfiigen. Ihnen fallt eine wichtige 
Rolle bei der Einleitung der sexuellen Erregung zu. Die dem 
Sexualobjekt entlegenste, das Auge, kommt unter den Ver- 
haltnissen der Objektwerbung am haufigsten in die Lage, 
durch jene besondere Qualitat der Erregung, deren AnlaB wir 
am Sexualobjekt als Schonheit bezeichnen, gereizt zu werden. 
Die Vorziige des Sexualobjekts werden darum auch »Reize« 
geheiBen. Mit dieser Reizung ist einerseits bereits Lust ver- 
bimden, anderseits ist eine Steigerung der sexuellen Erregt- 
heit Oder ein Hervorrufen derselben, wo sie noch fehlt, ihre 



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72 III« I>ie Umgestaltungen der Pubertat. 

Folge. Kommt die Erregung einer anderen erogenen Zone, 
z. B. der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche, 
Lustempfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus 
den Bereitschaftsveranderungen verstarkt, weitere Steigerung 
der Sexualspannung anderseits, die bald in deutlichste Unlust 
iibergeht, wenn ihr nicht gestattet wird, weitere Lustherbei- 
zufuhren. Durchsichtiger ist vielleicht noch ein anderer Fall, 
wenn z, B. bei einer sexuell nicht erregten Person eine ero- 
gene Zone, etwa die Brusthaut eines Weibes, durch Beriihrung 
gereizt wird. Diese Beriihrung ruft bereits ein Lustgefiihl 
hervor, ist aber gleichzeitig wie nichts anderes geeignet, die 
sexuelle Erregung zu wecken, die nach einem Mehr von Lust 
verlangt. Wie es zugeht, daB die empfundene Lust das Be- 
diirfnis nach groBerer Lust hervorruft, das ist eben das 
Problem. 

voriust- Die RoUe aber, die dabei den erogenen Zonen zufallt, ist 

mechaiiigmus. j^j^^, ^^g jj^^, ^j^^^ g^j^^ gjl^ f^^ ^Yle. Sie werden samtlich 

dazu verwendet, durch ihre geeignete Reizung einen gewissen 
Betrag von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der Span- 
nung ausgeht, welche ihrerseits die notige motorische Energie 
aufzubringen hat, um den Sexualakt zu Ende zu fiihren. Das 
vorletzte Stiick desselben ist wiederum die geeignete Reizung 
einer erogenen Zone, der Genitalzone selbst an der Glans Penis, 
durch das dazu geeignetste Objekt, die Schleimhaut der Scheide, 
und unter der Lust, welche diese Erregung gewahrt, wird dies- 
mal auf reflektorischem Wege die motorische Energie gewon- 
nen, welche dieHerausbef orderung der Geschlechtsstof fe besorgt. 
Diese letzte Lust ist ihrer Intensitat nach die hochste, in ihrem 
Mechanismus von der friiheren verschieden. Sie wird ganz 
durch Entlastung hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust 
und mit ihr erlischt zeitweilig die Spannung der Libido. 

Es scheint mir nicht imberechtigt, diesen Unterschied in 
dem Wesen der Lust durch Erregung erogener Zonen und der 
anderen bei Entleerung der Sexualstoffe durch eine Namen- 
gebung zu fixieren. Die erstere kann passend als Voriust 
bezeichnet werden im Gegensatz zur Endlust oder Befriedi- 
gungslust der Sexualtatigkeit. Die Voriust ist dann dasselbe. 



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Die Vorlust. 73 

was bereits der infantile Sexualtrieb, wenngleich in verjiingtem 
MaBe, ergeben konnte; die Endlust ist neu, also wahrschein- 
lich an Bedingungen gekniipft, die erst mit der Pubertat einge- 
treten sind. Die Formel fiir die neue Funktion der erogenen 
Zonen lautete nun: Sie werden dazu verwendet, um mittels 
der von ihnen wie im infantilen Leben zu gewinnenden Vor- 
lust die Herbeifiihrung der groBeren Befriedigungslust zu 
ermogliehen. 

Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz 
verschiedenen Gebiet des seelischen Geschehens erlautern 
konnen, in welchem gleichfalls ein groBerer Lusteffekt ver- 
moge einer geringfiigigeren Lustempfindung, die dabei wie 
eine Verlockungspramie wirkt, erzielt wird. Dort ergab sich 
auch die Gelegenheit, auf das Wesen der Lust naher einzu- 
gehen.^) 

Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen oefahren der 
Sexualleben wird durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen voriust 
kann, bekraftigt. Aus dem Mechanismus, in den die Vorlust 
aufgenommen ist, ergibt sich fur die Erreichung des normalen 
Sexualzieles offenbar eine Gefahr, die dann eintritt, wenn an 
irgend einer Stelle der vorbereitenden Sexualvorgange die Vor- 
lust zu groB, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. 
Dann entfallt die Triebkraft, um den Sexualvorgang weiter 
fortzusetzen, der ganze Weg verkiirzt sich, die betreffende 
vorbereitende Aktion tritt an Stelle des normalen Sexual- 
zieles. Dieser schadliche Fall hat erfahrungsgemaB zur Bedin- 
gung, daB die betreffende erogene Zone oder der entsprechende 
Partialtrieb schon im infantilen Leben in ungewohnlichem 
MaBe zur Lustgewinnung beigetragen hat. Kommen noch Mo- 
mente hinzu, welche auf die Fixierung hinwirken, so entsteht 
leicht fiirs spatere Leben ein Zwang, welcher sich der Ein- 
ordnung dieser einen Vorlust in einen neuen Zusammenhang 
widersetzt, Solcher Art ist in der Tat der Mechanismus vieler 



^) Siehe meine 1905 erschienene Studie »Der Witz und seine 
Beziehung zum UnbewuBten«. Die durch die Witztechnik ge- 
wonnene » Vorlust* wird dazu verwendet, eine groBere Lust durch die 
Aufhebung innerer Hemmungen frei zu machen. 



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74 III. Die Umgestaltungen der Pubertat. 

Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden Akten des 
Sexual vorganges darstellen. 

Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus 
durch die Schuld der Vorlust wird am ehesten vermieden, 
wenn das Primat der Genitalzonen gleichfalls bereits im infan- 
tilen Leben vorgezeichnet ist. Dazu scheinen die Anstalten 
wirklich in der zweiten Halfte der Kinderzeit (von 8 Jahren 
bis zur Pubertat) getroffen zu sein. Die Genitalzonen beneh- 
men sich in diesen Jahren bereits in ahnlicher Weise wie zur 
Zeit der Reife, sie werden der Sitz von Erregungssensationen 
undBereitscliaftsveranderungen,wenn irgend welche Lust durch 
Befriedigung anderer erogener Zonen empf unden wird, obwohl 
dieser Effekt noch zwecklos bleibt, d. h. nichts dazu beitragt, 
den Sexual vorgang fortzusetzen. Es entsteht also bereits in 
den Kinderjahren neben der Befriedigungslust ein gewisser 
Betrag von Sexualspannung, obwohl minder konstant und we- 
niger ausgiebig, und nun konnen wir verstehen, warum wir 
bei der Erorterung der Quellen der Sexualitat mit ebenso 
gutem Recht sagen konnten, der betreffende Vorgang wirke 
sexuell befriedigend, wie er wirke sexuell erregend. Wir 
merken, daB wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die Unter- 
schiede des infantilen und des reifen Sexuallebens zxmachst 
iibertrieben grofi vorgestellt haben, und tragen nun die Kor- 
rektur nach. Nicht nur die Abweichungen vom normalen 
Sexualleben, sondern auch die normale Gestaltung desselben 
wird durch die infantilen AuBerungen der Sexualitat bestimmt. 

Das Problem der Sexualerregung. 

Es ist uns durchaus unaufgeklart geblieben, woher die 
Sexualspannung riihrt, die bei der Befriedigung erogener Zonen 
gleichzeitig mit der Lust entsteht, und welches das Wesen 
derselben ist.^) Die nachste Vermutung, diese Spannung ergebe 

*) Es ist iiberaus lehrreich, daB die deutsche Sprache der im 
Text erwahnten Rolle der vorbereitenden sexuellen Erregungen, welche 
gleichzeitig einen Anteil Befriedigung und einen Beitrag zur Sexual- 
spannung liefern, im Gebrauche des Wortes »Lust« Rechnung tragt. 
»Lust« ist doppelsinnig und bezeichnet ebensowohl die Empfindung 
der Sexualspannung (Ich habe Lust = ich mochte, ich verspiire den 
Drang) als auch die der Befriedigung. 



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Die Sexualerregung. 75 

sich irgendwie aus der Lust selbst, ist nicht nur an sich sehr 
luiwahrscheinlich, sie wird auch hinfallig, da bei der groBten 
Lust, die an die Entleerung der Geschlechtsprodukte gekniipft 
ist, keine Spannung erzeugt, sondern alle Spannung aufge- 
hoben wird. Lust und Sexualspannung konnen also nur in 
indirekter Weise zusammenhangen. 

AuBer der Tatsache, daB normalerweise allein die Ent- Koiie der 
lastung von den Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende ^®^"****®''®- 
macht, hat man noch andere Anhaltspunkte, die Sexual- 
spannung in Beziehung zu den Sexualprodukten zu bringen. 
Bei enthaltsamem Leben pflegt der Geschlechtsapparat in 
wechselnden, aber nicht regellosen Perioden nachtlicherweise 
sich unter Lustempfindung und wahrend der Traumhalluzi- 
nation eines sexuellen Aktes der Sexualstoffe zu entledigen, 
und fiir diesen Vorgang — die nachtliche Pollution — ist 
die Auffassung schwer abzuweisen, daB die Sexualspannung, 
die den kurzen halluzinatorischen Weg zum Ersatz des Aktes 
zu finden weiB, eine Funktion der Samenanhaufung in den 
Reservoirs fiir die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen 
Sinne sprechen die Erfahrungen, die man iiber die Erschopf- 
barkeit des sexuellen Mechanismus macht. Bei entleertem 
Samenvorrat ist nicht nur die Ausfiihrung des Sexualaktes 
unmoglich, es versagt auch die Reizbarkeit der erogenen 
Zonen, deren geeignete Erregung dann keine Lust hervor- 
rufen kann. Wir erfahren so nebenbei, daB ein gewisses MaB 
sexueller Spannung selbst fiir die Erregbarkeit der erogenen 
Zonen erforderlich ist. 

Man wiirde so zur Annahme gedrangt, die, wenn ich 
nicht irre, ziemlich allgemein verbreitet ist, daB die An- 
haufung der Sexualstoffe die Sexualspannung schafft und 
unterhalt, etwa indem der Druck dieser Produkte auf die 
Wandung ihrer Behalter als Reiz auf ein spinales Zentrum 
wirkt, dessen Zustand von hoheren Zentren wahrgenommen 
wird und dann fiir das BewuBtsein die bekannte Spannungs- 
empfindung ergibt. Wenn die Erregung erogener Zonen 
die Sexualspannung steigert, so konnte dies nur so zugehen, 
daB die erogenen Zonen in vorgebildeter anatomischer Ver- 



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76 III. Die Umgestaltungen der Pubertat. 

bindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus der Erregung 
daselbst erhohen, bei geniigender Sexualspannung den sexu- 
ellen Akt in Gang bringen und bei ungeniigender die Pro- 
duktion der Geschlechtsstoffe anregen. 

Die Schwache dieser Lehre, die man z. B. in v. Krafft- 
Ebings Darstellung der Sexual vorgange angenommen findet, 
liegt darin, daB sie fiir die Geschlechtstatigkeit des reifen 
Mannes geschaffen, auf dreierlei Verhaltnisse zu wenig Riick- 
sicht nimmt, deren Aufklarung sie gleichfalls liefern sollte. 
Es sind dies die Verhaltnisse beim Kinde, beim Weibe und 
beim mannlichen Kastraten. In alien drei Fallen ist von 
einer Anhaufung von Geschlechtsprodukten im gleichen Sinne 
wie beim Manne nicht die Rede, was die glatte Anwendung 
des Schemas erschwert; doch ist ohne weiteres zuzugeben, 
daB sich Auskiinfte finden lieBen, welche die Unterordnung 
auch dieser Falle ermoglichen wiirden. Auf jeden Fall bleibt 
die Warnung bestehen, dem Faktor der Anhaufung der Ge- 
schlechtsprodukte nicht Leistungen aufzubiirden, deren er 
unfahig scheint. 

Oberschatznn«; DaB die Sexualerregung in beachtenswertem Grade un- 

G^scMwhte- ^bhangig von der Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, 
teiie. scheinen die Beobachtungen an mannlichen Kastraten zu er- 
geben, bei denen gelegentlich die Libido der Beeintrachtigung 
durch die Operation entgeht, wenngleich das entgegengesetzte 
Verhalten, das ja die Operation motiviert, die Kegel ist. Es 
ist dann keineswegs so verwunderlich, wie C. Rieger es 
hinstellt, daB der Verlust der mannlichen Keimdriisen im 
reiferen Alter ohne weiteren EinfluB auf das seelische Ver- 
halten des Individuums bleiben kann. Die Keimdriisen sind 
eben nicht die Geschlechtlichkeit ; die Erf ahrungen an mann- 
lichen Kastraten bestatigen nur, was man durch die Ent- 
fernung der Ovarien langst gelernt hatte, daB es unmoglich 
ist, die geschlechtlichen Gharaktere durch die Entfernung 
der Geschlechtsdriisen aufzuheben. Die im zarten Alter vor 
der Pubertat vorgenommene Kastration nahert sich zwar in 
ihrer Wirkung diesem Ziel, allein dabei scheint nicht der 
Verlust der Geschlechtsdriisen an sich, sondern eine mit deren 



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Die Sexualerregung. 77 

Wegfall verkniipfte Entwicklungshemmung anderer Faktoren 
in Betracht zu kommen. 

Die Wahrheit ist, daB wir iiber das Wesen der Sexual- chemische 
erregung keine Auskunft zu geben vermogen, und zwar '''^«^'^*®- 
vor allem darum nicht, weil wir nicht wissen, an welches 
Organ oder an welche Organe die Geschlechtlichkeit gebunden 
ist, seitdem wir einsehen, daB wir die Geschlechtsdriisen in 
dieser Bedeutung iiberschatzt haben. Nachdem uns liber- 
raschende Entdeckungen die wichtige RoUe der Schilddriise 
fiir die Sexualitat kennen gelehrt haben, diirfen wir ver- 
muten, daB uns die Kenntnis der wesentlichen Faktoren der 
Geschlechtlichkeit noch vorenthalten ist. Wer das Bediirfnis 
hat, diese groBe Liicke in unserem Wissen durch eine vor- 
laufige Annahme auszufiillen, der wird sich unter Anlehnung 
an die wirksamen Stoffe, die in der Thyreoidea gefunden 
worden sind, etwa folgende Vorstellung machen: Durch die 
geeignete Reizung erogener Zonen wie unter den anderen 
Verhaltnissen, unter denen sexuelle Miterregung entsteht; 
werde ein im Organismus allgemein verbreiteter Stoff zersetzt, 
dessen Zersetzungsprodukte einen spezifischen Reiz fiir die 
Reproduktionsorgane oder das mit ihnen verkniipfte spinale 
Zentrum abgeben, wie wir ja solche Umsetzung eines 
toxischen Reizes in einen besonderen Organreiz von anderen 
dem Korper als fremd eingefiihrten Gift stoff en kennen. Die 
Verwicklungen von rein toxischen und physiologischen Reiz- 
wirkungen, die sich bei den Sexualvorgangen ergeben, auch 
nur hypothetisch zu behandeln, kann keine zeitgemaBe Auf- 
gabe sein. Ich lege iibrigens keinen Wert auf diese besondere 
Annahme und ware sofort bereit, sie zu Gunsten einer anderen 
aufzugeben, insofern nur ihr Grundcharakter, die Betonung 
des sexuellen Chemismus, erhalten bleibt. Denn diese an- 
scheinend willkiirliche Aufstellung wird durch eine wenig be- 
achtete, aber hochst beachtenswerte Einsicht unterstiitzt. Die 
Neurosen, welche sich nur auf Storungen des Sexuallebens 
zuriickfiihren lassen, zeigen die groBte klinische Ahnlichkeit 
mit den Phanomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche 
sich durch die habituelle Einfiihrung Lust erzeugender Gift- 
stoffe (Alkaloide) ergeben. 



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78 III. Die Unigestaltungen der Pubertat 

Die Libidotheorie. 

Mit diesen Vermutungen iiber die chemische Grund- 
lage der Sexualerregung stehen in guter tybereinstimmung 
die Hilfsvorstellungen, die wir uns zur Bewaltigung der 
psychischen AuBerungen des Sexuallebens geschaffen haben. 
Wir haben uns den Begriff der Libido festgelegt als einer 
quantitativ veranderlichen Kraft, welche Vorgange und Um- 
setzungen auf dem Gebiete der Sexualerregung messen konnte. 
Diese Libido sondern wir von der Energie, die den seelischen 
Prozessen allgemein unterzulegen ist, mit Beziehung auf ihren 
besonderen Ursprung und verleihen ihr so auch einen quali- 
tativen Charakter. In der Sonderung von libidinoser und 
anderer psychischer Energie drucken wir die Voraussetzung 
aus, daB sich die Sexualvorgange des Organismus durch 
einen besonderen Chemismus von den Ernahrungsvorgangen 
unterscheiden. Die Analyse der Perversionen und Psycho- 
neurosen hat uns zur Einsicht gebracht, dafi diese Sexual- 
erregung nicht von den sogenannten Geschlechtsteilen allein, 
sondern von alien Korperorganen geliefert wird. Wir bilden 
uns also die Vorstellung eines Libidoquantums, dessen psy- 
chische Vertretung wir die Ich libido heiBen, dessen Pro- 
duktion, VergroBerung oder Vermin der ung, Verteilung und 
Verschiebung uns die Erklarungsmoglichkeiten fiir die beob- 
achteten psychosexuellen Phanomene bieten soil. 

Dem analytischen Studium bequem zuganglich wird diese 
Ichlibido aber nur, wenn sie die psychische Verwendung zur 
Besetzung von Sexualobjekten gefunden hat, also zur Ob- 
jektlibido gewordenist. Wir sehen sie dann sich auf Objekte 
konzentrieren, an ihnen fixieren, oder aber diese Objekte 
verlassen, von ihnen auf andere iibergehen und von diesen 
Positionen aus die Sexualbetatigung des Individuums lenken, 
die zur Befriedigung, d. h. zum partiellen und zeitweisen 
Erloschen der Libido fiihrt. Die Psychoanalyse der soge- 
nannten tJbertragungsneurosen (Hysterie und Zwangsneurose) 
gestattet uns hier einen sicheren Einblick. 

Von den Schicksalen der Objektlibido konnen wir noch 
erkennen, daB sie von den Objekten abgezogen, in besonderen 



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Die Libidotheorie. 79 

Spannungszustanden schwebend erhalten und endlich ins Ich 
zuriickgeholt wird, so daB sie wieder zur Ichlibido geworden 
ist. Die Ichlibido heiBen wir im Gegensatz zur Objektlibido 
auch narziBtische Libido. Von der Psychoanalyse aus 
schauen wir wie iiber eine Grenze, deren Uberschreitung uns 
nicht gestattet ist, in das Getriebe der narziBtischen Libido 
hinein und bilden uns eine Vorstellung von dem Verhaltnis 
der beiden. Die narziBtische oder Ichlibido erscheint uns 
als das groBe Reservoir, aus welchem die Objektbesetzungen 
ausgeschickt und in welches sie wieder einbezogen werden, 
die narziBtische Libidobesetzung des Ichs als der in der 
ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die spa- 
teren Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im Grunde 
hinter denselben erhalten geblieben ist. 

Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und 
psychotischen Storungen miiBte sein, alle beobachteten Pha- 
nomene und erschlossenen Vorgange in den Terminis der 
Libidookonomie auszudriicken. Es ist leicht zu erraten, daB 
den Schicksalen der Ichlibido dabei die groBere Bedeutung 
zufallen wird, besonders wo es sich um die Erklarung der 
tieferen psychotischen Storungen handelt. Die Schwierigkeit 
liegt dann darin, daB das Mittel unserer Untersuchung, die 
Psychoanalyse, uns vorlaufig nur iiber die Wandlungen an 
der Objektlibido sichere Auskunft bringt, die Ichlibido aber 
von den anderen im Ich wirkenden Energien nicht ohne 
weiteres zu scheiden vermag.^) 

Differenzierung von Mann und Weib. 

Es ist bekannt, daB erst mit der Pubertat sich die scharfe 
Sonderung des mannlichen und weiblichen Charakters herstellt, 
ein Gegensatz, der dann wie kein anderer die Lebensgestaltung 
der Menschen entscheidend beeinfluBt. Mannliche und weib- 
liche Anlage sind allerdings schon im Kindesalter gut kennt- 
lich ; die Entwicklung der Sexualitatshemmungen (Scham, Ekel, 
Mitleid usw.) erfolgt beim kleinen Madchen friihzeitiger und 
gegen geringeren Widerstand als beim Knaben; die Neigung 

*) S. Zur Einfiihrung des NarziBmus, Jahrbuch der Psychoana- 
lyse VI, 1913. 



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80 III' Die Umgestaltungen der Pubertal. 

zur Sexualverdrangung erscheint iiberhaupt groBer; wo sich 
Partialtriebe der Sexualitat bemerkbar machen, bevorzugen 
sie die passive Form. Die autoerotische Betatigung der 
erogenen Zonen ist aber bei beiden Gesehleehtern die nam- 
liche, und durch diese t)bereinstimmung ist die Moglichkeit 
eines Geschlechtsunterschiedes, wie er sich nach der Pubertat 
herstellt, fiir die Kindheit aufgehoben. Mit Riicksicht auf 
die autoerotischen und masturbatorischen SexualauBerungen 
konnte man den Satz aufstellen, die Sexualitat der kleinen 
Madchen habe durchaus mannlichen Charakter. Ja, wiiBte 
man den Begriffen »mannlich und weiblich« einen bestimm- 
teren Inhalt zu geben, so lieBe sich auch die Behauptung ver- 
treten, die Libido sei regelmiiBig und gesetzmaBig 
mannlicher Natur, ob sie nun beim Manne oder 
beim Weibe vorkomme und, abgesehen von ihrem 
Objekt, mag dies der Mann oder das Weib sein.^) 



^) Es ist unerlaBlich, sich klar zu machen, daB die Begriffe 
»mannlich« und »weiblich«, deren Inhalt der gewohnlichen Meinung 
so unzweideutig erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrensten 
gehoren und nach mindestens drei Richtungen zu zerlegen sind. 
Man gebraucht mannlich und weiblich bald im Sinne von Aktivitat 
und Pas si vit at, bald im biologischen und dann auch im sozio- 
logischen Sinne. Die erste dieser drei Bedeutungen ist die wesent- 
liche und die in der Psychoanalyse allein verwertbare. Ihr entspricht 
es, wenn die Libido oben im Text als mannlich bezeichnet wird, denn 
der Trieb ist immer aktiv, auch wo er sich ein passives Ziel gesetzt 
hat. Die zweite, biologische, Bedeutung von mannlich und weiblich 
ist die, welche die klarste Bestimmung zulaBt. Mannlich und weiblich 
sind hier durch die Anwesenheit der Samen- respektive Eizelle und 
durch die von ihnen ausgehenden Funktionen charakterisiert. Die 
Aktivitat und ihre NebenauBerungen, starkere Muskelentwicklung, 
Aggression, groBere Intensitat der Libido, sind in der Kegel mit der 
biologischen Mannlichkeit verlotet, aber nicht notwendigerweise ver- 
kniipft, denn es gibt Tiergattungen, bei denen diese Eigenschaften 
vielmehr dem Weibchen zugeteilt sind. Die dritte, soziologische, Be- 
deutung erhalt ihren Inhalt durch die Beobachtung der wirklich 
existierenden mannlichen und weiblichen Individuen. Diese ergibt 
fiir den Menschen, daB weder im psychologischen noch im biologischen 
Sinne eine reine Mannlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede 
Einzelperson weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Ge- 
schlechtscharakters mit biologischen Ziigen des anderen Geschlechts 
und eine Vereinigung von Aktivitat und Passivitat auf, sowohl inso- 
fern diese psychischen Charakterziige von den biologischen abhangen, 
als auch insoweit sie unabhangig von ihnen sind. 



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Differenzierung von Mann und Weib. 81 

Seitdem ich mit dem Gesichtspunkt der Bisexualitat be- 
kannt geworden bin, halte ich dieses Moment fiir das hier 
MaBgebende und meine, ohne der Bisexualitat Rechnung zu 
tragen, wird man kaum zum Verstandnis der tatsachlich zu 
beobachtenden SexualauBerungen von Mann und Weib ge- 
langen konnen. 

Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hin- Leitzonen bei 
zuf iigen : Die leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen *"" "' 
Kinde an der Klitoris gelegen, der mannlichen Genitalzone 
an der Eichel also homolog. Alles, was ich iiber Mastur- 
bation bei kleinen Madchen in Erfahrung bringen konnte, be- 
traf die Klitoris und nicht die fiir die spateren Geschlechts- 
funktionen bedeutsamen Partien des auBeren Genitales. Ich 
zweifle selbst daran, daB das weibliche Kind unter dem Ein- 
fluB der Verfuhrung zu etwas anderem als zur Klitorismastur- 
bation gelangen kann, es sei denn ganz ausnahmsweise. Die 
gerade bei kleinen Madchen so haufigen Spontanentladungen 
der sexuellen Erregtheit auBern sich in Zuckungen der Klitoris, 
und die haufigen Erektionen derselben ermoglichen es den 
Madchen, die SexualauBerungen des anderen Geschlechtes 
richtig auch ohne Unterweisung zu beurteilen, indem sie ein- 
fach die Empfindungen der eigenen Sexualvorgange auf die 
Knaben iibertragen. 

Will man das Weibwerden des kleinen Madchens ver- 
stehen, so muB man die weiteren Schicksale dieser Klitoris- 
erregbarkeit verfolgen. Die Pubertat, welche dem Knaben 
jenen groBen VorstoB der Libido bringt, kennzeichnet sich 
fiir das Madchen durch eine neuerliche Verdrangungswelle, 
von der gerade die Klitorissexualitat betroffen wird. Es ist 
ein Stiick mannlichen Sexuallebens, was dabei der Verdran- 
gung verfallt. Die bei dieser Pubertatsverdrangung des 
Weibes geschaffene Verstarkung der Sexualhemmnisse ergibt 
dann einen Reiz fiir die Libido des Mannes und notigt die- 
selbe zur Steigerung ihrer Leistungen; mit der Hohe der 
Libido steigt dann auch die Sexualiiberschatzung, die nur 
fiir das sich weigernde, seine Sexualitat verleugnende Weib 
im vollen MaBe zu haben ist. Die Klitoris behalt dann die 

Freud, Sexualtheorie. 3. Auflage. 6 



C^ f\n n 1 i> Origin al fro m 

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82 III- I^ie Umgestaltungen der Pubertat. 

Rolle, wenn sie beim endlich zugelassenen Sexualakt selbst 
erregt wird, diese Erregung an die benachbarten weib- 
lichen Telle welter zu lelten, etwa wie eln Span Klenholz 
dazu beniitzt warden kann, das hartere Brennholz In Brand 
zu setzen. Es nimmt oft elne gewlsse Zeit In Anspruch, bis 
slch diese tJbertragung voUzogen hat, wahrend welcher dann 
das junge Welb anasthetlsch 1st. Diese Anasthesie kann elne 
dauernde werden, wenn die Klltoriszone ihre Erregbarkelt 
abzugeben sich weigert, was gerade durch ausgieblge Beta- 
tigung Im Kinderleben vorbereltet wlrd. Es ist bekannt, 
daB die Anasthesie der Frauen haufig nur eine scheinbare, 
elne lokale ist. Sie slnd anasthetlsch am Scheldenelngang, 
aber kelneswegs unerregbar von der Klitoris oder selbst von 
anderen Zonen aus. Zu diesen erogenen Anlassen der 
Anasthesie gesellen sich dann noch die psychischen, glelch- 
falls durch Verdrangung bedingten. 

Ist die Ubertragung der erogenen Reizbarkeit von der 
Klitoris auf den Scheldenelngang gelungen, so hat damlt das 
Welb seine fiir die spatere Sexualbetatlgung leltende Zone ge- 
wechselt, wahrend der Mann die seinige von der Kindheit an 
beibehalten hat. In diesem Wechsel der leltenden erogenen 
Zone sowle in dem Verdrangungsschub der Pubertat, der 
glelchsam die Infantile Mannlichkeit beiseite schafft, liegen 
die Hauptbedingungen fiir die Bevorzugung des Weibes zur 
Neurose, Insbesondere zur Hysteric. Diese Bedingungen 
hangen also mit dem Wesen der Weiblichkeit Innlgst zu- 
sammen. 

Die Objektfibndung. 

Wahrend durch die Pubertatsvorgange das Prlmat der 
Genitalzonen festgelegt wird und das Vordrangen des erlgiert 
gewordenen Gliedes beim Manne gebleterlsch auf das neue 
Sexualziel hinweist> auf das Eindringen in eine die Genital- 
zone erregende Korperhohle, vollzieht sich von psychischer 
Seite her die Objektflndung, fur welche von der friihesten 
Kindheit an vorgearbeitet worden ist, Als die anfanglichste 
Sexualbefrledlgung noch mlt der Nahrungsaufnahme ver- 
bunden war, hatte der Sexualtrieb eln Sexualobjekt auBer- 



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Die friihesten Sexualobjekte. 83 

halb des eigenen Korpers in der Mutterbrust. Er verier es 
nur spater, vielleicht gerade zur Zeit, als es dem Kinde 
moglich wurde, die Gesamtvorstellung der Person, welcher 
das ihm Befriedigung spendende Organ angehorte, zu bilden. 
Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch 
und erst nach tJberwindung der Latenzzeit stellt sich 
das urspriingliche Verhaltnis wieder her. Nicht ohne guten 
Grund ist das Saugen des Kindes an der Brust der Mutter 
vorbildlich fiir jede Liebesbeziehung geworden. Die Objekt- 
findung ist eigentlich eine Wiederfindnng.^) 

Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen sexuaiobjekt 
Beziehungen bleibt auch nach der Abtrennung der Sexual- ^^^ 
tatigkeit von der Nahrungsaufnahme ein wichtiges Stiick 
librig, welches die Objektwahl vorbereiten, das verlorene 
Gliick also wiederherstellen hilft. Die ganze Latenzzeit iiber 
lernt das Kind andere Personen, die seiner Hilflosigkeit ab- 
helfen und seine Bediirfnisse befriedigen, lie ben, durchaus 
nach dem Muster und in Fortsetzung seines Sauglingsverhalt- 
nisses zur Amme. Man wird sich vielleicht strauben wollen, 
die zartlichen Gefiihle und die Wertschatzung des Kindes fiir 
seine Pflegepersonen mit der geschlechtlichen Liebe zu iden- 
tifizieren, allein ich meine, eine genauere psychologische 
Untersuchung wird diese Identitat iiber jeden Zweifel hinaus 
feststellen konnen. Der Verkehr des Kindes mit seiner 
Pflegeperson ist fiir dasselbe eine unaufhorlich flieBende 
Quelle sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen 
Zonen aus, zumal da letztere — in der Regel doch die 
Mutter — das Kind selbst mit Gefiihlen bedenkt, die aus 
ihrem Sexualleben stammen, es streichelt, kiiBt und wiegt 
und ganz deutlich zum Ersatz fiir ein vollgiiltiges Sexual- 



*) Die Psychoanalyse lehrt, daB es zwei Wege der Objektfindung 
gibt, erstens die im Text besprochene, die in Anlehnung an 
die fruhinfantilen Vorbilder vor sich geht, und zweitens die nar- 
ziBtische, die das eigene Ich sucht und im anderen wiederfindet. 
Diese letztere hat eine besonders groBe Bedeutung fur die patho- 
logischen Ausgange, fiigt sich aber nicht in den hier behandelten Zu- 
sammenhang. 



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84 ni. Die Umgestaltungen der Pubertat. 

objekt nimmt.^) Die Mutter wiirde wahrscheinlich erschrecken, 
wenn man ihr die Aufklarung gabe, daB sie mit all ihren 
Zartlichkeiten den Sexualtrieb ihres Kindes weckt und dessen 
spatere Intensitat vorbereitet. Sie halt ihr Tun fiir asexuelle 
»reine« Liebe, da sie es doch sorgsam vermeidet, den Geni- 
talien des Kindes mehr Erregungen zuzufiihren, als bei der 
Korperpflege unumganglich ist. Aber der Geschlechtstrieb 
wird nicht nur durch Erregung der Genitalzone geweckt, wie 
wir ja wissen; was wir Zartlichkeit heiBen, wird unfehlbar 
eines Tages seine Wirkung auch auf die Genitalzonen auBern. 
Verstiinde die Mutter mehr von der hohen Bedeutung des 
Triebes fiir das gesamte Seelenleben, fiir alle ethischen und 
psychischen Leistungen, so wiirde sie sich iibrigens auch nach 
der Aufklarung alle Selbstvorwiirfe ersparen. Sie erfuUt nur 
ihre Aufgabe, wenn sie das Kind lieben lehrt; es soil ja ein 
tuchtiger Mensch mit energischem Sexualbediirfnis werden 
und in seinem Leben all das vollbringen, wozu der Trieb den 
Menschen drangt. Ein Zuviel von elterlicher Zartlichkeit wird 
freilich schadlich werden, indem es die sexuelle Reifung be- 
schleunigt, auch dadurch, daB es das Kind »verw6hnt«, es 
unfahig macht, im spateren Leben auf Liebe zeitweilig zu 
verzichten oder sich mit einem geringeren MaB davon zu be- 
gniigen. Es ist eines der besten Vorzeichen spaterer Nervo- 
sitat, wenn das Kind sich unersattlich in seinem Verlangen 
nach Zartlichkeit der Eltern erweist, und anderseits werden 
gerade neuropathische Eltern, die ja meist zur maBlosen 
Zartlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition 
des Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. 
Man ersieht iibrigens aus diesem Beispiel, daB es fiir neuro- 
tische Eltern direktere Wege als den der Vererbung gibt, ihre 
Storung auf die Kinder zu iibertragen. 

infantue Die Kinder selbst benehmen sich von friihen Jahren an, 

Angst. a|g g3j ji^YQ Anhanglichkeit an ihre Pflegepersonen von der 

Natur der sexuellen Liebe. Die Angst der Kinder ist 



^) Wem diese Auffassung »frevelhaft« diinkt, der lese die fast 
gleichsinnige Behandlung des Verhaltnisses zwischen Mutter und 
Kind bei Havelock Ellis nach. (Das Geschlechtsgefiihl, S. 16.) 



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Die Inzestschranke. 85 

urspriinglich gar nichts anderes als der Ausdruck dafiir, daB 
sie die geliebte Person vermissen; sie kommen darum jedem 
Fremden mit Angst entgegen; sie fiirchten sich in der 
Dunkelheit, weil man in dieser die geliebte Person nicht sieht, 
und lassen sich beruhigen, wenn sie dieselbe in der Dunkelheit 
bei der Hand fassen konnen. Man iiberschatzt die Wirkung 
aller Kinderschrecken und gruseligen Erzahlungen der 
Kinderfrauen, wenn man diesen Schuld gibt, daB sie die 
Angstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die zur Angst- 
lichkeit neigen, nehmen nur solche Erzahlungen auf, die an 
anderen durchaus nicht haften woUen ; und zur Angstlichkeit 
neigen nur Kinder mit iibergroBem oder vorzeitig ent- 
wickeltem oder durch Verzartelung anspruchsvoU gewordenem 
Sexualtrieb. Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwach- 
sene, indem es seine Libido in Angst verwandelt, sowie es 
sie nicht zur Befriedigung zu bringen vermag, und der 
Erwachsene wird sich dafiir, wenn er durch unbefriedigte 
Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst wie ein Kind 
benehmen, sich zu fiirchten beginnen, sowie er allein, 
d. h. ohne eine Person ist, deren Liebe er sicher zu sein 
glaubt, und diese seine Angst durch die kindischesten MaB- 
regeln beschwichtigen wollen.^) 

Wenn die Zartlichkeit der Eltern zum Kinde es gliicklich inzeit- 
vermieden hat, den Sexualtrieb desselben vorzeitig, d. h. ehe * *" ^ 
die korperlichen Bedingungen der Pubertat gegeben sind, in 
solcher Starke zu wecken, daB die seelische Erregung in un- 
verkennbarer Weise zum Genitalsystem durchbricht, so kann 
sie ihre Aufgabe erfiillen, dieses Kind im Alter der Reife bei 
der Wahl des Sexualobjekts zu leiten. GewiB lage es dem 



^) Die Aufklarung iiber die Herkunft der kindlichen Angst ver- 
danke ich einem dreijahrigen Knaben, den ich einmal aus seinem 
dunklen Zimmer bitten horte: Tante, sprich mit mir; ich fiirchte 
mich, weil es so dunkel ist. Die Tante rief ihn an : Was hast du denn 
davon? Du siehst mich ja nicht. Das macht nichts, antwortete das 
Kind; wenn jemand spricht, wird es hell. — Er fiirchtete sich also 
nicht vor der Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte Person ver- 
miBte, und konnte versprechen sich zu beruhigen, sobald er einen 
Beweis von deren Anwesenheit empfangen hatte. 



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86 III- Die Umgestaltungen der Pubertal. 

Kinde am nachsten, diejenigen Personen selbst zu Sexualob- 
jekten zu wahlen, die es mit einer sozusagen abgedampften 
Libido seit seiner Kindheit liebt. ^) Aber durch den Auf schub 
der sexuellen Reifung ist die Zeit gewonnen worden, neben 
anderen Sexualhemmnissen die Inzestsehranke aufzurichten, 
jene moralischen Vorschriften in sich aufzunehmen, welche die 
geliebten Personen der Kindheit als Blutsverwandte ausdriick- 
lich von der Objektwahl ausschlieBen. Die Beachtung dieser 
Schranke ist vor allem eine Kulturf orderung der Gesellschaft, 
welche sich gegen die Aufzehrung von Interessen durch die 
Familie wehren muB, die sie fiir die Herstellung hoherer so- 
zialer Einheiten braucht, und darum mit alien Mitteln dahin 
wirkt, bei jedem einzelnen, speziell beim Jiingling, den in der 
Kindheit allein maBgebenden Zusammenhang mit seiner Familie 
zu lockern.2) 

Die Objektwahl wird aber zunachst in der Vorstellung 
voUzogen und das Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend 
hat kaum einen anderen Spielraum, als sich in Phantasien, 
d. h. in nicht zur Ausfiihrung bestimmten Vorstellungen zu 
ergehen. In diesen Phantasien treten bei alien Menschen die 
infantilen Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck 
verstarkt, wieder auf und unter ihnen in gesetzmaBiger Haufig- 
keit und an erster Stelle die meist bereits durch die Geschlechts- 
anziehung differenzierte Sexualregung des Kindes fiir die 
Eltern, des Sohnes fiir die Mutter und der Tochter fiir den 
Vater.^) Gleichzeitig mit der Uberwindung und Verwerfung 
dieser deutlich inzestuosen Phantasien wird eine der bedeut- 
samsten, aber auch schmerzhaftesten, psychischen Leistungen 



^) Vgl. hiezu das auf S. 62 iiber die Objektwahl des Kindes Ge- 
sagte; die »zartliche Str6mung«. 

^) Die Inzestsehranke gehort wahrscheinlich zu den historischen 
Erwerbungen der Menschheit und diirfte wie andere Moraltabu bereits 
bei vielen Indlviduen durch organische Vererbung fixiert sein. (Vgl. 
meine Schrift : Totem und Tabu 1913.) Doch zeigt die psychoanalytische 
Untersuchung, wie intensiv noch der Einzelne in seinen Entwicklungs- 
zeiten mit derlnzestversuchung ringt und wie haufig er sie in Phan- 
tasien und selbst in der Realitat iibertritt. 

') Vergleiche die Ausfiihrungen liber das unvermeidliche Ver- 
hangnis in der Odipusfabel (»Traumdeutung«, 4. Auflage, pag. 198). 



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Die Bindung an die Eltern. 87 

der Pubertatszeit vollzogen, die Ablosung von der Autoritat 
der Eltern, durch welche erst der fiir den Kulturfortschritt 
so wichtige Gegensatz der neuen Generation zur alten ge- 
schaffen wird. Auf jeder der Stationen des Entwicklungs- 
ganges, den die Individuen durchmachen soUen, wird eine 
Anzahl derselben zuriickgehalten, und so gibt es auch Per- 
sonen, welche die Autoritat der Eltern nie fiberwunden und 
ihre Zartlichkeit von denselben nicht oder nur sehr unvoU- 
standig zuriickgezogen haben. Es sind zumeist Madchen, die 
so zur Freude der Eltern weit iiber die Pubertat hinaus bei 
der vollen Kinderliebe verbleiben, und da wird es dann sehr 
lehrreich zu finden, daB es diesen Madchen in ihrer spateren 
Ehe an dem Vermogen gebricht, ihren Mannern das Gebiih- 
rende zu schenken. Sie werden kiihle Ehefrauen und bleiben 
sexuell anasthetisch. Man lernt daraus, daB die anscheinend 
nicht sexuelle Liebe zu den Eltern und die geschlechtliche 
Liebe aus denselben Quellen gespeist werden, d. h. daB die 
erstere nur einer infantilen Fixierung der Libido entspricht. 
Je mehr man sich den tieferen Storungen der psycho- 
sexuellen Entwicklung nahert, desto unverkennbarer tritt die 
Bedeutung der inzestuosen Objektwahl hervor. Bei den Psycho- 
neurotikern verbleibt inf olge von Sexualablehnung ein groBes 
Stiick Oder das Ganze der psychosexuellen Tatigkeit zur 
Objektfindung im UnbewuBten. Fur die Madchen mit iiber- 
groBem Zartlichkeitsbediirfnis und eben solchem Grausenvor 
den realen Anforderungen des Sexuallebens wird es zu einer 
unwiderstehlichen Versuchung, sich einerseits das Ideal der 
asexuellen Liebe im Leben zu verwirklichen und anderseits ihre 
Libido hinter einer Zartlichkeit, die sie ohne Selbstvorwurf 
auBern diirfen, zu verbergen, indem sie die infantile, in der 
Pubertat aufgefrischte Neigung zu Eltern oder Geschwistern 
fiirs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann solchen Per- 
sonen miihelos nachweisen, daB sie in diese ihre Blutsver- 
wandten im gemeinverstandlichen Sinne des Wortes verliebt 
sind, indem sie mit Hilfe der Symptome imd anderen Krank- 
heitsauBerungen ihre unbewuBten Gedanken aufspiirt und in 
bewuBte iibersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder nach einer 
ungliicklichen Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den 



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88 III- Die Umgestaltungen der Pubertat. 

Mechanismus solcher Erkrankung die Riickwendung seiner 
Libido auf die infantil bevorzugten Personen mit Sicherheit 
aufdeeken. 

Nachwirknng Auch wer die inzestuose Fixierung seiner Libido gliick- 

^^^^?!*°*l*f" lich vermieden hat, ist dem EinfluB derselben nicht voUie; ent- 
zogen. Es ist ein deutlicher Nachklang dieser Entwicklungs- 
phase, wenn die erste ernsthafte Verliebtheit des jungen Mari- 
nes, wie so haufig, einem reifen Weibe, die des Madchens 
einem alteren, mit Autoritat ausgestatteten Manne gilt, die 
ihnen das Bild der Mutter und des Vaters beleben konnen. 
In freierer Anlehnung an diese Vorbilder geht wohl die Ob- 
jektwahl iiberhaupt vor sich. Vor allem sucht der Mann nach 
dem Erinnerungsbild der Mutter, wie es ihn seit den Anfan- 
gen der Kindheit beherrscht; im vollen Einklang steht es 
damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen diese ihre 
Erneuerung straubt und ihr mit Feindseligkeit entgegenkommt. 
Bei solcher Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den 
Eltern fiir die spatere Wahl des Sexualobjekts ist es leicht zu 
verstehen, daB jede Storung dieser Kindheitsbeziehungen die 
schwersten Folgen fiir das Sexualleben nach der Reif e zeitigt ; 
auch die Eifersucht des Liebenden ermangelt nie der infantilen 
Wurzel Oder wenigstens der infantilen Verstarkung. Zwistig- 
keiten zwischen den Eltern selbst, ungliickliche Ehe derselben, 
bedingen die schwerste Pradisposition fiir gestorte Sexual- 
entwicklung oder neurotische Erkrankung der Kinder. 

Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste, 
aber nicht die einzige der Spuren, die, in der Pubertat auf- 
gefrischt, dann der Objektwahl den Weg weisen. Andere An- 
satze derselben Herkunft gestatten dem Manne noch immer in 
Anlehnung an seine Kindheit mehr als eine einzige Sexual- 
re i h e zu entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen fiir die 
Objektwahl auszubilden.^) 



^) Ungezahlte Eigentiimlichkeiten des menschlichen Liebeslebens 
sowie das Zwanghafte der Verliebtheit selbst sind iiberhaupt nur 
durch die Riickbeziehung auf die Kindheit und als Wirkungsreste 
derselben zu verstehen. 



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Verhiitung der Inversion. 89 

Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt Verhiitung 
darin, das entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie inye^ion. 
wird, wie bekannt, nicht ohne einiges Tasten gelost. Die ersten 
Eegungen nach der Pubertat gehen haufig genug — ohne 
dauernden Schaden — irre. Dessoir hat mit Recht darauf 
aufmerksam gemacht, welche GesetzmaBigkeit sich in den 
schwarmerischen Freundschaften von Jiinglingen und Mad- 
chen fiir ihresgleichen verrat. Die groBte Macht, welche eine 
dauernde Inversion des Sexualobjekts abwehrt, ist gewiB die 
Anziehung, welche die entgegengesetzten Geschlechtscharak- 
tere fiir einander auBern; zur Erklarung derselben kann im 
Zusammenhange dieser Erorterungen nichts gegeben werden. 
Aber dieser Faktor reicht fiir sich allein nicht hin, die In- 
version auszuschlieBen ; es kommen wohl allerlei unterstiit- 
zende Momente hinzu. Vor allem die Autoritatshemmung der 
Gesellschaft ; wo die Inversion nicht als Verbrechen betrach- 
tet wird, da kann man die Erfahrung machen, daB sie den 
sexuellen Neigungen nicht weniger Individuen voU entspricht. 
Ferner darf man fiir den Mann annehmen, daB die Kinder- 
erinnerung an die Zartlichkeit der Mutter und anderer w^eib- 
licher Personen, denen er als Kind iiberantwortet war, ener- 
gisch mithilft, seine Wahl auf das Weib zu lenken, wahrend 
die von seiten des Vaters erfahrene friihzeitige Sexualein- 
schiichterung imd die Konkurrenzeinstellung zu ihm vom 
gleichen Geschlechte ablenkt. Beide Momente gelten aber auch 
fiir das Madchen, dessen Sexualbetatigung unter der beson- 
deren Obhut der Mutter steht. Es ergibt sich so eine feind- 
liche Beziehung zum eigenen Geschlecht, welche die Objektwahl 
entscheidend in dem fiir normal geltenden Sinn beeinfluBt. 
Die Erziehung der Knaben durch mannliche Personen (Skla- 
ven in der antiken Welt) scheint die Homosexualitat zu be- 
giinstigen ; beim heutigen Adel wird die Haufigkeit der Inversion 
wohl durch die Verwendung mannlicher Dienerschaft wie durch 
die geringere personliche Fiirsorge der Miitter fiir ihre Kinder 
um etwas verstandlicher. Bei manchen Hysterischen ergibt 
sich, daB der friihzeitige Wegfall einer Person des Eltern- 
paares (durch Tod, Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann 
die iibrigbleibende die ganze Liebe des Kindes an sich gezogen 



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90 III- Die Umgestaltungen der Pubertat. 

hatte, die Bedingung fiir das Geschlecht der spater zum 
Sexualobjekt gewahlten Person festgestellt und damit auch 
die dauernde Inversion ermoglicht hat. 

Zusammenfassung. 

Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. 
Wir sind von den Abirrungen des Geschlechtstriebes in Bezug 
auf sein Objekt und sein Ziel ausgegangen, haben die Frage- 
stellung vorgefunden, ob diese aus angeborner Anlage ent- 
springen oder infolge der Einfliisse des Lebens erworben wer- 
den. Die Beantwortung dieser Frage ergab sich uns aus der 
Einsicht in die Verhaltnisse des Geschlechtstriebes bei den 
Psychoneurotikern, einer zahlreichen und den Gesunden nicht 
feme stehenden Menschengruppe, welche Einsicht wir durch 
psychoanalytische Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden 
so, daB bei diesen Personen die Neigungen zu alien Perver- 
sionen als unbewuBte Machte nachweisbar sind und sich als 
Symptombildner verraten, und konnten sagen, die Neurose sei 
gleichsam ein Negativ der Perversion. Angesichts der nun er- 
kannten groBen Verbreitung der Perversionsneigungen drangte 
sich uns der Gesichtspunkt auf, daB die Anlage zu den Perver- 
sionen die urspriingliche allgemeine Anlage des menschlichen 
Geschlechtstriebes sei, aus welcher das normale Sexual- 
verhalten infolge organischer Veranderungen imd psychischer 
Hemmungen im Laufe der Reifung entwickelt werde. Die 
ursprungliche Anlage hofften wir im Kindesalter aufzeigen 
zu konnen; unter den die Richtung des Sexualtriebes ein- 
schrankenden Machten hoben wir Scham, Ekel, Mitleid und 
die sozialen Konstruktionen der Moral und Autoritat hervor. 
So muBten wir in jeder fixierten Abirrung vom normalen 
Geschlechtsleben ein Stiick Entwicklungshemmung und Infan- 
tilismus erblicken. Die Bedeutung der Variationen der ur- 
sprunglichen Anlage muBten wir in den Vordergrund stellen, 
zwischen ihnen und den Einfliissen des Lebens aber ein Ver- 
haltnis von Kooperation und nicht von Gegensatzlichkeit an- 
nehmen. Anderseits erschien uns, da die urspriingliche An- 
lage eine komplexe sein muBte, der Geschlechtstrieb selbst 



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Zusammenfassung. 91 

als etwas aus vielen Faktoren Zusammengesetztes, das in den 
Perversionen gleichsam in seine Komponenten zerfallt. Somit 
erwiesen sich die Perversionen einerseits als Hemmungen, 
anderseits als Dissoziationen der normalen Entwicklung. Beide 
Auffassungen vereinigten sich in der Annahme, daB der 
Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die Zusammenfassung 
vielfacher Regungen des Kinderlebens zu einer Einheit, einer 
Strebung mit einem einzigen Ziel entstehe. 

Wir fligten noch die Aufklarung fiir das Uberwiegen der 
perversen Neigungen bei den Psychoneurotikern bei, indem 
wir dieses als koUaterale Fiillung von Nebenbahnen bei Ver- 
legung des Hauptstrombettes durch die »Verdrangung« er- 
kannten, und wandten uns dann der Betrachtung des Sexual- 
lebens im Kindesalter zu.^) Wir fanden es bedauerlich, daB 
man dem Kindesalter den Sexualtrieb abgesprochen und die 
nicht selten zu beobachtenden SexualauBerungen des Kindes 
als regelwidrige Vorkommnisse beschrieben hat. Es schien 
uns vielmehr, daB das Kind Keime von Sexualtatigkeit mit 
zur Welt bringt und- schon bei der Nahrungsaufnahme 
sexuelle Befriedigung mitgenieBt, die es sich dann in der gut 
gekannten Tatigkeit des »Ludelns« immer wieder zu ver- 
schaffen sucht. Die Sexualbetatigung des Kindes entwickle 
sich abcr nicht im gleichen Schritt wie seine sonstigen Funk- 
tionen, sondern trete nach einer kurzen Bliiteperiode vom 
3. bis zum 5. Jahr in die sog. Latenzperiode ein. In der- 
selben wiirde die Produktion sexueller Erregung keineswegs 
eingestellt, sondern halte an und liefere einen Vorrat von 
Energie, der groBenteils zu anderen als sexuellen Zwecken 
verwendet werde, namlich einerseits zur Abgabe der 
sexuellen Komponenten fur soziale Gefiihle, anderseits (ver- 
mittels Verdrangung und Reaktionsbildung) zum Aufbau der 



*) Dies gilt nicht nur fiir die in der Neurose »negativ« auf- 
tretenden Perversionsneigungen, sondern ebenso fiir die positiven, 
eigentlich so benannten Perversionen. Diese letzteren sind also nicht 
bloB auf die Fixierung der infantilen Neigungen zuriickzufiihren, 
sondern auch auf die Regression zu denselben infolge der Verlegung 
anderer Bahnen der Sexualstromung. Darum sind auch die positiven 
Perversionen der psychoanalytischen Therapie zuganglich. 



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92 III. Die Umgestaltungen der Pubertal. 

spateren Sexualschranken. Demnach wiirden die Machte, die 
dazu bestiramt sind, den Sexualtrieb in gewissen Bahnen zu 
erhalten, im Kindesalter auf Kosten der groBenteils perversen 
Sexualregungen und imter Mithilfe der Erziehung aufgebaut. 
Ein anderer Teil der infantilen Sexualregungen entgehe 
diesen Verwendungen und konne sich als Sexualbetatigung 
auJBern. Man konne dann erfahren, daB die Sexualerregung 
des Kindes aus vielerlei Quellen fliefie. Vor allem entstehe 
BeMedigung durch die geeignete sensible Erregung sog. 
erogener Zonen, als welche wahrscheinlich jede Hautstelle 
und jedes Sinnesorgan, wahrscheinlich jedes Organ, fungieren 
konne, wahrend gewisse ausgezeichnete erogene Zonen existieren, 
deren Erregung durch gewisse organische Vorrichtungen von 
Anfang an gesichert sei. Ferner entstehe sexuelle Erregung 
gleichsam als Nebenprodukt bei einer groBen Reihe von Vor- 
gangen im Organismus, sobald dieselben nur eine gewisse In- 
tensitat erreichen, ganz besonders bei alien starkeren Gemiits- 
bewegungen, seien sie auch peinlicher Natur. Die Erregungen 
aus all diesen Quellen setzten sich noch nicht zusammen, sondern 
verfolgten jede vereinzelt ihr Ziel, welches bloB der Gewinn 
einer gewissen Lust ist. Der Geschlechtstrieb sei im Kindesalter 
also objektlos, autoerotisch. 

Noch wahrend der Kinderjahre beginne die erogene Zone 
der Genitalien sich bemerkbar zu machen, entweder in der 
Art, daB sie wie jede andere erogene Zone auf geeignete 
sensible Reizung Befriedigung ergebe, oder indem auf nicht 
ganz verstandliche Weise mit der Befriedigung von anderen 
Quellen her gleichzeitig eine Sexualerregung erzeugt werde, 
die zu der Genitalzone eine besondere Beziehung erhalte. 
Wir haben es bedauern miissen, daB eine geniigende Auf- 
klarung des Verhaltnisses zwischen Sexualbefriedigung und 
Sexualerregung sowie zwischen der Tatigkeit der Genitalzone 
und der iibrigen Quellen der Sexualitat nicht zu erreichen war. 

Welches MaB von sexuellen Betatigungen im Kindesalter 
noch als normal, der weiteren Entwicklung nicht abtraglich, 
bezeichnet werden darf, konnten wir nicht sagen. Der 
Charakter der SexualauBerungen erwies sich als vorwiegend 
masturbatorisch. Wir stellten ferner durch Erfahrungen fest. 



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Zusammenfassung. 93 

daB die auBeren Einfliisse der Verfiihrung vorzeitige Durch- 
briiche der Latenzzeit bis zur Aufhebung derselben hervor- 
rufen konnen, und daB sich dabei der Geschlechtstrieb des 
Kindes in der Tat als polymorph pervers bewahrt; ferner, 
daB jede solche friihzeitige Sexualtatigkeit die Erziehbarkeit 
des Kindes beeintrachtigt. 

Trotz der Liickenhaftigkeit unserer Einsiehten in das 
infantile Sexualleben muBten wir dann den Versuch machen, 
die durch das Auftreten der Pubertat gesetzten Veranderungen 
desselben zu studieren. Wir griffen zwei derselben als die 
maBgebenden heraus, die Unterordnung aller sonstigen Ur- 
spriinge der Sexualerregung unter das Primat der Genital- 
zonen und den ProzeB der Objektfindung. Beide sind im 
Kinderleben bereits vorgebildet. Die erstere voUzieht sich 
durch den Mechanismus der Ausniitzung der Vorlust, wobei 
die sonst selbstandigen sexuellen Akte, die mit Lust und Er- 
regung verbunden sind, zu vorbereitenden Akten fiir das 
neue Sexualziel, die Entleerung der Geschlechtsprodukte 
werden, dessen Erreichung unter riesiger Lust der Sexual- 
erregung ein Ende macht. Wir hatten dabei die Differen- 
zierung des geschlechtlichen Wesens zu Mann und Weib zu 
beriicksichtigen und fanden, daB zum Weibwerden eine neuer- 
liche Verdrangung erforderlich ist, welche ein Stuck infantiler 
Mannlichkeit aufhebt und das Weib fiir den Wechsel der 
leitenden Genitalzone vorbereitet. Die Objektwahl endlich 
fanden wir geleitet durch die infantilen, zur Pubertat aufge- 
frischten Andeutungen sexueller Neigung des Kindes zu seinen 
Eltem und Pflegepersonen und durch die mittlerweile aufge- 
richtete Inzestschranke von diesen Personen weg auf ihnen 
ahnliche gelenkt. Fiigen wir endlich noch hinzu, daB 
wahrend der Ubergangszeit der Pubertat die somatischen 
und die psychischen Entwicklungsvorgange eine Weile unver- 
kniipft nebeneinander hergehen, bis mit dem Durchbruch 
einer intensiven seelischen Liebesregung zur Innervation der 
Genitalien die normalerweise erforderte Einheit der Liebes- 
funktion hergestellt wird. 

Jeder Schritt auf diesem langen Entwicklungswege kann Entwickiangs- 
zur Fixierungsstelle, jede Fuge dieser verwickelten Zu- ^^mente. 



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94 III- Die Umgestaltungen der Pubertat. 

sammensetzung zum AnlaB der Dissoziation des Geschlechts- 
triebes werden, wie wir bereits an verschiedenen Beispielen 
erortert haben. Es eriibrigt uns noch eine tJbersicht der 
verschiedenen, die Entwicklung storenden inneren und 
auBeren Momente zu geben und beizufiigen, an welcher Stelle 
des Mechanismus die von ihnen ausgehende Storung angreift. 
Was wir da in einer Reihe anfiihren, kann freilich unter sich 
nicht gleichwertig sein, und wir miissen auf Schwierigkeiten 
rechnen, den einzelnen Momenten die ihnen gebiihrende Ab- 
schatzung zuzuteilen. 

Konititution An erster Stelle ist hier die angeborene Verschieden- 

undHeredit&t. jjgil; der sexuellen Konstitution zu nennen, auf die 
wahrscheinlich das Hauptgewicht entfallt, die aber, wie be- 
greiflich, nur aus ihren spateren AuBerungen und dann nicht 
immer mit groBer Sicherheit zu erschlieBen ist. Wir stellen 
uns unter ihr ein Uberwiegen dieser oder jener der mannig- 
fachen Quellen der Sexualerregung vor und glauben, daB 
solche Verschiedenheit der Anlagen in dem Endergebnis 
jedenfalls zum Ausdruck kommen muB, auch wenn dies sich 
innerhalb der Grenzen des Normalen zu halten vermag. 
GewiB sind auch solche Variationen der urspriinglichen Anlage 
denkbar, welche notwendigerweise und ohne weitere Mithilfe 
zur Ausbildung eines abnormen Sexuallebens fiihren miissen. 
Man kann dieselben dann »degenerative« heiBen und als Aus- 
druck ererbter Verschlechterung betrachten. Ich habe in 
diesem Zusammenhange eine merkwiirdige Tatsache zu be- 
richten. Bei mehr als der Halfte meiner psychotherapeutisch 
behandelten schweren Falle von Hysteric, Zwangsneurose usw. 
ist mir der Nachweis der vor der Ehe iiberstandenen Syphilis 
der Vater sicher gelungen, sei es, daB diese an Tabes oder 
progressiver Paralyse gelitten hatten, sei es, daB deren 
luetische Erkrankung sich anderswie anamnestisch feststellen 
lieB. Ich bemerke ausdriicklich, daB die spater neurotischen 
Kinder keine korperlichen Zeichen von hereditarer Lues an 
sich trugen, so daB eben die abnorme sexuelle Konstitution 
als der letzte Auslaufer der luetischen Erbschaft zu betrachten 
war. So fern es mir nun liegt, die Abkunft von syphilitischen 



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Zusammenfassung. 95 

Eltern als regelmaBige oder unentbehrliche atiologische Be- 
dingung der neuropathischen Konstitution hinzustellen, so 
halte ich doch das von mir beobachtete Zusammentreffen fiir 
nicht zufallig und nicht bedeutungslos. 

Die hereditaren Verhaltnisse der positiv Perversen sind 
minder gut bekannt, weil dieselben sich der Erkundung zu 
entziehen wissen. Doch hat man Grund anzunehmen, daB bei 
den Perversionen ahnliches wie bei den Neurosen gilt. Nicht 
selten findet man namlich Perversion und Psychoneurose in 
denselben Familien auf die verschiedenen Geschlechter so 
verteilt, daB die mannlichen Mitglieder oder eines dei^selben 
positiv pervers, die weiblichen aber der Verdrangungsneigung 
ihres Geschlechtes entsprechend negativ pervers, hysterisch 
sind, ein guter Beleg fiir die von ims gefundenen Wesens- 
beziehungen zwischen den beiden Storungen. 

Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob Weitere 
mit dem Ansatz der verschiedenen Komponenten in der 
sexuellen Konstitution die Entscheidung iiber die Gestaltung 
des Sexuallebens eindeutig bestimmt ware. Die Bedingtheit 
setzt sich vielmehr fort und weitere Moglichkeiten ergeben 
sich je nach dem Schicksal, welches die aus den einzelnen 
Quellen stammenden Sexualitatszufliisse erfahren. Diese 
weitere Verarbeitung ist offenbar das endgiiltig Ent- 
scheidende, wahrend die der Beschreibung nach gleiche Kon- 
stitution zu drei verschiedenen Endausgangen fiihren kann. 
Wenn sich alle die Anlagen in ihrem, als abnorm angenom- 
menen, relativen Verhaltnis erhalten imd mit der Reifung 
verstarken, so kann nur ein perverses Sexualleben das End- 
ergebnis sein. Die Analyse solcher abnormer konstitutioneller 
Anlagen ist noch nicht ordentlich in Angriff genommen 
worden, doch kennen wir bereits Falle, die in solchen An- 
nahmen mit Leichtigkeit ihre Erklarung finden. Die Autoren 
meinen z. B. von einer ganzen Reihe von Fixationsperver- 
sionen, dieselben hatten eine angeborene Schwache des 
Sexualtriebes zur notwendigen Voraussetzimg. In dieser 
Form scheint mir die Aufstellung unhaltbar; sie wird aber 
sinnreich, wenn eine konstitutionelle Schwache des einen 
Faktors des Sexualtriebes, der genitalen Zone, gemeint ist, 



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96 III' I^i® Umgestaltungen der Pubertat. 

welche Zone spaterhin die Zusammenfassung der einzelnen 
Sexualbetatigungen zum Ziel der Fortpflanzung als Funktion 
ubernimmt. Diese in der Pubertat geforderte Zusammen- 
fassung muB dann miBlingen und die starkste der anderen 
Sexualitatskomponenten wird ihre Betatigung als Perversion 
durchsetzen.^) 

VerdranguDg. Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der 

Entwicklung einzelne der iiberstark angelegten Komponenten 
den ProzeB der Verdrangung erfahren, von dem man 
festjialten muB, daB er einer Aufhebung nicht gleichkommt. 
Die betreffenden Erregungen werden dabei wie sonst erzeugt, 
aber durch psychische Verhinderung von der Erreichung 
ihres Zieles abgehalten und auf mannigfache andere Wege 
gedrangt, bis sie sich als Symptome zum Ausdruck gebracht 
haben. Das Ergebnis kann ein annahernd normales Sexual- 
leben sein — meist ein eingeschranktes — , aber erganzt durch 
psychoneurotische Krankheit. Gerade diese Falle sind uns 
durch die psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut 
bekannt geworden. Das Sexualleben solcher Personen hat wie 
das der Perversen begonnen, ein ganzes Stiick ihrer Kindheit 
ist mit perverser Sexualtatigkeit ausgefiillt, die sich gelegentlich 
weit liber die Reifezeit erstreckt; dann erfolgt aus inneren 
Ursachen — meist noch vor der Pubertat, aber hie und da 
sogar spat nachher — ein Verdrangungsumschlag, und von 
nun an tritt, ohne daB die alten Regungen erloschen, Neurose 
an die Stelle der Perversion. Man wird an das Sprichwort 
» Junge Hure, alte Betschwester« erinnert, nur daB die Jugend 
hier allzu kurz ausgefallen ist. Diese Ablosung der Perversion 
durch die Neurose im Leben derselben Person muB man 
ebenso wie die vorhin angefiihrte Verteilung von Perversion 
und Neurose auf verschiedene Personen derselben Familie 
mit der Einsicht, daB die Neurose das Negativ der Perversion 
ist, zusammenhalten. 



*) Man sieht dabei haufig, daB in der Pubertatszeit zunachst eine 
normale Sexualstromung einsetzt, welche aber infolge ihrer inneren 
Schwache vor den ersten auBeren Hindernissen zusammenbrieht und 
dann von der Regression auf die perverse Fixierung abgelost wird. 



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Zusammenfassung. 97 

Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage snbiimieniiig. 
wird durch den ProzeB der »Sublimierung« ermoglicht, 
bei welchem den iiberstarken Erregungen aus einzelnen 
Sexualitatsquellen AbfluB und Verwendung auf andere 6e- 
biete eroffnet wird, so daB eine nicht unerhebliche Stei- 
gerung der psychischen Leistungsfahigkeit aus der an sich 
gefahrlichen Veranlagung resultiert. Eine der Quellen der 
Kunstbetatignng ist hier zu finden und, je nachdem solche 
Sublimierung eine vollstandige oder unvoUstandige ist, wird 
die Charakteranalyse hochbegabter, insbesondere kiinstle- 
risch veranlagter Personen jedes Mengungsverhaltnis zwischen 
Leistungsfahigkeit, Perversion und Neurose ergeben. Eine 
Unterart der Sublimierung ist wohl die Unterdriickung durch 
Reaktionsbildung, die, wie wir gefunden haben, bereits 
in der Latenzzeit des Kindes beginnt, um sich im giinstigen 
Falle durchs ganze Leben fortzusetzen. Was wir den »Cha- 
rakter« eines Menschen heiBen, ist zum guten Teil mit 
dem Material sexueller Erregungen aufgebaut und setzt 
sich aus seit der Kindheit fixierten Trieben, aus durch 
Sublimierung gewonnenen und aus solchen Konstruktionen 
zusammen, die zur wirksamen Niederhaltung perverser, als 
unverwendbar erkannter Regungen bestimmt sind. Somit 
kann die allgemein perverse Sexualanlage der Kindheit als 
die Quelle einer Reihe unserer Tugenden geschatzt werden, 
insofern sie durch Reaktionsbildung zur Schaffung derselben 
AnstoB gibt.^) 

Gegeniiber den Sexualentbindungen, Verdrangungsschiiben Akjddeiit«ii 
und Sublimierungen, letztere beide Vorgange, deren innere ^riebtei. 
Bedingungen uns voUig unbekannt sind, treten alle anderen 
Einfliisse weit an Bedeutung zuriick. Wer Verdrangungen 



*) Ein Menschenkenner wie E. Zola schildert in »La Joie de 
vivre« ein Madchen, das in heiterer SelbstentauBerung alles, was es 
besitzt und beanspruchen konnte, sein Vermogen und seine Lebens- 
wunsche geliebten Personen ohne Entlohnung zum Opfer bringt. Die 
Kindheit dieses Madchens ist von einem unersattlichen Zartlichkeits- 
bedurfnis beherrscht, das sie bei einer Gelegenheit von Zurucksetzung 
gegen eine Andere in Grausamkeit verfallen laBt. 

Freud, Sexualtheorie. 8. Auflage. 7 



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98 III. Die Umgestaltungen der Pubertal. 

und Sublimierungen mit zur konstitutionellen Anlage rechnet, 
als die LebensauBerungen derselben betrachtet, der hat aller- 
dings das Recht zu behaupten, daB die Endgestaltung des 
Sexuallebens vor allem das Ergebnis der angeborenen Kon- 
stitution ist. Indes wird kein Einsichtiger bestreiten, daB in 
solchem Zusammenwirken von Faktoren auch Raum fiir die 
modifizierenden Einfliisse des akzidentell in der Kindheit und 
spaterhin Erlebten bleibt. Es ist nicht leicht, die Wirksam- 
keit der konstitutionellen und der akzidentellen Faktoren in 
ihrem Verhaltnis zueinander abzuschatzen. In der Theorie 
neigt man immer zur Uberschatzung der ersteren ; die thera- 
peutische Praxis hebt die Bedeutsamkeit der letzteren hervor. 
Man soUte auf keinen Fall vergessen, daB zwischen den beiden 
ein Verhaltnis von Kooperation und nicht von AusschlieBung 
besteht. Das konstitutionelle Moment muB auf Erlebnisse 
warten, die es zur Geltung bringen, das akzidentelle bedarf 
einer Anlehnung an die Konstitution, um zur Wirkung zu 
kommen. Man kann sich fiir die Mehrzahl der Falle eine 
sogenannte »atiologische Reihe« vorstellen, in welcher die 
fallenden Intensitaten des einen Faktors durch die steigenden 
des anderen ausgeglichen werden, hat aber keinen Grund, 
die Existenz extremer Falle an den Enden der Reihe zu 
leugnen. 

Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch 
besser, wenn man den Erlebnissen der f riihen Kindheit unter den 
akzidentellen Momenten eine Vorzugsstellung einraumt. Die 
eine atiologische Reihe zerlegt sich dann in zwei, die man die 
dispositionelle und die definitive heiBen kann. In 
der ersteren wirken Konstitution und akzidentelle Kindheits- 
erlebnisse ebenso zusammen wie in der zweiten Disposition 
und spatere traumatische Erlebnisse. AUe die Sexualentwick- 
lung schadigenden Momente auBern ihre Wirkung in der 
Weise, daB sie eine Regression, eine Riickkehr zu einer 
friiheren Entwicklungsphase hervorrufen. 

Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einfluB- 
reich fiir die Sexualentwicklung bekannt gewordenen Momente 
aufzuzahlen, sei es, daB diese wirksame Machte oder bloB 
AuBerungen solcher darstellen. 



^ 



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Zusammenfassung. 



99 



Ein solches Moment ist die spontane sexuelle Friihreife, 

die wenigstens in der Atiologie der Neurosen mit Sicherheit 

nachweisbar ist, wenngleich sie so wenig wie andere Momente 

fiir sich allein zur Verursachung hinreicht. Sie auJBert sich 

in Durchbrechung, Verkiirzung oder Aufhebung der infan- 

tilen Latenzzeit und wird zur Ursache von Storungen, indem 

sie SexualauBerungen veranlaBt, die einerseits wegen des 

unfertigen Zustandes der Sexualhemmungen, anderseits infolge 

des unentwickelten Genitalsystems nur den Charakter von 

Perversionen an sich tragen konnen. Diese Perversions- 

neigungen mogen sich nun als solche erhalten oder nach einge- 

tretenenVerdrangungen zu Triebkraf ten neurotischer Symptome 

werden; auf alle Falle erschwert die sexuelle Friihreife die 

wiinschenswerte spatere Beherrschung des Sexualtriebes durch 

die hoheren seelischen Instanzen und steigert den zwangs- 

artigen Charakter, den die psychischen Vertretungen des 

Triebes ohnedies in Anspruch nehmen. Die sexuelle Friihreife 

geht haufig vorzeitiger intellektueller Entwicklung parallel; 

als solche findet sie sich in der Kindheitsgeschichte der be- 

deutendsten und leistungsfahigsten Individuen; sie scheint 

dann nicht ebenso pathogen zu wirken, wie wenn sie isoliert 

auftritt. 

Ebenso wie die Friihreife fordern andere Momente Be- 
riicksichtigung, die man als »zeitliche« mit der Friihreife 
zusammenfassen kann. Es scheint phylogenetisch festgelegt, 
in welcher Reihenfolge die einzelnen Triebregungen aktiviert 
werden, und wie lange sie sich aufiern konnen, bis sie dem 
EinfluB einer neu auf tretenden Triebregung oder einertypischen 
Verdrangung unterliegen. Allein sowohl in dieser zeitlichen 
Aufeinanderfolge wie in der Zeitdauer derselben scheinen 
Variationen vorzukommen, die auf* das Endergebnis einen 
bestimmenden EinfluB iiben miissen. Es kann nicht gleich- 
giiltig sein, ob eine gewisse Stromung friiher oder spater auf- 
tritt als ihre Gegenstromung, denn die Wirkung einer Ver- 
drangung ist nicht riickgangig zu machen ; eine zeitliche Ab- 
weichung in der Zusammensetzung der Komponenten ergibt 
regelmSBigeine Anderung des Resultats. Anderseits nehmen 
besonders intensiv auftretende Triebregungen oft einen iiber- 

7* 



Fruhreife. 



Zeitliche 
Momente. 



■y 



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Haftbarkeit. 



100 III- I^ie Umgestaltungen der Pubertat. 

raschend schnellen Ablauf, z. B. die heterosexuelle Bindung 
der spater manifest Honaosexuellen. Die am heftigsten ein- 
setzenden Strebungen der Kinderjahre rechtfertigen nicht die 
Befiirchtung, dai5 sie den Charakter des Erwachsenen dauernd 
beherrschen werden ; man darf ebensowohl erwarten, daB sie 
verschwinden werden, um ihrem Gegenteile Platz zu machen. 
(Gestrenge Herren regieren nicht lange.) Worauf solche zeit- 
liche Verwirrungen der Entwicklungsvorgange riickfiihrbar 
sind, vermogen wir auch nicht in Andeutungen anzugeben. 
Es eroffnet sich hier ein Ausblick auf eine tiefere Phalanx 
von biologischen, vielleicht auch historischen Problemen, 
denen wir uns noch nicht auf Kampfesweite angenahert 
haben. 

Die Bedeutung aller friihzeitigen SexualauBerungen wird 
durch einen psychischen Faktor unbekannter Herkunft ge- 
steigert, den man derzeit freilich nur als eine psychologische 
Vorlaufigkeit hinstellen kann. Ich meine die erhohte Haft- 
barkeit Oder Fixierbarkeit dieser Eindriicke des Sexual- 
lebens, die man bei spateren Neurotikern wie bei Perversen 
zur Erganzung des Tatbestandes hinzunehmen muB, da die 
gleichen vorzeitigen SexualauBerungen bei anderen Personen 
sich nicht so tief einpragen konnen, daB sie zwangsartig auf 
Wiederholung hinwirken und dem Sexualtrieb fiir alle Lebens- 
zeit seine Wege vorzuschreiben vermogen. Vielleicht liegt 
ein Stiick der Aufklarung fiir diese Haftbarkeit in einem 
anderen psychischen Moment, welches wir in der Verur- 
sachung der Neurosen nicht missen konnen, namlich in dem 
tFbergewicht, welches im Seelenleben den Erinnerungsspuren 
im Vergleich mit den rezenten Eindriicken zufallt. Dieses 
Moment ist offenbar vcm der intellektuellen Ausbildung ab- 
hangig und wachst mit der Hohe der personlichen Kultur. 
Im Gegensatz hiezu ist der Wilde als das »ungliickselige Kind 
des Augenblicks« charakterisiert worden.^) Wegen der gegen- 
satzlichen Beziehung zwischen Kultur und freier Sexualitats- 

^) Moglicherweise ist die Erhohung der Haftbarkeit auch der Er- 
folg einer besonders intensiven somatischen SexualauBerung friiher 
Jahre. 



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Zusammenfassung. 101 

entwicklung, deren Folgen weit in die Gestaltung unseres 
Lebens verfolgt werden konnen, ist es auf niedriger Kultur- 
oder Gesellschaftsstufe so werdg, auf hoherer so sehr fiirs 
spatere Leben bedeutsam, wie das sexuelle Leben des Kindes 
verlaufen ist. 

Die Begiinstigung durch die eben erwahnten psychischen FixieniiiK. 
Momente kommt nun den akzidentell erlebten Anregungen 
der kindlichen Sexualitat zu gute. Die letzteren (Verfiihrung 
durch andere Kinder oder Erwachsene in erster Linie) bringen 
das Material bei, welches mit Hilfe der ersteren zur dauern- 
den Storung fixiert werden kann. Ein guter Teil der spater 
beobachteten Abweichungen vom normalen Sexualleben ist so 
bei Neurotikern wie bei Perversen durch die Eindriicke der 
angeblich sexualfreien Kindheitsperiode von Anfang an fest- 
gelegt. In die Verursachung teilen sich das Entgegenkommen 
der Konstitution, die Friihreife, die Eigenschaft der erhohten 
Haftbarkeit und die zufallige Anregung des Sexualtriebes 
durch fremden EinfluB. 

Der unbefriedigende SchluJB aber, der sich aus diesen 
Untersuchungen iiber die Storungen des Sexuallebens ergibt, 
geht dahin, daB wir von den biologischen Vorgangen, in 
denen das Wesen der Sexualitat besteht, lange nicht genug 
wissen, um aus unseren vereinzelten Einsichten eine zum Ver- 
standnis des Normalen wie des Pathologischen genugende 
Theorie zu gestalten. 



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