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Full text of "Einbruch der Sexualmoral. Zur Geschichte der sexuellen Ökonomie. [ 2., ergänzte Auflage.]"

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REICH: DER EINBRUCH DER SEXUALMORAL 



WILHELM REICH 

DER EINBRUCH 
DER SEXUALMORAL 



ZUR GESCHICHTE DER 
SEXUELLEN ÖKONOMIE 



ZWEITE ERGÄNZTE AUFLAGE 
1936 



VERLAG FÜR SEXUAL POLITIK. KOPENHAGEN, POSTBOX 827 



Alle Rechte, insbesondere 

die des Nachdruckes, vorbehalten. 

Copyright 1935 by Verlag für Sexualpolitik. 

Kopenhagen. ^ Druck; Universal 

Trykkeriet, Kiabenhavn. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



VORWORT ZUR I. AUFLAGE 

Die vorliegende Untersuchung eines Abschnitts aus der Geschichte 
der sexuellen Ökonomie will ein Stück Grundlage einer zielbewussten 
Sexualpolitik sein. Es ist notwendig, mit einer Übersicht einzuleiten, 
die den Werdegang der Fragestellung, die diesem Buch zugrunde liegt, 
verständlich macht. 

Von der Sexuologie zur Psychiatrie und Psychoanalyse gelangt, ge- 
wann ich den stärksten Eindruck von den Möglichkeiten der kausalen, 
also theoretisch wohlfundierten psychoanalytischen Therapie der see- 
lischen Leiden, die so vorteilhaft von den rein intuitiven oder gar 
den oberflächlichen Persuasionsraethoden der alten Schulen abstach. 
War auch die psychoanalytische Therapie weit hinter der Theorie der 
Neurosen zurückgeblieben, so ergab sich doch bei der ersten Ver- 
trautheit mit dem Stoff eine Fülle von Möglichkeiten zur Verein- 
heitlichung von psychologischer Theorie und psychotherapeutischer 
Praxis. Man wusste doch, dass man eine Neurose verstehen musste, 
um heilen zu können, und konnte sich darauf stützen, auch wenn der 
therapeutische Alltag einen sehr oft mit Missgeschick bei den Heilungs- 
versuchen überhäufte. Bald zeigte es sich, und zwar in dem Masse, 
wie die therapeutischen Fragen theoretisches Interesse weckten, dass 
es keinen besseren Zugang zum Verständnis der noch reichlich un- 
gelösten Fragen der Neurosenentstehung gibt als die konsequente Ver-" 
folgung der Frage: Wie kann die kranke psychische Apparatur in eine 
gesunde verwandelt werden? Die Beobachtung des lebendigen Pro- 
zesses der Wandlung der psychischen Mechanismen im Verlaufe einer 
Behandlung war unausgesetzt von der Frage begleitet, wodurch sich 
der psychisch Gesunde vom psychisch Kranken unterscheidet. Sie ent- 
hüllte weitere Einblicke in die Dynamik der psychischen Apparatur. 

^L^.JJ?'?? ursprüngliche Formel: die Neurose ist ein Produkt einer | 
missglückenden sexuellen Verdrängung, die erste Voraussetzung ihrer 
Heilung ist daher die Aufhebung der Sexual Verdrängung und die 
Befreiung der verdrängten sexuellen Ansprüche, führte zur nächsten 
Frage: Was geschieht mit den befreiten Trieben? In der psychoana- 



VI VORWORT 



i: 



lytischen Literatur gab es im ganzen zwei Antworten auf diese Frage: 
1. Die bewusst gewordenea Sexualwünsche lassen sich beherrschen oder 
verfallen der Verurteilung. 2. Die Sublimierung der Triebe ist ein 
wichtiger therapeutischer Ausweg. Von der Notwendigkeit der direkten 
sexuellen Befriedigung war nirgends die Rede. Im Laufe mehrerer j 

Jahre, die reichlich Erfahrungen brachten, konnte man feststellen, J 

dass die überwiegende Mehrzahl der Kranken nicht über die Subli- 
mierungsfahigkeit verfügt, die zur Heilung einer seelischen Krankheit 
notwendig ist. Die Beherrschung und Verurteilung befreiter infantiler b 

Trieb ansprüche erwies sich immer dann bloss als frommer Wunsch, ' 

wenn das Sexualleben nicht in Ordnung kam, das heisst, wenn die 
Behandlung dem Kranken nicht die Fähigkeit gegeben hatte, be- 
friedigenden und regelmässigen Geschlechtsverkehr aufzunehmen. Es 
stellte sich bald nicht nur heraus, dass es keine Neurose ohne genitale 
Störu ngen und grobe Zeichen der sexuellen Stauung gibt, dass also 
die seelische Erkrankung durch die Fixierung kindlicher Sexualposi- 
tionen die normale genitale Organisation und dadurch einen ge- 
ordneten sexuellen Haushalt nicht zustande kommen lässt; die Her- 
stellung der vollen genitalen Organisation und der genitalen 
Befriedigung erwies sich vielmehr als der wesentlichste und 
unerlässliche heilende Faktor. Ist doch die genitale Befriedigung 
allein imstande, im Gegensatz zu den nichtgenitalen sexuellen An- 
trieben die sexuelle Stauung zu beheben und dadurch den neurotischen 
Symptomen die Energiequelle zu entziehen. War man einmal so weit, 
glaubte man schon, den Schlüssel zur sexuellen Ökonomie und damit 
zur Therapie der Neurose gefunden zu haben, so belehrten einen die 
weiteren Erfahrungen, dass man zwar die genitale Organisation auch 
bei manchen sehr schweren Fällen herstellen konnte, dass sich aber die 
Umgebung, in der der Kranke und nun Genesende lebte, sein er Heilung 
widersetzte. Das geschah und geschieht in den verschiedensten For- 
men. Das unverheiratete 17- oder 18jährige Mädchen war betreffs 
Keuschheit aufs strengste bewacht, wenn sie einem bürgerlichen 
Elternhause entstammte, oder die sozialen Verhältnisse waren so 
desolat im Falle des proletarischen Mädchens (Wohnungsfrage, Emp- 
fängnisverhütungsfrage, sehr oft streng moralische Einstellung auch 
der proletarischen Eltern), dass der mühsam aus der Neurose sich 
herausarbeitende Kranke vor den Schranken, die die Gesellschaft dem. 
Sexualleben zieht, in die vielen Bequemlichkeiten seiner Neurose 
zurückfliehen konnte. Er war an der sexuellen Versagung in der Kind- 
heit gescheitert und konnte jetzt wegen der äusseren sexuellen Ver- 
sagung nur mit Mühe oder gar nicht zur Genesung gelangen. Der Fall 
lag kaum anders bei der unglücklich verheirateten Frau, die ökono- 
misch vom Manne abhängig war oder Rücksicht auf Kinder zu neh- 
men hatte. Bald stellte es sich auch heraus, wie schwer es für einen 
in Heilung begriffenen neurotischen Menschen ist, einen geeigneten 



Die Sexualmoral als Hiodernis der Psychotherapie Vtl 



Partner zu finden. Die Potenzstörungen und sexuellen Rücksichtslo- 
sigkeiten der Männer, die sexuellen Störungen und charakterlichen 
Verbiegungen der Frauen, die als Partner im Sexualleben das Hei- 
lungswerk der Behandlung vollenden soHten, wurden ein neues Pro- 
blem. Es wurde klar: Die gleichen gesell sehaftlicben Bedingungen, 
die seinerzeit im Kindesalter die Neurose geschaffen hatten, wider- 
setzten sich jetzt beiin Erwachsenen, wenn auch in anderer Form, 
seiner Genesung. Dazu kam die zuerst merkwürdig anmutende Kritik, 
die meine Behauptung, ohne die Herstellung eines befriedigenden Ge- 
schlechtslebens gäbe es keine Gesundung von einer Neurose, bei den 
Kollegen hervorrief. Man wehrte sich dagegen, schob die Sublimierung 
oder die Notwendigkeit der Resignation auf sexuelles Glück als wesent- 
lichen Faktor in den Vordergrund, kurz, man spürte immer mehr: 
Hier wirkte die gesellschaftliche Schranke. Und die Vernachlässigung 
dieses Problemgebietes in der bisherigen Fachliteratur schien sich an- 
gesichts der Vordringlichkeit der klinischen Tatsachen aus den glei- 
chen Motiven zu erklären: Die kons equ en te kausale The- 
rapie der Neurosen forderte in d e^n^TlTeFrn eTs t en 
Fällen Ü berwindung der gesetzten gesellschaf t- 
Uchen Moral seitens des Patienten. Davor schreckte man 
zurück. Und die wiederholte, jahrelang fortgeführte Kontrolle der 
therapeutischen Formel brachte imm er wie der das Ergebnis : die Neu- 
rose i st ein Produkt der Sexualverdrängung und der Stauung der 
sexuellen Energie, ihre Heilung setzt Aufhebung der Verdrängung und' 
gesundes Geschlechtsleben voraus; und alles, worauf man im gesell- 
schaftlichen Leben sliess, widersprach der praktischen Durchführung 
dieser strengen Forme!. 

Dazu kam die Schwierigkeit, dass die überwiegende Mehrzahl der 
Menschen unserer Kulturkreise mit sexuellen und neurotischen Stö- 
rungen verseucht ist; und da die einzige kausale Therapie, die Psy- 
choanalyse, sehr lange Zeiträume beansprucht, ergab sich die Frage 
der Neurosenprophylaxe von selbst. Es hatte wenig Sinn, der indi- 
viduellen Therapie die ganze Aufmerksamkeit zu schenken; man 
musste sich nur wundern, dass die Frage der Neurosenprophylaxe 
nicht einmal angeschnitten war, und wenn dies gelegentlich der Fall 
war, mit allgemeinen Redensarten erledigt wurde. Es kam also auf 
die Frage an: Wie sind Neurosen zu verhüten? Die offizielle Psycho- 
pathologie hielt nach wie vor, trotz Freud, an der Erstrangigkeit der 
hereditären Ätiologie fest. Dass diese falsche und fruchtlose An- 
schauung soziologisch begründet ist in der Notwendigkeit der bürger- 
lichen Wissenschaft, insbesondere der Hereditäts lehre, von den Aus- 
senweltbedingungen abzulenken, wurde durch das Studium der Marx- 
schen Soziologie später vollends klar. 

Zu Marx führte ein gerader W eg, nachdem man einmal die sexuel- 
len Daseinsbedingungen des Menschen als Verursacher der Neurosen 






VIII VORWORT 



in der Kindheit und als die erschwerenden Faktoren der Heilung später 
erkann t hatte. Das Problem zerfiel in einige getrennte Fragestellun- 
gen. Freud hatte im Konflikt des Kindes mit den Eltern, insbeson- 
dere in seinen sexuellen Anteilen, im Ödipuskomplex, das Kernelement 
der Ätiologie der Neurosen erkannt. Warum wirkte die Familie in 
dieser Weise? Die Neurose entsteht aus dem Konflikt zwischen Sexua- 
»Htat und versagender Aussenwelt. Die Sexual Verdrängung kommt also 
I ^.^_^^'" Gesellschaft. Die Familie und die ganze Erziehung setzt die 
^ Sexualverdrängung mit allen Mitteln durch. Warum geschieht das? 
Welche gesellschaftliche Funktion hat die Familien- 
erziehung und die vo n ih r bewirkte Sexualverdrän- 
gung? 

Freud behauptete, die Sexualverdrängung sei die wichtigste Vor- 
aussetzung der kulturellen Entwicklung; Kultur baue sich auf ver- 
drängter Sexualität auf. Eine Zeitlung könnte man sich damit zu- 
frieden geben, aber man konnte auf die Dauer nicht übersehen, dass 
der sexuell kranke Mensch und der Neurotiker in kultureller Hinsicht 
lange nicht an den sexuell freien, gesunden und befriedigten heran- 
reicht. Von der Klassenfrage war man noch weit entfernt. Aber die 
Behandlung von Arbeitern und Angestellten am psychoanalytischen 
Ambulatorium brachte die so völlig verschiedene Welt des Proletariats 
näher, ein sexuelles und materielles Leben, das sonderbar abwich von 
der Umgebung, die man in der Behandlung der gut zahlenden Privat- 
patienten kennen lernte: andere sexuelle Anschauungen und doch 
daneben die gleichen, die man beim Bürger fand. Vot allem verblüffte 
die den Proletarier ebenso wie den Bürger sexuell und auch sonst 
zerrütt^ndjLj'amilienerzichung. Und die Psychoanalyse hatte bisher 
so wenig, und wenn, so völlig unzureichende und müde Kritik, an 
dieser Erziehung geübt. Die tägliche Erfahrung aber zeigte, dass die 
Psychoanalyse das schärfste Instrument zur Kritik der Sexualerzie- 
hung war. Warum wurde es nicht benützt? E^ konnte nicht stimmen, 
dass diese Erziehung, dieses Zerbrechen der kindlichen Sexualität, 
dieses Elend der Pubertäts jähre, die sexuelle Unterdrückung in der 
Ehe, mit einem Worte, dass alle Erscheinungen der Gesellschaft, die 
die Sexualverdrängung in den einzelnen Menschen durchsetzen und 
eine Volksseuche schufen, Vorbedingung der kulturellen Entwicklung 
sein sollten. Am psychoanalytischen Ambulatorium und an der psy- 
chiatrischen Klinik bekam man die seelischen Störungen en masse 
zu Gesicht. War man nicht durch den Beruf einseitig eingestellt wor- 
den? Man begann, die nähere und weitere Umgebung, in der man 
lebte, abzusuchen, überall, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, 
die gleiche Verzerrung des Sexuallebens, die gleiche Seuche der Neu- 
rosen in verschiedensten Abwandlungen, hier als Hemmung der Ak- 
tivität eines talentierten Menschen, dort als Ehegezänk, an anderer 
Stelle als Charakterverbiegung, und überall Sexual Störungen, Symp- 



Neurosenseuche und Familienerziehung ix 



tom- und Gharakterneurosen, auch bei Menschen, hei denen man sie 
nie vermutet hätte. |;jieaj_d hatte recht mit seiner Behauptung, dass 
er die ganze Menschheit zum Patienten hahe. Er halte die Neurose 
klinisch verstehen gelehrt, aber keine Konsequenzen gezogen. Aus 
welchem gesellschaftlichen Grunde also wurden die Menschen zu 
Neurotikern gemacht? War es immer so gewesen? 

Es dauerte geraume Zeit, bis sich der Satz: die Sexual Verdrängung 
kommt aus der Gesellschaft, nach Ablehnung des Freudschen: sie 
gehört zur kulturellen Entwicklung der Gesellschaft, zur weiteren 
Frage ausbaute : »Welches Interesse hat die Gesell- 
schaft an der Sexualverdrängung?«: Die Soziologie gab 
keine Antwort ausser dem stereotypen »Kultur braucht Sittlichkeit«. 
Bei Marx und Engels eröffnete sich endlich eine Fülle von Ein- 
blicken in das Getriebe unseres materiellen Seins und man musste 
zunächst staunen, dass man Mittel- und Hochschule absolviert hatte, 
ohne je davon gehört zu haben. Später begriff man es ja. 

Klasseninteresse und Klassenkampf bestimmen also unser gegen- 
wärtiges Dasein, auch die Philosophie, auch die Wissenschaft; hinter 
ihrer »Objektivität« wirkt Klasseninteresse. Die Moral ist ein jeweils 
entstehendes und vergehendes gesellschaftliches Produkt und steht 
im Klassenstaat im Dienste der herrschenden Klasse. Engels' »Ur- 
spr pfig..j der Familie« führte in die Ethnologie. Die Moral hat sich 
also aus bestimmten anderen Formen entwickelt und die Familie 
stand nicht, wie behauptet wurde, am Ursprung der Zivilisation. 
Morgan befriedigte durch seine historischen Neuentdeckungen. Aber 
seine Befunde und die gesamte Konzeption der Marx-Enge Isschen 
Theorie widersprachen »Totem und Tabu« in der Grundauffassung des 
gesellschaftlichen Prozesses. Klaxx_ behauptete, dass die materiellen 
Daseinsfaedingungen ^fortlaufend die Wandlung der moralischen An- 
schauungen bestimmen, was sich aus jedem Alitagserlebnis klar be- 
stätigte. Freud leitete die Moral aus einem einmaligen Geschehnis 
aus dem Urvatermord ab, dort sollte das Schuldgefühl in die Welt 
gekommen sein; dieses Ereignis sollte die Herkunft der Sexualver- 
drängung erklären. Er erklärte zwar die Sexualverdrängung au s einem 
gesellschaftlichen Ereignis, aber dieses Ereignis war nicht aus den 
Seinsbedingungen abgeleitet, sondern nur aus der gewalttätigen Eifer- 
sucht des Urvaters. Diese Frage erwies sich als der kardinale Punkt 
der gesamten Fragestellung. Sie blieb in engster Verbindung mit dem 
praktischen Interesse an der Neurosenprophylaxe. Wenn Freud ^ 
recht hatte, wenn die [Sexualunterdrückung und Tr iebeinschränkung i 
zur Entwicklung der Zivilisation und Kultur überhaupt gehörtenj I 
wenn weiter, woran kein Zweifel war,|die Sexualunterdrückung die J 
Neurosen en masse schuf.^so stand die Angelegenheit der Neurosen- 
prophylaxe hoffnungslos. Wenn aber die Ma rx sehe Soziologie ■) 
recht behielt, dass die Moral_sich_nnt_der ökonomischen Ordnung ^ 



X VORWORT 



wandelt, wenn Morgan und Engels eine richtige Darstellung der | 

Geschichte der Familie gegeben hatten, so musste sich Ja die Moral 
wieder einmal wandeln und damit konnte auch die Frage der Neuro- ( 

senprophylaxe und im weiteren auch die Frage der sexuellen Verelen- [ 

düng zu einer Lösung kommen. Konnte — , musste aber nicht, denn 
es blieb fraglich, ob die weitere Wandlung der Moral eine den Anfor- 
derungen der sexuellen Ökonomie entsprechende sein würde. 

Man musste, um sich über die Soziologie der Perversionen, der 
Störungen, der sexuellen Dissozialität zu unterrichten, das reale : 

Sexualerleben des Primitiven kennenlernen. Die sexuologische und ^ 

ethnologische Literatur gab eine Überfülle an Berichten; es stand fest, 
manche primitiven Völker lebten anders, andere aber sollten die glei- ^ 

chen moralischen Anschauungen, besonders betreffs Ehemoral, wie ' 

unsere Kulturkreise haben. Es ergab sich keine Lösung, denn die Be- 
richte widersprachen einander, waren verzerrt durch moralische Wer- 
tungen oder sie offenbarten den lebhaften Wunsch der Autoren, 
unsere moralischen Satzungen zu rechtfertigen, sei es, dass die einen, 
wie etwa Westermarck, die Ewigkeit der Familien- und Eheord- 
nung zu beweisen versuchten, sei es, dass die anderen unseren »Fort- 
schritt« über das »wilde« Stadium und die »Zügellosigkeit« priesen 
(Ploss u. a,). Aber daneben gab es lyrische Berichte über das 
sexuelle Paradies der Primitiven gleichzeitig mit dem Jammern der 
wissenschaftlichen und ethischen Literatur über den Niedergang der 
Moral unserer Zeit. Die Eindrücke waren zunächst nur verwirrend. 
Fest stand nur, dass das Gros der ethnologischen Literatur moralisch 
befangen war, dass die Primitiven, jedenfalls manche von ihnen, an- 
dere Anschauungen hatten und die Sexualität anders erlebten, und 
dass das Proletariat neben der bürgerlichen Sexualmoral ebenfalls 
eigene, von den bürgerlichen verschiedene Ansichten produzierte. 

Es lag gewiss nahe, genaue Ken ntnis von der Umwälzung der 
sexuellen Ideologien in dem Arbeiter- und Bauernstaat Sowjetrussland 
erlangen zu wollen. Die bürgerliche Presse jeder Art tobte über den 
Untergang der Kultur und der Moral durch die soziale Revolution. Der 
Wortlaut der sowjetislischen Sexualgesetzgebung verblüffte dagegen 
durch seine Selbstverständlichkeit und Einfachheit, durch seinen 
kompletten Gegensatz zur bürgerlichen Sexualgesetzgebung und durch 
den Mangel jedes Respekts vor den bisher meist behüteten »Errungen- 
schaften der Kultur« und der »sittlichen Natur« des Menschen. Ab- 
treibung freigegeben, ja legalisiert, staatlich befürsorgte Empfängnis- 
verhütung, sexuelle Aufklärung der Jugend, Abschaffung des Be- 
griffs »unehelich«, praktische Aufhebung der Ehe, Aufhebung der 
Strafe für Inzest, Beseitigung der Prostitution, wirkliche Gleichstel- 
lung der Frau und vieles andere, welches klar zeigte: Die Moral 
wandelte sich, und zwar im Sinne der Sexualbeja- 
h^ n g, also der völligen Um kehru ng des bisherige n . Aber die bürger- 



Wandlung der Sexualnioral und Widersprüche XI 



liehe Presse und Wissenschaft rasten weiter wegen des »Niederganges 
der Kultur«. Hatte also Freud mit seinem Satze doch recht? Ein 
Besuch in der Sowjetunion lehrte auf den ersten Blicli, dass nicht nur 
von Untergang der Kultur lieine Rede war, sondern dass sich merk- 
würdigerweise drüben eine moralische Atmosphäre liundgab, die zu- 
nächst asketisch anmutete. Keine sexuelle Aufdringlichkeit auf der 
Strasse, alles zurückhaltend, ernst, die Prostitution zwar noch vor- 
handen, aber im Stadtbild nicht zu bemerken, hier und dort am Abend 
Pärchen auf den Bänken, aber lange nicht wie in Wien oder Berlin. 
In den geselligen Zusammenkünften Mangel sexueller Anspielungen! 
und Zoten, die unsere verschiedenartigen Zirkel kennzeichnen. Dazu i 
sonderbare Anekdoten: W^agt es ein Mann, eine Frau nach Art un- 
serer Gegenden auf das Gesäss zu schlagen oder in die Wange zu 
kneifen, so kann er leicht, wenn er Parteiangehöriger ist, vor das Par- 
teigericht kommen; aber die Frage, ob man sexueller Partner sein 
wolle, werde immer mehr offen und unumwunden gestellt; sexuelle 
Gemeinschaft ohne Kniffe, Sexualität der Frau Selbstverständlichkeit. 
Eine Bekannte im achten Monat der Schwangerschaft, aber noch nie 
hat sie jemand nach dem Vater des Kindes gefragt. Eine Familie 
nimmt einen Gast auf, der Raum reicht nicht aus, worauf die sech- 
zehnjährige Tochter vor den Eltern offen und freimütig sagt: »Ich 
werde zu X. (ihrem Freund) schlafen gehen.« Zwei Komsomolzen 
melden sich beim Alimentenamt mit der Bitte, beide zur Zahlung zu 
verpflichten, denn sie hätten beide mit dem Mädel geschlafen und 
kämen also beide als Väter in Betracht. In den Kliniken für Geburts- 
hilfe offizielle Schwangerschaftsunterbrechung. Im Kulturpark ganz 
öffentlich, jedem Jugendlichen zugänglich, Tabellen und Bildtafeln 
über Zeugung, Geburt, Schwangerschaftsverhütung und Geschlechts- 
krankheiten. Daneben bei den alten bürgerlichen Ärzten die gleiche 
Sexualscheu wie bei uns, die Sexuologie noch vielfach in Händen von 
moralisierenden und sexual psycho logisch ungebildeten Urologen und 
Physiologen. Widersprüche, aber die Gesamtheit verändert, und zwar 
sexualbejahend, mit selbstverständlicher Einstellung zu diesen Fragen, 
nur in manchen Kreisen der Akademiker und älteren Staatsfunktio- 
näre die alte Art bis zur pfäffischen Ehemoral. Eine deutliche Ver- 
änderung, noch weit entfernt von endgültigen Formen, aber klar die 
ökonomischen Umrisse einer künftigen sexuellen Hygiene der Massen 
offenbarend in den grandiosen wirtschaftlichen Anstrengungen, die 
Gesamtheit der Gesellschaftsmitglieder durch Steigerung des Lohnes 
und durch Verkürzung der Arbeitszeit sowie durch kulturelle Massen- 
bildung und Kampf gegen die Religion auf ein hohes kulturelles ( 
Niveau zu heben.^) Trotz dieser Wandlung im objektiven sexuellen Sein 

1) (1934.) Dieser Prozess sticss seither auf schwere Hindernisse und machte teil- 
weise einer Rückentwicklung zu bürgerlichen Regelungsversuchen Platz. Die 
Behandlung der sowjctistischen Scxualöhonomie ist einer kommendeo ausführ- 
lichen Untersuchung vorbehalten. 



XII VORWORT 



wurde der Mangel einer entsprechenden Sexualtheorie deutlich spür- 
bar. Die Psychoanalyse wurde wegen ihrer falschen soziologischen 
Extratouren und wegen mancher reaktionären Publikation von Ana- 
lytikern abgelehnt; sie hatte ja auch von den grossen Umwälzungen, 
die hier vor sich gingen, keine Kenntnis genommen. In den letzten 
Jahren hatte ferner innerhalb der Psychoanalyse ein deutlicher Rück- 
zug von der strengen und umwälzenden Libidotheorie stattgefunden. 
Mit Freuds ersten Arbeiten über das Ich und den Destruktionstrieb 
setzte eine Flut von Versuchen ein, die Neurosentheorie zu cntsexua- 
lisieren und in die Terminologie der Theorie vom Todestrieb zu über- 
setzen; es entstanden auch Theorien, die den Ursprung des Leidens 
in einem biologischen »Willen zum Leiden«, im Strafbedürfnis und 
im Todestrieb, suchten, statt in den äusseren Bedingungen des Daseins. 
Man konnte als überzeugter psychoanalytischer Kliniker diesen Um- 
schwung nicht mitmachen, weil die Klinik klar dagegen sprach und 
die Marxsche Soziologie das Verständnis dieses Umschwungs ermög- 
lichte: Die Psychoanalyse, ursprünglich eine revolutionäre Sexual- 
Jheorieund Psychologie des Unbewussten, begann sich, was die Sexual- 
theorie anlangt, den bürgerlichen Daseinsbedin gungen anzupassen und 
£^|tJ>.Hrg^^ich gesellschaftsfähig zu werden. 

Man konnte nicht behaupten, dass man in der Sowjetunion den 
revolutionären Charakter der psychoanalytischen Sexualtheorie er- 
kannt hatte oder dass man sie wegen ihrer Verbürgerlichung ablehnte, 
aber die letzte erschwerte zumindest ihre Anerkennung. Die verschie- 
denen marxistischen Kritiker der Psychoanalyse übersahen, abgesehen 
von ihrer sachlichen Unorientiertheit. den Wandel in der Theoriebil- 
dung der Psychoanalyse, der sie aus einer angefeindeten in eine den 
Burger begeisternde Disziplin verwandelte. So wie die marxistischen 
Gegner mit der Ablehnung der soziologischen Exkurse der Psychoana- 
lyse auch ihre klinische Psychologie verwarfen, so bejahten marxisti- 
sche Freunde die psychoanalytische Soziologie, weil ihnen die klini- 
sche Psychologie einleuchtete. Da es ausser der psychoanalytischen 
Sexualtheorie, die abgelehnt wird, keine befriedigende Lehre von der 
Sexualität gibt, vollzieht sich die Wandlung des Sexuallebens in der 
Sowjetunion weit unbewusster, von subjektiver Lenkung weit weniger 
beeinflusst, als etwa die Wandlung in anderen Fragen des kulturellen 
Seins. Wie klar und zielbewusst vollzieht sich dagegen die Vernichtung 
der Religion durch naturwissenschaftliche Aufklärung der Massen und 
durch die aufblühende Technik, die in den Händen der Werktätigen 
liegt! Auf Grund der ärztlichen Erfahrungen war klar, dass die 
sexuelle Erziehung in Kindheit und Jugend ohne die analytisch ent- 
deckten Tatsachen einen schweren Stand haben würde. Dabei fiel 
auf, dass die sexuell freiere Atmosphäre es manchen massgebenden 
Stellen ermöglicht hatte, viele von den Tatsachen zu sehen, die die 
Psychoanalyse entdeckt hatte, etwa die Umsetzung sexueller Energie 



e; 



Erste scxualpolitische Erfahrungen XIH 



in Arbeitsinteresse (Subliniierung — »Pereklutschenie«) ; auch die 
Tatsache der kindlichen Sexualität war hier und dort bekannt, aber 
die Psychoanalyse wurde abgelehnt. In der Diskussion nach einem 
Vortrage am neuropsychologischen Institut in Moskau sagte ein hoher 
Funktionär des Volksgesundheitsamles, dass man auf eine brauch- 
bare Theorie der Prophylaxe der Neurosen warte. Ich musste leider 
feststellen, dass es eine solche noch nicht gibt. Es stand aber fest, 
dass sie erarbeitet werden muss, und zwar medizinisch ebenso wie 
soziologisch. 

Mit den ermutigenden und belebenden Eindrücken aus der Sowjet- 
union zurückgekehrt, ging ich an die Aufgabe heran, den aktuellen 
politischen Sinn der Sexualunterdrückung im Kapitalismus durch 
praktische Arbeit im engen Kontakt mit der proletarischen Bewegung 
festzustellen. Bald ergab sich, dass die Elie- und Familieninstitution 
der fixe Punkt jst,jun_den^ichji^rjvlaj^enkanipr auf sexuell em Ge- 
biet, vorwiegend nöcli unterirdisch, dreht und an dem die bürger: 
Jiche_Sgxual Wissensc haft u nd Soxualreform scheitert. Eine~Skizze 
dieser Frage und ihrer Lösung wurde in einer Schrift »Geschlechts- 
reife, Enthaltsamkeit, Ehemoral. Eine Kritik der bürgerlichen Sexual- 
reform« (Münsterverlag 1930), entworfen. Das für die künftigen 
sexualsoziologischen Arbeiten vielleicht wesentlichste Ergebnis der 
politischen Arbeit war, dass die Sexualunterdrückung eines der kar- 
dinalen ideologischen Mittel der herrschenden Klasse zur Unterjo- 
chung der werktätigen Bevölkerung ist, und dass die Frage der sexuel- 
len Not der Massen nur von der proletarischen Massenbewegung selbst 
gelöst werden kann, und zwar im Rahmen des revolutionären 
Kampfes gegen die wirtschaftliche Ausbeulung. Weniger erfreulich 
war die Überlegung, dass die endgültige Aufhebung der Wirkungen 
jahrtausendealter Sexualunterdrückung und die Einrichtung eines 
befriedigenden, die Neurosenseuche auITiebenden Sexuallebens der 
Massen erst dann möglich sein würden, wenn die sozialistische Wirt- 
schaft in der Welt hergestellt, gefestigt und die materielle Versorgung 
der Bevölkerung gewährleistet sein wird. 

War so der Rahmen für die weitere Arbeit geschaffen, so musste 
man sich auf eine schwierige theoretische Arbeit an den Grundlagen 
der sexuellen Ökonomie vorbereiten. Sie durfte keinen Augenblick 
den Kontakt mit der Klinik und der proletarischen Bewegung verlie- 
ren, sollte sie nicht Gefahr laufen, in leerem Herumtheoretisieren zu 
versanden. Man musste ja auch mit der Verwurzelung der Sexual- 
unterdrückung in den unterdrückten Massen selbst rechnen und hatte 
noch keinen richtigen Überblick über die Reaktionsart der verschie- 
denen Schichten der Bevölkerung auf die Anfrollung dieser Frage, 
zumal der Kernpunkt des Problems unzweifelhaft auf dem Gebiete 
der Ehe und Familie und des Sexuallebens der Kinder und Jugend- 
lichen lag. Die mehrjährige Erfahrung durch Arbeit auf sexualpoliti- 



XIV VORWORT 



schein Gebiet und in eigens dazu gegründeten Sexualberatungsstellen 
überzeugte davon, dass die Massen auf Antwort in dieser Frage ebenso 
brennend warten wie in der des unmittelbaren nialeriellen Lebens. 
Gegenwärtig überzieht sich Deutschland mit einer jungen, aber ent- 
schlossen sexualpolitischen Bewegung unter revolutionärer Führung. 

Der V ersuch, die Frage der Sexualstörungen und Neurosen histo- 
risch zu klären, wäre fast daran gescheitert, dass die bisherige eth- 
nologische Literatur auf die inneren Erlebnisweisen, auf den Charak- 
ter der Sexualbefriedigung und auf die Frage der Neurosen keine 
Rücksicht genommen hatte. Wollte man sich etwa auf Bücher in der 
Art der »indischen Liebeskunst« von R. Schmidt stützen, so stellte sich 
bald heraus, dass sie unbrauchbar waren, weil sie Ratschläge und_ 
keine Beschreibung des Sexuallebens der fremden Völker gaben, auch 
auf die Zusammenhänge des Sexuallebens mit der Wirtschaft keine 
Rücksicht nahmen. Die übrige Literatur, die diese Zusammenhange 
darzustellen suchte, wie bei Cunow, Müller-Lyer und anderen, 
verharrte bei der Betrachtung der äusseren Formen der Ehe und Fa- 
milie, drang nicht bis zur sexuellen Funktion und zum realen Sexual- 
erleben vor. überdies konnte man sich vertrauensvoll doch nur auf 
die Morgan-Engelssche Theorie stützen. Da erregten die Forscliungen 
M a 1 i n o w s k i s, des englischen Ethnologen, die Aufmerksam keit 
dadurch, dass sie den Zusammenliang der Sexualformen und der Wirt- 
schaft mit denen des sexuellen Lebens bei mutterrechtlichen Primi- 
tiven herstellten und das lange erwartete und gesuchte Material über 
das reale Sexualerleben mit Einbeziehung der Neurosenfrage brachten. 
Seine Entdeckungen übertrafen alle Erwartungen. 

Auf Grund dieses neuen Materials, das als direkte Fortsetzung der 
Morgan-Engelsschen Forschungen imponierte, konnte man 
es wagen, an die ethnologische Seite des Problems der sexuellen Öko- 
nomie heranzugeben. Die Ergebnisse bringt die vorliegende Schrift. 
Ich hoffe, dass mir in Details keine groben ethnologischen Schnitzer 
unterlaufen sind. Sollte dies doch der Fall sein, so kann ich nur er- 
suchen zu bedenken, dass ich nichts anders tun konnte, als mich auf 
die erreichbare ethnologische Literatur zu stützen, da mir die Mög- 
lichkeit persönlicher ethnologischer Forschung, bisher wenigstens^ 
nicht gegeben war. Ich hätte eine solche Möglichkeit mit Freuden er- 
griffen. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass ich, vorausgesetzt, 
dass meine historische Grund au ffassung der sexuellen Ökonomie 
richtig ist, einige Fehler in Details nicht gar zu tragisch nehmen 
könnte, da mich das Studium der ethnologischen Literatur überzeugt 
hat, dass Fachwissen nicht vor groben Irrtümern in Fragen des Ge- 
schlechtslebens schützt. 

Berlin, im September 193L 

Wilhelm Reich. 



VORWORT ZUR IL AUFLAGE 

Die seit dem Erscheinen der ersten Auflage verflossene Zeit brachte 
zu den hier vertretenen Anschauungen zwei wichtige Bestätigungen: 
erstens die familienpolitischen Massnahmen des Nationalsozialismus 
in Deutschland, die sich der patriarchalischen Ideologie des Faschis- 
mus und seiner Art, sich gesellschaftlich zu reproduzieren, restlos ein- 
fügen; ich behandelte sie in einer mittlerweile erschienenen Schrift 
»Massenpsychologie des Faschismus« (Verlag für Sexualpolitik, Kopen- 
hagen 1934, II. Aufl.) ; zweitens die Ergebnisse der flofte im 'sehen 
Expedition, die die Theorie vom Einbruch der Scxualmoral in die 
primitive Kultur auf eine breitere empirische Basis stellen, als es 
bisher möglich war; sie tun es freilich ohne den Willen Roheims, 
ja gegen seine eigene theoretische Grundposition. Dies nachzuweisen^ 
ist die Aufgabe des »Nachtrags«. 

Im übrigen erscheint die Schrift wenig verändert. 



Im November 1934. 

Wilhelm Reich. 



ERSTER TEIL 



DIE HERKUNFT 
DER SEXUALVERDRÄNGUNG 



I. KAPITEL 

^ DIE SEXUELLE ÖKONOMIE IN DER 
MUTTERREGHTLIGHEN GESELLSCHAFT 

Vor kurzem erschien von dem englischen Professor der Ethnologie, 
Bronislav Malinowski, der mehrere Jahre auf den Trobriand- 
Inseln in Nordwest-Melanesien die mutterrechtlichc Organisation der 
Trobriander studiert hatte.ein ausführlicher Bericht über das Sexual- 
leben dieser Primitiven^). 

Wir verdanken diesem Autor nicht nur die erste derartige, sondern 
auch die gründlichste Beschreibung der sexuellen Verhältnisse im 
Zusammenhang mit den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen, 
die wir im zweiten Kapitel wiedergeben werden. Wo Malinowski 
nicht ausdrücklich zitiert ist, liegen die Ergebnisse meiner eigenen 
Analyse vor, die sich auf seine Forschungen stützen. Diese ermögli- 
chen uns, den ethnologischen Beweis für einige Gesetze der 
sexuellen Ökonomie zu führen. 

Die sexuelle Misere in der privalwirtschaftlich-patriarchalischen 
Gesellschaft ist eine Folge der zu ihr gehörigen Sexual Verneinung und 
-Unterdrückung, welche zunächst sexuelle Stauungen bei allen ihr 
junterworfenen Individuen und auf diesem Wege Neurosen, Perver- 
sionen und Sexualverbrechen erzeugt. Daher muss eine Gesellschaft, 
die kein Interesse an der Sexualunterdrückung hat, oder historisch 
betrachtet, solange und insofern sie es nicht hat, frei sein von sexueller 
Misere. Wir können dann sagen, die Mitglieder dieser Gesellschaft 
leben sexuell ökonomisch, was keine Wertung, sondern den 
Tatbestand meint, dass sie einen geordneten sexuellen Ener- 
giehaushalt haben. 

Wir werden dann zu untersuchen haben, wie sich das Sexual- 



1) »Das Sexualleben der Wilden in Nordwest-Melanesien«, Grethlein, 1930. Von 
dem gleichen Autor erschienen noch folgende hier benützte Werke: »Sex and 
Repression in Savage Society« (1927) und »Crime and Custom in Savage 
Society (1926), beide Kegan, London. 



»Der ungeordnete und sozusageu launenhafte Verkehr dieser frühen Jahre 
festigt sich im Heranwachsen zu dauerhafteren Beziehungen, die sich später zu 
festen Verhältnissen entwickeln.« (S. 38). 

»Die Freiheit und Unabhängigkeit des Kindes erstreckt sich auch auf das 
sexuelle Gebiet. Zunächst einmal höreu und sehen die Kinder vieles vom Ge- 
schlechtslehen der Älteren. Da das Haus der Eltern nicht die Möglichkeit bietet, 
sich abzuschl Jessen, hat das Kind Gelegenheit, aus eigener Anschauung sich über 
den Geschlechtsakt zu informieren. Es wurde mir mitgeteilt, dass Kinder durch 
keinerlei besondere Vorkehrungen daran verhindert werden, den geschlechtlichen 
Vergnijgungen ihrer Eltern zuzuschauen. Das Kind wird nur ausgezankt und an- 
gewiesen, den Kopf unter die Malte zu stecken.« {S. 40). 

Diese Mahnung hat nicht das geringste mit Sexual Verneinung zu 
tun, sondern bedeutet bloss eine Massnahme zur Fernhaltung einer 
Störung der Koitierenden. Die Kinder können sich gegenseitig be- 
schauen und sonst sexuell spielen, soviel sie wollen. Hervorzuheben 
ist. dass trotz oder besser gerade wegen der sexuellen Freiheit in der 
Kindheit Voyeurtum als Perversion nicht vorkommt. Daraus können 
alle Ängstlichen lernen, wenn sie nicht schon durch die psychoanalyti- 
sche Erforschung der Perversionsentstehung überzeugt wurden, dass 
Freiheit des sexuellen Partialtriebes in der Kindheit nicht an sich, 
sondern erst unter der Bedingung sonstiger Sexual Verdrängung zur 
Perversion führt. Weiter: 

»Knabeo und Mädchen haben reichlich Gelegenheit, sich von Ihren Gefährten 
IQ erotischen Dingen unterweisen zu lassen. Die Kinder weihen sich gegenseitig 
in die Geheimnisse des Geschlechtslebens ein auf durchaus praktische Art und 
Weise und in sehr frühem Alter. Lange, ehe sie imstande sind, den Geschlechtsakt 
wirklich auszuführen, beginnt ihr frühzeitiges Liebeslchcn. In ihren Spielen und 
Zeitvertreiben befriedigen sie ihre Neugier nach Aussehen und Funktion der Ge- 
schlechtsorgane und erleben dabei, wie es den Anschein hat, ein gewisses Lust- 
gefühl. Abtasten der Geschlechtsorgane und leichte Perversionen, wie etwa orale 
Reizung der Organe, sind typische Arten dieser Vergnügungen. Es heisst, dasa 
kleine Mädchen und Knaben häufig von ihren etwas älteren Geschwistern ein- 
geweiht werden, die sie bei ihren eigenen Liebeständeleien zuschauen lassen. 



4 Die sexuelle Ockonomie in der mutterrechtlichen Gesellschaft 

leben ordnet und nehmen hier vorweg, dass es sich durch die 
sexuelle Triebbefriedigung reguliert und nicht durch mo- 
ralische Normen. Wir sind darauf vorbereitet, in der sexuellen Lebens- 
weise der Trobriander ungefähr das gerade Gegenteil von der der 
Mitglieder unserer Gesellschaft vorzufinden: ungestörtes Sexualleben 
der Kinder und der heranwachsenden Jugend und volle Befriedigungs- 
fähigkeit der genital Herangereiften, das heisst orgastische Potenz 
der Masse der Individuen. 



1. DAS SEXUALLEBEN DER KINDER BEI DEN i 

TROBRIANDERN 

Beginnen wir mit der Kindheit und hören wir Malinowski 
selbst. Die Eingeborenen haben ihre ersten geschlechtlichen Erlebnisse t 

in sehr frühem Alter. 



i 



Das Geschlechtsleben des Kindes 



Allein von dem Grad ihrer Neugier, ihrer Reife und ihres ,Temperainentes' oder 
ihrer Sinnlichkeit hängt es ab, wie sehr oder wie wenig sie sich geschlechtlichem 
Zeitvertreib hingeben, denn sie sind durch keinerlei elterliche Autorität gezügelt 
und durch keinen Sittenkodex gebunden, abgesehen von dem besunderen Stam- 
mes -Tabu, 

Die Erwachsenen, ja, sogar die Eltern, verhalten sich gegenüber solch kind- 
licher Hemmungslosigkeit entweder völlig gleichgültig oder durchaus wohlwollend 

— sie finden es natürlich und sehen nicht ein, warum sie einschreiten sollten. 
Meistens bekunden sie eine Art nachsichtiges, belustigtes Interesse und erörtern 
die Liebesaffären ihrer Kinder im leichten Scherzton. Oft habe Ich im wohl- 
^'ollcndeu Geplauder Aussprüche wie etwa die folgenden gehört: ,Die und die — 
(ein kleines Mädchen) hat schon Verkehr gehabt mit dem und dem — (einem 
kleinen Jungen)'; und wenn es sich gerade so trifft, wird etwa hinzugefügt, es 
sei ihre erste Erfahrung. Wird der Liebhaber gewechselt oder spielt sieh sonst 
ein kleines Liebesdrama in der Welt der Kleinen ab, so erörtert man es halb 
ernst, halb scherzend. Der kindliche Geschlechtsakt, oder was ihn ersetzen muss, 
wird als unschuldiges Vergnügen betrachtet. ,Sie spielen eben kagta (Geschlechts- 
verkehr haben)'. ,Sie schenken sich gegenseitig eine Kokosnuss, ein kleines Stück 
Betelnuss, ein paar Perlen oder einige Früchte aus dem Busch, und dann ver- 
stecken sie sich und kayta.' Doch gilt es als ungehörig, wenn die Kinder ihre 
Liebesgeschichten im Hause betreiben, es hat vielmehr stets im Busch zu ge- 
schehen.« (S. 41.) 

Alle Reigenspiele, die von Kindern beiderlei Geschlechts auf dem Dorfplatz 
gespielt werden, haben einen mehr oder weniger ausgesprochenen geschlecht- 
lichen Beigeschmack.« (S. 42.) 

Für unser Thema ist nicht sehr wesentlich, dass die Trobriander- 
kinder sexuell spielen; denn das tun die allermeisten Kinder unserer 
Kulturkreise besonders in den ausgebeuteten Klassen auch (mit 
Ausnahme der bereits schwer neurotisch Gehemmten) ; aber wie es 
beim Geschlechtsverkehr nicht darauf ankommt, dass man es tut, 
sondern mit welcher inneren Einstellung und in welcher sozialen 
Umgebung, ist es wichtig, wie die Erzieher und Eltern sich zu den 
Kindern, ihren sexuellen Spielen und ihrer natürlichen MotilitälB't«j£^i/*;..t 
überhaupt verhalten. Das bestimmt ja erst letzten Endes den sexual- 
ökonomischen Wert dieser Sexualbetätigangen. Wir heben dies her- 
vor, weil dieser Gesichtspunkt nirgends sonst gilt in der sexuologischen 
Literatur, die nur die Tatsache des stattfindenden Spiels registriert 

— oder übersieht. Erst die psychoanalytische Betrachtung der Öko- 
nomie der Sexualfunktion lehrte, den Akt als solchen als minder 
Tsichtig zu betrachten, gegenüber der psychischen bewussten und un- 
hewussten Einstellung, die ihn begleitet^). Und diese Einstellung ist, 
von der biologischen Seite der Sexualfunktion betrachtet, von vorn- 
herein durch den Lustmechanismus eindeutig positiv; erst die 
Haltung der sozialen Umgebung entscheidet darüber, ob sich diese 
ursprünglich positive Einstellung erhalten kann oder ob sie Schuld- 
gefühlen und sexueller Angst weichen muss, die die Gesellschaft auf 
verschiedenartige Weise in das Geschlechtsleben hineinträgt. ■ 

Bei den Trobriandern, das steht nun fest, haben die Eltern nicht 
nur keine störende, sondern vielmehr eine wohlwollend freundliche 



1) Vgl. hierzu meine Darstellung der orgastischen Potenz in nDie Funktion des 
. Orgasmus«, Int. Psa. Verlag 1927. 



6 



Die sexuelle Oekonomie in der mutterrechtUchcn Gesellschaft 



Einstellung, so dass wir sagen können: Mit Ausnahme des engen 
Kreises, in dem das Inzestverbot gilt, besteht keine sexualver- 
neinende Moral, vielmehr entwickelt sich ein eindeutig bejahen- 
des Ich und, wie wir auch später sehen werden, ein sexualbe- 
jahendes Ichideal ='). Da die Sexualität frei ist, kann das Inzest- 
verbot nicht als Sexualeinschränkung angesehen werden. Bleiben doch 
der Sexualität in sexualökonomischer Hinsicht überreichlich Befrie- 
digungsmöglichkeiten. Man kann nicht von Einschränkung der Be- 
friedigung des Nahrungstriebes sprechen, wenn einem Menschen ver- 
boten wird, grüne Bohnen und Hammelfleisch zu essen, er aber jedes 
andere Gemüse und Fleisch ohne Einschränkung gcniessen kann. Das 
heben wir gegenüber den vielen Behauptungen von den Einschrän- 
kungen des Trieblebens bei den Primitiven hervor. Diese Einschrän- 
kungen haben keine Ökonomisch-dynamische Bedeutung. Zur öko- 
nomischen und dynamischen Überwertigkeit des Inzestwunsches wie 
auch aller anderen Triebregungen gehört doch eine Überbesetzung mit 
Interesse, die sich einzig und allein aus sonstiger, allgemeiner 
Triebeinschränkung ergibt. So erklärt es sich, dass dem Primitiven 
das Inzest verbot ganz bewusst ist, und nicht verdrängt werden 
muss, weil sich der Inzest wünsch nicht besonders abhebt von an-, 
deren Wünschen, solange diese befriedigt werden. 

Jeder Trobrianderjunge weiss, dass er seine Schwester nicht als 
geschlechtliches Wesen betrachten darf. Die bewusste Vermeidung 
jedes engeren Kontaktes spricht für die Bewusstheit der sexuellen 
Regungen gegenüber der Schwester. Wäre das Sexualleben auch sonst 
verboten, sein Inzestbegehren würde sich infolge des örtlichen und 
familiären Kontaktes mit der Schwester sofort dermassen steigern, 



2) (1934.) So geringfügig der Unterschied zwischen blosser Duldung und Bejahung 
des kindlichen und puberilcn Geschlechtslebens Susscrlich erscheinen mag, 
für die psychische Strukturbildung im Zögling ist er entscheidend. Man muss 
die heute in kleinen Kreisen übliche duldende Einstellung der Erzieher als 
vollgültige Sexualverneinung ansprechen. Nicht nur empfindet das Kind die 
Duldung als das Nichtbestrafcn von etwas im Grunde Verbotenen; ^ss blosse 
f Dulden oder »Gestatten« des sexuellen Spiels bietet kein Gegengewicht gegen 
■ den übermächtigen Druck der gesellschaftlichen Atmosphäre. Die ausdrück-, 
liehe und unmissverständliehe Bejahung des kindlichen Geschlechtslebens sei- 
tens der Erzieher dagegen vermag auch dann die Grundlage scxualbejahcnder 
Ichstruktur-Bestandteile zu werden, wenn sie die gesellschaftlichen Einflüsse 
; nicht zu entkräften vermag. Diese Anschauung will als Kritik des Verhaltens 
I derjenigen Psychoanalytiker gelten, die den wichtigen Schritt vom Dulden zum 
' Bejahen nicht zu machen -wagen. Die Auskunft, man müsse es den Kindern 
überlassen, ist nichts als eine Entlastung von Verantwortung. Setzt man in 
der Kinder-, Jugendlichen- oder Erwachsenen-Analyse kein Gegengewicht gegen 
die gesellschaftlichen Einflüsse, dann bleibt die Behebung der Sexualver- 
drängung theoretisch. So wenig man etwas nicht organisch Gewolltes auf- 
' drängen darf, so unerlässlich ist die Unterstützung von Tendenzen im Kinde 
oder Kranken, die in der Richtung der sexuellen Ökonomie wirken. Zwischen 
Duldung der Geschlechtlichkeit und ihrer Bejahung wirk t die gesellschaft liche 
iSexual seh ranke. Sexualität bej"aKcD_heisst die Sexua lschr"anke überschreiten^ 



Autoritätslose Erziehung ■ ■ ' ''' 



dass eine tiefe Verdrängung des Begehrens notwendig würde, das dann 
eine krankhafte Lösung suchen müsste. Diese Tatbestände sind we- 
sentlich für die Beurteilung der Intensität des Inzestwunsches 
bei unseren Kindern. Sie ergibt sich bis zu einem unbestimmt hohen 
Grade neben der natürlichen Bindung an Eltern und Geschwister 
wesentlich aus der kompletten Versagung anderweitiger Sexual- 
heziehungen und, gewiss nicht in letzter Linie, aus der sexuellen Bin- 
dung der Eltern an die Kinder; diese ist ihrerseits wieder mitbestimmt 
durch die sexuelle Unbefriedigtheit der Erwachsenen. 

Es ist bezeichnend für die trobriandrische Erziehung, dass auch 
sonst das Verhalten der Eltern zu den Kindern jener autoritären Note 
entbehrt, die unseren Erziehungsmassnahmen anhaftet. Und wir kom- 
men zu einem vollen Begreifen der innigen Beziehungen zwischen 
Sexual Verneinung und -Unterdrückung und sonstiger patriarchalischer 
Erziehung, wenn wir ihr Gegenteil bei den Trobriandern wie folgt 
schildern hö.ren: 

»Kinder geniesscn auf deo Trobriand-Inseln beträchtliche Freiheit und Un- 
abhängigkeit. Früh lösen sie sich los von der Bevormundung ihrer Eltern, die 
übrigens nie sehr streng gehandhabt wird. Manche Kinder gehorchen ihren titern 
bereitwillig, doch das hangt nur vom persönlichen Charakter heider Parteien aü: 
eine regelrechte Disziplin, ein System häuslichen Zwanges ist ganz ausgcscniosben. 
Oft war ich bei Eingeborenen zu Besuch und habe irgendein FamilieneneDnis 
miterlebt, etwa einen Streit zwischen Eltern und Kind; da wurde dann aem 
Kind dieses oder jenes gesagt, meist, als ob eine Gunst von ihm erbeten ^urae, 
obschon man zuweilen das Verlangen sogar durch Androhung von Gewalt unxer- 
stützte. Entweder schmeichelten oder schalton die Eltern, oder sie stellten inr 
Verlangen an das Kind wie an einen Gleichgestellten. Nie geben Trobri- 
andereltern ihrem Kind einen einfachen Befehl in der hr- 
wartungnatürlicbenGehorsams. 

Die Leute werden manchmal böse auf ihre Kinder und schlagen sie in einem 
Anfall von Wut; doch ebenso häufig habe ich ein Kind zornig auf Vater oder 
Mutter losschlagen sehen. Ein solcher Angriff wird entweder mit gutmütigem 
Lächeln hingenommen, oder der Schlag wird ärgerlich zurückgegeben; jedoch der 
Gedanke an klare Vergeltung oder zwangsläufige Bestrafung ist dem Eingeborenen 
nicht nur fremd, sondern direkt zuwider. Ein paarmal habe ich nach einer ** ™" 
kundigen kindlichen Missetat zu verstehen gegeben, dass es für künftige falle 
besser sei, das Kind zu schlagen oder sonstwie kalten Blutes zu l^^^*"" . f*/ , j "^^ 
dieser Gedanke erschien meinen Freunden unnatürlich und unsi 
und wurde mit einer gewissen Empfindlichkeit z ^^ ^ückg c w le . 

Diese Freiheit gibt den Kindern Spielraum zur Bildung einer eis 
kleinen Gemeinschaft, einer unabhängigen Gruppe, in die sie ^^ -^ 

selbst mit vier oder fünf Jahren hineinwachsen und wo sie bis zur r ^ 
verbleiben. Wie es ihnen gerade in den Sinn kommt, verbringen sie de s 

bei den Eltern oder gesellen sich zu ihren Spielgefährten in ihrer l^ein ^^^^ 
publik. Diese Gemeinschaft innerhalb einer Gemeinschaft handelt ^^,, jjtjv- 
dem Willen ihrer Mitglieder und steht den Älteren oft in einer '^•"'^ ° ' ' etwas 
Opposition gegenüber. Wenn die Kinder sich in den Kopf setz .^_^ ^^ 
Bestimmtes auszuführen, etwa einen Tagesausflug zu machen, so ^'° . j, ^j^ 
wachsenen, ja, auch der Häuptling, nicht imstande, sie daran zu hin ^^^^^^ 
ich oft beobachtet habe. Bei meinen ethnographischen Arbeiten »°.^" jjrgkt von 
ich mir meine Informationen über Kinder und ihre Angelegenheiten ^ ^ ^ ^^^ 
ihnen selbst holen. Ihr ifei s t i ge s Eigentumsrecht an ^Vannt- sie 
kindlichen Tätigkeiten wurde durchaus an e r k_ Spiele 

konnten mich auch sehr gut belehren und mir die Schwierigkeiten ■ 
und Unternehmungen erklären.« (Alle Sperrungen vom Ref.) (S. öOt^v-> 



i^^"**^'' lg' Die sexuelle Oekonomie in der mutterrcchtlichen Gesellschaft 



So wie in der patriarchalischen (feudalen und bürgerlichen) Ge- 
sellschaft die autoritäre Unterdrückung des Kindes der Herstellung 
einer zweckentsprechenden Untertanenslruktur dient, entsprechend 
der Organisation der Gesellschaft überhaupt, die sich in den kind- 
lichen Strukturen selbst ständig repruduziert^so wie hier die Eltern 
Vollzugsorgane der herrschenden Ordnung sind und die Familie deren 
Ideologiefabrik ist, reproduziert sich auch die muttcrrcchtliche Ge- 
sellschaft, soweit sie noch klar ausgeprägt ist, ideologisch, indem sie 
"3^ seelischen Gestaltung des Kindes freien Lauf lässt, die sich mit 
den sozialen Ideologien dieser Gesellschaft bereits in der Kinderkom- 
■'i^ltw.iM^ mune erfüllt. Und so wie in der privatwirtschaftlichen Gesellschaft 
die Sexualunterdrückung der Boden für die psychische Hemmung 
überhaupt wird, so wird in der mutterrechtlich-kommunistischen die 
sexuelle Freiheit die Grundlage der charakterlichen Freiheit, die ge- 
rade eine libidinös gut fundierte soziale Bindung an die Mitglieder 
der Gesellschaft garantiert. Diese Tatbestände beweisen die Möglich- 
keit der Selbststeuerung des sexuellen Gemeinschaftslebens durch 
Triebbefriedigung (im Gegensatz zur moralischen Regulierung). 



2. DAS SEXUALLEBEN DER JUGENDLICHEN 

Gehen wir nun über zum Sexualleben der trobriandrischen Jugend- 
liehen. Wir sehen wohl sexuelle Konflikte und bis zu einem gewissen 
Grade seelisches Leiden, das den Schwierigkeiten mancher Liebes- 
beziehung entspringt, aber wir vermissen jede Art äusserer Einschrän- 
kung, wir sehen keine »Pubertätsneurosen«, keine Selbstmorde, keine 
Askese »um der Kultur willen«. 

»Wächst der Koabe oder das Mädchen heran, so wird sein (oder ihr) Ge- 
schlechtsleben von grosserem Ernst erfüllt. Es ist nicht mehr blosses Kinder- 
spiel, sondern nimmt einen hervorragenden Platz unter den LebcnsinteresseD ein. 
Was früher eine unbeständige Beziehung war, die im Austiiusch erotischer Be- 
tastungen oder in einem unreifen Geschlechtsakt gipfelte, wird jetzt zur nach- 
haltig beschäftigenden Leidenschaft, zur Angelegenheit ernsten Strebens, Der 
Jugendliche erscheint nun endgültig einer bestimmten Person zugetan, wünscht 
sie zu besitzen, arbeitet vorsätzlich auf dieses Ziel hin, sucht seine Wünsche 
durch magische und andere Mittel durchzusetzen und freut sich schliesslich der 
Erfüllung. Ich habe es erlebt, dass junge Leute dieses Alters aus unglücklicher 
Liebe tatsächlich krank und elend wurden. Dieses Altersstadiuna unterscheidet 
sich auch vom vorhergehenden dadurch, dass nun eine entschieden persönliche 
Vorliebe ins Spiel kommt und damit die Neigung zu Bindungen von längerer 
Dauer. Der junge Mann möchte sich die Treue und ausschliessliche 
Zuneigung der Geliebten erhalten, wenigstens für einige Zeit. Doch ist diese 
Neigung bis jetzt keineswegs so stark, dass der Gedanke an eine 
einzige ausschliessliche L i e b e s be zi e h u n g aufkäme; Jugend- 
liche denken noch nicht entfernt ans Heiraten. Der junge Mann oder das junge 
Mädchen will erst noch viele andere Erlebnisse haben; er oder 
sie freut sich noch der vollkommenen Freiheit und empfindet keinerlei Wunsch, 
Verpflichtungen auf sich zu nehmen. Wenn ihn auch die Vorstellung freuen mag, 
dass seine Partnerin ihm treu ist, fühlt sich doch der jugendliche Liebende nicht 
verpflichtet, diese Treue zu erwidern . . . 



Der Sexualleben der Jugendlichen 9 

Diese Altersgruppe führt ein glüchliches, freies, arkadisches Leben voller! 
Freude und Lustbarkeit ... 

Viele Tabus sind für sie noch nicht recht bindend; die Last der Magie liegtj 
noch nicht auf ihren Schultern . , . 

. . - Abgesehen davon, dass junge Leute dieses Alters ihre Liebesgeschichten 
ernster und intensiver betreiben, suchen sie auch den Schauplatz ihrer Liebes- 
abenteuer zu erweitern und vielfältiger zu gestalten. Beide Geschlechter arran- 
gieren Picknicks und Ausflüge und verbinden so den Geschlechtsverkehr mit 
der Freude an neuartigen Erlebnissen in schöner Landschaft. Sie knüpfen auch 
geschlechtliche Beziehungen ausserhalb ihrer eigenen Dorfgemeinschaft an; findet 
nämlich irgendwo eine jener rituellen Feiern statt, bei denen nach Sitte und 
Brauch volle Ungebundenheit herrscht, so machen sie sich dorthin auf, meist 
entweder eine Gruppe junger Männer oder eine Schar junger Mädchen, denn in 
solchen Fällen ist immer nur für das eine Geschlecht Gelegenheit zur Zügel- 
losigbeit gegeben.« (S, 46 f.) 

Psychoanalytische Ethnologen versuchten, aus den Pubertätsritea 
mancher primitiven Organisationen die These abzuleiten, dass auch 
bei diesen die puberile Betätigung mit Strafen belegt werde, genau 
so wie bei uns, nur mit dem Unterschiede, dass die Strafe der Auf- 
nahme des Geschlechtsverkehrs vorangehe. Es ist begreiflich, dass. 
das Studium der ethnologischen Literatur gegen alle Deutungen miss- 
trauisch machen muss, denen die Absicht, unsere Verhältnisse ethno- 
logisch zu rechtfertigen, allzu deutlich anhaftet, und die bedenkenlos 
Deutungen, die für Erscheinungen gelten, die in unseren Produktions- 
verhältnissen wurzeln, auf Tatbestände anderer sozialer Organisatio- 
nen anwenden. Damit will ich noch nichts gegen die Richtigkeit dieser 
Theorien aussagen. Aber sie werden für uns erst dann Bedeutung_ 
gewinnen, wenn man wird zeigen können, welche wirtschaftlichen 
Interessen hier bereits eingreifen und das gesamte Sexualleben um- 
gestalten^ Dass solche Strafen für die Sexualität der Jugendlichen in 
der Triebstruktur des Menschen (Ambivalenz, Hass, Eifersucht etc.) 
■wurzeln, scheint ganz unwahrscheinlich, wenn man die sexuelle 
Ökonomie h-istorisch betrachtet. Denn da sich Organisatio- 
nen, wie etwa die trobriandrische, finden, in denen nicht nur nichts 
von Strafen, sonder vielmehr ausgesprochene sexuelle Fürsorge (das 
bukumatula, die Jugendweihen und -feste und anderes) festzustellen 
ist, müssten uns die Vertreter und Verfechter der einseitig biologisch- 
psychologischen Auffassung erst erklären, warum in dieser Organisa- 
tion sexuelle Herrschsucht und andere negierende Eigenschaften, die 
angeblich angelegt sind, fehlen. Wir sagen, dass diese Erscheinungen 
bereits Folge des Eingriffs ökonomischer Interessen in die rein na- 
türliche Sexual befriedigung sind und wir sind gerade dabei, dies zu 
beweisen. 

Kehren wir zum Thema zurück. Die Sexualbejahung geht bis zur 
gesellschaftlichen Befürsorgung: 

»Brauch und Sitte dieses Stammes kommen diesem Bedürfnis entgegen und 
bieten Unterkunft und Abgeschlossenheit in Gestalt des bukamatala, des bereits 
erwähnten Ledigenhauses. Hier wohnen eine beschränkte Anzahl von Paaren, 
zwei, drei oder vier, auf längere oder kürzere Zeit in vorübergehender Gemein- 



10 Die sexuelle Oekonomic in der mutterrechtlichcn Gesellschaft 



Schaft. Gelegentlich bietet das bukumatula auch jüDgercn Paaren Obdach, wenn 
sie sich auf ein paar Stunden ungestört dem Liebesgenuss hingeben wollen , . . 
Augenblicklich gibt es fünf Junggesellenheime in Omaraktma und vier im Nach- 
bardorf Kasana'i. Ihre Zahl hat sich infolge des Einflusses der Missionare stark 
verringert. Aus Angst, der Missionar könne ihn durch Aussondern biosssteilen, 
ihn verwarnen oder gegen ihn predigen, errichtet mancher Eigentümer eines 
bukumatula dieses jetzt im äusseren Ring, wo es -weniger auffällig ist. Meine 
Gewährsleute haben mir erzählt, dass es noch vor zehn Jahren fünfzehn Ledigen- 
häuser in beiden Dörfern gab, und meine ältesten IJekannten erinnern sich der 
Zeit, da es etwa dreissig waren. Dieser Rückgang ist natürlich zum Teil in der 
ungeheuren Bevölkerungsabnahme begründet, und nur zum andern Teil in der 
Tatsache, dass heutzutage manche Junggesellen bei ihren Elfern wohnen, manche 
in Witwenhäusem und noch andere in Missionsstationen. Doch was auch der 
Grund sei — es braucht kaum gesagt zu werden, dass dieser Stand der Dinge 
wahre Geschlecfttsmoral nicht fördert ... Es ist mir erzählt worden, dass zu- 
weilen ein Mann für seine Tochter ein Haus als bukumatuhi gebaut habe, und 
dass in alten Zeiten auch Mädchen Ledigenhäuser zu besitzen und zu bewohnen 
pflegten; jedoch ist mir kein tatsächliches Beispiel dieser Art bekannt ge- 
worden.« (S. 51 ff.) 

»Der ulatile (Jüngling) hat entweder sein eigenes Lager in einem Junggesellen- 
haus, oder es steht ihm die Benutzung einer Hütte frei, die einem seiner un- 
verheirateten Verwandten gehört. Auch gibt es in einer bestimmten Art von 
Yamshans einen leeren, abgeschlossenen Raum, wo sich die jungen Leute manchmal 
kleine , Kosewinkel' einrichten, die Raum für zwei bieten. Aus trockenen Blättern 
und Matten machen sie ein Bett zurecht und schaffen sich so eine gemütliche 
.garconniere', wo sie ihre Angebetete empfangen und ein paar glückliche Stunden 
mit ihr verbringen können. Solche Einrichtungen sind natürlich nötig, da der 
Liebesverkehr aus einem Spiel zu einer Leidenschaft geworden ist. Doch noch 
immer nicht trifft sich das Paar regelmässig im Junggcsellenhaus (bukumatula), 
wo man zusammenlebt und Nacht für Nacht dasselbe Lager teilt. Sowohl das 
Mädchen als auch der Jüngling ziehen heimlichere und weniger bindende Zu- 
sammenkünfte vor; noch suchen sie eine dauernde Beziehung zu vermeiden, die 
vielleicht ihre Freiheit unnötig einschränken würde, wenn sie allgemein bekannt 
-wäre. Deshalb ist ihnen meistens ein kleines Nest im sokwaypa (geschlossenes 
Yamshaus) oder die zeitweilige Gastfreundschaft eines Junggesellenhauses lieber.« 
<S. 48 L) 

Diese Befürsorgung in der Lokalfrage ist der trefflichste Aus- 
druck für die gesellschaftliche Sexualbejahung, die über das blosse 
Gewährenlassen weit hinausgeht. Und ebenso entspricht das Nicht- 
künunern beziehungsweise die aktive Behinderung der Jugendlichen 
in der bürgerlichen Gesellschaft, auch in Hinsicht auf die örtlichkeit 
des Geschlechtsverkehrs, vollkommen der zu ihr gehörigen Sexual- 
verneinung. Hat die Befürsorgung wesentlichen Einfluss auf die 
sexuelle Gesundheit der primitiven Jugendlichen, so hat die Behin- 
derung eine Verkrüppelung und Verrohung des Geschlechtslebens zur 
Folge, das durch diese Massnahme ja doch nicht verhindert wird, nur 
dass statt ruhiger hygienischer Stätten Hausfluren und Zaunecken 
dem hastigen und ängstlichen Geschlechtsverkehr dienen. Und die 
»Kultur«, auf die wir von den ängstlichen Gemütern immer wieder 
verwiesen werden? Man vergleiche das Bordelleben unserer klein- 
bürgerlichen Jugend mit folgenden Tatsachen: 

»Das Wort ,Gruppenkonkubinat' würde zu Missverständnissen führen; wir 
haben es hier zwar mit einer Anzahl von Paaren zu tun, die einem gemein- 
samen Hause schlafen, doch jedes Paar streng für sich — nicht mit jungen 



Das JuQggesellenhaus ll 



Leuten, die alle unterschiedslos miteinander leben; nie werden die Partnei' 
ausgetauscht, und ,wildern' oder .eefälligsein' kommt nicht vor. Im Gegenteil, 
inuerhalb des bukumatala wird ein besonderer Ehrenkodex beobachtet, der jedem 
Bewohner auferlegt, geschlechtliche Rechte innerhalb des Hauses viel sorgsamer 
zu achten als ausserhalb. Falls jemand gegen diesen Ehrenkodex verstiesse, 
Würde man von ihm das WoH kaylasi gebrauchen, was soviel heisst wie ,sich 
geschlechtlich vergehen'.« (S. 53.) 

»Im bakumatu{a (Junggesellenhaus) herrscht strenge Zucht. Nie geben sich 
die Bewohner orgiastischen Vergnügungen hin, und es gilt für höchst ungehörig, 
ein anderes Paar bei seinem Liebesspiel zu beobachten. Meine jungen Freunde 
erzählten mir, dass man entweder warte, bis die andern alle eingeschlafen seien, 
oder dass alle Paare eines Hauses übereinkämen, die andern nicht zu beachten. 
Ich habe bei dem durchschnittlichen jungen Mann auch nicht die leiseste Spur 
eines Voyeurinteresses gefunden und auch keinerlei Neigung zu Exhibitionismus, 
Im Gegenteil, wenn ich die verschiedenen Stellungen und die Technik des Ge- 
schlechtsaktes erörterte, wurde mir ganz von selbst mitgeteilt, dass es besonders 
unauffällige Arten der Ausführung gäbe, 'damit man die anderen Leute im 
bukumatula nicht aufweckt,'« (S. 53/54.) 

Das jugendliche Paar ist durch keinerlei Gesetz oder Sitte anein- 
ander gehunden; sie werden nur durch die persönUche Zuneigung 
und die geschlechthche Leidenschaft zusammengehalten und können 
sich nach Belieben trennen. Wir hörten auch, dass dieses Verhältnis 
keinerlei Besitzanspruch in sich schli^st, jedem stellt der Verkehr 
mit anderen Partnern inshesondere anlässlich der Ernte- und Mond- 
feste frei. Es kommt zwar zu Äusserungen von Eifersucht, aber bei 
gewissen Gelegenheiten ist sogar dies »unsittlich«, so etwa, wenn die 
jungen Mädchen anlässlich eines Trauerfalles die trauernden Männer 
durch Geschlechtsverkehr trösten. Trotz alledem, oder vom Stand- 
punkt der sexuellen Ökonomie gerade deshalb, sind die Beziehungen 
auch häufig (ohne äusseren oder inneren Zwang) dauernder, inniger 
und befriedigender als diejenigen, die unsere sexuell verkrüppelte 
Jugend zustandebringt. 

Die Interessengemeinschaft der jungen Paare bezieht sich nur auf 
das Geschlechtliche. Niemals nehmen sie gemeinsame Mahlzeiten ein, 
die, wie wir später hören werden, geradezu zum Symbol der richtigen 
Ehe werden. 

Wir sehen, wie wenig die hochtrabend^ wissenschaftlichen Kate- 
gorien der »Monogamie«, »Polygamie«,"^PoIyandrie«, »Promiskuität« 
mit diesen nur von der sexuellen Bedürfnisbefriedigung gelenkten und 
geregelten Sexualbeziehungen zu tun haben. Diese Paare sind eben- 
sowohl monogam wie gelegentlich polygam, bei Festen sogar pro- 
miskue; doch die Klassifizierungen sagen nichts aus in dieser GeseU- | 
Schaft und bekommen erst ihren Sinn und Gehalt als * 
Prinzipien unserer moralischen Regulierungsbe- 
strebungen, nicht mehr. Auch bei uns decken sie keinen Tatbe- 
stand. Auch bei uns sind die sexuellen Beziehungen verschiedenstartig. 
Der Unterschied zum; Primitiven — das sei besonders hervorgehoben, 
weil es unsere sexualökonomische Betrachtungsweise von jeder an- 
deren in jeder Beziehung trennt — liegt nicht darin, dass jene po- 



12 Die sexuelle Oekonomie in der mutterrechtlichen Gesellschaft 



lygam oder promiskue und wir monogam leben; es lässt sich auch 
keine monogame Forderung aus dem monogamen Leben der Primi- 
tiven, wie manche Sexual forscher und Ethnologen versuchen, ableiten, 
aiAHtumjUiV. sondern er ist einzig und allein ausgedrückt in der sozialen Ord- 
nung des Geschlechtslebens und in der verschieden - 
"artigen Erlebnisweise, die von jener abhängt. Der Sexualap- 
parat an sich ist mit allen seinen Konsequenzen hier wie dort gleich 
angelegt, abgesehen von Unterschieden der Rasse und der phylogene- 
tischen Einwirkung jahrtausendealter Sexualverdrängung (Schwä- 
chung des somatischen Sexualapparates?). Und das macht das Kopf- 
zerbrechen unserer Sexualforscher aus, dass er ihre Kategorien der 
verschiedenen »-gamien« nicht kennt, sondern nur das Ziel der Sexual- 
befriedigung. Die Hauptfrage ist dann nur, ob die konkrete Gesell- 
schaftsordnung diese Funktion anerkennen will u nd kann oder nicht. 
Das aber ist rein soziologisch begründet. 



1) »Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral« (Münstervcrlag, Wien 1930). 



I 



Mit dem Alter werden die Dauerbeziehungen immer fester und 
länger, was, ganz wie wir es an anderer Stelle*) ausgeführt haben, 
der allmählich pl atzgreifenden Absättigung der sinnlichen Bedürf- 
nisse nach der Pubertät zuzuschreiben ist, die nunmehr die zärtlichen | 
Neigungen mehr hervortreten lässt. Gäbe es keine Eheinslitution, auch ; 
diese Beziehungen würden nicht ewig dauern, sondern im Laufe der i 
Zeit anderen Platz machen. So aber läuft die festere Dauerbeziehung ■ 
Jn eine Ehe aus. Zunächst wird eine »Probezeit« eingeschaltet, die dem , 
jungen Paar sowohl Zeit lässt zur Prüfung ihrer Zuneigung und Be- 
ständigkeit, als auch den Eltern zu der eigentlichen Prozedur, den 
wirtschaftlichen Vorbereitungen. 

An diesem Punkte treffen die Scxualbedürfnisse 
zus a m m e n m',1 1 b esti mmt en wir ts ch aftlichen I n- 
teressen. ~~ ~~^ ~ 



3. DIE SEXUELLEN FESTLICHKEITEN 

Die hohe Sexualkultur der Trobriander kommt besonders in den 
verschiedenen Veranstaltungen zum Ausdruck, die keinem anderen 
Zwecke als dem des sexuellen Spiels mit darauffolgender Befriedigung 
der Genitalität dienen. Sie unterscheiden sich von ähnlichen Ver- 
anstaltungen der Jugend in der bürgerlichen Gesellschaft erstens 
durch den Wegfall der Verhüllung des eigentlichen Zweckes, zweitens 
durch den Mangel der Ableugnung und inneren Ablehnung oder äusse- 
ren Hemmung der Endbefriedigung und drittens durch den Wegfall der 
Sexualangst und der Schuldgefühle, die die sexuelle Befriedigung 
unserer Jugend zersetzen, sofern sie sich die Endbefriedigung ge- 
stattet. »Die endgültige Erfüllung seiner (des Jugendlichen) eroti- 



i 



A 



Die sexuellen Festlichkeiten 13 



sehen Wünsche ist nicht vom Zufall abhängig, sondern er nimmt sie 
einfach vorweg. Alle Sitten, Bräuche und Einrichtungen verlangen 
einfaches, unmittelbares Drauflosgehen.« (I. c. S. 221.) 

Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist der Wegfall jeder Art 
von Sentimentalität in den Geschlechlsbeziehungen, doch entbehrt das 
Sexualleben der trobriandrischen Jugend nicht einer gewissen Roman- 
tik. Das wirft ein Licht auf das Wesen der von der bürgerlichen 
Romanüteratur hochgezüchteten und von den Verlegern zu Pro- 
fitzwecken ausgenützten sexuellen Sentimentalität: Sie setzt die Hem- 
mung der Endbefriedigung voraus, bedeutet eine ins Unendliche 
ientrückte Erfüllung der orgastischen Befriedigung und die ewige 
Sehnsucht nach ihr, deren unzureichender Ersatz sie ist. »Die Wer- 
bung des Trobrianders kennt keine Umwege; er erstrebt auch nicht 
reiche persönliche Beziehungen, wobei geschlechtlicher Besitz nur eine 
Folgeerscheinung bedeuten würde. Ganz einfach und unverblümt 
erbittet er eine Zusammenkunft mit der offen bekannten Absicht 
geschlechtlicher Befriedigung. Wird die Bitte erfüllt, so ist damit 
jede romantische Einstellung, jede Sehnsucht nach dem: Unerreich- 
baren und Geheimnisvollen hinfällig. Wird der Freier abgewiesen, 
so bleibt nicht viel Raum für eine Tragödie, denn seit seiner Kindheit 
ist er gewohnt, seine sexuellen Wünsche von irgendeinem Mädchen 
durchkreuzt zu sehen, und er weiss bereits: das sicherste und 
schnellste Mittel gegen diese Art Missgeschick ist eine neue Liebes- 
geschichte.« (S. 223.) 

Wir sehen also, dass die Neigung zu langdauernder unglücklicher 
Verliebtheit bei vollentfalleter Genitalität wegfällt, und verstehen 
jetzt besser diese für unsere Jugendlichen typische Neigung als Folge 
einer tJberschätzung des Sexualobjekts, die durch die Hemmung der 
Endbefriedigung zustande kommt. Unsere berühmten Jugendforscher 
stellen allerdings »statistisch« fest, dass die sexuelle Sentimentalität 
und die schlechten Gedichte im »Wesen der Pubertät« liegen. Gewiss, 
im Wesen der Pubertät unser er Puberilen, die unter zermürbenden 
Bedingungen aufwachsen. 

Bei diesen Primitiven und auch bei anderen, soweit sie nicht be- 
reits Opfer der Entwicklung des Privateigentums oder der weissen 
Missionare wurden, ist es anders: »Die geschilderten Tatsachen zeigen 
uns, dass innerhalb gewisser Grenzen jeder ein grosses Mass an Frei- 
heit und vielerlei Gelegenheit zu geschlechtlichen Erlebnissen hat. 
Nicht nur braucht kein Mensch unter unbefriedigten Trieben zu leiden, 
sondern jedem stehen auch reiche Auswahl und vielerlei Gelegenheiten 
offen.« (S. 168.) 

Die Frau ist im Sexualleben nicht anders gestellt als der Mann: 
*In Sachen der Liebe fühlt sich die trobriandische Frau dem Mann 
keineswegs untergeordnet, und sie steht ihm auch an Unternehmungs- 
lust urfd Selbstbehauptungs kraft nicht nach. Das alatile hat sein 



14 



Die sexuelle Ockonomic in der mutterrechtlichen Gesellschaft 



Gegenstück im kaiuyausi, dem Liebesausflug der Mädchen nach den 
anderen Dörfern.« (S. 191.) 

Über das ulalile werden wir später in anderem Zusammenhange 
berichten und geben hier nur den Bericht des katuyausi wieder: 

»Die fratuyausi- Teilnehmerinnen sind ruhig sitzengeblieben, als ginge sie das 
Ganze nicht viel an. Die Jünglinge und älteren Männer stehen ihnen gegenüber 
und unterhalten sich anscheinend ßleichßültig miteinander. Nach einer Weile 
kommt es zwischen den beiden Parteien zum Austausch von Scherzen und 
Neckereien. Die liurschen nähern sich den Mädchen, und die feierliche Wah! 
beginnt. Die Sitte verlangt, dass die Initiative von den Gastgebern ausgeht und 
■dass jeder Gast jedes Angebot annimmt. Aber natürlich fehlt es nicht an be- 
st immlen Vorlieben zwischen den angesehenen Mitgliedern jeder Gruppe; diese 
Wünsche sind auch bekannt, so dass etwa ein unbedeutender Bursche nicht 
wagen würde, dem Vergnügen seines stärkeren, alleren und einflussreicheren 
Kameraden im Wege zu stehen; ia Wahrheit beruht also die Wahl auf früheren 
Neigungen und Liebeleien. Jeder Bursehe bietet dann dem Mädchen seiner Wahl 
ein kleines Geschenk an — ■ einen Kamm, eine Halskette, einen Nasenpflock, 
ein Büschel Betelnüsse. Nimmt sie die Gabe an, so nimmt sie damit auch den 
Burschen als Liebhaber für diese Nacht an. Kennt der Bursche das Mädchen gut, 
so gibt er ihr selbst ein Geschenk: kennt er sie noch nicht, oder ist er zu 
Schüchtern, so bittet er einen älteren Mann um seine Vermittlung: dieser über- 
reicht dem Mäddicn die Gahc mit den Worten: .kam va otu' (va olu = Besuchs- 
geschenk, Lockgabe), ,Soundso schenkt es dir; du bist seine Liebste.' Ganz selten 
nur wird ein solches Geschenk von einem Mädchen zurückgewiesen oder ignoriert; 
sie würde den jungen Mann dadurch schwer kränken und beleidigen. 

Nachdem sich so die Paare gefunden haben, gehen sie meistens alle zu- 
sammen an eine Stelle im Wald und verbringen den grössten Teil der Nacht 
mit Betelkauen, Singen und Rauchen, wobei die Paare immer zusammenbleiben. 
Ab und zu schlägt sich ein Bursche mit seinem Mädchen seitwärts in die Büsche, 
ohne dass irgendjemand darauf achtet. Es kommt auch vor, dass ein junger 
Mann seine Liebste auffordert, den Rest der Nacht mit ihm in einem hukumalala 
im Dorf zu verbringen ; doch das ist meist mit Schwierigkeiten verbunden. 
> Katuyausi sowohl als ulalile sind durch strengen Anstand und das Fehlen jedes 
orgiastischen Elementes gekennzeichnet. In den südlichen Dörfern geht es bei 
diesen Gelegenheiten zweifellos weniger zurückhaltend zu als im Norden, doch 
auch im Süden sind katuyausi und ulatile streng unterschieden von orgiastischen 
Bräuchen wie kamalibiu oder der Sitte des yausa.« (S. 193.) 

Ausser dem ulatile der Jünglinge und dem katuyausi der Mädchen 
herrscht, zwar nicht bei dem von Malinowski durchforschten 
Stamm, wohl aber bei den südlichen und nördlichen Ortsgemein- 
schaften noch der Brauch des sogenannten kagasa, bei dem 

»vollkommen zügelloses Sichgchenlassen die Regel sei; der Geschlechtsakt 
würde Öffentlich auf dem Dorfplatz ausgeführt; verheiratete Leute beteiligten 
sich an der Orgie, Mann und Fran benähmen sich ohne jede Hemmung, sogar 
in Rufweite voneinander; die ZügeRosigkeit ginge so weit, dass geschlechtliche 
Vereinigung sogar vor den Augen des (der) luleia (Schwester, wenn der Mann 
spricht; Bruder, wenn die Frau spricht), stattfindet — also vor den Augen 
derjenigen Personen, auf die sich die strengsten Tabus beziehen, die auch stets 
eingehalten werden. Die Zuverlässigkeit dieser Angaben wird dadurch bestätigt, 
dass mir in Gesprächen über andere A-ctöösu- Formen im Norden wiederholt ver- 
sichert wurde, dass im Süden alles viel orgiastischer vor sich gehe; so bildeten 
zum Beispiel beim Tauzichen-fcoyasa im Süden Männer und Frauen stets ent- 
Kegengesetzte Parteien; die Sieger verhöhnten feierlich die Besiegten mit dem 
typisch kreischenden Geheul (kalugogoua), dann stürzten sie sich über die am 
Boden liegenden Gegner, und der Geschlechtsakt Würde in der Öffentlichkeit 
Ausgeführt. Einmal besprach ich die Sache mit einer aus nördlichen und süd- 



Liebesaus f lüge der Mädchen 



1& 



liehen Eingeborenen gemischten Gesellschaft, und beide Parteien bekräftigten 
mir kategorisch, dass es sich -wirklich so verhalte.« (S. 184.) 

Warum dieser Brauch bei den Trobriandern unterging, lässt sich 
aus den Berichten Malinowskis nicht ermitteln. Ist es die fortge- 
schrittenere Entwicklung der Besitzinteressen des beginnenden Vater- 
rechts, oder sind es andere historische Gründe? Wir wissen es nicht. 
Doch wird berichtet, dass in nicht lange zurückliegenden Zeiten, als 
noch die einzigen Fremden, die zu den Trobriand-Inseln kamen, die 
Teilnehmer der sogenannten Tw/a-Expeditionen [Handelsverkehr zwi- 
schen den Inseln) waren, der Brauch herrschte, dass Mädchen aui 
dem Dorfe die Fremden am Strand besuchten, nachdem der Güter- 
austausch stattgefunden hatte. Es galt als ein durch die Sitte ge- 
heiligtes Recht, dass die Mädchen aus dem Dorfe mit den Fremden 
schliefen; deswegen durften die eigenen Liebhaber sie nicht tadeln 
und keine Eifersucht zeigen. Wie immer diese Sitte auszudeuten ist, 
sei es als t)berrest alter Frauenraubzüge fremder Stämme, sei es als 
Urform exogamer Liebesbeziehungen, das Wesenthche daran ist für 
unser Thema das geordnete Gemeinschaftsleben trotz des Wegfalls 
der Sexualmoral. 



4. DIE ORGASTISCHE POTENZ DER PRIMITIVEN 

Wenn wir von solchen Einrichtungen wie ulatile- und kataijaiisi- 
Expeditionen hören, sind wir wie von etwas Fremdartigem berührt, 
das sich mit Kultur und Zivilisation nicht verträgt, ja sie geradezu 
ausschliesst. Dabei entwickeln unsere Kulturgenossen eine sonder- 
bare Neugierde, von solchen Einrichtungen zu hören, die »Sehnsucht 
nach dem paradiesischen Urzustand« macht sich bemerkbar. Es lässt 
sich leicht zeigen, dass wir dabei einer Täuschung verfallen, dass wir 
uns nicht nach den u/afiVe-Expeditionen sehnen, sondern nach der 
sexuellen Erlebnisfähigkeit der Primitiven. Denn u/a(i7e-Ex^ 
peditionen und katuyaasi gibt es bei uns genug. Die gemeinsamen 
Bordell aus flu ge der Studenten, die Wanderungen der Jugend, die zu 
sexuellen Betätigungen führen, die Maskenbälle und Redouten der 
Bourgeoisie und des Kleinbürgertums, die Tänze und das »Fensterin« 
der Bauern unterscheiden sich bis auf einen wesentlichen Punkt 
im Prinzip nicht von den sexuellen Festen der Primitiven; aber der 
eine unterscheidende Punkt ist der einzig ausschlaggebende. Unsere_ 
Sexualfeste enden mit Katzenjammer aus der unerfüllten, ja vor sich 
gelbst meist verschleierten und mit bürgerlicher Heuchelei und »Ehr- 
barkeit« verdeckten Erwartung sexueller Befriedigung. Diese Ein- 
richtungen der Primitiven haben sich bis in unsere Zeit, wenn auch, 
in anderer Form, fortgesetzt,_sie_VMJ^oren nur ihrensexualökononii- 
schen Wert, statt zu befriedigen, steigern sie bloss die sexuelle Span- 






^ 



16 Die sexuelle Oekonomie in der mutterrechtlichen Gesellschaft 



nung. Wir haben ja auch die Jugendweihefeste beibehalten, aber mit 
Testloser Verschleierung ihres ursprünglichen Sinnes und mit ihrer 
Verkehrung ins Gegenteil: statt Einleitung des Geschlechtslebens, Ein- 
leitung verschärften kirchlichen Einflusses zu seiner Unterdrückung. 

Es wird in unseren Kulturkreisen sicher nicht weniger Geschlechts- 
verkehr gepflogen als in den primitiven; die Promiskuität der männ- 
lichen Jugend ist sicher ausgesprochener. Die eheliche Untreue ist 
infolge des strengeren ökonomischen und moralischen Druckes und 
infolge der Sexual Störungen sicher verbreiteter als bei den »Wilden«. 
Und wenn auf der einen Seite die moralische Heuchelei uns einreden 
will, dass wir uns von den »Wilden« durch die Sittlichkeit unter- 
scheiden, auf die wir das Monopol besitzen, so wird auf der anderen 
gegen die »Verwilderung der Sitten« Sturm gelaufen, vom Papst bis 
zum Hakenkreuzstudenten und bürgerlichen Sexuologen. Und doch 
liegt ein sehr einfacher Tatbestand vor: Die Primitiven haben 
ihre volle sexuelle Er lebni s f aHTgXe^il, die »Zivil i- 
s^i orten« können zu keiner Sexualbefriedigung ge- 
langen, weil ihre Sejxualstruktur durch die infolge 
der E rziehu ng erworbenen moralischen Hemmungen 
neu ro tis ch ze rsetzt ist. Statistische Stichproben ergaben, 
dass durchschnittlich etwa 90 Prozent der Frauen und etwa 60 Pro- 
zent der Männer seelisch krank, sexualgestört und befriedigungs- 
unfähig sind^). Wenn wir so den Grundmechanisnms des ungeord- 
neten Haushalts der Sexualität unserer Gesellschaftsmitglieder er- 
fassen, so bleibt zu beweisen, dass die Primitiven keine Störungen der 
Sexual funktion haben und die orgastische Befriedigung beim Akt die 
Regel ist. 

Es ist Malinowskis grosses Verdienst, hier zuerst Tatbeslände 
über das Sexualleben der Primitiven erhoben zu haben, wie man sie 
sonst in der Literatur, die nur die äusseren Formen des Geschlechts- 
aktes registriert, nie vorfindet. 

Wir können also auf Grund dieses Berichtes folgende Beweise 
dafür vorbringen, dass der Trobriander und die Trobrianderin or- 
gastisch potent sind: 

Zunächst sind die Trobriander überzeugt, »dass der weisse Mann 
den Geschlechtsakt nicht wirksam auszuführen vermöge« (S. 239), 
das heisst, dass er die Frau nicht zum Orgasmus zu bringen vermag; 
»tatsächlich finden die Eingeborenen, dass der weisse Mann es viel 
zu schnei! zum Orgasmus kommen lässt.« (S. 240.) Hier haben wir 
eine klare Bestätigung erstens dafür, dass der Trobriander genau 
weiss, was die richtige Befriedigung ist, zweitens, dass die Weissen 
(was ich an anderer Stelle als die für den von der Sexualmoral be- 
troffenen bürgerlichen Mann typische »physiologische ejaculatio prae- 



X) Vgl. meine Arbeit »Die seelischen Erkrankungen als soziales Problem« in 
»Der sozialistische Arzt«, 1931. 



Die orgastische Potenz der Primitiven 17 



cox« bezeichnete), im Verhältnis zu dem von moralischen Hemmungen 
unbeschwerten Primitiven zu früh zum Orgasmus kommen. Dass es 
sicli dabei nicht um Rassenunterschiede handelt, beweist der Tatbe- 
sland, dass solche chronische, nicht als krankhaft empfundene Ver- 
frühung des Samenergusses durch psychoanalytische Beseitigung der 
erworbenen Sexualhemmungen behebbar ist. Die Verfrühung des 
Samenergusses bei der überwiegenden Mehrzahl der Männer unserer 
Kulturkreise bedeutet gleichzeitig eine beträchtliche Herabsetzung der 
Sexualbefriedigung, denn die volle Befriedigung setzt eine längere 
Friktionszeit zur Konzentration aller freien Libido am Genitalapparat 

voraus^) . 

Beweisend ist ferner für die orgastische Potenz der Frauen bei 
den Trobriandern, dass sie in der Bezeichnung keinen Unterschied aus- 
drücken zwischen dem Orgasmus der Frau und dem des Mannes: 
Beide werden mit dem Ausdruck ipipisi momona bezeichnet, das heisst, 
»die Samenflüssigkeit fliosst aus. Momona bedeutet gleichzeitig den 
männlichen und weiblichen Ausfluss.« (S. 240.) Ferner ist selbst- 
verständlich, dass der Mann wartet, bis die Frau zur Befriedigung 
kommt. 

Auch aus persönlichen Berichten dieser Primitiven geht ihre sexu- 
elle Erlebnis fähigkeit eindeutig hervor. Wir lassen einen solchen 
Bericht folgen: 

»Wenn ich mit Dabugera schlafe, umarme ich sie, umschlinge ich sie mit 
meinem ganzen Körper, wir reiben unsere Nasen aneinander. Wir saugen einer 
des anderen Unterlippe, so dass wir in leidenschaftliche Erregung geraten wir 
saugen einer des anderen Zunge an, wir beissen uns in die Nasen, wir beissen 
nns in das Kinn, wir beissen in die Wangen und streicheln zärtlich über 
Achselhöhle und Weichen. Dann sagt sie wohl: ,0, mein Liebster, es juckt sehr 
. . . stosse weiter, mein ganzer Leib schmilzt . . . vor Lust . . . stosse heftig zu, 
stossc schnell zu, damit der Saft ausströme . . . tritt weiter, ich habe ein so 
angenehmes Gefühl dabei!« (S. 241 f.) 

Man vergleiche mit diesem, Wissen der Primitiven die Theorien 
mancher unserer Sexualforscher, dass die Befriedigung nicht unhe- 
dingt zur Natur der Frauen gehöre, oder dass die Natur es so ein- 
gerichtet habe, dass die Frauen, nur um keine Schmerzen bei der 
Geburt zu haben, in der Scheide unempfindlich seien, und ähnliche 
»wissenschaftliche« Ergüsse moralisch befangener Hirne. 

Die Mehrzahl unserer Frauen ist unfähig zu der bestimmten Art 
von rhythmischer Beckenbewegung beim Akt, die den eigenen Orgasmus 
herbeiführt und die Befriedigung des Mannes erhöht, eine Aktion, 
die von den Prostituierten bewusst und kalt durchgeführt wird, um 
dem Manne Erregung zumindest vorzutäuschen. Um diese Bewegung 
besser auszuführen, also um grössere Befriedigung zu erzielen, üben 
die Primitiven den Geschlechtsakt in Hockstellung aus und spotten 



1) »Die Punktion des Orgasmus«. Int. Psa. Verlag (Kap. »Die orgastische Potenz*). 
3 



18 Die sexuelle Oekonoraie in der muUerrechtliclien Gesellschaft 



Über die Koitusstellung des Europäers, die die Frau bei der Gegenbe- 
wegung behindert. »Den Eingeborenen gilt die Hockstellung als vor- 
teilhafter, einmal weil der Mann sich freier bewegen kann als beim 
Knien, dann aber auch, weil die Frau weniger behindert ist bei ihren 
Gegenbewegungen .... Mancher Weisse hat mir von dem vielleicht 
einzigen Wort der Eingeborenensprache erzählt, das er gelernt habe 
kulilabala (»bewege dich weiter horizontal«); es wurde ihm während 
des Geschlechtsaktes mit einiger Heftigkeit immer wieder zugerufen.c 

Und wie wenig sonst Berichte von Missionaren und befangenen 
Ethnographen, die ihre Kenntnisse nicht von den Eingeborenen selbst 
beziehen wie Malinowski, für die Beurteilung der Sexualität der 
Frauen der Primitiven wert sind, beweisen die Klagen weisser Männer, 
dass die eingeborenen Frauen schwer zu erregen seien. Bei uns 
schliesst man von der Geschlechtskälte der Frauen nicht auf die 
Impotenz der Männer und auf die gesellschaftliche Sexualunter- 
drückung, sondern auf die »von der Natur angelegte Geschlechtskälte 
oder sexuelle Bedürfnislosigkeit der Frau«; und aus solchen Berichten 
von weissen Männern mit verbildeter Sexualität lässt sich leicht sogar 
der »ethnologische Beweis« dafür schöpfen. 

Zur Herstellung der orgastischen Potenz gehört auch eine ent- 
sprechende Sexualerziehung. Bei den Trobriandern üben sich der 
Körper und der seelische Apparat von früh auf, wie wir bereits ge- 
hört haben, in der natürlichen Technik des Lustgewinns beim Akt, 
die ihnen die spätere Erlernung einer künstlichen »Liebes«-Techmk 
erspart. Aber es gibt primitive Völker, bei denen der Unterricht im 
Sexualakt durch die Frauen eine grosse Rolle spielt. Es wäre wichtig 
festzustellen, ob dieser aktive Unterricht durch die Erwachsenen nicht 
bereits eine Reaktion auf Schädigungen der Sesual- 
struktur dieser Primitiven durch das Eingreifen patriarchalischer 
Unterdrückung der kindlichen Sexualität ist, ob er nicht ein Nach- 
helfen bedeutet in den ersten Stufen des Patriarchats, das zwar an 
der Keuschheit der Mädchen, aber nicht an der Sexualstörung der 
Frauen interessiert ist. So berichtet 

Angus über die Zeremonie des »Chcnsanwalia bei den Azimba ia Zentral- 
afrika (Zeitschrift für Ethnologie, 1898, S. 479): »Bei den ersten Zeichen der ersten 
Menstruation führt die Mutter das Judrc Mädchen in eine abgelesene Grashütte, 
wo dasselbe die Tatsachen des Geschlechtsverkehrs und die verschiedenen 
Stellungen, in denen sich die Koliubitation ausführen lässt, von Frauen lernt. 
Zur Erweiterung der Vagina wird ein Hörn in dieselbe eingeführt und durch 
eine Bandage befestigt. Nach dem Ablauf der Menstruation führen Frauen vor 
dem Mädchen einen Tanz auf. Das Mädchen sitzt im Kreise der Täns'.erinncD 
auf der Erde; kein Mann darf zusehen. Das Mädchen muss dann miraisch die 
Vollziehung des Koitus vorführen; sodann wird es durch Gesänge über das 
Geschlechtsleben und die Pflichten einer Ehefrau unterrichtet; sie erfährt auch, 
dass sie während ihrer Menstruation tabu ist und solange ein Büschel Gras vor 
der Vulva trasen soll. Die Gesänge lehren auch die Pflichten der ehelichen 
Treue der Schwangerschaft, die Künste, durch die sie ihren Mann anziehen 
kann um ilire Macht über ihn zu behalten. Diese Belehrung gilt als etwas Selbst- 
verständliches, keineswegs Unanständiges; die Frauen dieses Stammes 



Die sexuelle Gesundheit der Frauen 19 



sind meist Ic e u s c h.« (Zitiert nach Havellock-Ellis: »Geschlecht 
und Gesellschaft«. I. B. S. 368.) 

Ferner: »In Abessinien und auf Zansibar werden die jungen Mädcheo in 
Beckenbewegungen eingeübt, welche den Genuss der Kohubitation erhöhen sollen; 
diese sog. ,duk-diik' nicht zu kennen, gilt für eine Schande. Auch die Swaheli 
kultivieren Übungen in Hüft- und Gcsässbewcgungen. Die Übung geschieht in 
Gruppen von 60 bis 80 Frauen, nackt, manchmal acht Stunden täglich. Zuschauer 
werden nicht zu({elassen. Zache hat diesen Tanz näher besclirieben. (Zeit- 
schrift für Ethnologie, 1899, S. 72.) (Ebenda S. 368.) Diese Trainierung der 
jungen Mädchen dauert fast ein Vierteljahr, worauf sie festlich geputzt nach 
Hause zurückkehren, .\hnliche Gebräuche sollen auch in den ostindischen Kolonien 
der Holländer und anderwärts im Schwang sein.« 

Dieser Bericht enthält gewiss Übertreibungen, aber an der Tatsache 
des sesuellen Unterrichts brauchen wir nicht zu zweifeln. Dass diese . 
Frauen keusch leben oder in strenger ehelicher Treue, deutet auf ] 
fortgeschrittenes Patriarchat hin, und unsere Vermutung, dass es 
sich um Versuche handelt, die gestörte Sexualität der Frauen wieder 
herzusteilen, ge\sinnl an Wahrscheinlichkeit. 



5. KEINE NEUROSEN — KEINE PERVERSIONEN 

Bei sexualökonomischem Leben der überwiegenden Mehrheit einer 
Gesellschaft kann es — so folgt aus der psychoanalytischen Sexual- 
theorie und Neurosenlehre, wenn man sie konsequent zu Ende denkt, , 
keine ^Neurosen geben, weil diese Folgeerscheinungen behinderten ^<Jv- 
Genitallebens sind.^) Und weiter folgt aus unseren soziologischen Un- 
tersuchungen über die Herkunft und Wirkung der sexualverneinenden 
Moral, dass sie es ist, die die Sexualverdrängung, dadurch die sexu- 
elle Stauung setzt und mit deren Hilfe die alltäglichen seelischen Kon- 
flikte zu neurotischen gestaltet. Aus der psychoanalytischen Erfor- 
.schung der Perversionen geht ebenfalls hervor, dass sie letzten Endes 
Ergebnisse der Abdrängung der sexuellen Energie von ihrem normalen 
genitalen Ziel sind; durch diese Hemmung der Genitalität werden 
alle prägenitalcn Ansprüche mit Energie überbesetzt, so dass sie unter 
bestimmten Bedingungen als ^ Perversionen zum Vorschein kommen. 
Und die Fixierung an einem kindlichen Triebziel, die die psychoana- 
lytische Theorie als ihre Grundlage ansieht, ist selbst nichts anderes 
als die Folge der Hemmung des natürlichen genitalen Liebeslebens j 
der Kinder und der Jugendlichen durch die scxualverneinende Sexual- J 
Ordnung, deren Vollzugsorgane die Eltern sind. • 



1) (1934.) Für diese Anscliauung trage ich die Verantwortung allein; Freud und 
seine Schule lehnen sie ah und wehren sich dagegen; sie wollen sie nicht im 
Namen der Psychoanalyse vertreten sehen. Ich muss Freud darin beistimmen: 
Diese Grundauffassung der Sexualökonomie ergab sich erst, als die orgastische 
Funktion der Genitalität entdeckt war und in das psychoanalytische Lehrge- 
bäude eingefügt wurde. Dadurch veränderte sich jedoch die Anschauung von 
der Ökonomie der seelischen Erkrankungen wesentlich. Gerade dies hedingte 
die Kluft, die die sexualökonomische Theorie von der heutigen psychoanalyti- 
schen Neurosenlehre trennt. 



Da die sexualmoralische Erziehung aber erst mit dem Interesse 
am Privateigentum in die Geschichte der Menschen eintritt und sich 
mit ihm entwickelt, sind die Neurosen Erscheinungen der patriar- 
^chahschen, priVäteigentümlichen Gesellschaftsordnung. 

Nun liefern uns Malinowskis Beobachtungen und seine ver- 
gleichenden Untersuchungen den unwiderleglichen Beweis für diese 
Zusammenhänge in ebenso klarer Weise, wie sie uns von der Möglich- 
keit der Selbststeuerung des Geschlechtslebens durch die Sexualbe- 
friedigung überzeugen. 

Malinowski hatte Gelegenheit, neben der beschriebenen noch 
überwiegend mutterrechtlichen Gesellschaft der Trobriander eine 
Gesellschaft von Primitiven südlich von den Trobriand-Inseln auf 
den Amphletts zu beobachten. Dieses Volk ist, schreibt Malinowski, 
den Trobriandern sehr ähnlich in Rasse, Bräuchen und Sprache, 
unterscheidet sich aber von diesen beträchtlich in ihrer sozialen Or- 
ganisation; sie weisen bereits strikte sexuelle Moral in bezug auf 
vorehelichen Geschlechtsverkehr auf, den sie verurteilen, und sie 
haben keine Institutionen wie die Trobriander, die das Geschlechts- 
leben fördern; bezeichnend ist, dass ihr Familienleben bedeutend mehr 
gebunden ist. Obwohl noch mutterrechtlich organisiert, haben sie 
eine weit stärkere patriarchalische Autorität entwickelt und »dies, 
kombiniert mit der sexuellen Unterdrückung, bedingt ein Bild des 
kindlichen Lebens, das dem unseren sehr ähnlich ist.« Malinow- 
ski schreibt: »Bei den Trobriandern. die ich sehr genau kenne, könnte 
ich keinen einzigen Mann und keine Frau nennen, die hysterisch oder 
auch nur neurästhenisch waren. Nervöse Tics, Zwangshandlungen 
oder Zwangsgedanken waren nicht zu finden.« Es kommen gelegent- 
lich Kretinismus, Idiotie und Sprachstörungen vor; ferner gelegent- 
liche Ausbrüche von Zorn und Gewalt. Dies alles wird von den Ein- 
geborenen schwarzer Magie zugeschrieben. Dagegen glauben die 
Trobriander, dass es auf den Ämphlett-Inseln eine andere Art 
»schwarzer Magie« gibt, die verschiedene Formen von Zwangsakten, 
-gedanken und nervösen Symptomen erzeugt: ». . . während meines 
Aufenthaltes auf der Amphlett-Insei war mein erster und stärkster 
Eindruck, dass das eine Gemeinschaft von Neuras thenikern ist . . . 
Von den offenen, freudigen, herzlichen und zugänglichen Trobriandern 
kommend, war es erstaunlich, sich in einer Gemeinschaft zu finden, 
die jedem neuen Ankömmhng misstraute, ungeduldig war bei der 
Arbeit, arrogant in ihrem Auftreten. Die Frauen rannten weg, als 
ich landete und hielten sich die ganze Zeit über verborgen . . . Ich 
fand sofort eine Reihe von Leuten von Nervosität crfasst (affected 
with nervousness)«^). 



1) Malinowski: »Sex und Repression in Savage Society« (S. 86 f.), London, 

kegan 1927. 

2) Ebenda (S. 88). 



Patriarchalische und matriarchalische Primitive 21 

Noch interessanter und für unsere ganze Auffassung des Zusam- 
menhanges zwischen sozialer Organisation, sexueller Ökonomie und 
Neurosen, massgebend ist, was Maiinowski von den Mailu, einem 
die südliche Küste von New-Guinea bewohnenden Volksstanim be- 
richtet, der bereits völlig patriarchalisch organisiert ist: ». . . sie 
haben eine ausgesprochen väterliche Autorität in der Familie und 
strikte Vorschriften verdrängender Sexualmoral. Unter diesen Pri- 
mitiven fand ich eine Reihe von Neurasthenikern, die sich deshalb 
als unfruchtbar erwiesen zu ethnographischen Forschungen und In- 
formationen.« (1. c. S. 89.) Und weiter: »Es trifft für die Trobriander 
völlig zu, dass dort das freie Sexualleben keinerlei Homosexualität 
aufkommen lässt. Es flammte auf den Trobriand-Inscln auf nur 
durch den Einfluss des weissen Mannes, spezieller seiner Moral. Die 
Knaben und Mädchen in der Missionsstation lebten in gesonderten 
und streng isolierten Häusern, .... mussten einander helfen, so gut 
sie konnten, seitdem das, was jeder Trobriander als sein gutes Recht 
und als seine Pflicht betrachtet, ihnen versagt wurde. Sehr sorgfältige 
Untersuchungen der Stämme mit und solcher ohne Missionare bei 
den Eingeborenen zeigen, dass die Homosexualität die Regel bei den- 
jenigen ist, denen die Moral des weissen Mannes aufgezwungen wurde 
auf eine derartig unrationale und unwissenschaftliche Weise.« 

Hier wirkt bereits die ökonomische Expansion der kapitalistischen 
Wirtschaft, die die Missionare vorausschickt, um die Eingeborenen zu 
präparieren mit Moral, Alkohol, Religion und anderen »Gütern der 
Kultur«, zu deren Verteidigung und Rechtfertigung dann das Bürger- 
tum die besten und genialsten seiner Forscher heranzuziehen versteht. 
Wir müssen aber auch feststellen, dass die Eigenentwicklung der ma- 
triarchalischen Gesellschaft mit Notwendigkeit, wenn auch unvergleich- 
lich langsamer und milder, zu qualitativ gleichen Erscheinungen der ^ 
Sexualmoral führt. Die Missionare und sonstigen weissen Räuber j 
beschleunigen bloss diesen Prozess und erfüllen ihn mit der Grausam- j 
keit des impotenten und besitzgierigen »Kulturträgers«. » 

Fügen wir noch an, was Maiinowski in seinen Werken über 
das Geschlechtsleben der Trobriander über Perversionen berichtet: 
s- Widernatürliche Unzucht« kommt nicht vor. Erscheinungen wie 
Sodomie, Homosexualität, Fetischismus, Exhibitionismus und Mastur- 
bation gelten den Eingeborenen nur als armselige Ersatzmittel für 
den natürlichen Geschlechtsakt und deshalb als schlecht und nur 
eines Toren würdig. Besonders kränkend für seine Eitelkeit wäre 
die Voraussetzung, er müsse wohl unfähig sein, seine Triebe auf na- 
türlichem Wege genussreich zu befriedigen, da er zu solchen Ersatz- 
mitteln greife. Der Trobriander verachtet Perversionen, wie er einen 
Menschen verachtet, der geringe oder unreine Dinge verzehrt statt 
guter reiner Nahrung. 



22 



Die sexuelle OekoDomie in der mutterrechüichen Gesellschaft 



»Im folgenden gebe ich einige typische Bemerkungen zum Thema »Perver- 
sionen« wieder: »Kein Mann und keine Frau in unserm Dorfe tut es.« »Niemand 
durchbohrt gern Exkrement.« »Kein Menseh hat seinen Hund lieber als seine 
Frau.« »Nur ein Idiot (tonagawa) würde das tun.« »Nur ein ionaaaiva onaniert. Es 
ist eine grosse Schande; wir wissen dann, dass keine Frau mit ihm koitieren will; 
wir wissen: ein Mann, der das tut, kann keine Frau erwischen.« Alle Aussagen 
der EiDgeborenen betouen das Unbefriedigende des Ersatzes, des Notbehelfs, und 
sie folgern daraus sowohl die bedauernswerte Armseligheit des Betreffeuden, 
als auch sein sexuelles Manko. Es wird etwa Orato'u als Beispiel angeführt, 
der Dorfnarr von Omarakana, der verkrüppelt ist und nicht richtig sprechen 
kann, oder verschiedene Albinos oder ein paar besonders bässliche Frauen; die 
mögen sich vielleicht der einen oder anderen I'erversion hingclicn, sagen die 
Eingeborenen, doch nie ein normaler Mann oder eine normale Frau . . - Wird 
Inversion definiert als eine Beziehung in der Detumesxenz, die regelmässig durch 
Berührung mit einem gleichgeschlechtlichen Körper herbeigeführt wird, so sind 
die Männerfreundschatten auf den Trobriandinscln nicht homosexuell, und In- 
vertiertheit kommt überfiaupt nicht häufig vor. Denn wie gesagt, gilt diese 
Betätigung wirklich als schlecht und unrein, weil sie mit Ausscheidungen in 
Berührung bringt, die dem Eingeborenen wahrhaft Ekel einflössen. Und wäh- 
rend die üblichen Zeichen der Zuneigung zwischen Angehörigen desselben Ge- 
schlechts durchaus gebilligt werden, würde jede erotische Zärtlichkeit, wie Kratzen, 
Wimpern- Abbeissen oder Berührung mit den Lippen die Eingeborenen empören.« 
(Malinowski, Das Geschlechtsleben der Wilden, S. 336 ff.) 



Der Trobriander enUvickelt also einen genitalen Stolz und dement- 
sprecliendes Ehrgefühl (sexualbejahendes Ich ideal), das 
ihn zu einer trefflichen Einschätzung der eigentlichen Natur der 
Perversion befähigt. Unsere sexualverncinende gesellschaftliche At- 
mosphäre hat es zuwege gebracht, dass die besten unserer Sexiial- 
forscher diesen einfachen Zusammenhang zwischen der Störung der 
Potenz durch die Gesellschaftso rdnung und den EeEyeEsioiieiL_alS. 
Ersatzbefriedigungen der Genitalitüt nicht erkannten. »In mancher 
Hinsicht sind seine Regelungen biologisch besser begründet und ge- 
sünder als unsere eigenen, in anderer Hinsicht feiner und scharf- 
sinniger, und in noch anderer Hinsicht ein wirksamer Schutz für Ehe 
^ und Familie,« (1. c. S. 315) schreibt Malinowski. 

r Nur die ersten zwei Feststellungen sind richtig: Das Sexualleben 
\ dieser Primitiven ist natürlich, sexualökonomisch geregelt; auf dieser 
Grundlage entwickelt sich eine hohe Sexualkultur. Aber den an- 
geblichen Schutz für Ehe und FamiUe, den das bedeuten soll, trägt 
Malinowski, der sich trotz seiner eigenen Forschungen von der 
biologischen Auffassung der Familie nicht freigemacht hat, in die 
Tatsachen hinein. 

»Die Formen der Zügellosigkeit, wie sie auf den Trobriand-Inseln 
vorkommen, passen so gut in das Gefüge von Individualehe, Familie, 
Clan und örtlicher Gruppe und erfüllen gewisse Aufgaben so durchaus 
zweckmässig, dass nichts Wichtiges und Unverständliches durch Hin- 
weise auf hypothetische frühere Zustände wegzuerklären bleibt. Diese 
Formen existieren noch heule, weil sie Seite an Seite mit Ehe und 
Familie, ja zum Besten von Ehe und FamiUe gute Dienste leisten; 
und es besteht kein Grund zu der Annahme, dass in der Vergangenheit 



\ 



Verachtung der Geschlechtsverirrungeo 23 



andere Ursachen für ihr Bestehen massgebend waren als in der Gegen- » 
wart.« (Geschlechtsleben der Wilden, S. 385.) Wir werden an Ma- 
linowskis eigenen Berichten zeigen können, dass das szügellose«, 
biologisch regulierte Sexualleben der Trobriander doch in Wider- 
spruch zu ihrer Ehe und Familie steht, und dass uns, wenn wir schon 
unbedingt Partei ergreifen wollen für die »Zügellosigkeit« o li n e 
Neurosen und Perversionen oder für Ehe und Familie mit Perver- 
sionen und Neurosen und sexuellem Elend, nichts übrig bleibt, als 
uns für eines von beiden zu entscheiden. 

»Ob diese einander ergänzenden Perversionen im Gesclilechtslcben der Ein- 
geborenen eine grosse Rolle spielen, vermag ich nicht zu sagen. Die grausamen 
Formen der Zärtlichkeit — Kratzen, Beissen, Spucken — , die der Mann mehr 
noch als eine Frau über sich ergehen lassen muss, beweisen, dass sie als Element 
der Erotik im Liebesspiel der Eingeborenen nicht unbekannt sind. Andererseits 
ist Geisselung als erotischer Brauch gänzlich unbekannt, und die Vorstellung, 
dass Grausamkeit an sich ■ — ob nun aktiv begangen oder passiv hingenommen — 
eine wohltuende Detumeszenz herbeiführen könnte, erscheint den Eingeborenen 
nicht nur unverständlich, sondern lächerlich. Ich möchte daher annehmen, dass 
diese Perversionen in ihrer ausgesprochenen Form nicht existieren . . . 

Fellatio wird beim vertraulichen Liebesspiel wahrscheinlich geübt. Ich habe 
meine Kenntnisse ausschliesslich von Männern bezogen, und da wurde mir gesagt, 
dass ein Mann niemals die weiblichen Genitalien in dieser Art berühren würde; 
gleichzeitig aber versicherte man mir Penilinctus werde in ausgedehntem Mass 
geübt. Ich bin jedoch von der Wahrheit dieser männlichen Darstellungsweise 
keineswegs überzeugt. Der Ausdruck ikfiniimuiaai kalu momona, .den Ausfluss 
aus den Genitalien auflecken', bezeichnet beide Formen der Fellatio (1. c. S. 340). 

Masturbation ist ein anerkannter Vorgang, auf den oft im Scherz angespielt 
wird. Die Kingeborenen behaupten Jedoch, nur ein Idiot täte so was, oder ein 
unglücklicher Albino oder ein Mann, der nicht richtig sprechen könnte: mit 
anderen Worten: nur jemand, der bei den Frauen nichts erreichen kann. Mastur- 
bation gilt daher als unfein und eines Mannes nicht würdig, doch mehr im 
spasshatten Sinne; jedenfalls wird sie sehr milde beurteilt. Genau dieselbe 
Haltung wird gegenüber der weiblichen Masturbation eingenommen. 

. . . Exhibitionismus gilt bei den Eingeborenen als wahrhaft verächtlich und 
widerlich, 

. . . Wenn man die Seitenpfade des Geschlechtstriebes behandelt, so lässt 
sich keine strenge Grenze ziehen zwischen gewissen Praktiken — wie Fellatio 
und leidenschaftlichen überschwenglichen Liebkosungen — als vorbereitenden 
geschlechtlichen Zärtlichkeiten einerseits und als Selbstzweck, das heisst als 
endgültige Perversion andererseits. Entscheidend ist, oh sie nur als Teil des 
Liebesspiels zum normalen Koitus führen oder an sich schon genügen, die 
Detumeszenz herbeizuführen. In diesem Zusammenhang sollte man nicht ver- 
gessen, dass die nervöse Reizbarkeit der Eingeborenen viel geringer ist als unsere 
eigene; ihre erotische Phantasie ist verhältnismässig träge; geschlechtliche Er- 
regung und Tumcszcnz wird nicht nur durch Anblick, Geruch oder Berührung 
der Geschlechtsorgane erreicht; um beim Mann oder Weib Orgasmus berbei- 
zuführen, ist stärkere körperliehe Berührung, vorbereitendes Liebesspiel und vor 
allem direkte Reihung der Schleimhäute nötig. Es ist daher anzunehmen, dass 
bei den Eingeborenen das vorbereitende Liebesspiel weniger leicht zum Selbst- 
zweck wird, also sich zu Perversionen entwickelt, als bei leichter erregbaren 
Völkern. a (S. 341.) — »Szenen, wie sie nach Einbruch der Dunkelheit und schon 
vorher in jedem europäischen Park häufig zu sehen sind, wären in einem 
TrobrJanderdorf ganz ausgeschlossen.« (S. 343.) — »Die ganze Einstellung der 
Trobriander gegenüber geschlechtlichen Exzessen zeigt, dass sie Zurückhaltung, 
Würde und Erfolg hoch einschätzen und bewundern; nicht nur, weil es einem 
Menschen wohl ansteht, sondern ■weil es beweist, dass er es nicht nötig hat, 
den Draufgänger zu spielen. Das sittliche Gebot, bei der Werbung Gewalttätigkeit, 



24 



Die sexuelle Oekonomio iu der mutterrechtlichen (Je Seilschaft 



\ 



drängendes Ungestüm und Überredungskünste aus dem Spiel zu lassen, liegt in 
der starken Überzeugung hegründet, dass solche Mittel schimpflich seien; denn 
wahrer Wert und wahre Würde licKt dai-in, dass man begehrt wird, dass man 
durch persönliche Vorzüge, durch Schönheit und Magie erobert.« (I. c. S. 351.) 

Wir sehen, die moralischen Wertungen des Trobrianders sind von 
den unsrigen prinzipiell verschieden. Bei uns wird aus allgemeiner 
Sexual Verneinung gewertet, der Trobriandcr wertet aus einer posi- 
tiven Einstellung zum genitalen Geschlechtsleben in trefflicher Er- 
fühlung der Krankhaftigkeit oder Defektuosität der Perversionen. 
»Wenn eine Frau keine Männer hat, die zu ihr kommen, und sie 
seihst die Initiative ergreift und zu einem Manne geht, nennen wir 
sie eine Hure.« »Es liegt auf der Hand«, schreibt Malinowski 
mit Recht, »dass solche Frauen deshalb moralisch verurteilt werden, 
weil erotische Erfolglosigkeit als Schande gilt.« (S. 350.) Das ist 
zwar auch bei uns der Fall, aber diese Wertung bleibt geheim, hat 
keine offizielle Geltung. Die bürgerliche Anschauung von Zucht und 
Sitte wertet nicht negativ, weil Erfolglosigkeit, sondern im Gegenteil, 
weil sexuelles Verlangen a usserhalb und i n gewissen Schichten auch_ 
innerhalb der Ehe als Schande gilt. Die Konsequenzen dieser beiden 
1 verschiedenen Wertungen, der sexualökonomischen und der morali- 
I sehen, sind nicht geringfügig: Jene treibt zu Vollenlfallung von ge- 
'nitaler Tüchtigkeit, körperlicher Schönheit und Anziehung an; diese 

■ bedingt das Gegenteil, Verkrüppelung der Sexualität, Verbergen des 

■ Körpers und Verunstaltung (vgl. die Kirche als Feind des weiblichen 
l Turnens). 

Nehmen wir ein anderes Beispiel der sexualökonomischen Wertung 
des Trobrianders. Er verurteilt sexuelle Lüsternheit und Geilheit, die 
typischen Produkte der Sexualunlerdrückung. »Die Unfähigkeit, 
seinen Trieb zu beherrsclien«, berichtet Malinowski, »welche zu 
fortgesetzter, aggressiver geschlechtlicher Betätigung führt, wird an 
Mann und Frau als verächtlich angesehen.« (S. 350.) Es handelt 
sich offenbar um eine Ungenauigkeit des Ausdrucks. Der Trobriander 
wird nicht die Unfähigkeit, sich zu beherrschen, sondern die Grund- 
lage der pathologischen Sexualaggression, die gestörte Befriedigbar- 
keit ablehnen. Das geht aus der Gesamteinstellung des Trobrianders, 
der ja täglich verkehren kann und keine genitalen Hemlmungen kennt, 
eindeutig hervor. 

Hier muss eine wichtige Tatsache vermerkt werden: Der durch 
eine Psychoanalyse geheilte Neurotiker oder Perverse, der vorher 
lüstern, sexuell aggressiv oder unersättlich war, weil seine Befriedig- 
barkeit gestört war, beginnt nach der Behandlung, in dem Masse wie 
seine Genitalität vom moralischen Druck befreit wird und er von 
der Sexual Verneinung zur Sexualbejahung fortschreitet, ähnliche Züge 
der natürlichen Zurückhaltung, der Auswahl des Partners nach sexu- 
alökonomischen Gesichtspunkten, der Ablehnung des Verkehrs mit 



SexualökoQomischc uad scxualmoralische Wertung 2& 

Prostituierten, der Onanie und selbständiger perverser Akte liervor- 
zukehren wie der von vornherein sexualökonomisch organisierte 
Trobriander, Wir dürfen daher sagen, dass der Wegfall der morali- 
schen Hemmung die sexualökonomische Regulierung des Liebeslebens 
zur Geltung kommen lässt, während die Sexualm oral das gerade Ge- 
genteil des Beabsichtigten erzielt. 

Wir werden im nächsten Abschnitt die Veränderungen im Sinne 
der europäischen und amerikanischen Moral zu behandeln haben, die 
die Entwicklung des Patriarchats in diese sexualökonomisch regulierte 
Gesellschaft wie einen Keil hineintreibt. Und wir werden sehen, dass 
mit dem Vordringen der Sexualmoral und in gleichem Schritt mit ihr 
sich die Erscheinungen unserer Kulturkreise deutlich ausbilden, so 
vor allem in Verbindung mit all dem, was mit der Eheinstitution und 
ilirer wirtschaftlichen Grundlage zu tun hat. 



m 



•^ -v^. 



II. KAPITEL 

DIE ÖKONOMISCHEN UND SEXUELLEN 
WIDERSPRÜCHE DER TROBRIANDER 

1. DIE MUTTERREGHTLIGHE ORGANISATION UND 
DAS AUFSTEIGENDE PATRIARGHAT 

Die von Malinowski durchforschte mutterrechllichc Organisa- 
tion der Trobriander in Nordwest-Melanesien ist ganz besonders ge- 
eignet, Licht auf die so dunkle Entstehungsgeschichte der sexual- 
verneinenden Moral und ihren Zusammenhang mit dem Beginn der 
Klassenteilung zu werfen, und dies aus folgendem Grunde. 

Malinowski betont an verschiedenen Stellen seines Berichtes, 
dass sich bei den Trobriandern sehr merkwürdige Widersprüche er- 
geben zwischen der mütterlichen Erbfolge und der mütterlichen Clan- 
Einteilung einerseits und der Rolle, die der Mann, sei es als Bruder 
der Mutter, sei es als Gatte in dieser Gesellschaft spielt. Wir wollen 
zuerst das Material zusammentragen, um daraus später unsere 
Schlüsse zu ziehen, und nehmen nur vorweg, dass es sich um Wider- 
sprüche zwischen (noch) mutterrechllicher und (schon) beginnender 
vaterrechtlicher Organisation handelt. Hören wir zunächst Mali- 
nowskis Bericht über die wirtschaftliche und soziale Organisation 
der Trobriander, die er immer wieder und mit Recht als die Grund- 
lage der sexuellen Verhältnisse bezeichnet^). 

Der Trobri and- Archipel liegt im Nordosten von Neu-Guinea und 
besteht aus einer Gruppe flacher Koralleninseln, die eine weite La- 
gune umrahmen. Die Landflächen sind sehr fruclitbar und die Lagunen 
fischreich. Die Bewohner der einzelnen Inseln stehen in Handels- 
verkehr miteinander, ebenso die Küstenbewohner mit den Bewohnern 
des Innern der Inseln. Ackerbau und Fischfang sind die wirtschaft- 
lichen Grundelemente. Es herrscht reger Tauschhandel an Garten- 

1) Die Dächstfoigende Beschreibung entnehmen wir »Crime and Custom in Savage 
Society«, S. 1 bis 39. 



Urkommunismus und Tauschverkehr 27 

fruchten gegen Fische und umgekehrt. Die Produktion ist gesell- 
schaftUch, ebenso die Produktenverteilung. Malinowski, der sich 
vom Begriff des Kommunismus eine falsche Vorstellung macht, be- 
streitet, dass die Wirtschaftsordnung der Trobriander irgendwie mit 
dem Ausdruck »Urkommunismus« erfasst werden könnte, doch geht 
aus seiner genauen Beschreibung etwa der Besitzverhältnisse an 
Kanus der kommunistische Charakter eindeutig hervor. In jedem 
Kanu findet sich zwar nur ein Mann, der der rechtmässige Besitzer 
(»rightfui owner«) ist; aber alle Männer, die ein Kanu bedienen, 
gehören in der Regel einem Unterclan an; sie sind aneinander durch 
bestimmte Verpflichtungen gebunden: Wenn die Gemeinschaft 
fischen geht, kann der Eigentümer sein Kanu nicht verweigern. M a- 
1 i n o w s k i spricht an verschiedenen Stellen von ausgesprochenem 
Besitz und erwähnt dabei gerade das Kanu. Wir sehen aber an der 
genannten Verpflichtung, dass dieser »Besitz« nichts mit unserem 
Eigentum an Produktionsmitteln zu tun hat, dass es sich vielmehr prak- 
tisch um Gemeineigentum handelt. Wenn der »Eigentümer« nicht selbst 
ausfahren kann, muss er entweder das Kanu überlassen oder einen 
Vertreter schicken. Jeder Mann aus einer Kanugruppe hat einen be- 
stimmten Platz und eine bestimmte Aufgabe und ist verpflichtet, teil- 
zunehmen. Jeder bekommt auch seinen Teil von den gefangenen Fi- 
schen. Malinowski erwähnt an keiner Stelle, dass der »Besitza 
des Kanus besondere Vorrechte einräumt. Die Bezeichnung »toli« 
(Eigentümer) drückt nur einen Wert aus, bedeutet nur eine Aus- 
zeichnung, »selbst wenn sie keinen Anspruch auf ausschliessliche 
Benützung des Gegenstandes erteilt.« (»Geschlechtsleben« S. 17.) 
»Thus Ihe ownership and use of thc canoe consists of a series of 
definile obligations and duties uniting a group of pcople into a wor- 
king team.« (»Crime and Custom«, S. 18.) 

Sowohl der »Besitzer« wie die übrigen Gruppenmitglieder sind 
berechtigt, ihre Rechte an irgendeinen Verwandten oder Freund ab- 
zutreten. Dies geschieht oft, aber immer gegen irgendein Entgelt. 
Malinowski spricht sich streng gegen die Auffassung dieser Ver- 
hältnisse als kommunistischer aus und sagt, man könnte mit dem 
gleichen Rechte eine moderne joint-stock Company als Kommunismus 
bezeichnen. Daraus geht seine Unkenntnis der kapitalistischen Wirl- 
schaftsverhältnisse hervor, die Nichtunterscheidung zwischen gesell- 
schaftlicher und privater Aneignung der gesellschaftlich erarbeiteten 
Produkte. Ihm schwebt die typisch bürgerliche Vorstellung von Kom- 
munismus vor als einer Organisation, in der der einzelne keinerlei 
Rechte hat, wo kein Selbstinteresse besteht. Er beurteilt von diesem 
Standpunkt die trobriandrische Gesellschaft und kritisiert die Be- 
schreibungen der Urgesellschaft in Ausdrücken wie » Kommunismus«, 
»Clansolidarität« etc. Elr stellt demgegenüber kritisch fest, dass ein 
bestimmtes System herrscht von Arbeitsteilung und gegenseitigen 



28 



Die ökonomischen und sexuellen Widerspiücliü der Trohriandcr 



Verpflichtungen, in das ein bindendes Pflichtgefühl und die Erkennt- 
nis der Notwendigkeit der Zusammenarbeit Seite an Seite mit Selbst- 
interesse (»self-intcrest«) und Pri\ilegien eingreifen. Was Mali- 
nowski über den Kanubesitz berichtet, entspricht aber vollkommen 
den jnarxis tischen Beschreibungen des Urkommunismus. Der Be- 
sitzer des Kanus (»the master of the canoe«), der gleichzeitig der 
Führer der Gruppe ist, hat vor allem den Bau eines neuen Kanu zu 
finanzieren (es herrscht Naturalwirtschaft), wenn das alte abge- 
braucht ist, und er hat es in gutem Zustande zu erhalten, wobei ihm 
die übrigen MitgUeder der Kanugruppc helfen. So bleiben die 
Mitglieder in ständiger wechselseitiger Verpflichtung. Jeder Mit- 
besitzer (»Joint owner«) hat das Recht auf einen bestimmten Platz 
und die Privilegien, die damit verbunden sind. Er hat dafür seinen 
Posten auszufüllen und bekommt einen bestimmten Titel (»Eigen- 
tümer«, »Beobachter der Fische«, »Netzhalter« etc.). Wir finden 
also Gemeinbesitz, Arbeitsteilung, Vergesellschaftung der Arbeit und 
der Arbeit entsprechende Verteilung der Produkte: Urkommu- 
n i s m u s^) . 

Je zwei Dörfer stehen gewöhnlich im Tauschhandel miteinander. 
Ein Teil der Fische wird behalten, der Überschuss wird gegen Über- 
schüsse an Gar tenf rächten eines zweiten Dorfes ausgetauscht. Jeder 
Fischer ist streng verpflichtet, seine Schuld an den Gartenfruchtpart- 
ner zu begleichen, wenn er von ihm Gartenfrüchte bekam, und um- 
gekehrt. Kein Partner kann das verweigern, keiner kann es auf- 
schieben. 

Das gesamte Rechtssystem, schreibt Malinowski (»Crime and 
Custom«, S. 25) beruht auf der »Symmetrie aller sozialen Transaktio- 
nen«, auf der Gegenseitigkeit der Dienste, so dass der Austausch ein 
System soziologischer Bindung ökonomischer Natur herstellt. Dieses 
Prinzip der Gegenseitigkeit ersetzt die gesellschaftliche^Sanktion für 
jede Regel. Zwei Parteien, die Dienste und Funktionen austauschen, 
überwachen gegenseitig genau das Mass der Erfüllung und die anstän- 
dige Hallung beim Austausch. Dieses wohlgeordnete Prinzip des Ge- 
bens und Nehmens (»well-assessed give and take«) bedingt eine freie 
und leichte Art der Erledigung der Geschäfte. 

Hier müssen wir die Schilderung der ökonomischen Grundlagen 



1) (1934.) Ohne auf den Unterschied zwischen Kesitztiim und Eigentum streng 
juristisch einzugehen, sei nur festgestellt, dass »Besitz« und »Eigentum« sich 
nicht decken. Es ist wahrscheinlich, dass der »rechtmässige Besitzer« des 
Kanus über seine Pfeife verfügen kann, weil sie sein persönliches Eigentum 
ist; das trifft für das Kanu nicht zu. Der heutige Kommunismus will ja 
nicht das Eigentum überhaupt abschaffen, sondern nur die Produktionsmittel 
aus dem Privateigentum in gesellschaftlichen Besitz überführen. In diesem 
Sinne hätten die Geseilschaft oder deren Repräsentant kein Hecht, mit den 
landwirtschaftlichen Machinen, die sie besitzen, zu tun, was sie wollen, sie 
besässen sie nur wie der Kanubesitzer sein Kann besitzt: sie hätten die Sorge 
dafür zu tragen und wären dafür verantwortlich. 



Die Stellung des Vaters und Mutterbruders 29 



abbrechen. Wir werden auf die ökonomische und soziale Struktur 
anlässlich des Heiratsgutes noch genau einzugehen haben. 

Der wichtigste Faktor im Recbtssystem , der Trob riand er ist die 
Vorstellung, dass einzig und allein die Mutter den Leib d7s Kindes 
aufbaue und dass der Mann in keiner Weise zu seijner Entstehung 
beitrage. Das Kind bestehe aus der gleichen Substanz wie die Mutter, 
habe aber mit dem Vater kehierlei leibliche Verbindung; die Rolle des 
Mannes bei der Zeugung ist unbekannt. Infolgedessen folgen Clan- 
einteilung und Inzesttabus nur der mütterlichen Linie. Alle Blutsver- 
wandten mütterlicherseits bilden einen Clan, diese Clans sind in Un- 
terclans eingeteilt, die sich durch nähere und entferntere Blutsver- 
wandtschaft unterscheiden. 

»Die Untercians sind mindestens ebenso wichtig wie die Clans, denn die 
Angehörigen desselben ITnterclans sind wirklich blutsverwandt, vom gleichen 
Rang und bilden die lokale Einheit der trohriandrischcn Gesellschaft. Jede 
lokale Dorfgemeinschaft besteht nur aus Menschen, die einem einzigen Unter- 
clan angehören; sie haben gemeinsame Ansprüche auf den Grund und Boden 
des Dorfes, auf das umgebende Gartenland und auf eine Anzahl lokaler Vor- 
rechte. Grossdörfer bestehen aus mehreren lokalen Einheiten, doch jede Ein- 
heit hat ihren zusammenhängenden Grund und Boden im Dorf und angrenzend 
ein grosses Stück Gartenland.«; (»Das Geschlechtsleben der Wilden«, S. 354.) 

Für die Angehörigen des Unterclans herrscht strengstes, für die 
des Clans etwas gemildertes Inzesttabu. Die Angehörigen eines Unter- 
clans betrachten sich als wirkliche Blutsverwandte, während sie die 
Angehörigen eines anderen, jedoch zum gleichen Clan gehörigen Un- 
terclans bloss oberflächlich, mehr bildlich als Blutsverwandte ansehen. 
Im Ganzen gibt es vier Clans nach ihrer totemistischen Einteilung. 
Nach der Meinung der Eingeborenen ist die Clanzugehörigkeit ebenso 
angeboren wie körperliche Eigenschaften. , ■«♦■ItMtcXL 

Der Bruder der Mutter hat zu ihren Kindern eine ganz andere 
Stellung als ihr Gatte, deren eigentlicher Vater. Der Mutterbruder ist j 
das eigentliche Oberhaupt der Familie in der matriarchalischen Ge- 
sellschaft. Er ist der »Vormund« der Kinder seiner Schwester, lehrt 
sie, wenn sie herangewachsen sind, die magischen Künste und die 
Ideale des Clans, er wird von ihnen respektiert und ist das Vorbild 
der heranreifenden Knaben, die ihn später einmal beerben sollen. 
Er hat gleichzeitig für seine Schwester zu sorgen und ist derjenige, 
der das Heiratsgut zu liefern hat. Ihr Gatte hat eher die Stellung 
eines geschätzten Freundes, der sich liebevoll der Kinder seiner 
Freundin annimmt als ihr erwachsener Kamerad und Gespiele. Aus 
diesen Beziehungen ergibt sich, dass die Kinder zu ihren Vätern (die- 
ser Begriff ist für die trobriandrische Gesellschaft rein sozial zu den- 
ken) nicht die Einstellung wie bei uns entwickeln; sie betrachten 
i hn a ls Freund, nicht als Autorität. Diese fällt, wie erwähnt, dem/ 
mütterlichen Onkel zu. 

Diesem rein mutterrechtlichen Prinzip steht nun ein anderes ent- 



30 Die Ökonomischen und sexuellen Widersprüche der TrobrianUer 



gegen, das, zumindest in seinen sozialen Zügen, bereits die Bezeich- 
nung eines valerrechtlichen verdient. Die entsprechenden Einrichtun- 
gen sind folgende: Zunächst ist die Ehe patrilokal, das heisst, die 
Ehefrau folgt dem Manne in sein Dorf. Nur der Sohn des Häuptlings 
heiratet »matrilokal«, was, wie wir später hören werden, einen be- 
sonderen ökonomischen Grund hat. Es herrscht bereits ausgesproche- 
nes Besitzinteresse des Mannes, ebenso Hegt die eigentliche Funktion 
der Macht bei ihm, wenn sie auch aus der Mutterlinie hervorgeht. 
Hier gerät das ursprüngliche Mutterrecht mit dem beginnenden Vaterj^ 
recht in Konflikt. Malin owski spricht zwar von Einrichtungen, 
»die dem Stammesgesetz und seinen multerrechtlichen Forderungen 
ebenso gerecht werden wie den Ansprüchen der Vaterliebe, die dem 
Sohn alle möglichen Vorteile zuwenden möchte« (1. c. S. 70), aber 
es wird bald klar werden, dass diese »Vaterliehe« mit ihren Rechten 
und Ansprüchen bereits klares Ökonomisches Vaterrecht in seinen 
erslen Stufen darstellt. Die Dorfgemeinschaft hat auch einen Häupt- 
ling, mehrere Dorfgemeinschaften haben einen übergeordneten Häupt- 
ling, der viele Vorrechte geniesst. Doch ist die Frau 

»ausgeschlossen von der Ausübung der Macht, vom LandbesitE und vielen an- 
deren öffentlichen Vorrechten; daraus folgt, dass sie keinen Platz bei der 
Stammesversammliing und keine Stimme hei den öffentlichen Beratungen hat, 
die in Verbindung mit Gartenbestellung, Fischfang, Jagd, überseeischen Ex- 
peditionen, Krieg, rituellem Handel, FesUichkeiten und Tänzen abgehalten wer- 
den.« CS. 26/27.) 

Wir sehen hier bereits so deutliche Anzeichen des Vaterrechts, 
dass wir Malinowskis Anschauung, es handle sich bloss um »An- 
sprüche der Vaterliebe«, nicht zustimmen können. Dass es sich um 
die eindringende vatcrrechtUche Herrschaft handelt, lässl sich aus 
dem Brauch des Heiratsgutes ökonomisch klar ableiten. Doch zu- 
nächst wollen wir uns die Stellung d es Häup tlings näher ansehen. 

»Bemerken swerterweise ist die Quelle der Macht in erster Linie wirtschaft- 
licher Art; der Häuptling kann viele seiner Funktionen als volIiiehcDde Gewalt 
nur deshalb ausüben und gewisse Ansprüche nur deshalb erheben, weil er der 
reichste Mann des Dorfes ist. Er hat das Recht auf Ehrenbezeugung, Gehor- 
sam und Dienstleistungen; er kann von seinen Untertanen die Teilnahme an, 
Kriegen, Expeditionen und Festlichkeiten verlangen; doch für alles muss er 
kräftig zahlen. Er muss grosse Feste geben und alle Unternelimungen finan- 
zieren, indem er die Teilnehmer speist und die Hauptbeteiligten entlohnt. 
Macht auf den Trobriand-Inseln ist im wesentlichen plutokratisch. Nicht 
weniger merkwürdig und unerwartet ist ein anderer Wesenszug dieses Regie- 
runtrssy.stcras: obwohl der Häuptling ein grosses Einkommen braucht, ist doch 
nichts dergleichen mit seinem Amte verbunden; die Bewohner seines Gebietes 
zahlen keine wesentlichen Tribute an ihn, wie sonst Untertanen ihrem Herr- 
scher. Die kleinen alljährlichen Gaben oder Tribute an besonderen Lecker- 

jjisgeß der erste gefangene Fisch, das erste Gemüse, besondere Nüsse und 

Früchte bilden durchaus keine Einnahmequelle; tatsächlich muss sie der 

Häuptling nach ihrem vollen Wert bezahlen. Sein wirkliches Einkommen cr- 

fliesst ihm ganz und gar aus der alljährlichen EhL-beisteuer; diese ist jedoch 

"in seinem Fall sehr gross, denn er hat viele Frauen, und jede von ihnen wird 



f 



Das Heiratsgut als Zerstörer der rautterrechllichcn Gesellschaft 31 

viel reichlicher ausgesteuert, als wenn sie einen einfachen Manu geheiratet 
hätte.« (S. 95.) 

Nur der Häuptling hat das Recht zur Polygamie. Wir wissen 
nun, dass es in der ethnologischen Forschung zwei Hauptrichtungen 
gibt, die zueinander in Gegensatz treten. Die eine ist die, welche in 
der mutterrechtlichen Organisation die ursprüngliche Form der . . . ., . 

menschlichen Gesellschaft überhaupt erblickt, aus der sich im Laufe T f*^"**"*«^ 
der wirtschaftlichen Entwicklung die Organisation des Patriarchats (^y 
und der Polygamie heraus entwickelte. Die Hauptverfechter dieser 
Anschauung sind Morgan und Engels. Die andere Richtung ver- -^' " 
tritt den Standpunkt, dass sich die heutige Organisation^derJFamilie, N^ 
nämlich die vaterreehtüche, bereits in der Urzeit, und zwar als Ur- 
sprungsorganisation in Form der polygamen Urhorde unter der Lei- (n\ 
tung eines starken Männchens, herstellte. Ihr schloss sich auch ^^ 
Freud an. Wir wollen hier das Für und Wider dieser beiden mch-'"^'^"f''f^*^f^ 
tungen noch nicht diskutieren und erwähnen sie an dieser Stelle nur^ 
weil wir in der Organisation der Trobriander die beiden Organisations- 
formen ineinander verflochten finden. Es muss nur noch vermerkt 
werden, dass die Vertreter des Mutterrechts als ursprünglicher Orga- 
nisation das soziologisch-ökonomische Moment, die Vertreter der Va- 
lerrechtstheorie mehr die biologisch-psychologische Prozesshaftigkeit 
in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und Familie betonen. 

Nun lässt sich aus den Forschungen Malinows k is eindeutig 
nachweisen, wie sich bei den Trobriandern der Prozcss der Ver- 
schiebung der sozialen, wirtschaftlichen und ideologischen Ver- 
hältnisse vom Mutterrecht zum Vaterrecht hin vollzieht. 
Wir haben hier Gelegenheit, einen Vorgang unmittelbar zu beobachten, 
den man sonst aus logischer Überlegung und durcb Vergleich reiner 
mutterrechtlicher und reiner vaterrechtlicher Organisation abzuleiten 
versucht. 

Ehe wir jedoch diesen Prozess verfolgen, ist es notwendig, fest- 
zuhalten, was für Verschiebungen zu sehen sind: 

LDer Übergang der Macht von der Frau auf den Mann. Dabei wächst t^4,juiU.il' 

die Mach tver Schiebung vertikal nach der Rangeinteilung. Der '^' ' ^ 
Häuptling hat gegenüber den Bürgern die grösste Macht, seine 
Frauen haben die geringsten Rechte. ' \ 

2. Der Übergang vom freien Sexualleben zur Ehebindung. . r 

3. Der Übergang von der Sesualbejahung zur Sexual Verneinung, von -«**j«,..*«7^i*«|*' 
der vorehelichen Bejahung der Sexualbetätigung zur Forderung 

nach vorehelicher Askese, und schliesslich das Wesentlichste, 
4. die fortschreitende Teilung der Gesellschaft in ausbeutende obere ^ -^ 
und ausgebeutete untere Gruppen. , tJTT 

Wir beobachten also bloss den Prozess der Überleitung der Macht, 
nicht aber seinen Beginn. Wohl aber können wir das Einsetzen der 



?2 



Die Ökonomischen und sexucllea Widersprüche der Trobriander 



Sexualverneinung und die Klassenteilung schon in den ersten An- 
sätzen verfolgen. 

Der zentrale Mechanismus dieses ganz en Verschiebu.ngs Prozesses 
ist der Ri tus de sHeiratsfiu t es. 



2. DAS HEIRATSGUT ALS ZERSTÖRER DER MUTTER- 
RECHTLICHEN GESELLSCHAFT 

a) Die Eheschliessung 

Die Eheschliessung selbst ist völlig unzeremoniell. Ist eine Dauer- 
beziehung herangereift, so genügt häufiges gemeinsames Auftreten 
der Partner in der Öffentlichkeit zur Bekundung ihres Willens, eine 
Ehe einzugehen. Auch die Ehetrennungen sind unkompliziert; jedem 
Gatten steht das Recht frei, den andern zu verlassen, wenn er nicht 
mehr in der Gemeinschaft bleiben will. Wir haben es hier mit der 
von Morgan zuerst beschriebenen lockeren »Paarungsehe« zu 
tun, die eine Vorstufe unserer dauermonogamen Ehe bildet. Doch 
wir werden bald sehen, dass der Mann weit grösseres Interesse sowohl 
an der Eheschliessung wie auch an der Aufrechterhaltung der__Ejic 
hat als die Frau. 

»Die Scheidungsförmlichkeiten sind ebenso einfach wie die Ehcschliessung- 
Die Frau verlässt das Haus ihres Manaes mit allem, was ihr gehört, und zieht 
in die Hütte ihrer Mutter oder ihrer nächsten mütterlichen Verwandten. Dort 
bleibt sie und wartet ab, w^as ■weiter geschieht; unterdessen, gccicsst sie volle 
geschlechtliche Freiheit, In den meisten Fällen wird der Mann versuchen, sie 
zurückzuholen. Er schickt gewisse Freunde mit » Friede nsgabena: für seine 
Gattin und die Leute, bei denen sie wohnt. Manchmal werden die Geschenke 
zunächst zurückgewiesen; dann werden die Gesandten wieder und wieder ge- 
schickt. Nimmt die Frau die Gaben an, so muss sie zu ihrem Gatten zurück- 
kehren, die Scheidung hat ein Ende, und die Ehe ist wieder hergestellt. Ist 
es ihr aber ernst, ist sie entschlossen, nicht zu ihm zurückzukommen, so werden 
die Geschenke überhaupt nicht angenommen; dann muss sich der Mann ein- 
richten, so gut er eben kann — das heisst, er muss sich nach einem anderen 
Mädchen umsehen. Die Auflösung der Ehe zieht keine Rückgal)e der ursprünglich 
ausgetauschten Ehegaben nach sich.« (S. 106.) 

Solange die Ehe dauert, bindet das Eheband »fest und aus- 
schliesslich«. Diese Bindung wird durch Gesetz, Moral und Sitte auf- 
rechterhalten, wobei die Widerspiegelung der ökonomischen Interessen 
deutlich hervortritt. 

Mit der Ehe begegnen wir zum ersten Male moralischen For- 
derungen und Erscheinungen ebenso wie den typischen Folgen der 
Ehemoral, die uns nicht mehr so fremd und sonderbar anmuten 
wie das voreheliche Leben, uns vielmehr sehr vertraut vorkommen. 
Die Bindungen sind fester, Treue wird gefordert, Untreue wird be- 
straft. Eifersucht und Ehebruch beunruhigen das Geschlechtsleben 
jetzt am stärksten. »Jeder Bruch der ehelichen Treue wird auf den 



Eheliche Sexuateinschränkunß SS 



Trobriand-Inseln ebenso streng verdammt wie durch christliche 
Lehre und europäisches Gesetz; strenger könnte selbst die puritani- 
sche öffentliche Meinung nicht sein.« (S. 84.) Klingt das nicht nach 
dem Mcnsclien angeborener ehelicher Moral? Wir werden uns nicht > 
irreleiten lassen und vielmehr aus dem Vergleich mit katholischer 
Kirche und amerikanischem Puritanismus auf qualitativ ähnliche / 
Ursachen schUessen. <c 

Zunächst noch einige charakteristische Kennzeichen der ein- 
setzenden Sexualverneinung. Keinerlei Hinweis auf die geschlecht- 
lichen Beziehungen der Gatten oder ihr früheres Liebesleben ist 
erlaubt, eine Übertretung dieser Sitte gilt als unanständig. Die erste 
Periode nach der Eheschliessung ist durch Enthaltsamkeit gekenn- 
zeichnet. »Obwohl für dieses Stadium kein ausgesprochenes ge- 
schlechtliches Tabu besteht, denken die Neuvermählten in der Zeit, 
die unseren Flitterwochen entspricht, wahrscheinlich viel weniger an 
Liebesdinge als vor der Heirat. Folgende Aussage ist mir zu Ohren 
gekommen; ,Wir schämen uns im Hause unserer Mutter und unseres 
Vaters. Im bakumatala hat ein Mann mit seiner Liebsten Verkehr, 
ehe sie heiraten. Nachher schlafen sie zusammen auf einem Lager 
im elterlichen Haus, aber sie legen ihre Kleider nicht ab.' Das junge 
Paar fühlt sich in der neuen Situation verlegen und bedrückt. Die 
erste Zeit nach der Eheschliessung ist eine natürliche Periode der 
Enthaltsamkeit.« (S. 80/81.) War vorher das gemeinsame Essen eine 
unmögliche, ja unanständige Handlung, so wird jetzt gerade das ge- 
meinsame Essen zum Symbol der Ehe; dadurch wird die Heirats- 
absicht oder die stattgehabte Heirat kundgetan. Strenge Schicklich- 
kcitsvorschriften setzen ein. Die Gatten dürfen keine Geste zeigen, 
die zärtliche Beziehungen zwischen ihnen verraten könnte. (S. 81.) 
Die verheiratete Frau darf am Versteckenspielen nicht teilnehmen, ^ 
das gerade der Jugend beste Gelegenheit zum Geschlechtsverkehr 
bietet. Es ist, als ob die Sitte wüsste, dass das, was mit der Ehe 1 
zum Sexualleben hinzutritt, nicht nur nichts m eh rmit Sexu alität zu 1 
tun hat, sondern vielmehr gegen sie auftritt. ~ 

»Interessant und überraschend ist der Gegensatz zwischen dem freien und 
unbefangenen Verkehr, der gewohnlich zwischen einem Mann und seiner Frau 
herrscht, und den strengen Schieklichkeitsvorschriften in geschlechtlichen 
Dingen; peinlich vermeiden Elieleute jede Geste, die zärtliche Beziehungen 
zwischen ihnen verraten könnte. Nie fassen sie sich im Gehen bei den Händen 
oder legen die Arme umeinander, was kaffpapa heisst und Liebenden und 
Freunden gleichen Geschlechts erlaubt ist. Eines Tages, als ich mit einem ver- 
heirateten Paare ging, schlug ich dem Manne vor, seine Frau zu stützen, denn 
sie hatte einen schlimmen Fuss und hinkte stark. Beide läclielten und blickten 
sehr verlegen zu Boden, offenbar tief beschämt durch meinen unschicklieheu 
Vorschlag. Gewöhnlich geht ein Ehepaar hintereinander im Gänsemarsch. In 
der Öffentlichkeit und bei Festen trennun sie sich meist; die Frau schliesst 
sich einer Gruppe anderer Frauen an, der Mann hält sich zu den Männern. 
Nie wird man auf den Trobriand-Inseln Mann und Frau zärtliche Blicke, liebevolles 
Lächeln oder verliebte Neckereien austauschen sehen.« (S. 82.) 



34 Die ökonomischen und sexuellen Widersprüche der Trobriander 



I v: 



sWenn das junge Paar seine cieene Wohnung besitzt, so teilen sie dieselbe 
Schlafbank oder auch nicht, je nachdem; es scheiot dafür keine Regel zu geben. 
Einige meiner eingeborenen Gewährsleute berichteten mir. Verheiratete schliefen 
zunächst immer im selben Bett, später aber trennten sie sich und kämen nur 
zum Geschlechtsverkehr zusammen. Ich argwöhne jedoch, doKS diese Auskunft 
/^eher ein Stückchen zynischer LcbensphJlosophie darstellt, als eine Aussage über 
Brauch und Sitte.« <S. 81.) 



-^ Interessant genug, dass mit der Ehe zynische Betrachtung einsetzt. 
Weiter: 

». . . es ist ganz ausgeschlossen, von irgend jemand direkte Auskünfte über 
sein eigenes Ehclcben zu erhalten, denn in diesen Dingen muss eine sehr 
strenge Etikette beachtet werden. In Gesprächen mit einem Ehemann muss auch 
die leiseste Anspielung auf solche Dinge unterbleiben; auch keinerlei Hinweis 
auf die gemeinsame geschlechtliche Vergangenheit des Paares oder auf die frühe- 
ren LJebesgeschichten der Frau mit anderen Männern ist erlaubt. Es wäre eine 
unverzeihliche Verletzung der Etikette, würde man einem Manne gegenüber, 
sei es auch nur unbewusst oder nur beiläufig, das hübsche Äussere seiner Frau 
erwähnen. Der Mann würde fortgehen und sich lauge Zeit nicht wieder sehen 
lassen. Als ärgster Fluch und unverzeihliche Beschimpfung gelten dem Trobriander 
die Worte: ■x-Kivog um kwawa« (beschlafc deine Frau). Sie haben Mord, Ver- 
hexung und Selbstmord zur Folge.« (S. 81.) 

Wir sehen hier eine Etikette einsetzen, die wie eine zwangsartige 
Vermeidung anmutet. Das lässt, wenn man den Widerspruch 
zwischen, dem freien Sexualleben vor der Ehe und der gebundenen 
Geschlechtlichkeit in der Ehe berücksichtigt, nur die eine Deutung 
zu, dass hier gewisse Interessen eingreifen, die die Sexualfrciheit 
, beschränken und zu ihrer Stütze bereits bestimmte der psychischen 
Abwehr (Verdrängung) ähnliche seelische Haltungen mobilisieren. 
Malinowski vrsucht zwar an einigen Stellen seines Werkes, die 
Ehen im allgemeinen als harmonisch hinzustellen, aber seine Berichte 
über einige Fälle von tragischen Selbstmorden von Ehefrauen und über 
eheliche Konflikte sowie der Schleier, der sich hier über die Ehe- 
situation breitet, verraten uns, dass die ehelichen Verhältnisse bereits 
. alle Widersprüche wie bei uns zu entwickeln beginnen: die zwischen 
j den sexuellen Interessen, die auf begrenzte Dauer der Beziehung, 
und den ökonomischen, die auf UnlÖsbarkeit zielen. 

Malinows ki erörtert eingehend die Frage, welche Gründe beim 
einzelnen für die Ehe Schliessung massgebend sind. Das Geschlechts- 
leben war bisher völlig frei und befriedigt, mit d er El he setzen sc hwe re 
Hemmungen der Geschlechtlichkeit und grosse Verpflichtunge n _ein. 
Malinowski zählt mehrere Gründe auf: 

1. Der Trobriander bezieht erst dann die volle soziale Stellung in der 
Gemeinschaft, wenn er verheiratet ist. 

2. Die Sitte verpflichtet moralisch zur Eheschliessung. 
Beim Manne, »der die erste Jugend hinter sich hat, kommt der 
ganz natürliche Wunsch nach dem eigenen Heim' und Haushalt« 
hinzu; verlockend seien auch die Dienste, die die Frau dem Gatten 
leistet. 



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L. 



Gründe für die Eheschlics^juog 35 



4. »Die Frau hat keinen wirtschaftlichen Anlass zur Heirat und 
gewinnt weniger als der Mann an Bequemlichkeit und gesell- 
schaftlichem Ansehen; sie wird in der Hauptsache durch per- 
söaliche Neigung und den Wunsch nach ehelich geborenen 
Kindern zur Heirat bestimmt.« 

Hier ist eine Reihe von moralischen und biologischen Gründen für 
die Eheschliessung angeführt; keine von ihnen erklärt jedoch die 
Tatsache der Eheinstitution. Es handelt sich vielmehr um seelische 
Interessen und moralische Haltungen, die durch die soziale Eheinsti- 
tution erst geschaffen werden, um Verankerungen dieser Institution 
in der psychischen Struktur der Individuen. Denn die Anerkennung 
der vollen sozialen Stellung wäre auch ohne Elie denkbar; die Sitte 
selbst bedarf einer soziologischen Erklärung; die Frau könnte ihre 
persönlichen Neigungen auch ohne Ehe befriedigen, da doch ausser 
der Ehe die sexuelle Dauerbeziehung existiert; und schliesslich leitet 
sich das Interesse an gerade ehelich geborenen Kindern selbst erst 
aus den Interessen an der Eheinstitution ab. Wir glauben daher, 
dass wir nicht wie Malinowski das wirtschaftliche Interesse des 
Mannes in einer Reihe mit den anderen anführen dürfen, sondern 
ihm die letzten Endes entscheidend begründende Rolle nicht nur an 
der Eheschliessung, sondern auch an der Herstellung und Erhaltung 
de r Elieinslitution zuschreiben müssen; denn 

»ein (anderer) sehr wichtiger Grund zur Heirat ist vom Standpunkt des 
Maones aus der wirtschaftliche Vorteil. Die Ehcschlicasung bringt einen be- 
trächtlichen jahrlichen Tribut an Nahrungsmitteln mit sich, der dem Ehemann 
von der Familie der Frau geleistet wird. Diese Verpflichtung ist vielleicht der 
wichtigste Faktor im ganzen sozialen Getriehe der trobriandrischen Gesellschaft. 
Hierauf beruht — infolge seines Vorrechts auf Polygamie — die Autorität des 
Häuptlings und sein Vcmiögon, alle rituellen Veranstaltungen und Feste zu 
finanzieren. So sieht sich ein Mann zur Heirat gezwungen, vor allem, wenn 
er Rang und Ansehen genicsst; denn abgesehen von der Festigung seiner wirt- 
schaftliehen Lage durch das Einlvommen. das er von dei- Familie der Frau 
empfängt, erringt er sich auch seine volle soziale Stellung erst dann, wenn er 
dem Stand der tooavaygile beitritt.« (S. 59.) 

Verfolgen wir den »wichtigsten Faktor im ganzen sozialen Getriebe 
der trobriandrischen Gesellschaft« weiter. Er wird uns manche Rätsel 
nicht nur dieser Gesellschaft, sondern der Herkunft der Sexualmoral 
und der Klassenteilung überhaupt lösen. 

b) Die »einzig gesetzliche« Ehe 

Der Ehemann erwirbt also durch seine Heirat wirtschaftliche An- 
sprüche an seine männlichen angeheirateten Verwandten, die «im 
Austausch für ihre Leistungen eine gesetzliche Autorität über die 
Frau und ihre Kinder behalten«. {1. c. S. 94.) Wir würden mit 
Rücksicht auf den durch den Ritus des Heiratsgutes in Gang ge- 
setzten Prozess sagen, »noch eine Zeitlang behalten«. Stellen wir 
die Tatsachen zusammen. 



36 



Die ökonomischen und sexuellen Widersprüche der Trobriacder 



Die Familie des Mädchens hat bis zu seiner Verheiratung kein 
Interesse an seinen geschlechtlichen Beziehungen genommen. Es 
durfte tun und lassen, was es wollte. Die Heirat aber, »für die Familie 
(des Mädchens) eine dauernde Quelle beträchtlicher Anspannung 
und Plackerei«, wird von seinen Verwandten eifrig besprochen, aber 
sie sind von jeder Einflussnahme auf die ehelichen Pläne ausge- 
schlossen. Das Interesse kreist um die Heiratsgabe. 

Der Brauch der Heiratsgabe ist sehr kompliziert. Gabe und Gegen- 
gabe, die zunächst zwischen den Eltern der Heiratskandidaten aus- 
getauscht werden, machen einem regelmässig zu liefernden, 
alljährlichen Tribut der Verwandten, insbesondere 
der Brüder der Frau an den Gatten und seine Familie 
nach der Heirat, für die ganze Dauer der Ehe, Platz. 
Die Gegengaben, die nunmehr von der Familie des Galten an die 
seiner Frau geleistet werden, sind Höflichkeitsakte, reichen im Werte 
gar nicht an die Heiratsgaben der Familie der Frau heran. Das 
Heiratsgut besteht hauptsächlich aus Gartenfrüchten. Die Höhe der 
Abgabe ist je nach dem Rang der Beteiligten verschieden, doch be- 
trägt sie in einem Durchschnittshaushalt etwa die Hälfte des Ver- 
brauchs. Jedermann behält einen Teil der Gartenerzeugnisse für sich, 
das übrige bekommen die weiblichen Verwandten und ihre Gatten. 
' Die Heiratsgabe — betont Malinowski — ist aber »das haupt- 
, sächlichste und ansehnlichste Erzeugnis der Gartenarbeit.« (S. 90.) 
1 Ideologisch repräsentiert sich der Heiratstribut als »der höchste Stolz 
der trohrianders, als Meistergärtner zu gelten«, und um dies zu er- 
reichen, macht er ungeheure Anstrengungen und bestellt ein möglichst 
grosses Stück Gartenland. Es zeigt sich, schreibt Malinowski, 

»dass sie nicht nur beträchtlichen Einfluss auf die Institution der Ehe 
selbst, sondern auf die gesamte Wirtschaft und Verfassung des Stammes aus- 
i üM. Vom Standpunkt des Empfängers aus ergibt sieh, dass jeder bei der Wahl 
seiner Lebensgefährtin sich von den eigenen Bedürfnissen und von der Mitgift 
seiner zukünftigen Frau leiten lassen muss, denn er wird nicht nur von seioem 
eigenen Fleiss und seiner eigenen Arbeitskraft abhängig sein, sondern auch 
von" der Arbeitskraft seiner angeheirateten Verwandten. Ein Mitgiftjäger wird 
ein Mädchen zu gewinnen suchen, welches die einzige Schwester mehrerer Brü- 
der ist, deren blosses Vorhandensein den Eifer eines ähnlich gesinnten Europäers 
sofort dämpfen würde. Nur ein Mann, der sich vor Armut nicht 7.u scheuen 
braucht, wird ein Mädchen werben, das mehrere Scliwestern und nur einen 
einzigen Bruder hat. Wenn die Frau ihrem Manne Söhne gebiert und diese 
heranwachsen, kommt er sozusagen zu selbstgcfertigten, angeheirateten Verwandten 

denn in einer mutterrechtliehen Gesellschaft gehören natürlich Kinder zu 

den angeheirateten Verwandten; ihre erste Plicht ist es, für den elter- 
lichen Haushalt mit zu sorgen. In der Regel erhält der Ehemann. 
den grössten Teil der Mitgift seiner Frau von einem einzigen ihrer Angehörigen; 
handelt es sich jedoch um einen Häuptling oder sonst einen angesehenen Mann, 
so tun sich viele zusammen, damit ein passendes Geschenk zustande kommt, 
obwohl nur einer dem Namen nach verantwortlich ist. Doch selbst ein gewöhn- 
licher Bürger erhält nelwn dem nrigubu vom Hauptspender eine Anzahl kleiner 
Geschenke von anderen Verwandten seiner Frau, kouisi oder taglapela genannt. 
Alle werden sie zur Erntezeit überbracht und bestehen meist aus mehreren Korben 
voH Yams oder anderer Gemüse. 



Der Heirat st ribnt 



37 



Ein Ehemann cmpfänfft von seinen angeheirateten Verwandten auch sonst 
jiUerlei Dienste, je nachdem es die Gelegenheit verlangt, Sie njüssen ihm Hilfe 
leisten, wenn ti- ein Haus oder ein Kanu baut, wenn er auf Fistrhfang geht 
oder an einer öffentlichen Festlichkeit teilnimmt. Ist er krank, so müssen 
sie Iici ihm wachen, um böse Zauberer fern ku halten, oder ihn an einen an- 
deren Ort tragen, von dem er Gesundung hofft. Bei Fehden und anderen Not- 
fällen kann er unter bestimmten Umständen über ihre Dienste verfügen. Nach 
seinem Tode schliesslich fällt ihnen der Hauptanteil an den Besfattungsfeier- 
lichkeiten zu. Nur von Zeit 7U Zeit nuiss der Ehemann die jährlichen Dienst- 
leistungen seiner angeheirateten Verwandten durch eine Gegengabe an Wert- 
sachen entgelten.« (S. 92.) 

Das Tabu, welches^ den Brüdern der Frau, auf die die Last des 
Heiratsgutes fällt, verbietet, sich in die Heiratsangelegenheiten der 
Schwestern zu misclien, dient nur der Versclileicrung und Rationali- 
sierung der tatsächlichen materiellen Interessen des Gatten und seiner 
Familie. Kurz zusammengefasst sind die Tatbestände die; Da der 
Bruder der jungen Ehefrau sowie alle ihre Verwandten, also der ganze 
mütterliche Clan, für den Gatten zu sorgen haben, verschiebt sich 
das Gern ein vermögen des Clans der Frau in den des Galten. Da dieser 
aber selbst auch Bruder ist und seinerseits für die Gatten seiner 
Schwestern zu sorgen hat, folgt eine ständige Verschiebung der er- 
arbeiteten Früchte von einem Clan zum anderen. Das hätte weiter 
keine Bedeutung, denn da die Frauen aus dem Clan des Ehemannes 
wieder Männer aus dem anderen Clan heiraten, fliesst ja das Heirats- 
gut wieder zurück. Die Sache wird aber dadurch kompliziert, dass 
die_ Clans verschiedene Rangstufen haben, und dass der Häuptling, 
der immer dem obersten Clan angehört, das Recht der Polygamie hat. 
Dadurch verschiebt sich der Strom der Heiratsgaben, der sich sonst 
durch Kreuzheiraten aus verschiedenen Clans ausgliche, einseitig 
nach der Seite des Häuptlings des einen Clans und seiner Familie. 
Ehe wir zum vollen Verständnis dieser Verschiebung als eines An^ 
Satzes zur Teilung in Klassen von Profitierenden und Ausgebeuteten 
gelangen, müssen wir uns an Diagrammen klarmachen, wie sich aus 
den verschiedenen Vorteilen oder Nachteilen, die bestimmte Heiraten 
bieten, die Anschauungen über deren »Gesetzlichkeit« oder »Unge- 
setzlichkeit« ableiten. 

Die einzige Eheschliessung, die als die »eigentlich gesetzli- 
che« angesehen wird, ist die sogenannte Kreuz-Vetter-Basen- 
Heirat, das heisst, die Heirat zwischen dem Sohn des 
Bruders und der Tochter seiner Schwester. Wir wollen 
nun, Malinowskis Bericht über das Heiratsgut folgend, die Tat- 
bestände am Häuptling demonstrieren, bei dem sie am klarsten her- 
vortreten. Zunächst ein einfaches Schema einer Kreuz- Vetter-Basen- 
Heiral : 



38 



Die ökonomischen und sexuellen Witiersprüche der Trobri ander 



Häuptling 



Häupt-Schwester 




Haupt- Haupt- Haupt- Häupt- 

, Tochter Sohn Nichte Neffe 

Fig. 1: Schema der »ßesetzlichen« (I) und der »ungesetzlichona Ehe (II) nach 
MaliQOwski; I — Kreuz-Vcttcr-Bascn-Heirat. 

Wir sehen im Schemu, dass im Gegensatz zu dieser »gesetzlichen« 
Heirat die zwischen der Häuptlingstochter und dem Sohn der Schwe- 
ster des Häuptlings »nicht gern gesehen wird«. An den folgenden 
Diagrammen wollen wir schematisch darstellen, welche wirtschaft- 
lichen Motive bei diesen Beurteilungen entscheiden. Dabei dient als 
Grundlage der wiedergegebene Bericht Malinowskis über den 
Ritus des Heiratsgutes. 



Häuptlinqsfrauen 
/ ^\ \ 



Häuptling 



Häupt-Sdiwester Schwestergatte 




Häupl- 
Sohn 



Ehe 



Häupi.- 
Nichte 



Häupt- 
Neffe 



Fifi 2- Schema der Vorteile des Häuptlings bei Kreuz-Vetter-Basen-Heirnt : sie 

bringt 'das Heiratsguf, das er seinem Sehwaficr liefert, zu ihm zurück und 

ermöglicht dcrui-t eine Akkumulation von Gütern. 



OckonuniiHche Funktion der Kreuz-Vetter-Basen-Heirat 39 



Wir sehen am zweiten Diagramm, wenn wir den Pfeilstriehen 
folgen, deutlich, dass nur eine Kreuz- Vetter-Basen-Heirat eine Akku- 
mulation von Besitz und Gartenerzeugnissen beim Häuptling ermög- 
liclit. Er bezieht durch seine Frauen von ihren Brüdern Heiratsgut, 
das er zu einem grossen Teil an den Gatten seiner Schwester weiter- 
geben muss. Heiratet nun seine Nichte seinen Sohn, so 
kehrt das Heiratsgut wieder zu ihm zurück, denn so- 
wohl sein Neffe (Schwestersohn und Erbe) als auch die Eltern der 
Nichte, also ihr Vater, der Schwager des Häuptlings, müssen Heirats- 
trihut an seinen Sohn alljährlich und so lange liefern, wie die 
Ehe besteht. Da aber der Sohn für den Haushalt der Mutter, an dem 
ja der Vater teilhat, sorgen muss, geniesst er die wirtschaftlichen 
Rechte seines Sohnes mit. 

Sein eigentlicher gesetzlicher Erbe ist der Schwestersohn, auf den 
nach seinem Tode Vermögen und Würde übergehen. Zwischen Vater 
und Sohn besteht nur eine Freundschaf tsheziehung; er hat als Vater 
das Recht, seinem Sohn gewisse Vorrechte zu verschaffen, doch nur 
solange er lebt. Nur auf eine Art ist er in der Lage, seinem Sohn 
eine dauernde Stellung im Dorf zu verschaffen mit vollem Recht für 
sich und seine Abkömmlinge; nur auf eine Art kann er ihm den 
Besitz aller Zuwendungen auf Lebzeiten sichern, wenn er ihm nämlich 
die Tochter seiner Schwester zur Frau gibt. Dadurch erwirbt der 
Sohn das Recht, nach seinem Belieben iin, Dorf zu wohnen und an 
Stammesangelegenheiten und Magie teilzunehmen. Er nimmt also 
nach dem Tode des Häuptlings dieselbe Stellung ein wie zu seinen 
Lebzeiten, eine Stellung, die er zu Gunsten des rechtmässigen Erben, 
des Sohnes der Häuptlingsschwester hätte aufgeben müssen^), wenn 
er nicht die Nichte des Häuptlings geheiratet hätte. 

Da der Häuptling seinem Sohn zu Lebzeiten so viel Zuwendungen ] 
machen kann, wie er will, sichert er ihm durch diese Heirat ihren 
dauernden Besitz. Der eigentliche Erbe ist durch strenges Tabu ge- • 
bunden, sich nicht in die Heiratsangelegenheiten seiner Schwester zu 
mischen, er hat also keinen Einfluss auf diesen ihn benachteiligenden 
Vorgang. Wenn M a I i n o w s k i (S. 72) schreibt, dass dadurch 
zwischen dem Häuptlingssohn und dem rechtmässigen Erben, dem 



i) Für die Kreuz-Vettep-Basep-Heirat läge ja eine analytische Deutung 
■r^'.ii! Das Inzestverbot zwischen Bruder und Schwester wird durch die Heirat 
ihrer Kinder wieder aufgehoben auf dem Wege der Identifizierung des Bruders 
mit seinem Sohn, seiner Schwester mit ihrer Tochter. Und die Auskunft der 
Primitiven klingt sehr verführerisch im Sinne dieser Deutung: 

»Um das Prinzip der Exogamie näher zu erläutern, wird zum Beispiel 
manchmal gesagt, »die Heirat zwischen Bruder und Schnrester sei schlecht« 
(»Bruder und Schwester« in der erweiterten Bedeutung: alle mütterlicher- 
seits verwandten hidividucn entgegengesetzten Geschlechts aus derselben 
Generation). »Eine tabula (Kreuz-Base) zu heiraten ist recht; die wahre 
tabula (Kreuz-Base ersten Grades) ist die richtige Frau für uns.« (S. 74), 
aber die ■wirtschaftlichen Interessen sind so eindeutig, dass wir dem psycho- 
logischen Moment dabei höchstens eine sekundäre Rolle zuschreiben können. 



40 



Die ökonoinischca und scxuellcD Widersprüche der Trobriander 



Häuptlingsneffen, eine Verbindung hergestellt wird, die die »häufig 
zwischen ihnen bestehende Rivalität aufhebt«, so dürfte es sich um 
einen Irrtum handeln, denn durch diese Heirat gerät ja der recht- 
mässige Erbe in Tributabhängigkeit vom Häuptlingssohn. Hören wir 
Malinowski selbst: 



>i 



»Das mutterrechüichc Prinzip wird durch die schärfsten Vorschriften des 
Stamm esgesetzes aufrecht erhalten. Diese Vorschriften fordern unwei(?erlich, dass 
ein Kind zur Familie, zum Unterclan und zum Clan seiner Familie gehört. Ein 
wenig milder, doch noch immer sehr streng ist die Zugehörigkeil zu einer Dorf- 
gemeioschaft und das Amt des Zauberers geregelt. Diese Vorschriften bestimmen 
auch, dass alle Ländereien, Vorrechte und materiellen Güter sich in der Mutter- 
linie vererben. Doch hier gestatten eine Reihe von Bräuchen und Sitten, wenn 
nicht eine Umgehung, doch 'ivenigstens eine Milderung des Stammesgesetzes. Nach 
diesen Bräuchen kann ein Vater für seine eigene Lebenszeit 
seinem Sohn das Bürgerreclit in seinem Dorfe verleihen 
und ihm die Nutzniessung eines Kanus, Land, rituelle Vor- 
rechte und Magie zuwenden. Durch Kreuz-Vettcr-Basen- 
Heirat in Verbindung mit matrilokalcm Wohnsitz kann er 
sogar alle diese Dinge seinem Sohne auf Lebzeiten sichern. 

Wir müssen uns jetzt noch einen Tvichtigen Unterschied bei der Übertragung 
von Vorrechten und materiellen Gütern merken, je nachdem es sich um seine 
Übertragung vom muttcrseitigen Onkel an den Neffen oder vom Vater an den 
Sohn handelt. Ein Trobriandor muss bei seinem Tode all seine Besitztümer und 
Ämter entweder seinem jüngeren Bruder oder seinem Neffen hinterlassen. Doch 
meistens wünscht der jüngere Mann schon zu des älteren Lebzeiten einige dieser 
Dinge zu besitzen, und es ist Sitte, dass der Onkel mütterlicherseits einen Teil 
seiner Güter oder seiner Magic schon bei Lebzeiten abtritt. Doch in solchen 
Fällen muss der Neffe dafür z a h 1 e n, unter Umständen sogar recht 
kräftig. Diese Zahlung heisst mit einem Fachausdruck pokala. Gibt jemand 
aber einen Teil dieser Dinge an seinen Sohn ab, so geschieht 
es aus freiem Willen und völlig unentgeltlich. Ein Neffe 
mütterlicherseits oder ein jüngerer Bruder hat also das Recht, seinen Anteil zu 
fordern und bekommt ihn auch, wenn er die erste Anzahlung auf das pokala 
leistet. Der Sohn ist auf seines Vater guten Willen angewiesen, wobei er sich 
ja meistens mit ihm sehr gut steht; er bekommt alle Gaben umsonst. Der eine 
also, dem das Recht auf die Güter zusteht, muss dafür zahlen, während der andere, 
der keinerlei gesetzliche Ansprüche hat, sie umsonst bekommt. Natürlich muss 
er sie, wenigstens zum Teil, beim Tode seines Vaters zurückgeben; doch den 
Nutzen und den Genuss an den materiellen Gütern hat er gehabt, und die Magie 
kann er nicht zurückgeben. 

Die Eingehorenen erklären diesen anormalen Zustand der Dinge mit der 
Vorliebe des Vaters für seine Kinder, die sie wiederum von seiner Beziehung 
zur Mutter herleiten. Die Geschenke, die er den Kindern gewährt, sind nach der 
Meinung der Eingeborenen eine Belohnung für den Geschlechtsverkehr, den ihm 
seine Frau gewährt.« (S. 149/150.) 



Wir sehen also, dass die Kreuz-Vetter-Basen-Heirat nicht so sehr, 
wie Malinowski öfters hervorhebt, »ein Kompromiss zwischen 
den schlecht ausgeglichenen Prinzipien des Mutterrechts und der 
Vater liebe« ist, als im Gegenteil eine Einrichtung, die das Vater- 
recht fortschreitend festigt. Gelangt der Häuptling zu immer grösserer 
Macht so genügt nur noch ein Schritt, nämlich die gesetzliche Über- 
tragung des Erbrechts von der mütterlichen auf die väterliche Linie, 
vom Schwestersohn auf den eigenen Sohn, und das Vaterrecht steht 
vollendet vor uns. Bei den in der Erbfolge noch mutterrechtlich or- 



Die sschlechtes Ehe 



41 



ganisierten Trobriandern sehen wir ja schon, welche Vorrechte der- 
Häuptling seinem: Sohn zu Lebzeiten einräumen kann, wie er die 
■Überleitung von Gütern und Macht auf seine Linie durch die Kreuz- 
Vetter-Basen-Heirat durchsetzt. 

Nur an einer Stelle deutet Malinowski die Durchsetzung der 
vaterrechtlichen Prinzipien, nicht nur der »Vater! i ehe«, an, 
indem er schreibt: 



»Auf dem anscheinend ungünstigen Doden des strengen Mutterrechts erwachsen 
nun gewisse Anschauungen, Vorstellungen und Bräuche, welche das Bollwerk 
Mutterrecht durch extrem vaterrechtliche Prinzipien untergraben, trotzdem 
leibliche Band zwischen Vater und Kind geleugnet wird, trotzdem jeder Anteil 
an der Zeugung dem Vater abgesprochen wird.« (S. 145, > 



chsen .^ 
Iwerk Wf 
jedes }H 



Wir wollen auch noch an zwei weiteren Diagrammen veranschauli- 
chen, dass es im wesentlichen wirtschaftliche Gründe sind, die etwa 
die Heirat zwischen der Tochter des Häuptlings und seiner Schwester 
Sohn als »nicht gut« oder >nicht anständig« erscheinen lassen. 



Häuptlingsfrauen 



Haupt-Schwester Sdiwestergatte 




Häupt- 
Sohn 



Haupt- 
NefFe 



Haupt 'h 
Nichte 



« fremder 
Gat+e 



Flg. 3: Schema der wirtschaftlichen Nachteile für den Häuptling bei beliebiger 
Heirat der Nichte. (Pfeilstriche deuten den Gang des Heiratsgutes an.) 



In Figur 3 ist angenommen, dass die Nichte einen beliebigen Mann 
heiratet. Jn diesem Falle sehen wir, den Pfeilstrichen folgend, dass 
der Häuptling nicht akkumulieren kann, weil er sowohl durch seine 
Schwester seinem Schwager und dessen Familie, als auch durch seinen 
Neffen, dem er Güter vererbt, dem fremden Gatten seiner Nichte 
seinen Besitz übermittelt. Er hat nicht nur grosse persönliche Lasten 
durch den ersten Vorgang zu seinen Lebzeiten, sondern sein Besitz. 
wechselt auch nach seinem Tode den Clan, indem sein Neffe Heirats- 
gut an den clanfremden Mann seiner Nichte zu liefern hat. 



4,2 



Die ükonomi sehen und sexuellen Widersprüche der Trobriander 



Häuptlingsfrauen^ 

VoskOV 



Häuptling Haupt- Schwester Sdiwestergatte 




Häupt.-Söhne Haupt- ^^' Häupi: 

Tochter Neffe 



Häüpt.-'^'^'' fremder 
Nichfe Gatte 



Fig. 4: Die »schlechte« Ehe (zwischen Huuptlingstochter und 

Häuptlingsneffcn) ; auch das Vermögen der HäupllinKssöhne kommt 

aus der Häuptlingslinie hinaus. 

In Figur 4 sehen wir den für ihn noch schlimmeren Fall, dass 
nämlich ausser diesen zwei Besitz Verschiebungen auch noch seine 
Söhne, denen er Zuwendungen machte, solange er lebte, durch seine 
Tochter seinen Neffen bereichern. Die Bereicherung des Neffen hat 
für ihn aber, im Gegensatz zu der des Sohnes, keinerlei Vorteile, weil 
der Neffe zu seinem Haushalt nichts beisteuern muss. Daraus erklärt 
sich das gespannte Verhältnis zwischen dem Onkel und seinem Neffen, 
und das liebevolle zwischen Vater und Sohn, auf das Malinowski 
.immer wieder zurückkommt. 



3. AUSBEUTUNG UND IHRE IDEOLOGISCHE 
VERANKERUNG 

Wir haben gesehen, wie die Einrichtung des Heiratsgutes die Macht- 
verhältnisse zugunsten des Vaters und Häuptlings verschiebt, wie aus 
der urkommunistischen mutierrechtlichen Organisation und den bluts- 
verwandten Clans das Vaterrecht und mit ihm die patriarchatische 
polygame Familie herauswächst. Für den Häuptling ergeben sich kraft 
seiner Macht (und infolge seiner Verpflichtungen) Möglichkeiten und 
Rechte, wie etwa das der Polygamie und Ansätze zu feudaler Kom- 
mandogewalt über die tributpflichtigen Brüder seiner Frauen und 
deren sonstige Verwandte. Hören wir Malinowski über den 
Häuptling Otnarakana: 

»Das Dorfoberhaupt von Omarakano, zugleich Häuptling von Kiriinina, ist 
der Höchste an Rang und Macht, Einfluss und Ruhro. Das ihm tributpflichtige 
Gebiet, jetzt durch die Weissen eingeschränkt und durch das Verschwinden mehre- 



Die Geburt der Klassciitcilunt,' 



rcr Dörfer verkrüppelt, erstreckte sich einst über die ganze Nordhälfte der Insel 
und umfasste etwa fünf Dutzend Gemeinschaften, Dörfer und Teile von Uorfern, 
die ihm bis zu sechzig Frauen eintrugen. Jede von ihnen brachte ihm e"i ^<^ 
trächtliches Jahreseinkommen an Yams; ihre Familie musstc jedes Jahr ein oder 
zwei Yamhäuser füllen, die etwa fünfzig bis sechzig Doppelzentner fassfcn. Der 
Häuptling erhielt auf diese Art etwa 3000 bis 3500 Doppelzentner Yams pro Jahr. 
Die ihm so zur Verfügung stehende Menge ist durcha.us hinreichend, um riesige 
Festlichkeiten zu veranstalten, Handwerker für die Ausführung liostbarer Schmuck- 
sachen zu bezahlen, Kriege und überseeische Fahrten zu finanzieren, gefährliche 
Zauberer und Miirder zu dingen — kurz alles zu tun, was man von einem Mäch- 
tigen erwarten kann.« (S, 96.) 

»Polygamie (uUagatva) wird von der Sitte allen Männern von höherem Rang 
■oder grossem Ansehen zugestanden, zum Beispiel berühmten Zauberern. In ge- 
wissen Fällen ist ein Mann infolge seiner sozialen Stellung sogar fienöügt und 
verpflichtet, mehrere Frauen zu haben. Das gilt für jeden Häuptling, das heisst 
für jedes Dorfoberhaupt von hohem Rang, der die Herrschaft über einen mehr 
oder weniger ausgedehnten Bezirk hat. Um seine Macht auszuüben und die 
Verpflichtungen seiner Stellung zu erfüllen, muss er reich sein, und das ist 
bei den sozialen Verhältnissen auf den Trobriand-Inseln nur durch Vielweiberei 
möglich.« (S. 97.) M^ 

Mit der bei solcher Entwicklung notwendig folgenden Verschiebung 
der Erbfolge von der mütterlichen auf die väterliche Linie, ist das 
Mutterrecht ausgelöscht, der Lauf der Entwicklung der Gesellschaft 
zun\ System des Feudalismus und der Sklaverei ist nichLjU^l^^-i^ii 
zuhalten. Denn sind einmal die Güter und mit ihnen die Macht in 
der Hand des Häuptlings und seiner Familie konzentriert, so bedarf 
es nur noch eines gewissen Fortschritts in der Entwicklung der Pro- 
duktionsmittel, um die Situation herzustellen, die Marx an den- 
Beginn der Klassengesellschaft setzte: Die fortschreitende ArbeUs- 
leilung führt zur Erzeugung von Tauschwaren, aber die ProduktionS; 
Inittel in der Hand des Häuptlings und seiner Familie, oder zumindest 
seine Macht, sie sich jederzeit auzueignen, kennzeichnen die Geburt 
der definitiven Klassenteilung in Besitzer von Produktionsmitteln und 
Besitzer von Arbeitskraft. Ihre embryonalen Vorstufen haben wir bei 
der Betrachtung des Rechtssystems der Trobriander klar vor uns ge- 
sehen: ein horizontales und ein vertikales »Ausbeutungs- 
verhältnis«; horizontal die Ausbeutung der Frauenbrüder durch die 
Galten, vertikal durch stufenförmige Zuspitzung der Macht in den 
»ranghöheren«, oberen Clans die Ausbeutung der Männer durch den 
Häuptling mittels der angeheirateten Frauen. Diesem Ausbeutungs- 
Verhältnis parallel läuft eine Verschiebung der Macht von der mütter- 
fichen auf die väterliche Linie. 

Malinowski schreibt, dass 

»sich die umständliche Wirtschaftsform der Eingehorenen als mächtiger 
Antrieb zu sachlichen Höchstleistungen erweist. Würde der Eingeborene nur 
gerade soviel arbeiten, dass er seine unmittelbaren Bedürfnisse befriedigen 
könnte, würde er nur von rein wirtschaftlichen Erwägungen ausgehen, so 
liätte er keine Veranlasung, einen überschus.s zu produzieren, den er ja nicht 
kapitalisieren kann. Tief wurzelnde Triebfedern, wie Ehrgeiz, Ehre und mora- 
lische Pflicht, haben ihn ein relativ hohes Niveau an I.^istungsfähigkeil und 
Organisation erreichen lassen, dass es ihm erlaubt, in Zeiten der Dürre und 



44 



Die ökonomischen und sexuellen Widersprüche der Trobriander 



des Mangels gerade genug zn erzeugen, um die schlimmen Zeiten überstehen zu 
köuiiCD.«^ (S. 94.) 

Die stets aktuelle wirkliche Triebfeder ist das primitive Aus- 
_beutungs Verhältnis durch das Heiratssystem. Der Elirgeiz, die Ehrp 
und die moralische Pflicht sind selbst bereits Ergebnisse dieses Pro- 
duklionsverhältnisses zwischen Bruder und Seliwestergatfen, ideologi- 
sche Verankerungen des bereits drückenden ökonomischen Systems, 
das sich durch das Heiratssyslem hält und ständig um sich greift. 
Wir können nicht verstehen, weshalb M a 1 i n o w s k i nach dem 
von ihm selbst Beschriebenen zu dem Schluss kommt, dass der 
Trobriander keine Veranlassung hat, von rein wirtschaftlichen 
Erwägungen auszugehen. 

^uch die Trauerriten, die M a I i n o w s k i genau beschreibt, lehren, 
dass dieses Produktionsverhältnis zwischen dem mütterlichen und 
dem väterlichen Clan bereits die ideologischen Keime des Hasses 
zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern herstellt. Stirbt nämiicli der 
Gatte, so sind nicht, wie zu erwarten wäre, seine Blutsverwandten, 
sondern die seiner Frau, insbesondere deren Brüder, zu extremen 
Äusserungen der Trauer verpflichtet. Die Totenfeier — schreibt 
Malinowski — 



1 



»die rituellen Handlungen am zweimal geöffneten Grabe und über den be- 
grabenen sterblichen Resten des Toten und alles, was mit seinen Reliquien 
vorgenommen wird, ist nichts weiter als ein gcscUschaflliches Spiel, bei dem 
die verschiedenen Gruppen, in die sein Tod die Dorfgemeinschaft gespalten 
hat, gegeneinander spielen. (S. 108.) Die Sippe darf auch in Kleidung oder 
Schmuck keine Trauer verraten, obwohl sie ihren Kummer nicht zu verbergen 
braucht, sondern durch Weinen ausdrücken kann. Dieser Vorschrift liegt der 
Gedanke zugrunde, dass die mutterseitigen Verwandten in eigener Person ge- 
troffen sind, dass jeder einzelne leidet, weil ihr ganzer Unter-CIon durch den 
Verlust eines Mitgliedes verstümmelt worden ist. »Als wenn ein Glied ab- 
geschnitten oder ein Ast von einen Baume geschlagen wäre.« Obwohl sie also 
ihren Kummer nicht zu verstecken brauchen, dürfen sie doch nicht damit 
paradieren. Dies Vermeiden jeder äusseriichen Trauer erstreckt sich auf die 
wirklichen Verwandten und darüber hinaus auf alle Mitglieder des Unter- 
Clans, ja auf alle Clan-Angehörigen des Verstorbenen. (S. 109.) . . . Völlig an- 
ders geartet ist nach der Auffassung der Eingeborenen die Beziehung der 
Witwe, der Kinder und angeheirateten Verwandten zu dem Toten und seinem 
Leichnam. Die geltende Moral verlangt, dass sie leiden und sich durch den Tod 
beraubt fühlen. Doch dabei leiden sie uicht direkt; sie trauern nicht um eioco 
Verlust, der ihren eigenen Unter-Clan und somit ihre eigene Person trifft. Ihr 
Leid ist nicht spontan wie das Leid der veyola (Verwandten mütterlicherseits), 
sondern eine beinahe künstliche Pflicht, die sich aus erworbenen Verpflich- 
tungen herleitet- Deshalb müssen sie ihren Kummer sichtbar ausdrücken, zur 
Schau tragen und durch äussere Zeichen bezeugen. Täten sie das nicht, so 
würden sie die überlebenden Mitglieder vom Unter-Clan des Verstorbenen 
schwer verletzen. So entwickelt sich eine interessante Situation, die zu einem 
höchst seltsamen Scbauspicl Anlass gibt: Wenige Stunden nach dem Tode eines 
angesehenen Mannes wimmelt das ganze Dorf von Leuten mit geschorenen 
Köpfen und dick mit Russ beschmierten Körpern, die wie verzweifelte Teufel 
heulen. Diese Leute sind nicht mit dem Toten verwandt und haben eigentlich 
keinen Verlust erlitten. Im Gegensatz dazu zeigt sich eine andere Gruppe in 
der gewöhnlichen Tracht, äusserlich ruhig und gefasst und benimmt sich, als- 
ob nichts geschehen wäre. Diese gehören zum Unter-Clan des Verstorbenen^ 



Die Trauerriten 45 



sie sind die eigentlichen Leidtragenden, So erzielen Tradition und Sitte durch 
abwegige Schlussfolgerungen das gerade Gegenteil von dem, was wir — und 
wohl fast jeder Beobachter aus einem anderen Kulturkreis — als natürlieh 
und naheliegend erwarten würden. ... In dieser Gruppe und vielleicht auch 
bei den Söhnen könnte ein geschulter Beobachter ein interessantes Hin und 
Her zwischen Vorgespiegeltem, bloss gespieltem Leid und wirklichen], auf- 
richtigem Kummer wahrnehmen. (S. 110.) . . . Nach der zweiten Exhumierung 
wird die Leiche begraben, die Totenwache ist beendet, und die Menge zer- 
streut sich; doch für die Witwe, die all die Zeit über nicht von der Seite ihres 
Gatten gewichen ist, die weder gegessen noch getrunken, noch auch nur eine 
Minute in ihrer Wehklage innegehalten hat, ist die Erlösung noch immer nicht 
gekommen. Im Gegenteil, sie begibt sich in einen kleinen Käfig, der in ihrem 
Haus erbaut worden ist, und bleibt monatelang darinnen unter Beobachtung 
strengster Tabus. Sie darf nicht aus dem Käfig liorauN; sie darf nur im 
Flüsterton sprechen; sie darf Speise und Trank nie mit den Händen berühren, 
sondern muss warten, bis sie gefüttert wird; sie bleibt im Dunkeln eingesperrt, 
ohne Licht und frische Luft; ihr Körper wird dick mit Russ und Fett be- 
schmiert, das lange Zeit nicht abgewaschen werden darf. Alle ihre IJedürfnisse 
muss sie im Käfig verrichten, die Exkremente müssen von ihren Verwandten 
herausgeschafft werden. So lebt sie monatelang in einem niedrigen, stickigen, 
stockdunkeln Raum, so klein, dass ihre ausgestreckten Hände heinahe gleich- 
zeitig die Wände berühren; oft ist der Käfig voller Menschen, die ihr bei- 
stehen oder sie trösten; es herrscht eine unbeschreibliche Atmosphäre von 
menschlicher Ausdünstung, angesammeltem Dreck, Rauch und stehengebliebe- 
nem Essen. Auch steht die Witwe unter mehr oder weniger scharfer Kontrolle 
und Beobachtung durch die mutterseitigen Verwandten ihres Mannes, welche 
die Trauer mit all ihren Entbehrungen als ein ihnen zustehendes Recht be- 
trachten. Naht sich das Ende der Witwenschaft, die je nach der gesellschaft- 
liehen Stellung des Mannes sechs Monate bis zwei Jahre dauert, so erleichtern 
die Angehörigen des verstorbenen Gatten nach und nach das Los der Trauern- 
den. Nahrung wird ihr in den Mund gesteckt nach einem bestimmten Ritual, 
das ihr Erlaubnis gibt, wieder mit den eigenen Händen zu essen. Dann wird 
ihr feierlich gestattet, zu reden; schliesslich wird sie vom Tabu der Ein- 
sperrung erlöst und — immer mit dem gehörigen Zeremoniell — aufgefordert, 
ihren Käfig zu verlassen. Bei der endgültigen feierlichen Freilassung durch 
die weibliche veyoJa des Verstorbenen wird die Witwe gewaschen und gesalbt 
und mit einem neuen, leuchtend dreifarbigen Hastrock bekleidet. Dadurch 
wird sie wieder heiratsfähig. (S. 114.) . . . Der Witwe jedoch und ihren Ver- 
wandten kommt CS zu, Kummer zu zeigen und alle Leichendienste zu erweisen — 
dadurch betont die Tradition die Stärke und Dauer der ehelichen Bande. (S. 115.) 
... In erster Linie handelt es sieh um eine Pflicht gegen den Toten und seineu 
Unter-Clan, um eine streng vorgesehrieben moralische Pflicht, deren Erfüllung 
von Öffentlichkeit und Sippe eifrig überwacht wird. ^Unsere Tränen — sie 
sind für die Verwandten unseres Vaters zu sehen,« erklärte mir einer der Leid- 
tragenden ganz einfach und geradezu. In zweiter Linie wird der Welt damit 
ijewiesen, dass Frau und Kinder des Toten wirklieh gut zu ihm waren und ihn 
in seiner Krankheit treulich gepflegt haben. Schliesslich — und das ist sehr 
wichtig — wird dadurch jeder Verdacht beseitigt, als könnten sie etwa an 
seinem Tod durch schwarze Magie mitschuldig sein. Um dieses letzte befrem- 
dende Motiv zu verstehen, muss man sich die ausserordentlich grosse Furcht 
vor bösen Zauberkünsten klar machen, den stets regen Argwohn und das un- 
gewöhnliche Misstrauen gegen alle und jeden, sobald Magic im Spiele ist. Die 
Trobriander — wie übrigens alle Völker ihres Kulturnivcaus — sehen aus- 
nahmslos in jedem Todesfall einen Akt böser Zauberei, es sei denn, dass der 
Tod durch Selbstmord oder einen wahrnehmbaren Unfall, wie Vergiftung oder 
Speerstich, verursacht wurde. Es kennzeichnet ihre Anschauungen über Ban- 
de der Ehe und Vaterschaft, die sie für künstlich und in 
der Not unzuverlässig halten, dass der Hauptv erdacht 
der Zauberei stets auf Frau und Kinder fällt. Wahre Teil- 
nahme am Wohlergehen eines Mannes und wahre Zuneigung findet sich nach 
dem überlieferten Vorstellungssystem nur bei der Sippe seiner Mutter, die auch 
Jkaum^m^ den /Verdacht' gerät, irgendwelche Ajischlage gegen ihn zu führe n. Seine 



46 



Die ökonomischen und sexuellen Wiilcrsprüche der Trobri ander 



II 



Frau und seine Kinder sind bloss Fremde, und die Sitte leugnet jede wirkliche 
Interessengemeinschaft zwischen ihnen.« (S. llfi.) 

Die psychoanalytische Forschung hat aul'gedeckt, dass, wer seine 
Trauer nach einem Verstorbenen besonders aufdringlich zur Schau 
trägt, einen verbotenen und verdrängten Hass gegen ihn zu ijber- 
U -winden und durch das Gegenteil zu überdecken hat. Wir sehen, die 
1 Trobriander sind misstrauisch gegeneinander, wo sie im Ausbeutungs- 
verhältnis zueinander stehen, und sie wissen die künstliche Natur der 
Ehe richtig einzuschätzen. Der Clan der Frau war ausgebeutet und 
wurde durch den Tod des Gatten von Lasten befreit, hätte al so G rund 
zu jubeln. Die Clanmitglieder hatten, unbewusst oder bewusst, Hass 
j gegen den Tributnehmer aufgestapelt und müssen nun, von der Sipp- 
schaft des Gatten argwöhnisch beobachtet, zeigen, dass sie nicht 
hassten wegen der zu tragenden Lasten, sondern dass sie es freiwillig. 
_und gerne taten. Für die Blutsverwandten des Verstorbenen bestanden 
keinerlei materielle Verpflichtungen, sie haben daher auch keinen 
Hass kompensatorisch zu übertönen, sie dürfen natürlich trauern. 

Wir sehen hier nioraüsche Bräuche unmittelbar aus dem Pro- 
duktion sverhaltnis entstehen, erkennen aber noch eine andere _ihrer 
Funktionen, die ideologische Festigung der_ ö konojni.- 
schen Situation, aus der sie hervorgehen. Diese Rückwir- 
kung der Ideologie, die in den psychischen Strukturen der Unter- 
drückten durch Veränderung ihres Trieblebens verankert wird, auf 
die Ökonomische Situation und ihre soziologisch reaktionäre Funk- 
tion, die materielle Unterdrückung der gleichen Individuen zu ver- 
ewigen und ihre Rebellion zu verhindern, sind ihnen ganz unbewusst. 
Wir dürfen erwarten, dass diese Funktion der Ideologie gesetzniässig 
überall dort anzutreffen sein wird, wo eine Ideologie einem Aus- 
beulungsverhältnis entspricht. Mit dieser Frage werden wir uns im 
II. Teil noch beschäftigen. 

Da auf dieser Organisationsstufe der Gesellschaft das Interesse 
an der Eheinstitution als zentralem Mechanismus der Ausbeutung 
bereits mächtig ist, muss die Witwe sich die furchtbarsten Ent- 
behrungen lange Zeit hindurch auferlegen; sie wird von den Ver- 
wandten des Gatten argwöhnisch bewacht, die zu bestimmen haben, 
■wie lange sie die Trauerriten über sich ergehen lassen muss. Wir 
verstehen dies aus der Tatsache, dass sie durch den Gatten mächtige 
Einschränkung ihrer Sexualität erfuhr und ihn daher ebenfalls hassen 
musstc. Ehe sie ihre volle Freiheit gemessen darf, nnuss sie leidend 
beweisen, dass sie ihn geliebt und nicht schwarze Magie an ihm 
geübt hat. Toui eonimc chez nous. 



•» I 



III. KAPITEL 

DER EINBRUCH DER SEXUALFEINDLIGHEN 

MORAL 

1. VOREHELICHE KEUSCHHEIT 

Bis auf eine einzige Ausnahme ist das Geschlechtsleben der Tro- 
briander vor der Eheschliessung nicht nur völlig frei von Kindheit 
auf, sondern vielmehr gesellschaftlich befürsorgt (vgl. Kap. I). Und 
diese eine Ausnahme betrifft jene Kinder, die 
zu einer Kreuz-Vetter-Basen-Heirat hestimmt sind; 
für sie vvird von der gesellschaftlichen Sitte voreheliche Keuschheit 
und Fernhaltung von. den sonst üblichen und eifrig betriebenen 
sexuellen Betätigungen gefordert. Malinowski registriert bloss 
diese Tatsache unter dem Titel »Feierliche Bräuche beim Kinderver- 
löbnis«, ohne sie in irgend einen Zusammenhang zu bringen. 

Bei meiner Untersuchung über die soziologische Funktion der 
Unterdrückung der kindlichen und jugendlichen Sexualität^) ergaben 
sich aus den Beziehungen zwischen Privateigentum, Elieinstitution 
und Askeseforderung für die Jugend Zusammenhänge, die sich durch 
die Funde Malinowskis nicht nur bestätigen, sondern sogar im 
Entstehen kundgeben. Ich wiederhole hier kurz die Ergebnisse der 
genannten Untersuchung: 

Die bürgerliche Jugendforschung behauptet, wo immer sie mit 
dem Problem der jugendlichen Askese in Berührung kommt, dass 
diese den Ansprüchen der »Kultur« diene, dass Kultur und Zivili- 
sation ohne enthaltsames Leben der Jugend nicht denkbar seien. Es 
war naheliegend, nachdem man durch marxistische Schulung geübt 
wurde, die Fragen nicht abstrakt, sondern konkret zu fassen, an- 
zunehmen, dass nicht die Kultur überhaupt, sondern nur eine be- 
stimmte Form der Kultur, eben die bürgerliche und vielleicht noch 

*) »Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral. Eine Kritik der bürgerlichen 
Sexualreform.« (Münster-Verlag, Wien 1930.) 



48 



Der Einbruch der sexualfcindlichea Moral 




die privalwirtschaftiiche im allgemeinen, die Askese der Jugend oder 
zumindest die Forderung danacli als einen ihrer integrierenden Be- 
standteile beinhaltet. Aher wie Hess sich die Askeseforderung in das 
soziologische Geschehen einordnen? 

Zunächst war nur klar, dass der Kapita lismus an der Ehdnsti; 
tution aus einem bestimmten Grunde inleres^ert ist. Sie bildet den 
sozial en^chut z der entrecht e t en Frau und der Kinder, fixiert und 
s^chiitzt ökonoinisch das Erbrecht der Besitzenden auf der väterlichen 
Linie u iidrTst™ii^er di es , was ihre politisch e Funktion in der bür- 
gerlichen Gesellschaft ergibt, das Rü ckgrat tlor bürgcrüchen_[deoIo- 
giefabrik, der \-aterrcchtlichen Famflie. Das sagt noch nichts über 
dre~X'sEesefor(rerung aus. Denn warum sollten die Jugendlichen nicht 
ihren psycho-physiologischen Notwendigkeiten gemäss leben, wenn 
sie nur später in der Ehe den Forderungen des Patriarchats folgten? 
Die Lösung des Problems wurde durch die psychoanalytische Klinik 
.angebahnt: Es zeigt sich nämlich, dass Menschen, die, sei es durch 
besondere Schicksale, sei es durch eine psychoanalytische Kur, zur 
vollen Entfaltung ihrer genitalen Bedürfnisse gelangen, unfähig wer- 
den, sich dem monogamen Gebot des Privateigentums: »ein Partner, 
und dieser lebenslänglich«, zu fügen. Dagegen ergibt der Vergleich 
■mit den sexuell verkrüppelten und daher braven kleinbürgerlichen 
Ehefrauen, die der Moral folgen können, ferner die relative Leichtig- 
keit, mit der sexuell gestörte Männer die Monogamie durchführen, dass 

1. die Schädigung der genitalen Sexualität ehefä_hig 
m a^chtr""'"""" " ————-*-"- 

2. die volle Entfaltung der Sexualität durch be- 
friedigendes Sexualleben vor der Ehe zwar nicht Mo- 
nogamie auf gewisse Zeit, wohl aber die Fähigkeit zur Mo- 
nogamie im kirchlichen und bürgerliehen Sinne zerstört. 
Der Sinn der Askeseforderung für die Jugend und der Sexual- 
unterdrückung in der frühen Kindheit ist also objektiv-gesell- 
schaftlich, ungeachtet der subjektiven Rationalisierungen, die 
Herstellung der Ehefähigkeit. Das wird j a auch in 
manchen antibolschewistischen Schriften der Kirche und des of- 
fenen reaktionären Bürgertums unverliüllt ausgesprochen. 

Wir vernachlässigen hier die Widersprüche, die sich daraus für 
die Elle ergeben^), und halten nur diesen einen Tatbestand fest: Das 
Privateigentum an Produktionsmitteln ist an der Eheinstitution in- 
teressiert; diese wieder erfordert zu ihrem Bestände die Forderung 
undslrengste Durchführung der kindlichen und jugendlichen Askese. 
Dies, und nicht, wie die bürgerliche Sexualforscbung behauptet, die 
Rücksicht auf die »Kultur«, ist der wahre Grund der Forderung, i 
Gegenüber der mit langweiliger Beharrlichkeit vorgebrachten Beru-t 



1) Vgl. ebenda das Kap. sDcr Widerspruch der Eheinstitution«. 



Voreheliche Askese und Ehefähigkeit 49 

f fung auf den gesundheitlichen Schaden des puberilen Geschlechtsver- 
kehrs war klinisch nicht schwer zu beweisen, dass die Forderung 
praktisch nie durchgeführt wird, dass ja die konfliktuöse Onanie weit 
, mehr schädigt, als der Geschlechtsverkehr in der Pubertät je im- 
t Stande wäre, und dass es nur auf die Schuldgefühle und die Sexual- 
1 angst ankommt, die den Jugendlichen verhindern, sein Sexualleben 
zu leben, ihn impotent, befriedigungsunfähig und daher schliesslich 
bewusst sexuell anspruchslos machen. Dass dabei etwa 60 Prozent 
der Männer und 90 Prozent der Frauen an nervösen und sexuellen 1 
Störungen erkranken, ist zwar von der Sexualordnung nicht beab- 1 
I sichtigt, gehört aber spezifisch zu ihrem System, das unter den bür- ' 
■ gerlichen Sexualfor scher n seine Verfechter findet. Auch die psychoa- 
nalytische Jugendforschung ist bisher diesem Irrtum verfallen, trotz 
.der klaren Tatsachen, die eine klare Sprache sprachen. 

Eine Statistik über die Beziehungen zwischen dem zeitlichen Be- 
ginn des Geschlechtsverkehrs und der ehelichen Treue, die in Moskau 
von B arasch angestellt wurde, ergab eine Bestätigung; Von denen, 
die nach dem 21. Lebensjahre den Geschlechtsverkehr aufnahmen, 
waren nur 17,2 Prozent untreu; von denen, die zwischen dem 17. 
und 21. Lebensjahr geschlechtlich verkehrten, bereits 47,6 Prozent, 
und schliesslich ergab sich bei Beginn des Geschlechtsverkehrs vor 
dem 17. Lebensjahr ein Satz von 61,6 Prozent ehelicher Untreue^). 
Gegen die theoretischen Ableitungen und gegen die Statistik könnte 
die moralisch befangene Sexualforschung noch allerhand Einwände 
ins Feld führen. ^ie_ Tatsache aber, dass in der sonst sexuell freien 
trobriandrischen Gesellschaft die Forderung nach kindlicher und 
jugendlicher Enthaltsamkeit gerade dort einsetzt, wo das materielle 
Interesse sich am deutlichsten ausprägt, nämlich mit der Kreuz-Vetter- 
Basen-Heirat, enthüllt unwiderleglich den ökonomischen Hintergrund 
der Askeseforderung und zerstört endgültig die Floskel von der kul- 
turellen Rücksicht ebenso, wie das Geschlechtsleben der trobriandri- 
schen Jugend die Phrase von der gesundheitlichen Schädigung durch » 
Geschlechtsverkehr widerlegt. Niemand kann behaupten, dass die 
Trobriander nicht einen bereits sehr hohen Grad der Gartenbaukultur 
erreichten, und doch sind sie durch das Sexualleben ihrer Jugend 
nicht daran gehindert worden. Der Nachweis, dass die Schäden beim 
Geschlechtsverkehr im Pubertätsalter aus den gesellschaftliehen Be- 
hinderungen des Geschlechtslebens (erzieherische Sexualverkrüppe- 
iung, Wohnungsnot, Elternhaus etc.), aus den Widersprüchen des 
sexuellen mit dem. wirtschaftlichen Sein entspringen und nicht ir- 
gendwelchen natürlichen Gegebenheiten, wurde zu einem Teil bereits 
in »Geschlechtsreife etc.« geführt. 

Kehren wir nun zu Malinowskis Bericht über den Einbruch 



1) Barasch: »Sex Life of the Workers of Moskau«, Journal of Social Hygiene. 
(Vol. XII. Nr. T), Mai 1926.) 



50 



Der Einbruch der sexualfeindlichen Moral 



der Askeseforderung zurück. Der materiell interessierte Mutterbru- 
der ergreift immer die Initiative zur Herstellung einer Kreuz-Vetter- 
Basen-Heirat. Er stellt, sobald ihm ein Sohn geboren wird, an seine 
Schwester das Ansuchen, sie möchte diesem ihre Tochter oder eine 
Enkelin zur Frau bestimmen. Doch wird auf einen Altersunterschied 
von etwa zwei bis drei Jahren Rücksicht genommen, 

»Oder aber der Vater des Knaben wartet zunächst; wenn innerhalb eines 
Zeitraumes von zehn Jahren seine Schwester eine Tochter gebiert, so fordert 
er dieses Kind als zukünftige Schwiegertochter; die Schwester darf sein An- 
suchen abschlagen. Bald nachdem die erste Abmachung getroffen ist, muss der 
Mann dem Vater (lama) der kleinen Braut ein vayuit'a (Wertgegensland) brin- 
gen, eine polierte Axtschneide oder einen Muschelzierat. »Dies ist das katap- 
ivot/na kapo'ala für dein Kind«, sagt er und fügt noch hinzu, er bringe dieses 
Geschenk, »damit sie nicht mit anderen Männern schläft; 
nicht katuyausi (L i e b e s au s f 1 ü g c) macht und nicht im 
bukumat ula schläft. Sic darf nur im Hause ihrer Mutter 
schlafen.« (Vom Ref. gesperrt.) Bald darauf überbringt die Familie des 
Mädchens dem Vater des Knaben drei Geschenke, die aus Nahrungsmitteln 
bestehen; sie sind von gleicher Beschaffenheit wie die drei ersten Gahen bei 
einer gewöhnlichen Kheschliessung und werden mit demselben Namen bezeichnet: 
Kuiuaila, jiepe'i und Itaykaboma. (S. 77.) 

Doch bis es glücklich so weit ist, dass die beiden verheiratet sind, gilt es 
einen nicht ganz leichten Kurs zu steuern. Obwohl niemand im Ernst er- 
wartet, dass die beiden jungen Leute keusch und einander treu bleiben, muss 
doch der Schein gewahrt werden. Eine allzu offensichtliche Verletzung der 
Pflichten gegen den anderen Verlobten würde von der betreffenden Seite übel 
vermerkt werden und übertreibend als »Ehebruch« bezeichnet werden. Es 
gilt für das Mädchen als grosse Schande, wenn ihr Verlobter ein Verbältnia 
mit einer anderen hat, und sie ihrerseits darf das bakumatula nicht zu ihrem 
dauernden Aufenthalt machen^ weder in Gesellschaft ihres Verlobten, noch 
irgendeines anderen; ebensowenig darf sie sich am katuyausi. den anerkann- 
termasscn geschlechtlichen Ausflügen in andere Dörfer, beteiligen. Beide Teile 
müssen ihre Liebesgeschichten diskret und sub rosa abmachen. Das ist für sie 
natürlich weder leicht noch angenehm, und sie wandeln den geraden Pfad 
äusserlichen Dekorums nur unter hartem Druck. Der junge Mann weiss, was 
für ihn auf dem Spiele steht, und benimmt sich deshalb so vorsichtig, wie er 
es nur über sich gewinnt. Auch steht der Sohn bis zu einem gewissen Grade 
unter der Kontrolle seines Vaters, der zugleich auch über seine zukünftige 
Schwiegertochter, als Onkel mütterlicherseits eine gewisse ,'Vutorität hat. Ein 
Mann, der seinen Sohn und seine Nichte miteinander verlobt hatte, erklärte 
mir die Sache folgcndcrmassen: »Sie hat Angst, sie könnte sterben (durch 
bösen Zauber) oder ich könnte sie schlagen.« Eine Mutter ist natürlich sehr 
besorgt und tut, was sie kann, die Pflichtvergessenheit ihrer Tochter zu ver- 
tuschen und als geringfügig hinzustellen.« (S. 78.) 

Mit der Unterdrückung setzt, wie wir sehen, das Heimlichtun ein, 
der schwere Druck der neuen Moral, die in so krassem Widerspruch 
steht zur sonstigen freien Sexualorganisation, bringt es zuwege, dass 
ein Trobriandermädchcn in einer Gesellschaft, in der das Schlagen 
der Kinder eine Schande ist, Angst entwickelt, für geschlechtliche 
Vergehen geschlagen zu werden, und die Mütter dieser Töchter be- 
ginnen das Gehaben unserer Mütter zu entwickeln. Um es noch ein- 
mal zu bringen, damit kein Missverständnis aufkomme: »Dieser 
letzte Vorgang {dass nämlich der Vater des Mädchens den Eltern des 
Knaben einen ansehnlichen Tribut an Voj/isknollen als Heiratsgeschenk 



* 



Oekonomische BegrilnduDg der Askeseforderung 51 

bringt) ist sehr interessant, denn er bedeutet eine Umkehrung dessen, i 
was sich in der vorhergehenden Generation abgespielt hat. Der Vater | 
des Knaben, zugleich der Bruder der Mutter des Mädchens, hat den 5 
Eltern des Mädchens Jahr für Jahr eine Ernlegabe zu entrichten; 
diese Geschenkreihe hatte er zur Zeit, da seine Schwester heiratete, 
durch eine Vilakuria-Gahe eröffnet. Jetzt erhält er zugunsten seines 
kleinen Sohnes eine Vilakaria-Gahe vom Gatten seiner Schwester, der 
als Vertreter . . . seiner Söhne handelt, also als Vertreter der . . . 
Brüder der zukünftigen jungen Frau, denn diese müssen später, wenn 
dereinst der junge Haushalt gegründet ist, ihrer Schwester alljährliche 
ansehnliche Erntegaben bringen.« (»Geschlechtsleben der Wilden«, 
S. 77.) Und da die Söhne auch für den Haushalt der Mutter zu sorgen 
haben, ist der Ring des Rückflutens der Erntegaben zum Ausgangs- 
punkt geschlossen, und damit ist der Boden für die Sexualunter- 
drückung geschaffen. Wir haben im ersten Kapitel gesehen, wie sie sich 
bei einiger Entfaltung im Patriarchat als neurosenerzeugender Faktor 
auswirkt. 



2. DIE GRAUSAMEN PUBERTÄTSRITEN 

Freud hat den Pubertätsritus der Beschneidung und der geni- 
talen Verstümmelung bei den Primitiven unserem Verständnis nahe 
ZU bringen -versucht. Die Entfernung der Vorhaut bei den Knaben, 
die Exzision der Klitoris und der Schamlippen bei vielen Völkern, 
wie es von Bryk in seinem Buche »Negereros« geschildert und von 
Krische zusammengestellt wurde (Ägypter, Nubier, Abessinier, Su- 
danesen, ferner bei Negerstämmen in Westafrika, bei den Susus, Bam- 
buc, Mandingo, bei den Massai und Wakussi in Ostafrika und ande- 
ren), sollen nach Krische nicht nur für vaterrechtliche Organisa- 
tionen typisch sein, als Zeichen der Brutalisierung der Sexualität 
und im Sinne der Freud sehen Deutung als vorweggenommene Be- 
strafung für sexuelle Handlung, sondern sie sollen auch bei den 
Kamtschadalen verbreitet gewesen und bei den mutterrecbtlichen 
Malaien des ostindischen Archipels gefunden worden sein. Nach 
Bachofen bestand diese Sitte auch bei den »mutterrechtlich ein- 
gestellten Ägyptern«^). Bryk schreibt von den afrikanischen Bantu- 
stämmen: 

»Diese Besehusiidung, die sich auf die Klitoris beschränkt, setzt dem tolleu 
Treiben der Mädchen Schranken. Aus Gemeingut wird es Privacigcntum (der 
beschriebene aCrikanisdie Negerstaram ist bereits zur Gänze patriarchalisch. 
Anm, d. Ref.) . . . Die praktische Bedeutung liegt zunächst darin, das gene- 
sende junge Mädcheti* der Zudringlichkeit der jungen Leute auf längere Zeit 
zu entziehen. Das Primäre des Zweckes liegt jedoch vor allem darin, durch 



1) Nach Krische »Das Rätsel der MutterrechtsgeseHschaft«, München 1927, 
S. 231. 



5* 



52 



Der Einbruch der sexualfeiudlichcD Moral 



Extirpation des für die Ubido sexuaUs empfindlichsten Organs . . - seine Geil- 
heit zu zügeln, um ihr auf diese Weise die seiner Natur widerstrebende Mono- 
gamie aufzudrängen.« (»Neüereros.« S. SB.) 

Däss die genitalen Zeremonien, die als Pubertlitsriten mit Ver- 
stümmelung der Genitalien und Schmerzzufügung verbunden sind, 
einen Kampf der Gesellschaft gegen die Sexualität der Jugendlichen 
bedeuten, kann nicht bezweifelt werden. Es fragt sich nur, welchen 
Sinn dieser Ritus in soziologisch-ökonomischer Hinsicht hat, wie er 
sichln die Entwicklung der Sexualmoral und Sexualunterdrückung 
geschichtlich einordnen lässt. Es ist unwahrscheinlich, dass der Ritus 
aus der Urzeit des freien uneingeschränkten Liebeslebens herstammt. 
Er muss also geworden sein. Für die primitiven väterlichen 
Organisationen ist er fast typisch. Aus der Zusammenstellung von 
Krisch e geht hervor, dass er auch bei mutterrechtUchen zu finden 
ist. Wie ist das mit ihrer sexualbejahenden Organisation in Einklang 

zu bringen? 

Wir müssen nun zweierlei beachten: Erstens ist dieser Ritus bei 
mutterreclitlich organisierten Stämmen nicht häufig, und die Ägypter, 
bei denen er gefunden wurde, waren bloss (noch) »mutter rechtlich 
eingestellt« ; zweitens dürfen wir uns nicht unhistorisch Mutterrecht 
und Vaterrecht scharf voneinander abgegrenzt vorstellen. Wo immer 
Mutterrecht in Vaterrecht überging, bedurfte es langer Zeiträume der 
(Oberleitung aller ökonomischen und sozialen Institutionen und Ge- 
bräuche. Und wenn wir die sexualÖkonomischc Funktion der Puber- 
iätsverstümmelung als primitive Methode zur Unterdrückung der 
jugendlichen Sexualität hinzunehmen, müssen wir schüessen, dass 
diese Massnahme in der Übergangszeit entstanden ist, sich im 
Laufe der Wandlung von der Sexualbejahung zur Sexualunter- 
drüekung als dam'als ökonomisch notwendige Massnahme hergestellt 
hat. Wann und in welchem Zusammenhange? Dazu können wir nur 
eine Vermutung vorbringen, da das Material hier ganz unzulänglich 
ist; allerdings eine Vermutung, die sich in unsere Geschichte der 
Sexualmoral zwanglos einfügt und in voller Überinstimmung ist mit 
unseren psychoanalytischen Kenntnissen von der sexuellen Apparatur. 
i , Solange die ökonomisch so wichtige Kreuz-Vetter-Basen-Hcirat 
noch nicht voll entwickelt war und daher für die Masse der Jugendlichen 
noch nicht Keuschheit gefordert wurde, genügte der moralische Druck. 
Mit dem Umsichgreifen der Keuschheitsforderung mussten die Jugend- 
lichen immer mehr sexuell rebellieren, und da die Keuschheits- 
forderung sich durchsetzen musste, sollte nicht das ganze System 
der »gesetzlichen« Ehen gefährdet werden, da doch voreheliche Ge- 
schlechts freiheit eheunfähig macht, waren schärfere Massnahmen 
notwendig. Die Exzision der Klitoris beim Mädchen hat den Zweck 
gewaltsamer Herabsetzung der sexuellen Erregbarkeit. Die Beschnei- 
dung hat also letzten Endes eine ökonomische Funktion, die sich in 



Die Funktion der genitalen Verstümmelung 53 

Form von Sitte und Brauch verankert und gleichzeitig verschleiert. 
Die Prozeduren, die der Jugendliche zu erdulden hat, sind nicht vor- 
■weggenommene Bestrafungen für die sexuelle Betätigung, keine 
feRacheaktionen« der Erwachsenen, sondern rationell wohlbegründete 
Massnahmen der herrschenden Gruppe zunächst zur gewaltsamen 
Unterdrückung der in diesem Stadium der Entwicklung der Wirt- 
schaft nachteiligen puberilen Sexualität. Das spätere reifere Patriar- 
chat arbeitet raffinierter und erfolgreielier: Es führt den Kampf 
gegen die kindliche Sexualität ein und schädigt von vornherein , 
die sexuelle Struktur im Sinne der orgastischen Impotenz, nicht ohne 
sich dabei gleichzeitig unbeabsichtigt die Neurosen, Perversionen und 
Sexualverbrechen auf den Hals zu laden. In diesen ökonomischen 
Interessen des keimenden Patriarchats wurzelt historisch die Kastra- 
lionsangst, die Freud beim bürgerlichen Menschen entdeckt hat. 
Und die gleichen Motive, die seinerseits die Grundlage für den Ka- ^_ 
strationskomplex der Menschen schufen, erhalten ihn heute im 
Kapitalismus: die patriarchalisch-privatwirtschaftlichen Interessen an i 
der monogamen Dauerehe, als deren Durchführungsorgane die Eltern l 
— ganz unbewusst — fungieren. 



.-M-i-^c^.;).--— ■M'v^'^ 



IV. KAPITEL 

URKOMMUNISMUS — MUTTERRECHT 
PRIVATEIGENTUM — VATERRECHT 

1. ZUSAMMENFASSUNG 

Wir haben bei den Trobriandern das Vaterrecht aus dem, Mut- 
terrecht herauswachsen gesehen und wir erkannten im^^Uuelljen 
Heira tsgut den Grundmechanismus der Verwandlung der einen ge- 
sellschaftliehen l)rganisation in die andere. Wir sahen die urkom;^ 
munistische mütterliche Gens immer mehr in ökonomische, ideolo- 



gisch verschleierte Abhängigkeit vom patriarchalisch werdenden 
'^.Häuptling und seiner Familie geraten. Haben wir es hier mit einem 
allgemeinen oder zumindest weitverbreiteten Typus der urzeitlichen 
Transformation zum Patriarchat und zur Klassenteilung zu tun, oder 
trifft er nur für die Trobriander und einige wenige andere Stämme 
zu? Diese Frage ist gar nicht leicht endgültig zu beantworten. So 
genaue und ausgiebige Berichte wie die Malinowskis liegen 
sonst nicht vor. Entweder fehlt die durch die psychoanalytische Be- 
trachtung geschärfte Methode des Ethnologen, das Sexualleben zu 
studieren, oder aber es fehlen die deskriptiven Zusammenhänge zwi- 
schen Sexualform und Wirtschaftsform, so dass sich keine befriedi- 
genden Schlüsse ziehen lassen. Sehr viele Ethnologen stehen ja auch 
auf dem Standpunkt der Priorität des Patriarchats, was einen ent- 
wicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkt von vornherein ausschliesst. 
Ja, in den meisten Berichten fehlt jeder Hinweis darauf, ob die 
beobachteten Stämme vaterrcchtüch oder mutterrechtlich, urkom- 
munistisch oder privateigentümlich organisiert sind. Es sind nur 
wenige Ethnologen zu nennen, deren Untersuchungen einen Blick 
in die historische Entwicklung der Urgesellschaft gestalten. Unter 
diesen Autoren hat in erster Linie Lewis Morgan M. dem dann 



1) »Die UrgescHschart«. (Dietz, 1908, II. Aufl.) 



Widersprüche der Vaterrechtstheorie 55 



Engels in seinem Buche über den »Ursprung der Familie« folgte, 
den Standpunkt des ursprünglichen Mutterrechts vertreten. Vor ihnen 
wies schon Bachofen') nach, dass das Mutterrecht allgemein die 
ursprüngliche Organisalionsform war, denn sie repräsentiert das ' 
eigentliche Naturrecht, während das Patriarchat bereits kompli- 
zierte gesellschaftsgeschichtliche Einflüsse zur Voraussetzung haJL- / 

Das Material ihrer Gegner, der Vertreter der Ursprünglichkeit 
der Vaterfolge und des Patriarchats, ist immer vieldeutig, entbehrt 
der Geschlossenheit der Mutter-Naturrechts-Theorie und beweist 
auch dann nichts, wenn man bei sehr primitiven Stämmen bereits 
Vaterrecht feststellt. Denn aus dieser Feststellung allein erfliesst 
noch nicht der Beweis der Ursprünglichkeit der gegenwärtigen Or- 
ganisation. Wenn zum Beispiel die auf niedrigster Stufe sichenden 
Pygmäen vaterrechtlich organisiert sind=), so weist bereits ihre Mo- 
nogamie in der Sexualorganisation und das festorganisierte Inzestver- 
bot auf eine lange historische Entwicklung hin, und erst die genaue 
Durchforschung ihrer Sagen und Mythen könnte hier Aufschluss 
^eben. 

Dass das Mutterrecht sich aus einem ursprünglichen Patriarchat Z. 
entwickelt haben sollte, ist kaum wahrscheinlich. Bedenken wir, 
dass das Mutterrecht durch Urkommunismus und weitestgehende 
Sexua lfreiheit, das Vaterrecht dagegen, wo immei^ wir es antreffen, 
durch Privatbesitz, Frauen Versklavung und der unsrigen bereits 
ahnliche Sexuaiunterdrückung gekennzeichnet ist, dass also das erste 
dem natürlichen Zustand weit näher steht als das zweite, so müssten 
wir gewaltsam eine Umkefarung der Entwicklung im rückläufi- 
gen Sinne annehmen, wenn wir das Mutterrecht aus dem Vaterrecht 
ableiten wollten, eine Verwandlung einer hochkomplizierten Orga- 
hisation in eine primitivere, natürlichere. Dabei geht jeder Grundsatz 
einer historischen Betrachtung verloren. 

Und die dritte Möglichkeit, dass es neben einem ursprünglichen ''i. 
Mutterrecht ein ursprüngliches Vaterrecht gegeben habe, ist nicht 
weniger unwahrscheinlich; denn während sich das Mutterrecht aus 
der natürlichen Gen erations folge erklärt, mit der Tatsache des In- 
zestes und des primitiven Kommunismus in der Urzeit in vollem Ein- 
klang steht, bedarf es zur Annahme des ursprünglichen Vaterrechts 
sehr komplizierter und gewaltsamer Hypothesen: Man stützt sich 
bei dieser Annahme meist auf die Stärke des Männchens, seine Eifer- 
sucht den anderen, jüngeren oder schwächeren (?) Männchen gegen- 
über und zieht Analogien aus dem Tierleben heran, wo es eine »väter- 
liche« Leithorde gebe. Wir haben hier folgende Schwierigkeiten: Die 
(Annahme der Eifersucht schliesst die unwiderlegliche Tatsache des 






1) »Das Mutterrecht« (1861). 

-) Vergl. ß o h c i m : »llrformeii imd Wandlungen der Ehes in Marcuses 
»Ehebuch«, S. 33 f. 



56 Urkommunismus — Mutterrecht; Privateigentum — Vaterrecht 



Inzestes in der Urzeit und ebenso die des wirtschaftlichen Urkom- 
^munismus aus; denn wenn es ein starkes eifersüchtiges Männchen 
" in einer Horde gibt, das alle Weibchen für sich in Anspruch nimmt 
und die anderen Männchen ausschliesst oder verjagt, so muss es 
immer so gewesen sein, sonst hat das Ganze keinen Sinn; die aus- 
geschlossenen und immer kämpfenden Männer können auch keine 
Mitarbeit in der primitiven Wirtschaft leisten, denn dabei kämen sie 
mit den Frauen in engen Kontakt; sie könnten ebensowenig die 
Früchte mitgeniessen. Ganz unmöglich aber erscheint die Vorstellung^ 
dass der Urvater auf die Dauer eine Gruppe von nicht weniger kräf- 
tigen Männern fernhielt. Die einzige hypothetische Grundlage dieser 
Auffassung ist die supponierte Eifersucht des führenden Mannes und 
I das notabene seltene Vorkommen von Tierhorden (wilde Pferde, Hir- 
sche, Affen), bei denen es einen »Führer« gibt. Diese immer wieder 
aus dem Tierreich herangezogenen, biologischen Beweise verschwin- 
den aber gegenüber der Tatsache, dass die Millionen anderer Tierarten 
erwiesenerraassen, mit Ausnehme gelegentlicher Paarungen für die 
Zeit der Brut, geschlechtlich ungeregelt leben; trotzdem müssen sie 
immer wieder zur Stützung der patriarchalisclien Ideologie herhalten. 
( Die patriarchalischen Auffassungen der Urgeschichte haben auch 
logischerweise zu der Annahme geführt, dass die Monogamie bzw. 
das heutige Vorrecht des Mannes auf mehrere Frauen, die Eifersucht, 
die Unterdrückung der Frau usw. biologisch begründet seien. Nehmen 
wir noch hinzu, dass diese Auffassung der Rechtfertigung unserer 
patriarchalischen Organisation dient und ein Stück Grundlage der 
faschistischen Sexualideologie bildet, während die mutter rechtliche 
zeigt, dass sich alles wandelt und dass es auch anders geht, so können 
wir kaum schwanken, welche Auffassung wir zu der unsrigen machen. 
Vor allem leistet die mutterrechtliche Theorie für die Klärung von 
gesellschaftlichen Tatbeständen und Prozessen viel, während die 
vaterrechtliche nur verewigt, was sich im ständigen Flusse der Ver- 
änderung befindet. Stellen wir uns also auf den Boden des allmäh- 
lichen Überganges vom allgemeinen Mutterrecht zum Vaterrecht, so 
befinden wir uns im Einklang mit einer grossen Reilie beobachteter 
Tatsachen, können auf gewaltsame Auslegungen verzichten und ge- 
winnen viel für die Geschichte der Sexualformen und der sexuellen 
Ökonomie. , 

Krische hat das einschlägige ethnologische Material^) über die 
weite Verbreitung sowohl historischen als auch aktuellen Mutter- 
rechts neuerdings zusammengestellt. Es bleibt die schwierige Auf- 
gabe, an einzelnen primitiven Organisationen die Entwicklung des 
Vaterrechts aus dem Mutterrecht in ihrer historischen Mechanik zu 
beweisen, wie wir es für die Trobriander taten. Mutterrecht wurde 
also festgestellt: 

1) »Das Rätsel der Mutterrechtseesell.scliaft«, München 1927. 



Ehe als primitives ProduktionsverhältDis 57 

l.bei den ackerbauenden Indianern Nordamerikas, den Missouristäm- 
men, den Irokesen, den Huronen, den Algonkinstammen, den 
Muskogee, Choktas und Cherokesen, den Natchez, den Pueblos; bei 
den Naturvölkern Südamerikas, den Tupi, Karaiben und Aruak; 

2. im Osten bei den malaischen Stämmen, den Nikobaresen, den Pa- 
lauinsulanern, bei den Stämmen auf Formosa; es gibt mutterrtt,ut- 
liche Urstämme in China und in Indien (die Garos, Pani-Kooch 
und Kulu) ; 

3. bei den alten Kulturvölkern, in Athen, Sparta, Megara, Kreta, Lem- 
nos, Lesbos, Samothrake, Elis, Mantinea, Lydien, Kyrien usw.; in 
Rom, ferner bei den Chinesen, Arabern, Tibetanern, aber auch bei 

den Kelten, Slaven u. s. f. . ^,^W^. .. /IWfc«*^. 

Eine grundlegende Theorie über die Verbindung von wirtschaft- 
jichem Urkommunismus und Mutterrecht liegt nur bei Morgan 
vor, der sie als allgemein vorkommenden Urzustand zuerst erwiesen 
_hat.. Roh ei ml) gab eine Zusammenstellung der urkommunistisch 
organisierten Stämme, jedoch ohne Inbeziehungsetzung der Wirt- 
schaftsformen zu ihrer Organisation der Geschlechterfolge. Die ge- 
meinsamen Tatbestände sind; Gemeineigentum an Boden und Hütten, 
gemeinsame Arbeit und Produkten Verteilung, Privateigentum nur an 
Werkzeugen, Schmuck, Kleidungsstücken usw., so bei den Kuli, den 
Lengua-Indianern, den Eskimos, den Ureinwohnern von Brasilien, den 
Bakairi, in Australien ganz allgemein, in Tasmanien, bei den Koman- 
chen, Siouxindianern, den indochinesischen Völkern, auf den Salomon- 
inseln. Doch sind manchmal die Jagdgebiete fremder Stämme 
streng abgeteilt; Übertretung der Grenze führt zum Krieg. 

Eine der Feststellungen Roh ei ms leitet zu unserem Kernpro- 
blem, dem Mechanismus des Heiratsgutes über. Roheim behauptet^ 
dass das Eigentum bei vielen Stämmen einer erotischen Bindung 
gleichkomme, und führt als Beweis an, dass die Gattinnen bei be- 
stimmten Zeremonien an der gleichen Stelle auftreten, an der sich 
das Landeigentum befindet. (I. c. S. 20.) Wenn zutrifft, dass das 
Heiratsgut durch die Gattin in den Besitz des Gatten und seines Clans 
übergeht - — da es sich doch immer um exogamc Clans handelt — , 
so begreifen wir den Ritus der erotisierenden Symbolik: Das Ei- 
gentum wird mif Hilfe von geschlechtlichen Inter- 
essen übertragen. Roheim erwähnt von verschiedenen Stäm- 
men, bei denen Urkommunismus herrscht, dass der Besitzer zu sei- 
tem »Eigentum« mehr in einem formalen und zeremoniellen als in 
einem praktischen Verhältnis steht. (1. e. S. 16.) Das gleiche hörten 
wir von Malinowski über den Privatbesitz an Kanus bei den Tro- 
briandern. 



1) Höh e im: »Die Urrormen und der Ursprung des Eigentums«. (Archiv 
für Ethnographie, Bd. 28, H. I/II.) 



68 



Urkommunismus — Mutlerrecht; Privateigentum — Vaterrecht 



Diese und ähnliche Feststellungen ethnologischer Forscher, die 
sich mit den Tatbeständen bei den Trobriandern decken, gestatten, 
dem Heiratsgut als dem Grundmechanismus der Überleitung vom. 
Mutter recht zum' Väterrecht, vom genülen Urkommunismus zur An- 
häufung von Reichtum in einer Familie, daher auch von der ursprüng- 
Uchen Sexualbejähung zur Sexualunterdrückung, eine allgemeinere 
Bedeutung zuzuschreiben. Doch werden künftige Forschungen bei 
anderen Stämmen und Naturvölkern, die diesen Gesichtspunkt mit 
einbeziehen, zu ergehen haben, wie weit dieser Ritus verbreitet isft 
und mutterrechtliche Organisationen in vaterrechlliche verwandelt. 
Sollte dies allgemein zutreffen, so hätten wir in der Elicschliessung 
und im Heiratsgut einen soziologischen Mechanismus vor uns, der in 
der Urgesellschaft beim Beginn der Klassenteilung ebenso ein Aus- 
1 beulungsverhältnis zwischen Ausbeutendem und Ausgebeutetem 
] lierstellt, wie der des Kaufs der Ware »Arbeitskraft« den Mechanis- 
j mus der kapitalistischen Akkumulation in unserer Gesellschaft bildet. 






2. DAS HEIRATSGUT ALS VORSTUFE DER WARE 

Wenn die sexual verneinende Moral, die an die Stelle der ur- 
sprünglichen sexualökonomischen Regelung des Geschlechtslebens 
tritt, bestimmten wirtschaftlichen Interessen entspringt, so müssen 
wir uns ein Stück weit mit der Natur dieser wirtschaftlichen Wand- 
lung befassen. Diese Wandlung ist eine doppelte: erstens der Fort- 
schritt der Produktionstechnik, der zu immer grösseren Reichtümern 
_in der Gesellschaft führt, und zweitens die mit ihm zusammenhän.- 
i^*^. ^ende Teilung der Arbeit, die die Erzeugung von Waren an die Stelle 
der Erzeugung von zu eigenem Gebrauch bestimmten Produkten setzt. 

, »Die Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft und die entsprechende 

/ Beschränkung der Individuen auf besondere Berufssphären entwickelt sich wie 

-die Teilung der Arbeit innerhalb der Manufaktur von entgegengesetzten Ausgangs- 
/J* J ^f^Xti punkten. Innerhalb einer Familie, weiterentwickelt eines Slammes, entspringt 
r ^^^*^- eine naturwüchsige Teilung der Arbeit aus den Geschlechts- und AUersverschieden- 
" üeiten, also auf rein physiologischer Grundlage, die mit der Ausdehnung des 

"Gemeinwesens, der Zunahme der Bevölkerung und namentlich dem Konflikt" 
zwischen verschiedenen Stämmen und der Unterjochung eines Stammes durch den 
anderen ihr Material auswertet Andererseits entspringt . . . der Produkten- 
austausch an den Punkten, wo verschiedene Familien, Stämme, Gemeinwesen in 
Berührung miteinander kommen, denn nicht Privalpersonen, sondern Familien, 
Stämme usw. treten sich in den Anfängen der Kultur selbständig gegenüber. 
Verschiedene Gemeinwesen finden verschiedene Produktionsmittel und verschiedene 
Lebensmitte! in ihrer Nalurumgcbung vor. Ihre Produktionsweise, Lebensweise 
und Produkte sind daher verschieden. Es ist diese naturwüchsige Verschiedenheit, 
die bei der gegenseitigen Berührung der Gemeinwesen den Austausch ihrer Pro- 
dukte und daher die allmähliche Verwandlung dieser Produkte in Waren her- 
vorruft . . . Üer Austausch schafft nicht den Austausch der Produktionssphären, 
sondern setzt die unterschiedenen in Beziehung und verwandelt sie so in mehr 
oder minder von einander abhängige Zweige einer Gesamtproduktion. Hier entsteht 
die gesellschaftliche Teilung der Arbeit durch den Austausch ursprünglich ver- 
schiedener, von einander unabhängiger Produktioassparen. D och wo di e phys io- 



Heiratsgut als Vorstnfe der Ware 



59 



logisc he Teilung der Arbeit den Ausgangspunkt bildet, lösen sich die besondereo 
"U^äDe eihFs unmittelbar zusammenEehorigen Gänzen' von einander ab, zersetzen 
sich, zii" welchem Zersetzungsprozess der Warenaustausch mit fremden Gemein- 
-wesen den }lauptanstoss gibt, und verselbständigen sich bis zu dem Punkt, wo 
der Zusammenhang der verschiedenen Arbeiter durch den Austausch der Produkte 
als Waren vermittelt wird. Es ist in dem einen Fall Vemnselbständigung der 
früher Selbständigen, in dem anderen Verselbständigung der früher Unselbstän- 
digen.« (Marx: »Kapital«. Kautskys Volksausgabe, V!I. Aufl., Bd. I. S. 298 f.) 

Wir haben also zu unterscheiden zwischen dem Austausch i n - 
nerhalb des Stammes und dem Austausch zwischen fremden 
Gemeinschaften oder Stämmen. Der Austausch innerhalb des Stam- 
mes, der die Verselbständigung der Unselbständigen und die Vemn- 
selbständigung der Selbständigen herbeiführt, erscheint bei den Tro- 
briandcrn in primitivster Form als Austausch von Heiratsgut an. 
Gartenfrüchten. Es geht aus Malinowskis Bericht nicht hervor, 
ob es sich um verschiedene Produkte der Gartenarbeit, also 
bereits um richtigen Warenaustausch handelt. Seine Keimform 
erblicken wir darin, dass der Trobriander einen Teil seiner Erzeugnisse 
als Gebrauchswert für sich und seine Familie, einen anderen, und 
zwar den grösseren Teil, als Heiratsgut produziert. Wir hätten somit 
im_Heiratsgut eine Vorstufe der Ware vor uns. die sich aus dem 
primitivsten Produktionsverhältnis, dem zwischen dem Bruder und 
dem Gatten der Frau herausbildet. Wir werden später sehen, dass die 
Marxsche Annahme, der Warenaustausch beginne mit dem Zu- 
sammentreffen fremder Stämme, zu Recht besteht, wenn wir hören 
werden, dass dieser Austausch innerhalb des Stammes von Clan 
zu Clan ursprünglich auf den Zusammenstoss zweier Ur-Clans zu- 
rückgebt. Es ist aber klar und darf nicht übersehen werden, dass wir 
es nicht mit »Ware« im vollen Sinne zu tun haben, sondern mit ihrer 
Vorstufe, dem Heiratsgut, das mit Notwendigkeit zuerst zur Anhäu- 
fung von Reichtümern in einer Familie und dann zum voll entwickelten 
Warenaustausch führt. 



3. DIE HERAUSBILDUNG DER PATRIARCHALISCHEN 
GROSSFAMILIE UND DER KLASSEN 

Das nächste Ergebnis des Heiralsgutsmechanismus Ist die Her- 
ausbildung der patriarchalischen Grossfamilie, wie sie von Morgan, 
Engels, Cunowi), Lippert, Mül lor-Lyer^) und anderen be- 
schrieben wurde. 

Cunow schreibt; 

»Je schärfer die patriarchalische Grossfamilie sich herausbildet, in '^ 
ausgesprocheneren Gegensatz gelangt sie jedoch zu der Totemgenosseuscha 

1) Cunow Heinrich : »Zur Urgeschichte der Ehe und Familien. (Ergänzungshcft 
der Neuen Zeit, Dietz. Nr. U, 1912/13.) 

2) MüUer-Lyer: »Die Familie«, 2. Aufl., München 1918. 



60 



Urkommunismus — Mutterrecht; Privateigentum — Vaterrccht 



■v^nU. 



~r 



Gens. Die Hausväter eignen sich eine der Funktionen 
nach der anderen an, <lic früher der Gcntilßcnossen- 
schaft zustanden. Aus de^ Gemeineigentum der Totem genossün seh aft 
an Grund und Boden löst sich als Sonderbesitz das Landeigentum der Gross- 
^milie heraus, während zugleich die früheren ErhansprücJie der Giiutilgenos- 
sen auf den Nachlass eines Verstorbenen immer mehr zugunsten der Haus- 
halt smitglieder, vertreten durch deren Oberhaupt, den Familienpatriarchen, 
eingeschränkt werden. Ferner übernimmt letzterer mehr und mehr die früher 
von der Gesamtheit der Totemgenossen ausgeübten richterlichen Funktionen. 
Andererseits führt die Kntstehung einer Adclskaste aus den Totemhäupt- 
lingen, die beginnende Scheidung der früher gleichberechtigten Gentilgenos- 
"sen in Reiche und Arme (je nach ihrer Zugehörigkeit zu reichen und armen 
Grossfamilien), die Herausbildung besonderer Berufe und die Einführung von 
Kriegsgefangenen und gekauften Sklaven aus fremden Stämmen mehr und mehr 
zur Zersetzung und schliesslich zur Sprengung der alteu gcschlechtsgenossen- 
schaftlichen Verfassung. Die alte verwandtschaftliche auf Bluts- 
banden heruhende Organisation wirtt durch eine auf Klas- 
senunterschiede beruhende herrschaftliche oder staat- 
liche Organisation ersetzt.« (1. c. S. 45.) 

Der Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Geschlechts- 
fornien und den sie bedingenden Wirtschaftsformen ist für die Ur- 
gesellschaft von Engels wie folgt formuliert worden: 

»Je weniger Arbeit noch entwickelt ist, je beschränkter die Menge ihrer 
Erzeugnisse, also auch der Reichtum der Gesellschaft, desto überwiegender 
erscheint die Gesellschaftsordnung beherrscht durch Geschlechtsbande. Unter 
dieser, auf Geschlechtsbande begründeten Gliederung der Gesellschaft ent- 
wickelt sich indes die Produktivität der Arbeit mehr und mehr, mit ihr Privat- 
eigentum und Austausch, Uutersehiede des Reichtums, Verwertbarkeit fremder 
Arbeitskraft und damit die Grundlage von Klassengegensätzen: neue soziale Ele- 
mente, die im Laufe von Generationen sich abmühen, die alte Gesellschaftsver- 
fassung den neuen Zuständen anzupassen, bis endlicli die Unvereinbarkeit beider 
eine vollständige Umwäl/.ung herbeiführt. Die alle, auf Gcschlechtsverbänden 
beruhende Gesellschaft wird gesprengt im Zusammensloss der neu entwickelten 
gesellschaftlichen Klassen; au ihre Stelle tritt eine neue Gesellschaft, ziisam- 
mengefasst im Staat, dessen Untereinheiten nicht mehr Geschlechtsverbände, 
sondern Ortsverbände sind, eine Gesellschaft, in der die Familienordnung ganz 
von der EigentumsordnunK belicrrscht wird, und in der sich nun jene Klassen- 
gegensätze und Klassenkämpfe frei entfalten, aus denen der Inhalt aller _biSr 
^herigen geschriebenen Geschichte entsteht.« (I. c. S, VlIL) 

Wenn sich mit der Produktivität der Arbeit und dem Austausch 
von Reichtümern auch Unterschiede des Reichtums, Verwertbarkeit 
fremder Arbeitskraft und damit die Grundlage von Klassengegen- 
sätzen entwickeln, so erklärt erst die ökonomische Funktion des 
Heiratsgutes, w i e sich diese Verschiebung vollzieht. 

Auch sonst werden bei den Autoren entweder die Verschiebungen 
der Rechte zugunsten des Häuptlings ohne Kommentar oder aber mit 
irgendeiner Hypothese festgestellt. So schreibt Müller-Lycr, dass 
nach Anwachsen des Reichtums die vorwiegend als Händler, Hand- 
werker und Techniker auftretenden Männer es so einzurichten ver- 
standen, dass das Eigentum, das sie durch Arbeit, Handel oder im 
Kriege erwarben, ihr Privateigentum wurde. Dadurch und durch die 
Einfü hrung der vorteilhaften Sitte, die Frau ihrer Sippe abzukaufen, 
sei das Mutterrecht zugunsten des Vaterrechts ausgehöhlt worden. 



Die gesellschaftliche Funktion des Heiratsguies 61 

Die Reihenfolge sei aber die gewesen, dass zuerst Reichtum entstand, 
der in die Hände des Mannes gelangte; der führte zur Kaufehe, wo- 
durch die Frau die Magd des Mannes wurde. Die Mutterfolge machte 
dem Vaterrecht, die Muttersippe der Vatersippe Platz. An die Stelle 
■der Sippenfolge trat die Familienfolge. Diese Hypothese ermangelt 
des Nachweises, wie der Reichtum in die Hände des Mannes gelangen, 
konnte; sie gibt keinen historischen Prozessmechanismus an. 

Morgan schreibt: 

»Als man aofing, grössere Reichtünier zu produzieren, und als das Verlangen, 
'diese auf die Kinder zu übertragen, die Abstammungsfolge von der weiblichen 
auf die männliche Linie hatte übergehen lassen, war zum erstenmal eine materielle 
Grundlage für die väterliche Gewalt gegeben.« (1. c. S. 397.) 

Aber das Verlangen, die Reichtümer den Kindern zu übermitteln, 
bedarf selbst einer Erklärung. Der Prozess bei den Trobriandern zeigt, 
dass dieses Verlangen selbst zunächst aus den materiellen Inter- 
essen des Häuptlings oder Vaters zu erklären ist, der sich für seine 
Leistungen an den Gatten seiner Schwester anderweitig schadlos hal- 
ten muss- Das kann er, wie wir hörten, nur durch die Kreuz-Vetter- 
Basen-Heirat, die das Heiratsgut wieder zu ihm zurückbringt. Mor- 
gan schreibt weiter (I. c. S. 403), dass das Anwachsen des Reich- 
tums und das Verlangen nach Übertragung desselben auf die Kinder 
die Triebfeder war, welche die Monogamie schuf. Das trifft restlos zu, 
nur ist das Verlangen nach der Erbfolge auf der väterlichen Linie be- 
reits selbst Produkt des materiellen Übergewichts des Häuptlings, das 
sich mit Hilfe seines Rechtes auf Polygamie und der Kreuz-Vetter- 
Basen-Heirat ständig in die Höhe treibt. Die Entwicklung zur Skla- 
verei der unteren Bürger geht von diesem Übergewicht aus. 

Das allgemeine Anwachsen des Reichtums selbst erklärt sich zu- 
nächst aus der fortschreitenden Entwicklung der primitiven Technik 
der Produktion von Lebensmitteln. Es erklärt an sich noch nicht die 
Anhäufung dieses Reichtums in einer Familie und das Entstehen von 
_zwei Klassen, einer immer mehr verarmenden und einer sich ständig 
bereichernden, der Mutter-Clans einerseits, der Häuptlingsfamilie an- 
dererseits. Denn die «rkommunistische Gesellschaft hätte, denken 
wir die Exogamie und den Heirats mechanismus einen Augenblick weg, 
immer mehr Reichtümer erarbeitet, ohne Akkumulation dieser Güter 
in der Hand des Häuptlings und seiner Familie. Erst die Übertragung 
des Heiratstributs in Form von Arbeitsprodukten auf Grund des Bru- 
der-Gatten- Verhältnis s es und die Rangeinteilung der Clans führen zu 
dieser Scheidung. 

Aber nicht sofort, sondern nach verschiedenen Wandlungen in 
den Produktionsverhältnissen, die der ersten Einführung des Tribut- 
mechanismus folgen und die wir in einem Ausschnitt später noch 
behandeln werden. Erst wenn die Produktion eine gewisse Höhe er- 



62 



Urkommunismus — Mutterrecht; Privateigentum — Vaterrecht 




.VI. 






reicht hat, erst wenn der Gebrauchsgegenstand »die unmittelbaren 
Bedürfnisse seines Besitzers übcrschiessendes Quantum von Ge- 
brauchswert« wird (Marx »Kapital« I. S. 50), wird er zum Tausch- 
wert, zur Ware. 

»Dinge sind an und für sich dem Menschen äusscrlich und daher veräusser- 
lich. Damit die VeräusscruniJ wechselseitig, brauchen McDscheo nur stillschwei- 
gend sich als Privateigentümer jener veräusserlichcn Dinge und eben dadurch 
als vooeinander unabhängige Personen gegenüber/utreten.« (Ebenda S. 50.) 

Wir sehen bei den Trobriandern, dass alle Brüder ausser den zu 
ihrem eigenen Lehen notwendigen Dingen Überschüsse produzieren 
müssen, wärend der Häuptling diese Überschüsse zum grössten Teil 
anhäuft. Er ist der erste, der sich als Privateigentümer zu fühlen 
beginnt und als solcher einerseits den übrigen Stammesgenossen, 
andererseits einem anderen Häuptling gegenübertritt. Zu dem ganzen 
Prozess trägt der Tauschverkehr mit fremden Stämmen sehr viel bei, 
er wird schliesslich zu einer wichtigen Triebfeder des Akkumulations- 
bedürfnisses, das seinerseits wieder das Interesse an den »gesetzlichen«: 
Heiraten steigert. 

»Solch Verhältnis wechselseitiger Fremdheit existiert jedoch nicht für die 
Glieder eines naturwüchsigen Gemeinwesens, habe es nur die Form einer pa- 
triarchalischen Familie, einer altindischen Gemeinde, eines Inkastaates usw. Der 
Warenaustausch beginnt, wo die Gemeinwesen aufliörcn, an den Punkten des 
Konfliktes mit fremden Gemeinwesen oder Gliedern fremder Gemeinwesen.«: 
(Marx, »Kapital« I. S. &0.) 

Hier liegt ein scheinba'-er Widerspruch vor. Marx ging von der 
Voraussetzung aus, dass die Kommunen ursprünglich geschlossene, 
naturwüchsige Gemeinwesen waren. Wenn wir aber bereits i n diesen 
Stämmen primitivste Austauschverhältnisse finden, so lässt sich 
daraus der Schluss ziehen, dass auch diese Stämme nicht natur- 
wüchsig waren, sondern aus Zusammenschlüssen fremder natur- 
wüchsiger Gemeinwesen hervorgingen. Und diese Vermutung trifft 
zu. Die Stämme sind zusammengesetzte Gebilde, und 
bei ihrer Zusammensetzung entstand die Vorstufe 
des Austausches von Waren, das Heiratsgut. Doch 
dazu bedarf es noch einiger ethnologischer Beweisführung. (Vgl. 
Kap. VI.) 

Wir sehen aber schon jetzt, wie richtig Engels die Zusammen- 
hänge ahnte, wenn er schrieb, dass der Ursprung der Klassenteilung 
der Gegensatz zwischen Mann und Frau ist. Gehört doch wirklich 
die Frau dem ausgebeuteten, der Mann dem ausbeutenden Clan an, 
und das Heiratsgut setzt alle die Prozesse in Gang, die die Frau ver- 
sklaven und ihre Familie, die mütterliche Gens, unter die Macht des 
Häuptlings bringen. Als Gruppen gefasst sind also die ersten 
Klassen der mütterliche und der väterliche Clan, und 
vertikal alle mütterlichen Clans zusammen einer- 
seits, die Familie des Häuptlings andererseits. 



Ursprung der KlassenteiluDg 63' 

Am Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht erhält der Mann 
das Heirat ssut. Ist das Patriarchat voll entwickelt, sind alle Vor- 
rechte und die Erbfolge auf die Linie des Mannes und seiner Söhne 
übergegangen, so verliert das Heiratsgut in der Richtung Frau zum 
Mann seinen Sinn und die Verhältnisse kehren sich um: Der Mann, 
der eine Frau heiraten will, muss sie nunmehr bei ihrem Vater durch 
Arbeit oder Arbeitsprodukte erkaufen. Da nunmehr die Frau selbst 
unter der patriarchalischen Gewalt im ökonomischen Interesse ihres 
Vaters ein Wertgegenstand wird, beginnt der Frauenkauf, der für das 
primitive Stadium des Patriarchats typisch ist, und mit ihm das 
Ausheiraten aus der eigenen Gens in die des Gatten fy>enuptio gentis«. 
bei den Römern). Das Heiratsgut der Übergangszeit zum Patriarchat 
kehrt dann auf seiner höheren Stufe, im Bürgertum, wieder in Form 
der. »Mitgift« der Frau. Dieser Wechsel vom Frauenkauf zum Män- 
nerkauf bedarf aber einer besonderen Erklärung, die hier nicht ge- 
geben werden kann. Der Frauenraub der Urzeit ist nicht die unmit- 
telbare Vorstufe des Frauenkaufs, sondern gehört einer viel früheren 
Periode der Entwicklung an, die durch das Aufeinandertreffen frem- 
der, noch endogamer Urhorden charakterisiert ist. (Vgl. das VI. Ka- 
pitel.) 



'S" — ■' ' 



V. KAPITEL 



BESTÄTIGUNG DER MORGAN-ENGELS- 
SGHEN THEORIE UND KORREKTUREN 






Wir haben uns früher mit den drei ethnologischen Grundauffas- 
sungen der Geschiciite der UrgeselTschaft (1. Valerrecht geht aus 
Mutterrecht hervor; 2. Mutterrecht ist Spätbildung oder accidentiell; 
3. Vaterrecht und Mutterrecht stehen ursprüngUch nebeneinander) 
in groben Zügen auseinandergesetzt, um uns eine Grundanschauung 
für den Entwiclilungsprozess bei den Trobriandern zu bilden. ■ Wir 
sehen, dass dieser nur der Mutterfolge-Vaterrechts-Theorie entspricht. 
Nun haben wir auf die Theorie von Morgan und Engels genau 
einzugehen, denn nicht nur werden ihre Entdeckungen und Auffas- 
sungen von den Zus ammenhängen zwischen Mutterrecht, l^atriar- 
chat, Entwic klung der" Familie und des Privateigentums durch die 
Forschungen Malinowskis (bis auf einzelne notwendige Korrek- 
turen) glänzend bestätigt, sondern sie werden durch die Entdeckung 
des Heiratsgutes bei den Trob riandern und" seine hier "ausgeführte 
gesel lschaftswandelnde ökonomische Funktion zu einer geschlossenen 
Auffassung der^rgescliichte, gegen die die sonst üblichen und so 
widerspruchsvollen Theorien heute noch weniger aufkommen können 
als zur Zeit der Aufstellung der M o rgan-Engel s sehen Thesen. 
So wie der psychoanalytische Ethnologe Roheim zwar selbst den 
ökonomischen Urkommunismus feststellt, aber der schwankenden 
Hypothese von der vaterrechtlichen Urhorde zuliebe, die um jeden 
Preis gehalten wird, auf die Zusammenhänge mit der Entwicklung 
der Sexualformen nicht eingeht, so übersieht Mia linows ki die 
Konsequenzen seiner Entdeckungen und ihre Übereinstimmung mit 
denen von Morgan. 

Beim Vergleich der Forschungsergebnisse Malinowskis mit 
denen von Morgan und den Aufstellungen von Engels begegnen 
-wir bei sonst verblüffender Übereinstimmung einer grossen Schwie- 



Die Morgan-Engelssche Theorie 6& 



rigkeit; Weder bei^Morgan noch bei Engels findet sich, bis auf 
einige Andeutungen, die in diesem: Sinne ausgelegt werden können,' 
eine B eschreibung oder auch nur Erwähnung eines Heiratsgutes des 
Mutterb rude rs (des Clans derFrau) an den_ Schwestergatten^fdie^ 
Familie jes Gatten) . Da wir bei den Trobriandern in üini "den zen- 
tralen ökonomischen Mech anismus der gesell schaftUchen Transfor- 
mation vom Mutterrecht zum Vaterrecht erkannten, der Übergang 
des Matriarchats zum Patriarchat sonst aber von Morgan ganz 
allgemein gefunden wurde, von Engels sogar bis in kleinste Details 
analog dem bei den Trobriandern, gibt es nur zwei Möglichkeiten: ent- 
weder ist dieser Mechanismus nur für die trobriandrische Gesellschaft 
gültig und kommt sonst nicht vor, oder aber er ist allgemeingültig 
und wurde übersehen. Die Sache ist wichtig genug. Denn _ist_das 
Heiratsgut wie bei den Trobr iandern das erste keimbafle Produk- 
tionsverhältnis, das die Klas senBTBuhg und "die sexual feindliche Moral 
in Gang "setztj so kommt^ aieser Tatsache kerne~geringe Bedeutung 
zu, sowohl für das Verständ nis der Urgeschichte al s auch fiir die en (j- 
gültige Festigung der Mutterrech tstheörl ei 

1. ZUSAMMENFASSUNG DER MORGAN -ENGELSSCHEN 

FUNDE 

Fassen wir nun, ehe wir die Verbindung zwischen den Funden 
Malinowskis und unseren Aufstellungen einerseits, der M o r - 
gan -Engels sehen Theorie andererseits herstellen, kurz ihre Grund- 
auffassung zusammen. 

Morgan, der den grösseren Teil seines Lebens bei den ameri- 
kanischen Irokesen verbrachte, machte zum ersten Male die Ent- 
deckung von der Entwicklung der heutigen Familienform ans einigen 
Vorstufen der Familie, ferner stellte er die universelle Organisation 
der Primitiven in Gentes (= Clans) mit ursprünglicher Erbfolge der 
mütterlichen Linie ( natürliche Mutterfolge oder »Mutterrecht«) fest. 
Vor ihm hatte schon B a cho fen 1861 aus de r griechi schen_- und 
römischen Älythologie seine Lehre des ursprünglichen »Mut terre chts« 
_^g?I^it?.t- I^ie B ach ofen sehe Lehre postuliert: ' 

I. schrankenlosen Geschlechtsverkehr in der Urzeit, den sogenannten 
Hetairi smus ; 

2. unsichere Vaterschaft, daher Ab stammungs folge in der Multer- 
linie ; 

3. bevorzugte Stellung der Frauen (Gynaikokratie) ; 

4. Übergang zur Einzelehe durch Verletzung eines uralten Religions- 
geboles, dass alle Männer auf ein und dieselbe Frau Anspruch 
haben; diese Verletzung wurde erkauft durch eine zeitweilige be- 
schränkte Preisgebung der Frau (»heilige Prostitution«). 

Engels vermerkt mit Recht, dass die Bachofensche Ablei- 



«6 



Bestätigung der Morgan -Engelsschen Theorie usw. 



'*^duAli^ailcl*^/> 



tung des Vaterrechts aus dem Mutterrecht zwar historisch richtig, 
aber, insofern sie diesen Übergang aus einer Entwicklung der religiö- 
sen Vorstellungen begreift, falsch ist. 

Im Gegensatz zu dem englischen Forscher Mac Leuna n, der 
1886 seine »Studies in Ancient History« veröffentlichte, wo er zwei 
Urformen der menschlichen Organisation, »exogame« und »endogame« 
Stämme unterschied, jand^lo r g a n die Irokese n organisiert in 
endogame Stämme, die sich aus exogamen Gentes zusam- 
mensetzen. In diesen mutterrechtUch organ isierten G entes , innerh alb 
derer Paarimgen atj^geschlossen waren, erb lickte Morgan die 
Ürformi, aus der sich dann später die vaterr echtlich organisierten. 
Gentes der Römer und Griechen entwickelten. Überall, wo die Gens 
gefunden wurde, konnten entweder auch mutterrechtliche Organi- 
sationen oder aber Spuren einer solchen nachgewiesen werden. So bei 
den Australnegern, von denen etwa die am Mount Gambier in einem 
Stamm, bestehend aus zwei Gentes oder Clans (kroki und kumite) 
organisiert lebten; bei den Kamilaroi am Darlingfluss in Neusüd- 
wales (ursprünglich 2, später 6 Clans); bei den Irokesen und allen 
übrigen amerikanischen Indianern. Mac Leuna n, der den Unter- 
schied zwischen Clan und Stamm nicht erfasst hatte, fand die Gen- 
til Organisation bei den Kalmücken, Tscherkessen und Samojeden, in 
Indien bei den Warelis, Magais, Munnipuris; Kovalewski fand sie 
bei den Pschaven, Schefzuren, Svancten und anderen kaukasischen 
Völkern; ferner bei den Kelten und Germanen (organisiert nach 
Caesar »ffentibas cognationibusquei.) ; in Schottland und Irland be- 
standen sie noch bis zum 18. Jahrhundert; neben Morgan stellte 
sie speziell auch Arthur Wright bei den Senekairokesen fest. Die 
Griedien^n d Römer treten in die Geschichte allerdings mit bereits 
vaterreehtlich_organis ierten Gentes (gens, gen os) ein, die sich zu_ 
Phratrien und Stämmen vereinigen und erst ailmählich der griechi- 
schen^i^a^jjyetjassuug mit Einzelfanii lie Platz ma chen. Nach Beda 
fand sich bei den Pikten Gentilorganisation mit weiblicher Erbfolge. 
Engels leitet die fora (= gens) bei den Langobarden und Burgun- 
dern von faran = wandern ab, was völlig übereinstimmt mit der 
nomadisierenden Lehensweise der (naturrechtlichen und blutsver- 
wandten) Urhorde. 

Nehmen wir noch alle früher aufgezählten Stämme hinzu, bei 
denen nach Rohe im Urkommunismus festgeslcUt ist, und überlegen 
wir, dass wirtschaftlicher Urkommunismus auf die Dauer engere Fa- 
milienorganisation ausschliesst. vielmehr immer mit Gentilorganisa- 
tion zusammenfällt; ist ferner erwiesen, dass die Exogamie immer 
den ganzen Clan, niemals einzelne Familien betrifft, so fügt sich uns 
ein Bild universeller ursprünglicher Gentilorganisation mit Mutter- 
folge, Urkommunismus, Exogamie in der Gens, Endogamie im Stamm, 
zusammen, das die Vorstellung von der, sei es monogamen, sei es 



Die Entwicklung der Familie nach Morgan 67 

polygamen Einzelfamilie als Ursprungsorganisation, auch wenn wir 
andere Momente vorläufig vernachlässigen, ganz hinfällig macht. 

Parallel der Entwicklung von der Urhorde über die organisierte 
mütterliche Gens, dann die Vaterrechtliche Gens, patriarchalische 
Grossfamilie zum Patriarchat geht nach Morgan die von der Blut- 
verwandtschaftsfamilie (die Elterngeneration, die Brüder- 
Schwester-Generation und deren Kinder, jede untereinander in Ge- 
schlechtsverkehr stehend) über die Pu nai u af amilie (Brüder 
und Schwestern vom Geschlechtsverkehr ausgeschlossen, aber meh- 
rere Schwestern haben mehrere nicht demselben Clan angehörige 
Brüder zu Gatten ) und die Paarungsfamilie, wie wir sie bei den 
Trobriandern noch vorfinden (Einzelpaarung auf beschränkte Zeit), 
schliesslich zur dauermonogamen Familie des endgültigen Patriar- 
chats. 

Jede der drei von Morgan unterschiedenen Stufen der mensch- 
lichen Entwicklung, Wildheit, Barbarei und Zivilisation, entspricht 
verschiedenen Stufen der Familie: Blutsverwandtschaftsfamilie — 
Wildheit, Punalua- und Paarungsfamilie — Barbarei, monogame Fa- 
milie — Patriarchat — Zivilisation. Wenn Bachofen von Sumpf- 
zeugung spricht und Cäsar von den Briten schreibt: »Sie haben ihre 
Frauen je zehn und zwölf gemeinsam unter sich, und zwar meist 
Brüder mit Brüdern und Eltern mit Kindern«, »so erklärt sich dies«, 
schreibt Engels, »am besten aus der Punaluaf amilie.« 

Die P olygamie des Häuptlings, die von der bürgerlichen Forschung 
an den Beginn der menschlichen Entwicklung gesetzt wlr^, ist also 
eine ^il d ung des späten, bereits i m Überga ng zu m Patriarchat sich 
beweg e nden Matriarchats . Diese Stufe ist bei den Trobriandern 
festzustellen. Ihr entspricht die Paarung^sfamilie . 

Bis auf das Heiratsgut wurde überall, wo die Gentilorganisation 
eingehend durchforscht wurde, folgende übereinstimmende Struktur 
festgestellt, die sich mit der bei den Trobriandern völlig deckt: 

1. Zwei (Australneger) bis zu acht (Irokesen) Gentes oder Clans 
mutterrechtlich oder vaterrechtlich (je nach der Entwicklungs- 
stufe der ökonomischen Organisation) zu Stämmen vereinigt. 

2. Gens oder Stamm durch Sprache, Gebräuche und Mythologie ge- 
schieden. (Nur selten sind es Stämme, die sich unterscheiden. Bei 
den Trobriandern hören wir: Ein Clan, eine Absianimung, 
eine Magie, ein Garten, ein Rang usw.) 

3. Häuptlingssohn von der Elrbfolge ausgeschlossen, wohl aber ist der 
Schwestersohn oder der jüngere Bruder (etwa bei den Seneka- 
indianern nach Morgan) der richtige Erbe der Würde und des 
Besitzes. 

4. Der Häuptling des Stammes (an einigen Stellen heisst es: der Gens) 
ist in rein mutterrechtlichen Organisationen absetzbar; er hat das 
Becht zur Polygamie; die Wählbarkeit des Häuptlings aus ver- 



Bestätigung der Morgan- Engelsschen Theorie usw. 



schiedenen Gentes weicht allmählich der Sitte der Wahl aus ein 
und derselben Gens, um schliesslich in erbliche Usurpation der 
Häuptlingswürde überzugehen (Fortschritt zur patriarchalischen 
Gewalt). 

So ging nach Morgan bei den Irokesen zunächst die Häuptling s- 
würde , indem sie in der gleichen Gens verblieb, auf den Schwestersohn 
oder auf den jüngeren Bruder über. »Ging bei den Griechen unter 
der Herrschaft des Vaterrechts« schreibt E n g e 1 s (!. c. S. 101), »das 
Amt des Basileus (militärischen Häuptlings) in der Regel auf den 
Sohn . . . über, so ist das nur ein Beweis, dass die Söhne hier die 
Wahrscheinlichkeit der Nachfolge durch Volkswahl für sich hatten, 
keineswegs aber der Beweis rechtskräftiger Nachfolge ohne Volks- 
wahl.« Dies sei, meint Engels mit Recht, bei den Irokesen und 
Griechen die erste Anlage zu besonderen Adelsfamilien innerhalb der 
Gens und bei den Griechen überdies die Anlage einer künftigen erb- 
lichen Führerschaft, der Monarchie gewesen. Diesen Prozess kön- 
nen wir bei den Trobriandern ganz so, wie ihn Engels schildert, in 
seinem Ablauf verfolgen: D er H äuptling versucht durch verschie- 
de nste Mittel (Zu^en.dungen an den Sohn, solange er lebt, matrilo- 
kaie Heirat für seinen Sohn, Schliessung einer Kreuz- Veite r-Basen- 
Heir al) , seinen rechtlichen Erben, den Schwestersohn inimer^nehr 
auszuschliessen und seinen eigenen Sohn an dessen Stelle zu rücken. 
Das Moti v hierfür sind die materiellen Vorteile, die der Häuptling 
aus der bevorzugten Stellung seines Sohnes für sich selbst geniesst; 
hat der Sohn doch für den Haushalt seiner Mutter zu sorgen, und 
d as vom Häupt ling an seine Schwester gclieferteHeiratsgut kehrt auf 
diese Weise zu i hm z urück. 

Zunächst ist der Häupljling nu r in absetzbarer Funktion , wie 
bei den Griechen, er hat nur die~Fuhrerschaft, aber keinerlei Regie- 
rungsgewalt; es liegt nach einem Ausdruck von Marx bloss eine 
»mi litäris che Demokratie« vor. Haben sich aber in seiner Familie 
Reichtümer und mit ihnen Machtmöfilichkeiten angehäuft, so erfolgt 
als nächste Stufe der eigentliche Übergang zum Patriarchat durch 

/I die väterliche Erbfolge: Häuptling — Häuptlingss obn. Wenn also 
Engels schreibt, dass zuerst das Vaterrecht mit Vererbung des 
Vermögens an die Kinder die Reichtumsanhäufung in der Familie 
begünstigt, dann Verfassungsänderung im Sinne der ersten Ansätze 
zu erblichem Adel und Versklavung der eigenen Stammes- und Gen- 
tilgcnossen herbeiführt (I. c. S. 103 f.), so bedarf diese Auffassung 
einer Korrektur, die wir aus den Tatbeständen bei den Trobriandern 

^ableiten. Die TributpfUchtigkeit der Stammesgenossen gegenüber 
dem H äuptling ist vor dem Patriarchat da; sie führt erst zur Reich- 
tums anhäufung in der Familie des Häuplings und mit dieser zur 
Herstellung des Patriarchats. Der Mechanismus der Tributpflichtig- 
Iteit ist das Heiralsgut des Bruders der Frau an deren Mann be- 



Übergang zum Patriarchat 



6» 



ziehungsweise der Brüder der Frauen des Häuptlings aus verschie- 
denen Clans einerseits, der Söhne seiner Schwestern, also seiner Er- 
ben, an ihre Schwestern, wenn diese seine Söhne durcli Kreuz-Vetter- 
Basen-Heirat ehelichen, andererseits; dadurch werden der eine Clan 
dem andern, und alle niederen Clans zusammen dem des Häuptlings 
und schliesslich seiner Familie Untertan. Der Heiratstrihut existiert 
auf dieser Stufe allerdings noch ohne irgendwelche staatsähnliche 
Methode der Sanktionierung, Kommt ein Gentilgenosse seiner Ver- 
pflichtung nicht nach, so gibt es keine Eintreibung, keine Strafe, er 
verliert bloss an Ansehen. Die Tributle istung ist nur durch die 
Sitte gewährleist et. Erst auf der S tuf e des endgültigen Patriarchats 
tritt die gesetzliche Sanktionierung auf in Form dcr~Erntrcibungi ersl 
hier kann m an von Versklavung spr^xhen. So spricht Tacitus von 
den »Sklaven« der Deutschen, »die nur Abgaben leisten«. So wie bei 
den Trobriandern jeder Bürger bemüht ist, dem Häuptling recht 
ehrenvolle Heiratsgeschenke zu machen, so lebten die Gensvorsteher 
der. Deutschen, die principes, schon zum Teil von den »Ehrenge- 
schenken« der Stammesgenossen. 

Tacitus hebt die beson ders enge Beziehung z ^vischen dem Mut- 
terbruder und seinem Neffen bei den Deutschen hervor. Wenn zum 
Beispiel Geiseln geFördert wurden, so galt der Weife { Sohn der 
Schwester), der Gentilgenosse war, mehr als der Sohn, der einer an- 
deren Gens angehörte. Aus diesen Übereinstimmungen mit den so 
genau durchforschten Trobriandern lassen sich ziemlich sichere 
Schlüsse auf das Vorhandensein auch anderer dort nicht erwähnter 
Einrichtungen schliessen, so etwa auf das Vorhandensein des Hei- 
ratsgutes oder einer ihm verwandten Einrichtung. Solange nichts 
Gegenteiliges vorliegt, ist bei der so genauen Übereinstimmung der 
Gentilorganisation bei den meisten genauer beobachteten Stämmen 
eine solche Annahme nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten. 

Tragen wir aber nun alle die verstreuten Andeutungen zusam- 
men, die sich zunächst bei Morgan und Engels sowie in der Zu- 
sammenstellung von Krische finden, so erhärtet sich die Annahme» 
dass das Heiratsgut nicht nur bei den Trobriandern vorliegt. 



I 



2. VORKOMMEN DES HEIRATSGUTES IN DER 

GENTILGESELLSCHAFT 

Engels berichtet von der irischen Gens (»Sept«), dass der Bo- 
den bis zur Verwandlung des Clanlandes in eine Domäne des eng- 
lischen Königs Gemeineigentum der Gens war, »soweit er nicht be- 
reits von den Häuptlingen in ihre Privatdomäne verwandelt worden 
war«. Das zeigt uns zunächst einen doppelgleisigen Entwicklungs- 
prozess zum Patriarchat und zur Versklavung der Gentilgenossen: 
einen, der von aussen, von fremden Stämmen oder Völkern herange- 



70 



Bestätigung der Morgan -EngelsscheD Theorie usw. 



tragen wird, und einen, der von innen heraus wirkt. Aber wie ent- 
steht dieser letzte? Wir sind hei der Lückenhaftigkeit des Materials 
genötigt, gleichsinnige Einrichtungen zusammenzutragen, auch wenn 
sie sich hei verschiedenen Stämmen finden, sofern nur die Gentilorga- 
nisation und das Bruder-Scliwestcr-Schwestersohn-Vcrhältnis für alle 
festgestellt sind. Und das trifft zu. So bestand bei den walisischen 
Kelten noch im 11. Jahrhundert die Paarungsehe, wie sie von Ma- 
linowski im 20. Jahrhundert bei den Trobriandern vorgefunden 
wurde. Kam eine Ehe zur Scheidung, so teilte die Frau das Ver- 
mögen, der Mann wühlte seinen Teil. Löste der Mann die Ehe, so 
musste er der Frau ihre Mitgift und einiges andere zurückgehen. 
War CS die Frau, die die Ehe löste, so erhielt sie weniger. Bei den 
Trobriandern hört mit der Trennung der Ehe die Lieferung des Hei- 
ratsgutes auf. Der Mann und seine Familie, nicht aber die der Frau, 
sind also an der Erhaltung der Ehe interessiert. Da nun bei den 
Kelten die Frau die Mitgift bringt, wobei nicht erwähnt ist, ob es 
sich um eine einmalige Gabe oder tim dauernde Verpflichtung ihrer 
Familie handelt, dürfen wir auf die Institution des Heiratsgutes der 
Gens der Frau an die des Mannes schliessen. 

Von den multerrechtlich organisierten Nikobaresen-Inscln im in- 
dischen Ozean südlich von den Andamanen, berichtet Voge! laut 
Krisclie (1. c. S. 63.): »I)ie Weiher werden sehr geachtet, und die 
Mädchen haben das Rechl.unliebsame Bewerber abzuweisen.« Das 
I kann natürlich nur der Fall sein, wenn die Frau die materiellen Vor- 
I teile der Ehe für den MttnTi bringt.^ Im lieginnenden Vaterrecht, wo 
die Frau gekauft wird, steht ihr ein solches Hecht nicht mehr zu. 
Weiter: »Die Weiber geniessen volle Freiheit, wandeln wie die Männer 
frei umher und besitzen als Mutter die Achtung und Liebe ihrer Kin- 
der.« »Die Nachrichten Vogels«, schreibt Krische, »dass die 
Mädchen eine Mitgift erhalten, ist wohl so zu verstehen, dass die 
jungen Paare von der Muttersippe Schweine, Kokosnüsse und Pan- 
danussbäume zugewiesen erhalten.« (1. c. S. 63.) Also ein eindeutiges 
Heiratsgut der Gens der Frau an die Familie des Mannes. 

Wie weitgehend die Gentilorganisationen bei den verschiedensten 
Völkern sogar in Details übereinstimtmen, was Schlüsse auf das 
Vorkommen des Heiratsgutes auch dort zuljisst, wo es nicht erwähnt 
oder nur unklar angedeutet ist, zeigt der Bericht von R a t z e 1, 
Grosse und Cunow über die mutterrechtlichen Mortlock-Insulaner 
auf den Karolinen-Inseln. Dort ist es ganz wie bei den Trobriandern 
schimpflich, zu zeigen, dass der Mann im vertrauten Verhältnis zu 
seiner Frau steht. Es besteht ferner ganz wie bei den Trobriandern 
die Einrichtung des von R a t z e l so genannten »Männervereinshauses« 
(Bai, ohne Zweifel dasselbe, wie das bukumatula der Trobriander), in 
das die Mädchen in der Reifezeit übersiedeln, ferner mülterlichc Erb- 
folge. 



Vorkommen des Heiratsgutes in der Gentilgesellschaft 71 

Von den Garos auf dem nördlich von Birma (Ostindien) sich 
erstreckenden Assam berichtet 1 e Bon, dass früher die höchste 
Gewalt in jeder Sippe von einer Frau ausgeübt wurde. Jetzt sei es 
der »Laskar«, ein Mann, »der gewöhnlich aus den reichsten Sklaven- 
besitzern ausgewählt wird, aber stets der Zustimmung der Frauen 
bedarf und ihren Ratschlägen unterworfen bleibt.« Also deutlicher 
Übergang zum Patriarchat: Reicher Häuptling — aber noch Stimm- 
gewalt der Frauen. Bei den Garos besteht nun nach Ratzel die 
Einrichtung, dass die Eltern der Braut den Heiratsvertrag abschliessen, 
was nur zwei mögliche Deutungen zulässt: Entweder wird die Braut 
vom Mann gekauft, dann he rrscht bereits patriarchalische Kauf ehe, 
oder aber die Eltern der Frau interessieren sich~füf ihre Heirat wie 
bei den Trobriandern, weil sie sich mit der Heirat zu Abgaben an 
den Mann verpflichten. Jedenfalls liegt der Heiratsgutmechanismus 
vor, der, nach den sonstigen Einrichtungen zu schliessen, von dem der 
Trobriandcr kaum wesentlich abweichen dürfte. Aber wir wollen das 
nicht endgültig behaupten. 

Sehr wichtig für unsere Beweisführung vom weitverbreiteten Vor- 
kommen des Heiratsgutsmechanismus ist eine Stelle bei E n g e 1 3 
über die g riechische Gens: »Z ur Zeit, wo die Griechen in die Ge- 
schichte eintreten, stehen sie an der Schwelle der Zivilisation; zwi- 
schen ihnen und den amerikanischen Stämmen, von denen oben die 
Rede war, liegen zwei ganz grosse Entwicklungsperioden . . . die Gens 
der Griechen ist daher auch keineswegs mehr die archaische der Iro- 
kesen, der Stempel der Gruppenehe fiingt an, sich bedeutend zu ver- 
wischen. Das Mutterrecht ist dem Vaterrecht gewichen . . . Da nach 
der Einführung des Vaterrechts das Vermögen einer reichen Erbin 
durch die Heirat an ihren Mann, also in eine andere Gens gekommen 
wäre, durchbrach man die Grundlage alles Gentilrechts, und erlaubte 
nicht nur, sondern gebot in diesem Falle, dass das Mädchen innerimlb '^ 

der Gens heiratete, um dieser das Vermögen zu erhalten.« {1 c. S. 92.) 
Das ist nicht misszuverstehen : Die Frau brachte also eine Mitgift 
in die Ehe, und da ihr Mann zur Zeit des vollen Mutterrechts einer 
anderen Gens angehörte, wurde das Vermögen aus der Gens der Frau 
in die des Mannes übertragen. Erst das Vaterrecht hat die Macht, 
nachdem es durch den Heiratsgutmechanismus entstanden war, diesen 
Prozess, der nunmehr zu seinem eigenen Schaden sich auswirken 
musste, wie früher zu seinem Vorteil, im Mechanismus unschädlich 
zu machen mittels Durchbrechung der Clan-Exogamie. Wir sahen, 
dass neben dieser Möglichkeil bei anderen bereits vaterrechtlichen 
Stämmen sich der Brauch herausbildet, dass der Mann sich die Frau 
kauft, wodurch sich das Heiratsgut in seiner Richtung umkehrt und 
die Frau endgültig versklavt: Sie bringt ihrem Vater durch ihre Heirat 
materielle Vorteile. 



72 Bestätigung der Morgaa - Engelsschen Theorie usw. 



3. DIE HEIRATSKLASSEN DER AUSTRALNEGER 

Bei den Trobriandern haben wir die Institution der geselzliclien 
jEbe in Form_j3er Kreuz- Vetter-Basen Heirat angetroffen, die bei die- 
sem Stamme ein Mittel ist zur Wettmachung der Last des Heiratstri- 
butes des Bruders (und seines Clans) an den Gatten seiner Schwester 
(und dessen Familie) : Sein Sohn muss seine Nichte (Schwcstcrtoch- 
ter) heiraten, damit das Heiralsgut zu ihm wenigstens teilweise zu- 
rückkehre. Wir sahen ferner, dass diese Eheeinrichtung, ursprünglich 
als Tributwettmachung, beim Häuptling, der das Vorrecht der Po- 
lygamie besitzt, in einen Mechanismus der Akkumulation von Gütern 
in seiner keimhaft patriarchalischen Familie umschlägt. Es liegt nicht 
me hr blo ss ein Entl astu ngsmechanismus für ihn, sofern er Bru- 
der ist, sondern bereits mehr, ein Bereich erung smechanismus 
vor, soweit er selbst Vater und beginnender Patriarch ist. Wir dürfen 
"nun, wenn wir bei irgend einem anderen Stamm die Kreuz-Vetter- 
Basen-Heirat antreffen, darauf schliessen, dass sie auch hier zuerst 
die Funktion der Entlastung von Tribut erfüllt, um dann später in 
einen Bereicherungsmechanismus umzuschlagen. 

Die Kreuz- Veiter-Basen-Heiratsinstitution lässt sich nun lückenlos 
aus den von Morgan in der »Urgesellschaft« beschriebenen Heirats- 
klassen der australischen Kamilaroi erschliessen. Es bedurfte vieler 
Bemühungen, ehe es gelang, das so sonderbare und komplizierte Sy- 
stem der australischen Heiratsklassen al^ einfachen Ausdruck der 
allgemeinen Institution der »gesetzlichen« Kreuz-Vetter-Basen-Heirat 
festzustellen. Ist aber dies einmal geglückt, so besteht bei der son- 
stigen Ähnlichkeit der Organisation der Australier mit der der Tro- 
briander kein Zweifel, dass auch das Heiratsgut in irgendeiner Form 
von Clan zu Clan existiert. Sonst hat die ganze komplizierte Heirats- 
klassenordnung keinen Sinn. 

Wir geben zuerst Morgans Schilderung wieder. Die Kamilaroi 
sind in sechs Gentes eingeteilt, die sich betreffs der Heirat in zwei 
Abteilungen gliedern: 

I. 1. Inguaneidechse (Duh), 2. Känguruh (Murriira), 3. Opossum 
(Mute). 

II. 4. Emu (Dinoun), 5. Wasserhuhn (Bilha), 6. Schwarzschlange 
(Nurai). 

Ursprünglich war es den drei Gentes nicht gestattet, untereinander 
zu heiraten, weil sie Aufteilungen einer Ur-Gens waren. Es gab 
also ^rsj)rüng!iclv nur zwei Gentes. Wir würden die späteren nicht 
Gentes sondern Phratrien nach dem Muster der griechischen nennen. 
Neben der Einteilung in zwei Ur-Gentes und sechs in zwei Gruppen 
geteilte Tochter-Gentes besteht noch eine Einteilung in Heirats kl assen. 
Jede der Ur-Gentes enthält vier Heiratsklassen, also zusammen acht. 



Die HeiratsklasseD der Australneger 75^ 

und zwar nach Geschlechtern geteilt vier männliche und vier weibliche.. 
Die acht Klassen sind: 

Männlich: Weiblich: 

1. IppaiV^ /**■ 'PP^'^ 

2. KumboV^:^ 2. Buta 

3. Murri i-/" ■ ^ 3. Mata 

4. Kubbi»/ -^4. Kapota 

Jede männliche und jede -weibliche Heiratsklasse (1, 2. 3 und 4) 
enthält die entsprechenden Brüder und Schwestern gesondert. Also 
sind Ippai und Ippata, Kumbo und Buta, Murri und Mata, Kubbi und 
Kapota jeweils Brüder und Schwestern und dürfen einander nicht 
heiraten. Aber auch sonst dürfen sie nicht beliebig heiraten, was 
durchaus der Clanorganisation widerspricht, nach der jeder aus Clan 
A jeden aus Clan B heiraten dürfte. Paarungen sind nur gestattet 

zwischen : 

Ippai und Kapota 
Kumbo und Mata 
Murri und Buta 
Kubbi und Ippata 

Dreiviertel ist also ausgeschlossen {darunter ein Viertel der Brüder 
bzw. Schwestern), und nur ein Viertel steht der Objektwah! frei. 
Das System wird noch komplizierter: Während die Kinder, da Mutter- 
folge herrscht, in der mütterlichen Gens verbleiben, gehen sie — 
innerhalb dieser Gens — in eine andere Heiratsklasse als die ihrer 
Mutter über, und zwar: 

Männlich Weiblich Männlich Weiblich 

Ippai heiratet Kapota. Ihre Kinder sind Murri und Mata 

Kumbo heiratet Mata. Ihre Kinder sind Kubbi und Kapota 

Murri heiratet Buta. Ihre Kinder sind Ippai und Ippata 

Kubbi beiratet Ippata. Ihre Kinder sind Kumbo und Buta 

Bei der Verfolgung der Abstammung finden wir, dass in der 
weiblichen Linie Kapota immer die Mutter von Mata, und Mata 
wiederum die Mutter einer Kapota ist; ebenso ist Ippata die Mutter 
von Buta und diese wieder immer die Mutter einer Ippata. Bei den 
männhchen Klassen ist es ebenso. 

Die Kamilaroi leiten die zwei ursprünglichen Gentes von. zwei Ur- 
müttern ab. Der Zusammenhang jedes Kindes mit einer bestimmten 
Gens wird auch durch das Heiratsgesetz dargetan. Klassen und Ur- 
Gentes verhalten sich wie folgt: 

Ur-Gens I (Iguan, Känguruh, Opossum), eine Urmutter. 

Klassen: Murri, Mata, Kubbi und Kapota. 



74 Bestätigung der Morgan - Engelsschen Theorie usw. 



Ur-Gens II (Emu, Wasserhuhn, Schwarzschlange), eine Urmutter. 
Klassen: Kumbo, Buta, Ippai und Ippala. 

Die Gens bleibt also erhalten, indem sie alle Kinder ihrer weibli- 
chen Mitglieder in ihrer Mitgliedschaft umfasst. Morgan schreibt, 
es seVsehr wahrscheinlich, dass ursprünglich nur zwei männliche und 
Äwei weibliche Klassen aufgestellt waren, die sich später in acht 
Klassen aufteilten. Wir werden dieser Annahme Morgans zustim- 
men können, wenn wir unsere Hypothese der Herkunft der Exogamie 
vorbringen werden. Aber aus der Tatsache, dass die drei Unler-Gentes 
jeweils in den Klassen, die sie enthalten, übereinstimmen, geht hervor, 
dass sie ursprünglich einheitliche Gentes waren. Die Unterteilung in 
acht Gentes muss einen Sinn haben, vne die ganze Heiratsordnung, 
die Morgan nur beschreibt, ohne sie zu erklären. Er meint bloss, 
das Klassensystem sei ursprünglicher als die Gens-Einteilung; die 
letztere sei ein Spätprodukt, das jenes erdrosselt. Diese Erklärung 
Morgans folgt notw^endig aus seiner Voraussetzung, die Gentes und 
das Heiratsverbot innerhalb der Gens seien als Wirkungen »natürU- 
cher Auslese« entstanden. Wir können nachweisen, dass es rein öko- 
nomische Motive waren^die die Unterteilung der Heiratsklassen her- 
beiführten, ebenso wie es andere Umstände waren, die die Teilungen 
in vier Klassen bedingten. Die Einteilung in acht Heiratsklassen, 
mithin die weitere Einschränkung der Paarungsmöglichkeit auf ein 
Viertel der andersgeschlechtlichen Stammesgenossen, erfolgte zur 
Durchführung der ökonomisch entlastende n Kreiiz_-yettgr^Sasgll:liei: 
1 J^s-Ordnung. Wir werden sehen, dass das, wovon sie entlasten sollte, 
nämlich v o n der' T ributiei st ung b ei de r Heirat, bei der E inteÜungJn 
1 vier K lassen entstand. 

Verfolgen wir genau die Abstammungsfoigc ujid die Heiratsordnung 
gleichzeitig, so ergibt sich, dass i mi m e r nur die Söh n e der 
Brüder die Töch ter der S ch w c s ter n heir aten, nie die 
Töchter der Brüder die Söhne der Schwestern; und auch keine andere 
Möglichkeit ist freigestellt. Also das vollendetste System der Krcuz- 
Vetter-Basen-Heirat, die nur einen Sinn haben kann, den gleichen 
wie bei den Trobriandern: Tributentlastung, überprüfen wir diese 
Feststelhing zunächst an einer Tabelle, die wir aus den Morgan- 
schen Beschreibungen ableiten. (Siehe nebenstehend.) 

Nehmen wir nun die einzelnen Klassen vor, so sehen wir, dass eine 
Butafrau nicht nur die Tochter der Ippata ist; sie ist gleichzeitig 
die Schwestertochter des Ippai und kann nur einen Murri heiraten, 
der gleichzeitig der Gruppensohn ihres Mutterbruders ist. Wir sehen 
auch . dass Murri einer der drei Untergentes der Urgens I angehört, 
während seine Base, die Buta, Urgens II angehört wie ihre Mutter 
und ihr Mutterbruder. Ebenso gehört Ippata, die ihren Vetter { Mutter- 
brudersohn) Kubi heiratet, mit ihrer Mutter Buta und ihrem Mutter- 
bruder Kumbo zur gleichen Urgens. Das gleiche gilt für jede Kapota 




Die Hciratsklassen der Australncger 75 

und jede Matafrau. Wo immer -wir eine Heiratslclass e in ihr er 
Paarungsbezichung zu einer anderen aufsuchen, es ist stets der Bru- 
dersohn, der die Schwestertochter heiratjtt und umgekehrt. Nach 
diesem Klassensystem ist eine andere als die Kreuz- Vetter-Basen- 
Heirat ausgeschlossen. Über den öltonomischen Sinn sprechen wir im 
nächsten Kapitel. 

Söhne d. Brüder Tochter d Schwestern 
^ Kreuz-Vetter -B asen-Heirat O 

\ Brüder Schwestern 
<V - Hp 

Jt \ KrV.-B.-H. / 

O^-V - - -/—^ 

Ippai / \ .Ä. Kappote 

Aubbi Kappbfa 

/ \ 

* \ 

» \ 

Pb_ Kreuz-Vg er -Basen-Meirat T 

Kumbo Mala 

Fig. 5: Schema der australischen Heiratsklassen als Ordnung 

der Kreuz -Vetter-Basen-Heiraten. 



76 Bestätigung der Morgan - EnKelsschen Theorie usw. 



Wenn dem Heiratsgut so grosse Bedeutung zukommt, sind wir 
sehr interessiert an der fiRschicht e seiner Eatstehung . Die Periode 
der nocli lockeren ehelichen Bindunj^'en, der Paarungsehen, scheint 
eindeutig der ökonomischen Institution des Heiratsgutes zugeordnet. 
Aber die Paarungsehe war nicht von Anfang an da, und das Heiratsgut 
muss sich aus primitiveren Formen, aus einer Art Tributleistung 
herausgebildet haben. Aber wer leistete diesen Tribut und an wen? 
Was konnte die urwüchsige inzestuöse Horde, die die Vaterschaft 
nicht kennen konnte, weil die Paarungen nicht normiert waren und 
besonders weil die Kenntnis der Rolle des Vaters unbekannt war (wie 
noch heute bei den Trobriandern). erschüttert haben, dass sie eine 
für sie so folgenschwere Einrichtung traf? Wir sehen hei den 
Trobriandern und vielen andern Völkern die Einrichtung des Tributs, 
von Clan, zu Clan oder von Stamm zu Stamm. Innerhalb eines und 
desselbe n urk ommunistisch lebenden Clans hat ein Tribut, welcher 
Form immer, keinen Sinn und kommt auch nicht vor. Wir treffen 
ihn aber in Form des Heiratsgutes innerhalb eines Stammes von Clan 
zu Clan, einen Clan den anderen und schliesslich alle Clans der 
Häuptlingsfamilie tributpflichtig machend. Was bedeutet das? Wir 
wissen vorläufig nicht mehr, als dass diese ökonomische Einrichtung 
mit der Exogamie der Clans zusammenhängt, und sind, wenn wir 
weitere Aufschlüsse erfahren wollen, genötigt, auf den Ursprung der 
Exogamie der Clans, was gleichbedeutend ist mit dem Verbot des 
Inzestes unter den Abkömmlingen ein und derselben Ur-Mutter, ein- 
zugehen. Wir würden ein solches Unternehmen vermeiden, wenn uns 
nicht bestimmte, zunächst sehr sonderbare, bei genauerer Betrachtung 
aber zusammenpassende Tatbestände dazu veranlassten. 



VI. KAPITEL 

DIE HERKUNFT DER CLANEINTEILUNG 
UND DES INZESTVERßOTS 

1. ÜBERRESTE AUS DER URZEIT 

Es ist bisher von den meisten Forschern der Urgeschichte der 
menschlichen. Gesellschaft erkannt worden, dass Claneinteilung und 
Inzestverbüt im Clan die Kernprobleme der urzeitlichen Entwicklung 
sind. Hierzu sind eine Reihe von m,ehr oder minder glaubwürdigen 
Hypothesen aufgestellt worden, von denen uns die von Morgan- 
Engels und Freud später eingehend beschäftigen werden. Sie 
sind meist durch den Versuch gekennzeichnet, die Verhältnisse der 
Urzeit entweder aus supponierten wirtschaftlichen Verhältnissen jener 
fernen Zeiten oder aus der Natur des menschlichen Trieblebens 
abzuleiten. Freud hat in den Inzest verboten als erster die 
Redaktion auf ursprüngliche Inzest wü nsch e erkannt. Aus den 
aktuellen Tatbeständen bei den Trobriandern lässt sich nun, 
dank den genauen Ermittlungen M a 1 i n o w s k i s, zwanglos eine 
Hypothese ableiten, die eine Reihe von Fragen löst. Wir hätten es 
unterlassen, eine neue Hypothese zu bauen, wenn nicht eben einige 
aktuelle Einrichtungen bei den Trobriandern in ihrem Zusammen- 
hange als Überreste der Urzeit imponierten, die eine Rekonstruktion, 
gestatten. 

Eine Hypothese, die die Herkunft des Inzestverbotes plausibel 
erklären soll, muss die Bedingung erfüllen, materialistisch zu sein, 
d. h. das Verbot aus Notwendigkeit der Daseinsweise abzuleiten, eine 
Reihe von Fragen zwanglos zu lösen und mit der aktuellen Organisa- 
tion nicht in Widerspruch zu stehen, sondern im wesentlichen ihre 
historische Vorstufe nachzubilden. Es müssen also die Grundelemente 
der Hypothese in der aktuellen Situation noch auffindbar sein. 

Unsere Annahme kann mit dem Anspruch auf Ailgemeingültigkeit 
erst dann auftreten, wenn es sich erweisen sollte, dass sie auch den 
Schlüssel zu anderen als den hier erörterten Fragen liefert. 



78 Die Herkunft der Claneinteilunfi und des Inzestverbots 



Wir leiten sie aus folgenden Tatbeständen bei denTrobriandaacyhb: 

1. Der Bruder der Frau ist ih^jwijrjtU^er^Vei^rger undirfig»». -I) 
mund« i hrer Kinder . Nur die sexuelle Beziehung fehlt, .01. : -., -i 
'als vollwertigen Gatten anzusprechen. Er gehört demseHs^wChai 
an wie sie. (Das ist überall der Fall, wo Clanorganisation herrscht.) 

2. Er hat an den Mann, der ein Fremder ist und in sexueller Beziehung 
zur Schwester steht, Heiratstribut zu entrichten. 

3. Der Gatte gehört einem fremden Clan an und hat nur Vorteile aus 
der sexuellen Verbindung mit der Schwester des versorgenden 

Bruders. 

4. Die Gesellschaft der Trobriander ist in vier Clans eingeteilt, die 
exogam sind; diese Clans haben eine verschiedene Ranghöhe, es 
gibt vornehmere und weniger vornehme Clans. 

5. Es besteht eine Sage, dass die Urmutter aus einem Loche gekom- 
men sei, zwei Kinder, einen Bruder und eine Schwester, zur Welt 
brachte, die miteinander in Inzest lebten. Für die Herkunft der 
Clans besteht ein Mythus, der besagt: »In der Regel (ist) ursprüng- 
lich nur ein einziges Paar aus jedem solchen Loch hervorgekom- 
men; ein Bruder und eine Schwester: sie, um die Fortpflanzung 
zu eröffnen, er, um die Schwester zu beschützen und zu versorgen. 
Die Begel_ist_also: ^nClan, ein Dorf, ein Anteil Gartenland, 
Si5_System Garten- undFischfangmagie.^i n Geschwisterahnen- 
j)aar, ein Rang, eine A bstammung.« aTcT^g:) 

Die Sage überliefert uns das Bild einer von einem Bruder-Schwester- 
Paar sich ableitenden, urkommunistisch und inzestuös organisierten 
menschlichen Gesellschaft. Diese Gruppe ist der spätere Clan. Nun 
muss gegenwärtig der Bruder, der ja bis auf die sexuelle Be- 
ziehung, der eigentliche Gatte der Schwester auch heute noch ist, 
sich wirtschaftlich ihrem fremden Gatten verpflichten. 

Was hat diese doppelte Verpflichtung, den Verzieht auf die 
Schwester in sexueller Hinsicht und den Tribut an ihren Gatten her- 
beigeführt? Überlegen wir ein Stück weiter: Der Gatte entstammt 
einem fremden Clan, der ebenso wie der des Bruders alle Anzeichen 

2- einer ursprünglichnach dem Mutterrecht (Mutterfolge) organisierten 
selbständigen Horde an sich trägt. Setzen wir nun das erste Stück 
unserer Hypothese ein, dass die Clans nicht, wie allgemein ange- 
nommen wird, aus einer Teilung der Urgesellschaft durch Exogamie 
hervorgegangen sind, sondern umgekehrt, d.as_s__d^.r_ejn e. Clan, 
die ursprünglich in sich geschlossene U rh ord_e,^ d em 

i^ a'nderen Cl an, deV eben s o in sich g e s c h I o s _s^n„w a r . 
^as Inzestverbot^a"üTe"rlegt oder richtige r, die B_.e - 
"g'attung in de^reigen^n Gruppe untersa gt hat. Die 
CTansT' später "vereint, wären also ursprünglich getrennte Urhorden 
gewesen. Warum hat der eine Clan dem anderen dieses Verbot 
auferlegt? 



,^'.. Die Herliuoft des Inzestverbots TS- 

^ - ' i~ i f- — — . — ■ ■ .__ 

„■"Eiwöi'. {en wir weiter, dass die Urhorden nicht ansässig waren, son- 

^i:f> -1 und, besonders wenn natürliche Katastrophen irgendwel- 

licht wesentHcher Art eintraten, zum' Nomadisieren gezwun- 

. v.i^ 1. In diesem Falle mussten die jungen Männer auf Beute aus- 
gehen, abstinent leben und wochcn-, vielleicht monatelang herumwan- 
dern. Wenn nun eine solche Horde jagender Männer auf einen 
fremden Stamm stiess, der friedlich lebte, musste zweierlei eintreten. 
Die fremden Männer eigneten sich die Beute der Männer der ange- 
troffenen Gruppe an, erschlugen vermutlich im Kampf eine Reihe 
von ihnen, raubten die Frauen, deren Schwestern, um mit ihnen, 
durch die sexuelle Abstinenz besonders angestachelt, geschlechtlich ! 
zu verkehren. Blieben sie Sieger, so war es leicht, den Best der be- 
siegten Männer zu versklaven, ihnen den Geschlechtsverkehr mit den 
eigenen Schwestergattinnen zu untersagen und sie zur Arbeitsleistung^ 
in irgendeiner Form zu verpflichten. 

Im Lauf der Jahrhunderte oder Jahrtausende, als die Menschen 
an Zahl immer mehr zunahmen und die Wanderungen häufiger 
wurden, mussten sich derlei Katastrophen immer öfter wiederkolen, 
so dass Frauenraub und Tributauferlegung für deren Brude rgatten 
zu einer Sitte werden konnte . Dieser Kampf der aufeinander- 
stossenden Urhorden konnte nicht einseitig bleiben; die Revanche der 
Überfallenen an den Sieg ern , wenn diese wieder abzogen {spätere 
Blutrache der Clangenossen), oder übcrfallenwerden des Siegerclans 
durch eine dritte Horde mit den gleichen Resultaten müssen eine 
derartige Unsicherheit in die ursprünglich friedliche Urhordenorgani- 
satiqn getragen haben, dass die g egenseitige Angst zu_cinem Zusam- 
menschluss der Urhorden zu Stämmen niit_Bcibeha ltung der Mutter- 
folge (Claneinteilung der Stämme) und zu einer friedlichen Sank- 
tionierung dessen führte, was ursprünglich durch Gewalt erzwungen 
wurde: zur Einführung der Wechselheirat aus einer Urhorde in die 
andere. Das ursprüngliche Verbot des Geschlechtsverkehrs im eigenen 
Clan von aussen durch die Sieger wurde im Laufe der Zeit zu 
einer festen Sitte innerhalb der Clans. Doch der ursprüngliche 
Zustand, dass die männlichen Angehörigen der Frauen, also ihre 
vorzeitlichen Brüdergatten, diese wirtschaftlich versorgten, blieb, um 
so mehr, als er dem anderen Clan Vorteile brachte. 

Mit dem Zusammenscbluss der Horden (C l ans) zu Stäm men, mit 
der Einführung der Wechs elheir at (Exog amie) und der Beibehaltung 
der Art der wirtschaftlichen Versorgung der Frauen im Rahmen des 
eigenen Clans, konnte die Ruhe in die menschliche Organisation 
wiederkehren. Da aber die wirtschaftliche Versorgung doch auf 
Gegenseitigkeit beruhte, hätte sich daraus keine weitere Folge ergeben, 
wenn nicht dabei immer der eine Clan der ursprüngliche Sieger, der 
andere der ursprünglich Besiegte gewesen wäre. So niuss aber der 
Sieeerclan seine Position in einer bestimmten Form aufrechterhalten 



^ 



80 



Die Herkunft der ClaneiateiluDg und des Inzcstvcrbots 




1. 



2. 



haben. Er durfte sich als der »höhere« ansehen und daraus gewisse 
wirtsch aftliche V orrechte ableiten. Er konnte etwa bestimmen, dass 
äSFXltester »Häuptling« oder Kriegsführer über beide Clans (Stam- 
meshäuptling) wurde uad gewisse Vorrechte, etwa mehr Heiratsgut 
oder Tribut genoss. Das Recht des HäuptUngs auf Polygamie braucht 
also nicht ursprünglich zu sein, es kann vielmehr bereits eine Folge 
des wirtschaftlichen Übergewichts sein, das sich mit dem Mehr an 
Heiratsgut von selbst ergab. So leiten sich Häuptl ingsinstitution und 
die Rantimn teilung der Clans zwanglos au s dem Verhältnis von Si^ggr 
zu Besiegtcm_.ab . 

Stellen wir das Ganze übersichtlich zusammen: 
Zwei friedlich in einiger Entfernung voneinander lebende na- 
turrechtlich und urkommunistisch sowie inzestuös organisierte 

Urhorden. 

WirtschaftUche oder natürliche Gründe (Wechsel des Jagd- 
gebietes) bringen sie in Konflikt miteinander. 
3. Die Männer der einen Urhorde, die während der Wanderung not- 
gedrungen abstinent leben, überfallen die andere: Verbot des 
Geschlechtsverkehrs im Überfallenen Clan (äussere, letzten 
Endes wirtschaftliche Herkunft des Inzestverbots), 
Tributauferlegung für die früheren Brüdergatten. 
Revanche der Brüder, gegenseitige Vernichtung, Urkatastro- 
phe: Einbruch der Gewalt in die bisher friedliehe Urgesell- 
schaft, gegenseitige Angst der Männer der feindlichen Horden. 
5. Wiedereinrichtung des Friedens durch Zusammenschluss und 
»vertragliche« Regelung des bisherigen Zustandes: Einrichtung 
von Wechselheiraten (Exogamie) mit Beibehaltung der 
wirtschaftlichen Vorteile aus den dauernden sexuellen Verbin- 
dungen (spätere Eheinstitution). 
S. Aufrechterhaltung des Zeichens des Sieges des einen Clans über 
den anderen in Form der Rangeinteilung und des ge- 
meinsamien Häuptlings. Dies wird der Uranstoss der 
Entwicklung vom Naturrecht über das Multerrecht zum Vater- 
recht^ ) . 

Wir sehen dann bei den Trobriandern die Urhorden friedlich zu 
Stämmen vereint, aber in exogame Clans gespalten, Tribut der Brüder 
an die Gatten, Polygamie der Häuptlinge als Spätfolge seines ur- 
sprünglichen Machtübergewichts, und die ursprüngliche Mutterfolge 
neben dem aufkeimenden Vaterrecht. Wie sich dann die Klas^^i: 
teilung und die negative Sexualmoral daraus ableiten, haben wir ja 

überprüfen wir nun die Tcagfähigkeit unserer Hypothese an wei- 
terem Material und an weiteren Volksstämmen, ehe wir Einwände 



4. 



1) Das »Naturrecht« köonte der inzestuösen Urhordeßsituation, das Multerrecht 
der exogamcn Clanorganisation zugeordnet werden. 



Die Stämme — zusaramengcsetzte Gebilde 81 



diskutieren und uns mit der Morgan -Engel sschen und der 
Freud sehen Hypothese der Herkunft des Inzestverbotes ausein- 
andersetzen. 

Wir haben angenommen, dass die endogamen Stämme der Ur- 
völker, die sich aus Clans oder Gentes, in Amerika ebenso wie in 
Europa, in Australien wie in Indien und Afrika, zusammensetzen, 
nicht durch Teilung von innen, sondern durch Zusammcnschluss 
fremder, ursprünglich feindlicher Urhorden entstanden, die die 
späteren Gentes darstellen, erschlossen dies aus den aktuellen Tat- 
beständen bei den Trobriandern und leiteten daraus alles weitere ah. 

a) Morgan und nach ihm Engels schlössen aus den Stein- 
■werkzeugen des früheren Steinaltcrs, die in allen Kontinenten durch 
Grabungen gefunden wurden, dass in der Wildheitsperiode der 
Menschheit, als der Fischfang und das Feuer aufkamen, die Wande- 
rungen ganz allgemein waren. Für diese Periode postulierte Morgan 
noch die reine Blutverwandtschaftsfamilie, die im Inzest lebte. Jagd 
und Menschenfresserei charakterisieren diese Stufe, auf der sich heute 
noch viele Australier und Polynesier befinden. Das ist aber nicht so 
wesentlich wie die Feststell ung^ vo n Morgan , dass die Gens kon- 
stituiert ist als ein fester Kreis von Blutsverwandten weiblicher Linie, 
die sich durch eigene, gemeinsame Einrichtungen gesellschaftlicher 
und religiöser Natur von anderen Gentes desselben Stammes unter- 
scheiden. Engels nahm, von seiner Anschauung der Aufteilung 
der ursprünglichen Gentes in die Stammesorganisation ausgehend an, 
dass es sich um eine »Festigung« durch besondere Bräuche der Gentes 
handelt. Ist nicht wahrscheinlicher, dass die mythologische und 
sonstige Eigenartigkeit der Gentes eher Ausdruck ihrer ursprüng- 
lichen Geschlossenheit ist, als der Ausdruck einer späteren 
Festigung einer innerhalb des Stamnües abgespaltenen Gruppe? Diese 
Einheit der Gens drückt sich ja, wo immer wir sie antreffen, aus in 
allen ihren Funktionen (mütterliche Erbfolge, gemeinsame Abstam- 
mung, gemeinsamer Boden, Clansolidarität usw.), die sie von den 
anderen Gentes des gleichen Stammes als Gruppe unterscheiden. Bei 
den Trobriandern tritt der getrennte Ursprung der Gentes ebenso 
klar hervor wie hei den Irokesen, Römern usw. 

b) Morgan stellte bei den Irokesen acht Gentes fest, die sich 
von verschiedenen Tieren ableiten. Es kann also der S t amm nich t 
durch Teilung in Gent es, sondern nur durch Zusammcnschluss von 
spl eb en entstand en _sein . 

c) Wir beobachten den fortschreitenden^ Prozess der Verschmelzung 
menschlicher Organisation sgrujipen bei den Indianern ebenso wie bei 
de n Römern . Aus der Sage der »Gründung Roms geht hervor«, 
schreibt Engels, »dass die erste Ansiedlung durch eine Anzahl 
zu einem Stamm vereinigter latinischer Gentes (vom 



82 



Die Herkunft der Claneinteilung und des Inzestverbots 



Ref. gesperrt) (der Sage nach hundert) erfolgte, denen sich bald ein 
sabellischer Stamm, der ebenfalls hundert Gentes gezählt haben soll, 
und endlich ein dritter . . . anschloss«. Engels erwähnt selbst 
(1. c. 119.), dass »hier wenig mehr urwüchsig war ausser der Gens. 
Die Stämme tragen an der Stirn den Stempel künstlicher Zusammen- 
setzung, jedoch meist aus verwandten Elementen und nach dem Vor- 
bild des alten gewachsenen, nicht gemachten Stammes«. Engels 
versucht hier, die Teilungshypothese, die die Morgansehe Auffassung 
der Herkunft der Exogamie aus der natürlichen Zuchtwahl stutzen 
soll, aufrechtzuerhalten. Wir sehen aber, dass die bereits formierten 
irokesischen Stämme sich so verhalten zur Zeil der Beobachtung 
durch Morgan, wie wir es für die Clan-JUrhorden annehmen: nach 
innen frjpdjjch. n ach aussen fe indlich; Kampf der 
f eindli chen S^ämjne^sc hliesslich V ereinigung durcb 
Fri edens s*c h I u s s zu_grösseren Formationen mit Tributaufcrle- 
gung._ D as ^widerspricht der Teilungstheorie, die durch keinerlei ak- 
tuelles Material gestützt ist und nur auf der Annahme fusst, dass 
die Vermehrung der Volkszahl und die »natürliche Zuchtwahl« durch 
Ausschluss der Blutsverwandten die innere Teilung mit Exogamie 
bedingte. An anderer Stelle sagt Morgan selbst und Engels fügt 
es in den Zusammenhang seiner Untersuchung ein, dass sich bei ver- 
schiedenen indianischen Stämmen mit mehr als fünf oder sechs 
Gentes drei oder vier zu einer besonderen Gruppe. »Brüderschaft« 
oder Phratrie vereinigt findet. Also auch hier Zusammensc _hluss,^ieht 
Teilung. 

Für die ursprüngliche Natur der Gens spricht auch die genaue 
Schildjer ung, die Morgan von ihrer Org anisation gibt: Wahl des 
Saciiems (Friedensvorstehers) und des Häuptlings (Kricgsanführers)j 
nie wird der Sohn des Häuptlings, der einer fremden Gens, angehört, 
gewählt, sondern meist der Schwestersohn; Erbrecht innerhalb der_ 
Gens ; Verpflichtung zu gegenseitigem Schutz; Blutracheverpflichtung 
aller Gentilgenossen, wenn einer der ihrigen von dem Angehörigen^ 
einer anderen Gens erschlagen wurde; hier treten also die Gentes in 
Feindschaft zueinander; die Gens verfügt über bestimmte Namen, die 
nur sie im Stamm gebrauchen darf; eigene religiöse Bräuche. Bei den 
Seneka war Tradition, dass »Bär« und »Hirsch« die beiden ursprüng- 
lichen Gentes waren, von denen die anderen abzweigen. 

Wir hören auch von Morgan, dass die Stammesnamen mehr 
zufällig entstanden als absichtlich gewählt erscheinen. Es kam häufig 
vor, dass Stämme ihre Namen von fremden Stämmen erhielten; so 
wurde den Deutschen der Name »Germanen« von den Kelten aufer- 
legt. 

Es bleibe weiteren Untersuchungen überlassen, festzustellen, m- 
wieweit neben dem ursprünglicheji^Zusammej^chhiss^ von Urclans 
auch eine'imiere Teilung zu Recht besteht. Bei den Trobriandern sehen 



>~v 



Samoanische Brautwerbung 83 



wir z. B. den Stamm geteilt in Clans, die nicht blutsverwandt sind, die 
Clans aber geteilt in entfernt blutsverwandte Unterclans. 

d) Bei den Grieche n sind vornehmere und weniger vornehme 
Gentes festgestellt worden, ganz wie bei den Trobriandern. Wäh- 
rend unsere^Ableitung der Rangeinteilung aus dem Verhältnis von 
ursprünglichem Sieger-Clan und besiegtem Clan das zwanglos er- 
klärt, ist nicht zu verstehen, wie sich die Gens, die aus gleichberech- 
tigten Genossen zusammengesetzt ist, in rangverschiedene Unterabtei- 
lungen gegliedert haben sollte. Demzufolge müsste der spätere Stamm 
die ursprüngliche Gens sein, was der ganzen Organisation wider- 
spricht. 

e) Den wichtigsten Beweis für die ursprüngliche Fremdheit des 
Gentes erblicken wir neben der Tributpfüchtigkeit d er Br üder an die 
Schwestergatten in den so sonderbaren Bräuchen der .Werbung der 
Frauen durch die Männer, wie sie nicht nur bei den Trobriandern 
in Form der ulatile- und der Tcafut/ausz-Expeditionen sich darstellen, 
sondern auch bei anderen Stämmen vorkommen. 

Hören wir die folgende Schilderung des Brauches, der die Braut- 
werbung bei den Samoanern^) begleitet: 

»Das LiebeswerbcQ eines samoaniscben Jünglings um seine Erkorene 
und die Liebesncigung der letzteren schildert K u b a ry aus eigenen Beobachtun- 
gen höchst anschaulich. In dem am Tage so ruhigen Samoa sammeln sich zum 
Abend die jungen Leute beiderlei Geschlechts auf dem Malae. Ein junger Krieger 
mit wohlgcpflegtcm Susseren steht bei einer Schar junger Madchen.« »Er steht 
aufrecht und gestikuliert mit den erhobenen Armen derart, dass der ganze Kopf schüt- 
telt. Er stampft mit dem Fusse, er tritt und zieht sich zurück, 
er streckt den Arm hervor, als wäre er mit eiaem Si)ecr be- 
waffnet, dann wieder schwingt er ihn im Kreise herum, als 
sei er im Begriffe, mit einer Keule den Feind zu zcrs c hm c t- 
1er n. Zweifellos ist er ein Krieger, der seinen schönen Zu- 
böre rinnen seine Taten, seine Siege erzählt. Diese sind ganz 
Ohr und Auge. Man sieht es, welch mächtigen Eindruck seine Erzählung auf 
die jungen Mädchen macht, die ihm begeisterte Zurufe spenden. Darauf fordert 
er einige Genossen zu einem gemeinsamen Gesänge auf. »Unser Erzähler ist der 
Vorsänger, alle Anwesenden bilden den Chor; jedoch das Singen dauert nicht 
lange.« »Der Krieger steht auf und stellt sich einer der schänsten Jungfrauen 
gegenüber. Sie zögert; ja beinahe unwillig lässt sie sich von 
ihren Freundinnen herzu drüngcn und von dem hübschen Tänzer 
ins Freie hinausziehen.« 

»Ein Zuckerrohrfcld ist des Nachts ein sicheres Versteck für zwei Liebende. 
Niemand wird sie hier in der Zeit der Geister und Gespenster stören. Unser 
Pärchen weiss es, und unbesorgt um einen Lauscher kann man sie sprechen hören.« 
»Du wcisst, Lilomajiwa, dass meine Eltern dich hassen, uns bleibt nur die 
,awanga' übrig.« Die awaitga, die Flucht, nrird verabredet, in der dritten Nacht 
soll sie stattfinden. »Am Strande des nachbarlichen Dorfes herrscht Stille, aber 
auf dem weissen Sande bewegen sich dunkle Gestalten. Ein toumalua, das ein- 
beimische Reisekanoe, wird ins Wasser hineingeschoben. Die duniden Gestalten 
sind versch'wundcn, ein aufrechtes, dreieckiges Segel entfaltet sich, und dem 
Strande entlang gleitend, entschwindet es dem Blicke. Erst aus weiter Ferne 
erreicht uns der gedämpfte Schall eines Tritonhornes, dieser Schall begleitet das 
glückliche Liebespaar der Küste entlang, den aus dem Schlafe gestörten Einwoh- 



1) PI o s s- Bart eis: »Brautwerbung und Brautstand.« »Das Weib im der 
Natur- und Menschenkunde.* »Geschlecht und Gesellschaft.« Heft 12, S. 648. 



7* 



84 Die Herkunft der ClaneiDteilung und des Inzestverbots 



nern etwas Besonderes anzeigend. Er eilt ihm voraus nach P a 1 a u I i, wo die Lie- 
benden, den Zorn der Eltern vorüber lassen wollen.« 

Am nächsten Morgen Aufruhr in beiden Dörfern. Die Freunde des Blücklichen 
Bräutigams durchschreiten ihr Dorf und rufen aus: AwangaU Awanqall Die 
schöne Tanetasi und der tapfere LHoma) aü a sind aivangal! aurangaHa 
Die stolzen Eltern der Braut hören mit verbissener Wut die öffentliche Ausru- 
fung, die das Schicksal ihrer Tochter besiegelt. Während einiger Zeit böses Blut 
auf allen Seiten, Die alten Väter meiden sich, die jungen Männer betrachten ihre 
Keulen und Speere, die hauptsächlichste Rolle Spielen aber die Jungen.« »Nach 
ein paar Wochen legt sich alles, und die Ellern schicken ihrer Tochter eine 
weisse Matte als Zeichen der Verzeihung. Das Paar, das sich bis jetzt noch 
fremd blieb, liommt zurück. Es wird die »/eininan« vorgenommen, und die weisse 
Matte, mit Spuren der Würdigkeit der Braut, wird gegen einen Teil der Aus- 
steuer ausgetauscht. Der andere wird bei der ersten Niederkunft ausgehändigt.« 
,Heiratet das Paar nicht aus Liebe, oder stehen keine Schwierigkeiten bevor, wird 
alles von den Verwandten geordnet. Früher war die ,nu}anga' (die Brautflucht) 
in Samoa an der Tagesordnung.« 

Sehen wir von den dichterischen Anwandlungen des Berichterstat- 
ters ab. Dass es sich bei der Brautwerbung nicht um eine ernste 
aktuelle Situation handelt, ist klar. Es werden Rollen verteilt ge- 
spielt, die Dörfer stehen einander spielerisch feindselig gegenüber. 
Wären das nicht historische Bräuche, sondern aktuelle Gcwaltmass- 
nahmen, wären die Etlern wirklich böse, die Sache ginge anders aus. 
So aber läuft alles friedlich ab. Früher war die Brautflucht an der 
Tagesordnung. Wir dürfen sagen: in der Urzeit als realer Raub (Auf- 
treten des Bewerbers als wilder Krieger), später als Sitte, die sich 
immer mehr verliert, wie ein häufiger Traum, der eine reale trauma- 
tische Situation wiederbringt, schliesslich verebbt. 

Jetzt wollen wir auch Malinowskis Bericht über die ulatile 
Expedition der trobriandrischen Jünglinge nachtragen. Die Nach- 
klänge des urzeitlichen Frauenraubes treten unzweideutig hervor: 

»Es gibt zwei Arten der iiin(i7e-Expeditionen, für die das Wort als Fachaus- 
druck gilt. Die erste ergibt sich als Notwendigkeit, wenn ein Liebender sein 
Liebchen in ihrem eigenen Dorfe besuchen muss. Wenn bei einer der vorerwähn- 
ten Gelegenheiten zivei Leutchen aus verschiedenen Dorfgemeinschaften grosses 
Wohlgefallen aneinander gefunden haben, so verabreden sie eine Zusammen- 
kunft, In der Regel hat der junge Mann einen guten Freund im Dorfe des 
Mädchens; dadurch wird die Sache erleichtert, denn dieser Freund kann ihm 
helfen. Die gute Sitte verlangt, dass der Liebhaber sich für das Stelldichein her- 
ausputzt; das zwingt ihn zu einer gewissen Heimlichkeit. So benutzt er nicht 
die Hauptstrasse, sondern schleicht sieh verstohlen durch den Busch. »Wie ein 
Zauberer geht er; hält an und lauscht; geht seitwärts und bricht durch das 
Dschungel; keiner darf ihn sehen.« So vergleicht einer meiner Gewälirsleute ein 
solches ulatile mit den heimlichen Expeditionen böser Zauberer l), die auf ihren 
nächtlichen Gängen von niemandem gesehen werden dürfen. 



1) In den bösen Geistern und fremden Zauberern, die im Gcmütsleben und in 
"der Mythologie der Primitiven eine so grosse Rolle spielen, sind unschwer 
die gewalttätigen fremden Einbrecher wiederzuerkennen. In der Vorstellungs- 
welt der Menschen, die nie einen Fremden gesehen, nie an deren Existenz- 
möglichkeit gedacht hatten, mussten sich diese als übernatürliche Wesen 
präsentieren, ebenso wie die Weissen nach der Entdeckung Amerikas von 
den Eingeborenen zunächst als Götter verehrt wurden^ che sie ihre durchaus 
irdisch-kapitalistische Natur offenbarten. 



Der Brauch des gaasa 85 



Nähert er sich dem Dorfe, so muss er besonders vorsichtig sein. In seinem 
eigenen Dorf würde die Entdeckung solch vorübergehender Affäre nur die Eifer- 
sucht der offiziellen Liebsten erregen und einen nicht sehr tiefgehenden Zanli 
hervorrufen. Doch wird ein Wilderer der Liebe im fremden Dorf betroffen, so 
kann er unter Umständen ernstlich misshandelt werden, und zwar nicht nur vom 
eifersüchtigen Liebhaber, sondern auch von all den anderen Burschen, Auch 
könnte er dadurch sein Liebchen den Vorwürfen des regelrechten Liebhabers 
aussetzen. Vor allem wird deshalb alles so heimlich betrie- 
ben, weil die Sitte diese Spielregel vorschreibt. Meistens 
verabreden sich die beiden im Urwald nahe beim Dorf des Mädchens. Manchmal 
zeigt das Mädchen dem Burschen den Weg zum Stelldichein durch ein kleines 
Feuer, oder sie vereinbaren, den Ruf eines Vogels nachzuahmen; zuweilen be- 
zeichnet sie den Weg zum Treffpunkt im Urwald, indem sie ein bestimmtes Mu- 
ster in die Blätter einreisst oder Blätter auf den Weg legt. 

Manchmal bescbliesst eine ganze Gruppe junger Männer in corpore eine re- 
gelrechte a/fl(i7e-Expedition zu unicrnehmen. Auch hier ist Heimlichkeit von- 
nöten, denn obwohl solche Unternehmungen ein Brauch, in gewisser 
Weise sogar ein gutes Recht sind, so bedeuten sie doch einen Über- 
griff auf die Rechte zweier anderer Gruppen; sowohl die rechtmässigen Liebsten 
der ufoii7e-B urschen als auch die jungen Männer im anderen Dorf kommen dabei 
schlecht weg. Würden sieh die Abenteurer von einer dieser beiden Parteien 
erwischen lassen, so könnten sie leicht eine Flut von Schimpfworten zu hören 
kriegen oder gar Prügel besehen; denn auf den Trobriand-Inseln können die 
Mädchen ihre Rechte mit der Faust verteidigen, und die jungen Männer jeder 
Dorfgemeinschaft betrachten ihre Frauensleute als ihr eigenstes Jagdgebiet. Des- 
halb stehlen sich die Abenteurer meist am Abend fort, wenn es schon finster 
ist, und legen ihren Schmuck erst an, wenn sie das Dorf hinter sieh haben. Doch 
sind sie erst einmal auf der Landstrasse, so treten sie höchst geräuschvoll und 
herausfordernd auf, denn es gehört sich bei einer solchen Gelegenheit! Es gibt 
sogar besonders schlüpfrige Lieder, lo uwa genannt, nach deren Takt die Burschen 
dahinwandern.« (1. c. S. 187 f,) 

Dabei werden Lieder gesungen, sunj Beispiel: 

»Hoho! Ich erwache aus dem Schlaf, ich höre das festliche Schlagen der 
Trommeln, erklingend von Tanzmusik; sie locken Frauen herbei in Festkleidern, 
festliche Röcke über den Hüften. Mit einem Lied auf den Lippen, seine kleine 
Trommel in der Hand, die Zähne geschwärzt, schreitet im Rhytmus .Tokivina' 
im Dorf ,Wavivi', er schreitet im TanzrhjtJunus durchs Dorf ,Wavivi'. (S. 190.) 

In alten Zeiten wurden solche Lieder auch gesungen, um kundzutun, dass 
die Betreffenden sich nicht auf dem Kriegspfad oder einer Zauberexpedition 
befanden, oder sich sonstwie mit bösen Absichten trugen. In der Nähe des Zieles 
verhalten sich die jungen Männer still, denn sie dürfen von den Burschen des 
Dorfes nicht gesehen werden. Die Mädchen wissen natürlich, wann der Zug 
sich nähert, denn alles ist im voraus genau vereinbart worden. Wer im fremden 
Dorf am besten Bescheid weiss, schleicht sich heran und gibt das verabredete 
Zeichen. Eine nach der anderen schlüpfen die Mädchen aus den Häusern und 
treffen sich im Busch. Manchmal warten die Mädchen schon auf die Burschen 
an einem vorher vereinbarten Treffpunkt. Wird eine solche verliehte Versammlung 
entdeckt, so kann eine Rauferei die Folge sein, die in früheren Zeiten sogar 
manchmal zum Krieg zwischen zwei Dorfgemeinschaften führte. ii (1. c. S, 191) f-> 

Wir sehen einige Widersprüche: Einerseits sind solche »Liebes- 
expeditionen« ein Brauch, ja, in gewissem Sinne «ein gutes Recht«, 
andererseits kommt es dabei gelegentlich zu ernsten Prügeleien zwi- 
schen den uZafi/e-Jünglingen und den einheimischen Burschen. Die- 
sen Widerspruch verstehen wir im Zusammenhang mit den früher 
erörterten Grundeinrichtungen der Trobriander als Überrest aus der 
Urzeit, in der die Männer einer Urhorde in eine andere einbrachen. 

Wir begegnen hier einem Stück natürlicher Eifersucht neben vol- | 



85 Die Herkunft der Claneinteilung und des Inzestverbots 



1er gesellschaftlicher Förderung der Einrichtung der Liebesausflüge; 
auch das Heimlichtun erscheint mehr wie ein Brauch, der sich aus 
Raubzügen der Urzeit herleitet, als ein real begründetes Verfahren. 

Jetzt ist es am Platze, eine Mitteilung Malinowskis über einen 
sehr sonderbaren Brauch einzuschalten, der auf den südlichen Tro- 
briand-Inseln heute noch herrscht: 

»Für die Frauen aus den Dörfern Okayaulo, Bwaga, Kiimilabwaga, Louya 
und Bwadüla und aus den Dörfern aus Vakuta verbindet sich mit dem Gemem- 
schaftsjäten ein seltsames Vorrecht. Erspähen nämlich die jätenden Fraueu cmen 
Fremden, der in Sehweite vorübergeht, so gibt ihnen die Sitte das Recht, diesen 
Mann zu überfallen — ein Kecht, das immer mit Eifer und Tatkraft wahrgenommen 
wird. Der Mann ist Freiwild für die Frauen; geschlechtliche Gewalttätigkeit, 
unzüchtige Grausamkeit, widerwärtige Beschmutzung, grobe Behandlung — alles 
muHS er über sich ergehen lassen. Zuerst wird ihm das Sehamblatt abgerissen 
und zerfetzt. Dann versuchen die Frauen, durch Masturbation und exhibitionisti- 
sche Praktiken bei ihrem Opfer eine Erektion hervorzurufen; ist das gewünschte 
Ergebnis erreicht, so kauert sich eine von ihnen über ihn und führt seinen Penis 
in ihre Vagina ein. Nach der ersten Ejakulation wird er unter Umständen von 
einer zweiten Frau ebenso behandelt, aber Ärgeres kommt noch. Einige Frauen 
entleeren ihre Exkremente und ihren Harn über seinen ganzen Körper, wobei sie 
besonders das Gesicht beschmutzen, so sehr sie nur irgend können. »Ein Mano 
speit und speit«, berichtete mir ein mitleidiger Gewährsmann. Manchmal reiben 
diese Furien ihre Genitalien gegen Nase und Mund ihres Opfers und benutzen 
seine Finger und Zehen, ja. jeden vorstehenden Körperteil zu ihren lasziven 
Zwecken. Die Eingeborenen aus dem Norden belustigen sich über diese Sitte, 
die sie verachten oder zu verachten vorgeben. Hit Vorliebe gehen sie auf alle 
Einzelheiten ein und unterstützen ihre Schilderungen noch durch darstellerische 
Gebärden, Gewährsleute aus dem Süden bestätigen diese Berichte in allen wesent- 
lichen Punkten. Sie schämten sich keineswegs dieser Sitte, betrachteten sie 
vielmehr als Zeichen für die ungebrochene Kraft der Gegend und schoben allen 
etwaigen Schimpf den Fremden, also den Opfern, zu. Ein Gewährsmann aus der 
dortigen Gegend berichtete mir, dass die Frauen beim yausa — so heisst^ '^'J^!'^'' 
Brauch — ihre Eaströcke abwürfen und nackt, wie eine Schar ,ton tauvaa' (böse 
Geister) auf den Mann losstürzen. Er erzählte auch, dass dem Mann das Haar 
vom Kopf gerissen, dass er gefoltert und geschlagen würde, bis er zu scliwach 
sei, um aufzustehen und davonzulaufen. Zugleich erfuhr ich, wie anders die- 
jenigen, die ihn üben, solch einen Brauch schilderten, als diejenigen, die ihn 
nicht haben. Von den Ansässigen wurde die Sitte offensichtlich als beschämender 
und barbarischer Brauch lächerlich gemacht. Die Besucher aus dem Süden 
jedoch, von denen manche aus Okayaulo und Bwadela, also aus der Heimat des 
yausa stammten, waren in einer späteren Unterhaltung durchaus anderer Ansicht 
und zeigten nicht die geringste Verlegenheit. Sie erzählten voll Stolz, dass kein 
Fremder sich um jene Zeiten in ihre Gegend wage, dass nur sie selbst frei 
umhergehen könnten, dass ihre Frauen die besten Jäterinnen und die mäch- 
tigsten Leute auf der ganzen Insel seien.« (»Geschlechtsleben«, S- 195 f.) 

Dieser Brauch imponiert als ein Rest der Notwehr der Frauen 
aus der Urzeit, die im Laufe der Zeit sich gegen die Eindringlinge aus 
fremden Stämmen zu wehren lernten. Die Art ihrer Rache spiegelt 
wider, was ihnen widerfuhr, sie nehmen am Manne vorweg, was sie 
vön^Fm bef ürchtenTSie vergewaltigen ihn. Frieden nach in- 
nen, Gewaltnach aussen — , das war die Situation der Urzeit. 
_Zusamjn cnschluss der fpindiichen Horden zu ei nem fried lichen 
Stamm mit Sonderung in Clans war die Lösung; sie bedeutete Wie- 
derherstellung der Ruhe. Aber die SEuren . de^Jiewalt blieben_Äa 



Heiratsgut bei den Papuas u. a. 87 

Form der Rangeinteilung der Clans und des Heiratstributs. Sie waren 
bestimmt, zu neuer Gewalt zu führen^). 

Stellen wir noch rasch einige andere Völkerstämme zusammen, 
bei denen die typischen Gebräuche des Heiratsgutes, des gemeinsamen 
Essens als Symbol des wirtschaftlichen Zusammenschlusses bei der 
Ehescliliessung und der zeremoniellen Entführung der Frau vorkom- 
men. Dass wir aus allen Orten, hier das eine, dort das andere Detail 
aus dem Komplex von Riten berichtet bekommen, den wir bei den 
Trobriandern in voller Funktion sehen, ermutigt uns zur Annahme, 
dass wohl die meisten Völker der Erde das gleiche Schicksal des 
Kampfes feindlicher Horden mit nachfolgendem friedliclien Zusam- 
menschluss durchgemacht haben. Die Ubiquität des Inzestverbotes 
und der Eheinstitution verliert dadurch viel von ihrer Rätselhaftig-i 
keit. 

Max Ebert gibt in seinem »Reallexikon der Vorgeschichte« 
(Bd. 5) eine Zusammenstellung ethnologischer Tatsachen, der wir 
folgendes entnehmen: 

»iQ ganz Südwest-Asien besteht der Ritus des gemcinsanien Essens der 
Paare aus einem Napf bei der Eheschliessung. (Zitat nach Skeat und Blagden, I. 
S. 54 und II. S. 56. Ebert, Reallexikon, S. 248.) 

" Alte Geschichten der Tschuktschen erzählen die »Entführung« von Mädchen 
durch Männer anderer Stämme, durch Geister, Adler, Wale, Raben usw. Es kam 
früher aber auch vor, dass ein paar junge Leute sich zusammentaten und ein 
junges Mädchen raubten, ihr Hände und Füsse banden und sie zum Hause eines 
Mannes brachten, der sie als Gattin wünschte. Nicht nur die Männer fremder 
Familien, sondern sogar die Verwandten und Vettern taten oft so, wenn sie 
durch den Vater oder durch das Mädchen zurückgewiesen worden waren. Nach 
einer solchen Entführung empfingen die Eltern gewöhnlich eine andere Frau 
aus der Familie des Entführers als Entgelt für ihre Tochter, Heiraten durch 
Flucht, wenn die Eltern ihre Zustimmung verweigern, kommen nur selten vor. 
(Czaplicka, S. 72 ff.) 

— Bei den Kamtschadalen muss ebenfalls die Frau durch Dienstleistungen 
des Mannes abverdient werden . . . Hat er die Erlaubnis erhalten, seine Braut 
zu nehmen, so findet erst eine Zeremonie statt, bei der er sich gewaltsam ihrer 
bemächtigen muss. Alle Frauen des Dorfes suchen sie vor ihm zu beschützen. 
Dabei ist sie in mehrere schwere Gewänder gekleidet, die fest um sie gebunden 
sind, so dass sie wie eine ausgestopfte Figur aussieht. Die Zeremonie besteht 
nun darin, dass er ihr die Kleider vom Leibe reissen und dann mit der Hand 
ihre Genitalien berühren muss. Dabei verteidigen sie die übrigen Frauen. 
(Ebert, 1. c. 251.) 

Auf den Andamanen-Inseln werden unter den dortigen Jägcrstämracn die 
Heiraten durch die älteren Männer und Frauen veranstaltet. 

. . . Mitunter versprechen die Eltern schon ihre kleinen Kinder . . . Die 
Eltern übernehmen auch sonst die Veranstaltung der Heirat für ihre Kinder. 
Doch sprechen die Eltern des jungen Mannes nicht selbst mit der Familie eines 
Mädchens, sondern ersuchen einen oder mehrere ihrer Freunde, als Vermittler 
aufzutreten. Von dem Augenblick an, da die Möglichkeit einer Verbindung ins 
Auge gefasst ist, vermeiden die Eltern des Mannes, mit denen des Mädchens z« 



1) In seinem Buch »Psychoanalyse primitiver Kulturen« beschreibt Rohejm den 
Verteilungsritus bei den Papuas im Duaugebiet. Er stimmt nicht nur we- 
sentlich mit dem von Malinowski beschriebenen übereio, sondern ergänzt 
in den Roheimschen Berichten unsere Kenntnis von den psychischen Kon- 
flikten, die die Abgabe des Heiratsgutes begleiten. 



88 Die Herkunft der ClaneinteilunK und des Inzestverbots 

sprechen, und jede Nachricht unter ihnen wird durch dritte Personen vermittelt. 
Auf diese Weise senden sie einander auch Nahrungsmittel und andere Gegeo- 
stände zu. Der Empfänger eines solchen Geschenkes beeilt sich stets, eine Ge- 
gengabe von gleichem Wert zu leisten. Kommt die Heirat zustande, so treten 
die Eltern beider Partner in eine besondere Beziehung, die bestimmte Pflichten 
mit sich bringt. In der Zeit zwischen dem Eintritt der Reife und der Ver- 
heiratung leben die jungen Männer auf den Andamanen-Inseln in einem Jung- 
gesellenhaus . . . (Brown, S. 73, zitiert nach Ebert, 1. c. 253.) 

— Die Koita und Motusstämme des südlichen Neu-Guinea haben gleiche 
voreheliche Bräuche, wie die Trobriander, gleiche Werbung und Hochzeitssitten. 
(Selißmann, S. 76 ff.) - . . Geschenke werden von Seiten beider Familien auf 
Jahre hinaus gemacht, namentlich Speisegaben. (1. c, 253.) 

— Bei den Tillamook an der Küste von Oregon im nordwestlichen Amerika 
. . . Seine Verwandten sammelten Nahrung aller Art und leisteten noch Beiträge 
an Geld für den Kauf des Mädchens. Die Verwandten des Mädchens sagten 
bestimmte Geschenke für dieses zu . . . Nach der Hochzeitsfeier wurden die 
Leute mit Beeren, Fischen und Fleisch bewirtet, und hierauf verteilte der 
Brautvater unter die Verwandten des jungen Mannes noch weitere Speisen, die 
sie nach Hause mitnahmen. (1. c. S. 255.) 

— Unter den Chukmas des südöstlichen Indiens müssen bei der Hochzeits- 
zeremonie des gemeinsamen Essens sowohl der Bräutigam wie die Braut sich 
schüchtern zeigen, (Lewin, S. 187, sitiert Ebert, 1. c, 258.) (Wir erinnern 
an die Befangenheit der Jung vermählten bei den Trobriandern.) 

■ — Noch heute wird bei den Wahhabi-Stämmen des Njed, des Gebirgsplateaus 
im Innern von Arabien der Zusammenhang unter ihnen nur durch Heiraten 
aufrechterhalten, die zwischen Geschwisterkindern ersten Grades . . . geschlossen 
werden. (Worlds Work, 1923, E. A. Powell.) 

— Bei den Malit-Eskimos der Beringstrasse finden häufig Heiraten zwischen 
Vettern und Basen ersten Grades . . . statt mit dem Gedanken, dass in einem 
Fall die Frau dem Manne näher steht. Im Falle der Not, meint man, würde 
sonst die Frau den Mann bestehlen und der Mann verhungern. So aber sorgt 
sie für ihn, (Nelson, S. 291, »The Eskimos ahout Bcringsstrect«, 1899.) 

— Kreuz-Vetter-Basen-Heirat kommt vor bei den Wa-Yao, Ba-Ila, Ba-Kaonda 
und Gilyaken (Sanderson, 1920, S. 74, »The Relationship-Sjstems of the Wagonda 
and Wahenda Tribes«, Journ. anthr. inst. 53, 1923, und »Relationship among 
the Wa-Yao«, Journ. anthr., 1920.) 



2. DIE MORGAN-ENGELSSCHE HYPOTHESE DER 

EXOGAMIE 

Um das Verbot der Heirat in der eigenen Gens zu erklären, nahm 
Morgan und nach ihm Engels an, dass sich in dem Gesetz der 
Exogamie oder des Inzestverbots das »Prinzip der natürlichen 
Zuchtwahl« ausgewirkt habe. Das Verbot der Ehe sogar zwischen 
Kollateralgeschwistern bildet nach Morgan »eine treffliche Iliu- 
stration davon, wie das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl wirkt«. 
Engels fügt hinzu; »Keine Frage, dass Stämme, bei denen die In- 
zucht durch diesen Fortschritt beschränkt wurde, sich rascher und 
voller entwickeln mussten als die, bei denen Geschwisterehe Regel und 
Gebot blieb. Und wie gewaltig die Wirkung dieses Fortschritts emp- 
funden wurde, beweist die aus ihm unmittelbar entsprungene Einrich- 
tung der Gens, die die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung der 
meisten, wo nicht aller Barbarenvöiker der Erde bildet . . .« (»Ur- 
sprung der Familie« S. 21.) Und bei der Besprechung der Einteilung 



Erklärung des Inzestverbotüs 89 

der Kamilaroi in Heiratsklassen, nach der Geschwisterkinder mütter- 
licherseits nicht Mann und Frau sein können, wohl aber Gcschwistcr- 
enkel, bemerkt Engels: »Man sieht eben, der Drang nach Verhin- 
derung der Inzucht macht sich abermals geltend, aber ganz natur- 
wüchsig tastend, ohne klares Bewusstsein des Ziels.« {S. 28.) 

Sowohl M DJ' g an -wie auch Engels erklären also di^ Einteilung 
des Stammes in Gentes aus der Spaltung eines ursprünglich blutsver- 
wandten Stammes. Beide Autoren standen damals unter dem Ein ^ 
iluss der jungen Darwinschen The orie der nati kli^hen Auslesp , in die 
sie die Ausschaltung des Inzestes "embezogenTTSiese Aui'fassung iässt 
sich heute nicht mehr aufrechterhalten, aus folgenden Gründen: 

1. Die Schädlichkeit der Inzucht ist nirgends nachgewiesen. Die 
sowjetrussische Sexualgesetzgebung hat sich daher mit Recht, als sie 
die Bestrafung des Inzestes aufliob, auf den Standpunkt gestellt, dass 
dieses Gesetz keinen Sinn habe, wenn die Inzucht unschädlich ist. Die 
Inzucht hat mit der natürlich en Ausle se nur insofern zu tun, als sich_j, 
krankhafte Anklagen summieren, wenn Bruder und Schwester krank 
sind. Das ist aber nicht anders, auch wenn zwei nicht blutsverwandte^,. 
Menschen Kinder zeugen, wenn sie die gleiche krankhafte Anlage f 
haben. Da ferner die moderne medizinische Forschung den Bereich 
der Heredität immer mehr zugunsten der sozialen Ursachen weitver- 
breiteter Krankheiten, wie etwa der Tuberkulose, einschränkt, verliert 
jenes Prinzip in gleichem Masse an Geltung. 

2. Die Annahme Morgans und Engels setzt voraus, dass der 
Urmensc h die Rolle der Vater schaft bei der Zeugung kannte und die 
supponierlen Schäden des Inzestes für die Nachkommenschai^t beur- 
teilen und in richtige Beziehung setzen konnte. Das erste kann nicht 
der Fall gewesen sein, und Morgan selbst ist ja an anderer Stelle 
der Meinung, die sich durch Malinowskis Forschungen bestätigt, 
dass bei der damaligen Ungeregeltheit des Geschlechtslebens die Va- 
terschaft unbekannt sein m u s s t e. Ferner besteht zu Recht, dass die 
Menschen auf der Stufe der Wildheit jahrtausendelang im Inzest 
lebten, ohne dass der geringste Anhaltspunkt für eine Schädigung vor- 
liegt. Für die A nnahme, dass sich die Stämme nach der Einführung 
der Exogamie besser entwickelten, besteht kein Beweis, und selbst 
wenn dies der Fall war, so kann als Erklärung die vorteilhafte Wir- 
kung dei^Mischung zweier verschiedener Stämme nach dem Friedens- 
schluss dienen, die eine technische oder kulturelle Vorwärtsentwick- 
lung bedingt haben mag. 

3. Als wichtigster Einw and gegen ^ie These der Herkunft der Exo- 
gamie aus dem Prinzip d e r natürlichen Zuchtw ahl ko mmt in Betra cht, 
dass ja die Urstämme. wenn sie_sichjn Gentes geteilt haben soUten, 
die Blutsverwandtschaft nicht aus ser W ell schaffen konnten. Denn 
wie weit sich auch ein solcher Stamm in der Kinder- und Gcschwister- 
folge verzweigt haben mag, sie stammten ja doch alle von bluts- 



■90 Die Herkunft der Claneinteilung und des Inzestverbots 



t verwandten Urgeschwisterpaaren ab. Dies haben Morgan und En- 
gels übersehen. Daraus folgt aber, dass man selbst zur Aufrechter- 
haltung der Hypothese der natürlichen Zuchtwahl die Vermischung 
zweier nicht blutsverwandter, also völlig fremder Urgentes 
annehmen muss. Demnach wäre also die Gens früher dagewesen als 
der Stamm, was unsere Auffassung von dem Zusammenschluss von 
Gentes zu Stämmen von einer neuen Seite stützt. 
I Wir hätten somit die Herkunft des Inzestverbots und seine Wei- 
I teren tw icklung soziol ogi sch statt biologisch erklä rt. Die kom- 
plizierten Einteilungen in Heiratsklassen bei den Kamilaroi zuerst in 
vier, dann in acht, zu deren Erklärung Morgan die natürliche Aus- 
lese heranzog und aus der er die Punaluaeinrichtung erklären wollte, 
löst sich mit unserer soziologischen Erklärung wie folgt auf: 

Ursprünglich bestanden vier Heir atsklassen, zwei männliche und 
zwei weibliche, die nur kreuzweise heiraten konnten. Später ent- 
standen durch weit ere E inteilung acht Klassen. Wir verstanden die 
letzte Teilung auTder allgemeinen Einführung der Kreuz- Vetter-Basen- 
Heirat, die die Tributleistung wettmachen sollte, ganz wie bei 
den Trobriandern. Es muss also einmal die Tributleistung entstanden 
und mit einer bestimmten Heiratsordnung nicht nur verbunden ge- 
wesen sein, sondern diese vielmehr erst bedingt haben. Die Vicrklas- 
scneinteilung folgte mit Selbstverständlichkeit aus der Einteilung 
zweier Urgentes in je eine Frauen- (Schwestern-) und eine Männer- 
(Brüder-) Klasse, die nach dem Friedensschluss und dem Zusammen- 
schluss der Gentes kreuzweise heirateten (gegenseitige Exogaraie). 
Die Punaluafamilie war also die erste Stufe der Famihe nach dem 
Zusammenschluss wie die Blutverwandtschaftsfamilic die letzte vor 
dem Zusammentreffen der zwei Gentes. Die Brüder hatten an die 
Gatten Heiratsgut oder jedenfalls mit der Paarung zusammenhängende 
Gaben zu leisten. Der Siegerstamm halte sich dabei nach unserer Vor- 
aussetzung irgendwelche Vorteile sichergestellt, etwa besondere Lei- 
stungen an den gemeinsamen Häuptling oder Kriegsführer, der bei 
den Trobriandern dem »vornehmsten« Clan angehört. Das bedeutete 
für den ursprünglich unterlegenen Clan eine einseitige Belastung. Aus 
dieser muss dann das Bedürfnis nach Entlastung hervorgegangen 
sein, wie sie nur durch eine K reuz-Ve tter-Basen - Hei rat gewährleistet 
ist. Diesem Bedürfnis entsprang also die weitere Teilung in acht 
Klassen, die das vollendete System der kompensierenden Paarungen 
darstellt. Das übrige ist in Dunkel gehüllt. Wir sahen aber bei den 
Trobriandern, dass sie das übergewicht des Häuptlings nicht aufhob, 
ja vielleicht gab sie erst recht den Anstoss teilweiser Wettmachung 
der Einbusse, die die Acht-Klassen- Einteilung für ihn bedeutete. Die 
Bestätigung oder Widerlegung dieser Annahme bleibe weiteren For- 
schungen überlassen. 



Widerlegung der biologischen Auffassung des Inzestverbots 91 



3. DIE FREUDSCHE HYPOTHESE VOM URVATERMORD 

Bei seiner Rekonstruktion der Urgeschichte stützt sich Freud 
auf die Darwinsche Anschauung, dass es unter den Affen Fa- 
milien gibt, die für sich allein leben und deren Leitmännchen keine 
anderen Männchen neben sich duldet. Der »Urvater«, der nach dem 
Vorbild dieses Leitaffen gedacht ist, vertrieb, so lautet die Freud- 
sche Konzeption, jedesmal die herangereiften Söhne. Die vertriebenen 
Brüder rotteten sich nun einmal zusammen, erschlugen den Vater, 
verzehrten ihn und machten so der Urvaterhorde ein Ende. Hier 
benützte Freud die Beobachtung Atkinsons, nach der es häufig 
vorkommen soll, dass die Leithengste einer Pferdeherde mit anderen 
herumschweifenden Hengsten in Konflikt geraten. Doch zitiert 
Freud die Ansicht Atkinsons, nach der die Organisation der 
Horde infolge des darauffolgenden Streites der Söhne zerfällt, wo- 
durch keine neue Organisation Zustandekommen kann. Fxeud 
meint demgegenüber, dass gerade durch die Erschlagung des Urvaters ^ \ / 
vieles seinen Anfang nahm: »die sozialen Organisationen, die sittU- • , 

chen. Einschränkungen und die Religion«. (»Totem und Tabu«, Ges. 
Seh. B. X, S. 172.) Um diese Folgen, nämlich den Ursprung der 
Religion und der gesellschaftlichen Ordnung aus dem Urvatermord 
glaubwürdig zu finden, braucht man, meint Freud, »nur anzu- 
nehmen, dass die sich zusammenrottende Brüderschar von denselben 
■widersprechenden Gefühlen gegen den Vater beherrscht war, die wir 
als Inhalt der Ambivalenz des Vatcrkomplexes bei jedem unserer 
Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie hassten den 
Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen Ansprüchen so 
mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten ihn auch. 
Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Hass befriedigt und ihren Wunsch 
nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mussten sich die da- 
bei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen. Es geschah 2. ' 
in der Form der Reue . . . Was der Tote früher durch seine Existenz ^ 
verhindert hatte, das verboten sie jetzt selbst in der psychischen v, 
Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohlbekannten nach- '"■ . 

fraglichen Gehorsams. »Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung 
des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und verzichteten 
auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen ver- 
sagten. So schufen si e aus dem Schuldbewusstsein des Sohnes die 
beiden fundamentalen Tabu de s TÖtcmismus« (I. c. S. 173), das 
Verbot des Inzests u nd dcFTötung aesHT otemticres. Das 
TötemTier wurde von Freud also als »natürlicher und nächst- 
liegender Ersatz des Vaters« aufgefasst. 

Auf dieser Hypothese des Urvatermordes fussten eine Reihe von 
Aufstellungen sowohl Freuds selbst, als auch insbsondere die 
ganze seither von Roheim, ReiU und anderen seiner Schüler 




92 Die Herkunft der ClaneiDteilung und des Inzeslverbots 

entwickelte psychoanalytische Ethnologie. Da unsere Auffassungen, 
die hier entwickelt wurden, dieser Hypothese widersprechen, ist es 
notwendig, näher auf ihre Grundeleinente einzugehen. 

Sie scheint ja eine geschlossene Auffassung der urgeschichtlichcn 
Entwicklung zu geben und leuchtet zunächst ein, weil sie wohlbe- 
kannte und hundertfach erprobte klinische Erkenntnisse aus der 
analytischen Praxis auf die Urzeit anwendet und scheinbar mühelos 
die zwei wesentlichsten Fragen, den Totemismus und die Herkunft 
des Inzestverbots erklärt. Dennoch enthält sie einige Voraussetzv-Mgen, 
die nicht zutreffen. 

1. Die erste Voraussetzung ist, dass die Urhordc aus einem 
erwachsenen kräftigen Manne als Vater der ganzen Gruppe und 
mehreren Frauen, Gattinnen und Töchtern und mehreren Söhnen 
bestand. Wenn der Urvater, seine Existenz angenommen, immer 
wieder die Söhne, wenn sie herangewachsen waren, verjagte — und 
das kann nicht einmal und an einem Orte geschehen sein, sondern 
muss sich oft, an allen Orten der Welt in typischer Weise und durch 
Jahrhunderte oder Jahrtausende zugetragen haben — dann ist nicht 
zu verstehen, w'ie die Urhorden sich fortpflanzen, den Kampf mit 
der Natur bestehen und Kultur bilden konnten .Ferner: Wann er- 
folgte die Verjagung? Der Geschlechtsverkehr setzt doch bei den 
Primitiven sehr früh, lange vor der Pubertät ein! Wurden also 
die koitierenden Kinder männlichen Geschlechts verjagt? Diese Auf- 
fassung kann nicht stimmen. 

\-^ Beruft man sich, wie j^oheim, auf die Sagen von einem in der 
V. Urzeit getöteten Vater, so darf nicht übersehen werden, dass die 
v^ spätere Vatergruppe ja ursprünglich, was aus der Claneinteilun^ 
• deutlich hervorgeht, Fr e^m d c waren, mit denen die spätere Söhne- 
gruppe jm Kampf stand, aber nicht wegen des Sohnverhältnisses, 
sondern wegen der ursprünglichen Feindseligkeiten der fremden 
Horden. Das hat nichts mit Inzest zu tun. Der Ödipuskomplex konnte 
er st entstehen nach der Vereinigung der Horden, erst nach, der 
Heranbildung festgefügter Familien . 

2. Dazu kommt die Voraussetzung, dass die Söhne sich den Ge- 
schlechtsverkehr mit den Müttern und Schwestern versagten; also 
waren diese ohne Männer und jene nach wie vor ohne Frauen. Wie 
kam es, dass die Gruppe nicht ausstarb? Will man aber die Auskunft 
herhalten lassen, dass die Männer sich Frauen aus anderen Gruppen 
holten, so gerät man bei der dünnen Besiedlung der Erde in jenen 
frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte in nebelhafte Spekulationen. 
Dieser Weg führt also in die Irre. 

3. Weitere Voraussetzungen, die nicht fehlen dürfen, wenn man 
die Hypothese aufrecht erhalten will, sind die natürliche ge- 
walttätige Eifersucht der Männchen und die biologische Ambivalenz 
der Gefühle. Wenn man aber die weit verbreiteten sexuellen Feste 



Die Frcudsche Hypothese vom Urvatermord 93 

der Primitiven, besonders die Berichte Malinowskis über das 
Sexualleben der Trobriander, wo die Eifersucht ausgeschaltet ist, der 
Tatsache gegenüberstellt, dass sich die gewalltätige Eifersucht im 
Sinne unserer heutigen^ Gesellschaft erst mit der Ehebindung ein-^ 
stellte, als ökonomische Interessen die natürliche Eifersucht zum ge- 
walttätigen Besitzanspruch gestalteten, wenn man ferner bedenkt, 
da ss die E he eine_spä te A kquisition- der menschliche n Ge sellschaft 
ist, so wird die Annahme einer Eifersucht des wilden Menschen, wie 
sie von Freud postuliert wird, zweifelhaft. Und die Ambivalenz 
der Gefühle ist auf ihre soziale Bedingtheit (Einschränkung der 
sexuellen Befriedigung, daher Auftreten von hasserfüllter Stellung 
zur versagenden Welt: Ambivalenz) erst zu prüfen. Die psychoana- 
lytische Erfahrung an seelisch Kranken lehrt eindeutig, dass die 
Ambivalenz zwar vielleicht in irgend einer Eigenschaft der 
Triebapparatur als Anlage vorhanden ist, aber das, was wir vor 
uns am Kranken sehen, ist historisch geworden durch die 
Einschränkung seiner sexuellen Bedürfnisse, die in 
der Urgesellschaft fehlt. Die Ambivalenz ist also im wesentlich en 
sozial bedi ngt, hängt in Form und Intensität von der Art der 
libidinösen Bedürfnisbefri edigung a^'und kann Jäher, als sozi ales 
Produkt, "nicht die Urgrundlagc der menschlichen Kult ur sein . Wir 
haben ja auch an den Trauerriten bei den Trobriandern gesehen, 
wie ein bestimmtes, historisches Produktionsverhältnis Ambivalenz 
der Gefühle erzeugt. Stünden die Verwandten der Frau zum Gatten 
in keinem Ausbeutungsverhältnis, sie hätten keinen Grund ambivalent 
zu sein und ihren Hass durch strenge Trauerriten zu verbergen. Und 
wenn die Ambivalenz das Seelenleben des Menschen des 20. Jahr- 
liunderts beherrscht, so muss man fragen, aus welchen sozialen 
Gründen, und darf das nicht ohne weiteres auf den Primitiven über-, 
tragen, der unter anderen Bedingungen aufwächst und lebt. Man darf" 
überzeugt sein, dass das Kind des Trobrianders keine falschen 
Sexualtheorien entwickelt, weil es die Wahrheit kennt, dass es ausser 
dem Inzestwunsch keine Sexualität verdrängt, weil es sie befriedigen 
darf, und dass die kleinen Mädchen keinen Penisneid und keine 
Männlichkeitskomplexe fixieren, weil die gesellschaftliche Atmos- 
phäre dem Knaben keine Vorzugsstellung einräumt wie bei uns. 
Das setzt ja erst ein mit der patriarchalischen Gewalt und dem 
Erbrecht in männlicher Linie. Wir leugnen also nicht die analyti- 
schen Funde, aber wir fassen sie nicht biologisch sondern historisch 
geworden auf und versuchen, sie mnchtige Beziehungzur Geschich te 
der G esellschaft zu bringen. 

4. Auf der Hypothese von der natürlichen Ambivalenz der 
Gefühle baut sich die andere auf, dass sich die Sohne den Inzest 
.aus Schuldgefühl versagten. Daraus soll die Moral hervorgegangen 
sein. Das ist eine petitio principii. Denn es wird das vorausgesetzt, 



94 Die Herkunft der Claneinteilung und des InzestvcrLots 



was erst erklärt werden soll. Das Sc liuldgefühl ist ja bereits der 
Ausdruck einer moralischen Reaktion^ ann daher d as Entstehen der 
Moral nicht erklären. 

Freud fasst die religiöse Idee vom Sündcnfall, von dem Jesus 
die Menschheit befreien wollte, als den Ausdruck einer urgcschicht- 
Hchen Mordtat auf. Der biblische Mj-thus von Adam und Eva sowie 
die ganze katholische Ideologie der Erbsünde enthüllen sich dagegen 
im wesentlichen als Mythus eines sexuellen Vergehens, als Vorstellung 
einer Versündigung gegen ein sexuelles Verbot. Das schliesst nicht 
aus, dass dieses sexuelle Vergehen von einer Mordtat begleitet war.. 
Und unsere Ableitung des Inzestverbots enthält ja implicife den ge- 
sc hichtlichen Urm ord beim^usammenstoss fremder Urhorden. Dabei 
entstanden fraglos die ersten moralischen Satzungen . Sie entstanden 
"^er^a us sexue llen Ver boten, die nichts m it dem Ödipuskomplex zu 
tun haben; denn dieser ist historisch .jünger als di e Scxualunler- 
drückung; und — wie wir bereits ausführten — die spätere Väter- 
gruppe war ursprünglich eine Horde fremder Männer, so dass die 
Vorstellung vom Urvatermord einer Vermischung von zwei zeitlich 
äü sein anderliegenden Tatbeständen entspricht: einem blutigen Kampf 
mit Männern, die nicht die Väter waren, aus deren Clan aber die 
späteren wirklichen Väter hervorgingen, die nicht gemordet wurden. 

5. Die Freud sehe Hypothese lässt die Möglichkeit stattgehabten 
Inzestes in der Urzeit gar nicht zu. Nun ist aber der Inzest als 
jahrtausendelang dauernde Regel mythologisch und durch direkte 
Beobachtung nachgewiesen. Auch die Unkenntnis der Vaterschaft, 
die sich zwanglos aus der sexuellen Lebensweise der Urvölker ableitet, 
widerspricht dem Kern der Freud sehen Anschauung^). 

6. Die Freud sehe Konzeption steht in Widerspruch zu den 
typischen Sagen von der Herkunft der Clans von zwei oder mehreren 
Urmüttern oder Ur-Bruder-Schwester Paaren. Sie basiert auf der 
Annahme des Sohn-Mutter-Inzestes, in Wirklichkeit war aber der 
Bruder-Schwester-Inzest das Entscheidende. Die Bestätigung für die 
Existenz eines Urvaters, die Roheim bringen wollte, gründet sich 
immer auf das Vorhandensein eines Totcmticrs. Es wäre aber erst 
zu beweisen, dass das Totemtier den Urvater Ursprung liclr 



1) Man konnte mit einigem Recht einwenden, dass die Unkenntnis der Vater- 
schaft zwar im Zustand der Promisiiuität, nicht alier in dem dci- monogamen 
Paarungsche einleuchte. Es wäre auch nicht schwer, aus dem Verhalten der 
Trobriander zur Frage der Vaterschaft auf eine Verdrängunff des Wissens 
um die Rolle der Vaterschaft zu schlicsseu. Die Annahme oiucr solchen Ver- 
drängung widerspricht nicht der Tatsache der Unwissenheit im Zustand der 
Promiskuität, Es ist wohl denkbar, müsstc abur erst genau durchforscht 
werden, dass die affektive Ablehnung der clanfremden Männer nach dem 
^usammenschluss der Horden, so intensiv war und so weit ging, dass man 
ihre Vaterschaft nicht anerkennen wollte. Es kommt auch in Frage, dass 

I die Anerkennung dieser Vaterschaft das mutterrechtliche System der Clan- 

l Sippschaft schwer zu erschüttern geeignet war, 



Unzutreffende Voraussetzungen der Freudschen Hypothese 



95- 



darstellt. Weder die Deutung der inzestuös begehrten Schwester als 
Ersatzes der Mutter, noch die Deutung des Totems als ursprünglichen 
Vaterersatzes sind ohne historischen Zusammenhang beweiskräftig. 

7. Nach Freud ist das Inzestverbot familiär zu denken; das 
Inzestverbot beherrscht ^ber^den ganzen Clan; da die Familie sich 
erst viel später~bildete, ist die Einschränkung nach Familienzuge- 
hörigkeit im Sinne von Vater-Mutter-Kindcr Spätprodukt und daher 
für die Urgeschichte nebensächlich. 

Zusammenfassend müssen wir sagen, dass die Freud sehe Hypo- 
these so grundlegenden Einrichtungen der primitiven Organisation 
widerspricht (zwei inzestuöse Ur-Clans, Inzestverbot innerhalb des 
Clans, Promiskuität und Inzest im Urzustand, Ursprünglichkeit der 
Organisation nach Mutterfolge usw.), so sehr die historische Ent- 
wicklung der Familie in ihrem Zusammenhang mit der Entwicklung 
der Wirtschaft vernachlässigt, dass sie schwer zu halten ist. 

Unsere Ausführungen erklären das Verbot, das Totemtier zu essen 
und weiter im Inzest zu leben, aus dem historischen Ereignis des 
Verbots, das für das Jagdgebiet charakteristische Tier zu jagen und 
zu essen und die eigenen Frauen zu besitzen, ein Verbot, das nicht 
innerhalb der Gens entstand, sonde r n v on aussen her^von einer 
siegreicherr'GriTppe^ "emer anderen Hörde~"aui'erlegt wurde. In ge- 
wissen Festlichkeiten der Primitiven, bei denen unterschiedsloser 
Geschlechtsverkehr gepflogen und das Totemtier gegessen wird, 
erblicken wir eine Sanktionierung des Durchbruches jener alten 
Regeln zwischen zv^ei Horden, den Ausdruck einer Sehnsucht nach 
der friedlicheren und von keiner VerpfUchtung als der zur Ver- 
sorgung des eigenen Clans getragenen Organisation der inzestuösen 
Urhorde. Diese Festlichkeiten durchbrechen ja insbesondere die 
Schranken der primitiven Paarungsehe und gelegentlich auch des 
Inzestverbots, also relative Spätbildungen der menschlichen Gesell- 
schaft. Freuds Anschauung, dass diese Festlichkeiten der Totem-, 
mahlzeit den Urvatermord darstellen, widerspricht auch von seinem i 
Standpunkt der Tatsache der Durchbrechung der Inzestschranke bei l 
solchen Festen. Gestatten sich etw a die Männer auf der viel höheren 
Organisationsstufe das, was sie sich auf einer Stufe der kultur lose n tj 
Wildheit versagten? Hatten si e damals als Wilde mehr Schuldgefühl \ 
als heute? Und wenn, warum? 

Es ist denkbar, dass weitere Forschungen die Sagen vom Urvater- 
mord auf die Zusannnenstösse fremder Urhorden beziehen werden. 
Das Totemtier bekam sekundär die Funktion eines Sinnbildes ..lUn^, 
der Urmutter und später in der patriarchalischen Organisation des 
Patriarchen. Wir meinen also, dass die Freu d sehe Konzeption des 
TÖtems als des ersten Ansatzes einer religiösen Vorstellung zu Recht 
besteht, aber nicht als ideelle Ursache der Religion . überhaupt, 
sondern als"^SpiegeluneJvatastrQ2haler wirtschaftlicher und sozialer 




IS'^- 



96 



Die Herkunft der ClaoeintciluD); und des Inzestverbots 



i 



Vorgänge in der Urgesellschaft, an der sich dann im Zusammenhang 
mit dem Dr ang, Naturvorgänge zu erklären, religiöse Vorstellungen 
Üldcn konnten. Wenn der Mensch im patriarchalischen Zeitaller Gott 
nach dem Vorbilde des Vaters schuf, so muss er ihn früher nach 
dem Vorbilde seines Jagdtieres, das ihn doch sehr beschäftigt haben 
muss, oder der Urmutter gebildet haben. Wenn man Malinowski 
aufmerksam liest, wird man feststellen, dass der Totemismus an 
Bedeutung lange nicht an andere, sexuelle und wirtschaftliche In- 
stitutionen heranreicht. Und schliesslich kann die Wertigkeit 
einer Einrichtung nicht ausser acht gelassen werden, wenn man sie 
einordnen will in das Verständnis der Urorganisation. Jetzt steht 
die Aufgabe bevor, de n Totemismus vom Standpunkt der Mutter - 
rechtstheorie von Grund auf neu zu studieren, wobei die bisher auf- 
gedeckten unbewussten Bedeutungen der verschiedenen religiösen 
Vorstellungen und Bräuche nicht zu entbehren sein werden. Unsere 
Kritik wendet sich gegen die bisherige Methode der psyclioanalyti- 
schen Religionsforschung, vom latenten Sinn eines religiösen Phäno- 
mens einfach auf seine Entstehung zu schliessen, Sinn und Genese 
gleichzusetzen. Sowie wir den aktuell irrationalen Sinn eines hy- 
sterischen Symptoms genetisch nur begreifen, wenn wir ihn historisch 
in die Entwicklungsgeschichte des Symptoms an einer bestimmten 
Stelle einordnen können, wo das jetzt Irrationale durchaus rational 
war, so müssen wir den latenten Sinn einer mythologischen oder 
religiösen Vorstellung in den historischen Zusammenhang des g§^ 
seilschaftlichen Prozesses einordnen, d. h. den Sinn der religiösen 
Idee aus seiner ökonomisch-sozialen Genese und Funktion begreifen. 
Der Sinn einer vorgefundenen Totemvorstellung kann also wohl die 
Vatervorstellung sein, während ihr Ursprung ein Jagdtier sein kann, 
das erst sekundär zum symbolischen Ersatz des Vaters oder der 
Mutter wurde. Das geht aus der historischen Wandlung der Funktion 
des Häuptlings notwendig hervor. 

Freud sah bei der Betrachtung der Urgeschichte, wie die meisten 
Ethnologen, nur die vom Standpunkt der Mutterrechtstheorie 
zunächst verwirrende Tatsache, dass alle, auch die primitivsten 
Organisationen einen Häuptling aufweisen und bereits Familien 
enthalten. Dadurch wurde die andere Tatsache verdunkelt, dass der 
Häuptling kein Herrscher und Patriarch in unserm Sinne ist, wo 
nicht bereits ausgesprochenes Patriarchat vorliegt, und dass die 
Familie in den Anfängen der Geschichte nicht in Widerspruch tritt 
zur Organisation in geschlossene Gentes. Die Familienorganisation 
innerhalb der Gens verdunkelte diese vor den Augen der meisten 
Forscher, weil sie sich von der Theorie der UrsprüngUchkeit 
unserer heutigen Familie nicht befreien konnten und daher un- 
historisch dachten. So wie der »H ä uptling« ursprünglich sich mit 
der Mntterfolge gut verträfit. um aber später in Gegensatz zu ihr zu 



Kritik der Methode der psythoaDslytischen Religionsforschung 97 

treten, indem er zum Patriarchen wird, so verträgt sich auch die 
allmählich gewordene Familienorganisation des monogamen Typus j 
mit der Clanorganisation. um schliesslich ebenfalls, Ha nd i n Hand j 
mit der Wandlung der Funktion des Häuptlings, in Gegensatz zur_' 
Clanorganisation, und zwar als ihr Zerstörer zu geraten. Das Igno- 
rieren der M organ-Engel s sehen Theorie, die sich durch Mali- 
nowski so glänzend in den Hauptpunkten bestätigt, hat einen 
aktuellen, soziologischen Sinn; Hält man an der Ursprünglich keit des Ü 
Patriarchats und seiner Familienrorm fest, so war die Moral, dem |j 
Menschen wesenseigen, immer da. 

Die Mor ganschen Entdeckungen zeigen aber alles in ständiger 
Entwicklung und Veränderung. Die negative Sexualmora! ist also 
einmal in der Urgesellschaft eingebrochen und wird einmal in der 
mensc hlichen Gesellschaft verschwindjen . ;Was tritt aber an ihre 
Stelle? 



ZWEITER TEIL 



DAS PROBLEM 
DER SEXUALÖKONOMIE 



8- 



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■•■ ■\ • \ : '■ •'j-:y,'t 



A) 



DAS PROBLEM DER GESELLSCHAFT- 
LICHEN SEXUALÖKONOMIE 

1. ZUSAMMENFASSENDER GESCHICHTLICHER 

ÜBERBLICK 

Die ausgeprägten Phasen der gese llschaftLichen Ent wicklung von 
der gentilen Urgesellschaft bis zum heutigen kapitalistischen Staat 
weisen zwei ineinandergreif ende ^rozei^ auf^ Der eine Prozess ver- 
läufT^ln wirFs^aftlichen Urkommunismus bis zum kapitalistischen 
Staat im Sinne einer Entwicklung der Produktionsmittel, einer Aus- 
breitung und Zunahme der Produktion und mit ihr der menschlichen 
Be dürfnisse , und schliesslich im Sinne der Konzentralion des Eigen- 
tüms an den Produktionsmitteln in den Händen einer gesellschaft- 
lichen Oberschicht, der Kapitalisten. Der andere hingegen verläuft 
von der natürlichen geschlechtlichen Freiheit und der gentilen Bluts- , . 
verwandtschaftsfamilie bis zur Ideologie der au sserehe liehen Askese 
und der lebenslangen monogame Ehen, also im Sine einer ständigen 
Einengung. _Verdrängung u nd Verzerr ung der genitalen Geschlecht- 
lichkeit. Geht man aber von den Endpunkten der gesellschaftlichen 
Entwicklung, von der heutigen Organisation der Wirtschaft und der 
Geschlechtlichkeit aus und verfolgt man sie rückwärts» so kommt 
man schliesslich zu einem Punkt, an dem die wirtschaftliche und 
die sexuelle Organisation ineinanderfliessen, nämlich zum Ursprung 
des Privateigentums und der Klassenteilung aus de"n~geschrec&tlichen 
Organisationsformen der gentilen Gesellschaft, die im Laufe der Ent- 
wicklung eine Anhäufung der urkommunistisch produzierten Güter 
in der Familie des Häuptlings ermöglichten. Wir haben gesehen, dass 
damals in den Uranfängen der heutigen Privatwirtschaft, als sich 
die ersten Ansprüche der Habgier und des Besitzinteresses regten, 
auch die ersten Gegensätze innerhalb der menschlichen Gemeinschaft 
entstanden, über die E^ngeU mit Recht schreibt*) : »Der^ er^te 



1) Engels: »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates.« 






102 Das Problem der Sexualökonotaie 

Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit 
^dcr Entwicklung des Antagonismus zwischen Mann und Weib in der 
Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weibli- 
chen Geschlechts durch das männliche (jetzt können wir sagen: des 
,1 Clans der Frau durch den des Gatten, d. R.)- Die Einzelehe "war 
ein grosser geschichtlicher Fortschritt, aber zugleich eröffnete sie 
neben der Sklaverei und dem Privateigentum jene bis heute dauernde 
Epoche, in der jeder Fortschritt zugleich ein relativer Rückschritt, 
in dem das Wohl und die Entwicklung des einen sich durchsetzt 
durch das Wehe und die Zurückdrängung des anderen. Sie ist die 
Zellenform der zivilisierten Gesellschaft, an der wir schon die Natur 
der i n die ser sich voll entfaltenden Gegensätze studieren können.« 
(1. c. S. 52). Und weiter (S. 54/55): »So haben wir in der Einzel- 
familie, in den Fällen, die ihrer geschichtlichen Entstehung treu 
bleiben und den durch die ausschliessliche Herrschaft des Mannes 
ausgesprochenen Widerstreit von Mann und Weib klar zur Er- 
scheinung bringen, ein Bild im Kleinen derselben Gegensätze und 
Widersprüche, in denen sich die seit Eintritt der Zivilisation in 
Klassen gespaltene Gesellschaft bewegt, ohne sie aufzulösen oder 
überwinden zu können.« _ _. 

Dem Fortschritt der Produktion ging also ein Niedergang der 
Sexualkultur parallel. Die natürliche Sittlichkeit der in Geschlechts- , 

freiheit lebenden mutterrcchtlichcn Primitiven stand unendlich höher | 

I 

als die Moral des privatwirtschaftlichen Zeitalters, was sich vor ,! 

allem im Wegfall der sexuellen Dissozialität (Vergewaltigungen, { 

Sexualmorde usw.) kundgibt. Alles Reden über kulturellen und silt- ! 

liehen Fortschritt bleibt Gerede, solange dieser Gegensatz in der | 

gesellschaftlichen Entwicklung nicht erkannt wird, solange der 
»Wilde« als das Vorbild des »kulturlosen«, daher zu verneinenden 
Geschlechtswesens gilt. Man beurteilt seine Sexualkultur vom Stand- 
punkt der privatwirtschaftlichen Moral, die »kulturell« mit »rein« 
{= »asexuell«) gleichsetzt (vgl. die faschistische Rasselheorie). Ist 
die Monogamie ein Fortschritt oder Rückschritt gewesen? Das^ ist 
eine unhistorische, undialektische, abstrakt wertende Fragestel- 
lung. Mit der Entwicklung der Produktionsmittel entstand die Aus- 
beutung. Ist nun die Ausbeutung ein »Fortschritt« oder ein »Rück- 
schritt« gewesen? Man versuche, die Frage in dieser Form zu beant- 
worten, und wird fehlgehen. Wir haben nach den Entwicklungsten- 
denzen der Gesellschaft zu fragen und können dabei nur feststellen, 
ob diese Tendenzen im Sinne einer Vertiefung oder der Beseitigung 
des Leidens sich auswirken werden. Im zweiten Falle greift der sub- 
jektive Faktor der revolutionären Theorie helfend in das Rad der 
Geschichte und dreht es rascher vorwärts. 

Die Monogamie entsta nd aus der Konzentration von R eich tümern 
in einer Hand, aus denTTJedurfnis.' wie^Tni"ge~l"s" schreibt, »diese 



Niedergang der Sexualkultur 103 

Reichtümer den Kindern dieses Mannes und keines anderen zu 



vererben«. So begrü n d ete"sTcE~ciie Forderung der Monogamie für die 
Frau. Verfolgt man aber die Entwicklung der menschlichen Gesell- 
schaft weiter zurück, hinaus über den Punkt des gemeinsamen Ur- 
sprungs von Reichtum in einer Hand und Einehe, so gelangt man zu 
gesellschaftlichen Organisationen, die in erster Linie charakterisiert 
und beherrscht sind durch das Geschlechtsleben, während die Pro- 
duktion noch fast völlig unentwickelt ist und sich auf Gemeinwirt- ' 
schaff, auf primitivem Kommunismus aufbaut^). Diese Organisation 
wird durch einen Prozess gestört, der in ständig fortschrei- 
tender Einengung und Unterdrückung der genitalen 
Freiheit besteht. Seine erste Erscheinung ist das Verbot des 
Geschlechtsverkehrs im eigenen Clan, der Summe aller mütterlicher- 
seits" Blutsverwandten. Dieser^^Pl- o z ess (f er Sexualunter- 
d r ü c k~u ng ist seinem Beginne nach älter als der des 
Klassengegensatzes zwischen Mann und Weib, er führt 
diesen Antagonismus erst herbei. Spuren der Urgeschichte, die man 
in der Mythologie auffindet, weisen auf Etem entar k at astrophen hin, 
die die wirtschaftliche Existe nz der Ur menschen bedrohten und 
^esellschäftiiche BewegungeiTaüsIöstcn, aus denen sich der erste An- 
stoss zur Sexualeinschränkung in Form des Inzestverbots herleitete''). 
Die fortschreitende Tabuieru ng und Ein schränkung ^j^Genitalität 
Tief Hand^ in_jjandjnit der ' Ausbreitung materieller In teressen he- 
stTiTimter^Gruppen in der Urgesellsc haft. Der Prozess bei den Tro- 
briandern zeigt, däss es die In ter es seii_de^ Familie des Häuptlings 
geg enüber dem Clan sind. In der Urzeit schufen prinzipiell nicht 
anders als heute die materiellen Bedingungen des gesellschaftlichen 
Daseins bestimmte gesetzliche und moralische Einrichtungen wie etwa 
das Inzestverbol innerhalb des Clans, die Heiratsordnung usw., die 
sich dann, indem sie jedes Individuum dieser Gesellschaft ideologisch 
durchsetzten, in ihnen reproduzierten. (Vgl. letzten Abschnitt.) 

Halten wir an der Morgan sehen Einteilung der Entwicklung 
der menschlichen Gesellschaft in Wildhe it, Barbar ei und Zivilisation i^CUAjtU. 
fest, so liegt der entscheidende Wendepunkt vom Urkommunismus '"^--^y^^---' 
zur Entwicklung des Privateigentums und des Akkumulations- ""TT" ^"^^ 
intcresses am Übergang von der Wildheit zur Barbarei. Dieser Wende- '^■'^^Av^ 
punkt ist hauptsächlich charakterisiert durch den Untergang der v^ ")f Q^y* 

1) Engels: »Der Ursprung der Familie usw.« S. 8. »Je weniger die Arbeit '^ V>V^yv*»-A Wj 
noch entwickelt ist, je beschränkter die Menge ihrer Erzeugnisse, also auch 

der Reichtum der Gesellschaft, desto überwiegender erscheint die Gesell- 
schaftsordnung bestimmt durch die Geschlechtsbande.« 

2) Ich kann die Richtigkeit der H ö r b i g c r sehen »Glazialkosmogonie« nicht 
fachlich beurteilen. Seine Erkläruog der bei den meisten Völkern der Erde 
in irgendeiner Form festgestellten Sintflutsagen, die er auf reale kosmische 
Katastrophen zurückführt, verdienen aber entschieden unsere Beachtung. 
Sie werfen ein völlig neues Licht auf die Eigenart der Daseinshcdingungen 
der urm CD schlichen Gesellschaft, 



1(04- Das Problem der SexualökoDomie 

mutterrechtlichen Gesellschaft und die Evolution der patriarchali- 
schen Jjewajt. Die menschliche Geschichte vor diesem Zeitpunkt 
beträgt zeitlich ein Vielfaches der relativ kurzen Spanne, v^relche die 
nachfolgende Periode der privatwirtschafllichcn Entwicklung umfasst. 
Wenn seither die wirtschaftlichen Interessen einer Klasse von Be- 
sitzern der Produktionsmittel und die gegenteiligen Interessen einer 
Klasse von Unterdrückten das soziale Leben erfüllen, so waren es 
vorher geschlechtliche Interessen; wenn nachher ^Privatwir^chaft 
md K lassenteilung^die gesellschaftliche Struktur bestimmten, so 
vorher die Geschlechtsgenossenschaft^), wodurch natürfich die Grund- 
tatsache nicht berührt wird, dass auch vor her die jjrimitiven 
Produk tionsverhältnisse die Basis waren, auf der sich die vor- 
nehmlich geschlechtiich interessierte Gesellschaft aufbauen konnte. 
Die Interessen der Individuen waren nicht nur hauptsächlich ge- 
schlechtlich gerichtet und — befriedigt; auch die materiellen 
Bedürfnisse waren gering. Das Besitz inte resse tind di e Habg ier s tei- 
gerten sic h in dem Masse, wie die sexuellen Interess en~~ün.te rdrii^kt 
werd en mussten. In einer bestimmten Phase der menschlichen Ge- 
schichte ^rächten materielle Lebensbedingungen (zuerst Zusammen- 
sehluss der Ürhorden, später der übergrosse Druck des Heiratsgutes) 
die Sexualeinschränkung und dann die Sexualverdrängung in, G ang, 
wodurch seelische Interessen für eine besj^immte Art wirtschaft- 
li cher Evol ution, eben die privatwirtschaftlich e, frei wur- 
den. Diese Interes sen waren Habgier und Akkumulati onsbedürfni s. 
Sie ent standen au f Kosten der genitalen Interessen") . 

Wir stehen vor der für die Geschichte der sexuellen Ökonomie 
entscheidenden Frage, ob die Sexualeinschränkung zur Entwicklung 
der menschlichen Gesellschaft überhaupt gehört oder nur zu einer 
bestimmten ökonomischen und sozialen Stufe dieser Entwicklung. 
Jenes wird von Freud und den meisten seiner Schüler, aber auch 
von manchen Marxisten (z. B. Salkind) angenommen. Wir leugnen 
auf Grund dieser Untersuchung die Zuordnung der Sexualunter- 
drüekung zur Entwicklung der menschlichen Gesellschaft überhaupt. 



1) »Man wird sehr bald wahrnehmen, dass in den Anfangsstufen der Wildheit 
Manner- und Weibergerucinschaft innerhalb vorgeschriebener Grenzen der 
Kern des gesellschaftlichen Systems war. Die ehelichen Rechte und Privi- 
legien, die innerhalb einer Gruppe sieh bildeten, wurhsen aus zu einem 
wundersamen System, welches die Grundlage wurde, auf der die Gesellschaft 

^sich konstituierte.« {Morgan: »Die Urgesellschaft«. S. 41.) 

2) Es ist also unrichtig, wenn psychoanalytische Ethnologen die Kulturen solcher 
Primitiven auf ihre Triebkonstellation zurückführeu, etwa von analsadisti- 
scher Kultur sprechen. In Wirklichkeit wurden die veränderten Triebstruk- 
turen erst durch den fiesellschaftlichen Prozess geschaffen, indem er zuerst 
die Genitalität einschränkte und dadurch sekundär eine Verstärkung der 
nicht genitalen Partialtricbe bedingte. Das Akkumulationsbcdürfnis ist also 
zunächst rein wirtschaftlich bedingt, bedient sich aber dann, indem es sich 
in der psychischen Struktur verankert, der durch die Sexualcinschränkung 
hervorgetriebenen Analität. 



Sexual Unterdrückung als historische Erscheinung 105 

nicht nur, weil wir darin eine mechanistische, undialeklische, pralv- 
tisch aus der Gegenwart und historisch aus der Geschichte der Mensch- 
heit zu widerlegende Auffassung erkennen, sondern auch, weil uns 
die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsordnung 
und Sexualordnung anders unterrichtet hat. 

Indem die bisherige psychoanalytische Forschung den Kulturpro- 
zess primär auf Triebkonflikten statt auf gesellschaftlichen Prozessen 
basiert sah, verdunkelte sie auf ihrem eigenen Forschungsgebiet ein 
Problem von einer noch nicht abzuschätzenden Tragweite. Wenn wir 
den Triebkonflikl aus dem Zusammcnprall von primitivem Bedürfnis ; 
(Hunger, Sexualbedürfnis) und Daseinsbedingung (Wirtschaft, Na- ) 
tureinflüsse, Technik) ableiten, so werden wir nicht nur der über- 
wiegenden Rolle des sozialen Seins gerecht, wir erfassen vielmehr 
gleichzeitig das Problem der Beziehung zwischen gesellschaftli ch- 
ökonomischer Basis und ideologischem überbau und bekommen einen 
Zugang sowohl "zur konservativen wie auch zur revolutionären Rolle 
des ideologischen Prozesses einer Gesellschaft. Dieser Frage ist in 
prinzipieller Hinsicht der letzte Abschnitt gewidmet. 

Doch zunächst müssen wir noch einige Aufmerksamkeit der Rolle 
des subjektiven Faktors in der Geschichte der Bedürfnisbefriedigung 
schenken. 

2. BEDÜRFNISBEFRIEDIGUNG 
UND GESELLSCHAFTLICHE REALITÄT 

Enge ls hat die Beteiligung der Sexualität am Aufbau und an 
der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft früh geahnt. Wenn 
sich seine diesbezüglichen Auffassungen nicht recht durchsetzen 
konnten, so deshalb, weil die Engels sehe Auffassung der Sexualität 
an der Funktion der Sexual 1 u s t vorbeiging, indem sie nur die Fort" 
üDanzungsfunktion in Betracht zog, und weiter, weil ihm der Pro- ' 
zess der Sexualverdrängung mit dessen ökonomischem Hinter- 
grund nach dem damaligen Stand des Wissens unbekannt sein musste. 
Engels, der die Sexualität als geschichtsbildenden Faktor in die 
materialistische Geschichtsauffassung einreihen wollte, schrieb im 
Vor wort zu seinem Werk iiber den » Ursprung der Familie«: 

»Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestim- 
mende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des un- 
mittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die 
Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung 
und den dazu erforderlichen Werkzeugen; anderseits die Erzeugung von Menschen 
seihst, die Fortpflanzung der Gattung. Die gesellschaftlichen Einrithtutigen, unter 
denen die Menschen einer bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten 
Landes leben, werden bedingt durcli beide Arten der Produktion: durch die 
Entwicklung einerseits der Arbeil, andererseits der Familie.« (L c, S. VIIL) 

Diese Ansicht kann nun korrigiert werden. Die Menschen stehen V 
mit zwei physiologischen Grundbedürfnissen zum Zwecke ihrer Be- 



106 Das Problem der Sexiialökonomie 

friedigung in Wechselbeziehung zueinander, mit dem Nahrung s- 
Jrieb und dem Sexualbedürfnis. Die Art und Weise, in der 
die Gesellschaft die Befriedigung der lebenswichtigen Bedürfnisse 
bewerkstelligt, ist in der Marxschen Soziologie erschöpfend behandelt. 
Da der Nahrungstrieb keine Abwandlung erfahren kann wie der 
Sexualtrieb, sondern nur besser oder schlechter befriedigt werden 
kann, spielt er im Detailaufbau der seelischen Apparatur keine so 
grosse Rolle wie der letztere. 

Marx, unterscheidet im »Kapital« (Kautskys Volksausgabe, B. I., 
S. 3.) bei der Erörterung der Bedürfnisse, deren Befriedigung die Pro- 
duktion dient, solche, die dem »Magen«, und solche, die der »Phan- 
tasie« entspringen. Nun sind die von Marx so bezeichneten Bedürf- 
nisse der »Phantasie«, wie die psychoanalytische Forschung nach- 
wies, nichts anderes als die Umsetzungen und Entwicklungsabkömm- 
linge der wandelbaren sexuellen Antriebe. 

Diese treten als subjektive Faktoren*) in der Geschichte der 
Mensehen und der Gesellschaft niemals als Bedürfnis nach Fortpflan- 
zung, sondern als Bedürfnis, sexuelle Spannungen, die durch innere 
Sekretion und äussere Reize bedingt sind, zu erledigen, als Verlan- 
gen nach sexueller Befriedigung auf. Die Erzeugung von 
Nachkommen, die Engels in seinem Buche »Der Ursprung der Fa- 
milie« der Erzeugung von Nahrungsmitteln gegenüberstellt, erfolgt 
objektiv, aber nicht subjektiv wie die Produktion von Lebensmitteln 
zum Zwecke der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses. Sie ist also 
keine Parallele zur Produktion von Lebensmitteln. Sie tritt ja als 
Funktion erst sehr spät, nach der Geschlechtsreife auf, während die 
eigentliche Parallele zur Befriedigung des Nahrungstriehes, die Funk- 
tion der Sexualbefriedigung, zugleich mit dem Nahrungstrieb unmit- 
telbar nach der Geburt in Erscheinung tritt. Nur in diesem subjek- 
tiven Sinne als Bedürfnis zur Erledigung einer Spannung, die als 
sexuelle Lust erlebt wird, einschliesslich ihrer suhlimierten Abwand- 
lungen (Erfindergeist, technisches Interesse, wissenschaftliche For- 
schung) dürfen wir die Sexualität analog dem Hunger als bewegendes 
Moment in die Geschichte einführen. 

SQ_wie _der Nahrungstrieb si ch sub jektiv als Hunger und objektiv 
als »Tendenz« zur Erhaltung des Individuums präsentiert, so der 
Sexualtrieb subjektiv als Bedürfnis nach entspannender Scxualbe- 
friedigung und objektiv als »Tendenz« zur Erhaltung der Art. Diese 
»objektiven Tendenzen« sind aber keine konkreten Gegebenheiten, 
sondern bloss Annahmen. E s gibt in Wirklichkeit ebensowenig eine 



1) (1934) Unter »subjektivem Faktor« versteht heute die politische Psychologie 
im •wesentlichen die durchschnittliche psychische Struktur der Mensclicu einer 
konkrcteu Gesellschaft. Diese Struktur selbst bestimmt sich durch die libidi- 
nösen Kräfte, die sie bedingen. (Vgl. hierzu Parell: »Was ist Klassen- 
bewusstsein?« Verl. f. Sex-Pol. 1934. 



<C 



Das Sexualbedürfßis als geschichtlicher Faktor 107 

Tendenz zur Erhaltung der Art wie eine solche zur Erhaltung des 
Individuums. Beide Arten der Erhaltung sind Tatliestände, zu deren 
Erklärung man »objektive Tendenzen« heranzieht, wahrend sie in 
Wirklichkeit gesichert sind durch Einrichtungen_der physiologischen 
Apparatur: Die Spannung im Magen, die sich psychisch als Hunger 
kundgibt, treibt (»Trieb«) zum Essen und erhält so das Individuum; 
die Spannung in den Sexualorganen, insbesondere im Genitale, die 
sich psychisch als Sexualverlangen (Verlangen nach Befriedigung- 
Verlangen nach Lust) kundgibt, treibt zur sexuellen Betätigung im 
Geschlechtsakt und erhält so auch die Art. Dadurch yerüert aber^ie 
Annahme einer »objektiven Tendenz« ihren Sinn. Weder im Falle 
des Hungers noch der Sexualbefriedigung denkt das Indi\iduum an 
Selbst- bzw. Arterhaltung. Wir haben daher zu fragen; 

1. Wie sind die natürlichen Abläufe der Befriedigung des Hungers 
und der Sexualität? (Nahrungsphysiologie, Sexualphysiologie und 
Sexualpsychologie.) 

2. Wie ist die Gesellschaft strukturiert? Gewährleistet sie die Befrie- 
digung dieser Grundbedürlnisse oder nicht, fordert oder hemmt 
sie sie? (Soziologische Behandlung der Bedürfnisse.) 

3. Wenn die Gesellschaft die Befriedigung dieser Bedürfnisse hemmt, 
statt sie zu fördern, aus welchen Gründen tut sie es, weiche Klasse 
oder Schicht hat ein Interesse daran? (Politische Ökonomie und 
Soziologie.) 

Und so, wie wir von einer Ökonomie des Nahrungshaushaltes 
sprechen können, von der Art und Weise, in der die Gesellschaft die 
Befriedigung des Nahrungstriebes aller ihrer Mitglieder hesorgt, müs- 
sen wir von der ö kohom ie""d e*r"SVx'u a lität sprechen, als der^ 
Art, in der die Gesellschaft die Befriedigung des 
Sexualbedürfnilsses regelt, fördert oder hemmt. 
Es gibt einen geordneten und einen ungeordneten Stoffwechsel (Haus- 
halt des Nahrungstriebes), ebenso gibt es einen geordneten oder 
ungeordneten sexuellen Haushalt der Individuen. 
Das hängt davon ab, wie sich die Gesellschaft mit ihren Institutionen 
zu dieser Befriedigung stellt. Für die kapital istische Gesellschaf t trifft 
zu, dass sie die Mehrheit ihrer Mitglieder zwingt, in ungeordnetem, 
unökonomischem Nahrungshaushalt zu leben, aber ebenso in einem 
unökonomischen sexuellen Haushalt. Es besteht die Aufgabe, zu un- 
tersuchen, warum und mit welchen ihrer Institutionen die Gesellschaft 
die Bedürfnisse des Hungers und der Sexualität in verschiedenen 
Epochen verschieden ordnet. Für den gestörten Nahrungshaushalt 
der JJehrzahl unserer GeseUschaftsmitglieder haben wir seit Marx 
eine erschöpfende soziologische Erklärung: die Klasseneinteilung und 
die Ausb eutung. Es sind aber wieder nur bestimmte Produktionsver- 
hältnisse und ihnen entsprechende Interessen der herrschenden Klas- 



108 Das Problem der Sexualökonomie 

sen, die den ungeordneten Sexiialhaushalt, die gestörte sexuelle Öko- 
nomie der Mehrheit der Mitglieder der Klassengesellschaft mit allen 
ihren Folgen bedingen. 

Wir müssen demnach die sexuelle Ökonomie des Individuums 
von der sexuellen Ökonomie, die die Gesellschaft einrichtet, unter- 
scheiden. Jene hängt, von den konstitutionellen Unterschieden der 
einzelnen Individuen abgesehen, in der Hauptsache von der sexuellen 
Ökonomie der Gesellschaft ab. Geordneten und ungeordneten sexuel- 
len Haushalt beurteilen wir klinisch nach dem Mass an Spannungs- 
ausgleich, der die psychische Apparatur der durchschnittlichen Indi- 
viduen charakterisiert; ferner nach den Versuclien, die diese Appa- 
ratur unternimmt, einen Spannungsausgleich herbeizuführen. An 
anderer Stelle habe ich versucht, diese Kennzeichen anzugeben^): 
Genitale Befriedigung im Sinne der orgastischen Potenz und freiströ- 
mende Arbeitsleistung (Sublimierung) kennzeichnen den geordneten, 
j sexuelle Ersatzbefriedigungen, neurotische Symptome und krampf- 
j hafte Arbeitsleistung (Leistung nach dem Vorgang der Reaktionsbil- 
j|dung) kennzeichnen den ungeordneten sexuellen Haushalt. 

Die gesellschaftliche Ordnung des sozialen Seins bestimmt nun 
Quantität und Qualität des Spannungsausgleichs der psychischen 
Apparaturen. Mangelt es an gesellschaftlichen Möglichkeiten zur 
sexuellen Befriedigung und Sublimierung, ist die psychische Appara- 
tur durch Einflüsse der Erziehung derart verbogen, das sie bereit- 
stehende Möglichkeiten nicht auszunützen vermag (Neurose), ist das 
Mass an Zufuhr unlustvoller Reize infolge Not und Entbehrung zu 
gross, so arbeitet der psychische Apparat mit Ersatzmechanismen, 
die den Zweck des Spannungsausgleichs um jeden Preis verfolgen. 
Das Ergebnis sind dann Neurosen. Perversion en, pathologische Cha- 
rakterveränderungen, die dissozialen Erscheinungen des Sexuallehens 
und nicht zuletzt die Arbeitsstörungen. 

Gegenüber den vielen ökonomistischen Auffassungen des gesell- 
schaftlichen Prozesses, die die Kategorie »gesellschaftliche Basis« mit 
Technik und Natur, also den materiellen Lebensbedingungen allein 
gleichsetzen und die Bedürfnisse dem »Überbau der Gesellschaft« zu- 
rechnen, muss mit aller Eindringlichkeit betont werden, dass eine 
solche Auffassung als platter Ökonomismus nichts mit Marxismus 
zu tun hat. Einer Untersuchung über die Ideologie des Faschismus 
entsprechend, muss ich hier daran erinnern, dass Marx die Grund- 
bedürfnisse d^ »Basis« zurechnet. Zwar werden Bedürfnisse durct 
den Fortschritt der Produktion ständig verändert und neu erzeugt; 
das ändert aber nichts an der kardinalen Tatsache, dass sowohl die 
Grundbedürfnisse von vornherein wie die erzeugten Bedürfnisse se- 



1) »Der genitale und der neurotische Charakter« (Intero. Zeitschrift für Psyclio- 
analyse 1929). Vfil. auch »Die Funktion des Orgasmus« (Intern. Psychoanaljt.. 
Verlag 1927) und »Charakteranalysc« (Verl. f. Sex-l'ol. Kopenhagen. 1933). 



Geordneter und ungeordneter sexueller Haushalt 109 



kundär Basis-El emontc sind, als subjektive Faktoren der Geschichte. 

Marx schreibt in der »deutschen Ideologie« (I.Teil); »Die Vorausset- ^~ 

Zungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dog- 1%^^ 

men, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der ■ ' 

Einbildung abstrahieren kann. Es si nd die wi r kH c hen In divi- 
duen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbe- 



dingungen sowohl die vorgefundenen wie die durch 
ihre Aktion erzeugten.« Das Sexualbedürfnis ist also^ wenn 
es auch durch de n gesellschaftlichen Pr ozess verän dert wird, ein Ele- 
ment der » Basis «, denn es macht e in ganz wesentliches Stück des. 
»wirklichen Individuums« aus u nd bestimmt ganz entscheidend seine 
»Aktionen«. Die Triehpsychologie und -physiologic erforscht also 
Basiselemente in ilirer Wechselbeziehung mit anderen Basiselementen 
und gesellschaftlicher Ideologie beim einzelnen vergesell- 
schafteten Menschen. Das Sexualbedürfnis (als Subjekt und 
Objekt der Geschichte) aus der Soziologie ausschalten, bedeutet eben- 
soviel, wie wenn man das Nahrungs-, Kleidungs- und Wohnbedürfnis 
ausschalten wollte. Nimmt man noch liinzu, dass die Produktivkraft 
»Arbeitskraft« im wesentlichen umgewandelte Sexualenergie ist, so 
bedarf es keiner breiten Ausführungen zum Beweise der Dringlichkeit 
der sexuellen Ökonomie, 

Es bleibt die Aufgab e, zu einer Charakterologie und Theorie der 
Arbeitsökonomie auf Grund der sexuellen Ökonomie zu gelangen und 
der Pädagogik klare Ziele zu setzen. Diese Aufgabe wird nur von 
einer Gesellschaft geleistet werden können, die die Planwirtschaft 
zum Zvrecke geordneter Bedürfnisbefriedigung aller Gesellschafts- 
mitglieder verwirklicht haben wird. In der kapitalistischen Gesell- ■ 
Schaft ist in Anbetracht der sexualmoralisch "befangenen und von 1 
Privatwirtschaft liehen Interessen durchsetzten Wissenschaft nicht 
einmal an eine theoretische Klärung dieser Probleme zu denken. 

Da die sexuelle Misere eine Folgeerscheinung der privatwirtsehaft- 
lieh begründeten normativen Regelung des Geschlechtslebens ist, so 
treffen wir sie immer dort an, wo die Rücksichten auf dauermono- 
game Ehe das Geschlechtsleben bestimmen, also immer in der Klas- 
sengesellschaft. Das Verhältnis der sexuellen Unterdrückung zu der 
des unmittelbaren materiellen Lebens der Bevölkerung (Nahrung, 
Wohnung, Kulturbedürfnisse), ist wie folgt bestimmt. Während^ die 
materielle Not nur die beherrschte Klasse erfasst,_ist die sexueUe^Not 
eine alle Schichten der klassengesells chaft umfassende Erschein ung, 
die aber in den materiellen Gesetzen de r Klassenge sellschaft wurzelt. 
Diese Gesetze geben auch der sexuellen T'Jot bei'deV materiell unter- 
drückten Klasse eine andere Form als bei den besitzenden Schichten. 
Die materielle Not des Hungers und der Wohnverhältnisse steigert 
nicht nur die sexuelle Verelendung im Proletariat, sie nimmt ihm 
neben den strengen Sexualgesetzcn die Möglichkeil, die Misere durch 



110 Das Problem der Sexual Ökonomie 



ernstliche Hilfe zu mildern, deren Inanspruchnahme den Besitzenden 
uneingeschränkt offensteht. Stellen wir nun die Frage, w arum die. 
kapitalistische Gesellschaft die Befriedigung des Sexualbedürfnisses 
(analog der Frage nach der Befriedigung des Hungers) so und nicht 
anders regelt, indem sie sie nämlich versagt, in bestimmte Formen, 
etwa in den Rahmen der monogamen Ehe jiresst, bis zu einem be- 
stimmten Alter sogar völlig unterdrückt, wie etwa in der Kindlieit und 
TÜngend, so finden wir bestimmte ökonomi sche Interessen dieser 
Gesellschaft. Wir sehen dann, dass es nur die privatwirtschaftliche 
Gesellschaft ist, die ein Interesse an der Sexualunterdrückung hat, die 
sie zur Aufrechterhaltung von zwei ihrer wesentliclislcn luslitulioncn, 
der dauermonogamen'Sie und patriarchalischen Familie braucht. Dass 
sie dabei schwere sexuelle Leiden, Neurosen, Perversionen, Sexual- 
morde usw. und dadurch beträchtliche Einschränkungen der indivi- 
duellen Arbeitsleistungen erzielt, ist Nebenprodukt, nicht absichtlich 
von der Ordnung gewollt, aber von ihr unabtrennbar. Die so er- 
zeugten seelischen Störungen sind der Ausdruck 
gestörter sexueller Ökonomie^). Es ist klar: solange die 
Dynamik der seelischen Erkrankungen und der Charakterbildung und 
ihr Znsammenhang mit der Sexualität nicht bekannt war, konnte auch 
die Frage nach der Geschichte der sexuellen Ökonomie nicht gestellt 
werden. Freuds klinische Entdeckungen niussten dazu erst vor- 
liegen und sie erwuchsen ja selbst auf dem Boden der kapitalistischen 
Sexual Ordnung, welche Neurosen und mit ihnen die Methode zu ihrer 
Erforschung und Behandlung schuf. 

Diese Sexualordn ung hat aber nicht immer bestanden, sie hat sich 
aus anderen Formen entwickelt, die früheren Stufen der gesellschaft- 
lichen Entwicklung zugeordnet waren. Wenn die jeweilige Sexual- 
ordnung auch bedeutsamen Einfluss auf die Entwicklung der Gesell- 
schaft und insbesondere ihrer geistigen Produktion nahm, so ist sie 
doch selbst immer das Ergebnis einer bestimmten gesellschaftlichen 
jOrdnung der Produktion und Ver teilung von Lebensrni tteln gewesen. 

In der Geschichte der Menschhei t schlug in einem be stimmten Ver- 
hältnis zu den wirt schaftlichen Interessen der Gesells chaft die Sexual- 
ordnung aus einer ihrem Wesen nach bejahenden, also die 
sexuelle Ökonomie der Menschen fördernden, in eine sexualver- 
neinende und unterdrückende, die sexuell unökonomi- 
sche Lebe nsweise der Menschen bedingcjide. Ordnung um . Dieses 
historische Ereignis vollzog sich in voller Abhängigkeit von der Un- 
wandlung der mutterrechtlichen in die vaterrechtliche, der urkom.- 



1) Vgl. hierzu »Die Funktion des Orgasmus.« (Int. Psa. Verlag 1927.) »Die 
seelischen Leiden als soziales Problem.« (»Der sozialistische Arzt,« 1931 ) 
and »Die Sexualnot der werktätigen Massen und die Schwierigkeiten der 
sexuellen Beratung« (in »Sexualnot und Sexualreforra«, Verhandlungen des 
IV. Kongresses der Weltliga für Scxualreform in Wien, 1930), ferner »Charak- 
tcranalyse« (Verl. f. Sex-Pol. Kopenhagen. 1933). 



Sexualität als Klasscnfrage 111 

mun isti sehen in die privatwirtschaftliche Gesellschaft. Die natur- 
wüchsige Geseilschaft kannte keine SexiiaTuhterd rückung, so wenig 
wie sonst eine natürliche Organisation von Lebewesen. Erst die Pri- 
vatwirtschaft und das keimende Patriarchat schufen all die Ökonomi- 
schen Interessen, die seither die gesellschaftliche Basis für die sexual- 
verneinende Moral und die durch sie gestörte sexuelle Ökonomie der 
Menschen abgeben. A us den fortlaufende n und sich entwickelnden^ 
Phasen der Privat- und Warenwirtschaft schöpft die negative Sexual- 
moral ständig ihre Daseinslierechtigung, aber auch ihre W iclers'pruche. 
Sie etabliert sich schliesslich im Kapitalismus als ausgesprochen 
reaktionärer Faktor, wird einer der Hauptpfcilcr der Kirche, bringt^ 
die unterdrückten Klassen auch sexuell in eine bestimmte Abhängig- 
keit vom Kapital und seiner Ordnung und schafft, indem sie die 
gesamte Erziehung in und ausserhalb der Familie und die gesamte 
Sexualforschung beeinflusst, bei den Massenindividuen von Kindheit 
auf seelische Strukturen völlig im Sinne der Interessen der herr- 
schenden Klasse. Sie interessiert uns daher nicht nur akademisch- 
theoretisch, sondern in erster Linie praktisch vom Standpunkt der 
proletarischen Revolution, der sie als hemmender F aktor entgegenwirkt. 
Denn di e bürgerlic he Familie wird d urch die Sexualunterdrückung, 
die sie leistet, auch um sich selbst ideologisch "zii "repröcluzierenT^ür 
wichtigsten Ideologie fabrik des Kapitals. Sie wird aus diesem Grunde 
von allen bürgerlichen Sozialpolitikern und Sexual- und Kulturfor- 
schern als die Grundlage des Staates mit allen Mittehi verteidigt und 
erschwert so die Erkenntnis ihrer reaktionären Rolle. 

Die reaktionäre Wissenschaft erkennt diese Holle, die durch die 
soziale Revolution aufgehoben wird, klarer^als "die bisherige revohi- 
tionäre. Es geht um die konservative Bedeutung der Familicnbindung. 
Hier nur ein Beispiel für viele: i 

»Man geht wohl nicht fehl, wenn man als einen der Gründe, welcher die 
bolschewistische Sexualstrafgesetz-»Rcforra« in die soeben gezeichneten Wege 
trieb, das Bestreben bezeichnet, die ihnen so besonders unerwünschte Kraft der 
elterlichen Autorität zu vernichten. Dadurch, dass dem unveränderlichen Gang 
der Natur nach neue Menschen nur produziert werden können, indem sie als 
zuerst ganz unmündige, körperlich -wie geistig hilflose Wesen ihren Eltern, voller- 
wachsencn Menschen, gegeben werden, die den Kindern also mit unentrinnbarer 
Notwendigkeit als höhere und stärkere Wesen, als »Autoritäten« gegen übertreten, 
wird mit jeder neuen Menschwerdung in der Familie auch das Prinzip der 
Autorität wieder erneuert. Es hat die teleologische Bedeutung, dass das unmündige 
Kind doch schon sofort auch in seiner Unmündigkeit die Errungenschaften der 
vorhergehenden Generationen sich aneigne, eben vertrauensvoll auf die Autorität 
der Eltern sich stützend; diese wird damit zur ersten und tiefsten Grundlage 
alles wirkliehen Kulturfortschritts, der nicht mit jeder Person neu beginnt, 
sondern auf früheren Stufen stehend von ihm aus zu höheren Stufen weitersteigeu 
soll. Diese intimste und stärkste Quelle der Autorität will der Bolschewismus 
treffen und vernichten, indem er die Familie vernichtet«i). 



II 



1) Schmidt: »Der Ödipuskomplex der Psychoanalyse und die Ehegestaltung 
des Bolschewismus.« »Nationalwirtschaft«, Blätter für organischen Wirt- 
■ Schaftsaufbau. Berlin. (S. 20.) 



112 Das Problem der Sexualökonomic 

Die revolutionäre Bewegung, die seit auderthalh Jahrzehnten die 
Welt aeuerdings erschüttert, vollendet den Prozess des Niedergangs 
der patriarchalischen FamiUe, den der wirtschaftHchc Zersetzungs- 
prozess des Kapitalismus eingeleitet hat. Der Zerfall der Familie geht 
heute noch vorwiegend unbewusst vor sich als eines der Symptome 
der Wandlung unserer gesellschaftlichen Organisation. Die bewusste 
lind aktive Lenkung und Förderung dieses objektiven Zersetzungs- 
prozesses wird erst möglich sein, wenn die soziologische Rolle der 
Scxualunlerdrückung und der alle Individuen erfassenden Sexual- 
verdrängung zur Gänze erkannj^ und in_ scxualpolitische Praxis um- 
gesetzt sein wird. 

Wenn die normative Ordnung des Geschlechtslebens durch E^e 
un d Familie aus o bjektiven Gründen sich auflöst, so genügen die 
Sclilagwörter »sexuelle Fr'eiheit«^ »Sexualität Tst Privatangelegenheit« 
usw. nichts die sich von unserem WÖFlen unabhängig vollziehende, 
von der wirtschaftlichen Entwicklung bestimmte Neuordnung des 
Sexuallebens zu begreifen und sie unserer bewussten Lenkung zu 
unterwerfen. Chaos entsteht immer dann, wenn eine Gesellschaft den 
geschichtlichen Prozess nicht begreift, dem sie gerade unterworfen 
ist, und ihn daher nicht zu lenken vermag. Die mittelalterlichen 
Ausstände schienen chaotisch, weil es damals keine Theorie des 
Aufstandes gab. Für den soziologisch ungebildeten Bürger bedeutet 
die soziale Revolution Chaos, weil er ihr Wesen nicht zu erfassen 
vermag. Für den geschulten Revolutionär bedeutet der Bürgerkrieg 
der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter den grandiosen Beginn einer 
wirklichen Ordnung des materiellen' Lebens der Gesellschaft. 

^^^.i."!?*: ^uf die normative Regelung des Geschlechtsiebens durch 
Ehe und Familie? Der Bürger sagt warnend voller Schreck: das sexu- 
elle Chaos. Die Geschichte der sexuellen Ökonomie lehrt aber, dass 
die bisherige normative, Regelung, die überall Fiasko erlitt und das 
sexuelle Chaos erst einführte, einer anderen Platz macht, die nicht 
moralisch-negativ, sondern sexual-ökonomisch-positiv ist und dadurch 
eine wirkliche Ordnung des Sexuallebens herbeiführt.' Das ist — 
wohlgemerkt — nicht eine »Weltanschauungsfrage« sondern ge- 
schichtlicher Prozess. Weltanschauungsfrage ist nur, ob man die 
Geschichte richtig oder falsch sieht, ob man den Prozess erkennt oder 
ängstlich zurückschrickt und sich hinter Theorien von der »e thi s^en 
Natur des Menschen« und der »sittlichen Ordnung« versteckt. 

Fassen wir die bisherigen Ergebnisse über die Gesetze der sexu- 
ellen Ökonomie, wie sie sich aus den klinischen und soziologischen 
Untersuchungen des Zusammenpralls von Triebbedürfnis und ge- 
sellschaftlichem Prozess ergeben, zusammen: 

1. Die raoraiisclie Regulierung deS Geschlechtsle- 
b e n s durch die privatwirtschaftliche und bürgerliche Gesell- 
schaft arbeitet mit Hilfe sexueller Hemmungen, die sie im Indi- 



Sexualeinschränkung als reaktionärer Faktor 113 



viduum von Kindheit auf verankert. Diese Hemmungen erzeugen 
einen unlösbaren Widerspruch, indem sie einerseits durch die 
Sexualverdrängung eine sexuelle Stauung bedingen und so die 
sexuellen Bedürfnisse steigern, andererseits die Struktur der Person 
im Sinne einer verminderten bis vollends gestörten Befriedigungs- 
fähigkeit verändern. Aus diesem Widerspruch, der eine unaus- 
gleichbare Differenz zwischen Bedürfnisspannung und Befricdig- 
barkeit erzeugt, ergeben sich als energetische Ausgleichreak- 
tionen die sexuellen Krankheilen, N eurose n, Perve rsionen und 
unsozialen sexuellen Verhaltungsweisen. 

2. Bei jedem Individuum setzt die Beseitigung dieser Widersprüche 
die Beseitigung der moralischen Sexualhemmung voraus. An ihre 
Stelle tritt die^^s^xjual ö konomi sehe Regulierung, die 
Selbststeuerung des Geschlechtslebens durch die Sexualbefriedi- 
gung, die die moralische Regulierung überflüssig macht. Das 
erfolgt beim Einzelnen durch die psychotherapeutische Behebung 
der Sexualverdrängung und die Herstellung der orgastischen 
Potenz. Durch das sexuell ökonomische Geschlechtsleben wird 
den asozialen und krankhaften Regungen die Energie entzogen. 

3. Die sexuelle Befriedigung steht in keinem Gegensatz zur Subli- 
rnierung sexueller Triebkräfte in der Arbeitsleistung; diese setzt 
jene vielmehr voraus. Die Beziehung zwischen Sexual befriedigung 
und Sublimierung ist keine mechanische (»je mehr Sexualunler- 
drückung, desto mehr soziale Leistung«), sondern eine dialekti- 
sche: Bis zu einem bestimmten Grade kann die sexuelle Energie 
sublimiert werden; geht die Ablenkung zu weit, so schlägt die 
Förderung der Sublimierung in ihr Gegenteilj^eine Störung der 
Arbeitsfähigkeit, um. 

4. Es gibt hohe Kulturen ohne Verdrängung der Sexualität, ins- 
besondere der Genitalität, ja mit ausgesprochener Sexualbejahung 
und Befürsorgung. Die Sexualverdrängung ist also nicht die 
Voraussetzung der kulturell^n^^a^wicklung undl_deLW 
Ordnung überhaupt. 

5. Die sexualmoralische Regulierung des Geschlechtslebens und mit 
ihr die Sexualverdrängung setzen ein mit dem Interesse am Pri- 
vatbesitz im Anfang der Klassengesellschaft. Ehe und Familie 
dienen diesem Interesse und mit Rücksicht auf diese Institutionen 
erhebt sich die Forderung nach vorehelicher und ausserehelicher 
Keuschheit. 

6. Bei sexualbejahender gesellschaftlicher Organisation gibt es keine 
Neurosen, keine Perversionen, keine sexuelle Dissozialität, keine 
neurotischen Arbeitsstörungen in gesellschaftlich interessierendem 
Masstab. (Das wäre der ethnologische Beweis, dass die Neurosen 
Ausdruck gestörter sexueller Ökonomie sind.) 

7. Die gesellschaftlich befürsorgte Sexualbefriedigung regelt die 



jH Das Problem der Scxualökonoroie 



sexuelle Sozialität automatisch, setzt aber Nichtvorhandensein 
negativer Sexualmoral und sexualbejahende Erziehung von Kind- 
heit an voraus. 
8 Die sexualverneinende Moral, die sich aus der Ehe- und Familien- 
* Situation ableitet, erzielt in gesellschaftlichem Masslabe das 
Gegenteil des beabsichtigten. (Neurosen, Perversionen und sexu- 
elle Dissozialität.) 
9. Sexualbejahung und sexualökonomische Regulierung der Ge- 
schlechtlichkeit charakterisieren die kommunistische Urgesell- 
schaft- die Gesellschaft der Warenwirtschaft (Privateigentum — 
Ehe - Familie) führt die sexualmora li sehe Regulierung 
und mit ihr die Unterdrückung der kindlichen und jugendlichen 
Sexualität ein. . 

10. Der Wegfall der Warenwirtschaft beseitigt mit Notwendigkeit die 
sexualmoralische Regulierung und setzt an ihre Stelle auf höherer, 
naturwissenschaftlich und technisch gesicherter Ebene wieder 
die sexualökonomisehe Regulierung und Befürsorgung des Ge- 
schlechtslebens. Das wird zur Voraussetzung des Wegfalls der 
seelischen Erkrankungen und der sexuellen Dissozialität der In- 
dividuen, aber nicht zuletzt auch zur Grundlage ihrer geste igerten 
intellektuellen Entwicklung. 



3. PRODUKTION UND REPRODUKTION DER SEXUALMORAL 

Wir haben bei der Ableitung einiger sexualmoralischer Grund- 
elemente der Trobriander aus den ökonomischen Interessen des 
Häuptlings und seiner Familie das Entstehen von sexuellen Ideolo- 
gien unmittelbar verfolgen können. Es bleibe offen, ob diese Art der 
Entstehung gesellsehaftliehcr Moral allgemein oder nur für bestimmte 
Elemente zutrifft. Fassen wir den Prozess der sexuellen Ideologie- 
bildung z usammen . 

' Bis zum Eingreifen wirtschaftlicher Interessen wird das Sexual- 
leben beherrscht von den natürlichen Regelungsgesetzen des Lust- 
Unlust-Prinzips. Sie verdichten sich zu gesellsehaftlichen Sitten und 
Gebräuchen, wie etwa zum ulalile und katuyausi, die nicht gegen 
die sexuelle Befriedigung gerichtet sind, sondern im Gegenteil deren 
Sicherung dienen. Die ersten Ansätze der sexualfeindlichen Moral 
erscheinen als Forderung einer Gruppe in der Gesellschaft, in deren 
Händen die wirtschaftliche und politische Macht liegt, an die übrigen 
Mitglieder der Gesellschaft zum Zwecke der Sicherung und Steigerung 
r*ri<HAi;#W., dieser Macht. Die Forderung des Nutzniessers wird also zur Moral 
des NutzenspeiTaers." Die Produktionssphäre der Moral hegt 
in einer Gruppe von Mächtigeren. 

ZÜrAufrechterbaltung der Moral genügt aber nicht eine einmalige 



•Id 

* 11 



'W^HuÜt.'^^wU« . v • ^w>W/4(^*v*/w Lm*Uu„ 



s. 



Produktion und Reproduktion der Scxualmoral 



11& 



Forderung oder Gesetzgebung. Die ständige Einengung der Bedürfnis- 
befriedigung durch äusseren Zwang hätte zur Folge, dass sich die 
neue Moral immer wieder neu aufdrängen und durchsetzen müsste; 
sie hätte bei jedem erwachsenen Mitglied der Gesellschaft dauernd 
Widerstände zu überwinden und könnte sich so kaum halten. Sie 
muss sich, um ihren ökonomischen Zweck ganz zu erfüllen, tiefer 
verankern; sie muss in früher Kindheit einzuwirken beginnen, solange 
die Widerstände des Ichs leicht zu überwinden sind, und sie muss 
aus einem äusseren Anspruch der Gesellschaftsgruppe zu einer in- 
neren Moral aller Gesellschaftsmitglieder werden. Auf welche Weise 
geschieM das? I ndem sie d ie psychische Struktur der Massenindi- 
viduen verändert. Diese Veränderung gehl in der Sexualsphäre vor 
sich mit Hilfe sexueller Strafangst. Die Angst vor Strafe für sesuelle 
Vergehen kann den sexuellen Antrieb nur dann auf die Dauer unter- 
drücken, wenn sie ihn dem Bewusstsein entrückt, das heisst ver- 
drängt, und Gegenkräfte gegen ihn mobilisiert und in der Persön- 
lichkeit fest einbaut. Der Konflikt, der sich ursprünglich zwischen 
einem sexuellen Ich und einer sexualfeindlichen Aussenwelt abspielte, 
wird dadurch zu einem Konflikt zunächst zwischen einem Ich, wel- 
ches Angst vor Strafe hat, und einem Ich, welches bewusst nach der 
Sexual befriedigung verlangt, um schliesslich zu einem (vorüber- 
gehend) stabilen Zustand eines moralischen Ichs überzugehen, das 
eine verdrängte Sexualregung dauernd niederhält. Das früher lust- 
bejahende Ich wurde selbst sexualablehnend, moralisch. Die g _e- 
sel 1 seh a f 1 1 i ch e Moral hat sich im Individuum re- 
produziert. Da das bei allen Individuen, die der gleichen sexual- 
verneinenden ökonomischen Situation unterworfen sind, der Fall 
ist, da diese so veränderten Individuen auf ihre Nachkommen bewusst 
sich er nicht im Sinne ihrer verdrängten, sondern ihrer moralischen 
Haltungen einwirken werden, da ferner die bestimmte ökonomische 
Situa tion fortbesteht und die moralischen Forderungen der macht- 
habenden Schicht ständig neu jjroduziert, so dass auch der äussere 
gesellschaftliche Druck fortwirkt, ist die Sexualverneinung und 
-Verdrängung dreifach gesichert und mit ihr sind es auc h d ie öJio.- 
nomi schen I ntere ssen der Machthaber. 

Produktion und Reproduktion der Moral sind also auseinander- 
zuhalten, jene erfolgt in der herrschenden Gruppe als »kulturelle« 
Forderung, diese in allen Gesellschaftsmitgliedcrn als individuelle 
Moral. Die Beziehung der ökonomischen _ Basis zum ideologischen 
Überbau ist also keine unmittelbare, sondern die Ideoiogiebildung 
erfolgt durch viele Zwischengliede r hi ndurch, die wir etwas sche- 
matisch wie folgt aufstellen können: 

1. Bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte und dementspre- 
chende Produktionsverhältnisse. 



u 



/ 



9' 



jjg Das Problem der Sexualökonomie 



2. Bestimmte wirtschaftliche Interessen einer Gescllschaftsgruppe 

oder Klasse. 

3. Dementsprechende moralische Forderungen an die Gesellschafts- 
mitglieder. 

4. Einwirkung dieser Forderungen auf die Bedürfnisse der Massen- 
individuen, Einschränkung der Bedürfnisbefriedigung, Erzeugung 
sozialer Angst usw. 

5. Ve_r_anker_ung der moralischen Forderungen der Gruppe in den 
Masscnindivi'duen durch Verwandlung ihrer wandelbaren Be- 
dürfnisse, durch Veränderungen ihrer psychischen Strukturen im 
Sinne der neuen Moral: ständige Reproduktion durch Verinnerli- 
chung der Forderungen. 

6. Innerliche Akzeptierung der Moral durch die Massenindividuen; 
individuelle Jdeologiebiidung, die bei der Summe der Massen- 
individuen wieder zur" (reproduzierten) gesellschaftlichen Moral 

wird. 

Diese gesellschaftliche, in allen Individuen verankerte und sich 
ständig reproduzierende gesellschaftliche Moral wirkt dann auf die 
ökonomische Basis im konservativen Sinne zurück: Der Ausgebeutete 
bejaht selbst die Wirtschaftsordnung, die seine Ausbeutung garantiert; 
der sexuell Unterdrückte bejaht selbst die Sexualordnung, die seine 
Befriedigung einschränkt und ihn krank macht, und er wehrt selbst 
-eine andere Ordnung gefühlsmässig ab, die seinen Bedürfnissen 
entspräche. So e rfüllt die_ Moral ihren soziologischiökono mischen 
Zweck. 

Betrachten wir das an einem heute sehr aktuellen Beispiel: Das 

Kapital verteidigt die Aufrechterhaltung der Sexualverdrängung mit 

allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Es hebt aus Gründen der 

Sittlichkeit den Abtreibungsparagraphen nicht auf, obwohl es durch 

ihn den ursprünglichen Zweck der Erzeugung von industriellen Re- 

' servearmeen nicht mehr erreicht. Die Geburtenzahl geht in den 

' kapitalistischen Ländern ständig zurück, aber für eine Reservearmee 

ist anderweitig, die kapitalistische Rationalisierung, aufs Beste gesorgt. 

Es bekämpft die Propaganda der Empfängnisverhütungsmittel und 

engt die Funktion der Sexualität auf die Fortpflanzung ein; es stemmt 

sich auch mit allen Kräften gegen eine Ehereform. Es unterdrückt 

nach wie vor die jugendliche Sexualität mit Hilfe der Kirche, der 

Schule, des Elternhauses und der Wohnungsnot. Es wird mit der 

Prostitution und den Geschlechtskrankheiten nicht fertig, weil ihm 

iidie »Sittlichkeit« der Frauen und Mädchen wichtiger ist. 

Die gesellschaftliche Sexualverdrän gung ist^ nämlich ^„Reaktio- 
närer Faktor von grossem Gewicht, auf ihre retardierende Wirkung 
im gesellschaftlichen Prozess kann nicht verzichtet werden, denn: 

1. Sie stützt als mächtige Kraft die Kirche, die sich mit Hilfe der 



Produktion und Heproduktion der Sexualmoral ^'' 



Sexualangst und des sexuellen Schuldgefühls in den ausgebeuteten 
Massen zutiefst verankert. 

2. Sie stützt die Familien- und Eheordnung, welche zu ihrem Be- 
stände Verkümmerung der Sexualität erfordert. 

3. Sie macht die Kinder den Eltern und auf diese Weise später 
die Erwachsenen der staatlichen Autorität und dem Kapital 
hörig, indem sie in allen Masseiiindividuen autoritäre Ängst- 
lichkeit erzeugt. 

4. Sie lähmt die intellektuelle kritische Kraft der unterdrückten 
Massen, denn die Sexual Verdrängung verbraucht viel psychische 
Energie, die sonst intellektuell verarbeitet würde. 

5. Sie schädigt bei vielen, sehr vielen, die psychische Agilität, macht 
gehemmt und lähmt die au flehnenden Kräfte im m aterieiLunter:: 
drüc kten Individuum. 

Das alles zusammengenommen bedeutet nichts anderes als die 
ideologische Verankerung des herrschenden Wirt- 
schaftssystems in den psychischen Strukturen der 
Angehörigen der unterdrückten Klasse und dient so A-«*.«^*^, 
der politischen Reaktion. Das_isL^r„soziolQSische Sinn der Sexual. i^m^^oj^ 

Unterdrückung im Kapitalismus: Es gehört nicht viel Bddnng, son- ^Jl^ 

dern nur ein wenig intellektueller Mut dazu, zu erkennen, dass die 
kapitalistischen Mächte den Kolonialvölkern den christlichen Glauben, 
die Kleidung und die »Sittlichkeit« nicht aus Besorgtheit um die 
Kultur bringen, sondern weil sie in den einzelnen Individuen den 
Geist des europäischen Kulis verankern, sie überdies mit Alkohol 
schwächen und dienstbar machen wollen. Und diese Verankerung 
des Kapitalismus in den psychischen Strukturen des Primitiven, die 
Aufseher und Polizeiknüppcl sparen soll, gelingt am besten durch \ 
die Unterjochung der revolutionären Kraft, die befriedigter Sexua^ \ 

iität entspringt. ^ , , .. < 

' Konnte man den soziologischen Sinn der Sexualverdrangung und J'-*w 
ihre kapitalistische Funktion finden, so kann es nicht schwer sein, "•■ 

auch die Widersprüche zu entdecken, die sie erzeugt und die sie selbst -^-i-/A**as. 
zerstören. Festigt nämlich die Sexualverdrängung auf der einen Seite 
die Ehe- und Familieninstitution, so untergrabt sie sie gleichzeitig 
durch die sexuelle Misere der Ehe ^^^ f^^^'^^'^^l^ dieser Grund- 
lage entsteht. Macht sie die Jugend ^^^^^^^^/j'^^^^/^" ^r-ci. 

senen botmässig, so erzeugt sie ^^^ ..^Z^''%Z^^ ll^^^^^ 
Rebellion der Jugend, die zu einem machtigen Hebel auch der sozialen 
Bewegung wird, lenk sie bewusst ist iind den Anschluss an die pro. 
fetlrlS Bewkmng findet, die den Kapitalismus untergräbt. Die 
^fdeSrüche der Sexualunterdrückung suchen eine Losung in der 
wiaersprucne ql kapitalistischen Lander ungefähr seit der 

sexuellen Krise die d^^^P'^ „dem Masse erfasst. Sie schwankt 
Jahrhundertwende m standig sicib viiwanKt 



118 Das Problem der Sexual Ökonomie 

in ihrer Intensität mit den wirtschaftlichen Krisen, von denen sie 
auch unmittelbar abhängt. (Zunahme der Ehescheidungen in der 
Wirtschaftsitrise.) Die Verschlechterung der materiellen Lage der 
. Massen lockert nicht nur die familiären und ehelichen Fesseln der 
Sexualität, sie treibt mit der Rebellion des Nahrungstriebes auch die 
der sexuellen Bedürfnisse hervor. Das ist die einfache Erklärung 
für die Theorie vom »Niedergang der Moral« in Krisenzeiten. Es 
t ist bezeichnend, dass das Kapital und die Kirche in der wirtschaft- 
i liehen Krise nicht nur den materiellen sondern auch den sexualreak- 
'■ tionären Druck auf die Massen bis zum blutigen Terror verstärken. 
Die Botschaft des Paptes über die christliche Ehe Ende 1930 gehört 
in diesen Zusammenhang von materieller und sexueller Rebellion. 
Ebenso etwa der gewaltsame Zusammenstoss der tschechischen Staats- 
gewalt mit den Mitgliedern von proletarischen Wandervereinen im 
Mai 1931, denen der Staatsanwatt das übernachten in Zelten ohne 
Trauschein untersagt hatte. Der Zusammenstoss hatte viele Ver- 
wundete gekostet. Hier enthüllte sich die Sexualreaktion krass und 
zum ersten Male in dieser Form. Kein Zweifel, dass eine klassen- 
mässige Sexualpolitik den derzeit noch vorwiegend latenten Konflikt 
an die Oberfläche und im Rahmen der revolutionären Bewegung zur 
Entscheidung treiben wird. 

Die gesellschaftliche Sexualunterdrückung untergräbt sich also 
selbst, indem sie eine sich ständig steigernde Divergenz erzeugt 
zwischen sexueller Bedürfnisspannung und äusserer Befriedigungs- 
möglichkeit sowohl wie innerer Befriedigungsfähigkeit. Dieser Pro- 
zess wird beschleunigt durch die politische Aufklärungsarbeit der 
revolutionären Parteien, die an einem anderen Punkte die Hörigkeit 
der Massen lockern, aber auch durch die Zusammenfassung der 
Massen in immer grössere Kollektivverhände, die den inneren Zu- 
sammenbruch der Ehe- und Familienordnung von aussen ebenso 
fördert, wie es die wirtschaftliche Zerstörung der Familie durch die 
kapitalistische Rationalisierung des Produktionsprozesses besorgt. 
Hier ergibt sich ein neuer Widerspruch zwischen der wirtschaftlichen 
Auflösung der Familie in den Massen und der Notwendigkeit, vom 
Standpunkt des Kapitals und der Kirche, an der Familien- und Ehe- 
ideologie festzuhalten und sie in der neuen Generation immer neu 
zu reproduzieren. 

Erkennt die_politische Reaktion die Gewichtigkeit der reaktionären 
Rülie der Sexualunterdrückung und^ richlet sie sich in ihren Mass- 
nahmen danach, so muss die revolutionäre Partei die Bedeutung der 
sexuellen Rebellion erkennen und für sie gegen die Kirche und das 
' Kapital eintreten. Und die soziale Revolution, das lehrt die Sexual- 
gesetzgebung der Sowjetunion, hebt die sexuelle Unterdrückung auf^). 



1) Die in der Sowjetunion vorhandenen asketischen Strömungen bedürfen einer 
eigenen Untersuchung. 



Rückwirkung der Ideologie auf die ökonomische Basis 119 

Sie tut es, weil die privatwirtschaftliche Grundlage der Sexualver- 
drängung fortschreitend vernichtet wird. Ehe und Familie im privat- 
wirtschaftlichen Sinne hören auf, gesellschaftlieh notwendige Insti- 
tutionen zu sein. Mit der Ehe und der Familie verschwindet aber 
auch der kardinale Mechanismus der Sexualverdrängung und der 
Erziehung zur Autoritätsgefolgschaft. Die Sexu al yern ei nung 
schlägt wieder in Sexualbejahung um. 

Der kommunistische Urzustand kehrt auf höherer wirtschaftlicher 
und kultureller Ebene als sexualökonomische Regelung der Be- 
ziehungen der Geschlechter wieder. Er muss wiederkehren, da die 
Motive, die diese Regülierungsart aufhoben, vergingen. Mag sich" aücfT 
noch die alte Moral als »Ideologie ohne Basis« eine bestimmte Zeit 
lang in der neuen Gesellschaft halten, sie kann sich in den Massen- 
individuen nicht mehr reproduzieren, weil die Jugend weder gesell- 
schaftlich, noch familiär oder materiell unterdrückt ist. Die Bewusst- 
heit der soziologischen Notwendigkeit dieses Prozesses würde ihn 
nur rascher und reibungsloser gestalten. Die Se xualwissenscha ft tritt 
aus dem Dienst der Sexualunterdrückung in den der sexualökonomi- 
schen Ordnung. Die Sexualpädagogik bekommt das positive Ziel der 
sexualökonomischen Erziehung statt des bisherigen negativen der 
moralischen Sexualunterdrückung. Dadurch verliert die Kirche ihren 
letzten Halt in der psychischen Struktur der Massenindividuen. Die so- 
zialistische Planwirtschaft erfüllt endlich die gesellschaftliche Funktion 
der Vergesellschaftung der Menschen, die Befriedigung der durch die 
Menschwerdung gesteigerten biologischen und der durch die Technik 
entfalteten kulturellen Bedürfnisse zu sichern. Die geistigen Fähig- 
keiten der Massenindividuen können nun auf Grund der gesellschaft- 
lichen Befürsorgung der Bedürfnisbefriedigung unendlich gesteigert 
werden. Damit erledigen sich die Prediger des objektiven Geistes und 
der sittlichen Natur des Menschen in jeder Gestalt. Das Kulturgerede 
weicht dem kulturellen und s exuellen Erwachen der^rj_die,^n_Reich- 
tum der Gesellschaft schaffen. 

Vor uns steht aber die weitere Aufgabe, das Gebiet der Sexual- 
politik betreffs der neuen Widersprüche des sexuellen Lebens in der 
Sowjetunion theoretisch und praktisch restlos aufzurollen. 



1^ 




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ANHANG 



11 
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AJi, 



ROHEIMS „PSYCHOANALYSE PRIMITIVER 

KULTUREN'^ 

1. Roheims Methode der ethnologischen Forschung 

Im Frühling 1929 unternalim der ungarische Ethnologe und 
Psychoanalytiker Roheim mit Unterstützung der Prinzessin Marie 
Bonaparte eine Expedition nach Australien und New-Guinea. Das 
Ergebnis dieser mehrjährigen Expedition liegt nunmehr in einem vor- 
läufigen Bericht, der einige Hundert Seiten umfasst, vor^). Die Er- 
gebnisse seiner Forschungen, soweit sie nicht nur Beobachtungen 
wiedergeben, sondern zur Theoriebildung fortschreiten, werden nur 
verständlich, wenn man den Grundzug der Methode erfasst, die R. 
anwandte, um, wie er beabsichtigte, der psychoanalytischen Ethnologie 
»eine solide Basis« zu geben. 

R.'s Motiv der Expedition war, wie er schreibt, diejenigen Theorien 
zu entkräften, die an Hand mutterrechtiicher Organi sationen da s 
allgemeine Vorkommen des »Ödipuskomplexes« leugnen. R. vrill also 
die Allgeraeingültigkeit dieses Komplexes7"drhr^inen biologischen 
Charakter beweisen. Und dies wird zur Urquelle seiner Fehler. Er 
wendet sich gegen Maiinowskn), der auf Grund der Erforschung einer 
mutterrechtlichen Gesellschaft den Standpunkt vertrat, dass der Kind- 
Eltern-Konflikt, der von Freud in der patriarchalischen Gesellschaft 
erforscht wurde, eine gänzlich verschiedene Struktur zeigt, wenn man 
eine mutterrechtlichc Gesellschaft studiert. 

Ob man dann die kindlichen Konflikte noch mit dem Ausdruck 
»Ödipuskomplex« bezeichnet, wenn der eigentliche Erzieher nicht der 
eigene Vater, sondern der Mutterbruder ist, und auch die übrigen 
Verhältnisse andere sind, oder ob man von »Ödipuskomplex anderer 
Form« spricht, ist eine Frage von sekundärer Bedeutung- R. hatte 
aber den Vorsatz mit auf die Reise genommen, nachzuweisen, dass 
der Ödipuskomplex, in der Form, wie Freud ihn in Europa fand, eine 



1) Roheim: »Die Psychoanalyse primitiver Kulturen«, Imago, 1932, H, 3/4. 

2) Professor für Ethnoloßit; an der »School of Economics«, London. 



J24 Rohcims »Psyehoanalysi: primitivur Kulturen« 



allgemeine biologische Tatsache sei. Auf Grund der Forschungen 
Malinowskis hatte auch ich die biologische Natur des uns bekannten 
typischen Kind-Eltern-Konflikles bestritten. 

R. versucht nun, mit Hilfe der psychoanalytischen Deutungsiechnil<. 
die Kultur der Primitiven zu ergründen, und er glaubt dies tun zu 
können, indem er die Gesellschaft, ihre Kultur und Zivilisation mit 
einem Individuum gleichsetzt. Dazu ist zu sagen: Die Untersuchung 
einer gesellschaftlichen Organisation ist mit der psychoanalytischen 
Deufungsmethode nicht zu führen, denn die Gesellschaft hat kernen 
Trieb, kein Unbewusstes. kein Übcr-Ich, kein Seelenleben. Sie kon- 
stituiert sich aus gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Men- 
schen, die einen psychischen Apparat bestimmter Struktur besitzen. 
Nur diese Struktur der Menschen kann psychoanalytisch untersucht 
werden, und sofern die Ergebnisse dieser Untersuchung einen kollek- 
tiven, typischen, also massenpsychologischen Tatbestand betreffen, 
erklären sie auch die Struktur der betreffenden gesellschaftlichen 
Ideologie. ^ 

Die Menschen bilden zwar die Gesellschaft und schaffen die gesell- 
schaftlichen Inhalte des Lebens, aber sie schaffen sie nur unter 
bestimmten äusseren Bedingungen (wirtschaftlichen, klimatischen, 
geographischen etc.). sind also in ihren Willensäusserungcn be- 
schränkt; darüber hinaus verselbständigen sich die von ihnen ge- 
schaffenen gesellschaftlichen Beziehungen mit eigener, eben sozio- 
logischer Gesetzlichkeit, denen die Menschen dann unterliegen. Die 
Soziologie ist im wesentlichen die Lehre von den die Menschen beherr- 
schenden, von ihnen unabhängigen Gesetzen des gesellschaftlichen 
Seins, die ausserpsychisch, sozial-ökonomisch sind. Wer sie zugun- 
sten der psychischen Kräfte übersieht, ist Psychologist; wer die 
psychischen Strukturen der Menschen ausschaltet, muss Ökonomist 
werden und dem metaphysischen Soziologismus verfallen. 

R. leugnet nicht nur die grundlegende Funktion der sozial-ökono- 
mischen Gesetze; seine Deutungstechnik ist von derart primitiver Art,, 
ähnelt so sehr der »Kunst« der wildesten Analytiker, dass man ihn 
auch als Psychoanalytiker ablehnen muss. 

»So wie der Analytiker bei der therapeutischen Analyse durch 
Deutung der Übertragung imstande ist, die ursprüngliche infantile 
LibJdoorganisation zu rekonstruieren, so kann der ethnologisch for- 
schende Analytiker aus den Übertragungsträumen (der Primitiven) 
erkennen, wie die Libidoorganisation und der Charakter eines Volkes 
beschaffen ist,« heisst es auf S. 308/309. Zunächst ist richtigzustellen, 
dass wir die infantile Libidoorganisation unserer Analysanden nicht 
durch Deutung rekonstruieren, wie Roheim es tut, sondern unsere 
Deutung fasst bloss unbewusstes Material, das der Analysand bot. 
zusammen und verleiht ihm die Sprache des Bewusstseins. Ohne 
unbewusstes Material gibt es keine Deutung. Alles andere ist wilde 



Ablehnung der Rohcimschen Deutungstechnik 125 

Analyse. Zur Rekonstruktion der kindlichen Vorgeschichte ist die 
wirkliche Reproduktion der Kindheit in Erinnerung und Aktion not- 
wendig. R. analysiert die Träume des »Eingeborenen X, zugleich aber 
eine menschliche Gesellschaft, nämlich die, der X. angehört«. (S. 317.) 
Nehmen wir einen Augenblick an, dass es statthaft wäre, die Struktur 
der Gesellschaft aus der Struktur der Träume zu erschliessen, statt 
umgekehrt die Struktur der Träume aus der Struktur der Gesellschaft, 
die die Triebstruktur des Individuums bestimmt; dazu würde doch 
zu allererst die freie Assoziation gehören; aber nicht einmal dies 
bringt der Primitive zustande, aus dessen Träumen R, die Möglich- 
keit zu schöpfen glaubt, im Gegensatz zu den Soziologen, »die Formel 
für den unbewussten Wunsch zu finden, durch den jede Gesellschafts- 
struktur determiniert ist, ebenso wie jedem Traum und jeder Neurose 
ein System solcher unbewusster Wünsche zugrundcliegt«. (S. 320.) 
»Einen Primitiven aber kann man unmöglich zum freien Assoziieren, 
bewegen, man kann nichts anderes tun als warten, bis er es einmal 
unwillkürlich tut.« Wir können Roheim für den schlechten Dienst, 
den er hier mit seiner »Methode der Kulturforschung« der Psycho- 
analyse leistet, ganz und gar nicht dankbar sein. Wir mühen uns 
in schwerer Arbeit ab, unsere Analysanden zur freien Assoziation 
zu bringen, um ihre Kindheit zu rekonstruieren, und Roheim erschloss 
aus einem Primitiven, der zur Assoziation nicht bereit war, eine ganze 
Kultur. 

»Man mag also ruhig von der Methode der freien Assoziation 
Gebrauch machen, um ein vollständiges Bild der zu untersuchenden 
Kultur zu erhalten,« um dann nur zu bestätigen, was schon vorher 
angenommen war. 

Machen wir uns einen Augenblick klar, wozu die ethnologische 
Forschung dient und was sie will, um voll zu begreifen, was R. mit 
seiner Methode unternahm. Die Menschen stehen dauernd im 
Kampfe um günstigere Lebensformen, um bessere Naturbewältigung, 
um ein wenig Klarheit über ihr gegenwärtiges Sein. Kennt man die 
Geschichte der Vergangenheit, so hofft man, mit der Gegenwart besser 
und leichter fertig werden zu können. Die alltägliche Praxis drängt 
zur Forschung, um die neue Praxis besser zu leisten. Wir sind daran 
interessiert, die alten Wirtschaftsformen und Familienformen zu 
erforschen, um den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung, dem 
wir unterworfen sind, zu verstehen, ein wenig zu lenken und schliess- 
lich meistern zu können. R. ist über derartige Dinge erhaben: »Alle 
Veröffentlichungen dieser Schule (»functional school«), mögen sie 
nun Kanus betreffen, Heirat, Magie oder Handel, kommen, vrie es 
uns scheinen will, umgekehrt zum gleichen Schluss, nämlich, dass 
das in Rede stehende Phänomen das Strukturelement einer Ganzheit 
ist, im sozialen Mechanismus eine wohldefinierte Funktion erfüllt 
und mit anderen sozialen Phänomenen in Wechselwirkung steht. Von 



126 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 



Weisheiten so selbstverständlicher Art -werden wir schwerlich be- 
friedigt sein.« R. kommt es natürlich auf den berühmten unbewuss- 
ten Wunsch der Kultur an! Die ethnologischen Schulen leiden gewiss 
an schweren Mängeln der Untersuchung. Sie kommen meist über die 
reine Beschreibung nicht hinaus, sehen nur die wirtschaftlichen 
Beziehungen, und diese nur psychologisüsch; sie können keinen 
Prozess angeben, der die gesellschaftliche Entwicklung beherrscht; 
sie sind auch weit entfernt von der sexual ökonomischen Fragestel- 
lung, wie und mit welchen Mitteln sich das gesellschaftliche Sein 
in psychische Struktur umsetzt und wie diese gewordene psychische 
Struktur der Menschen auf die gesellschaftlichen Beziehungen, aus 
denen sie hervorging, rückwirkt. Das wäre eine marxistische, dialek- 
tisch-materialistische Fragestellung, die ihrem Denken ungewohnt 
und ihrem Empfinden unbehaglich ist. Aber R. geht weit hinler diese 
Leistung der Ethnologen zurück, er verwirrt die Erscheinungen, 
mystifiziert sie, bemerkt das Oberflächlichste nicht, wie zum Beispiel 
die gesellschaftliche Funktion des Mwadare als eines primitiven 
Güteraustausches, der sich der Heiratsbeziehungen bedient: er sieht 
nichts als Symbole und verrät dadurch wie jeder, der wilder Symbol- 
deuter ist, seinen tiefen Zweifel selbst an den Wirklichkeiten des 
seelischen Prozesses. 

Man wird sagen, dass ich übertreibe. Ich bin im Interesse der 
entscheidend wichtigen Rolle der Psychoanalyse in der soziologischen 
Forschung bemüht, nicht zu übertreiben, im Gegenteil, aus den 
Fehlern eines Fachethnologen wie R. zu lernen, welche Fehler man 
vermeiden muss und wie wichtig methodologische Sauberkeit in der 
Geschichtsforschung ist. 

Ich will nun einen von Roheim analysierten Traum eines Primi- 
tiven vorbringen und zu zeigen versuchen, was alles dieser Traum 
enthüllt, wenn man nicht »Übertragungen deutet«, sondern zunächst 
den Traum in seinem sozialen Milieu sieht. 

Der christliche Häuptling von Loboda, Doketa, erzählt R. einen 
Traum, aus dem die Kulturgeschichte auf der Normanby-lnscl er- 
schlossen wird. 

»Ich ging mit Gomadobu angeln. Wir fingen einen qaadovara und zogen ihn 
heraus. Bei Bwaruada gingen wir an Land und schnitten den Fisch auf, und er 
liochte, als die Kirchenglocken läuteten. Mr. Walker sagte: »Lasst Euren Fisch, 
er wird auf Euch warten; geht erst zur Kirche, dann kommt zurück und esst«. 
Dann kamen wir zurück und Gomadobu. schnitt den Fisch in Stücke. Ich erhielt 
den Rumpf und sagte: »Gib ihn unseren Freunden«. Aber Gomadobu sagte: »Der 
Rumpf ist Dein Teil, ich gebe ihn Dir, unsere Freunde werden ihren Teil spater 
bekommen.« 

R. versucht eine komplizierte Rekonstruktion der kindlichen 
Vergangenheit Dokeias zu geben, dass er die Eltern beim Koitus 
belauschte, den Vater töten wollte etc. etc. Es gibt keine Möglichkeit,. 



Die typischen Konflikte der Primitiven 127 

nachzuprüfen, ob R,s Deutungen richtig sind; im Zusammenhange 
kuJturpolitischer Forschung ist das aber auch nicht wichtig. Man 
lese S. 305—308 des Berichtes nach und wird feststellen, wie sehr 
diese Ergebnisse zu bezweifeln wären, selbst wenn R. Doketa einer 
regelrechten Analyse unterzogen hätte. 

Versuchen wir den Traum aus dem Lebensmilieu und den aktuellen 
Konflikten des Träumers zu verstehen. Wir sind bescheidener als- 
R., denn wir raassen uns nicht einmal an, über das aktuelle und 
leicht fassbare soziale Milieu hinaus in die kindlichen, individuellen 
Konflikte Doketas einzudringen, der keine Einfälle bringt. Doch ist 
bei Kenntnis der groben aktuellen Anlässe ein Verständnis der im 
Traum erscheinenden aktuellen Konflikte möglich. Wir werden 
sehen, dass wir im latenten Sinn des Traumes auch solche Elemente 
finden, die kein Europäer aufbringt. 

Malinowskis Forschungen, auf die ich meine ethnologische 
Begründung der Sexualökonomie stütze, ergaben, dass der Primitive 
unter zwei schweren typischen Konflikten leidet, die sich aus der 
einsetzenden Änderung der sozialen Organisation ableiten; Kon- 
flikten also, die einmal entstanden sein mussten und mit der weiteren 
Veränderung der sozialen Organisation auch Inhalt und Form ändern 
müssen. Der eine, wirtschaftliche Konflikt ist der Druck des- 
Heiratstributs eines Clans auf den anderen, in dem ich eine Vor- 
stufe der privatwirtschaftlichen Ausbeutungssituation zu erkennen 
glaubte; R. beschreibt den Austausch des Heiratsgutes und auch den 
seelischen Konflikt dabei sehr genau, ohne zu ahnen, was er be- 
schreibt. Die jährlichen Heiratsabgaben erfolgen unter dem Scheine 
allergrösster Freundschaft als Liebesgaben, sind aber begleitet von 
wüsten rituellen Beschimpfungen des Gabenempfängers^}. Der zweite, 
sexualökonomische Konflikt betrifft die Einschränkung der genitalen 



In seinem Buch »Psychoanalyse primitiver Kulturen« beschreibt Roheim den 
Verteilungsritus bei den Papuas im Duaugebiet. Er stimmt nicht aur wesent- 
lich mit dem von Malinowski beschriebenen überein, soDdern ergänzt in den 
Itoheimschen Bericliten unsere Kenntnis von den psychischen Konflikten, die 
die Abgabe des Heiratsgutes begleiten, 

»Es ist kein Zweifel«, schreibt Roheim, »dass die Güterverteilung (food 
distribution) das führende Symptom der Papua-Zivilisation im Duaugcbiet 
ist.« Das Mwadare ist ein Fest, das entweder von der Schwester des Mannes 
seiner Frau oder von seiner Frau seiner Schwester gegeben wird. Es besteht 
in einem kompliziert ausgebauten Zeremoniell der Oberreichuug von Produkten 
des Gartenbaues. Hinter der formellen Überreichung wirkt der ganze dazu- 
gehörige Clan mit. Seinem Wesen nach ist das Mwadare ein ritueller Güter- 
austausch zweier verschiedener Totemgruppen, wobei die Schwester des Gatten 
den einen, seine Frau den andern Clan repräsentiert. Offiziell dienen diese 
Festlichkeiten der Güterühertragung der Manifestation des guten Willens der 
zwei in Heiratsbeziehung zueinanderstehenden Clans. Die beiden Gruppen 
überbieten einander an Hochherzigkeit, in Wiridichkeit dringt der gegenseitige 
Argwohn und Mass aus jedem Detail der Zeremonie. Roheims Gewährsmann 
sagte: »Mwadare Gidemusa seija«, d. h. Mwarare ist wie ein Krieg, bei dem 
jeder Kampfer seinen besonderen Gegner hat. Wie schwer der Clan, der gerade 
Tribut leistet, seine Pflicht empfindet, bezeugen die Gesänge, die die feierliche 



128 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 



1 



Freiheit; diese Einschränkung vollendet sich bis zu einem bestimm- 
ten Zeitpunkt sowohl durch die sich entwickelnde patriarchalische 
Familienorganisation, als auch noch grausamer durch die Kirche, 
die die hohe Sexualkultur der Primitiven bewusst ausrottet, um den 
religiösen Glauben zu verankern. Der sexuelle Konflikt ist im Traume 
klar zum Ausdruck gebracht, der wirtschaftliche ist nur angedeutet. 
Ich weiss nicht, welche Rolle auf Loboda die Fischerei wirtschaft- 
lich spielt. Mag sein, keine. Klar ist jedenfalls, dass die Wahl des 
Penissymbols (Fisch) irgendwie begründet sein muss, und das ist 
sie immer, auch bei uns, vorwiegend durch die soziale Bedingung. 
Ein Primitiver wird wohl kaum einen Regenschirm oder Zeppelin als 
Symbol des männlichen Organs benützen, auch keine Speckwurst, aber 
viel häufiger als ein Zentraleuropäer den Fisch, besonders wenn 
die Fischzucht die Ernährungsbasis ist. Das ist entscheidend; denn, 
was R. unbekannt zu sein scheint, in den klinischen Analysen ist 
nicht wichtig festzustellen, dass ein Symbol den Penis meint; das 
ist einfach; wichtig aber ist zu erfahren, weshalb der Träumer 
gerade dieses und kein anderes Symbol zur Darstellung wählte. 
Hätte sich R. diese Frage vorgelegt, er hätte der Psychoanalyse 
manche Blamage mit seinem Buch erspart. »Der Fisch kochte, als 
die Kirchenglocken läuteten«. R. geht auf die »Kirchenglocken«, das 
nächstliegende Erlebniselcment bei einem primitiven Volke, das 
die antisexuelle Organisation der Kirche erst vor nicht langer Zeit 
zu spüren bekam, gar nicht ein. Dennoch ist gerade dieses Element 
im Traume das wichtigste, nicht nur um zu erfahren, wie die Kultur 



Handlung begleiten. Während aller Ehrgeiz darauf gerichtet zu sein scheint, 
nicht geizig zu erscheinen, ein besonders reichliches Mwadare zu leisten, kommt 
in den Gesängen das gerade Gegenteil zum Ausdruck, der heisse Wunsch, die 
Yamshütte solUc doch nicht so gross, die Yamshaufen sollten kleiner sein usw. 
Ein Lied hat folgenden Text: 

Boe Kotona 

Held sein Nacken 

Janoujama 

Ich habe zurückgezogen 

Janu hetu hetanani 

Ich ziehe, um es kürzer zu machen 

Ni ketaurina 

Dieses Füllen (mit Vams) 

Tuna heta siwenaja 

Voll geht es über 

IJa, ija, ijo, ijo. 
Mit diesem Liede, das offen den Wunsch ausspricht, das Yamshaus sollte 
kürzer (kleiner) sein, um es leichter füllen zu können, wird das Fest ein- 
geleitet. Während das Yamshaus gefüllt wird, werden unausgesetzt Lieder 
gesungen, die von Angst und Trauer handeln, von Katastrophen und Wünschen, 
Kinder möchten nicht geboren werden, usw. Am Ende entsteht nach dem 
Bericht Roheims, der Augenzeuge der Prozedur war, ein grosser Streit, alles 
in Form von zeremoniellen Gesängen, in denen die zwei Parteien einander 
schwere Vorwürfe zu machen scheinen, dass die Früchte nicht gut und nicht 
Teichlich sind; Gegenvorwürtc folgen. :»Mwadare ist wie ein Krieg.« 



Aggressionen gegen die weisse Kultur 129 

des Landes aussieht, sondern auch wie sich die Einführung der 
Kirche auf die Struktur der Eünwohner auswirkte. In diesem 
Zusammenhange, und nur in diesem, begreifen wir ein Stück des 
Traumes. Der Sinn ist: »Wenn unser Penis , kocht', dann läuten 
gerade die Glocken,« d. h. »wenn wir sexueU erregt sind und uns 
befriedigen wollen, ruft der Geistliche in die Kirche, hindert er 
unsere Lust: ,geht erst zur Kirche'.« Das Kochen des Penis ist ein 
Zeichen sexueller Erregung, verständlich imd sinnvoll nur in diesem 
Zusammenhange. R. findet richtig heraus, dass er mit dem Geist- 
lichen identifiziert wird, auch dass der Primitive Aggression gegen 
ihn empfindet, aher, da er keine soziale Atmosphäre kennt, übersieht 
er, dass diese Aggression eine Riesenbedeutung hat, dass er dem 
Primitiven die ganze weisse Kultur verkörpert, die dieser hasst und 
fürchtet zugleich. R. ist nur daran interessiert, dass der Primitive 
»seine Aggression gegen sich selbst wendet« (offenkundig aus 
Todestriebtendenzen!), »Er erzählt mir, dass er mir einige magische 
Heilmittel vorenthalten habe.« Nein, der Primitive hat den Hass 
gegen den Pfarrer ganz bewusst, er fürchtet R. (deshalb keine Asso- 
ziationen zu den Träumen), und versucht ihn zu beschwindeln, indem 
er ihn besänftigt, ihm ein Geständnis macht; er weiss nur zu gut, 
dass die Weissen so sehr an den magischen Mittelchen interessiert 
sind. Die will er sich nicht rauben lassen. In der Tiefe dürfte das 
Ganze wieder auf die Angst vor der Strafe für sexuelles Tun zurück- 
gehen. Doch wir wollen nicht Roheirasche Fehler machen und hier 
lieber abbrechen. 

Der zweite, wirtschaftliche Konflikt erscheint in dem Traum- 
element, wo von der Teilung des Fisches (sicher neben der Kastra- 
tionsbedeutung) die Rede ist. Dokeia berührt selbst, ohne dass R. 
es ahnt, das Thema des Heiratsgutes, dessen soziologische Aufhellung 
R. mir so sehr verübelt: »überdies weiss jeder, dass es hohe Zeit 
wäre, das Sagari (Festverteilung von Yams) für Lobesenm (den Schwie- 
gervater) zu bereiten. Aber er enthält es ihm vor, da er die Yams 
seines eigenen Gartens für das Trauermahl seiner Schwester 

braucht So lange wie möglich hält er mir gegenüber mit den 

magischen Heilmitteln zurück, wie mit den Erzeugnissen seines 
Gartens gegenüber seinem Schwiegervater. Im Traum ist dies durch 
das Gegenteil dargestellt: Freigebig bietet er den besten Teil des 
Fisches seinen Freunden an.« (S. 305—306.) 

Die Verkehrung im Traum gibt nur eine Verkehrung im realen 
Leben dieser Primitiven wieder, und dahinter eine gesellschaftliche 
Tragödie: den ersten wirtschaftlichen Zwang der Menschlieit, die 
Abgabe von Heiratsgut. Ich weiss nicht, da R. es nicht erwähnt, 
ob der betreffende Stamm noch mutterrechtlich oder bereits vater- 
rechtlich organisiert ist. Man möchte das letzte annehmen, sonst 
hätte Doketa als Gatte nicht an den Schwiegervater zu liefern, son- 

1D 



130 Roheims »Psychoanalyse iirimitiver Kulturen« 



dem bekäme selbst Heiratsgut von dem Bruder bezw. der Familie 
seiner Frau wie bei den Trobriandern. Wir sehen also: Die soziale 
Struktur der Gesellschaft ist in der psychischen Struktur des Primi- 
tiuen dieser Gesellschaft in bestimmter Weise reproduziert, ebenso 
das bereits herrschende moralisch-kirchliche System. 

Da R. mit der Vorstellung von einem unabänderlichen, ewigen, 
immer und überall in gleicher Weise formierten Kind-Eltern-Kon- 
flikt auf die Expedition ging, erfuhr er nicht nur nichts über die 
spezifischen Unterschiede zwischen der Struktur des Primitiven und 
der unsrigen, was ja auch sehr lehrreich wäre, sondern er übersah 
auch die wichügsten Bestandteile der sozialen Organisation. Die 
individuellen Konflikte Dokelas sind ethnologisch uninteressant; 
wichtig wären für eine differenzielle Psychologie der Massenstruktur 
typische Differenzen. Hätte uns R. nur das gebracht, wir wären ihm 
dankbar gewesen. Er aber meint: 

>Nach meiner jetzigen Auffassung -wiril es dereinst auf Grundlage ähnlicher 
Forschungen möglich sein, eine psychologische Klassifikation der Menschheit 
aufzustellen und die einzelnen Völkerschaften nach Graden der Primitivität zu 
ordnen.« 

Das wird mit dieser Methode nicht nur nicht möglich sein, son- 
dern wird die Psychoanalyse als Instrument der Ethnologie restlos 
unbrauchbar machen: »Die Kultur entsteht aus der genitofugalen 
Libidoströmung.« Es ist für den Soziologen interessant zu sehen, 
wie jede derartige These verkehrt ist und in der Luft hängt. Wäre 
die Psychoanalyse nicht ein glänzendes Instrument der Forschung, 
würde nicht sogar R. ungewollt einen wichtigen neuen Gesichtspunkt 
berühren, ohne es zu wssen, wir würden uns nicht abmühen, seine 
Deutungen nachzuprüfen. 



Im Winter 1926 besuchte Roheim mich, und wir diskutierten 
einige Stunden lang über ethnologische Fragen. Wir verslanden uns 
unter anderem in einem wesentlichen Punkte nicht. Wir sprachen 
über die Symboldeutung und im Zusammenhange damit über die 
analytische Deutung der Entstehung der Werkzeuge. Ich vertrat die 
Anschauung, dass eine Axt zunächst aus rationalen Motiven geschaf- 
fen würde, nämlich um Holz leichter zu spalten, dass sie dann 
sekundär auch Symbolbedeutung gewinnen könne, aber nicht un- 
bedingt müsse. Ein Baum oder ein Stock könne, müsse aber im 
Traume nicht einen Phallus bedeuten. Falsche Handhabung der 
Symboldeutung helfe nur den Gegnern der Psychoanalyse, ganz 
besonders dort, wo es sich um gesellschaftliche, rationale Tätigkeit 
handle Flugzeuge würden zur besseren Bewältigung von Zeit und 




Metaphysische und materielle Psychoanalyse 131 

Raum gebaut; dass sie zu phallischen Symbolen in Träumen "werden, 
wäre nur individuell psychologisch -wichtig, nicht aber soziologisch. 
Roheim dagegen war der Ansicht, dass eine Axt ein Penissymbol 
sei, als solches geschaffen würde, dass das Rationale sekundär wäre, 
und in Wirklichkeit wäre alle Produktion von Produktionsmitteln 
nichts als Projektion unbewusster Symbolismen. Ich verdanke dieser 
Unterredung eine fruchtbare Klärung der Beziehung des Rationalen 
zum Irrationalen, die einige Jahre später erfolgte^). Aber gleichzeitig 
wurde mir die unüberbrückbare Kluft zwischen metaphysischer und 
materialistischer Psychoanalyse klar. Im Grunde geht auch heute' 
der Kampf um die Frage ob eine Axt nur ein Penissymbol sei und 
nichts als das, oder höchstens noch sekundär ein Produktionswerk- 
zeug; oder ob das Motiv der Axierzeugung zunächst ein rationales 
sei, nämlich ein Stück Welt zu bewältigen. Und hinter diesem Kampf 
um »das Wesen der Axt« steht der erbitterte Kampf zweier Welt- 
anschauungen, die nebeneinander nicht existieren können, von 
denen nur eine richtig sein, dass heisst die Welt korrekt erfassen und 
bewältigen kann. Es ist in der Konsequenz der Millionen Menschen- 
opfer kostende Kampf zwi schen dialektisch-materialistischer, marxi- 
stischer, naturwissenschaftliche r und metaphysischer , religiöser, 
faschistischer, mystifizierender Weltanschauung. Es geht um die 
Frage, ohjioheim Recht hat, wenn er seine Kritik an meiner ethno- 
logischen Untersuchung^) in den Sat2 zusammenfasst: »Es ist nicht 
so, wie Reich es meint, dass die Zivilisation (— der Kapitalismus) 
aus irgendwelchen wirtschaftlichen Gründen entsteht und dann die 
Neurose erzeugt, sondern umgekehrt; die kollektive Neurose erklärt» 
bedingt, schafft soziale Organisation, Religion, Wirtschaft, Recht 
und alles andere.« Und wober kommt die kollektive Neurose ? Qffen- 
bar aus der Ewigkeit. 

R. ist der Ansicht, die Kultur entstehe aus der »genitofugalen 
Libidoströmung« . 

An welchem Orte läuft die Libidoströmung der Kultur ab? 

Was veranlasst diesen Ablauf? 

Wann und wie nahm er seinen Anfang? 

Was ist der Unterschied dieses Ablaufs bei den Trobriandern und 
in Amerika? 

Wenn die Antwort ausbleiben sollte, würde Roheim damit 
zugeben, dass er nur Worte gebraucht hat. Denn ein so entscheiden- 
der Satz in einer wissenschaftlichen Arbeit, die den Anspruch erhebt, 
die Ethnologie auf eine neue Basis zu stellen, muss konkret begründet 
werden können. 



1) In »Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse« IL Auflage 1934 (Verlag 
f. Sexualpol. )- 

2) Roheim im Referat über »Der Einbruch der Sexualmoral«, (Int. Ztschr. f. Psa. 
1934.) 

Jtt* 



132 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 



Ich versuchte das, was Roheiin hier nebelhaft ahnt, uielleicht 
ahnt, denn sein Buch verrät es nicht, konkret zu formulieren. Ich 
meinte, dass zunächst, von Natur aus, keine Einschränkung des Ge- 
schlechtslebens besteht, weil die natürliche Entwicklung derartiges 
1 nicht bedingen kann. 

Die Sexualeinschränkung, die eine rückläufige Bewegung, eine 
vom Genitale wegstrebende Richtung in den Menschen hervorruft, 
entsteht auf Grund gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse. Neue 
■wirtschaftliche Interessen einer Gruppe, die allmählich hervortreten, 
machen die Sexualeinschränkung der Kinder erstmalig zu einem 
grossen Interesse der wirtschaftlichen Nutzniesser. Dadurch ver- 
ändern sich allmählich die Menschen dieser Gesellschaft, sie werden 
umstrukturiert-, die Sexualbejahung schlägt in Sexualverneinung um. 
dadurch entsteht eine »genitofugale Richtung der Libido«, nämlich 
Angst vor der Sexualität in den Menschen, nicht in der Kultur , 
fjnä die^glächien Menschen, die vorher aus "lEfer sexuellen una wirt- 
schaftlichen Freiheit eine bestimmte Kultur geschaffen hatten, bilden 
jetzt eine neue Kultur der Sexualverneinung mit allen Folgen, also 
eine Ideologie und moralische Struktur, wo es keinen Platz für 
irgendwelche Libidoströmungen gibt, weil weder die Gesellschaft noch 
die Kultur einen Körper und ein vegetatives System hat, in dem 
sich ähnliches abspielen könnte. Der gesellschaftliche Prozess hat 
also die Menschen durch Umformung ihrer Sexualstruktur umgestal- 
tet, und die derart umgebildeten Menschen formen nun ihrerseits 
Wirtschaft und Kultur in anderer Weise, halten die Klassenteilung 
und die Sexualeinschränkung aufrecht etc. 

Es gibt also eine »rückläufige Bewegung in der Kultur«, sie ist 
aber nur zu fassen und zu meistern, wenn man zunächst ihren 
gesellschaftlich-wirtschaftlichen Grund und dann ihren psychischen 
Mechanismus erfasst; dieser letztere ist präsentiert als eine Hemmung 
der genitallibidinösen Kräfte der Menschen in der betreffenden Kul- 
tur, die sie zwingt, entweder zu früheren Kulturforraen zurückzugrei- 
fen oder andersartige, meist mystische Formen der kulturellen Ent- 
wicklungshemmung auszubilden. (Vgl. den Mystizismus der national- 
sozialistischen Ideologie.) 

R. ist aber auch noch sehr stolz auf seine ethnologische Anwen- 
dung der Psychoanalyse, die er nicht einmal beim Individuum be- 
herrscht. Er bestreitet Malinowski das Recht, zu behaupten, die 
Psychoanalyse in der Ethnologie angewendet zu haben. »Obwohl 
Malinowski selber nicht beansprucht, Analytiker zu sein, könnten 
doch einige seiner Behauptungen hinsichtlich der Analyse zu groben 
Missverständnissen führen. So erwähnt er zum Beispiel, dass er, 
■während er sich unter den Trobriandcrn aufhielt, von Prof. Seligmann 
einige Werke Freuds erhalten habe und sich daraufhin daran gemacht 
habe, die Riclitigkeit der Freudschen Traumthcoric an den Trobrian- 



Roheims Übersteigerung der bürgerlichen Sexualauffassung 13S 



dern zu erproben. Jemand, der zugesteht, bisher nie einen Traum 
analysiert zu haben — und zwar aus dem einleuchtenden Grunde, 
weil er nicht wusste, wie man das macht — , -will Freuds Theorien 
nachprüfen!« Zur Ignoranz gesellt sich hier schlecht begründete 
Unbescheidenheit. Ich trai Malinowski persönlich erst Dezember 1933, 
kannte ihn bis dahin nur durch seine Werke. Wenn Malinowski 
zugibt, keinen Traum analysiert zu haben, und Freuds Werke erst auf 
den Trobriandinseln las, wenn Roheim sich dagegen rühmt, der lang- 
erfahrene Psychoanalytiker zu sein und Träume glänzend deuten 
zu können, dann spricht alles für Malinowski und gegen Roheim; 
denn Malinowski hat das psychoanalytische Wissen so glänzend in 
seinen Forschungen verwendet, Roheim dagegen derart katastrophal, 
seit jeher, dass man beim Lesen Malinowskis wirklich grundsätzlich 
Neues erfährt, durch R. aber nur verwirrt wird. Was das bedeutet, 
werden wir noch sehen. 



2. Wilde Deutung und daher groteske Überspitzung der üblichen 

falschen Anschauungen 

Die bürgerliche Sexual au ff assung sieht, sofern sie über die reine \ t 
Tatsachenbeschreibung zur Bildung weltanschaulicher Thesen fort- \ 

schreitet, die Dinge so: Dcf Mann ist der geborene Herr der Frau; . - 
die Kinder verdienen Prügel für ihre sexuellen Handlungen; der 
Sadismus ist eine natürliche Eigenschaft des Mannes, der Masochismus 
eine solche der Frau; diese ist im Geschlechtserleben passiv, jener 
aktiv; die Eifersucht, die sich in Totschlag, Quälerei, Vergällung 
des Lebens äussert, ist eine natürliche Erscheinung, die schon den 
Protozoen eignet, sicher den Tieren ganz allgemein; die Sexualunter- 
drückung in der Kindheit und Pubertät ist die selbstverständlichste 
Sache der Welt, ebenso die daraus resultierende Neurose. R. versucht 
nicht nur, die absolute Natur dieser Dinge ethnologisch zu bestätigen, 
er übertreibt sie ins groteske. Für uns sind R.s Ansichten wichtig, 
denn sie enthüllen die ganze Mentalität der sich objektiv gebärdenden, 
in Wirklichkeit von schwersten Sexualheuimungen und reaktionären 
Tendenzen zerfressenen bürgerlichen Wissenschaft gerade dadurch, 
dass sie sonst mehr oder minder verhüllte, schwer durchschau bare 
Trübungen der wissenschaftlichen Arbeit grell hervortreten lassen. 

Lassen wir einige Proben dieser »objektiven« Wissenschaft an uns 
vorbeiziehen. 

Ich versuchte, die Herkunft der Kastrationsdrohung, die unsere 
Kinder und Jugendlichen an Leib und Seele vernichtet, soziologisch 
zu begründen, ohne in dieser Begründung, wie Roheim es tut, eine 
Rechtfertigung zu suchen. 

Bei den Pitchcntara deutet Roheim die Inzestphantasien aus Er- 
zählungen und behauptet, was wir weder bestätigen, noch widerlegen 



134 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 

können, dass »die Onanie an unbewusste Inzestphantasien geknüpft 
ist.« Er fährt selbst fort; »In Anbetracht dieser inzestuösen Onanie- 
phantasien könnte man erwarten, etwas von Kastrationsdrohungen 
zu erfahren, die sich gegen die Onanie richten. Aber das wäre irrig. 
Niemand hat etwas gegen die Onanie der Kinder einzuwenden, und 
ich habe oft gesehen, wie Tankai mit dem Glied ihres Sohnes Aldinga 
spielte (wie es ja auch unsere Mütter, nur unbewusst, zu tun pflegen, 
W. R.). Auch auf meine ausdrücklichen Fragen wurde das Vorkom- 
men von Kastrationsdrohungen bestritten; trotzdem glaube ich, dass 
diese Auskunft nicht stimmt, und dass meine Gewährsmänner ihre 
Erinnerungen an Kastrationsdrohungen nur verdrängt hatten.« R. 
kommt nicht auf die Idee, dass es tatsächlich eine psychische Struktur 
ohne Kastrationsangst geben kann, weil er sie für biologisch hält.^) 
Und wenn er später, um seine Position zu retten, hervorhebt, oft gehört 
zu haben, wie Kinder einander mit dem Penisausreissen spielend 
bedrohten, so bestätigt er nur eine Auffassung, die ich klinisch ver- 
trete: dass es nämlich nicht darauf ankommt, ob eine Vorstellung an 
sich vorhanden ist, sondern einzig darauf, ob sie energiebesetzt ist 
und dadurch pathologisch wird. Das gilt auch für die Inzestvor- 
steüung; sie gewinnt erst dann Bedeutung, wenn sie infolge allge- 
meiner Sexualhemmung drängende Kraft bekommt. 

Ich fand, dass, was heute nur angedroht und raffinierter vollzogen 
wird, einmal wörtlich genommen durchgeführt wurde: Die puberilen 
Beschneidungen verraten, da sie nicht allgemein vorkommen, bei den 
mutterrechtlichen Stämmen fehlen, sich aber im Übergang zur vater- 
rechtlichen Organisation bereits entwickeln, im Zusammenhange mit 
der gleichzeitig einsetzenden Sexualeinschränkung der Puberilen und 
dem Interesse an der monogamen Ehe von Seiten des Vaters der Frau, 
ihre Funktion als eine Massregel zur Behinderung der puberilen 
Sexualbetätigung. Dies der Kern der Funktion, dem sich beliebig viele 
kultische, religiöse und andere Tendenzen beimischen mögen. R. 
beschreibt nun die Infibulalion der Mädchen bei den bereits pa- 
triarchalischen Somali. Man kann auf Seite 322 nachlesen, wie un- 
erbittlich grausam die genitale Sexualität hier vernichtet wird; sein 
Gewährsmann gibt selbst die Begründung dafür an: »Wenn wir diese 
Sitte nicht hätten, so würden wir ja nie wissen, wen wir bekommen. 
Denn die Mädchen laufen ja frei herum und machen, was sie wollen. 



1) Um jedem Mis Verständnis vorzubeugen: Jedes Lebewesen hat Angst vor kör- 
perlicher Beschädigung, ganz besonders vor solcher, die lustspendende Orgaoe 
betrifft. In diesem Sinne ist die Kastrationsangst allgemein. Wenn wir aber 
in der Psychoanalyse von Kastrationsangst sprechen, dann meinen wir etwas 
anderes: nicht so sehr die real begründete Angst, die sich immer einstellt, 
wenn das Genitale wirklich hedroht ist, sondern die neurotische, aktuell 
unbegründete, historisch jedoch wohlbegründete Angst um das Glied. Die 
erste wird nie Potenzstörungen bedingen, wohl aber regelmussig die letzte. 



Bedeutung der puberilen Beschneidungen 135 

In der Hochzeitsnacht muss der Gatte die Vagina (die vorher vernäht 

würde) öffnen Diesen Koitus, der für die Frau schrecklich 

schmerzhaft ist, muss man erzwingen Diese Schwäche des 

Mannes (nämlich solches nicht zu können) gilt als grosse 

Schande, als Eingeständnis der Impotenz.« Die Sexualökonomie weist 
nach, dass die patriarchalischen Bräuche der Hoehzeitsnacht mit 
natürlichem Sexualleben nichts zu tun haben, dass im Patriarchat 
die Sexualität der Männer ein Beweis der Potenz, die Sexualität der 
Frauen im Grunde eine Schande ist. Sie vermerkt, dass es bei den 
mutterrechtlichen Völkern anders ist, und fragt nach den Ursachen 
der Wandlung. R., dem überlegenen »psychoanalytischen« Ethnologen, 
sind derartige Fragen zu »oberflächlich«, zu einfach; er hat es nur 
mit der tiefen Wissenschaft zu tun. Hier die Ergebnisse: 

»Wir sehen also,« schreibt R., »dass die Operation eine Verdopplune des 
Jungfernhäutchens erzielt: ,Zwei Mal blutet die Frau, einmal, wenn der Gatte 
die Vernähung mit dem Messer durchschneidet, das zweite Mal, wenn er das 
Hymen mit dem Penis durchbohrt'. Man muss also annehmen, dass die Jungfrau 
als Sexualobjekt eine besonders starke Bedeutung für den Somali hat, da er sich 
die Jungfräulichkeit des Weibes durch einen Eingriff von so traumatischem 
Charakter und mit dem Endziel der Verdopplung des Hymens zu erhalten sucht.« 

Sehr richtig, nur vernichtet real derartige Behandlung des Weibes 
ihre Sexualität ebenso restlos, wie sie Hass gegen den. Mann erzeugt. 
R. fährt fort; 

»Mir scheint daher die Annahme berechtigt, dass diese doppelt betonte Jung- 
fernschaft der Braut eine doppelte Verneinung der Mutter bedeutet, eine Ver- 
neinung der Gebärerin und der kastrierenden Königin.« 

Wir fragen uns, wie wohl diese Verneinung der Mutterschaft (wir 
vergessen keinen Augenblick, dass R. doch gesellschaftliche Prozesse 
erschliessen will) mit dem überragenden Interesse an der unsexuellen 
Mutterschaft des Patriarchats zusammenpasst, mit dem Interesse, die 
Sexualität der Frauen zu töten, um aus ihnen besonders willige Ge- 
bärerinnen zu machen. Wir wissen, wie dies in das Gefüge der Klas- 
sengesellschaft, der Ausbeutung, der sexuellen Entrechtung hinein- 
passt, wie sehr die patriarchalische Sexualideologie des Faschismus 
auf diese Anschauungen zurückgreift. R. möge uns nun seinerseits 
sagen, wo er diese Elrscheinung einordnen kann. 

ifrWeon die Frauen sich an der Vagina eine Wunde beibringen wollen (M), 
so deuten sie damit an, dass sie selbst die Vagina als Wunde empfinden, in der 
das »Fleisch« des Mannes verwest. Um diese Angst gegenstandslos zu machen, 

muss die Vagina verschwinden und der Penis der Frau ist die Klitoris, die 

als Vorbereitung zum normalen Sexualleben abgeschnitten wird.« 

Jetzt wissen wir, wie man eine Frau auf die Höhe ihrer Sexualität 
bringt: durch Klitorisexcision ! 

»Für den Mann bedeutet die Infibulation also eigentlich eine volle Ver- 
nichtung des Sexualobjekts: Durch die Vernähung verschwindet die Vagina, durch 
die Klitorisabsch neidung der Frauenpenis.« 



136 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 



Wir dachten, R. meinte kurz vorher, dass der Mann sich das Sexual- 
objekt erhalten wolle, und jetzt kommt das gerade Gegenteil ! Vielleicht 
Ut^C.ihAmJj.i^eint Roheim, dass die Ambivalenz darin zum Ausdruck komme; er 
7^ i I meint noch mehr: Sogar die phylogenetische und ontogenetische Ent- 

wicklung verlangen die Operation. 

»Ehe wir nun die Frage stellen, warum der Mann eine solche Vernichtung 
des Sexualobjektes braucht, müssen wir den Versuch machen, die Operation von 
dem Standpunlit der Frau aus zu verstehen. Es muss aber vor allem bemerkt 
werden, dass die Operation eigentlich eine dramatisch abgekürzte Wiederholung 
der phylo- und ontogenetischen Entwicklung ist. Die Frau soII(!) die Klitoris- 
erogenität aufgeben und zur vaginalen Erogenität fortschreiten.« 

Sic ! Wir beugen uns dieser tiefen Wissenschaft, die gänzlich 
unpolitisch in die tiefsten Geheimnisse der Absichten der Phylo- und 
der Ontogenie einzudringen vermochte. Ttoheim gelangt auch zu 
zentralen Aussagen über die Sexualpsychologie der Frau : 

»Man konnte demnach meinen, die Operation fördere die richtige Einstellung 
der Frau im Sexualleben.« 

R. hat sogar in gewissem Sinne Recht. Diese Operation fördert 
in der Tat die »richtige« Einstellung der Frau im Sexualleben; es 
fehlt nur noch ein Wort, worin der gesamte Unterschied der dia- 
lektisch-materialistischen zur gleichgeschalteten Psychoanalyse in 
dieser Frage enthalten ist: »— im Patriarchat.« 

Obgleich nun R. auch über die Unterschiede zwischen Patriarchat 
und Matriarchat erhaben ist und es nicht liebt, wenn man davon 
spricht, ist doch die bescheidene Frage berechtigt: Wenn diese Opera- 
tion eine Äusserung tiefster phylo- und ontogenetischer Gesetze ist, 
weshalb merken wir nichts davon bei den Trobriandern? Oder haben 
I diese eine andere Phylogenie als die Somali? Es ist im Prinzip die 

gleiche Frage, die ich einmal Krische stellte, der behauptete, 6Ü % 
der Frauen seien aus Vorsorge der Natur vaginal anästhetisch, damit 
nämlich der Geburtsakt schmerzlos verlaufe. Die resllichesi 40 % 
sind offenbar von der Natur übersehen worden! 

rieh hatte beim Vergleich der mutterrechtlichen mit der valer- 
rechtlichen Organisation und dem Übergang der ersten in die zweite 
1 gefunden, dass sich mit den wirtschaftlichen Interessen einer werden- 
\ den Oberschichte und der Unterdrückung des Geschlechtslebens der 
I Kinder und Jugendlichen auch die sexuelle Erlebnisweisc der Gc- 
\ samtheit verändert, dass Sexualstörungen und Neurosen auftreten, 
' sadistische Haltungen im Geschlechtsleben beim Manne, Sexualab- 
i lehnung bei den Frauen, wodurch wieder künstliche Massnahmen zur 
! WiederhersteHung der zerstörten Sexualität notwendig werden. So 
j bestätigte sich ethnologisch eine klinische Erfahrung, die die offi- 
zielle klinische Psychoanalyse systematisch totschweigt, weil sie viele 



Roheims Verteidiguag der sadistischen Einstellung 137 

Anschauungen umwälzt, dass nämlich der Sadismus im Geschlechts- 
leben seinen heute so breiten Raum erst dann einnimmt, wenn die 
natürlichen genitalen Funktionen behindert oder gestört sind, kurz, 
dass sich gehemmte Sexualität nicht nur in Angst, sondern auch in 
Sadismus umsetzt, ihn vielleicht zum ersten Mal erzeugt. Eine für 
die Neurosenpropliylaxe gewiss wichtige FestsLellung. Für R. ist' 
ebenso wie für die meisten Analytiker der Sadismus eine natürliche 
Haltung im Geschlechtlichen, also biologisch begründet. Infolgedessen 
wird nicht nur die individuelle Entwicklung in starre biologische 
Formeln gepresst, die jede Möglichkeit einer prophylaktischen Praxis 
verrammeln, mehr, auch die Ethnologie niuss hier helfen. Statt sich 
zu fragen, woher es kommen mag, dass es bei verschiedenen Völkern 
so verschieden aussieht, dass der Sadismus in der Sexualität, wie R. 
selbst berichtet, hier fehlt, dort so ausgeprägt ist, wird mit wissen- 
schaftlicher Autorität verkündet: 

»Wir wissen ja, dass die tiefste sadistische Einstellung mit dem ersten 
Erscheinen der Zähne zusammenhängt und als Scxualziel das AuTessen des Part- 
ners hat. Nun sehen wir bei diesem Volk, bei dem die allgemeine Einstellung des 
Mannes der Frau gegenüber so stark vom Sadismus beeinflusst ist, dass für sie 
die wichtigste Vorbereitung zum Geschlechtsverkehr eine tüchtige Mahlzeit, sym- 
bolisch wohl das Aufessen der Frau ist.« (S. 329.) 

Ich bin zwar kein Ethnologe, habe auch keine Expedition machen 
können, aber ich meine, richtiger gesehen zu haben, wenn ich den 
Esskult der Verheirateten, der bei den Unverheirateten nicht existiert, 
zumindest bei den Trobriandern, damit in Zusammenhang brachte, 
dass das gemeinsame Essen als Symbol der Ehe seinen Sinn aus der 
wirtschaftlichen Gemeinschaft der Ehe bezieht; die wirtschaftlichen 
Produktionsverhältnisse bei den Primitiven drücken sich ja überhaupt 
weit mehr als bei uns sexuell aus. 

Statt die Tatsache, dass »jeder Mann seine Frau schlägt« (S. 329) 
als Problem soziologisch zu fassen, die Herkunft aufzudecken, weil 
ja sicher das Schlagen des Geschlechtspartners weder eine allgemeine 
Naturerfecheinung ist, noch auch bei den Menschen überall vorkommt, 
verrät Roheim seine Erzreaktionäre Weltanschauung in folgenden 
Sätzen: 

»Im rein physischen Sinne scheint ihre Art, den Verkehr auszuführen, eine 
mehr genitale zu sein als die des Europäers. Sie dringen tiefer ein, arbeiten 
mit stärkeren physischen Reizen, ja man könnte mit einer Ideinen überlreibung 
sagen, dass die Frau eigenilich nur befriedigt wird, wenn sie nach dem Gesclilechts- 
uerkehr an einer Entzündung erkrankt.^s: (S. 330.) 

Mit einer kleinen »Übertreibung« ? Ist dazu die Psychoanalyse 
begründet, das Unbewusste entdeckt, die krankhafte sadistische 
Auffassung des Koitus enthüllt worden, damit ein offizieller Vertreter 
der Psychoanalyse den Mut aufbringt und die Borniertheit dazu,, 
derartige Dinge autoritär zu behaupten? 



138 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 



Die liberalen Verfechter der »freien wissenschaftlichen Forschung« 
■werden sich wahrscheinlich in diesem Falle neutral äussern und sagen, 
sie könnten niemand hindern zu sagen, was er für richtig halle. Wir 
wissen dagegen, dass sie Marxisten gegenüber ganz und gar nicht 
liberal, sondern im Gegenteil höchst diktatorisch sind. Überdies darf 
man die sog. Freiheit der wissenschaftlichen Forschung nicht mit 
wissenschaftlichem Libertinismus verwechseln. Und wenn R., wie 
mir berichtet wurde, über meine ethnologische Untersuchung wütend 
. war, so interessiert uns weniger, was in ihm dabei persönlich vorging; 
er wird aber geahnt und gefürchtet haben, dass eine Gesellschaft, in 
der umgekehrt wie heute, wo die menschlichen Interessen im Dienste 
derartiger Wissenschaftler stehen, die Wissenschaft im Dienste der 
menschlichen Interessen arbeiten wird, kein Platz mehr für Liber- 
tinismus dieser Sorte vorhanden sein kann. 

3. Roheim widerlegt sich selbst und bestätigt den Einbrach der 

Sexualmoral 

Gelegentlich gibt Roheim Beobachtungen ungeschminkt und un- 
verzerrt wieder; wo er dies tut, widerlegt er sich selbst und be- 
stätigt die von mir vertretenen Anschauungen. 

Schon die klinischen Einsichten in die Wirkung der realen Unter- 
drückung des kindlichen Geschlechtslebens veranlassten mich, an der 
biologischen Natur der sogenannten sexuellen Latenzzeit zu zvireifeln. 
Es gibt Kinder in unseren Kulturkreisen, die eine beträchtliche 
Herabminderung der sexuellen Agilität im Alter zwischen 7 und 12 
Jahren vermissen lassen; wenn zurecht besteht, was die Klinik ergibt, 
dass in diesem Alter bei anderen Kindern, die äusserlich weniger 
sexuell erseheinen, unbewusst die sexuelle Dynamik unverändert 
fortwirkt, so muss es mit dem von Freud als biologisch angenommenen 
»zweizeitigen Ansatz des Geschlechtslebens«, der die Menschen von 
den Tieren unterscheiden soll, eine andere Bewandtnis haben. Das 
Fehlen der Latenzzeit an sich bei vielen Kindern sprach bereits gegen 
die biologische Begründung; nahm man hinzu, dass dieses Fehlen 
besonders typisch bei proletarischen Kindern, ihr Vorhandensein 
besonders typisch bei kleinbürgerlichen oder sonst streng behüteten 
Kindern ist, so durfte man schliessen, dass es die Erziehungseinflüsse 
sind, die wir~fur das Auftreten der sexuellen Latenz verantwortlich 
ziT^äcEen habend Nur die ethnologische Forschung konnte hier ein 
abschliessendes Urteil gestatten. Malinowskis Erhebungen bestätigten 
meine Anschauung von der gesellschaftlichen Herkunft der Latenzzeit, 
denn bei den Trobrianderkindern, die — bis auf den Geschwisterin- 
zest— sexuell uneingeschränkt leben, gibt es keine Unterbrechung oder 
auch nur Herabminderung der sexuellen Agilität. Die Latenz kommt 
also zustande durch den ersten grossen VerdränfiungssehubJm..l-iüs 



Die sexuelle Latenzzeit des Kindes 139 

5. Lebensjahr, der ein Erfolg der schweren genitalen Versagung der 
Tondlichen Onanie und der kindlichen sexuellen Spiele in diesem. 
Älter ist. Dadurch wurde die Freudsche Annahme, dass die Neurosen- 
entstehung biologisch durch den »doppelten Ansatz des Geschlechts^ 
lebens« mitfaedingt wäre, erschüttert. Derart wurde auch die An- 
nahme einer phylogenetischen Bereitschaft zur Sexualverdrängung 
sehr in Frage gestellt. Einen konkreten Inhalt hatte sie ohnedies nie 
gewinnen können; trotzdem war sie der Keim zu den in der englischen 
psychoanalytischen Schule immer breiteren Raum einnehmenden 
Anschauungen von der biologischen Natur der Sexualverdrängung, 
die den Zugang zur Soziologie der Verdrängung verrammelte. Es ist 
aber leicht einzusehen, dass die Frage nach der Natur der sexuellen 
Latenz unserer Kinder und der Sexualverdrängung keine akademische, 
sondern eine praktische im vollsten Sinne des Wortes ist. Sind beide 
Erscheinungen im wesentlichen biologisch, dann gibt es keine Grund- 
lage einer Neurosenprophylaxe, und auch die Therapie der Neurosen 
erhält dadurch einen pessimistischen Aspekt; sind sie aber im wesent- 
lichen gesellschaftsbedingt, dann ist die Frage der Neurosenprophylaxe 
an die der gesellschaftlichen Sexualordnung geknüpft. Meine Unter- 
suchung über den »Einbruc h der Sexualmoraj« ist im wesentlichen 
eine theoretische Klärung und ethnologische Begründung der künf- , 

tigen Neurosenprophylaxe, von der man bis dahin in der Psycho- 
analyse ebensowenig gehört hatte, wie von der sozialökonomischen 
Begründung der Sexual Verdrängung. 

R. teilt nun schlicht und einfach, ohne sich über die Tragweite 
dessen klar zu sein, mit, dass sich die zeniralaustralischen Primitiuen > ^ ' 
von uns durch Fehlen der Latenzzeit fS. 300J unterscheiden. Ich bin '^"'^'^^^-'^ 
überzeugt, dass er trotzdem in seinem Glauben an die biologische 
Natur dieser Erscheinung unerschüttert ist, denn er kann mit einer 
anderen nichts anfangen, als seine Gesamtauffassung preisgeben. 

Aus bestimmten klinischen Erscheinungen ergab sich nun des 
weiteren ein Zweifel an der in der heutigen psychoanalytischen 
Theorie vorherrschenden Auffassung, dass die Triebstruktur hereditär 
f_estgelegt sei und somit die konstitutionelle Grundlage der Neurosen 
darstelle. Nach dieser Auffassung bedeutet zum Beispiel eine quanti- 
tativ besonders stark angelegte orale oder anale Sexualzone die 
hereditäre Grundlage der Neigung zur Entwicklung einer depressiven 
beziehungsweise zwangsneurotischen Erkrankung. Auch hier gab die 
klinische Durchforschung der betreffenden seelischen Erkrankungen 
den ersten Anlass zu berechtigtem Zweifel an der völligen Richtigkeit 
dieser biologischen Ansicht. Es konnte zwar kein Zweifel daran 
bestehen, dass es hereditär festgelegte Unterschiede in der Erregbarkeit 
der verschiedenen erogenen Zonen gibt; aber ebensowenig konnte 
daran gezweifelt werden, dass nicht die Anlage an sich entscheidet, 
objlie betreffende Person einmal^erkrankt oder nicht, ,sm.;dern wieder 



140 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 



nur das Zusammenwirken von Anlage und Erleben, und zwar noch 
anders als im Sinne der Freudschen »Ergänzungsreihe«, die Anlage, 
kindliches Erleben und aktuelles Erleben bilden. Nach Freud wirken 
Anlage und Erleben zusammen als einander ergänzende absolute 
Grössen: Ist die neurotische Triebanlage stark, dann genügt ein ge- 
ringeres pathogencs Erleben zur Herstellung der Neurose; ist jene 
schwach, bedarf es intensiverer und gehäufter Erziehungseinflüsse. 
Mir scheint die Beziehung eine solche veränderlicher Grössen, also 
eine dialektische zu sein. Zunächst lässt sich zeigen, dass es Menschen 
mit starker prägenitaler Veranlagung ohne neurotische Folgen gibt. 
Ferner ergab die Beobachtung der Wandlung der Libidostrukturen in 
der psychoanalytischen Behandlung die Abhängigkeit der verschiede- 
nen erogenen Quellen von einander. Eine als starke anale Zone im- 
ponierende Veranlagung kann verschwinden, wenn die betreffende 
Erregung nach der Behebung der genitalen Verdrängung abgeführt 
wird. Die Erregungen kommunizieren also mit einander und hängen 
in erster Linie von der Ordnung des Ge^anifscxualhaushalts ab. Man 
konnte ferner sehen, dass ein gutes Stück dessen, was man einer z. B. 
analen Veranlagung zuschrieb, Folge der analerotischen Eigenart der 
zwangskranken Mutter war. Wenn eine Mutter ihr Kind partout 
schon mit Vz Jahre völlig rein haben will, dann wird sie sich später 
leicht auf eine anale Disposition des an Zwangsneurose erkrankten 
Kindes berufen. Es wurde weiters klar, dass die Intensität der ver- 
schiedenen erogenen Zonen auch gesellschaftlich durch Art, Tempo 
und Intensität der erzieherischen Massnahmen beeinflusst wird. Wenn 
sich nun eine Gesellschaft fände, die das Kind bis zur Entwicklung 
der genitalen Phase an der Mutterbrust saugen lässt, dann wäre zu 
erwarten, dass solche Kinder keine analen Reaktionsbildungen und 
auch keine Symptome analer Natur aufweisen werden, einfach, weil 
sie keine anale Phase in unserem Sinne durchmachen. Die Tro- 
briandcr sind trotzdem sehr reinlich; das beweist, dass die anale 
Reinlichkeit nicht unbedingt eine reaktive Bildung wie bei uns zu ! 

sein braucht. Durch derartige Erfahrungen und Überlegungen geriet 
manche Anschauung ins Wanken. Der wichtigste Schluss aus diesen 
Tatsachen war, dass eine Erziehung, die sämtliche Kinder in ein 
bestimmtes System von Versagung ohne Rücksicht auf die Veran- 
lagung der Triebintensität presst. Zustände erzeugt, die als Ver- 
anlagung imponieren, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Ein Kind mit 
geringerer allgemeiner Energieproduktion kann sich der gleichen i 

Versagungssitaation leichter anpassen als ein Kind mit stärkerer. 
Wenn dieses letzte dann »nervös« wird, schliessen von 100 Psychiatern I 

100 auf »nervös-degenerative Veranlagung«. Eine stärkere Energie- 

1 Produktion in einem biologischen System ist aber doch noch keine 
nervöse Veranlagung. Hätte die psychische Energie der verschiedenen ^ 

Individuen der heranwachsenden Generation Spielraum genug, sich i 



»Biologische Gegebenheit« oder Erziehungsergebnis 



141 



auszubalanzieren, wären sie nicht einer uniformen Ideologie und 
Erziehung unterworfen, die stärkere Trieborganisation würde nicht 
als »nervöse Veranlagung« in Erscheinung treten; es würde dann nur 
das Kind mit der stärkeren Energieproduktion mehr tollen als ein 
anderes mit einer geringeren und jede zweite Nacht sich selbst be- 
friedigen statt wie das schwächere in jeder vierten. Wenn aber von 
fünf Kindern in einer Familie alle gleich »brav«, ruhig, beherrscht 
sein müssen, dann ist klar, dass die Reaktion der verschiedenen 
Kinder eine verschiedene sein muss. Ich meine, diese Überlegung ist 
einwandfrei und widerlegt eine Reihe von hereditären Annahmen. 
Wi r leugne n also nicht die Heredität, bestimmen sie aber nur nach 
dem Mass der "Energieproduktion im biologischen System. Dann 
versteht man aber auch, dass gerade die Menschen, die von der 
bornierten Erbwissenschaft als Psychopathen und moral insanity 
angesprochen werden, sich der korrekten Psychoanalyse als die 
energiegeladensten, intelligentesten, agilsten erweisen. Sie passen nur 
nicht in diese Gesellschaft und haben es deshalb schwer. Wenn in 
Hitler-Deutschland 15 jährige Mädchen, die einen Freund haben, als 
Psychopathen zur Sterilisation verdammt sein werden, dann urteilt 
man darüber anders von unserem als vom Roheimschen Standpunkt. 
Ich wollte nur zeigen, welche Bedeutung derartige Auseinander- 
setzungen für das Wohl und Wehe von Generationen haben. Deshalb 
ist nicht gleichgültig, ob ein prominenter Vertreter der Psychoana- 
lyse, deren soziologische Bedeutung gerade in ihrer sozialistischen 
Grundtendenz liegt, falsche oder richtige Anschauungen von seiner 
Forschungsreise heimbringt. R. fasst die Triebe absolut und die 
Verdrängung biologisch gegeben auf. Das stützt, ob er will oder 
nicht, die Gesetze über die Sterilisation von Psychopathen und 
Schizophrenien, die eine verrottete Gesellschaftsordnung selbst erzeugt. 
R. selbst aber berichtet, dass in den von ihm durchforschten primi- 
tiven Kulturkreisen die analreaktiven Charakterzüge gänzlich fehlen 
und ebenso die sado-masochistischen Perversionen. R. ist zweifellos 
■ein eifriger Vertreter der Tlieorie von der ursprünglichen Natur der 
sadistischen Aggression. Wie erklärt er ihr Fehlen bei ganzen Kul- 
turkreisen? Da R. es für überflüssig hält, die ökonomisclien und 
sozialen Strukturen der durchforschten Organisationen zu beschreiben 
und zu erörtern, bleiben darüber hinaus seine positiven Feststellungen 
ohne Wert. Malinowskis Ergebnisse dagegen gestatteten weitgehende 
Einsichten, darunter die, dass die Entwicklung der natürlichen 
Aggressivität zum Sadismus die gesellschaftliche Hemmung des 
natürlichen genitalen Geschlechtslebens in der Masse der Menschen 
dieser Kultur zur Voraussetzung hat; das betrifft sowohl die sadisti- 
sche Umstrukturierung des Einzelmenschen als auch das Auftreten 
sadistischer Sexualideologie. Der zentrale Mechanismus dieser gesell- 
schaftlichen Entwicklung ist das Interesse an der Dauerche, die sich 



%L^ 



142 Rohcims »Psychoanalyse primitiver Kulturenc 

aus der lockeren Paarungsehe entwickelt. In ihr tritt zum ersten 
Male das sadistische Verhalten des Mannes der Frau gegenüber auf, 
das sonst nicht vorkommt, also nicht biologisch ist, wie R. meint. 

4. Ist die kindliche Angsi sozial oder biologisch bedingt? 

Dass die Angst, die unsere Kinder regelmässig zu entwickeln 
pflegen, auf nicht bewältigten inneren Triebregungen beruht, ist heute 
allgemein gekannt und anerkannt. Für die Frage der Neurosen- 
phrophylaxe ist entscheidend wichtig, zu bestimmen, was für die; 
Nichtbewältigung der Triebansprüche verantwortlich ist. Hier gehen 
die Meinungen auseinander, und zwar in einer Weise, die kein »Sowohl- 
als-auch«, sondern nur mehr ein »Entweder-oder« zulassen. Freud 
führt die Angst auf die Reaktion des Ichs gegenüber äusseren oder 
inneren Gefahren zurück und hält an der Anschauung fest, dass jede 
Angst eine Wiederholung des traumatischen Geburtserlehnisses dar- 
stelle. Die englische psychoanalytische Schule behauptet, die Angst 
des Kleinkindes sei biologisch festgelegt in der Schwäche des kind- 
lichen Ichs, das den mächtigen Triebregungen nicht gewachsen sei 
und sich ihrer durch Verdrängung erwehren müsse. Wir fragen 
dagegen: Wenn die Angst eine Wiederholu ng der Geburtsangst wäre;^ 
müsste sie ebenso alle Kinder, auch die der Trobriander, betreffen, 
, wie wenn sie ein Ausdruck biologischer UnvoUkommenheit des Ichs 
fwäre.y Wenn dies aber nicht zutrifft, dann ist die Frage wichtig, 
was darüber entscheidet, ob das Ich des Kindes gegenüber seinen 
Trieben zurückbleibt beziehungsweise die Geburtssituation reprodu- 
ziert oder nicht. Freud gab seine These auf, dass Angst ^usdnick 
/!iAw»i»>A*Ä^' ^^l?^"^"^*^"^ ^^''"^^ej^lSung sei. Ich führte diese Annahme konsequent 
durch, denn nur sie allein ist sinnvoll und richtig; sie gestattet 
nämlich die weitere These, dass es äussere Umstände und Erlebnisse 
sein müssen, die die Verkehrung der Sexualerregung in Angst bedingen^ 
also soziale Faktoren. Das bedeutet eine Einbeziehung der gesell- 
■^chaftlichen Sexualordnun g in die Neurosenlehre^ wahrend die früher 
skizzierten Anschauungen sie nicht nur ausschliessen, sondern sich 
vielmehr wie zum Zwecke der Vermeidung einer soziologischen Fra- 
gestellung ad hoc aufgestellte Thesen darstellen. Meine Anschauung, 
hat überdies den Vorzug, dass sie von der zentralen psychoanalyti- 
schen These über den Konflikt: Bedürfnis- Welt, nicht abrückt 
sondern sich ihr voll einordnet und sie weiter entwickelt. 

Indem derart die biologische und die soziologische Anschauung, 
einander gegenübertreten, stellen sich die weiteren Differenzen ein- 
facher dar. Die biologistische Ansicht_^über die AngsJ fragt nicht 



1) Vgl. hierzu meine Ansicht über die Geburtsangst in »Die Funktion des Or- 
gasmus.« 



Die Angst als Kernproblem der Neurose HS 

nach der sozialen Herkunft oder Verschiedenheit kindlichen Erlebens 
jit verschiedenen sozialen Organisationen; sie hat es dadurch 
bequemer, aber sie weiss auch keine Antwort, wenn eine soziale Or- 
ganisation entdeckt wird, in der die Kinder keine Angst haben. Man 
merkt, dass derartige gesellschaftliche Organisationen uns die ent- 
scheidenden Mittel an die Hand gehen, an die Frage der Neurosen- 
verhütung, deren Kernfrage die kindliche Phobie ist, praktisch heran- 
zutreten; sie verraten uns nämlich beim Vergleich mit unserer Or- 
ganisation die Bedingungen, unter denen die kindliche Angst und mit 
ihr der Kern der Neurosenbildung vermieden werden können, prin- 
zipiell zunächst. D enn in der einen Fra ge sind sich wieder alle Ana- 
lytiker einig, dass die Angst das Kernproblem der Neurose ist. 

Roheim bestätigt meine Auffassung auch in der Frage der Angst 
gegen seinen Willen. Er beschreibt nicht nur das Erleben der »furcht- 
losen Söhne und Töchter der Wildnis«, sondern gibt ganz genau auch 
die Beziehung der Angst des Kindes zu seinem Sexualleben wieder,- 
ohne zu ahnen, wie wichtig diese Tatsachen sind. 

»Wenn ich diese Kinder (bei den Arada, Luritjia, Pitcbentara und Jumu) 
'furchtlos' nenne, so tue ich das ganz bewusst, obwohl ich weiss, dass sie streng 
genommen auch nicht gänzlich frei von Angsterlebnissen sind.« 

Gewiss doch nicht! Welches lebendige Wesen ist frei von Angst? 
Es kommt aber doch auf die Unterscheidung von neurotischer und 
realer Angst an! Wenn bestimmte Organisationen angstfreie Kinder 
aufweisen, dann steht die Frage vor uns, was hinzukommt, dass die 
Kinder der anderen Organisation durchwegs ängstlich und neurotisch 
werden. 

R. schildert ausführlich ein sexuelles Spiel, das Kinder völlig un- 
verhüllt ausführten; es stellt im wesentlichen den Geschlechtsakt 
dar. R. fragt nicht nach der relativen Offenheit, mit der die Kinder 
das Spiel vor ihm demonstrieren; während er wieder den aus Europa 
mitgeführten Ödipuskomplex in das Spiel hineinlegt, spielt sich fol- 
gender Vorfall ab, der uns haargenau enthüllt, was die Sexual- 
ökonomie festgestellt hat : Den Einbruch einer gesellschaftlichen 
Einschränkung des Geschlechtslebens der Kinder und mit ihm eine 
schwerwiegende Veränderung ihrer ganzen Struktur. 

»Was nun feommt, ist eine zwingende, an Deutlichkeit nicht zu übertreffende 
Darstellung des Ödipuskomplexes. Der kleine Junge nimmt eine Schlange und legt 
sie dem Affen an die Brust. 'Die Schlange trinkt Milch'. Dann drängt er die 
Schlange zwischen die Beine des Affen. 'Die Schlange koitiert mit dem Affen'. — 
Ein Vorfall, der sich zwei Monate später zutrug, macht es vollkommen deutlich, 
dass Depitarinja selber die Schlange ist, die mit der milch spendenden Frau, d. h. 
der Mutter geschlechtlich verkehrt.« 

Das ist gänzlich uninteressant. Dass auch die Kinder der Wildnis 
mit ihren Müttern und Vätern koitieren wollen, ist selbstverständlich,. 



y««t^- 



144 Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturea« 

wir zweifeln nicht daran. Wohl aber halten wir es für entscheidend 
wichtig zu erfahren, ob sich die Hemmung dieses Wunsches auch 
dann pathologisch auswirkt, wenn die Kinder sonst untereinander 
völlige Freiheit haben; und die Sexualökonomie behauptet, dass die 
pathogene Natur der Hemmung des Inzestwunsches ausbleibt, wenn 
das Kind sonst uneingeschränkt ist, dass sie sich dagegen voll 
entfaltet, wenn die Sexualhemmung allgemein ist. Das^also nicht der 
Inzestwunsch an sich, sondern nur die Bedingungen, unter denen er 
erlebt und erledigt wird, über die Gesundheit des Kindes entscheiden. 
Für die kommunistische Kollekti verziehung der Kinder gibt es hin- 
sichtlich Strukturbildung keine wichtigere Frage. R. fährt fort: 

»Deparinija, sonst ein lebenslustiger Bursche, ist eines Tages sichtlich nieder- 
geschlagen. Wir sind in Herrraannshurg und die Nachkommen der altjiranga 
matina (totemistischen Ahnen) gehen in die Missionsschule. 'Waruta bist du so 
traurig', frage ich ihn. Nach einigem Zögern entschlicsat er sich, mir den Grund 
zu sagen. Ich Itenne ihn schon im voraus. Er ist von dem Missionar geschlagen 
worden, weil er ein vierjähriges lUeines Mädchen geltüsst hat. Der Missionar hat 
ihm dafür eine gewaltige Tracht Prügel verabreicht. Nach einer kleinen Pause 
fängt er an zu spielen, indem er behauptet, die Schlange sei traurig. Dann lässt 
er die Schlange an der Vagina der Ziege riechen- Darauf heisst es, die Schlange 
heirate die Ziege.« 

Würde der Forscher Roheim das brutale Verprügeln eines Kindes 
für einen Kuss, den es einem Gespielen gab, nicht durchaus im Sinne 
der »natürlichen Ordnung der Dinge« finden und im Interesse der 
»notwendigen Zucht und Ordnung«, er könnte an einer solchen Er- 
scheinung nicht vorbeigehen, ohne zu fragen: »Woher kommt es, dass 
der Junge jetzt gerade die Ziege heiraten will? Ist das nicht eine 
Verschiebung auf ein Tier, die durch die reale Versagung eines 
natürlichen Interesses hervorgerufen und fixiert wurde?« R. aber 
hat's wieder mit der Tiefenpsychologie: 

»Was Deparintja die Schlange tun lässt, ist sein eigenes Vergehen er 

hatte das kleine Mädchen auf das Genitale geküsst. Dafür haUe er auch die 
Prügel bekommen. — Nun geht das Spie! weiter, und alle Spieltiere und Puppen 
müssen an der Vagina und dem After des Affen riechen, der schon immer als 
die Mutter aller dieser Wesen zu gelten hatte. Darauf lässt er eine grosse Gumrai- 
puppe als Häuptling auftreten, und dieser Häuptling verprügelt alle anderen Puppen 
und Tiere, weil sie die Ziege berocheu haben. Dabei ist zu bemerken, dass in Herr- 

mannsburg der inkata das Haupt der Missionsstation ist Eine der vielen Aus- 

■IVv- drucksformen, in denen sich der Ödipuskomplex in den Spielen manifestiert s 

Uns interessiert etwas anderes! Gerade das, was R. jetzt so eifrig 
übersieht, ist eine Bestätigung meiner Aufstellung. Bedeutet nicht 
das von R. beschriebene Spiel eine reale Veränderung im geprügelten 
Jungen? Ist das nicht der Beginn einer für die massenpsychologische 
Entwicklung des ganzen Stammes folgenschweren Identifizierung des 
Jungen mit dem Sendboten Gottes? Nimmt nicht der Junge gerade 
etwas in sich auf, was er vorher ablehnte und bald anderen gegenüber 



J 



Umschlagen von Mutterrecht iq Vaterrecht 145 



betätigen wird? Ist das nicht die von mir beschriebene Reproduktion 
eines neuen gesellschaftlichen Systems in der Struktur der ihm untery 
liegenden Menschen, ein kleines Stück zwar, aber ein vorbildliches? 
R. schreibt in seiner »Kritik« des »Ejnbruch etc.«: 

»Schliesslich sei noch an einigen Beispielen gezeigt, dass Reich Schluss- 
folgerungen aus Annahmen zieht, welche den Tatsachen nicht entsprechen. Reich 
schreibt S. 22; 'da die sexualmoralische Erziehung aber erst mit dem Interesse 
an Privateigentum in die Geschichte der Menschen eintritt und sich mit ihm 
entwickelt, sind die Neurosen Erscheinungen der patriarchalischen privateigen- 
tümlichen Gesellschaftsordnung.' Bei der Weihe des Pitchcntaraknaben, die ich 
mitgemacht habe, wurde mir erklärt, dass man ihn glimpOich behandelt hat 
bei dem Hiramelwärtswerfen nicht zu hart geschlagen hat, weil er stets ein guter 
Knabe war, den alten Männern gehorchte und sich nicht zu viel mit den Mädchen 
zu schaffen machte. Die Pitchentara sind gewiss jene Menschen auf Erden die 
man noch am ehesten als Kommunisten bezeichnen kann. Nebstbei bemerkt sind 
sie weder matri- noch patrilinear organisiert, haben auch keine Promiskuität, 
Elfersucht ist em Hauptmotiv ihrer Handlungen sowohl im Alltag wie in den 
Märchen - aber hoffentlich würde nicht einmal Reich behaupten, dass es hier 
Klassenherrschaft und Kapitalismus gibt,« (S. 557/558.) 

Niemand hat je behauptet, dass die mutterrecht liehen Primitiven 
Kommunisten sind, wohl aber, dass sie eine urkommunistische Ge- 
sellschaftsform haben, was etwas anderes ist, als der Kommunismus ■ 
des XX. Jahrhunderts; sie unterscheidet sich sowohl in der Wirt- 
schafts- wie in der Sexualorganisation von der patriarchalischen 
Form. Es muss auch einen tibergang geben; ich unterschied auf 
Grund des Vergleichs der beiden Grundorganisationen zweierlei Arten, 
in denen sich das Patriarchat aus dem Mutterrecht entwickelt: 
erstens die innere Entwicklung durch den Heiralsgutmechanismus, 
den Tribut von Clan zu Clan, den R. selbst ahnungslos beschreibt] \ 
zweitens äussere Einflüsse, wie etwa Eroberung durch bereits vater- j 
rechtliche Stämme oder Einbruch der weissen »Kultur«. Innerhalb 
der mutterrechtlichen Organisation müssen sich somit die vater- 
rechtlichen Ansätze allmählich in besonderen Formen vom übrigen 
gesellschaftlichen Milieu abzeichnen. So etwa fällt zunächst nur ein 
Teil der Kinder unter die Gewalt der Askese, nur ein Teil unter den 
Druck der puberilen Sexualeinschränkung, nur ein Teü der Erwach- 
senen unter den Zwang der dauermonogamen Ehe; diese keimhaften 
Formen des Patriarchats wachsen ständig auf Kosten der multer- 
Jrechtlichen. Ich glaubte auch den Punkt angeben zu können, w o das 
Mutterrecht plötzlich in Vaterrecht umschlägt; das geschieht dann, 
wenn die Erbfolge vom Nef fen des M utterbruders auf seinen Sohn 
Übergebt. Aus Malinowskis Material geht dies eindeutig hervor, 
während R. erklärt, es gäbe ein Volk, das weder mutterrechtlich noch 
vater rechtlich organisiert sei. Hätte er sein Material von diesem 
Gesichtspunkt überschaut, er hätte so unmögliches nicht behauptet. 
Denn die genannten Völker müssen, da es nichts drittes gibt, eine der 
beiden genannten Formen aufweisen oder aber sich im Übergange 
befinden. 

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146 Roheims s Psychoanalyse primitiver Kulturen« 



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»Der Grad der UnverhüUtheit, mit dem (die Kinder) Departarinja, Nyiki, 
Iliakurla und die anderen über den Koitus und sexuelle Perversionen sprechen, 
ebenso die Ausschliesslichkeit und Deutlichkeit der Sexualbcdeutung ihrer Spiele 
unterscheiden diese Kinder von Kindern unserer Rasse.* <S. 357.) 

Es Steht fest, dass sich die von Roheim beobachteten Kinder genau 
so verhalten, wie die von Malinowski beobachteten; das beweisen auch 
die Berichte über ihre Spiele. Und als ob Roheim meine ethnologische 
Auffassung, die zu der seinigen in diametralem Gegensatz steht, restlos 
akzeptiert hätte und sie bestätigen wollte, schliesst er den Bericht 
folgendermassen ab: 

»Wir haben zwei Gruppen von Kindern studiert, die beide der gleichen Rasse 
angehören: die Missionskinder gehen in die Schule und haben ein in mancher 
Hinsicht verändertes Wesen angenommen, wenn sie auch noch in vielen Zügen 
die richtigen Kinder der Wildnis geblieben sind. Die Buschkinder dagegen toben 
herum, balgen sich und koitieren miteinander, ajier ich habe bei ihnen nie irgend- 
etwas gesehen, was den sadistischen und masochistischcn Spielereien ähnlich 
gewesen wäre, in denen sich Depitarinja erging. (Dep. ist der Junge, der vom 
Missionar geprügelt wurde.) Er ist eben oft genug für ungehemmte Ausbrüche 
seiner natürlichen TriebhaftiglTeit gezüchtigt worden, so dass sich ihm die Be- 
tätigung dieser Triebe mit der Vorstellung des Qiiälcns oder tjcquältwerdens 
verknüpft hat. Der Eingeborene hat ursprunglich zwar einen aggressiven, aber 
keinen sadistischen Charakter. Er mag in einem Wutanfall ein Kind anbrüllen, 
Ja sogar den Euinerang nach ihm werfen, aber er wird es kaum mit vorbedachter 
Absicht bestrafen. So hat das Buschkind niemals Gelegenheit, ein sadistisches 
Überich durch Introjektion zu erwerben, und wird niemals lernen, aus dem Spiel 
vom Strafen und Gestraftwerden Lust zu ziehen.« (S. 363.) 

Eine bessere Bestätigung der sexualökonomischen Auffassung 
hätte ich mir kaum wünschen können. Was ist aus dem Gesagten zu 
schliessen? 

Dass der Sadismus ein gesellschaftliches Produkt ist, Folge der 
Unterdrückung d er natürlichen kindlichen Liebesregunge n, das Re- 
sultat einer muskulären Umlenkung libidinöser Energie; 

dass die Erklärung dieser Erscheinung im gesellschaftlichen Ein- 
bruch der sexualmoralischen Regulierung des Geschlechtslebens zu 
suchen und zu finden ist; 

dass die Neuro sen aus der patriarchalischen Veränderung der 
soziale n Ordnung hervo rgehen und der Kapitalismus nicht eine Folge 
der Neurose ist, wie Roheim meint; 

dass sich da s Geschlechtsleben entsprechend natürlichen Gesetzen 
von selbst, sexualökonomisch ordn et, we nn es nicht behindert wird; 

dass mit dem Einbruch, der moralischen Regulierung auch ihr 
dauerndes ideologisches Motiv, die Notwendigkeit der Triebbeherr- 
schung, hergestellt wird in Gestalt unnatürlicher, sekundärer, asozialer 
Triebe, wie etwa des Sadismus und Masochismus; das gilt für alle 
perversen Regungen. 

Die Ko nfusion in Roheims Anschauungen, die gleiche, _die in^ 
weniger grotesker Form überall dort die Psychoanalyse beherrscht^ 
wo_dienaturwi SS enschaf fliehen Entdeckungen der Psychoanalyse mit 
der bürgerlichen Wel tanschamm^^jLejJPgj;;^^ Konflikt 



Sadismus als »natürliche Kompooente des männlichen Geschlechtslebens« 147 



geraten, geht klar daraus hervor, dass er auf der einen Seite das 
Fehlen des Sadismus selbst behauptet und belegt, dann aber wieder 
anlässlich der Be schreibung eines patriarchalischen Stammes der 
Aranda berichtet: t 

»Bei dieser Gescllschaftsordnutig kann ein Mann immerzu neue junge Frauen 
bekommen, sei es durch rohe Gewalt, sei es durch sein Ansehen als Häuptling 
Die sadistische Komponente der männlichen Sexualität kann also gut ab- 
reagiert werden. Männer und Frauen verfügen über eine natürliche Grausamkeit « 
(S. 371.) 

Somit ist alles in Ordnung, auch bei uns! Der Sadismus ist eine 
natürliche Komponente des männlichen Geschlechtslebens und der 
ungarische Bojar darf weiter seine Frau prügeln, genau so wie bei 
den Aranda, was dann der Kleinbürger, Bauer und Prolet nachahmt; 
denn hier hat Roheim »gezeigt, was für ein glückliches, ungetrübtes 
Sexualleben die Aranda führen; der Mann, jeder Zoll ein Mann, ist 
Herr und Vater seiner Frau«. (S. 385.) Das ist keine Politik und 
keine Weltanschauung, sondern »objektive Wissenschaft!« So denkt 
die gesamte bürgerliche Wissenschaft. Aber diese Wissenschaft kann 
nicht mehr das Recht der Objektivität für sich in Anspruch nehmen ■ 
und unsere Arbeit mit dem Vorwurf der politischen Befangenheit zu i 
desavouieren versuchen. 



5. Weshalb gewinnt Roheim Bedeutung? 

Es ist schwierig in einer wissenschaftlichen Polemik die Sache 
völlig von ihrem Vertreter zu trennen; wie \vir gesehen haben, 
hängt eine wissenschaf tliche A nschauung nicht in der Luft, sondern 
ist untrennbar verknüpft mit St ruktu r, Denkenjmd polijischpr Stel- 
jung des betreffenden Wis sen schaf tier s . Ich halte es für richtig, an 
jeder geeigneten Stelle zu betonen, dass es nicht darauf ankommt, 
ob eine Wissenschaft einer Weltanschauung entspringt und durch sie 
gefärbt ist; dass dies nicht anders sein kann, ist jedem Marxisten 
klar; wohl aber ist entscheidend, mit welcher Weltanschauung sich 
eine wissenschaftliche Tätigkeit jerbündet;'mitHei%~die' das Wissen7 
die ganze Persönlichkeit des Forschers und oft auch seine Existenz 
und sein Leben in den Dienst der Erforschung des Seins stellt, oder 
mit der, die alles tut, buchstäblich alles, von der harmlosen falschen 
Theoriebildung über den Boykott des Gegners und wissenschaftlichen 
Raub an ihm bis zu reaktionären Taten und Manifesten, um zwar 
den Nimbus der Wissenschaft für sich zu sichern, aber im übrigen 
jedes Stückchen mühsam errungenen Wissens zu verschleiern, ab- 
zubiegen, seine Konsequenz zu vermeiden. Roheim ist ein glänzendes 
Beispiel solcher Art der Wissenschaft und ist deshalb wichtig. Aus 
dieser Diskussion lassen sich klar die zukünftigen Aufgaben der 
Sexualökonomie ablesen. - 

Wir wollen sie kurz zusammenfassen: 



II' 



148 Roheims »Psi-choaaalysc primitiver Kulluren« 



Die Aufrechterhaltung und weitere Fortführung der psychoana- 
lytischeu Methode der Forschung ist derzeit eine der wichtigsten Auf- 
gaben jedes Kulturforschcrs und -Politikers. Wir stehen vor der Auf- 
gabe, eine Frage endgültig theoretisch und praktisch zu lösen, die 
seit Jahrtausenden die Menschheit unbewusst und bewusst be- 
herrscht: Kann es eine gesellschaftliche Ordnung, die ihre Funktion, 
die Regelung der menschlichen Beziehungen und die Sicherung der 
Bedürfnisbefriedigung, erf üllen soll, ohne Sex ualunterdriickung und 
Sexaalverdrängung geben? 

Die ganze bisherige Kulturforschung behauptet, dass es gesell- 
schaftliche Ordnung bei Triebfreiheit nicht geben kann. Dagegen 
behauptet und beweist die Sexualökonomie nicht nur, das es das 
gibt und geben kann, sondern vielmehr, dass mit der sexualökono- 
mischen Regulierung des Geschlechtslebens, welche restlose Sexual- 
bejahung anstelle der Sexualverneinung zur ersten Voraussetzung 
hat, sich zum ersten Male einige der grossen Fragen der Menschheit 
lösen lassen werden, die heute ihr Leben bedrücken; dass mit dem 
sexualökonomischen Geschlechtsleben der arbeitenden Bevölkerung 
der Erde die soziale Demokratie und wirkliche Ma^se/ikultur erst 
beginnen kann. Da existierende Widersprüche nach den Gesetzen 
der Dialektik zu einer Lösung_drängen^und sie schliesslich auch imme.r 
finden r^ö^känn de r Wide rspru ch zwischen Sexualität u nd Moral, 
NÜtÜründ Kultur, Sexualleben und Arbeitsleist ung, Individuum u nd_ 
Kollektiv prinzipieU Tteme" AusnahmiTSiiden. ~ 

Hierher gehören folgende Detailfragen: 

1. Die Sexuaiunterdrückung, unter der die Massen der Werktä- 
tigen stehen und die sich als Religion, Aberglauben, Mystik jeder Art, 
Denkhemmung, Autoritätsfurcht, blinder Gehorsam, Opferbereitschaft 
für Ausbeuter, Unfähigkeit zur Kriegsdienstverweigerung etc. etc. 
äussert, ist die mächtigste W affe der Besitzer der Produktionsmittel.. 
Das sexuelle Erwachen der breitesten Massen, das auch das Be- 

jwusstsein ihrer wirtschaftlichen^ Unterjochung entbindet, bedeutet^ 
das endgültige Ende des Kapitals und seiner Herrschaft. " 

2. Die gesellschaftliche Sexualunterdrückung schafft die seeUschen 
Leiden, die eine Massenseuche bilden. Eine massenmässige Neurosen- 
prophylaxe hat die Aufhebung der Sexualunterdrückung zur wich- 
tigsten Voraussetzung. 

3. Die Sexualhemmungen und -Störungen zerrütten die mensch- 
liche Intelligenz, den menschlichen Mut und Realitätssinn, die mensch- 
liche Arbeitskraft. Die Kluft zwischen der Leistungs/ähi£r/qe(f der 
Menschen und ihren effektiven Leistungen und ArbeiAsinteressen ist 
riesenhaft^ Eine Lösung der Frage der Produktivkraft »Arbeitskräfte 

_ist_ohne_Sexualö ko"riomie unmöglich. Ist dies falsch, dann sind die 
ganze psychoanalytische Sexualtheorie und die Orgasrauslehre falsch. 

4. Der Fortbestand der Religion und der Mystik in jeder Form 



Rückentwich] ung der ersten Ansätze einer sozialistischen Kultur 



149 



ist eine Frage des Fortbestandes der Sexualmoral und der Sexiial- 
unterdrückung. Solange die sexualökonomische Regelung des Ge- 
schlechtslebens nicht hergestellt ist, ist mit einer massenmässigen 
Lösung dieser Fragen nicht zu rechnen. 

5. Jedes gesellschaftliche S ystem reproduziert sich ideologisch iiL 
der S t ruktur seiner Mitglieder, und die Struk turbi ldung ist im 
wesent lichen e ine Frage der sexue llen Strukturier ung. In Sowj et- 



russland, wo die Tendenz zur entsprechenden sexuellen Umstruk^ 
turierung in den Jahren 1918 bis 1923 deutlich, jedoch den Führern 
der Revolution nicht bewussl, durchbrach, herrscht heute, und zwar 
fortschreitend, ein Widerspruch zwischen der wirtschaftlichen Grund- li r r ^ 
läge des Sozialismus und der menschlichen Strukturhildung, der eine '^■■*-i'lv* 
Rückentwicklung der ersten Ansätze zu einer sozialistischen Kulturj 
zur Folge hat^). 

Die Anpassung des Menschen an das sozialistische Wirt^hafts- 
system muss dort im wesentlichen als missglückt bezeichnet werden. 
Da sich aber jedes gesellschaftliche System entweder in den Menschen 



r 



_libidinös reproduzi ert oder aber, wenn e s das n icht tut, sich selbst 
_gefährdet; da nur d ie Menschen, nicht aber die toten Produktiv-i! 
Jträfte, da s tre ibende Material des gesellschaftlich en Prozesses sind 
( was Marx genau wusste, wenn er seine Lehre auf dem Unterschied! 
zwischen lebendiger und toter Produktivkraft basierte), ist die Frage 
der S exualökonomie für die Sowjetunion un d jeden künftigen Ar- j 
heiter- und Bauernstaat Yo n „lebens\yichtiger Bedeutung . 

Diese der Erforschung harrenden Probleme rechtfertigen unseren 
Willen zu unnachgiebiger, rücksichtsloser Kritik und ernster, kom- 
promissloser Arbeit. Unser Weg ist mühsam und sozial heute gefähr- 
lich, die Erreichung des Zieles deshalb sehr unsicher, die Wider- 
stände gerade der m assgebenden und verantwortlichen Führer der 
revolutionären Bewegung ebenso wie der Wissenschaft sindunggheuer. 
Unsere Kenntnisse vom menschlichen Sehnen, von menschliche^ 
Struktur und ihren Widersprüchen, von den Hindernissen, den 
inneren sowohl wie den äusseren, die der Erreichung der soziali- 
stischen Gesellschaft im Wege stehen, befähigen uns besser als bloss 
gefühlsmässiges Wollen, uns Schritt um Schritt durchzukämpfen. 
Was heute unglaublich klingt, zu politischen Verfolgungen Anlass 
gibt, auch im revolutionären Lager auf gefühlsmässige Widerstände 
stösst, wird einmal zu den einfachsten Selbstverständlichkeiten ge- 
hören. Wir »schwimmen gegen den Strom«, haben aber dabei 
ehrfurchtgebietende Vorbilder. Dass wir hier und dort irren, ist 
sicher. Dass wir eben im Begriff sind, die Geheimnisse einer mehrere 
Jahrtausende alten Kulturbarbarei zu enthüllen und die sexuelle 
Revolution der Zukunft praktisch zu beginnen, ebenso. 



1) Eine genaue Begründung dieser Beliauptung ist in Vorbcreituug. 



FREMDWÖRTERVERZEICHNIS 



Aetiologie I Ursachen einer Krankheit 
affektiv I erregt, gefühlsbewegt 
Agilität / Behendigkeit 
Akkumulation / Ansammlung, An- 
häufung 
Albinos ! Menschen ohne Hautfarb- 
stoff 
Ambivalenz / gleichzeitige Bejahung 
und Verneinung, gleichzeitige Hass- 
und LicbcseiustelluQg 
Analität / Sexualität der Afterzone 
Antagonismus / Gegensätzlichkeit 
Akquisition / Errungenschaft 
arkadisches Leben I glückliches Leben 
Askese I Enthaltsamkeit 
Biologie I Lehre vom Leben 
Chaos I Unordnung, Verwirrung, 

Durcheinander 
Defekluosität / Fehlerhaftigkeit 
Dekorum I Schein nach aussen 
demonstrieren / aufzeigen 
deskriptiv / beschreibend 
Destruktionstrieb / Zerstörunstrieb 
desolat / trostlos 
Diagramm j Abriss, Zeichnung 
dialektisch / in Gegensätzen sich ent- 
wickelnd 
Dissozialität / gesellschaftsfeindliche 
Haltung 

DiDergenz / Verschiedenheit, Ausein- 
anderstreben 

Domäne I Gebiet, Bezirk 

Dynamik / Kräftewirkung 

Ehrenkodex / Ehren Vorschrift 

Ejakulation I Samenerguss 

endogam I innerhalb des Stammes 
heiratend 

en masse / massenhaft 

Epoche I Zeitabschnitt 

etablieren I errichten, gründen 

Ethnologie j Völkerkunde 

Etikette I Vorschrift, Sitte 

Evolution ! allmähliche Entwicklung 

Exzision I Herausschneiden 

Exhibitionismus / Drang sich zu ent- 
blössen 

Exhumierung / Leichenausgrabung 

Exkrement / Auswurfsstoffe, Kot 

Exogamismus / Heirat nur ausserhalb 
des Clans 

Expansion I Ausdehnung 

Extirpation I Herausschneiden 

Fellal'o I Saugen am männlichen Glied 

feudal I lehensherrlich, adelig 

Fiasko / Zusammenbruch, Misserfolg 

Fixierung I Festhalten 

Floskel I nichtssagende Redensart 

Friktion ! Reibung 

garconniere / Junggesellenwohnung 



Genitalapparat / Geschlechtsapparat, 

2eugungsorganc 
Gens / Clan, Summe aller mütterlichen 

Blutsverwandten 
Gruppenkonkubinat / gruppen weises 

geschlechtliches Zusammenleben 
Heredität / Erblichkeit 
Hygiene I Gesundheitspflege 
Hypothese j unbewiesene Annahme 
Hysterie I seelische Erkrankung l>e- 
sondercr Art; besondere körperliche 
Erkrankung auf seelisch-sexueller 
Grundlage 
Idiotie I Verblödung 
impotent / sexuell unfähig 
infantil / zurückgeblieben, kindlich 
Iniliatioe / inangriffnahme einer 

Handlung, Unternehmungsgeist 
Iroliesen / Ureinwohner Amerikas 
inttiitiu I gefühlsmässig erfassend 
Invertiertheit I Homosexualität, Stre- 
ben zum gleichen Geschlecht 
Inkas I Ureinwohner Amerikas 
Inzest I Verkehr mit Hlutsverwandten 
Inzesttabu / Verbot des Verkehrs unter 

Blutsverwandten. 
Yamsknollen / Knollenfrucht der 

Südseeinseln 
kausal / ursächlich 
Kohabitation / Geschlechtsakt 
Kollektiüopposition. / gemeinsam« 

Auflehnung einer Gruppe 
kompensieren / wettmachen 
Komplex / zusammenhängende, gt- 
fuhlbetonte, unbewusste Vorstellun- 
gen 
Komsomolzen 
der UdSSR. 
konservatiu / 

halten 
Konzeption / Empfängnis 
kosmisch / das Weltall betreffend 
Kretinismus / kürperlich bedingte Ver- 
blödung 
Lagune I Niederung an cioer Küste 
Libido I Energie des Geschlechtstrie- 
bes 
lyrisch / gefühlvoll 
Magie l Zauber 
Manifestation I Offenbarung 
Manko / Mangel, Fehler 
methodologisch j streng wissenschaft- 
lich untersuchend 
Monogamie / Einehe 
Monopol I Alleinrecht 
Motilität l Beweglichkeit 
Motiv I Beweggrund 
Mythos I Volkssagc 

Mythologie / Lehre von den Volkssa- 
gen 



/ Jungkommunisten in 
Bestehenden fest- 



am 



Neurasthenie I durch Sexualstörunfi 
bedingte Erkrankung des Nervensy- 
stems. 

Nearose / seelische Erkraukung 

Neurosenprophjjlaxe / Verhütung see- 
lischer Erkrankungen 

normativ 1 vorgeschrieben 

Ödipuskomplex I Summe aller sexuel- 
len Beziehungen der Kinder zu den 
Eltern 

orgastische Potenz / Fähigkeit zu vol- 
ler sexueller Befriedigung 

pathologisch / krankhaft 

Pädagogik / Lehre von der Erziehung 

Penilinclus I s. Fellatio 

Penisneid j Neid der kleinen Mädchen 
auf das männliche Glied 

Persuasionsmetbode / Heilung durch 
Überreden 

Peruersion / Geschlechtsverirrung 

pelitio principii j Vorwegnähme des 
zu Beweisenden 

Phratrie I Brüderschaft 

phylogenetisch f durch die Entwick- 
lung der Art bedingt 

Physiologie / Lehre von den Körper- 
funktionen 

physiologische ejaculatio praecox I 
vorzeitiger Samenerguss beim durch- 
schnittlichen zivilisierten Manne 

Picknick / gemeinsames Essen, zu dem 
alle beisteuern 

Polygamie / Vielweiberei 

Plutokralie / Geldherrschaft 

Polyandrie / Beziehung einer Frau 
mit mehreren Männern 

postulieren / Forderung aufstellen 

Prinzip / Grundsatz 

Priorität I Erstmaligkeit 

Privileg / Vorrecht 

Promiskuität j ungeordnete Ge- 
schlechtsbeziehungen 

Psychiatrie / Lehre von den Geistes- 
störungen 

Psychopathologie l Lehre von den 
seelischen Krankheiten 

Psychopathie / Seelenstörung 

Psychotherapie / Seelenheilung 

Pubertät j Geschlechtsreife 

puritanisch / sittenstreng 

real I wirklich, sachlich, dinglich 

relativ / verhältnismässig 

Reliquien I Überreste, die verehrt 
werden 

Resignation / Entsagung 

retardieren / verlangsamen 



Ritus I Zeremonie, herkömmliche 
Weise oder Gebrauch 

Rivalität / Nebenbuhlerschaft, Wett- 
bewerb 

Romantik / indi vi dualistisch- schwär- 
merische Richtung in der Literatur 
und Kunst 

Sekretion / Absonderung, Ausscheidung 

sekundär / an zweiter Stelle, unter- 
geordnet 

sexuelle Ökonomie / Haushalt der 
sexuellen Energie 

Sodomie I Geschleehtsbetätigung mit 
Tieren 

somatisch j körperlich 

Soziologie I Gesellschaftswissenschaft 

stereotyp / andauernd, unveränderlich, 
gleichmässig auftretend 

Struktur / Zusammensetzung, Aufbau, 
Bauart 

sublimieren / einen sexuellen Trieb 
von einem sexuellen auf ein sozia- 
les Ziel ablenken 

suppanieren / annehmen 

Symbolik / Sinnbildliehkcit 

Symptom I Anzeichen einer Krank- 
heit 

tabu I unhcriihrbar, unverletzbar, 
verboten 

teleologisch / vom Ziel, nicht von der 
Ursache bestimmt 

Tendenz / Absicht, Richtung 

Terminologie I Ausdrucks weise 

Therapie / Heilungsmethode 

These I Satzaufstellung 

Toteintier I das heilige Tier der Pri- 
mitiven 

Tradition I Herkommen 

Transformation I Umwandlung 

Tribut I Abgabe, für die eine Ver- 
pflichtung besteht 

Triebiwnstellation I Triebzusammep- 
setzung 

Tumeszenz / sexuelle Spannungsstei- 
gerung 

Vbiquität l Allgegenwärtigkeit 

unrationell I unzweckmässig 

Urologe / Facharzt für Harnkrank- 
heiten 

V aterkomplex / Summe aller ver- 
drängten Gefühlsbeziehungen zun» 
Vater 

Voyeurinteresse I sexuelle Lust am 
Schauen 

Vulva I weibliche Scham 



\ 




,. 1 



INHALTSVERZEICHNIS 

Vorwort zur I. Auflage V 

Die psychoanalytische Formel der Neurose — S. V; Die Scxualmoral als 
Hindernis der Psychotherapie — S, VII; Die Frage der Neurosenverhütuns — 
S. VII; Der Weg zu Marx — S. VII; Neurosenseiiche und Familienerziehung 
— S. VIII; Die marxistische und die freudistische Auffassung der Moral — S. IX; 
Die sowjetrussische Scxualgesetzgebung — S. V; Wandlung der Sexualmoral und 
Widersprüche — S. XI; Stellung zur psychoanalytischen Scxualtheorie — S. XII; 
Erste sexualpolitische Erfahrungen — S. Xlll. 

Vorwort zur II. Auflage XV 

ERSTER TEIL: 

Die Herkunft der Sexualverdrängung 

]. Kap.: Die sexuelle Oekonom, ie in der mutterrechtli- . 

chen Gesellschaft S ^ 

1. Das Sexualleben der Kinder bei den TrobriandcrD 4 
Verhalten der Eltern — S. 6; sexualökonomische Wertigkeit einer 
Verhalten der Eltern — S- 5; sexualökonomische Wertigkeit einer sexu- 
ellen Regung, bestimmt durch die gesellschaftliche Moral — S. 6; 
Autoritätslose Erziehung — S. 7; Die Kinderkommune — S- 7. 

2. Das Sexualleben der Jugendlichen 8: 

Sexualbejahung und gesellschaftliche Befürsorgung — S. 9/10; Das 
bukumatula — S. 11; Sexuelle Sozialität ohne Zwang — S. 11; 
»Monogamie«, »Polygamie« usw. als Prinzipien moralischer Regu- 
lierungsbestrebungen — S. 12. 

3. Die sexuellen Festlichkeiten l* 

Unterschiede der sexuellen Festlichkeiten bei den Trobriandern und bei 
der bürgerlichen Jugend — S. 13; Liebes aus f lüge der Mädchen — S. 14; 
Der Brauch des kayasa — S, 14. 

4. Die orgastische Potenz der Primitiven 1& 

Unterschiede gegenüber den bürgerlichen Sexualfesten — S. 15; Die ^ 

sexuelle Gesundheit der Frauen — S. 17; Die Sexualcrzichung der 

Primitiven — S. 18; Sexuelle tJbungen zur Wettmachung sexueller 
Schädigungen — S. 19. 

5. Keine Neurosen — Keine Perversionen '* 

Neurosen und Perversionen als Erscheinungen der palriarchalischen ^ 

Sexualunterdrückung — S. 20; Neurosen bei vaterrechtlichen Primi- 
tiven — S. 21; Homosexualität als Ergebnis der Hissionstatigkeit — 
S. 21; Die Verachtung der f.eschlechtsverirrungen durch den Primitiven 
S. 22; Sadismus unbekannt — S. 23; Onanie als unvollkommener Ersatz 
betrachtet — S. 23; Sexualökonomische und sexualmoralische Wertung 
S. 24/25. 

H. Kap. : Die ökonomischen und sexuellen Widersprüche 
der Trobriander 26 

1, Die mutterrechtliche Organisation und das auf- 
steigende Patriarchat 2& 

Die urkommunistische Wirtschaft — S. 27; Besitzrecht am Kanu — 
S. 27; Urkommunismus und Tauschverkehr — S. 28; Claneinteilung 
— S. 29; Die Stellung des Vaters und Mutterbruders — S. 29; Vater- 
rechtliche Prinzipien — S. 30; Stellung des Häuptlings — S. 30/31. 

2. Das Heiratsgüt als Zerstörer der mutterrecht- 
lichen Gesellschaft 32 



a) Die E h e s chl i es su n g 32 

Die Paarungsehe — S. 32; eheliche Sexu alein schränkung — S. 33; 
Gemeinsames Essen als Symhol der Ehe — S. 33; Gründe für die 
Eheschliessung ■ — S. 35. 

b)Die »einzig gesetzliche« Ehe 35 

Das Heiratsgut — S. 36/37; Schema der »gesetzlichen« und der 
»ungesetzlichen« Ehe — S. 38; Kreuz-Vetter-Basen-Heirat — S. 38/39; 
Wirtschaftliche Vorteile bei Kreuz-Vetter-Basen-Heirat — S. 39; 
Vorrechte des Häuptlingssohnes bei Kreuz-Vetter-Basen- Heirat — 
S. 40; Häuptlingssohn und Häuptlingsneffe — S. 40; Nachteile für 
den Häuptling bei beliebiger Heirat — S. 41; Die »schlechte Ehe« 
— S. 42. 
3. Ausbeutung und ihre ideologische Verankerung 42 
Das Entstehen der patriarchalischen Grossfamilie - — S. 43; Heirats- 
system und Ausbeutung — S. 44; Die Trauerriten — S. 44/45; Kom- 
pensation des Hasses, Angst der Verwandten des Ausbeuters vor den 
Ausgebeuteten — S. 45/46; Ideologische Verankerung der ökonomischen 
Situation — S. 46, 

III, Kap.: Der Einbruch der s e x u al f e i n d 1 i che n Moral 47 

1, V o re h e 1 i c h e Keuschheit *' 

Jugendliche Enthaltsamkeit als Forderung der »Kultur« — S. 47; 
Schädigung der Genitalität und Ehefähigkeit — S. 48; Askeseforderung 
für Jugendliche aus ökonomischen Motiven — S. 49/50. 

2. Die grausamen P uh e r t ä t s ri t e n ■■ 51 

Exzision der KHtoris — S, 51; Die Funktion der genitalen Ver- 
stümmelung — S. 52; Kampf gegen die kindliche Sexualität — S. 53. 



54 
54 



IV. Kap.: Urkommunismus — Mutterrecht; Privateigen- 
tum — Vaterrecht 

I.Zusammenfassung 

Der Streit um die Priorität des Mutterrechts — S. 55; Widersprüche 
der Vaterrechtstheorie — ■ S. 55; Vorkommen des Mutterreehts — S, 56; 
Urkommunistisch organisierte Stämme — S. 57; Ehe als primitives 
Produktionsverhältnis ^ S. 58. 

2. Das Heiratsgut als Vorstufe der Ware 58 

3. Die Herausbildung der patriarchalischen Gross- 

familic und der Klassen 59 

Das Heiratsgut zerstört die Gentilorganisation und stellt die Gross- 
familie her — S. 60; Erklärung für die Konzentration der gesell- 
schaftlichen Reichtümer in einer Hand — S. 61/62; Ursprung der 
Klassenteilung — S. 63. 

V. Kap, : Bestätigung der Morgan-Engelsschen Theorie 
und Korrekturen 6* 

1. Zusammenfassung der Morgan-Engelsschen Funde 65 
Die Bachofen sehe Hypothese — S. 66; Mac Lennans Irrtum 

— S. 66; Die Familienentwicklung nach Morgan — S. fi7; Struktur 
der mutterrechtlichen Gentilorganisation — S. 67; Übergang zum 
Patriarchat — S. 68/69. 

2. Vorkommen des Heiratsgutes in der. Gentilgesell- 
schaft 69 

3. Die Heirat sklassen der Australneger 72 

VI. Kap. : Die Herkunft der Claneinteilung und des In- 

zeslverbotes 77 



1. Überreste aus der Urzeit 77 

Fünf bemerkenswerte Tatbestände — S. 78; Clan, dasselbe wie die ur- 
sprüngliche Urhorde — S. 78; Inzestverbot von fremder Horde auferlegt 

— . 79; Einrichtung der Wechselheirat — S. 79; Die Stämme sind 
zusammengesetzte Gebilde — S. 81; Samoanischc Brautwerbung — 
S. 83; Die ulatile - Expedition — S. 84; Der Brauch des yausa — S. 86; .^ 

Heiratsgut bei den Papuas und anderen Stämmen — S. 87. I 

2. Die Morgan-Enfielssche Hypotliesc der Exogamie 88 
Erklärung des Inzestverbots aus der »natürlichen Zuchtwahl« — 

S. 88/89; Widerlegung dieser Hypothese — S. 89/90; ükonomische 
Erklärung der Heiratsklassen bei den Kamüaroi — S. 90. 

3. Die Freudsche Hypothese vom Urvatermord 91 * 

Unzutreffende Voraussetzung der F r e u d sehen Hypothese — S. 92/95; ^. 

Kritik der Methode der psychoanalytischen Rclig Jonsforschung — 

S. 95/96 ; Wandlung der Beziehung zwischen Familie und Gens — 
S. 96/97. 

ZWEITER TEIL: 

Das Problem der S c x u a i ö k o n o m i e 95 ' 

1. Zusammenfassender geschichtlicher Überblick ... 101 
Wirtschaftlicher und sexueller Prozess — S. 101/102; Niedergang der 
Sexualkulfur — S. 103; Sexualunterdrüekung und Klassengegensätze 
von Mann und Frau — S. 103; Ursprung der Habgier — ■ S. 104; 
Sexualunterdrüekung als historische Erscheinung — S. 105. 

2, Bedürfnisbefriedigung und gesellschaftliciie Rea- 
lität 105 

Der Engelssche Versuch, die Sexualität einzureihen — - S. 105; Das 
Sexualbedürfnis als geschichtlicher Faktor — ■ S. 107; Korrektur der 
Annahme »objektiver« Art- und Selbsterhaltungstendcnzcn — S, 108; 
geordneter und ungeordneter sexueller Haushalt — S. 109; Kritik des 
»Ökonomismus« — S. 108; Sexualität als Klassenfrage — S. 109/111; 
Umschlagen der Sexiialbejahung in Scxualverneinung ■ — S. 110; Sexual- 
unterdrückung als reaktionärer Faktor — - S. 111; Auflösung der 
normativen Ordnung des Geschlechtslebens — S. 112; Einige Gesetze 
der Sexualökonomie — S. 112/114. 

3.Produktion und Reproduktion der S c x u a l m o r a ! ... 11* 
Verankerung der Moral — S. 114; Der Prozess der Ideologiübildung 
— S. 115; Rückwirkung der Ideologie auf ihre ökonomische Basis — 
S. 116; Die privatwirtschaftliche Funktion der Sexualverdrängung — 
S. 116; Psychische Verankerung der ökonomischen Struktur der Gesell- 
schaft — S. 117; Widersprüche der Sexualunterdrüekung — S. 118; 
Aufhebung der Sexualverneinung durch die soziale Revolution — 
S. 118/119. 



ANHANG: '■ 

RoheiiDs »Psychoanalyse primitiver Kulturen« 123 , 

1. Roheims Methode der ethnologischen Forschung ... 123 ^ 
■ Ablehnung der Roheimschen Deutungstechnik - — S. 125; Die typischen 

Konflikte der Primitiven — S. 127; Aggressionen gegen die weisse Kul- 
tur — S. 129; Metaphysische und materielle Psychoanalyse — S. 131. 

2. Wilde Deutung und daher groteske Überspitzung * 
der üblichen falschen Anschauungen 133 

Roheims Übersteigerung der bürgerlichen Sexualanffassung — S. 133; 
Bedeutung der puberilen Beschneidungen — S. 135; Roheims Ver- 



teidigung der sadistischen Einstellung ~ S. 137. 



V 



3. Rohcim widerlegt sich selbst und bestätigt den 

Einbruch der Sexualmoral 138 

Die sexuelle Latenzzeit des Kindes — S. 139; »Biologische Gegebenheit« 
oder Erzichungscrgebnis — S. 141. 

4. Ist die kindliche Angst sozial oder biologisch 

bedingt 1*2 

Die Angst als Keroprohlem der Neurose — S. 143; Umschlagen von 
Mutterrecht in Vaterrecht — S. 145; Sadismus als »natürliche« Kom- 
ponente des männlichen Geschlechtslebens« S. 147. 

5. Weshalb gewinnt Roheim Bedeutung? 147 

Rückentwicklung der ersten Ansätze einer sozialistischen Kultur — 

S. 149. 



FREMDWÖRTERVERZEICHNIS 159 



..,^. 



i 

4 



^£^ 



WILHELM REICH 

CHARAKTER AN ALYSE 

TECHNIK UND GRUNDLAGEN 

FÜR STUDIERENDE UND PRAKTIZIERENDE ANALYTIKER 

Oktav, 288 Seiten. In Leinen Kr. 12.80. Geheftet Kr. 11.25 

^^^^^^^^^■^^H Aus dem Vorwort: ^^^^^^Bi^^^HB 

Die technisch-therapeutischen Ausführungen und die dynamisch-öko- 
nomischen Auffassungen des Charakters als Gesamtformation entstammen 
überwiegend den reichlichen Erfahrungen und Diskussionen im Wiener 
»Seminar für psychoanalytische Therapie« am obengenannten Institut, das 
ich sechs Jahre hindurch unter tätiger Mithilfe einer Reihe arboitsfreudiger 
junger Kollegen leitete. Ich muss bitten, auch jetzt weder Vollltommenheit 
in der Darstellung der aufgeworfenen Probleme noch Vollständigkeit ihrer 
Lösung zu erwarten. Wir sind auch heute wie vor neun Jahren von einer 
umfassenden, systematischen psychoanalytischen Charakterologie noch weit 
entfernt. Ich glaube nur, mit dieser Schrift die Entfernung um ein er- 
hebliches Stück zu verringern. 

Verlag für Sexualpolitik Kopenhagen, Postbox 827 



ZEITSCHRirT rOR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

HERAUSGEBER: ERNST PARELL 



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Wilhelm Reich Zweite Auflage. 

Massenpsychologie des Faschismus 

Zur SexualpoliHk der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik 

In der -Neuen Weitbühne' schreibt Ludwig Marcuse u. a. 

j Das Motiv zu dieser Untersuchung ist weder eine 

sorglose Neugier, noch jene üble Rechtfertigungsmanie, die nach 
jeder Niederlage immer beweist, dass kommen musste, was ge- 
kommen ist. Reich sucht im Gegenteil das theoretische Funda- 
ment für eine realistische, also wirksame Propaganda gegen 
den FaKchismus. Er ist, wohl mit vollem Recht, der Ansicht, 
dass der Marxismus in seiner heutigen theoretischen Gestalt eine 
solche Propaganda nicht fundieren kanu. Was war denn bisher 
das A und O seiner Attacke auf die gegnerischen Ideologien? 
Politische Institutionen, religiöse Dogmen, moralische Begriffe 
wurden als Einhüllung des wirtschaftlichen Interesses der 
herrschenden Klasse »entlarvt«. Jetzt, da nun das Resultat 
dieser jahrzehntelangen Entlarvungspädagogik sichtbar ge- 
worden ist, hilft man sich zur Erklärung der Tatsache, dass 
alle soziologische Aufklärung die Massen nicht gehindert hat, 
zu Thyssen zu gehen, mit Vokabeln wie »Ablenkungsmanöver«, 
»Folgen von Versailles«, a Hitler-Psychose«. Reich deutet auf 
die Ergebnislosigkeit solcher Wortprägungen hin 

Massen sind nicht durch Theorien zu überzeugen, 

sondern nur durch den konkretesten Hinweis auf das Glück 
und Unglück, das jeder Einzelne am eignen Leibe und eignen 
Leben erfährt.« 



Preis: 

broschiert 
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Der sexuelle Kampf der Jugend g;rDK^4:2i 

Umfang 160 Seiten. Mit einem Fremd wörierverieichnis und vielen Abbildungen 



NEUE LEHHER2EITUNG: 

» Reich (gibt) eine gründliche Analyse der sozialen Wurzeln der Sesualnot 

und zeigt, dass die sexuelle Befreiung nur von einer Sndcrung des wirtschaftlichen 
und politischen Fundaments der Gesellschaft erwartet werden kann. Die Sprache 
des Buches ist volkstümlich, so dass es besonders der proletarischen Jugend, für 
die es geschrieben ist, als Wegweiser dienen wird. Wir empfehJen es aJ>er darüber 
hinaus allen Lehrern und Erziehern a 



VerBag für Sexualpolitik, Kopenliagen, Postbox 827 



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