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Full text of "Edgar Poe. Teil 3/4 Die Geschichten: Der Zyklus Vater / Poe und die menschliche Seele"

MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 




EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

MIT EINEM VORWORT VON SIGM. FREUD 



BAND III 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 



TEIL III UND IV 




JOHN ALLAN 

(Nach dem Porträt eines unbekannten Künstlers) 

(Edgar Allan Poe Shrine, Richmond, Virginia) 



EDGAR POE 

EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

TON 

MARIE BONAPARTE 



TEIL III 
DIE GESCHICHTEN: DER ZYKLUS FATER 

TEIL IV 
POE UND DIE MENSCHLICHE SEELE 



MIT s BILDTAFELN 



1934 

INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



Autorisierte Übersetzung aus dem Französisdien von Fritz Lehner 



Alle Redite vorbehalten 

Copyright 1934 by Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Gesellschaft m. b. H. in Wien 



Printed in Austria 
DruA : Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



TEIL III 



DIE GESCHICHTEN: 
DER ZYKLUS YATER 



DER ZYKLUS VON DER AUFLEHNUNG 
GEGEN DEN VATER 



DAS SCHWATZENDE HERZ' 

„Wahr ist es: nervös, entsetzlidi nervös "war ich damals und 
bin es nodi. "Warum aber müßt ihr durchaus behaupten, daß idi 
■wahnsinnig sei?" 

beginnt der Held des Schwatzenden Herzens. 
"Wie der Erzähler in der Schwarzen Katze oder im 
Dämon der Verkehrtheit schickt auch er uns sein 
Bekenntnis aus dem Kerker, in den ihn sein "Verbrechen ge- 
bracht hat. 

„Mein nervöser Zustand hatte meinen Verstand nidit zerrüttet, 
sondern geschärft . . . Vor allem hatte sich mein Gehörsinn 
wunderbar fein entwickelt. Idi hörte alle Dinge im Himmäl und 
auf Erden. Ich hörte viele Dinge in der Hölle, und das sollte 
Wahnsinn sein? Hört zu und merkt auf, wie sachlich, wie ruhig 
ich die ganze Geschichte erzählen kann." 

Der Erzähler, den Poe uns siditlich als Geisteskranken oder 
zumindest als einen vom Dämon der Verkehrtheit Besessenen 
vorstellen will, und der ein wirklicher querulierender Geistes- 
kranker ist, beginnt also seinen Bericht damit, daß er seinen 
Wahnsinn ableugnet. 

„Idi kann nicht sagen, wann der Gedanke mich zum erstenmal 
überfiel. Er war urplötzlidi da und verfolgte mich Tag und Nacht." 

"Wir werden bald sehen, welcher Natur diese dominierende 

Idee ist. 

„Ein widitiges Motiv war nicht vorhanden. Haß war nicht vor- 
handen. Ich liebte den alten Mann, er hatte mir nie etwas zu 
leide getan. Er hat mir nie eine Kränkung zugefügt. Nach seinem 
Geld trug ich kein Verlangen." 

i) The Teil-Tale Heart {The Pioneer, Januar 1843; Broadway 
Journal, II, 7). 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Das gleicht sehr einer Darstellung der Beziehungen zwischen 
Edgar und seinem Adoptivvater Allan durch ihr Gegenteil! 
Aber hören wir, welchen Grund unser Erzähler seiner Tat 
unterlegt. 

„Idi glaube, es war sein Auge! Ja, das war es! Eines seiner 
Augen glidi vollständig dem Auge eines Geiers — ein blaßes, blaues 
Auge mit einem Häutchen darüber . . . Wann immer es midi an- 
blüte, erstarrte mir das Blut. Und so — nach und nach — immer 
zwingender — setzte sidh der Gedanke in mir fest, dem alten 
Mann das Leben zu nehmen, um mich auf diese Weise für immer 
von diesem Auge zu befreien." 

Das mit einem Häutdien bedeckte Auge stellt — auch dann, 
wenn man durch das Häutchen noch ein wenig hindurchsehen 
oder neben ihm sehen kann, da es unvollständig ist — ein 
Äquivalent für das ausgestochene Auge dar, und dadurch sind 
wir wieder beim Hauptthema der Schwarzen Katze 
angelangt. Der Greis wird also aus dem gleichen Grunde zum 
Tode verurteilt, aus dem die Katzen verurteilt wurden. Aber 
dieser Mord wird wie das im Dämon der Verkehrt- 
heit ebenfalls am Vater verübte Verbrechen — dort will der 
Sohn ihm sein Gold wegnehmen, hier will er das ausgestochene 
Auge wegschaffen — ein durchaus vorsätzlicher Mord sein: 

„Idi war nie freundlidier zu dem alten Mann, als während 
Vorsicht — und mit wieviel Heuchelei idi zur Sache ging!" 

Denn der Vater ist tatsächlidi eine gefährliche Gestalt und 
muß mit Vorsicht angegangen werden: 

„Ich war nie freundlicher zu dem alten Mann, als während 
der ganzen Woche, bevor ich ihn umbrachte. Und jede Nacht gegen 
Mitternacht drüdte ich auf seine Türklinke und öffnete die Tür, 
oh, so leise! und dann, wenn der Spalt weit genug war, daß idi 
den Kopf hindurchstecken konnte, hielt ich eine verdunkelte, ganz 
geschlossene Laterne ins Zimmer; sie war ganz zugeschlossen, so 
daß kein Lichtschein herausdrang, und dann folgte mein Kopf . . . 
Ich bewegte ihn ganz langsam vorwärts, um nidit den Schlaf des 



Das schwatzende Herz 



alten Mannes zu stören. Ich brauchte eine Stunde dazu, den Kopf 
so weit durch die Öffnung zu schieben, daß ich den Alten in 
seinem Bett sehen konnte . . . Und dann, wenn ich meinen Kopf 
glücklich im Zimmer hatte, öffnete ich vorsichtig die Laterne — 
oh, so vorsichtig! ganz sadite, wenn die Scharniere kreischten, öffnete 
ich sie so weit, daß ein einziger, feiner Strahl auf das Geierauge 
fiel. Und das tat ich sieben Nächte lang . . . aber ich fand das Auge 
immer geschlossen, und so war es unmöglich, das Werk zu voll- 
enden; denn es war nicht der alte Mann, der mich ärgerte, sondern 
sein Scheelauge. Und jeden Morgen, wenn der Tag anbrach, ging 
ich kühn zu ihm hinein und spradi mit ihm. Ich nannte ihn 
munter und herzlidi beim Namen und fragte ihn, ob er eine gute 
Nacht verbracht habe. Ihr seht, er hätte wirklich ein sehr schlauer 
alter Mann sein müssen, um zu vermuten, daß ich allnäditlich um 
zwölf Uhr, während er schlief, zu ihm hereinsah." 

So schlägt der Sohn den Vater durdi Vorsicht und Hinter- 
list, mit geistigen "Waffen! Und -wenn man das Bild des jungen 
Mannes, der von seinen Mordabsichten ganz erfüllt ist, an- 
zusehen versteht, wenn man beobachten kann, wie er den alten 
Mann jeden Morgen freundlich in seinem Zimmer begrüßt, 
dann glaubt man, den kleinen Edgar vor sich zu haben, der 
auch jeden Morgen in das Zimmer seines Pa getreten war, „ihn 
munter und herzlich beim Namen" (Pa!) genannt und gefragt 
hatte, „. . . ob er eine gute Nacht verbracht habe", ganz so 
wie Kinder es tun, die ja auch an den Tagen, an denen sie 
böse sind, v/eil sie kurz vorher Sdiläge bekommen haben, 
höflich und zärtlich bleiben müssen. 

„In der achten Nacht ging ich beim öffnen der Tür mit ganz 
besonderer Vorsicht zu Werke. Der Minutenzeiger einer Uhr rückt 
gewiß schneller voran als damals meine Hand. Niemals vor dieser 
Nacht hatte ich die Größe meiner Macht, meines Scharfsinns so 
gefühlt. Ich konnte kaum meinen Triumph unterdrücken. Da war 
ich nun hier und öffnete ganz sacht, ganz allmählidi die Tür — 
und ihm träumte nicht einmal von meinem geheimen Tun und 
Denken. Ich kicherte bei diesem Gedanken, und vielleicht hörte er 
mich, denn er rührte sich — wie erschreckt. Jetzt könntet ihr 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



denken, ich sei zurüdcgefahren. Aber nein! Sein Zimmer war ganz 
dunkel, denn er hatte die Fenster aus Furcht vor Einbrechern fest 
geschlossen; es war pechschwarz. Und ich wußte also, daß er das 
öffnen der Tür nicht sehen konnte, und ich fuhr fort, sie langsam, 
langsam aufzumachen. Ich war mit dem Kopf im Zimmer und 
m.adite mich daran, die Laterne zu öffnen; da glitt mein Daumen 
an dem Blechversdiluß ab und der alte Mann schrak im Bett 
empor und schrie: ,'Wer ist da?'" 

Nun stehen die beiden Gegner einander gegenüber: der im 
Dunkeln lauernde Sohn und der bedrohte Vater. 

„Ich verhielt mich ganz still und sagte nichts. Eine volle Stunde 
lang rührte ich kein Glied, und in dieser ganzen Zeit hörte idi 
nicht, daß er sich wieder niederlegte. Er saß noch aufrecht im Bett 
und horchte; geradeso, wie ich Nacht um Nacht auf das Ticken 
der Totenuhren in den Stubenwänden gehorcht habe." 

Nun folgt eine Beschreibung der wadisenden Angst des 
Greises. Dann setzt der Erzähler fort: 

„Nachdem ich lange Zeit sehr geduldig gewartet hatte, ohne 
doch zu hören, daß er sidi wieder niederlegte, beschloß idi endlich, 
einen kleinen — einen winzig kleinen Spalt der Laterne zu 
öffnen ... bis schließlich ein einziger matter, spinnfadenfeiner 
Strahl herausdrang und auf das Geierauge fiel. Es war offen, weit 
offen, und ich wurde rasend, als ich darauf hinstarrte. Ich sah es 
mit vollkommener Deutlichkeit: nichts als ein stumpfes Blau mit 
einem ekelhaften Schleier darüber. Ich erschauerte bis ins Mark. 
Aber ich konnte von des alten Mannes Gesicht und Gestalt nichts 
weiter sehen, denn ich hatte den Strahl wie instinktiv ganz genau 
auf die verfluchte Stelle gerichtet." 

Der Erzähler sagt uns nicht, ob der Greis den Lichtstrahl 
mit seinem andern Auge oder mit dem Auge, das von einem 
Häutchen bedeckt ist und dessen Sehfähigkeit auch weiterhin 
ungeklärt bleibt, bemerkt. Tatsache jedoch ist, daß die 
Wirkung des Lichtstrahls, der „spinnfadenfein" auf das Geier- 
auge fällt, eine ungeheure ist. 

„Und nun — habe ich Euch nicht gesagt, daß das, was Ihr 
für Wahnsinn haltet, nur eine Überfeinerung der Sinne ist?" (man 



Das schwatzende Herz 13 

könnte glauben, einen Paranoiker zu hören, der seine auditiven 
Halluzinationen verteidigt), „nun, sage ich, vernahm mein Ohr 
ein leises, dumpfes, schnelles Geräusdi, ein Geräusch wie das 
Ticken einer Uhr, die man mit einem Tuch umwickelt hat. Auch 
diesen Laut kannte ich gut. Es war des alten Mannes Herz, das 
so schlug/ Es steigerte meine Wut, wie das Schlagen einer Trommel 
den Soldaten zu mutigerem Vorgehen anreizt." 

Der Mörder nimmt sich zusammen und bleibt noch eine 
Zeitlang unbeweglich stehen, heftet „den Strahl so beständig 
wie möglich auf das Auge", während „sich das höllisciie 
Trommeln des Herzens {The hellish tattoo of the heart)" 
steigert. Seine Angst wächst mit der Stärke des Herz- 
schlags. 

„Das Klopfen wurde lauter und lauter! Ich dachte, das Herz 
müsse zerspringen. Und nun faßte midi eine neue Angst: das 
Geräusch könnte von einem Nachbarn vernommen werden! Da 
war des Alten Stunde gekommen. Mit einem lauten Geheul riß 
ich die Blendlaterne auf und sprang ins Zimmer. Er schrie auf — 
nur ein einziges Mal. Im Augenblick zerrte idi ihn auf den Boden 
herunter und zog das schwere Federbett über ihn. Dann lädielte 
ich, froh, die Tat so weit vollbracht zu sehen. Aber noch viele 
Minuten hörte ich den erstiditen Laut des klopfenden Herzens. 
Das kümmerte midi jedoch nicht. Das konnte nicht durch die 
Wände hindurch gehört werden. Endlich hörte es auf. Der alte 
Mann war tot. Ich entfernte das Bett und untersuchte den 
Leichnam. Ja, er war tot — tot wie ein Stein. Ich legte ihm 
meine Hand aufs Herz und ließ sie minutenlang da liegen. Kein 
Schlag war zu spüren. Er war endgültig tot. Sein Auge würde mich 
nicht mehr belästigen." 

Der Mörder beschreibt uns nun die „klugen Vorsichtsmaß- 
regeln", die er ergreift, „um den Leichnam zu verbergen" und 
die nach seiner Meinung beweisen sollen, er sei nicht -wahn- 
sinnig gewesen. 

„Die Nacht sdiwand hin, und ich arbeitete eilig, aber in großer 
Stille. Ich begann nun ihn zu zerstückeln. Ich schnitt den Kopf 
ab, dann die Arme, dann die Beine. Aus dem Fußboden des 



14 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Zimmers hob ich drei Dielen heraus und bereitete darunter dem 
Toten sein Grab. Dann legte ich die Bretter wieder an Ort und 
Stelle. So geschickt, so sorgfältig tat ich dies, daß kein mensch- 
liches Auge — nidit einmal das seine! — irgend etwas Auffallendes 
hätte bemerken können. Da war nichts wegzuwaschen — kein 
Fleds irgendwelcher Art — , nicht das kleinste Blutströpfchen. Dafür 
war ich viel zu bedachtsam vorgegangen. 

Als ich mit dieser Arbeit fertig wurde, war es vier Uhr — noch 
immer schwarz wie Mitternacht. Als die Turmuhr die Stunde 
anschlug, pochte es am Haustor ... Es traten drei Männer herein, 
die sich sehr liebenswürdig als Polizeibeamte vorstellten. Ein 
Nachbar hat in der Nacht einen Schrei vernommen." 

Der Mörder ist sehr ruhig. Er lächelt. Den Schrei, erklärt er, 
habe er selbst ausgestoßen, in einem Traum. Der alte Mann 
sei abwesend, sei aufs Land gereist. Und ebenso ruhig wie 
sein Nachfolger, der Mörder der Schwarzen Katze (eine 
Geschichte, die wahrscheinlich nach dem Schwatzenden 
Herzen gesdirieben wurde), führt auch er nun die 
Kommission durch das Haus und fordert sie auf, überall gut 
nachzusehen. 

„Ich führte sie sdiließlich in sein Zimmer. Idi zeigte ihnen 
seine Wertsachen, vollzählig und unberührt. Begeistert über meine 
Gewissensruhe bradite ich Stühle herbei und ersuchte die Herren, 
sich hier von ihrer Ermüdung zu erholen, während ich, im Bewußt- 
sein meines vollständigen Sieges, voll ausgelassener Kühnheit meinen 
Stuhl genau dort hinstellte, wo unter den Dielen der Leidinam des 
Opfers ruhte." 

Audi das erinnert wieder an den Mörder der Schwarzen 
Katze, der mit seinem Stock in die Mauer schlägt, es erinnert 
übrigens an den Zwang, unter dem so viele Mörder stehen, den 
Ort ihrer Untat immer wieder aufsuchen zu müssen. 

Und das Opfer antwortet nun, wie es sich gehört, aus der 
Tiefe seines Grabes auf die Herausforderung seines Mörders. 
Die Statue aus Stein, die über dem Grabe des Kommandeurs 
steht, nimmt die Einladung Don Juans an und kommt zum 



Das sdjwatzende Herz ij 

Rendezvous. Die eingemauerte Katze schreit. Auch der Greis 
mit dem sprechenden Herzen antwortet auf seine Weise. 

„Die Beamten waren zufrieden ... Sie saßen also, und während 
idi fröhlidi Antwort gab, plauderten sie von privaten Angelegen- 
heiten. Aber nidit lange, da fühlte idi, daß idi erbleichte, und 
wünsdite sie fort. Mein Kopf sdimerzte, und ich glaubte, Ohren- 
sausen zu haben . . ." Das Dröhnen in seinen Ohren wächst an — 
„bis mir endlidi klar wurde, daß das Geräusch nicht in den Ohren 
selbst war". 

Die auditive Halluzination ist wieder aufgetaucht. 

„Zweifellos: jetzt wurde ich sehr bleich; — aber ich redete noch 
eifriger und mit erhobener Stimme. Doch das Geräusch wurde 
lauter — und was konnte ich tun? Es war ein leises, 
dumpfes, schnelles Geräusch — ein Geräusch 
wie das Ticken einer Uhr, die man mit einem 
Tuch umwickelt hat. Ich rang nach Atem — und dennoch 

— die Beamten hörten es noch immer nicht. Ich spradi schneller 

— heftiger; aber das Geräusch wuchs beständig. Ich stand auf . . ." 

Und der Unglückliche macht die heftigsten Anstrengungen, 
um den immer stärker ansdiwellenden Lärm 2u ersticken. 
Aber was immer er auch tut, ob er mit wuchtigen Schritten 
hin und her rennt oder mit dem Stuhl auf den Dielen hin und 
her kratzt, 

„das Geräusch erhob sich über alles und nahm fortgesetzt zu. 
Es wurde lauter — lauter — lauter! Und immer noch plauderten 
die Männer und lädielten. War es möglich, daß sie nicht hörten? 
Allmächtiger Gott! — nein, nein! sie hörten! — sie argwöhnten! 

— sie wußten! sie trieben Spott mit meinem Entsetzen!" Und unter 
dem Drui dieser Einbildung, und da er nicht mehr länger diesen 
Hohn ertragen kann, ruft: unser Mörder aus: „Schurken! ... ver- 
stellt Eudi nidit länger! Ich bekenne die Tat! — Reißt die Dielen 
auf! — Hier, hier! — es ist das Schlagen seines "fürditerlichen 
Herzens". 

Das ist der Inhalt dieser berühmten Geschichte, die durch 
Stil und Vortrag überaus unmittelbar den Leser ergreifl: und 
dadurch eine der modernsten Gesdiichten Poes ist. Durch 



i6 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

sie weht bereits ein Vorläufer des Sturmes hindurch, der in dem 

großartigen Epos vom Vatermord, im Werk Dostojewskis, 

ausbrechen sollte.^ 

* 

Das Schwatzende Herz, das wir zum erstenmal 
im Briefwechsel Poes Ende 1842 erwähnt finden, soll unter 
dem Einfluß eines ernsten Herzanfalls, den der Dichter im 
Sommer des gleichen Jahres, als er von den Saratoga Springs 
zurückkehrte, erlitten hatte, geschrieben worden sein." Vielleicht 
war diese ernste Attacke (nach Hervey Allen der dritte beun- 
ruhigende Herzanfall,'^ den Edgar Poe seit 1834/35 erlitten 
hatte) tatsächlich die auslösende Ursache, die Poe dazu ange- 
regt hat, die tief in ihm schlummernden Komplexe, welche wir 
jetzt studieren werden, gerade durch den von Angst getriebenen 
Herzschlag — der auch, als sein Herz noch kränklicher war, 
später in dem Gedicht F ü r A n n i e die Ermüdung am Leben 
wiedergab — auszudrücken.'' Aber durch eine solche Erklärung 

2) Über Dostojewski: Freud: Dostojewski und die 
Vatertötung. (Als Vorwort zu der Ausgabe der Urgestalt 
der Brüder Karamasoff. Verlag Piper, Mündien 1528.) 

3) Lowell an Poe, Boston, 17. Dezember 1842 (V. E., Bd. 17, 

S. I2J). 

4) Israfel, S. J67. 

5) Israfel, S. 540 

6} The moaning and groaning, 

The sighing and sobbing, 
Are quieted now, 

With that horrible throbbing 
At heart: — ah that horrible, 

Horrible throbbing! 
Das Ächzen und Krächzen, 

Die seufzende Plag' 
Ist nun endlich vorbei 

Mit dem schrecklichen Schlag, 
Mit des Herzens entsetzlichem 

Schrecklidiem Sdilag! 
Siehe Bd. i, S. 311, 312. 



Das schwatzende Herz 17 

ist bei weitem nicht alles erfaßt, was sich im Schwatzen- 
den Herzen verbirgt. 

Wir wissen (eine Erkenntnis, die von der bewußten Men- 
talität nicht leicht aufgenommen wird), daß die Funktion der 
Organe unseres Körpers in unserer Gesamtpsydie nicht 
nach der Wichtigkeit, die sie für das Leben haben, repräsentiert 
ist. Die Funktion des Herzens im besonderen ist von derart 
vitaler Widitigkeit, daß der Mensch tot ist, sobald es zu 
schlagen aufhört; man müßte infolgedessen annehmen, daß der 
Herzschlag in unserer Psyche einen starken Widerhall findet. 
Dem ist aber nicht so: der Herzschlag belästigt unser Unbe- 
wußtes ebensowenig wie die rhythmische Ausdehnung des 
Thorax beim Atmen. Diese beiden Ersdieinungen gehören zu 
jenen Tätigkeiten des Organismus, weldie sich für ge- 
wöhnlich auf dem organischen Territorium abspielen, das sidh 
sogar jenseits unserer unbewußten psydiischen Gesamtstruktur 
befindet. 

Sobald aber ein organisches Leiden das eine oder andere 
dieser wichtigen Organe angreift, ja selbst wenn diese nur 
unter dem Einfluß einer hysterischen oder hypochondrischen 
Konversion stehen, dann kann es dazu kommen, daß jene 
Organe uns ganz ausschließlich zu beschäftigen beginnen. Aber 
sie beschäftigen uns dabei nie nur durch ihre Funktion an sidi: 
sie sind stets mit einer Libidolast überbesetzt. Sie stellen dann 
außer ihrer eigenen Funktion noch die Libidofunktion des 
ganzen Organismus dar, die dann zum großen Teil auf sie 
„verschoben" ist. Und bei diesen psychoneurotischen Störungen, 
die nicht bis zu der tiefen narzißtischen Regression zurück- 
gehen, welche die Hypochondrie verursacht, kann die libidinöse 
Überbelastung des leidenden Organs sogar dazu dienen, die 
Objektbeziehungen des Subjekts zu andern Menschen aus- 
zudrücken. 

Das ist der Fall des Schwatzenden Herzens. Wir 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 2 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



haben im Vorübergehen bereits darauf hingewiesen: der er- 
mordete Greis erinnert durch mehr als einen Zug an John 
Allan. Aber audi das Symptom des in Angst versetzten Herzens 
mußte ihm zugehören: hatte nicht Herr Allan schon 1820, bei 
dem Aufenthalt in England, den ersten Anfall von Hydropsie 
zu überstehen, jener Krankheit, die mit seinem Alter immer 
ärger wurde und 1834 sein Leben beendete? Erinnern wir uns 
an die letzte Begegnung zwischen dem Adoptivvater und dem 
Adoptivsohn, und an den Stock, mit dem der Kranke den 
Eindringling in das Familienheim bedrohte. Die Herzensangst 
in der Brust des ermordeten Greises stammt somit wahrschein- 
lich unmittelbar von dem schweratmenden, hydropischen, be- 
klommenen Herzen des schottischen Kaufmanns, mit dem Poe 
unter dem Einfluß der in seiner Psyche ruhenden Komplexe 
(die wir noch untersuchen werden) später manchmal sein 
eigenes Alkoholiker- und Neurotikerherz unbewußt identi- 
fizierte, in jener Identifizierung mit dem Vater, die von allen 
Söhnen durchgeführt wird. 

Denn die Tatsadie allein, daß Herr Allan wassersüchtig 
war, erschöpf! keineswegs die ganze Substanz dieser Angst- 
gesdiichte vom Schwatzenden Herzen. "Wenn man 
die tiefverborgenen Antriebe, welche die Menschen zu träumen 
veranlassen und die Diditer ein Kunstwerk zu schaffen, ver- 
stehen will, muß man die ursprünglichen Lebenstriebe, die das 
Unbewußte bevölkern, in ihrer ganzen Fülle erfassen. 

"Wir haben schon anläßlich des Doppelmordes in 
der Rue Morgue und des Mannes der Menge 
gesehen: der Sexualinstinkt des Kindes ist viel früher wadi, als 
die Erwachsenen glauben. Schon in einem unglaublich frühen 
Alter trägt es vorgeformte Triebmedianismen in sich, die es 
ihm gestatten, den Sexualverkehr der Erwadisenen, dessen 
Zeuge es sein konnte, „aufzunehmen" und in sich „auf- 
zubewahren". Daß der junge Edgar Zeuge solcher Handlungen 



Das schwatzende Herz 19 



gewesen, und zwar in der Zeit, da er mit seiner Mutter, der 
armen Wandersdiauspielerin, die Zimmer teilte, wird beinahe 
sicher durdi das Verbrechen des Orang bewiesen. Für das gleiche 
Verbredien, das sich im Londoner Nebel verbirgt, in dem 
Nebel, in dem Frances Allan an einem geheimnisvollen Leiden 
erkrankte, wird der Mann der Menge „das Urbild und der 
Dämon des Triebes zum Verbrechen" genannt. Denn das an 
der Mutter begangene Sexualattentat ist für das Kind in der 
Zeit der sadistisdien Auffassung des Koitus das Urbild jedes 
Verbrechens. 

Aber nur in der Zeit, in der das Kind noch ganz klein ist, 
scheuen sidi die Erwadisenen nidbt, sich bei Licht dem Sexual- 
akt hinzugeben; wenn es älter wird, schützen sie sich gegen 
seine Augen, die erwadien könnten, durch einen Wall von 
Finsternis, den sie für undurchdringlidi halten, durdi jene 
Finsternis, von der im Schwatzenden Herzen die 
Rede ist und durdi die ein Zimmer „schwarz wird wie Pedi". 
Die Finsternis ist ja auch sonst der bevorzugte Sdiauplatz für 
die Sexualbetätigung des zivilisierten Menschen; er wird durdi 
die soziale Zensur, die seine Umgebung ausübt, auf sie ver- 
wiesen. 

Dem geweckten Sexualtrieb des Kindes gelingt es jedodi, 
auch diese Nacht zu durchdringen. Dabei hilfl ihm, was es in 
noch früherer Zeit gesehen hat, und wenn audi Gesidits- 
eindrücke fehlen, das Gehörte genügt. Der Koitus wird doch 
von bestimmten Lauten, rhythmischen Bewegungen, besdileu- 
nigter Atmung, die vom beschleunigten Herzschlag abhängt, 
begleitet. Und wenn auch das Herz auf Distanz nicht hörbar 
ist, das Keuchen, das seinen Schlag regelmäßig begleitet und 
das für jeden hörbar ist, bleibt für die im Dunkel der Nacht 
lauernden Kinderohren deutlich wahrnehmbar. 

Wir sind daher nicht erstaunt, daß im Schwatzenden 
Herzen auf einen besonders fein entwickelten Gehörssinn 



Die Gesdiichten: Der Zyklus Vater 



ausdrücklich hingewiesen wird. Dieser Hinweis dedct wahr- 
scheinlich die unbewußte Erinnerung an die Tatsache auf, daß 
das ganz kleine Kind in der Nacht Dinge der Hölle'' gehört 
hat, die Angriffe des Vaters auf die Mutter. Man findet an der 
Wurzel vieler Gehörshalluzinationen des Paranoikers die 
gleiche unbewußte Erinnerung. 

Der Herzschlag des Greises, dieses „höllische Trommeln des 
Herzens", das immer lauter und lauter wird, bedeutet daher 
den Trommelwirbel eines Herzens während des Angriffs auf 
die Frau. Dieser Angriff ist wohl der Anlaß, der jenes tolle 
Crescendo des Herzklopfens hervorruft, eines Herzklopfens, 
das zweimal anschwillt, um das erstemal beim Tod des 
Greises, das zweitemal bei der ebenfalls zum Tod führenden 
Verhaftung des Mörders abzuebben. 

Beide Male wird somit das Gesetz der Wiedervergeltung 
befolgt, zuerst durch die Bestrafung des Mutter m ö r d e r s, 
dann durch die Bestrafung des Mörders dieses Mörders. 
Das heißt: im Grunde genommen liegt der Mann der Menge 
im Bett des Greises (vom Schwatzenden Herzen) 
und empfängt hier die gerechte Strafe für seine Tat. Und so 
wie das Verdrängte schließlich in den neurotischen Symptomen 
im Verdrängenden wiederauftaucht, ersdieint das Zeichen des 
Verbrechens — das während der Lust heftig pochende Herz — 
hier in der Strafe wieder: in dem in der Todesangst pochenden 
Herzen. Außerdem wird der Greis unter dem Bett, unter 
dem Schauplatz seines Verbrechens (des Sexualattentats), er- 
stickt. Das Werkzeug des Verbrechens wird hier zu dem 
seiner Strafe. 

Und in dem Faktum, daß die dichte, pedhschwarze Nacht 
— durch die hindurch der schlafende Greis oder das 



7) Henri Barbusse: L'enfer. (Librairie Mondiale, Paris, 1908.) 
In diesem Werk wird die „Hölle" mit der Sexualität verglichen. 



Das schwatzende Herz 



sdiwatzende Herz belauert wird — dodi von einem aus der 
Laterne kommenden sdiwadien Liditstreif durdibrodien ist, 
muß man wahrscheinlich die Wiederkehr des heftigen, instän- 
digen Kindwunsches erkennen, trotz der Finsternis zu sehen. Idi 
habe einen jungen Mann gekannt, bei dem die Erinnerung an 
den belausditen Sexualakt der Eltern in der Analyse in Form 
eines Traumes wiederkehrte, in dem er sich selbst sah, wie er 
als ganz kleines Kind die Eltern beobachtete und an Stelle 
der Augen die mit einer Blende versehenen Objektive einer 
Kamera hatte. Zu Poes Zeiten war die Photographie noch in 
den Kinderschuhen, die Laterne mußte daher das Objektiv, 
Symbol für den Blick, ersetzen. Man weiß, daß die primitive 
Auffassung mandier Menschen meint, nicht die beleuditeten 
Objekte senden dem Auge ihre Strahlen zu, sondern das 
Auge sdbickt seinen Strahl auf die Gegenstände, die es be- 
trachtet. Diese primitive Vorstellung vom Sehen ist nun auch 
in dem Vorgang enthalten, wie der Mann die Finsternis durch- 
schaut und seine Laterne einem Augenlid gleich öffnet. Stellen 
wir dieses Element der Geschichte zu dem andern, zentralen, 
des klopfenden Herzens, dann haben wir eine vollständige 
Wiederkehr der visuellen und zugleich auditiven Sehnsucht des 
kleinen Edgar vor uns, der noch im Haus der Allan die Szenen 
wiedersehen wollte, die er in der Zeit Elizabeths hatte beob- 
achten können. 



Aber die Sohn-Gestalt verurteilt die Vater-Gestalt in dieser 
Geschichte aus einem ganz anderen Grund zum Tode. Der 
Erzähler erklärt, den alten Mann zu lieben, „er hatte mir nie 
etwas zu leide getan", — „er hat mir nie eine Kränkung zu- 
gefügt" — „nach seinem Geld trug ich kein Verlangen": wir 
haben es mit lauter Darstellungen der Beziehungen Edgars zu 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



seinem „Pa" John Allan durch das Gegenteil zu tun.* Die Be- 
hauptungen des Erzählers sind gewiß auch ein wenig Heuchelei; 
und die Gesdiichte vom Schwatzenden Herzen, in 
der die Ambivalenz der Gefühle gegen den Vater hätte sidhtbar 
werden sollen, ist vor allem eine Geschichte des Hasses. Aber 
der Grund, warum der Junge den Alten haßt, ist einzigartig: 
der Greis wird wegen seines Auges gehaßt. „Ich glaube, es war 
sein Auge! Ja, das war es! Eines seiner Augen glich vollständig 
dem Auge eines Geiers — ein blasses, blaues Auge, mit einem 
Häutchen darüber." Wir wollen uns hier nidit bis zur Be- 
hauptung vorwagen, der Geier sei unleugbar eine Anspielung 
auf die Mutter, trotzdem der Geier bei den Ägyptern und auch 
anderswo ein klassisches Muttersymbol war, ein Symbol, das 
dann in der Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci auf- 
tauchte." Man wird jedoch nicht ableugnen können, daß das 
Auge des Greises unmittelbar an das Auge der Katzen, der 
mütterlichen Toterntiere in der Schwarzen Katze, er- 
innert. Das Häutchen auf dem Auge schließt zwar keineswegs 
unbedingt den Verlust des Sehens in sich ein, aber es hat 
diesen Verlust häufig zur Folge oder suggeriert ihn wenig- 
stens. Der „Vater" im Schwatzenden Herzen wird 

8) Ebenso ist in Du bist der Mann! (Thou Art the Man, 
Godey's Lady's Book, November 1844) der ErbnefEe, der den 
überaus bezeichnenden Namen eines armen Sdariftstellers, Herr 
Pennifeather, führt, unschuldig wie ein Lamm an der Ermordung 
seines reidien Onkels, des Herrn Shuttleworthy; bloß ein Doppel- 
gänger dieses Onkels, ein schlechter Kerl, der ebenfalls in die Reihe 
der Väter, der heudilerischen John Allan gehört und ironisch Old 
Charley Goodfellow heißt, ist einer soldien Tat fähig! Es gelingt 
Goodfellow, den Unschuldigen verhafi:en und zum Galgen ver- 
urteilen zu lassen, aber durch ein Poesches "Wunder (der Leichnam 
des Opfers steigt aus einer Weinkiste hervor) wird er demaskiert 
und geriditet: er stirbt und der freigelassene Pennifeather genießt 
in aller Unschuld das Vermögen des Ermordeten. 

9) Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leo- 
nardo da Vinci. Deutidee, Wien 1910 (Ges. Schriften, Bd. IX). 



Das schwatzende Herz ^3 



also, wie der Wotan der germanischen Mythologie, einäugig 
(was so viel bedeutet wie verstümmelt, kastriert) dargestellt." 

Und das wegen seiner Missetaten! Der Vater ist in seinem 
Verhalten der Mutter gegenüber der Urtypus des Verbrechers. 
Das gleiche gilt von seinem Verhalten gegenüber dem Sohn. 
Hat nicht er den Sohn von der Mutter getrennt und ihn mit 
der Kastration bedroht? Und gerade darin liegt der Haken! 
Die Mutter zeigt ihrem Sohn an ihrem eigenen Körper, daß 
die sdirecklidie Möglichkeit, einem Lebewesen könne der Penis 
fehlen, tatsächlidi besteht; der Vater jedoch, durch den und 
zu dessen Gunsten dann die ödipusverbote geschaffen 
wurden, ist schließlich die Gestalt, die von alters her und im 
Unbewußten dem Sohn droht, er werde zur Strafe für^ seine 
schuldbeladenen Wünsciie den Penis verlieren. Und weil der 
Vater an seinem Sohne jenes Verbrechen begangen hat, 
kastriert ihn dieser, sobald er zur Macht kommt, zur Strafe 
für das gleiciie Verbrechen, für das der Sohn hätte kastriert 
werden sollen: für den Besitz der Mutter. So kastrierte der 
erwaciisene Zeus seinen Vater Kronos, welcher wieder Ka- 
strator seines eigenen Vaters Uranos gewesen war. 

Diese zwei großen, ewig menschlichen Themen sind der 
tiefere Grund, warum die Leser der kleinen Geschichte Poes 
von der Erzählung so gepackt werden. Die beiden 
Fundamentalkomplexe, durcii welciie die ganze Menschheit und 

lo) In The Encyclopaedia Britannica, Artikel Odin, steht: dem 
„alten Mann mit dem einzigen Auge" wurden bei den alten Völkern 
häufig die Kriegsgefangenen geopfert. „Die gewöhnlichste Methode 
der Opferung bestand darin, daß die Opfer an einen Baum gehängt 
wurden, und in dem Gedicht von Hävamil wird der Gott selbst 
als auf solche Weise geopfert dargestellt." Man muß auch in der 
Tatsache, daß Wotan, der kastrierte Vater, in einer Art ironisdier 
Kompensierung ganz ebenso wie die Sdiwarze Katze, das Unge- 
heuer, welches gleichfalls nur ein Auge hat, aufgehängt, das heißt 
rephallisiert wird, mehr als ein zufälliges Zusammentreffen 
sehen. 



24 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



jedes Mensdienkind hindurch ging und gehen, bilden ihr Mark 
und ihre Substanz. Hier sind die ödipalen Todeswünsdie des 
Sohns gegen den Vater verwirklicht: der Vater wird wegen 
des einen Verbrechens bestraft, die Mutter besessen zu haben, 
und wegen des anderen, durch die Drohungen, die er seinem 
Sohn gegenüber ausstieß, besonders aber durch die Tat selbst, 
die verfluchte Kastration in die "Welt eingeführt zu haben! 
Wenn nämlich der Sohn entdeckt, daß die Frau kastriert ist, 
schreibt er die Tat gewöhnlicii dem Vater zu; und das Kind, 
in dem die Erinnerung an die beim Koitus überraschten Eltern 
stark nachwirkt, glaubt, daß die Mutter nur um den Preis jener 
Wunde, die wie die des Amfortas ewig bluten wird, der 
sadistischen Aggression des Vaters entgangen sei. Und es sieht 
die Menstruen der Frau als Beweis für seine Meinung an. 
Nun sind aber beide Eltern an der Freveltat, die Kastration 
auf die Erde eingeführt zu haben, ohne die alle Lebewesen 
ganz wären, auf ihre Art schuldig: die Mutter, weil sie 
sie geduldet hat, der Vater, weil er ihr sie zufügte. Darum 
müssen beide bestraft werden: die Katzen werden aufgehängt 
oder eingemauert, der Greis wird unter seinem Bett erstickt. 
Und beide tragen das Zeichen ihres gemeinsamen Verbrediens 
an sich: die Katze das ausgestochene Auge, und der Greis ein 
Häutdien über dem Auge. 

Hier müssen wir uns nun fragen: ist der Greis des 
Schwatzenden Herzens wirklich einäugig? Poe 
spricht sich darüber nicht aus, er scheint sogar zuzugestehen, 
daß das „blinde" Auge trotz des das ganze Auge bedecienden 
Häutchens sehen kann. „Wann immer es mich anblickte", 
schreibt er zu Beginn der Erzählung, „erstarrte mir das Blut." 
Und später, als der verstümmelte Leichnam nach dem voll- 
brachten Verbrechen unter dem Boden lag: „Dann legte ich 
die Bretter wieder an Ort und Stelle. So gesdaickt . . ., daß 
kein menschliches Auge — nicht einmal das seine! — irgend 



Das schwatzende Herz 25 



etwas Auffallendes hätte bemerken können." Hier wird also 
diesem Auge sogar eine Sehfähigkeit von außerordentlicher 
Sdiärfe zugewiesen. Darin steckt irgendwie ein Widerspruch, 
denn wenn audi das Häutchen und das Sehen im Notfalle 
nebeneinander bestehen können, so war dieses Auge im Un- 
bewußten Poes unleugbar ein blindes Auge wie das des 
„Vaters" "Wotan in der Sage. 

Wir wissen aber, daß Widersprüche im manifesten Inhalt 
von Träumen oder Sagen einen Gedanken, der in ihrem 
latenten Inhalt vollkommen kohärent ist, verraten. Hängen 
diese Widersprüdie, die hier zwischen dem Häutchen und dem 
Auge, das ganz ausgezeichnet sehen könnte, obwohl es doch 
im Grunde ein blindes Auge bleibt, nicht mit der Tatsache 
zusammen, daß der Vater in dieser Geschichte für zwei ver- 
schiedene, deutlidi voneinander getrennte Missetaten bestraft 
wird: für das Verbrechen, mit der Mutter den Sexualakt be- 
gangen, und für das andere, durch diesen Akt in der Person 
der Mutter die Kastration auf der Erde eingeführt zu haben? 
Um nun die Kastration auf der Erde einzuführen, braucht man 
eine Waffe, den Penis; der Vater war daher im Augenblick 
dieser Tat nidit kastriert, er wird erst später verstümmelt sein, 
zur Strafe für sein Verbrechen. Das Auge des Greises, der 
sehen und nicht sehen kann, verdichtet also in sich einen sdiein- 
baren Widerspruch, es gibt zwei aufeinanderfolgende Zustände 
des verbrecherisdien Vaters wieder: den ersten, in dem er mit 
seiner Waffe die Missetat vollführt, den zweiten, in dem diese 
Waffe ihm aus Strafe für seine Missetat weggenommen wird.^^ 



11) Man könnte in dieser Geschidite nodi einen andern Wider- 
spradi aufdecken: Das Geräusch des Greisenherzens wird hier mit 
dem Ticien einer Uhr verglidien, die außerdem in ein Tuch gehüllt 
ist. Nun sind die Uhren und ihr Ticktack (im Gegensatz zum 



i6 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Es gibt eine ältere Geschichte Poes, in der die Kastration des 
Vaters auf eine andere Art dargestellt wird, und zwar so, 
daß die Todesstrafe nicht mit der Strafe für die Kastration 
vermengt ist. Im Mann, der aufgerieben worden 
w a r," hat der General-Major John A. B. C. Smith im Lauf 
eines ultraheroischen Feldzuges fast alle möglichen Verstümme- 
lungen durch Wilde, die Kickapoos und Bugaboos, erleiden 
müssen! Der Erzähler der Geschichte, der dem General in vor- 
nehmer Gesellschafl: begegnet, ist zuerst verblüfft über das 
stattlidie Aussehen, die schöne Stimme dieses Offiziers und 
über die Sicherheit, mit der dieser in Gesellschafl: auftritt. Der 
General fällt nämlich besonders dadurch auf, daß er ein Löwe 
bei den Damen ist. Man flüstert aber, es umgebe ihn ein 
Geheimnis, und dem Erzähler gelingt es nicht, den Vorhang 
zu heben. Um die Wahrheit an der Quelle zu schöpfen, begibt 
er sich eines schönen Tages zum General selbst. Der General 
ist beim Ankleiden; der Erzähler wird trotzdem vorgelassen. 
Beim Eintritt in das Zimmer stolpert er über ein unförmiges 
Paket, aus dem eine leise Stimme kommt. Das Paket ist der 
General: der fällt nämlich in diesen Zustand zurück, sobald er 
die verschiedenen künstlichen Teile abgelegt hat, die Wunder 
moderner mechanischer Erfindungskunst sind und durch die er 

großartigen Pendelschwung, von dem wir später sprechen werden) 
im menschlichen Unbewußten klassische Symbole für das weibliche 
Organ und den Pulsschlag der kleinen Klitoris in ihrer Falte 
während der Erregung. Bevor nun die Herzschläge des Greises so 
laut geworden sind, daß sie einen recht männlichen Höllenlärm 
machen, setzen sie, und zwar zweimal, con sordino nach dem 
weiblichen Schema ein. Man könnte darin eine Dualität sehen, 
die der des Auges mit dem Häutchen analog ist, das zu gleicher Zeit 
sieht und nicht sieht, das heißt zugleich übermännlich und 
kastriert ist. 

12) The Man that was Used Up. A Tale of the Late Bugaboo 
and Kickapoo Campaign. {Burton's Gentleman's Magazine, August 
1839; 1840; 1843; Broadway Journal, II, 5.) 



Das sdjwatzende Herz 27 



alle seine Verstümmelungen wettmacht. Die wichtigste Ver- 
stümmelung wird zwar nicht erwähnt; man kann sich aber vor- 
stellen, daß auch sie nidit fehlen wird, und daß die Kickapoos 
und die Bugaboos, die auf so generöse Weise den Helden seines 
Armes beraubt haben, seines Beines, seiner Sdiultern, seiner 
Brust, seines Skalps, seiner Zähne, seines Auges, der Wölbung 
seines Gaumens und sieben Achtel seiner Zunge, daß sie ihm 
audi den Penis nidit ließen! Die Kastration der Gefangenen 
steht übrigens auch bei andern wilden Völkern als bei den 
Kickapoos und den Bugapoos in Ehren. 

Wenn der Mörder des Schwatzenden Herzens 
seinem Opfer den Kopf, die Arme und Beine wegschnitt, bevor 
er es unter dem Fußboden beerdigte, so „kastrierte" er dadurch 
wenigstens nur einen Leichnam. Die Behandlung, welche der 
General erdulden mußte, ist eine symbolische, richtige Kastra- 
tion. Das Kastrationsthema (Entziehung des Penis) ist zwar 
mit dem Todesthema (Entziehung des Lebens) verwandt, aber 
sie sind nicht miteinander identisch; das wird im Mann, der 
aufgerieben worden war, sehr deutlich gezeigt. 

In dieser Geschichte wirkt schließlidi auch die Erinnerung 
Poes an die Zeit nach, in welcher er bei der Armee war und 
seine Vorgesetzten für ihn die Stelle des Vaters einnahmen, 
den er verlassen hatte, als er aus dem Hause Allans floh. 



Bevor wir diese Studie über das Schwatzende Herz 
abschließen, wollen wir nodi an den Zügen des ermordeten 
Greises zu bestimmen versuchen, welche Väter Edgars sich in 
ihm spiegelten. 

Die unbewußte Erinnerung an den Sexualakt der Eltern 
mußte, wie wir bereits gesehen haben, zu jener Zeit zurück- 
kehren, in welcher das Kind mit der wirklichen Mutter 
während der Tourneen der Truppe Placide dasselbe Zimmer 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



bewohnte. Damals war David Poe der Vater, bald aber folgte 
ihm, wie wir vermuten, irgendein anderer Mann, der geheimnis- 
volle X, der Vater Rosaliens. Dieser unbekannte Liebhaber 
lieferte dann wahrsdheinlich in erster Linie das Thema vom 
Crescendo des Herzens. Und die Tatsadie, daß der Mann 
mit der Laterne, als er das letztemal in das Zimmer des Greises 
eintrat, sich dadurch verriet, daß er zu husten begann und an 
der Laterne herummanipulierte — Fehlhandlungen, weldie 
vom "Wunsch, sich zu verraten, diktiert sind — , enthält wahr- 
scheinlich die Wiederkehr eines häufig eintretenden Ereignisses: 
das lauernde Kind gefällt sich ofl: darin, den Sexualakt der 
Eltern aus Eifersucht zu stören, indem es schreit, unter dem 
Einfluß der ansteckenden Erregung das Bedürfnis zu urinieren 
hat, oder sidi auf irgendeine andere Weise bemerkbar 
madien will. 

Alle diese frühzeitig von dem Kind aufgenommenen und 
von ihm aufbewahrten Eindrücke wurden dann in der Zeit 
der Allans en bloc auf Allan selbst übertragen, auf einen In 
höherem Maß Ehrfurcht einflößenden Vater, der auf das 
heranwadisende Kind einen unauslösdilichen Eindrudi gemacht 
hat. Es besteht wohl kein Zweifel darüber, daß Poe gerade im 
Bürgerhause des schottischen Kaufmannes die Verdrängung 
seiner frühreifen infantilen Sexualität anbefohlen wurde. Dort 
wurde also für ihn der Kastrationskomplex, der Schöpfer 
unserer Moral, wirksam. Daher gehört das mit dem Häutdien 
bedeckte Auge des Greises, das Auge des Geiers, dem Herrn 
Allan. Die ganze ödipuswut des Kindes muß nämlich an Allan 
fixiert gewesen sein, weil Allan der gegenwärtige, harte, unter- 
drückende Vater und audi der Besitzer und Henker der neuen 
Mutter war und blieb. Die Herzschläge sind demnach zum 
mindesten dreifach determiniert: wir agnoszieren sie zuerst 
als das Keudien beim Koitus, das während der Nacht vom 
Kind armer Sdiauspieler in ihrem Quartier gehört werden 



Das schwatzende Herz 29 



konnte; dieses Keudien wurde dann unter dem Einfluß der 
Erinnerung an das beklommene Herz des hydropisdien Vaters 
John Allan zu dem Herzklopfen in Beziehung gebracht; und 
in der aktuellen Realität war das Alkoholiker- und Neurotiker- 
herz des Sohnes Edgar das Echo zu diesem kranken Herzen. 
Diese kranken Herzen sind nun alle schuldige Herzen, und 
schuldig am gleichen Verbrechen: die Mutter begehrt zu haben. 
Ihre Krankheit und ihr Klopfen waren daher im Unbewußten 
Edgars zugleich der Ausdruck für das Verbrechen und für die 
Strafe. 

Der Zwang, unter dem der Mann mit der zu öffnenden 
Laterne stand, als er Nacht für Nadit zur Tür des Zimmers 
ging, um den schlafenden Greis in seinem Bett zu beobachten, 
muß also als die Wiederkehr der Erinnerung an realste 
Ereignisse aus der Kindheit Edgars angesehen werden. Es ist 
allerdings kaum wahrsdbeinlich, daß John Allan, der für die 
Adoptierung eines Waisenkindes, des Kindes von Wander- 
schauspielern, wenig eingenommen war, gestattet hatte, daß 
das Kind — auch dann nicht, wenn es krank war — im Schlaf- 
zimmer des Ehepaars wohne, und sei es auch nur, um seiner 
Frau, die das schöne Kind abgöttisch liebte, einen Gefallen zu 
erweisen. Außerdem gehörte das Haus der Allan wohl- 
habenden Bürgern: sie hatten Sklaven. Und das Kind war 
einer schwarzen Kinderfrau, seiner „mammy" anvertraut, 
neben der es schlafen mußte.^^ 

Vielleicht erlebte es nun im Schatten der Nacht, die so 
schwarz war wie Pech oder wie die Negerin, durch diese selbst 
in neuer Auflage den elterlichen Koitus wieder, den es jetzt 
nur durch das Dunkel hindurch hatte hören können — wie der 
Mann mit der Laterne das Herz des Greises. Die Libido des 
Kindes war aber — was durch die Geschichten und die Bio- 



13) Israfel, S.61, ein Hinweis auf diese „Mammy" 



30 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

graphie Poes bewiesen wird, in der die Negerin keine Rolle 
j' spielt — nach dem klassischen "Wiederholungszwang überaus 

" stark an die Adoptivmutter fixiert, die ebenso sdiön und weiß 

j war wie früher einmal seine wirklidie Mama. Die kindlichen 

l' Wünsdie zielten daher trotz allem vor seinem Einschlafen nadi 

ihrem Zimmer, weil es sie liebte, sie begehrte, und aus Eifer- 
sucht sehen wollte, was ein anderer dort machte. 

Der andere war John Allan, den das Kind sicher im Ver- 
j dadit hatte, die gleidien Attentate zu begehen wie die, welche 

1 früher, vor seinen Augen, an seiner wirklichen Mutter be- 

ll gangen worden waren. -Wenn also der Mann mit der Laterne 

'■ sich gezwungen fühlt, eine Nacht nach der andern den Greis 

in seinem Zimmer zu belauschen, dann realisiert er dadurch 
wahrsdieinlich, was das Kind, welches wider seinen Willen von 
der Kinderfrau in dem kleinen Bett zurückgehalten worden 
war, damals in seiner Ohnmadit nicht hatte durchführen 
können. Wenn auch die Gestalt der Mutter hier wie im M a n n 
derMenge unterdrückt ist, so wird trotzdem um ihretwillen 
der Vater erst zu einem einäugigen Menschen gemacht, dann 
getötet. 

Der Tod des Greises ist somit der Abschluß des ödipus- 
kampfes, dessen Einsatz die Mutter gewesen. Aber die Mutter 
ist aus der Geschichte, von der Szene verschwunden, der Greis 
liegt allein in seinem Bett, ganz so wie der kleine Edgar 
gewünscht hatte, daß John Allan immer allein schlafe. Die 
Einsamkeit, die den Greis bei seinem Schlummer umgibt, ist 
daher wahrscheinlidi die Erfüllung einer Wunschphantasie des 
kleinen Edgar. 

Das Herz des Greises jedoch schlägt, obwohl er allein ist, 
I im C r e s c e n d o. In diesem Vorfall ist die Negation und Be- 

jahung des Vater-Koitus verdichtet, so wie das Auge des alten 
Manns zugleidi an den Penis und an das Fehlen des Penis er- 
innert. Wir haben hier Darstellungsschemen des Unbewußten 



Das schwatzende Herz 31 

vor uns, in denen die Gegensätze nebeneinanderliegen, Aus- 
drucksweisen, welche zwar von der bewußten Logik zurück- 
gewiesen werden, in uns aber trotzdem weiterbestehen, wie alle 
Träume (sowohl die normaler Menschen als audi die der Neur- 
otiker), alle Sagen, die aus der Phantasie der Menschen 
stammen, unaufhörlidi beweisen. 



DIE MASKERADEN 

Audi im Faß Amontillado^* ersdieint die Mutter, 
die Frau nidit persönlidi, und doch wird in dieser Erzählung 
voll eisiger Schrecken der Mann ihretwegen getötet. 

Poe muß diese Geschichte in der Zeit gesdirieben haben, 
in der seine Liebe zu Frau Osgood besonders heftig und seine 
Angriffslust sich gegen jene Menschen, die ihn von ihr trennen 
wollten, also gegen Frau Eilet, ihren Bruder Lummis und gegen 
Thomas Dünn English, besonders stark auszuleben versucäite. 

"Wir erinnern uns daran, daß Poe im Frühjahr 1845, bei 
Willis, Frances Osgood kennengelernt und sich sofort in die 
zarte, schwindsüchtige Dichterin verliebt hatte: sie war die 
erste große Leidenschaft seiner letzten Lebensjahre. Im "Winter 
184J/46 waren sie ofl: zusammengekommen, aber diese Leiden- 
schaft blieb, wie jede andere des Dichters, ebenso platonisch 
wie sie glühend gewesen. "Wir besitzen leider keinen der 
Briefe mehr, welche die Liebenden miteinander gewechselt 
hatten. Im Sommer 1846 suchte die bösartige Frau Eilet eines 
Tages Poe in Fordham auf und fand nur Frau Clemm zu 
Hause. Nun war Muddy, wie wir bereits erfahren haben, so 
unvorsichtig, der Besudierin Briefe der Frances Osgood zu 
zeigen. Das führte zu einem großen Skandal unter den 
„schreibenden Frauen", und Frances Osgood forderte durch 
Frau Eilet ihre Briefe zurück. 

Poe erfüllte ihr "Verlangen und schickte auch an Frau Eilet 
die Briefe, die er mit ihr gewechselt hatte. Der Bruder dieser 
Dame leugnete ab, daß seine Schwester diese Briefe zurück- 

14) The Cask of Amontillado. (Godey's Lady's Book, November 
1846.) 



Die Maskeraden 33 



erhalten habe, er soll dann in New York herumspaziert sein, 
in den Tasdien Pistolen getragen und Drohungen ausgestoßen 
haben: hierauf ersuchte Poe seinen alten Feind Thomas Dünn 
English, sein Zeuge zu sein. Dieser aber weigerte sich, ihm zur 
Verfügung zu stehen und Pistolen zu leihen, ja er schlug 
ihn sogar und warf ihn hinaus. Daraufhin brach zwischen Poe 
und English in den Spalten des New York Minor der Streit 
der Literati aus. Poe klagte seinen Gegner wegen Verleumdung 
und gewann seinen Prozeß. 

Inzwisdien hatte die verängstigte Frau Osgood mit ihm ge- 
brodien, sie war nach Providence abgereist. Griswold, der 
diese Dame ebenso wie Poe verehrte, hatte daher keinen 
Nebenbuhler mehr. 

Die Haltung, welche Poe Griswold gegenüber während 
dieser ganzen Zeit einnahm, war durchaus rätselhaft. In der 
Korrespondenz, die er an Griswold sandte, finden wir nur 
höflidie Briefe. "Wußte Poe nicht, daß er sein Rivale war? 
Oder überkompensierte er durdi diese Höflichkeit seine mehr 
oder weniger unbewußte Eifersudit? Stellen wir immerhin die 
Tatsache fest, daß nach einem seltsamen und flüchtigen Versuch 
einer Annäherung die Aggression Poes zum größten Teile an 
Thomas Dünn English abreagiert worden zu sein schien.^'' 

Und da Poe ein Dichter war, scheint die Aggressionslust, 
weldie die Neigung des Sechsunddreißigjährigen für Frances 
begleitete, diese Aggressionslust gegen einen Menschen, von dem 
er vermutete, er sei sein Rivale, durch das Faß Amontil- 
1 a d o voll befriedigt worden zu sein. 



Unter dem Einfluß der aktuellen Leidensdiaft für die neue 
Frances erwadite auch die alte infantile ödipusrivalität mit 

15) Siehe besonders Israfel, S. 702fF. und den Briefwedisel Poes 
aus jenen Jahren im Bd. 17 der V. E. Ferner hier Bd. I, S. 227 — 232. 
Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 3 



34 Die Geschichten: Der 2yklus Vater 

dem Vater wieder. Wir werden sehen, daß Fortunato, der be- 
vorzugte Nebenbuhler des Montresor dieser Geschidite, sowohl 
die Züge der Brüder als audi die der Väter trägt, die im Leben 
Edgar Poes aufeinandergefolgt sind. 

„Alle die tausend kränkenden Reden Fortunatos ertrug 
idi", beginnt Montresor, „als er aber Beleidigungen und 
Beschimpfungen wagte, schwor idi ihm Rache." Thomas 
Dünn English hatte Poe geschlagen — dadurch lebten im Ge- 
dächtnis des Dichters wahrscheinlich jene Schläge wieder auf, 
welche ehemals sogar nodi dem Jüngling von John Allan ver- 
abreicht worden waren. Aber in dem Haus der Allan hatte 
das Kind, da es sich vor dem Vater fürchtete, wohl nichts 
von seinem Haß verraten. „Ihr werdet dodi nicht annehmen 
— ihr, die ihr so gut das Wesen meiner Seele kennt — , daß 
idi eine Drohung laut werden ließ. Einmal würde idi gerädit 
sein! ... Idi sollte nicht nur strafen, sondern ungerächt 
strafen." So wollte gewiß auch Edgar Poe an seinem Adoptiv- 
vater handeln. 

„Er hatte eine Sdiwädie, dieser Fortunato — obwohl er in 
anderer Hinsicht ein geaditeter und sogar gefürchteter Mann war" 
(wie der Vater es für sein Kind gewesen). „Er brüstete sidi damit, 
daß er ein Weinkenner sei. Nur wenige Italiener besitzen den 
wahren Kunstverstand ... Hierin stand idi selbst ihm kaum nach; 
ich kannte den italienischen Wein gut . . ." 

Beide, der Vater und der Sohn, lieben also den Wein, was 
hier auch bedeutet, daß beide nach dem Rausch, in den sie die 
Mutter versetzt, Sehnsucht haben; und außerdem symbolisiert 
diese Liebe zum Wein die ödipusrivalität, in der sie einander 
gegenüberstehen. Es hat dabei wenig zu sagen, daß wir an 
Fortunato mehr als einen brüderlichen Zug entdecken können, 
vor allem dadurch, daß ihm das gleiche Alter wie seinem 
Rivalen zugesdirieben wird: denn wenn diese Gestalt an der 
Oberflädie sowohl Griswold als audi English, die verab- 



Die Maskeraden 3j 

scheuten literarisdien Brüder, darstellt, und außerdem Henry- 
Poe, den alkoholliebenden, schwindsüchtigen Bruder, der wie 
Fortunato hustet, verkörpert, so hat diese Darstellung vielleicht 
den Zweck, ihn an diesen Brudergestalten, die „degradierten" 
Vätern entsprechen, ungestraft grausame Rache nehmen zu 
lassen. Henry Poe verschmilzt übrigens in der Gestalt des 
Fortunato vermutlidi sowohl mit David, dem Vater Henrys, 
der ebenso schwindsüchtig und alkoholsüchtig war wie er 
selbst, als auch mit John Allan, dem schottischen Kaufmann 
und Weinliebhaber — die außerdem alle drei zu der Zeit 
bereits tot waren und wie Fortunato im Grabe lagen, als Poe 
diese Geschichte sciirieb. 

Poe versetzt uns mitten hinein in den Karneval. Kommen 
nun die Maskeraden, die in dem "Werk Poes (im F a ß A m o n- 
tillado, in Hopp-Frosch, in König Pest, in der 
Maske des roten Todes) eine so große und unheilvolle 
Rolle spielen und stets im Zusammenhang mit dem Vater- 
komplex stehen, aus der Theateratmosphäre, in der das Kind 
geboren wurde? Eines Abends, „es war in der tollen Karnevals- 
zeit", begegnet der Erzähler an einem dämmerigen Abend 
seinem Freund. 

„Er begrüßte midi mit übertriebener Wärme, denn er hatte viel 
getrunken. Der Mann war maskiert, er trug ein enganliegendes, zur 
Hälfte gestreiftes Gewand, und auf seinem Kopf erhob sich die 
koniscii geformte Narrenkappe . . . ,Mein lieber Fortunato, es freut 
mich, didi zu treffen . . . Idi habe ein Faß Wein bekommen, das 
für Amontillado gilt und ich habe meine Zweifel!'" 

Fortunato schlägt sofort vor, diesen Wein kosten zu gehen, 
trotzdem Montresor, der sich jedoch nur wehrt, um den andern 
um so begieriger zu machen, scheinbar nicht will. Montresor 
zieht Fortunato in die Weinkeller hinab. 

„Ich nahm zwei Facieln . . . gab Fortunato eine davon und 
komplimentierte ihn durch mehrere Zimmerreihen in den Bogen- 



3^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



gang, der zu den Gewölben führte. Idi schritt eine lange, ge- 
wundene Treppe hinab, und bat ihn, mir vorsichtig zu folgen. 
Endlich kamen wir unten an und standen zusammen in der feuditen 
Tiefe der Katakomben der Montresors." 

!iji 'I Denn der seltsame Nadikomme der Montresor hebt seinen 

Wein bei den Totengerippen der Familie auf. „Das Faß 
Amontillado?" fragt der mit Recht beunruhigte Fortunato. 
„Das ist weit hinten", antwortet Montresor, „siehst Du das 
weiße Gewebe, das da ringsum von den Kellermauern leucäitet?" 

Es ist Salpeter. Als Symbol genommen aber ist es jenes 
Weiß, das bereits im P y m am australischen Pol aufgeleuchtet 
hat. Das Weiß, der Wein, die Knochen und die Keller zu- 
sammen machen nun aus den Katakomben der Montresor eine 
der seltsamsten, von eisiger Luft durchwehten Phantasien vom 
Innern des toten Mutterleibes, die Poe je erdachte. Das hohe 
Familiengrab, das die S c h 1 ä f e r i n erwartet, ist neben 
dieser Düsternis ein fröhlicher Ort, und selbst im hallenden, 
gepanzerten Zimmer, aus dem Lady Madeline heraustrat, war 
es weniger kalt. 

Fortunato hustet. Ein Anfall läßt ihn einige Minuten lang 
nicht zum Sprechen kommen: wahrscheinlich ein Nachhall der 
Familientuberkulose, an welcher Henry und sein Vater David 
gewiß noch vor seiner Mutter Elizabeth starb. Um die Zeit, in 
der diese Geschichte geschrieben wurde, sollte der gleiche 
Husten auch Virginia und Frau Osgood, die zweite Frances, 
hinwegraffen. Man dringt eben nicht ungestraft in den Körper 
schwindsüchtiger Frauen ein: der Sexualakt zwischen dem 
Vater und Elizabeth hat für ihn tödliche Folgen! Wie 
Fortunato liebte auch er zu sehr den Wein, zu sehr die Frau, 
wie Fortunato hustete auch er und wie er fand er den Tod . . . 
im Innern des mütterlichen Körpers. Das kommt in dieser Ge- 
schichte mit bitterer, von Montresor gelenkter Ironie zum 
Ausdruck; wenn Montresor Fortunato in sein Grab hinabjagt. 



Die Maskeraden 37 



Fortunato geht durdhi den Keller immer weiter, trotzdem 
Montresor so tut, als ob er ihn durch seine Worte zurück- 
halten wollte. Man glaubt geradezu, aus dieser Geschichte 
heraushören zu können, wie Poe seinen Nebenbuhler verhöhnt, 
den Vater, welchem „Fortuna" holder war als ihm: „Du willst 
sie! die Mutter, die Frau, nidit idi habe didi hier hinab- 
gestoßen! Da hast du sie, nimm sie, dring in die Mutter ein, 
in die Tote; inmitten ihrer Knochen, zwischen ihren Beinen 
wirst du, in gerediter Strafe, gefesselt und tot liegen bleiben!" 
Das Innere des Frauenkörpers, das durch den Keller, in dem 
der höchste, begehrteste Rausch herrscht, dargestellt ist, wird 
so zum Werkzeug der Rache; ganz so wie die liebkosende, 
streichelnde Hand der Frau zum Werkzeug der Qual wird bei 
der unwahrscheinlichen Strafe der Liebkosung, die von 
Mirbeau^" erfunden wurde. Die beiden Männer steigen nun 
immer tiefer in den finstern Keller hinab. 

„Wir waren an einer ganzen Reihe aufgestapelter Skelette und 
Fässer vorbei bis in den entferntesten Teil der Katakomben 
gelangt." 

Das Wasser tropft „durch die Skelette", der Keller führt 
hier unter den Fluß. Montresor rät Fortunato ein letztes Mal, 
wegen seines Hustens zurückzugehen. Er will vielleicht durch 
eine solche Warnung für sich die Ausrede bereit haben: wenn 
der andere in dem mütterlichen Grabgewölbe bis ans Ende 
gegangen ist, dann tat er es, weil e r es gewollt hat. Nachdem 
Fortunato sidi aber neuerdings geweigert hat, den Rat Mon- 
tr^sors zu befolgen, bietet ihm dieser zum zweitenmal zu 
trinken an. „Das ist für dich der Körper der Mutter", scheint 
er ihm mit düsterer Ironie zu verkünden, indem er die 
untersten Geschosse öffnet; „hier ist für dich die Trunkenheit, 
die ihre Brüste verschenken", scheint er hinzuzufügen, indem 

16) Jard'm des supplices. Paris, E. Fasquelle, 1899. 



3^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



er ihm die Flaschen Medoc und Graves, denen er den Hals 
abgebrodien hat, hinreidit. Sie kommen von einer Gruft in die 
andere, 

„und betraten nun eine tiefe Gruft, wo die Luft so modrig war, 
daß unsere Fadceln nidit mehr flammten, sondern nur nodi 
sdiwelten". 

Sdiließlich kommt noch eine andere letzte Gruft zum Vor- 
schein; an der Wand im Hintergrund sind die Knochen weg- 
geräumt und zu einem Haufen aufgetürmt, 

„inmitten der bloßgelegten Mauer bemerkten wir nodi eine 
letzte Höhlung. Sie war etwa vier Fuß tief, drei Fuß breit und 
sedis bis sieben Fuß hodi. Sie sdiien nidit zu irgendeinem be- 
sonderen Zwedie gemadit worden zu sein, sondern bildete ledig- 
hdi den Zwisdienraum zwisdien drei der mäditigsten Stützpfeiler, 
die die Wölbung der Katakomben trugen; die Rüdiwand wurde 
von einer der massiven Granitmauern gebildet". 

Wir sind nun in die letzte Sackgasse geraten, in die die 
Alutterkloake mündet. Hier taucht auch die unbewußte Er- 
innerung an die beiden Beine selbst auf, die Höhlung öffnet 
sich zwischen zwei mäditigen Pfeilern . . . 

Zwischen diesen beiden Pfeilern soll Fortunato, auf die 
Einladung Montresors hin, den Amontillado suchen, den 
Rausch, und zwischen diesen beiden Pfeilern wird er von 
Montresor an die Granitwand gefesselt. Dann fordert ihn 
dieser Rohling und Sadist ein letztesmal auf, fortzugehen. 
Aber der Penis des Vaters ist von nun an captivus: die 
Wunschphantasie vom Mutterleib, durdi die jeder Mensch zu 
seinem ursprünglichen Glücke zurückzukommen hofft, hat sich 
in eine grausame Angst- und Todesphantasie verwandelt. 
Nicht ohne Grund, das sieht man hier überaus deutlidi, können 
wir uns von der postmortalen Situation nur durch die pränatale 
ein Bild machen. 

Montresor beginnt nun mit einer Maurerkelle, die er mit- 
gebradit hat, den Nebenbuhler in die Höhlung einzumauern. 




Die Maskeraden 39 

Von Zeit zu Zeit hält er inne, um sich an der Angst des andern 
u weiden; er setzt sidi zu soldiem Zweck auf die Haufen 
von Knochen. Das Geheul der beiden hallt im Echo der 
Katakomben wider. Schließlich ist das Werk der Radie voll- 
endet, der letzte Stein wird aufgemauert und der Knochenwall 
wieder aufgetürmt. 

Seit einem halben Jahrhundert hat kein Sterblidier ihn ange- 
rührt. In pace requiescat!" 

So endet der ungestrafte Verbrecher seinen Bericht mit 
einem Grinsen, das den Gipfel an Ironie enthüllt. Die Polizei- 
kommission aus der Schwarzen Katze ist nicht er- 
sdiienenj um das Stück Mauer, weldies das Opfer verbirgt, 
niederzureißen. Und der triumphierende Sohn thront ungestraft 
fünfzig Jahre lang in seinem Palast über den mütterlichen 
Knochen, welche den Keller ausfüllen, weiter; es ist kein leeres 
Symbol, daß er während der Agonie seines Nebenbuhlers als 
Besitzer" auf ihnen sitzt. 

Als Poe Das Faß Amontillado — ein Werk, das 
hinter seiner romantisdien Dekoration so realistische Laute 
hervorklingen läßt — sdirieb, muß seine Aggressionslust in so 
hohem Maß entfesselt gewesen sein, daß sie sogar imstande 
war, die Äußerung des Affekts von Gewissensbissen zu unter- 
drücken. ^ 

Der Vatermord wird jedodi auch in zwei andern Ge- 
sdiiditen nicht bestraft; im König Pest" und im H o p p- 
Frosch.^" In der ersten dieser beiden Erzählungen (sie 

17) Lat. possidere, franz.: posseder, besitzen: darauf sitzen. Der 
kleine Hans sitzt in seiner Giraffenphantasie als Besitzer auf der 
mütterlichen Giraffe. (Freud, Analyse der Phobie eines 
fünfjährigen Knaben. Ges. Schriften, Bd. VIII.) 

18) King Pest. A Tale containing an Allegory. {Southern Lite- 
rary Messenger, September 1835; 1840; Broadway Journal, II, 15-) 

19) Hop-Frog (The Flag of Our Union, 1849). 



4° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



gehört den Geschichten des Folio Clubs an), ist 
die gleiche dunkle Melodie vorhanden, die wir vorhin gehört 
haben; sie wird allerdings von dem burlesken Ton des Beridits 
unschwer übertönt. Wer kümmert sich darum, daß der König 
Pest — der wieder durch einen schlechten maskierten Schau- 
spieler symbolisiert wird - durch eine Falltür hinunterstürzt 
und bei seinem grotesken Hinscheiden die Prinzen, seine 
Doppelgänger, mitreißt, damit die zwei lustigen Matrosen die 
Königin Pest und die Erzherzogin Ana-Peste, ihre Doppel- 
gängerin, entführen können? 

Hopp -Pro seh ist trotz seines Titels ernster als der 
König Pest. 

„Die fünf Seiten Prosa, die idi gestern beendet habe", schrieb 
Poe im Februar 1849 an Annie,=» „heißen - was glauben Sie? - 
Ich bin sidier, daß Sie es nie erraten werden - ,Hopp- 
Frosch'. Stellen Sie sich vor, daß Ihr Eddy eine GesdaiAte 
schreibt, die einen solchen Titel hat: ,Hopp-Frosd:'! Sie werden 
nadi dem Titel, dessen bin idi sidier, niemals das fürditerlidie Sujet 
erraten." 

Auch diese letzte zu Lebzeiten des bereits berühmten 
Autors veröffentlichte Geschichte feiert auf eine schreckliche, 
immerhin aber f röhlidiere Art als im F a ß A m o n t i 1 1 a d o 
den vollkommenen ödipustriumph des Sohnes. 

Hopp-Frosdi ist der Spaßmacher eines großen, fetten 
Königs, der nichts liebt als Spaße, und den sieben ebenso große 
und dicke Minister und Spaßvögel begleiten. Hopp-Frosch, ein 
hinkender und überaus geistreicher Zwerg, der von den Mini- 



20) Poe an Annie, Donnerstag, den 8. . . . (wahrsdieinlidi : Fe- 
bruar 1849), V. E., Bd. 17, S. 330: 

„The five prose pages I finished yesterday are calied — what 
do you think? - I am sure you will never guess - ,Hop-Frogi'. 
Only think oiyour Eddy writing a story with such a name as 
,Hop-Frog! . You would never guess the subject (whidi is a 
ternble one) from the tide, I am sure." 



Die Maskeraden 41 

Stern wegen seines sprungartigen Ganges seinen Namen 
erhalten hat, und Tripetta, 

ein junges Mädchen von fast ebenso zwerghafter Gestalt wie 

selbst (nur daß sie wohlproportioniert und eine wunderbare 
Tänzerin war), waren aus ihrer Heimat gewaltsam in benachbarte 
Provinzen verschleppt worden, von wo einer seiner stets siegreichen 
Generale sie dem König zum Geschenk sandte". 

Bei diesen Umständen kann man nichts Außergewöhnliches 
darin sehen, daß diese beiden kleinen Gefangenen enge Freund- 
schaft schlössen. Tripetta wurde wegen ihrer Anmut und 
außerordentlichen Sdiönheit 

„allgemein verehrt und verhätschelt; sie hatte also eine große 
Macht, und versäumte nie, sich ihrer, sobald es not tat, zugunsten 
Hopp-Froschs zu bedienen". 

Das stellt sich uns so dar: Hopp-Frosch ist neuerdings Poe 
selbst, das Kind Poe (Hopp-Frosch ist ein Z w e r g), das früh- 
zeitig vom heimatlichen Herd durch Allan entführt worden 
war, durch den schlechten Vater, der hier durch den König 
verkörpert wird, einen Vater, der sich außerdem in den 
schlechten Ministern siebenfach spiegelt. Aber das Waisenkind 
ist hier nicht allein verschleppt worden: Tripetta, die zarte 
Sylphide, begleitet ihn, Tripetta, seine Beschützerin, welche der 
ins winzige übersetzte Geist der Tänzerin Elizabeth Arnolds 
zu sein scheint. Der Größenunterschied zwischen dem Kind 
und der Mutter ist jedoch zum Teil trotzdem gewahrt: 
Tripetta ist w e n i g e r zwergenhaft als ihr Freund, der Narr. 

Der König beschließt, einen Maskenball zu geben. Bis zum 
letzten Augenblick weiß er nicht, welche Verkleidung er für 
sich und die Minister wählen soll. Er läßt nun Hopp-Frosch 
und Tripetta rufen. Diese erscheinen und „fanden . . . ihn mit 
den sieben Mitgliedern seines Kabinettrates beim Wein sitzen". 
Der König, der weiß, daß Hopp-Frosch den Wein nicht liebt, 
und daß „das Trinken stets den armen Krüppel bis zum Wahn- 
sinn aufregte", zwingt ihn zu trinken. Kann man darin nicht 



42 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



eine Erinnerung an jene Zeit sehen, in der John Allan den 
kleinen Edgar, der auf den Tisch des Speisezimmers geklettert 
war, einen Toast ausbringen ließ, und einen Vorwurf, den der 
jetzt vom Delirium tremens bedrohte Edgar seinem Vater 
machte, weil er ihn bereits damals zum Trinken ermuntert 
hatte? Die Trunksudit Poes kam allerdings (wie wir schon 
gesagt haben und später nodi deutlicher zeigen werden) aus 
jenen anderen und tieferen Wurzeln, die bis in den Vater- 
komplex hinabreidien; hier aber will es uns sdieinen, daß in 
der erwähnten Szene audi das früher erwähnte biographisdie 
Element wirksam wurde. 

Wie nun der Zwerg vor dem zweiten Bedier, den ihm der 
König aufzwingen will, zurückschreckt, geht Tripetta, die 
blaß ist wie ein Leichnam (dessen Verkörperung sie allerdings 
darstellt), bis zum Platz des Königs, fällt vor ihm auf die Knie 
und bittet für ihren Freund. 

^ „Der Tyrann war von ihrer Kühnheit verblüfft. Einen Augen- 
blidc lang sah er sie verwundert an . . . Endlldi stieß er sie wortlos 
zurüd und sdiüttete ihr den ganzen Inhalt seines Bediers ins 
Gesicht." 

Die Weinflecken ersetzen die Flecken von Sperma und Blut; 
auf solche Weise vollführt der König seine sadistische 
Aggression gegen die Mutter. 

Daß diese Tat im Grunde ebenso schwer wiegt wie der 
Schnitt mit dem Rasiermesser in der Rue Morgue oder 
der Schlag mit der Hacke in der Schwarzen Katze, 
wird durch die Art bewiesen, in der der Narr auf sie reagiert. 
^ „Das arme Mäddien erhob sich sdiwankend . . . Eine halbe 
Minute lang herrsdite Totenstille ... Da tönte in das Sdiweigen 
ein leiser, doch sdiarfer und anhaltender knirsdiender Ton, der zu 
gleidier Zeit aus allen Ecken des Raumes hervorzuknarren schien." 

Er wird durch das Zähneknirschen des Zwerges hervor- 
gerufen, denn hier ist der Narr, die Sohn-Imago, mit den 
fürchterlichen, kastrierenden, mordenden Zähnen versehen. 



Die Maskeraden 43 

In diesem Augenblick fällt dem Narren ein, in welcher Ver- 
kleidung der König auf dem Ball ersdieinen soll: er sieht die 
ganze Gesellschaft plötzlich als Orang-Utans — wie den 
Mörder in der R u e M o r g u e! 

Der Ball findet statt. Hopp-Frosdi bekleidet selbst die 
hohen Persönlichkeiten mit anliegenden, teergetränkten Trikots, 
auf die er eine dicke Schidit Hanf klebt. Er fesselt sie schließ- 
lich mit Ketten aneinander und punkt Mitternacht vollzieht 
sich vor den entsetzten Damen der Einzug der gefesselten 
acht Orang-Utans — die fast ebenso unheimlich ge- 
fesselt sind wie Fortunato in seinem Keller. Hopp-Frosch, der 
dafür gesorgt hat, daß jede der an der Wand aufgestellten 
Karyatiden eine brennende Fad^el bekommt, und daß die 
schwere Kette des Kronleuchters (der selbst weggenommen 
wurde) mit dem Gegengewidit draußen auf dem Dach von 
einer hohen Kuppel herabhängt, nähert sich unter dem Vor- 
wand, er müsse sehen, wer sich unter den Masken verberge, mit 
einer Fackel in der Hand den verkleideten Gestalten, und 
hängt den Haken der Kette des Kronleuchters an die Kette, 
durch welche die Orangs aneinandergefesselt sind: die Ver- 
kleideten erheben sich plötzlidi in die Lufl:. Durdi die über- 
menschliche Kraft seiner Arme, welche die Schwäche seiner 
Beine kompensiert, gelingt es dem Narren, vom Kopf des 
Königs weg die Kette des Kronleuchters entlang zu klettern, 
der mit der Menschentraube belastet immer höher hinaufsteigt, 
da er von Tripetta draußen hinaufgezogen wird. In diesem 
Augenblick steckt Hopp-Frosch den Hanf des königlichen 
Orangs in Feuer: die acht Würdenträger gehen in Flammen 
auf, Tripetta ist gerächt und Hopp-Frosch und seine Freundin 
entwischen über die Dächer. ^^ 

21) Man sieht, daß sich Poe in dieser Erzählung von einem 
wirklichen Ereignis inspirieren ließ, dem Bai des Ardens, von dem 
uns Froissart berichtet. Karl VI., welcher seit einem Abenteuer im 



44 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 






Hervey Allen meint,^^ die Geschichte vom Hopp- 
Frosch enthalte eine Allegorie, die für gewöhnlidi über- 
sehen wird und trotzdem deutlich durch die Handlung durch- 
scheint. Hopp-Frosch soll nach seiner Meinung die dichterisdie 
Einbildungskraft darstellen, Tripetta die Phantasie, und der 
König ist die prosaische Wirklichkeit, weldie diese beiden 
Kräfte sich dienstbar machen möchten; aber diese befreien sich 
sdiließlidi und rädien sidi an dem Tyrannen auf die grausame 
Art, von der wir eben berichtet haben. Eine solche Deutung 
ist gewiß durchaus möglich — aber es ist auch sicher, daß 
hinter einem solchen recht oberflächlichen und gar zu abstrakten 
Sinn der Geschichte (vorausgesetzt, daß er im Bewußtsein 
Poes tatsächlich gegenwärtig war), daß also hinter dieser 
Deutung, die zu kalt, zu „allegorisch" ist, um das Interesse 
begreiflich zu machen, das von dieser seltsamen Geschichte 
ständig ausgeht — ein anderer, tieferer Sinn sich regt, der 
von lebenden Trieben genährt wird. Hopp-Frosch ist der 
existierende, konkrete Poe selbst, nicht bloß eine abstrakte 
Imagination seines Wesens; Tripetta ist die von ihm beweinte 
Mutter, die leichtfüßige Tänzerin und nicht bloß die Phan- 
tasie, die von ihr, der zarten Künstlerin, „abgelöst" wurde; 
der König, der im Nam en der prosaischen Welt tyrannisiert, 

Walde von Le Mans zeitweilig dem Wahnsinn verfallen war, brauchte 
Zerstreuungen. Man entschloß sich, einen großen Maskenball zu 
veranstalten. Mehrere Tänzer, unter ihnen der König, hatten den 
Einfall, sich mit Ketten aneinanderzuschließen und den Körper 
mit Pech und Werg zu überziehen. Einer der tanzenden Edelleute 
kam an seinen Diener an, der eine Fackel trug, und das Werg 
begann zu brennen. Alle Edelleute verbrannten, nur der König 
nidit, da die Herzogin von Berri, seine Tante, ihn in die lange 
Schleppe ihres Kleides eingewidtelt hatte. 

Man vermutete, der Herzog Louis von OrMans sei an der Sache 
nidit unbeteiligt gewesen. Dies war vielleicht gar nicht der Fall 
gewesen: aber die unbewußte Logik des Volkes sdirieb ihm die 
Rolle eines Hopp-Frosch zu. 

22) Israfel, 8.641. 




Die Maskeraden 45 



ist nur in dem Maße prosaisch, in dem auch der sdiottisdie 
Kaufmann es gewesen. Diese Erzählung riditet sidi noch 
weniger gegen ein abstraktes, vom prosaischen Menschen los- 
gelöstes Verhalten als etwa das berühmte Gedicht A n d i e 
Wissenschaft gegen die abstrakte Wissenschafl; geriditet 
war, welche von Poe beschuldigt wurde, die Feindin der Poesie 
zu sein; diese Anklage kam nämlich bei ihm, wie wir an 
anderer Stelle bereits dargelegt haben, der Besdiuldigung gegen 
den Vater gleich, der Feind der Mutter zu sein.^' 

Hopp-Frosch ist vor allem eine typische ödipus- 
gesdiiciite, in welcher der Sohn siegreich seine Schwäche, die 
wahrscheinlich die Impotenz des Autors symbolisiert, kom- 
pensiert: der hinkende Zwerg besitzt Arme, die stärker sind 
als die aller andern Menschen und durch die er die Kette ent- 
lang höher als alle anderen gelangen kann; dadurch gelingt es 
ihm, den König zu töten und mit seiner Schönen zu fliehen. 
Hopp-Frosch ist dadurcäi eine typische ödipusgeschichte, 
daß der Sohn in ihr triumphierend die zwei großen Wünsche 
realisiert, welche den Ödipuskomplex begründen: einerseits 
tötet Hopp-Frosch den Vater zur Strafe für die schuldige, 
urethrale, phallische Erotik des Königs, welcher die Kleidung 
des siiion einmal als Verbrecher aufgetauchten Orang-Utans 
trägt und mit seinen sieben Ministern, die alle Doppelgänger 
der zentralen Königsgestalt sind, in Flammen umkommt; 
andererseits entflieht Hopp-Frosch ungestraft mit der Tänzerin 
Tripetta, seiner Beschützerin und Komplizin, der zarten Mutter 
Poes „in ihr Heimatland...; denn beide wurden nie mehr 
gesehen". 

Man würde sich aber täuschen, wollte man annehmen, daß 
diese Geschichten, in denen der Sohn triumphiert, keine Moral 
enthalten. Der mordende „Sohn" im Hopp-Frosch und 

23) Siehe Bd. I, S. 97 ff. 



4^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



au 



idi der im Faß von Amontillado gehen zwar 
straflos aus, aber nur deshalb, weil sie die Rolle des R ä c h e r s 
übernommen haben. Das sieht man besonders deutlich im 
H o p p - F r o s c h, wo der Narr die einem anderen 
zugefügte Beleidigung rächt, was seine schrecklichen Gegen- 
maßregeln auf ein moralisdies Niveau hebt. Aber auch Mon- 
tr^sor tötet bei seiner persönlichen Rache im Keller einen 
Schamlosen, einen Angreifer: daran ändert audi die Tatsache 
nichts, daß die Aggression und die Replik darauf (die aller- 
dings zur Aggression in keinem rechten Verhältnis steht) zeit- 
lich weit auseinanderliegen. Wir können übrigens ganz allge- 
mein die Frage stellen, ob nicht jeder Angreifende, jeder 
Verbrecher sich das Recht zuschreibt, seinen Angriff, sein 
Verbrechen durchführen zu dürfen. Die Verbrecher aus Leiden- 
schaft nennen das sich Recht verschaffen, und selbst 
der gewöhnliche Einbrecher soll — wenn er es vielleicht auch 
nicht immer sagt — mehr oder weniger den Eindruck haben, 
an den Besitzenden in einer schlechtgefügten Gesellsciiaft, in 
welcher der Besitz ungerecht verteilt ist, das Recht der Wieder- 
an-sich-Nahme ausüben. 

Vielleicht erlaubt es in vielen dieser Fälle (wie im H o p p- 
Frosch) der überwiegende Einfluß eines von der Mutter 
herkommenden Über-Ichs, welches wie die Tripetta im H o p p- 
Frosch der Komplize des Sohnes ist und vorübergehend oder 
dauernd den Einfluß des vom Vater stammenden Über-Ichs er- 
setzt, dem Kind, ohne Hindernis seine Wünsche zu realisieren. 

Denn es läßt sich nicht leugnen, daß, phylogenetisch und 
ontogenetisch genommen, gewöhnlich der Vater den Wünschen 
des Sohnes gegenüber weniger nachgiebig ist als die Mutter, 
daß im allgemeinen der Vater für das Kind der Begründer 
der Moral ist und bleibt, so viele Freiheiten er auch sich 
selbst, dem Herrn, gewähren mag. 



Die Maskeraden 47 

Manchmal werden also die Väter für ihre Orgien bestraft: 
das haben wir imKönigPest, imFaßAmontillado 
und im Hopp-Frosch gesehen. Die Söhne aber entgehen 
für ihre Orgien einer sicheren und grausamen Strafe noch 
weniger als diese, denn der Vater herrsdit selbst nach dem 
Tode weiter, wie uns nach dem Vorbild der Geschichte der 
Menschheit die des Prinzen Prospero in der Maske des 
Roten Todes^' aufs deutlichste beweist. 

Diese Geschichte ist wahrsdieinlich unter dem ganz aktuellen 
Eindruck der ersten Hämoptoe Virginias geschrieben worden. 
Wir erinnern uns: diese dramatische Episode fand im Januar 
1 842 statt und der Rote Tod erschien im Mai desselben 
Jahres in Graham' s. Mehr als irgendeine andere Geschicäite Poes 
steht diese unter dem Zeichen des Blutes: 

„Lange sdion wütete der Rote Tod im Lande; nie war eine 
Pest verheerender, nie eine Krankheit gräßlidier gewesen. Blut war 
der Anfang, Blut das Ende — überall das Rot und der Schrecken 
des Blutes. Mit stedienden Schmerzen und Schwindelanfällen setzte 
es ein, dann quoll Blut aus allen Poren, und das war der Beginn 
der Auflösung. Die scharlachroten Tupfen am ganzen Körper der 
unglücklidien Opfer — und besonders im Gesicht — waren des 
Roten Todes Bannsiegel, das die Gezeichneten von der Hilfe und 
der Teilnahme ihrer Mitmensdien ausschloß; und alles, vom ersten 
Anfall bis zum tödlidien Ende, war das Werk einer halben Stunde." 

Audi die Hämoptoen dauern nicht lange, sie kommen plötz- 
lich herbei und das Blut quillt auch hier „besonders", auf seine 
Weise aus dem Gesicht. 

„Prinz Prospero aber war fröhlidi und unerschrocken und weise. 
Als sein Land schon zur Hälfte entvölkert war, da wählte er sich 
unter den Rittern und Damen des Hofes eine Gesellsdiaft von 
tausend heitern und leichtlebigen Kameraden und zog sich mit ihnen 
m die stille Abgeschiedenheit einer befestigten Abtei zurück. Es 



24) The Mask of the Red Death. (Graham's Magazine, Mai 
1842; Broadway Journal, II 2.) 



4 8 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

war dies ein ausgedehnter, prächtiger Bau, eine Schöpfung nach 
des Prinzen eigenem exzentrischem, aber vornehmem Gesdimack. 
Das Ganze war von einer hohen, mächtigen Mauer umschlossen, 
die eiserne Tore hatte . . .", deren Riegel man von innen zuschweißt. 
„Da die Abtei mit Proviant reichlich versehen war und alle erdenk- 
lichen Vorsichtsmaßregeln getroffen worden waren, glaubte die 
Gesellschaft der Pestgefahr Trotz bieten zu können. Die Welt da 
draußen mochte für sidi selber sorgen! Jedenfalls schien es un- 
sinnig, sich vorläufig bangen Gedanken hinzugeben. Auch hatte der 
Prinz für allerlei Zerstreuungen Sorge getragen. Da waren Gaukler 
und Komödianten, Musikanten und Tänzer — da war Sdiönheit 
(heauty) und Wein. All dies und dazu das Gefühl der Sidberheit 
war drinnen in der Burg — draußen war der Rote Tod." 

So glaubt der Prinz Prospero, der sidi wie die Erzähler des 
Decamerone gegen das Eindringen der Pest hinter den 
Mauern seines Schlosses verschanzt hatte, den Roten Tod 
aus seinem Reich verbannt zu haben, den Roten Tod, dieses 
blutige Symbol der Kastration und des Hinscheidens, und im 
Innern seiner Burg eine Welt geschaffen zu haben, aus der 
diese Geißeln für immer verjagt sind. 

Da also jene zwei großen Strafen ausgesperrt sind, durch 
die den aufrührerischen und keine Ordnung aditenden Söhnen 
der mensdilichen Urhorden vom Vater die Moral auf- 
gezwungen wurde, arteten die Vergnügungen zügellos aus! 

„Im fünften oder sechsten Monat der fröhlichen Zurüdcgezogen- 
heit versainmelte Prinz Prospero — während draußen die Pest nodi 
mit ungebrochener Gewalt raste — seine tausend Freunde auf einem 
Maskenball von unerhörter Pradit. Reiditum und zügellose Lust 
herrschten auf dem Feste." 

"Wir werden sehen, welch seltsamen Begriff sich Poe von 
einem Gemälde der Wollust {voluptuous scene) machte! Ein 
anderer Schriftsteller hätte zum Beispiel einige nackte Frauen 
bei dem zügellosen Prospero eingeführt. Hier trifft das Gegen- 
teil zu: jedermann ist fest vermummt, und wir werden noch 
später sehen, wie! Auf diesem prächtigen Ball gibt es zwar 



Die Maskeraden 49 

"Wein", aber nicht das geringste laszive Element. Beim Prinzen 
Prospero herrsdit eben die Keuschheit. Die Wollust wird 
hier wie bei ihrem Schöpfer nach einem anderen als dem geni- 
talen Schema erlebt. 

Zuerst werden nun die Säle beschrieben, in denen das Fest 
sich abspielt, und schon sind wir mitten drin in der Atmosphäre 
Poescher „Wollust". Die Philosophie der Wohnungs- 
einrichtung^^ scheint hier zur n-fachen Potenz erhoben 
zu sein. Die Säle: 

„es waren sieben wahrhaft königliche Gemächer. Im allgemeinen 
bilden in den Palästen solche Festräume . . . eine lange Zimmer- 
fludit, die einen weiten Durdiblick gewährt. Das war jedoch hier 
nidit der Fall . . . Die Gemächer (waren) vielmehr so zusammen- 
gegliedert, daiS man von jedem Standort immer nur einen Saal 
zu erschauen vermochte. Nach Durchquerung jedes Einzelraumes 
gelangte man an eine Biegung, und jede dieser Wendungen brachte 
ein neues Bild. In der Mitte jeder Seitenwand befand sich ein 
hohes, schmales gotisches Fenster, hinter dem eine schmale Galerie 
den Windungen der Zimmerreihe folgte. Die Fenster hatten Scheiben 
aus Glasmosaik, dessen Farbe immer mit dem vorherrschenden 
Farbenton des betreffenden Raumes übereinstimmte. Das am Ost- 
ende gelegene Zimmer zum Beispiel war in Blau gehalten, und so 
waren auch seine Fenster leuchtend blau". 

Von Ost nach West folgen einander Zimmer, die purpurrot, 
grün, orange, weiß, violett sind. 

„Die Wände des siebenten Zimmers aber waren dicht durch 
schwarzen Sammet verhüllt (shrouded), der sich auch über die 
Deiienwölbuhg spannte und in schweren Falten auf einen Teppich 
von gleichem Stoffe niederfiel. Und nur in diesem Räume glich die 
Farbe der Fenster nicht derjenigen der Dekoration: hier waren die 
Scheiben scharlachrot — wie Blut. 

Nun waren sämtlidie Gemächer zwar reich an goldenen Zier- 
gegenständen, die an den Wänden entlang standen oder von der 

25) The Philosophy of Furniture, {Burton's Gentleman' s Maga- 
zine, Mai 1840; Broadway Journal, I, 18.) 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 4. 



5° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Dede herabhingen, kein einziges aber besaß einen Kandelaber oder 
Kronleuditer . . . Statt dessen war draußen in den an den Zimmern 
hinlaufenden Galerien bei jedem Fenster ein schwerer Dreifuß auf- 
gestellt, der ein kupfernes Feuerbedken trug, dessen Flamme ihren 
Schein durch das farbige Fenster hereinwarf und so den Raum 
schimmernd erhellte. Hierdurdb wurden die phantastischen Wir- 
kungen erzielt. In dem westlidien oder schwarzen Gemaci aber 
war der Glanz der Flammenglut, der durch die blutigroten Scheiben 
in die sdiwarzen Sammetfalten fiel, so gespenstiscii und gab den 
Gesicitern der hier Eintretenden ein derart erschreckendes Aus- 
sehen, daß nur wenige aus der Gesellschaft kühn genug waren, den 
Fuß über die Schwelle zu setzen." 

Man glaubt, schon beim Lesen dieser Beschreibung erstidcen 
zu müssen. In diesen Räumen fehlt es an Luft, kein Fenster 
führt ins Freie: in diesen Sälen gibt es auch kein anderes Licht 
j 1 als den Schein, der durch die zum überwiegenden Teil überaus 

:i reich gefärbten Fensterscheiben dringt; und die Räume führen 

j I m Krümmungen, aus denen man nicht mehr heraus kann, wie 

iil in einem Alptraum, hin und her. So sieht eine Wohnung aus, 

|! die Poe für „woUusterwecfkend" hält. 

[ii Erinnern wir nun jedoch an ein in den Träumen der 

i| Mensciien und den verschiedenen Scäiöpfungen ihrer Phantasie 

: häufig auftauchendes Symbol, das sidi als Paläste, Schlösser, 

|||,|i Häuser, unterirdische Gänge und Geschoße, als Behausungen 

|l! im allgemeinen darstellt. Diese Paläste sind durchweg Ü b e r- 

IjJ tragungen der ursprünglichen Wohnung, in der wir 

,is;|l uns beim Beginn unseres Lebens aufgehalten haben: des mütter- 

l'!; liehen Körpers. Diese Symbolik ist schon in den versdiiedensten 

jV Geschichten Poes ans Tageslicht getreten: was im besonderen 

die Schlösser bedeuten, haben wir bereits bei dem unheilvollen 
! ' Hause Usher gesehen. Die Symbolik der befestigten 

j\. Abtei ist nicht weniger leicht zu deuten: der vom Roten Tode 

|lj — einer neuen und fürchterlichen Verkörperung des Vaters, 

!«i des Verbrechers — bedrohte Prinz Prospero hat sich in seine 

jL befestigte Abtei, in Wirklichkeit in den mütterlichen Uterus, 



Die Maskeraden ji 

geflüditet. Diese ganze Symbolik herrscht hier natürlich in 
den tiefsten ardiaisdiesten Schiditen des Unbewußten; und der 
mütterliche Uterus wird durch die Eingeweide der Mutter 
dargestellt. Sdion der Keller Montr^sors in der Geschichte 
vom Faß Amontillado und die Krümmungen der 
schwarzen Schluchten auf der Insel Tsalal im P y m hatten 
den gleichen Sinn: die düstere Folge der im Zickzack hin und 
her führenden Säle Prosperos erinnert nun an diesen Keller 
und an diese Sdiluchten. In allen dreien entdecken wir eine 
Symbolik, die das Innere des mütterlidien Körpers nach dem 
intestinalen Sdiema darstellt; eine Darstellung, die mit den 
analen infantilen Geburtstheorien in Beziehung steht, an die, 
vielleicht, alle Kinder einmal geglaubt haben. 

Ich bin eines Tags einer alten Dame begegnet, die mir 
erzählte, sie sei in Unschuld aufgezogen worden und habe mäx 
der Defloration nicht genau untersdieiden können, ob sie aus 
dem Anus oder aus der Vulva blute. Ganz ebenso ist der 
siebente Saal der Abtei Prosperos, der westliche Saal mit dem 
analen Sdiwarz ausgespannt, aber vom Blut der Scheiben 
überflutet: das Blut der mütterlichen Menstruen tritt hier zu- 
gleidi mit den mütterlichen Hämoptoen auf, das Ganze steht 
in einem kloakischen Rahmen, wie er einzig in der Phantasie 
des Kindes existiert. Auch hier ist, wie in den Träumen, Phan- 
tasien und Sagen, die Topographie nichts als eine Übertragung 
anatomisdier Verhältnisse, so wie sie sicli wenigstens der 
ursprünglichen Phantasie vorstellen.^^ 

Aber während Pym der Gefahr und dem Massaker 



26) Man kann fast sidier sein, daß ein Schüler, der Geographie 
nidit erlernen kann, seinen infantilen Kastrationskomplex schledit 
gelöst hat. Und es ist wahrscheinlich, daß die Trauer so vieler 
Mäddicn um den Penis die Inferiorität verursadit, die Frauen der 
Geographie gegenüber so häufig aufweisen. Sie wollen die Topo- 
graphie nidit sehen. 



J2 Die Geschichten; Der Zyklus Vater 



zweimal entging, das eine Mal, indem er sidi im Kielraum des 
Schiffes versteckte, das zweitemal, indem er sich in eine Gebirgs- 
höhle verkroch, sdieint die Abtei des Prinzen Prospero, ganz 
wie die Keller Montresors, kein sehr sicherer Uterus zu 
sein! Ein düsteres Zeichen benachrichtigt davon die umher- 
schwirrende Gesellschaft: im westlidien Gemach, in dem 
schwarzen und scharlachroten Zimmer 

„befand sich an der westlidien Wand auch eine hohe Standuhr 
in einem riesenhaften Ebenholzkasten. Ihr Pendel sdiwang mit 
dumpfem, wuchtigem, eintönigem Sdalag hin und her. Und wenn 
der Minutenzeiger seinen Kreislauf über das Zifferblatt beendet 
hatte, und die Stunde schlug, so kam aus den ehernen Lungen der 
Uhr ein voller, tiefer, sonorer Ton, dessen Klang so sonderbar 
ernst und so feierlich war, daß bei jedem Stundensdilag die 
Musikanten des Ordiesters, von einer unerklärlidien Gewalt ge- 
zwungen, ihr Spiel unterbrachen, um diesem Ton zu lausdien. So 
mußte der Tanz plötzlidi aussetzen, und eine kurze Mißstimmung 
befiel die heitere Gesellschaft . . ." 

Sobald der letzte Nachhall vorüber ist, lächelt man, man 
blickt sich wieder an, man verspridit sich, in der folgenden 
Stunde keine Angst mehr zu haben, 

„allein, wenn nach wiederum sedizig Minuten (dreitausendsechs- 
hundert Sekunden der flüditigen Zeit) die Uhr von neuem ansdilug, 
trat dasselbe Unbehagen ein, das gleiche Bangen und Sinnen wie 
vordem". 

Der dumpfe, wuchtige, eintönige Pendelschlag der riesigen 
ebenholzschwarzen, trauernden Standuhr erinnert auf das 
seltsamste an ein anderes Geräusch: an das „leise, dumpfe, 
schnelle Geräusch, ein Geräusdi wie das Ticken einer Uhr, die 
man mit einem Tucäi umwickelt hat", an das Sdilagen des 
Schwatzenden Herzens. Die Uhrmacherei spielt in 
den Geschichten Poes eine große und immer die gleiche Rolle. 
Wir werden dieses Thema gelegentlich von Wassergrube 
und Pendel noch gründlich studieren: dort stellt es sich 



i 



Die Maskeraden J3 

"mlidi heraus, daß auch ein Gefängnis nicht immer ein sidierer 
Uterus ist! Hier genügt uns der Hinweis: die gigantische Uhr 

1 Roten Todes macht mit ihrem Pendel, das wie ein 
Herz schlägt, und ihren ehernen Lungen {brazen lungs) den 
Eindruck eines lebenden Organismus. Wir finden hier sogar 
das Wort „Lunge", wobei dieses Wort mehr als eine leere 
Metapher ist. Die gigantische Uhr in dieser Erzählung nimmt 
die Stelle des Greises mit der Sidiel ein, der in der Phantasie 
des Volkes unseren Vater Kronos verkörpert und in W a s s e r- 
grube und Pendel eine so unheimliche Rolle spielt. Des- 
halb zittern die Höflinge (diese Doppelgänger des Sohnes, die 
aber hier nodi nidit der Gefahr ausgesetzt sind, sich ohne 
Verteidigung, wie der von der Inquisition Verurteilte, von der 
Sense mähen lassen zu müssen) vor dem Hersdilag, der Stimme, 
dem Atem der ehernen Lungen, die, wie im Verlorenen 
Atem, Symbole der väterlichen Mannespotenz sind. Sie 
glauben, in dem mütterlichen Abteikörper vor dem Kastrator, 
dem Töter, gesdiützt zu sein; vor der Anwesenheit des ge- 
fürchteten und rächenden Vaters können sie sich jedoch nicht 
flüditen, auch nicht in den tiefsten Abgrund des mütterlichen 
Körpers. 

„Doch wenn man hieven absah, war es eine präditige Lust- 
barkeit . . . Die Einrichtung und Ausschmückung der sieben Gemächer 
waren eigens für dieses Fest fast ganz nadi des Prinzen eigenen 
Angaben gemacht worden, und sein eigener, merkwürdiger Geschmack 
hatte auch den Charakter der Maskerade bestimmt. Gewiß, sie war 
grotesk genug. Da gab es viel Prunkendes und Glitzerndes, viel 
Phantastisches und Pikantes — vieles, das man seitdem in Hernani 
gesehen hat." 

Aber die Pracht bei Poe sieht anders aus als die bei 

Victor Hugo! 

„Da gab es Masken mit seltsam verrenkten Gliedmaßen, die 
Arabesken vorstellen sollten, und andere, die man nur mit den 
Hirngespinsten eines Wahnsinnigen vergleichen konnte. Es gab viel 



^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



I T' 



Schönes und viel Üppiges, viel Übermütiges und viel Groteskes 
und auch manches Schaurige, — und überaus vieles, was wider- 
wärtig war." 

Wahrhaftig, dieses Maslienfest ist „ein Bild zügelloser Lust"! 

Die Uhr in ihrem Ebenholzkasten hört nidit auf, jede 
Stunde zu schlagen, „und eine kurze Weile herrschte eisiges 
Schweigen". Aber da die Nacht fortschreitet, „wagte sidi 
niemand (in das westlichste der Zimmer) hinein". Zwisdien 
den Stunden und in den andern Zimmern geht das Treiben 
weiter, „jetzt aber mußte der Schlag der Uhr zwölfmal er- 
tönen." Alles steht still und schweigt. Die zwölf Sdiläge er- 
tönen 

„und daher kam es, daß jenen, die in diesem Kreis die Nach- 
denklichen waren, nodi trübere Gedanken kamen, und daß ihre 
Versonnenheit noch länger andauerte. Und daher kam es wohl 
audi, daß, bevor nodi der letzte Nachhall des Stundensdilages 
erstorben war, mandi einer Muße genug gefunden hatte, eine 
Maske zu bemerken, die bisher nodi keinem aufgefallen war. Das 
Gerüdit von dieser neuen Ersdieinung sprach sidi flüsternd herum, 
und es erhob sidi in der ganzen Versammlung ein Summen und 
Murren des Unwillens und der Entrüstung - das sdiließlidi zu 
Lauten des SdireAens, des Entsetzens und hödisten Absdieus 
anwuchs. 

Man hatte in dieser Nadit der Maskenfreiheit zwar sehr weite 
Grenzen gezogen ... (aber) einmütig sdiien die Gesellsdiaft zu 
empfinden, daß in Tradit und Benehmen der befremdenden Gestalt 
weder Witz nodi Anstand sei. Lang und hager war die Ersdieinung, 
von Kopf zu Fuß in Leidientüdier gehüllt. Die Maske, die das 
Gesidit verbarg, war dem Antlitz eines Toten täusdiend nadige- 
bildet. Dodi all dies hätten die tollen Gäste des tollen Gastgebers, 
wenn es ihnen audi nidit gefiel, hingehen lassen. Aber der Ver- 
wegene war so weit gegangen, die Gestalt des Roten Todes 
darzustellen. Sein Gesidit war blutbesudelt und seine breite Stirn, 
das ganze Gesidit war mit dem sdiarladiroten Todessiegel befleit! 

Als die Blidce des Prinzen Prospero diese Gespenstergestalt ent- 
dedten, die, um ihre Rolle nodi wirkungsvoller zu spielen, sidi 
langsam und feierlidi durdi die Reihen der Tanzenden bewegte, 



^ 



i 



^H Die Maskeraden 55 

^H ah man, wie er im ersten Augenblidc von einem Schauer des Ent- 

^H etzens oder des Widerwillens gesdiüttelt wurde; im nädisten 

^1 Moment aber rötete sidi seine Stirn im Zorn. .Wer wagt es', fragt 
^B er mit heiserer Stimme die Höflinge an seiner Seite, ,-wer wagt es, 
" uns durch solch gotteslästerlidien Hohn zu empören? Ergreift; und 

demaskiert ihn, damit wir wissen, wer es ist, der bei Sonnenauf- 
eang an den Zinnen unseres Sdilosses aufgeknüpft werden wird!' 

Es war in dem östlichen, dem blauen Zimmer . . ., in dem der 
Prinz stand, umgeben von einer Gruppe bleidier Höflinge." 

Niemand wagt es, seinem Befehl zu gehorchen. Mit würde- 
voll gemessenem Sdiritt kommt die Maske 

„bis didit an den Prinzen heran — und während die zahl- 
reiche Versammlung, zu Tode entsetzt, zur Seite wich und sich in 
allen Gemächern bis an die Wand zurückdrängte, ging (sie) unan- 
gefochten (ihres) Weges, mit den nämlichen, feierlichen und gemes- 
senen Schritten wie zu Beginn. Und sie schritt von dem blauen 
Zimmer in das purpurrote — von dem purpurroten in das 
gcüne — ..." und so weiter, „ehe eine entscheidende Bewegung 
gemacht wurde, um sie aufzuhalten". 

Der Prinz Prospero durcheilt „rasend vor Zorn und Scham über 
seine eigene, unbegreifliche Feigheit die sechs Zimmer . . . Den Dolch 
in der erhobenen Hand, war er in wildem Ungestüm der weiter- 
sdireitenden Gestalt bis auf drei bis vier Schritte nahegekommen, 
als sie, die jetzt das Ende des Sammetgemadies erreicht hatte, sich 
plötzlich umwandte und dem Verfolger gegenüberstand. Man hörte 
einen durchdringenden Schrei — der Dolch fiel blitzend auf den 
schwarzen Teppich und im nächsten Augenblick sank auch Prinz 
Prospero im Todeskampf zu Boden". 

Die Gäste stürzen herbei, ergreifen „den Vermummten, dessen 
hohe Gestalt aufredit und regungslos im Schatten der sdiwarzen 
Uhr stand. Doch unbesdbreiblich war das Grauen, das sie befiel, 
als sie in den Leichentüchern und hinter der Leichenmaske, die sie 
mit rauhem Griffe packten, nichts Greifbares fanden — sie war 
leer . . . 

Und nun erkannte man die Gegenwart des Roten Todes. 
Er war gekommen wie ein Dieb in der Nacht. Und einer nach 
dem andern sanken die Festgenossen in den blutbetauten Hallen 
ihrer Lust zu Boden und starben . . . Und das Leben in der Eben- 



^ g'g Geschichten: Der Zyklus Vater 



hokuhr erlosdi mit dem Leben des letzten der Fröhlichen. Und 
die Gluten m den Kupferpfannen verglommen. Und unbeschränkt 
herrschte über alles mit Finsternis und Verwesung der R o t e T o d". 

* 

ImMannderMenge wurde der Vater als Verbrecher 
vorgestellt, im Schwatzenden Herz und im Hopp- 
Frosch gerechterweise für seine Taten bestraft; in der 
Maske des Roten Todes kommt er, nicht weniger 
berechtigt, als Rächer zurück. 

Die den Tod verbreitende Maske kann nur der Vater sein. 
Sem Sohn, Prinz Prospero, hat ein Verbrechen begangen: er 
hat sich nämlich, ohne sich um die Epidemie zu kümmern, 
welche seine Untertanen vernichtet, in der Abtei verschanzt 
und führt dort mit tausend Höflingen ein fröhliches Leben. 
Er glaubt, hier vor jeder Gefahr geschützt zu sein und denkt 
nur an Festlichkeiten und Orgien {reveUy Bei diesen 
Orgien scheint zwar die Unzucht zu fehlen; doch die Symbolik 
der Abtei spricht laut und deutlich davon, daß hier die Frau 
die Mutter, „besessen" wird, eine Tatsache, die nur aus dem 
gleichen Grunde übersehen werden kann, aus dem man 
manchmal auf einer geographischen Karte gerade den Namen 
des Landes oder Kontinents übersieht, der mit großen, weit 
auseinanderliegenden Buchstaben über das ganze Blatt hin- 
geschrieben ist. 

Die Art, auf welche die Frau, die Mutter, besessen wird, 
kann aus einzelnen Vorkommnissen auf diesem Ball heraus- 
gelesen werden. Die eigentliche Unzucht ist zwar aus- 
geschlossen, aber „da gab es Masken . . ., die man nur mit den 



Z7) Revel, Orgie, Zechgelage, lärmende Festivität, stammt nidit 
umsonst von rebellare ab. Tatsädilich sted.t die Idee von dnt 

sZ ff" '^"Tf 5' S^S«" den Vater, der die Moral der 

Sohne sdiafft, ursprünglich in dem Begriff von der Orgie. 




I 



Die Maskeraden j/ 



Hirngespinsten eines Wahnsinnigen vergleidien konnte, es gab 
viel Groteskes und audi manch Schauriges — und überaus 
vieles, was widerwärtig war". Die Phantasie des Prinzen 
Prospero, der dies alles angeordnet hat, ist nun sadistisch; die 
prächtige Maskerade gleidit irgendeiner schrecklichen Kinder- 
phantasie, die nur am Grausen Gefallen findet, ohne jedodi 
die Genitalität des Erwachsenen bereits zu kennen. Die Mutter- 
Abtei wird also nach dem sadistischen und kloakischen Schema 
besessen, das die düstere Folge von Sälen und die Gesichter 
sdineidenden Masken so deutlich heraufbeschwören. 

Das ödipusverbrechen ist jedoch hier so dargestellt, als ob 
seine beiden Teile schon in Erfüllung gegangen wären: die 
Mutter wird besessen und der Vater, der zu diesem Zwedi hat 
entfernt werden müssen, ist bereits getötet worden. 

„All dies und dazu das Gefühl dejr Sidierheit war drinnen in 
der Burg — draußen war der Rote T o d." 

Der Rote Tod ist der mordende und ermordete Vater. 
Der mordende Vater: der Rote Tod tötet wie der Mann der 
Menge, wie der Orang der Rue Morgue oder der Besitzer der 
Schwarzen Katze — er tötet so wie John Allan die Frances, 
wie David Poe oder der Unbekannte Liebhaber die schwind- 
süchtige Elizabeth getötet haben. Der getötete Vater: ge- 
rade wegen jenes Verbrechens hat nun der Sohn (nidit bloß als 
Nebenbuhler, sondern auch als Rächer) den Vater getötet. 
So hat Orestes (wobei die Eltern die entgegengesetzten Rollen 
spielen) als Rächer seines Vaters Agamemnon seine Mörderin- 
Mutter Klytämnestra umgebracht. Aber die Erinnyen — eine 
Verkörperung der Mutter — kommen wieder und strafen ihn 
ganz so wie der Rote Tod, der in die Abtei wiederkehrt, den 
Sohn straft:. Die Wiederkehr des rächenden ödipus- Vaters ist 
nämlich, wie noch viele andere Beispiele beweisen, eines der 
ewigen Themen der Menschheit. Die Statue des Komturs 



£^ D'-e Geschichten: Der Zyklus Vater 



kommt zurück, um Don Juan in die Hölle hinabzuziehen; die 
Hand Gottes sdireibt beim Festmahl des Belsazar ihr „Mene, 
Tekel, Upharsin" an die Wand, und in der gleichen Nacht 
wird Belsazar, der König der Chaldäer, getötet.^^« 

Bei dieser Gelegenheit muß audi die Poe-Parabel vom 
Schatten,^« eine der Geschichten des Folio 
Clubs, erwähnt werden, eine Erzählung, die ebenfalls 
während einer Epidemie spielt. Freunde sind bei einem Gelage 
versammelt. 

„Das Jahr war ein Jahr des Schreckens gewesen ... und fern 
und nah ... hatten sidi die schwarzen Schwingen der Pest ausge- 
spannt ... Wir saßen nadits, unser sieben, bei einigen Flaschen 
roten Wernes in einer edlen Halle der düsteren Stadt Ptolemais . . . 
eine tote Last drüdcte auf uns . . . Dennodi laditen wir und waren 
frohhd, auf unsere Weise ... Obgleid, der purpurne Wein uns an 
Blut gemahnte. Denn da war nodi ein Gast in unserem Gemach 
in der Gestalt des jungen Zoilus. Tot und in seiner ganzen Länge 
lag er da, in seinem Leidientudi (enshrouded) — der Geist und der 
Dämon der Szene." Er, sieht sie mit seinen Augen an, „in denen der 
Tod die Glut der Pest nur halb gelösdit hatte". 

Und obwohl der Grieche Oinos (was so viel wie Wein 
bedeutet), der Erzähler dieser düsteren Geschichte, fühlt, daß 
der Blick des Toten auf ihn geriditet ist, singt er. Aber 

„aus den sdiwarzen Behängen, darin die Töne des Liedes 
erstarren, kam ein dunkler und unbestimmter Schatten hervor ... 
und kam schließlidi auf der Fläche der erzenen Pforte in voller 
Sidit zur Ruhe ... Und das Tor, auf dem der Schatten ruhte, 
war ... genau gegenüber den Füßen des eingesargten jungen 
Zoilus ..." 

Der Sciiatten beginnt endlich zu spreciien, er sagt, daß 



27 a) Daniel, V, 2j und 30. 

28) Shadow. A Parable. {Southern Literary Messenger, September 
1835; 1840; Broadway Journal, I, 22.) 



Die Maskeraden J9 

er von den Feldern am Charon komme. Die sieben Trinker 
springen bebend auf, 

denn die Klänge in der Stimme des Schattens waren nicht die 
Klänge irgendeines Wesens, und . . . trafen . . . dunkel an unser 
Ohr in unvergeßlichem, vertrautem Tonfall vieler lausender dahin- 
gegangener Freunde!" 

Diese Vielzahl von Stimmen, über die der Sdiatten ver- 
fügt, ist vermutlich mehr als ein Plural der Majestät: sie ist 
sidierlich die ins Allegorisdie transponierte unbewußte Er- 
innerung Poes an die vielen, die drei „Väter" seiner Kindheit. 
Der junge Zoilus ist (wie Prospero) der schuldige und vom 
Sdiatten des Vaters bestrafte Sohn. Als Poe den Schatten 
sdirieb, war das Thema von der Bestrafung des Sohnes auf 
das seltsamste durch die Realität seines Lebens wieder gewedct 
worden: im Jahre 1831 starb nämlich in seinen Armen sein 
Bruder Henry an derselben Sdiwindsucht, an der sowohl sein 
Vater David als auch seine Mutter Elizabeth gestorben waren. 
Daher zitterte Oinos-Edgar, der Trinker-Sänger, beim An- 
blick des Zoilus-Henry, des toten, mit der Pest infizierten 
Trinkers, und identifizierte sich mit ihm aus Angst vor den 
Vergeltungsmaßnahmen, welche der väterliche Schatten durch- 
führen konnte! 

Welche Tat will nun der väterliche Schatten bei seinem 
Wiederauftauchen in allen Sagen, in denen der Vater Rache 
übt, rächen? Das ödipusverbrechen in seiner Gesamtheit und 
Dualität, den Vatermord und den Inzest, welche vom Sohn 
in der Wirklichkeit oder in der Phantasie begangen wurden. 
Don Juan hat den Komtur, dem er die Tochter, den Mutter- 
ersatz, in der Realität geraubt, in der Realität getötet. Belsazar 
hat sich der geweihten Gefäße aus dem Gotteshause bedient, 
um bei dem Gelage aus ihnen zu trinken und sie zu ent- 
weihen. Gefäße sind jedoch als Symbole für die Frau, die 
Mutter, bekannt, denn sie sind Gefäße, die Gott allein, dem 



^ -D2f Geschichten: Der Zyklus Vater 



gepriesenen Vater, gehören! Prospero sdiließlidi hat sich in die 
Abtei Mutter geflüchtet, er glaubt, sie ungestört besitzen zu 
können, — aber alle, Don Juan, Belsazar, Prospero und sogar 
Oinos, werden mitten im Gelage, und was noch mehr ist, 
mitten in einem Trinkgelage, vom Tod überrascht. Alle 
begehen das gleiche Verbrechen, sie besitzen die Mutter nach 
dem gleichen oralen Schema: sowohl der trunksüditige Held 
der S c h w a r z e n K a t z e als auch der K ö n i g P e s t, der 
in grotesker Haltung vor seinem Glas Punsch sitzt, der König 
im Hopp -Frosch, der den sich weigernden Narren 
zwingen will, so wie er zu trinken, und Fortunato in dem 
FaßAmontillado. Beim Prinzen Prospero bekam man, 
wie uns ausdrücklich gesagt wird, Wein unter anderen Köst- 
lichkeiten; in der ptolemaischen Orgie des Zoilus und Oinos 
mit dem symbolischen Namen stand der Wein gar allein im 
Mittelpunkt des Gelages! Belsazar trank Wein aus den Ge- 
fäßen, die Gott gehörten, und Don Juan hat die Schandtat 
begangen, den Komtur einzuladen, mit ihm bei einem Gelage 
Wein zu trinken, was, symbolisch genommen und ironisch aus- 
gedrückt, soviel bedeutet wie: den Vater einladen, mit ihm die 
Mutter zu teilen. Denn wir haben schon an verschiedenen 
Stellen darauf hingewiesen, daß das Verlangen nach Wein, 
nadi Alkohol, nach einem Getränk (wie stark dieses Verlangen 
auch die homosexuelle Färbung aufweisen mag, die es später 
angenommen hat), in erster Linie von der Sehnsucht nach dem 
ersten wirklichen Getränk abstammt, das dem Menschenkinde 
geboten wird: wir haben es mit dem Verlangen nach der Milch 
zu tun, die die Mutter dem Säugling gibt, indem sie ihm die 
Brust reicht. Man könnte sich sogar fragen, ob nicht in dem 
Emfall vom Wein, der purpurrot war wie das Blut 
des Schattens, ebenso wie in dem vom blutroten Wasser 
der Hüsse auf der Insel Tsalal, die Spur einer noch tiefer 
gehenden imaginären Regression zu entdecken ist; an die Stelle 



Die Maskeraden 6i 

1 jgj. Milch tritt vielleidit hier und dort das Blut, weil der Fötus 
lim pränatalen Stadium durch die mütterlidie Plazenta mit 
I Blut, nidit mit Milch genährt wird . . . 

Die Mutterleibsphantasie, die Flucht des Prinzen Prospero 
in seine Abtei, muß jedenfalls de facto als Äquivalent für 
den Mutter-Inzest auf der prägenitalen Stufe angesehen 
werden. So wenigstens wird die Tat des Prinzen aucii von dem 
aus dem Schloß entfernten Vater, der durch die rächende 
Maske dargestellt ist, interpretiert, und darum bestraft er den 
Sohn gerade an dieser Zufluchtsstätte. Und er bestraft ihn 
doppelt für ein zweifaciies Verbredien: mit dem Tod (was 
eine Vergeltung für den Vatermord wäre) und der Kastrierung 
(was eine Vergeltung für den Inzest darstellt). In dem Augen- 
blick nämlich, in dem der Prinz Prospero mit aufgehobenem 
Dolch die Maske niederstechen will, dreht sicii diese um: „man 
hörte einen durchdringenden Schrei — der Dolch fiel blitzend 
auf den sdiwarzen Teppich und im nächsten Augenblick sank 
auch Prinz Prospero im Todeskampfe zu Boden". Der Tod 
konnte durch den Dichter in seiner wirklichen Form vorgeführt 
werden, die Kastration jedoch nicht; sie wird aber in einer 
nicht mißzuverstehenden Weise symbolisdi durcJi den Dolcii 
— ein Äquivalent für das Rasiermesser der Rue Morgue 
und die Hadce der Schwarzen Katze — vorgeführt, 
der schon beim Blick des Vaters zu Boden fällt, so daß der 
Sohn entwaffnet dasteht. Die Maske des Roten Todes, 
das Gespenst des rädienden Vaters, bestraft so den sdiuldigen 
Sohn unmittelbarer als seine Ersatzgestalten, die Polizisten des 
Schwatzenden Herzens oder der Schwarzen 
Katze, ihn bestraft haben. Diese Maske braucht niciit die 
Gerichtskommission: sie braudit auch nicht Gefängnisse, 
Gerichtshöfe, Galgen, es genügt, daß sie sicii umwendet. Und 
schon fallen nicht nur der Prinz, die unmittelbare Verkörpe- 
rung des Sohnes, sondern auch die Höflinge, seine Dubletten, 




:f . 



62 Die Geschidoten: Der Zyklus Vater 

tot zu Boden: denn wenn im Schatten der Vater ins Un- 
endliche vervielfältigt ist, haben wir hier eine Vielzahl der 
Söhne vor uns. 

„Und einer nadi dem andern sanken die Festgenossen in den 
blutbetauten Hallen ihrer Lust zu Boden und starben . . ." 

Nach diesem Rachewerk ist die sadistisch-phallisdie Tätig- 
keit des Vaters von selbst beendet: „Und das Leben in der 
Ebenholzuhr erlosch mit dem Leben des letzten der Fröhlichen." 
In dem westlidien Zimmer ist die Sonne — oder der Vater 
dieser Welt wirklidi schlafen gegangen. Eine Art „Phan- 
tasie vom Weltuntergang", wie man sie bei mandien Sdiizo- 
phrenen findet, sdiließt diese Rachegesdiidite, eine Phantasie 
jedodi, in der der Vater, der blutende Kastrator und Töter, 
der schredcliche und ewige Gott, allein über die für immer 
ewige Leere regiert: „und unbesdbränkt herrschte über alles 
mit Finsternis und Verwesung der Rote T o d". 

„Mein ist die Räch e", sagt der Herr.^^ 



29) Deuteronomium, XXXII, 35, zitiert von Matthäus, 39, und 
von Paulus im Römerbrief, XII. 



VERWETTE NIEMALS DEM TEUFEL 
DEINEN KOPFso 

EINE GESCHICHTE MIT EINER MORAL 

Als Poe den Titel dieser Gesdiidite und die zwei ersten 
Absätze der Einleitung niederschrieb, glaubte er nur, sich über 
jene Kritiker lustig gemacht zu haben, die behaupteten, jede 
literarische Schöpfung müsse eine Moral enthalten und enthalte 
tatsädilidi eine. Darum legt er — 

„in der Absidit, mein Todesurteil aufzuhalten" (die in Frage 
stehenden Kritiker warfen ihm vor, seine Gesdiiditen seien jeder 
Moral bar) — „und die wider midi erhobenen Besdiuldigungen zu 
mildern, die folgende traurige Geschidite vor, eine Gesdiidite, über 
deren offenkundige Moral keine Zweifel erhoben werden können, 
denn der Leser erfährt sie ja sdion in den fetten Budistaben, die 
die Übersdirift der Gesdiichte bilden". 

Poe wußte nicht, wie wahr er sprach. Denn in dieser 
Geschidite taucht noch deutlicher als in der Maske des 
Roten Todes der genetisdie Zusammenhang auf, welcher 
die Moral mit den Sanktionen verbindet, die der Vater, der 
seit urdenklidien Zeiten der Kastrator und Töter seiner rebel- 
lisdien Söhne ist, durdiführt. 

Der verstorbene Toby Dammit (das heißt: Toby, den 
Gott verdammen möge) ist seit seiner Kindheit der 
Freund des Erzählers dieser Geschidbte gewesen. Dieser er- 
innert sich sogar daran, gesehen zu haben, wie sein kleiner 
Freund von der Mutter geschlagen wurde, ohne daß sich der 
Junge deshalb auch nur im geringsten gebessert hätte. Schlug 

30) Never Bet the Devil Your Head. A tale with a moral. 
{Graham's Magazine, September 1841; Broadway Journal, II, 6.) 




64 öie Gesdiichten: Der Zyklus Vater 

ihn die Mutter „wider den Stridi", weil sie linkshändig war? 
„Die Frühreife im Laster" des kleinen Dammit macht 

„unheimlidie Fortsdiritte. In einem Alter von fünf Monaten 
ließ er sidi von Leidensdiaflen hinreißen, die er nidit einmal aus- . 
spredien konnte. In seinem sedisten Monat traf ich ihn dabei, wie 
er einen Padt Spielkarten zernagte. Mit sieben Monaten hatte er 
die unverbesserlidie Gewohnheit, kleine Mädchen zu fangen und 
abzuküssen. Mit adit Monaten v^reigerte er sich beharrlich, seine 
Unterschrift unter ein Temperenzmanifest zu setzen. So steigerte 
sich seine Sdilechtigkeit von Monat zu Monat, bis er am Ende 
seines ersten Lebensjahres nicht nur darauf bestand, einen 
Schnurrbart zu tragen, sondern sich audi angewöhnt hatte, 
zu fluchen und zu sdiwören und seine Versidierungen mit "Wett- 
geboten zu bekräftigen". 

So war Dammit wie sein Schöpfer Poe ein frühreifes Kind, 
das sich von Leidensdiaflen hinreißen ließ, das Spiel und 
Getränke liebte und sidi gegen jede Autorität auflehnte. Ein 
Psydioanalytiker wird Poe niemals vorwerfen, daß er seine 
Neigung zu Zornesausbrüdien, seine Freude am Spiel (Ersatz 
für die Masturbation), besonders aber die Tatsache, daß sein 
Held Dammit das Getränk liebte, in eine so frühe Zeit zurück- 
verlegte, in eine Zeit, in der das Kind noch in der Wiege lag; 
auch nidit, daß die ursprünglidie Sexualneigung des kleinen 
Kindes für das weibliche Wesen — die Mutter wird indirekt 
durch die Jagd des kleinen Dammit nach kleinen Mädciien er- 
wähnt — so frühzeitig auftritt. Edgar hatte übrigens sehr bald 
eine kleine Schwester bekommen. Die Identifizierung des früh- 
reifen Knaben mit dem Vater krönt schon am Ende des ersten 
Jahres alles auf das präditigste: in diesem frühen Alter wollte 
|||i:i Herr Dammit bereits einen Schnurrbart tragen, dieses 

männliche, phallische Attribut, über das sicii Poe so lustig 
machte, und damals sciion lehnte der Junge sich gegen die 
Autorität auf, indem er si6i angewöhnte, zu fluchen und zu 
schwören, Blasphemien gegen Gott — oder gegen den Teufel — , 
die beide Ersatz für den Vater sind, auszusprechen. 



Wh 



t 



I 



Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 65 

Infolge dieser äußerst unfeinen Angewohnheit (zu wetten) ging 
Tobias Dammit schließlich zugrunde, wie ich richtig vorausgesetzt 
hatte." Diese Gewohnheit „w uchs mit ihm heran und 
wurde mit seinem körperlichen Gedeihen immer 
stärker: sdiließlich, als er ein Mann war, konnte er kaum einen 
Satz aussprechen, ohne ihm eine Herausforderung zu einer Wette 
anzufügen." 

Der Einsatz bestand nie aus Geld, denn Herr Dammit war 
entsetzlich arm". Und das war, wie der Erzähler uns sagt, 
ein anderes Laster, mit dem ihn das anormale körperliche 
Gebrechen {peculiar physical deficiency) der Mutter Dammit 
begabt hatte". (Man bedenke, daß auf diese "Weise die arme 
und kranke Schauspielerin mit der Verantwortung für alle 
konstitutionellen Laster ihres Sohnes beladen wird.) Es ist 
daher zu verstehen, daß Herr Dammit niemals sagt: „Ich 
wette einen Dollar mit Ihnen", sondern daß er sich mit der 
Wendung begnügte: „Ich wette mit Ihnen, was Sie wollen" 
oder „Ich wette mit Ihnen, was Sie dransetzen wollen" oder 
„Ich wette eine Kleinigkeit" oder gar das so bezeichnende: 
„Ich verwette dem Teufel meinen Kop f." 
Dammit gefällt diese Redensart derart gut, daß er schließlidi 
keine andere mehr gebraucht. Sein Freund fühlt sich jedoch 
durdi diese Redensart beunruhigt, obwohl er annehmen kann, 
daß Dammit gerade bei dieser "Wette am wenigstens verlieren 
würde, weil er einen kleinen Kopf hat, „und so wäre der 
Verlust nidit groß gewesen"; er versucht den Lästerer dennoch 
davon abzuhalten, den Hang zum Bösen hinabzugleiten, ver- 
gebens! Nun resigniert der Freund und schweigt, bleibt aber 
trotzdem ein seltsam treuer Gefährte des Dammit. 

„Eines sdiönen Tages spazierten wir Arm in Arm umher und 
gelangten an den Fluß. Da war eine Brüdce, und wir beschlossen, 
sie zu überschreiten. Sie war gegen die Unbill der "Witterung mit 
einem Schutzdadi versehen; der Gang hatte nur wenige Fenster 
und war unheimlidi düster. Gleidi als wir eintraten, wirkte der 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 5 




I 



.11 



!■ 



66 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Untersdiied zwischen dem lachenden Sonnensdiein draußen und 
dem in dem Gang herrsdienden Düster bedrückend auf mein 
Gemüt. Nicht so auf das des unglücklichen Dammit, der dem 
Teufel seinen Kopf verwettete, daß ich melandiolisdi wäre (hipped). 
Er schien ungewöhnlich guter Laune zu sein. Er war äußerst Hebens- 
würdig; so sehr, daß ich weiß nicht was für ängstlichen Verdacht 
schöpfte ... Er zappelte und sprang umher, rief bald laut, lispelte 
dann wieder, gebrauchte allerlei seltsame leise und laute Worte und 
bewahrte dabei die ganze Zeit über die ernsthafteste Miene von 
der Welt . . . Inzwischen näherten wir uns dem Ende des Brücken- 
ganges und sahen uns mit einem Male einem Hindernis gegenüber, 
das uns den Weg versperrte; es war ein Drehkreuz von ziemlicher 
Höhe. Gelassen bahnte ich mir durch dieses meinen Weg, indem 
ich es wie üblich mit mir vorwärtsdrehte. Aber die Drehung des 
Kreuzes entsprach nicht der Drehung Mr. Dammits. Er bestand 
darauf, das Drehkreuz zu überspringen, und erklärte, er könne 
in der Luft einen Taubenschwung reinsten Stils darüber machen . . . 
Ich setzte ihm . . . auseinander, daß er ein Prahlhans sei und mehr 
behaupte, als er ausführen könne. Später hatte ich Grund, dies zu 
bereuen, denn er verwettete sofort dem Teufel seinen 
Kopf, daß er den Sprung machen könne." 

In diesem Augenblick bemerkt der Freund in einem „Winkel 
im Fadiwerk der Brücke" einen kleinen, alten, hinkenden 
Herrn von würdevollem Aussehen, der sich durch ein leises 
Husten „A h e m!" bemerkbar madit. Er ist ganz in Schwarz 
gekleidet, seine Wäsche ist tadellos weiß, 

„sein Haar war in der Mitte gescheitelt wie das Haar eines 
Mädchens. Die Hände hielt er nachdenklich über der Magengrube 
gefaltet, seine Augen blickten zu seinem Scheitel empor. Als ich ihn 
näher betrachtete, bemerkte ich, daß er über seinem Anzug eine 
Schürze von schwarzer Seide trug und wunderte mich darüber". 

Der alte Herr hustet noch einmal ahem!; der Freund 
macht Herrn Dammit auf ihn aufmerksam. 

Dammit jedoch ist plötzlich auffallend erschrocken, und 
„nachdem er die Farbe öfter gewechselt hatte wie ein Pirat, 
der von einem Kriegsschiff verfolgt wird", fragt er seinen 
Freund: 



J 



Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 67 

„Sind Sie sicher, daß er das (A h e tn) sagte? Nun, auf jeden 
Fall nehme idi die Herausforderung an und werde ebenso unver- 
sdiämt entgegnen. Aufgepaßt! Ahem!" 

Dem alten Herrn sdieint diese Herausforderung zu gefallen, 
er kommt graziös hinkend näher und drückt Dammit die 
Hand. 

„Idi bin sidier, daß Sie gewinnen werden, Dammit . . . Freilidi 
sind wir, wie Sie selber gestehen werden, verpfliditet, den Beweis 
zu liefern. Lediglich der Form halber." 

Dammit legt den Mantel ab, seufzt, identifiziert sidi von 
diesem Augenblidc an mit dem alten Mann und vermag nur 
mehr „ahem!" zu seufzen. 

„Der alte Herr nahm ihn jetzt beim Arm und führte ihn etwas 
tiefer in den Schatten des Brüdcenganges zurüdc; sie standen wenige 
Sdiritte vom Drehkreuz entfernt. ,Mein lieber Junge', sagte er, 
.verlassen Sie sidi darauf, ich werde Ihnen diesen prachtvollen 
Sprung ermöglidien. Warten Sie hier. Idi werde midi bei dem 
Drehkreuz aufstellen, damit idi dafür sorgen kann, daß Sie in 
guter Form und transzendental darüber wegkommen. Lassen Sie 
beim Taubenschwung ja keinen der Sdinörkel weg ... Idi werde 
zählen: eins— zwei — drei — los! Aditen Sie darauf, daß 
Sie bei dem Wort »los« starten'." 

Der alte Herr stellt sidi nun neben das Drehkreuz, über- 
legt einen Augenblidk, „blickte dann in die Luft empor und 
lädielte heimlich, wie mir schien. Dann band er sich die Sdiürze 
fester" und endlich gibt er das Zeichen. 

Dammit beginnt nun zu laufen. Das Drehkreuz ist weder 
sehr hoch, noch sehr niedrig. Der Freund nimmt sich jedoch 
vor, den Sprung nicht zu unternehmen, auch wenn der alte 
Herr ihn darum bitten würde! Es ist ihm gleidigültig „u n d 
wenn es der Teufel w ä r e" ! Die Brücke, welche „ein 
überwölbter und gar seltsam überdeckter Gang" ist, läßt seine 
letzten Worte in einem hödist unerwünsditen Echo widerhallen. 



W'ii 



H 



68 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

In diesem Augenblick 

„in weniger als fünf Sekunden nach dem Start war mein armer 
Tobias abgesprungen. Ich sah ihn noch behend anlaufen und mit 
einem Satz vom Boden der Brücke emporschnellen; er schlug mit 
den Beinen die verrücktesten Schnörkel, als er in die Höhe flog. 
Hoch in der Luft bemerkte ich ihn in einem erstaunlidien Tauben- 
schwung über dem Drehkreuz; dodi seltsam sdiien mir, daß er 
nidit darüber wegflog. Der Sprung war Sadie eines Augenblidjs; 
ehe ich Gelegenheit fand, eingehendere Reflexionen anzustellen, fiel 
Herr Dammit auf derselben Seite des Drehkreuzes, wo er abge- 
sprungen war, auf den Rücken. Im nämlichen Augenblick aber sah 
ich den alten Herrn in höchster Geschwindigkeit davonlaufen, 
nachdem er zuvor in seiner Schürze etwas aufgefangen und ein- 
gewickelt hatte, das aus dem Dunkel des BrUtkengewölbes über 
dem Drehkreuz schwer hineingefallen war". 

Der Freund läufb zu dem gestürzten und unbeweglidi da- 
liegenden Herrn Dammit hin und bemerkt, daß ihm ... der 
Kopf fehlt. Eine flache Eisenstange, welche ungefähr fünf Fuß 
über dem Drehkreuz mit der Schneide in horizontaler Lage an- 
gebracht war, hat ihm den Schädel weggeschnitten. Als der alte 
Herr lächelnd emporgesehen, hatte er gewußt, warum er es tat! 

Herr Dammit „überlebte den peinlidben Verlust nicht 
lange". Selbst die Homöopathen hatten bei ihm kein Glüdi. 
„Schließlich versdilimmerte sich sein Zustand und er starb zur 
Lehre aller derer, die da im Übermut leben {riotous livers)." 

Sein Freund vergießt an seinem Grabe Tränen und läßt 
auf seinem "Wappenschild eine unheilverkündende „Eisen- 
stange" dazu malen. Nachdem die Transzendentalisten (die 
Poe so verachtete) sich geweigert hatten, für die Begräbnis- 
kosten aufzukommen, läßt der Freund Herrn Dammit sofort 
wieder ausgraben und verkauft seinen Leichnam als Fraß für 
Hunde. 

In dieser seltsamen Geschichte erscheint zum tausendsten 
Male, seit der menschliche Geist sich Geschichten ausdenkt, der 



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Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 69 

Teufel im Zusammenhang mit einer Brücke wieder. Nun gibt 

unzählige Brücken, weldie Teufelsbrücke heißen. Erinnern 
• JJJJ3 beispielsweise an die bekannte Schweizer Sage von der 
Teufelsbrücke über die Reuß (bei Andermatt). Ein Mann wollte 
• Brücke über den Sturzbach bauen, es gelang ihm aber 
nicht. Da erschien der Teufel und bot ihm an, er werde die 
Brüdse fertigbauen. Und der Preis für diese Hilfe? Der Teufel 
verlangte die Seele des ersten Lebewesens, das die Brücke über- 
sdireitet. Der Handel wurde abgesdilossen ! Der Teufel be- 
endete sein Werk in einer Nacht. Der Mensdi ließ einen Hund 
als erstes Lebewesen über die Brücke laufen. Der genarrte 
Teufel zog kleinlaut ab und der Mensch blieb triumphierend 
im Besitz der Brücke." 

In dieser Sage hat es der Teufel allerdings mit einem ab- 
gefeimteren Gegner als mit Herrn Dammit zu tun! Das kommt 
daher, daß die Psychosexualität des Schöpfers oder der 
Sdiöpfer dieser Sage wohl anders als bei dem impotenten Poe 
ausgesehen hat. 

Bevor wir jedoch den besonderen Fall des Herrn Dammit 
analysieren, müssen wir uns darüber Klarheit verschaffen, was 
die Brüdiensymbolik im allgemeinen bedeutet. Mit ihr haben 
sich bisher nur wenige Arbeiten beschäftigt, natürlich keine 
vor der Psychoanalyse. Aber auch seither hat, so viel uns 
bekannt ist, nur Ferenczi, und zwar in zwei interessanten 
Sdiriften dieses Thema behandelt.^^ 

Die große klinische Erfahrung Ferenczis bei Neurotikern 
und Normalen führte ihn nadi zahlreichen Analysen von 



31) Julius Tischendorf, Die Länder Europas. Ernst 
Wunderlidi, Leipzig, 1926. 

32) Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. II : 
Die Symbolik der Brücke — Die Brückensym- 
bolik und die Don-Juan-Legende. (Int. PsA. Verlag, 
Wien 1927.) 



7° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



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Träumen und Symptomen zu folgender Einsicht: die Brücke 
ist gewöhnlich ein Symbol für das väterliche Mannesglied, 
das zwei Teile der Landschaft wie zwei Körper miteinander 
verbindet, indem es eine Brücke zwischen ihnen schlägt. Die 
zwei Teile der Landschaft stellen symbolisch die beiden Eltern 
dar, die durch einen riesigen Brü<i:en-Penis während des 
Sexualaktes miteinander verbunden sind, und die großen Maße, 
die ihnen hier zugeschrieben werden, stammen aus der kind- 
lichen Vision, die Eltern in Gestalt von Riesen zu sehen. Der 
Fluß, das Wasser, über das die Brüde geschlagen wird, stellt 
nach einer allgemein auftretenden Symbolik wieder die Mutter 
dar, die Amnionswasser, aus denen wir alle gekommen sind. 
In der Brückensymbolik ist daher die Mutter zweimal re- 
präsentiert: in der zu erreichenden Landschaft, in dem zu über- 
querenden Wasser.^' 

Ferenczi berichtet nun außerdem von einem Fall, den er 
analysiert hat, und bei dem der Patient an einer Brücken- 
phoble und zugleich an Ejaculatio retardata litt. Alle von 
Brücitenphobie befallenen Neurotiker leiden an Potenz- 
störungen; aber dieser Kranke ermöglichte es Ferenczi, die 
Brückensymbolik noch tiefer als vorhin zu erfassen. Die 
Analyse führte nämlicii in das Gedächtnis des Kranken 
folgende Szene wieder herauf: seine Mutter (eine Heb- 
amme), die er sehr liebte, konnte sich, obwohl er damals 



33) Ini antiken Rom war der Titel der höchsten religiösen 
Würdenträger der des Pontifex, was soviel wie „BrüdiLenmacher" 
bedeutet {Pontifex = pontem facere). Daß der Pontifex anfangs 
wirklich Ingenieur war, eine Funktion, die er übrigens bald 
nicht mehr ausübte, widerspridit nidit der Tatsache, daß der 
römsche Pontifex, diese Vater- Image par excellence, schon durdi 
seinen Namen im Unbewußten des bauenden Volkes, als das wir 
die Römer ansprechen können, mit diesem wichtigen Sexualattribut 
des Vaters, wie es sich in der Brüdtensymbolik ausdrüdct, begabt 
wurde. 



Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf yi 

schon neun Jahre alt war, nicht entsdiließen, ihn selbst in der 
Nadit aus ihrem Zimmer zu entfernen, in dem sie seine 
Schwester zur "Welt brachte. Er hatte nidits gesehen, aber alles 
gehört, auch die Bemerkungen der Personen, weldie die Mutter 
pflegten, Bemerkungen, die sidi auf die Tatsadie bezogen, daß 
der Kindskopf auftauchte und immer wieder verschwand. Die 
Angst, welche mehr oder minder alle Zeugen einer Entbindung 
ergreift, padite natürlicii auch den kleinen Jungen, und er iden- 
tifizierte sidi mit dem kleinen Lebewesen, das sich stundenlang 
in jenem physiologischen Angstzustand befand, der dazu be- 
stimmt ist, das Urbild aller unserer künftigen Angstzustände 
zu werden, und das lange hin und her schwankte, ob es zur 
Welt kommen oder in den Mutterleib zurückkehren solle. 
Die Brückenphobie des Kranken hatte in jener Szene ihre 
Wurzeln. In dieser Phobie stedite aber audi eine furditbare 
Todesangst. Nun ist der pränatale Aufenthalt im Körper der 
Mutter das Bild, nach dem sich der Mensch, der an seine Ver- 
nichtung nidbt glauben will, auch das Weiterleben vorstellt. 
„Die Brüdke überschreiten" bedeutete also im Unbewußten 
dieses Kranken „in den Tod zurückkehren", wovon sicli 
Ferenczi überzeugen konnte, als er die Reaktionen des Kranken 
beobaditete, mit dem er eines Tages über eine Donaubrücke 
ging. Der Kranke klammerte sich an ihn während des ganzen 
Hinwegs, aber bloß während des halben Rückwegs, da die 
Angst in dem Augenblick verschwand, in dem er von neuem 
in die Nähe des Ufers kam, welciies das Leben repräsentierte. 
Er klammerte sicii in der Realität an seinen Analytiker, die 
Vatergestalt, wie der Neurotiker sidi in seiner unbewußten 
Phantasie an den Penis des Vaters anklammert, damit er nidit 
in das mütterliciie Wasser, d. h. in den Tod, wieder zurück- 
fällt. Der Tod ist also hier zweimal dargestellt: durch eines 
der Ufer und durch das Wasser. Die Mutter zweimal: als 
ganze Gestalt durch das andere Ufer, als das mütterliche 



t 



72 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Genitalorgan durch das Wasser. Und auch der Vater zweimal: 
der ganze Körper durch eines der Ufer, das männliche Genital- 
organ durch die Brücke. 

Und die doppelte Symbolik, welche Ferenczi den Brücken 
zusdireiben zu können glaubt, ergänzt sidi in ihren Teilen: 
wenn die Brücke einerseits den väterlichen Penis darstellt, 
welcher die beiden Eltern miteinander verbindet, und anderer- 
seits der Übergang aus dem Nicht-Leben (Fötalzustand oder 
Tod, was im Unbewußten einander gleichkommt) ins Leben 
und umgekehrt, so gibt es zwischen diesen beiden Begriffen 
doch keinen Widerspruch. Denn der Penis des Vaters, die 
Brücke, ist tatsächlich das Mittel, durch das wir alle aus dem 
Nidit-Leben in die Existenz gelangen können. 

In seiner zweiten Arbeit berichtet Ferenczi von einer 
Episode aus dem Leben Don Juans. Dieser soll einmal über 
den Guadalquivir hinweg seine Zigarre an der des Teufels 
angezündet haben. Ferenczi sieht darin eine Bestätigung seiner 
Auffassung von der Brückensymbolik, die Zigarrenbrücke 
repräsentiert auf eine nodi deutlichere Weise als bisher den 
kolossalen, in Erektion befindlichen Penis des berühmten 
Frauenjägers sowohl durch ihre Form als auch durch ihr Feuer, 
welches das Feuer des Verlangens symbolisiert. 

Das ist die These Ferenczis. Man kann sich ihr nicht ent- 
ziehen, fühlt aber zugleidi, daß sie irgendwo eine Lücke hat. 



Ich kenne eine Frau von sehr männlidier Persönlichkeit, die 
als Kind häufig von einem Brückentraum gequält wurde. Sie 
befand sich auf einer Brücke, welche die Seine überquerte, und 
ging langsam, von einem unwiderstehlichen Zwange getrieben, 
weiter, ohne zurückgehen zu können. Je weiter sie aber fort- 
schritt und je mehr sie sich der Mitte des Flusses näherte, um 
so deutlicher hatte sie den Eindruck, die Brücke sei zerstört. 




Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 73 



Die Geländer auf einer Seite begannen zu fehlen, die Bretter 
der Brückendecke — sie war seltsamerweise in diesem Augen- 
blÜ mit Brettern gedeckt — fielen auseinander und durdi 
sie hindurch sah man das reißende "Wasser. Schließlidi 
blieben nur mehr ein oder zwei Bretter übrig, die ins 
Leere führten, und das Mädchen erwachte mit dem Gefühl 
unsagbarer Angst. 

Die Analyse dieser Frau zeigte nun, daß die Brücke in 
ihrem Unbewußten zwar den Phallus repräsentierte, jedoch 
nicht den Phallus des Vaters, sondern den der Mutter — nodi 
genauer gesagt, den der Amme, da das Kind seit seiner Geburt 
von der Mutter her verwaist war und die Amme die Stelle der 
Mutter eingenommen hatte. Diese Frau hatte nämlich die 
Gewohnheit, das Kind rittlings auf den Fuß zu setzen und 
hüpfen zu lassen, eine Handlung, die ihm unleugbar Sexual- 
sensationen verschaffte. Die Brücke war demnach zu gleicher 
Zeit der Fuß und der Penis der Frau, sie hörte im Leeren 
auf wie der Fuß der Amme, wenn das Kind auf ihm 
rittlings saß und während der Sexualsensationen nicht 
zurückweichen konnte. Dieser Traum tauchte bei dem kleinen 
Mädchen — wie übrigens alle Angstträume bei Kindern — erst 
auf, als sidi die Verdrängung der zweiten Periode der infan- 
tilen Masturbation, die zwischen dem dritten und fünften oder 
sedisten Lebensjahr anzusetzen ist, unter dem strengen Einfluß 
der Kinderfrau, weldie auf die Amme gefolgt war, gefestigt 
hatte. Das Kind entdeckte damals den Unterschied der Ge- 
sdilechter, eine Entdeckung, welche die Mädchen sehr be- 
drüdct, und hauptsächlich unter dem Einfluß dieser Entdeckung, 
zu dem die Verbote der neuen Erzieherin kamen, verzichtete 
es, wie so viele Mädchen, auf die infantile Klitorismasturba- 
tion, bei welcher jedesmal von neuem das Gefühl der Er- 
niedrigung anschwillt, daß die Klitoris nur ein schredclidh 
verstümmelter Penis ist. Die zerfallene Brücke des Alptraums 



74 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

gibt also den Gedanken wieder, daß der Phallus der Frau, 
die Klitoris, nur ein abgestumpfter Penis ist. 

Aber weder hier noch in andern Brückenträumen oder 

-phobien darf vernacUässigt werden, daß das kleine Mädchen 

seinen eigenen „Penis" mit dem der Amme, weldier durcii die 

Brücke repräsentiert ist, identifizierte. Als die Amme das Kind 

auf dem Fuß hüpfen ließ, verhielt es sich nodi passiv; bald aber 

ging diese P a s s i v i t ä t in ein Verlangen nach Aktivität 

I über, eine Haltung, die der des Knaben analog ist und die 

[i! beim Mädchen dank der ihr eigenen kleinen männlichen 

1 1 Klitoris einsetzen kann.^* Aber dieses kleine Organ reicht nidit 

li aus, wenn man die Mutter, die Frau, besitzen will! Daß das 

kleine Mädchen über keinerlei männlidie Potenz verfügte, war 

an der zerstörten Brüdie zu bemerken, die es ihm unmöglidi 

:; machte, das andere Ufer zu erreichen. Das einzige, was das 

\ Kind hätte realisieren können, wäre ein Rückfall in das "Wasser 

gewesen, aus dem es gekommen war, eine Rückkehr in den 

Mutterleib, ein Wunsch, der sich, wie das häufig der Fall ist, in 

l| Angst verwandelte. „Die Phantasie der Rückkehr in den 

I, Mutterleib (ist) der Koitusersatz des Impotenten (durch die 

I Kastrationsdrohung Gehemmten)", hat Freud gesagt.^^ Und 

f der Traum unseres kleinen Mädchens, ein Traum nach masku- 

': linem Schema, war in "Wirklichkeit ein Impotenztraum. "Welche 

'1 Impotenz kann denn schlimmer sein als die des Mädchens, das 

:! um den Penis trauert! Die ursprüngliche Bisexualität aller 

Lebewesen, von der in verschiedenem Grade die Spuren sowohl 

': in unserem Körper als auch in unserer psychischen Struktur 

weiterbeharren, madit es dem Mäddien möglich, sich tatsächlich 

I 34) J. Lampl-de Groot: Zur Entwicklungsgeschichte 

des Ödipuskomplexes der Frau. (Int. Ztschr. f. PsA. 
;! XIII, I9V) 

[ 35)Heminung, SymptomundAngst. (Int. PsA. Verlag, 

!i 1926, S. 85.) 



I 



Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 75 

oldier männlidier Haltung hinzugeben, wie sie es dem Knaben 
estattet, entsprechende feminine Haltungen einzunehmen, Tat- 
sachen die wir später nodi bei anderen Geschichten Poes 
genauer untersuchen werden. 

Der Fall der Frau, von dem wir eben berichtet haben, ist 
nun ein überaus interessanter Beitrag zur Deutung der Brücken- 
svmbolik im allgemeinen, er ermöglicht es uns aber audi, eine 
der Lücken, die wir bei den Abhandlungen Ferenczis zu ent- 
decken geglaubt haben, auszufüllen. 

Ferenczi scheint nämlidi zu wenig auf der Identifi- 
zier u n g s tendenz bestanden zu haben, weldie nadi unserer 
Meinung in allen Brückenträumen oder -phantasien eine be- 
deutende Rolle spielt. Das Kind hat die Sexualvereinigung der 
Eltern in der Wirklidikeit oder Phantasie gesehen, und der 
Sohn strebt voll Ehrgeiz danadi, seinen Penis mit dem des 
Vaters zu identifizieren, wie er eine Brücke zu 
schlagen. Infolge seiner infantilen Schwäche kann er 
jedoch nodi nichts anderes tun, als sich an den Penis des 
Vaters klammern, um den gleichen kühnen Weg wie der Vater 
zu gehen. Aber in der Brückenangst des Impotenten spiegelt 
sidi nicht nur das Zurückbleiben auf einer Stufe infantiler 
Schwäche, es steckt in ihr wahrscheinlich auch das ödipus- 
verbot des Vaters: es ist dem Kind untersagt, wie der Vater 
eine Brücke zur Mutter zu schlagen. Während nun in den 
Brückenphobien die Frau vor allem darunter leidet, daß 
sie sicii, eben weil sie eine Frau ist, nicht mit dem Vater 
identifizieren kann, leidet der erwachsene Mann, dessen 
Organe diese Identifizierung ermöglichen würden, besonders 
darunter, nicht das Recht zu solcher Handlung erworben 

Izu haben. Der ursprüngliche Inzestwunsch nach der Mutter 
verwandelt sidi dann in Angstgefühle: man fürchtet sich vor 
dem, was man in Wirkliciikeit wünschen würde, nämlicii 
davor, in das Wasser des Flusses zu stürzen; man hat Angst 
! 



7^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

vor dem Übergang über die Brüdse, der den gewünsditen 

Besitz der Frau symbolisiert. Denn gerade das ist verboten, 

und man gefährdet durdi Übertretung dieses Gebotes sowohl 

sein Leben als audi den Penis. Der Kranke Ferenczis, der 

übrigens der Sohn eines Schneiders war (man beadite die Rolle 

des Schneiders im Struwwelpeter, in dem jener den 

Knaben den Daumen abschneidet), hatte eine ganz besonders 

ausgeprägte Kastrations- und Todesangst; und beim Übergang 

über eine Brücke verliert Herr Dammit sowohl den Kopf als 

audi das Leben. 

* 

Damit sind wir aber nach langem Umweg wieder zu 
unserem Ausgangspunkt zurückgekehrt: zur Geschichte Poes, 
in welcher der Teufel, die Brücke und Herr Dammit ihre 
vorherbestimmten Rollen spielen. 

Während nämlich Don Juan in der großartigen Episode von 
der Zigarre, dem Teufel und dem Quadalquivir triumphierend 
seine Zigarre an der des Teufels selbst (eine klassische Vater- 
Imago!) anzündet, sich dadurch siegesbewußt mit dem Vater 
identifiziert und ihn, was seine Mannespotenz angeht, als 
gleidiwertigen Gegner betrachtet (wir erfahren nicht, welche 
Zigarre einen größeren Weg über den Quadalquivir hat 
zurücklegen müssen, um die andere zu erreidien), blüht Herrn 
Dammit angesichts der gleichen diabolischen Vater-Imago ein 
ganz anderes Schicksal. 

Die Brücke der Gesciiichte ist außerdem eine ganz besondere 
Brücke: sie ist eine gedeckte Brüdce, auf der es ganz finster ist. 
Sie entspricht also nicht genau dem väterlichen Penis, der 
über den mütterlichen Fluß geschlagen wurde: man möchte 
eher sagen, wir haben es mit einer Vagina zu tun, die über 
die ganze Flußbreite reicht und die Brückenfunktion zwisdien 
den ursprünglichen Gestalten der sich paarenden Eltern erfüllt. 
Das erinnert mich an den Traum eines Mannes, der an 






I 



Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 



77 



Ejaculatio praecox litt (wie die Analyse bewies: aus Angst vor 
der kastrierenden Vagina dentata), ein Traum, in dem die 
Frau an der Stelle der Vulva eine Art vorspringender Röhre 
aus Glimmer hatte, welche als Kopulationsfalte dienen sollte. 
Unter dem Einfluß der unbewußten Erinnerung an die phalli- 
sdie Frau, an welche alle kleinen Knaben, jeder zu seiner Zeit, 
geglaubt haben, war die Vagina der Frau auf diese Weise 
extravertiert, sie stellte eine Art Kompromiß dar zwischen 
Vagina und Penis. 

Die Brücke, die Herr Dammit betritt, scheint ebenfalls eine 
extravertierte Vagina der Mütter zu sein. Diese besondere 
Darstellung der durch die Brücke bestehenden Gefahr würde 
übrigens sehr gut zu der Angst vor der Vagina dentata passen, 
die für Poe so charakteristisch ist und in seinem Werk immer 
und immer wieder auftaucht. Die Geschichte Verwette 
niemals dem Teufel deinen Kopf würde daher 
auf vollkommene Weise die Aufteilung der Rollen illustrieren, 
weldie im Unbewußten Poes die kastrierenden Eltern spielten. 
Herr Dammit dringt wie ein Narr in die vaginale Brücke ein, 
gerät in höchste Erregung, was selbstverständlidi ist, wenn 
der Penis in die Vagina eindringt, er springt, hüpfl umher und 
frohlodkt. Aber am Ende der Brücke und gerade in dem 
Augenblick, in dem er das andere Ufer durdi den beab- 
siditigten Sprung (der vielleicht das Symbol für die den Akt 
finalisierende Ejakulation ist) erreichen will, taucht der Teufel 
auf. Herr Dammit hat sozusagen den Streich gewagt; die 
Wetten, die er ununterbrodien anträgt, stellen die Gefahren 
dar, denen er sich dadurch aussetzt, daß er sich der Mutter 
trotz des Vaters nähert. Diesmal aber nimmt ihn der Vater 
beim Wort: wenn der Sprung mißlingt, gehört ihm der Kopf 
— der Penis des Sohnes. Und da er mißlingt, fällt der Sohn 
ohne Kopf zu Boden, noch bevor er die andere Seite des Dreh- 
kreuzes hat erreichen können. Die Vagina dentata der Mutter 



1 



7^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



(die kopfabsdineidende Eisenstange ist nur eine der Quer- 
stangen, welche die ganze Brücke entlang das Gebälk halten) 
wird zum durdiführenden Organ der Kastration, sie steht im 
Dienst der vom Vater ausgehenden ödipusverbote.^" 

Und führt den Tod herbei. Ohne daß Herr Dammit 
das andere Ufer erreichen oder in den Fluß stürzen muß, geht 
sein Wunsdi, in den Mutterleib zurückkehren zu können, in 
den Leib, der durdi dieses Ufer, dieses Wasser und den Tod 
symbolisiert ist, in Erfüllung. 

Ferenczis Auffassung von der Brückensymbolik sowie die 
unsrige wird daher in dieser Gesdiidite auf ihre Weise be- 
stätigt: einerseits identifiziert sidi Herr Dammit, indem er die 
gedeckte vaginal-mütterliche Brücke betritt, mit dem Penis des 
Vaters, der dem gleichen Weg gefolgt war (die Identifizierung 
mit dem Vater ist außerdem durch die A h e m s des Teufels, 
die Dammit aufnimmt, gekennzeichnet. Laute, die den Seufzern 
des Mannes beim Koitus entsprechen können); andererseits iden- 
tifiziert sich Dammit mit dem Fötus, der es gewesen, der auf dem 
gleichen Wege hervorkam, und nun, wie der Penis des Vaters, 
im umgekehrten Sinn den Weg wieder zurückgeht, um wieder 
in den Mutterkörper zu gelangen, eine Symbolik, bei der der 
pränatale und postmortale Zustand ineinander übergehen. Wenn 
nun Herrn Dammit nicht das höchste Glücic widerfährt, die Erde 
oder die mütterlichen Wasser zu erreichen, sondern knapp vor 
dem Ziel, in der Vagina selbst, armselig niederstürzt, so mag 
man darin ein besonders verzweiflungsvolles (in tragikomischer 
Form einbekanntes) Geständnis der Impotenz Poes sehen. 

36) Im übrigen trägt auch der Teufel Zeichen der Kastration 
an sich: er hinkt und trägt das Haar gescheitelt wie ein Mädchen. 
Das Hinken des Teufels steht wie das fehlende Auge Wotans in 
Beziehung zu dem ausgestochenen Auge des Schwatzenden 
Herzens. In der Gestalt des Teufels wird gewissermaßen der 
ödipale und der durch den Wunsch seines Sohnes kastrierte Vater 
gemeinsam dargestellt. 



9!l 



Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 



79 



Herr Dammit wird übrigens für seine Tat nach drei 
j.^aisdien Sdiemen bestraft, nach denen der Urvater — wie 
wir uns durdi das Studium der Phylogenese überzeugen 
können — gegen die revoltierenden Söhne vorgeht. Herr 
Dammit wird kastriert; Herr Dammit wird getötet; sdiließlidi 
wird Herr Dammit aufgefressen: sein Leidmam soll den 
Hunden vorgeworfen werden, Tieren, die in den Phobien der 
Mensdien sehr oft ursprüngliche Totemtiere ersetzen. 



Wir müssen unsere Analyse noch durdi einige Bemerkungen 
über den Freund-Erzähler ergänzen, der vielleicht neben einen 
anderen „Begleiter" in einer andern Gesdiichte gestellt gehört: 
neben den Montr^sor aus dem Faß Amontillado. Mon- 
tr&or spielt allerdings eine aktive Rolle, während der Freund 
Dammits nur Zuschauer ist. Dieser Zusdiauer verkauft zwar 
das Fleisch des Dammit als Fraß für Hunde, sonst aber 
begnügt er sich damit, zu beobachten, wie sein Freund durch 
den Teufel-Vater mit Hilfe der mütterlichen Brücken-Vagina 
untergeht. 

Es gibt nun einige Züge, die beweisen, daß zwischen diesen 
beiden Gestalten eine nähere Verwandtschaft bestehen muß. 
Beide entgehen nämlich der Gefahr, und zwar durdb ihre 
Mäßigung: der eine entkommt dem Keller, in dem er den 
betrunkenen und liederlichen Vater-Bruder, der im "Wein zu 
sehr die Mutter liebte, begraben hatte; der andere gelangt bis 
ans andere Ende der Brücke, auf der sein Freund starb, der über 
das Drehkreuz sprang,^^ weil er selbst ordentlich seines Weges 
gegangen war. Beide sind kluge Doppelgänger der in Frage 
stehenden "Wagehälse, sie beweisen, daß Verzicht der "Weg zur 



37) Der Sprung ist ein geläufiges Sexualsymbol. Siehe im 
Französisdien: sauter une femme. 



8a Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



\ 



Sicherheit sei. Poe konnte sich also von seinem Gesichtspunkte 
aus sagen, er habe weise gehandelt, indem er impotent blieb. 

Die Doppelsymbolik der Brücke findet man übrigens, und 
zwar sozusagen von oben nach unten gewendet, auch im F a ß 
Amontillado wieder. Erst nachdem Fortunato unter „dem 
Bett des Flusses" hinweggegangen ist, unter jener Stelle des 
Kellers, unter der die Feuchtigkeit zwisdien den Knodien hin- 
durchtropft, erreicht ihn sein unheilvolles Schicksal. 

Und schließlich haben auch bestimmte Ereignisse aus Poes 
Kindheit ihre Spuren in der Geschichte Dammits hinterlassen. 
Poe kam in einem Theatermilieu zur Welt: seine Mutter und 
sein Vater waren nicht nur Schauspieler, sondern audi Tänzer, 
und sogar der vermutliche Liebhaber seiner Mutter, Herr X, 
dürfte den gleichen Beruf ausgeübt haben. Nun verwettet Herr 
Dammit seinen Kopf wegen eines Taubenschwungs und findet 
seinen Tod bei dem Versuch, ihn auszuführen. Durdi den 
Beruf der Eltern Edgar Poes wurde hier aus dem Sprung, der 
ein Symbol für den Sexualakt im allgemeinen ist, ein Tauben- 
schwung, das besondere Symbol für das Verhalten Poes, 
welcher der Sohn von Tänzer-Schauspielern war. 

Außerdem könnte die unheilverkündende Eisenstange, mit 
der der Freund am Schluß der Geschichte, scheinbar um einen 
Spaß zu machen, post mortem das Wappenschild der Dammits 
schmückt, — eine Eisenstange zeigt für den Heraldiker den 
Bastard an — eine Anspielung auf das Faktum sein, daß ver- 
mutlich wenigstens ein Kind der Elizabeth Arnold illegitim 
gezeugt wurde, nämlicJi Rosalie, mit der sich hier Edgar, indem 
er die Tugend der Mutter verdächtigt, in der Gestalt des 
Dammit zu identifizieren scheint. ^y 

Wir haben im Verlauf der letzten Kapitel die Geschichten 
an uns vorüberziehen lassen, aus denen man den Ton der 



Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 



Si 



Auflehnung gegen den Vater heraushört: Geschichten, in denen 
diese Auflehnung triumphiert, und andere, in denen sie besiegt 
wird. Nirgends aber wird sie so vollkommen niedergeschlagen 
wie in der tragikomischen — im Grunde allerdings nur tragi- 
schen — Geschichte von der Brücke, dem Teufel und Dammit. 
Der besiegte Sohn wird hier — was selbst einem Prospero 
erspart blieb — den Hunden vorgeworfen. 

Diese Geschichte enthält nun in Wahrheit, wie Poe das zu 
Beginn der Erzählung und im Untertitel angekündigt hat — 
eine Moral. Diese Moral besagt, daß der Vater den revol- 
tierenden Söhnen gegenüber immer mehr oder minder mächtig 
bleibt, daß er sie zwar nicht alle, wie im Falle Poe, dazu 
verdammt, impotent zu sein, sehr häufig aber eines großen 
Teiles ihrer Potenz und männlichen Freiheit beraubt. Das ist 
das Lösegeld, womit jenes soziale, kostbare und zugleich auch 
bedrückende Gut bezahlt wird, welches die Menschheit mit 
Hilfe immer wieder verausgabter Bestrafungen und durdi 
äußeren Zwang mühselig im Laufe der Jahrhunderte errungen 
hat und das Moral heißt. 




Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 



e 



VI 

DER KONFLIKT 
MIT DEM GEWISSEN 





6* 



WILLIAM WILSON 



William Wilson'"' stellt nicht mehr den Konflikt 
zwischen Sohn und Vater dar: die Introjektion der väterlichen 
Verdrängungsinstanz scheint hier vollkommen durchgeführt zu 
sein. Dieses Mal befindet sich der Held der Geschichte mit 
einem Teil seines eigenen Wesens in Konflikt, nämlich mit 



I jenem 



Teil, der von den Verboten des Erziehers herkommt 



und unser Moralgewissen oder Über-Ich darstellt. 

Die Erzählung beginnt damit, daß uns William Wilson ein- 
' gesteht, er sei der abscheulichste aller Menschen, die letzten 
Jahre seines Lebens hätten seine Seele mit Schändlichkeit be- 
lastet. Er will uns jedoch den Bericht über seine Taten ersparen 
und sich damit begnügen, uns — da sein Tod naht — nur von 
den Umständen Mitteilung zu madien, die zu dem Schluß 
geführt haben, daß er „aus verhältnismäßig geringer Schleditig- 
keit mit Riesenkraft zu den Ungeheuerlichkeiten eines Helio- 
gabalus auf(wuchs)". 

„Idi bin", beginnt er, „der Abkömmling eines Geschledites, das 
Lsidi von jeher durdi starke Einbildungskraft und ein leichterreg- 
bares Temperament auszeichnete; und schon in frühester Kindheit 
bewies ich, daß ich ein echter Erbe dieser Familienveranlagung bin." 

Schon die Beschreibung des Helden, mit der die Geschichte 
einsetzt, beweist, daß sie unter allen Erzählungen Poes jene 
sein dürfte, die sich am offenkundigsten auf biographi- 
sche Elemente stützt. 

Edgar tut hier aber so, als ob er immer bei jenen nach- 
sichtigen Eltern geblieben wäre: 

38) William Wilson (Burton's Gentleman's Magazine, Oktober 
1839; The Gift, 1840; Broadway Journal, II, 8). 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



I 



„Ich wurde eigensinnig, ein Sklave all meiner -wunderlidien 
Leidenschaften. Meine -Willensschwächen Eltern, die im Grunde an 
denselben Fehlern litten wie ich, konnten wenig tun, meine bösen 
Neigungen zu unterdrücken." 

Poe konnte nicht deutlicher aussprechen, wen er für sein 
"Wesen verantwortlich machte. 

"Wir kommen nun nach Stoke Newington in England, in 
jene alte Manor House School, in der Edgar zwei oder drei 
Jahre seiner Kindheit, die Zeit zwischen seinem achten und 
elften Lebensjahr, verbracht hatte. 

„Meine ersten Erinnerungen an einen regelmäßigen Unterricht 
sind mit einem großen, weitläufigen Hause in einem düsteren Städt- 
chen Englands verknüpft, wo es eine große Menge riesiger knorriger 
Bäume gab und alle Häuser uralt waren. Ja, wirklich, es war ein 
Städtchen wie in einem stillen Traum; alles dort wirkte ehrwürdig 
und beruhigend. Jetzt, da ich das sdireibe, fühle ich wieder im 
Geist die erfrischende Kühle seiner tiefsdiattigen Alleen, atme den 
Duft seiner tausend Büsche und Hecken und ersdiauere von neuem 
unter dem tiefdunkeln Ton seiner Kirchenglodcen, die Stunde für 
Stunde mit plötzlichem Dröhnen die Sonnennebel durchbrachen, 
in die der verwitterte gotische Kirchturm sdilummernd ein- 
gebettet lag.""^" 

"Wir erkennen die „gotische" Atmosphäre wieder, der wir 
den Rahmen verdanken, in dem die Berenicen, Ligeien, Made- 
linen an uns vorüberschweben. Poe setzt dann auf das ge- 
naueste die Beschreibung der Landschaft fort und besdiwört vor 
unseren Augen „das Haus . . . von weitläufiger, unregelmäßiger 
Bauart", das große Grundstück, welches es umgibt, den 
Festungswall, der es einschließt, das „noch gewaltigere" Tor, 
das „mit Eisenstangen verriegelt und von Eisenspießen überragt 
wird", ein Tor, das sich nur „für die drei regelmäßig wieder- 
kehrenden wöchentlichen Ausgänge" öffnet. Dann erhebt sich 



4 



38a) Siehe Bd. I, S. 32. 



William Wilson 



87 



. yjjs die Silhouette des Doktor Bransby, des Schulleiters und 

1 Kirchenpastors, hinter seinem Katheder: 

Konnte diese verehrungswürdige Person mit dem so besdieidenen 

I j gütigen Gesicht, in ihrem glänzenden Kleide mit der auf das 
genaueste gepuderten Perücke der gleidie Mensch sein, der eben 

' mit einem bissigen Gesicht und in von Tabak beschmutzten Kleidern 
it der Peitsdie in der Hand die drakonischen Schulgesetze durch- 
hren ließ?" 
Es wird erzählt, daß Bransby, der ehemalige Schulvorsteher 

'und Pastor der Manor House School, sich keineswegs darüber 

I gefreut haben soll, in W i 1 1 i a m W i 1 s o n mit seinem vollen 

'Namen in solcher Beleuchtung aufzutreten.^^ Das Bild, das 
von ihm hier gegeben wird, entspridit tatsächlich nicht ganz 

'der Wirklichkeit: der Reverend John Bransby war zum 
Beispiel nicht Doktor, er ließ auch seine Sdiüler nicht aus- 
peitschen, im Gegenteil, er war ein junger und lustiger Mensch, 

' Liebhaber des Sports und der Jagd, und seine Pensionäre ver- 
ehrten ihn.*" 

Der Reverend konnte natürlich nicht verstehen, warum sein 

'^ Sdiüler ihn verleumdet hatte, er konnte nicht wissen, daß er 
in unserer Geschichte automatisch zur Vater-Imago geworden 
und daher seine wirklidie Güte außerstande war, zu ver- 
hindern, daß sich in dem „Doktor" Bransby des William 
W i 1 s o n die nidit auszulöschende Gestalt des John Allan (die 
ja in der Familie des Helden der Geschichte fehlt) mit der 

keines Lehrers vermengte, der, mit Tabak besdimutzt (smujfy), 
wie der Kaufmann Allan mit der Rute drohte, und von 
seinem Katheder herunter die moralisierenden Vorschriften 
des „heudilerischen" John vortrug. 

Nun war der gleiche John Allan, der mit der Peitsche in 

^der Hand seinem Mündel die Moral eintrichterte, selber keines- 



39) Israfel, S. 83. 

40) Siehe Bd. I, S. 32. 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



\ 



wegs moralisch! Befand sidi nicht in der Zeit, in der der kleine 
Edgar vor seiner Fahrt nadi Europa noch in Richmond war, 
in der gleichen Schule wie er ein Kind John Allans, das dieser 
außerhalb der Ehe gezeugt hatte? Wir wissen außerdem, daß 
William Erwin im November 1817 aus Richmond an John 
Allan in England schrieb, er möge ihm die Pension für diesen 
Sohn Edwin Collier" schicken, und in der gleichen Schule 
dürfte auch der junge Edgar vor der Abreise der Allans nadi 
England (i8ij) gewesen sein. Später soll Herr Allan noch 
andere außereheliche Kinder gehabt haben.''^ Es kann uns 
daher nicht in Erstaunen versetzen, daß Poe angesichts dieser 
nur gepredigten, jedoch mit so viel verborgenem „Laster" ver- 
hafteten „Tugend" vor dieser Verwandlung des Dr. Bransby 
ausgerufen hat: „Oh, ungeheuerliches Paradox, dessen Unge- 
heuerlichkeit jede Lösung ausschließt!" 

Nachdem Poe- Wilson auf das genaueste alle Winkel und 
Kreuzwege des alten Hauses und den langen und düstern 
Studiensaal beschrieben, betrachtet er einen Augenblick lang 
mit bewunderndem Staunen die Entwicklung, welche seine j 
eigene Psyche damals erreichte: H 

„Ich muß allerdings annehmen, daß meme geistige Entwidslung 
eine ungewöhnliche, ja fast krankhafte" gewesen ist. Die meisten 
Mensdien haben in reifen Jahren selten noch eine frische Erinnerung 
an die großen Ereignisse aus ihrer frühen Kindheit. Alles ist 
sdiattenhafb grau — wird sdiwach und unklar empfunden — , ein 
unbestimmtes Zusammensuchen matter Freuden und eingebildeter 
Leiden. Mit mir war es anders. Idi muß sdion als Kind mit der 
Empfindungskraft eines Erwachsenen alles das erlebt haben, was 
noch jetzt mit klaren, tiefen und unverwisdibaren Sdiriftzügen, wie 
die Inschriften auf karthagisdien Münzen, in meinem Gedäditnis 
eingegraben steht." 



41) Israfel, S.j6i. 

42) Israfel, S. j8 und Anmerkung S. 90. 

43) Im Original: outre, wie das Verbredien des Orang 




William Wilson 



Aus diesen Zeilen hören wir heraus, wie stolz Edgar Poe 
auf seine Intelligenz und seine Frühreife war. Und was er 
Mgt stimmt, wenn auch bewußtes und unbewußtes Gedächtnis 
hier miteinander vermengt werden und Poe jenem mehr 
Tugenden beimißt als diesem. In seinem Hochmut stellt er 
sich außerdem als eine Ausnahme hin, welche über der 
Mensdiheit thront, obwohl man von allen Lebewesen sagen 
könnte, daß sie in ihrer Jugend „mit der Empfindungskrafl: 
eines Erwachsenen" gefühlt (nicht gedacht) haben, auch 
wenn diese Zeit, zu der unsere stärksten und entscheidensten 
Empfindungen gehören, regelmäßig durch die Ver- 
drängung mit einer Schichte „grauen Schattens" bedeckt ist, 
die sie „sdiwach und unklar" erscheinen lassen. 

Nun setzt das eigentliche Drama ein. William Wilson fällt 
unter den Kameraden auf, er bekommt über sie alle Macht, 
ausgenommen über einen. 

„Diese Ausnahme war ein Schüler, der, obwohl er kein Ver- 
wandter von mir war, doch den gleichen Vor- und Zunamen trug 
wie idi — ein an sidi unbedeutender Umstand. Denn ungeachtet 
meiner edlen Abkunft trug ich einen Namen, der in unvordenk- 
lidien Zeiten durch das Recht der Verjährung für jedermann frei- 
gegeben worden sein mochte. Ich habe mich also hier in meiner 
Erzählung William Wilson genannt — ein Name, der von dem 
wirklichen Namen nicht allzu sehr abweicht." 

^H Steckt nicht in dieser Bemerkung über den erfundenen 

^V Namen die mehr oder minder unbewußte Erinnerung an die 

^1 Tatsache, daß Edgar in Stoke Newington (nach dem Zeugnis 

^B Bransbys)** sowie auch in andern Schulen und zu Hause Allan 

^1 genannt wurde, also einen andern Namen trug als den seinigen? 

^m Und wird nicht in dem Einfall von der Identität mit dem 

^^ zweiten, der mit dem Helden in keiner Weise verwandt ist, 

^H dem aber Poe wie einem Über-Bruder den gleichen Tauf- und 



44) hrafel, S. 83. 



90 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Familiennamen gibt, die Wiederkehr der Erinnerung an jenen 
„Bruder" enthalten sein, mit dem Edgar Poe, der Adoptivsohn 
Allans in die Schule von Richmond ging, eine Erinnerung an 
Edwin Collier, dem in einem Ehebruch gezeugten Sohn John 
Allans?*'* Aber in der Geschichte vom William Wilson 
und seinem Doppelgänger ist, wie wir sehen werden, nodi 
manches andere enthalten. 

Tatsache ist, daß der zweite William Wilson schon in 
diesem frühen Alter den ersten zu ärgern beginnt. 

„Von allen Kameraden nun, die bei unseren Spielen meine 
Bande bildeten, wagte es mein Namensvetter allein, sowohl im 
Unterridit als audi im Sport und Spiel mit mir zu wetteifern, 
meinen Behauptungen keinen Glauben zu sdienken, sidi meinem 
Willen nidit unterzuordnen — kurz, sidi in allem gegen meine 
ehrgeizige Oberherrsdiaft aufzulehnen." 

Auf diese Weise erscheint, nach außen projiziert, der innere 
Konflikt Poes — die Spaltung seiner Persönlichkeit. Daß diese 
Spaltung eine innere Spaltung ist, wird die Fortsetzung 
der Gesdiichte beweisen. 

„Dodi wurde diese Ebenbürtigkeit in Wahrheit nur von mir 
selbst bemerkt; unsere Kameraden schienen in unerklärlidier Blind- 
heit diese Möglichkeit nicht einmal zu ahnen. Auch äußerten sich 
seine Nebenbuhlerschaft und sein hartnäckiger Widerspruch weniger 
laut und aufdringlich als insgeheim. Man konnte glauben, daß nur 
das launisdie Vergnügen, mein Erstaunen zu erwecken oder midi 
zu ärgern, seine Nebenbuhlerschaft veranlasse; trotzdem gab es 
Zeiten, wo ich voll Verwunderung, Beschämung und Trotz wahr- 
nehmen mußte, daß er neben seinen Angriffen, Beleidigungen und 

4j) Man hat auch behauptet, daß David Poe nicht in Norfolk im 
Oktober 1810 gestorben (wie allerdings bloß durdi einen einzigen 
Zeitungsausschnitt bewiesen wird), sondern mit einer Schottländerin 
durdigegangen sei, mit der er einen Sohn hatte, der mit Edgar 
Poe in der Schule in Irvine gewesen, eine Tatsache, die Edgar in 
der Folge zum William Wilson inspiriert haben soll. Aber 
diese Legende ist durdi gar nidits bewiesen {Israfel, S. 13). 



i 




William Wilson 



91 



■ffi^'derreden eine gewisse unangebrachte und mir durchaus uner- 
ünsdite Liebenswürdigkeit, ja Zuneigung verriet. Ich konnte mir 
'n Betragen nur als die Folge ungeheuren Dünkels erklären, sidi 

■ überlegenes Wohlwollen zu kleiden." 

jvlan kann weder das stürmische Eindringen des streit- 
süditigen Über-Ichs, des die Ruhe störenden Moralgewissens, 
• Jas Leben des Kindes, noch die Genesis dieses Über-Ichs, 
das der tyrannischen und gleichzeitig quälenden und zärtlichen 
Vaterinstanz entspringt, besser beschreiben und darstellen, 
als es hier geschieht. Frau Allan war zweifellos zu nachsichtig 
gewesen und hatte zur Entstehung des Über-Ichs ihres ver- 
hätsdielten Kindes nur wenig beigetragen; das Sdiicksal über- 
antwortete daher dem rücksichtslosen und kampferprobten 
lohn Allan diese Sorge, und es wird uns also nicht über- 
rasdien, wenn wir am Doppelgänger des William "Wilson, 
welcher, wie wir später sehen werden, eine Introjektion der 
vom Vater ausgehenden Moralverbote ist, eine Mischung von 
Verfolgerleidenschafl:, Grausamkeit und Zärtlichkeit ent- 
decken. Auch Allan hatte nämlich, besonders in früherer Zeit 
und trotz seiner Strenge, den kleinen Edgar auf seine Art 
geliebt. Er ist es also, den wir zum Teil im Doppelgänger 
Wilsons, in der Gestalt des Moralgewissens verkörpert sehen. 
Und die Tatsache, daß der kleine sechsjährige Edgar Poe 
in der Schule mit dem jungen Edwin Collier (der sicher 
einige Jahre älter war als er), daß er also mit dem außer- 
ehelichen Sohn seines „Pa", der dadurch sozusagen sein 
„Bruder" gewesen, die Schule besuchte, dürfte das Zwischen- 
glied der Gedankenkette sein, durch die die Verbote des Vaters 
auf den Bruder übergingen. Die älteren Schulkameraden der 
beiden Wilson halten sie übrigens, da sie den gleichen Namen 
tragen und gleich aussehen, für Brüder. Sie konnten tatsächlidi 
Zwillinge sein: sie sind beide am 19. Januar 1813 geboren 
worden. Warum hat sich nun Poe in dieser biographischen Ge- 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



schichte — wie übrigens auch anderswo — um vier Jahre ver- 
jüngt? Soll sidi hinter dieser Geschichte des Gewissens die 
Annahme verbergen, daß er im Alter von vier Jahren und 
nicht früher in das Haus der Allans aufgenommen wurde 
in dem Alter, in dem sein Über-Ich wirklich entstehen sollte? 

„Es mag seltsam erscheinen", setzt unser Erzähler fort, „daß 
ich, trotz der fortgesetzten Angst, in die mich die Rivalität Wilsons 
versetzte, und trotz seines unerträglichen Widerspruchsgeistes, mid] 
nicht dahin bringen konnte, ihn wirklich zu hassen." 

Sich selbst kann man tatsächlich nur schwer hassen, und der 
Doppelgänger "Wilsons ist zwar durch die Gestalt des hem- 
menden Bruders hindurch mit John Allan verwandt, aber er 
ist ein introjizierter, ein auf die Substanz seines Mündels hin 
umgeformter John Allan, kurz er ist ein integrierender Teil 
Edgar Poes geworden: sein persönliches Moralgewissen, sein 
Über-Ich mit den diesem innewohnenden kategorischen 
Imperativen. 

„Für Seelenkenner wird es unnötig erscheinen hinzuzufügen, daß 
Wilson und ich die unzertrennlichsten Gefährten waren." 

Wir werden auch nidit erstaunt sein, wenn wir das 
Folgende erfahren: 

„Ich konnte tatsächlich nur einen wunden Punkt an ihm ent- 
decken; es war eine persönliche Eigenheit, die vielleicht einem 
körperlichen Übel entsprang und wohl von jedem andern Gegner, 
der nicht wie ich am Ende seiner Weisheit angelangt gewesen, 
geschont worden wäre. Mein Rivale hatte eine Schwäche der Spredi- 
organe, die ihn hinderte, seine Stimme über ein sehr leises 
Flüstern zu erhebe n." 

Wir haben es mit der Stimme des Gewissens zu tun, die 
zwar befiehlt, aber leise spricht. 

Der Doppelgänger rächt sich, indem er William Wilson 
unaufhörlich die Identität ihrer beiden Namen ins Gedächtnis 
ruft. Es ist nun allgemein bekannt, daß man nicht gerne von 



J 




William Wilson 



93 



einem andern hört, der den gleichen Namen trägt wie man 
selbst;*" diese psychische Tatsache hängt irgendwie mit einer 
Kränkung unseres Narzißmus zusammen, durch den wir uns 
für einzig in unserer Art halten. Bei William Wilson erreidit 
nun dieses peinliche Gefühl, wie man verstehen kann, beinahe 
die Ausmaße eines Verfolgungswahns. Der Doppelgänger be- 
gnügt sidi nämlich nicht damit, die Identität der Namen zu 
unterstreichen. 

„Mein durdi diese Umstände hervorgerufener Verdruß nahm bei 
jeder Gelegenheit zu, bei der eine geistige und leibliche Ähnlidikeit 
zwischen meinem Nebenbuhler und mir zutage trat. Mit einem 
Wort, nichts konnte mich so ernstlich verletzen, ja sogar be- 
unruhigen . . . wie irgendein Wort darüber, daß wir miteinander 
an Geist und Körper oder Betragen ähnlich seien." 

Diese absolute Ähnlidikeit wird übrigens nur von den zwei 
Interessierten, nicht aber von der Umgebung bemerkt. Und 
jeder dieser beiden bedient sich dieser Tatsache, um den andern 
zu quälen. 

„Die Rolle, die er spielte, bestand in einer bis ins kleinste 
vollendeten Nachahmung meines Ichs im "Wort und Tun, und er 
spielte sie zum Bewundern gut. Meine Kleidung nachzuahmen, war 
ein Leichtes; meinen Gang und meine Haltung eignete er sich ohne 
Schwierigkeiten an; abgesehen von dem Hemmnis, das ihm sein 
Sprachfehler in den Weg legte, entging nicht einmal meine Stimme 
seiner Nadiahmungskunst. Wirklich laute Töne konnte er selbst- 
redend nicht wiederholen, aber sein Tonfall wurde ganz der meine, 
und sein eigenartiges Flüstern wurde zum voll- 
kommenen Echo meiner eigenen Stimm e." 

Die Kameraden bemerken jedoch nichts von dieser bis ins 
kleinste vollendeten Nachahmung; daran mag schuld gewesen 
sein, daß sie nur allmählich vor sich ging. Tatsächlich bildet 



46) Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Berlin, 
S. Karger, 1904, und Gesammelte Schriften, Bd. IV, S. 31. 



94 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



I 



li :', 



sich das Über-Idi erst allmählich im Lauf der Kindheit und 
die Vaterinstanz wird bloß in stufenweiser Steigerung ein- 
verleibt, sie nimmt sogar die Farbe unseres Ichs an. 

Daß das Moralgewissen Edgar Poes tatsächlich vom Vater 
dem Erzieher, dem Moralisierenden, kurzum von Allan her- 
kam oder, anders gesprochen, vom Doppelgänger "William 
"Wilsons, geht aus folgendem wichtigen Absatz deutlidi 
hervor: 

„Ich habe bereits mehr als einmal davon gesprodien, welch ab- 
scheuliche Beschiitzermiene {disgusting air of patronage) er mir 
gegenüber aufsetzte und wie vorwitzig er gegen meine Anordnungen 
Einspruch erhob. Seine Einmisdiungen geschahen oft in Gestalt von 
Ratschlägen — nicht offen gebotenen, aber heimlich angedeuteten. 
Ich nahm sie mit einem 'Widerwillen entgegen, der mit den Jahren 
immer heftiger wurde. Doch heute, nach so langer Zeit, muß idi 
ihm jedenfalls die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß idi midi 
keiner Gelegenheit erinnere, wo die Einflüsterungen, ja man kann 
sagen die beabsichtigten Suggestionen meines Rivalen eine üble oder 
leiditfertige Richtung genommen hätten, wie sie von seinem unreifen 
Alter, seiner scheinbaren Unerfahrenheit wohl zu erwarten gewesen 
wäre. Idi muß ferner gestehen, daß zumindest sein sittliches Fühlen, 
wenn auch nicht seine allgemeine Begabung, weit stärker war als 
das meine, und daß ich heute wohl ein besserer und darum glüdc- 
licherer Mensch sein könnte, hätte ich die Ratschläge, die sein 
bedeutsames Flüstern andeutete, weniger oft zurüdigewiesen; aber 
ich haßte und verachtete jedes Wort, das aus seinem Munde kam." 

Daher verwandeln sich schließlich mit fortschreitendem 
Alter die Gefühle "Wilsons gegenüber seinem Doppelgänger, 
die ursprünglich „leicht hätten in Freundschaft ausreifen 
können", „in wirklichen Haß". 

Eines Tages glaubt der Erzähler im Verlaufe einer Aus- 
einandersetzung zwischen den beiden "Wilson, die etwas 
heftiger gewesen war als gewöhnlich, im Tonfall, in der Miene 
und in der ganzen Erscheinung seines Gegners etwas zu ent- 
decken, 



William Wilson 



9i 



das mich zuerst verblüffte, und dann tief fesselte. Erinnerungen, 
Vorstellungen aus meiner frühesten Kindheit — seltsame, verwirrte 
und einander überstürzende Vorstellungen aus einer 2eit, in der 
mein Gedäditnis noch nicht geboren war, überfielen meinen Geist", 

Erinnerungen, die wahrsdieinlidi aus jenen von der 
Infantilamnesie zugedeckten Jahren stammten, in denen das 
Über-Icfa Poes gerade im Entstehen war. "Wilson hat den 
Eindrudi, das vor ihm stehende Lebewesen „vor langer Zeit 
einmal, ja vielleicht in unendlich ferner Vergangenheit" ge- 
kannt zu haben. 

Und hier tritt die entsdieidende Szene ein, in der Poe- 
Wilson entsetzt vor dem Wunder zurückweicht, das die in 
ihm introjizierte Vatersubstanz darstellt, jene Substanz, welche 
ein Teil seiner eigenen Substanz geworden war, trotzdem er 
sie haßte: 

„Eines Nachts, gegen Ende meines fünften Schuljahres und kurz 
nadi dem vorhin erwähnten Wortwedisel, erhob idi mich, als alles 
sdilief, und sdilich, mit einer kleinen Lampe in der Hand, durch 
ein Labyrinth von Gängen nach der Schlafkammer meines Rivalen", 

und er tut dies zu dem eingestandenen Zweck, dem andern 
einen bösen Streidi zu spielen. Er läßt die Lampe draußen, 
überzeugt sidi davon, daß sein Rivale fest eingeschlafen ist, 
geht nodi einmal hinaus, um die Lampe zu holen und kehrt 
von neuem zum Bett zurück. 

„Es war von Vorhängen umschlossen . . . das helle Licht der 
Lampe traf den Sdiläfer ... Ich blidste — und Betäubung, eisige 
Erstarrung befiel mich . . . waren dies die Züge "William "Wilsons? 
Lag es denn wirklich im Bereich des Möglichen — konnte das, 
was ich jetzt sah, lediglich das Resultat seiner spöttischen 
Gewohnheit, mich nachzuahmen, sein?" 

"William "Wilson glaubt, sich selbst zu sehen, sein geliebtes, 
im Über-Ich, diesem Sohn der gehaßten Vaterinstanz ver- 
körpertes Ich. „Mit wachsendem Schauder" lösdit er das Lidit 



96 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



aus, verläßt er das Zimmer und flieht er „die Hallen jenes 
alten Schulhauses, um sie nie wieder zu betreten." 

Aber ebensowenig wie Edgar Poe, der mit achtzehn 
Jahren aus dem Haus der Allans floh, kann William Wilson 
durch das Verlassen der alten Schule vor sich selbst fliehen 
diesen Teil seiner eigenen Substanz von sich loslösen, die 
Stimme des Moralgewissens, die eine Tochter der Stimme 
unserer Erzieher ist, und uns unser ganzes Leben hindurch ver- 
folgt, abtöten. 

Vergebens und voll Verzweiflung versucht "William Wilson 
sich gegen sein Über-Ich aufzulehnen: seine in zwei Wesen 
gespaltene Persönlichkeit ist weder imstande, sich entschieden 
gegen das Über-Ich aufzulehnen, noch auch dazu, sidi diesem 
Über-Ich gänzlich zu unterwerfen. Beobachten wir nun, wie 
sein Ich, das anfänglich glaubt, von jedem Zwang befreit 
zu sein, den leidenschaftlichen Forderungen der Triebe nadi- 
zugeben beginnt: „Nach Verlauf einiger Monate, die ich daheim 
im Nichtstun verbrachte, kam ich als Student nach Eton." 
Übersetzen wir diesen Satz: Poe wurde von Allan an die Uni- 
versität von Virginia geschickt, die hier, wie es scheint, zwei- 
mal, erst durch Eton, später durch Oxford dargestellt wird. 

„Die kurze Zeit hatte genügt, um die Erinnerung an die Ereig- 
nisse im Hause Doktor Bransbys abzusdiwächen . . . Idi fand jetzt 
Zeit, den Wahrnehmungen meiner Sinne zu mißtrauen . . . Der 
Strudel gedankenloser Tollheit, in den idi sogleidi und gründlidi 
hinabtauchte, wusch von meinem vergangenen Leben alles bis auf 
den Sdiaum ab . . . 

Ich beabsichtige aber nicht, hier näher auf meine Verworfenheit 
einzugehen . . . Drei tolle Jahre . . . hatten mir nichts gebradit als 
lasterhafte Gewohnheiten, die meiner körperlichen Erziehung aller- 
dings sonderbarerweise vorteilhaft gewesen waren. Nach solch einer 
Woche gehaltloser Zerstreuungen lud ich einmal eine Anzahl der 
lockersten Vögel, Mitstudenten, zu einem geheimen Zechgelage auf 
meinem Zimmer." 




William Wilson 



97 



Gerade so benahm sich auch Poe, wie uns die Chronik mit- 
teilt im Zimmer dreizehn, West-Range der Universität von 
Virginia. 

Wir versammelten uns zu später Naditstunde, denn die Völlerei 
sollte bis zum Morgen ausgedehnt werden. Der Wein floß in 
Strömen, und es fehlte nicht an anderen und vielleidit gefährlicheren 
Verführungen . . ." 

Diese „gefährlicheren" Verführungen gelangen zwar durch 
eine diskrete Anspielung in unsere Geschichte, sie sind aber nie 
in das Zimmer dreizehn gedrungen! "Wein allerdings floß hier 
und dort in Strömen, und hier wie dort sind die Helden der 
wirklichen oder in der Phantasie ausgedachten Orgien bei 
Wein und Kartenspiel von tollster Ausgelassenheit. Die 
' Morgendämmerung bricht nun an und als William Wilson 
darauf beharrt, „einen ungewöhnlich ruchlosen Trinksprudi 
auszubringen", da wird seine Aufmerksamkeit plötzlich 

„auf das heftige öffnen einer Tür und die dringliche Stimme 
eines Dieners hingelenkt . . . Der Mann sagte, es wolle mich jemand, 
der es anscheinend sehr eilig habe, draußen im Vorzimmer sprechen". 

Wilson stürzt „in fröhlicher Weinstimmung" hinaus. „In dem 
niedrigen und schmalen Raum hing keine Laterne und er war 
gegenwärtig überhaupt nicht beleuchtet — abgesehen von dem sehr 
sdiwachen Morgengrauen, das durch das halbrunde Fenster drang. 
Als ich den Fuß über die Schwelle setzte, gewahrte ich die Gestalt 
eines jungen Mannes von etwa meiner Größe, der, ganz meiner 
momentanen Kleidung entsprechend, einen nach neuestem Schnitt 

L gearbeiteten Hausrock aus weißem Kaschmir trug. So viel enthüllte 
mir das matte Tageslicht, seine Gesichtszüge konnte ich nicht er- 
kennen. Bei meinem Eintritt kam er eilig auf mich zu, ergriff mich 
mit heftiger Ungeduld am Arm und flüsterte mir die Worte ,William 
Wilson' ins Ohr. Ich wurde sofort vollkommen nüchtern." 
Wilson hat seinen Doppelgänger, der sofort wieder ver- 
sdiwindet, erkannt. Kehrt vielleicht in dieser Episode die 
Angst vor dem Faktum wieder, daß die Gelage im Zimmer 
dreizehn durch die Lehrer, die jederzeit das Redit hatten dort 
Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 7 
! 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



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einzutreten, unterbrochen werden konnten oder wurden? Und 
haben wir es außerdem mit einer Erinnerung an die stur- 
mische Ankunft Allans an der Universität von Virginia zu 
tun, der sein verschwenderisches Mündel zurückholte? Dies 
alles wurde natürlich nach dem Innern Schema umgebildet, 
im flüsternden Ton des Moralgewissens vorgetragen, das von 
allen jenen hemmenden Instanzen geformt wird, welche in das 
Ich selbst introjiziert, in seinen Körper selbst eingedrungen 
sind, um dort jenes Über-Ich zu bilden, das sich wieder nadi 
außen in den Doppelgänger William Wilsons projiziert, ein 
Vorgang, der einer „treuen" Rückkehr zu seinem Ursprung 
entspricht. 

Aber trotz des inhaltsschweren feierlichen Verweises, „der 
in der eigenartigen, leise gezischten Äußerung lag", und „ob- 
gleich der Eindruck, den dieses Erlebnis auf meine zügellose 
Phantasie machte, ein sehr tiefer war, blieb er doch nicht von 
langer Dauer". Nach hartnäddgem Nachforschen erfährt unser 
Held, daß der andere William Wilson infolge eines „plötzlich 
eingetretenen Familienereignisses" am Nachmittag desselben 
Tages die Schule des Bransby verlassen hatte, an dem auch er 
geflohen war. 

„Nadi kurzer Zeit aber ließen meine Gedanken von dieser Sache 
ab, da meine beabsichtigte Übersiedlung nadi Oxford mich vollauf 
in Ansprudi nahm. Bald darauf führte ich diese aus, und die Frei- 
gebigkeit meiner Eltern verschaffte mir eine Ausstattung und einen 
jährlichen Wechsel," der es mir ermöglichte, in all dem mir schon 
unentbehrlich gewordenen Luxus zu schwelgen und in der Ver- 
schwendungssucht mit den hochfahrenden Erben der reichsten Graf- 
schaften Großbritanniens zu wetteifern." 

Hier haben wir deutlich eine großartige retrospektive 
Wunschphantasie vor uns, in welcher der geizige Allan, der 

47) The uncalculatin$ vanity of my parents furnishing me with 
an outfit and annual establishment . . ., sie gaben ihm gerade das, 
■was John Allan Edgar verweigerte. 




William Wilson 



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■ em Adoptivsohn bei dessen Aufenthalt an der Universität 
, Qgld so sparsam zugemessen hatte, durch freigebige 
Fltern ersetzt wird, die ihrem Kind jede Verschwendung und 
'nen geradezu königlichen Luxus ermöglichten! 

^5C■ir erfahren jedoch, daß der Erbe unersättlich ist. Er wird 
icht nur durch seine „reichen Mittel" zum Laster angespornt, 

erfindet immer neue Schandtaten. 
Und doch ist es wohl sdiwer zu glauben", setzt er fort, „daß 
• r sogar sd weit gekommen war, mir die gemeinsten Schliche der 
Gewohnheitsspieler anzueignen und meine Erfahrung in ihrer ver- 
äditlidien Wissenschaft dazu zu benutzen, auf Kosten meiner harm- 
losen Mitstudenten meine ohnedies ungeheuren Einnahmen zu ver- 
erößern. Aber es war so; und dieses unerhörte Hohnsprechen auf 
alle Ehre und Manneswürde wäre zweifellos der Hauptgrund, ja, 
wohl der einzige Grund, daß ich straflos ausging." 

Von dieser Stelle an begnügt sich Poe nicht mehr damit, die 
Tollheiten zu beschreiben, die er wirklidi an der Universität 
von Virginia begangen hat: das Trinken und das Kartenspiel 
— er fügt auch jene hinzu, zu denen ihn sein Unbewußtes auf- 
gestadielt haben würde, wenn nicht sein Über-Ich, statt in 
dem zeitweise auftaudienden Doppelgänger William Wilsons 
projiziert zu sein, in seiner eigenen Brust gehaust hätte. So 
zum Beispiel wird nirgends erwähnt, daß Poe je beim Spiel 
gesdiwindelt habe. Oder hat er einmal geschwindelt, ohne 
entdeckt zu werden? Wir wollen eher annehmen, der arme 
enterbte Erbe des reidien John Allan, welcher in der Hoffnung 
spielte, sidi ein wenig Geld zu versdiaffen, habe nur die 
Versudiung gefühlt ... 

Aber William Wilson ist weniger von Gewissensbissen 
geplagt als Poe. Nachdem er zwei Jahre hintereinander, ohne 
entdeckt zu werden, falsch gespielt hat, beschließt er, mit Hilfe 
seiner Kniffe einem Neuankömmling, der für sehr reich gilt, 
sein Geld wegzunehmen. Er läßt den Lord Glendinning zuerst 
beträditliche Summen gewinnen, um dessen Mißtrauen einzu- 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



schläfern, und wie der Tag der Durchführung seiner Absidit 
gekommen ist, lädt er ihn ein, den Abend mit ungefähr zehn 
andern jungen Leuten bei einem Kameraden Preston zu ver- 
bringen. 

„Unser Beisammensein hatte sich schon bis tief in die Nadit 
ausgedehnt, als es mir gelang, Glendinning als einzigen Partner zu 
bekommen . . . Die andern nahmen so lebhaften Anteil an unserem 
Spiel, daß sie selbst die Karten beiseitegelegt hatten und uns als 
Zuschauer umringten." 

Glendinning, der betrunken ist, verdoppelt und vervierfadit 
semen Einsatz, und verliert immer größere Summen. Er wird 
nervös und immer blasser, 

„(da) machten mir ein paar Äußerungen der hinter mir Stehenden 
und ein Ruf der Verzweiflung seitens Glendinnings klar, daß ich 
seinen vollständigen Ruin herbeigeführt ..." (Glendinning war 
weniger reidi, als man geglaubt hatte.) 

Inmitten des allgemeinen Schreckens wurden „die großen, 
sdiweren Flügeltüren ... auf einmal mit heftigem Ungestüm auf- 
geworfen, so daß wie mit einem Zaubersdilag die Lichter im Raum 
erloschen. In ihrem Hinfladcern sahen wir noch, daß ein Fremder 
eingetreten war; er hatte ungefähr meine Größe und war eng in 
einen Mantel gehüllt". (Der Fremde steht aufrecht in der Finsternis 
und spricht:) 

„, Meine Herren', sagte er in einem leisen, deutlichen und wohl- 
bekannten Flüsterton, der mir bis ins Mark drang, ,meine Herren, 
ich versuche nicht, mein Auftreten zu entsdiuldigen, denn ich komme, 
um meine Pflicht zu erfüllen. Sie sind zweifellos über den wahren 
Charakter des Herrn, der heute Nadit beim Ecarte dem Lord 
Glendinning eine große Summe abgewann, nicht unterrichtet. Idi 
will Ihnen daher mitteilen, wie Sie sich rasch und sicher die nötigen 
Aufklärungen verschaffen können. Bitte, untersuchen Sie nur gründ- 
lich das Futter seines linken Ärmelaufschlags und die verschiedenen 
kleinen Päckchen, die sich in den reidilidi großen Taschen seines 
gestickten Hausrocks finden werden.'" 

Der gleiche Geständniszwang, der den Mörder der 
Schwarzen Katze dazutrieb, an die Mauer, an das 




William Wilson 



lOI 



Grab seines Opfers, zu schlagen, der Zwang, der den Mann 
•f jgj- Laterne nötigte, den Polizisten vom Schwatzenden 
Herzen zu erzählen, das unter dem Fußboden schlägt, 
und den Vergifter im Dämon der Verkehrtheit, vor 
der Menge auf der Straße öffentlich sein Verbrechen einzu- 
gestehen, zwingt nun den Doppelgänger William "Wilsons 
zu seinem Geständnis, das darum nicht weniger ernst zu nehmen 
ist weil es geflüstert wird. Das Moralgewissen spricht hier auch 
zu den andern in seinem wirklichen Tonfall, in einem nur 
innen hörbaren Ton; es findet ein Mittel, sich den andern 
Menschen ohne die Vermittlung der normalen menschlidien 
Stimme oder des symbolischen Schreis einer Katze verständ- 
lidi zu machen. 

Der Doppelgänger verschwindet, die Lichter werden wieder 
angezündet, man packt den Falsdispieler, durchsucht seine 
Tasdien und findet im Ärmelfutter „alle zum Ecarte ge- 
hörigen hohen Karten und in den Tasdien meines Hausrocks 
eine Anzahl Kartenspiele . . ., die man mit einem Fachausdruck 
als die abgerundeten bezeichnet". Daraufhin verädit- 
lidies Schweigen, William Wilson ist von den Kameraden ver- 
stoßen. In diesem Augenblick bemerkt er, daß der kostbare 
Pelzmantel, den man ihm reicht, weil man glaubt, es sei der 
seine, eine Replik seines Mantels ist: der Doppelgänger hat 
ihn vor seinem Verschwinden fallen lassen. 

„Am andern Morgen . . . vor Tagesanbruch" flieht Wilson 
aus Oxford „nach dem Kontinent . . ., gehetzt von Scham und 
Entsetzen." 

Aber, sagt er uns, „ich floh vergeben s". Nadi 
Paris, Rom, Wien, Berlin, Moskau, Ägypten, überallhin folgt 
ihm sein Doppelgänger — der hier nur ein Teil seiner selbst 
ist, überall tritt er seinen verbrecherischen Absichten entgegen: 
seiner Rachsucht, seinem Ehrgeiz, seiner leidenschaftlidien Gier 
oder Liebe. „Wer ist er?" fragt Wilson sich wiederholt. 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



„"Woher kommt er? und was sind sein Absichten? Und warum 
versteckt er immer sein Gesicht?" 

Nun tritt eine Wandlung im Verhalten "Wilsons seinem 
"Verfolger gegenüber ein. 

„Bis jetzt hatte ich tnidi seiner Herrsdiaft blindlings unterworfen. 
Die tiefe Ehrfurdit, mit der idi gewohnt war, den überlegenen 
Charakter, die göttliche "Weisheit, die scheinbare Allgegenwart und 
Allmacht "Wilsons anzusehen, hatte, gemischt mit dem Entsetzen 
mit dem gewisse andere Züge seines "Wesens mich erfüllten, midi 
von meiner eigenen Schwäche und Hilflosigkeit überzeugt, und eine 
vollständige, wenn auch widerstrebende Unterwerfung unter seinen 
despotischen "Willen herbeigeführt. In letzter Zeit aber hatte idi 
mich ganz dem "Wein ergeben, und sein aufreizender Einfluß auf 
mein ererbtes Temperament machte mir dieses Überwachtsein immer 
unerträglicher ... Sei dem, wie ihm wolle, ich begann jetzt zu 
fühlen, daß brennende Hoffnung in mir erwachte, und nährte in 
meinen geheimsten Gedanken den festen und verzweifelten Ent- 
schluß, meine sklavische Unterwerfung abzuschütteln." 

So träumt "Wilsons Ich, das über das tyrannische Ver- 
halten seines moralischen Über-Ichs verzweifelt ist, davon, 
sich seiner zu entledigen, und wir werden diesem Kampf 
zwischen dem Sohn und dem introjizierten Vater, dem wir in 
der Maske des Roten Todes, hn Hopp-Frosch 
oder im Faß Amontillado beigewohnt haben, neuer- 
dings im Rahmen einer Maskerade zusehen können. 

„Es war in Rom, als ich im Karneval des Jahres rS . . einem 
Maskenfest im Palazzo des neapolitanischen Herzogs di Broglio 
beiwohnte. Ich hatte noch reichlicher als sonst dem "Weine zuge- 
sprochen . . ." 

und wir wissen, daß der Alkohol die Kraft der Moralzensur 
schwächt und die Triebhemmungen verringert. 

„Auch die Schwierigkeit, mit der ich mir durch das Gewühl der 
Gäste meinen "Weg bahnen mußte, trug nicht wenig dazu bei, 
meine Stimmung reizbar zu machen; denn ich suchte (laßt midi ver- 
sdiweigen, aus welch unwürdigem Grunde), suchte eifrig die junge 
und fröhlidie und wunderschöne Frau des alten kindischen Narren 




William Wilson 103 



,■ Broglio. In ihrem sorglosen Vertrauen hatte sie mir verraten, 

elches Maskengewand sie tragen werde, und nun hatte idi sie 

rspäht und eilte, in ihre Nähe zu gelangen. In diesem Augen- 

hlick fühlte ich eine leichte Hand auf meiner Schulter und in 

meinem Ohr das unvergeßliche, verwünschte Flüstern. 

In einem wahren "Wutanfall wandte ich mich dem Störer zu 
und ergriff ihn heftig beim Kragen. Er war, wie ich es erwartet, 
in genau das gleiche Gewand gekleidet wie ich selbst": in einen 
soanischen Mantel aus blauem Samt, mit einem karminroten Gürtel, 
er trug Rapier und schwarze Maske. 

Schurke!' schrie ich . . . ,du wirst mich nicht zu Tode hetzen! 
Folge mir, oder ich steche dich hier auf der Stelle nieder!' 

Und idi bahnte mir aus dem Ballsaal einen Weg in das an- 
grenzende kleine Vorzimmer und zog ihn mit Gewalt mit mir. 
Als idi dort eintrat, schleuderte ich ihn wütend von mir fort. Er 
sdiwankte gegen die "Wand, ich schloß fluchend die Tür und gebot 
ihm, den Degen zu ziehen. Er zögerte nur einen Augenblick; dann 
seufzte er leise, zog den Degen und stellte sich in Bereitschaft. 

Der Zweikampf war kurz genug ... in wenigen Sekunden 
drängte ich ihn gegen die "Wand zurück, und da ich ihn nun ganz 
in meiner Gewalt hatte, stach ich ihm die "Waffe in viehischer Gier 
wieder und wieder durchs Herz. 

Da versuchte jemand, die Tür zu öffnen. Ich eilte hin, um eine 
Störung fernzuhalten, kehrte aber sofort zu meinem sterbenden 
Gegner zurück. Doch welche menschliche Sprache kann das Erstaunen 

— das Entsetzen wiedergeben, das mich bei dem Schauspiel erfaßte, 
das sich nun meinen Blicken bot. Der kurze Augenblids, für den 
idi die Augen abgewendet, hatte genügt, um drüben am andern 
Ende des Zimmers eine Veränderung zu schaffen. Ein großer Spiegel 

— so schien es mir zuerst in meiner Verwirrung — stand jetzt da, 
wo vorher keiner gewesen war; und als ich im höchsten Entsetzen 
zu ihm hinschritt, näherten sich mir aus seiner Fläche meine eigenen 
Züge — bleich und blutbesudelt — meine eigene Gestalt ermatteten 
Sdirittes." 

Aber das ist nur ein flüchtiger Schein. Tatsächlich ist es 
"Wilson, der Doppelgänger, 

„der da im Todeskampfe vor mir stand . . . Kein Faden an 
LSeinem Anzüge — keine Linie in den ausgeprägten und eigenartigen 



'°4 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



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Zügen seines Antlitzes, die nicht bis zur vollkommenen Identität 
mein eigen gewesen wären! Es war Wilson; aber seine Sprache 
war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich 
selber sei es, der da sagte: ,Duhastgesiegt, undichunter- 
liege. Dennoch, von nun an bist auch du tot — tot 
für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In 
mir lebtest du — und nun ich sterbe, sieh hier im 
Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst 
ermordert hast."' 

Von dem Augenblick an, in dem William Wilson sein 
Über-Ich, sein Moralgewissen getötet hat, sieht er, wie „alle 
Tugend in einem Augenblick..., gleich einem Mantel" von 
ihm abfällt und sein "Wesen „aus verhältnismäßig geringer 
Schlechtigkeit" — „mit Riesenkraft zu den Ungeheuerlichkeiten 
eines Heliogabalus" aufwächst, über den uns übrigens nichts 
anderes gesagt wird, als daß sein Name durch „die empörten 
Winde seine Schmach bis in die entlegensten Länder der Erde 
getragen" wird, und daß er ein Objekt des „Abscheus und Ent- 
setzens" ist. _^ 

q 

Es scheint, daß Poe den symbolischen Sinn dieser Er- 
zählung zum Teil wenigstens selbst erfaßt hat, und das 
dürfte auch der Grund sein, warum William Wilson, trotzdem 
diese Geschichte meisterhaft geschrieben ist, einen geringeren 
Eindruck macht als die meisten der anderen großen Ge- 
schichten des Dichters. Das Symbol, dessen Wesen darin 
besteht, unbewußt zu sein, d. h. lebenswarm, lebendig, ver- 
wandelt sich hier in manchen Augenblicken zum Teil in 
Allegorie, die bewußter Natur, also gewollt, kalt ist. Poe 
hat nur zu gut verstanden, was er niederschrieb, besser 
jedenfalls — was immer er selbst auch darüber gesagt haben 
mag — als damals, da er den Raben dichtete. J| 

Er war allerdings, ebenso wie viele Leser dieser Geschichte, ' 
weit davon entfernt, den tieferen Sinn, der im William 



* 




William Wilson loj 



■^ i 1 s o n verborgen ist, klar zu erkennen. Was alles mit dem 
illcemeinen Thema vom Doppelgänger zusammen- 
hängt und über das Thema vom Gegensatz zwischen dem 
hemmenden Moralgewissen und dem vom Trieb beherrsditen 
Idi hinausgreift, konnte von ihm natürlich nicht bewußt durch- 
sdiaut werden. 

Die sdiöne Arbeit Otto Ranks über den Doppelgänger** 
soll uns nun dazu verhelfen, in das Dunkel unserer Erzählung 
Licht zu bringen. Sie setzt damit ein, daß Rank die zahlreichen 
literarisdien "Werke aufzählt, in denen vom Doppelgänger in 
der einen oder andern Form die Rede ist. 

Er geht dabei von einem Film aus, der nach dem 
Studenten von Prag von Hanns Heinz Ewers gedreht 
wurde und in dem der Held von seinem Doppelgänger gefolgt 
und verfolgt wird: er tötet schließlich sich selbst, indem er auf 
den andern zielt. Rank studiert hierauf das Doppelgänger- 
motiv in den Geschichten von Hoffmann, geht dann auf den 
Peter Schlemihl von Chamisso über, auf den Mann, 
der seinen Schatten verloren hat, kommt zum Schatten von 
Andersen, kehrt wieder zu Hoffmann zurück, wendet sich Jean 
Paul, Raimund, Oscar Wilde (Das Bildnis des Dorian 
Gray) zu, studiert den H o r 1 a von Maupassant, die N u i t 
deDecembre von Musset, den William Wilson von 
Poe und sdiließlich den Doppelgänger von Dostojewski 
(Goliadkin) in einem der Jugendromane des Dichters. Das 
Thema bleibt im Grunde immer das gleiche, ob nun der 
Doppelgänger in der Form des Schattens, der vom Körper 
projiziert wird, erscheint oder als Bild, weldies das Wasser oder 
der Spiegel zurückwirft, oder in der Form eines andern Lebe- 
wesens, das mit dem ersten identisch ist. 



48) Otto Rank, Der Doppelgänger. (Int. PsA. Verlag.) 
(Audi: Imago, 1914.) 



io6 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Rank zeigt dann, in welchem Maße die Schriftsteller, weldie 
dieses Thema gewählt haben, dissoziierte Persönlichkeiten 
gewesen sind, und behandelt schließlich den Ursprung und 
das Wesen dieses Themas. 

Er zeigt, daß zuerst der vom menschlichen Körper ge- 
worfene Schatten die Idee von dem Doppelgänger, der 
dem Körper folgt, hat hervorrufen müssen. Dieser Doppel- 
ganger mußte frühzeitig auch zur ersten Darstellung der Seele 
v/erden, die den Körper überleben soll, den schlafend oder tot 
daliegenden Körper, der allein, traurig und zusammengesunken 
zurückbleibt, nachdem der Schatten oder die Seele entflohen 
sind. Unser Spiegelbild im Wasser oder Spiegel wird phylo- 
genetisch eine analoge Rolle gespielt haben; von ihm geht 
wahrscheinlich auch der Aberglaube aus, daß ein zerbrochener 
Spiegel Unglück bedeutet, da einen Spiegel zerbredien so viel 
heißt, wie sich selbst töten. 

Die "Wurzel unseres Themas scheint im menschlichen Nar- 
zißmus zu stecken. Das Kind konzentriert seine Libido zuerst 
auf sich selbst, bevor es sie auf andere Gegenstände projiziert; 
es liebt zuerst sich selbst, seinen eigenen Körper und in diesen 
großen ursprünglichen Behälter will die Libido, sobald sie in 
der äußeren Welt ein Hindernis findet, immer wieder zurüds- 
kehren. Die Helden aller Geschiditen, in denen der Doppel- 
gänger auftaucht, sind immer mehr oder minder in ihn ver- 
narrt, obgleich sie von ihm verfolgt werden, und auch William 
Wilson gesteht uns: „Ich sagte schon, daß in den ersten Jahren 
unserer Schulkameradschafl; meine Gefühle für ihn leicht hätten 
in Freundsdiafl: ausreifen können . . ." 

Aber die Ambivalenz, die wir alle uns gegenüber auf- 
bringen, und in der die Verteidigung gegen den Narzißmus 
durchbricht, wird gerade in dem nidit weniger regelmäßig auf- 
tretenden Haß sichtbar, welchen alle diese Helden gegen ihren 
Doppelgänger- Verfolger hegen. Man kann darin auch eine 




William Wilson 107 

■Wiederkehr des Bruderkomplexes erkennen, wobei der Bruder 
der Rivale bei der Mutter, der Frau ist, welche jedesmal, wie 
Rank beobachtet hat, die Ursache des Untergangs unserer 
Helden wird. Um der schönen Herzogin di Broglio willen tötet 
■^ilson seinen Doppelgänger und dadurdi den edelsten Teil 
seiner eigenen Natur. Aber der fundamentale Narzißmus des 
mensdilichen Lebewesens bleibt fons et origo des Doppel- 
gänger-Themas. 

Tatsache ist, daß der Doppelgänger, der ursprünglich von 
den Menschen nach dem Bild, das sein Spiegel oder sein 
Schatten bietet, geschaffen wurde, um wenigstens jenen Teil 
seiner selbst zu retten, welcher die vom Tod — den der Mensch 
nicht akzeptieren will — unabhängige Seele darstellt, daß 
also dieser gleidie Doppelgänger nach dem wohlbekannten 
Sdiema, daß das Verdrängte im Verdrängenden wiederkehrt, 
in mehr als einer Geschichte selbst zum Ankündiger des Todes 
■wird. So wie der Narzißmus in der Form des Doppelgängers 
wiedererscheint, sobald die Sexualliebe ihn ernstlich zu be- 
drohen beginnt,'"' und unsere Helden alle beim Auftauchen 
einer Frau unterliegen, so kehrt, wie Rank schreibt, „auch bei 
der Todesbedrohung die ursprünglich mit dem Doppelgänger 
abgewehrte Todesvorstellung in ihm selbst wieder, der ja nach 
allgemeinem Aberglauben den Tod ankündigt, oder dessen 
Verletzung das Individuum schädigt".''" 

Wenn wir nun mit Rank der Darstellung des Doppelgängers 
bei den verschiedenen Autoren folgen, so kommen wir zur 
Konstatierung der Tatsache, daß der William Wilson 
Poes in dieser Reihe einen besonderen Platz einnimmt. 
Zwar erscheinen alle widitigen Züge des Mythos audi hier: 

49) „Die Liebe", schreibt Turgenieflf einem Freunde, „ist eine 
von den Leidenschaften, die unser eigenes ,Ich' verniditen" (siehe 
Rank). 

50) Rank, siehe oben, S. 163. 



!l"1! 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



die Identität des Namens, der Gesichtszüge, der Kleidung, die 
Erscheinung der Doppelgängerspiegelung des Helden in einem 
Spiegel, der Störenfriedcharakter des Doppelgängers und sein 
Tod, der auch den des Helden erfordert, und dadurch einem 
Selbstmord gleidikommt: „In mir lebtest du", erklärt der 
sterbende zweite Wilson. Bei keinem andern Doppelgänger 
der Literatur scheint jedoch der moralische, Achtung hervor- 
rufende, höhere Charakter des Doppelgängers so unterstrichen 
zu sein wie hier. Im Gegenteil, der Doppelgänger ist meistens 
sdilimmer als sein Original: der Doppelgänger des Stu- 
denten von Prag tötet einen Gegner, den der Student 
selbst hatte schonen wollen; der Schatten in der Geschichte 
von Andersen läßt seinen Herrn und Rivalen ins Gefängnis 
werfen, um dessen Verlobte zu heiraten; und der Doppelgänger 
Goliadkins bei Dostojewski stiehlt seinem Urbild ohne Ge- 
wissensbisse seine Stellung, seine Clara und läßt ihn schließlidi 
als Wahnsinnigen einsperren, während er selbst im Bösen 
triumphiert. 

Um diese Verschiedenheiten verstehen zu können, müssen 
wir uns daran erinnern, daß das Ich — wie wir durch Freud 
wissen — sich zwischen andere Instanzen einschaltet, deren 
eine das E s ist, das Reservoir, in dem sich alle unsere wilden 
Triebe befinden, und die andere das moralische Über-Ich, 
weldies von einer Introjektion unserer Erzieher herkommt 
und unser ganzes Leben hindurch uns mit der gleichen 
Autorität, die jene geliebten und gleichzeitig gefürchteten 
Erzieher für das Kind hatten, beherrscht. Die Spaltung der 
Persönlichkeit, von der der Begriff des Doppelgängers ab- 
stammt, kann nun nach der einen oder nach der anderen 
Richtung hin zustande kommen: entweder projiziert das mit 
dem moralischen Über-Ich verbündete Ich seine schlechten 
Tendenzen nach außen in einem unmoralischen verführerisdien 
Doppelgänger, der damit zu einer Verkörperung des Es wird 



1 



i 




William Wilson 109 

__ nadi Rank die ursprüngliche Form des Themas — oder 
aber (das ist eine später auftretende Variation) das Ich, ein 
entschlossener Komplize des Es, offenbart sich als „sdilecht", 
und dann ist es das moralische Über-Ich, das in dem unheil- 
vollen Doppelgänger verkörpert wird. William Wilson 
ist nun vermutlich ein Extremfall der letzteren Kategorie, zu 
der auch das Bildnis des Dorian Gray gehört. 
Während sich Dorian Gray allen Lastern hingibt, nimmt sein 
Bild allein alle verwerflichen Züge an. Aber dieser Doppel- 
gänger, der keine andere Aufgabe hat, als dem unwandelbar 
sdiönen Gesidit Dorians seine scheußliche Seele zu offenbaren, 
hat noch nicht den höheren Charakter, die ehrfurchteinflößende, 
majestätische Klugheit des Doppelgängers William Wilsons an- 
genommen, der in einem weitaus höheren Grade als jener das 
Moralgewissen darstellt. 

Aber ob nun der Doppelgänger seinem Wesen nadi haupt- 
sädilich das Es oder Über-Ich darstellt, er steht immer gegen 
uns in Opposition. Wenn er daher regelmäßig das Wesen ver- 
folgt, dessen Spiegelung oder Schatten er ist, dann geschieht 
dies, wie Rank bemerkt, wahrsdheinlidi nach dem gleichen 
Mechanismus, der in der Verfolgungsparanoia" das ursprüng- 
lidi geliebte Wesen in einen Verfolger verwandelt, indem alle 
die Gefühle, die man für es hatte, ins Gegenteil verkehrt 
wurden: die Haß gewordene Liebe wird aus uns selbst hinaus 
in ihn projiziert. 

Wen haben wir nun mehr geliebt, als uns selbst? Wer kann 
nadi diesem Mechanismus mehr als wir selbst zu unserem hart- 
näckigen Verfolger werden? 

Hier streift das Doppelgänger-Thema das wichtige und 
universelle Problem der Homosexualität. Unser Doppelgänger 

51) Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über 
einen autobiographisch beschriebenen Fall von 
Paranoia: „Sehr eher". Gesammelte Schriften, Bd. VIII. 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



muß natürlich das gleiche Geschledit haben wie wir, und die 
gleiche narzißtisdie Wurzel führt sowohl zum Doppelgänger 
als auch zu den manifesten oder latenten homosexuellen An- 
ziehungen. "Weldie Bedeutung diese Bemerkung gerade in den 
Fällen annimmt, in denen der Doppelgänger nicht mehr bloß 
unsere bösen, nach außen projizierten Triebe darstellt, sondern 
die Verkörperung unseres Über-Ichs geworden ist, kann man 
am Beispiel des William Wilson sehen. Denn wir haben es schon 
am Beginn unserer Betrachtung gesagt, und müssen nun, beim 
Abschluß, noch einmal darauf hinweisen: wenn der Doppel- 
gänger Wilson-Poes im wesentlichen ein Teil des nach außen 
projizierten Poe- Wilson ist, dann ist er gerade jener Teil, der 
sich gebildet hatte, als Poe seinen äußeren Erzieher, den 
„Vater" John Allan, sozusagen „verdaute", wobei aber die 
Passivität des Adoptivsohns gegenüber dem Vater, trotz aller 
Auflehnung, bestehen blieb. Die Moralverbote, die Hem- 
mungen, welche er seiner Erziehung verdankte, hinderten Poe 
daran, selbst wie William Wilson zu werden, in ihm beharrte 
nämlich die moralische Passivität gegenüber seinem gehaßten 
Erzieher. Aber noch mehr blieb erhalten: eine im eigentlichen 
Sinne homosexuelle passive Hingabe an den „Vater", wie die 
Geschichten, welche wir in dem nächsten Kapitel analysieren 
wollen, zeigen werden. 



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VII 



DER ZYKLUS VON DER PASSIVEN 
HINGABE AN DEN VATER 



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lEDLOE, WALDEMAR UND DER ENGEL 
DES SONDERBAREN 

August Bedloe wohnt, wie seinerzeit ■William Wilson oder 
Edgar Poe, in einer Universitätsstadt, und zwar in der gleidien, 
in der Poe studiert hat: in Charlottesville in Virginia. Dort 
inadit der Erzähler der Erinnerungen des Herrn 
August Bedloe^^ die Bekanntschaft jener mysteriösen 
Persönlichkeit, von deren Familie oder Herkunft man nidbts 
weiß, und die, obgleich sie jung ist, manchmal den Eindruck 
madit, „an hundert Jahre alt" zu sein. Herr August Bedloe 
wird uns folgendermaßen vorgestellt: 

„Er war auffallend hodi gewadisen und mager. Seine Haltung 
war gebüdit. Seine Gliedmaßen waren außerordentlich lang und 
dünn; seine Stirn war breit und niedrig, seine Hautfarbe voll- 
kommen blutlos. Sein Mund war groß und sehr beweglidi, und 
seine Zähne waren kräftig, standen jedoch so unregelmäßig und in 
so großen Zwisdienräumen, wie idi das nodi bei keinem andern 
Mensdien bemerkt hatte. Sein Lächeln war keineswegs unangenehm, 
wie man vielleicht hätte annehmen können, doch blieb es sidi 
immer gleidi. Es war voll tiefster Melancholie, voll gleidimäßiger, 
immerwährender Trauer. Seine Augen waren ungewöhnlidi groß 
und rund, wie die einer Katze; und wie bei einer Katze erweiterten 
und verengten sidi die Pupillen, je nach der Lichtstärke, die sie 
traf. In Augenblidcen der Erregung trat in seine Augen ein fast 
unbegreiflidier Glanz, ein Leuchten und Strahlen ging von ihnen 
aus, wie von einer selbständigen Liditquelle. Sie warfen nicht einen 
empfangenen Glanz zurück, sondern erstrahlten in eigenem, 
lebendigem Feuer wie das Licht einer Kerze oder die Glut der 

52) A Tale of the Ragged Mountains. (Godey's Lady's Book, 
April 1844; Broadway Journal, 11, 21.) "Wörtlich: „Eine Gesdiidite 
von den Zerrissenen Bergen." Die Ragged Mountains gehören zum 
Blue Ridge, dem östlidaen Teil des Alleghany-Gebirges. 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 8 



114 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



\ 



Sonne. Gewöhnlich aber erschienen seine Augen erlosdien, ver- 
sdileiert und trüb, man konnte sich einbilden, es seien die Augen 
eines sdion lange in der Erde ruhenden Toten." 

Diese Beschreibung könnte uns auf den Gedanken bringen 
es handle sidi um einen älteren und sdiwindsüditigen Bruder 
Edgar Poes. 

„Diese Eigentümlichkeiten seiner persönlichen Erscheinung" 
waren ihrem Besitzer, der früher einmal sehr scäiön gewesen 
und durch „eine große Anzahl neuralgisciier Anfälle" in seinen 
gegenwärtigen Zustand versetzt worden war, höchst unan- 
genehm. 

„Seit vielen Jahren sdion wurde er von einem Arzt namens 
Templeton, einem alten Herrn von vielleicht siebzig Jahren, be- 
gleitet; Bedloe war ihm zuerst in Saratoga begegnet, wo ihm seine 
Behandlung sehr wohltuend gewesen, oder wenigstens so erschienen 
war. So kam es, daß Bedloe, der wohlhabend war, mit Doktor 
Templeton ein Abkommen getroffen hatte, demzufolge sidi dieser 
gegen ein bedeutendes Jahresgehalt bereit erklärte, seine Zeit und 
ärztlidie Erfahrung aussdiließlidi in Bedloes Dienst zu stellen." 

Aber weldier Therapie bedient sich dieser Arzt? "Wir er- 
fahren es sogleich: 

„Dr. Templeton war in seinen jungen Jahren viel gereist und 
in Paris zum gläubigen Anhänger der Lehren Mesmers geworden. 
Lediglich mit Hilfe magnetischer Mittel war es ihm gelungen, die 
akuten Sdimerzanfälle seines Patienten zu lindern ... Ich will 
damit sagen, daß zwisdien Dr. Templeton und Bedloe naci und 
nach ein ganz bestimmter und strengbegrenzter Rapport gewachsen 
war, daß also zwischen ihnen eine magnetische Beziehung bestand. 
Ich will zwar nicht behaupten, daß dieser Rapport über das ein- 
fache Resultat, daß der Arzt den Patienten einzuschläfern ver- 
mochte, hinausging . . .", 

aber dieses Ergebnis ist jedenfalls in der Behandlung mit- 
inbegriffen, wie man in der Fortsetzung der Geschichte sehen 
wird: man kann sich schwerlich eine absolutere Abhängigkeit, 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 115 

Cfbertragung, vorstellen als die, welche zwischen Bedloe 
und Templeton bestand. 

„... Der Wille des Patienten (unterlag) sehr sdmell dem des 
Arztes, und damals, als idi die beiden kennenlernte, genügte der 
bloße Gedanke Templetons, um Bedloe, selbst wenn dieser von 
der Gegenwart des Arztes nidits wußte, sofort in Sdilaf zu ver- 
setzen." 

Allerdings war „Bedloes Temperament ... im höchsten Grade 
empfindsam, reizbar, enthusiastisdi. Seine Einbildungskraft war er- 
staunlidi lebhaft und schöpferisdi und wurde noch durch den 
gewohnheitsgemäßen Genuß von Opium gesteigert", 

was wahrscheinlich in gewissen Perioden auch bei Edgar Poe 
der Fall war. Bedloe nimmt Opium in großer Menge zu sidh; 
er kann ohne dieses Gift das Leben nidit ertragen. 

„Es war seine Gewohnheit, jeden Morgen gleich nadi dem 
Frühstück eine große Dosis zu sich zu nehmen — oder vielmehr 
gleich nach dem Genuß einer Tasse schwarzen Kaffees, denn am 
Vormittag aß er nidits — und dann allein, nur von seinem Hund 
begleitet, spazieren zu gehen; er machte große Wanderungen durch 
das wilde und düstere Hügelgelände, das sich im Westen und 
Süden von Charlottesville hinzieht und dem man den Namen 
Ragged Mountains verliehen hat." 

Im Verlauf eines dieser Spaziergänge, die unter dem Ein- 
fluß des Opiums unternommen wurden — unter dem Einfluß 
einer Droge, die für gewöhnlich zur Unbeweglidikeit ver- 
leitet! — , stößt Herrn Bedloe ein außergewöhnliches Aben- 
teuer zu. 

„An einem warmen nebligen Tage gegen Ende November, zu 
einer Jahreszeit also, die man in Amerika den ,indianisdien 
Sommer' nennt, machte sich Herr Bedloe wie üblich auf den Weg 
nadi den Hügeln. Der Tag verging, und noch immer kehrte er 
nidit zurüdt." 

I Seine Freunde sind beunruhigt. „Gegen adit Uhr abends" 
aber taudit er wieder auf und erzählt folgende seltsame Ge- 
sdiidite: 
! 



8* 



] 



n6 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



„ ,Sie werden sich erinnern . . . daß es etwa neun Uhr morgens 
war, als ida Charlottesville verließ. Idi lenkte meine Schritte sogleid, 
den Bergen zu und gelangte gegen zehn Uhr in eine Schlucht, die 
mir ganz unbekannt war. Ich folgte den Windungen des Engpaßes 
mit großem Interesse . . . und erfreute mich vor allem durdi 
ihre vollständige Einsamkeit. Hier war geradezu jungfräulidier 
Boden . . .'" Die Schlucht war derart wild und verborgen, der 
Eingang zu ihr lag so verstedit, „daß es durchaus nicht unmöglicJi 
ist, daß idi wirklidi der erste war, der erste und einzige Aben- 
teurer — der je in diese Schlucht kam". 

Der dichte, seltsame, schwere Nebel des indianiscien 
Sommers hüllte alles ein und ließ die Sonne nidit durdi. Man 
konnte kaum weiter als ein paar Meter sehen, und bald 
verlor man jeglidie Orientierung. JH 

„Inzwischen wirkte das Opium wie gewöhnlich: die Erscheinungen 
der äußeren Welt wurden für mich von tiefstem Interesse . . ." (Wir 
sagen richtiger: wir projizieren auf diese äußere Welt unsere inneren 
Träume.) „Das 2ittern eines Blattes . . ., das Schimmern eines Tau- 
tropfens — das leise Wehen des Windes — die sanften Düfte vom 
Walde her — alles brachte mir eine Welt von Einbildungen, eine 
heitere, närrische Fülle unzusammenhängender krauser Gedanken." 

Bedloe geht nun mehrere Stunden lang durcäi diese Tag- 
träume und diesen Nebel, der schließlicii derart diclit wird, daß 
man den Weg nur mehr „tastend" finden kann. Ein unbe- 
schreibliches Unbehagen bemächtigt sich seiner, er erinnert sich 
an die Sagen, welche über die Ragged Mountains im Umlauf 
sind, an „fremde, wilde Menschenrassen, die in den Grotten 
und Höhlen dieser Berge hausen sollten". Plötzlich wird seine 
Aufmerksamkeit durch ein lautes Trommelsciilagen gefesselt. 

„Meine Bestürzung war natürlich grenzenlos . . . Aber etwas 
Neues und noch Verwirrenderes folgte. Es näherte sich ein rasselndes, 
klirrendes Geräusch, wie der Klang eines großen Schlüsselbundes 
— und im selben Augenblici jagte ein dunkelhäutiger, halbnadster 
Mann mit einem Schrei an mir vorüber ... In der einen Hand trug 
er einen Gegenstand, der aus vielen stählernen Ringen zu bestehen 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 117 



cdiien und den er im Laufen heftig sdiüttelte. Kaum war er im 
Nebel versdiwunden, als mit offenem Radien und flammenden 
Augen ein großes Untier hinter ihm her keudite. Ich irrte midi 
nidit, es war eine Hyäne." 

Vergißt Poe hier, daß sich die Hyäne besonders von 
toter Beute nährt? Die Hyäne, die in dieser Szene auftaudhit, 
sdieint die klassische Rolle vieler Tiere in den Kinderphobien 
zu spielen, in denen der Sohn zu gleidier Zeit wünscht und 
fürchtet, vom Vater „gegessen" zu werden.^^ Beim Anblick 
dieses afrikanischen Tieres glaubt Bedloe zu träumen. Er will 
erwadien, er geht schnell weiter, reibt sich die Augen, schreit, 
kneift sich ins Fleisch, benetzt die Hände, den Hals und den 
Kopf an einer nahen kleinen Quelle mit Wasser. Dann setzt er 
,ruhig und besonnen" seinen „unbekannten Weg" fort. 

Endlich aber, als er „vom Wandern sehr ermüdet war und 
eine seltsame Dichtigkeit der Atmosphäre" ihm die Luft: be- 
nahm, setzt er sich unter einem Baum nieder. Ein schwacher 
Sonnenstrahl dringt durch den Nebel „und der Schatten des 
Baumes zeichnete sich schwach, doch deutlich im Grase ab". 
Aufs höchste erstaunt, blickt Bedloe auf diesen Schatten, dann 
hebt er die Augen: „der Baum war eine Palme." 

„Die Hitze wurde auf einmal unerträglidi . . . ein leises, un- 
unterbrochenes Gemurmel, wie das Rauschen eines sanft daher- 

J3) Siehe zum Beispiel den Wolfsmann (Freud: Kranken- 

gescjiiditen, Bd. VIII der Gesammelten Schriften) und den Ginger- 

breadman (Freud : Hemmung, Symptom und Angst). 

Hier wird uns von einem kleinen Jungen beriditet, der an einer 

sdiredilichen Phantasie Gefallen fand, in welcher ein Mann im 

Ingwer vorkam, der von einem Araber, weldier ihn fressen wollte, 

f verfolgt wurde. Der Araber war die Vaterfigur, der Mann im 

[Ingwer das Kind selbst und die Phantasie stellte eine passive 

Ihomosexuelle "Wunschphantasie nach dem oralen Modus dar. 

[Gegessen werden entspricht in solchem Falle immer geliebt, 

Igestreichelt werden. Man sagt doch auch: aus Liebe 

ifressen, zum Fressen gern. 



"^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



j 



strömenden Flußes, drang an mein Ohr, vermischt mit dem eigen- 
tümlichen Summen zahlloser Menschenstimmen." 

Plötzlich hebt ein Windstoß „den lastenden Nebel wie mit 
einem Zauberstab. Ich fand mich am Fuß eines hohen Berges, und 
vor mir kg eine weite Ebene, durch die sich ein majestätisdier 
Strom wand. Am Ufer des Flußes lag eine morgenländisdie Stadt 
— eine Stadt, wie wir sie aus Tausend und eine Nacht 
kennen . . ." 

Dann folgt die Beschreibung dieser Stadt mit den zahllosen 
Straßen, Baikonen, Säulenhallen, phantastisdien Minaretts. 
Kaufläden stellen ihre Reichtümer aus; wir sehen Tragsessel 
und Elefanten in den Straßen. „Millionen schwarzer und gelber 
Menschen — Menschen in Turban und Prachtgewand und mit 
wehenden Barten — " drängen sich in den Gassen, auf den 
Plätzen, während der Fluß selber, zu dem viele Treppen 
hinabführen, „sich nur mit Mühe zwischen den endlosen Reihen 
schwerbeladener Schiffe, die ihn weit und breit bedediten, einen 
Weg zu bahnen" scheint. 

Hier unterbricht Herr Bedloe seinen Beridit, um uns zu 
versichern, er sei sich damals dessen gewiß gewesen, er träume 
nicht, weil ihn der Verdacht, daß er träume, nicht geweckt habe, 
was doch in einem solchen Falle, wie er meint, die Regel ist. 

„Da ... die Erscheinung von mir angezweifelt und auf die 
Probe gestellt worden war, ohne daß idi erwachte, so bin idi 
genötigt, sie anders zu klassifizieren." 

Dr. Templeton ist gleicher Meinung. Er sagt: „Doch fahren 
Sie fort. Sie erhoben sich und gingen hinunter in die Stadt!" 
Bedloe ist darüber verblüfft, daß der Arzt auf Distanz wissen 
konnte, wozu er sich in seiner Vision entschlossen hatte, und 
teilt uns mit, daß er tatsächlich in die orientalische Stadt hinab- 
gestiegen sei. Die überaus erregte Menge, die sich in derselben 
Richtung weiterbewegt, reißt ihn mit. „Ganz plötzlich ... 
wurde ich für diesen Vorgang von tiefstem persönlichen Inter- 
esse erfüllt." Er kommt schließlich in die eigentliche Stadt. 







Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 119 



Hier herrschte Kampf und wildester Aufruhr. Eine kleine 
Truppe von Männern, teils in indischer, teils in europäischer 
Kleidung, die ein Herr in britischer Uniform befehligte, verteidigte 
sidi gegen den anstürmenden Volkshaufen. Ich nahm einem ge- 
fallenen Offizier die Waffen ab, schloß midi der schwächeren Partei 
und schlug wie ein Verzweifelter blindlings darauf los." 

Die Kämpfenden der sdiwädieren Partei werden durch die 
Übermadit gezwungen, sidi in einen Kiosk zu flüchten, in dem 
plötzlifli „ein weibisch aussehender Mensch an einer Strickleiter 
fsidi aus einem oberen Fenster) herabgleiten ließ", an einer 
Strickleiter, weldie aus den Turbanen seiner Begleiter ge- 
knüpft war; er springt in ein Boot. 

„Idi richtete an meine Gefährten einige hastige, doch energische 
Worte und machte mit denen, die idi für meinen Vorschlag ge- 
wonnen hatte, einen kühnen Ausfall . . ." 

Die Volksmenge flieht zuerst, stürzt aber bald kämpfend 
wieder zurück. 

„Inzwischen hatte man uns vom Kiosk weit fortgedrängt, hinein 
in enge, unbekannte Gassen, in deren finstere Tiefe die Sonne 
niemals einzudringen vermochte. Der Pöbel umringte uns, bewarf 
uns mit Speeren und überschüttete uns mit Pfeilen. Diese letzteren 
waren sehr eigentümlich und glichen in gewisser Hinsicht dem ge- 
wundenen Dolch der Malaien. Ihre Form ahmte die Gestalt der 
kriechenden Schlange nach, sie waren lang und schwarz, und ihre 
Spitze war vergiftet. Einer von ihnen traf mich an der rediten 
Sdiläfe. Ich taumelte und fiel. Entsetzliche Übelkeit erfaßte mich. 
Ich wälzte mich — ich rang nach Atem — ich starb." 

Hier unterbriciit der Erzähler Bedloe: „Nun werden Sie 
kaum nocii darauf bestehen wollen . . ., daß Ihr Abenteuer 
kein Traum gewesen sei. Sie wollen doch niciit etwa behaupten, 
Sie seien tot?" 

Statt zu antworten, zögert Bedloe, er zittert und erbleicht. 
■ Und Templeton „saß starr und aufrecht in seinem Stuhl — 

^H seine Zähne klapperten und seine Augen drangen fast aus ihren 
^H Höhlen". Bedloe schließt dann seinen BericJit: 

■ 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



\ 



„Viele Minuten lang . . . war mein einziges Gefühl das de, 
Dunkelheit und des Nichtseins bei dem Bewußtsein, daß ich tot sei 
Auf einmal durchfuhr meine Seele eine plötzliche heftige Er- 
schütterung, wie ein elektrischer Schlag ... Im selben Augenblidj 
war es, als erhöbe ich mich vom Erdboden; aber ich hatte keine 
Körperlichkeit mehr ... Die Volksmenge hatte sich verlaufen 
Unter mir sah ich meinen Leichnam liegen; in der Schläfe stedjte 
der Pfeil und der ganze Kopf war unförmig angeschwollen. Dodi 
alle diese Dinge fühlte ich nur, idi sah sie nicht . . . Willenskraft 
hatte ich nicht, jedoch den zwingenden Antrieb, mich vorwärts- 
zubewegen. Ich schwebte zur Stadt hinaus und den gewundenen 
Pfad zurüci, auf dem icJi vorher herabgestiegen war. Als ich die 
Stelle der Bergschlucit erreichte, wo ich die Hyäne wahrgenommen 
hatte, empfand ich wieder einen Schlag wie von einer elektrischen 
Batterie; das Gefühl der Schwere, der Willenskraft, der Körperlidi- 
keit kehrte zurück. Idi wurde wieder mein früheres Selbst und 
lenkte meine Schritte eilig heimwärts — doch das Geschehene blieb 
in meinem Gedächtnis mit aller Eindringlichkeit von wirklidi 
Erlebtem haften — , und auch jetzt kann ich mein Bewußtsein 
nicht einen Augenblick zwingen, das Ganze als einen Traum anzu- 
sehen. 

,Das war es auch nicht', sagte Templeton mit feierlicher Miene, 
.dennoch würde es schwer sein, eine andere Bezeichnung dafür zu 
finden. Lassen Sie uns nur dies eine annehmen, daß die Seele des 
Menschen von heute an der Schwelle unerhörter psychischer Ent- 
deckungen steht . . .'" 

und Templeton zeigt nun seinen Freunden eine Aquarell- 
zeidinung. Die Zeichnung scäieint ein Bild Bedloes zu sein. Wie 
dieser es aber ansieht, fällt er beinahe in Ohnmacht, denn die 
vom Jahre 1780 datierte Zeichnung stellt einen verstorbenen 
Freund Templetons dar, einen Herrn Oldeb, an den sich der 
alte Doktor in Kalkutta während der Regierung Warren 
Hastings in seiner Jugend sehr innig angeschlossen hatte. 

„Als ich Sie in Saratoga zum erstenmal sah, Herr Bedloe, war 
es die wundersame Ähnlichkeit zwischen Ihnen und dem Bildnis 
die mich veranlaßte, Sie anzureden, Ihre Bekanntschaft zu suchen 
und danach zu trachten, daß Sie mich zu Ihrem beständigen Be 



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Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren i2i 



leiter machten. Zu letzterem trieb mich teilweise — und vielleicht 
hauptsäAIidi — ein leidtragendes Gedenken an den Dahin- 
ceeangenen, teilweise aber auch eine seltsame, unruhige Neugier in 
bezug auf Sie selbst." 

Es stellt sich heraus, setzt Templeton fort, daß Bedloe bei 
seiner Schilderung der Vision 

bis ins kleinste genau die indische Stadt Benares am Ufer des 
heiligen Stromes beschrieben (hatte). Der Aufruhr, die Kämpfe, das 
Blutbad waren tatsächliche Begebenheiten im Gefolge des Aufstandes 
unter Cheyte Sing, der sich 17S0 ereignete und Hastings in Todes- 
gefahr brachte. Der Mann, der sich an der Turbanstridsleiter herab- 
ließ und flüchtete, war Cheyte Sing selbst. Die Leute im Kiosk 
waren Sipahis und britische Offiziere unter Hastings Anführung. 
Zu diesen zählte auch ich, und ich tat, was ich nur konnte, um 
den voreiligen und verhängnisvollen Ausfall des jungen Offiziers 
zu verhindern, der dann in den überfüllten Straßen durch den Pfeil 
eines Bengalen getötet wurde. Dieser Offizier war mein liebster 
Freund. Es war Oldeb. Und nun sehen Sie (der Sprecher hielt ihm 
ein Notizbuch hin, in dem sidi mehrere frischbeschriebene Seiten 
befanden), an dieser Niederschrift können Sie ersehen, daß genau 
zur selben Zeit, als Sie in den Bergen alle jene Dinge dachten, zu 
erleben glaubten, ich hier zu Hause damit beschäftigt war, 
sie schriftlich festzuhalte n". 

Eine WocJie später erfahren wir durch die Zeitung von 
Charlottesville, daß Herr Bedloe gestorben ist; die Nadiridit 
ist von folgendem Kommentar begleitet: 

„Herr Bedloe war vor einigen Jahren neuralgischen Anfällen 
unterworfen . . . Bei einem vor einigen Tagen unternommenen 
Ausflug in die Ragged Mountains holte er sich eine Erkältung, die 
von Fieber und Blutandrang zum Gehirn begleitet war. Zur Behe- 
bung des letzteren schritt Dr. Templeton zur Anwendung von 
lokalem Aderlaß. Man setzte dem Patienten Blutegel an die 
Schläfen. In erschreciend kurzer Zeit starb der Patient. Man stellte 
fest, daß in die Schüssel, die die Blutegel enthielt, versehentlich 
einer jener giftigen wurmartigen Blutsauger hineingeraten war, die 
hie und da in den benachbarten Weihern gefunden werden . . . 
N. B. der giftige Blutsauger von Charlottesville unterscheidet sich 




Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



\ 



von dem offizinellen Blutegel durch seine auffallende Schwärze und 
vor allem durdi seine sdikngenartigen Bewegungen." 

Die Gesdiidite endet mit einer kleinen Auseinandersetzung 
zwischen dem Erzähler und dem Herausgeber der Zeitung, 
welche in der Mitteilung über Bedloes Tod seinen Namen um 
das Schluß-E verkürzt hatte. Lediglich ein Druckfehler, sagt 
der Herausgeber. Seltsames und schredieinjagendes Rätsel, 
denkt der Erzähler, „denn Bedlo ohne ,e' — was ist es anderes 
als jOldeb', umgekehrt?" 



"Wir haben es, allem Anschein nach, wieder einmal mit einer 
Doppelgängergeschichte zu tun; der Schuldige ist diesmal durdi 
die Gleichung Bedlo-Oldeb gegeben. Aber wie anders sieht diese 
Geschichte aus als jene vom 'William "Wilson! Hier ist 
keine Rede mehr vom Gewissen, von einem Moralkonflikt 
zwischen dem Trieb und seiner "Verdrängung, sondern bloß 
von einer einfachen Reproduktion von Ereignissen, die über 
Zeit und Raum hinweg, wie nach einem Negativ, durdi- 
geführt wird. 

"Was dem Oldeb fünfzig Jahre vorher zugestoßen war, ge- 
schieht dem Bedloe fünfzig Jahre später. "Wir haben nidit einen 
Traum vor uns, erklärt uns Templeton, es wäre aber schwer 
zu sagen, welcher Terminus dem in Frage stehenden Fall 
besser entsprechen würde. Der alte Doktor hat nicht unrecht, 
denn in dieser Geschichte spielen gerade die Mechanismen, 
welche für das unbewußte Denken und für den Traum so 
charakteristisch sind, ihre Rolle. "Wie im Traum oder in Opium- 
träumen sind auch hier die bewußten Kategorien des Raums 
und der Zeit unterdrücket. 

"Was enthält jedoch dieses aus dem Gehirn des Künstlers 
und Opiumsüchtigen Edgar Poe hervorgegangene Kunstwerk, 
was sagt es von seiner Seele und von seinem Leben aus? 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 123 



^ir haben den Verlauf der Geschidite nur selten durch 
Bemerkungen unterbrochen: wir greifen daher jetzt auf die 
erste unserer Bemerkungen zurück, auf jene, welche durch die 
Beschreibung des Aussehens August Bedloes veranlaßt wurde. 
Dieses Äußere, schrieben wir, erweckt in uns den Eindruck, 
jjß wir es mit einem älteren und sdiwindsüchtigen Bruder 
Edgar Poes zu tun haben könnten. Vielleicht war die Er- 
innerung an Henry, der unter den Augen seines Bruders in der 
armseligen Wohnung der Frau Clemm an der Tuberkulose 
starb, der Konzeption August Bedloes tatsädiHdi nicht fremd. 
Der frühzeitig nach vorne gebeugte Körper, das blutlose Ant- 
litz, die ungewöhnlich leuchtenden Augen sind charakteristisch 
für die Schwindsucht. Aber August Bedloe ist nicht nur Henry, 
er scheint gleichzeitig auch Edgar zu verkörpern. Wie dieser 
irrt er unendlicii lange als Dichter in den Schluckten „der zer- 
rissenen Berge" umher; und wie dieser nimmt er Opium zu sich. 
Wie beide, besonders jedoch wie Edgar, ist schließlicii auch er 
mit „seltsam kräftiger und schöpferischer" dichterischer Phan- 
tasie begabt. Es scheint nun, daß anfangs in der Gestalt Bedloes 
beide Brüder Poe dargestellt wurden. Am Schluß der Er- 
zählung aber fallen diese beiden Elemente, obwohl sie durch 
eine übernatürliche Identität in der Dualität Bedlo-Oldeb mit- 
einander verbunden sind, wieder auseinander. 

Gehen wir nun die Analyse dieser Geschichte von einer 
andern Seite an. Die Erzählung wurde von Poe im April 1844 
veröffentlicht; durch Hervey Allen erfahren wir außerdem, 
daß Poe am Ende seines Aufenthaltes in Philadelphia (1843) 
von Verfolgungswahnideen^* heimgesucht war. Er glaubte, 
aber zu Unrecht, er werde von seinem alten Freunde Wilmer 
verleumdet; den wirklichen Gemeinheiten seines Feindes Gris- 
wold hingegen,"'^ bei dem er sogar Geld auslieh, setzte er sich 

54) hraiel, S. 569 ff. 
J5) hrafel, S. 563. 



124 Die Geschiditen: Der Zyklus Vater 

so aus, als ob er dabei Lust empfinde. Es geriet also seit 
damals ein klar erkennbar paranoisdier Zug in seinen Cha- 
rakter; durch Freud wissen wir, daß die Tendenz des Mensdien 
der sich von andern Menschen verfolgt glaubt, oder von andern 
Menschen verfolgt sein will, die Umkehrung einer nach außen 
in den Verfolger projizierten homosexuellen Anziehung inj 
Gegenteil ist.^^ 

Die Gesdiichte von den Zerrissenen Bergen ist 
nun ein überaus deutlidies Beispiel für diese Haltung. Kann 
ein Mensch von einem andern abhängiger sein als Bedloe von 
dem alten Doktor, der ihn hypnotisiert? Durch Freud haben 
wir audi erfahren: der hypnotische Einfluß des Hypnotisie- 
renden auf den Hypnotisierten ist ein erotisdier Einfluß. 
August Bedloe befindet sich daher in einem im eigentlidien 
Sinne sexuellen, homosexuellen Abhängigkeitszustand von 
Templeton, der Vater-Imago. 

Templeton macht mit Bedloe, was er will. Nur zu seinem 
Besten, sagt er uns, hat er sich über ihn diese Madit angemaßt, 
nur um ihn von seinen Neuralgien zu befreien. Er ist darum 
im Grunde nicht weniger sein „Verfolger". Er schidtt ihm 
auf Distanz die gleichen furchtbaren Vorstellungen, elektrisdien 
Schläge, welche die Verfolger den an Beziehungswahn Er- 
krankten schicken, die für Irrenhäuser reif sind. Und ganz so 
wie das Leben Oldebs durch einen vom Feind geschleuderten 
vergifteten und schlangenartig gewundenen Pfeil beendet 
wurde, stirbt Bedloe durch einen vergifteten wurmartigen Blut- 
sauger, der ihm von Templeton, dem väterlichen Doktor mit 
dem prophetischen Namen,^'^ angesetzt wird, wobei beide, Pfeil 
und Blutsauger, durch die Schläfe eindringen. 

"Wer mit der unbewußten Symbolik vertraut ist, die uns 
durch die Psychoanalyse verständlich gemacht wurde, wird in 

56) Siehe Freud, Schreber. 

57) Englisdi temple: „Schläfe". 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 12 j 



dieser Sdilange, dem Pfeil oder Blutegel ein Symbol für den 
indringenden Phallus erkennen, im Gift: das klassische Symbol 
für dis Befruchtung durch das Sperma, und in den elektrischen 
Sdilägen ein Äquivalent für die eigentlich erotischen Gefühle, 
jn den Irrenhäusern finden wir im Überfluß Beispiele für 
diese Symbolik (die Schlangenphobien, Giflphobien, die elektri- 
schen Ströme der Hysteriker und Paranoiker) und sie werden 
iniiner auf die gleiche Weise interpretiert. Man braudit aber 
nidit einmal die Irrenhäuser zu bemühen: man entdeckt diese 
Symbolik auch mitten unter uns, an Mensdien, die sidi in 
Freiheit befinden. 

Die homosexuelle Fixierung Bedloes an Templeton mani- 
festiert sich nun auf vielfache Weise: der alte Doktor dringt 
in den Jungen Mann durch seine magnetische Ausstrahlung 
ein,^* der wie die Erotik auf die Nerven einwirkt, sdiließlich 
durdi den Sdilangen-Blutegel-Phallus, und dadurch auch durdi 
sein Gifl-Sperma. Auf diese "Weise wurde Oldeb getötet und 
dann Bedloe, beide starben durch den vergifteten und 
sdilangenartigen Pfeil eines Feindes: man weiß außerdem, wie 
ofl im Unbewußten der Feind eine Darstellung des Vaters 
ist. Wir sehen also in diesem ganzen Bilde die klassische Dar- 
stellung einer passiven homosexuellen Bindung an den Vater 
nadi dem sadistisch-phallischen Schema, die Darstellung einer 
Haltung, die beinahe alle Knaben einmal in ihrem Leben einge- 
nommen haben und die im Unbewußten manches Mannes be- 
harrlidi weiterlebt. Die Einschußstelle an der Sdhläfe ist dabei 
als eine klassisdie Verschiebung von unten nach oben anzu- 
sehen, die durch die Zensur hervorgerufen wurde. Und der 
Feind mit dem vergifteten Pfeil und der Dr. Templeton stellen 

58) Siehe den bereits (auf S. 109, Anmerkung 51) zitierten Fall 
Sdireber, die Wolluststrahlen, die Gott dem Präsidenten Sdireber 
sendet, und die dieser die „Nerven" Gottes nennt. Bedloe wird 
übrigens von Templeton wegen „Neuralgie" behandelt. 





120 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

beide eine ebenso enge, diesmal aber väterliche Identität dar 
wie die zwei „Brüder", der ältere Oldeb und der jüngere 
Bedloe, welche beide der unseligen Liebe zum Doktor zum 
Opfer fallen. 

Von hier aus können wir wieder zur Biographie Poej 
zurückkehren. Die doppelte Vaterschaft Templetons hatte für 
Poe in der Realität ein wirklidies Urbild: Edgar besaß 
ja tatsädilich einen Bruder, Henry. Der kränkliche, alkohol- 
süchtige und schwindsüchtige Henry war wie Oldeb vor 
seinem Bruder und in sehr jungen Jahren gestorben (Oldeb 
mit zwanzig Jahren, Henry mit vierundzwanzig Jahren). I(j, 
glaube nun, daß die in der Beschreibung Bedloes angedeutete 
Lungenphthise die passiv feminine Einstellung 
dem Vater gegenüber anzeigt: tatsädilich hat der 
kleine Edgar vor allem seine Mutter an dieser Krankheit 
sterben sehen; und seine schwindsüchtige Mutter war es wohl 
auch, die er im Arm irgendeines Mannes, des Herrn X, des un- 
bekannten Liebhabers der Elizabeth, liegen gesehen hatte. So 
konnte der schwindsüchtige und sterbende Bruder durch seine 
Krankheit mit der Mutter identifiziert werden, und Edgar 
konnte in der Geschidite von den Zerrissenen Bergen 
dieses Schema einer vermittelnden Identifizierung mit einem 
analogen und schon verschwundenen Bruder anwenden, um sein 
passives Verhalten gegenüber dem Vater auszudrücken. 



Zur Stütze unserer Behauptung wollen wir noch auf eine 
andere Geschidite Poes hinweisen, auf Die Tatsachen 
im Falle Waldema r,^^ in der die „magnetisdie" 
Passivität gegenüber dem Vater besonders deutlich vorgeführt 
wird. 

J9) The Facts in the Case of M. Valdemar. (American Whig 
Review, Dezember 1845; Broadway Journal, II, 24.) 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 127 



Als Poe diese Gesdiidite schrieb, war er wahrsdieinlidi 
bereits der Nebenbuhler Griswolds bei Frau Osgood."" "Willis 
hatte ihn ihr im Frühling 1845 vorgestellt, und im Dezember 
des gleichen Jahres erschien unsere Geschidite. Diese Situation 
trägt vielleicht auf interessante Weise zur Erklärung der 
Tatsachen bei, die sich im Falle Waldemar vor uns 
abspielen. 

Der Erzähler der Geschichte ist ein neugieriger Geist. Er 
interessiert sich für den Magnetismus. Er hat „vor ungefähr 
neun Monaten" sidi mit folgendem Gedanken beschäftigt: 
warum ist noch niemand in articulo mortis magnetisiert 
worden? Er ist auf der Sudie nadi einer Persönlichkeit, die 
sidi ihm für ein solches Experiment zur Verfügung stellt. 
Deshalb, sagt er, 

„fiel mir mein Freund Herr Ernst "Waldemar ein, der bekannte 
Bibliothekar der Bihliotheca forensica und (unter dem Pseudonym 
Issadiar Marx) Verfasser der polnischen Ausgaben des Wallen- 
stein und des G a r g a n t u a. Herr "Waldemar . . . war besonders 
auffallend durch seine unerhörte Magerkeit und durch die weiße 
Farbe seines Badsenbartes, der mit dem schwarzen Haupthaar 
seltsam kontrastierte, so daß man glauben modite, er trage eine 
Perüdie. Er war sehr reizbar . . ." 

Trotzdem gelingt es dem Erzähler nur zwei- oder dreimal, 
ihn zu magnetisieren. 

„Meinen Mißerfolg in dieser Hinsitht sdarieb ich immer seiner 
zerrütteten Gesundheit zu; denn einige Monate, ehe ich mit ihm 
bekannt wurde, hatten seine Ärzte ihn für unrettbar schwindsüditig 
erklärt. Es war übrigens seine Gewohnheit, von seiner bevor- 
stehenden Auflösung als von einer unvermeidlichen Tatsache, die 
nidit bedauert werden sollte, zu sprechen . . ." 



60) Israfel, S. 682: „Aber Poe hatte neben sich einen Rivalen in 
dem Dr. Griswold, den sie (Frau Osgood) eine Zeitlang in einen 
leidensdiaftlichen Dichter verwandelte", sagt Stoddard. 



128 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Man kann sidi der Vermutung nidit erwehren, daß wir es 
bei diesem bekannten Bibliothekar mit Rufus Griswold, dem 
damaligen Rivalen Poes, zu tun haben. Die Beziehungen 
zwisdien Poe und Griswold waren immer sehr seltsam, ein 
eigenartiges Gemisdi von Anziehung und Haß auf selten des 
einen, von Sdimeidielei und Haß auf selten des andern. Das 
sind typisdi ambivalente Beziehungen, wie wir sagen würden 
Beziehungen, auf welche die Ambivalenz gegenüber dem Vater 
Poes — gegen John Allan — zum Teil verschoben zu sein 
sdieint. Die Versdiiebung ging so weit, daß Poe, der sein ganzes 
Leben darunter gelitten hatte, nicht der „Erbe" Allans gewesen 
zu sein, durdi eine seltsame Umkehrung der Situation den 
Feind Griswold zu seinem Universal-„Erben", zum Voll- 
strecker seines literarischen Testaments, machte. 

Im Falle des Herrn "Waldemar scheint nun die 
Situation Griswold-Poe bei einer analogen Umkehr angelangt 
zu sein. Der Erzähler der Geschichte ist Poe selbst; "Waldemar 
ist Griswold, Poes Nebenbuhler bei einer Frau und in der 
Dichtkunst, eine ödipale Vater-Imago. Aber hier ist dieser, 
Waldemar, schwindsüchtig — so wie Elizabeth Arnold früher 
und Frances Osgood jetzt schwindsüchtig gewesen waren — 
und „passiv" in seinem Verhalten gegenüber dem Vater, der 
nun von Poe, man weiß auf welche makabre und abstoßende 
"Weise, gespielt wird. Man hat den Eindruck, daß in unserer 
Geschichte diese sich auf den Vater, seinen Magnetismus, sein 
Nervenfluidum beziehende erotische Passivität (eine Passivität, 
die es sogar dulden würde, daß er durch den Vater den Tod 
erleidet) dem Vater zurückgegeben, gegen ihn verwendet wird, 
daß sie nach dem hier neu auftauchenden magnetischen Schema 
mit dem ursprünglichen ödipusverbrechen verschmilzt. 

Denn man weiß, was der Freund unter dem Vorwand, das 
Leben des sterbenden Herrn Waldemar zu verlängern, mit 
ihm macht. Er wird von dem Sterbenden einen Tag vor dessen 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 129 



Tod ans Lager gerufen, hypnotisiert ihn und verzögert da- 
durdi das Eintreten des furchtbaren Augenblickes. Der Tod 
komnit trotzdem. Aber: die Auflösung ist aufgehalten worden. 
Sieben Monate hindurch kann der Tote noch seine schwarze, 
angesdiwoUene, scheußliche Zunge bewegen und mit seiner 
Stimme aus dem Jenseits sprechen. Sobald man ihn jedoch aus 
seinem langen Trancezustand erwecken will, zerfällt in weniger 
als einer Minute sein ganzer, verfaulter Körper. „Auf dem 
Bett vor uns lag eine ekelhafte, stinkende Masse." So kann sidi 
der Wunsch nach der Auflösung des Vaters, eine Variante 
des Todeswunsches, ins Gegenteil verwandeln: in den Wunsch, 
den Vater vor der Auflösung zu bewahren. Hinter diesem 
Wunsch verbirgt sich die gleiche Heuchelei des Unbewußten 
wie hinter der Sage vom Ewigen Juden, in weldier das 
Verlangen, den Vater zu töten, durdi sein Gegenteil aus- 
gedrückt wird: er möge ewig umherirren und leben. 

Die Analyse dieser Geschichten bezweckte, jene Passivität 
gegen den Vater, für die Templeton und Bedloe ein deutliches 
und unmittelbares Beispiel liefern, evident zu madien. In der 
Erzählung vom Herrn Waldemar scheint das Thema zwar mit 
verkehrten Vorzeichen versehen zu sein, aber es ist in ihr 
trotzdem enthalten, mit allen erotischen Strömungen, die von 
ihm ausgehen, und mit seinem erotischen Magnetismus. 



Der Engel des Sonderbaren"^ hat einen Unter- 
titel: An extravaganza; aber diese Extravaganz ist — wie alle 
Träume mit absurdem, manifestem Inhalt — überaus sinnvoll, 
wenn wir ihren latenten Inhalt betrachten. 

Der Held unserer Geschichte sitzt an einem November- 
nachmittag nach einer guten Mahlzeit allein im Speisezimmer 

61) The Angel of the Odd. {Columbian Magazine, Oktober 
1844.) 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 9 




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13° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

vor dem Kamin. Neben ihm stehen „etlidie Flaschen Wein 
Sdinaps und Likör". Eine Zeitung fällt ihm in die Hand und 
er liest folgende Notiz: 

„Mannigfalt und sonderbar sind die Wege zum Tode. Wir ent- 
nehmen einem Londoner Blatt den Beridit vom Ableben eines 
Mannes, der durch eine außergewöhnlidie Ursache herbeigeführt 
wurde. Er spielte puff the dart, ein Spiel, das darin besteht, daß 
man einen langen Nadelbolzen durch ein Blasrohr nadi der Ziel- 
scheibe bläst. Er steckte nun den Bolzen in das verkehrte Ende des 
Rohres und holte tief Atem, um den Pfeil mit voller Lungenkraft 
aus dem Blasrohr zu treiben. Da fuhr ihm die Nadel in den 
Sdilund. Sie geriet in die Lunge, und schon nach wenigen Tagen 
war der Mann eine Leidie." 

Daß ein Fremdkörper in die Lunge eindringt, kommt zwar 
selten vor, ist aber keineswegs unwahrsdieinlich. Unser Leser 
glaubt trotzdem nicht an diese Möglichkeit und gerät bei der 
Lektüre, ohne genau zu wissen warum, in eine rasende Wut. 
Er glaubt nicht an alle diese sonderbaren Zwischen- 
fälle, von denen die Zeitungen berichten! Wir aber er- 
innern uns an den Pfeil und an den Blutegel Bedloes und er- 
kennen sofort, daß sich etwas im Gefühl unseres Erzählers 
gegen diese nach dem oralen (fellatio) und sadistischen (Tod 
durdi Eindringen des Bolzens) Schema vorgetragene passive 
homosexuelle Phantasie auflehnt. 

Eine unwahrsdieinlidie Stimme ist in diesem Augenblid 
neben ihm zu hören: „Kott, was fir Essel du sein dann!" 
Nachdem der Erzähler zuerst vergeblich gesudit hat, woher 
sie kommt, entdeckt er schließlich neben sich bei Tisch eine 
phantastische Gestalt. 

„Ihr Leib war ein Weinfaß, eine Rumtonne oder etwas Ähn- 
liches und bot ein durchaus Falstaffsches Aussehen. Am Unterleib 
befanden sich zwei Fäßchen, die offenbar die Stelle der Beine ver- 
treten sollten. Anstatt der Arme baumelten von der oberen Hälfte 
des Rumpfes zwei Flasdien von ausreidiender Länge mit den 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 131 



Hälsen nach unten an Stelle von Händen. "Was idi für den Kopf 
des Scheusals halten mußte, war eine jener hessischen Schnapstrinker- 
flasdien, die wie Sdinupftabaksdosen mit einem Loch in der Mitte 
jes Deckels aussehen. Diese Schnapstrinkerflasdie (obenauf saß ein 
Trichter, der wie eine Sportmütze ins Gesicht gezogen war) stand 
mit der Kante auf der Tonne, die Mündung mir zugekehrt; und 
durdi diese Öffnung, die verkniffen schien wie die Lippen einer 
jehr empfindsamen alten Jungfer, stieß das Geschöpf jene 
rumpelnden und brummelnden Töne aus, die ohne Zweifel eine 
verständlidie Redeweise darstellen sollten." 

Wir haben in dieser Person, die nur aus Wein oder Likör- 
behältern besteht, eine richtige Alkoholphantasie vor uns! Aber 
man kann in ihr noch mehr entdecken: schon früher konnten 
wir zu verschiedenen Malen bemerken, daß das Verlangen nadi 
Alkohol bei Poe, wie bei allen Trunksüchtigen, seine älteste 
und tiefste Wurzel in der Oralerotik des Säuglings habe, der 
von der Frau gestillt wird. Hier sehen wir nun, wie der 
Alkohol zu seiner Quelle zurückkehrt, der integrierende 
Bestandteil eines zwar phantastischen, aber beseelten Körpers 
wird. Das Faß Amontillado und das nidit weniger 
symbolische Faß, auf dem in der Schwarzen Katze der 
Nachfolger Plutos thront, ist zum sprechenden, gehenden Faß 
geworden, das Flaschenarme hat, welche schweren Brüsten 
gleichen, die ihre Hälse anbieten. 

Aber der Engel des Sonderbaren, der auf so 
archaische Weise die Quelle der Trunksucht Poes verkörpert, 
ist noch etwas anderes als nur die Mutter. Er ist unserer 
Meinung nach zugleich auch der Vater. Die Regression, welciie 
diese Geschichte bezeugt, greift nämlich sehr weit zurück, bis in 
jene Zeit, in welcher der Säugling noch nicht die Geschlechter 
unterscheiden konnte. Dadurch wurde es möglidi, daß in dieser 
seltsamen und einzigen Gestalt beide Eltern verdichtet sind. 
Tatsächlich benimmt sich dieser euphemisch so genannte „Engel" 
seinem Gegenredner gegenüber mit ganz väterlicäier Brutalität. 




13^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Er erinnert dadurch an Allan. Er besdiimpft den Erzähler, wirft 
ihm bei jeder Gelegenheit vor, daß er besoffen sei wie ein Faß 
Ja, er schlägt ihn sogar und mehrere Male gibt er ihm, wie 
Allan, mit dem Hals einer seiner langen Flaschen eins über 
den Schädel und madit mit dem kläglidien Herrn, der seinen 
Diener herbeiläuten will, um sich von diesem Phantom zu 
befreien, und der dem „Engel" ein Salzfaß auf den Kopf zu 
werfen versucht hat, was er machen will. 

Wir erinnern uns nun an die Notiz mit dem Bolzen. Die 
Flaschen-Arme des Engels des Sonderbaren stellen 
zweifellos die Mutterbrüste und zugleich den väterlidien Penis 
dar — nicht zu vergessen das Zwischenglied, den mütterlidien 
Penis, an den das männlidie Kind seinerzeit geglaubt hat."^ 
Alle diese Körperanhängsel, an denen man saugen kann, 
spielen eine wichtige Rolle in der unbewußten Genesis der 
Trunksucht und tauchen hier gemeinsam auf. 

Die vollständige Passivität unseres Helden gegenüber seinem 
Besucher ist jetzt erreicht. Da er geschlagen wird, beginnt er 
wie ein kleines Kind zu weinen. Hierauf wird der „Engel" 
freundlicher und tröstet ihn. Er rät ihm an — Heuchelei! — , 
nicht mehr so viel zu trinken, Wasser in den Wein zu gießen 
und gießt in das Glas, das „etwa zu einem Drittel mit Port- 
wein gefüllt war", eine farblose Flüssigkeit, „die er aus einer 
seiner Armflaschen ausgoß". Diese Flüssigkeit ist ein Körper- 
sekret, Milch, Urin, Sperma (auf der Flasche klebt allerdings 
eine Etikette, auf der K i r s c h w a s s e r steht), jedenfalls ein 
Liebesbeweis. 

In diesem Augenblick nährt also der Engel, wie eine Mutter, 
mehrere Male das Kind mit seiner Ausscheidung, und unser 
Held seinerseits findet wie ein gesättigtes Kind endlich seine 
Ruhe wieder. 

62) Siehe z. B. Freud: Eine Kindheitserinnerung 
des Leonardo da Vinci (Gesammelte Sdiriften, Bd. IX). 



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Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 133 



per Engel erklärt dann seinem Gegenüber, „daß er der 
Geist sei, der über alle unangenehmen Zwischen- 
fälle der Mensdiheit herrsche, und daß seine Tätigkeit darin 
bestehe, all die sonderbaren Vorkommnisse in 
Szene zu setzen, die immer die Verwunderung des Skeptikers 
hervorrufen". Er selbst duldet keinen Widerspruch und wird 
bei dem geringsten Zeichen von Unglauben rot vor Zorn. 
Darum sdiweigt unser Held und begnügt sich, während er mit 
geschlossenen Augen diesen Reden in seinem Fauteuil zuhört, 
damit) „Rosinen zu knabbern und die Stielchen davon im 
Zimmer umherzuschnippen." Der Engel erhebt sich nun „in 
großer Erregung" und geht mit drohenden Worten fort. 

Dann setzt eine Reihe sonderbarer Vorkomm- 
nisse im Leben unseres Helden ein. Er soll seine Ver- 
sidierungspolizze gegen Feuersbrunst, die am selben Tag um 
sechs Uhr erlischt, erneuern, sciiläft jedoch zu einem kleinen 
Nidcer ein, nachdem er konstatiert hat, daß die Uhr erst halb 
sedis zeigt. Aber die Uhr steht: das Glas des Zifferblattes ist 
durch das Salzfaß zerbrochen worden, das den Kopf des 
„Engels" verfehlt hat, und im Schlüsselloch steckt eines der 
Rosinenstielchen, die unser Held durcäi das Zimmer geworfen. 
Am Abend schläft: unser Held im Bett bei einem Budi ein, das 
DieAllgegenwartGottes (d. h.: des Vaters) betitelt 
ist. Er träumt davon, daß der Engel des Sonderbaren ihn in 
einem Ozean von Kirschwasser ertränkt, welcher unaufhörlich 
aus einer der Flaschen mit dem langen Hals, die ihm als Arme 
dienen, herausfließt. Von Entsetzen gepeinigt, erwacht er 
gerade in dem Augenblick, in dem eine Ratte die brennende 
Kerze zu ihrem Loch trägt. Das Haus geht in Flammen auf, 
sein Besitzer rettet sich über eine Leiter, aber bevor er den 
Boden erreicht hat, wirft: ein riesenhafter Kerl, der wieder an 
den Engel des Sonderbaren erinnert, die Leiter um, unser Held 
fällt und bricht sich den Arm. 




134 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Er hat durch diese Folge von sonderbaren Vor- 
kommnissen sein Haus verloren, die Versicherung gegen 
Feuersbrunst wird nidit ausbezahlt und auch seine Haare sind 
von den Flammen versengt. 

Er sudit jetzt Tröstung in der Frau. Er gefällt einer 
reidien "Witwe. Aber wie er ihr zu Knien Hegt, verwidjeh 
sich seine Perüdte in die Haare der Dame, die ihn wütend 
davonjagt. 

Er verlobt sich ein zweitesmal. Er begegnet seiner Ver- 
lobten in einer vornehmen Straße, und in dem Augenblick, in 
dem er sie grüßen will, fällt ihm ein Fremdkörper ins Auge, so 
daß er plötzlich wie erblindet dasteht. Die Dame ist beleidigt, 
daß er sie nicht gegrüßt hat, der Fremdkörper hat also 
unseren Helden um seine zweite Braut gebracht. Der Engel des 
Sonderbaren kommt zwar herbei, aber zu spät; er befreit ihn 
mit ironisdier Aufmerksamkeit von dem Staubkörnchen. 

So hat unser Held, ganz wie William Wilson, zweimal bei 
Frauen keinen Erfolg. Er war auch sdion vorher einmal, an- 
läßlich der urethrisdi-phallischen Autoerotik, die im Thema 
von der Feuersbrunst steckt, erfolglos geblieben. Es sieht ganz 
so aus, als ob Poe uns hier gestehen wollte: sein passives Ver- 
halten gegenüber dem Vater sei eine der Ursachen seiner Im- 
potenz gewesen. Und der Fremdkörper im Auge bildet ein 
würdiges Pendant zu dem Bolzen in der Lunge und dem Pfeil 
in der Sdiläfe. 

Nun beschließt unser verzweifelter Held, zu der Mutter auf 
dem einzigen Weg zurückzukehren, weldier dem Impotenten 
zugänglidi geblieben ist, nämlldi in einer Mutterleibsphantasie. 
„(Idi) trat den Weg zum nächsten Flusse an. Hier entledigte 
idi midi meiner Kleider (denn ich sehe keinen Grund, warum 
man nicht sterben sollte wie man geboren wurde) und stürzte 
mich kopfüber in den Strom." Eine betrunkene Krähe ist der 
einzige Zeuge dieser Tat: sie fliegt „mit dem unentbehrlichsten 




Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren 135 



einer Kleidungsstücke", mit der Hose unseres Helden davon. 
Dieser kann diese Pseudokastration nicht ertragen, er steigt 

US dem Wasser, schlüpft mit seinen Beinen in die Ärmel seines 
RoAs und verfolgt den Vogel. Beim Laufen sieht er in die 
Luft fällt in einen Abgrund und ergreift gerade rechtzeitig die 
Hängeleine eines vorüberfliegenden Ballons. 

Er hält sidi an ihr mit einem einzigen Arm fest, da der 
andere gebrochen ist. Der Ballon fliegt immer höher; unser 
Held schreit um Hilfe. Niemand hört ihn. Er faßt bereits den 
Entschluß, sich ins Meer fallen zu lassen. In diesem Augenblick 
hört er eine hohl tönende Stimme: er blickt empor und erkennt 
den Engel des Sonderbaren, der „sich über den Rand des Korbes 
mit einer Pfeife im Mundwinkel" herauslehnt. Der Engel 
kümmert sich aber nicht um den Unglücklichen, welcher unten 
am Ende des Taues hängt. Er läßt ihm sogar eine große 
Flasche Kirschwasser auf den Kopf fallen und bedroht ihn mit 
einer andern. Unter diesem Zwang ergibt sich der Unglück- 
lidie ganz dem Engel des Sonderbaren. Er glaubt an das 
Sonderbare, an den Engel, an alles. Aber er kann nidit 
— und das fordert der Engel zum Zeidien der voll- 
kommenen Unterwerfung — die rechte Hand in die linke 
Tasdie seiner Hose stedien, weil der redite Arm allein gesund 
geblieben ist (der andere ist ja gebrochen) und weil er keine 
Hose hat. 

Der Engel schneidet nun das Tau ab, an dem der Unglück- 
lidie hängt; der fällt köpf abwärts durch den Kamin seines neu- 
aufgebauten Hauses, das sich gerade unter ihm befindet, in das 
Speisezimmer hinein. Dieser Sturz erinnert an den des Hans 
Pfaal, der kopfabwärts aus seinem Ballon heraushängt und 
an dessen Geburtsphantasie. Der Engel des Sonderbaren 
sdineidet wie ein Geburtshelfer die Nabelschnur des Neu- 
geborenen durch, nachdem von dem Kind die Allmacht des 
Vaters anerkannt worden ist. 




136 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



I ' 



Und das Faktum, daß diese Geschichte „extravagant" 
nannt wird und tatsächlich so ist, übersetzt wahrscheinlidi den 
folgenden latenten Gedanken in den manifesten Inhalt der 
Gesdiichte: es ist tatsächlich eine Extravaganz, daß man den 
Vater der Mutter gleichstellt, den Alkohol der Milch, und daß 
die Fixierung an den einen mit der Fixierung an den andern 
Elternteil verschmilzt! 

Die drei Erzählungen, weldie wir soeben analysiert haben, 
und die alle drei auf der Grundlage einer Passivität gegenüber 
dem Vater aufgebaut sind, wurden 1844 oder 1845 veröffent- 
licht und sidher nicht lange vor dieser Zeit gesdirieben. In dem 
Maße nun, in dem die paranoischen Züge am Charakter Poes 
mit dem fortschreitenden Alter deutlicher sichtbar wurden, 
scheint dieses Thema in seinem "Werk stärker in den Vorder- 
grund gelangt zu sein; am vollständigsten entfaltete es sich in 
seiner letzten großen Prosakomposition: in Heureka. Aber 
bevor wir Heureka besprechen, müssen wir noch jene Ge- 
schichte studieren, in welcher das passive Verhalten des Dichters 
seinem Vater gegenüber am großartigsten dargestellt wurde: 
"Wassergrube und Pendel. 



WASSERGRUBE UND PENDEL«' 

Der von der Inquisition Verurteilte, ein Opfer des Sadismus 
der Väter, beginnt, ohne uns jedoch zu sagen, für welches Ver- 
bredien er ihnen ausgeliefert wurde, folgendermaßen seinen 
Bericht: 

„Ich war krank — ersctöpft und todkrank infolge der langen 
Todesangst — und als man mir die Fesseln löste und mir erlaubte 
niederzusitzen, fühlte ich, daß mir die Sinne schwanden. Das Urteil, 
das entsetzliche Todesurteil war der letzte Ausspruch, den meine 
Ohren deudich vernahmen. Hiernach schmolzen die Stimmen der 
Riditer in ein traumhaftes, ununterbrochenes Summen zusammen . . ." 
Der Verurteilte fällt schließlich in Ohnmacht. „Dann war meine 
Welt nur Sdiweigen und Stille und Nadit. . . . dodi kann ich nicht 
sagen, daß mein Bewußtsein geschwunden war. Wieviel davon noch 
Wieb, versudie ich nicht zu enträtseln oder zu beschreiben; dodi war 
nidit alles geschwunden. In tiefstem Sdilummer — nein, im 
Delirium — nein, in Ohnmacht und Betäubung — nein, im Tode 
— nein! selbst im Grabe ist nicht alles Bewußtsein geschwunden. 
Sonst gäbe es keine Unsterblidikeit. Aus dem tiefstem Schlummer 
erwadiend, zerreißen wir das Spinngewebe eines Traumes; aber 
eine Sekunde später — so zart ist das Gewebe oft — wissen wir 
sdion nicht mehr, daß wir geträumt. Bei dem Erwadien aus einer 
Ohnmacht gibt es zwei Stadien: zuerst das Gefühl geistigen oder 
seelischen — dann das Bewußtsein körperlichen Daseins. Es ist 
wahrsdieinlich, daß wir, falls es uns gelänge, im zweiten Zustand 
die Eindrücke des ersten zurüdizurufen, diese Eindrücke voll fänden 
von Erinnerungen aus dem Abgrund des Jenseits. Und dieser 
Abgrund ist — was? Wie sollen wir seine Schatten von denen 
des Grabes unterscheiden? Wenn nun aber die Eindrücke dessen, 
was ich den ersten Zustand nannte, nicht willkürlich hervorgerufen 
werden können, kommen sie nicht — nach langer Pause oft — 
ungerufen und uns befremdend? . . ." 

63) The Pit and the Pendulum. (The Gift, 1843; Broadway 
Journal, I, 20.) 




138 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



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'k 



Wir haben die ganze Stelle, in der vom »Abgrund 
des J e n s e i t s" die Rede ist, zitiert, weil es keine geeigne- 
tere Einführung in die folgende Erzählung gibt als diesen 
Absatz, der eine Einführung in einem wesentlich präziseren 
Sinne ist, als Poe glaubte. Denn was Poe durcheinander mit 
dem Delirium (mit jenem Zustand, in dem das Unbewußte 
herrscht) zitiert: der Schlaf, die Ohnmacht, der Tod, das Grab, 
das sind im Unbewußten Regressionen zur pränatalen Stufe 
hin. Die Unsterblichkeit, von der alle Mensdienwesen träumen, 
und die vernichtet wäre, wenn im Grabe alles unterginge, stelh 
sicherlich vor allem die Projektion jenes Unsterblidikeits- 
gefühles, das allem Lebenden zugehört, in die Zeit über den 
Tod hinaus dar, sie ist wahrscheinlich der Ausdruck der Tat- 
sache, daß sich das psychische und biologische Gedächtnis der 
Lebenden nur an die Zeit des Lebens erinnern kann. Aber 
vor dem Leben, das wir führen, seit wir das Licht gesehen 
haben, gab es eine Zeit, in der wir schon lebend waren, aber 
noch nicht in dem gewohnten, von Lufl umgebenen, irdischen 
Leben existierten. Wir waren zu dieser Zeit in dem tiefen 
Obdach des mütterlichen Körpers begraben. Und da das 
Unbewußte sich die Vernichtung, das Nichts, nicht vorstellen 
kann, beginnt seine Psyche sich jener Tatsache zu bedienen, um 
das Nichts, von dem das Bewußte spricht, abzuleugnen, und 
zwar von dem Augenblick an, in dem das kleine menschlidie 
Lebewesen Kenntnis von dieser ersten seiner Behausungen er- 
halten hat, eine Kenntnis, zu der ihm eine Art verschwommener 
Trieb oder biologische Mneme verhilfl. Der Zustand nach dem 
Tode entspricht daher dem Zustand vor der Geburt, das 
Weiterleben im Grabe dem fötalen Vorleben. Obwohl wir noch 
nicht Bürger der Welt waren, lebten wir im Mutterkörper ein 
geheimnisvolles Leben außer der Welt, außerhalb der Zeit, im 
Unendlichen und im Unterirdischen: dem wird auch unser 
Leben nach dem Tode gleichen. Daher verlegten die primitiven 




Wassergrube und Pendel 135 

früheren Religionen den Aufenthalt der Verstorbenen unter 
die Erde, wie in einen riesenhaften Uterus; die elysäischen 
Gefilde waren wie der Tartarus unterirdisdie Landsdiaften, die 
jenseits des Styx lagen. Erst eine zweite Verarbeitung hat das 
Paradies in den Himmel projiziert und der Erde nur das Grab 
und die Hölle gelassen. 

Besdiäftigen wir uns jetzt mit der Fortsetzung der Poesdien 
Erzählung. Wir steigen mit dem in Ohnmacht gefallenen Ver- 
urteilten, der durch diese Ohnmacht in einen halbfötalen Zu- 
stand geraten ist, in eine wirkliche Unterwelt hinab: 

„Bei meinen häufigen bewußten Anstrengungen, midi zu er- 
innern, bei meinen gewaltsamen Mühen, irgendein Merkmal aus 
dem Zustand sdieinbaren Niditseins, in den meine Seele entglitten, 
ins klare Bewußtsein herüberzuretten, gab es Augenblidie, in denen 
idi ein Gelingen träumte; es gab kurze, sehr kurze Momente, in 
denen idi Erinnerungen heraufbesdiwor, die mir in der hellen Ver- 
nunft späteren völligen Wachseins als unbedingt jenem Zustand 
sdieinbarer Bewußdosigkeit entstammend erschienen. Diese Schatten 
eines Erinnerns redeten undeutlich von hohen Gestalten, die mich 
aufhoben und sdiweigend abwärts trugen, hinab — hinab — und 
tiefer hinab, bis ein furditbares Schwindelgefühl mich erfaßte bei 
dem bloßen Gedanken der Unendlichkeit des Niedergleitens. Sie 
redeten audi von dumpfem Schredigefühl im Herzen, weil dieses 
Herz so unnatürlich still war. Dann kam ein Empfinden völliger 
Unbewegtheit aller Dinge, als ob die, die mich trugen — ein 
gespenstischer Zug — , in ihrem Abwärtsdringen die Grenzen des 
Grenzenlosen überschritten hätten und nun ausruhten von der 
Mühsal ihres Werkes. Hiernach erinnerte ich midi an ein flach aus- 
gestreutes Liegen, an feuditen Dunst; und dann war alles Wahn- 
sinn — Wahnsinn eines Bewußtseins, das sich mit dem Unfaß- 
baren, dem Verbotenen abmühte." 

Der Verurteilte erwacht, sein Herz beginnt wieder heftigst 
zu sdilagen, er wird sidi der Tatsache, daß er existiert, wieder 
bewußt und schließlidi — oh, Schrecken! — findet er auch seine 
Denkfähigkeit wieder. 




14° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

„Bis dahin hatte idi die Augen nidit geöffnet. Ich fühlte, daß 
ich ungefesselt auf dem Rücken lag. Idi streckte die Hand aus, und 
sie fiel sdawer auf etwas Feuchtes und Hartes. Da ließ idi sie einige 
Minuten liegen, während idi versuchte, mir vorzustellen, wo und 
was ich wohl sei. Ich hätte gerne die Augen geöffnet, aber [A 
wagte es nidit. Ich fürditete den ersten Blick auf meine Umgebun» 
Es war nidit Furcht, etwas Entsetzlidies zu erblicken, sondern das 
Grauen, nichts zu sehen. Endlich, mit wilder Verzweiflung ita 
Herzen, öffnete idi schnell die Augen. Meine sdilimmsten Ahnungen 
bestätigten sich. Schwarze, ewige Nadit umgab midi. Die Diditig. 
keit der Finsternis lastete auf mir und ließ mich erstarren. Die 
Luft war unerträglich dumpf . . ." 

Wie großartig ist dieser — in unserem Fall gewiß gerecht- 
fertigte — Anfall von Klaustrophobie geschildert! Die infan- 
tile Angst vor der Finsternis, das Gefühl des Erstidcens, 
die Feuchtigkeit, die Einsamkeit und das Eingekerkertsein 
in einem geschlossenen Raum, all dies trägt dazu bei, um aus 
dem Inquisitionsgefängnis eine vollkommene Mutterleibsphan- 
tasie nach dem Angstsdiema zu madien. Zu dieser Interpreta- 
tion gehört audi, wie wir schon hier erwähnen wollen, daß 
bei all den Torturen, die der Verurteilte erdulden muß, 
niemals die Kälte erwähnt wird, obwohl das Gefängnis sehr 
feucht und tief ist und der durch die erlittenen Leiden und 
durch das Fasten erschöpfte Gefangene, wie wir später er- 
fahren werden, nur mit einem Kleid aus grober Wolle be- 
kleidet war. Beaditen wir ferner, wie sehr in dieser ganzen 
Gesdiidite das Thema Schlaf dominiert. 

Der Unglückliche, der zuerst ganz unbeweglidi liegen bleibt, 
versucht nun, über seine Lage nachzudenken: 

dennoch nahm ich keinen Augenblick an, daß ich tot sei." 

Er weiß, daß am Abend des Tages seiner Verurteilung 
ein Autodafe, eine seltene Festlichkeit, stattgefunden habe. 
Warum, fragt er sich, ist er nicht mit den andern hingerichtet 
worden? 




W asser gruhe und Pendel 141 

„Ein fürdbterlidier Gedanke trieb plötzlich mein Blut in Wogen 
zum Herzen, und für kurze Zeit sank ich von neuem in Bewußt- 
losigkeit. Als ich mich erholt hatte, sprang ich sofort auf die Füße; 
Jeder Nerv in mir zuckte. Ich streckte die Arme in die Höhe und 
rundherum nach allen Seiten. Ich fühlte nichts und fürchtete mich 
dennoch, einen Schritt zu machen, aus Angst, an die Mauern eines 
Grabes zu stoßen ... Ich machte viele Schritte vorwärts, doch noch 
immer war alles Finsternis und Leere. Ich atmete freier, es war offenbar, 
daß meiner wenigstens nicht das scheußlichste Geschick harrte." 

Der Eingesciilossene bewegt sich wie ein Kind in dem 
Mutterleib und überzeugt sich auf diese Weise davon, daß er 
wenigstens nicht lebend beerdigt ist. Die Angst vor dem Ge- 
danken, lebend beerdigt zu sein, — die bei Poe so stark ent- 
widcelt war — stammt, wie jede Analyse beweist, unmittelbar 
aus dem unbewußten, unter dem negativen Zeichen von Angst 
ausgedrückten Wunsch, in den Mutterleib zurückzukehren. 
Und den Mutterleibsangstphantasien wird unser Gefangener 
tatsächlich nicäit entgehen. 

„Und nun, während ich mich vorsichtig weitertastete, drängten 
sidi tausend unbestimmte Gerüchte über die Schrecken von Toledo 
meinem Gedächtnis auf . . . Hatte man mich für den Hungertod 
in dieser ewigen unterirdischen Nacht bestimmt; oder welches, viel- 
leidit nodi gräßlichere Schicksal erwartete mich? Daß das Ende Tod 
sein würde, und zwar ein Tod von mehr als gewöhnlidier Bitternis, 
sdiien mir, der ich den Charakter meiner Richter kannte, gewiß. 
Die Art und die Stunde des Sterbens waren das einzige, was midi 
noch beschäftigte und noch beunruhigte." 

Der Gefangene beschließt nun, sein Gefängnis abzumessen, 
indem er die gleichmäßigen Mauern abtastet. Um seinen 
Ausgangspunkt wiederzufinden, will er das Messer irgendwo in 
die Mauer stechen, aber man hat es ihm mit der Kleidung, die 
„gegen eine Umhüllung aus grober Wolle vertausdit" 
war, weggenommen. Er reißt nun ein Stück von seinem 
Kleidersaum ab, legt ihn auf die Erde und geht auf Ent- 
dedcungen aus. 



14^ Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



\ 



„Aber idi hatte weder mit der Ausdehnung des Kerkers noch 
mit meiner eigenen Schwädie gerechnet. Der Boden war feucht und 
schlüpfrig, ich war eine Zeitlang vorwärts getappt, als ich straudielte 
und fiel. Eine ungeheure Müdigkeit zwang mich, ausgestreckt Hegen- 
zubleiben, und bald befiel mich in dieser Lage der Schlaf. 

Als ich erwadite und den Arm ausstreckte, fand ich neben mjf 
ein Stüds Brot und einen Krug Wasser. Ich war zu erschöpft, n^ 
über diesen Umstand nachzudenken; sofort aß und trank ich gierig." 

So wird unser Gefangener wie der Fötus, allerdings weniger 
liebevoll als ein solcher, in seinem „Gefängnis" von der un- 
sichtbaren Vorsehung genährt. Er setzt dann, ein wenig ge- 
stärkt, die Reise um sein Gefängnis herum fort, und glaubt zu 
entdecken, daß dessen Umfang, wobei viele Mauerwinkel ge- 
rechnet sind, fünfzig Yards beträgt. 

Er besdiließt nun, den Raum zu durdhqueren. Der Boden 
ist sdilüpfrig; der Rest des zerrissenen Saums seines Kleides 
verfängt sidi in seinen Füßen. Er fällt mit voller "Wudit aufs 
Gesidit . . . 

„In der ersten Verwirrung bemerkte ich nidit sogleidi einen 
befremdenden Umstand, der jetzt, ein paar Sekunden später und 
während idi nodi ausgestreckt dalag, meine Aufmerksamkeit erregte. 
Es war folgendes: mein Kinn ruhte auf dem Boden des Kerkers, 
meine Lippen aber und der obere Teil des Kopfes, die meinem 
Gefühl nadi tiefer lagen als das Kinn, berührten nichts. Gleidizeitig 
sdiien meine Stirn in klebrigen Dämpfen zu baden, und der unver- 
kennbare Geruch verwesender Schwämme drang mir in die Nase. 
Ich streckte den Arm aus und schauderte, als idi fand, daß idi 
genau am Rande einer kreisrunden Schachtöffnung hingefallen war, 
deren Umkreis festzustellen natürlich gegenwärtig nidit in meiner 
Macht lag. Es gelang mir, von dem feuchten Mauerrand ein Stein- 
chen loszubrödceln; ich ließ es in den Abgrund fallen. Viele Sekunden 
lang lai sdite ich dem Widerhall, den sein Anschlagen an die Stein- 
wände verursachte; endlich hörte idi ein dumpfes Aufklatschen im 
Wasser, dem ein vielfältiges Echo folgte." 

So entdeckt der Verurteilte den einzigen Ausgang aus 
seinem Gefängnis, den schreckeinjagenden Brunnensdiadit, der 



Wassergrube und Pendel 14J 

in den Abgrund hinunterführt und dessen symbolischer Sinn 
an, Schluß der Geschichte noch deutlicher erfaßt werden wird. 

Eine Tür, die sidi bei dem Aufklatschen im "Wasser schnell 
über dem Kopf des Gefangenen geschlossen und geöffnet hat, 
bringt ihm nun zum. Bewußtsein, wie sdiarf er beobachtet wird. 

„An allen Gliedern zitternd, tastete ich meinen Weg zur Mauer 
zurüd. Ich war entsdilossen, lieber dort zu sterben, als mich in 
die Sdiredcen der Grube zu wagen. Meine Phantasie malte sich jetzt 
aus, daß ihrer viele hier im Raum verteilt seien. In anderer Seelen- 
verfassung hätte idi vielleicht den Mut gehabt, mein Elend durch 
einen Sprung in soldi einen Abgrund zu beenden, jetzt aber war 
idi der Feigste der Feigen. Audi konnte ich nicht vergessen, was 
idi über diese Brunnen gelesen: daß das plötzliche Auslösdien des 
Lebens keineswegs in der Absicht derer lag, die diese entsetzlichen 
Wassergruben angelegt hatten." 

Erregung und Angst halten den Unglücklichen lange Zeit 
wach, schließlich aber schlummert er doch ein. Beim Erwachen 
steht von neuem ein Krug "Wasser neben ihm, daneben liegt 
ein Brot. Da er vor Durst vergeht, leert er den Krug in 
einem Zug. ("Wir begegnen hier wieder den Durstqualen im 
P y m.) Aber 

„dem Wasser mußte ein Schlafmittel beigemengt sein, denn kaum 
hatte idi es getrunken, als midi unwiderstehliche Schlafsudit befiel. 
Idi sank in tiefen Schlummer, in eine Art Todesschlummer. Wie 
lange er währte, weiß ich natürlidi nidit, als ich aber wieder die 
Augen öffnete, waren die Dinge um mich her sichtbar. Ein seltsamer 
sdiwefliger Glanz, dessen Ursprung ich zunächst nicht feststellen 
konnte, gestattete mir, den Umfang und das Aussehen meines 
Kerkers wahrzunehmen". 

Der Verurteilte entdeckt, daß sein Gefängnis ungefähr halb 
so groß ist, als er angenommen hatte. Dieses Detail beginnt ihn 
zu beunruhigen, denn seine Seele „nahm ein merkwürdiges 
Interesse an Kleinigkeiten". Er begreift schließlich, daß er bei 
seiner Forschungsreise durch das Gefängnis, nachdem er vor 
Ersdiöpfung an der Mauer eingeschlafen, denselben "Weg 



144 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



zurüdigegangen war und infolgedessen alles doppelt gezählt 
hatte. 

„Auch über die Form des Gefängnisses hatte idi midi getäuscht.« 
Es ist weniger unregelmäßig, als er geglaubt, und die "Winkel, Jij 
der Gefangene im Dunkel abgetastet hatte, waren „nidits als leidite 
Vertiefungen, die der Zahn der Zeit in unregelmäßigen Zwischen- 
räumen in die Mauer gefressen hatte. Die Grundform des Gefän». 
nisses war ein Viereck. "Was ich zuerst für Steinmauern gehalten 
sdiien mir jetzt Eisen oder sonst ein Metall zu sein, dessen große 
Platten da, wo sie aneinandergenietet waren, die leichten Ver- 
tiefungen bildeten. Die ganze Flädie dieser erzenen "Wände war mit 
groben Zeidmungen bemalt, mit all den abscheulidien und ab- 
stoßenden Darstellungen, wie der Aberglaube der Mönche sie er- 
funden. Drohende Teufelsfratzen auf Totenskeletten und andere 
noch viel gräßlichere Gestalten bedediten und verunzierten die 
"Wände." 

Die Farben scheinen fledcig geworden zu sein. Der Fuß. 
boden ist aus Stein. 

„In der Mitte gähnte das runde Brunnenloch, dessen Sdilund 
{jaws, Kinnbacken) idi entronnen . . . Nur undeutlich und mit vieler 
Mühe konnte ich dies alles erblicken, denn während meines Schlafes 
hatte sich meine Lage sehr verändert. Ich lag jetzt langausgestredst 
auf einer Art niedrigem Holzrahmen. Idi lag auf dem Rüien und 
war mit einem langen Riemen, der einem Sattelgurt glidi, an das 
Holz festgebunden. Der Riemen war mir viele Male um Leib und 
Glieder geschlungen und ließ nur dem Kopf und dem linken Arm 
so viel Bewegungsfreiheit, daß idi mich mit vieler Anstrengung aus 
einer irdenen Sdiüssel am Boden mit Nahrung versehen konnte." 

Der Krug ist fort, der vom Durst gepeinigte Gefangene 
findet nur ein Mahl 

„aus sdiarfgewürztem Fleisch vor". 

„Aufwärtsblickend betrachtete ich die Decke meines Gefängnisses. 
Sie war etwa dreißig bis vierzig Fuß hoch und aus demselben 
Material wie die Seitenwände. Auf einem der Deckenfelder erregte 
eine sonderbare Figur meine ganze Aufmerksamkeit. Es war eine 
gemalte Gestalt der Zeit, so wie sie gewöhnlich dargestellt wird, 







Wassergrube und Pendel 145 

daß sie anstatt der Sidiel etwas in Händen hielt, was idi auf 
j gi-sten Blick als ein gemaltes Pendel ansah, dergleidien man oft 
uf alten Uhren findet. Dennodi war da etwas in der Ersdieinung 
des Instrumentes, das mich veranlaßte, es aufmerksamer zu be- 
traditen. Während ich nun senkrecht hinaufstarrte — denn es befand 
sidi genau über mir — , bildete idi mir ein, daß es sich bewege . . . 
Seine Sdiwingungen waren kurz und selbstredend langsam . . ." 

Nadidem der Gefangene einige Minuten lang die langsamen 
und ihn ermüdenden Pendelschwingungen beobachtet hat, 
wendet er den Blick von ihnen weg, andern Dingen zu. Riesen- 
hafte Ratten, die aus dem Brunnen hervorgekommen und von 
dem Geruch des Fleisdies angelockt und nach ihm gierig sind, 
beginnen ihn zu beschäftigen und 

„es bedurfte vieler Mühe und Aufmerksamkeit, sie von der 
Sdiüssel fernzuhalten". 

„Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, vielleicht sogar 
eine ganze Stunde . . ., als ich meine Augen wieder aufwärts 
wandte . . . Die Schwingungen des Pendels hatten an Ausdehnung 
fast um einen Meter zugenommen. Als natürliche Folge war auch 
die Schnelligkeit viel größer; was mich aber hauptsächlich beun- 
ruhigte, war die Tatsache, daß es sich merklich herabgesenkt hatte. 
Ich bemerkte jetzt mit namenlosem Schrecken, daß sein unterer Teil 
in einem Halbmond aus blitzendem Stahl bestand, der von einem 
Hörn zum andern etwa einen Fuß maß; die Hörner waren nach 
oben gerichtet und die untere Kante schien scharf wie ein Rasier- 
messer. Das Pendel schien auch so massiv und schwer wie ein solches, 
denn es verdickte sich nach oben zusehends. Es hing an einem didken 
Messingstab und das ganze zischte, pfiff beim Durchschneiden der Luft. 

Ich konnte nicht länger zweifeln, welche neue Todesmarter die 
in Grausamkeiten so erfinderischen Mönche für mich ausgewählt 
hatten . . ." 

Der Unglückliche ist dem Brunnen, diesem Höllenpfuhl nur 
entronnen, um die Beute einer nocii ausgeklügelteren Strafe 
zu werden. Wir werden den latenten Symbolsinn dieser Er- 
eignisse später genauer untersuchen und begnügen uns hier mit 
dem bloßen Bericht. 

Bonaparte; Edgar Poe. III u. IV. 10 




'4^ Die Geschichten; Der Zyklus Vater 



1 



„Was nützt es, die langen, langen Stunden übermensdilijjj. 
Entsetzens zu schildern, in denen idi die sausenden SAwingunge 
des scharfen Stahles zählte." " 

Er hat hier nichts, womit er die Zeit messen kann. Dg, 
Pendel senkt sich mit marternder Langsamkeit herab . . . 

„Es können viele Tage gewesen sein — ehe es so didit übe 
mich hinfegte, daß midi sein heißer Atem fächelte. Der Gerudj 
des scharfen Stahls drang mir in die Nase . . . Idi wurde toll und 
rasend und strengte mich an, soviel ich konnte, um midi dem 
Schwung der fürchterlichen Sdineide entgegenzuheben. Und dann 
wurde Idi plötzlich ruhig und lag und lächelte auf zu dem 
glitzernden Tod, wie ein Kind wohl ein seltsames Spielzeug an- 
lächelt." 

Der Gequälte fällt in Ohnmacht. Beim Erwachen bemerkt 
er, daß er trotz seiner grauenhaften Angst Hunger leidet. Er 
steckt daher die Reste der Nahrung, welche ihm die Ratten 
gelassen haben, in den Mund. In diesem Augenblick „durdi- 
zuckte es mich wie eine Ahnung von Freude — von Hoffnung", 
ohne daß er klar erfassen kann, was er von ihr halten soll. 

„Die Schwingungen des Pendels liefen reditwinkelig zu meiner 
Körperlage. Idi sah, daß der Halbmond bestimmt war, mir quer 
durchs Herz zu schneiden. Er würde den Stoff meines Kleides 
sdilitzen; er würde zurückschwingen und den Schnitt wiederholen 
— wieder und wieder. Ungeachtet seiner schredtlidi weiten Schwin- 
gung (einige dreißig Fuß oder mehr) und der pfeifenden Gewalt 
im Niedersausen, die wohl sogar diese Eisenwände zu durdisdmeiden 
vermodite, würde das Pendel dodi minutenlang nur meine Kleider 
sdilitzen." 

Inzwischen steigt das Pendel immer tiefer und tiefer und 
tiefer herab. 

„Ich sah, daß weitere zehn oder zwölf Schwingungen den Stahl 
nun tatsädilidi in Berührung mit meinen Kleidern bringen würden, 
und bei dieser Beobaditung überkam meinen Geist ganz plötzlidi 
die klare, gesammelte Ruhe der Verzweiflung. Zum erstenmal seit 
vielen Stunden oder vielleidit Tagen dachte ich. Ich gewahrte jetzt, 
daß die Riemen und Gurte, die mich umschlangen, aus einem 




Wassergrube und Pendel 147 

einzigen Stüdc bestanden. . . . Der erste Schnitt des rasiermesser- 
sdiarfen Halbmonds würde also meine gesamten Fesseln derart 
lösen, daß ich sie mit Hilfe meiner linken Hand abwinden konnte." 

Vergebliche Hoffnung! Der Gequälte hebt den Kopf so 
hoch, daß er seine Brust überblicken kann. 

„Die Gurte umwanden Glieder und Körper nach allen Rich- 
tungen — nur nicht in der Schnittbahn des zerstörenden Pendels!" 

Aber das unbestimmbare Gefühl, die Hoffnung, die ihn 
vorhin, als er die Nahrung zu sich genommen, beglückt hat, 
taucht wieder auf. 

„Seit vielen Stunden wimmelten die Ratten um den niedrigen 
Holzrahmen, auf dem ich lag. Sie waren wild, frech, zudring- 
lidi . • • Mit den Stückchen des fettigen und starkgewürzten Fleisches, 
das mir nodi geblieben, rieb ich nun die Gurte überall da ein, wo 
sie mir erreichbar waren; dann zog ich die Hand zurüdi und lag 
atemlos still." 

Zu den Ratten, die ihn bereits umkreisen, kommen nun 
neue Sdiaren aus dem Brunnen hinzu und stürzen sich auf den 
Gequälten. Ein unsagbares Ekelgefühl packt ihn bei dieser Be- 
rührung; aber, meint er, 

„idi hatte mich in meiner Berechnung nicht geirrt, idh hatte nidit 
umsonst ausgehalten. Ich fühlte endlich, daß idi frei war. Die 
Gurte hingen in Fetzen um meinen Leib. Aber das schwingende 
Pendel berührte schon meine Brust. Es hatte den Stoff meines 
Kleides gesdilitzt. Es hatte das Hemd durchschnitten. Zwei weitere 
Sdiwingungen machte es, und ein stechender Schmerz zuckte mir 
durdi alle Nerven. Aber der Augenblick der Befreiung war ge- 
kommen . . ." 

Ruhig und vorsiclitig entgleitet der Verurteilte „den um- 
sdilingenden Bändern und dem Bereich der stählernen 
Sdineide". Dann ruft er aus: „Für den Augenblick wenigstens 
war ich frei!" Aber die Inquisition wacht. 

„Idi war kaum von meinem hölzernen Marterbrett auf den 
Steinboden der Zelle getreten, als die Bewegung der Höllenmaschine 




148 Die Ceschidoten: Der Zyklus Vater 



l 



aufhörte und idi gewahrte, wie sie von irgendeiner unsichtbaren 
Kraft zur Decke emporgezogen wurde . . ." 

Weldie neue Qual, denkt der Unglückliche voll Entsetzen 
wartet jetzt auf mich? 

„Irgendetwas Ungewöhnlidies — eine Veränderung, die idi zu. 
nächst nidit genau feststellen konnte — hatte unverkennbar hier 
(in dem Raum) stattgefunden." 

Der Gefangene bemerkt nun, daß die Eisenwände des 
Gefängnisses durch eine Spalte „von etwa eines halben Zolles 
Breite" vom Boden getrennt sind: von dorther dringt der 
sdiweflige Lichtschein durch. Da „. . . begriff ich auf einmal die 
geheimnisvolle Veränderung des Raums". Die Farben der 
Wandfiguren, die vorher 

„verblaßt und unklar schienen . . ., erstrahlten jetzt von Augen- 
blick zu Augenblids in immer stärker werdendem Glänze . . . Seltsam 
gespensterhafte Augen . . . glühten in schauerlichem Glänze eines 
Feuers, das hinter den Wänden flammen mußte, sosehr idi mir audi 
einzureden Versuchte, es bestände nur in meiner Einbildung. 

Einbildung! Bei jedem Atemzug drang in meine Nase der 
Dunst von glühendem Eisen. Ein erstickender Geruch beherrschte 
den ganzen Raum . . . Ein satteres Karmin ergoß sidi über die 
blutigen Gemälde. Ich keudite. Ich rang nach Atem. An der Absidit 
meiner Peiniger war nicht zu zweifeln ... Ich flüchtete vor dem 
glühenden Metall in die Mitte der Zelle. Gegenüber der Vernidi- 
tung durch das Feuer, die meiner wartete, erschien mir der Gedanke 
an die Kühle des Brunnens wie lindernder Balsam. Ich eilte an 
seinen gefahrvollen Rand; ich spähte gespannt hinunter. Der Glut- 
schein von der glühenden Dedse erleuchtete seine verborgensten 
Winkel. Dennoch — eine verzweifelte Minute lang — sträubte sich 
mein Geist, den Sinn dessen zu erfassen, was ich da unten sah. 
Doch endlich zwang — wand es sich in meine Seele . . . ,Alle andern 
Sdirecken, nur nidit diese!' ächzte ich und stürzte schreiend vom 
Brunnenrande fort, vergrub das Gesicht in die Hände und weinte 
bitterlich." 

So groß ist die Angst vor dem Brunnen selbst bei dem vom 
Feuer bedrängten Gequälten. 



i 



Wassergrube und Pendel 149 

Die Hitze nahm zu, und wiederum hob idi den Blick, halb 
ahnsinnig, zur Deiie. Eine neue Veränderung hatte sidi vollzogen, 
■ Veränderung in der Form der Zelle . . . Der Raum war qua- 
rfratisdi gewesen. Jetzt sah ich, daß zwei seiner Eisenedken spitz- 
«rinkelig. die anderen folglidi stumpfwinkelig geworden waren, 
nie schredcliche Veränderung ging mit leisem Knarren immer weiter 
vorwärts. Einen Augenblick später hatte der Raum die Gestalt 
eines schiefen Vierecks. Aber die Bewegung hielt hier nicht inne 
^ ich hoffte und wünscäite dies nicht einmal. Ich hätte die rot- 
glühenden Wände an meine Brust ziehen mögen wie ein Gewand 
ewiger Ruhe. ,Tod!' sagte ich, ,willkommen jeder Tod, nur nicht 
der im Brunnen!' Narr, der ich war! Mußte ich nicht wissen, daß 
der Brunnen nötig, ja daß es der einzige Zweck des brennenden 
Eisens war, mich in den Brunnen zu drängen? . . . Und jetzt — 
enger und immer enger schob sich das Viereck zusammen mit einer 
Sdinelligkeit, die mir keine Zeit zum Überlegen ließ. Seine Mitte 
und also auch sein weitester Raum bildete sich genau über dem 
»lühenden Abgrund. Ich wich zurück . . . Endlich gab es für meinen 
wunden, zuckenden Körper keinen Zoll Raum mehr auf dem festen 
Boden. Ich kämpfte nicht länger, aber die Todesangst meiner Seele 
sdirie auf in einem einzigen, langen, lauten, verzweifelten Schrei. 
Idi fühlte, wie ich auf dem Brunnenrande wankte — ich wandte 
die Augen ab — 

Ein verworrenes Geräusch wie von Menschenstimmen! Ein lauter 
Ton, wie gewaltiger Trompetenstoß! Ein Dröhnen und Kraciien 
wie tausendfacher Donner! Die feurigen Wände wichen zurück! 
Ein Arm packte den meinigen, als ich ohnmächtig in den Abgrund 
zu fallen drohte. Es war der Arm des Generals Lasalle. Die fran- 
zösische Armee war in Toledo eingezogen. Die Inquisition befand 
sich in den Händen ihrer Feinde." 

So sciiließt diese Geschichte mit einer Art Kaisersdinitt, die 
zum Wohl des Gequälten vom General Lasalle in Person, von 
der Verkörperung des guten Vaters, der zu den 
schlechten Vätern, den Inquisitoren, im Gegensatz 
steht, durcJigeführt wird. 




im 



15° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



„Hier haben wir", wird mandier Leser nach der Lektür 
dieser Inhaltsangabe sagen, „eine Geschichte vor uns, die es 
nicht nötig hat, daß man ihr einen latenten, verschrobenen 
komplizierten Sinn unterlegt. Die Phantasie Poes, eine sadisti- 
sche Phantasie — das geben wir zu! — fand eben Gefallen 
daran, Schrecken und Qualen zu erfinden, und das gelang ihr 
ganz vorzüglich. Es ist uns unverständlich, warum wir das alles 
mit den absurden Mutterleibsphantasien in Verbindung bringen 
müssen, auf die bereits zu Beginn dieses Kapitels hingewiesen 
wurde, und wahrsdieinlich mit noch ärgeren, unser Gefühl ver- 
letzenden Phantasien, die uns nicht erspart bleiben werden!" 
Wassergrube und Pendel ist jedoch, gleich allen 
Nacht- und Tagträumen der Menschen, tatsächlich einem Ge- 
sang in zwei Tonlagen zu vergleichen. 

Es ist natürlich durchaus möglich, daß raffinierte Henker 
sidi w i r k 1 i c h ein Gefängnis mit geheizten Eisenwänden, mit 
einem schwindelerregenden Brunnen, mit einem langsam herab- 
steigenden und zisdienden Pendel ausdenken, den Raum, in 
weldiem unser Verurteilter im Sterben liegt. Dies alles ist an 
sich also wirklidi möglich, und jene Qualen und Torturen sind 
gewiß imstande, uns Angst und Schrecken einzujagen. 

Aber alle diese Wirkungen würden nicht zur Erklärung der 
Tatsache ausreichen, warum das Hirn Poes unter allen dem 
Menschen zugänglichen Angstthemen gerade diese besonderen 
Themen gewählt hat, und warum gerade diese Ansammlung 
von gehäuftem Schrecken uns nicht kalt läßt wie viele ähnlidie 
Ausgeburten der Phantasie, sondern bis in die Knochen frieren 
macht. 

Ein solches Ergebnis konnte nur dadurch erreicht werden, 
daß diese mit Grausamkeiten geschmückte Erzählung für Poe 
selbst mit jener tief in ihm verankerten und unbewußten Libido 
besetzt war, die allein es möglich macht, das Unbewußte des 
Autors in einem Kunstwerk — also auf Wegen, die dem 




Wassergrube und Pendel iji 

Bewußtsein fremd bleiben — mit dem seiner Leser kommuni- 
zieren zu lassen. 

Und wenn audi die höhere Tonlage des Gesangs vom 
Sdirecken, jene Lage, in der vom Gefängnis und von den durch 
die Inquisition erfundenen Qualen die Rede ist, sidi ober- 
flädilidi durch sidi selbst zu erklären scheint, ist es unsere 
pflidit als Analytiker, die tiefer liegende Strömung des Gesanges 
von der Angst, die allein der grauenhaften Harmonie ihre Be- 
deutung und Größe verleiht, hörbar zu machen. 

Nun sdieinen zwei große latente Themen, die aus der Tiefe 
von Poes Unbewußtem hervorbrechen, den Diditer zu 
Wassergrube und Pendel inspiriert zu haben: einer- 
seits entdecken wir in dieser Gesdiidite, und das haben wir 
sdion erwähnt, eine Mutterleibsphantasie nadi dem Angst- 
sdiema, mit dem sie hier, aber das muß nidit immer der Fall 
sein, verbunden ist; andererseits begegnen wir — ein Faktum, 
das wir bei der Nacherzählung der Gesdiichte noch nicht be- 
rührt haben — der homosexuellen, masochistischen Passivität 
des Sohnes gegenüber dem Vater, die hier gleidifalls nach 
dem Angstschema ausgedrüdkt wird. 

Und nodi ein drittes Problem istinWassergrubeund 
Pendel verborgen: das große Fundamentalproblem vom Ur- 
sprung der Angst, das bisher allerdings weder biologisdi nodi 
analytisch gelöst ist. 

Wir besdiäfligen uns nun mit dem ersten Thema: die Ein- 
kerkerung des Verurteilten in sein unheimliches Gefängnis ist 
von uns tatsächlich ohne weiteres als eine Mutterleibsphantasie 
erkannt worden. 

Die Mutterleibsphantasien sind Erbgut der gesamten Mensdi- 
heit. Alle Erwadisenen schaffen diese Phantasien in ihren 
Träumen, in den verschiedensten Äußerungen ihres Un- 
bewußten, alle Kinder verraten bis in ihr Benehmen hinein, daß 
sie diese Phantasie kennen. Man darf diese Phantasie jedodi 




IJ2 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



l 



keineswegs mit der biologisdien Tendenz einer Regression in 
den Fötalzustand verwechseln, mit einem Bestreben, das wahr- 
sdieinlidi allen Tieren gemeinsam ist, welche in ihrer Frühzeit 
ein amniotisdbes Leben geführt haben.^* Eine deutliche Mani- 
festierung dieser Tendenz ist in der Tatsache zu sehen, daß 
diese Tiere das Bedürfnis haben, periodisch in einem Ruhe- 
zustand, im Dunkeln, häufig sogar in einer pränatalen Körper- 
haltung zu schlafen. Eine andere Äußerung der gleidien 
Tendenz läßt sich im Koitus erkennen, in der partiellen Rüci- 
kehr in den Körper des "Weibchens, die jedodi wirklich und 
vollkommen nur den Spermatozoiden gelingt. Der Penis führt 
bloß eine teilweise und temporäre Rückkehr durch; der ganze 
Körper erlebt durch die "Wollust, die ihn durciidringt, nur eine 
sozusagen per procura durchgeführte Rückkehr zum pränatalen 
Glück. 

"Wir sehen aber von dieser biologisdien Seite des Phänomens 
ab und kehren zu unserem eigentlichen Thema zurück, zu den 
Mutterleibs phantasien, den psychischen Gebäuden — 
denen die Biologie allerdings, wie allen Phänomenen unserer 
psychischen Gesamtstruktur, die Unterlage bietet — , zu jenen 
Phantasien also, welche das Kind zu träumen beginnen kann, 
sobald es seinen früheren Aufenthalt im Mutterkörper ahnt. 

Im Gegensatz zu dem, was Rank in seinem Trauma der 
G e b u r t^^ — einem Buch, von dem wir später noch spredien 
werden — behauptet hat, sind nun die von der Phantasie des 
Erwachsenen oder Kindes geschaffenen Mutterleibsphantasien 
keineswegs notwendig mit Angst besetzt. Es gibt viele 
solcher Phantasien, die geradezu glückliche Träume sind. Idi 

64) Zu dieser Stelle und dem Folgenden: das sdiöne Buch von 
Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie (Int. PsA, 
Verlag 1924). 

6j) Rank, Das Trauma der Geburt (Int. PsA. Verlag 
1924). 




Wassergrube und Pendel ij3 

habe zum Beispiel ein kleines Mädchen gekannt, dessen Lieb- 
lingsspiel darin bestand, zu Hause mit Stühlen und Tüchern, 
jjg es über die Stühle warf, kleine Häuschen, kleine ver- 
sdilossene und gut abgeschlossene Schlupfwinkel zu bauen, in 
denen kaum Licht und Lufl eindringen konnten; dort ver- 
brachte es viele glücklidie Stunden. So sehr man sich nun 
bemühte, die Kleine aus ihrem Versteck herauszuholen und ins 
Freie, an die Sonne zu führen, man hatte keinen Erfolg: das 
Kind verließ nur ungern die geschlossenen Räume und hielt 
sich auch weiterhin am liebsten in ihrem Innern auf. 

Die Analyse, die später bei dem zur Frau herangereiften 
Mädchen durchgeführt wurde, zeigte, daß dieses Kinderspiel 
eine diarakteristisdie Phantasie der Rückkehr in den Mutterleib 
war. Bloß in diesen kleinen symbolischen Häuschen fand sie 
Ruhe, das Obdach in der Mutter — wobei zu betonen ist, daß 
sie die Mutter frühzeitig verloren hatte. Diese wirklich erlebten 
und ihrem Ursprung treu gebliebenen Phantasien waren mit 
tiefstem Glück besetzt und von jeder Angst frei. Es gibt sehr 
viele, von der Imagination des Kindes, ja sogar von der des 
Erwachsenen erschaffene Mutterleibsphantasien, die ebenso mit 
Glück besetzt bleiben wie die hier zitierte. 



Warum ist nun, fragen wir uns, die Mutterleibsphantasie, 
von der ihrem Ursprung nach nichts anderes ausgehen sollte 
als Ruhe, Süße, Glückseligkeit, so häufig mit Angst besetzt, 
daß sie schließlich zur Angstphantasie par excellence wird? 
Tatsächlich entdecken wir diese Phantasie bei der "Wurzel der 
versdiiedenen Klaustrophobien; und sie ist es auch, die sich 
in jener Phantasie verwirklicht, der man sozusagen den ersten 
Preis für Angstphantasien verleihen könnte, in der Furcht, 
lebend begraben zu werden, in dieser Angst, die gerade Edgar 
Poe heimsuchte und ihm die grauenhafte und großartige 




154 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



Vision, die Gesdiidite Lebendig begrabe n'^ eingab- 
alle Gräber der Erde sind zugleich geöffnet, die Toten 
bewegen sidi in ihnen im phosphoreszierenden Leuditen ihrer 
Zersetzung. 

Rank hat geglaubt, auf diese Frage im Trauma der 
Geburt eine entsprediende Antwort geben zu können. Wir 
streben alle, sagt er, nach einer Rüdikehr in jenen Zustand der 
U r 1 u s t, als den wir den Aufenthalt des Fötus im Mutterleib 
anspredtien müssen, in einen Zustand, in dem uns jede ver- 
wirrende und bedrückende Aufregung, die von der äußeren 
Welt kommt, noch erspart geblieben war, und in dem wir wie 
in paradiesischer Seelenruhe badeten. Aber auf dem Weg, den 
diese Regression geht, steht ein Hindernis: die Erinnerung 
an das Ereignis, das jenen Zustand katastrophal beendet, uns 
aus dem Paradies verjagt hat, nämlich das Ereignis der Ge- 
burt und der Affekt, der damit verbunden war und der 
unsere Urangst bildet. Jedesmal nun, wenn die Erinnerung 
an dieses verlorene Paradies im Mutterleib uns wieder heim- 
sudit, erwacht gleichzeitig die Erinnerung an das Hindernis, 
das regressiv jener Rückkehr im Wege steht. Die Erinnerung 
an das Paradies ist daher jedesmal automatisch mit Angst 
besetzt: in das ursprünglidi paradiesische Gefängnis 
strömt sozusagen die Angst zurück, die in dem engen 
Brunnen der Angst erlebt wurde, durdi den man hinaus 
mußte. 

Das läßt sidi, wird man sagen, ganz vorzüglich auf unseren 
Verurteilten der Inquisition anwenden, bei dem die Angst vor 
dem Brunnen dominiert, eine Angst, die ihn jeden andern Tod, 
und sei es der Tod durchs Feuer, dem Tod durch den Brunnen 
vorziehen läßt, in dem Augenblick, in dem sich die brennenden 

66) The Premature Burial. (Zuerst ersdiienen: August 1844, 
in einer unbekannten Zeitschrift Philadelphias; Broadway Journal, 
I, 24.) 



k 



Wasser grübe und Pendel rjj 



T0(7ände des Raumes wie die "Wände des Uterus um ihn 
zusammenziehen, eine Bevorzugung, die rational genommen, 
uns denn doch in Erstaunen versetzt. 

Die Möglichkeit einer psychologischen Erinnerung 
an die Angst bei der Geburt muß jedoch bezweifelt werden. 
Freud hat daher die kühne, aber allzu einfache Theorie Ranks 
inHemmung, Symptom und Angst einer kritisdien 
Untersuchung unterzogen. 

Der Gedanke, daß die physiologischen Phänomene bei der 
Geburt: Störungen im Rhythmus des Herzschlags, ja sogar 
Asphyxie usw. das Urbild der Angstphänomene des ganzen 
zukünftigen Lebens bilden, ging von Freud aus. Er hat ihn in 
dem Kapitel über die Angst in der Einführung in die 
Psychoanalyse und an einigen andern Orten ausgeführt. 
Aber Rank trennte sich von Freud durch den Einfall, daß 
er aus der Geburtsangst eine psychologische Erinnerung 
hat machen wollen, daß er also nicht mehr bloß eine physio- 
logische Tatsache in ihr gesehen hat, eine Erinnerung, 
die uns unser ganzes Leben hindurch heimsuchen würde. Man 
kann nun Rank, wie mir Freud sagte, von der Stelle an nicht 
mehr folgen, wo er behauptet, der Fötus e r i n n e r e sich derart 
an den Durchgang durch die mütterliche Vagina, daß das weib- 
iidie Organ für alle menschlichen Wesen für immer mit Angst 
besetzt bleibt. Rank verweist dadurch die im Zentrum stehende 
Kastrationsangst in den Hintergrund, er relegiert dadurch eine 
Angst, die gewiß eher als die Geburtsangst jene immer offene 
Wunde mit Angst besetzt, durch die im Unbewußten aller 
Mensdien das weibliche Organ dargestellt wird. 

Man kann übrigens in den Mutterleibsphantasien, wenn sie 
mit Angst besetzt sind — was, wie wir wissen, nicJit immer 
der Fall sein muß — , audi andere Angstelemente entdecken 
als es jene sind, welche von der „Erinnerung" an die Geburt 
herkommen. Der Erwachsene, ja sogar das Kind, die diese 




1 



ij6 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Phantasien erzeugen, haben im Verlauf ihres Lebens audi andere 
Angstgefühle als die bisher genannten erlebt — nämlich jene 
weldie Freud in Hemmung, Symptom und Angst 
in chronologischer Reihenfolge aufgezählt hat: der Geburtsangst 
folgt bald die Angst der Trennung von der schützenden Mutter 
die jedesmal auftaucht, wenn sie abwesend ist, dann kommt die 
große Kastrationsangst, die ihm von den Erziehern zugefügt 
wird in Verbindung mit dem Zurückdrängen der infantilen 
Sexualität, dann erleben wir die Gewissensangst, die von der 
Introjizierung der Drohungen jener Erzieher herkommt, als 
letzte schließlich die Todesangst, die Angst des Idis, das narziß- 
tisch für seine Existenz zittert, wenn es von der Möglidikeit des 
Sterbens erfahren hat, weldie dem Unbewußten immer ver- 
borgen bleibt. 

Zu der Mutterleibsphantasie können nun durdi Regression 
alle diese Angstzustände hinzukommen und es ist im ersten 
Augenblick sdiwierig, zu unterscheiden, was von dem einen 
oder von dem andern ausgeht, da diese Gefühle meistens auf 
das innigste miteinander verknüpft sind. 



Gehen wir nun an die eigentliche Analyse der Poeschen 
Angstphantasie in "Wassergrube und Pendel heran. 

Ein Unglücklidier wird durdi die Sdilechtigkeit der Väter, 
die nichts anderes als der ins Unendliche, in einen Plural 
der Majestät vervielfältigte Vater sind, verurteilt, weil er nidit 
blind an sie geglaubt hat, weil er sich ihnen nicht unterworfen 
hat, kurz, er wird wegen des Verbrediens der Ketzerei, das er 
gegen den Vater begangen, zu irgendeiner sdirecklichen Strafe 
verurteilt, deren Ende der Tod sein soll. Aber der Tod und 
seine Vorläufer nehmen hier die — für das Unbewußte aller- 
dings klassische — Gestalt der Rückkehr in den Mutterleib an, 
der Rückkehr in den ursprünglichen Fötalzustand, nach dem 



I 




Wasser grübe und Pendel ij7 

sidi die Phantasie des Mensdien den endgültigen postmortalen 
Zustand vorstellt. Der Verurteilte ist in einem tiefen, unter- 
irdischen, dunkeln, feuchten Gefängnis eingeschlossen, aus dem 
sonderbarerweise das Gefühl der Kälte ausgeschlossen zu 
sein sdieint — was umsomehr auffällt, als es am Sdiluß der 
Gesdiidite von dem Gefühl der brennenden Hitze abgelöst 
wird, die von den roten Wänden ausgeht, welche sich wie 
ein riesiger Uterus zusammenziehen, um den Fötus in den 
Itloakisdien Geburtsbrunnen zu drängen. 

Wir wollen aber nicht vorgreifen! Der Verurteilte entrinnt 
auf wunderbare Weise ein erstes Mal einer, wie man sagen 
könnte, vorzeitigen Geburt, dem Brunnen. Er bleibt in dem 
Angstuterus, der sein unheimliches Gefängnis ist, eingeschlossen, 
er wird dort beherbergt, beschützt. Und dies alles, alle diese 
beunruhigenden Ereignisse werden von Episoden, die eine 
Art Rüdkehr in den Fötalzustand darstellen, abgelöst, von 
Rückfällen in tiefe, traumlose Schlafzustände, aus denen der 
Gefangene immer wieder hungrig, besonders aber durstig 
erwacht. Vielleicht steckt darin (wie in der Erzählung Pyms) 
eine Erinnerung an die Qualen, welche der schlechtgenährte 
kleine Edgar hat erleiden müssen, als er an der Brust der 
sdiwindsüchtigen Mutter nur wenig Mildi fand. 

Aber nachdem der Gefangene ein erstes Mal dem kloakischen 
Geburtsbrunnen entronnen ist, erwadit er. Er ist von einem 
sdiwefligen Leuchten umgeben, das es ihm möglich macht, die 
fürchterlichen, grimassenschneidenden Gestalten zu sehen, die 
auf die Mauern des Gefängnisses gezeichnet sind. Diese scheuß- 
lidien Dämonen erinnern an die Totemtiere, an jene Darstel- 
lungen des Vaters durch die primitive Phantasie, und wenn der 
Gefangene die Augen aufwärts richtet, entdeckt er gar die 
eigentliche Gestalt des kastrierenden Vaters: er sieht die Zeit 
mit ihrer Sense. Wenn nun auch unser Verurteilter in der 
Finsternis seines Gefängnisses allein bleibt, in seiner Verzweif- 



158 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



lung von jeglicher Hilfe verlassen ist, wenn die Angst vor der 
Finsternis auch zum Teil dem entspricht, was Freud" über die 
Angst des Kindes vor dem Dunkel gesagt hat (von der Mutter 
getrennt, von der Beschützerin verlassen), so ist die Einsamkeit 
unseres Opfers der Inquisition dodi nicht eine wirkliche Ein- 
samkeit: von allen Seiten her wachen die schrecklichen Augen 
unsichtbarer Väter über ihn, die geringste seiner Bewegungen 
wird, man weiß nicht woher, belauscht, und die Zeit mit ihrer 
Sense, der kastrierende Vater, ist da, anwesend, und be- 
herrscht ihn. 

Das Thema von den Pendeln, den großen Uhren mit den 
mörderischen Stahlgewichten erscheint übrigens hier nicht zum 
erstenmal im "Werke Poes. Sdion bei der Signora Psydie 
Zenobia in Ein schlechter Paß — Die Sense der 
Zeit"* waren die Augen aus ihren Höhlen herausgedrüAt 
worden und der Kopf wurde durch den großen Zeiger einer 
Kathedraluhr abgesdinitten. Wir haben es dabei gleich mit zwei 
klassisdien Kastrationssymbolen zu tun, die übereinandergelegt 
und — wie in der Schwarzen Katze — auf eine Frau 
angewendet wurden. Die große, unheimliche Uhr im Roten 
Tod mit ihrer düsteren Stimme, dem sdiweren Pendel, eine 
Doublette des Totengespenstes, das neben ihr stand, war ein 
Vater-Symbol, das den Untergang des Sohnes anzeigt. Nirgends 
aber ist der Sohn so entwaffnet und dem Vater so masochistisdi 
ausgeliefert worden, wie in der Strafe, die das Pendel im 
Inquisitionsgefängnis an ihm durchführen soll. Denn bei dieser 



6y) Siehe Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse, S. 474, Int. PsA. Verlag, 19 17. Ein Kind, 
das sich in einem finstern Raum befindet, in dem es Furdit hat, 
bittet seine Tante, mit ihm zu spredien. „"Wenn jemand spridit", 
sagt es, „wird es heller." 

68) A Predicament. The Scythe of Time (The American Museum, 
Dezember 1838; 1840; Broadway Journal, II, 18). 




Wassergruhe und Pendel ijj 

Vision ist der Sohn wie ein Neugeborener geknebelt und ein- 
gewickelt, unbeweglich wie ein Fötus liegt er auf der niedrigen 
hölzernen Wiege, um ihn herum die Wände des Gefängnisses, 
ein Ersatz für den mütterlichen Körper, und über ihm die Zeit, 
die ihr Sensenpendel sdiwingt. 

Woran erinnert uns nun diese Phantasie? An Phantasien, 
denen wir im Verlauf klinischer Analysen begegnen, wobei es 
ganz gleichgültig ist, ob es sich um die Analysen von Frauen 
oder Männern handelt. Alle diese Phantasien reproduzieren, so 
seltsam dies auch dem erscheinen mag, der die phantastische 
■^elt des Unbewußten nidit kennt, eine bestimmte, gleidie 
Phantasiesituation: die des Kindes, das sich einbildet, noch im 
Mutterleib eingeschlossen und dort beim Koitus seiner Eltern 
zugegen zu sein. Man nennt diese Phantasie, mit einem ana- 
lytisdien Terminus, eine intrauterine Koitusbeob- 
achtung. Man kann dabei natürlich nicit von einer 
„Erinnerung" sprechen! Es handelt sich zweifellos um eine 
Phantasie, die gewiß erst geschaffen wurde, nachdem das Kind 
Gelegenheit hatte, den Koitus der Erwachsenen zu beobachten, 
den es nun regressiv in die Vergangenheit projiziert. 

Aber welcher Trieb regt denn diese Phantasie an, durch 
weldien unbewußten Wunsch wird sie hervorgerufen? Diese 
Frage ist deshalb berechtigt, da es ebensowenig eine unbe- 
gründete Phantasie gibt wie einen unbegründeten Traum. Der 
unbewußte Wunsch, der eine solche Phantasie erzeugt, ist, wie 
man nicht anders erwarten kann, sexueller, libidinöser Natur. 
Das Kind, welches dem Koitus der Großen beigewohnt hat, 
identifiziert sich im Laufe dieses Schauspiels (was einem vor- 
geformten Triebmechanismus entspricht) mit dem einen und 
dem andern der beiden Partner, öfters aber mit dem einen 
oder dem andern, je nachdem das maskuline oder feminine 
Element in ihm dominiert. Man würde nämlich fehlgehen, 
wollte man annehmen, jeder einzelne unter uns sei, biologisch 




1 



i6o Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

genommen, ausschließlich männlich oder weiblich. Die Bisexua- 
lität steckt mehr oder weniger stark in jedem Lebenden, in, 
Mann beharrt mehr als ein feminines Element, so wie in der 
Frau mehr als ein maskulines. Diese Tatsache wird durch die 
Forschungen der Embryologie, der Anatomie, der Physiologie 
glaubhaft gemacht; zu diesen Zeugnissen kommen noch die Ent- 
deckungen der Psychoanalyse oder Tiefenpsychologie, bis die 
Endokrinologie das entscheidende Wort gesprochen haben 

Das Verhältnis jedodi, in dem sich das Männliche mit dem 
Weiblichen vermengt, ist bei jedem von uns ein anderes. Es gilt 
aber als eine wesentliche Bedingung für die Gesundheit des 
Mannes, daß seine Konstitution das Maximum an Männlichkeit 
enthält. Diese Bedingung scheint bei Poe überaus sdiledit 
erfüllt worden zu sein: wir wissen bereits, wie schwächlich sidi 
bei diesem psychisch gehemmten Impotenten die Männlichkeit 
verteidigt hatte, und die Phantasie des Gequälten unter dem 
Pendel bietet dafür einen neuerlichen Beweis. 

Poe schrieb nun diese erste der Geschichten, weldie von seiner 
Passivität gegenüber dem Vater sprechen, in jener Zeit, in der 
die Anfälle von Paranoia — die nach Freud immer auf Homo- 
sexualität basiert sind — einsetzten."^ 

Daß die Pendelphantasie homosexuellen Charakters ist, 
erscheint uns evident: das Pendel ist ein durchsichtiger Ersatz 
für den Vaterphallus, mit seiner Hin- und Herbewegung beim 
Koitus. Das Kind im Mutterleib wird hier oder ist hier zu 
gleicher Zeit wie die Mutter vom väterlichen Penis besessen, 
durchdrungen: dank seiner bisexuellen Konstitution kann sidi 

68a) Maranon, La evolution de la sexualidad y 
los estados intersexuales. Madrid, Morata 1930. 

65) Israfel, S. 569: die Briefstelle (Poe an Tomlin, 28. August 
Z843), in c'^r Poe seinen Freund "Wilmer der Verleumdung ver- 
däditigt und durdi die übelsten Beinamen besdiimpfl. 



J 




Wassergrube und Pendel 161 



nämlich '^^^ Kind in dieser Gesdiidite mit der Frau identifi- 
zieren und den väterlichen Penis nach femininem Schema in 
der Phantasie erleben. Aber diese Phantasie wurde bei Poe von 
einer tiefgehenden Regression und auch von einer starken Miß- 
billigung begleitet, weil er doch zum größten Teil im Verlauf 
seiner libidinösen Entwicklung auf der analsadistisdien Stufe 
stehengeblieben, auf der er als noch nidit ganz Dreijähriger 
seine Mutter verloren hatte, und außerdem, weil er, was das 
Sexuelle im allgemeinen anbelangt, durch seine Erziehung 
überaus moralisch geworden war. Daher äußert sidi bei ihm 
der Einfall, er werde vom Vater auf eine überaus grausame 
masochistische und strafende Weise besessen: der Penis des 
Vaters wird zu einem menschentötenden stählernen Halbmond, 
der in den Sohn eindringt und sein Herz verstümmeln 
(kastrieren) wird, das schlagende Herz, weldies schon in so 
vielen Erzählungen Poes das Symbol für die phallische, sexuelle, 
verbotene Tätigkeit war, die bestraft werden muß. In dieser 
Phantasie werden daher sowohl die libidinöse Passivität gegen- 
über dem Vater als auch das Gefühl von einer sdiuldbeladenen 
Sexualität ganz großartig befriedigt. Und hier finden wir 
wieder das Angstproblem. Welches ist also der Ursprung der 
Angst, von der diese ganze Geschichte erfüllt ist? Die Geburts- 
angst würde zur Erklärung nicht ausreidien, trotzdem in der 
ganzen Geschichte das Grauen vor dem Brunnen dominiert; 
auch die Trennungsangst nicht, trotzdem der Verurteilte in der 
Finsternis allein isoliert ist. Ich glaube, daß diese Geschichte 
von der Kastrationsangst beherrscht wird, von der übrigens 
audi mehr oder minder die Gewissensangst und sogar die 
Todesangst herkommen. Die langsame Kastrierung des Herzens 
— das durch Verschiebung zu einem phallischen Organ ge- 
worden ist — droht dem Gequälten von dem funkelnden, 
stählernen Halbmond. Der Schrecken vor dem Brunnen kann 
gleidifalls zum großen Teil von der Furdit vor der Kastration 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 11 




102 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

herkommen, da für Poe die Vagina der Frau verboten, ge- 
fürditet, gezahnt und kastrierend war. 

Diese ganze Geschichte beweist also, daß Poe unter dem 
Druck der Kastrationsdrohung vor dem geträumten Inzest 
seiner Kindheit und der Sexualität im allgemeinen ständig 
zurückwich. In Freuds Hemmung, Symptom und 
Angst'" befindet sich nun eine Stelle, welche unsere Angst- 
gesdiichte derart beleuchtet, daß wir sie ganz zitieren müssen. 
Nachdem Freud ausgeführt hat, daß in allen Fällen die Angst 
— und zwar sowohl die neurotische als auch die real zu 
nennende Angst — durch die Wahrnehmung einer wirk- 
lichen Gefahr erzeugt wird, wobei diese Gefahr von innen 
aus dem das Ich bedrohenden Trieb (neurotische Angst), oder 
von außen, durdi eine Drohung, weldie von der äußeren Welt 
(real zu nennende Angst) ausgeht, herkommen kann, fügt er 
hinzu, indem er im besonderen von der Kastrationsangst 
spridit: „Ein vollberechtigt scheinender Gedankengang von 
F e r e n c z i'^ läßt uns hier die Linie des Zusammenhanges" 
(der Kastrationsangst) „mit den früheren Inhalten der Gefahr- 
situation deutlich erkennen. Die hohe narzißtische Einschätzung 
des Penis kann sich darauf berufen, daß der Besitz dieses Organs 
die Gewähr für eine Wiedervereinigung mit der Mutter (den 
Mutterersatz) im Akt des Koitus enthält. Die Beraubung dieses 
Gliedes ist soviel wie eine neuerliche Trennung von der 
Mutter, bedeutet also wiederum, einer unlustvollen Bedürfnis- 
spannung (wie bei der Geburt) hilflos ausgeliefert zu sein. Das 
Bedürfnis, dessen Ansteigen gefürclitet wird, ist aber nun ein 
spezialisiertes, das der genitalen Libido, nicht mehr ein be- 
liebiges wie in der Säuglingszeit. Ich füge hier an, daß die 



70) Hemmung, Symptom und Angst, S. 85. 

71) Bezieht sidi auf den schon zitierten Versuch einer 
Genitaltheorie. Siehe S. i j2, Anmerkung 64. 



IM 




Wassergrube und Pendel 163 

Phantasie von der Rückkehr in den Mutterleib der Koitus- 
ersatz des Impotenten (durch die Kastrationsdrohung Ge- 
hemmten) ist. Im Sinne Ferenczis kann man sagen, das 
Individuum, das sich zur Rückkehr in den Mutterleib durch sein 
Genitalorgan vertreten lassen wollte, ersetzt nun regressiv dies 
Organ durch seine ganze Person." 

Wenn nun jemand durch Kastrationsdrohung gehemmt war, 
dann war es Edgar Poe! Es kann daher niemand überraschen, 
daß es in seinem Gesamtwerk von Mutterleibsphantasien, 
diesen „Koitusersatz des Impotenten", nur so wimmelt, und 
daß diese Phantasien in der bezeidinendsten und größten unter 
allen, in Wassergrube und Pendel kulminieren . . . 

Wie wir aber bereits gesagt haben, spricht diese Erzählung 
nidit nur von der Rüdckehr in den Mutterleib, der durdi das 
tiefe Gefängnis, den kloakisdien Brunnen, und die sich zu- 
sammenziehenden Wände symbolisiert ist. Die der Verdrän- 
gung des Inzests innewohnende Angst besetzt gewiß einen Teil 
der Geschichte: die Genitalgefahr, welche von der Mutter, der 
Frau, ausgeht, verrät sich hier in der Ausdrucksweise des 
Impotenten, der Poe war — in pränataler Sprache. Und diese 
der Mutter zugewendete Seite der Erzählung ist mindestens 
ebenso mit Angst besetzt — vor dem Brunnen fürchtet sich der 
Gequälte am meisten — wie die andere, dem Vater zugekehrte 
Seite. Es darf jedoch die beängstigende Rolle, weldhe hier audi 
der Vater spielt, keinesfalls unterschätzt werden. 

Im übrigen trug wahrscheinlich auch die FurcJit vor der ihm 
untersagten Mutter, vor der Frau, dazu bei, die Libido Edgar 
Poes auf den Vater zu verweisen, wobei sie sidi der überaus 
starken Bisexualität seiner Konstitution bediente. Poe entging 
also dem Brunnen nicht nur fiktiv, sondern audi real bloß zu 
dem Zweck, um unter dem Pendel geknebelt zu werden. Aber 
auch hier konnte er der Kastrationsdrohung nicht entkommen, 
welcher er beim Brunnen hatte entrinnen wollen; die Regungen 



104 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

seiner unzulänglichen Sexualität waren sein ganzes Leben hin- 
durdi dazu verurteilt, zwischen dem Brunnen und dem 
Pendel hin und her zu schwanken, wobei jeder dieser 
beiden ihn lockte, aber auf seine Art einen Kastrator darstellte 
Um bei der Frau erotische Befriedigung finden zu können 
hätte er dem Brunnen trotzen müssen, der "Wassergrube, die 
durdi ein infernalisches Genie — die Väter, Gott, der Schöpfer! 
— so angelegt wurde, „daß das sofortige Auslösdien des 
Lebens keineswegs in (ihrer) Absicht lag", d. h. er gab zu 
verstehen, der Brunnen sei mit Messern, schneidenden Gegen- 
ständen gespickt, von denen man zerfetzt wird oder an denen 
man hängen bleibt — kurz, wir haben es mit einer „Cloaca 
dentata" zu tun. Um aber beim Mann Befriedigung zu finden 
hätte er sich wie ein kastriertes Wesen, wie eine Frau betragen 
und es dem stählernen Pendel gestatten müssen, das Herz, 
den Phallusersatz, zu spalten; der ganze männliche Narzißmus 
Poes wehrte sidi jedoch gegen ein solches Verhalten. Daher 
waren beide Möglichkeiten der erotisciien Befriedigung, die sidi 
der unbewußten Phantasie Poes infolge seiner Bisexualität 
boten, für den „durch die Kastrationsdrohung Gehemmten" 
im gleichen Maß mit Angst, genauer gesagt mit Kastrations- 
angst besetzt. Und die angeblich phantastische Dichtung 
Wassergrube und Pendel ist in Wirklichkeit der 
treue und biographische Bericht von den Schwankungen der 
Poeschen Bisexualität zwischen männlichem und weiblichem 
Verhalten, Schwingungen, die hier und dort an die Kastrations- 
drohung wie an unübersdireitbare Mauern anstießen. 

Der Verurteilte entwischt ein erstesmal dem Brunnen nur 
zu dem Zweck, um geknebelt unter dem Pendel zu liegen. 
Dann entgeht er dem Pendel wieder nur, um neuerdings, 
diesmal (durch die „uterine" Zusammenziehung der Gefängnis- 
mauern) scheinbar unausweichlidi, in die unheilvolle Wasser- 
grube zu geraten. Der General Lasalle allein — in dem viel- 



d 




Wassergrube und Pendel 165 

leicht im Unbewußten Poes der gute französisdie General La 
Cgyette, der damit zum Gegensatz des schlechten John Allan 
wird, wieder auflebt, — der gute Vater allein, deus ex 
machina, der durch eine Art Kaiserschnitt mit seinem Arm die 
yjammengezogenen Mauern auseinanderzwängt, rettet den 
Verurteilten aus höchster Not: eine "Wunschphantasie Poes, der 
in Wirklichkeit zwischen den beiden Formen seiner Bisexualität 
hin und her gestoßen wurde und nicht hoffen durfte, ihnen je 
entgehen zu können. 

Denn in seinem Leben wurde Edgar Poe, der wegen seiner 
Verse und poetischen Ergüsse für einen leidenschaftlidien 
Frauenfreund galt, im Grunde genommen immer wieder von 
der ekstatischen Verlockung durch die Frau zu einer libidinösen 
Unterwerfung unter den Mann getrieben, so sehr sich audb 
seine Virilität dagegen zu wehren versuchte. Der zärtliche und 
keusche Gatte der sterbenden Virginia verließ ihr Lager nur, 
um durch plötzliche, manchmal lang dauernde Fluchtversuche 
ins Wirtshaus und zu den Saufbrüdern zu geraten. Und was 
noch bezeichnender ist für die psychische Verfassung dieses 
Paranoikers: der verfolgte Poe blieb an seine Verfolger ge- 
bunden (dies ist übrigens die Regel), er ging sie sonderbarer- 
weise immer wieder um ihre Freundschaft an. Wir erinnern uns 
an den kläglichen Besuch, den er seinem Feind Thomas Dünn 
English machte, um ihn inständig zu bitten, sein Zeuge zu sein; 
und wir haben auch nicht vergessen, daß gerade sein nieder- 
trächtigster und hartnäckigster Feind, Rufus Griswold, dem er 
mit Grund hätte mißtrauen sollen, von ihm zum Testaments- 
„vollstrecicer" (ein Terminus, der wörtlich zu nehmen ist) 
ernannt wurde. 

So sah die Passivität aus, die der erwachsene Poe allen 
Derivaten des „Vaters" gegenüber bewahrte; so sah die Wen- 
dung aus, die seine Seele im Haus der Allan und in seiner 
Kindheit durch die Berührung mit dem strengen und mächtigen 




i66 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Vater genommen hatte, den er zugleich gefürchtet, gehaßt, be- 
wundert und geliebt. Die konstitutionell redit bisexuelle Libido 
des Kindes schwankt zwischen der zärtlichen Frances und dem 
rücksichtslosen John hin und her; denn auch der Haß schafft 
eine libidinöse Fixierung, und John Allan, so wie jeden späteren 
Vaterersatz, mit der Kraft hassen, die Poe für seinen Haß 
bereit hatte, war im Grunde genommen audi nur das Ge- 
ständnis unlösbarer Anhänglichkeit. 



HEUREKA" 

In dem großen Hause, das John Allan 1825, nachdem er 
seinen Onkel William Galt beerbt, gekauft hatte, gab es, wie 
nian sich erinnern wird, geschlossene Balkone, und auf dem 
Balkon des obersten Stockwerkes befand sidi außer einer 
„herrlidien Schaukel", welche die Freude der Kinder war, 
ein Fernrohr, durch das der junge Edgar gerne in den warmen 
und klaren Näditen Virginiens die Sterne beobachtete.'^ 
Edgar war damals ungefähr vierzehn Jahre alt, und in dieser 
durch die Pubertät getrübten Zeit, in der er schon ein Jahr 
vorher den Tod seiner „Helen" erlebt hatte, projizierte der 
Jüngling nach einem Mechanismus, der im Raum der Sexual- 
verdrängung gültig ist, seine Seele in die Sterne. Die Kinder 
und jungen Leute, die eine Leidenschaft für die Astronomie 
manifestieren, versuchen auf solche Weise, unter dem Druds 
der Erziehung, der Heftigkeit ihrer „schuldbeladenen" 
Sexualität zu entfliehen und die Glut, die sie erregt, zu 
besänftigen, indem sie im unendlichen Räume untertauchen. 

Die gleidhe Flucht diktierte dem jungen Soldaten auf der 
Insel Sullivan das Astralgedicht AI A a r a a f. 



Als Poe im Januar 1847 in Fordham seinen armen Sdiutz- 
engel Virginia verloren, als seine kleine Kind-Frau ihren 
letzten Seufzer in den Himmel verhaucht hatte, packte ihn 
wieder die Sehnsucht nach den Sternen. Wir wissen nicht, ob 
es wahr ist, was uns ein Zeitgenosse Poes''* bezeugt, nämlich 

72) Eureka. A prose poem. (New- York, Geo. P. Putnam, 1848.) 

73) Siehe Bd. I, S. 48. 

74) C. C.Burr (nach Israfel, S.73 1/732). Siehe auch hierBd.I,S.242f. 



t. 




i68 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



daß er oft „nach dem Tode seiner geliebten Frau sich in der 
tiefsten "Winternacht fast erfroren im Sdinee bei ihrem Grab 
aufhielt, wohin er . . . weinend und jammernd gekommen war" 
Die romantische und elegisdie Mode jener Zeit hat wahrschein- 
lich auch hier, wie sdion beim Bericht über den Jüngling am 
Grabe der Frau Stanard, das Zeugnis beeinflußt, das Tatsädi- 
liche entstellt. Sicher aber ist, und das wird durch die Zeugnisse 
der Frau Clemm und anderer bewiesen, daß auf den Tod 
Virginias erst eine sdiwere Depressionskrise, dann der große 
Erregungszustand folgte, in dem Heureka gesdirieben 
wurde. 

Von Frau Clemm haben wir erfahren: Poe konnte damals 
nidit sdblafen, er hatte entsetzlidie Angst vor der Finsternis 
und Einsamkeit der Nädite, Muddy mußte stundenlang bei 
seinem Bett sitzenbleiben und die Hand auf seine Stirne halten. 

„Neben dem Haus", sdireibt Hervey Allen,"* „befand sidi ein 
felsiger Abhang mit Ahornbäumen, den Poe ganz besonders gern 
aufsudite. Und es gab einen Spazierweg, der einen Aquädukt 
entlang führte und plötzlidi die Erde zu verlassen sdiien, um den 
Granitbögen zu folgen: tagsüber konnte man dort weithin über die 
Landsdiaft blicken, in der Bäume im Wind standen, weiße Dörfer 
und "Wiesen zu sehen waren, die nadi Norden bis zu den Anhöhen 
und zu den Inseln um die Pelham Bay reiditen, oder nach Osten 
zu dem in der Ferne liegenden und leuchtenden Spiegel des Sound 
hinabführten, den die Sdileppen der Dampfer streiften, und über 
den Segler fuhren. Dort, in dem kleinen Friedhof, der zu seinen 
Füßen lag, schlief Virginia unter Zypressen und Pinien. Über dem 
Meere hinter Long Island ging der Mond auf." 

Auf diesem "Wiesenweg neben dem Aquädukt irrte der 
"Witwer im Sommer 1847 nächtelang unter dem Sternenhimmel 
umher; dort träumte er von U 1 a 1 u m e und Heureka. 

Von U 1 a 1 u m e haben wir schon gesprochen. Dieses 
Gedicht, das nadi einem sideralen symbolischen Schema bekennt, 

75) Israfel, S. 732; siehe audi hier Bd. I, S. 262. 



Heureka i6p 

flrarum Poe niemals zu einer Frau kommen konnte, war be- 
stimmt vor Heureka geschrieben worden. Astarte leuchtet 
am Himmel; aber während der Dichter die Zypressenallee 
entlang auf sie zugeht, wird er „durdi die Tür eines Grabes" 
aufgehalten, in dem seine geliebte Tote liegt. Wir wissen 
bereits, welche Tote für Edgar dort drinnen ursprünglidi 
begraben war: seine Mutter, aber ihre Ersdieinung war damals 
durdi die der ebenfalls zarten und schwindsüchtigen Vir- 
ginias verdeckt. Die Versuche, sich von der Frau zu ent- 
fernen. Versuche, zu denen die verzweifelten Anstrengungen 
kamen, sich der „Astarte" zu nähern, füllten die zwanzig 
Monate aus, die Edgar noch erleben durfte. 

Auf der einen Seite, in seinem Leben, sehen wir Marie 
Louise Shew, Helen Whitman, Annie Richmond, Elmira 
Shelton an ihm vorüberziehen — alle aber sollten, wie die 
Astarte, für ihn unerreichbar bleiben. Auf der andern Seite, 
in seinem Werk, sehen wir neben einigen Gedichten, in denen 
er jene Frauen besang, die große kosmische Phantasie 
Heureka emporsteigen. In H e u r e k a ist die endgültige 
Flucht vor Astarte geglückt. 

„Er war ungern allein", 

erfahren wir von Frau Clemm^" an einer Stelle, die wir 
schon zum Teil zitiert haben, 

„und idi blieb gewöhnlich bei ihm. Manciimal bis vier Uhr 
morgens; er saß bei seinem Schreibtisch und schrieb und idi schlief 
beinahe auf meinem Stuhl ein. Als er Heureka schrieb, spazierten 
wir miteinander im Garten auf und ab, er hatte seinen Arm um mich 
geschlungen, ich den meinen um ihn, bis ich so müde war, daß idi 
nid« mehr gehen konnte. Jeden Augenblick blieb er stehen, um mir 
seine Ideen zu erklären, und er fragte mich, ob ich ihn verstehe. Ich 
saß immer neben ihm, wenn er schrieb, und alle ein oder zwei 
Stunden bekam er eine Tasse mit warmem Kaffee.™ * Zu Hause 

76) Israfel, S. 73J und hier Bd. I, S. 262 f. 
7Sa) Israfel, S. 735. 



I/o Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



J 



war er gut und herzlich wie ein Kind, und ich erinnere midi nidit 
daß er während der Jahre, die er mit mir verlebte, es je vergesse 
hätte, vor dem Sdilafengehen seine ,Mutter' — so nannte er midi ■— 
zu küssen." 

Trotzdem nun Poe hier bei einer Frau — allerdings bei 
einer Frau, die nichts von einer Astarte an sidi hatte! — eine 
Zufluchtsstätte gesudit und gefunden, war das Werk, das der 
von seiner Muddy so zärtlich behütete Eddy verfaßte, Fludit 
und Verneinung der Frau im allgemeinen. 



An der Spitze von Heureka steht folgende Widmung: 
„Den wenigen, die mich lieben, und die ich liebe, denen Fühlen 
über Denken steht, den Träumern und denen, die an Träume als 
an die einzigen Wirklichkeiten glauben, widme idi dies Budi der 
Wahrheiten, nicht in seiner Eigenschaft als Wahrheitsträger, sondern 
der Schönheit wegen, die seiner Wahrheit entströmt — die es zur 
Wahrheit macht. Diesen weihe ich das Werk; als Kunstwerk, meinet- 
wegen als Märchen, oder, wenn der Anspruch nicht zu hodi gegriffen 
ist, als Gedidit. Das hier Vorgetragene ist wahr: darum kann es 
nicht sterben; selbst wenn es durch irgendwelche Ereignisse jetzt 
niedergetreten würde, so daß es stürbe, wird es ,wieder auferstehen 
zu ewigem Leben'. Immerhin wünsdie ich, daß dieses Werk nach 
meinem Tode einzig und allein als Gedicht beurteilt werde." 

Auf diese Weise vermengt Poe das Schöne mit der Wahr- 
heit, die Intuition mit dem Wissen, die Bejahung mit dem 
Beweis; schon aus diesen ersten Zeilen von Heureka geht der 
Größenwahn hervor, welcher ihn (in einem späteren Brief)" 
zu der Behauptung drängte, der von dem großen französischen 
Astronomen Laplace erfaßte Raum verhalte sich zu dem von 
seiner Theorie erfaßten wie ein Bläschen zu dem Ozean, auf 
dem es schwimmt . . . 

77) Poe an C. F. Hoffman (V. E., Bd. 17, S. 302), wo er nadi 
dem Auszug aus der Poe-Biographie von Rufus Griswold zitiert ist. 




Heureka 171 

„Idi will", erklärt Poe schon auf der ersten Seite von 
Heureka, 

„von dem physischen, metaphysischen und m a t h e- 
ni a t i s c h e n, vom materiellen und geistigen "Weltall 
spredien; von seinem Ursprung, seiner Schöpfung, seinem 
gegenwärtigen Zustande, seinen zukünftigen 
Schicksalen. Außerdem werde idi so kühn sein, mir Folgerungen 
anzumaßen, und so tatsächlich den Sdiarfsinn dieser großen und 
niit Redit hochgesdiätzten Gelehrten in Frage zu stellen". 

Und einen Absatz später: 

„Also, meine allgemeine Behauptung ist: in der ursprüng- 
lichen Einheit des ersten Wesens liegt die sekun- 
däre Ursache aller Dinge, zugleich der Keim 
ihrer unvermeidlichen Vernichtun g." 

Diese Stelle ist auch im Englischen durch den Druck hervor- 
gehoben und sämtliche Hauptwörter sind mit der im Engli- 
sdien sonst nicht verwendeten Majuskel versehen — ein den 
Psydiiatern wohlbekanntes Symptom. Hierauf erklärt Poe ganz 
schlidit: 

„Zum Zwedc klarer Anschaulichkeit schlage ich vor, sich einen 
soldien Überblidc über das "Weltall zu versdiaffen, daß der Geist 
imstande ist, einen persönlichen Eindruck zu erhalten und zu 
empfinden." 

Er läßt sich nun in einen seltsamen „Discours de la 
tnkhode" ein, aus dem deutlich hervorgeht, wie wenig er im- 
stande ist, wissensdiafllich zu denken. Seine Freude am hoax, 
am Journalistenulk, gibt ihm den barocken Einfall ein, durch 
irgend jemanden einen in einer Flasche eingeschlossenen und 
aus dem Jahre 2848 datierten Brief auf dem Mare Tenebrarum 
finden zu lassen. Nun hat uns Poe weiter oben erklärt: 

„Es gibt, in dieser "Welt wenigstens, kein soldies Ding, wie 
einen ,Beweis'." 

Der seltsame Korrespondent vom Mare Tenebrarum bemüht 
sidi jetzt, diesen Satz zu beweisen. „Weißt du, mein lieber 




172 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



:i 



Freund", sagt der Schreiber in seinem offenbar an einen Zeit- 
genossen gerichteten Brief, 

„weißt du, daß es kaum mehr als adit- oder neunhundert Jahre 
her ist, seit die Metaphysiker sich dazu herbeiließen, das Volk von 
dem seltsamen Wahne zu befreien, daß es nur zwei brauchbare 
Wege zur Wahrheit gäbe?" 

Poe meint mit diesen zwei Wegen die Deduktion und In- 
duktion, wobei er die erstere der Sdiule des Aristoteles- (weldier 
hier Aries Tottle oder Ram, Widder heißt) zuschreibt, die 
zweite hingegen der des Bacon (der hier den Beinamen Hog, 
Schwein, bekommt). Wir überschlagen einige Seiten, auf denen 
jene Denker recht schwerfällig ironisiert werden, und lesen 
dann: 

„Nun beklage ich mich über diese früheren Philosophen nid« 
so sehr deswegen", fährt der Briefschreiber fort, „weil ihre Logik 
wertlos, phantastisch unbegründet . . ., als vielmehr wegen ihrer 
dreisten und protzenhafben Äditung aller andern Wege zur Wahr- 
heit, als der beiden verdrehten und gewundenen Wege, wobei einer 
der des Sdaleichens, der andere der des Kriechens ist, zu weldien 
sie in ihrer unwissenden Verkehrtheit die Seele zu zwingen wagten, 
die doch nichts so sehr liebt, als sich zu jenen Regionen unbe- 
grenzter Intuition aufzuschwingen, zu denen kein Pfad führt. 

Nebenbei, mein lieber Freund, ist es nidit ein Beweis für die 
geistige Sklaverei, die ihr Hog und ihr Ram diesen voreingenom- 
menen Leuten hinterlassen hatten, daß keiner von ihnen, trotz des 
ewigen Geschwätzes ihrer Gelehrten über die Wege zur Wahrheit, 
auch nur durch Zufall, auf den Weg verfiel, den wir jetzt deutlidi 
als den breitesten, geradesten und brauchbarsten aller Wege — als 
den großen Durchgang, die stolze Hauptstraße des Beständigen 
{consistent) erkennen? Ist es nidit merkwürdig, daß sie es ver- 
säumten, aus den Werken Gottes den hochwichtigen Schluß zu 
ziehen, daß eine vollkommene Dauerhaftigkeit {con- 
sistency) eine absolute Wahrheit sein müsse?" 

Nun erklärt Poe durdi seinen angeblichen Korrespondenten, 
daß die Laplace und Kepler nichts anderes waren als große 
Intuitive, was keine so schlechte Beobachtung wäre, wenn nidit 



i 




Heureka 173 

Poe durdi diese Behauptung die induktiven und deduktiven 
Sdiritte ausschließen würde, die allein es diesen großen Geistern 
möglidi machten, die Intuition ihres Genies der Kontrolle 
durdi die Realität als höchsten Richter auszusetzen und da- 
durch diesen Intuitionen in der Wissenschafi: Bürgerrecht zu 
versdiaffen. Als echter Dichter verwechselt Poe hier die verifi- 
zierbare Hypothese mit dem nicht verifizierbaren Träumen. 
Tatsächlich kann die Intuition audi zum Träumen führen und 
nichts hat stärkeren Bestand als ein Träumen, das zum Beispiel 
durch irgendeinen systematischen Wahn hervorgerufen wird. 
Nach dieser methodischen Abschweifung kommt Poe wieder 
zu seinem ursprünglichen Thema: „Das Universum" zurück. 

„Unsere These stellt die Wahl zwischen zwei Diskussionsmög- 
lidikeiten frei: wir können aufsteigen oder absteigen . . ." 

Die „üblichen Abhandlungen über die Astronomie" führen 
[ascend, steigen) im allgemeinen von der Erde ins Weltall; Poe 
nimmt sich im Gegenteil dazu vor, hinabzusteigen 
(descend), d. h. er will vom Unendlichen und von Gott aus- 
gehen. 

Es folgt eine Diskussion über das Unendliche (infinity), die 
Unmöglichkeit, es zu erfassen; dann meint Poe, es sei auch 
unmöglich, sich das Endliche (limited) vorzustellen. Hierauf 
fordert uns der Autor von Heureka auf, den Begriif vom 
Sternenall klar von dem des eigentlichen Weltalls zu unter- 
sdieiden. Der zweite Begriff allein, das „als Raum betrachtete 
Weltall", entspridbt der Definition Pascals: 

„es ist eine Kugel, deren Zentrum [centre) überall, deren Umkreis 
(circumference) nirgends liegt". 

Nach dieser Einleitung zeichnet Poe endlich das Bild seiner 
eigenen Kosmogonie. 

„Als unseren Ausgangspunkt wollen wir uns die Idee von der 
Gottheit (Godhead) zu eigen madien. Nur der ist kein Tor, nur 




174 -D/'^ Geschichten: Der Zyklus Vater 



1 



der ist nidit gottlos, der über diese Gottheit {in itself) niditt 
äußert. ,Nous ne connaissons rien', sagt der Baron von Bielfelj 
,nous ne connaissons rien de la nature ou de l'essence de Dieu- 
pottr savoir ce qu'il est, il faut etre Dieu meme.' (,Wir wissen aa. 
nichts von der Natur und dem Wesen Gottes: um zu verstehen 
was er ist, müßten wir selbst Gott sein.') 

,W ir müßten selbst Gott sein!' Selbst trotz dieser 
erschütternden Äußerung, die fortwährend in meinen Ohren nadi- 
klingt, wage ich es, zu fragen, ob diese jetzige Unkenntnis der 
Gottheit der Zustand ist, zu dem die Seele auf immer und 
ewig verdammt sein wird. Von Ihm {Hirn) also, dem jetzt 
nodi Unbegreifbaren, von Ihm, wenn wir Ihn als geistiges 
Wesen {Spirit) annehmen, das heißt als Nicht-Materie 
{not Matter) . . . von Ihm, der als geistiges Wesen besteht, sind 
wir ... erschaffen oder aus Nidits gemacht — von irgend- 
einem beliebigen Punkt des Raumes durch die Gewalt seines Willens 
den wir als Zentrum annehmen, in einem Zeitraum, nach dem wir nidit 
näher forsdien wollen, aber der auf alle Fälle ungeheuer weit zurüdt- 
liegt; von ihm also wollen wir uns erschaffen denken, als — was? . . . 

Wir haben nun einen Punkt erreicht, wo nur die Intuition uns 
weiterhelfen kann . . ." 

Nachdem uns Poe seine Definition der Intuition noch einmal 
ins Gedächtnis gerufen hat: 

„Sie ist nichts als die Überzeugung, die aus 
jenen Induktionen und Deduktionen entspringt, 
deren Vorgänge so in Dunkel gehüllt sind, daß 
sie unter unserer Bewußtseinsgrenze liegen .. .", 
behauptet er, daß „eine unwiderstehliche, wenn auch unausspredi- 
liehe Intuition" ihm „den Schluß aufzwingt, daß, was Gott ursprüng- 
lidi schuf, daß diese Materie, die Er durch die Gewalt seines 
Willens zuerst aus seinem geistigen Wesen oder aus dem Nidits 
machte, nichts anderes sein konnte, als Materie im eigentlichen Sinn 
des Wortes, im ureigentlichsten Zustande der — Einfachheit 
{simplicity)." 

„Wir wollen uns jetzt bemühen, zu begreifen, was die 
Materie ist oder wäre, wenn sie in einem Zustande absoluter Ein- 
fachheit sich befände. Hier wendet sich der Gedanke sofort 
ihrer Ungeschiedenheit {imparticularity) zu; einem Teilchen 



i 




Heureka i^j 

(^ partide), einem einzigen (one) Teilchen, einem Teildien 
einer einzigen Art (o/ one kind), von einem Charakter, 
einer Natur, einer Größe, einer Form, einem Teildien also, 
formlos und leer' {without form and void), kurz: dem Atom an 
sidi, dem absolut einzigartigen, individuellen, ungeteilten, doch 
„icht unteilbaren, denn der, der es kraft seines Willens 
geschaffen hat, hat selbstverständlich auch, kraft derselben Gewalt 
seines Willens, ja einer viel kleineren, die Madit, es zu teilen. Ein- 
beitlidikeit (Oneness) Ist also das einzige, was ich von der ursprüng- 
lidi gesdiaffenen Materie aussage. Aber ich stelle mir zur Auf- 
gabe, zu zeigen, daß der Begriff der Einheitlichkeit 
völlig genügt, um Entstehung (Constitution), gegen- 
wärtige Erscheinungen (existing phenomena) und die 
ganz unvermeidbare Vernichtung (annihilation) 
wenigstens des materiellen Universums {material 
Universe) in der Zukunft zu beweise n." 

Was später noch zu beweisen sein wird. Hier begnügt Poe 
siA damit, einige genauere Aufklärungen über den sdiöpferi- 
sdien Akt Gottes, des Vaters, zu geben. 

„Indem der Wille von diesem Atom {primordial Partide) Besitz 
ergriff, hat er den Akt, genauer gesprochen: die Empfängnis 
(conceptiori) der Schöpfung vollendet ... Die Gestaltung des Welt- 
alls hat nun auf dem Wege stattgefunden, daß das ursprünglich 
und daher audi normalerweise Einheitliche (One) in den abnormen 
Zustand der Vielheit {Many) gezwungen wurde . . . Die Annahme 
einer absoluten Einheit {absolute Unity) im Ursein {primordial 
Partide) sdiließt die der unendlidien Teilbarkeit ein {infinite divisi- 
bility). Nehmen wir also an, daß das Atom durch die Verbreitung 
{diffusion) im Räume nicht gänzlidi ersdiöpft sei. Stellen wir uns 
ferner vor, daß von diesem Atom als Zentrum, sphärisdi, nach 
allen Richtungen hin, bis zu praktisch unmeßbaren, wenn auch 
endlidien Entfernungen im vorher leeren Räume eine gewisse unaus- 
drüdsbar große, wenn auch begrenzte Anzahl von unvorstellbar, 
wenn audi nicht undenkbar winzigen Atomen ausgestrahlt werde." 

Und dann verwickelt sich Poe in eine lange und dunkle 
Auseinandersetzung über die Art und Weise, in der Gott im 
Weltall die heterogene Vielfalt verwirklicht. 



176 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

„Nun, was für Eigenschaften können wir bei diesen Atomen 
die entweder zerstreut sind oder sich in der Zerstreuung befinden' 
ich sage nicht vermuten, sondern voraussetzen, wenn wir sowohl 
ihren Ausgangspunkt als auch den Plan ihrer Verbreitung [„ 
Betracht ziehen? Da Einheit ihre Quelle ist, und Abweichun» 
von der Einheit (dijference from Unity) im Plan der Zer- 
streuung liegt, so müssen wir als gewiß annehmen, daß dieses 
Ziel, wenigstens im allgemeinen, auch gemäß dem Plan durdj. 
geführt werde, das heißt, daß die Zerstreuung einen Teil des 
Planes selbst bildet. Wir werden also Abweichungen von allen 
Punkten der Einheit und Einfachheit des Ursprungs bemerken. 
Dürfen wir aber aus diesen Gründen uns die Atome als heterogen 
ungleidiartig, ungleich groß und ungleich voneinander entfernt vor- 
stellen? Und ist das vom Ursprung an so gewesen?" 

Nein, sdiließt Poe, man muß den Gedanken zurüdsweisen, 
„daß Überproduktion, ... als dem göttlidien Willen ent- 
sprediend, anzunehmen ist". Gott hat sich damit begnügen 
müssen, bei der ersten Zerstreuung der Atome ihnen eine 
Formverschiedenheit {dijference of form) mitzu- 
geben, „alle anderen Unterschiede", Natur, Größe, Entfernung 
der Atome voneinander, „entstehen von selbst aus diesen beiden 
vom ersten Moment der Konstitution der Materie an". 

Hier greifen wir zurück. Wir erinnern uns an das, was der 
Dichter behauptet hat, als er zum erstenmal von der ab- 
normalen Vielheit sprach, die aus der ursprünglichen und 
normalen Einheit hervorgeht. 

„Eine Aktion von solcher Natur", sagte er, „sdiafft aus sidi 
heraus eine Reaktion. Die Zerstreuung hat nur bedingt stattge- 
funden, das heißt sie entfaltete in sidi selbst das Streben, zur Ein- 
heit zurüdizukehren — ein Streben, das erst mit seiner Erfüllung 
zerstört wird. Aber ich werde erst später mich über diesen Gegen- 



stand ausführlicher äußern. 



Er äußert sich nun tatsächlich über ihn und setzt uns aus- 
einander: 

„Wenn nun audi das unmittelbare und beständige Streben 
(tendency) der Atome (die ihre Ursprungseinheit eingebüßt haben) 




Heureka 177 

dahingeht, ihre ursprünglidie Einheit {normal Unity) wiederzu- 
gewinnen, so ist, wie erwähnt, dodi klar, daß diese Tendenz, so- 
lange ihre Zerstreuung dauert, resultatlos, das heißt eine bloße 
Tendenz bleibt, bis die Zerstreuungsenergie (diffusive energy) auf- 
Ijijrt und das Streben auf diese Weise freie Bahn gewinnt. Da 
wir nun die göttlidie Aktion als begrenzt betrachten und annehmen, 
daß sie nadi der Durdiführung der Zerstreuung aufhört, so ist 
klar, daß sofort eine Reaktion eintritt, deutlicher gesagt: daß 
das Streben der zerstreuten Atome nach der Ursprungsein- 
heit wieder aktiv wir d." 

Aber das Weltall wäre ebenso sdinell verniditet wie ge- 
schaffen, wenn dieses Streben sofort befriedigt sein könnte. Die 
göttlidie Absicht, „die größtmögliche Summe von 
Beziehungen zu schaffen" {the utmost possihle Re- 
lation), wäre gefährdet, noch bevor sie erfüllt ist. Daher denkt 
Poe an eine dritte Krafl, die mit der Zerstreuungs- und An- 
ziehungskraft zusammen eine Art dynamischer Trilogie des 
Weltalls darstellt; er nennt sie Repulsionskraft (Repulsion). 
Die Repulsionskraft ist nadi Poe ein Etwas, das den 
Atomen 

„gleichzeitig die Annäherung . . . erlaubt, aber ihre Verschmelzung 
verhindert, mit einem Worte: ein Etwas, das, bis zu einem 
bestimmten Zeitpunkte, die Macht besitzt, ihrer Ver- 
sdimelzung (coalition) vorzubeugen, aber in keiner Weise und in 
keinem Grade die, ihr Streben nach Vereinigung (coalescence) zu 
hemmen". 

Das letzte Ziel, dem das vollendete Weltall zustrebt, ist 
darum nidit weniger die endgültige Rückkehr zur Einheit oder 
zu Gott, was ein und dasselbe ist. Die Repulsionskraft dient 
nur dazu, diese Rüdekehr zu verzögern. 

„Daß das repulsive .Etwas' in Wirklidikeit existiert", setzt Poe 
fort, „sehen wir. Der Mensch kennt und verwendet keine Kraft, 
zwei Atome in eines zu versdimelzen. Es handelt sich hier um die 
festgestellte Lehre von der Undurchdringlichkeit der Materie." 

Poe sieht das Prinzip in einer Betrachtung „rein geistiger 
Natur" und fühlt, 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 12 



1/8 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

„daß hier, aber eben nur hier, Gott selbst sich zwisdien uns und 
das Problem stellt, weil hier, aber eben nur hier, der Knoten so 
geschürzt ist, daß die Einmischung Gottes sidi als nötig erweist" 

„Während wir nun tatsächlidi", erklärt Poe, „in der geschilderten 
Vereinheitlidiungstendenz der Atome sofort das Prinzip der Newton- 
sdien Gravitation erkennen, kann das, was idi von der Repulsions- 
kraft sagte, die die Aufgabe hat, der momentanen Befriedigung der 
Atome Grenzen zu setzen, als das verstanden werden, was wir 
jetzt bald Hitze, bald Magnetismus, bald Elektrizität nennen- 
durdi die schwankenden Bezeidmungen, durdi die wir dieses Etwas 
auszudrücken versuchen, wird am besten gekennzeichnet, wie sehr 
wir unfähig sind, seine geheimnisvollen und ehrfurchtgebietenden 
Eigenschaften genau zu umschreiben." 

Nun folgen einige Betrachtungen Poes über die Elektrizität 
die zu folgendem Gesetz führen: 

„Die Menge von Elektrizität, die durch den 
Kontakt zweier Körper entwickelt wird, ist 
proportional der Differenz der respektiven 
Atomsummen, aus denen die Körper gebildet 
s i n d." 

Poe sdireibt der „Elektrizität" . . . verschiedene physikalisdie 
Vorgänge, Lidit, Hitze, Magnetismus zu, glaubt aber, audi 
berechtigt zu sein, „diesem rein geistigen Prinzip die haupt- 
sädilichen Ersdieinungen . . . : Vitalität, Bewußtsein, Denken" 
zuschreiben zu können. Dann schließt er: 

„Wenn wir nun die beiden zweideutigen Ausdrücke Gravi- 
tation und Elektrizität beiseite lassen, so können wir die 
treffenderen AusdrUdce Attraktion und Repulsion dafür 
einsetzen. Erstere ist der Körper, letztere die Seele; die eine ist 
das materielle, die andere das geistige Prinzip des Universums. 
Andere Prinzipien gibt es nicht. Alle Erscheinungen 
müssen dem einen oder dem anderen oder beiden vereinigten Prin- 
zipien zugesdirieben werden. Es ist so unumstößlidi wahr, so absolut 
feststellbar, daß Attraktion und Repulsion die einzigen Eigen- 
schaften sind, durch weldie wir das Universum erkennen, mit anderen 
Worten: durda welche die Materie sich dem Geiste offenbart, daß 
wir das volle Recht haben, zu behaupten, daß die Materie nur 




Heureka lyc, 

gls Attraktion und Repulsion existiert, daß Attraktion und 
p.epulsion Materie sind, da es keinen Fall gibt, in dem wir nidit 
gd libitum die Worte Materie, Attraktion, Repulsion zusammen- 
genommen als gleichbedeutende und daher wediselseitig austausdi- 
bare Begriffe gebrauchen können." 

-fr 

„Ich habe oben gesagt", setzt Poe dann fort, „daß, was ich als 
Streben der verstreuten Atome nach ihrer ursprünglichen Einheit 
genannt habe, als das Prinzip des Newtonsdien Gravitationsgesetzes 
aufgenommen werden müsse . . ." 

Und nun geht er von der Überlegung a priori zu der 
a posteriori über. 

„Jetzt wollen wir nadiprüfen, ob die sidieren Fakta des Newton- 
sdien Gravitationsgesetzes uns nidit a posteriori einige rechtfertigende 
Induktionen liefern können. 

Was stellt das Newtonsdie Gesetz fest? Daß alle Körper ein- 
ander mit einer Kraft anziehen, die den Quadraten der Entfer- 
nungen proportional ist . . ." '* 

Poe sdilägt uns nun vor, diesem Gesetz „eine philosophisdi 
bestimmtere Fassung" zu geben: 

„Jedes Atom jedes Körpers zieht jedes Atom 
des eigenen oder eines andern Körpers mit einer 
Kraft an, die sich umgekehrt zu den Entfernungs- 
quadraten zwischen dem anziehenden und dem 
angezogenen Atom verhäl t." 

Nadidem Poe dann auseinandergesetzt hat, daß der Blidc 
Newtons und seiner Nachfolger durch eine Art optisdien 
Irrtums, einem Fehler in der Perspektive, getrübt gewesen, was 
der eigentlidien Erdgravitation zuzuschreiben ist, der sie unter- 
lagen, — spricht er die pathetischen Worte: 

78) Ein Irrtum der Griswoldsdien Ausgabe, da es „verkehrt 
proportional" heißen muß. Dieser Irrtum ist dadurdi ent- 
standen, daß Griswold einen Satzteil der Originalausgabe Poes ver- 
gessen hat: „ . . . with forces proportional to their quantities of 
matter and inversely proportional to the Squares of their distances." 
{V. E., Bd. 16, S. 215, und die Bestätigung, Bd. 16, S. 322 f.) 

12* 




i8o Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

„Möge der Leser mit mir an dieser Stelle einen AugenbliA 
rasten und die wunderbare, unbesdareiblidie, völlig unfaßbare Ve 
Wicklung der Beziehungen betrachten, die die Tatsache in sich 
birgt, daßjedesAtomjedesandere Atomanzieht, 
und dies in einer soldien Überfülle an Atomen, daß allein die- 
jenigen, die in der Zusammensetzung einer Kanonenkugel gebunden 
sind, wohl an Zahl die Sterne übertreffen (exceed probablyX (j;. 
das Weltall zusammensetzen . . . 

Wenn ich versuche, die Einwirkung eines einzelnen Atoms in 
einem Sonnenstrahl auf sein Nadibaratom festzustellen, so kann id, 
meinen Zweck nicht erreichen, ohne vorher alle Atome des Welt- 
alls zu zählen und abzuwägen und die genaue Lage eines jeden 
einzelnen in einem bestimmten Augenblick festzustellen. Wenn idi 
es wage, das mikroskopisch kleine Stäubchen auf meiner Fingerspitze 
auch nur um ein Billionstel eines Zolles zu verrücken, was ist die 
Wirkung der Tat, die ich zu unternehmen wagte? Ich habe eine 
Tat vollbracht, die den Mond aus seiner Bahn schleudert, die die 
Sonne zwingt, nicht mehr Sonne zu sein, und die für immer das 
Schicksal der unzählbaren Myriaden von Sternen verändert, die vor 
dem hehren Angesiciit ihres Sciiöpfers dahinrollen und strahlen." 

Aber kehren wir zu Gott, dem Vater des Universums, 
zurücjk. 

„Weist eine so klar erkennbare Verbrüderung der Atome nidit 
auf einen gemeinsamen Ursprung hin? Läßt solch alles besiegende, 
unausrottbare, völlig unabhängige Sympathie nicht eine gemeinsame 
Quelle, eine gemeinsame Abstammung (paternity) vermuten? . . . 
Mit einem Wort: ist es nicht vielleicht, gerade weil die Atome in 
einer gewissen, unendlich weit zurückliegenden Zeit sogar mehr 
als vereint waren (more than together), ist es nicht, weil 
sie ursprünglich und daher normalerweise eine Einheit {One) 
bildeten, daß sie jetzt unter allen Umständen, an allen Punkten, 
in allen Richtungen, durch alle nur möglichen Arten der An- 
näherung, in allen Beziehungen und um jeden Preis versuchen, zu 
dieser völligen, unabhängigen, bedingungslosen Einheit zurück- 
zukehren?" 

Und nun diskutiert Poe, ob die Atome auf ein Zentrum 
zustreben oder nicht. 

„Ich antworte, daß sie dies tun . . ., aber daß die Ursadie, 




Heureka 



die sie dahin treibt, ganz und gar unabhängig ist von dem Zentrum 
,1s solchem. Sie streben alle in gerader Linie einem Zentrum 
y auf Grund der sphärischen Gesetze, mit denen sie in den Raum 
geschleudert worden sind." 

Hier taudit der Gedanke vom sphärischen Weltall auf, den 
Poe später deutlicher ausführen wird. 

„Jedes Atom, das einen Teil eines allgemein gleidiförmigen 
Globus von Atomen bilden hilft, findet natürlicherweise in der 
Riditung nach dem Zentrum mehr Atome, als in irgendeiner andern 
Richtung, und wird daher, ebenso naturgemäß, audi nach jener 
Riditung hingezogen. Aber es wird nicht deshalb dorthin gezogen, 
weil das Zentrum sein Entstehungspunkt ist. Es gibt keinen 
Punkt, an den die Atome gebunden wären, keine Räumlichkeit 
konkreter oder abstrakter Natur. Nichts, was man mit dem Aus- 
druck Räumlichkeit (locality) bezeidinen kann, ist als ihr 
Entstehungspunkt aufzufassen. Ihr Ursprung Hegt in dem Prinzip 
der Einheit (Unity). Dies ist ihr verlorener Erzeuger (this is 
their lost parent). 

Diese Einheit suchen sie immer, unmittelbar, in allen Rich- 
tungen, wo immer sie nur Teile von ihr finden mögen, und be- 
sdiwichtigen dadurch, bis zu einem gewissen Grade, ihre unaus- 
rottbare Tendenz, daß sie sich auf dem "Wege zu ihrer endgültigen 
Befriedigung befinden." 

Der Punkt, auf den also die Atome zustreben, ist nidit ein 
örtlidi fixiertes Zentrum, sondern ein allgemeines Aus- 
strahlungszentrum. Wir werden jetzt sehen, daß das Newton- 
sche Gesetz von der Universalattraktion nach Poe nichts 
anderes ist als das Gegenspiel zum Poesdien Gesetz der Aus- 
strahlung, und daß die Atome nach dem gleichen Schema zu 
Gott zurückkehren, nach dem sie von ihm ausgegangen sind. 

„Ob wir nun zur Idee der absoluten Einheit, der Quelle aller 
Dinge" auf dem einen oder auf dem anderen Wege gelangen, 
priori oder a posteriori, „immer steht die einmal gefaßte Idee 
mit einer andern Idee, der von dem Zustand des Sternenweltalls, 
so wie wir es jetzt auffassen, in untrennbarem Zusammenhang, das 
heißt, mit der Annahme unendlicher Zerstreuung (diffusion) 
im Räume. Nun kann aber ein Einklang zwischen den beiden Ge- 



iSz 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



danken Einheit und Zerstreuung nidit bestehen, wenn nid, 
als dritter Gedanke die Vorstellung einer Ausstrahlun 
(radiation) hinzutritt. "Wenn unter absoluter Einheit der zentral 
Wille verstanden wird, so ist das bestehende Sternenweltall A 
Resultat der Ausstrahlung aus diesem Zentrum. 

Nun sind die Gesetze der Ausstrahlung bekannt. Sie bilde 
einen integrierenden Bestandteil der Sphäre. Sie gehören H 
Klasse der unbestreitbar geometrischen Güter an 

Aber was sagen diese Gesetze? Wie, auf welche Weise bewe« 
sidi die Ausstrahlung von einem Zentrum in den Raum? 

Von einem leuchtenden Zentrum strömt das Licht durdi 
Ausstrahlung aus; und die Lichtmengen, die von irgendeiner gege- 
benen Ebene, welche wir uns in wechselnder Stellung bald näher 
bald ferner vom Zentrum gelegen vorstellen, aufgefangen werden* 
nehmen im gleichen Verhältnis ab, in dem die Quadrate der Ent- 
fernungen zwischen der Ebene und dem Leuditzentrum zunehmen 
und nehmen in gleichem Verhältnis zu, wie die Quadrate abnehmen! 

Die Fassung dieses Gesetzes kann auf folgende Weise verallge- 
meinert werden: die Anzahl der Lichtteilchen, oder, wenn man 
will, die Anzahl der Lichteindrücke, die die bewegte Fläche empfängt, 
steht im umgekehrten Verhältnis (inversely) zu den Quadraten 
der Entfernungen der Fläche. Um noch weiter zu verallgemeinern, 
können wir noch sagen, daß die Zerstreuung, die Verteilung, mit 
einem Worte die Ausstrahlung den Quadraten der Entfernungen 
direkt proportional ist." 

Dann folgt eine Zeichnung und Erklärung, die das Gesetz 
der Ausstrahlung konkreter nahe bringen will. 




„Wenn wir also im allgemeinen behaupten, daß die Ausstrahlung 
m direkter Proportion zu den Quadraten der Entfernung steht, 
so gebrauchen wir die Bezeichnung .Ausstrahlung', um den Grad 




Heureka i8j 



der Zerstreuung anzugeben, je nadidem wir uns vom Zentrum 
entfernen. Wenn wir nun die Sache umkehren und das Wort 
Konzentration anwenden, um den Grad der Zusam- 
menziehung {the drawing together) zu bezeichnen, wie wir 
uns jeweils dem Zentrum von einer außenliegenden Stellung nähern, 
so können wir sagen, daß Konzentration im umgekehrten Verhältnis 
jXi den Quadraten der Entfernung steht. In andern Worten: wir 
sind zu dem Schlüsse gelangt, daß bei Annahme der Hypothese, 
daß die Materie ursprünglich vom Zentrum ausgestrahlt worden 
ist, und jetzt zu ihm zurückkehrt, die Konzentration bei der Rück- 
kehr ganz genau so verläuft, wie wir es von der 
Gravitationskraft wisse n." 

So sieht die findige und trotzdem einfältige kosmisdie 
Phantasie Poes aus: das Newtonsche Gravitationsgesetz wäre 
nach ihr nur das Gegenteil des Poeschen Ausstrahlungsgesetzes. 
Poe wendet sich nun den Sternen zu. 

„Schon ein oberflächlicher Überblick über den Himmel reicht 
aus, zu zeigen, daß in der Verteilung der Sterne über jene Raum- 
region, in der sie gemeinsam und in ungefähr sphärischer Anord- 
nung gruppiert sind, Gleichförmigkeit und eine gewisse Gleichheit 
der Entfernungen vorherrscht . . ." Und an einer andern Stelle: „Auf 
den ersten Blick hin werden wir dazu gedrängt, mit dem Begriff 
einer Ausstrahlung die (nie davon getrennte und anscheinend 
überhaupt nicht zu trennende) Vorstellung der Verdichtung um ein 
Zentrum zu verbinden, wobei die Zerstreuung mit dem Grad der 
Entfernung fortschreitet; kurz, die Idee, daß die ausgestrahlte 
Materie sich ungleichmäßig im Raum verteilt." 

Der Gedanke von der Ausstrahlung scheint nun mit dem, 
was man bei der direkten Beobaciitung der Sterne entdeckt, in 
Widerspruch zu stehen. Aber gerade hinter einer solchen 
Trübung, einer solchen „Wolke" muß der Schlüssel des 
Mysteriums zu finden sein. Der unfehlbare Analytiker Poe 
bezieht sicii hier auf das Vorgehen des Polizisten Dupin in der 
Angelegenheit der Rue Morgue. 

„Durch die hier entstandene Schwierigkeit", ruft er aus, „durch 
die Absender lichkeit springe ich mit einem Satz in das 
Geheimnis ..." 



1^4 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




Der gewöhnliche BegrifF von der Ausstrahlung ist vom 
Licht mit seinem ununterbrochenen Ausfluß von Strahlen- 
strömen aus einem Zentrum genommen worden. Nun ist abe 
Gott oder die Einheit kein Zentrum dieser Art! Gott hat sich 
behauptet Poe, begrenzter Ausstrahlungen (determinate radia. 
tion) bedienen müssen. 

„Es sei mir erlaubt, den einzig möglidien Modus zu besdireiben 
der es begreiflidi madit, daß die Materie durdi den Raum ausge- 
streut wurde, so daß sie zu gleidier Zeit die Bedingungen der 
Ausstrahlung und der im aligemeinen gleidiförmigen Verteiluno 
erfüllte. * 

Zur klaren Veransdiaulidiung des Vorganges wollen wir uns 
zunädist eine hohle Kugel aus Glas oder anderem Stoff vorstellen 
die wir an Stelle des Raumes setzen, in dem die Weltmaterie durdi 
Ausstrahlung von der absoluten, unabhängigen, unbedingten Par- 
tikel, die im Zentrum der Kugel sidi befindet, gleidimäßig ver- 
streut worden ist. 

Eine gewisse Spannung der zerstreuenden Madit (als die wir 
hier den götdidaen Willen annehmen), mit anderen "Worten, eine 
gewisse Kraft, deren Maß die Menge von Materie, das heißt die 
Anzahl der ausgesandten Atome, ist, strahlt diese bestimmte Anzahl 
von Atomen aus, und zwingt sie nadi allen Ridatungen hin aus 
dem Zentrum heraus. Während dieses Vorganges vergrößert sidi 
der Zwisdienraum von einem zum andern immer mehr, bis sie zum 
Sdiluß in die innere Flädie der Kugel verteilt sind. 

Wenn nun die Atome diese Lage erreidit haben oder zu 
erreichen streben, sdileudert eine zweite Spannung derselben Kraft, 
oder eine zweite, sdiwädiere Kraft desselben Charakters, wieder 
durdi Ausstrahlung eine zweite Sdiidit von Atomen fort . . ., bis 
diese konzentrisdien Schiditen, die immer schwädier und sdiwädier 
werden, zum Sdiluß bis zum Zentralpunkt reidien und die zer- 
streute Materie zugleidi mit der zerstreuenden Kraft völlig 
ersdiöpft ist." 

Auf solche Weise wird eine gleichmäßige Aus- 
strahlung und Verteilung erreicht. Poe will nun das so ver- 
wirklichte Universum der Atome untersudien. 



Heureka jgj 



„Sie liegen in konzentrischen Schichten. Sie sind gleidiförmig 
in der Kugel verstreut. Sie sind durdi Ausstrahlung in diese Stellung 
(rekommen. 

Da nun diese Atome gleidiförmig verteilt sind, . . . (verhält sich) 
die Anzahl der Atome, die auf der Fläche Jeder dieser konzentri- 
sdien Kugeln liegen . . ., gerade proportional zur Ausdehnung dieser 
Flädie. 

Aber in jedem System konzentrischer Kugeln 
sind die Flächen den Quadraten der Entfernun- 
gen vom Zentrum proportional. 

Darum ist die Anzahl von Atomen in jeder Schicht dem Quadrat 
der Entfernung dieser Schidit von dem Zentrum proportional. 

Aber die Anzahl von Atomen jeder Sdiidit ist das Maß der 
Kraft, die diese Schicht ausgeschleudert hat . . . 

Darum ist auch ... die Kraft der Ausstrahlung . . . den 
Quadraten der Entfernungen direkt proportional gewesen." 

Hier geht Poe auf die Reaktion über und erinnert uns 
daran, daß die „Reaktion, soweit uns der Begriff zugänglidi 
ist, nidits anderes (ist) als umgekehrte Aktion", woraus hervor- 
geht, „daß dieses Gesetz der Rückkehr genau die Umkehrung 
des Gesetzes vom Ausgange sei", d. h. die Gravitation ist das 
Gegenteil des Begriffs der Ausstrahlung. 

Dann folgt eine Abhandlung über das Gute und das 
Sdiledite, in der seltsame Zusammenhänge zwischen der Moral 
und der Kosmogonie hergestellt werden. Die Einheit wird dem 
Guten gleichgestellt, die Vielheit entspricht dem Schlechten, 
Deutungen, durch welcäie die Tatsache erklärt werden soll, 
warum alles zur Einheit zurückstrebt und warum die Gravita- 
tion „die stärkste aller Kräfte ist". Poe wiederholt sich dann, 
er erklärt uns bis zum Überdruß, daß die Atome „diesen Punkt 
nidit als Punkt" suchen, sondern bloß als die Möglichkeit, 
zur Einheit wieder zurückzufinden. Er weist hierauf drei Ein- 
wände zurück: 

„Man könnte erstens sagen: ... daß die Kraft der Ausstrahlung 
sidi direkt proportional zu den Quadraten der Entfernungen ver- 
hält, beruht auf einer unbewiesenen Annahme." 




i86 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Diesen Einwand widerlegt Poe durch die Behauptung, 

„daß eine Wirkung der Maßstab ihrer Ursadie ist . . . Der zweit 
mögliche Einwurf hat etwas mehr Ansprudi auf Antwort: ... ^■ 
ist es . . . möglich, . . . daß meine erste oder äußerste Atomsdiidi, 
ihre Bewegung an der Innenflädie der angenommenen Glaskugel 
einstellt, wenn eine zweite, nicht bloß angenommene Kraft nicht in 
Erscheinung tritt, um dieses Einstellen der Bewegung zu erklären'" 

Denn die Einstellung der ersten Bewegung ohne eine Gegen- 
kraft ist nadi den Gesetzen der Dynamik unmöglich, Poe zieht 
sich hier aus der Klemme, indem er sagt, im Augenblick, da sidi 
Gott der ersten Ausstrahlung bedient hat, gab es noch keine 
Prinzipien. 

„Der U r a k t (primary act)", erklärt er uns, „die Ausstrahlung 
aus der Einheit, muß von allem unabhängig gewesen sein, was die 
Welt jetzt mit dem Ausdruck Prinzip bezeidinet ... Ich sage 
U r akt; denn die Erschaffung der materiellen Ureinheit ist eigent- 
lich riditiger als Empfängnis denn als Akt im gewöhnlichen 
Sinn des Wortes zu betrachten." 

Poe teilt uns dann mit, daß die „Prinzipien" von der 
Reaktion herkommen, und daß es ratsam sei, - 

„die Anwendung dieses Wortes auf die beiden unmittelbaren 
Resultate des Aufhörens des göttlichen Willens zu besdiränken, 
nämlich auf die beiden Kräfte — Attraktion und R e p u 1- 
s i o n". 

Dann geht er auf den dritten Einwand über, „daß der be- 
sondere Modus der Verteilung der Atome, den ich angenommen 
habe, nichts weiter als eine ,Hypothese' sei". Auf diesen Ein- 
wand erwidert er sehr nadidrücklich, daß sich ihm alles das, 
was er behauptet hat, „notwendig in einer Reihe von Vernunft- 
schlüssen aufgedrängt (habe), die so streng logisch auf- 
gebaut sind wie irgendeine euklidische 
Beweisfolge" und infolgedessen unwiderleglich. Alles, 
was er behauptet hat, beruht auf der „Augenscheinlichkeit der 
Verhältnisse", dem Prinzip des „logischen Axioms", von dem 
er uns im folgenden ein Beispiel gibt: 




Heureka 187 



„Mein Urpartikel ist die absolute Beziehung s- 
losigkeit. Um zusammenzufassen, was ich gesagt habe: idi bin 
davon ausgegangen, daß ich einfach als gegeben nahm, daß der 
Anfang nichts hinter oder vor sich habe; daß es in der Tat ein 
Anfang und nichts weiter als ein Anfang war, kurz, daß dieser 
Anfang das war — was er wa r." 

Poe weist nun audi die zurück, welche an eine „unendliche 
Ausdehnung der Materie" im unendlidben Raum glauben. In 
einem solchen Fall gäbe es keine Strebung der Atome zur 
Rückkehr nach einem Zentrum, denn wenn die Atome ins 
Unendliche des Universums verstreut sind, dann 

„bestehen gleichviele Tendenzen zur Einheit vor wie hinter dem 
zur Bewegung sich anschidcenden Atom, so daß es ein Unfug ist, 
zu behaupten, daß eine unendliche Linie länger oder kürzer sei, 
als eine andere unendliche Linie ... So muß also besagtes Atom 
für immer und ewig an seinem Platz verbleiben. In den unmög- 
lichen Verhältnissen, die wir hier einzig und allein um der Erörte- 
rung willen anzunehmen uns bemüht haben, würde es kein Aggregat 
der Materie, weder Sterne nodi Welten geben; lediglich ein ewig 
atomisches und vernunftwidriges Weltall. 

Wenn wir uns aber vorstellen, daß die Atome in einer Kugel 
verteilt sind, so begreifen wir sofort eine Tendenz zur Vereinigung, 
die befriedigt werden kann. Da nun das allgemeine Resultat der 
Tendenz jedes zu jedem eine Tendenz gegen das Zentrum hin ist, 
so beginnt der Vorgang der Kondensation oder Annäherung durdi 
eine gemeinsame und gleichzeitige Bewegung sofort mit der Zurück- 
ziehung des göttlichen Willens . . . 

Was ich dem Leser ganz besonders einprägen möchte, ist 
folgendes: es entstanden sofort (nach der Zurückziehung der zer- 
streuenden Kraft, also des göttlichen Willens) an unzähligen 
Punkten durdi die ganze Kugel des Universums hin, entspringend 
aus dem beschriebenen Zustand der Atome, zahllose Anhäufungen, 
die durch unzählbare spezifische Unterschiede in Form, Größe, 
Wesensart und gegenseitigen Entfernungen charakterisiert werden. 
Die Entwicklung der Repulsion (Elektrizität) muß naturgemäß 
gleichzeitig mit den ersten besonderen Bemühungen zur Einheit 
begonnen haben und muß im Verhältnis zur Zusammenwachsung, das 
heißt zur Verdichtung oder zur Heterogenität sich gesteigert haben. 



1 



i88 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



So geben sich also im engsten Zusammenhange die beiden 
eigentlichen Prinzipien, Attraktion und Repulsion, Materielles und 
Geistiges, die Hand. So schreiten Körper und Seele vereinigt dahin." 

Nachdem uns nun Poe die widitigsten Grundsätze seiner 
eigenen Kosmogonie vorgeführt hat, resümiert er die Nebular- 
theorie von Laplace. 

Dann spielt er sidi so auf, als ob sein System sich mit „der 
prachtvollsten aller Theorien", mit der Kosmogonie von 
Laplace begegne; einige Zeit lang ist er mit Laplace einer 
Meinung, schließlich aber rückt seine Betrachtung wieder von 
ihm ab. Dabei wird unsere Überlegung vorerst mit einer 
recht dunklen Behauptung versorgt, die sich auf die Re- 
pulsion (elektrische Influenz) und Attraktion (Gravitation) 
bezieht, oder anders gesagt, auf den Körper und die Seele, die 
vereinigt dahinsdireiten, und zwar in dem Augenblick, in dem 
die Sonne im Begriff ist, die verschiedenen Ringe zu bilden, 
welche zu Planeten werden, eine Behauptung, die natürlidi 
nicht bei Laplace zu finden ist, sondern bei Poe. Dann erfahren 
wir von unserem Dichter: 

„Da die Kondensation minimal und bei keinem Körper als 
völlig abgeschlossen betrachtet werden kann, so können wir vor- 
aussehen, daß in jedem nadiprüfbaren Fall die Sternenkörper, ob 
es sich nun um Monde, Planeten oder Sonnen handelt, Anzeichen 
von Leuchtkraft aufweisen werden." 

Hierauf führt Poe das Leben selbst auf eine höhere Mani- 
festierung der Elektrizität zurück, die ihrem Repulsionsprinzip 
gleichgesetzt wird. Und wir erfahren, 

„daß die Entwicklung der Erd-Vitalität im 
gleichen Verhältnis mit der E r d- Ko n d e n sa t ion 
fortschreite t". 

Dann fragt er sich — indem er diese Annahme aus der 

Theorie von Laplace deduziert — , ob die aufeinanderfolgenden 

Generationen neuer Tierarten, diese immer vollendeteren 




Heureka 



.Rassen nidit mit den aufeinanderfolgenden Planetabstoßungen 
Jer Sonne im Zusammenhang stehen, wobei diese Sonne 
jedesmal, wenn sie sich eines der verhärteten Ringe entledigt 
hat, in ihrem nackten und befruchtenden Glanz neu ersdieint. 
Die Tatsadie, daß damals eben das Teleskop von Rosse eine 
große Zahl sogenannter „Nebulae" als einen Haufen von 
Sternen hat erkennen können, eine Tatsache, durdi weldie für 
viele Wissenschaftler die Theorie des Laplace erledigt wurde, 
sdieint für Poe im Gegenteil eine Bestätigung dieser Theorie zu 
sein. Denn wenn die Poesdie Idee einer Aussendung aller Atome 
des Universums durch Gott aus der Urpartikel der Wirklidi- 
keit entspricht, dann müssen diese ersten Maßnahmen Gottes in 
einer so weit zurückliegenden Zeit stattgefunden haben, daß 
vor unserem Auge nirgends mehr die ursprüngliche gasartige 
Nebularsubstanz ersdieinen kann. Laplaee jedodi hat an die 
Aktualität der ursprünglichen gasartigen Nebelmassen ge- 
glaubt, er hat an die Unendlichkeit des Atomuniversums 
geglaubt! 

„Die am wenigsten berechtigte Annahme von Laplace besteht 
darin, daß er den Atomen eine Bewegung gegen das Zentrum 
zusdireibt, trotzdem er offenbar der Meinung ist, daß die Atome 
in unbegrenzter Folge sich durch den Weltenraum hin verbreiten", 

eine Bedingung, die nadi Poes Meinung jede Bewegung ver- 
hindern müsse. Der Diditer gesteht dem Gelehrten jedoch zu, 
daß der „an das Wunderbare grenzende mathematisdie 
Instinkt" Laplace bei seiner Nebularkosmogonie 

„mit verbundenen Augen durch ein Wirrsal von Irrtümern zu 
einem der leuditendsten und wunderbarsten Tempel der Wahrheit 
geführt" 

habe. 

So beurteilt Poe, der das Rätsel des Universums hiemit 
endgültig entziffert, seinen allzu schüchternen, zurückhaltenden 
Vorgänger. Die Astrophysik des zwanzigsten Jahrhunderts hat 




190 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



ihrerseits überaus radikal einen Teil der Nebularhypothese 
des Laplace verworfen, da das ursprüngliche Sonnensystem 
nadi ihrer Meinung sich niemals schnell genug um sidi selbst 
gedreht habe, um die Aussendung der Planeten zu ermögljdien 
und auch deshalb, weil der Maßstab unseres Systems zu klein 
ist, als daß die nach der Hypothese von Laplace von der Sonne 
ausgeworfene relativ kleine Menge an Materie sidi nicht im 
Räume verloren hätte. Die Nebularhypothese kann sidi daher 
nur mehr auf die „Nebulae" beziehen, weldie die Millionen 
Sonnen hervorgebracht haben, nicht aber auf die Planeten- 
systemeJ* 

Die Kritik Poes konnte natürlidi nicht diese modernen Er- 
kenntnisse vorwegnehmen. Im Grunde genommen wirft Poe 
Laplace, dem Gelehrten, der gesagt haben soll, er benötige 
für die Himmelsmechanik diese Hypothese (Gott) nidit, vor, 
die intuitive Vision eines Gottes, der die Urpartikel, den 
Ursprung des Universums, aussendet, habe bei ihm gefehlt. 

* 

Dann malt Poe die große Freske des von ihm geschauten 
Universums. 

„Fassen wir also unser Sonnensystem als den allgemeinen oder 
ungefähren Typus aller anderen auf, so sind wir so weit vorge- 
sdiritten, daß wir das Weltall als einen kugelförmigen Raum an- 
sehen können, durdi den mit nur rein prinzipieller Gleidimäßigkett 

79) James Jeans, The Universe. (Französisdie Ausgabe bei Payot, 
Paris 1930.) Die Hypothese, weldie augenblidilidi versudit, die 
Nebulae bei der Bildung unseres Systems zu ersetzen, ist die 
Gezeitentheorie. Sdion Buffon hat sie aufgestellt, ohne sie 
jedoch mathematisdi beweisen zu können. Nadi dieser Theorie sollen 
die Planeten ihr Entstehen dem Durchgang eines Sterns durdi die 
Nähe der Sonne verdanken, wobei ein Teil der Sonnensubstanz 
in der Form einer langen Flosse oder von Materiefaser, die sidi 
dann zu voneinander getrennten Planeten zerteilt hat, mitgerissen 
wurde. Daraus ginge hervor, daß die Bildung von Planeten einen 
im "Weltall selten vorkommenden Unfall darstellt (S. 196 ff.). 



J 




Heureka lat 



eine gewisse Anzahl von Systemen mit rein prinzipieller Ähnlidi- 
l6i ausgestreut ist. 

Wir -wollen jetzt unsere Vorstellung erweitern und jedes dieser 
Systeme als ein Atom in sich betrachten, was es ja tatsädilich auch 
jst, wenn wir es nur als eines der unzähligen Myriaden von 
Systemen betrachten, die das "Weltall bilden. Wenn wir sie nun 
alle als riesenhafte Atome betrachten, jedes von der unausrottbaren 
Tendenz zur Einheit erfüllt, die die wirklichen Atome, aus denen 
es besteht, charakterisiert, so kommen wir mit einem Schlage zu 
einer neuen Ordnung von Gruppierungen. Die kleineren Systeme, 
die sidi in der Nachbarschaft eines größeren befinden, werden sich 
unbedingt mehr und mehr diesem nähern müssen. Hier werden 
tausend, dort eine Million, an anderer Stelle vielleicht eine Trillion 
sich versammeln und rund um sich unmeßbare Leeren im Räume 
lassen. Und wenn man mich jetzt fragt, warum ich bei diesen 
Systemen, bei diesen wahrhaft titanischen Atomen (ich spreche nur 
von einer Versammlung, aber nicht, wie im Fall der positiven 
Atome, von einer mehr oder weniger verdichteten Körperbindung) 
_- wenn man mich nun fragt, warum ich meine Vermutung nicht 
bis zu ihrem richtigen Schlüsse durchführe, warum ich nicht an 
diesen Ansammlungen von Systematomen erläutere, wie sie ihrer 
Konsolidation zu Sphären zueilen, wie jedes sich zu einer pracht- 
vollen Sonne verdichtet, so antworte ich: [xsUovra taÜTO, ich habe 
nur einen Augenblici lang auf der erhobenen Schwelle der Zukunft 
gezögert. Im jetzigen Stadium nennen wir diese Versammlungen 
Haufen und sehen sie im Anfang ihrer Konsolidation; ihre absolute 
Vereinigung liegt noch in der Zukunft. 

Nun sind wir an einem Punkt angekommen, wo wir das Weltall 
als einen kugelförmigen Raum betrachten, in dem Sternhaufen 
ungleich zerstreut sind. Ich bitte, das Augenmerk darauf zu richten, 
daß idi hier das "Wort ungleich der früher gebrauchten Redens- 
art ,mit nur rein prinzipieller Gleichmäßigkeit' vorziehe. Es ist 
selbstverständlich, daß die Gleichheit der Verteilung in dem gleichen 
Verhältnis abnimmt, in dem die Agglomeration zunimmt, das heißt 
die Dinge an Zahl abnehmen. So kann also die Zunahme der 
Ungleichheit, eine Zunahme, die bis zu dem mehr oder weniger 
fernen Zeitpunkt fortschreiten wird, wo die größte Agglomeration 
alle anderen absorbieren wird, nur als ein bestätigendes Symptom 
der Tendenz zur Einheit betrachtet werden." 




192 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Das heißt, daß für Poe der gegenwärtige Zustand des 
Universums der in Bewegung befindlichen Rückkehr dj. 1 
Materie zur Einheit entspricht. Nadi der Meinung Poes be- 
stätigt die teleskopische Beobaditung seine Ansidbt: sie erlaubt 
es uns, 

„zu sehen, daß das wahrnehmbare Weltall als System unter 
den ungleichmäßig verstreuten Systemen exi- 
stier t". 

Und nun läßt Poe vor unseren Augen die Sterne vorüber- 
ziehen: erst sehen wir die Mildistraße, die Poe sich als eine 
von einem Ring umsdilossene „linsenartige Versammlung von 
Sternen" vorstellt, dann kommen jene Räume hinter ihr, weldie 
von den Haufen, die man ungenau „Nebulae" nennt, bevölkert 
werden und die nach Poe nichts als Anhäufungen von Sternen 
sind. Er betraditet den Himmel und entdeckt dort, was man 
damals zu sehen glaubte, nämlidi ein Band von Nebelflecken, 
„ein Band von ungleidier Breite, das sich von einem Horizont 
zum andern zieht und im rechten Winkel zur Durdischnittsriditung 
der Milchstraße steht". „Dieses Band", ruft er nun aus, „ist der letzte 
Haufe der Haufen; dieser Gürtel ist das U n i v e r s u m." 
Und einige Zeilen später: „Es gibt keinen unhaltbareren, ... astro- 
nomischen Irrtum als die Behauptung einer absoluten Unbegrenzt- 
heit des Sternenweltalls . . . Wenn die Sternenfolge endlos wäre, 
so wäre der Hintergrund des Himmels gleichmäßig beleuchtet, wie 
wir das bei der Mildistraße finden, da kein einziger Punkt 
im ganzen Hintergrunde zu finden wäre, wo kein 
Stern sich befand e." 

Das Gegenteil ist aber wahr, unsere Teleoskope finden „in 
unzähligen Richtungen" leere Räume. Das sind 

„Ausblicke durch die Grenzwälle des Sternenweltalls in das hinter 

jjlj ihm drohende, unbegrenzte All der Öde . . . 

' So begreifen wir also die Inselnatur unseres Universums ... 

Aber darf man schließen, daß wirklich kein materieller Punkt 
jenseits der erreichten Grenze liegt, weil wir durch die Begrenztheit 
unserer Sinne gezwungen sind, an den Grenzen des Sternenweltalls 
haltzumachen? Haben wir oder haben wir nicht das Recht, durdi 




Heureka 193 



Analogie den Schluß zu ziehen, daß dieses wahrnehmbare Universum, 
dieser Haufe der Haufen nur ein Teil einer Reihe von Haufen 
jjef Haufen sei, deren übrige uns unsichtbar bleiben . . . wegen der 
Entfernung ..." 

An dieser Stelle verteidigt sich der Dichter, mit anderen eine 
mensdilidie Schwäche zu teilen und an das Unbegrenzte zu 
glauben. 

„Das menscblidie Gehirn hat offenbar eine große Neigung für 
das Unendliche und spielt gerne mit diesem Phantom . . . 
Trotzdem mag es ja eine Klasse von höherstehenden Intelligenzen 
geben, für die diese Durchschnittsanlage alle Anzeidien einer Mono- 
manie trägt." 

Aber die Antworten, die uns Poe nun auf seine Fragen 
gibt, zeigen seine Abhängigkeit von der Idee des Unendlichen. 

„Haben wir das Recht, eine unendliche Reihe von Haufen 
der Haufen oder von U n i v e r s a mehr oder weniger ähnlicher 
Art anzunehmen oder vielmehr uns auszudenken? Ich antworte, 
daß das Recht in einem soldien Fall ausschließlich von der 
Kühnheit der Einbildungskraft abhängt, die sich an diese Frage 
wagt. Idi möchte hier nur erklären, daß ich, was midi betrifft, 
mich sehr zu der Einbildung hingezogen fühle (ich wage hier 
keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen), daß eine endlose Folge 
von Universa existiert, die mehr oder weniger demjenigen ähnlidi 
sind, das wir kennen, demjenigen, das allein wir jemals kennen 
werden, wenigstens bis die Rückkehr unseres eigenen Universums 
zur Einheit erfolgen wird. Wenn aber solche Haufen von Haufen 
bestehen — und sie bestehen — , so ist es reichlich klar, daß sie, 
da sie keinen Teil an unserem Ursprung hatten, auch keinen Anteil 
an unseren Gesetzen haben. Sie ziehen uns nicht an, und wir ziehen 
sie nicht an. Ihre Materie, ihr Geist ist nidit unserm gleidi, gehören 
nidit zu dem, was in irgendeinem Teile unseres Universums Ein- 
fluß und Wert besitzt. Sie können weder unsere Sinne, noch unsere 
Seele beeinflussen. Zwischen ihnen und uns, wenn wir sie alle für 
einen Augenblick gesammelt betrachten, gibt es keine gemeinsamen 
Einflüsse. Jedes existiert allein und unabhängig im Schöße 
seines eigenen und besonderen Gotte s." 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 15 





194 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Dann folgt eine Art Hymnus auf die Größe der Sdiöpfun» 
d. h. auf die zeugende Madit des Sdiöpfers, der Körper aus- 
gesandt hat, deren Inhalt, Gewicht und Abstand die Bered- 
samkeit eines Erzengels herausfordern würde! Hierauf werden 
die Keplersdien und Bodesdien Gesetze und mehrere großg 
astronomisdie Zahlen zitiert. 

Wir wollen uns aber hier nicht lange damit aufhalten, auf 
die wissenschaftlichen Irrtümer Poes hinzuweisen; wir be- 
sdiränken uns darauf, der Entwicklung seines Gedankens zu 
folgen. Sein Ziel ist, uns die „absolute Genauigkeit der An- 
passung Gottes" bewundern zu lassen, und er zitiert uns 
als Beispiel für diese universale Anpassung, für die Möglidi- 
keit, die Ursache an die Stelle der Wirkung einzusetzen, die 
Tatsadie, daß im Polarklima, dort wo „die mensdiUdie 
Maschine, um ihre animalische Wärme zu erhalten, . . . eine 
große Menge stickstoffhaltiger Nahrung, wie z. B. Fischtran" 
{sie) benötigt . . ., „der Tran der Robben und Walfisdie fast die 
einzige Nahrung ist, die die Natur dem Menschen bietet", was 
„eine absolute Gegenseitigkeit der Anpassung" 
darstellt. Man sieht hier und auch an andern Stellen, sdiließt 
Poe, daß „die göttlichen Pläne . . . vollkommen" sind, im 
Gegensatz zu den Plänen der Mensdien, und daß „das Welt- 
all ... ein göttlicher Plan" ist. Auf solche Art wird der so 
oft siditlidi wunderbare Endzustand, in dem sich der lebende 
Organismus befindet, ein Finalismus, der wahrscheinlidi eine 
Folge tausendjähriger durch unsere Nervenzentren gelenkte An- 
passung an das Milieu ist, von Poe in die anthropomorph 
gesehene Gesamtheit des Universums projiziert und auf die 
allwissende und alles voraussehende Weisheit des sdiöpferi- 
schen Vaters bezogen. 

Gerade an dieser Stelle aber verteidigt sich Poe gegen die 
Neigung des menschlichen Geistes zu Analogieschlüssen, als ob 
er gegen die unbewußt erfaßte Tatsadie protestieren wollte, 



I 



Heureka ijj 

daß auch seine Überlegungen nadi jenem Schema vor sidi 
gehen. Man darf nicht glauben, sagt er, daß die Sterne im Un- 
gudlidien um immer größere Globen, die aktuell existieren, 
sidi drehen! Das wäre ein falscher, auf Analogie aufgebauter 
Sdiluß. Man darf nicht den gleichen Irrtümern verfallen wie 
Mädler, der einen enorm großen, jetzt finsteren Globus im 
Zentrum der Milchstraße postuliert hat. "Was tatsädilidi vor- 
geht, ist anderer Natur. Zeigt uns nidit das Teleskop, daß in 
den kreisförmigen Nebelflecken Hersdiels 

„an jeder Seite Sternenmassen sidi befinden, die sich nadi 
außen zerstreuen, als wenn sie, angezogen durch 
eine Riesenmacht, einer großen Zentralmacht 
zustürzen wollten?"^" 

Hier haben wir, sozusagen dem Leben entnommen, die 
Rüdckehr der Materie zur Einheit vor uns, eine Rückkehr, die 
schon begonnen hat, aber vom Ende ncdi weit entfernt ist. In 
der Zukunft aber wird die Konzentration jeglicher Materie in 
einem kolossalen Globus stattfinden, und das ist der vorletzte 
Akt des Dramas. Um sich von dieser Endkonzentration einen 
rediten Begriff zu madien, bedarf man nidit des Hinweises auf 
eine Hypothese, nach der der Äther die Himmelsbewegungen 
verlangsame. Gott genügt. Es wäre eine Gottlosigkeit sonder- 
gleidien, anzunehmen, 

„daß das Ende weniger einfadi, weniger unmittelbar, weniger 
selbstverständlich, weniger künstlerisch herbeigeführt werden könne, 
als durch die Reaktion auf den S c höp f u n g s ak t". 

Und nun entwirfl; Poe ein Bild vom gegenwärtigen Zustand 
des Universums: 

„Kehren wir also zu einer unserer früheren Annahmen zurüde 
— die Systeme, die Sonne mit ihren Planeten wollen wir nur als 
ein titanisches Atom auffassen, das im Raum vorhanden ist, begabt 

80) Hier verwediselt Poe (nach Dr. Nidiol) wahrscheinlich die 
siditbare Auswerfung der Nebularsubstanz mit dem, was er pro- 
gressive Annäherung nennt. 

13* 



196 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



mit derselben Neigung zur Einheit, die im Anfang die editen Atom 
nach ihrer Ausstrahlung durch die Weltallkugel kennzeichneten " 

Unter dem Einfluß dieser Neigung streben die „System- 
Atome" zu ihren Aggregationszentren oder Haufen zurüde und 
die Haufen selbst zu einem gemeinsamen Zentrum. Das wäre 
nadi Poe „die sdirecklidie Gegenwart". Aber unser mit den 
Sternen jonglierender Prophet will nun ein Bild der Zukunft 
entwerfen : 

„Eine rationelle Analogie kann uns helfen, eine Hypothese der 
Zukunft zu bilden, die nodi schredilidier ist. Da das Gleidigewidit 
zwisdien den zentripetalen und zentrifugalen Kräften jedes Systems 
notwendigerweise zerstört werden muß, sobald es sich bis zu einem 
bestimmten Grad dem Kern des Haufens nähert, zu dem es gehört 
so muß daraus eines Tages ein diaotisdier oder wenigstens scheinbar 
chaotischer Sturz der Monde auf die Planeten, der Planeten auf 
die Sonnen, der Sonnen auf die Sterne erfolgen; und das allge- 
meine Resultat dieses Sturzes muß die Agglomeration der Myriaden 
jetzt am Firmament stehender Sterne in eine fast unendlich kleinere 
Zahl von fast unendlich größeren Kugeln sein . . . Dann werden 
in unermeßlichen Abgründen unvorstellbare Sonnen aufstrahlen, 
aber das ■ alles wird nur ein prachtvoller Höhepunkt sein, der das 
große Ende einleitet . . . Während ihrer Konsolidation haben sich 
die Haufen mit erschreckend wachsender Geschwindigkeit ihrem 
allgemeinen Zentrum zugestürzt, und bald werden mit einer tausend- 
fach verstärkten elektrischen Geschwindigkeit, wie sie ihrer mate- 
riellen Größe und der geistigen Heftigkeit ihrer Einheitsneigung 
entspricht, die majestätischen Überbleibsel der Sternenmasse in allge- 
meine Umarmung stürzen. Die unvermeidliche Katastrophe ist da. 

Aber was ist nun diese Katastrophe? Wir haben gesehen, wie 
die Kugeln vereinigt wurden. Müssen wir von jetzt an annehmen, 
daß diese materielle Kugel der Kugeln, diese einzige 
materielle Kugel, das ganze Universum bildet und es fülle? 
Soldi eine Vorstellung stände in vollständigem Widerspruch zu 
allen in dieser Abhandlung ausgesprochenen Annahmen." 

Denn diese Kugel der Kugeln würde, wie wir sehen werden, 
nicht bestehen können. Poe glaubt, dies durch folgende spitz- 
findige Argumentation zu beweisen: Wir haben, sagt er, 




Heureka 157 

die elektrisdie Einwirkung als Repulsivkraft aufgefaßt, die 
allein der Materie möglich mache, in dem Zustand der Zer- 
streuung zu existieren, der zur Vollendung ihrer Schidcsale not- 
wendig ist . . ■"■ 

Nehmen wir das göttliche Prinzip einer Gegenseitigkeit der 
Anpassung als gegeben an, dann ist es uns 

„umgekehrt . . . auch erlaubt, die Materie als einzig und allein 
zugunsten dieser Einwirkung, zur Sicherung der Ziele 
dieses geistigen Äthers, eingesetzt zu betrachten. Durch die Materie 
und mit ihrer Hilfe durdi die Kraft ihrer Heterogenität wird dieser 
Äther offenbar, wird der Geist individualisier t", 

so weit, daß er schließlidi den Gedanken zeugt. Nun muß 

„jedes Werk, das einem göttlichen Einfall entsprungen ist, mit 
seinem ihm zugehörigen Ziele existieren und mit dessen Erreidiung 
dem Nichts anheimfallen", 

die Materie muß mit dem Leben und dem Denken sterben, 
nadidem sie das Leben und das Denken konditioniert hat — 

„und ich zweifle nidit daran, daß die meisten meiner Leser, 
wenn sie die Z w e c k I o s i g k e i t der letzten Kugel der Kugeln 
erfaßt haben, meiner Folgerung beistimmen werden: so kann sie 
also nidit mehr bestehen". 

„Wenn also nadi Vollendung ihrer Zwecke die Materie zu 
ihrer ursprünglichen Einheit zurüdcgekehrt sein wird, zu dem 
Zustand, der die Austreibung des trennenden Äthers voraussetzt . . ., 
wenn also, wie ich sagte, die Materie nadi Austreibung des Äthers 
zur absoluten Einheit zurückgekehrt sein wird, so wird die Materie 
(um etwas paradox zu spredien) ohne Attraktion und Repulsion 
bestehen — mit anderen Worten: Materie ohne Materie, oder keine 
Materie sein. Wenn sie in die Einheit versinkt, so wird sie zu- 
gleidi in jenes Nichtsein versinken, das für alle endliche Vor- 
stellung mit der Einheit identisdi sein muß; in jenes materielle 
Nidits, aus dem allein sie hervorgegangen, aus dem allein sie durch 
den Willen Gottes erschaffen worden sein kann. 

Ich wiederhole also: bemühen wir uns zu begreifen, daß dieser 
letzte, aus allen andern zusammengesetzte Globus augenblülich 
versdiwinden wird, und daß nur Gott allein als All im All 
bestehen wird. 




198 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Aber sollen wir hier stehenbleiben? Durchaus nidit. Aus die 
Agglomeration und Auflösung des Weltalls kann, wie wir unsdiw ' 
begreifen können, eine neue Reihe von Zuständen hervorgehe 
eine neue Sdiöpfung und eine neue Ausstrahlung, die in sidi selb ' 
zurücikehrt, eine neue Aktion des göttlichen Willens mit sein 
Reaktion. Wenn wir unsere Vorstellungskraft von jenem oberst 
aller Gesetze, von dem Gesetz der Periodizität leiten lassen, sind 
wir dann nicht mehr als berechtigt, den Glauben zu hegen — sage 
wir lieber, uns der Hoffnung hinzugeben — , daß die Vorgang 
die wir hier zu betrachten gewagt haben, immer und immer uni 
immer wieder erneuert werden könnten? Daß ein neues Weltall 
ins Dasein tritt, und dann seinerseits ins Nichts versinkt — [,.• 
jedem Schlage des Gottesherzens? 

Und was ist nun das Gottesherz? Es ist unser eigenes Herz" 

ruft Poe aus, dessen heiliger Eifer auf diesen letzten Seiten 
immer stärker anwädist. „Laßt nicht die nur scheinbare Unehr- 
erbietigkeit dieses Gedankens eure Seelen . . . abschrecken" und 
wendet euch nicht ab von der tiefen Ruhe der Selbstbeobach- 
tung, durch welche diese Wahrheit aufscheint. Denn tatsächlidi 

„wandeln (wir) durdi die Geschicke unseres Weltdaseins, um- 
geben von schattenhaften, aber immer gegenwärtigen Erinnerungen 
an ein größer gestaltetes, in früher Vergangenheit weit zurüdc- 
liegendes und unendlich furchtbares Geschick. 

Die Jugend, die wir erleben, ist besonders heimgesudit von 
soldien Träumen, die wir jedodi niemals als Träume ansehen. 
Wir erkennen Erinnerungen in ihnen . . . Solange diese Jugend 
andauert, ist das Gefühl unserer persönlichen Exi- 
stenz, das natürlichste von allen unseren Gefühlen . . ., (und) 
daß es hätte sein können, daß wir niemals zu einer Exi- 
stenz gekommen wären, das sind Betrachtungen, die uns in 
der Jugend wahrlidi schwerfallen. Von allen Fragen scheint 
uns, bis wir erwachsener sind, die Frage am schwersten 
zu beantworten, warum wir vielleicht nicht hätten existieren können. 
Bis zu diesem Alter scheint die Existenz, die persönliche Existenz, 
die Existenz zu jeder Zeit und selbst in der Ewigkeit, uns ein 
normaler und fragloser Zustand — es scheint uns so, weil 
es so ist. 




I 



Heureka 199 



Aber dann kommt die 2eit, da eine konventionelle Weltweis- 
Ujit uns aufweckt und der Wahrheit unserer Träume entzieht. 
ZweiWj Überraschung und Unbegreiflichkeit stellen sidi im selben 
Augenblidie ein. Sie sagen: ,Du lebst, und es gab eine Zeit, wo 
du nidit lebtest. Du bist geschaffen worden. Es gibt eine höhere 
Intelligenz als deine, und nur durch diese Intelligenz lebst du 
überhaupt . . .' 

Es gibt keinen denkenden Menschen, der nicht in einem gewissen 
liditen Augenblicke seines Gedankenlebens sich in ein Chaos frucht- 
loser Versuche verloren gefühlt hätte — in Versuchen, zu begreifen 
oder zu glauben, daß etwas Größeres bestehe als seine 
eigene Seel e". 

Das ist ganz gut beobachtet, es stimmt nur nicäit, daß 
diese Sensationen des Größenwahns gerade mit den erleuch- 
tetsten Einsichten unseres intellektuellen Lebens zusammen- 
fallen. Aber diesem Anfall von narzißtischem und paranoidem 
Mystizismus, unter dessen EindrucJk Poe Heureka beendet, 
ist durch Kritik nicht beizukommen. 

„Die vollständige Unmöglichkeit, die für die Seele jedes ein- 
zelnen besteht, sich tiefer als einen andern stehend zu betraditen; 
die intensive, überwältigende innere Empörung, die die Seele beim 
Auftauchen dieses Gedankens ergreift, dieses und das alles beherr- 
sdiende Verlangen nadi Vollkommenheit sind nur der Ausdruck 
des geistigen, mit dem materiellen zusammenfallenden Ringens mit 
der ursprünglidien Einheit." 

Denn „jede Seele (ist) zum Teile ihr eigener Gott, ihr eigener 
Schöpfer; . . . Gott, der materielle und geistige Gott, (der) jetzt 
einzig und allein in der zerstreuten Materie und dem zerstreuten 
Geiste des Weltalls existiert" und „die Wiedervereinigung dieser 
Materie und dieses Geistes allein (kann) den rein geistigen und 
individuellen Gott wiederherstellen". 

Damit ist ausgesprochen, daß hier die Rollen endlich ge- 
wechselt wurden, und daß der Schöpfer, bei der gesetzmäßigen 
Rückkehr der Dinge aus dem Jenseits — oder aus dem Dies- 
seits — von seinen Geschöpfen wieder erzeugt wird. Man darf 
aber deshalb doch nicht glauben, daß diese Gott schaffende 




^°° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




Konzentration unsere persönliche Individualität ohne Ko 
pensierung wieder aufsauge. In einer Schlußbemerkungsi j," 
Heureka sdireibt Poe: 

„Die Trauer, in die uns die Betrachtung, daß wir unsere indi 
viduelle Identität verlieren werden, versetzt, hört sofort auf, ^^ '" 
wir überlegen: der oben beschriebene Vorgang ist ja nicht meh" 
und niAt weniger als die Aufsaugung aller andern Intelligenze ' 
(d. h. aller im Universum befindlichen Intelligenzen) durdi jede 
individuelle Intelligenz. Damit Gott ganz in allem sein kann, muß 
jeder Gott werden", 

das heißt: die kosmologische Phantasie von Heureka 
führt zu dem Ende, daß Poe sich Gott gleichsetzt. 

Schließlidi ergreifen die Erinnerungen in einer hodi- 
trabenden Prosopopöie das Wort: 

„Es war einmal eine Zeit in der Nacht der Vergangenheit, 
da gab es ein noch bestehendes Wesen — eines aus einer unend- 
lichen Zahl ähnlicher Wesen, die die absolut unendlichen Bezirke 
des absolut unendlichen Raumes bevölkern. Es lag und liegt nidit 
in der Macht dieses Wesens, so wenig es in deiner eigenen liegt, 
in tatsächlidiem Wachstum die Freude seines Daseins zu erweitern 
und zu vermehren; aber . . . jenes göttliche Wesen (bringt) ... so 
seine Ewigkeit in beständigem Wechsel zwischen seinem konzen- 
trierten und seinem fast unendlich zerstreuten Selbst hin. Was du 
das Weltall nennst, ist nichts weiter als seine jetzige ausgedehnte 
Existenz ... Alle diese Gesdiöpfe — sowohl diejenigen, die du 
als belebt bezeichnest, wie audi diejenigen, denen du das Leben 
absprichst, aus keinem andern Grunde absprichst, als weil du es 
nidit in seinen Äußerungen beobachten kannst — , alle diese 
Geschöpfe haben in höherem oder geringerem Grade eine Befähi- 
gung zur Freude oder zum Schmerze; aber die Summe ihrer 
Empfindungen stellt genau die Summe des Glücks dar, 
die rechtmäßig dem göttlichen Wesen zukommt, 
wenn es sich in sich selbst zurückgezogen hat. 
Diese Geschöpfe sind außerdem alle mehr oder weniger bewußte 
Intelligenzen; sie sind sich, erstens, ihres eigenen Selbst bewußt, 

8i) V.E., Bd. i6, S. 336. 




Heureka 20T 

zweitens mittelst flüchtiger Erleuditung . . . ihrer Identität mit 
Gott. Von diesen beiden Arten von Bewußtsein stellen wir uns 
vor, daß die erste schwächer, die zweite stärker werde im Lauf 
der langen Zeitfolge, die vergehen muß, bevor die Myriaden 
individueller Intelligenzen — bevor die strahlenden Sterne sich 
vermisdien und übergehen in das allgemeine Eins. Wir müssen uns 
vorstellen . . ., daß der Mensch zum Beispiel unmerklich aufhört, 
sich als Mensch zu fühlen, und mit der Zeit jene erhabene, 
triumphierende Epoche erreichen wird, wo er sein Dasein als das 
Jehovas ansehen wird. Bis dahin müssen wir dessen eingedenk sein, 
daß alles Leben ist — Leben, Leben im Leben — das Geringere 
im Größeren — und alles im göttlichen Geiste." 

Mit diesem pantheistischen Hymnus schließt das Werk. 



r 



Mehr als ein Schriftsteller unserer Tage hat ausgesprochen, 
wie sehr er Heureka von Poe bewundere. Das Werk wurde 
jedodi nicht bloß als Gedicht begrüßt, man fand auch, daß 
Theorien der modernen Physik in ihm auf geniale Weise 
vorausgeahnt wurden. Valery zum Beispiel meint, Poe habe 
den Carnotschen Kreisprozeß^^ vorweggenommen. Tatsächlidi 
hat Poe — es scheint, daß auch wir in das Lob der andern mit- 
einstimmen müssen — in einer Zeit, in der die These Nichts 
geht verloren, nichts wirdgeschaffen souverän 
galt, folgenden Satz auszusprechen gewagt: 

„Es ist so unumstößlidi wahr, so absolut feststellbar, daß 
Attraktion und Repulsion die einzigen Eigenschaften sind, durch 



82) „In Heureka ist eine Vorahnung des Carnotschen Prinzips 
und der Darstellung dieses Prinzips durch den Mechanismus der 
Zerstreuung enthalten ..." (Paul Valery, Variete. Gallimard, Paris 
1928, S. 126, in seinem Essay „Au sujet d'Eureka".) Carnot hat 
zwar bereits 1824 seine Reflexions sur la puissance motrice du feu 
et sur les machines propres ä developper cette puissance veröffent- 
lidit, aber seine Gedanken und Einsiditen waren 1848, als Heu- 
reka geschrieben wurde, in weiteren Kreisen kaum schon bekannt. 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




welche wir das Universum erkennen, mit andern Worten: durA 
welche sich die Materie dem Geist offenbart, daß wir das voll 
Redit haben, zu behaupten, daß die Materie nur als Attraktion und 
Repulsion existiert, daß Attraktion und Repulsion Materie sind H 
es keinen Fall gibt, in dem wir nidit ad libitum die Worte Materie 
Attraktion, Repulsion zusammengenommen als gleichbedeutende und 
daher wechselseitig austausdibare BegriiJe gebrauchen können." 

Wenn man dies liest, denkt man an die aktuelle elektro- 
magnetische Theorie von der Materie, und wenn Poe an anderer 
Stelle sdireibt, man müsse jedes Sternensystem wie ein ein- 
f adies riesengroßes Atom ansehen, das im Raum mit der gleidien 
Neigung zur Einheit existiert, welche zu Beginn die wahren 
Atome nadi ihrer Ausstrahlung in die "Weltsphäre charakteri- 
sierte, dann könnte man beinahe annehmen, sein Genie habe 
vorausgesehen, was wir heute denken: daß eine Analogie be- 
stehe in der Struktur zwischen dem Atom und jedem Stern- 
system, die beide nach den gleichen Gesetzen gelenkt werden, 
ob nun die Körper, welche um ihren Kern herum ihre Bahn 
beschreiben, riesengroße Planeten sein mögen oder unendlidi 
kleine Elektronen. Und auch von der Idee, „daß in jedem 
nachprüfbaren Fall die Sternenkörper, ob es sich nun um 
Monde, Planeten oder Sonnen handelt, Anzeichen von Leucht- 
kraft aufweisen werden", könnten oberflächliche Beobachter 
meinen, er habe hier die Radioaktivität erraten, während 
besser informierte behaupten würden, er habe die Tatsache 
vorausgeahnt, daß die Materie Ausstrahlungen verschiedener 
Natur aussende, solange sie nicht beim absoluten Nullpunkt 
angelangt sei. Und die Phantasie, nach der sich Poe vorstellt, 
der Mond sei aus seiner Bahn geschleudert, die Sonne ge- 
zwungen, „nicht mehr Sonne zu sein, (eine Tat) die für immer 
das Schicksal der unzähligen Myriaden von Sternen verändert, 
die vor dem hehren Angesicht ihres Schöpfers dahinroUen und 
strahlen", und zwar deshalb, weil er es wagte, „das mikro- 
skopisch kleine Stäubchen" auf seiner Fingerspitze um ein 




Heureka 203 



Billionstel eines Zolles zu verändern, diese ganze ultranarziß- 
tisdie und sicherlich auch einigermaßen größenwahnsinnige 
Phantasie, welche an die unmäßige Macht des Worts^^ 
als Schöpferin der Sterne erinnert, — all dieses könnte auf 
Parallelen in der modernen Astrophysik hinweisen. In dem 
schon zitierten Buch über das Universum schreibt James Jeans: 
^Jedesmal, wenn ein Kind ein Spielzeug aus seinem "Wagen 
wirft, stört es die Bewegung der Sterne im "Weltall."^* 

Wir begnügen uns mit diesen Proben und raten unserer 
eigenen Bewunderung^^ vorsichtig zu sein, weil man sich wohl 
hüten muß, eine "Wolke für einen Berg oder ein Schloß zu 
nehmen, auch wenn ihre Konturen zusammenfallen. 



83) The Power of Words. (Democratic Review, Juni 1845; 
Broadway Journal, II, 16. 

84) In dem bereits auf S. 150 zitierten Werk von Jeans, S. 168. 

85) Edmond Bauer, außerordentlidier Professor für Physik am 
College de France, hatte die Freundlichkeit, dieses Kapitel über 
Heureka mit mir durdizulesen und mir folgende Bemerkungen 
in einem Schreiben zur Verfügung zu stellen: 

„In den folgenden Zeilen präzisiere ich nodi einmal, was idi 
in meinem Gesprädi mit Ihnen geäußert habe und ergänze es in 
einigen Punkten. Zuerst zwei allgemeine Bemerkungen: 

i) Vom wissensdiafblidien Standpunkt aus gesehen, enthält 
Heureka einige Behauptungen und theoretische Einsiditen, die 
wir heute nodi für richtig oder wahrscheinlich halten; es enthält 
aber audi eine große Anzahl Irrtümer und unklarer und kindlidier 
Sdilußfolgerungen. Unter den Gedankengängen, die heute noch 
gelten, befindet sich jedoch kein einziger, dessen Vaterschaft; man 
Edgar Poe zusdireiben könnte. 

Sein Werk ist ein Gedicht von ergreifender, häufig audi mit- 
reißender Diktion; es ist aber auch ein überaus unklarer meta- 
physisdier Essay. Wenn es gar ein Essay über wissensdiaftlidie 
Philosophie sein will, dann kann nicht verschwiegen werden, daß 
es ein wirres Herumreden über Gedanken ist, die schon seinerzeit 
allgemein bekannt waren. 

2) Auffallend erscheint mir die Tatsache, daß sein Autor eine 
der widitigsten Eigensdaafl;en der Materie nicht zu kennen scheint, 
nämlidi jene, weldie die Lehre von der Medianik geradezu als 




204 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Seit der mensdiliche Geist lebt und metaphysische — oder 
physikalische — Weltbilder erzeugt, folgt er den gleidien 
Gesetzen, projiziert er die gleichen Komplexe nach außen. In 
der Metaphysik bleiben zwar diese Hypothesen ungeprüft, die 
Physik hingegen fordert einen Beweis für ihre Existenz- 
trotzdem kommen beide Arten von Hypothesen aus der 
gleichen Quelle: aus der menschlichen Seele. Wenn nun das 
Universum manchmal die Güte hat, unsere Vermutungen, Didi- 
tungen, zu sanktionieren, indem es sie mit der Realität 
zusammenfallen läßt, so können auch wissenschaftliche Hypo- 
thesen wenigstens durch den Ausdruck, den sie annehmen, oft 
mit metaphysischen Träumereien verwechselt werden. Daher 



Definition der Materie ansieht, er kennt die T r ä g h e i t nicht. Daher 
kennt er auch die Bewegungsgesetze nidit, es geht ihm, mödite idi 
sogar sagen, jeglidier Instinkt für das Dynamische ab; jene primäre 
Unwissenheit madit es auch erklärlich, daß die Begriffe Energie, 
Triebkraft, Bewegungsquantität gänzlich fehlen, Begriffe, die sdion 
Leonardo da Vinci, Descartes, Leibniz angewendet haben; sie madit 
es auch erklärlich, daß die Begriffe von der Ausbreitung der Materie 
(das heißt der Bewegung) und der Ausstrahlung (das heißt der Fort- 
pflanzung von Lidit oder Strahlung) untersdiiedlos verwendet 
werden. 

Zum Einzelnen wäre zu sagen: 

Seite 176 ff., 201 f.: Für Edgar Poe ist die Materie Attraktion 
und Repulsion; er braucht die Repulsionskräfte, um die Undurdi- 
dringlichkeit der Materie zu erklären. 

Das sind Ideen, welche dem 18. Jahrhundert durdiaus geläufig 
waren. Sie werden besonders deutlidi durch den Anhänger der 
Atoralehre, Boscovich, ausgesprochen: die Atome sind die 
Zentren attraktiver und repulsiver Kräfte, die Attraktion wirkt 
auf große Distanzen, die Repulsion auf kleine. 

Seite 178, 212: Repulsion = Elektrizität. Grober Irrtum, da die 
Elektrizität sowohl attraktive als audi repulsive Kräfte entwidcelt. 

Auf dieser Seite wird jedodi ein interessanter Gedanke vorge- 
tragen: die Naturkräfte werden auf nur zwei ursprüngHche zurüds- 
geführt, auf Elektrizität und Gravitation. Das ist audi der moderne 
Standpunkt. 

S. 178, 252: Das Gesetz in Sperrsdirift hat keinen Sinn. Die Über- 




Heureka 20j 

sehen Dichtung und Hypothese wie Verwandte aus, was sie 
audi — als Kinder des gleichen menschlichen Geistes — sind; 
und daher können dann die H e u r e k a s von oberflächlichen 
und nicht sachkundigen Beobachtern als Werke von Vor- 
gängern angesprochen werden. 

Dabei sind diese Heurekas doch nichts anderes als Lufl- 
sdilösser. 

■ff 

Poe scheint daher in Heureka eher ein Nadifolger zu 
sein als ein Vorläufer, der Nachfolger aller jener Propheten 
und Theosophen, die, seit der Mensch, das nach Religion 
dürstende Wesen, grübelt, Kosmogonien gezeugt haben. 



legung Poes sdieint mir unverständlich zu sein. Man ahnt zwar, daß 
er auf das Gesetz von Volta anspielt. Wie drückt er sich aber 
dabei aus! 

Seite 179: Die „philosophisch bestimmte Fassung" Poes (in Sperr- 
sdirift) ist nicht originell, sie findet sidi bei allen Anhängern der 
Atomlehre nach Newton. 

Seite 181: Erster Absatz: hat in der Physik gar keinen Sinn. 

Seite 181 fF.: Das Newtonsche Gesetz als Reaktion auf das Gesetz 
von der Ausstrahlung (der Photometrie). Man müßte hinzufügen: 
das ist die findige, aber einfältige und nur aus Worten gebildete 
kosmisdie Phantasie Poes. 

Es ist nicht einzusehen, warum die zwei Gesetze über die Um- 
kehrung des Quadrats der Entfernungen, durch Aktion oder 
Reaktion, miteinander verbunden sein müssen. Wir wissen heute, 
daß jedes dieser beiden Gesetze auf einen andern Ursprung zurück- 
geht (abgesehen von den Gesetzen des Elektromagnetismus, von 
denen manche eine analoge Form haben). 

Seite 187 und 191: Einwände gegen die unendlidie Ausdehnung 
der Materie: dynamischer und optischer Einwand. Sie stammen vom 
Astronomen Olbers, Ende des i8. Jahrhunderts. In der Epoche 
Poes waren sie bereits klassisch. 

Heute scheinen sie nicht mehr völlig sdilüssig zu sein. Sie haben 
jedoch in den Arbeiten Einsteins und de Sitters über das endlidie 
Weltall eine gewisse Rolle gespielt. 

Seite 188: Die Worte „Nebulartheorie von Laplace" sind Sdiul- 
ausdrüde; der Satz über die „Anzeichen von Leuditkraft" ist sehr 



2o6 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 

Die aus der Ausstrahlung, Attraktion und Repulsion be- 
stehende Poesdie Trinität hat viel Ähnlichkeit mit Trimuni 
der hindustanisdien Trinität, bei der Brahma das sdiöpferisdie 
Schiwa das zerstörende, Wisdinu das bewahrende Prinzin 
darstellt. „Brahma blieb der sdiöpferisdie Gott. Aber vor ihm 
erhob sidi der zerstörende Gott, Sdiiwa. Sdiiwa läßt die Blätter 
verdorren, das Alter nimmt den Platz der Jugend ein, der Fluß 
wird vom Meere verschlungen, das ermattete Jahr geht zu 
Ende. "Wenn dieser Gott des Todes sich ausleben könnte, wäre 
die Welt bald vernichtet; zu unserem Glück beschützt eine 
alles Zerstörte wiederaufbauende Krafi: die Welt, d. h. der 

dunkel und idi glaube kaum, daß man ihm einen Sinn unterlegen 
kann. 

Die Behauptung, daß die Entwidilung „der Erd- Vitalität im 
gleidien Verhältnis mit der Erd-Kondensation fortsdireitet", ist 
bestimmt falsdi: das Leben ist nur zwisdien geringen Grenzen von 
Temperatur möglich, bei zu großer oder zu geringer Wärme kann 
es nicht gedeihen. Das Leben ist vielleicht nur eine seltene Aus- 
nahme. 

Seite 189: Die Hypothese vom Urnebel ist nodi nidit vollständig 
aufgegeben worden. Man läßt sie nodi für das gesamte "Weltall 
oder für die Milchstraße gelten. (Siehe Jeans: Les etoiles dans lern 
course. Paris 1931, Hermann, Kapitel VII, S. 143 ff.) 

Die Theorie von der Ausschleuderung der Planeten durdi die 
Zentrifugalkraft hingegen scheint wenig Wahrsdieinlichkeit an sidi 
zu haben. 

Seite 190 f.: Die Einteilung des Weltalls in Haufen und Systeme 
ist eine auch heute noch zulässige Hypothese. (Siehe Jeans, Kapitel 
VIII, S. 147 ff.) Sie befindet sich schon bei Kant. 

Seite 192: Die Nebelfledce spielen heute eine bedeutendere Rolle 
als zur Zeit Poes. Man kennt eine weitaus größere Zahl, als man 
damals gekannt hat, man weiß heute auch besser, wie sie im Raum 
verteilt sind. Man hat jedodi noch keinen gesicherten modernen 
Standpunkt finden können, da sich die beobachteten Tatsachen nur 
schwer miteinander vereinen lassen. 

Seite 196 — 202: Dieser ganze Absatz über die Aufeinanderfolge 
von Untergang und Wiederauferstehung des Weltalls ist sehr sdiön. 
Man könnte in ihm eine Vorhersage der modernen Theorie über 
den Carnotsdien Kreisprozeß und seine Reorganisation sehen. Aber 




Heureka 207 

bewahrende und rettende Gott, Wisdinu",'*'' — mit andern 
Porten, wir haben das Poesdae Prinzip der Repulsion vor 
uns, das sich der unheilvollen Wirksamkeit einer Rückkehr, 
der Poeschen Attraktion, widersetzt, also dem Gott Sdiiwa. 
Man könnte die Poeschen Begriffe audi mit den Gedanken 
vom Hervorgang der Dinge aus dem Urgrund und deren Um- 
wandlung bei dem Neuplatoniker Plotin vergleichen, nadi dem 
die Welt durch ebenfalls immer sdiwädier werdende Emana- 
tionen aus Gott hervorgegangen sein soll (hier hat Plotin wahr- 
sdieinlich das Carnotsche Prinzip vorausgedadht) und nadi dem 
gleichen Maßstabe wieder in ihn zurückgekehrt, obwohl bei 
Plotin (im Gegensatz zu Poe) die Betonung mehr auf den Geist 
als auf die Materie gelegt wird. 

Wir könnten also zwischen der Kosmogonie Poes und 
mandiem anderen philosophischen oder religiösen System Ana- 
logien suchen und finden. Begnügen wir uns jedoch mit den vor- 
geführten Beispielen, die dafür als Beweis dienen sollen, daß 
das menschliche Gehirn (das darin jedem anderen Organ des 
Körpers gleicht), wo immer und wann immer es fühlt und 
denkt, analoge Erzeugnisse abzusondern bestrebt ist. 

Nun sind alle vom Menschen ausgedachten Kosmogonien 
selbstverständlich nach dem Urbild des Menschen geschaffen 
worden. Ebensowenig wie wir selbst, sdieint es uns, konnte das 
Universum immer bestanden haben: unsere nach Analogien 

dort, wo Poe Gott dazwisdientreten läßt, lassen Boltzmann und 
Maxwell den Zufall dazwischentreten. 

Leider steht dies alles schon bei Kant in 
seinem Essay über die Kosmogonie (1755, glaube ich). 

Das Carnotsdie Prinzip wurde im Gebiet der technisdien 
Wissensdiaft durdi Clapeyron (1834) popularisiert, und besonders 
von Lord Kelvin (1848) und Clausius (i8jo) weiterentwidcelt. 
Idi sehe bei Poe nur eine sehr unklare Idee von dem Carnotsdien 
Kreisprozeß." 

86) Alfred Fouille6. Histoire de la Philosophie. Paris 1926, Dela- 
grave, 17. Auflage, S. 6. 




2o8 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



sdiließende Logik ist daher gleichsam gezwungen, einen Anfan» 
fordern zu müssen, und bei diesem Anfang muß ein Vater 
zugegen gewesen sein, der diese Welt — wie unser Vater uns 
— aus dem Nichts zog. Dieser gepriesene Vater ist Gott, der 
Schöpfer, — welchen Namen immer man ihm, der Epoche 
und dem Breitegrad entsprechend, auch geben mag. 

Diese Analogie zwischen dem Schöpfungsakt, den der 
metaphysische Gott durdiführt, und dem Zeugungsakt des 
menschlidien Vaters wird übrigens mandimal sehr weit ee- 
trieben. Das Uratom Poes, dieser ausdrücklich als ungeteilt 
besser gesagt als einzellig bezeichnete Urorganismus, erinnert 
sogar an das Spermatozoid. 

Und der Einfall von der Rüdikehr aller Dinge zu Gott, der 
in seinem Innern alle wieder aufnimmt, die aus seinem Wesen 
hervorgegangen sind, diese Sehnsucht, in Gott wieder einzu- 
gehen, weldie, nach Poe wie nach Plotin alles Existierende emp- 
findet, scheint uns gewissermaßen eine (nadi metaphysisdiem 
Schema durchgeführte) Übersetzung der Sehnsucht nadi dem 
Vater zu sein, an den der Sohn mit seiner Libido fixiert ge- 
blieben ist. Und wenn Poe vom Prinzip der Einheit, mit 
andern Worten vom Gottesprinzip spridit, dem alle Atome zu- 
streben, sagt er nicht ausdrüdtlich: „Dies ist ihr verlorener 
Erzeuger"? Im englischen Text steht: „parent", was ebensogut 
Vater wie Mutter, aber nichts anderes bedeuten kann.*' Wir 
haben hier — wie Baudelaire in seiner Übersetzung — 
„parent" mit Vater, „Erzeuger", übersetzt, weil eben dieser 
Vater, nach der Verdrängung der Mutter, infolge der Ersetzung 
der Mutter durch den Vater, bei Poe wie bei Plotin, ja wie bei 
vielen anderen Mystikern das Bild beherrsdit. 



87) Siehe S. 181: This is their lost parent. 




Heureka 209 



Unsere nächste Aufgabe besteht nun darin, die eigentlidie 
gntwicklung der latenten Gedanken Poes in Heureka 
genauer zu verfolgen. Zuerst haben wir den manifesten Inhalt 
wiedergegeben, wie Poe ihn seinen Lesern bietet, und uns davor 
oehütet, durch eingeschobene Deutungen das an sich genügend 
dunkle Bild noch unverständlicher zu machen. Ebenso wie m 
den Abenteuern Pyms müssen wir jetzt audi bei diesen neuen 
Abenteuern (die ins Weltall führen!) die tiefer liegende 
Melodie des Liedes in zwei Lagen herauszuhören versuchen. 
Als unseren Ausgangspunkt wollen wir uns die Idee von 
der Gottheit zu eigen machen." Die Situation ist nun 
klar: am Anfang war Gott, der Vater, und nichts anderes. Die 
Mutter scheint aus dieser Kosmogonie gänzlich entfernt worden 
zu sein. Wir haben es also beim ersten Anhieb mit einer Andro- 
gonie zu tun. In der Genesis befruchtete Gott mit seinem Atem 
wenigstens das Chaos, die Mutter-Imago. Hier wird das Chaos 
nidit einmal erwähnt, auf der einen Seite ist Gott, auf der 
andern nichts. In diese Leere sendet Gott die erste Aus- 
strahlung der Materie aus, das Uratom, mit andern Worten 
das göttliche Spermatozoid. 

„Indem der Wille von diesem Atom Besitz ergrifF, hat er den 
Akt, genauer gesprodien: die Empfängnis (conception) der Sdiöpfung 
vollendet." 

In dieser androgonen Auffassung von der Welt bedarf 
es keiner Verbindung des göttlichen Spermatozoids mit der 
Ovula, um den Gottessohn, das Universum, zu zeugen: denn 
dieses „absolut einzigartige, individuelle, ungeteilte" Atom ist 
dodi nicht unteilbar, 

„denn Der, der es krafl Seines Willens gesdiaffen hat, hat selbst- 
verständlidi audi, kraft derselben Gewalt Seines Willens, ja einer 
viel kleineren, die Macht, es zu teilen". 

Die Zellteilung, welche in der biologischen Realität durch 
die Vereinigung der Ovula mit dem Spermatozoid hervor- 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 14 



^^° Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




gerufen wird und welche die Bedingung für das Wachstu 
jeglichen Organismus ist, setzt nun hier von selbst ein. 

„Die Annahme einer absoluten Einheit im Ursein sdiließt d" 
der unendlichen Teilbarkeit ein. Nehmen wir also an, daß d'^ 
Atom durch die Verbreitung im Räume nidit gänzlich erschöpft sei' 
Stellen wir uns ferner vor, daß von diesem Atom als Zentrum" 
sphärisch, nadi allen Richtungen hin, bis zu praktisch unmeßbaren' 
wenn auch endlichen Entfernungen im vorher leeren Raum ein' 
gewisse unausdrückbar große, wenn auch begrenzte Anzahl von 
unvorstellbar, wenn audi nidit undenkbar winzigen Atomen aus- 
gestrahlt werde." 

Auf solche in das Metaphysische verschobene Art stellt sidi 
die Phantasie Poes — natürlich ohne zu verstehen, wovon sie 
träumt — die Zellteilung vor, welche (nach anthropomorphem 
Schema) dem Bilde des menschlichen Körpers entsprechend den 
Organismus Universum schafft. 

Aber obwohl die Zellteilung von einer einzigen Urzelle 
ausgeht, zeugt sie in unserem Körper doch eine große Mannig- 
faltigkeit verschiedenartig konstituierter Organe. Diese latente 
Beobachtung diktiert Poe hier seine verworrene manifeste Ab- 
handlung über die Pluralität, die heterogene Vielfalt der 
Atome. 

„Da Einheit ihre Quelle ist, und Abweichung von der 
Einheit im Plan der Zerstreuung liegt, müssen wir als gewiß 
annehmen, daß dieses Ziel, wenigstens im allgemeinen, audi 
gemäß dem Plan durdigeführt werde, d. h. daß die Zerstreuung 
einen Teil des Planes selbst bildet." 

Das Unklare und Verworrene der dann folgenden Bemer- 
kungen spiegelt vielleicht die Tatsache wieder, daß Poe audi 
über die Embryologie nur sehr unklar Bescheid wußte. 

Indessen bleibt die Einheit, d. h. die Einheit in Gott oder 
die Wiedervereinigung mit Gott, die Sehnsucäit aller Atome, 
in ihrer mannigfaltigen Versdiiedenheit, und diese Sehnsucht 
tritt gleich nach der ersten Ausstrahlung auf, d. h. die Libido 




Heureka 



jes Sohnes bleibt vom Ursprung an und für ewige Zeiten 
an den Vater fixiert und trachtet danach, wieder in ihm auf- 
zugehen. Dieser Wunsch entspringt wohl auch dem Seelen- 
zustand des Witwers der Virginia, des Autors von Heureka, 
jer sidi bemühte, von der Frau loszukommen, als er unter 
den Sternen beim Aquädukt von Fordham unablässig umher- 
irrte. 

Die Newtonsche Gravitation, die nach Poe der Ausdruck 
für diese Tendenz der Rückkehr zu Gott ist, wird infolgedessen 
erotisiert und der mystischen Liebe 2;u Gott, anders aus- 
gedrückt, der Liebe des Sohns zu seinem Vater, gleidigestellt. 
Dabei muß aber daran erinnert werden, daß alle Beziehungen 
des Kindes zu seinem Vater eine sekundäre Verschiebung der 
ursprünglichen Beziehungen zwisdien dem Kind und seiner 
Mutter sind.'*^ Die Beziehungen Poes zu seiner Mutter waren 
sdiließlidi, wie wir wissen, die eines trauernden Waisenkindes 
zu einem Leichnam. Die Rückkehr zur Mutter bedeutete daher 
für Poe, noch viel realer und nachdrücklicher vom Leben be- 
stätigt als bei jedem von uns, die Vereinigung mit dem geliebten 
Objekt im Tode, ein Zustand, mit dem sidi schon im Unbe- 
wußten ganz allgemein der pränatale Fötalzustand paart. 
Diese von einer Leidbe „abgezogenen" Eigenschaften der Mutter 
gingen in Heureka durch Übertragung auf den Vater, auf 
Gott über, und die Rückkehr des ganzen Universums in ihn 
entspridit gerade bei Poe sowohl einer Vereinigung in der Liebe 
als auch einer Vereinigung im Tod. 

Deshalb stellt Poe der Attraktionskraft, die in Heureka 
den Todestrieben entspricht, die Repulsionskraft gegenüber, 
|die den Lebenstrieben entspridit. Wie definiert Poe diese 
Kraft? 



1 e 



•Li' 



tU) Idi verdanke die Kenntnis dieses widitigen Gesetzes einer 
mündlidien Mitteilung Freuds. Er hat es später in Über dif 
weiblicheSexualität erwähnt (Int. Ztschr. f. PsA. 1931, 3) 
\ 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




„Was idi von der Repulsionskraft sagte, die die Aufgabe W 
der momentanen Befriedigung der Atome Grenzen zu setzen" ia- 
Atome streben danach, in Gott oder in der Einheit aufzugehend 
„(kann) als das verstanden vi^erden, was wir jetzt bald Hitze' 
bald Magnetismus, bald Elektrizität nennen; durch die schwan- 
kenden Bezeichnungen, durch die wir dieses Etwas auszudriidten 
versuchen, wird am besten gekennzeichnet, wie sehr wir unfähio 
sind, seine geheimnisvollen und ehrfurchtgebietenden Eigensdiaftcn 
genau zu umsdireiben". Und dann erklärt er uns: „Die Menge 
von Elektrizität, die durch den Kontakt zweier 
Körper entwickelt wird, ist proportional der 
Differenz der respektiven Atomsummen, aus 
denen die Körper gebildet sin d." 

Und er sdiließt: 

„Der Elektrizität . . . können wir mit gutem Recht versdiiedene 
physikalische Vorgänge — Licht, Hitze, Magnetismus — zusdireiben; 
allein wir gehen sicherer, indem wir diesem rein geistigen Prinzip 
die hauptsächlichen Erscheinungen zuschreiben: Vitalität, Bewußtsein, 
Denke n." 

Wir haben diese Stellen neuerdings zitiert, weil sie von 
ganz besonderer Widitigkeit sind. Aus ihnen kann nämlidi 
geschlossen werden, so seltsam dies auch im ersten Augenblidt 
aussehen mag, daß die Repulsion Poes ungefähr der Libido ent- 
spricht. Die Repulsion ist nämlich durch den Charakter des 
Geheimnisvollen und Furchtbaren gekennzeichnet: Lidit, 
Wärme, Magnetismus, Elektrizität. Wir wissen nun, was die 
Elektrizität, der Magnetismus, die Strahlungen, denen die 
Paranoiker eine so deutliche Realität zuschreiben, wenn sie sidi 
von ihren Feinden verfolgt und gequält glauben, als Symbol 
allgemein bedeuten.^' Diese Strahlungen entspredien der realen 
Sexualerregung, und wenn der Nerveninflux, wie mandie 
Physiologen meinen, tatsächlich mehr oder weniger elektrisdier 

89) Siehe die Gottesstrahlen Sdirebers. (Freud: Kranken- 
geschichten. Gesammelte Schriften, Bd. VIII.) 



Heureka 213 

TsFatur ist, dann hätten auch die Paranoiker, auf ihre Art aller- 
dings) nidit so sehr unrecht. 

^enn nun bei Poe die Berührung zweier Körper Elektri- 
ität erzeugt, was man sogar vom Gesichtspunkt der Libido aus 
mit Recht annehmen kann, so darf diese Elektrizität doch nidit 
so weit gehen, daß sie sich in einen Funken entlädt und ver- 
niditet! Denn nur unter dieser Bedingung kann sich, für Poe, 
die aufgespeidierte Elektrizität audi in Vitalität, Bewußtsein, 
Denken verwandeln. In dieser dunklen Textstelle dürfte nun 
gin Reflex des Sexualverhaltens Poes verborgen sein. Die 
Elektrizität muß bei ihm ein absolut geistiges Prinzip bleiben 

d. h. platonische Liebe; um solchen Preis könnte er nämlich 

seine „Elektrizität" bewahren (die sich dann als Gedanke, 
als Kunstschöpfung sublimiert), vor allem aber könnte er 
um diesen Preis sein Leben erhalten. Tatsächlich scheint im 
Unbewußten Poes die Vereinigung mit dem Liebesobjekt 
nidit nur mit dem nekrophilen, sondern auch mit dem 
thanatophilen Akt gleichwertig zu sein, d. h. er selbst muß 
ein Toter werden. Bei Poe gab es daher nicht nur eine Eroti- 
sierung des Todes, sondern auch eine Thanatisierung der 
Libido (wenn man sich dieses Ausdrucks bedienen darf). Den 
Sexualakt ausführen bedeutete, wenigstens für sein Unbewußtes, 
sich in Todesgefahr begeben, da er in jeder Frau die tote 
Mutter wiederfand, das erste, verlorengegangene Liebesobjekt, 
mit dem sich zu vereinigen ihn die Sehnsucht trieb. Da nun 
für Edgar Poe der Sexualakt derart gefährlich sein konnte, daß 
er sowohl die Kastration (wie wir bereits gezeigt haben) als 
auch den Tod mit in sich begriff (wie wir hier sehen), bäumte 
sidi sein überaus stark entwickelter Narzißmus gegen diese 
beiden Gefahren auf und stellte der ursprünglichen, aber gefähr- 
lichen „Attraktion" jene „Repulsion" gegenüber, die physische 
Entfernung von der Frau, von jegliciiem Liebesobjekt, ein 
Verhalten, das allein es ihm möglich machte, seinen Phallus, 



^'4 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



I 



seine „Elektrizität" und vielleicht sogar sein Leben zu 
halten. 

Das Universum in Heureka handelt nidit anders, ß- 
Attraktion ruft es sehnsüchtig zu seinem ersten Liebesobjek 
zurück, zu dem "Wesen, aus dem es hervorgegangen war 
hier zum Vater, der die Mutter ersetzt. Aber da diese Ve"" 
einigung in der Sdilußekstase ein riesiges Aufflammen, ein Ver- 
lösdien, den unmittelbaren Tod des Universums im Ursprung- 
liehen Schöpfungsschoß hervorrufen würde, unterwirft sidi da 
Weltall den Forderungen der Repulsion und bewahrt somit 
noch für einige Zeit — für die Zeit seiner Existenz — seine 
Elektrizität und seine Vitalität. 

Später verläßt Poe den Begriif von der Repulsion, er ver- 
sucht auf eine recht zwanghafte Weise sowohl die Vatersdiaft 
Gottes als auch das Verlangen des Universums, seines Sohns, 
in ihn zurückzukehren, mathematischen Formeln zu unter- 
werfen. Er bemüht sich aufzuzeigen, und zeigt es nach seiner 
Meinung auch auf, daß das Newtonsche Gravitationsgesetz 
„Umkehrung des Gesetzes vom Ausgange" ist, des Urgesetzes, 
welches die geniale, einem Laplace und Newton überlegene 
Intuition Poes entdeckt hat! Damit soll vielleicht der Satz auf- 
gestellt sein, der Sohn müsse mit der gleichen libidinösen Glut 
dem Vater zustreben, mit welcher der Vater ihn gezeugt hat . . . 

Im Verlauf seiner Beweisführung vergleicht der Dichter den 
Raum, in dem die Weltmaterie ausgestreut werden mußte, mit 
einer hohlen Kugel 

„aus Glas oder anderem Stoff . . ., die wir an Stelle des Raumes 
setzen, in dem die Wehmaterie durdi Ausstrahlung von der abso- 
luten, unabhängigen, unbedingten Partikel, die im Zentrum der 
Kugel sidi befindet, gleidimäßig verstreut worden ist". 

Diese imaginäre Kugel erinnert an eine Art Gebärmutter, 
m der das Weltall gewachsen sein würde — an die Gebär- 
mutter der Mutter oder des Vaters, da nochmals die Eigen- 




Heureka 2.1$ 



yiaften der Mutter auf den Vater übertragen sind. Im übrigen 
wird hier nadi dem Bestreben, das diesen Teil von Heureka 
beherrscht, nämlidi alles zu „mathematisieren", die Vision ganz 
seltsam schematisiert, „geometrisiert", und Poe unterwirft die 
durch den Schöpfer bei der Sdiöpfung eingeleitete Bewegung 
der Atome außerdem außernatürlichen Bedingungen der 
Pynamik. In seiner Vorstellung füllt Gott die Gebärmutter mit 
Atomen, die in aufeinanderfolgenden, abgestuften Ausstrah- 
lungen im Innern von konzentrischen, immer kleiner werdenden 
Sdiiditen abgelagert werden; diese Ausstrahlungen werden 
aufgehalten, die Schwierigkeit besteht nur darin, zu erfassen, 
was die erste dieser Aussendungen aufhielt, da es doch damals 
nur die absolute Leere gab. Unser Dichter umgeht jedoch 
sdinell diese Schwierigkeit, indem er sagt, bei dieser ersten Aus- 
strahlung — oder Ejakulation — Gottes gab es noch keine 
Prinzipien. 

„Der U r - A k t", erklärt er, „die Ausstrahlung aus der Einheit, 
muß von allem unabhängig gewesen sein, was die "Welt jetzt mit 
dem Ausdrude Prinzip bezeichnet . . . Idi sage U r -Akt; denn 
die Ersdiaffung der materiellen Ur-Einheit ist eigentlidi riditiger 
als Empfängnis (conception) denn als Akt im gewöhnlidien 
Sinne des Wortes zu betrachten." 

Auf diese seltsame und abseitige Weise verneigt sich hier 
der Dichter vielleicht vor dem unerforschten Geheimnis vom 
Ursprung des Lebens, das durch kein einziges der physikali- 
sdien Prinzipien, die bis zum heutigen Tage vom Menschen 
in der Natur entdeckt wurden, hat tatsächlich enträtselt werden 
können. 

Wenn sich Poe gleich nachher gegen jene auflehnt, die an die 
„unendliche Ausdehnung der Materie" im unendlichen Raum 
glauben, und wenn er meint, die Unmöglichkeit einer soldben 
Annahme durch den Hinweis beweisen zu können, daß nun die 
Attraktionstendenz zur Rückkehr ausgeschlossen sei, so muß 







2iS Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



man darin vielleicht den manifesten Ausdruck für folgenden 
tiefer ruhenden latenten Gedanken sehen: das in der (mütter- 
lichen oder väterlichen) Gebärmutter empfangene lebende 
Wesen kann weder während der Zeit, da es in ihr eingesdilossen 
ist, noch später ins Unendlidie wachsen — eine biologisdie 
Binsenweisheit. Der Gedanke von der Begrenztheit des Sternen- 
weltalls, von dem Poe so viel hält, und den er mandimal 
überaus gereizt und wütend verteidigt, ist bei ihm gewiß tief in 
seiner unbewußt anthropomorphen Auffassung vom Weltall 
verwurzelt, in dem Weltall, das durdi Poe (ohne daß er es 
weiß) mit dem Sohn, also mit ihm selbst, mit Edgar, gleidi- 
gestellt wird. 

Und Poe erinnert uns daran, daß das Bestreben, nadi dem 
Ursprung zurückzukehren, daß also die Attraktion gleich mit 
der ersten Aussendung einsetzen mußte, d. h. schon nach der 
ersten Zellteilung des Organismus Weltall. Das ist auch das 
Schema, nach dem Poe die große, ursprüngliche Sehnsucht des 
Sohnes nach seinem Erzeuger begreift. Vergessen wir jedodi 
nicht, daß dieses Verlangen für Poe gleichzeitig die Sehnsudit 
nach dem Tode ist. Daher muß 

„die Entwiddung der Repulsion (Elektrizität) . . . naturgemäß 
gleichzeitig mit den ersten besonderen Bemühungen zur Einheit be- 
gonnen haben, und muß im Verhältnis zur Zusammenwadisung, 
d. h. zur Verdidatung oder zur Heterogenität sidi gesteigert haben. 

Das Sohn-Universum muß nämlich 1 e b e n, um sein Schicksal 
zu erfüllen, und das ist der Grund, warum die Lebenstriebe 
(Repulsion, Elektrizität . . .), wie in der wirklichen Natur so 
auch hier, sich wenigstens eine Zeitlang als Gegengewicht gegen 
die Todestriebe (Attraktion, Tendenz zur Rückkehr in uterum, 
in die Einheit . . .) betätigen. Die Attraktion und Repulsion 
sind übrigens, nach Poe, die beiden einzigen Prinzipien des 
Weltalls, da der schöpferische Akt und die erste Ausstrahlung, 
die ihn verlängert, jenseits jeglichen Prinzips bleiben und in 




Heureka, 217 



Jen Geheimnissen des Lebensursprungs inbegriffen sind. Poe 
Aließt hier mit der Konstatierung, daß „die beiden eigent- 
lidien Prinzipien, Attraktion und Repulsion, Materielles und 
Geistiges", sich im engsten Zusammenhang die Hand geben. 
So schreiten Körper und Seele vereinigt dahin." Vielleicht 
soll auf diese Weise auch ausgesprochen werden — denn im 
Unbewußten können zwei versdiiedene Gedanken sich sehr gut 
in einem einzigen Symbol aussprechen — , daß sich im Kind in 
dem Maße, in dem es wächst, die seelisdie Energie, die Libido, 
zugleich mit dem Körper entwickelt. 



Wenn Poe dann die Theorie von Laplace vorführt, können 
seine unbewußten Komplexe nicht mehr wie bisher ans Tages- 
lidit dringen, da die bewußte und rationale Arbeit eines 
Referats beinahe die ganze Zeit im Vordergrund seiner Dar- 
legungen steht. An manchen Stellen jedodi entdeckt man auch 
hier eine Lücke, die tiefer Liegendes sehen läßt, zum Beispiel in 
der Bemerkung Poes, „daß in jedem nachprüfbaren Fall die 
Sternenkörper, ob es sich nun um Monde, Planeten oder Sonnen 
handelt, Anzeichen von Leuchtkraft aufweisen werden". Ich 
glaube, daß diese Bemerkung, die weit davon entfernt ist, etwa 
eine geniale Voraussage der Radioaktivität oder, was richtiger 
wäre, eine Vorhersage des „Tods" der Materie, beim absoluten 
Nullpunkt, zu sein, und nur ein zufälliges ZusammentrefFen 
mit objektiven physikalischen Phänomen enthält, eher etwas 
überaus Subjektives, nur Poe Zugehöriges ausdrückt, das bloß 
aus seiner Lebensgeschichte heraus erklärt werden kann. Die 
Leuchtkraft der Materie Poes in Heureka scheint nämlich 
eine der wenigen Zeichen zu sein, die im androgenen Weltall 
direkt von der Mutter sprechen. Wir kennen bereits den von 
Gespenstern belebten Teich beim Hause U s h e r, der eine 
faulige und phosphoreszierende Atmosphäre ausatmet, und über 



^i8 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




den wie über Sümpfen, in denen organische Substanzen ve 



faulen, Irrlidbter tanzen können. Die Materie in Heurek 
bei der die Verdiditung durch Bestimmung, wie wir nodi' 
sehen werden, niemals ihr Ende erreicht — d. h. ihren end- 
gültigen Tod, die Vernichtung — , versendet ihr Leuditen 
so lange, als die Zersetzung des "Weltkörpers dauert. Nun ist 
dieser Körper zweifellos mit dem Körper identisdi, der sdion 
einmal (in „Hans Pfaall") dem Mond gleichgestellt war, iden- 
tisch mit dem geliebten und zerfallenden Mutterkörper der 
Schauspielerin Elizabeth Arnold. 

Die Tatsache, daß das Universum in Heureka im all- 
gemeinen den Sohn darstellt, kann nicht verhindern, daß di^ 
Materie, aus dem dieses Universum gebildet wurde, für das 
Unbewußte manchmal auch die Mutter bedeutet. Denn im 
Bereich dieses Unbewußten, das die Gesetze unserer bewußten 
Logik nicht kennt, ist darin kein Widerspruch zu sehen. 



le 



Nachdem Poe das System des Laplace, in dem es keinen 
Platz für den Vater, für Gott, gibt, und das Sternenweltall als 
unendlich angenommen wird (was gleichfalls eine Gottesläste- 
rung ist), — nachdem also Poe dieses System vorgeführt und 
kritisiert hat, trägt er eine Vision des aus Sonnensystemen zu- 
sammengesetzten Universums vor, aus Sonnensystemen, weldie 
sich anhäufen und dann ihrerseits die Haufen der Haufen 
oder Milchstraße, das Universum also, bilden. Aber wenn audi 
Poe von neuem darauf besteht: 

„Es gibt keinen unhaltbareren, aber audi keinen eigensinniger 
festgehaltenen astronomisdien Irrtum, als die Behauptung einer 
absoluten Unbegrenztheit des Sternenweltalls . . .", 

so stellt sich doch zwei Seiten später sein Verstand, der jene 
anthropomorphe Auflehnung überlebt, folgende Frage: 

„Aber darf man schließen, daß wirklich kein materieller Punkt 
jenseits der erreichten Grenze liegt, weil wir durch die Begrenzt- 



J 



Heureka 21g 

heit unserer Sinne gezwungen sind, an den Grenzen des Sternen- 
[ Weltalls haltzumachen?" 

Und er schließt, daß es tatsächlich einen soldien materiellen 
rpunkt gibt, daß es einen soldien geben muß und daß in den 
Wüsten des unbegrenzten Raumes eine nicht weniger unbe- 
grenzte Folge von Weltallen verstreut ist. 

„Wenn aber soldie Haufen von Haufen bestehen — und sie 
bestehen — , so ist es reichlich klar, daß sie, da sie keinen Teil 
an unserem Ursprung hatten, auch keinen Anteil an unseren 
Gesetzen haben. Sie ziehen uns nicht an, und wir ziehen sie nicht 
an ... Jedes existiert allein und unabhängig im Schöße 
seines eigenen und besonderen Gotte s." 

Wie soll man nun diese neue, erweiterte kosmische Phantasie 
interpretieren? Poe stellt sich jetzt gar mehrere Universa vor, 
deren jedes in sich geschlossen ist und seinen eigenen Gott im 
Unendlichen des unendlichen Raumes hat. Das aus dem ersten 
Weltallsystem Poes verjagte Unendliche kehrt hier im Triumph 
zurück, man sieht, daß es nur ein einfaches Wortspiel ist, ob 
man die endlose Gesamtheit dieser Universa Universum nennt, 
oder diese Bezeichnung für jeden der Haufen der Haufen 
aufspart. 

Sehen wir davon ab, daß die Wahrhaftigkeit dieser Hypo- 
these nicht verifiziert werden kann, so haben wir in ihr 
wahrscheinlich eine Übersetzung der menschlichen Tatsaciie zu 
sehen, daß auf Erden jeder Sohn nur einen einzigen Vater hat 
und biologisch gesehen nur an ihn gebunden ist. Poe gibt allen- 
falls zu, daß es im Weltallraum nodi andere Universa, d. h. 
noch andere Söhne gibt. Aber er verweist sie jenseits der 
Sternenwüsten, noch weiter weg also als seine Schwester 
Rosalie, die bei den Mackenzies, und sein Bruder Henry, der in 
Baltimore lebte, verwiesen waren, während er allein im Hause 
der Allans aufwuchs. In dieser großen kosmischen Phantasie 
stedit wohl auch die ins Unendliche projizierte Eifersucht auf 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



den Bruder. Und wahrsdieinlich enthält sie noch ein Drittes-' 
jedes Universum, mit andern Worten jeder Sohn, kennt hier 
nur einen einzigen Gott, einen einzigen Vater, der für alle 
andern Söhne, alle andern Weltalle bis in die Ewigkeit ein 
Fremdling ist. Daher kann nur dem sich mit unserem Uni- 
versum identifizierenden Poe allein der Vater, der eigentliche 
Gott unseres Sternenvaterlandes, ganz zu eigen gehören. Aus 
diesem Traum von einem einzigen und ausschließlich ihm ge- 
hörenden Vater kann man nun vielleicht eine auf einen alten 
Kummer reagierende "Wunschphantasie herauslesen ; mußte nidit 
der kleine Edgar dreimal nacheinander seine infantile Libido 
von einem Vater auf den nädisten übertragen: von David Poe 
auf X, den vermutlidien Liebhaber der Elizabeth, und sdiließ- 
lich auf John Allan, den fürchterlichsten und höchsten Vater 
und Gott?"" 

Und nun zeigt uns Poe in einer Art Schlußapokalypse sein 
Weltall, das auf dem Rückweg dahinrast. Bei dieser end- 
gültigen Konzentration genügt Gott allein: es wäre Gottlosig- 
keit anzunehmen, 

„daß das Ende weniger einfach, weniger unmittelbar, weniger 
selbstverständlich, weniger künstlerisdi herbeigeführt werden könne, 
als durch die Reaktion auf den Schöpfungsak t", 

als durch das Verlangen nach dem Vater, aus dem wir ent- 
standen sind. 

Diese Konzentration hat für das gegenwärtige Weltall zwar 
erst begonnen, es ist uns jedodi jetzt bereits möglich, einen 
prophetischen, erleuchteten Blick auf die Zukunft, auf die 
fürchterliche Zukunft zu werfen: es wird 

90) Die Tatsache, daß audi andere Köpfe analoge Theorien 
ausgedacht haben (die Weltallinseln Swedenborgs usw.), kann am 
Ergebnis der biographisdien Interpretierung der Poeschen Phantasie 
Heureka nichts ändern. Die Allgemeingültigkeit der mensdi- 
lichen Komplexe ist ein bekanntes Faktum, und jeder „nimmt", wie 
Moli^re, „sein Gut dort wieder, wo er es findet." 



Heureka 



eines Tages ein chaotisdier . . . Sturz der Monde auf die 
I Planeten, der Planeten auf die Sonnen, der Sonnen auf die Sterne 
|,j.folgen. ••• Dann werden in unermeßlichen Abgründen unvor- 
l stellbare Sonnen aufstrahlen, aber das alles wird nur ein pradit- 
[ voller Höhepunkt sein, der das große Ende einleitet . . . Während 
I ihrer Konsolidation haben sidi die Haufen mit erschreckend 
I wadisender Geschwindigkeit ihrem allgemeinen Zentrum zugestürzt, 

und bald werden mit einer tausendfach verstärkten elektrischen 
i Gesdiwindigkeit, wie sie ihrer materiellen Größe und der geistigen 
I Heftigkeit ihrer Einheitsneigung entspricht, die majestätischen Über- 
; bleibsei der Sternenmasse in allgemeine Umarmung stürzen. Die 

unvermeidliche Katastrophe ist da. Aber was ist nun diese Kata- 
fstrophe?" 

Der Prophet verkündet es: die letzte Riesen k u g e 1 der 
[Kugeln wird in dem Augenblick, in dem sie sich bildet, 
[auch schon vergangen sein. Denn die Attraktionsmaterie war 
[ nur dazu da, der repulsiven Elektrizität als Stütze zu dienen. 
[Da nun die Repulsion aufgezehrt ist, also nicht mehr gestützt 
[werden muß, wird die Materie unnötig und es bleibt ihr 
[nichts mehr übrig, als unterzugehen. In der unendlichen Leere 
ist nichts mehr vorhanden als die Vereinigung des Sohns 
mit dem Vater, die durch diese Art apokalyptischen 
[Orgasmus, als den wir die allgemeine Umwälzung der Welten 
[und Sterne ansehen müssen, bewirkt wurde. Denn es versteht 
Lsich von selbst, „daß nur Gott allein als All im All bestehen 
fwird", in dem der Sohn in einer höchsten Ekstase aufgeht. 

Die Frage liegt nahe, ob diese Vision vom endgültigen 

[Untergang der Materie, die eine der Vorstellungen der 

modernen Physik anzukündigen scheint und dadurch bei 

manchem Leser den Eindruck hervorruft, von hohem objektiven 

[Wert zu sein, nicht von neuem dem Diditer durdi die ihm 

I zugehörigen persönlidisten und subjektivsten Komplexe ein- 

j^ gegeben wurde. Wir haben oft genug wiederholt, daß Poe seine 

lutter als ganz kleines Kind verloren, daß er die Mutter über- 

1 lebt hat. Die Materie, die hier einem endgültigen Tod zur 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



Beute fällt, nachdem sie so lange mit ihrem Sdiein geleuditetl 

hat — erinnern wir uns an die faulige Phosphoreszenz , ^[A 

tote Materie, die nur dazu diente, die lebende Elektrizität! 
zu stützen, welche selbst wieder der individualisierte Geist 1 
der Gedanke ist, diese Materie geht zur gleichen Zeit wie dieser! 
Gedanke unter. Versteckt sich nicht hinter diesem Bild die] 
Poesche Phantasie einer Vereinigung im Tode mit der in früher! 
Zeit verlorenen, niemals aber für immer versdiwunden ge- 
haltenen Mutter, einer Vereinigung, die in dem Augenblids 
eintritt, in dem der auf der Erde gebliebene Sohn (der als! 
Geist, Genie, Gedanke lebt) in ihren Armen sterben kann? Eine i 
solche Phantasie von der Vereinigung des Sohnes mit der i 
Mutter im Tode würde ein bescheidenes Pendant zu jener i 
andern leuchtenden und großartigen Phantasie bilden, die hienj 
von einer letzten Heimkehr des Sohnes in den väterlidien] 
Schoß berichtet. 

„Aber sollen wir hier stehenbleiben? Durchaus nidit." Gott 
wird hier nicht stehenbleiben! Wenn dieses Universum wieder ' 
in ihn zurückgekehrt ist, wird er bald ein anderes aus- 
senden. Der Sohn wird in Ewigkeit immer und immer wieder 
neu gezeugt werden. Vergebens wollte Poe zuerst dem Leben 
seines Weltalls ebenso wie dem Leben des Menschen räumlidie 
und zeitliche Grenzen zuweisen. Von allen Seiten dringt die 
Unendlichkeit wieder in sein System ein; im Bereich des Raums 
tauchte sie wieder auf, mit den unzähligen Universen, die im ; 
Raum verstreut sind, im Bereich der Zeit erscheint sie wieder 
durch die endlose Aufeinanderfolge göttlicher Schöpfungen. 
Denn das Unbewußte hält sidi für unsterblich und fähig, ewig 
wieder aufzuerstehen. Daher wird unaufhörlich „ein neues 
Weltall ins Dasein" treten „und dann seinerseits ins Nichts" 
versinken, — „bei jedem Schlage des Gottesherzens". 

Und dieser Herzschlag erinnert uns wieder an das 
Schwatzende Herz. In dieser Geschidite haben wir 




Heureka 223 



das Herz des Greises, der eine Imago des Vaters ist, das 
Herz, dessen ungeheuer lautes Schlagen in der Nacht den Haß 
und die Wut des Mörder-Sohnes aufs stärkste reizten, dem 
mäditigen väterlichen Phallus gleichgestellt. Wir finden nun 
hier, in Heureka, das gleiche väterliche phallische Herz 
in dem schlagenden und zeugenden Herzen Gottes wieder. 
Aber während im Schwatzenden Herzen die Hal- 
tung des Sohnes, des Mörders, einer positiven ödipuseinstellung 
entsprediend aggressiv war, ist sie in Heureka anders: 
in einer gleichsam fassungslosen Vaterleibsphantasie wirft er 
sich voll Liebe an das väterliche Herz. 

Aber die Rivalität zwischen Vater und Sohn läßt sich auch 
hier nidit ganz unterdrücken: denn der in den Vater heim- 
gekehrte Sohn besiegt ihn sdbließlich, indem er nun in höchster, 
letzter Identifizierung, wie wir gleich sehen werden, zum Vater 
selber wird. 

„Und was ist nun das Gottesherz?" ruft Poe aus. „Es ist 
unser eigenes Herz." 

Der Dichter kehrt also zu sich selbst zurück, um sich einer 
intensiven, eifrigen Innenschau zu widmen, mit deren Hilfe er 
Gott wieder in sich finden wird. 

„Wir wandeln durch die Gesdiidte unseres Weltdaseins, umgeben 
von sdiattenhaften, aber immer gegenwärtigen Erinnerungen an ein 
größer gestaltetes, in früher Vergangenheit weit zurüdtliegendes 
und unendlidi furchtbares Gesdijdk. Die Jugend, die wir erleben, 
ist besonders heimgesucht von solchen Träumen, die wir jedodi 
niemals als Träume ansehen. Wir erkennen Erinnerungen in 
ihnen . . . Daß eine Zeit war, in derwir nichtexistierten, 
oder daß es hätte sein können, daß wir niemals zu einer 
Existenz gekommen wären, das sind Betrachtungen, die uns in 
derjugend wahriich schwerfallen. Von allen Fragen scheint uns, 
bis wir erwachsener sind, die Frage am schwersten zu 
beantworten, warum wir vielleicht nicht hätten existieren können. 
Bis zu diesem Alter sdieint die Existenz, die persönliche Existenz, 
die Existenz zu jeder Zeit und selbst in der Ewigkeit, uns ein 




224 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




normaler und fragloser Zustand — es scheint uns so, we'l 
es so i s t." 

Die Wahrnehmung von der Unsterblichkeit, die dem Un- 
bewußten eigentümlich ist, für das der Begriff der Zeit absolut 
nicht existiert, kann nicht besser dargestellt werden, als dies 
hier geschieht. Nur das Ich erwirbt, und zwar in dem Maße 
in dem es sich bildet, die intellektuelle Vorstellung von der 
Zeit und vom Tode. 

Nun findet dieses Gefühl von der Ewigkeit, das im Tiefsten 
eines jeden Menschen schlummert und von den verschiedensten 
Religionen in ihren Unsterblidikeitsdogmen nach außen pro- 
jiziert wurde, — nun findet dieses Gefühl von einem Leben 
jenseits dieses Lebens auch in der Vergangenheit einen realen 
Stützpunkt, eine Tatsache, die Poe zwar verworren, aber 
durchaus richtig ahnte. Denn bevor das Kind ans Licht geboren 
wurde, lebte es schon eine nichtvergessene Zeit, ein traumhaftes 
intrauterines Leben. An der Wurzel aller Phantasien von 
einem früheren Leben muß wohl die gleiche Erinnerung 
oder vielmehr Erinnerungsphantasie zu finden sein, 
die wahrscheinlich auch der großen, im Bereich der platonisdien 
Ideen angesiedelten Theorie des Erkennens nicht fremd war. 
Diese Phantasie von einem früheren Leben"^ wird dann leid« 
auf die von einem Weiterleben nach dem Tode übertragen. 
Und diesen Schritt machte auch Poe in Heureka mit. 

Bei dieser Gelegenheit bricht sein größenwahnsinniger 
Narzißmus aus. Als der Zweifel, die Überrasdiung und Un- 
begreiflichkeit dem älter werdenden Kind zurufen: „Du lebst, 
und es gab eine Zeit, wo du nicht lebtest. Du bist gesdiaffen 
worden. Es gibt eine höhere Intelligenz als deine, und nur 
durdi diese Intelligenz lebst du überhaupt", wehrt sidi Edgar 
gegen einen solchen Zuruf. Wie, das intrauterine Leben hat 



92) Siehe Baudelaire in Les Fleurs du Mal: La Vie Anterieure. 




Heureka 22 j 

für ihn einen Anfang haben können, und der Vater hat ihn 
aus dem Nichts herausziehen müssen?! Die Intelligenz Gottes 
ist dabei sichtlich ein euphemisdies Symbol für seinen Phallus. 

Schließlich geht Poe während der Steigerung seiner Paranoia, 
in der Heureka geschrieben wurde, so weit, daß er jede 
generische Abhängigkeit vom Vater, von Gott,^ leugnet. Er ist 
ebenso groß wie Gott, er ist zu allen Zeiten gewesen und wird 
wie Er ewig sein! Denn wer könnte „in einem gewissen lichten 
Augenblicke seines Gedankenlebens", und bei einem solchen 
war die Seele Poes (nach Poes Meinung!) gerade angelangt, 
zugeben, wer könnte begreifen oder glauben, „daß etwas 
Größeres bestehe als seine eigene Seel e"? 

Und man fühlt mit Recht so, verkündet Poe. 

„Jede Seele ist zum Teil ihr eigener Gott, ihr eigener Schöpfer." 
Denn „Gott, der materielle und geistige Gott (existiert) jetzt einzig 
und allein in der zerstreuten Materie und dem zerstreuten Geiste 
des Weltalls" und „die Wiederzusammenziehung, die Wiederver- 
einigung dieser Materie und dieses Geistes allein (kann) den rein 
geistigen und individuellen Gott wiederherstellen". 

So zeugt nun der Sohn den Vater und wird in seinem 
paranoisciien Narzißmus seinerseits der Vater selbst. Der 
Mensch — d. h. Edgar Poe — wird Gott und, höchste Identi- 
fizierung, ihm stößt nun zu, was vorher Gott geschehen ist: er 
beginnt das ganze Universum aufzusaugen. 

„Die Trauer, in die uns die Betraditung, daß wir unsere indi- 
viduelle Identität verlieren werden, versetzt, hört sofort auf, wenn 
wir überlegen: der oben beschriebene Vorgang ist ja nicht mehr 
und nidit weniger als die Aufsaugung aller andern Intelligenzen 
(d. h. aller im Universum befindlichen Intelligenzen) durch jede 
individuelle Intelligenz. Damit Gott ganz in allem sein kann, muß 
jeder Gott werden." 

Man muß hier an die Konsubstantialität von Vater und 
Sohn im christlichen Dogma denken. Immer wieder haben die 
Träume aller Söhne die gleichen Phantasien einer Vereinigung 
und Identifizierung mit dem geliebten und gefürchteten Vater 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 1,; 



i 




220 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



hervorbringen müssen. Denn der Sohn ist nidit nur der männ- 
lidie Aufrührer im Ödipuskomplex; er ist gleichzeitig audi 
durdi die homosexuelle Kraft der Liebe der dem Vater ergebene 
und anhängliche Sohn. 

In der Art und Weise, in der der Sohn in Heureka die 
Rückkehr zu Gott begreift, sind beide Haltungen miteinander 
vereinigt: das Universum Sohn verliert sich zwar in einer Art 
Vaterleibsphantasie an Gott; aber durch das gleidie Mittel 
steht der vernichtete und dennodi triumphierende ödipussohn 
wieder auf und wird nun selbst zum Vater, zu Gott. Die 
Haltung Poes gegenüber seinem Gott ist daher weit davon ent- 
fernt, passiv zu sein. Die Vaterleibsphantasie, der man in 
gewissen Analysen begegnet, ist übrigens immer durdi sekun- 
däre Verschiebung von der Mutter auf den Vater übertragen. 
Das erste Objekt dieser Mutterleibsphantasie (die, wie Freud 
gesagt hat, der Koitusersatz des Impotenten ist), ist natürlidi 
die Mutter. Wir haben sdion an anderer Stelle gesehen, wie 
häufig diese Phantasien im Werke des gehemmten Poe auf- 
treten, und sind daher keineswegs überrasdit, sie (allerdings 
auf den Vater übertragen) in Heureka wiederzufinden, im 
letzten Werke Poes, das eine Flucht des Dichters vor der Frau 
zum „erlösenden" Vater darstellt. 

Ein zweites Beispiel: Richard Wagner, dessen Sexualleben 
so viele innere Hemmungen aufzuweisen scheint, und dessen 
Riesenwerk ein einziger Sdirei nach der „erlösenden" Frau ist, 
sdiloß den Kreis seiner Sdiöpfungen mit dem P a r s i f a 1. 
Nachdem Parsifal Kundry, die Frau, die Mutter (überbringt 
Kundry nicht Parsifal den Kuß der toten Mutter?) zurüdc- 
gewiesen hat, tritt er glühend vor Gottesliebe in einer Art 
Vaterleibsphantasie triumphierend in die Gralsburg Monsalvat, 
Symbol für Gott, den Vater, ein. 

Man kann nidit ohne Liebe leben, und wenn es allzu streng 
verboten ist, die Mutter zu lieben, dann wendet sidi die unzer- 




Heureka 



2^7 



störbare Libido des Menschen unvermeidlidi dem Vater zu. 
piese Bindung an den Vater kann dann, wie das bei allen 
Trieblodungen der Fall ist, entweder nach dem passiven 
Sdiema (Wassergrube und Pendel) oder nach dem 
aktiven (Heureka) ausgedriida werden, wobei sie in 
bezug auf das Objekt homosexuell gerichtet bleibt. Und 
wenn wir uns fragen, was dieses Hin und Her der Haltung 
möglich macht, dann müssen wir wieder auf die fundamentale 
Bisexualität aller Lebewesen hinweisen, welche die Biologie 
und Psychologie täglich deutlicher beweisen, auf die Bisexua- 
lität, welche durch Ereignisse in der Kindheit bei dem einen 
Lebewesen verstärkt, bei dem andern aber geschwächt wird. 
Wie stark war nun der konstitutionelle bisexuelle Faktor 
bei Edgar Poe daran beteiligt, daß er für immer von der Frau 
entfernt wurde? Das wissen wir natürlich nicht. Aber wir 
müssen annehmen, daß der zweite Faktor, der Faktor der 
infantilen Ereignisse einen günstigen Boden gefunden haben muß, 
um sidi so stark auswirken zu können, wie er es tatsächlich 
getan hat. Der klassisdie Mechanismus, nach dem der vom 
allmächtigen Vater bei seiner ersten erotischen ödipalen Be- 
geisterung für die Mutter beeinträchtigte Junge auf den hem- 
menden Vater selbst den Fluß seiner Libido hat zuströmen 
lassen, muß beim kleinen Edgar ganz besonders intensiv 
wirksam gewesen sein. Das wird durch das Leben und das 
Werk Edgar Poes bewiesen. 



Über diesem Leben stehen also, wie über diesem Werk, die 

drei großen Kategorien von Konflikten, welche die Seele der 

Mensdien beunruhigen. Zuerst einmal müssen wir, um leben zu 

I können, uns den Gesetzen der Realität unterwerfen, die sich 

jum unser ursprüngliches und hartnäckiges Verlangen nadi Lust 

Inidit kümmern; das Realitätsprinzip, das von den Befehlen 



>5' 




228 Die Geschichten: Der Zyklus Vater 



der äußeren Welt ausgeht, steht in Opposition zum Lust- 
prinzip, das von unserer Geburt an bis zu unserem Tod in 
unserem Unbewußten herrscht. Aus soldi ursprünglichem Ant- 
agonismus, den bereits der Fötus kennt, wenn die Realität ihn 
zwingt, den warmen Schutz des mütterlichen Körpers zu ver- 
lassen, um geboren zu werden (ein Zwang, gegen den er durdi 
sein Schreien schon zu protestieren scheint), aus diesem ur- 
anfänglidien Konflikt geht der zweite der Konflikte, die unsere 
Seele peinigen, nur als besonderer Fall hervor. Denn die Forde- 
rungen unserer Erzieher, welche den erotischen und Aggressions- 
trieben des heranwachsenden Menschen die Moralverbote auf- 
zwingen, sind tatsächlich nur Befehle, die von außen, von der 
Realität herkommen. Aber diese Verbote besitzen in unserer 
hochentwickelten Gesellschaft eine derart zivilisatorische und 
gleichzeitig pathogene Bedeutung, daß ihr Zusammenstoß mit 
unseren oft ungehorsamen Trieben, selbst wenn sie verdrängt 
sind, diesen Verboten einen besonderen Platz einräumt. Zu 
diesen beiden Konflikten: zu der Realität, die unseren Trieben, 
welche nicht gewillt sind, zu verzichten, unversöhnlich gegen- 
übersteht; zu der Sozialmoral, die mit den gleichen Trieben 
kämpfl:, kommt noch ein dritter hinzu: der Konflikt zwischen 
dem Mann und der Frau, die biologisch in uns nebeneinander 
bestehen. Denn je nachdem die Lebenswaage in jedem von 
uns die Schale nach der Seite des einen oder des andern Ge- 
schlechts gesenkt hat, protestiert das geopferte Geschlecht und 
fordert sein Recht. Es gibt sich nicht immer vollständig 
zufrieden mit der Form und der Funktion, welche die Natur 
unseren Organen aufzwingt; aber der bisexuelle Konflikt, der 
die anatomische, die physiologische Realität nicht in Rechnung 
stellen will, bildet dadurch auch seinerseits nur einen besonderen 
Fall des allgemeinen Konflikts zwischen dem Lustprinzip, das 
im Innern des Unbewußten herrscht, und dem Realitätsprinzip, 
das in der äußern Welt herrscht, zu der auch (für unser Un- 




l 



Heureka 229 



[^wüßtes) die Darstellung unseres eigenen Körpers gehört. 
Per Umfang, den der Mangel an Anpassungsfähigkeit an die 
erotisdie Realität""" erreicht, ist eine veränderliche Größe 
und in verschieden starkem Maße krankheitserregend, wobei 
es für das Maß dieses Mangels gleidigültig ist, ob er aus der 
Konstitution des Kindes oder aus Zwischenfällen, die sich in 
Jer Kindheit ereignet haben, herkommt. Die vollkommene 
Harmonie eines Menschen mit sich, die von diesem Gesichts- 
punkt aus darin bestehen müßte, nichts als ein Mann oder 
nidits als eine Frau zu sein, sdieint ein Ziel darzustellen, nadi 
dem zwar das Leben strebt, das jedoch nie vollständig erreicht 
wird, obwohl in vielen Lebewesen das Gleichgewicht praktisch 
hergestellt zu sein scheint. 

Edgar Poe nun war von der Kindheit an bis zum Tode 
diesen drei Konflikten zu gleicher Zeit ganz besonders aus- 
geliefert. Zwar verzichteten seine Triebe vor den Moralforde- 
rungen der Erzieher im Hause der Allans auf die im höchsten 
Maß perversen Befriedigungen, die zu sudien die düstern Er- 
eignisse der Kindheit, weldie auf die unbeständige Konstitution 
eines erblidi belasteten Alkoholikers aufgepfropft waren, ihn 
zwangen. Aber der Sexualtrieb läßt sich nicht ungestraft 
in solchem Umfang verdrängen — er rächt sich. Er machte 
Poe in weitestem Maße unfähig, die Realität zu ertragen, 
er drängte ihn zur Giflsucht, zur Flucht vor der Realität, 
zu regressiven Befriedigungen einer unentwickelten Libido, 
und ließ ihm zu wirklicher Realisierung nur den Weg der 
sdiöpferischen Phantasie offen — dieser Weg allerdings war 

93) Ich entlehne diesen Ausdruck Ferenczi (Entwicklungs- 
stufen des Wirklichkeitssinnes in Int. Ztschr. f. PsA., 
I, 1913, und Bausteine zur Psychoanalyse, Int. PsA. 
Verlag^ 1927, Bd. I). Ferenczi verwendete ihn für die Suche nach 
dem Liebesobjekt. Ich wende ihn hier in einem weiteren Sinn auf 
die Anpassung des Subjekts selbst an die psycho-physiologischen 
Forderungen seines Gesdiledits an. 



1 



230 



Die Geschichten: Der Zyklus Vater 




wirklidi königlich! Er madite aus ihm einen psydiisd. 
Kranken, so wie die traurige Erbsdiaft von den Eltern h 
aus ihm einen physisdien Kranken gemacht hatte: die beid 
Einflüsse gingen ineinander über und wirkten sidi 
manchmal als Ursadie, mandimal als Wirkung aus. 

Die Heftigkeit und auch die angeborene Sdiwäche des Poe. 
sehen Sexualtriebs, der sich nicht gegen die Unterdrückungen 
der Erzieher wehren konnte (was dem Trieb bei andern 
Mensdien wohl glückt), standen wahrscheinlidi auf der Grund- 
lage einer überaus starken konstitutionellen Bisexualität. Diese 
Tatsache machte es Poe möglich, einem Übermaß von Moral- 
forderungen zu gehorchen, vor der Mutter, vor der Frau im 
allgemeinen, so stark zurückzuweichen, wie er es getan hat, und 
seine literarische Laufbahn mit der homosexuellen kosmisdien 
Phantasie Heureka zu beenden. 



Wir brechen hier die Untersudiung der Erzählungen Edgar 
Poes ab. Wir haben unter ihnen jene Didbtungen ausgewählt, 
die unserer Meinung nach für sein Werk, seine Psyche, sein 
Leben besonders typisch und illustrativ zu sein scheinen. Der 
Analytiker, der diese Arbeit gelesen hat, wird audi in den 
Geschichten, die wir nicht studiert haben, die Spuren der 
Fundamentalkomplexe ihres Autors wiederfinden, die siditbar 
zu machen unsere Aufgabe war. 



TEIL IV 



POE UND DIE MENSCHLICHE 
SEELE 







.ikIW/l' ^>"*'''W-'^" 



I / '■^o e*>- ^ 



SIGMUND FREUD 
(Nach einer Radierung von F. Schmutzer, 1926) 



m 



3 




ÜBER DIE ARBEIT AM LITERARISCHEN 

KUNSTWERK UND ÜBER DIE FUNKTION 

DER DICHTUNG 

Bevor wir daran gegangen waren, die Erzählungen Edgar 
Poes zu analysieren, haben wir geschrieben: „Die literarisdien 
und künstlerisdien "Werke der Menschen enthüllen das Intimste 
ihrer Psyche und sind, wie Freud gezeigt hat, nach Art unserer 
Träume aufgebaut. Die gleichen Mechanismen, die der Ver- 
arbeitung unserer stärksten, wenn audi verborgensten "Wünsdie 

— und das sind häufig jene, die unser Bewußtsein am heftigsten 
zurückweist — im Traum oder im Nachtalp dienen, leiten 
audi die Arbeit am Kunstwerk." Auf einem andern "Weg, in 
Der Dichter und das Phantasieren^ hat Freud 
gezeigt, was den Tagtraum des Jünglings oder des Erwachsenen 

— diesen nahen "Verwandten des Schlaftraums — mit dem 
Kinderspiel verbindet: beide sind fiktive "Wunschrealisierungen. 
In der gleichen Schrift läßt er uns auch die Ähnlichkeit erfassen 
zwischen dem Tagtraum und der literarischen Schöpfung, in 
der die tieferen, archaischen, infantilen, unbewußten "Wünsche 
des Künstlers nadi einem fiktiven und mehr oder weniger ver- 
kleideten Schema ihre Befriedigung finden. Je nachdem nun 
die literarischen "Werke mehr oder weniger mit Subjektivität 
gesättigt sind, könnte man sie wie in einer Skala neben- 
einanderstellen. An dem einen Ende würde man die "Werke 
finden, bei denen (wie bei Zola oder Maupassant) die Persön- 
lichkeit des Autors hinter der Erzählung gänzlidi zu ver- 



i) Neue Revue 1908; Gesammelte Sdiriften, Bd. X. 



^34 



Poe und die menschliche Seele 




schwinden scheint, sich mit der Rolle eines Zuschauers begnü 
"" dem die andern Menschen vorüberziehen: wir haben 



an 



es 



sozusagen mit den Werken genialer „Voyeurs" zu tun. Trotz 
dem diese Dichtungen beim ersten Anblick mit dem Trau 
oder mit der Träumerei im allgemeinen in Widerspruch z 
stehen scheinen, ähneln sie gewissen außergewöhnlichen Tag- 
träumen. Man müßte übrigens bei jedem Fall im besondern 
untersuchen, inwieweit die Spaltung der Persönlidikeit des 
Autors, deren psychische Komponenten danach streben, sich in 
verschiedenen Gestalten zu verkörpern, es ihm ermöglicht hat 
in den von ihm beobadiieten Personen sich selbst wieder dar- 
zustellen. Auch in den mythischen Themen, welche dodi dem 
Dichter oder Dramatiker von außen zugekommen zu sein 
scheinen, und welche die phylogenetischen und kollektiven Tag- 
träume der Menschheit darstellen, finden die ontogenetischen 
Komplexe jedes Autors immer wieder ein Mittel, sich in der 
Wahl des Themas und durch die Varianten, die der Diditer 
anzubringen versucht, zu manifestieren. 

Kehren wir aber zu unserer Skala der literarischen Werke 
zurück, auf der das Ausmaß an Subjektivität aufgezeichnet ist. 
Durch alle möglichen Übergänge, über alle Grade von Ab- 
stufungen hinweg finden wir von der ansdieinend größten 
Objektivität zu der vollkommen subjektiven Leistung zurück, 
in der sich der ursprüngliche, fundamentale Typus der literari- 
schen Schöpfung zu realisieren scheint. In diesen subjektiven 
Werken werden die Komplexe des Autors selbst mehr oder 
weniger offen oder verkleidet in das Werk projiziert. 

Diese ganz subjektiven, ganz mit den unbewußten Erinne- 
rungen (wir würden sagen: Komplexen) ihres Schöpfers ange- 
füllten Werke verraten deutlich ihre Verwandtschafl:, sie sind 
nicht nur den „Tagträumen" junger Menschen ähnlidi, sondern 
auch den „Schlaf träumen" aller Menschen. An das äußerste Ende 
einer soldien Reihe könnte man einen Edgar Poe oder einen 




über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 235 



E. Th. Hoffmann stellen, aber nidit nur deshalb, weil bei ihnen 
die Arbeit am Kunstwerk der Arbeit ähnelt, weldie unsere 
'Träume schafft, sondern auch, weil die äußere Haltung ihrer 
Erzählungen, ja sogar ihre Form häufig die unserer Alp- 
träume ist. Wahrscheinlich war ihre Süditigkeit an diesem 
Phänomen beteiligt. 

Wir glauben, im Verlauf dieser Arbeit bereits aufgezeigt 
zu haben, aus weldien tiefen infantilen Quellen der Diditer 
die Inspiration zu seinen Werken geschöpft hat. Unsere weitere 
Aufgabe besteht nunmehr darin, an den Geschichten des 
Dichters die eigentlichen psychischen Medianismen aufzuzeigen, 
weldbe im allgemeinen die Arbeit am literarischen Werke leiten. 

In der Traumdeutung,^ dem Werk, das der neuen 
Psychologie, der einzigen Psychologie, die diesen Namen 
verdient und ins Unbewußte dringt, eine feste Grundlage 
gegeben hat, sdireibt Freud beim Abschluß des Kapitels über 
die Traumarbeit: „Sie läßt sich erschöpfend beschreiben, 
wenn man die Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr Erzeugnis 
zu genügen hat. Dieses Produkt, der Traum, soll vor allem 
der Zensur entzogen werden und zu diesem Zwecke bedient 
sich die Traumarbeit der Verschiebung der psychi- 
schen Intensitäten bis zur Umwertung aller psychi- 
sdien Werte; es sollen Gedanken ausschließlich oder vorwiegend 
in dem Material visueller und akustischer Erinnerungsspuren 
wiedergegeben werden, und aus dieser Anforderung erwächst 
für die Traumarbeit die Rücksicht auf Darstell- 
bar k e i t, der sie durch neue Verschiebungen entspridit. Es 
sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt werden, 
als in den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen, 

2) Freud, Die Traumdeutung. Deutidie, Leipzig und 
Wien 1900; Gesammelte Schriften, Bd. II III, S. 430. 



flf Poe und die menschliche Seele 



l 



und diesem Zweck dient die ausgiebige Verdichtung 
die mit den Bestandteilen des Traumgedankens vorgenommen 
wird. Auf die logischen Relationen des Gedanken 
materials entfällt wenig Rücksicht; sie finden schließlich i„ 
formalen Eigentümlichkeiten der Träume eine verstedcte 
Darstellung. Die Affekte der Traumgedanken unterliegen 
geringeren Veränderungen als deren Vorstellungsinhalt Sie 
werden in der Regel unterdrückt; wo sie erhalten bleiben, von 
den Vorstellungen abgelöst und nach ihrer Gleichartigkeit 
zusammengesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit, die in ihrem 
Ausmaße inkonstante Überarbeitung durch das 
zum Teil geweckte Wadidenken, fügt sich etwa der Auf- 
fassung,^ welche die Autoren für die gesamte Tätigkeit der 
Traumbildung geltend madien wollten." 

Wir wollen nun von dieser Zusammenfassung der Bedin- 
gungen, denen der Traum genügen muß, und welche die zu 
semer Bildung leitenden Vorgänge einschließen, ausgehen, um 
zu zeigen, daß diese Vorgänge (wenn auch anders dosiert) die 
gleichen sind, durch die im literarischen Werk der vom vor- 
bewußten Denken vermittelte Inhalt des Unbewußten in das 
bewußte Erzeugnis, als das wir das geschriebene Werk ansehen 
müssen, gelangen kann. Das wird uns aber keineswegs über- 
raschen, da ja diese Mechanismen, diese Gesetze ganz allgemein 
die Mechanismen und Gesetze sind, die unter allen Himmels- 
stridien in der ganzen Welt, im Innern der menschlidien 
Psyche herrschen. 

* 

Aber bevor wir die verschiedenen Prozesse, die sich bei 
der Arbeit am literarischen Werk abspielen, studieren, wollen 
wir versuchen, uns eine etwas genauere Vorstellung von jenen 
verschiedenen Zuständen der Psyche, von denen wir eben ge- 
sprochen haben, zu verschaffen. 

Vor allem, was soll man unter einer unbewußten Erinne- 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 237 

rung, unter einer unbewußten Vorstellung, einem unbewußten 
Affekt verstehen? Das sind Begriffe, die, täuschen wir uns nicht, 
in diesem Zustand vom Bewußten absolut nicht erfaßt oder 
auch nur erahnt werden können, so unverständlich dies auch 
erscheinen mag. Die frühesten infantilen Erinnerungen unseres 
Lebens bleiben mit den ihnen zugeordneten Vorstellungen 
immer in diesem Zustand erhalten, sie bilden, gemeinsam mit 
unseren ererbten Trieben, den Kern dessen, was man unser 
Unbewußtes nennt. Bloß die unbewußten Affekte können, auf 
andere Objekte übertragen, wieder im Vorbewußten auf- 
tauchen, und von dort aus beherrscht unser infantiles Un- 
bewußtes unser Leben weiter, indem es ihm die Wahl der zu 
dieser Übertragung geeignetsten späteren Vorstellungen auf- 
zwingt. 

Vorbewußt sind jene Vorstellungen, die zwar für den 
Augenblidk unbewußt, jederzeit aber fähig sind, ins Bewußt- 
sein zu dringen, wenn die Gelegenheit dazu günstig ist. Daher 
untersdieidet man in Wirklichkeit zwei Arten des Unbewußten: 
einerseits das eigentlidie Unbewußte, das niemals herauf- 
beschworen werden kann, und das aus dem Reservoir unserer 
angeborenen Triebe und unserer frühzeitigsten Erfahrungen 
gespeist wird; andererseits das im Augenblick unbewußte Vor- 
bewußte, das jederzeit herbeigerufen werden kann, und durdi 
später in unserem Leben erworbene Erinnerungen und Vor- 
stellungen gebildet wird. 

Und der bewußte Zustand? Er spielt, trotzdem die Psycho- 
logie ihm früher alles, was sidi im Bereich unserer psychisdien 
Struktur ereignet, zugeschrieben hat, bloß eine bescheidene 
Rolle in unserem Leben. Diese sdieint nur in unserer Apper- 
zeptionsfähigkeit zu bestehen, die sidi aber diesmal dem Innern 
unserer Psyche zuwendet. Und so wie unsere äußere Apper- 
zeptionsfähigkeit, die sich der Sinne bedient, nur die Phäno- 
mene erfassen kann, ohne in das eigentliche Wesen der Dinge 



^3 8 Poe und die menschliche Seele 



1 



zu dringen, zeidinet auch unsere innere Apperzeptionsfähiake' 
nidits als die Bewegungen und Spiegelungen auf der Oberfläd,e 
ab, ohne in die nicht zugänglichen Tiefen unseres Unbewußten 
eindringen zu können. Daher ist unser bewußtes Ich nie meh 
als der mehr oder minder wachsame Zuschauer unser selbst 
Bei der Traumarbeit, der Arbeit am literarischen Kunst- 
werk, ebenso wie bei der an verschiedenen anderen psychischen 
Erzeugnissen, spielt sich nun im allgemeinen folgendes ab- 
Etwas, das der äußeren Welt angehört, wird von uns wahr- 
genommen. Aber im Laufe des Tages muß unsere Aufmerk- 
samkeit, um verwendbar zu bleiben, von einem Objekt auf 
das andere übergehen. Nun versdiwinden die Endglieder 
mantJier Assoziationsketten, den Tag über, ins Vorbewußte. 
Dort entwickeln sie sich weiter, bis ihr Affekt sich verteilt 
zerstreut und verliert. Oder aber, sie stoßen auf irgendein' 
Kettenglied, das sie über eine Assoziation, die durch die 
Ähnlichkeit mit irgendeiner andern unbewußten Erinnerung 
hervorgerufen wurde, bis ins Unbewußte hinabführt. Die ganze 
vorbewußte Kette wird dann ins Unbewußte hinabgezogen und 
dort mit jener mächtigen Energie besetzt, die den alten, ver- 
drängten Affekten eigen ist, welche gegen jegliche Abnützung 
gefeit sind, da sie dem Bewußtsein entzogen wurden. Von 
hier aus gelangt diese durch den alten Affekt gestärkte Kette ins 
Bewußtsein, in der Form eines Tagtraums zum Beispiel, oder 
eines Schlaftraums. Aber bei diesem Untertaudben ins Unbe- 
wußte, und vor dem Auftauchen in einer neuen Gestalt 
machen die vorbewußten Gedanken jene eigenartige Umwand- 
lung mit, deren Gesetze von denen des logischen Denkens sehr 
abweichen und mit der wir uns nun beschäftigen wollen. 

Vorher noch eine wichtige Bemerkung. Obwohl uns die 
Sprache dazu zwingt, vom Untertauchen ins Un- 
bewußte, vom Übergang des Unbewußten in das Vor- 
bewußte zu sprechen, muß man sich hüten, sich das Un- 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 239 

bewußte, Vorbewußte oder Bewußte als verschiedene ö r t- 
1 i c h k e i t e n der Psydie vorzustellen. Es handelt sidi nur 
uni verschiedene Zustände. 



Durch das Untertauchen ins Unbewußte erwerben die Vor- 
stellungen vor allem die Fähigkeit, dort ihre Affekte zu ver- 
lieren, sie auf mehr oder minder benadibarte Vorstellungen 
übergehen zu lassen. 

Beispiele für diese Verschiebung der psychi- 
schen Intensitäten sind in den von uns analysierten 
Gesdiiditen so zahlreich vorhanden, daß sie gleichsam den Ein- 
sdiuß im Werk des Erzählers bilden. Wir heben aus ihnen 
nur die auffallendsten heraus. Im Zyklus der tot- 
lebenden Mutter besdiränkt sich die Versdiiebung ge- 
wöhnlidi darauf, die Affektbetonung, die ursprünglidi der 
Mutter zugehörte, auf imaginäre Frauen zu übertragen, weldie 
mit Attributen, die der Toten gehören, begabt werden. So sind 
beispielsweise Berenice, Morella, Ligeia, Madeline totkrank, 
verhauchend wie Schwindsüchtige im letzten Stadium, um ihre 
Sylphidenbewegungen schwebt bereits der Geruch der Ver- 
wesung. Diese elementare Verschiebung genügt: daß sich hinter 
diesen verdächtigen Sylphiden Elizabeth Arnold versteckt, 
hat weder Poe selbst erkannt, noch irgendeiner der vielen 
Menschen, die seit einem Jahrhundert seine Geschichten lesen. 
Im besten Falle hat man erraten, daß hinter jenen Frauen 
Virginia zu stehen scheint, die ja selbst nur eine Übertragung 
der Elizabeth Arnold war. 

Im Untergang des Hauses Usher zieht eine 
nodi bedeutendere Verschiebung unsere Aufmerksamkeit an. 
Die tot-lebende Mutter wird hier nicht nur mit den mensch- 
lidien Zügen der Madeline dargestellt, sondern audi in der 
Gestalt eines Gebäudes: sie ist das Schloß mit seinen Mauern 



^4° Poe und die menschliche Seele 




und seiner Atmosphäre der Verwesung. Um die für ih 
wichtige Versdiiebung durdifiihren zu können, bedient sich Po" 
emes von der gesamten Menschheit gern angewandten Symbol 
das darin besteht, die Frau durch ein Gebäude darzustellen' 
Im M e t z e n g e r s t e i n ist die Mutter gar durdi ei ' 
Totemtier, ein Pferd, repräsentiert, auf das der libidinöse 
Inzestwunsch, der einzig und allein ihr gilt, verschöbe 
wird. Wer hätte diesen Vorgang ohne den Schlüssel, den die 
Traumdeutung bietet, durchschauen, diesen Vorgang mit 
dem Intellekt erfassen können? Denn daß diese Geschichten uns 
so fesseln, ist ja ein Beweis dafür, daß unser Unbewußtes 
sehr wohl erkannt hat, was für ein tiefgehendes, latentes 
Drama sich in ihnen und hinter den oft kindlichen manifesten 
Details abspielt. 

Im Zyklus von der Mutterlandschaft 
kommt in die Verschiebungen der psychischen 
Intensitäten eine größere Vielfältigkeit, da diese Ver- 
schiebungen in größerem Maßstab durchgeführt werden. Unser 
ursprüngliches Bestreben, das ganze Weltall narzißtisch zu 
annektieren, madit es nämlich unseren libidinösen Besetzungen 
tatsächlich möglich, sich auf alle, die kleinsten und die größten, 
Objekte zu stürzen, die um uns herum unsere Sinne reizen: 
Meereswogen, die Tiefen der Erde oder die Sterne des Himmels 
können solche Objekte sein. Und die Mutter, das erste Objekt, 
das wir als nicht zu unserem Körper gehörig haben unter- 
scheiden können, diese Mutter wird nun (in der Geschichte vom 
P y m zum Beispiel) nicht nur durch Schiffe, durch die Weiße 
des seltsamen Totemtieres Tekeli-li dargestellt, sondern 
auch durch eines der verbreitetsten Symbole, durch das Meer. 

Im P y m (in der Verschüttungsphantasie), noch ausschließ- 
lidier aber im Goldkäfer, wird die Mutter sogar durch die 
Erde symbolisiert, die Eingeweide der Erde entsprechen dann 
denen der Erzeugerin j imHansPfaall dient der Mond, 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 241 



t 

\ der bleiche und kalte Stern, die tote Mutter des Dichters dar- 
I zustellen. Die Sehnsucht des Sohnes nach diesen symbolischen 
Müttern verrät sich auch durdi die Leidenschaft, mit der die 
verschiedenen Helden Poes die Erde, den Himmel, das "Wasser, 
durchforschen und von ihnen Besitz ergreifen, das "Wasser, in 
dessen Riesenstrudel (in den drei Seegeschichten Poes) der Sohn 
im Taumel dorthin zurückkehrt, woher er gekommen ist. 

Wir sind daher nicht erstaunt, wenn wir entdecken, daß 
sich Poe auch im "Verlorenen Atem, in dieser seltsamen 
Gesdiichte, in welcher er auf eine ganz abseitige "Weise seine 
sexuelle Impotenz beichtet, mannigfacher und verschieden- 
artiger Beispiele für die Verschiebung bedient. Als wichtigste 
Verschiebung ist in dieser Geschichte die Übertragung des 
Interesses, das jeder Mann ganz natürlich für seine Mannes- 
potenz hat, auf das Interesse, das der Held der Geschichte für 
seinen Atem, seinen Haudi hegt, anzusehen. Poe hat sich hier 
wieder eines der Symbole bedient, weldies die ganze Menschheit 
kennt: schreiben nicht die verschiedensten Theogonien dem 
Atem ihrer Götter schöpferische Macht zu? "Wir haben nicht 
die Absicht, an dieser Stelle noch einmal alle andern Ver- 
schiebungen aufzuzählen, von denen es in dieser Geschichte nur 
so wimmelt: wir erinnern nur an die ursprünglich „schuld- 
beladene" Sexualaggression des Herrn Mang el-an- Atem, die 
hier natürlich durch die "Wortaggression ersetzt ist, für die er 
mit dem Verlust des Atems bestraft wird; der kastrierende 
Vater fügt ihm diese Strafe durch Herrn "Windenough (Genug- 
Atem), den Dieb des Atems, zu, ferner durch den dicken Herrn, 
der ihn in der Postkutsche erdrückt, dann durch den Chirurgen, 
der ihn seziert, und schließlich durch den Angestellten der 
Leidienbestattungsanstalt, der eine Schraube in ihn hinein- 
bohrt. Die "Wiederbegabung mit dem Phallus (Rephal- 
1 i s i e r u n g) wird durch das Henken repräsentiert. Die 
Erektion wird in dieser Geschichte durch das grenzenlose An- 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 16 



^4^ Poe und die menschliche Seele 




schwellen des Körpers unseres Helden nadi dem HenW^. 
n.«f;;l,,. A..r j; t^._. ■ , . ™ 'Vor- 



geführt. Auf diesen Körper ist der ganze dem Phallus 
gehörige Libidoakzent verschoben, der schließlich das Gegen^l 
der Wollust, also Angstgefühle, hervorruft; so groß "^^ 
nämlich die Angst, welche Poe vor dieser Erektion hatte. Nur 
die Briefe, welche von der schuldigen Liebe der Elizabe K 
Arnold sprechen, tauchen hier wieder als Briefe auf, und di 
ist vermutlich deshalb möglich geworden, weil sie in der ve" 
änderten Umgebung, in der Isolierung, in der sie hier 
stehen, nicht wiedererkannt werden können. Und der Affekt 
der zu dieser Geschichte drängte, die das tragischste Drama aus 
dem Leben Edgar Poes, seine männliche Impotenz beichtet, ist 
hier mit dem entgegengesetzten Vorzeichen versehen, wir haben 
es mit einem Drama zu tun, das im burlesken Ton vorgetragen 
wird. Die Erzählung wird also von einer Darstellung durdi das 
Gegenteil beherrscht; in ihr ist verkleidet, was man nicht ins 
Gesicht zu sagen wagt (davon soll noch später die Rede sein), 
und nicht ohne Grund wird hier die Wiederbegabung mit dem 
Penis durdi das ironische Schema eines hängenden, fallenden, 
schlaffen Körpers repräsentiert. 

Auch im Zyklus der ermordeten Mutter ist 
die Verschiebung der AfFektwerte leicht zu erkennen. Der 
Mörder-Vater der infantilen sadistischen Auffassung des 
Koitus trägt hier die geheimnisvollen Züge des Unbekannten 
an sich, „das Urbild und der Dämon des Triebes zum Ver- 
brechen", der durch die Menge schleicht; anderswo erkennen 
wir ihn im Orang der Rue M o r g u e. Dort wird der in 
den Körper der Frau eindringende Phallus durch den Doldi 
symbolisiert, hier durch das Rasiermesser. Und auch darin ist 
eine Verschiebung zu sehen, daß in der gleichen Rue Morgue 
das verschlossene Zimmer ebenso wie die alte Madame L'Espa- 
naye die Mutter darstellt; und schließlich ist der Kamin, in 
den die Tochter hineingezwängt wird, ein Bild der Mutter- 



i 




Üher die Arbeit am literarischen Kunstwerk 243 

liloake. Überall Verschiebungen: das ausgestochene Auge der 
schwarzen Katze ist ein Symbol für die Kastrations- 
■BTunde, das Aufhängen der Katze schafFt den Phallus wieder 
und die Katze selbst ist, wie so häufig, ein Symbol für die 
Frau und ihr Organ. 

ImZyklusVater wird der auf den Phallus hinweisende 
psychische Akzent auf das Schwatzende Herz über- 
tragen, im Faß Amontillado werden die Eingeweide 
des Mutterkörpers durch die Keller Montresors repräsentiert. 
Aber auch alle Darstellungen der Eltern unserer Kindheit durch 
die Persönlichkeiten eines Fürsten- oder Königshofs im Hopp- 
F r o s c h oder in der Maske des Roten Todes sind 
Verschiebungen; sie dienen dazu, die wahre Natur dieser 
Personen unkenntlich zu machen und sie in der Folge, ohne 
daß sie verdächtig werden, ihre „sdhuldbeladene" libidinöse 
Rolle spielen zu lassen. ,^,. 

Der Teufel des Herrn Dammit, der ihm bei einer Wette den 
Kopf abgewinnt, die symbolische Brücke mit den Eisenstangen, 
auf der diese Hinrichtung stattfindet: alles Verschiebungen, 
das eine Mal eine Darstellung des rächenden Vaters, das andere 
Mal eine der Vagina, die zu durchqueren eine Gefahr be- 
deutet, und der furchtbaren Zähne, mit denen sie bewaffnet ist! 
Die Zahl der Verschiebungen, auf die sich der Alp von 
Wassergrube und Pendel aufbaut, ist Legion: wir 
haben hier das Gefängnis, diesen zusammenziehbaren Mutter- 
uterus, einen vaginalen Brunnen, den phallischen Pendel der Zeit. 
Und wir wollen schließlich nicht die Verschiebung der 
Androgonie in H e u r e k a in die Sterne vergessen, auch nicht 
die seines Gottes, welcher, wie alle großen Götter, eine Ver- 
schiebung des Vaters ins Unendliche ist, ferner die der Ur- 
ejakulation Gottes, des Uratoms, des ursprünglichen Spermato- 
zoids, aus dem das Universum Gottessohn durch Ausstrahlung 
oder Zellteilung entstanden ist. "Wir wollen aber hier keine 

16* 



244 



Poe und die menschliche Seele 



weiteren Beispiele für die Verschiebung, wie wir sie in d 
bereits analysierten Erzählungen vorgefunden haben, an?pK» 
wir mußten sonst unser ganzes Buch von neuem schreib 

Denn die Verschiebung der psychische" 
Intensitäten ist unter all den Mitteln, dessen sich die 
Traumarbeit bedient, wahrscheinlich jenes — wir nehmen ei 
einziges aus — , dessen sich die Arbeit am Kunstwerk am 
stärksten bedient. Das hängt gewiß damit zusammen, daß die 
Verschiebung größtenteils durch die Moralzensur be- 
fohlen wird, die unser Wachdenken noch stärker beherrscht als 
das Denken während des Schlafens. Der Autor ist, während 
er dichtet und schreibt, wach und er darf unter keinen Um- 
ständen erraten, um was es sich bei seiner Arbeit im Grunde 
handelt. 



Wie wir eben gesehen haben, bedient sich die Moralzensur 
der Verschiebung, um vor den Augen des Autors wie vor 
denen des Träumers die wahre Natur der Triebe zu ver- 
schleiern, die sich im Traum oder Kunstwerk Geltung ver- : 
schaffen. Eine zweite Forderung, der das literarische Werk, 
genügen muß, eine Forderung, die allerdings im Traum 
oder etwa in den plastischen Künsten in größerem Ausmaß 
ihre Befriedigung findet, ist die Rücksicht auf D a r- 
s t e 1 1 b a r k e i t, die „neue Verschiebungen" nach sich zieht, 
wie Freud in dem vorhin zitierten Absatz sagt. Diese Ver- 
schiebungen finden im Traum um Begriffe herum statt, die 
im Bereidi der latenten Gedanken ein gar zu abstraktes Antlitz 
hätten, als daß sie der von der Traumbildung geforderten 
Rücksicht auf Darstellbarkeit entsprechen könnten. Im 
Literaturwerk hingegen können selbst Verkettungen abstrakter 
Gedanken, die der Traum nidit gern dulden würde, bestehen, 
so zum Beispiel die Überlegungen Dupins, mit denen die Er- 
zählung in der R u e M o r g u e einsetzt, oder die Deduktionen 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 245 

Legrands im Goldkäfer. Der Traum hätte, im ersten Fall, 
den Vergleich zwischen dem bloß „einfallsreichen" Schachspieler 
yjid dem höherstehenden „analytischen" Whistspieler zum 
Beispiel vielmehr auf die Weise dargestellt, daß er uns die 
Schachspieler und Whistspieler nacheinander oder gleichzeitig 
bei Tisch sitzend vorgeführt und die Überlegenheit der letzteren 
über die ersteren durdi die entsprechende Auswahl der Personen 
zum Bewußtsein gebracht hätte. Das Bestreben, abstrakte Ge- 
danken durch sinnliche, besonders aber durch visuelle Bilder 
zu ersetzen, dringt jedoch schließlich auch im literarischen Werk 
durch. Die Ankunft des RotenTodes im Palast des Prinzen 
Prospero, die doch das Eindringen einer Epidemie anschaulich 
machen soll, wird durch den Eintritt einer Maske in mensch- 
licher Gestalt, welche vom Blut ganz scharlachrot besprenkelt 
ist (ein übervisuelles Kennzeichen der vorzuführenden Krank- 
heit), dargestellt. Der Engel des Sonderbaren 
„visualisiert" auf seine Art die unbewußte Erinnerung an die 
wirkliche, flüssige Nahrung, die das Kind vom Mutterkörper 
bekam, ja er „visualisiert" zu gleicher Zeit durch einen V e r- 
dichtungs mechanismus, von dem wir noch später sprechen 
werden, auch das Verlangen nach anderer imaginärer, vom 
Körper gelieferter Nahrung, die das Kind später gern von dem 
dann geliebten Vater erhalten hätte, und für die der in Gesell- 
schaft von Männern getrunkene Alkohol im Unbewußten Poes 
der Ersatz war. Da dies alles nidit offen ausgesprochen werden 
kann, wird es durch das nach einem visuellen Schema gebildete 
Aussehen des Engels ausgedrückt, der ganz aus Flaschen und 
Tonnen besteht. Diese Flaschen sind mit nährenden Flüssig- 
keiten angefüllt, die der Engel dem Erzähler zu gleicher Zeit 
wie die Schläge (eine Erinnerung an die Maßnahmen des Er- 
ziehers John Allan) austeilt. 

Im Metzengerstein wird die inzestuöse Vereinigung 
des Sohnes mit der Mutter auf das großartigste visualisiert in 



dem Reiter, der glühend vor ErregunR an sein A U 
Pjerende. symbolisches Pferd fiW isT : Hin f^^"^" 
Maelstroem nimmt die Rückkehr in H '""> 

Uterus die Riesenproportionen ^^Hj!:.^.^^ 
Sturzes m emen inmitten des Wassers sich öffnenden AK 
an. So könnten wir in allen Erzählungen Poes Tn dt ' 
;ntens:v visuellen Berichten die verschLena ^ ten d? T 
lungselemente verfolgen und entdecken '"''■ 



Bevor wir uns jedoch einem andern Problem zuw. , 
müssen wir darauf hinweisen daß von A "'""^ . ^"^^"den. 
j; xr , . "^weisen, aais von den vier Beisoielen (■■ 

dx Verschiebung, durch die der Rücksicht an 
stel barkeit Genüge geleistet werden sollfe u d ^cL 
- en .tiert haben, nid.t weniger als drei eine d" d? 

^b». .m Grunde fc ,^„j„, Ddip„„„e,, d„ naSl ° 

W.dervergel,„„g,g„e« arBdigekehr, is, ™ „„„ . 

den Sokn zu tötm. smepscts 

desvonT 2 """^^^ .'j^'-^^"'^" ^^^ ^'^ i- Dienste 
stehel -befohlenen Verschiebungsmedanismus 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 247 



r 

^T Unsere Leser könnten nun bei der Lektüre dieser Analysen 

I meinen, daß wir Mißbrauch treiben mit einer Symbolik, -welche 
ganz einförmig alle Objekte des Weltalls auf menschlidie Dar- 
stellungen des Vaters, der Mutter, des Kindes oder ver- 
schiedener Teile unseres Körpers, besonders der Genitalorgane, 
zurückführt. Dieser Vorwurf trifft uns jedoch nicht!! Wir sind 
nicht schuld an der Monotonie im menschlichen Unbewußten, 
in dem unsere archaischen Instinkte, unsere primitivsten Erinne- 
rungen als alleinige Herren herrscäien. 

Von den beiden großen Trieben, die uns leiten, Liebe und 
Hunger, hat nun der Hunger viel weniger als die Liebe mit 
der P s y c h o I o g i e zu tun. Das hängt wahrscheinlich damit 
zusammen, daß der Nahrungstrieb nicht lange unterdrückt 
werden kann. Wer nicht ißt, stirbt; dieser herrschsüchtige Trieb 
muß daher mehr oder minder befriedigt werden, er hat infolge- 
dessen nur in kleinerem Maße Gelegenheit, psychischen Ersatz 
zu liefern. Der libidinöse Trieb hingegen, die Libido, wird 
nicht nur deshalb zum psychologischen Trieb par excellence, 
zu dem Trieb, dessen Derivate, Ersätze, die ganze Psyche 
ausfüllen, weil er leicht „zusammengedrückt" werden kann 
(der Mensch kann schließlich leben, ohne seine Erotik zu be- 
friedigen), sondern zweifellos auch durch die biologische Tat- 
sache, daß die Libido ebenso wie die Psyche zwei wahl- 
verwandte Produkte des gesamten Nervensystems zu sein 
scheinen. Die Verbindung zwischen Eros und Psyche ist so 
tiefgehender Natur, daß man sie ofl kaum voneinander trennen 
kann, die Energien des Eros gehen leicht auf die der Psyche 
über, eine Tatsache, die durch das Universalphänomen der 
Sublimierung, die Grundlage aller unserer zivilisatorischen 
Bestrebungen, bewiesen wird. 

Die ursprüngliche Autoerotik des Säuglings, der sich in 

I ausgedehntem Maße zu befriedigen sucht, führt zu der narziß- 
tischen Stufe, auf der das Kind sich selber als das erste Liebes- 



24* 



Poe und die menschliche Seele 



^ 



Objekt ansieht. In diesem Stadium kann das Kind nod, -^ 
-nen Körper von der nährenden Brust, dem gut ?] 
warmen Körper der Mutter, unterscheiden; die Mutter .1 
erst sekundär für ihn zur ersten Wahrnehmung der uß "' 
Wt. Der Vater, die Geschwister, die ganze äußer t? 
taod.en dann hinter der Mutter auf, sie müssen nach und It 
unter dem wachsenden Druck der Realität vom Kind a 
nommen werden. Aber das menschliche Unbewußte weiß'S 
für dxese Entthronung der menschlichen Allmacht zu räch 
d.e äußere Wt, welche die ursprüngliche, narzißtische, mS* 
W Illusion vernichtet hat, wird vom Unbewußten zur S' 
vanche narzißtisda besetzt. Und das Kind, das darin ont 
genet.sch unserem Urahn gleicht, kommt in das Stadium ^ 
Ammismus, als dessen unentwurzelbaren Sprößling wir de 
Symbolwelt, d,e von da an in der Seele eines jeden Menschet 
d« pnm.t:vsten und geistig entwickeltsten, herrscht, anzusehen' 

So „bevölkern" der menschliche Körper, der Körper' der 
Muter es Vaters, ihre Genitalorgane und unsere eigenen 
m Symbolen das Unbewußte der Menschheit, sie werden in 
alle Erzeugnisse der menschlichen Seele projiziert, ob diese 
Seele nun schläft oder wacht. Denn sämtlicJ^e, in sämtlidl 
Bezxrken des Ge.tes aufgefundenen Beispiele bezeugen es, daß 
man für den Traum nicht eine besondere Art symbolisier 
Tätigkeit des Geistes annehmen muß, 

»der Traum (bedient) sieh solcher Symbolisierungen weldie 
im unbewußten Denken bereits fertig enthalten sind'fuld ztt 
deshalb „we.I sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist audiwelen 
XS '" Anforderungen der Traumbildung bes'^ 

Die Symbole verstehen es, jene beiden Bedingungen zu er- 

!!^!!!!lZ!!^!1_^!!J:!!!^^^ den 

3) F^^ToTTTTTTii^T^T^^^^^^T^;;^^; 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 249 

porderungen der Moral und sie sind konkret; daher sind sie 
audi in der Sage, in der Kunst, in der Religion wie im Traum 
reichli'^ vorhanden. 

Das Werk Poes, das dem Traum so nah ist, wie nur 
irgendein im Wachen komponiertes "Werk sein kann, ist nun 
ganz besonders reich an Symbolen; sie tragen dazu bei, ihm 
jene intensive und visuelle Beredsamkeit zu verleihen, welche 
unmittelbar vom Unbewußten zum Unbewußten spricht. 



Im Gegensatz zur Verschiebung scheint die Ver- 
dichtung (der zweite ursprüngliche Medianismus der 
Traumarbeit) bei der Arbeit am literarischen Kunstwerk eine 
geringere Rolle als bei der am Traum zu spielen. Man findet 
dort im besondern viel weniger häufig jene verwirrenden Er- 
zeugnisse, welche die Logik herauszufordern scheinen, und die 
dem Traum seinen Ruf, er sei sinnlos, verschafft haben, jene 
Erzeugnisse, die aus starker Verdichtung zusammenstimmender 
und selbst auseinanderliegender Gedanken hervorgegangen 
sind. Dieser Unterschied wird zweifellos durch die Tatsache 
hervorgerufen, daß das literarische Kunstwerk eine Schöpfung 
der sidi im Wachzustand befindenden Psyche ist. Im Wach- 
zustand dominieren nämlich die vorbewußten und bewußten 
Gedanken mit ihrem Verlangen nach Logik und dedsen das 
eigentliche Unbewußte mit einer dicken Schichte zu. Die Ver- 
dichtung wirkt sich jedoch bloß im Unbewußten aus, nur das 
Unbewußte ist der Sdimelztiegel, in dem die vorbewußten 
Gedanken, sobald sie dort hineingeworfen werden, gleichsam 
automatisch jene unvorhergesehenen und mandimal so spaß- 
haften Legierungen eingehen, welche wir Verdichtungen nennen. 
Es kann uns daher nicht überraschen, daß wir in den Ge- 
sdiichten Poes eine geringere Zahl von Verdichtungen 
entdecken als in den Träumen der Sdiläfer, obgleidi 



2J0 



Poe und die menschliche Seele 



diese Erzählungen den Traumerzeugnissen manchmal so nah 
stehen. 

Die Verdichtung taucht jedodi auf, wenn sidi unter 
den bewußten Gedanken der Geschichte ein tiefer liegend 
unbewußter Prozeß auswirkt. Die Gestalten der „von einer 
übernatürlichen Wolke" umgebenen Frau verdichten in sich 
wie wir gesehen haben, mehrere der von Poe verehrten Frauen' 
Berenice, Madeline, Eleonora tragen ebenso die Züge der 
klemen Cousine Virginia an sich wie die der Mutter Eliza- 
beth; und die Marchesa Aphrodite im Stelldichein 
verdichtet in ihrer marmorgleichen Erscheinung sowohl die 
Frau Stanard als auch Elmira und Frances Allan und Elizabeth 
Arnold in sich. Der Marchese di Mentoni, der düstere Radier 
welcher auf der Treppe seines Palastes steht, erinnert sowohl 
an den Richter Stanard als auch an John Allan. Der Greis 
im Schwatzenden Herzen scheint in seiner Gestalt 
sowohl die David Poes als auch die seines Nachfolgers X, des 
Liebhabers der Elizabeth, und die des John Allan zu ver- 
diditen. Wir könnten noch eine Fülle von Beispielen vorführen, 
aus dem Werk Poes alle zusammengesetzten Gestalten heraus- 
suchen, welche (durch Überdeterminierung, Verdichtung, Ver- 
schmelzung der Attribute vieler Gestalten zu denen einer ein- 
zigen) zu einer allgemeinen Verstärkung der Züge, zur 
Schaffung jener packenden, gleichsam mythischen väterlidien 
und mütterlichen Gestalten beitragen, welche dann die Ein- 
bildungskraft heftig beschäftigen. Es ist tatsächlich der Zwedi 
der Verdichtung, noch stärkere Intensitäten zu erzeugen, als es 
jene sind, die man in den latenten Gedanken findet, sie sammelt 
und konzentriert zu diesem Zweck bei Ihrem Untertaudien 
ins Unbewußte die im Vorbewußten verstreuten Gedanken. 
Wir begnügen uns damit, an jene Gestalt zu erinnern, die 
am äußersten Ende dieser Reihe zu stehen scheint, an den 
Engel des Sonderbaren, in dem sich sowohl der 



1 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



2JI 



Gedanke an den Vater (die Schläge des John Allan) als auch 
der an die Mutter (die Flaschen-Brüste) und an die Milch 
(Alkohol) und an die verschiedenen männlichen oder weiblichen 
Körpersekrete (ebenfalls der Alkohol) zu konzentrieren scheint, 
und gehen nun zu anderen Verdichtungstypen über. 

Die Marchesa Aphrodite, die zusammengesetzten Figuren 
im allgemeinen werden nach dem Verfahren erzeugt, „nach 
welchem Galton seine Familienporträts erzeugt" hat; 
er projizierte nämlidi zwei Bilder 

„aufeinander, . . . wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervor- 
treten, die niditzusammenstimmenden einander auslöschen und im 
Bilde undeutlich werden."' 

Die Verdichtung kann jedoch auch Trugbilder, Chimären 
und Hippogryphen hervorrufen: das phantastische Tier 
Tekeli-li^ zum Beispiel aus der Erzählung Pyms erinnert durdi 
seinen Katzenkopf an die Mutter und ihr Genitalorgan, durch 
seine Weiße an deren Milch, durch seine Zähne und die 
scharlachroten Krallen an die kannibalischen Wünsche des 
Kindes, das Zähne bekommt, und daran, daß sich die Mutter 
für dieses schuldige Verlangen durch die Zähne ihres Mundes 
rächen könnte, ja sogar durch die ihrer Vagina, wobei die 
Strafe allerdings nicht mehr die kannibalischen, sondern die 
Inzestwünsche trifft; der lange und auffällige Rattenschwanz 
kommt bestimmt von dem Penis her, den das Kind seiner 
Mutter zuschrieb, die Hundeohren dieser seltsamen Katze sind 
vielleicht dem mütterlichen Hunde Pyms, Tiger, entlehnt. 

Bei andern Beispielen wieder kann ein einziges und das 
gleiche manifeste Element mehrere andere latente darstellen: 
der verlorene Atem des Herrn Mangel-an-Atem zum Beispiel 
repräsentiert gleichzeitig sowohl die schöpferische Mannes- 



4) Freud, Die Traumdeutung. S. 201. 
j) Siehe Bd. II, S. 180, 190 ff. 



^ Poeund die menschliche Seele 




Potenz als auch den Flatus. Im Go 1 dk ä f e r ist der Sd. 
besonders überdeterminiert, durch ihn sind ganze Reihen T'' 

PkZ T"fT '^"^"^^^'" ^"^ ^P^^^^^^ -f> '- Funket 
des Kxddschen Schatzes die Phantasie vom wirklichen Reichtu: 

den der unglückliche Edgar, das Kind armer Schauspieler 7' 
zuerst von John Allan aufgenommen, dann enterbt wurde' 7 
träumen müssen. Aber unter dieser Oberfläche, hinter dilsem 
Funkeln entdeckt der Blick tiefere unbewußte Schichten, dur! 
die das Schatzthema so wirksam und packend wird. Die un 
bewußte Erinnerung an die kleine Schwester Rosalie, die knaon 
vor der Zeit geboren wurde, in welcher der kleine Edgar zum 
erstenmal in seinem Leben mit seiner Mutter die gleichen Ufer 
von Carolina sah, an denen der Goldkäfer umherläuft, außer 
dem die Erinnerung an die Gedanken des kleinen Bruders der 
über diese Geburt nachzusinnen begann, beleben von unten her 
die Schlußfolgerungen Legrands; und der Schatz, der durdi 
diese Folgerungen schließlich in der Erde entdedu wird, scheint 
em Ersatz für das Kind, die kleine Schwester zu sein, deren 
Existenz im Mutterleibe schon seinerzeit erraten wurde Der 
Reichtum selbst aber, das Gold, die Steine enthüllen sich als 
die ersten mfantilen „Geschenke", deren Symbole sie geworden 
sind: als die Fäkalien, die das Kind von der Mutter als Gegen- 
geschenk haben wollte, da es seiner Mutter gegenüber nach dem 
gleichen Schema „freigebig" gewesen war. Die symbolischen 
Mutter-Tiere machen in der Geschichte von der Esels- 
h a u t und m vielen andern Märchen Gold. Ebenso wollte audi 
Edgar von Frances Allan solche Analgeschenke haben, die in 
der Geschichte nadi einem klassischen Symbolschema durdi 
Edelsteine und Gold ausgedrückt werden. Aber das Gold ge- 
horte mcht der Frances Allan, es war das Eigentum des John 
Allan; wenn Frances ihr kleines Adoptivkind mit Geschenken 
überhäufte, so konnte sie diese nur von dem nehmen, was sie 
von John, dem Vater, bekommen hatte. Das Kind, das ur- 



1 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



253 



w 

'^ sprünglich nur die Freigebigkeit der Mutter selbst kannte, 
I niußte bald aus Anlaß einer Szene, eines Wortes, einer Geste 
erkennen, daß das Gold, das diese Freigebigkeit möglich machte, 
itn Grunde dem Mann gehörte. Daraus folgt die Gleichstellung 
des Goldes mit väterlicher, männlicher Potenz, mit dem Penis 
des Mannes. 

So konnte sie in einer geradezu vorbildlich zu nennenden 
Geschichte die altbekannte und allgemeingültige Gleichung 
fCot = Gold = Kind = Penis, die in dem einzigen Element 
Sdiatz innig verdichtet ist, mit Hilfe besonderer, aus der 
Kindheit und dem Leben Edgar Poes stammender Elemente 
manifestieren. 



Ein weiterer psychischer Vorgang, die Spaltung einer 
einzigen Persönlichkeit in mehrere, ein Vorgang, der das Gegen- 
teil der Verdichtung zu sein scheint, taucht im literarischen 
Werk noch regelmäßiger als im Traum auf. 

In Morella, Ligeia und E 1 e o n o r a spalten sich die 
manifesten Gestalten der ersten Gattinnen, nachdem sie vorher 
die beiden Bilder der Elizabeth und der Virginia in sich ver- 
dichtet haben, und geben nun, von neuem deutlich unter- 
schieden, die beiden ursprünglich getrennten Bilder der latenten 
Gedanken der Geschichte wieder. Der Vorgang, auf den wir 
hier anspielen, ist daher in diesen Fällen nur scheinbar an 
der Arbeit beteiligt, da der zweite Akt, der uns die zweite 
Morella, Rowena oder Ermengarde restituiert, eine erste Ver- 
diditung wieder aufhebt. 

In der Schwarzen Katze hingegen ist die Spaltung 
der Muttergestalt in mehrere Personen tatsächlich durchgeführt: 
die Frau des Mörders, Pluto und die zweite Katze führen 
wirklich alle drei ein einziges Urbild vor. Natürlich sind auch 
hier, wie immer, im Innern des Unbewußten die verschiedenen 
Mechanismen der psychischen Arbeit gleidizeitig am "Werk. 



n 



2J4 Poe und die menschliche Seele 



Die Verschiebung hat den auf die Mutter bezogene 

psychischen Akzent auf die unkenntlichen Katzen oder d' 

anonyme Frau des Märtyrers verschoben. Die V e r d i c h 

t u n g hat in jeder der drei Gestalten die Mutter des Dichters 

Elizabeth, und seine Frau Virginia zusammengefaßt und zu 

zweien von ihnen noch außerdem die Katze Poes, Catterina 

hinzugefügt. Aber gleichzeitig wirkt auch der S p a 1 1 u n g s- 

mechanismus, der eine einzige Person in mehrere teilt, auf diese 

Produkte der Verdichtung ein: die Mutter, mit der andere 

Elemente bis zur Aufgabe ihrer selbst verschmelzen konnten 

wird in drei Teile gespalten. Und jede einzelne dieser drei 

Mütter hat neben gemeinsamen hier ihre besonderen Züge: 

so haben alle drei ein verstümmeltes Auge oder Geschledit 

und erinnern dadurch daran, daß sie alle drei die Mutter sind. 

Pluto jedoch erlebte eine Zeit, in der er männlicher war als 

die andere Katze, obz;war sie wie er männlichen Geschlechtes 

ist, denn seine beiden Augen waren damals noch unverletzt! 

Die drei Bilder der Mutter, welche die Geschichte enthält, 

stellen daher zwar jedes die Mutter dar, aber von verschiedenen 

Gesichtspunkten aus. Pluto ist zuerst die phallische Mutter, die 

Mutter aus der Zeit, da der kleine Junge wirklich an den 

mütterlichen Penis glaubte. Aber nachdem Pluto durdh den 

Mann kastriert, nachdem die Mutter dafür bestraft werden 

mußte, daß sie in ihrer Person das Bild von der Kastration auf 

der Erde eingeführt hatte, erscheint die zweite Katze mit dem 

großen weißen Fleck auf der Brust. Diese zweite Katze stellt 

die nährende Mutter dar, die Frau, die dadurch, daß sie a u f 

die Milch hinweist, dadurch, daß sie Brüste hat und 

keinen Penis, Verzeihung erlangen möchte. Schließlich taudit 

in der Frau des Mörders sogar die ursprünglich menschliche 

Form der Mutter hinter den Totemtieren, den Katzen, auf, 

ganz so wie bei den antiken Göttern die ursprüngliche Gestalt 

des Vaters hinter den primitiven Totemdarstellungen auf- 



1 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 25 j 

tauchte. Und der Doppelmord, der Mord an der Frau nach der 
Ermordung Plutos, zeigt, wer bereits in der Gestalt der Katze 
getötet worden ist. 

Und was den Vater anlangt: er erscheint bei Poe eher ver- 
vielfältigt als gespalten durch die Gestalten der aufeinander- 
folgenden kastrierenden Väter im Verlorenen Atem. 
jn der Erzählung Pyms hingegen wird die Vatergestalt ge- 
spalten, wir haben die zwei klassischen Reihen vor uns: die 
guten und die bösen Väter; auf der einen Seite stehen die 
guten, aber schwächlichen Kapitäne Barnard und Guy, auf der 
andern der aufrührerische Maat und Too-Wit, beide gewalt- 
tätige Kerle, aber ebenso wie der böse, mit dem Stock bewaff- 
nete Großvater schließlich zur Impotenz verdammt. Nur Pym 
bleibt mit Peters, der vom Ich des Autors abgespalten wurde 
und sozusagen sein heroisches Idiideal darstellt, am Leben. 

Aber die Vatergestalt verfügt bei diesem Mechanismus 
nicht über die gleichen Möglichkeiten wie die Muttergestalt: 
der Vater kann nicht wie die Mutter mit der Materie im all- 
gemeinen, mit der Erde und dem Wasser gleichgestellt werden. 
Die Mutter erscheint im Untergang des Hauses 
U s h e r, wie wir gesehen haben, in zweierlei Gestalt, als 
Madeline und als Schloß; in der SchwarzenKatze wird 
sie nicht nur durch die Frau und die beiden Katzen, sondern 
auch durch das Haus und den Keller dargestellt; bei den 
Morden in der R u e M o r g u e ist sie sowohl eine Frau, die 
ermordete alte Dame, als auch ein Zimmer, das Zimmer mit 
den verschlossenen und trotzdem aufgebrochenen Öffnungen. 
Im P y m erreicht diese Verteilung der mütterlichen Wesenheit 
auf alle Objekte vielleicht ihr Höchstmaß: die Mutter, welche 
in ihrer wirklichen menschlichen Form nur als weißes Phantom 
am Schluß auftaudit, ist dafür auf allen Seiten der Erzählung 
in alle Naturobjekte „gespalten": sie ist das Meer mit seinen 
Wellen, die Erde mit ihren Bächen, ihren Schluchten, der Hund 



1 



^5^ Poe und die menschliche Seele 



Tiger und das Tier Tekeli-Ii, sie ist das symbolische Sdiiff 
alles Darstellungen der Mutter, deren Eigenheiten bei jedem' 
einzelnen dieser Symbole anders vorgebracht werden. 

Wenn aber die „Auseinanderlegung" ein solches Ausmaß er- 
reicht hat, dann muß man sich fragen, ob man hier noch von 
emer Spaltung im eigentlichen Sinne sprechen darf, ob 
man nicht diesen Ausdruck den Spaltungen in Personen vor- 
behalten soll, da sonst dieser besondere psychische Mechanismus 
wie ein Fluß mit beschränktem Lauf in den großen gemein- 
samen Ozean der Symbolik führt. 

Dazu kommt noch, daß die Spaltung der Persönlichkeit 
weniger der Darstellung des Vaters oder der Mutter zu dienen 
scheint, als vielmehr einer mannigfaltigen Darstellung des Idis. 
Freud schrieb in der T r a u m d e u t u n g: ^ 

„Es gibt auch Träume, in denen mein Ich nebst andern^ 
Personen vorkommt, die sich durch Lösung der Identifizierung \ 
wiederum als mein Ich enthüllen ... Ich kann also mein Idi in 
einem Traum mehrfach darstellen, das eine Mal direkt, das 
andere Mal vermittels der Identifizierung mit fremden Per- 
sonen."" 

Und in Der Dichter und das Phantasieren 
steht: „Nodi in vielen der sogenannten psychologischen Romane 
ist mir aufgefallen, daß nur eine Person, wiederum der Held, 
von innen geschildert wird; in ihrer Seele sitzt gleichsam der 
Dichter und schaut die anderen Personen von außen an. Der 
psychologische Roman verdankt im ganzen wohl seine Be- 
sonderheit der Neigung des modernen Dichters, sein Ich durdi 
Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zerspalten und demzufolge 
die Konfliktsströmungen seines Seelenlebens in mehreren 
Helden zu personifizieren."^ 

6) Die Traumdeutung, S. 221. 

7) Freud, Der Diditer und das Phantasieren. Gesammelte Sdiriften, 
Bd.X, S.236f. 



1 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



257 



Man kann zwar Poe nicht eigentlich als „psydiologisdien 
Romanschriftsteller" ansprechen, trotzdem aber findet man bei 
diesem überaus egozentrisdien Erzähler viele Beispiele für die 
Spaltung des Ichs. 

Zuerst im "W i 1 1 i a m W i 1 s o n. Bei der Analyse dieser 
Geschichte haben wir gesehen, wie deutlich hinter den beiden 
William Wilsons Poe selbst durchscheint: der eine personifiziert 
seine tiefen Triebe, sein E s, der andere sein Über-Ich oder 
Moralgewissen, das der Introjektion des Vaters Allan ent- 
spricht. Der Fall ist beinahe sdiematisch durchgeführt, und die 
Tatsache, daß der Autor zum Teil bewußt gefühlt hat, was er 
niederschrieb, erklärt, warum diese Geschichte uns stellenweise 
kalt läßt. Interessanter sind die Spaltungen des Ichs in der 
Geschichte von der Rue Morgue, weil sie unbewußt durch- 
geführt wurden. Wir haben dort gesehen: der unfehlbare 
Raisonneur Dupin ist Poe, der Löser von Rätseln und Ent- 
zifferer von Geheimschriften, ein Poe, der sich auf einem 
scheinbar rein intellektuellen Boden für das Mißlingen der 
infantilen Sexualforschung revanchiert. Aber auch der Freund 
Dupins, der Erzähler, der den unfehlbaren Raisonneur beob- 
achtet und bewundert, ist Poe; diesmal sieht er sozusagen von 
außen her seinem eigenen Triumph zu. In der Seele dieses 
Erzählers sitzt also — wie in der des Erzählers vom G e- 
heimnis der Marie Roget, vom Entwendeten 
Brief und vom Goldkäfer — der Autor selbst, von 
dort aus beobachtet er die anderen Personen, die Schauspieler 
der Erzählung, die Mutter, den Vater oder die „Partial-Ichs". 
Und auch der Seemann, der Besitzer des Orang, ist Poe; 
diesmal ist er der infantile Beobachter des Elternkoitus, den er 
nach dem sadistischen Schema auffaßt. Ein Teil von Edgars Idi 
ist sogar auf den väterlichen Orang übergegangen, und zwar 
jener Teil, der durdi den Wunsch einer Identifizierung mit dem 
Vater, dem Herrn der Mutter, auf diesen übertragen wurde: 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 17 



1 



^5^ Poe und die menschliche Seele 



mit 
len 



dieser Zug ist jedoch nur durch eine Anspielung zu erraten 
durch die Jugend des Tieres. 

Wir könnten noch eine große Zahl solcher Spaltungen d 
Ichs in den Geschichten Poes vorführen: denn sie sind eines der 
Darstellungsmittel, welche die literarische Sdiöpfung n 
Vorliebe verwendet. An der Basis dieses Mechanismus find^. 
wir übrigens V e r s c h i e b u n g e n, die sich ihnen zur Ve'il 
fügung gestellt haben, um dadurch der Rücksicht auf 
Darstellbarkeit zu dienen. Denn diese Spaltungen 
machen es möglich, eine Form des Seins, eine Eigensdiaft des 
Ichs konkret, sichtbar, Gestalt werden zu lassen. In der Er- 
zählung von der R u e M o r g u e ist auf diese Weise in dem 
Matrosen die infantile Neugierde Poes sichtbar geworden, in 
Dupin der infantile Forschungseifer und im Erzähler selbst eine 
zweifellos frühreife Tendenz zur Selbstbeobachtung . . . 



Bis jetzt haben wir bei der unbewußten literarischen Sdiöp- 
fung die gleichen klassischen Mechanismen wie bei der Traum- 
arbeit am Werk gesehen, wenn sie dort auch anders dosiert 
waren: die Verdichtung, die Verschiebung, die 
Rücksicht auf Darstellbarkeit, wobei diese 
letztere sich ebenso wie die Moralzensur der Ver- 
schiebung bedient, um zu ihrem Zweck zu gelangen. Die 
Spaltung einer einzigen latenten Persönlichkeit, des Idis 
des Autors im besonderen, in mehrere Persönlichkeiten haben 
wir als eine der Ausdrucksweisen erkannt, die der Rück- 
sichtaufDarstellbarkeit dienen, die selbst wieder 
vom Verschiebungsgesetz abhängt. 

Dehnen wir aber die Untersuchung darauf aus, wie sidi die 
literarische Schöpfung benimmt, um die logischen Rela- 
tionen zwischen den verschiedenen manifesten oder latenten 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



259 



r 

^H Gedanken, aus denen das Kunstwerk besteht, auszudrücken, 

^H (lann entdecken wir, daß hier ein fundamentaler Unterschied 

^P zwischen Kunstwerk und Traum besteht. Das literarische 

^erk ist nämlich ein Ergebnis des Wachdenkens, die Vernunft 

kann hier regieren, die logischen Relationen können bestehen 

bleiben. 

Und so sieht es von außen her auch tatsächlich aus. Der 
Traum, meinen wir, besaß kein direktes Mittel, logische Rela- 
tionen darzustellen;** das literarische Kunstwerk hingegen ver- 
fügt über alle Bindewörter und Vorwörter der Sprache. Daher 
sdieint das literarische Werk im allgemeinen den Gesetzen der 
Logik unterworfen zu sein, und es gibt Werke, die sehr weit 
gehen, was logische Zusammenhänge anbelangt. 

Man darf jedoch nicht vergessen, daß das literarische Werk 
zwar eine bestimmte, manifest zusammenhängende Geschichte 
erzählt, zu gleicher Zeit aber noch eine andere, geheime, unter 
der Oberfläche in der Tiefe wirkende, die mit der anderen, 
oberflädilidien verschmilzt und ihren tieferen Einschuß bildet. 
Wenn nun der Text der oberflädiigen Geschichte für gewöhn- 
lidi den Forderungen der Logik gehorcht, so bleibt dodi der 
tiefere Einschuß seinen eigenen Gesetzen unterworfen. 

Das Kunstwerk gleicht übrigens dadurch allen übrigen 
Erzeugnissen der menschlichen Psyche, in der die beiden großen 
tätigen Mächte, das Vorbewußte und das eigentliche Unbe- 
wußte, die im Innern unserer Psyche herrsdien, gleichzeitig, 
wenn auch in verschiedenem Maße, am Werk sind. Schon 
Freud^ hat darauf hingewiesen, daß die vorbewußten latenten 
Gedanken des Traums zum Beispiel, die immer zusammen- 
hängend und logisch sind, im Widerspruch zu stehen scheinen 
mit der inkohärenten, alogischen Art, in der dieselben Ge- 

8) DieTraumdeutung, S. 212 ff.: DieDarstellungs- 
mittel des Traums. 

5) Die Traumdeutung, S. 446. 



n 



^^° Poe und die menschliche Seele 



danken nach ihrem Untertauchen ins Unbewußte im l^ r 
der Traumarbeit behandelt werden. Dieser Gegensatz besteht 
auch beim literarischen Werk, und die an sich zusammen- 
hängenden latenten Gedanken werden in dem Ausmaß nach 
emem inkohärenten Schema behandelt, in dem sich das "Werk 
dem Schlaftraum nähert. i 

Nun gehört das Werk Poes gerade zu den Kunstschöpfungen 
die im besonderen Ausmaß die Zeichen des Traums und Alps 
an sich tragen. Wir sind daher nicht überrasdit, wenn wir 1 
manchmal sehen, wie die oberflächlichen logischen Fäden der 
Erzählung sich lockern und der alogische tiefere Einschuß 
der vom Unbewußten herkommt, mit seinen seltsamen Dar- 
stellungsmitteln auftaucht. 

In L i g e i a zum Beispiel wollen die vorbewußten latenten ^| 
Gedanken der Geschichte folgende Ideenrelation ausdrüdken: ^1 
„Weil ich an meine Mutter fixiert geblieben bin, kann idi I 
keine andere Frau lieben!" Aber diese vorbewußten Gedanken 
sind, noch bevor sie dargestellt werden konnten, ins Unbewußte 
hinabgetaucht, wo sie — nach dem ardiaisdien, infantilen 
Wunsch, die Mutter wiederzufinden, die für immer dort wohnt, 
ein Wunsch, mit dem sie sich verbunden — die Kraft erlangt 
haben, in bildhafter Form, als Kunstwerk, wieder ans Licht zu 
treten. Nun wird aber die logische Relation zwischen jenen 
beiden Sätzen (ganz so, als ob es sich um einen Traum mit 
seinen halluzinatorischen Mechanismen handeln würde) nur 
mehr in der figürlichen Form ausgedrückt, daß am Ende der 
Erzählung das Bild der wiederkehrenden Ligeia das der toten 
Rowena ersetzt. „Weil ich immer da bin", scheint die Mutter 
zu sagen, „sind für dich alle Frauen gleichsam unterdrüdst", 
und das bedeutet für Poe das gleiche, als ob er erklären wollte: 
„Weil ich an meine Mutter fixiert geblieben bin, kann idi 
keine andere Frau lieben." Die literarische Sdiöpfung hat sidi 
also hier eines klassischen Mechanismus der Traumbildung 



1 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



261 



bedient, auch im Traum wird eine Person durdi eine andere 
ersetzt, um die Relation zwischen "Wirkung und Ursache aus- 
zudrücken. „Die Verursachun g", schreibt Freud, „(wird 
im Traum) dargestellt durch ein Nacheinander, einmal 
durch das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal 
durch die unmittelbare Verwandlung eines Bildes in ein 
anderes."^" So verwandelt sich Rowena-Virginia in Ligeia- 
Elizabeth, die erste Berenice, jene, die in der Bibliotheksszene 
die blühende, braune kleine Cousine war, verändert sich plötz- 
lich in die leichenblasse Berenice mit den erschreckenden 
Zähnen, den gelben Haaren, welche die Farbe des Lebens 
i m T o d e an sich tragen. In beiden Fällen will die Verwand- 
lung die gleiche Kausalrelation, das gleiche Verbot, sich der 
Frau zu nähern, anzeigen, die ihm durch die Fixierung an die 
Mutter, durch das gleiche "Weil anbefohlen worden war. 
In dem Absatz aus der Traumdeutung, den wir 
soeben zitiert haben, stellt Freud dar, daß die Verur- 
sachung im Traum auch durch die Aufeinander- 
folge zweier Träume sich ausdrücken kann, von denen der 
erste, der kleinere, sozusagen den Prolog für den zweiten dar- 
stellt. Ein Beispiel für diese Darstellung der Kausalrelation 
dürfte in dem Doppelmord in der Rue Morgue 
enthalten sein. "Wir erinnern uns daran, daß die Episode mit 
Chantilly scheinbar ganz willkürlidi dem Bericht vom Ver- 
brechen des Orang vorausgeht. Durch mehrere Indizien er- 
kennt Dupin, daß sein Freund, der Erzähler, in diesem Augen- 
blick an Chantilly denkt. Diese Indizien führen ihn, ohne daß 
der Erzähler seine Gedanken verrät, zu dem lächerlichen Schau- 
spieler. Nun haben wir Chantilly mit dem mittelmäßigen 
Sdiauspieler David Poe, dem Vater des Dichters, identifiziert. 
David Poe wird auf diese "Weise, in der Gestalt Chantillys, als 



10) Die Traumdeutung, S. zi6. 



1 



2^^ Poe und die menschliche Seele 



bar 



ein in jeder Hinsicht Impotenter vorgeführt. Unmittelba 
darauf, und ohne Übergang, folgt der Beridit von dem Ver- 
brechen, dem die Frauen l'Espanaye zum Opfer fielen. Di 
tiefere logische Kausalrelation zwischen diesen beiden Teile 
der Geschichte, von denen der eine nur das Vorspiel zum 
zweiten ist, scheint also unterdrückt zu sein: das einzig sichtbare ' 
Bindeglied zwischen ihnen besteht darin, daß in beiden Fällen J 
Dupin den gleichen Scharfsinn entwickelt. 

Die Aufeinanderfolge repräsentiert aber auch hier zweifellos 1 
die Verursachung: man muß nur zwischen die Chantilly. 1 
Episode und dem Bericht vom Verbrechen des Orang, der un- 
mittelbar darauf folgt, ein „weil" setzen. Die vorbewußten 
Gedanken Poes, die beim Untertauchen ins Unbewußte dort 
ihr logisches Vorzeichen verloren haben, sehen daher ungefähr 
so aus: „weil mein Vater David impotent war, hat sidi 
meine Mutter dem potenten X hingegeben." Wir haben 
gesehen, daß der Orang vermutlich wirklich diesen X dar- ^| 
stellen sollte, und daß das Rätsel der Verbrechen in der Rue | 
Morgue wahrscheinlich eine Verschiebung des Rätsels darstellte, " 
das dem kleinen Edgar durch die angezweifelte eheliche Ab- 
stammung seiner kleinen Schwester Rosalie aufgegeben 
worden war. 

Der Doppelmord in der Rue Morgue bietet 
uns aber noch andere interessante Beispiele für die inkohärente 
Behandlung solcher kohärenter Ideen, die sowohl ihrem 
latenten Grund nach als auch durch ihren manifesten Ausdrude, 
das heißt, die sowohl ihrem Ausgangspunkt nach als audi 
durch ihr Ziel, also nach den beiden äußeren Enden ihrer Ver- 
arbeitung hin, wenn auch auf verschiedene Weise, kohärent sind. 
Gibt es etwas anscheinend Logischeres als die Tatsache, daß 
eine alte Dame ein Zimmer bewohnt? Aber sowohl die alte 
Dame als aucJi das Zimmer repräsentieren, wie wir gesehen 
haben, in den latenten Gedanken der Gesdhichte eine einzige. 



1 



r 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



263 



dieselbe Gestalt: die Mutter, und es scheint sinnlos zu sein, daß 
eine Person sidi selbst bewohnt. 

Das Unbewußte kennt aber den Widerspruch nicht; und 
die Nebeneinanderstellung, ja selbst die Übereinanderlegung 
von Elementen ist für das Unbewußte nur eine der Arten, in 
der eine wirklidie Relation zwischen diesen Elementen sicii 
ausspricht. Das Zimmer, das im allgemeinen die Frau sym- 
bolisiert, stellt hier im besonderen, da es ein Hohlraum ist, ihre 
Organe dar, jene inneren Organe, in die der Affe dadurch 
eingedrungen ist, daß er das Fenster vergewaltigte. Daraus 
ergibt sich eine im Unbewußten häufig auftretende Umkehrung: 
der Inhalt nimmt den Platz des Enthaltenden ein. Die Frau 
wird im Innern dieser Kloake repräsentiert, die in "Wirklichkeit 
in ihrem Innern ist; die Maße ihres eigenen Innern werden 
dabei ins Riesige vergrößert, als ob das, was im Vorbewußten 
den größten psychischen Akzent getragen hat, hier besser ins 
Licht gestellt werden sollte: die weiblichen Organe sind 
wichtiger als die Frau. 

Doch die Kloake erscheint noch einmal im Text wieder: als 
der Kamin, in den Fräulein l'Espanaye hineingezwängt worden 
war. Die Mutter ist daher hier dreimal dargestellt, einmal in 
einer menschlichen Gestalt, zweimal durch Cöcher im Gebäude. 
Aber diese beiden Male stellen wieder nicht die gleiciie Kloake 
dar. Das Zimmer war die vergewaltigte Kloake, so wie die 
enthauptete alte Dame die kastrierte Mutter war; der Kamin 
ist die geschwängerte Kloake, so wie Fräulein l'Espanaye 
selbst das Ergebnis der durch den phallischen Arm des potenten 
Mensch-Affen hervorgerufenen Schwängerung ist. 

Wir sehen hier einen Isolierungs meciianismus am 
Werk, durch den jeder Begriff aus einem Zusammenhang, jeder 
Moment einer gleichen Darstellung für slcii allein wiedergegeben 
wird, ein Mechanismus, der alles nur durch Neben- 
einanderstellungen oder Übereinander- 



n 



^^4 Poe und die menschliche Seele 



lagerungen miteinander verbindet. Die Kategorien Zeit 
Raum entstehen erst im Vorbewußten. Die Nebeneinanderstel- 
lungen, die Übereinanderlagerungen, die aus der Behandlung 
der latenten Gedanken im Unbewußten hervorgehen, kümmern 
sich demnach weder um Widerspruch noch um Logik, weder 
um Zeit noch um Ort, sie schaffen auf diese Weise, wenn man 
sich über den verborgenen Sinn der Geschichte Rechenschaft 
gibt, Ausdrucksmodalitäten von absurdem Äußern. Aber einer- 
seits sind diese Absurditäten aus der manifesten Geschichte 
verschwunden; es ist keineswegs sinnlos, daß eine alte Dame 
ihr Zimmer bewohnt und daß dieses Zimmer einen Kamin 
besitzt, es ist sogar möglich, daß ein Mensch-Affe die Tat 
begeht, deren man den Orang nadi den Ereignissen in der Rue 
Morgue beschuldigt. Und andererseits sind die vorbewußten 
tieferen, die Geschichte zeugenden Gedanken, die durch die 
seltsamen Arbeitsmechanismen, welche wir beschrieben haben, 
eine Möglichkeit fanden, sich auszusprechen, auf ihre Weise 
durchaus zusammenhängend. Man könnte sie folgendermaßen 
formulieren: „S o wurde meine Mutter das Opfer 
derAggressioneinesMannes (X), derdenEin- 
gang zu ihren Organen mit Gewalt sprengte 
und dort mit seinem potenten Penis meine 
Schwester einpflanzt e." 



Wir wollen nun beobachten, wie im Unbewußten jene 
Formen des bewußten logischen Denkens behandelt werden, 
die eine Negation, den Begriff des Gegenteils und 
der Identität ausdrücken. 

Enthalten die latenten, vorbewußten Traumgedanken einen 
Widerspruch, einen Gegensatz, so verlieren sie beim Unter- 
taudien ins Unbewußte die Krafl:, diesen Widerspruch direkt 
auszudrücken, denn das Unbewußte kennt die Negation nidbt. 



1 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



i6s 



Tedesmal, wenn bei einer literarischen Schöpfung (ebenso wie 
bei der Schaffung neurotischer Symptome) der infantile unbe- 
wußte Wunsch eine Folge vorbewußter Gedanken zu sidi ins 
Unbewußte hinabzieht, um sie dort der entsprechenden Be- 
handlung zu unterziehen, können wir beobachten, daß diese 
Gedankenfolge, wenn sie im bewußten Inhalt wieder auftaucht, 
ihre negativen Relationen abgestreift hat. 

Ein Beispiel für diese Behandlung finden wir im Ver- 
lorenen Atem und in der Schwarzen Katze: im 
Thema vom Henken. Der aufgehängte Körper stellt den Penis 
dar; der Gehenkte repräsentiert auf diese "Weise in beiden 
Geschichten den Einfall, daß ein Impotenter den Phallus 
wiederbekommt, im ersten Fall der Autor selbst (in der Gestalt 
des Herrn Mangel-an-Atem), im zweiten die Mutter (die 
Katze). Der Gehenkte kann um so leichter den Phallus re- 
präsentieren, weil ihm die Phantasie des Volkes ganz allge- 
mein eine Erektion in extremis zuschreibt. Aber die Tatsache, 
daß der Körper des Gehenkten hängt, stellt auch die Un- 
fähigkeit dar, zu einer Erektion zu gelangen, das heißt, sie ist 
das Negativ der Potenz. Im Thema vom Henken sind demnach 
zwei einander diametral gegenüberstehende Gedanken ver- 
dichtet, die Mannespotenz und die Negation dieser Potenz. 

Wir denken hier an den Gegensinn, der in ein und dem- 
selben Wort im archaischen Wortschatz versdiiedener Sprachen 
enthalten sein kann. Die alten Ägypter besaßen mehrere solcher 
Wörter, aber auch in unseren modernen Sprachen sind Spuren 
dieses ursprünglichen Vorgangs, Gegensätze in einem Element 
zu verdichten (was eine Art Assoziation durch Kontrast dar- 
stellt) vorhanden.^^ Sowohl die literarische Arbeit als auch der 



1 1) Freud, Über den Gegensinn der Urworte. Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 
Deuticke 1910; Gesammelte Schriften, Bd. X. Freud zitiert hier eine 
1884 erschienene Arbeit des Philologen Abel. 



n 



^^^ Poe und die menschliche Seele 



Traum verstehen es nun, diesen im menschlichen Unbewußte 
vorgeformten Mechanismus zu benützen. Im Verlorene 
Atem und in der Schwarzen Katze gibt er sidi 
allem Anschein nach sogar dazu her, eine tiefe Ironie aus- 
zudrücken. Das Henken der Frau und des Impotenten sagt 
zwar einerseits als "Wunschphantasie: Warum ist das nicht so?! 
Aber andererseits ist die Tatsache, daß sowohl der Katze wie' 
auch dem Herrn Mangel-an-Atem der Phallus wiedergegeben 
wird (Repräsentierung durch das im gleichen Element ent- 
haltene Gegenteil, der Mechanismus der Ironie) ein wenig wie 
die Sitte zu werten, dem hintergangenen Ehemann aus Spaß 
Hörner, das phallische Heldensymbol, aufzusetzen-^^ 

Ebenso stellt das ewige Wandern, das den schuldigen 
Vätern, dem Mann der Menge, dem ewigen Juden, dem 
fliegenden Holländer oder dem wilden Jäger zugeteilt wird, 
durch das Gegenteil, nämlich durch die Unsterblichkeit, dari 
wie innig der Sohn ihren Tod wünscht. 

Die Umkehrung einer realen Situation im manifesten 
Inhalt einer Erzählung in ihr Gegenteil kann, wie in den 
Träumen, dazu dienen, den Wunsch nach einer wirklichen Um- 
kehrung der Situation auszudrücken, etwa so: Warum ist nidit 
das Umgekehrte der Fall?! Das schönste Beispiel dieser Art, 
das uns in den Geschichten Poes geliefert wird, ist sicher das 
von der Hypnose in artkulo mortis des Herrn Waldemar, bei 
der der Vater- Waldemar-Griswold, hier im Zustand einer voll- 
kommenen Passivität, vom Sohn beherrscht, dargestellt wird; 
der Sohn läßt ihn nur am Leben, um ihn besser töten zu 
können — in Wirklichkeit aber verhielt sich nicht der Vater 
Poe gegenüber, sondern dieser seinem Vater gegenüber passiv. 
Die Geschichte sagt dann beinahe unmittelbar, durch ihr 
Bildschema, aus, was sie sagen will. Die Verschmelzung 

12) Marie Bonaparte, Symbolik der Ko p f tro phäen. 
(Int. PsA. Verlag, Wien, 1328.) 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



267 



mehrerer Gestalten in ein einziges Bild, jene Verschmelzung, 
w^eldie die zusammengesetzten Bilder ergibt — zum Beispiel 
das der Mardiesa Aphrodite, in der Frau Stanard, Frances 
Allan, Elmira Royster und Elizabeth Arnold verdichtet sind — , 
drückt gleichfalls nach dem Bildsdhema die wirkliche Identität 
aus, wobei die verschiedenen Gestalten, aus denen das Bild 
zusammengesetzt ist, für die Psyche des Erzählers miteinander 
verbunden werden. Gerade um die Identität ausdrücken zu 
können, scheint das Unbewußte, dank der Verdichtung, die es 
anwendet, besonders gerüstet zu sein. 



"Wenn aber einander widersprechende Elemente in einer 
Geschidite sogar in ihrem manifesten Inhalt erscheinen, wie 
zum Beispiel im Stelldichein? Erinnern wir uns an den 
Inhalt dieser Erzählung: die Marchesa Aphrodite, eine zärt- 
liche Mutter, in Tränen aufgelöst, weil ihr kleines Kind in den 
Kanal gefallen ist, wird in dem Augenblick wieder lebendig, 
in dem ihr Verehrer, der „Fremde", das Kind rettet — und 
sie beschließt, aus Dankbarkeit mit dem Retter, aber von ihm 
getrennt, zur gleichen Stunde am nächsten Morgen zu sterben. 
In diesem Inhalt steckt eine manifeste Sinnlosigkeit: denn die 
Marchesa überläßt durch ihre Handlung den geliebtesten Schatz, 
ihr Kind, dem alten, hartherzigen Gatten, was mit der Haltung 
einer Niobe, die sie zuerst angenommen hat, gar nicht über- 
einstimmen will. Und eine zweite Absurdität der Erzählung: 
der Fremde, der sich ins Wasser stürzt, um das Kind zu retten, 
bleibt während dieser Tat in einen großen Mantel gehüllt! Bei 
der Analyse dieser Geschichte haben wir aber bereits gesehen, 
daß diese scheinbare Absurdität der entstellte Ausdruck für ein 
durchaus zusammenhängendes kritisches Urteil des Vor- 
bewußten ist. Die Rettung des Kindes aus dem Wasser ent- 
spricht im Unbewußten der Tatsache, daß der Liebhaber der 



^^S Poe und die menschliche Seele 



1 



Mardiesa ein Kind schenkt. Nun ist der Fremde Poe selbst und 
die Mardiesa stellt die Mutter dar. Daher drückt diese Sin - 
losigkeit des manifesten Inhalts auf ihre Art das in de 
latenten Gedanken eingeschlossene Urteil aus: „Es ist sinnlo 
zu glauben, ich hätte ein Kind von der Mutter haben können 
Wir konnten uns nur im Tode vereinen." Der Fremde und die 
Marchesa vereinen sich auf diese Weise, aber auf Distanz, so 
sehr lastet das Inzestverbot auf ihnen. 

Dieser Art, ein kritisches Urteil auszudrücken, begegnet man 
im Traum überaus häufig;" man sieht, daß sie auch im literari- 
schen Kunstwerk heimisch ist. Hier erscheint sie ganz unab- 
hängig davon, daß das gesdiriebene Werk, welches dodi im 
Wachzustand geschaffen wurde, in seinem manifesten Text be- 
wußte Kritiken und Urteile enthält. 

Im übrigen darf man vor allen Dingen nicht glauben, daß 
alle kohärenten Urteile, die in einem Werk, besonders aber 
in den Geschichten Poes enthalten sind, wirklich lauter an sidi 
gültige Überlegungen darstellen. Die Urteile über die ver- 
schiedenen Arten von Scharfsinn, mit denen die Geschichte von 
derRueMorgue beginnt, und in denen verschiedene Arten 
des Scharfsinns, die sich beim Schachspiel oder in der Mathe- 
matik zeigen, dem analytischen Geist entgegengestellt werden, 
wobei der analytische Geist als die höhere Fähigkeit angesehen 
wird, die es möglich macht, durch sichere und subtile Beob- 
achtung die Gedanken, Gefühle und Handlungen anderer 
Menschen zu erraten: diese Urteile dürfen uns nicht blenden. 
In diesen bewußten Überlegungen (die außerdem nur zum Teil 
richtig sind, da das Sdiachspiel im besondern nichts mit der 
Mathematik zu tun hat) taudit zwar der Gedanke von der 
Teilung des Geists in einen esprit geometrique und einen 
esprit de finesse auf, aber in ihnen spiegelt sich noch ein anderer 




über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



269 



Gedanke: die Erinnerung an die infantile Sexualforsdiung des 
kleinen Edgar. Damals allerdings hätte das Kind jene höhere 
analytische Fähigkeit, die Dupin zugeschrieben wird, gebraucht, 
ujn die Gefühle und mysteriösen Handlungen der Großen 
zu erfassen. Aber so sehr es auch nach dieser Fähigkeit mit 
all seiner Neugier strebte, es konnte sie nidit erlangen. Und 
das teilweise Mißglücken der kindlichen Sexualforschung, an 
die sich Edgar erinnert, wird hier durch den Triumph, den 
der unfehlbare Dupin feiert, gerächt. 

Man sieht also, daß die Urteile und Überlegungen, die wir 
im Werk Poes verstreut vorfinden, nicht wörtlich als das zu 
nehmen sind, wofür sie sich geben und daß zum Beispiel die 
Leidenschaft für die Geheimsciirift, welche Poe und Legrand so 
stark beseelte, etwas ganz anderes darstellen kann. Wir be- 
greifen nun, wie sehr die Vernunftsdilüsse im literarischen 
Kunstwerk, aber auch im Leben, von unbewußten Erinne- 
rungen, die dem scheinbar unbeeinflußten Urteilen an sidi 
fremd sind, durchsetzt sein können. 



Und nun wollen wir das Schicksal der affektiven Zustände, 
der Affekte, wie wir sagen, im Traum und literarischen 
Werk miteinander vergleichen. 

Die Analyse der Träume lehrt uns sehr oft, „daß die Vor- 
stellungsinhalte Verschiebungen und Ersetzungen erfahren 
haben, während die Affekte unverrückt geblieben sind".^* So 
kann ein Traum mit einem manifesten Inhalt, der angst- 
einflößend sein müßte, trotzdem von jedem schreckeinjagenden 
Affekt befreit sein, wenn nur die latenten, auf diese Elemente 
verschobenen Traumgedanken selbst von angenehmer Farbe 



14) Die Traumdeutung. (Kapitel VI: Die Affekte 
im Traume, S. 312. Das Folgende ist diesem Kapitel entnommen.) 



^7° Poe und die menschliche Seele 



sind: das ist der Fall in dem (von Freud zitierten) Traum 
jener Dame, welche drei Löwen auf sich zukommen sah und 
sich doch nicht fürchtete, und zwar deshalb, weil die drei 
Löwen im Grunde nur ihren reizenden Vater darstellten 
dessen Bart das Gesicht wie eine Mähne umrahmte, ferner die 
Englisch-Lehrerin Miß Lyons, und den Komponisten Loewe, 
dessen Balladen sie soeben zum Geschenk bekommen hatte. Ini 
Gegensatz dazu kann ein scheinbar bedeutungsloses Element des 
manifesten Traumes einen mächtigen Affekt befreien, wenn die 
latenten Gedanken, welche dieses Element darstellt, ursprüng- 
lich mit Affekt beladen waren. Der Affekt taucht hier wie 
eine konstante, aber labile Belastung auf, die im Traum die 
Assoziationswege entlang sich frei verschieben kann, ohne sidi 
zu verlieren. 

In andern Fällen scheint aber der Affekt auf dem Wege 
verlorengegangen zu sein. Die latenten Gedanken waren zwar 
überaus erregende Gedanken: der manifeste Traum ist jedodi 
jedes Affekts entblößt. (Der umgekehrte Fall tritt übrigens nie 
em.) Die Affekte waren nämlich miteinander in Konflikt 
geraten und hatten sich gegenseitig neutralisiert. „Es ist wie die 
Ruhe eines Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben 
der Sdilacht", schreibt Freud. 

Eine andere Art des Verhaltens der Affekte, die in den 
latenten Gedanken enthalten sind, besteht in der Affekt v e r- 
k e h r u n g. Das Gesetz von der Assoziation durch den Kon- 
trast schafft diesem Mechanismus eine breite Basis: die Zensur 
und auch die "Wunscherfüllung wissen sich dieses Mechanismus 
zu bedienen. Auf diese Weise können verletzende Affekte in ihr 
Gegenteil verwandelt werden und peinliche Affekte in gefällige. 
Ich will hier nicht Beispiele von Träumen vorführen, in 
denen sich diese Mechanismen auswirken; ich verweise den 
Leser auf das früher zitierte Kapitel im Buche Freuds. Idi 
begnüge midi damit, aufzuzeigen, daß wir diese Mechanismen 




s 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



271 



auch in der literarisdien Schöpfung, in den Geschichten Poes, 
wiederfinden können. 

Der verlorene Atem bietet ein typisches Beispiel 
für die Affekt verk e hrun g. Gibt es für den Impotenten 
etwas Traurigeres als den Verlust der Potenz? Trotzdem ist 
die Geschichte, in der Poe von seinem Verlust beichtet, ganz 
mit einem burlesken Affekt besetzt. Dieser burleske Ton klingt 
allerdings stellenweise recht falsch; der ursprüngliche, tragische 
Affekt dringt durch. 

Selbst der überaus düstere Affekt, der bei Poe das Thema 
Trunksucht begleiten sollte, und alles, was dieses Thema an 
tieferen infantilen Fixierungen, getauschten ursprünglichen 
Neigungen zudeckte, selbst dieser Affekt wird im Engel 
des Sonderbaren, in dieser Gesdiichte, die burlesk, extra- 
vagant sein will und es mit mehr Erfolg als Der ver- 
lorene Atem auch ist, ins Gegenteil verkehrt. Man kann 
ganz allgemein sagen, daß alle Geschichten, in denen Poe 
burlesk sein will, auf der Verkehrung eines tragischen Affekts 
in sein komisdies Gegenteil beruhen. Man muß aber kon- 
statieren, daß diese Verkehrung Poe gewöhnlich nur schledit 
gelingt; sein Lachen ist niemals fröhlich, er lacht mit ver- 
zerrtem Gesicht. Die völlige Umwandlung eines tragischen 
Affekts in einen gefälligen ist also nicht seine Stärke. 

Die Affekt Unterdrückung hingegen, ebenfalls ein 
Traummechanismus, ist, allerdings zum Sdiaden der dramati- 
sdien "Wirkung, recht gut in dem Geheimnis der Marie 
R 6 g e t realisiert. Die Ursache dieses Gelingens mag vielleicht 
darin zu suchen sein, daß diese Geschichte die einzige ist, in 
der Poe offen ein sexuelles Thema behandelt hat. Der mäditige 
Gegner, der Trieb, ging hier zu unverhüllt vor, daher wurden 
alle Kräfle der Zensur mobilisiert und ein Kampf mit gleichen 
Kräften folgte. Die Folge für diese Geschichte war: „. . . die 
Ruhe eines Leichenfeldes . . ." Darum lesen wir die Geschichte 



^ 



272 Poe und die menschliche Seele 



von der kleinen, erdrosselten und geschändeten Parfurn- 
verkäuferin, ohne sie besonders interessant zu finden, während 
wir in der Erzählung aus der Rue Morgue von den 
mächtigen Aifekten des Triebes gepackt werden, denen es da- 
durch gelungen ist, der Zensur zu entgehen, daß alle Hand- 
lungen auf einen Affen übertragen, also verkleidet wurden. 

Vielleicht ist das Geheimnis, warum mehr als ein Kunst- ^H 
werk (obwohl es in der Glut der Inspiration empfangen) ^^ 
wirkungslos ist, den Leser kalt läßt, darin zu sehen, daß seine 
Wirkung durch einen ähnlichen Konflikt einander entgegen- 
gesetzter affektiver Bestrebungen neutralisiert wurde. 

Aber der Mechanismus der Affektbehandlung, der bei Poe 
besonders in den größeren Geschichten am häufigsten auftaucht, 
ist ganz anderer Art. 

Bei der Traumarbeit sehen wir regelmäßig die Verschiebung 
der unbewußten, ursprünglich mit wichtigen, verdrängten Dar- 
stellungen verbundenen Affekte auf Repräsentanzen, die ge- 
wöhnlich vom vergangenen Tag herkommen. Diese neuen 
Repräsentanzen werden sehr häufig gerade wegen ihrer Be- 
deutungslosigkeit gewählt, was zu allen Zeiten die Aufmerk- 
samkeit jener Forscher auf sich gezogen hat, die sich mit dem 
Traumproblem beschäftigt haben. Freud hat nun gezeigt, daß 
diese "Wahl gerade deshalb von der Zensur diktiert zu sein 
scheint, um das Verstehen irrezuführen. Natürlich muß der 
Tagesrest, der auf diese Weise mit unseren ältesten, stärk- 
sten und verdrängtesten Wünschen assoziiert wird, über irgend- 
einen Assoziationsappell verfügen können, der den tiefer 
liegenden Wunsch heraufrufl:, mit dem er sich dann vereinigt. 

Nun ist es aber unbedingt nötig, daß im Werk Poes, wie 
wahrscheinlich im Kunstwerk im allgemeinen (das ja dazu 
bestimmt ist, die Affekte aus dem Unbewußten des Künstlers 
gleichsam in das Unbewußte dessen zu übertragen, der das 
Werk genießen will — genauer gesagt, dazu bestimmt ist, beide 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 273 



r 

^B Unbewußten im Gleichklang vibrieren zu lassen) — nun ist es 
^H aber unbedingt nötig, daß der siditbare Sektor dieser Über- 
tragung dem tieferen Affekt, der übertragen werden soll, so 
verwandt sei als nur irgend möglich. Dadurch entsteht eine 
Summation der Affekte, die gleichzeitig audi der Zensur dient, 
indem sie es ihr möglich macht, den einen der Affekte für den 
andern zu nehmen. Kein Beispiel beleuchtet diesen Vorgang 
besser als Wassergrube und Pendel. Die unbewußten 
Affekte, die bis ins Unbewußte des Lesers gelangen sollen, sind 
in Realität mit ganz besonderen infantilen und verdrängten 
Darstellungen verbunden: sie sind Wunschphantasien über den 
Besitz der Mutter nach innerkloakischem Sdiema, sie sind eine 
passive homosexuelle Wunschphantasie, die sich auf den Vater 
bezieht. Diese Phantasien (welche die Geschichte von innen her 
beleben und zweifellos die ursprüngliche Quelle der Inspiration 
sind) können nicht ohneweiters auf den Leser übergehen, der 
Leser würde wegen der eigenen Verdrängungen vor ihnen 
zurückweichen, statt verführt zu werden, ganz so, wie wohl 
viele Leser vor unseren Deutungen zurückweichen mußten. 
Die Zensur fordert nun eine Verschiebung, aber jene Instanz 
— von der noch gesprochen wird — , die im Halbschlaf die 
sekundäre Bearbeitung des Traumes fordert und bei Tag 
mit unserem vorbewußten Wachdenken verschmilzt, diese 
Instanz wählt eine Verschiebung auf Objekte, die mit Affekten 
begabt sind, welche zum tieferen Affekt, der auftauchen soll, 
eine Analogie bilden. Die neuen manifesten Repräsentanzen 
verraten zwar noch — für den, der sehen kann — , wer die 
ursprünglichen tiefen Repräsentanzen gewesen sind: der schwin- 
gende Pendel ist phallisch, der Brunnen eine Kloake. Aber die 
ursprünglichen, mächtigen Wunschaffekte, die an jene Dar- 
stellungen gebunden sind, können nach ihrem Durchgang durch 
die Verdrängung nur mehr mit dem negativen Zeichen der 
Angst versehen auftauchen. Daher müssen der gewünschte 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 18 



t. 



2/4 Poe und die menschliche Seele 

Pendel, der geträumte Brunnen bereits selbst mit Angst besetzt 
sie müssen das Objekt eines Sdireckens sein, der durchaus wirk- 
lich sein kann. So kommt die Summation der Affekte am besten 
zustande: in der manifesten Geschichte gibt es dann eine Art 
Vor angstpr ämie, die der Köder ist, auf den sich die 
tiefe, unbewußte und auf diese Weise befreite Angst stürzt, '\ 
um sich explosiv zu entladen. Dadurch aber wird gleichzeitig 
die Zensur beachtet, ihr gedient, denn man kann nun annehmen 
daß die von dieser Geschidite ausgehenden Angstgefühle ganz 
einfach jene sind, die jeder von uns in den Kerkern der 
Inquisition empfinden würde. 

Dabei müssen wir jedoch auf eine Erscheinung hinweisen 
die der analog ist, welche bei der Bildung mandber neurotisdien 
Symptome auftritt. Ein von einer Phobie Befallener, der es zum 
Beipiel nicht wagt, die Straße aus Angst vor den Automobilen 
zu überschreiten, hat zum Teil damit recht: Autos sind zer- 
schmetternde Geschosse. Er hat ein Mittel gefunden, durdi das 
die Qualität seines Affekts für berechtigt erklärt ist. Aber 
die Quantität dieses Affekts wird durch die manifeste Re- 
präsentierung eines sehr problematischen Unfalls nicht mehr 
gerechtfertigt, seine Stärke kann nur durch einen Affekt, der 
aus den tiefen und unbekannten Quellen des Unbewußten 
kommt, verständlich gemacht werden. 

Der Angstakzent, mit dem alle großen Geschichten Poes 
souverän besetzt sind, stammt aus einer solchen Quelle. Das 
Vorbewußte wählte jedesmal die entsprechende, reale und pein- 
liche, manifeste Repräsentanz aus, und dank dieser Vor- 
angstprämie kann die tiefer liegende unbewußte Angst 
sich entladen. Nach diesem Schema wurden jene mächtigen 
Affekte befreit, die zum Beispiel aus der B e r e n i c e, 
L i g e i a, dem Hause Usher, dem Doppelmord in 
der Rue Morgue, dem Schwatzenden Herzen 
und der Schwarzen Katze hervorbrechen. 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



275 



Von dem letzten Faktor der Traumbildung, der sekun- 
dären Bearbeitung, muß gesagt werden, daß er bei der 
literarischen Schöpfung ganz mit der Arbeit des vorbewußten 
■Wachdenkens verschmilzt; die sekundäre Trauminstanz ist doch 
nidits anderes als ein mehr oder minder wacher Rest des Nach- 
denkens im Innern des Schlafes. Die sekundäre Bearbeitung, die 
im Traum (wenn sie kann) die auffallendsten Absurditäten 
wegschafft, errichtet zwischen den verstreuten latenten Ge- 
danken einen neuen manifesten Zusammenhang, der sehr häufig 
redit verschieden ist vom ursprünglichen latenten Zusammen- 
hang, kurz, sie unterwirft den Traum der Zensur des logischen, 
kritischen Denkens. Beim Kunstwerk aber leitet das vor- 
bewußte Wachdenken selbst die Kohärenz der Gedanken, es 
wählt die von der unbewußten primären Bearbeitung der 
latenten Gedanken vorgeschlagenen Elemente aus, weist ab, 
was ihm nicht taugt, entfernt alles allzu Sinnlose und allzu 
Verletzende, errichtet zwischen den zurückbehaltenen Elementen 
neue, logische Verbindungen, kurzum, es ist unaufhörlich dabei, 
zu kritisieren und vor unseren im Tiefsten verborgenen ver- 
drängten Wünschen jene bewußte, logische und ästhetische 
Fassade zu errichten, nämlich das Literaturwerk zu sdiaffen, 
das unserem Blick — vergessen wir diese Tatsache nicht — 
sehr oft einen neuen Zusammenhang bietet, eine neue 
Kohärenz, die ganz verschieden ist von jener andern, welche 
die primitiven vorbewußten Gedanken, die den Künstler zum 
Kunstwerk inspiriert haben, beherrschte. 



Obwohl die literarische Schöpfung von der Traumschöpfung 
wesentlich verschieden ist, die Gedanken im Kunstwerk weniger 
stark regredieren als im Traum (diese psychische Regression 
visualisiert alle, selbst die abstraktesten Gedanken in Hallu- 
zinationen), obwohl der Egoismus im Kunstwerk sich viel 
besser verbergen kann als im Traum, und die Vorlustprämie 

18* 



^ 



^^^ Poe und die menschliche Seele 



der ästhetischen Form es dem verdrängten Wunsch mödiA 
macht, sich ungestraft zu manifestieren und ebenso ungestraft 
von der Gesamtheit der übrigen Menschen empfunden 
werden, trotz aller dieser Unterschiede, die aus dem literarisdieü 
Kunstwerk im Gegensatz zum Traum ein s o z i a 1 e s Produb 
machen, an dem alle Menschen teilnehmen können, _ habe 
der Traum und das Kunstwerk im Bereich der menschlichen 
Isyche analoge Funktionen zu erfüllen. Beide wirken w' 
Sicherheitsventile, welche die allzu verdrängten Triebe Z 
Menschen benötigen. 

In der Nacht, wenn wir im Schlaf unbeweglich liegen 
können wir ohne nachteilige Folgen für die anderen und für 
uns von all dem träumen, was das Leben uns verweigert und 
was wir begehren - auch von Inzest oder Mord. Am Tag 
können wir uns, ebenfalls unbeweglich daliegend, Wachträumen 
hingeben, während deren Dauer jede gefährliche Bewegung 
unterbleibt. Einige Menschen haben nun durcii eine mysteriöse 
Gabe die Macht bekommen, diesen Tagträumen, diesen fiktiven 
Befreiungen ihrer Triebe eine Form zu geben, die es den 
andern Menschen möglich macht, mit ihnen gemeinsam zu 
träumen. Durch welche Mittel sie dies erreichen, welcher Natur 
diese Prämie der Schönheit der Form ist, die dazu dient 
ihresgleichen anzulocken, bleibt ein Problem der Ästhetik das 
noch nicht gelöst werden konnte. Auch die Psychoanalyse hat 
die letzte Lösung noch nicht finden können; dieses schwierige 
Problem entzieht sich sogar ihrer tiefschürfenden Forschung 
Freud^= macht uns jedoch darauf aufmerksam, daß das 
ästhetische Empfinden der erotischen, hier natürlich sublimierten 

auf '^^ ''="J"«,"^^7n^^«feIhaft, daß der Begriff des S c h ö „ e n 
aut dem Boden der Sexualerregung wurzelt und ursprünglich das 
Trat IT"^ (.die Reize') bedeutet. Es steht im Zusammenhang 
sexu le P dze Genitalien selbst, deren AnbliA die stärkst 

sexuelle Erregung hervorruft, eigentlidi niemals ,sehön' finden 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 277 

Erregung verwandt zu sein scheint. Das hat auch sdion Plato 
geahnt, besonders im P h a i d r o s, in dem die Liebe zu schönen 
Jünglingen als erste Stufe auf der Leiter, die zur Liebe des 
Schönen führt, angesehen wird. 

Nun hat uns die Psychoanalyse gelehrt: wir machen in 
unserem ganzen affektiven Leben nichts anderes, als in Varianten 
die Erlebnisse unserer Kindheit zu wiederholen. Auch der 
Künstler, der Schöpfer der Schönheit, entgeht diesem Gesetz 
nidit; er entgeht ihm schon wegen der Mitgift, des starken 
Narzißmus, die er für das Leben mitbekommen hat, noch 
weniger als irgendein anderer Mensch. "Wir dürfen daher auch 
bei ihm die Annahme wagen, daß die ersten Neigungen seiner 
Kindheit auf seine besondere Ästhetik abgefärbt haben. Nun 
war für alle Lebewesen die Amme, die Mutter, das erste 
Liebesobjekt. Wir werden daher nicht überrascht sein, wenn 
wir sehen, daß das ästhetische Ideal eines so nekrophilen 
Künstlers wie Poe in den Farben des Muttertodes gemalt ist. 
Jede Schönheit, Schönheit der Frau oder Schönheit der Erde, 
der Gestalten und Landschaften ist daher für ihn von den 
Wangen seiner geliebten, sterbenden und toten Mutter „ab- 
gezogen" worden. 

Es gibt allerdings Künstler, deren ästhetisdies Ideal weniger 
direkt von den konkreten Eigenschaften eines infantilen Ob- 
jekts herzukommen scheint, bei denen man also nicht bis zum 
Ursprung dieses Ideals vordringen kann. Und außerdem muß 
das ästhetische Interesse nicht von der Mutter allein her- 
kommen. Auch die Liebe, die ein Kind mehr oder minder bald 
seinem Vater bezeigt, kann sein ästhetisches Ideal beeinflussen, 

können." (Freud, Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie. Deuticke, Wien 1920, 4. Auflage, S. 23, Anmerkung i.) 
Freud ist auf diesen Gedanken in der gleidien Arbeit nodi einmal 
zurüdigekommen und hat ihn im zweiten Kapitel des Unbe- 
hagens in der Kultur wieder aufgenommen (1930). 



1 



^7^ Poe und die menschliche Seele 



sie verleiht ihm kräftigere, männlichere Züge, an denen es auch 
im Werk Poes nicht fehlt. 

Noch eine andere Tatsache darf nicht übersehen werden: 
jede Liebeserregung verlangt zwei Partner, das geliebte Objekt 
und das liebende Subjekt. Wir haben bisher nur von den 
_ Qualitäten gesprochen, die das ästhetische Ideal jedes Schöpfers 
den geliebten Objekten seiner Kindheit entlehnt hat. Es kommt 
aber auch darauf an, auf welche Art das Subjekt liebt: sie wird 
durch seine Konstitution, sein gesamtes Erbteil gebildet, aber 
auch durch alle Ereignisse aus seiner Kindheit, welche auf die 
innere Entwicklung seiner Libido eingewirkt haben, also durdi 
die mehr oder weniger seinem Wesen angeborene Kraft der 
einen oder anderen Komponente seiner Libido, sei sie nun 
Sadismus, Voyeurtum oder anderes. Man muß daher zwischen 
der Art und Weise, nach der sich die ästhetische 
Erregung bei einem bestimmten Künstler ausspricht, und 
der Natur des ästhetischen Ideals beim gleichen 
Künstler zu unterscheiden wissen. 

Das erste Element entzieht sich allerdings fast gänzlich 
unserer Forschung, da es in seiner Gegebenheit ganz unzugäng- 
liche Tatsachen enthält: die ursprüngliche Intensität der Libido, 
die ihrer Komponenten, mit ihrer unter dem Druck der Er- 
ziehung stehenden, mehr oder weniger starken Widerstands- 
kraft oder Plastizität; ihre mehr oder minder große Fähig- 
keit,, sich zu sublimieren, kurzum, alle biologischen Faktoren 
des Geschlechtes, der Konstitution und der Erbmasse, vor 
denen die psychoanalytische Forschung haltmachen muß. 



^ Aber welcher Natur immer die urprüngliche Konstitution 
eines Künstlers, und welcher Art immer auch seine Ästhetik sein 
mag, dieser glänzende Schleier, den er für uns über seine im 
Tiefsten hausenden Triebe — das sind nicht selten die, welche 



5 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



^79 



die landläufige Moral am stärksten zurückweist — -wirft, die 
Arbeit an der Dichtung und die Funktion des Kunstwerks 
bleiben einander immer gleich. 

Wir haben von den Mechanismen, welche der Arbeit an der 
literarischen Sdiöpfung dienen, ausführlidi gesprochen. Über 
ihre Funktion haben wir gesagt, daß sie als eine Art Sicher- 
heitsventil gegen die allzu drängenden Triebe der Menschen 
anzusehen ist. Wir müssen nur noch am Beispiel Poe zeigen, 
daß dieses Ventil für den Wachzustand ebenso funktioniert 
wie jenes andere, der Traum, der unsere Triebe, wenn wir 
sdilafen wollen, befreit. 

Wir nehmen zu diesem Zweck den berühmten Vergleich 
Freuds auf, der sidi auf die Traumbildung bezieht. Die 
jüngsten Ereignisse aus dem Leben des Träumers — wir 
nennen sie Tagesreste — sind gleichsam die Unternehmer 
eines Traumes. Aber was vermag ein Unternehmer ohne 
Kapital? Das Kapital wird ihm nun von den alten, archaischen, 
infantilen Wünschen geliefert, die ins Unbewußte des Träumers 
verdrängt sind, von alten Wünschen, welche durch die aktuellen 
Tageswünsche geweckt wurden, und ohne die selbst die be- 
wußten lebhaftesten aktuellen Wünsche nichts unternehmen 
könnten. Auf die gleiche Weise entsteht auch das Kunstwerk. 

Während uns aber bei vielen Geschichten Edgar Poes jene 
Elemente des Diptychons entgehen müssen, die wir als aktuellen 
Anreiz zur literarischen Schöpfung ansehen, kann bei anderen 
dagegen das Diptychon in voller Klarheit gezeigt werden. 

Es ist ganz evident, daß die B e r e n i c e, M o r e 1 1 a, 
Ligeia unter dem Einfluß der aktuellen Versuchung ge- 
schrieben wurden, die von der kleinen Cousine Virginia aus- 
ging, welche Poe bei seiner Tante Frau Clemm fand. Aber 
wenn ein anderer Virginia begegnet wäre, sie hätte ihn trotz- 
dem nicht zu einer Dichtung inspiriert, er hätte weder Lust 
gehabt, sie zu heiraten, noch wäre er auf den Gedanken ver- 



2 So 



Poe und die menschliche Seele 



fall, 



en, die Berenice oder Li g ei a zu schreiben Virei • 
war hier der „Unternehmer" des Kunstwerks. Aber T 
Kapital zu diesem Unternehmen konnte nur aus dem reich ^' 
Vorrat an sadistischen und nekrophilen infantilen Erinn''' 
rungen geliefert werden, die mit dem Leichnam der Mutter im 
Tiefsten von Poes Unbewußtem vergraben waren. 

Das gleiche sehen wir bei der Schwarzen Katz 

Die aktuellen Ta g e s r e s t e des Alptraums, den diese Ge'' 

schidite wiedergibt, lieferte das Privatleben eines Menschen 

Poes, neben dem seine Frau Virginia starb. In seinem Landhaus 

von Fordham sah er täglich Virginia und die Katze Catterina 

und wenn im Winter kein Feuer mehr im Ofen war und die 

arme, schwache und blutspuckende Schwindsüchtige das Bett 

hüten mußte, legte sich das Tier auf sie nieder, als ob es sie 

warmen wollte.- Aber dieses rührende und mitleiderregende 

Schauspiel hatte an sich keineswegs die S c h w a r z e K a t z e 

hervorgebracht; seine besondere Aufgabe bestand darin den 

in der Seele des Dichters verborgenen Schatz an alten sadisti- 

sdien Antrieben, die mit der sterbenden und gestorbenen 

Mutter des Dichters verbunden waren, heben zu helfen, - dem 

aktuellen Unternehmen Virginia-Catterina wurde das in 

früheren Zeiten angehäufte Kapital zugeführt. 

Der aktuelle Anreiz zur Geschichte vom Goldkäfer 
wurde Poe sichtlich durch seine Armut geliefert und durch das 
Verlangen, aus dem Elend herauszukommen. Er schrieb diese 
Gesdiichte eingestandenermaßen zu dem Zweck, um einen Preis 
von hundert Dollar zu gewinnen, und gewann ihn auch tat- 
sächlich. Aber selbst die aktuellen Wünsdie eines armen 
Dichters, reich zu werden, hätten nidit genügt, um dem Sdiatz 
Kidds seinen blendenden Glanz zu verleihen, wenn nicht an 
diesen Schatz ein latenter Sinn, der den ursprünglichsten 

i6) Bd. I, S. 236. 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



Trieben nahestand, gebunden gewesen wäre: hinter der Er- 
innerung an die Freigebigkeit der Mutter Frances Allan lauerte 
nodi die Erinnerung an das Rätsel der Geburt einer neu- 
geborenen Schwester Rosalie, mit der der kleine Edgar in 
Begleitung seiner geliebten Mutter in die gleiche Gegend (an 
den Strand von Carolina) gekommen war, in der Kidd seinen 
Schatz vergraben hatte. 

So erweist sich das Kunstwerk, wie der Traum, als ein 
mächtiges Phantom, das über unserem Leben steht, mit einem 
Fuß in der Gegenwart, mit dem andern in der Vergangenheit. 
Das Antlitz des Phantoms sieht dabei in die Zukunft, dank 
dem tiefen Wunsch, den es verkörpert und der stets einer 
der Antriebe unserer Tätigkeit ist. Daher kann der Traum 
wie eine Prophezeiung aussehen, wenn es unseren mehr oder 
minder unbewußten Anstrengungen gelingt, den Wunsch, den 
er ausdrückt, zu realisieren. Aber da diese Wünsche häufig von 
außen her aufgehalten, noch häufiger aber von innen her 
zurückgewiesen werden, gehen nur wenige Träume in Er- 
füllung! Die gleichen Verbote schweben über dem Kunstwerk. 
Der Goldkäfer konnte seinem Dichter hundert Dollar und, 
neben dem Raben, den größten Erfolg seiner Schriftsteller- 
laufbahn verschaffen, aber den Antrieb zum Mord und 
Sadismus, der den Schwarzen Kater beherrscht, konnte 
Poe im Leben nicht realisieren. Der beschauliche Nekrophile 
Edgar Poe fand jedoch dadurch, daß er die zur Schwindsucht 
neigende Virginia zur Frau wählte, das Mittel, sich das sadisti- 
sche Schauspiel einer Agonie zu verschaffen, das dem glich, 
welches seine infantile Phantasie fasziniert hatte, und dadurch 
wieder kann der Eindruck hervorgerufen werden, er habe in 
der Berenice, Morella, Ligeia, Madeline oder Eleonora den 
künftigen Tod seiner geliebten Frau prophetisch besungen. 



n 



282 



Poe und die menschliche Seele 



Poe war sich gewiß niemals darüber klar, was für P 
innerungen er in seinem Werk besang, noch welch furchtbarr 
Natur seine Sexualität war. Er sprach wohl manchmal von 
emem „furchtbaren Geheimnis", das ihn bedrückte. Aber übe 
das Geheimnis selbst blieb er sich im unklaren. Und sein 
Sexualität verleugnete er, indem er jegliche reale Manifestierune 
am Objekt unterdrückte und den makabren Charakter dieser 
Sexualität gleichsam ätherisch machte. 

Die andern Menschen aber, obwohl auch sie nicht klar 
sahen, haben sehr wohl empfunden, was in seinem Werk im 
Grunde verborgen war. Wenn auch dieses Werk die Keuschheit 
predigte, so schien es trotzdem vielen eine Verkörperung des 
Bösen, der Perversion, des Verbrechens zu sein. Mandie 
blickten Edgar Poe beinahe so verächtlich an, wie sie sonst 
nur emen Sträfling ansehen. Ein Beispiel für eine solche auf- 
richtige Reaktion des Unwillens bietet das Verhalten des ehe- 
maligen Clergyman Rufus Griswold; hier kam allerdings dazu 
daß em unfähiger Dichter einen begabten beneidete und beide' 
einmal Mann gegen Mann um die ätherische Gunst der Frau 
Osgood kämpften. 

Diese Tatsadien können als mildernder Umstand heran- 
gezogen werden, wenn wir an die Gemeinheit denken, die Gris- 
wold dadurch beging, daß er den Ludwig Article^^ am Tage 
nach dem Tod Edgars veröffentlichte, und an die Abfassung 
des giftspeienden Memoirs," mit dem Griswold in seiner Eigen- 
schaft als Testamentsvollstrecker Poes die Veröffentlichung der 
Gesamtausgabe des Verstorbenen begleitete. 

Im übrigen aber übten gerade die verbotenen Triebe, die 
Poe ohne zu ahnen, was er tat, in seinem Werk feierte,' und 
welche jenseits der erlaubten Befriedigungsmöglichkeiten der 

^ '7) R.W. Griswold: The „Ludwig Article". (New York Tribüne 
Evening Edition, 9 Oktober 1849.) V. E.. Bd. I S. 348-359 
18) Siehe Bd.I, S.303, Anmerkung 188. 



über die Arbeit am literarischen Kunstwerk 



283 



Erostriebe liegen, auf die Phantasie der Menschen einen der- 
artigen Zauber aus, daß schon zu Lebzeiten des Dichters ein 
Riesenschwarm von Bewunderern sein Werk begleitete. 

Die Frauen wurden erobert, wie sie ja häufig durch den 
Sadismus erobert werden; Frau Whitman, Frau Shelton hätten 
den Raben gern geheiratet, Frau Shew, Frau Richmond hegten 
und trösteten ihn. 

Und sogar über den Ozean hinweg schwebte das sadistisch- 
nekrophile Genie eines Edgar Poe auf seinen Flügeln und 
weckte in andern Herzen und andern Ländern die gleichen 
mächtigen und ewigen Triebe der Menschen, die sich in ihm 
erkannten. 



POES BOTSCHAFT AN DIE MENSCHHEIT 

„ . . . Ich könnte Ihnen etwas überaus Seltsames und beinahe 
Unglaubliches mitteilen", 

schrieb ein Franzose um 1860. 

„Im Jahr 1846 oder 1847 lernte ich einige Teile aus dem Werk 
Edgar Poes kennen: idi empfand dabei eine ganz ungewöhnlidie 
Erschütterung. Da seine vollständigen Werke erst nach seinem Tod 
m einer einzigen Ausgabe gesammelt erschienen, brachte ich die 
Geduld auf, mich mit in Paris lebenden Amerikanern in Ver- 
bindung zu setzen, um mir bei ihnen die Zeitschriften auszuleihen, 
die von Poe geleitet worden waren. Und da fand ich, ob Sie es' 
nun glauben wollen oder nicht, Gedichte und Novellen, deren 
Gedanken ich selbst unklar, verworren, ungeordnet gedacht, und 
die Poe miteinander in Verbindung zu bringen und vollkommen 
zu gestalten verstanden hatte." ^^ 

Baudelaire, von dem dieser Brief ist, hat uns also selbst ge- 
standen: er glaubte, nicht nur die Themen, sondern auch die 
Sätze, die er gedadit hatte, vor sidi zu sehen . . . 

19) „. . . Je puis vous marquer quelque chose de plus singulier et de 
presque incroyable. En 1846 ou 1847, j'eus connaissance de quelques 
fragments d'Edgar Poe: j'eprouvai une commotion singuliere. Ses 
Oeuvres completes n'ayant ete rassemblees qu'apres sa mort, en une 
edition ^unique, j'eus la patience de me Her avec des Americains 
vivant ä Paris, pour leur emprunter des coUections de journaux qui 
avaient ete diriges par Edgar Poe. Et alors, je trouvai, croyez-moi 
si vous voulez, des po^mes et des nouvelles, dont j'avais eu la pensee, 
mais vague et confuse, mal ordonnee et que Poe avait su combiner 
et mener k la perfection." Aus einem Brief Baudelaires an Armand 
Fraisse, den Eugene Crepet in seinem Charles Baudelaire, 
Paris, Albert Messein, 1928 (von Jacques Crepet durchgesehene, ver- 
besserte und vervollständigte Ausgabe), S.95, zitiert. Alle Daten 
und Tatsachen aus dem Leben Baudelaires, die wir im folgenden 
geben, sind dieser grundlegenden und meisterhaften Arbeit ent- 
nommen. 



IT } 



Poes Botschaft an die Menschheit 



28s 



Die Bewunderung, die Liebe Baudelaires für den amerikani- 
sdien Schriftsteller sollte, nach den "Worten seines Freundes 
Asselineau, zu „einer wirklichen Besessenheit" werden. „Baude- 
laire konnte an nichts anderes mehr als an Poe denken, von 
nidits anderem als von Poe sprechen." Er machte sich wieder 
an das Studium des Englischen, das er seit seiner Kindheit 
vernachlässigt hatte, denn er wollte Edgar Poes Werk den 
Franzosen schenken. 

"Wir haben nicht die Absicht, den ganzen Verlauf dieser 
pietätvollen Arbeit zu verfolgen, von den 17 Jahren zu be- 
richten, die Baudelaire der Übersetzung Poes widmen sollte. 
Uns interessiert hier nur das Problem der psychischen „Con- 
cordance" zwischen diesen beiden genialen Menschen, der Blitz, 
von dem Baudelaire getroffen wurde, als er Poe entdeckte. 

Bevor wir aber diese Untersuchung durchführen, weisen wir 
in Kürze auf die wichtigsten Daten und Tatsachen aus Baude- 
laires Leben hin. 



Charles Baudelaire wurde am 9. April 1821 in Paris ge- 
boren. Sein "Vater, Franjois Baudelaire, war damals mehr als 
60 Jahre alt. Er war unter dem alten Regime Erzieher bei den 
Choiseul-Praslin und kam dadurch viel mit Philosophen und 
Künstlern des vergangenen Jahrhunderts zusammen. "Während 
des Empire wurde er Bürochef im Senat, nach dem Sturz 
Napoleons ging er in Pension und widmete sich von nun an 
nur mehr der Malerei. Er liebte den Sohn, den ihm seine junge 
Gattin in zweiter Ehe, Caroline Archlmbaut-Dufays, eine 
"Waise, die vierunddreißig Jahre jünger war als der Sechzig- 
jährige, geschenkt hatte. 

Als der Sohn gehen konnte, nahm Franjois Baudelaire 
ihn auf seinen Spaziergängen mit, er erzählte ihm die schönsten 
Geschichten im Jardin du Luxembourg, neben dem die Baude- 
laires damals wohnten. Wegen der weißen Haare, die sein 



286 



Ws Gesicht un.rahH,ten, hielt man Frangois eher fü. . 

Großvater als für den Vater des Kindes. Und wie ein" T 
vater verschwindet er bald. Er stirbt in. Februar Jlr f' 
- Jitwe und gehört nun gan. den. kleinen 1 ^^^^^^^^^^ 
sechsjährigen Charles, in dem bereits da, ,'*"*' S^nz 
eines Liebhabers schlägt. eifersüchtige Herz 

MuS steL^rif ^^^f ' »"- d« Dichter später .einer 
schaftliA liebte; WTuS it ohl ^ U '" ^^ ^^* ^"'i- 
nie etwas davon gesagt, t ll^ ^tZTsJ? Jt^ ^^' 
Jagen; Du ka«st aus eine« Krankenh^ ^ das dT f ^^ 
gewesen warst, und Du zeigtest mir V.^ J, ^«bannt 

«ich gen^adit hattest, um r^ ,„ . ""^f""^^"' *^ ^^ für 
Sohn gedaAt. Habe iinTitl^M-r' '^'^ °" ^" ß""« 
«^ani die Place Saintl':;Sa::Att'?S^^^^^ "^ 

gange, Zärdidikeiten ohne Ende' Tri, . ■.' ^' ^P^^'«' 

die am Abend so traurig waren It-T"" "f - UWaßen, 
Zeit, in der Du, Mutter zTrZ t ^" ^"' ""^ *^ ^"te 

Verzeihung, daß i* enJ 2 t fu t n "" TV" '"^^ °'* "- 
b^^e war. Aber da.als ^Z^Z^^lt^JZ^^lTt'''' 



me souviens d'une p omenade en fi "' '" "' ^"'"^'^ '^"^ ^it. Je 
sant^ oü tu avais ^^rlgut et tZ' '" """^ '^'"'^^ "^^'-^ ^e 
que tu avais pens^ , ton^l^" LlsTräu""" "^ ^™"^^^ 
faits pour moi. Crois-tu oue i'J. ' P^"™^ ^1"= '" avais 

la place Saint-AndrI-Lrts' rNeXT", ''"''''' ^^"^ ^^^''• 
des tendresses perp^tuelles ' Te m. .n • ' ^ °°^"'' promenades, 
tristes le soir. Ah- gi% tur ^r, J'"! "^^ '^"'"' "5"' ^^^'«"^ »^ 
maternelles. Je te demande pTrdon H ^°"/^«P^ ^es tendresses 

ete Sans doute mauvaTs pour tof M ^?''- ' ^°" ''""?' "1"^ q« a 
tu etais „niquement l « . Tultl^f k T""" "■!,^? ^" '^^ 
camarade. Tu seras peut-^tre L ' °'' ""^ '''°^c et un 

Passion d'un temps si recule" MoT^""'' ■?"' '' ^"'''^ P^^^^^ avec 
etre parce que j'ai concu „n f • ^ '° ™" ^^°'^"^- C'est peut- 

les Aoses anci nne "e 'peknen? """' ^' ^^"^ ''^ ^^ «°«. q- 
Charles Baudelaire, i;,;rSL" ''''''r\'^^-^ -o« esprit." 
^.^S (Auszug aus dem BrlfoT 6 ZTs7; s"4'°"' ^°"^^'^' 



Poes Botschaß an die Menschheit 287 

Du wirst vielleicht erstaunt sein, daß ich mit solcher Leidenschaft 
von einer so weit hinter uns liegenden Zeit sprechen kann. Auch 
mich setzt das in Erstaunen. Vielleicht erscheinen diese alten Dinge 
deshalb so lebhaft in meinem Geist, weil ich wieder den Tod herbei- 
wünsche." 

Die gute Zeit, von der hier mit einer Leidenschaft ge- 
sprochen wird, welche man im ganzen Werk des Ätherikers 
Poe vergeblich suchen würde, ist die Zeit, in welcher der kleine 
Odipus nach dem Tode des alten Laios triumphierte. Und in 
diese Zeit der mütterlichen Witwenschaft fällt auch jener 
Sommeraufenthalt in Neuilly, den der Dichter später wie ein 
verlorenes Paradies besingen sollte: 
Idi habe unser weißes Haus nicht vergessen, 
Es lag in der Nähe der Stadt, war klein, aber ruhig; 
Die Pomona aus Gips und die alte Venus, 

Die in einem armseligen Wäldchen ihre nadcten Glieder versteckten; 
Und die Sonne, die abends, rieselnd und herrlich. 
Hinter der Scheibe, an der sidi ihr Lichtbündel brach. 
Mit weitoffenem Auge, das durdi den neugierigen Himmel sah. 
Unsere langen, schweigsamen Mahlzeiten zu betrachten schien. 
Und ihre schönen, leuchtenden Reflexe breit 
Auf den besdieidenen Tisch und die Vorhänge aus Serge fallen ließ.^^ 

Dieses Gedicht gibt aber weniger Erinnerungen eines Sohnes 
wieder, es ist vielmehr der Sehnsuchtsschrei eines Verliebten. 
Dieser Sohn war nun tatsächlich ein leidenschaftlicher Ver- 

21) Je n'ai pas oublie, voisine de la ville, 

Notre blanche maison, petite mais tranquille; 
Sa Pomone de plätre et sa vieille Venus 
Dans un bosquet chetif cachant leurs membres nus. 
Et le soleil, le soir, ruisselant et süperbe, 
Qui, derriere la vitre oii se brisait sa gerbe, 
Semblait, grand cell ouvert dans le ciel curieux, 
Contempler nos diners longs et silencieux, 
Repandant largement ses beaux reflets de cierge 
Sur la nappe frugale et les rideaux de serge. 

Les Fleurs du Mal: Tableaux parisiens", XCIX. 



Poe und die menschliche Seele 



en 

le 



len 



liebter, wobei wir dieses Wort in der ganzen psychisdiei 
Bedeutung des Ausdrucks, in dem auch die sexuellen Wünsdi, 
enthalten sind, genommen wissen wollen. 

Mußte er nicht später jene, das Wesentliche verschleiernde, 
Zeilen schreiben, die trotz allem seine Sinnlichkeit verraten. 

„Der frühreife Gesdimack der Frauen. Ich verwechselte de 
Gerudi des Pelzwerks mit dem Gerudi der Frau. Idi erinnere 
midi ... Idi liebte schließlich meine Mutter wegen ihrer Eleganc 
Idi war also ein frühreifer Dandy." ^^ ^' 

Übersetzen wir Dandy mit Verliebter. 

Selbst Mariette, „das Hausmädchen mit dem weiten 
Herzen" {Ja servante au grand coeur"), die das Kind pflegte 
und auf die Frau Baudelaire „eifersüchtig" {„jalouse") war, 
konnte mit diesem Duft und dieser Eleganz nicht rivalisieren; 
sie kam gegen die Mutter nicht auf, obwohl sie den kleinen 
Jungen mit der Zärtlichkeit eines ergebenen Hundes umgab, 
die in seinem Herzen besonders aus Bedauern darüber einen 
unauslöschlichen Eindruck hinterlassen sollte, daß die Mutter 
ihm^ so bald untreu geworden war und ihn daher nicht mehr 
allein lieben konnte. 

Denn im November 1828 heiratete Caroline den Major 
Aupick. Das heißt: die Mutter hat den Sohn hintergangen, 
trotzdem sie mit ihm zärtlich gewesen, mit ihm gelacht hat, 
trotz der Sommersüße jener Liebe in Neuilly! Mit einem Schlag 
hat irgend etwas im Herzen des kleinen Charles das Gefühl, 
für immer erstorben zu sein: selbst seine Liebe zur Natur ist 
entehrt, die Liebe zu jener andern Mutter, die ihn noch gestern, 
in dem Landhaus, durch den täuschend en Glanz, mit dem sie 

22) „Le gout precoce des femmes. Je cofondais l'odeur de la 
fourrure avec l'odeur de la femme. Je me souviens . . . Enfin, i'aimais 
ma mere pour son ^Mgance. J'^tais donc un dandy prkoce." 
tusees, XXL (In Charies Baudelaire, CEuvres Posthumes et 
l^orrespondances mSdites; eingeleitet durch eine biographische Studie 
von Eugene Cripet, Paris, Quantin, 1887.) 




CHARLES BAUDELAIRE 

1821 — 1867 

(Nach einer Photographie von Nadar) 



Poes Botschaft an die Menschheit 



die Liebe des Kindes umgab, so wie die andere betrogen hat! 
Von nun an muß Charles die Bäume hassen, die ganze Natur. 
Schmerz, Rachsucht und Eifersucht sammeln sich im tief- 
eekränkten Herzen des Kindes. Und nicht ohne besonderen 
Grund hat er später die Anekdote erfunden, er habe am Hoch- 
zeitsabend die Sdilüssel des Brautgemachs abgezogen und in das 
Bassin im Stadtpark geworfen. Eines Tagös schrieb er sogar, 
er habe, als Kind, diese Dinge mit der Heftigkeit der Gefühle 
eines Mannes erlebt. Und das ist wahr, wenn auch Baudelaire 
nicht, wie er in seinem Künstlerstolz glaubte, dadurch etwas 
Außergewöhnliches erlebte. Wie groß dieser Schmerz des 
kleinen siebenjährigen Jungen gewesen ist, wird durch das 
ganze "Werk Baudelaires bewiesen. 

Meine Leser erfahren hier gewiß nichts Neues. Man hat 
sdion immer die Bitternis, von der sein Leben, vor allem aber 
sein Werk erfüllt sind, durch das unablässig ein Schrei klingt, 
der von Sdimerz, Haß und Radie wegen einer getäuschten Liebe 
beriditet und audi die Feindseligkeit, mit der Baudelaire 
Frauen gegenübertrat, der Tatsache zugeschrieben, daß seine 
Mutter ein zweitesmal heiratete.^" 



23) Siehe besonders das Budi von Fransois Porche, La vie 
douloureuse de Charles Baudelaire (Paris, Plön, 1926; deutsdi bei 
Rowohlt, Berlin 1930), und die psychoanalytische Studie von Dr. Ren^ 
Laforgue, L'edoec de Baudelaire (Denoel et Steele, Paris 193 1, in 
deutscher Ausgabe, „Der gefesselte Baudelaire", im Internationalen 
Psydioanalytischen Verlag, Wien 1933), in der eine These gestützt 
wird, die von der hier vorgebrachten ein wenig abweicht. Nadi 
Laforgue, der übrigens die heftige Reaktion des Sohnes auf die 
mütterlidie "Wiederverehelichung nicht leugnet, wäre Baudelaire auch 
ohne Aupidc Baudelaire geworden, da die früheren Sexualerlebnisse, 
die ursprünglichen Traumen, welche seinen Charakter und seine 
Neurose determinierten, zweifellos vor der "Wiederverehelichung 
Carolinens eingetreten waren. Ich bin natürlidi, wie jeder Ana- 
lytiker, der Meinung, daß die Ereignisse in der frühesten Kindheit 
das Leben eines Menschen determinieren, und glaube auch, daß 
man die Konstitution des Subjektes nicht übergehen darf; ich meine 



Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 



19 



^9° Poe und die menschliche Seele 



Caroline war sanft, liebenswürdig, feinfühlend, aber .nicht 
sehr intelligent; sie war unbedeutend und voll bürgerlicher Vor- 
urteile. Sie liebte den Sohn zärtlich, verstand aber nichts von 
seinem Wesen, das allerdings an Leidenschaft und Intelligenz 
weit über ihren Verstand hinausging. Aupick, ihr Gatte, war 
ein pünktlicher und rechtschaffener Offizier, dem ein unbot- 
mäßiger Dichter nicht gefallen konnte, obwohl audi er seinem 
Stiefsohn alles zukommen ließ, was die Pflicht von ihm 
forderte. 

Charles wurde von ihm als Internist in ein College gesteckt. 
Der Offizier glaubte natürlich an den heilsamen Einfluß der 
strengen Disziplin, die in den damaligen Schulen herrschte. 
Charles erwies sich aber in Lyon und in Paris als ein mittel- 
mäßiger und undisziplinierter Schüler und erreichte es, daß er 
mit achtzehn Jahren das Lycee Louis-le-Grand verlassen mußte. 
Nachdem er das Baccalaureat erworben hatte, erklärte er 
seinen Eltern, daß er sich der Sdiriftstellerlaufbahn widmen 
wolle. Die Folge: Verzweiflung bei Aupick und Caroline, 
Streit. Aber nichts hilft, die Absichten Charles sind nicht zu 
erschüttern. 

Er ist nun fast nie zu Hause anzutreffen. Er spaziert in den 
Straßen umher, gibt sich Frauen hin. Aber was für Frauen! 
Die Mutter, die Frau, deren Zärtlichkeit versprochen und ge- 
logen, hat nicht umsonst den Siebenjährigen enttäuscht, ge- 
täuscht, als sie sich wegen eines Mannes „prostituierte". Er 
hat von nun an das Bedürfnis, die Frau zu verachten, Mutter 
und Prostituierte eins sein zu lassen, und sucht infolgedessen 
Maitressen, die man verachten muß. In dieser Zeit hat die 



aber trotzdem, daß man im allgemeinen recht habe, wenn man in 
der mütterlidaen Wiederverehelidiung jenes Ereignis sieht, weldies 
sowohl für das Leben, als audi den Charakter Charles Baudelaires 
am nadidrüddidisten zum Trauma wurde und sein Wesen deter- 
minierte. 



1 



Poes Botschaft an die Menschheit 



291 



schielende Sarah, eine „scheußliche Jüdin", „in ihren beiden 
Händen mein Herz wieder erwärmt", dann kamen Frauen 
gleichen Kalibers. Und auch die Syphilis. 

Der Aufruhr im Herzen des Dichters wächst an. Eines 
Abends während eines Festessens weist Herr Aupick den 
jungen Mann öffentlich wegen einer unpassenden Bemerkung, 
die er gemacht hat, zurecht. Charles erhebt sich, und bleich 
vor "Wut, aber äußerlich kühl, erklärt er: „Mein Herr, Sie 
haben sich ernstlich gegen mich vergangen. Das verdient eine 
Strafe, und ich werde die Ehre haben, Sie zu erdrosseln." Herr 
Aupick ohrfeigt nun Charles, der einen Nervenanfall be- 

: kommt. Der Familienrat beschließt, den Schuldigen zu ent- 
fernen. 

Charles Baudelaire reist auf höheren Befehl über das Meer 
nadi dem Süden; er landet auf der Insel Mauritius. Und es 
stellt sich heraus, daß diese Reise, die er unternehmen sollte, 
um moralisch gebessert zu werden, einem andern Zweck dient: 
sie verschafft ihm nicht nur die Vision der exotisdien Länder, 
die über seinem ganzen "Werk leuchten sollte, sondern audi das 
erotische Erwachen des so tief in ihm verankerten Sadismus. Er 
sieht nämlich, wie man eine Negerin wegen eines unbedeu- 

I tenden Diebstahls öffentlich peitscht. Die Szene stieß ihn 
damals, als er sie sah, eher ab; aber als er nach Frankreich 
zurückkam, trug er die Erinnerung an sie mit sich herum. In 
Frankreidi 

„kommen dem Reisenden alle Einzelheiten des Bildes wieder in 
den Sinn; das Groteske vermengt sich hier mit der Grausamkeit, 
und diese mit der Unanständigkeit. Aus diesem komplexen Gemisch 
entsteht eine nachträgliche, unstillbare, hartnäckige Begierde..."^' 

24) Porche, S. j/. Alle Einzelheiten dieser Reise nach der Insel 
Mauritius, auch die Episode von der gepeitschten Negerin bei 
E. Crepet (XX"VI). Die Bedeutung ciieser Ereignisse für die Ent- 

t Wicklung der Sexualität Baudelaires wurde jedodi erst von Porche 
hervorgehoben. 



19» 



^^^ Poe und die menschliche Seele 

Charles ist nun großjährig. Er bekommt die fünfundsiebzis- 
tausend Francs, welche ihm als Erbteil nach dem Vater zu- 
stehen. Endlich ist er frei! Er flieht aus dem Haus und hinter- 
läßt der Mutter statt jeder Erklärung nur einen kurzen Brief 
— er zahlt ihr auf diese "Weise zurück, daß auch sie ihn einmal 
„verlassen" hat. 

Kurze Zeit nachher entdeckt er in dem kleinen Theätre du 
Panth&n: Jeanne Duval. Jeanne ist eine große, geschmeidige 
Mulattin, mit einer schmalen Taille, breiten Hüflen, die seine 
Sinne plötzlich wild entzünden. Die Szene auf der Insel 
Mauritius ist durch diese Begegnung reaktiviert, jene Züdi- 
tigungsszene, die den in der Tiefe von Baudelaires Seele 
schlummernden Sadismus der Rache geweckt hatte, der im 
Herzen des so früh vom Weib enttäuschten Mannes seit seiner 
Kindheit hauste. 

Es kommt zur Liaison mit Jeanne Duval, zu jener Ver- 
bindung, die bis zum Tode des Dichters dauern sollte, zu dem 
von Stürmen durchtobten Verhältnis mit einem dummen und 
tierischen, ungetreuen Geschöpf, das „ihn nicht bewunderte". 
Der Haß und die Verachtung gegen die Frau, die über Baude- 
laire gekommen waren, als seine Mutter ihn verraten hatte, 
werden durch die Wahl der Gefährtin, die der Erwachsene 
vorgenommen, hundertfach gerechtfertigt. 

Die Erbschaft Charles ist bald derart zusammengeschmolzen, 
daß vom Gericht ein Vormund für ihn ernannt werden muß. 
Und die Briefe an seine Mutter enthalten nun ständig die Bitte 
um Geld, so daß sie wie die Briefe eines Bittstellers aus- 
sehen. Aber hinter diesen Bitten um Geld verbirgt sich, wie wir 
Analytiker wissen, die flehentliche Bitte um Liebe. Liebe und 
immer wieder Liebe verlangt Charles von seiner Mutter. Wenn 
er sie bittet, ihm fünfzig oder hundert Francs zu schicken, 
dann wird hier die Liebe nach dem analen Sdiema durch Geld 
ausgedrückt: die Mutter soll das Kind weiter ernähren. "Was 



1 



Poes Botschaft an die Menschheit 



293 



liegt daran, daß das Geld Aupick gehört, die Mutterliebe muß 
darin bestehen, es dem wegzunehmen, den man am wenigsten 
liebt, um es dem zu geben, den man am innigsten in sein Herz 
eingeschlossen hat! Und außerdem sind diese Bitten ein Mittel, 
die Mutter zu quälen, sie nach dem sadistischen Schema Baude- 
lairescher Liebe zu quälen. Und schließlich auch ein Mittel, 
durch "Wiedervergeltung selbst gequält zu werden, dadurch 
nämlich, daß man zurückgewiesen werden muß und auch 
weiterhin weder Geld noch Liebe bekommt. 

Denn die Begegnungen zwischen Mutter und Sohn, die wie 
bei heimlich Liebenden, je nach der Jahreszeit, im Schatten der 
Museen oder unter der Sonne in öffentlichen Gärten statt- 
fanden, genügten natürlich der leidenschaftlichen Sehnsucht des 
eifersüchtigen Sohnes nicht. Jeanne löschte nur den Durst der 
Sinne und das vielleicht noch herrschsüchtigere Verlangen, das 
in ihm steckte, die Frau zu verachten. Auch der Tabak, der 
Alkohol, das Haschisch oder das Opium, alle diese „künst- 
lichen Paradiese" sind nur Ersetzungen der infantilen Ekstasen, 
die früher am Mutterkörper selbst „getrunken" wurden. Und 
auch die Gedichte, in denen die Liebe und der mit ihr ver- 
strickte Haß großartig besungen werden, so daß der allzu 
starke Druck der Triebe nachläßt, blühen nur mühselig auf 
den Oasen einer selten zu Diensten stehenden Inspiration in- 
mitten riesengroßer Wüsten der Impotenz, des Spleens, der 
Langeweile, jenes Ennui, den Baudelaire besser als irgendein 
anderer zum Ausdruck bringen konnte. 

In jener Zeit nun, im Jahre 1846, entdeckt Charles, bei 
heftigster Gemütserschütterung, wie er sagt: Edgar Poe. Er 
glaubt, in ihm einen Bruder seines Schicksals und Genies zu 
finden; er beginnt, ihn zu übersetzen. Und dieser Bruder be- 
gleitet ihn fast bis zum Ende seines Lebens, da die letzte Über- 
setzung {Histoires grotesques et serieuses) 1865, zwei Jahre 
vor Baudelaires Tod, erschienen ist. 



5' 



^94 Poe und die menschliche Seele 



Inzwischen (1848) begeistert sidi Baudelaire für die Revolu- 
tion, allerdings nur in der Hoffnung, daß der General Aupids 
getötet werde! Dann wird er wieder konservativ, er hängt am 
Vergangenen, eine Haltung, die ihm als Reaktion gegen seine 
eigenen aufrührerischen Triebe, und vielleicht auch aus Treue 
zum Andenken an seinen wirklichen Vater Frangois, der immer 
Ancien Regime gewesen, eher gemäß war.^^ 

Die Zeit geht weiter. Jeanne ist gealtert und durch Krank- 
heit und Alkohol ganz stumpf geworden. Charles, der sie 
einmal, als sie sich stritten, beinahe mit einer Konsole er- 
schlagen hätte, gibt schließlich das gemeinsame Leben auf, ohne 
aber deshalb seine schwarze Venus zu verlassen. Manchmal 
besucht er die gewöhnlichsten Prostituierten, deren „gute 
Adressen" das „Liebesnotizbudi" uns aufbewahrt hat; die bis 
auf den Grund gehende Spaltung, welche seine Sexualität 
lenkte, wird jedoch bei vielen Gelegenheiten deutlich sichtbar.^« 
Neben den „niederen" Liebschaften steht jene Reihe „hoch- 
stehender" Neigungen, aus denen jede Sexualität verbannt zu 
sein scheint. Baudelaire, der „Verderbte", ist also ebenso wie 
sein Bruder Poe fähig, platonisch zu lieben: das sieht man aus 
seinen Beziehungen zu Marie Daubrun, einer jungen Schau- 
spielerin, oder zu „Marie", einem kleinen Modell, das nadi 
einem Gespräch mit ihm den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr 
Modell zu stehen. Baudelaire war in solchen Fällen nicht nur 
dazu fähig, in Reinheit zu lieben, er war absolut unfähig, 
anders zu lieben, eine Tatsache, die Aglae-Apollonie Sabatier 

2j) Während seines ganzen unsteten Lebens führte er von einem 
Hotel zum andern stets ein großes Porträt Franjois Baudelaires 
mit sich. (Nach Jacques Crepet.) 

26) Freud: Über die allgemeinste Erniedrigung 
des Liebeslebens. (Beiträge zur Psychologie des 
Liebeslebens, IL In: Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forsdiungen, 1912. Ferner: Gesammelte Schriften, 
2"- V.) 



i 



Poes Botschafl an die Menschheit 



29 J 



(jene schöne, reizvolle Frau, die fünf Jahre hindurch das Ziel 
der poetischen Sendungen ihres Anbeters war) erfahren sollte, 
als sie am Tag nach dem Prozeß wegen der Fleurs du Mal 
glaubte, ihn dadurch zu beglücken, daß sie sich ihm anbot. 

In dem gleichen Jahr 1857, in dem die Fleurs du Mal zu 
blühen begannen, starb der General Aupick. Caroline ist 
wieder Witwe; Charles, den Jeanne nicht mehr zurückhält, 
kann endlich mit seiner noch immer geliebten Mutter leben; 
sie räumt ihm in Plonfleur in dem „Spielzeughaus" {maison 
joujou), in das sie sich zurückgezogen hat, ein Zimmer ein und 
wartet auf ihn. Aber er kommt nicht dazu, sie aufzusudien; 
immer wieder hält ihn dies oder jenes, das er zu tun hat und 
doch nicht tut, in der Ferne. Der Haß, die Radisucht, der 
Groll, die ehemals durch den mütterlichen Verrat erzeugt 
worden waren, wollten allem Anschein nach nicht ver- 
schwinden, trotzdem alle Wege offen waren, auf denen Charles 
zur Mutter zurückkehren konnte. 

Die Briefe des Sohnes an die Mutter werden zwar nach dem 
Tode Aupicks immer inniger, zärtlicher. Aber nur ein einziges 
Mal kann er sich dazu zwingen, sechs Monate ununterbrochen 
in Honfleur zu bleiben. 1864 errichtet er sogar eine Grenze 
zwischen sich und der Mutter, er reist nach Brüssel ab. Daß 
ihn Geldsorgen zu dieser Reise getrieben haben, ist möglich, 
vielleicht sogar gewiß; aber auch die Tatsache, daß er seinen 
Besuch immer wieder verschiebt und dann die Flucht selbst 
sprechen eine offenkundige Sprache. 

In Belgien fühlt sich Baudelaire unglücklicher als je. 
Niemand versteht ihn dort; die Arbeit ruht. Er ist auch krank. 
Seit 1860 wurde er, wie es scheint, von verschiedenen Anfällen 
heimgesucht, die alle Vorläufer der Krankheit waren, die ihn 
hinwegraffen sollte. Nun leidet er unausgesetzt an „Rheuma- 
tismus". Die Krankheit greift um sich; furchtbare Kopf- 
schmerzen kommen dazu. Eines Tages, im März 1866, besudit 



^ 



^96 Poe und die menschliche Seele 



Baudelaire mit Freunden die Kirche Saint-Loup in Namur; er 
bricht dort zusammen. Man bringt ihn nach Brüssel, und der 
durch Gehirnsyphilis" einseitig Gelähmte, der Sprache Be- 
raubte ist endgültig verloren. Seine Mutter und Freunde 
führen ihn nach Paris zurück, wo er im nächsten Jahre in 

einem Krankenhaus stirbt. 

* 

So sah der Mensch aus, der in Edgar Poe einen Bruder 
zu erkennen glaubte. 

Hatte er mit semer Annahme recht? Die Antwort auf diese 
Frage soll es uns ermöglichen, audb das Problem dieses Kapitels 
lösen zu helfen: was hat Poe der Menschheit zu sagen? Durdi 
den Umweg über Baudelaire, bei dem wir scheinbar unser 
Thema verlassen haben, kommen wir daher nur um so nadi- 
drücklidier zu ihm wieder zurück. 

Zuerst wollen wir darauf hinweisen, daß Baudelaire, der 
so stark und so richtig fühlte, wie verwandt seine Psyche 
mit der Poes sei, dennoch die wahre Natur dieser Verwandt- 
schaft nicht verstand. Dazu hätte er sich selbst verstehen 
müssen. Er hat übrigens nirgends diese Verwandtschaft zu 
erklären versucht. 

Außerdem hat Baudelaire^« in den zwei kritischen Studien, 
die er Edgar Poe widmete, von dem Modell in der Ferne zwar 
ein intensives und packendes, aber auch verändertes, ideali- 
siertes, romantisches Bild gezeichnet. Nach ihm ist Edgar Poe 
eine Art unverstande ner Sänger gewesen, der einsam inmitten 

27) Diese Diagnose hat, wenn man das Alter und das Vorleben 
des Kranken berüdcsichtigt, die meiste Wahrsdieinlidikeit für sidi. 
Audi Laforgue, dem sie von Dr. Logre bestätigt wurde, hat sie in 
seiner bereits erwähnten Arbeit akzeptiert. 

28) Edgar Poe, sa vie et ses ceuvres, von Ch. B. (als Vorwort 
zur Übersetzung der Histoires extraordinaires). — Notes nouvelles 
sur Edgar Poe, von Ch. B. (als Vorwort zu den Nouvelles histoires 
extraordinaires). 



\ 



A 




BAUDELAIRE 

(Nach einer Originalzeichnung Baudelaires 

im Besitz von Armand Godoy) 



I 



Poes Botschafl an die Menschheit i^y 



jener „großen mit Gas beleuditeten Barbarei",^'* dem damaligen 
Amerika, lebte — in einer Atmosphäre, die seine ganzen 
Krankheiten verschuldet haben soll — und der in dem Glas 
voll Alkohol die feindliche Welt vergessen wollte, deren Spiel- 
zeug und Opfer er war, und aus dem er außerdem durch einen 
überlegten Willensakt sogar Inspiration schöpfte. 

Auf diese "Weise wird die Verantwortung für das Unglück, 
das auf dem Leben der unglücklichen Dichter lastet, zurück- 
gewiesen, in die sie nicht verstehende Außenwelt projiziert; 
dadurch erlangen sowohl Baudelaire als audi Poe Absolution 
— Absolution für alle jene Fehler, für alle jene „Sünden", 
die Charles Baudelaire in die Knie zwangen. 

Die Absolution jedoch, welche die Psychoanalyse, die 
Tiefenpsychologie, allen bedrückten Mensciien, den kleinsten 
und den größten, gewährt, indem sie ihren Innern Determi- 
nismus nicht nur nicht leugnet, sondern versteht, ist bei weitem 
gerediter und weitherziger. 



» 



Inwieweit hatte also Baudelaire recht, als er in Edgar Poe 
seinen Bruder sehen wollte? 

Wir beantworten diese Frage auf die Weise, daß wir zuerst 
auf die äußeren Ähnlichkeiten, dann auf die Verschiedenheiten 
hindeuten, welche diese beiden Existenzen aufweisen. 

Die Ähnlichkeiten springen einem gleichsam ins Auge. Bei 
beiden finden wir „Väter", die ihre Söhne nicht verstehen (und 
die außerdem beide nicht die wirklichen Väter der Diciiter 
sind), Väter, deren praktischer, bürgerlicher, prosaischer Geist 
die poetische Berufung der Söhne nicht zulassen kann. Bei 
beiden war die Mutter eine zärtliche, aber schwache Frau, ob 
sie nun Frances oder Caroline hieß; sie waren Mütter, die es 




^ Poe und die menschliche Seele 



nicht verstanden, ihr Kind zu verteidigen. Auch darin er- 
leben die beiden jungen Meuterer das gleiche Schicksal, daß sie 
aus der Wohlhabenheit zweier reicher Häuser und ungefähr 
im gleichen Alter im Namen der Unabhängigkeit und der 
Dichtkunst fliehen; für beide kam dann das gleiche Elend; und 
sie sind schließlich auch darin einander ähnlich, daß der gleiche 
glühende, unerschütterliche, selbstlose Kult der Schönheit, der 
Kunst für die Kunst, sie bis zu ihrem Tode beherrschte', ein 
Kult, der der schönste Wesenszug an diesen beiden Schick- 
salen ist. 

Trotz dieser Übereinstimmungen bestehen aber Unter- 
schiede schon im äußeren Leben dieser beiden Dichter, be- 
sonders im Bereich der überaus wichtigen eigentlichen Sexua- 
lität. Hier muß der Hinweis auf die beiden Namen Jeanne 
und Virginia genügen, um den Unterschied aufscheinen zu 
lassen. 

Audi von Baudelaire hat man behauptet, er sei impotent 
gewesen.^ä Aber man müßte wissen, was man sich in seinem 
Falle unter Impotenz vorstellen soll. Denn der Dichter der 
Fleurs du Mal kannte gewiß die vollkommene Hemmung und 
das Versagen nicht, die zweifellos auf dem Autor des Ver- 
lorenen Atems lasteten. 

Baudelaire hat zwar in seinen Journaux intimes geschrieben: 

29) „Intime Freunde des Diditers, besonders Nadar und Louis 
Menard, mehrere seiner Verehrer, der Prinz Ourousof, Leon 
Deschamps, Jean de Mitty, haben die Meinung, Baudelaire sei als 
virgo gestorben, verteidigt oder wenigstens zugelassen." (Eugene und 
Tacques Crepet, S. ja, Anmerkung i.) 

^In einem Vortrag in der Salle Pleyel (am 18. Juni 1931) hat 
Leon Daudet von einer Bemerkung F^licien Rops Mitteilung 
gemacht, nadi der Baudelaire Jeanne Duval niemals besessen 
habe. 

Idi neige in dieser Angelegenheit eher der Meinung zu, weldie 
1 orche und besonders Laforgue in den bereits erwähnten Büdiern 
vorgetragen haben. 




i 



Poes Botschaft an die Menschheit 



299 



„Je mehr der Mensch die Künste pflegt, desto weniger f . . . t er. 
Es vollzieht sich eine fühlbare Scheidung zwisdien dem Geist und 
der Bestie. Nur die Bestie f . . . t gut, und die Umarmung ist die 
Poesie des Volkes. 

K ■ • • n ist das Bedürfnis, in einen andern einzudringen, der 
Künstler aber geht niemals aus sich heraus."™ 

Aber diese bitteren "Worte dürften zu einer Zeit auf- 
gezeichnet worden sein, in der das Opium die physische Glut 
Baudelaires beträchtlich, wenn nicht bereits gänzlidi gelöscht 
hatte; man darf sie nicht wörtlich nehmen, man kann nicht 
über das Zeugnis, das uns durch das ganze Werk Baudelaires 
geboten wird, über die Tatsache, daß er vor seinem zwanzig- 
sten Lebensjahr eine Syphilis erworben hatte, und über das 
Notizbuch mit den „guten Adressen" einfach hinweggehen und 
diese Beweise dadurch gleichsam annullieren. 

Die Realität wird so ausgesehen haben: wenn auch Baude- 
laire im letzten Teil seines Lebens unter dem wachsenden 
Einfluß des Opiums wahrscheinlich vollständig impotent ge- 
worden war, so darf man doch nicht ernstlich glauben, er sei 
es immer gewesen. Die „Madonnen" Marie oder Apollonie 
liebte er gewiß nur platonisch, aber die Prostituierten, mit 
denen er verkehrte, und auch Jeanne hat er, wenigstens In der 
ersten Zeit ihrer Verbindung, gewiß nicht nur angesehen, 
obwohl er ein großer Voyeur war. 

Seine Sinnlichkeit war wahrscheinlidi derart perverser Natur, 
daß er sie auf normale "Weise nicht hätte befriedigen können. 
"Welche Forderung jedoch diese perverse Sexualität ihn an das 
Fleisch zu stellen zwang, können wir niciit genauer angeben. 

30) „Plus l'homme cultive les arts, moins il bände. II se fait un 
divorce de plus en plus sensible entre Tesprit et la brüte. La brüte 
seule bände bien et la fouterie est le lyrisme du peuple. Foutre, c'est 
aspirer ^ entrer dans un autre, et l'artlste ne sort jamais de 
lui-meme." Mon cceur mis a nu, das ich im Manuskript, welches sidi 
im Besitz des Herrn Armand Godoy befindet, habe einsehen dürfen 
(Blatt 70, S. 39 des Hefles). 



300 Poe und die menschliche Seele 

Der in der Tiefe seiner Psyche verwurzelte Sadismus, mit 
dem sein ganzes Werk durchsetzt ist, gestattet jedoch die An- 
nahme, daß auch die realen Manifestationen seines Sexuallebens 
von ihm einigermaßen beeinflußt waren. Wir wissen natürlidi 
nicht, ob und von wem im Alkoven Jeannes Geißelungen ver- 
abreicht oder erlitten worden sind, wir wissen auch nicht, ob 
sdion sadistische Phantasien, die dem Akt vorangingen oder ihn 
begleiteten, genügten, ihn möglich zu machen. Vergessen wir 
jedoch nicht: die dunkle Haut Jeannes verführte Charles nur 
deshalb, weil sie ihn an die gepeitschte Eingeborene erinnerte. Und 
diese blutig gesdilagene Mauritierin hätte den jungen Menschen 
nicht ohne den in ihm präexistierenden, in der Tiefe seiner 
Psydie verankerten Sadismus (der seit der Kindheit, aus Radie, 
gegen eine andere Frau gerichtet war) in Erregung versetzt. 

Die gepeitschte Negerin war also nur das schwarze Ketten- 
glied, das es der ursprünglichen Perversion des Dichters mög- 
lich machte, von der Mutter seiner Kindheit auf das dunkle 
Fleisch der Jeanne Duval überzugehen. 



Wir verlassen nun das reale Leben unserer Dichter 
und gehen zum Studium jener nicht weniger realen "Welt 
über, die aus dem psychischen Leben mit seinen Phantasien und 
Träumereien besteht. 

Die Reflexe dieses psydiischen Lebens sind uns in ihrem 
Werk erhalten geblieben. Und wollen wir uns unmittelbar von 
dem Unterschied überzeugen, der trotz aller Ähnlichkeit 
zwisdien der Psychosexualität eines Baudelaire und der eines 
Edgar Poe existierte, dann genügt es, nach den Außer- 
gewöhnlichen Geschichten die Blumen des 
Bösen aufzuschlagen. 

Wir sehen sofort: dieses Böse ist nicht das Poes! Baudelaire 
mußte, um Baudelaire zu sein, nicht auf Poe warten, und Poe 



3 



Poes Botschaft an die Menschheit 



301 



hätte niemals audi nur eines der Gedidite des Franzosen ge- 
schrieben, so wie übrigens Baudelaire nie auch nur eine der 
Geschichten des Amerikaners hätte schreiben können. 

Erstens ist Poe keusch, Baudelaire nicht. Die Gedichte 
Baudelaires wurden wegen Obszönität und auch wegen 
Sadismus vom Gericht verurteilt, das heißt sie wurden ver- 
urteilt, weil sie ein Gemisch aus Erotik und Aggression dar- 
stellten. Das ergibt ein anderes Bild als bei Poe, bei dem zwar 
auch der Schrecken herrsdht, aber ein entsexualisierter. 

Wer könnte (außer dem Psychoanalytiker) in dem Mörder 
aus der R u e M o r g u e oder ausderSchwarzenKatze 
einen Mörder aus erotischen Gründen erkennen? Niemand 
jedoch verkennt die Natur der tiefen Triebe des Dichters, der 
folgende Verse an Apollonie schickte: 

So möchte idi, eines Nachts, 
Wenn die Stunde der 'Wollust sdilägt, 
Zu den Schätzen deiner Person 
Wie ein Feigling, leise, hinkriedien, 

Um dein fröhlidies Fleisdi zu züditigen, 
Um deine verziehene Brust zu verletzen 
Und deiner erstaunten Hüfte 
Eine weite und tiefe Wunde beizubringen. 

Und, schwindelerregende Süße! 
Durch diese neuen, 
Leuditenderen und schöneren Lippen 
Dir mein Gift einflößen, Sdiwester!"^ 



31) Ainsi, je voudrais, une nuit, 

Quand l'heure des voluptes sonne, 
Vers les tresors de ta personne, 
Comme un lädie, ramper sans bruit, 

Pour chätier ta diair joyeuse, 
Pour meurtrir ton sein pardonni. 
Et faire a ton flanc etonne 
Une blessure large et creuse, 



^ 



3°2 Poe und die menschliche Seele 



Wenn wir zeigen wollten, wo im Werk Baudelaires sadisti- 
sche Züge zu finden sind, müßten wir beinahe das ganze Werk 
zitieren. Denn im Gegensatz zu Poe, bei dem nichts als die 
Aggression und die Sehnsucht nach dem Totendüstern, nach 
dem schon eingetretenen Tod, eingestanden wird, während die 
Erotik sich schüchtern hinter ätherischer Zärtlichkeit versteckt 
hißt Baudelaire hoch und stolz die Fahne seines Sadismus. 
Hinter der Grausamkeit sieht man bei ihm immer wieder die 
Erotik hervorschauen. „Grausamkeit und Wollust", hat er ge- 
schrieben, „identische Sensationen, so wie die äußerste Hitze 
und die äußerste Kälte."^^ 

Poe war, wie wir gesehen haben, im wesentlichen ein 
Nekrophiler. Baudelaire war ein wahrer Sadist; der eine zog 
die tote oder schon vom Tod berührte Beute vor (trotz der 
Schwarzen Katze), der andere die lebende oder zu 
tötende (trotz La Charogne). 



Wie war es nun möglich, daß der Sadist Baudelaire im 
Nekrophilen Poe, obwohl jeder von ihnen eine andere Sexual- 
natur besaß, seinen Bruder erkannte? Welche Saite schwang 
in ihm mit, als er bei Poe Gedichte und Novellen zu entdecken 

Et, vertigineuse douceur! 
A travers ces levres nouvelles, 
Plus eclatantes et plus belies, 
T'infuser mon venin, ma soeur! 

Les Fleurs du Mal: A celle qui est trop gaie, CXXIX, ein 
Gedicht, zu dem Baudelaire von Frau Sabatier inspiriert wurde. 
Es gehört zu den im Prozeß um die Fleurs du Mal kassierten 
Stücken. Die Richter haben, ganz zu Redit, gefunden, diese Strophen 
hätten einen sadistischen Sinn! 

32) „Cruaute et volupte, sensations identiques, comme l'extreme 
chaud et l'extreme froid." Mon cceur mis ä nu XVII (Baudelaire, 
CEuvres Posthumes et Correspondances inedites. Siehe S. 288, An- 
merkung 22). 



^ 



Poes Botschafl cm die Menschheit 



303 



^B glaubte, die er selbst, wenn auch nur undeutlich und verworren, 
^1 geplant, und auch Sätze entdeckte, die er gedacht hatte? 
^H Mit dieser Frage sind wir bei einem besonderen Problem 
angelangt, nämlich bei dem der allgemeinen Beziehungen 
zwischen dem Sadismus und der Nekrophilie, bei einem 
Problem, das wir, ohne auf die Trieblehre näher einzugehen, 
nicht lösen können. Wegen seiner primären Wichtigkeit be- 
handeln wir den Sadismus zuerst. 

Die Beziehungen, die in allem Lebenden zwischen dem 
Lebenstrieb und dem Todestrieb bestehen, gehören zu den 
dunkelsten Rätseln, die der Biologie und der Psychologie auf- 
gegeben sind.^'' Auf der einen Seite entdecken wir in jeder 
lebenden Substanz einen Drang zum Leben, zur Bewahrung, 
Fortsetzung und Übermittlung dieses Lebens, der das eigent- 
liche Wesen der Libido ausmacht. Aber auf der andern Seite 
strebt ein früherer Zustand durch ein Prinzip, welches die 
ganze Natur, besonders aber das Reich der Triebe befehligt, 
immer wieder von neuem dazu, sich zu reproduzieren: wir 
nennen diesen Vorgang den Wiederholungszwang 
der Triebe. 

Nun war jede Materie, bevor sie die Form des Lebens 
annahm, unbeseelt, und zu diesem anorganischen Zustand 
will jede Materie zurückkehren. Diese Tendenz wirkt in allem, 
was lebt; aus ihr gehen der Verbrauch, das Alter, der Tod 
der Zellen und der Organismen hervor; Freud nennt sie den 
Todestri e b. 

Der Todestrieb tritt allerdings nicht so geräuschvoll auf wie 
der Lebenstrieb; wenn er mit Sicherheit arbeitet, dann gewiß 

33) Freud: Jenseits des Lustprinzips. (Int. PsA. 
Verlag, Wien 1920.) — Das ökonomische Problem des 
Masochismus. (Int. Ztschr. f. PsA. X, 1924.) — Das Un- 
behagen in der Kultur. (Int. PsA. Verlag, Wien 1930.) 



304 Poe und die menschliche Seele 

im Dunkeln, so lange wenigstens, als er sich nur mit dem 
Organismus beschäftigt, der ihn trägt. Das junge Lebewesen, die 
Pflanze oder das Tier, muß aber, wenn audi nur um zu leben, 
sich nähren, mehr Platz fordern, und daher die Umgebung 
töten. Darum wendet sich der Todestrieb, der ursprünglidi 
im Innern des Organismus eingesdilossen und gegen das Innere 
des Organismus geriditet war, audi nadi außen. Der Todestrieb 
ist auf solche "Weise zum Aggressionstrieb geworden, und 
dadurdi sogar in den Dienst des Lebenstriebs geraten. 

Inwieweit sich der Todestrieb, wenn er sich unter dem 
Druck des Lebenstriebs nach außen wendet, von jeder innigeren 
Verbindung mit dem Lebenstrieb reinhalten kann, das heißt, 
wie lange er reine Aggression sein kann, ohne 
Sadismus zu werden, ist ein nodi ungelöstes Problem. 
Idi bezweifle, daß dieser reine Aggressionszustand je existiert, 
daß die erotische Lust an der Aggression je bei der Aggression 
selbst fehlen kann (ich nehme dabei natürlidi den Terminus 
Erotik in dem breiten Sinn, den er bei Freud hat). Um aber 
das Tatsächliche des Problems besser zu fixieren, wollen wir 
neben das Schema der Entwicklung der mensdilichen Aggression 
parallel das der Entwicklung der menschlichen Libido stellen. 

Das neugeborene Kind sucht Nahrung. Es saugt an der 
Brust, die sich ihm bietet. Das ist die erste orale Phase der 
Libido, jene, in der die Lust am Saugen vorherrscht. Die 
Aggression des Kindes, die vorerst nur embryonal vorhanden 
ist, begnügt sich damit, nach Maßstab seiner Mittel die 
Mutterbrust, die er noch nicht von der äußeren "Welt unter- 
scheiden kann, leerzutrinken. 

Bald aber bekommt der Säugling die ersten Zähne. Er ist 
kräftiger geworden, herrschsüchtiger, eigensinniger, sobald er 
Hunger hat. Und jetzt versucht er mit den Zähnen in die 
Brust zu beißen, und wenn man ihn nidit daran hinderte, 
würde er das Fleisch ebenso gerne verzehren, wie er die Mildi 



1 




JEANNE DUVAL 
(Zeichnung Baudelaires) 



1 



Poes Botschaft an die Menschheit 305 

trinkt. Das ist die zweite orale Phase der Libido, die 
Phase, in der die Aggression kannibalisdien Charakter an- 
genommen hat, und aus der durdi nachträglidie Versdiiebung 
zum Teil das Verlangen nach Fleisch hervorgeht, das auch 
späterhin ein Verlangen der mensdilidien Spezies bleibt. 
Hierauf kommt das Kind in jene Phase, die durch das Primat 
der analen Zone beherrsdit wird und durdi die erotische Lust, 
die das Kind dadurch empfindet, daß die Fäkalien durdi seine 
anale Zone hindurchgehen und sie berühren. Diese Phase hat 
Freud die analsadistisdie genannt. Man kann nun fragen, warum 
diese Phase für das sadistische Stadium -par excellence gehalten 
wird. Dafür können zwei Gründe angegeben werden. Als erster 
kommt die Tatsache in Betradit, daß das Muskelsystem des 
Kindes, welches um diese Zeit ungefähr das Ende des zweiten 
Lebensjahrs erreicht hat, sdion bedeutend entwickelt ist; und 
das Muskelsystem ist dodi das "Werkzeug der Aggression par 
excellence. Ferner sind die Fäkalien, die sich vom Körper los- 
lösen, das erste unbeseelte materielle Objekt, welches das Kind 
von seinem Körper unterscheiden lernt, sie sind das erste „Ge- 
sdienk", das es seiner Mutter madien kann, das Urbild für 
jedes „kostbare" Objekt und dann für die verschiedensten Erden- 
güter, nach denen die menschliche Gier streben wird — die 
kindliche Aggression, welche von den Gegenständen Besitz er- 
greifen will, entsteht in diesem Stadium. In dieser Phase be- 
ginnen also die Kinder auch um den Besitz eines Spielzeugs in 
Streit zu geraten. Aber alle diese Tatsachen würden nidit ge- 
nügen, diese Phase als sadistisch und anal zu qualifizieren, 
ihr würde der Ausdruck aggressiv und anal besser zu- 
stehen. 

Freud hat jedoch richtig erkannt, daß „eine der Wurzeln des 
sadistischen Triebs ... in der Beförderung der sexuellen Er- 
regung durdi Muskeltätigkeit ... zu erkennen" ist. Ferner 
schreibt er: „Tatsache ist aber, daß eine Reihe von Personen 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. ao 



^ 



3°6 Poe und die menschliche Seele 



berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren 
Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Ge- 
spielen erlebt." Daher kommt es, daß „für viele Individuen 
die infantile Verknüpfung zwischen Raufen und sexueller Er- 
regung mitbestimmend (wird) für die später bevorzugte Rieh- 
tung ihres Geschlechtstriebes". =>* Aber der Sadismus schlägt in 
mehr als einer Region der mensdilidien Landschaft seine 
Wurzeln. Denn wenn die Lust, Materien durch die anale Zone 
hindurchgehen zu fühlen, wie wir erwähnt haben, unmittelbar 
erotisdi ist, was sind diese Materien anderes als die Rückkehr 
organischer Substanzen, die wir in uns eingeführt hatten, 
zum anorganischen Zustand, zur Materie? Man könnte 
sagen, das Kind fühle in der analen Phase durch eine Art endo- 
psychischer "Wahrnehmungsfähigkeit jenes große Gesetz, das 
aus jedem Verdauungsapparat ein Grab, einen „sarcophage" 
macht, und das seine Verdauungsfunktionen lenkt. Erfaßt es 
nicht jetzt mit Hilfe einer von Tag zu Tag stärker erwachten 
Intelligenz zum erstenmal, was es vorher nidbt wußte: nämlidi 
welches Schicksal den geliebten Dingen vorbehalten ist, die 
früher einmal seiner Oralerotik schmeichelten, damals nämlich, 
als er sie sich einverleibte, ohne zu überlegen, was sie in ihm 
werden würden? Der Tag, an dem das Kind begreift, daß die 
Mildi, die Mildispeisen, der Zucker oder das Fleisch, kurz, daß 
das, was es am meisten liebt, nachdem es von ihm verzehrt 
wurde und durch seinen Körper hindurchgegangen war, zu 
Fäkalien, zu einer zerstörten Sache wird, dieser Tag ist ein 
bedeutendes Datum in der Geschichte der psychischen Kon- 
stitution des Menschen. Wenn das Kind auch nodi weiterhin 
narzißtisch diesen losgelösten Teil seines Körpers, die Fäkalien, 
liebt, die später, unter dem Druck der Erziehung zur Sauber- 



34) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ge- 
sammelte Schriften, Bd. V, S. jy f. 



1 



keit, mit Ekel besetzt werden, so fühlt es sich gewiß sdion 
jetzt als eine Art zerstörenden Gott, als kleinen Schiwa, es 
kann sich bereits jetzt in seiner Psyche, wenn auch nur dunkel, 
über die Kraft freuen, welche die Dinge zerstört, die es am 
meisten liebt, und die im Innern seines eigenen Körpers 
herrscht. Diese Lust am Zerstören kann es schon von diesem 
Zeitpunkt an dank seiner jungen und stets wachsenden Muskel- 
kraft:, die sidi gerade jetzt recht in ihm entwickelt, nach außen 
zu projizieren beginnen.*"^ 

Inzwischen ist frühzeitig — denn diese Phasen, die hier 
um der bessern Übersicht willen, klar voneinander getrennt 
sind, durchdringen einander in "Wirklichkeit — , sehr frühzeitig, 
die phallische Zone, die erogene Zone par excellence, erwacht. 

Die Möglichkeit, den Orgasmus zu erleben, ist natürlich 
dem Kind noch nicht von vornherein gegeben, sie taucht je 
nach dem Fall früher oder später um den Beginn der Puber- 
tät herum auf, und es ist überaus schwierig, hier ein 
genaueres Datum anzugeben. Die phallische Zone erwadit 
jedoch sdion lange vorher, und zwar noch zu der Zeit, da 
das Kind in der "Wiege liegt, also mitten in den Oral- 
phasen. Das Kind selbst entdeckt sie sehr oft, während es 
an der Brust saugt, eine Tatsache, die eine reale Beziehung 
zwischen der Genitalerregung und der Erregung der Oralzone 
herstellt. Diese Beziehung lebt im Kuß weiter. Aber wenn das 
Kind schließlidi gelernt hat, im Gedanken dem Übergang vom 
Nahrungsmittel in Kot zu folgen, und dadurch verstanden 
hat, daß sein Körper zerstören kann, beginnt es diese De- 



3j) Idi behandle hier nidit die „lebenden" unbewußten Äqui- 
valente für die Fäkalien, Kot = Penis = Kind. Ich beschränke 
mich, da der Text sich ausschließlich mit den Beziehungen zwischen 
der Analphase und dem Aggressionstrieb besdiäftigt, auf die „toten" 
Entsprediungen: Kot = Geschenk ,= Gold, oder mit der noch 
ursprünglicheren: Kot = zerstörte Sache = Leidmam. 



E 



3o8 Poe und die menschlidie Seele 



struktionsfähigkeit durdi den Muskelapparat nadi außen zu 
projizieren, es überträgt sie bald auf das erigierbare Organ 
seinen kleinen Phallus, der mit eigenen Bewegungen und be- 
sonderen, angenehmen Gefühlen begabt ist. 

Tatsädilich scheint der Penis durdi sidi selbst, durdi die 
Erektion, die ihn größer und steif werden läßt und ihm das 
Verlangen mitgibt, nadi vorwärts zu stoßen, in etwas einzu- 
dringen, unter allen Körperorganen — ausgenommen sind die 
Zähne und Finger — das besondere Werkzeug, die eigentliche 
Waffe der Aggression zu sein. 

Zu dieser Beobachtung kommt noch die andere hinzu, daß 
das Kind gewöhnlich mitten in der anal-phallisdien Phase 
(im Alter von ungefähr 2 Jahren), also in der Zeit, in der 
sich die Analerotik voll entfaltet hat, und die phallische 
Erotik im Anwadisen ist, den Koitus der Erwadisenen beob- 
achten kann, einen Vorgang, den es (wie Freud gezeigt hat), 
regelmäßig als sadistischen Angriff des Mannes auf die Frau 
interpretiert, wobei (seiner Meinung nach) der Mann die Frau 
mit Gewaltanwendung besiegt und mit Hilfe seines mordenden 
Penis in ihren Anus eindringt. 

Diese sadistische Auffassung des Koitus hinterläßt im Un- 
bewußten jedes Kindes, das ihn hat beobaciiten können, aber 
auch in dem anderer Kinder (die Fiunde oder andere Tiere 
beobachtet haben), jene unauslöschliche Spur, die dazu beiträgt, 
die ursprüngliche, in jedem von uns bestehende Verbindung 
zwischen den erotischen Trieben und den Trieben der Grau- 
samkeit noch zu verstärken. 

Was erfahren wir durch diesen summarischen Überblick über 
die Entwicklung der menschlichen Libido und Aggressionslust? 
Daß es schwierig ist, diese beiden Grundtriebe voneinander zu 
trennen. Und was das Leben nicht vermag, gelingt auch nicht 
der Beschreibung. 

Aber das Leben versucht es wenigstens, diese Trennung 



1 



Poes Botschafl an die Menschheit 



309 



durdizuführen, und zwar schon in unserer Kindheit. Wir 
■wissen, daß das Kind in seinem fünften Lebensjahr die volle 
Entfaltung seiner infantilen Libidoorganisation erreicht und 
im gleichen Augenblick auch das volle Aufblühen des auf 
die Objekte, auf die seine Libido gerichtet ist, zielenden 
Ödipuskomplexes. Es scheint nun, daß dem Ödipuskomplex 
unter anderen eine besonders ursprüngliche Aufgabe bei der 
Entwicklung unserer Triebe zugeteilt ist. 

Dem männlichen Kind, in dem das Geschlecht nun seine 
bestimmte Form gefunden hat, stehen nämlich deutlidi zwei Ob- 
jekte einander gegenüber: die Mutter, die von ihm erotisdb 
begehrt wird, der Vater, der unangenehme Nebenbuhler, den 
es entfernen mödite. Es kommt daher zu einer Art Sonde- 
rung der Triebe: die Libido wendet sidi an die Mutter, die 
Aggression gegen den Vater.'^'^ Diese Sonderung zwischen 
libidinösen und aggressiven Trieben wird übrigens nie absolut 
durchgeführt: der Vater zieht immer auch einen Teil der Kindes- 
liebe an sich, und ein Teil der aggressiven Libidokomponenten 
bleibt an die Mutter fixiert. Der Versuch einer Sonderung 
dieser beiden Triebe wird aber trotzdem unternommen. 

Dem Ödipuskomplex scheint nun die schwierige Pflicht 
vorbehalten zu sein, die bis ins Tiefste hinabreichende und 
ursprüngliche Ambivalenz unserer Gefühlseinstellung 
aufzulösen und zu „entmischen". 

Die letzte Entwicklungsphase (Freud hat sie im Gegensatz 
zur phallisch-infantilen als die eigentliche Genitalphase be- 
zeichnet),'" die Phase, welche sich erst in der Pubertät, nach 
dem Wiederaufleben des UrÖdipuskomplexes einstellt, diese 

35 a) Eine ähnliche Vermutung hat Herr Dr. Charles Odier in 
seinem Vortrag „Note sur un cas de nevrose grave sans complexe 
d'Oedipe" auf dem 12. Int. Psychoanalyt. Kongreß in Wiesbaden, 
September 1932, ausgesprochen, als diese Zeilen schon geschrieben waren. 

36) Freud : Die infantile Genitalorganisation. 
Int. Ztschr. f. PsA. 1923 und Gesammelte Schriften, Bd. V. 



31° Poe und die menschliche Seele 



Phase müßte nadi Abraham" tatsächlich durch den Verlust der 
Ambivalenz diarakterisiert sein, die eine aus Haß und Liebe 
zum gleichen Objekt vermengte Gefühlseinstellung ist. Dieser 
Zustand der reinen Liebe, zu dem der Ödipuskomplex der 
Kindheit nur ein Vorspiel darstellt, ist übrigens gezwungener- 
maßen ein Ideal, dessen Erfüllung vielleicht niemals erreidit 
werden kann. Und ich glaube, daß, bis zu einem gewissen 
Punkt, nur ein starker, entschiedener Ödipuskomplex allein 
die Liebe von den Aggressionsgefühlen zu lösen vermag, die 
zuerst mit ihr vermengt waren. Denn die Aggression wird, 
im Gegensatz zur Libido, weder verdrängt noch sublimiert, 
sie kann nichts anderes als das Objekt wechseln, eine andere 
Verwendung finden. Die Aggression, die ursprünglich sowohl 
mit der Liebe zur Mutter als auch mit der zum Vater ver- 
mengt war, sondert sich in dem Maß von der Liebe zur Mutter 
ab, in dem sie auf den Vater allein lossteuert, und öffnet auf 
diese Weise die Wege zu einer nicht mehr bloß phallischen, 
sondern im eigentlidien Sinne genitalen Liebe. 

Welches Schicksal diesen abgeleiteten, auf den Vater zu- 
strebenden Aggressionstrieben in der Zivilisation bestimmt ist, 
hat Freud in Totem und Tabu und in seinem letzt- 
erschienenen Werk über das Unbehagen in der 
Kultur dargestellt. Ist die Erziehung des Kindes erfolgreidh 
gewesen, dann hat sich diese Aggressionslust in genügender 
Stärke nach rückwärts und, ohne übermäßig erotisiert zu sein, 
gegen das Subjekt selbst gewendet, um dort zum Ober-Ich oder 
Moralgewissen zu werden. ^^ 



37) Abraham: Versuch einer Entwicklungs- 
geschichte der Libido (Int. PsA. Verlag, Wien 1924). 

38) Idi habe hier die Entwiddung der Libido und der Aggression 
nur beim Knaben, nidit bei dem kleinen Mäddien behandelt. Die 
Entwicklung beim Mädchen geht zuerst mit der dargestellten 



1 



Poes Botschaft an die Mensdiheit 311 



^V Aber diese Entwicklung ist vielen "Wediselfällen ausgesetzt 
^1 und die infantilen Sdiicksale unserer Triebe können zu den 
^1 mannigfaltigsten Ergebnissen führen. Bei dem sozialen, dem so- 
^m genannten normalen Mensdien, spielen sidi die Dinge ungefähr 
V auf die beschriebene Art ab. Beim Neurotiker wendet sich die 
erotisierte Aggression in einer Art Hypermoral gegen das Sub- 
jekt selbst. Beim Verbrecher hingegen behält der Trieb, be- 
sonders der Aggressionstrieb, eine freiere Beweglichkeit, und 
darum lassen wir zur Illustrierung des eben Gesagten die 
hauptsächlidisten Verbrechertypen an uns vorüberziehen. 

Es gibt drei große Kategorien blutiger Verbredien: es gibt 
Verbrecher aus Leidenschaft, Raubmörder und Lustmörder. Ver- 
brechen aus Leidenschaft finden zwischen Männern statt, die 
sidi um eine Frau streiten, zwischen Frauen, die um einen 
Mann kämpfen; in diese Kategorie gehören auch die Ver- 
brechen, bei denen ein verlassener Geliebter oder eine verlassene 
Geliebte aus Eifersucht das geliebte "Wesen tötet. Bei der ersten 
Gruppe dieser Verbrechen (Mann steht gegen Mann) ist diese 
Aggression am wenigsten mit Erotik vermengt; sie stammt in 
direkter Linie von der vatermordenden ödipusaggression ab, 
von der der Mann als Kind geträumt hat. Hier sieht man 
deutlidi, daß alle Fixierungen durcäi den Wiederholungszwang, 
der in ihnen steckt, unheilvoll werden können, sowohl jene 
Fixierungen, die aus einer zu starken, als aucii jene, die nur 
aus einer scäiwachen Zustimmung zum Ödipuskomplex her- 
kommen, da die fehlende Bindung eine Regression auf die 
ursprünglichen und perversen Positionen der Libido, von der 
wir jetzt sprechen werden, begünstigt. 

Die Raubmörder sind sdion viel weniger „ödipisiert" als die 
Mörder aus Leidenschaft. Diese Diebe nehmen vermutlich, 

parallel, dann werden die Beziehungen zum Objekt umgekehrt. 
Eine Studie über diese Verhältnisse würde zu einem eigenen Buch 
werden. 



3" Poe und die menschliche Seele 



im allgemeinen, das, was ihnen in ihrer Kindheit nicht ge- 
nügend gegeben wurde: Liebe und die materiellen Beweise 
der Mutterliebe, Nahrung zum Beispiel und verschiedene Ge- 
schenke, die sie in den prägenitalen Phasen hatten haben 
wollen. Und sie können töten, was sidi dieser nachträglichen 
und in ihren Augen durchaus legitimen Besitzergreifung nidit 
fügen will; die Gesellschaft wird im Unbewußten der prä- 
ödipischen Mutter gleichgestellt. Man sieht, daß hier das 
Anale, aber das auf alle Objekte verschobene Anale (wodurdi 
beinahe eine Sublimierung der Analerotik erreidit ist) mit 
der Gleichung Nahrung =r Kot = Geschenk = Gold das 
Bild beherrscht. 

Die dritte Gruppe der Mörder interessiert uns hier am 
meisten. Sie ist die an Zahl kleinste unter den dreien. Sie um- 
faßt jene Individuen, die an die primitivsten Phasen der 
Libido fixiert (oder zu ihnen regrediert) sind, bei denen der 
Aggressionstrieb und die Erotik miteinander verstrickt ge- 
blieben und die S o n d e r u n g der Triebe besonders miß- 
glückt ist: wir sprechen von den Lustmördern. 

Diese trotz allem sehr selten auftretende Perversion, der 
mordende Sadismus, muß zweifellos eine besonders starke kon- 
stitutionelle Prädisposition zur Voraussetzung haben. Auf einer 
solchen angeborenen Grundlage scheint sich nun im großen die 
den Sadisten eigene infantile Libidoentwidilung abgespielt zu 
haben: die Kinder gelangen in die ödipusphase, nachdem sie 
wahrscheinlich mit großer aggressiver Heftigkeit die prä- 
ödipalen Phasen ihrer Libido durdigemacht haben. Nun stößt 
die gegen den Vater gerichtete Aggression auf eine Gegen- 
aggression von gleicher Kraft,^^ und diese Gegenaggression 

39) Die gleidien Medianismen wirken sidi gewiß auch in den 
Besserungsanstalten aus, weldie von den aggressiven Elementen, die 
allerdings mdit immer bis zum Sadismus regredieren, viel angriffs- 
lustiger verlassen werden, als sie vor dem Eintritt waren 




Poes Botschafi an die Menschheit 313 

lenkt aus Angst vor der Kastration die eigentlidie Aggression, 
ohne sie jedoch zu unterdrücken, von der ödipalen, vater- 
mordenden Richtung ab, und läßt sie auf die präödipalen, 
libidinösen Positionen und Objektbesetzungen zurückfluten; 
oder aber, die ödipale Aggression gegen den Vater kann 
dadurch, daß die entsprechenden Triebe sich aus konstitutio- 
nellen, affektiven Gründen verspäten, niemals gänzlich ent- 
stehen. Der Ödipuskomplex des Lustmörders muß immer auf 
die eine oder andere "Weise unvollkommen entwickelt geblieben 
sein. Niemals ist, so viel ich weiß, der Lustmörder gleichzeitig 
auch Vatermörder.^" 

Wie immer dem aber audi sein mag, in dem manifest 
gewordenen Sadismus des erwachsenen Mörders taucht nun 
folgendes auf: der Lustmörder, der gewöhnlidi Frauen oder 
Kinder oder sehr junge Leute attackiert, die zweifellos häufig 
Ersatzpersonen für die in der Kindheit eifersüchtig beneideten 
Brüder und Schwestern sind, reproduziert in der Wirklidikeit 
die infantile Auffassung des Koitus auf Grund der Beob- 

40) Franz Alexander, dessen psydioanalytisdie Arbeiten über 
Verbredier bekannt sind (siehe: Alexander und Staub, Der Ver- 
brecher und seine Richter, Int. PsA. Verlag, Wien 1929), 
sagte mir gelegentlich eines Gesprädis, das ich mit ihm in Wien 
im Sommer 193 1 führte, daß, seiner Auffassung nach, die Lust- 
mörder immer Feiglinge sind, welche vor der ödipalen Aggression, 
Mann gegen Mann, zurückgewichen sind. Zu diesem negativen, auf 
den Vatermord bezüglichen Tropismus des Lustmörders muß der 
starke positive Tropismus hinzugefügt werden, der für seine Libido 
durch die ursprünglidien präödipalen Positionen hervorgerufen 
wurde, in denen die Aggression und die Erotik miteinander ver- 
strickt blieben, und welche durdi die infantile, sadistische Auffassung 
des Koitus beherrscht wurde. 

Bei dieser Gelegenheit muß auch die Arbeit von Hanns Sachs 
(Zur Genese der Perversionen, Int. Ztschr. f. PsA. 1923) 
zitiert werden, in welcher der Autor deutlich gesehen hat, daß bei 
allen Perversen im allgemeinen eine Art Bündnis zwischen der vor- 
herrschenden Partialkomponente der Libido und der Tendenz zur 
Verdrängung des Ödipuskomplexes besteht. 



I 



3^4 Poe und die menschliche Seele 



aditung, bei der das Kind der Vereinigung zwisdien Vater 
und Mutter zusah. Er ist der Zuschauer, der früher einmal einer 
auf dem Theater vorgeführten erdichteten Tragödie bei- 
gewohnt, an die Wirklichkeit dieser Diditung geglaubt hat 
und sie nun in seinem Leben spielt. 

Das erotisdi-phallisdie Element dieser infantilen Vor- 
stellungen wird dabei häufig durch das symbolische Messer 
oder durdi die Symbolik, die in irgendeinem andern Mord- 
instrument steckt, dargestellt. Der Lustmörder ist ein Mensch, 
der diese Symbolik wörtlich nimmt: das Messer zum Beispiel, 
das bei ihm zu einem wirklichen Fetisch im sexuellen Sinne 
geworden ist, scheint ihm zu seinem Körper zu gehören. Der 
Lustmörder ist für gewöhnlich beim normalen Koitus impotent, 
und erst die Hinundherbewegung des in das Fleisch seiner 
Opfer eindringenden Stahles versetzt ihn in jene anschwellende 
Erregung, die in die Ejakulation übergeht und beim normalen 
Mann an die Bewegungen des Penis in der weiblichen Vagina 
gebunden ist. 

Auch das oralerotische "Element steht bei ihm dem infan- 
tilen Ideal nahe. Die mordenden „Verliebten" berauschen sich 
nämlich gern an dem Blut ihrer Opfer oder beißen sie ins 
Fleisch, ja sie fressen sogar häufig das Fleisch ihrer Opfer, ganz 
so wie der Säugling Milch saugte, in die Mutterbrust biß und 
sie fressen wollte; sie tun dies alles, statt die Objekte ihrer 
Leidenschaft, wie andere Verliebte, zu küssen. 

Das analerotische Element schließlich wird hier in seiner 
unverhülltesten, am wenigsten veränderten Form dargestellt. 
"Während beim Dieb das Gold, der begehrte Besitz, bereits eine 
„Verschiebung", beinahe eine Sublimierung der infantilen 
Fäkalien darstellt, scheint der Lustmörder auf der Stufe stehen- 
geblieben zu sein, auf der das Kind die in seinem Innern ver- 
borgene Destruktionsmacht erkennt und sie vermöge der nun 
bereits entwickelten Muskeln in einer Art Schiwa-Rausch 



1 



Poes Botschaft an die Menschheit 31 j 

auf die Objekte der Umgebung nadi außen projiziert. Und 
ebenso wie sich in der Kindheit der Phallus, das erigierbare 
Organ par excellence, in den Dienst dieses Zerstörungsverlan- 
gens gestellt hat — wobei die sadistische Auffassung vom 
Koitus, den das Kind beobaditen konnte, mithilfl: — , wird der 
Penis des Mörders mit Hilfe des Fetischs aus Stahl, seiner 
Dublette, indirekt zum ausführenden Organ der erotisierten 
Aggressionslust. 

"Während also der Mörder aus Leidensdiafl; ein zweiter 
ödipus ist, der Raubmörder hingegen einen ganz degradierten, 
auf die prägenitalen Stufen der Oral- und Analbegierde re- 
gredierten ödipus darstellt, bietet der Lustmörder das Bild der 
ursprünglichsten Verstrickung unserer beiden größten Triebe: 
des erotisdien Triebs und des Aggressionstriebs, des Lebentriebs 

und des Todestriebs.'^ 

* 

Es ist nun überaus charakteristisch, wie die Menschen auf 
die eben vorgeführten drei Arten von Verbredien reagieren. 
Die Mörder aus Leidensdiafl: genießen im allgemeinen die 
Sympathie und Nachsicht des Publikums und der Ge- 
sdiworenen, weil sie ihre Tat uneigennützig begehen, und jeder 
erwachsene Mensch, ohne sich zu schämen, fühlt, ein Mörder 
aus Leidensdiafl: stecke audi in ihm selbst.*^ 

41) Siehe bei E. Wulffen, Der Sexualverbrecher 
(Langenscheidt, Berlin 1928), die Stellen, die vom Sadismus handeln 
und sehr instruktiv sind. 

42) Die Königsmörder hingegen, eine Abart der typischen 
ödipusmörder (sie „verschieben" ihre Aggression vom Vater auf das 
Staatsoberhaupt), genießen für gewöhnlich nidit die Sympathie des 
Volkes. Man könnte annehmen, daß die Mitbürger das Bedürfnis 
haben, sich durdi diese Abneigung gegen die in ihrem eigenen Innern 
schlummernde Aggression gegen die Vorgesetzten zu verteidigen. Der 
Prozeß, die Sachverständigen und das Todesurteil gegen den Mörder 
des französischen Staatspräsidenten Doumer, Gorguloff, der ofFensidit- 
lich ein Paranoiker war, haben dafür einen neuerlichen Beweis geliefert. 



^ 



316 Poe und die menschliche Seele 



Die Raubmörder hingegen madien gewöhnlich einen ab- 
stoßenden Eindruck, der mit der besonders starken Ver- 
drängung, die alles Anale in uns findet, harmoniert. Man 
mödite sagen, sie riechen schledit. Sie stehen erst dann in 
vollem Glanz da, wenn sie die abenteuerliche Größe der 
früheren Wegelagerer angenommen haben oder die der gegen- 
wärtigen „Gangsters" in Amerika, und zwar wahrscheinlich 
deshalb, weil diese ihr Leben aufs Spiel setzen oder setzten und 
dadurch ein wenig den kriegerischen Eroberern gleichen, bei 
denen die Gier reichlich durch die phallische Männlichkeit 
kompensiert wird. 

Ganz anderer Natur ist die Wirkung, die von den Lust- 
mördern ausgeht. Wenn irgendwo einer dieser sonderbaren, 
extrem perversen Menschen, die nur um der Lust willen töten 
(Vadier,*^ Kürten**), auftaucht, ist jeder bis ins Tiefste der 

43) A. Lacassagne, Vacher l'Eventreur et les Crimes sadiques. 
A. Storck & Cie., Lyon, Masson & Cie., Paris 1 899. Der Landstreicher 
Joseph Vadier gestand, elf Lustmorde zwischen 1894 und 1897 be- 
gangen zu haben. Er wurde am 31. Dezember i8g8 in Bourg hin- 
geriditet. 

44) Peter Kürten, der Düsseldorfer Mörder, wurde 1883 geboren; 
er war das Kind eines brutalen, trunksüchtigen Vaters und einer 
sanftmütigen, passiven Mutter, und der älteste überlebende Sohn von 
zehn Kindern. Die ganze Familie bewohnte ein einziges Zimmer, und 
Kürten erinnerte sich daran, Zeuge des elterlichen Sexualverkehrs 
gewesen zu sein, der, nach seiner Meinung, Schändungen glidi. 
Sein Vater behandelte ihn mit unglaublicher Härte, versuchte die 
Aggression seines Sohnes durch eine Gegenaggression gleicher Stärke 
zu vernichten, wobei er aber nur die Aggressionslust des Kindes 
verstärkte. Als Kürten neun Jahre alt war, ertränkte er zwei seiner 
Kameraden im Rhein. Als er dreizehn Jahre alt war, wurde sein 
Vater wegen eines Inzests mit der ältesten Toditer, dem das Kind 
wohl ebenfalls zugesehen hatte, zu eineinhalb Jahren Gefängnis 
verurteilt. In diesem dreizehnten Lebensjahr beging Peter zum 
erstenmal, an Schafen, eigentlich sadistische Handlungen. Als er 
siebzehn Jahre alt war, versuchte er zum erstenmal ein junges 
Mädchen, dem er zufällig begegnet war, zu strangulieren. Er ver- 
bradite vierundzwanzig Jahre seines Lebens im Gefängnis, haupt- 



Poes Botsdia fl an die Menschheit ■^ly 

Seele aufgewühlt, und zwar nicht bloß wegen der fürditer- 
lidien, grauenhaften Beunruhigung, den jene Taten hervor- 
rufen, sondern auch wegen des seltsamen Interesses, mit dem 
der in unserer Tiefe schlummernde Sadismus auf den ihrigen 
antwortet. Ja, man könnte sogar sagen, daß wir alle, unglück- 
liche zivilisierte Mensdien mit den verdrängten Trieben, diesen 
großen, uneigennützigen Verbrechern irgendwie dankbar sind, 
daß sie uns von Zeit zu Zeit das Schauspiel einer endlich ein- 
getretenen Verwirklichung unserer ursprünglichsten und sdiuld- 
beladensten Wünsche bieten. 

Wir fühlen dunkel, wagen es aber nidit, uns dieses Gefühl 
einzugestehen, daß vielleicht sie den größten, ungehemmten 
erotischen Genuß gekannt haben. Die Natur kennt nämlich den 
Finalismus nidit, und spät erst tritt die Libido in den Dienst 
der Fortpflanzung. Je mehr jedodi eine Befriedigung bei ihrem 



sädilidi wegen Diebstahls. Im Gefängnis gab er sidi sadistischen 
Tagträutnen hin, die ihm zum Orgasmus verhalfen. Sobald er die 
Anstalt verließ, versudite er nun, diese Träume zu realisieren. 
Kürten, der bald Brandstifter, bald wieder Lustmörder war, beging 
seinen ersten Lustmord im Jahre 19 13 an einem kleinen Mäddien, 
das er bei einem Einbrudisdiebstahl sdilafend vorfand. Da er aber 
wieder wegen Diebstahls ins Gefängnis kam (der Mord war nidit 
entdedct worden), begann erst 1929 jene Reihe von Lustmorden, 
unggfähr^reißig, die während eines ganzen Jahres Düsseldorf in 
A<igst versetzten. Kürten verheiratete sich 1923 mit einer Frau, 
die drei Jahre älter war als er, die er aditete, aber bei der er sehr 
wenig potent war. Beim normalen Koitus mit einer Frau verlor 
sein Glied im allgemeinen sdinell die Erektion. Bloß der sadistische 
Akt konnte sie ihm wiedergeben. Durch die Aggression aber kam 
er selbst ohne Erektion zum Orgasmus. Er kannte keine stärkere 
Möglichkeit, sexuell gereizt zu werden, als die, Blut fließen zu 
hören und es zu trinken. Da das Gesetz eine abnormale sexuelle 
Konstitution nicht als mildernden Umstand ansieht, wurde Peter 
Kürten am 2. Juli 193 1 hingerichtet. (Siehe: Karl Berg, Der 
Sadist. Gerichtsärztlidies und Kriminalpsychologisches zu den 
Taten des Düsseldorfer Mörders. Deutsche Zeitschrift für die gesamte 
geriditlidie Medizin. Julius Springer, Berlin 1931, Bd. 17, 4—5.) 



3^^ Poe und die menschliche Seele 



^ 



Triebursprung geblieben ist, desto lebhafter ist sie. Die Lust- 
mörder haben nun, wenn auch um den Preis ihres Lebens, in 
einem einzigen Wollustrausch die Befriedigung der beiden 
hödisten, die Welt beherrschenden Triebe gefunden: die des 
libidinösen Lebenstriebs und die des aggressiven Todestriebs. 
„Was liegt dem an der ewigwährenden Verdammung, der in 
einer Sekunde die Unendlichkeit des Genusses gefunden hat?"« 
Das Volk fordert, daß der Kopf des Lustmörders falle, 
damit dieser gestraft werde, vielleicht audi, weil sie ihn be- 
neiden — gewiß audi aus Sadismus. Aber darum bleibt dodi 
die Tatsache bestehen, daß das seltsame Schauspiel, das der 
Lustmörder bietet, für den friedlichen, zur Tugend und 
Sanftmut genötigten Bürger zu einer Art großartiger 
Katharsis wird. 



Denn im Grunde eines jeden menschlichen Herzens hausen 
latent die drei Arten von Verbrechern, die wir soeben an uns 
vorüberziehen haben lassen. Der Mörder aus Leidenschaft, der 
in uns schlummert, ist dabei wohl jener Verbrecher, der vor 
dem Tribunal unseres eigenen Gewissens, wie vor dem der 
Gesellschaft am meisten auf Sympathie und Nachsicht redinen 
kann. Der Raubmörder hingegen ist schon eher gebrandmarkt 
als jener erste: während viele Männer zugeben würden, sie 
wären durchaus fähig, einen Nebenbuhler umzubringen, gibt 
es unter ehrlichen Leuten sehr wenige, die sich, selbst unter 
günstigsten Umständen, für fähig halten, auch nur einen Dieb- 
stahl zu begehen. Der Lustmörder schließlich ist bei einem 
Menschen mit vollentwickelter Libido schon derart in die Ver- 
gangenheit gerückt, derart verdr ängt, daß die meisten meiner 

4j) „Qu'importe l'eternitd de la damnation h. qui a trouv^ dans 
une seconde l'infini de la jouissance!" Baudelaire: Petits poimes en 
prose. IX: Le mauvais vitrier. 



Poes Botschafl an die Menschheit 



319 



Leser sidi hartnäckig gegen die Behauptung wehren werden, 
ein verdrängter Lustmörder hause auch in ihnen. 

Und dodi ist dies Tatsache. Die ursprünglidie Verstrickung 
des erotischen Triebs mit dem Aggressionstrieb in den infan- 
tilen, prägenitalen Libidophasen scheint ein Gesetz der Biologie 
zu sein. Ebenso regelmäßig taudit auch die infantile, sadistische 
Auffassung des Koitus auf, jenes Bild eines mörderischen 
Kampfes, bei dem die Frau besiegt wird und von dem jeder 
von uns in seinem Unbewußten eine Art Negativ auf- 
bewahrt hat. 

Im Verein mit der Homosexualität, welche durch die 
fundamentale Bisexualität aller Lebewesen bedingt wird, ist 
somit der Sadismus oder vielmehr der Sado-Masochismus (denn 
der Sadismus kehrt gern zum ersten der Objekte des Todes- 
triebs, dem Ich zurück) der fundamentalste und universalste 
perverse Bestandteil der Libido jedes mensdblichen Wesens. 

Der Sadismus kann jedoch im Bereidie unserer Gesellsdiaft 
nicht nach dem ursprünglichen realen Ansprudi befriedigt 
werden. Damit er nun bei uns Bürgerredit erlangt, muß er sich 
umformen, sublimieren, seine grob-erotische Färbung verlieren, 
er muß etwa zu dem Bedürfnis werden, die Frau oder den 
Ruhm zu erobern oder Kenntnisse zu erlangen, er muß sich 
nachx^diesem oder jenem sozialen Schema das "Weltall unter- 
werfen. Auf solche Weise kann der grausame Gott mit dem 
erhobenen Messer unkenntlich gemacht und angebetet werden. 

Am besten gelingt es dem Sadismus, die Anbetung seiner 
Getreuen zu erzwingen, wenn er, wie bei den Zwangsneur- 
otikern, die Heudilermaske der Sozialmoral vornimmt. Die 
Moral wird nämlidi, wie Freud*^ gezeigt hat, im wesentlichen 
durch die Rückkehr der als Moralgewissen in jedem Mensdien 
lebendigen Aggressionslust zu der eigenen Person begründet. 



46) Das Unbehagen in der Kultur. 



310 Poe und die menschliche Seele 

Wird nun diese Aggression zu stark erotisiert, dann haben 
wir das Bild einer Zwangsneurose mit allen ihren Symptomen 
vor uns, mit all den Zweifeln, den übertriebenen Gewissens- 
bissen, mit denen der Zwangsneurotiker sich und seine Um- 
gebung quält. Sadismus und Masodiismus sind eben ein einziger 
und gleicher Trieb, nur das Objekt wechselt. 

Aber der mensdiliche Sadismus findet (wie alle unsere 
Triebe) manchmal auch eine unmittelbarere Art, sidi zu be- 
friedigen, und doch innerhalb des Erlaubten zu bleiben; audi 
hier kommt uns, wie jedesmal, wenn wir durch unsere ver- 
drängten Triebe gar zu heftig zu leiden haben, die Kunst zu 
Hilfe. Besteht nicht die Funktion der Kunst darin, mit Hilfe 
einer Prämie, der ästhetischen Vorlust, andere, intensivere 
Möglichkeiten von Lustgefühlen frei zu machen, solche nämlich, 
die an einer Scheinbefriedigung überaus schuldbeladener und 
verdrängter Wünsche gebunden sind? In der ersten Reihe dieser 
Wünsche steht der Sadismus, bei dem sowohl der Aggressions- 
trieb als auch die Erotik sich ungehindert ausleben. Wir sind 
daher nicht überrasdit, daß in unserer Zeit, in der die Triebe 
nach Befreiung schreien, viele unserer Zeitgenossen sowohl 
Lamartine als auch Musset und Victor Hugo für langweilig 
oder sentimental halten, und Baudelaire zum größten französi- 
schen Dichter des neunzehnten Jahrhunderts ernennen. 

Nicht nur die vollkommene Form der Blumen des 
Bösen verhilfl uns zu einem ästhetischen Lustgefühl seltener 
Qualität, auch der innere Gehalt dieser Gedichte, die In- 
spiration, aus der sie hervorgegangen sind, spredien eine 
Sprache, die man bei Lamartine, Musset oder Hugo vergeblich 
suchen würde. Die warme, tiefe, herzergreifende Melodie, die 
aus den Dichtungen Baudelaires tönt, die des Sadismus, ist 
aber aucJi mehr als nur eine Farbe der Fleurs du Mal, als eine 
Tönung der Poemes en Prose: sie ist ihr eigentliches Wesen, 
ihre Substanz. 



Poes Botschaft an die Menschheit 321 

Es war natürlich nicht nötig, daß diese Visionen, zum 
Beispiel die, wo er ins Herz seiner Madonna die sieben Messer 
warf oder jene andere, in der er davon träumte, der Hüfte 
ApoIIoniens „eine breite und tiefe Wunde" beizubringen und 
dort, „schwindelerregende Süße!", sein „Gift" einzuflößen, daß 
also diese Vorstellungen bei Baudelaire von Erektionen be- 
gleitet waren — allerdings wissen wir auch nichts davon. Aber 
die Lust, welche jene Darstellungen begleitete, war darum nicht 
weniger erotischer Essenz, weil sie vielleicht nur zerebral ge- 
wesen; audi heute noch ist dies bei den Lesern, denen die Fleurs 
du. Mal gefallen, nicht anders. 

Und wenn schließlich der Sadismus der Phantasie, der in 
uns durdi das Kunstwerk befreit wird, auch weniger intensiv 
ist als der Sadismus der Aktion, und wenn er auch nicht in 
einen physischen Orgasmus mündet, wie jener, so gewinnt 
dieser literarisdie Sadismus doch durch die Dauer und 
Qualität des Genusses, was er an Intensität verloren hat. 

* 

Auf diesem langen Umweg in die Bezirke der Trieblehre, 
durch diese Rückkehr zu Baudelaire, sind wir ganz nahe an 
unser Ziel herangekommen. Denn wenn der universale 
Sadismus, der in den Herzen der Menschen sdilummert, die 
glänzende /Wirksamkeit eines Künstlers wie Baudelaire er- 
klärbar liiadit, so erklärt er gleichzeitig auch, wie wir sehen 
werden, den tieferen Grund, warum Poe sowohl auf Baude- 
laire als auch auf uns alle einen so tiefen Eindruck hervor- 
rufen mußte. 

Aber eine Einwendung steht immer noch auf unserem Weg. 
Poe war im wesentlichen nidit ein Sadist, sondern ein Nekro- 
philer! Geht nun von der Nekrophilie der gleiche schicksalhafte 
Zauber für die menschliche Psyche aus wie vom Sadismus? 

Die Nekrophilie ist im manifesten Zustand anscheinend 
noch seltener anzutreffen, sie ist aber audi noch scheußlicher 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 21 



322 Poe und die menschliche Seele 

als der Sadismus; wenn ein großer manifester Nekrophile auf- 
taucht, Bertrand''^ oder Ardisson*^ zum Beispiel, dann ruft er 
beim Publikum einen womöglich nodi heftigeren Widerstand 
hervor als ein Sadist, da er sowohl das Gewissen als auch den 
ästhetischen Sinn der Menschen beleidigt und zur Empörung reizt. 

Ein kurzer Überblick über die in der Literatur zitierten 
seltenen Fälle von Nekrophilie zeigt uns nun, daß es an- 
scheinend drei Arten dieser Perversion gibt. 

Zur ersten gehört die Ardissons. Sie steht auf der tiefsten 
Stufe: diese Nekrophilie kennt keinen Unterschied zwischen 
dem lebenden und toten Geschöpf. Wir wissen aber, daß 
Ardisson, ein schwachsinniger Mensch, keinen Gerudisinn besaß 
(Anosmie). Der Geruch, den seine Partnerinnen ausströmten, 
belästigte ihn daher nidit, und da er außerdem Totengräber- 
gehilfe war, konnte er sich die „Gelegenheit" zunutze machen, 
kurz, er entschädigte sich an der toten und immer gefügigen 
Frau dafür, daß die lebenden ihn verachteten, zurüdkwiesen 
und sich über ihn lustig machten. 

47) Der Sergeant Bertrand, ein Soldat von freundlichem und 
angenehmem Äußeren, wurde 1849 vom zweiten Kriegsgeridit in 
Paris zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er wiederholt Leichen 
auf den Friedhöfen von Paris gesdiändet hatte. Er war auf dem 
Friedhofe Montparnasse ertappt worden. (Siehe: Affaire du sergent 
Frangois Bertrand, du y4^ de ligne, devant le 2« Conseil de Guerre 
de Paris, Gazette des Tribunaux, 11. Juli 1849; Lunier: Examen 
medico-legal d'un cas de monomanie instinctive: ajfaire du sergent 
Bertrand, Annales medico-psydiologiques, Tome XIII, 1849, Bd. I, 
S- 3JI — 389; Midiea, Des deviations maladives de l'appetit venerien. 
Union m^dicale, 17. Juli 1849.) 

48) Victor Ardisson, ein Debiler, Totengräbergehilfe in Muy 
(Var), hat wiederholt Gräber erbrochen und Leidien gesdiändet; er 
wurde auf Grund des geriditsärztlidien Befundes 1901 in Pierrefeu 
(Var) interniert, wo er noch lebt, und wo idi ihn am 22. Sep- 
tember 193 1 sehen konnte. (Siehe: Michel Belletrud u. Ed. Mercier: 
Contribution ä l'etude de la necrophilie. L'affaire Ardisson. Paris 
1906, Steinheil; Epaulard, These sur le vampirisme. Lyon 1901, 
A. Stords et Cie.). 



Poes Botschaft an die Menschheit 323 

Zur zweiten Art von Nekrophilie scheint die Bertrands 
gehört zu haben; leider besitzen wir über sie, wegen der 
Prüderie, die in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts 
herrschte, nur wenig Tatsachenmaterial. Bertrand, der allem 
Anschein nadi eine ausgesprochene Vorliebe für weibliche 
Leichen hatte, fand ein besonderes Vergnügen daran. Tote zu 
verstümmeln, mit dem Messer auf sie loszustechen, den Körper 
(so wie die Lustmörder die Lebenden) aufzusdilitzen, und erst 
dadurch, wieder so wie die Lustmörder, zum Genuß zu kommen. 
Anläßlich ähnlicher, überaus typisdier Fälle von Nekrophilie 
schrieb sdion KrafFt-Ebing sehr riditig, nachdem er sie den 
ersteren, die vor allem die Gefügigkeit ihrer Partnerin sudien, 
gegenübergestellt hatte: „Vielleicht schreckt ein Rest moralischer 
Bedenken von der Vorstellung grausamer Akte am lebenden 
Weibe ab, vielleicht überspringt die Phantasie den Lustmord 
und hängt sidi gleich an sein Resultat, die Leiche."*" 

Es dürfte daher zwischen den unverfälschten Lustmördern 
und den/sadistisdien Nekrophilen ungefähr der gleidie Unter- 
schied ^bestehen, wie zwischen dem Löwen, der die lebende 
Beute angeht, und der Hyäne, die sicJi für gewöhnlich mit 
toter Beute begnügt. 

Die Nekrophilen scheinen tatsächlich nidits anderes als 
schüchterne oder eingeschüchterte Lustmörder zu sein. Aber 
das ist nicht alles, was die Psyciioanalyse über sie zu sagen 
weiß. Die Psychoanalyse hat uns auch gelehrt, daß die Beob- 
achtung des Erwadisenen-Koitus durch die Kinder bei diesen 
stets die Vorstellung geweckt hat, der Mann habe sich gegen die 
Frau gewalttätig benommen. Nun haben sowohl die Lust- 
mörder als auch die Nekrophilen, ja übrigens beinahe alle 
Menschen, in ihrer Kindheit diese Beobachtung gemacht. Aber 



49) R. von Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. 
F. Enke, Stuttgart 1912, 14. Auflage, S. 84. 



324 Pos und die menschliche Seele 

die Lustmörder und die sadistisdien Nekrophilen — die beide 
an die prägenitalen Phasen des Triebes fixiert oder zu ihnen 
regrediert sind und zu der sadistischen Auffassung des Koitus, 
die diese Phase beherrsdit — untersdieiden sich wahrscheinlich 
dadurdi voneinander, daß jeder von ihnen an eine andere 
Stelle der gleichen Szene des mordenden Erwachsenen-Koitus 
fixiert war. 

Während nämlidi die Sadisten, deren Aggressionstriebe 
konstitutionell wesentlidi stärker und widerstandsfähiger zu 
sein scheinen, später in ihren Handlungen eine vollkommene 
Identifizierung mit dem mordenden Vater durchzuführen 
wagen, begnügen sich die Nekrophilen, die von Geburt aus 
sciiüciiterner und tatsäciilich eingeschüchtert sind (Bertrand war 
ein sanfler, verdüsterter, schüchterner Mensch), damit, sich zur 
Mutter zu schleichen, zu der vom Schicksal — diesen erhabenen 
Vater — bereits getöteten Frau. Dort bemäciitigen sie sich des 
Opfers, das der Vater zurückgelassen hat, oder (und das ist der 
typischere Fall) sie reproduzieren, aber auf einer Leiciie, auf 
einem Schattenbild der Lebenden, die Handlungen des 
mordenden Vaters, wobei sie mancäimal bis zu der kannibali- 
schen Regression des Lustmörders zurückgehen. Dadurch er- 
sparen sie sicii auch, zugleich mit der mörderischen Aggression, 
das Henken. 

Bei der dritten Art von Nekrophilie müssen wir uns fragen, 
inwieweit und wie ofl sie in der Realität überhaupt manifest 
wird, denn sie ist schwerer nachzuweisen als die andern. Es 
handelt sidi hier um die Nekrophilie aus Treue, um jene 
Nekrophilie also, über die wir bei Edgar Poe bereits aus- 
führlich gesprochen haben. 

Wie ofl wird sie nun manifest? Wie ofl gescliieht es, daß 
ein in Tränen aufgelöster Liebhaber seine Geliebte noch 
nach dem Tode besitzt, da Liebe nicht verzichten will, und 
so in einer letzten Aufwallung den eingewurzelten Ekel, den 



Poes Botschaft an die Menschheit 3zy 

der lebende Mensdi, das lebende Fleisch vor dem toten hat, 
überwindet? Das kann man unmöglich wissen. 

Tatsadie ist, daß die von Autoren zitierten Fälle dieser Art 
von Nekrophilie hauptsädilidi dem Bereidi der Legende anzu- 
gehören scheinen. „Die normalste (unter den Nekrophilien)", 
schreibt Jones,^" „scheint kaum etwas anderes zu sein als eine 
Ausdehnung der Rolle, welche von der Liebe während der 
Trauer gespielt wird: sie wehrt sich auf das entschiedenste da- 
gegen, das Ereignis anzuerkennen und sich für immer vom ge- 
liebten Objekt zu trennen." Er zitiert nun mehrere Fälle dieser 
Art von Nekrophilie, die er bei antiken Schriftstellern findet: 
nach Herodot soll der Tyrann Periander selbst nach dem Tod 
seiner Frau Melissa zu ihr in Beziehungen gestanden sein, der 
König Herodes soll seine Frau Mariamne noch sieben Jahre(!), 
nachdem er sie hatte ermorden lassen, besessen haben; ähn- 
liche Legenden werden auch von dem König "Waldemar IV. 
oder von Karl dem Großen erzählt. Dann weist Jones 
darauf hin, daß dieses Thema besonders in der modernen 
Literatur häufig verwertet wurde: unter anderem von Hein- 
rich V. Kleist in der Marquise von O., von Otto 
Ludwig in seiner Marie, von Heine in seiner B e- 
schwörung, von Zacharias Werner in den Kreuzes- 
brüdern, von Brentano in den Romanzen vom 
Rosenkranz, von de Sade in seiner J u 1 i e 1 1 e. Wir er- 
gänzen diese Liste durch Victor Hugos Notre-Dame de 
Paris, wo sich Quasimodo ins Grab der Esmeralda schleicht, 
um sich an der Leiche der Hingerichteten der Leidenschaft, die 
er für die lebende Tänzerin empfand, hingeben zu können. 

Aber gerade die Tatsache, daß diese Art von Nekrophilie 
im Märchen und in der Literatur auftaucht, weckt_un^ere 



50) On the Nightmare. Leonard & Virginia Woolf, London, 
„The Hogarth Press", 193 1, S. iii. 



c. 



3^6 Poe und die menschliche Seele 

Aufmerksamkeit. Sie mußte nämlich, um zu der Ehre zu 
gelangen, Mythos zu werden, einem im Mensdien prä- 
existierenden Ideal entsprechen, und dieses Ideal ist jene Liebe, 
welche den Tod überlebt, jene Treue, die über den Tod hinaus 
nicht vergeht. Das sind die mildernden Umstände, durdi welche 
die Nekrophilie für die Ästhetik und Moral annehmbar, durch 
welche sie poetisch werden konnte: der Nekrophile dieser 
letzten Kategorie wurde zum Liebhaber kat' exochen. 



Man kann nun leicht sehen, daß in Edgar Poe, natürlidi 
nach einem latenten, sein ganzes Leben hindurch von einem 
Objekt auf das nädiste übertragene Sdiema, zwei Arten von 
Nekrophilie nebeneinander vorhanden waren: die Nekrophilie 
aus Treue und die eigentliche sadistisdie Nekrophilie. Die eine 
schließt dabei tatsächlich die andere nidit aus, und die Treue 
zum Liebesobjekt kann ja auf die verschiedenartigste Weise 
zum Ausdruck kommen. 

Bei Baudelaire zum Beispiel sdiloß der sadistisdie Haß auch 
treue Liebe nicht aus. Darum war das Werk Edgars imstande, 
die Seele Charles so vielfach zum Mitklingen zu bringen. 

Einerseits konnte der tief in Baudelaire verwurzelte Sa- 
dismus sich in der sadistischen Nekrophilie Edgar Poes bis auf 
wenige geringe Unterschiede wiedererkennen. Für den Sadisten 
Baudelaire stellten sowohl das Leben als auch das Werk 
Edgar Poes, des Nekrophilen, eine Art Ideal dar. Während 
nämlich die Mutter Charles, die geliebt und zugleich gehaßt 
worden, am Leben und für die sieben Messer des Sadismus 
ihres Kindes unerreichbar geblieben war, hatte das Schicksal im 
Leben und Werk Edgars das realisiert, wonach der Sadismus 
Charles strebte: den wirklichen Tod der Mutter, den Tod mit 
dem ganzen Trauerzug von Verwesung, der ihm folgte. Daher 



Poes Botschafi an die Menschheit 327 

konnte sidi Charles in den "Werken seines „Bruders" leidit 
am Verwesungsdunst berauschen, welcher den mütterlidien 
Leichnam, der so gebührenderweise besessen und bestraft 
worden war, umschwebte. 

Aber audi das zweite Element, die Nekrophilie aus ewiger 
Treue, die aus der Fixierung an die Mutter der Kindheit ent- 
standen war und das ganze Werk Edgar Poes inspiriert hatte, 
mußte im Herzen Baudelaires ein starkes Echo finden. War 
nicht audi Charles, trotz Jeanne und trotz Loudiette, seiner 
Mutter verzweifelt treu geblieben? Auch darum also konnte er 
Edgar als einen „Bruder" jenseits des Ozeans begrüßen. 

Daher sdiwebte dem Dichter Baudelaire an den Abenden, 
an denen es den Liebhaber Jeannes vor der Mulattin ekelte, 
der Gatte Virginias als eine Art Idealmensch vor, weil Charles 
nicht erkannte, die ätherisdie Liebe Poes sei Impotenz; un- 
bewußt hat er es aber vielleicht geahnt. Poe hatte seine Gattin 
in reiner Zärtlichkeit lieben können, eine Gattin, die, weitaus 
besser als Baudelaires Jeanne, im Gatten, wenn auch nur durch 
die Sdiwindsucht und das Blutspucken, die Erinnerung an die 
Mutter der Kindheit wiedererweckt hatte, an eine Mutter, die 
das Sterben der Wiederverheiratung vorgezogen hatte. 

Sdhließlidi bot das Leben Poes dem französischen Diditer 
auch noch die Verwirklidiung eines andern infantilen Ideals. 
Wurde nicht Edgar, selbst nach seinen schlimmsten Streidien, 
wie ein Kind von der in Maria Clemm wiedergefundenen 
„Mutter" auf das zärtlichste geliebt und gepflegt, und hat sie 
ihm nicht immer verziehen? Daher klingt auch in der ihr von 
Baudelaire zugedachten ehrerbietigen Widmung, die der Über- 
setzung der „H istoires extraordinaires" voran- 
gestellt ist, ein Ton auf, der einem Schrei nach Caroline durqi- 
aus ähnlidi ist, und in die Worte übersetzt werden kann: 
„Mutter, warum bist Du nicht so!" 



32.8 Poe und die menschliche Seele 



^ 



■Wir haben den Einfluß Poes auf Baudelaire nur deshalb so 
ausführlich behandelt, weil es keinen deutlidiei-en, sdilagen- 
deren Beweis gibt für das, was im Werk Poes das Herz aller 
Menschen ergreift:, als die Wirkung, die es auf den französi- 
schen Diditer ausgeübt hat. 

Die beiden Arten von Nekrophilie, welche die eigentlidie 
Substanz der Poeschen Inspiration bilden, finden nämlich auch 
in anderen Seelen als in der des unverfälschten Sadisten Baude- 
laire ihr Echo. Beweis dafür: die Tatsache, daß seit dem Tode 
des armen Eddy, also seit fast hundert Jahren, unzählige 
Ausgaben der Geschichten in allen Sprachen und in 
allen Ländern verbreitet wurden. 

"Wir haben auch schon über den in jedem menschlichen 
Herzen schlummernden Sadismus gesprochen; und was die 
Treue anlangt, jeder meiner Leser wird gerne zugeben, daß sie 
eines der edelsten Ideale der Menschen ist. Ja, sie ist sogar 
noch mehr: dieses Ideal ist in stärkerem oder scJiwächerem 
Maße die Wiedergabe unserer allgemeinen Fixierung an die 
Neigungen unserer Kindheit. Wir alle bleiben ihnen im 
Grunde unserer Seele treu, und zwar in einem Ausmaß, dessen 
Umfang wir deshalb nicht richtig erkennen können, weil sidi 
die Untreue bemüht, uns manchmal in unserem Leben der 
Treue zu entreißen. Wir finden diese Treue wider Willen 
in jeder neuen Liebesbeziehung wieder. Und wer je mensch- 
liciie Geschöpfe analysiert hat, weiß auch, daß gerade diese 
ursprüngliche Treue, diese unbewußte Fixierung an unsere 
ersten Liebesbeziehungen, denen wir uns nidit entziehen 
können, das größte psychische Leiden des mensdilichen Ge- 
schlechtes bedingt, was die Geschichte jeder einzelnen Neurose 
klar beweist. 

Das kann uns nicht in Erstaunen versetzen. Die mensdiliche, 
auf die Vergangenheit bezogene Treue ist nämlich nur ein 
besonderer Fall des Wiederholungszwangs, der das Triebleben 



Poes Botschaß an die Menschheit 329 

und im übrigen das ganze Leben beherrscht, ein Zwang, der 
seinerseits wieder aus dem Trägheitsgesetz hervorgeht, das die 
ganze Natur regiert. 

Daher sind mit Recht die Menschen aller Zonen von dem 
großartigen Gemälde fasziniert, das Edgar Poe gezeichnet hat; 
sie können sidi seinem Zauber einerseits deshalb nicht entziehen, 
weil es die unwandelbare Treue zur Vergangenheit, zu dem 
geliebten, verlorenen Wesen, zur Voraussetzung hat, anderer- 
seits aber wegen des in der Tiefe schlummernden Sadismus, den 
es verrät, und der auch in jedem von uns, solange wir leben, 
in Bereitschaft steht, wieder lebendig zu werden. 

Der große kathartisdie Wert eines Werkes, wie es das Poes 
ist, wird aber noch deutlicher siciitbar, wenn man daran denkt, 
wie universal jenes Gefühl auf allen Menschen lastet, das 
Schopenhauer den Weltschmerz genannt hat. 

Es ist gewiß schön, ein Optimist zu sein, wie die Jugend 
immer nach vorwärts zu schreiten, an die Güte, an die Sdiön- 
heit des Lebens zu glauben. Aber eine solche Vision ist nur eine 
der Illusion, nicht eine der Realität. Bloß die Pessimisten haben 
recht. Denn „es ist eine fürchterliciie Sache, fühlen zu müssen, 
wie alles dahingeht, was man besitzt", hat Pascal gesagt, und: 
„Der letzte Akt ist blutig, so schön das Spiel im übrigen auch 
sein mag."^^ 

Die Religionen haben nun ein Mittel gegen den Weltschmerz 
gefunden: sie verschieben das Glück, mit dem Leben, in die 
Ewigkeit. Die Religionen wurden im Unbewußten des Menschen, 
der sich für unsterblich hält, gezeugt, noch heute ist es ihr 
Komplize geblieben. 

51) C'est une diose horrible de sentir s'ecouler tout ce qu'on 
poss^de," — „Le dernier acte est sanglant, quelque belle que soit 
la comedie en tout le reste." 



33° Poe und die menschliche Seele 

Aber immer mehr verstummt für die bedrückten Mensdien 
dieses „alte Lied", das ihr Elend wiegte. Und audi der 
sozialistische Tribun, von dem dieses "Wort stammt, hat das 
Paradies auf Erden nicht errichten können, auch irgendeiner 
seinesgleidien, selbst in Moskau nicht! Der letzte Akt des 
Spiels wird auf Erden immer blutig sein, und das genügt, um 
die Meinung der Pessimisten zu rechtfertigen. 

Gegen den Weltschmerz gibt es nun bloß zwei Mittel. Das 
eine hat Freud im Unbehagen in der Kultur vor- 
geschlagen: der persönliche Narzißmus des Menschen wird auf 
die Gesamtheit verschoben; für diese größere Einheit, unsere 
Gattung, muß man leben und arbeiten, ohne sich um seine 
eigene Vergänglidikeit zu kümmern. Aber zu solcher Sublimie- 
rung sind nur wenige Seelen fähig, und der Weltschmerz bleibt 
bestehen. 

Zum Glück für den Menschen, der sich der Welt der 
Schmerzen, in der er leben soll, anpassen muß, ist diese Lösung 
nicht die einzige, die sich ihm bietet. Es gibt noch ein anderes 
Mittel gegen den Weltschmerz, so wenig sdiön es audi 
aussehen mag: es ist in der erotisierten Aggression, mit einem 
Wort im Sadismus enthalten. Der zivilisierte Mensch kann 
nämlich, obwohl er in seinem äußeren Verhalten gehemmt 
und sanftmütig ist, den Anblick des Unglücks, das ihn umgibt 
und sogar bedroht, sehr wohl und leicht „genießen". Er „ge- 
nießt" nämlich, audi wenn er es nicht zugeben will, in der 
Phantasie mehr oder weniger intensiv die verschiedenartig- 
sten Weltkatastrophen — und dies, obwohl er sie bewußt 
beklagt und bedauert. Und wenn er sidi über sie freut, so 
gesciiieht dies zu seinem Nutzen, weil er gerade durch dieses 
Verhalten leben und sterben, mit einem Wort sich mit der ihn 
umgebenden Atmosphäre des Unglücks abfinden kann. 

Das allgemeine Interesse an Zeitungen, in denen es an 
Beriditen über verschiedenartigste Katastrophen und Grausam- 



3 



Poes Botschaft an die Menschheit 331 

keiten nur so wimmelt, ist ein eklatanter, deutlidier Beweis 
für den allgemein auftretenden „zusdiauenden" Sadismus des 
Menschen. Die jüngste Leidensdiafl der Mensdien, das Inter- 
esse am Kino, bestätigt neuerlidi die gleiche Neigung. Und 
es ist sdion lange her, daß Aristoteles die tiefere Natur 
der Katharsis, des Abreagierens durchschaut hat, die in 
der Seele des Zuschauers durdi die griechische Tragödie geweckt 
wurde. 

Ein Kunstwerk, aus dem alles Unglück ausgeschlossen ist, 
und in dem es nur Sanftmut und Glück gibt, macht immer 
einen mehr oder weniger langweiligen Eindruck. Die libidinösen 
Triebe drängen sich unabweislich der Kunst auf, aber auch die 
Aggressionstriebe bleiben an Stärke nicht hinter ihnen zurück. 
Darum müssen der Held oder die Heldin meistens sterben. 

Und unter den Künstlern, diesen Auserwählten, die 
dazu beauftragt sind, den andern Menschen die Abfuhr 
(Katharsis) ihrer verdrängten Triebe möglich zu machen, 
nehmen jene einen besonderen Platz ein, die große Schriftsteller 
und zugleich latente, aber unverfälschte Sadisten sind und die 
erotische Aggression gegen das erste aller Opfer, gegen die 
Mutter, die Frau, zu besingen verstanden haben. Daher werden 
die Menschen, solange es Menschen gibt und BücJier, bezaubert 
auf den „makabren Lichtstrahl" blicken, der bei den Poes und 
bei den Baudelaires auf „dem Himmel der Kunst" aufleuchten 
durfte. Und sie werden beim Lesen dieser Diditer jenen 
„Schauer" fühlen, den Victor Hugo zu unrecht für einen 
„neuen" hielt, wo er doch so alt ist wie der Sadismus, das heißt 
wie der Mensch. 



LITERATURVERZEICHNIS 

(Im Text nidit zitierte benützte Werke sind mit einem * versehen.) 

ABRAHAM, Karl: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 
auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen. Leipzig, Wien, 
Züridi, Internat. Psychoanal. Verlag, 1924. 

ALEXANDER, Franz, und Hugo STAUB: Der Verbrecher und seine 
Richter. Ein psychoanalytischer Einblick in die Welt der Para- 
graphen. Wien, Internat. Psychoanal. Verlag, 1929. 

ALLEN, Hervey: Israfel. The Life and Times of Edgar Allan Poe. 
London, Brentano's Ltd., 1927, 2. Bde, 932 S. 

— and Thomas Ollive MABBOTT: Poe's Brother. The poems of 
William Henry Leonard Poe. lUustrated with a preface, intro- 
duction, comment and facsimilies of new Poe documents. New 
York, George H. Doran Cy, 1926, 93 S. 

*AUPICK, Mme V^«: Lettres inedites. (Las derniers jours de Charles 
Baudelaire. Documents inedits par Jaques Crepet.) — La Nou- 
velle Revue Franfaise, i. November 1932, S. 641 — 671. 

BALTHAZARD, Dr. Victor: Precis de medecine legale. Paris, Libr. 
J. B. Bailli^re et Fils, 1928, 4. Auflage, XI u. 655 S. 

BARINE, Arvede (Mm" VINCENS): Poetes et nevroses. Paris, 
Hadiette, 1908, 363 S. 

BAUDELAIRE, Charles: Oeuvres completes. Paris, Calmann-Levy, 
9 Bde. 

— Oeuvres completes. Edition critique par F.-F. Gautier, continuee 
par Y.-G. Le Dantec. Paris, Edit. de la Nouvelle Revue Fran- 
faise. (Im Erscheinen.) 

— Oeuvres completes. Notice, notes et ^claircissements de Jacques 
Crepet. Paris, Louis Conard. (Im Erscheinen.) 

— Oeuvres posthumes et correspondances inedites, prec6dees d'une 
^tude biographique par Eugene Crepet. Paris, Maison Quantin, 
1887, CIV u. 333 S. 

— Lettres inedites ä sa mere. Priface, notes et index de Jacques 
Cripet. Paris, Louis Conard, 19 18, XVI u. 411 S. 



Literaturverzeichnis 333 



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un avertissement et des notes de Jacques Cr^pet. Paris, Editions 

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Internat. Psychoanal. Verlag, Wien 1933.) 

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komplexes der Frau. Internat. Zeitsdir. für Psydioanalyse, XIII, 
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LANGLOIS, Eustadie-Hyacinthe: Essai historique et descriptif sur 



330 Literaturverzeichnis 

la peinture sur verre ancienne et moderne et sur les vitraux 
les plus remarquables de quelques monuments frangais et 
etrangers, suivi de la biographie des plus celebres peintres-verriers. 
Rouen, E. Fr^re, 1832, XVI u. 302 S. 
LAUVRIfiRE, Emile: Edgar Poe. Sa vie et son ceuvre. Etüde de 
Psychologie pathologique. Paris, F61ix Alcan, 1904, XIII u. 730 S. 

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— The works of the late Edgar Allan Poe with a memoir by Rufus 
■Wilmot Griswold and notices of his life and genius by N. P. 
Willis and J. R. Lowell. New York, Redfield, 18J3, 3 Bde. 

— Edgar Allan Poe Letters tili now unpublished. In the Valentine 
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by Mary Newton Stanard. Philadelphia and London, J. B. Lippin- 
cott Cy., 192J, 330 S. 

— English Notes. A rare and unknown work being a reply to 
Charles Dickens' „American Notes". With critical comments 
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von Theodor Etzel. Im Propyläenverlag zu Berlin. 6 Bde. 

— Französisdie Ausgabe: Charles BAUDELAIRE, CEuvres com- 
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Berlin.) 
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1908, 46 S, Porträt. {Grenzfragen der Literatur und Medizin in 

Einzeldarstellungen. Herausgegeben von Dr. S. Rahmer, Berlin, 

8. Heft.) 
RADÖ, Sdndor: Die psychischen Wirkungen der Rauschgifle. Versuch 

einer psychoanalytischen Theorie der Süchte. Internat. Zeitsdirift 

für Psychoanalyse, XII, 1926, S. 540 ff. 
RANK, Dr. Otto: Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch 

einer psychologischen Mythendeutung. 2. Auflage. Leipzig und 

Wien, Franz Deuticke, 1922, VII u. 160 S. (i. Auflage 1908.) 

— Die Don-Juan-Gestalt. Leipzig, Wien, Zürich, Psydioanal. Verlag, 
ohne Jahreszahl, 83 S. 

— Der Doppelgänger. Imago, III, 1914, S. ^y ff. 

— Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psycho- 



Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 



3 3 8 Literaturverzeichnis 



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TISCHENDORF, Julius: Das deutsche Vaterland. Ein Beitrag zur 
nationalen Erdkunde, Leipzig, Ernst "Wunderlich, 1925, XIII u. 
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WULFFEN, Dr. Erich: Der Sexualverbrecher. Berlin, Langensdieidt, 
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Mythologie asiatique illustree. Paris, Librairie de France, o. J. 

Impr. de Compiegne 193 1, X u. 432 S. 
Violations nocturnes de sepultures. Mutilations de cadavres. Affaire 

du sergent Frangois Bertrand, du 74^ de ligne, devant le 

2^ Conseil de guerre de Paris. Gazette des Tribunaux, 11. Juli 

1845. 



1 



REGISTER 

Die Indizes wurden vom Übersetzer des vorliegenden Werks nadi 
den von Herrn Sello Frenkel hergestellten Verzeichnissen der 
französischen Ausgabe für die deutsche bearbeitet. Das Literatur- 
verzeichnis der Originalausgabe wurde von Herrn Cl. Reizler 

verfaßt. 

A. BIOGRAPHISCHER, LITERARISCHER UND 
BIBLIOGRAPHISCHER INDEX 

In diesem Index sind die in diesem Werk genannten Personen, 
Autoren und zitierten Werke verzeichnet. Die Titel von Veröffent- 
lichungen sind kursiv gedruckt, die Titel der Werke Poes, weldie 
in dieser Liste erwähnt werden, in Versalien. 

Abbott, Edward: I 352. 

Abel, Karl: III 26J. 

Abraham, Karl: II 20, 16S, 416, III 310. 

Ada (Gestalt aus TAMERLAN): I 66, 67. 

Addison, Joseph: I 35. 

Ägäus (BERENICE): I 135, II n— 21. 

Agamemnon: III 57. 

Ahasver: II 322—327, 335, 336, III 123, 266. 

Alec: siehe Crane, Alexander. 

Alexander, Franz: III 313. 

Alexander' s Weekly Messenger: I 162. 

Allan Sc Ellis: I 31, 33. 

Allan, Frances Keeling, geb. Valentine („Ma"), Adoptivmutter Edgar 
Poes: I 14, ij, 18, 20, 22, 24, 25, 30, 36, ji, 77, 78, 79, 80, 91, 
92, 93> 99' 100 — io6> 110. 113, 142. 149, 282, 335, 342, 344; 
erzieht Edgar: I 24, 25, 28; mit Edgar in der Kirche: I, 24, 32; 
krank: I 31, 32, 39, 62; bestärkt Edgar in seiner dichterischen 
Sendung: I 37; nach der Galtsdien Erbschaft: I 45; erfährt von 
der Untreue ihres Gatten: I ji; begleitet Edgar nach Charlottes- 
ville: I 52; das Weihnachtsfest für Edgar: I 60; schickt Edgar 
Geld, und versucht vergebens, ihn mit John zu versöhnen: I 65, 
66; Frau Allan im Sterben: I 76, 77, 78, 79; und der Tod Vir- 
ginias: I 240; und ULALUME: I 251, 2j6; und LIGEIA: II, 35, 
39, 40, 42; und DAS STELLDICHEIN: II 91, 93; und METZ- 



J 



Register 



341 



ENGERSTEIN: II 100, 102, 104, 109; und PYM: II 136, 178, 
212; und DER GOLDKÄFER: II 237, 238; und DER VER- 
LORENE ATEM: II 299—303; und DER MANN DER MENGE: 

II 315, 318—321, 326; und die RUE MORGUE: II 367, 375; 
und DIE SCHWARZE KATZE: II 378, 394; und DER ENT- 
WENDETE BRIEF: II 417; und DAS SCHWATZENDE HERZ: 

III 18, 22, 29; und DER ROTE TOD: III J7; und WILLIAM 
WILSON: III 91; und WASSERGRUBE UND PENDEL: III 
i6y, und Das literarische Kunstwerk: III 249, 252, 253, 267, 
281, 297. 

Allan, Jane (Schwester John Allans): I 29. 

Allan, John (Adoptivvater Poes): I 9, 16, 20 — 23, 46, 47, 48, 105, 
III, 123, 128, 131, 133, 138, 190, 262, 282, 325, 34j; seine 
illegitimen Kinder: I 13, 92, 125, II 102, III 90, 91; sein Ein- 
fluß auf Edgar: I 24; er schlägt Edgar: I 16, 37, II 299, 316, 
III 34, 132; in Staunten: I 26; seine Neigung zu Edgar: I 29; 
Rückkehr nach Schottland: I 28 — 30; läßt sich in London nieder: 
I 30; mit Frances in einem Badeort: I 31; sdilechte Geschäfte 
und der Anfall von Wassersucht: I 32, II 317; Abreise nach New 
York: I 33, 34; gibt Edgar in die Sdiule: I 35; Geldverlegenheit: 

I 36; mißbilligt die poetischen Neigungen Edgars: I 37, 38, 82; 
will Edgar aus seinem Haus entfernen: I 39, j2; sein Brief an 
William Henry Poe: I 45, J2, II 254; bezweifelt die eheliche 
Geburt Rosaliens: I 45, ji, j2, 90, 91, 222, II 2J4; beerbt 
William Galt: I 45, 46, III 167; Rüikehr nach Amerika: I 49; 
mißbilligt die Gefühle Edgars für Elmira Royster: I jo, 57, 60; 
Pläne für die Laufbahn Edgars: I 50, III 98; besaß die Briefe 
Elizabeth Poes: I ji, 222; Veröffentlichung der Briefe Poes an 
Allan I 55, j6; Allans Geiz: I 56, j8, 59, 85, 90, 91, 94, iio, 

II 31J; weigert sidi, die Schulden Poes zu bezahlen und nimmt 
ihn von der Universität: I 58, 59, 83, 138, III 98; Bruch mit Poe: 
I 61 — 63, 64 — 66, IIO, 113, II 132; nimmt wieder Fühlung mit 
Poe: I 73 — 7j; läßt Poe, jedoch zu spät, ans Totenbett seiner 
„Ma" kommen: I 77, 78, 80, $^, II 237, 238; gibt Poe die Er- 
laubnis, in West Point einzutreten: I 81, 82; sein Empfehlungs- 
sdireiben: I 83, 84; weigert sich, AL AARAAF zu finanzieren: 
I 8j, 86; läßt Edgar nach Richmond kommen: I 90; der Brief 
„Bullys": I 91, 109, 110; enterbt Edgar: I 91, 122, II 236; will 
Miß Valentine heiraten: I 92, 93; heiratet L. G. Patterson: I 93, 
100; antwortet nicht mehr auf Edgars Briefe: I 9j, 112, 115, ii6, 
123; und AN DIE WISSENSCHAFT: I 99; widersetzt sich 
einer Heirat Edgars mit Mary Devereaux: I 120; verjagt den 
nach Richmond zurückgekehrten Edgar: I 122, 125; sein Tod: I 
125, II 316; und DER RABE: I 225; und ULALUME: I 253, 



342 Register 



^ 



256; und DAS STELLDICHEIN: II 89, 52; und METZENGER- 
STEIN: II 100 — 102, 104; und PYM: II 125, 132, 136, 137^ 
156, 191, 202; und DER GOLDKÄFER: II 216, 217, 236—239; 
und DER VERLORENE ATEM: II 247, 253, 268, 298— 303^ 
304, 305; und DER MANN DER MENGE: II 315—321, 327I 
und die RUE MORGUE: II 367, 372, 374, 375; und DIE 
SCHWARZE KATZE: II 378, 383, 393; und DER ENT- 
WENDETE BRIEF: II 417; und DAS SCHWATZENDE 
HERZ: III 10, II, 18, 22, 28—30; und DIE MASKERADEN: 
III 34, 3j, 41, 42, J9; und WILLIAM WILSON: III 87, 90, 
91, 92, 94, 96, 98, $% iio; und WALDEMAR: III 128, 132; 
und WASSERGRUBE UND PENDEL: III 164, 165; und 
HEUREKA: III 167, 219, 228; und Das literarische Kunstwerk: 
III 24J, 2J0— 252, 2J7. 

Allan, Loujsa Gabriella, geb. Patterson (zweite Gattin John Allans): 
I 91, 100; beschuldigt Edgar der Veruntreuung: I 83, 91, 110; ihr 
Streit mit Edgar: I 122; ficht das Testament Allans an: I i2j. 

Allan, Mary (Schwester John Allans): I 30 — 32, II 319, 320. 

Allbreath: II 292. 

Allen, Hervey (Biograph Poes): siehe Israfel. 

Ambler, C. A.: I 27. 

American Museum, The: II 28, III 158. 

American Whig Review, The: I 198, 246, III 126. 

Amfortas: III 24. 

Analyse der Phobie eines ^jährigen Knaben von Freud: II 63, 389, 
III 39. 

Ancient Mariner, The, von Coleridge: I 157, II 15 — 17. 

Andersen, Hans Christian: III 10 j, 108. 

Andromeda: II 63, 413. 

Annabel Lee (ANNABEL LEE): I 21J— 226, 257, II 64. 

Annie: siehe Richmond, Annie. 

Antäus: II 276, 281. 

Anthon, Prof. Charles: I 194. 

Aphrodite, Marchesa di Mentoni: siehe DAS STELLDICHEIN. 

Apollonie: siehe Sabatier, Aglae Apollonie. 

Appleton's Journal: I 346. 

Aranda- und Loritja-St'dmme in Zentralaustralien, Die, von C. Streh- 
low: II 260. 

Archer, Robert: I yy. 

Arcturus, von Frau Whitman: I 299. 

Ardisson, Victor: III 322. 

Ardisson, L'affaire. Contrihution a l'etude de la necrophilie, von 
M. Belletrud und Ed. Mercier: III 322. 

Aristophanes: II 274. 



5 



Register 343 

Aristoteles: I 264, II 260, 16z, III 172, 331. 

Arnold, General Benedict: I 45, 96. 

Arnold, Elizabeth: siehe Poe, Elizabeth. 

Arnold, Elizabeth (geb. Smith, Frau Henrys, GrolSmutter Poes 

mütterlidierseits): I 10, 16. 
Arnold, Henry (Großvater Poes mütterlicherseits): I 10. 
Arvede Barine: I 281. 
Äsdiylos: II 274, 279. 
Asselineau, Charles: III 285. 

Astarte: I 141, 251, 260, 276, 277, 281, II 240, III 169, 170. 
Astor Library, The: I 203. 
Atkinson's Casket: I 169, 170, II 329. 
Augustinus, Der heilige: II 2J7, 260. 
Aupick, Caroline: siehe Baudelaire, Caroline. 
Aupidc, Jacques (Stiefvater Baudelaires): III 2S8, 290, 294, 295. 

Babylonisches im Neuen Testament von Jeremias: II 232. 

Bacon, Francis of Verulam: I 264, II 30, 31, III 172. 

Balthazard, Victor: II 277. 

Baltimore North American, The: I 49. 

Baltimore Saturday Visiter, The: I 123, II 121. 

Baltimore Sun, The: I 349. 

Barbusse, Henri: III 20. 

Barine Arvede: siehe Arvede Barine. 

Barnabay Rudge, von Dickens: I 173. 

Barnum's Hotel, Baltimore: I 120. 

Baslini, Dr.: II 278. 

Bathhursts, Die: I 236. 

Baudelaire, Caroline (Mutter Baudelaires): II 210, III 285 — 290, 
292, 293, 29J, 296, 297, 300, 327. 

Baudelaire, Charles: I 9, j8, 66, 140, 141, 178, 303, II 8, 47, 75, 
116, 128, 210, III 208, 224; und das Werk Poes: II 8, III 284 — 302, 
318, 320, 321, 326 — 328, 331; zu seiner Übersetzung der 
Diditungen Poes (ausgelassene Stellen, irrtümliche Übertragung): 
II 6^, 72, 73, 75, 210, III 208; Angaben über Baudelaires Leben: 
II 285—296. 

Baudelaire, Charles, von E. Cr^pet: III 284, 291. 

Baudelaire, Charles: Oeuvres posthumes et correspondances inedkes, 
von E. Cr^pet: III 288, 302. 

Baudelaire, Charles: Lettres inedites ä sa mere: III 286. 

Baudelaire, Joseph Franjois (Vater Charles Baudelaires): III 285, 
294. 

Bauer, Edmond: III 203 — 207. 

Bausteine zur Psychoanalyse, von Ferenczi: II 232, III 69, 229. 



344 Register 

Bayrisches Sagenbuch, von A. Kinzinger: II 324. 

Beadle's Monthly: I 350. 

Becket, Der Heilige Thomas: II 257. ' 

Beiträge zur Psychoanalyse des Liebeslebens, von Freud: III 294. 

Belle au Bois dormant, La, von Perrault: II 21, 395. 

Belletrud, Michel: II 322. 

Benton, Sergeant: I 75. 

Berenice (BERENICE): I 19, 135, 144, 249, II 11— 21, 44, 45, 53, 
69, 78, 104, 192, III 86, 2JO, 261, 280. 

Berg, Karl: III 317. 

Berri, Herzogin von: III 44. 

Bertrand, Sergeant: I 144, III 322, 323. 

Beschwörung, Die, von H. Heine: III 325. ■ ■■ 

Bibel, Die: II 120, 259, 321, III 58, 62. 

Bildnis des Dorian Gray, Das, von O.Wilde: III 105. 

Bisco, John: I 198, 200, 204. 

Blackwell, Miss: I 285. 

Blackwood' s Magazine: I 47. 

Blakely Kate (Flirt der Brüder Poe): I 114, 139. 

Blakey J. M.: I 346, 348. 

Bliss, Elam; I 109, 112. 

Bloch, Oscar: II 406. 

Bode, Johann E.: III 194. 

Boleyn, Anne: I 31. 

Boltzmann, Ludwig: III 207. 

Bonaparte, Marie: II 360, 382, III 266. 

Bonaparte, Marie-Laetitia (Mutter Napoleons): II 2jj, 256. 

Bonaventura, Der heilige: II 2J7. 

Boscovich, Roger J.: III 204. 

Boston and Charleston Comedians: I 10. 

Brahma: III 206. 

Bransby, Reverend John: I 31, 32, II 320; und WILLIAM WIL- 
SON: I 32, II 320, III 87, 88, 89, 98. 

Brennan, Martha: I 195, 196. ■ f 

Brennan, Patrick: I 194, 195, 212. 

Brentano, Clemens: III 32J. 

Brett, G. S.: II 262. 

Brewer, E. Cobham: II 323, 32J. 

Briggs, Charles F.: I 197—200, 204, 228. 

Broadway Journal, The: I 50, 98, 197—200, 204, 20f, 228, II 11, 
11, 22, 28, 65, 69, 7j, j^, 97, 113, 121, 24J, 273, 283, 290, 371, 
III 9, 26, 39, 47, 49, j8, 63, 85, 113, 126, 137, IJ4, ij8, 203; 
Poe als Mitarbeiter und Herausgeber: I 197 — 205. 

Brooks, Nathan E.: I 348. 



^ 



Register 34 j 

Brouardel, Dr.: II 277. 

Brown, Charles Brockden: I 47. 

Brown, Thomas: I 160. 

Browne, Architekt: I 1S4. 

Browne, Hablot Knight („Phiz"): II 292. 

Brückensymbolik und die Don-]uan~Legende, Die, von Ferenczi: 

III 69. 
Brünhilde: II 63. . 

Buffon, Georges: III 190. 
„Bully": siehe Graves. 
Burke, William: I 44, jo, 52, II 91. 
Burling, Ebenezer (Jugendfreund Poes): I 3J, 6j, 66; und PYM: 

II 128—133, 139. 
Bums, Robert: I 29, 47. 

Burr, ehester Chauncey: I 329, 331, III 167. 

Burton, 'William Evans: I 161 — 163, 169, II 309, 329, 331, 366. 

Burton' s Gentleman' s Magazine and American Monthly Review. 

I 161, 162, 169, II 22, 46, 309, 329, III 26, 49, 8j. 
Byron, Lord: I 47, 58, 65, 95, II 80, 81, 82, 83, 87, 91, 159. 

Cabell, Julia Mayo: I 336. 

Cabell, Robert L. (Bob), (Jugendfreund Poes): I 128, II 91. 

Caddy: I 281. 

Caesar, Caius Julius: I 47. 

Campbell, Major John: I 83. 

Campbell, Thomas: I 47. 

Canova, Antonio: I 47. 

Caprara, Dr.: II 278. 

Carey, Lea & Carey: I 86, 87, 126, 131. 

Carnot, Nicolas: III 201, 207. 

Caroline: siehe Baudelaire, Caroline. 

Carter, John: I 336, 338, 346, 350. 

Casper, Dr.: II 278. 

Catterina: I 164, 175, 193, 194, 272, 273, 376, 378, 379, 381, 386, 

III 254, 208; Catterina und Virginia: I 183, 236, II 386, III 280. 
Charakter und Analerotik, von Freud: II 232. 

Charleston Players, The: siehe Boston and Charleston Come- 

dians, The. 
Charogne, La, von Baudelaire: III 302. 
Chatterton, Thomas: I 70. ' 

Childs Harold's Pilgrimage, von Byron: II 80. 
Chivers, Thomas Holley: I 203, 227, 232. 
Choiseul-Praslin, Herzog von: III 28j. 
Chonez, R.: II 341. 



34^ Register 



^ 



Churdi Home in Baltimore, The: I 35:3. 

Cicero: I 47. 

Civitas Dei des heiligen Augustinus: II 260. 

Clapeyron, Benoit: III 207. 

Clark, Lewis Gaylord: I 203, 228. 

Clarke, Joseph: I 35, 37, 44. 

Clarke, Thomas C; I 188, 189, 190, 191, 204, 324. 

Clausius, Rudolf: III 207. 

Cleland, Thomas W.: I 132. 

Clemm, Henry (Sohn der Maria Clemm): I 87, 115. 

Clemm, Maria, geb. Poe (Tante und Schwiegermutter Poes, 
„Muddy"): biographisdie Angaben: I 87, 88; nimmt Poe auf: 
I 87, 93, 114, II 10; Poe endgültig bei ihr: I 114, iij; sie 
schreibt an John Allan: I 115, 116; zieht um: I 127, 133, 186, 
194; einzige Stütze Poes: I i2j; die Heirat Virginias: I 126, 
128, 130, 131, 132; will eine Pension eröffnen: I 131; und die 
Beziehungen zwischen Poe und Virginia: I 137; pflegt Poe nadi 
seinen Trunkenheitsexzessen: I 149, 152, II 380; in New York: I 
ij6, 193, 325, 326; wartet auf Poe bei den Grahams: I 172, 173; 
und die Hämoptoen Virginias: I 175; auf der Sudie nach Poe: 
I i8j, II 363; holt Poe ab: I 190; wieder Näharbeiten: I 132, 
192; bei den Brennans; I 194; und DER RABE: I 195; sudit 
Arbeit für Poe: I 196; fördert die Beziehungen zu Frau Osgood: 
I 201; sie und Lowell: I 203; ging nie mit Poe aus: I 212; und 
der Brief Poes an Virginia: I 214; sdiickt Poe Geld: I 214; und 
die „Sternschwestern": I 229; sie wird von Frau Nidiols be- 
sdirieben: I 232 — 234, 236, II 376, 377; das Elend in Fordham: 
I 234, 23j; und Frau Shew: I 237, 241, 243 — 24J, 272, 273; 
schneidet Zeitungsartikel aus: I 238; und der Tod Virginias: I 
240, 241; wird von Frau Weiß beschrieben: I 261; schildert Poe: 
I 262, 268; und TO MY MOTHER: I 274, 275; allein mit 
Edgar: I 274, 277; die verzweifelten Briefe Poes: I 329 — 330, 
331 — 334; Poe sdiicit ihr Geld: I 332; und die Verlobung Poes 
mit Frau Shelton: I 338 — 340, 343, 344, 347; und der Brief des 
Dr. Moran: I 351, 352; und der Tod Poes: I 3J3; ihr Tod: 

I 353; Frau Clemm und ELEONORA: II 66; und DAS 
STELLDICHEIN: II 79; und PYM: II 121, 131, 175; und DER 
GOLDKÄFER: II 234; und die RUE MORGUE: II 331, 361, 
363; und DIE SCHWARZE KATZE: II 376, 377, 378; und 
DIE MASKERADEN: III 32; und BEDLOE: III 123; und 
HEUREKA: III 168; und Das literarische Kunstwerk: III 279, 
327; und die Zerstörung der Briefe Elizabeth Poes: I 51, 222, 

II 253, 368; ferner: I 118, 119, i2j, 132, 162, 164, 181, 246, 
26J, 267, 283, 296, 300, 304, 317, 319, 322, 326, 337. 



Register 347 

Clemm, Virginia Eliza: siehe Poe, Virginia Eliza. 

Clemm, Virginia-Maria (Tochter des William Clemm): I 87. 

Clemm, William (Gatte der Maria Clemm): I 87. 

Clemm, Reverend W. T. D.: I 3J2. 

Coleridge, Samuel Taylor: I 46, 58, 113, 157, II 15 — 17, 160, 161; 

als Opiumesser: I 147. 
Collier, Edwin (illegitimer Sohn Allans): I 22, zj, II 320, III 87, 

90, 91. 
Collier, Frau (Mutter Edwins): I 22. 
Columbian Magazine, The: II 116, III 129. 
Compiegne (Diözese): II 406. 
Complete Poems 0} Edgar Allan Poe, The, herausg. von J. H. 

Whitty: I 139, II 131. 
Complete Works of Edgar Allan Poe, The, von James A. Harrison: 

siehe Virginia Edition. 
Contribution d l'etude de la necrophilie, L'affaire Ardisson, von 

M. Belletrud und Ed. Mercier: III 322. 
Converse, Reverend Amasa: I 132. 
Cooke, Philip Pendieton: I 219. 
Cooper, James Fenimore: I 47. 
Cooth & Sergeant's Tavern (Baltimore): I 350. 
Court House Tavern (Ridimond): I 63, 132. 
Crabbe, George: II, 289. 
Crane, Alexander T. (Alec): I 20 j, 206. 
Cr^pet, Eugene: III 284, 288, 291, 298. 
Crepet, Jacques: III 284, 294, 298. 

Critical Review of Annais of Literature, The, London: I 47. 
Cromwell, Susan: I 235. 
Crooker, Pastor: I 300. 
Cuvier, Georges-Leopold: I 160. 
Cybele: II 240. 
Cyrus: II 271. 

Dab (Sklave der Allans): I 65, II 217. 

Daniel, Prophet: III 58. 

Daniel, John M.: I zSj, 338. 

Dante, Alighieri: I 47. 

Darley, Felix O. C: I 188. 

Darwin, Charles: II 173. 

Daubrun, Marie: III 294, 299. 

Daudet, Leon: III 298. 

Decamerone, von Boccaccio: III 48. 

Dejaneira: II 158. 

Democratic Review, The: III 203. 



t 



34^ Register 

Demosthenes: II 251. 

Descartes, Rene: III 204. 

Desdiamps, Leon: III 298. 

Deuteronomiiim: III 62. 

Deutsche Vaterland, Das, von J. Tischendorf: II 324. 

Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin: III 317. 

Devereaux, James (Onkel Marys): I 121. 

Devereaux, Mary (von Poe geliebt): I 118, 119, 139 — 141, 348, II 
361, 363, 364; schildert das Benehmen Poes: I 120 — 122, 184, 185; 
das Verhalten des Liebenden: I 140, 147, i8j; verläßt Edgar: I 
150; sucht Edgar: I i8j, II 363; und Virginia: I 238 — 241. 

Devereaux, Frau (Mutter Marys): I 121, 140. 

Devergie, Dr.: II 278. 

Deviations maladives de l'appetit venerien. Des, von Midiea: III 
322. 

Diana: I 2J2, II 211. 

Diary, The, von E. Oakes Smith: I 210. 

Dichter und das Phantasieren, Der, von Freud: III 233, 256. 

Dickens, Charles: I 174, 180, II 292. 

Dictionnaire etymologique de la langue frangaise: II 406. 

Dollar Newspaper, The: I 192. 

Doppelgänger, Der, von Dostojewsky: III 105, 108. 

Doppelgänger, Der, von O. Rank: 11 loj — 109. 

Dornröschen: II 21, 39 j. 

Dostojewsky, Fjodor: II 16, 105, 108. 

Dostojewsky und die Vatertötung, von Freud: III 16. 

Doumer, Paul: III 315. 

Dow, J. E.: I 189, 190. 

Doyle, Arthur Conan: II 333. 

Dubourg, die Fräulein: I 31, II 319. 

Duncan Lodge (Besitz der Mackenzies): I 284, 332, 336, 338, 34J. 

Dupin, C. August (von Poe erdadite Gestalt): I 173, II 218, 231; 
und die RUE MORGUE: II 330—354, 367, 372, 373, III 183, 
244, 257, 258, 262, 269; und DAS GEHEIMNIS DER MARIE 
ROGfiT: II 361; und DER ENTWENDETE BRIEF: II 415 
bis 417. 

Duval, Jeanne (Geliebte Baudelaires) : III 292 — 295, 298, 299, 327. 

Duyckinck, Evert A.: I 207, 208, II 28. 

Earl House, The (Providence) : I 301. 

Eaton, Major John: I 83. • 

Ebertz, Dr.: II 278. 

Ediec de Baudelaire, U, von R. Laforgue: III 289, 296. 

Eddy (Eddie): siehe Poe, Edgar Allan. 



Register 349 

Edgar: I 10. 

Edgar Allan Poe, His Life, Letters and Opinions, von J. H. Ingram: 

I 9, 13, 224. 

Edgar Allan Poe Letters tili now unpublished, herausg. von N. 

Stanard: I 9, 5$, 61, 63, 6j, 75, 76, 78, 91, 94, 100, iio, 112, 

iij, 116, 123, 133. 
Edgar Allan Poe, A Study in Genius, von J. W. Krutdh: I 39, 

137, 141. 
Edgar Poe and His Critics, von M^e "Whitman: I 246, 288, 289. 
Edgar Poe, medecin legis te, von R. Piedelievre und R. Chonez: 

II 341. 

Edgar Poe, sa vie et ses ceuvres, Einleitung zu den Histoires extra- 
ordinaires, von Ch. Baudelaire: I 141, 178, II 8, III 296. 

Edgar Poe, sa vie et son ceuvre, von E. Lauvri^re: I 15, 138, 224, 
346. 

Edinburg Review. I 47. 

Einführung in die Psychoanalyse, Vorlesungen zur, von Freud: III 
IJ5, 158. 

Einstein, Albert: III 205. 

Eitzen, Paul von: II 322. 

Eleonora (ELEONORA): I 19, 136, II 55—74, III 2jo, 281. 

Eleutherius, Der heilige: II 258. 

Elgin, Lord Thomas Bruce: I 32, 41. 

Elizabeth, Königin von England: I 32. 

Elizabeth: siehe Poe, Elizabeth. 

Eilet, Elizabeth, geb. Lummis: I 229, 230, 238, III 32. 

Ellis, Charles: I 20, 34, 36, 49, II 92, 299. 

EUis, Josiah (Onkel Charles' Ellis): I 21. 

Ellis, Senator Powhatan: I 93. 

Ellis, Oberst Thomas H. (Sohn des Charles Ellis): I 37, 83, II 92, 

^99- 
Ellis & Allan (in Ridimond): I 20, 21, 33, 47, 61, 70. 
Ellis & Allan Paper s, The (Library of Congress, Washington): I 9. 
Elmira: siehe Royster, Sarah Elmira. 
Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr, Die, von E. Jones: 

II 2J7. 

Encyclopaedia Britannica: II 324, III 23. 

Enfer, U, von H. Barbusse: III 20. 

English, Thomas Dünn: I 172, 19J, 228, 230, 231, 329, III 32, 33; 
von Lane geschildert: I 228; weigert sidi, Poes Zeuge zu sein: 
I 230, III 33, i6j; verliert den Prozeß gegen Poe: I 231, III 230. 

Entwicklungsgeschichte des Ödipuskomplexes der Frau, Zur, von 
J. Lampl-de Groot: III 74. 

Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, von Ferenczi: III 229. 



3 jo Register 

Epaulard, Dr.: III 322. 

Epikur: II 33J. 

Epistel an die Römer (Paulus): III 61. 

Erinnyen: III 57. 

Ermengarde, Lady (ELEONORA): II 71, III 253. 

Erwin, ■William: I 25, II 320, III 88. 

Eselshaut, Die, von Perrault: II 233, III 2j2. 

Esmeralda {Notre-Dame de Paris, von V.Hugo): III 326. 

Essai sur la peinture sur verre, von Langlois: II 258. 

Estelle: siehe Lewis, S. A. 

Eveleth G. W.: I 176, 177, 266, 322, 324, 325, II 363. 

Evening Mirror, The: I 196, 197. 

Evolution de la sexualite et les etats intersexuels, U, von G. Ma- 

ranon: III 160. 
Ewers, Hanns Heinz: III loj. 
Examen medico-legal d'un cas de monomanie instinctive, von Lu- 

nier: III 322. 
Examiner: siehe Richmond Examiner, The. 

Facts of Poe's Death and Burial, The, von Snodgrass: I 3J0. 

Fay, Theodore S.: I 131. 

Ferenczi, Sandor: II 232, III 6g, 70, 72, 7J, y6, 78, ij2, 162, 163, 

229. 
Fichte, Johann Gottlieb: 11 274. •■ ■■ 

Flag of Our Union, The: I 274, 310, III 39. 
Fleurs du Mal, Les, von Ch. Baudelaire; III 224, 287, 29J, 300, 301, 

320, 321. 
Flowerbanks (Besitz der Galt); I 29. 
Foe, Daniel de: II 132. 

For the North American, von William Henry Poe; I 51. 
Fordham Cottage, The: I 212, 213 — 275, 281, 283, 286, 287, 293, 

296—300, 304, 317, 318, 324, 325, 331, 340, 343, 346, II 376, 

378, III 32, 167, 211, 280. . . , 

Fort Independance: I 69, 70, 138, II 21 j. 
Fort Moultrie: I 70 — 75, 138, II 21J, 217, 229. 
Fort Sumter: I 71. 
Fouill^e, Alfred: III 207. 

Fourberies de Scapin, Les, von Moliere: II 166. 
Fowlds, Frau (Schwester Allans); I 29, 31. 
Fraisse, Armand: III 284. 
Frances; siehe Allan, Frances. 
Francis, John Wakefield: I 231, 243, 270, 271. 
Franklin, Benjamin: I 159. 
Franklin Lyceum, Providence: I 300. 



J 



Register 3jj 

Freud, Sigmund: Vorwort, I 144, 260, II 7, 21, 63, 14J, 1J4, ijg, 
159. 173. 230. 232. -236, 260, 299, 3J9, 374, 389, 394, 398, III i6, 
22. 39. 74. 93. 109. 124. 132, iJJ, ij8, 160, 162, 211, 212, 226, 
233. 235, 244, 2j6, 2J9— 261, 265, 269—272, 277, 279, 294, 
303—306, 309, 310, 319, 330; über den Kannibalismus als Ver- 
geltung: II 21; über die Symbolik des Sdiatzes: II 230, 231; 
über die Symbolik des Henkens: II 279, 398. 

Froissart, Jean: II 43. 

Füller („Fuller's Hotel"): I 189. 

Fusees, von Ch. Baudelaire: III 288. 

Gaines, General E. P.: I 82. 

Galenus: II 262. 

Galt, James (Vetter Poes): I 30, 81, 128, II 318. 

Galt, Jane: II 320. 

Galt, William (Onkel John Allans): I 20, 29, 36, III 168; sein Tod 
und die Erbschaft: I 45, 50, 74. 

Gama, Vasco da: II 323. 

Gargantua, von Rabelais: II 258, III 127. 

Gazette des Tribunmx: III 322; und die RUE MORGUE: II 336, 

338, 343- 
Genesis: II 120, 259, 321, III 209. 
Genese der Perversionen, Zur, von H. Sachs: III 313. 
Gent's Mag.: siehe Burton' s Gentleman' s Magazine and American 

Monthly Review. 
Georgica, von Virgil: II 260. 
Gericault, Theodore: II 159. 
Gesammelte Schriften, von Freud: I 260, II 63, 154, 232, 299, 413, 

III 22, 9i, 109, 233, 23J, 26J, 294, 309. 
Geständniszwang und Strafbedürfnis, von Reik: II 383. 
Gift, The: II 65, 6% 71, 121, 41J, III 8j, 137. 
Gil Blas de Santillane, Histoire de, von Le Sage: I 47, 6j. 
Gilderslive, Basil C.: I 336. 
Gill, William Fearing (Biograph Poes): I ij, 327. 
Glenn, W. J.: I 338. 

Godey's Lady's Book: I 227, II 290, III 22, 32, 113. 
Godoy, Armand: III 299. 
Goldsmith, Oliver: I 35, 47. 
Gorguloff, Paul: III 31J. 
Götz, Dr.: II 278. 
Gowans, William: I ij6, 159. 
Graham, George Rex: I 169—173, 182, 183, 192, 331, II 309, 329, 

366. 
Graham, Frau: I 171. 



^ 



352 Register 



Graham, Lorimer: I 107. 

Graham' s Lady's and Gentleman' s Magazine {Graham' s Magazine): 

I 41, 103, 170, 171, 172, 173, 182, 183, 192, 269, II 75, 113, 121, 

215, 237, 274, 329, 363, 383, III 47, 63. 

Graves, Sergeant Samuel („Bully"): I 75, 76, 85, 91, 92, 109, no. 

Gray, Das Bildnis des Dorian, von Wilde: III loj. 

Greely, Horace: I 204. 

Grey, Edward S. T. (Pseudonym für Poe): I 287. 

Griffith, Sergeant: I 75. 

Griswold, Hauptmann H. W.: I 83. 

Griswold, Reverend Rufus Wilmot (Testamentsvollstrecker Poes): I 
172, 182, 183, 198, 221, 230, 246, 274, 303, 310, 32J, 346, II 12, 
69. 75. 97^ 273, 317, III 33, 34, 123, 127, 128, 165, 170, 266, 282; 
biographische Angaben: I 181, 182; ersetzt Poe bei Graham' s 
Magazine: I 182, 183, II 363; schildert Poe: I 191, 192; seine 
Beziehungen zu Frau Osgood: I 201, III 33, 127. 

Giuccioli, Gräfin: II 80. 

Guyon, Dr.: II 277. 

Gwynn, William: I 24. 

Haeckel, Ernst: II 168. 

Haggard, Henry Rider: II 71. 

Halleck, Fitz-Greene: I 174. 

Hansen, Dr.: II 278. 

Häphaistos: II 259. 

Harper & Brothers: I 131, 157, 160, 194, II 121. 

Harrison, Gabriel: I 197. 

Harrison, Prof. James A. (Virginia Edition): I 9, 13, 327, 348, 

II 109. 

Harrison, General William H.: I 168, 174. 

Hartmann, Heinz: I 154. ■ 

Haswell, Barrington & Haswell: I IJ9. 

Hatch & Dunning: I 89. 

Haven, „Old Benny": I loi, in. 

Heine, Heinrich: III 32J. 

Helen: siehe Whitman, Helen. 

Helen, siehe Stanard, Helen. 

Hemmung, Symptom und Angst, von Freud: II 154, 413, III 74, 

117, 15J, 162. 
Henry: siehe Poe, William Henry Leonard. 
Hera: II 259. 
Herkules: II ij8, 201. 
Hernani, von V. Hugo: II 87, 9j, III 53. 
Herodes: III 325. 



J 



Register 353 

Herodot: III 32$. 

Herring, Die (Vetter und Cousine Poes): I 17J. 

Herring, Frau (Smith), Cousine Poes: I 146, 186, 239. 

Herring, Eliza, geb. Poe (Gattin Henrys, Tante Poes): I 89. 

Herring, Henry (Onkel Poes): I 89. 

Herring, Henry (Vetter Poes): I 350, 352. 

Herschel, J. F. W.: III 195. 

Hewitt, Mary E.: I 237, 300. 

Hirst, Henry Beck: I 179— 181, 188, 191, 228. 

Histoire de la Philosophie, von A. Fouille: III 207. 

Histoires extraordinaires, von Ch. Baudelaire: I 141, 178, 303, II 8, 

III 296, 327. 
Histoires grotesques et serieuses, von Ch. Baudelaire: III 293. 
History of Psychology, A, von G. S. Brett: II 262. 
HofFman, Charles Fenno: I 263, III 170. 
Hofimann, E. Th. A.: I 117, III loj, 235. 
Holländer, Der fliegende, von R. Wagner: II 327. 
Home Journal, The: I 237, 245, 246, 279, 310. 
Home Life of Poe, The, von S. A. Weiß: I 261. 
Homer: I 47. 
Hooper, Sergeant: I 75. 

Hopkins, C. D. (erster Gatte Elizabeth Poes): I 10, II 296. 
Hopkins, Elizabeth: siehe Poe, Elizabeth. 
Horaz: I 47. 

Horla, Le, von Maupassant: III loj. 
Hörne, R. H.: II 371 
House, Oberst James: I 76, 82. 
Howard, Leutnant: I 74, 76, 82, 83. 
Hugo, Victor: II 9j, III 53, 320, 325, 331. 
Humboldt, Alexander von: I z66. 



Indian Queen Tavern, The, Ridimond: I 13, ij. 

Infantile Genitalorganisation, Die, von Freud: III 309. 

Ingram, John H. (Biograph Poes): I 9, 13, 176, 224, II 91. 

Ingram, Suzan: I 344. 

Irving, Washington: I 47. 

Israfel, von H. Allen: I 9, 11, 12, 13, 15, 19, 30, 34, 43, 4$, 46, 
51. J7. 84, 92, 103, 113, 118, 135, 137, 140, 160, 163, 176, 192, 
201, 206, 210, 214, 222, 227, 234, 23 j, 236, 242, 243, 261, 263, 
266, 269, 270, 278, 319, 323, 326, 327, 334, 338, 344, 348, 350, 
II 83, 88, 89, 91, 102, 131, 151, 217, 2J2— 2J4, 256, 296, 300, 
31J, 318, 319, 361—363, III 16, 29, 33, 44, 87—90, 123, 127, 
160, 167 — 169. 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 25 



354 Register 

Jadtson, Andrew: I 156. 

Jahrbuch der Psychoanalyse: II 257. 

Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen: 

III 265, 294. 
J ardin des Supplices, von O. Mirbeau: III 37. 
Jean, Paul: siehe Richter, Jean Paul. 
Jeanne: siehe Duval, Jeanne. 
Jeans, James: III 190, 203, 206. 
Jefferson, Thomas: I 44, 49, J3, jj, 58. 
Jehovah: I 264, II 207, 259, III j8, 200. 
Jekels, Ludwig: II 256. 

Jenseits des Lustprinzips, von Freud: III 303. 
Jeremias: II 232. 

Joe Miller's Jests, von John Mottley: I 47, 65. 
Johnson, Samuel: I 35, 113. 
Jokaste: II 394, 395. 

Jones, Ernest: I 31, II 257—267, 319, III 32J. 
Journal: siehe Diary. 

Journaux intimes, von Ch. Baudelaire: III 298. 
Juan, Don: III j8, 60, 72, 76. 
Juan, Don, von Byron: II 159. 
Jude, Der ewige: siehe Ahasver. 

Julie ou La Nouvelle Heloise, von J.-J. Rousseau: II 247. 
Juliette, von Marquis de Sade: III 325. 
Junior Morgan Riflemen: siehe Ridimond Junior Volunteers. 

Kain: II 321. 

Kaiphas: II 322. 

Kainszeichen, Das, von Th. Reik: II 321. 

Kant, Immanuel: II 274, III 207. 

Karl VI. von Frankreich: III 43. 

Karl der Große: III 325. 

Keats, John: I 29, 47, j8. 

Kelvin, Lord: III 207. 

Kennedy, John P.: I 123, 124; hilft Poe: I 126; Brief Poes an ihn: 

I 129, 143. 
Kent, Charles W.: I 67. 
Kepler, Johann: III 172, 194. 

Kidd, William (Kapitän Kidd): II 227, 231, 23J, 236, 239, 418. 
Kilmarnodi, Lord: I 31. 
Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Eine, von Freud: II 260, 

III 22, 132. 
Kinzinger, Albredit: II 324. 
Kleist, Heinrich von: III 325. 



Register 3 5 j 

Klytämnestra: III 57. 

Knickerbocker, The: I 131, 170, 203. 

Krafft-Ebing, R. von: III 323. 

Kreuzesbrüder, Die, von Z. Werner: III 325. 

Kronos: II 20, 173, III 23, 53. 

Krutdi, Joseph "Wood (Biograph Poes): I 39, 137, 141. 

Kürten, Peter: II 384, III 316, 317. 

Lacassagne, Jean: III 316. 

La Fayette, Marquis de: I 10, 44, 4J, 51, jj, 114, III 165. 
Laforgue, Rene: III 289, 296. 
Laios: II 326, III 287. 
Lamartine, Alphonse de: III 320. 
Lampl-De Groot, Jeanne: III 74. 
Länder Europas, Die, von J. Tischendorf: III 6g. 
Lane, Thomas H.: I 228. 
Langlois, Jean-Charles: II 258. 

Laplace, Pierre Simon: I 263, III 170, 172, 188 — 190, 205, 214, 218. 
Latrobe, J. H. B.: I 123, 124, II 121. 

Lauvrike, Emile (Biograph Poes): I ij, 138, 179, 224, 321, 346. 
Lay, John O.: I 74. 
Lea & Blanchard: I 162, 165. 
Lee, Isac: I 160. 
Lee, Zaccheus Collins: I 352. 
Lefebvre, Der Fall, von M. Bonaparte: II 382. 
Legrand, William: siehe DER GOLDKÄFER. 
Leibniz, Gottfried W.: I 263, III 204. 
Leicester, Lord: I 32. 
Lenore: I 141, 198, 211, 226, II 16. 
„Le Poer": I 299. 
„Le Rennet, Henri": I 66. 
Letters of a British Spy, von W. Wirt: I 86. 
Lettres inedites ä sa mere, von Ch. Baudelaire: III 286. 
Lewis, Sarah Anna („Estelle"): I 229, 322 32J, 326, 347, 353. 
Lewiston Journal Co., The: I 210. 

Liebesleben, Beiträge zur Psychologie des, von Freud: II 294. 
Life of Edgar Allan Poe, The, von W. F. Gill: I 15, 327. 
Life of Edgar Allan Poe, The, von G. E. Woodberry: I 14. 
Ligeia (LIGEIA): I 19, 13J, 142, 240, 249, 257, 354, II 28— 4j, 
47, $6, 72, 78, 209, 332, 386, III 86, 239, 260, 280; ihre Augen: 

I 224, 2J2, 2J3, 316, II 31—33; in AL AARAAF: I 73, 98, 102, 

II 240. 

Lippard, George: I 180, 329. 

„Literati", Die: I 196, 198, 206, 209, 237, 279. 

23* 



35^ Register 

Littre, M. {Dictionnaire de la langue frangaise): II 406. 
Locke, Frau (Schwägerin der Frau Osgood): I 279. 
Loewe, Carl: III 270. 
Logre, Benjamin: III 296. 
London Ladie's Magazine, The: I 47. 

Longfellow, Henry W.: I 171, 174; „Krieg" mit Poe: I 193. 
Loud, Saint-Leon: I 342. 
Loud, Frau: I 342, 347. 

Lowell, James Russell: I 188, 197, 202, III 16. 
Ludwig Artide, The, von R. Griswold: III 282. 
Ludwig, Otto: III 325. 

Lummis (Bruder der Frau Eilet): I 230, 231, III 32. 
Lune offensee, La, von Ch. Baudelaire: II 210. 
Lunier, Dr.: III 322. 
Lyle, Hauptmann John: I 45. 
Lyndi, Anna C. (Frau Botta): I 234, 277, 278. 
Lyttleton Barry (Pseudonym für Poe bei DER VERLORENE 
ATEM): II 296. 

„Ma": siehe Allan, Frances. 

Mabbott, Dr. Thomas Olive: I 50. 

Macaulay, Thomas Babington: I 47. 

Mac-Farlane: I 29J. 

Mac-Intosh, Maria: I 279, 285, 287. 

Mackenzie, Jane: I 37. 

Mackenzie, John (Jade): I 17, 3j, 37, 43, 284. 

Mackenzie, Mary: I 17. 

Mackenzie, Frau 'William: I 16, 17, 18, 52. 

Mackenzies, Die (Adoptiveltern von Poes Schwester): I 23, 52, 81, 

90, 123, 128, 134, 289, 332, 333, 338, II 229, 2J3, III 219. 
Madeline (Hans Usher): I 19, 146, 175, II 47, 52 — 64, 78, 104, 108, 

III 36, 86, 239, 250, 255, 281. 
Madonna's conception through the ear, The, von E. Jones: II 257. 
Maedler, Johann Heinridi: III 195. 
Mahäbhärata : II 258. 
Maldius: II 322. 

„Mammy" (schwarze Bonne Poes): I 24, II 109, III 29. 
Manor House School (des Reverend Bransby): I 31, II 39. 
Maranon, Gregorio: III 160. 
Marbeuf, Louis Charles Rene: II 2j6. 
Maria von Magdala (Plastik), von Canova: I 47. 
Mariamne: III 325. 
Marie (Geliebte Baudelaires): III 294. 
Marie, von Otto Ludwig: III 325. 



I 



J 



Register 



iS7 



Mariette (Hausmäddien bei Baudelaire): III 88. 

Marquise von O., Die, von Kleist: III 325. 

Mary (Adoptivtochter der Valentines): I 240, 241. 

Mathews: I 54. 

Matthäus, Apostel: III 61. 

Maupassant, Guy de: III 105, 233. 

Maxwell, James Clerk: III 207. 

Mayflower, The: II 383. 

Mayo, Die: I 344. 

Melissa: III 325. 

Memoir, von Griswold: siehe Works of the Ute Edgar Allan Poe 

with a memoir by Rufus Wilmot Griswold and notices of his 

Life and genius by N. P. Willis and ]. R. Lowell: I 303, III 

282. 
Menard, Louis: III 298. 

Mentoni, Mardiese von: siehe DAS STELLDICHEIN. 
Mercier, Ed.: III 322. 

Messenger: siehe Southern Liter ary Messenger, The. 
Metropolitan: II 116. 
Midiea, Dr.: III 322. 
Miller, James H.: I 123. 
Mills Nursery Company, Philadelphia: I 61. 
Milton, John: I 47. 
Mirbeau, Octave: III 37. 
Mirror: siehe Evening Mirror, The. 
Mitdiell, John Kearsley: I 175, 187. 
Mitty, Jean de: III 298. 
Moliere: II 166, III 220. 

Mon cceur mis ä nu, von Ch. Baudelaire: III 299, 302. 
Monotheistische Strömungen innerhalb der babylonischen Religion: 

II 232. 
Monroe (Festung): I 75, 76, 82, 83, 91, 109, 138, II 237. 
Monticello (Besitz des Th. Jefferson): I 52. 
Moore, Thomas: I 46, j8. 
Moralische Ansichten, von Novalis: III 2.6'j. 
Moran, J. J.: I 350—352. 
Morella (MORELLA): I 19, 142, II 22—27, 35. 4°. 43. 108, III 

239, 253, 281. 
Morgan Legion: siehe Ridimond Junior Volunteers. 
Mott, Dr. Valentine I 243. 
Moyamensing Prison: I 328, II 211. 
„Muddy": siehe Clemm, Maria. 
Müller, Priedridi M.: II 264. 
Musset, Alfred de: III 320, 



^ 



3j8 Register 



„Myra": siehe Royster, Sarah Elmira. 
Mythologie Asiatique lllustree: II 211. 
Mythus von der Geburt des Helden, Der, von O. Rank: II 90, 158. 

Nadar (Felix Tournadion): III 298. 

Nancy, Tante: siehe Valentine, Anne Moore. 

Napoleon I.: II 2jS. 

Neal, John: I 89. 

Nergal: 11 232. 

Nesace (AL AARAAF): I 72, 98, 102, 144, II 240. 

Nessus: II 158. 

Neue Revue: III 233. 

Newark Courier, The: I 137. 

Newman, Mary: I 119. 

Newton, Isaac: I 263, III 178, 179, 183, 20J, 211, 214. 

New York Mail and Express, The {New York Express): I 237. 

New York Mirror, The (Mirror): I 231, III 33. 

New York Sun, The: I 193. 

New York Tribüne, The: I 119, 216, 221, 303, III 282. 

Nichol, Dr.: III 19J. 

Nichols, Mary Gove: I 229; sdiildert Poes Leben in Fordham: 

I 232—234, II 376, 377. 
Nightmare, On the, von E. Jones: III 325. 
Norddeutsche Sagen, von Kuhn v. Sdiwarz: II 325. 
Norman Leslie, von T. S. Fay: I 131. 
North American: siehe For the North American. 
North American Review, The: I 170. 
Notes nouvelles sur Edgar Poe, Einleitung zu den Nouvelles histoires 

extraordinaires, von Ch. Baudelaire: III 296. 
Novalis: II 365. 
Nuit de decembre, von Musset: III 105. 

Ode on a Grecian Flute, von R. H. Stoddard: I 20J. 

Odier, Charles: III 309. 

Odin: siehe Wotan. 

ödipus: II 391, 394, 395, 397, III 287. Siehe auch Index C: 

Ödipuskomplex. 
Ökonomische Problem des Masochismus, Das, von Freud: III 303. 
Olbers Mathias: III 20J. 
„Old Benny": siehe Haven. 
Old Swan Tavern, The, Richmond: I 333, 338. 
Ontogenie des Geldinteresses, Zur, von Ferenczi: II 232. 
Oquawka Spectator, The: I 323. 
Orestes: III J7. 



Register 3 59 

Orfeo, von Politien: II 84, 90, 93. 

Orfila, Dr.: II 278. 

Origenes: II 260. 

Orion: II 33J. 

Orleans, Louis, Herzog von: III 44. 

Osgood, Frances, geb. Lodie: schildert Poe und wird von ihm ge- 
sdiildert: I 200 — 202; seine Beziehungen zu ihr: I 206, 207, 209, 
210, 214; Ende dieser Liebe: I 229, 230; und ULALUME: I 
249— 2 J4; und ELEONORA: II 73; und DER GOLDKÄFER: 
II 234; und DIE MASKERADEN: III 32, 33, 36; und WAL- 
DEMAR: III 127, 128; und Das Uterarische Kunstwerk: III 282. 
Ferner: I 237, 276 — 279, 306, 310, II 8. 

Osgood, Samuel S. (Gatte der Frances Osgood): I 201. 

Ourousof, Prinz: III 298. 

Outis: I 199. 

Pabodie, W. J.: I 296, 301 — 303. 

Paradis artificiels, Les, von Ch. Baudelaire: II 7$. 

Paris-Medical, Le: II 341. 

Parsifal, von R. Wagner: III 226. 

Partisan Leader, The, von B. Tucker: I 14. 

Pascal, Blaise: III 173, 329. 

Patterson, Edward Horton Norton: I 284, 323, 337. 

Patterson, Louisa Gabriella: siehe Allan, Louisa Gabriella. 

Paulding, John K.: I 157, II 121. 

Paulus, der Apostel: III 62. 

Pedder, James: I 159. 

Pellereau, Dr.: II 278. 

Pellier, Dr.: II 278. 

Percy, Lord: I 31. 

Periander: III 325. 

Perrault, Charles: II 21, 233, III 252. 

Perry, Edgar A. (Poes Name als Soldat): I 69, 77, 82. 

Perseus: II 63, 179. 

Peter Schlemihl, von A. Chamisso: III 10 j. 

Peterson, Charles J.: I 171, 192, 269, 331; sein Streit mit Poe: 

I 182, 183. 
Petits poemes en prose, von Ch. Baudelaire: III 318, 320. 
Phaidros, von Plato: III 277. 
Phelps, Frau: I 137. 

Philadelphia Dollar Newspaper, The: II 215. 
Philadelphia Saturday Courier, The: I 116, 12 j. 
Philadelphia Saturday Museum, The: I 41, 188. 
Philadelphia United States Saturday Post, The: II 376. 




3^0 Register 



Phillips, Frau: I 15—18, II 286; und ANNABEL LEE: I zzi. 

„Phiz": siehe Browne, Hablot Knight. 

Piedeli^vre, Rene: II 277, III 341. 

Pilatus: II 322. 

Pinkney, Edward Coote: I 47. 

Pioneer, The: I i88, III 9. 

Placide: I 17, 18, 22, II 252, III 28. 

Plato: II 65, III 224, 277. 

Plinius: II 260. 

Plotin: III 207, 208. 

Pluto: siehe DIE SCHWARZE KATZE. 

Poe and Opium, in The Life of Edgar Allan Poe, von G. E. Wood- 
berry: I 147. 

Poe, Miß: I 147. 

Poe, „General" David (Großvater Edgars): I 9, 54, 69; La Fayette 
verneigt sich vor seinem Grab: I 45; und der Oberst House: 
I 76; und der Empfehlungsbrief John Allans: I 84; sein Ruf: I 84; 
und die RUE MORGUE: II 330. 

Poe, David (Vater Edgars): I 9, 10, 11, 15, 63, 88, 143, 152, 153, 
320, 321; sein Versdiwinden und die Legende von seinem Tod: 
I II, 16, II 94, 212, 229, 252, 301, III 90; und ANNABEL LEE: 
I 218; und ULALUME: I 253; und DAS STELLDICHEIN: II 
94; und METZENGERSTEIN: II 105; und PYM: II 136, 156, 
191; und DER VERLORENE ATEM: II zji— 2J4, 298—303; 
und die RUE MORGUE: II 33J, 336, 358, 367, 368, 374, 37J; 
und DER ENTWENDETE BRIEF: II 417; und DAS 
SCHWATZENDE HERZ: III 28; und DIE MASKERADEN: 
III 35, 36, 59; und VERWETTE NIEMALS...: III 80; und 
WILLIAM WILSON (die Inspiration zu diesem Werk): III 90; 
und HEUREKA: III 220; und Das literarische Kunstwerk: III 
250, 262. 

Poe, Elizabeth, geb. Cairnes (Großmutter Edgars): I 84, 87, 88, 
114; ihr Tod: I 127. 

Poe, Elizabeth, geb. Arnold (Mutter Edgars): I 10 — 19, 21, 22, 26, 
38, 39, 42, 66, 72, y% 80, 93, ^6, 99, 100, 102, 104, 105, 106, 
107, 134, 135, 136, 137, 141— 146, 186, 211, 226, 250, 251, 252, 
253, 256, 304, 309, 310, 320, 328, 329, 354; die Anmerkung über 
ihr Geburtsdatum: I 13; Beschreibung ihres Äußeren: I 14; ihre 
Briefe und ihre Untreue: I 16, 19, 51, j2, 222, II 253—255, 
256, 368, 369, III 242 (siehe auch X.); ihr Tod: I 18, 19; und 
„der glütklidie Tag" Edgars: I 68, 69; ihre Augen: I 14, 223, 
224, 241, 253, 316, 342; und die Hämoptysie Virginias: I 175, 
179, 184; und Frau Osgood: I 241, 242; und ANNABEL LEE: 
I 218 — 225; und der Tod Virginias: I 240; und ULALUME: 



Register jfii 

I 250—254, 256, 257, 259—261; und der Tod Edgars: I 354; 
und BERENICE: II ii- 17, 19; und MORELLA: II 23—27; 
und LIGEIA: II 29, 30, 31—40, 42, 43, 45; und DAS HAUS 
USHER: II 52—54, 57—59, 62—64; und ELEONORA: II 66, 
68—70, 73; und DAS OVALE PORTRÄT: II 76, 78; und DAS 
STELLDICHEIN: II 92—94; und METZENGERSTEIN: II 
9y, IOC, 104, 105, iio; und LANDORS LANDHAUS: II 116; 
und DIE INSEL DER FEE: II 119; und PYM: II 128, 129, 
151, 154, 166, 167, 204, 211, 212; und DER GOLDKÄFER: 

II 229, 230, 234, 236, 237, 239; und DER VERLORENE ATEM: 
II 252—256, 285, 286, 287, 291, 296, 298, 300—303; und DER 
MANN DER MENGE: II 325; und die RUE MORGUE: II 
358, 365, 366, 368—375; und DIE SCHWARZE KATZE: 
II 386, 389, 393, 399, 403; und DER ENTWENDETE BRIEF: 
II 417; und DAS SCHWATZENDE HERZ: III 19, 27, 28, 29; 
und DIE MASKERADEN: III 36, 41, 44, 45, 57, 59; und 
VERWETTE NIEMALS...: III 64, 84; und BEDLOE: III 
126; und WALDEMAR: III 128; und HEUREKA: III 217, 
220; und Das literarische Kunstwerk: III 239, 240, 250, 252, 253, 
260, 261, 264, 267, 277, 280, 281, 327. 

Poe, Edgar Allan: Frühe Kindheit: I 9—19; Tod der Mutter: I 18; 
die Erbschaft: I 18, 19, II 253, 368; adoptiert von den Allans: 
I 18, 20—22, II 253, 298; seine Adoptiveltern: siehe Allan John 
und Allan Frances; in der Sdiule von Richmond: I 25; in der 
Schule von Irvine (Dr. Robertson): I 30, 31, II 318; in der 
Pension der Dubourgs: I 31, II 319; beim Reverend Bransby in 
Stoke Newington: I 31, 32, II 39, 320, III 86—91, 96; Auf- 
enthalt in New York: I 33, 34, 156, 158, 159, 193, 194, 325 (siehe 
auch Inhaltsverzeichnis); in Richmond: I 34, 59, 60, 78, 84, 85, 
90, 91, 122, 125, 283, 332, 333, II 216 [siehe audi Inhaltsverzeichnis); 
im Trinity College von Dublin: I 35; schläft außer Haus bei 
Burling: I 36, II 132; Begegnung mit Helen: siehe Stanard, Helen; 
Leutnant bei den Richmond Junior Volunteers: I 44; im neuen 
Zimmer: I 47; seine Lieblingsdichter: I 47; die achatne Lampe: 
I 47, 103; Begegnung mit Elmira: siehe Royster, Sarah Elmira; 
auf der Universität von Virginia: I 52 — 59; Schulden: I 56, 57; 
Orgien an der Universität: I 55, 56 — 58, III ^y, 99; Rückkehr 
von der Universität: I 59 — 61, 63; er sucht eine Stellung: I 61; 
die wichtigste Entscheidung seines Lebens: I 62, 63; aller Mittel 
entblößt: I 64, 65, 85, 112, i6o, 235, 236; Appelle an Mildtätig- 
keit: I 237, 238, 284; bei der Armee: I 69; auf der Insel Sullivan: 
I 71, 72, II 216, 217; Deckname Edgar A. Perry: I 69, 77, 82; 
will auf die Offiziersschule nach West Point: I 74; Sergeant- 
Major: I y6; die Beerdigung Frances Allans: I 77 — j^; darf nach 



I 



3^2 Register 

West Point: I 8i; der Brief „Bullys": I 83, 91, iio; die Hilfe 
Allans: I 83, 84; in Baltimore, bei Frau Clemm: I 84, 8j, 87, 
88; Frau Clemm: siehe Clemm, Maria; Vorsprache im Kriegs- 
ministerium: I 84; endlich in West Point aufgenommen: I 93; in 
West Point: I 94— iii; verläßt West Point: I iii; bemüht sich 
um Kate Blakely: I 114, 139, II 361; -von Sdiuldhaft bedroht: 
I ijy, Begegnung mit Mary Devereaux: siehe Devereaux, Mary; 
seine Beziehung zu Virginia: siehe Poe, Virginia; der Brief des 
Verzweifelten an Kennedy: I 129, 143, 145; von White entlassen 
und wieder angestellt: I 129, 130; die Konfession Poes: I 131, 
352; Streit mit Petersen: I 182; der Skandal bei den Saratoga 
Springs: I 187, 191, II 73; kann die Anstellung bei den Zollbehörden 
nicht eriangen: I 174, 187, 188; das Abenteuer in Washington: 

I 188—191; er verläßt Philadelphia: I 192; sein Leben in 
Bloomingdale Road: I 194, 195; der Brief an Duyckinci: I 207, 
208, II 29; der „Skandal" wegen Frau Osgood: I 206, 229, 230, 

II 32; gewinnt den Prozeß gegen English: I 230, 231, III 32, 33; 
seine Begegnung mit Frau Shew: siehe Shew, Marie-Louise; mit 
Helen: siehe Whitman, Helen; mit Annie: siehe Ridimond, Annie; 
sein Duell mit Daniel: I 28j; sein Abschied von „Stella": I 326; 
wegen Trunkheit arretiert: I 328, 329; Begegnung mit Elmira: 
siehe Royster, Elmira; die letzte Reise nach dem Norden: I 
346—348; die Wahlen: I 348, 349; bewußtlos ins Spital ein- 
geliefert: I 350; Poes Tod: I 352. 

Poes Interesse an Astronomie: I 48, 73, 262 (siehe auch 
HEUREKA); der Sportler: I 27, 32, 35, 38, 164, II 83, 91, 92; 
der Musiker: I 52; seine Berufung zum Dichter: I 36, 37, 58, 73, 
76, 8i, 82; Druck des ersten Buches (T AMERLANE ...) : I 65; 
Pseudonym Henri Le Rennet: I 66; Versuche, AL AARAAF zu ver- 
öffentlichen: I 8j— 87; zweites Buch (AL AARAAF. . .): I 89; Er- 
folg dieser Veröffentlichung: I 90; über die Gedichte in diesen Büchern: 
I 97 — 109; die Kadetten subskribieren ein neues Werk: I 109; 
POEMS: I 112, 113; das Vorwort, ein erstes kritisdies Werk (BRIEF 
AN B.): I 113; erste Prosaarbeiten (GESCHICHTEN DES 
FOLIO CLUBS): I 116 — n8; preisgekrönt beim Preisausschreiben 
des Baltimore Saturday Visiter: I 123, 124; Einsendungen an den 
Southern Literary Messenger: I 126, 127; in der Redaktion des 
Southern Literary Messenger: I 127 — 129; entlassen und wieder 
aufgenommen: I 129, 131; dort Kritik an Norman Leslie: I 131; 
neuerdings entlassen: I 133; Aufruf für Reynolds: I ij8, 3J1, 
354; das Handbuch für Conchologie: I 159, 160, 194; beim 
Burton's: I 161 — 164; des Germanismus beschuldigt: I i6j — 167; 
Erscheinen der TALES OF THE GROTESQUE . . . : I iSj; beim 
Graham's: I 169—182; Griswold an seiner Stelle: I 182, 183, 



Register 363 

II 363; in Washington wegen des Stylus: 1 187—190, II 380; 
im Weißen Haus: I 189, 190, 191; ein Narr?: I 191; beim 
Evening Minor: I 196, 197; beim Broadway Journal: I 197; 
DER RABE: I 198; alleiniger Besitzer des Broadway Journal: 
I 204, 205; die „Sternsdiwestern": I 210 — 212; die „Literati": 
I 227, 230, 231, III 33; Erfolge in England, Schottland, Frank- 
reidi: I 238; der Stylus soll endlich erscheinen: I 306, 323 — 324. 

Poes Vorträge: vor den „Literati": I 198, 199; in Boston: I 
208; in Lowell: I 266, 280, 292, 301; in Providence: I z66, 300, 
301; in Richmond: I 337, 343, 345; in Norfolk: I 343; über 
HEUREKA: I 16$, 266; über das DICHTERISCHE PRINZIP: 
I 266, 280, 326, 337, 343, 34J. 

Poe, der Dipsomane: I 146, 149 {siehe auch Index C: Alkohol- 
sucht); der Opiumsüchtige: I 146 — 148 {siehe auch Index C: 
Opiumsucht, Sucht); herzleidend: I 187, 270, III 16; geisteskrank: 
I 232, 265, 270, 321, 327—334, II 362, 363, III 165; Angst vor 
Makabrem: I 25, 26, II 209; Visionen: I 328, 330, 353, 354; die 
kalte Marmorhand: I 43, II 29, 43; Diagnose seiner Krankheit: 
I 320, 321; Darstellung seines Zustandes im Brief an Eveleth: 
I 176, 177; an Duyckinds: I 207, 208; sein Sexualideal (Virginia): 
I 150, iji, 179, 181; seine Keuschheit: I 148 — 150, 181, 186, 2J7, 
378, 11 163, 164, 301; seine Fluchten: I 30, j2, 63, 15c, ij2, 
153, 176, 179, 181, 184—186, 190, 202, 214, 254, 283, 343, II 
100, 129, 132, 136, 144, 146, 268, 319, 363, 364, 380, 381, 

III 96, 163, 169, 170, 229, 230; das Wesen dieser Fluditen: 
I 178, 179, 181, 185 — 186; die Frauen um Poe: siehe Poe, Eli- 
zabeth; Allan, Frances; Stanard, Helen; Poe, Rosalie; Potiaux, 
Catherine; Royster, Elmira; Poe, Virginia; Clemm, Maria; Blakely, 
Kate; Devereaux, Mary; Osgood, Frances; Shew, Marie-Louise; 
Whitman, Helen; Richmond, Annie; die Reihe der „Sdiwestern": I 
24, 49, 118, 207; Poes Beziehungen zu Körperteilen: zu den Augen: 
I 201, 202, 252, 2J3, 316, 342, II 14, 15, 17, 23, 31, 32, 36, 39, 
43, 44, 50, 141; zu den Haaren: I 119, 201, 202, II 15 — 17, 23, 
3°. 31. 39. 40j 50. Jij 71. 72> ni 261; zu den Zähnen: II ij, 17, 
19, 20, 21, 43, 104, 141, 148, 155, 168, 169, 176, 185, 186, 191, 
192, 193, 208, III 42, 261. 

Poe, geschildert von: Griswold: I 191, 192; Martha Brennan: 
I 19J, 196; G. Harrison: I 197; Frau Osgood: I 200, 201; 
Saunders: I 203; einer „Sternschwester" : I 210, 211; Lane: I 228, 
229; Frau Nichols: I 232 — 234; Miß Cromwell: I 235; Frau 
Weiß: I 261; Frau Clemm: I 262, 263; Frau Shew: I 269, 270; 
Sarah, der Schwester Annies: I 292; Frau Whitman: I 29 j, 296. 
Siehe auch die Beziehungen zu anderen Personen und Ereignissen, 
Index B und C und das Literaturverzeichnis. 



1 



3^4 Register 



Poe, Eliza: siehe Herring, Eliza. 

Poe, George (Vetter Poes): I 89. 

Poe, Mosher (Vetter Poes): I 8j. 

Poe, Neilson (Vetter Poes): I 126, 128, 352. 

Poe, Rosalie (Rose, Schwester Poes): Angaben über ihr Geburts- 
datum: I 12, 229, II 2J4, 256; Poe und die Geburt Rosaliens: 
I 223, II 93, 94, 236; Zweifel an der ehelichen Geburt: I 12, 
16, 22, ji, 222, II 94, 2J4, 2J5. 29J. 301. i6S, 372, III 262, 281; 
bei Frau Philipps: I 18; sie wird von den Madjenzies adoptiert: 

I 18, 19, 23, 174; ihre Erbsdiaft: I i8, 19, 240, II 2J3; im Pen- 
sionat Madcenzie: I 37; Botin zwischen Poe und seinen Freun- 
dinnen: I 37; sie und Elmira: I jo, ji; sieht Poe wieder: I 90, 
123, 284, 333, 336; sie und Virginia: I 134; Poe bittet sie um 
Morphium: I 147; und ANNABEL LEE: I 21J, 217, 218, 219, 
222, 223, 309; überreicht Miss Talley ein Manuskript von FÜR 
ANNIE: I 345; und MORELLA: II 25; und LIGEIA: II 37; und 
DAS STELLDICHEIN: II 93, 94; und PYM: II ijo; und DER 
GOLDKÄFER: II 229, 230, 236; und DER VERLORENE 
ATEM: II 2J3— 2J7, 291, 29 j, 301; und die RUE MORGUE: 

II 372, 373; und DAS SCHWATZENDE HERZ: III 28; und 
VERWETTE NIEMALS...: III 80; und HEUREKA: III 219; 
und Das literarische Kunstwerk: III 252, 262, 264. 

Poe, Virginia, geb. Clemm, Virginia-Eliza (Gattin Poes): Geburt: 
I 87; äußere Erscheinung: I 88; Botin zwisdien Poe und Mary 
Devereaux: I 119, 139, 238; Heiratspläne und Poe: I 126; man 
will sie vor Poe entführen: I 128; geheime Heirat und Poe: 
I 130; sie folgt Poe nach Richmond: I 130; öffentliche Heirat: 
I 131» 13^; ihre Beziehungen zu Poe: I 133 — 146; bevorzugtes 
Objekt von Poes Sexualwahl: I ijo, iji, 179, 183; Virginia in 
New York: I 156, 193; und Frau Graham: I 172; ihre Hämo- 
ptoen: I 175, 176, 179, 181, 183, 184, 200, 209, II 237, 362—364, 
3^^» 375. III 47; leidend: I 194, 195, 200, 209; ermutigt Poe bei 
seinen Beziehungen zu Frau Osgood: I 201, 206; und die „Stern- 
schwestern": I 210, 211; Virginia =:Lenore: I 211; bei den Bren- 
nans in Fordham: I 212; der Brief Poes: I 213, 214; die Sterbende: 
I ;^3_4._ 23J. 23Ö. 237, 238; und Frau Shew: I 237—241, 267; 
Virginia erhält anonyme Briefe: I 238; stirbt: I 240, 241; sie 
wird geschildert von Frau Niciiols: I 232, 236; von Miss Crom- 
well: I 235; Virginia und ANNABEL LEE: I 217—219, 224, 
261, 309; und ULALUME: I 234, 245, 246, 249—253, 258—261; 
und BERENICE: II 10—14; und MORELLA: II 24, 25; und 
LIGEIA: II 40—42, 45; und DAS HAUS USHER: II 53, 56, 
57, 63; und ELEONORA: II 65—68, 70, 72, 73; und DAS 
OVALE PORTRÄT: II 75, 78; und DAS STELLDICHEIN; 



Register 365 

II 79; und METZENGERSTEIN: II 104; und PYM: II 121; 
und DER GOLDKÄFER: II 21 j, 234; und DER VERLORENE 
ATEM: II 248; und die RÜE MORGUE: II 330, 362—366, 
375; und DIE SCHWARZE KATZE: II 376—378, 380, 381, 
386; und DIE MASKERADEN: III 36, 47; und WASSER- 
GRUBE UND PENDEL: III i6j; und HEUREKA: III 167—169, 
211; und Das literarische Kunstwerk: III 239, 250, 253, 261, 
279—281, 327. 
Poe, William (Vetter Poes): I 16, 142, II 25 j. 

Poe, William Henry Leonard (Bruder Poes): Geburtsdatum: I 11; 
bei den Großeltern: I ii, 218, 222, 11 229, III 219; der Brief 
John Allans über Rosalie: I 45, 52, II 2J4; The Pirate: I 49, 50; 
sieht Edgar in Ridimond: I 51; bei der Handelsmarine: I ji; 
Edgar eignet sidi seine Erinnerungen an: I 90, 95, II 132; mit 
Edgar bei Frau Clemm: I 87, 88, 114; Rivale eines Thomas: 
I 168; Rivale seines Bruders (Kate Blakely): I 114, II 361; 
sein Tod: I 114, II 14, 175, 361; und BERENICE: II 14; und 
PYM: II 131, 132, I7J, 214, 229; und DER VERLORENE 
ATEM: II 2J4, 257; und MARIE ROGET: II 361, 375; und 
DIE MASKERADEN: III 35, 36; und BEDLOE: III 123, 126; 
und HEUREKA: III 219. 

Poe's Brother, The Poems of William Henry Leonard Poe, von 
Allen und Mabbott: I 48, 49. 

Poetes et nevroses, von A. Barine: I 281. 

Poets and Poetry of America, Anthologie, von Griswold: I 182. 

Politien, Angelo Cini: II 8 j. 

Poore, Frau: I 128. 

Pope, Alexander: I 35. 

Pordae, Franfois: III 289, 291. 

Potiaux, Catherine Elizabeth (erste Liebe Poes): I 25, 38, 284. 

Power, Frau Nidiolas (Mutter der Frau Whitman): I 295, 296, 299, 
300, 302, 337. 

Power, Sarah Helen: siehe Whitman, Sarah Helen. 

Precis de Medecine legale, von V. Balthazard: II 277. 

Preston, Oberst James P.: I 85. 

Prose Writers of America, von Griswold: I 199. 

Protestantismus: II 365. 

Psalmen (Davids): II 259. 

Psyche (ULALUME): I 252—259, 275. 

Psychischen Wirkungen der Rauschgifte, Die, von S. Rad6: II 
280. 

Psychoanalyse, Jahrbuch der: II 257. 

Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschrie- 
benen Fall von Paranoia, von Freud: III 109, 124, 125, 212. 



366 Register 



Psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Jahrbuch 

für: III 265, 294. 
Psychopathia sexualis, von Krafft-Ebing: III 323. 
Psychopathologie des Alltagslebens, Zur, von Freud: I 92. 
Punch: II 292. 
Puppe, Dr., II 278. 
Putnam, George P.: I 266, III 167. 

„Quarles" (Deckname für Poe): I 198. 

Quasimodo: III 326. 

Quichotte, Don, von Cervantes: I 47, 65. 

„Rabe" (Name für Poe): I 278, 281, 290, 300, III 283. 

Rabelais, Frangois: II 258. 

Radcliffe, Ann Ward: I 180, II 97. 

Radeau de la Meduse, Le (Gemälde), von Gericault: II 159. 

Rad6, Sdndor: II 280. 

Ragged Mountains, The: I 54, 6y, II 222, 239. 

Raimund, Ferdinand: III 105. 

Rank, Otto, II 90, 158, III 105 — 109, 152 — 155. 

Rawlings, George: I 333. 

Reader's Handbook, The, von E. C. Cobham: II 323, 325. 

Reflexions sur la puissance motrice du feu et sur les machines propres 
ä developper cette puissance, von Carnot: III 201. 

Reformation: II 365. 

Reik, Dr. Theodor: II 321, 383. 

Reynolds, J. N.: I ij8, II 178, 212; wird vom sterbenden Poe 
gerufen: I 3J1, 3J4. 

Ridiardson, C. A. (Taverne der Frau R.): I 65, II 132, 133. 

Ridiardson, William (Lehrer in Richmond): I 22. 

Richmond, Annie (Gattin Charles Richmonds): und ANNABEL 
LEE: I 220; in Lowell: I 279; sie wird von Poe beschrieben: 
I 279, 280; Poe wohnt bei ihr: I 281, 292; ihr Reiz: I 282, 320, 
330, 348; der Konflikt Poes, Annie oder Helen: I 281, 283, 289, 
292, 304 — 307; die Briefe Poes an sie: I 293, 294, 300, 301, 319, 
320, 322; Skandal um Annie und Poe: I 299, 324; Annie und die 
Gedichte Poes: I 307; und FÜR ANNIE: I 309—317; und das 
Mißtrauen des Herrn Richmond: I 318; und die Verlobung Poes 
mit Elmira: I 340 — 342; und der Tod Poes: I 3J2, 353; und 
LANDORS LANDHAUS: II 116; und HOPP-FROSCH: III 
40; und HEUREKA: III 169; und Das literarische Kunstwerk: 
III 283. 

Richmond, Charles (Gatte Annies): I 282, 298, 318, 340. 

Richmond Examiner, The: I 28$, 338, 342. 



Register 367 

Ridimond Junior Volunteers: I 44, 55, 69. 

Richter, Jean Paul: III loj. 

Ricketts: II 130, 131. 

Rime of the Ancient Mariner, The, von Coleridge: I 157, II ij, 16, 
ifio. 177. 178- 

Roberts: II 362. 

Robertson, Dr.: II 319. 

Robinson Crusoe, von D. de Foe: I 35, II 132. 

Röheim, Geza: I 21, 323 — 326. 

Romanzen vom Rosenkranz, von C. Brentano: III 325. 

Rops, Felicien: III 298. 

Rosalie: siehe Poe, Rosalie. 

Rosalie Lee, von P. P. Cooke: I 219. 

Rosenbadi: I 163. 

Rosse, William Parsons: III 189. 

Rousseau, Jean- Jacques: I 44. 

Rowena (LIGEIA): I 81, 13J, 142, 242, II 39-4J, 56, 72, 104, 
192, 209, III 253, 260. 

Royster, Sarah Elmira (Myra, Gattin des Herrn Shelton): bio- 
graphisdie Angaben: I 49; verlobt sich mit Poe: I 52; die auf- 
gefangene Korrespondenz: I j2, 60, 81, 33J; heiratet Herrn 
Shelton: I 60, 81; begegnet Poe: I 128; Möglichkeit einer Heirat 
mit Elmira: I 187; neue Beziehungen: I 334—347; Verlobung: 
I 336; Elmira und TAMERLANE: I 58, 68; und TO SARAH: 
I 130; und DAS STELLDICHEIN: II 88, 91, 93; und 
HEUREKA: III 169; und Das literarische Kunstwerk: III 250, 
267, 283. 
Royster (Vater Elmiras): I 50, 57, 60, 81, 33J. 
Ryan's Fourth Ward PoUs: I 349. 

Sabatier, Aglae-Apollonie: III 294, 301, 302, 321. 

Sadis, Hanns: III 313. 

Sade, Marquis de: III 325. 

Sadist, Der, von K. Berg: III 317. 

Sadler: I 346, 348. 

Saint- John (Friedhof): I ij6. 

Samoanische Märchen, von O. Sierich: II 260. 

Sarah (Sdiwester Annies): I 282, 298, 317; schildert Poe: I 292. 

Sarah („Louchette", Geliebte Baudelaires) : III 291, 327. 

Sartain, John (Freund Poes): I 147, 172, 181, 182, 221, 327—329, 

247. 
Sartain' s Union Magazine: I 216, 221, 327. 
Saturday Evening Post, The: I 170. 
Saturday Museum: siehe Philadelphia Saturday Museum, The. 



368 Register 



Saunders: I 203. 

Schutzinsel, Die, von Stevenson: II 241. 

Schiwa: III 206, 207, 307, 314. 

Sdiopenhauer, Arthur: III 329. 

Sdireber, Daniel Paul: III 109, 124, 125, 212. 

Sdhwarz, Kuhn von: II 325. 

Scott, Walter: I 47, II 322. 

Scott, General Winfield: I 37, 93, 243. 

Sermo de Tempore des heiligen Augustinus: II 257. 

Sexualverbrecher, Der, von E. Wulff en: III 31J. 

Shakespeare, William: II 52J. 

She, von H. Haggard: II 71. 

Shelley, Percy: I 47, 58. 

Shelton, A. Barrett (Gatte Elmiras): I 57, 60, 81, 108, 128, 334, 
335. n 88. _ 

Shelton, Sarah Elmira: siehe Royster, Sarah Elmira. 

Sherlodc Holmes (von Conan Doyle): I 173, II 333, 372. 

Shew, Marie-Louise: I 277, 307, 310, 322, 336, III 169, 283; bio- 
graphische Anmerkung über sie: I 237; hilft, unterstützt Poe: 

I 237, 240, 24J, 267, II 234; und die Briefe Poes: I 239, 268, 
271, 272; und der Tod Virginias: I 240, 267; sie sammelt für 
Poe: I 243; der Brief der Frau Clemm: I 243, 244; und ULA- 
LUME: I 249; sie berichtet von Poe: I 269, 270; und DIE 
GLOCKEN: I 269, 270, 307; von Poe vergessen: I 273. 

Shoioe (Friedhof): I 40, 78. 
Siegfried: II 63. 

„Sissy" („Sis"): siehe Poe, Virginia. 
„Sisterhood, The starry": I 209—212, 229, 230. 
Sitter, de: III 205. 
Smith: I 188. 

Smith, Frau: siehe Herring, Miß. 
Smith, Edmund: I 3J2. 
Smith, Elizabeth: siehe Arnold, Elizabeth. 
Smith, Elizabeth, geb. Oakes: I 210, 211, 229, 325, 326. 
Smith, William Robertson: II 173. 
Snodgrass, Dr. James Evans: I 162, 349, 350, 352. 
Snowden, Frau: I 10. 
Snowden's Ludy's Companion: II 360. 
Society Library, The, New York: I 265. 
Sons of Temperance, The: I 338, 346. 

Southern Literary Messenger, The: I 14, 41, jo, 98, 126, 127, 
128—133, 139. 154. i57> ij8, iSi, 198, 216, 221, 283, 337, 24J, 

II II, 22, y% 91, 97, 120, 121, 178, 245, 283, III 39, 58. 
Spirit of the Times, The: I 231. 



I 



Register 369 

Stanard, Jane, geb. Stith (Gattin Robert Stanards, „Helen"): I 
34—43. 49> 68, 78—80, 98, 59, 104, io6, 142, 256, 268, 284, 
288, 291, 317; ihr Tod: I 40; Poe bei ihrem Grab: I 40, 243, 
288, III 167; und der „glücklichste Tag, die glücklichste Stunde" 
Poes: I 68; und Nesace: I 98; und der Tod Virginias: I 243; 
und Frau Whitman: I 291; und LIGEIA: II 42; und DAS 
STELLDICHEIN: II 87—89; und HEUREKA: III 167, 168; 
und Das literarische Kunstwerk: III 2jo, 267. 

Stanard, John C. (Neffe Robert Stanards): II 91. 

Stanard, Mary Newton: I 9; siehe auch: Edgar Allan Poe Letters 
tili now unpublished, The. 

Stanard, Robert: I 38, II 88, 89, III 250. 

Stanard, Robert Craig (Sohn Robert Stanards, „Bobby"): I 38, 128, 
284, 291, II 91, 378. 

Staub, Hugo: III 313. 

„Stella": siehe Lewis, Sarah Anna. 

Stevenson, Andrew: I 83. 

Stevenson, Robert Louis: II 241. 

Stoddard, Richard Henry: I 205, III 127. 

Strehlow, Carl: II 260. 

Stryker's Bay Tavern, New York: I 195. 

Student von Prag, Der, von H. H. Ewers: III loj, 108. 

Study in Scarlet, A, von C. Doyle: II 333. 

Sully, Robert (Rob), Freund Poes: I 35, 284. 

SuUy, Thomas: I 172, II 83. 

Swedenborg, Emmanuel: III 220. 

Sychel, Elijah van: I 172. 

Symbolik der Brücke, Die, von Ferenczi: III 69. 

Symbolik der Kopftrophäen, von M. Bonaparte: II 360, III 2.66. 

Talavera: I 336, 345. 

Talley, Susan Archer: siehe "Weiß, Susan Archer. 

Talleys, Die: I 336, 345. 

Tardieu, Dr.: II 278. 

Terre, La, von E. Zola: II 50. 

Testament im Lichte des alten Orients, Das Alte, von Jeremias: 

II 232. 
Thayer, Oberst: I 109, 114. 
These sur le vampirisme, von Epaulard: III 322. 
Tholnot, Dr. L.: II 277 — 279. 
Thomas, Calvin F. S.: I 66. 

„Thomas Done Browne": siehe English, Thomas Dünn. 
Thomas, Frederick 'William (Freund Poes): I 168, 174, 187-190; 

Poes Briefe an Thomas: I 306, II 240. 
Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 24 



370 Register 

Thompson, John R.: I 284, 345. 

Thor: 11 264. 

Tischendorf, Julius: II 324, III 63. 

Tomlin, John: III 160. 

Totem und Tabu, von Freud: II 156, 173, III 310. 

Trauma der Gehurt, Das, von O. Rank: III ij2. 

Traumdeutung, Die, von Freud: III 235, 248, 2JI, 256, 259, 261, 

268, 269. 
Tribüne: siehe New York Tribüne. 
Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik, Über, von Freud: 

I 232, 236. 
Trimurti: III 206. 

Trinität, Hindustanische: siehe Brahma, Sdiiwa, Wischnu. 
Trinity College, Dublin: I 35. 
Tubbs, Charles: I 10, 15. 
Tucker, Beverly: I 14. 
Tucker, Prof. George: I 53. 
Tucker, Thomas Goode: I 57. 
Tudor, Die: I 31. 
Turgenjefl: III 107. 

Turtle Bay (Poe und Familie in): I 235. 

Tyler, John, Präsident der Vereinigten Staaten: I 174, 187, 188. 
Tyler, Robert (Sohn John Tylers): I 174, 187, 188. 

Über fausse reconnaissance, von Freud: I 260. 

Über die weibliche Sexualität, von Freud: III 211. 

Unbehagen in der Kultur, Das, von Freud: III 277, 303, 310, 319, 

33°- 
Union Medicale: III 322. 
United States Military Academy ("West Point): I 54, 74, 82, 83, 84, 

86. 93> 94— III. 136. 138, 149. 150. 154- 
Universe, The, von J. Jeans: III 190, 203. 
Untergang des Ödipuskomplexes, Der, von Freud: II 299. 
Uranos: II 173, III 23. 

Urworte, Über den Gegensinn der, von Freud: III 265. 
Usher: I 10. 
Usher, Roderick (DER UNTERGANG DES HAUSES USHER): 

I 146, II 46 — 64, 79, 108, 209, 218. 

Vacher, Joseph: III 315. 

Vacher, l'eventreur et les crimes sadiques, von A. Lacassagne: III 

315- 
Valentine, Anne Moore, Schwester der Frances Allan („Tante 
Nancy"): I 20, 24, 29, 30, 34, 39, 60, 65, 66, 92, 93, 283; weist 



Register 371 

Allans Heiratsantrag zurück: I 92, 93; schickt Poe Geld: I 123; 

und ANNABEL LEE: I 220; und DER MANN DER MENGE: 

II 318. 
Valentine, Edward (Vetter der Frances Allan): I 25, 26, 242, 298, 

II 109. 
Valentine (Hausbesitzer in Fordham): I 241. 
Valentine Museum Poe Letters, The: siehe Edgar Allan Poe Letters 

tili now unpublished, The. 
Valery, Paul: III 201. 

Vampirisme, These sur le, von Epaulard: III 322. 
Variete, von P. Valery: III 201. 
Veden, Die: II 263. 
Venus: II 78. 
Verbrecher und seine Richter, Der, von Alexander und Staub: III 

313- 

Verne, Jules: II 241. 

Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido, von K. Abraham: 

II 416, III 310. 
Versuch einer Genitaltheorie, von Ferenczi: III 152, 16z. 
Victoria I. von England: und der RABE: I 203. 
Vie douloureuse de Charles Baudelaire, La, von F. Porche: III 289, 

291. 
Vinci, Leonardo da: II 260, III 22, 204. 
Virgil: I 47, II 260. 
Virginia: siehe Poe, Virginia. 
Virginia (Universität): I jo, 53 — 59, 60, 81, 94, 149, II 315, III 

9^—99, 113. 
Virginia Players, The: I 10, 15, 16, II 336. 
Volta, Alexander: III 205. 

Wagner, Richard; II 77, 327, III 226. 
Waldemar IV. von Dänemark: III 325. 
Walker, Joseph W.: I 349. 
Wallace, William R.: I 195. 
Wallenstein, von Schiller: III 127. 
Walsh, John: I 116. 
Wartburg, W. von: II 406. 
Washington, Bushrod: I 37, II 300. 
Washington, George, Präsident: I 44. 
Washington Hospital, The, Baltimore: I 350. 
Watzmann: II 323 — 326. 
Webster, Noe: I 233. 

Webster' s New International Dictionary of the English Language: 
I 233. 



372 Register 

Weiß, Susan Ardier, geb. Talley: I 261, 345; und die ANNABEL 

LEE: I 217, 309; beschreibt das Leben Poes in Fordham: I 261; 

und ULALUME; I 261; und FÜR ANNIE: I 345. 
Wendepunkt im Leben Napoleon I., Der, von L. Jekels: II 2j6. 
Werner, Zacharias: III 32 j. 

West Point: siehe United States Military Academy. 
White, Eliza, Tochter des Thomas White; I 128, 132, 201, 240. 
White, Henry Kirke: I 47. 
White, Thomas Wylkes: I 125, 129, 149, II 91; entläßt Poe und 

engagiert ihn wieder: I 129, 130; trennt sich von Poe: I 133. 
Whitman, Sarah Helen, geb. Power: I 207, 276 — 278, 281, 292, 310, 

318, 335, III 169, 283; und ULALUME: I 246, 260; ihre Verse 

an Poe: I 278, 279, 285, 286; Poes Brief an sie: I 286 — 288; 

geplante Heirat: I 289 — 291, 292, 301; BrudimitPoe: I 301 — 303; 

und ELEONORA: II 73. 
Whitty, J. H.: I 139, II 131. 
Wickliffe: I jj. 

Wilbert, Veterinaire-Colcnel: II 328. 
Wilde, Oscar: II 116, III 105. 
Wilde Jagd, Die, von G. Röheim: II 323, 325. 
Wiley & Putnam: I 209. 
Willis, Nathaniel Parker: I 172, 196, 197, 237, 241, 265, 32J, III 

32, 127. 
Wills, Elizabeth (Maitresse John Allans): I 21, 125, II 102. 
Wilmer, Lambert A.: I 191, III 123, 160. 
Windham, William: II 292. 
Wirt, William: I 86. 
Wischnur III 206, 207. 
Woodberry, George E. (Biograph Poes): I 9, 13, 69, 87, 117, 137, 

147. 33°. 348, II 121, 296- 

Wordsworth, William: I 47, 58, 113. 

Works of the late Edgar Allan Poe with a memoir by Rufus Wilmot 
Griswold and notices oj his life and genius by N. P. Willis and 
I. R. Lowell (Memoir, von Griswold): I 303, III 282. 

Worth, Oberst: I 83. 

Wotan, Odin: II 324, III 23, 2j, 78. 

Wulffen, Erich: III 315. 

Wyatt, Prof. Thomas: I 160. 



X. (der präsumptive Liebhaber Elizabeth Poes): I 222, 223, II 
2J4 — 256, 296, 302, 368, 373, 374, 416, III 28, 59, 80, 126, 220, 
250, 262, 264. 

Xerxes L; II 127, 326. 



Register 373 



Yanke and Boston Liter ary Gazette, The: I 
Yarrington, Frau: I 130, 131. 

Zeus: II 21, 173, 264, III 23. 
Ziemke, Dr.: II 278. 
Zola, Emile: II 50, III 233. 
Zopyrus: II 271. 



B. INDEX DER WERKE POES 

In dieser Aufzählung sind nur die Titel der Werke Poes enthalten, 
die im Verlauf unserer Arbeit verwertet wurden. Eine vollständige 
Liste findet der Leser bei H a r r i s o n (Virginia Edition, und in der 
auch gesondert herausgegebenen Biographie [Band I der Virginia 
Edition], die unter dem Titel Life of Edgar Allan Poe in New York 
bei Thomas J. Crowell & Co. 1902/03 veröffentlicht wurde) und 
beiWoodberry (The Life of Edgar Allan Poe, Boston and New 
York, Houghton Mifflin Company, The Riverside Press Cambridge, 
1909). Die deutschen Titel wurden aus der von uns im Text zitierten, 
im Propyläenverlag zu Berlin (herausgegeben von Theodor Etzel) 
erschienenen Ausgabe übernommen. Genaue bibliographisdie Angaben 
über die einzelnen "Werke befinden sidi im Text der vorliegenden 
Studie auf der Seite, die in diesem Index mit einem * versehen ist. 

a) ALPHABETISCHES VERZEICHNIS DER DEUTSCHEN TITEL 
Gedichte 

Abendstern (Evening Star). 

AI Aaraaf. 

An — (To — ). 

An die ■Wissenschaft (To Science). 

An Eine im Paradies (To One in Paradise). 

An Helene (To Helen). 

An Mary (To Mary). 

An meine Mutter (To my Mother). 

An Sarah (To Sarah). 

Annabel Lee. 

El Dorado (Eldorado). 

Eroberer Wurm (The Conqueror Worm). 

Eulalia (Eulalie. A Song). 

Für Annie (For Annie). 

Geister der Toten (Spirits of the Dead). 

Das Geistersdiloß (The Haunted Palace). 



374 Register 

Die Glocken (The Beils). 

Israfel. 

Das Kolosseum (The Coliseum). 

Lenore. 

Der Rabe (The Raven). 

Die Schlafende (The Sleeper). 

Schweigen (Silence). 

Der See (The Lake). 

Die Stadt im Meer (The City in the Sea). 

Das Tal der Unrast (The Valley of the Unrest). 

Tamerlan (Tamerlane). 

Träume (Dreams). 

Traumland (Dream-Land). 

Ein Traum (A Dream). 

Ein Traum in einem Traum (A Dream within a Dream). 

Ulalume. 

Die Geschichten 
Berenice. 
Bon-Bon. 

Die Brille (The Spectacles). 
Der Doppelmord in der Rue Morgue (The Murders in the Rue 

Morgue). 
„Du bist der Mann!" (Thou Art the Man!). 
Der Duc de l'Omelette (The Duc de l'Omelette). 
Eleonora. 

Der Engel des Sonderbaren (The Angel of the Odd). 
Der entwendete Brief (The Purloined Letter). 
Eine Erzählung aus den Ragged Mountains (A Tale of the Ragged 

Mountains). 
Das Faß Amontillado (The Cask of Amontillado). 
Gaffy. 

Das Geheimnis der Marie Roget (The Mystery of Marie Reget). 
Der Goldkäfer (The Gold-Bug). 
Eine Geschichte aus Jerusalem (A Tale of Jerusalem). 
Das Gespräch zwisdien Eiros und Charmion (The Conversation 

of Eiros and Charmion). 
Der Herrschaflsbesitz Arnheim (The Domain of Arnheim). 
Hinab in den Maelstroem (A Descent into the Maelström). 
Hopp-Frosch (Hop-Frog). 
Die Insel der Fee (The Island of the Fay). 
König Pest (King Pest). 
Landors Landhaus (Landor's Cottage). 
Die längliche Kiste (The Oblong Box). 
Lebendig begraben (The Premature Burial). 



Register 37 j 

Der Löwe (Some passages in the Life of a Lion. — Lionizing). 

Der Lügenballon (The Ballon-Hoax). 

Der Mann, der aufgerieben worden war (The Man that was 

Used Up). 
Der Mann der Menge (The Man of the Crowd). 
Das Manuskript in der Flasdie (Manuscript found in a Bottle). 
Die Maske des Roten Todes (The Masque of the Red Death). 
Metzengerstein. 
Morella. 

Das ovale Porträt (The Oval Portrait). 
Der Schatten (Shadow). 
Die schwarze Katze (The Blaci Cat). 
Das schwatzende Herz (The Teil-Tale Heart). 
Das Stelldichein (The Assignation). 
Die Tatsachen im Fall Waldemar (The Facts in the Gase of 

M. Valdemar). 
Die 1002. Nacht der Scheherazade (The Thousand-and-Second Tale 

of Sheherazade). 
Der Teufel der Verkehrtheit (The Imp of Perverse). 
Der Untergang des Hauses Usher (The Fall of the House of Usher). 
Die unvergleichlichen Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall (The 

Unparalleled Adventures of One Hans Pfaall). 
Vier Tiere in einem (Four Beasts in One). 
Der verlorene Atem (Loss of Breath). 
Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf (Never Bet the Devil 

Your Head). 
Wassergrube und Pendel (The Pit and the Pendulum). 
William Wilson. 
Des wohlachtbaren Herrn Thingum Bob liter. Werdegang (The 

Literary Life of Thingum Bob, Esq.). 
Das Zwiegespräch zwischen Monos und Una (The CoUoquy of 

Monos and Una). 

Romane 

Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym (The Nar- 

rative of Arthur Gordon Pym). 
Das Tagebuch des Julius Rodman (The Journal of Julius Rodman). 

Szenen aus einem Drama 
Politian. 

Philosophische und kritische Werke 

Heureka (Eureka). 

Die Philosophie der Komposition (The Philosophy of Composition). 



37^ Register 

Das poetische Prinzip (The Poetic Principle). 

Rationale of Verse, The. 

Literati, The. 

Brief an B. — (Letter to B. — ). 

Philosophie der Wohnungseinrichtung (Philosophy of Furniture). 

Lehrbuch der Conchologie (Conchologist's First Book). 

b) ALPHABETISCHES VERZEICHNIS DER ENGLISCHEN TITEL 

Address on the Subject of a Surveying and Exploring Expedition to 
the Pacific Ocean and South Seas, Artikel über Reynolds: II 178. 

AI Aaraaf: I 72, 73, 85, 86, 87, 89*, 90, 98; II 212, 240; III 167. 
Vorlesung in Boston: I 208. 

AI Aaraaf, Tamerlane and Minor Poems; I 89*, ^g. 

American Parnassus, The, eine geplante Anthologie: I 227. 

Angel of the Odd, The: III 113, 129* — 136, 245, 250, 271. 

Annabel Lee: I 215, 2i6"' — 226, 2J3, 257, 261, 303, 307, 317, 330, 
345; II 79. 

Annie: siehe For Annie. 

Assignation, The, früher unter dem Titel: The Visionary: I 117; 

II 79'' — 96, 108; III 2J0, 267, 268. 
Balloon-Hoax, The: I 193*. 

Bedloe: siehe Tale of the Ragged Mountains, A. 
Beils, The: I 307, 308, 324; erste Fassung I 269. 
Berenice: I 117, 118, 127, 146; II 11* — 21, 28, 47, 75, y% g^; 

III 274, 279, 280. 

Black Cat, The: I 118, iji, 154, 183; II 20, 108, 122, 239, 269, 272, 
^79y 374> 375*— 415; MI 9. 1°' i4> i5. ^2. 39> 4^' 60, 61, 100, 131, 
158, 243, 253, 254, 265, 266, 274, 280, 281, 301, 302. 

Bon-Bon: I 117. 

Cask of Amontillado, The: III 32* — 39, 40, 47, 51, 60, 79, 80, 102, 

,243; 
City in the Sea, The (1831 unter dem Titel: The Doomed City; 

1836 unter dem Titel: The City of Sin): I loi*, 106. 
City of Sin, The; siehe City in the Sea, The. 
Coliseum, The; I 117*, 124. 

Colloquy of Monos and Una, The: I 102, 173; II 274*. 
Conchologist's First Book: or, A system of Testaceus Malacology: 

I IJ9*, 160, 194. 
Conqueror Worm, The. 

Conversation of Eiros and Charmion, The: I 161*, 162. 
Descent into the Maelström, A: I 117, IJ7; II 120, 121*, 214, 246. 
Domain of Arnheim, The (zuerst: The Landscape Garden): II 114, 

115, 116*. 



Register ■,-,-, 

Doomed City, The: siehe City in the Sea, The. 

Dream, A: I 67*. 

Dream within a Dream, A: I 67*. 

Dreatn-Land: I 338. 

Dreams: I 67"". 

Duc de rOmelette, The: I 117. 

Eldorado: I 307, 308. 

Eleonora: II 65*— 74, 99, 114, 115; III 253. 

Eulalie. — A Song: I 258*; II 16. 

Eureka: I 102, 24J, 263—267, 277, 284, 330; III 136, 167*— 230, 
243; Entstehung: I 263—267; III 167—170, 225; der Vortrag Poes 
über E.: I 266. 

Evening Star: I 67*. 

Facts in the Gase of M. Valdemar, The: I 210; III 126*— 129, 266. 

Fall of the House of Usher, The: I 117, 161; II 28, 46''-— 64, 65, 
176, 207; III 50, 217, 239, 25J, 274. Siehe auch Index A: Usher, 
Roderick. 
For Annie: I 226, 304, 306, 307*— 317, 321, 330; 11 7% III i6. 
Four Beasts in One; The Homo-Cameleopard: I 117. 
Gaffy: I 58. 
Gold-Bug, The: I 71, 72, 184, 192; II 89, 198, 21J*— 241, 269, 418; 

III 240, 245, 252, 253, 257, 280, 281. 
HansPfaall: «e/ie Unparalleled Adventures of One Hans Pfaall, The. 
Happiest Day, the Happiest Hour, The: I 68*. 
Haunted Palace, The: I 162, 182; II 59. 
Hop-Frog: III 35, 39'-— 46, 47, j6, 60, 102, 743. 
Hymn: I 130. 

Imp of the Perverse, The: II 383*, 384; III 9, 10, loi. 
Introduction: siehe Romance. 
Irene: siehe Sleeper, The. 
Island of the Fay, The: II 113— 119. 
Israfel: I loi*, 107, 108*, 109. 
Journal of Julius Rodman, The: I 169*; II 122. 
King Pest: I 117, 290, 291; III 35, 39*, 40, 47, 60. 
Lake: To — , The: I 67"-. 

Landor's Cottage: I 279—281, 292, 297; II 114, 116*. 
Lenore (zuerst: A Pean): I loi*, loj, 106, 136, 141, 308; II 16. 
Letter to B. — , die erste kritische Arbeit Poes: I 113. 
Life in Death: siehe Oval Portrait, The. 
Ligeia: I iig, 2J7; II 28*— 4j, 47, 122, 211; III 253, 260, 274, 279, 

280. Siehe auch Index A. LIGEIA. 
Lionizing: siehe Some Passages in the Life of a Lion. 
Literary America: siehe American Parnassus, The. 
Literary Life of Thingum Bob, Esq., The: I 50*. 



3/8 Register 

Literati, The, Kritiken von Poe: I 227, 230, 231; III 33. 

Loss of Breath: I 117, 24J*— 305, 336, 368, 389, 394, 39J, 419; 

III 53, 241, 251, 255, 265, 298. 
Maelzel's Chess-Player: I 132. 
Man of the Crowd, The: II 309*— 328, 329, 332, 3J4, 367, 375, 

391, 419; III 18, 30, 56, 266. 
Man that was Used Up, The: I 161; III 26*, 27. 
Manuscript (MS.) Found in a Bottle: I 117, 124, 1J7; II 120, 121"-, 

178, 214. 
Masque of the Red Death, The: I 183; II ijo; III 3J, 47* — 58, 

61, 6z, 102, 158, 243, 245, 246. 
Metzengerstein: I 117; II 97*— iio, 123, 14J, 159, 387, 419; III 240, 

24J, 246. 
Morella: I 117, 127, 146, 161; II 22*— 27, 28, 47, 65, j^; III 2J3, 

279. Siehe auch Index A. 
Murders in the Rue Morgue, The: I 10 j, 174; II 319, 329*— 375. 39i. 

417, 419; III 18, 42, 43, J7, 61, 183, 242, 244, 2J5, 257, 2j8, 261 

bis 264, 268, 269, 272, 274, 301. 
Mystery of Marie Roget, The: I 183; II 360*— 366; III 257, 271, 

272. 
Narrative of Arthur Gordon Pym, The: I 35, 132, 157— ij8, 354; 

II 57, 122*— 214, 235, 240, 241, 290, 361, 399, 403; III 36, 51, 

52, 143, 157, 209, 240, 251, 255, 2j6. 
Never Bet the Devil Your Head: III 6y' — 81, 243. 
Oblong Box, The: II y^, 108. 
Oval Portrait, The (zuerst: Life in Death): II 75* — 78, 93, g% 104, 

117. 274- 
Pean A: siehe Lenore. 
Penn, The, von Poe geplantes Magazin: I 162, 163, 168, 170, 187; 

II 331- 
Philosophy of Composition, The: I 80*, 167, 22S, 232, 266; II 34. 
Philosophy of Furniture, The: I 267; II 89; III 49*. 
Pirate, The: siehe Index A: Poe's Brother. 
Pit and the Pendulum, The: I 184; III j2, 53, 13S, 137* — 166, 227, 

243. 273. 
Poetic Principle, The: I z66, 279, 326, 337, 343, 34J. 
Politian: I 116'', 130. 
Power of Words, The: III 203*. 
Predicament, The Scythe of Time, A: III 158*. 
Preface: siehe Romance. 
Premature Burial, The: III IJ4*. 
Purloined Letter, The: II 333, 415* — 418; III 257. 
Pym: siehe Narrative of Arthur Gordon Pym. 
Rationale of Verse, The: I 284*. 



Register 379 

Raven, The: I 68, 168, 192, 193, 194, 195, 198, 200, 209*, 210, 212, 

284, 338; II 240; III 104; die Kollekte nach der Vorlesung: I 192; 

Veröffentlichung und Ruhm: I 198, 199; und Frau Osgood: I 200; 

und die Königin Victoria: I 203; und die Vorlesung in Boston: 

I 208; und Annabel Lee: I 22 j, 226; und die Philosophy of 

Composition: I 266; siehe auch Index A. 
Report of the Committee on Naval Affairs, to whom were refered 

memorials from sundry Citizens of Connecticut interested in the 

whale fishing, praying that an exploring expedition be fitted out 

to the Pacific Ocean and South Seas. March, 21, 1836 (Artikel 

über Reynolds): II 178. 
Romance (1829 unter dem Titel: Preface; 1831: Introduction) : I 42*, 

loi, 107, 108. 
Sarah: siehe To Sarah. 
Shadow: I 117; III j8*— 61. 
Silence. A Fable: I 117*. 

Sleeper, The (zuerst: Irene): I loi"", 104, io8"', 136; III 36. 
Some Passages in the Life of a Lion (Lionizing): I 117, 283*. 
Spectacles, The: II 371*. 

Spirits of the Dead (zuerst: Visit of the Dead): I 67*. 
Stanzas: I 6y'''. 
Stylus, The (von Poe geplantes Magazin): I 187, 188, 191, 204, 265, 

266, 283, 284, 286, 287, 298, 306, 337; soll endlich erscheinen: 

I 322—324. 
„Sylvio": siehe To Sarah. 
Tale of Jerusalem, A: I 117*. 
Tale of the Ragged Mountains, A: III 113* — 126. 
Tales of the Folio Club, The: I 117*, 126, 130; II 11, y^, 83, ^j, 

121, 245; III 40, j8. 
Tales of the Grotesque and Arabesque: I 117, 165* — 167. 
Tamerlane: I 58, 66, 6^''. 
Tamerlane and other Poems: I 66, 6y'''. 
Tell-Tale Heart, The: I 154, 184; II 384; III 9*— 31, J2, 56, 61, 

78, loi, 223, 243, 2J0, 274. 
Thou Art the Man!: III 22*. 
Thousand-and-Second Tale of Sheherazade, The: II 290*. 

To : I 6f. 

To Helen (1831): I 40, ^r', 98, loi*, 102, 103, 104, 106, 256; II 87. 

To Helen (nach 1849): I 277. 

To Mary: I 121, 130*. 

To my Mother: I 274*, 275. 

To One in Paradis: II 84, 8j. 

To Sarah (zuerst unter dem Pseudonym „Sylvio" erschienen): I 130, 

139*. 



jSo 



Register 



To Science: I 97, 58*, 99. 

Ulalume: I 141, 186, zz6, 234, 245 — 261, 277, 317; II 305; III 168, 

246''''. 
Unparalleied Adventures of One Hans Pfaall, The: I 117''', 124, 240, 

241; III 13J, 218, 240, 241. 
Valdemar: siehe Facts in the Gase of M. Valdemar, The. 
Valley of Unrest, The (zuerst: The Valley Nis): I 30*, loi*, 106. 
Vislonary, The: siehe Assignation, The. 
Visit of the Dead: siehe Spirits of the Dead. 
William Wilson: I 31, 32, 161, 162% 255; II 182, 320; III 85* — no, 

122, 134, 257. 



C. INDEX DER PSYCHOANALYTISCHEN BEGRIFFE 

In diesem Index sind die wichtigsten psychoanalytischen Tatsachen 
und Begriffe verzeichnet, die im Verlauf der vorliegenden Studie auf- 
gezeigt und verwertet werden konnten. 



Absurdität (manifester Unsinn): 

II 92, 152, 296; III 264, 
267, 268, 275. 

Affekt: II 127, 153, 409; III 39, 
154, 238, 239, 242, 269 bis 

27J- 

Affektverkehrung: III 270, 

271. 
Unterdrückung des Affekts: 

III 271. 

Aggression, sexuelle: II 20, 63, 
193, 238, 246, 265, 297, 

355. 359. 37°. 373. 380, 
383; III 20, 24, 39, 228, 
241, 300, 301, 304—321, 

323. 331- 
Akt: siehe Sexualakt. 
Alkoholsucht: I 16, 57, 58, loi, 

120, 121, 130, 133, 142, 143, 



145. 


146, 


149- 


-IJ5. 


162, 


172. 


173. 


177. 


180, 


181, 


182, 


183. 


184, 


186, 


189, 


190, 


214, 


228, 


269, 


270, 


284, 


302, 


303. 


320. 


321. 


326- 


-330. 


338. 


348- 


-3J2! 



II 34, 129, 132, 133, 138, 
144, 170, 214, 362—365, 
377, 3S0; III 18, 29, 41, 42, 
60, 97, 102, 131, 132, 165, 
229, 245, 251, 293; ihre 
Rolle im Leben Poes: I 149 
bis 155; der heftigste Anfall 
bei Poe: I 133, 334; siehe 
auch Symbole für die A. 

Alpträume: I 43, 117, 157, 305; 
II 8, 16, 29, 56, 59, 138, 
143, 163, 281, 282, 364, 
380, 406, 407; III 72, 73, 
235, 260, 280; siehe auch 
Symbole der A. 

Ambivalenz: III 106, 128, 309. 

Amnesie: I 249, 260; II 18, 39, 
119; III 95; siehe auch 
Symbole für A. 

Analerotik: II 197, 208, 231 bis 
235, 248, 261 — 265, 266, 
297. 302, 393, 400; III ji, 
161, 252, 292, 305, 312, 
31J; siehe auch Symbole 
für A. 



r 

Register 381 




Anamnese: II 359. 


Beobachtung, intrauterine, des 


Angst: II J2, j8, iio, 144, 154, 


Koitus: II 287; III 1J9. 




IJ9, 204, 282, 302, 40J, 


Beschneidung: II 271, 272. 




406, 412, 413; III 18, 20, 


Besetzungen: 




39. 71. 72. 73. 74. 75. 140. 


B. mit Angst: II 28t; III 




150. 153—164. 242, 273, 


153. 274- 




274; die fünf ursprünglichen 


libidinöse B.: II 24; III 17, 




Ängste: II 412, 413, 414. 


240. 




Entwöhnungsangst: II 413. 


präödipale B.: III 313. 




Geburtsangst: II 413; III 152, 


Bildtechnik der Traumarbeit: II 




154, 156, 161. 


404; III 266. 




Gewissensangst: II 413; III 


Biologisches: 11 21, 38, 90, 283; 




156. 


III 138, iji, IJ2, IJ9, 209, 




Kastrationsangst: II 413; III 


216, 219, 227, 228, 247, 




76, ij6, 163, 164. 


278, 319. 328- 




neurotische Angst: II 155; III 


Bisexualität: III 74, 159, 160, 




162. 


163, 164, i6j, 166, 227, 




Todesangst: II 414; III 20, 


228, 230. 




76, 1^6. 


Darstellbarkeit, Rücksicht auf: 




Trennungsangst: II 413; III 


III 235, 258. 




ij6, 161. 


Depression: I 142, 14J, 151, 1J2, 




Siehe auch Besetzungen und 


154. 155- 




Urangst. 


Dipsomanie: I 140, 143, 145, 




Angsthysterie: II 52. 


146, 147, IJ4, 177, 190, 




Animismus II 127; III 248. 


202, 320, 348; II 144, 145, 




Anosmie: III 322. 


y99- 




Anthropromorphismus: II 114, 


Ejakulation: II 246; III 70,-77, 




116, 119, 126, 184, 185, 


215, 243, 314; und das 




260; III 194, 210, 216, 218. 


Henken: II lyj—iy^, 395; 




Anus: II 197, 261, 360; III 51, 


siehe auch Symbol für die E. 




308. 


Entwicklungsstadien der Libido: 




Assoziation durch Aneinander- 


II 20, 21, 168, 233— 23J, 




grenzen: II 102; durch Kon- 


304—310, 314, 315. 




trast: II 102; III 270. 


Entwöhnung: II 14 j, 1J4, 155, 




Ausscheidung (Exkretion): II 


162, 166, 170, 282, 413, 




262, 357. 


414. 




Autoerotik: III 134, 247. 


Entwöhnungsangst: siehe Angst. 




Bearbeitung, sekundäre: I 232, 


Entwöhnungstrauma: II 145, 




III 273, 27J. 


170. 




Beerdigung, vorzeitige: II 1J4; 


Epilepsie, larvierte: II 18. 




III 153. 


Erektion: II 277—283,295,359; 




Befruchtung (Konzeption) : II 


III 72, 242, 265, 308, 315, 




257 — 266; siehe auch Sym- 


317, 321; und das Henken: 




bole für die B. 


11 277—280, 397; III 265. 

















382 



Register 



Erotik: II 19, 102, 123, 168, 
206, 233, 261, 286, 357, 
383. 387. 389. 393. 399; III 
45, 125, 129, 131, 164, 211, 
227, 228, 247, 276, 291, 
301 — 321, 330; siehe Anal- 
erotik, Oralerotik. 
Erregung, sexuelle: III 276, 305, 
307, 314, 317; ästhetische 
E.: III 278. 
Ersatz (Substitute) für: 

Blut (rotes Wasser der Fluß- 
läufe von Tsalal): II 184; 
(Wein): III 60, 61. 

Bruder (Ebenezer Burling); II 
131. 

Brüder und Schwestern (Frauen, 
Kinder, junge Leute) : III 3 1 3 . 

Ekstasen, infantile (künstliche 
Paradiese): III 293. 

Fluidum des zeugenden Phal- 
lus (Atem): II 261. 

Genitalsprache (Intestinal- 

sprache): II 248, 249. 

Kind (Schatz): III 252. 

Koitus (Mutterleibsphantasie) : 

II IJ4; III 74, 163, 226. 
Liebeskrampf (Spasmen bei 

einer Vergiftung): II 96. 
Masturbation (Bettnässen): II 

102; (Spiel): III 64. 
Milch (Alkohol): II 145, 155, 

170; III 60, 61, 245; 

(weißer Fleck): II 403, 404; 

(Wasser): II 174. 
Milchhaut (Schwarte): II 145. 
Mutter (Frau Allan): I 283; 

(Erde): II 23 j; (Tochter): 

III 59; (Frau): III 163; 
(Vater): III 208, 21 j. 

Mutterleib (Wände des Ge- 
fängnisses): III IJ9. 

Orgasmus (toxikomanische De- 
lirien): II 280. 



Penis (Nase): II 283, 284. 

Phallus (Kopftrophäen): II 
360; (Pendel): III 160. 

Totemtiere (Hunde): III 79. 

Vater (verschiedene Männer): 
II 156; III 165; (Bruder): 
II 325; (Polizisten): III 
61; (Gott, Teufel): III 64. 

Wesen, mystisches (Poes Land- 
schaften): II 114. 

Wollust (hysterische Anfälle): 

II 20J, 206. 

Ersetzung einer Gestalt durdi 
eine andere (Traummedia- 
nismus): III 261, 269. 

Es: II 384; III 108, 257. 

Exhibitionismus: II 383, 384, 
411. 

Fäkalien: II 231— 23 j, 264; III 
2J2, 305— 3°7. 315. 314; 
siehe auch Konzeption und 
Befruchtung und Symbole 
für die F. 

Fehlleistung: III 28. 

Fixierung an die Mutter: I 79, 

136. 137.. 144. 145. 185. 
223, 2J4, 256; II 19, 25, 16, 
34. 35. 63. 93. 100. 207, 
208, 248, 302; III 136, 260, 
261, 327. 
Flaccidität: II 279, 397, 405; 

III 242. 
Flagellation: III 291, 300. 
Flatus: II 261—266; III 2J2; 

siehe auch Symbole für 
den F. 

Fötus: II 197, 214, 231, 287, 
411, 413; III 61, 78, 137, 
141, 142, 152, 154— IJ9, 
211, 228. 

Geburt (infantile und unbewußte 
Sexualtheorien): II 57, 92, 
102, 103, 197, 198, 230, 
231, 236, 287, 371, 412; 



Register 



383 



III 281; Kaisersdanitt: III 
149; siehe auch Symbole für 
die G. 
Geburtsangst: siehe Angst. 
Gegenteil (Darstellung im Un- 
bewußten): II 403; III 264, 
265. 
Gehör und Sexualakt: II 265, 

357; III 19, 20, 28, 29. 
Gehörshalluzination: siehe Hal- 
luzination, auditive. 
Genuß, sinnlicher: II 24J, 247; 

siehe auch Urlust. 
Geständniszwang: siehe Zwang. 
Gewissensangst: siehe Angst. 
Gewissensbisse: I ij2, 1J3, 154, 
338, 352; II iji, 157, 174, 
384, 411; III 39. 
Gonorrhöe: II 319, 320. 
Größenwahn: I 203, 263; III 

170. 
Halluzination, auditive: III 15, 

20. 
Haschisch: II 293. 
Hemmung: I 137, 144, 147; II 
90, 154, 381; III 92, 98, 
102, 110, 160, 163, 164, 
226, 227, 298, 330. 
Henken: II zy6—ij^, 394—398; 
III 26^, 266; siehe auch 
Ejakulation, Erektion und 
Symbole. 
Heredität: II 52. 
Homosexualität: I 149, 181; III 
60, 109, 110, 117, 124, 12 j, 
130, 151, 160, 2z6, 230, 
273. 319- 
Hymen: I 271, 308; III 396. 
Hypochondrie: III 17. 
Hysterie: II 52, 205; III 17, 

125. 
Ich: II 83, 87, 303, 356, 414, 
417; III 94—110, 162, 224, 

238, 2JJ— 2j8. 



Ich-Ideal: II 83, 255. 
Identität: II 264, 267. 
Impotenz: I 137, 148, 251, 257; 

II 19, 36, 92, 143, 158, 163, 

234. 245— 30J. 325, 33Ö. 
358, 364, 368, 370, 390, 
394. 397. 405. 417; in 69, 
74> 75. 80, 81, 134, 160, 
163, 226, 242, 265, 266, 
271, 293, 298, 314, 327; 
siehe auch Symbole für 
die I. 

Impotenz- Alp-Traum: II 163. 

Introjektion des Moral Verbotes: 

III 91, 156. 

Inzest: I 142, 2j6; II 2j, 33, 

40. 57. 63. 91. 95. 9Ö, 105, 
107, HO, 128, 206, 394; III 

59. 61, 75. 163. 24°. 245. 
2JI, 268, 276, 316. 
Isolierung: III 263. 
Kannibalismus (Stadium der 
Libidoentwicklung) : II 20, 
21, 145, 168, 16% 173, 176; 
III 251, 305, 324. 

Kastration: II 20, 21, 176, 192, 
193, 269, 270—272, 278, 
299. 304. 325. 360. 370. 
371. 39°— 4°J. 409. 412, 
413. 414. 418; III 23—27, 
42, ji, 61, 62, 77—79, 13 j, 
156, 157. 161—164, 213, 
241, 243, 2J4, 263, 313; 
siehe auch Symbole für die 
K. und Kastrationsangst. 

Keuschheit: I 149, ijo, 181, 186, 
257. 270, 318; III i6j. 

Klaustrophobie: III 140, 153. 

Klitoris: II 282, 396, 416; III 
26, 73, 74; siehe auch Sym- 
bol für die K. 

Koitus: siehe Sexualakt. 

Komplexe: 
Bruderkomplex: III 107. 



384 



Register 



Infantiler Komplex: II 17J. 

Kastrationskomplex: siehe Ka- 
stration. 

Mutterkomplex: II 34, 167. 

Ödipuskomplex: I ji, 105, 
113, 153, 222, 223, 256; II 

63. 91. 92. 93' 94. i°5. 10^. 
107, 108, ij6, 161, 176, 
299, 300—303, 304, 326, 
327. 328, 393, 394, 397, 
398, 413, 416; III 23, 28, 

30. 33. 34. 40. 45. 57. 59. 
128, 223, 226, 246, 309, 
310, 311 — 31J; siehe auch 
Symbole für die ödipus- 
rivalität und Index A: 
ödipus. 
Vaterkomplex: III 33, 34, 40. 

Konflikt: Zentralkonflikt im 
Leben Poes: II 28. 

Konzeption: siehe Befruditung 
und Symbole für die B. 

Körpersekret: III 132, 251. 

Leben im Tod: II 15—18, 43, 
44, 56, 64, 76, 97, 104, 162, 
274; III 261; siehe auch 
Symbole für das L. 

Leben vor der Geburt: III 138. 

Lebend begraben: II 187; III 
138, 141, 154. 

Liebesverlangen: II 40, 325, 327. 

Libido: I 304, 307; 11 20, 24, 
2j, iio, 206, 248, 249, 261, 
265, 280, 3°i— 303. 395. 
416; III 17, 29, 106, ijo, 
IJ9, 162, 163, 165, 166, 
208, 210, 212, 213, 217, 
227, 229, 240—243, 247, 

278. 303. 3°4. 311— 315. 
317—319, 331; Definition 
der Libido: II 168; siehe 
auch Besetzung und Ent- 
wicklungsstadien der L. 
Lustprinzip: siehe Prinzipien. 



Mannespotenz, Männlichkeit: 

siehe Virilität. 
Masochismus: II 383; III 151, 

158, 320; siehe auch Sado- 

masochismus. 
Masturbation (Onanie): II 102, 

109, 206, 281, 282, 302, 

39°. 391. 396. 413; m 64, 
73; siehe auch Ersatz und 
Symbole für die M. 

Megalomanie: II 203, 224. 

Menstruen: 11 192, 366; III 24, 

JI- 
Mneme: II 356; III 34, 138. 
Morphium: II 215. 
Mutter-Imago: I I4j; 11 104, 

108. 
Mutter-Kloake: II 57, i8j, 198, 

204, 207, 372, 415; III 38, 

JI. 57. 157. 163. 242. 263. 
273. 

Mutterleibsphantasie: II 57, 154, 
155, 187, 188, 197, 209, 
214, 240, 286, 304; III 36 
bis 38, 61, 74, 78, 134, 150 
bis 154, 163, 226. 

Narzißmus: I 109, 307; II 68; 
III 17, 93, 107, 110, 15S, 
162, 164, 199, 203, 213, 
224, 240, 247, 277, 306, 
330. 

Nebeneinanderstellung (Traum- 
mechanismus): I 179, 340; 
II 155; III 263. 

Nekrophilie: I 42, 43, 68, j^, 
80, 106, 107, 144, 223, 252; 

II 33, 78, n6— 118, 135; 

III 213, 277, 280, 281, 302, 
321, 328; die drei Arten der 
N.: III 322 — 326. 

Nekrophilie, sadistische: I 150, 

151, 155, 179, 186, 214; 

II 19, 300, 364; III 281, 
323. 324- 



Register 



385 



Negation: III 264, 265. 

Neurose: II 33, 64, 1J9, 359; 
III 17, 20, 29, 31, 69—72, 
265, 274, 289, 311, 320, 
328; siehe auch Psycho- 
neurose. 

Neutralisierung der Affekte: III 
270, 272/ 

Obszönität: III 301. 

ödipusinzest: II 91. 

Ödipuskomplex: siehe Komplex. 

Onanie: siehe Masturbation. 

Ontogenetisdies: II 298; III 248. 

Opiumsucht: I 118, 137, 146 bis 
149. iji. 173. 1S6, 187, 
225, 270, 321; II 12, 29, 38, 

41—43. 45. 51. 75. 76. 99. 
143. 274. 275. 276, 280, 
282, 283, 286, 304; III iij, 
122, 123, 293, 299; ihre 
Wirkung: I 137, 147; II 
283. 

Oralerotik: II 145, 167—170, 
204, 206, 233, 261, 280, 
28S, 302, 399, 400; III 60, 
117. 130. 131. 3°5— 308, 
314. 3IJ- 

Orgasmus: II 26J, 280; III 221, 
3°7. 317. 321; siehe auch 
Ersatz und Symbole für den 
O.; alimentärer O.: II 280; 
pharmakotoxisdier O.: II 
280. 

Paranoia: I 200, 228; III 20, 
109, 122, 125, 136, 160, 165, 

199, 213, 22J. 

Penis: II 236, 166, ijj—ij^, 
281, 282, 283, 359, 388, 390, 

395—398. 405. 416, 418; 
III 23, 2j, 27, 30, 38, 51, 
7°—79' 132, 152, 160, 161, 
162, 248, 251, 253, 264, 307, 
308, 314; siehe auch Ersatz 
für den P. 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 



Perversionen: I 144; III 282, 
300, 312, 313, 322. 

Perversität: I 42, 144; II 145, 
160, 228, 382—384, 392, 
410; III 86, 229, 300, 316, 
319. 

Phallus: I 2J7; II 241, 261, z66, 
268, 279, 280, 283, 286, 291, 
304, 360, 371, 387, 389, 391, 
395—398, 400, 403, 404, 
411. 41J, 416, 418; III 45, 
62, 64, 73, 125, 134, 161, 
164, 213, 223, 22J, 241, 242, 
243, 248, 2J4, 263, 265, 266, 

273. 3°7— 310. 313. 314; 
Ph. und das Henken: II 
^77 — 279; siehe auch Ersatz 
für den Ph. und phallische 
Symbole. 
Phantasien, unbewußte: I 224, 
250, 330; II 7, 19, 20, 34, 
53. 64, 74, 79, 89, 91, 94, 
96, 108, 204, 206, 209, 210, 

211, 214, 216, 233, 237, 2J2, 
2JJ, 274, 28J, 287, 289, 297, 

300, 304, 331, 3JJ, 3j8, 3J9, 
3^9. 377. 380, 396—398, 
403, 407; III 30, ji, 62, 74, 
117, 131, 13;, 1J3, 159, i6o, 
i6j, 169, 200, 202, 219,220, 
223, 224, 226, 229, 240,252, 
266, 273, 300; Aggressions- 
phantasien: II 380; Alko- 
holphantasie: III 131; Ge- 
burtsphantasie III 135; 
künstlerische Phantasie: II 
289, 300; III 31, 51, 229; 
Reichtumsphantasie: II 216; 
III 252; sadistische Phan- 
tasie: III 300; Schreckphan- 
tasie: III 153, 159, 160; 
Vorwurf sphantasie: II 403; 
Verschüttungsphantasie: III 
240; Wiedergeburtsphan- 

25 



386 



Register 



tasie: 11 204; siehe Mutter- 
leibsphantasie und Vater- 
leibsphantasie. 

Phasen: siehe Entwidslungs- 
stadien der Libido. 

Phobie (Trauerweidenph.) : II 
79' i97-' III 11$, 274; 
Brückenphobie: III 70 — 75; 
siehe auch Klaustrophobie. 

Piatonismus: I 136, 137, 200, 
202, 270, 271, 318; II 90; 
III 213, 294. 299. 

postmortaler Zustand: III 78, 

157- 
pränataler Zustand: III 78, 138, 

154. 163. 
Prinzipien: 

Lustprinzip: I 98, 226; III 228. 

Realitätsprinzip: I 98; III 

228. 

Projektion: I 145, 320, 328; II 

115; III 98, 99, 10 j, 108, 

116, 124, 139, 159, I94> "4. 

297> 307. 315- 

Prostitution: III 290, 294, 299. 

Psydioneurose: I 43; II 12; siehe 
auch Neurose. 

Psychopathie: I 42, 144; II 233. 

Psychosexualität: I 251, 254; 
III 300; siehe auch Sexua- 
lität. 

Rationalisierung: I 266, 347. 

Realitätsprinzip: siehe Prinzip. 

Regression: II iij, 169, 206, 
249, 280, 286, 287, 367; III 
17, 60, 131, 138, 151, 163, 
229, 27J, 312, 313, 324; De- 
finition: II 169. 

Relaktifizierung: II 403. 

Rephallisierung CWiederbega- 
bung mit dem Phallus): II 
280, 304, 395—397. 403. 
404, 411, 41J, 418; III 23, 
241, 242, 265, 266. 



Sadismus: I 183, 185; II 33, 63, 
77, loi, 238, 246, 248, 265, 
297, 326, 35J, 359, 362, 363, 

364, 373. 378. 380. 381, 383. 
393, 400; III 19, 24, 38, 57, 
62, 125, 130, 137, 150, 161, 
242, 2J7, 278, 280, 281, 283, 
291, 292, 300 — 308, 311 bis 
321, 328—331. 

Sadomasodxismus: II 135; III 
319; siehe auch Masodiismus. 

Schändung: II 191, 283, 300, 
360, 365, 370, 371; III 263, 
272, 316. 

Schizoid: II 11, 18. 

Schizophrenie: III 62. 

Schuldgefühl: II 20, 173, 369; 
III 161. 

Sekret: siehe Körpersekrete. 

Selbstbeobaditung: III 256, 257. 

Selbstbestrafung: I 190. 

Selbstmordversudie Poes: I 147, 
293. 294. 319. 328, 329, 343. 

Selbstzerstörung: I 320. 

Sexualakt (Koitus): II 154, 238, 
264, 265, 286, 321, 356 bis 
360, 368, 370—372; III 18 
bis 21, 24, 25, 27—30, 36, 
74. 75. 78. 80, 152, 159 bis 
163, 213, 242, 257, 300, 308, 

313. 314.317. 319. 323. 324; 
Geheimnis des S.: II 360; 
III 308, 312, 313; S. und 
Lustmord: III 313; siehe 
auch Ersatz, Symbole für 
den S. 

Sexualforschung, infantile: II 
35. 197. 198. 231. 236, 374; 
III 257, 269. 

Sexualideal: I 179. 

Sexualität: I 150, 151, 179, 181, 
183, 202, 214, 250, 251, 2J4 
bis 255, 282; II 18, 2j, 35, 
3a. 57. 94. 9^. i°2, 109, 



Register 



387 



123, 128, 197, 206, 231, 279, 
299. 321. 326, 357—3^°. 
362, 364, 371, 374.393.413; 
III 18, 28, 73, 107, 124, 
15^. 159 — 162, 167, 212, 
213, 226, 227, 228, 229,257, 
269, 276, 282, 288, 289,291, 
294, 300 — 318; siehe auch 
Psychosexualität und Sym- 
bole für die S. 

Sexualtheorien, infantile : siehe 
Geburt. 

Sonderung der Triebe: III 309, 
312. 

Spaltung einer Persönlidikeit: 
III 90, 2J3 — 258. 

Spasmen: I 329; II 96; III 318; 
siehe auch Ersatz für Sp. 

Sperma: II 102, 231, 260, 359; 
III 42, I2J, 132; und das 
Henken: II 277 — 279. 

Spermatozoid: III 152, 208, 209, 
243. 

Sterilität: II 236, 320. 

Sublimierung: I 144, 154, 184, 
223; II 7; III 213, 247, 276, 

^77' 310. 3". 314. 319.330- 
Sucht: I 130, 146 — 149, 177; 

II 280; III 229, 235; vom 

medizinischen Standpunkt 

aus: I 177. 
Summation der Affekte: III 272, 

273- 
Symbole: 
Abreise: II 327. 
Abtei: III 52, J3, j6, 61. 
Alkohol: III 131— 133, 251. 
Alptraum: II 138. 
Atem: II 249, 2J7, 2^^—268, 

^97> 394; ni 53, 241, 2JI, 

252. 
Aufflug: II 282. 
Axt, Hacke: II 411; III 61. 
Besitz: I 335, 387. 



Blenden: II 391, 418; III 243, 

2J4. 

Blick: II 2j. 

Blumen: I 314. 

Blutegel: III I2j, 130. 

Boot: II 123. 

Brief: II 416, 418. 

Brücke: III 69 — 76, 79, 80, 

243. 
Brunnen: siehe Wassergrube. 
Burg: III 226. 
Dolch: III 61, 242. 
Draciie: II 63. 
Eindringen in eine Behausung: 

II 63. 
Eingeweide, Herausreißen der: 

II 270, 299. 
Elektrizität: III 125, 213. 
Erde: I 313, 314; II 235, 238, 

239, 321; III 78, 240, 2J5. 

Fee: II 117. 

Feuer: II 102, 308. 

Flamme: II 308. 

Flatus: II 262. 

Flügel, auf der Erde schlei- 
fende: I 256. 

Flug: I 257. 

Flugzeug: II 124. 

Gänge, unterirdische: III jo. 

Gartenlandschafl: II 117. 

Gebäude: III 239. 

Gefängnis: III ijo, 1J7, 158, 
163, 243. 

Gefäße: III $9. 

Gehen, Laufen, Wandern: I 
250, 2J2; II 123, 321—328; 
III 266. 

Geier: III 22. 

Geld: I 282; III 292. 

Gestade, heimatliches: II 161. 

Gift: 11 166, 167; III 125. 

Gold: II 232 — 23J; III 2J2, 
253, 292. 

Gott: II 225. 







388 Register 


Symbole: 


Mund: II 259. 


Grab: I 259; 11 411, 415. 


Nagel, zerbrochener: II 370. 


Haarbüscheln, Ausreißen von: 


Nase: II 283, 284. 


II 358. 


Natur: II 113, 115, 117, 128. 


Haare, gelbe: II 16. 


Ohr: II 257—259. 


Haus: III 50, 153, 25J. 


Palast: II 54; III 50. 


Henken, Hängen: II 239, 276 


Pendel: III 52, 53, 158—160, 


bis 282, 304, 394—398, 403, 


243. 273- 


404, 40J, 411, 41J, 416; III 


Pfeil: III 125, 130. 


241, 242, 265;, 266. 


Pferd: II 108, 109, 159; III ; 


Herz, schlagendes: III 16 bis 


240. 


21, 28, 29, 30, 223. 


Pneuma: II 262 — 264, 266. 


Himmel: II 113. 


Pol: I 158, 249, 354; II 211, 


Hinken des Teufels: III 78. 


212. 


Hörner: III 266. 


Rabe: I 225. 


Insel: II 102, 117, 123, 197. 


Rasiermesser: II 359, 360, 


Intelligenz Gottes: II 225. 


371; III 61, 242. 


Kamin: II 371, 411, 414, 416; 


Rettung eines Kindes: II 90, 


III 242, 263. 


92; in 267, 268. 


Katze: II 386—390, 393, 395, 


Riß, Spalt: II 49, 50, 207, 


399—405; III 243, 253, 


209. 


254, 255; Miauen der K.; 


Sattel, im S. sitzen: II 102. 


III IIO. 


Schiff: II 123, 124, 154, 158, 


Keller: II J7, 414; III 36, 37, 


159, 167, 191; III 240, 256. 


49. 50. 243. 255- 


Schlange: III 125. 


Knochen: III 36, 37. 


Schloß: II 54, 57, 59, 62; III 


Krokodil: II 266. 


50. 


Küste: II 161. 


Schlucht, schwarze: II 235; 


Lampe aus Achat: I 104. 


III 255. 


Landschaft: II 113, 119. 


Schraube: II 281, 282; III 


Laterne: III 21. 


241. 


Leichenzug: II 287. 


See: I 6y, 248. 


Magnetismus: III 212. 


Seefahrt: II 159. 


Maul, rotes: II 411. 


Sonne: II 95, 235. 


Maus: II 388. 


Spalt: siehe Riß. 


Meer: I 158, 225, 248, 249; 


Spindel: II 395, 396. 


II 120, 122, 123, 124, 138, 


Sprung: III 80. 


153, 166, 240, 361; III 240, 


Stadt, Einnahme einer: II 246. 


255- 


Sterne: II 240. 


Messer: III 314. 


Sturz: II 240. 


Milch: II 205, 206, 207, 208, 


Süßwasser: II 174. 


403, 404. 


Tod: I 251; II 214; III 78, 


Mond; I 223; II 241; III 218, 


214- 


240, 241. 


Tod, gleichzeitiger: II 94, 95. 



Register 



389 



Symbole: 
Trauerweide: II 397. 
Ufer: III 78. 
Uhr: III 2j, z6. 
Vermögen: I 335, 387. 
Verstümmelung: II 358, 359; 

III 26, ly. 
Verwesung, Fäulnis: II 176. 
Wagen: II 286, 287. 
Wasser: II 113; III 70, 78. 
Wassergrube: III 143, 163, 

243. 273- 

Weiße: II 57, 205, 206, 208 
bis 210, 400, 401, 403, 414; 
III 36, 240, 2JI, 254. 

Wind: II 259—261. 

Wissenschaft: I ^^. 

Zigarre: III 72, 76. 

Zimmer: II 371; III 50, 242, 
2J5, 262. 
Symbole für: Analerotik: II 57, 
292; Amnesie: II 18; Be- 
fruchtung: III I2j; Ein- 
dringen des Penis: II 359; 
III 242; Ejakulation: III 
7j; Fäkalien: II 231 — 236; 
III 252, 253, 292; Flatus: 

II 261; Frau: II 49, 50, 

246. 259. 371; III S9, 239. 
240, 243, 263; Gebärmutter: 

III 214, 215; Geburt: II 
240, 241, 371; III i3j; Ge- 
schwister: II 128; Impotenz: 
I 257; II 266; III 45; Ka- 
stration: II 269, 270, 277, 
27S, 299, 358, 359. 370.371. 
390. 391. 397. 412. 418; III 
25, 26, 27, 48, 61, ij8, 241; 
Kind: II 231, 233; III 252; 
Klitoris: II 396, 416; III 
26; Leben im Tod: II 16, 
17; Liebe, fleischliche: I 140, 
249, 250; Mann 259; Männ- 
lichkeit: siehe Virilität; Ma- 



sturbation: II 396; Milch: 
II 174, 405; III 60; Mutter: 

I 67, 104, 158, 223, 22J, 

248, 249, 259, 354; II j4, 
57. 59. 62, 102, 109, 113, 
iij, 117, 119, 120, 122,124, 
128, 138, IJ3, ijj, 158,159, 
167, 178, 184, 191, 192,211, 
212, 235, 238, 325, 326; III 
22, 51, 56, 59, 78, 151, 
153, 163, 240, 241, 250,251, 
253, 254, 255, 256; Defini- 
tion der Symbolik: II 123 
bis 128; Mutterübertragung: 

II 25; ödipusrivalität: II 
51; III 34; Orgasmus: II 
265; Phallus: I 256; II 160, 

388. 391. 395. 396. 397.403. 
405, 411, 416, 418; III 125, 
223, 241, 242, 314; Sexual- 
akt: I 257, 308; III 78, 80; 
Sexualität: II 387; III 80, 
161, 248; Sohn: II 54; Un- 
treue: II 16; Uterus: II 
155, 288; III 52, 139; Va- 
gina: II 261, 371, 388, 391, 
411; III 26; Vagina den- 
tata: II 193; Vater: I 225; 

II 63, 128; III 158, 226, 
247, 248, 250, 255; Virilität 
(männliche Potenz): II 249, 
257, 261, 266, 297, 387; III 
53; Wollust: II 404, 405. 

Syphilis: II 401; III 291, 296, 

299. 
Tabu: II 156, i8i, 191, 192, 

193. 203, 208, 210,213,282; 

III 310. 

Tagesrest: III 272, 279, 280. 
Thanatisierung (der Libido): III 

213. 
Tiefenpsychologie: I 179; III 

297. 
Todesangst: siehe Angst. 



390 



Register 



Todestrieb: siehe Trieb. 
Totemmahl: II 169, 173. 
Totemtier: II 104, 156, 160, 179, 
386, 391, 397, 406; III 22, 

79y 157. 239. 254. 310; "e^f 
auch Ersatz für T. 

Toxikomanie: siehe Sucht. 

Traum: I 148, 250; II 7, 73, 90, 
98, 124, 143, 174, 178, 213, 
214, 228, 234, 256, 281 bis 
283, 286, 326, 356, 380, 391, 
403, 404, 406, 412; III 2J, 
$0, 51, 70, 73, 74, 76, 129, 
151, 198, 220, 225, 233 bis 
239, 244, 248, 249, 256, 261, 
264, 266, 269 — 281, 300, 
317; latenter Trauminhalt: 

II 90, ^$, 214; siehe auch 
Alp. 

Trauma: I 42, 145, 170, 271; 

III 289. 

Traumarbeit (Mechanismen und 
Tedinik): siehe sekundäre 
Bearbeitung; Bildtechnik; 
Rücksicht auf Darstellbar- 
keit; logische Relationen 
(Negation, Gegenteil, Iden- 
tität, Verursachung); Ver- 
dichtung; Verschiebung der 
psychischen Intensitäten; 
Zensur. 

Traumfragmente, vergessene: II 

99- 

Trennungsangst: siehe Angst. 
Treue (der Mutter gegenüber): 

I 92, 136, 144, 150— IJ4, 

256, 261, 304, 3J4; II 25, 

38, 40, 58. 
Triebe: 
Aggressionstrieb: I 15:2, 15;; 

III 303, 309, 310, 311, 315, 

319, 324, 331. 
Destruktionstrieb: III 306, 

314. 3IJ- 



erotischer Trieb: I 320; III 

31J- 
Lebenstrieb: I 2jo; III 303, 

^ 304. 3i5> 318. 
libidinöser T.: III 247, 310, 

318, 331. 
Nahrungstrieb: III 247. 
Partial triebe: III 2j6, 257. 
Todestrieb: I 320; III 303, 

304, 315, 319, 331. 
verdrängter T.: I 27; III 331. 
Siehe auch Sonderung der 
Triebe. 
Triebumsetzung: II 232. 
Tropismus: I 347, 348; III 313. 
Übereinanderlagerung: II 104; 

III 263. 
Über-Ich: I 255; III 46, 85, 91, 
92, 95, 96, 98, 99, 102, 108 
bis 110, 257, 310. 
Übertragung: I 14J, 150, 151, 
168, 204, 317, 342; II 24, 
2J. 28, 39, 40, 48, 55, 57, 
73. I5i> 193. 207' 375; in 
51, iij, 211, 215, 220, 226, 
237, 239, 272, 326. 
Unbewußtes: I 63, 93, $$, 102, 
105, 106, 117, 134, 141, 151, 
ij8, 183, 191, 204, 219,220, 
222, 223, 224, 232, 253,256, 
257, 282, 309, 320, 340, 342, 
347; II 7, II, i8, 19, 20, 

21, 35. 45. 53. 57. 64, 90. 
94, 95, 96, 100, loi, 102, 
119, 124—126, 135, 153, 
154, 157, 163, 167, 169, 173, 
176, 184, 206, 211, 228,235, 
236, 237, 238, 246, 248, 252, 
255, 256, 257, 261, 264, 269, 
274, 277, 278, 285, 286,287. 
289, 296, 299, 300, 301, 302, 
321, 327, 355, 3j6, 360,366, 
369. 371. 372. 378. 380, 387, 
391. 393. 399. 401. 402, 408, 



Register 



391 



412, 414, 417, 418; III 17, 
18, 20, 23, 26, 27, 29, 31, 

38. 51. 59. 71. 72.77.89.99. 
104, 122, 125, 129, 132, 138, 
141, 150, iji, ijj, ij6, 159, 
165, 216, 217, 218, 224, 228, 
233—240, 247— 27J, 279, 
28p, 308, 319, 326—329. 

Untreue (der Mutter gegenüber) : 
siehe Treue; siehe auch 
Symbole für die Untreue. 

Unzucht: III 56. 

Urangst: II 1J4. 

Urethralerotik: II 102, 103. 

Urin: II 102, 389; III 28, 132. 

Urlust: II 1J4. 

Uterus: II 197, 214, 231, 286; 
III 51, 52, 139, IJ4, IJ7, 
164, 224, 243, 246; siehe 
auch Symbole für den 
Uterus. 

Vagina: II 197, 231, 3J9, 371, 
390, 396, 411; in 76, 77, 
78, 155, 162,. 243, -it^; siehe 
auch Symbole für die V. 

Vagina dentata: II 19 — 21, 184, 
185, 193. 198, 390; in 77, 
162, (cloaca dentata) 164, 
243, 251; siehe auch Sym- 
bole für die V. d. 

Vampirismus: II 384; III 31S, 

317. 3"- 
Vater- Imago: II 95, 268, 270, 

294; III 87, 124, 128. 
Vaterleibsphantasie: III 223, 

226. 
Verbrechen (Kategorien): III 

236, 249—253, 258. 
Verdichtung: III 236, 249 — 253, 

258. 
Verdrängung: I 27, 144, ij2, 

214, 219, 257, 282; II 33, 

45. 57. 63. 9J. 96, 119. 128. 
135, 232, 261, 267, 279,281, 



282, 298, 300, 302, 355,362, 

367. 378. 383. 396.40j.412; 
III 20, 28, 89, 107, 167, 
208, 228, 229, 238, 272 bis 
27J. ^79> 31°. 313. 316,318, 
331- 

Verfolgungswahn: I 181, 191, 
203, 248, 327—329; III 93, 
106, 109, 123, 160, 165, 
213. 

Verkehrtheit: siehe Perversionen. 

Verkehrung der Affekte: II 193, 
281, 283, 392, 402, 414; III 

80, 124, 128, 226, 270, 271, 
310, 319. 

Verneinung (im Traum): siehe 
Negation. 

Verschiebung der psychischen In- 
tensität: n 20, 33, 34, 185, 
193, 261, 266, 281, 285, 374, 

396. 397; III 17. 125. 161. 
226, 235, 239—249, 254, 
258, 269, 272, 273, 305,314, 
330; von unten nach oben: 
II 185, 261; III 125; von 
oben nach unten: II 185, 
193; III 80. 

Verursachung (im Traum): III 
261. 

Virilität (Mannespotenz): I 152; 

II 249, 283, 298, 304, 395, 
417; III 26, 64, 72, 74, 75, 

81, 160, 164, 198, 223, 226, 
241, 251, 252, 253, 316; 
siehe auch Symbole für 
die V. 

Vorangstprämie: III 274. 

VorbeviTußtes: I 232; II 280; III 
237 — 239, 249, 250, 260 bis 
264, 267, 273, 274, 275. 

Voyeurtum: II 367, 368, 372; 

III 234, 278, 299. 
Vulva: II 358, 391; III 51, 7j. 
Wachdenken: III 259, 275, 276. 



392 



Register 



Wiederholungszwang: I yg, 141, 
224, 250, 282, 307, 33 j; II 
26, 27, 57; III 30, 277, 303, 
311, 328. 

Wiedervergeltung: II 19, 20, 
108, 157, 173, 174, 193, 397. 
404, 414; III 20, 61, 246, 
251, 293. 

Wollust: I 224, 225, 252; II 84, 
281, 2S2, 283, 286, 304, 399, 
405; III 48, 49, 50, 125, 
152, 242, 302, 317, 318; 
siehe auch Ersatz und Sym- 
bole für W. 



Wunschphantasie: siehe unbe- 
wußte Phantasien. 

Zensur (Mechanismus der Traum- 
arbeit): III 244, 246, 258, 
270, 271, 272, 273, 274, 

275- 

Zwang: I 153; II 214, 382, 384; 
Exhibitionszwang: II 410, 
411; Geständniszwang: II 
161, 383, 384, 410, 414; III 
100, 101; Strafzwang: II 
384. 

Zwangsneurose: III 319, 320. 

Zyklothymiker: I 143, 196. 



GESAMTINHALTSVERZEIGHNIS 



BAND I 

Stiw 

Vorwort von SigmundFreud j 

I. TEIL: LEBEN UND DICHTUNG 

Edgars Eltern o 

Der Tod der Mutter 14 

Die Adoptiveltern 20 

Die erste Erziehung Edgars 24 

Edgar in Großbritannien 28 

Helen ,j 

Der Besuch Lafayettes und die Erbsdiaft William Galts .... 44 

Elmira ^^ 

Auf der Universität von Virginia jj 

Bruch mit John Allan 60 

Bei der Armee 70 

Nach dem Tode der Frances Allan 7g 

In West Point. Die Morgenröte der großen Dichtungen ... 94 

In Baltimore bei Frau Clemm. Die ersten Erzählungen .... 112 
In Richmond. Der Kritiker des „Southern Literary Messenger". 

Die Heirat mit Virginia 128 

In New York und Philadelphia. Der Redakteur von Burton's 

Gentleman's Magazine. Grotesken und Arabesken 156 

In Philadelphia. Der Redakteur von Graham's Magazine. Vir- 
ginias geängstigter Gatte 170 

In New York. Der Rabe und der Ruhm 193 

In Fordham. Vor dem Tod der Virginia. Annabel Lee .... 213 
In Fordham. Nach dem Tod der Virginia. Ulalume und 

Heureka 242 

Providence und Lowell. Helen und Annie 276 

Philadelphia, Ridimond und Baltimore. Die letzten Flucht- 
versuche ,22 

Bonaparte: Edgar Poe. III u. IV. 26 



BAND II 
II. TEIL: DIE GESCHICHTEN: DER ZYKLUS MÜTTER 

Seite 

Einleitung 7 

I, Der Zyklus der tot-lebenden Mutter 

Berenice 11 

Morella 22 

Ligeia 28 

Der Untergang des Hauses Usher 46 

Eleonora 65 

Das ovale Porträt 7J 

Das Stelldichein 79 

Metzengerstein 97 

II. Der Zyklus der Mutterlandschaft 

Die Gartenlandschaften und Die Insel der Fee 113 

Die Seegesdiichten: Die denkwürdigen Erlebnisse des 

Arthur Gordon Pym 120 

Eine Geschichte von der Erde: Der Goldkäfer 21 j 

III. Geständnis der Impotenz 

Der verlorene Atem 245 

IV. Der Zyklus der ermordeten Mutter 

Der Mann der Menge 309 

Der Doppelmord in der Rue Morgue 329 

Die schwarze Katze 376 



BAND III 
III. TEIL: DIE GESCHICHTEN: DER ZYKLUS VATER 



, Seite 

V. Der Zyklus von der Auflehnung gegen 
den Vater 

Das sdiwatzende Herz 

Die Maskeraden ,^ 

Verwette niemals dem Teufel deinen Kopf 6^ 



VI. Der Konflikt mit dem Gewissen 
William Wilson 



8j 



VII. Der Zyklus von der passiven Hingabe 
an den Vater 
Bedloe, Waldemar und der Engel des Sonderbaren ... 113 

Wassergrube und Pendel i^. 

Heureka jg_ 



IV. TEIL: POE UND DIE MENSCHLICHE SEELE 

Über die Arbeit am literarischen Kunstwerk und über die 

Funktion der Dichtung 233 

Poes Botsdiaft an die Menschheit 284 



Literaturverzeidinis ,,2 

Register: 

A. Biographischer, literarischer und bibliographisdier Index . . 340 

B. Index der Werke Poes ,,, 

C. Index der psychoanalytischen Begriffe 380 



GESAMTVERZEICHNIS DER BILDTAFELN 



BAND I 

Edgar Poe (Daguerreotypie „Whitman") Titelbild 

vor Seite 
Karte der Ostküste der Vereinigten Staaten . 9 

nach Seite 

Elizabeth Poe, geb. Arnold 16 

Frances Keeling Allan, geb. Valentine 24 

Das Wohnhaus Allans in Richmond 40 

Sarah Elmira Royster 4^ 

Die Universität von Virginia zur Zeit Poes 56 

John Allan 64 

Maria Clemro, geb. Poe 88 

Edgar Poe (Um 1840) 176 

Rufus W. Griswold 200 

Faksimile einer Manuskriptseite aus „Annabel Lee" 116 

Frances Sargent Osgood 224 

Das Landhaus Poes in Fordham 232 

Virginia Eliza Poe, geb. Clemm 240 

Faksimile des Briefes Edgar Poes an Mrs. Shew 272 

Sarah Helen Whitman, geb. Power 288 

Edgar Poe (Daguerreotypie Mac-Farlane) 296 

BAND II 

Elizabeth Poe, geb. Arnold Titelbild 

BAND III 
John Allan Titelbild 

vor Seite 

Sigmund Freud 233 

nadi Seite 

Charles Baudelaire (Photo Nadar) 288 

Baudelaire (Selbstbildnis) 296 

Jeanne Duval 304 



Von 

MARIE BONAPARTE 

sind im Internationalen Psychoanalytischen Verlag ferner folgende 
Werke erschienen: 

Über die Symbolik der Kopftrophäen 

1928. 48 Seiten. In Leinen Mark 3.30 

„Der Deutsche Jäger": In der Studie der Prinzessin Marie von 
Griechenland (veröffentlicht unter dem Mädchennamen der Ver- 
fasserin) wird das Problem, warum das Geweih das Attribut des be- 
trogenen Ehemannes ist, mit Mitteln der modernen Tiefenpsy- 
chologie gelöst. Im Kapitel „Magische Hörner" werden Hörner als 
Amulette gegen den bösen Blick behandelt. Das Kapitel „Jagd- 
trophäen" geht vom königlichen Weidwerk, der Parforcejagd, 
aus, deutet die Herkunft aus dem kollektiven Menschenopfer und 
stellt ihr die individuelle Hirschjagd, das Pirschen, gegenüber. 

Der Fall Lefebvre 

Psychoanalyse einer Mörderin 

1929. 54 Seiten. Geheftet Mark 2.40, in Leinen Mark 3.80 

„Vossische Zeitung": Marie Bonaparte, die Prinzessin von Grie- 
chenland, hat den Fall Lefebvre in einem schmalen Band dargestellt, 
in welchem sie das Verhalten der sittsamen Spießbürgerin, die be- 
kanntlich seinerzeit eines Tages ohne jegliche Präliminarien ihre 
Schwiegertochter auf einem Ausflug in Gegenwart ihres Sohnes er- 
schoß, motivisch wenigstens soweit aufgeklärt, als es das spärliche 
Material zuläßt. Es ist wohl so ziemlich das erstemal, daß ein 
Kriminalfall eine systematische analytische Darstellung erfährt. 

Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter 

• Zwei Beiträge zur psychoanalytischen Kasuistik 

1931. 31 Seiten. Geheftet Mark i. — 

„Deutsche medizinische Wochenschrift": Selbstdarstellung 
der Pariser Psychoanalytikerin im Sinne der Lebensbeeinflussung 
durch Identifizierung mit der verstorbenen Mutter (Ödipuskomplex) 
und eine kurze kasuistische Mitteilung über eine kleptomane An- 
wandlung. 

Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 

Sonderheft (V/io) der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
193 1. 44 Seiten. Geheftet Mark i. — 

Inhalt : Die Verbreitung der Neurosen — Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung — 

Die Sexualität der Erwachsenen und ihre Schädigungen — Einige Vorschläge zu einer 

Reform der Erziehung 











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MARIE BONAPARTE 









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Von 

MARIE BONAPARTE 

sind im Internationalen Psychoanalytischen Verlag ferner folgende 
Werke erschienen: 

Über die Symbolik der Kopftrophäen 

1928. 48 Seiten. In Leinen Mark 3.30 

„Der Deutsche Jäger": In der Studie der Prinzessin Marie von 
Griechenland (veröffentlicht unter dem Mädchennamen der Ver- 
fasserin) wird das Problem, warum das Geweih das Attribut des be- 
trogenen Ehemannes ist, mit Mitteln der modernen Tiefenpsy- 
chologie gelöst. Im Kapitel „Magische Hörner" werden Hörner als 
Amulette gegen den bösen Blick behandelt. Das Kapitel „Jagd- 
trophäen" geht vom königlichen Weidwerk, der Parforcejagd, 
aus, deutet die Herkunft aus dem kollektiven Menschenopfer und 
stellt ihr die individuelle Hirschjagd, das Pirschen, gegenüber. 

Der Fall Lefebvre 

Psychoanalyse einer Mörderin 

1929. 54 Seiten. Geheftet Mark 2.40, in Leinen Mark 3.80 

„Vossische Zeitung": Marie Bonaparte, die Prinzessin von Grie- 
chenland, hat den Fall Lefebvre in einem schmalen Band dargestellt, 
in welchem sie das Verhalten der sittsamen Spießbürgerin, die be- 
kanntlich seinerzeit eines Tages ohne jegliche Präliminarien ihre 
Schwiegertochter auf einem Ausflug in Gegenwart ihres Sohnes er- 
schoß, motivisch wenigstens soweit aufgeklärt, als es das spärliche 
Material zuläßt. Es ist wohl so ziemlich das erstemal, daß ein 
Kriminalfall eine systematische analytische Darstellung erfährt. 

Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter 

■ Zwei Beiträge zur psychoanalytischen Kasuistik 

193 1. 31 Seiten. Geheftet Mark i. — 

„Deutsche medizinische Wochenschrift": Selbstdarstellung 
der Pariser Psychoanalytikerin im Sinne der Lebensbeeinflussung 
durch Identifizierung mit der verstorbenen Mutter (Ödipuskomplex) 
und eine kurze kasuistische Mitteilung über eine kleptomane An- 
wandlung. 

Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 

Sonderheft (V/io) der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
193 1. 44 Seiten. Geheftet Mark i. — 

Inhalt : DieVerbrekung der Neurosen — Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung — 

Die Sexualität der Erwachsenen und ihre Schädigungen — Einige Vorsdiläge zu einer 

Reform der Erziehung 



MARIE BONAPARTE 



EDGAR POE 



BAND III 



MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 




EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

MIT EINEM VORWORT VON SIGM. FREUD 

BAND III 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN