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Full text of "Edgar Poe. Teil 1 Das Leben Edgar Poes"

MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 




EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

MIT EINEM VORWORT VON SIGM. FREUD 

BAND I 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




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MARIE BONAPARTE 



EDGAR POE 



TEIL I 




EDGAR POE 
(Nach der Dagucrreotypie „Whitman" aus dem jähre 1848) 



EDGAR POE 

EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

VON 

MARIE BONAPARTE 

MIT EINEM VORWORT VON 

SIGMUND FREUD 



TEIL I 
DAS LEBEN EDGAR POES 



MIT i8 BILDTAFELN 



1934 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN ^IVlV.N 



Autorisierte Übersetzung aus dem Französisdien von Fritz Lehner 



Alle Rechte vorbehalten 

Copyright 1934 by Internationaler Psydioanalytischer Verlag 

Gesellschaft m. b. H. in Wien 



PrinKd in Austrii 
Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



Meine Freundin und Schülerin Marie Bonaparte hat 
in diesem Buch das Licht der Psychoanalyse auf das Leben 
und das Werk eines großen krankhafi gearteten Dichters 
fallen lassen. Dank ihrer Deutungsarbeit versteht man 
jetzt, wieviel von den Charakteren seines Werkes durch 
die Eigenart des Mannes bedingt ist, erfährt aber auch, 
daß diese selbst der Niederschlag starker Gefühlsbindungen 
und schmerzlicher Erlebnisse seiner frühen Jugend war. 
Solche Untersuchungen sollen nicht das Genie des Dichters 
erklären, aber sie zeigen, welche Motive es geweckt haben 
und welcher Stoff ihm vom Schicksal aufgetragen wurde. 
Es hat einen besonderen Reiz, die Gesetze des mensd>- 
lichen Seelenlebens an hervorragenden Individuen zu 
studieren. 

Sigm. Freud 



DAS LEBEN EDGAR POES 




NORDAMERIKA 



OSTKUSTE DERA/EREINIGTEN STAATEN 



EDGARS ELTERN 

Edgar Poe^ wurde am 19. Januar 1809 in Boston geboren, 
als der Sohn David Poes und seiner Frau Elizabeth Arnold, die 
beide Schauspieler waren. David Poe war der Sohn des 
„Generals" David Poe aus Baltimore, eines Assistant Deputy 
Quartermaster der Kontinentalmächte von 1778, d. h. einer der 
Bevollmächtigten, weldie die Einkäufe für die revolutionäre 
Armee durchführten. Der „General" Poe stammte von schotti- 
schen Protestanten ab, die sich in Irland niedergelassen hatten; 

kn-jy*R-" '°^^^""™ S^«^« biographisdien Teil der sdiönen 
krmsdien Biographie von Her v ey All en hrafel (in der Folge 
zitiert als: /,.././) gefolgt, die .,.j in .wei Bänden bei Brentano'' 
in London erschienen ist Dieses Werk ist trotz einiger Irrtümer bei 
iL T" Tu ^'"''." '^'^^o'^tändigste und am besten unterriditete 
unter allen Arbeiten, die wir über das Leben Poes besitzen. Es bezieht 
sidi nidit nur auf Tatsadien, weldie durdi die grundlegenden Unter- 
sudiungen Ingrams Woodberrys und Harrisons klargelegt wurden 
es verarbeitet bereits jene neuen Dokumente, weldie in den EBs 
^ Allan Papers Library of Congress, Washington, und in den Valen- 
tme Museum Poe Letters, herausgegeben von Mary Newton 
c\l\l^-^ A f ^f ^r^i ^°' ^'"'" "■" »°^ '^npublished, Phila- 
iufden und f ^"' l ^- u'^^^"'"" ^""P^^^^' ^^^j)' --^endidit 
Tt, All ^^. ' ^^^^l^^S^"' ^^lAe zwisdien Edgar Poe und 

John Allan, ^w-sdien dem Vater und Adoptivsöhne, bestanden haben, 
ein neues und helles LiAt werfen. Die Werke Poes werden „adi d"; 
„Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen" zitiert, die von 
Jie'ßt'f P ""/-P>'I-nverlag, Berlin (6 Bä'nde), besorgt wurde; 
die Briefe Poes, Prosaversionen seiner Gedidite und die nur in der 
„Virginia Edition" {The Complete Works of Edgar Man Poe 
herausgegeben von James A. Harrison, Professor an der Universte 
von Vir^nia New York bei Thomas Y. Crowell and Comp nj 

Po^'f^ • M ■ "' ^"'■^°y "'"^" '■^'-- "^- E-) enthaltenen Teile von 
v^ ^,^f '''""S^" f.°^'^ -^'^ Zitate aus Werken Baudelaires wurden 
vom Obersetzer dieser Arbeit neu übertragen. Bibliographie der 
übrigen benutzten Werke am Schluß des dritten Bande! 



Das Leben Edgar Poes 



er war als Kind nadi Amerika gekommen. Man sagt, er sei 
eine wichtige Stütze La Fayettes gewesen. Er genoß hohes 
Ansehen; sein Sohn David hingegen war überaus launenhaft 
und undiszipliniert. David begann Jus zu studieren, aber 
da er nichts als das Theater liebte, ging er 1803, sechs- 
undzwanzig Jahre alt, zu einer Schauspielertruppe, den 
„Charleston Players". Im Jahre 1804 finden wir ihn bei 
den „Virginia Players", mit denen er eine Tournee nadi dem 
Norden machte; dann ist er mit einer jungen Schauspielerin, 
die er eben geheiratet hatte, in Boston am Bundestheater 
engagiert. 

Elizabeth Poe, eine geborene Arnold, war die Tochter zweier 
Londoner Schauspieler, des Henry Arnold und der Elizabeth 
Smith. Ihre Mutter, die damals Witwe war, sich aber bald 
nachher mit einem Pianisten der Truppe, mit Herrn Tubbs, 
wiederverheiratet hatte, brachte die Tochter nach Amerika mit. 
Nach der Überlieferung muß Elizabeth um 1787 auf die Welt 
gekommen sein. Im Jahre 1796 erschien sie auf den Brettern 
und hatte wegen ihrer Anmut viel Erfolg. Ihre Mutter, Herr 
Tubbs und sie selbst kamen kurze Zeit nachher zu dritt zur 
Truppe eines Herrn Edgar; und sie allein spielte später 1798 
in Philadelphia unter dem Schutz eines Herrn Usher und einer 
Frau Snowden. 1802 heiratete sie einen Schauspieler namens 
Hopkins, der sie drei Jahre später kinderlos als Witwe zurück- 
ließ; unmittelbar nach dem Tod ihres ersten Gatten wurde sie 
die Frau David Poes. 

Elizabeth war entschieden begabter als David. Seine Zeit- 
genossen behaupten, es habe ihm an Bühnensicherheit und 
Talent gefehlt, und er sei nie über eine zweitrangige Ver- 
wendung hinausgelangt; Elizabeth hingegen, obwohl audi sie 
eher über Fleiß und zähe Beharrlichkeit verfügte als über 
Talent, gefiel dem Publikum. Sie spielte mit Erfolg die Ophelia, 
Cordelia, Julia und manchmal audi den Ariel. Sie tanzte und 



Edgars Eltern 



sang voll Anmut. Trotzdem gelang es dem Paar nur mit Mühe, 
genügend zum Leben zu verdienen. 

Das Elend wurde dadurdi noch größer, daß David, der 
nur über eine zarte Gesundheit verfügte (er war zweifellos 
tuberkulös), den Alkohol liebte. Aber auch die Tuberkulose 
von Edgars Mutter kann kaum abgeleugnet werden; der 
sdinelle Verfall der Gesundheit der jungen Frau, die An- 
spielungen auf die Entkräftung, an der sie starb, Anspielungen, 
weldhe wir in den Zeitungen finden, die zu ihrer Unterstützung 
Hilferufe in die Welt schickten, lassen darüber keinen Zweifel 
offen. 

Zu dem harten Gewerbe, zu dem Kampf gegen das Elend 
kam hinzu, daß die junge Schauspielerin in drei oder vier 
Jahren dreimal Mutter werden mußte. Man weiß, wie ofl 
die Sdiwangersdiafl: die Entwicklung der Tuberkulose begün- 
stigt. Nun folgte auf die Geburt des ersten Sohnes "William 
Henry Leonard, der zu Beginn des Jahres 1807 in Boston zur 
Welt kam, schon im Januar 1809, ebenfalls in Boston, die 
Geburt Edgars. Im Hause herrschte die Armut: der erste Sohn 
William Henry war schon im Alter von wenigen Monaten 
bei den Großeltern in Baltimore gelassen worden, Edgar hin- 
gegen blieb bei seinen Eltern und folgte ihnen auf ihren 
Wanderfahrten durch das Elend. 

Im Juli 18 10, auf einer Tournee in New York, verschwand 
— das ist real und bildlich zu nehmen — David Poe von der 
Szene. Man weiß nicht, ob er seine Frau einfach verlassen hat 
oder ob er damals gestorben ist. Die Überlieferung, die be- 
hauptet, er sei bald nachher an Schwindsucht gestorben, dürfle 
der Wahrheit am nächsten kommen.^ 

2) Diese Tradition wird durdi einen einzigen Zeitungsausschnitt 
(man weiß nicht von welcher Zeitung) begründet, welche den Tod 
David Poes in Norfolk in Virginia am 19. Oktober 18 10 anzeigt 
{Israfel, S. 13). 



Das Leben Edgar Poes 



So war der nun aditzehn Monate alte Edgar mit seiner 
Mutter allein. Aber dieses Tete-ä-t8te sollte nur wenige 
Monate dauern. Elizabeth Poe, die bereits im Sommer 1810 
New York verlassen hatte, spielte, trotz einer fortgesdirittenen 
Schwangerschaft, in Ridimond und Norfolk weiter. Und im 
Dezember brachte sie in Norfolk eine Tochter, RosaHe, zur 
Welt.2a 

Über die Vaterschaft an diesem Kinde, dessen legaler Er- 
zeuger seit Monaten tot oder verschwunden war, wurden 
Zweifel laut. Das müssen wir im Gedächtnis behalten, weil 
diese Gerüchte später die Beziehungen Edgars zu seinem 
Adoptivvater auf das heftigste getrübt haben. 

Kurze Zeit nachher erschien die vom Elend bedrängte Eliza- 
beth Poe trotz ihrer bedrohten Gesundheit bei verschiedenen 
Tourneen im Süden, in Virginia und Carolina, wieder auf der 
Bühne. April 1811 wurde in Charleston (Carolina) eine Vor- 
stellung zu ihren Gunsten veranstaltet und das Publikum ge- 
beten, der Komödie aus Mitleid für eine arme Schauspielerin 
beizuwohnen, der es immer gern Beifall gespendet hatte und 
deren trister Gesundheitszustand besonders erwähnt wird. In 
Norfolk erschien in der Presse ein Aufruf, der betonte, daß die 
junge, kranke Schauspielerin „nur auf sich angewiesen sei, um 
sich und mehrere Kinder zu erhalten". Aber bald nachher, vom 
August an, finden wir Elizabeth Poe bei der Eröffnung der 
Saison in Richmond wieder, in der Stadt, in der sie ganz 
besonders beliebt gewesen ist. 

Sie lebte mit ihrer Tochter Rosalie, einem Kind von wenigen 
Monaten, und mit ihrem zweieinhalbjährigen Edgar in einem 
armseligen Zimmer, das sie bei Frau Phillips, einer Modistin 
und Handarbeitenverkäuferin, gemietet hatte; das Zimmer 



2a) Hervey Allen gibt zwei verschiedene Daten an: den 10. 
(Israfel, S. 8J3) und den 20. {Israfel, S. 14). 



Edgars Eltern 13 



ging auf den Hof hinaus, der hinter der Indian Queen Tavern 
lag, einer Art Hotel, das die Sdiauspieler der Truppe be- 



2 b) Wenn die Überlieferung, nadi der Elizabeth 1787 geboren 
wurde, redit hat, dann war sie um die hier gesdiilderte Zeit 24 Jahre 
alt. Der erste kritisdie Biograph Poes, John H. Ingram (Edgar 
Allan Poe, His Life, Letters, and Opinions, i. Auflage 1880, neue 
Ausgabe London, W. H. Allen and Co., 1886) sdieint die Angabe der 
Überlieferung übernommen zu haben. 

George E. Woodberry (The Life of Edgar Allan Poe, 
personal and literary with his chief correspondence with men of 
letters, Boston and New York, Houghton Mifflin Company, The 
Riverside Press, Cambridge 1909, S. 7, Anmerkung i [i. Auflage 
i88j]) bezweifelt die Riditigkeit des Datums; er meint, man müsse 
aus den Daten über das erste Auftreten der jungen Schauspielerin auf 
der Bühne sdiließen, sie sei um 1780 geboren worden. 

James A. Harrison hingegen (in seiner Biographie Poes, 
V. E., Bd. i) ist so vorsiditig, das Geburtsdatum überhaupt nidit zu 
erwähnen. 

Hervey Allen übernimmt [Israfel, S. 853) die Meinung Ingrams. 

Idi für mein Teil glaube, daß man ohneweiters annehmen darf, 
Elizabeth sei um 1787 zur Welt gekommen: in jener Zeit und 
für jene südlidie Gegend kann die Meinung, sie könne nidit so früh 
(mit 9 oder lo Jahren) aufgetreten sein und mit 15 oder 16 Jahren 
zum erstenmal geheiratet haben, nidit als stidihältig angesehen 
werden. 



DER TOD DER MÜTTER 

Durch einen Augenzeugen, der Elizabeth Poe in ihrer besten 
Zeit gesehen hat, wird sie uns folgendermaßen beschrieben: „Sie 
war von kindhafter Statur, hatte weitgeöffnete, große und ge- 
heimnisvolle Augen, reiches, gelocktes Haar, das von dem selt- 
samen Hut, wie man ihn vor hundert Jahren trug, gehalten 
wurde, ein Haar, das die Stirne mit seiner rabensdiwarzen Masse 
besdiattete; sie hatte zarte Arme, die aus einem Empirekleid 
von blassem, blumenbesticktem Gewebe heraussahen, schmale, 
wohlgerundete Schultern, einen kleinen Hals und trug den 
Kopf stolz erhoben. Es war das Antlitz einer Elfe, eines Geist- 
wesens, einer Undine, die dazu ausersehen war, die Mutter 
jenes Dichters zu werden, der unter allen andern am innig- 
sten mit der Luft, am wenigsten mit der Erde verbunden 
gewesen, dessen leuchtende dunkelgraue Augen einen Glanz 
vom Übernatürlidben her verrieten und (wie er in einem 
seiner ersten Gedidite sagt) die ,glühende Natur des Menschen' 
spiegelten."' 

So sah die Mutter Edgar Poes aus. Durch die Krankheit muß 
diese luftversdiwisterte Erscheinung nodi zarter geworden sein, 
so daß sie nadi und nach zu einer jener morbiden und über- 
irdisdien Sylphiden wurde, die später die Erzählungen ihres 
Sohnes bevölkerten. 

Und sie war schon eine Schwerkranke, als sie mit ihren 



3) Beverly Tudcer, Autor von Artikeln im Southern Liter ary 
Messenger und eines Budies The Partizan Leader. Obige Besdireibung 
stammt aus dem Jahre 1835 und ist sidier durdi die Miniatur 
beeinflußt worden, weldie die Mutter ihrem Sohn hinterlassen 
hatte. 



Der Tod der Mutter 15 



beiden Kindern im August i8ri das ärmliche Zimmer bei der 
Frau Phillips bezog.* 

Mit der Gesundheit Elizabeth Poes ging es nun von Tag 
zu Tag immer deutlicher bergab, und oft mußte sie ihr Auf- 
treten absagen. Immer häufiger vertraute sie ihre Kinder der 
Frau Phillips an, die eine gutherzige Person gewesen zu sein 
scheint. Frau Phillips nahm dann wohl die Kleinen in ihren 
Laden mit. 

In diesen Laden kamen die Schauspieler der Truppe, die 
„Virginia Players", von denen die meisten das benachbarte 
Hotel, das Indian Queen Tavern, bewohnten, und die „Ele- 
gance" von Richmond. Und dort haben wohl auch die Damen 
von Richmond erfahren, daß die Mutter des hübschen kleinen 
Jungen, der im Hof oder im Laden spielte, in einem der 
Zimmer des armseligen Hauses schwer krank daniederliege. 



4) Nach der Mitteilung einer Dame aus Norfolk, die zu jenen 
Zeiten ein kleines Mädchen gewesen und sidi erinnerte, Elizabeth 
Poe 1811 in dieser Stadt spielen gesehen zu haben, und die mit 
den Kindern bekannt gewesen ist, war die Familie von einer Nurse 
aus Wales begleitet, die sidi um die Kinder kümmerte und die 
Mutter pflegte. Dieses Zeugnis ist zwar nidits weniger als sicher, 
aber mit einigen andern ist es die Quelle der Legende, nach weldier 
die Mutter der Elizabeth Poe, die nadi ihrer zweiten Ehe mit 
einem Pianisten namens Tubbs neuerdings verwitwet war, ihre 
Toditer begleitet haben soll {Israfel, S. 17). 

Diesem Bericht muß man die Mitteilungen gegenüberstellen, die 
LauvriÄre {Edgar Poe, sa vie et son ceuvre, Alcan, Paris 1904, 
S. 13) nadi ^X7illiam Fearing Gill (jThe Life of Edgar Allan Poe, 
New York, W. J. "Widdleton; London, Chatto and Windus, 1880, 
S. 319/320, I.Auflage 1877) macht: 

„Einer der Biographen Poes hat uns von diesem Ende ein 
furchtbares Bild entworfen. Als mitleidige Besucher kamen, imi 
Hilfe zu bringen, fanden sie in einer elenden Behausung die beiden 
Schauspieler auf einem Strohlager ausgestredtt, und beide sehr krank, 
Mr. Poe an Schwindsucht und seine Frau an Lungenentzündung. 
Es gab im Haus weder Lebensmittel noch Geld oder Heizmaterial, 
und die Kleider waren verkauft oder verpfändet. Zwei kleine 



i6 Das Leben Edgar Poes 



Frau Allan, die Gattin eines reidien schottischen Kaufmanns, 
sah den kleinen Edgar, als sie im Laden der Frau Phillips ihre 
Einkäufe madite, und sie hörte, wie man von der Krankheit 
seiner Mutter sprach. Sie hat Frau Poe auch häufig während des 
Sommers und im Herbst 1 8 1 1 auf der Straße vor ihrem Haus 
vorbeigehen sehen müssen, das an der Ecke der Fourteenth 
Street & Tobacco Alley lag, nicht weit von dem Theater, in 
dem die „Virginia Players" spielten. 

Frau Frances Keeling Allan, die Gattin des sdiottisdien 
Kaufmanns John Allan, war seit acht Jahren verheiratet und 
hatte keine Kinder. Begann sidi ihr mütterliches Herz, das dar- 
unter litt, keine Kinder zu haben, erst in dem Laden der Frau 
Phillips oder schon damals für Edgar zu interessieren, als er 
bei ihrem Haus vorbeiging? Wir wissen es nicht. Aber es ist 
anzunehmen, daß Frau William Mackenzie, die Gattin eines 
der intimen Freunde Allans, die schon Mutter zweier Kinder, 



Kinder waren bei ihren Eltern unter der Obhut einer alten 
Walliserin, die mit Mrs. Poe nadi Amerika gekommen war und 
ihre Mutter gewesen sein soll. Die Kinder waren halbnackt, halb- 
tot und abgemagert. Das jüngere (Rosalie) befand sidi in einem 
Zustand der Betäubung, was daher kam, daß man es mit in 
Wacholder getauditem Brot nährte. Die alte Frau gestand, daß sie 
die Kinder deshalb so nährte, damit sie „sich ruhig verhalten und 
stark werden". 

Diesem Zeugnis kann aber besonders deshalb nicht geglaubt 
werden, weil es einen offensichtlidi unriditigen Umstand beriditet: 
es erzählt davon, daß sich David Poe am Totenbett seiner Frau 
befunden haben soll. Nun wissen wir, daß David seit Juli i8io, 
also seit mehr als einem Jahr, aus dem Leben seiner Frau ver- 
schwunden war. Dieses Zeugnis ist jedoch als Beweis für die Legende 
interessant, die sich um die Kindheit Edgar Poes gebildet hat, und 
bei der der Alkohol bereits seine Rolle spielt. 

Die Legende hingegen, nadi der David wenige "Wochen nach 
dem Tod seiner Frau gestorben sein soll, ist von Edgar Poe selbst 
verbreitet worden, um die Gerüdite wegen der unehelichen Ab- 
stammung Rosalies zu versciieudien (siehe den Brief Edgar Poes an 
William Poe vom 20. August 1835, V. E., Bd. 17, S. 13 — 16). 




ELIZABETH POE, geb. ARNOLD 
(Nach der Miniatur im Besitz von J. H. Ingram) 



Der Tod. der Mutter xj 



John und Mary, war, sidi gerade durch ihren Hinweis für die 
unglückliche Elizabeth und ihre Familie zu interessieren begann. 
Gegen Ende Herbst 1811 wurde der Zustand Elizabeth Poes 
zusehends schlechter. Immer seltener erschien sie auf der 
Bühne; bald trat sie überhaupt nidit mehr auf. Herr Placide, 
der Impresario, tat für dieses Mitglied, das eines der wichtig- 
sten seiner Truppe war, sicher, was er konnte. Frau Phillips 
nahm keine Miete mehr, da die kranke Mieterin ohne Mittel 
war, seit sie nicht mehr spielte. Und Frau Allan und Frau 
Mackenzie schickten der Unglücklichen durch Frau Phillips 
Kleider oder Nahrung. 

Das Zimmer, in dem Elizabeth Poe nun starb, war klein und 
feucht; kein Holz für den Kamin; der Fluß, die James, war in 
jenem Jahr aus den Ufern getreten und hatte den tiefer- 
gelegenen Teil der Main-Street überschwemmt; es wimmelte 
von Moskitos, von Malariaträgern. In dem Zimmer befand 
sich nidits als ein armseliges Bett mit einem Strohsack, eine 
oder zwei Dedten, die Frau Phillips beigestellt hatte, ein oder 
zwei Stühle, ein Kinderbett für die Kleinen; und das Zimmer 
wurde am Abend von Kerzenstückdien erhellt, die in einer 
Flasche steckten. Die Habe der Sdiauspielerin muß sehr be- 
scheiden gewesen sein: ein wenig verblaßtes und schmutzig 
gewordenes Theaterflitterwerk, letzte Zeugen vergangener 
Triumphe; ein kleines Kästchen, in dem Elizabeth ihre Briefe 
aufbewahrte; und die zerfetzten Kleider der Kinder. 

Kein Arzt überschritt diese Schwelle. Und die Todkranke 
mußte in diesen kurzen November- und Dezembertagen mit 
verzweifeltem Herzen in ihrer düsteren Einsamkeit das Schreien 
der kleinen Rosalie hören, die Stimmen der Kunden der Frau 
Phillips im Laden unten oder die Schritte ihres Söhnchens, das 
auf der engen Treppe spielte. 

Manchmal jedoch kamen Besuche. Die Damen von Rich- 
mond, welche in dem Laden bei Frau Phillips einen Hut 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 



i8 Das Leben Edgar Poes 

gewählt hatten, gingen hinauf, um die Kranke zu sehen. Und 
unter den Eifrigsten waren wohl Frau Allan und Frau 
Madcenzie. 

Die Schauspielerin lag im Sterben. Placide hatte zu ihrem 
Benefiz Vorstellungen organisiert, verschiedentlich waren Hilfe- 
rufe in den Zeitungen ersdiienen; der letzte sah so aus: 

„An das menschliche Herz! 

Frau Poe, die, von ihren Kindern umgeben, auf ihrem 
Sdimerzenslager liegt, bittet Sie heute um Hilfe, und dies vielleicht 
zum letzten Mal . . . Einzelheiten auf den heutigen Anschlagstafeln."^ 

Und es war wirklich das letzte Mal. Elizabeth Poe starb am 
S.Dezember 1811 an Lungenentzündung. 

Wir können uns das Wachsgesidit der kleinen Toten vor- 
stellen, die auf ihrem Sdimerzenslager in ihrem schönsten 
Empirekleid lag und an diesem frühen Abend des Dezember 
von den Kerzen, die in den Flaschen steckten, beleuchtet war; 
Frau Phillips bewegte sich gescäiäflig um das Totenbett herum, 
dann kamen die Schauspieler, um ein letztes Mal ihre Kollegin 
zu sehen; und sdiließlidi erschienen Frau Allan und Frau 
Mackenzie, denen es gelungen war, ihre Männer für so viel 
Elend zu interessieren und sie die Kosten des Leichenbegäng- 
nisses tragen zu lassen. 

Am nädisten Morgen, am 9. Dezember, nahm Frau Allan 
den kleinen Edgar, der damals zwei Jahre elf Monate alt war, 
zu sich und Frau Mackenzie die kaum einjährige Rosalie. Die 
ErbscJiafi: der kleinen Rosalie bestand in einer Schmucksdiachtel, 
deren Inhalt längst verkauf!: worden war, da sie sonst nichts 
zu essen gehabt hätten, und Edgar bekam die Miniatur seiner 

5) „To the human heart. 

On this night Mrs. Poe lingering on the bed of disease and 
surrounded by her children, asks your assistance, and asks it, perhaps, 
for the last time . . . For particulars, see the bills of the day" (V. E., 
Bd. I, S. 9). 



Der Tod der Mutter 19 



Mutter, die bis auf uns gekommen ist, und eine Malerei, welche 
sie gemacht hatte und die den Hafen von Boston darstellte. 
Auf der Rüdeseite des Gemäldes befanden sidb einige Zeilen 
von der Hand Elizabeths, in denen sie ihren Sohn aufforderte, 
„Boston zu lieben, den Ort seiner Geburt, den Ort, an dem 
seine Mutter die besten und sympathischesten Freunde gefunden 
hatte"," eine Aufforderung, die ohne Wirkung bleiben sollte. 
Die Tote hinterließ außerdem nodi ein Taschenbuch, ferner 
die Haarlocken David und Elizabeth Poes, und auch ein Bündel 
Briefe, von dem später noch die Rede sein wird. 

Man hatte Edgar ein letztes Mal seine „eingeschlafene" 
Mutter zeigen müssen. Dieses Bild ist niemals aus seiner Er- 
innerung verschwunden; aber dabei meinen wir nich.t jenes Er- 
innern, das bewußt die Ereignisse heraufholt, sondern jenes 
andere, das, uns selbst unbekannt, in unserer tiefsten Tiefe 
herrscht, und auf dem sidi unser Charakter und unser Schidisal 
aufbauen. Niemals mehr sollte die unbewußte Erinnerung an 
die langen Monate der Krankheit und an das Hinscheiden der 
geliebten Mutter vergehen können. Die unbewußten „Erinne- 
rungen", welche durch die infantile Amnesie zugedeckt werden, 
lenken entscheidend unser Leben. 

Und die ätherische Schönheit Elizabeths und das langsam 
fortschreitende und geheimnisvolle Übel, an dem sie zugrunde 
ging, wurden später von dem Genie des großgewordenen Sohns 
unsterblich gemacht in den Gestalten der Berenice, der Morella, 
der Madeline, Eleonora oder Ligeia, ohne daß er ihren Ur- 
sprung ahnte. ^^ 

6) Love Boston, the place of his birth, and where his mother 
found her best and most sympathetic friends (Israfel, S. 24). 

6^) Dieser Zusammenhang wurde schon von Harrison (V. E., 
Bd. I, S. j und 9) bemerkt. 



DIE ADOPTIVELTERN 

Die Familie, in der der kleine Edgar aufgenommen wurde, 
bestand aus John Allan, einem einflußreichen schottischen Kauf- 
mann, seiner Frau Frances, geborenen Valentine, die damals 
fünfundzwanzig Jahre alt war, aus ihrer älteren Schwester, 
Anne Moore Valentine, außerdem aus den Dienern und den 
Negersklaven. 

Das Haus der Allan stand an der Ecke der Fourteenth 
Street und der Tobacco Alley, es war ein fest gebautes Ge- 
bäude aus Ziegeln, im georgisdien Stil, geräumig, mit drei 
Stockwerken, in deren jedem drei oder vier Zimmer waren, und 
außerdem hatte es eine Mansarde. Es war ein behagliches Haus 
ohne Prunk. 

John Allan, der 1780 in Irvine in Sdiottland geboren war, 
hatte eine gewöhnliche, aber durchaus genügende Erziehung 
genossen; er behauptete nämlich von ihr, daß sein Adoptivsohn 
Edgar, als er fünfzehn Jahre alt war, sdion eine bessere be- 
kommen habe. Er war ein außerordentlidi begabter Geschäfl:s- 
mann. Frühzeitig verwaist, war er nach Richmond in Virginien 
von seinem Onkel "William Galt gebradit worden, einem 
reichen schottischen Kaufmann, der zwischen Europa und 
Amerika einen einträgliciien Handel in verschiedenen Kolonial- 
waren, besonders in Tabak, betrieb. Dieser William Galt 
konnte vor seinem Tod zu einem der größten -Reichtümer 
Virginiens gelangen. 

John Allan, der zuerst bei seinem Onkel angestellt war, 
hatte sich bald mit Charles ElHs, einem seiner jungen Kame- 
raden in diesem Geschäft, assoziiert, um eine selbständige Firma 
zu gründen, Handel und Transport über Land und Meer; das 



Die Adoptiveltern 



Tabakgesdiäft war dabei der einträglichste Teil des Unter- 
nehmens. Sie wurden sicher von ihren beiderseitigen Onkeln 
unterstützt, von William Galt und von Josiah Ellis, der eben- 
falls ein recht fähiger Kaufmann war. So entstand die 
Firma Ellis & Allan. Inzwischen hatten die beiden jungen 
Leute geheiratet. 

Die Firma beschäftigte sich nicht nur mit dem Tabak- 
verkauf, sie verschleißte die versciiedenartigsten Waren: Ge- 
treide, Heu, Mais, Samenkörner, Tee, Kaffee, Bücäier, Stoffe, 
verschiedene Weine, Liköre, Pferde, Schweine usw.; sie rüstete 
auch Sklaven aus, vermietete sie für die Arbeit in den Berg- 
werken, belieferte die Siedlungen mit landwirtschaftlichen Ge- 
räten, charterte Schiffe für das hohe Meer und die Küsten- 
schiffahrt. Den Schiffen, die mit den Waren von Ellis & Allan 
befrachtet waren, gelang es, in Kriegs- und Friedenszeiten über 
die Meere zu kommen. 

Es war die schöne Zeit der Segelschiffahrt: große Segler 
kamen die James hinauf, den Fluß mit den gelben Wellen, um 
bei den Piers von Ellis & Allan anzulegen. Und Lastwagen 
mit dem Tabak von Virginia fuhren vorbei und verbreiteten 
ihren Duft in der warmen sonnigen Landsdiafl:. Die ganze 
Poesie des Meeres, großer Abenteuer, auf welche die Schiffe los- 
steuerten oder von denen sie kamen, schwebte in der Atmo- 
sphäre des alten Richmond, in dem der kleine Edgar heran- 
wachsen sollte. 

Aber trotz der Ausdehnung der Geschäfte, mit denen sich die 
Firma abgab, war sie 1811 erst in ihren Anfängen, und man 
muß nicht annehmen, daß Allan schon damals sehr reich 
gewesen. Dezember 1811 war sein Vermögen, wenn man außer- 
dem an die Geschäftsstockungen von damals denkt, keineswegs 
so groß, daß er ohne Überlegung ein fremdes Kind hat an- 
nehmen können. Als Frances Allan am Tag nach dem Tode 
der Elizabeth Poe das kleine Waisenkind zu sich genommen 



Das Lehen Edgar Poes 



hatte, sah ihr Gatte diese mildtätige Handlung vorerst wohl für 
den einfallen Impuls eines gerührten Herzens an, er konnte 
annehmen, daß der Knabe nicht für immer unter seinem Dach 
bleibe. 

Er war erst einunddreißig Jahre alt und seine Frau fünf- 
undzwanzig: er durfte hoffen, noch selbst Vater zu werden. 
Der Gedanke, diesen kleinen Fremden zu seinem Erben zu 
machen, mußte ihm also keineswegs gefallen. Außerdem 
dürfte der sdiottisdie Kaufmann, der voll Ehrgeiz und sozialer 
Vorurteile war, darunter gelitten haben, daß sein voraussicht- 
licher Erbe der Sohn „umherziehender" Schauspieler war; und 
die Zweifel, die sich auf die außerehelidie Abstammung 
Rosaliens bezogen, waren ihm gewiß sciion bekannt. Man wird 
infolgedessen nicht überrascht sein und auch nicht empört, daß 
ein Menscii vom Zusciinitt des John Allan zögerte, den kleinen 
Edgar zu adoptieren. 

John Allan hatte übrigens auch geheime Gründe, die Adop- 
tierung eines Fremden nicht zu wünsdien: er besaß in Ridimond 
bereits mindestens zwei eigene illegitime Kinder, eine Toditer 
der Frau Wills, einen Sohn der Frau Collier. Er bezahlte für 
diesen Knaben sogar die Pension bei einem gewissen "William 
Richardson, der in Richmond Lehrer war. 

Aber über den ursprünglidi bösen Willen des John Allan 
trug der Wille der Frances Allan den Sieg davon, und Edgar 
blieb im Hause. Im übrigen übte auch die öffentliche Meinung, 
und für die war der schottisdie Kaufmann sehr empfindlidi, 
einen Druck, auf ihn aus; zwei Wochen nachdem Elizabeth 
Poe beerdigt worden war, am i6. Dezember, brannte das 
Theater von Richmond ab, ein Brand, bei dem dreiundsiebzig 
Personen umkamen, und es wäre Allan sehr verübelt worden, 
wenn er das Kind einer der Schauspielerinnen def so hart be- 
troffenen Truppe Placides auf die Straße gesetzt hätte. Allan 
und seine Familie waren der Katastrophe entkommen, da sie 



Die Adoptiveltern 23 

diesen Abend nicht in der Stadt verbracht hatten, und ihr 
Beitrag zum allgemeinen Hilfswerk, welches damals die ganze 
Stadt besdiäftigte, bestand darin, Edgar in ihrem Haus zu 
behalten, so wie die Macienzies Rosalie in dem ihren behielten. 



DIE ERSTE ERZIEHUNG 
EDGARS 

Von doppelter Zärtlidikeit umgeben wudis das Kind Edgar 
auf: die „Ma" sorgte für ihn und die „Tante Nancy". Es war 
auch ein Kindermädchen im Hause, eine schwarze „Mammy". 

Der Knabe war zart, ohne kränklich zu sein, und seine „Ma" 
kümmerte sich um ihn mit jeder erdenklichen Sorgfalt. Damals 
schon zog er den Umgang mit Mädchen dem mit Knaben seines 
Alters vor, und aus jener Zeit stammt seine Neigung zu einer 
seiner Spielgefährtinnen, einem hübschen kleinen Mädchen, 
Catherine Elizabeth Potiaux, einem Patenkind der Frances 
Allan. Diese Neigung für Catherine ist die erste Liebe für 
eine andere „Schwester" als Rosalie, von der wir erfahren. 
Frau Allan liebte es, Edgar bei ihren Besudien mitzunehmen; er 
trug ein Samtkleid, sdiwarze Locken umrahmten sein schönes 
Gesicht mit den glänzenden Augen. Man holte ihn auch in den 
Salon herüber, ließ ihn Gedichte aufsagen, und sein Vortrags- 
talent erfreute die Gäste. Er durfle dann, auf dem Tisch stehend, 
mit dem mit "Wein gemisditen "Wasser auf das "Wohl der An- 
wesenden anstoßen. 

Frau Allan, die sehr fromm war, nahm den kleinen Jungen 
in die Kirdie mit; dadurdi wurde Edgar Poe mit den biblischen 
Schriften und den religiösen Gebräuchen und Liedern vertraut. 
Aber auch John Allan, der dem enzyklopädischen achtzehnten 
Jahrhundert angehörte, übte seinen Einfluß aus, und die 
Meinungen, die der Kleine ihn hatte vortragen hören, mußten 
wohl dazu beigetragen haben, aus Edgar Poe einen der ersten 
Dichter Amerikas zu madien, der sich vom Gedanken an einen 
wundertätigen Gott befreite. 




FRANCES KEELING ALLAN, geb. VALENTINE 

1784 — 1829 

(Nach einem Porträt von Thomas SuUy) 

(Valentine Museum, Richmond, Virginia) 



Die erste Erziehung Edgars 25 

Edward Valentine, ein Vetter der Frau Allan, kam oft zu 
Besuch. Er war ein riditiger „practical joker", ein lustiger 
Geselle. Er liebte den kleinen Knaben sehr und lehrte ihn 
mandien Streich; er zeigte ihm z. B., wie man schnell den Stuhl 
wegziehen müsse, wenn jemand im Begriff war, sich darauf 
zu setzen. Dieses neuerworbene Talent wurde unglüdilicher- 
weise an einer imposanten würdigen Dame, die zu Besuch ge- 
kommen war, erprobt. John Allan soll damals sein Mündel 
gepackt und das Kind trotz seines Schreiens hinausgeführt 
haben, um es durchzuhauen. Frances Allan lief bei den Sdireien 
ihres Lieblings herbei, um der Strafe ein Ende zu machen. Allan 
glaubte nämlidi an die Wirksamkeit körperlicher Strafen, und 
jedes Mal, wenn das Kind nicht „artig" war, verabreichte er 
ihm gewissenhaft einige Schläge, mit dem sichern Gefühl, zum 
Wohl seines Schützlings zu handeln, besonders, da ihm die 
Frauen in ihrer Auffassung von der Erziehung eines Knaben 
gar zu weichherzig und zu schwadi zu sein schienen. Eben diese 
Frauen und mit ihnen die Diener des Hauses suchten daher 
mit allen Mitteln ihren kleinen Liebling vor den väterlichen 
Züchtigungen zu sdiützen und braditen ihm manche Listen, die 
eher geschickt als männlich waren, bei, damit er der Strafe 
entwische. 

Vor seinem sechsten Jahr besuchte Edgar eine Kleinkinder- 
schule in Richmond, die ungefähr unsern Kindergärten ent- 
spricht. Kurze Zeit bevor die Familie Allan nach England 
reiste, wurde er zu einem gewissen William Erwin geschickt, 
der eine Knabenschule in Richmond leitete und in der sich auch 
Edwin Collier, der illegitime Sohn Allans, befunden haben soll. 
Man erzählt, daß von dieser Zeit an Edgar zu jenen seltenen 
Kindern gehörte, die sich für ihre Lektion interessieren. 

Bei dieser Aufzählung der Einflüsse, die damals auf die 
Seele des jungen Edgar einwirkten, darf man die Reiseberichte 
der Kapitäne nicht vergessen, der Kaufleute, verschiedener 



26 Das Leben Edgar Poes 



Abenteurer zur See, die nadi Ridimond kamen und sich im 
Heim seines Adoptivvaters aufhielten und von ihren Taten 
erzählten. 

Auch die Negeratmosphäre spielte in jenen Zeiten der 
Sklaverei in diesen Südgegenden eine wichtige Rolle. Edgar 
hatte ein schwarzes Kindermädchen, das er sicher oft in die 
Behausungen der Sklaven seines Adoptivvaters oder sogar in 
das Viertel, in dem die Neger wohnten, begleitete. "Wieviel 
seltsame Lieder und Geschiditen hörte er dort wohl! Wieviele 
schreckeinflößende Erzählungen, in denen Tote und Gespenster 
auftauchten! Die primitive Phantasie verstand es, zu einer 
kindlichen Phantasie zu sprechen, die auf immer unbewußt von 
der unauslöschlichen Erinnerung an die tote Mutter, vom un- 
heilbaren Heimweh nach ihr, die er dort in dem kleinen 
Zimmer gelassen hatte, heimgesucht wurde. So versteht es das, 
was schon unsere Seele bewohnt, all jenes von der Außenwelt 
an sich heranzuziehen und in sidi aufzunehmen, was geeignet 
ist, das Ursprüngliche zu stärken und zu nähren. 

Eines Sommers — als Edgar schon ungefähr sedis Jahre alt 
war — , nach einem Aufenthalt bei den Virginia Hot Springs, 
blieben die Allans auf dem Heimweg bei den Valentines in 
Staunton. Edward Valentine, der große Freund Edgars, nahm 
ihn oft im Wagen zu einer Spazierfahrt mit oder er ließ ihn 
hinter sicJi auf seinem Pferd aufsitzen. Edward Valentine er- 
zählt, daß er eines Tages das Kind zu einem Postamt auf dem 
Lande geführt hatte; dort setzte Edgar die Bauern dadurch in 
Erstaunen, daß er ihnen laut die Zeitung vorlas. Bei der Rück- 
kehr kam Valentine an einer Holzhütte vorbei, die von 
mehreren Gräbern umgeben war. Das Kind war nun derart 
erschrocken, daß Valentine sich gezwungen sah, es v o r sich 
auf sein Pferd zu setzen. Edgar sdirie: „Sie werden uns nach- 
laufen und mich herunterholen!" Es ist für uns wichtig, die 
Tatsache dieses Erschreckens vor dem Makabren zu notieren. 



Die erste Erziehung Edgars 27 

das in dem Augenblick auftrat, in dem das frühreife Kind 
wahrsdieinlidi die ersten großen Verdrängungen seiner Triebe 
unter dem wachsenden Druck seiner Erziehung erlitt. 

Der Doktor C. A. Ambler erinnert sich auch daran, mit dem 
Kind in einem Tümpel von Shockoe Creek gesdiwommen zu 
sein, und daß Edgar damals das "Wasser fürchtete, derselbe 
Edgar, der später ein unersdirockener Sdiwimmer werden sollte. 



EDGAR IN GROSSBRITÄNNIEN 

Aus der Korrespondenz, die John Allan mit seinen Ver- 
wandten in Schottland führte, erfahren wir, daß seine Schwester 
und sein Schwager ihn immer wieder einluden, in die Heimat 
zu kommen. Die Napoleonisdien Kriege hatten ihn aber bis 
dahin gezwungen, die Verwirklichung dieses Plans zu ver- 
schieben. 

Nun aber waren die Feindseligkeiten beendigt, die Wege 
waren wieder offen, und der Frühling und Sommer 1815 
wurden im Hause Allans dazu benützt, die Abreise vor- 
zubereiten. 

Außerdem riefen wichtige Fragen von großem Interesse 
John Allan nach Schottland. Die Einstellung der Handels- 
beziehungen zwischen England und Amerika hatte besonders 
die Händler mit virginischem Tabak betroffen. Die Redi- 
nungen über Lieferungen aus der Vorkriegszeit waren nicht ab- 
geschlossen, es war dringlich, diesen Abschluß durdizuführen 
und die persönlichen Beziehungen mit den englisdien Häusern 
wieder herzustellen. Der Preis des Tabaks war in England, da 
die Stocks erschöpf!: waren, sehr hoch; aber man durfte er- 
warten, daß er schnell fallen werde, sobald die Beziehungen 
wieder hergestellt seien, da dann die jenseits des Atlanti- 
schen Ozeans angehäuften Reserven abgesetzt würden. Es 
war also höchste Zeit, eine Filiale des Hauses in London zu 
gründen. 

John Allan konnte darauf stolz sein, in seiner gegenwärtigen 
materiellen Lage in das Heimatland zurückzukommen, aus dem 
er als armes Waisenkind fortgegangen war. Er hatte zwar nodi 



Edgar in Großbritannien 29 

kein großes Vermögen angehäuft, aber er genoß ein gewisses 
soziales Ansehen, und das ungeheure Erbe des William Galt 
stand ihm in Aussicht; er kam mit einer jungen schönen Frau 
zurück, mit einer reizenden Sdiwägerin, mit einem entzückenden 
Kind, dem lebenden Zeugen seines philanthropischen Geistes. 
Außerdem hatte der Adoptivvater damals das Kind für sich 
gewonnen und scheint der Neigung des Jungen wenigstens von 
181 5 bis 1820 wirklich sicher gewesen zu sein, was durch die 
ganze Korrespondenz John Allans aus jener Zeit bewiesen 
werden kann, die häufig und manchmal sogar voll Zärtlichkeit 
den „kleinen Edgar" erwähnt. 

Da der schottische Kaufmann einen Aufenthalt in England 
von einiger Dauer plante, ließ er sein Mobiliar vor seiner 
Abreise versteigern. Die Reise dauerte sechsunddreißig Tage. 
Er kam in Liverpool am 28. Juli 18 ij an. Von dort ging es 
nach Irvine in Schottland. 

So war John Allan in den Kreis seiner Familie heimgekehrt. 
Eine seiner Schwestern, Frau Fowlds, lebte in der Nähe, in 
Kilmarnock mit ihren Kindern. Drei andere Schwestern John 
Allans, Eliza, Mary und Jane Allan, bewohnten Irvine ebenso 
wie zahlreiche Vettern und Freunde. Ungefähr dreißig 
Meilen von Irvine und Kilmarnock, in Flowerbanks, lebten 
die Galts. Und in Irvine wurde im Sommer 18 15 Edgar 
in die Schule geschickt, wahrscheinlich mit mehreren seiner 
„Cousins". 

Die Poesie der schottischen Landschaft sollte nie mehr aus 
seinem Gedächtnis verschwinden. Die Gegend hatte Keats 
bezaubert, Burns inspiriert. Der feuchte Reiz der Atmosphäre, 
die langsam verklingende Abenddämmerung und der rote 
Sonnenuntergang dieser Zone mußten ihre Spuren in den 
poesievollen Landschaften hinterlassen. Später wird Edgar von 
den seltsamen Tälern singen: 



30 Das Leben Edgar Poes 



„In deren Mitte den ganzen Tag 
Faul das rote Sonnenlicht lag.'" 

Von Irvine reisten John Allan und die Seinigen nach 
Glasgow, dann nach Edinburgh. Edgar war trotz des "Wunsches 
John Allans, der ihn in der Schule von Irvine lassen wollte, 
auf die Bitten der „Ma" und der Tante Nancy auf diese Reise 
mitgenommen worden, ebenso wie sein Vetter James Galt, der 
ungefähr neun Jahre älter war als er. Im Herbst begab sich die 
Familie endlidi nach England und kam in London am 7. Ok- 
tober 1815 an. 

Die Allans ließen sidi in London nieder, aber wenige Zeit 
nachher, gegen das Ende des Jahres 181 5, wurde Edgar trotz 
der Bitten und Proteste von „Ma" und Tante Nancy mit James 
Galt nadi Irvine zurückexpediert, um mit ihm dort in die 
Schule zu gehen. Die beiden Knaben wohnten bei Mary Allan, 
einer Schwester Johns. 

Edgar war von seinen beiden Besdiützerinnen getrennt und 
darum tief unglücklich. Er soll damals den Plan zu einer 
Fludit gefaßt haben, er wollte allein nach Amerika zurück- 
kehren oder nadi London. Das ist der erste seiner „Flucht"- 
pläne, der bekannt geworden ist; er war damals sieben 
Jahre alt. 

Die Disziplin der Sdiule, in der eine mittelalterliciie Tradi- 
tion herrschte, war streng, sie kannte gewiß Körperstrafen. Die 
religiösen Übungen nahmen einen großen Raum ein und waren 
überaus düsteren Charakters. Eine Lieblingsübung für Schrifl:- 
pflege bestand darin, daß man die Schüler die Grabaufschriflen 
des benadibarten Friedhofs abschreiben ließ. Und die Erholung 



7) . . . Strange Valleys — 

„In the midst of whidi all day 
• "■' The red sunlight lazily lay." 

Hervey Allen (Israfel, S. 69) zitiert diese der Dichtung The Valley 
of Unrest entlehnten Verse. (Siehe auch V. E., Bd. 7, S. jj.) 



I 



Edgar in Großbritannien 31 

bestand aus einigen Besuchen bei den Allan Fowlds, den 
Spielen mit den Kameraden und dem „quälenden" Spaziergang 
im Garten des Lords Kilmarnock, in dem die Ahnfrau ge- 
spensterte. 

Edgar ertrug diese Gefangenschaft und Verbannung schlecht. 
Die Tante Mary ärgerte sidi über seine Launen und schickte 
ihn sdiließlich zu Beginn 18 16 seinen Adoptiveltern in London 
zurück, wo er als Externer in eine Pension kam, die von den 
Misses Dubourg geleitet wurde. Die Fräulein Dubourg waren 
die Schwestern eines Angestellten der Firma Allan & Ellis in 
London. 

Damals begann sidi auch der Gesundheitszustand der 
Frances Allan zu versdilechtern; dies hatte seinen Grund in 
einer chronischen internen Krankheit, von der wir noch zu 
sprechen haben werden, da die Befürchtungen über ihren Ur- 
sprung in den Beziehungen zwischen Edgar und seinem 
Adoptivvater eine Rolle spielen. Im August 18 17 brachte John 
Allan seine Frau in einen Kurort,^ und da das Wasser ihr wohl- 
zutun schien, verlängerte sie den Aufenthalt. 

Im August 18 17 kam dann Edgar als Pensionär in die Manor 
House School des Reverend Bransby in Stoke Newington, das 
damals eine Vorstadt von London war, welche die Originalität 
und altertümliche Atmosphäre „eines düsteren Dorfes im alten 
England hatte", wie Poe später schreiben sollte." Die Römer- 
straße war von großen Ulmen eingefaßt und von Fiäusern, die 
aus den Zeiten der Tudor stammten. 

Gerade neben dem Dorfe erhob sich das Schloß des Lords 
Percy, des unglücklichen Liebhabers der Anne Boleyn, und das 

8) Chettingham, nadi Israfel, S. 75. Dr. Ernest Jones, 
Präsident der internationalen und der englisdien psydioanalytisdien 
Vereinigung, sdireibt mir, daß es sidi um Cheltenham handeln muß, 
einen englischen Kurort bei Gloucester, in dem gegenwärtig Ver- 
dauungsstörungen und Rheumatismen behandelt werden. 
9) William Wilson. 



1 



ij 32 Das Leben Edgar Poes 

II 

des Lords Leicester, des Favoriten ihrer Tochter, der großen 
Elizabeth. Die Schule selbst, die jenseits der großen mit Nebel 
bedeckten Wiesen lag, war in einem alten Gebäude unter- 
gebradit. 

„Idi fühle", sdirieb Poe später, „die erfrisdiende Kühle dieser 
sdiattigen und tiefen Alleen und bin vom neuen in unsagbarer Freude 
erregt durdi den ernsten und tiefen Ton der Kirdienglocke, die 
Stunde für Stunde durdi ihr plötzlidies und sdiauerlidies Dröhnen 
die Stille der düsteren Atmosphäre unterbradi, in weldier der von 
der Zeit angenagte gotisdie Gloienturm sdilief."^" 

Diese Gegend rief wahrscheinlich Edgars romantisches Ver- 
langen nadi Gotik und Mittelalter, nach alten Behausungen 
und alten Gegenden hervor, das sich später in mancher seiner 
Geschichten manifestieren sollte. 

Der Reverend Bransby war übrigens weder alt nodi Doktor, 
er war das Gegenteil von dem, was von ihm im William Wilson 
gesagt wird. Er war dreiunddreißig Jahre alt, fröhlich und ein 
Freund der Jagd. Seine Sdiüler liebten ihn. Er scheint Edgar, 
der ebenso sportliebend wie arbeitsam war, sehr gesciiätzt zu 
haben. Inzwischen begann jedoch in Poe bei seinem Verkehr mit 
den Kameraden jener maßlose Hochimut hervorzubrechen, der 
wahrscheinlich die Ursache für die große seelische Einsamkeit 
wurde, an der damals gelitten zu haben er sich beklagt hat. 

In den Ferien, zu "Weihnachten, zu den Weekends kehrte 
Edgar zu seinen Adoptiveltern heim. Frau Allan, deren Ge- 
sundheit aucli weiterhin zu wünschen übrig ließ, war häufig ab- 
wesend. Er besuchte jedoch sicher mit ihr den Tower von 
London, Westminster und sah vielleicht die griechischen 
Plastiken, welclie Lord Elgin eben mitgebracht hatte. 

Und was John Allan anbelangt: seine Geschäfte nahmen 
eine böse Wendung, und im März erlitt er einen Anfall von 
Wassersudht, an dem er beinahe gestorben wäre. 

10) William Wilson (Bd. 3, S. 86). 



Edgar in Großbritannien 33 

Sdiließlidi geriet die Firma Allan & Ellis in London mit 
der Firma Ellis & Allan in Ridimond wegen einer Schuld, die 
eingetrieben werden sollte, in Streit, ein Konflikt, der die 
Tätigkeit John Allans in England beendete. Er war ver- 
schuldet, entmutigt, krank, nahm Edgar aus der Pension und 
beschloß, wieder nadi Amerika zurückzukehren. 

Gegen Ende Juni 1820 hißten Allan und seine Familie 
wieder die Segel zur Fahrt nach New York. 



Bonaparte: Edgar Poe. I. 



■ 
i ' 



HELEN 

John Allan und seine Familie kamen am 21. Juli 1820 in 
New York an. In Ridimond stiegen die Allans, Anne Valentine 
und Edgar zuerst im Haus ihres Teilhabers Ellis ab, da das alte 
Haus in der Tobacco Alley nodi vermietet war. 

Die kleine Hauptstadt von Virginien hatte in jener Zeit • 
ungefähr zwölf tausend Einwohner. Die Kirchen und die öff ent- 
lidien Gebäude im pseudoklassischen Stil beherrsditen von 
der Höhe der Hügel herab die Häuser im georgisdien Stil, 
die inmitten geräumiger Gärten und weiter Wiesen lagen. 
Drunten breiteten sich die Docks aus und die Lagerhäuser, 
man sah die Mäste, Segel, Fahnen der Sdiiffe und die 
Zillen, die auf dem Kanal von Maultieren heraufgezogen 
wurden, welche ihre Sdiellen sdiüttelten. Knaben schwammen 
im Fluß, auf den Fluren läuteten die Glocken der Plantagen 
oder die Hörner tönten, weldie die Sklaven von den Feldern 
riefen; junge Tabakpflanzen neigten sidi im "Wind und das 
Vermögen der Plantagenbesitzer wuchs in der Sonne. 

Kein Fabrikkamin verrußte in dieser Zeit die Lufl. Rich- 
mond war damals eine aristokratische Stadt, in der die Familien 
in den alten Häusern inmitten ihrer Diener und Ahnenbilder 
auf ihre Tradition stolz waren.^^ Dies war die Atmosphäre, 
in der Edgar endgültig erwachsen werden sollte. 

Gegenüber dem Hause des Herrn Ellis, in der Second und 
Franklin Street, lag ein wundervoller Garten mit Linden und 
Rosen. "Wir werden später noch sehen, weldies Idyll sich dort 
abgespielt hat. Aber die Familie Allan blieb nidit lange bei 



1 1) hrafel, S. 94. 



'■ ' Helen 3j 

Herrn Ellis, und schon im Herbst 1820 bezog man die neue 
Wohnung in der Clay Street. 

Aus jener Zeit stammt die innige Freundschaft Poes mit 
Ebenezer Burling. Er war ihm schon vor seiner Abreise in die 
Alte "Welt begegnet, als er Frances Allan zur Kirche begleitet 
hatte, und damals soll ihm Burling das Schwimmen beigebracht 
haben. Jetzt lasen sie gemeinsam Robinson Crusoe und be- 
geisterten sich für die Abenteuer des Helden. Sie machten audi' 
auf der James manchen Ausflug mit dem Boote; die Erinnerung 
daran lebt in dem Anfang der Abenteuer des Arthur Gordon 
Pym weiter. 

Edgar war damals ein lebendiger, beweglidier Junge, wohl- 
gestaltet, vielleicht ein wenig untersetzt, mit großen grauen 
Augen, langen "Wimpern und dunklen lockigen Haaren. Mit 
seinen Kameraden Ebenezer Burling, Jack Mackenzie, Rob 
Sully oder Bobby Stanard beteiligte er sich am "Wettlauf, 
am Springen und an allerlei Sport. 

Aber es gab auch eine andere Seite seines Charakters. Edgar 
konnte seinen Gefährten ein heiterer Kamerad sein; in manchen 
Augenblidcen hingegen befiel ihn eine böse Laune, durch die er 
ein einsamer und ungeselliger Mensch wurde. Dann machte er 
allein lange Spaziergänge, liebte es, Feldblumen zu pflücken, 
und es gefiel ihm, im Geheimen zu träumen, zu schreiben oder 
zu zeichnen. 

Gleich nadi seiner Rückkehr nach Richm.ond brachte John 
Allan sein Mündel in der englischen und klassischen Schule 
{English and Classical School) eines gewissen Joseph H. Clarke, 
vom Trinity College in Dublin, unter. Clarke war ein 
glühender Irländer, ein begeisterter Latinist, dem es zu gleicher 
Zeit nicht an Ursprünglichkeit und Güte fehlte. Bei ihm setzte 
Edgar sein Studium des Lateinischen, Französischen, der 
Mathematik fort und lernte die klassische englische Literatur, 
Johnson, Addison, Goldsmith und Pope, kennen. 



jfi Das Leben Edgar Poes 

Die Pension Edgars, die nicht mehr als sechzig Dollar 
im Jahr betrug, wurde von John Allan in Abschlagszahlungen 
beglichen, was beweist, in welch sdiwieriger materieller Situa- 
tion er sich damals befand. Die Ergebnisse des Aufenthalts 
John Allans in England, die vom finanziellen Standpunkt aus 
so wenig günstig gewesen waren, verstimmten sowohl Charles 
Ellis, seinen Teilhaber, als audi "William Galt, seinen Onkel 
und seine Stütze. John Allan hatte seine Güter vor 1823 mit 
Hypotheken belastet, seine Gläubiger quälten ihn. Das mußte 
man nun an seiner Laune merken, und Frances Allan und 
Anne Valentine hatten vermutlich viel zu tun, um die mürrische 
Stimmung, durch die audi Edgar zu leiden hatte, ein wenig aus 
dem Haus zu versdieuchen. Und während dieser Zeit verbrachte 
Edgar ofl-. die Nadit bei seinem Freund Burling, was Herr 
Allan sehr mißbilligte. 

Wir wissen, daß sich Poe seit damals mit Leidenschafi; der 
Dichtkunst hingab. Die Schulkameraden von Ridimond er- 
innerten sich an seine distanzierende Haltung und an seinen 
Hang, sidi in ein Zimmer zurückzuziehen, um dort Verse 
niederzuschreiben. Das Verlangen nach schöpferischer Arbeit 
drängte diesen Knaben von dreizehn oder vierzehn Jahren 
dazu, die Spiele und den Zeitvertreib seiner Kameraden zu 
fliehen. 

Nun war die dichterische Berufung, die nirgends gern ge- 
sehen wird, besonders in Amerika verfemt, in einem Land, 
das der praktisdien Wirklichkeit zuneigte. Wer also von 
solcher Sendung heimgesudit war, mußte sidi hier mehr als 
anderswo vereinsamt fühlen, umgeben von der Feindseligkeit 
der Welt, und dazu neigen, sich zu verbergen. Und niemand, 
weder in der Schule noch zu Hause, madite sidi Gewissensbisse 
daraus, ihn bei einer so nutzlosen Besdiäfligung zu stören. 

Mit vierzehn Jahren hatte Poe schon seine ersten Gedidite 
geschrieben. Wir wissen das durch seine eigene Aussage und 



Helen 37 

auch durch die des Herrn Clarke, der sich daran erinnerte, 
daß Allan, bevor Edgar die Schule verlassen sollte, ihm ein 
Heft mit Gedichten gezeigt hatte, welche von seinem Mündel 
geschrieben worden waren. Frances Allan scheint jedoch die 
einzige gewesen zu sein, die ihn in seiner Neigung be- 
stärkte. 

1823 und 1824 verfaßte Edgar kleine Gedichte, weldie an 
verschiedene junge Schönheiten gericiitet waren, besonders an 
die jungen Mädchen des Pensionats der Jane Mackenzie, einer 
Schwester jenes Mackenzie, bei dem Rosalie aufgenommen 
worden war. Rosalie, welche auch diese Pension besuchte, war 
dabei der Bote zwischen Edgar und seinen jungen geliebten 
Freundinnen. Und das dauerte so lange, bis die Mackenzies 
diesen Zärtlichkeiten ein Ende machten. 

Rosalie scheint ihren Bruder sehr geliebt zu haben. Sie 
war ein recht hübsches und gutes Mädchen, aber als sie zwölf 
Jahre alt war, entwickelte sie sich nicht mehr weiter. Es hat 
ganz den Anschein, als habe sie von damals an mehr oder 
weniger das Bild einer Debilen geboten. Ihrem Bruder, der 
nach dem Zeugnis von Zeitgenossen nun „der prächtigste, 
anmutigste, anziehendste Jüngling der Stadt" war, wurde sie 
später etwas fremd. Er neigte immer ein wenig zu schlimmen 
Streidien: Eines Abends verkleidete er sich als Gespenst und 
erschreckte eine Gesellschaft:, bei der General Scott anwesend 
war; ein anderes Mal verführte er den jungen Thomas Ellis 
dazu, ihn auf einer Geflügeljagd beim Richter Bushrod 
Washington zu begleiten, was ihm trotz seiner vierzehn Jahre 
von der Hand John Allans bei seiner Rückkehr eine strenge 
Strafe verschaffte. 

Jack Mackenzie sagt uns übrigens, daß Edgar zu jener Zeit 
Allan nicht liebte, und der seinerseits ließ keine Gelegenheit 
vorübergehen, ohne den Jungen daran zu erinnern, daß er ihn 
nur aus Barmherzigkeit bei sich behalte. 



I 

I : 



li 



38 Das Lehen Edgar Poes 

Damals vollführte Edgar auch seine Heldentat als 
Sdiwimmer: er schwamm die James gegen eine starke 
Strömung von Ludlam bis Warwidk hinauf und erregte die 
Bewunderung der Kameraden, die ihm am Ufer folgten. Unter 
ihnen befand sich der junge Robert Stanard, der mit ihm in 
inniger Freundsdiaft verbunden war, wie sie manchmal zwischen 
Knaben verschiedenen Alters entsteht und in der der Jüngere 
für den Älteren eine Art Verehrung hegt. 

Der junge Rob Stanard sang ofl: Edgars Lob vor seinen 
Eltern, dem Richter Robert Stanard und dessen Frau, Jane 
Stith Stanard, und spielte dadurch eine entscheidende Rolle in 
der Geschichte der Literatur. 

Eines Tages nämlich führte Robert Edgar zu sidi nach 
Hause, um ihm seine Kanindien und Tauben zu zeigen; er 
wollte den großen Freund seiner Mutter vorstellen und lud 
ihn ein, in das Haus einzutreten. 

Frau Stanard stand bei einem Fenster. Das Sonnenlidit fiel 
auf ihr klassisches Antlitz, beleuditete die schwarzen Locken, 
welche von einem weißen Band gehalten waren, und blieb 
auf den geraden Falten des Kleides liegen, das ihren schlanken 
Körper einhüllte. Mit ihrer sanften Stimme dankte sie Edgar 
dafür, daß er dem kleinen Rob ein so guter Freund sei. Aber 
Edgar hörte ihre "Worte kaum, und als er nacii Hause kam, 
war er die Beute eines erregenden Traumes. „Helen" war 
damals doppelt so alt wie Edgar. 

Wir können hier vorwegnehmen, was der zweite Teil 
dieser Studie deutlich zeigen wird: die Jugendliebeleien Edgar 
Poes, seine Neigung für Catherine Potiaux, dann für die Schul- 
kolleginnen Rosaliens „durchpausten" die Jugendliebe, die er 
ehemals für seine Schwester gehegt und die jenen andern den 
Weg bahnten, — die Möglichkeit einer großen Liebe jedocii 
lag nur in der "Wiederholung der Liebe besciilossen, die ihn 
ehemals an seine Mutter, an die wahre, kranke, tote gebunden 



Helen 39 

hatte.*^ "Wie oft sah Edgar seine „Helen"? Gewiß öfter 
als nur einmal. Man erzählt, daß er ihr seine Verse vorlas 
und daß sie sein junges Genie ermutigte. Wovon sprachen 
sie bei diesen Unterhaltungen, die ihn entzückten und bei 
denen er in Verzückung zu den Füßen der luftigen und mütter- 
lidien Erscheinung saß? Wir werden es nie wissen. Aber wir 
kennen den ungeheuren "Widerhall, den diese Begegnung in 
seiner Seele gefunden hatte. 

Er sdieint übrigens als ersten Gegenstand seiner Leiden- 
schaft ein Geschöpf gewählt zu haben, dem das Sciiicksal be- 
stimmt war, wie Edgars Mutter vorzeitig krank zu werden 
und zu sterben. Tatsädilich wurde Frau Stanard bald nadiher 
wahnsinnig und starb. 

Um die Zeit herum, in der „Helen" starb, begann sich das 
Gemüt Edgars zu verdüstern. Er war mürrischer geworden, 
nodi einsamer als vorher und mied in der Sdiule die Gesell- 
sdiaft seiner Kameraden. Eine Schranke stand zwisdien ihm 
und seinesgleichen. 

Das war auch die Zeit, in welcher es mit dem Gesundheits- 
zustand der Frances Allan unter dem Einfluß jener myste- 
riösen Krankheit ernstlich bergab ging, die sie innerhalb von 
drei oder vier Jahren ins Grab bringen sollte. 

Nun hat die Neigung zu Frances Allan, seiner Adoptiv- 
mutter, für Edgar zu den tiefsten Liebesneigungen seines 
Lebens gehört. Er wußte es jetzt: ihr und Tante Nancy ver- 
dankte er es, daß er im Hause der Allans behalten wurde, aus 
dem ihn John Allan gern entfernt hätte. Und überdies besaß 
Frances jene Art besonders idealisierter Schönheit, die er ver- 
ehrte und die seine Augen und sein Herz entzückte. 

12) Von allen Biographen Poes, die idi kenne, sdieint Joseph 
Wood Krutch allein diese Tatsadie geahnt zu haben und die 
widitige und verhängnisvolle Konsequenz, die sie für Poe enthielt 
und von der vir später spredien werden (Edgar Allan Poe, a Study 
in Genius, London, Knopf, 1926). 



40 Das Leben Edgar Poes 

Außerdem war Frances Allan mit dem Heiligenschein des 
Opfers umgeben. Sie scheint nämlidi damals von der Untreue 
ihres Gatten erfahren und unter ihr gelitten zu haben. Auch 
Edgar mußte davon gehört haben, da man ja alles in einer so 
kleinen Stadt weiß. Die Ansdiuldigungen gegen seinen schul- 
digen „Vater", die moralischen und vielleicht auch physischen 
Leiden des "Wesens, das er liebte, ließen jedoch ebensosehr seine 
Zärtlichkeit für die „Mutter" anwachsen, wie sie den "Wider- 
willen gegen diesen "Vater steigerten. 

Inzwischen wurde Frau Stanard immer kränker. Edgar, 
dessen Gemüt sich immer mehr verdüstert hatte, besuchte seine 
Kameraden beinahe nicht mehr und kam täglich schweigsamer 
von der Schule nadi Hause zurück. 

Frau Stanard starb im April 1824. Man weiß nicht, ob 
Edgar an ihrem Leichenbegängnis teilnahm. Aber eine Tradi- 
tion behauptet, er habe ihr Grab in der Nacht aufgesucht. Er 
erzählte das nämlich später einer zweiten „Helen". "Wie immer 
aber dem auch gewesen sein mag, ob wir es bei dieser Be- 
hauptung mit der "Wirklichkeit oder einer Spiegelung zu tun 
haben, Tatsache oder Legende würden, als Psychisches ge- 
nommen, den gleichen "Wert haben, denn so oder so drücken sie 
die tiefste Neigung der Seele Edgars aus; und aus ihr wäre 
schließlich die Legende (wenn es sich wirklich um Legende 
handelt) entstanden. 

Jedenfalls fiel den Kameraden sein unermeßlicher Kummer 
auf. Und wenn auf dem Grab der Frau Stanard auf dem 
Friedhof von Shockoe auch nur eine gleichgültige Aufschrift 
steht, für die Nachwelt sind die Stanzen An H e I e n^^ er- 
halten geblieben: 

13) To Helen 

Helen, thy beauty is to me 

Like those Nic^an barks of yore, 
That gently, o'er a perfumed sea, 











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Helen 41 

Stanzen an Helen 

Helen, dich vergleiche idi 

Nikäischem Boot, das sanft im Flug 

Wegmüden Wanderer mütterlich 

Voreinst durch duftigen Wogenzug 

Zum Heimatstrande trug. 

j 

Mich trug aus wildem Wogenbrand 

Dein hyazinthen Nymphenhaar, 
Dein klassisch Antlitz heim zum Strand — 

2ur Macht, die Rom einst war, 

2ur Pracht von Griedienland. 

Dort! In der prächtigen Fensternische 
Sehe wie eine Statue ich dich steh'n. 
Die achatene Lampe in deiner Hand! 
Adi! Psyche, aus diesen Zonen, 
Die heiliges Land. 

In diesen Stanzen lebt vielleicht ein wenig die Erinnerung 
an jene griechischen Marmorplastiken auf, die der kleine 
Edgar in London gesehen, als Elgin sie dort hingebracht hatte. 

The weary, way-worn wanderer bore 
, ^ To his own native shore. 

On desperate seas long wont to roam, 
Thy hyacinth hair, thy classic face, 

Thy Naiad airs have brought me home 
To the glory that was Greece, 
And the grandeur that was Rome. 

Lo! in your brilliant window-nidie 
''■• How statue-like I see thee stand 

The agate lamp within thy band! 
Ah! Psydie, from the regions which 
Are Holy-Land! 

To Helen, 1831; Southern Liter ary Messenger, März 1836; 
Graham' s Magazine, September 1841; Philadelphia Saturday Museum, 
4. März 1843 (siehe V. E., Bd. 7, S. 171). Der hier zitierte Text 
(V. E., Bd. 7, S. 46) stammt aus dem Jahr 184J. 



4^ Das Lehen Edgar Poes 



Aber es gibt eine Erinnerung, die noch Älteres heraufholt und 
die aus dem Leben Poes selbst kommt. Die hyazinthenen 
Haare, das klassische Antlitz, die Mienen der Najade, die 
den Dichter wie „daheim" zum häuslidien Herd, zum „home" 
gebracht hatten, waren in die Vergangenheit eingesargte 
Spiegelungen des mütterlichen Antlitzes und Schreitens, welche 
Poe in seinem "Werk und seinem Leben immer wieder heim- 
suchen mußten. So kehrte der Wanderer, der im Leben als 
Jüngling umherging, schon mit fünfzehn Jahren „müde, ver- 
stört" zum „heimatlidien Ufer" zurück, eine düstere Heimkehr 
zur Mutter, die für ihn auf immerwährende Zeiten eine 
Kranke oder eine Tote war. 

Noch bevor Edgar zwanzig Jahre alt war, hat er jene 
Verse geschrieben, welche seine persönlichste Auffassung von 
der Liebe aussprachen, eine Auffassung, der er sein ganzes 
Leben hindurch treu geblieben ist: 

Idi konnte nur dort lieben, wo der Tod 
Seinen Haudi mit dem der Sdiönheit mischte." 

Und das war für Poe mehr als eine der romantisdien Ein- 
gebungen, wie seine Zeit sie liebte: hier war der Ausdruck 
seiner tiefsten Natur, der nach den frühesten Erinnerungen 
modelliert wurde. 

Diese Lockung war notwendigerweise mit Schrecken ge- 
mischt. Das verängstigte Ich floh vor einer so furchtbaren 
Liebesfixierung. Denn Edgar Poe war ein Psychopath und nicht 
pervers. "Wenn er durch die psychischen Traumen aus seiner 
Kindheit ein „Nekrophiler" wurde, so ist er ein zu einem Teil 
„verdrängter", zum andern ein „sublimierter" Nekrophiler 

ij) I could not love except -where Death 

Was mingling his -with Beauty's breath . . . 

(Vorwort 1829, Introduction 183 1, erste Fassungen der Romance 
(1834 — 1845), ein Gedicht, in dem diese Zeilen später von Poe 
unterdrüdst wurden: V. E., Bd. 7, S. 164). 



Helen 43 

geworden, und das gibt den Schlüssel zu seiner Psydboneurose, 
zu seinem Charakter, zu seinem Leben, zu seinem Werk. Es 
manifestierte sich deshalb in ihm ein Anwachsen von Angst in 
dem Augenblick, in dem er zum zweitenmal in seinem Leben 
Gefallen fand an einem glühenden Bedauern und einer leiden- 
schaftlichen Liebe für eine Tote. Nur in der Phantasie hat er 
die Toten und Halbtoten ausgraben dürfen; in der "Wirklichkeit 
bedrückte ihn der Sdirecken, der von seinen eigenen Imagina- 
tionen herkam. Mit vollem Recht hatte er Angst vor sich selbst 
und seinen Wünschen, die in schreckliche Alpträume projiziert 
waren und ihm beim Erwachen in jenen Nächten seiner Jugend 
so furchtbare Gesichter zeigten, daß er den Kopf unter die 
Decke steckte, um ihnen zu entfliehen. In jenen Nächten, und 
damit erreidite das Fürchterliche seinen Gipfel, bildete er sich 
ein, daß die eisige Hand eines Leichnams auf seinem Ge- 
sichte ruhe.*' 

16) Israfel, S. 11 8/1 19, nach John Mackenzie. 



DER BESUCH LA FAYETTES 
UND DIE ERBSCHAFT WILLIAM GALTS 

Im Herbst des Jahres 1824 kam der gealterte La Fayette 
wieder nach Amerika zurück. Man verehrte in ihm den Feind 
der Tyrannen, den Freund Washingtons, den berühmten 
Soldaten, die Verkörperung des Triumphes der Lehren Jeffer- 
sons und der Philosophie Rousseaus und bereitete für ihn einen 
großartigen Empfang vor. 

Virginia war La Fayette besonderen Dank schuldig. Man 
vergaß weder seinen Feldzug gegen Arnold noch seine Tapfer- 
keit in Yorktown. Und die Ehren, die man dem großen 
Soldaten erweisen wollte, mußten selbstverständlidi vor allem 
militärischen Charakter haben. 

Die Miliz von Richmond war in keinem günstigen Zustand. 
Aber die jungen Leute der Stadt bildeten eine Kompanie von 
Freiwilligen, die Richmond Junior Volunteers oder Morgan 
Legion, und unter diesen jungen improvisierten Soldaten 
zeichneten sich die Schüler Burkes — der Nachfolger Clarkes 
— durch besonderen Eifer aus. Die Freiwilligenkompanie 
wählte zwei Offiziere: John Lyle wurde Hauptmann und 
Edgar Allan Poe Leutnant. 

Während der Abwesenheit der Truppen aus Richmond, 
welche La Fayette entgegengegangen waren, wurden Maß- 
nahmen zum Schutz der Stadt ergriffen und nur der Teil der 
Kompanie der Junior Morgan Riflemen, zu der der Leutnant 
Edgar Allan Poe gehörte, war bei dem Zusammentreffen mit 
dem berühmten Gast dabei. 

La Fayette, der einen Dreispitz und Kniehosen trug, kam 
mit dem Dampfer in Norfolk an. Er wurde festlidi emp- 



Der Besuch La Fayettes und die Erbschafl William Galts 4j 

fangen, die Veteranen der Revolution kamen herbei, um ihn 
zu begrüßen, und die Kompanie der Richmond Junior Volun- 
teers erwies ihm die Ehrenbezeigungen. 

Edgar Poe konnte dabei nidit unbemerkt bleiben, da er 
dodi der Enkel des „Generals" David Poe war. Hatte nicht 
La Fayette das Grab des „Generals" in Baltimore mit den 
Worten begrüßt: „Hier ruht ein edles Herz"! 

Diese Huldigung La Fayettes für seinen Großvater trug 
nun dazu bei, die Gedanken des jungen Mannes auf die Armee 
zu lenken, da dadurdi seine Identifizierung mit der berühm- 
testen Persönlidikeit der eigenen Familie wieder lebendig 
wurde. Die Aufnahme in die Kompanie der Freiwilligen von 
Richmond und der Rang eines Leutnants, dessen er sich dabei 
erfreuen durfte, gaben ihm zum erstenmal in seinem Leben 
das Gefühl der Unabhängigkeit und das Bewußtsein, daß er 
endlich erwachsen sei. 

Von diesem Augenblick an scheint Edgar das Jocii besonders 
unerträglich gefunden zu haben, das Allan ihm auferlegen 
wollte. Er lehnte sich von nun an gegen die körperlichen 
Strafen auf, beantwortete respektlos die Befehle seines Vor- 
munds und zog sich Tage hindurch übelgelaunt zurück. Allan 
hingegen soll bereits im November 1824 an Henry Poe jenen 
berühmten Brief geschrieben haben, in dem er Edgar der Un- 
dankbarkeit bezichtigte und von Rosalie sagte, sie sei nur seine 
„Halbschwester". Auf der Rückseite der Absdirifl; dieses Doku- 
ments, das unter den Schriften Allans gefunden wurde, befindet 
sich außerdem eine von dessen Hand stammende Zins- und 
Zinseszinsrechnung.^'' 

Im März 1825 starb Onkel William Galt und hinterließ 
John Allan den größten Teil seines Vermögens. Die Allans, 
die Galts oder andere Verwandte aus Schottland und Amerika 

17) Israfel, S. 125/126. 



4^ Das Leben Edgar Poes 



erbten hingegen bloß kleine Summen. Poe behauptet später, 
daß Allan siebenhundertfünfzigtausend Dollar geerbt haben 
soll. Ob diese Angabe stimmt oder nicht, kann man heute 
sdiwer beurteilen. Jedenfalls aber befand sich John Allan nun 
im Besitze eines beträditlidien Vermögens, das aus Bargeld, 
Waren, Sklaven, "Wertpapieren und Immobilien bestand. 

Das Haus in der Fourteenth Street und Tobacco Alley, das 
die Allans wieder bewohnten, genügte daher nidit mehr den 
„sozialen" Ambitionen John Allans, nicht mehr dem Leben, 
das er führen wollte, es war zu unscheinbar für die Empfänge, 
die er zu geben beabsichtigte. Trotzdem der Gesundheits- 
zustand seiner Frau immer mehr zu wünsdien übrig ließ, 
wollte er jenen imponieren, die in der Stadt weitertrugen, 
„Galt habe sein ganzes Geld dem alten Allan mit dem ge- 
schwollenen Fuß hinterlassen."^' (Er litt an der Gicht.) Darum 
kaufte er am 28. Juni 1825 für die Summe von vierzehn- 
tausendneunhundertfünfzig Dollar bei einer Versteigerung das 
große Haus, das die Südecke der Main und Fiflh Streets 
bildete. 

Ein großer Garten lag zu den Füßen des Hauses; auf dem 
östlichen Teil war Gemüse angebaut, auf dem südlichen, der 
auf dem Abhang eines Hügels lag, gab es "Weingärten, Feigen- 
bäume und Himbeersträucher; es fehlte auch nicht an Blumen- 
beeten, an Gartenblumen oder blühenden Büschen. 

Von den Fenstern aus genoß man einen weithin reichenden 
und poesievollen Blick; das Tal der James verlor sich erst am 
Horizont. Das Erdgeschoß bestand aus der Diele, dem Speise- 
zimmer und dem Salon; im Stockwerk darüber waren ein 
großer Empfangssaal, die Zimmer John Allans und der Damen, 
ein Gästezimmer und das Edgars. 



18) So Galt has lefl all bis money to cid swell-foot Allan 
{Israfel, S. 116). 



I 



Der Besuch La Fayettes und die Erbsdiafl William Galts 47 

Das Zimmer Poes lag am äußersten Ende eines finstern 
Winkels über der Diele, am Absdiluß einer düstern Stiege. Dort 
brannte unaufhörlich eine „Lampe aus Achat". Das Zimmer 
hatte zwei Fenster, eines nach Norden, eines nach Osten mit 
einem weit hinschweifenden Blick. Außer dem gewöhnlidien 
Mobiliar standen in dem Zimmer eine bequeme Chaiselongue, 
auf die sich der junge Mann beim Lesen gern ausstreckte, ein 
voller Kleidersdirank und ein Büchergestell. 

Wir können vermuten, welche Bücher sich darauf befanden. 
Homer, Virgil, Caesar, Cicero, Horaz; englische und französi- 
sche Grammatiken, die Gesdiichte Englands und Amerikas, 
„gotisdie" Romane und ein oder zwei Handbüdier über mili- 
tärisclie Taktik. Ferner Byron, Moore und Wordsworth, 
Coleridge und Keats, vielleicht Shelley, dann einige jener 
Dichter des achtzehnten Jahrhunderts, mit denen die Biblio- 
theken des Südens so gut versehen waren. Außerdem der Don 
Quichote, Gil Blas und Joe Miller, von denen wir später nodi 
hören werden, und schließlich Milton, Bums, Campbell, Kirke 
White und sicherlich E. C. Pinkney. 

An Romanschriftstellern muß Poe Scott gekannt haben, 
Cooper, Charles Brockden Brown, die ersten Arbeiten 
Irvings. Er hat auch Macaulay und andere Essayisten gelesen 
und die Revuen jener Zeit: die Edinburgh Review, Black- 
wood's, die Critical Review of Annais of Literature, und das 
London Ladies' Magazine, das die Firma Ellis &: Allan bekam 
oder besaß. Moore, Byron und Goldsmith scäieinen ihn be- 
sonders interessiert zu haben. 

Das Haus wurde von Frances Allan mit Geschmack ein- 
gerichtet; die Möbel waren im Empirestil, und außerdem ent- 
hielt es die Büsten Dantes und der Maria von 
M a g d a 1 a von Canova. In Edgars Zimmer stand ein 
Schreibtisch, auf dem sich ein Tintenfaß aus Bronze und eine 
Sandbüdise befanden, die von seinem „Vater" gekauft worden 



48 Das Leben Edgar Poes 

waren und in die der Name John Allans eingezeichnet war. 
Als Poe später das Haus verließ, nahm er diese Gegen- 
stände mit. 

An der Dedce eines geräumigen gesdilossenen Balkons war 
eine Schaukel angebracht, audi ein Fernrohr gab es hier, durch 
das die jungen Leute die Sterne beobaditen konnten. Edgar 
verbrachte dort viele Stunden, mit solcher Leidenschaft hing er 
an der Astronomie. Er liebte es, lange das silberne und tote 
Antlitz des Mondes zu betrachten. 




Öfter sifi^'k"'Al 



<l;^«4r -^^' lÄji4.1j. t .%lattSW, 

SARAH ELMIRA ROYSTER 

mit i6 Jahren 

(Nach einer Zeichnung Edgar Poes, Richmond 1826) 

Edgar Allan Poe Shrine, Ridimond, Virginia) 



ELMIRA 

An der Ecke der Franklin und Second Streets, gegenüber dem 
Hause des Charles Ellis, in dem die Allans nach ihrer Rückkehr 
aus England vorläufig abgestiegen waren, lag ein verzauberter 
Garten. Dort hatte Thomas Jefferson ehemals ein Gefängnis 
erbauen wollen, in dem diejenigen seiner Reformpläne verwirk- 
licht werden sollten, die sich auf die Gefangenen bezogen. Aber 
das Terrain war gegen ein anderes ausgetauscht worden, und 
der alte Garten, der nun von einem Gärtner des Herrn Ellis 
gepflegt wurde, hatte sich in eine feenhafte Gegend verwandelt, 
die voller Rosen, Geißblatt, Jasmin, Myrten und Vögel war. 

Dorthin kamen Kinder spielen, dort saßen Greise. Und der 
junge Edgar träumte. Dorthin führte er auch die kleine Sarah 
Elmira Royster, um mit ihr von der Liebe zu sprechen. 

Elmira war die Tochter von Nachbarn, die mit den Ellis 
und Allans in Beziehung standen. Sie war damals ungefähr 
fünfzehn Jahre alt, hatte große schwarze Augen, und dunkle 
Locken beschatteten ihr Gesidit. Edgar kannte sie wahrschein- 
lidi seit 1823, sicher aber im Jahre 1824. "Während „Helen" 
im Sterben lag, sind die Spaziergänge mit „Myra" Trost für 
den unglücklichen Jüngling gewesen. Elmira war, in der Reihe 
der „Nur-Sdiwestern"," das Mädchen, an dem Edgar am 
längsten festgehalten hatte. 

19) Daß Elmira in die Reihe der „Sdiwestern" gehört, wird 
indirekt von Edgar selbst bestätigt. Im „P i r a t e n" (The Pirate), 
einer Abenteuergesdiidite, die von Henry und Edgar Poe gemeinsam 
in der Nummer 24 des Baltimore North American (Bd. I, 27. No- 
vember 1827, S. 189) veröffentlidit wurde, und deren Führung 
getreu die traurige Liebesgesdiidite Edgars und Elmiras nadiahmt, 
wird die Heldin Rosalie genannt, mit dem Namen der Sdiwester 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 



jo Das Lehen Edgar Poes 

Es scheint nun, daß sowohl Allan als auch Royster jenem 
Gefühl ungünstig gesinnt waren, das die beiden jungen Leute 
zueinander zog. 

Durch die Erbschaft nach "William Galt war in John Allan 
ein neuer Plan, der sich auf die Zukunft Edgars bezog, gereift. 
Früher schien er daran gedacht zu haben, ihn in seiner Firma 
aufzunehmen. Nun aber besann er sich auf die intellektuellen 
Fähigkeiten seines Adoptivsohnes, und er plante, ihn eine 
juridische Laufbahn einschlagen zu lassen. Im März 1825 nahm 
er ihn aus der Schule Burkes heraus und gab ihm Hauslehrer, 
um ihn sobald als möglich an die Universität von Virginia 
schicken zu können. 

In ,Das literarische Leben des Thing um 
B o b''"' hat uns Poe ein kaum verschleiertes satirisches Ge- 
mälde seiner damaligen Beziehungen zu John Allan und dessen 
Firma gemalt und einen Bericht über seine eigenen literarischen 
Absichten gegeben. 

In dieser Geschichte bekommt Thingum von seinem Vater 
nichts als eine Mansarde, eine Feder, Tinte, Papier, ein Reim- 
lexikon und ein Exemplar der satirisciien Zeitung The Gad 
Fly (Die Bremse). Für diese großherzige Schenkung schuldet 
er ihm tiefste Dankbarkeit. „Ihr Edelmut ist ohne Grenzen", 
erwidert er. „Ich werde alles zurückzahlen, indem ich Sie zum 
Vater eines Genies mache." Nichts beleuchtet besser die Be- 
ziehungen zwischen Edgar Poe und John Allan als diese 
wenigen Zeilen. Denn beim Thema Geld sollte sicäi bald 
zeigen, welch tiefer Groll zwischen Vater und Sohn in der 
gleichen Zeit, in der Edgar heranwuchs, groß geworden war. 

des Diditers (siehe Poe's Brother, von Hervey Allen und 
Thomas OlliveMabbott, New York 1926, George H. Doran 
Company, S. 53 ff.). 

20) The Literary Life of Thingum Bob. (Southern Literary 
Messenger, Dezember 1844; Broadway Journal, II, 3). 



Elmira j i 

John Allan, eine Herrsdiernatur im Bereich des prakti- 
schen Lebens, konnte nicht mit dem wachsenden Genie seines 
Adoptivsohns, das im Reidi der Poesie herrschte, sym- 
pathisieren; besonders deshalb nicht, weil auf dem Grund 
dieser Animosität die Rivalität zwisdien dem Gatten der 
Frances Allan und ihrem großgewordenen „Sohn" wirkte, 
eine Rivalität, die aus ihrer tiefen Quelle jenen Haß speiste. 
Solange Edgar ein Kind war, wurde Allan durch den Lieb- 
reiz des Jungen besänftigt und von ihm erobert. Aber als der 
Knabe sidi als Mann entpuppte, brach die latente ödipus- 
rivalität, wie wir sagen, zwischen Vater und Sohn aus. 

Frances Allan hatte wahrscheinlidi zwisdien der Rückkehr 
aus England und der Ankunft La Fayettes von der Untreue 
ihres Gatten erfahren. Allan besaß die Briefe, die Elizabeth 
Poe ihrem Sohn als Erbe hinterlassen, und wußte sicher aus 
ihnen, daß die eheliche Abstammung Rosaliens bezweifelt 
■werden durfte. Diese Briefe sind später nach dem Tode Edgars 
und auf seinen ausdrücklichen Wunsdi von Frau Clemm zerstört 
worden.^^ Allan hielt vor Edgar mit seinen Anschuldigungen 
gegen Elizabeth Poe wahrscheinlich nicht zurück und Edgar 
wird ihm die Antwort nicht schuldig geblieben sein. Lauter 
Antriebe, die zu der ursprünglichen Rivalität dazukamen. 

Um diese Zeit nun dürfte William Fienry Leonard Poe nach 
Ridimond gekommen sein, um seinen Bruder aufzusuchen. Er 
war bei der Marine, wahrscheinlich bei der Handelsmarine, 
von zarter Gesundheit, vermutlich damals schon tuberkulös, 
liebte die Literatur und schrieb Verse. In einem seiner Ge- 
didite" spricht er so von Rosalie, als ob es zweifelhaft wäre, 



zi) Ober die ganze Angelegenheit dieser Briefe: Israfel, S. 13, 
24, 141, 727. 

22) For the North American. In a packet hook . . . Das Gedidit 
wurde 1827 in Baltimore veröffendidit (siehe das früher zitierte 
Werk: Poe's Brother, S. 41). 



52 Das Leben Edgar Poes 

wer ihr Vater gewesen sei. Das kann nach jenem Brief ge- 
schehen sein, den ihm Herr Allan geschrieben hatte und in dem 
dieser eine Anspielung auf die bekannten Tatsachen madite. 

Damals muß auch Edgar, der immer heftiger gegen Allan 
aufgebracht war, zum ersten Male das Bedauern ausgesprochen 
haben, nicht von Frau Madsenzie, die er übrigens häufig ganz 
wie Frau Allan „Ma" nannte, adoptiert worden zu sein. Und 
um die gleiche Zeit begann sich Edgar bei den Mackenzies auch 
häufig über Allan zu beklagen und davon zu sprechen, daß 
er „über das Meer fliehen werde". Allan dagegen beklagte sich 
bitter über die Undankbarkeit Edgars. 

Die Allans verkehrten in der besten Gesellschaft Ridi- 
monds, und seit Edgar die Sdiule Burkes verlassen hatte, 
wurde er ebenfalls überall empfangen. Die alte Gesellschaft 
von Ridimond war eine Schule der guten Sitten, und seiner 
Virginianischen Erziehung verdankte Edgar sein Benehmen als 
„Gentleman", das allen jenen auffiel, die mit ihm später 
zusammenkamen. Die Mütter, die wohl dachten, er sei der 
Erbe Allans, ermutigten natürlich ihre Töchter bei ihren Ver- 
Ij'l I sudien, den Jüngling zu erobern. 

Aber Edgar hatte nur für Elmira Augen. Er verbrachte 
viele Stunden in ihrem Haus. Sie spielte Klavier, er blies Flöte, 
oder sie sangen; Edgar hatte eine schöne Tenorstimme. Der 
junge Verliebte madite von seiner kleinen Geliebten eine 
Skizze, durdi die uns ihre Züge erhalten geblieben sind. Die 
Dinge gingen so weit, daß Elmira Edgar, bevor er zur Uni- 
versität ging, verspradi, seine Frau zu werden. 

Der Tag der Abreise kam heran. Allan war von dem 
Gedanken, Edgar aus dem Hause zu haben, entzückt. Seine 
Frau hingegen litt sehr. Sie begleitete Edgar bis nach Char- 
lottesville. Es war ein herzzerreißender Abschied. 

Der alte Kutscher, der Frau Allan allein nadi Richmond 
llji zurüdcbrachte, hatte einen Brief Edgars für Elmira bei sich. 



I 



AUF DER UNIVERSITÄT VON VIRGINIA 

Thomas Jefferson, dieser große Träumer und Romantiker 
des politischen Lebens, verwirklichte wenigstens ein großes 
Werk: er gründete das „Oxford" der neuen Welt, die Uni- 
versität von Virginia, welche in Charlottesville, nicht weit von 
seiner eigenen Residenz (Monticello), erriditet worden war. 
Am 7. März 1825 eröffnete die Universität von Virginia ihre 
Tore für die ersten fünfzig Studenten. Und im Februar 1826 
befand sich auch der Name Poes in der Liste der neu Inskri- 
bierten. 

Die Ideen Jeffersons über seine Universität sahen ganz 
merkwürdig aus, sie gehörten zu den fortgeschrittensten seiner 
Zeit und waren im übrigen zu idealistisch gedadit. Er glaubte, 
wie das damals noch Mode war, an die ursprüngliche Güte der 
menschlichen Natur und entwarf dementsprechend die Statuten 
seiner Universität. 

Adit ausgezeichnete Professoren waren beauftragt, die 
Studenten zu unterrichten. Unter ihnen befanden sich sechs 
Ausländer, hauptsächlich Engländer. George Tucker, der 
Rektor, ein Amerikaner, war der bedeutendste in diesem 
Kollegium — er wurde später als Volkswirtschafller, Essayist, 
Gesdiichtsschreiber und Biograph Jeffersons bekannt. Die 
Kurse stellten an den Durchschnitt der amerikanischen 
Studenten zu hohe Ansprüdie; Poe jedoch konnte viel in 
ihnen lernen. 

Die Universität zeidinete sidi durch kühne Neuerungen 
aus: man studierte auf ihr beispielsweise moderne Sprachen, 
ein Studium, das von Jefferson, als er Gouverneur von Vir- 
ginien war, als Pflichtgegenstand in Amerika eingeführt 



54 Das Leben Edgar Poes 

wurde; es gab Werkstätten; man konnte eine militärisdie Er- 
ziehung erhalten; man -wurde gratis geimpft, und es war dem 
freien "Willen eines jeden überlassen, den religiösen Übungen 
zu folgen oder nidit. 

Die Universität von Virginia war sdion wegen der Ideen 
ihres Gründers vor allem demokratisch gesinnt. Den Studenten 
wurde vollste Freiheit gelassen, sie unterstanden lediglich dem 
Zivilgesetz. Daraus entstanden aber anarchische Verhältnisse, 
und die vielen mutwilligen Streiche der Studenten störten den 
Frieden der Schule und der Umgebung. Sie spielten, duellierten 
sich, nahmen an Hochzeiten auf dreißig Meilen in der Runde 
teil und machten Schulden. So sah die Lage aus, als Poe in 
Charlottesville ankam. 

Das Zimmer Edgars, das halb Studier-, halb Schlafzimmer 
war, öffnete seine Fenster auf die Ragged Mountains. Es ließ 
sidi im "Winter wegen seines kleinen Kamins schlecht heizen. 
Es war auch kein Bad dabei. 

Die Studenten wurden jeden Morgen um halb sedis Uhr 
geweckt. Sie wusdien sidi schnell, nahmen ihr Frühstück in 
irgendeiner benachbarten Pension ein und setzten sidi dann 
an die Arbeit. Poe war in Latein und Französisch ein guter 
Schüler, er las und sprach diese beiden Sprachen, ohne sie 
jedoch vollständig zu beherrsdien. Im Griediisdien entsprach 
er dem Durchsdinitt, im Italienisdien kam er über ihn hinaus. 
Er faßte überaus leicht auf, konnte in wenigen Augenblidken 
den Vortrag der Texte vorbereiten und verblüffte dann die 
Klasse oft durch seine vollkommene Diktion. Die Leichtigkeit, 
mit der er arbeitete, hatte aber oft etwas Oberflächliches 
an sich. 

Er unterwarf sich freiwillig den militärischen Übungen, die 
von einem gewissen Mathews, der aus der Offizierssdiule von 
West Point hervorgegangen war, geleitet wurden. Die Helden- 
taten seines Großvaters, des Generals Poe, und audi der 



Auf der Universität von Virginia 55 

Erfolg des jungen Offiziers der Richmond Junior Volunteers, 
anläßlich des Empfangs La Fayettes, haben sidierlidi zu 
dieser Neigung beigetragen. 

Die Nachmittage nach den Kursen verbrachte man in der 
Bibliothek, in den Geschäften oder in den „Hotels" von 
Charlottesville, das ungefähr eine Meile von der Universität 
entfernt war. Im Sommer schwamm man in der gelben 
Rivanna, und die Ragged Mountains luden zu großen Par- 
tien ein. 

Poe lieh sich aus der Bibliothek mandies Gesdiiditswerk 
und manche Naturgeschichte aus. Es ist wahrscheinlich, daß 
Jefferson, der häufig in die Bibliothek kam, dort von dem 
jungen Menschen gesehen wurde. Aber Jefferson hinterließ 
keine Spur in seiner Phantasie. 

Wir kannten das Leben Poes an der Universität von 
Virginia bisher nur aus Zeugnissen und Erinnerungen seiner 
Kameraden. Seit der Veröffentlichung der Briefe Edgars an 
John Allan, einer Veröffentlichung, die für jeden Biographen 
Poes von unschätzbarem Wert ist, besitzen wir jedoch seinen 
eigenen Bericht über diese Zeit.''^ 

Poe beschreibt dem Vormund das wilde Leben der 
Studenten. Er erzählt davon, wie ein Teil von ihnen in die 
Wälder und Berge flüchten mußte, um den Nachforschungen 
der Sheriffs zu entgehen, welche die Verletzung des Ge- 
setzes gegen das Hasardspiel ahnden wollten. Er berichtet 
von wilden Kämpfen, welclie die jungen Leute miteinander 
ausfochten, von Insulten, Hieben und davon, daß ein gewisser 
Wickliffe aus Kentucky mit einem andern Studenten ins 
Gebirge gegangen sei, um mit ihm eine Differenz zu bereinigen. 
Witifliffe soll dabei seinen Gegner derart in den Arm, vom 
Ellenbogen bis zur Schulter gebissen haben, daß man ihm 

23) Valentine Museum Poe Letters, i. und 2. Brief. 



jö Das Lehen Edgar Poes 



Stücke, die so groß waren wie die Hand, amputieren mußte. 
So sahen die Sitten aus, welche an der Universität von Vir- 
ginia herrsditen. 

In den Hotels und in den Pensionen genoß man starke 
Getränke, z. B. den berühmten „peach and honey" (Pfirsich 
und Honig), den Punsch jener Zeit, und machte den Mädchen 
den Hof; Poe aber scheint nur der Tochter eines Pensions- 
besitzers einige, übrigens nicht sehr große Aufmerksamkeit 
zugewendet zu haben. 

Ihn nahm das Spielen ganz in Anspruch. Er spielte, verlor, 
zahlte mit seinen Kleidern oder durdi einen Kredit bei seinem 
Schneider. Aber da John Allan, der doch jetzt Millionär war, 
ihm beinahe kein Taschengeld bewilligt hatte, geriet Edgar 
von Tag zu Tag tiefer in Schulden. 

Die Mehrzahl der jungen Leute an der Universität war 
von ihren Eltern reichlidi mit Geld versehen worden. Edgar 
jedoch nidit. Der sdiottische Kaufmann hatte ihm bei seiner 
Abreise nach Charlottesville nur hundertzehn Dollar mit- 
gegeben, wo doch die Ausgaben, gering genommen, drei- 
hundertfünfzig Dollar jährlidi betrugen, ohne daß in diese 
Summe die einhundertneunundvierzig Dollar für erste Kosten, 
2immer, Bett, Decke u. a. inbegriffen waren; wir wissen 
nicht, ob hinter diesem Verhalten systematische Absidit 
steckte, oder wachsender Geiz oder ob sich nicht vielmehr der 
|j|l Entzug an Neigung in dem Entzug an Geld manifestierte. 

|||||i Edgar mußte also in der Folge die Erniedrigung ertragen, 

ein wenig für einen Menschen gehalten zu werden, der unter 
all diesen begüterten Jünglingen ein Bettlerdasein führte, und 
dabei war sein Adoptivvater einer der reidisten Kaufleute 
Virginias. Er konnte Allan diese Haltung nie mehr verzeihen. 
"Wir werden audi von nun an sehen, wie das Thema Geld zum 
peinlichsten Ausdruck für die Feindseligkeit zwischen dem 
Vater und dem Sohn wurde. 



*^ 




DIE UNIVERSITÄT VON VIRGINIA ZUR ZEIT POES 
Westfront 

(Nach einem alten Druck) 



Auf der Universität von Virginia 57 

Poe, der die Bedienung, Beheizung, 'Wäsche usw. mit dem 
bezahlen mußte, was er nicht hatte, behauptet, er habe gespielt, 
weil er zu bekommen hoffte, was ihm fehlte. Aber seine 
Schulden wuchsen immer mehr an, seine Spielschulden kamen 
zu den Sdiulden hinzu, weldie er bei Geschäftsleuten gemacht 
hatte, die die jungen Leute ausbeuteten und die trotz des 
Gesetzes, das „ungerechtfertigte Schulden" der Studenten als 
nichtexistierend erklärte, auf den Kredit der Eltern zählten. 

Edgar hatte aber noch andere Gründe, traurig zu sein. 
Elmira antwortete auf seine Liebesbriefe nicht. Herr Royster 
hatte die Korrespondenz seiner Tochter aufgefangen und unter- 
schlagen, und es war ihm, vielleicht im Einvernehmen mit 
Allan, der sicher nidit mehr wollte, daß Edgar ihn beerbe, 
gelungen, sie dazu zu bestimmen, Herrn Shelton zu heiraten, 
einen seriösen Mann, der reidi und in einer weit vorteil- 
hafteren gesellschaftlichen Stellung war als Edgar. Elmira 
willigte schließlich ein, da ihr Herz durch das Stillschweigen 
ihres jungen Freundes gebrochen war. 

So verlebte Edgar an der Universität düstere Stunden, ein 
Leben ohne Geld, ohne Liebe. Und damals — er war siebzehn 
Jahre alt — begann er zu trinken. 

Einer seiner Kameraden, Thomas G. Tucker, hat uns 
beschrieben, wie er trank: 

„Er ergrifF das verführerisdie Glas, gewöhnlidi ohne Zudser 
oder Wasser hinzuzufügen — und schüttete den Inhalt in einem 
Schluck hinunter, ohne daß er ihm Vergnügen zu bereiten schien 
und ohne innezuhalten, bevor der letzte Tropfen über seine Lippen 
gekommen war. Er konnte nie mehr als ein Glas zu sidi nehmen, 
aber dieses Glas genügte, um seine ganze nervöse Natur In den 
stärksten Zustand der Erregung zu versetzen, einer Erregung, die 
aus begeisterten und faszinierenden Worten hervorbrach, welche 
alle. Zuhörer wie die Laute der Sirenen verzauberten."^* 

24) Israfel, S. 169. 



f^ Das Lehen Edgar Poes 



v\ 



Die „Orgien" fanden in seinem Zimmer statt. Man zündete, 
manchmal sogar mit irgendeinem Möbelstück, ein gutes Feuer 
an, zog den Tisdi herbei und begann zu spielen. "Während des 
Spieles befand sidi Poe in einem Zustand höchster Erregung, 
und er trank in der oben beschriebenen Weise, die Baudelaire 
später „boire en barbare" nannte. 

Aber Edgar beschäftigte sich auch mit andern Dingen. Er 
las die Werke der Dichter, der Shelley, Keats, Coleridge, 
"Wordsworth, Byron, Moore. Er begann den Tamerlane zu 
dichten, den der Schatten Elmiras heimsuchte. Und den in 
seinem Zimmer versammelten Kameraden las er mit lauter 
Stimme seine Lieblingsgedichte und eigenen Werke vor. 

Diese Kameraden sind auch sdiuld an der Zerstörung der 
Gaffy, einer heiteren Erzählung, über welche sie sidi lustig 
gemadit hatten, und die der verärgerte Poe vor ihren 
Augen ins Feuer warf. Es ist von ihr nicht mehr als der 
Name übriggeblieben, den die Kameraden dann Edgar selbst 
gaben. 

Am 4. Juli 1826 starb Jefferson. In der Universität wurden 
Trauerfeierlidikeiten veranstaltet. Aber das Echo dieser Feier- 
lichkeiten war für Edgar durdi die Ankunft John Allans im 
Herbst in Charlottesville bald verklungen. 

Allan hatte nämlich Rechnungen zugeschickt erhalten, die 
Fakturen der Kaufleute, bei denen Edgar Sdiulden gemacht 
hatte und die bezahlt zu werden wünschten. Er kam erbittert 
an. Die Unterredung zwischen John Allan und Edgar wird 
wohl stürmisch verlaufen sein. Der Vater warf seinem Mündel 
das Attentat auf sein unantastbar geheiligtes Portemonnaie vor, 
dieser machte seinem Adoptivvater seinen Geiz zum "Vorwurf, 
durdi den es ihm unmöglich gewesen war, auch nur die Magd 
zu bezahlen, die sein Zimmer auskehrte und sein Bett machte. 
Ein Seelenkonflikt, der in einem Geldkonflikt seinen Ausdruck 
fand. 






Auf der Universität von Virginia 59 

Es blieb dann dabei, daß der Großkaufmann von Rich- 
mond, der Millionär, sidi weigerte, die Spielschulden und die 
andern Schulden seines Adoptivsohns zu bezahlen. Zwei- 
tausend bis zweitausendfünfhundert Dollar hätten diesen ge- 
rettet und es Edgar möglich gemacht, an der Universität zu 
bleiben. John Allan zog es jedocäi vor, ihn mitzunehmen, 
trotzdem Poe sein Studium nicht vollendet hatte und seine 
Zukunft ungewiß geworden war. Allan glaubte gewiß nicht 
mehr an eine Besserung Edgars, er vergaß dabei aber voll- 
kommen, daß zuerst er ihn ohne Geld, ohne Mittel gelassen 
hatte. Das Hauptmotiv jedoch war, er liebte Edgar nidit mehr; 
seine ganze Feindseligkeit, die eine Zeit hindurch von Zärt- 
lichkeit verdedct war, bradi jetzt hervor. 

Und so mußte Edgar am 21. Dezember 1826 die Postkutsche 
besteigen, um nadi Richmond zurückzukehren. 



BRUCH MIT JOHN ALLAN 

Edgar wurde nach seiner Rückkehr in Richmond von Allan 
mit eisiger Miene, von Frau Allan und der Tante Nancy 
jedoch mit Zärtlichkeit und voll Mitleid empfangen. Frau Allan 
hatte für ihn sogar eine Weihnaditsgesellschafl: vorbereitet, zu 
der Edgars Freunde eingeladen worden waren. Hatte er nicht 
schon im vergangenen Februar, damals als sie mit ihm 
in der Postkutsche zur Universität fuhr, davon gesprochen, 
daß er das Haus John Allans verlassen und selber seinen 
Weg in der "Welt suchen werde? Wollte sie ihn nun durch 
Zärtlichkeit bei sich zurückhalten? Edgar verließ jedoch die 
Weihnachtsgesellschaft, die seine „Ma" für ihn veranstaltet 
hatte, um mit einem Freund in die Taverne trinken zu 
gehen. 

Dieser Gefallene und Unglückliche, dessen Zukunft ver- 
nichtet zu sein schien, hatte nämlich gehofft, wenigstens bei 
Elmira Zuflucht zu finden. Er war zu ihr geeilt. Aber bei der 
Tür sagte man ihm, Elmira Royster habe Richmond verlassen. 
Vielleicht erfuhr oder erriet er bereits damals die ganze Wahr- 
heit: daß John Allan mit Herrn Royster im Einverständnis 
gewesen, daß seine eigenen Briefe nicht von Elmira geöffnet 
worden waren, sondern von andern konfisziert wurden, daß 
man Elmira getäuscht hatte und Shelton aufgetaucht war, als 
sie sich vergessen glaubte. Elmira war an einen Ort gebracht 
worden, an dem ihr junger Freund sie nicht mehr erreichen 
konnte und wo sie Shelton heiraten sollte. 

Das Leben in Richmond wurde daher für Edgar von Tag 
zu Tag unerträglicher. Allan weigerte sich nicht nur, Poes 



Bruch mit John Allan 6i 

Schulden zu bezahlen und ihm dadurch die Rückkehr an die 
Universität zu ermöglichen, er nahm auch seine neuerlichen 
Rechtsstudien nicht ernst. 

Die Haltung, welche sich Edgar bei seiner Rückkehr zu- 
gelegt hatte, mußte Allan allerdings zur Verzweiflung treiben. 
Rühmte sich doch Poe, so viele Schulden nur zu dem Zweck 
gemacht zu haben, um zu sehen, wieviel Geld des „Alten" 
{old gentleman) er ausgeben könne! Daher ließ Allan Poe 
ohne Geld, er half ihm auch nicht, eine Stelle zu finden. Und 
außerdem warf er ihm vor, „das Brot der Faulheit" zu essen. 
Die Lage Edgars im Haus Allans, in dem er der Drang- 
salierung aller, selbst der schwarzen Sklaven, ausgesetzt war, 
schien hoffnungslos geworden zu sein. 

Poe suchte nun auf eigene Faust eine Stellung. Er wandte 
sich an die Mills Nursery Company in Philadelphia, eine 
Firma, die zu Ellis & Allan in Beziehung stand. Dies erfuhr 
Allan, den die Absicht seines Mündels, das Haus ohne seine 
Erlaubnis zu verlassen, in helle "Wut brachte. Dabei gingen 
doch alle Handlungen John Allans gerade auf das eine Ziel 
los: Edgar zum Fortgehen zu veranlassen! 

Nach den Dokumenten, die wir heute besitzen, scheint die 
Szene, die den Bruch zwischen den beiden Männern herbei- 
führte, nach dem Abendessen am 1 8. März 1827 stattgefunden 
zu haben.^° 

John Allan legte an diesem Abend Poe den Brief an die 
Mills Nursery Company vor und fragte ihn, ob es wirklich 
seine Absicht sei, Richmond zu verlassen oder ob er hier bleiben 
und arbeiten wolle, um schließlich die Schulden zu bezahlen. 
Poe erwiderte seinem Adoptivvater mit dem Vorwurf, er 
sei knauserisch. John Allan wandte ein, daß Edgar sinnlos 
Geld ausgebe und Spielschulden habe. Poe verlangte noch 

2j) Valentine Museum Poe Letters, 3. Brief. 



^2 Das Leben Edgar Poes 



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einmal, er möge die gerechtfertigten Schulden bezahlen: das 
übrige werde er selbst ordnen. Er wies auf sein vorbildlidhes 
Betragen während der drei letzten Monate seines Aufenthalts 
an der Universität hin (das waren wahrsdieinlidi die Monate 
nach dem Besudi John Allans) und auf den großen Fleiß, mit 
dem er studiert habe. Aber John Allan weigerte sicäi auf das 
bestimmteste, Edgar nadi Charlottesville zurückzuschicken. Er 
verlangte, daß dieser seine Studien zu Haus beende, daß er 
hier Französiscii, Mathematik und die Klassiker studiere. Er 
dachte auch noch irgendwie daran, seinen Adoptivsohn ein 
Gewerbe lernen zu lassen. Aber Poe wollte an die Universität 
zurüdikehren und Schriftsteller werden. Er arbeitete selbst um 
diese Zeit an seinen Gediditen. John Allan hielt aber diese 
Schreibereien für einen Zeitverlust, für die Zerstreuungen eines 
Faulpelzes und stellte an jenem Abend seinem „Sohn" das 
Ultimatum: bei ihm zu bleiben und sich seinem Programm und 
Willen zu unterwerfen, oder das Haus zu verlassen. Er gab 
ihm eine Nacht Zeit zur Überlegung. 

So fällte Edgar Poe in der Nacht vom i8. zum 19. März 
1827 die wichtigste Entscheidung seines Lebens. Er beschloß, 
sich den Bedingungen John Allans nicht zu unterwerfen 
und eher fortzugehen, als ihm nachzugeben. Diese Entscheidung 
schloß allerdings mancherlei Undankbarkeit in sich ein, auch 
mußte er die damals schon sterbenskranke Frances Allan ver- 
lassen. Aber dieser Entschluß war in seiner Verwegenheit die 
tapfere Entscheidung eines Menschen, der an sein Genie 
glaubte und ihm Besitz und Annehmlichkeiten opferte: denn 
Poe mußte nun, wenn er in die "Welt hinauszog, dem Elend 
und dem Hunger die Stirn bieten können. 

Man darf aber auch nicht vergessen, daß ein mächtiger un- 
bewußter Antrieb die Entscheidung Edgars in dieser Nacht 
bedrängte. Es hatte sciion früher einmal jemand das sicäiere 
und ehrenhafte väterliche Heim verlassen, um sich in ein 



Brud} mit John Allan 63 

Leben von Abenteuern zu stürzen: und das war sein eigener, 
leiblidier Vater gewesen, David Poe, der für Edgar leider 
in mehr als einer Beziehung zu dem Urbild geworden, mit 
dem er sich unbewußt identifizieren sollte. Und ebenso 
wie David ehemals geflohen war, um dem Lodcruf des Theaters 
zu folgen, so floh Edgar heute auf den Zuruf einer andern 
„Kunst"; er wußte jedoch gewiß nicht, welchem fernen Ge- 
bieter er damit gehorchte. Aber dem Befehl, der aus dem Un- 
bewußten kommt, kann man nidit entgehen. 

Am Morgen des 19. März bekam John Allan beim Früh- 
stüdc Poes Antwort zu hören. Der sagte ihm noch einmal, wie 
er über den Geist der kleinlichen Sparsamkeit denke, welcher 
ihm die Rückkehr zur Universität versperrte. Allan geriet in 
heftigste "Wut, sdirie und schlug mit dem Stock auf den Fuß- 
boden. Dann warfen sich beide die gröbsten und wohlgeziel- 
testen Beleidigungen an den Kopf, während Frau Allan mit 
ihrer Schwester, die beide ihren „Sohn" liebten, vor Schrecken 
zitternd dem Lärm des Streites zuhörten. Scfaließlicii rief Allan 
Edgar zu, er solle jetzt lernen, was Hunger sei, er jage ihn 
aus dem Haus. Edgar ließ sich das kein zweites Mal sagen und 
stürzte hinaus, ohne etwas anderes mit sich zu nehmen als das, 
was er auf dem Körper hatte. 

Zuerst flüchtete er — und das ist ein für ihn charakteristi- 
scher Zug — in ein Wirtshaus. Von der Court House Tavern 
schrieb er an seinen Adoptivvater jene ergreifenden Briefe, 
in denen er seine Anklagen nochmals kurz wiederholte.^' 
Warum habe John Allan ihn zum Ehrgeiz erzogen, wenn er in 
ihm jede Sehnsudit nach Aufschwung unterdrü(ie? Ferner 
wirft er ihm von neuem den Geiz vor, durdi den Poes akade- 
mische Laufbahn unterbrodien worden war. Er erinnert John 
Allan audi daran, daß er Fremden gesagt habe, er liebe Edgar 

26) Valentine Museum Poe Letters, 3. und 4. Brief. 



04 Das Leben Edgar Poes 

nicht, und er fragt ihn, warum er ihm immer wieder vor- 
geworfen habe, daß er das Brot der Barmherzigkeit esse, wo 
Allan doch nichts unternahm, um Edgar die Arbeit, nadi der er 
verlangte, zu verschaffen? Er wirft Allan auch vor, daß er so 
weit gegangen sei, ihn dem Spott der Diener des Hauses und 
der schwarzen Sklaven ausgesetzt zu haben. Er schließt den 
Brief, indem er seinen „Vater" bittet, ihm in die Schenke den 
Koffer mit den Kleidern und Büdiern zu schicken und so viel 
Geld, daß er wenigstens seine Reise bis in eine Stadt im 
Norden bezahlen könne. Er zittert vor Angst, wenn er an die 
Folgen denkt, die eine Weigerung Allans zur Folge haben 
mußten. 

Poe litt bereits Hunger, aber er hätte sidi eher getötet, als 
zurückzukehren. 

Am nächsten Morgen war Edgar ohne Antwort: er schrieb 
nodi einmal an John Allan. Er flehte ihn an, ihm seinen Koffer 
und seine Kleider zu schicken. "Wenn er sie bisher nodi nicht 
bekommen habe, fügt er hinzu, so rühre das zweifellos daher, 
daß sein erster Brief nicht angekommen sei. Er schildert die 
mißliche Lage, in der er sidi befindet. Er hat seit dem ver- 
gangenen Morgen nichts gegessen, er hat kein Obdach, um 
sich auszuschlafen und ist erschöpft;, weil er nun Tag und Nacht 
durch die Straßen gestrichen. Er braucht seinen Koffer, seine 
Kleider und ein wenig Geld — zwölf Dollar — , um nach 
Boston zu kommen, sonst müsse sidi die Vorhersage John 
Allans erfüllen: er werde vor Hunger sterben. Wenn aber 
sein „Vater" ihm die zwölf Dollar nicht schenken wolle, 
so möge er sie ihm wenigstens leihen! Und er grüße alle 
zu Hause. Im Postskriptum fügt er hinzu, daß er auch 
nidit einen Cent habe, um sich etwas zum Essen kaufen zu 
können. 

John Allan schickte aber weder den Koffer noch das Geld. 
Er hatte auf den ersten Brief Edgars geantwortet, noch bevor 




JOHN ALLAN 
(Nach dem Porträt eines unbekannten Künstlers) 

(Edgar Allan Poe Shrine, Richmond, Virginia) 



Bruch mit John Allan 65 



der zweite angekommen war, seine Antwort war kühl, 
ohne Zorn.^^ 

Allan ist weder von dem überrascht, was Poe macht, noch 
von dem, was er sagt. Er erinnert Edgar an das, was er ihm 
dafür sdiulde, daß er ihn erzogen habe und unterrichten lassen. 
Er habe sein Mündel dazu gebracht, nach einem besonderen 
Platz in der Gesellschaft zu streben, wozu ihm weder Don 
Quichote noch Gil Blas, nodi Joe Miller verhelfen werden 
können. (Auch der literarisdie Geschmack Edgars war, wie man 
sieht, ein Zankapfel zwisdien ihm und seinem Adoptivvater. 
Wir erfahren außerdem, daß Allan Byron gründlich ver- 
achtete.) Er verteidigt sich gegen Poes Anschuldigungen und 
behauptet, die ganze Strenge, die er bewiesen habe, sei nur 
zum Besten des Mündels gewesen, dessen Fehler er habe aus- 
merzen wollen und den er dazu bringen wollte, sich in 
Mathematik und in fremden Sprachen zu vervollkommnen. 
Wenn Poes Herz nicht aus Marmor sei, so möge er selbst 
beurteilen, ob sein Adoptivvater nicht gute Gründe habe, für 
ihn zu fürchten. Die "Welt werde über John Allan und Edgar 
Poe urteilen. Und er schließt mit einer Herausforderung, indem 
er darauf hinweist, die erste Unabhängigkeitserklärung Poes 
bestehe darin, Geld zu verlangen. 

Da Allan weder das Geld noch den Koffer sdiickte, mußte 
Poe sich in die Richardson's Tavern flüchten, in der sein 
Freund Ebenezer Burling ein wenig Kredit hatte, und dorthin 
bekam er dann die Pakete und ein wenig Geld, die ihm von 
der „Ma" und der Tante Nancy durch den Sklaven „Dab" 
gesdiickt worden waren. Auf diese Weise bekam er wahr- 
sdieinlich auch seine Manuskripte; er gab dem „Dab" audi 
Briefe, damit dieser sie bei einer jungen Person in der 
Nachbarschafl:, welche Edgar bewunderte, abgebe. 



27) Valentine Museum Poe Letters, Brief j. 
Bonaparte: Edgar Poe. I. 



L 



66 Das Leben Edgar Poes 

Inzwisdien gelang es jedoch Frances Allan und ihrer 
Sdiwester, Allan dazuzubringen, daß er seinen Einfluß bei den 
Kapitänen des Hafens aufbot, damit diese Edgar nicht an Bord 
nehmen. Am liebsten hätten sie den Jüngling zurückgeholt und 
zwischen ihm und John Allan eine Versöhnung gestiftet. Edgar 
aber sdiifFte sich mit seinem Freund Burling in Norfolk ein, 
um seinen Gläubigern zu entkommen, und zwar unter einem 
falschen Namen: Henri Le Rennet. 

Burling war betrunken, als er von Richmond abreiste; 
nachdem er seinen Rausdi ausgeschlafen hatte, fuhr er wieder 
von Norfolk nach Richmond zurück und erzählte, Edgar sei ins 
Ausland abgereist. Burling, der außerdem liederlich und ein 
charakterschwacher Mensch war, starb einige Jahre nadiher 
an der Cholera. Poe war jedoch nidit in die Weite gefahren, 
sondern bloß nadi Boston, wohin er auf einem Kohlenschiff ge- 
langte. Die Legende, nach der er damals nach Griedienland, 
Rußland, Frankreich und London abgereist sein soll, eine 
Legende, die er selbst zu Ansehen gebracht hat — und an die 
Baudelaire und viele andere geglaubt haben! — , hält vor 
den Tatsachen nicht stand. 

Poe war nach Boston, in seine Geburtsstadt, gekommen, 
in jene Stadt, welche seine Mutter vor dem Sterben seiner 
Liebe empfohlen hatte, und er gehorchte damit ohne Zweifel 
einem Zuruf, der aus seinem tiefsten Innern und aus seiner 
Vergangenheit gekommen war und der von ihm in dem 
Augenblick, in dem er eine Mutter verließ, verlangte, er 
solle zu der andern, der ersten, der toten, zurückkehren. 

In Boston traf er einen gewissen Calvin Thomas, einen 
Buchdruckerlehrling, . der in seinem Alter war und das erste 
seiner Büdier druckte: Tamerlane and Other Poems, by a 
Bostonian, Boston 1827. 

In Tamerlane beschreibt Poe sich selbst in der Gestalt des 
eroberungslustigen „Schäfersohnes", mit seiner Liebe für Ada- 



Bruch mit John Allan 67 

Elmira und seinem Ehrgeiz. Wie er nun zurüdkkommt, um 
seine Ada zu ehelichen (er kommt dabei allerdings nicht nach 
Ridimond zurück, sondern nach Samarkand), ihr die Welt zu 
Füßen zu legen, die er für sie erobert hat, ist Ada zwar nicht 
verlobt, aber tot. Das stimmte mit den Neigungen Poes überein 
und auch mit dem Geiste der Zeit. 

Die erste Fassung des Tamerlane, die von 1827, ist um 
vieles lebendiger als die spätere. Man fühlt darin selbst hinter 
der byronschen Form nodi das Beben einer wirklidb gelebten 
Liebe, das in der allzu sidieren letzten Fassung von 1845 
verlorengegangen ist. 

Alle andern Gedidite der Sammlung^^ entstammen melan- 
diolisciier Inspiration. Man wird dies dem romantischen Geist 
der Zeit zum Vorwurf madien müssen. Aber zwei Gedichte 
unter ihnen sind besonders düster und schon wirklich poehafl:: 
die Geister der Toten (Spirits of the Dead) und Der 
See {The Lake). Vom ersten Gedidit behauptet man, es sei 
anläßlich des Todes der Frau Stanard geschrieben worden: es 
ist aber zweifellos das Echo einer viel älteren Trauer. Das 
zweite spricht von dem Verlangen, Selbstmord in jenem 
düsteren See zu verüben, der hier zum erstenmal beschrieben 
wird und den Poe so häufig wieder gemalt hat, als ob er sich 
in jene scliauerlidien und giftigen Gewässer verliebt hätte. 
Dieser See scheint für Poe ein Symbol für seine tote Mutter 
gewesen zu sein, die ihn bestrickte und ihm zurief, wieder zu 
ihr zu kommen, um in ihr aufzugehen. 

In den Ragged Mountains,^« in der Umgebung von Char- 
lottesville, hat Poe, wie Kent schreibt, die Vorbilder für seine 



28) 1827: Tamerlane: — To ... (I saw thee on thy bridal day); 

— Dreams; — Spirits (Visit) of the Dead; — Evening Star; — 
A Dream within a Dream (Imitation); — Stanzas; — A Dream 
(1827, ohne Titel) — „The Happiest Day, the Happiest Hour"; 

— The Lake: To — (V. E., Bd. 7.) 

29) Charles W. Kent, S.XXIX, Bd. 7 der V.E. 



68 Das Leben Edgar Poes 

Gebirgslandschaften und Wälder finden können; für seine Seen 
ist uns kein Vorbild genau bekannt. Diese Landschaft war 
ohne Zweifel mehr als jede andere die persönliche Sdiöpfung 
seiner Seele, seines Symboldenkens, seiner ganzen Vergangen- 
heit. Er hat wohl hier und dort Erscheinungen, die sich in der 
Natur verstreut vorfinden, behalten und miteinander verbinden 
können; es hätte aber der die Elemente einigende Symbolismus, 
der in ihm herrschte, genügt, um durch seine Synthese jenen 
unheimlichen See zu schaffen, seine schlummernden, traurigen 
Wasser, dieses Symbol für die verlorene und immer wieder 
gesuchte Mutter, mit dem seine nekrophile Seele sidi zu ver- 
einigen wünschte. 

Im übrigen hat er in allen diesen Gedichten, die zwischen 
1821 und 1827 empfangen wurden (einige unter ihnen ent- 
standen infolgedessen noch vor dem großen Schock, den der 
Tod „Helens" und die Tatsache, daß Elmira ihn verlassen 
hatte, in ihm hervorriefen), sein Antlitz einer paradiesischen 
Vergangenheit zugewendet, die sich in einem Nebel des 
Mysteriums verlor und nie mehr wiederkehren wird. Über 
ihnen allen scheint schon das verzweiflungsvolle Nevermore 
zu schweben, das „Niemals mehr" des Raben. 

„Den glücklichsten Tag, die glücklichste Stunde, 
Die meine Augen sehen werden . . . 
. . . sind gewesen." ^^ 

Wann erlebte denn Poe diese glücklichsten Stunden, diesen 
glücklichsten Tag? Damals, als der junge Mann an der Seite 
Elmiras in den Gärten träumte? Damals, als er zu den Füßen 
„Helens" seine ersten Gedichte las? oder damals, als er in der 
noch ferneren Ferne neben seiner Mutter, dieser leuchtenden 
Verkörperung der Heldinnen vergangener Zeit im Flittergold 

30) The happiest day — the happiest hour 

Mine eyes shall see . . . 
. . . have been (V. E., Bd. 7. S. 20.) 






Brudo mit John Allan 65 

des Theaters, die wundervolle und geliebte Ersdieinung be- 
trachtete, weldie durdi die Krankheit von Tag zu Tag immer 
zarter zu werden schien und den morbiden Sylphiden, die er 
später besingen sollte, immer ähnlicher wurde? 

Die Auslagen für den Druck des Gediditbandes, die tägliche 
Nahrung, "Wohnung — wir wissen nidit, wo er wohnte — 
hatten inzwischen die kleine Summe aufgezehrt, weldie Poe 
der treuen Zärtlidikeit der Frances Allan und ihrer Schwester 
verdankte. Daher ließ sidi Edgar Poe, der Enkel des 
„Generals" Poe, der ehemalige Offizier der Richmond Junior 
Volunteers, am 26. Mai 1827 unter dem Namen Edgar 
A. Perry von der Armee anwerben. Er behauptete, zweiund- 
zwanzig Jahre alt zu sein und war erst aditzehn. Durdi die 
Werbeliste erfahren wir, daß er graue Augen hatte, braune 
Haare, hellen Teint, und daß er fünf Fuß acht Zoll hoch war. 
Bald darauf wurde er als Artillerist zur Batterie „H" des 
ersten Artillerieregiments geschickt, das beim Fort Independance 
im Hafen von Boston in Garnison lag.^"" 

30 a) Woodberry hat die Legende von den Reisen Poes ins Aus- 
land endgültig zerstört und auf Grund von Dokumenten nadi- 
gewiesen, daß der Diditer sidi bei der Armee hatte anwerben lassen. 




BEI DER ARMEE 

Das Leben beim Militär mußte einem jungen Diditer, einem 
Träumer schwer fallen. Aber Edgar Poe, der unfähig war, 
sich einen "Weg in die bürgerliche Gesellsdiaft zu bahnen, ver- 
dankte es der Armee der Vereinigten Staaten, die ihn damals 
nährte, kleidete und ihm ein Heim gab, daß er nicht das 
Schicksal Chattertons teilen und vor Hunger auf einem Dach- 
boden Bostons sterben mußte. 

Poe blieb im Fort Independance von Anfang Mai bis Ende 
Oktober 1827. "Wegen seiner Bildung und seiner Erfahrung in 
kaufmännischen Angelegenheiten, die er bei Ellis & Allan 
erworben hatte, verwendete man ihn vorzüglich zu Schreib- 
arbeiten in den Büros des Quartiermeisters. 

Er scheint sich bei der Armee musterhaft: aufgeführt zu 
haben, was durch sein späteres schnelles Avancement und 
durdi die offizielle Begutachtung seiner „Nüchternheit", die 
er bei seiner Entlassung erhielt, bewiesen wurde. Ein solches 
Zertifikat konnten damals nur wenige Soldaten bekommen. 

Am 31. Oktober 1827 erhielt die Batterie „H" des ersten 
Artillerieregiments den Befehl, sich nach Fort Moultrie auf der 
Insel Sullivan zu begeben, das sich bei der Ausfahrt des Hafens 
von Charleston, in Südcarolina, befand. 

Die Truppen wurden über das Meer transportiert, wozu 
in jener Zeit der Segelschiffahrt und bei dem "Weg von 
Massachussets nach Carolina drei bis vier "Wochen nötig waren. 
Die Schiffe fuhren dabei aufs ofFene Meer hinaus, um den 
Gefahren der Küste zu entgehen, und der junge Soldat Edgar 
Poe konnte somit auf dieser Fahrt die erhabene Poesie des 
Meeres erleben. 



Bei der Armee 71 



An einem Novembertag des Jahres 1827 sichteten die 
SdiifFe, weldie die Batterie „H" des ersten Artillerieregiments 
der Vereinigten Staaten transportierten, die flachen Küsten 
Südcarolinas, und sie warfen gerade beim Fuß der Mauer des 
Forts Moultrie, wo die Artilleristen der Batterie „H" und unter 
ihnen Edgar A. Perry landen sollten, Anker. 

Im Anfang des Goldkäfers, einer Erzählung, die ganz 
mit Erinnerungen aus jener Zeit gesättigt ist, hat Poe die 
SuUivans-Insel besdirieben, an der er nun landete: 

„Diese Insel ist redit merkwürdig. Sie besteht fast ganz aus 
Seesand und ist etwa drei Meilen lang. Ihre Breite beträgt nirgends 
mehr als eine Viertelmeile. Vom Festlande ist sie durdi einen 
sdimalen Meeresarm, der sidi durdi eine "Wildnis von Schilf und 
Sdilamm mühsam seinen Weg sudit und ein Lieblingsaufenthalt 
des Marsdihuhns ist, getrennt. Die Vegetation ist, wie sidi denken 
läßt, spärlidi und zwerghaft. Größere Bäume gibt es nidit; dodi 
findet sidi am Westende, da, wo Fort Moultrie steht, die stadilige 
Zwergpalme. Audi einige Holzhäuser stehen hier, Sommer- 
wohnungen von Charlestoner Bürgern, die dem Staub und dem 
Fieber zu entfliehen traditen. Der ganze übrige Teil der Insel, 
mit Ausnahme des harten weißen Strandes, ist didit bewudiert von 
der wohlriedienden Myrte, die bei englisdien Gärtnern sehr gesudit 
ist. Der einzelne Straudi erreidit hier oft eine Höhe von fünfzehn 
bis zwanzig Fuß und bildet ein undurdidringlidies Busdiwerk, das 
die Luft in weitem Umkreis mit Wohlgerüdien tränkt." 

Das Fort Sumter und das Fort Moultrie lagen einander 
gegenüber, im Hintergrund erhoben sich die Glockentürme von 
Charleston, einem Hafen, in dem damals die SdiifFe der ganzen 
Welt anlegten. Im Norden und Osten der Kaserne breitete sidi, 
soweit das Auge reichte, die langgestredite, flache Küste der 
SuUivans-Insel aus, die durch einen schmalen Meeresarm von 
der Palmeninsel getrennt war, von der aus man den gleichen 
Blick wie vom Strand hatte. Der junge Soldat brauchte nur die 
Kaserne zu verlassen — und die Muße des Kasernenlebens in 
jenen Friedenszeiten und auf diesem verlorenen Posten erlaubte 



y- Das Lehen Edgar Poes 



ihm oft diese Spaziergänge — , um sidi sdion auf dem Strande 
zu befinden, gegen den die Wogen des warmen Meeres sdilugen. 

Gegen das Innere des Landes zu war eine niedrige Reihe 
von Dünen mit Zwergpalmen und duftenden Myrten be- 
wachsen, auf denen Vögel, Schmetterlinge, seltsame Skarabäen 
lebten, während die großen Meersdiildkröten dorthin beim 
Mondschein der warmen Südnächte brüten kamen. 

So befand sich Edgar Poe zum ersten und einzigen Male 
seines erwadisenen Lebens in einem subtropisdien Klima, dessen 
Horizonte, Fauna und Flora, verbunden mit dem Rauschen 
des Windes in den Palmen eine unauslösdilidie Spur in ihm 
zurücklassen sollten; dieses Klima lebt in mehreren seiner 
Erzählungen ebenso wieder auf wie die in jenen Gegenden 
heimischen und unvergessen gebliebenen Piratengeschichten. 
Aus all diesen Elementen gemeinsam: aus der Landschaft einer 
halbwüsten Insel, aus den Skarabäen im Sande, aus den Ge- 
schiditen von Piraten und vergrabenen Schätzen, von einsamen 
Menschen, die in Hütten inmitten der Myrten lebten, sollte 
später der Goldkäfer entstehen, und auch aus einer viel 
älteren Ermnerung, die erst jene Thanen fruchtbar machte. 
Poe war nämlich schon einmal in Charleston in Carolina 
gewesen, im Frühling 1811; er befand sich damals in Begleitung 
seiner Mutter, die dem Sterben nahe war und dennodi Tour- 
neen machte, um ihre beiden Kinder zu ernähren. Und diese 

— unbewußten — Erinnerungen an das von der Mutter ge- 
hegte Paradies seines zweiten und dritten Lebensjahres hatten 
die Macht, das Band zu bilden, welches die Gefühle, die im 
Herzen des Kindes wohnten, mit den später in Fort Moultrie 
empfangenen Eindrücken vereinigte, Gefühle, die eines Tages 

— wie wir noch später sehen werden — den Goldkäfer 
verursachen sollten. 

Beim Brausen des südlichen Meeres wurde nun AI Aaraaf 
geschrieben, jenes kosmische Gediclit, in dem Nesace (der Geist 




Bei der Armee 73 



der Sdiönheit, der einen Stern bewohnte und auf die Erde 
gekommen war) mit Gott, der schweigsamen Stimme, spricht, 
dann Ligeia, den Geist der musikalischen Harmonie der "Welt, 
befragt, und in dem zwei Liebende, die sdion einmal auf der 
Erde gestorben sind und seither den Stern bewohnen, in die 
unendlidien Räume geschleudert werden, weil sie den Ruf 
Gottes und der Schönheit, der sie zum endgültigen Tode rief, 
nidit gehört haben. 

Die ungleichen Partien dieses Gedichtes, in dem neben 
ätherisdien und wahrhaft poetischen Strophen (mit kurzem 
Rhythmus), andere, dunkle und ungesdiickte (mit langem 
Rhythmus) stehen, sind sidier mit dem Blick auf den besternten 
Himmel des Südens geschrieben worden. AI A a r a a f war 
der alten Leidenschafl: Poes für die Astronomie entsprungen, 
jener Leidenschaft, um derentwillen er so viele Abende auf dem 
Balkon Allans damit verbracht hatte, den Mond und die 
Sterne zu betrachten, jener Leidenschaft, die so viele Kinder 
und junge Menschen in dem Augenblick packt, in dem die 
Erziehung von ihnen fordert, sie mögen ihre Triebe zurück- 
drängen. Denn der Himmel ist die Zuflucht des Menschen, der 
der Erde zu entfliehen versucht, auf die Poe in gewisser Hin- 
sicht niemals mehr zurückkommen sollte. 

Es scheint, daß die Härte des Lebens, die er nun fühlen 
mußte, seit er Allan verlassen hatte, und daß die fruchtbaren 
Mußestunden auf Fort Moultrie in Poe das ohnedies schon 
so große Vertrauen, das er zu seiner literarischen Zukunft 
hatte, endgültig festigten. Zu Ende 1828 dürfte er nach 
ungefähr zwei Jahren Stillschweigens wieder mit Allan in 
Fühlung getreten zu sein. Er bat in einem Brief oder durdi 
die Vermittlung von Freunden seinen Vormund um die Er- 
laubnis, die Armee verlassen zu dürfen, er wollte die drei 
Jahre, die er auf Grund seiner fünfjährigen Verpflichtung 
nodi abdienen mußte, nicht mehr in der Kaserne verbringen. 



II 



74 Das Leben Edgar Poes 

Der Leutnant J. Howard interessierte sidi sehr für den präch- 
tigen jungen Soldaten — der noch immer in der Schreib- 
stube verwendet wurde — , und er soll versprochen haben, 
ihn unter der Bedingung ziehen zu lassen, daß er sich mit 
seinem Vormund versöhne. 

John Allan, der auf diese Weise endlich erfuhr, wo sich 
sein Adoptivsohn befand, antwortete dem vermittelnden Herrn 
Lay, daß Edgar dort gut aufgehoben sei, wo er sich befinde 
und daß das militärische Leben für ihn ganz ausgezeidhinet 
passe. Dieser Brief, der dem Leutnant Howard gezeigt wurde, 
vernichtete für den Augenblick alle Hoffnungen Edgars. 

Seit Allan den Onkel Galt beerbt hatte, scheint sidi ein 
Zug seines Charakters besonders deutlich entwickelt zu haben: 
der Snobbismus. Er hätte vieles dagegen gehabt, in seinem 
Haus den Sohn von Schauspielern wieder aufzunehmen. 
Dadurch aber, daß Poe als einfacher Soldat in der Armee 
diente, war er in der Gesellschaft: noch mehr in Verruf ge- 
kommen, und Poe selbst hatte daher seine große angebliche 
Reise quer durch Europa zum Teil aus dem Grunde erfunden, 
um die Spur der Tatsachen zu verwischen. Nur wenn Poe 
als Offizier zurückgekommen wäre, hätte er den Hochmut 
Allans befriedigt. 

In einem Brief vom i. Dezember 1828, den Poe im Fort 
Moultrie geschrieben hatte, protestierte er gegen die Antwort 
Allans; er spricht von seinem schnellen Avancement, das ihm 
aber doch nicht (da er von der Pike auf gedient hat und zu 
alt ist, wie er glaubt) die Offiziersschule West Point öffne. 
Hier erwähnt Poe "West Point zum erstenmal. 

In diesem Brief spricht er auch von dem Vertrauen, das er 
zu sich und seiner Zukunfl; habe, er fühle etwas in sich, was 
dieses Vertrauen rechtfertige; er werde die ehrgeizigen 
Zukunflspläne verwirklichen, die sein Adoptivvater für ihn 
hege, und er fügt hinzu, daß die Überzeugung, man werde 




Bei der Armee 75 



Erfolg haben, die beste Garantie dafür sei, ihn zu er- 
reichen. 

„Idi habe midi", schreibt er, „auf die Welt gestürzt wie der 
normannisdie Eroberer auf die Ufer Englands, und bloß aus der 
Sidierheit heraus, der erklärte Sieger zu sein, habe idi die Flotte 
zerstört, die meinen Rückzug dedcen konnte — idi muß siegen oder 
sterben — idi werde Erfolg haben oder entehrt sein." 

Und er betont, daß er nicht etwa Geld braudie, sondern 
bloß ein Zeugnis über ihre Versöhnung, damit der Leutnant 
Howard ihn freilassen könne. 

„Meiner ,Ma' alle meine Liebe", schließt er, „erst wenn man 
von einer solchen Freundin fern ist, kann man ihren Wert 
beurteilen." ^^ 

Allan antwortete auf diesen Brief eines Verzweifelten nidit. 

Inzwischen war Edgar, der vergebens eine Antwort er- 
wartete, nidit mehr in Carolina; er fuhr auf einem Schiff 
gegen Norden. Seine Batterie hatte den Auftrag erhalten, sldi 
zur Festung Monroe in Old Point Comfort, Virginia, zu 
begeben. 

Poe kam in der Festung Monroe gegen Mitte Dezember 
1828 an. Der Brief John Allans, den er dort vorzufinden 
hofFte, war jedoch nicht eingetroffen. Das Festungsleben ging 
daher weiter. Er scheint damals nur mit einigen Unter- 
offizieren verkehrt zu haben, mit den Sergeanten Benton, 
Griffith, Hooper u. a. Wir wissen das aus einem Brief, den er 
später an den Sergeanten Graves, der mit dem Spitznamen 

31) I have thrown myself on the world like the Norman 
conqueror on the shores of Britain and, by my avowed assurance 
of victory, have destroyed the fleet whidi could alone cover my 
retreat — I must either conquer or die — succeed or be disgraced . . . 

My dearest love to Ma — it is only when absent that we can 
teil the value of such a friend. {Valentine Museum Poe Letters, 
Brief 6.) 



76 Das Lehen Edgar Poes 

„Bully" hieß, geschrieben hat, ein Brief, der in der Folge im 
Leben Poes noch eine wichtige Rolle spielen sollte. 

Die Verzweiflung Edgars wudis mit jedem Tag, der 
vorüberging, ohne daß die erwartete Antwort gekommen 
wäre. Er entschloß sich daher am 22. Dezember, noch einmal 
an John Allan zu schreiben. Obwohl sein ehrgeiziges Ver- 
langen, sagt er, nicht den Weg einschlagen konnte, den sein 
Adoptivvater gewünscht habe, sei er fest entschlossen, dieses 
Verlangen zu verwirklichen. Richmond und die Vereinigten 
Staaten seien ihm eine zu schmale Bühne: sein Theater 
werde die "Welt sein. Poe glaubt an sein eigenes Genie; und 
sein Brief ist prophetisch. Vor allem aber will er die Armee 
verlassen; aus jeder Zeile spürt man, welchen Widerwillen 
er gegen das Kasernenleben hat, gegen die einförmigen 
Artillerieübungen und die Grobheit und Roheit seiner Kame- 
raden.^^ 

Leutnant Howard, sagt Poe, habe ihn schon dem Obersten 
James House vorgestellt, der den „General" David Poe, 
den Großvater des Dichters, gekannt habe. Der Oberst und 
auch die andern Offiziere fänden alle, daß Poe trotz seines 
Alters in West Point eintreten könne, wenn nur John Allan 
ihm dabei helfen würde . . . Aber auch dieser Brief blieb ohne 
Antwort. Die Härte, die Allan bei dieser Gelegenheit zeigte, 
überstieg alles Bisherige, besonders wenn man bedenkt, daß 
Frau Allan damals im Sterben lag und ihren Mann unaufhör- 
lich bat, er möge sie vor ihrem Tod Edgar sehen lassen. 

Inzwischen wurde Edgar A. Perry am i. Januar 1829, 
kurze Zeit nach seiner Ankunft in der Festung Monroe in 
Virginia, in den höchsten Rang befördert, in den er als 
Nichtoffizier gelangen konnte: er wurde Sergeant-Major 
(Wachtmeister) des Regiments, bekam also eine Vertrauens- 

32) Valentine Museum Poe Letters, Brief 7. 



Bei der Armee 



77 



Stellung, da die ganze Post des Regiments durdi seine 
Hände ging. 

Im Januar erkrankte er an einer Art Fieber, und er gewann 
den Dr. Archer, der ihn im Festungsspital pflegte, für sich. 
jDer Arzt interessierte sich für den jungen und prächtigen 
I Sergeant-Major, der ihm eingestand, wer er sei, und die 
[sterbende Frau Allan erfuhr wahrscheinlidi durch den 
Dr. Archer, daß sich Edgar so nahe von ihr in Old Point 
[Comfort befinde. 

Ihre inständigen Bitten hatten endlidi Erfolg; Allan rief 
Edgar an das Sterbelager seiner „Mutter". Es war aber schon 
zu spät. Der Sergeant-Major Edgar A. Perry war nämlich noch 
Samstag, den 28. Februar 1829, beim Appell seines Regiments 
in der Festung anwesend, und in den Morgenstunden des 
gleichen Tages starb einige Meilen von ihm entfernt Frau 
Allan in Richmond. 




NACH DEM TODE DER FRANCES ALLAN 

Die Sterbende hatte ihrem harten Gatten das Versprechen 
abgenommen, Edgar nicht zu verlassen. Und da Poe zu spät 
benachriditigt worden war, als daß er sie ein letztes Mal 
hätte küssen können, verlangte sie, daß man sie nidit beerdigen 
möge, bevor er sie wiedergesehen habe. 

Sonntag, den i. März 1829, bestieg Edgar die Postkutsche, 
die von Norfolk nadi Ridimond ging, wo er am Montag- 
abend, am 2. März, ankam. Das ganze Haus war in Tränen 
aufgelöst. Aber Frau Allan war schon beerdigt worden, und er 
konnte die Tote nidit wiedersehen. 

Man sagt, daß Edgar am nädistcn Tage ihr Grab be- 
suchte. Sie lag auf dem Friedhof von Shockoe, und als sich 
der Unglücklidie zum Grab seiner „Ma" begab, mußte er an 
dem der Frau Stanard, seiner „Helen", vorüber. Man erzählt, 
er sei von Schmerzen überwältigt auf dem frisdien Grabe 
zusammengebrochen; er war derart schwach, daß die Diener 
ihm in den Wagen, der ihn nadi Hause brachte, hineinhelfen 
mußten. 

Edgar sollte eines Tages schreiben : „Wenn sie nicht ge- 
storben wäre, während idi vom Haus weg war, idi hätte 
nichts zu bedauern gehabt."^^ Denn was er an schützender 
Zärtlichkeit gekannt hatte, war nun mit ihr fortgegangen. Sie 
hatte alles verstanden, alles verziehen, weil sie liebte. Und 
wenn Frau Allan nicht zuerst in ihren Handlungen durch ihre 

33) If she had not have died while I was away there would 
have been nothing for me to regret. (Valentine Museum Poe 
Letters, Brief 24.) 



Nach dem Tode der Frames Allan 79 

I Krankheit gelähmt gewesen und dann gestorben wäre, das 
[ganze Leben Edgars, dieses Leben voll Not, Elend, Erniedri- 
Igung, hätte ohne Zweifel eine andere Wendung genommen. So 
[ ungeheuer groß war der Verlust, der den unglücklidien Edgar 
) wieder an einer Mutter traf. 

Er war zwanzig Jahre alt. Zum drittenmal ließ ihn das 
fSAitis^sal das gleiche Drama neu erleben: Elizabeth, seine 
Iwirklidie Mutter, war an Tuberkulose gestorben; „Helen" war 
[wahnsinnig geworden und gewiß einer Krankheit unterlegen, 
Fdie zu ihrem Zustand dazugekommen und die wir nicht 
I kennen; und die Krankheit, die Frances Allan aus dem Leben 
rfortnahm, sdieint zwar nicht diagnostiziert worden zu sein, 
|aber auch sie starb nach langem Dahinsiechen an Entkräflung. 
fDer "Wiederholungszwang, der unser tieferes Triebleben lenkt, 
nahm, wie das übrigens häufig gesdiieht, für Edgar Poe die 
Maske eines außerhalb uns selbst liegenden Schicksals vor, 
eines Schicksals, das ihm immer auf die gleiche Weise (wenn 
audi mit Varianten) eine der „Mütter" nach der andern ent- 
führte. Und nun bedenke man, daß er an die geliebte Mutter 
seiner Kindheit fixiert war, an ein angebetetes Wesen, das er 
auf seinem Sterbe- und Totenbett gesehen hatte: die 
furchtbare Trauer, die jetzt das Herz Edgars brach, erfüllte 
ihn daher auch mit Lust. 

Er hatte die „Helen" seiner Kindheit als Tote nicht gesehen; 
er konnte nun auch das erstarrte Antlitz seiner Adoptivmutter 
nicht mehr erblicken und — so schrecklich uns das auch er- 
sdieinen mag — gerade die Tatsache, daß Edgar dieses Schau- 
spiels von Liebe und letztem Schrecken beraubt worden war, 
verzieh er in jenen tragischen Tagen seinem Adoptivvater am 
wenigsten. 

Hat er nicht später diese berühmt gewordenen Zeilen 
gesdirieben: „Welches ist unter allen melancholischen Themen 
nadi der universalen Einsicht der Menschheit das 



8o Das Leben Edgar Poes 

melandiolisdiste? Darauf gibt es nur eine Antwort: der Tod. 
Und wann, frage ich midi, ist dieses melandiolisdiste Ereignis 
\ am nädisten mit einem diditerisdien versdiwistert? Nadi dem, 

Ijl was wir hier ausführlidi erklärt haben, kann man die Antwort 

1 leidit erraten: "Wenn der Tod sidi mit der Sdiönheit innigst 

;i verbindet. So ist also der Tod einer schönen Frau un- 

leugbar der poetisdiste Gegenstand der "Welt, und es steht 
gleidifalls außer Zweifel, daß der Mund, der am eindring- 
lidisten über ein soldies Thema spredien kann, einem Lieb- 
haber gehören muß, dem seine Geliebte geraubt wurde."^* 
Tatsädilidi mußte Poe, der als ganz kleines Kind seine 
wirklidie, noch junge und schöne und geliebte tote Mutter 
auf dem Sterbebett liegen gesehen hatte, unbewußt in der 
Tiefe seiner Seele diese "Vision als Kriterium vollkommenster 
Kunst und höchster Sdiönheit aufbewahren. Allerdings konnte 
der nodi nidit Dreijährige damals den Tod als solchen nodi 
nicht begreifen j dieses Totsein des Wesens, an das seine ganze 
Liebe fixiert blieb, war für ihn bloß Blässe, Kälte, Unbeweg- 
lichkeit, Sdiweigen und ein Schlaf, der länger als jeder andere 
Schlaf dauerte. Und alle diese Eigenschaften, Erbteil von seiner 
geliebten Mutter her, wurden für ihn von jetzt an Themen, 
denen er die gleidie Liebe wie seiner Mutter zuwandte. So 
wurde Edgar der den Tod liebende, bloß vom Sterben in- 
spirierte Diditer, der die Menschen mit furchtbarem Zauber 
zugleich erschrecken und entzücken sollte. 

Um diese Szene hödister Liebe beim Bett einer angebeteten 
Toten hatte John Allan nun Edgar beraubt. "Wie zu der Zeit 
„Helens" war Edgar gezwungen, sidi mit dem Grab zu be- 
gnügen, das den Körper verbirgt, statt vor dem Bett stehen zu 
können, in dem ein toter Körper noch zu leben und zu schlafen 
sdieint, ein Körper, der das verlassene "Waisenkind in seine 

34) The Philosophy of Composition. V. E., Bd. 14, S. 201. 





Nach dem Tode der Frances Allan 8i 



Arme schließen und es an sein Herz, das vielleidit noch wie das 
Herz Rowenas zuckt, drücken möchte. 

* 

Wir wissen wenig von den ungefähr zehn Tagen, die Edgar 
sidi damals in Richmond aufhielt. Er war gewiß bei einigen 
seiner alten Freunde von der Universität zu Besuch. Die Galts 
und die Mackenzies empfingen ihn herzlich. Er ging vermutlich 
auch zu den Roysters und scheint sie mit Vorwürfen überhäufl 
zu haben, als er von der Heirat Elmiras mit Shelton 
erfuhr. Er fühlte, daß sowohl er als auch Elmira hinter- 
gangen worden waren; man hatte feige seine Abwesenheit 
benützt, um auf die Entscheidung des jungen Mädchens 
einen Druck ausüben zu können. Er wollte sie wiedersehen. 
Das verweigerte man ihm natürlich, und man benachriciitigte 
Shelton. Man war eben gewitzigt: einer jener Briefe Edgars, 
die man unterschlagen hatte, war Elmira nach der Hochzeit 
in die Hand gefallen und hatte ihren Eltern und ihrem 
Gatten viel Verdrießlichkeiten bereitet. 

Während dieses Aufenthaltes in Richmond schloß schließ- 
lich John Allan mit Edgar Poe ein Kompromiß: Edgar sollte 
in die Offiziersschule von West Point eintreten. Für Allan ent- 
hielt diese Lösung den Vorteil, Edgar eine unabhängige Zukunft 
zu sichern, vor allem aber den, ihn endgültig aus seinem Haus 
zu entfernen. Für Edgar Poe hingegen, der nun schon Elend 
und Hunger gekannt, war durcäi sie Heim und Nahrung ge- 
sichert und sie konnte auch der Weg sein, die Achtung und 
vielleicht sogar die Liebe seines Adoptivvaters wiederzu- 
gewinnen; und vielleiciit würde ihm dadurch eines Tages ein 
kleiner Teil des ungeheuren Vermögens zufallen, der ihm die 
Muße sichern könnte, zu schreiben. Am liebsten allerdings 
hätte Edgar die Armee sofort verlassen, um nach Richmond 
zurückzukehren und sich keiner andern Beschäftigung als der 
Schriftstellerei zu widmen. 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 6 



^1 



82 Das Leben Edgar Poes 

Man kann Allan nidit tadeln, daß er nicht sdion damals 
das literarische Genie Edgars erkannt hat. "Wir sind heute 
gewiß besser daran, als Allan damals daran war, dieser Kauf, 
mann, der schon wegen seiner auf das Materielle gerichteten 
und praktischen Natur wenig Eignung hatte, Diciiter zu 
schätzen. Es ist daher durchaus natürlich, daß Allan, der 
schließlidi auch die Zukunft Edgars bedachte, für ihn das 
Leben in "West Point und eine militärische Laufbahn einer 
Existenz mit Feder und Papier vorzog. 

Sofort nach seiner Rückkehr in die Festung Monroe unter- 
nahm Poe alle notwendigen Schritte, um nadi "West Point 
kommen zu können. Seine "Vorgesetzten gaben ihm Emp- 
fehlungsbriefe für das Kriegsministerium mit und er suchte 
einen Ersatzmann für die drei Jahre, die er vertragsgemäß 
noch abzudienen hatte. 

Der Oberst House des i. Artillerieregiments schrieb nach 
New York an das Ostdepartement und verlangte die "Ver- 
absdiiedung des Sergeant-Majors Edgar Perry. Der General 
E. P. Gaines, Kommandant dieses Departements, bewilligte sie; 
am 15. April 1829 war Edgar frei, und ein anderer Sergeant 
nahm seine Stelle ein. 

An dem Tag, an dem „Edgar A. Perry" die Festung ver- 
II' ließ, waren weder der Oberst House nocii der Leutnant 

Howard, die das Regiment beziehungsweise die Kompanie 
befehligten, zugegen, niemand war anwesend, um die Über- 
gabe zu erledigen; Poe sah sich daher gezwungen, seinem 
Ersatzmann statt der üblichen zwölf Dollar fünfundsiebzig 
Dollar zu geben. Die zwölf Dollar, die er von Allan erbeten 
hatte, reichten jedoch nicht aus, um sidi zurückkaufen zu 
können. Er mußte einen Schuldschein auf fünfzig Dollar aus- 
stellen, den er einlöste, als später hundert Dollar aus Ridi- 
mond eingetroffen waren. Allan vermutete also zu Unrecht, 
daß Poe ihn beschwindelt und daß er das Geld, das für seine 



Nach dem Tode der Frances Allan 83 

Freilassung bestimmt war, verschleudert habe; und audi die 
zweite Frau Allan (Louisa Gabriella, geb. Patterson) irrte sich, 
als sie später (in einem Dokument von ihrer Hand, das nach 
dem Tod Allans und Edgar Poes publiziert worden war) Poe 
beschuldigte, diese Gelder unterschlagen zu haben. 

Es handelt sich um einen Brief, den sie an den Obersten 
Ellis sdirieb und in dem sie die Ursadien des Brudis zwischen 
den beiden Männern auf ihre Art „erklärte": Poe soll das in 
Frage stehende Geld verlumpt, seine Entlassung in die Länge 
gezogen haben, so daß sein verärgerter Ersatzmann sdiließlidi 
an Allan sdireiben mußte, um zu seiner Bezahlung zu kommen. 
Allan habe das Geld geschickt, zugleidi aber Edgar aus seinem 
Haus verjagt. Diese Erzählung hält vor den Tatsachen nicht 
stand. Die zweite Frau Allan scheint den angeblichen Brief 
des Ersatzmannes mit dem des Sergeanten „Bully" verwediselt 
zu haben, der tatsächlich zum Brudi mit Allan beitrug und 
von dem wir später noch sprechen werden. 

Poe verließ, mit herzlichen Empfehlungsbriefen seines Leut- 
nants, Hauptmanns und Oberstleutnants versehen (Briefe, in 
denen sein vorzügliches Betragen und seine Nüchternheit 
hervorgehoben werden), Ende April 1829 die Festung Monroe 
und begab sich nach Ridimond. John Allan bekam für ihn 
Empfehlungsbriefe verschiedener einflußreicher Personen und 
gab ihm außerdem folgende Zeilen mit: ^ 

An den ehrenwerten John H. Eaton, Secretary of War, 
Sehr geehrter Herr! Washington City. 

Über den jungen Mann, der Ihnen dieses Schreiben übergeben 
wird, beriditen Ihnen auch Leutnant Howard, Hauptmann Griswold, 
Oberst Worth, unser Repräsentant und der Speaker, der ehren- 
werte Andrew Stevenson, sowie mein Freund, der Major John 
Campbell. 

Dieser junge Mann hat midi nach einem Spielexzeß an der 
Universität von Charlottesville verlassen, weil ich mich weigerte 

6» 




Das Leben Edgar Poes 



;|| I 



(so vermute ich wenigstens), einen Modus anzuerkennen, den die 
Kaufleute und andere Personen dort sich zugelegt hatten, und 
nadi dem alle übermäßigen Schulden Ehrenschulden sein sollten. 
Mit Vergnügen bezeuge ich, daß er seine Jahresschlußprüfung mit 
großem Erfolg bestanden hat. Sein Lebenslauf ist schnell erzählt. Er 
ist der Enkel des „Quartermaster-Generals" Poe aus Maryland, 
dessen Witwe, wie ich höre, für die Dienste oder die Erwerbs- 
unfähigkeit ihres Gatten noch eine Pension bekommt. Idi erkläre 
Ihnen, mein Herr, daß er mit mir keineswegs verwandt ist, und 
es gibt eben viele Menschen, an denen ich ein tätiges Interesse nur 
aus dem Gefühl heraus genommen habe: jeder Mensch, der sich in 
Not befindet, verdient meine Hilfe. Ich verlange nichts für midi, 
aber ich bitte Sie, so gut zu sein und dem jungen Mann zu dem 
zu verhelfen, was er für seine Zukunft benötigt. Und es wäre für 
mich ein großes Vergnügen, wenn ich midi bei Gelegenheit für die 
Liebenswürdigkeit, die Sie ihm erweisen, revanchieren könnte. Ent- 
schuldigen Sie meine Offenheit, aber ich wende mich an einen 

Ihr ergebener john Allan.'» 

j lilll' Mit diesem recht kühlen Empfehlungsschreiben seines Vor- 

munds verließ Poe zu Beginn des Monats Mai 1829 Richmond, 
um sidi nach Washington zu begeben, wo er persönlich dem 
Kriegsminister die Briefe übergeben sollte. Aber dieser Schritt 
hatte das übliche Ergebnis. Die Briefe wurden zu den Akten 
gelegt, und Poe wartete monatelang auf Antwort. 

Inzwischen kam Edgar, der durch Washington nur durch- 
gereist war, Mitte Mai 1829 in Baltimore an. Es gelang 
ihm dort, seine alte Großmutter, die Witwe des „Generals" 
David Poe, und seine andern Verwandten wiederzufinden; 
und in Baltimore scheint auch Poe zum erstenmal wirklich 
gefühlt zu haben, vv^elchen Ruf sein Großvater, der „General" 
Poe, hatte. Er wußte bis zu dieser Zeit fast nichts von seiner 
Familie, nun aber, nachdem Allan ihn aus dem Haus, aus 
dem seine „Ma" für immer fortgezogen war, gejagt hatte, 

3j) Israfel, S. 241. 




Nach dem Tode der Frances Allan 8j 

fühlte „Edgar Allan" immer mehr, wie er wieder „Edgar 
Poe" wurde. 

Als er Ridimond verlassen hatte, besaß er nur fünfzig 
Dollar, ein Geschenk Allans. Allan schickte ihm von nun an 
nur mehr sehr kleine Summen, gab ihm den Rat, „klug und 
vorsichtig" {prüdem and careful) zu sein, und teilte ihm mit, 
daß der Oberst Preston, der Poe als Kind gekannt, zu seinen 
Gunsten einige Zeilen an das Kriegsministerium geschrieben 
habe. Aus Richmond bekam Edgar auf sein Ersuchen noch 
seine Bücher und seine Papiere in jenem eisenbesdilagenen 
Koffer, der ihn sein ganzes ferneres Leben hindurch begleiten 
sollte. 

Bis zu seinem Eintritt in West Point lebte Edgar Poe somit 
monatelang im Elend. Er mußte seine "Wohnung bezahlen, das 
Essen, die Kosten der Reise von Richmond nach Washington, 
von Washington nach Baltimore, alles das mit den geringen 
Mitteln, die Allan ihm sdiickte. Die gleidie bescheidene Summe 
diente audi dazu, Kleider anzuschaffen; da Poe kurz vorher 
aus der Armee entlassen worden war, hatte er nämlich keine 
Zivilkleider. Und er mußte außerdem (wobei es gleichgültig 
bleibt, wie immer Allan darüber dachte) seinem Ersatzmann 
in der Armee fünfzig Dollar zahlen. Und schließlich ent- 
wendete ihm sein Vetter Mosher Poe in dem Hotel von 
Baltimore, in dem er mit ihm das Zimmer teilte, sechsund- 
vierzig Dollar, von denen er zehn nur dadurch retten konnte, 
daß er dessen Kleider durchsuchte. 

Allan war jedoch inzwischen neuerlidi durdi Nadiriditen 
seines Mündels in Wut geraten. Seit Edgar sich in Baltimore 
befand, versuchte er nämlich, sein Gedicht AI Aaraaf zu 
veröffentlichen. Er verwendete dabei zum ersten Male eine 
Taktik, die ihm später zur Gewohnheit werden sollte, er 
sdiidcte nämlich das Manuskript unter dem Vorwand, er 
ersudie um eine Kritik, an irgendeinen einflußreichen Menschen, 



86 Das Leben Edgar Poes 

diesmal an William Wirt, den Autor der damals berühmten 
Briefe eines englischen Spions {Letters of a 
British Spy). William Wirt antwortete Edgar noch am gleichen 
Abend: er war abgeschredit durch den kosmisdien Gedanken- 
flug des AI A a r a f und riet Poe, die Meinung eines 
Kritikers einzuholen, der in der „Moderne" versierter sei als er. 

Am nächsten Morgen fuhr Poe mit dem Sdiiff nach Phila- 
delphia und unterbreitete sein Manuskript den Verlegern 
Carey, Lea & Carey. Aber diese antworteten ihm vor dem 
Schluß des Monats, daß sie das Risiko der Publikation eines 
jungen unbekannten Diditers nicht übernehmen könnten und 
daß dieser die Kosten decken müßte. Und nun wandte sich 
Edgar im Vertrauen auf die gute Sache seines Genies wieder 
an Allan. Allan war aber verärgert und beunruhigt, als er 
sah, daß Edgar noch immer nicht auf seine poetischen Chimären 
und auf die literarische Laufbahn verzichten wollte. Er 
weigerte sich, für die Summe von hundert Dollar dem Verleger 
gegenüber die Garantie zu übernehmen, und rügte Edgar 
wegen seines „Betragens" auf das schärfste. 

Aus West Point kam keine Nachricht. Das Elend wollte kein 
Ende nehmen, und die bitteren Briefe Allans waren die ganze 
Tröstung, die sich dem unglücklichen Edgar bot; von Zeit zu 
Zeit kam eine bescheidene Geldsendung, von der er kaum 
leben konnte. Daher zog der von Ungeduld und Not ge- 
triebene Poe am 23. Juli 1829 — da er kein Geld hatte — zu 
Fuß nach Washington, um dort persönlich beim Kriegsminister 
vorzusprechen. 

Dieser sagte ihm, für die nächste Aufnahme in West Point 
seien zehn Kadetten zu viel eingeschrieben. Es sei jedodi 
möglici, daß einige Plätze frei werden; sonst könne Edgar 
erst im September in die Offiziersschule kommen. Nadi dieser 
Auskunft, die wenigstens eine geringe Hoffnung zuließ, 
kehrte Edgar, natürlicii wieder zu Fuß, von Washington nadi 




Nach dem Tode der Frances Allan 87 



Baltimore zurück. Verzweifelt, durdi die Not erschöpft, bat 
er nun John Allan, nach Hause zurückkehren zu dürfen. 
Und da auch von Carey, Lea &; Carey keine Antwort kam, 
verlangte er sein Manuskript des AI A a r a a f zurück. 

Und damals wurde Edgar Poe zum erstenmal von seiner 
Tante Maria Clemm in ihr Haus aufgenommen. 

Maria Poe-Clemm war um jene Zeit ungefähr vierzig 
Jahre alt. Sie wurde am 17. März 1790 geboren und war um 
einige Jahre jünger als ihr verstorbener Bruder David, 
der Vater Edgars. Mit siebenundzwanzig Jahren heiratete sie 
in Baltimore William Clemm, der ein Witwer nach einer Poe 
war, fünf Kinder und auch ein wenig Vermögen besaß. Am 
8, Februar 1826 starb William Clemm und hinterließ seine 
Witwe zwar ohne Geld, aber mit zwei Kindern: mit Henry, 
der am 10. September 1818, und mit Virginia-Eliza, die am 
15. August 1822 zur Welt gekommen waren (Woodberry). 
Ein drittes Kind, Virginia-Maria, war im frühesten Alter 
gestorben. Die bescheidene Erbschaft nach William Clemm 
gehörte den Kindern aus der ersten Ehe. 

Maria Clemm lebte mit ihrer Tochter Virginia, ihrem 
Sohn Henry, ihrer Mutter, der Witwe des „Generals", und 
mit William Henry Leonard Poe, dem Bruder Edgars, in 
einer armseligen Wohnung in Baltimore, Mechanic's Row, 
Milk Street. 

Die Großmutter war gelähmt; Virginia erst sieben Jahre 
alt; Henry Clemm, ein Steinmetz, vertrank den größten Teil 
seiner Löhnung; und der damals zweiundzwanzigjährige 
William Henry liebte den Alkohol nicht weniger als sein 
Vetter, war arbeitslos und in einem vorgeschrittenen Stadium 
der Schwindsucht. 

Frau Clemm war in dieser Zeit zwar nicht gesund, aber 
trotz ihres Zustandes und der Lasten, die auf ihr, der Stütze 




88 Das Lehen Edgar Poes 



i'ii 



8 



der ganzen armen Gesellsdiaft, ruhten, adoptierte ihr großes 
Mutterherz auch noch Edgar. 

Die Einnahmsquellen des ganzen Hauses bestanden aus der 
bescheidenen Pension der Witwe des Generals, der dürftigen 
Löhnung, die der Steinmetz nach Hause brachte, wenn er sie 
nidit versoff, aus den mageren und unregelmäßig eintreffenden 
Zuwendungen John Allans und aus dem, was Maria Clemm 
durch ihre Näharbeit auftreiben konnte. 

Edgar bewohnte vermutlich das Mansardenzimmer, in dem 
dann sein Bruder Henry starb. Poe, der ein Sohn zweier 
Tuberkulöser war, muß — trotzdem er in anderer Hinsicht 
nur über eine sdiwankende Gesundheit verfügte — eine Kon- 
stitution besessen haben, die gegen die Tuberkulose besonders 
widerstandsfähig war, er muß in seiner Kindheit geradezu 
gegen sie „geimpft" worclen sein, so daß das Beisammen- 
wohnen mit Tuberkulösen, das fast sein ganzes Leben hindurch 
sein Schicksal zu sein schien, ihm keinen Sdiaden zufügen 
konnte. 

Virginia Clemm war damals ein hübsdies und fröhliches, 
molliges kleines Mädchen mit braunen Haaren, „veilclien- 
blauen" Augen, ein anmutiges Gesdiöpf. Die Ankunft des 
großen Vetters „Eddy" freute sie, sie bewunderte ihn, lief ihm 
|i durdi alle Zimmer nadi, und auch er war entzüdkt von der 

kindlicäien Herzlichkeit des MädcJiens, das er „Sissie" oder 
„Sis" nannte, ein Name, der „kleine Schwester" in seinen Sinn 
mit einschloß. 

Sie lebten in größter Armut. Die Familie versammelte sidi 
abends um den Tisdi, der vom Kerzenlicht beleuchtet war; 
man aß das einzige Gericht, das Frau Clemm gekocht hatte, 
die alte Großmutter erzählte von der Vergangenheit, und die 
jungen Leute sprachen von der traurigen Gegenwart. Dann 
stieg Edgar mit Henry in sein Mansardenzimmer hinauf und 
während der ältere Bruder im Bett lag und von Hustenanfällen 



r 




MARIA CLEMM, geb. POE 

1790 — 1871 

(Nach einer Daguerreotypie aus dem Jahre 1849) 



! ii 



Nach dem Tode der Frances Allan 



geschüttelt wurde, saß Edgar in seinen fadenscheinigen Kleidern 
beim Tisch, solange die armselige Kerze brannte, und schrieb 
und korrigierte seine Verse. 

Inzwisdien verging auch der September, ohne daß Edgar 
nadi West Point einberufen worden wäre. Herr Allan, von 
dem er wieder Geld verlangte, wurde ungeduldig und un- 
ruhig. Sollte Edgar, so dachte er, wieder gelogen und ihn 
getäuscht haben, als er ihm von seinem Gesprädi mit dem 
Kriegsminister in Washington berichtete? Edgar sdbwor ihm, 
daß er aufrichtig gewesen sei, und teilte ihm mit, er wolle 
nodi einmal nach Washington zurückkehren, um seine Sache 
dort zu vertreten. 

Aber er war jetzt zu arm, um dorthin auch nur zu Fuß 
kommen zu können, und so mußte er den ganzen langen 
Winter hindurdi in Baltimore auf seine Einberufung nach 
West Point warten. 

Im Dezember 1829 erschien bei Hatch & Dunning in Balti- 
more das zweite Buch Edgar Poes: AI Aaraaf, Ta- 
merlan und kleinere Gedichte (AI Aaraaf, Ta- 
merlane, and Minor Poems); dem Erscheinen dieses Bandes 
war im September ein Artikel John Neals vorausgegangen. 
Edgar hatte die Bekanntschaft John Neals, des damals sehr an- 
gesehenen Kritikers der Yankee and Boston Literary Gazette, 
durch die Vermittlung seines Onkels Herring (der Gatte seiner 
Tante Eliza Poe) und seines Vetters George Poe gemacht und 
ihm AI Aaraaf und einige andere Gedichte gesdiickt. Der 
Artikel des Kritikers behandelte den kosmischen Schwung des 
jungen Dichters zwar ein wenig ironisch, und er zitierte einige 
Verse Poes, um sich über sie lustig zu machen; in summa aber 
wurde er der wirklichen Inspiration des Dichters gerecht. 
John Neal veröffentlichte außerdem im Dezember in der 
Yankee Gazette einige Gedichte Edgars, denen er ebenfalls 
eine Einleitung vorangehen ließ. 



9° Das Leben Edgar Poes 



So lenkte der Name Edgar Poe zum ersten Male die Auf- 
merksamkeit des Publikums auf sich. Davon mußte audi John 
Allan erfahren; die Tatsache, daß der Ruhm, wenn auch dieses 
erste Mal nur leise, sein Mündel berührt hatte, schien auf die 
andere nicht ohne Einfluß gewesen zu sein, daß er ihm 
zu Ende 1829 oder zu Beginn des Jahres 1830 gestattete, 
wieder nach Richmond zu kommen, um dort die Einberufung 
nach West Point abzuwarten. 

* 
Das Zimmer Edgars war bereit, ihn nodi einmal in dem 
Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, zu empfangen. 
Aber diesmal erhellte das Lächeln der Frances Allan nicht 
mehr das Heim, und in den benachbarten Gärten ging nicht 
mehr Elmira spazieren. Er konnte daher in Richmond auf 
keine andere Zärtlichkeit als auf die seiner Tante Nancy 
rechnen. 

Er sah seine Schwester Rosalie bei den Mackenzies wieder, 
sie war von der Liebe umgeben, die er entbehren mußte. Er 
schenkte den Jugendgefährten, mit denen er wieder zusammen- 
kam, Exemplare des AI Aaraaf, seine Gedichte blieben 
aber unverstanden. Und außerdem sdiuf er jetzt die Legende 
seiner weiten Reisen; er eignete sich zu diesem Zwecke die 
Erinnerungen seines Bruders Henry an, der tatsächlich viel 
gereist war, als er bei der Marine gewesen. Diese imaginären 
Bericiite entsprangen der Phantasie des Dicäiters und außerdem 
schmeichelten sie der Eitelkeit des jungen Mannes: dienten sie 
doch dazu, jene Tatsache zu verschleiern, daß Edgar als ein- 
facher Soldat zur Armee gegangen war. 

Die Gesundheit Allans ließ zu wünschen übrig. Er nahm 
neuerdings einen Aufenthalt bei den Virginia Hot Springs. 
Nach seiner Rückkehr, am 3. Mai 1830, hatte er mit Edgar 
eine neuerliche und heflige Auseinandersetzung. Er warf ihm 
Faulheit vor, daß er auf seine Kosten lebe, und madite 



Nach dem Tode der Frances Allan 91 

wieder Andeutungen über die Familie Edgars. Die Antwort 
Poes bestand darin, daß er in der auf den Streit folgenden 
halben Stunde jenen Brief an den Sergeanten „Bully" schrieb, 
der mit schwerem Gewicht auf seiner Zukunft lasten sollte. 

Der Sergeant Samuel Graves, der mit dem Spitznamen 
,Bully" hieß, war mit Edgar in der Festung Monroe bei- 
sammen gewesen, und Edgar hatte sidi dort bei ihm Geld aus- 
geliehen. Am 3. Mai 1830 schrieb nun Poe aus Richmond an 
„Bully", daß er ihn nidit bezahlen könne und daß dies die 
Sdiuld seines Vormunds sei; er habe Allan ein dutzendmal 
um Geld gebeten, weil er seine Schulden bei den verschiedenen 
Sergeanten begleichen wollte, alles war aber vergebens, da 
Allan selten nüchtern gewesen sei.^"' 

Dieser Brief, der später in die Hände Allans gelangte, war 
die Ursache, daß Poe von der zweiten Frau Allan zu Unrecht 
beschuldigt wurde, das Geld, weldies ihm John Allan nur zu 
dem Zweck gegeben hatte, seinen Ersatzmann zu bezahlen, für 
andere Zwecke verwendet zu haben. „Bully" war jedoch nidit 
der Ersatzmann Poes. Außerdem trieb dieser Brief Allan, 
der darin der Unmäßigkeit bezichtigt wurde, auf den Gipfel 
der Wut und wurde der beste Vorwand, Edgar „zu enterben". 

Allan trank damals vielleicht manchmal wirklich ein wenig 
zu viel. Das konnte ihm aber in diesem Milieu der reichen 
Kaufleute nicht schaden. Und schließlidi war der Tod seiner 
Frau für ihn ein so schwerer Schicksalsschlag gewesen, daß er 
sich vielleicht auf diese "Weise zu betäuben versuchte; jenes 
Ereignis dürfte ihn schon deshalb so hart getroffen haben, 
weil er nicht ohne Schuld dazustehen schien. Unsere Trauer 
und unser Bedauern haben häufig ihren Grund in unsern 
Gewissenbissen. 



36) Mr. A. ist not very often sober." (Valentine Museum Poe 
Leiters, Brief 21.) 



9^ Das Leben Edgar Poes 



Man versteht übrigens sofort, unter dem Einfluß welcher 
Gefühle — wie Hervey Allen sdireibt — am 6. Mai 1830 im 
Hause John Allans der Streit zwischen ihm und Edgar Poe 
ausgebrochen war, wenn man neben dieses Datum das andere 
stellt, das wir in dem Testament John Allans finden: „Die 
Zwillinge kamen gegen den i.Juli 1830 zur "Welt."" 

Das ist ohne Zweifel der wahre Grund, warum John Allan 
mehr als je im Mai dieses Jahres Edgar Poe, der der Erinnerung 
an seine „Ma" treu geblieben war, aus dem Haus entfernen 
hatte wollen. Dazu war nun kein Mittel geeigneter als dieses, 
die Familie Edgars, die Ehre seiner Mutter anzugreifen; auf 
diesen Angriff erwiderte Edgar, indem er in der halben Stunde, 
die dem Streit folgte und „während sein Herz brach", den 
berühmt gewordenen Brief an „Bully" schrieb. 

Eine Frau hatte das Haus John Allans verlassen, eine 
andere sollte ihren Platz einnehmen. Die illegitimen Lieb- 
schaften genügten dem reichen Kaufmann nicht: er mußte eine 
Gattin haben. So trug er sich, und gerade während des 
Aufenthaltes Poes in seinem Hause, mit dem Plan, seine 
Schwägerin Nancy Valentine zu heiraten, die nach dem 
Tode der Frances Allan die Wirtschafl: weitergeführt und alle 
durch ihre bezaubernde Munterkeit bei fröhlicher Laune er- 
halten hatte. 

Nun scheint es, daß sich Edgar heflig gegen diesen Plan 
gestellt und daß er mit allem Nachdruck zu dem negativen 
Beschluß der Tante Nancy beigetragen habe. Man beschuldigte 
ihn später, er habe aus Interesse gehandelt, er habe verhindern 
wollen, daß Allan einen legitimen Erben bekomme. Solche 
Gründe lagen ihm gewiß fern; aber er handelte auch nicht bloß 
aus bewußter Achtung vor dem Andenken an seine geliebte 
„Ma", die sein „Pa" so sdinell ersetzen wollte, sondern aus 



37) Israfel, S. 254. 




Nad) dem Tode der Frames Allan 93 

andern, viel tiefer liegenden und ihm selbst verborgenen 
Gründen. 

Edgar war wie ein Liebhaber in seinem Unbewußten auf 
die geliebte Tante eifersüchtig, so wie er schon früher, in der 
Zeit seiner Kindheit, auf seine „Ma" hatte eifersüchtig sein 
müssen. Es wäre ihm unmöglidi gewesen, sie in den Armen des 
verachteten „Vaters" sich vorstellen zu können, jenes Menschen, 
der schon in seiner Kindheit, vom Sexuellen und Affektiven her 
gesehen, sein hartnäckiger und siegreicher Nebenbuhler war. 

John Allan war mit Recäit über diese Opposition Edgars 
wütend und darüber, daß dieses Mal sein „Sohn" über ihn 
den Sieg davongetragen hatte. Er beeilte sich, vom General 
Scott und dem Senator Powhatan Ellis jene Empfehlungsbriefe 
zu bekommen, die notwendig waren, damit Edgar endlidi nach 
West Point abreise. Im Mai 1830 begleitete Allan Edgar bis 
zum Dampfer, der nach Baltimore abging. Poe erzählte später, 
daß er beim Händedruck, den Allan mit ihm vor der Abfahrt 
des Schiffes wediselte, gefühlt habe, es sei ein endgültiger 
Abschied gewesen. 

Edgar kam nach Baltimore, wo seine Tante Maria Clemm 
ihn von neuem aufnahm, dann erreichte er New York über 
Philadelphia, und von dort aus "West Point. In der letzten 
Juniwodie bestand er mit Erfolg die Aufnahmsprüfungen und 
am I. Juli schwur er, „die Verfassung der Vereinigten Staaten 
zu schützen und ihnen gegen alle ihre Feinde, wer immer sie 
auch sein mögen, beizustehen". Er hatte sich mit der sdirifl- 
lichen Zustimmungserklärung seines Vormunds auf fünf Jahre 
verpflichtet. 

Inzwischen hatte sich Allan mit Louisa-Gabriella Patterson 
aus New York, die dreißig Jahre alt war, verlobt, und die 
bevorstehende zweite Heirat besiegelte endgültig das Schicksal 
Edgar Poes. 




IN WEST POINT 

DIE MORGENRÖTE DER GROSSEN DICHTUNGEN 

Edgar trat schweren Herzens in West Point ein. Er kannte 
bereits die Roheiten und Plattheiten des militärischen Lebens; 
weder das Herz des einfachen Soldaten Poe nodi das des 
Sergeant-Majors oder des Kadetten war geschaffen, unter 
einer Uniform zu schlagen. 

Aber es gab für ihn keine andere Wahl als das absolute 
Elend oder West Point. 

Allan schickte Edgar „wie einen Bettler"^^ nach West Point, 
das heißt, Edgar hatte zwanzig Dollar mit und als Gepäck 
zwei Decken. Allan zählte, wie man sieht, auf das Essen, das 
die Armee zu liefern hatte und auf die achtundzwanzig 
Dollar monatlicher Löhnung, das die Kadetten erhielten; das 
befreite ihn von der Verpflichtung, seinem Mündel von nun 
an Geld schicken zu müssen. Der Geiz des reichen Kauf- 
mannes, durch den Edgar so leiden mußte, war übrigens, wie 
das beim Geiz immer der Fall ist, eine Habsucht, die sich 
auf etwas und auf irgend jemand bezieht. 
Bei Allan war die Knauserei (welche Gründe auch immer er 
sich zurechtlegte) das Schema, nach dem sich die wachsende 
Abneigung ausdrückte, die Edgar ihm einflößte. Immer deut- 
licher verweigerte er ihm sein Geld und seine Neigung. Und 
West Point mußte aus diesem Grunde für Edgar eine minde- 
stens ebenso harte Prüfung werden wie die Universität 
von Virginia. 

38) „You sent me to W. Point like a beggar." {Valentine 
Museum Poe Letters, Brief 24.) 



In West Point 95 



Unter solchen Auspizien trat Edgar in West Point ein und 
inmitten der jungen Menschen, für deren Bedürfnisse die 
Familien sorgten, war er allein und enterbt, er besaß weder 
Toilettegegenstände, noch Wäsche, noch Überkleider, noch 
Bücher, Kerzen oder Seife. 

Dafür warf Allan ihm in dem Brief, welcher die zwanzig 
Dollar enthielt, vor, er habe aus seinem Zimmer das Tinten- 
faß, die Streubüchse und einen Federstiel mit dem Namen 
John Allan mitgenommen — die einzigen Gegenstände, die 
Edgar Poe zur Erinnerung an eine liebe verschwundene Zeit 
behalten sollte. 

Das war übrigens der einzige Brief, den Edgar vom Juni 
1830 bis zum Januar 1831 bekam. Edgar schrieb; man ant- 
wortete ihm nicht mehr. 

Die Militärakademie von West Point bestand damals aus 
mehreren Gebäuden, welche auf den Anhöhen lagen, die den 
Hudson beherrschten; der Lehrkörper bestand aus ungefähr 
dreißig Professoren, die Schule aus zweihundertfünfzig Ka- 
detten. 

Die „aristokratischen" Vorurteile, durdi die der Sohn „um- 
herziehender Schauspieler" bei den Studenten in Charlottes- 
ville zu leiden hatte, existierten in West Point nicht. Dafür 
gab es ein anderes Vorurteil: die Kadetten veraditeten die 
Kameraden, die von der Pike auf gedient hatten. Edgar mußte 
nun diese Verachtung und sein Elend kompensieren: er holte 
jene Byronsche Legende wieder hervor, die seiner poetischen 
Phantasie schmeichelte, und posierte vor den Augen seiner 
Kameraden als junger Abenteurer, der viele Länder kennen- 
gelernt habe; er sprach von Griedienland, wo er an Kämpfen 
teilgenommen, von Rußland, wo er eingekerkert gewesen und 
dann durch den amerikanischen Konsul befreit worden sei, 
von Arabien und anderen Gegenden. Er eignete sidi also die 




90 Das Lehen Edgar Poes 

Abenteuer seines Bruders Henry an, fügte einiges aus Eigenem 
hinzu und schuf dadurdi schließlich jene Legende von den 
Reisen in seiner Jugend, der so viele seiner Biographen naiver- 
weise Glauben geschenkt haben. 

Es madite ihm Freude, sich mit Geheimnissen zu umgeben, 
die ihn vor banaler Mißaditung retteten. Ja, er widerspradi 
nicht einmal jener Geschichte, daß er der Enkel des Generals 
Arnold,^' des Verräters sei, er brachte sie sogar selbst weiter 
in Umlauf. Schon vor West Point konnte er mit dieser Ge- 
sdiidite den Vormund rasend madien, und mit dieser gleichen 
Geschichte schmiedete er sich jetzt in West Point eine Art 
„diabolischen" Heldensdbeins. 

Im Sommer wohnten die Kadetten in Zelten, im Winter in 
den Kasernen. Aber unter dem Zeltdach und auch zwischen 
den Mauern war Edgar durch seine Persönlichkeit, seinen 
schweigsamen Charakter, seinen Hochmut und seine Träu- 
mereien ein anderer als seine Kameraden, unter denen keiner 
sich über ein Mittelmaß erhoben zu haben scheint. Und wie litt 
er unter diesem Leben! Kann es für einen begeisterten Dichter 
ein böseres Dasein geben, denn als Kadett in einer Kaserne 
leben zu müssen und durch kleinliche und überflüssige, an 
bestimmte Stunden gebundene Verpflichtungen weniger frei 
zu sein als ein einfacher Soldat! Bloß die geistigen Übungen 
scheinen vor den Augen des jungen Kadetten einigermaßen 
Gnade gefunden zu haben: In einer Klasse von siebenund- 
achtzig Schülern war er bei der Semesterprüfung der sieb- 
zehnte in Mathematik und der dritte in Französisch. 

Die düstere, stolze und schmerzvolle Miene Edgars und sein 
vorzeitig gereiftes und gealtertes Aussehen waren der Anlaß, 
daß seine Kameraden bald eine scherzhafte Geschichte er- 
fanden: Edgar sei in West Point „an Stelle seines eigenen 

39) Erinnern wir uns daran, daß die Mutter Edgars Elizabeth 
Arnold hiel5! 



I 



In West Point 97 



Sohnes" eingetreten, der gestorben war, nachdem er seine Auf- 
! nähme in der Militärakademie bekommen hatte. Daß Edgar 
durch seine einundzwanzig Jahre die Altersgrenze für den 
Eintritt in "West Point überschritten, kann für sidb allein kaum 
der hinreichende Grund für diese Geschichte sein. 

Poe gehörte einer andern Welt an als seine Kameraden; 
! ihn interessierte nichts von dem, was sie berührte. Und das 
.Industriezeitalter und die materialistisdie Welt Amerikas, die 
mit den ersten Fabriken, den ersten Eisenbahnen, den ersten 
Dampfbooten einsetzten, jagten ihm Entsetzen ein; sein Wider- 
wille galt im gleichen Maß der Wissenschaft, der Masdiine. 
Daher sagte er in einem Gedicht, das in dieser Zeit gesdhrieben 
worden ist: 

Sonett an die Wissenschaft. 

O Wissensdiaft! Du Toditer alter Zeiten! 
Du, deren Auge ändert alle Dinge: 
Ein Geier, der das Herz benagt und weit 
Ausbreitet des Realen träge Sdiwinge! 

Wie sollte didi der Dichter lieben? Wie 

Didi weise nennen, die du so voll Tüdce 

Den kühnen Himmelsflug ihm hemmst und nie 

Den Sternenpfad ihm gönnst zu seinem Glüdse? 

Triebst du Diana nicht von ihrem Wagen 
Und die Dryade aus dem Walde fort 
Zu glüddidierem Gestirn, geschützterem Ort? 
Und hast die Nymphe aus der Flut getragen 
Und nahmst dem Elfenvolk und mir den Traum 
Im Sommergras beim Tamarindenbaum? *" 

Sonnet — To Science. 
Science! true daughter of Old Time thou art! 

Who alterest all things with thy peering eyes. 
Why preyest thou thus upon the poet's heart, 

Vulture, whose wings are duU realities? 
How should he love thee? or how deem thee wise, 

Who wouldst not leave him in his wandering 



Bonapai'te: Edgar Poe. I. 



Das Leben Edgar Poes 



Man hat aus diesem Gedidit nur die Auflehnung einer ganz 
der Poesie ergebenen Seele gegen eine Welt, in welcher der 
Materialismus zu triumphieren begann, heraushören wollen, 
die Opposition von Kunst und Wissenschaft. Viele junge 
Dichter haben sich in diesem Gegensatz berausdit. Wir müssen 
jedoch sagen, wenn wir im Abstrakten bleiben wollen, daß 
man in diesem Sonett audi die Auflehnung des Lustprinzips 
gegen das Realitätsprinzip sehen kann. Wenn wir nun dieses 
Sonett neben die Stanzen an Helen stellen, belebt 
es sidi durch einen von anderswo herkommenden lebendigen 
Atem. Wir verstehen dann, wer die Najade ist, die in den 
Stanzen den jungen Diditer nach Hause führt, „zur Macht, die 
Rom einst war, zur Pracht von Griechenland", aber auch 
wer in dem Sonett von der unerbittlichen Wissensdiafl: mit 
seinem ganzen Gefolge schwesterlicher Gottheiten aus den 
Wäldern verjagt wurde, aus allen Ländern der Erde, um wie 
die Nesace oder die Ligeia des A 1 A a r a a f nur mehr in den 
Sternen eine Zuflucht finden zu können. Wir begreifen, wer 
der von den Wiesen des Paradieses verjagte und aus dem 
Schatten der Büsche {shrubbery) hervorgescheuchte Elfe ist (er 
sollte später deutlicher sprechen: aus dem Schatten des Tama- 
rindenbaumes im Süden): der junge Dichter neben seinen 



To seek for treasure in the jewelled skies, 

Albeit he soared with an undaunted wing? 

Hast thou not dragged Diana from her car? 

And driven the Hamadryad from the wood 

To seek a shelter in some happier star.' 

Hast thou not torn the Naiad from her flood, 

The Elfin from the green grass, and from me 

The Summer dream beneath the tamarind tree? 

To Science, 1829; 1831; Southern Literary Messenger, Mai 1836; 
1845; Broadway Journal, II, 4. (Siehe V. E., Bd. 7, S. 156.) 

"Wir geben den Text aus dem Jahre 1845 wieder (V. E., Bd. 7, 
S. 22). Die vorhergehenden Fassungen sdireiben, außer geringfügigen 
Varianten, shruhbery statt tamarind tree. 



In West Point 99 



„Müttern" Elizabeth, Helen oder Frances. „Die Wissensdiaft" 
ist nun nidit mehr eine abstrakte Wesenheit, sie ist nidits 
anderes als das Symbol für den gehaßten Vater, der Edgar 
aus der Nähe der Frances Allan verjagte und ihn nicht einmal 
die Tote sehen ließ. Dank der primitiven Art der Assozia- 
tionen, die im Innern des Unbewußten herrscht, verschmilzt 
für Edgar John Allan recht oberflädilich mit der Wissensdiaft, 
mit der der praktische und materialistisch gesinnte Kaufmann 
wahrhaftig nichts anderes gemein hatte als das Bedürfnis nach 
dem Wirklichen. Daher wird die moderne Wissenschaft in dem 
Sonett seltsamerweise als „Tochter der alten Zeit" ange- 
sprochen, was soviel bedeuten soll als: Attribut der alten Zeit, 
wodurch diese „Tochter" (ohne daß sidi der Dichter um das 
Geschlecht besonders kümmert, aber das kommt im Unbe- 
wußten vor) mit der alten Zeit selbst identifiziert wird: mit 
dem Vater. Und darum wird die Wissenschaft gehaßt und mit 
gleidi heftiger Kraft gehaßt werden, solange Edgar leben wird. 
Das Datum, an dem dieses Sonett vermutlich gedichtet 
wurde, bestätigt, daß wir mit unserer Interpretation recht 
haben. Das Gedicht befindet sich nämlidi nicht in dem ersten 
Gediditband, Tamerlane, and other Poems, der in Boston un- 
mittelbar nach der Flucht Edgars aus dem Hause Allan im 
Jahre 1827 veröffentlicht wurde. Es steht in der zweiten 
Sammlung AI Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems, die in 
Baltimore im Dezember 1829 herauskam. Dieses Sonett 
an dieWissenschaft wurde sicher in der Zeit zwischen 
Mai 1827 und Dezember 1829 geschrieben, es war beeinflußt 
durch die Trennung Edgars von seiner lieben Mutter Frances 
Allan und durch die Tatsache, daß der Vater John Allan 
ihn brutal von ihr entfernt hatte. Vielleicht auch ist es 
zwischen Februar und Dezember 1829 geschrieben worden, 
nach dem Tod dieser geliebten Mutter, um alle Schmerzen, alle 
Trauer, alle Auflehnung des jungen Edgar zu verlebendigen, 

7* 




Das Lehen Edgar Poes 



f: 

II 



dem das Sdiicksal, die alte „Zeit", der „Vater" eine seiner 
„Mütter" nach der andern entriß, Elizabeth, Helen oder 
Frances, diese Gestalten der „Poesie". Die „Mütter", die ge- 
liebten, kranken und toten Mütter sollten diesem Diditer für 
ewige Zeiten die „Poesie" sein. 

Inzwischen hatte John Allan am j. Oktober 1830 in New 
York seine zweite Frau, Louisa-Gabriella Patterson geheiratet. 
In einem an den Vormund geriditeten BrieP^ vom 6. No- 
vember, in dem er ihn statt „Dear Pa" „Dear Sir" anspricht, 
wie jedesmal, wenn die Spannung zwischen ihnen wuchs, 
beklagt sich Edgar darüber, daß Allan ihn von New York aus 
nicht aufgesucht habe. 

Die Wiederverehelichung John Allans machte allen Illu- 
sionen Edgars, die er in bezug auf Neigung oder Erbschaft: 
noch haben sollte, ein Ende. Wozu hatte er nun seinem Vor- 
mund gehorcht, indem er in West Point eintrat? Dieser ver- 
leugnete ihn; und das Leben auf West Point bedrückte den 
jungen Dichter immer mehr. Der Winter 1830/31 setzte ein; 
Poes Verzweiflung wuchs. 

Er hatte gehofft, seine frühere militärische Erfahrung würde 
es ihm möglich machen, schneller als die anderen Kadetten mit 
seiner Ausbildung zum Offizier fertig zu werden. „In sechs 
Monaten bin ich so weit", schrieb er eines Tages John Allan. *^ 
Aber Kurse folgten auf Kurse, Übungen auf Übungen und 
man konnte für Edgar Poe keine Ausnahme machen, trotzdem 
er ein außergewöhnlicher Mensch war. Der Sommer ging 
vorüber und mit ihm das ein wenig freundlichere Leben in den 
Zelten. Dafür kamen die langen langweiligen Winterwochen, 
die man in der Kaserne verbrachte; zur Zerstreuung gab es nur 
die Branntweinflaschen, die des Abends auf Nr. 28 der Süd- 
kaserne ausgetrunken wurden. Dort wohnte Poe mit zwei 



41) Valentine Museum Poe Letters, Brief 23. 

42) Valentine Museum Poe Letters, Brief 8. 



1 



In West Point 



Kameraden, und dort wurden die andern Freunde eingeladen, 
mitzuhalten und mitzuspielen. Man trank einen Branntwein, 
der dem Old Benny, dem Kaufmann im Ort, teuer mit Kerzen, 
Dedsen und Sdiuhen bezahlt wurde, da die Kadetten knapp bei 
Geld waren j sie spielten Karten, machten Lärm oder hörten Poe 
zu, der seine letzten satirischen Verse über die Vorgesetzten 
vorlas, und eines Abends, als man in bester Laune beisammen 
war, redete Edgar seinen erschrockenen Kameraden ein, daß die 
Gans mit den blutigen Federn, die eben durdi das Zimmer ge- 
schleudert wurde, der abgesdilagene Kopf eines Professors sei. 
In dieser Atmosphäre von Verzweiflung und Alkohol 
scheint Edgar Poe seine ersten großen Gedichte geschrieben 
zu haben. ^ 

Wir werden wahrscheinlich niemals erfahren können, was in 
West Point selbst geschrieben wurde und was in Ridimond, zu 
Beginn des Jahres 1830, bei dem letzten und peinlidien Auf- 
enthalt Edgars in dem Haus, das von seiner „Ma" verlassen 
wurde, zu Papier gebracht worden war. Nadi seiner Gewohn- 
heit bosselte Edgar an seinen Gedichten immer wieder herum. 
Und die kleine Lampe im Zimmer 28 wird wohl oft, wenn 
die Kameraden schon sdiliefen, die Blätter beleuditet haben, 
auf denen die klagenden Strophen der Introduktion, 
Die Stanzen an Helen, Die Schläferin, Ein 
Päan, Das Tal Nis, Die verdammte Stadt 
oder I s r a f e 1 niedergeschrieben wurden.*' Das sind die 

43) Vorwort (Preface) 1829; Introduktion (Introduction) 1831; 
Romanze (Romance) 1843, 1845. — Stanzen an Helen (To Helen) 
1831, 1836, 1841, 1843, 1845. — Irene (Irene) 1831, 1836; Die 
Sdiläferin (The Sleeper) 1843, 184J. — Ein Päan (^4 Pean) 1831, 1836; 
Lenore (Lenore) 1843, 1845. — Das Tal Nis (The Valley Nis) 1831, 
1836; Das Tal der Unruhe (The Valley of Unrest) 184J. — Die ver- 
dammte Stadt (The Doomed City) 1831; Die Stadt der Sünde (The 
City of Sin) 1836; Die Stadt im Meer (The City in the Sea) 1845. — 
Israfel (Israfel) 1831, 1836, 1841, 1843, 1845. 




Das Leben Edgar Poes 



Titel der Gedichte, die in der Ausgabe von 1829 fehlen, aber 
in der von 1831 enthalten sind. 

AI A a r a a f , das widitigste Gedicht der Ausgaben von 
1829, war die Projektion der ersten Liebesneigungen Edgars in 
den Himmel: Nesace, der Geist der Schönheit, war für ihn 
zweifellos und ohne daß er es wußte, die Verkörperung seiner 
„Helen", so wie Ligeia, der Geist der allgemeinen Harmonie, 
seine Mutter war, die wirklidie, die Künstlerin mit der 
melodiösen Stimme, die er als ganz kleines Kind hatte singen 
hören. Angelo und Yanthe waren nur die ersten Namen für 
Monos und Una, Eiros und Charmion, diese Liebenden, die 
auf ewige Zeiten so im Tod vereinigt waren, wie Edgar, in 
seinem Unbewußten, gern mit seiner verlorenen, geliebten 
Mutter vereinigt gewesen wäre. Aber das erste der Stern- 
gedichte des Autors von Heureka war noch unklar und 
ohne tiefere Wärme. 

Ganz anders sind die neuen Gedidite, durch welche die Aus- 
gabe von 1831 bereichert werden sollte. Das hängt damit 
zusammen, daß zwischen der Komposition dieser beiden 
Gruppen von Gedichten ein überaus bedeutendes Ereignis ein- 
getroffen war: Edgar Poe hat Frances Allan, seine „Ma", 
verloren. 

„Helen", die strahlende, aber flüditige Ersdieinung, war 
vor den Augen des Jünglings vorübergezogen, und der Blick 
der „Najade" hatte ihn so „zum Heimatsstrande" gebracht. 
Aber warum waren die unsterblichen Stanzen an Helen, 
von denen man behauptet, sie seien von dem vierzehnjährigen 
Edgar geschrieben worden, weder in der Ausgabe von 1827 
nodi in' der von 1829 enthalten? Weldies Schamgefühl hat 
den nadi Ruhm dürstenden Dichter davon abgehalten, gerade 
dieses Gedicht, das unter allen damals veröffentliditen das 
vollendetste war, in die ersten Veröffentlichungen aufzu- 
nehmen? Man kann vermuten, daß die Stanzen an 



In West Point 103 



I H e 1 e n, wenn sie in jener ersten Zeit schon existierten, noch 
[flidit die vollendete Form besaßen, in der wir sie kennen, und 
daß sie diese Form erst nach dem Tode der Frances Allan er- 
hielten. Denn die „Helen", welche die Stanzen inspirierte, war 
außer der Frau Stanard, der sie gewidmet waren, auch noch 
Frances Allan, seine „Ma".*'' Die tiefe Erregung, der Schock 
nach dem Tode seiner Mutter machten den damals zwanzig- 
jährigen Edgar flügge, so daß er zum ersten Male das Genie 
des Israfel erreidien konnte. 

Im Jahre 1825, das dem Tod der Frau Stanard folgte, 
hatten die Allans ihr neues Haus in der Main & Fifth Street 
bezogen. In seiner Biographie Poes*' beschreibt uns Hervey 
Allen den Eingang zum Zimmer Edgars: „Das Zimmer Edgars 
befand sich im Hintergrund einer Diele, welche durch einen 
Alkoven abgeschlossen war, der audi den Abschluß einer 
Schneckenstiege bildete. In diesem verborgenen Raum befand 
sich ein Tisdi, auf dem in der Nacht, weil die Treppen des 
Hauses finster waren, unaufhörlich eine Lampe aus 
Achat brannte." Hervey Allen schreibt agate lamp in Kursiv- 
schrift, und mit Recht. Denn die adiatene Lampe, welche die 
„Helen" des Dichters in der Hand hält, die „Helen", deren 
Schönheit ihn „zum Heimatsstrande" zurückführt, ist ja 
dieselbe, die wachsam die ganze Nacht vor dem Zimmer 
Edgars in dem Hause seiner „Ma" brannte, für das sie ein 
Symbol geworden war. 

Nun erscheint die „Lampe aus Achat" in den 
Stanzen an Helen zum erstenmal in der Fassung von 
Graham'! Magazine (September 1841). Bis zu dieser Ausgabe, 
also in den Fassungen aus dem Jahre 1831 und 1836, hält 

44) Hervey Allen {Israfel, S. 308) hat deutlidi empfunden, 
daß die Stanzen an Helen außer von der Frau Stanard audi 
von Frau Allan inspiriert worden waren. 

4j) Israfel, S. 128. 




104 Das Leben Edgar Poes 



„Helen" in ihrer Hand einen anderen Gegenstand, ein „zu- 
sammengerolltes Pergament" {the folded scroll)^^ Man er- 
innere sidi daran, daß der junge Edgar der Frau Stanard seine 
ersten Gedichte vorgelesen und daß er sie ihr vielleicht 
geschenkt hat. Das „zusammengerollte Pergament" ist gleidisam 
ein Zeugnis dafür, daß die Stanzen Frau Stanard gehören. 
Aber je älter der Dichter wurde, desto eindeutiger brach, wie 
aus allen andern Mensdien audi, aus ihm hervor, was in nodi 
tieferen Tiefen seiner Psydie sdi'ummerte, und die sdiützende 
Lampe aus Achat, dieses Symbol für Frances Allan und das 
väterliche Haus, ersetzte nun die „Rolle aus Pergament". 

Frances Allan ist für Edgar Poe sicher von weit größerer Be- 
deutung gewesen als Frau Stanard. Sie war für ihn — nach 
Elizabeth Arnold, die ihn geliebt hatte, als er noch ein ganz 
kleines Kind war — seine „Mutter" im wirklichen Sinn. Sie 
hat ihn aufgenommen, ihm Nahrung gegeben und ihn ge- 
streichelt, sie hat ihn siebzehn lange Jahre hindurch geliebt, 
hat ihn — soweit ihre krankhafte Natur und ihr sanfter, aber 
zweifellos indolenter Charakter es ihr gestatteten — gegen 
den strengen Allan verteidigt und nun, nachdem sie ihn nadi 
langen Jahren der Krankheit verlassen, verschmolz ihr Bild 
in den Tiefen des Unbewußten Edgars mit dem von der ersten, 
wirklichen Mutter, die dem Kind gleichfalls nach Monaten, 
oder, wie ihm damals schien, nach Jahren der Krankheit ent- 
zogen wurde. Die Bedingung, die es möglich madite, daß auch 
Frances Allan zur wirklichen Mutter des Dichters werde, war 
durch ihren Tod erfüllt. 

Darum ist der Tod der Frau Allan das zweite bedeutende 
Datum im Leben Edgar Poes. Das erste war der Tod seiner 
wirklichen Mutter, das letzte sollte der seiner Frau Vir- 
ginia sein. 

46) V.E., Bd. 7, S. 171. 



I 




In West Point 105 



Der Tod der Frau Allan beraubte Edgar Poe eines Heims, 
einer Erbschaft und lieferte ihn dem Elend und Hunger aus. 
Aber darin bestand nicht seine hauptsädiliche Bedeutung. Das 
Genie, das in dem zwanzigjährigen Edgar Poe schlummerte, 
wäre gewiß heute oder morgen erwadit; der Tod Frances 
Allans beschleunigte jedoch das Erwachen des jungen Genies 
ihres Adoptivsohns. 

Und dies geschah dadurch, daß der Tod dieser Frau seinen 
infantilen Ödipuskomplex wieder aktualisierte, indem er unter 
den Personen, die vor den Augen des Zwanzigjährigen auf- 
tauchten, die Gestalt des Dramas wieder erscheinen ließ, dem 
er beigewohnt hatte, als er drei Jahre alt war. Das Schidisal 
nahm ihm von neuem seine Mutter fort, das Schicksal, das 
in der Phantasie der Mensciien mit Gott, mit dem Vater 
verschmilzt, und in seinem Unbewußten, ja selbst in seinem 
Bewußten machte Edgar für den Tod seiner Mutter Allan ver- 
antwortlich, der für ihn die aktuelle Verkörperung des 
„Vaters" war. 

Der Ödipuskonflikt, in dem die beiden Männer zueinander 
standen, war ein wechselseitiger und sollte nun bald, wie wir 
sehen werden, im wirklichen Leben seinen höchsten Grad er- 
reichen. Schon fand er in den Gedichten Edgars einen mächtigen 
Widerhall. Die Tote des P ä a n g e d i c h t e s, die zukünftige 
L e n o r e, und Irene (die Schläferin) sind beide 
Opfer: von der einen wünschte man, daß sie 
sterbe, und rief dadurch ihren Tod hervor; 
die andere ist zu schnell vergessen. Das 
Thema von der Frau, die das Opfer des Mannes ist, drängte 
sich Poe durch den Tod der Frances Allan auf. Aber es hat 
auch einen in der Ferne liegenden infantilen Ursprung, von 
dem wir sprechen werden, wenn wir den Doppelmord 
in der Rue Morgue analysieren. 

Was steht in den neuen Gedichten von 1831 im Vorder- 




io6 Das Leben Edgar Poes 



\ 



grund? Die Gestalt einer sdiönen toten Frau, die mit tiefstem 
Wohlgefallen, mit „nekrophiler" Liebe gezeichnet ist, und das 
Bild einer Landschaft (Das Tal Nis, Die verdammte 
Stadt), welcher gleichfalls die Zeichen des Todes und sogar 
die der beginnenden Zersetzung eine schauervolle Schönheit 
verleihen. Im übrigen waren das beinahe die einzigen Frauen 
und beinahe die einzigen Landsdiaften, die Edgar Poe von nun 
an sdiildern sollte. 

Die Gedichte, die in West Point gesdirieben wurden, waren 
— mit Ausnahme der Stanzen an Helen — gewiß nodi 
nicht so restlos vollkommen, wie sie im Verlauf der ver- 
schiedenen Fassungen, die ihnen Edgar Poe gab, werden 
sollten. Aber alle großen Themen seiner Gedichte waren hier 
schon vorhanden, die Quelle Poescher Inspiration war aus 
dem Stein hervorgebrochen und sollte nie mehr vertrocknen. 

Was Poe später seinen Gedichten hinzufügte, floß aus 
immer tieferen Quellen seines Unbewußten, die durch die 
Ereignisse seines Lebens nacheinander erschlossen wurden. Wenn 
beispielsweise die schönste Fassung der L e n o r e, die mit 
den unregelmäßigen Rhythmen, aus dem Jahre 1843 herrührt, 
so kommt dies daher, daß die Inspiration, welche er ursprüng- 
lich dem Tod seiner eigenen Mutter verdankte, durch die 
Krankheit und die Hämoptoen seiner Frau Virginia erneuert 
wurde. Denn die „Tote" seiner Gedichte und seiner Er- 
zählungen ist nicht eine einzige Tote, sondern die Synthese aus 
mehreren: aus Elizabeth, Helen, Frances und Virginia. 

Aber die Züge des Antlitzes, das aus den Zügen von 
mehreren Gesiditern zusammengesetzt war, wurden vor allem 
von den Gesichtszügen jener Elizabeth Arnold beherrscht, 
welche die Mutter des Dichters gewesen, von einem ab- 
gezehrten, durch die Krankheit ätherisch gewordenen, aber 
trotzdem noch jungen und schönen Gesicht, das er wirklich auf 
einem Totenbett gesehen hatte, als er drei Jahre alt gewesen 




In West Point 107 



F 



war. Das Bild ruhte ewig in seiner Tiefe und immer wieder 
zeichnete er es von neuem. Die Schläferin schläft in ihrem 
Zimmer, beim Mondlicht: 

Meine Liebe, sie sdiläft! Wie dauernd sie ruht. 

So ruhe sie audi tief und gut; 

Leis' krledie um sie die Würmerbrut! 

Mög' fern im Forst, in Düster und Duft, 

Für sie sich auftun eine Grufl — 

Eine Gruft, die oft das sdiwarze Tor 

Aufwarf vor bangem Trauerdior, 

Triumphierend über den Wappenflor 

Der Toten aus ihrem erhabenen Hause . . .*' 

So gab der Sohn armer umherziehender Schauspieler, die im 
Elend gestorben waren, in der Dichtkunst seiner Mutter ein 
königliches Leichenbegängnis und die berühmteste Nach- 
kommensdiafl:. Das sind die Kompensationen, die der Traum 
und die Dichtung, diese Diener der Sehnsucht, kennen. 

Von den neuen Gedichten, die in der Ausgabe 183 1 auf- 
genommen wurden, zitieren wir noch die Introduction und 
Israfel. 

Die Introduction, die von der Vorrede aus dem Jahre 
1829 abstammt, ist tatsädilidi ein neues Gedicht, und zwar ein 
Gedicht, das wegen seiner biographischen Angaben für uns 
von höcäistem Interesse ist. Poe beschreibt sich selbst darin in 
seiner frühreifen Melancholie, seinem nicht weniger frühreifen 

47) My love, she sleeps! Oh, may her sleep, 

As it is lasting, so be deep! 

Soft may the worms about her creep! 

Far in the forest, dim and old, 

For her may some tall vault unfold — 

Some vault that oft hath flung its bladc 

And winged panels fluttering back, 

Triumphant, o'er the crested palls, 

Of her grand family funerals — 
(Text aus dem Jahre 1845, mit den Verbesserungen durdi 
Lorimer Graham nadi der V. E., Bd. 7, S. 52, The Sleeper.) 




io8 Das Leben Edgar Poes 



Gesdimack für die Diditkunst, und dieses Gedidit erhält jene 
berühmte Erklärung (die übrigens, wie beinahe das ganze 
Gedidit, in den spätem Ausgaben unterdrüdit ist), in der er 
darstellt, unter welchen Bedingungen er lieben könne: 

„Ida habe nur dort lieben können, wo der Tod seinen Atem mit 

dem der Sdiönheit vermisdite — 

Oder dort, wo der Hymen, die Zeit und das Schidsal zwisdien 

ihr und mir weiterzogen."*^ 

In I s r a f e 1 besingt Poe sidi selbst in der Astralfigur des 
Israfel, und es ist uns eine Erleichterung, nach so viel todes- 
düsteren Gedichten einmal siderische Luft einatmen zu dürfen: 

Ein Geist wohnt in den Höhen, 

„Dessen Herz eine Laute ist"; 
Wie Israfel so schön 
Singt keiner in den Höh'n; 
Die Sterne, die sich kreisend dreh'n, 
Verstummen im Vorübergeh'n 

Vor seiner Stimme alle Frist. 



O war' idi sdinell, 
Wo Israfel 

Gewohnt, und er war' idi — 
Er sang' wohl nidit so flammend hell 

Ein sterblich Lied; doch idi, 
Idi sang' aus soldier Leier Quell' 

Ein Lied, dem keines glidi.^' 



48) I could not love except where Death 
Was mingling his with Beauty's breath — 
Or Hymen, Time, and Destiny 

Were stalking between her and me. 

Der Hymen ist eine Anspielung auf die verlorene Liebe Elmiras, 
die während Edgars Abwesenheit mit Shelton verheiratet worden 
war. (Siehe S. 42, Anm. 15.) 

49) In Heaven a spirit doth dwell 

„Whose heart-strings are a lute;" 
None sing so wildly well 



I 




In West Point 109 



So sieht sich Edgar Poe in seinem didhterisdien Hochmut 
und künstlerischen Narzißmus als ein mächtiger Orpheus, wie 
er den Mond und die Sterne bezaubert und durch sein Genie 
das ganze Elend seines Sdiicksals besiegt. 

Das waren die Träume des Kadetten Edgar Poe in 'West 
Point. Er zeigte seine Gedidite dem Obersten Thayer, der sie 
zu würdigen wußte und dem Kadettenkorps die Erlaubnis 
gab, fünfundsiebzig Cent für das Exemplar zu subskribieren, 
wodurdi die Veröffentlichung möglich wurde. Der Verleger 
Elam Bliss aus New York kam Ende 1830 persönlidi nach 
West Point, um mit dem jungen Schriftsteller zu verhandeln. 
Die Kadetten glaubten allerdings, daß sie einen Band sub- 
skribierten, der satirisdie Gedichte gegen ihre Professoren und 
andere Vorgesetzte enthielt, und Poe ließ sie bei dieser 
Meinung, um ihre Hilfe nidit zu verlieren. 

* 

Wie lange hätte es Poe nodi trotz der „Dissonanzen" 
zwischen ihm und seinen Kameraden und der Militärakademie 
in West Point ausgehalten? 

Die Entscheidung kam von draußen, von Allan. Der 
Sergeant Graves („Bully") von der Festung Monroe wartete 
vergebens das ganze Jahr 1830 hindurch auf die Bezahlung der 

As the angel Israfel, 

And the giddy stars (so legends teil) 

Ceasing their hymns, attend the spell 

Of his voice, all mute. 



If I could dwell 
Where Israfel 

Hath dwelt, and he where I, 
He might not sing so wildly well 

A mortal melody, 
While a bolder note than this might swell 

From my lyre within the sky. 

(Endgültiger Text aus dem Jahre 1845, V. E., Bd. 7, S. 47.) 




Das Leben Edgar Poes 



Schuld, zu der Poe sich in seinem Brief vom Mai aus Ridimond 
verpflichtet hatte, in jenem Brief, der eine halbe Stunde nadi 
dem heftigen Streit mit Allan geschrieben worden war. Nun 
wurde „Bully" der Sache überdrüssig; er wandte sich an Allan 
und ließ ihn auch wissen, daß er einen Brief besitze, in dem 
sein Mündel ihn der Trunksucht beschuldige. Diese Gaunerei 
hatte Erfolg: Allan schickte das Geld, aber er „verbannte Poe 
aus seiner Neigung", wie die zweite Frau Allan sich ausdrückte, 
die Allan zu seiner eigenen Verteidigung hatte glauben lassen, 
der in Frage stehende Brief sei von dem Ersatzmann Poes. 
Daraus ist dann die Legende entstanden, daß Poe das Geld, 
welches für seinen Ersatzmann bestimmt war, verlumpt habe. 

Allan schrieb nun an Poe einen wütenden Brief, den Edgar 
zum Neuen Jahr 1831 erhielt. Er teilte ihm mit, daß er Poe 
von jetzt an verleugne und von ihm nidits mehr zu hören 
wünsche. Edgar antwortete am 3. Januar, und dieser Briefe" 
ist das beweiskräftigste autobiographisdie Dokument, das wir 
über die peinlichen Beziehungen zwischen diesem „Vater" und 
diesem „Sohn" besitzen. 

Poe gibt zu, den Brief an „Bully" geschrieben zu haben 
und er zieht nichts von dem Inhalt zurück; er ruft Gott zum 
Zeugen, daß er die Wahrheit gesagt habe. Er wirft Allan 
bitter seinen Geiz vor, jenen Geiz, der auf dem Schicksal 
Edgars in West Point ebenso stark wie in Charlottesville 
lastete. Er wirft seinem Vormund audi vor, er habe kein Herz, 
und liebe ihn nicht. Nur Frances Allan habe ihn geliebt: 

„■Wenn sie nidit gestorben wäre, während idi in der Ferne war, 
müßte idi nidits bedauern. Idi habe niemals von Ihrer Liebe 
etwas gehalten, aber sie, glaube ich, liebte midi wie ihr eigenes 
Kind."^i 

jo) Valentine Museum Poe Letters, Brief 24. 

ji) If she had not have died while I was away there would have 
been nothing for me to regret — Your love I never valued — but 
she I believe loved me as her own diild. (Siehe oben.) 




In West Point 



Dann beklagt er sich über seine schwache Gesundheit, sagt, 
daß er — Gott sei Dank! — nicht mehr lange zu leben habe 
und daß seine Zukunft aus einer Existenz voll Elend und 
Krankheit bestehen werde. Er kann nicht mehr die Anstren- 
gungen „dieses Ortes" ertragen und teilt Allan mit, daß er die 
Absicht habe, West Point zu verlassen. Und es sei ihm gleich- 
gültig, ob Allan dazu seine Zustimmung gebe oder nicht. Von 
heute an, kündigt Poe an, werde er seine Studien und Auf- 
gaben vernachlässigen, damit man ihn wegschicke. 

Edgar wartete die Antwort John Allans tatsächlich nicht ab, 
um seine Absicht wirklich auszuführen. Da er von seinem Vor- 
mund nichts mehr zu hoffen hatte, erscheint er vom 7. Januar 
1831 an weder bei den Paraden, noch beim Appell; vom ij. 
an geht er nicht mehr in die Kurse, am 23. weigert er sich, 
den Befehlen Folge zu leisten, die ihn zwingen, dem Gottes- 
dienst beizuwohnen, und am 2j. denen, an den Kursen teil- 
zunehmen. Am 28. Januar beschloß das in West Point ver- 
sammelte Kriegsgericht, „den als schuldig erkannten Kadetten 
E. A. Poe aus dem Dienst der Vereinigten Staaten zu ent- 
lassen . . .". Zwanzig Tage später verließ Poe West Point. 

Er nahm in dem mit Eisen beschlagenen Koffer, den John 
Allan ihm einmal aus Baltimore geschickt hatte, seine Manu- 
skripte, seine Bücher, das alte Tintenfaß aus Richmond und 
einige Uniformstücke mit. Er trug ein armseliges Zivilkleid, 
das er sich wahrscheinlich bei dem „Old Benny" eingetauscht 
hatte, und seine Kapuze aus West Point, die er zeitlebens 
behalten sollte. 

So ging am 19. Februar Edgar Poe, ein armseliger Reisender, 
bei der Einschiffungsstelle von West Point an Bord des „Henry 
Eckford", der ihn nach New York brachte. 




IN BALTIMORE BEI FRAU GLEMM 

DIE ERSTEN ERZÄHLUNGEN 

Krank und erschöpft kam Poe in New York an, und am 
21. Februar schrieb er aus seiner Wohnung bei dem Madison 
Square an Allan. ^^ Trotzdem er entschlossen gewesen, sagt er, 
sich nidit mehr an Allan zu wenden, werde er durch das Elend 
dazu gezwungen, ihm wieder zu schreiben. Der Brief verrät 
grenzenlose Verzweiflung; er habe sich auf dem Schiff 
erkältet, habe eine Bronchitis, eine Ohrenentzündung, furdit- 
bare Kopfschmerzen und sei ohne Geld, ohne Freunde. Er sei, 
ohne einen Heller zu besitzen, aus West Point abgereist, und 
dies durch die Schuld seines Vormunds, der ihm seine Zu- 
stimmung verweigert und dadurch der kleinen Summe beraubt 
habe, die er bei der Abreise erhalten hätte; kurz, er sei derart 
krank, daß er niemals mehr werde aufstehen können, daß er 
sidher hier sterben werde. Herr Allan antwortete auf diesen 
Brief nicht und schickte auch kein Geld. 

Adit Tage später hatte sich Poe, gewiß zu seiner eigenen 
Überraschung, von seiner Verzweiflungskrise erholt, und wir 
begegnen dem jungen Poeten bei Elam Bliss wieder, wo er die 
Fahnen seines dritten Gedichtbandes korrigierte.^^ 

Dieser Band dürfte einen Monat später, gegen Ende März, 
erschienen sein. Er war „dem Kadettenkorps der Vereinigten 
Staaten ergebenst gewidmet", einem Korps, das von diesen 
Gedichten nichts verstehen konnte und die fünfundsiebzig Cent 



52) Valentine Museum Poe Letters, Brief 2j. 
J3) Poems, by Edgar A. Poe. Second Edition, New York 1831, 
Elam Bliss. 



In Baltimore hei Frau Clemm 113 

per Band, die man bei der Subskription ausgelegt hatte, gewiß 
bedauert haben wird, da die satirischen Gedidite gegen die 
Lehrer in der Sammlung nicht zu finden waren. 

Den Gedichten ging ein Vorwort voran. Der Brief 
a n B., die erste kritische Arbeit Poes; sie zeigt schon alle 
Vorzüge und Mängel dieses Kritikers. Er entwickelt darin 
seine eigenen poetischen Grundsätze in bezug auf eine „Kunst 
für die Kunst", wie wir sagen, die beinahe Wort für Wort 
Coleridge^* entlehnt sind; er trägt auch seine Theorie der didite- 
rischen Kritik vor, nach welcher der beste Dichter der beste 
Kritiker sein soll; in summa, er plädiert pro domo. Den 
Psychoanalytiker interessiert an dieser Einleitung am meisten 
die herbe und heftige Kritik an den dichterischen „Autori- 
täten", die in dem Brief an B. zum ersten Male auftaucht. 
Wordsworth wird in der Luft: zerrissen, auch Coleridge, der 
Halbgott Edgars, wegen seiner „Metaphysik" nicht verschont, 
Dr. Johnson bekommt einen festen Hieb. Dieser BriefanB. 
ist aus West Point datiert. Und es ist nicht etwa reiner Zufall, 
daß Poe in der gleichen Zeit, in der für ihn, unter dem Ein- 
fluß des durdi den Tod seiner „Ma" wieder lebendig ge- 
wordenen Ödipuskomplexes, die Morgenröte seiner Dichtung 
sichtbar wurde, einerseits im realen Leben mit seinem Vater 
John Allan brach und anderseits diese Serie scharfer Kritiken 
zu schreiben begann, in der die „Väter" der Dichtkunst nieder- 
geschlagen und vernichtet werden. 

Sein Haß gegen den „Vater" war ebenso mächtig ange- 
wachsen wie seine tiefe Liebe zur „Mutter" und verursachte 
die Kritik, wie jene Liebe die Dichtkunst zeugen konnte. 

Aber weder das Erscheinen der Gedichte noch die Freund- 
liciikeit des Elam Bliss, der den jungen Dichter manchmal zu 
Tisch lud, reichten dazu aus, ihm das Leben erträglich, möglich 

J4) Israfel, S. 307. 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 8 




114 Das Leben Edgar Poes 



zu machen. Daher schrieb er in einem neuen Anfall von Ver- 
zweiflung an den Obersten Thayer und bat ihn um seine 
Unterstützung, damit er durch die Hilfe La Fayettes in die 
damals aufständisdie polnisdie Armee aufgenommen werde. 
Edgar erklärt, er wolle nach Paris abreisen. Der Brief blieb 
ohne Antwort; daher schiffte sich Edgar nach Baltimore ein, 
wo er Ende März bei Frau Clemm ankam. Die Großmutter 
war jetzt schon ganz gelähmt, Henry lag im Sterben, Virginia 
war nicht ganz neun Jahre alt. Edgar hatte eine Mutter und 
ein Dach wiedergefunden. 



Hervey Allen nennt die zwei nädisten Jahre: die myste- 
riösen Jahre. Aus dieser Zeit sind uns tatsächlich wenig 
Dokumente erhalten geblieben, die wenigen geniigen jedoch, 
das Leben Poes von 1831 bis 1833 zu rekonstruieren. 

Zuerst scheinen sich Henry und Edgar Poe, die von neuem 
unter demselben Dach hausten, gemeinsam um ein junges 
Mädchen, das Kate Blakely hieß, beworben zu haben. Edgar 
schickte ihr Verse, die Beziehungen blieben platonisch. 

Aber bald konnte Henry das Bett in der Mansarde 
nicht mehr verlassen, die er mit seinem Bruder teilte. Am 
I. August 183X starb Henry Poe an Tuberkulose, und Edgar 
stand zum zweiten Male in seinem Leben dem Antlitz eines 
der Seinen gegenüber, das blaß und abgezehrt auf dem 
Polster lag. 

Nun war Edgar in seinem kleinen Mansardenzimmer allein. 
Er hatte niemanden „vom Handwerk" mehr um sich, dem 
er die an den langen Abenden entstehenden Verse hätte vor- 
tragen können, und Henry hinterließ Edgar als Erbschafl: bloß 
eine Schuld von achtzig Dollar, zu der es im Verlauf der 
Krankheit gekommen war. Edgar schrieb nun John Allan 



> 



In Baltimore bei Frau Clemm iij 

einen Jammerbrief,'"' der voll Heimweh nadi dem „home" in 
Ridimond war. John Allan antwortete aber wieder nicht. 

Edgar hatte also endgültig die Unterstützung durch seinen 
„Pa" verloren. Da er nun in gewisser Hinsicht ein Kind ge- 
blieben und unfähig war, seine materielle Existenz selbst zu 
ordnen, brauchte er sein ganzes Leben hindurch den bevor- 
mundenden Geist, der ihm Nahrung und Obdach gab. Den 
fand er hier. Zu seinem Glüds war im Herzen seiner Tante 
Maria Clemm ein Platz für ihn bereit. Henry Poe war ge- 
storben; Henry Clemm war ein Trunkenbold und brutal. 
Edgar kam nun viel besser als Henry dem ungeheuer großen 
Bedürfnis der armen Witwe nadb Liebe entgegen. Er wurde 
daher von Tag zu Tag inniger ihr wirklicher „Sohn" und 
teilte mit Virginia die unendlichen Schätze ihres weiten mütter- 
lidien Herzens. 

Maria Clemm vollbrachte "Wunder, um diese ganze Gesell- 
schaft zu ernähren: Henry, Virginia, Edgar und die alte ge- 
lähmte Mutter. Sie machte Näharbeiten. Und wenn sie mit 
ihrer kräftigen Gestalt und dem breiten Gesicht, das von einer 
Witwenhaube umrahmt war, fortging, trug sie auf ihrem Arm 
fast immer jenen berühmten Korb, in den sie die Geschenke 
legte, die sie für die Ihrigen hier und dort, bei Verwandten 
und Freunden erbettelt hatte, wenn die magern Mittel des 
Hauses nicht genügten, um sie zu ernähren. 

In dem armen Heim herrschte das Elend. Und damit das 
Elend seinen Gipfel erreiche, wurde Edgar am 7. November 
1831 bedroht, wegen Schulden eingesperrt zu werden, wegen 
der achtzig Dollar seines Bruders, die er als seine eigene Schuld 
anerkannt hatte. 

Vergebens schrieb er am 18. November neuerdings an Allan 
einen Brief, in dem er ihn anflehte, ihn zu retten. Vergebens 

jj) Valentine Museum Poe Letters, Brief 26. 

8* 




"n 



"^ Das Leben Edgar Poes 



versudite am 5. Dezember Frau Clemm, durch ihre innige 
Bitte seinem Flehen Nachdruck zu geben: es sei ihr mit größter 
Mühe gelungen, zwanzig Dollar aufzutreiben, sechzig fehlten 
noch, ob Allan sie nicht schicken wolle? Und da Poe jioch 
immer keine Antwort erhielt, schrieb er am ij., am 29. De- 
zember wieder und wieder Briefe an Allan, in denen er sidi 
neuerdings demütigte.^" 

Inzwischen hatte Allan, nach dem Empfang des Briefes der 
Frau Clemm, an John Walsh, einem Geschäftsfreund in Balti- 
more, geschrieben, er möge Poe aus der Haft befreien und ihm 
überdies zwanzig Dollar übergeben. Aber Herr Allan 
hatteseinenBriefinderLadevergessen. Erst 
im Januar 1832 bekam Poe dieses Geld, das die letzte Unter- 
stützung war, die jemals wieder von seinem „Pa" kommen 
sollte. 

Seit seiner Rückkehr nach Baltimore suchte Poe eine Be- 
schäftigung. Vergebens. Nun setzte im Sommer 1831 der Phila- 
delphia Saturday Courier einen Preis von hundert Dollar für 
den Autor der besten Geschichte ausj Poe schrieb für diese 
Konkurrenz einige Erzählungen und reichte sie ein. Die 
Gedichtbände hatten ihm kein Geld eingebracht; er versuchte es 
daher auf einem andern Geleise. 

In den Jahren 1831 und 1832 vernachlässigte er die Poesie;" 
er begann sich der Prosa zu widmen. Die Tage, die er in der 
von seinem Bruder verlassenen Mansarde der Frau Clemm 
verbrachte, um die Geschichten des Folio Clubs 

56) Valentine Museum Poe Letters, Brief 27, 28, 29 und 30. 

57) Aus jener Epodie kennen wir bloß „Das Kolosseum" 
{The Cohseum), ein durdi die Antike inspiriertes Gedidit, in dem 
die „Rume" besungen wird, und „Politian", das Fragment eines in 
Itahen spielenden Dramas, in welchem von neuem die Frau als 
Opfer des Mannes auftaudit. Lalage sdilägt übrigens darin ihrem 
Radier Politian, mit dem sidi Poe identifiziert, vor, mit ihr nadi 
Amerika zu fliehen. 



In Baltimore bei Frau Clemm 



117 



zu schreiben, werden zu einem bedeutenden literarisdien 
Datum.^^ 

In diesem ersten Teil unserer Arbeit sollen die Erzählungen 
Poes nicht analysiert werden; diese Untersudiung ist zu 
wichtig und würde an unserer Stelle die Kontinuität des 
Berichtes von seinem Leben zu sehr unterbrechen. Die Gedichte 
vermengen sich in einer augenscheinlicheren, mehr an der Ober- 
fläche liegenden Art mit seinem Leben: man kann daher im 
Vorübergehen von ihnen Notiz nehmen und sie sofort 
studieren. Die Erzählungen hingegen führen ihre Wurzel 
meistens in viel tiefere Schichten des Unbewußten hinab. Denn 
das äußere Bedürfnis nach Geld, das Poe bedrängte, hätte nie 
genügt, aus ihm den Erzähler zu machen, den wir kennen; 
es mußte noch das innere Bedürfnis hinzukommen, mehr aus- 
drücken zu können, als die Poesie möglich machte: den ganzen 
Traum und Alp seiner Seele. 

„Der Schrecken, von dem ich erzähle, kommt nicht aus 
Deutschland, sondern aus der Seele", sdirieb er selbst,^" um 
sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, er sei ein Nachahmer 
der Deutschen, z. B. Hoffmanns, dessen Erzählungen er 
übrigens (wie Woodberry behauptet) nur sehr oberflächlich 



j8) Tales of the Folio Club: Manuscript Found in a Bottle; 
Berenice; Morella; Some Passages in the Life of a Lion (Lionizing); 
The Unparalleled Adventures of One Hans Pfaall; The Assignation 
(The Visionary); Bon-Bon; Shadow (a Parable); Loss of Breath, 
a Tale neither in nor out of „Blackwood" ; King Pest, a Tale con- 
taining an Allegory; Metzenger stein; The Duc de l'Omelette; Four 
I Beasts in One, The Homo-Cameleopard; A Tale of Jerusalem; 
\ Silence, a Fable; A Descent into the Maelström. 

(V.E., Bd. 2, S.XXXV.) Woodberry (II, S.40if.) ist der 
[Ansicht, A Descent into the Maelström gehöre nidit zu den 
„Gesdiithten des Folio Clubs". 

59) Vorwort zu den „Tales of the Grotesque and Arabesque", 

1840: „. . . that terror is not of Germany, but of the soul." (V. E., 

[Bd. I, S. iji.) Poe scheint übrigens nidit deutsdi gekonnt zu haben. 



ii8 Das Leben Edgar Poes 

gekannt zu haben sdieint. Mit Recht behauptet Poe, von 
äußeren Einflüssen unabhängig zu sein, da diese nichts anderes 
als „"Wiedererwecker" dessen sind, was bereits in uns 
schlummert. Kein einziger dieser äußei-en Gründe, weder das 
Bedürfnis, dem Elend zu entgehen, noch die Anregung durdi 
irgendein Vorbild, noch der Alkohol oder das Opium, zu 
dem er damals, wie man glaubt, seine Zuflucht genommen, 
hätte also genügt, um Poe die Berenice, Ligeia, Das 
Haus Usher oder Die schwarze Katze einzugeben. 
"Wir wissen fast nichts aus jenen mysteriösen Jahren als die 
Tatsadie, daß Poe sie dazu verwendete, seine ersten Er- 
zählungen zu schreiben, und daß er beinahe den ganzen Tag 
in der Mansarde der Frau Clemm eingeschlossen und selten 
draußen anzutreffen war. 



Das widitigste Ereignis seines damaligen Lebens war die 
Liebe zu Mary Devereaux, einem jungen Mäddien, das in die 
Reihe der „Schwestern" gehörte. 

"Wir kennen den Verlauf dieser Episode durch den Bericht, 
den sie selbst ungefähr vierzig Jahre später niedersdirieb."" 
Die Mansarde, die Edgar bewohnte, blickte auf die Rückwand 
der Häuser der Essex Street in der alten Stadt. Poe hielt sidi in 
ihr stundenlang auf und arbeitete. Eines Tages erblickte er 
jenseits der Höfe, in denen "Wäsdie trocknete, ein hübsdies 
Mädchen, das beim Fenster des gegenüberliegenden Hauses saß. 
Sie hatte helles kastanienbraunes (auburn) Haar, das nadi 
der damaligen Mode in gekräuselten Locken aufgesteckt war. 
Diese Haare und das hübsche Mädchen verführten den jungen 
Edgar, und hüben und drüben begann ein Flirt mit Tasdien- 
tüdiern. Eine andere kleine Nachbarin, Mary Newman, kam 

60) Jsrafel, S. 331 ff. 



In Baltimore bei Frau Clemm 



"9 



bald zu diesem Spiel dazu, und beide Mäddien unterhielten sidi 
über den romantisdien jungen Menschen, von dem man im 
I viertel wußte, daß er Soldat und Dichter sei. 

An einem Sommernachmittag, als die beiden Mary bei 
den einander benachbarten Toren ihrer Häuser standen, ging 
der junge Edgar vorüber. Er grüßte sie. „Kennst du ihn?", 
flüsterte Mary Newman der Mary Devereaux zu. „Nein", 
antwortete diese, obwohl sie schon den Bitten Edgars nach- 
gegeben und ihm durch die Vermittlung Virginias, die als 
Botin diente, eine Locke von ihren Haaren geschickt hatte. 
Edgar ging auf beide zu; und da Mary Newman ins Haus 
zurückgerufen wurde, blieb er mit dem Mäddien, das er liebte, 
allein. Er sprach mit ihr von ihren Haaren, von diesen Haaren, 
welche, wie er sagte. Dichter verrüdit machen können. 

Seit diesem Tag besuchte er Mary Devereaux jeden Abend, 
ein ganzes Jahr hindurdi; sie fügt hinzu, daß er während 
dieser ganzen Zeit, soviel sie wenigstens wisse, nidit ein 
einziges Mal getrunken habe. Er konnte, sagt sie auch, 
Menschen mit dunkler Haut nicht leiden."^ Er liebte voll „Ver- 
zweiflung", geriet leidit in Zorn und war sehr eifersüchtig. 
Er hatte seine Gefühle kaum in der Gewalt, sein seelisches 
Gleichgewidit war oft gestört, er hatte, wie Mary meint, 
„zuviel Gehirn". Er machte sich über alles lustig, was heilig 
war, und ging niemals in die Kirche. Er sprach häufig von 
einem Geheimnis, das auf ihm laste, und das er niemals werde 
ergründen können. Er glaubte, er sei geboren, um zu leiden, 
und das vergifte sein ganzes Leben. Frau Clemm sprach auch 
in Andeutungen von einem Familiengeheimnis, von irgend- 
einer Schande. 

„Eddy" sprach mit Mary immer nur von seiner Liebe, nie 
von seiner Poesie. Virginia überbrachte Mary die Briefe, die 

6i) Die Gesichtsfarbe seiner Mutter muß bei ihrem sdiwarzen 
Lodsenhaar bleidi und weiß gewesen sein. 



"° Das Leben Edgar Poes 



\ 



Edgar ihr sdirieb, und am Abend gingen sie gemeinsam aus 
und ließen sich häufig auf einem der Hügel außerhalb von 
Baltimore nieder. 

In einer Mondnacht, als sie eine Brücke überschritten, an 
deren Ende das Haus eines Pastors stand, packte Eddy Marys 
Arm, er wollte sie ins Haus hineinziehen: „Komm Mary, 
heiraten wir, wir könnten ebensogut jetzt wie zu irgendeiner 
anderen Zeit heiraten." 

Das Haus Marys war ganz in der Nähe; sie kümmerte 
sich nicht um seine Worte und ging einfadi nadi Hause. 
Sie erzählt außerdem, daß ihr Bruder sich dem Gedanken 
an eine Heirat mit Eddy widersetzte, weil dieser „unfähig 
sei, sein Leben zu verdienen", wie Allan, der auch gegen 
die Heirat war, Eddy geschrieben haben soll(?); und sie 
erzählt auch, wie sie eines Abends auf die Aufforderung eines 
gewissen Herrn Morris die Lieblingsromanze Eddys sang 
{Come, rest in this bosom — Komm', ruh auf diesem Busen), 
was Eddy vor Eifersucht ganz toll machte. 

Sie berichtet schließlidi von jener Szene, die den Bruch 
herbeiführte. Eines Abends wartete sie vergebens bis zehn 
Uhr auf die Ankunft ihres Geliebten. Ihre Mutter kam in 
den kleinen Salon herein und sagte ihr, es sei Zeit, sdilafen 
zu gehen. Die Fenster des kleinen Salons waren geöffnet, Mary 
hatte den Arm auf das Fensterbrett gestützt, der Kopf lag auf 
den Armen und sie weinte. Als die Mutter hinausging, ersdiien 
Eddy: er war betrunken. Das sei das einzige Mal gewesen, 
sagt Mary, daß sie ihn in diesem Zustand gesehen habe. 
Das Tor des Hauses war geschlossen, er kam zum Fenster, 
dessen Flügel halb gesdilossen waren und öffnete sie. Er hob 
den Kopf Marys in die Höhe, sagte ihr, daß er auf der Brücke 
Kameraden getroffen habe und dann mit ihnen in Barnum's 
Hotel gegessen und getrunken habe. Er habe sidi so 
schnell als möglich heimlich davongemacht, um sie zu ver- 



In Baltimore bei Frau Clemm 




ständigen. Nun genüge ein Glas "Wein, um ihn betrunken zu 
machen, und er habe an diesem Abend mehr als ein Glas 
getrunken. 

Mary öffnete die Tür und setzte sich mit ihm im Mond- 
schein auf die Treppe. Und dann entstand zwischen den 
beiden Liebenden ein Streit, über dessen Ursache Mary nidit 
sprechen will. Er hatte zur Folge, daß Mary die Treppe 
hinunterrannte, um das Haus herumlief und von rückwärts 
wieder in das Zimmer eilte, in dem ihre Mutter sich aufhielt. 
Die Mutter war verwirrt und fragte: „Mary, Mary, was geht 
denn vor?" Poe war Mary gefolgt und trat nun auch in das 
Zimmer ein. Frau Devereaux befahl ihrer Tochter hinauf- 
zugehen, was diese auch tat, und blieb mit Edgar allein, der 
schrie: „Ich muß mit Ihrer Tochter sprechen! "Wenn Sie ihr 
nicht sagen, daß sie herunterkommen soll, werde ich sie holen 
gehn, ich habe dazu das Recht!" Frau Devereaux, die sehr 
groß und stark war, stellte sich vor die Tür zur Treppe: „Sie 
haben dazu nicht das Recht und werden nicht hinaufgehen"; 
worauf Poe antwortete: „Ich habe das Recht! Sie ist meine 
Frau in den Augen des Himmels!" Da gab Frau Devereaux 
Edgar den Rat, nach Hause zu gehen und sich schlafen zu 
legen; was er auch tat. 

Von diesem Tag an war das Haus Marys für Edgar ver- 
schlossen, und sie schickte ihm seinen ersten Brief, ohne ihn 
zu öffnen, zurück. Sie öffnete den zweiten; außerdem ver- 
öffentlichte Poe in einer Zeitung von Baltimore ein kurzes 
Gedicht An Mary, in welchem er sie der Unbeständigkeit 
anklagte und aus dem man sie wiedererkannte. Daraus ent- 
stand viel Ärgernis, Marys Onkel wurde cowhided, d. h. er 
wurde in seinem eigenen Geschäft: von Edgar gepeitscht. Die 
Devereaux verließen nach diesem Zwischenfall Baltimore. 

So endete die Liebesgeschichte von Edgar und Mary bereits 
auf die gleiche "Weise, auf die später eine andere Liebesgesdiichte 



Das Leben Edgar Poes 



Poes enden sollte. Eine lange, heftige Werbung findet ihr 
Ende in einer Szene, in der Edgar betrunken vor seiner 
Schönen erscheint und davongejagt wird. 



Inzwischen madite Herr Allan in Ridimond am 17. April 
1832 sein Testament. Die Wassersucht bedrohte ihn immer 
heftiger, und Poe sdieint durdi Briefe aus Ridimond Wind von 
dem sdilechten Gesundheitszustand seines „Pa" bekommen 
zu haben. Daher kam Edgar nadi zweijähriger Abwesenheit 
im Juni wieder in Ridimond an. Was erhoffte er sich? Ein 
wenig Neigung, ein wenig Geld, ein wenig Erinnerung? 

Als er jedoch die Türe seines früheren Heims öffnete und 
nach seinem Zimmer verlangte, informierte ihn der alte Neger, 
der das Haus beaufsiditigte, daß das Zimmer des „Marse 
Eddy" in ein Gästezimmer verwandelt worden sei. Nun ver- 
langte Edgar die neue Frau Allan zu sprechen. 

Sie kam in den Salon herunter. Edgar machte ihr heftige 
Vorwürfe: warum hat man ihm sein Zimmer weggenommen? 
Sie antwortete, daß sie Herrin in ihrem Haus sei. Poe ging 
nun so weit, daß er ihr unterschob, sie habe aus Gewinnsucht 
gehandelt, als sie Allan heiratete. Man hörte indessen von oben 
die Stimme eines der Erben seines „Pa". Frau Allan antwortete 
Edgar, daß er hier nidit nur keine Rechte habe, im Gegenteil, 
er sei Allan für seine Wohltat zu Dank verpflichtet. Und dann 
schickte sie diesem in sein Büro die Mitteilung: Edgar Poe 
und sie könnten nicht einen Tag unter demselben Dadi bleiben. 
Edgar blieb inzwischen hartnäckig im Salon sitzen, bis er 
das gewohnte und von ihm gefürditete Geräusch eines Stockes 
auf dem Fußboden und einen ihm wohlbekannten Sdiritt 
hörte — und sich aus dem Staub machte. Er verließ eine 
Tür in dem Augenblick, in dem John Allan in der andern 
ersdiien. 



In Baltimore bei Frau Clemm 



123 



Er flüchtete sich zu den Mackenzies, wo er seine Schwester 
Rosalie wiedersah und wohin ihm die Tante Nancy ein wenig 
Geld schickte. Dann fuhr er nach Baltimore zurück. 

Im Herbst 1832 übersiedelte Frau Clemm aus der Milk 
Street mit ihrer gelähmten Mutter, mit Virginia und Edgar 
in ein ganz kleines Häuschen, 3, Amity Street. Das alte 
Leben voll Elend und Arbeit ging dort weiter. 

Während des ganzen Jahrs 1833 schrieb Poe an Allan nur 
einen einzigen Brief. Dieser vom 12. April datierte Brief ist 
ein Dokument der Verzweiflung. Poe teilt darin seinem Vor- 
mund mit, daß er ohne Geld sei, ohne Arbeit, ohne Freunde, 
krank: „um Gotteswillen, haben Sie Mitleid mit mir und retten 
Sie midi vor dem Untergehen.""^ Allan antwortete auch 
diesmal nicht, und dieser vergebliche Hilferuf war der letzte, 
den Poe seinem „Pa" schicken sollte. 

Die Hydropsie des Herrn Allan machte große Fortschritte. 
Gegen Ende Juli begab er sich mit seiner ganzen Familie, seiner 
Frau, seiner Schwägerin, den Kindern und den Dienern, mit 
einer wahren Karawane zu den Virginia Hot Springs, den 
warmen Quellen Virginias, um dort, vergeblich, Heilung zu 
suchen. 

Inzwischen nahm aber das Schicksal Edgars eine "Wendung 
zum Besseren. Zwar hatte der Philadelphia Saturday Courier 
keine seiner Einsendungen preisgekrönt, aber als im Juli 1833 
der Baltimore Saturday Visiter einen Preis von fünfzig Dollar 
für die beste Erzählung und von fünfundzwanzig Dollar für 
das beste Gediciit, die eingeschickt würden, ausschrieb, tat Poe 
dennocii mit. Die Schiedsriciiter bei diesem Ausschreiben waren 
John P. Kennedy, Dr. James H. Miller und J. H. B. Latrobe; 
von dem Letztgenannten haben wir einen Bericht über die 
Sitzung, in der die Erzählungen und Gedichte vorgelesen wurden. 

62) „For God's sake pity me, and save me from destruction." 
{Valentine Museum Poe Letters, Brief 31.) 



1^4 Di»^ Leben Edgar Poes 



Man sieht, wie das junge Genie Poes gleich im ersten Anlauf 
seine Zuhörer gepackt hatte. Poe erhielt den Preis von fünfzig 
Dollar für seine Erzählung: Das Manuskript in der 
Flasche, und er bekam nur deshalb nicht audi den Lyrik- 
preis (für sein Gedicht Das Kolosseum), weil die Preis- 
richter zögerten, beide Preise demselben Autor zu geben. 

Als Das Manuskript in der Flasche mit den 
lobenden Bemerkungen der Sdiiedsriditer veröffentlidit wurde, 
wandte sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem Namen 
Edgar Poes zu. Dieser dankte seinen Riditern persönlich. 

Latrobe hat uns ein pittoreskes Bild von jenem Besudi 
gemalt, bei dem Poe ebenso düster gewesen zu sein scheint 
wie sein „Rabe": „er war ganz in Sdiwarz gekleidet, sein 
Anzug war bis zum Hals zugeschlossen und reichte bis zu 
der schwarzen Krawatte . . ., so daß keine Spur von "Weiß zu 
sehen war." Er berichtet uns auch, daß der Dichter eben damals 
durch eine jener Krisen von heftigster Erregung hindurch- 
gegangen sei, welche mit Perioden von Depression ab- 
wechselten: Poe, der um diese Zeit die Reise in den 
Mond (Hans Pfaall) schrieb, bildete sich ein, während 
seiner Beschreibung der Reise selbst zum Mond gefahren zu 
sein, er gestikulierte, schlug die Hände ineinander, klopfte mit 
dem Fuß auf den Boden und sprang in die Luft. 

Es gab damals in Baltimore zwei literarische Gesellschaften: 
die eine, die künstlerisch bedeutendere, wurde von Kennedy 
und Gwynn geleitet; zur andern gehörten die Schriftsteller, 
die mehr für den volkstümlichen Geschmack der Magazine 
schrieben. Poe schloß sich der ersten Gruppe an, und Kennedy, 
der vom Genie des Dichters gleich im ersten Anlauf erobert 
worden war, wurde sein Sachwalter und sein Freund, er 
„lancierte" ihn. 

So ging das Jahr 1833 zu Ende, beschienen von den 
ersten Strahlen eines beginnenden Ruhms, die aber doch nicht 



In Baltimore bei Frau Clemm 



125 



das Elend aus einem armen Heim verscheuchen konnten. In 
Ridimond lag John Allan im Sterben. Und zu Beginn des 
neuen Jahres stand Edgar Poe noch einmal vor dem Hause 
der Allans, er versuchte wohl, von seinem Adoptivvater doch 
noch Verzeihung zu erlangen und für seine „Recäite" ein- 
zutreten. 

Man erzählt, daß sich Edgar sofort nadi seiner Ankunft ins 
Haus stürzte, den alten Hausmeister, der ihn anhalten wollte, 
wegschob, in einem Sprung die Treppe hinaufgeklettert war 
und ins Zimmer eindrang, in dem Allan, den die Hydropsie 
an den Stuhl fesselte, von seinen Polstern umgeben dasaß und 
die Zeitung las; den Stock hatte er neben sich. Der alte Mann 
hob die Augen von seiner Zeitung auf und sah plötzlich in der 
Türe eine Erscheinung aus der Vergangenheit: seinen „Adoptiv- 
sohn", der verlegen wie immer vor seinem „Pa" stand. Und 
nun wollte Edgar ins Zimmer treten. Aber John Allan packte 
den Stock, den er neben sich hatte, sprang halb auf und 
schwang ihn in der Luft; dabei spie er einen Sturzbach von 
Beschimpfungen aus. Seine Frau und seine Diener, die durch 
sein Sdireien angelockt waren, liefen herbei, und dieselben 
schwarzen Sklaven, die ehemals Edgar bedient hatten, warfen 
ihn aus dem Haus hinaus. Das war die letzte Unterredung 
zwischen diesem „Vater" und diesem „Sohn". 

Am 27. März 1834 starb John Allan. Seine "Witwe focht 
das Testament an, welches außer verschiedenen Zuwendungen 
an die Familie John Allans auch nocäi ein Legat für die 
illegitimen Zwillinge und deren Mutter Frau Wills enthielt. 
Edgar wurde in diesem Testament niciit einmal genannt. Damit 
war sein Elend endgültig beschlossen, keine noch so schwache 
Hoffnung gab es mehr auf eine Versöhnung mit dem scäiwer- 
reichen Vormund. 

Poe hatte nun keine andere Stütze mehr auf der Welt als 
Frau Clemm. Nacii seiner Rückkehr zu dem einzigen Menschen, 



126 Das Leben Edgar Poes 

bei dem er von nun an Schutz finden sollte, dürfte audi der 
Gedanke an eine Heirat mit Virginia in seinem Kopf ent- 
standen sein und eine festere Form angenommen haben. Vir- 
ginia war damals kaum zwölf Jahre alt, Edgar fünfund- 
zwanzig. Diese „Idylle", wie einige gesungen haben, war für 
Frau Clemm ein bequemes Abkommen, für Virginia, das 
kleine Mädchen, das den großen Vetter verehrte, eine glüds- 
volle Unterwerfung; für Edgar enthielt die Heirat mit seiner 
kleinen Cousine noch ganz andere, bedeutende Reize, von 
denen später die Rede sein wird. 

Aber die große Jugend Virginias war ein Hindernis für 
eine sofortige Heirat. Außerdem machten die Neilson Poes 
Vorstellungen. Man wartete also ab. 

In den Jahren 1834 — 1835 lebte die Familie in furchtbarer 
Armut. Carey, Lea &; Carey, denen Poe das ganze Manuskript 
der Geschichten des Folio Clubs geschickt hatte, 
waren mit der Veröffentlichung noch nicht herausgekommen. 
Die wenigen Erzählungen, die in den Zeitungen ersdiienen, 
stellten nur ein mageres Einkommen dar. Der rettende Engel 
dieser Tage war Kennedy, dem Poe in einem herzzerreißenden 
Brief den ganzen Umfang seines materiellen Elends ver- 
raten hatte — er konnte nämlich einer Einladung zu einem 
Essen nidit folgen, da er keine passenden Kleider besaß. 
Kennedy gab ihm daraufhin Kleider, freien Tisch und lieh ihm 
sogar sein Pferd, damit er wieder in Übung komme — die 
vornehmste Aufmerksamkeit, die man einem Gentleman Vir- 
ginias erweisen konnte. 

Aber den größten Dienst leistete Kennedy Poe dadurdi, 
daß er ihm eine Empfehlung an "White gab, an den „Drucker 
und Eigentümer""^ des Southern Literary Messenger in Ridi- 



63) „Printer and Proprietär", so nannte White sidi selbst (V. E., 
Bd. 8, S. V). 



1 



In Baltimore bei Frau Clemm 



127 



niond. Poe schickte nun seine Erzählungen an White. B e r e- 
n i c e, dann M o r e 1 1 a wurden angenommen und im März 
und April 1835 mit lobenden Begleit Worten veröffentlicht. 
Poe schickte White aus Baltimore auch seine ersten kritischen 
Artikel. White, der ein ausgezeichneter Geschäftsmann war, 
fehlte es jedodi an den literarisdhen Eigenschaften, die für den 
Erfolg seiner Zeitung nötig waren. Er erriet, daß Poe der 
Mensch sei, den er brauche, und er fragte bei ihm an, ob er 
bereit sei, nach Richmond zu kommen. 

Da die alte Frau Poe am 7. Juli 1835 gestorben war, 
bestand die Familie nur mehr aus Frau Clemm, ihrer Tochter 
und Edgar. Nichts hielt Poe mehr in Baltimore zurück. Frau 
Clemm und Virginia sollten folgen. Er fuhr in der Mitte dieses 
Sommers allein nach Richmond voraus. 




IN RIGHMOND 

DER KRITIKER DES „SOUTHERN LITERARY 

MESSENGER" 

DIE HEIRAT MIT VIRGINIA 

In Ridimond lebte Poe zuerst einige Tage bei den 
Mackenzies, dann mietete er sidi bei einer Frau Poore ein, die 
eine Pension hatte. Von hier ging er ins Büro des Southern 
Literary Messenger — das neben dem alten Comptoir der Firma 
Ellis &; Allan lag — oder aber er besuchte jene alten Freunde, 
die ihn gut aufgenommen hatten, die Mackenzies zum Beispiel, 
die Galts, Bob Cabell, Rob Stanard, und audi Herrn "White, 
seinen Arbeitgeber, dessen Toditer Eliza, ein recht gebildetes 
Mädchen, ihm gefallen zu haben scheint. Einige „Anhänger" 
Allans weigerten sich, ihn zu empfangen; aber sie waren nicht 
sehr zahlreich. Und eines Abends, bei einer gesellsdiafllichen 
Veranstaltung, die in einem großen Haus jenseits des Flusses 
stattfand, stand Edgar seiner Elmira gegenüber. Die Erregung 
war auf beiden Seiten riesengroß. Aber bevor sie noch ein 
einziges Wort hatten wechseln können, führte der erschrockene 
Shelton seine Frau fort. Edgar hatte das Gefühl, Elmira ein 
zweites Mal verloren zu haben. 

Inzwisdien kamen aus Baltimore Nachrichten, die ihn zur 
Verzweiflung brachten. Er mußte nämlichi fürchten, die Hoff- 
nung seines Lebens zu verHeren. Die Neilson Poes hatten sich 
seine Abwesenheit zunutze gemacht und auf Frau Clemm 
einen Druck auszuüben versucht, damit ihm Virginia ge- 
waltsam weggenommen werde und bei ihnen wohne; sie 
wollten das Mädchen vor einer Heirat bewahren, die sie ver- 
urteilten. Poe, der in Richmond allein war, geriet wieder in 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia iz^ 

einen seiner gewohnten Depressionszustände und begann nun 

\ — wie in Charlottesville, wie in "West Point — zu trinken. 

Besonders bei Frau Poore trank er, in der Pension, in der 

er wohnte. Er trank sogar am Morgen, bevor er in die Re- 

' daktion des Southern Literary Messenger zur Arbeit ging. Er 

t arbeitete trotzdem. 

Aber man hört den Schrei der Verzweiflung aus dem Brief 
heraus, den er am ii. September an Kennedy sdirieb: 

„Idi bin in diesem Augenblidi in einer erbärmlichen Stimmung. 
Ich leide an einer seelischen Depression, wie ich sie nodi nie 
empfunden habe. Ich habe vergebens gegen diese Melancholie an- 
gekämpft — Siewerdenesmirglauben, wenn ich Ihnen sage, 
daß ich unglücklich bin, trotzdem sich meine Lage so gebessert hat . . . 
idi bin unglücklich und weiß nicht warum. Trösten Sie mich — 
denn Sie können es! Aber das muß schnell sein — oder es ist zu 
spät. Schreiben Sie mir unverzüglich. Überzeugen Sie mich, daß es 
der Mühe wert ist, ja daß es notwendig ist zu leben. Und Sie 
werden mir damit beweisen, daß Sie mein Freund sind. Überzeugen 
Sie mich davon, daß ich machen soll, was gut ist.""* 

Auf diesen Brief hin antwortete ihm Kennedy, der beste 
Freund Poes, der Mensdi, der ihn als erster „verstanden" hatte, 
mit dem Rat, er solle versuchen, einige Possen in der Art der 
französischen „Vaudevilles" zu schreiben, um dadurch sein Ein- 
kommen zu erhöhen. So falsch kann ein Mensch den andern 
verstehen. 

Inzwischen aber hatte "White Poe wegen seiner Anwand- 
lungen von Unmäßigkeit, durch die er augenscheinlidi wie alle 

64) My feelings at this moment are pitiable indeed. I am 
suffering under a depression of spirits sudi as I have never feit 
before. I have struggled in vain against the influenae of this melan- 
choly — you will helieve me when I say that I am still miserable 
in spite of the great improvement in my circumstances ... I am 
wretdied, and know not why. Console me — for you can. But 
let it be quickly — or it will be too late. "Write me immediately. 
Convince me that it is worth one's while, that it is at all neces- 
sary to live, and you will prove yourself my friend. Persuade me 
to do what is right (V. E., Bd. 17, S. 17). 

Bonaparte: Edgar Poe. I. g 



13° Das Leben Edgar Poes 



i 



Giflsüchtigen seinen Depressionszuständen zu entgehen ver- 
suchte, entlassen. Poe war in großer Not nach Baltimore 
zurückgekehrt. Und Frau Clemm, auf die wahrscheinlich die 
Verzweiflung ihres lieben Eddy einen tiefen Eindruck machte, 
willigte ein, daß er Virginia sofort heirate. Die Zeremonie 
wurde in aller Heimlichkeit am 22. September 1835 in der 
Episkopalkirche vom heiligen Paul gefeiert, Frau Clemm war 
der einzige Zeuge. Die Heirat mit Virginia, einem kleinen 
Mädchen von dreizehn Jahren, wirkte auf Eddy wie ein 
schmerzlinderndes Mittel. 

Am 29. September war White, der damit vermutlich auf 
einen Brief Poes antwortete, einverstanden, ihn wieder beim 
Messenger aufzunehmen. Aber der Brief warnt in einem 
freundschaftlichen Ton eindringlichst vor der „Flasche", und 
„es versteht sich von selbst", schreibt White, „daß jede Ver- 
pfliciitung meinerseits in dem Augenblick annulliert ist, in 
dem Sie sich betrinken werden". Einige Tage später kam Poe 
wieder nach Riciimond zurück, ihm folgten sofort Frau Clemm 
und Virginia, mit denen er sich diesmal in der Pension einer 
Frau Yarrington häuslich niederließ. 

Seit dem Wiedereintritt Poes im Southern Literary Mes- 
senger wuchs die Zahl der Abonnenten, die vorher nur einige 
Hundert betrug, schnell an. Poe entfaltete eine überaus 
fruchtbare Tätigkeit. Im Jahre 1835 allein veröffentliciite er 
außer kritischen Notizen und Leitartikeln siebenunddreißig 
Referate über amerikanische oder ausländische Bücher und 
Zeitschriften, neun Erzählungen, vier Gediciite und Auszüge 
aus dem P o 1 i t i a n. 

Die Gediciite dieser Zeit (To Sarah, ein Gedicht, das von 
Elmira inspiriert wurde, To Mary, The Hymn) gehören zu 
den unbedeutenderen Leistungen des Lyrikers; die Mehrzahl 
der Erzählungen stammte aus dem in Baltimore abgefaßten 
Manuskript der Geschichten des Folio Clubs. In 




In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



131 



dieser Zeit des Southern Literary Messenger ruhte also die 
schöpferische Kraft Poes; dafür erwachte der große und ge- 
fürchtete Kritiker, der Poe für seine Zeitgenossen werden sollte. 

Im Dezember 1835 wurde das große Publikum durch die 
Hinrichtung" eines abgeschmackten Romans, der damals sehr 
beliebt war, durch die Hinriditung des Norman Leslie von 
TheodoreFay auf Poe eindringlichst aufmerksam gemacht. 
Ein derartiger Ton war in der amerikanisdien Kritik noch nie 
zu hören gewesen. Poe zog sich durch diese Arbeit die Feind- 
seligkeit des „Nordens" zu, da Fay zur Gesellschaft der Knicker- 
bocker gehörte, welche die Revue des Nordens herausgab. Aber 
durch den gleichen Streich wurde er berühmt. Von nun an mußte 
man ihn fürchten, hassen, besdiimpfen, aber audi bewundern. 

Im gleidien Monat wurde er Chefredakteur"^ des Southern 
Literary Messenger und sein Einkommen betrug bereits fünf- 
hundertzwanzig bis achthundert Dollar jährlich. Die kleine 
Familie litt nun wenigstens nicht mehr Hunger, von Wohl- 
stand war man Jedodi nodi weit entfernt. Vergebens hatte Frau 
Clemm versucht, auf ihre Redinung eine Pension zu eröffnen; 
es mußte daher der Plan, eine andere Wohnung zu mieten, 
aufgegeben werden. Außerdem wurde im Februar von Carey, 
Lea & Carey das Manuskript der Geschichten des 
Folio Clubs zurückgeschickt, und im März lehnten auch 
die Harpers die Herausgabe ab. 

Am 16. Mai 1836 heiratete nun Poe Virginia vor der 
Öffentlichkeit. Die Zeremonie fand in der Pension der Frau 
Yarrington statt. Das Paar wurde diesmal durch einen presby- 
terianischen Pastor miteinander getraut.''" Virginia hatte ein 



65) Editor. 

66) Edgar gehörte der episkopalen Kirche, der Religion der 
Allans an; seine Familie väterlidierseits war presbyterianisch, da 
die Poes von sdiottisdien Protestanten, die im 17. Jahrhundert in 
Irland Zufludit gefunden hatten, abstammten. 



IJJ 



Das Leben Edgar Poes 



Reisekleid an, sie trug einen weißen Hut und einen Schleier 
Unter den Eingeladenen befand sich White und seine Toditer 
Eliza; und man aß Kuchen, den Frau Clemm gebacken hatte. 
Aber obwohl die Mäddien im Süden manchmal sehr jung 
heiraten, hielt man es für nötig, die Bestätigung des Thomas 
Cleland, der Drucker beim Messenger war, eines frommen 
Presbyterianers, zu erlangen, eine Bestätigung, an deren Wahr- 
heit Cleland wohl geglaubt haben mußte und in der er erklärte 
daß Virginia einundzwanzig Jahre alt sei. Trotzdem fand der 
Reverend Amasa Converse, daß die Braut sehr jung aussehe. 
Die Eheleute verbraditen ihre Flitterwochen in Petersburg 
bei einem befreundeten Journalisten, aber vor Ende Mai waren 
sie schon wieder zurück in der Pension Yarrington bei Frau 
Clemm. Bald nachher mietete diese eine kleine Wohnung 
in der Seventh Street, nahm dort einige Pensionäre auf und 
begann wieder zu nähen, um die Einnahmen des Haushalts zu 
vergrößern. 

Aber Poe, der jetzt offiziell geheiratet hatte, war nun häufig 
nicht zu Hause. Er besuchte gern die Court House Tavern, 
und kam nur in seine Wohnung, um die Tage der „Krank- 
heit", die seinen Alkoholexzessen folgte, im Bett zu ver- 
bringen. „Die Gesundheit Eddys läßt so viel zu wünsdien 
übrig", sagte dann Frau Clemm, „er kann heute nicht ins 
Büro kommen." Aber White erriet die Wahrheit, und trotz der 
dreiundneunzig Referate, der sechs neuen oder umgearbeiteten 
Gedichte, der vier Essays, der drei Geschiditen aus der Feder 
Edgars, die in seinen Spalten erschienen waren, trotz der Er- 
zählung vom Arthur Gordon Pym, die Poe damals zu schreiben 
begonnen hatte, trotz der Studie über die Maelzel's Chess- 
Player, in der Poe zum erstenmal seine Fähigkeit zu „analy- 
sieren" zeigte (er kam darauf, daß hinter einem angeblichen 
Schachspielerautomaten ein Mensch stecken müsse), trotz des 
Ungeheuern und immer wadisenden Erfolges des Messenger 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



133 



unter seiner Leitung, ein Erfolg, der darin bestand, daß in 
zwei Jahren die Zahl der Abonnenten von fünfhundert auf 
dreitausendfünfhundert gestiegen war, entschloß er sich, Edgar 
aus seinem Unternehmen austreten zu lassen. Die beiden 
trennten sich in gütlichem Einvernehmen. Whites Geduld muß 
jedoch durch die Unmäßigkeit Poes auf eine harte Probe ge- 
stellt worden sein; anderseits hat vielleicht der Ehrgeiz Poes, 
der nodi zu Allans Lebzeiten ausgerufen: „Die "Welt soll mein 
Theater sein!",''' gefunden, der provinziale Schauplatz von 
Ridimond sei gar zu klein für ihn. Er träumte davon, eine 
eigene Zeitsdirifl herauszugeben. 

Und zu Beginn des Jahres 1837 verließ Poe mit Frau 
Clemm und Virginia, nachdem er die paar Möbel, die er besaß, 
verkauft hatte, Ridimond, um sidh nach New York zu begeben. 



Wir müssen uns jedodi jetzt, wie es auch schon mehrere 
Biographen Poes getan haben, die Frage stellen: weldier 
Natur waren die Beziehungen des Dichters zu seiner kindlichen 
Frau, seiner kleinen Cousine Virginia? Stellt man sidi diese 
Frage nidit, dann verurteilt man sich selbst dazu, Edgar Poe 
nicht wirklidi zu verstehen, ja nidit einmal zu ahnen, aus 
welchen Bedingungen sein "Werk und sein Schicksal hervor- 
gegangen sind. 

Schon in Richmond, noch bevor die Tuberkulose Virginia 
zugrunde gerichtet hatte, war sie in ihrer kindlichen Sdiönheit 
und Anmut von einer kreidenen Blässe, die jedem auffiel, der 
sie sah. "War sie schon damals der Krankheit verfallen, die sie 
sich wahrscheinlich durch Henry Poe geholt hatte? Diese 
Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, und der Reiz, 
den für Edgar Frauen hatten, die tuberkulös waren, ein Reiz, 

67) „The World shall be my theatre!" (Valentine Museum Poe 
Letters, Brief 7). 



134 Das Lehen Edgar Poes 

der in ihm tiefer und individueller verwurzelt war, als 
daß er eine oberflächlidie Mode der Zeit hätte sein können, 
war wahrsdieinlidb ein widitiger Faktor bei seiner Neigung für 
die kleine Cousine, die dazu bestimmt war, an Schwindsucht zu 
sterben. Aber wenn auch Virginia damals noch nicht sichtbar 
dieser Krankheit verfallen gewesen, so verriet doch ihr Gesicht, 
daß sie für dieses Leiden „empfänglich sein" mußte. Nun ver- 
steht es das Unbewußte, diese Zeichen zu deuten. Poe nahm 
daher, als er heiratete, eine Kandidatin der Schwindsucht zur 
Frau, eine Kandidatin der gleidien Krankheit, an der seine 
geliebte Mutter, noch bevor er drei Jahre alt geworden, 
gestorben war. 

Aber Virginia war noch etwas anderes als nur die noch 
mächtig werdende Verkörperung seiner Mutter, an die Poe in 
seinem Unbewußten fixiert geblieben. Sie war zu gleicher Zeit 
eine „Schwester", eine ganz kleine Schwester, die Verkörperung 
Rosaliens. Wie diese war sie infantil geblieben und auch dazu 
bestimmt, es zu bleiben, wie diese war audi sie geistig nicht 
sehr entwickelt. Rosalie war damals fünfundzwanzig Jahre alt, 
aber beide Frauen schienen gleidi alt zu sein, wenn sie sich 
im Garten der Mackenzies damit vergnügten, zu schaukeln 
oder Schnur zu springen und wie Kinder zu schreien. Virginia 
blieb ihr ganzes kurzes Leben lang immer die gleidie. Und 
nicht umsonst rief Edgar sie niemals anders als „Sis", was eine 
Abkürzung von „Sister", Schwester, ist. In ihrer zarten, ge- 
brechlichen Gestalt wurde daher für Poe ebenso die ätherisdie 
Mutter, die seit ihrer Kindheit krank gewesen, als audi die 
kleine Schwester von damals lebendig. Zu gleidier Zeit hatte 
er außerdem eine schützende und nährende Mutter in der 
Person seiner Tante und Schwiegermutter, der Frau Clemm, 
erheiratet, die er „Muddy"''^ nannte, ein Name, in dem viel- 
es) Englisch mud = Schmutz, Kot. Ich behaupte übrigens keines- 
wegs, daß diese "Wortassoziation Poe bewußt gewesen ist. Es soll 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 135 

leidit mitklingen sollte, was für erniedrigende Arbeiten sie im 
Haushalt zu madien hatte. 

Virginia entsprach seinem dichterischen „Ideal". Sie hatte 
große, glänzende, sdiwarze Augen, eine etwas zu hohe Stirn 
und rabensdiwarze Haare, die mit einem wachsbleichen Teint 
stark kontrastierten. Eine krankhafte und seltsame Auf- 
gedunsenheit schien ihr bis zu ihrem Lebensende geblieben zu 
sein."^ Sie sah so aus wie die Heldinnen, welche die Ge- 
sdiiditen Edgar Poes bevölkern. 

Biographen Poes, wie Hervey Allen,'^" sind infolgedessen zu 
dem Schluß gelangt, daß Virginia dem Diditer das „Urbild 
seiner Heldinnen" eingegeben habe, als sie in sein Leben 
eintrat. Tatsächlidi erinnert die Berenice, die audi die Cousine 
des Ägeus ist, auf das seltsamste an Virginia; Ligeia hingegen 
mit ihren sublimen Augen und ihrer „"Wissenschaft" gehört einem 
i anderen, größeren, beherrschenderen Typ an. Daß nun Virginia 
'in das furchtbare Königreich eintreten konnte, in dem die 
Seele ihres düsteren Gatten gespensterte, war aber nur möglich, 
weil eine andere den Weg gebahnt hatte. Die erste Liebe des 
Helden ist Ligeia gewesen, sie bereitete für Rowena, seine 
zweite Frau, das unheimliche Hodizeitsgemadi mit den ab- 
geblaßten Goldtapeten vor. Ganz ebenso mußte auch Virginia, 
bevor sie in das Werk und in das Leben Poes eintrat, in 
Elizabeth Arnold eine Vorgängerin gefunden haben. 

Das beweisen übrigens die Gedidite, die Poe geschrieben 
hatte, nodi bevor er in Baltimore neben Frau Clemm und 



audi daran erinnert werden, daß der Kosename für Mutter häufig 
Mutti ist, was stark an das englische, außerdem oft gebraudite Muddy 
anklingt. 

69) Siehe das Aquarell, das nadi ihrem Tod in Fordham ge- 
macht wurde, und das übrigens das einzige Porträt Virginias ist, 
welches wir besitzen. Nadi S. 240. 

70) Israfel, S. 388. 



I2i D"^ Leben Edgar Poes 



1 



Virginia seine Erzählungen verfaßte: die nekrophile Heldin 
lebte also bereits vorher, vor Virginia, in ihm. In West Point 
schon hatte er Die Schläferin und Lenore verfaßt, 
und damals bereits schrieb er, daß er nur dort lieben könne,' 
„wo der Tod seinen Hauch mit dem der Schönheit vermisdie".' 
Aber diese „Fixierung" an die Mutter seiner Kindheit, diese 
vergessene und dodi allmächtig gebliebene Liebe, die der Ab- 
nützung entzogen ist, welcher die bewußten Gefühle unter- 
liegen, mußte für das Liebesleben Edgar Poes ernste Folgen 
haben. Tatsädilich scheint Poe sein ganzes Leben hindurdi 
dieser ersten Liebe „treu" geblieben zu sein, treu in physi- 
schem Sinn. 

Und gerade um dieser Liebe treu bleiben zu können, nahm 
er seine kleine kränklidie Cousine Virginia zur Frau, ohne 
daß er selbst die tieferen Gründe seiner Wahl kannte. Wir 
können uns vorstellen, welche Folgen diese Wahl für die 
intimen Ereignisse seiner Ehe hatte. 

Anfangs, als Edgar Virginia heiratete, war sie zu jung, 
und wegen ihrer zu großen Jugend respektierte er sie, wobei 
er gewiß sich selbst sehr hodi einschätzte. Wenige Männer 
wären zu einer so hohen, so ätherisciien Liebe fähig, wie er, 
Edgar, sie für seine angebetete Frau empfand! Dann ging die 
Zeit weiter und der „Respekt" nahm nicht ab — warum sollte 
sich etwas an dem ätherischen Zauber ändern, der den Lieb- 
haber Eleonorens im Tal des vielfarbigen Grases berauschte? 
Aber bald kam die Krankheit, der „Respekt" wurde zu einer 
gebieterischen „Pflicht", und die ganze physische Leidenschaft, 
die nicht zum Ziel kam, floß bei Edgar in die stets wachsende 
und erregtere Verehrung hinein, die er seiner Kind-Frau 
widmete. Was dachte wohl Virginia von all dem? Wer wird 
das je wissen? Sie war ein Kind, ein einfacher Mensch, geistig 
nicht sehr entwickelt, und sie scheint sich widerstandslos mit 
ihrem Schicksal, mit der Armut, Krankheit, Sorge und dem 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



137 



Respekt" abgefunden zu haben. Sie bewunderte, sagt man, 
ihren Eddy, ohne ihn zu verstehen, und die arme Kranke war 
ihm dafür dankbar, daß er auf sie so viel Rücksicht nahm und 
[zu ihr so zärtlich war. Und Frau Clemm war stolz, daß Eddy 
Isidi seiner Sis so aufopferungsvoll annahm, seiner Frau, die er, 
lals er sie heiratete, nur „wie eine teure Cousine" liebte. Das 
[sollen die eigenen "Worte der Frau Clemm gewesen sein.'^ 

Es wird von mehreren Biographen Poes, vor allem von 
IWoodberry, zugegeben, daß Edgar eine „reine Ehe" geführt 
habe, und sie versuchen, diese Tatsadie verschieden zu erklären. 
Aber während die „Ohnmadit", die Impotenz Poes nadi 
Hervey Allen ''" hauptsächlich durch den Gebrauch des Opiums 
entstanden sein soll, dem er sich zuerst in Baltimore in der 
armseligen Wohnung bei Frau Clemm hingegeben hatte, ist 
sie für Joseph Krutdi^^ vor allem psychischen Ursprungs 

Krutdi erwähnt nidit einmal die Opiumsucht Poes — und 

durdi die Fixierung an die Mutter verschuldet, eine Fixierung, 
die Krutdi zwar nicht sehr genau studiert, wohl aber sehr 



I 



71) Im Newark Courier vom 19. Juli 1900 sdireibt Frau 
Phelps: „Frau Clemm, seine Tante, war die Freundin meiner 
Mutter. Idi erinnere mich, meineMutter und Frau Clemm 
über die Heirat sprechen gehört zu haben. Er liebte 
seine Cousine nur wie eine teure Cousine, als er sie heiratete, sie 
aber war ihm zärtlidi zugetan, und sie war sdiwächlidi und brust- 
krank. Solange sie lebte, widmete er sich ihr mit der ganzen Glut 
eines Liebenden . . ." 

„Mrs. Clemm, his aunt, was my mother's dear friend. I know 
something about . . . (the marriage) having heard my mother 
and Mrs. Clemm discuss it. He did not love his cousin, 

Iexcept as a dear cousin, when he married her, but she was fondly 
attadied to him and was frail and consumptive. While she lived 
he devoted himself to her with all the ardor of a lover . . ." 
(hrafel, S. j/i). 
72) hrafel, S. J70 ff. 
73) Joseph Wood Krutch, Edgar Allan Poe. A Study in 
Genius. London 1926. Alfred A. Knopf. 
\ 



138 Das Leben Edgar Poes 



richtig erkannt hat. Nun scheint die letztere Hypothese wohl 
geeigneter als die erste, das Tatsächliche in Poes Liebesleben 
zu erklären.''* 

Wir wissen, daß sidi Poe in Charlottesville wie in West 
Point, mit sechzehn Jahren ebenso wie mit einundzwanzig, 
Ausschweifungen hingegeben hat. Welcher Art waren diese 
Exzesse? Er trank, er spielte! Frauen werden dabei nirgends 
erwähnt, und unter den Schulden, die Allan seinem Mündel 
vorwarf, ist nicht eine einzige für eine Frau gemacht worden. 
Die ganze Zeit hindurch, die Poe bei der Armee, im Fort 
Independance, im Fort Moultrie oder in der Festung Monroe 
war, hören wir nicht von einer einzigen Frau sprechen. Bloß 
die idealen Schattengestalten der Helen und Elmira schwebten 
vor ihm einher. 



1 



74) Im zweiten Band des Israfel (S. 570 ff.) spricht auch Hervey 
Allen von einer psychischen Inhibition — und erwähnt dabei nidit 
mehr das nach seiner eigenen Ansicht sozusagen normale Betragen 
gegenüber Mary Devereaux. Aber er kann nicht weiter sehen und 
begnügt sidi mit der Mitteilung, daß die Sdiwierigkeit, den Fall 
Poe zu verstehen und zu erklären sowie die Beziehungen zwisdien 
Persönlidikeit und Werk aufzudeAen, daher kommen, daß sowohl 
seine physisdie als auch seine psydiisdie Struktur ganz besonders 
kompliziert aufgebaut seien . . . 

Das einzige, was man sagen könne, fügt er hinzu, sei dies: „Die 
Wurzeln von Poes Unglüdi, seinen Qualen, seinem Zusammen- 
bruch, ebenso wie die seiner Macht als literarischer Künstler stecken 
in irgendeiner Inhibition seines Sexuallebens." 

Dieser verständnisvollen Haltung der jüngsten amerikanisdien 
Biographen Poes kann man als Beispiel Emile Lauvri^re 
gegenüberstellen. In seiner monumentalen „itude de Psychologie 
pathologique" , die er Poe gewidmet hat {Edgar Poe, sa vie et son 
ceuvre, Paris 1904, Felix Alcan 730 Seiten), ist das Problem des 
Sexuallebens seines Helden, das doch vom Standpunkt der patho- 
logischen und jeder andern Psychologie sehr wichtig ist — nidit 
einmal gestreift. Der Autor macht mit Hochachtung vor dem 
Alkoven Virginias halt und begnügt sidi in Summa damit, nadi 
der Mode seiner Zeit Edgar Poe als „degenere superieur" zu be- 
handeln. Das war und ist mensdiliche Prüderie imstande. 



e 



r 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 139 

"W'ie stark war wohl die Leidenschaft, die der fünfzehn- 
jährige Edgar für seine Elmira empfand, mit physischer Er- 
regung gemischt? Vielleidit küßten sie sich''^ — dann trat 
das Sdiicksal und eine Ehe zwischen „ihn und sie". 

Nach West Point, in Baltimore, scheint Edgar in Eintracht 
mit seinem Bruder ein wenig der rasch wieder verschwindenden 
Kate Blakely den Hof gemadit zu haben. Das war aber eine 
Angelegenheit von geringer Bedeutung. Die „große Liebe" 
jener Zeit hieß Mary Devereaux, der die kleine Virginia 
damals die Briefe zutrug. 

"Wir haben nadi dem Bericht, der von Mary ungefähr vierzig 
Jahre später selbst niedergeschrieben wurde, ausführlich Epi- 
soden aus dem Verlauf dieser Liebe vorgeführt und auch von 
ihrem Ausgang erzählt.'" Fast ein ganzes Jahr hindurch, sagt 
Mary, habe Edgar sie aufgesudit und alle Abende sei er mit 
ihr spazierengegangen. An einem mondhellen Abend, an dem 
er seltsam erregt war, wollte er die Dinge beschleunigen und 
Mary ins nächstgelegene Presbyterium schleppen, um sie sofort 



75) To Sarah 

The gentle zephyr floating by, 
In chorus to my pensive sigh, 
Recalls the hours of bliss, 
When from thy balmy lips I drew 
Fragrance as sweet as Hermia's dew. 
And left the first fond kiss. 

„Der sanfte Zephyr, der vorüberweht und sidi mit meinem 
nadidenklidien Seufzen vermengt, erinnert mich an die Stunden des 
Guides, in denen idi von Deinen Balsamlippen einen Duft atmete, 
der so süi5 war wie der Tau Hermiens, und meinen ersten zärt- 
hdien Kuß daraufdrüdcte." Dieses Jugendgedidit, von dem wir 
nur eine Strophe zitieren, wurde von Sarah Elmira Royster 
inspiriert; es ersdiien im Southern Literary Messenger, August 1835, 
unter dem Pseudonym „Sylvio". (Nadi J. H. "Whitty, The Com- 
plete Poems of Edgar Allan Poe, Boston and New York, Houghton 
Mifflin Company, S. 142 u. 317.) 

76) S. 118 — 122. 



^4° Das Leben Edgar Poes 



zu heiraten. Sie entkam ihm. Kurze Zeit nachher ersdiien er 
betrunken vor seiner Geliebten, und infolge eines Streites, 
dessen Ursadie Mary verschweigen will," flieht sie und flüditet 
zu ihrer Mutter. Frau Devereaux untersagt nun Poe ihr Haus. 
Hervey Allen sdiließt aus dieser letzten Episode, daß sich 
Poe bei seiner Liebschaft mit Mary wie ein normaler Verliebter 
betragen habe und daß er an diesem letzten Abend „augen- 
scheinlich haben wollte, was alle Männer wünschen". Ich weiß 
nicht, ob das stimmt. Poe wurde, meine idi, gar nicht auf die 
Probe gestellt. Es gelang ihm auf andere Weise, sich so seltsam 
und so „abschreckend" zu betragen, daß Mary ihn nicht mehr 
empfangen durfte. Er war derart betrunken, daß diese 
Trunkenheit allein genügt hätte, Marys Schrecken zu er- 
klären. Nun hat sich aber Edgar während eines ganzen 
Jahres (wenn die Erinnerungen Marys nicht die Zeit seiner 
Werbung verlängert haben) wie ein merkwürdig sanftmütiger 
und gehorsamer Liebhaber aufgeführt, denn Mary hatte „Prin- 
zipien" (infolgedessen warf sie Poe vor, nicht viele zu haben); 
während eines ganzen Jahres erschredite er sie also nidit. 
Plötzlich aber, an einem Abend, nachdem der Plan einer sofor- 
tigen Heirat sich ihm aufgedrängt hatte, erscheint er vor Mary 
in einem derartigen Zustand, daß sie ihn hinausjagen und 
dann die Beziehungen abbrechen „muß". Das sieht fast so aus, 
als ob diese Situation „eigens" veranlaßt worden wäre, wenn 
man einen solchen Ausdruck bei einer unbewußten Absidit 
anwenden kann. Ein anderer Heiratsplan Poes — nach dem 
Tod der Virginia — , den ein Anfall von Dipsomanie eben- 
falls vernichtete, war nun der Anlaß, daß Baudelaire schrieb, 
der Dichter „sei zu seinem Laster geflüchtet, um einem Meineid 
gegen die arme Tote, deren Bild immer in ihm lebte, zu ent- 



77) We then had a quarrel, about whose cause I do not care 
to speak (Israfel, S. 334). 



In Ridimond — Die Heirat mit Virginia 



141 



; gehen";''* Baudelaire war nicht so weit von der "Wahrheit ent- 
Ifernt, als es vielleicht aussehen mag. Man muß seine Bemer- 
kung nur zweifach transponieren: Baudelaire spridit einige 
[Zeilen weiter von einem „Vorsatz" von seiten Poes, wir aber 
müssen sagen, es handle sich um eine unbewußte Absidit; und 
außerdem war die „arme Tote", deren Bild in Edgar Poe 
immer noch weiterlebte, nidit Virginia, sondern seine geliebte 
und verlorene Mutter. Virginia war in dem Leben Edgars noch 
gar nicht vorhanden, als er zum ersten Male im P ä a n den 
Verlust seiner Lenore besang, und noch bevor er der "Witwer, 
ja noch bevor er der Gatte Virginias wurde, in der Zeit Marys, 
zwang ihn schon eine andere Tote, jenen Alkohol zu trinken, 
dessen "Wirkungen ihn davor bewahren sollten, seine Liebe 
sofort zu realisieren. 

Der gleiche „"Wiederholungszwang" verfolgte ihn sein 
ganzes Leben hindurch und schützte ihn in jedem Fall davor, 
die fleischliche Liebe zu versuchen. Krutch^" hat gemeint, daß 
wir die Antwort auf das widitigste Rätselwort aus dem Leben 
Poes kennen würden, wenn wir wüßten, welche Tote hinter 
dem Tor zum Grabe liegt, das den Liebhaber von Ulalume 
auf seinem "Weg zu Astarte, dem Symbol der Fleischesliebe,*" 
aufhält. Krutch selbst ahnte es: unter dem Gewölbe von 
Ulalume ruht Elizabeth Arnold. 

Nun war Virginia unter allen Frauen, denen Poe begegnete, 
das "Wesen, das ihn am stärksten an Elizabeth Arnold erinnern 
und in ihm den unbewußten Eindruck hervorrufen konnte, 
daß er seiner ersten Liebe treugeblieben, trotzdem er eine 
zweite Frau liebte. 



78) Edgar Poe, sa vie et ses' oeuvres. Als Einführung zu den 
Histoires extraordinaires. 

79) I. "W. Krutdi, Edgar Allan Poe. S. 6z. 

80) „She is warmer than Dian." Sie ist wärmer als Diana. 
{Ulalume.) 



14'' Das Leben Edgar Poes 

Erstens hieß sie Virginia, und das ist der Name der Provinz, 
in dem seine geliebte, niemals vergessene Mutter dahingesiedit 
und erstarrt war, bevor noch Frances Allan, seine zweite 
Mutter, ihn aufgenommen hatte, und bevor er seiner „Helen" 
begegnet war. Außerdem hieß sie auch Eliza. Und schließlich 
war diese „Sis" von seinem eigenen Blut, fast eine Schwester; 
eine dunkle Ahnung von Inzest schwebte über dieser Ver- 
bindung. Die Schranke des Inzestverbots schien ihn von ihr 
wie von seiner Mutter zu trennen, aber nicht deshalb, weil er, 
wie in seiner Kindheit, zu klein war, sondern weil jetzt sie 
zu klein war. Und wie seine Mutter sollte sdiließlich audi sie 
in der Anmut ihrer Jugend sterben. 

In ihr lebte also wie in der zweiten Morella die „Mutter" 
wieder auf; wie in der Rowena verkörperte sich in ihr auch 
Ligeia wieder. Sie war die Treue unter dem Ansdiein der 
Untreue, ein einzigartiges Gestirn, wie es sidi kein zweites Mal 
über dem Leben Poes erheben sollte, ein Gestirn, das ihn vor 
dem SchifFbruch schützte. 

Edgar Poe war von schwacher Gesundheit. Von seinem 
zweiundzwanzigsten Lebensjahr an (damals hatte er West 
Point verlassen) war er unheilbar krank: seit damals beklagte 
er sich unaufhörlich über sein „schwaches Herz" und seine 
nervösen „Depressionen". 

"Was soll man unter dem „schwadien Herzen" Poes ver- 
stehen? Ein Herzleiden, eine Herzneurose oder beide zugleidi? 
Oder vor allem jene übermäßige Empfindlichkeit beim 
Alkoholgenuß, von der so viele Zeugen uns berichten, und 
durch die seine Herzanfälle mit seinen Rausdizuständen 
zusammenfielen? Er war der Sohn eines Alkoholikers; wenn 
sein Vetter "William Poe in einem berühmt gewordenen Brief," 
in dem er Edgar ermahnt, nüchtern zu sein, von dem Miß- 

8i) "William Poe an Poe, ij.Juni 1843 (V. E., Bd. 17, S. 145). 



I 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



143 



brauch der Flasche, „dem großen Feind unserer Familie" 
spridit, so ist gewiß damit auch auf David, den Vater des 

[Dichters, angespielt. Der Keim war von Alkohol durchtränkt, 
und dies allein konnte den Organismus für das Gift über- 
empfänglich gemacht haben; es ist daher gar nicht nötig, daß 
wir zur Erklärung jener Tatsache die Legende von den Kindern 

[heranziehen, die mit in Wacholder getauchtem Brot ernährt 

[wurden.*^ Poe war Alkoholiker, zum mindesten von der 

[vorhergehenden Generation her, und mit allen organischen 
Schäden behaftet, die aus solchem Ursprung entstehen. 

"Was nun seine Krisen von melancholischer Depression 
betrifft, so können wir neben die Beschreibung, die er zum 

[Beispiel in einem Brief an Kennedy, den wir bereits zitiert 

fhaben,^" von einem dieser Zustände gibt, auch die Berichte 
über andere Erregungszustände und Zustände seltsamer Über- 
reiztheit, die in seinem Leben vorkamen, stellen, um daraus 
das Bild eines Zyklothymikers zu erhalten. Poe scheint die 
zyklothyme Konstitution als lästiges Erbteil mitbekommen 
zu haben; das Schicksal verstand es, sich dieser Konstitution 
mit Hilfe der Ereignisse, die ihn in seiner Kindheit über- 
wältigten, zu bedienen! 

Poe war seit seinem dritten Lebensjahr vom Schicksal dazu 

[verurteilt, in ewiger Trauer zu leben. Da er an eine Tote 
fixiert war, sollte seine Liebe niemals wirklich von dieser Erde 
sein, das gesunde und lebende Fleisch war von jenem Ereignis 

[an aus dem Bereich seiner Leidenschaft ausgeschlossen. Seine 
düstere Treue zwang seine Phantasie dazu, jeden andern Weg 

[als diese beiden Wege auszuschließen: sie träumte vom Himmel 
oder vom Grabe, je nachdem, ob er dem Pfad folgte, den die 

['„Seele", oder dem, den der Körper der Verschwundenen ge- 



82) Siehe S. 16, Fußnote. 

83) Siehe S. 129. 



144 Das Leben Edgar Poes 

nommen hatte. Er sollte nichts anderes mehr besingen können 
als die Nesace und die Berenice, und nur sie suchte er im 
Leben. Virginia, das kleine, unschuldige und tuberkulöse 
Mädchen, Halb-Engel und bald Halb-Leidinam, kam daher 
seinem Ideal am nädisten, sie war dazu besonders geeignet, ihm 
die Illusion zu verschaffen, er habe seine verlorene „Geliebte" 
wiedergefunden. Erschreckt fuhr er jedoch zurück, wenn er bei 
andern Frauen, die ihn manchmal anzogen, bemerkte, wie das 
lebende Fleisch die irreelle, engelhafte und düstere Spiegelung 
durchbrach, die seine Phantasie auf sie projiziert hatte. 

So war Edgar Poe aus Treue zu seiner geliebten und ver- 
schwundenen Mutter ein echter Nekrophiler geworden. Aber 
im Gegensatz zum Sergeanten Bertrand,^* dessen Kindheits- 
geschichte zu kennen sehr interessant gewesen wäre, hat Edgar 
Poe eine mächtige Verdrängung seiner Nekrophilie erlitten. 
Hätte er sie nicht verdrängt, so wäre er vors Gericht ge- 
kommen; da aber diese Nekrophilie verdrängt war, wurde 
er, dessen Sexualität, trotzdem sie die Tat inhibierte, ein 
Pendant ist zu der eines Bertrand, ein Psychopath und 
ein Dichter, und dies in dem Maße, in dem sich bei ihm 
die unheimliche Rückkehr des Verdrängten mit der künstleri- 
schen Sublimierung der Liebesthemen, die unter allen andern 
am schwierigsten zu „sublimieren" sind, vermengte. 

Die Neurose, hat Freud geschrieben, ist das „Negativ" der 
Perversion. Das gilt manchmal auch vom Kunstwerk. 

Edgar Poe hatte das dunkle Gefühl, daß ein schreckliches 
„Mysterium" seine Seele und sein Leben bedränge, wobei er 
natürlich die genaue Natur dieses Mysteriums nicht kannte. 
Er sprach häufig von diesem Gefühl, und seine Äußerungen 
waren gewiß mehr als der Ausdruck einer romantischen Mode! 
Aber die Augenblicke, in denen er jenes schreckliche „Myste- 

84) Siehe Bd. III, S. 322, Fußnote 47. 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



145 



rium" in sidi erwachen fühlte, waren keineswegs die unglück- 
lichsten seines Lebens. Die Depressionen traten bei ihm in den 
Perioden der „Leere" auf, in denen er in sich und um sich 
herum nichts als Einsamkeit fühlte. 

Diese Perioden von Depression scheinen bei Edgar, und 
dies entspricht dem gewöhnlidien Mechanismus der De- 
pression, zuerst Perioden der Trauer, die durch die Ab- 
wesenheit des geliebten Wesens entstanden waren, gewesen zu 
sein. Welches war nun dieses geliebte Wesen, dieses Poe 
erreichbare geliebte Wesen? Dieses Wesen war nicht mehr seine 
wirkliche Mutter, die ja für immer außer Reidiweite lag, 
sondern die „Imago", auf die er seine Liebe zu ihr übertragen 
hatte, das Bild, das er in sich trug oder das er in die Welt 
projizierte. Und immer, wenn der geliebte, teure Leichnam 
nidit da war, wenn er sich seinem äußern Auge entzog, oder 
vor dem inneren Blick versdileierte, verfiel der einsame und 
verzweifelte Poe einer düsteren Depression. 

Nun scheint Poe ein gewisses Minimum an äußerer Realität, 
an realer Gegenwart des geliebten Bildes gebraucht zu haben, 
und darin bestand die Wirksamkeit des Einflusses, den Virginia 
auf sein Leben hatte. Damals, in Richmond im Jahre 1835, 
als er fürchten mußte, sie zu verlieren, nachdem er sie kaum 
gefunden, unterlag er — er sagt dies in seinem Brief an 
Kennedy — einer Seelendepression, wie er noch nie eine 
empfunden hatte. Und später, als der Tod sie ihm wirklich 
fortgenommen und der geliebte, kleine, sterbende Körper 
nicht mehr neben ihm war, überlebte er sie nur mehr 
kurze Zeit. 

Aber jener geliebte Körper kannte nodi eine andere Tür, 

durdi die er zurückkommen konnte: und das war die Tür des 

f Grabgewölbes, das in der Seele Edgars tief unten so vorhanden 

war wie das Grab Madelinens in den tiefen, unterirdischen 

Gängen des Schlosses der Usher. Und Edgar war nicht depri- 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 10 



14^ Das Leben Edgar Poes 



miert, wenn Madeline den erzenen Deckel ihres Sarges zurück- 
stieß und vor Roderick erschien, um ihn zu gleicher Zeit zu 
erschrecken und zu beglücken, sondern, wenn sie in der Tiefe 
des Grabgewölbes in ihrem Sarge blieb. Denn dann überkam 
ihn Trauer und Leere. 

Die äußere und reale Gegenwart Virginias hat unleugbar 
zu solcher "Wiederkunft beigetragen. Das wird durdi die Tat- 
sache bestätigt, daß Poe seine ersten Geschichten, unter denen 
sidi die M o r e 1 1 a, die B e r e n i c e befinden, gerade in 
Baltimore sdirieb, nachdem er sich endgültig bei seiner Tante 
und seiner Cousine niedergelassen hatte. Aber trotz Virginia, 
und trotzdem Madeline in ihrem Grabe beharrlich weiterlebte, 
gab es manchmal Zeiten, in denen Edgar der Trauer und 
Leere verfallen war. 

Daß Edgar ein Dipsomane gewesen, ist eine erwiesene Tat- 
sache, und es besteht kaum ein Zweifel darüber, daß er auch 
ein Opiumsüchtiger war. Aber während seine Trunkenheits- 
krisen sich sichtbar und lärmend äußerten, blieb seine Opium- 
sucht beinahe verborgen. 

Wir besitzen daher nur wenig Zeugnisse, die von ihr be- 
richten. So teilt uns Miss Herring, seine Cousine, mit, daß Poe 
im Jahre 1842 in Philadelphia Opium nahm. Sie sagt, daß 
sie ihn in jener Zeit „oft gesehen habe, wie er (Poe) jedes Glas 
"Wein zurückwies, daß aber die meisten Exzesse dieser Zeit 
durch einen reichlichen Gebrauch von Opium hervorgerufen 
wurden . . . Während dieser Anfälle wurde er bei voll- 
kommener Ruhe bewacht, und man tat alles mögliche, um seine 
Laster und Fehler zu verbergen."*^ 

85) She had often seen him (Poe) decline to take even one 
glass of wine but . . . that, for the most part, his periods of excess 
were occasioned by a free use of opium . . . During these attacks 
he was kept entirely quiet, and they did all possible to conceal 



1 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



147 



Rosalie Poe hingegen bezeugt, daß 1846 ihr Bruder in 
[pordham bat, man möge ihm Morphium geben. 1847 wollte 
er sidi mit Laudanum vergiften. 1849 ersudite er Sartain in 
Philadelphia flehentlichst, ihm Laudanum zu verschaffen. 
Daher kommt "Woodberry, nadidem er die einander wider- 
spredienden Zeugnisse über die Opiumsucht Poes diskutiert 
hat, gewiß mit Recht zu dem Schluß: „Zu dieser wichtigen 
Angelegenheit kann ich nur sagen, daß ich zu der Meinung 
hinneige, Poe habe in Baltimore begonnen" (natürlich zwischen 
1831 und 183J) „sich dem Gebrauch von Drogen hinzugeben 
und die Zeiten, in denen er sich des Alkohols enthielt, waren 
jene Perioden, in denen er zumindest einen mäßigen Gebrauch 
von Opium machte . . ,"^^ 

Hervey Allen, der diese Quellen zitiert hat, spricht im 
Israfel auch noch von „psychologischen Beweisen" dafür, daß 
Poe intermittierend opiumsüditig war: er verweist auf die 
relative Seßhaftigkeit in Baltimore und auf den „opiomani- 
sdien" Charakter vieler seiner Geschichten, deren düstere 
Helden übrigens mit dem Opium vertraut sind. Man könnte 
auch von einem Einfluß sprechen, den der von Poe so be- 
wunderte Coleridge, ein Opiumesser, auf ihn ausgeübt habe. 
Hervey Allen schreibt dann dem Opium die Verantwortlich- 
keit für die sexuelle Impotenz Poes zu, der nach seiner 
Meinung sich Mary Devereaux gegenüber noch wie ein 
normaler Liebhaber betragen habe. Wir haben schon gesagt, 
was wir von dieser Behauptung halten. Wenn Poe, was 
durchaus möglich und selbst wahrscheinlich ist, zum Opium 
seine Zuflucht nahm, dann war dieses Opium eher dazu ge- 
eignet, eine in ihm schon existierende Inhibition zu stabilisieren, 

his faults and failures. (W oodberry, 1905, Bd. II, Poe and 
Opium, S. 428, veröffentlicht einen an ihn geriditeten Brief der 
Miss Poe vom 28. August 1884, in dem Miss Herring zitiert wird.) 
86) Woodberry, S. 430. 



I4S 



Das Leben Edgar Poes 



als sie erst zu schaffen. Poe wurde nidit deshalb impotent, weil 
er Opium genommen hatte, sondern er nahm das Opium, um 
sich die Pflicht, impotent zu bleiben, zu erleichtern. Das ist 
wahrsdieinlidi audi der Fall vieler Opiumsüchtiger. Im übrigen 
bestand für Poe darin nur eine der Wohltaten des Opiums. 
"Wie die in den Perioden der als wahrsdieinlich anzunehmenden 
Opiumsucht geschriebenen Erzählungen beweisen, ergab sidi 
Poe dem Opium in erster Linie darum, um der „Trauer" zu 
entgehen, in die er geraten war, wenn die „Tote" trotz der 
Gegenwart Virginias nicht wiedererschien. 

"Wir werden nie wissen, bis zu weldbem Grad die An- 
wesenheit "Virginias diesen Beschwörungen genügte, und in- 
wieweit Opium hiezu nötig war. Jedenfalls aber war 
das Opium für ihn das Mittel, das ihn seßhaft und häus- 
lich machte, das sein Freund war. Der Künstler Poe war 
infolgedessen ein Opiophile, er hat niemals über das Opium 
abfällig gesprochen, im Gegenteil, er hat die Gestalten und 
Landschaften des Traums besungen, weldie die subtile und 
„ästhetisdie" Droge herbeizaubern konnte. Und ob er sie nun 
in stärkerem oder geringerem Maß zu sich genommen hat, 
selten oder oft, in dieser oder einer anderen Form nach der 
Mode der Zeit hinuntergeschluckt, er besang das Opium ganz 
so, als ob er die Mutter besingen würde, die das Kind in den 
Armen wiegt; das Opium verhalf ihm zu einer gesegneten 
Betäubung, die seinen Körper jenem geliebten Leichnam ähn- 
lich madite, zu dem seine Sehnsucht ihn hinzog, und dadurch 
beinahe mit ihm vereinigte. 

Ein so vollkommenes Kompromiß verwirklichte das Opium 
für Poe: es verhalf zu einer intensiven Beschwörung des Ob- 
jektes seiner makabren Liebe, aber es machte gleichzeitig seine 
sdirecklichen Triebe unfähig, die Fesseln abzuwerfen; das 
Objekt blieb also in der Phantasie, und das Subjekt Poe stand 
ihm ohnmächtig, starr gegenüber. Das Opium öffnete Poe das 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



149 



unbewegliche Königreich des Traumes, in dem die bösesten 
Triebe die Möglichkeit finden, ohne Gefahr zu ihrer Befriedi- 

I gung zu gelangen. 

Der Alkohol spielte im Leben Poes eine andere, immerhin 

I aber eine verwandte Rolle. 

Poe trank vor allem, wie das übrigens häufig der Fall ist, 
niemals zu Hause, immer nur fern von den Frauen, die ihn 

I besdiützten oder liebten. Als er an der Universität von 

' Charlottesville zum erstenmal von seiner geliebten „Ma" 
getrennt war, hatte er im Kreis seiner Kameraden seine erste, 
starke Trunkenheitskrise. In "West Point, nach dem Tod der 
Frau Allan, trank er audi hier wieder gemeinsam mit 
Kameraden. Eine einzige Ausnahme, auf die idi aufmerksam 
mache, ohne daß ich sie zu erklären versuche, bildete die Zeit, 
in der Poe als einfacher Soldat bei der Armee war und dort 
nüchtern blieb. Als Poe in Richmond 1835 glaubte, Virginia 
verloren zu haben, begann er wieder zu trinken. Er trank 
aber auch, als er mit ihr 1836 verheiratet war, ganz so, als 
ob zu gewissen Zeiten weder Virginia noch das Opium 
die wahre Arznei waren. Aber immer geschah dies außer 
Haus, und immer mit Kameraden;'^ er kehrte nur heim, 
um sich nach den Gelagen, die er „nachher" stets bedauerte, 
von den zärtlichen Händen der Frau Clemm pflegen zu 
lassen. 

Der Alkohol sdieint aber bei Poe einem andern Zwei ge- 
dient zu haben als das Opium. "Während der Hauptzweck 
des Opiums darin bestand, ihm einen direkten "Weg zur Rück- 
kehr zu der toten Frau, dem Bild der geliebten Mutter zu 
öffnen, indem es ihm audi die Keusdiheit erleidhterte, diente 



■? 



87) „Lassen Sie dodi für immer von der Flasdie ab und von 
den Flasdienkumpanen", beschwor "White Poe in seinem Brief vom 
29. September 1835. (Separate yourself from the bottle, and bottle 
companions, for ever!) 



lyo 



Das Leben Edgar Poes 



der Alkohol der gleichen makabren Treue auf eine andere 
"Weise. Jedesmal, wenn eine lebende Frau Poe in Versuchung 
brachte, öffnete ihm der Alkohol den Weg zur „Flucht" und 
machte es Poe dadurch möglidi, der geliebten Toten treu zu 
bleiben. 

Poe nahm nun, wie das übrigens die Regel ist, zum Alkohol 
unter dem Signum der „latenten Homosexualität" seine Zu- 
flucht. Er trank nie allein, sondern immer mit Trinkgefährten; 
wenn er die in Versuchung führende Frau floh, brauchte er 
Männer, um bei ihnen Zuflucht finden zu können. Als Mary 
Devereaux seine Treue zu der Toten gefährdete, berausdite er 
sich eines Abends mit Kameraden, die er irgendwo getroffen 
hatte und verlor dadurch das Mädchen; später werden wir ihn 
noch zweimal in das "Wirtshaus „fliehen" sehen, um zwei 
anderen wirklichen Frauen knapp vor der Ehe zu ent- 
rinnen. 

Er trank in Charlottesville und in "West Point: wir wissen 
jedoch von keiner Frau, der er dort den Hof gemacht hätte. 
Aber kennt man denn die mehr oder minder bewußten Ver- 
suchungen, denen der junge Student oder der junge Kadett 
durch wirkliche Frauen, die vorübergingen, ausgesetzt war? 

Ein größerer "Widerspruch scheint in der Tatsache enthalten 
zu sein, daß der „verheiratete" Poe in manchen Zeiten das 
Bedürfnis gehabt hat, auch vor Virginia in das "Wirtshaus zu 
„fliehen". Gerade diese Tatsache liefert uns aber am besten 
den Sdilüssel zur Sexualität Poes aus. 

Als Poe Virginia heiratete, war sie schwächlich und bleich. 
Bald begann die Krankheit sie zu zerstören. Nun war gerade 
diese Art Frauen das bevorzugte Objekt von Poes Sexualwahl. 
"Wenn Edgar keusch war, so geschah dies zu dem Zweck, um 
einer geliebten Toten treu zu bleiben, aber auch, um sidi vor 
den sadistisch-nekrophilen Versuchungen zu schützen, welche 
die lebende, besonders aber die kränkelnde Frau als „Über- 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



iji 



tragung" seiner ersten Liebe in ihm wecken sollte. In dem 
Maße nun, in dem Virginia dahinsiechte, wuchs die unbewußte 
Versuchung. Kann es uns daher überraschen, daß Poe, wenn 
er sah, wie seine geliebte kleine Frau vom Husten geschüttelt 
wurde und von den Hämoptoen, die Flucht ergriff und sich 
in dem "Wirtshaus niederließ, wo die andern Trinker, die 
Männer, ihn gegen die furchtbare Versuchung schützten, die 
von der Frau ausging? 

"Wenn Poe mit soldiem Entsetzen jegliche sexuelle An- 
näherung der Frau floh, geschah dies nicht ohne realen Grund. 
Er ahnte unbewußt, welche Gefahr drohte: die Entfesselung 
seiner Sexualität hätte mit gleichem Schlag die seiner sadisti- 
schen Nekrophilie herbeigeführt. Er konnte diese nur dadurch 
im Zaum halten, daß er keusch blieb. Man hat oft hervor- 
gehoben, wie keusch sein Werk sei; aber die ihn dafür belobt 
haben, wußten nicht, daß Poe wahrscheinlich vollkommen 
keusch bleiben mußte, um nicht in seinem Leben statt in seinem 
Werk das Drama der Schwarzen Katze zu verwirk- 
lichen. 

Je älter Poe wurde, desto betonter sdieinen seine hypo- 
manischen Krisen wie seine Anfälle von Depression gewesen 
zu sein, obwohl dazwisdien immer wieder Zeiten der Ruhe 
und eines relativen Gleichgewichtes lagen. 

Die Depressionen standen unter dem Zeichen der „Trauer", 
wie wir gesagt haben, und einer äußeren und inneren Ab- 
wesenheit des geliebten Wesens. Manchmal aber wirkten sie 
auch unter einem andern Zeichen: unter dem der „nervösen 
Erschöpfung", die durch den Kampf hervorgerufen wurde, 
den Poe mit jenen Versuchungen führte, die manchmal von der 
wirklichen Frau ausgingen, jenen Versuchungen, die in ihm 
jedesmal seine furchtbare sadistisch-nekrophile Sexualität 
weckten. 

Um den Depressionen der ersten Art zu entkommen, 



IJ2 



Das Leben Edgar Poes 



scheint Poe seit jener Zeit in Baltimore hauptsächlich zum 
Opium gegriffen zu haben; um den andern zu entgehen, zum 
Alkohol. 

Der Alkohol erlaubte es ihm wirklich, die gefährlich ver- 
führerische Frau zu „fliehen"; er ist außerdem das souveräne 
und „männliche" Mittel, die Verdrängungen, besonders die der 
aggressiven Triebe, aufzuheben. Diese aggressiven Triebe neben 
einer Frau zu befreien war jedoch für Poe so gefährlich, daß 
er, aus Reaktion gegen sie, für Virginia zum zärtlichen, er- 
gebenen, keuschen, ätherisdien Gatten wurde, als den man ihn 
so häufig gerühmt hat. Aber mandimal war es ihm nidit mehr 
möglich, diese Unterdrückung zu ertragen; wenn er durdb den 
Kampf mit seinen schrecklichen Trieben erschöpfl und auf 
das schmerzhafteste deprimiert war, dann floh er in das 
Wirtshaus. 

Dort erlaubte ihm der Alkohol, den er in der sdbützenden 
Gesellschaft von Männern zu sidi nahm, die unterdrückten ag- 
gressiven Triebe zu befreien und abzulenken. Und es genügte 
manciimal ein einziges Glas, um seinen schmerzenden Anfall 
von Depression in eine glückvolle hypomanisdie Krise zu ver- 
wandeln. Die ganze Zeit hindurch, die nun sein Rausch dauerte, 
fühlte er sidi als Mann und mächtig, bis zu dem Augenblick, 
wo er von physisdiem Übelbefinden und moralischen Gewissens- 
bissen getrieben heimkehrte, um sich zu Hause von den zärt- 
lichen Händen der Frau Clemm pflegen zu lassen und den 
niemals gehaltenen Entschluß zu fassen, daß er das Trinken 
lassen werde. 

Die heftigsten Gewissensbisse, die auf jeden der dipsomani- 
schen Fluchtversuche folgten, erscheinen nun in einem selt- 
samen Licht, wenn wir daran erinnern, daß Poes Vater David 
Trinker gewesen und sich zweimal zu entscheidenden 
„Fluchten" entschlossen hatte; das erstemal hatte er das väter- 
liche Haus verlassen, um Schauspieler zu werden, das zweitemal 




In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



153 



war er seiner kranken Frau durchgebrannt. Und wie oft hat 
Edgar mit den Augen des ganz kleinen Kindes seinen Vater be- 
trunken nach Hause kommen gesehen? Und wie oft vielleicht hat 
der Vater, wie man das bei Trinkern gewohnt ist, die geliebte 
Mutter grob angefahren? Das Kind muß damals, wie das in 
soldiem Fall wohl die Regel ist, die Partei seiner Mutter 
ergriffen haben und auf den Vater bös gewesen sein. Daraus 
folgte der Abscheu vor der „Flucht", aus der man in solchem 
Zustand zurücJckommt, und vor dem Getränk, das zu solcher 
Gewalttätigkeit verleitet. 

Im übrigen aber identifizierte sich Poe, dessen Ödipus- 
komplex, wie das bei sehr intelligenten Kindern vorkommt, 
frühzeitig gereift sein mag, wahrscheinlich sehr bald mit diesem 
Vater und nahm tatsächlich dessen Platz neben seiner ge- 
liebten Mutter ein, nachdem David Poe jene letzte „Flucht" 
gelungen war, durch die er seine Familie verließ, als der kleine 
Edgar eineinhalb Jahre alt war. 

Bloß jene Leser, die nichts von den sicheren Beobachtungen 
wissen, welche die Psychoanalyse erlaubt, werden erstaunt 
sein, daß wir Eindrücken, die in einem solchen Alter empfangen 
wurden, einen derartigen nachhaltigen Einfluß zuschreiben. 
Allerdings werden die Eindrücke, die das Kind in dieser Zeit 
empfängt, vom Unbewußten in den folgenden Jahren ver- 
arbeitet und können sich erst dann in ihrer ganzen "Wichtigkeit 
manifestieren. Sehr häufig aber werden sie schon sehr früh von 
dem kleinen Kind verwahrt; man kann daher, besonders 
im Leben Poes, nicht den dauernden Einfluß jenes Vaters 
verkennen, den der Knabe nach einem Alter von eineinhalb 
Jahren nie mehr wiedersehen sollte. 

Wir sehen nun einerseits, wie entsetzt Poe darüber war, 
so wie sein Vater zu sein, und welche Gewissensbisse ihn 
jedesmal packten, wenn er ihm ähnlich gewesen; anderseits 
aber steckte in ihm der unwiderstehliche Zwang, so wie dieser 



IJ4 



Das Leben Edgar Poes 



Vater zu handeln, ihn nachzuahmen, ein Zwang, der aus der 
Identifizierung mit diesem Vater folgte. Daraus entstand nun 
ein unlösbarer Konflikt und jenes Bild einer Dipsomanie, bei 
dem Perioden, in denen er dem Getränk verfallen war, mit 
jenen andern der Gewissensbisse wechselten.^* 

Die Flucht vor der Depression, die Flucht vor der Frau 
und der Untreue, die Fludit vor der Versuchung, welche aus 
einer Sexualität von furchtbarem "Wesen hervorging, die Iden- 
tifizierung mit einem Vater, der getrunken und solche „Flucht- 
versuche" unternommen hatte, alle diese Faktoren halfen zu- 
sammen, um Edgar trotz der Gewissensbisse immer von 
neuem wieder in die Gasthäuser zurückzutreiben. 

Im übrigen können wir eine Spiegelung der Trunksudit- 
perioden Poes, der hypomanischen Perioden seines Lebens in 
seinem Werk selbst sehen. Diese Perioden hatten keineswegs, 
wie man manchmal behauptet hat, eine schöpferische Unfrucht- 
barkeit zur Folge, sie entsprachen jedoch in seinem Werk 
hauptsächlich einer Entfesselung der aggressiven Triebe. Der 
scharfe Kritiker des Southern Literary Messenger in Richmond 
trank — ganz so wie der junge Empörer von Charlottesville 
oder von West Point getrunken hatte, und zwischen solchen 



88) Dr. Heinz Hartmann (Wien) hat mir mitgeteilt, daß 
nach zahlreichen Beobaditungen die Dipsomanen fast durchweg 
Alkoholsüchtige der zweiten Generation sind. Der bei Poe be- 
schriebene psychische Mechanismus gilt also allgemein und beinahe 
für alle Fälle der Dipsomanie. Übrigens hat mich die Bemerkung 
Dr. Hartmanns zu diesem Teil meiner psychologischen Analyse des 
besonderen Falles Edgar Poe veranlaßt. 

Die dipsomanische Form, in der sich die Trunksucht Poes zeigte, 
könnte infolgedessen vielleicht als Beweis für die Trunksucht seines 
Vaters angesehen werden, die von mandien geleugnet wird. 
.. P^'^. ^'^^'^ besdiriebene psychische Mechanismus kommt in der 
Ätiologie _ der Dipsomanie selbstverständlidi erst sekundär zu der 
ursprünglidien manisdi-depressiven Konstitution hinzu. 



In Richmond — Die Heirat mit Virginia 



155 



dipsomanischen Krisen sollten später das Schwatzende 
Herz und Die schwarze Katze geschrieben werden. 

Ich will aber keineswegs gesagt haben, daß Poe während 
seiner Trunkenheit schrieb: in solchen Augenblicken war er 
dazu viel zu krank. 

Gegen die unerträglichen Depressionszustände, in die seine 
manisch-depressive Konstitution, die übermäßige Belastung 
seiner Nerven durch eine ewigwährende Trauer, und 
der Kampf gegen die Versuchungen einer verdrängten und 
schrecklichen Sexualität seinen debilen Körper versetzten, griff 
Poe also zu mehreren Verteidigungsmitteln: zu Virginia, zum 
Opium, zum Alkohol, zur „Flucht". Wenn er aber nur über 
diese Mittel verfügt hätte, so wäre gewiß noch früher der 
Sdiatten auf ihn herabgelangt, der das Ende seines Lebens 
verdunkeln sollte — und wir hätten seinen Namen nie gekannt. 

Poe hatte jedoch noch eine andere „Droge" zur Verfügung, 
um zu verhindern, daß seine seltsame, unbeständige und ge- 
quälte Natur aus ihm einen wirklichen Verbrecher oder wahren 
Narren mache, eine Droge, die nicht jedermann zur Verfügung 
steht: die Tinte, mit der er auf dem Papier in seiner sdiönen 
und gepflegten Handsdirift die makabren, furchtbaren, aber 
tröstenden „Bilder" aufzeichnete, die ihn manchmal seiner 
Trauer entrissen. 

Und weil ihm dieser Streich wie niemandem andern vor 
ihm geglückt, weil ihm die künstlerische „Sublimierung" 
dessen gelungen war, was an Dunkelstem und Grausamstem 
fcin der Tiefe des Menschen ruht, die künstlerische Sublimierung 
I der sadistischen Nekrophilie, ist der Name Poes, ein Name der 
von diesem Kritiker auf das ungerechteste besdiimpfl, von 
jenem übertrieben gepriesen wird, auf seine Art unsterblich 
geworden. 



IN NEW YORK UND PHILADELPHIA 

DER REDAKTEUR VON „BURTON'S GENTLEMAN'S 
MAGAZINE" 

GROTESKEN UND ARABESKEN - 

Poe, Frau Clemm und Virginia kamen gegen Ende Februar 
1837 in New York an, einer Stadt, in der sie ohne Freunde 
und ohne Hilfe dastanden. Sie bewohnten zuerst ein StoA- 
werk in einem armseligen Haus, das sie mit einem schottischen 
Budihändler namens Gowans teilten. Bald aber verließen 
sie diese Wohnung, um sich in der Carmine Street nieder- 
zulassen, wo Frau Clemm einige Pensionäre, unter ihnen 
Gowans, aufnahm. Von diesem besitzen wir ein idyllisches 
Gemälde des Lebens in der Carmine Street: man sieht auf 
diesem Bild einen nüditernen Poe, der um seine Mutter und 
seine junge Frau „mit den Augen einer Huri" zärtlich bemüht 
ist. Es scheint, daß sie ihm damals genügt hat, um die Angst 
zu beruhigen und daß die Spaziergänge, die er mit ihr am 
Abend beim Einbruch der Dämmerung zu dem nahen Friedhof 
von St. John unternahm, genügend Nahrung für seine Phan- 
tasie waren. 

Es war für den jungen Kritiker schwer, in New York 
eine Stellung zu finden, obwohl man seinen Namen im Norden 
schon kannte. Die unheilvolle Finanzpolitik Jacksons war in 
ihren Folgen gerade dabei, den Kredit zugrunde zu richten, 
und das wirkte sich für die Literatur so aus, daß zahl- 
reiche Magazine und Zeitungen das Erscheinen einstellen 
mußten. 



In New York und Philadelphia 



IJ7 



Allerdings war Poe dadurch von einer täglichen Redaktions- 
arbeit befreit, er konnte nun den Arthur Gordon Vyrr^^ 
schreiben und beenden. Die Abenteuer des Arthur 
GordonPym sind der einzige lange Roman, der von Edgar 
Poe verfaßt wurde. Er hatte schon in Richmond die Arbeit 
begonnen, zu der er von Paulding'" angeeifert worden war, 
da dieser behauptete, ein Roman in mehreren Bänden sei das 
kabbalistische Zeidien, das den "Weg zum Erfolg eröffne. 

Dieser Bericht von den Abenteuern Pyms, ein Gemenge aus 
versdiiedenartigsten Kompilationen, aus autobiographischen 
Erinnerungen, Poeschen Schrecken und Landschaften ist ein 
überaus interessantes Dokument für denjenigen, der die 
Psychologie Poes studieren will. Wir werden im zweiten Teil 
dieser Arbeit auf die Erzählung ausführlidi zurückkommen. 
Sdion jetzt aber notieren wir gelegentlich des Pym, welchen 
Zauber der Gedanke an das Meer und an den Pol auf den 
Geist Poes ausgeübt hat. 

Sdion im Manuskript in der Flasche haben 
wir ein Gespenstersdiiff, ebenbürtig dem in Coleridges Ancient 
Mariner, bei einem antarktisdien "Wirbelsturm in einem un- 
geheuer großen Eistriditer versinken gesehen. Der gleiche 
Taumel eines ozeanischen Wirbels sollte übrigens den Alp 
vom Maelstrom beseelen. Daher wird es uns nicht über- 
raschen, daß Poe von dem realen Projekt einer antarkti- 
sdien Expedition begeistert war, von einer Expedition, die 
ausziehen sollte, um die Karte der Gegenden zu klären, in der 
Walfisdifänger umherirrten, und für die sich ein gewisser 
Reynolds seit mehreren Jahren eingesetzt hatte. Sdion im 
August 1836 lancierte Poe in den Spalten des Messenger einen 

89) The Narrative of Arthur Gordon Pym, of Nantudset. 
Harper & Brothers, New York 1838. 

90) Brief Pauldings an Poe, 17. März 1836 (V. E., Bd. 17, 
S.31). 



15^ Das Leben Edgar Poes 



leidensdiaftlichen Aufruf zugunsten Reynolds, im Namen jener 
Wissensdiafl:, die er in einem Sonette beschimpft hatte. "Wie wir 
später sehen werden, war das aber nicht die gleiche Wissen- 
schaft wie damals. Im Januar 1837 erschien im Messenger ein 
neuer enthusiastischer Artikel für Reynolds, mit dem Poe 
übrigens niemals persönlich zusammengetroffen zu sein 
scheint.^^ "Wir müssen diese Begeisterung Poes für Reynolds 
auch wegen der Rolle zur Kenntnis nehmen, die der Name 
dieses Mannes im letzten Akt des Lebens unseres Dichters 
spielen sollte. 

Selbst auf die Gefahr hin, unsere Leser zu überraschen 
— was zweifellos durch mehr als eine unserer Behauptungen 
schon geschehen ist — , sagen wir gleich jetzt, welchem tiefen 
und unbewußten Symbolismus bei Poe diese Anziehung durch 
das Meer und den Pol entspradi. Diese Gleichstellung des 
Meeres mit unserer Mutter ist von ewiger und allgemein- 
gültiger Symbolik, von einer Symbolik, die übrigens auf einer 
phylogenetischen Realität beruht. "Wir haben nun bereits ge- 
sehen, welche Sehnsucht nach seiner verlorenen Mutter in Poe 
schlummerte. Die Mutter aber war für Edgar mit den schredi- 
lichen Attributen Tod, Kälte, Eis versehen. Das weiße und 
eisige Polarmeer mußte ihn daher mehr als jedes andere 
locken. So identifizierte sich Poe ebenso gerne mit Pym, der in 
der Phantasie dieses Eismeer erobert, wie mit Reynolds, der es 
in der Realität erobern sollte. 

Poe jedoch eroberte inzwischen weder Geld noch Ruhm. 
Zwar erschienen Auszüge aus dem P y m im Messenger und 
sdiließlich das ganze Buch in New York und London; das 
Elend wollte aber trotzdem nicht weichen. "Wir wissen nichts 
Genaueres über den Aufenthalt Poes in New York. Der 
"Winter 1837 bis 1838 war furchtbar und besonders kalt, die 



91) Siehe die zwei Artikel in der "V. E., Bd. 9, S. 84 und 306. 



In New York und Philadelphia IJ9 

kleine Familie litt sehr unter soldiem Mißstand, und Poe 
geriet von neuem in Schulden. Gowans half ihm, aber er 
konnte über seine eigenen Mittel nidit hinaus. Er war es auch, 
der Poe Pedder vorstellte, einem Engländer, der Gesdiiditen 
für die Jugend schrieb; und auf den Rat Pedders, der selbst 
mitging, verließ schließlich Poe im Sommer 1838 New York, 
um sich nach Philadelphia zu begeben. 

Philadelphia war seit dem achtzehnten Jahrhundert das 
Zentrum des Verlagsbuchhandels in Amerika. Dorthin hatte 
der „Buchdrucker" Franklin, nadidem er Boston verlassen, 
aus England die besten Druckpressen und die besten Budi- 
drucklettern gebracht, die damals existierten; dorthin wurde 
die Lithographie eingeführt, welche die Kunst der Illustration 
von Grund auf veränderte. 

Verschiedene Magazine waren in Philadelphia entstanden, 
hatten Erfolg gehabt, waren zugrundegegangen und immer 
wieder aus ihrer Asche unter neuem Namen auferstanden. 
Poe hatte diese Zeitsdiriflen als Knabe oft in den Comptoirs 
der Firma Ellis & Allan durchgeblättert, und jetzt verlegte der 
schon bekannte Kritiker seine Tätigkeit nach dem Hauptort 
der Magazine, mit dem bloß Boston oder New York rivali- 
sieren konnten. 

Als Poe 1838 nach Philadelphia kam, erschienen dort gleich 
mehrere große Magazine. Nun hatte er selbst unter dem Ein- 
fluß seines Erfolges beim Messenger in Richmond den Plan 
gefaßt, eine Revue im großen Stil zu gründen und zu leiten. 
Aber da die Gelder fehlten und das Elend drängte, mußte 
sich Poe damit begnügen, an einem Schulhandbuch 
der Conchologi e"^" zu arbeiten, ohne aber deshalb 
seinen teuersten Plan, das eigene Magazin, aufzugeben. 



91a) The Conchologist's First Book, or, A System of Testaceous 
Malacology, Philadelphia, Haswell, Barrington and Haswell, 1839. 



i6o Das Leben Edgar Poes 

Das Handbuch war eine Kompilationsarbeit, zu der ihn 
gewiß Pedder engagiert hatte und um derentwillen eir von 
Pedder wahrscheinlich nach Philadelphia mitgenommen worden 
war. Ein Professor Thomas "Wyatt hatte nämlich kurz vorher 
bei den Harpers ein Handbuch der Conchologie 
veröffentlicht. Die Illustrationen des Bandes waren aber den 
Harpers so teuer zu stehen gekommen, daß sie sich weigerten, 
den vergriffenen Band neu zu drucken. "Wyatt faßte daher 
den Plan, sein Buch anderwo neu drud^en zu lassen, und 
sich dabei der seltsamen Kriegslist zu bedienen, das Budi 
unter einem Namen herauszugeben, der das Publikum mehr 
anlockte als der seine. Zu diesem Zweck wurde sein neuer 
Verleger durch Pedder mit Poe zusammengebradit. Auf 
solche Weise kam Edgar dazu, aus dem Stegreif Naturforscher 
zu werden und ein Handbuch der Conchologie herauszugeben, 
bei dem ihm "Wyatt half und ein gewisser Isaac Lee, und für 
das ihm Cuvier Übersetzungen lieferte; die Illustrationen 
wurden aus einem englischen Handbuch der Conchologie, das 
Thomas Brown verfaßt hatte, ohne Gewissensbisse gestohlen. 
Diese Arbeit, die auf dem Deckelblatt nur den Namen Poes 
trug, erschien im April 1839 in Philadelphia. Sie erreichte 
neun Auflagen. Man weiß nicht genau, was sie Poe selbst 
(außer dem Ruhm, er sei „Plagiator") einbrachte; als Poe 
später bei den Harpers seine gesamten Werke erscheinen 
lassen wollte, weigerten sie sidi natürlich, dies zu tun.*^ 

Die Entschuldigung Poes in dieser Angelegenheit bestand 
darin, daß er und seine Familie Hunger litten. Vor allem 
mußte man leben, und da er nirgends eine Stellung fand, war 
er gezwungen, bald in dem einen, bald in dem andern Magazin 
eine Geschichte oder ein Gedicht unterzubringen. 



92) Hervey Allen (Israfel, S. 442) spricht von fünfzig Dollar, 
die Wyatt Poe für seinen Namen gegeben habe. 



! 



In New York und Philadelphia i6i 

Wir wissen wenig über die erste Zeit, die Poe nun in Phila- 
delphia verbrachte. "Wir wissen auch nicht, wie Poe mit Burton 
in Verbindung trat; wohl aber ist uns die Tatsache bekannt, 
daß Burton ihn im Mai 1839 als „Mitarbeiter" an Burton' s 
Gentleman' 5 Magazine and American Monthly Review mit 
einem Gehalt von zehn Dollar wöchentlich anstellte — mit 
dem gleichen Gehalt, den er in seiner ersten Zeit beim Mes- 
senger hatte. 

Burton war Engländer. Er hatte seine Laufbahn als Schau- 
spieler begonnen, als Komiker. Außerdem war er Impresario. 
Er behauptete audi, ein Diplom vom St. John's College 
in Cambridge zu haben. Er hatte vor kurzem und mitten in 
der Finanzpanik ein Magazin gegründet und mit dieser 
Gründung Erfolg gehabt. Er war ein jovialer, rundlicher 
Mann, ein wenig brutal, ein wenig komisch; er hat die Be- 
kanntschaft Poes gemadit, indem er ihn einlud, bei ihm zu 
Hause „mit ihm einen Hammel zu tranchieren".^^ 

Inzwischen ließ Burton, ohne seinen Mitarbeiter zu fragen, 
auf der Julinummer den Namen Poes neben dem seinigen 
als Chefredakteur-Stellvertreter (co-editor) drucken; das führte 
zum ersten Streit, da Poe nicht die Absicht hatte, sich so wie 
beim Messenger mit Burton's Magazine zu identifizieren. Denn 
er wälzte in seinem Kopf Pläne für ein eigenes Magazin. 

Bei Burton ließ er den Mann, der aufgerieben 
wurde, ersdieinen, den Untergang des Hauses 
Usher, William "Wilson, Morella, Das Ge- 
spräch zwischen Eiros und Charmion, ferner 
einige Artikel über belanglose Bücher; er veröffentlichte auch 
i^^^^ einige nochmals überarbeitete Gedichte. Mit einem Schlag über- 
^^^P strahlte der Glanz seiner Kunst die Banalität dieses Magazins."* 

k 



I 



93) „I shall dine at home to-day at 3. If you will cut your mutton with 
me, good." (Burton an Poe, 10. Mai 1839. "V. E., Bd. 17, S. 4j.) 

94) The Man That Was Used Up, August 1839. The Fall of the 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 11 



l62 



Das Leben Edgar Poes 



"Wenn man Poe glauben darf, trank er damals nidit.''^ Aber 
Burton war mit ihm trotzdem unzufrieden und behauptete 
das Trinken sei an der unregelmäßigen Arbeit seines Mit- 
arbeiters schuld. Tatsädilidi kam Poe sehr unregelmäßig in 
das Büro; er war nämlich im geheimen damit besdiäftigt, sein 
eigenes Magazin, den Penn und die Veröflentlichung des 
ersten Bandes seiner Erzählungen bei Lea & Blandiard vor- 
zubereiten. Um jene Zeit kam der letzte unter den Typen 
Poesdier Helden, der „unfehlbare Raisonneur" zum Vorschein, 
anscheinend als Reaktionsbildung, als „Versicherung gegen 
den Wahnsinn"; daß Poe sidi damals vor einem solchen Ende 
fürchtete, ging aus den Stanzen vom Gespensterschloß 
hervor. Seit dem Frühjahr 1839 interessierte sich Poe für 
Geheimschriften, und im Januar 1840 veröffentlidite der 
Redakteur des Burton's Alexander's Weekly Messenger eine 
Herausforderung an die Welt, ihm jene Geheim- 
schrift einzusenden, die er nidit entziffern könne. Obwohl 
die von Alexander's Weekly erfaßbare Welt nur aus einigen 
hundert Lesern bestand, konnte die Entzifferung der Geheim- 
schriften einige Zeit in Anspruch nehmen. Inzwischen versuchte 



Home of Usher, September 1839. William Wilson, Oktober 1839. 
Morella, November 1839. The Conversation of Siros and Charmion, 
Dezember 1839. 

9j) Poe an Dr. Snodgrass, Philadelphia, i. April 1841: „Von 
dem Augenblidc an, in dem ich zum erstenmal diesen niedrigsten 
aller Verleumder (Burton) gesehen habe, bis zu dem Augenblick, 
in dem ich seine Büros verließ... ich gebe Ihnen dafür vor Gott 
mein feierliches Ehrenwort als Gendeman ... ist über meine Lippen 
nie etwas kräftigeres als Wasser gekommen . . ." („I pledge you, 
before God, the solemn word of a gentleman, that I am temperate 
even to rigor. From the hour on whidi I first saw this basest of 
calumniators [Burton] to the hour in which I retired from his 
Office in uncontrollable disgust at his chicanery, arrogance, igno- 
rance and brutality, nothing stronger than water ever passed my 
Ups.") Audi Frau Clemm sagt, daß Poe während dieser Jahre 
keinen Wein getrunken habe (V. E., Bd. i, S. 160/161). 




In New York und Philadelphia 



i6i 



Burton seinerseits, natürlich ebenfalls im geheimen, seine 
Revue loszusdilagen, um ein Theater zu kaufen und dadurch 
zu seinem ersten Beruf zurückzukehren. 

Man weiß nicht, wer zuerst das Geheimnis des andern ent- 
deckte. Jedenfalls hatte Poe zu Beginn 1840 einen ersten Kon- 
flikt mit Burton wegen gewisser literarischer „Preise", die 
f dieser mit der vorgefaßten Absicht, sie nie auszubezahlen, aus- 
schreiben wollte, und die den Zweck hatten, Autoren zur Ein- 
sendung von Material zu veranlassen. Poe soll vergebens ver- 
sucht haben, ihn von diesem wenig ehrenhaften Unternehmen 
abzubringen. In dieser Zeit sind nun auch die Mitteilungen von 
der Absicht Burtons, sein Magazin zu verkaufen, Poe zu Ohren 
gekommen, und es paßte dazu, daß Poe im gleidien Augenblick 
Verhandlungen führte, um den Penn zu gründen. Burton be- 
schuldigte nun Poe, er habe sich für seinen Zweck der Abon- 
nentenlisten bedient; Poe beschuldigte Burton, daß er ihn ohne 
vorherige Benachrichtigung um seine Stelle bringen wollte. Und 
da Burton Poe die ganze Arbeit überließ und den Gehalt nicht 
erhöhte, entdeckte er eines Abends, als er aus New York von 
einer seiner Reisen, die er unternahm, um sein Theater zu 
gründen, zurückkam, daß das Büro des Magazins mit Stößen 
von Manuskripten und Briefen angehäuft war. Poe war zum 
Protest ganz einfach ebenfalls ausgeblieben. Der wütende 
Burton lud das Ganze auf einen Wagen, öffnete die Post und 
ordnete die Manuskripte bei einem gewissen Herrn Rosenbach, 
dessen Sohn uns von dieser Episode berichtet hat. 

Die Nummer des Magazins erschien am festgelegten Tag, 
aber Poe wurde aus dem Gent's Mag, wie er es nannte, hinaus- 
geworfen.°° 

Auf dieses Ereignis folgte ein Briefwechsel, in dem Poe von 
Burton verlangte, was ihm zukomme und in dem er ihm vor- 



96) Israfel, S. 470/471. 



11« 



164 



Das Leben Edgar Poes 



warf, er habe eine große Zahl seiner Artikel als „unzulässig" 
zurückgewiesen, was hinlänglidi seinen Ärger und sein Des- 
interessement als Mitarbeiter erkläre. Er erlitt in dieser Zeit 
einen jener gewohnten „nervösen Zusammenbrüdie", dem er 
von neuem durch Alkohol beizukommen versuchte: diesmal 
trank er Most.^'' 

Seit dem Ende des Jahres 1839 bewohnte Poe ein kleines 
Haus, das in der Coates Street gelegen war und dessen Fenster 
auf die seltsame Pagode des Architekten Browne und auf die 
Ufer der Schuylkill blickten. Seit jenen schon fernen Zeiten 
in Richmond hatte er kein behaglicheres Heim gekannt; es 
lag inmitten einer heiteren Landschaft:, und der nahe Fluß 
madite es manchmal im Sommer dem Diciiter, wenn er sidi 
wohl fühlte, möglich, seinen Lieblingssport auszuüben. Er ging 
auch hie und da aus, um mit Freunden Wassergeflügel zu 
jagen, und am Abend sang Virginia zu Hause die Lieblings- 
lieder ihres Gatten. Trotz ihrer schwachen Gesundheit setzte 
sie Blumen im Garten ein und kümmerte sich um die Obst- 
bäume. Und „Muddy" hielt wie immer, dank ihrer fast klein- 
lichen Sorge um den Haushalt, das Haus in einem Zustand 
peinlichster Sauberkeit; vielleiciit schlich schon damals die 
allerdings nodi kleine Katze Catterina durdh die Zimmer. 



97) Fortsetzung des Briefes, den Poe am i. April 1841 an 
Dr. Snodgrass schrieb: „Nachdem idi Burton verlassen hatte, ließ 
ich midi dazu verleiten, gelegentlich M o s t zu trinken, was idi in der 
Hoffnung tat, Erleichterung nadi einem nervösen Anfall zu finden." 
{„After Tay leaving Burton ... I was induced to resort to the 
occasional use of eider, with the hope of relieving a nervous 
attack.") 

Vielleicht setzt Poe die Zeit, in der er Most zu trinken be- 
gonnen hatte, ein wenig zu spät an. In einem niditdatierten Brief 
fordert Burton ihn nämlidi auf, seine Depression „abzuschütteln". 
Poe hatte also von neuem unter diesen Depressionen zu leiden 
begonnen und wohl versucht, in der Zeit, in der er noch bei Burton 
war, im Alkohol ein Heilmittel zu finden. 




In New York und Philadelphia 



165 



In diesem Haus erlebte Poe endlich im Dezember 1839 das 
Erscheinen seines ersten Geschichtenbandes, der Tales of the 
Grotesque and Arabesque bei Lea & Blandiard, Phila- 
delphia 1840. 

Dieser Sammlung von fünfundzwanzig Erzählungen in 
zwei Bänden ging ein Vorwort des Dichters voraus, in dem 
I er sidi gegen die Behauptung verteidigte, er könne nichts als 
„Schrecken" sdiildern: 

„Die Epitheta des .Grotesken' und .Arabesken' bezeidinen. 
■Rrie man sehen wird, mit genügender Genauigkeit den hauptsädi- 
lidien Inhalt der hier veröffentlichten Geschichten. Aber aus der 
Tatsache, daß ich während einer Zeit von zwei oder drei Jahren"^ 
fünfundzwanzig Geschichten geschrieben habe, deren allgemeiner 
Charakter sidi in Kürze mit jenen Beiwörtern charakterisieren läßt, 
kann man kaum mit Recht sdiließen — ein soldier Schluß entspridit 
zumindest nicht der Wahrheit — , daß idi für diese Art Erzählung 
eine übermäßige Vorliebe oder auch nur eine besondere Neigung 
habe. Sie wurden niedergesdirieben, weil ich hoffen konnte, sie 
später in einem geschlossenen Buch nodi einmal herauszugeben; idi 
I wünschte infolgedessen, daß in ihnen bis zu einem gewissen Grad 
eine gewisse Einheit der Absicht zum Ausdrude komme. Das ist 
tatsädilidi der Fall; und es ist durchaus möglich, daß idi nichts 
mehr in dieser Art sdireiben werde. Idi spreche hier von diesen 
Dingen, weil ich anzunehmen geneigt bin, daß das Übermaß an 
,Arabeskem', das in meinen ernsten Geschichten auffällt, zwei oder 
drei Kritiker dazu verleitet hat, midi in aller Liebenswürdigkeit 
des ,Germanismus' (Germanism) und einer unheimlidien Laune zu 
besdiuldigen. Diese Anschuldigung zeigt von sdileditem Gesdimadt, 
und die Grundlagen, auf denen sie ruht, sind nicht sehr genau 
untersudit worden. Nehmen wir vorerst einmal an, die hier vor- 
gelegten ,Phantasiestücke' seien ,deutsch' (Germanic), oder was immer 
man will. Darauf müssen wir sagen, daß die heutige Zeit zu 
soldier .Vorliebe' für das ,Deutsche' hinneigt. Morgen werde ich viel- 
leicht nichts weniger als ,deutsch' sein, so wie ich gestern alles 
[^andere als dies war. Alle Erzählungen zusammen bilden außerdem 
nur ein einziges Buch. Meine Freunde könnten mit gleichem Redit 



98) In Wirklidikeit waren es neun Jahre. 



i66 Das Leben Edgar Poes 



einen Astronomen beschuldigen, er beschäftige sich zu viel mit Astro- 
nomie, oder einen ethischen Schriftsteller, er behandle zu ausführ- 
lich die Moral. Die Wahrheit aber ist, daß mit einer einzigen Aus- 
nahme die Gelehrten nicht in einer einzigen dieser Geschiditen die 
Kennzeichen jener Art von Pseudo-Horror entdecken können, den 
wir als .deutsch' qualifizieren, weil man sich daran gewöhnt hat 
einige unbedeutendere Sdiriftsteller der deutschen Literatur mit 
diesem ,Irrsinn' (folly) zu identifizieren. Wenn in vielen meiner 
Schöpfungen die Angst das Hauptthema ist, so behaupte idi, 
daß dieser Schrecken nicht aus Deutschland kommt, sondern aus 
der Seele — daß ich diesen Schrecken einzig aus seinen legitimen 
Quellen hervorgeholt und daß ich ihn bis zu seinen legitimen 
Ergebnissen geführt habe. 

Sie finden in dieser Sammlung ein oder zwei Erzählungen (die 
aus dem Geist der Extravaganz hervorgingen und in ihm ausge- 
führt worden sind), von denen ich glaube, daß man ihnen kaum 
eine besondere Beachtung schenken wird; von ihnen werde ich nicht 
sprechen. Was aber die übrigen anbelangt: hier kann ich mich 
nicht mit gutem Gewissen ausreden, sie seien nur als übereilte Ver- 
suche anzusehen. Es steht mir besser an, meine ich, zu erklären: 
wenn ich gesündigt habe, so habe ich es nach reichlicher Überlegung 
getan. Diese kurzen Geschichten sind größtenteils das Ergebnis 
einer ausgereiften Absicht und sorgfältiger Arbeit.""" 



99) V. E., Bd. I, S. ijo/iji, aus der dieses Vorwort übersetzt 
wurde. 

„Preface. — The epithets ,Grotesque' and .Arabesque' will be 
found to indicate with sufficient precision the prevalent tenor of 
the tales here published. But from the fact that, during a period 
of some two or three years, I have written five-and-twenty short 
stories whose general character may be so briefly defined, it cannot 
be fairly inferred — at all events it is not truly inferred — that 
I have, for this species of writing, any inordinate, or indeed any 
peculiar taste or prepossession. I may have written with an eye 
to republication in voIume form, and may, therefore, have desired 
to preserve, as far as a certain point, a certain unity of design. 
This is, indeed, the fact; and it may even happen that, in this 
manner, I shall never compose anything again. I speak of these 
things here, because I am led to think it is this prevalence of 
the ,Arabesque' in my serious tales, which has induced one or 
two critics to tax me, in all friendliness, with what they have 



i^ 



In New York und Philadelphia 



167 



Ich habe dieses Vorwort vollständig zitiert, weil es kein 
Dokument gibt, das klarer die literarische und beabsichtigte 
[ Stellung Poes zu seiner „unheilvollen Laune" zeigt. Nein, 
[betont er, er wird nicht von ihr beherrscht, er „schafft" sie 
nach seinem "Willen, er „wählt" dies eine Mal, für eben diesen 
einen Band, die Tönung unter den dunkelsten Farben! Und 
er wird helle wählen, wenn er helle haben will; und hat es nie 
getan, weil er es nie tun konnte. Später, in seiner Philo- 
sophie der Komposition, sollte er sogar behaupten, 
er habe, ohne jemals von der Eingebung gezwungen zu sein, 
( die Strophen, die Ideen, die Bilder Stück für Stück angeordnet 
und sich die Verse, die "Worte, die Silben seines berühmten 



pleased to term ,Germanism' and gloom. The diarge is in bad 
taste, and the grounds of the accusation have not been sufficiently 
considered. Let us admit, for the moment, that the ,phantasy-pieces' 
now given are Gerraanic, or what not. Then Germanism is ,the 
vein' for the time being. To-morrow I may be anything but 
German, as yesterday I was everything eise. These many pieces 
are yet one bock. My friends would be quite as wise in taxing 
an astronomer with too mudi astronomy, or an ethical author 
with treating too largely of morals. But the truth is that, with 
a Single exception, there is no one of these stories in which the 

I sdjolar should recognize the distinctive features of that species of 
pseudo-horror which we are taught to call Germanic, for no better 

t reason than that some of the secondary names of German literature 

1 have become identified with its folly. If in many of my produc- 

! tions terror has been the thesis, I maintain that terror is not of 
Germany, but of the soul — that I have deduced this terror only 
from its legitimate sources, and urged it only to its legitimate 

' results. 

There are one or two of the articles here, (conceived and 
executed in the purest spirit of extravaganza,) to which I expect 
no serious attention, and of which I shall speak no farther. But 

! for the rest I cannot conscientiously claim indulgence on the score 
of hasty effort. I think it best becomes me to say, therefore, that 

I if I have sinned, I have deliberately sinned. These brief com- 
positions are, in chief part, the results of matured purpose and 
very careful elaboration." 



Das Leben Edgar Poes 



Raben gleidisam zureditgelegt. So sehr war Poe genötigt, 
vor andern und zum Teil audi vor sich selbst den Vorwurf 
zurückzuweisen, er sei ein "Wahnsinniger, der von einem grau- 
samen, psychischen unterirdisdien Grund beherrsdit werde, aus 
dem seine Eingebungen hervorstiegen. Diese Tatsachen madien 
auch die Haltung Poes, er sei ein „unfehlbarer Raisonneur", 
verständlich, eine Haltung, die in dem Maße immer deutlidier 
gewahrt wurde, in dem seine Vernunft zu scheitern drohte. 

Aber selbst dieses vorsichtige Vorwort zu den Gro- 
tesken und Arabesken enthält das Bekenntnis der 
Wahrheit: dieser Schrecken kommt nicht aus 
Deutschland, sondern aus der Seele. Wenn der 
Dichter also, wie er es selbst so gut sagt, Geschiditen schrieb, 
die die "Welt anders sdiaudern machen wollten als der damals 
moderne deutsche Pseudo-Horror, so erreichte er diese Wirkung 
gerade deshalb, weil er nicht nachahmte, sondern weil der 
Schrecken, der sie beseelte, die Angst seiner eigenen Seele war. 

In der Coates Street schrieb Poe auch einen Prospekt 
für die Veröffentlichung des Penn Magazine, ein kleines 
Manifest, in dem wie in einem Mikrokosmos seine kritischen 
und literarischen Theorien zusammengefaßt waren. Im gleichen 
Hause suchte ihn im Frühjahr 1 840 ein junger Schriftsteller und 
Dichter aus Saint Louis auf, der Thomas hieß, audi Redakteur 
eines Magazins war und später der beste Freund Poes 
werden sollte. Thomas war kränklich und hatte ein Hüftleiden; 
er kannte Henry Poe seit Baltimore, seit der Zeit, in der 
Edgar noch bei der Armee war, und Thomas und Henry Poe 
waren einmal Rivalen in einer Liebesgeschichte. All das war 
für Edgar der Anlaß zu einer „Übertragung" des Bruders 
auf Thomas; er führte sie auch tatsächlich durch. Und Thomas, 
der sich mit der Jugend für den alten liberalen Harrison 
einsetzte, bradite Poe sogar dazu, so wie er einige politisdie 
Gedichte zu sdireiben. 



In New York und Philadelphia 



169 



Der letzte Beitrag Poes für das Magazin Burtons ist vom 
Juni 1840 datiert. Es war der letzterschienene Teil des Frag- 
ments vom Tagebuch des Julius Rodman, daser 
hier anonym veröffentlichen sollte. 

Im Oktober verkaufte Burton sein Magazin einem George 
Graham, der sdion der Besitzer vom Atkinson's Casket war, 
einer redit sanftmütigen monatlich erscheinenden Publikation. 
Als das Geschäft abgeschlossen war, sagte Burton zu Graham: 
„Noch etwas: ich wünsche, daß Sie sich um meinen jungen 
Redakteur kümmern!" So trat Graham gegen Ende 1840 mit 
Poe in Beziehung. 



m PHILADELPHIA ,^ 

DER REDAKTEUR VON „GRAHAM'S MAGAZINE" 
VIRGINIAS GEÄNGSTIGTER GATTE 

George-Rex Graham (18x3—1894) aus Philadelphia, der 
Sohn eines zugrunde gegangenen Kaufmannes, hatte zuerst das 
Kunsttischlerhandwerk erlernt, dann Jus studiert, 1839 war er 
Advokat geworden. Kurze Zeit nadhher wurde er einer der 
Redakteure der Saturday Evening Post, dann der Besitzer von 
Atkinson's Casket und Graham's Lady's and Gentleman's 
Magazine (kurz: Graham's Magazine), das er 1841 durch die 
Fusionierung des Burton's mit dem Casket gründete. 

Er hatte große Absichten und wollte ein Magazin von viel 
größerem Format als die bisherigen schaffen, das selbst die 
North American Review in Boston und den Knickerbocker in 
New York übertreffen sollte. Die erste Auflage sollte gleich in 
die Tausende gehen, er hatte es als erster in Amerika wirklich 
auf das große Publikum abgesehen. 

Nun war Poe gerade der Verbündete, den er brauchte, und 
darum hätte er sich auch ohne die Empfehlung Burtons sicher 
an ihn gewendet. Poe seinerseits konnte den Penn noch nicht 
gründen, da es ihm an Geld mangelte. Er teilte Graham offen 
mit, welche Zukunftspläne er hegte, daß er sie nicht aufgebe, 
und nahm den Antrag an, Grahams Mitarbeiter zu werden. 
Sie wollten später entweder gemeinsam den Penn gründen, 
oder aber Graham sollte einen Teil seines Besitzes an Graham's 
Magazine Poe überlassen. Das waren so ungefähr die Ab- 
machungen. 

Für den Anfang sollte Poe bei Graham's Magazine freie 
Ellbogen haben, und dem Magazin die literarische Richtung 



In Philadelphia 



171 



geben, die ihm gefiel; er hatte nadi seinem Gutdünken Er- 
zählungen, Gedichte, Kritiken und Essays zu liefern, und war 
personlich beauftragt, sich die Mitarbeit der ersten Schrift- 
steller des Landes zu sichern. Ein einziger Sdiatten lag auf 
diesem Bild: während Graham die bisherige Gepflogenheit 
amerikanischer Zeitschriften änderte, Longfellow fünfzig 
Dollar für ein einziges Gedicht zahlte und auch nicht davor 
zurückschreckte, mehr als zweihundert Dollar für eine einzige 
Illustration auszugeben, bekam sein Mitarbeiter, also der 
Mensch, auf dem der Erfolg des Unternehmens ruhte, jährlich 
nur achthundert Dollar. 

Beinahe an jedem Morgen ging Poe, der am anderen Ende 
der Stadt wohnte, zu Fuß in das Büro von Graham' s Magazine, 
das er mit dem Hilfsredakteur Charles J. Petersen teilte. An 
jedem Morgen kamen auch Herr und Frau Graham in ihrem 
Wagen in das Büro. Graham lief eiligst die drei Stiegen des 
Hauses hinauf, um selbst die Post zu öffnen und die Geld- 
scheine herauszunehmen, die mit dem wachsenden Erfolg der 
Monatsschrift immer zahlreicher herbeiströmten. Poe sah zu, 
wie die Scheine in den Taschen des Besitzers verschwanden; 
Graham verließ dann das Büro und Poes Aufgabe bestand 
nun darin, neben Peterson, der wie er an den Schreibtisch 
gefesselt war, bei seiner Arbeit zu sitzen, Briefe zu beant- 
worten, sich um Mitarbeiter zu kümmern, Manuskripte aus- 
zuwählen, sie zum Druck zu geben und selbst so viel als nur 
irgend möglich zu schreiben, alles für ein jährlidbes Fixum von 
adithundert Dollar. 

Vom Juli 1841 angefangen stieg unter seiner Leitung die 
Zahl der Abonnenten von fünftausend auf zwanzigtausend, 
auf vierzigtausend im folgenden Jahr, was sechzigtausend 
Dollar in sechs Monaten einbrachte, und fünfzehntausend 
Dollar Reinerträgnis am Schluß des Jahres. Ein solcher Erfolg 
hatte kein Vorbild in den Annalen der Magazine. Aber der 



i/i Das Leben Edgar Poes 



Gehalt Poes blieb immer der gleiche, denn Graham, der 
keineswegs ein sdilediter Mensch, wohl aber sehr nachlässig 
war, dachte ganz einfadi nidit daran, seinen Mitarbeiter an 
einem Unternehmen teilnehmen zu lassen, das zu erfolgreich 
war, als daß nur ein einziger daraus den Nutzen ziehen durfte. 

Graham genoß großzügig und edelmütig seine wachsende 
Berühmtheit und seinen neuerworbenen "Wohlstand. Die per- 
sönlichen Beziehungen zwischen Poe und ihm hatten einen 
sehr freundschaftlidien Charakter; die Familie Graham führte 
mandimal im "Wagen die Familie Poe spazieren, Frau Graham 
nahm häufig Virginia bei ihren Einkäufen mit. Graham hielt 
ein offenes Haus, und bei seinen Diners und Soupers traf 
Poe Künstler und Schriflsteller wie Thomas Sully, Sartain, 
N. P. "Willis, Thomas Dünn English oder den berühmten 
Reverend Rufus Wilmot Griswold, der für ihn nodi eine 
widitige Rolle spielen sollte. 

Diese Mahlzeiten wurden belebt durch die Gesprädie aus- 
gewählter Gäste, und audi durdi einen vorzüglichen "Wein. 
Denn in der Ardi Street bei Graham war kürzlich durdi 
die Mauer, die sein Haus von Elijah "Van Sychel, dem 
benachbarten "Weinhändler, trennte, eine Tür durchgebrodien 
worden, durch die bei den Diners und Soupers die besten 
"Weine aus dem Keller "Van Sychels herbeigesdiafft wurden. 
So schritt beim Lichte der Kerzen, welche die Kristalleuchter 
auf dem Tisch funkeln ließen, beim Reflex der Spiegel in dem 
Speisesaal wieder einmal die "Versuchung an Edgar Poe 
vorüber. Allerdings, er war hier nicht mehr im Wirtshaus, bei 
seinen gemeinen Kumpanen. Trotzdem war aber audi dieser 
Trunk bei Graham und seinen Gästen, wie zu den Zeiten, da 
er in Ridimond die Freunde traf, nichts anderes als der Alkohol, 
den Poe außer Haus und mit Saufgefährten zu sidi nahm. 

Darum ängstigte sich Frau Clemm und darum wartete sie 
oft am Abend, während Eddy nodi im hellerleuchteten Speise- 



In Philadelphia 173 



zimmer bei Tisch saß, in der Küche, um ihn nadi Hause zu be- 
gleiten. 

Hervey Allen meint zwar: „Es sdieint gewiß zu sein, 
daß das Jahr 1841 zu jenen Zeiten gehörte, in denen Poe von 
den Aufregungen verschont war, die ihn gewöhnlidi be- 
lästigten, von seiner Armut, und jenem psychischen Depressions- 
zustand, der ihn dazu verleitete, sich der Stimulantien zu 
bedienen."^"" Auf der folgenden Seite jedodi beschreibt Hervey 
Allen selbst die Soupers bei Graham, von denen wir soeben 
gesprochen haben, und die Versudiungen, die sie für Edgar 
Poe enthielten. Und einige Seiten weiter gibt er die Beob- 
achtung zum besten, daß das Zwiegespräch zwischen 
Monos und Una, das damals geschrieben wurde, in der 
Beschreibung des übernatürlichen Zustandes, in dem Monos 
unbeweglidi nacii seinem Tode schwebt, einen Reflex der Sen- 
sationen des Opiums darstellt. Das könnte schließlidi eine 
Erinnerung an vergangene Ereignisse sein. Jedenfalls aber 
waren die Erlebnisse mit dem Alkohol und dem Opium, die 
wir für diese Zeit ansetzen, nur ein vages Vorspiel für das, 
was noch kommen sollte. 

Und so viel ist siciier, daß das Jahr 1841 ein wichtiges 
Datum für die Laufbahn Poes als Erzähler bedeutete: denn 
in diesem Jahr tauchte in seinem Werk der letzte seiner 
Helden, der Detektiv Dupin, der Urahne Sherlock; Holmes', auf. 

* 

Der „unfehlbare Raisonneur" in Poe war inzwischen immer 
anmaßender geworden. 1841 hatte Poe versucht, die ganze 
Welt herauszufordern, sie möge ihm doch jene Geheimschrifl: 
senden, die er nicht entziffern könne. Im Februar 1841 sagte 
er in einem Bericht über Barnaby Rudge (einem Roman, 
der damals im Feuilleton erschien) das Ende des Romans 



100) Israfel, S. 488. 



174 



Das Leben Edgar Poes 



voraus und behielt damit redit; Dickens erklärte, dieser Mann 
müsse „der Teufel sein", eine Würdigung, auf die Poe nicht 
wenig stolz war. Und nun schrieb er den Doppelmord 
in der Rue Morgue, in dem er in einem einzigen 
Werk die beiden Strömungen seiner Natur vereinigte, jene 
erste, die aus den tiefsten Schichten seiner selbst hervorkam 
und die „schlimmsten Schrecken" mit sich führte, und jene 
andere, die Widerstand zu leisten versuchte. 

So war das Jahr 1841 für Poe, den Chefredakteur von 
Graham's Magazine, trotz aller Versuchungen ein Jahr größter 
literarischer Tätigkeit und eines verhältnismäßig ruhigen Ge- 
deihens. 

Er war jedoch nicht zufrieden. Seine trotz allem unter- 
geordnete Stellung bedrückte ihn: „Durcli sein Hirn, bloß auf 
den Wink eines Meisters, Münze zu machen", schrieb er in 
diesem Sommer an Thomas, „ist nach meiner Meinung die 
härteste Aufgabe dieser Welt."^" Darum hörte er nie auf, 
seinem teuren Pewn-Projekt nachzuhängen, und er vergaß audi 
nicht, der Korrespondenz, die er wegen des Graham's Magazine 
mit Longfellow oder mit Halleck führte, Briefe beizulegen,^"^ 
in denen er sie um ihre Mitarbeit bei seinem in Vorbereitung 
befindlichen Magazin ersuchte. Und darum nahm er auch mit 
solcher Freude den Vorsdilag Thomas' an, der ihm durcii die 
Vermittlung des Sohnes von Tyler (Präsident Tyler war auf 
den alten General Harrison gefolgt) einen Platz als Beamten 
und dadurcli auch die materielle Unabhängigkeit versprach. 

Aber zu Ende 1841 hatte Poe weder diese Stelle bekommen, 
nocii war sein Peww-Projekt verwirklicht worden. 



loi) Poe an Thomas (V. E., Bd. 17, S. 94): „To coin one's 
brain into silver, at the nod of a master, is to my thinking the 
hardest task in the world." 

102) V. E., Bd. 17, S. 86 ff. 



In Philadelphia 



175 



Das Haus Poes in der Coates Street war, wie wir gesagt 
haben, das behaglichste Heim, das er gekannt, seit sie zu dritt 
im Haushalt lebten. Es lag in einer herrlichen Umgebung. 
Dank der Einkünfte des Redakteurs von Graham's Magazine, 
die vernünftig verwendet wurden, gab es in der Wohnung 
einige dunkelrote Teppiche, Vorhänge, Betten mit Säulen, 
Stühle mit gemalten Blumen, ein Service aus chinesischem 
Porzellan, ein kleines Klavier und eine Harfe für Virginia. 

Dort war an einem Abend Ende Januar 1842 die kleine 
Familie mit den Herrings, Poes Vetter und Cousine, um ein 
Kohlenfeuer herum versammelt. Frau Clemm machte den 
Kaffee, die Katze Catterina lag neben ihr. Die Vögel schliefen 
im verhängten Käfig. Man bat Virginia, sie solle singen; sie 
setzte sich in ihrem weißen Kleid zur Harfe, und während 
sie ihre großen leuchtenden Augen zum Himmel hob, stieg ihre 
laute und reine Stimme empor. Alles, was sie wußte, hatte Poe 
sie gelehrt: ein wenig Französisch, ein wenig Musik, und wenn 
sie sang, hörte er ihr in Entzücken, in Ekstase zu. Aber an 
diesem Abend unterbrach sie sich plötzlich, griff mit der Hand 
an die Brust und ein Blutstrom floß auf ihr weißes Kleid. 

Alle bemühten sich um sie, man trug die Arme hinauf in ihr 
Zimmer und legte sie auf das Bett. Während Frau Clemm ihr 
feudite Tücher auflegte, rannte der entsetzte Poe zum Arzt. 

Doktor Mitchell wohnte am andern Ende der Stadt. Poe 
schleppte ihn herbei; aber von diesem Tag an mußte der 
Arzt zwei Kranken helfen, zwei Schwerkranken, von denen 
jeder an einer andern Krankheit litt. Nicht umsonst war an 
diesem Abend Elizabeth Arnold aus ihrem Grab heraus- 
gestiegen; sie war in Virginia derart wiederauferstanden, daß 
von neuem vor den Augen ihres Sohnes das vor langer Zeit 
vergossene Blut ihrer Hämoptoen zu leuchten begann, das Blut, 
das schon das Leichentudi der Lady Madeline gerötet hatte, 
bevor es das weiße Kleid Virginias befleckte. 



176 



Das Leben Edgar Poes 



Von diesem Tag an häuften sidi die Trunkenheitsfluditen 
Poes. 

Wir wollen hier den Brief Poes an Eveleth vom 4. Januar 
1848 zitieren, in dem er selbst den Zustand beschreibt, in 
■welchen er damals verfallen war: 

Sie fragen: „Könnten Sie mir nidit von ungefähr andeuten, 
was für ein ,sdiredilidier' Sdimerz es war, der das so tief bedauerte, 
,absonderlidie Leben', das Sie führten, verursadit hat? Ja, das kann 
idi, und idi kann Ihnen mehr als eine Andeutung geben. Dieser 
,Sdimerz' war der größte, der einen Mensdien treffen konnte. Vor 
sedis Jahren, während meine Frau, die idi mehr liebte, als je ein 
Mensdi vorher geliebt hat, sang, platzte ihr ein Blutgefäß. Man gab 
ihr Leben verloren, idi sagte ihr auf ewig Lebewohl und verbradite 
die ganze Zeit ihres Todeskampfes neben ihr. Aber sie erholte sidi 
zum Teil wieder und idi konnte von neuem hoffen. Gegen Ende des 
Jahres platzte das Blutgefäß von neuem. Idi erlebte genau die 
gleidie Szene nodi einmal... und nodi einmal — und nodi 
einmal — und immer wieder von neuem in verschiedenen Zeit- 
absdinitten. Jedesmal erlebte idi wieder ihre Todesagonie, und bei 
jedem Anfall ihrer Krankheit liebte idi sie um so heißer, idi 
klammerte midi an ihr Leben mit einer verzweiflungsvollen Hart- 
nädsigkeit. Aber idi bin von einer überaus sensitiven Konstitution 
■— und in einem kaum gewöhnlidien Maß nervös. Idi wurde wahn- 
sinnig, und dazwisdien kamen Zeiten furditbarster Hellsichtigkeit. 
Während dieser Anfälle absoluter Bewußtlosigkeit trank idi — 
Gott weiß wieviel und wie oft. Und, verstehen Sie midi redit, 
meine Feinde sdirieben die Tollheit dem Getränk zu und nidit 
das Getränk der Tollheit. Idi hatte tatsädilidi fast alle Hoffnung 
auf eine dauerhafte Heilung verloren, als idi eine im T o d meiner 
Frau fand. Den kann idi ertragen und idi ertrage ihn, wie es 
einem Mann zukommt. Nur das sdiredtlidie, endlose Sdiwanken 
zwisdien Hoffnung und Verzweiflung hätte idi nicht länger 
ertragen können, ohne vollständig den Verstand zu verlieren. So 
empfange idi aus dem Tode des Wesens, das mein Leben war, ^ ein 
neues, aber — o Gott! — was für ein melandiolisdies Dasein.""' 



103) Poe an - (nadi Ingram), V.E., Bd. 17, S. 287. Hervey 
Allen meint, daß dieser Brief an Eveleth adressiert sei {Jsrafel, 
S. 521): 




EDGAR POE 

(Nach einer Daguerreotypie aus dem Anfang der Vierziger jähre 

des vorigen Jahrhunderts) 




In Philadelphia 



^77 



Poe schrieb diesen Brief ein Jahr nach dem Tod seiner Frau 
und gab sich über seine eigene Gesundung Täusdiungen hin. 
! Die Fortsetzung seiner Geschichte wird das zeigen. "Was seine 
t Dipsomanie betrifft, sieht er, zum Teil wenigstens, richtig, 
wenn er schreibt, daß seine Feinde darin unrecht haben, „die 
Tollheit dem Getränk, und nicht das Getränk der Tollheit" 
zuzuschreiben. In diesem Punkt haben die Dipsomanen und 
auch alle Rauschgiftsüchtigen schon von jeher aus Instinkt viel 
mehr gewußt, als die medizinische Kunst bis in die letzte Zeit 
; hinein vermutete. 

Man ist heute immer mehr der Meinung, daß man psychisch 
! schon von vornherein krank sein muß, um ein Giftsüchtiger 
j zu werden. Es wird nicht der ein Rauschgiftsüchtiger, der 



Jan. 4th, 1848. 

You say: „Can you hint to me what was the .terrible evil' 
which caused the ,irregularities' so profoundly lamented? Yes, I can 
do more than hint. This ,evil' was the greatest whidi can befall 
a man. Six years ago, a wife, whom I loved as no man ever 
loved before, ruptured a blood-vessel in singing. Her life was 
despaired of. I took leave of her forever, and underwent all the 
agonies of her death. She recovered partially, and I again hoped. 
At the end of a year, the vessel broke again. I went through 
precisely the same scene . . . Then again — again — and even once 
again, at varying intervals. Each time I feit all the agonies of 
her death — and at each accession of the disorder I loved her 
more dearly and clung to her life with more desperate pertinacity. 
But I am constitutionally sensitive — nervous in a very unusual 
degree. I became insane, with long intervals of horrible sanity. 
During these fits of absolute unconsciousness, I drank — God only 
knows how often or how much. As a matter of course, my enemies 
referred the insanity to the drink, rather than the drink to the 
insanity. I had, indeed, nearly abandoned all hope of a permanent 
eure, when I found one in the death of my wife. This I can 
and do endure as becomes a man. It was the horrible never-ending 
oscillation between hope and despair which I could not longer 
have endured, without total loss of reason. In the death of what 
was my life, then, I receive a new, but — Oh God! — how 
melancholy an existence." 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 12 



1/8 Das Leben Edgar Poes 

einer werden will: die Gewöhnung genügt nicht, denn wenn 
man nicht psychisch disponiert ist, kann man sidi diese Ge- 
wöhnung doch nicht zulegen. Von diesem heutigen medizini- 
schen Standpunkt aus wird Poe gerechter als zu seiner Zeit 
beurteilt, die nichts anderes zu tun wußte, als empört zu sein 
oder Vorfälle zu vertuschen, je nachdem, ob ein Feind oder 
ein Freund sich äußerte. 

Aber der klassischen Medizin unserer Zeit entgeht (ebenso 
wie dies der Intuition Poes entgangen ist) der tiefere Grund, 
warum Poe gerade am Lager Virginias von diesem unwider- 
stehlichen Antrieb gepackt wurde, sie zu fliehen und in den 
Schenken zu trinken. Er behauptet, der Schmerz habe ihn 
fortgetrieben, die grauenhafte Drohung, er werde seine Ge- 
liebte verlieren, besonders aber das unerträgliche Sdiwanken 
zwischen Furcht und Hoffnung; und die Allgemeinheit wird 
ihm recht geben und sagen, daß dies nach all dem sehr natürlidi 
und sehr ergreifend ist. Unsere Versuche hingegen, Poes Ver- 
halten mit Hilfe der Psychoanalyse zu erklären, werden vielen 
unnötig kompliziert vorkommen, und diese vielen werden 
meinen, unsere Deutungen seien ungerecht gegen den armen 
verzweifelten Gatten. Aber schon Baudelaire hat gesdirieben: 

„Die Annahme Hegt übrigens nahe, daß ein so wirklich ein- 
samer, so zu tiefst unglücklicher Mensch . . ., die Annahme liegt 
nahe, daß dieser Dichter manchmal im Getränk die Wollust des 
Vergessens gesucht hat. Vor literarischen Rankünen, vor dem Wahn- 
witz des Unendlichen, Kummer im Hause, Beleidigungen durch das 
Elend, floh Poe in das Dunkel des Rausches wie in ein vorläufiges, 
erstes Grab. Aber so gut mir auch diese Erklärung 
zu sein scheint, ich finde, daß sie nicht genügend 
umfassend ist, und ich mißtraue ihr wegen ihrer 
beklagenswerten Einfachhei t.""* 



104) Edgar Poe, sa vie et ses ceuvres, die Einführung zu den 
Histoires extraordinaires. Die Hervorhebung ist von uns. 



1 



In Philadelphia 



T-79 



Die Einfalt der Erklärung scheint uns aber noch bedauerns- 
werter zu sein. Und wir möchten keineswegs zu ihren Gunsten 
auf unsere Deutung verzichten, die sich übrigens, wie wir 
glauben, jedem, der ein wenig die Tiefenpsychologie kennt, 
aufdrängt. 

"Wenn Poe seine Frau nach jedem Anfall ihrer Krankheit 
nur umso heißer liebte, so geschah dies nicht deshalb, weil jeder 
neue Anfall sie ihm zu rauben drohte, sondern weil jede Krise 
und jede Hämoptoe seiner geliebten Virginia in seinem tiefsten 
Innern die schreckliche unbewußte Erinnerung aus seiner Kind- 
heit wieder aufleben ließ, indem sie aus Virginia ein Bild 
machte, das neben dem seiner niemals vergessenen sterbenden 
Mutter lag und ihm immer ähnlicher wurde. "Wenn er dann, 
um seiner unerträglichen Angst zu entgehen, in ein "Wirtshaus 
floh, geschah dies nicht deshalb, weil diese Angst aus einem 
Sdhmerz hervorgegangen war, sondern aus der für die Sexualität 
dieses sadistischen Nekrophilen furchtbaren Versuchung, die 
von jener Vision immer wieder geweckt wurde. 

Daß Poe ein großer sadistisdier Nekrophiler war, wird 
durch sein ganzes "Werk bezeugt. Bloß reine Literaten, die im 
„Kultus" für Poe untergegangen sind, können dies leugnen. 
Selbst Lauvriere hat in seiner Studie Poes Verhalten sehr wohl 
verstanden, obwohl er natürlich die infantile "Wurzel dieses 
Verhaltens nicht ahnen konnte. 

Poe sah also in der sterbenden und vom Blut ihrer Hämo- 
ptoen befleckten Virginia sein Sexualideal verwirklicht: man 
muß zugeben, daß darin ein Anlaß zur Flucht steckte. Und 
wir werden sehen, auf welche Weise er geflohen ist. 

Er hatte in Philadelphia gegen das Ende des Jahres 1841 
die Bekanntschaft eines jungen Rechtsstudenten und überaus 
verführerischen Menschen gemacht, des Schriftstellers Henry 
Beck Hirst. Sie hatten sich bald sehr angefreundet. Beide 
interessierten sich für die internationalen Gesetze über das 



M» 



i8o 



Das Leben Edgar Poes 



literarische Eigentum, die für die amerikanisdien und englisdien 
Sdiriflsteller damals überhaupt erst gesdiaffen werden sollten. 
Der Raub an den englisdien Sdiriftstellern, wie er von den 
amerikanischen Verlegern begangen wurde, verletzte nicht nur 
die Rechte der englisdien Sdiriflsteller, sondern er über- 
schwemmte auch den amerikanischen Markt mit Büchern zu 
billigen Preisen und machte es so den amerikanischen Schrift- 
stellern, selbst wenn sie auf alle Autorenrechte verzichteten, 
unmöglich, mit den Engländern zu konkurrieren. Dickens hat 
sich wohl während seiner Reise in Amerika im Frühjahr 1842 
mit Poe über diese beklagenswerte Situation unterhalten; Poe 
litt geradezu unter diesem Zustand und ließ sich daher auf 
den Rat seines Freundes Hirst als Jurist inskribieren. 

Aber noch etwas anderes hatte die beiden einander nahe 
gebracht: der Alkohol. Zu Beginn 1842 war Hirst sein bester 
Freund geworden und mit ihm zog er nach den Hämoptoen 
Virginias umher, mit ihm ging er aus und besuchte er die 
Wirtshäuser: Hirst, ein Trinker, liebte den Branntwein. 

Der Dritte im Bunde war häufig ein gewisser George 
Lippard, ein ausgesprochener Sonderling. Lippard hatte lange 
Haare, einen blauen, in der Taille geschnürten Rock mit einem 
Kragen aus Samt; außerdem schlief er in der Nacht in einem 
großen, verwahrlosten, verlassenen Gebäude, dessen hundert 
leere Zimmer nur von den Vagabunden der Stadt aufgesucht 
wurden. Er machte sicäi dort auf der Erde ein Lager, den 
Kopf legte er auf einen Sack, und dann gab er sich seinen 
Gespensterträumereien hin. Sein Obdach nannte er Monk's 
Hall, die „Halle der Mönche"; er schrieb dort einen schaurigen 
Roman, in dem Skelette Grimassen schnitten und Särge ihren 
Schatten auf den vom Mond beleuditeten Fußboden warfen. So 
war der "Wind bescäiaffen, der damals bis nach Amerika blies, 
in einer Zeit, in der die europäischen Leser sich noch an den 
Phantasien der Ann Radcliffe ergötzten. 



In Philadelphia 




Unter Poes Gefährten war aber noch ein vierter: der 
Graveur Sartain, ein Absinthtrinker. Zu viert blieben sie bis 
lange in die Nacht hinein in den Wirtshäusern aus, so daß 
Poe, zur größten Verzweiflung der armen Muddy, nidit vor 
dem Morgen heimkam. 

Der beste Freund Poes unter ihnen war, wie wir schon 
gesagt haben, Hirst. Mit ihm diskutierte Poe über Diditkunst, 
ihm trug er die ersten Stanzen des Raben vor. Später be- 
hauptete Hirst sogar — er war durch das Trinken ganz 
heruntergekommen, und in seinem Gedächtnis ging alles durch- 
einander — , er sei es gewesen, der dieses berühmte Gedicht 
geschrieben habe. Natürlidi wurde diese Plagiatsbeschuldigung, 
die Poe sehr naheging, erst in der Zeit erhoben, als sich die 
Liebe jener Tage nach einem allen Psychoanalytikern wohl- 
bekannten Mechanismus in Verfolgungswahn verwandelt 
hatte. Damals jedoch, in Philadelphia, hatten die beiden jungen 
Leute einander noch sehr lieb. 

Poe war also vor der furchtbaren Versuchung, die für seine 
sdireckliche Sexualität in dem Anblick seiner armen, geliebten, 
hustenden und blutspuckenden Virginia bestand, zuerst in die 
Freundschaft eines Mannes geflüchtet, die er „keusdi" beim 
Alkohol genießen konnte. 

Man muß für den, der mit der Psychoanalyse nicht vertraut 
ist, betonen, daß wir durdi die Behauptung, Poe habe vor 
seiner schrecklichen Sexualität Zuflucht beim Mann gesucht, 
keineswegs sagen wollen, er sei je ein manifester Homosexueller 
gewesen. Wie bei allen Trinkern blieb auch bei ihm die Homo- 
sexualität, die er mit seinen Trinkkumpanen befriedigte, nur 
latent. Sie war darum aber nicht weniger tiefgehend und real, 
und darum konnte Poe bei Hirst, im Wirtshaus, eine Zuflucht 
finden, wenn er sidi am Lager seiner sterbenden Virginia, 
mit Recht, vor seinen eigenen Trieben fürchtete. 

Auch die seltsamen Beziehungen zwiscJien Poe und Griswold 



i82 Das Leben Edgar Poes 

können erst heute, bei dieser Beleuchtung, riditig gesehen und 
gedeutet werden. Der i8ij geborene Reverend Rufus Gris- 
wold, der zuerst Setzerlehrling und Herausgeber gewesen war, 
dann sich mit dem Studium der Theologie befaßte, um Pastor 
bei den Wiedertäufern zu werden, verließ bald dieses wenig 
einträgliche Gewerbe und kehrte zu den Druckereipressen 
zurück. Als Poe ihn 1841 bei Graham kennenlernte, war er 
der Herausgeber der ersten Anthologie in Amerika; er be- 
reitete damals sein großes "Werk: Poets and Poetry of America 
vor. Griswold kannte, mindestens oberflächlich, das Leben 
und die "Werke aller amerikanischen Dichter und Schriftsteller 
und hatte einen durchdringenden und bösartigen Blick. 

Poe war mit dem Expastor wegen dieser Anthologie in "Ver- 
bindung getreten. Er wollte auch in dieses Budi aufgenommen 
werden, und Griswold nahm sein Geisterschloß an. Die 
Beziehungen zwischen den beiden jungen Leute schienen damals 
recht herzliche gewesen zu sein, obwohl Poe schon in jener 
Zeit Griswold sein zurückhaltendes Urteil ebensowenig ver- 
zeihen konnte wie dieser Poe die sdilechtverhehlte Verachtung, 
die Edgar naturgemäß für die armseligen Gedichte des 
Reverend zeigte. 

Im Jahr 1842, in der Zeit also, in der Poe mit Hirst 
umherstrich, arbeitete er bei Graham's Magazine nur sehr 
„unregelmäßig" mit. Dadurdi entstand an einem schönen 
Apriltag in Gegenwart Grahams ein Streit mit dem unter- 
gebenen Hilfsredakteur Peterson, auf dem die ganze Arbeit 
lastete. „Peterson o'der Poe mußte fort", sagte später Graham zu 
Sartain, „die beiden Männer konnten nicht beisammenbleiben". 
So entfesselte der Alkohol wieder einmal die Streitsucht Poes. 

Als er nun an einem Aprilmorgen, nach einer neuerlichen 
Abwesenheit von einigen Tagen, in sein Büro kam, fand er 
dort den Reverend Rufus Griswold vor, der sich auf seinem 
Platz bereits häuslich niedergelassen hatte. Poe kehrte sofort 



In Philadelphia 183 



um, und niemals mehr setzte er wieder seinen Fuß in das 
Büro von Graham's Magazine. Er war lange auf seinen Nach- 
folger böse. Noch ein anderer Streit, der aber intimerer Natur 
war, sollte später zwischen diesen beiden ausbrechen; trotzdem 
aber bestimmte Poe Griswold zu seinem Testamentsvollstrecker, 
leine Verpflichtung, deren sich dieser auf eine niederträchtige 
Weise entledigte. So verwickelt war das mysteriöse Band, das 
Poe gerade an seine „Verfolger" knüpfte; wir werden noch 
davon zu sprechen haben. ^ 

Poe verlor also noch einmal durdi den Alkohol seine 
[Stellung und dadurch die Existenzmittel für seine Familie. 
Denn stärker als die Notwendigkeit, seine bürgerlichen 
Pflichten zu erfüllen, war jene andere, der grauenhaften Ver- 
suchung zu entgehen, die am Krankenlager Virginias unbe- 
wußt aus ihm hervorbrach und für die sein damaliges "Werk 
zeugen kann. 

Es ist also kein Zufall, daß er gerade nach den Hämoptoen 
Virginias den blutigen Glanz schildern mußte, der in der 
Maske des Roten Todes schillerte. 

„Lange schon wütete der Rote Tod im Lande; nie war eine 
Pest verheerender, nie eine Krankheit gräßlicher gewesen. Das Blut 
war sein Avatar, — das Rot und die Greuel des Blutes.""" 

Dann malte Poe mit sichtbar sadistisch-ästhetischer Freude 
diese purpurrote Freske. Es war sdiließlidi auch kein Zufall, 
daß die einzige Geschichte Poes, in der auf ein im eigentlichen 
Sinne sexuelles Attentat angespielt wird, Das Geheimnis 
der Marie Roger, gerade damals geschrieben wurde. Vor 
allem aber entstand in jenen Tagen Die schwarze 
Katze am Bett Virginias, die sich durch die Katze Catterina 
wärmte, wenn ihr kalt wurde. 

loj) The „Red Death" had long devastated the country. No 
pestilence had ever been so fatal, or so hideous. Blood was its 
Avatar and Its seal — the redness and the horror of blood . . . 



Das Leben Edgar Poes 



1 



Aus dieser Zeit stammen audi Das schwatzende 
Herz, Die "Wassergrube und das Pendel und 
Der Goldkäfer; wir werden später, bei der Analyse 
dieser Gesdiiditen im zweiten Teil unserer Arbeit, verstehen, 
wieso die Hämoptoen Virginias die Rückkehr der Erinnerung 
Poes zu den Gestaden Carolinas begünstigten, wo er schon als 
ganz kleines Kind mit seiner kranken und geliebten Mutter 
umhergeirrt war, noch bevor er als Soldat dort gewesen. 

Das dichterische "Werk war für Poe das edle Mittel, um der 
Versuchung zu entgehen und ihr doch ohne Gefahr nachgeben 
zu können, da er sie nun in heftigen, erhebenden, sublimierten 
Träumen zu realisieren vermochte. Aber das Kunstwerk allein 
genügte Poe als Refugium nicht, daher floh er in das "Wirtshaus, 
zum Alkohol und zum Mann. Aber auch das sollte ihm nidit 
immer genügen. Es gab jedoch mehrere Ausgänge, wenn man 
fliehen wollte: und einer von ihnen führte sogar zu der 
lebenden Frau, die das Heil gewesen wäre. 

"Wir werden daher nicht erstaunt sein, Poe plötzlich während 
der schönen Jahreszeit 1842 auf dem Ferry-boat zu entdecken, 
das den Verkehr zwischen New York und Jersey City ver- 
mittelte, wenn wir erfahren, daß die um diese Zeit bereits ver- 
heiratete Mary Devereaux in Jersey City wohnte. Poe war be- 
trunken, ohne Hut, und die Adresse Marys, die er sich in New 
York verschaffen konnte, hatte er „vergessen". Vergeblich fragte 
er mit verstörtem und drohendem Blick die Reisenden aus, er 
fuhr mehrmals die Strecke hin und zurück, ohne die Adresse 
wieder zu bekommen: die Passagiere hielten ihn für einen 
"Wahnsinnigen. Endlich konnte ihm jemand Auskunft geben; 
und Mary beschreibt uns die Ankunft Poes in ihrem Hause: 

„Als Poe bei uns ankam, war idi mit meiner Sdiwester aus- 
gegangen, und er öffnete uns die Tür, als wir heimkehrten. "Wir 
sahen, daß er wieder einen seiner Fluchtversudae (spree) unter- 
nommen hatte und sdion mehrere Tage nidit zu Hause gewesen 



In Philadelphia 



i8j 



■war. Er sagte zu mir: ,Sie haben also diesen verfluchten ... ge- 
heiratet! Lieben Sie ihn wirklich? Haben Sie ihn aus Liebe ge- 
heiratet?' Ich antwortete: ,Das geht niemanden anderen etwas an 
als meinen Mann und mich.' Darauf sagte er: ,Sie lieben ihn nicht. 
Sie lieben midi. Sie wissen das wohl!'" 



Hierauf trank Poe mit den Damen Tee; er trank nur eine 
einzige Tasse. Er befand sich in einem Zustand heftigster Er- 
regung, ergriff ein Messer und einen Teller mit Radieschen, 
und zerschnitt mit einem wahrhaft sadistischen Vergnügen die 
Radieschen in tausend Stücke, so daß die Stückchen nach allen 
Richtungen flogen. Dann verlangte Poe, daß Mary sein 
Lieblingslied singe: Come, rest in this bosom . . ., und ging 
fort, man wußte nicht wohin. 

Einige Tage später erschien die von Unruhe halb wahn- 
sinnige Frau Clemm bei Mary, um ihren Eddy zurückzuholen, 
dessen Spur sie bis zu ihr verfolgt hatte. Muddy, Mary und 
einige Nachbarn suchten miteinander die Umgebung ab. Man 
fand ihn in einem der Wälder nahe der Stadt, wo er wie ein 
AJCahnsinniger umherirrte. Er hatte seit der Tasse Tee, die er 
bei Mary getrunken, nichts mehr zu sich genommen. Frau 
Clemm brachte ihn nach Philadelphia zurück. 

Nichts ist charakteristischer als diese Flucht Poes zu Mary, 
durch die er der Versudiung, die von der sterbenden Virginia 
ausging, entfliehen wollte. Es war ein wirklicher „Heilungs- 
versudi", der aber, so wie alle Versuche gleicher Art, die Poe 
im Laufe seines Lebens mit normalen Frauen unternehmen 
wollte, zum Mißlingen verdammt war. Denn die Fixierung 
an die sterbende und tote Mutter war zu stark, als daß sie 
nicht jeden Versuch Poes, eine andere Liebe zu realisieren, ver- 
I hindert hätte. Daß er zur verheirateten Mary floh, daß er 
dabei betrunken und im Zustand der hypomanischen Erregung 
war, als er sich vor ihr zeigte, beweist deutlich: er wollte mit 
unnützen oder schädlidien Gesten Mary erobern. Aber Poe war 



i86 Das Leben Edgar Poes 



^ 



gerade zu solchen sinnlosen Gesten gezwungen. Denn einerseits 
mußte er vor der großen Versuchung fliehen, die vom ster- 
benden oder toten Fleisch ausging, anderseits aber hatte er kein 
Recht auf einen gesunden und lebenden Körper, weil die 
schauervolle Treue ihn an eine Tote in der Vergangenheit 
schmiedete. Wenn er der Lebenden folgte, dann stieß er an das 
Grab der Ulalume; wenn er bei der Sterbenden blieb, dann 
untersagte ihm seine Moral, Handlungen zu begehen, zu denen 
ihn seine sadistisdi-nekrophile Sexualität aufstachelte: eine 
Sackgasse nach beiden Seiten! Aber je nachdem die Gefahr 
weniger von der einen als von der andern Seite drohte, stürzte 
er sich eiligst nadi der andern, so lange, bis er an die Mauer 
stieß, die ihn zur Umkehr zwang. Bloß die Keusdiheit war 
ihm gestattet; um sie zu erhalten, durfte er allerdings alle 
Mittel gebrauchen, er durfte außer Haus mit Männern Alkohol 
trinken, oder zu Hause Opium zu sidi nehmen. 

Im Sommer 1842 hatte die kleine Familie kein Geld mehr; 
sie mußte daher aus der Coates Street in ein bescheidenes 
Ziegelhaus der Spring Garden Street übersiedeln. Die mühevoll 
erworbenen Einrichtungsgegenstände verschwanden nach- 
einander, sie wurden verpfändet oder verkauft. Die wenigen 
Freunde, die ihn dort besuchen kamen, fanden die hustende 
und blasse Virginia im Garten unter dem großen Birnenbaum; 
an den Tagen, an denen es ihr schlechter ging, hielt sie sidi 
in dem kleinen Zimmer im Stodi auf, das neben dem Zimmer 
der Frau Clemm lag. Das Zimmer Eddys lag im Erdgeschoß 
und dort war er (nadi Miss Herring)^"" an den Tagen ein- 
geschlossen, an denen er nadi den Opiumexzessen, die er 
zweifellos deshalb beging, weil er sonst nach seiner Flucht die 
Rückkehr ins Haus nicht ertragen hätte, im Rausche lag. In der 

106) Siehe S. 146 f. 



In Philadelphia 



187 



einen oder andern Form mußten diese Fluditversudie immer 
wieder unternommen werden. 

Auch der Aufenthalt Poes im August 1842 bei den Saratoga 
Springs war nichts anderes als ein derartiger Fluchtversuch. 
iDer Doktor Mitchell hatte ihm diese Bäder verordnet. Aber 
Ipoe besaß nicht das Geld, um sich in diesen damals sehr 
{beliebten Badeort zu begeben. Auf die Vermittlung des 
iDr. Mitchell hin lud nun eine Dame aus Philadelphia, die 
■dort ihre Bäder nahm, Poe ein. Er reiste ohne seine Familie zu 
den Saratoga Springs. 

Daraus wurde bald ein richtiger Skandal. Leute aus Phila- 
delphia erkannten den jungen Schriftsteller, der täglich im 
I Wagen mit einer verheirateten Dame, welcher er anscheinend 
große Aufmerksamkeit erwies, spazieren fuhr. Der Tratsch 
hatte sidi dieser Fahrten bemächtigt, Poe mußte schnell abreisen. 

Virginia erlitt während der Abwesenheit ihres Gatten einen 
neuen Anfall von Hämoptoe; Poe bekam nadi seiner Rückkehr 
einen seiner Herzanfälle. Alles Unglück schien über das Haus 
hereingebrochen zu sein, und wenn Eddy in jener Zeit das 
Haus seltener verließ, so geschah dies wohl deshalb, weil außer 
dem Herzleiden das Opium ihn ans Zimmer fesselte . . . 

Bald aber sollte sich Poe noch eine andere Flucht leisten. 

Seit einiger Zeit schon dachte er von neuem an den Plan, 
den er übrigens nie aufgegeben hatte: er wollte sein eigenes 
Magazin gründen. Die Zeitschrift sollte nun nicht mehr Penn, 
sondern Stylus heißen; mit dem neuen Namen wollte er auch 
den alten Plan verjüngen. 

Thomas, der damals Beamter in Washington war und auf 
den sidi Poe am sichersten verlassen konnte, schrieb ihm öfters 
wegen dieser Sache. Man hoffte nämlich, Robert Tyler, den 
Sohn des Präsidenten, für den Plan zu interessieren. Robert 
Tyler konnte außerdem, wie man hoffte, Poe jene Beamten- 
stellung verschaffen, die dem jungen Schriftsteller endlich zu 



Das Leben Edgar Poes 



einer materiellen Sicherheit verhalf. Daher gab Thomas dem 
Robert Tyler, der in seinen schwadien Stunden dichtete, zu 
verstehen, Poe, der gefürchtete Kritiker, habe sich über eines 
seiner Gedichte sehr günstig geäußert. Im März verwendete 
sich nun Robert Tyler für Poe in Philadelphia, damit er bei 
den Zollbehörden einen Posten bekomme. 

Aber man rechnete nicht mit dem Einfluß untergeordneter 
Organe, der gewöhnlich größer ist, als der der führenden 
Stellen. Ein gewisser Smith, Zolleinnehmer im Hafen von 
Philadelphia, ließ sich an die zehnmal bei den Besudien Poes 
verleugnen, schließlich aber lehnte er ihn brutal hinaus. 

Der Stylus jedoch erhellte weiter den Horizont. Bevor aber 
diese Sonne aufging, arbeitete Poe am Pioneer mit, den Lowell 
eben in Boston gegründet hatte. 

So endete das Jahr 1842. Der Stylus war am i. Januar des 
neuen Jahres nicht erschienen, aber es hatte den Ansdiein, als 
sollte er im gleichen Monat doch noch herauskommen. Poe 
fand nämlich in T. C. Clarke, einem recht wohlhabenden 
Herausgeber, den notwendigen stillen Gesellschafter für seine 
Zeitschrift. Clarke, dem Thomas manchen Dienst in Washington 
erwiesen hatte, war von diesem bearbeitet worden. Durch seine 
Stellung als Direktor des Stylus sollte Poe schließlich auch den 
Beamtenposten erhalten. Kurz, Clarke glaubte an Poe, und 
am 31. Januar 1843 wurde zwischen Clarke, Poe und dem 
Graveur Darley, der als Illustrator des Stylus engagiert 
worden war, der Vertrag unterzeichnet. Hirst, der damals mit 
Poe sehr intim war, schrieb für das Philadelphia Saturday 
Museum, ein in weiteren Kreisen unbekanntes Blättdien, an 
dem auch Poe mitarbeitete, eine Biographie seines Freundes, 
die natürlich sehr romanhafl: ausgeschmückt war. Das Er- 
scheinen des Stylus war also angekündigt. 

Thomas nützte nun den Ruf und Namen, den Poe bereits 
als Erzähler und EntzifFerer von Geheimschriften besaß, aus, 



I 




In Philadelphia 



189 



um einen Besuch in Washington zu organisieren. Dort sollte 
Poe einen Vortrag halten, von Tyler im Weißen Haus emp- 
fangen werden, nach seinem Wunsch die Subskriptionen der 
berühmtesten Leute aus Washington und der Beamten für den 
Stylus entgegennehmen und schließlich selbst Beamter werden. 
Niemals war der Stylus so nahe daran, wirklich zu er- 
scheinen. Aber Poe hatte nicht einmal das Geld, das zur Reise 
nötig war; Clarke streckte es ihm nun vor. Am S.März 1843 
fuhr Poe nach Washington; sein Herz war von Hoffnungen 
und Freude geschwellt, d.h. er befand sich in einem seiner 
hypomanischen Erregungszustände. 

Thomas, ein Junggeselle, wohnte in Fuller's Hotel, und er 
hatte dort auch ein Zimmer für Poe gemietet. Zum Unglück 
für Poe war Thomas am Tag der Ankunft des Diditers er- 
krankt und konnte sich nicht um ihn kümmern. Er vertraute 
ihn daher Dow, einem seiner Freunde, an. 

Nun hieß Dow nicht ohne Grund bei seinen Kameraden 
Rowdy Dow (der Radaumacher Dow); und Füller, der Be- 
sitzer des Hotels, besaß einen berühmten Keller. Noch am 
gleichen Abend, an dem Poe angekommen war, erwies er mit 
Dow und einem andern Mann dem Porto und den Schnäpsen 
aus dem Keller Füllers alle Ehre. Die Folge davon war, daß 
Poe krank wurde und nicht einmal so viel Geld mehr besaß, 
den Barbier, bei dem er sich wegen seines Besudies im Weißen 
Haus rasieren lassen wollte, zu bezahlen. Am 11. schrieb er 
daher an Clarke einen Brief, in dem er ihn neuerlich um 
etwas Geld bat, da seine Ausgaben, wie er sagte, ein wenig 
größer gewesen wären, als vorauszusehen war: er fügte hinzu, 
daß alles nach Wunsch gehe, daß er am 13. seinen Vortrag 
halten werde, und daß er in Washington „Aufsehen errege". 
Allerdings, Poe erregte Aufsehen! Aber ein ganz anderes, 
als sidi für „einen der bedeutendsten, keuschesten und gelehr- 
testen Sdiriftsteller dieser Zeit" (so nannte ihn das Museum) 



190 Das Leben Edgar Poes 

gehört hätte. Dow hatte Poe Ins "Weiße Haus geführt, um mit 
ihm Robert Tyler aufzusuchen; dieser sah aber sofort, in 
welchem Zustand Poe sich befand, und er verhinderte, daß er 
in solcher Verfassung vom Präsidenten empfangen werde. 
Außerdem weigerte sidi Poe, der seinen Mantel wie gewöhnlich 
ä l'espagnole drapiert trug, ihn während seines ganzen Auf- 
enthaltes in Washington anders als mit dem Futter nach außen 
zu tragen. Es konnte daher wegen des Zustandes, in dem er sich 
befand, von der für den 13. angekündigten Veranstaltung nidit 
mehr die Rede sein. Dow schrieb infolgedessen an Clarke und 
bat ihn, er möge Poe abholen, da dieser nicht ohne Gefahr 
allein reisen könne. 

Da Clarke jedoch nicht erschien, mußten Dow und Thomas 
Poe Geld vorstrecken. Nadi dem letzten Alkoholgelage, an 
dem Poe, Dow und einige andere, darunter auch ein Spanier 
mit großem Schnurrbart, teilnahmen und auf das ein "Wirbel 
folgte, war der wütende Virginier mit dem „Don" und seinem 
Schnurrbart in Streit geraten; am Abend des 13. März wurde 
Poe von Dow auf den "Weg nadi Philadelphia gebracht. Frau 
Clemm, die man benachrichtigt hatte, holte ihn wieder 
einmal ab. 

So endete die „Flucht" nach "Washington. Man kann diesem 
Sdiwabenstreicii keinen andern Namen geben; Poe war es 
gelungen, eine Geschäftsreise, die sein Freund Thomas zu seinen 
Gunsten organisiert hatte, in eine alkoholische „Flucht" zu 
verwandeln. Ein Zusammenbruch seiner Hoffnungen: welcher 
Anteil, sagt der Psychoanalytiker, welcher Anteil kommt hier 
dem Bedürfnis nach Selbstbestrafung zu, das mancäie Menschen 
ständig dazu treibt, ihre Unternehmungen selbst mißlingen zu 
machen? Gehorchte er durdi sein Verhalten Allan, der ihm 
vorausgesagt hatte, er werde in seinem Leben nur Mißerfolg 
haben? Unterwarf er sich durch sein Benehmen, „noch nadi- 
träglich gehorsam", dem väterlidien Verdikt? Wir halten fest 



m 



In Philadelphia 



191 



[an der Tatsache, daß Poe niemals „wirklichen" Erfolg haben 
sollte und daß man für seine Mißerfolge nicht die äußere Welt 
[allein verantwortlich machen kann. 

Die Reise nach Washington ist ein vorzügliches Beispiel 
dafür, wie Poe es verstand, seinen eigenen Erfolg zu zerstören. 
Mandie werden sagen, er sei ein Dipsomane und daher für sein 
Benehmen nicht „verantwortlich" gewesen, sein Mißerfolg 
könne daher gewiß von ihm nicht gewollt sein, dieser Miß- 
erfolg, der seine teuersten Hoffnungen zugrunde richtete. Bei 
einer solchen Meinung verwechselt man aber, wie immer, das 
Bewußte mit dem Unbewußten. Gewiß, Poe war nidit ver- 
antwortlich, aber wer ist es denn? Poes Verhalten war natür- 
lich „determiniert", und das Unbewußte, das seine Handlungen 
determinierte und ihn zum Trinken drängte statt ihn in das 
Weiße Haus gehen zu lassen, war nicht ohne „unbewußte Ab- 
siditen"! Die Psychoanalytiker wissen, daß es keinen Zufall gibt, 
auch nicht in den verborgensten Tiefen der menschlichen Seele. 
Poe mußte also seinen Erfolg gerade in dem Augenblick ver- 
nichten, in dem er seiner Realisierung am nächsten war. Der 
beunruhigte Clarke zog sich von der Angelegenheit des Stylus 
kurze Zeit nachher zurück. Und das Elend lagerte von neuem 
auf dem kleinen Haus in der Spring Garden Street. 

Die Lufl: in Philadelphia war bald derart, daß Poe in ihr 
nicht mehr atmen konnte. Er war als Trunkenbold verschrien, 
die Geschichte von Washington war nicht geheim geblieben, 
skandalöse Gerüchte wegen der Dame in Saratoga, die er 
vermutlich 1843 wiedergesehen hatte, zirkulierten in der Stadt. 
Der Verfolgungswahn, der sich auf diese verschiedenen Tat- 
sadien stützen konnte, wuchs in dem krankhaften Hirn Poes 
an. Hirst wurde als falscher Freund verworfen; Wilmer, der 
Freund aus Baltimore, dunkler Machinationen verdächtigt. 

Griswold, der häufig die kleine Familie sah, hat uns von 
dem Edgar dieser Zeit eine einigermaßen romantische Be- 




192 



Das Leben Edgar Poes 



sdireibung hinterlassen, in der man sieht, „wie er durdi die 
Straßen in einem Zustand des Wahnsinns oder der Melandiolie 
umherstridi, unverständliche Verwünsdiungen ausstieß oder 
die Augen in leidenschaftlichem Gebet zum Himmel richtete . 
Er trotzte den heftigsten Stürmen und der Nacht, die Kleider 
waren vom Regen durchtränkt, mit den Armen schlug er wild 
im Guß und im Wind umher, er schien die Geister anzu- 
rufen . . ."^"^ In Wirklichkeit genügte Poe bei diesem Umher- 
irren das Regenwasser allein nicht. 

Er steckte tief im Elend. Die Möbel waren aus dem Haus 
verschwunden. Niemand lieh mehr Geld. Die Näharbeiten 
Muddys und Sissys trugen nur wenig ein. Auch die hundert 
Dollar des Preises, den er für den Goldkäfer von dem 
Dollar Newspaper erhalten hatte, waren bald verbraucht. 
Der Rabe, der damals in der ersten Fassung beendet war, 
wurde von Peterson und Graham abgelehnt. Vergebens las 
Poe selbst den auf seinen Ruf versammelten Druckern von 
Graham' s Magazine das Gedicht vor: sie bestätigten das Urteil 
ihrer Chefs. Und Poe mußte nun wie ein Bettler die fünfzehn 
Dollar annehmen, die eine unter den Anwesenden damals ein- 
geleitete Kollekte für Virginia und Frau Clemm ergab, und 
sein Manuskript wieder naci Hause tragen. 

Nachdem Poe so einige Zeit hindurch dieses elende Leben 
weitergeschleppt und hier und dort das eine oder andere 
der Manuskripte aus seiner Schreibtischlade veröffentlicht hatte, 
entschloß er sich im Monat April 1844 plötzlich, Philadelphia 
zu verlassen. Nadi Richmond konnte er nicht zurück, in Boston 
hatte er sich durcäi seine Angriffe auf die Schriftsteller des 
Nordens unmöglich gemacht, Baltimore war eine zu kleine 
Stadt; so blieb ihm nicht anderes übrig, als von neuem in 
New York sein Glück zu versuchen. 



107) Israfel, S. 573. 



IN NEW YORK 

DER RABE UND DER RÜHM 

Edgar Poe und Virginia, die ihre Muddy und Catterina 
in Philadelphia zurückgelassen hatten, kamen am 6. April 1844 
in New York an. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück 
in der Pension Greenwidi Street, in der sie abgestiegen waren, 
sdirieb Poe einen Brief an Frau Clemm."** Er beschrieb ihr die 
Reise, teilte ihr mit, daß „Sis" während der ganzen Fahrt nidit 
ein einziges Mal gehustet habe und betonte, aber in dem Ton 
eines Unglücklichen, der nicht immer genügend zu essen 
bekommt, um seinen Hunger stillen zu können, wie reichlidi 
die Nahrung in der Pension sei. Er hoffe, Muddy bald die 
paar Dollar für die Reise schicken zu können. „Sis" habe 
gestern abend geweint, weil Muddy und die Katze nidit da- 
gewesen seien. Edgar, der glaubte, sich noch drei Dollar aus- 
leihen zu können, hatte jedoch nur vierundeinhalb in der 
Tasche, so daß Muddy noch nicht kommen konnte. 

Gleich nach seiner Ankunft versuchte Poe ein Manuskript 
anzubringen. Samstag, den 13. April, veröffentlichte der New 
York 5«« den L ü g e n b a 1 1 o n {The Balloon Hoax), der aber 
von mehr als einem Leser mißverstanden wurde; man glaubte, 
der Atlantische Ozean sei wirklich auf dem Luflweg überquert 
worden. Poe freute sich darüber, daß so viele auf seinen 
Sdiwindel hereingefallen waren. Das erfreulidiste Ergebnis 
dieser Angelegenheit bestand aus einigen Dollar, die es Frau 
Clemm möglich machten, ungefähr eine Woche nadi Poes An- 
kunft den Kindern nachzukommen. 



108) Poe an Frau Clemm, 7. April 1844 (V. E., Bd. 17, S. i6j). 
Bonaparte: Edgar Poe. I. ij 




194 



Das Leben Edgar Poes 



"Während der ersten Monate seines Aufenthalts in New York 
lebte Poe nur von den geringen Einnahmen, die er durdi 
einige Geschichten und Artikel bezog, die er hier und dort 
unterbrachte. Gleich nach der Ankunft der Frau Clemm über- 
ließ er ihr und Virginia die beiden Zimmer, die er sidj 
durch den Verkauf des Lügenballon in der Greenwidi 
Street hatte mieten können, und bezog selbst eine andere 
"Wohnung. In ihrer nächsten Nähe befand sich ein Wirtshaus 
und dort soll Poe verschiedenen Journalisten und Stammgästen 
den Raben in seiner damaligen Fassung vorgelesen haben. 
Man behauptet auch, daß Poe dieses Gedicht nach dem Ein- 
druck, den es auf seine Zuhörer gemacht hat, immer wieder 
umformte. 

Die Erzählungen Poes, nach seiner eigenen Angabe waren 
es sedisundsechzig Geschiditen, fanden jedoch keinen Ver- 
leger.^"" Professor Anthon, der 1837 Poe die hebräischen 
Zitate für den Artikel über das Petreische Arabien geliefert 
hatte, verwendete sich vergebens bei den Harpers für ihn. Sie 
lehnten es ab, Poe zu verlegen, weil dieser sie, wie wir wissen, 
für das berühmte Handbuch der Conchologie zum 
Vorteil eines anderen Verlegers „ausgeraubt" hatte. 

So kam der Sommer 1844 heran: Poe hatte keine feste 
Stellung, für die Erzählungen war kein Herausgeber aufzu- 
treiben, der Rabe war unvollendet geblieben. 

Virginia, der es immer schlediter ging, litt an der Hitze, die 
in New York ganz unerträglich werden kann. Daher über- 
siedelten Poe, Frau Clemm, Virginia und Catterina zu Beginn 
der heißen Tage nadi Bloomingdale Road, wo sie einige 
Zimmer auf dem Gutshof der Familie Brennan gemietet hatten. 

Der Hof beherrsdite von einer kleinen Anhöhe aus das Tal 
des Hudson. Vor dem Haus, neben einem Tümpel, stand im 



109) Poe an Anthon, Juni 1844 (V. E., Bd. 17, S. 179). 




In New York — Der Rahe und der Ruhm 



I9J 



Schatten eines großen Baumes eine Bank, auf der Poe so lange 
träumen konnte, bis ihn die Kinder der Brennans zur Mahlzeit 
riefen. Im Stock des Hauses lagen die Schlafräume, unten war 
das Zimmer, in dem Poe sdirieb, und in dem sidi eine Büste 
der Pallas befand. In diesem Haus, das freistand und daher 
jedem "Wetter ausgesetzt war, beendete Poe beim Heulen der 
Herbststürme den R a b e n in der Form, in der er dann in die 
■Welt hinausfliegen sollte. 

Von Frau Brennan erfahren wir, daß die Pension immer 
bezahlt wurde. Aber wir wissen auch, daß Poe nicht immer das 
Geld besaß, um die Briefe, die an ihn gerichtet waren, auslösen 
zu können.^i" So elend ging es ihm damals. 

Poe scheint in dieser Zeit keine schweren dipsomanischen 
Anfälle erlitten zu haben, trotzdem die Stryker's Bay Tavern 
in der Nähe lag. Er traf dort den einen oder andern seiner 
Kollegen, Thomas Dünn English oder Wallace und las ihnen 
den Raben vor. Aber auch zu Hause fehlte es ihm nicht an 
Zuhörern: Frau Brennan und Frau Clemm. Die Muddy hörte 
aufmerksam zu, sie bewunderte ihren Eddy, und während er 
arbeitete, schenkte sie ihm Kaffee ein. Virginia klebte das 
Papier zu langen Rollen zusammen, auf die Poe schrieb. Aber 
es ging ihr immer schleciiter, manchmal war sie so schwach, 
daß ihr Mann sie in den Armen aus seinem Zimmer in das 
Speisezimmer tragen mußte. 

Martha Brennan, die Tochter des Hauses, der wir diesen 
Blick ins Heim des Dichters verdanken, beschreibt uns den 
Poe dieser Zeit als den zärtlichsten, aufmerksamsten aller 
Gatten. Sie hat auch nie die heftige und wilde Natur beob- 
achten können, die man ihm zuschreibt. Während der zwei 
Jahreszeiten, die sie neben ihm verlebte, soll er auch nicht einen 
Schluck eines geistigen Getränkes zu sich genommen haben . . . 



iio) In jenen Tagen mußte der Empfänger das Porto bezahlen. 

13* 



196 Das Lehen Edgar Poes 



1 



Oft aber irrte er in den Wäldern der Umgebung umher, und 
wenn er dann nachmittags nach Hause kam, ging er in das 
große Zimmer im Erdgeschoß hinunter und arbeitete neben 
dem Fenster so lange, bis die Dämmerung einbrach. 

Ein idyllisches Gemälde, das uns Martha Brennan von 
dem Leben in Bloomingdale Road zeichnet! Es hängt eben 
von den Augenblicken ab, in denen Poe beobachtet wurde, 
und von den Augen der Zeugen, die ihn beobachteten, ob wir 
dieses oder jenes der einander widersprechenden Bilder des 
Dichters erhalten. Für die einen war er ein Dämon, ein Wahn- 
sinniger; für die andern ein Engel der Sanftmut. Und beide 
Bilder sind in ihrer Art wahr, denn der Zyklothymiker Poe 
wurde von Anfällen hypomanischer Erregung oder melan- 
cholischer Depression heimgesucht, die von Perioden relativer 
Ruhe (weldie allerdings mit zunehmendem Alter immer kürzer 
wurden) unterbrochen waren. 

Der Aufenthalt bei den Brennans in dem kleinen Gutshof, 
der den Hudson beherrsdite, scheint die längste Rast gewesen 
zu sein, die ihm noch gegönnt war. 



Dieses idyllische Zwischenspiel konnte nidit lange dauern; 
Poe mußte Geld verdienen. Daher bemühte sich im September 
Frau Clemm, für ihn Arbeit zu finden. Anfangs Oktober 
trat Poe eine Stelle bei dem Evening Mirror, einer Tages- 
zeitung, an, aber nicht als Chefredakteur, sondern als ein 
gewöhnlicher mechanical paragraphist, welcher der Zeitung 
außer seiner Arbeit auch noch Entrefilets und kleine Artikel zu 
liefern hatte. 

N. P. Willis, der Besitzer des Mirror, war ein liebens- 
würdiger Mann, sehr beliebt in den Salons der „Literati" in 
New York und bei den Damen sehr geschätzt. Er war 1806 
geboren, hatte früh Gediciite gesciirieben und sich beim 



1 



In New York — Der Rabe und der Ruhm 



^97 



Magazine bald den Ruf eines geschickten Journalisten und 
Kritikers erworben. Zweimal war er in England gewesen und 
mit den bekanntesten Schriftstellern der damaligen Zeit 
zusammengekommen; nach seiner Rückkehr hatte er sich ganz 
dem Journalismus gewidmet. 

Poe litt unter der untergeordneten Stellung, die er bei Willis 
einnahm, kam aber trotzdem regelmäßig zur Arbeit ins Büro, 
in dem er um neun Uhr sein mußte und das er erst am Abend 
verließ. Willis hat seinen Angestellten sehr gelobt, er nannte 
ihn einen „ruhigen, geduldigen und arbeitsamen Menschen, 
einen wirklichen Gentleman, der durch seine vorbildliche 
Haltung und seine Fähigkeiten jedem, der sich ihm näherte, 
größte Achtung und Wertschätzung einflößte". 

Da Bloomingdale Road von den Büros des Mirror zu weit 
entfernt war, kam die kleine Familie im November wieder in 
die Stadt zurück."^ Dort ging es aber mit Virginia immer 
stärker bergab, und da Willis nur schlecht zahlte, war audi das 
Elend nicht zu verscheuchen. Wie groß es war, soll uns eine 
kleine Episode verraten. 

Gabriel Harrison, der am Broadway einen Laden hatte, 
erzählt uns, daß an einem kalten Abend ein Herr von ärm- 
lichem Aussehen in sein Geschäft eingetreten war, um nach dem 
Preis des Tabaks zu fragen; nachdem er Auskunft bekommen 
hatte, wendete er sich mit trauriger Miene zum Gehen. Er besaß 
nicht einmal das Geld, um sich Tabak kaufen zu können. Da 
wurde Harrison von Mitleid erfaßt und er schenkte ihm 
ein Päckchen. 

Glücklicherweise kam am Ende dieses Jahres Lowell nach 
New York, um seinen Freund Briggs, der eine neue Wochen- 
sdirift, das Broadway Journal vorbereitete, aufzusuchen. Lowell 
riet Briggs, Poe aufzunehmen; und Briggs engagierte ihn. 



iii) In New York (1845) wohnte er: 
195 Broadway, dann 85 Amity Street. 



15 Amity Street, dann 



Das Leben Edgar Poes 



1 



Poe rechnete auf seinen Raben; er hatte so lange an ihm 
gearbeitet, bis er hoffen konnte, er werde durdi ihn endlidi 
berühmt werden. Daher bemühte er sich sehr um die Ver- 
öffentlichung seiner Dichtung. Zu Beginn des neuen Jahres 
(1845) erschien nun der Rabe (dem panegyrische Notizen 
vorausgingen) fast gleichzeitig im Evening Minor, in der 
American Whig Review, im Broadway Journal, im Southern 
Literary Messenger; in der Review wurde das Gedicht unter 
dem Namen „Quarles" eingereicht, um sdhließlidi an anderer 
Stelle die Neugierde des Publikums durdi den Namen Poes 
zu reizen. 

Und der Ruhm war da. Von einem Tag zum nächsten war 
Poe berühmt geworden und für alle ein Gegenstand der Neu- 
gierde. Bald flog der Rabe sogar über den Atlantisdhen Ozean 
und trug die Klagen des Liebhabers, der um Lenore weinte, 
in die Alte "Welt hinüber. Und in dieser Zeit setzte sidi in 
den Köpfen des Publikums auch das Bild von dem romanti- 
schen und satanischen Antlitz fest, unter dem Poe in der Phan- 
tasie der Leser weiterleben sollte. 

Als er am 28. Februar vor den „Literati" von New York 
einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag hielt, stand 
er bereits im Glanz dieses neuen Ruhms, man riß sich um seine 
Unterschrifl. Wichtiger aber war, daß Briggs Poe ein Drittel 
des Besitzes seiner Zeitschrift überließ, da er von ihm leicht 
überzeugt werden konnte, ein berühmter Name, den man zwei 
unbekannten Namen hinzufügt (Briggs, Poe, Bisco), vergrößere 
den Erfolg und die Auflagenhöhe des Broadway Journal. 

Als Poe in die Redaktion dieser Zeitschrift eingetreten war, 
befand er sich gerade in jener Periode relativer Ruhe und 
Nüchternheit, die uns durch mehrere Zeugnisse belegt wird. 
Zwei davon haben wir schon zitiert; auch Briggs äußerte sidi 
ebenso wie die andern: „Poe gefällt mir überaus. Herr Gris- 
wold hat mir über ihn ganz scheußliche Geschichten erzählt, die 



In New York — Der Rabe und der Ruhm 



199 



mit seinem Betragen in "Widersprudi stehen." Das sdirieb er 
im Januar 1845 an Lowell; durch seine "Worte erfahren wir 
wieder einmal, was für eine böse Zunge der Reverend 
war, den Poe in New York in den Büros der Tribüne wieder- 
getroffen hatte. Griswold bereitete damals seine Antho- 
logie amerikanischer Erzähler {Prose Writers 
of America) vor. Poe versöhnte sidi nun mit ihm, keinesfalls 
aber, wie wir meinen, bloß aus Interesse und um günstig in 
der Anthologie aufgenommen zu werden, sondern unter dem 
Druck jenes seltsamen ambivalenten Gefühls, das ihn von jeher 
an diesen Feind band. Der Reverend replizierte, indem er ihm 
üble Nachrede hielt. 

Aber adi! Der Dichter benahm sidi bald so, daß die üble 
Nachrede recht hatte. Der Erfolg des Raben, die gesell- 
schaftlichen Beziehungen, die er ihm verdankte, besonders aber 
die Berührung mit faszinierenden Frauen, denen er in den 
Salons der „Literati" oder in den Theatern — Poe war aucJi 
Theaterkritiker beim Broadway Journal — begegnete, sdiienen 
sehr ungünstig auf das seelische Gleichgewicht des Dichters ein- 
gewirkt zu haben. 

Er war neuerdings in einen seiner Erregungszustände ge- 
raten. Im März hatte er wieder zu trinken begonnen, er trank 
mehr als je vorher. Seine Überreiztheit fiel jedem auf, der ihn 
sah. Und trotz einer zügellosen Tätigkeit, die er gerade 
unter dem Druck jener hypomanischen Krise entfaltete (Poe 
arbeitete bis zu fünfzehn Stunden"^ täglich und lieferte Artikel 
über Artikel), wurde Briggs unzufrieden. 

Der Krieg mit Longfellow (The Longfellow 
War) und die Polemik gegen Outis, hinter denen die Leiden- 
sdiafl; eines Manisdien stand, ferner die Scharmützel mit den 
Transzendentalisten, die Attacken gegen die „Plagiatoren", die 



112) Poe an Thomas, 4. Mai 184J (V. E., Bd. 17, S. 203). 



Das Leben Edgar Poes 




von Poe überall mit der Empfindlichkeit eines Paranoikers ent- 
deckt wurden, alle diese Kämpfe schafften dem Broadway 
Journal mehr als einen Feind. Briggs fand daher, daß Poe 
lästig werde und er wäre ihn gerne los geworden; aber auch 
Poe wollte sich von Briggs freimachen. Da man ihn jedoch nicht 
ersetzen konnte, Bisco, der dritte Partner, zu ihm hielt, und 
Briggs in finanzielle Verlegenheit geraten war, wurde — vor- 
erst einmal — Briggs besiegt. 

Der Ruhm hatte jedoch weder Poe reicher gemadit, nodi 
seine Frau geheilt. Virginia hustete in der armseligen Wohnung 
(Amity Street) weiter, sie spuckte Blut und wurde tagtäglidi 
schwächer. Fern von seinem Hause gab es nun für Poe zwar 
nicht den Reichtum, aber den Ruhm, das "Wirtshaus und andere 
Frauen als diese geliebte und grauenhaft verführerisdie Tod- 
kranke. Daher verfiel Poe im Frühjahr 1845 der ersten jener 
wilden und platonischen Leidenschaften, deren Beute er bis zu 
seinem Tode werden sollte. 

In einem Vortrag, den er im Februar hielt, lobte er die 
schwulstigen, sentimentalen, manchmal allerdings audi ganz 
hübschen Gedichte einer unbedeutenden Dichterin, der Frau 
Frances Osgood. Er hatte ihr außerdem den Raben zu- 
geschickt, und sie um ihr „Urteil" und um eine Begegnung 
gebeten. Willis stellte ihn vor. Von Frau Osgood besitzen wir 
eine Schilderung dieser ersten Begegnung: 

„Ich werde den Morgen niemals vergessen, an dem idi von Herrn 
Willis in den Salon gebeten wurde, um endlidi mit i h m zusammen- 
zukommen. Er trug den Kopf stolz erhoben, seine düsteren Augen 
funkelten durdi das magnetische Feuer seines Gefühls und seiner 
Gedanken, was mit einer ganz besonderen und unnachahmlichen 
Mischung von Sanftmut und Hoheit im Ausdrude und in seinem 
Benehmen gepaart war; er grüßte midi ruhig, fast kühl, aber mit 
einem so nadidrüddidien Ernst, daß idi mich eines tiefen Eindrudts 



I 




RUFUS W. GRISWOLD 
(Nach einem Stich) 



:i '■ 



In New York — Der Rabe und der Ruhm 201 

nicht erwehren konnte. Wir waren von diesem Augenblick an bis zu 
seinem Tode Freunde, obwohl wir uns nur in dem ersten Jahr nadi 
dieser Begegnung häufiger trafen."^" 

Sie schrieben einander Verse; Poe schickte seiner neuen 
Flamme Gedichte, die schon einmal an Eliza White und an 
andere gerichtet worden waren. "Was lag daran? Erst jetzt 
liebte er wirklich! Frau Osgood jedoch war eingeklemmt 
zwischen einem Flirt, der zu Ende ging (Griswold) und einem 
anderen, der begann (Poe); daher schickte sie beiden Gedichte. 
Griswold hat seinem Rivalen diesen Erfolg niemals mehr ver- 
ziehen, selbst dann nicht, als Edgar schon gestorben war. 

Edgar und Frances sahen einander sehr häufig, bald bei 
Frau Osgood, bald bei Poe. Virginia war nidit eifersüchtig, im 
Gegenteil, sie und Frau Clemm machten ihm Mut zu dieser 
Freundschaft; es war ihnen wahrscheinlich lieber, er hielt sich 
bei Frau Osgood auf als im "Wirtshaus. Auch Osgood, der 
Gatte, ein Maler, scheint nicht eifersüchtig gewesen zu sein: 
er malte sogar das Bild Edgar Poes. 

"Wir besitzen ein Porträt, das Poe selbst von seiner Geliebten 
entworfen hat: 

„Sie ist ein glühender Mensch, überaus empfindsam, impulsiv — 
das "Wesen der "Wahrheit und Ehre; sie verehrt die Schönheit und 
ihrem Herzen ist alles Künstliche so fremd, daß es reich an Kunst 
zu sein scheint; man bewundert sie, man achtet sie, man liebt sie, 
wie kaum eine andere Frau. Sie ist von mittlerer Größe, so schlank, 
daß sie fast gebrechlich ist, und voll Anmut, ob sie nun ruht oder 
sich bewegt; ihr Teint ist ungewöhnlich bleich, die Haare sind 
sdawarz und glänzend, die Augen hellgrau, leuchtend und groß und 
von einer außerordentlichen Eindringlichkeit des Ausdrucks.""' 

Dieses Porträt erinnert durch mehr als einen Zug an das 
Elizabeth Arnolds: die gleichen großen, ausdrucksvollen Augen, 



113) Israfel, S. 643. 

114) Israfel, S. 644. 



Das Leben Edgar Poes 



die sdiwarzen Haare, der blasse Teint, die ganze gebrecäilidie 
Schlankheit. Diese Ähnlidikeit wird noch eindringlicher 
sichtbar, wenn wir erfahren, daß Frau Osgood vier Jahre später 
an Tuberkulose sterben sollte und sicherlich damals sdion an- 
gesteckt war. Sie war ein wenig älter als Poe und hieß — das 
ist ein Zug, der zu einem andern Mutterbild gehört — Frances. 
Die näheren Umstände, unter denen sich die Liebe Poes 
für Frau Osgood abspielt, sind mit einem Schleier bededst; 
Dokumente fehlen uns und auch der eifrige Briefwechsel, der 
zwischen den beiden hin und her ging, ist uns nicht erhalten 
geblieben. Wir wissen jedodi, daß die erste jener Leidenschaften, 
denen Poe bis zum Sdiluß seines Lebens verfallen sein sollte, 
ebenso intensiv war wie ätherisch und platonisch. Der Skandal, 
der aus dieser Gesciiichte entstand, die maßlosen Lobeshymnen, 
die der „große Kritiker" der unbedeutenden Dichterin sang, 
die umfangreiche (später als zu „kompromittierend" zerstörte) 
Korrespondenz, die Art und Weise, wie Frau Osgood auf die 
Beharrlichkeit Poes reagierte, sind lauter Beweise für den Grad 
von Tollheit, den diese Liebe erreichen konnte. 

Aber Poe mußte nun allzu vielen sexuellen Versuchungen 
zugleich entfliehen: auf der einen Seite war die sterbende Vir- 
ginia, auf der andern die lebende Frances Osgood. Daher war 
er in diesem Frühling ebensooft im Wirtshaus wie bei Frau 
Osgood zu finden. Es fehlt uns zwar an genauen Daten, die 
unsere Annahme bestätigen: ich wäre aber nicht erstaunt über 
die Entdeckung, daß das neuerliche Anwachsen der Dipsomanie 
mit dem Beginn der Leidenschaft zu Frau Osgood zusammen- 
falle. Ein Sturzbach von „Fluchten" ging los: er floh zu Frau 
Osgood, um der Versuchung zu entgehen, die von Virginia aus- 
ging, dann wieder zu den Saufkumpanen, um der Versuchung 
zu entgehen, die Frau Osgood für ihn bedeutete. 

Als daher Lowell, der so lange Jahre in freundschaftlicher 
Korrespondenz mit ihm gestanden war, von seiner Hochzeits- 



In New York — Der Rabe und der Ruhm 



203 



reise zurückkam und sich in New York aufhielt, um endlich 
Poe, den Freund, den er niemals gesehen hatte, aufzusuchen, 
war er von ihm heftig enttäuscht: er fand einen Menschen, der 
dem Trunk verfallen war, zwar „nidit betrunken, aber doch in 
einem Zustand, als ob er eben den Kopf unter die Pumpe 
gehalten hätte, um wieder zu sich zu kommen". Poe war übel- 
gelaunt und sarkastisch und noch Jahre nachher mußte Frau 
Clemm ihren Eddy bei Lowell entschuldigen: „An dem Tag, 
an dem Sie ihn in New York gesehen haben, war er nidit er 
selbst." 

Wir haben auch noch andere Zeugnisse, aus denen wir er- 
fahren können, in welchem Zustand sich Poe damals befand: 
Saunders, der Bibliothekar der Aster Library, erzählt uns, wie 
er eines Tages Poe auf dem Broadway traf. Poe floß über von 
Herzensüberschwang und Sentimentalität, d. h. er war be- 
trunken, und teilte ihm mit, daß er vor der Königin Viktoria 
und vor der königlichen Familie den Raben vortragen werde. 
Ein anderes Mal erzählte er Saunders von einer Verschwörung, 
die von den amerikanischen Schriftstellern gegen ihn angezettelt 
worden sei, um sein Genie herabzusetzen und sein Werk tot- 
zuschweigen. Saunders sagt uns noch, daß Poe, wenn er be- 
trunken war, was häufig vorkam, nur von sich selbst, von 
seinen Werken und der Eifersucht der anderen Schriftsteller 
sprach. So wuchs in Poe, in dem Maße, in dem sich sein 
Verstand verwirrte, der Verfolgungs- und Größenwahn an. 

Doktor Chivers, ein Freund, mit dem Poe im Briefwechsel 
stand, war anfangs Juli nach New York gekommen und 
fand Poe eines Tages betrunken auf der Straße. Während 
er ihn nach Hause begleitete, trafen sie den Direktor des 
Knkkerhocker, Lewis Gaylord Clark; Poe wurde sofort gegen 
ihn ausfällig und warf ihm Dinge vor, die aber nur in seiner 
Einbildung zu Redit bestanden. Clark erfaßte die Ursache 
dieser Attacke und machte sich davon. Wenn wir diese Episode 



204 Das Leben Edgar Poes 



ganz verstehen wollen, müssen wir uns daran erinnern, daß ein 
anderer Clarke im Jahre 1843 der stille Gesellschafter beim 
Stylus hätte werden sollen, und daß sich dieser andere Clarke 
nach dem sinnlosen Streich von Washington, und mit Recht, 
zurückgezogen hatte. Nun war Poe gerade dabei, mit Chivers 
von neuem die ewigdauernde Angelegenheit des Stylus zu be- 
handeln und ihn um eine Geldhilfe anzugehen. Daher war der 
Anblick eines Clark, der noch dazu Direktor einer gutgehenden 
und rivalisierenden Revue war, genügend Anlaß, ihn in seinem 
Zustande zu reizen und diesen Mann mit den Vorwürfen zu 
belasten, die auf einen ehemaligen Clarke zielten, der ihn im 
Stich gelassen hatte; und gleichzeitig ging er indirekt dadurch 
den jetzigen Chivers an, der seine Hoffnungen natürlich eben- 
falls nicht erfüllen konnte. So versteht es das Unbewußte, sich 
einfacher Wortanklänge zu bedienen, um tiefere Zusammen- 
hänge herzustellen. 

Der Stylus kam also wieder nicht zustande; dafür aber fiel 
das Broadway Journal Poe in die Hände. Briggs hatte gehofft, 
sidi seiner Kompagnons im Juli nach dem ersten Semesterband 
des Broadway Journals entledigen zu können. Bisco, der dritte 
Gesellschafter, der mit Poe im Einverständnis war, leistete aber 
Widerstand und forderte eine zu hohe Summe, als Briggs ihm 
seinen Anteil abkaufen wollte; Briggs, der nicht viel Geld 
hatte, mußte nun Poe und Bisco das Broadway Journal über- 
lassen. Und da jetzt Poe durch eine Anleihe von fünfzig Dollar, 
die er bei Horace Greeley gemacht hatte, in der Lage war, 
Bisco seinen Anteil abkaufen zu können, wurde er nidit nur 
der einzige Chefredakteur, sondern auch der einzige Besitzer 
des Broadway Journal. 

Der Traum seines Lebens schien der Verwirklichung nahe 
zu sein; er hatte ein eigenes Magazin, wenn es audi nicht in 
allen Teilen aus seinem Gehirn hervorgegangen war, wie das 
beim Stylus der Fall hätte sein können, aber es war endlich 



In New York — D er Rabe und der Ruhm 205 

ein Organ da, das er nadi seinem Wunsch umformen konnte, 
wenn es ihm nur gelingen würde, aus der mit Schulden be- 
lasteten finanziellen Lage seiner Zeitschrift mit Erfolg heraus- 
zusteuern. In dem Zustand aber, in dem er sich befand, 
konnte er unmöglich einen Kredit erhalten; daher mußte er 
es erleben, wie im letzten Semester 1845 mit Blitzesschnelle 
sein Broadway Journal und auch seine Hoffnungen wieder ein- 
gingen. 

Einige Zeugnisse, die uns aus jener Zeit erhalten geblieben 
sind, zeigen uns Poe in seiner ganzen Unbeständigkeit. Eines 
davon stammt von R. H. Stoddard, einem ganz jungen Autor, 
der unter dem Einfluß Keats ein Gedicht über eine Griechi- 
sche Flöte geschrieben hatte. Er sudite Poe auf, der mit 
ihm sehr höflich war und ihm versprach, seine Arbeit zu ver- 
öffentlichen. Aber in der nächsten Nummer der Zeitschrift er- 
schien folgende Notiz: „An den Autor der Griechischen 
Flöte! "Wir fürchten, sein Gedicht verlegt zu haben." Und 
einen Monat später: „Wir bezweifeln die Echtheit der G r i e- 
chischen Flöte, weil dieses Gedicht an manchen Stellen 
zu gut ist, um an anderen so schlecht sein zu dürfen. Wenn es 
dem Autor nicht gelingen sollte, uns in dieser Hinsicht zu be- 
ruhigen, weigern wir uns, sein Gedicht abzudrucken . . ." Stod- 
dard ging an einem heißen Sommernacimittag in Poes Büro 
und traf ihn beim Nachmittagsschlaf. Der „große Kritiker" 
empfing den jungen Dichter, der gekommen war, um sich zu 
rechtfertigen, sehr unhöflich, und warf ihn bei der Türe hinaus, 
nicht ohne ihn vorher auf das gröblichste zu beleidigen und 
mit Sdhlägen zu bedrohen. 

Ein anderes Mal hingegen war er ein überaus besorgter 

Mensch: wie eine aufmerksame Mutter wischte er die Stirne 

und die Hände des kleinen Laufburschen ab, der durch 

die furchtbare Hitze dieses Sommers in Ohnmacht gefallen 

; war . . . Dieser Junge — er hieß Alec Grane — hat uns 



2o6 Das Leben Edgar Poes 

selbst von dem rührenden Benehmen seines geliebten Chefs 
berichtet. 

Inzwischen hatte die Liebe zu Frau Osgood ihren Gipfel 
erreicht. Eines Morgens suchte sie Poe in seinem Hause auf 
und fand ihn damit beschäftigt, an einer Reihe kritischer 
Studien über die „Literati" von New York zu arbeiten. 
„Schauen Sie", sagte er zu ihr, indem er mit triumphierendem 
Lachen auf einige kleine Rollen aus sclimalem Papier zeigte (so 
schrieb er für die Druckerei), „aus der Länge der Rolle können 
Sie erraten, wie hodi idi Sie und wie icli irgendein anderes 
Mitglied der literarischen Gesellschafl: einschätze. In jeder 
dieser Rollen ist einer von Euch eingerollt und in Grund und 
Boden diskutiert. Komm, Virginia, hilf mir!" Un^ sie rollen 
einen Streifen nach dem andern auf. Sie kommen zu einem, 
der kein Ende zu nehmen scheint. Virginia läufl: lachend in 
eine Ecke des Zimmers und hält das eine Ende, ihr Gatte 
läuft mit dem andern Ende in die andere Ecke. „Und wem 
gilt diese Freundlichkeit, die kein Ende nimmt?", fragte 
Frau Osgood. „Hört sie an!", rief er, „als ob ihr kleines 
eitles Herz nicht wüßte, daß dies ihre Rolle ist!"^*^ So groß 
war der Platz, welcher, an einer Elle Papier gemessen, der 
Frau Osgood damals im Herzen Poes eingeräumt wurde! 

"Wie jedesmal, wenn er mit Leidenschaft liebte, sollte Poe 
auch diesmal ein Mittel finden, um den Gegenstand seiner Liebe 
bald wieder zu verlieren. Der „Skandal" wurde immer größer, 
die Familie der Frau Osgood war beunruhigt. Im Laufe des 
Sommers verschwand Frau Osgood aus New York und zog sich 
nadi Albany zurück. Man hat diese Abreise andern Umständen 
zugeschrieben. Frau Osgood selbst aber sagte: „Ich fuhr nach 
Albany, dann nadi Boston und nach Providence, um ihm aus- 
zuweichen." 

115) Israfel, S. 657. 



In New York — Der Rahe und der Ruhm 207 

Poe folgte ihr nach Albany. Sie floh nadi Boston, aber er 
fand ein Mittel, sie auch hier wiederzusehen. Und er traf sie 
audi in Providence, wo sie mindestens einen Abend miteinander 
verbrachten. 

In Providence wohnte eine andere Dichterin, eine Poetin aus 
Ider „transzendentalistischen Sdiule", in der Poe von ferne 
eine „geistige Schwester" wiederzufinden geglaubt hatte. Helen 
Whitman war eine "Witwe, ziemlich wohlhabend, und galt 
für schön. Frau Osgood wollte die Bekanntsdiafl: vermitteln; 
vermutlidi war sie durch das wahnsinnige Benehmen Poes 
abgesdireckt und hoffte, die sinnlose I.eidenschafl: des Dichters 
auf ein anderes Objekt ablenken zu können. 

Poe aber weigerte sich, Frau Osgood zu Frau Whitman zu 
begleiten. Spät in der Nacht jedoch, nadidem er allein durch 
die kleine Stadt spazieren gegangen war, kam er bei dem 
Hause der Frau Whitman vorüber und sah, wie sie auf der 
[Sdiwelle ihrer Tür im Mondlicht stand und frisdie Luft 
sciiöpfte. Sie machte auf ihn einen tiefen Eindrudc und wir 
werden bald sehen, welchen "Widerhall dieser Eindruck in ihm 
finden sollte. In dem berühmten Gedidit, in dem er später 
schilderte, wie Frau "Whitman in dieser Nacht an der Sdbwelle 
der Tür stand, wurde dieser Platz in einen „Rosengarten" ver- 
wandelt. Inzwischen aber beherrsdite Frau Osgood noch für 
einige Jahreszeiten das Herz Edgar Poes. 



Auf diese Periode intensivster Erregung folgte eine neuer- 
: liehe Depressionskrise: „Zum erstenmal seit zwei Monaten", 
.schreibt er am 13. November aus New York an Duyckinck, 
'„bin ich wieder ganz icJi selbst, ganz fürchterlich krank und 
Ijdeprimiert, aber scliließlicii doch ich selbst. Es scheint mir, daß 
, ich aus einem grauenhaften Traum erwacht bin, in dem alles 
"Verwirrung und Schmerz war ... Ich glaube wirklich, daß ich 



2o8 Das Leben Edgar Poes 

wahnsinnig gewesen bin — aber ich hatte wahrhaftig genügend 
Grund, es zu sein."^^° Dann verlangt Poe von Duyckinds, er 
möge seinem Broadway Journal zu Hilfe kommen, das sonst 
aus Mangel an Geld eingehen müsse. 

Poe war nun nicht mehr imstande, ernsthaft in einer 
Angelegenheit zu unterhandeln. Im Oktober war er vom 
Lyceum in Boston eingeladen worden, ein unveröffentlichtes 
Gedidit vorzulesen; er konnte aber in dieser Zeit kein neues 
Gedicht schreiben und begnügte sich daher damit, den Ein- 
wohnern von Boston den AI Aaraaf und den Raben 
vorzutragen. Als er angegriffen wurde, er habe sich über die 
Bostoner lustig gemadit, verteidigte er sich nicht weniger heftig: 
ein Gedicht, das gedichtet, gedruckt und veröffentlicht wurde, 
noch bevor er sein zehntes Lebensjahr erreicht hatte, sei gut 
genug für die Einwohner von Boston. 

Und am 3. Januar 1846 erschien die letzte Nummer des 
Broadway Journal mit folgender Bemerkung zum Abschied: 

„Unerwartete Verpfliditungen verlangen meine ganze Aufmerk- 
samkeit, und da die Ziele, um derentwillen das Broadway Journal 
gegründet worden war, erreidit wurden (wenigstens was midi per- 
sönlidi betrifft), so sage idi als Chefredakteur meinen Feinden und 
auch meinen Freunden ein herzlidies Lebewohl !" ^•'■' 

n6) Poe an Duyckinck, 13. November 1845 (V. E., Bd. 17, 
S. 221). 

For the first time during two months I find myself entirely 
myself — dreadfully sids and depressed, but still myself. I seem to 
have just awakened from some horrible dream, in which all was 
confusion and suffering ... I really believe that I have been mad — 
but indeed I have had abundant reason to be so . . . 

117) V. E., Bd. I, S. 240: 

Valedictory 
Unexpected engagements demanding my whole attention, and 
the objects being füIfiUed so far as regards myself personally, for 
whidi „The Broadway Journal" was established, I now, as its editor, 
bid farewell — as cordially to foes as to friends. 



In New York — Der Rahe und der Ruhm 



209 



In Wirklichkeit mußte Poe seine Zeitschrift fallenlassen, 
weil er sich hundertvierzig Dollar nicht versdiaffen konnte. 
Hartnäckig stand die seiner eigenen Natur entspringende 
Erfolglosigkeit wieder einmal neben ihm. 

Das Jahr 1846 begann daher im Zeichen der höchsten Not, 
trotzdem das Broadway Journal vor seinem Eingehen alte 
Geschichten und Essays veröffentlicht hatte, die sich vom Autor 
des R a b e n den Glanz des neuen Ruhms ausborgten, trotzdem 
zwölf Geschichten,"^ die von Duyckind: ausgesucht worden, 
erschienen waren, und ihrem Autor zum ersten Male Geld ein- 
gebracht hatten (acht Cents für den verkauften Band!), trotz 
den Gedichten, die am Silvestertag 1845 auf den Flügeln des 
Raben von neuem in die Welt hinausflogen."" 



Während Virginia in der armseligen, schlecht geheizten 
Wohnung hustete und blutete, war ihr Mann in den Salons der 
Stadt zu finden. Er ging aber nicht nur deshalb dorthin, weil 
er einer Sterbenden entgehen wollte oder weil die nach New 
York zurückgekehrte Frau Osgood ihn lockte, sondern auch, 
um sich an den „vornehmen Leuten", die ihn so lange nicht 
beachtet hatten, zu rächen. Die oberen Vierhundert, die damals 
die „Aristokratie" von New York bedeuteten, ließen den Autor 
des R a b e n allerdings nicht ein; aber dafür ging es um so 
lebhafter in den Salons der „Literati" zu, die Poe trotz ihrer 
Pose und Affektiertheit besuchte. Und ein Schwärm von Frauen, 
dichtendenFrauen — die „Schwestern der Sternen- 
gemeinschaft"^^» — hörte ihm begeistert zu, wenn er 
jene „beredten Monologe, die halb Traum, halb Dichtung 



118) Tales, by Edgar A. Poe. New York, Wiley & Putnam, 
184J. 

119) The Raven and Other Poems, by Edgar A. Poe. New 
York, Wiley & Putnam, 1845 (3 1. Dezember). 

120) The starry sisterhood. 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 



Das Lehen Edgar Poes 



waren", hielt, welche die Männer zur Verzweiflung braditen. 
Mandimal auch trug er bei herabgeschraubten Lampen mit 
seiner romantisdien Stimme die Stanzen des Raben vor. 
Die großen geistigen Bewegungen, die damals Amerika in 
Aufruhr brachten — die Feldzüge zugunsten der Absdiaffung 
der Sklaverei oder für das Stimmrecht der Frauen — , ließen 
Poe gleichgültig. Der amerikanische Hodimut, der Glaube an 
den „Fortschritt", welcher das Land und die Zeit in dem 
Augenblick beseelte, in dem sich die "Welt unter dem Einfluß 
der Dampfmaschine zu verwandeln begann, brachten Poe sogar 
in Wut. Nur gegen eine einzige der damaligen Ideen, 
gegen den Glauben, man könne eine „andere Welt" erobern, 
war er nadislchtig. Der Mesmerismus inspirierte ihn zum 
Fall des Herrn V a 1 d e m a r, zu der Geschichte, in der 
er seine Lust an makabren Schrecken befriedigen konnte. Das 
wahre Königreich Poes war eben das Reich des Traumes, in 
dem man vom Tod heimgesucht wurde. 

Er sprach daher mit den „SchwesternderSternen- 
gemeinschaft" weder von der Abschaffung der Sklaverei, 
noch von den politischen Streitigkeiten. Durch eine dieser 
Frauen ist nun eines seiner Gespräche zu uns gekommen :^''^ 

„Ich sah Herrn Poe zum erstenmal bei dem Besudi, den er 
mir mit seiner hübschen, kindlichen Frau machte, die für ihn 
zweifellos — soweit das bei einem Erdengesdiöpf möglich ist — 
die Lenore mit ihren großen leuchtenden Augen, mit ihrem ernsten 
und entzüchenden Gesicht war. Ich hatte ein gewisses Vorurteil 
gegen ihn, das durdi die Gerüchte verursacht war, die auch mir zu 
Ohren gekommen waren^'^^'; aber sein Anblidi entwaffnete mich. Es 
fiel mir seine schmächtige Gestalt auf, die weiße und zarte Haut eines 
Gesichtes, das so fragend wie das eines Kindes dreinschaute, und 
auf dem Schatten von Angst, eine Spur von Furcht und Traurig- 



i2i) Journal Diary der Elizabeth Oakes Smith. Lewiston 
Journal Co., Lewiston, Maine, S. ii6 (nach Israfel, S. 656). 

121 a) Diese Gerüchte bezogen sich natürlich auf Frau Osgood. 



In New York — Der Rabe und der Ruhm 



keit lagen; die großen und hellen Augen spiegelten eine tiefe Ein- 
samkeit wieder. 

Idi empfand für ihn eine Sympathie, die mit Besorgnis 
gemischt war, eine Sympathie, wie man sie etwa für ein Kind 
empfindet, das zu intelligent ist und zu viel denkt. Darum sagte 
idi sofort: ,Adi, Herr Poe, in diesem Land ist für Menschen, die 
leben, um zu träumen, kein Platz!' 

Er fragte lebhaft: ,Träumen Sie? Ich wollte sagen, träumen Sie 
beim Schlafen?' — ,Adi ja, was mein Träumen anbetrifft, da bin 
idi ein wahrer Josef, wenn meine Träume nur dem Unbekannten, 
dem Geistigen angehören.' 

,Idi wußte es', sagte er freundlich, ,ich sah es ihren Augen an. 
Mir öffnet sich das große dunkle Königreich der Träume; eine 
Musik, die von sterblichen Ohren nicht gehört wird, ergießt sich 
in den Raum und Lichter von überirdischer Schönheit entzüdien 
das Auge. So muß man träumen!' Und seine Augen nahmen einen 
verschleierten Ausdruci an, als ob er in sein Traumreich blicke. 
Plötzlich sagte er: ,Haben auch bei Ihnen diese sanften, schatten- 
haften Gestalten einen schmerzlichen Ausdruck an sich?' — ,Sie sind 
für mich viel weniger Schmerz als ernstes Nachdenken und zartes 
Mitgefühl.' — ,Ja, so ist I h r e Seele — mich sehen sie mit einem 
sdimerzverzerrten Antlitz an — geduldig leidend — , fast so, als 
ob sie midi anrufen wollten — und ich strecke meine Hände ans, 
um sie zu erreidien. Ich rufe sie im Traum an. Sie sind mehr für 
midi, als ich für sie bin. Icii bitte sie, mit mir zu sprechen, aber sie 
bleiben stumm und fliegen fort, und ziehen mich immer mit sidi.'" 
So sah also das Königreich aus, in dem die Seele Edgar Poes 
wohnte, in dem sich sein Herz versteckte; kein Klang aus der 
äußeren Welt konnte ihn ablenken. So sah das Reich aus, in 
dem — im Innern der Seele des Sohnes — ein schmerz- 
erfülltes, geduldig wartendes, für ewige Zeiten höchste Not 
erleidendes, aber auch „im Tode immer lebendiges Phantom" 
herrschte: die arme seil windsüchtige Elizabeth Arnold. 

Frau Smith hatte recht: Virginia war für Poe, soweit das 
bei einem Erdengeschöpf möglich war, die Lenore, d. h. in ihr 
war die geliebte Sterbende aus seiner ersten Kindheit wieder- 
erwacht. Um ihm zu gefallen, brauciite die etwas einfältige 



14- 



■ 



Das Leben Edgar Poes 



Virginia weder zu denken nodi zu sprechen. Sie mußte nur 
allmählich sterben. 

Frau Smith empfing alle vierzehn Tage am Sonntagabend, 
und bei einer dieser Gesellsdiaften erschien die arme Kranke, 
die selten ausging, zum letzten Male in der öfFentlidikeit. Sie 
trug ein rotes Kleid, das sie gemeinsam mit ihrer Mutter 
genäht hatte und das mit einer gelben Spitze geschmückt war, 
die ebenfalls zu Haus gehäkelt worden. Sie saß beim Feuer, 
war blaß wie immer, schwieg und lächelte sanft, als ihr Gatte 
wieder einmal den Raben vortrug. Frau Clemm ging niemals 
in Gesellschaft. 

Ob Poe zu dieser oder einer andern der „Sternschwestern" 
ging, Muddy blieb immer zu Hause, besdbäftigte sich in der 
Küche, nähte oder war sonstwie im Haushalt tätig. Die „Stern- 
schwestem" waren für sie nichts als nützliche Freundinnen, 
von denen man sich etwas Geld ausleihen konnte, wenn 
es in dem armen Haushalt gar zu knapp herging. Zur großen 
Verlegenheit Poes bekam sie das Geld immer wieder, und 
da er es nicht zurückgeben konnte, mußten die Rechnungen 
durch Loblieder aus seiner „unbestechlichen" Feder beglichen 
werden. Die „SternscJiwestern" kamen nach seiner Meinung viel 
zu häufig in sein Haus; sie wurden eben von der Neugierde 
hergetrieben, die sich um den Autor des Raben breitmachte, 
in seinen häuslichen Angelegenheiten herumschnüffelte, und 
von dem Skandal, der durch seine Neigung zu einer dieser 
Schwestern hervorgerufen wurde. 

Die Atmosphäre der Stadt war aber aucii für die Kranke 
wenig günstig. Daher übersiedelte Poe zu Beginn des Frühlings 
mit seiner Familie wieder, zu den Brennans in Bloomingdale 
Road, ein wenig später nach Turtle Bay, gegen Ende Mai 
schließlich nach Fordham in das Landhäuschen, das im Schatten 
eines großen Kirschbaums stand, in dem es von Geißblatt und 
Rosen duftete, und wo die arme Virginia sterben sollte. 



IN FORDHAM 

VOR DEM TOD DER VIRGINIA 
ANNABEL LEE 

Da Poe in diesem Frühjahr am Abend nicht immer nach 
Hause kommen konnte, verbrachte er häufig die Nadit in der 
Stadt. Das wird uns durch den einzigen Brief an seine Frau 
bewiesen, der uns erhalten geblieben ist: 

12. Juni 1846. 

„Mein teures Herz, meine geliebte Virginia! 
Unsere Mutter wird Dir erklären, warum idi diese Nacht fern 
von Dir verbringe. Idi hoffe — aus Liebe zu Dir und zu ihr — , 
daß aus der Unterredung, die mir zugesagt worden ist, sida ein 
wesentlicher Vorteil für mich ergeben wird. Dein Herz 
sei noch ein wenig voll Hoffnung und Vertrauen. "Wegen meiner 
letzten Enttäusdiung hätte idi allen Mut verloren, wenn es 
nicht für Dich wäre, meine geliebte, angebetete kleine Frau. 
Du bist jetzt der e i n z i g e Mensdi, der midi aufmuntert, mit diesem 
sinnlosen, unbefriedigenden, undankbaren Leben zu kämpfen. 

Ich werde morgen . . . nachmittag bei Dir sein und sei versichert, 
daß Deine letzten Worte und Dein inniges Gebet meiner 
liebenden Erinnerung gegenwärtig sind, bis ich Didi 
wiedersehe! 

Sdilafe gut und Gott sdienke Dir einen friedlidien Sommer mit 
Deinem ergebenen Edgar."^22 




122) Poe an Frau Poe, V. E., Bd. 17, S. 232. 

June 12, 1846. 
My dear heart — my dear Virginia 
_ Our mother will explain to you why I stay away from you 
this night. I trust the interview I am promised will result in 
some substantid good for me — for your dear sake and hers — 
keep up your heart in all hopefulness, and trust yet a little longer. 
On my last great disappointment I should have lost my courage 



214 ■^"^ Leben Edgar Poes 

Man hat behauptet, Poe habe diesen Brief knapp vor 
einem Besudi bei Frau Osgood geschrieben. Hervey Allen 
glaubt das nicht.^^^ Der wesentliche Vorteil, der sich 
aus der Unterredung ergeben soll, deutet seiner Meinung nadi 
auf eine gesdiäflliche Aussprache hin. Das ist wohl möglidi. 
Aber wir erfahren durch Rosalie Poe, die damals in Fordham 
zu Besuch war, daß Frau Clemm Poe am nächsten Tage Geld 
sdiicken mußte, damit er nach Hause kommen könne, und daß 
er in einem fürchterlichen Zustand heimkehrte. Er hatte ge- 
trunken, man schimpfte mit ihm und brachte ihn zu Bett. Er 
delirierte die ganze Nacht hindurch, sdirie und verlangte dann 
Morphium. 

In jenen Tagen, in denen der Anblidk der sterbenden Vir- 
ginia das Herz des liebend an sie gefesselten Gatten in Trauer 
versetzte und zugleich die tiefen Versucäiungen seiner ver- 
drängten sadistisch-nekrophilen Sexualität weckte, muß er mehr 
als je der Versuchung zu einer „Flucht" ausgesetzt gewesen 
sein. Er floh zu Frau Osgood, und er floh in das Wirtshaus. 
Vielleicht hatte er am Abend vor jener tristen Heimkehr zu 
beiden seine Zuflucht genommen. Das Wirtshaus mit seinen 
Saufbriidem war jedoch das wirksamere Refugium; es bot 
Schutz gegen die Sterbende und gegen die Lebende, Schutz 
gegen die Frau im allgemeinen. 

So gab sidi Poe außer Haus wieder dem Trunk hin. Zu 
Hause aber, neben der sterbenden Virginia, verlangte er 



but for you — my litde darling -wife. You are my greatest and 
only Stimulus now, to battle with this uncongenial, unsatisfactory, 
and ungrateful life. 

I shall be with you to-morrow . . . P. M., and be assured until 
I See you I will keep in loving remembrance your last words, and 
your fervent prayer! 

Sleep well, and may God grant you a peaceful summer with 
your devoted Edgar. 

123) Israfel, S. 700. -ra3 



/« Fordham — Vor dem T od der Virginia 215 

j Morphium, um die schrecklidie Nadibarsdiaft ertragen zu 

' können. 

Rosalie, der wir den Bericht über diese traurige Episode 

' verdanken, teilt uns jedoch mit, daß ihr Bruder in der Ver- 
zweiflung glücklicherweise auch zu der dritten der „Drogen" 
griff, an die er sich gewöhnt hatte: zur Tinte. Sie erinnert sich 
daran, daß er ihr in diesem Frühjahr in Fordham ein Gedicht 
vorgelesen habe, die spätere Annabel Lee. 

ANNABEL LEE. 

Ist ein Königreidi an des Meeres Strand, 

Da war es, da lebte sie — 
Lang, lang ist es her — und sie sei eudi genannt 

Mit dem Namen ANNABEL LEE. 
Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt 

In Liebe — und mich liebte sie. 
In dem Königreidi an des Meeres Strand 

Ein Kind noch war idi und war sie, 
Doda wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies — 

Idi und meine ANNABEL LEE 

Mit Liebe, daß strahlende Seraphim 

Begehrten midi und sie. 

Und das war der Grund, daß vor Jahren und Jahr 

Eine Wolke Winde spie. 
Die frostig durchfuhren am Meeresstrand 

Meine sdiöne ANNABEL LEE; 
Und ihre hochedle Sippe kam. 

Und ach! man entführte mir sie. 
Um sie einzuschließen in Gruft und Grab, 

Meine sdiöne ANNABEL LEE. 

Die Engel, nidit halb so glücklidi wie wir, 

Waren neidisch auf mich und auf sie — 
Ja! das war der Grund (und alle im Land 

Sie wissen, vergessen es nie) 
Daß der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr 

Und mordete ANNABEL LEE. 



/ 



Ili 2i6 Das Leben Edgar Poes 



llü 



Weit stärker dodi war unsre Liebe als die 

All derer, die älter als wir — 

Und mancher, die weiser als wir — 
Und die Engel in Höhen vermögen es nie 

Und die Teufel in Tiefen nie, 
Nie können sie trennen die Seelen von mir 

Und der schönen ANNABEL LEE. 

Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt 

Von der sdiönen ANNABEL LEE, 
Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt 

Meiner sdiönen ANNABEL LEE; 
Und so jede Nacht lieg zur Seite ich sacht 
Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pradit: 

Im Grabe, da küsse idi sie 

Im Grabe, da küsse ich sie."* 

124) Annabel Lee, New York Tribüne, 9. Oktober 1849; Southern 
Liter ary Messenger, November 1849; Sartain's Union Magazine, 
Januar 1850: (Siehe V. E., Bd. 7, S. 218.) Der zitierte Text (aus dem 
Jahre 1849, New York Tribüne, V. E., Bd. 7, S. 117 ff.): 

ANNABEL LEE. 
It was many and many a year ago, 

In a kingdom by the sea 
That a maiden there lived whom you may know 

By the name of ANNABEL LEE; 
And this maiden she lived with no other thought 

Than to love and be loved by me. 

I was a diild and she was a diild. 

In this kingdom by the sea, 
But we loved with a love that was more than love — 

I and my ANNABEL LEE — 
With a love that the winged seraphs of heaven 

Coveted her and me. 

And this was the reason that, long ago. 

In this kingdom by the sea, 
A wind blew out of a cloud, chilling 

My beautiful ANNABEL LEE; 
So that her highborn kinsmen came 

And bore her away from me. 



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In Fordham — Vor dem Tod der Virginia iiy 

Wir wissen nidit, worin sidi das Gedidit, das 1846 Rosalie 
vorgelesen wurde, von der Fassung unterschied, die wir zitieren 
und die erst 1849 nadi dem Tode des Diditers ersdiien, obwohl 
Poe, weldier der Frau S. A. Weiß die Annabel Lee im 
Jahre 1849 zeigte, ihr erklärt hatte, es sei lange vor dem Tode 
seiner Frau geschrieben worden.^^° 

Poe wollte in dem Gespräch mit Frau Weiß durch dieses 
Datum beweisen, daß sich das Gedicht nicht auf Virginia 
beziehe. Wir sind aber einer Meinung mit der Mehrzahl seiner 
Biographen, wenn wir ihm in diesem Punkt widersprechen. 
Schon das Faktum, daß etwas so Evidentes energisch ab- 
geleugnet wird, müßte unser analytisches Mißtrauen wecken 



To shut her up in a sepuldire 
In this kingdom by the sea. 

The angels, not half so happy in heaven, 

Went envying her and me — 
Yes! — that was the reason (as all men know. 

In this kingdom by the sea) 
That the wind came out of the cloud by night, 

Chilling and killing my ANNABEL LEE. 

But cur love it was strenger by far than the love 

Of those who were older than we — 

Of many far wiser than we — 
And neither the angels in heaven above, 

Nor the demons down under the sea, 
Can ever dissever my soul from the soul 

Of the beautiful ANNABEL LEE: 

Per the moon never beams, without bringing me dreams 

Of the beautiful ANNABEL LEE; 
And the stars never rise, but I feel the bright eyes 

Of the beautiful ANNABEL LEE: 
And so, sll the night-tide, I lie down by the side 
Of my darling — my darling — my life and my bride. 

In the sepuldire there by the sea — 

In her tomb by the sounding sea. 

125) V.E., Bd. 7, S.219. 



i 



2i8 Das Leben Edgar Poes 



und uns vermuten lassen, die Tatsache, er sei von der ster- 
benden Virginia zu seinem Gedicht inspiriert worden, verdecke 
bei Poe etwas anderes, etwas besonders Verdrängtes und 
Wichtiges. Annabel Lee wurde von Virginia direkt 
inspiriert, ob er es nun leugnet oder nicht, ob er es gewußt 
hat oder nidit. Sie mußte zu soldiem Zweck nicht tot gewesen 
sein, es genügte, daß sie im Sterben lag. Alle anderen Frauen, 
die später behauptet haben, Poe sei durch sie zur Annabel 
Lee angeregt worden, täuschen sich. Aber der unmittelbar 
bevorstehende Tod seiner Frau war auch nur die gelegentliche 
Ursache für dieses Gedidit. Die tiefere Ursadie, die causa 
prima, die durch den Tod der Virginia nur wieder aktiviert 
wurde, lag viel weiter zurück in der Vergangenheit Edgars. 
Im übrigen findet man beide Ursachen, die vergangene und 
die gegenwärtige, in Annabel Lee wieder: „Ein Kind 
noch warich und war si e." Virginia blieb ihr ganzes 
kurzes Leben hindurdi neben dem großen Gatten ein Kind. 
Aber auch er war ein ganz kleines Kind, als er, „1 a n g, 1 a n g 
ist es her" — und damit wird auf seine Kindheit an- 
gespielt — in einem „Königreich an des Meeres 
Strand" seine zarte und hübsdie Mutter innigst geliebt 
hatte. Die Stadt New York, in die er als sechs Monate altes 
Kind gekommen und aus der er im Alter von eineinhalb Jahren 
wieder fortgereist war, die Stadt Norfolk, in der seine von 
David Poe verlassene Mutter Rösalie zur Welt gebracht, als 
er nodi nicht das Alter von zwei Jahren erreicht hatte, und die 
Stadt Charleston schließlich, in der die kranke Schauspielerin 
mit ihren beiden jüngsten Kindern^^" im Frühling 1811 einige 
Monate verbracäite und in der Edgar zweieinhalb Jahre alt 
wurde: das waren lauter Städte jenes großen „König- 



126) Erinnern wir uns daran, daß William Henry bei den Groß- 
eltern, die ihn erzogen haben, in Baltimore geblieben war. 




In Fordham — Vor dem Tod der Virginia, 219 

reichs an des Meeres Stran d", in dem der kleine 
Junge beim Rausdien der Wogen des Atlantisdien Ozeans 
seine erste und endgültige Liebe geliebt hatte, und in dem er 
von ihr geliebt worden war. 

Denn dort war Edgar zu seiner angebeteten Mutter mit 
jener ursprünglichen Leidensdiaft entbrannt, die der Er- 
wachsene, da er die Erinnerung an sie verdrängt hat, nicht 
wahr haben will und die trotzdem Tatsache gewesen ist: 

„Dodi wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies — 
Ich und meine ANNABEL LEE." 

Sdhon der Name Annabel Lee verdient eine Untersudiung. 
Die verschiedenen seltsamen Namen, die im "Werk Poes zu 
finden sind, werden uns jedoch ihr Geheimnis nidit herausgeben 
können, und zwar deshalb, weil ihr Autor nicht mehr da ist, 
um die ihm eigenen Ideenassoziationen zu liefern, die allein 
ihren Sinn aufschließen. Bei dem Namen Annabel Lee wagen 
wir trotzdem eine hypothetische Deutung. Er erinnert durch 
die Zahl seiner Silben und von ungefähr auch durch die 
Konsonanz an Elizabeth. Das Lee (im Englischen L i aus- 
gesprochen) ist dabei an das Ende des "Wortes gerückt worden, 
wie in jenen Akrostichen, an denen sich Poe gern versuchte. 
Man könnte sich allerdings auch auf den Eindruck berufen, den 
ein Gedicht des Philip Pendieton Cooke, die Rosalie Lee, 
das Poe in seinem Briefwechsel erwähnt,^^^ auf ihn gemacht 
zu haben scheint. Aber wenn Poe diesem Einfluß unterlegen ist, 
so hat auch dies seinen Grund nur darin, daß er auf ihn vor- 
bereitet, für ihn empfänglich war: die Silben „Rosalie Lee" 
weckten in seinem Unbewußten zugleich eine verschwommene 
Erinnerung an seine Schwester, an seine Mutter und an Vir- 
ginia, die eine Verdichtung jener beiden war. 

127) Poe an Cooke, 9. August 1846 (V. E., Bd. 17, S. 268). Siehe 
auch Cooke an Poe, 4. August 1 846 (V. E., Bd. 17, S. 264). 




Das Leben Edgar Poes 



Annie 


belle 


engl, a sa 
(für£) 


beth 


Anna 


bei 


(Das n aus Annie 




+ a aus Elizabeth) 





Vielleidit entschied nodi ein dritter, aktueller Umstand, daß 
dieser seltsame und harmonische Name gewählt wurde: der 
Dichter traf eine Annie,^^" Frau Richmond, von der später die 
Rede sein wird. Man könnte nun die Verdichtung der drei 
Namen in einen einzigen folgendermaßen graphisch deutlidi 
machen: 

belle 

Li (Elizabeth als Akrostichon) 
lie (zwei Silben von Rosalie) 
Lee (das im Englischen Li ausge- 
sprochen wird). 
(Das i gleitet an das Ende durch den 
Druds, den das a von Anna ausübt 
und der es aus der zweiten Silbe ver- 
jagt, während das / von belle es, in 
einer Analogiebildung zu Rosalie, an 
das Ende zieht.) 

Die Leser, die den Mechanismus der "Wortassoziationen, wie 
er im Unbewußten wirkt, nicht kennen, werden wohl 
finden, daß diese Deduktionen bei den Haaren herbeigezogen 
sind. Wer aber den Wert der rein verbalen Assoziationen im 
Traum, im Delirium oder im Denken des Kindes erfaßt hat, 
wird uns leicht verstehen. 

Durch das ganze Gedicht von derAnnabelLee rauschen 
übrigens die Stürme, die aus der fernen Kindheit des Dichters 
kommen. Die geflügelten Himmelsgestalten sind auf die Liebe 
des Kindes eifersüchtig. Dies ist der Grund dafür, 

„. . . daß vor Jahren und Jahr 

Eine Wolke Winde spie, 
Die frostig durchfuhren am Meeres Strand 

Meine sdiöne ANNABEL LEE; 

128) Auch die Erinnerung an die „Tante Nancy", die ebenfalls 
Anne hieß, darf hier nicht übersehen werden; sie konnte es Poe 
möglich gemadit haben, den Namen Annabel Lee zu finden, nodi 
bevor er Frau Richmond kennenlernte. 



In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 



Und ihre hodiedle Sippe kam, 

Und adi! man entführte mir sie, 
Um sie einzuschließen in Gruft und Grab, 

Meine schöne ANNABEL LEE!" 

Hat sich nun nidit das gleiche in Poes Kindheit ereignet? 
Selbst die volkstümliche Auffassung jener Zeit, daß die 
Tuberkulose durch die Kälte hervorgerufen werde, finden wir 
hier wiedergegeben, man hört auch den Schritt der Männer, 
die den Sarg der Elizabeth Arnold aus dem armseligen 
Zimmer bei Frau Phillips abholen kamen. Allerdings sind sie 
in eine hochedle Sippe verwandelt. Und bei diesen 
highborn kinsmen wollen wir einen Augenblidc verweilen. 

Auch die Schlafende in einem älteren Gedichte stammte 
aus einem erhabenen Hause, und über der Gruft 
triumphierte ein Wappenflor. Wir sahen in dieser 
Schilderung die natürliche Reaktion des Sohnes umher- 
ziehender Schauspieler auf seinen gedemütigten Stolz; er war 
aus Mitleid aufgezogen worden, man warf ihm das vor, 
obwohl er sich schließlich auf seinen Großvater, einen Helden 
der amerikanischen Unabhängigkeit, etwas einbilden konnte. 
Diese highborn kinsmen aber, diese hochedle Sipp e"" 
der A n n a b e 1 Lee, verraten uns mehr über ihren Ursprung. 
Sie scheinen der „Plural der Majestät" emer einzigen Gestalt 
zu sein: der imponierenden Gestalt des Vaters, d. h. des 



129) „Highborn kinsmen" steht im Plural in der Fassung der 
New York Tribüne vom 9. Oktober 1849, im Southern Literary 
Messenger vom November 1849 und in dem Manuskript Griswolds, 
das von der Hand Poes stammt. Die Fassung in Sartain's Union 
Magazine vom Januar i8jo bringt „highborn kinsman", den Sin- 
gular, und Sartain begleitet die Veröffentlichung des Gedichtes mit 
einer Notiz, in der er erklärt, das Manuskript, das er publiziere, 
sei ihm von Poe selbst übergeben worden und enthalte verschiedene 
Varianten gegenüber dem Text, der in der New York Tribüne 
erschienen war. 

Die Variante „kinsman" (wenn sie, was man annehmen darf, 
authentisch ist) könnte unsere Behauptung nur stützen. 



Das Leben Edgar Poes 



Mensdien, der im Ödipuskomplex des kleinen Jungen dem 
Kind die Mutter streitig macht und wegnimmt. 

Aber der „Vater", dessen imposante Figur sidi im Un- 
bewußten vervielfältigt, um außer dem Pluralis majestatis 
einer hochedlen Sippe auch noch die Engel in 
Höhen und die Teufel in Tiefen zu werden, dieser 
Vater ist trotz seiner Majestät, die sich in die Unendlichkeit 
aller Räume ergießt, außerstande, die Seele des Kindes, „die 
Seelen von mir und der schönen Ahnabel 
L e e", zu trennen. Denn 

„Weit stärker dodi war unsere Liebe als die 
All derer, die älter als wir — 
Und mancher, die weiser als wir — "; 

so triumphiert das Kind, stolz auf eine unendliche Liebe 
zur geliebten Mutter, über den Vater, der im Fall Edgar 
tatsächlich weggeräumt wurde, als das Kind einundeinhalbes 
Jahr alt war. In solch frühem Alter eroberte Poe für sich allein 
seine Mutter (auch der ältere Bruder war versdieucht worden, 
indem man ihn den Großeltern in Baltimore anvertraute), 
und bis zur Geburt der Schwester Rosalie, die ungefähr sechs 
Monate später zur "Welt kam, besaß er seine Mutter allein. 
Dieser Triumph des Kindes sollte wie ein Zeichen über seinem 
ganzen Leben herrschen. 

War nun ein anderer Mann als David Poe der Vater 
Rosaliens? Allan bejahte diese Frage, auch andere waren seiner 
Meinung, aber nur das mysteriöse Päckchen von Briefen, das 
Elizabeth Arnold ihren Kindern hinterlassen hatte, das Allan 
in den Händen gehabt, und das bald nach dem Tode Edgars 
auf seinen Wunsch hin von Frau Clemm verbrannt wurde, 
hätte uns die Lösung dieses Problems möglich gemacht. Hervey 
Allen tritt für die Tugend der Elizabeth Arnold ein — aller- 
dings ohne seine Meinung zu begründen.^^" Ich bin weniger 



130) Israfel, S. 14/15. 



In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 223 

überzeugt als er, und meine, die Hypothese, daß noch ein 
zweiter Mann in der Kindheit Poes eine Vaterrolle spielte, sei 
nicht ohneweiters abzuweisen. 

Dieser zweite Mann, wenn er existierte, muß dabei keines- 
wegs mit Elizabeth Poe im gleichen Haushalt gelebt haben, 
selbst nach dem „Verschwinden" ihres Gatten (18 10) nidit; das 
Leben einer Schauspielerin spielt sidi so sehr in der öffentlidi- 
keit ab, daß uns irgend jemand gewiß von dem Aufenthalt 
eines Mannes bei ihr berichtet hätte. Der Platz des Vaters 
war daher nach dem Juli 18 10 wahrscheinlidi leer geblieben, 
und der kleine Edgar konnte wenigstens einige Monate hin- 
durch — bis zur Geburt Rosaliens — den Triumph erleben, 
allein neben seiner geliebten Mutter zu leben und zu schlafen. 

„Und so jede Nadit lieg' zur Seite idi sacht 
Meinem Lieb . . ." 

Aber ein vollkommenes Liebesglück ist ein Unglüds 
für das Kind, da seine schmiegsame Natur für immer den 
Eindruck der ersten Impressionen aufbewahrt. So entstehen im 
Unbewußten die „Fixierungen". Und so empfing und behielt 
das Liebesglück des Dichters die Poeschen Züge, und das waren 
die gleichen, die er an seiner geliebten Mutter entdecken 
konnte, an einer Frau, die zart, hübsch, krank, schwindsüchtig, 
mager, abgezehrt und bleicii war, Blut spudkte, und bald kalt, 
bleich und tot daliegen sollte. Die in der Kunst sublimierte 
Nekrophilie Edgar Poes ist vielleicht — wie das zweifellos bei 
andern Nekrophilen, deren Analyse zu versuchen wäre, der 
Fall ist — der stärkste Ausdruck seiner treuen Anhängliclikeit 
an eine Kindheitsliebe. Darum blinkt kein Mondlicht (Mond = 
Muttersymbol), 

, das nidit Träume mir bringt 

Von der sdiönen ANNABEL LEE, 
Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt 

Meiner sdiönen ANNABEL LEE." 




224 Das Leben Edgar Poes 

Diese Augen — es sind gewiß die gleichen, die Poe im 
Traum erschienen sind und ihn zur L i g e i a begeistert 
haben^^^ — blicken uns auch seltsam und lange aus der 
Miniatur der Elizabeth Arnold an und machten Edgar, ihren 
Anbeter, beinahe zu einem Augenfetischisten. 

Das Gedicht schließt mit einer wahrhaft nekrophilen 
Liebesphantasie: 

„Und so jede Nacht lieg' zur Seite ich sadit 
Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht: 

Im Grabe, da küsse ich sie — 

Im Grabe, da küsse ich sie." 

So muß der dreijährige Junge leidenschaftlich gewünscht 
haben, seiner toten Mutter zu folgen, die für ihn nur auf 
seltsame Weise eingeschlafen war, als man sie forttrug, und so 
mußte er wünschen, weiter neben ihr schlafen zu dürfen. Der 
Gatte der Virginia erlebte daher am Lager der kleinen, armen 
Sterbenden jene verschwundenen Zeiten wieder und fühlte, wie 
er von den gleichen Todesphantasien von neuem mitgerissen 
wurde. "Wir haben somit den Wiederholungszwang vor uns, 
der unser Leben beherrscht. Und Annabel Lee war eine 
Jungfrau wie Virginia — im Unbewußten hat das Kind dies 
sehr oft von seiner Mutter verlangt, damit sie ihm allein gehöre 
— eine Jungfrau, die im Sterben lag. Dabei hörte man das 
Rauschen des Meeres, des Meers, das für Edgar eine reale 
Kindheitserinnerung war, des Meers, das für alle Menschen 

131) Lauvri^re {Edgar Poe, sa vie et son ceuvre, 1904, 
S. 527, Fußnote 3) zitiert Ingram: „Poe gesteht übrigens in einer 
handsdiriftlidien Bemerkung, die sich auf dem Exemplar befindet, 
das Ingram besitzt, ein, die Ligeia sei ihm in einem Traum ein- 
gegeben worden, in dem die Augen der Heldin auf ihn den im 
vierten Teil des Werkes beschriebenen intensiven Eindruck machten."' 

Die Stelle, auf die Lauvri^re anspielt, befindet sich bei John 
H. Ingram, Edgar Allan Poe, His Life, Letters and Opinions, London 
1886, W.H.Alien and Co., Neue Aasgabe, S. 126. 




FRANCES SARGENT OSGOOD 
(Nach einem Stich) 





In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 



225 




aller Zeiten ein allgemein gültiges und phylogenetisches Symbol 
für die „Mutter" ist. 

Ich neige zur Annahme, daß Poe in Fordham neben der 
sterbenden Virginia häufig zum Opium seine Zuflucht nahm, 
um die Gegenwart ertragen und zu gleicher Zeit in das ver- 
gangene Paradies fliehen zu können, in das Paradies, das von 

j der Gegenwart nur allzu vollkommen reproduziert wurde, 
wenn wir die Tatsachen betrachten, höchst unvollkommen aber, 

I sofern es sich um das Glück handelte. 

Das Opium erzwingt eine wollustvolle Unbeweglichkeit 
und fördert die nekrophilen Phantasien, denen der Dichter 
sich gerne hingab: so lag er ausgestreckt neben den geliebten 

[Leidinamen seiner vielen Annabel Lees. 

Es ist überaus interessant, die Annabel Lee mit dem 
R a b e n zu vergleidien. Auch der Held des R a b e n ist ein 
Liebhaber in Trauer. Aber dieser Held kann nicht, wie der 
Liebhaber der Annabel Lee, triumphieren, ihm hat das 
Sdiicksal seine Lenore genommen, und unaufhörlich wiederholt 
der Rabe, daß er sie „nimmermehr" wiederfinden werde. Der 
Rabe ist das „trostloseste" Gedidit Poes. 

Aber wer ist dieser Rabe? Idi konnte das Rätsel lange nicht 
lösen. Erst durch die Analyse der Annabel Lee bin ich 
daraufgekommen: er ist mit der hochedlen Sippe 
identisch, die den Dichter von Annabel Lee trennt. Er ist wie 
sie ein Bild für den Vater aus der ödipuseinstellung, ein 
Symbol für den Vater, der sich zwischen die Mutter und das 
Kind drängt. Und er ist alt wie die Inkarnation Allans in dem 
Gedicht Die Wissenschaft, die alte Zeit, Vater der 
Wissenschaft; er hockt sogar auf einer Büste der vernünftigen 
Pallas, der „Weisheit". Von hier wirft er den Schatten auf die 
Erde, aus dem sich die Seele des Dichters „nimmermehr" er- 
heben wird. 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 

^5 



xx6 Das Leben Edgar Poes 

Mit der Niederlage des Dichters schließt das Gedicht. Der 
Sohn ist für immer besiegt. Und diese Niederlage ist eine reale 
gewesen; von dem Schatten des Raben, von diesem Schatten, 
in dem die Erinnerung an Lenore haust, sollte er sich tatsächlidi 
nie mehr losmachen können. Annabel Lee sagt das gleiche 
auf eine andere, diesmal auf eine triumphierende 'Weise: 
während nämlidi Lenorens Liebhaber nur die ewige Trauer 
besingt, die ihn an eine für ihn ewigverlorene Tote bindet, 
ist er hier mit der gleichen Toten vereinigt: weder die hohe 
Sippschaft nodi die Engel oder die Teufel können 
die Seele des Dichters und der Annabel Lee entzweien, sie 
können ihn nidit von ihrem Körper wegreißen, neben dem er 
im Grabe beim Meere ruht. 

Annabel Lee ist gleidisam die Reaktion auf die Ver- 
zweiflung, die aus dem Raben spricht: Poe besiegt hier das 
Schicksal. Er leugnet hier in der Phantasie die Realität des 
"Verlustes: das „Lustprinzip", wie wir sagen würden, triumphiert. 

Annabel Lee ist eben ein Gedicht, das unmittelbar 
aus dem Unbewußten Poes hervorbridit — und im Unbe- 
wußten herrsdit das Lustprinzip. "Wenn wir audi den Behaup- 
tungen Poes in seiner Philosophie der Komposi- 
tion nicht folgen wollen, in der er verkündet, er habe jeden 
seiner Rhythmen, Gedanken, Effekte, jedes seiner "Worte im 
Raben gewollt — auch das Thema der beweinten Ge- 
liebten, das er doch gewiß nicht „frei" hat „wählen" können, 
eine Tatsache, die durch sein ganzes "Werk bewiesen wird — , 
so ist doch sicher, daß der Rabe unter allen Gedichten Poes 
das am stärksten konstruierte ist. Er ist gewollter, theatralischer 
als beispielsweise dieAnnabelLee, Ulalume oder Für 
A n n i e, die drei großen Gedichte, die er am Ende seines 
Lebens schrieb, es fehlt ihm daher ihre "Wärme; idh würde den 
Raben, der wegen seines packenden Rhythmus berühmt ist, 
trotzdem für eines dieser drei Gedichte hergeben. 




In Fordham — Vo r dem Tod der Virginia 227 

Poe arbeitete in Fordham wenig. Am 15. Dezember 1846 
^schrieb er an Chivers: 

„Seit mehr als sechs Monaten bin ich krank, die längste Zeit hin- 
F durch sogar gefährlich krank, und ganz unfähig, auch nur einen 
gewöhnlichen Brief zu schreiben. Die Artikel, die um diese Zeit von 
mir in den Magazinen erschienen sind, waren bei den Herausgebern 
nodi bevor ich krank wurde. Seit es mir besser geht, bin ich — selbst- 
verständlich — von der Arbeit erdrückt, die sich während meiner 
I Krankheit angehäuft hat."^'' 

Die Artikel, auf die Poe hier anspielt, waren die Literati, 
[jene Reihe kritischer Studien über die Schriftsteller von New 
[York, die im Juni 1846 in Godey's Lady's Book zu er- 
sdieinen begonnen hatten. Ein Teil dieser Studien sollte zu 
einem Band zusammengeschlossen werden, den Poe seit Monaten 
vorbereitete, ohne ihn abschließen zu können, und den er bald 
The American Parnassus, bald Literary America nennen wollte. 
Die Literati Poes aus dem Jahr 1846 waren viel oberflädilicher 
und eiliger niedergeschrieben als die früheren kritischen 
Arbeiten des Diciiters, die Frauen wurden hier noch viel nach- 
sichtiger als bisher behandelt, es wurde ihnen noch mehr Weih- 
raucäi als früher gestreut, gegen manche Männer hingegen war 
er schärfer und beleidigender als je. Und diese Aufsätze ver- 
raten, obwohl sich auch in ihnen sein großes Talent und die 
Leichtigkeit, eine Gestalt zu umreißen, zeigt, in welch wirrem 
Geisteszustand sidi ihr Autor befand. Neben richtigen Ein- 
schätzungen, die von dem unbeirrbaren, ästhetischen Feingefühl 
Poes diktiert wurden (darunter vernichtende, von der Nach- 

132) Poe an — , V. E., Bd. 17, S. 269. Hervey Allen behauptet, 
dieser Brief sei an Chivers geriditet (Israfel, S.721). 

„For more than six months I have been ill — for the greater 
part of that time, dangerously so, and quite unable to write even 
an ordinary letter. My magazine papers appearing in this interval 
were all in the publisher's hands before I was taken sick. Since 
getting better, I have been, as a matter of course, overwhelmed 
with the business accumulating during my illness." 



Das Leben Edgar Poes 



weit bestätigte Urteile über angemaßte Größen), finden wir 
eine Flut beleidigender Äußerungen und Meinungen, die nur 
aus einem persönlidien Ärger des Kritikers und aus dem 
wachsenden Verfolgungswahn stammen konnten. Briggs zum 
Beispiel, der Gründer des eingegangenen Broadway Journal, 
hieß The brandy nosed Mr. Briggs, der Briggs mit der Schnaps- 
nase; Clark, der Direktor des sehr lebendig geleiteten Knicker- 
bocker, der gleiche Clark, den Poe einmal im Rausdi in den 
Straßen New Yorks angepöbelt und bedroht hatte, wird ver- 
höhnt und „Riesenkürbis" genannt; Thomas Dünn English 
schließlidi, ein alter Intimus Poes, den er in Philadelphia 
kennengelernt und in dessen Büro (English teilte es mit Lane) 
das Broadway Journal ein letztes Asyl gefunden hatte, dieser 
Thomas Dünn English also wurde durch den Spitznamen 
„Thomas Done Brown" der Lädherlichkeit preisgegeben.^^" 
Poe madite sich auf eine redit lahme Weise — er hatte eben 
keinen Witz — über den Schnurrbart seines Opfers lustig 
und beschimpfte English als einen ungebildeten Menschen, einen 
Esel und Windbeutel. Auf einen soldien Ton war Poe unter 
dem Einfluß der wachsenden paranoiden Ideen herunter- 
gekommen. 

Allerdings erzählt uns Lane, der in den letzten Tagen des 
Broadway Journal mit English wohnte, daß English einen 
besonderen Spaß daran fand, den betrunkenen Poe in Wut zu 
bringen, indem er sidi über ihn lustig madite. Nun hatte Poe 
kein Verständnis für Ironie und sdion gewiß keines, wenn er 
unter dem Einfluß des Alkohols stand. Einmal, als er wieder 
betrunken war, hieben die beiden sogar aufeinander los. Und 
außerdem verfügte English über mehr als eine verwundbare 
Stelle: er wurde einmal sogar, wie es scheint, von Hirst „ver- 



133) Thomas Done Brown =; Thomas madit braun, d.h. Thomas 
ist betrogen, überlistet worden. 



/» Fordham — Vor dem T od der Virginia 229 

hauen" und steckte die Sache ruhig ein. English war eben kein 
Gentleman. Poe hingegen durfte sich also nicht wundern, daß 

jer Antworten von solcher Qualität bekam, wenn er sich zu 

feiner derartigen Polemik herbeiließ. 

In diese Zeit, zu Beginn des Aufenthalts in Fordham, fällt 

laudi das Ende seiner Liebe zu Frances Osgood. 

Zwischen diesen beiden „Dichtern" war eine Menge herz- 
licher Briefe gewechselt worden. Poe hatte jedoch die üble 
Gewohnheit, seine Briefe herumliegen zu lassen, er versteckte 
sie auch nicht vor den Nachforschungen seiner Schwiegermutter. 
Und Muddy las sie, was schließlich noch anging. Nun hörten 
aber die Besuche der „Sternschwestern" trotz der Entfernung 
nicht einmal in Fordham auf, es kamen Frau Lewis, die sich 
mit dem Namen Estelle schmückte, Frau Oakes Smith, Frau 
Gove Nichols und andere. Und an einem Junitag erschien auch 
Frau Eilet, die prüdeste und tratschsüchtigste Person des 
Bundes. 

Frau Clemm war über diese Besuche sehr glücklich, da sie in 
die Einförmigkeit ihrer traurigen und einsamen Existenz Leben 
brachten. Es war daher für Frau Eilet ein leichtes, sie zum 
Sprechen zu bringen. Und Muddy, die trotz all ihrer Güte 
borniert und manchmal sogar taktlos war, beging den Fehler, 
Frau Eilet einige Briefe der Frau Osgood vorzulesen. 

Ein Sturm des Unwillens brach im Bund der „Stern- 
sdiwestern", die sofort Bericht erhielten, los. Was? Die Ehre 
einer der Schwestern war so gefährdet?! Frau Osgood bekam 
es mit der Angst zu tun, man sagt, sie sei durch den Skandal 
eingeschüchtert worden und habe schon damals den Verkehr mit 
Poe eingestellt. Jedenfalls hörte er damals auf. Und eine von 
Frau Eilet geführte Abordnung der „Sternschwestern" wurde 
von Frau Osgood zu dem Zweck nach Fordham geschickt, ihre 
Briefe zurückzufordern. 

Poe empfing die Abordnung. Er war — wie man verstehen 




23° Das Lehen Edgar Poes 

wird — sehr übler Laune, übergab den „Sternsdiwestern" 
sofort die verlangten Briefe und machte Frau Eilet gegenüber 
die Bemerkung, sie hätte sich ebensogut auch um die Briefe 
kümmern können, die er noch von i h r besitze. 

Kaum war die Abordnung fort, als Poe seine so wenig 
ritterliche Andeutung bedauerte, die Briefe der Frau Eilet 
zusammenband und selbst bei ihr abgab. Aber die verärgerte 
Frau Eilet leugnete, sie zurückbekommen zu haben, und 
Lummis, ein Bruder der Frau Eilet, erschien wütend auf der 
Szene, beschuldigte Poe, die Sdiwester verleumdet zu haben 
und verlangte die Briefe zurück. Man glaubte Edgar nicht, als 
er behauptete, er habe die Briefe bereits abgegeben, und 
Lummis rannte von einem Ende der Stadt zum andern und 
erklärte, er werde Poe töten oder zum Duell herausfordern. 

Da machte Poe einen unerwarteten Schritt: er ging zu 
Thomas Dünn English und bat ihn, sein Zeuge zu sein. Er 
wendete sich, wie man sieht, in einer Ehrensacäie an den 
gleichen English, den er in den „Literati" durch den Namen 
„Thomas Done Brown" besdiimpft und lächerlich gemacht, an 
den English, dem er Geld schuldig war und mit dem er sich 
im vergangenen Januar im Rausch herumgeschlagen hatte! 
Ganz ebenso sollte Poe später seinen allerschlimmsten Feind, 
Griswold, zum Testamentsvollstrecker ernennen. 

English erzählt uns nun, daß Edgar bei ihm erscliienen sei, 
ihn um Verzeihung gebeten und sidi entschuldigt habe, und 
daß er ihm dann mitteilte, er müsse ihn um einen Dienst bitten. 
English nahm die Entschuldigung an, aber nicht die Hand, 
die Edgar ihm hinstreckte. Er weigerte sidi, sein Zeuge zu sein 
und ihm eine Pistole zu leihen. Poe soll nun wütend geworden 
und auf ihn losgegangen sein; da habe er ihn hinausgeworfen. 

Tatsache ist, daß auf alle diese Ereignisse nur ein „Krieg 
der Literati" folgte. Vielleidit waren die Briefe aufgefunden 
worden; jedenfalls aber hatte Poe, der neuerdings erkrankt 



In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 231 

war, vom Bett aus an Lummis ein Entsdiuldigungssdireiben 
geschickt, das Dr. Francis, der beste Zeuge für seinen Zu- 
stand, überbradite. Lummis erklärte sich mit dieser Erledi- 
gung der Angelegenheit einverstanden. Aber Herr English war 
es nicht, und am 23. Juni ersdiien im New York Mirror die 
Replik des Herrn English an Herrn Poe, eine 
wutspeiende Schmähsdirift. In ihr wird der letzte „Besudi" Poes 
bei English in allen seinen Einzelheiten vorgeführt und die 
Behandlung geschildert, die English dem „gemeinen Feigling" 
Poe hatte angedeihen lassen. Damit war die Trunksucht Poes 
vor aller Öffentlichkeit festgestellt. Außerdem beschuldigte 
English Poe der Urkundenfälsdiung; davon wisse er von einem 
Kaufmann aus der Stadt. 

Poe antwortete am 10. Juli im Spirit of the Times von 
Philadelphia. Der ganze Artikel sdieint von einem Tobsüch- 
tigen gesdirieben zu sein. Poe gestand darin seine Schwäche 
für den Alkohol ein und betonte, daß er sie bedauere. Aber 
er lehnte sich auf das heftigste und mit Redit gegen den Vor- 
wurf auf, er sei ein Fälscher. Ein Jahr vorher hatte er von 
dem Kaufmann, von dem die Verleumdung ausgegangen war, 
einen Brief erhalten, in dem dieser alle Beschuldigungen wider- 
rief; den veröffentlichte er nun. Es scheint aber, daß auch 
English schon damals von dem Brief Kenntnis gehabt hatte; 
und da er seine Beschuldigungen nicht zurückzog, drohte Poe 
mit dem Gericht. 

English „erwiderte" noch einmal am 13. Juli im Mirror. 
Die Folge davon war der Verleumdungsprozeß, den Poe am 
22. Februar des folgenden Jahres gewann; English wurde zu 
zweihundertfünfundzwanzig Dollar Schadenersatz und zum 
Tragen der Prozeßkosten verurteilt. 

Im Sommer 1846 jedoch waren die Dollar des English nodi 
nicht in Poes Händen, und seine Artikel über die „Literati" 
hatten ihm nur wenig eingetragen; darum spricht er am 



2 32 Dai Leben Edgar Poes 

22. Juli in einem Brief an Chivers von seiner furchtbaren 
Armut {dreadful poverty). 

Und nun sdirieb er fast gar nidits mehr; in der Philo- 
sophie der Komposition, die im vergangenen April 
erschienen war, behauptete er zwar, daß er seine sdiöpferisdie 
Fähigkeit vollständig beherrsche. Das war aber viel eher ein 
verzweifeltes Leugnen des „Wahnsinns", dessen unmittelbaren 
Ausbruch er fürchtete, als der Ausdruck der Wahrheit. 

Auch Poe schrieb nur das, was sein Unbewußtes ihm 
diktierte und er gleicht darin allen Schriftstellern. Die „sekun- 
däre Bearbeitung" durch das Bewußte und Vorbewußte mochte 
bei ihm noch so stark tätig sein (ihr verdankt er zum Beispiel 
die immer vollkommenere Form seiner Gedichte), nie konnte 
die Vernunft eine etwa ausbleibende Inspiration ersetzen. 

Über sein Leben in Fordham erfahren wir durch Frau Gove 
Nichols, die ihn vermutlich im Sommer 1846 besuchte: 

„Bei dieser Gelegenheit wurde ich der jungen Frau des Dichters 
und ihrer Mutter vorgestellt . . . Diese war eine große, würdevolle, 
alte Dame mit sehr vornehmen Manieren, und ihr schwarzes Kleid 
machte, obgleich es abgetragen war, einen eleganten Eindruck. Sie 
trug ein Witwenhäubdien von klassisch gewordenem Modell, das 
entzückend zu den schneeweißen Haaren paßte. Ihre Züge waren 
groß und harmonierten mit ihrer Gestalt; es war überaus seltsam, 
daß eine so starke und königliche Frau die Mutter eines so kleinen 
Mädchens sein sollte. Frau Poe sah sehr jung aus; sie hatte große 
schwarze Augen, einen perlweißen Teint, der ganz außergewöhnlich 
bleich war. Das blasse Gesicht, die leuchtenden Augen, die raben- 
schwarzen Haare verliehen ihr ein überirdisches Aussehen. Man 
fühlte, daß sie ein beinahe körperloser Geist war, und wenn man sie 
husten hörte, war man sicher, sie müsse bald sterben. 

Die Mutter sah kräftig und gesund aus und schien eine Art 
Schutzengel ihrer seltsamen Kinder zu sein. 

Das Landhaus hatte etwas Vornehmes an sich, was wahrschein- 
lich von den Bewohnern herkam. Ich habe nirgends eine sauberere, 
armseligere, leerere und doch so reizende Wohnung gesehen als hier. 
Der Fußboden der Küche war blitzblank, ein Tisch, ein Stuhl 





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In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 233 

und der kleine Ofen waren alles, was darin stand. Im Salon 
lagen geflochtene Matten, vier Stühle standen um den Tisch, den 
' man herumschieben konnte, dann gab es eine Etagere mit Büchern . . . 
Poe war damals sehr deprimiert, und das hatte seine Ursache in 
der f ürditerlidien Armut, in der er lebte, in der Krankheit seiner 
Frau und in seiner Unfähigkeit, genügend schreiben zu können, 
ijf'ir blieben eine halbe Stunde im Haus, dann kamen einige Leute, 
unter ihnen einige Damen, und nun brachen wir gemeinsam zu 
einem Spaziergang auf. 

Wir flanierten durch den Wald, waren sehr fröhlich, als irgend 
jemand ein Wettspringen vorschlug. Ich glaube, Poe selber war es, 
1 der diesen Vorschlag machte, denn er war bei dieser Übung über- 
aus geschickt. Zwei oder drei Herren unter uns wollten ebenfalls 
[springen, aber obwohl einer von ihnen sehr groß und früher Jäger 
Igewesen, sprang Poe weiter als sie alle. Aber ach! die alten 
Igditew,"' die nur deshalb noch existierten, weil man sehr vor- 
sichtig mit ihnen umging, rissen bei einem der Sprünge, bei denen 
er siegte ... Ich war dessen sicher, daß er keine anderen Schuhe 
hatte, auch keine andern Stiefel oder gaiters, aber Wer von 
uns hätte es in diesem Augenblick wagen dürfen, ihm Geld anzu- 
bieten, damit . er sich neue kaufe? . . . Als wir bei seinem Haus 
ankamen, da fühlten wir, glaube ich, alle, die wir anwesend waren, 
daß wir nun nicht eintreten sollten: der Unglückliche hätte nämlich 
ohne Schuhe unter uns sitzen oder bei uns stehen müssen. Ich mußte 
aber trotzdem ins Haus hinein, weil ich etwas holen wollte, und 
trat ein! Die alte Mutter sah die Füße Poes mit einem Ausdruck 
von Bestürzung an, den ich nie vergessen werde. ,Aber Eddy', 
sagte sie, ,was hast Du denn gemacht, daß Deine gaiters so zer- 
rissen sind?' Bei ihrem Anblick schien Poe beinahe in einen Zustand 
von Betäubung zu geraten. ,Antworten Sie Muddyl' sagte sie dann 
schmeichelnd. Ich berichtete ihr, was geschehen war, und sie nahm 
mich in der Küche beiseite. ,Könnten Sie nicht mit Herrn X. über 
das letzte Gedicht Eddys sprechen?' sagte sie zu mir. Herr X. war 
der Redakteur einer Revue. ,Wenn er das Gedicht annimmt, dann 
kann sich Eddy ein Paar Schuhe kaufen. Er hat das Gedicht — ich 



134) Diese „gaiters" waren gewiß eine Art Schuhe, wie man 
sie damals trug, mit einem Schaft aus Stoff. (Siehe Wehster's New 
International Dictionary, 1915, Artikel „Gaiter".) 




2 34 ößj Leben Edgar Poes 

habe es ihm letzte 'Wodae hingetragen und Eddy sagt, es sei sein 
bestes. Sie werden mit ihm spredaen, nidit wahr?' 

Wir hatten das Gedicht schon im Konklave gelesen und 
der Himmel verzeih' uns, wir konnten es nicht verstehen. Er 
hätte es ebensogut in irgendeiner unbekannten Sprache nieder- 
schreiben können, so wenig Sinn konnte man aus den melodiösen 
Kadenzen herausholen. Ich erinnere mich daran, daß ich gesagt 
hatte, das Gedicht sei eine gewöhnliche Ente, die Poe nur deshalb 
als Gedicht gelten lassen wollte, um zu sehen, bis zu welchem Grad 
er durch seinen Namen den Leuten etwas weismachen könne. Die 
Situation war aber die: der Redakteur der Revue war an den 
zerrissenen gaiters mitschuldig. 

,Einverstanden', sagte ich, ,das Gedicht wird verö£Fentlicht 
werden, und ich werde es Herrn X. sagen, daß er es bald heraus- 
bringen soll.' 

Das Gedicht wurde sofort bezahlt und kurze 2eit nachher ver- 
öffentlicht. Ich vermute, daß man es in den gesammelten diditeri- 
schen "Werken Poes wirklich für ein Gedicht halten wird, jedenfalls 
hat es damals Poe ein Paar gaiters und außerdem zwölf Schilling 
eingebracht.""^ 

Von welchem Gedicht ist hier die Rede? Hervey Allen"^ 
meint, es handle sidi um ein Gedicht, das kurz vorher an einem 
Abend bei Miss Lynch vorgelesen wurde und daß es U 1 a- 
1 u m e sein könne. "Wir sind jedoch keineswegs so sicher wie er, 
denn U 1 a 1 u m e ist nicht kurze Zeit nachher, sondern erst im 
Dezember 1847 erschienen. Das ist gewiß kein entscheidendes 
Argument; der Herausgeber hätte es nämlicäi trotz der Be- 
hauptung der Frau Gove Nichols liegen lassen können. Aber 
obwohl wir nicht wissen, auf welches andere Gedicht sidi die 
Anspielung bezieht, und dieses astrale Grabgedicht daher sehr 
wohl damals am Sterbelager der Virginia hätte empfangen und 
sogar niedergesciirieben werden können, verschieben wir seine 
Analyse auf später. 



13 j) Israfel, S. 712 — 714. 
136) Israfel, S. 721. 



In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 235 



^^^H Audi Miss Susan Cromwell, eine Nachbarin Poes, hat uns 
^^^H einen Bericht über den Aufenthalt in Fordham hinterlassen: 

^ „Eines Tages, es war zur Zeit der Kirsdiernte, ging sie am Land- 

I haus vorbei und sah, wie Poe, der auf den Baum geklettert war, 

I seiner Frau, die ein weißes Kleid trug und auf einer Bank mitten in 

fder Wiese saß, Kirsdien zuwarf. Virginia fing sie lachend auf und 
hatte schon eine Menge Kirschen in ihrer Schürze. Poe wollte ihr 
eben wieder eine Handvoll Kirschen zuwerfen, da floß ein Blutstrom 

Iüber die Lippen seiner Frau. Poe sprang vom Baum herab, nahm 
Virginia in die Arme und verschwand mit ihr im Haus. Sie waren", 
fügt Miss Cromwell hinzu, „fürchterlich arm {awful poor)."^^'' 
Aber erst in der kalten Jahreszeit, die diesem besonders 
heißen Sommer folgte, sollte das Elend den Gipfel erreichen. 
Im Sommer hatte Frau Clemm immer noch irgendein Mittel 
gefunden, ihre Kinder zu ernähren: so war sie beispielsweise 
beim Einbruch der Dämmerung nach Turtle Bay mit einem 
Spaten gegangen, um für den größten Dichter Amerikas Rüben 
auszugraben, die von den Bauern für ihre Tiere angepflanzt 
worden waren; in Fordham selbst sammelte sie Löwenzahn 
auf den Wiesen. Manchmal auch ging sie zu den Nachbarn, 
um sich das Geldstück „auszuborgen", das man für die Post 
auslegen mußte. Aber im Winter — in diesem "Winter, der 
ebenso kalt war wie der vergangene Sommer warm gewesen — 
stand das Haus mitten in tiefster Einsamkeit. Die Besuche aus 
der Stadt hatten aufgehört. Poe war ohne Arbeit und mußte 
wegen der Kälte im Landhaus bleiben; der Speiseschrank war 
manchmal fast gänzlich leer, und im Küchenofen oder im 
Kamin im Salon war ofl: gar nichts Brennbares mehr vor- 
' banden. 

Bei dieser Kälte, inmitten dieses Elends lag Virginia in 
den letzten Zügen. Sie wohnte nicht mehr in dem allzu großen 
Zimmer im Stock oben, da es nicht geheizt werden konnte; 

137) Israfel, S. 716. 




236 Das Leben Edgar Poes 



man hatte sie in der kleinen Kammer neben dem Salon unter- 
gebracht. Sie konnte sidi kaum mehr erheben und wurde un- 
aufhörlidi von Fieber und Husten geschüttelt; eiskalt waren 
die Tage in dem Bett ohne wollene Decken und die Nächte 
waren noch kälter als der Tag. 

Mitleidige Nachbarn, die Bathhursts, brachten ein wenig 
Essen und Kohle herbei. Frau Clemm machte sich nichts aus der 
Kälte; sie lief aus dem Haus, um einige Eier und Kartoffel 
„auszuborgen". Aber die spärliche Nahrung genügte nicht, die 
Kälte beherrschte alles. 

Das sagt auch der Bericht, den wir von Frau Gove Nichols 
haben, die als einzige unter allen ehemaligen Freunden im 
Dezember 1846 wieder die Reise nadi Fordham zu den Poes 
unternahm: 

„Ich sah sie (Virginia) in dem Sdilafzimmer. Alles war dort so 
rein, so funkelnd von Sauberkeit, aber audi so besdieiden und von 
Armut gezeidinet, daß ich die Kranke nur mit jener Herzbeklemmung 
ansehen konnte, die der Arme für den Armen empfindet. 

In dem Bett gab es bloß Strohmatratzen und eine Steppdecke, 
aber die Tüdier waren weiß wie Sdinee. Es war kalt, und die 
junge kranke Frau wurde vom Frösteln geschüttelt, weldies das 
Fieber der Sdiwindsüchtigen begleitet. Sie lag auf ihrer Stroh- 
matratze, war in den großen Mantel des Gatten eingehüllt, und eine 
Tigerkatze lag auf ihrem Busen. Das wunderbare Tier sdiien zu 
wissen, wie nützlidi es war. Der Mantel und die Katze waren 
nämlich die einzigen Mittel, die der armen Kranken wieder Wärme 
zutrugen; manchmal hielt ihr ihr Mann die Hände und die Mutter 
die Füße. Frau Clemm liebte die Tochter sehr, und es war furditbar, 
die Verzweiflung mitanzusehen, in die sie durch das Elend und die 
Krankheit ihres Kindes geraten war. 

Sobald ich mich von diesen schrecklichen Tatsachen überzeugt 
hatte, fuhr ich nach New York zurück und sicherte mir die Sympathie 
einer Dame, deren Herz und Hand Armen und Unglücklichen gegen- 
über immer offen waren . . .""^ 



138) Israfel, S. 712/723. 



In Fordham — Vor dem Tod der Virginia i-^y 

Diese Dame hieß Marie-Louise Shew. Sie war sicher schon 
' vorher einmal mit Poe zusammengekommen. Wir lernen sie als 
eine kluge, entschlossene Frau kennen, als die Toditer eines 
Arztes, Freundin von Ärzten, die sidi als Pflegerin hatte aus- 
I bilden lassen und in Spitälern Dienst gemacht hatte. Sie war 
„wissenschaftlicher" als alle Frauen, denen Poe bisher begegnet 
war, und besaß ein edles, mitleidiges Herz. 

Sie sdiickte für Virginia „ein Federnbett, eine Menge Decken 
und andere Bequemlichkeiten" nach Fordham. Sie leitete für 
Poe eine Sammlung ein und übergab in der folgenden "Woche 
Frau Clemm die sedizig Dollar, die sie zusammengebracht 
hatte. Sie kam von nun an häufig nach Fordham hinaus und 
half unermüdlidi, wie und wo sie konnte. 

Aber auch die „Literati" hatten nun erfahren, in welchem 
Elend sich die Poes befanden; dieses Elend war sozusagen ihr 
Tagesgesprädi geworden. Frau Hewitt und Frau Osgood ver- 
suchten zu -helfen. Und da Frau Hewitt bei den Chefredak- 
teuren der Magazine zugunsten Poes zu sammeln versudite, 
erfuhr audi die Öffentlichkeit von dem Elend, in dem der 
Dichter steckte. Im New York Express konnte man daher 
lesen: 

„Mit Bedauern erfahren wir, daß Edgar A. Poe und seine Frau 
ernstlidi an Sdiwindsudit erkrankt sind und daß die Hand des 
Unglücks sdiwer auf ihnen lastet. Wir müssen sogar sagen, es gehe 
ihnen derart sdiledit, daß sie sidi kaum versdiafFen können, was sie 
notwendigst zum Leben braudien. So hart ist ihr Los, und wir hoffen, 
daß die Freunde und Bewunderer Poes nidit zögern werden, ihm in 
diesen sdilimmsten Stunden, wo er von der Not bedrängt wird, zu 
Hilfe zu kommen." 

Der Stolz Poes war zwar auf das tiefste verletzt durch 
diesen Versuch, für ihn die offen tlidie Mildtätigkeit anzurufen; 
selbst der zurückhaltendere Aufruf, den Willis im Home 
Journal einrückte, verstimmte ihn. Aber diese Hilferufe hatten 
wenigstens zur Folge, daß Virginia, besonders durch die Güte 




23^ Das Leben Edgar Poes 

der Marie-Louise Shew, nicht inmitten des Elends sterben 
mußte, in dem sie damals lebte. 

Obwohl der Tod Virginias unmittelbar bevorstand, obwohl 
sie von Fieber und Hustenanfällen gesdiüttelt wurde, fand 
sie sofort ihre kindliche Fröhlichkeit in dem Augenblick 
wieder, in dem man ihr eine kleine Freude machte, ein kleines 
Geschenk bradite. Poe saß, am Ende dieses Jahres, neben ihrem 
Bett, er hatte wieder an seiner Anthologie zu arbeiten 
begonnen und Frau Clemm blätterte die Zeitungen durch, um 
dann alles, was über Eddy geschrieben wurde, heraus- 
zuschneiden. Man hatte sich daran gewöhnt, daß Virginia 
krank war! Zwischen Poe und seinen Freunden ging ein leb- 
hafter Briefwechsel hin und her; es kamen aber auch immer 
wieder, an die Adresse Virginias, anonyme Briefe gegen Edgar, 
die nach seiner Meinung nur aus der Feder der Frau Eilet 
stammen konnten, und welche die letzten Tage der armen 
Kleinen trübten. Und außerdem erfährt Poe — ein Licht- 
blick! — , daß seine "Werke in England, in Schottland und in 
Frankreich die Aufmerksamkeit der Leser auf sidi zu ziehen 
begannen. 

Die so lange dahinsiechende Virginia lag schließlidi im 
Sterben. Und am 29. Januar 1847 kamen die Freunde und 
Verwandten, die man von dem bevorstehenden Ende be- 
nadiricäitigt hatte, in Fordham zusammen. Audi Mary 
Devereaux, die alte geliebte Freundin Poes aus Baltimore, die 
gleidie, der Virginia die Liebesbriefe zugetragen hatte, war 
erschienen. Zu ihrer Überrasdiung saß Virginia in einem 
Fauteuil. 

Mary Devereaux schreibt über diesen Besuch: 

„Am Tag vor ihrem Tode traf ich Virginia im Salon. Ich sagte 
zu ihr: ,Geht es Ihnen heute besser?', und setzte mich neben den 
großen Fauteuil, in dem sie saß. Poe hatte auf der andern Seite Platz 
genommen. Idi legte meine Hand in die ihrige, sie nahm sie und 



In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 239 

legte sie in die Poes und sagte: ,Mary, seien Sie für Eddy eine 
Freundin und verlassen Sie ihn nidit; er hat Sie immer geliebt, nidit 
wahr, Eddy?' Nur wir drei waren im Zimmer, Frau Clemm war in 
der Küche.""» 

Mary kehrte noch am selben Nachmittag nadi New York 
zurück, wogegen Frau Smith (Miss Herring), Poes Cousine, 
ankam. Am Abend schrieb Poe an Frau Shew: 

„Beste, teuerste Freundin, meine arme Virginia lebt noch, ob- 
wohl es schnell mit ihr bergab geht und sie jetzt sehr viel leidet. 
Gott schenke ihr noch so lange das Leben, bis sie Sie wiedergesehen 
hat und Ihnen nodi einmal hat danken können. Ihr Herz strömt 
wie das meinige von einer unendlichen, unausspredilichen Dank- 
barkeit für Sie über. Für den Fall aber, daß sie Sie nidit mehr 
wiedersehen sollte, hat sie mir aufgetragen, sie schicke Ihnen ihren 
zartesten Liebeskuß und sterbend noch werde sie Sie segnen. Aber 
kommen Sie — adi, kommen Sie morgen! Ja, idi w i 1 1 ruhig sein, ich 
will so sein, wie Sie mich zu sehen wünschen. Auch von meiner 
Mutter ,innigste Liebe und Dank'. Sie bittet mich, ich solle Sie 
ersuchen, Sie mögen, wenn das nur irgendwie möglich ist, morgen 
Abend bei uns bleiben. Hier der Auftrag für den Postmeister. Der 
Himmel segne Sie. Auf Wiedersehen. 

Fordham, 29. Januar 1847. Edgar A. Poe.""" 

139) hrajel, S. 726. 

140) Fordham, Jan. 29, '47. 

Kindes t, dearest fri.end. 

My poor Virginia yet lives, although falling fast and now 
suffering much pain. May God grant her life until she sees you 
and thanks you once again! Her bosom is füll to overflowing 
— like my own — with a boundless — inexpressible gratitude to 
you. Lest she may never see you more — she bids me say that 
she sends you her sweetest kiss of love and will die blessing you. 
But come — oh come to-morrow! Yes, I will be calm — 
everything you so nobly wish to see me. My mother sends you, 
also, her „wärmest love and thanks". She begs me to ask you, if 
possible, to make arrangements at home so that you may stay 
with US to-morrow night. I enclose the order to the Postmaster. 

Heaven bless you and farewell, P , 4 p 

(V. E., Bd. I, S. 26J.) 




24° Das Leben Edgar Poes 



Am nächsten Morgen, es war der 30. Januar, kam Frau 
Shew zu gleicher Zeit wie Mary bei einer fürditerlidien Kälte 
in Fordham an. Virginia lag wieder in ihrer kleinen Kammer. 
Nachmittags war sie noch bei klarem Verstand. Sie nahm 
unter ihrem Kopfpolster ein Bild Poes und das Schmudc- 
kästchen, das Elizabeth Arnold gehört hatte und von Rosalie 
geerbt worden war, hervor, um sie Frau Shew zu über- 
geben. Dieses Kästchen war möglicherweise von Rosalie nadi 
Fordham gebracht und dort zurückgelassen worden. Virginia 
verlangte auch nodi zwei Briefe, die sie schon einmal der Frau 
Shew vorgelesen hatte, Briefe, die von Frau Allan geschrieben 
worden waren, nachdem Edgar aus dem Hause geflohen war.^*i 
Dann brach die Nacht herein. Und während Edgar nun, aber 
dieses Mal in der Wirklichkeit, alle Schrecken der Agonie der 
Rowena, welche von Ligeia in den Tod hineingezogen wird, 
wieder erleben sollte, hörte das schwere Atmen der Virginia 
plötzlich auf und der zarte kleine Körper lag ganz unbeweg- 
lich da — wie sdion früher einmal ein anderer zarter Frauen- 
körper — beim Lidit der Kerzen, vor den Augen ihres Gatten. 

Nach dem Tod Virginias bemerkte man, daß man kein 
Bild von ihr hatte. Eine der anwesenden Damen machte schnell 
ein Aquarell, das einzige, das uns die Züge der Kind-Frau 
Edgar Poes übermittelt hat und das unendlich ofl; reproduziert 
worden ist. Obwohl Virginia an Schwindsucht gestorben war, 
scieint das Gesicht eher angeschwollen als eingesunken ge- 
wesen zu sein. Nachträglidi wurden die geschlossenen Augen 
des Bildes durch geöffnete ersetzt. 

Frau Shew lieferte das Leichentucii. Sie und eine gewisse 

141) Diese Briefe, die später in die Hände der Frau Smith, 
einer Cousine Poes, fielen, und audi von Eliza White gesehen 
wurden, sind heute leider verschwunden. Sie sollen in überaus zärt- 
lidiem Ton gehalten sein, und Poe wurde in ihnen beschworen, 
heimzukehren. 






VIRGINIA ELIZA POE, geb. CLEMM 

1822 — ^1847 

(Nach einem Aquarell, 

das 1 847 in Fordham nach ihrem Tod gemalt wurde) 



Uli 

Ini 



i 



In Fordham — Vor dem Tod der Virginia 241 

Uistty, die Adoptivtoditer des Besitzers des Landhauses, halfen 
Frau Clemm, den armen kleinen Körper zum letztenmal zu 
bekleiden. 

Am Tag des Leichenbegängnisses wurde der kleine Sarg 

[der Virginia im Salon auf dem Sdireibtisdi ihres Gatten 
aufgebahrt. Kein Platz war ihm gemäßer: lag er nidit schon 
lange im Geist auf dieser Stelle? Einige Freunde kamen herbei, 

lunter ihnen Valentine, der Besitzer des Landhauses, N. P. Willis 
und sein Gesellschafter, Mary Devereaux, Frau Shew. Dann 
wurde der Sarg in der eisigen Kälte durch eine mehr oder 
weniger „titanisdie Zypressenallee" zum Friedhof der holländi- 
sdien Reformistenkirche von Fordham hinausgetragen. Poe ging 
hinterdrein, er war in seinen alten Kadettenmantel eingehüllt, 
in den gleichen, der mit der Katze Catterina seine Frau 
erwärmt hatte. 

Als er nach Hause kam, bradi er zusammen. Frau Clemm 
— so groß war ihr Elend — wollte Mary Devereaux, noch 
bevor sie das Haus verließ, den Fingerhut Virginias ver- 
kaufen. Aber auch Mary war zu arm, als daß sie ihn hätte 
kaufen können. 



Bonaparte: Edgar Poe. I. 16 



IN FORDHAM 

NACH DEM TOD DER VIRGINIA 
ULALUME UND HEUREKA 

Nadi dem Tod Virginias verfiel Poe in einen Zustand 
tiefster Ersdiöpfung. Er hatte allerdings einen furditbaren 
"Winter verlebt. Kälte und Hunger gelitten, und sidi gar nidits 
gegönnt, damit Virginia wenigstens etwas habe. Die tieferen 
Ursachen aber, warum Poe in diesen Zustand der Verzweif- 
lung fiel, waren psychischer Natur. Konnte es denn anders 
sein? Man bedenke, was Virginia alles für ihn darstellte, und 
daß sich bei diesem Tod die Tragödie, die am Beginn seines 
Lebens gestanden war, wiederholte! Der dironisdie Zustand 
von Trauer, in dem er seit seinem dritten Lebensjahr gelebt 
hatte, versdiärfte sidi in dem Augenblick, in dem er wieder 
aktiv wurde, zu einer heftigen Krise. Poe konnte in der Nacht 
nicht mehr schlafen; die Dunkelheit und die Einsamkeit 
brachten ihn dem Wahnsinn nahe, und Frau Clemm mußte 
stundenlang bei seinem Bett bleiben und die Hand auf seine 
ll'j Stirne legen. Manchmal glaubte sie, er sei eingeschlafen, und 

sie wollte aufstehen; da murmelte er: „Nodi nicht, Muddy, 
noch niciit."^*^ Er war ein kleines Kind geworden, das sich 
vor Gespenstern fürchtete, ganz so wie an dem Abend, an dem 
er mit dem Onkel Valentine ausgeritten war. Und es gab 
Gespenster in dem Haus, weil der Geist Ligeias, der von nun 
an herrschen sollte, in dem Augenblick wiedergekommen war, 
in dem es von Rowena verlassen worden. 

Wir erfahren, daß man Poe „oft nach dem Tode seiner 

143) hrafel, S. 732. 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 243 

! geliebten Frau beinahe erfroren in der tiefsten "Winternacht bei 
ihrem Grab hat sitzen sehen: er war aus dem Bett aufgestanden 
und weinend und jammernd herbeigekommen".^** So drückt 
■ sidi in der Legende in konkreter Form die ewige Trauer des 
miditers aus, die gleiche Trauer, die früher einmal den Jüngling 
' vermutlich gezwungen hatte, das Grab seiner „Helen" auf- 
zusuchen. Trotzdem aber sdieint es unwahrscheinlich zu sein, 
1 daß Poe in diesem fürchterlichen Winter und in dem Zustand, 
[in dem er sich befand, das Grab der Virginia bei Nacht auf- 
gesudit habe. Und außerdem hätte er die Wachsamkeit der 
Frau Clemm gar sehr täuschen müssen. 

Muddy übertrug nun auf ihren Adoptivsohn allein die ganze 

Zärtlichkeit, deren ihr Mutterherz fähig war, und sie schenkte 

I Eddy außer dem Teil der Liebe, den er sdion je besessen, auch 

' den, der nach Virginias Tod freigeworden war. Es scheint 

also, daß sie Eddy von dem Augenblick an, wo er allein 

bei ihr war, doppelt geliebt habe. 

Bei ihrer Aufgabe als Trösterin wurde sie von der klugen 
und guten Frau unterstützt, die schon dazu beigetragen hatte, 
daß Virginia das Sterben leichter falle. Frau Shew sammelte 
nämlich hundert Dollar für den unglücklichen Dichter, und an 
dieser Subskription nahm auch der General Scott teil, der sich 
dadurch wieder an seinen früheren Kadetten erinnern konnte. 
Sie brachte ihre Freunde, die Ärzte Dr. Mott und Dr. Francis, 
an das Krankenlager Poes und reiste selbst mehrere Male in der 
Woche von New York nach Fordham, um den Unglücklichen, 
und das war höchste Barmherzigkeit, durch ihre Gegenwart zu 
trösten. Ein Brief der Frau Clemm an Frau Shew, der zwar 
nur „Freitag abend" datiert ist, aber sicher aus jener Zeit 
stammt, zeigt uns, wie sehr sich die beiden mütterlichen Frauen 
gemeinsam um den Unglücklichen bemüht haben. 



144) Ebenda. 

i6» 



Jj 



244 ö*^ Leben Edgar Poes 

„Meine liebe, gute Freundin! Idi schreibe Ihnen, um Ihnen mit- 
zuteilen, daß die Medikamente mit dem ersten Zug nadi Ihrer 
Abreise heute angekommen sind; ein gefälliger Freund hat sie uns 
sofort hergebracht. Die kalten Umsdiläge haben dem ICopf meines 
armen Eddy sehr wohl getan, und die Blumen waren herrlich — 
nicht ,erfroren', wie Sie gefürchtet haben. Idi habe aber Angst, daß 
Eddy ernstlidi krank sei. Das Fieber ist, ganz wie Sie vorausgesagt 
haben, heute zur gleichen Stunde wiedergekommen und idi 
gebe ihm die beruhigende Arznei. Er ist aus seinem Halbschlaf nicht 
erwacht, sonst hätte er natürlich mit Herrn C, der ein so lieber 
Freund ist, gesprochen . . . Eddy hat mir das Versprechen ab- 
genommen, ich müsse Ihnen wegen des Weines schreiben; idi habe 
nämlidi vergessen, mit Ihnen heute vormittag davon zu sprechen. Er 
wünscht, daß idi Ihnen die letzte Kiste Wein zurückschicke, die Sie 
meiner guten Virginia geschickt haben (es bleibt nodi etwas von der 
ersten Sendung übrig, ich habe sie beiseitegeschafft, für den Fall, daß 
wir sie brauchen). Dieser Wein war für uns ein großer Segen, solange 
mein liebes Kind ihn gebraucht hat, er stärkte sie so, daß sie 
einige Tage länger bei uns bleiben durfte. Das geliebte Kind war 
immer fröhlich, wenn sie von ihm trank, selbst dann, als sie ihn nur 
mehr mit Mühe hinunterbringen konnte. Hätten Sie uns nicht 
geholfen, liebe Frau Shew, dann wären ihre letzten Worte, ihre 
Liebesworte, ihre süßen Abschiedsworte verlorengegangen, 
denn sie konnte in ihrer Schwäche nur mehr mit den schönen Augen 
sprechen! . . . Eddy liegt es besonders am Herzen, daß der Wein 
Ihnen zurückgeschickt werde, er meint und hofft, er 
könne jenem kranken Künstler helfen, von dem Sie uns 
erzählt haben, daß er ,auf dem Weg zur Genesung sei und auch 
einmal etwas Gutes brauche'. Gott segne Sie, mein liebes, süßes Kind, 

und suchen Sie bald Ihre verzweifelte Freundin auf. , , . _, 

Maria Clemm. 

P. S. Wir erwarten Sie morgen mit einem der ersten Züge und 
hoffen, Sie werden so lang wie möglich hierbleiben. Es ist nicht aus- 
zudenken, was aus uns ohne Sie werden soll. Eddy sagt, Sie hätten 
Virginia versprochen, noch lange jeden zweiten Tag herauszukommen, 
so lange wenigstens, bis er wieder zu einer Arbeit fähig ist. Idi hoffe 
und glaube, daß Sie Ihr Wort halten werden, und flehe 
allen Segen auf Sie und Ihr ganzes Leben herab. Sie verdienen ihn 
für Ihre engelhafte Güte und für das Mitleid, das Sie mit uns haben. 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 245 

Herr C. wird Ihnen mitteilen, wie es bei uns aussieht, er holt 
diesen Brief in einer Stunde ab; und Adieu, bis wir uns wieder- 
( sehen. 

So verschenkte Frau Shew Medikamente, Blumen und auch 
[ihre Zeit. Wenn sie kam, brachte sie immer etwas mit, vor 
I allem andern aber ihr herzliches Mitfühlen. Wenn wir nun an 
jdie unverbrauchte Glut denken, die im kranken Herzen des 
»verzweifelten Dichters brannte, und an seinen Komplex als 
„ewiger Sohn", kann es uns in Erstaunen versetzen, daß die 
Dankbarkeit bald eine 'exaltierte Färbung bekam? In einem 
Gedicht, das an H e r r n L. S. gerichtet war und im März im 
Home Journal erschien, fühlt man bereits diese "Wandlung 
heraus. In ihm ist die Rede von einer „Anwesenheit, die dem 
Morgen gleicht", von seraphischen Augen und einem Beben, das 
den Dichter durchschauert, wenn er denkt, „daß sein Geist mit 
dem eines Engels verbunden ist". Selbst wenn wir von diesen 
Äußerungen abrechnen, was der poetischen Übertreibung zuzu- 
schreiben ist, ahnt man, daß von neuem in Poe die Morgenröte 
einer „Leidenschaft" aufging. 



Zwei Werke entstanden aus der Trauer um Virginia: 
Ulalume und Heureka, ein Gedicht und der Versuch 
einer Kosmogonie. Wir sprechen zuerst von Ulalume, in 
dem das Grab, dem er nun entfliehen mußte, deutlich zu 
sehen ist. 

Wann wurde Ulalume geschrieben? Vor oder während 
der Zeit, in der H e u r e k a abgefaßt wurde? Frau Whitman"" 
behauptet, das Gedicht sei ein Jahr nach dem Tode der 
Virginia entstanden. Es ist jedoch möglich, daß die nicht sehr 



145) V.E., Bd. 17, S. 390/391. 

146) Poe and His Critics, Providence 1885, S.^6■, ferner Frau 
Whitman an Frau Clemm, New York, 5. April i8j9, V. E., 
Bd. 17, S. 426. 



246 Das Leben Edgar Poes 

verläßliche Frau Whitman diese Angabe, obwohl sie sidh auf 
eine Auskunft Poes beruft, bloß aus der Dichtung selbst heraus- 
geholt hat, die symbolisch vom „Jahrestag" des Leichen- 
begängnisses der Geliebten spricht. „Vielleicht fand diese An- 
gleichung der Zeiten nur in der Idee statt", schreibt sie an 
anderer Stelle;^*' sie war wahrscheinlich dadurch unsicher ge- 
macht worden, da der wirkliche Jahrestag (Januar) im Gedicht 
in den Oktober verlegt wird. 

U 1 a 1 u m e"8 

„Asdifahl war der Himmel und matt; 

Gekräuselt die Blätter und dürr — 

Die Blätter welk und dürr; 

Es war Nadit im einsamen Oktober 

Des Jahres, das längst meinem Gedäditnis entschwand." 

So versetzt sidi der Diditer — ohne es zu wissen — jenseits 
der Zeit, in der er, und des Ortes, an dem er Virginia beweinte, 

147) Frau Whitman an Frau Clemm, ebenda, S. 427. 

148) Ulalume. American Whig Review (mit Untertitel: To — ), 
Dezember 1847; Home Journal, i. Januar 1848; Griswold, 1850. Der 
zitierte Text (1850): V. E., Bd. 7, S. 102— 105. 

Ulalume. 

The skies they were ashen and sober; 

The leaves they were crisped and sere — 

The leaves they were withering and sere; 
It was night in the lonesome October 

Of my most immemorial year; 
It was hard by the dim lake of Auber, 

In the misty mid region of Weir — 
It was down by the dank tarn of Auber, 

In the ghoul-haunted woodland of Weir. 

Here once, through an alley Titanic, 

Of cypress, I roamed with my Soul — 

Of cypress, with Psyche, my Soul. 
These were days when my heart was volcanic 

As the scoriac rivers that roll — 

As the lavas that restlessly roll 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 



247 



in jene urvordenkliche Zeit und in jenes vergessene Land 
zurüdi, in denen er auch eine andere teure Tote beweint hat. 




Their sulphurous currents down Yaanek 
In the ultimate climes of the pole — 

That groan as they roll down Mount Yaanek 
In the realms of the boreal pole. 

Our talk had been serious and sober, 

But our thoughts they were palsied and sere - 
Our memories were treadierous and sere — 

For we knew not the month was October, 

And we marked not the night of the year — 
(Ah, night of all nights in the year!) 

We noted not the dim lake of Auber — 

(Though once we had journeyed down here) - 

Remembered not the dank tarn of Auber, 

Nor the ghoul-haunted woodland of Weir. 

And now, as the night was senescent 
And star-dials pointed to morn — 
As the star-dials hinted of morn — 

At the end of our path a liquescent 
And nebulous lustre was born, 

Out of whidi a miraculous crescent 
Arose with a duplicate hörn — 

Astarte's bediampnded crescent 

Distinct with its duplicate hörn. 

And I Said — „She is warmer than Dian: 
She rolls through an ether of sighs — 
She revels in a region of sighs: 

She has seen that the tears are not dry on 
These dieeks, where the worm never dies 

And has come past the stars of the Lion 
To point US the path to the skies — 
To the Lethean peace of the skies — 

Come up, in despite of the Lion, 

To shine on us with her bright eyes — 

Come up through the lair of the Lion, 
With love in her luminous eyes." 

But Psyche, uplifting her finger, 

Said — „Sadly this star I mistrust — 
Her pallor I strangely mistrust: — 



248 



Das Lehen Edgar Poes 



„Hart am dunklen See von Auber war es . . ." 
Hier erscheint der See mit den düsteren Wassern wieder, 
der finster im ganzen "Werk Poes schillert, dieses Symbol der 
toten Mutter. 



Oh, hasten! — oh, let us not lingerl 

Oh, fly! — let us fly! — for we must." 

In terror she spoke, letting sink her 

Wings until they trailed in the dust — 

In agony sobbed, letting sink her 

Plumes tili they trailed in the dust — 
Till they sorrowfully trailed in the dust. 

I replied — „This is nothing but dreaming: 

Let US on by this tremulous light! 

Let US bathe in this crystalline light! 
Its Sibyllic splendor is beaming 

With Hope and in Beauty to-night: — 

See! — it flidcers up the sky through the night! 
Ah, we safely may trust to its gleaming. 

And be sure it will lead us aright — 
We safely may trust to a gleaming 

That cannot but guide us aright, 

Since it flidiers up to Heaven through the night." 

Thus I pacified Psydie and kissed her, 
And tempted her out of her gloom — 
And conquered her scruples and gloom; 

And we passed to the end of the vista, 

But were stopped by the door of a tomb — 
By the door of a legended tomb; 

And I said — „What is written, sweet sister, 
On the door of this legended tomb?" 
She replied — „Ulalume — Ulalume — 
'T is the vault of thy lost Ulalume!" 

Then my heart it grew ashen and sober 

As the leaves that were crisped and sere — 
As the leaves that were withering and sere. 

And I cried — „It was surely October 
On this very night of last year 
That I journeyed — I journeyed down here — 
That I brought a dread bürden down here — 



^^^^B „Unten am nassen Sumpf von Auber, 

^^^H Im Waldland von Weir, wo die Weibgespenster umgehen . . ." 

^^^P'^ir kennen sie, diese Frauengespenster! Das Muttergespenst, 
^ ein Königingespenst, das die Schar der Ligeias, der Berenicen 
^m anführte, denen sidi seit wenigen Monaten die Realität der 
^H Virginia zugesellte. 

I^B „Einst wanderte idi durdi eine titanisdie 

Allee von Zypressen mit meiner Seele . . ." 

Durdi eine Zypressenallee war auch Poe dem Sarg der Virginia 
gefolgt. 

„Dies waren Tage, da mein Herz vulkanisch war 
Wie die Sdilackenströme, . . . ." 

Wenige Monate vor dem Tode der Virginia flammte das 
„vulkanische Herz" des Dichters für Frances Osgood auf, 
einige Monate nach ihrem Tode begann das gleiche „vulkanische 
Herz" für Marie-Louise Shew zu lodern — und später wieder 
für andere. 

„Wie die Lavaströme, die rastlos wälzen 
Ihre stidcigen Fluten den Yaanek hinunter 
In die fernsten Zonen des Pols," 

so war Poe wirklidi Flamme und Eis zugleich, Flamme durch 
die Intensität seiner Leidenschaft, Eis durch das Urobjekt aller 
dieser Leidenschaften: durch seine sterbende, tote Mutter, die 
für ihn so off im Eismeer, in den „fernsten Zonen des Pols" 
symbolisiert wurde. 

Und die Amnesie, welche die für das ganze Leben ent- 
scheidend gewordenen Tatsachen und Leidenschaften aus der 

On this night of all nights in the year, 

Ah, what demon has tempted me here? 
Well I know, now, this dim lake of Auber — 

This misty mid region of Weir — 
Well I know, now, this dank tarn of Auber, 

This ghoul-haunted woodland of Weir." 



2J0 



Das Leben Edgar Poes 



Kindheit verdeckt, Ereignisse und Leidenschaften, die eben 
wegen ihrer ungeheuren Widitigkeit und wegen ihres ver- 
botenen „Sexual"-Charakters regelmäßig vergessen werden, 
diese Amnesie kann nicht besser dargestellt werden, als durdi 
die folgende Strophe: 

„Unser Wort war ernst und besonnen gewesen, 
Doda unsere Gedanken waren gelähmt und dürr — 
Unsere Erinnerung war trügerisdi und dürr — 
Denn wir wußten nicht, daß es Oktober war, 
Und wir achteten nicht der Nacht des Jahrs, 
(Adi, der Nacht aller Nächte im Jahr!) 
Wir achteten nicht des dunklen Sees von Auber — 
(Obwohl wir einmal sdion hier entlang gewandert waren) — 
Erinnerten uns nicht des nassen Sumpfes von Auber, 
Und nicht des Waldlands von Weir, wo die Weibgespenster 

umgehen." 

Poe hatte recht: als er Virginia zum Friedhof geleitete, er- 
innerte er sich wirklich nidit daran, daß er schon einmal „hier 
gewandert" sei. Trotzdem aber war der Tag zu Beginn 
Februar, an dem man Virginia beerdigte, der Tag, der in dem 
astralen Gedidit in eine Oktobernadit transponiert wurde, 
nichts anderes als der Jahrestag des Tags aller Tage des Jahrs, 
des Dezembertags, an dem man ihm früher einmal seine Mutter 
entführt hatte. 

Der ■Wiederholungszwang, der gegen unseren Willen unser 
Leben lenkt, und das dunkle Gefühl, das wir manchmal haben, 
es werde etwas zurückkehren, was wir einmal kannten, sind 
hier auf das eigenartigste wiedergegeben. So stand der 
schlafende oder geweckte Träumer des Gedidites U 1 a 1 u m e, 
wie das bei jedem Traum und in jeder Phantasie der Fall ist, 
mit einem Fuß in der Gegenwart, mit dem andern in der Ver- 
gangenheit: 

„Und nun, da die Nadit vorrüdite. 

Und Sternbilder auf den Morgen wiesen — 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 2ji 

Da die Sternbilder den Morgen kündeten — , 

Kam am Ende unseres Pfades ein flackerndes, 

Nebeltrübes Leuchten auf, 

Aus dem eine wundersame Mondessidiel 

Sich erhob mit doppeltem Hörn — 

Astartes diamantbesetzte Mondessidiel, 

Mit doppeltem Hern gesdimüdct." 

Der trauernde Dichter, der an eine Tote gebunden war, sucht 
jetzt einen Ausweg, er hofft, dem Ruf des Lebenstriebes, der 
Venus Astarte folgen zu können. Wir haben bereits weiter 
oben gesagt,^*^ und dabei waren wir einer Meinung mit 
anderen, wie wir über die Symbolik dieses Gedichtes denken, 
das zugleich Impotenz und Leidenschaft spiegelt, und in dem 
sich das intime zentrale Drama der Psychosexualität Poes 
abspielt. 

„Und ich spradi: Sie ist wärmer als Diana; 
Sie wandelt durch ein Ätherreich von Seufzern, 
Sie schwelgt in einem Land von Seufzern; 
Sie hat gesehen, daß die Tränen auf diesen Wangen, 
In denen der Wurm nie stirbt, nicht getrocknet sind, 
Und ist an den Sternen des Löwen vorübergegangen. 
Um uns den Weg zum Himmel zu zeigen. 
Zum Lethefrieden des Himmels ..." 

Nein, auf diesen sterblichen "Wangen „in denen der 
Wurm nie stirbt", und die auch die "Wangen Edgars, 
des Liebhabers des Todes waren, sollten die Tränen der 
Trauer nie mehr trocknen können. Trotzdem aber ist die 
erhabene "Venus Astarte selbst gekommen, sie leuchtet am 
Horizont auf und ruft durch ihre Helle den in Tränen ge- 
badeten Dichter aus der Nacht seiner Trauer. 

Und er will ihrem Ruf gehorchen. Das hat er auch in 
seinem Leben dann immer wieder getan, wenn er sich in eine 
Frau verliebte und der Mutter seiner Kindheit und auch der 

149) Siehe S. 141. 



1 



2J2 Das Leben Edgar Poes 

in ihr wiedergekehrten Virginia untreu werden wollte. Neben 
der sterbenden Virginia hatte er sich in Frances Osgood ver- 
liebt. Als Virginia nun tot war, verliebte er sidi in Marie- 
Louise Shew. Aber wir werden bald sehen, wie audi die tote 
Virginia ihre Macht anzuwenden verstand, ganz so wie Eliza- 
beth Arnold, die von jeher ihre Macht behalten hatte. 

Daher nahm auch diese Wanderung des Dichters zu Astarte, 
diese Wanderung zu dem Stern, zu dem er seine Seele, seine 
Psyciie in der Zypressennacht hinschleifen will, keinen andern 
"Weg als alle anderen Versuche Poes, untreu zu werden, kein 
anderes Ende, als alle diese Versuche, sich von seiner nekro- 
philen Fixierung freizumachen. Der Weg zu Astarte wird 
später auf der einen Seite durch ein Grab versperrt sein; auf 
der andern aber gleicht die Venus Astarte seltsam der Toten, 
die er verlassen sollte. Auch das hat keinen andern Zweck, 
als ihm den Weg zu versperren. 

Sie zeigt dem bloßen Auge das Doppelhorn des 
Mondes, der keuschen, kalten, toten Diana; ihre Mondsichel 
hebt sich so deutlich ab, daß die meisten Leser von Ulalume 
sie mit dem Mond verwechseln, ohne zu erfassen, daß sie sein 
gerades Gegenteil ist. Und außerdem, wohin führt sie ihn? Soll 
man die Seufzer in dem Ätherreich von Seufzern, in 
welchem sie frohlockt, für Liebesseufzer halten? Sie führt nicht 
zur lebendigen Wollust, sondern zum Lethefrieden des 
Himmels hin, zu einem Frieden, der das Glück der Toten ist. 

Als Poe seiner Frau Virginia, diesem Bild der schwind- 
süchtigen und sterbenden Mutter, zum erstenmal untreu wurde, 
verliebte er sich wieder nur in eine kranke Frau, in Frances 
Osgood, welche die gleichen Züge wie das Mutterbild aufwies: 
den gebrechlichen Körper, die großen fiebernden Augen, die 
blasse Fiautfarbe, das Antlitz einer Tuberkulosen. Während 
er zu fliehen glaubte, kehrte er, von einem unbesiegbaren 
Ruf gelockt, gerade zu der Mutter, der Toten, zurück. 



r - .,..-^.... 
die ihre Beute nidit ausließ. So war die Astarte Poes, die 
mütterlidie Gottheit, der antiken Astarte der Babylonier ähn- 
lidi: sie stellte den Ruf der Sinne und die Kraft des Lebens dar, 
zugleich aber audi den Tod, die zerstörende Kraft. Nicht ohne 
Grund sagt dann einige Zeilen später Psyche, die den Dichter 
zurüdshalten will, daß sie der Blässe, dem bleichen 
Glanz der Astarte mißtraue. Nun ist Astarte trotz 
aller Hindernisse zu dem Dichter gekommen, um ihn ins Land 
der Vergangenheit zu locken: 

„Sie ist heraufgekommen, dem Löwen zum Trotz, 
Um uns mit ihren leuditenden Augen zu scheinen — 
Heraufgekommen durdi das Lager des Löwen 
Mit Liebe in ihren strahlenden Augen." 

Astarte hat jene leuditenden Augen, durdi weldic die Frauen 
Poes Widerstand brechen, durdi die sie ihn verführen konnten, 
die Augen (die er in der A n n a b e 1 Lee, in der L i g e i a 
besungen), von denen er in der Nadit träumte,"" die Fieber- 
augen, welche der Virginia und der Frau Osgood gehörten und 
die audi jenen glichen, mit denen Elizabeth Arnold vor ihrem 
Tod den geliebten Jungen Edgar angesehen hatte. 

Diese Göttin mit den Liebesaugen ist nun am Löwenbild 
vorbeigestridien, durch das Lager des Löwen hindurch- 
gegangen, dem Löwen zum Trotz, um zum Diditer zu gelangen, 
so stark und mutig ist ihre Liebe. "Weder die Engel in 
Höhen..., nodi die Teufel in Tiefen konnten 
den Diditer von seiner Annabel Lee trennen. Und die Engel, 
die Teufel, aber auch der Löwe in seiner Höhle, sie alle sind 
Verhüllungen des „Vaters", David Poes oder Allans, weldie 
die Mutter, Elizabeth oder Frances, ihrem kleinen Sohn streitig 
machten, ohne daß es ihm sein Unbewußtes gestattet hätte, sidi 
von diesen Frauen zu trennen. 



150) Siehe S. 224, FuiSnote 131. 




2 54 -Da^ Leben Edgar Poes 

Man darf aber dabei nicht vergessen, daß die Venus 
Astarte der U 1 a 1 u m e trotz all ihrer Attribute für Poe in 
erster Linie den Ruf der Untreue darstellt. Er war treu selbst 
in der Untreue; wenn er aber im Objekt seiner Unbeständigkeit 
jedesmal audi mütterliche Züge vorfand, so war diese Untreue 
doch stets ein Fluchtversudi und der Versuch, „Heilung" von 
seiner erdrückenden Fixierung zu finden. 

Schlug nun jeder dieser Heilungsversuche fehl, so hat dies 
seinen Grund darin, daß die Fixierung einerseits zu stark 
war und den Weg wie durdi ein Grab versperrte; anderseits 
aber ließ sie aus dem Objekt der Untreue, aus Astarte, weldie 
über der Tür des Grabgewölbes der Ulalume stand, selbst das 
unvermeidliche Bild der Toten hervorgehen, das gleichsam über 
die im Sarg schlummernde Tote projiziert war. 

Daher ergreift Psyche das "Wort und sagt: 

„Sdimerzvoll mißtraue idi diesem Stern — 
Seltsam mißtraue idi seinem bleidien Glanz; 
Oh, eile! oh, laß uns nicht verweilen! 
Oh, fliehe . . ., denn adi! es muß sein!" 
Sie sprach's entsetzt, und es sanken gebannt 
Ihre Sdiwingen in sdiludizender Pein — 
Ihre Sdiwingen schleiften gebannt 
Die Federn im Staub — 
Voll Kummer im Staub. 

Sie sagt dies voll Entsetzen, und läßt die Flügel so lang 
sinken, bis sie traurig im Staub dahingeschleifl: werden. 

Ich glaube, diese Strophe ist von kapitalster Bedeutung für 
den, der die eigenartige Psychosexualität Poes verstehen will. 
Sie hat den Wert eines Geständnisses. Psyche ist über den 
bleichen Glanz der Astarte entsetzt; sie befiehlt ihrem 
Gefährten, er solle fliehen. Das hat nun Poe jedesmal in seinem 
Leben, wenn er in den Bannkreis sexueller Versuchung geriet, 
getan, und dabei immer einem aus seinem Innern kommenden 
unabweisbaren Befehl gehorcht. Psyche entspricht nun einer 



1 



In Fordham — Nach dem T od der Virginia zjj 

dichterisdien Personifizierung dieser inneren psychischen Kraft. 
Sie befiehlt, was er machen muß: er muß fliehen, und ihr 
Befehl enthält gleicäizeitig, wohin er nicht gehen darf: zu 
Astarte. Sie spricht im kategorischen Imperativ, und der Diditer 
gehorcht. Obwohl er in der nächsten Strophe erwidert, obwohl 
er ein paar Schritte in der Allee macJit, er wird am Ende doci 
von der Tür eines Grabes aufgehalten. "Wer ist nun Psyche? Sie 
spielt die gleiche Rolle wie der Doppelgänger des W i 1 1 i a m 
Wilson, nur noch viel nachdrücklicher als dieser. In dieser 
Geschichte wird der Held, der immer geneigt ist, sich vom 
Bösen mitschleppen zu lassen, in jeder der Situationen, in denen 
er bereit ist, der Sünde zu verfallen, oder in der er ihr verfällt, 
mit seinem ihn tadelnden Doppelgänger konfrontiert. Schließ- 
lidi erschlägt 'William Wilson seinen Doppelgänger, und be- 
merkt, daß er mit diesem Schlag sich selbst tötet. Der Doppel- 
gänger Wilsons ist demnach ein integrierender Teil seines 
Selbst; er deckt sich zum größten Teil mit seinem Gewissen 
oder, wie die Analytiker sagen, mit seinem Ü b e r - I c h. 

Psyche ist zwar weniger deutlich als jener Doppelgänger das 
„Gewissen" des Dichters, dafür aber ist sie um so energischer, 
und sie findet auch leichter Gehorsam als jener. Auch sie ist 
ein Ü b e r - I c h, ein integrierender Teil der psychisdien 
Struktur Edgars. Sie ist jedoch ein Über-Idi, das vom Weibe 
herkommt. Und da uns die Analyse gelehrt hat, im Über- 
I c h, das in jedem von uns haust, das Produkt der Introjektion 
der Erzieher — der Personen, die wir in unserer Kindheit 
liebten — zu entdecken, in ihm die Instanz zu erkennen, die 
unser ganzes Leben hindurdi die Verbote, die moralischen 
Richtlinien, welche von Personen ausgingen, die uns in unserer 
frühesten Kindheit umgaben, wirksam sein läßt, wagen wir es, 
der Psyche des Gedichtes einen andern Ursprung als dem 
Doppelgänger der Erzählung zuzuschreiben. Während im 
W i 1 1 i a m W i 1 s o n der Held sich offen gegen das männliche 



2J6 



Das Leben Edgar Poes 



Über-Ich auflehnt, das von der ihn verfolgenden väter- 
lidien Autorität herkommt, unterwirft sidi der Held des 
Gedichtes den Befehlen des weiblichen Ü b e r - I c h s, das von 
der Liebe der Mutter abstammt und ihm befiehlt. Astarte zu 
fliehen. Das ist der Fall Edgar Poes: daß seine Sexualität 
weniger durch die Autorität des Vaters in der ödipussituation 
als durdi die Fixierung an die Mutter seiner frühesten Kindheit 
sein ganzes Leben hindurch gehemmt worden war. 

Psydie war uns übrigens schon einmal in den Gedichten 
Edgar Poes als die Verkörperung der schützenden und über- 
irdischen Mutter-Imago entgegengetreten. Wir finden sie bereits 
in den Stanzen an Helen, die der erst Vierzehnjährige 
entworfen hatte. Dort wird Helen plötzlich als „Psyche" ange- 
sprochen: „Ach! Psyche, aus Zonen, die heiliges Land!" Die 
Psyche, die an die Stelle der Frances Allan, der Frau Stanard, 
an die Stelle aller Frauen, die ihn in seiner Jugend erzogen 
haben, trat, ist nun auch die gleiche, die in U 1 a 1 u m e den 
erwachsenen Dichter von seinem "Weg zu Astarte abhält. 

So ist Psyche einerseits die Mutter selbst, welcher der 
Dichter sein ganzes Leben hindurch im Unbewußten treu blieb, 
und anderseits ist sie die Mutter-Erzieherin, die durch Moral- 
verbote das heranwachsende Kind vom Inzest und zugleich von 
jeder Sexualität wegdrängt. 

Denn wovor fürchtet sich Psyche? Vor dem bleichen 
Glanz der Astarte, vor dieser Totenblässe, die das Liebes- 
objekt Poes seit jener Zeit zeigte, als die geliebte Mutter des 
Dreijährigen im Tod bleich dalag. 

"Warum aber hat Psyche vor diesem bleichen Glanz Angst? 
Der kleine Edgar liebte doch diese Gebrechlichkeit, diese Blässe, 
alle diese Attribute des Sterbens durch Schwindsucht, an der 
seine Mutter zugrunde gegangen war; er liebte neben diesen 
Attributen der Krankheit auch die des Todes, ganz einfach 
deshalb, weil sie die Attribute der Frau geworden waren, die 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia z^j 

ihm in der Welt am nächsten stand (Berührungsassoziation). 
■Erst später (wahrscheinlich in der Zeit, da er bei den Allans 
I lebte), damals, als der erste Schub der frühreifen infantilen 
■ Sexualität des kleinen Edgar verdrängt wurde, verdammte das 
Bewußtsein diese Lockung, die von der Toten ausging zu 
gleicher Zeit wie die Sexualität selbst, und über ihm schwebte 
das Verbot einer realen Vereinigung mit der Toten. Die 
Lockung wechselt dann im Bewußtsein sozusagen das algebrai- 
sdie Vorzeichen, im Unbewußten aber (aus dem L i g e i a, die 
AnnabelLee, Ulalume hervorkamen) blieb der Zauber 
erhalten, und darum gab es für diesen Konflikt zwischen be- 
wußtem Schrecken und der aus dem Unbewußten hervor- 
züngelnden Verlockung keine andere Lösung als das Kom- 
promiß: ein Leben von abnormaler Keuschheit. 

Daher reagiert Psyche auf die betörenden Rufe der Astarte, 
sowohl auf die "Weise, daß sie dem Dichter zu fliehen befiehlt, 
als auch durch ein Entsetzen, welches zur Folge hat, daß 
ihre Schwingen sinken, bis „die Federn... voll 
Kummer im Staub sie schleifte n". 

Die Leser, die mit der Eigenart und Derbheit nicht vertraut 
sind, in der sich die Symbolik des Unbewußten ausspridit, 
werden mir wohl nicht mehr weiter folgen, wenn sie mir 
überhaupt bis hierher gefolgt sind. Ich muß nämlich behaupten, 
daß das Sinken der Flügel Psyches, daß die geschleiften Federn 
ein konkretes Symbol für die Impotenz Edgar Poes sind. Tat- 
sächlidi ist der Flug im Unbewußten aller Völker ein Symbol 
für den Sexualakt: die Flügel passen in den antiken Dar- 
stellungen zu dem erigierten Phallus. Und die herabhängenden 
Flügel der Psyche symbolisieren die Tatsache, daß Edgar Poe 
trotz aller Glut seiner ätherischen Leidenschaft vor der Frau 
ohnmächtig blieb. 

Darum nützte es ihm nichts, wenn er zu Psydie sagt: 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 17 




258 



Das Leben Edgar Poes 



„ . . . : Dies ist nur Träumen: 

Laß uns weitergehen in diesem flackernden Lidit! 

Laß uns baden in diesem kristallenen Licht! 

Sein prophetisch Leuchten strahlt 

Voll Hoffnung und Schönheit in dieser Nacht; 

Sieh', es flackert auf zum Himmel durch die Nacht! 

Oh, sicher dürfen seinem Leuchten wir vertrauen 

Und sicher sein, daß es uns ricJitig leiten wird. — 

Wir dürfen siciier einem Glanz vertrauen. 

Der richtig uns geleiten muß, 

Da es auf zum Himmel flammt durdi Nacht!" 

Er beruhigt Psycäie nicht. Und er mag sie nodi so sehr küssen, 
er mag nodi so sehr versuchen, sie ihrer Verdüsterung zu ent- 
reißen, ihre Zweifel und ihr düstres Sinnen zu 
besiegen und sie bis zum Ende der Zypressenallee mit sidi fort- 
zuziehen: am Ende werden sie dodi von einem Tor aufgehalten, 
vom Tor einer Gruft mit einer Insciirifl. Nun fragt der 
Diciter: 

„.Schwester', sprach ich, ,was steht geschrieben — 
Auf dem Tor dieser Grufl: mit der Inschrift?'" 

Und Psyciie erwidert: 

„jUlalume!', sprach sie, ,Es ist die Gruft 
Deiner Ulalume, die du verlorst!'" 

So taucht der Name mit dem seltsamen und düstern Klang 
in der Nacht des Gedicäites auf. Wo hat Poe diesen Namen 
hergenommen? Das weiß niemand. Es fällt einem nur die 
Analogie von Ulalume mit E u 1 a 1 i a, dem Titel eines 
älteren Gedicites (1845), auf, in dem Virginia besungen wird. 
Auch Eulalia steht im Zeichen der Astarte, aber einer Astarte, 
die am Tag aufscheint, und den ganzen Tag hindurch hell und 
stark leuditet; und die junge Eulalia — eine Seltenheit bei 
Poe — wird nicht bis ins Grab geführt. Ihre Schwester Ulalume 
hingegen versteht es, an ihrer Stelle tot zu sein und die Schritte 
des Diciiters durch die Tür ihres Grabes aufzuhalten. 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 



259 



Durdi die Erscheinung eines Grabes, das den Weg zu 
Astarte versperrt, wird die Symbolik des Gedichtes wieder so 
deutlich, daß sie auch von nichtanalytischen Beobachtern ver- 
standen worden ist. Die Tote ist jetzt in persona vorhanden, 
nidit bloß durch ihre auf Astarte projizierte Blässe oder durch 
die in Psydie personifizierten Verbote. Ihr eigenes Grab, ihr 
eigener Leichnam hindert den Diditer, dem Weg zu folgen, 
der zu einer normalen Sexualität führen würde. 

Daher wird vor dieser düstern Mauer das Herz des Dichters 

„. . . wie Asdie und ernst 

Wie die Blätter, die gekräuselt und dürr waren — ", 

und plötzlich erinnert er sich an ein vergessenes Ereignis und 
rufi: aus: 

„ . . . Gewiß war es in dieser selben Oktobernadit, 

Daß idi wanderte, hierher wanderte — 

Daß idi eine fürditerlidie Last hierher bradite 

In dieser Nadit aller Nächte im Jahr. 

Ach, welcher Dämon hat mich hierher gelod«? 

Nun erkenne ich wohl diesen dunklen See von Auber, 

Dieses Nebelreich von Weir, 

Nun erkenne idi wohl diesen feuditen Sumpf von Auber, 

Dieses Waldland von Weir, wo die Weibgespenster umgehen." 

So findet der Dichter plötzlich sein Gedächtnis wieder: er 
erinnert sitäi, daß er im vergangenen Jahre tatsächlich durch 
eine mehr oder weniger titanische Zypressenallee 
eine fürchterlicheLasthieher getragen: den kleinen 
Sarg seiner Virginia. Wenn jedoch dieses erst vor kurzem statt- 
gehabte, und in seiner Wirklichkeit Poe so gegenwärtige Er- 
eignis im Gedicht zuerst verschleiert war, und so lange brauchen 
sollte, bis es wiedergefunden wurde, so hat dies seinen Grund 
darin, daß es ein anderes maskiert: ein Ereignis, das zu einer 
andern Zeit und an einem andern Ort stattgefunden hat, damals 
nämlidi, als das kleine Kind Edgar Poe eine andere zarte Tote, 
seine geliebte Mutter, hatte verlassen müssen, die man in einem 

17* 



i6o 



Das Leben Edgar Poes 



•\ 



andern Sarg hinaustrug. Damit aber Poe sich dieser Erinnerung 
bewußt werde, hätte die Amnesie seiner Kindheit aufgehoben 
werden müssen; daher wird die reale Erinnerung in der Weise 
anerkannt, daß man sie auf eine andere überträgt, die zu 
anderer Zeit und an einem andern Ort stattgefunden hat, eine 
Übertragung, die übrigens sehr häufig in den Fällen des 
„de']ä i;«"^" vorkommt. Was sich ihm aufdrängte, war nichts 
anderes als die Analogie zwischen zwei gleidien Ereignissen 
und zwei gleichen Trauerzuständen. "Was er aber sieht, ist die 
„Nacht aller Nächte im Jah r", der „S e e" und 
„dieses Waldland von Weir, wo die Weib- 
gespenster umgehe n."^'^ 

Das astrale Grabgedicht kam aus den tiefsten Schichten der 
in Trauer versetzten Seele Poes. Und wenn der Kunstfreund es 
für eine der schönsten und ursprünglichsten Dichtungen Edgar 
Poes hält, so findet der Psychoanalytiker, es sei unter den 
Dokumenten, die das Leben des Dichters illustrieren, eines der 
wichtigsten. 

iji) Freud: Über Fausse reconnaissance. Ges. Sehr., Bd. VI, S. 76. 
152) Poe hat unter dem Einfluß der Frau Whitman die letzte 
Strophe des Gedidites, allerdings ganz folgerichtig im Interesse des 
dramatisdien Fortschritts, unterdrückt; nach der Rückkehr der Er- 
innerung sinkt das Interesse des Diditers an seinem Thema. Diese 
letzte Strophe hatte übrigens keine andere Aufgabe, als die Straf- 
fälligkeit der von Astarte inspirierten Wünsche zu unterstreidien, 
ebenso wie den furchtbaren und düsteren Charakter des „Geheim- 
nisses", das in „diesen Wäldern" verborgen ist (V. E., Bd. 7, S. 213). 
Said we, then — the two, then — „Ah, can it 
Have been that the woodlandish ghouls, 
The pitiful, the merciless ghouls — 
^ To bar up our way and to ban it 

From the secret that lies in these wolds — 
From the thing that lies hidden in these wolds — 
Had drawn up the spectre of a planet 

From the limbo of lunary souls, 
This sinfully scintillant planet 

From the Hell of the planetary souls?" 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 261 

Annabel Lee sagt aus, wie Poe im Unbewußten der 
Mutter seiner Kindheit, die in Virginia wiedererstanden war, 
treugeblieben war. U 1 a I u m e erklärt uns, warum es ihm in 
seinem Leben nie gelingen sollte, ihr untreu zu werden, und 
dies obwohl er immer wieder versuchte, der Mutter zu ent- 
kommen. Das eine dieser beiden Gedichte ist daher sozusagen 
das Positiv, das andere das Negativ des gleichen Themas. 



Aber es wurde wärmer, und der Frühling kam auch zu 
dem kleinen Haus, aus dem Virginia fortgegangen war. 

„Der Frühling kam, er (Poe) und Frau Clemm bauten einige 
Beete im Garten vor dem Hause an, sie pflanzten Blumen und Wein- 
stödce, die sie von den Nadibarn erhalten hatten, und als im Mai der 
Kirschbaum — (der gleidie, zu dessen Füi5en Virginia ihren Blutsturz 
bekommen hatte) — von neuem blühte, sah das Häuschen geradezu 
verführerisdi aus. Da gab es eine alte Gartenbank, die von einem 
früheren Mieter zurückgelassen worden war, und die Frau Clemm, 
nachdem sie sie repariert, gereinigt und wieder gestridien, unter den 
Kirsdibaum gestellt hatte. Auf dieser Bank stredite sich Poe oft aus, 
er blickte durch die Zweige hindurdi, in denen die Vögel und Bienen 
umherflogen, oder er plauderte mit seinen Lieblingstieren: mit einem 
Papagei und einer Amsel, deren Käfige in den Zweigen hingen... 
Dort lag der Dichter, wenn er von seinen langen Spaziergängen in 
der aufgehenden Sonne heimgekehrt war, bis ihn die Mutter zu dem 
einfachen Frühstüdc rief, zu dem Bretzel und den zwei Tassen 
starken Kaffees, oder, wenn es kein Bretzel gab, zu der Schnitte Brot 
mit einem gesalzenen Hering als Lederbissen ... Er liebte das Obst, 
und, wie uns seine Sdiwester sagt, Buttermilch und saure Milch, die 
man bei den Nachbarn bekommen konnte . . . ,Den größten Teil 
seiner Zeit', sagte Frau Clemm, ,verbrachte er im Freien. Er fürditete 
sidi vor der Einsamkeit im Haus und wollte in dem Zimmer, in dem 
Virginia gestorben war, nidit allein bleiben.'"^^^ 



153) Susan Archer Weiss, The Home Life of Poe, New York, 
Broadway Publishing Company, 1907, S. 150/iji. Zitiert von 
H. Allen, Israfel, S. 738. 



202 Das Leben Edgar Poes 

Dieses zweite Bild, das uns vom Witwer aus Fordham ge- 
zeichnet wurde, kontrastiert erheblich mit dem ersten, in dem 
uns ein in der Winterkälte durch die Trauer niedergedrüdster 
Mensch gesdiildert wird. Man würde sich aber täuschen, wollte 
man annehmen, daß dieses Frühlings- und Schäferbild die 
Rückkehr zur Gesundheit darstelle. Im Gegenteil: wenn Poe 
nicht mehr im Haus bleiben wollte und jetzt auf unendlidi 
langen Spaziergängen über die Felder lief, so geschah dies nur 
deshalb, weil seine Depressionskrise im Begriff war, in einen 
Zustand gesteigerter Erregung überzugehen. Er konnte sich 
nämlich jetzt ofl nicht einmal in der Nacht dazu entschließen, 
nadi Hause zu gehen, um sidi schlafen zu legen. Er zog es dann 
vor, unendlich lange in der Landschaft umherzuirren, besonders 
aber auf einem "Wiesenweg, der einen Aquädukt {High Bridge) 
entlang führte und plötzlich die Erde zu verlassen schien, um 
den Granitbögen zu folgen, die, soweit das Auge reichte, 
zwischen den Feldern und den Sternen aufgehängt waren. Dort 
ist, nach den Angaben der Frau Whitman, die U 1 a 1 u m e 
empfangen und gedichtet worden, und später auch Heureka. 

Stundenlang ging er so allein, kreuz und quer, nur die 
Sterne begleiteten ihn, die gleichen Sterne, zu denen er sich 
bereits in seiner Kindheit hingezogen gefühlt, damals, als er 
auf dem Balkon des Hauses, das dem John Allan gehörte, sein 
Observatorium errichtet hatte. Oder aber er blieb bei dem 
felsigen Absturz des Hügels, der nicht weit von seinem Haus 
entfernt war und den zum Teil Pinien und Zedern beschatteten, 
bis lange in die Nacht hinein liegen. Oder schließlich, wenn er 
nicht fortgehen wollte, mußte ihm Muddy in der gefürchteten 
Einsamkeit des Hauses oder des Gartens Gesellschaft leisten: 
nur Schlafengehen konnte er nicht. Muddy erzählt uns: 

„Er war ungern allein, und idi blieb gewöhnlich bei ihm. Manchmal 
bis vier Uhr morgens; er saß bei seinem Schreibtisch und schrieb und 
ich schlief beinahe auf meinem Stuhl ein. Als er Heureka schrieb, 



i 

^^H In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 263 

^^F spazierten wir miteinander im Garten auf und ab, er hatte seinen 
^^B Arm um midi geschlungen, idi den meinen um ihn, bis idi so müde 
^^^K war, daß ich nicht mehr gehen konnte. Jeden Augenblick blieb er 
^^^0 stehen, um mir seine Ideen zu erklären, und er fragte mich, ob ich 
^^m ihn verstehe. Ich saß immer neben ihm, wenn er schrieb, und alle ein 
^H oder zwei Stunden bekam er eine Tasse mit warmem Kaffee."'^^' 

■■ Tatsächlich schrieb jetzt Poe in dem Erregungszustand, dem 

er verfallen war und der an Stärke dem vorangegangenen 
Depressionszustand glich, sein Heureka. 



f 
I 



Über den tief ern analytisdien Sinn von Heureka werden 
wir im Zusammenhang mit den Geschichten Poes sprechen. Was 
aber dieses Buch dem Psychiater bedeutet, kann und muß schon 
jetzt angedeutet werden. Heureka, dieser Versuch einer 
Kosmogonie, der von einigen Kritikern als das genialste "Werk 
Poes angesprochen wird, ist trotz der Qualitäten, die im Stil 
und in der Dialektik liegen, das "Werk eines überreizten 
Menschen, der dem Größenwahn verfallen war. Nie, in seinem 
ganzen "Werk nidit, ist Poe in dieser Richtung so weit wie hier 
gegangen. Der Autor, der gewiß kein wissenschafllicher Geist 
war, sich aber zum mindesten für einen Logiker von über- 
menschlichen Fähigkeiten hielt, setzt sich hier mit dem "Weltall 
auseinander. Er entdeckt das Geheimnis des Universums und 
offenbart es den Menschen: er ist größer als Newton, als 
Leibniz, als Laplace, denen die Phantasie fehlt, wie er sagt, 
um hinter dem Gesetz das Prinzip zu erfassen. Daher verhält 
sich der Raum, den der große französische Astronom erfassen 
konnte, zu dem Raum seiner Theorie „wie eine Seifenblase zum 
Ozean, auf dem sie schwimmt".'^^ 

IJ4) hrafel, S.73J. 

155) Poe an Charles Fenno Hoflfman, Fordham, 20. September 
1848 (V.E., Bd. 17, S.302). 



204 Das Leben Edgar Poes 

Er verachtet die aristotelisdie „Deduktion" ebenso wie die 
„Induktion" Bacons; nur die „Intuition" zählt und die 
„Kohärenz" dessen, was die Intuition bloßlegt. In weniger als 
hundertfünfzig kleinen Seiten stellt uns Poe das System des 
Weltalls dar, das ihm durch seine einzigartige und die gewöhn- 
liche menschliche Fähigkeit übersteigende „Intuition" offenbart 
wurde. 

Im Anfang war Gott. Und Gott sandte eines Tages das 
Atom an sich aus, aus dem durch sukzessive „Ausstrahlungen" 
wie in einer Kugel die Vielheit hervorging, das ganze Weltall 
der Atome und Sterne — das rund und endlich ist — , während 
dem räumlichen "Weltall die Unendlichkeit gehört. Nachdem 
das Wollen Gottes beendet war, begannen zwei einander ent- 
gegengesetzte Prinzipien die Welt zu beherrsdien: die Repul- 
sionskraff — äquivalent mit der Elektrizität — , weldie die 
Atome hindert, sich zu schnell wieder miteinander zu vereinigen 
und der Anziehung nachzugeben, und als Gegensatz dazu, als 
Reaktion gegen die Zerstreuungstendenz, jene Attraktions- 
tendenz, die unbesiegbar die Atome zur Ureinheit wieder 
zurückführen will. Dieses letztere Prinzip ist die Grundlage des 
Newtonschen Gesetzes von der Gravitation. Die Vereinheit- 
lidiungstendenz wird schließlidi über die hemmende Repulsions- 
krafl: triumphieren und alle Atome wieder ins ursprünglidie 
Zentrum zurückleiten, d. h.: das Weltall, das aus dem Nichts 
hervorgegangen ist, wird in Nichts zurückkehren. Nur Gott 
allein wird weiterbestehen. Die von Gott wiederaufgenom- 
menen Seelen werden ihrerseits Gott sein; Poe wird Jehova 
sein. So identifiziert sich etwas in dem Witwer von Fordham 
mit Gott, mit dem Vater, zu dem das ganze kranke Sein des 
Dichters, der um seine Frau trauert, und vom Leben enttäusdit 
ist, nun zurückstrebt. Wir werden später ausführlidier über 
diese megalomanische und mystische Krise, aus der Heureka 
hervorging, zu sprechen haben. 



1 



In Fordham — Nath dem Tod der Virginia 



265 



Er verbrachte die Nächte beim Aquädukt zu Fordham, 
um unter den Sternen über Gott und die letzten Geheimnisse 
des "Weltalls nadizudenken; mit fiebernder Feder brachte er 
dann, während Frau Clemm den Kaffee vorbereitete, bis 
vier Uhr morgens die kosmischen und mystischen Träume- 
reien, welche die "Welt revolutionieren sollten, zu Papier. 
Der Zustand von Schlaflosigkeit und übersteigerter intel- 
lektueller Erregung, in dem Poe sich befand, war wie sein 
ganzes übriges Verhalten symptomatisch für seine geistige 
Erkrankung. 

Ende 1847 entschloß sidi der von seinem Genie berauschte 
Poe, die Veröffentlichung seines "Werkes nicht abzuwarten, 
sondern seine „Entdeckung" unverzüglich der "Welt mit- 
zuteilen. Sein Freund "Willis organisierte für ihn bei der Society 
Library in New York einen Vortrag über Heureka. Das 
Reinerträgnis sollte dazu dienen, den noch immer nicht auf- 
gegebenen Stylus endlich erscheinen zu lassen. 

Am 3. Februar 1848 erschien Poe wieder in der Öffentlich- 
keit. Es regnete und der Saal, in dem er sprechen sollte, war 
schlecht geheizt. Ungefähr sechzig Personen waren anwesend. 
Zweieinhalb Stunden lang sprach Poe im Tonfall einer ver- 
zückten lyrischen Pathetik, er beschwor vor dem halbleeren 
Saal den Gott des Beginns, das Atom an sich, die 
Ausstrahlung, die Repulsionskraft, die At- 
traktionstendenz und den Gott des Endes. 
Das verblüffte Publikum hörte ruhig zu: Poe sprach 
beredt, überzeugt und sein Eifer machte Eindruck. Aber was 
er sagte, war kaum zu verstehen. Die Zeitungen machten 
sich dann in ihren Berichten über ihn lustig. Das verletzte 
Poe sehr und er bemühte sich, in seinen Briefen den 
Freunden zu erklären, wovon er gesprochen habe, und wie 
wichtig sein Thema sei. „"Was ich auseinandergesetzt habe, 
wird (mit der Zeit) die "Welt der Physik und Metaphysik 



I 



266 Das Leben Edgar Poes 

revolutionieren. Idi behaupte das zwar ganz ruhig, aber ich be- 
haupte es."^^" 

Der Vortrag über Heureka hatte jedodi fast nidiis ein- 
gebradit, kaum fünfzig Dollar. Der Stylus konnte also wieder 
nicht ersdieinen. Nun machte Poe, der von seiner überragenden 
wissensdiaftlichen Begabung überzeugt war, den Versuch, 
Heureka zu veröffentlichen. Er suchte George P. Putnam 
auf, einen der Verleger, die seine Geschichten und Gedichte 
herausgegeben hatten, und bot ihm Heureka auf das feier- 
lichste an. Er war von der Wichtigkeit des Werks derart über- 
zeugt, daß er, ohne mit der Wimper zu zucken, Putnam vor- 
schlug, eine erste Auflage von fünfzigtausend Exemplaren 
drucken zu lassen, die nadi seiner Meinung sofort vergriffen 
sein müßten, und durch die sein Glück und das seines Ver- 
legers auf der Stelle gemacht wären. Putnam war sehr geduldig 
und freundlich mit dem seltsam erregten Autor. Er nahm 
Heureka an, druckte aber nur fünfhundert Exemplare. 

H e u r e k a, ein Gedicht in Prosa, wie Poe es nannte (damit 
hat er es genauer bezeichnet, als er ahnte), erschien im März 
1848 mit einer Widmung für Alexander von Humboldt. Die 
kleine Auflage ging nur sehr langsam ab. Poe aber hielt sich 
weiter für das größte Genie der Welt. 

Er mußte leben; und darum gab er für einige Zeit seine 
glanzvollen Spekulationen auf und hielt in Lowell, in Provi- 
dence Vorlesungen, aber über Themen, die zugänglicher waren 
als eine Betrachtung über das Weltall. Er sprach über die 
Philosophie der Komposition, in der die Ent- 
stehung des berühmten Raben ebenso „rational" gedeutet 
wurde wie die aller Poesien, er sprach über das poetische 
Prinzip, in dem das zentrale Thema aller Poesie Poes, die 



156) Poe an Eveleth. New York, 29. Februar 1848 (nadi Israfel, 
S. 742). 



_ In Fordham — NaA dem Tod der Virginia 267 

sdiöne und tote Frau, in mandberlei Rhythmen glorifiziert 

wurde, und versudite, diese Themen ein wenig zu Geld zu 

machen. 

* 

Aber trotz Gott und Welt, denen nun seine große, neue 
Liebe, sein mächtiger und jüngster Rausdi galten, dürstete Poe 
im Herzen immer wieder nadi der Frau. Er mußte in seinem 
ewigen Kummer stets von neuem von Frauenhänden gesdiützt, 
gestreichelt werden, und wenn bei Frau Clemm der Hafen war, 
in den sidi seine arme und bedrohte Existenz geflüchtet hatte, 
so träumte er doch auch von einer andern Liebe, in der die 
Mutter und die ideale Geliebte miteinander verschmolzen. 

Frau Shew war der Engel, der die letzten Tage der Virginia 
und die Trauer Edgars mildern geholfen hatte. Sie interessierte 
sich wenig für Literatur, hatte kaum einige Werke Poes gelesen, 
aber da sie einen „medizinischen" Verstand besaß, begriff sie 
ihren Schützling besser als irgendeine der „literarischen 
Flammen" des Dichters. Sie war ein klar denkender Mensch 
mit einem gütigen und verstehenden Herzen. Daher brachte sie 
für den "Witwer nicht nur Nahrung und Kleider auf, sondern 
auch menschliches Mitfühlen und ein Verständnis für seine 
seelische und physische Not. 

Im Frühjahr 1848 kam Poe häufig wieder in die Stadt; dort 
stand ihm ihr Haus ebenso offen wie ihr Herz. Sie erlaubte 
es ihm, die Möbel in ihrem Salon nach den Kanons anzuordnen, 
die der Dichter in seiner PhilosophiederWohnungs- 
einrichtung ausgearbeitet hatte. Der Ton, in dem er sidi 
dafür bedankt, zeigt schon, weldie Leidenschaft seine Be- 
schützerin ihm einflößte. 

„Louise, strahlendste, Sie sind die am wenigsten selbstsüditige 
unter all den Frauen, die midi je geliebt haben! ... Es bereitet mir 
soldies Vergnügen, daran zu denken, daß Sie und die Ihren sidi in 
diesem Musikzimmer und in dieser Bibliothek befinden. Louise, idi 



208 Das Leben Edgar Poes 

habe großes Vertrauen zu Ihrem Gesdimad; in diesen Dingen, und idi 
weiß, daß ich Ihnen mit all dem, was ich angeschafft habe, eine 
Freude machen werde. Als ich Sie das erstemal nach dem Tode 
meiner Virginia besuchte, bemerkte ich mit großem Vergnügen 
das Bild, das über Ihrem Klavier hängt, und das ein richtiges 
Meisterwerk ist; und ich bemerkte die Dimensionen aller Ihrer Bilder, 
... die zarte Wirkung der Vorhänge in Ihren Fenstern und das 
Karmesinrot, und das Gold ... Ich war entzüdst, als ich sah, daß 
die Harfe und das Klavier nicht in einer Hülle steckten. Und idi 
werde die Anmut und Schönheit der Bilder von Raffael und vom 
„Cavalier" nie mehr vergessen! Und die Gitarre mit dem blauen 
Band, das Musikpult und die antiken Vasen! Ich war darüber er- 
staunt, daß ein kleines Mädchen vom Lande, wie Sie, so viel 
Geschmack haben und eine so klassische Atmosphäre schaffen 
könne."!«' 

Wie die „Helen" von ehemals führte also auch Marie-Louise 
Shew Edgar an die „klassischen" Gestade zurück, wo er von 
dem Bild einer schützenden Mutter erwartet wurde. Gehorsam 
folgte er ihr, er ging mit ihr in die Kirciie, nachdem er so 
lange die heiligen Stätten gemieden, zu denen er als Knabe 
Frances Allan begleitet hatte. Er sang die Kirchenlieder mit 
seiner schönen Tenorstimme mit und hatte seit jener Zeit in 
Richmond auch die Antworten im Gottesdienste nicht vergessen. 

157) Poe an Frau Shew. Sonntag abends. V. E., Bd. 17, S. 297: 
Louise! my brightest, most unselfish of all who ever loved me! . . . 
I shall have so much pleasure in thinking of you and yours in that 
music-room and library. Louise, I give you great credit for taste in 
these things, and I know I can please you in the purchases. During 
my first call at your house afler my Virginia's death, I noticed with 
so much pleasure the large painting over the piano, which is a 
masterpiece indeed; and I noticed the size of all your paintings, the 
scroUs instead of set figures of the drawing-room carpet, the soft 
effect of the window shades, also the crimson and gold ... I was 
charmed to see the harp and piano uncovered. The pictures of 
Raphael and the „The Cavalier" I shall never forget — their softness 
and beauty! The guitar with the blue ribbon, music-stand and 
antique jars! I wondered that a little country maiden like you had 
developed so classic a taste and atmosphere . . . 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 169 



l. 

^1 häufiger das Haus der Frau Shew. Er klammerte sich ganz 
^1 verzweifelt an sie, ihn dürstete nach ihrer schützenden Liebe. 
^m Und mehr als je hatte er diese Liebe nötig. 
m Schon die kleine Reise, die er 1847 nach Philadelphia 

unternommen, um dort einige Artikel bei Graham unter- 
zubringen, hatte ein klägliches Ende gefunden. Trotzdem er 
weniger als je den Alkohol vertrug, trank er, und Petersen, sein 
früherer Kollege bei Graham's Magazine, mußte ihn „retten" 
und den Schwerkranken zu Frau Clemm zurückschicken. 
1 „Wenn Sie nicht im richtigen Augenblick und so entschieden 

l^ geholfen hätten, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben 
H und hätte Ihnen diesen Brief nicht mehr schreiben können", 
^1 schrieb ihm Poe aus Fordham.^^^ 

^1 Frau Shew berichtet in ihrem Tagebuch von einer andern 

^1 Krise Poes im Frühling 1848. Er war zu Besuch gekommen 

^P und beide zogen sich in das kleine Häuschen zurück, von dem 

" aus man den Garten sehen konnte. "Während sie den Tee 

tranken, beklagte sich Poe bei Frau Shew: er solle ein Gedicht 

schreiben, finde aber dazu nicht die Inspiration. Frau Shew 

wollte ihm helfen, sie holte eine Feder, Tinte und Papier und 

legte sie vor ihm auf den Tisch. In diesem Augenblick hörte 

man Glocken läuten. Poe, dessen Gehörsinn und Nerven damals 

geradezu übersensibel waren, begann zu stöhnen: „Ich kann 

heute Abend das Glockenläuten nicht vertragen, idi kann nicht 

schreiben, ich habe kein Thema, ich bin ganz leer." Nun schrieb 

Frau Shew auf das Papier, das vor dem Dichter lag: „Die 

Glocken, die kleinen silbernen Glocken" {The bells, the little, 

silver bells), und Poe beendigte die Strophe, um dann wieder 



158) hrafel, S.738. 

Without your aid, at the precise moment and in the precise 
manner in whidi you rendered it, it is more than probable that 
I should not now be alive to write you this letter . . . 



i 



2/0 Das Lehen Edgar Poes 

in seinen Zustand von Stumpfheit zu verfallen. Frau Shew 
bedrängte ihn von neuem, sie begann eine zweite Strophe mit 
den Worten: „Die schweren Glocken aus Eisen" {The heavy 
iron bells), Poe beendigte die Strophe und schrieb darüber: 
„Von Frau M. L. Shew", und war dann wieder unfähig, das 
Gedidit fortzusetzen. Nadi dem Essen führte man ihn hinauf 
und brachte ihn ins Bett, wo er in einen Zustand tiefer 
Stumpfheit verfiel. Frau Shew ließ den Dr. Francis holen. 
Der Doktor und sie saßen neben dem Bett und beide notierten 
die Symptome. Der Puls war sehr schwadi und unregelmäßig. 
Der Doktor sagte: „Er hat ein Herzleiden und wird nicht alt 
werden." Frau Shew hatte sdion alle diese Symptome beob- 
achtet, beide hatten den Eindrudi, der Diditer sei dem Sterben 
nahe oder dem Wahnsinn. Poe verbrachte diese Nacht bei Frau 
Shew. Er schlief volle zwölf Stunden hindurch. Am nädisten 
Tag brachte ihn Dr. Francis nadi Fordham.^"' 

Nadi dem, was Frau Shew uns hier berichtet, scheint Poe, 
wie die auditive Überempfindlichkeit und sein stumpfes Ver- 
halten zeigen, an diesem Tag eher unter dem Einfluß des 
Opiums als unter dem des Alkohols gestanden zu sein. Idi wäre 
aber trotzdem nicht erstaunt, wenn es sich herausstellen würde, 
daß er damals auch wieder zu trinken begonnen hatte, wie 
jedesmal, wenn eine seiner platonischen Leidensdiaften so stark 
wurde, daß sie ihn in die Gefahr brachte, sich einer Frau zu 
sehr zu nähern. In solcher Zeit wurde dann, wie wir sdion 
gezeigt haben, das Wirtshaus seine Zufluchtsstätte und der Zu- 
stand von Trunkenheit, in dem er sidi vor der Geliebten zeigte, 
konnte sogar seine Verteidigung werden. Wie immer aber dem 
gewesen sein mag und was immer für ein Gift er an diesem Tag 
zu sich genommen, an dem er die Glocken sdirieb, jenes 
Gedidit, das seinen besonderen Wert durdi die Harmonie der 

159) Israfel, 8.7475. 




In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 



^i 



Imitation und die "Wortassonanzen erhält und in dem wieder 
einmal Hymen und Tod nebeneinander besungen werden — die 
Prognose des Dr. Francis, der Poe nach dieser Krise sagte, wenn 
er nidit auf jedes Reizmittel verzichte, sei sein Ende nahe, war 
nur allzu wahr. 

Es fiel Marie-Louise Shew immer schwerer, mit Poe Freund- 
schaft zu halten. Sie war nicht eine Dichterin wie Frau Osgood; 
die platonische Leidenschaft des „großen Dichters" konnte ihr 
daher nicht zu Kopf steigen. Poe war für sie nichts anderes 
als ein sehr großer und sehr unglücklicher Patient, bestenfalls 
ein Freund, und die Freundschaft mit diesem Tobsüchtigen 
wurde scUießlicii unerträglich und kompromittierend. Daher 
entschloß sie sich im Juni dieses Jahres, nachdem er sich 
wieder einmal ungebührlich benommen hatte, mit ihm zu 
brechen. Sie schrieb ihm, er solle sie nicht mehr aufsuchen 
und auch sie habe nidit mehr die Absicht, nach Fordham zu 
kommen. Poe antwortete mit einem Schrei der Verzweif- 
lung, der zeigt, weldien Grad von Exaltiertheit die platoni- 
sche Leidenschaft für diese mütterliche Frau hatte erreichen 
können: 

„Kann es wahr sein, Louise, daß Sie den Gedanken gefaßt 
haben, Aren unglüddichen und unglüdseligen Freund und Patienten 
zu verlassen? .. . Ich ahnte das sdion seit Monaten. Und idi wieder- 
hole es, mein guter Genius, mein edles Herz! Soll das auf all diese 
Wohltaten und den Segen folgen, die Sie mir so edelmütig gewährt 
haben? Müssen Sie wirklidi aus meiner in Finsternis getauditen und 
,verIorenen' Seele versdiwinden, wie alles, was idi liebe oder 
wunsAe? Idi habe Ihren Brief gelesen, und nodi einmal gelesen, und 
:4 kann es mdit für mögliA halten..., daß Sie bei Sinnen waren, 
als Sie ihn gesdirieben haben. (Ich weiß, Sie haben Tränen 

de r Angst und des Bedauerns beim Schreiben ver- 
g I e ß e n m ü s s e n!) Ist es möglidi, daß Ihr guter Einfluß für midi 
verloren sem soll? So zärtlidie und edite Naturen wie die Ihre sind 
treu bis zum Tod; aber Sie sind dodi nidit tot, Sie sind ja voll Leben 
und Sdiönheit! Louise, Sie traten ins Zimmer... in Ihrem weißen 



272 Das Leben Edgar Poes 

flatternden Kleid: .Guten Tag, Edgar!' Ihre Eile verriet so viel kon- 
ventionelle Kälte, und die Art, wie sie in die Küdie eintraten, um 
Muddie zu suchen, ist meine letzte Erinnerung an Sie. 
Aus Ihrem Lädieln spradi Liebe, Hoffnung und Verzweiflung, 
statt, wie früher, Liebe, Hoffnung und Mut. Oh, Louise, wieviel 
Kummer erwartet Sie! Ihre edle, mitfühlende Natur wird bei der 
Berührung mit dieser hohlen und herzlosen Welt immer wieder ver- 
letzt werden; und ich, adi! wenn mich nicht eine wahre, zärtliche 
und reine Frauenliebe rettet, ich werde kaum mehr , ein Jahr lang 
leben! In wenigen kurzen Monaten wird man wissen, wie lange 
meine physische und seelisdie Kraft mich aufrediterhalten kann. 
"Wie soll ich an die Vorsehung glauben, wenn S i e mich mit soldier 
Kälte ansehen? Waren es nicht Sie, die meinen Geist wieder lebendig 
gemacht, und die mich im Glauben an Gott bestärkt hat? . . . und 
in dem Glauben an die Menschheit? Louise, ich habe Ihre Stimme 
gehört, nachdem Sie aus meinem Blick entschwunden waren . . . ; ich 
hörte Ihre Stimme; Ich hörte, wie Sie weinend sagten: ,Liebste 
Muddie!' Ich hörte, wie Sie mit meiner Catterina sprachen, 
aber das war nur mehr wie in einer Erinnerung . . . Nichts entging 
meinem Ohr, und ich war überzeugt, daß nicht Sie es gewesen . . . , 
die jene Worte sprach, welche Ihrer Natur — und Ihrem zärtlichen 
Herzen fremd sind! Ich hörte, wie Sie unter Schluchzen meiner 
Mutter sagten, welches Pflichtgefühl Ihr Herz erfüllte, und ich hörte, 
wie sie darauf antwortete: ,Ja, Loui . . . , ja! . . .' Ich fühlte, daß mein 
Herz stillstand und ich war sicher, daß ich unter Ihren Augen 
sterben werde. Louise, wie lieb war es von Ihnen, und wie glücklich 
machte es mich, daß Sie eine Träne in Ihren lieben Augen hatten, 
und daß Sie das Fenster öffneten und daß Sie von der Goyaven- 
marmelade sprachen, die Sie für mein Halsleiden mitbrachten . . . 
Louise, ich fühle, daß ich unterliegen werde — schon ist ein Schatten 
auf Ihre Seele gefallen und spiegelt sich in Ihren Augen. Es ist z u 
spät — die grausame Flut hat Sie schon von mir fortgerissen . . . , 
das ist keine gewöhnliche Prüfung — sondern eine schreckliche. So 
seltene Seelen wie die Ihre verschönern die Erde so sehr! Sie ent- 
schädigen für alles Abstoßende und Scheußliche . . . aber Sie müssen 
wissen, und seien Sie davon überzeugt, daß ich bedauern 
würde und voll Kummer wäre, wenn irgend etwas von dem, was ich 
geschrieben habe, Sie verletzt hätte. Mein Herz hat Sie 
niemals beleidigt. Sie stehen in meiner Achtung — ich 



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FAKSIMILE DES BRIEFS EDGAR POES AN Mrs. SHEW 
vom 29. Jänner 1847 



I 



In Fordham — Nado dem Tod der Virginia 273 

betone das feierlichst — neben der Freundin meiner Jugend, 
der Mutter meines Kameraden, von der ich Ihnen erzählt habe . . .""» 

Aber Frau Shew ließ sich nidit erweichen, und verschwand 
wie die vielen „Mütter", die ihr im Leben Poes vorangegangen 
waren, aus dem Gesichtskreis ihres „Kindes". 



160) Poe an Frau Shew, Juni 1848 (V. E., Bd. 17, S. 298— 300): 
Can it be true, Louise, that you have the idea fixed in your mind 
to desert your unhappy and unfortunate friend and patient? ... So I 
have had premonitions of this for months. I repeat, my good spirit, 
my loyal heart! must this follow as a sequel to all the benefits and 
blessings you have so generously bestowed? Are you to vanish like 
all I love, or desire, from my darkened and „lost soul"? I have read 
over your letter again and again, and cannot make it possible . . . 
that you wrote it in your right mind. (7 know you did not without 
tears of anguish and regret.) Is it possible your influence is lost to 
me? Sudi tender and true natures are ever loyal until death; but you 
are not dead, you are füll of life and beauty! Louise, you came in . . . 
in your flowing white robe — „Good morning, Edgar". There was 
a toudi of conventional coldness in your hurried manner, and your 
attitude as you opened the kitdien-door to find Muddie, is my last 
rernemhrance of you. There was love, hope, and sorrow in your 
smile, instead of love, hope, and courage, as ever before. O Louise, 
how many sorrows are before you! Your ingenuous and sympathetic 
natura will be constantly wounded in its contact with the hollow, 
heartless world; and for me, alas! unless some true and tender, and 
pure womanly love saves me, I shall hardly last a year longer alive! 
A few Short months will teil how far my strength (physical and 
moral) will carry me in life here. How can I believe in Providence 
when you look coldly upon me? Was it not you who renewed my 
hopes and faith in God? ... and in humanlty? Louise, I heard your 
voice as you passed out of my sight leaving me . . . ; but still I 
listened to your voice. I heard you say with a sob, „Dear Muddie". 
I heard you greet my Catarina, but it was only as a memory . . . 
nothing escaped my ear, and I was convinced it was not your 
generous seif... repeating words so foreign to your nature — to 
your tender heart! I heard you sob out your sense of duty to my 
mother, and I heard her reply „Yes, Loui . . . yes". ... I feit my 
heart stop, and I was sure I was then to die before your eyes. Louise, 
it es well — it is fortunate — you looked up with a tear in your 
dear eyes, and raised the window, and talked of the guava you had 
Bonaparte: Edgar Poe. I. jg 



^ 



274 Das Leben Edgar Poes 

Poe war mit seiner ungeheuren Muttersehnsudit nun auf 
„Muddy" allein angewiesen. Aus jener Zeit stammt wahr- 
sdieinlidi das sdiöne Sonett, das er ihr gewidmet hat: 

An meine Mutter ""• 
Weil tief idi fühle, daß in Himmeln dort 
Die Engel, wenn sie Liebesworte nennen, 
Kein heilig-heißer und kein inniger Wort 
Als „Mutter" zueinander flüstern können, 
Drum gab ich diesen liebsten Namen dir — 
Die — mehr denn Mutter mir in meinen Sdimerzen — 
Der Tod, als er Virginias Geist von hier 
Befreit, zum Horte setzte meinem Herzen. 

brought for my sore throat . . . Louise, I feel I shall not prevail — 
a shadow has already fallen upon your soul, and is reflected in your 
eyes. It is too late — you are floating away with the cruel tide . . . 
it is not a common trial — it is a fearful one to me. Sudi rare souls 
as yours so beautify this earth! so relieve it of all that is repulsive 
and sordid . . . but you must know and he assured of my regret and 
my sorrow if aught I have ever written has hurt you. My heart 
never wronged you. I place you in my esteem — in all solemnity 
— beside the friend of my boyhood — the mother of my sdiool- 
fellow, of whom I told you . . . 

161) Tomy Mother 

Because I feel that, in the Heavens above, 

The angels, whispering to one another, 
Can find, among their burning terms of love, 

None so devotional as that of „Mother", 
Therefore by that dear name I long have called you — 

You who are more than mother unto me. 
And fill my heart of hearts, where Death installed you. 

In setting my Virginia's spirit free. 
My mother — my own mother, who died early, 

Was but the mother of myself; but you 
Are mother to the one I loved so dearly, 

And thus are dearer than the mother I knew 
By that infinity with whidi my wife 

Was dearer to my soul than its soul-life. 

Flag of Our Union, 1849. Der zitierte Text ist der Griswolds, 
1850; V.E., Bd. 7, S. 116. 



In Fordham — Nach dem Tod der Virginia 



27$ 



Die eigne Mutter, die sdion früh mir starb, 
War m i r nur Mutter, du hingegen bist 
Von ihr die Mutter, die mein Lieben warb; 

Und so viel mehr, als meiner Seele ist 
Mein Weib denn meiner Seele eignes Leben, 
Muß ich audi dir denn eigner Mutter geben. 

Das ist das einzige Gedicht, in dem er seine Mutter, aller- 
dings audi hier nur in Verbindung mit Frau Clemm, besonders 
erwähnt. 

Aber trotz dieses Gedidites war Frau Clemm nur eine 
„Muddy", und dieser Name erinnert zugleich (wie wir es schon 
gezeigt haben) an „Mutter" und „Schmutz", also an die 
niedrigen Arbeiten im Haushalt, die Frau Clemm in ihrer un- 
endlidien und unfaßbaren Zärtlichkeit verrichten mußte. Sie 
konnte daher den Forderungen, welche die Phantasie ihres 
Sohnes an sie stellte, nicht genügen. 

Daher vergaß Edgar Poe noch im gleichen Sommer Marie- 
Louise; und er bemühte sich, seine Psyche zu einer neuen 
Astarte mitzureißen, die sdion am Horizont seines Lebens 
auftaudite. 



18» 



i 



PROVIDENGE UND LOWELL 

HELEN UND ANNIE 

Die Dichterin Sarah Helen Whitman, geborene Power, war 
eine hübsche, anmutige, aber auch sehr preziöse, immerfort 
müde und kränkliche kleine Person, die sich in flatternde 
Schleier hüllte. Sie atmete den Duft eines mit Äther befeudi- 
teten Taschentuchs ein, und ihre Sdiwäche drohte unaufhörlidi 
sich in Ohnmacht zu verwandeln, was damals überaus 
modern war. 

In jener Zeit, in welcher der amerikanische „Transzendenta- 
lismus" häufig in Spiritismus ausartete, gehörte Helen Whitman 
zu den Lebewesen, die an der Grenze zum Jenseits lebten. Sie 
hieß unter Freunden die „Prophetin von Providence" und war 
weithin bekannt als „Spiritualistin", Dichterin und schöne 
Frau. Sie war damals fünfundvierzig Jahre alt, seit zehn 
Jahren Witwe, aber noch immer sehr anziehend. Poe, der von 
Helen Whitman schon wegen ihrer Gedichte und noch bevor 
er sie kannte, begeistert war, schrieb ihr übrigens etwas später: 
„Hat denn die Seele ein Alter?" Der große Kritiker, der 
gegen die dichtenden Frauen so ofl nachsichtig gewesen, hörte 
aus den Dichtungen der Frau Whitman, die uns heute sen- 
timental, langweilig und vergilbt erscheinen, den Tonfall der 
echten Poesie heraus. Helen sprach eben das aus, was Edgar 
fühlte, sie war eine wahre Schwesterseele! In der Zeit aber, 
in der er zum erstenmal von ihr hörte, reizten noch andere 
Liebschaften seine Phantasie. Als er drei Jahre vor den Er- 
eignissen, die wir jetzt darstellen wollen, mit Frau Osgood 
durch Providence gekommen war, hatte er sich sogar, wie wir 



Providence und Lowell — Helen und Annie 277 

wissen, geweigert, seine Freundin zu der „Prophetin von 
Providence" zu begleiten. 

In einer Sommernacht in Providence jedoch war Poe, als er 
auf Frau Osgood wartete, die einem Vortrag beiwohnte, in die 
Straße geraten, in der Helen Whitman wohnte. Und (auch 
davon war bereits die Rede) er hatte sie im Mondsdiein auf der 
Schwelle ihrer Tür stehen gesehen, als sie frische Luft schöpfte. 
Ihr „poetisches" Aussehen verführte ihn schon damals, der 
Eindrudi, den er mitnahm, war überaus stark. Er verlegte 
später im Gediciit An Helen die Vision im Mondschein 
in einen Rosengarten, wobei die Augen der Helen, diese Augen, 
die das stärkste waren, was Poe bei Frauen anlockte, die Stelle 
der Sterne vertraten: „zwei liebliche, funkelnde Venussterne" 
(X'wo swettly scintillant Venuses), zwei Astarten. Zur Zeit 
dieser ersten Begegnung regierte aber nocii Frau Osgood im 
Herzen des Diciiters, dann kamen die lange Agonie der Vir- 
ginia, ihr Tod, und Frau Shew, und Ulalume und 
Heureka. 

Nun aber war Heureka ausgeträumt, und nach der 
Flucht vor Frau Osgood hatte er die Flucht vor Marie-Louise 
Shew ergriffen. In dem Haus, das von Virginia verlassen 
worden, war nur mehr die Muddy übriggeblieben. Wie traurig 
war das Leben in diesem Hause für ein Herz, das nach Liebe 
und Ruhm dürstete! Kann es uns daher überraschen, daß die 
Phantasie Edgar Poes in dieser Einsamkeit bereit war, den Blick 
auf Providence zu riditen, wo der Stern einer Dichterin glänzte? 

Die Sache wurde ihm dadurtii leicht gemacht, daß er von 
Frau Whitman eine Einladung erhielt. Im Februar 1848, zu 
einer Zeit also, als Poes Gedanken noch um Marie-Louise Shew 
kreisten, las Frau Whitman an einem Abend, der anläßlich des 
Heiligen Valentinstags^"^ bei Miss Lynch stattfand, bei dem Poe 

163) Am St. Valentinstag dürfen in den angelsächsisdien Ländern 
die Frauen dem Mann ihrer Wahl anonym ihre Neigung offenbaren. 



2/8 Oas Leben Edgar Poes 

nidit anwesend war, ein Gedicht vor, das sie geschrieben und 
an den „Raben" geriditet hatte. Sie fühlte sidi von diesem 
damals überaus berühmten Vogel sehr angezogen, und einige 
Mitteilungen über den großen Eindruck, den sie auf ihn in jener 
Mondnadit in Providence gemacht haben soll, schienen audi ihr 
zu Ohren gekommen zu sein: 

Oh du, düsterer und alter Rabe; 
Vom plutonisdien Gestade der Nacht 
Erheben sidi und flattern vor meiner Tür 
Oft im Traum deine gespenstigen Flügel — 
Dein Sdiatten verdunkelt oft den Mondsdiein, 
Der an der Tür meines Zimmers schläft. 

Romeo spridit von den „weißen Tauben, die 

Mit den Raben zur Nacht versammelt sind". 

Aber sähe ich deinen Flügel, 

Wie er den Weg des silbernen Lidits herabschießt 

Und hinabsteigt zu den Sdiwänen und kleinen Tauben, 

Das wäre für midi ein noch edleres Schauspiel . . . 

Adi! düsterer Gespensterrabe! 

Willst du für mein Ohr und mein Herz 

Der treueste Rabe sein, der je 

Die Flügel schlug und die Verzweiflung krächzte? 

Keiner der Vögel, die durch den Wald irren, 

Soll unseren hodigelegenen Horst mit uns teilen.^°* 

164) Israfel, S. 761, fünf Strophen sind ausgelassen. 

Oh! thou grim and ancient Raven, 
From the Night's Plutonic shore, 
Oft in dreams, thy ghastly pinions 
Wave and flutter round my door — 
Oft thy shadow dims the moonlight 
Sleeping on my diamber door. 

Romeo speaks of „White doves trooping, 
Amid crows athwart the night", 
But to See thy dark wing swooping 
Down the silvery path of light, 



Providence und Lowell — Helen und Annle 



279 



Durch die Vermittlung der Frau Osgood sdiickte Miss Lynch 
diese Verse, die bei ihr vorgelesen worden waren, an Poe, 
aber ohne ihm zu sagen, wer sie geschrieben hatte. Poe er- 
kannte jedoch die Handsdirift wieder. Kurze Zeit nachher ver- 
öffentlidite das Home Journal das kleine Gedidit. Poe war 
begeistert. 

Im Juni bradi Frau Shew mit Poe. Und um die gleiche Zeit 
hörte Maria Mac-Intosh, eine der „Literati", auf einer Mond- 
scheinsoiree bei einer ihrer Freundinnen in Fordham, wie Poe 
im Ton höchster Begeisterung von Frau Whitman sprach. Sie 
kam bald darauf nadi Providence und erzählte sicherlich ihrer 
Freundin davon. Aber damit hatte es einige Zeit hindurch sein 
Bewenden. 



Im Juli organisierte nun Frau Locke, die Schwägerin der 
Frau Osgood, für Poe einen Vortrag in Lowell, im Staate 
Massachussetts. Dieser Vortrag fand am 10. statt; Poe spradi 
über das Poetische Prinzip. Bei diesem Aufenthalt in 
Lowell begegnete er Annie Richmond. 

Er verliebte sich sofort auf das heftigste in sie. In einer 
seiner Geschichten, inLandorsLandhaus, beschreibt Poe 
in dichterischer Verhüllung, welch tiefen Eindruck die erste 
Begegnung mit Annie auf ihn gemacht hat: 

„Da keine Klingel zu entdedcen war, podite idi mit dem Stock 
an die Tür, die halb offen stand. Sogleich näherte sidi eine Gestalt 
— die eines jungen Weibes von ungefähr aditundzwanzig Jahren — , 

Amid swans and dovelets stooping, 
Were, to me, a nobler sight . . . 

Then, Oh! Grim and Ghastly Raven! 

"Wilt thou to my heart and ear 

Be a Raven true as ever 

Flapped his wings and croaked „Despair"? 

Not a bird that roams thc forest 

Shall our lofly eyrie share. 



28o Das Leben Edgar Poes 



schlank und etwas über Mittelgröße. Als sie mit einem gewissen 
nicht zu besdireibenden Sdiritt von bescheidener Entsdiiedenheit 
herantrat, sagte ich zu mir selbst: ,Hier habe ich nun die Voll- 
endung der natürlichen im Gegensatz zur künstlerischen Anmut 
gefunden.' Der zweite Eindruck, den sie in mir hervorrief, der 
aber nodi lebhafter war als der erste, war Begeisterung. Ein so 
intensiver Ausdruck von Romantik — so sollte idi es vielleicht 
nennen — oder von Unweltlichkeit, die aus ihren tiefliegenden 
Augen schimmerte, war mir nie vorher ins innerste Herz gedrungen. 
Ich weiß nicht wie das ist, aber dieser besondere Ausdrude im 
Auge, der gelegentlich auch den Mund kräuselt, ist der mächtigste, 
wenn nicht der durchaus einzige Zauber, mit dem ein Weib mich 
fesseln kann. Romantik — ich hoffe, daß meine Leser begreifen, 
was ich hier mit dem Worte sagen will — , Romantik und Weib- 
lichkeit sind für mich dieselben Begriffe, und was schließlich der 
Mann im Weibe wirklich liebt, ist einfach ihre Weiblichkeit. 
Annies Augen (ich hörte, wie jemand von drinnen seine ,liebe Annie' 
rief) waren himmlisch grau, ihr Haar, ein lichtes Kastanien- 
braun; das war alles, was ich beobachten konnte." '°^ 

165) „As no bell was discernible, I rapped with my stick 
against the door, which stood half open. Instantly a figure advanced 
to the threshold — that of a young woman about twenty-eight 
years of age — slender, or rather slight, and somewhat above the 
medium height. As she approached, with a certain modest decision 
of Step altogether indescribable, I said to myself: ,Surely here I 
have found the perfection of natural, in contradistinction from 
artificial grace.' The second Impression which she made on me, 
but by far the more vivid of the two, was that of enthusiasm. 
So intense an expression of romance, perhaps I should call it, 
or of unworldliness, as that which gleamed from her deep-set eyes, 
had never so sunk into my heart of hearts before. I know not 
how it is, but this peculiar expression of the eye, wreathing 
itself occasionally into the lips, is the most powerful, if not 
absolutely the sole spell, which rivets my interest in woman. 
yRomance', provided my readers fully comprehend what I would 
here imply by the word — ,romance' and ,womanliness' seem to 
me convertible terms: and, after all, what man truly loves in 
woman, is, simply, her womanhood. The eyes of Annie (I heard 
some one from the interior call her ,Annie, darling!') were ,spiritual 
gray'; her hair, a light chestnut: this is all I had time to observe 
of her." (Landor's Cottage, V.E., Bd. 6, S. 268/269.) 



Providence und Lowell — Helen und Annie 



281 



Hervey Allen hat richtig bemerkt, daß zur Beschreibung 
der Frau inLandorsLandhaus Frau Ridimond Modell 
gestanden habe, und daß das Landhaus in dieser Geschidite dem 
Hause Poes in Fordham gleiche; man kann daraus schließen, 
Poe habe den tiefen 'Wunsch gehabt, Annie nach Fordham 
zu bringen. 

Aber da dieser Wunsdi nie in Erfüllung gehen konnte, ver- 
brachte Poe viele Stunden in ihrem Heim bei ihr, ihrem Gatten, 
ihrer Schwester Sarah und dem kleinen Caddy. Die Nähe 
seiner neuen Freundin war für den Dichter der zauberhafteste 
Traum. 

So war Poe zwischen zwei aufsprießenden Leidenschaften 
„eingeklemmt": zwei Astarten gingen zugleich über seinem 
Leben auf! Frau Whitman lockte ihn durch die Dichter- Aureole, 
die über ihr leuditete, durch ihre unleugbare geistige Kultur, 
die größer war als die aller andern Frauen, denen er bisher 
begegnet, durch ihre halb wirklidie, halb affektierte Kränklich- 
keit, und schließlich auch durch die Tatsache, daß sie Witwe 
war und es ihr dadurch freistand, den „Raben" einzuladen, 
er möge mit ihr „den hochgelegenen Horst" teilen. Dieser hoch- 
gelegene Horst war übrigens zu gleidier Zeit auch ein „ver- 
goldeter Horst", denn Frau Whitman besaß ungefähr acht- 
tausenddreihundert Dollar. Wenn man nun audi zu Unrecht 
behauptet hat, Poe habe bei seinen Heiratsplänen am Schluß 
seines Lebens nur materielle Interessen im Auge gehabt, und 
zweimal „alte und häßliche" Witwen"" nur um ihres Geldes 
Willen umworben, so muß deshalb die Aussicht, er könne durch 
solche Heiraten aus den Verlegenheiten herauskommen, der 
alten Muddy das Leben behaglicher machen und endlich sogar 
den Stylus herausgeben, seinen Plänen nicht vollständig fremd 
gewesen sein. Ohne innere Leidenschaft würde er sich aber 



166) Arvede Barine: Poetes et nevroses. Paris 1908, 
Hadiette, S. 2j6f. 



282 Das Leben Edgar Poes 

auch diesmal nicht eingelassen haben; wenn aber mit der 
Leidensdiaft auch der Wohlstand gekommen wäre, hätte er ihn 
nicht verachtet. 

Und außerdem darf man nicht vergessen, daß in Poe, 
trotzdem er beinahe vierzig Jahre alt war, die Seele eines 
„Adoptivsohns" hauste. Das frühreife Kind, das alle Eindrüdke 
mit äußerster Zähigkeit behielt, ist nicht vergebens in einem 
Alter von drei Jahren von einer zweiten angebeteten Mutter, 
die an Stelle der ersten angebeteten Mutter, die er soeben 
sterben gesehen, getreten war, adoptiert worden. Der Wieder- 
holungszwang, der unser Leben leitet, war die Ursache, warum 
Poe sein ganzes Dasein hindurch immer danach trachten mußte, 
sich stets von neuem adoptieren zu lassen. Das war ihm 
bei Frau Clemm gelungen. Aber die einfache Muddy genügte 
nidit mehr. Die Analytiker wissen nun, daß im Unbewußten 
das Geldgeschenk äquivalent ist mit dem Liebesgeschenk: es 
war daher für Edgar keineswegs erniedrigend, von einer reichen 
und mütterlichen Frau, die ihn lieben würde, Geld anzu- 
nehmen, eine solche Handlung hätte nur das märchenhafteste 
Ereignis seines Lebens, die Adoptierung durch die schöne und 
reidie Frances Allan, reproduziert. Solche Trümpfe hatte Frau 
Whitman in der Hand, als sie Edgar Poe erobern wollte. 

Frau Richmond hingegen konnte auf ihre Jugend hinweisen, 
und war für einen Mann von so verdrängter Sexualität wie 
Poe deshalb von unschätzbarer Bedeutung, weil sie einen Gatten 
besaß und dadurch unter dem Vorwand der Moral und des 
Gesetzes unerreichbar bleiben konnte. Ihr Heim war außerdem 
ein wirkliches Heim, mit Vater, Mutter, Sciiwester und Kind, 
ganz so wie jenes andere, in dem der kleine Edgar adoptiert 
wurde und in dem er mit John Allan, Frances und der Tante 
Nancy gelebt hatte. Und wenn Frau Whitman, als reale 
Lockung für das Unbewußte, Helen hieß, also den Namen einer 
Jugendgeliebten trug, so enthielt der Name Annies ebenfalls 




Providence und Lowell — Helen und Annie 283 

einen großen, vom Wort ausgehenden Reiz, der zu allem 
übrigen dazukam. Hieß sie nidit Ridimond, ganz so wie die 
Stadt, in der Poe von einer Mutter zu einer andern Mutter 
gekommen, so wie die Stadt, in der er erzogen wurde und die 
für ihn die „Mutterstadt" geworden war? Und erinnerte nicht 
der Name Annie audi an den seiner geliebten Tante Nancy, an 
Anne Valentine, die seinerzeit für den kleinen Edgar eine 
Dublette seiner Mutter Frances Allan gewesen? Und was die 
Augen der beiden Frauen anlangt: er hat beide besungen. 

Aber stärker als die von diesen beiden Frauen ausgehende 
Lockung wirkte in Poe nodi ein anderer Zwang. Er wußte 
nidit, für welche von den beiden er sich entscheiden sollte und 
wollte diesem herzzerreißenden Konflikt entfliehen; dieser 
Konflikt war jedoch nicht das einzige, was ihn zur Flucht 
drängte. Entscheidender als dieses Schwanken war die Tat- 
sache, daß er ewig in sich den Zwang fühlte, die Frau um 
der Frau willen zu fliehen, sobald sie ihn zu sehr anzog; 
und dieser Zwang trieb ihn, als er von Lowell nadi New 
York zurückgekommen war, dazu, Frau Clemm in Fordham 
zurückzulassen und sich mit einem Herzen, das vom Gedanken 
an Annie überfloß, nach Richmond einzuschiffen. 

Er wollte dort für den Stylus Subskriptionen sammeln. In 
Wirklichkeit aber floh er zuerst vor Annie, und zwar dort- 
hin, wo er gewöhnlich vor der Frau seine Zuflucht nahm. 
Statt also sich um den Stylus zu kümmern, versdiwand Poe 
tatsächlich am 19, Juli, gleidi nadi seiner Ankunft: in Ridimond. 
Durdi Zufall erfuhr John R. Thompson, der damalige Chef- 
redakteur des Southern Literary Messenger, daß sein Vor- 
gänger in einem geradezu trostlosen Zustand im Hafenviertel 
gesehen worden sei. 

„Wenn Sie jemals Richmond besucht haben", schrieb Thompson 
ein Jahr später, „dann wissen Sif, daß das Geschäftsviertel der Stadt 



Das Leben Edgar Poes 



und die Viertel, in denen man wohnt, ungefähr anderthalb Meilen 
von den Docks entfernt sind, so daß Leute, die dort nidits zu tun 
haben, kaum jemals in diese Gegend kommen. Sobald ich hörte, Poe 
sei bei den Docks, hegte ich die schlimmsten Vermutungen; idi nahm 
sofort einen Wagen und fuhr ihn sudien . . . Als idb beim Eingang 
zu diesem verödeten Viertel ankam, erfuhr ich tatsächlich, daß sich 
jemand dort seit zwei Wochen und ständig betrunken aufgehalten 
habe, und daß dieser Jemand vor einigen Stunden ohne Hut und 
Mantel aufgebrochen sei, um Jack Mackenzie, der ungefähr drei 
Meilen von hier auf dem Land wohnte, aufzusuchen. Er war allein 
und zu Fuß fortgegangen ... Ich tat, was ich konnte, um seine 
Exzesse niederzuhalten und ihm das Nötigste zu verschaffen (denn 
er war ganz schrecklich arm), aber kein Einfluß war imstande, ihn 
von seiner verfluchten Neigung für das Trinken abzubringen."^'^ 

Poe blieb noch einige Wochen in Ridimond, und ging häufig 
zu den Mackenzies, deren Haus Duncan Lodge immer für ihn 
offenstand. Jack Madsenzie blieb ihm treu; Poe fand dort aucii 
seine Schwester wieder. Und dann sah er alte Freunde, Robert 
Stanard, den Sohn seiner ersten „Helen", und Robert Sully, 
den Maler, der vermutlich damals sein Porträt gemacht hat. 
Er wollte auch Catherine Potiaux wiedersehen, die er als Sechs- 
jähriger geliebt hatte — aber als er sidi bei ihr meldete, war 
er in einem derartigen Zustand, daß man ihn nicht einließ. 
Denn außer in den Büros der Zeitungen und Magazine, in 
denen er manchmal Artikel unterbrachte, war er fast nur in den 
"Wirtshäusern zu finden, wo er Heureka und den Raben 
vortrug, wenn er nicht allzu betrunken war. 

Alles, was er besaß, war nun aufgebraucht. Zwar hatte 
Thompson aus Mitleid The Rationale of Verse,^^^ das sciion 
lange für einen Vortrag bereitlag, angenommen; Poe war aber 
gleich wieder ohne Geld, und für den Stylus hatte er nicht 
eine einzige Subskription bekommen. Er verließ Richmond; 

167) Thompson an Patterson. 9. November 1849 (Israfel, 8.76$; 
V. E., Bd. 17, S. 404). 

168) Eine rationale Analyse der Verskunst. 



i 

^B Providence und Lowell — H elen und Annie 285 

■ vor seiner Abreise geriet er aber noch in eine absurde Episode. 

■ Ein gewisser Daniel, Chefredakteur des Examiner, der jemand 

■ aus der Familie der Frau Whitman kannte, hatte diesem 

■ Bekannten gesagt, Poe interessiere sidi keineswegs aus un- 
Pl eigennützigen Gründen für jene Dame; diese Worte wurden 

dem Dichter zugetragen, während er sich gerade in den Büros 
einer Zeitung befand. Er geriet in Wut, nahm sofort eine Feder 
und schickte Daniel eine Herausforderung zum Duell, die er 
auf das Dedblatt der Zeitung schrieb. Daniel weigerte sich, 
die Angelegenheit ernst zu nehmen. Aber Poe wollte nicht 
locker lassen. 

Daniel empfing nun Poe in seinem Büro, zwei veraltete 
Riesenpistolen lagen vor ihm. Poe fragte ihn, warum er ihn 
habe kommen lassen; Daniel erwiderte, er wolle sidi in seinem 
Büro mit ihm schlagen, um den Unannehmlichkeiten mit den 
Behörden auszuweichen. Das Groteske und der Ernst der 
Situation brachten Poe zur Besinnung; es folgte eine Aus- 
sprache, und alles wurde in Güte geordnet. 

In Providence aber, beim Mondschein einer warmen JuH- 
nacht, hörte Frau Whitman durdi ihre Freundin Miss Mac- 
intosh, die eben aus New York gekommen war, von den 
begeisterten Reden, die Poe über sie im Juni bei den Nachbarn 
von Fordham gehalten hatte. Miss Blackwell, die ebenfalls 
anwesend war, warnte Frau Whitman vor Poe, trotzdem aber 
schickte die gerührte und von den Schmeicheleien verführte 
Diditerin dem Dichter neue Verse. Sie waren nicäit unter- 
zeichnet, aber von ihr selbst niedergeschrieben worden und ent- 
hielten eine dicJiterische, versdbleierte Einladung zu einer Begeg- 
nung, die Poe selbst, wie sie wußte, gern herbeigeführt hätte: 

Eine leise, verwirrende Melodie 
Flüstert in mein Ohr — 
Töne, daß im dämmernden Wald 
Die Zitterpappel beim Zuhören bebt. 



286 Das Leben Edgar Poes 

"Wenn der Waldgctt auf dem Hügel schlummert 

Und alle Zweige still sind vor Begeisterung. 

Der Jasmin sdilingt seine sdineeigen Sterne 

Zu einer sdiöneren Krone zusammen — 

Die Lilie atmet süßeren Duft aus 

Durch die Stäbe meines vergitterten Fensters — 

Und mit dem Blick zum Sternengewölbe der Nadit 

Verharre ich bei der „Schönheit, die Hoffnung ist"."" 

Die romantisciie Botsdiaft erreichte Poe in Riciimond am 
10. September, vermutlici um die gleiche Zeit, als sein Duell 
mißglüdct war. Er verzichtete sofort auf seine Projekte mit 
dem Stylus, kam nadi Fordham zurück und besciilöß, nach 
Providence zu fahren. 

„. . . Aber ich habe Ihnen nicht gesagt", sollte er einige Zeit später 
an Frau Whitman schreiben, „daß Ihre Zeilen midi in Ridimond 
an dem Tag erreidit haben, an dem ich wegen einer Tournee und 
einer Unternehmung hätte abreisen sollen, die geeignet waren, meine 
ganze Natur zu verändern; diese Unternehmung hätte midi in einen 
heftigen, kalten und erniedrigenden, aber audi herrlichen gigantischen 
Ehrgeiz hineingetrieben — und weit, weit und für immer, von 
Ihnen, süße, süße Helen und diesem götdichen Traum Ihrer Liebe 
fortgeführt".!'''' 

163) A low bewildering melody 

Is murmuring in my ear — 
Tones such as in the twilight wood 
The aspen thrills to hear 
When Faunus slumbers on the hill 
And all entranced boughs are still. 
The Jasmine twines her snowy stars 
Into a fairer wreath — 
The lily through my lattice bars 
Exhales a sweeter breath — 
And, gazing on night's starry cope, 
I dwell with „Beauty which is Hope". 

{Israfel, S. 772.) 

170) Poe an Frau Whitman, 18. Oktober 1848 {Israfel, S. 722). 

. . . But I have not yet told you that your Ms. lines reached 

me in Richmond on the very day in whidi I was about to depart 



Providence und Lowell — Helen und Annie 287 

Interpreten dieses Briefes meinen, Poe habe hier auf sein 
Duell angespielt oder auf eine geplante Heirat mit Frau 
Shelton. Aber es ist beinahe sicher, daß er bei diesem Aufent- 
halt in Ridimond Elmira nidit wiedergesehen hat. Die Tournee, 
das Unternehmen und auch der Ehrgeiz, von denen er schreibt, 
dürften daher nur mit dem berühmten Stylus im Zusammen- 
hang stehen. 

Der Stylus war jedoch für den Augenblick erledigt und Poe 
dadite nur nodi daran, zu seiner neuen „Helen" zu eilen. In 
New York bekam er von Miss Mac-Intosh ein Einführungs- 
schreiben für Frau Whitman. Dann schrieb er ihr selbst, mit 
verstellter Handschrift, und unterschrieb mit einem falschen 
Namen: Edward S.-T. Grey, Sammler von Autographen. Er 
tat dies zu dem Zweck, um zu erfahren, ob Frau Whitman 
in Providence sei. Sie war tatsächlich dort; Ende September 
kam Poe bei ihr an und überreichte ihr seinen Einführungs- 
brief. 

In dem Brief, den Poe naeii seiner Rückkehr in Fordham 
an Frau "Whitman geschrieben hat, schildert er die erste Be- 
gegnung: 

„Und nun lassen Sie midi mit den einfachsten Worten, über 
die idi verfüge, den Eindrudc beschreiben, den Ihre Gegenwart 
auf midi gemadit hat. Wie Sie bleidi, zögernd und beklommenen 
Herzens in das Zimmer traten, wie Ihre Augen einen kurzen 
Augenblidt lang auf den meinen ruhten, fühlte idi und erkannte 
idi zum erstenmal in meinem Leben die Existenz geistiger Ein- 
flüsse, die von der Vernunft nidit erfaßt werden können. Ich sah, 
daß Sie H e 1 e n waren, meine Helen, die Helen tausender Träume, 
... die Frau, weldie der große Spender für midi bestimmt hatte 



on a 



tour and an entreprise which would have dianged my very 
J)"""'^ 7" steeped me in a stern, cold, and debasing, although 
bnihandy gigantic ambition — and borne me „far, far away" and 
forever from you, sweet, sweet Helen, and from this divine dream 
of your love. 



Das Lehen Edgar Poes 



— nur für mich — und wenn audi nicht für jetzt, ach, dann 
wenigstens für die Zeit nadi diesem Leben, und für immer 
im Himmel. Sie spradien mit zitternder Stimme und schienen kaum 
zu wissen, was Sie sagten. Ich hörte Ihre Worte nidit t- bloß 
den süßen Klang Ihrer Stimme, der mir vertrauter zu sein schien 
als der Klang meiner eigenen . . . 

Ihre Hand blieb in meiner liegen und meine ganze Seele bebte 
in zitternder Ekstase; und wenn ich nicht gefürditet hätte, Ihnen 
Kummer zu bereiten oder Sie zu verletzeri, wäre ich Ihnen zu 
Füßen gefallen in einer so reinen und wahren Anbetung, wie sie 
nodi nie einem Idol oder einem Gott dargebracht wurde.""* 

Dann machten beide einen Spaziergang zum Friedhof, und 
in dieser wahrhaft Poesdien Dekoration erklärte sich Edgar, 
während „bittere, bittere Tränen" ihm in die Augen kamen: 
„Helen, ich liebe jetzt — jetzt — zum ersten und einzigen 
Male.""^ 

Im Laufe dieses Spaziergangs erzählte Edgar Poe der Frau 
Whitman wohl auch die Gesdiidite seiner ersten „Helen". 



171) Poe an Frau Whitman, V. E., Bd. 17, S. 305, 306. 

And now, in the most simple words I can command, let me 
paint to you the Impression made upon me by your personal 
presence. As you entered the room, pale, hesitating, and evidently 
oppressed at heart; as your eyes rested for one brief moment upon 
mine, I feit, for the first time in my life, and tremblingly 
adsnowledged, the existence of spiritual influences altogether out 
of the readi of reason. I saw that you were Helen — my Helen 
— the Helen of a thousand dreams . . . She whom the great Giver 
of all good had preordained to be mine — mine only — if not 
now, alas! then hereafter and for ever in the Heavens. — You spoke 
falteringly and seemed scarcely conscious of what you said. 
I heard no words — only the soft voice more familiär to me than 
my own . . . 

Your band rested within mine and my whole soul shook with 
a tremulous ecstacy: and then, but for the fear of grieving or 
wounding you, I would have fallen at your feet in as pure — 
in as real a worship as was ever offered to Idol or to God. 

172) Ebenda, S. 305. 

Helen, I love now — now — for the first and only time. 




SARAH HELEN WHITMAN, geb. POWER 

1803-1878 

(Nach einem Porträt von C. J. Thompson) 



Providence und Lowell — Helen und Annie 



2S9 



Sie hat später in einem kleinen Band'^''^ darüber beriditet: 
in ihrem Beridit wird ein Jüngling heraufbesdiworen, der in 
den kalten Oktobernäditen das Grab der gestorbenen Geliebten 
besuchte. Der Gleichklang der Namen half mit, daß Poe die 
erste der beiden „Helenen" mit der zweiten in leidenschaftlichen 
Tönen identifizieren konnte, in Tönen, die wieder einmal der 
Herbstwind über die Gräber trug. 

Poe verbrachte noch zwei Abende mit Frau "Whitman, „das 
Denken geriet durch den berauschenden Reiz ihrer Gegenwart 
ins Sdiwanken". Aber, setzt er fort, „ich sah und hörte Sie 
nicht mit gewöhnlichen menschlichen Sinnen, ich erkannte Sie 
nur durch meine Seele . . ."^'* So verhielt es sich eben mit Poes 
Leidenschaften: sie waren ebenso heftig wie platonisch. 

Poe fuhr dann nadb Fordham zurück, und dort setzte der 
Briefwechsel zwischen den beiden ein. 

Wieviel „Literatur" enthalten diese berühmt gewordenen 
Liebesbriefe, die zwischen den beiden „Berufs"-Dichtern ge- 
jirechselt wurden? Es ist sicher manches „Literarische" in ihnen 
zu finden, aber Dichter sind oft weniger unaufrichtig als man 
glaubt. Es gibt, wie man gesagt hat, „Aufrichtigkeiten, die 
einander folgen", es gibt aber auch solche, die zu gleicher Zeit 
auftreten. Man muß an diese Art von Aufrichtigkeiten denken, 
wenn man die glühenden Briefe liest, die Poe nun, oft an auf- 
einanderfolgenden Tagen, das eine Mal seiner Helen, das 
andere Mal seiner Annie zu schidien begann. 

Frau Whitman hatte den Heiratsantrag des Dichters nodi 
nicht beantwortet. Es scheint, daß das Aussehen und das tolle 



173) Sarah Helen Whitman: Poe and His Critics. Providence. 
^1860, 'i88j. 
' 174) Poe an Frau Whitman, V. E., Bd. 17, S. 306: 

My brain reeled beneath the intoxicating spell of your presence, 
and it was with no merely human senses that I either saw or 
heard you. It was my soul only that distinguished you there . . . 



Bonaparte: Edgar Poe. I. 



19 



I 



2 9° Das Leben Edgar Poes 



Benehmen ihres Liebhabers sie sdion bei der ersten Begegnung 
abgeschreckt haben. Bereits im ersten Briefe, den sie ihm sdirieb, 
machte sie nämlidi gegen eine Heirat Einwendungen: sie sei 
wegen ihrer gefährdeten Gesundheit — wegen eines Herz- 
leidens, das sie wirklidi hatte oder vielleidit auch nur affek- 
tierte — kaum fähig, eine Heirat zu ertragen. Sie sei audi 
einige Jahre älter als Poe . . . und dann stehen in dem Brief 
vier Zeilen Einwendungen, die durdigestrichen sind. Man 
dürfte sie auch darüber orientiert haben, welche Gefahren und 
Unannehmlidikeiten die Liebe zum „Raben" mit sidi bringe. 
Aber diese Liebe sdimeichelte ihrer Eitelkeit als Frau und als 
Dichterin und sie vertagte daher immer wieder die Ent- 
scheidung, da sie über die glühenden und „unsterblidien" 
Briefe glücklich war, die sie vom Dichter erhielt. 

Ihn jedoch reizte das Hindernis, daher verdoppelte er seine 
poetische Beredtsamkeit und steigerte er die Glut seiner Liebe. 
Helen erwiderte: 

„Obwohl midi die Achtung vor Ihrem Verstand, meine Be- 
wunderung für Ihr Genie In Ihrer Gegenwart zum sdiüditemen 
Kind madien, bin idi dodi — aber darüber wollen Sie sidi wahr- 
sdieinlich nidit Rediensdiafl geben — viel älter als Sie."^''° 

Daraufhin rief Poe aus: 

„Fühlen Sie nicht im tiefsten Innern Ihres Herzens, daß die 
,Seelenliebe', von der die Welt so häufig und leichtfertig spridit, 
in unserem Fall wenigstens, die wahrhafteste und absoluteste aller 
Wirklichkeiten ist? Begreifen Sie nidit — ich wende mich, Gelieb- 
teste, ebenso an Ihre Vernunft- wie an Ihr Herz — , daß der gött- 
lidie Teil meiner Natur — mein geistiges Wesen — danach brennt, 
sich mit dem Ihrigen zu vereinen? Hat die Seele ein Alter, Helen? 



175) Although my reverence for your intellect and mv 
admiration for your genius make me feel like a diild in your 
presence you are not perhaps aware that I am many years older 
than yourself . . . 



Providence und Lowell — Helen und Annie api 



} 



Kann die Unsterblichkeit sidi um Zeit kümmern? Kann dieses 
Erlebnis, das weder einen Anfang nodi ein Ende hat, an die wenigen 
armseligen Jahre denken, die im Leben lebendig werden?""'^ 

Was ihre gefährdete Gesundheit anlangte: Helen ahnte 
natürlich nidit, welcher Reiz für Poe gerade in der Tatsache 
steckte, daß ihre Gesundheit gefährdet war . . . 

Frau Whitman sdirieb ferner: „Wie oft habe ich über Sie 
sagen hören: er verfügt über große intellektuelle Kräfte, aber 
nicht über Grundsätze — er hat keinen Sinn für Moral." 
Worauf Poe sich in einem neuen langen Brief verteidigte. 

Er suchte sie sdhließlidi wieder auf. Sie hörte ihm zu, wie 
er von seinem Leben erzählte — oder wie er die Legende seines 
Lebens vortrug — , sie erfuhr von neuem, daß sie in seiner 
Phantasie innigst verbunden sei mit „Helen" Stanard, und daß 
er sie schon einmal in einer nie vergessenen Vergangenheit 
gekannt und geliebt habe. Und eines Abends, als sie in das 
durch ein Kohlenfeuer schwach erleuchtete Zimmer trat, sprang 
Poe, der neben dem Feuer schlummerte, jäh auf und sagte ihr, 
wovon er eben geträumt habe: das Porträt der Frau Whitman, 
das an der Wand hing, hatte die Züge Robert Stanards, des 
Sohnes seiner ersten „Helen" angenommen . . . 

Poe verließ jedoch Providence, ohne daß sich Frau Whitman 
entschieden hatte. 

* 



176) Poe an Frau Whitman, V. E., Bd. 17, S. 306. 

Do you not feel in your inmost heart of hearts that the 
„Soul love" of which the world speaks so oflen and so idly is, 
in this instance, at least, but the verlest — the most absolute of 
realities? Do you not — I ask it of your reason, darling, not less 
than of your heart — do you not perceive that it is my diviner 
nature — my spiritual being whicii bums and pants to commingle 
with your own? Has the soul age, Helen? Can Immortality regard 
Time? Can that which began never and shall never end consider 
a few wretched years of its incarnate life? 

ig* 



I 



292 Das Leben Edgar Poes 

Er reiste nadi Lowell, um dort einen Vortrag zu halten. 
Von Lowell ging er aber wieder zu den Ridimonds, die in dem 
Nachbardorf Westford wohnten, und quartierte sidi bei ihnen 
für einige Tage ein. Er mußte aus dem nervösen und stürmi- 
schen Zustand herauskommen, in den er durch Frau Whitman 
geraten war; daher wandte er sidi wieder an Annie, er wollte 
in einen ruhigen Hafen gelangen. Die Ruhe und der Frieden 
im Heim der Richmonds waren für ihn das Paradies. Er machte 
lange Spaziergänge mit ihnen über die Hügel, über jene 
Hügel, dieinLandors Landhaus durch die Magie der 
Kunst verklärt wurden. Sarah, die Schwester Annies, hat 
uns diese Zeit besdirieben: 

„Mein Gedäditnis hat ihn sozusagen photographiert, wie er an 
diesem frühen Herbstabend vor dem Holzfeuer saß, in die Glut 
blidste, eine teure Freundin — Annie — bei der Hand hielt; lange 
Zeit hindurch spradi niemand und das einzige vernehmbare Geräusdi 
kam von der alten, großen Standuhr, die sidi in der Ecke des 
Zimmers befand." 

Poe erwartete bei den Ridimonds die Antwort der Helen 
auf seinen Heiratsantrag. Die Antwort ließ auf sich warten. 
Am 2. November kam endlich ein unentschlossener Brief. Nun 
sdirieb Poe an Frau Whitman, er werde am 4. in Providence 
sein und machte sicii bereit, Richmond zu verlassen. Er befand 
sich jedoch in einem furchtbar nervösen Zustand, zu dem viel- 
leicht die Unentschlossenheit der Frau Whitman beigetragen 
hatte. Die hauptsächliche Ursache bestand aber darin, daß Poe 
während des kurzen Aufenthalts in Westford gefühlt hatte, 
er könne nicht mehr ohne Annie leben! Wenn 
Helen ja sagen würde, müßte er sich von Annie trennen; und 
nun sah er keine Möglichkeit, sich von Helen zurückzuziehen. 
Wäre er jedoch frei, dann hätte sich erst redit nichts an der 
Leere seines Landhauses und an seinem moralischen und physi- 
schen Elend geändert, da ja Annie, seine „Schwester Annie", 



Providence u-nd Lowell — Helen und Annie 293 

verheiratet war und ihm leider nidit nach Fordham folgen 
konnte, um ihn zu pflegen, zu trösten, und ihm am Abend die 
Hand zu halten. 

Daher entriß Poe, bevor er Westford verließ, Annie das 
Versprechen, sie komme bestimmt an sein Totenbett, wo immer 
er audh sterben werde. 

In dem Brief, den er aus Fordham am 6. November an 
Annie schickte, beschrieb er uns selbst, was nun folgte: 

„Oh, Annie, Annie ... Sie haben die Agonie des Sdimerzes, 
mit dem ich Ihnen Adieu sagte, gesehen, gefühlt — Sie erinnern 
sidi, wie düster idi dreinsah, ganz so, als ob ich das schreckliche, 
furchtbare Vorgefühl eines nahen Unglücks hätte. In WirkUchkeit 
— in Wirklichkeit — schien es mir, als ob sidi der Tod mir 
schon nähere, als ob ich schon in den Sdiatten eingehüllt wäre, der ihm 
voranging . . . Idi sagte zu mir: ich sehe Sie zum letztenmal, wir 
werden uns nur mehr im Himmel wiedertreflFen. Von diesem Augen- 
blick an erinnere ich midi an nichts mehr deutlidi bis zu dem 
Moment, wo idi midi in Providence befand. Ich hatte midi zu 
Bett gelegt und eine ganze Nacht hindurdi vor Verzweiflung 
geweint. — Als der Tag anbradi, erhob ich mich, und versuchte es, 
durch einen schnellen Spaziergang in der kalten und scharfen Luft 
meinen Geist zu beruhigen — ich konnte aber keinen Erfolg damit 
haben — , der Dämon quälte mich weiter. Schließlich verschaffte ich 
mir zwei Unzen Lauda^m, und ohne ins Hotel zurüdtzukehren 
fuhr ich wieder nach Boston.^" Nachdem ich dort angekommen war, 
schrieb ich Ihnen einen Brief, in dem ich Ihnen — Ihnen — mein 
ganzes Herz öffnete ... Ich sagte Ihnen, daß ich meine inneren 
Kämpfe nicht länger mehr ertragen könne ... Ich erinnerte Sie an das 
heilige Versprechen, das ich Ihnen zuletzt vor meiner Abreise ent- 
rissen habe — an das Versprechen, daß Sie unter allen Umständen an 
mein Sterbelager kommen werden. Ich flehte Sie an, nun zu mir 
zu kommen, gab Ihnen den Ort an, wo man mich in Boston finden 
würde. Nachdem ich den Brief beendet hatte, schluckte ich ungefähr 
die Hälfte Laudanum hinunter und rannte zur Post — idi entschloß 
mich, den Rest erst zu nehmen, nachdem ich Sie gesehen — , denn 

177) Das heißt: Er fuhr in die Riditung zurüi, in der sich Annie 
befand. 



i 



294 Das Leben Edgar Poes 

ich zweifelte nidit einen Augenblidc daran, daß Annie das heilige 
Verspredien halten werde. Ich hatte aber nicht mit der Macht des 
Laudanums gerechnet: nodi bevor ich bei der Post angelangt war, 
verlor ich die Besinnung, und so wurde der Brief nicht aufgegeben. 
Idi übergehe, teuerste Schwester, die fürditerlidien Schredcen, 
die nun folgten. Ein Freund, der vorbeikam, half mir und rettete 
mich (wenn man so sagen darf), ich kann midi aber erst seit drei 
Tagen an das erinnern, was sidi in diesem düstern Zeitraum 
ereignet hat. Nachdem ich das Laudanum erbrodien hatte, wurde 
ich wieder ruhig und, für den oberflächlidien Beobaditer, vernünftig, 
so daß man mir erlaubte, nach Providence zurückzukehren . . ." "s 

178) Poe an Annie. Fordham, 16. November 1848 (V. E., 
Bd. 17, S. 312—314). 

Oh, Annie, Annie! ... you saw, yon feit, the agony of grief 
with whidi I bade you farewell — you remember my expression 
of gloom — of a dreadful, horrible foreboding of 111. Indeed 

— indeed it seemed to me that Death approadied me even then, 
and that I was involved in the shadow whiA went before him . . . 
I Said to myself — „it is for the last time, until we meet in 
Heaven". I remember nothing distinctly from that moment until 
I found myself in Providence. I went to bed and wept through 
a long, long, hideous night of Despair — when the day broke, I 
arose and endeavored to quiet my mind by a rapid walk in the 
cold, keen air — but all would not do — the Demon tormented 
me still. Finally, I procured two ounces of laudanum, and, without 
returning to my hotel, took the cars back to Boston. "When I 
arrived I wrote you a letter, in which I opened my whole heart 
to you — to you ... I told you how my struggles were more than 
I could bear ... I then reminded you of that holy promise which 
was the last I exacted from you in parting — the promise that, 
under all circumstances, you would come to me on my bed of 
death. I implored you to come then, mentioning the place where 
I should be found in Boston. Having written this letter, I swal- 
lowed about half the laudanum, and hurried to the Post Office 

— intending not to take the rest until I saw you — for, I did 
not doubt for one moment, that Annie would keep her sacred 
promise. But I had not calculated on the strength of the laudanum, 
for, before I reached the Post Office my reason was entirely gone, 
and the letter was never put in. Let me pass over — my darling 
sister — the awful horrors which succeeded. A friend was at 
band, who aided and (if it can bc called saving) saved me, but 
it is only within the last three days that I have been able to 



Providence und Lowell — Helen und Annie 295 

In diesem Zustand — nadidem er also einen Selbstmord 
hatte verüben wollen, um glücklich in den Armen Annies zu 
sterben — kehrt Poe zu Frau Whitman zurück, um ihr den 
Hof zu machen. 

Er irrte in Providence wie ein "Wahnsinniger umher, und 
klopfte bei Frau Whitman so zeitlich morgens an, daß er nidit 
empfangen werden konnte. Sie sandte ihm einige Zeilen ins 
Hotel und schlug ihm für eine spätere Stunde eine Begegnung 
im Athenäum vor. Er antwortete ihr, er sei so krank, daß er 
habe nach Hause gehen müssen, flehte sie um ein Liebeswort 
an, und bat sie, ihm zu verspredien, „sie werde ihm gehören", 
was immer auch geschehen möge. 

In der folgenden Nacht kümmerte sich ein Freund der Frau 
Whitman, Mac-Farlane, um Poe. Am nächsten Morgen benützte 
dieser Freund die Gelegenheit, den „großen Dichter" zu einem 
Photographen zu führen; wir verdanken also Mac-Farlane die 
Daguerreotypie Poes, auf der man ihn mit dem verwüsteten 
Gesicht sieht.^'^'' Nach dem Besuch beim Photographen ging 
Edgar zu Frau "Whitman. Er befand sich (sagt sie) „in einem 
Zustand heftigster, wahnwitzigster Erregung und flehte midi 
an, ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu retten, das ihn 
bedrohte. Seine Stimme klang entsetzlich und laut durch das 
ganze Haus. Ich habe nie etwas so Fürchterliches, bis ins Er- 
habenste Fürchterliches gehört . . ." 

Frau "Whitman bekam Angst. Aber ihre Mutter, Frau Power, 
die mit ihr wohnte und gegen diese Heirat war, riet ihr nun 
selbst, dem Unglücklidien eine Unterredung zu gewähren. 
„Meine Mutter", erfahren wir von Frau "Whitman, „war von 

remember what occurred in that dreary interval. It appears that, 
after the laudanum was rejected from the stomach, I became 
calm, and — to a casual observer, sane — so that I was suffered to 
go back to Providence . . . 

178 a) Siehe die Abbildung nach S. 296. 



296 



Das Leben Edgar Poes 



so viel Verzweiflung gerührt und bedrängte midi, ihm alles zu 
versprechen, was er von mir verlangte, und ihn dadurch zu be- 
ruhigen." Zwei Stunden lang versuchte die Mutter Helens, ihn 
vor der Unterredung mit der Tochter zu beruhigen. Endlidi 
erschien Helen. Er begrüßte sie wie einen Engel, der den Auf- 
trag hatte, ihn zu retten, und klammerte sich so verzweifelt an 
ihr Kleid, daß er ein Stück Musselin herunterriß. So klammerte 
sicii Edgar Poe, dieses ewige, verzweifelte "Waisenkind, dieser 
Mensch, der immer wieder adoptiert sein wollte, an das Kleid 
jedes Mutter-Phantoms, das an ihm vorbeikam; und er hielt . 
sich so lange krampfhaft fest, bis das Phantom ihn zurückstieß. 
Die Mutter der Frau Whitman schenkte Poe Kaffee ein. 
Dann schickte sie nach einem Doktor, der ihn zu einem ihrer 
Freunde, W. J. Pabodie, begleitete. Im Athenäum fanden später 
nodi mehrere Begegnungen statt. Und dort gab ihm Frau 
Whitman endlich das Verspreciien, ihn unter der Bedingung zu 
heiraten, daß auch er ihr verspreche, niemals mehr zu Stimulan- 
tien oder zum Alkohol zu greifen: sie ließ sich dadurcäi eine 
Hintertüre offen ... 

Poe kam nach diesem Verspreciien in einem derartigen Zu- 
stand nacJi Fordham zurück (sagt Muddy), daß er kaum wieder- 
zuerkennen war. Zwei Tage nach seiner Verlobung mit Helen 
sdirieb er den Brief an Annie, den wir zitiert haben, jenen 
Brief, in dem er von seinem Selbstmordversuch erzählt und sie 
neuerdings seiner Liebe versichert. Er schließt ihn mit der Er- 
klärung, er könne nicht mehr leben — so krank sei er an 
Körper und Geist — , wenn er nicht auf der Stirn die sanfle, 
liebe Hand Annies spüre. Er bittet sie, nach Fordham zu 
kommen — wenn auch nur für eine kurze Woche — bis er die 
Unruhe bemeistert habe, die sein Leben zerstören oder ihn zu 
einem hoffnungslosen Wahnsinnigen machen müsse." 



179) Poe an Annie. Fordham, 16. November 18 
Bd. 17, S. 314): 



(V. E., 



I 




EDGAR POE 

(Diese Daguerreotypie verdanken wir Mac-Farlane; 

sie wurde 1848 in Providence 

nach dem Selbstmordversuch aufgenommen) 



I 



Providence und Lowell — Helen und Annie 297 



Aber Annie kam nicht, ja sie antwortete nicht einmal, so 
sehr war sie wahrscheinlich über den irren Ton, in dem der 
Brief ihres Anbeters gesdirieben war, entsetzt. Poe zerfleisdite 
sich nun in dem Konflikt Annie oder Helen; und er schickte 
beiden glühende Briefe, in denen er ihnen seine flehenden 
Hände entgegenstreckt, wobei es ihm gleichgültig war, welche 
der beiden weiblidien und mütterlichen Phantasiegestalten 
vor ihm stand. Er sdirie um Hilfe, man solle ihn „retten"; 
die Muddy mit ihren armen Händen, die nur den Besen 
und die Töpfe zu fassen gewohnt waren, genügte hiezu nicht. 
Seitdem das kleine Phantom, um das Poe seine Träume 
gesponnen hatte, fortgetragen worden war, stand in seiner 
Phantasie das Haus leer. 

In diesen Liebesbriefen, die in zwei Exemplaren abgesdiickt 
wurden, erbaute Poe in seiner Phantasie für Annie und für 
Helen (einmal für die eine, dann für die andere, oder audi für 
beide zugleidi) Landors Landhaus, neben dem ein 
kristallklarer Badi, der zwischen den Rasen plätscherte, 
vorüberfloß, das Haus, in dem ihn die Hände einer mütter- 
lichen Sylphide, die der Annie oder die der Helen, zur Ruhe 
wiegten. ^^" 

Einer von ihnen, Helen, verspricht er die Befriedigung ihres 
Ehrgeizes, die ruhmreiche Gründung der Aristokratie der Intel- 
ligenz in Amerika, der einzigen, die nicht bestritten werden 



I am so m — so terribly, hopelessly ill in body and mind, 
that I cannot live, unless I can feel your sweet, gentle, loving 
hand pressed upon my forehead — oh, my pure, virtmus, gene- 
rous beautiful sister Annie! Is it not possible for you to come 
— if only for one little week? Until I subdue this fearful agitation, 
whidi, if continued, will either destroy my life or drive me hope- 
lessly mad. 

180) Siehe Landors Landhaus und Poe an Annie, 
Fordham, 16. November 1848, ferner Poe an Frau Whitman, ohne 
Datum (V.E., Bd. 17, S. 314, 316). 



Das Lehen Edgar Poes 



könne.^*^ Der andern, Annie, teilt er mit, er werde mit größtem 
Fleiß arbeiten, Triumphe feiern und für sie reidi werden.^^^ Zu 
gleicher Zeit schreibt er seinem Onkel Edward Valentine — 
dem gleichen, der einmal, als sie bei einem Friedhof vorbei- 
ritten, den kleinen zitternden Knaben an sich gedrückt hatte — 
und verlangt von diesem Onkel, der inzwisdien Pastor ge- 
worden war, zweihundert Dollar, um den Stylus gründen zu 
können. Durch diese Zeitschrift: wollte er triumphieren, für 
Annie reich werden und gleichzeitig für Helen jene Aristokratie 
der Intelligenz gründen, über die sie beide herrschen sollten . . . 

Der Pastor scheint aber das verlangte Geld nicht gesdiickt 
zu haben; und Annie antwortete auf die Briefe nidit. Darum 
dringen bald Schreie höchster Verzweiflung aus dem Landhaus 
in Fordham.^*" 

Ridimond, der Gatte Annies, war nämlich von „guten" 
Freunden von der Gefahr benachriditigt worden, die seiner 
Frau durch die Verehrung des „Raben" drohte. Darum ant- 
wortete sie auf die Briefe Poes nidit; sollte wieder einmal das 
angebetete Phantom sidi von ihm entfernen? 

Es blieb ihm jedodti Helen. 

„In weniger als vierzehn Tagen", sdireibt er am 2 j. No- 
vember, „werde idi Sie, teure Helen, wieder an mein Herz 
drücken . . .",^** und dann lobt er sidi selbst, weil er das Ver- 
sprechen, abstinent zu bleiben, gehalten habe: 

„Von nun an bin idi stark: — die midi Heben, werden es sehen 
— aber auch jene andern, die den kläglidien Versudi unternommen 

181) Poe an Frau Whitman, 22. November 1848 (V. E., 
Bd. 17, S. 318). 

182) Poe an Annie, ohne Datum (ebenda, S. 319). 

183) Poe an Sarah, die Schwester Annies, 23. November 1848 
{ebenda, S. 319). 

184) Poe an Frau Whitman, 2j. November 1848 (V. E., Bd. 17, 
S. 320): In little more than a fortnight, dearest Helen, I shall 
once again clasp you to my heart. 



Providence und Lowell — Helen und Annie 



299 



haben, midi moralisch umzubringen. Idi braudite die Prüfungen, die 
ich durchgemadit habe, nur dazu, um zu dem zu werden, der ich 
von Geburt aus sein sollte, und um das Bewußtsein meiner eigenen 
Kraft wiederzugewinnen. - Aber, teure Helen, von meiner Ent- 
schlossenheit allein hängt nicht alles ab - alles hängt von der 
Aufrichtigkeit Ihrer Liebe ab.""^ 

Inzwischen hatten aber Frau Whitman und ihre Mutter von 
allen „skandalösen Begebenheiten" aus Poes Leben erfahren. 
Die Mutter bekam es mit einer immer größeren Angst zu tun, 
die Toditer litt, da eine romantische Lockung das Herz der 
Dichterin trotz allem an Edgar fesselte. Waren sie nicht ver- 
schwisterte Seelen? War sie nicht seine ewige „Helen"? Und 
lag nicht auch darin ein gutes Vorzeichen, daß sie an demselben 
Tag Geburtstag feiern konnten? Und waren die Le Poer, die 
normannischen Vorfahren, die sich Frau Whitman iür Edgar 
ausgedacht hatte, nicht identiscäi mit den Powers, von denen sie 
selbst abstammte? So konnten weder üble Nachrede, noch Ver- 
leumdung oder wie immer auch das Schlangengezüciit heißen 
mag, diese beiden füreinander bestimmten Liebenden trennen! 
Und eines Abends, an dem Helen durch jene üble Nachrede 
ganz besonders verletzt worden war, flüchtete sie zum Fenster 
und schrieb dort die Anrufung des Arcturus, aus 
der die Sehnsucht, ja die Gewißheit hervorging, das „w e i ß- 
glühende Feuer" ihrer Seele werde mit dem des sym- 
bolischen Sternes zusammenfließen, trotzdem die Schlange sie 
von ihm trennen möchte. Poe-Arcturus erhielt in Fordham 
dieses astrale Gedicht. 



i8j) Poe an Frau Whitman (ebenda, S. 320/321). 

Henceforward I am strong: - this those who love me shall 
See — as well as those who have so relentlessly endeavoured to 
ruin me. It needed only some sudi trials as I have just undergone 
to make me what I was born to be, by making me conscious of 
my own strength - But all does not depend, dear Helen, upon 
my hrmness — all depends upon the sincerity of your love 



300 Das Leben Edgar Poes 



Daher war er am 12. Dezember wieder nach Providence 
zurückgekommen. Die Angelegenheit nahm diesmal eine so 
schnelle "Wendung, daß Poe ein paar Zeilen für den Pastor 
Crooker vorbereitete, in denen er ihn bat, das Aufgebot für 
den kommenden Sonntag und Montag zu veröffentlidien. Bloß 
der Tag der Eheschließung war noch zu fixieren. Es schien also, 
als solle die Liebe über alle üble Nachrede und den "Widerstand 
der Verwandten triumphieren. Die Familie der Frau "Whitman 
konnte nur einen einzigen Sieg verzeichnen: das "Vermögen der 
Helen mußte vor der Heirat auf ihre Mutter übertragen und so 
vor dem Schnabel des „Raben" sidiergestellt werden. Am 
15. Dezember wurden die- Ehepakten zwischen Edgar Poe und 
Helen unterzeidinet und die Vermögensübertragung durch- 
geführt. 

Poe kehrte nun nadi Fordham zu Muddy zurück, die, wie 
es sdieint, darüber verletzt war, daß sich Frau Power der 
Heirat ihrer Toditer widersetzt hatte, und audi darüber, daß 
das Vermögen der Frau "Whitman auf ihre Mutter übertragen 
worden war. Obwohl auch sie diese Ehe nidit wollte, sdirieb 
Poe an Helen, seine Mutter wenigstens werde Böses mit 
Gutem vergelten. Er kündigte ihr auch an, daß er am kom- 
menden Mittwoch, am 20. Dezember, wieder in Providence sein 
werde. Tatsächlich verließ er am angegebenen Tag New York. 
Auf dem Bahnhof in New York sah er Frau Hewitt, die zu 
ihm sagte: „Sie gehen nach Providence, Herr Poe, um zu 
heiraten?" — „Idi halte dort einen Vortrag über Poesie", 
antwortete er, und nadi einigem Zögern fügte er hinzu: „Die 
Heirat wird vielleicht nie stattfinden." 

Der Vortrag im Franklin-Lyceum war ein großer Erfolg. 
Am folgenden Morgen sdirieb Poe an Annie: 

„Ich hoffe, midi durdi diesen "Vortrag ausgezeidinet zu 
haben . . ., ich habe midi um Ihretwillen so b e m ü-h. t. Achtzehn- 
hundert Menschen waren anwesend, und dieser Beifall! ... Idi war 



Providence und Lowell — Helen und Annie 



301 



um vieles besser als in Lowell. Wenn nur Sie dagewesen 
wären . . ."^^'' 

An dem gleidien Donnerstag wahrscheinlich erhielt Poe die 
endgültige Zustimmung der Frau "Whitman zu ihrer Heirat. 
Freitag den 22. wurde ein zweites Schriftstück unterzeichnet, 
das auf die Vermögensübertragung der Helen Bezug hatte; bei 
dieser Unterzeichnung war auch Pabodie anwesend, dem Poe 
am nächsten Morgen, am Samstag, den Brief für den Pastor 
übergab, der das Aufgebot veröffentlichen sollte. Poe schrieb 
nun an Frau Clemm: „Meine liebe teure Mutter, wir werden 
Montag heiraten und Dienstag mit dem ersten Zug in Fordham 
ankommen."^*'' 

Am gleichen Morgen, am Samstag den 23. Dezember, 
machten die beiden Verlobten eine Spazierfahrt. Helen fuhr 
dann nach Hause, um einzupacken, und sie traf Poe nach- 
mittags in einer öffentlichen Bibliothek. Don wurde ihr ein 
Brief übergeben, der. sie über den Skandal informierte, welcher 
durch die Leidenschaft Poes für Frau Richmond in Lowell 
entstanden war. Frau Whitman erfuhr auch (vielleicht 
durch Pabodie), daß Poe am gleichen Morgen in der Bar 
des Earl House mit Freunden trinkend angetroffen wurde. 
Er hatte also — am Tag vor seiner Heirat — das Ver- 
sprechen nicht gehalten, von dem die Heirat abhängig gemacht 
worden war. 

Frau Whitman machte sich diesen Vorwand sofort zunutze. 
Als sie mit Poe nach Hause gekommen war, sagte sie ihm, was 



186) Poe an Annie, Donnerstag morgens (V.E., Bd. 17, S. 322). 
I hope that I distinguished myself at the Lecture — I tried to 

de so, for your sake. There were 1800 people present, and sudi 
applause! I did so mudi better than I did at Lowell. If you had 
only been there . . . 

187) Israfel, S. 789. 

MY OWN DEAR MOTHER - We shall be married on 
Monday, and will be at Fordham on Tuesday, in the first train. 



302 Das Leben Edgar Poes 

sie über seine Anwesenheit in der Bar erfahren habe. Wir 
wissen nidit, ob audi von Annie die Rede gewesen. Dann ließ 
sie in Gegenwart Poes die Veröffentlichung des Aufgebots 
widerrufen. Poe leugnete auf das heftigste, getrunken zu 
haben; wir werden allerdings nie erfahren, ob und in welchem 
Ausmaß dies stimmt. Jedenfalls aber sah Frau Whitman, wie 
sie sagte, ein, daß man auf die Hoffnung, ihn zu ändern, 
verziditen müsse — und darin hatte sie nidit unredit. Idi 
glaube jedodi, der Hauptgrund, warum sie mit Poe bradi, 
bestand darin, daß sie von seiner Liebe zu Annie erfahren 
hatte. Wenn audi Edgar alles abgeleugnet haben dürfte — was 
wir aber nicht wissen — , der Flair des Weibes ahnte die 
Wahrheit. Und die Eigenliebe der verletzten Frau ließ das 
ganze Gebäude einstürzen, das die Phantasie der Diditerin um 
den Mann herum aufgebaut hatte. Darum mußte sidi Edgar 
Poe ohne Widerrede zurückziehen. 

Frau Whitman teilte nun ihrer Mutter mit, was in den 
letzten Tagen vorgefallen war. Am Ende des Nadimittags kam 
der von Helen herbeigerufene Poe nodimals zu ihr, um ver- 
schiedene Briefe und Dokumente wieder zurückzuerhalten. Sie 
übergab ihm die Sdiriflstüdke in Gegenwart ihrer Mutter und 
Pabodies, dann fiel sie ersdiöpft auf den Diwan und bededste 
das Gesicht mit einem in Äther getauditen Taschentuch. Poe 
stürzte sich auf sie. Frau Power madite ihn aufmerksam, er 
müsse sidi beeilen, um den Zug nadi New York noch zu er- 
reidien. Er fiel jedoch neben Helen auf die Knie und besdiwor 
sie, die Entsdieidung zu widerrufen. Sie flüsterte schließlich: 
„Was soll idi sagen?" — „Sagen Sie, daß Sie midi lieben, 
Helen!" Und sie wiederholte ganz leise durch das in Äther ge- 
taudite Tasdientudi: „Ich liebe Sie!" 

Das waren die letzten Worte der Dichterin zu dem Mann, 
um den sie in ihrer Phantasie ihr ganzes weiteres Leben Trauer 
tragen sollte, die vollen dreißig Jahre hindurch (sie starb mit 



Providence und Lowell ~ Helen und Annie 



303 



fünfundsiebzig Jahren), die sie trotz ihrer schwachen Gesund- 
heit noch weiterleben durfte. 

Pabodie begleitete Poe zum Bahnhof; um die Rolle zu be- 
leuchten, d-e Pabodie in dieser Sache spielte, mag nodi der Hin- 
weis auf die Tatsadie Platz finden, daß er selbst ein Verehrer 
der Frau Whitman gewesen. 

In seiner Einleitung zu den Histoires extraordinaires sagt 
Baudelaire über die Ereignisse, von denen wir eben berichtet 
haben : 

„Man erzählt übrigens, daß Poe eines Tages, gerade als er sich 

rlr "2 TT ^°"''---' f"r*«^li* betrunken war und die 
NaAbarsAaft der Frau, mit der er sich verehelichen sollte, auf- 
brachte; er nahm somit zu seinem Laster Zuflucht, um siA eines 
Meineids gegen die arme Tote zu entledigen, deren Bild immer in 
Ihm lebendig war und die er so wunderbar in seiner A n n a b e 1 L e e 
besungen hatte." 

Es scheint, daß Baudelaire hier den Grad von Trunken- 
heit, der Poe verfallen war, übertrieben hat; er stützt sich 
dabei allerdings auf Griswolds Memolr.^^^ Wenn jedoch seine 
Behauptung richtig ist, dann muß man annehmen, Frau 
Whitman habe im Einvernehmen mit Pabodie in ihrem Kult 
für ihren ehemaligen Verlobten die Tatsache seiner Trunken- 
heit abgeschwächt.^" 

Aber in einem Punkt trifft Baudelaire sicher das Richtige- 
nämhdi in der Annahme, das Verhalten Poes gegen Frau 
Whitman, dieses Verhalten, welches zum Bruch führen mußte, 
sei durch die Treue für eine andere Frau bestimmt worden. 



188) Im ersten Band von The Works of the Ute Edgar Allan 
Poe u,^th a memo.rhyKnius Wilmot Griswold and notices of Z 
&ild!%r'"' ^■^•'^'"" ^"'^ J.R. Lowell, New York, Red- 

P^^y ^'^^rlt°.^'^ ^" ^'^ "^"^ ^"^'^ Trihune", Griswold an 
Pabodie und Pabodie an Griswold, i8ja (V. E., Bd. 17, S.408 



I 



30^ Das Leben Edgar Poes 



Wollte er aber Virginia treu bleiben, wie Baudelaire be- 
hauptet? Oder A n n i e, wie man nach dem aktuellen Konflikt 
annehmen könnte, in dem Poe steckte? Hinter all dem Ver- 
halten lauerte die Treue zu seiner Mutter, die ihm für immer 
den normalen "Weg zur Frau versperrt hatte, indem sie an den 
teuren Leidinam die Libido ihres Sohnes fixierte. Die Trunk- 
sucht Poes, die Anfälle von Halbwahnsinn, weldie die geliebte 
Frau ersdirecken mußten, sdiließlich sogar der Mangel an 
Mißtrauen gegenüber dem „Nebenbuhler" Pabodie, waren die 
Mittel, deren sidi die Fixierung an die Mutter bediente, um 
Poe nodi knapp vor der Hodizeit vor der unmittelbar bevor- 
stehenden Gefahr, welche die physische Annäherung an die 
lebende Frau bedeutete, zu bewahren. 

„Gottlob! Die Gefahr ist nun endlich vorbei . . ." 
sollte Poe bald in seinem Gedidit F ü r A n n i e singen. Man 
kann diese Worte auch in dem oben angedeuteten Sinn ver- 
stehen. ^ 

Poe, der in das Landhaus von Fordham mit seiner Frau 
einziehen wollte, kam allein zurück. Frau Clemm war darüber 
nicht besonders verärgert, die Heirat ihres Sohnes mit der 
Dichterin hatte ihr nie gefallen. Aber der Stolz Edgars^ war 
nodi tiefer als seine Liebe verletzt. Daher war es seine nächste 
Sorge, diesem Stolz weitere Demütigungen zu ersparen. Er 
schrieb an Frau Whitman und bat sie, das Gerücht zu be- 
stätigen, das er selbst verbreitete: die Hochzeit sei nur wegen 
ihres Gesundheitzustandes verschoben worden. 

Fast zu gleicher Zeit schrieb er an Annie und erklärte ihr, 
eine große Last sei ihm durch den Bruch mit Frau Whitman 
abgenommen worden; er sei auch immer entschlossen gewesen, 
es nicht zur Heirat kommen zu lassen ... 

Was ist an diesen Worten wahr? Wahrscheinlich sehr viel. 
Die leidenschafllidie Neigung für Frau Whitman mit allen 



Providence und Lowell — Helen und Annie 



30J 



Zwischenfällen, die zu dieser Liebe gehörten, mußte sich in 
Edgar schnell in einen heftigen Alptraum verwandelt haben, 
und es scheint auch sicher zu sein, daß die Liebe Poes zu Annie 
der wahren Liebe am nächsten war."» Frau Whitman gegen- 
über verschwieg er mit Recht seine Neigung für Annie. Annie 
gegenüber aber log er kaum, wenn er ihr versicherte, sie 
braucäie auf Frau Whitman nicht eifersüchtig zu sein. 

Ende Januar schickte er an Annie sogar einen Brief, der für 
Frau Whitman bestimmt war, damit sie ihn lese, bevor er an 
seine Adresse abgeschickt werde: 

„Ich schicke Ihnen einen Brief für Frau Whitman. Lesen Sie 
ihn und zeigen Sie ihn nur den Menschen, denen Sie vertrauen 
können, versiegeln Sie ihn dann und schiien Sie ihn nach 
Boston. Wenn idi die Antwort erhalte, werde idi sie Ihnen zu- 
kommen lassen: das wird Sie von der Wahrheit dessen überzeugen, 
was ich gesagt habe.'"-""- 

Dann fügt er hinzu: 

„Trotz aller Bangigkeit und aller Verlegenheit, in die idi im 
Augenblick verstridct bin, fühle idi im Innersten meiner Seele eine 
göttliche Freude — ein unaussprechliches Glück — , das 
durdi nichts getrübt werden kann..."^"^ 

So sprach der Anbeter der in der Ferne lebenden Annie 
nach dem Bruch mit der „Helen tausender Träume". 
Zum Schluß des Briefes schrieb er: 



190) Ich bin hier einer Meinung mit Hervey Allen {hrafel, 
S- 77j)- 

191) Poe an Annie, 23. Januar (V. E., Bd. 17, S. 328). 

I enclose you a letter for Mrs. Whitman. Read it — show it 
only to those in whom you have faith, and then seal it with wax 
and mail it from Boston. When her answer comes I will send it 
to you: that will convince you of the truth. 

192) Ebenda. 

In all my present anxieties and embarrassments, I still feel in 
my inmost soul a divine joy — a happiness inexpressible — that 
nothmg seems to disturb. 

Bonaparte: Edgar Poe. I. „ 



3o6 Das Leben Edgar Poes 

„Seien Sie dessen versichert, Annie — von heute an meide idi 
diese verpestete Gesellsdiaft schreibender Frauen. Das ist eine 
Clique ohne Herz, ohne natürliches Empfinden, eine gallige Gesell- 
schaft, ohne Ehre und nur von unmäßiger Eigenliebe gelenkt. Frau 
Osgood ist die einzige Ausnahme, die idi kenne . . ." ^^^ 

Im gleidien Brief zählt Poe die zahlreichen Magazine auf, 
die seine Artikel angenommen oder ihn um Mitarbeit gebeten 
haben. Er werde sich an die Arbeit machen, Geld verdienen, reidi 
werden, über alle triumphieren, trotz der furchtbaren Kopf- 
sdimerzen, die ihn seit zwei Wodien quälen, und schließlich, 
meint er, könne er den Stylus gründen und der Richter und 
König der amerikanisdien Literatur werden. 

Am 14. Februar 1849 nahm Poe auch den Briefwedisel mit 
seinem Freund Thomas wieder auf, der so lange unter- 
brochen war: 

„Idi bin glücklich, Sie wieder in dem Ihnen einzig zukommenden 
Beruf, ,auf dem Felde der Literatur', wiederzufinden. Seien Sie 
trotz allem versidiert, Thomas, das Schreiben ist der edelste aller 
Berufe. Es ist fast der einzige, der eines Mannes würdig ist. Was 
midi betrifft, nidits könnte midi veranlassen, diesen Weg zu ver- 
lassen. Idi wenigstens werde mein ganzes Leben hindurdi Schrift- 
steller bleiben; und ich würde die Hoffnungen, die mich aufredit 
erhalten, nidit für das ganze Gold Kaliforniens hergeben.""' 



193) Ebenda. 

But of one thing rest assured, „Annie", — f rom this day forth I shun 
the pestilential society of literary women. They are a heartless, un- 
natural, venomous, dishonorable set, with no guiding principle but 
inordinate self-esteem. Mrs. Osgood is the only excepuon I know. 

194) Poe an Thomas, 14. Februar 1849 (V. E., Bd. 17, S. 332). 
Rigiit glad am I to find you once more in a true position 

— „in the field of letters". Depend upon it after all, Thomas, 
literature is the most noble of professions. In fact, it is about the 
only one fit for a man. For my own part there is no seducing me 
from the path. I shall be a litter ateur at least, all my life; nor 
would I abandon the hopes whidi still lead me on for all the gold 
in California. 



Providence und Lowell — Helen und Annie 307 

So lenkte der Diditer, der in seiner auf das äußere Objekt 
geridbteten Liebe sich geirrt hatte, der wieder durch die Frau 
enttäuscht worden war, narzißtisch seine Libido auf sich selbst 
und auf seine Schöpferkraft, die dadurdi neuerdings, wenn audi 
nur für eine kurze Zeit, eine ganz besondere Stärke erreichte. 

* 

Die ideale und distanzierte Liebe, die Poe für Annie hegte, 
scheint auf diese letzte sdiöpferische Zeit seines Lebens von 
besonders günstigem Einfluß gewesen zu sein. Die Stürme und 
Konflikte, welche die von Gefahren besetzte Gegenwart jeder 
geliebten Frau mit sidi brachte, waren besänftigt. Nun aber, 
wo er vom Liebesobjekt so weit entfernt war und von der 
Realität nicht gestört wurde, konnte er ungebunden von Annie 
träumen, und die Gedichte Die Glocken, El Dorado, 
Annabel Lee und Für Annie diditen und umdichten, 
und daran denken, daß sie von ihren Augen gelesen werden. 

Die erste Fassung der Glocken war — wie man sich er- 
innern wird"'' — auf das Drängen der Frau Shew hin an einem 
Tag geschrieben worden, an dem er sich in einem Zustand 
seltsamer Stumpfheit befand. Es bestand damals nur aus zwei 
Strophen, in denen der Grabesklang der „schweren Eisen- 
glocken" gleich auf das Klingeln der hochzeitlidien „kleinen 
Silberglocken" folgte — eine Aufeinanderfolge, die durch den 
in Poe inhärenten Wiederholungszwang, zu Liebe stets Tod zu 
assoziieren, erzwungen wurde. Das Glockenthema war für eine 
soldie Assoziation besonders geeignet und ihm darum teuer. 

Das kleine Gedicht mit den zwei kurzen Strophen war somit 
ein Jahr lang liegen geblieben. Jetzt aber, an einem einzigen 
Tag, wahrscheinlich am 6. Februar, machte er plötzlich ein 
langes Gedicht mit vier Strophen daraus.^"^ Die Silberglocken 

195) Siehe S. 269 f. 

196) Poe an Annie, Donnerstag, den 8. (V. E., Bd. 17, S. 330). 



3o8 Das Leben Edgar Poes 

hingen nun an fröhlichen Schlitten, die unter der eisigen und be- 
sternten Wölbung des Winterhimmels dahinglitten. Die hoch- 
zeitlichen Glocken verwandelten sich in Goldglodken, die ihre 
Töne aus geschmolzenem Gold in der nach Balsam duftenden 
Luft der Sommernacht klingen ließen. In der dritten Strophe 
tauchten gar Bronzeglocken auf, um als Sturmglocken des 
Brandes durch die Nacht zu heulen. Die Eisenglocken der 
letzten Strophe schließlidi blieben die Totenglocken, die in der 
Nadit des Todes läuteten. Es fällt uns dabei auf, daß jetzt alle 
Glocken in der Nadit klingen; das Thema des Gedichtes taudit 
— und das entspricht natürlich dem Geist Poes — in voll- 
kommener Verdüsterung unter. Für wen läuten nun. alle diese 
Glocken, die Silberglocken der Verlobung, die Goldglodcen 
der Hochzeit, die Bronzeglocken der Gefahr und sdiließlidi 
die Eisenglocke des Todes? Läuten sie nidit der ewigen Liebe 
Poes, die er verliert, sobald er sie errungen hat? Und sind 
die Flammen, weldie die Sturmglocke ankündigt, und die 
zwischen Hymen und Tod lodern, nicht das Symbol für die 
gefährlichen, unheilvollen „Flammen" der physisdien Liebe, 
die Poe so fürchtete? Durch diese Umformung wird das 
Gedicht, in dessen letzter Strophe deutlidb vom „Päan" die 
Rede ist, zu einer Art neuer Ausgabe von L e n o r e oder E i n 
Päan, dessen Thema in andern Bildern und mit andern 
Worten wiederholt wird. 

Gleidizeitig aber mit der Wiedergeburt der Poesie in der 
Seele Poes erfaßte ihn von neuem das Heimweh nach der toten 
Mutter, die für ihn mit der „Poesie" identisch war. Selbst das 
kleine Gedicht El Dorado, das zweifellos in der Zeit des 
kalifornischen Goldrausdies geschrieben worden, zeigt uns, daß 
der „w ackere Reiter, fröhlich aufgeputzt" — 
Poe selbst natürlich — , der sein ganzes Leben das Goldland 
gesucht hat, erfahren muß, El Dorado sei nidits anderes als das 
Sdiattental des Todes. 



Providence und Lowell — Helen und Annie 309 

Aber das mäditig empordrängende Heimweh nach einer 
Vereinigung mit der toten Mutter bricht besonders aus den 
zwei letzten großen Gedichten Poes, aus Annabel Lee 
und Für Annie, hervor. 

Wir haben schon ausführlich über Annabel Lee ge- 
sprochen, als wir von den letzten Tagen Virginias berich- 
teten."' Rosalie Poe behauptet, sie habe dieses Gedicht von 
ihrem Bruder im Sommer 1846 in Fordham gehört.^"^ Audi 
Poe hat (der Frau Weiß) erklärt, Annabel Lee sei vor 
dem Tode der Virginia gedichtet worden. Trug die Heldin 
schon damals ihren Namen oder bekam sie ihn erst durch den 
Einfluß Annies? Tatsache ist, daß das Gedicht umgedichtet und 
mit dem sicheren dichterischen Instinkt Poes verbessert wurde, 
als der Stern Annie aus der Ferne über seinem Leben leuditete. 
Er schrieb ihr um diese Zeit: „Ich habe eine Ballade geschrieben, 
die Annabel Lee heißt, und die ich Ihnen bald sdiicken 
werde . . ."^o» 

Deutlicher aber als in der Annabel Lee, in der die 
Heldin so nachdrücklich die Züge Virginias trägt, daß man 
andere, später hinzugefügte Züge nicht erkennen kann, deut- 
licher also als in Annabel Lee erkennt m^n in dem Ge- 
dicht Für Annie, welche Bedeutung Annie Richmond im 
Unbewußten Poes bekommen hatte. 

Elizabeth Arnold, die geliebte Mutter, hauste von dem 
Augenblick an in ihm, in dem er die Augen im Licht dieser 
Welt geöffnet hatte, und sie sollte für immer in ihm herrschen. 
Auf dieses ursprüngliche Antlitz wurde später im Unbewußten 
Poes das Bild seiner Frau Virginia als Realitätsersatz derart 



197) Siehe S. 215— 22j. 

198) Siehe S. 215. 

199) Poe an Annie, ohne Datum (V. E., Bd. 17, S. 346), 

I have written a ballad called „Annabel Lee", whidi I will send 
you soon. 



310 Das Leben Edgar Poes 

darübergelegt, daß es die meiste Zeit hindurch mit ihm gänz- 
lich verschmolz. Nun war aber Virginia gestorben; ihr „ver- 
waister" Mann mußte daher in der "Welt weiter nach einem 
Mutterbild suchen, an das er seine Hoffnungen und Träume 
klammern konnte. In der Realität kam er nie zum Ziel; er war 
außerstande, sidi dem Leben anzupassen — das ist der Fall bei 
allen Menschen, bei denen die ungebändigten Triebkräfte des 
Unbewußten vor der Realität die Vorhand haben — und 
diesem Verhalten blieb Poe bis zum Ende seines Lebens treu. 
Aber nadidem Virginia der Mutter Elizabeth ins Grab gefolgt 
war, fand sich wenigstens eine Frau, die Poe zu einem Gedidit 
inspirieren konnte — und die dort Erfolg hatte, wo Frances 
Osgood, Marie-Louise Shew und auch Helen Whitman nichts 
erreidien konnten. Einen soldien riesengroßen Raum hatte die 
sanfle, ruhige Annie im Unbewußten des Dichters erobert. 

Für A n n i e.""" 

Gotdob! die Gefahr 

ist nun endlidi vorbei . . . 

200) For Annie, Flag of Our Union, 1849; Home Journal, 
28. April 1849; Griswold, i8jo (nadi V. E., Bd. 7, S. 216). Der nadi 
der V. E., B. 7, S. 11 1 — 114, zitierte Text ist die Fassung aus dem 
Jahre 1849 (Home Journal): 

For Annie. 

Thank Heaven! the crisis — 

The danger is past, 
And the lingering illness 

Is over at last — 
And the fever calied „Living" 

Is conquered at last. 

Sadly, I know 

I am shorn of my strength. 
And no muscle I move 

As I lie at füll length — 
But no matter! — I fcel 

I am better at length. 



Providence und Lowell — Helen und Annie 311 

ruft der Dichter aus, während er diese Verse nadi dem Brudi 
mit Helen Whitman sdireibt. Aber die Krise, von der hier die 
Rede ist, erreicht eine ganz andere Schwingungsweite: 

Von schleppender Krankheit 

Ward endlich ich frei — 
Ward sieghaft vom Fieber 

Dem „Leben", nun frei. 

Und dann klingt das Lied auf den Tod des lebensmüden 
Wesens kräftig auf: 

Ich weiß es, ich kann 

Keine Taten mehr tun, 
Keinen Muskel mehr regen, 

Nur langgestreckt ruh'n — 
Was tut es! Jetzt fühl ich 

Midi besser im Ruh'n. 

Und idi liege so friedlich. 

Errettet von Not, 
Daß wer an mein Bett tritt, 

Vermeint, idi sei tot — 

And I rest so composedly 

Now, in my bed, 
That any beholder 

Might fancy me dead — 
Might Start at beholding me, 

Thinking me dead. 

The moaning and groaning, 

The sighing and sobbing, 
Are quieted now, 

With that horribie throbbing 
At heart: — ah that horribie, 

Horribie throbbing! 

The sickness — the nausea — 

The pitiless pain — 
Have ceased with the fever 

That maddened my brain — 
With the fever called „Living" 

That burned in my brain. 



312 Das Leben Edgar Poes 

Ersdirickt bei dem Anblick 
Und meint, idi sei tot. 

Das Ächzen und Krächzen, 
Die seufzende Plag' 

Ist nun endlich vorbei 

Mit dem schrecklidien Sdilag, 

Mit des Herzens entsetzlidiem 
Schrecklidiem Schlag! 

Das Übel — der Ekel 

Die ruhlose Not — — 

Hörte auf mit dem Fieber, 

Das im Hirn mir geloht — 

Mit dem Fieber, dem „Leben", 
Das wahnvoll geloht. 

Und von allen Foltern 

Ich jener genas. 
Die am schrecklichsten quälte. 

Am furchtbarsten fraß: 
Des Durstes nadi Liebe, 

Nadi Lieb' ohne Maß — 



And oh! of all tortures 

That torture the worst 
Has abated — the terrible 

Torture of thirst 
For the naphtaline river 

Of Passion accurst: — 
I have drank of a water 

That quendies all thirst: — 

Of a water that flows, 
With a lullaby sound, 

From a spring but a very few 
Pect under ground — 

From a cavern not very far 
Down under ground. 

And ah! let it never 
Be foolishly said 
That my room it is gloomy 
And narrow my bed; 



Providence und Lowell — Helen und Annie 



313 



Nun trank ich ein Wasser, 
An dem ich genas. 

Ein Wasser, das flutet 

Mit schlaf erndem Klang, 
Das nah unterm Boden 

Sich gräbt seinen Gang — 
Wenig Fuß in dem Grunde 

Sich gräbt seinen Gang. 

Und ach, daß noch immer 

Die Dummheit es spricht. 
Daß enge mein Bette, 

Ohne Lufl, ohne Lidit — 
Denn in anderen Betten 

Da ruht es sich nicht, 
Und zum Schlafen bedarfst du 

Solch Bett ohne Licht. 

So besingt der Dichter das Grab, das in der Phantasie der 
Mensdien eine zweite Wiege ist; er lehnt sich an die Mutter- 

For man never slept 

In a different bed — 
And, to sleep, you must slumber 

In just such a bed. 

My tantalized spirit 

Here blandly reposes, 
Forgetting, or never 

Regretting, its roses — 
Its old agitations 

Of myrtles and roses: 

For now, while so quietly 

Lying, it fancies 
A holier odor 

About it, of pansies — 
A rosemary odor, 

Commingled with pansies — 
With rue and the beautiful 

Puritan pansies. 

And so it lies happily. 
Bathing in many 



314 Das Leben Edgar Poes 

Erde wie an die mütterlidie Brust, die den Durst lösdit und 
an der das Kind einschläft. 

Aber da ersdieint die menschliche Gestalt der Mutter wieder: 

Die gemarterte Seele, 

Hier ruht sie sidi aus, 
Vergißt, und vermißt nidit 

Den duftenden Strauß 
Von Myrten, von Freude — 

Den Rotrosenstraudi. 

Denn drunten, da ruht sie 

In heiligerm Haudi, 
In süßestem Duften 

Von Rosmarinstraudi — 
Im Blauveildienduften 

Und Rosmarinhaudi — 
In keusdiester Reinheit 

Von Rosmarinstraudi. 

Symbolische Blumen zeigen so den Auftritt der mensdilidien 
Gestalt an, und während die gar zu physisdien weiblidien 

A dream of the truth 

And the beauty of Annie — 

Drowned in a bath 

Of the tresses of Annie. 

She tenderly kissed me, 

She fondly caressed. 
And then I feil gently 

To sleep on her breast — 
Deeply to sleep 

From the heaven of her breast. 

When the light was extinguished, 

She covered me warm. 
And she prayed to the angels 

To keep me from härm — 
To the queen of the angels 

To shield me from härm. 

And I lie so composedly, 
Now, in my bed, 



I 



Providence und Lowell — Helen und Annie 315 

Rosen und die hochzeitlidien Myrten verschwinden, erscheint 
die Mutter inmitten eines reinen, keuschen, („puritanischen") 
und dem Gi-ab entsprechenderen 'Wohlgeruchs von Blauveilchen, 
Rosmarin und Raute. 

Und da liegt sie nun heiter 

In Träume gebannt 
Von Treue und Schönheit, 

Von Annie, gebannt 
In Träume von Annie, 

Von Locken umspannt. 

Sie küßte mich innig. 

So zärtlich bewuiSt, 
Dann fiel idi in Schlummer 

Dort an ihrer Brust — 
In traumtiefen Schlummer 

Von himmlischer Brust. 

Als das Licht dann erloschen. 

Da deckt sie mich warm. 
Und sie bat zu den Engeln, 

Mich zu hüten vor Harm — 
Zu der Herrin der Engel, 

Mich zu schirmen vor Harm. 

(Knowing her love) 

That you fancy me dead — 
And I rest so contentedly, 

Now, in my bed, 
(With her love at my breast) 

That you fancy me dead — 
That you shudder to lock at me, 

Thinking me dead: — 

But my heart it is brighter 

Than all of the many 
Stars of the sky, 

For it sparkies with Annie — 
It glows with the Hght 

Of the love of my Annie — 
With the thought of the Hght 

Of the eyes of my Annie. 



3i6 Das Lehen Edgar Poes 

Haben wir hier nicht das Bild des gesättigten Kindes vor 
uns, das an der Mutterbrust eingeschlafen ist und von den 
zärtlichen Mutterhänden behütet, gestreichelt wird? Dem Kind 
fehlt es noch an Worten, um das Glück, zu besingen, in dem es 
sich badet; aber der Erwachsene, in dem das Kind ewig weiter- 
lebt, findet, wenn er die Gabe der Poesie mitbekommen hat, 
die Worte, weldie das Glück einer vergangenen Zeit wieder- 
erwecken können. 

Und das Gedidit schließt mit dem Bild des schlafenden 
Kindes, das der Liebe seiner Mutter sicher ist: 

Und idi liege so friedlich, 

Errettet von Not 
(Denn ich weiß ihre Liebe), 

Daß ihr meint, idi sei tot — 
Und ici ruh' so gelassen, 

Errettet von Not 
(Ihre Liehe im Busen), 

Daß ihr meint, idi sei tot — 
Nur schaudernd mich ansdiaut, 

Und denkt, ich sei tot. 

Dodi mein Herz, das strahlt heller, 

Als am Himmelsthron sprüht 
Der Sterne Gewimmel, 

Da von Annie es glüht. 
In der Liebe von Annie 

Erstrahlet und glüht. 
Im Gedanken an Annies 

Lichtaugen erglüht. 

So träumt der Dichter davon, daß er im Tod den Glanz der 
nievergessenen Mutteraugen wiedersehen werde, jenes Leuchten, 
das den Träumenden zu seiner Ligeia inspiriert hatte und dessen 
Reflex in den Augen anderer Frauen ihn stärker als alles andere 
anlockte, jener Glanz, der auch noch für uns aus der Miniatur, 
in der die Züge Elizabeth Arnolds weiterleben, sichtbar ist.^" 



201) Siehe S. 224, Fußnote 131. 



p 



Providence und Lowell — Helen und Annic 



317 



Und anderseits besingt dieses Gedicäit in herrlidien Worten, 
im Traum, was die Realität schon einmal Poe verweigert hatte 
und was sie ihm einige Monate später noch einmal verweigern 
sollte: in den Armen Annies zu sterben. 

Die Bedeutung der Mutter„übertragung", die für Poe auf 
Frau Ridimond übergegangen war, geht deutlich aus diesem 
Gedicht hervor. Außer Virginia, der großen Anregerin seines 
ganzen Werks, ist Frau Ridimond (neben Frau Stanard) unter 
allen Frauen, die er liebte, tatsächlich die einzige gewesen, 
welche ihn zu einem großen Gedicht inspiriert hat. 

Am 23. März schickte Poe sein Gedicht Für Annie an 
Frau Richmond und fügte diesem Kommentar bei: „Ich glaube, 
die Verse F ü r A n n i e (die ich Ihnen jetzt schicke), sind die 
besten, die ich je gesdirieben habe; aber ein Autor darf nur 
selten der eigenen Einschätzung seiner Leistung trauen, daher 
mödite idi gerne erfahren, was Annie wirklich von dieser 

Dichtung hält — und ihre liebe Schwester und Herr C "^"^ 

Wir wissen nicht, was Annie von diesem Gedichte dachte. 
Was uns anbelangt, wir stellen es neben die Annabel 
Lee und Ulalume und schließen uns gern dem Urteil 
Poes an. 

In einem früheren Brief, der vom 19. Februar datiert ist, 
beklagt sich Poe bei Annie, das Herz sei ihm schwer. Und 
während er noch zehn Tage^»« vorher den ihn berauschenden 
Plan gefaßt hat, das Landhaus in Fordham nicht mehr zu 
mieten und sidi mit Muddy in einem andern Landhaus, in 
Westford, bei den Richmonds einzuquartieren — jedenfalls 

202) Poe an Annie, 23. März 1849 (V. E., Bd. 17, S. 344). 

I think the lines „For Annie" (those I now send) mudi the 
best I have ever written; but an author can seldom depend on his 
own estimate of his own works, so I wish to know what „Annie" 
truly thinks of them — also your dear sister and Mr. C. — . 

203) Poe an Annie, Donnerstag, den 8. (V.E., Bd. 17, 's.331). 



3i8 Das Leben Edgar Poes 

aber bald eine "Woche mit Annie zu verbringen — teilt er jetzt 
mit, er habe Fordham neuerdings für ein Jahr gemietet und 
könne nicht mehr kommen. Böse Mäuler haben nämlich wieder 
einmal ihr Werk getan, und Poe erklärt daher:' er könne 
zwisdien den Zeilen lesen, Herr Richmond mißtraue ihm. Und 
man solle sogar versudit haben, den Gatten lädierlidi zu 
madien und als einen gefälligen Ehemann hinzustellen. Poe 
zieht es daher vor, nidit neben Annie zu leben, ja er verziditet 
sogar darauf, sie bald wiederzusehen: er wolle nicht das häus- 
liche Glüdk des einzigen Wesens in der ganzen Welt, das er zu 
gleidier Zeit wirklich und rein geliebt habe, trüben.^"* 

Wie hätte es auch die Welt verstehen können, daß die 
Leidenschaften des großen Dichters ebenso platonisch wie 
glühend waren? Ihre Tollheit täuschte, man hörte nur, wie 
heftig und beunruhigend die „Liebessdireie" waren; aber er 
schrie doch nur deshalb so laut, weil ihm jede physische Geste 
untersagt war. Jedesmal also, wenn er mit einer der besungenen 
„Seelenleidenschaften" liebte, mußte er sich vor der „Verleum- 
dung" der Welt zurüdcziehen, mit reinem Gewissen und ohne 
zu verstehen warum. 

Annie verließ ihn jedoch nicht, trotzdem sie so weit von 
ihm weg war. * 

Nach dieser großen Erregungsperiode, die mehrere Monate 
gedauert hatte, und deren verschiedene Ereignisse der Kampf 
um Frau Whitman waren, die beharrliche Verehrung Annies 
und das kurze, heftige Fieber literarischer Tätigkeit, aus dem 
zahlreiche Artikel, Briefe und die letzten großen Gedichte 

204) Poe an Annie, Fordham, Sonntag, den 19. Februar (V. E., 
Bd. 17, S. 337. (Das von Poe oder Harrison angegebene Datum muß 
aber entweder Sonntag der 18. oder Montag der 19. sein). 

I cannot and will not have it on my conscience that I have 
interfered with the domestic happiness of the only being in the 
whole World whom I have loved at the same time with truth and 
with purity. 



p 



Providence und Lowell — Helen und Annie 319 

hervorgingen, verfiel Poe natürlich wieder in einen Zustand 
tiefster Depression. Muddy schrieb im März an Annie: „Ich 
habe einige Male geglaubt, er werde sterben. Gott weiß, daß 
ich für uns beide das Grab herbeisehne. Das wäre sicher das 
allerbeste."^''= 

Einige Zeit nachher schrieb Poe: 

„Annie, — aus diesen Zeilen ersehen Sie, daß ich mich beinahe 
wohl fühle, wenn audi nicht ganz, — quälen Sie sich daher meinet- 
wegen nicht. Ich bin nidit so krank gewesen, wie meine Mutter 
geglaubt hat, sie zittert so sehr um mich, daß sie sich oft ohne 
Ursadie ängstigt. Ich war weniger krank als vielmehr psydiisih 
deprimiert — icii kann Ihnen nicht sagen, wie sehr idi unter einer 
düstern Stimmung gelitten habe ... Sie wissen noch, in welch 
fröhlichem Ton idi Ihnen vor nidit langer Zeit — über meine 
Pläne — meine Hoffnungen sdirieb, und daß ich damit rechnete, bald 
aus allen meinen Schwierigkeiten heraus zu sein. Es scheint mir aber, 
als ob jetzt alles danebengegangen ist — für den Augenblidc wenig- 
stens . . ." 

Und Poe zählt auf, was von seinen Hoffnungen zusammen- 
gebrochen, welche Magazine eingestellt wurden, für die er ge- 
schrieben hatte. Dann setzt er fort: 

„Sie werden, Annie, diese schlechteLaune sidierlidi jenen 
Ereignissen zusdireiben — jedoch mit Unrecht. Derart äußerliche 
Gründe könnten nicht eine solche Depression in mir hervorrufen . . . 
Aber idi kann über meine Traurigkeit nicht Klarheit be- 
kommen, und das macht mich noch trauriger. Ich bin von düsteren 
Ahnungen erfüllt. Nichts freut midi, nichts tröstet midi. Mein 
Leben sdieint zu Ende zu sein — die Zukunft ist wie eine düstere 
Leere." ^"^ 



20j) Israfel, S. 804. 

206)^ Poe an Annie, ohne Datum (V. E., Bd. 17, S. 345 f.). 

Annie, — You will see by this note that I am nearly, if not 
quite, well — so be no longer uneasy on my account. I was not 
so ill as my mother supposed, and she is so anxious about me 
that she takes alarm often without cause. It is not so much ill 
that I have been as depressed in spirits — I cannot express to 
you how terribly I have been suffering from gloom . . . You know 



Das Leben Edgar Poes 



Der Zyklothymiker Poe ging also auch diesmal wieder aus 
dem Zustand glühendster Exaltation in den tiefster De- 
pression über. 

Die „dunklen Ahnungen", von denen Poe spricht, erfordern 
unsere Aufmerksamkeit. Schon bevor er im November Annie 
verließ, hatte er jenes „schreckliche, grauenhafte Vorgefühl 
eines nahen Unglüdks".^<" Und mit vollem Redit: den nächsten 
Tag nahm er jene Unze Laudanum. Die Voraussage eines von 
außen kommenden Unglücks war hier — wie das fast immer 
der Fall ist — die Projektion, und somit die im Dunkeln 
bleibende Bewußtmadiung eines inneren unbewußten Wunsdies 
nach einer Selbstzerstörung, die einerseits mit den Todestrieben, 
welche stets in uns schlummern, anderseits mit den mit ihnen 
verbundenen erotischen Trieben in Zusammenhang steht, mit 
Trieben, welche Poe in die Arme Annies jagten, oder vielmehr 
in die Arme der in ihr verkörperten toten Mutter, nach der nun 
in seinem Jammer die Sehnsucht mächtig anwuchs. Darum 
durften die „dunklen Ahnungen" vom Frühling 1849 nidit 
lange ohne Reditfertigung bleiben. 

* 

Man wird uns einwerfen, daß der Lebenslauf Poes — wie 
wir bald sehen werden — so schnell zu Ende ging, weil er nur 
über eine sciiwaciie physische Gesundheit verfügte. Das leugnen 
wir niciit. Er stammte von einem Alkoholiker ab, ging aus 
einem Keim hervor, der mancherlei Beschädigung unterlegen 

how dieerfuUy I wrote to you not long ago — about my prospects 

— hopes — how I anticipated being'soon out of difficulty. Well! 
all seems to be frustrated — at least for the present . . . 

No doubt, Annie, you attribute my „gloom" to these events 

— but you would be wrong. It is not in the power of any mere 
worldly considerations, such as these, to depress me . . . No, my 
sadness is unaccountable, and this makes me the more sad. I am 
füll of dark forebodings. Nothing dieers or comforts me. My life 
seems wasted — the future looks a dreary blank. 

207) Siehe S. 293. 



p 



I 



Providence und Lowell — Helen und Annie 321 

war, litt vor und nach seiner Geburt viel Elend, und bot das 
Bild eines Menschen, den sdion Lauvriere nadi dem Terminus 
jener Zeit einen „degenere superieur" genannt hat. Wie viele 
Söhne von Alkoholikern, neigte audi er zum Trinken, ohne den 
Alkohol vertragen zu können. So erlebte er ständig den Kon- 
flikt zwisdien seiner Erbschaft und der Identifizierung mit dem 
trinkenden Vater einerseits und dem Kampf gegen diese 
Neigung anderseits: und war damit das schlagende Beispiel für 
einen dipsomanen Zyklothymiker. Der Alkohol, audi der nur 
intermittierend genossene — wobei zeitweilig das Opium wohl 
mitwirkte — hat wahrscheinlich in dem wenig widerstands- 
fähigen Organismus vielfadie Zerstörungen hervorgerufen, die 
Leber, Niere angegriffen, diffuse Vaskularverletzungen hervor- 
gerufen und die ungenügende Herztätigkeit sdiwer beein- 
träditigt. Gehirn und Herz waren jedenfalls nicht gesund. Das 
hätte genügt, um ein kurzes Leben zu verursachen. Dazu aber 
kam, daß außerdem noA irgend etwas, besonders seit Virginia 
fort war, ihn dazu trieb, voll Verzweiflung und mit allem 
Nadidruck jenem Gleiten nachzugeben, das durch seine 
schwankende Gesundheit verursacht wurde. Die Bewegung 
schien ihr Tempo immer mehr zu beschleunigen, und der Ruf 
des Grabes klingt nachdrücklicher als je aus dem Gedidite 
Für Annie. Es sah so aus, als ob die tote Mutter, die seit 
jeher die Hände nadi ihm ausstreckte, nidit mehr länger 
warten wollte. 



Bonaparte: Edgar Poe. I. 



PHILADELPHIA, RICHMOND UND 
BALTIMORE 

DIE LETZTEN FLUCHTVERSUCHE 

Poe kam aus der furditbaren Armut nicht heraus. Die ge- 
alterte Muddy konnte weder durch ihre Näharbeiten noch 
durch andere Wunder ihren Sohn und das Haus erhalten. 
Und wenn audi Frau Lewis und Frau Shew wieder die 
„Schutzengel" des armen Hauses wurden, der Stylus blieb die 
einzige Hoffnung, aus diesem Elend herauszukommen. Und 
welche Luftschlösser errichtete die Phantasie Poes mit diesem 
Projekt! Um aber Schlösser in Wirklichkeit bauen zu können, 
bedarf man eines soliden Einlagekapitals. Wer wollte nun das 
Kapital hergeben? 

Die Reise Poes nach dem Süden, wo er für den Stylus Sub- 
skriptionen sammeln sollte, und die er in einem Brief schon 
Anfang Februar erwähnt,^"* wird aus Mangel an Geld immer 
wieder aufgeschoben. Und immer wieder schreibt er an Annie: 
„Ich muß reich werden, reich . . ." Durdi Helen wäre er es 
geworden, für Annie wollte er es werden; das machte den 
Unterschied in seinem Verhalten den beiden Frauen gegenüber 
aus, und ließ ihn trotz allem Annie gegenüber männlicher er- 
scheinen als Helen gegenüber. Aber zwischen dem Projekt und 
der Realisierung lag der Abgrund, der durch den Charakter 
Poes immer wieder aufgerissen wurde. 



208) Poe an — , 29. Februar 1849 (V. E., Bd. 17, S. 338). Hervey 
Allen meint, daß dieser Brief, ebenso wie die auf den folgenden 
Seiten zitierten, an Eveleth geriditet sei (Israfel, S. 804). 



Die letzten Fluchtversuche 323 



In der Zeit nun, in der Poe das letzte Aufbäumen seiner 
Leidenschaft für Helen bekämpfte, fiel es einem jungen Mann 
aus Oquawka, einer kleinen Stadt in Illinois am Mississippi, 
ein, an Poe zu schreiben. Edward Horton Norton Patterson 
hatte nämlidi seinen eben verstorbenen Vater beerbt, er besaß 
em kleines Vermögen und den Oquawka Spectator, ein 
Magazin, das vom Vater gegründet worden war. Der junge 
Mann war vor kurzem (1849) großjährig geworden; seine 
erste Tat bestand in dem Brief an Edgar Poe. 

Es war das Sdireiben eines jungen und enthusiastischen Be- 
wunderers. Seit Jahren las er in verschiedenen Magazinen, die 
ihm unter die Augen kamen und die sein Vater im Tausch 
gegen das eigene bekam, was Poe geschrieben hatte. Er wußte 
daher auch von dem Plan zu einem großen Magazin, der den 
großen Dichter und Kritiker schon seit langem beschäftigte. 
In seiner jugendlichen und ehrgeizigen Begeisterung schlug er 
Poe vor, mit ihm dieses Magazin zu gründen. Er wolle das 
Kapital liefern, Poe solle die Artikel schreiben und die litera- 
rische Richtung bestimmen. 

Der Brief des jungen Mannes, der am 18. Dezember 1848 
abgeschickt worden war, erreichte Poe erst im folgenden 
April. Als er aber in diesem Elendsfrühling ankam, war 
er gleichsam die Manna, die vom Himmel fällt! Poe ant- 
wortete sofort; er war anderer Meinung über den Preis des 
zu gründenden Magazins, wollte elegante teure Hefte haben, 
das Jahresabonnement sollte fünf Dollar kosten statt der 
vorgeschlagenen drei. Er war audi mit dem vorgeschlagenen 
Titel nicht einverstanden, brannte aber darauf, zu einer Ver- 
ständigung zu gelangen. Endlich sollte der Stylus, dieser 
Traum seines Lebens, erscheinen! 

Aus weiteren Briefen erfahren wir, daß Poe Patterson in 
Oquawka, Saint-Louis, New York, oder wo immer er wünsdie, 
treffen wollte; er war im Begriffe, eine Vortragsreise nach dem 



324 Das Leben Edgar Poes 

Süden anzutreten. Die Vorträge und die nun einsetzende Pro- 
paganda sollten mindestens tausend erste Subskriptionen für 
den Stylus herbeischaffen; die erste Nummer war für 
Januar i8jo geplant.'''"' Vorher aber, im Mai, fuhr Poe nadi 
dem Norden. Die Gerüdite über den „Skandal" waren in- 
zwischen in Lowell abgeflaut, Edgar konnte es daher wagen, 
wieder bei Annie aufzutaudien. Diese wenigen Tage — die 
letzten, die er in ihrem Haus verbradite — waren audi die 
letzten glücklichen Tage seines Lebens. Annie liebte ihn, auf 
ihre Art — das beweisen die Briefe an Frau Clemm, die sie 
nadi dem Tod Edgars sdirieb.^" Bei ihr fand er die letzte, 
ruhevolle Zuflucht. 

Dann kam Poe mit der endgültigen Fassung der G 1 o c k e n, 
die er in Westford niedergeschrieben hatte, nadK Fordham 
zurück, stattete sich aus und war nun bereit, nadi Richmond 
abzureisen, um den Reichtum zu erobern. Vorerst aber mußte 
die Miete in Fordham bezahlt, werden; daher ersudite Poe 
Patterson, der ihm in Richmond fünfzig Dollar vorstrecken 
sollte, ihm das Geld noch vor dem Antritt der großen Reise 
zu leihen. Schon einmal, im Jahre 1843, hatte die Grün- 
dung des Stylus damit begonnen, daß ein gewisser Herr 
Clarke die Kosten einer Reise nach Washington tragen 
mußte, die dann ein so elendes Ende fand. War dem neuen 
Schwabenstreich in Richmond ein besserer Erfolg besdiieden? 
Tatsadie ist, daß Poe Ende Juni an Eveleth über den Stylus 
schrieb: 

„Idi warte auf die beste Gelegenheit, um ihn ersdieinen 
zu lassen; und wenn ich entdecken sollte, daß beim Jüngsten Geridit 
die Chancen erheblidi besser sein werden als heute, dann will idi 



209) Nadi dem auf der folgenden Seite zitierten Brief Poes an — 
(Eveleth). 

210) V.E., Bd. 17, S. 398, 402 und 431. 



Die letzten Fluchtversuche }i^ 

geduldig bis zum Jüngsten Geridit warten. Ich fahre nach Ridimond, 
um zu sehen, „was sidi madien läßt" — und es ist möglich, daß 
ich die erste Nummer kommenden Januar veröfFentlidie." °" 

Man könnte meinen, der alte Fludi Allans, der dem 
Adoptivsohn voraussagte, er werde nie zu etwas taugen, läge 
nodi immer auf der Seele dieses Sohnes, hindere ihn, je „reich 
zu werden" und in der materiellen Domäne Erfolg zu haben, 
die für die Väter, für die John Allans reserviert blieb. Dieser 
„naditräglidie Gehorsam" vor dem gefürchteten Vater sollte, 
wie es scheint, bis zum Schluß zur Folge haben, daß der Sohn 

vor jedem Erfolg scheiterte. 

* 

Gegen Ende Juni wurde das Landhaus in Fordham ge- 
sdilossen. Edgar Poe, der wieder von dunklen Vorahnungen 
verfolgt und von einer neuerlidien Depression gepeinigt wurde, 
begab sich mit Muddy nach New York, wo diese von der guten 
„Estella", von Frau Lewis, aufgenommen wurde. Und die 
dunklen Vorahnungen waren auch der Grund, warum Poe vor 
seinem Hinsdieiden an Griswold schrieb und den Reverend bat, 
seine vollständigen Werke herauszugeben, wenn er, Edgar Poe, 
sterben sollte; Willis war beauftragt, den biographischen Teil 
zu sdireiben. 

Poe nahm von seinen Freunden in New York Abschied. Er 
kam bei Frau Oakes Smith in dem Augenblick an, in dem sie 
in den Wagen stieg, um zur Bahn zu fahren. Sie war entsetzt 
über „sein sdimerzvolles Aussehen, über seine Augen, die nidit 

2ii) Poe an — (Eveleth), New York, 26. Juni 1849 (V. E., 
Bd. 17, S. 361). 

I am awaiting the best opportunity for its issue; and if by 
waiting until the day of judgment I perceive still increasing chances 
of ultimatc success, why until the day of judgment I will patiently 
wait. I am now going to Richmond to „see about it" — and 
possibly I may get out the first number next January. 



326 Das Leben Edgar Poes 

mehr von dieser "Welt waren, über den seltsamen Blidi voll 
Verzweiflung". Er stand ganz enttäusdit in der Sonne da und 
murmelte: „Idi hatte . . . Ihnen so viel zu sagen." 

Frau Lewis, bei der er ebenso wie Muddy die Nacht ver- 
bracht hatte, sagte er ein Lebewohl auf der Schwelle der Tür, 
und während Muddy weinte, spradi er: „Teure Stella, teure 
Freundin, Sie verstehen mich und schätzen mich wirklich — ich 
fühle, daß ich Sie nie mehr wiedersehen werde . . . Wenn ich 
nicht mehr zurückkomme, schreiben Sie die Geschichte meines 
Lebens. Sie können und werden mir Gerechtigkeit zuteil werden 
lassen." 

Von Muddy begleitet ging er 'dann zur Bahn. Dort gab er 
ihr einen letzten Kuß und sagte: „Gott segne Sie, meine teure 
Mutter. Haben Sie keine Angst um Ihren Eddy und denken 
Sie immer daran, daß ich sehr vernünftig sein werde, wenn ich 
von Ihnen weg bin, und daß ich zurüdikommen werde, um Sie 
zu lieben und zu trösten." ^^^ 

Poe fuhr nun über Philadelphia nach Richmond. Dort stieg 
er, vermutlich gegen Ende des Nachmittags, am i.Juli 1849, 
aus dem Zug von Perth Amboy aus. 

In seiner geblümten Reisetasche hatte er zwei Vorträge mit, 
deren einer sicherlich eine Rede über das Poetische 
Prinzip war, sein Lieblingsthema in dieser letzten Zeit. 
Die Börse enthielt ungefähr vierzig Dollar. Infolge des letzten 
kalifornischen Goldrausches gab es nun viele Wirtshäuser in 
Philadelphia. 

Auf das freigebigste bot sich daher Poe nach seiner langen 
und heißen Reise die Gelegenheit zum Trinken an. Vor allem 
aber drängte ihn die tiefe Depression, in der er sich damals 
befand und die so gebieterisch und drängend bei ihm den 
Alkohol zu Hilfe rief, dazu, der Versuchung zu erliegen. 

212) hrafel, S. 814. 



Die letzten Fluchtversuche 327 



Man weiß nidit genau, was nun vorgefallen ist. Immerhin 
steht fest, daß der Zeichner John Sartain, ein alter Freund 
Poes, mit dem er manchen Absinth getrunken hatte, an einem 
heißen Julitag in den Büros von Sartain's Magazine, das 
jetzt ihm gehörte, einen zitternden, schreienden Mann mit zer- 
zaustem Haar eintreten sah, der ihn um Sdiutz gegen ein- 
gebildete Verfolger anflehte, die diesem Unglücklicäien an- 
geblich nadisetzten. Der Verfolgungswahn, zu dem die mit 
dem Alter wachsende Tendenz schon immer in Poe steckte, 
war also ausgebrochen. Sartain, sein alter Freund, nahm ihn 
dann zu sich in die Wohnung. Dort verlangte Poe ein Rasier- 
messer, um sich den Sdinurrbart abnehmen zu können und 
dadurdi für die Verfolger unkenntlidi zu werden. Natürlidi 
gab man es ihm nicht. Mit Mühe bradite nun Sartain den 
rasenden Dichter zu Bett, dann bewachte er ihn die ganze 
Naclit und wagte es nicht, ihn allein zu lassen; Poe selber flehte 
ihn um Schutz an. 

Audi am nächsten Tag wurde die freundlidie Ergebenheit 
Sartains sehr auf die Probe gestellt. Als Poe am Abend un- 
bedingt ausgehen wollte, folgte der Freund ihm auf dem Fuße. 
Poe irrte, ohne stehenzubleiben, durch die Straßen, er sprach 
vor sidi hin, gestikulierte und zitierte mit seiner vollen und 
tönenden Stimme die Fiebervisionen, die in seiner leuchtenden 
und überreizten Phantasie an ihm vorüberzogen. Das Thema 
dieser Visionen, das ihn ganz in Bann hielt, von dem sein Geist 
vollständig besessen war, bestand aus einer schrecklichen Ver- 
schwörung, die ihn bedrohte. Vergeblich versuchte sein Freund, 
ihn zu beruhigen. Unermüdlich rannte Poe durch die Straßen, 
und Sartain bemühte sidi, ihn nach Hause zu bringen. ^^^ 

213) Nadi William-Fearing Gill, The Life of Edgar Allan Poe, 
New York, W. J. "Widdleton; London, Chatte and Windus 1880, 
S. 233— 237, auf den sich sowohl Harrison in der V. E., Bd. i, 
S. 307 f., als audi Hervey Alien im hrafel, S. 816, beziehen. 



3z8 Das Leben Edgar Poes 

Während dieses wahnwitzigen "Wettlaufs sdileppte Poe Sar- 
tain bis zum Fairmount Reservoir, wo sie gegen Mitternadit 
ankamen. Dort ließ er ihn die steile Stufe hinaufklettern, die 
bis zum obersten Rand des Reservoirs führte. Aber auch hier 
hörte Poe nicht zu phantasieren auf, er sdirie, er werde sidi 
nun umbringen, die Gefahr stehe unmittelbar bevor und er 
flehte auf die rührendste Weise um Schutz. Schließlidi ließ er 
sich nach Hause bringen. Aber nodi hatte Sartain nidit alle 
Prüfungen überstanden. Poe täuschte seine Aufsidit und ent- 
wischte von neuem. Er legte sich auf freiem Felde nieder und 
schlief ein. Da erschien ihm eine in Weiß gekleidete Vision 
und behütete ihn vor dem Selbstmord . . . 

Bald danach wurde er wegen Trunkenheit aufgegriffen und 
in das Gefängnis von Moyamensing gebradit. 

Hier soll ihm nun auf den Wällen ein neues, in Weiß ge- 
kleidetes Weibphantom erschienen sein und einige Worte zu- 
geflüstert haben: „Hätte ich nicht gehört, was sie sagte", er- 
klärte er später, „das wäre mein Ende gewesen." 

So war in diesen trostlosen Tagen die tote Frau, welche die 
Seele Poes bewohnte, zweimal aus dem lebenden Grabe hervor- 
gekommen und, durch die heftige Krise eines Alkoholwahns 
begünstigt, nadi außen „projiziert" worden; sie zeigte sidi 
den Blicken des Menschen, der sie in sicii trug . . . Die 
drohende und zu gleicher Zeit ihn beschützende Gestalt war 
eine „Verdichtung" der fernen und nahen Vergangenheit, sie 
war zu gleicher Zeit Elizabeth Arnold, seine Mutter, und 
Virginia, seine Frau, die aber als Lebende auch nur eine Ver- 
körperung der toten Elizabeth gewesen. Das Leichentudi der 
einen war nun in der weißen Figur auch das LeichentucJi der 
andern; und die Gestalt kam wie aus dem Jenseits herbei, um 
den zu fordern, der schon zu lange auf Erden weilte . . . 

Am nächsten Morgen, beim Appell der Gefangenen, soll 
Poe erkannt worden sein. Jemand soll gesagt haben: „Das ist 



Die letzten Fluchtversuche 329 

ja Poe, der Diditer!", und man ließ ihn frei, ohne von ihm 
die Geldstrafe zu verlangen. Als Sartain Poe fragte, warum er 
denn eingesperrt worden sei, soll dieser geantwortet haben, er 
habe einen falschen Sdieck untersdirieben. Poe wurde wahr- 
sdieinlidi in seinem Anfall von Verfolgungswahn von den 
alten Beschuldigungen des English gequält. Und um sein Elend 
noch zu versdiärfen, bekam er eine heftige Diarrhöe, die er für 
Cholera hielt. 

Die tote Mutter hörte natürlich nidit auf, im Zentrum 
seines Wahns zu herrsdien. Erst wurde er nun von dem Ge- 
danken heimgesucht, Muddy sei tot: er hatte Halluzinationen, 
in denen sie tot vor ihm lag, und er flehte Sartain an — ver- 
mutlich um seine einzige und dodi in vielen Formen auf- 
tauchende Mutter schneller im Jenseits zu erreidien — , ihm 
Laudanum zu versdiaffen, jene Droge, die schon einmal beinahe 
ihre Mission erfüllt hatte. Auf Sartains Weigerung hin brannte 
Poe von neuem durch, um durch die Straßen zu irren. Hier 
trafen ihn zwei alte Freunde, ehester Chauncey Burr und 
George Lippard, der überspannte Romanschriftsteller aus der 
Monk's Hall.^^^ Sie brachten ihn zu sidi nadi Hause, pflegten 
ihn, und nachdem der Anfall von Alkoholwahn ein wenig ab- 
geflaut war, konnte Poe am 7. Juli an Muddy einen Brief 
sdireiben. Der Inhalt dieses Briefes verrät uns nodi seinen 
elenden Zustand: 

„Meine teure, teure Mutter — idi bin so krank gewesen — 
idi habe Cholera oder ähnlidie üble Krämpfe gehabt, idi kann 
kaum die Feder halten. 

Sie müssen sidi im Augenblidi, in dem Sie diese Zeilen 
bekommen, zu mir auf den Weg madien. Die Freude, Sie zu 
sehen, wird unsere Sdimerzen lindern. Wir können nur gemeinsam 
sterben. Es wäre vergeblidie Mühe, mit mir jetzt zu räsonnieren; 

214) Siehe S. 180. 



330 Das Leben' Edgar Poes 

ich muß sterben. Ich will nidit mehr leben, seit ich Heureka ge- 
sdirieben habe. Ich könnte nidits anderes mehr fertigmadien. Für 
Sie weiterzuleben, wäre vielleicht süß, aber wir müssen gemeinsam 
sterben. Sie sind für midi, teure und immer geliebte Mutter, alles, 
alles gewesen, die teuerste und verläßlichste Freundin. 

Ich war nie wirklich wahnsinnig, bloß bei den Gelegenheiten, 
bei denen mein Herz getroffen worden. 

Man hat mich, seit ich hier bin, einmal wegen Trunkenheit ins 
Gefängnis gesteckt; aber damals war ich nicht betrunken. Das war 
wegen Virginia.'"''^ (Sicher eine Anspielung auf die weiße Er- 
scheinung.) 

So träumte Poe von neuem die Liebesphantasie einer Ver- 
einigung mit seiner geliebten Mutter im Tode, jene Phantasie, 
die ihm nach andern Erzählungen und Gedicliten zu der 
Ballade Annabel Lee und zu den Versen Für A n n i e 
inspiriert hatte; aber diesmal galt seine Sehnsuclit niclit der 
Anmut der sterbenden Virginia, noch dem ruhigen Reiz Annies, 
sondern den weißen Haaren und dem Witwenhäubchen der 
alten „Muddy"! Das war wenigstens eine Belohnung für die 
arme, alte Frau, welche verärgert über die Ratschläge einer 
reichen Freundin, die ihr zugemutet hatte, den „Sohn" zu ver- 

2ij) Poe an Frau Clemm (Nach Woodberry, 1909, II, S. 311, 312. 
— Israfel, S. 817). 

MY DEAR, DEAR MOTHER, — I have been so ill — have 
had the cholera, or spasms quite as bad, and can now hardly hold 
the pen. 

The very instant you get this come to me. The joy of seeing 
you will almost compensate for our sorrows. We can but die 
together. It is of no use to reason with me now; I must die. 
I have no desire to live since I have done Eureka. I could 
accomplish nothing more. For your sake it would be sweet to 
live, but we must die together. You have been all in all to me, 
darling, ever beloved mother, and dearest truest friend. 

I was never really insane, except on occasions where my heart 
was touched. 

I have been taken to prison once since I came here for getting 
drunk; but then I was not. It was about Virginia. 



Die letzten Fluchtversuche 331 

lassen, nach Fordham zurüdigekehrt war und dort voller Angst 
auf Nadiridhten von ihrem Edgar wartete . . . 

* 

Wir können uns leidit vorstellen, wie Poe in dem 
larmoyanten, rührseligen Zustand des Alkoholikers die heftig- 
sten Sdhreie nadi dem Tod und nach der Mutter zu Papier 
bradite; er sdirieb diese Zeilen mit jener furchtbaren Sdirift, 
die er während seiner "Wahnzustände hatte, und die er später 
selbst ausdrücklidi als die Sdirift jener Tage erwähnen sollte. 
Und wahrsdieinlich datierte er diesen Brief irrtümlidi aus New 
York, weil er in seiner Phantasie glaubte, er sei sdion im Tode 
mit seiner mütterlichen Muddy vereint; er hatte sie ja in New 
York zurückgelassen. 

Indessen ließ ihm Graham in Philadelphia, der von dem 
Zustand, in dem sidi sein ehemaliger Redakteur befand, durch 
Lippard erfahren hatte, fünf Dollar zukommen. Charles 
Petersen, der ehemalige Hilfsredakteur Poes bei Graham, tat 
das gleiciie. Burr kaufte für Poe eine Fahrkarte für den 
Steamer bis Baltimore. Der geblümte Reisesack, den man seit 
zehn Tagen suchte, wurde wiedergefunden, aber die Vorträge 
waren gestohlen worden. Mit der ausgeplünderten Tasche und 
den zehn Dollar Grahams und Petersons schiffte sich Poe, der 
von Burr bis zur Landungsstelle begleitet wurde, Freitag, den 
13. Juli, nach Baltimore ein. 

In Baltimore nahm er einen anderen Steamer nach Ridi- 
mond. Und knapp bevor er hier ankam, sclirieb er Muddy 
die folgenden Zeilen, aus denen von neuem pathetisdi die 
Sehnsudtit nach der Mutter in ihr hervorbridit: 

„Bei Ridimond. 

Es ist fürchterlidi heiß und außerdem habe ich ein derartiges 

Heimweh, daß ich nidit mehr weiß, was idi machen soll. Idi habe 

nodi niemals solche Lust empfunden, irgendeinen Menschen zu sehen, 

wie diesmal, wo idi Sie, meine geliebte Mutter, wiedersehen soll. 



i 



33^ Das Leben Edgar Poes 

Idn glaube, daß ich jedes Opfer dafür bringen könnte, nur nodi ein 
einziges Mal Ihre Hand zu halten, und zu erreichen, daß Sie midi 
trösten: so furchtbar deprimiert bin ich. Kein Anlaß wird bedeutend 
genug sein können, um mich von neuem von Ihnen zu reißen. Wenn 
ich bei Ihnen bin, kann ich alles ertragen, aber wenn ich von Ihnen 
fern bin, dann bin ich zu unglücklich, um weiterleben zu können."^" 

Poe kam in Richmond am Abend des 14. Juli 1849 an und 
ging direkt nach Duncan Lodge. Die Mackenzies, die gast- 
freundlich wie immer waren, nahmen ihn bei sich auf; er 
befand sich in einem fürchterliclien Zustand, seine Kleider 
waren zerrissen. Noch am Abend seiner Ankunft schrieb er 
an Muddy: 

„ . . . ich bin hier mit zwei Dollars angekommen. Ich schicke 
Ihnen einen davon. O Gott, Mutter, werden wir uns nie mehr 
wiedersehen? Wenn es Ihnen irgend möglidi ist, ach, KOMMEN SIE! 
Meine Kleider sind in einem furchtbaren Zustand und ich bin so 
krank. Ach, könnten Sie doch zu mir kommen, Mutter. Sdireiben Sie 
mir sofort — aber bestimmt! Gott segne Sie für immer. Eddv""^^ 

216) Poe an Frau Clemm, 14. Juli 1849 (erster Brief dieses 
Datums, nach Woodberry, 1909, II, 8.313 f. — Israfel, S. 818). 

Near Richmond. 
The weather is awfully bot, and besides all this, I am so 
homesidc I don't know what to do. I never wanted to see any 
one half so bad as I want to see my own darling mother. It 
seems to me that I would make any sacrifice to hold you by the 
hand once more, and get you to cheer me up, for I am terribly 
depressed. I do not think that any circumstances will ever tempt me 
to leave you again. When I am with you I can bear anything, but 
when I am away from you I am too miserable to live . . . 

217) Poe an Frau Clemm, 14. Juli 1849 (zweiter Brief dieses 
Datums; nach Woodberry, 1909, II, S. 315. — Hervey Allen, Israfel, 
S. 819 verlegt diesen Brief irrtümlicherweise in den Monat 
September). 

... I got here with two doUars over — of which I enclose 
you one. Oh God, my Mother, shall we ever meet again? If 
possible, oh COME! My clothes are so horrible and I am so ill. 
Oh, if you could come to me, my mother. Write instantly — 
Oh do not fail. God forever bless you. Eddy. 



Die letzten Fludnversuche 333 



Der Dollar blieb die einzige Geldsendung, die Poe während 
seines ganzen Aufenthaltes in Richmond der Frau Clemm zu- 
kommen ließ. 

Trotz der guten Behandlung durch die Madtenzies und 
durch seine Schwester Rosalie beharrte also die Sehnsudit nadi 
seiner „Mutter-Muddy" in dem Herzen des kleinen Kindes, 
das Poe unter dem Zwang seines Wahns und seiner Krank- 
heit wieder geworden war. 

Wir finden ihn nach wenigen Tagen in der Old Swan 
Tavern wieder, einer bescheidenen Pension, in der er ein 
Zimmer gemietet hatte. Dort suchte ihn Dr. George Raw- 
lings auf, jener Arzt, von dem wir erfahren, Poe habe wieder 
einmal einen Anfall von Gewalttätigkeit erlitten und ihn sogar 
einmal mit einer Pistole bedroht. Die Krise flaute aber sdinell 
ab, und bald antwortete Edgar auf den ersten Brief, den er 
von Frau Clemm erhalten hatte: 

„Ridimond, Donnerstag, den 19. Juli. 
Meine teure und geliebte Mutter! 

Sie werden schon durdi die Handschrift dieses Briefes erkennen, 
daß es mir besser geht — viel besser, was meine Gesundheit und 
mein psydhisdies Befinden angeht. Ach, könnten Sie nur wissen, 
wie sehr midi Ihr lieber Brief gestärkt hat! Das war Magie, könnte 
man sagen. Der größte Teil meiner Leiden kam von der sdireck- 
lidien Idee, die idi nidit loswerden konnte: von der Idee, daß Sie 
tot seien. Während mehr als zehn Tagen war ich ganz verstört, 
obwohl ich nidit einen einzigen Tropfen getrunken hatte; und 
während dieser ganzen Zeit war ich in meiner Einbildung von 
den grauenhaftesten Unglüdcsfällen heimgesudit. 

Das alles waren Halluzinationen, die von einem Anfall kamen, 
wie ich nodi nie einen gehabt hatte — einem Anfall von mania- 
ä-potu. Gebe der Himmel, daß dies nur eine Warnung für den 
Rest meines Lebens bleibe . . . 

Nodi ist nidit alles verloren, und ,die düsterste Stunde kommt 
knapp vor dem Anbrudi des Tages'. Verlieren Sie Ihren Mut nidit, 



334 Das Leben Edgar Poes 



teure und geliebte Mutter — alles kann nodi gut werden. Idi will 
meine ganze Kraft entfalten...""^ 

So gesteht sidi Poe selbst diesen seinen heftigsten Anfall von 
Alkoholwahn ein. Die Krise, die mit ihrem Auf und Nieder 
ungefähr zwei Wochen gedauert hatte, war vorbei und der 
Diditer konnte, zum letztenmal in seinem Leben, nodi einmal 

auf einen Aufstieg hoffen. 

«. 

Elmira, die Witwe des Herrn Shelton, eines reichen Kauf- 
manns, der seiner Frau seinen ganzen Besitz als Lebensrente 
und einen Sohn hinterlassen, näherte sidk den Vierzigern. Sie 
war eine sehr imponierende Erscheinung, Herrin ihrer selbst 
und sehr fromm. 

Kurze Zeit nach seiner Ankunft in Ridimond begab Poe 
sidi zu ihr. Ein Diener ging hinauf, um die Herrin des 
Hauses zu benadiriditigen, daß ein Herr nadi ihr frage; sie 
kam in den Salon herab. Es war Sonntag, und die fromme 
Dame wollte gerade zur Kirdie gehen. Wie sie eintrat, erhob 
sidhi Edgar und rief mit einer Stimme, die vor Erregung 

218) Nadi "Woodberry, II, S. 315 f. — Israfel, S. 820. 

Ridimond, Thursday, July 19. 

MY OWN BELOVED MOTHER — You will see at once by thc 
handwriting of this letter, that I am better — mudi better — in 
Health and spirits. Oh if you only knew how your dear letter com- 
forted me! It acted like magic. Most of my sufferings arose from that 
terrible idea whidi I could not get rid of — the idea that you 
were dead. For more than ten days I was totally deranged, although 
I was not drinking one drop; and during this interval I imagined 
the most horrible calamities. 

All was hallucination, arising from an attadt whidi I had never 
before experienced — an attadc of mania-d-potu. May heaven 
grant that it prove a warning to me for the rest of my days . . . 

All is not lost yet, and „the darkest hour is just before day- 
Hght". Keep up heart, my own beloved mother — all may yet 
go well. I will put forth all my energies . . . 



Die letzten Fluchtversuche 335 



zitterte: „Adi, Elmira, sind Sie's?" Frau Shelton erkannte ihn 
sofort und begrüßte ihn überaus freundlich, ging aber trotzdem 
sofort in die Kirche. Sie bat Poe, wiederzukommen. 

Er kam wieder. Man spradi von den vergangenen Zeiten, 
und Edgar erinnerte Elmira an das Verspredien, das sie ihm 
vor vierundzwanzig Jahren gegeben hatte. Sie glaubte zuerst, 
daß er auf eine romantisdie Weise scherze, mußte sich aber 
bald davon überzeugen, daß er die Sache ernst nahm. Ende 
Juli waren sie nun, sagt man, zu einem „Einvernehmen" ge- 
kommen. 

Poe war zu Elmira zurückgekehrt, weil er sie früher einmal 
geliebt und weil die Poesie dieser Jugendliebe in einem Herzen 
wie dem seinen nie mehr ganz verklingen hatte können. Aber 
nodi ein anderer Grund trieb ihn zu ihr: die Elmira seiner 
Jugend war jetzt zu einer der mütterlichen Gestalten geworden, 
die wie die geträumten Mütter der Kindheit Reiditümer 
schenken konnte. Dieses Mütterliche zog Poe an, nidit die Sorge 
um das Geld, wie man ihm vorgeworfen hat: das Vermögen 
Elmiras war ebenso wie das der Helen Whitman für ihn nichts 
anderes als eines der Attribute der Allmacht und Allfruchtbar- 
keit einer Mutter. Nach dem gleichen Schema herrsdite auch die 
reiche Frances Allan über ihn, als sie das Waisenkind adoptiert 
und mit vollen Händen ihre "Wohltaten über ihn ausgeschüttet 
hatte. Der "Wiederholungszwang, der unser Leben lenkt, 
drängte eben auch den vierzigjährigen Edgar Poe, dieses ewig 
verlassene Kind, dazuj sich wieder einmal adoptieren zu lassen, 
diesmal durch dieselbe Elmira, die ihn in seiner Jugend zuerst 
entzückt, dann aber in Verzweiflung getrieben hatte. 

Frau Shelton war natürlich von der neuerlichen "Werbung 
ihres ehemaligen Bewunderers entzüdit. Man hatte damals die 
Briefe ihres jungen Geliebten unterschlagen, um sie in die Arme 
des wenig poetisdien Herrn Shelton zu stoßen, und sie glauben 
lassen, Edgar habe sie vergessen. Das konnte sie ihren Eltern 



jjg Das Lehen Edgar Poes 



nie verzeihen. Nun mußte sie erfahren, daß noch vier- 
undzwanzig Jahre später Edgar an sie dadite! Und trotz 
ihrer Frömmigkeit war Elmira Frau. Ja, die Frömmigkeit 
konnte sogar im Dienste ihrer Eitelkeit und ihres Herzens 
Vernunftgründe finden: es sei vielleidit ihre Aufgabe, diese 
„verirrte Seele" zu retten. Poe, der außer mit Marie-Louise 
Shew niemals in die Kirche gegangen war, wurde dort bald 
am Sonntag neben Frau Shelton gesehen . . . 

Mit der Zeit hatten die Leute von Richmond Edgar Poe 
auda immer mehr sein Benehmen gegen den Vormund ver- 
ziehen. Der Ruhm machte ihn zu einem Objekt der Neugierde; 
und Kinder aus jener Zeit erinnerten sich später, ihn vorüber- 
gehen gesehen zu haben: „Ein Dichter, nach der Mode in 
Schwarz gekleidet, sdilank, aufrecht, das subtile Antlitz blickte 
nachdenklidi darein... Ein auffallend schöner Mensdi, nur 
der Mund störte.""^ Die Salons öffneten sidi wieder vor ihm. 
Selbst Frau Julia Mayo Cabell, eine Verwandte der zweiten 
Frau Allan, lud ihn ein. Und zu der sozialen Anerkennung 
kam noch das Gerüdit hinzu, Edgar Poe habe sidi mit Elmira 
Shelton versöhnt. 

Poe verbrachte seine Zeit damals hauptsädilich bei den 
Mackenzies und Rosalie in Duncan Lodge, bei den Talleys in 
Talavera und, am entgegengesetzten Ende der Stadt, im Haus 
der Frau Shelton in Churdi Hill. Er ging zu Fuß von einer 
Wohnung zur andern und kehrte am Weg häufig in der Broad 
Street bei einem jungen Doktor John Carter, seinem neuen 
Freund, ein, um sich ein wenig auszuruhen. 

Das späte Verlöbnis Edgars mit seiner Elmira sollte jedoch 
nidbt ohne Trübung bleiben. Elmira wußte nid it nur, wie 

219) Israfel, S. 822 (nadi Basil C. Gildersleeve, den Harrison in 
der V. E., Bd. i, S. 315 f., zitiert). 



Die letzten Fluditversuche 337 

berühmt Poe war, sie kannte auch seinen sdilechten Ruf und 
fand keinen besonderen Geschmack an der Idee, Patterson über 
Bord zu werfen und selbst das Gründungskapital für den 
Stylus herzugeben. Das wollte aber Poe: in seinen Briefen an 
Patterson berief er sich jetzt mit Selbstgefälligkeit auf die 
„Cholera", das „Kalomel", die „Gehirnsdiwäche", um sein 
Zögern zu entschuldigen und verschob jedesmal das Erscheinen 
des Stylus auf später.^^" 

Inzwischen aber traf Elmira Verfügungen, um ihren Besitz 
noch vor der Heirat in Sicherheit zu bringen. Ein soldies Vor- 
gehen, die Tatsache, daß Elmira selbst an die Sicherstellung 
dachte, war für Poe noch viel verletzender als das Verhalten 
der Helen Whitman, bei der die Mutter das Geld ihres Kindes 
hatte schützen wollen. Er war über den Mangel an Ver- 
trauen sehr böse, und anfangs August waren die Beziehungen 
zwischen den beiden Liebenden bereits wieder gelockert. Elmira 
verlangte von Edgar ihre Briefe zurück; und Edgar mied 
Elmira. 

Am 7. August hielt Poe einen mit großem Beifall aufgenom- 
menen Vortrag über das Poetische Prinzip vor einem 
ausgewählten Publikum. Frau Shelton war anwesend, der Vor- 
tragende verließ aber den Saal mit den Talleys. 

Das Reinerträgnis dieses Vortrags und einige Einnahmen 
durch Beiträge für den Southern Literary Messenger ermög- 
lichten es Poe, sich recht und schlecht durchzuschlagen. Aber er 
besaß noch immer nicht so viel, um sich einen Anzug kaufen 
zu können oder der armen Muddy, die in Fordham in größtem 
Elend auf ihn wartete, etwas Geld zu schicken . . . 

Elmira war jedoch keineswegs im Unrecht, wenn sie an Eddy 
zweifelte! Zweimal war er neuerdings von seinen Anfällen 
heimgesuciit worden — ganz wie in Philadelphia. Der "Wein 

220) Poe an Patterson, 15. Juli und 7. August 1849 (V. E., 
Bd. 17. S. 363). 

Bonaparte; Edgar Poe. I. sa 



338 Das Leben Edgar Poes 

in diesen südlichen Gegenden war zweifellos gar zu ver- 
führerisch! Das erstemal hatten ihn die Mackenzies in der Old 
Swan Tavern gepflegt j er war ziemlich glimpflich davon- 
gekommen. Aber das zweitemal, im August, war der Anfall 
derart stark, daß Poe nadi Duncan Lodge transportiert und 
sein junger Freund, Dr. Carter, geholt werden mußte. 

Als Poe zu sich kam, hielt Carter ihm eine ernste Straf- 
predigt: der Dichter könne keinen Anfall mehr überstehen — 
wenn er leben wolle, dann müsse er von nun an jeden Alkohol 
meiden. Poe war von Gewissensbissen gepeinigt, er schluchzte 
heftig, jammerte und sagte, daß er vergeblidi versuche, sich 
von seinem „Laster" zu befreien. Und er wolle sich in Zukunft 
beherrschen, den Versuchungen Widerstand leisten, ein Ver- 
sprechen, das er feierlich beschwor! Und um sich selbst seinen 
Entsdiluß zu erleichtern, schrieb er sidi kurze Zeit nachher 
in der Shockoe Hill Division der Sons of Temperance"^'^ ein 
und sdiwor vor dem Präsidenten W. J. Glenn, gänzlich ab- 
stinent zu bleiben. Die Zeitungen beriditeten darüber. 

Von dieser Zeit an soll sich Poe in Richmond tatsädilich 
jedes alkoholischen Getränks enthalten haben. Man sah ihn in 
den Büros des Richmond Examiner, bei Daniel, bei dem 
gleichen Daniel, mit dem er sich im vergangenen Jahr im Duell 
schlagen hatte wollen und der jetzt mit ihm befreundet war. 
Er sah hier von neuem seine Gedichte, den Raben oder 
Traumland durch, ließ sie setzen, korrigierte die Fahnen 
und blieb so bis an sein Lebensende der Dichtkunst treu. 

Anfangs September hatte sich Edgar auch mit Elmira wieder 
versöhnt. Sie verlobten sich. Und am j. September"^ schrieb 
Poe an Frau Clemm: 



221) The Shockoe Hill Division of the Sons of Temper ance. 

222) Nadi Israfel, S. 832. Der Brief (V. E., Bd. 17, S. 368— 370) 
ist mit September 1845, Mittwodi abends, datiert. Dieser Mittwodi 
kann aber nadi allem nur der j. September gewesen sein. 



I 



Die letzten Fluchtversuche 339 



„ . . . Und dann, meine liebe und teure Muddy, in dem Augen- 
blidc, in dem ich eine endgültige Antwort auf alle diese Fragen 
haben werde, schreibe ich Ihnen wieder und teile Ihnen mit, was 
Sie machen sollen. Elmira möchte gerne Fordham besuchen, aber 
idi glaube nicht, daß das gut ist. Ich halte es für das beste, Sie 
erledigen dort alles und kommen mit dem Steamer hierher. 
Schreiben Sie sofort und teilen Sie mir mit, was Sie von diesem 
Vorschlag halten, denn Sie wissen am besten, was Sie tun sollen." 
Dann fügte er ohne Übergang hinzu: „Sollten wir jedoch in Rich- 
mond oder in Lowell glücklicher sein? — denn idi vermute, daß 
wir in Fordham niemals glüdlich sein werden, und, Muddy, ich 
muß dort sein, wo idi Annie sehen kann . . ." Und einige Zeilen 
später: „Schließlich glaube ich, teure Muddy, das beste wäre, Sie 
sagen, ich sei krank oder etwas Ähnliches und verabschieden sich 
in Fordham, um hierher zu kommen. Teilen Sie mir sofort mit, was 
Sie für das Riditige halten. Sie wissen, daß wir leicht bezahlen 
können, was wir in Fordham schulden, und Fordham ist ein schöner 
Ort — aber ich will in der Nähe Annies leben." Und er 
sdiHeßt: „Schreiben Sie mir nichts über Annie — idi kann es in 
diesem Augenblidi nicht ertragen, von ihr sprechen zu hören, — so- 
lange Sie mir nicht mitteilen können, Herr R. sei tot. — Idi habe 
schon den Ehering gekauft, und es wird mir hoffentlich nidit schwer- 
fallen, mir einen Frads zu verschaffen." °^' 



223) Poe an Frau Clemm, September 1849, Mittwoch abends 
(V.E., Bd. 17, S. 368 ff.). 

And now, my own precious Muddy, the very moment I get a 
definite answer about everything, I will write again & teil you 
what to do. Elmira talks about visiting Fordham — but I do not 
know whether that would do. I think, perhaps, it would be best 
for you to give up everything there & come on here in the 
Padcet. Write immediately & give me your advice about it 
— for you know best. Could we be happier in Ridimond or 
Lowell? — for I suppose we could never be happy at Ford- 
ham — and, Muddy, I must be somewhere where I can see 
Annie . . . 

I think, upon the whole, dear Muddy, it will be better for you 
to say that I am ill, or something of that kind, and break up 
at Fordham, so that you may come on here. Let me know 
immediately what you think best. You know we could easily pay 



340 Das Leben Edgar Poes 

Aus diesem Brief erfahren wir sehr interessante Dinge: 
erstens, daß die Heirat zwischen Poe und Frau Shelton be- 
schlossen war; zweitens, daß Eddy sidi noch nicht entsdilossen 
hatte, die Muddy selbst aus Fordham abzuholen; drittens, daß • 
das affektive Ergebnis der Verlobung mit Elmira die Er- 
weckung der Sehnsucht nadi Annie war. 

In dem Augenblick, in dem Poe sein Leben an das einer 
andern Frau binden sollte, brach also das Bedauern aus ihm 
hervor, daß diese Frau nicht Annie sei. "Wohl war Elmira 
früher einmal die Flamme des jungen Edgar gewesen; aber in 
der ernsten und frommen vierzigjährigen Dame blieb von dem 
zierlichen und leichtfüßigen Mädchen von fünfzehn Jahren 
wahrscheinlich nicht mehr genug übrig, daß die Phantasie des 
Diditers sich an der Berührung mit ihr neu hätte entzünden 
können. Es ist daher kein Zufall, daß die Zeilen, welche vom 
Tod des Herrn Richmond sprechen, und jene andern, in denen 
vom Ankauf des Eherings die Rede ist, gleich nebeneinander 
stehen. Diese Nebeneinanderstellung hat im Unbewußten den 
"Wert eines gedachten Bandes; sie sagt gleichsam: „Warum ist 
nicht Annie Witwe und frei? Ich würde dann diesen Ehering 
an ihren Finger stecken." 

Poe verehrte Annie aber hauptsächlich deshalb, weil sie 
nidit "Witwe und nicht frei war. Bei Elmira hingegen kam zu 
den andern Fehlern, die sie in den Augen Edgars hatte, hinzu, 
daß sie erreichbar wurde. Annie jedoch erfüllte außerdem eine 
der Liebesbedingungen, die Edgar schon mit zwanzig Jahren 
besungen hatte: 



off what we owe at Fordham and the place is a beautiful one 
— but I want to live near Annie. 

Do not teil me anything about Annie — I cannot bear to 
hear it now — unless you can teil me that Mr. R. is dead. — 
I have got the wedding ring — and shall have no difficulty, I 
think, in getting a dress-coat. 



Die letzten Fluchtversuche 341 



„lA Labe nur dort lieben können, wo der Tod seinen Atem mit dem 

der Schönheit vermischte — 

Oder dort, wo der Hymen, die Zeit und das Schicksal zwischen ihr 

und mir weiterzogen." 
Jetzt war dieselbe Elmira, die, zum Teil wenigstens, Edgar 

damals zu jenen Zeilen inspiriert hatte, nicht mehr durch das 

Schicksal oder Hymen von ihm getrennt! Daher sagte Edgar 

von ihr in seinem nächsten Brief an Muddy: 

„Elmira ist soeben vom Land zurückgekommen. Idi habe den 
gestrigen Abend mit ihr verbradit. Idi glaube, sie liebt midi mit 
mehr Ergebenheit als irgendeine der Frauen, die idi bisher gekannt 
habe, und idi kann nicht umhin, sie dafür auch zu lieben."^''* 

Die wahre Leidenschafl; spricht anders. "Wir haben gesehen, 
wie er in einem andern Brief an die gleiche Frau Clemm von 
Annie sprach . . . 

Elmira und Annie waren für ihn zwei Pole geworden, 
zwei mit tiefer unbewußter Bedeutung besetzte Symbole, 
zwischen denen in diesen letzten Monaten seines Lebens das 
Schicksal Edgar Poes hin und her pendeln sollte. 

Auf der einen Seite stand eine "Witwe von fast vierzig 
Jahren, seine Gattin von morgen, mit der ein Versudi unter- 
nommen werden mußte, den zu unternehmen Poe wahrscheinlich 
noch nie gewagt hatte. Elmira repräsentierte daher trotz ihres 
prosaischen Benehmens und ihrer Frömmigkeit die gefährliche 
Sinnlichkeit. 

Auf der andern Seite stand die nodi nicht dreißigjährige, 
verheiratete ferne Geliebte, die ihn nie in solche „Gefahr" 
brachte, um die er tausend Träume spinnen konnte — be- 
sonders den schönsten Traum, in ihren Armen zu sterben. 



224) Poe an Frau Clemm. Richmond, Dienstag, 18. September 4g 
(V. E., Bd. 17, S. 366)- 

Elmira ^ has just got home from the country. I spent last 
evening with her. I think she loves me more devotedly than any 
one I ever knew and I cannot help loving her in return. 



34Z Das Leben 'Edgar Poes 

Die eine war die Frau, mit der er in Prosa sozusagen und 
in der „Gefahr" kämpfen und leben sollte. Mit der andern hin- 
gegen lebte er im Traum und in der Poesie; bei ihr konnte 
er davon träumen, an der Brust der Mutter zu liegen, und in 
den Schlaf gewiegt zu werden. 

Und der Vorrang im Schicksal Poes kam unzweifelhafl: 
jener Frau zu, der nadi dem Tod der Virginia auf Annie „über- 
tragen" worden war. Frau Shelton repräsentierte durch ihren 
beschützenden Reichtum eher die Mutter, welche das verlassene 
Kind adoptiert hatte, sie war also eine verspätete Frances 
Allan. Annie hingegen, mit der er sterben mödite, repräsentierte 
im Unbewußten Poes die erste Liebe seiner Kindheit: durch das 
Sternenleuchten ihrer Augen, die bis in das Herz des Geliebten 
hineinfunkelten, durch geheimnisvolle Zusammenklänge, die 
uns heute entgehen und an denen jene Augen zweifellos großen 
Anteil hatten. In ihr fand er die wahre Mutter Elizabeth 
wieder, der er' mit seinem ganzen kleinen verliebten Kinder- 
herzen hatte folgen wollen, als grausame Männer ihn von ihr 
trennten und ihn daran hinderten, nodi einmal an ihrer kalt 
gewordenen Brust einzuschlummern. Das Heimweh nadi 
solchem verlorenen Glück sollte er ja sein ganzes Leben hin- 
durch nicht überwinden. 

Ein Herr St. Leon Loud suchte Poe beim Examiner auf und 
bot ihm hundert Dollar an, wenn er die Veröffentlichung der 
Gedichte seiner Frau, einer Dichterin aus Philadelphia, über- 
nehmen wollte. Der arme Teufel Poe nahm natürlich an; in 
dem schon zitierten Brief vom j. September erzählte er seiner 
Muddy von diesem Geschäft: und meinte, die Sache werde ihn 
nur drei Tage lang aufhalten. In dem gleichen Brief schlug 
Poe der Frau Clemm vor, sie möge nach Richmond kommen, 
um ihn dort zu treffen. In dem Brief vom i8. September teilt 
Poe jedoch mit, er werde selbst kommen, um Muddy abzuholen, 



Die letzten Fludjtversuche 343 



allerdings nidit nach Fordham, wo er besser nicht hingeht, 
sondern nach New York. Er werde in einer Woche abreisen 
und sich auf dem Wege in Philadelphia aufhalten, um dort 
die Veröffentlichung der Gedidite der Frau Loud, die ihm 
hundert Dollar einbringen sollte, zu überwachen. Bis dahin 
allerdings könne er auch nicht einen einzigen Dollar sdiicken. 
So änderte Poe in dreizehn Tagen seinen ursprünglichen 
Plan, er beschloß knapp vor der Heirat, zu Muddy zu reisen 
und in den Norden, wo fern der Stern Annies leuchtete. Schon 
einmal hatte er in die gleiche Richtung einen „Fluchtversuch" 
unternommen, damals, als er sich in Providence beinahe mit 
einer andern Frau verlobt hatte; auch damals stieg er in 
den Zug nach Boston, nadi dem Norden, wo bereits Annie 
herrschte, und in der Tasche hatte er zwei Unzen Laudanum. 
Diesmal trug er kein Laudanum mit sich, wohl aber in einem 
zu allem Unheil bereiten Körper eine Psyche, die sicher ebenso 
wirksam war wie jenes Gift. 

Die Melancholie Poes oder vielmehr diese plötzlichen Ver- 
düsterungen seiner Laune fielen in jenen letzten Wochen, die 
er in Richmond verbrachte, jedem auf, der ihn sah. Er hatte 
große literarische und gesellschaftliche Erfolge, seine Vorträge 
über das poetische Prinzip, sein Lieblingsthema, die 
er in Richmond und Norfolk hielt, fanden viel Beifall. Er war 
mit einer in der Stadt angesehenen Frau verlobt, er wurde nun 
von allen seinen ehemaligen Freunden in Gnaden wieder auf- 
genommen. Aber sogar inmitten der fröhlichsten Gesellschaften, 
inmitten der Veranstaltungen, bei denen er am lautesten ge- 
feiert wurde, verdüsterte sich plötzlich, und oft gerade in dem 
Augenblick, in dem man meinte, er sei von der allgemeinen 
Heiterkeit angesteckt, sein Gesicht; eine Melancholie bemäch- 
tigte sich seiner, er setzte sidi irgendwo, abseits von den 
andern, nieder, oder irrte durch einen nahegelegenen Garten 
und sprach mit irgendeinem Freund von der Vergangenheit. 



344 Das Leben Edgar Poes 

Die Vergangenheit scheint Poe in dieser Periode seines Lebens 
mehr als je besdiäftigt zu haben. Miss Talley (später Frau 
"Weiss) erzählt uns von einer Spazierfahrt, die er mit ihr in die 
Eremitage, in das frühere Haus der Mayo, in dem Poe als 
Kind spielte, gemacht hatte; in unsagbarer Melancholie irrte 
der Dichter durch die verlassenen Gärten und das leere Haus. 
Miss Ingram berichtet, er sei mit ihr in Norfolk spazieren- 
gegangen, habe das Irisparfüm, mit dem ihr Kleid besprengt 
war, bemerkt und gemeint, das sei auch das Parfüm der 
Schubladen des Wäsdiekastens der Frau Allan gewesen, „es 
führe ihn in die Zeit zurück, in der er ein kleiner Junge war" 
und erinnere ihn an seine Adoptivmutter . . .^^^ 

Samstag, den 22. September, verbrachte Poe den Abend bei 
Elmira. Die Hochzeit wurde für den 17. Oktober angesetzt. 
Poe schenkte seiner Braut eine große als Broche montierte 
Kamee; er schien an diesem Abend glücklich zu sein. Elmira 
versprach ihm, Muddy zu schreiben, ein Versprechen, das sie 
audi hielt, als er fortgegangen war. 

Sie kenne Muddy zwar noch nicht, schreibt sie, wolle sie 
aber gerne lieb haben. Sie lobte Eddy, der nun nüchtern, mäßig, 
moralisch und sehr lieb sei. Dann fügte die fromme Dame 
hinzu: 

„Idi hoffe, die Vorsehung wird ihn schützen und auf den Pfad 
der Wahrheit leiten, damit sein Fuß nidit ausgleite." Und sie 
sdiließt: „Eben hat es Mitternacht gesdilagen, Sabbat ist da und 
idi will daher schließen. Gute Nacht, teure Freundin, der Himmel 
segne und beschütze Sie, und mögen die Tage, die Sie noch auf 
dieser Erde verbringen werden, friedliche und glückliche sein . . . 

So betet Ihre Ihnen zwar unbekannte, aber von Herzen zugetane 
Freundin Elmira." ==^ 



225) Israfel, S. 831, 83J. 

226) Elmira an Frau Clemm. Ridimond, 22. September 1849 
(V.E.. Bd. 17, 3.396/397)- 



Die letzten Fluchtver suche 34 j 

Aber adi! die glücklichen Tage, welche Maria Clemm er- 
leben durfte, waren vorbei. Und ebenso vergeblich war die Bitte 
Elmiras, Edgars Fuß möge nicht mehr ausgleiten . . . 

Am 24. September hielt Poe seinen letzten Vortrag in Ridi- 
mond, immer wieder über das poetische Prinzip. Alle 
Freunde waren anwesend, damit die Einnahmen es ihm mög- 
lich machten, die Reise nach dem Norden zu unternehmen. 

Am nächsten Tag verbrachte Poe den Nachmittag in 
Talavera bei den Talleys. Er schien gut gelaunt zu sein. Nie 
hatte man ihn so heiter und hoffnungsvoll gesehen wie an 
diesem Abend. Er erklärte, sein letzter Aufenthalt in Rich- 
mond gehöre zu den glücklichsten Zeiten seines Lebens und 
er blieb bis lange in die Nacht hinein auf, um mit seinen 
Freunden zu plaudern. Er bedauerte, wie er sagte, diese Reise 
nadi New York unternehmen zu müssen. "Während er bei der 
Haustür von den Freunden Abschied nahm, lief gerade über 
seinem Kopf ein Meteor über den Himmel; dieses Ereignis 
soll einen tiefen Eindruck auf sie gemadit haben . . . 

Poe kehrte dann nadi Duncan Lodge zurück, wo er die 
Nacht verbrachte; er war aber jetzt wieder deprimiert und von 
dunklen Ahnungen befallen. Er blieb lange Zeit beim Fenster 
stehen und rauchte. Am nächsten Morgen packte er den Koffer, 
denselben Koffer, den ihm Allan 1829 nach Baltimore ge- 
schickt hatte, nachdem Poe aus dem Elternhaus geflohen war. 

Mittwoch, den 26. September, den Tag vor seiner Abreise, 
widmete Poe den verschiedenen Freunden in Richmond. Er 
besuchte unter anderem Thompson im Messenger, der ihm fünf 
Dollar lieh. Beim Fortgehen sagte Poe: „Ja richtig, Sie sind 
immer freundlich zu mir gewesen — da ist eine Kleinigkeit, 
die für Sie einigen Wert haben kann." Und er überreichte 
ihm ein Manuskript der Annabel Lee. Nachmittags kam 
Rosalie zu Miss Susan Talley und übergab ihr im Auftrage 
des Bruders ein Manuskript von Für A n n i e. So sahen die 



346 Dus Leben Edgar Poes 

Legate aus, die Poe zu vergeben hatte. An demselben Nach- 
mittag begab er sidi noch einmal nach Church Hill, um sich von 
Frau Shelton zu verabschieden. Er war sehr traurig, sagte sie, 
und beklagte sich darüber, krank zu sein. Sie befühlte seinen - 
Puls, fand, daß er Fieber habe und meinte, er könne am 
nächsten Tag in diesem Zustand nicht abreisen. 

„Beim Fortgehen", erfahren wir von Frau Shelton,^^'' „er- 
klärte er, er müsse sich noch nach New York begeben, um 
einige wichtige Angelegenheiten zu erledigen; er werde sofort 
nacii ihrer Erledigung wieder nadi Richmond zurückkommen, 
gestand aber zu gleidier Zeit seine Ahnung ein, daß er midi 
nie mehr wiedersehen werde." 

Nach diesem Besuch bei Elmira hielt sich Poe bei seinem 
Freund, dem Dr. John Carter auf. Er las hier die Zeitung 
und nahm beim "Weggehen den Stock des Doktors mit statt 
des eigenen. Dann ging er in das Haus gegenüber, in das 
Restaurant Sadler, essen, traf dort Freunde und blieb mit ihnen 
bis spät in die Nacht hinein auf. Blakey und Sadler, die 
damals in seiner Gesellschaft waren, sagen, der „Son of Tem- 
perance" habe an diesem Abend nicht getrunken. Dann begab 
sicii Poe, von einigen Gästen begleitet, zur Landungsstelle. Der 
Steamer lichtete um vier Uhr morgens den Anker, um nacii 
Baltimore zu fahren ... 

"Warum hat Poe diese Reise nadi dem Norden unter- 
nommen? Um das Landhaus in Fordham zuzusperren, um 
Muddy abzuholen, um mit Griswold über die Herausgabe 
seiner gesammelten "Werke zu sprechen? Oder gar, um auf der 
Durchreise in Philadelphia die "Veröffentlichung der Gedichte 
der Frau Loud, welciie ihm hundert Dollar einbringen sollte, 
vorzubereiten? 



227) Appleton's Journal, XIX, S. 421 (nach Lauvri^re, Edgar 
Poe, sa vie et son ceuvre, S. 252). 



Die letzten Fluchtversuche 347 

In Wahrheit war diese Reise keineswegs unbedingt nötig. 
Und alle die genannten Motive waren für Poe nur „Ratio- 
nalisierungen" einer viel tiefer im Unbewußten verankerten 
Motivierung. Das Landhaus hätte von Muddy allein zugesperrt 
werden können; er schlug ihr noch am 5. September vor, 
allein mit dem Steamer aus Fordham zu kommen. Oder hat sie 
ihn in ihrem Antwortbrief gerufen? Ich glaube eher, er allein 
hat sich zu dieser Reise entsdilossen; von diesen beiden 
Menschen war weniger Muddy als er gewohnt, um Hilfe zu 
rufen, und als sie Ende August Hunger litt, da wandte sie sich 
nicht an Eddy, sondern an Griswold und Frau Lewis, um sich 
ein Stück Brot kaufen zu können. 

Auch die gesammelten "Werke hätten noch warten können, 
und die Gedichte der Frau Loud sollten nach den eigenen 
"Worten Poes erst gegen Weihnachten veröffentlidit werden.^^^ 
Der Reinertrag aus der letzten "Vorlesung, mit dem die Kosten 
der Reise nach dem Norden bestritten wurden, hätte also ganz 
gut dazu dienen können, Edgar bis zur Hochzeit am 17. Ok- 
tober, bei der er reidh werden sollte, über Wasser zu halten. 

„W enn es möglich is t", schrieb Edgar am 1 8. Sep- 
tember an Muddy, „werde ich vor der Abreise heiraten, aber 
man kann es nicht mit Gewißheit sagen.''^^" Die Kräfte, die 
Poes Natur determinierten, zwangen ihn nun, zu seinem Unheil 
dazu, vor der Heirat nach dem Norden zu reisen. Der 
„negative" psychische „Tropismus", durch den er jede Frau in 
dem Augenblick verlor, in dem er sie hätte besitzen können, 
mußte sich bei dem vierzigjährigen Poe in seinem "Verhalten 
gegen Frau Shelton ebenso auswirken wie bei dem Dreiund- 

228) Poe an Frau Clemm, September 1849, Mittwodi abends, 
"V. E., Bd. 17, S. 369. 

229) V. E., Bd. 17, S. 367. 

// possihle, I will get married before I Start — but there is 
no telling. 



348 Das Leben Edgar Poes 



zwanzigjährigen, der einer Mary Devereaux gegenüberstand. 
"Wir erinnern uns noch daran, daß er sidi seiner Freundin Mary 
nach vielen Monaten der Werbung eines Abends derart be- 
trunken genähert hatte, daß sie ihn hinausjagen mußte. Eine 
solche Verlegenheit sollte Elmira erspart bleiben, dafür benahm 
sich Poe um so radikaler, um sie zu verlieren. Man darf aber 
auch nicht den „positiven" psychischen „Tropismus" vergessen, 
der Edgar zu Annie trieb, oder vielmehr zu dem Wesen, dessen 
letzte Verkörperung sie gewesen . . . 

Man weiß nicht genau, wann Edgar Poe, der „Son of 
Temperance", seinen Schwur, nüchtern zu bleiben, gebrochen 
hat. Trank er schon bei Sadler, was allerdings Sadler und 
Blakey ableugnen? Oder auf dem Steamer, auf dem sicher 
eine Bar war, während der achtundvierzig Stunden, die er auf 
ihm verbrachte, oder in dem Hotel in Baltimore? Tatsache ist, 
er erlag hier oder dort dem plötzlich auftretenden „katego- 
rischen Imperativ" des Dipsomanen, der alle Schwüre brechen 
läßt und dazu überaus vernünftige Gründe zur Verfügung 
stellt. Und wenn auch Untergang und Tod am Ende stehen, 
was liegt daran! Für Edgar Poe war der im Glas verborgene 
Tod nur eine unbewußte Lockung mehr. 

Samstag, den 29. September, an dem Tag, an dem Poe in 
Baltimore angekommen war, kam er jedenfalls betrunken zu 
seinem Freund, dem Dr. Nathan C. Brooks. Dann verlieren 
wir ihn für fünf Tage aus dem Auge. 

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, wo sich Poe in 
dieser Zeit herumgetrieben und was er in diesen fünf Tagen 
gemacht hat. Die größte Wahrscheinliciikeit hat folgende Dar- 
stellung für sicht^ä" Es war gerade Wahlzeit, und die politi- 



230) Nadi Hervey Allen {Israfel, S. 842 ff.), der Woodberry und 
Harrison folgt. 



Die letzten Fluchtversuche 349 



sehen Sitten in Amerika waren überaus korrumpiert. Es gab 
keine Wahlkarten: die Wähler erschienen vor der Kommission, 
schwuren — und gaben ihre Stimme ab. Nun wurden von den 
Parteien Banden organisiert, die einige Tage vor der Wahl 
Razzien abhielten, die Unglücklichen, welche ihnen in die 
Hände fielen, einsperrten, betrunken maditen und so zu den 
Urnen schleppten. Man nannte die Orte, an denen man die 
Gefangenen bewachte, „coops" — „Hühnerkäfige". Nun fand 
am 3. Oktober in Baltimore die Wahl der Mitglieder des Kon- 
gresses und der staatlichen Gesetzgebung statt. Fünf Tage 
vorher hatte die Jagd nach dem Wähler begonnen. Poe fiel 
vermutlich in die Hände einer der Banden, wurde in einem 
der „Hühnerkäfige" gefangengehalten, wobei der Alkohol in 
Strömen floß. 

In einem solchen „Gefangenenlager" der Whig-Partei, es 
hieß Ryan's Fourth Ward Polls (Ryans Wählersaal im vierten 
Bezirk) wurden 1849 hundertdreißig bis hundertvierzig Wähler 
hineingepfercht. Neben diesem Lager befand sich ein Wirtshaus, 
Cooth & Sergeant's Tavern, das über eine bedeutende Kund- 
schaft aus den „coops" verfügte. In der nächsten Nähe wohnte 
audi der Dr. Snodgrass. 

Und dieser Doktor, der ein alter Freund Poes war, bekam 
Mittwoch, den 3. Oktober, folgende mit Bleistift geschriebenen 
Zeilen: 

„Baltimore, am 3., 1849. 

Sehr geehrter Herr! In Ryan's 4th ward polls ist ein Herr in 
einem fürditerlichen Zustand; er heißt Edgar A. Poe, sdieint sidi 
in großer Not zu befinden und behauptet, er kenne Sie; idi betone, 
er braucht Ihre unverzügliche Hilfe. 

In hödister Eile, Ihr ergebener 

Jos. W. Walker." 

Dr. Snodgrass erkannte die Schrift:. Der Brief kam von 
einem Druckereiarbeiter des Baltimore Sun, den er flüchtig 



350 Das Leben Edgar Poes 



kannte. Er begab sidi nun bei dem kalten Oktoberregen, der 
an diesem Tage fiel, sofort an den bezeidineten Ort und fand 
Poe in Cooth Sc Sergeant's Tavern. 

Dort saß der größte Dichter Amerikas, von Leuten niedrig- 
sten Standes umgeben, zusammengebrochen auf einem Stuhl, 
„mit verstörtem, aufgedunsenem und ungewaschenem Gesidit; 
die Haare waren nicht gekämmt und sein ganzes Aussehen 
abstoßend. Die große Stirn . . . und die weiten, sanflen und 
seelenvollen Augen, die für ihn so diarakteristisdi waren, wenn 
er er selbst war — sahen ohne Glanz darein, wie ich bald 
bemerken konnte — und versteckten sidi unter einem ganz 
zerrissenen Palmenhut, der beinahe keine Krempe mehr hatte, 
zerfetzt und ohne Band war. Sein Anzug bestand aus einem 
Paletot von dünnem, glänzendem Alpacastoff, war an mehreren 
Stellen an den Nähten aufgerissen, verschossen und beschmutzt, 
und aus einer Hose aus Cassinette, die ganz abgewetzt und 
arg zugerichtet war, wenn man so etwas überhaupt sagen 
kann. Er hatte weder eine "Weste noch ein Halstuch, und die 
Brust seines Hemdes war zerknittert und beschmutzt . . ."^" 

Während Dr. Snodgrass sofort im Wirtshaus selbst ein 
Zimmer herrichten ließ, kam Herring, der Vetter Poes. Wir 
wissen nicht, wer ihn benachrichtigt hatte. Die beiden be- 
schlossen, Edgar Poe in das Washington Hospital transpor- 
tieren zu lassen. Es wurde ein Wagen herbeigeholt, man hob 
den Unglücklichen, der das Bewußtsein nodi nidit wieder- 
gewonnen hatte und trotzdem den Stock des Dr. Carter 
krampfhaft festhielt, in den Wagen und brachte ihn um fünf 
Uhr nachmittags ins Washington Hospital zu Dr. J. J. Moran, 
dem diensthabenden Arzt. 



231) Nadi Hervey Allen, der in Israfel, S. 844, The Facts of 
Poe's Death and Burial by J. E. Snodgrass in Beadle's Monthly, 
S. 283— 288, 1867, zitiert. 



Die letzten Fluchtversuche ,„ 



Wir zitieren nun den Bericht des Dr. Moran nadi dem Brief, 
den er bald nachher an Frau Clemm sdirieb: 

„Als er ins Spital gebradit wurde ... war er bewußtlos; er wußte 
weder, wer ihn dorthin gebradit hatte, noch mit wem er vorher 
beisammen gewesen. Er blieb in diesem Zustand von fünf Uhr 
nachmittags, der Stunde seiner Aufnahme, an, bis drei Uhr morgens 
Das war am 3. Oktober. 

_ Auf diesen Zustand folgte ein Zittern in den Gliedern und 
ein unaufhörliches Delirieren ohne jede Gewalttätigkeit oder 
Heiligkeit, ein unaufhörliches Reden, bei dem er sich an phan- 
tastische und eingebildete Wesen wandte, die er an den Wänden 
sah. Das Gesicht war bleich und der ganze Körper mit Schweiß 
bedecit. Wir waren außerstande, ihn vor dem zweiten Tag seiner 
Autnahme zu beruhigen. 

Da idi den Krankenwärtern dazu den Auftrag gegeben hatte, 
wurde idi sofort zu ihm geholt, als das Bewußtsein wiederkam- 
ich fragte ihn nadi seiner Familie, nach seiner Wohnung, nadi 
seinen Eltern usw.... Er gab nur zusammenhanglose, ungenügende 
Antworten. Er sagte jedoch, er habe eine Frau in Riehmond (was 
nicht wahr ist, wie ich seither erfahren habe), daß er nicht wisse, 
wann er jene Stadt verlassen, nodi was aus seinem Koffer geworden 
sei. Idi versudite, die sdinell wieder sdiwindende Hoffnung zu be- 
leben und zu erhalten; daher sagte idi ihm, idi hoffe, er werde 
m wemgen Tagen wieder in der Gesellsdiaft seiner Freunde sein 
können, und idi wäre sehr glücklich darüber, wenn idi in irgend- 
einer Weise zu seinem Wohlbefinden und zu seiner Bequemlidikeit 
beitragen könnte. Bei diesen Worten schrie er laut und sehr heftig 
aut, das Beste, was sein bester Freund für ihn tun könne, sei, ihm 
eine Kugel durdi den Kopf zu jagen, am liebsten möchte er unter der 
Erde versdiwincien, damit er seine eigene Erniedrigung nidit mehr 
sehe usw. . . Bald nadi diesen Worten sdiien Herr Poe einzusdilafen 
und id, verließ ihn für einige Augenbliie. Aber als ich zurüdkam, 
befand er sidi wieder mitten in einem heftigen Ausbruch und leistete 
den beiden Krankenwärtern, die ihn im Bett zurüAhalten wollten, 
stärksten Widerstand. Dieser Zustand dauerte bis Samstag abend an 
(er wurde Mittwoch aufgenommen); er begann nun die ganze Nadit 
hmdurch bis Sonntag morgen um drei Uhr nadi einem gewissen 
Reynolds zu rufen. Nadi drei Uhr ging eine offensidididie Ver- 



3J2 Das Leben Edgar Poes 



änderung in ihm vor sich. Er war durdi seine Anstrengungen 
geschwächt, beruhigte sich, schien einige Zeit hindurch zu schlummern, 
dann wandte er sanft den Kopf zur Seite, sagte: ,Der Herr helfe 
meiner armen Seele' und verschied."^"'' 

Durch diesen Anfall von Delirium tremens war das Leben 
des vierzigjährigen Edgar Poe beendigt. 

Nadidem einige der bedeutendsten Persönlichkeiten der 
Stadt gekommen waren, um den Leichnam zu sehen, beerdigte 
man ihn Montag, den 8. Oktober, auf Kosten seiner Vettern 
auf dem Friedhof der presbyterianischen Kirche, obwohl er 
zum episkopalen Ritus gehörte. Der Reverend W. T. D. 
Clemm, ein methodistisdier Pfarrer, las die Messe. Anwesend 
waren Neilson Poe, Herr Herring, Dr. Snodgrass, ein gewisser 
Edmund Smith und Z. CoUins Lee, ein Sdiulkollege Poes. 

Die Muddy, mit der er hatte sterben wollen, und Annie, die 
ihm hatte versprechen müssen, wo immer er auch sein möge, an 
sein Totenlager zu kommen, waren nicht da^ ^ 

232) Dr.Moran an Frau Clemm. Der Brief ist vom ij. No- 
vember 1849 datiert, aus dem Baltimore City Marine Hospital 
(V E, Bd.i, S.335). Man kann in der letzten Zeile dieses Briefes und 
in dem Faktum, daß dem Diditer heftige, „moralische" Gewissensbisse 
zugesdirieben werden, bereits das Embryo der erbaulidien Legende 
entdeden, die sidi später so herrlidi um die gesdiilderten Ereignisse 
herum entwiieln sollte. Dr. Moran versdiönerte nämlidi im Verkut 
der Vorlesungen, die er während seines langen Lebens über den Tod 
des Dichters gehalten hatte, dieses Ende immer mehr und mehr, und 
zwar ohne Rüdssidit auf seine medizinischen Kenntnisse. Zuletzt gar 
sdiilderte er das Sterben Edgar Poes in den banalsten, aber erbaulidi- 
sten Farben und behauptete, der Diditer sei während der sechzehn 
Stunden, die er im Spital verbradit hatte, ganze fünfzehn Stunden 
bei vollem Bewußtsein und bei Vernunft gewesen, er war auch 
nidit betrunken, als man ihn aufgriff, rodi nidit im germgsten na* 
Alkohol, und beim Sterben habe er nur an Gott und an das Heil 
seiner Seele gedadit. So sehr kann durdi den Drude, den die 
soziale Zensur auf einen unbedeutenden Geist, wie Dr. Moran, 
ausübt, die Wahrheit verändert werden. (Zu diesem Thema: Israfel, 
S. 895/896, wo audi ein Brief des Dr. Moran an Edward Abbott 
vom 27. Februar 1882 zitiert wird.) 



Die letzten Fluchtversuche 3j5 

Sie erfuhren die tragische Nadiricht vermutlich durch die 
Zeitungen. Muddy schrieb hierauf voll Verzweiflung an Annie: 

„Annie, mein Eddy ist t o t! Er ist gestern in Baltimore gestorben. 
Annie! beten Sie für midi, für Ihre verzweifelte Freundin. Mein 
Verstand verläßt mich. Idi werde Ihnen sdireiben, sobald idi 
Einzelheiten erfahren habe. Idi habe nadi Baltimore geschrieben. 
Schreiben Sie mir und raten Sie mir, was idi machen soll. 

Ihre Freundin, die ganz von Sinnen ist, 

M. C.""ä 

Annie antwortete auf diesen so tiefen Schmerz verratenden 
Brief: 

„Ach, meine Mutter, meine teure, teure Mutter, wie soll ich zu 
Ihnen sprechen? Wie kann ich Sie trösten — ach! Mutter, das ist 
mehr, als idi ertragen kann — und wenn idi an Sie, seine Mutter 
denke, die alles, was sie besaß, verloren hat, dann fühle idi, daß 
das nicht sein soll, nein, daß es nidit sein kann — ach, könnte 
ich Sie nur sehen, bitte, kommen Sie so schnell als möglidi zu 
Ihrer Annie — kommen Sie, teure Mutter, idi werde Ihnen wirklich 
eine Tochter sein — wenn ich nur mein Leben hätte hingeben 
können für das seine, damit er Ihnen erhalten geblieben wäre . . ."=>" 

Aber Annie hatte nicht einmal das Versprechen halten 
können, wie in dem Gedicht in ihren Armen den „ein- 
zusdiläfern", für den sie ein ganzes Jahr hindurdi so ideal 
die Rolle der wirklichen, immer wieder von neuem beweinten 
Mutter spielen durfte! Der mit seinen Gespenstern von jeher 
auf vertrautem Fuß stehende Poe mußte sidii auch mit seinen 
Phantomen begnügen, als er in seiner Agonie einschlief. Die 

233) Frau Clemm an Annie, 8. Oktober 1849 (V. E., Bd. i, 
S. 338). 

234) Annie an Frau Clemm, Oktober 1849, Mittwoch morgens 
(V. E., Bd. 17, S. 358). Frau Clemm wurde übrigens erst von Annie, 
dann von Stella (Frau Lewis) aufgenommen. Sie starb am 16. Fe- 
bruar 1871, mehr als 80 Jahre alt, im Churdi Home and Infirmary, 
dem Altersversorgungsheim von Baltimore. 

Bonaparte: Edgar Poe. I. 3 



354 Das Leben Edgar Poes 



Gestalten an den "Wänden, mit denen er gesprochen hatte, 
waren Ligeias, Virginias, das heißt sie waren hinter allen 
Verwandlungen immer wieder nur die eine, einzige Mutter. 
Und der Ruf nach Reynolds in der Nadit des Todes, der den 
Anwesenden so unerklärlich war, ersetzte auf seine Art den 
Ruf nach der Mutter so vieler Sterbender. War nidit Reynolds 
der Mann, der wie Gordon Pym den Pol hatte erobern wollen, 
das weiße Symbol für die eiskalt erstarrte Mutter? Poe glaubte 
nun, sich in den Eroberer des Eismeers verwandelt zu haben, 
er identifizierte sidi mit ihm in dem Augenblick, in dem er 
selbst in den Abgrund stürzte und von neuem in d i e versank, 
aus der er hervorgegangen war. 

Er kam treu wieder zu ihr zurück, ohne je, trotz aller Ver- 
suchungen — dessen kann man fast sicher sein — vor Fleisches- 
lust in den Armen einer andern Frau gebebt zu haben. Und die 
„Gefahr", die „Krise" waren diesmal endgültig vorbei und mit 
ihnen das „Fieber", genannt „Leben". 

Die Mutter hatte den Sohn wieder zu sich genommen. 



INHALTSVERZEICHNIS DES I. BANDES 

Vorwort von Sigmund Freud ^"" 

I. TEIL: LEBEN UND DICHTUNG 

Edgars Eltern 

Der Tod der Mutter ^ 

Die Adoptiveltern ■ • • 4 

Die erste Erziehung Edgars 

Edgar in Großbritannien . . 

Helen '.'.'..'. ^^ 

Der Besuch Lafayettes und die Erbschaft William Galts . . . . !! 
Elmira ■ ■ • 44 

Auf der Universität von Virginia 

Bruch mit John Allan l^ 

Bei der Armee 

Nach dem Tode der Frances Allan ' ' ' ^° 

In West Point. Die Morgenröte der großen Dichtungen '. ' ' ' L 
In Baltimore bei Frau Clemm. Die ersten Erzählungen 
In Richmond. Der Kritiker des „Southern Literary Messenger' 
Die Heirat mit Virginia 

InNewYorkundPhaadelphia. Der Redakteur von Burion'sGentle- 
man's Magazine. Grotesken und Arabesken . . j g 

In Philadelphia. Der Redakteur von Graham's Magazine! Virginias ^ 
geangstigter Gatte 



112 



In New York. Der Rabe und der Ruhm 

In Fordham. Vor dem Tod der Virginia. Ann'abel Lee ." ' ' ' 
In Fordham. Nach dem Tod der Virginia. Ulalume und Heureka 
Irovidence und Lowell. Helen und Annie .... 
Philadelphia, Richmond und Baltimore. Die letzten Fluchtversuche 



170 
193 
213 
242 
276 
322 



VERZEICHNIS DER BILDTAFELN 



Edgar Poe (Daguerreotypie „'Whitman") Titelbild 

vor Seite 

Karte der Ostküste der Vereinigten Staaten 9 

nadi Seite 

Elizabeth Poe, geb. Arnold 16 

Frances Keeling Allan, geb. Valentine 24 

Das Wohnhaus Allans in Richmond 40 

Sarah Elmira Royster 48 

Die Universität von Virginia zur Zeit Poes 56 

John Allan 64 

Maria Clemm, geb. Poe 88 

Edgar Poe (Um 1840) 176 

Rufus W. Griswold 200 

Faksimile einer Manuskriptseite aus „Annabel Lee" 216 

Frances Sargent Osgood 224 

Das Landhaus Poes in Fordham 232 

Virginia Eliza Poe, geb. Clemm 240 

Faksimile des Briefes Edgar Poes an Mrs. Shew 272 

Sarah Helen Whitman, geb. Power 288 

Edgar Poe (Daguerreotypie Mac-Farlane) 296 



i 



Von 

MARIE BONAPARTE 

sind im Internationalen Psychoanalytischen Verlag ferner folgende 
Werke erschienen: 

Über die Symbolik der Kopftrophäen 

1928. 48 Seiten. In Leinen Mark 3.30 

„Der Deutsche Jäger": In der Studie der Prinzessin Marie von 
Griechenlarid (veröffentlicht unter dem Mädchennamen der Ver- 
fasserin) wird das Problem, warum das Geweih das Attribut des be- 
trogenen Ehemannes ist, mit Mitteln der modernen Tiefenpsy- 
chologie gelöst. Im Kapitel „Magische Hörner" werden Hörner als 
Amulette gegen den bösen Blick behandelt. Das Kapitel „Jagd- 
trophäen" geht vom königlichen Weidwerk, der Parforcejagd, 
aus, deutet die Herkunft aus dem kollektiven Menschenopfer und 
stellt ihr die individuelle Hirschjagd, das Pirschen, gegenüber. 

Der Fall Lefebvre 

Psychoanalyse einer Mörderin 
1929. 54 Seiten. Geheftet Mark 2.40, in Leinen Mark 3.80 
„Vossische Zeitung": Marie Bonaparte, die Prinzessin von Grie- 
chenland, hat den Fall Lefebvre in einem schmalen Band dargestellt, 
in welchem sie das Verhalten der sittsamen Spießbürgerin, die be- 
kanntlich seinerzeit eines Tages ohne jegliche Präliminarien ihre 
Schwiegertochter auf einem Ausflug in Gegenwart ihres Sohnes er- 
schoß, motivisch wenigstens soweit aufgeklärt, als es das spärliche 
Material zuläßt. Es ist wohl so ziemlich das erstemal, daß ein 
Kriminalfall eine systematische analytische Darstellung erfährt. 

Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter 

Zwei Beiträge zur psychoanalytischen Kasuistik 
193 1. 31 Seiten. Geheftet Mark i. — 
„Deutsche medizinische Wochenschrift": Selbstdarstellung 
der Pariser Psychoanalytikerin im Sinne der Lebensbeeinflussung 
durch Identifizierung mit der verstorbenen Mutter (Ödipuskomplex) 
und eine kurze kasuistische Mitteilung über eine kleptomane An- 
wandlung. 

Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 

Sonderheft (V/io) der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
193 1. 44 Seiten. Geheftet Mark i.— 

Inhalt : Die Verbreitung der Neurosen — Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung — 

Die Sexualität der Erwachsenen und ihre Schädigungen — Einige Vorschläge zu einer 

Reform der Erziehung 



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1 



Von 

MARIE BONAPARTE 

sind im Internationalen Psychoanalytischen Verlag ferner folgende 
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Über die Symbolik der Kopftrophäen 

1928. 48 Seiten. In Leinen Mark 3.30 

„Der Deutsche Jäger": In der Studie der Prinzessin Marie von 
Griechenland (veröffentlicht unter dem Mädchennamen der Ver- 
fasserin) wird das Problem, warum das Geweih das Attribut des be- 
trogenen Ehemannes ist, mit Mitteln der modernen Tiefenpsy- 
chologie gelöst. Im Kapitel „Magische Hörner" werden Hörner als 
Amulette gegen den bösen Blick behandelt. Das Kapitel „Jagd- 
trophäen" geht vom königlichen Weidwerk, der Parforcejagd, 
aus, deutet die Herkunft aus dem kollektiven Menschenopfer und 
stellt ihr die individuelle Hirschjagd, das Pirschen, gegenüber. 

Der Fall Lefebvre 

Psychoanalyse einer Mörderin 

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chenland, hat den Fall Lefebvre in einem schmalen Band dargestellt, 
in welchem sie das Verhalten der sittsamen Spießbürgerin, die be- 
kanntlich seinerzeit eines Tages ohne jegliche Präliminarien ihre 
Schwiegertochter auf einem Ausflug in Gegenwart ihres Sohnes er- 
schoß, motivisch wenigstens soweit aufgeklärt, als es das spärliche 
Material zuläßt. Es ist wohl so ziemlich das erstemal, daß ein 
Kriminalfall eine systematische analytische Darstellung erfährt. 

Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter 

Zwei Beiträge zur psychoanalytischen Kasuistik 

1931. 31 Seiten. Geheftet Mark i. — 

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durch Identifizierung mit der verstorbenen Mutter (Ödipuskomplex) 
und eine kurze kasuistische Mitteilung über eine kleptomane An- 
wandlung. 

Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 

Sonderheft (V/io) der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
193 1. 44 Seiten. Geheftet Mark i.^ 

Inhalt : Die Verbreitung der Neurosen — Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung — 

Die Sexualität der Erwachsenen und ihre Schädigungen — Einige Vorschläge zu einer 

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MARIE BONAPARTE 



:dgar POE 



BAND! 



MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 




EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

MIT EINEM VORWORT VON SIGM. FREUD 

BAND I 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN