(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns"

Judu ar d Jhlit s cliinann 

_tl/in ljrespeii5t au5 der 
JA.mdlieit JVnut rlamsuns 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Ein Gespenst aus der 
Kindheit Knut Hamsuns 



von 



Eduard Hitschmann 



Rx ungue leonem 



Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 

1926 



SeparatabdmcJi aui der „Image, Zeitschrift für Anwendung 
der Psychoanalyse auf die Ifalur- und GeislesiBissenschaften" 
(herausgegeben von Sigm. Frtud), Bd. XII (lp26), Heft 2Jj 

Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright i QSÖ 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m.b.H.", Wien 



Druck : Cbriraopli KeiiEei'! Sahne, Wien V 



Einleitung 

Seit vielen Jahren lese ich mit gespanntem Interesse und ästhetischem 
Genuß die Werke des bewunderungs werten Dichters Knut Hamsun, Aber 
neben dieser höchsten Bewunderung seiner Kunstmittel, seines satirischen 
Humors, seiner Liebes- und Natur-Dithyramben, seiner Gesellschaftskritik 
in den früheren und der epischen Größe in den späteren Werken, neben 
dieser Bewunderung vertiefte sich eine Verwunderung über die stereotype 
Wiederkehr bestimmter Situationen, analoger Motive, gleicher Liebesgebärden 
und identischer psychologischer Grundzüge seiner Helden. Dieses Bewundem 
und Verwundern drängte zur Anwendung psychoanalytischer Erfahrungen, 
und als ich mich im Besitze eines wichtigen Schlüssels wußte, sah ich mich 
nach Auskünften über das Leben dieses großen Dichters der Gegenwart 
um, die iedoch trotz freundlicher, hier nochmals bedankter Bemühungen der 
Herren John Landquist (Stockholm) und Professor Harald K. Schjelderup 
(Oslo) sehr spärliche sind. 

Knut Pedersen Hamsun ist am 4. August 1859 in Lom in Gud- 
brandsdalen ([Norwegen) geboren. Als der Knabe vier Jahre alt war, siedelten 
die unbemittelten bäuerlichen Eltern nach Lofoten in Nordland über. Mit 
siebzehn Jahren kam Hamsun in die Lehre zu einem Schuster und arbeitete 
gleichzeitig in aller Stille literarisch. Mit achtzehn Jahren veröffentlichte er 



N 



Eduard Hitschmann 



neben Gedichten seine erste Erzählung „Björger".' Der Schusterei wurde 
er bald müde und führte dann durch etwa zehn Jahre ein sehr wechsel- 
volles Leben. Er war Kohlenarbeiter, Schullehrer, Polizeibediensteter, Stein- 
hauer, Straß enarbeiter in Norwegen; ging dann nach Amerika, war Straflen- 
bahnschaffner in Chikago, Fischer in Neufundland, Bodenarbeiter auf den 
Prärien des Westens, hielt literarische Vorträge usw. Mit seinem ersten 
Roman „Hunger" wurde Hamsun, etwa achtun dz wanzigj ährig heimgekehrt, 
mit einem Schlage berühmt. Vor fünfzehn Jahren kaufte er einen Bauernhof 
und ist als Landwirt tätig, soweit ihm seine literarische Arbeit Zeit läßt. 
Er lebt zurückgezogen mit Frau und Kindern und erhielt bekanntlich den 
Nobelpreis für Literatur. 



^) ^S^- Jolin. Land^uist; „Knut Hamsun. En Studie över en nordisk romantisk 
diktare." Aüjert Bonniers Förlag, Stockholm 1917. — Die Erzählung war mir nicht 
zugänglich. 



I 



Eine Kindheitserinnerung Hamsuns 

Meine Bemühungen, Ausführlicheres über das Leben Hamsuns zu er- 
fahren, blieben also erfolglos; auch in Norwegen weiß die Öffentlichlceit 
nicht viel darüber, denn der Dichter ist Auskünften abhold. Hamsun hat 
aber 1898 im „Norsk Familie-Journal" eine Skizze „Ein Gespenst" ver- 
öffentlicht, welche auch in seine übersetzten Werke aufgenommen wurde, 
und die als eine bedeutsame Kindheitserinnerung zu werten ist, um so mehr, 
als ausdrücklich gesagt wird; „Was ich jetzt erzähle, ist wörtlich wahr." 
Sie sei mit unwesentlichen Weglassungen hier wiedergegeben: 

„Mehrere Jahre meiner Kindheit verbrachte ich bei meinem Onkel auf 
dem Pfarrhof. Es war eine harte Zeit für mich, viel Arbeit, viele Prügel und 
selten oder niemals eine Stunde zu Spiel und Vergnügen. Da mein Onkel mich 
so streng hielt, bestand allmählich meine einzige Freude darin, mich zu ver- 
stecken und allein zu sein; hatte ich ausnahmsweise einmal eine freie Stunde, 
so begab ich mich in den Wald oder ich ging auf den Kirchhof und wanderte 
zwischen Kreuzen und Grabsteinen umher, träumte, dachte und unterhielt mich 
laut mit mir selber. ^ . . . Ich fand oft Knochen und Haarbüschel von Leichen 

1) Zum Tagträumen der (späteren) epischen Dichter vgl. Freud: „Der Dichter 
und das Phantasieren" (Ges. Schriften, Bd. X); Hitschmann; „Gottfried Keller" 
(Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Bd. VII), sowie die Arbeiten über Wasaer- 
mann und DauÜiendey (Image, Bd. I, IV und IX). 



auf den Gräbern, die ich dann wieder in die Erde eingrub, wie es der Toten- 
gräber mich gelehrt hatte. Ich war so hieran gewöhnt, daß ich kein Grausen 
empfand, wenn ich auf diese Menschenreste stieß. Im Leichenkeller saß ich 
gar manches Mal, spielte mit den Knochen und bildete aus dem zerbröckelten 
Gebein Figuren auf dem Boden. 

Eines Tages ober fand ich einen Zahn auf dem Kirchhof. Es war ein Vorder- 
zahn, schimmernd weiß und stark. Ohne mir weiter Rechenschaft davon ab- 
zulegen, steckte ich den Zahn zu mir. Ich wollte ihn zu etwas gebrauchen, 
irgendeine Figur daraus zurecht feilen. Ich nahm den Zahn mit nach Hause . , . 

In der Gesindestube war kein Licht und ich war ganz allem. Ich wagte 
nicht ohneweiters die Lampe anzuzünden, ehe die Knechte hereinkamen; aber 
mir genügte das Licht, das durch die Ofenklappe fiel, wenn ich tüchtig Feuer 
anmachte. Ich ging deshalb in den Schuppen hinaus, um Holz zu holen. Als 
ich mich im Dunkel nach dem Holz vorwärtsUstete, fühlte ich einen leichten 
Schlag ^vie von einem einzelnen Finger auf dem Kopfe. Ich wandte mich hastig 
um, sah aber niemand. Ich schlug mit den Armen um mich, fühlte aber nie- 
mand. Ich fragte, ob jemand da sei, erhielt aber keine Antwort. Ich war bar- 
häuptig, ich griff nach der berührten Stelle meines Kopfes und fühlte etwas 
Eiskaltes in meiner Hand, das ich sofort vrieder losließ ... Ich griff wieder 
nach dem Haar hinauf — da war das Kalte weg. Ich dachte: Was mag das 
wohl Kaltes gewesen sein, das von der Decke herunterfiel und mich auf den 
Kopf traf? Ich nahm einen Arm voll Holz und ging wieder in Be Gesinde- 
stube, heizte ein und wartete, bis ein Lichtschein durch die Ofenklappe fiel. 
Dann holte ich den Zahn und die Feile hervor. 

Da klopfte es ans Fenster. Ich sah auf. Vor dem Fenster, das Gesicht fest an die 
Scheibe gedrückt, stand ein Mann. Er war mir ein Fremder, ich kannte ihn nicht, 
und ich kaimle doch das ganze Kirchspiel. Er hatte einen roten Vollbart, eine 
rote, wollene Binde um den Hals und einen Südwester auf dem Kopfe. Ich sah 
das Gesicht mit erschreckender Deuthchkeit, es war bleich, beinahe weiß, und 
seine Augen starrten mich gerade an. Es vergehl eine Minute. Da fängt der Mann 
an zu Jachen ... In der ungeheuren Mundhöhle des lachenden Gesichtes ent- 
deckte ich plötzhch ein. schwarzes Loch in der Zahnreihe — es fehlte ein Zahn . . . 
Das Gesicht fing an Farbe anzunehmen, es wurde stark grün, dann wurde es 
stark rot. Das Lachen aber blieb ... Da senkte der Mann den Kopf herab, 
iimner weiter , . ., als ghtte er in die Erde hinein. Ich sah ihn nicht mehr. 
Meine Angst war entsetzlich . . ., ich suchte auf dem Fußboden nach dem 
Zahn ... Als ich den Zahn gefunden hatte, wollte ich ihn gleich wieder nach 
dem Friedhof bringen, hatte aber nicht den Mut dazu . . . Auf den Hof hinaus- 
gekommen, war ich indes kühner geworden und ich beschloß, allein nach dem 
Friedhof hinaufzugehen; dadurch -würde ich es auch vermeiden, mich jemand 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 



anzuvertrauen und dann später in des Onkels Klauen zu geraten. Den Zahn 
trug ich in meinem Taschentuch. An der Kirchhofspforte sinke ich plötzlich 
glatt auf die Knie. Ein Stück jenseits der Pforte stand mein Mann mit dem 
Süd^vester. Er zeigte vorwärts, nach dem Kirchhof hinauf. Ich sah dies als 
Befehl an, wagte aber nicht zu gehen; ich flehte ihn an und er stand unbe- 
weglich und still da. Dann erhob ich mich, trat durch die Pforte, der Mann 
glitt über die Gräber hin . . . Mit zitternder Hand nahm ich den weiBen Zahn 
und warf ihn mit aller Macht auf den Kirchhof und stürzte nach Hause. Das 
Alter des rotbärtigen Mannes kann ich nicht einmal ungefähr angeben. Er 
konnte zwanzig Jahre alt sein, er konnte auch vierzig sein. 

Manchen Abend und manche Nacht kam der Mann wieder . . . Meine 
haarsträubende Angst vor ihm nahm ab, aber er machte mein Leben unglück- 
lich bis zum Übermaß. — Den nächsten Winter stellte er sich -wieder ein, 
nur einmal; dann blieb er lauge Zeit fem. Als ich nach drei Jahren in das 
Nordland zurückkehrte, konfirmiert und groß, wohnte ich nun nicht mehr hei 
Dieiuem Onkel auf dem Pfarrhof, sondern daheim bei Vater und Mutter. 

Eines Abends zur Herbstzeit, als ich gerade schlafen gegangen war, legte 
sich eine kalte Hand auf meine Stirn. Ich schlug die Augen auf und erblickte 
den Mann vor mir. Er saß auf meinem Bett und sah mich an . . . Als ich 
den kalten Druck gegen meine Stime fühlte, schlug ich mit der Hand um 
mich und sagte: Nein, geh' ■weg! Meine Geschmster fragten aus ihren Betten, 
mit wem ich spräche. 

Als der Mann eine Weile still gesessen hatte, fing er an, sich mit dem. 
Oberkörper hin und her zu wiegen. Dabei nahm er mehr und mehr an Größe 
zu, schließhch stieß er beinahe an die Decke tmd da er offenbar nicht w^eiter 
kommen konnte, entfernte er sich mit lautlosen Schritten von meinem Bett, 
durch das Zimmer, nach dem Ofen, wo er verschwand ... Er war mir noch 
nie so nahe gewesen wie diesmal; sein Blick war leer und erloschen, er sah 
zu mir hin, aber gleichsam an mir vorüber, quer durch mich hindurch, weit 
in eine andere Welt hinein . . . Einige Monate später, als es Winter geworden 
und ich wieder von zu Hause gereist war, hielt ich mich eine Zeitlang bei einem 
Kaufmann W. auf. Hier sollte ich meinem Mann zum letztenmal begegnen. 

&h gehe eines Abends auf mein Zimmer hinauf, zünde die Lampe an und 
entkleide mich. Ich will wie gewöhnlich nieine Schuhe hinausstellen, da steht 
er auf dem Gang, dicht vor mir, der rotbärtige Mann. 

Ich weiß, daß Leute im Nebenzimmer sind, daher bin ich nicht bange. 
Ich murmele: Bist du nun schon wieder da. Gleich darauf öffnet der Mann 
seinen großen Mund wieder und fängt an zu lachen. Dies machte keinen er- 
schreckenden Eindruck mehr auf mich; aber diesmal wurde ich aufmerksam.er : 
Der fehlende Zahn war wieder da! 



Er war vielleicht von irgend jemand in die Erde hineingesteckt worden. 
Oder er war in diesen Jahren zerbröckelt, hatte sich in Stauh aufgelöst und 
mit dem iihrigen Staub vereint, von dem er getrennt gewesen war. Gott allein 
weiß dasl 

Der Mann schlofl seinen Mund wieder, ging die Treppe hinab, wo er lief 
unten verschwand. 

Seither habe ich ihn nie vrieäer gesehen. 

Dieser Mann, dieser rotbärtige Bote aus dem Lande des Todes, hat mir 
durch das unbeschreibliche Grausen, das er in mein Kinderleben gebracht, 
viel Böses getan. 

Ich habe seither mehr als eine Vision gehabt, mehr als einen seltsamen 
Zusammenstoß mit Unerklärbarem — nichts aber hat mich so tief ergriffen 
wie dies. 

Und doch hat er mir vielleicht nicht ausschließlich Schaden zugefügt, dieser 
Gedanke ist mir oft gekommen. Ich könnte mir vorstellen, daß er eine der 
ersten Ursachen gewesen ist, durch die ich lernte, die Zahne zusammenzu- 
beißen und mich hart zu machen. In meinem späteren Leben habe ich hin 
und wieder Verwendung dafür gehabt." 



Psychoanalytische Deutung des Gespenstes 

Diese wahrheitstreue Geschichte Hamsuns vom Gespenst seiner Jugend 
liegt nun zur Deutung vor, und Abergläubische, die an die Wiederkehr 
Toter glauben, mögen sich damit begnügen, daß hier die materialisierte 
Seele oder der Astralleib eines Verstorbenen solange mahnend wiederkehrt, 
bis die arme Seele nach Jahren, durch Wiedererlangung des seinerzeit vom 
Friedhof geraubten Zahnes ihre Ruhe hat. Daß das Gespenst ans Fenster 
klopft, kalt berührt, lacht tmd lockt, sich aufs Bett setzt und bis zur Decke 
heranwächst — „Boten des Todes" können alles 1 Es ist eben ein „Spuk", 
freilich nicht ganz an einen Ort gebtmden und nur dem Schuldtragenden 
wahrnehmbar. Hamsun selbst entscheidet sich nicht, ob er es eine Vision 
oder einen Zusammenstoß mit dem Unerklärlichen nennen soll. 

Ich habe schon einmal mystische Erlebnisse eines Dichters, dem sich 
der herannahende und eingetretene Tod seines Vaters aus der fernen, 
deutschen Vaterstadt bis nach Paris hin durch seltsame Wahrzeichen verriet, 
analysieren und wissenschaftlich nüchtern deuten können.' Ich mußte dem. 
Dichter Dauthendey eine gesteigerte halluzinatorische Fähigkeit zusprechen. 



i) „Ein Dichter und sein Vater", Imago, IV. Bd., und „Telepathie und Psycho- 
analyse", Image, IX, Bd. 



Eduard Hitschmann 



und muß sie auch für Hamsun in Anspruch nehmen. Der Roman „My- 
sterien" bringt zahlreiche Beweise dafür. Im übrigen komme ich ohne jede 
Annahme mystischer Kräfte nicht nur zu einer plausiblen Deutung, sondern 
indirekt in Besitz des Schlüssels, der den Zugang zum Verständnis der wich- 
tigsten Motive der Werke Hamsuns, ihrer Eigenheiten und Dunkelheiten 
eröffnet, so wie zur Kenntnis der Triebgrundlagen seiner Persönlichkeit. 

Obwohl der Knabe von Friedhof und Totengräber, umherliegenden 
Leichenteilen, sowie dem Aufenthalt im Leichenkeller durch Gewohnheit 
gar nicht mehr sonderlich berührt wurde, bewirkte das Wegnehmen jenes 
großen Zahnes vom Friedhof — wie wir später sehen werden, auf bereit- 
liegende Angst- und Schuldgefühle stoßend — jene aufregende gespenstische 
Erscheinung. Der tote Verlustträger erscheint wahrhaftig, lockt auf den 
Friedhof hinaus, lachend seine Zahnlücke vorweisend. Jahrelang kommt das 
Gespenst wieder, um eines Tages, wieder im Besitze des verlorenen Zahnes, 
für immer zu verschwinden. 

Erst wenn wir die ärztliche Erfahrung über gar nicht seltene Ängst- 
zustände hei Knaben ähnlichen Alters heranziehen, welche namentlich 
abends und nachts beängstigende Männergestalten in Halluzinationen vor- 
führen, sind wir imstande, das Gespenst des kleinen Hamsun zu "entwerten. 
Diese halluzinatorischen Angstzustände sind durch Freuds Forschungen 
gedeutet worden : Sie sind Ausdruck von Schuld- und Angstgefühlen, welche 
dem Entmannungskomplex (Kastrationskomplex) entspringen, der 
hier nun mit einigen Worten charakterisiert werden soll. 

Es handelt sich, wie bei dem jedem allgemein Gebildeten nunmehr ge- 
läufigen ÖdipuE-Komplex, auch hier um einen dem Bewußtsein fernliegenden, 
daher zunächst Unglauben und Ablehnung hervorrufenden Komplex von Ge- 
danken, Gefühlen, Annahmen usw., der aus der Kindheit stammt und wohl 
auch einen phylogenetischen Anteil hat. 

Der anatomische Unterschied des äußeren Geschlechtsorganes bei Knaben 
und Mädchen kann den meisten Kindern nicht lange verborgen bleiben 
und erregt ihre Phantasie sehr. Das Fehlen heim weiblichen Wesen — 
welches „dort nichts hat", — erscheint als Minderwertigkeit und wird 
vom Kinde oft durch Verletzung, Weggeschnitten sein, Abgefaultsein ti. dgl. 
gedeutet. Schuldgefühle, aus dort verbotenen Selbstberührungen und feind- 



» 



Ein Gespenst aus der Rindlieit Knut Hamsuns 



seligen Gefühlen (ödipus- Komplex) abgeleitet, durch elterliche oder er- 
zieherische Kastrations droh un gen gefördert, — lassen diesen Verlust als 
Strafe ausgelegt werden. Und da dem Knaben direkte Ahnungen der großen 
Bedeutung dieses Organs vorschweben, als wüßte er um dessen Bedeutung 
für die Erhaltung der Art, tritt eine Angst um dieses Organ hervor, die 
hohe Grade annehmen kann. Kastration, Verlust, Austauschbarkeit, Nach- 
wachEen des Gliedes sind im Unbewußten, in Traum und Neurose häufige 
„Tatsachen". Im Konnex mit dem Ödipus-Komplex ist es der Vater zumeist, 
der das Glied zu bedrohen scheint, und die eifersüchtige Feindschaft des 
Sohnes phantasiert aus Revanche die Kastrierung des bösen Vaters. Un- 
bewußt bleibende oder alsbald verdrängte grausame Phantasien, die gegen 
den, natürlich auch geliebten, Vater gerichtet sind, bedrücken das Gewissen 
und bringen neuerlich Angst, ebendort bestraft zu werden, hervor. Straf- 
angst und Entmannungsangst erfahren innige Verlötung, die Entmannung 
ist im Unbewußten das Urbild aller Verwundung, aller Operation, jedes körper- 
lichen Defektes, jeder diminutio capitis, jeder Erkrankung, des Sterbens, — 
sie ist auch ein Ersatz des Tötens, — des Alterns usw. Da der Schautrieb 
es war, der den Geschlechtsunterschied entlarvte, ist Betasten, Beschauen, 
Kastrieren — eine Reihe. Da aber die Entmannung weiblich macht, be- 
stehen innige Beziehungen zum Thema der Gleichgeschlechtlichkeit. Und in 
Stimmungen und Phantasien, in denen der kleine Knabe geneigt ist, dem 
Vater die Mutter zu ersetzen, ihm sich nach Auflehnung nun weiblich 
zu fügen, finden wir den Wunsch nach Kastration, statt der Angst davor, 
Eine Anzahl von Mädchen kann sich mit dem „Dort-nichts- Haben" nicht 
versöhnen. Sie früh vom Besitz und Wert ihres inneren, doch so wertvollen 
Geschlechtsorganes zu überzeugen, ist unnaöglich: ein unüberwindliches 
Hindernis vollständigerer sexueller Aufklärung. Das benachteiligte kleine 
Mädchen entwickelt daher oft Neid und Groll gegenüber den Knaben, 
„den Männlichkeitskomplex des weiblichen Geschlechtes. Männlich sein 
wollen, sich emanzipieren, dem Manne nacheifern, ihn bekämpfen, ent- 
täuschen, kastrieren wollen, ist in extremeren Fällen das seelische Resultat; 
geschlechtliche Kälte, krampfhaft unwillkürliches Verhindern der Defloration 
die pathologische Folge. Die, soviel häufiger als der Mann, frigide impotente 
Frau hat es dann leicht, sich gegenüber der regelmäßig wiederkehrenden 



sexuellen Forderung des Mannes zu verweigern. In der Sprache des Un- 
bewußten, in Mythos, Volkswitz, Traum und Neurose finden ivir das Objekt 
der Entmannung, — wie sie hier gemeint ist: Verlust des männlichen 
Gliedes — verhüllt in verschiedensten Symbolen wieder: als Auge, Finger, 
Zehe, Nagel, Fuß, Hand, Extremität, Nase, Ohr. oberen Schneidezahn, Kopf^ 
Haare u. a, Statt des Kastrationsaktes erscheint Abschneiden, blutiges Köpfen, 
Verwunden, Verlieren, Ab^ und Hin unter fallen, Zahnausfallen, Vermodern^ 
Wundsein u. v, a. Der Amputierte, Hinkende, Geköpfte, Verletzte, Erblindete 
— ist der Entmannte. — Wir müssen uns die Beschränkung auferlegen, 
die grundlegenden psychologischen Folgen des Entmannungskomplexes für 
Kränkung der Selbstliebe (Narzißmus), für Minderwertigkeitsgefühle sowie 
Schuldgefühle hier wegzulassen. Die Beziehung zwischen Sohn und Vater oder 
Vater-Imagines behalt leicht fürs ganze Leben Empfindlichkeit und Ambivalenz. 
Der die Kastration an sich Anerkennende ist feminin, fühlt sich nament- 
lich dem Weihe gegenüber minderwertig; von der Vorstellung des über- 
legenen Liebeskonkurrenten kommt er nicht los. Liebeshemmung, Eifer- 
sucht. Unsicherheit, Empfindlichkeit machen Lieben und Geliebtwerden 
zum selig-unseligen Problem. 

Gehen wir jetzt an die Deutung des gespenstigen Erlebnisses de^Jfnabens, 
so sei vorher noch auf seine berechtigte Realangst vor dem strengen, 
gewalttätigen Ziehvater hingewiesen. Unter Anwendung der Freudschen 
Traumdeutungstechnik ist der gespenstige Mann als dieser Ziehvater 
(offenbar zusammengeflossen mit dem eigenen Vater) zu erkennen: die 
speziell hervorgehobene Fremdheit des Rothaarigen und die Verwischtheit 
seines Ahers lassen ihn zwingend als verhüllenden Ersatz des Allernächsten 
deuten. 

Die Berührungen des Kopfes sind als solche des Genitales auszulegen 
(Kopf— ein Genitalsymbol). Daß die Gestalt am Bett des Knaben sitzt und 
ins Übergroße wächst, zeigt das Gespenst als Mann mit Erektion dem 
feminin empfindenden Knaben gegenüber. Daß der Konflikt zwischen Solm 
und Vater (Ziehvater) sich um das Wegnehmen des Zahnes schürzt, bedeutet 
nichts anderes, als Angst des Sohnes vor Kastration (Sterbenmüssen), als 
Strafe für den Zahnraub {= Kastration) am Vater (Ziehvater). Die Hervor- 
hebung der ungeheuren Mundhöhle, des schwarzen Loches in der Zahnreihe, 



F 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 



entsprechen regressiver Verschiebung des Entmannungsortes und -Objektes 
auf den Mund (orale Kastration). Man beachte auch den vorletzten Satz der 
Kindheitse rinner ung, der vom „Zähne zusammenbeißen und sich hart machen 
handelt, also noch außerhalb der Halluzinationsschilderung die Zähne und 
das Beißen als Symbole der Kraft behandelt. 

Die halluzinierende Angst des künftigen Dichters entspricht in voller Ana- 
logie ähnlicher Angstzustände bei Knaben — oft ist ein Tier das Angst- 
objekt — der Angst vor der Kastration durch den Vater, aus 
Schuldgefühl über Haß gegen den zu liebenden, auch geliebten Vater, 
entspringend aus der feindseligen ödipus- Ein stell ung, entladen als Weg- 
nahme des Zahnes, d. i. eines typischen Symboles für das männliche 
Organ. Genauer genommen handelt es sich um die Angst, vom Vater gefressen 
zu werden, eine Vorstellung, die auch „der regressiv erniedrigte Ausdruck 
für eine passive zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne 
der Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die genitale Regung verrät 
freilich nichts mehr von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache 
der überwundenen Übergangsphase von der oralen zur sadistischen Libido- 
organisation ausgedrückt wird."' Außer der feindseligen Regung gegen den 
Vater ist auch verdrängt die zärtlich passive Regung für den Vater, 
die bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libido Organisation erreicht hat. 

Die Deutung des entsetzlichen Grausens vor dem Gespenst und der 
schüttelnden Todesangst des Knaben Hamsun setzt unbewußte Schuldgefühle 
im Sinne des Entmannungskomplexes voraus und gerade der Zahn, als ein 
typisches Symbol für das kastrierte männliche Organ, macht diese Annahme 
noch zwingender. Die weiteren Beweise aber für diese gewagt erscheinende 
Behauptung erbringe ich im folgenden aus den Werken Hamsuns. 

Die Annahme, daß der Knabe, aus dem später der große Dichter werden 
sollte, auf den Zahnraub hin an jenen Angsthalluzinationen erkrankte, — 
freilich selbst seine Vorstellungen als Wahrnehmungen auslegte — 
setzt voraus, daß er um jene Zeit die eigene Kastration, etvva durch den 
strengen Onkel an Vater Statt fürchtete, weiters von Phantasien einer 
Kastration an jenem erfüllt war. Es ist der Erwartung Raum zu geben, daß 



i) Freud: „Hemmung, Symptom und Angst", igsG. 



die Werke Hamsuns das Thema der Entmamiung, insbesondere aber sein 
dichtendes Unbewußtes die Symbolik von Kastration und Kastrationsobjekt in 
auffallendem Umfange aufweisen ; daß der Schneidezahn hier nicht fehlen 
darf, ist klar. Feindselige Einstellung gegen die Väter der Dichtung, in 
ihrer Form wieder auf Entmannung hindeutend, ist gleichfaUs zu er- 
warten. Als Voraussetzung aber eines mächtigen Erlebthahens des Enl- 
mannungskomplexes müssen wir die Zeichen einer starken Liebesfixierung 
an die Mutter erwarten, ferner Wiederkehren des eifersuchts erfüllten Ödipus- 
Dreiecks u. dgl. Ferner wäre eine Voraussetzung eines besonders intensiven 
Entmannungskomplexes: Veranlagung zu Grausamkeit und Leidensfreudig- 
keit. Endlich erfordert unsere Annahme besonderer halluzinatorischer Fähig- 
keit des Knaben Hamsun den Nachweis, daß er dem visuellen Typus zu- 
gehört, sein Schautrieb besonders ausgebildet war. 



Kastration und Kastrationssymbolik in Hamsuns 

Werken 



Hamsuns Roman „Die Weiber am Brunnen" macht einen durch 
einen Unfall entmannten und zugleich hinkend gewordenen Matrosen zu 
seinem Mittelpunkt, Der Roman, eine Satire auf den trotzdem kinderreichen, 
also oft betrogenen Ehemann, eine meisterhafte Schilderung des Verfalls 
eines Kastraten an Charakter und Energie — schließt charakteristisch genug 
mit folgendem in dreifachem Bilde symholischen Satz: „Kleines und 
Großes geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann 
aus den Reihen heraus, ein Sperling auf die Erde herunter." 

In „Hunger verliert der leidende Held seinen Appetit beim Anhlick 
einer Frau, die nur einen ganz vorn sitzenden Zahn hat; „der lange, gelbe 
Zahn sah aus wie ein kleiner Finger, der aus dem Kiefer ragte." 

In „Letztes Kapitel" verletzt sich die Heldin das Kinn, einer von ihren 
Zähnen ist abgebrochen. Der Frau des Magnus stehen ein Paar Schneide- 
zähne schief, der eine etwas vor dem anderen. 

In „Mysterien" berichtet der psychopathische Johann Nagel von einer 
dem Gespenst in Hamsuns Kindheitserinnerungen ähnlichen abendlichen 
Männererscheinung, bleich und rotbärtig. Da die Uhr zwölf schlägt, steht 



1 6 Eduard Hitschmann 



das Gespenst neuerlich wieder greifbar da und lacht: „Zwei Vorderzähne 
fehlten ihm,"' 

Zahnverlust und Zahndefekt sind bekannte Entmanntmgssymbole.* Bei 
gewissen primitiven Völkern werden an Stelle der ßeschneidung des Gliedes 
die mittleren oberen Schneidezähne ausgebrochen (Pubertätsriten). Ich füge 
aus Erfahrung aus Psychoanalysen Kranker als neu hinzu, daß auch die 
sogenannte Hasenscharte, gleichfalls ein medianer Munddefekt, zur Kastra- 
tionssymbolik geeignet ist. In „Segen der Erde" spielt die Hasenscharte als 
besonders beschämende Entstellung mehrfach eine große Rolle. 

Überwältigend ist das Symbolikmaterial für Kastration, ausgedrückt durch 
Verletzung von Finger, Hand, Fufl oder Bein (Hinken). In der Eriählimg 
„Zachäus" verliert die Titelfigur zwei Glieder eines Fingers durch die 
Mähmaschine und konserviert sie in öl. Der ihm gehässige Koch stiehlt 
die Flasche und setzt dem Zachäus, mit Tunke zubereitet, den eigenen 
Finger als Mittagessen vor. Dieser erkennt denselben erst, nachdem er eine 
Seite abgenagt hat und tötet den Koch aus Rache. In „Hunger" beißt der 
Htuigemde in den eigenen Finger, bis er blutet; eine breit ausgeschmückte 
Begegnung mit einem Hinkenden spielt ebenfalls hier eine Rolle. In „Pan" 
schießt sich Glahn in seinen Fuß, aus Eifersucht auf einen hftkenden Be- 
werber um das gleiche Mädchen (Selbstverstümmlung). In der Novelle „Weih- 
nachtsschmaus" stürzt der von der Bäuerin geliebte Knecht — trunken 
gemacht, weil er sie verleugnet — vom Dach und bricht ein Bein. In 
„Mysterien" hinkt der arme Minute, gleichfalls nach einem Knochenbruch. 
In der Skizze „Auf der Prärie" werden einem Irländer beide Beine durch 



i) Hier hat der Dichter sein Kindheitsgespenst wenig verändert im Roman auf- 
treten lassen. Wesentlich entsteUt ist das Thema der beraubten Leiche auf dem Fried- 
hof in „HerbststemE" literarisch verwendet. Knut Pedersen hat dort einen Daumen- 
nagel vom Friedhof weggetragen, um ihn auf eine kunstvolle Tabakspfeife als Schmuck 
lu Setien, ihn übrigens wieder weggeworfen. Im Traum erscheint ihm eine Frauen- 
leiche und zeig't ihren Daumen mit fehlendem Nagel. Er erwacht voll Angst in 
Schweiß gebadet und sieht die Leiche ganz langsam verschwinden. Seinen warnenden 
Arbeits- und Bettgenossen verlacht Pedersen-Hamsun wegen seines Aberglaubens : 
„sein Standpunkt sei von der Wissenschaft aufgegeben worden." 

2) Vgl. Freud: „Traumdeutung" (Ges. Schriften, Bd. 11 u. III) und Sugär: „Die 
Rolle des Zahnreiamotivs bei Psychosen" (Int. Ztschr. f. PsA. XII, 1926, H. t.) 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 17 

Überfahren abgetrennt. Absichtliche und unabsichtliche Fuß-, Hand-, 
Finger- und Fin gern agelverletzun gen finden wir gehäuft in „Letzte Freude" 
und „Letztes Kapitel". Die verliebten Damen betrachten mit lüsterner 
Freude den verletzten Finger oder geben ihm. einen neuen Verband. In 
„Letztes Kapitel" laboriert ein Aussätziger besonders an seinem nicht heilen 
wollenden Finger. Sind Finger und Hand Symbole für das verlierbare 
Glied, so werden sie anderseits auch zum Fetisch, Die Hände können 
eine Physiognomie tragen. „Daß der Ausdruck der Hände etwas mit dem 
Geschlecht zu tun hat, daß er Keuschheit, Indifferenz oder Trieb erkennen 
läßt („Letzte Freude"), gehört daher indirekt auch zum Entmannungs- 
komplex. In „Pan" hat Edvardas Daumen „einen keuschen Mädchen- 
ausdruck" und wirkt zärtlich. „Die paar Falten auf dem Gelenk waren voU 
Freundlichkeit." Tatsächlich ergibt die Krankenanalyse, daß der Fußfeti- 
schismus z. B. mit dem Kastration skomp lex im engsten Zusammenhang 
steht („Penis der Frau"). 

Wir finden in Hamsuns Werken ferner häufig als symbolischen Ersatz 
der Entmannung — das Köpfen. Solem köpft, offen grausam genießend, 
die zu schlachtenden Hühner („Letzte Freude"), und in krassester Weise 
erscheint die bildliche Kastration in der Novelle „Frauensieg". Die treu- 
lose Gattin läßt durch den bestochenen Fahrer der Straßenbahn — neben 
diesem sitzend -^ dem Gatten, der eben, seiner verratenen Absicht ent- 
sprechend, aus einer Versenkung den Kopf heraussteckt, denselben abreißen 1 

Die Skizzen des zwangs neurotischen Dichters öjen („Neue Erde") be- 
handeln mit Vorliebe das Köpfen. In „Viktoria" heißt es: „Die Liebe ver- 
dunkelt den Verstand der Prinzessin. Sie wirft den Kopf des Königs auf 
den Weg und läßt ihn dabei schamlose Worte vor sich hinflüstem und 
lachen und die Zunge her ausstrecken. In einem Traum Johannes' kommt 
neben einer blutenden Orgel, blinden und toten tanzenden Greisen und einem 
großen bellenden Fisch ein auf dem Wege dahinrollender Kopf vor, der 
tage- und nächtelang vor ihm herrollt, in die Erde schlüpft und sich ver- 
steckt. Als letztes Symbol für Kastration wählen wir das Auge und erinnern, 
daß in „Viktoria der eifersüchtige Bräutigam dem Jugend geliebten ins 
Auge schlägt, das sich lebhaft rötet. In einer kleinen Vorgeschichte in „Ge- 
dämpftes Saitenspiel" wird dem sechzig) ähr igen „Herrn", der ein Mädchen 



Eduard Hitschmann 



mißbraucht hat, von dessen eifeisüchligem Liebsten ein Auge aus-, dann der 
Schädel eingeschlagen. 

Diese ermüdende Aufzählung von Kastrationssymbolen macht keinen An- 
spruch auf Vollständigkeit; sie muß wenigstens noch ergänzt werden durch 
Hinweis auf die breit behandelte Erfindung einer primitiven Sagemaschine 
in „Unter Herbststemen". Aus Krankenbeobachtungen ergibt sich mii 
nämlich, daß solches spielendes, immer verbesserndes Erfinden, namentlich 
durch Unbefugte, dem Entmannungskomplex entspringt, wie ja auch in 
der TraumsjTnbolik die Maschine das männliche Glied bedeutet. Charakte- 
ristisch schließt dieser Roman eines Alternden resigniert; „In meinem 
Zimmer liegt die Maschine, ich kann sie nicht mehr aufstellen . . . Meinet- 
wegen, meine Liebe zu dieser Maschine ist abgestumpft." 

Zum Schlüsse sei darauf verwiesen, wie der Dichter, wo er sich 
als Fünfziger narzißtisch darstellt („Saitempiel", „Letzte Freude"), sein Er- 
grauen und Altern elegisch betrauert. „An mir", heißt es, „hat die Zeit 
gezehrt, ich bin dumm geworden und verblüht imd gleichgültig, jetzt seh' 
ich eine Frau an wie Literatur. Das ist das Ende. Was dann? Alles muß 
ein Ende haben. Zu Anfang dieses Zustandes hatte ich das Gefühl, als 
habe ich etwas verloren, es war, als sei ich von einenf^aschendieb 
bestohlen worden. Ein unzählbar oft wiederkehrendes Motiv in Hamsuns 
Werk ist das (frühe) Ergrauen, auf Leiden beruhend. Dem aus dem 
früher Ausgeführten sich ergebende Motiv des Korperdefefctes wäre ferner 
hinzuzufügen ein reichlich zu belegendes Motiv der defekten Kleidung. 



r 
I 



Die Entmannung der Väter 

{Altern und Verarmen) 

Als Typus der Vaterfiguren^ Hamsuns mag uns zunächst der Kauf- 
mann Mack auf Sirüund Modell stehen, Wie bei vielen anderen Gestalten 
wird auch sein Schicksal durch mehrere Romane verfolgt; in „Pan", „Benoni" 
und „Rosa" ist er sozusagen der Mittelpunkt. Angesehen, reich, mächtig, 
herrscht er über die anderen, lenkt ihr Schicksal. Er ist Witwer mit 
einer Tochter und findet die Befriedigung seiner Geschlechtlichkeit bei seinen 
Mägdenu. dgl., zu denen seine heimlichen Wege führen.^ Analog finden der 
alte, getrennt lebende ffolmengraa in „Stadt SegelfoB", der Konsul Johnsen 
in „Weiber am Brunnen" die Abfuhr ihrer Lüsternheit, Leutnant Holmsen 
in „Kinder ihrer Zeit", mit der sich ihm verweigernden Gattin zerfallen, 
spielt paschaartig mit seinen auserwählt hübschen Hausmädchen, doch kommt 
es bei diesem stolzen Mann nie so weit, daß er sich vergißt. 

i) Die Pfarrergestalten kommen in Hamanns Werken meist schlecht weg. Hat es 
der Onkel Pfarrer verschuldet? Im Drama „Mimken Vendt" erhebt sich ein früherer 
Priesterkandidat gegen Gott, der Freude daran hahe, in Not lu bringen. 

z) Bei dieser Gelegenheit mag das in Skandinavien weitverhreitete Gerücht er- 
wähnt werden, Hamsun sei der imeheliche Sohn einer Magd lujd eines der berühm- 
testen Dichters Norwegens. Nach eingeholter verläßlicher Auskunft erweist es sich 
als haltlos. 



Eduard Hilschmann 



Grotesk, sind Macks Bäder, in denen er auf Daunenkissen liegend, von 
der bevorzugten Magd bedient wird. Bei bestimmten Festgelegenheiten 
läßt er es arrangieren, daß er die Mägde auf gestohlene Löffel gründlich 
untersuchen kann. Daß er über diese Mädchen verfügt, sie verheiratet, um 
alles zuzudecken, charakterisiert diese omnipotente, sadistische Sexualität 
von Hamsuns Vatergestalten. 

„Kaufmann Mack war mächtig genug, mit einem Menschen etwas 
Gutes oder etwas Böses zu beginnen, ganz wie er wollte. Und seine Seele 
war sowohl schwarz wie weiß ... Er ist der glatte Aal in jeglichem 
Handel und Wandel," Haar und Bart sind gefärbt, ein Symbol für seine 
Falschheit. Sein polygamisches Bett ist so berühmt wie sein Polsterbad, vier 
silberne Engel schmücken es. 

Mit derselben Bewunderung über ihre Tüchtigkeit und Schlauheit sind 
der Väter Geschäfte, mit derselben belauschenden, voyierenden Spürsucht 
Bind ihre sexuellen Abwege nachgezogen; sie lieben nicht, sondern sie be- 
nutzen die Frauen. Aber dann läßt sie der Dichter, oft wie zur Strafe für 
Gier und Unzucht — ■ altern und verarmen. Weniger bei Mack, der 
nur die Hälfte seines Besitzes an Benoni verliert, — ist dieser vollständige 
Abstieg geschildert, regelmäßig bei anderen Vätern, Der Kamraerherr in 
„Viktoria" verbrennt sich seibat mit dem feuer versicherten Schloß, um, 
total verarmt, für seine Erben zu sorgen. Leutnant Holmsen kämpft er- 
folglos den Kampf seiner Rangierung; er verfällt nach dem Selbstmord 
seiner Gattin, lebt in ärmlichst-un würdigem Zustand, verschämt und stolz 
dermoch, gräbt erst zum Schluß einen vergrabenen Schatz, seinem Sohn Reich- 
tum verschaffend. Holmengraa, erst glänzend aufgestiegen, geht, gleichfalls 
ergraut und verfallen, noch heimlich seine nächtlichen Seitenwege trollend, — 
wie für diese Schuld bestraft, — zugrunde. Seine Arbeiter duzen ihn ver- 
ächtlich. Der greise Paal („Letzte Freude") wirtschaftet ab, trinkt imd 
verfällt. 

In der Erzählung „Kleinstadtleben" hat der Konsul mit der Gattin eines 
Abwesenden ein Verhältnis, das Folgen hat. Er findet einen dunklen Ehren- 
mann, der ihn deckt, aber verliert durch das strafende Schicksal sein Ver- 
mögen und ward bankrott: „Der Konsul bankrott — wer stand da noch fest 
auf den Füßen? Er war der vornehmste in der Stadt und ihr Grundpfeiler." 



Ein Gespenst aus der Kindieit Knut Hanisuns 2i 

Der verheiratete und doch stets weiberbedürftige KoheuI Johnsen wird 
durch den Untergang seines Schiffes arm, er altert und erst sein Sohn 
Scheldrup rettet, heimkommend, die Ehre der Firma, setzt die FamiHen- 
mitglieder wieder auf ihren rechten Platz, „stilh die Krämpfe der Stadt . 
Des Vaters Haar war gelichtet, seine Augen ohne Glanz, seine Tage ohne 
Frieden, die Nächte ohne Freude. „Die Lüste hatten ihn verlassen," („Weiber 
am Brunnen. ) 

Grausame Schilderung gelähmter, verfallener Greise, ihrer Matratzengruft 
ist Hamsun genehmer Stoff. Der alte, sich gegen den Tod und den Sohn 
aufbäumende Per wird so gezeigt, in krassester Weise aber das Pfründner- 
paar Mensa und Mons, verblödet und stinkend. Mens' Augen sehen wie 
zwei Geschwüre aus; sein Tod wird daran erkannt, daß er, ein Stückchen 
Brot in der Hand, es tagelang noch nicht gegessen hat, Mensa „plärrt 
hündische Idiotien". („Rosa.") 

Und wie beginnt der letzte Roman des nunmehr fünfundsechzigj ährigen 
Dichters? Daniels Vater ist Witwer geworden und hat in Saus und Braus 
lebend, seinen Besitz verpraßt ; der verarmte Erbe muß neu anfangen. 

Wie der Dichter einerseits mit Vorliebe jene ursprünglich mächtigen, 
stark triebhaften Väter regelmäßig ihr materielles und sexuelles Vermögen 
verlieren läßt und gransam das Sterben der Greise abmalt, so führt er 
anderseits die Söhne herauf, die tüchtigen, und läßt sie ohne Scheu die 
Väter absetzen („Stadt Segelfoß") oder doch ersetzen. Hamsun ist ein 
Schätzer von Kraft und Jugend, und beklagt elegisch das eigene Altwerden.' 
So heißt es z. B. in „Letzte Freude"; „Ich war einmal ein ganz anderer 
Draufgänger. Die Welle hat ihren Federbusch, den hatte ich, der Wein hat 
seine Glut, die besaß ich . . . Ein einarmiger Mann kann noch gehen, ein 
einbeiniger noch liegen . . . Doch weist er nicht jene zitternde Angst vor 
der Jugend auf, "wie etwa Ibsens Baumeister Solneß. Hamsun hielt einmal 
in Oslo einen aufsehenerregenden Vortrag „Ehret den Jungen". Und in 
-Letzte Freude" heißt es: „Das Alter soll nicht um seiner selbst willen 



i) Vgl. als charakteristisch auch die Titel: „Unter Herbst stemen"; „der Wanderer 
mit der Sordine" (in der Übersetiung-; „Gedämpftes Saitenspiel"); „Letite 
Freude« und „Das letite Kapitel". 



geehrt, werden; es hemmt und hindert nur den Schritt der Menschheit; 
auch die Naturvölker verachten das Alter und befreien sich ohneweiters 
von ihm und seiner Hemmung." Ähnlich spricht Kareno („An des Reiches 
Pforten"). 



Das Motiv der Kif ersucht und 
des geschädigten Dritten 



Setzen wir voraus, daß Entmannungsangst und Entmannungsrache sich 
über dem Ödipus-Liebesdreieck aufbauen, so wird es uns nicht wundern 
wahrzunehmen, daß bei Hamsun überhaupt nur die Freundin, Braut, Frau 
oder Geliebte eines andern geliebt, umworben wird. Meist tritt sie mit 
ihm. auf oder sie gedenkt alsbald seiner Person. Durch diese Tatsache entsteht 
das obligate eifersüchtige Kämpfen; durch die Eifersucht wird alles Lieben 
zum Leiden, zur Leidenslust: „Die Liebe ist hart." Immer herrscht 
Kriegszustand. „Daß man die nie bekommt, die man liebt und eigentlich 
haben sollte", ist ein oft variierter Schmerzensruf, Mord aus Eifersucht 
ist an der Tagesordnung. (Solem in „Letzte Freude", Mack in „Pan", der 
Mexikaner in „Herbststeme".) In der Novelle „Auf der Blaamandsinsel" 
stößt der Eifersüchtige das Weib ins Meer, in „Björger" wird die Untreue 
zu Tode gequält. Viktoria stirbt in eifersüchtiger Enttäuschung lungenkrank, 
Glahn läßt sich erschießen. Auch die Frauen sind immer eifersüchtig, 
Eifersucht entflammt die Liebe. Edvarda bringt aus Eifersucht auf Benoni 
und Rosa in deren Heim — Ungeziefer. Charakteristischer weise sind diese 
geliebten Mädchen oft mutterlos, leben mit dem verwitweten Vater; zum 



2+ Eduard Hitschmann 



mindesten bleibt die Mutter farblos im Hintergrund. Der Nebenbuhler ist 
erhöht, sozusagen mächtiger, angesehener, väterlicher im psychoanalytischen 
Sinn: Kapitän, Seeoffizier, Stadtherr, Baron, Doktor u. dgl. So kommt ein 
Dreieck zustande, an das Ödipus -Dreieck gemahnend. Nur in „Viktoria" 
finden wir ein Vorspiel aus der Jünglingszeit, Johannes ist da vierzehn Jahre 
alt; seine spätere Angebetete bringt schon zur ersten Begegnung Otto aus 
der Stadt mit; ein zweitesmal trifft er sie in Gesellschaft Ditlefs. 

Immer ist hier in der Liebes- Vision des Anbeters, Bewerbers — neben 
der Angebetenen — schon einer mit älteren Rechten. Es handelt sich immer 
um ein Lieben mit Schädigung eines Dritten, was Freud als typisch 
für das Lieben des an die Mutter Fixierten erkannt hat. Aile angebeteten 
weiblichen Wesen bei Hamsun sind in folgendem Sinne Mütter: Man muß 
sie einem Mann wegnehmen, um sie zu besitzen. Eine zweite Eigenart 
seiner Liebenden ist die, daß das weibliche Wesen oft stolz und zunächst 
unnahbar ist und lange auf seine Entscheidung warten läßt. Sie demütigt 
dadurch, ist sie doch auch sozial höher, Pfarrers- oder Groflkaufmanns- 
tochter; demütigt auch durch die Tatsache, daß sie schon liebt oder Verrat 
übt. Sie wird in Liebesworten „Prinzessin" oder „Königin" genannt. Meist 
bekommt nun der Mann durch seine Tüchtigkeit, seine Leistung (Johannes, 
Rolandsen, Benoni, Hoibro) die Oberhand, oder das Mädchen ist unterdes 
ins Unglück gekommen: nun tann er der Stolze sein, sie zurückweisen, 
jedenfalls aber, sich rächend, die Treulose demütigen. Häufig ist nun 
Gelegenheit, die Geliebte eifersüchtig zu machen; ein schmerzhaft zwang- 
haftes, auch nur zum Schein Eifersüchtigmachen wird geübt; man liebt 
und quält. 

Jedes weibliche Wesen neigt zur Untreue, wird durch Dirnenphantasie 
herabgesetzt; unter jeder Liebe leidet der Mann. 

Allgemein sagt einmal Johannes: „Man sagt von gewissen Frauen, daß 
sie ein Ziel für ihr Mitleid suchen. Geht es dem Mann gut, so hassen sie 
ihn und fühlen sich überflüssig; geht es ihm schlecht, muß er den Nacken 
beugen, so brüsten sie sich und sagen: hier bin ichl" 

Sehr lehrreich für den Kampf in der Ehe ist das Buch ,Kinder ihrer 
Zeit . Die Gattin hat dem Mann den Eintritt ins Schlafzimmer und den 
Liebesakt verweigert, sie kokettiert mit anderen. Der stolze, eifersüchtige 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 25 

Gane rächt sich durch starre Kälte, bleibt fest gegen ihre demütigen Ver- 
BÖhnungsbitten, drängt sie fort und sie tötet sich. Ebenso handelt der 
betrogene Kapitän Falkenberg gegen seine vom Liebhaber geschwängerte 
Frau. Die beleidigte Liehe haßt tödlich. 

Eifersucht ist der Anlaß zur Umwandlting der Liebe in Haß. Stammt 
die Eifersucht zum Teil aus dem Triebleben, so geht der Haß zweifellos 
auch auf die Quelle der Icherhaltungstriehe zurück. Über Umwandlung 
von Liebe in Haß hat sich Freud mehrfach geäußert,' Eine künftige aus- 
führlichere Darstellung wird sich mit diesem Wandel der Neigung bei den 
Liebenden Hamsuns genauer befassen. 



j) Vgl. Preud: „Triebe und Trieb Schicksale". Ges. Schriften, Bd. V, und „Das 
Ich und das Es" (ebendort, Bd. VI). 



Grausamkeit und Leidensfreudigkeit 
Belauschen und Zuschauen 

Wir können die Heftigkeit des obligaten Liebeskampfes der Eifersucht 
in Hamsuns Werken und auch die Intensität seines Entmannungfckomplexes 
nur verstehen, wenn wir seinem ausgesprochenen Sadomasochilmus ge- 
recht werden. 

Finden wir blutige Grausamkeit schon in der früher gegebenen Schilderung 
der Kastrationsmotive und der Kastrationssymbolik reich vertreten, so er- 
gänze ich aus Hamsuns Kindheit jene gräßlichen breit geschilderten Quälereien 
an einer zu tötenden Katze, das hingezogene Töten eines weiblichen Renn- 
tieres („Unter Tieren"). Und weiter heißt es dort: „Wir waren oft herzlich 
grausam gegen die Hühner, So waren wir die reinen Künstler, wenn es 
gah, sie mit Steinen und Holzscheiten zu treffen, so daß sie knapp mit 
dem Leben davonkamen und laut schrien." 

Überatis eindrucksvoll wird von blutrünstigen Fischern in der Schilderung 
„Auf den Bänken von Neufundland" wie folgt berichtet: 

„Die Fischer hatten manchmal eine ganz unnatürliche Freude daran, die 
Fische zu mißhandeln ... Sie packten die großen Fische beim Kopf, drückten 
die Finger in die weichen Augen hinein und hielten sie so in die Höhe, 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 27 

indem sie geil in sich hineinlachten und sie ansahen . . . Eines Tages biß 
einer von den zwei Russen in einen rohen Fisch hinein, grab die Zahne 
tief in ihn hinein und hieh ihn so etwa zwei Minuten fest, indem er die 
Augen dabei schloß. 

Hier handelt es sich, wie bei „Zachäus" und dem In-den-Finger-Beiflen 
des Hungernden, um grausames Beil3en, dessen früheste Äußerung beim Kinde 
das Beißen in die säugende Brust ist (oraler Ursprung des Sadismus).^ 

Es fällt auf, daß in „Hunger", dessen leidender Held einen ganzen 
Band hindurch „nichts zu beißen" hat, der Geliebten Brüste entblößt 
werden, worauf sie den Wunsch äußert, dort geküßt zu werden, Ist „Hunger 
vielleicht das Epos „oraler Enttäuschung"!?^ 

Sehr charakteristisch sind jene gewaltigen rächenden Meisterhiebe, knock 
outs, die Hamsun so gern schildert („Schwärmer, Saitenspiel, Segelfoß, Letzte 
Freude"): Ein starker Mann fällt um, wie vom Blitz getroffen. In „Benoni" 
wird das Schweineabstechen, in „Letzte Freude" das der Hühner mit sicht- 
licher Lust am Grausamen beschrieben. Wer kann die rohen Scherze mit 
dem armen Zeitungsjungen bei einem anderen Dichter finden!? Einmal 
wird ihm („Neue Erde") ein zu diesem Zweck glühend gemachtes Geld- 
stuck zugeworfen, um seine Qualen lachend beobachten zu können. An, 
anderem Orte („Auf der Straße", Tagebuchblatt) wirft Hamsun selbst größere 
Münzen unter einen Eisenrost, der festgefroren ist, und mit Schadenfreude 
schildert er des Knaben kränklichen dünnen Arm und, wie derselbe ihn 
durchzwängt, sich blutig verwundet, an den Knöcheln die Haut abreißt, 
und will ihn noch weiter quälen. 



1) Vgl. Karl Abraham: „Psychoanalytische Studien lur Charakterbildmig" (Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek, Ed. XVI). Danach ist es der ProieB der 
Zahnbildung, der die Lust am Saugen la einem erheblichen Teil durch die Lust am 
Beißen ersetit. In die nämliche Periode der Entwicklung fällt die Herstellung ambi- 
valenter Beziehungen des Kindes nu Objekten der Außenwelt. Ambivalenz ^ Liebe 
und Haß in einer Tasche — ist für gewisse Gestalten Hamsuns sehr charakteristisch. 
Als Satiriker ist er „bissig" genug. 

a) Eine amerikanische Arbeit „A Psychopathological Study of Knut Ham- 
suns' .Hunger"' von Gregory Stragnell weist ausführlich auf den Masochismus 
des Helden hin und legt das sich In -den -Finger -Beißen als Kastration aus. (The 
Psycho analytio Review igia.) 



I 



28 Eduard Hitschmann 



Je genauer man zusieht, desto starker wird der Eindruck, dem Dichter 
ist der eifersüchtige Liebeskampf wichtiger, als das Ziel desselben.^ 
Er erfülh, mit feinster Kunst in wechseh'ollem Spiel dargestellt, die Seelen 
der Liebenden in „Viktoria, Pan, Schwärmer, Herb st Sternen, Saitenspiel", 
auch in „Kinder ihrer Zeit, ßenoni und Rosa, Redakteur Lynge" u. a. Nur 
zu leicht und zu rasch erkaltet das Herz des Liebenden, fühh sich ent- 
täuscht oder betrogen — Haß erfüllt dann den Mann. Rasch schlägt 
der größte Teil früherer Liebe zu grausamer Härte um. Die gefallene Frau 
wird zu Tode gehetzt, „in Liebe getötet", so Frau Holmsen, so Frau 
Falkenberg. Mack arrangiert es, daß die treulose Schmiedin vom gesprengten 
Felsblock erreicht wird; und wirkhch liegt sie dann da „zermalmt, zer- 
schmettert, von einem Schlag zersprengt, an der Seite und über den Leib 
herunter, bis zur Unkenntlichkeit aufgerissen". 

So wie demütiges und demütigendes Lieben einander folgen können, 
wird es auch zu gleicher Zeit an verschiedenen Frauen erlebt. Nagel liebt 
die stolze Dagny und die demütige Martha, Glahn Edvarda und Eva, 
Johannes Viktoria und Kamilla. 

Wiederholt schildert Hamsun Zwaagssymptome, die bekanntlich mit 
sadistischer Triebanlage in Zusammenhang stehen. Öjen („T^eue Erde") 
zählt alle Fenster; kann nur noch gerade Ziffern zählen, zwei, vier, sechs; 
und leidet an zwanghafter Angst, einen Gegenstand zu verlieren (Knöpfe, 
Zwicker). Er wettet mit sich selbst um gewaltige Summen: Geht er eine 
unbekaimte Treppe hinauf, so hat er gewonnen, wenn es sechzehn, ver- 
loren, wenn es achtzehn Stufen sind. Der „Selbstmörder" („Letztes Kapitel"), 
der immer die Ausführung verzögert, entpuppt sich als Gedankenmörder 
seiner treulosen Frau und des Liebhabers. Kaum ein anderer Dichter weist 
den Todes- (Destruktions-) Trieb in solchem Grade auf. Im letzten Roman 
„Das letzte Kapitel" werden die Besucher eines Sanatoriums gleichsam 
zum Schießstand einer Treibjagd versammelt, satirisch abgemalt und 



i) Es handelt sich hier -rielfach weniger um die Seiualhe&dedigiuig, als um das 
Geliebtmerden als Ich-Ziel: daS VoUgenommenw erden als Überwindung dunklen 
Minderwertigkeitsgefühls (der Kastriertheit); daher auch die ühergroße Empfindlich- 
keit des Liebenden. 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 23 

dann zumeist sterben gelassen, das Sanatorium verbrennt wie Sodom und 
Gomorra. 

Schmerzlust und Leidensfreudigfceit, der gegen sich selbst gerichtete 
Sadismus, blüht bei Hamsun gleichfalls; das Material ist überfließend! 
„Hunger" ist eine Leidensdarstellung durch einen ganzen Band.' Selbst- 
mord ist häufig genug; Glahn und Solem und der Hungernde verwunden 
sich selbst, Rolandsen („Schwärmer"} verleumdet und verbannt sich selbst. 
Minute ist ein exquisiter Dulder, der zum Schluß sich an Martha in bösen 
Instinkten vergeht. Wenn die Geliebte als Reiterin erscheint („Viktoria , „Rosa ), 
wirkt sie dauernd. Der sausende Hieb der Peitsche einer Dame macht dem 
Gezüchtigten einen blutroten Streif im Gesicht; „Sie haben mich geschlagen," 
sagte er, „aber das tut nichts. Wiederholen Sie es, es ist mir jedesmal eine 
Freude" („Der Eroberer", Novelle). Am klassischsten zeigt sich Masochismus 
des Mannes in der „Königin von Saba": Unvergeßlich bleibt dem Reisenden, 
der mit kläglich zerrissenen Schuhen einlangt, die Tochter aus dem Herren hof, 
die er, wie sie auf dem Bock eines unbespannten Wagens steht und mit 
der Peitsche knallt, kennen lernt. Es kommt ihm der Gedanke „sich als 
Pferd vorzuspannen und den Wagen zu ziehen . Sie zerschmettert ihn mit 
den Augen. Noch vier Jahre später wirkt ihr Anblick faszinierend; er 
verfolgt sie zwangshaft, — eine Odyssee — bis ihm klar gemacht wird, daß 
sie mit einem anderen verheiratet ist. — Der Telegraphist Baardsen („Segel- 
foß") läßt sich im Spiel von Klara den verstellbaren Dolch in die Brust 
stoßen und geht später daran zugrunde. „Wenn ich sie bekäme," sagt ein 
Liebender, „würde ich ihr unermüdlicher dienen, als irgendeiner, wenn 
ihr einfiele, das Unmögliche von mir zu verlangen, ich würde alles tun. 
Ich hielte inne, legte mich auf die Knie im.d leckte vor Demut und Hoffnung 
einige Grashalme am Wege. So legen sich Nagel tmd Benoni wirklich 
auf die Ejde. 

In origineller Form begegnen wir der Leidensfreude, da der Dichter selbst 
in armseligen Kleidern als einfacher Wanderarbeiter auf die Walz geht und 

1) „Die meisten Helden Hamsuns sind Märtyrer im Ertragen, Iiaben einen durch 
und durch passiven Heroismus" (Carl Morburger „Knut Hamsun", Xenien- Verlag, 
Leipiig' 1910). Man wird nicht vergessen können, daß ein Teil seiner Schmerilust 
in den Knaben Hamsun vom Onkel hineingepriigelt wurde. 



3« Eduard Hitschmann 



schwere, niedrige Arbeiten verrichtet, angebhch nur um Ubetkultur und 
Stadt zu überwinden, tatsächlich um als Knecht und Kutscher demütig 
dienen, bescheiden belauschen zu können. Nur Brocken von herablassender 
Neigung fallen ihm von der angebeteten Herrin zu: aber eben dies ist ihm 
masochistischer Genuß.' {„Herbststeme", „Saitenspiel".) 

Hier weise ich auch auf medizinische Beobachtungen hin,'' nach denen 
masochistisch Veranlagte sich um sexueller Erregung willen zuzeiten wie 
zwangshaft als Arbeiter in elender Kleidung verdingen. 

Vom dichterisch-technischen Standpunkt ist dieses Sich-zum-intimen-Beob- 
achter-Machen, indem man als Gastarbeiter oder als Hausdiener im Bunde 
mit der Kammerjungfer das Leben der Herrschaft, Freud und Leid der 
ehebrecherischen Hausfrau belauscht („Saitenspiel"), lehrreich; als Arbeiter 
wird der erzählende Beobachter immer dorthin versetzt, wo die Heldin zu 
finden ist. Der Dichter ist hier nicht selbst Held des Taglraumes, sondern 
steht als „exzentrischer" Zuschauer und Schilderer außerhalb.' Diese Lust 
am Zusehen ist gerade beim Sa dorn as och ist en gewöhnlich, der sich oft 
begnügt, zusehend sich mit dem Aktiven oder Passiven zu identifizieren, 
statt selbst einzugreifen. 

„Es war qualvoll und schön, aufreibend, voll Unruhe, er^uschte an 
der Wand, hielt den Atem an und lauschte", heißt es vom betrogenen 
Hjoibro in „Redakteur Lynge". 

Die malerisch halluzinierende Kindheitserinnerung, die den Ausgangs- 
punkt unserer Betrachtung gab, beweist schon die visuelle Veranlagung 
Hamsuns.* 

So ist er wirklich der Dichter nicht nur des Belauschens, sondern auch 
des Voyierens. Und da ist es ihm hauptsächlich um sexuelle Szenen zu 
tun. So werden, wie erwähnt, namentlich die Vater-Figuren auf ihren 

i) Hamsun regrediert damit auf seine eigenen realen zehn Jugendwanderjahre, in 
denen er die verschiedensten niedrigen Berufe daheim und Über See ausübte, bittere 
Not und gemeine Genossenschaft durclimachte (Kohlen- und Straßenarbeiter, StraQen- 
bahnschaffner, Steinhauer, Fischer usw.). 

2) A, Xirschbaum: „Über zwei ungewöhnliche Fälle von Palasexualität." Zeit- 
schrift für gesamte Neurologie und Psychologie, 64, Bd. 

3) Vgl. Freud: „Der Dichter und das Phantasieren." {Ges. Schriften, Bd. X.) 

4) Hamsun war in der Jugend kurzsichtig. (Vgl, „Im IMärcIienland", Reisebilder.) 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 



31 



sexuellen Wegen ertappt. Es wundert uns dann nicht, daß gerade dem 
Sexualalct eines tierischen Lappens zugesehen wird, und wir werden er- 
innert, daß Kinder oft eine sadistische Phantasie vom belauschten Eltem- 
liebesakt erwerben. 

In „Pan" grüßen Lappe und Lappin sich: „Eines Tages sah ich, wie 
zwei Lappen einander begegneten . . . Anfangs benahmen sie sich, wie 
Menschen tun. Boris! sagten sie zueinander und lächelten. Aber gleich 
darauf fielen sie in den Schnee und blieben eine gute Weile für mich 
unsichtbar. Du mußt nach ihnen sehen, dachte ich, als eine Viertelstunde 
vergangen war, sie könnten im Schnee ersticken. Da standen sie auf und 
gingen fort. Jedes in seiner Richtung. Gewaltig verläuft die Szene, wo 
die einst so stolze Edvarda sich — ohne zu wissen, daß sie beobachtet 
ist — dem Lappen im Walde hingibt: „Er knurrt, faßt sie plötzlich an der 
Kehle und überwältigt sie. Oh, nun sind sie beide wild, sie beben anein- 
ander, sie verschmelzen mit Armen und Beinen, es ist unsagbar, was sie 
tun" („Rosa"). 

Die Häufigkeit, mit der der Sexualakt beschrieben und belauscht wird, 
kann nicht übersehen werden; in ein Gartenhaus, in eine Scheune kommen 
abwechselnd die Paare. Neben jenen platonischen Eifersuchtskämpfen um 
die Edle, Angebetete, Jungfräuliche, fanden wir auch die Sichhingebende, 
die triebhaft Sinnliche, die „Dirne", die von selbst kommt und sich anbietet' 
(„Pan }. Diese Spaltung der weiblichen Lieb-esobjekte in seelisch Geliebte und 
sinnlich Gebrauchte findet sich bekanntlich am aus gebildetsten wieder bei 
dem, der als Knabe intensiv an die Mutter fixiert war, die Eifersucht auf den 
Vater stark erlebte und oft auch wie Hamsun den Entmannungskomplex, 
Die Erscheinung der Polygamie des Mannes, die Belauschung des Liebes- 
aktes durch denselben, die Motive des immer nahen Dritten und der Eifer- 
sucht legen nahe, auch das Thema der unbewrußten Gleichgeschlecht- 
lichkeit hier zu bearbeiten, was aber einer ausführlicheren Arbeit vor- 
behalten bleiben muß. Das männliche Gespenst, oder richtiger die Angst 



i) In der Skiiie „Stimme des Lebens" holt sich die junge Witwe eines nach langer 
Xrankheit dreiundfünf zigjähr ig verstorbenen Gatten alsbald einen Mann von der Straße, 
dem sie sich in der NacM nach jenes Tod hingibt. Die Leiche liegt noch im Neben- 
limmer. 



52 Eduard Hitschmann 



vor jenem, halluzinierten Mann, die etwa vom neunten bis zum fünfzehnten 
Lebensjahre Hamsun anfallsweise erschüttert, beweisen gleichfalls feminine 
Einstellung des Heranwachsenden. In „Saiten spiel" finden wir folgende 
ablehnende allgemeine Charakteristik der Frauen: „Die Frau ist . . ., wie 
alle Weisen schon immer wußten: unendlich arm an Begabung, reich 
aber an ünverantwortlichkeit, an Eitelkeit, an Leichtfertigkeit. Sie hat viel 
vom Kinde, aber nichts von dessen Unschuld." Auch des Dichters Pessimismus 
gegenüber der Treue der Frauenliebe gemahnt an Strindberg. 



f 



Hamsuns Ideale 

Bedenken wir, daß biographische Einzelheiten über unseren Dichter, 
einen der größten tind echtesten unserer Zeit, nicht ztir Verfügung stehen, 
so müssen wir für jene Kitidheitserinnerung dankbar sein, die für uns der 
Ausgangspunkt war, um wesentliche Aufklärungen über seine Phantasien, 
eine Reihe seiner bedeutsamsten Motive und auch über sein Triebleben zu 
gewinnen. Noch einmal führt uns Erinnerung genußreicher Lektüre durch 
seine vielgestaltigen Werke. Wir wenden uns zum Schlüsse der sittlichen 
Persönlichkeit des Dichters zu, die hinter all den komplizierten erotischen 
Verwicklungen und Herzenskämpfen, aber auch hinter den wertvollen 
gesellschaftskritischen Romanen und den großen epischen Konzeptionen in 
Größe und Reinheit steht. Die strenge Erziehung des Oheims Pfarrer (und 
des Vaters?) hat gute Früchte getragen.' Hamsuns Persönlichkeit ist von 
den Idealen der Ehrlichkeit und der reinen Hände, des Mitleids und der 
Arbeitsamkeit erfüllt. Die Helden seiner Jugendwerke sind unpraktische 
Idealisten; selbst der traurige Held in „Hunger" kommt nur materiell 

i) Von der nachsichtigen Güte seiner Mutter zeugt übrigens ein seLbstbio graphischer 
Sati an verstockter Stelle („Unter Tieren") : „Wir hatten eine sonderbare Mutter, 
die oft wieder umkehrte tmd tat, als habe sie etwas vergessen, wenn sie uns in der 
Vorratskammer ertappte." 



34 Eduard Hitschmann 



herunter, nicht moralisch. Einfache Leute, wie Falkenbergs Dienerschaft, 
werden zu Kritikern der sittenlosen Herrenleute. Treibt das Phantasieleben 
des Dichters die sonderbarsten Blüten von Gratisamkeit und Sinnlichkeit: 
diese gleichen Ausscheidungsjirodukten ; er selbst erscheint als der Vor- 
kämpfer edelster Liebe, verzeihender Güte, veraichtender Treue, ernsten 
Leistens und Aufbauens. Wir müssen annehmen, jene Kindheitserinnerung 
repräsentiere den Bruch mit ursprünglichen grausamen Regungen, die 
Abwendung von verbotener Liebe, denn sie verrät das Schuldgefühl tmd 
Strafbedürfnis des leidenschaftlich veranlagten, träumerischen Knaben. Er 
nimmt die sittliche Persönlichkeit des Ziehvaters (und Vaters) sowie der 
gütigen Mutter durch Identifizierung in sich auf. Aus dem frühen Sadismus 
und Tierquälen ist reaktiv Güte und Mitleid geworden. Aus dem ver- 
lorenen Tagträumer wurde ein Kämpfer und Dichter. Seine narzißtischen 
Ebenbilder sind der Hungernde, Nagel und Glahn, der Dichter Johannes, 
der durch Leiden groß geworden ist, Musiker und Studenten und die be- 
gabten, trinkfreudigen Telegraphisten mit dem „zu großen Herzen". In Be- 
wunderung seiner Werke müssen wir dem großen Dichter recht geben, wenn 
er über sich selbst sagt: „Ich habe eine eigenartige Schreibarbeit betrieben 
und eine bessere als die Mehrzahl; das weiß ich wohl. Aber 3^ ist nicht 
so sehr mein Verdienst, denn ich wurde mit den Fähigkeiten dazu 
geboren." 

Einen Mangel freilich scheint das Werk dieses modernen Romanciers 
aufzuweisen, wir finden zunächst keine edle Muttergestalt darin. 

Wir fänden sie nicht, lehrte uns nicht die Psychoanalyse, daß das hohe 
Bild der Mutter, das Heimat und Sehnsucht ist — zur Mutter Erde, Mutter 
Natur sublimiert wird. Zu ihr flüchtet Hamsun aus Seelenkämpfen und 
Lebenssorgen, sie gibt heilenden Frieden. Gern wohnt er als Romanheld 
im Wald oder am Strand in einer warmen Erdhöhle, einsam und in 
Autarkie mit einfacher, mitgenommener Nahrung. Seine Schilderung der 
Natur verrät deutlich ihr Mütterliches. „Dieser Ort", heißt es in „Letzte 
Freude , „ist ja eigentlich kein Bergabhang, sondern ein Busen, ein Schoß, 
so weich ist er . . ., ein großer Hang, so voll von Zärtlichkeit und Hilf- 
losigkeit, wie eine Mutter läßt er alles mit sich geschehen." Als Land- 
schaft, in der man schon einmal gewesen ist; als dejk mi; mit Gefühlen 



der Wiedergeburt erscheint die Natur dem zu ihr Flüchtenden: „Viele 
Jahre sind vergangen, seit ich solchen Frieden um mich fühlte, vielleicht 
zwanzig oder dreißig Jahre, vielleicht war es in einem, früheren Leben. 
Und doch muß ich schon einmal diesen Frieden verspürt haben, da ich 
nun hier umhergehe . . . und mich tun jeden Stein und jeden Halm 
kümmere, und diese wieder sich um mich zu kümmern scheinen. Wir 
kennen uns . . . ich ging durch den Wald, wurde zu Tränen gerührt und 
war hingerissen und sagte imm.erfort: Gott im Himmel, daß ich wieder 
hieherkommen solltel Als sei ich schon einmal früher da- 
gewesen. 

Die vielgerühmten sentimentalen Naturschildexungen Hamsuns ergeben 
sich aus dieser seiner Sehnsucht nach der schuldlosen, vorgespenstigen, 
paradiesischen Kindheit. 

Mit fünfzig Jahren verläßt er die entmannende Stadt, lebt nun als Land- 
wirt in der Natur und schreibt jene große epische Vision „Segen der Erde 
von der Urbarmachung abgeschiedenen Landes nieder. An die Stelle der 
kämpfenden romantischen Liebe ist längst die eheliche getreten. Hat sich 
der fünfzigjährige Dichter schon in „Gedämpftes Saitenspiel und „Letzte 
Freude irrtümlich als kraftlos und müde dargestellt, so lebt er in Wirk- 
lichkeit erfreulicherweise in unveränderter genialer Schaffenskraft weiter. 



f 



ANHANG 

Psychoanalytisches bei Knut Hamsun 

Symptomhandlungen 

Wieder der Mädchenname. Herr Tiedemand, der mitansehen muß, daß 
seine Frau troti zweier Kinder sich innerlich gani von ihm loslöst, konstatiert: „In 
letiter Zeit nennt sie sich auch wieder Lang-e, Hanka Lange-Tiedemand, gerade als 
heiße sie immer noch Lange", und an anderer Stelle: „Sie betrachtet sich immer 
noch als nicht verheiratet, sie schreiht sich auch noch mit ihrem Mädchennamen 
Lange." („Neue Erde.") 

Auftrennen der Handarbeit. Hjoihro, der schwerfällige, aler ernst- 
charaktervolle Verehrer Charlottens antwortet auf eine Frage, wie seine Braut sein 
solle: „Sie soll jung und unschuldig sein." Charlotte, die sich dem leichtsinnigen, 
gewandteren Bondesen hingeg'eben hat, wird darauf flammend rot, die Handarbeit 
zittert in ihren Händen, und sie verrät ihre Reue, als wollte sie ihren Fall rück- 
gängig machen: „Sie trennte ihre Arbeit Stich für Stich wieder auf und hatte doch 
vielleicht gar nicht falsch genäht. Gott weiD, vielleicht hatte sie sogar die g-anie 
Zeit richtig genäht, und trotidem trennte sie auf." („Redakteur Lynge,") 

Ver Schiebung des Eherings. Leutnant Holmsen wechselt oft und oft die 
Hand, an der er seinen Ring trägt, Dieser gehört eigentlich an die rechte Hand, 
aber wie awangshaft wird er anläßlich gewisser Vorkommnisse an die linke gesteckt. 
„Daß er den Ring von einer Hand auf die andere setzte, sollte bedeuten, daß er viel 
dachte und sich an das eine oder andere von Wichtigkeit erinnern wollte. Es geschah 
jedesmal so still und unbemerkt, niemand wußte, weshalb er es tat, aber er selbst 
wußte es vielleicht." Links trägt den Ring bekanntlieh der Witwer, und ea ist offen- 



bar diese Phantasie, Witwer lu werden — wird doch die Prau verstoßen! — un- 
Iiewußt niitbeslimmeud am Ortswechsel des King-es, der etwa zehnmal im Roman 
vorkommt. {„Kinder ihrer Zeit.") 

Tendenziöses Mißverstehen und Vergessen 

Dmidas sagt: „Heute nachts Schlag- eins!" Worauf er verschwindet. 

Sie meint, er ivürde heute nachts Schlag- eins auf die Reise gehen. 

Da geschah es, daß sie vergaQ, ihre TÜr zu verriegeln. 

Schlag eins tritt er bei ilir ein! Cii^an.") 

Über den Traum 
„Man träumt nicht mehr schön, wenn man erwachsen ist." {„Mysterien.") 

Strafbedürfnis 

In der Novelle „Geheimes Weh" wird ein seltsamer Mann geschildert, dem der 
Dichter viermal begeg;net ist, und der sich jedesmal halb verrückt benahm: einmal 
den Dichter würgte und bedrohte, ein iweitesmal im Eisenbahnwaggon Dietriche 
und Einbruch Werkzeuge offen ieig:te u, dgl. Hamsun erklärt es sich damit, daß jener 
Verwirrte durchaus bei der Polizei angezeigt werden wollte und vielleicht darunter 
litt, daß ein Geheimnis, das ihn ins Verderben bringen konnte, niemals offenbar 
wird. 

Diese Erkenntnis über Strafbedürfnis kam Hamsun durch eine Dame, die ihm 
von sich erzählte und sich analog envies: Da sie nämlich wegen eines Vergehens, 
das ihr eine Gefängnisstrafe von einigen Tagen eingebracht hatte, nie gefaßt wurde, 
lieQ sie aus Schuldgefülü und Strafbedürfais nichts unversucht, um die Leute auf 
die richtige Spm- in lenken. Aber es fiel niemand ein, sie aniuzeigen. 

Selbstmord = Ersatz des Mordes 
Eine tragikomische Gestalt ist Leonhard Magnus, der immer vorgibt Selbst- 
mord begehen zu ivoUen und ihn nie ausführt. Grund dazu ist, daß seine Frau mit 
einem anderen lebt und sich betrinkt: offenbar hegt er gegen beide Mordgedanken, 
hat aber dazu weder Mut noch Haß genug. So wendet der „Todestrieb" sich gegen 
ihn selbst, Zweifel und Unentschlossenheit zeigen seine Ambivalenz. Die Frau kehrt 
zurück, er verzeiht, sperrt sie — - um sie zu schonen — im Hotelzimmer ein, wo sie 
unrettbar verbrennt. („Das letzte Kapitel.") 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 
Einleitung 

Eine Kindlieitserinnerung Hamsuns - 

Psychoanalytische Deutung des Gespenstes 

Kastration und Kastrationssymiolik in Hamsuns Werken ig 

Die Entmaimung der Väter (Altem und Verarmen) .ig 

Das Motiv der Eifersucht und des geschädigten Dritten 2= 

Grausamkeit und Leidens freudigk ei t — Belauschen und Zuschauen aS 

Hamsuns Ideale _, 

33 

Anhang: Psychoanalytisches hei Hamsun , . ,6 

^' ' ' ' " 



über die Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften unterrichtet fortlauf end die 

IMAGO 

Herausgegeben von Prof, Sigm. Freud 

Redigiert von Otto Rank, Hanns Sachs, A- J. Storfer 

r^aö trschtint Bd. XII f^ Hefte im Gesamtumfang über joo SeitenJ 
Abonnement 1^26 Mark ao" — 

Die 4 vorhergegangen en Bände VIII — XI (192a — 1925) 
enthielten u. a, folgeude Arbeilen: 



Abraham: Geschichte eine^ Hochstaplers, 
Alexander: Der biolciEische Sinn psycholog, 

Vorgänge (Buddhfl* Ver^enkimgslehre). 
Arndt: Über Tabu und Mystik, 
ßälint: Die mexikanische Kriegshieroglyphe 

atl-tlacliinolli, 
B e r e e r ; Zur Theorie der menschlichen Feind- 

^eli^keit, 
Bernfeld: Über „Sublimierung". 

— Über eine typische Form der männlichen 
Pubertät. 

Cbijs: Infantilismus in der Malereir 
Fenichei; Psychoanalyse und Metaphysik, 
Freud: Traum und Telepatbier 

— Die okkulte Bedi:utung dea Traumes. 

— Die Verneinung, 

Furrert Die Bedeutung des „B" im itor- 

ichflchschen Versuch. 
Groddeck: Symbolisierungszwang. 
HÄrnik: Die trisbhaft-affekttven Momente 

im Zeitgefühl, 
Hermann: Wie die Evidenz wigsenschaff- 

lichcr Thesen entsteht. 
■ — Psychogenese der zcichneri5ch.en Begabung. 

— Die Regression TLUm zeichnBii^chen Aus- 
dmck bei Goethe, 

— Benveniito Celllnäs dichterische Periode. 
Hermann-Giiner: Die Grundlagen der 

zeichnerischen Begabung bei Marie Ba5h- 

kirtscff. 
Hitschmann: Telepathie u. Psychoanalyse, 
*— Vom Tagträumen der Dichter, 



Jones; Einige Probleme de« jugendlichen 
Alters, 

— Psychoanalyse und Anthropologie. 

Kinkel: Zur Frage der psychologischen 
Grundlagen und des Ursprungs der Religion, 

Kolnai: Max Scholers Kritik u, Würdigung 
der Frcudschen Libidolehre, 

Kraus: Die Frauensprache bei primitiven 
Völkern r 

Malinowski: Muttcrrechtllche Familie und 
Odipu^pkomplcx. 

Müller-Braunschweig: Über das Ver- 
hältnis der Psychoanalyse iur Philosophie, 

Pfiäter; Die primären Gefühle als Bedin- 
gungen der höchslen Geislesfunktion en^ 

R a d ö : Die Wege der Naturforschung im 

Lichte der Psychoanalyse- 
Hank. Beata: Zur Holle der Frau in der Ent- 
wicklung der menschlichen Gesellschaft. 

Roeder: Da? Ding an sich, 

Rdheimi Die Sedna-Sage. 

Sperber; Die seelischen Ursachen des AlternSn 
der Jugendlichkeit u. der Schönheit. 

-Splülrein: Die Zeit Im unterschwelligen 
Bewußtsein, 

Sterba- Zur AnalyEe der Gotik, 

Weiss: Die psychologischen Ergebnisse der 
Psychoanalyse. 

Wes t e r m a n - H o 1 s t i ] n ; Die psychologische 
Entwicklung van Gogha. 

Wulff: Die Koketterie in psychoanalytischer 
Beleuchtung. 



Prds der Bände VIII^Xl pro Band: 
in Heften Mark i8' — , Halbleinen. 21' — , Halbleder 24- — 



"li 



Internationaler Psychoanalytisciier Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 5 

Dr, HEINMCH GOMPERZ, Prot, an d. Univ. Wien: Psycho- 
logische Beobachtungen an griechischen Philosophen» 
Gehefiet Mark J'jO, Pappbd. ^' — . 

Diese psychologischen Beohflchtungun über geistig-leibliche Veranlagung und Entwicklung 
zweier rcpräjiCiitativKf griechischer Philosophen tragen twelfello? niclit wenig dam hei, den 
eigentümlichen Lehrgehalt ihrrs Philoaophierens besser verständlich lu mächen. In der Studie 
über Parmenides wird besonders die Theorie iihKr die Geschlechtsbestimmung analysiert. 
Der Dichter-Philosoph selbst liebt das „weibliche Weib", ihm erscheinKn kleine H du de 
und Füße, miUeleroDe Gestalt, zartsr Teint, eine helle Stimme, niedergeschlagene Augen luid 
eine schüchterne Gemütsart als Kennzeichen des „wahren^, also des begehrenswerten "Weibes. 
Anderseits dürfte er selbst ein. „möimlicher Mann" gewesen sein; die Schwärmerei für zarte 
Knabenschönhejt beim Manne ist ilim fremd; weibliche Eigenarten „zerrütten" die männliche 
Eigenart. Die Welt des Parmenides erweist sich unTerkennbar als die Verkörperung einer aus- 
schließlich dem anderen Geschlechte zugewandten Erotik, Und doch lehnt Parmenides diese, 
von der Geacblechtsüebe beherrschte Welt entschieden ab, erklärt sie für unwirklich, für eine 
bloDe Ausgeburt menschlichen Wahnes, Daß es nicht ausschließlich logische Gründe sind, flie 
einen anscheinend von gesunder Erotik erfüllten Mann zwingen, das Zeugnis seiner eigenen 
Sinne zu verwerfen, ist klar. — Eine ausfuhrliche Analyse läßt Prof. Gompen der Persönlich- 
keit des Sokrates zuteil werden. Eigentümlich war dem großen Philosophen zunächst eine 
leiblich-geistige Anlage, die ihn erstens von ihm selbst unbewußt Gedachtes wie Fremdes von 
Bußen vernehmen und zweitens seine Liebesfdhigkeit noch mehr als knabenhaften Frauen 
mädchenhaften Knaben zuwenden ließ. Besonders eingehend wird die Erotik des Sokrates 
untersucht, sein Liehesieben, die Beziehung zur Gattin, zu den Dirnen und vor allem seine 
Beziehung znm Lehramte. 

Dr. IMRE HERMANN: Psychoanalyse und La^ik. Indi- 
viduell-logische Untersuchungen aus der psychoanalytischen 
Praxis. Geheftet Mark yjo, Halbleinen y — , Halbleder J' — . 

Inhalt: Einleitung. — Der Dualachritt — Das Manifeste in einer KrankengescMchte. — 
Dufllschrittc aus der Entwicklungspsycbologie^ in der Biclogie; in der schönen Literatur. — 
Dir Zusammenhang mit der seelischen Konstitulion U3id dem Erlebnis des Schriftstellers, — 
Umkehrschritte in einer K ranken geschichter — Ein Fall mit Dual- und UmkehrschriCten, 

— Der Abwendungsschiitt. — Der Schritt des Sinkens, — Skizze zu einer Denkschritlpsycho- 
logie, — Denkschritte und Trieblehre. — Die logischen Denkgeaetze- — Exkurs über Sophismen. 

— Zusammenfassung der Theorie der Evidenz. 



Dr. EDUARD HITSCHMANN: Gottfried Keller. Psycho- 
analyse des Dichters, seiner Gestalten und Motive. Geheftet 
Mark ß-jo. 

Inhalt: I. Einleitung, — II. Die Bedeutime der Mutter. UnbewoDte Liebe, Die Mutter er- 
nährt den Sohn. Da? Zwiehulin-Motiv, Die Judith-Gestalt. Angst vor Eifersucht der Mutter. 
Gehemmte Liebeswahl und gehemmte Sesualirät, — III. Dqa Erbe des Vaters. Der erlebte und 
ersehnte Valer. — Da& Motiv der ..halben Familie". Das Heirakehr-Mnüv. — IV. Zum Liebes- 
Itiben. Kinderlieb^chaften. Die Schw.ester Regula. Die überlegene Frau. — V. Der Maler Keller 
und das Naoktheitsmotiv. Schaulust und weiblicher Akt. Der Landschafter. Geträumte und 
verhiaite EntblöBung. — VI. KönMlerfiches Werden, — Anhang, — Literatur. 





"3 




1 




J^. 








t> 








«0 


Kduar d Hit sciimann 




' w 






«. H 


f 






Jü/in Cjre5pen5t au5 der 






^ 




1 '-' 


Jviiianeit Jvnut £j.am5un5 






K 






^^^H 


rf^ 






^^^^^^^^B 

^^^^^^^^^^^^F 


w 

p 




1 


^^^^B 


P 






^^^B 


■< 






^^^^^^^^^^^^El 


w 

fr 






^^B 






^H 






^^B 






^^^^^ M 






W 






•^ 






^ 






^^H 






^^^ 






:^ 






^^I^^^^^^H' 


u 

CO 






H^^^B 






^^K 


^^^^^^^^^^^^^^ ^^^^^W^^^^^^J^*t^^£iJ^^^M^minfl^H^^^^^^^^H^^^^^^^ 


^