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Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 
Nr. III 



Eine Neurosenanalyse 
in Träumen 

Von 

Dr. Otto Rank 



1924 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Zürich 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung- vorbebalten 



Copyright 1924 
by „Internationaler Psych oanalytisdier Verlag- Ges, m. b. H." Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Cedrudit hei K. Licbel, Wien 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Vorbemerkung 1 

DIE WIDERSTANDS-PHASEN 

Die Analyse des Kastrationswiderstandes 7 

Die erste Übertraglingsreaktion: Flucht vor dem Mann (Vater) zur 
Mutter S. 7. — Die erste Akzeptierung; Der Widersland des Ent- 
wöhnungstraumas S. 10. 

Die Analyse des Zählzwanges ■ ■ . . 13 

Das erste Kunststück S. 13. — Das zweite Kunststück S. 13. — Das 
organisdie Kunststück; Die Versdiiebung des „Katarrhs" S. 17. — Ein 
weiteres Organsymptom (Harndrang) S. 19. — Hysterische Traumdar- 
stellung der 4 S. 19. — Ihre Abend mahlsymbolik S. 21. 

Analyse der Phantasiebildungen 22 

Das leidende Heldenideal (Teil, Jesus); Die „Rettung" als Kunststück 
S. 22. — Die „masodiistisdie" Rettungs-Phantaaie S. 23. — Die 
Hodiieit S. 27. — Das „wirklidie" Abendmahl S. 28. — Der erste 
„analytische" Zwang S. 31. — Kindheitserinnerungen an die Geburt der 
Schwester S. 32. — Der Faniilienroinan S. 34. 

Die Analyse der Mutterregression ■ ■ 36 

Die „Kastration" als Hindernis der Rückkehr sur Mutter S. 36. — Ana- 
lytische- und Mutterleibs- Situation S. 39. — Die Entwertung als Form der 
Abwehr S. 42. — Die Regression ins Embryonale S. 46. — Ein Prüfungs- 
traum S. 47. — Die beiden Paralielträume S. 48. — Der alte Traum 
S. 49. - Der modernisierte Traum S. 49. 

Analyse der Libido-Übertragung 52 

Versudi der Mutter-Identifizierung S. 52. — Versuch der sexuellen 
Vater-Übertragung S, 54. — Ein sexueller Falltraum S. 57. — Infantile 
Fallträume : Das negative Kunststück S. 59. — Schuldgefühl gegen die 
Mutter (-Bindung) S. 60. — Der richtige Moment S. 61. — Kritik des 
Ich-Ideals S. 62. — Infantile Übertragungs- Quellen S. 65. — Das anale 
Kind S. 67, — Die Masturbation: Das Kunststück ohne Hände S. 69. — 
Die neue Liebe S. 70. — Das sexuelle Kunststück S. 72. — Der Geld- 
widerstand S. 76. — Masturbation und Männlidikeitskomplex S. 79. 



SMe 

Analyse des Sdiuldgefühls 84 

Die Wandlung- der Sexualsymbolik S. 84. — Die Ambivalenz gegen die 
Mutter S. 86. — Der Konflikt zwischen Mutterbindung u. Mutteridenti- 
fizierung S. 91. — Akzeptierung- der weiblichen Rolle: Mutteridentifizierung 
S. 95. — Die alte Phantasie vom Prinzen S. 97. — Ein Virtuosen -Kunst- 
stück S. 98. — Die analytische Operation S. 99. — Fluchtversuch nadi 
Hause S. 100. — Versudt der Rückwendung zum Vater S. 103. — Weitere 
Widerstände g-egen den Mann S. 104. — Das Kunststück des Zurückgeh en 3 : 
Eifersucht auf die Sdiwester S. 107. — Das mythische Kunststück S. 111. 

DIE HEILUNGSFAKTOREN 

Ungeduld und Resignation 117 

Der Bub mit den Brüsten S. 117. — Das Zeitmoment S. 118. — Ein 
Regressions- Widerstand S. 119. — Die Analyse als Kunstprodukt S. 120. 
Der erste Kurtraum S. 121. — Kritik und Korrektur der infantilen Ein- 
stellung' S. 123. — Die ersten Zeichen des erstarkten Ich S. 125. 

Die Identifizierung mit dem Analytiker 130 

Die Analyse als Kunststück S. 130. — Das neue Libido-ldeal (Mutter 
bezw. Stiiwester) S. 131. — Kritik von Seiten des Ich-Ideals (Analytiker) 
S. 132. — Die analytische Symbol Verwendung S. 134. — Veränderte Real- 
anpassung S. 137. — Die richtige Odipuslibido S. 138. — Aufhebung der 
Identifizierung mit dem Analytiker S. 141. 

Die Akzeptierung der Schwester 144 

Das Warten auf die Ankunft der Schwester S. 144. — Die Geburt 
der Schwester S. 147. — Schwester- statt Mutter-Identifizierung S. 151. — 
Vorwürfe gegen die Mutter wegen Geburt der Schwester S. 153. — Die 
kompenaatorische Zwillingaphantasie S. 156. — Die traumatische Erledi- 
gung S. 160. — Die Trennung- von der Schwester S. 161. — Die Angst 
vor den „Na dikomm enden" S. 164. — Akzeptierung der schwangeren 
Mutter S. 166. — Kritischer Epilog S. 169. — Die Entstehung der Menschen 
S. 170. — Die Wiedergeburt als jüngere Schwester S. 173. 

Die EnlwShnungaphase 176 

Der Mann als Ersatz der Mutter S. 176. — ■ Versöhnung mit der 
Mutter S. 177. — Der erste Genesungstraum S. 179. — Wie sage ich's 
meiner Mutter S. 183. — Der Dankbarkeits -Komplex S. 185. — Die 
aktuellen Llbidokonflikte S. 185. — Symbolisdie Darstellung des analytisdien 
Heilungsprozesses S. 187. — Der Ausbruch ihrer Neurose S. 190. — Die 
Neuori^ntiermg S. 191. — Entwertung des Traumlebens S. 194. — Als 
Weib neuge'Doren S. 195. — Die vorbewußte Terminsetiung S. 196. — Die 
bewußte Dankbarkeit S. 196. — Der letzte Zweifel S. 198. — Alles wird 
„natürhc'T" S. 200. — Das elegante Kunststück S. 200. 

Die Lösung von der Analyse 203 

Akzeptierung der Libido-Lösung S. 203. — Der infantile Affekt der 
Trauer S. 206. — Die Liebeskrankheit S. 207. — Die Überzeugung von 
der Gesundung S. 208. — Das neugeborene Kind S. 209. — Das Tempo der 
Endphase S. 210. — Erledigung der Dankbarkeit S. 211. — Die Subli- 
mierung S. 213. — Der Familienroman ais Zukunftsphantasie S. 214. — Die 
Frühgeburt S.-215. ~ Die Analyse als Kunststück S. 216. — „Der Reigen" 
S. 220. — Entwertung der Übertragung S. 225. — Die letzte Stunde S. 227. 



Vorbemerkung 



Die nachstehend mitgeteilte Krankheits- und Heilungsgeschichte 
eines Falles von weiblicher Zwangsneurose, deren Analyse 
einige Jahre zurückliegt, stellte ursprünglich ein Kapitel meiner in 
Vorbereitung befindlichen „Technik der Traumdeutung in 
der Psychoanalyse" dar, zu dessen vorläufiger selbständigen Ver- 
öffentlichung ich mich aus verschiedenen Gründen entschlossen habe. 

Vor allem deshalb, weil es auch in der umfangreicheren Dar- 
stellung des Buches als einleitender Abschnitt gedacht war, in 
dem die speziellen Probleme der Traumdeutungstechnik in der 
Analyse zunächst in übersichtlichem Zusammenhang aufgerollt 
werden sollten. Dies setzte aber für dieses einführende Beispiel 
eine möglichst vollständige Darstellung der Krankengeschichte wie 
auch des Traumlebens und seiner Beziehungen zur analytischen 
Situation voraus. In den reichhaltigen und durchsichtigen Träumen 
der Patientin kam nun eine äußerst illustrative Wiedergabe der 
Genese ihre Krankheit wie auch der entsprechenden analytischen 
Heilungsphasen zustande, die auch unabhängig von den speziellen 
Problemen der Traumdeutungstechnik, deren gesonderte Darstellung 
folgen soll, Anspruch auf Interesse verdient. 

Die Patientin — ein junges Mädchen — suchte die Analyse 
wegen einer Arbeits hemmung auf, die im Anschluß an ein un- 
glücklich ausgegangenes Liebesverhältnis und zur Zeit der Ver- 
heiratung ihrer jüngeren Schwester aufgetreten war, und ihr Berufs- 
wie Liebesleben schwer beeinträchtigte. Die Analyse, die in sechs 
Monaten beendet wurde, ergab — ■ wie nicht anders zu erwarten — 
als Grundlage des unlösbaren aktuellen Konfliktes eine voll aus- 
gebildete Neurose, u. zw. vom Zwangstypus, deren Auflösung ohne 
nennenswerte Schwierigkeiten, aber in besonders lehrreicher Weise. 

Rank, NeuroaeDanaLyae 1 



Vorbemerkung 



vor sich ging. Das üppige Traumleben der Patientin gestattete näm- 
lich, den Fortgang ihrer Analyse und die Lösung ihrer Neurose an 
ihren fast tägUchen Träumen schrittweise zu verfolgen. Von dem 
frühen Zeitpunkte, als ich das merkte, habe ich mich die Mühe nicht 
verdrießen lassen, die Träume wortgetreu zu fixieren und den hihalt 
ihrer Assoziationen sowie jeder einzelnen Stunde wenigstens skizzen- 
haft so weit festzuhalten, als mir dies zum Verständnis der jeweiligen 
Situation und der Gesamtprobleme erforderlich schien. 

Auf diese Weise ist ein wie mir scheint überaus instruktives 
Material zusammengebracht worden, . das nicht nur gestattet, die 
Aufeinanderfolge der analytischen Situationen sowohl nach ihrer 
unbewußten Bedeutung wie nach der bewußten Seife hin in den 
Traumbildern und den dazugehörigen Assoziationen und Deutungen 
gleichwie in einem Taielwerk ad oculos zu demonstrieren, sondern 
gleichzeitig audi die Krankheiis- und Heilungsgeschichte eines 
Falles von Zwangsneurose im Sinne der Psychoanalyse vorzuführen. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich vorausschicken, 
daß ich die Darstellung dieses Falles, trotz des therapeutischen 
Erfolges, keineswegs als Muster einer Analyse ansehen möchte. 
Besonders insoferne nicht, als die Traumdeutung in der Psycho- 
analyse überhaupt oder im einzelnen Falle für gewöhnlich keines- 
wegs eine solche überragende Rolle zu spielen pflegt. Gewisse 
Besonderheiten dieses Falles haben ihn mir nur sehr geeignet er- 
scheinen lassen, an einem gut darstellbaren Material nicht bloß ein 
Stück der analytischen Technik, sondern auch der therapeutischen 
Arbeit wie der Neurosenlehre zu illustrieren. 

Am wenigsten läßt sich, so paradox es klingen mag, aus dieser - 
Serie von Traumdeutungen etwas neues für die Theorie des 
Traumes gewinnen. Vom Standpunkt derselben könnte man die 
Träume der Patientin höchstens als einen experimentellen Beitrag 
zur psychoanalytischen Traumlehre auffassen, indem das rezente 
Traumaterial, daß wir sonst mit Freud als „Tagesreste" bezeichnen, 
hier durch das analytische Material und die analytische Situation 
ersetzt ist, die wir von vornherein kennen; ebenso bekannt sind 
uns aber in einer Analyse die unbewußten Triebkräfte, die bei 
dem betreffenden Patienten die Hauptrolle spielen, so daß — ganz 



Vorbemerkans 



analog dem Experiment — die Bedingungen uns bekannt, zum 
Teile sogar von uns gesetzt sind und wir nur die Reaktionen zu 
untersuchen und zu verstehen haben. 

Infolgedessen ist auch die psychoanalytische Traumdeutung in 
ihrer Technik wie in ihren Ergebnissen von der gewöhnlichen 
Traumdeutung verschieden: das Unbekannte und daher Wichtige 
sind hier weder die gegebenen analytischen Tagesreste noch die 
gleichfalls bekannten unbewußten Triebkräfte, sondern einzig und 
allein die noch unbekannten Reaktionen, die sich im Laufe der 
Behandlung verändern und an denen allein man den Fortgang 
der Kur in seinen verschiedenen Phasen — bis zur Heilung — ver- 
folgen kann. 

Dazu verweise ich auf die zum Zwecke der Übersichtlichkeit 
vorgenommene Einteilung des fortlaufenden Materials in einzelne 
größere Abschnitte, welche gleichzeitig gewissen typischen analyti- 
schen Phasen entsprechen, sowie innerhalb derselben auf die vor- 
bereitenden und erläuternden Traum Überschriften, die das Wesent- 
liche der jeweiligen analytischen Situation, bezw. Reaktion und der 
infantilen Paralieleinstellung hervorheben. 

Nur auf einen mir prinzipiell hochbedeutsam erscheinenden Punkt 
möchte ich hier noch aufmerksam machen, weil er mir für das 
Verständnis der analytischen Gesamtsituation und von da aus für 
Technik und Therapie der Neurosen von ausschlaggebender 
Bedeutung zu sein scheint. Versucht man nämlich beim Über- 
blidcen des gesamten Traumlebens der Patientin ihren Typus, wie 
er sich in den Äußerungen ihres Unbewußten manifestiert, zu 
konstruieren, so ergibt sich vöUig zwanglos, daß sich alle ihre 
unbewußten Tendenzen, wie sie sich aus ihrer neurotischen Ein- 
stellung und der parallel laufenden analytischen Situation in ihren 
Träumen widerspiegeln, unter der gemeinsamen Überschrift 

„DAS KUNSTSTÜCK" 
subsumieren lassen. Wie das zu verstehen ist, wird sich ohne- 
weiters aus der Lektüre der folgenden Geschichte ergeben, die man 
am besten als Darstellung der Entwicklung eines Menschen unter Be- 
rücksichtigung des unbewußten Seelenanteiles liest und versteht. Was 
aber die Tatsache zu bedeuten hat, daß sich sozusagen das ge- 



Vorbemerkung 



samte psychische Leben eines Menschen unter einer solchen Devise 
abspielen soll, das muß zunächst hier unerörtert bleiben, bis es 
möglich sein wird, an einem größeren Material ähnlich durch- 
gearbeiteter Analysen die prinzipielle Bedeutung derartiger unbe- 
wußter Leitmotive für das Schicksal der Menschen, für ihre 
Leistungs- und Liebesfähigkeit wie für das Verständnis der Neu- 
rosenbildung zu erfassen und für die Therapie fruchtbar zu machen. 

Wien, Weihnachten 1923. 



Die Analyse des Kastrationswiderstandes 

Die erste Übertragungsreaktion : 
Flucht vor dem Mann (Vater) zur Mutter 



Aus dem ziemlich typisdi verlaufenden „Eroffnungs spiel" der ersten 
Wochen habe ich nur einen Traum aufgezeichnet, der aus dem ver- 
drängten, durch Schuldgefühl negativ gestalteten Ödipuskomplex stammt 
und — ■ wie der zweite Teil deutlich verrät — von der beginnenden 
positiven Übertragung provoziert ist. 

Traum: „Ich fahre nachhause und denke unterwegs, wie idi denn wieder 
„nach Wien kommen werde, wo ich ja sein sollte (wegen der Analyse).^ Ich 
„weiß aber nicht, warum ich nachhause muß. Zuhause sagt man mir, daß 
„doch der Vater krank ist, das halte ich ja wissen können. Ich will zu 
„ihm hinaufgehen, um ihn zu küssen,^ erfahre aber dann, daß meine 
„Mutter gestorben ist. Ich bin ganz außer mir, und will sie noch ein- 
„raal sehen. Da kommt sie noch für ein paar Minuten (wie vom Himmel 
„herunter), nur um Abschied zu nehmen. Ich ersticke sie fast mit meinen 
„Küssen, bin aber dann traurig, daß die Mutter wieder weg muß, 
„die aber selbst sagt, man solle nicht darüber reden." 

Zweiter Teil: „Tante Marie (die Frau von Onkel Frank) hat auf ihrem 
„Kleid zwei Flecke, die nicht ausgehen. Dann ist der Onkel ein 
„anderer (ich weiß aber nicht wer) und die Tante weint um ihn, als 
„wäre er gestorben." 

1) In runden Klammern stehen Nebe ob e merkungen des Träumers, eventuell 
auch erst naditräg-lich gemadite. 

2) Die Hervorhebungen, die vom Analytiker herrühren, betreffen für die 
Deutung- wichtig-e Stellen. 



Die Analyse des Kastrationsviiderstandes 



Assoziationen: Patientin hatte am Tage vorher ihre Freundin Elsa 
getroffen, die sich nach einer Analyse noch nicht ganz konfliktlos fühlt, 
und einen befreundeten jungen Arzt Max, der über die Analyse im all- 
gemeinen sdiimpfte. Dies wird zum Anlaß der Äußerung ihres Wider- 
standes gegen die Analyse, den sie in die Form des infantilen Ödipus- 
komplexes kleidet. — Sie hatte der Freundin Bonbons angeboten, die sich 
mit der Füllung am Kleid einen Fleck gemacht hatte. Einen anderen Fleck, 
der durch Abwetzen des Stoffes entstanden war, hatte Patientin selbst 
auf ihrem Kleide bemerkt. 

Deutung: Sie identifiziert sich also einerseits mit der ungeheilten 
Freundin, deren „Fleck" (Neurose) nicht ausgeht, anderseits mit der Frau 
des Onkel Frank, der infolge des Namensgleichklangs mich repräsentiert. 
Sie weint also in der Rolle der Mutter über den für sie „gestorbenen" 
Vater, der unerreichbar war, wie jetzt der Analytiker. Damit verrät uns der 
Traum, daß ihre Neurose („Fleck") aus der Identifizierung mit der Mutter 
(Ödipuskomplex) stammt und auf dem daraus resultierenden Schuld- 
gefühl beruht, das der erste Traum darstellt. Dieses Schuldgefühl bewirkt 
hier — wie so häufig — eine scheinbare „Umkehrung" des Ödipus- 
komplexes, das heißt einen Negativabdruck desselben, der eben eine neu- 
rotische Affektverschiebung im Dienste der Entlastung des Schuldbewußt- 
seins darstellt. Die dahinter liegende Libido Situation, die ja auch in der 
Übertragungssituation des zweiten Teiles zum Ausdruck kommt, drängt 
sich im ersten Teil an der Stelle in den manifesten Inhalt durch, wo sie 
den Vater küssen will, aber erfährt, daß die Mutter gestorben ist. Dieser 
Gedanke gibt einerseits das libidinöse Motiv für den Todeswunsch gegen 
die Mutter an, anderseits ist es der Ausdruck des Sdiuldgefühls, das 
zwangsneurotisch formuliert erscheint: Wenn ich den Vater küsse, muß 
die Mutter sterben! 

Der Gedanke vom Tode (Krankheit) des Vaters, bezw, des Onkels 
(der ein Bruder der Mutter ist) wiederholt aus der aktualisierten Sexual- 
angst vor dem Mann {in der analytischen Situation) die alte Libidoflucht 
vom Vater zur Mutter, gleichzeitig auch die infantile Reaktion dagegen, 
die eben eine Verschiebung des gegen die Mutter gerichteten Todes- 
wunsches auf den Vater ermögUchte, Dieses Stück neurotische Verschie- 
bung (aus Schuldgefühl) des Hasses auf den Mann — mit dem Patientin 
eben auch aktuell immer Konflikte hatte — versudit sie unter dem 



Die erste Obertragungsreaktion 



Einfluß der positiven Übertragung rückgängig zu machen; dabei kommt 
die natürliche Konkurrenz gegen die Mutter (bezw. Frau des Onkels, 
Tante) und das dazugehörige Schuldgefühl allmählich zum Vorschein und 
zur Abreaktion. Im Sinne der ursprünglichen (natürlichen) Mutterbindung 
entspricht auch die primäre Übertragung in der Analyse der der Mutter 
geltenden Libido, die Patientin im Traume am ursprünglichen Objekt zu 
realisieren versucht, indem sie vom Ersatzobjekt, dem Analytiker, zur 
Mutter flieht. Sie will gewissermaßen ihre neurotische Reaktion gegen den 
Mann in der Analyse wiederholen (ihm weglaufen, ihn töten, was sie oft 
genug bewußt gegen ihre Freunde gedacht hatte), wird aber durch den 
Einfluß der inzwischen geschaffenen Übertragungssituation sozusagen zu 
einem Geständnis ihrer eigentlichen unbewußten Einstellung gezwungen. 
Diesem peinUchen unbewußten Geständnis sich zu entziehen, ist die ein- 
gestandene Tendenz des Traumes, der ja deutlidi sagt, daß sie ihren 
Ödipuskomplex lieber — zuhause — wiederholen als — in der Analyse 
— erkennen will. Also ähnlich dem klassischen Ödipus der Sage will sie 
vor der Analyse ihres eigentlichen Elternkomplexes fiiehen, verrät ihn aber 
gerade im selben Traum, der diesem Fluchtgedanken in Widerstandsform 
Ausdruck gibt.' 



Von den beiden „Flecken" des Traumes, besonders von dem zweiten, 
abgewetzten, führt der Weg über eine Reihe nicht aufgezeichneter Träume 
genau nach seclis Wochen Analyse zur Aufklärung des Kastrations- 
komplexes, der' sich durch gehäuft auftretende Symbolik (von leeren 
Zimmern, in denen nichts ist, kahlen Wänden etc.) aufdrängte. Diese 
typische Symbolik war bei der Patientin individuell determiniert durch 
die wenige Monate vorher erfolgte Verheiratung ihrer (jüngeren) Schwester, 



I) Ahnliches sehr häufig' in Träumen wahrend der Analyse. So z. B. in 
einem sehr ähnüdien Traum einer Hysterika, die [sidi deutlich als Madonna träumt 
(vgl. auch oben die Identifizierung' mit der unbe-f leck-ten Maria), mit einem 
Baby vom Vater {heilige Familie), und in einer weiteren Traumszene von einer 
Frau, mit der sie im Bette He^t, etwas gefragi: wird, was sie ihr absolut nicht 
sagen kann. Was sie in dieser pseudo- homosexuellen Situation, die der Ver- 
leugnung des Ödipuswunsdies dient, nicht sagen kann (Analyse), ist gerade 
die libidinÖse Einstellung zum Vater, die der übrige Trauminhait allm offen 
verrät In derartigen Träumen ist dann der „Widerstand" an einem Punkt 
konzentriert. 



IQ Die Analyse des Kastrationstpiderst an des 

deren Wohnung die Patientin zusammen mit der Mutter eingerichtet hatte 
(leere Zimmer füllte, die kahlen Wände mit Haken versah, um Bilder 
daran zu hängen etc.). Neben der Kastrations Symbolik („nichts da") spielte 
dabei die Deflorationssymbolik {etwas hineingeben) eine gewisse, aktuell 
bedeutsame Rolle. 

Die erste Akzeptierung 
Der Widerstand des Entwöhnungstraumas 
Nach der ersten Aufklärung des Kastrationskomplexes erzählt die 

Patientin in der __ „ , 

oa. btunde: 

Traum: „Ich hatte einen Traum, leider weiß idi nichts mehr davon. 
„Nur soviel, daß Arthur darin vorkam. Dann war da eine Frau, mit der 
„er sich unterhielt. Dann fragte er mich etwas, aber ich wußte, es war 
„dieselbe Frage, die er ihr gestellt hatte und dachte, ich solle jetzt 
„dasselbe antworten wie sie, dann würde ich midi bei ihm beliebt 
„machen. Aber ich h^be ihm schließlich nicht geantwortet." 

„Dann war noch etwas da: so wie vier Stücke Stoff oder Strümpfe; 
„zwei waren kürzer und zwei länger. Aber dann nodi etwas, das 
„war aber verschwommen; idi weiß nicht mehr." 

Assoziationen: Zuerst zum zweiten Teil des Traumes. Ein Pyjama, das 
sie zuerst auf der Reise nach Wien getragen hatte. Vor längerer Zeit 
wollte ihr Arthur eines kaufen, tat es aber nicht. Als sie ihm dann später 
eines schenkte, sagte er, das hätte er ihr eher kaufen wollen. 

Die vier (Stücke) erinnern sie an vier Glas Sekt, die am Abend vorher 
Max bezahlt hatte. 

Zum ersten Teil fällt ihr auf Befragen nach den Assoziationen ein: 
Die Frau im Traum, schwarz gekleidet, eine bestimmte lebenslustige Witwe, 
welcher Paul, ein Freund, der sie vor der Bekanntschaft mit Arthur liebte, 
den Hof gemacht hatte. Audi Arthur sei am letzten Sylvester mit einer 
Frau dieses Typus bekannt geworden und abends vor dem Traum habe 
Max einer solchen Frau Konfetti geworfen (wie übrigens damals Arthur). 

Dann fällt ihr eine Szene ein, die sie am Traumtag bei der Frauen- 
ärztin erlebt hatte, welche Patientin sogleich in Wien aufgesucht hatte, da 
sie einen Fluor mitbrachte.' Im Wartezimmer habe eine Frau mit einem 

1) Die Herkunft dieses Fluor erwies sich bald als Identifizierung mit Elsa, 
der Patientin, die nach der Analyse einen Fluor bekommen hatte (s. S. 18). 



Die erste Akzeptierunn 



11 



Kind gewartet, das nicht brav gewesen sei. Die Mutter habe darauf dem 
Kind gedroht, ihm mit der dort liegenden Schere die Daumen abzu- 
schneiden, was großen Eindruck auf unsere Patientin gemacht hatte. 

Die Frauenärztin habe konstatiert, daß wider Erwarten die Entzündung 
stärker geworden sei und habe getragt, ob sie sicli gut aufgeführt habe. 
Patientin antwortete: ja, obwohl sie wußte, daß sie den Alkohol nicht 
hätte trinken sollen. Habe sich wahnsinnig über die Ärztin und ihre Ge- 
wissenhaftigkeit geärgert, 

Deutung: Die Traumgedanken zeigen ihre Reaktion auf die analytische 
Aufklärung des Kastrationskomplexes, indem sie ihn inhaltlich akzeptiert 
— im zweiten Teil des Traumes — und formal dagegen protestiert — 
im ersten Teil des Traumes: Der erste Teil kleidet den formalen Protest 
in die Formel: idi plappere nicht nach, was man mir vorsagt (oder von 
mir zu hören erwartet),' 

, Sie identifiziert meine (supponierte) Frage nach dem Kastrationskomplex 
mit der Traumfrage ihres Liebhabers (positive Übertragung) und der indis- 
kreten Frage der Frauenärztin, über die sie wütend ist (negative Über- 
tragung) und gegen die sie durch das Sekttrinken am Abend protestiert 
hatte. Aber gerade in diesen Protesten — zu denen auch die Pyjama- 
Assoziation gehört (Hose) — steckt die Anerkennung: denn von den 
vier Glas Sekt führt eine direkte Linie zur Hauptwurzel des Kastrations- 
komplexes, zu den vier Stücken, von denen zwei kürzer und zwei länger 
sind. Der Zusatz „oder Strümpfe" macht uns aber darauf aufmerksam, 
daß wir die vier in zwei Paare, also 2X2 zu zerlegen haben. Mit der 
Zwei sind wir aber beim realen (infantilen) Substrat der Kastrations- 
idee, dem Enlwohnungstrauma angelangt. Sobald Patientin in der Traum- 
erzählung zu den zwei kurzen -^ wie sie selbst assoziiert — „abge- 
schnittenen" und den zwei langen Stücken kommt, wird es „ver- 
schwommen", sie weiß nichts mehr, das heißt, sie will nicht an die Ur- 
situation erinnert werden, wo sie trinken konnte, so viel sie wollte, ohne 
jemandem darüber Rechenschaft geben zu müssen.^ 

1) Diese Reaktion entspridit der sonst bewußt geäußerten Formel; Das werden 
Sie sagen (daß das der Knstrationskomplex ist). 

2) Dies ist im infantilen (neurotischen) Sinne zu verstehen; aktueli kommt 
hinzu, daß sie der Fluor seit einigen Tagen, da sie hier eine neue Bekanntschaft 

mit Max - gemacht iiat, sehr stört. Vermutlich gibt er ihrem Sexuaiwider- 
stand Ausdruck, soll sie schützen. Denn der Fiuor steht mit der infantUen 



12 



Die Analyse des Kaslrtitionsuilderslandes 



Demgegenüber steht die im (ersten) Traum breit dargestellte Identi- 
fizierung des erwachsenen Ich mit der lustigen Witwe, dieser mütterlichen 
Figur, welche der Patientin infolge der Übertragung wieder zugewiesen 
wird (Mutteridentifizierung; siehe den vorigen Traum). Die Eifersucht — 
der Geliebte unterhalt sich mit dieser Frau — entspricht der in der Analyse 
aktualisierten Ödipusein Stellung und so ist die schwarzgekleidete lebens- 
lustige Witwe die Patientin selbst in der Trauer um die Mutter', d. h. 
aber identifiziert mit ihr (an ihrer Stelle). Der Traum sagt also, daß sie sich 
nur in der weiblichen Rolle „beliebt" bei den Männern machen kann, was 
sich im infantilen Sinne auf die Ödipussituation, im analytischen Sinne darauf 
bezieht, daß sie mittels der Übertragung imstande wäre, die unbewußten 
Sexualwiderstände aufzugeben und die sexuelle Mutterrolle zu akzeptieren. 
Aber nur unter einer Bedingung, deren Formulierung die folgende Über- 
setzung des Traumes ergibt: Wenn ich diese Rolle akzeptieren soll, dann 
müßte ich den Erfolg als Frau haben, der mir in der infantilen Situation 
versagt war und den mir auch die analytische Situation zu versagen 
scheint (Übertragung), Die Zweiteilung des Traumes entspricht also 
formal einem Konditionalsatz, der inhaltlich die Bedingung formuliert, 
unter der die Patientin die „Kastration" akzeptieren könnte; d. h. aber 
letzten Endes die psychische Lösung von der Mutter, dargestellt im Ent- 
wöhnungstrauma (Verdoppelung der zwei Brüste). 

Dies zeigt bereits der Traum der nächsten Nacht, der, von der sym- 
bolischen Darstellung der „Vier" ausgehend, die Analyse des Zählzwanges 
einleitet. 



Kastrationsidee und der virginalen Defloration sang-st in der Reihe der g-enitalen 
Beschädigungfen, gegen die sie sich neurotisch wehrt, und die über den 
„Kastralionskomplex" bis aufs Geburtstrauma nurückg-ehen. 

1) Infolge des Schuldgefühls und des dadurdi verschobenen Hasses steht in 
der oberflächlichen ScbiiJite die Witwe für die „Mutter". 



Die Analyse des Zählzwanges 



39. Stande: 
Das erste Kunststück 

Traum: „Idi bin Ski gelaufen, eigentlich auf einer Rodelbahn, und vor mir 
„ist ein Mann gelaufen, ihm entgegen ist von unten ein Mann im Schlitten 
„gekommen und der Skifahrer ist genau mitten seinen Körper hinauf- 
„gefahren, bis auf den Kopf (dann ging es nicht mehr) und ist von rück- 
„wärts in den Sdilitten gefallen. (Ich habe das von oben aus der Perspektive 
„gesehen). Dann bin ich selbst weiter gefahren, aber es ist immer schwerer 
„geworden, ich bin immer tiefer in den Schnee eingesunken (und endlich 
„ganz stecken geblieben). Da habe ich bemerkt, daß ich die Skier ver- 
„kehrt anhatte, an der unteren Fläche, wo sonst eine Rinne ist, war 
„ein Vorsprung und ich dachte, ich hätte die Skier so anziehen müssen, 
„daß unten die glatte Fläche ist." 

Das zweite Kunststück 
„Dann war ich wie im Theater an einer (Logen-)ßrüstung und gegen- 
„über war eine Treppe. Unterhalb meiner Loge war noch eine weiter 
„vorspringende Loge, (in der jemand gesessen ist). Auch neben mir 
„ist jemand gesessen (ein junger Mann), der vier Marken herunterfallen 
„ließ (wie die Verschlußmarken von Rechnungen). Unten stand ein Mann 
„(ein Portier), dem er winkte, daß er sie heraufbringen solle, aber der 
„bemerkte es nicht (oder wollte nicht). Da kletterte der junge Mann 
„über die beiden Logenbrüstuiigen hinunter, holte die Zettel und 
„kletterte wieder hinauf: es war wie ein Kunststück." 

Assoziationen: Das Nicht weiterkönnen im Schnee erinnert sie an ein 
Erlebnis vom Traumtag, wo sie mit einem 40jährigen Herrn ein Gebäude 
besichtigte und der Mann beim Treppensteigen asthmatisch keudite; 



14 



Die Analyse des Zäklzwanges 



diese Stiege erinnere sie auch teilweise an die Traumstiege, Nach- 
her war sie mit dem Herni in einer Gesellschaft von vier Personen in 
einem Weinkeller gewesen und schließlich habe er sie im Auto allein 
nach Hause beg-leitet. Er sei ihr sehr sympathisch gewesen, sie habe sich 
geborgen gefühlt. Die Deutung auf Vatcr(-Ideal) war naheliegend und 
das Zusammenfahren konnte Patientin selbst in diesem Sinne bestätigen, 
indem ihr zum Schlittenfahren der Vater („unser Schlitten") und das 
häufige Zusammenfahren mit ihm in der Kindheit einfällt. — Ferner fällt 
ihr zum Steclienbleiben im Schnee eine Szene mit Arthur an einem 
Wintersportplatz ein, wo sie zum erstenmal bemerkte, „daß es nicht geht" 
(mit ihm). Zu Rinne und Vorsprung bringt sie die Frage, ob das nicht 
mit dem gestern besprochenen „Komplex" zusammenhänge (Kastration). 



Deutung: Der nicht weiter kann, ist also einmal sie selbst (in der 
Liebe) und dann der Vaterersatz von gestern (der kränklich ist, asthmatisch 
keucht). Daher bedeutet das St edten bleiben ihr eigenes Nichtweiter- 
können in der männhchen Rolle, infantil gesprochen in der Vateridenti- 
fizierung, die sehr frühzeitig und unter dem Druck einer intensiven 
Mutterbindung, die Stelle der verdrängten Liebe zum Vater eingenommen 
hatte, Ihre „Männlichkeit" drückt auch der vor ihr fahrende Skimann aus, 
der das Kunststück, nämlich ein Mann zu sein, der mitten hinauf- 
fahren kann, zustande bringt. 

Dies führt zum eigentlichen Motiv ihrer männlidien Identifizierung, 
der Muiterbindung. Denn Rinne- und Vorsprung-Symbol, die sich mehrere 
Male im Traum wiederholen, bedeuten mehr als bloße Symbole des 
Kastrations- Komplexes, wie die Rodelbahn, die auch eine vollkommen 
glatte Fläche darstellt und der Vorsprung darauf, über den sie fährt 
(Schlitten), den Vater, also das Männliche. Ebenso ist die Treppe (im 
zweiten Traum) eine glatte schiefe Ebene mit Vorsprüngen (den Stufen). 
Im zweiten Teil entspricht dem der Gegensatz von glatter Wand und 
Vorsprung (Brüstung). Die obere Brüstung ist, wie der Name sagt, Symbol 
der Brust, der untere Vorsprung soll den schwer vermißten Penis ersetzen. 
Das Herunter- und Herauf klettern entspricht dem „Kunststück" des Ski- 
läufers; bei beiden Kunstücken ist Patientin Zuschauerin, d. h, identi- 
fiziert sich mit dem männhchen Künstler. 

Als ich ihr die Symbolik der glatten und unebenen Wand als weib- 
liches bezw, männhches Symbol erkläre und mit dem kindlichen Klettern 



Die erste Deutung des „Kiinsfs/äcics" 15 

auf dem Körper der Erwachsenen erläutere, hat sie plötzlich den Einfall, 
daß ihr Onkei sie im Alter von 3 bis 4 Jahren auf die Schulter zu 
heben pflegte, worauf sie die Hände bis zur Dedce ausstreclite; er nannte 
das „auf der Decke gehen" (Kunststüdi!). Ihr habe das immer riesiges 
Vergnügen gemadit, sie hatte sich schon von einem Tag zum andern darauf 
gefreut. Dann fällt ihr weiter ihr jüngerer Onke! Frank ein, auf dessen 
(liegendem) Körper sie als Kinder eifrig herumgeklettert waren. Dann der 
Vater, der ihr und der jüngeren Schwester Rechenstunde zu geben 
pflegte, indem er auf dem Sopha ausgestredtt lag, während die Kinder 
auf kleinen Schemeln zur Seite saßen. Wahrscheinlich seien sie bei dieser 
Gelegenheit audi auf dem Vater herum geklettert. Dazu eine Szene mit 
etwa 6 Jahren, wo sie an einem Sonntagmorgen (sie erinnert noch die 
diarakteristische Sonntags musik, die ihr jetzt so verhaßt ist) im Bett des 
Vaters auf ihm herumkletterte; sie müsse dabei sein Genitale gefühlt, 
vielieidit auch gesehen haben. 

Einfälle zu den vier Marken: Es waren eigentHch Karten, wie man 
sie jetzt in den Kaffeehäusern vom Kellner bekommt: „der reißt vier ab", 
sagt Patientin weiter. Ich frage „Warum gerade vier?" Sie: „Es sind 
eigentlich mehr; sie sind wie Stempelmarken, ringsherum gezackt, aber sie 
haben noch ein Stück separat zum Abreißen. (Siehe meine erläuternde 

1 ] ; Skizze). Dann; der Mann (Portier) 

I : : ; ; hat sie einigem ale heraufgereicht, 

: I ; dreimal, das vierte Mal hat es 

■ aber dem jungen Mann zu lange ge- 

; I dauert und da ist er selbst herunter- 

■; ; i geklettert. 

; ; Die vier Marken entsprechen also 

genau den vier Stücken Stoff, zwei 

kürzeren und zwei längeren, nur ist hier die Verdoppelung noch einmal 
durchgeführt (die vier Marken zum Abreißen haben noch einmal etwas 
zum Abreißen); und im viermaligen Herunterfallen ist das Ganze noch- 
mals nach Art des Hydra-Motivs vervielfacht, was ja typisch für die Ver- 
leugnung der Kastration, der Trennung im Sinne aller infantilen Traumen ist' 

I) Wir haben in der Analysen stunde die naheliegende Masturbationsbedeutunff 
des AbfeiSens nicht erwähnt, weil wir mit der Aufdeckung der hmter dem 
Kastrationskomplex liegenden Traumen tief unter die Wurzeln der Mastur- 
bation gelangen. 



16 Die Analgse des Zählzwanges 

Die Zahl Vier habe schon frühzeitig in ihrem Leben eine Rolle ge- 
spielt; so in der späteren Schulzeit (um das 12, Lebensjahr, wohin übrigens 
auch die Traumstiege verweise). Seit einigen Tagen verfolge sie die Zahl 40; 
daher habe sie wahrscheinlich gesagt, der Herr sei 40 gewesen, obwohl 
sie bestimmt wußte, er sei 45. Zu 4 und 40 fällt ihr 48 — 1848 — politisch 
wichtiges Jahr — Nationalhymne — Patriotismus ein. Zum ersten Teile 
der Nationalhymne, die sie als Kind zwangsmäßig wiederholen mußte, 
pflegte sie damals sdion die Ziffer 4 zu schreiben; sie nahm dann wohl 
auch nur das erste Wort des Liedes. Die Ziffer 4 pflegte sie dann mehr- 
mals zu sdireiben, zuerst nebeneinander, dann untereinander, dann zu- 
sammenhängend. Ich fordere sie auf, mir diese verschiedenen Stadien 
niederzuschreiben {siehe ihre eigenen Skizzen). 






Man ersieht daraus deutlid) den Zusammenhang mit der Stiege und 
versteht, daß die 4 für sie den vermißten „Vorsprung" bedeutet, den sie 
sich ins Unendliche ersetzt. Ihr Zählzwang hat denn audi, wie sie bei der 
Gelegenheit schildert, das Charakteristische, durch seine Tendenz zur Un- 
endlichkeit peinlich zu werden,' Wir werden nicht fehl gehen, ihren Zähl- 
zwang mit den väterlichen Rechenstunden in Zusammenhang zu bringen; 
Patientin war damals im Rechnen schwach, ihre jüngere, damals vier- 
jährige Sdiwesler viel besser und daher vom Vater gelobt. Durch späteren 
Ehrgeiz im Lernen suchte sie die damalige Zurücksetzung auszugleichen, 

1) Femer hat sie den Zwang', an Herrenweaten die Knöpfe von Uöten herauf 
bis lur Mitte und von oben herunter bis zur Mitte zu zählen; es sind meist 
sieben, wie sie behauptet, wobei in der Mitte ein Knopf übrigbleiben muß. 
Man sieht darin ein Vorbild der Linie, die der Skifahrer über die Körpermitte nimmt. 
— Bei den Westenknöpfen handelt es sich uro sekundär nadi oben verschobene 
Hosenknöpfe (Penis), deren infantiles Urbild die Brustwarzen der Mutter sind. 



Das „organische" Kunststück 



aber auch gegen den Willen des Vaters ihren MännHchkeitskomplex im 
Studium ausiuleben. 

Die Deutung des Doppeltraumes ist nach all dem leicht zu geben. 
Sie protestiert gegen die Akzeptierung der Kastration (Weiblidikeit) einer- 
seits durch Männlichkeit (Vater-Identifizierung), anderseits durch Zurück- 
gehen in die kindliche Rolle an die Mutterbrust (Vorsprung, Brüstung, 
Herumklettern) gegen das reale Substrat der Kastration, die Trennung von 
der Mutter (Entwöhnung).' Patientin ist also, wie alle weiblichen Neu- 
rotiker, auf dem Wege zur Übertragung der mütterlichen UrUbido auf 
den Vater stedcen geblieben, bezw. hat sich vom enttäuschenden Vater 
wieder zur Mutter zurückgewendet, um dann mit der zwangsneurotischen 
Sekundärabwehr, weldie gleichzeitig durch die Vateridentifizierung die 
Mutterregression ermöglicht, auf dieses erste Sexualtrautna zu reagieren. 

40. Stunde: 

Das organische Kunststück: 

die Verschiebung des „Katarrhs" 

Patientin denkt an den gestrigen Traum (es ist zum erstenmal, daß 
sie auf einen Traum zurückkommt), und zwar an die Rodelbahn. Es er- 
innert sie an ein „Skibild", das ihre Schwester nadi der Hochzeitsreise 
für ihren Mann gekauft hatte, und zwar als Erinnerung an den Winter- 
sportplatz, an dem sie ihren Mann kennen gelernt hatte (es ist derselbe 
Ort, den Patientin gestern als Konfliktstation mit Arthur assoziiert hatte); 
sie wollte auch ein Bild kaufen (Identifizierung mit der Schwester, Heirat), 
tat es aber nicht, was sie nachträglich bedauerte. 

Der Skifahrer auf dem Bild hatte eine weiße Jadte an. Da fällt mir 
auf, daß Patientin heute einen weißen gestrickten Jumper trägt, den sie 
schon gestern hatte, obwohl es nicht kühler war als die vorhergehenden 
Tage. Ich frage nach dem Grund? Sie sagt, gestern vielleicht wegen des 
Skifahrers (Identifizierung), denn heute sei sie so stark verschnupft, daß 
sie ihn auf jeden Fall angezogen hatte. Tatsächlich hat Patientin einen 
so heftigen Katarrh, daß ich sie kaum verstehen kann. Ein weiterer Grund, 
den sie für das heutige Tragen des Jumpers anführt, macht die „psychische" 



1) Daß dabei auch die Ziffer 4 verwendet wird, mag' im Sinne Groddccks 

Erinnerungen an Mutter und Amme entspredien. (S. auch den spateren 
Traum von 4 Brüsten.) 

Rnnb, NcDTOsenaDHtyH 4 



Natur ihres Schnupfens wahrscheinlich. Sie sei gestern wieder bei der 
Frauenärztin gewesen, die meinte, daß kaltes Wetter dem Katarrh schäd- 
lich sei. Wieder habe sie sidi darüber geärgert, abends aus Trotz Wein 
getrunken und bei der Autofahrt mit dem Herrn den Hut abgenommen. 
Er habe gefragt, ob ihr das nicht schade? Hier Hegt eine Quelle des 
Sdiuldgefühls für die Bestrafung mit dem Schnupfen, der zugleich einer 
Verschiebung des „Katarrhs" von unten nach oben dient, von der Rinne 
auf den Vorsprung, so daß die Krankheit auch genau den Weg mitten 
über den Körper nimmt wie der Skifahrer.' Patientin sagt selbst, sie habe 
schon gedacht, daß der Schnupfen „psychisch" sei, aber in anderem 
Sinne: sie wollte nämlich von der Freundin, die jetzt da sei, gepflegt 
werden. Dazu assoziiert sie einen Schnupfen, bei dem Arthur sie 14 Tage 
gepflegt hatte; dann eine zweite Nasenerkrankung, die man durcli Opera- 
tion zu heilen suchte, wobei ihr der „Vorsprung" weggenommen worden 
war (sie hatte damals 14 Tage lang „unmotiviertes" Fieber). Von hier aus 
eröffnet sich ein Einblick in die psychische Bedingtheit ihrer Nasen- 
krankheit und -Operation, den sie durch nadistehende Erinnerungen er- 
läutert: „Ml hatte schon als Kind immer mit der Nase zu tun und er- 
innere mich, daß meine Mutter das Nasenbobren damit kritisierte, ich 
werde eine so unschöne Nase bekommen wie der Vater sie habe. Die 
Nase des Vaters hat mich immer, so weit ich zurückdenken kann, ge- 
stört. {Versdiiebung nach oben, wie sie Patientin jetzt an sich selbst macht).^ 
Ich konnte sie nicht leiden, fand sie ekelhaft, besonders ihr „Zittern". 
Nadi der Operation, die nicht komplett war, hatte ich eine schiefe Nase 
wie mein Vater (Identifizierung). Die Nase ist für die Patientin ein 
unzweifelhaftes IVläonlichkeitssymboI (Penis) auf Grund der Identifizierung 
mit dem Vater, die „Operation" der Nase (Kastration) ein Versuch, 
wenigstens körperlich (symbolisch) in die weiblidie Rolle zurückzukehren, 
wenn dies schon psychisch (infolge der Neurose) nicht möglich war. Dem- 
entsprechend greift Patientin jetzt in der Analyse bei Auflösung des 

1) Daraus geht au<^ hervor, daß sie sich mit dem Mann im Sdiütten (Vater) 
identifiziert, der durch das Darüberfahren glatt gemacht (kastriert) wird. Der 
Untersdiied der Geschlechter wird also geleugnet (der Mann soll auch keinen 
Penis haben) und zwar im tiefsten Sinne der Genitale nttauschung (Geburtstrauma). 

2) Charakteristisch für ihr Zwangsdenken ist die Form, in die sich diese 
Einsidit bei ihr kleidet. „Beim Herfahren (in die Analyse) in der Elektrischen 
wollte idi dreimal zu meiner Freundin sagen : „\Cenn der Schnupfen jetzt gut 
wird, dann wird auch der Katarrh gut," Habe es aber als „Unsinn" unterdrückt. 



Kastrationskomplexes auf diesen „männlichen Protest" zurück und ver- 
schiebt den Katarrli von unten nach oben, von der weibUchen auf die 
männliche Steile. Sic sagt damit: ich habe doch einen Penis wie der Vater, 
wenn audi einen kastrierten (operierten), beschädigten. Diese Beschädigung 
selbst, nämlich der Katarrh, ist durch den Fluor determiniert, der selbst 
nieder — wie so häufig — psychisch motiviert ist. Patientin war nämlich 
in die Analyse gekommen durdi Empfehlung der genannten Freundin 
Elsa (mit dem „Fieck", s. S. 8), so daß ihr Freund Arthur kritisch 
bemerkte: „Du machst ihr alles nach! Weil sie in der Analyse war, müßt 
Du auch gehen!" Diese Identifizierung äußert sich weiterhin in der Über- 
nahme des Fluors, den die Freundin nach der Analyse bekam und den 
unsere Patientin in ihre Analyse mitgebracht hatte, Sie gab damit nicht 
nur ihrem Widersland Ausdruck (ich bin so unheilbar v^^e die andere, 
mein „Fleck" geht auch nicht weg), sondern gestand damit auch ihr 
genitales Schuldbewußtsein (Bescliädigung) ein, da sie die Schwester be- 
wußt um die Heirat beneidete, wahrend das Unbewußte die Defloration 

als „Kastration" ablehnt. 

4L Stande: 

Ein weiteres Organsymptom (Harndrang) 
Heute Schnupfen stärker, schlechte Nacht, Fieber, macht midi verant- 
wortlich, Wut, Kommt ohne Jumper, halt ihn für überflüssig. Denkt noch 
immer an den Skitraum. In der Nacht hat sie die Nase gepackt, sie war 
dick und groß, dachte an Penis! — Dann starken Harndrang, Gefühl, 
als ob etwas heraus müßte, das in früheren Zeiten auch sdion da 
war. Eindruck, daß das „psychisch" sei. Ihr Peniswunsch versucht es also 
jetzt mit dem Urinieren wie ein Mann (Harndrang); anderseits steckt in 
dem Gefühl, daß etwas heraus muß, die Geburtsphantasie. Sie hat großen 
Widerstand, Wut gegen mich, dann gegen sich selbst und zeigt deutlich 
den Konflikt zwischen männlichen und weiblidien Tendenzen. (Nächste 
Tage verlaufen noch ähnlich in starkem Widerstand.) 

44. Stande: 
Hysterische Traumdarstellung der 4 

Patientin berichtet, ihr Sdieidenkatarrh sei seit dem Tage der psychisdien 
Aufklärung weg,' Dafür sei der Nasenkatarrh stärker. 



1) Sie hat ihn natürüdi später wieder bekommen, weil er in seinen tieferen 
Wurzeln noch nidit vers landen und akzeptiert werden konnte. 



20 Die Analyse des Zahlzvianges 

Traum: „Es war eine Straße auf einen Berg (in einer Stadt meiner 
„Heimat), auf der ich gegangen bin. Da war auf einmal mein SchulkoUege 
„Z. da und sagte mir, ich solle etwas schreiben. Ich wollte es gleidi 
„erledigen und so hob ich das Bein und schrieb es auf dem Knie 
„auf eine Papierserviette. Dann sagte er, es sei doch unbequem, ich solle 
„zu ihm ins Haus kommen. Wir gingen und kamen zu einem Haus mit 
„Veranda, auf der Menschen saßen, unter denen mir eine Frau auffiel 
„(weiße Haare, Bourgeois-Typus). Er ging die Treppe hinauf, idi zur 
„Haustüre hinein, die ich zuschlug. Da konnte ich aber nicht mehr 
„hinaus. Meine Freundin Elsa kam hinunter und schimpfte mit mir, daß 
„ich das getan (zugeschlagen); jetzt sei ein Häkchen heruntergefallen 
„und es ginge nicht mehr auf. Es ist dann aber doch aufgegangen 
„und es war ein Mann draußen. Dann war ich bei meiner Schneiderin, 
„es klopfte, ich gehe aufmachen und jemand sagt: Herr und Frau Rat 
„lassen sagen, man solle hineinkommen. Ich sagte darauf: Wir haben jetzt 
„keine Zeit und schlage die Türe zu! Da klopft es wieder, Herr und 
„Frau Rat stehen selbst draußen. Er kommt herein und fragt, was denn 
„das für eine Manier sei!" 

Deutung; Es handelt sich um einen Übertragungstraum, der den Konflikt 
darstellt, mir zuliebe (Vaterfigur) auf den Peniswunsch zu verzichten und 
die weibliche Rolle, d. h, die sexuelle Identifizierung mit der Mutter zu 
akzeptieren. Hinter dem Schulkollegen 2., mit dem sie gut stand, steckt 
im Traum meine Person. Idi hatte sie ja aufgefordert, ihre Viererphantasien 
gleich niederzuschreiben; sie hatte damals gedacht: Schade um das schöne 
Papier, während ich ihr tatsächlich irgend einen Zettel gegeben halte, 
der gerade bei der Hand gewesen war. Zur Papierserviette assoziiert 
sie „Klosettpapier" (in der Schule hatte sie reine Papierservietten 
zwanghaft-anal-gesammelt). Sie zeigt also im Traume ihre Willigkeit, 
mir zu folgen — auch im wahren Sinne des Wortes — aber statt die 
4 zu schreiben, stellt sie sie sozusagen „hysterisch" dar, macht sie mit dem 
gebogenen Knie eine Vier, einen Vorsprung, d. h., sie protestiert gleidi- 
zeitig gegen das Weiblichsein. Sie geht aber doch mit ins Haus (Assozia- 
tion: wie sie öfters Schulkameraden in deren Hause besucht hatte), dann 
aber folgeriditig nicht auf der (männHchen) Stiege, sondern durch die 
(weibliche) Tür, bei deren Zuschlagen das Häkchen abfällt (Genitalbe- 
schädigung.) Daß ihre Freundin im Traum schimpft, entspricht der Um- 



Ihre Ahendmahhgmbolik 



21 



kehrung des wirklichen Verhältnisses, denn die Freundin halte ihr gerade 
zur Analyse geraten, die sie jetzt gegen den Widerstand der Eltern 
(Herrn und Frau Rat) macht und die in der (psychischen) Kastration be- 
steht („Schneiderin"). Die Gefangenschaft ist zugleich Libidofixierung 
(Übertragung) ' und erinnert sie an einen Lehrer (aus ihrem zehnten 
Lebensjahr), der mit über den Tisch herabhängenden Beinen (dieselbe 
Vierer-Stellung des gebogenen Knies wie sie im Traume) zu sitzen pflegte 
und zwischen den unten gekreuzten Füssen die Mädchen festhielt. 

Ihre Abendmahlsymbolik 

Zur Veranda und der Gesellschaft fällt ihr das Abendmahl ein, von 
dem sie schon früher geträumt und assoziiert hatte und das noch weiter- 
hin eine Rolle spielen wird. Hier, sagte sie, saßen auf jeder Seite drei; 
beim Abendmahl sagt sie, saßen auf jeder Seite doppelt soviel (sedis) 
und in der Mitte einer. Das Abendmahl gehört also einerseits in ihre 
Ziffemsymbolik und repräsentiert dasselbe wie die Knöpfe an der Herren- 
weste (vielleidit auch, weil man nur die „Köpfe" sieht), stellt also wieder 
die selige Urzeit vor der Trennung von der Mutter, das Essen (Totem) 
dar (Zum Abendmahl siehe weiter S, 28). 



1) Das Nichtm eh rhinaus können — wie auch im Märchen — typisches Mutter- 
leibssymbol. 



Analyse der Phantasiebildungen 

Das leidende Heldenideal (Teil, Jesus) 
Die „Rettung" als Kunststück 

Zu Gefangen sdiaft fällt ihr ein alter voranalytischer Traum ein, 
wo sie über eine künstliche Brücke dringend zu einer bestimmten 
Zeit irgendwohin mußte, aber die Brücke immer abbröckelte.^ Einfall 
dazu ist jetzt Wilhelm Teil am Vierwaldstättersee, wie er sich, ange- 
bunden, aus dem Schiff rettet (Kunststück). Teil ist einer ihrer Lieblings- 
helden und steht hier, wie sich aus einem anderen Traum ergab, für den 
Vater, den sie „retten" wollte, ebenso aber für die Phantasie der eigenen 
Rettung aus der Gefangenschaft durch den Vater (Befreiung aus der 
Mutter). Zu Teil gehört ein leider nicht aufgezeichneter Traum, der die 
erste Übertragung deutUch zeigte und von dem ich nur nachträglich er- 
innerte, daß auf einem Schiff Patientin und vier Männer angebunden 
waren, die sie befreien wollte. Es ging aber nicht, denn die Männer 
saßen so fest gebunden, daß sie die Träumerin und ihre Winke nicht 
sehen konnten, während der Aufseher von ihr nidit gesehen werden 
konnte, dagegen sie beobachtete. Wir erkannten darin leicht eine Dar- 
stellung der analytischen Situation — (Patientin wußte, daß ich damals 
vier Patienten halte), wo sie den Aufseher nicht sehen konnte — in 
der infantilen Wunsch umkehrung, den Vater zu „retten". Damals ging es 
im Traum vom Sdiiff durdi eine „hohle Gasse". Dieser Traum hatte 
auch Assoziationen an Jesus gebradit, der im Sturm auf dem Meere 
ruhig schläft, während die Apostef sich ängstigen, und beim Erwachen 

1) Die „Kastrations "-Bede utuQ{r des nidit weiter analysierten Traumes ergibt 
sich aus seiner Assoziation im oben stehenden Zusammenhang; eine weitere 
(Vater-) Bedeutung folgt gleich unten ; die tiefste — Geburtsbedeufung' — wird 
später klar werden. 



_Ü 



Das leidende Heldenideal (Teil, Jesus) 



23 



das Meer beruhigt, also Wunder tut (Kunststück). Jesus und Teil 
sind Gefangene und Befreite, dann auch Befreier; sie decken die 
Personen des Vaters wie des Analytikers und führen zutiefst in eine 
masoehistische Intrauterinphantasie der Patientin, die als Mann (Held) das 
Kunststück des Eindringens in die Mutter zustande gebracht hat 
und nun gefesselt ihrer Befreiung durch den Helden (Vaterideal) harrt. 
[Diese Befreiung aus der Gefangenschaft kehrt dann in ihren analytischen 
Losungsträumen der letzten Phase als Wiedergeburtsphantasie wieder.] 

* 
Am nächsten Tage kommt sie wieder mit kolossaler Wut gegen mich. 
Sie habe so viel zu tun, sei so gehetzt. Sie war beim Kosmetiker, beim 
Nasenarzt und beim Frauenarzt. Sie wollte sich an einem Tage einige 
Naevi und die schiefe Nase operieren lassen. Heute habe sie sich direkt 
auf dem Gedanken ertappt,, was sie sidi noch alles wegnehmen lassen 
könnte. Dann habe sie die kolossale Wut gegen mich bekommen. 

* 
Die folgenden Tage nach dem weiten Vorstoß in die infantilen Wurzeln 
ihrer Neurose, denen der „Kastrationskomplex" als Widerstand vorgelagert 
war, hat Patientin heftige Widerstandsreaktionen aus dem Andrängen der 
teilweise befreiten weiblichen Libido, die vom Mann (Analytiker) unbe- 
friedigt bleibt und daher einerseits die neurotische Wut gegen den Mann 
(Vater) auslöst, anderseits zur Mutterregression führt. 



51. Stunde: 
Die „masoehistische" Rettungs-Phantasie 

Erst heute habe idi wieder einen Traum verzeichnet, der zeigt, wie 
heftig sich nun die Patientin gegen das Aufgeben der Mutterfixierung 
zugunsten der (femininen) Sexualbefriedigung, d. h. der Muiteriden- 
tifizierung sträubt. 

Traum: „Ich hatte mit Arthur ein Rendez-vous wie zu einem Rennen, 
„aber er ist nicht gekommen. Dann bin ich doch hingegangen und habe 
„dort einen hohen Abhang gesehen, wo man (mit einer Zahnradbahn) 
„hinauf- und (auf der anderen Seite) herunterfahren konnte. Es war 
„eine Art Volksbelustigung." 

„Dann war ich auf der Bahn, der Zog war schon im Fahren wie idi 
„eingestiegen bin, aber meine Freundin Elsa hat gesagt, ich soll aus- 



„steigen und ich bin abgesprungen (nach links wie bei der Wiener 
„Elektrischen) {Hatte Mäntel auf dem Arm)." 

„Dann war dort auf dem Bahnhof eine grofie Maschine, die hatte 
„etwas von einer Lokomotive. PlötzUch ist das aber unter Wasser ge- 
„kommen und aus der Maschine wurde ein Schiff (das durdi seine 
„Propeller Ähnlichkeit mit einem Luftschiff hatte). Ich bin auch ge- 
„schwommen, hatte aber Angst, daß es mich erdrücken wird und habe 
„es weggestoßen. Es ist auch weggegangen und da bin ich erwacht." 



Assoziationen; Bei einem Rennen war sie im Sommer mit Arthur 
gewesen; sie hatten eigentlich nicht gehen wollen, aber Bekannte hatten 
dazu gedrängt. Als sie endUch hinkamen, war es denen zu teuer, sie 
selbst gingen aber doch, weil sie schon da waren. Das bezieht sich auf 
ihren Widerstand gegen die Analyse, in die sie ja (von der Freundin 
Elsa) geschickt worden war und in die sie sich jetzt genau so fügt, obwohl 
es teuer ist und keine Libido befriedigung bringt (er kommt nicht zum 
Rendez vous). Dem gleidien Gedankengang gehört die Aufforderung der 
Freundin an. aus dem fahrenden Zug auszuspringen, d. h. die bereits be- 
gonnene Analyse aufzugeben. Dazu die Assoziation, daß die Freundin 
im Sommer gesagt hatte, sie denke nicht mehr ans Heiraten. Das Fahren 
repräsentiert für die Patientin, von den zahlreichen gemeinsamen Fahrten 
mit dem Vater her, die schuldbe setzte Mutteridentifizierung, die sie eben 
nicht vollziehen konnte. Patientin versucht nun in der Analyse ihre 
weibliche Rolle so abzulehnen wie in der Kindheit nach der Enttäuschung 
am Vater, sie wird aber durch die Überfragung daran verhindert (geht 
dann doch hin). 

Zu Rennen fällt ihr ihre Vorliebe für Sport ein, bei dem sie großen 
Ehrgeiz entwickelte (vgl. Ski — „ Man nJichkeits komplex") und eine Kind- 
heitserinnerung, wie sie und ihre Schwester „Schütteln" fuhren, wobei die 
Sdiwester sich den Daumen — nein den kleinen — Finger verstaucht habe. 

Bei dieser Gelegenheit mache ich sie wieder auf den Zusammenhang 
der Zahnradbahn, deren Vorsprünge in Vertiefungen eingreifen, mit 
früheren Traumsymbolen (Rodelbalin, Ski, Vorsprung) aufmerksam, worauf 
sie sagt, das über eine schiefe Ebene hinunterführende Zahnradbahn- 
geleise erinnere sie an die endlose „Viererkette". 

Von da kommt sie auf Maschinen. „Die Masdiine im Traum war wie 
meine Nase, Nasenmuschel — Unsinn, sie war eigentlich wie ein Ge- 



Die „masochislische" Retiungsphotitasie 



25 



birge, eine Gebirgsnase, spitz, nach zwei Seiten steil abfallend. Darauf 
sind viele Matrosen gesessen, auf den Kanten und Vorsprüngen und oben 
war einer angebunden, ein Galeerensträfling', der saß rittlings, bekleidet 
mit einem weißen Hemd {ein Hemd wie Teil, der Hirte). Um ihn herum 
zirkulierte ein Treibriemen (der war auch weiß, wie das Hemd). Der 
Sträfling war wieder der, der sich aus allen Situationen (mit „Kunst- 
stücken") rettet, 

Deutung: Das Ganze stellt zunädist einen vervielfachten Protest gegen 
den Kastrationskorapi ex dar; die Nase ist ein ungeheurer Penis, die Vor- 
sprünge darauf bedeuten dasselbe und die Matrosen auf den Vorsprüngen 
sind wieder Männlichkeitssymbole, In dem angebundenen Sträfling iden- 
tifiziert Patientin sich in ihrer analytischen Situation und auf Grund ihres 
Schuldbewußtseins mit dem Vater, woher ja ihr ganzes Männlichkeits- 
streben stammt. Der männUche Protest heißt also nur oberflächlich; ich 
möchte ein Mann sein (kein Weib); dahinter liegt als Genese die Moti- 
vierung, weil ich den Vater nicht haben kann, deswegen will ich nicht 
weiblich sein, muß zurück zur Mutter, was nur in der männlidien 
Rolle (als Vater) möglich ist. (Hinter der biologischen Mannlidikeit steht 
psychologisch die Väterlichkeit, genau wie hinler der biologischen WeibÜdi- 
keit psychologisch die Mütterhchkeit, die Identifizierung mit der Mutter.)' 
Aus dem Fall der Patientin geht dies mit unzweifelhafter Klarheit 
hervor. Denn neben den im Vordergrund stehenden, bereits angeführten 
Männtichkeitssymbolen stehen — wie schon im ersten Teil des Traumes 
— die Symbole der weiblichen Einstellung und des Verzichtes auf den 
männlichen Protest zugunsten der Libido (Übertragung). So wird die 
Maschine von der männhchen (oder bisexuellen) Lokomotive zum mütter- 
lichen Schiff, das, wie die Patientin selbst (auf dem Rücken), schwimmt, 
mit dem sie sich also in ihrer anaiytisch-libid inÖsen (Intrauterin-) Situation 
identifiziert. Zum Wegstoßen fällt ihr ein, daß es dabei im Traum so 
leicht wie ein Kinderspiel zeug aus Karton war, daß es immer wieder 
zurückgekommen sei [Fixierungstendenz] und daß sie sich gedacht 
habe, ich werde schon entkommen, was einerseits wieder die Identifizierung 

1) Man vg'l. im früheren Traum die angebiindenen Sdiiffsleute; ebenso Jesus 
und die Apostel auf dem Sdiiff (!) ; ferner den gefesselten Tel!. 

2) In dieser Auffassunjr liegt der Untersdiied zwischen Adlers willenspycho- 
logischem männlidien Protest und der biologischen Auffassung der analytischen 
Libidotheorie. 



26 



Analyse der Phtmtasiebildungen 



mit dem angebundenen Sträfling bestätigt, anderseits die weitere ana- 
lytische Bedeutung hat, daß es ihr gelingen werde, von der Bindung an 
die Mutter (Schiff) loszukommen, wenn sie in der analytischen Situation 
Ersatz dafür finde. Welcher Art dieser gewünschte Ersatz ist, zeigt die 
altere symbolische Bedeutung des Vorsprungs (der Gebirgsnase) als 
Mutterbrust, an der die Patientin — mit dem leidenden Helden iden- 
tifiziert — festgebunden ist, damit sie nicht gelöst werden kann (Wider- 
stand gegen Analyse der Mutterfixierung durdi Männlichkeitstendenz). 
In diesem Kunststück ist ihre ganze unbewußte Phantasie- 
bildung vom Heldenideal bis zur masochistischen Retlungs- 
phantasie dargestellt. 

52. Stunde: 
Heute, am Monalsschluß, Geldwid erstand aus Übertragung. Zählt an 
meinen Büchern (Libido -Übertragung in Form des Zählzwangs). ' Sie habe 
dies früher audi schon getan, zuhause vom Bett aus (!), am Ofen die 
Kacheln gezählt. In .letzter Zeit wieder — unter dem Einfluß der ana- 
lytischen Libidobefreiung; angefangen habe es in der Volksschule mit 
6 — 7 Jahren. Damals habe sie auch Angst gehabt. Wovor? Daß jemand 
hereinsteigt. Auch jetzt noch bei ihrem letzten Aufenthalt zuhause habe 
sie sich nicht einmal ans Fenster getraut, weil jemand von den vorbei- 
kommenden Arbeitsleuten hätte auf sie schießen können. Man könne auch 
in ihr Zimmer besonders eicht einsteigen, weil sich unterhalb Küche und 
Keller befänden. Die Mutter behaupte zwar das Gegenteil, aber Patientin 
konnte das nie einsehen. Erst jetzt falle ihr ein, wie unsinnig ihre eigene 
Ansicht gewesen sei! Wieso? Ja, es seien ganz gewöhnhche Fenster, wie 
bei jedem Hause und eine glatte Mauer. Früher, als sie noch mit der 
Schwester zusammen geschlafen habe, wäre es leichter gegangen, denn unter 
diesem gemeinsamen Zimmer habe sidi ein Balkon befunden und auch ihr 
Zimmer selbst hatte einen solchen und die beiden Balkons waren durdi 
Stangen verbunden. „Aber beim späteren Zimmer, wo ich allein schlief, 
war gar kein Vorsprung!" Man siebt hier deutUch, wie die libidinöse 
Wunschtendenz das reale Urteil der Patientin verfälsdit, die erst durch 
Auflosung des der Angst vorgelagerten Kastrationswiderstandes zur Be- 
richtigung ihres Urteils gelangt. Ihre Urteilsfälscbung hängt offenbar mit 



1) Der Zusammenhang dieses „libidinosen Zählens" mit der Verdrängung der 
Masturbationsphantasien wurde später erörtert. 



infantilen Libidoentwicldungen zusammen, da sie ja die aus dem ersten 
(Kindheits-) Zimmer ins zweite (erwachsene) mitgeschleppten Angstgefühle 
durch das alte Verdrängungssymbol (Angst vor Einsteigen) zu rationali- 
sieren sucht und die frühinfantile aktive Ubidophase (Masturbation) gegen 
die spätere — durdi das AUeinsdilafen sozusagen sanktionierte weibliche 
festzuhalten sudit (der „Vorsprung" muß auch später da sein). 

Ich mache die Patientin dann darauf aufmerksam, daß diese beiden 
Balkons — der männliche und der weibliche moclite man sie nennen — 
offenbar das reale Vorbild der beiden übereinanderHegenden Logen- 
brüstungen im Traum von den beiden Kunststücken seien (vgl. dessen 
Deutung S, 14), was sie durch Erinnerung einzelner Details vollauf be- 
stätigen kann. 

S3. Stunde: 

Die Hochzeit 

Patientin bringt das heute fällige Monatshonorar nicht mit, obwohl 
sie es sdion bereit hat. Kauft sidi aber ein Abendkleid. 

Traum: „In der Kirche war so wie ein Zimmer rückwärts (dort oben 
„wo die Orgel ist); es war audi so ein Balkon. Dort bin idi mit Arthur 
„gesessen und mit uns zwei junge, mir bekannte Ehepaare. Wir haben 
„dort gegessen und getrunken (worüber ich mich gewundert habe). Ein 
„Kellner ist mit einer Platte Bäckereien gekommen und ich habe mir 
„eines ausgewählt." (Später fügt sie hinzu: „Ich habe audi dort genäht") 

„Dann habe ich die letzte Bank im Schiff gesehen — da waren wir 
„aber (nicht mehr höher) auf demselben Niveau — und gedacht, da könnte 
„ich doch besser sehen, was vorn vorgeht. Dort war Messe, ich sah 
„den Pfarrer," 

Assoziationen: Daß sie gestern mit Max in der Stephanskirche ge- 
wesen war und sich mit dem Gedanken beschäftigte, ihre Verehrer wollten 
sie nur des Geldes wegen heiraten. Dieser Gedanke ist offenbar durch die 
äuge nblidt liehe analytische Situation aktuell geworden, in der sie das 
Honorar bezahlen soll, anstatt — wie ihr Unbewußtes erwartet — libi- 
dinös belohnt zu werden. Zum Kellner mit der Bäckerei fällt ihr eine 
Szene von gestern aus dem Kaffeehaus ein, wo sie sich eine Bäckerei 
mit Fruchtsaft ausgesucht hatte, sie aber sehr teuer fand, worauf ihr Be- 
gleiter sagte, es sind ja doch zwei Sachen; da bemerkte sie, daß sie 
schon ein Stüdc auf der Tasse hatte. (Das — feminine — Bezahlenlassen 



28 Analgse der Phanlasiebildungen 

von ihrem Begleiter — an Stelle des unweiblichen Bezahlens: Honorar — 
fanden wir schon bei den vier Sektgläsern. S. 10.) 

Deutung; Der Traum, welcher den Begriff „Hochzeit" darstellt {Kirche, 
junge Ehepaare, Essen), heißt also in ihre anal)^ische Situation eingesetzt: 
Statt ihm zu zahlen, mochte idi, daß er mir etwas schenkt, nämlich Libido, 
d. h. mich heiratet; dann werde ich auch weiblich sein {nähen und mir 
etwas schenken lassen: Geschenk — Kind); nicht wie jetzt, daß ich mir 
das Festkleid selbst kaufen muß. Ihr Unbewußtes faßt sozusagen das 
Honorar als Mitgift. 

Es ist klar, daß hinter dieser analytischen Hochzeit zunächst die Iden- 
tifizierung mit der kürzlich vermählten jüngeren Schwester steht und 
letzten Endes die infantile Ödipussituation, auf die das Schuldgefühl der 
Patientin wieder mit der oralen Mutterbindung reagiert (Hochzeit ist 
Essen und Trinken; zwei Sachen {zum Essen und Trinken); besser 
sehen, was vorn vorgeht). 

Am nächsten Tag erzählt sie prompt, sie sei in Freund Max verliebt. 
Ich erkläre ihr das als Ersatz für die analytisch aufgeklärte Übertragungs- 
liebe und füge hinzu, als solcher sei es als Widerstand zu werten. Darauf 
bekommt sie Wut gegen den Vater, d, ii. gegen den Analytiker, der siiii 
durch Versagung von Libido die Vaterrolle usurpiert. 

S5. Stande: 
Am folgenden Tag berichtet sie, sie hätte ihrem Freund gesagt, daß 
sie während der Analyse im Verkehr mit ihm zurückhaltend sein müsse 
und er hätte sich damit abgefunden. 

Das „wirkliche" Abendmahl 

Traum {der erst allmählidi deutlich erzählt wurde): „In einem Saal, in 
„dem zwei Tische nebeneinander standen (wie beim Abendmahl). Zwischen 
„ihnen stand meine Großmutter und aus ihrem Rücken kam Feuer (wie - 
„aus einer handtellergroßen Brandwunde), das dann auch auf nebenstehende 
„Personen übergriff. Jetzt fällt mir ein, auf mich und Max." 

Assoziationen: Zu Saal: Hochzeit, u. zw. die der Schwester; nur standen 
damals die Tische anders. Zu Großmutter Einfall, daß diese (s. Z.) im 
Frühjahr geheiratet und im September ein Kind bekommen hatte, nämlich 
die Mutter der Patientin. Es handelt sich also um die Rechtfertigung ihres 
eigenen Wunsdies nach einer Liebschaft mit Max (bezw. dem Analytiker). 



Das „wirkHAe" Abendmahl 



29 



Auf diese Deutung reagiert sie mit dem Einfall: Ja, gestern habe ich 
wirklich an Kinder von ihm gedacht, 

„Was fällt Ihnen zu Rücken ein?" „Es ist die Stelle, von der ich weiß, 
daß eine bekannte Frau nach dem Gebären eine Rücken marks^eschwulst 
bekommen hat," Hier zeigt sich, daß die Identifizierung mit der Groß- 
mutter neben der libidinösen Seite auch die Straftendenz in sich trägt. 
Patientin fügt hinzu, daß sie an derselben Rückenstelle einen Naevus 
habe, den sie sich wegbrennen lassen wollte. (Das Wegnehmen der 
Naevi kennt sie bereits als Kastrationssymbol. Hier zeigt sich auch die 
Geburtsbedeutung [Naevus =Gcburtszeichen= Muttermal]). 

Jetzt fällt ihr spontan ein: „Die Wunde war eigentlich am Gesäß, das 
Feuer kam aus dem Mastdarm. Ich muß an Verkehr von rückwärts 
denken," Ich erkläre ihr daraus den Kindeswunsch des Traumes als infan- 
tilen' (anales Kind vom Vater, durch Identifizierung mit der Mutter) und 
zeige ihr, daß zum analen Kind auch die Befruchtung durdi den Mund 
gehört, die im Traum als Essen dargestellt ist (vgl. im vorigen Ödipus- 
traum das Backwerk, hier das Abendmahl, beides letzten Endes auf die 
Befriedigung an der Mutterbrust zurückgehend.) Zum Abendmahl im Traume 
fällt ihr ein, daß eine bekannte Dame ihr erzählt hatte, in Holland werde 
das Abendmahl wirklich noch an so gewöhnlichen Tischen dargestellt. 
Das hatte großen Eindruck auf sie gemadit, weil sie sich unter dem 
Abendmahl — auch dem des Leonardo — nie etwas Wirkliches hatte 
vorstellen können. Dort aber lebt der Heiland wirklich unter ihnen 
und man ißt wirkliches Brot, nicht solche Oblaten (Ersatz). 

Deutung: Dieser Gegensatz von wirklich und künstlich (vgl. 
I Leonardo!) bedeutet hier wie überall in der Analyse den Gegensatz der 
I wirklichen Libido- Ansprüche des Patienten und der Schein- Befriedigung in 
I der Analyse, die allmählich auch bewußt gemacht wird. Sie will wirkliche 
Libido („Brot, nicht Steine") und einen wirklichen Heiland, der unter uns 
[lebt.^ Auch dieser Widerstand, ursprünglich auf das Ernährtwerden be- 
I züglidi (vHrkliches Essen, nicht Ersatz), geht letzten Endes auf den Verlust 



1) Die Großmutter kann ja kein Kind mehr bekommen,, wie Patientin (auch 
isJs Kind) noch keines. — Patientin hatte schon früher gedacht, daß analer Koitus 
tarfl besten vor der Konzeption sdiützen und dodi Befriedigung geben konnte. 

2) Bei der Konfirmation hatte sie in der Kirche eine Vision des Heilands 
tals schwebenden Eng-el gehabt. 



30 Analyse der Phantasiebildnngen 

der mütterlichen Lusfquelle zurück. Die Betten (Ehebetten) sind, wie so 
häufig, symbolisch durch Tische ersetzt, weii die orale Befriedigung an 
der Mutter (Essen) der infantilen Libido entspi'idit. 

Dazu fällt ihr ein, daß Max gestern, als vom Heiraten die Rede war, von 
getrennten Schlafzimmern gesprochen hatte. Patientin hatte ihm bei- 
gestimmt, es aber innerhch bedauert. Im Traum schließt sie ein Kompromiß, 
indem die Ehebetten nicht ganz zusammen, aber im selben Raum getrennt 
stehen.' „Jetzt fällt mir das Nachtkästchen zwischen den Betten ein; so 
schlafe ich jetzt mit meiner Freundin und so habe ich früher mit der 
Schwester geschlafen. Die Großmutter vertritt also auch das Nachtkastei, 
da sie wie dieses zwischen den Betten steht; sie repräsentiert auch das 
Anale, wie das Nachtkästchen (Nachttopf), Dazu Toilettetisch der Schwester 
(Toilette wieder mit analer Nebenbedeutung) und Bett des Vaters, das 
wie dieses tief und niedrig war. Soldie (moderne) Betten hat die jung 
verheiratete Schwester, deren Hochzeit also Patientin auf ihre (infantile) 
Weise im Traum nachphantasieri. Die Assoziationen von Vaters Bett 
haben dabei die unbewußte Bedeutung der Heirat des Vaters, der (analen) 
Libido- Befriedigung durch ihn. Das Feuer symbolisiert die Libido (Liebe) 
und repräsentiert in seiner negativen Eigenschaft zugleich die Strafe. 

Auf meine Vermutung, ob nicht die Großmutter durdi ihre prominente 
Stellung im Traum auch den Heiland repräsentiere, entgegnet sie sicher: 
„Nein! Ich habe den Heiland separat in der Mitte sitzen gesehen 
(wie am Bild mit Locken, ähnlich wie ich selbst)." Auch hier also ist 
Patientin, wie in einem früheren Traume mit dem Heiland identifiziert, 
was einerseits ihrem Männlichkeitswunsch im Sinne der Vateridentifizierung 
entspricht, anderseits aber durch Betonung der weiblichen und infantilen 
Züge des Heilands (Locken, Wunde, Engel) ihm widerspricht, d. h, zur 
Mutterbindung' gehört. (Kreuzigung, Fesselung, Gefangenschaft, Befreiung, 
Auferstehung.) Vor der Großmutter seien sie gestanden wie das Paar bei der 
Trauung vor dem Pfarrer (denn an einem Tisdi sei Patientin gesessen, am 
anderen Max). Dazu fällt ihr ein: „Was Gott vereinigt hat, soll der Mensdi 
nicht trennen!" (Ehe, die Betten; mein „Verbot" ihres Liebesverhältnisses.) 
In der trennenden, brennenden Großmutter straft Patientin also auch das 
Libidoverbot des Analytikers. Diese Auflehnung fiele aber nicht so stark 

1) Wie in einem früheren, nicht notierten Traum, wo der Vater krank im Bette 
der Mutter lag-. Dort waren auch die Betten auseinander. (Trennung,) 



aus und würde sich nicht in diese Form kleiden (Darstellung durch ein 
Weib, Geburt), wenn nicht der tiefere Protest gegen jedes Trennungs- 
Trauma dahinter stünde: Was Gott vereinigt hat, soll der Mensch nicht 
trennen! In der genitalen Schichte des Traumes steht der Heiland — 
wie in ihrer Zählneurose — für das Kind und den damit identifizierten 
Penis, der in der Mitte übrig bleibt, und die Betten — wie ein Blick auf 
ihre Skizze zeigte — ergeben zusammen ein vaginales Symbol (Mutter.) 
Der Traum bedeutet, daß sie sich mit den infantilen Traumen ab- 
finden, sidi darüber trösten könnte, wenn sie nur (feminin) hbidinös 
befriedigt würde (Hochzeit). Sonst nicht! 

56. Stande: 
Der erste „analytische" Zwang 

' Patientin hat wieder geträumt, „weiß aber nur noch, daß es das Schul- 
gebäude war, sonst gar nichts." Ich frage sie: „Wie hat es denn aus- 
gesdiaut, schildern Sie es vielleicht!" Darauf lacht sie und erklärt: „Ich 
wollte sagen, es war ein glattes Gebäude, nur in der Mitte 
hatte es einen Vorsprung!" Sie hat also den Traum sozusagen durdi 
die „Deutung" kopiert. 

Ihre weiteren Einfälle zeigen das Festhalten an der infantilen (Mutter-) 
und neurotischen Fixierung (Penis wünsch): Dabei geht Patientin vom 
Zwangsdenken auf Handlungen über, um sich die Realität ihrer unbe- 
wußten Phantasie zu beweisen. 

aj Ich zähle nicht mehr die Fenster, sondern muß mit den Fingern 
entlang der Rahmen fahren und dabei das mittlere festhalten. 

bj Die Nase tut mir noch immer wirklich weh. Dazu assoziiert sie 
eine Bekannte, die Krebs oder Tuberkulose hatte, zuerst nur eine offene 
Wunde auf der Nase, dann aber war das ganze Gesicht zerfressen. 

c) Gestern habe idi in der Bahn eine Station überfahren. Wieso? Ich 
bin die vierte Station von Wien ausgestiegen statt der dritten (weil ich 
Meidling, einen Vorort von Wien, nicht gerechnet habe). 

dj Beim Herfahren, (in die Stunde) in der Elektrischen dachte ich, 
daß der Kastrations-Komplex noch nicht ganz weg sei (habe mir aber 
gesagt: Ödipuskomplex). D. h. daß der Kastrationskomplex als Protest 
dem Ödipuskomplex vorgelagert ist und durdi ihn (Libido) überwunden 
werden kann. 



32 Analyse der Phantasiebildimgen 

Die Analyse wiederholt also die ganze Entwicklung der Ur Verdrängung, 
Hier zeigt sich, daß die Analyse bereits ao Stelle des alten Zwanges züm 
Zwang zu werden beginnt. 

Die nädisten Stunden zeigen das Andrängen der Libido unter der 
Übertragungs Wirkung, ihren Rückprall an der Versagung und die daraus- 
folgende Verwandlung in regressiven Widerstand. So z. B. hat Patientin, 
die ein paar Minuten länger als sonst im Wartezimmer warten (!) muß, 
sofort die Phantasie, daß sie einen Penis mitten abbeiße. Sie behält ein 
Gefühl von Übelkeit davon. Dazu erinnert sie eine Verfiihrungsszene aus 
ihrer Pubertätszeit, wo ein Mann vor ihr exhibierte. 

Dieses „Verführungstrauma" und sein starker Eindruck, den Patientin 
durch die Beißphantasie aktualisiert, zeigen deutlich, daß ihre neurotische 
Einstellung zum Manne, die sich als „Penisneid" manifestiert, auf der 
Gleichsetzung des Penis mit der vermißten Mutterbrust beruht (Beißen). 
Daher flüchtet sie in ihren Träumen vor der aktuellen Sexualforderung 
(„Hochzeit") immer-wieder zur Situation der Ernährung (Abendmahl) an 
der Mutter zurück (im Traum zwei Mehlspeisenl) 

58. Stunde: 
Kindheitserinnerungen an die Geburt der Schwester 
Unter dem Druck der aktuellen Libido versagung (in der analytischen 
Übertragung) fluten die Erinnerungen der Patientin in die gleichen infan- 
tilen Versagungssituationen zurück, an denen sich ihre Neurose genährt 
hatte, und bringen gleichzeitig die infantile Angst herauf. Sie erinnert 
eine bestimmte Zeit ihrer frühesten Kindheit (etwa 3 Jahre), wo sie mit der 
Mutter allein war, ohne Vater, nur die Großmutter war mit. Ein Kinder- 
bettchen mit einer davor sitzenden Ziege, die zur Mutter gehorte. — 
Das soll die nährende Muttermilch symbolisieren, im Gegensatz zum „un- 
treuen" Vater, der immer abwesend war. Schon vor Geburt der Patientin 
selbst hätten sie einen großen Hund gehabt, der sie dann bewacht habe 
und neben dem Wagerl herging. Sdion damals habe die Mutter immer 
geweint Ob es sich nur um ein Zurück phantasieren des „untreuen" 
Vaters bis in die Zeit vor der eigenen Geburt handelt oder um eine edite 
Erinnerung, jedenfalls ist die Tendenz des Erinnerns unverkennbar und 
führt in eine Phase der Identifizierung mit der Mutter zurüde, wo Patientin 
genau so wie die Mutter vom Vater verlassen war. 



Erinnerungen an die Geburl der Schwester 



33 



Dann folgen — in der nächsten Stunde — ganz spontan und unver- 
standen bildhaft auftauchende Erinnerungen an die Geburt der Schwester, 
welche in das zweite Lebensjahr der Patientin fällt (1 Vt Jahre). Auf 
diese Geburt reagierte Patientin, wie nicht anders zu erwarten, mit Eifer- 
sucht und Beseitigungswünschen (Patientin sieht die Schwester vor sich 
in den Windeln und murmelt mechanisch; Das kleine Wurm sollte man 
vernichten).' Dann beginnt sie sich mit der (schwangeren) Mutter zu iden- 
tifizieren, weil der Vater in der Zeit mit der Mutter zärtlich war wie 
sonst nie. Aus der Enttäuschung am Vater folgt nun Wut gegen ihn, 
Eifersucht auf die (bevorzugte) Mutter und Neid gegen das Schwesterchen. 
Die Geburt des Schwester<iiens bedingt also nicht gleich die Abwendung 
vom Vater; zuerst wird der Versuch gemacht, es durch Identifizierung 
mit der Mutter als eigenes Kind (vom Vater) zu akzeptieren. Erst das 
Mißlingen dieses Kompromisses führt zur schroffen Abwendung vom 
Vater, die das Motiv zur Mutterrü dtkehr in der Identifizierung mit 
ihm und damit zu ihrer Neurose legt. Das dürfte etwa im 4. Lebensjahre 
der Patientin gewesen sein, die in diesem Alter aus dem Geburtshaus 
übersiedelte. ' 

Von da an war ihr der Vater unsympathisdi geworden und daher halt 
sie ihn in ihrer Erinnerung im alten Hause fest, ehe sie übersiedelten 
und wo auch anfangs die Schwester noch nicht da war. Eine visionäre 
Erinnerung zeigt ihr — beim Holen des Eies — den Vater in Hemdärmeln^ 
unter einem blühenden Apfelbaum mit einem Fabriksmäddien stehen. 
Vielleicht war es die, von der sie später hörte, die Mutter verdächtige 
sie eines Verhältnisses mit dem Vater. „Aber nein", wendet Patientin 
selbst ein, „sie hat mich ja zu den Hühnern begleitet, Sie hatte einen 
Arm halb abgeschnitten, den ihr die Maschine weggenommen hatte," 
Diese tendenziöse Erinnerungsfälschung — Vater steht mit ihr — ver- 
knüpft die weibliche Einstellung zum Vater mit der Akzeptierung der 
Kastration ( Arm absdi neiden) und stellt zugleich die Strafe für den Ödi- 

^^ 1) Dazu Erinnerung aus ihrem jweiten Lebensjahr, wo sie in den Hühner- 

^^k stall ging-, um Eier zu holen und dann in der Küche eines fallen lieS. Das muß 

^^^^B unmittelbar nadi der Geburt der Sdiwester gewesen sein. 

^^^^f 2) Zuerst irrt sie sich und behauptet: Vir sind crleich nach der Geburt der 

^^V Sdiwester aus dem Geburtshaus weggeganffen. Das beweist den großen Eindruck 

^^^^^ dieser Geburt (Vertreibung aus dem ersten Haus: der Mutter). 

^^B 3) Vgl, Teil und die Sträflinge in Hemd (S. 26). 

^^^^^H Ranic, Neurosen analyae 3 



34 Analijse der Phantasiebildungen 

puswunsdi {Ehestörung) dar. Bis heute kann Patientin alle Arten von 
Maschinen nicht ausstehen, von denen sie doch so oft träumt (Lokomotive, 
Zahnradbahn, Flugzeug),' weil sie mit dem Beruf des Vaters verknüpft 
sind, dem dieser allerdings, ihrer Meinung nach, viel zu viel Interesse 
(Libido) widmete. 

Der Familienroman 

Dieser Konflikt fand eine schließliche Losung in ihrem späteren Phantasie- 
Ideal des „Amerikanismus" — wie sie es selbst nannte — , in dem auch 
ihr Familienroman gipfelte. Sie beginnt darin in Amerika als Abwasch- 
mädel (siehe das Fabriksmädel des Vaters), arbeitet si»i allein empor, 
bringt es weit, um dann groß und reich nach Hause zu kommen. In 
dieser späteren Form des Familienromans ist mehr die Identifizierung 
mit dem erfolgreichen Vater, also die männliche Komponente betont, 
während sie auf näheres Befragen angibt, die Phantasie habe eigentlich 
ursprünglich so gelautet, daß sie als Kellnerin in einem kleinen schmutzigen 
Zimmer anfange und dann komme ein reicher Amerikaner („der schon 
reich ist, es nicht erst zu werden braucht" — wie der Vater, also ein 
Vaterideal) der sie hinaufführe. — Wir haben es hier mit einem schein- 
bar umgekehrten Familienroman eines Mädchens aus wohlhabendem Hause 
zu tun, der aber in seiner neurotischen Hypertrophie nur zeigt, welch 
geringe Rolle der soziale und weldi große der libidinöse Faktor im 
Familienroman spielt, dessen Wurzeln in eine infantile Periode zurück- 
reichen, wo es gar nidit anders sein kann.' Vom Familienroman her erhält 
auch ihre stark betonte Vaterrettungsphantasie eine neue Bedeutung, Sie 

1) Einige von diesen tedinischen Dingen sind für sie wejfen ihrer Beziehung' zu 
Zahlen und Nummern später bedeutsam geworden (Tramway, Telephon etc). 

2) Der Kuriosität halber setze ich den Familienroman einer anderen Patientin, 
den sie am gleidien Tage (zwei Stunden vorher) erzählte, hierher. Zufällig 
handelt es sich um eine Amerikanerin, auch aus wohlhabendem Hause, die sich 
bewußt an ihre Phantasie erinnert, nicht das Kind ihrer Eltern zu sein. Damit 
rechtfertigt sie das „illegitime" Kind, das sie sich vom Vater wünscht (siehe den 
Großmuttertraum unserer Patientin). Dazu fallt ihr ein alter Traum ein, den 
sie bis zu ihrem 8, Lebensjahre oft gehabt hatte: Drei oder mehr Indianer 
setzen sie auf ein Stach elsdi wein und führen sie fort; dieses Stachelschwein hat 
drei Beine. — Ihre Einfälle dazu sind: der Rauh durch Zigeuner, der mit 
getreuem Lokalkolorit durch Indianer ersetzt ist, und eine frühe Kinderszene, 
wo sie neben dem Schlafzimmer der Eltern schlief und frühmorgens immer nadi 
der Mutter rief — offenbar um sie vom Vater zu trennen. Einmal stürzte 



Der Familienroman 



35 



will ihn für sidi retten — nicht nur von der Mutter, sondern auch von 
seinem Beruf weg, an den er gefesselt ist, in die alten, einfachen, aber 
libidinösen Verhältnisse, bevor der übertriebene „amerikanische" Zug in 
sein Leben und also (durdi Indentifi zierung) auch in ihres getreten war. 



der Vater böse heraus und schlug sie mit der Bürste, die er gerade in der 
Hand hatte, auf den Popo! Der Traum bringt also 1, die libidinÖse Wider- 
holung' dieser Schlages/ene, wobei das Stachelschwein die Bürste, also den 
sdilagenden Vater vertritt. Die drei Beine haben — ebenso wie die drei Männer — 
phallische Bedeutung. 2. die Lösung- der verwandtschaftlichen Bande zum Vater 
(geraubtes Kind), zur Rechtfertigung des libidinösen Wunsches. 3. den Vorwurf 
gegen den Vater, daß er ein sdilediter (fremder) Vater (Indianer) sei und 
4. den aus der Abwendung vom Vater (Raub) folgenden Wunsch statt des 
analen Kindes (Schlagen) vom Vater selbst als männliches Kind (mit dem Penis) 
wiedergeboren zu werden. 



Die Analyse der Mutterregression 

61. Stunde: 
Die „Kastration" als Hindernis der Rückkehr zur Mutter 

Erst jetzt bringt Patientin wieder einen Traum, von dem sie „Dicht 
mehr viel weiß". 

Traum: „Es war in einem großen Saal (Konzertsaal) und ich ging mit 
„einem Herrn. Da kam uns ein anderer Herr entgegen, begrüßte midi 
„sehr vertraulich (hat mir die Hand unten, wie verstohlen, gedrückt) und 
„fragte mich, wie ich denn herkomme." 

„Dann ging ich in den Saal (zurück), rufe aber, daß es alle hören 
„können: Wir waren jetzt in der Vorlesung, wo wir Physik und Chemie, 
„nein Chirurgie zusammen gehört haben. Ich habe mich aber gleich 
„geschämt und gedacht, das ist doch ein Unsinn, Physik und Chirurgie 
„gehören doch gar nidit zusammen. So viel weiß ich vom Traum. Aber 
„es gehört auf beiden Seiten noch viel dazu, das ist nur die 
„M i 1 1 e." 

„Eigentlich war es so; "■ Es war wie ein Konzerthaus hier {in Wien), 
„zwei verschiedene Säle und in beiden zugleich Konzert. Dazwischen 
„war ein langer Gang, in dem wir uns wie in der Pause getroffen 
„haben. Redits war der kleinere, aber prächtigere Saal (hell erleuchtet), 
„aus dem wir kamen und in den wir zurückgingen. Gerufen habe ich, 
„bevor wir wieder hineingingen. Aus dem anderen kam Herr B., den ich 
„kaum kenne, mit dem ich nie etwas zu tun hatte. Der Gang war 
„aber so wirtshausartig; es war Bier auf dem Boden {Steinfliesen) und 
jj „am Ende führten Stufen {später: vier) zum Klosett hinauf. Der Gang 

„mit den Stufen sieht jetzt wie ein (Kino-) Bild aus, in dem als Plakat 

1) Diese g-enauere Schilderung ist im Sinne einer „Assoziation" aufzufassen. 



Die „Kastration" als Hindernis der Rückkehr xur Mutier 37 

„links oben (über der Stiege) „Chirurgie" und rechts unten „Physik" stand. 
„Es war wie eine Verlobungskarte, aber das ists ja nicht, vielleicht 
„Visitenkarte." 

Assoziationen: Unmittelbar nach der Traumschilderung sagt Patientin, 
der Traum sei ihr am Morgen eingefallen, u, zw. als sie in der Zeitung 
etwas gelesen habe, was sie an Juden erinnerte; es war ein jüdisch klin- 
gender Name, den auch ein bekannter Mediziner hatte. Dann seien ihr 
andere jüdische Kollegen dieses Mediziners eingefallen, die vor ein paar 
Tagen durchgereist waren, dann „Chirurgie" und dann der Traum. 

In der gestrigen Stunde waren Rassen- und soziale Gegensätze zur 
Sprache gekommen. Ich bin der Rassenfremde, der Jude; wir passen so 
wenig zusammen wie Physik und Chirurgie (auf der Verlobuogskarte: der 
eine links oben, der andere rechts unten). Zu Physik fällt ihr ein : Maschinen 
— Technik — Vater; sie repräsentiert also das männliche und (rassen-)ver- 
wandte Element. Die Chirurgie, bei der sie sofort an ihre Nasenoperation 
gedacht hat, entspricht der Kastration, repräsentiert also das weiblidie 
und (rassen-)fremde (jüdische) Element (Medizin). Der Mann, in dessen 
Begleitung sie sidi als Weib geniert, bin ich (Übertragung). Dann sagt 
sie sich aber sofort: Unsinn, ich kann ja doch nicht wirklich weiblich sein 
(in der Analyse), er kann mich ja dodi nidit heiraten, er ist Jude, kastriert, 
(wie ich selbst). Dann nehme ich also die Weiblichkeit nicht an. 

Deutung: Der Traum beschäftigt sich oberflächlich wieder mit dem 
Kastration skomplex, was audi in der formalen Schilderung (es fehlt noch 
viel auf beiden Seiten, das ist nur die Mitte) sowie in der Beschreibung 
zum Ausdruck kommt, wo sie sagt, es sei „in der Mitte ein feuchter 
Gang". Es handelt sich aber letzten Endes um den Versuch, von der 
Mutterbindung zur Übertragung auf den Mann zu gelangen und die 
Widerstände dagegen. 

Dies zeigt die folgende Assoziationsgruppe: 

1, Zu Bier fällt ihr ein; Kutscher, Pissoir, Es gingen Herren über die 
Stufen, die mit ihrer Toilette noch nicht ganz fertig waren oder es nach- 
lässig gemacht hatten, (In einem früheren Traum hatte sie dasselbe direkt 
vom Vater geträumt, was auf wirkliche Kindheitseindrücke des in der 
Beziehung immer sorglosen Vaters zurückging). Diese exhibitionistischen 
Erinnerungen zeigen den Weg der Übertragung an. Die Traumsituation: 
zu beiden Seiten Zimmer und in der Mitte ein länglicher Gang, hat 



t 



38 Die Analyse der Muiterregression 

mütterliche Symbolbedeutung (auch die Brüste), die jetzt analytisch auf 
den Vater (Mann) übertragen wird. 

2. Herr B., der gar keinen Einfluß auf sie hatte und mit dem sie die 
Übertragung zu verleugnen sudit {„mit dem ich nie etwas zu tun hatte" ; 
sie läßt sidi nichts suggerieren). 

3. Assoziiert die Schwester des Herrn B., die sie zwar auch nur flüchtig 
gekannt hatte, die aber im Hause ihrer besten und einzigen Freundin 
wohnte, die einen großen (suggestiven) Einfluß auf Patientin hatte; 
sie möchte sagen, wie ein Mann. Die hatte der Patientin sozialistische 
Ideen suggeriert (siehe ihren Familienroman), aber als es ihr möglich wurde, 
selbst in vornehmen Kreisen verkehrt. Diese Freundin hatte ihr auch Ab- 
stinenz aufgetragen, wogegen sie im Traum zu protestieren sucht (Bier- 
trinken, Urinieren wie ein Mann). 

Dieser Herr B. und die Freundin repräsentieren typische Libidowider- 
stände in Form von Ablehnung der Übertragung und Vorwürfen, daß der 
Analytiker Grundsätze predige, an die er sidi selbst nicht halte (Libido- 
Versagung). 

Lange Zeit ihrer Entwicklungsjahre habe sie urinieren wollen wie ein 
Mann. Spater sehen wollen, wie ein Mann uriniert und in dieser unbewußten 
Identifizierung Lust empfunden. Als ich ihr den Identifizierungsmechanis- 
mus in ihrem Wunsch nach dem (Besitz des) Penis zeige, bekommt sie 
plötzlichen Harndrang. Ich erkläre ihr diese Flucht der unbewußten Phan- 
tasie ins Organisdie (Penis), worauf sie gesteht, daß sie tagsüber tausende 
Penis gesehen habe, abgeschnitten ; eigentlich aber nidit abgeschnitten, 
sondern einen Mann, dessen Kopf und Füße abgeschnitten Äien, so daß 
nur das Mitlelstück da ist (siehe ihre Bemerkung über den Traum). 
„Auch muß ich jetzt wieder Ihre Büdier zählen, bis drei (links eins, redits 
eins und in der Mittel), das ist unangenehm." Idi sage: „Das wird schon 
vergehen!" — Sie: „Ja, aber jetzt vergeht immer nur das Unangenehme, 
z. B. daß ich jetzt auch Medizin studieren will! (Identifizierung mit dem 
jüdischen Mediziner.) Ach, idi wollte natürlich sagen, das Angenehme!" 
Dieses Versprechen gibt, wie das bei der Traumerzählung (Chemie statt 
Chirurgie) ihrem durch die Analyse entfachten Konflikt Ausdruck, der 
sich analytisdi durdi Aufgeben der Vateridentifizierung (Peniswunsch) und 
Akzeptierung der Mutteridentifizierung (Kastration) losen soll. 

Zur Deutung des Versprechens mit dem Medizinstudium fällt ihr ein, 
daß kürzlich einer dieser Mediziner sie gefragt hatte, ob sie auch studiere. 



Sie antwortete: „Später; vielleicht bis die Analyse fertig ist." Da erwiderte 
er: ,Es schien mir, daß Sie mehr ans Heiraten denken," — Diesen 
Gedanken stellt der Traym eigentlich dar, mit der (analytischen) Be- 
gründung: Wenn ich (man nii che) Libido bekomme (Übertragung), akzeptiere 
ich die feminine Rolle; da dies aber nicht der Fall ist, protestiere idi 
dagegen. Hier zeigt sich wieder klar, daß der „männlidie Protest" eigentlich 
die Fiktion ist, als die Adler den Libidowunsch hinstellen wollte, gegen 
den protestiert wird. Der Traum besdiäftigt sich in seiner oberflächlichen 
Schichte mit dem männlichen Protest: Physik und Chirurgie, die so wenig 
zusammenpassen wie Mann und Weib, Christ und Jude etc. — Aber das 
eine Versprechen, das an Stelle von Chirurgie die „Chemie" setzt, nimmt 
dem ganzen Traum den Protestdiarakter und dementiert dessen ganzen 
Sinn, indem darin der Wunsdi durchbricht, die beiden mögen so gut zu- 
sammenpassen wie Physik und Chemie, die natürlich vor allem die 
„Analyse" repräsentiert (Übertragung). Der Traum balanciert so, mit 
der den Zwangsneurosen besonders eigentümlichen Ambivalenz, auf der 
Alternative: Übertragung oder Widerstand, Akzeptierung oder Protest, 
weibUche oder männliche Rolle: je nachdem ob Libidoge Währung oder 
Libidoversagung. Aufgabe der Analyse ist es nun, die Wiederholung dieser 
infantilen Reaktion zu provozieren, bewußt zu machen und ihre Akzep- 
tierung trotz Libidoversagung zu erreichen. 

Im Traum geht Patientin in den Saal zurück, aus dem sie ge- 
kommen war, u. zw. nach dem Vorbild der Männer, die am Ende 
des Ganges mit offenen Hosen ins Kloselt hineingehen. In dieser tiefsten 
Schichte des Traumes weist die Chirurgie auf die Geburt und die Tendenz 
zur Rückgängigmachung hin. 

Ohne daß der Patientin diese letzte Bedeutung des Traumes klar 
gemacht worden wäre, bringt sie im nächsten Traum eine eindeutige 
Mutterleibsregression, die auch deutlich verrät, daß sie vor der 
Li bido-Üb ertragung auf den Mann, die analytiscli fortschreitet, zurück- 
flüchtet. 

64. Stunde: 
Analytische und Mutterleibs-Situation 

Traum: „Die Mutter hat mir gesagt, wir machen einen Ausflug ins 
„X'tal. Idi sagte, da war ich doch schon zweimal (ich war aber nur 
„einmal dort) und habe mich sehr geärgert darüber. Da hat mir die 



•^Q Die Ana lffse der Muiteregression 

„Mutter vorgesdilagen, ins Y-tal zu fahren; es war aber nur wie zur 
„Probe, sie wollte mir zeigen, wie der Ausflug ausfallen wird." 

„Wir sind also hingekommen und dort war ein Fluß mit nur wenig 
„Wasser, so daß man die Fußspuren am Grunde sehen konnte. Wir sind 
„da alle hinaufgewatel (die Schwester, der Schwager, die Mutter — der 
„Vater nicht!), ich bin aber nicht weiter gekommen. Die Anderen sind 
„hinaufgegangen (dort war kein Wasser mehr) und von oben konnte man 
„das Y-tal sehen." 

Assoziationen: Im X-Tal war sie einmal heimlich mit Paul gewesen 
und hatte es später der Mutter gestanden (eigentlich um ihr ihre Sdiuld 
daran vorzuwerfen). Die Mutter hatte aber versucht, es gut aufzunehmen. 
— „Ausflug" erinnert sie an den letzten Sonntag zuhause vor ihrer 
Abreise nach Wien. Damals sagte sie den Eltern, daß sie in die Analyse 
gehe, hätte es ihnen nicht gesagt, wegen des Geldes, wollte sogar (der 
Mutter) Vorwürfe machen, hatte aber dann gedacht, sie müßte ja eigent- 
lich den Eitern dankbar sein, daß sie ihr das Geld gaben. 

Deutung: Hier wird zum erstenmal die Analyse (der Analytiker) mit 
der Mutter eindeutig parallelisiert, allerdings in Widerstandsform (Vor- 
würfe), aber mit der positiven Unterströmung, dem Analytiker das (neue) 
Leben so verdanken zu wollen wie der Mutter. Im infantilen Sinne haben 
wir einen Mutter! ei bstraum vor uns („Wo man schon einmal war" — 
Freud), Die Vorwürfe gegen die Mutter haben neben der Ödipusbedeu- 
tung für die Patientin hier den besonderen Sinn, daß die Mutter sie hat 
a!s Mäddien zur Welt kommen lassen, nicht als Knabe; das soll durch 
die Wiedergeburt gut gemacht werden, wird es aber schon durch die 
(nur als Mann möglidie) Rückkehr zur Mutter. SchUeßlich scheint aber 
Patientin doch bereit, ihre weibliche Rolle zu akzeptieren (muß ja schließ- 
lich für das Leben dankbar sein) und zwar jetzt in der Analyse zum 
zweitenmal (daher die Veränderung der obigen Mutterleibsformel) genau . 
so wie seinerzeit von der Mutter das erstemal: d. h. so unabänderHdi ! 
Es taucht hier hinter dem verdrängten Ödipus- respektive Männlichkeits- 
komplex im Fortschritt der Analyse die starke Bindung an die Mutter auf, 
noch verborgen hinter dem Schuldbewußtsein gegen sie, das i^n 
Kernpunkt ihrer Neurose bildet und dem wir analytisch unser Haupt- 
augenmerk zuwenden müssen. — Nicht mehr der Vater ist Schuld, 
sondern die Mutter — allerdings noch in dem neurotischen Sinne, daß 



Analytisdie und Matterleibs-Sitaatiori 



41 



sie sie als Mädchen zur Welt gebracht hat; die eigentUche „Sdiuld" der 
Mutter, daß sie Patientin überhaupt geboren, dann entwöhnt und dann 
dem Vater entzogen hat, ist noch nicht akzeptiert. Im Wiedergeburts- 
wunsch aber kreuzt sidi die neurotische Männlichkeitstendenz (wieder in 
die Mutter eindringen) mit der analytischen Weiblichkeitstendenz (ein Weib 
werden). 

Der ganze Traum zeigt bereits, wie fast alle Wiedergeburtsträume in 
der Behandlung, eine analytische Deutungsschichte, die teilweise 
mit funktionaler Symbolik arbeitet (Darstellung der bereits analysierten 
Komplexe in den alten primitiven Symbolen).' In diesem Sinne stellt 
der manifeste Trauminhalt selbst ihr mühsames Vorwärtsschreiten in der 
Analyse und ihre Akzeptierung derselben dar: aber in der aus dem , .Dank- 
barkeitskomplex" folgenden Widerstandsform, daß sie die Weiblichkeit 
noch lieber von der Mutter als vom Analytiker (Mann) annimmt,' Das 
X-tal (wo Patientin übrigens mit Paul heimlich war) stellt auch ihre 
eigene Weiblichkeit (Mutteridentitizierung) dar und bei der Deutung setzt 
Patientin hinzu, sie habe eigentlich im Traume ärgerHch gesagt; „Immer 
und immer wieder in dieses Tal!" Daß ihr diese angebliche Traumrede 
erst bei meiner analytischen Deutung — gleidisam als Antwort darauf — 
einfällt, beweist den Widerstandscharakter und heißt übersetzt r Die 
Analyse hält mir immer und immer wieder meine (verdrängte) Weiblich- 
keit vor; das ärgert mich schon. Lieber wäre ich doch kein Mäddien 
geworden. Indem sie dies aber in der Form der Wiedergeburtsphantasie 

1) Diese Deutungsschicht „anagogische" zu nenaen, setzt ein Werturteil 
voraus, das ich für unberechtigt halte. Auch die „aualytisdie" Deutung und Be- 
deutung eines Traumes ist keine „höhere" im Sinne der Anagogie, da sie genau 
so wie die primitive auf ühidinösen Tendenzen beruht: nur sind es einmal 
die infantilen, das anderemaj die aktuellen der Übertragung (d. h. die 
wiederbelebten infantilen.) 

2) Ein ähnlicher Traum einer anderen Patientin mit Hysterie zeigte diesen 
riuditversudi i,ar Frau als Pseudo-HnmoaexuaÜtät. Sie erzählt eine Szene aus 
ihrer Krankheitage schichte, wie sie von der Mutter zum Arzt gesdiickt worden 
war, vor dem sie sich entkleidete und als er sie von allen Seiten musterte, 
sei sie weggelaufen ~ zu einem weiblichen Arzt, der sich ihrer freundschaftlidi 
angenommen hatte. (Übrigens ist auch unsere Patientin vom Frauenarzt zur Frauen- 
äritin gefluchtet.) Sie erinnert also hier die (neurotische) Abwendung vom Manne 
^r Frau (Mutter), ohne sie zu wiederholen, zeigt aber damit, daß ähnlidie 
Ifendenzen der weiblichen Patienten als Widerstand im Sinne der Wiederholung 
einer neurotischen Mutterfixierung zu werten sind. 



darstellt, hält sie selbst sich eigentlich ihre unabänderliche Weiblichkeit 
vor Augen, mit der sie jetzt weiter vorwärts gehen muß. Das Unbewußte 
versucht aber zurück zuflüchten, es gelingt jedodi nicht mehr, da sie die 
Regressionstendenz bereits ablehnt' (folgt der mütterlichen Einladung 
nidit). Da versucht sie es „zur Probe" mit einem anderen Ta! (dem Y-tal), 
welches sidi auf Grund der Assoziationen' als die zweite sexuelle Be- 
deutung des weiblichen Genitales (nach der natalen) erweist. 

Hier liegt der durch die Analyse frisch entfachte infantile Konflikt 
klar zutage. Denn das zweite Ta!. mit dem sie es probeweise versucht, 
stellt die analytische Übertragung dar, die also hier ganz direkt 
als Wiederholung der mütterlichen Ursituation erscheint. Nach- 
dem die wirkliche Rückkehr in den Mutterleib (siehe das viel kleinere 
Mäddien in ihren Assoz. Fußnote 2) unmöglich ist, will sie es mit der 
künstlichen Art der Wiedergeburl, der analytischen Genesung, versuchen. 
Nach der Deutung dieses Traumes fällt ihr noch ein anderer Traum 
der letzten Nacht ein; 

Die Entwertung als Form der Abwehr 
Traum: „In der Mitte des Michael er platzes stand ein Häuschen (wie 
„ein Tramway-Häuschen, nur komfortabler eingeriditet) mit gepolsterten 
„(Klub-}Bänken ringsherum und da saß ich mit Arthur und Paul darin. 
„Gegenüber, in dem modernen Marmorhaus, war ein Puppentheater, 
„davor ein Kasperl, der die Leute einlud, hineinzukommen." 

„Ich hatte meine Handschuhe auf ein Tischerl gelegt, da kam ein 
„junger Mann und versuchte, mir den linken anzuziehen; es ging aber 
„nicht, er versudite weiter und ich dachte mir, was will denn der unver- 
„schämte Kerl von mir." 

Assoziationen: Patientin hatte in der Zeitung vom Jubiläum des 
Nestors der Wiener Schauspieler, dem beliebten fComiker Blasel gelesen, 

1) Auch infolge Akzeptierung der femininen Rolle, die sie zur Mutterrückkehr 
ungeeignet macht (zum flachen Wasser fallen ihr Badeszenen am Meeresstrand 
mit Arthur ein, der dort audi Aufnahmen von ihr machte: KastratioQSsdiam ; 
sexueller Narzißmus), 

2) Zum Y-tal die Einladung' eines jung verheirateten Ehepaares, djs 
sie durdi Sdiwester und Sdiwager — audi ein junges Ehepaar, das im Traume 
vorkommt — kennen gelernt und das sie dorthin eingeladen hatte. Es kam 
aber nicht dazu; erst spater war sie mit einer Freundin dort, „die viel 
kleiner war als lA." 



darunter auch Erinnerungen aus der Alt-Wiener Zeit, die mit dem ehe- 
maligen Theater auf dem Michaelerplatz verbunden waren. Blasel hatte 
sich damals im Rahmen des steifen Hof Zeremoniells durch seine Ungeniert- 
heit beliebt gemadit. Patientin zitiert aus der Lektüre den Couplet-Vers: 
„Das ist das kleine Sdiatzerl, vom Midiaelerplatierl", den sogar die 
immer ernste Kaiserin belächelt haben soll. 

Deutung: Der Traum versetzt die Patientin in diese ungenierte alte 
Wiener Zeit (Wien- Übertragung), wo man öffentlich mit jungen Männern 
sitzen konnte. Aber aus dem mütterlichen Üb ertragungs- Widerstand ver- 
weigert sie diese (feminine) Rolle, indem sie selbst in die Mutter zurüdc- 
flüchtet (das bequeme Wartehäuschen), Daß man dort „belästigt" wird, 
bezieht sich auf die analytische Situation, welche die infantile Fixierung 
aufheben will. Der junge Mann, der ihr den linken Handschuh anziehen 
will, ist also der Analytiker (sie assoziiert dazu, daß sie kürzlich ihre 
Handschuhe in meinem Warteraum liegen ließ und bemerkte, daß ich 
einen Blick darauf warf). Der Traum besagt daher in der oberen Wider- 
standsschichte: Ich bin kein solches Schatzerl vom Michaelerplatzerl! 

Zur infantilen Schichte' des Traumes und zur libidinösen Wunsdierfül- 
lung führt die Assoziation, daß sie im X-tal (siehe vorigen Traum) mit 
Paul als „Schatzerl" war und das später der Mutter gestanden hatte, um 
ihr dann die Vorwürfe zurückzugeben {„du bist eigentlich Schuld"). Die 
Mutter hatte aber die „Schatzerl"- Geschichte gut aufgenommen und nur 
gelächelt (die Kaiserin hatte gelächelt). An dieser Stelle der Deutung 
bemerkt Patientin, daß der Vater sie lange Zeit hindurch sehr zärtlich 
behandelt hatte und ihr wahrscheinlich dadurch geschadet habe. Aber 
nicht der Vater sei Schuld, sondern die Mutter, daß sie geduldet hatte, 
daß der Vater sie als kleines „Schatzerl" behandelte. Hier rückt das 
Schuldprobiem (Vorwurf) der richtigen Stelle näher, nämlich gegen die 
Mutter, wie es der ursprüngHchen Ödipussituation und infantilen Bindung 
Entspricht. Patientin versucht auch in der Analyse, die Schuld dem Manne 
(Analytiker) zu geben und die weibliche Rolle abzulehnen, die ihre ganze 
Kindheit beherrschte und in ihrem Unbewußten als libidinöser Wunsch 
weiterlebt: nämlich das Schatzerl vom Vater zu sein (normale Mutter- 
identifizierung). 



1) Der infantile Charakter des Traumes ist hier im historischen Kolorit 
festgehalten („die gute alte Zeit"). 



Zum Puppentheater gehört die „Probe" des vorhergehenden Traumes. 
Es handelt sich um eine Darstellung der Analyse vom Standpunkt der 
enttäuschten Libido. (Entwertung.) Dem guten alten Michaeiertheater, wo 
der Hof sich mit dem Volk amüsierte und der freche Blasel seine kecken 
Sdierze madite, wird der kalte moderne Marmorbau gegenübergestellt, in 
dem keine Mensdien, nur Puppen agieren.' 

Der ganze Traum wird als Reaktion auf die gestrige Analysenarbeit 
erst voll verständlich. Patientin hatte Widerstand, Wut, Haß, Liebes- 
sehnsucht ohne Erfüllung. Sie könne überhaupt nidit lieben, sei letzten 
Endes kalt gegen jeden Mann. Ich erkläre ihr das aus Abwendung von 
der enttäuschenden Vaterlibido, der Identifizierung mit ihm, die der Auf- 
richtung des verlorenen Mannes in sich entspricht. Ihre Liebesbeziehungen 
zu Männern seien vom Penisneid beherrsdit (sie will nur den Penis für 
sich). Sie will ihr inneres Manko, auch in der Liebe, immer von außen 
ersetzen: sie braucht Stimmung (Abendrot, Mond etc.). Im Anschluß daran 
erkläre ich ihr die Analyse als Libido -Entziehungskur. Der erste Traum 
bringt darauf in der gedeuteten Weise die probeweise Akzeptierung der 
weiblichen Rolie; der zweite Traum setzt aber die Bedingung fest, unter 
der dies wirklich gesdiehen könnte: durch Gestattung der Vaterlibido 
(der alte Blasel mit seinem Sciiatzerl). Während ihr Idi aber noch die 
Bedingungen der Kapitulation festsetzt, hat ihre Libido bereits kapituliert. 
Denn die beiden Täler des Traumes haben rein mütterliche Bedeutung, 
nur mit dem Unterschied, daß sie im ersten in den Mutterleib zurüdt 
will (als Bub-Vater), im zweiten selbst Mutter werden will (Paul, junges 
Ehepaar, Schwager und Schwester etc.), sidi also mit der Mutter identifiziert. 

65. Stunde: 
Am nächsten Tag bringt Patientin einen Traum niedergeschrieben (das 
erste und einzige Mal in der Analyse).^ Dieser lange und komplizierte 

1) Das Tramhäuschen mitten auf dem Platz mit den (Klub-Fauteuil) Bänken ist 
ein Kompromiß zwisdien beiden. Nur sdieinbar gemütüdi, in Wirklidikeit zu 
wenig intim (öffentlich, es sind audi andere da etc.); es hat aber auch die Bedeu- 
tung einer Prostitutions- und letzten Endes einer Mutterleibsphantasie. 

2) Eigentlidv sollte sie die Niederschrift eines anderen Traumes bringen,^on 
dem sie gestern gesproAen hatte. Sie hätte gestern — abgesehen von dem 
erzählten Traum — noch etwas geträumt, dessen Ähnlichkeit mit einem früheren 
Traum — aus der Zeit des Verhältnisses mit Arthur vor etwa einem Jahre — 
ihr so aufgefallen sei, daß man von einer „Modernisierung" des damaligen 



Die Regression ins Embryonale 45 

Traum, der natürlich hier keiner vollständigen Analyse unterzogen zu 
werden braucht, lautet: 

Traum: „Ich war in der Schule, vielleicht in Österreich. Elise war da 
„mit der Federschachtel, ein G war darauf. Ich hab's für mein Monogramm 
„angeschaut und sie gefragt, was das denn heißen soll {es seien ja meine 
„Initialen). Sie: Kannst Du Dir das nicht vorstellen? Aha, denke idi, 
„das ist ihr Bruder (Georg), und war damit zufrieden, obschon es ja in 
„Wirklichkeit nicht stimmt. Vor uns, an -Stelle des Lehrers, war eine Art 
„Gerichtsschranke und ein Telephongespräch, aber beide Herren im 
„Zimmer anwesend. Zuerst englisches Gespräch, davon ich und meine 
„Freundin (obschon sie in England war) nicht allzu viel verstanden. Aber 
„hinter mir ein Österreicher (Ob Max?), Dann französisches Gespräch, 
„worauf alle uns anschauten. Idi spreche einen französischen Satz zu dieser 
„Elise K., frage sie aber, was denn , verwundern' oder .bewundern'' 
„oder ich weiß nicht mehr recht, welches Wort, auf französisch heiße. Da 
„gibt dieser eine Herr vorn statt ihrer Antwort, und zwar ein englisches 
„Wort, das mich ein bischen verwundert, aber nicht deswegen, weil es 
„englisch war, sondern weil es eben nidit das Wort war, das ich gelernt 
„hatte. Dann eine Rechenstunde. Der Lehrer sitzt vorne, ganz in einer 
„Ecke. Redinungen, schriftliche werden abgehört. Wieder redet E. K., 
„ich sitze daneben. Statt des Rechenbuches große Bogen, eigentlich 
„Gobelinmuster mit Text in einer slawischen Sprache. Und dazwischen 
„die Rechnungsaufgaben. Der Text mußte auch gelesen werden. An einem 
„bestimmten Punkt wollte ich weiterfahren, bat aber E. K, weiterzufahren, 
„was sie auch tat und dann auf einmal die Szenen, wahrscheinlich die 
„beschriebenen, aufführte. Es bildete sich schließlich eine Hochzeit daraus, 
„indem alle Schüler oder was wir waren, an diesem Spiel teilnahmen. 
„Dabei entdeckte ich eine frühere Kollegin von mir, d. h. eine Lands- 
„männin, die in Italien auferzogen worden war. Sie hatte einen Strauß 
,, Männertreu in den Händen und kam sehr Heb auf mich zu. Ich wollte 
„etwas von ihr, d. h, vielmehr, ich glaubte, daß sie etwas von mir erwarte 
„und fragte sie. Antwort: Sie können mir ja ein Busserl geben {nicht 

Traumes in der Analyse spredien könne. Diese beiden interessanten Parallel- 
träume hatte ich sie ersucht, zum Vergleich niederzuschreiben. Statt dessen 
bringt sie den obigen (neuen) Traum in Niederschrift, während sie die beiden 
gewünschten erst über neuerliche Aufforderung nächsten Tag bringt {siehe später)- 



46 Die Änalgse der Mutierregression 

„mehr!), denn die Männertreu könne sie nicht hergeben, denn die wolle 
„sie behalten, ihre Mutter rieche so. Man geht in den oberen Stock, ganz 
„leerer Raum, nur eine kleine Chaiselongue, worauf sie sicli legt und die 
„Männertreu an die Nase hält. Ich denke: Jetzt sehnt sie sich in den 
„Mutteruterus zurück. Später liegt sie am Boden, die Beine aufgestützt 
„wie zu einer gynäkologischen Untersuchung, raucht eine Art 
„Wasserpfeife, die sie zwischen den Beinen hat, (Sie ist ganz 
„klein wie ein Kind, verkrüppelt, embryonal, mit autgeblasenem 
„Bauch)." 

Nachtrag zu der Schulszene: „Arthur sitzt hinter mir, ich sehe ihn nicht, 
„aber ich weiß, daß er es ist. Ich sehe ihm zu, wie er ein Bild zeichnet, 
„eigentlich eine Skizze einer Hand, und zwar wird daraus ein ganz meister- 
„haft gezeidineter Clown. Wie er zu zeichnen anfängt, beginnt er mit dicken 
„runden kindUchen Händen, so im Rubensstil, und wie das Büd fertig ist, 
„sind es ganz spitzige dünne Händchen im französischen Kartenstil. [Madit 
„entsprechende Bewegung mit den Händen.] Zuerst nur Studien (Skizzen), 
„dann eine Puppenhand." 

Dann noch ein Teil: „Ich habe mit meiner Schwester im Hotel etwas 
„bezahlt. Die Frau gar nidit freundhch. Beim Hinausgehen erzählt sie: 
„ob wir das Haus schon gesehen hätten, das sich die Frau so und 
„so jetzt baue. Das sollen wir uns unbedingt ansehen es sei so inter- 
„essant. Vor der Türe; Ach schauen sie, das ist auch interessant. Es 
„geht ein Mann mit einem Schwein vorbei, das aufrecht geht und zwar ist 
„es eigentlich kein richtiges Schwein, obschon es gehen kann, sondern ein 
„Lederphantom eigentümUch geteilt." [Patientin zeichnet diese Figur]. 

Die Regression ins Embryonale 
Deutung: Klar ist an dem Traum sogleich der Schluß als Reaktion auf 
die gestrige Mutterleibs- (Wiedergeburts-) Deutung und das damit zu- 
sammenhängende Schuldbewußtsein (Gerichtsschranke) in Form der Dank- 
barkeit. Es kommt die zärtliche, frühkindhche Einstellung zur Mutler zum 
Ausdruck (Busserlgeben) und die Rechtfertigung der Fixierung an die 
Mutter, der man treu bleiben müßte (Männertreu kann sie nicht hergeben). 
Die (italienische) Freundin repräsentiert aber nicht nur die gerechtferägte 
Mutter, sondern auch die Patientin selbst, sowohl in ihrer Mutteriden- 
tifizierung wie auch als wiedergeborenes Kind, Diese Wiedergeburts- 
phantasie wird selbstverständlich in die Form des MännUchkeitswunsdies 



gekleidet, in dem Patientin — wie auch im realen Liebesleben — die 
aktive, männliche Rolle spielen will (ein Busserl geben, nicht mehr, sagt das 
Mädchen mit Männertreu zu ihr), d. h. als Mann in die Mutter eindringen 
mochte, zugleich aber bei diesem Akt den Mann (Vater) spielen will: sie 
hat eine Art Wasserpfeife zwischen den Beinen, wobei das Rauchen der 
infantilen Sexualfheorie (Mund) entspricht, die auf dem Saugakt basiert. 

Stellt dieser Teil des Traumes das neurotische Schuldgefühl gegen die 
Mutter mit Bezug auf die embryonale Situation dar, so bringt das am 
Sdiluß erzählte Traumstück, wo sie mit ihrer Schwester der unfreund- 
lichen Wirtin ihre Schuld bezahlt, die Auflehnung dagegen und den 
Wunsch, mit der Mutter quitt zu werden (zugleich die Dankbarkeit gegen 
ihren jetzigen Wirt, den Analytiker, abzutragen). 

Das „Lederphantom", mit dem dieser Traumteil schließt, gehört in 
eine Reihe mit dem Kasperi des gestrigen Traumes, der ins Puppen- 
theater einlädt, und mit dem gezeichneten Clown des heutigen Traumnach- 
trags: es sind lauter Darstellungen des Embryonalen (zusammenklappbare 
Figur) zugleich Widerst andssymboie des (libidinös) unwirklichen Analytikers', 
den das Unbewußte wunschgemäß zu einem reinen Phallussymbol macht 
(alle diese Symbole haben das Charakteristische des Schlappen, Zusammen- 
fallenden, also die Tendenz der Verspottung und Rache am Mann 
[Kastration], die mit der Zärtlichkeit zur Mutter parallel gebt). 

Ein Prüfungstraum 

Der Anfang, der Schulfraum, bringt ihre gegenwärtige Üb ertrag ungs- 
situation zur Darstellung („vielleicht in Österreich"; — „ein Österreicher 
sitzt hinter mir"; — „Schüler — oder was wir waren", d. h. Patienten, 
die Analyse lernen). Es ist also ein regelrechter Prüfungstraum, wie 
man ihn bei Frauen selten findet, der aber darauf zurückgeht, daß ich 
der Patientin eine „Aufgabe" gestellt hatte, indem ich sie ersudite, den 
alten Traum zum Vergleich niederzuschreiben. Indem sie mich miß- 
versteht und einen anderen Traum geschrieben bringt, will sie zeigen, (in 
Wiederholung), daß sie der gestellten (analytischen) Aufgabe ebensowenig 
gewachsen sei, wie ihren ursprünglichen infantilen Aufgaben, Dement- 
sprechend kritisiert sie zuerst die Deutungstechnik und karikiert ihre Ge- 

1) Auch das Telephongespräch gehört, wie wir noch sehen werden, in die 
Reihe der analylisdien Symbole; ein Dialog, bei dem man ebaader nur hört, 
nicht sieht. Die zwei Personen, die es führen, sind die Patientin und ich. 



48 



Die Anali/se der Mutferregression 



fügigkeit, indem sie sich mit einer Erklärung zufrieden gibt, die in 
Wirklichkeit gar nicht stimmt: rhre Initialen sollen (Georg) bedeuten, 
was natürlich ihrem Männlichkeits wünsch entspricht'; dieser ist es, der in 
Wirklichkeit nicht stimmt, so daß sie eigentlich in der Form die Kritik 
akzeptiert. Dasselbe wiederholt sieb in anderer Form, in dem sie erklärt, 
sie versiehe meine (analytische) Sprache gar nicht; sie bekomme apf 
franzosische Fragen englische Antworten (National- Gegensatz). Trotzdem 
heißt es im Traumtext, sie hätte nach der Übersetzung von „verwundert" 
gefragt und eine falsche Antwort erhalten, über die sie verwundert 
war; d. h. sie rnödite die Dinge erleben (Libido), nicht erlernen. Dann 
kommt die uns sdion bekannte (infantile) Redienstunde, die aber auch 
zuerst gelesen, dann (lebend!) in einer Szene aufgeführt wird, deren 
libidinöse Bedeutung durch die „Hochzeit" genügend charakterisiert ist. 
An diesem rein femininen Punkt des Traumes angelangt, setzt der männ- 
liche Protest der oberflächlichen Traumschidite ein (Identifizierung mit 
dem Mann-Analytiker, Vater), der, wie oben ausgeführt, in einer Iden- 
tifizierung mit der Mutter endet, indem sie das wiedergeborene Kind 
gebären und selbst sein will. Übrigens verriet schon ihr bereitwilliges 
Eingehen auf das Niedersciireiben — zwar eines anderes Traumes, dessen 
Niederschrift sie mir überreichte — ihre passiv-feminine Libidoeinstellung 
und den Wunsch, mir etwas von sich zu schenken (Kind)'. Allerdings 
etwas anderes als ich verlangte.' 

66. Stunde: 
Die beiden Paralleltraume 
Am nächsten Tag bringt Patientin die beiden nicht aufgeschriebenen 
Träume, die wir hier einschalten; der 2. moderne Traum war in der 64. 
Stunde erzählt worden; 



1) Initialen — Genitalien — Italien. In dem (geschriebenen) G erklärt Pa- 
tientin g-ani spontan ein Genitalsymbol zu sehen (das Herunterhängende : die 
Testikel; wie im Traum S. 54). 

2) Auch die „Gohelinmuster" des Rechenbudies erwiesen sidi bald deter- 
miniert durch eine Stickerei (Polster; vgl. Lederphantom, Charakterpuppe), die 
sie mir zu Weihnachten schenken wollte, was aber rechtzeitig „weganalysiert" 
d. h. analytisch statt real erledigt wurde. ^ 

3) Im Übrigen zeig^ dieser „Prüfungstraum" im letzten Teil ganz klar, daß 
es sich dabei unbewußt um eine Wiedertiolunjr der Geburtsangst handeh, die 
Patientin durch Identifizierunsr "nit der Mutter überwindet. 



Die beiden ParalleUräume 49 



\i 



1. 

Der alte Traum 

ist etwa ein Jahr alt, aus der Zeit des Verhältnisses mit Arthur, hatte 
damals großen Eindruck ^emadit. Die Mutter hatte ihr damals geschrieben, 
sie solle nicht wieder solche Liebesgeschichten anfangen (wie kurz vorher 
mit Paul; siehe X-tal, Schuldbewußtsein, Vorwürfe). 

„Ich ging bis zu einer Straßenkreuzung oder einem Scheideweg mit 
„Arthur und dann den Weg rechts hinauf in den Wald (einen breiten, 
„gemütlichen Weg). Arthur wollte mich fangen. Plötzlich stellt sich meine 
„Großmutter in den Weg (es war eigentlich mitten auf dem Weg ein 
„großes Reisigbündel, aus dem die Großmutter plötzlich herausgewachsen 
„ist) und erzählt irgend etwas von meiner Mutter, was, weiß idi 
„nicht mehr (vielleicht, daß wir zurückmüssen und dann erst weitergehen). 

„Später sind wir in einer wunderbaren Stadt am Fluß, ich möchte 
„sagen in einer unwirklichen Stadt, in einer Märdienstadt, alles ist 
„tot oder verwunschen, nur wir zwei (Arthur und idi) schauen uns alle 
„die Herrlichkeiten an." 

2. 

Der modernisierte Traum 

„Wieder die Wegkreuzung. Die Bahn zu nehmen' habe ich vermieden, 
„weil der Weg (spitz und steinig)^ zur Station und von der Ankunfts- 
„station zum Zielort fast solang ist wie der ganze Weg zu Fuß. Ich biege 
„nach links' unten,' der Weg führt über freies Feld,' kein Baum.' 
„Ich komme in ein kleines Dorf, ' wo mir ganz kleine Kinder' nach- 
„laufen (es waren auch winzig kleine Häuschen, zwei bis drei, wie Kinder- 
„spielzeug)' und mich verhöhnen.' Weiter am Ende des Dorfes stürzt 
„ein Schwärm Wespen auf midi zu und eine kommt mir ganz nahe zum 
„Gesicht (an der Nasenwurzel!). Auf einmal steht der Bienenzüchter da 
„und beruhigt mich, daß es ganz harmlose Bienen seien, 

„Am Bestimmungsort angekommen, befinde ich mich in einer ganz 
„gewöhnlichen' (Bauern-) Stube, wo mir ein Mann das Obligate ein- 
„händigt, d, h. meine Reisedecke und ein oder zwei Bücher. 

„Er war gar nicht erstaunt,' etwas für ihn Altgewohntes,' 
„als ob ich jede Woche käme, nur verwundert, da ich schon lange 
„nidit da war)." 

1) Das sind lauter moderne Gegensätze zum alten Traum. 

Raok, NeDroseDanaljBE 4 



50 



Dit Analyse der Mufferregression 



„Ich frage midi, was ich mit der Reisedecke tun soll {ich hatte in Wirk- 
„lichkeit auf die jetzig-e Reise Mutters Decke mitbekommen) und empfinde 
„sie als unnötigen Ballast. Durch die Fenster sieht man die 
„Märchenstadt! 

„Später eine kleine Treppe (wie zur Untergrundbahn), darauf sitzt 
„Elise K. Ich rede mit ihr, PlötzHch kommt in vollem Lauf ein Paar die 
„Treppe hinunter, E. K, bezeichnet dieses Paar als das bewußte, von dem 
„sie mir ja schon erzählt habe (und da sind sie jetzt!). Und tatsächlich er- 
„kenne ich den Bruder meiner Freundin G., in Hemdärmcin und eine 
„andere öise, stark gepudert, schmächtig wie eine französische Midinette 
„mit wallender Straußenfeder und einer Larve überm Gesicht (wie ein 
„Karnevalspaar)." 

Deutung: Betrachten wir zunächst den ersten, vor der Analyse vor- 
gefallenen Traum, der uns auf Grund der Analyse verständlich ist. 

Das Verbot der Mutter, keine Liebesgeschichten anzufangen (Sclieide- 
weg), bringt die neurotisch erledigte Ödipussituation und den ihr ent- 
sprechenden Konflikt wieder. Sofort kommen Vorwürfe gegen die Mutter, 
von der die Großmutter etwas erzahlt: Patientin weiß nicht mehr was, 
wir wissen es aus der Analyse; die Geschichte ihrer Unehelichkeit. (Du 
hast es auch nicht besser gemacht!) Aber diese Vor Wurfsreaktion genügt 
nicht: es folgt der Todeswunsch gegen die Mutter — verwunschene 
Stadt, wo alles tot — in Form der Phantasie (Märchen stadt) vom Allein- 
sein mit dem Geliebten (Vater).* Dahinter steckt aber, letzten Endes, 
wieder die alte Mutterleibssehnsuchi, die in der Märchen phantasie von 
der leblosen Stadt (Dornröschen) dargestellt ist und die in der Analyse 
wenigstens durch „Erinnerung" an den schönen Traum, der jetzt 
so nüchtern zu werden droht, ersetzt wird. 

Daß Patientin diesen Traum überhaupt in der Analyse wiederholt 
(„modernisiert", besser gesagt aktualisiert), zeigt uns, daß sie sich in der 
gleichen Libido- Situation der Übertragung befindet, wie wir bereits aus 
den letzten Träumen wissen. Zeigt uns aber auch, daß sie auf dieses alte 
Erinnerungsmaterial zurückgreifen muß, um noch die echte infantile Wunsdi- 
erfüllung zustande zu bringen, deren Beeinflussung (Veränderung) durch 



1) Wir bemerken hier, daß hinter dem Vorwurf der Un Wirklichkeit des 
Analytikers als Menschen auch die positive Vaterlibido steckt: Unwirklidi wie 
der noch immer nicht ausgeträumte Kindheitstraum der Liebe zum Vater! 



Der modernisierte Traum 



51 



die -Analyse der neue Traum verrät, indem er enttäusdit konstatiert, daß 
die Analyse nichts weniger als die (unbewußt) erhoffte Befriedigung der 
infantilen Wunsch phantasie bringt; im Gegenteil (daher alles im Gegen- 
teil dai^estellt), sie entkleidet diese Märchenstadt ihres (libidinösen) 
Zaubers und reduziert sie auf eine Kindheits phantasie (Kinderspielzeug!) 
Der Zielpunkt der Analyse — weiter Umweg! — scheint ein gewohn- 
liches banales Milieu, wo der Mann das Obligate tut (Ehe). Die Decke 
der Mutter ist der deutlichste Ausdruck dieser rein weiblichen Libido- 
einstellung, zugleich aber auch ein Regressionszug (Identifizierung). Hier 
setzt der gesunde Protest des Ich ein; die Decke wird als unnützer 
Ballast empfunden und an dieser Stelle des Traumes heißt es wie sehn- 
suchtsvoll: „durch die Fenster sieht man die Märchenstadt.'" Das heißt, 
das Unbewußte akzeptiert die feminine Rolle nur um den Preis der 
vollen Mutteridentifizierung, d. h. mit Realisierung der alten Kindheits- 
phantasie, welche die Liebe zum Vater anstatt der Regression zur Mutter 
(Märchen Stadt) repräsentiert. 

Das letzte Traumstück versucht diesen Kindheits wünsch durdizusetzen 
(Treppe) und begründet ihn analytisch aus der Übertragung. Der Mann 
in Hemdärmeln ist der Vater und das dimenhafte Mädchen an seiner Seite 
repräsentiert die eifersüchtige Einstellung der Patientin, deren eigene 
Dirnen Phantasien der Durchsetzung der Ödipuslibido dienen (Vater würde 
sie als Dirne nehmen). Da diese Traumdirne (Elise) in Wirklichkeit aber, 
nach der Assoziation der Träumerin, das Bürgerlichste und Philisterhafteste 
ist, was man sich denken kann, akzeptiert sie eigentlich auch in dieser 
Szene den nüchternen Ausgang in der „gewöhnlichen" Stube, die aber 
doch wieder zu ihrer früh infantilen Vater-Libido zurückführt (Vater in 
Hemdärmeln, ihr Ideal!). 



^ 



1) Patientin fü^t nachtraglich hinzu: „Im alten Traum war sie sdiön, jetzt 
ist sie modern, beinahe futuristisch." Darin steckt ihre ganze Entwicklung' von 
Kindheitsphantasie über Amerikanismus (modern; Bahn) zur nüchternen Analyse. 

4» 



Analyse der Libido-Übertragung 



67. Stande: 
Versuch der Mutteridentifizierung 

Traum: „Ich war mit Arthur in einem Restaurant und wir hatten 
„Kalbfleisch, Spinat und Nudel gegessen; ich war sehr hungrig, habe 
„alles aufgegessen und die Teller aufgeputzt; es durfte nichts stehen 
„bleiben. Dann waren wir plötzlich in einer alten Wirtsstube in Z., 
„an einem einfachen geschnitzten Holztisch, Arthur saß auf der Bank 
„davor und war auf der Lehne eingeschlafen wie ein kleines Kind. 
„Die Wirtin erzählte aud), wie er das als kleines Kind schon getan habe 
„(da sagte er, er schlafe nicht und habe alles gehört [Später: ,Da 
„sagte ich, das könne man schon sagen, das sei nichts Schlechtes.'])." 

1. Nachtrag: „In das Restaurant sind wir mit der Elektrischen ge- 
„fahren, deren Ziffern weiß waren; 9, 6, 2."' 

2, Nachtrag: „Der Polster war auch da, fertig. Die Wirtin sagte, es 
„fehle noch etwas, ich sagte, es müsse noch etwas Unregelmäßiges 
„hineinkommen, Idi wollte es schwarz machen, sie sagte aber, grün sei 
„schöner." 

Assoziationen: Am Vorabend hatte Patientin Würstel, Kraut und Knödel, 
also ein richtiges Bauemessen gehabt. Nachher hatte sie Heißhunger, 
nahm Delikatessen (Gegensatz), war aber unersättlich und wachte nachts 
mit Hunger auf, Sie hatte dabei zum erstenmal gedadit, warum sie allein 
schlafen müsse. 

Deutung; Patientin erkennt selbst den Hunger als Ersatz der Libido, 
wobei das Essen die infantile Form der Libidobefriedigung an der Mutter 

1) 9 und 2 mit ausg'esprodien mütterlidier Bedeutung. 




Versuch der Mutterideniifizierang 



53 



darstellt.' Nudel — und auch das übrige Menü — esse sie sehr gerne, 
überhaupt alles, wovon man dick werde (Schwanjerschaftsphantasie — 
Mutteridentifiziemng). Auch das zu dieser ßefruchtungs- und Sdiwang'er- 
schaftsphantasie gehörige Kind fehlt nicht: es wird durch Arthur repräsen- 
tiert, der im ersten Teil des Traumes noch den Liebhaber (in Idealbildung 
nadi dem Vater), im zweiten Traum aber das Kind (vom Vater) darstellt. 
Denn der zweite Teil transponiert die aktuelle (sublimierte) Libido ins 
Infantile und Primitive: alte Stube, einfacher Tisch {aus dem Hause der 
Großmutter, an dem Patientin selbst und ihre Schwester als Kinder saßen). 
Das Kind, das sich schlafend stellt, ist also die Patientin selbst und weist 
auf die infantile Sexual neugierde hin (da der Tisdi, an dem man sdiläft, 
audi die Bedeutung des Bettes hat). 

Der Traum zeigt also innerhalb der aktuellen (unbefriedigenden) Libido- 
situalion (unstillbarer Heißhunger, Oralerotik — Mutter! ibido), einen deut- 
lidien Versudi zur Identifizierung mit der Mutter bei gleichzeitiger 
Hinwegsetzung über das (neurotisdie) Sdiuldgefühl („es ist ja nichts 
Schledites!"). In Übereinstimmung mit diesem Fortsdiritt sträubt sich audi 
das Moderne, Kulturelle, Vornehme (Restaurant), gegen das Primitive (Bauern- 
stube) in ihr. Am Abend hatte sie wirklidi gegessen wie ein Bauer; in 
der Nadit träumt sie vom feineren Essen im Restaurant,' dem aber ihr 
Unbewußtes das Primitive, Bäuerische (Libidinöse) vorzieht. Gegen das 
opponiert' aber wieder ihr Ichideal und in diesen ganzen tief wurzelnden 
Konflikt des aktuellen Ich und des primitiven Unbewußten, der Libido, 
gewährt uns der Traum Einblick. 

Den Erfolg der analytisdien Arbeit, der in der Befreiung ihrer ver- 
drängten weiblidien Libido durch Lösung des Schuldgefühls besteht, ver- 
wendet sie bewußt als Widerstand, indem sie fürchtet, durdi die Analyse 
zu „bürgerlich" zu werden (wirklidie Mutteridentifizierung, Ehe, Kind etc.). 
Sie will diese Einstellung nur um den Preis der Vaterlibido — als Ersatz 
der Trennung von der Mutter — akzeptieren. Der Traum verrät das in 



1) Das so häufige miitterliche Gebot aus den späteren Phasen der Ernährung': 
nidits auf dem Teiler stehen zu lassen, spielt in den Analysen eine ungeahnte 
Rolle und kann oft die Ambivalenz zur Mutter ausdrücken. 

2) Das Restaurant-Menü des Traumes erinnert sie an die (spateren) Sonntags- 
Essen im Elternhaus, die eine besondere Bedeutung hatten, weil der Vater keine 
Geschäfte hatte und siiJi der Familie widmen konnte i sie pflegte dabei auch 
an seiner Seite zu sitüen. - 



54 Analyse der Libido-Übertrogang 

der Form, daß sie ein Kind vom einstmals geliebten Vater (im einfachen 
Milieu) haben will. Das analytische Kind ist künstlich, leblos (Polster, 
Puppe, Kasperl etc.). Hinter ihrer Angst vor der Verbürgerlichung durch 
die Analyse steckt — wie der früiiere Traum von der Midinette (s, S, 50) 
zeigt, ihre (neurotische) Prostitution sphantasie, an der sie im Interesse der 
Vaterlibido festhalten will. Die Prostituierte, die an Stelle des Kindes- 
wunsches den Peniswunsch gesetzt hat, mußte natürlich einerseits zum 
unbewußten Idealtyp für die Männlichkeitstendenzen unserer Patientin 
werden; bewußt verachtet sie in der Prostituierten den extremsten Aus- 
wuchs der Großstadtkultur (Amerikanismus) und so kommt es, daß sie 
in dem Midinette-Traum zur Darstellung des Dirnentypus ein extrem 
bürgerlich-philisterhaftes Mädchen verwendet (ihre eigene Bürgerüchkeit). 

70. Stande: 
Versuch der sexuellen Vater Übertragung 

Traum: „Meine Freundin T. ist an einer Mauer gelehnt, dann daran 
„heruntergerutscht (in eine sitzende Stellung), und dann noch weiter ge- 
„rutscht, so daß sie am Boden gelegen ist. Sie war nadct und hatte auf 
„dem Bauch, direkt oberhalb des mons veneris ein rotes scharf abge- 
„grenztes Dreieck (wie eine Raute mit der Spitze nach oben). Ich frage, 
„was ihr fehlt und sie sagt: es kann dreierlei sein: 1. Vagotonie, 
„2. Blasenkatarrh, 3. Oxiuren. Ich lege die Hand auf das Dreieck und 
„sage dann: es wird schon der Blasenkatarrh sein. Da ist ein junger Arzt 
„neben mir und ich sage ihm, er soll ihr ein Rezept verschreiben. Er 
„schreibt dann, aber das Papier liegt auf einer Landstraße (im Kot möchte 
„ich sagen) und er schreibt so und ich schaue ihm zu. Es ist aber kein 

„Rezept, sondern wie ein Dreisatz: 1 kg (kostet so und so viel) 

„1000 kg kosten? Ich sehe dabei auch, daß er etwas vergißt aufzuschreiben 
„und sage ihm, daß es das Quecksilber ist (Hg), [was Patientin mit Rück- 
„sicht auf die spatere Deutung selbst aufschreibt]. Er bringt dann eine 
„Tabelle herbei, um nachzusehen." 

Assoziationen: Die drei Krankheiten: Gestern erzählte mir ein junger 
Mediziner von einem Fall, wo es sich entweder um Vagotonie oder 
Oxiuren handle, vom ßlasenkatarrh kam nichts vor, doch statt delsen 
von Magengeschwüren. Vagotonie wurde vor Jahren schon bei mir diagnosti- 
ziert, und Oxiuren hatte der Frauenarzt als mögliche Ursache meines 



Venuch der sexuellen Vaiei-äberlrasung 



55 



Fluors hingestellt. Weiters erzählte der junge Mediziner, daß er bei einem 
Rezept für diese Patientn, wo er Silber aufsdirieb, den Perzentsatz an- 
zugeben vergessen hatte. Gestern hatte ich selbst eine leichte Blinddarm- 
reizung und ließ mich von diesem Mediziner untersuchen. 

Deutung: Es ist klar, daß die Patientin, indem sie im Traume die 
Vagotonie (Erbrechen) und die Oxiuren diagnostisch ablehnt, dafür aber 
in der Rolle des Arztes einen Blasenkatarrh diagnostiziert, die „femininen" 
Leiden auf Kosten eines männlichen (Harndrang) ablehnt. Zu dieser 
Deutung bemerkt sie selbst nachträglich, es sei im Traum so gewesen, 
daß sie den Blasenkatarrh in Gegensatz zu ihrem eigenen Scheidenkatarrh 
betonte. Die männliche Symbolik äußert sich übrigens ebenso klar als 
mächtig in der durchgehenden Dreiheit und Dreirhythmik des ganzen 
Traumes: von der Stellung der Freundin in drei Phasen (stehend, sitzend, 
liegend), über das Dreiecksymptom, die drei Krankheiten und den Drei- 
satz (Regeldetri), zu weldiem sie während der Deutung zum Überfluß 
bemerkt: „das mittlere Glied fehlt". Hinter den drei Krankheiten 
verbergen sidi dann weiterhin im unbewußten Sinne die drei Genitalbe- 
schädigungen (Kastration, Masturbation, Defloration), die sie wohl aner- 
kennt, gegen die sie aber glejdizeitig protestiert, und zwar mit dem 
Peniswunsch, der nicht nur in der Dreiersymbolik zum Ausdruck kommt, 
sondern bis in feine Details der Traumbildung hineinreicht. So schreibt 
die Patientin die Formel des Quecksilbers Hg eigens zu dem Zwecke auf, 
um mir zu erklären, wieso ihr dies im Traum selbst als Penissymbol er- 
schienen sei: nämhch das G repräsentiere die herabhängenden Testikel 
(diese sind natürlich für die genitale Bedeutung der Drei charakteristisch 
s. S. 54 (Übrigens scheint das kg-Zeichen in diesem Zusammenhang 
dieselbe Bedeutung zu haben.]),' 

Wobei allerdings als wesentlich zu bemerken ist, daß die Darstellung 
des ganzen männlichen Genitales {einschließlich der Testikel) in den 
Analysen weiblicher Neurotiker dafür charakteristisch ist, daß sie wirklich 
die infantile UrÜbertragung von der Mutter (die beiden Brüste) auf den 
Vater (die beiden Testikel) zu vollziehen imstande sind, während der 



1) Das Rezept, das sie wünscht, das ihr der Arzt aber nit^t verschreibt, 
erinnert übrigens auffällig' an dss von Freud zitierte Rezept: „Penis normalis, 
dosim RepetaturI" (Zur Geschichte der psych oanalytisdien Bewegung-. Sammlung 
kl. Sdiriften. IV. Folge., S. 10.) 



56 



Analgse der Libido-Übertragung 



Penis allein immer Zeichen des neurotischen MännlichkeitskomplcKes 
(Penisneid) ist.' 

Die Stellung der Freundin im Traum charakterisiert sie dahin, daß sie 
erst an der Mauer so gelümmelt sei wie ein Murüloknabe, dann sei sie 
zusammengefallen wie ein Wurstel (Puppe). Zu Wurstel fällt ihr ein, 
daß Max sie gefragt hatte, ob sie zu Weihnachten (nahe bevorstehend) eine 
von diesen modernen Charakterpuppen wolle, sie habe bejaht unter der 
Bedingung, daß er selbst das Gesicht male. Dazu: „das Dreieck im Traum 
war auch so gemalt." 

Hier wird klar, daß das Zusammensinken der weiblichen Gestalt, die 
dann eine „feminine Krankheit" hat, neben der Kastration auch den 
Kindeswunsch bezw. die eigene Geburt (Herausrutschen) symbolisiert. 
D. b. analytisch gesprochen, daß sie die Kastration unter der Bedingung 
der femininen Befriedigung akzeptiert, was im Unbewußten gleidi bedeutend 
ist mit der entwick Jungsmäßigen Ersetzung des Peniswunsches durdi den 
Kindeswunsch. Wieder sehen wir im Traum die gleiche Libidosituation: 
BereiUchaft zur Akzeptierung der weiblichen Rolle unter der Bedingung 
ihrer Befriedigung im infantilen Sinne (Kind vom Vater). 

Nach dieser Deutung fällt ihr unter Widerstand ein weiteres Traum- 
bild derselben Nacht ein, welches wie gewöhnlich die Bestätigung für 
diese Deutung bringt und darum auch vor derselben nicht erinnert oder 
zumindest nicht erzählt werden kann. 

Traum: „Idi war in einem Haus und sah gegenüber in der Gasse in 
„einem Haus drin (wo man so leicht hineinsehen konnte) eine Maschine 
„laufen. Ich dachte, wenn jetzt Max da wäre, müßte er auch sagen, daß 
„das sonderbar ist." 

Assoziationen: Der Traum sei ihr sehr unangenehm und sie möchte 
nicht gern etwas dazu sagen. Es hänge mit ihrer ganzen Familienge- 
schichte zusammen, mit dem Beruf des Vaters (Technik), mit dem das 



1) Das Schreiben der Redinung auf der Landstraße erinnert sie an ein Büd 
aus dem Film „Der Mann ohne Namen", wo der Detektiv den Verbrecher 
sudit und auf einer Landkarte an der Goldküste nadisieht. Die Geliebte des 
Verbrechers sdiaut interessiert zu, denn audi sie will seinen Aufenthalt wissen, 
aber wie die Patientin hinzufügt, aus Liebe, während der Detektiv aus 
Egoismus handelt (Ehrgeiz, Geld; „Goldküste"). Diese Assoziation zeigt deut- 
lich den analytischen Libido widerstand und bringt unsere beiderseitigen Ein- 
stellungen zur Analyse in Gegensatz zueinander (Liebe -Ego Ismus). 



Ein sexueller Fallfraum 



57 



ungliicklidie Familienleben in ihr Elternhaus eingezogen sei. Der Vater 
habe sich um die Mutter und um sie gar nicht mehr gekümmert, sei 
immer nur auf dem Bureau gesessen etc. Daher seien ihr auch alle 
Masdiinen, Fabriken, Krane, Vorbahnhöfe, von denen sie auch oft träume, 
ein Greuel. 

Deutung: Es handelt sich also hier um die bereits erörterte Versagung 
der Vaterlibido, weiche bei der Patientin schon frühzeitig eine Rolle ge- 
spielt hat. Der erste Traum zeigt, wie sie das rein geschäftliche Interesse 
des Vaters in dem Egoismus der Männer wiederfindet, in erster Linie 
natürlich im Analytiker, an dem sidi die Vater Übertragung abspielt. (Vgl. 
die Assoziation des Films: Der Mann ohne Namen). Später wird sidi er- 
geben, daß es sich um Maschinen handelt, mittels deren etwas erzeugt 
wird, das dann fertig aus der Maschine herauskommt, wie das Kind aus 
dem Mutterleib, wo es der Vater hineingesetzt hatte. 

74. Stunde: 
Ein sexueller Failtraum 

Nach einigen Feiertagen, in weldien die temporäre Trennung von 
der Analyse wirkte, bringt Patientin folgenden 

Traum: „Ich bin im Zug gefahren und die Schwester hat mich in 
„jeder Station mit dem Rad erwartet und gesagt: „Sie kommt 
„nicht!" (hat nicht telegraphiert). Und ich hatte mich doch angesagt! 
„Endlich in einer Station bemerkt sie mich doch, gibt das Rad einer 
„Freundin und steigt zu mir ein. Bei der nächsten Station sind wir 
„dann ausgestiegen und haben uns auf die Stufen gesetzt. (Es war eine 
„Zahnradbahn, von der eine breite Treppe zur Station führte). Oben 
„auf dem höchsten Punkt war ein Kurhotel, als unser Ziel, und ich dadite, 
„wir können eventuell auch hingehen, wenn der Zug oder die Freundin 
„nicht kommt). Dort stand ein kleiner eiserner Ofen. Die Schwester sagt, 
„es wird zu kalt sein, ich sage, es ist ja geheizt und wärme mir die 
„Hände." 

„Dann war eine andere Szene am See, eine Mädchensdiule mit Lehrerin, 
„die mir aufsässig war und mich herausbringen wollte. Ich dachte zu- 
„erst, ich sei im Unrecht, dann aber, es werde ihr doch gelingen, denn 
„der Inspektor wird doch ihr glauben. Dann habe ich gebadet, aber nur 
„im seichten schmutzigen Wasser, wo so Zeitungspapier und allerlei Kot 
„an mir hängen blieb." 



58 Anali/se der Libido-Öberlragung 

„Dann war ich in einem Garten. In einer Ecke stand ein kleines Häuschen 
„mit breitem vorspringenden Dadi und rechts daneben eine hohe Garten- 
■ ninauer. Ich bin in dieser Ecke auf einem Pfosten gestanden und habe 
„hinüb ergeschaut; drüben habe ich tief unten Wasser gesehen. Dann 
„bin ich heruntergefallen oder (von Max heruntergeholt) am Boden 
„gelegen (wie in einem Knäuel). Da es aber nicht gegangen ist, hat er 
„mich hochgehoben und idi empfand dabei sexuelle Befriedigung, ich 
„dachte wie beim Onanieren." 

Assoziationen: Zum Fallen und Gehobenwerden ihre frühesten Kindheits- 
erlebniase mit dem Onkel, der sie hochhob und mit den Händen an der 
Decke gehen ließ, sowie an den Vater, auf dessen Körper sie sich er- 
innert, herumgekrochen zu sein. Überhaupt sei sie eine leidenschaftliche 
Kriecherin gewesen und auf dem Boden sehr rasch vorwärts gekommen. 
(Im Traum erscheint das , Fallen und Fliegen direkt im sexuellen Sinne 
lustbetont). Eine andere sexuelle Beziehung zum Kriechen auf dem Boden 
ergibt sich aus weiteren Assoziationen, die auf eine stark entwickelte 
infantile Schaulust (sexuelle Neugierde) hindeuten (das Gucken über die 
Mauer im Traum). Weiters assoziiert sie zum Kriechen „Schuhe", und 
dazu den ersten Eindrudc, den sie vom weiblichen Genitale hatte; es 
war beim Doktorspielen, wobei das Kindermädchen den Patienten dar- 
stellte und unsere Patientin über den Kleidern am Körper des Mädchens 
herummanipulierte, mit dem deutlichen Gefühl der Neugierde, wie es 
wohl unter den Kleidern aussehen möge. 

Das Kriedien im Zusammenhang mit der Schuhassoziation ersetzt hier 
ganz deutlich die erste sexuelle Neugierde des Kindes und in diesem 
Zusammenhang ist bemerkenswert, daß die Patientin gestern einen „Sdiuh- 
traum" erzählte; übrigens klagt sie seit zwei Tagen darüber, daß sie ein 
Schuh furditbar schmerze. 

Der Schuhtraam lautete; „In einem meiner Hausschuhe (die früher Ball- 
„schuhe waren) ist die Gommieinlage herausgefallen. (Da dies in 
„Wirklichkeit beim andern Schuh der Fall ist, habe ich ganz logisch) im 
„Traum gedacht: jetzt ist es wenigstens in beiden." 

Deutung: Im Hinbiidt auf die von schwerem Schuldgefühl getragene 
Zwangsidee der Patientin, daß an ihrem Genitale etwas nicht in Ordnung 
sei (Fluor, Masturbation, Kastration, Geburt) ist dieser Traum leicht ver- 
ständlich. Auch ihr heutiger Traum bringt diese Selbstbeschuldigungs- 



und Selbstbeschmutzungsideen wieder (man will sie hinausekeln; sie badet 
im Sdimutz etc.). Ebenso aber die typischen Kompensationen für dieses 
geschädigte Genitale im Sinne des frühinfantüen Penisneides und der 
neurotischen Männlichkeitseinstellung {Zahnradbahn, Stiege, hohe Mauer, 
Pfosten etc.). Charakteristisch ist die Unklarheit der Fallszene, wobei sie 
zuerst fällt und auf dem Boden liegt, dann aber {im Traum heißt es „da 
es nicht ging") im Gegenteil in die Höhe gehoben wird, was offenbar 
den beiden hervorgehobenen Tendenzen, der infantilen und der sexuellen, 
zu entsprechen scheint! 

Daß die Lehrerin ihr aufsässig ist und sie weghaben will, entspricht 
offenbar der Umkehrung ihrer Einstellung zur Mutter in der Verwandlung 
durch das Schuldgefühl. Dies sowie das Nichtankommen im Zuge bedeutet 
eine Mutterregression und den Neid auf die jüngere Schwester, die nadi 
ihr gekommen ist, sie also nicht — wie ihr Traumwunsch will — bei der 
„Ankunft" erwartet hatte, sondern sie — durdi ihr Nachkommen — 
hinausgeekelt hatte. 

Der ganze Traum entspricht einer biographischen Darstellung 
der Schicksale bis zur Geburt in bezug auf ihre jetzige analytische 
Situation, hn ersten Traum kommt sie lange nicht, obzwar sie angesagt 
ist (was sich auch auf die Heimreise nach der Analyse bezieht). SdiHeß- 
lich kommt sie doch an, es ist aber kalt {sie würde dann die analytisdie 
Libido vermissen). Eine aufsässige Lehrerin (Mutter, Schwester) hat sie 
herausgeekelt (der Analytiker, der sie nach einer bestimmten Zeit abstößt). 
Sie kommt beschmutzt an, wird aber gebadet (analytische Reinigung — 
Katharsis). Dann sieht sie das kleine Häuschen (wo sie drin war) von 
außen (Abreise; objektive Betrachtung ihres Unbewußten) und fällt dann 
herunter (Geburt), was zugleich Sexualbefriedigung ist (analytische Über- 
tragung; Analytiker-Mutter: Masturbationsphantasie). 

75. Stande: 

Infantile Fallträume: 

Das negative Kunststück 

Patientin schimpft auf den Vater, der immer Kunststücke zu madien 
pflegte wie ein junger ßlagueur. So sei er einmal in der Nähe ihres 
Wohnortes Über eine Brücke mit schwankenden Balken geritten. 
Durdi diese Erinnerung werden manche frühere Träume der Patientin 
als Vateridentifizierung besser verständlich, in denen sie über einen 



60 Analyse der Libido'Öberiragiing 

schwankenden Holzsteg oder über eine hohe Brücke gehen muß und dabei 
Angst empfindet. Dazu fällt ihr eine hohe Eisenbrüdce ein, auf der sie 
ein Rendezvous mit ihrem Freund hatte, und in deren Mitte sie von Angst 
und Üblichkeiten befallen worden war, (auch die Viadukte, die in ihrer 
frühesten Kindheitserinnerung — mit drei Jahren — und audi späterhin 
in ihren Träumen vorkommen, werden hier im Zusammenhang mit der 
Angst als Reaktionen auf das Geburtstrauma der jüngeren Schwester ver- 
ständlich, das durch die Vateridentifizierung ruckgängig gemaclit werden 
soll (eindringen in die Mutter), 

Überhaupt hätte sie viele Jahre hindurch, etwa von 8 — 12 solche 
Träume gehabt: Sie stehe auf einem hohen Felsen und plötzlich brÖdcelt 
ein Stein ab und sie fällt in die Tiefe; sie sei aber nie tot gewesen, 
sondern es war immer angenehm prickelnd und mit dem Gefühl, daß 
ihr nichts geschähe. Der Berg habe immer einen Vorsprung gehabt, 
so daß man vom Abgrund nichts merkte. Dieser Vorsprung sei dann 
abgebröckelt und mit ihr in die Tiefe gefallen. — An Schwindel leide 
sie eigentlich nicht, denke aber immer bei einem Abgrund, wie es wäre, 
wenn sie sich hinunterstürzen würde. 

Alle diese Assoziationen und Erinnerungen sind offenbar infolge der 
Analyse des gestrigen Falltraumes aufgetaucht und bestätigen in unzwei- 
deutiger Weise, daß das „Fallen" mit dem angenehmen Gefühl des 
Schwebens (wie in der Kindheit), wenn man gehoben und gesenkt wird, 
und das Gefühl hat, daß einem nichts passieren kann, teils mit angst-, teils 
mit lustvollen Reproduktionen des Geburtstraumas zusammenhängen. Diese 
frühen Eindrücke haben weiterhin durch das Herum klettern am Körper 
des Vaters, der hier an Stelle des verdrängten raütterlidien Körpers tritt, 
eine ganz besondere Lustbetonung im Sinne der kindlichen Spiele be- 
kommen. Patientin gibt an, selbst auch gerne immer Kunststücke ge- 
macht zu haben; z. B. von der Schaukel abzuspringen, wobei sie das 
infantile Sdi weben wiederholte, Seiltanzen etc. 

76. Stunde: 
Schuldg^efühl gegen die Mutter(-Bindung) 

Traum: „Ich war in Gesellschaft, wo auch Frau Dr. O. anwesend war. 
„Es stand dort eine Bü<:hse geöffneter Kondensmilch. Ich habe sie ge- 
„nommen und daraus getrunken. Frau Dr. warf mir einen strafenden 
„Blidc zu und hat dann den Rand abgewischt." 



„Dann bin ich mit Onkel Frank zur Verlobung gefahren. Idi habe aber 
„gedacht, ich will lieber den A. heiraten, wie kann man mir denn zu- 
„muten, solche Hände zu heiraten. Aber Dr. Rank würde das 
„schon verstehen. Idi darf aber den richtigen Moment nicht ver- 
„passen, um nein zu sagen, denn idi werde doch — wenn audi alle 
„anders meinen — Max heiraten." 

Deutung: Ein durchsichtiger Übertragungstraum von der mütterlichen 
auf die väterlidie Libido aus dem typischen Konflikt, die alten Libido- 
Objekte (Mutter — Milch) im Sinne der Analyse aufzugeben, unter der 
Bedingung, daß die Analyse selbst den Ersatz (Kondensmilch) dafür bieten 
solle (Übertragung). 

Während sie noch im vorigen Traum das Lustgefühl beim Fallen mit 
der Onanie verglichen hatte, kommt hier das auf die Masturbaiion be- 
zügliche Schuldgefühl zum Vorschein, das sich auf die Hände bezieht, 
welche die Mutterbrust wieder berühren wollen. Wir werden 
später sehen und können es in allen Fällen bestätigt finden, daß das 
Sdiuldgefühl der Masturbation sich zutiefst auf die Berührung des mütter- 
lichen Körpers (beim Saugakt) bezieht und jede Masturbationsphantasie 
im Unbewußten auf die taktile Befriedigung an der Mutterbrust zurückgeht. 

77. Stunde: 
Der richtige Moment 

Der richtige Moment, der nicht verpaßt werden darf, und der im 
folgenden Traum wiederkehrt, bezieht sich auf die Vereinigung mit dem 
Liebesobjekt (Heirat ~ Mutter), beziehungsweise die Trennung. 

Traum: „Auf dem Xberg war ganz oben Wald, beim Hotel ein künst- 
„licher Park, und dort stehen viele Laternen, verhältnismäßig nahe bei- 
„einander. Wir spielen. Ich suche mir den Platz bei einer Laterne, die in 
„der Nähe von Herrn Y ist. Ich sehe nur seinen Rücken, wie er ein 
„bißchen von seinem Platz weggeht, und habe die Empfindung, ich konnte 
„an seinen Platz gehen," 

Assoziationen: In diesem Hotel hatte sie ihren Freund Arthur kennen 
gelernt. Es war an einem Abend (siehe Laternen) und auch die Schnee- 
landschaft war im Traum so wie damals. Gestern habe sie über A. ge- 
schimpft, er habe sie vernachlässigt (wie Max und die andern auch). Die 
Mutter habe ihr damals beim Bruch mit ihm geschrieben; Du wirst 
sehen, daß es auch ohne ihn geht. 



62 Analyse der Libido- Oberlrogung 

Deuhmg: Patientin ist offenbar erst jetzt mit Hilfe der Analyse und 
in derselben imstande, die neurotisdie Fixierung zu lösen, was im 
Traum durch das Spiel dargestellt scheint (der Name des Spieles will ihr 
nicht einfallen; als ich ihr sage, es erinnere an unser Spiel: Schneider leih 
mir die Scher', erwidert sie: vielleicht wars „Platzwechseln"). Sie tendiert 
offenbar von dem Mann, den sie nunmehr verworfen hat, zu einem andern, 
besseren (Ideal). Dazu sagt sie, daß sie von Herrn Y., den sie nur flüchtig 
kennen lernte, den Eindruck hatte: es ist so schön und es kann doch 
nichts passieren. Diese Charakteristik weist darauf hin, daß sie diese 
Wandlung (Platzwechsel) mittels der Übertragung durchzuführen imstande 
ist, wobei allerdings die Tendenz zur Umkehrung der analytischen Situation 
(Vateridentifizierung) unverkennbar ist: sie sieht den Mann von rück- 
wärts und hat die Empfindung, sie könnte an seinen Platz gehen. Zu 
dieser Identifizierung mit dem Vater, die immer durch die Libido versagung 
am Mann provoziert wird (Übertragung), passen dann wieder die ungeheuer 
plastischen Muttersymbole (hoher Berg, oben Wald, dunkel). So bereitet 
sie sich in diesem, wie auch in dem vorhergehenden Geburtsfaütraum 
auf die Lösung von der Mutter vor („Es wird auch ohne das gehen"! — 
„Es kann ja nichts geschehen" — so wie damals! Trost meehanismus der 
Geburtssituation), um auf den Mann „übertragen" zu können. 

Der nächste Traum wurde, auch infolge der dazwischen liegenden 
Feiertage, erst etwa zwei Wochen später notiert: 

82. Stunde: 
Kritik des Ichideals 

Traum: „Ein kahles Zimmer, so wie die linke Ecke Ihres Behandiungs- 
„raumes, darin ein großes gelbes Klavier (am unrichtigen Ort) ver- 
„sdioben, altmodisch, nicht gut." 

„Dann in einem üppigen orientalischen Zimmer mit Polstern und 
„Teppichen, dort war die Großmutter, schwach und krank, die umzusinken 
„drohte. Ich fange sie in meinen Armen auf und sinke langsam mit ihr 
„weich zu Boden (sie mit dem Rücken gegen mich), Max muß irgendwie 
„zugegen gewesen sein, denn im nächsten Teil, wo ich sie auf die Straße 
„führe, folgt er uns auf der anderen Seite und sie (die Großmutter) be- 
„merkt: Der junge Mann scheint sieb für dich zu interessieren." 

„Da gehen wir in ein falsches Haus, eine breite Treppe hinauf, wie 
„in ein Bordell; dann wieder weg (da am unrichtigen Ort) und in das Hotel 



Kritik des Idtideah 63 



„zum Schwarzen Adler (zweiten Ranges!). Jetzt bin ich allein. Ich komme 
„in ein Zimmer mit zwei Betten; auf einem der Betten sitzen zwei Burschen 
„mit einem Mädchen, aufs andere setze ich mich. Ich bin halb ausgezogen, 
„nehme ein Handtuch um meine Schultern, damit mich die nicht sehen 
„{denn ich sitze mit dem Rücken s^^^n sie). Ich bin in schwarzen 
„Pumphosen, die mir aber beim Aufstehen rückwärts ein bißchen auf- 
„gehen, was ich aber sofort schließe." 

Deutung: Der Traum wird als Reaktion auf ein Erlebnis des gestrigen 
Tages verständlich, das zeigt, wie viel Widerstand trotz aller Akzeptierung 
noch in der Patientin steckt, zugleich aber wie anders sie bereits auf der- 
artige, im Sinne der Analyse erwünschte „Traumata" reagiert. Patientin 
war nachmittags mit Max beisammen gewesen; bei dieser Gelegenheit 
hatte er einen leichten Schwindel an fall bekommen und drohte einen Moment 
lang umzusinken. Dieses leichte Zeichen von Schwädie benützt ihr Unbe- 
wußtes sogleich als Widerstand gegen den Mann (als Liebhaber und Ana- 
lytiker), anderseits aber auch zur Identifizierung mit dem {schwachen) Mann 
auf Grund ihrer frühinfantilen lustvollen „Schwindei"gefühle (Klettern, 
Schaukeln, an der Decke gehen etc.). 

Der erste Traum, der in meinem Zimmer spielt, bringt folgerichtig die 
{widerwillige) Akzeptierung der realen analytischen Situation (kahles 
Zimmer; verändert). Das Klavier, das die (aktiv-männliche) Masturbation 
symbolisiert, wird als altmodisch, nicht gut, am unrichtigen Ort befindlich 
kritisiert, ebenso wie später die Prost ituHonsphantasie (im Bordell am un- 
richtigen Ort). Zugleich wird aber auch die analytische Situation und 
Aufklärung als nüchtern und kahl charakterisiert und ihr die Üppigkeit 
und Wollust der neurotischen Libidobetriedigung gegenübergestellt (üppiges 
orientalisches Zimmer, wo sehr viel drin ist! Mutterleib). Wie sie 
gestern in Wirklichkeit Max auffangen wollte, so fängt sie im Traum die 
(alterssdiwache) Großmutter auf, mit der sie den Mann in herabsetzender 
Weise vergleicht (identifiziert). Zugleich ist aber Patientin selbst sowohl 
mit dem (schwachen, i. e. weibhchen, kastrierten) Mann identifiziert wie 
mit der Großmutter, die sich den Geschlechtsverkehr vor der Ehe ge- 
stattet hatte. Bemerkenswert, daß die Großmutter wieder anal-libidinös 
dargestellt ist (Patientin berührt sie von hinten). 

Diese Verdichtung verschiedener Identifizierungen in eine Traumszene 
ist vom Standpunkt der Kritik des Ichideals an früheren Entwickiungs- 




64 Analyse der Libido-Oberlragung 

phasen leicht zu verstehen. Ihre gestrige Regung, dem schwachen Mann 
zu helfen, hat ihr altes neurotisdies Liebesideal, die Rettung des 
Mannes (Vaters) wieder belebt und läßt sie das Gerettetwerden durch 
den Mann {Liebe, Ehe, Weiblichkeit) ablehnen, das sich natürlich auch 
gegen die Bemühungen des Analytikers wendet (Widerstand). Der Traum 
versucht, ihr früheres aktives Liebesstreben zu verherrlichen, kommt aber 
schließüdi (unter dem Einfluß der Analyse) dazu, sich darüber zu be- 
klagen, daß sie alles allein machen muß (in der Analyse), daß ihr niemand 
hilft (sie muß die Großmutter führen, der Mann schaut nur interessiert 
zu). Diese analytisch geforderte Situation kann Patientin nur akzeptieren, 
wenn sie sich die Passivität des Mannes (Analytikers) als Schwäche, als 
Impotenz erklärt (Kastration): deswegen wird der Mann des wirklichen 
Unfalls im Traum durch die Großmutter ersetzt. Die Einheit der Patientin 
und der Großmutter im Traume {sie fallen zusammen wie ein Korper 
um) ist übrigens eine schöne Darstellung der Identifizierung. Diese Iden- 
tifizierung leitet wieder ■ — über die vorgeschobene neurotische Prosti- 
tution sphantasie, die 'abgelehnt wird, zum Ödipuskomplex mit seiner rein 
femininen Einstellung über: das zweibettige (Ehe-) Schlafzimmer, indem 
sich wieder der — überzählige — Mann nicht um sie kümmert, sondern 
sie allein läßt, was der Traum in plastischer Darstellung als Ursache des 
Männhchkeitswunsches hinstellt (Pumphosen): Weil sich der Vater nicht 
um mich (sondern um die Mutter) gekümmert hat, blieb mir nichts 
anderes übrig als den Mann in mir selbst darzustellen (Identifizierung). 
Infolgedessen schließt der Traum aus der aktuellen (analytischen) Libido- 
enttäuschung am Mann mit der Männlichkeitstendenz als Widerstand, der 
sich in Scham wegen der Kastration äußert. 

Das verwirrende Neben- und Übereinander der Deutungen und Be- 
deutungen in den Träumen während der Analyse erklärt sich daraus, 
daß das Unbewußte keine andere Möglichkeit der Darstellung als die in 
Wunschform kennt — dies der Hauptsinn der Freudschen Wunscher- 
füllungstheorie — und sich ähnlich primitiv ausdrüdcen muß wie der 
biedere Landkaufmann, der seinem Großlieferanten in der Stadt eine 
größere Bestellung verschiedener Waren aufgibt, die mehrere Seiten füllt 
und den Großkaufmann im Gedanken an den Profit schmunzeln macht. 
Ganz am Ende der langen Bestellungs liste schreibt aber die geschäfts- 
tüchtigere Frau des Krämers: Ich teile Ihnen mit, daß mein Mann über 
unser Lager nicht gut unterrichtet ist und daß Sie die Bestellung nicht 



Infantile Übertragangs-Qaetlen 



65 



schicken brauchen, da wir alles noch reichlich haben. Auf die Idee, den 
Brief überhaupt nicht abzuschicken, kommt die tüchtige Frau offenbar 
deshalb nicht, weil es ihr darum zu tun ist, zu zeigen, wie viel besser 
sie das Geschäft versteht. Der Geprellte ist der Großkaufmann, den wir 
mit dem Bewußtsein vergleichen können, während wir in dem Ehepaar — 
wie dies Freud schon einmal in einem ähnlichen Gleichnis getan hat — 
zwei zeitlich verschiedene Entwidtlungs stufen — Systeme — der unbe- 
wußten Wunsch- bezw. Idealbildung sehen. „Ich lehne diese und jene 
(neurotische) Libidobefriedigung oder Einstellung ab", stellt das Unbewußte 
so dar, daß es zunächst diese Situation realisiert und dann das Ichideal 
darauf losläßt, welches das negierende Postskriptum darunter setzt. 

83. Stande: 
Infantile Übertragungs-Quelien 

Traum: „ich war im Schlafzimmer mit meiner Schwester, wo wir als 
„Kinder zusammen schliefen. Die Fenster und die Türe war offen und es 
„war so ein besonders frischer Wind im Zimmer. Ich stand aus dem 
„Bette auf, ging um das Bett der Schwester herum in die Nähe der 
„Türe und horchte hinaus. Die Schwester fragte, ob mir kalt sei 
„und man die Türe nicht schließen sollte. Ich sagte, nein! Drüben über 
„dem Korridor waren Vater und Mutter zusammen im Badezimmer 
„oder Kastenzimmer und flüsterten miteinander. (In Wirklichkeit war 
„das Schlafzimmer der Eltern nebenan; damals war die Türe offen, 
„d. h. passierbar, jetrt ist sie verstellt [Kasten].) Dann war ich wieder in 
„einem Schlafzimmer, aber in einem „erwachsenen", wo außerdem 
„nocli ein drittes „Kinderbett" stand, das aber nicht kürzer, nur 
„schmäler war. In dem lag meine Freundin Z. (sie trägt kurzes Haar). 
„\n einem erwachsenen Bett meine Freundin Elsa, die jetzt operiert 
„wird. Ich sagte, ich werde mich nicht niederlegen, es lohnt sich nicht, 
„ich sollte ja dann zu einer Unterhaltung {oder dem Vater etwas davon 
„erzählen). Sie sagte aber: Du kannst ja ein bißchen schlafen und dann 
„wieder aufstehen; ich dachte aber, da wäre es besser, sich gar nicht 
„erst niederzulegen". 

„Dazwischen (zum ersten Traum) noch eine Szene, die im Hof eines 
„Palais spielte, der wie eine Theater-Dekoration aussah. Ein Mann 
„spielte eine Frauenrolle, aber so schlecht (Perücke!), daß man 

Rank, NeurascnatiHlyfie ^ 



66 Analyse der Libido-Überiragang 

„eine Frau holen ließ. Sie erschien in blauem Hut und schwarzen Seal- 
„mantel. Aber inzwischen halte er sich eine richtige (weibliche) Perücke 
„aufgesetzt und man schickte sie wieder weg, da man sie nicht 
„brauchte. In dem Moment verwandelte sie sich in eine Art kleinen 
„Liftboy in grauem Anzug mit blau und Silberknöpfen, blaue flache 
„Mütze, wie die Karrikatur auf einen deutschen Leutnant." 

Deutung: Der Traum ist als Reaktion auf die psychoanalytische Auf- 
klärung' des neurotischen Identifizierungsmechanismus in der Kindheit zu 
verstehen: nach der Enttäuschung am Vater habe sie ihn in sich aufge- 
richtet und in ihrem M ännlichk ei ts wünsch dargestellt. Daher im Traum 
das Spielen der weiblichen Rolle durch einen Mann, das aber als „schlecht" 
kritisiert wird (neues Ichideal). Die „weggeschickte" Frau, die verdrängte 
Weiblichkeit, verwandelt sich in die Karikatur der Männlichkeit. Dies 
wird hauptsächlich am Kopf dargestellt (schlechte Perücke), wozu man 
wissen muß, daß die Patientin mit kurz geschnittenem Haar in die 
Analyse kam: eine typische Vermännlichungsart, die den Vorzug hat, 
durch Verkürzung (Abschneiden) das Männliche zu betonen.' 

In den beiden anderen Traumstücken versudit Patientin, die männliche 
Rolle doch zu spielen, die sie in der Theater-Szene karikiert. Sie spielt 
ihrer kastrierten Freundin gegenüber den Mann (kurzgeschnitlenes Haa 
der auf eine Unterhaltung geht und sich nidit niederlegen will (Wider-, 
stand gegen feminine Einstellung). Dieses Traumstück sowie die Theater- 
szene sind ein gutes Beispiel für die pseudo-homosexuelle Einstellung, 
die aus Verdrängung der ursprünglichen Ödipuseinstellung resultiert und 
letzten Endes unbewußterweise weder ,, männlich noch „weiblich", sondern 
infantil ist (Zusammen schlafen mit der Schwester). Die ursprüngHche 
Ödipussituation ist ganz klar im ersten Traumstiick dargesteUt, wo sie an 
der Schiafzimmertür der Eltern horcht (die Mutter beneidet). Zu den 
offenen Fenstern und Türen und dem merkwürdig frisdien Wind im 
Zimmer assoziiert sie die „Walküre", wo plötzlich die Türe geheimnisvoll 
aufspringt und der Lenz in den Saal ruft. Schon vor dieser Beziehung 
auf die Komplexe der „Walküre" (Inzest!) hatte Patientin ihre Lieblings- 

1) Die infantile Verleugnung der Kastration ist auch in dem Kinderbett der 
zweiten Traumszene angedeutet, das „nicht kurier" ist und in dem ihre Freun- 
din mit kurz geschnittenem Haar liegt; im anderen Bett liegt ihre Jetzt hier 
operierte (analysierte) Freundin. 



Das anale Kind 



67 



stelle aus der Walküre zitiert; die Szene zwisdien Wotan und Brunhilde, 
seiner Tochter („O, du mein herrliches Kind,"} 

Der Traum zeigt den Fortschritt von der infantilen Schlaf Situation 
(Zusammen schlafen mit der später geborenen Schwester — in der Mutter) 
zur „erwachsenen", auf den Vater (Walküre) — Mann (Analytiker) be- 
züglichen. 

84. Stande: 

Das anale Kind 

Traum: „Es war Besdiemng und eine Frau mit vier fCindern sitzt in 
„einem Restaurant [Essen], das rückwärts ein Kaffeehaus ist. Be- 
I, sonders ein Kind neben ihr ist ganz puppenhaft (wie meine Puppe, 
„blond). Dann war es bei Tante Marie (und Onkel Frank), die hatten einen 
„Eßwarenladen (Delikatessen -Geschäft) und vier Kinder. Sie sagte, sie 
„könne das aliein nicht mehr machen und die Großmutter helfe ihr 
„gar nicht (das Gegenteil war in WirkHchkeit wahr). Sie ging auch 
„durch, ohne sich zu kümmern. Ich half da, Äpfel zu verkaufen; die 
„Wage war nicht in Ordnung. Auf beiden Schalen waren Gewidite 
„und Apfel. Denn die Wage war dreiteilig, aber dann fehlte ein Teil 
„(wie ein Thermometer), so daß man nicht ablesen konnte. Ich habe ge- 
„sucht, es waren aber viele solche ähnliche Instrumente in dem Laden 
„(der mich an einen schmutzigen italienischen Laden mit herabhän- 
„genden Würsten aus der Kinderzeit erinnerte)." 

„Plötzlich verwandelte sich der Laden in ein Laboratorium 
„mit Instrumenten (Alkohol-Thermometer), das im Gegensatz zum Laden 
„ganz modern, weiß gekachelt war. Ich machte mich etwas zu schaffen 
„(violette Kugeln in einem Glas), damit es nicht auffiele, daß ich hier 
„nichts zu tun habe. Das Laboratorium hatte mehrere Ausgange, aber 
„dort, wo die Fenster sonst sind. Ich wollte hinaus, aber bei keiner Türe 
„ging es (vier falsche), bis endlidi durch die letzte jemand (vielleidit 
„Paul) im weißen Kittel hereinkam; da wußte ich, das ist der 
„richtige Ausgang. Draußen war es ganz gekachelt und im Boden 
„eine Vertiefung zum Abfließen: wie ein Herrenpissoir." 

Deutung: Hinter dem manifesten Männüchkeits wünsch dieser letzten 
Szene darf man die latenten femininen Tendenzen nicht übersehen, die 
sich in der Akzeptierung der Kastration äußern: Zwar ist die Türe die 
richtige, die ins Herrenpissoir führt und durch die der Mann hereinkommt, 

5» 



68 Analyse der Libido-Ober/rogung 

aber dieser Mann ist durch seinen weißen Kittel als Operateur charak- 
terisiert, der die Kastration vornimmt; außerdem ist die Türe selbst 
exquisit weibliches Symbol (Geburt). 

Die Bestätigung für diese Auffassung gibt die Assoziation der 
Patientin, daß sie in den letzten Tagen morgens Harndrang verspürt 
hätte und jedesmal beim Besuch der Freundin im Sanatorium Stuhl 
absetzen mußte. Es ist klar, daß Patientin in Identifizierung mit der 
operierten Freundin und unter dem Einfluß der analytischen Aufklärung, 
die bereits vorbewußt gemachte Gleichung: Operation — Kastration auf 
die noch unbewußte; Operation — Kind (Geburt), im analen Sinne 
(Stuhl) umgearbeitet hat, wobei der Doppelsinn des Wortes „Abort" 
als Brücke diente. Die im Traum erwähnte Puppe gleicht ihrer wirklichen 
Puppe, die sie mit etwa 5 Jahren nach Weihnachten („Bescherung") wütend 
ins Klosett geworfen hatte, um endlich eine neue zu bekommen, da 
man ihr immer die alte mit repariertem („operiertem") Kopf wieder- 
geschenkt hatte. Auf dieses infantile Kind, das durch Essen (Restaurant) 
empfangen wird und .^rückwärts im Kaffeehaus" (Kaffee — braun — Stuhl) 
herauskommt, weist der erste Traumteil hin. Aber schon im zweiten 
kommt der Widerstand aus der Versagung: Patientin beklagt sich über 
ihre Überflüssigkeit (neben dem Ehepaar; „ich hatte dort nichts zu tun") 
und daß sie alles allein (in der Analyse) machen muß. Der ganze weitere 
Inhalt des Traumes dient der Konstatierung und Verleugnung der Kastration 
(nicht in Ordnung, fehlte ein Teil; viele solche Instrumente, herabhängende 
Würste etc.), wobei die Zahl vier wieder ihre bekannte symbolische Rolle 
aus dem Entwöhnungstrauma spielt (die beiden Wagsdialen und die 
Äpfel weisen auf die Brüste hin). 

Der Schlußtraum zeigt die Transponierung der infantilen Komplexe 
und Einstellungen auf die Analyse: aus dem sdimutzigen Laden, dessen 
Würste hinter der genitalen (männlichen) die anale (bisexuelle) Bedeutung 
verbergen (Mutterleib), wird ein weißes Laboratorium, das über die (eng- 
lisdie) Wortbrücke „Lavoratory" (Klosett) wieder zum Männlichkeits- 
komplex führt (männlidien Urinierwunsch), während die analytische Be- 
deutung im Laboratorium das moderne Institut sieht, in dem die Aus- 
scheidungsprodukte (Harn, Kot) „analysiert" werden (allerdings in ihrer 
funktionalen und symbolischen Bedeutung). 

Nachträglich schildert sie noch im Laden eine Maschine des Vaters, 
wo das Produkt rückwärts fertig herauskommt, und vergleicht diese 



Das Kunstsifick ohne Hände 



69 



Maschine, in der die Arbeiterin auch ihre Hand verloren hatte, mit einem 
Webstuhl, an den sich dunkle Erinnerungen kindlicher Erlebnisse knüpfen. 
In der dritten, obersten Schidite sehen wir im Traum analytische Maschinen 
(Alkoholthermometer), so daß die durchgehende Identifizierung des Analy- 
tikers mit dem Vater klar wird. (Onkel Frank als Mittelsperson!) 



85. Stunde: 

Die Masturbation: 

Das Kunststück ohne Hände 

Traum: „Auf einem Abhang, der wie eine Seilbahn war, bin ich auf 
„dem Bauch heruntergerutscht; und zwar schräg. Es war ein Absatz 
„da, und zwar durch einen quer über die Bahn laufenden Weg gebildet. 
„Ich wollte ja zu einer Bahnstation, die ich aber nicht erreichte. Ich glaube, 
„ich hatte dort (oben) etwas zu tun. Dann war es eine Szene aus der 
„Schule." 

Assoziationen: Zur Schule, die an einem anderen Ort war, mußte sie 
immer hinfahren. Man hielt dort die Madchen sehr streng; aber jeden 
Samstag, wenn sie nachhause fuhr, erwartete sie ein junger Mann am 
Bahnhof. 

Deutung: Der Traum bringt also wieder die alte Kastralions- und 
Geburts-Symbolik (Abhang, Vorsprung, herunterrutschen). Zum Rutschen 
assoziiert Patientin aber weiter: „Vater als Rutschbahn, an dem ich herunter- 
g-erutscht bin; aber nicht auf dem Bauch. Das kommt vom Rodeln, wie 
es die Buben machten und wie ich es auch wollte; aber ich traute mich 
nicht, fürchtete den Kopf einzuschlagen. Auch im Traum geht es schlecht 
{das Bubsein wollen), ich bin ja schräg heruntergerollt." Nach einigem 
Widerstand gibt sie zum Rutschen noch das RutscJien des Penis in der 
Vagina an. 

Damit ist Patientin selbst zur sexuellen Deutung des Traumes ge- 
kommen, d. h, sie deutet uns an, daß hinter der von ihr zugegebenen 
und verstandenen Sexual bedeutung noch eine andere, verdrängte stedtt. 
Es ist klar, daß dies die masturbatorische ist, die jetzt nach analytischer 
Aufhebung gewisser Verdrängungen und vorgelagerter Symptombil düngen 
(Männlichkeitswunsch) zum Vorschein kommt. 

Nach dieser Andeutung bringt Patientin Einfälle zur Masturbation. Sie 
habe heute am Morgen Lust zur Masturbation verspürt, Sie habe 



70 Analyse der Libido-UbeHragiing 

immer nur ohne Zuhilfenahme der Hand masturbiert {auf dem Bauche 
liegend, wie der Traum verrät). Sie habe etwas hineingesteckt, drin 
liegen lassen und durch Schenkel druck, resp. Bewegung das Lustgefühl 
hervorgerufen, Sie habe sich dabei im Spiegel angesehen und gedacht, 
es wäre ein Penis da. Es wird also hier unter dem Einfluß der Analyse 
des Schuldgefühls die negative Käst rat ionssymbolik zur Darstellung der 
positiven Masturbationssymbolik benützt, wobei die Symbole,, wie man 
sieht, die gleichen bleiben. Hier wird die besonders stark betonte mas- 
kuline Form ihrer Masturbation klar; einen Penis haben. Dies entspricht 
der Tendenz zur Mutterrückkehr, wie anderseits die ganze Situation der 
Träumerin (kopfabwarts-herunterrutschen) der Geburtsdarstellung entspricht. 

86. Stunde: 

Die neue Liebe 

Traum: „Ich war in einem sehr heimlichen (anheimelnden) Zimmer 
„mit Arthur. Er war in besonderer Art zärtlich wie noch nie, strei- 
„chelte mich. Er zeigte mir einen Brief von einem Mädchen, das ihn 
'„liebe, die letzte Seite. Ich wollte auf den Namen schauen, es war 
„aber keiner da. Er sagte mir gutig, das tue doci nichts zur Sache. Idi 
„dachte, das Mädchen liebe ihn so wie ich früher und ich liebe ihn 
„jetzt nicht mehr so. Aber ich tröstete midi, ich müsse mich zufrieden 
„geben (daß ich ihren Namen nicht weiß); es ist schöner so, es ist eine 
„neue Art Uebe, dieses Verzichten auf sinnliche Befriedigung 
„(ich wollte ihn niclit mehr an mich reißen, wie früher). Ich bin beim 
„Klavier gesessen und habe den Kopf hinuntergelegt (es war aber nicht 
„mehr die frühere Traurigkeit)." 

„Dann war es wie mein Zimmer zuhause und die Türe zum Balkon 
„ging auf und Dr. M. kam herein im weißen Ärzte-Kittel. Ich habe mich 
„gewundert, wie er da vom Nebenzimmer hereinkommt (wo ich mit Arthur 
„war), da doch nebenan (wo ich jetzt wohne) das Ehepaar mit dem Kind 
„ist. Er ist gleich wieder weggegangen." 

Assoziationen: Dr. M. interessiert sich für Analyse und hat zu Lern- 
zwedten einen Bekannten der Patientin gratis behandelt, 

Deutung: Wir haben es also mit einem echten Übertragungstraum zu 
tun, in dem der Analytiker als neuer (idealer) Liebhaber auftritt. Patientin 
akzeptiert in Wiederbelebung einer frühinfantilen Einstellung zum Vater 
(Zärtlichkeit), die bereits an die Stelle der Rache getreten ist, die ziel- 



Die neue Liebe 



71 



gehemmte Libido. Sie stellt zwar die wirklidje Liebestorderung noch dar,' 
aber um sie lu verurteilen. Die ganze temporale Einkleidung des Traumes 
(wie noch nie; früher; nicht mehr etc. etc.) weist auf diese zeitliche 
Wandlung und Gegenüberstellung, auf die Verurteilung ihres früheren 
(des neurotischen) Ich zugunsten des neuen (analytischen) Iclüdeals, das 
aber doch nur ein wie derbe lebtes infantiles ist. So begleitet das Unbe- 
wußte den eigentlidi analytischen Fortschritt, der in der Gestattung der 
neurotisch (durch Schuldgefühl) gehemmten Sinnlichkeit Hegt, mit einer 
Regressionstendenz in die alte vorsinnliche Phase der Vaterlibido (Zart- 
Uchkeit). Dario Hegt aber auch die liebevoli-zärtUche Unterordnung unter 
den Mann, die an Steile der verdrängten Zärtlichkeit (des Protestes) 
wiederkehrt: „ich muß mich zufrieden geben",' sozusagen ruhig warten. 
Dieses zeitliche (Gedulds-) Moment ist ein bedeutsames Anzeichen im 
Heilungsprozeß, mit dem wir uns in der letzten Phase der Analyse, der 
Aufiösung der Übertragung, noch eingehender zu beschäftigen haben 
werden, Die Bedeutsamkeit dieses Faktors zeigt sich auch darin, daß die 
Patientin diese Resignation auch real zu erleben sucht, was darauf 
hinweist, daß sie noch nicht echt ist und sich hinter ihr eine Tendenz 
verbirgt, 

Patientin hatte nämlich die Stunde — vor der Erzählung des Traumes — 
damit eingeleitet, daß sie berichtete, sie hätte gestern (übrigens zum 
erstenmale) ein Buch bei mir vergessen, habe es auf der Straße bemerkt, 
wollte erst umkehren, dachte aber dann, sie könne bis morgen warten! — 
Sdion damit war das zeitlidie Moment gegeben, das im Traum so domi- 
niert und zu dem Patientin vom gestrigen Tag noch bemerkenswerte 
Belege bringt; 

a) Gestern habe sie zum erstenmal auf den telephonischen Anruf von 
Max geduldig gewartet (nicht wie bisher immer Verzweiflung und Wut- 
anfälle bekommen). 



1) Auch das geheimnisvolle Erscheinen des Dr. M. in der Türe ist ein 
typisches Libidosymbol für die Patientin: es stammt aus der „Walküre", wo 
die Türe von selbst aufgeht und der Lenz dem inzestuösen Liebesg-lück lacht. 
Für Patientin ist die Szene swisdien Wotan und Brunhilde (O, du mein herr- 
liches Kind) das Entsdieidende. 

2) Dies bedeutet zugleich ein Abfinden mit der (mütterlidien) Konkurrentin 
beim Geliebten (Vater). Die Unkenntnis (des Namens) gehört der Übertra- 
gungssdiichte an. 



^^ Analyse der Libi do -Obertragung 

b) Am Nachmittag habe sie plötzlich eine ungeduldige Stimmung befallen, 
irgendwohin zu gehen.' Auf einmal habe sie aber eine Resignation 
gepackt, sie sei still gesessen und habe wie „wütend" darauflos genäht. 

c) Die Fahrt von ihrer weit entlegenen Wohnung in die Stunde sei ihr 
gestern nicht so lange vorgekomraen wie bisher (Geduld). 

Dieser ganze Übertragungserfolg wird aber nur verständlich und zu- 
gleich in seiner Nebentendenz entlarvt, wenn man berücksichtigt, daß in 
der gestrigen Analyse die verdrängten Masturbationstendenzen 
der Patientin berührt worden waren.' Das Vermeiden der stürmischen, 
sinnlichen Libido im Traum entspricht einem widerstandsmäßigen Aus- 
weichen der analytisch befreiten Sinnlichkeit, die allerdings in der Analyse 
keinen anderen Ausweg findet, als den des (neurotischen) ZurÜckflutens 
in den Autoerotismus. der doch auch analytisch erlebt und so überwunden 
werden muß. Das Unbewußte will also — wie seiner Natur nach zu 
erwarten — die in der Übertragungssituation wieder erweckte zärtlich- 
feminine Libidoströmung festhalten und sich neurotisch darin fixieren, sie mit 
der in der verdrängten Masturbation verankerten Sinnlichkeit zu neuer, 
gesunder Liebesfähigkeit zu vereinigen. Der Fortschritt der Akzeptierung 
der zärtlichen Libido wird also — wie jeder Fortschritt in der Analyse 
und vermutlich auch in der Kultur — nur gemadit, um einer unbequemen 
Anpassung auszuweichen und mittels Regression in eine frühere lustvolle 
Entwicklungsstufe zurück zu gehen. 

87. Stande: 
Das sexuelle Kunststück 

Traum: „Ich bin im (Wiener) Tram mit zwei Freundinnen jrefahren. 
„Da kommt die D. und noch eine Freundin herein. Idi stürze auf sie zu 
„und spreche sie in meiner Muttersprache an (d. h. verrate mich als An- 
„gehörige der betreffenden Nation), was idi sonst gerne vermeide. Dann 
„sind noch zwei Freundinnen dazugekommen, im Ganzen also vier (eigent- 
„lieh drei wirkliche Freundinnen, und eine, die nur so dabei war)." 

1) Diese Ung-eduldstimmung habe sie befaUen, nadidem sie die Frauetiäritin 
(und die Schneiderin) bezahlt hatte. Vgl. Dr. M. des Traumes, der gratis behandelt. 

2) Man wird sich vielleicht wundern, warum das so spät geschieht. Gelegen- 
heit dazu wäre wohl schon früher auch gewesen, aber kein zwingender Anlaß. 
Dieser ergibt sich erst, wenn die sinnlichen Libido an Sprüche so weit vom Schuld- 
bewußtsein befreit sind, daß die infantile Masturbationstendenz die aktuelle 
Übertragungslibido empfindlich stört und so Widerstand macht. 



i 



„Dann saß ich rittlings auf einem Stiegengeländer, auf dessen 
„einer Seite ein tiefer Abgrund mit einem See war, auf dem Eisschollen 
„schwammen. Die eine Freundin M. (die scheinbar in der Luft sdiwebte) 
„erzählte mir etwas wie auf einem Bild; Ihr Mann W. sei da Ski ge- 
„laufen (obwohl doch kein Schnee war, sondern nur Eisschollen, eine 
„.zerbrodiene Eisdecke'), u. zw. so im großen Bogen, wodurch er 
„soviel Schwung hatte, daß er auf der andern Seite wieder hin- 
„auffuhr; und so noch einmal. Ich habe dabei immer gedacht: warum 
„erzählt sie mir das, was hat das für einen Sinn; aber audi immer gedacht. 
„jetzt kommt es, jetzt kommt es (nämUch, daß er verunglückt ist oder tot 
„oder den ersten Preis bekommen hat). Aber das ist nie gekommen." 

„Dann sind die vier Freundinnen in ein präditiges Hotelzimmer ge- 
„gangen, das keine gewöhnlidie, sondern eine Doppeltür hatte. Ich habe 
„die erste Tür geöffnet und geklopft, da sagte die M., da kannst du 
„nicht herein, das ist nichts für dich." 



Assoziationen: Schon während der Erzählung des Traumes assoziiert 
Patientin beim „See" und dann wieder bei dem „Bild" einen farbigen 
Steindruck der Akropoiis, der in meinem Zimmer so hängt, daß die 
Patientin ihn sdiräg gegenüber in ziemlicher Enffernung und Höhe, aber 
schlechter Beleuchtung sehen kann. Sie glaubt nun diesen See auf meinem 
Bild wahrgenommen zu haben [obwohl sicli dort kein See befindet; der 
„Abgrund", der im Traume vorkommt und für ein Stiegengel an der kaum 
passend ist, dürfte wohl von der auf dem Büd sichtbaren steil abfallenden 
Nordseite der Akropoiis herrühren]. Die Eisschollen auf dem See erinnern 
sie an Eisstücke, die sie tags vorher bei Überschreiten des Wienflusses 
gesehen hatte, als sie zur Frauenärztin ging, ihre Rechnung zu begleichen. 
Das Bild selbst schildert sie dann näher als Relief — mit Vorsprüngen — 
wie eine Wandkarte ihres Heimatlandes, die sie in der Schule hatten 
(Mufter-Erde mit Brüsten; ebenso die vier Freundinnen und die Doppel- 
türen). 

Zu den Freundinnen; ihre Landsmännin D., die in den Tram einsteigt, 
hat eine merkwürdige Münchner Tracht Ihre Freundin M., die ihr sozu- 
sagen mein Bild erklärt, war immer sehr stolz und wollte nichts mit ihr 
zu tun haben. Als sie verheiratet v/ar, kam sie eines Tages ganz über- 
raschend zur Patientin, um ihren Rat einzuholen, da es mit dem Sexual- 
verkehr in der Ehe nicht recht gehen wollte. Patientin meinte damals, es 



74 Anatt/sa der Libido-Überlragung 



sei wohl wegen der Präventivmittel, die sie verwendeten, wahrscheinlicli 
Store sie dies. Die Freundin M. erwiderte damals, sie konnten sich eben 
jetzt kein Kind leisten, und Patientin hielt damit die Sache für erledigt. 
Am Tag vor dem Traum hatte sie ein Gespräch mit ihrer hiesigen 
Freundin Elsa, zu der diesmal die Patientin als Ratsuchende gekommen 
war, Patientin hatte nämlich wiederholt Sdiwangerschaftsphantasien gehabt, 
obwohl sie sidier war, daß gar keine Möglichkeit zur Konzeption be- 
standen hatte. Offenbar war ihr Wunsch nach dem Kinde zeitweise so 
stark gewesen, daß sie die bloße Verspätung ihrer Menstruation als Zeichen 
für eine Konzeption ansah. Gestern, als sie mit ihrer Freundin darüber 
sprach, fühlte sie sich weniger als Ratsuchende, vielmehr — auf Grund ihrer 
analytischen Aufklärung — als gleichgestellt inbezug auf das Sexualwissen. 

Deutung: Daraus wird ein Teil der Traum Situation verständlich: ihre 
Freundin M., der unsere Patientin seinerzeit einen sexuellen Rat geben 
sollte, erklärt ihr etwas im Traume, wie sie es gestern von ihrer hiesigen 
Freundin erwartet hatte. Da sich diese sexuelle Erklärung im Traum 
auf mein Bild beziebt, beziehungsweise an ihm demonstriert wird, ist klar, 
daß die Patientin, midi mit den ratgebenden Freundinnen identifizierend, 
meine sexuelle, i. e. analytische Aufklärung anzunehmen bereit ist, indem 
sie in der Traumsituation von der Freundin M„ der sie seinerzeit nicht zu 
raten wußte, jetzt Aufklärung annimmt. 

Der Traum verrat uns aber weiter, in seiner symbolischen Bedeutung, 
auch die speziellen Sexualkomplexe, gegen deren Aufklärung die Patientin 
ambivalent eingestellt ist. Wie schon aus den beiden assoziierten Ge- 
sprächen mit den Freundinnen M. und D. ersichtiidi ist, handelt es sich 
zunächst um den Kindeswunsdi der Patientin, weiter ja in ihrem Ödipus- 
komplex verankert ist, und sich in der Übertragung manifestiert. Der ana- 
lytische Fortschritt in dieser Richtung ist dadurch gekennzeichnet, daß 
Patientin anschließend an ihr gestriges Gespräch mit Elsa die Äußerung 
machte, wenn sie jetzt heiraten würde, möchte sie anfangs keine Kinder 
haben; der Verkehr sollte zunächst nur um ihretwillen da sein. Während 
sie dies in der Analyse erzählt, fällt ihr plötzlich der Klempner zuhause 
ein und dazu ein blanker Zinkkessel. Da sie keine weiteren Assoziationen 
dazu hat, frage ich sie, ob sie an ein Pessar denke. Sie antwortete: „nein, 
der Zinkkessel erinnert mich aber an das Holz des Geländers im Traum, 
das auch so blinkt und glänzt". Wie riditig aber die Deutung „Pessar" 



Das seruelle Kunstslück 75 



b 



war, ergibt sidi daraus, daß die Patientin nun spontan weiter davon 
spricht, um es schließlich mit ihrem seinerzeitigen Gespräch, das sie mit 
der Freundin M. hatte, in Zusammenhang zu bringen. Sie habe nie ver- 
stehen können, wie Frauen ein Pessar tragen können, auch nicht zu Heil- 
zwecken, und bemerkt selbst dazu, sie müsse eine besonders motivierte 
Abneigung dagegen haben, da es ihr auch nicht als der einfachste Rat 
für ihre Freundin M. eingefallen war, welche sidi bei ihr über das Störende 
der Kondoms beklagt habe. Dagegen hielt ihre Freundin Elsa das für 
den einzig sicheren Schutz und habe dies auch gestern wiederholt, worauf 
ihr die Patientin erwiderte, sie möchte es nicht. Ea lehne sich etwas in 
ihr auf dagegen, daß die Frau alles ertragen und verantworten solle, und 
sie hielte es für geredit, daß auch der Mann etwas auf sich nehme. Ein 
weiterer Gegensatz zu ihrer Freundin hätte sidi gestern ergeben, da diese 
gegen den Coitus interruptus eiferte, weil man sich auf den Mann nicht 
so verlassen könne. Patientin meinte, sie würde sich ohne weiters darauf 
verlassen, würde aber auch selbst den richtigen Moment nicht ver- 
passen (siehe ähnliche Äußerungen im Traum S, 61). 

Es zeigt sich hier, daß die Patientin nur insoweit imstande ist, den 
starken unbewußten Kindeswunsch zurückzustellen, als der Mann dies auf 
sich nähme und verantworte. In diesem Sinne ist der Skifahrer des 
Traumes als der Mann zu verstehen, der das von ihr abgelehnte „Kunst- 
stück" zustande bringt, der skifahren kann ohne Schnee, auf Eis, auf 
zerbrochenem Eis in einem Schwung hinauf und herunter, mit einem Wort, 
der den ersten Preis erwirbt. Diesen Kunstski fahrer kennen wir aber 
bereits aus andern Träumen der Patientin {siehe S. 13), in denen sie aber 
regelmäßig aus ihrem Männl ich keits wünsch mit ihm identifiziert war. Nun 
zeigt uns der zweite Teil ihres vorliegenden Traumes, daß sie selbst 
wieder in einer ähnlichen Situation ersdieint, nämlich auf dem Stiegen- 
geläoder rittlings sitzend, wie sie hinzufügt, zum Abrutschen bereit, also 
gleichfalls im Begriff, ein Kunststück auszuführen. 

Dieses Kunststück ist uns aber als Wiederholung einer lustvolien infan- 
tilen Situation wohlbekannt, nämlich als Herumrutschen am Korper der 
Erwachsenen, aber hier bereits im sexuellen Sinne, und zwar als Wieder- 
kehr einer Phase der infantilen Masturbation ohne manuelle 
Hilfe verwendet. 

Hier wird versländlich, wie der Traum aus der analytischen Situ- 
ation herauswächst. Wir befinden uns in der Phase der Analyse, wo die 



76 Analyse der Libido-Uberiragung 

Patientin aus der Wiederholung ihrer infantilen Libidoversagung in der 
Aufklärung der Übertragung mit ihrer gestauten Libido auf die infantile 
Masturbation regredieren will, und sich nun gegen die Analyse dieser 
infantilen Libido Zuflucht sträubt. Es ist so, als würden ihre Traumgedanken 
sagen: Wenn idi das Kind nicht bekommen kann, was nützen mir alle 
analytischen Aufklärungen! Das Beste ist, ich kehre dann doch zur Mastur- 
bation zurück. In diesem Sinne ist ihr Traumgedanke zu verstehen; „Warum 
erzählt sie mir das, was hat das für einen Sinn", Ebenso der weitere 
Traumgedanke, der motiviert, warum sie doch zuhört! „Jetzt kommt es, 
jetzt kommt es!" NämÜch die wirkUche Libido {d. h. direkt der Orgas- 
mus), statt der nüchternen Erklärungen, statt der analytischen „Kunst- 
stüclte", in denen sie mich gleichzeitig bewundert und ihrer Enttäuschung 
Ausdruck gibt. Der Gegensatz zwischen Realität und bloßer Phantasie- 
befriedigung kommt auch darin zum Ausdruck, daß ihr im Traum alles 
an einem Bild — nicht an der Wirklichkeit — erklärt wird. 

Daß im Zentrum des Traumes der Libidowiderstand steht, ergibt sich 
nicht nur aus der ganzen analytisdien Situation, sondern auch aus der 
Bemerkung, welclie die Träumerin spontan macht, als ihr dies durch die 
Analyse klar geworden war. Seit gestern hätte sie ein Bläschen in der 
Vulva bemerkt, das juckt; sie wollte aber nicht hineinschauen. „Hätte ich 
wie früher masturbiert, so hätte idi gedacht, es sei davon (von der Ver- 
unreinigung), so aber . . .". Patientin spricht hier nicht aus, was wir ana- 
lytisch leicht ergänzen können, daß nämiich das Bläschen einerseits ihre 
Neigung zu masturbieren rationalisieren sollte, andererseits bereits als 
Strafe für den vollzogenen Akt sie daran verhindert (Sdiuldbewußtsein). ' 

88. Stunde: 
Der Geldwiderstand 

Patientin, die am Abend einen Ball besucht hatte, ist verstimmt 
und unzufrieden. Sie erzählt nachstehenden 

1) Man kann audi weiterg'ehen und in dem Symptom der Blas die nbil düng 
einen vollwertig'en neurotischen Ersatz der Masturbation selbst erblicken, indem 
das Bläschen an und für sich einen angenehmen Juckreiz ohne aktives Eingreifen 
der Patientin produziert. Es würde dies auf eine besonders starke Verdräng-ung- 
der (manuellen) Aktivität bei der Patientin hinweisen, die Freud ohnehin als für 
den Zwangstypus charakteristisch erkannt hatte. (Zur Bläschendeutung hat sie 
den charakteristisdien Einfall, daß die Mutter sie immer ermahnt hatte, die 
Hände beim Sdilafen über der Decke zu halten.) 



Der Celdaiidersiand 



77 



Traum: „Ich wollte von L., wo Verwandte in der Nähe Wiens wohnen, 
„nachhause, und mußte, um den Zug noch zu erreichen, ein Auto nehmen. 
„Wie wir ankamen, wollte ich ihn bezahlen, bemerkte aber, daß ich nur 
„einen 100.000 Kronen-Kassenschein' hatte, (den idi seit einigen Tagen 
„schon einwechseln sollte). Er verlangte, 80.504.85 Kronen (was die 80.000 
„bedeuten, wußte ich sofort am Morgen, die Bedeutung der 504 fiel mir 
„beim Herfahren ein, und die 85 Hundertstel heißen, wie mir jetzt einfällt, 
„daß die 80.000 Kronen in meiner Währung nur sehr wenig ausmachen). 
„Ich gab ihm das Geld und sagte ihm, er solle mir herausgeben, da ich 
„noch das Abendessen am Büffet bezahlen müsse, und die Fahrkarte. Da 
„lächelte er verlegen, gab mir nichts heraus und sagte, ich könnte ihm ja 
„sagen was es koste, er werde es bezahlen. Das hieit ich für einen 
„Betrug und rief Polizei, dachte aber dabei, die kann wohl auch nichts 
„machen, vielleicht ist er im Recht. Es blieb mir nur noch wenig Geld {so 
„wie 504) und da der Zug schon dastand, kaufte ich das Biliet nur bis 
„da und da hin, ich glaube bis Wien, mit dem Gedanken, dort werde ich 
„schon Geld bekommen. Ich dachte auch, ich brauche das Abendessen 
„nicht zu bezahlen. Dann stieg ich ein, der Chauffeur auch, und dann war 
„es aber plötzlich statt des Wagens ein Schlafzimmer mit zwei Betten 
„nebeneineinander (nicht mehr auseinander). In einem lag der Chauffeur, 
„idi setzte mich an den Bettrand, wie zu einem Kranken (er lag auch 
„ganz still), den Arm so über seine Füße gelehnt." 



Assoziationen: Beim gestrigen Ball, den sie eigentlich auf Veranlassung 
von Max besudit hatte, hätte sie den Eindrudc gehabt, er liebe sie nicht 
mehr so wie früher, gebe sich nicht mehr so viel Mühe. Sähe auch nicht 
so gut (d. h. vornehm) aus wie die andern jungen Männer, andere Mädchen 
gefielen ihm besser als sie etc., Eindrüclce, die sie sich sofort selbst zu 
widerlegen suchte. Doch konnte sie an seiner veränderten Einstellung 
kaum zweifeln, a!s er vorzeitig wegging mit der Begründung, sie würden 
sonst den letzten Autobus versäumen. Als sie ihrer Unzufriedenheit dar- 
über Ausdruck gab, erwiderte er: „Wenn Sie nächstens länger bleiben 
wollen, müssen Sie ein Auto nehmen." Sie sagte darauf: „Das können 
wir ja." — Ferner hatte er sie auf dem Ball gefragt, ob sie schon ge- 
gessen habe, sie sagte, ja, eine Kleinigkeit. Er hatte sich also durchaus 



1) Geld, das zu der Zeit niemand annehmen wollte. 



78 Aiiatyse der Libido-Öberiragung 

nidit kavaliermäßig benommen, läßt sie das Auto und ihr Essen selbst be- 
zahlen, ja scheint sogar selbst nidit abgeneigt, beides von ihr anzunehmen. 

Deutung: Der Traum bringt also ihre kritische Einstellung zu Max 
zum Ausdruck, der sie in puncto seiner Liebe enttäusdit hatte. Sie spricht 
es direkt aus, daß er es vielleicht nur auf ihr Geld abgesehen habe. In 
diesem Sinne ist der Traum leicht verständlich, aber sozusagen lu leidit, 
denn diese vorbewußten, beinahe vollbewußten Gedanken können un- 
möglich seinen Inhalt decken. Aber auch was er sonst bedeutet, ist eines- 
teils aus der Traumtheorie, andemteils aus der analytischen Situation so 
durchsiditig, daß man es beinahe schematisch darstellen könnte. Es handelt 
sidi um die dem aktuellen Erlebnis entsprechende infantile Situation im 
Vater Verhältnis, die der analytischen Übertragungssituation parallel läuft: 

Vater (infantil) Max (aktuell) Dr. Rank (analytisch) 

Gibt keine Liebe, Liebt mich nur wegen Behandelt mich nur um 

höchsteas Geld' Geld= Geld 

Ist ein „Betrüger" ' Ist egoistisch Ist ein Schwindler* 

Soll sterben Soll krank sein' Soll Weib (Mutter) sein = 

Abwendung v, Vater Überwindung Maxens Loslösung durch Umkeh- 
rung der analytisdien 
Situation 

1) Patientin empfindet es drückend, materiell ganz vom Vater abhäng-ig- 
zu sein und wirft ihm übrigens, wie wir wissen, sein Vermögen auch im Sinne 
ihrer unbewußten Libidoenttausdiung vor, weil er sich zu viel dem Gelderwerb 
und zu wenig ihr widmete. Als idi sie auf die infantile Vatersituation in ihrem 
heutigen Traum aufmerksam machte, sagte sie spontan; „die 5 und die 8 waren 
so schone Ziffern, wie sie der Vater (und audi die Sdiwester) madit, nidit so 
ungelenk wie meine," 

2) Dieser Gedanke ist ihr gestern anläßlidi seines Benehmens zum ersten- 
mal bewußt aufgetaudit; sie dadite aber, es sei dodi nicht mÖglidi. Hier zeigt 
sich deutlich die zwangmäßige Übertragung der unbewußten Einstellung zum 
Vater auf das Liebesobjekt (auch den Analytiker). 

3) Max hatte ihr gesagt, er wäre beinahe nicht gekommen, weil er Grippe 
hätte. Sie dachte, ein Mann bekommt doch nicht so leicht Grippe (siehe den 
SAwädilingstraum S. 63.) 

4) Dazu ihr Einfall, daß ein bekannter Arzt ihr kürzlich sagte: Diese lange 
analytisdie Behandlung ist eine Gaunerei. 

5) Zur letzten Traumszene assoziiert sie, ihre Freundin Elsa sei in den letzten 
Tagen so gelegen, wie der Chauffeur im Traume und ihr Bräutigam sei so an 



Der Geldiuiderstond 79 



Die analytische Deutung des Traumes lautet demnacli: Dadurch, daß 
mir der Vater keine Libido gab, mich enttäuschte {wie jetzt wieder Max und 
der Analytiker) 2wanj er mich, selbst den Mann (den Kavalier, den Analy- 
tiker) zu spielen, für Alles selbst zu sorgen,' Der Vater (der Geliebte, der 
Analytiker) hat mich gezwungen, die männliche Rolle zu spielen. Dieser 
„männliche Protest" erweist sich hier wieder als Folge der Enttäuschung 
am Vater, dessen Rolle sie auch in der Geldgebarung übernimmt, eben- 
so wie sie die Rolle des sie enttäuschenden Max (Kavalier) und des 
Analytikers übernehmen will. Der Versuch, zur konsequenten Durdi- 
führung dieser Identifizierung mit dem Vater, der natürlich an ihrer 
Weiblichkeit scheitern muß, führt notwendigerweise zu ihren neurotischen 
Konflikten. Diesen eigentlich pathologischen Mechanismus, an den sie 
fixiert geblieben ist, wiederholt der Traum, welcher im Szenenwechsel 
(„dann war es plötzlich statt des Wagens ein Schlafzimmer mit zwei 
Betten") die zugrundeliegende feminine Wunschphantasie verrät. 

ä9. Stunde: 
Masturbation und Männlichkeitskomplex 

Patientin erklärt, es gehe ihr sehr schlecht, sie sei verzweifelt. 

Traum: „Ich bin im Walde mit meiner Schwester spazieren gegangen; 
„es waren auch Herren dabei. Ich wollte mir einen Platz zum Mastur- 
„bieren aussuchen, wurde aber überall gestört. Da sucht sich die Schwester 
„einen Platz zum Urinieren und dann finde ich auch ein Plätzchen, in 
„der Nähe eines Wegleins. Wie ich anfangen will, kommt der Großvater, 
„aber er bemerkt mich nicht, geht vorbei. Aber ich mache es trotzdem 
„schnell ab, weil ich fürchte, überrascht zu werden." 

„Der zweite Teil handelt von vielen Kindern, und zwar Buben. Es 
„war eine Straße mit einem Graben zur Seite, aber einem künstlichen, 
„wie ein Kanal. Auf der andern Seite war eine Mauer und oben ging die 
„Erde weiter (die Straße war also tief)." [Macht eine Skizze.] 

ihrem Bettrand g-esessen, wie Patientin im Traume sitzt. Ala idi ihr die Um- 
kehrung der analytischen und gesdilechtlichen Situation darin aufzeige, fallen ihr 
Plakate von Gesdiäftshäusern ein, auf denen liegende Frauen abgebildet sind 
(„Steiners Paradies betten", Damenwäsche-Fabriken uaw.) 

1) Im Traum hat Patientin nodi gedacht, daß sie ja auch noch ihre Koffer 
zu beBorgen habe, und zugleidi an das Billet, das Essen und das Auto denken 
müsse. 



80 Analyse der Libido-Überlragung 

„Auf der Straße standen zwei Buben und oben auf der Mauer war 
„auch ein Bub, der so darüber hing und urinierte (er war klein, mikro- 
„skopisch, ein Bein herunterhängend, stecknadelgroßen Kopf, ein Rosaband 
„auf dem Rüdcen). Von den zwei Buben (6—8 Jahre alt) faßte idi einen, 
„der nadtt war, von rückwärts, um ihn zu heben; er sträubte sich aber, 
„stieß mit den Füßen und urinierte. Zugleich begann auch der andere zu 
„urinieren, sodaß sich die beiden Strahlen kreuzten (vielleidit waren die 
„beiden Buben auch einer; aber nein, es waren ja zwei Strahlen!) 

„Dann war ich in unserer Remise zuhause, wo wieder ein Bub war 
„(von etwa 12 Jahren — das war wahrscheinlich ein und derselbe Bub), 
„sehr hübsdi, der mich sehr lieb hatte und ich ihn. Der zeigte mir einen 
„liegenden Buben, der nur Hosen anhatte, und die Hosenträger hingen 
„so von oben herunter. An einem Hosenträger war etwas nicht in 
„Ordnung (das Gummi, reidite nicht mehr bis zur Schnalle oder so 
„etwas). Ich habe ihm geholfen, das zu richten, plötzlich hat er mir aber 
„leid getan." 

„Auf der andern Seite der Straße stand ein Kinderwagen, in dem 
„drei bis vier Kinder angehäuft waren, so ein Sportwagen, mit einem 
„Kindermädchen. Ich hatte auch mit denen etwas zu tun; vielleidit habe 
„ich die zwei Buben von dort weggenommen. Neben dem Mäddien stand 
„(wie in den Witzblättern) ein Soldat, ihr Schatz." 

„(Dann verwandelte sich Mauer, Kanal und Straße in ein modernes, 
„gekacheltes Bad oder Laboratorium." [Siehe den Traum S. 67]). 

Assoziationen: Das Weglein erinnert sie an ein wirklidies in dem Ort, 
wo ihr Großvater lebte und wo sie als Kind oft war. Es führt dort 
zwischen zwei Bächen. Neben einem Bach ein Holzzaun, wie die 
Mauer im Traum, dahinter war ein Schloß. — Mit 16 Jahren habe sie 
in den Ferien mit drei solchen Buben auf einer Mauer gespielt. Ihrem 
Freund A. habe sie im Wald beim Urinieren gerne zugeschaut. Mit ihm 
habe sie auch im Wald mutuelle Masturbation getrieben, wobei sie öfter 
überrascht wurden. Nachher habe sie sich immer geekelt und geschämt. 
Der Großvater ist wirklich sehr klein gewesen und im Traum war 
er noch kleiner als in Wirklichkeit. Dies erinnert sie direkt an einen 
Zwerg, den sie gestern im Kino gesehen hat. [Der Großvater hat also, 
wie der mikroskopische Bub auf der Mauer, unzweifelhaft phallische 
Bedeutung.] 



Masturbation und Männlichkeitskom plex 81 

Gestern nachmittags sei sie sehr autgeregt gewesen, hätte sich nieder- 
g'elegt, und den Wunscli zu masturbieren gehabt; auch heute noch. Im 
Traum habe sie wie gewöholich einen Bleistift hineingesteckt aber 
in die Vagina, nicht wie sonst meist bloß in die Vulva gelegt. — 
Auch Harndrang habe sie gestern und heute gehabt. Dann so ein 
drückendes, erstickendes Gefühl. „Idi mufi etwas herauspressen, heraus- 
stoßen". Seit gestern sei auch der Ausfluß wieder stärker. Seit der 
letzten Menstruation sei er Überhaupt nicht mehr dagewesen,^ während 
er sonst nach der Menstruation stärker zu werden pflegte. 

Zum kleinen Mauerbuben fallt ihr „Fitzeputze",' ein Kinderbuch ein, 
das sie zu denselben Weihnachten bekommen hatte, als sie ihre Puppe, 
der zum drittenmal ein neuer Kopf aufgesetzt worden war, wütend ins Klosett 
geworfen hatte. Ihre Schwester hatte damals eine neue Puppe bekommen 
(Eifersucht), sie das Budi, aber zusammen mit der Schwester. Diese 
Weihnachten kann sie mit Sicherheit in ihr 5. oder 6. Lebensjahr lokali- 
sieren, weil es die einzigen waren (auch nach späteren Aussagen der 
Mutter), die nidit am heiligen Abend selbst, sondern am Morgen des 
ersten Christfesttages gefeiert worden waren. Der Grund war, daß der 
Vater keine Zeit hatte, was das kleine Mädchen offenbar im Zusammen- 
hang mit der bevorzugten Jüngern Schwestern als schwere Kränkung 
empfunden hatte. Diese Puppe, die sie glaubt weggeworfen zu haben, 
nachdem die Schwester eine bekommen hatte, hatte sie früher sehr, sehr 
geliebt und alle wunderten sich, daß sie das tun konnte. Es müsse auch 
einen großen Eindruck auf sie gemacht haben, denn von da an sei sie 
ein verträumtes, auf sich selbst zurückgezogenes Kind geworden, das viel 
gelesen habe [Ersatz der Puppe durch das Buch: Beginn der Phantasie- 
bildung] und von der Welt nichts wissen wollte. 

Deutung: Wir können umso eher diesen Zeitpunkt der intensiven 
Enttäuschung am Vater und der geschilderten Zurüdtziehung der Libido 
in das eigene Ich als den Beginn einer ph an ta siereichen Masturbations- 
periode ansehen, als ja der vorliegende Traum diesen Entwiddungsscliub 



1) „Ich erinnere mich daran genau, weil ich damals träumte, daß ich zu meiner 
Freundin sa|re, meine Vulva ist ausgetrocknet." 

2) Fitleputze: ein Wurstel für Mädchen, mit einem Bein, der so eine Art 
Frack anhat. Dazu Bruchstücke von einem Kindervers r „Lieber kleiner Hampel- 
mann, ich bin groß und du bist klein, willst du wohl mein Hampel sein." 

r^ a n k, NeuFCAfliianaljae t 



82 



Analyse der Libido-Übertragang 



reproduziert. Er behandelt den Gegensatz zwischen auto erotischer und 
objektlibidinöser Befriedigung, der mit dem Gegensatz von femininer 
Einsteilung (Mutteridentifizierung, zahlreiche Kinder)^ und maskuliner 
Einstellung (Vateridentifizierung, Großvater, Männlich keitssymbol), zu- 
sammenfällt. Nur sdieint in dem Traum der Männlichkeitswunsch unter 
dem Einfluß der analytischen Auflösung der Vateridentifizierung auf jene 
Frühzeit zurückzugreifen, wo der Wunsch, ein Bub zu sein, so wie ein 
Bub zu urinieren, dem Penisneid entspringt, dessen tiefste Motivierung 
wir in dem Wunsch der Rückkdir zur Mutter finden.^ 

Der Traum sagt also deutlicher noch als der vorhergehende; weil der 
Vater mir keine Libido gab, mich als Weib nicht beachtete, mußte ich 
mir den geliebten Mann und Vater in mir selbst aufrichten, d. h. mußte 
ich zur Masturbation greifen, die bereits vom Penisneid her maskulinen 
Charakter hat. Die Masturbation ist, wenn man dieses Gleichnis gestattet, 
der Nagel, mit dem die Fixierung der Libido auf einer bestimmten Ent- 
wicklungsstufe erfolgt. 

Der Traum zeigt natürlidi diese Phase ihrer Libido entwiddung nidit 
ohne die Schlagschatten der Kastrationsphantasie: die urinierenden Buben, 
der liegende Bub, der Hosenträger, an dem etwas nicht in Ordnung 
ist, und das Mitleid, das sie plötzlich mit ihm hat, das unzweideutig auf 
die Erkenntnis und sdimerzlidie Akzeptierung ihrer weiblidien Rolle 
hinweist. 

1) Der Kinderwairen entspridit neben der Mutterideutifiziening' audi der 
Erinnerung an den nodi liebenswerten und sie liebenden Vater, den sie in ihrer 
S. 32 erwähnten Deckerinnerung als treuen Hund personifizierte, der neben 
ihrem Kinderwagen einhergfing. — Der „Sdiatz" des Kindermäddiens deutet 
auf die illegitime Beziehung (Familienroman) und ihre etwas ironische Bemerkung, 
„wie in den Witzblättern", gibt ihrer Abneigung geg-en das bürg-erjich -philiströse 
Familienleben Ausdruck (siehe Traum S. 54 oben) (Audi „Sdiatzerl"). 

2) Auf die scJion frühzeitige Sexualisierung des männlichen Urinierens im 
Sinne der infantilen Sexualtheorien weist der Traum selbst hin (Urinieren - 
Masturbieren). Eine spontane Assoziation der Träumerin dazu zeigt die libidinÖse 
Verankerung im Entwohnungstrauma: es sei ihr gestern zufällig eingefallen 
— und sie habe es audi gleidi ihrer Freundin erzählt, daß sie seinerzeit gehört 
hätte, daß homosexuelle Frauen künstlldie männhrfie Glieder benutzen, die zum 
Zwecke der Ejakulation mit warmen Wasser gefüllt seien, was sie ans Urinieren 
erinnere. Das Urinieren entspricht also einerseits der Penisphantasie, anderseits 
dem warmen, angenehmen Exkret der Mutterbrust; daher im Traum zwei Strahlen 
(audi die zwei Hosenträger, über der Brust verbunden, an einem etwas verdorben). 



In ihrer Neurose hat sie diesen schmerzlich erworbenen Gewinn wieder 
aufgegeben und muß nun in der Analyse unter Überwindung der be- 
kannten, im Kastration skomplex manifestierten Widerstände neuerlich ver- 
zichten und die Mutterrolle akzeptieren. Dies deutet die letzte Traum- 
verwandlung an, wo aus dem Knabe «Spielplatz ein Bad (infantiler 
Kastrationskomplex) oder ein Laboratorium (Analyse) entsteht. 



Analyse des Schuldgefühls 



90. Stunde: 
Die Wandlung der Sexualsymbolik 

Traum: „Ich war in einem kolossalen Gebirge, so mächtig, wie ich 
„es noch nie gesehen, habe, und ging; über eine ungeheure Brücke. 
„Ich dachte dabei: wenn die jetzt einstürzen würde! Denn zu beiden 
„Seiten waren riesig hohe Felswände. Am Ende der Brücke, wo man 
„schon wieder auf Testern Boden war, befand sich so ein schwankendes 
„Holzgeländer und unten ein großer, reißender Gebirgsstrom, der in 
„Absätzen floß. Man sah unterhalb, daß ein mächtiger Wasserfall dort 
„sei, den man aber von oben nicht sehen konnte. Man ging von der 
„Brücke durdi eine Grotte oder Höhle hinunter und dort kam einem 
„dann der Wasserfall entgegen (stürzte auf einen zu). Es war ein un- 
„geheurer Strahl, der wie aus einem Rohr hervorspritzte und ich wollte 
„ganz nahe gehen, um mich anspritzen za lassen, obwohl ich dabei schon 
„in Kot treten mußte." 

„Dann war ich auf der Straße. Vor mir gingen drei Männer. In der 
„Mitte ein Lehrer, der aber ein Priester war, und zu beiden Seiten G. 
„sowie (der verstorbene) H, Ich ging ihnen nach. Wir kamen zu einem 
„Haus, wo ein Bai! war. Der Priester faßte mich um die Schulter und 
„führte mich hinein. Drin zog er mich mit derselben Umarmung nodi 
„näher an sich. In der Garderobe waren wir dann plötzlich beide nackt 
„und ich wußte, daß er mich zur gegenseitigen Masturbation veranlassen 
„wollte. Ich dachte, daß das doch hier nicht so gehe, aber wußte auch, 
„daß er sich dachte, wenn man das machen will, dann kann man das 
„auch vor alier Öffentlichkeit tun. Ich hatte dabei einen Penis." 

„Dann war ich im Ballsaal selbst. Idi hatte ein merkwürdiges Kostüm 
„an, ein Kleid aus Astrachanpelz (mit kurzen Ärmeln und Verbrämung 





Die Wandlung der Sexualsymbolik 85 

,an den Ärmeln und unten). Im Spiegel sah ich mich ganz klein 
„(zwerjhaft) und kam mir selbst ekelhaft vor. Ich dachte, so kann ich 
„hier nicht bleiben, ich muß nacbhause g-ehen." 

Assoziationen: Sdion während der Traume rzähiung, als Patientin bei 
Schilderung der Brücke angelangt war, unterbradi sie sich mit der Be- 
merkung, wie merkwürdig es sei, daß im Traume selbst alles so un- 
geheuer hoch gewesen sei, während es ihr jetzt bei der Erzählung so 
flach erscheine (als wäre es nur knapp über dem Wasser). Nadi be- 
endeter Traumerzählung kommt sie auf diese Empfindung zurück und 
macht sie deutlicher: „Ich hatte den Eindruck, daß sich das Ta! 
weitet, die Felsen auseinandergehen und alles flach wird." 

Deutung: Im Hinblick auf die genugsam gewürdigte Gebirgs-Symbolik 
der Patientin (siebe frühere Träume) und die Tatsadie, daß der vor- 
liegende Traum in seinem zweiten Teil unverhiillt sexuell wird („sich 
selbst deutet"), ist es nicht schwer, in diesem Szenenwechsel, der 
Verwandlung der Szenerie zwischen Traum und Erzählung, ein wesent- 
liches Stück der analytischen Arbeit zu erkennen. Wie der Traum 
geträumt wurde, entspricht er seiner sexualsymbolischen Bedeutung nadi 
dem immer noch wiederholten Protest gegen die Kastration, welche die 
Patientin im weiteren Verlauf des Traumes, und im Einklang damit in 
der Verfladiungstendenz der Erzählung zu akzeptieren versudit. Der 
Traum zeigt klar, daß das öffentliche Geständnis der Masturbation nur 
den eigenen Peniswunsch verdeckt, dessen Ersatzbildungen ihre Symptome 
sowie ihre Symbole determinieren. Das Wesentliche an ihrem in der 
Analyse wiederbelebten Konflikt ist der Widerstreit zwischen dem sub- 
jektiven Peniswunsch („MännHchkeitskompleK") und dem objektiven Penis- 
wunsch, der sich ursprünglich auf das infantile Libido Verhältnis zum Vater 
bezog und ihre weibliche Einstellung zur Voraussetzung hatte. Diese 
weibliche Einstellung kommt im Traum unter dem Einfluß der Analyse 
(Übertragung) wieder zum Vorschein. Der Priester (ein ausländischer 
Geistlicher, den sie durch G. kennen lernte und der frei und offen über 
die Liebe dachte und sprach — ) vertritt auch in diesem Sinne den Ana- 
lytiker, wie er durch die Beidite mit ihm verbunden ist. Die ganze 
Traum Szenerie ist bis in einzelne Details Sexualsymbolik, hinter der wie 
gewöhnlich die (weibliche) Geburtserinnerung steckt (Angst). Die drei 
Männer, hinter denen sie geht, haben die gleiche phallische Bedeutung 



86 



Analyse des Sdiuldgefühls 



wie die Brücke mit den zwei Felsen links und rechts, während am Schluß 
des Traumes sozusagen als stärkster Trumpf die Träumerin selbst in 
phallischer Gestalt (zwerghaft, mit Fell bedeckt) erscheint, was die 
Tendenz, als kleines Kind (Zwerg) ganz in die Mutter eindringen zu 
können (wie der Penis) verrät. Daß sie rückwärts geht, paßt dazu und 
drückt gleichzeitig den Wunsch aus, die analytische Situation umzukehren. 
Weiterhin im Gegensatz zur Öffentlichkeit der Masturbation in der vorigen 
Szene ein Ausdruck ihres Schuldbewußtseins, welches am Schluß auch den 
Ekel vor sich selbst determiniert (Ichideal). 

91. Stunde: 
Die Ambivalenz gegen die Mutter 

Traum: „Die Mutter saß mit noch ein paar Damen an einem Tisch 
„und ich bin auch dagewesen (Nachtrag: ich glaube, auf einem Kinder- 
„stühlchen gesessen, das nicht bis zum Tisdi hinaufgereicht hat). Frau F. 
„oder Frau H. (unsere Schneiderin oder Klavieriehrerin) kommen herein 
„und bringen Frau ß. mit (die Frau eines alten Bürokollegen meines 
„Vaters). Die Mutter begrüßt sie freundlich, sie freue sich, sie wieder 
„einmal zu sehen, sagt aber weiter nichts. Dann sagt Frau B., sie will 
„morgen früh wieder vorbeikommen. Die Mutter sagt, es tut ihr leid, 
„aber sie hätte Vorbereitungen zu treffen (wahrschein lidi zum Mittag- 
„essen). Ich habe gedacht, sie müsse sie morgen noch einmal kommen 
„lassen, aber dann hat mir die Ablehnung in so höflicher. und ent- 
„schiedener Form riesig imponiert." 

„Dann war — der junge C. mußte es sein — zu uns nachhause ge- 
„kommen. Aber es war ein ganz anderes Haus und er hat eine Skizze 
„von einem schonen Haus gebracht (die gemalte oder gezeichnete Skizze 
„einer Villa), das bestellt war. Dann hat er gesagt, er hat noch mein 
„Velo und er wird es bringen. Ich habe gedacht, er soll es bald bringen, 
„heute oder morgen noch. Er geht dann zurück, woher er gekommen 
„war (oder an einen andern Ort) und sagt, er wird noch anläuten (tele- 
„phonieren). Als es daim wirklich läutet, will ich zum Telephon gehen. Da 
„ich aber hier (zuhause!) nur auf Besuch bin, denke ich, ich muß ja zu- 
„ersl sagen, daß idi läute. Da sagt aber die Mutter, ich solle nicht hin- 
„gehen, es werden Gäste sein, die wir jetzt vor dem Naditmahl nicht 
„brauchen können. Auf einmal merke ich, daß es 10 Minuten vor 
„Acht ist, erschredce darüber, denn ich dachte, es wird der C, gewesen 



Die Ambivalenz gegen die Mutter 



87 



„sein, und micb erfaßte eine ungeheure Wut gegen die Mutter — 
„auch den Vater. Ich habe mir zwar gesagt, daß ich zu Gaste bin, der 
„Mutter folgen muß, aber meine \X'ut, die ich im Traum so deutlich 
„spürte, war weiter wahnsinnig." 

„Ein drittes Stück des Traumes habe ich vergessen, obzwar es mir 
„am Molken zuerst eingefallen war." 

Dann erinnert sie langsam, von ihrer besten und ältesten Freundin L. 
her — das dritte Traumstück. „Meine Schwester, oder wars die L . . ., 
„idi mußte in die Schule gehen und es war noch jemand bei mir, das 
„könnten Sie gewesen sein, ja, Sie waren es. Er nahm mich um die Schulter 
„wie der Priester und hat mich so in die Schule geführt. Es war das 
„Schulzimmer der dritten KJasse in meiner Heimat. Buben und Mädchen 
„saßen beisammen, wie es wirklich war. Es war nur ein Piatz frei (es 
„gab sedis Reihen Bänke) und ich habe mich hingesetzt, da kein anderer 
„mehr frei war. Doch, der Platz vor mir in der Bank war auch frei. 
„Aber die L. oder die A. oder mein Begleiter, oder wer es war, ist 
„zu gleicher Zeit hereingekommen und hat sich auf den freien Platz vor 
„mich hingesetzt, so daß für mich kein anderer frei blieb. Neben 
„mir saß die J, und sie sagte; Du setzt dich zu mir? Ich sagte: Mir 
„bleibt ja nichts anderes übrig! Da wendet sich die L, vor mir um 
„und fragt; willst du mit mir tauschen? Ich sage: nein! Mein Begleiter, 
„der Sie schienen, schien dann Herr M. zu sein, der jetzt Coiffeur in 
„meinem Heimatsort ist. (Seine Familie hatte früher in unserer Nähe ge- 
„wohnt und als Kinder haben wir mit ihren drei Buben, die alle älter 
„waren, und ihren Freunden Indianer gespielt.) Jetzt scheint mir, er hat 
„mich im Coiffeurmantel in die Schule geführt (ja, er war es eigentlich) 
„vielleicht wars aber auch ein Doktormantel." 



Assoziationen: Max, der gestern versprochen hatte, sie anzurufen, tat 
es nicht, Patientin sagt, sie sei wahnsinnig aufgeregt gewesen und konnte 
von vier Uhr an nichts anderes mehr denken. 

„Die Villa im Skizzenbudi war so, wie ich gerne eine haben möchte: 
auf allen vier Seiten symmetriscdi, auf jeder Seite eine Veranda, und 
so ein vorspringendes Dach." 

„Die L. ist nur zwei Jahre mit mir in die Schule gegangen, sie ist mir 
immer so vorgekommen, wie der Typus Prostituierte als Kind aus- 
geschaut haben müßte. Ihr Haus war auch so viereckig, aber im unan- 



88 



Analyse des Scliuldgefühh 



genehmen Sinne. Später habe ich gehört, daß sie Kellnerin geworden 
sei, was zu ihr zu |passen schien. Sie hatte kurze, eigentlich halbkurze 
Haare." 

„Der Tisch im Anfang des Traumes war viereckig, mit Damen voU- 
gepropft, ein primitiver Proletarier tisch. Eigentlich waren es lauter Leute, 
die sozial tiefer stehen. Ich selbst saß beim Tisch auf einem hohen 
Kinderstockeri, das aber nicht bis hinauf reichte" [sozial tiefer, Prosti- 
tution]. 

Zur Haltung der Mutter: „Gestern las idi meiner Freundin den Roman 
von Landsberger „Miss Rockefeller filmt" vor, wo sie einen Grafen 
empfängt, der gleich zudringlich werden will; sie aber weist ihn ent- 
schieden und hoflich zurück. Das ist etwas, was ich eben nicht gut 
kann. Ich habe an mein Veihalten den Männern gegenüber gedacht und 
daß ich mir immer vorgeworfen habe, ich hätte mich nur aus Gut- 
mütigkeit mit ihnen eingelassen. Aber es war wohl noch etwas Anderes." 

„Der Mann der Frau B. war, schon ehe er verheiratet war, bei meinem 
Vater auf dem Büro. Ich dadite, daß meine Mutter oft Gelegenheit 
gehabt hätte, sich mit andern Männern abzugeben und erinnere mich einer 
solchen Bemerkung, daß es daran nidit gefehlt hatte. Ich habe mir vor- 
gestellt, daß sie eine gewisse Zuneigung zu Herrn B. hatte und daß er 
auch von allen Männern dies besonders zu schätzen gewußt hätte. Aber 
ich bin sicher, daß nie etwas passiert ist. Später habe idi gemeint, weil 
meine Mutter eine kühle Natur war, aber das war sie nicht, oder ob es 
die Erziehung oder Selbstbeherrschung gemacht hat. Aber ich dachte 
auch, daß sie es hätte ruhig tun können, wenn der Vater sie vernach- 
lässigt hat (jetzt glaube ich, daß es so besser war). Frau B. war später 
eifersüchtig auf meine Mutter, vielleicht mit Recht, denn intellektuell 
konnte meine Mutter mehr geben. {Später ist das Ehepaar B. aus unserer 
Stadt weggezogen, weil sie sich mit meinen Eitern nicht vertragen konnten.) 
Die Mutter kann Frau B. jetzt nicäit mehr ausstehen." 

„Im zweiten Traum ist die Mutter ganz anders wie im ersten, Sie 
kommt mir wie eine Parvenüsgattin vor und ruft mir die Worte aus 
einer Art Gartensaion .zu. Sie hat sich dann (im Traum) auch bei mir 
entschuldigt, aber ich habe trotzdem die Wut gehabt und habe midi 
gewundert, das sie sich das gefallen läßt." 

Zum Telephontraum noch ein Stück; „Ich glaube, ich habe ihn nicht 
„warten lassen, sondern habe sofort zu ihm wollen. Es kommt mir vor. 



Die Ambivalenz gegen die Mutter 



89 



„a!s wäre idi auch gegangen und hätte mich dann in einer ganz kahlen 
„Gegend befunden (oder habe ich diesen Traum vielleicht früher schon 
„gehabt?). Dann gedacht, ich treffe ihn nicht, finde ihn nicht. Traf ihn 
„dann auf einem Bahnhof, wohin er mir entgegen gekommen war. Ich sehe 
„die Telephonleitong, wie sie, ein gerader Faden, direkt vom Traum 
„zu dieser Stelle führt {wie man es oft im Kino sieht)." 

„Velo erinnert mich an einen jungen Mann, der sich in mich verliebte, 
und dem ich jeden Tag (er wohnte auch in einer kleinen Zwischen- 
station) vom Büro telephonierte, wobei ich mich kompromittierte. Wir 
haben uns andi unterwegs getroffen. Er kam mit dem Velo. Es ist 
sicher allerhand passiert, aber ich habe Alles verdrängt, obwohl es noch 
gar nicht so lange her ist. Mama hat die ganze Sache nicht gern ge- 
sehen. Statt «m sieben Uhr bin icli da einmal um Zehn gekommen, 
da hat sie mich ausgeschimpft wie ein kleines Kind. Ich wollte mir das 
nicht gefallen lassen und sagte, ich könne doch als Erwachsene tun, was 
ich wolle." 



Deuhmg: Vorwurf gegen die Mutter, wegen Verbot der Sexualität, 
d. h. Darstellung der Mutter als Hindernis der Beziehung zum Vater in 
der Sprache der Übertragung. Das Telephonieren mit dei^ Geliebten, das 
unter dem Druck der Erziehung im Leben der Patientin eine große Rolle 
gespielt hatte, wird trotz der darin liegenden objektiven Un Zuverlässigkeit, 
oder besser gesagt, gerade wegen derselben, von ihr bis zum heuligen 
Tage festgehalten (z. B. telephonische Anrufe von Max, auf die sie ver- 
gebens wartet). Diese immer wieder aufs neue geschaffenen Situationen 
geben ihrem zwangsneurotischen Zweifel an der eigenen (weibHchen) 
Uebesfähigkeit in Form der Projektion auf den Geliebten Ausdruck und 
rationalisieren sie zugleich objektiv. Sie halt an diesem Mechanismus trotz 
analytischer Aufklärung fest, weil er ihr die analytische Situation 
selbst repräsentiert (Übertragung), indem er die iibidinÖse Verbindung 
mit dem Liebesobjekt lediglich durch das Medium der Stimme darstellt 
(auch: Leitung — Faden — Nabelschnur). In diesem Sinne wird ihre Wut 
gegen die Mutter als Sexual hindernis von der Übertragung aus aktualisiert. 
Der vollständige Vorwurf gegen die Mutter, wie er der Ödipusphantasie 
entspricht, lautet: Sie gestattet sich Sexualität (Seitensprünge) und mir 
verbietet sie es. — Dabei riditet sich der tiefste Vorwurf gegen das 
Geburts- bezw. Entwöhnungstrauma, welches den ganzen ersten Traum, 



r"ii 



90 Analyse des Schuldgefühls 

der vom Essen handelt, beherrscht (die hÖfHche, aber entschiedene Ab- 
weisung; kein Platz; ungebetene Gäste)\ 

Im ersten Traum erscheint dagegen die Mutter als Ichideal der 
Patientin, insoferne als sie die sexuellen Ansprüche der Männer (Herr B.}, 
welchen die Patientin so schwer widerstehen kann, kühl und entschieden 
zurückweist. In diesem Keuschheitsidea! der Mutter ersdieint aber, vom 
Standpunkt der Identifizierung, wieder nur die Ödipussituation reaHsiert, 
denn diese Haltung der Mutter involviert die Treue gegen den Vater, ja 
noch mehr, ihre Asexualität (Kalte), die es hätte garnicht zur Konzeption 
kommen lassen. 

Der letzte (ursprünglich vergessene) Teil des Traumes zeigt, wie der 
ganze geschilderte Konflikt sich in der Übertragung manifestiert. Der 
Analytiker führt sie zärtlich in das Zimmer hinein und setzt sich zuerst 
vor sie hin. Beides ist in Wirklichkeit zeitlich und räumlich umgekehrt 
der Fall.' Sie identifiziert sich nun also mit dem Analytiker, i. e. mit 
dem Mann, letzten Endes dem Vater, den sie als Weib nicht bekommen 
kann. Andererseits übertreibt sie in neurotischer Weise ihre weiblidie 
Rolle, indem sie sich neben die J. setzt, sich also mit der „Prostituierten" 
vergleicht. Wieder sehen wir den Konflikt zwischen der Libido versagung 
in der weiblichen Rolle (Vater, Analyse), an dem die Mutter schuld ist, 
und dem daraus folgenden Männlichkeitswunsch, welcher der Identifizierung 
mit dem Geliebten entspringt. Dabei wird der Analytiker, der ihre 
verdrängte weibliche Libido ein Stellung mobilisiert, als Operateur im 
weißen Mantel dargestellt. — (Coiffeur: absdineiden — Kastration — 
Geburt. Siehe auch die Schneiderin im ersten Teil des Traumes.). Es ist 
charakteristisch für die ursprüngHch tief wurzelnde feminine Libidoein- 
stellung der Patientin, daß sie den Analytiker, der ihr die neurotisdie 
Libidobefriedigung versagt, sie abstößt, aus der Reproduktion der Geburts- 
situation mit der Mutter identifizieren muß. Diese Tendenz bestimmt auch 

1) Velo: sehr häufig-es Muttersymbo!; Zweirad, auf dem man fest sitzt, 
mit dem man verbunden ist (wie Pferd, reiten). 

fll 2) Als ich ihr die analytische Deutung dieser Szene gebe, erjfanit sie, der 

Betreffende habe sie von rückwärts herum an ihren Platz geführt, wobei er 
hinter ihr ging. Dies entspricht der wirldichen Situation, wenn idi sie aus dem 
Wartezimmer auf ihren Platz geleite. — Die ganze Umkehrungstendenz ent- 
spricht der Rückgängigmachung der Geburt, der Trennung vom ersten Libido- 
objekt (Mutter — Analytiker). 



Mutterb indung oder Muiteridentifizierang 



91 



die Verwandlung der analytischen Situation ins Gegenteil: Sie ist der 
Mann, der eindringt, der Analytiker die Frau, welche die Mutter und 
ihre Libidofixierung vertritt. 

92. Siunde: 
Der Konflikt zwischen Mutterbindung und Mutteridentifizierung 

Traum: „Ich bin auf einen Hügel hinaufgestiegen, es war ein kleiner 
„Hügel, so hoch wie das Zimmer hier von einem Ausfluchtsort — ich 
„wollte sagen Ausflugsort — meiner Heimatstadt. Eigentlich waren es 
„zwei Hügel (vielleicht zwei Krater), da oben ein bißchen wie eine 
„Teile (Vertiefung, Senkung) war. Ich bin immer wieder herunter- 
„gerutscht, und zwar, mit einem kleinen Kind, das ich vor mir 
„hergetragen habe (es war angezogen, nicht nackt). Es war auch ein Bub, 
„der sehr widerspenstig war; idi habe ihn geprügelt, auf den Hintern, 
„und gesagt, wenn er strampelt, dann werden wir beide herunterrutschen. 
„(Der Hügel war zwar sehr niedrig, aber auf einer Seite ging er steil 
„hinunter.) Da wurde er ruhiger, aber später fing er an zu zappeln, so 
„daß ich Angst hatte, wir fallen herunter. Wir sind aber nicht gefallen, 
„haben nur immer wieder versucht, hinaufzukommen. Mutter und Schwester 
„wollten auch herauf. Unten stand ein Mann (vielleicht Onkel Frank), 
„der fragte, als ich den Knaben trug: Was tut ihr denn eigentlich da? Ich 
„sage: Warum ist er so widerspenstig, wie leicht ist es möglich, daß wir 
„beide herunterpurzeln. Da sagt er; Ja, es ist sehr schwer, idi habe mit 
„dem Velo hinaufsteigen wollen, bin aber nicht hinaufgekommen. Ich sage 
„zum Kleinen: Siehst du! ~ Der Mann war Onkel Frank". 

„Später war ich im Hause meiner ersten Freundin L. (die neben 
„unserem Hause wohnte). Am Fensterplatz (im Wohnzimmer) saßen Mutter 
„und Tochter, wie sie immer gesessen sind. Das Fenster war aber nicht 
„mehr so wie froher, es war so kahl, es fehlte etwas. (Naditrag: 
„Früher stand beim Fenster nur ein Stuhl, der im Traum auch weg ist). 
„Jetzt ist es gefährlich zum Fenster zu gehen, man könnte heraus- 
„fallen. Ich habe hinausgeschaut und da war wieder Onkel Frank 
„unten." 

„Beim Hügel bin ich in ein Haus gegangen und habe gedadit, soll 
„ich den (Onkel Frank) heiraten. Weil mir nichts Anderes übrig bleibt 
„und alles Andere verloren ist. Dann habe ich mir wieder gesagt, es 
„geht nicht, weil er bäuerisch aussieht. Auch ist ein großer Altersunter- 



92 Anali/se des Sdmldgefühls 

„schied, dachte ich, er ist über vierzig und ich bin viel jünger. Das kann 
„ich sagen, das wird jeder plausibel finden (wie er die Tante geheiratet 
„hat, hatte sie einen jungen, hübschen Bewerber, der aber nicht um sie 
„anhielt, und so nahm sie ihn, der sicher war. Damals habe ich gedacht, 
„er hat ein rotes Gcsidit, einen Kuß mochte ich ihm nie geben). Auch 
„im Traum jetzt fühlte ich mich an Stelle der Tante." 

„Er steht unten beim Fenster, so wie (statt) der Vater der L. und 
„hantiert dort mit Fässern. Er hatte ein Jackett, graues Wams mit blauem 
„Gürtel und blauer Borte. Ich dachte, jetzt sieht er wie ein Gutsbesitzer 
„aus. So schlimm wäre es also doch nicht," 

„Nebenan (dem Wohnzimmer) war ein Salon, das Eßzimmer (wie in 
„Wirklichkeit), mit Buffet und viereckigem Tisch. In der Ofeneeke war 
„ein Klosett. Ich sitze darauf und wie ich das Papier abreiße, kommt ein 
„Mann herein (ich weiß nicht, war es Onkel Frank oder ein anderer). Ich 
„dachte, der wird sich jetzt denken, immer wenn er kommt, sitze ich auf 
„dem Klosett und reiße Papier. Dann habe idi mir gesagt, das ist ja 
„natürlich, er wird es ja auch wissen. Aber dieser Trost beruhigte mich 
„nicht. Ich habe mich gewundert, daß die im schönsten Zimmer das 
„Klosett haben. Aber idi sagte mir, wenn man es richtig behandelt, es 
„ist ja ein hygienisches, dann riecht es ja nicht." 

Assoziationen: „Max hatte wieder versprochen, mich anzurufen. Wieder 
war iA sehr unruhig und immer wenn ich glaube, jetzt hat er telephoniert, 
bekomme ich Drang nach Defäkation, Ich sage mir dann, ich kann nicht 
hinausgehen, weil er inzwischen anläuten kann. Dies ist seit etwa acht 
bis zehn Tagen; seit zwei Tagen habe ich direkt Diarrhöen." 

Erster Nachtrag: „Der Hügel kam mir vor wie ein Ameisenhaufen, 
„der hatte auch Löcher von der Didte eines Fingers (Patientin demonstriert 
„das Hineinfahren des Fingers in die Lödier und fügt später im Verlauf 
„der Deutung erklärend hinzu, „wie ein Scheidenrohr"). Vielleicht waren 
,,es auch andere Tiere, weil die Löcher größer waren. Oben hatte es 
„keine Teile, sondern eine kleine Schraube oder etwas Vorstehendes 
„(jedenfalls ein Anstoß für den Fuß irgendwo auf der Fläche oben)." 

Zweiter Nachtrag: ,,Dann habe ich nochmals geträumt von der L., die 
„aber gar nicht aussah wie in Wirklichkeit, sondern mit blonden Locken 
„und einem starren Puppengesicht. Ich war mit ihr eng befreundet (was 



Maiterbindung oder Maüeridentifizierung 



93 



„jetzt nicht der Fall ist).' Ihr Mann (sie haben jetzt auch schon Kinder) 
„ist auch irgendwo im Traum mit dabei gewesen; er ist auch so schlank 
„wie der, der im Traum ins Eßzimmer kommt — vielleicht sind Sie es. 
„Er hatte ein schwarzes Gewand an. vielleicht Abendtoilette, Smoking." 

Weitere Nadiiräge: „Wie ich beim Fenster hinausgeschaut habe, war 
das Gesimse doch noch da! Der Onkel Frank stand da und noch irgend 
jemand ging vorbei. Ich dachte, wo der wohl jetzt hingeht und idi 
möchte auch mit." 

„Die L. sitzt in dem vergessenen Traum bei mir (es kann auch meine 
Freundin Elsa sein und ein bißchen ist es auch meine Schwester)." 

„Auf dem Klosett hatte ich das Gefühl, als werde ich überhaupt 
nicht mehr fertig, hauptsächlich mit dem Abwischen," 

Deutung: Der Traum zeigt den gleichen Libidokonflikt, der sich durd» 
jede Analyse zieht, den Konflikt zwischen der Reproduktion der infantilen 
Libidosituation bis zu einem bestimmten Grad, t>ei welchem angelangt, 
an Stelle der neurotischen Durchsetzung und realen Befriedigung, die 
analytische Einsicht und der bewußte Verzicht treten müssen. Wieder 
zeigt sich Patientin bereit, ihre weibliche Rolle zu akzeptieren, unter der 
Bedingung der Realisierung in der Übertragung (Mutterlibido); es bleibt ihr 
nichts übrig, als den unsympathischen Onkel Frank zu heiraten. Da diese 
Wiederholungstendenz durch die Analyse der Übertragung paralysiert wird, 
ist die Patientin gezwungen, auf frühere Stufen der Libidobefriedigung zu 
regredieren, welche nun ihrerseits der Analyse unterzogen werden. Eine 
davon, und zwar die tiefere, ältere ist die anale, welche jedoch vorläufig 
nidit zur Analyse gelangt, weil ihr eine andere, durch stärkeren Wider- 
sland geschützte, vorgelagert ist. Da es sich in der Analyse unabhängig 
von der theoretischen Bedeutsamkeit einer Libidosituation, wesentlich um 
die dynamische Bedeutung handelt, wird zuerst die andere, im Traum 
ganz undeutliche und durclr die anale Situation verdeckte Ma sturbat ions- 
phantasie aufgedeckt.^ Es sind ganz unscheinbare Anhaltspunkte im 



1) „Ich kannte die L, schon vor der Sdiulseit In der Schule sind wir dann 
immer beisammen gesessen. Später hat sie plötzlich nichts mehr von mir 
wissen wollen, und mir war es auch redit, denn idi hatte nur aus Gewohnheit 
mit ihr verkehrt. Seit zehn Jahren reden wir far nichts mehr miteinander." 

2) Charakteris tischerweise erklärt sie hei diesem Punkt der Deutung-: der 
kleine Bub kann audi ein Mädchen gewesen sein. 



94 Analyse des Schuldgefühls 

Traume selbst — vielmehr tedinisdie und dynamische Faktoren (Wider- 
stand) — welche die Analyse in diese Richtung leiten. So im ersten 
Nachtrag die Demonstration mit dem Hineinfahren des Fingers in die 
Lödier, „Scheiden röhr". — Dann die große Rolle der ältesten Freundin L. 
und die plötzliche unmotivierte Unterbrechung ihrer intimen Freundschaft.' 
Sehr wahrscheinlich ist der tiefste Inhalt ihrer Masturbationsphan- 
tasie, wie so häufig, 'die Reproduktion der Situation an der Mutter- 
brust (die zwei Krater etc.). 

Wie bereits erwähnt, scheint die allzu offene Klosettszene, die sich 
im Traum im Hause der Freundin L. abspielt, darauf hinzuweisen, daß es 
sich um Masturbation auf dem Klosett handelt und daß Patientin dabei 
überrascht worden sein durfte. Als idi ihr eine Andeutung über diesen 
verborgenen Sinn der Traumszene machte, gibt sie unter großem Affekt 
eine ganze Reihe von Assoziationen, die beweisen, wie richtig dieser 
Schluß war; „Gestern war ich sehr aufgeregt, ich habe gedacht, jetzt 
gibt es nur ein Mittel: die Masturbation (vergl. im Traumtext „weil mir 
nichts anderes übrigbleibt"). Im Traum wird dieser Wunsdi in Form der 
Heirat mit Onkel Frank dargestellt: Übertragungsphantasie. — „Als Kind 
habe ich früher nie einschlafen können, ohne das Leintuch zwischen die 
Beine zu nehmen, und das habe ich jetzt wieder (Säuglingssituation — 
Peniswunsch — Vateridentifizierung), Der Wunsch zu masturbieren ist 
aber nicht mehr so elementar; ich mache es auch nidit wirklich, nur 
intellektuell. — Es ist richtig, daß ich im Klosett masturbiert habe. Später, 
in der Schulzeit, habe idi audi Liebesbriefe dort gelesen (siehe das 
Papier), vielleicht gleichzeitig masturbiert. Zuhause bin ich nie allein ge- 
wesen, audi nadits ist die Mutter manchmal gekommen (wenn sie etwas 
vergessen hatte). Ich habe mir immer gedacht, man ist zuhause nie allein, 
nicht einmal 5 Minuten allein, um zu masturbieren, und wenn ichs ein- 
mal doch tat, dann ist sicher etwas passiert, d. h. es ist jemand ge- 
kommen." Im Zusammenhang damit erwähnt Patientin, daß sie immer 
noch das Gefühl habe, auf etwas zu warten; sie müsse sich dann eine 
Begründung dafür suchen, was es sei, aber das Gefühl bleibe doch immer 
bestehen. Es gehe ihr Alles zu langsam. Sie meint selbst, dies hänge mit 

1) Als ich dies der Patientin vorleg-te, sagte sie, sie erinnere sidi, daß die 
Mutter der L. eine Zeitlang mit iiir (der Patientin) unzufrieden gewesen sei, 
„Iiäi weiß nicht genau warum, aber idi sehe mich mit schleditem Gewissen vor 
ihr stehen, wahrscheinlich als die Anstifterin von etwas Verbotenem." 



Mutteridentifizierung 95 

der jahrelangen Angst vor dem Überras cht werden zusammen (sie müsse 
es rasdi machen). Natürlich ist diese Erklärung oberflächlich, denn es 
steckt dahinter sowohl das ganze neurotische Schuldgefühl, wie auch das 
Warten der befreiten infantilen Libido auf Befriedigung,' 

Von hier eröffnet sich ein Einblick in die die Masturbation sphantasie 
treibende ödipuslibido, der gegenüber die Mutter als Hindernis erscheint 
(Überraschung), oder psychologisch gesprochen als Repräsentant des Schuld- 
bewußtseins, welches die Verdrängung der genitalen Libido be friedigung 
ebenso bewirkt wie früher die der analen. Die Schichtung beider ist im 
Traum deutlich zu sehen, nur tritt das aktuelle Libidohindemis, der Ana- 
lytiker, und dessen realer Vertreter Max an Stelle der Mutter, während 
der Widerstand gegen die heterosexuelle Libido durch Onkel Frank 
repräsentiert wird. 

93. Stande: 

Patientin bringt zunächst den vergessenen Traumteil von gestern, 
der ihr bei Einbruch der Dämmerung plötzlich eingefallen 'sei: 

Traum; „Ich bin aus einem Hotel getreten, es war 11 Uhr abends und 
„i<Ji dachte mir, es ist noch Licht, man sieht, wie der Tag länger wird. Aber 
„es war dann docb erst 10 Minuten vor Acht. Ich bin dann mit dem 
„Pfarrer B. den Berg hinunter gegangen, auf dem eine Skibahn abwärts 
„ging, auf der gerodelt wurde. Buben wie im Hintergrund, sitzend und 
„liegend. Die Bahn hat eine Krümmung gemacht." 

Akzeptierung der weiblichen Rolle: 
Mutteridentifizierung 

Traum, (von heute Nacht): „Zuerst war es ein ärztliches Ordinations- 
„zimmer oder eine Konditorei oder ein Gemüseladen. Ich bin hinein- 
„gegangen, um meine Frauenärztin zu konsultieren. Sie kam aber immer 
„nicht (wie esgewöhnHch dort ist, man muß dort sehr lange warten). 
„Die Leute dort sagten, bleiben Sie bei uns (um zu warten). Auf ein- 
„mal sitze ich hoch oben im Zimmer auf einem Gestell. Neben mir steht 
„ein Blechkübel mit Confiture oder so etwas. Ich habe mir gedacht, 
„wenn du nur nidit herunterfällst, denn ich wurde schwindlig. Auf ein- 

1) Im Übrigen werden wir auf die Bedeutung des zeitlichen Momentes 
(Warten. Ungeduld etc.) für die Psydiologie des Unbewußten und die Tedinik 
der Analyse später nodi zurückkommen. 



^ An alyse des Sdiuldgefähts 

„mal habe ich den Kübel herunlerge werfen, so daß er auf den Ladentisch 
„fiel, aber dort wieder stand. Alle sind erschrocken über den Kradi, es ist 
„aber nichts passiert. Dann bin ich selbst heruntergefallen, aber 
„sanft, auf ein Ruhebett." {Nachtrag: „Icii bin auf das schiefe Ruhebett, 
„das so war wie Ihr Sofa hier, allmählich immer tiefer her ont ergekollert.") 
„Dann war die Frauenär2tin da und hat mich behandelt. Ich bin dabei 
„auf einmal wieder auf den Fiifien gestanden und zwar mitten im Dredt, 
„der dort war. Sie hat mir ein Tampon herausgenommen, das voll 
„Blut war, und hat es einem kleinen Buben zum Halten mit der Zange 
„gegeben. Sie sagte ihm: „Gib acht, daß das nicht irgendwo hier an- 
„stoßt! Er aber hat es mehrmals auf den scbmutzigen Boden geworfen 
„(fallen lassen) und ist auch überall damit angestoßen. Ich habe mich 
„geärgert, daß sie inzwischen andere Patienten behandelt und das einem 
„Buben zu halten gibt, der nichts davon versteht. Es kam mir vor. als 
„ob das Tampon wieder hinein müßte." (Nachtrag: „Das kann man ja 
„nicht mehr hineintun, so schmutzig ist es.") Meine Mutter war 
„auch irgendwo mit dabei." 

Assoziationen: „Der Laden war schmutzig wie es heute auf der Straße 
ist. Vor dem Laden war ein kleines, dunkles Vor-, man kann nicht sagen 
Zimmer, so wie Ihr Gang hier, aber der ist ja nicht so. Es war so 
dreckig, wie in einem Arme le utehaus, wie wenn schon tausend Leute 
Schmutz hineingetragen hätten. Auch das Bett war schmutzig, so jrau 
überzogen. Das Gestell war über dem Bett." 

Deutang: Wie zu erwarten war, regiert die Patientin auf die gestrige 
Analyse, welche den Libidowiderstand (Masturbation) aufdedtte, und die 
primäre feminin-anale Wunsch phantasie unberührt Heß, mit weiterem 
Widerstand, dessen Material wieder aus der analen Triebsphäre stammt. 
Im Zusammenhang damit steht die von ihr erwähnte Tatsache, daß das 
Essen jetzt auch im Leben wieder eine große Rolle spiele; sie müsse 
alles Mögliche essen, und nichts befriedige sie. Der Topf mit Confituren 
symbolisiert diese orai-anale Libidophase (siehe die Kondensmilch im Traum 
76. Stunde), auf welche sie nach Auflösung neurotischer Libido fixierungen 
in der Analyse wieder regrediert. Die Operation entspricht der wider- 
willig akzeptierten weiblichen Einstellung („das kann man ja nicht 
mehr hineintun, so schmutzig ist es")'. Das Material dazu entnimmt 

1) Kritik des Rejrresaions wünsch es — zug'leich Akzeptierung der Kastration. 



Die alte Phantasie vom Prinzen 



97 




sie der Wirklidikeit : ihre Freundin Elsa trägt noch eine Binde nach der 
Operation und hat sich vorgestern eine Spülung gemacht. „Idi habe einen 
Blick hineingeworfen und es kam mir vor, als hätte sie einen Penis; 
besonders die Testikel' habe ich deutlich zu sehen geglaubt." Ihre 
Identifizierung mit der Freundin äußert sich auch darin, daß sie jetzt 
nachts immer urinieren muß, wenn sie erwacht, was seit ihrer Schulzeit 
nicht mehr der Fall war. 

Assoziationen (zum Nachtrag von gestern:) „Acht "Uhr ist die Zeit, wo 
ich jetzt gewijhnlich nach dem Abendessen bin und wo Max gewöhnlich 
kommt. Um diese Zeit bin ich gewöhnlich vom Hause weggefahren, wenn 
idi vom Institut dort auf Besudi war. Ich habe mich darauf gefreut und 
zugleich Angst gehabt. Der Vater ist oft selbst mit diesem Zug — zu 
spät — nachhause gekommen, so daß ich ihn manchmal nicht sehen 
konnte." (Hier wird wieder einmal klar, wie Patientin in dem neurotisdien 
Verhalten zu Max den Teil ihres Vaterverhältnisses zu realisieren sucht, 
den ihr die Analyse verwehrt.)" 

Die alte Phantasie vom Prinzen 
Dazu fällt mir ein Traum ails früherer Zeit vor der Analyse ein: 
„Ich war in einem feudalen Hotel, wunderbar eingerichtet, wo ich die 
„Hauptperson war. Das Hotel stand auf schwindelnder Höhe in einem 
„Turm und ich hatte Angst herunter zu fallen. Um Tee zu nehmen mit 
„jemandem (einem Mäddien) ging ich über die breite, mit Teppichen 
„belegte Treppe hinunter. Aber der Prinz, dessentwegen ich eigentlich 
„hergekommen war, hat gefehlt." 

Deutung; Wir sehen in diesem Jungmädchen träum eine scheinbar rein 
feminine Wunsch phantasie, in der die ursprünglich im Sinne der Mutter- 
fixierung (Brust-Entwöhnung-Kastration) verwendete Gebirgssymbolik in 
der übertragenen feminin-iibidinösen Verwendung erscheint. (Schwindel, 
Angst, Fallen. Vgl. audi ihr sanftes Niederfallen auf mein Sopha sowie 
ihre sonstigen Fallträume S. 57 ff.) 

Weitere Assoziationen zum Nachtrag: „Die Buben sind irgendwo im 
Hintergrund heruntergerodelt und ich bin mit ihm (dem Priester) ein- 



1) Dies zeigt die Verbindung': Brüste — männliches Genitale an, also die 
Übertragung der mütterlidien Libido auf den Mann. 

R«nlc Neurosenonalyie _ 



98 



Analyse des Sdiuldgefähls 



gehängt zu Fuß hinunter gegangen. Er hat mich etwa eineinhalb 
Jahre lang unterrichtet [Vater, Analytiker] und hat das Burschikose 
geschätzt, das ich an mir habe. Ici hatte eine ambivalente Einstellung zu 
ihm wie zum Vater (etwa das Gefühl, daß er seine Kleider draußen in 
der Toilette hätte ordnen können). Zu burschikos: Meine Schwester war 
zuerst sehr bubenhaft, verwegen und laut. Ich habe dann diese Rolle 
weitergespielt, die sie in ihrer Vorpubertät aufgegeben hat. Ich wollte 
damals Knabenkteider tragen, aber sie haben mir nicht gepaßt (ich war 
damals etwa 16 Jahre alt). Die Mutter war immer dagegen, sie wollte, 
daß ich Mieder trüge, und mich wie ein Backfisch kleide". — Es zeigt 
sich hier, was später noch klarer werden wird, daß Patientin diese buben- 
hafte Rolle im Leben auch formierte, da dieses Wesen dem Vater an der 
jüngeren Schwester gefallen hatte. Hinter diesem männlichen „Protest" 
ist die weibliche Wunschphantasie, dem Vater zu gefallen, greifbar, ebenso 
aber auch Identifizierung mit der jüngeren Schwester im Sinne der Mutter- 
fixierung (Regression)." 

94. Stunde: 
Ein Virtuosen-Kunststück 

Traum; „Dort, wo sich die MariahÜferstraße senkt, habe idi in einem 
„Lokal Klavier gespielt (oder war es ein Billard). Dort war Klavierkonzert. 
„Statt der Tasten waren Kreuze da, ich glaube vier Kreuze. Ich habe 
„6 oder 8 Stücke begleitet zur Violine oder Gesang (die Noten waren 
„audi solche Kreuze ; ich habe nicht auswendig gespielt, aber an die 
„Noten gedacht, sie so vor mir gesehen). Durch das Spielen (d. h. durch die 
„Griffe mit den Fingern) habe ich die Kreuze verbunden, beim letzten 
„Stück waren es die diagonalen Verbindungen (dazwischen). Die Kreuze 
„waren Vertiefungen, fingerdicke Rinnen. Auf einmal entschwindet 
„mir das, was ich zu spielen hatte. Idi habe gedacht, da improvisierst du 
„halt. Dann habe idi irgend etwas gespielt und das Publikum hat 
„es nicht bemerkt. Dann kommt jemand — ich weiß nicht, wer es 
„war, — der Lehrer, oder ein gewisser P. (der hier in Wien studiert) 
„und sagt zu mir: , Das müssen Sie so spielen' und spielt einige Akkorde. 
„Beim letzten Stück hatte idi oft halbe Noten gebraucht, Auflösungen mit 
„halben Tönen (zum Beispeil fis zu g), was mir eintönig vorgekommen 
„ist. Er sagte, auch die Übergänge sind viel zu brüsk, und langsam ist 
„er von einem Strich zum andern gegangen: ,eine langsame Auf- 



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Ein Virlaosen-Ktinstsiüdc 99 



„losung müssen Sie machen'. Das hat mir aber auch nicht g;e- 
„fallen, wie er es gemacht hat. Ich habe mir gedacht, ganz gut ist dieses 
„Konzert auch nicht und gerade das letzte Stück hat mir den Streich 
„gespielt. Dann gingen wir weg. Ich ging dea Weg die Mariahilferstraße 
„bergauf, auf den Randsteinen, und die Mutter in einiger Entfernung 
„mir nach, Sic war sehr traurig, in einen grauen Schleier gehüllt. Jetzt 
„weil5 ich nicht mehr warum." 

Die analytische Operation 

„Später sehe idi midi in einem Treppenhaus (in dem ein Bekannter 
„hier wohnt, Habsburgergasse), dort wo das Lift beginnt. Es war neu 
„gebaut. Am Lift steht jemand und ruft hinauf, ob der Dr. M. noch 
„nicht da sei. Es war wie ein Telephon, das durch den Lift geht. Von 
„oben antwortet jemand: Nein, er ist noch nidil da, aber muß jeden 
„Moment kommen, um vier Uhr. Wir warten auf ihn mit dem Tee. Die 
„gefragt hat, war meine Freundin M. oder die (mit mir gleichnamige) N. 
„(die einzige, außer der Elsa, mit der ich jetzt noch gut bin). Dann sagt 
„die Stimme von oben — es muß Frau Dr. M. gewesen sein — ,und 
„wenn er nicht kommt um vier Uhr, bis sechs ist er auf einem Fest'." 

„Dann hatte ich noch einen Traum, der sdieint vergessen. In der 
„Nähe von einem Spita! sitze ich in einem winkeligen Stadtteil, wie ich 
„mir Nürnberg vorstelle, in einem kleinen Gärtchen, hinter einem Hause, 
„an einem Rain, neben zwei Personen: rechts ein Mann, links eine Frau. 
„Da habe idi etwas in der Vulva wie zum Masturbieten. Es kommt mir 
„vor, die beiden anderen auch. Es liegt aber nicht zu dem Zweck in der 
„Vulva, sondern zu einem medizinischen Zweck. Es liegt gerade beim 
„Introitus, ein Ring oder ein rundes Etwas aus Messing, Blech oder 
„Silber. Ich spüre ihn stecken und wie er nach vorn geht, gegen die 
„Qitoris zu. Ich denke, das ist doch nicht der Sinn dieses Zweckes, 
„daß es einen zur Masturbation reizt. Wenn ich nur weggehen 
„könnte, damit das die nicht sehen. Das kann man doch nicht tun. Idi 
„bin weiter hinuntergegangen und habe mit den Beinen reiben wollen, 
„es ist aber nidit gegangen. Da habe ich gedacht, daß der richtige 
„Moment vorbei ist. Von einem Winkel, wie die Erkertürmchen, hat 
„jemand heruntergeschaut und gesagt, das Zimmer muß gereinigt werden 
„wie für eine neue Patientin, es muß also ein Spital gewesen sein, 
„war aber doch ein Privathaus." 

7- 



100 Analgse des Schuldgefühls 



'1»! 

tl 



Fluchtversuch nach Hause ^ 

„Dann fahre ich nachhause in meine Heimat mit der Elsa oder der L. 
„Wir kommen an und gehen auf unser Haus zu. Ich sage, warum gehe 
„idi nachhause, meine Eltern sind ja nicht zuhause. Früher sind wir in 
„der Hauptstadt angekommen, es fahren eine Menge Elektrisdie in einer 
„Richtung, wo sie sonst nicht fahren. Dann erreiche ich drei oder vier 
„nicht, die fahren mir immer davon, aus Ungeschicklichkeit. Schließlich 
„bin ich doch hinein und frage, wieviel es kostet. Er sagte 20 (in Wirklich- 
„keit kostet es mehr) und ich habe mich gewundert, daß es so billig ist." 
„Zuhause sind wir beide in einem Pyjama angekommen, ohne Hut, 
„und gehen die Straße hinauf. Sie geht zu ihrem Haus und ich bin er- 
„staunt, daß in unserm Haus beim Fenster Teppiche und Ähnliches sind, 
„daß es also bewohnt ist. Ich bin erfreut, meine Schwester und mein 
„Schwager sind da und auch meine Eltern. Es war eine wahnsinnige 
„Unordnung, es wurde geräumt, Kisten aufgemacht, usw. Die Schwester 
„war so merkwürdig, man hat ihr die Gravidität angeseher. Sie sah 
„ait und abgeschlagen aus und jedermann hat von ihr keine Notiz cre- 
„nommen. Die Mutter sagt, hast du dich denn nidit geschämt, so durdi 
„die Stadt zu gehen? Da habe ich bemerkt, daß ich noch dekoletiert 
„auch war. Ich habe mich geschämt und mir gedacht, wie ist es möo-lich, 
„daß ich so die ganze Reise gemacht habe. Ich war enttäuscht, ich 
„hatte die Reise ihnen zuliebe gemacht, und sie sind gar nicht 
„erfreut.- Ich bin erschrocken, daß ich keinen Vorwand habe, zurück- 
„zufahren. Jetzt lassen sie mich am Ende dann nicht mehr weggehen, 
„Wie die L. in ihr Haus gegangen ist, habe ich gedacht, wir waren so 
„lange Feinde, und jetzt sind wir ausgesöhnt. Ich war froh darüber." 

Assoziationen: „Gestern hatte ich mit Max telephoniert, und wir 
hatten für heute einen neuen Anruf verabredet. Ich bin aber abends plötz- 
hch doch noch zu ihm hinausgefahren. Ich habe dabei gedacht: wenn 
gerade der 60er kommt, dann ist's ein Zeidien, daß ich fahren soll. Ob- 
zwar nun vorher einige Wagen vorbeifuhren, bin ich dann doch gefahren 
und habe mir gesagt, ich muß ja nicht zu ihm hingehen". — Sic hatte dann 
ihm gegenüber über Halsschmerzen geklagt; er hatte ihr ein Rezept ver- 



1) Siehe den ersten mitgeteilten Traum, S. 7. 

2) Bezieht sich auf die Ubidovei-sagung; in der Übertragung. 




FliichtTjersutJi nticii Hause 301 



schrieben und wie Patientin hinzufügt, „ein merkwürdiges Kreuz hin- 
gemacht. Es war wie ein Zeichen für Gift, aber das ist dodi nicht so." 

Deutung; Es zeigt sich wieder, wie der Zählzwang der Patientin in ihrer 
Libido verankert ist. Im Traume erscheint auch wieder die ominöse Vier, 
welche sich nach der Skizze dadurch ergibt, daß die „Kreuze" durch 
Diagonalen verbunden werden. Es resultieren dann vier Vierer, Die 
Diagonallinien zwischen den Tasten entspredien genau der Art ihres 
früher erwähnten Zählzwanges an den Fensterläden. Der ganze Traum 
scheint von dieser Libidosyrabolik durchsetzt : zu Mariahilferstraße asso- 
ziiert sie die Kreuzung, wo die 2er Linie schneidet, mit der sie zu 
mir fährt. 

Der Traum zeigt eine bemerkenswerte Änderung der Symbolver- 
wendung, indem als Übergangsphase zwischen der infantil-neurotischen 
und der aktuell-analytischen Einstellung im Traume wie in der gesamten 
augenbhcklichen Situation die Masturbationsphantasie dominiert. Die be- 
kannte Klaviersymbolik erscheint im Traum in detaillierter Weise ver- 
wendet. Ihr Stolz, daß niemand bemerkt, was sie spielt, während sie 
selbst das Gefühl der Beschämung darüber hat, erklärt sich zwanglos 
aus dem dazugehörigen Schuldbewußtsein. Das Klavierspiel (in den Rinnen) 
ist deswegen zum Masturbationssyrabol geeignet, weil es ursprünglidi das 
Spielen an der Mutterbrust vertritt. Bei der Deutung erläutert sie 
diesen Punkt in folgender Weise: Es war ein Virtuosenstück (siehe 
Kunststück). Ich war beglückt, daß ich improvisiert hatte, habe aber doch 
die Unzulänglichkeit gefühlt. „Es war immer dasselbe, zu wenig Variation." 

Hier berühren sich zwei Schichten des Traumes, wobei ihre (Selbst) -Kritik 
an der Masturbation mit ihrer Kritik an der Analyse (wegen der Mastur- 
bation) zusammenfällt. Der Lehrer oder Herr P., der ihr zeigt, wie sie 
es richtig machen sollte, wäre als Analytiker ohneweiters kenntlich, auch 
wenn Patientin Herrn P. niclit folgendermaßen charakterisierte: „Er ist 
mir sehr unangenehm, wirkUch ein unangenehmer Jude. Er tut großartig 
und kann so wenig. Er blaguiert und ist sehr aufs Geld aus. Ich habe 
mich geärgert — schon im Traum und auch beim Erwachen noch, daß 
ich mich von ihm habe verblüffen lassen." Hinter dieser negativen Ein- 
stellung steckt natürlich die alte Libidoversagung am Vater, der zwar 
kein Jude ist, aber an dessen Nase sie seit jeher auszusetzen hatte, und 
dem sie auch immer vorgeworfen hat, daß er aufs Geld aus wäre. 



■IT 



102 



Analyse des Sdtuldgefühh 



Der zweite Teil des Traumes setzt diese aus der negativen Über- 
tragung (Versaguiig) stammende Kritik fort. Dr. M., ein ihr bekannter 
Arzt, der sich für Analyse interessiert, ist um vier Uhr nicht zuhause 
und läßt sie warten, während er sich amüsiert (Fest). Seine Frau richtet 
ihr dies aus (Od ipus Situation), wobei das Telephon und die Stimme (der 
unsichtbaren Sprecherin) die bereits erwähnte Übertragungsphantasie 
repräsentieren. Die gleiche Bedeutung hat das nächste Traumstück, in 
welchem das (tatsächlich in einem alten Stadtteil stehende) Haus des 
Analytikers als ein Spital dargestellt wird, mit dem Bemerken, daß das 
Zimmer für eine andere Patientin gereinigt werden müsse. Der Inhalt 
dieser Spitalsszene läßt uns einen ungewöhnlich klaren Einblick in die 
Libidosituation der Patientin gewinnen. Ihr Konflikt zwischen der sich 
in neurotischen Symptomen durchringenden Männlichkeitstendenz und der 
analytisdi reproduzierten femininen Libidoeinstellung ist als Sitzen zwischen 
Mann und Weib dargestellt. Die Masturbation, in der dieser infantile 
Konflikt seinerzeit Ausdruck gefunden hatte, wird wieder zu aktualisieren 
versucht. Jedodi mit der bemerkenswerten Akzeptierung des „medizinischen 
Zweckes", d. h. der Un realisierbarkeil und mit besonderer Betonung der 
femininen Komponente (Operation, Kastration, Pessar). Der Männliehkeits- 
wunsch, der bisher nicht nur die neurotische Einstellung der Patientin 
bedingt, sondern auch ihr gesamtes Liebesleben in unheilvoller Weise 
beeinflußt hat, ist zum normalen Wunsch nach dem Penis (des Mannes) 
umgearbeitet. Dieser Traurateil ist geradezu eine plastische 
Illustration für die Umwandlung der Cli toris-Sexualität in die 
vaginale („Introitus"). Das letzte Traumstück gibt ihrer Enttäuschung 
über die aktuelle Libido versagung in der Analyse' in Form ihrer inf.-.ü- 
tilen Libidoenttäusdiung am Vater Ausdruck (Regression: Elternhaus, 
Ödipusphantasie, Gravidität der Schwester, Mutter, keiner kümmert sich 
um sie). 

Als besonders wichtig für den weitern Gang der Analyse ist wieder 
das zeitliche Moment der Libidovorgänge beachtenswert, das nicht 
nur im ungeduldigen Warten auf das Telephon, die richtige Elektrische, 
den vom Haus abwesenden Analytiker, etc. zum Ausdruck kommt, sondern 
in der Klavierszene geradezu plastischen Ausdrucli in mathematischer 
Form gefunden hat. Sie möchte schnell spielen, in raschem Tempo, halbe 



i) Im Pyjama hatte sie die Reise nach Wien o-emadit. 



k 



Versuch der Rädcwendung zum Vater 103 

Töne, während ihr der Analytiker vorschreibt, eine „langsame Auflösung" 
zu machen.' 

Versuch der Rückwendung zum Vater 

„Noch etwas hat mir geträumt: „Eine Szene mit dem Vater, Ich war 
„zuhause. Ich sehe meinen Vater und es kommt mir vor, als oE er ein 
„kleines Kind auf dem Schoß hätte. Es spielt am Tisch und auf dem 
„Sofa sitzt die Mutter und ich. Der Vater hat fürchterlidi gezuckt mit 
„der Nase und ich habe mir gedacht: Mein Gott, jetzt fängt das wieder 
„an, und habe es ihm gesagt. Er hat ges^, sei zufrieden, meine Nase 
„hat mir so viel Geld eingebracht. Da habe ich meine Nase angefaßt 
„und sie war ganz schmal und die beiden Nasenflügel waren ganz schmal 
„und unten sind sie ein bißchen auseinander gegangen. Ich sagte: Wenn 
,,Eic mir auch kein Geld einträgt, so ist sie mir doch lieber. Sie hat 
„mich an die kleinen Labien erinnert." 

Assoziationen: ,,Ich habe sehr unruhig geschlafen, der Drang nach 
Masturbation hat mich während der Nacht geplagt. Im Traumtei! vom 
Nürnberger ^Ä'inkel habe ich gedadit, jetzt schläfst du wieder ein. Beim 
CÜtorisreiz bin ich erwacht und habe im Halbwachen gedacht, sol! ich 
jetzt masturbieren und habe mir gesagt: Nein!" 

Der Traum zeigt die oben geschilderte Umwandlung ihrer Männlich- 
kejtstendenz, die aus der Vateridentifi zierung stammt, in die feminine Ein- 
stellung nodi deutlidier. Das Zucken der Nase des Vaters ist direkt mit 
dem Zucken der Clitoris im Traume in Parallele gestellt und der Traum 
zeigt deutlich, wie ihre „Nase" weiblich wird (kleine Labien). Der Mastur- 
bations- und Chtorisreiz, den Patientin in den Schlaf hinein verspürte, ist 
im Traum symbolisdi an der Nase des Vaters ■dargestellt.^ Der ganze 

1) Nadi dieser Deutung erzählt Patientin, daß sie im letzten Sommer {vor 
der Analyse) immer beim Klavierspiele n Lust zum Masturbieren gehabt hatte; 
oft habe sich auch beim Spiel Orgasmus eing-estellt. Manchmal habe sie audi 
durcäi Hineinstecken und Drinbalten eines Bleistifts nachgeholfen. Dabei habe sie 
sehr rasche Sachen spielen müssen. 

2) Erläuternng zu dem Traum: „Der Vater sitzt nicht direkt heim Tisch, 
sondern etwas entfernt, damit das Kind auf seinem Schofi am Tisch spielen 
kann. Er kümmert sich aber nicht um das Kind, das allein spielt (mit den 
Händen, Bausteine), während ich und Mutter wie ein Besudi dasitzen, zu dem 
sich der Vater wendet. Es war wie ein gemütliches Familienbild. Ich habe aber 
den Vater nie so gesehen, habe jedodi den Großvater so in Erinnerung." 



121 Anali/se des Sdmldgefükh 



Traum zeigt die echte „Übertragung" der infantilen Libido von der Mutter 
auf den Vater. Der Traum gibt auch eine plastische Darstellung de^ 
Mechanismus der Vateridentifizierung (Männiichkeitstendenz) : Der Vater 
kümmert sich nicht um sie, sie sitzt mit der Mutter auf dem Sofa und 
muß allein spielen. Natürlich ist das kleine Kind, mit dem der Vater 
spielt, die Patientin selbst in ihrer ursprünglichen, frühinfantilen Libid&- 
einstellung. 

95. Stunde: 

Weitere Widerstände gegen den Mann 

Kommt ungern, mit Widerstand, Alles ist ihr zuwider, hat keinen 
Traum, ihn vergessen. Dann erzählt sie aber doch folgenden 

Traum: „Ich habe einen Ausflug gemacht, mit einem Mann, dem die 
„Zähne vorgestanden sind, und habe mir gesagt, jetzt mußt du den 
„heiraten. Dann habe ich mir aber gesagt, so schlimm ist es ja nidit; er 
„ist wenigstens jung, groß und schlank (nicht wie mein Onkel Frank). Aber 
„er stand in jeder Beziehung unter meinem Niveau, intellektuell und war 
„auch sozial aus einem tieferen Milieu. Aber ich sagte mir, er macht dodi 
„eine gute Figur, ist fröhlich und impulsiv. Idi habe gedacht, es wird 
„schon gehen, aber ganz zufrieden war idi nicht damit." 

„Der Ausflug führte durch verschiedene Gegenden, von denen mir nur eine 
„noch in Erinnerung ist: ein Eise nbahnge! eise in der Nähe eines Waldes, 
„wo irgend etwas stattgefunden hatte {ein Brand oder Eisenbahnunglück). 
„Schutthaufen zusammengefallener Brückenpfeiler (wie von einem Viadukte) 
„lagen herum; die Pfeiler standen nicht mehr. Wir sind durch ein 
„Haus durchgegangen (im Wald: das Märdien von den Bremer Stadt- 
„musikanten fällt mir ein), das unbewohnt war, und kahl. Wir gingen durch 
„einige Zimmer und in einem lag ein Mann am Boden, in eine Decke 
„(oder Teppich) eingehüllt. Ich dachte, das ist der. der ist nicht weiter 
„gekommen. Was will er noch Ausflüge machen. Ich habe meinen Begleiter 
„mitgezogen, und bin kalten Herzens weitergegangen (er muß schon früher 
„mit uns auf dem Ausflug beisammen gewesen sein)," 

„Schließlich sind wir ans Ziel gekommen, zu einem modernen Haus. 
„Was wir da tun wollten, weiß ich nicht mehr. Ich habe gedacht, daß 
„uns nur niemand sieht, sonst müssen wir dableiben. Da schaut eine Frau 
„heraus (Frau M.) und hat in einem so merkwürdigen Ton etwas gesagt, 
„das ein bißchen giftig, neidisch und schadenfroh war: ,Ja, so seid ihr 




„auch da!' Sie hat wahrscheinlidi bemerkt, daß wir uns wegstehlen wollen. 
„Da verschwimmt Alles!" 

Assoziationen: „Der Mann im eingerollten Teppich hatte einen hängenden 
Sdinurrbart wie Nietzsche oder Grieg. Vor der Stunde war ich beim 
Coiffeur, der verändert aussah; ich wußte nicht warum. Eine Dame fragte 
ihn, warum er sidi den Schnurrbart weggetan habe. Er sagte, wegen 
Katarrh, idi hatte nicht bemerkt, daß seine Veränderung von der 
Abnahme des Schnurrbarts kam. — Heute mag ich nicht recht! Ich 
hatte gestern eine Wut auf Max, wie er so kalt dagesessen ist und 
mir von Politik erzählt hat. Ich habe mich wie ein kleines Kind be- 
nommen, das etwas möchte, was man ihm nicht geben will. Ich habe 
alles mögliche getan, bis er mich endlich geküßt hat. Der junge 
Mann im Traume könnte B. sein, ein Freund von Max. Der ist aber Arzt, 
also akademisch gebildet und nicht auf niederem sozialen Niveau, Vor- 
stehende Zähne; Meine Freundin erzählte mir gestern von den Engiände- 
rinnen, die es auch in schlechten Verbältnissen unter ihrer Würde finden, 
als Ladenmädchen zu gehen. Sie werden Gese II sdi afterinnen, bekommen 
keinen Mann und werden unglücklich. Von einer solchen mit vorstehenden 
Zähnen hat sie erzählt. — Es kommt mir vor, der Traum bedeutet nichts. 
Ich möchte Ihnen etwas Unangenehmes sagen [auf meinen Ein- 
wand bezüglich des Traumes]: Es muß doch nicht jeder Traum einen Sinn 
haben! Icli habe Max gestern von Ihnen erzählt. Die Analyse ist mir jetzt 
schnuppe, ob es weitergeht oder nicht! Ich war nicht zufrieden, weil er 
direkt gesagt hatte, ich muß die Analyse machen. Er denkt, ich werde 
ihn dann heiraten, und ich wollte ihn mit meiner Gleichgültigkeit ärgern, 
er hat es aber humorvoll aufgefaßt und das hat mich wieder geärgert. 
Dann habe ich gesagt, es geht mir doch schlecht, und als er sagte, ich 
sehe gut aus, habe ich mich bemüht, schlecht auszusehen [Affektiert] : Heute 
morgen hatte ich Brief von der Mutter; sie fragt, wie lange die Analyse 
noch dauern würde, sie dadite, es wäre genug, dem Vater gehe es nicht 
gut und der Schwester auch nicht. Die Mutter erwartet vielleicht, daß ich 
sofort nachhause komme. Man zerrt an mir herum, ich fühle mich für 
Alles verantworthch. Gestern habe ich gedacht, ich fahre jetzt nach- 
hause, weil mich hier niemand li&b hat; dort habe ich doch 
meine Mutter, Die Frau im Traume erinnert mich an eine Frau mit Lupus- 
gesicht, in deren Haus wir als Kinder zum erstenmal etwas in unsere 



106 



Analyse des Schuldgefühls 



Vagina gesteckt haben. Im Traum habe ich auch irgendwo den Wunsch 
nach Masturbation verspürt." 

„Der iVIann im Teppich ist halbtot. Er hat mich so vorwurfsvoll ange- 
schaut: die sterbende Kreatur. Er war wie in einem Winkel. Sonst war 
gar nidits im Zimmer als der Mann am Boden. Schon während des Traumes 
habe ich gedacht, ich werde ihn vergessen. Ich brauche nicht jeden 
Tag einen Traum zu bringen. Gestern habe ich zu Max gesagt, daß 
ich Sie jetzt so lieb habe. Es ist mir zum Bewußtsein gekommen, 
daß ich gestern abends gerne zu Ihnen gegangen wäre. Dann habe ich 
gedacht: Gehst morgen auch nicht hin, weil ich gestern abends niclit hin- 
konnte. Dann habe ich zu Max gesagt, daß Sie mich so in der Gewalt 
haben, daß idi schon hingehe, auch wenn ich nicht will. Ich würde eher 
jemandem den Kopf abschlagen, als nicht herkommen (so habe ich beim 
Friseur immer gedacht,, daß er nur schon fertig werden soll). Idi 
möchte jetzt jemanden so recht ärgern. Jetzt habe ich gedacht, ich sage 
überhaupt nichts mehr," 



Deutung: Ich erkläre ihr wieder den Libido widerstand, welcher aus 
der Versagung in der femininen Einstellung folgt, die sie zu akzeptieren 
bereit ist, unter der Bedingung realer Befriedigung. Aus dieser Ver- 
sagung erwächst ihr Widerstand, der sich nunmehr in Kastrationsphantasien 
gegen den Mann äußert (Schnurrbart, Katarrh, Nase, Vater). Auf dem 
Wege der Identifizierung stellt natürlich der kastrierte Mann die Akzep- 
tierung ihrer eigenen femininen Libido dar, was schon aus dem Affekt 
hervorgeht („Die sterbende Kreatur". — Als Abwehr dieses Affektes: 
„kalten Herzens"). Das infantile Vorbild ihres neurotischen Konfliktes 
bringt der Schluß des Traumes deutlich in der Ödipussituation, aller- 
dings in Form eines durdi das Schuldgefühl hergestellten Negativs (Heim- 
lichkeit, wegstehlen. Durch die Anwesenheit der Mutter ist kein Platz 
für sie). Das Schuldgefühl ist gewöhnlich im Masturbationskomplex ver- 
ankert (Kinderszene — Lupus!). 

Im Anschluß daran erkläre ich ihr die auf die Mutter (-Brust) bezüg- 
liche Masturbationsphantasie als den stärksten Libido widerstand, der da- 
durdi diarakterisiert ist, daß er sich gegen die Person des Analytikers 
als Mann wendet. Es bestehe die Tendenz, in dieser Situation stecken 
zu bleiben, wie sich seinerzeit auch die Neurose darin fixiert habe. Der 
Widerstand sei deswegen an diesem Punkt so stark, weil dies der erste ■ 




Das Kunststück des Zarückgehens 107 

und einzige sexuelle Ersatz der ursprünglichen Li bidobefriedigung an der 
Motter (-Brust) gewesen sei. Sobaid das Geheimnis der Masturbation 
gelüftet sei, d. h. sobald das dafiinterliegende Schuldgefühl in seinem 
ursprünglidien Zusammenhang der Ödipusphantasie und Mutterbindung 
eingereiht sei, könnte die analytische Situation erst voll akzeptiert werden. 
Dazu bemerkt Patientin, sie habe sich gestern gedacht, sie könne 
sich nicht vorstellen, wie es noch weiter gehen solle. (Dieser Gedanke 
bestätigt die von mir hervorgehobene Fixierungstendenz.) Sie hätte sich 
weifer gedacht, jetzt seien nur zwei Punkte vorhanden (zwei Stücke). 
Das ist der Kastrationskomplex und dann noch einer dahinter. Die beiden 
sind aber so fest miteinander verbunden, daß man die Naht nicht sieht 
und es nicht möglich ist, sie zu trennen (Verleugnung der Kastration, 
der Trennung vom Analytiker, bezw. der Mutter, zu der sie bewußt 
flüchten will). 

96. Stande: 

Das Kunststück des Zurückgehens: 
Eifersucht auf die Schwester 

Traum: „Ich habe von Schütteln geträumt, in irgend einer Stadt, wo 
„ich an einer Straßenecke mit einem Begleiter herumgekommen bin. Ein 
„fürchterlicher Wind hat mir «^ntgegengeb lasen. Ich habe meinen Hut 
„(meinen schwarzen hier) so vor mich hin gehalten, aber der Wind hat mir 
„den Hut fast aus den Händen gerissen. Der Hut hat mich so vorwärts 
„gezogen, bis zu einer Rodelbahn, Es war keine richtige, sondern eigent- 
„licli nur ein absdiüssiger Weg, auf dem viel Schnee war. Herunter 
„kamen viele Leute mit uns. Unten bin ich umgekehrt und der Wind 
„war so stark, daß er mich hinaufgezogen hat (wie man sonst 
„herunterfährt). Es war Glatteis und glitschig. Ob mich der Wind gezogen 
„hat oder von rückwärts gestoßen, weiß ich nicht. Alles hat gestaunt 
„darüber, es ist nur bei mir gegangen, die andern haben das 
„nicht können." 

„Später hat jemand eine Gescliichte erzählt, wie im Film, wenn man 
„etwas erzählt und dabei alles im Bilde sieht; Ein junger Mann hat 
„erzählt, wie er Telegramme bekommen hat, er solle möglichst schnell 
„von irgendwoher kommen, es waren sechs bis acht Telegramme, alle in 
„italienisclier Sprache. Man hat sie nicht mehr gut lesen können, es war 
„ein bißchen verwischt. Es war ein Formular, da waren Streifen darüber 



108 Analyse des S clmldgefühU 

„geklebt, und die sind vorgestanden. Auf diesen Streifen stand der Text, 
„aber man konnte es nicht sehr gut iesen." 

„Idi saß mit ihm auf einem Diwan und da hat er mir erzählt (die 

„Geschichte, die wahrscheinlidi seine eigene war); Es spieit an dem FluB 

„meiner Heimatstadt und handelte sich darum, daß einer entkommen 

„soll (wahrsdieinHch er selbst), weil er etwas gemacht hatte, was, weiß 

„ich nicht. Aber er mußte noch einmal in die Stadt zurück, um 

„etwas zu holen. Der andere, ein sdilauer Kerl, hat ihm dabei geholfen. 

„Er hat den Fluß gestaut und zwar mit einer Kette, die er darüber ge- 

„spannt hat {was ja in Wirklichkeit gar nidit möglich ist). Die Kette hat 

„er herunter gelassen und so den Fluß gestaut und nachher wieder in die 

„Höhe gezogen. In dem Moment ist der andere über den Fiuß gekommen. 

„Beide waren nadct. Dann steigt der andere das Ufer hinauf und hat 

„auch das holen können. Beim Zurückgehen wird er aber gesehen, 

„stürzt sidi in den FluB und schwimmt. Und der andere ihm nach. Aber 

„der Verfolger sdiwimmt dann auch, so daß plötzlich drei schwimmen: 

„der Verfolgte ein Stüd: weit vorn, dann der zweite und zuletzt der 

„schlaue Kerl, Der zweite raunt ihm etwas zu und er taucht unter und 

„hat dem Verfolger den Weg damit versperrt (wie wenn man einem auf 

„der Straße ein Bein stellt). Damit hat der andere einen Vorsprung 

„gewonnen. Ais er wieder auftaucht, liegt er auf dem Wasser wie eine 

„Leiche. Ich dachte, Gott, er ist gestorben! Auf einmal steht die Leiche 

„wie m Totenstarre aus dem Wasser empor, und zwar ganz steif mit 

„verrenkten Gliedern, ganz grün, wie mit Moos umwickelt. Es war 

„ein Trick, aber doch entsetzlich anzusehen (die Hälfte des Körpers 

„war über dem Wasser, die andere unter dem Wasser). Der Ver- 

„folger ist dann auch so geworden und die beiden ragten dann so aus 

„dem Wasser heraus." 

„Dann war noch eine andere Phase da: Es war die Gehbrücke in der 
„Stadt, die im Traum einen Zugang zum Wasser hinunter hatte, indem 
„in der Mitte der Brücke Stiegen waren. Idi steige unten aus dem 
„Wasser und habe im Sinn, die Brücke hinaufzugehen. Ich bin nackt 
„und schäme mich deshalb, sage mir aber, schließlich ist es ja nicht 
„so schlimm. Wenn ich einen sdiönen Körper hätte, würde ich mich 
„nicht schämen. {Ich habe mich hauptsächlich wegen meiner Brüste 
„gesdiämt.) Du mußt aber nur eine schamhafte Stellung einnehmen {ein 
„bißchen den Kopf senken), dann macht es nicht so viel aus. Im Unbe- 



„wußten, in den Hintergedanken habe ich gedacht, das hättest du früher 
„auch schon tun itönnen. Wenn mich ein Mann gesehen hätte, dann wärst 
„du schöner geworden. Auf einmal warf mir jemand einen Morgenrock 
„um und da dachte idi, jetzt kann ich schon nadihause gehen. So kannst 
„du didi schon zeigen." 

„Dort war es ein Holztisch (wie der Abendmahitisch) [siehe Seite 28] 
„mit vielen verschiedenen Speisen, kalte Gans und andere deUkate 
„Gerichte wie Mayonnaise, Hors d'oeuvres. Wir fangen mit meiner 
„Freundin Elsa zu essen an. Die Gans war überall nur die Hälfte, 
„5 oder 6 solche Gansstücke waren da und bei jedem hatte jemand die 
„andere Hälfte weggegessen. Dann suche ich mir eine aus, wo die 
„Schenkel audi schon weg waren, und habe mir gedacht, da hat einer 
„mehr gegessen, als ihm zukam. Dann wollte ich mir ein möglichst 
„großes Stück suchen, das war mir aber zu groß und ein anderes 
„zu klein. Alle Andern haben aufgehört zu essen, nur ich habe immer 
„weiter gegessen (und auch Wein getrunken). Als ich fertig war, 
„konnte ich nicht aufstehen, vor lauter Essen. Eine Dame {von hier), die 
„zuerst in derTüre stand und dann hereingegangen war, sagte: ,das hätte 
„ich doch nicht von Ihnen gedacht, daß sie so viel Materialist sind'." 



Assoziationen: „Ich habe gestern eiMd Film gesehen (von Hagenbeck, 
aber ohne Wasser). Der schlaue Kerl war der Held im Kino, der mir so 
imponiert hat: ein guter Kerl, mit echtem Charakter (einfach und arm, 
obwohl Sohn einer Gräfin): mein Ideal. Ich daclite mir, natürlich hat 
er das gelernt, das ist jemand, der überall, auf jedem Gebiet siegen 
würde. — Der Verfolgte könnte Herr F. sein (der Verfolger vielleicht 
ein Polizist). Holen sollte er vielleicht Kleider oder Wertpapiere, um 
über die Grenze zu kommen (das erinnert midi an einen Freund, der 
ins Ausland ging). Auch der es erzählt hat im Traum, ist F.; er ist viel 
zu uns ins Haus gekommen, hat sich zuerst für mich und dann für meine 
jüngere Schwester interessiert. Das kam so: Es war das letzte Jahr, 
das ich zu Hause verbrachte, also ein Wendepunkt in meinem Leben. 
Damals ist audi etwas passiert unter einer Brücke. U, hatte midi aus 
der Schule abgeholt, im Winter um 7 Uhr. Am Fluß war Eis, wir gingen 
unter die Brüdce und dort hat er mir unter den Rode gegriffen. Es war 
mir angenehm und unangenehm zugleich. Darüber habe ich mir später 
Vorwürfe gemacht. Als idi von dort nach Hause ging, kam mir F. ent- 



gegeo und begleitete mich dann bis zum Haus. Die Mutter fragte mich, 
mit wem ich nach Hause gekommen sei, ich sagte, mit F., worauf sie 
mich über ihn ausfragte, um mich scheinbar auszuholen. Mir war er aber 
gleichgültig. Er merkte auch bald meine Kühle und hat sich dann in die 
Schwester verliebt (nach einigem Widerstand). Ich habe an die Venus 
gedacht, die Geburt der Venus aus dem Wasser." 

Deutung: Es ist klar, daß sidi hier Konkurrenzgedanken mit der 
Schwester aufdrängen. Die weiteren Assoziationen maclien das im Traum 
dominierende Schuldgefühl (Verbrechen, Verfolgung) verständhch. „Die 
Kette, mir ist als höre ich das Rasseln. Unser Bad beim Hause lag an 
einem Kanal, der von einer Mühle kam und unten war ein Fall in das 
Rad. Dort war eine Bretterwand und eine Kette, damit man nicht unter 
das Rad komme.' Das war mir immer sehr unangenehm. Das Wasser 
reißt dort ziemlich stark. Ich dachte immer, wenn man da erwischt würde 
und mitgezogen, dann wäre es aus. Jetzt fällt mir aus dem Traum von 
vorgestern ein, daß die Schwester dort so alt ausgesehen hat. Sie kommt 
mir nun so bemitleidenswert vor (obzwar sie Alles hat). Ich habe ihr 
auch gestern geschrieben. Denke immer an sie, ob sie nicht sterben 
wird in der Geburt." 

Hier wird klar, daß das Schuldbewußtsein im Traum sich auf Be- 
seitigungswünsche gegen die jüngere Schwester bezieht und daß die 
Träumerin selbst daher mit dem Verfolgten identifiziert ist (Die Schwester 
kam nach ihr). Dies wird auch in der „Phase" des Traumes deutÜdi, 
wo sie sozusagen plötzlidi aus der Rolle fällt und es dann heißt, „ich 
steige aus dem Wasser etc."' 

Aus dieser Identifizierung mit dem verfolgten Mann (Schuldbewußt- 
sein) wird auch ihr Schamgefühl verständlich, da sie erkennt, daß sie ein 
Weib ist (Brüste), also nicht in die Mutter zurückkaim, wozu ein Penis 
gehört, hn Zusammenhang dieser Deutung wird auch erst eine bereits 
früher von ihr gebrachte Assoziation verständlich: daß sie nämlidi die 
Wasserleiche in ihrer Starre an den Penis erinnere (die Verdoppelung 
derselben entspricht audi der Kastrationsverleugnung.)' Mit den beiden 

1) Im Traum g-ing der Fluß auch unter die Häuser, wie etwa in Venedig, 
und dort, unter dem Haus ist das audi passiert (im Traum). 

2) In diesem Traumstück aprjdit sidi die Träumerin übrigens selbst wie eine 
zweite Person mit du an. 

3) Auch „Kastrationsan^st" in der Geburtssituation : halb aus dem Wasser. 



1 



Das mythiscke Kunststück 111 

halb ober Wasser, halb unter Wasser befindlichen Leichen können wir 
die halben Gansteile in Verbindung bringen (wobei der Doppelsinn des 
Wortes Gans-ganz die Brücke bilden mag), die darauf liindeuten, daß die 
nachgeborene Schwester ihr die Mutterbrust (Gansbrust) weggegessen hat. 
Das Essen bis man nicht nichr weiter kann, stellt in der infantilen Situation 
an der Mutterbrust („auch getrunken") die Akzeptierung der weiblichen 
Rolle im Sinne der infantilen Mutteridentifizierung dar (Schwangerschaft- 
Schwester). Im scheinbaren Gegensatz dazu bringt der erste Traum vom 
Bergaufs ch litte In ' die (männliche) Regressionstendenz (in die Mutter hinein) 
wieder, die jedoch nur mani festerweise vorherrsdit, während der latente 
Sinn auch dieses Traumes der femininen Wunschphantasie Ausdruck ver- 
Jeiht. Denn der Wind, der in diesem Traumteil Alles bewirkt, ist uns 
bereits als Symbol der Vaterlibido aus der Walkiirenassoziation der 
Träumerin bekannt. Die auch bewußterweise veränderte Einstellung 
zum Vater mag dadurch charakterisiert werden, daß Patientin ihm gestern 
„seit 6 bis 8 Jahren zum erstenmal" wieder einen Brief ge- 
schrieben hatte (vgl, dazu die 6 — 8 Telegramme). 

Das mytbisdie Kunststück 

97. Stande.; 

Traum: „Mitten auf der Straße, die hint» der hochgelegenen Kirche 
„in meinem Heimatsort bergauf führt, haben Männer etwas tragen müssen. 
„Ein ziemhch kompliziertes Gebilde: Einen Stein und darauf lagen Steine.^ 
«Vier Männer haben auf ihren Sdiultern einen Stein getragen und auf 
„diesem Stein waren Steine aufgebaut. Einer hat die Hauptsache getragen, 
„es war ein Kinoheld, er ist gebückt gegangen und die andern trugen 
„nidit mit. Da schütteit er sich und ein großer Stein fällt herunter. Er 
„war sehr groß, etwas kegelförmig, und ich erschrak, denn ich dadite, der 
„Stein rollt mit wahnsinniger Wucht herunter. Auf einmal ist es kein 

1) Die Szenerie dieses Traumes erinnert sie an einen Hügel hinter ihrem 
Haus, wo sie, etwa im Alter von 6 Jahren, geschüttelt hatten. — Zum ganzen 
Traum erzählt sie eine Geschichte, die sie als Scherz gehört hatte, worin ein 
armer Eskimovater seinen Kindern sagt, er könne ihnen zu Weihnaditen nichts 
schenken, werde ihnen aber eine Sdi leite zum Schütte lu machen, indem er 
uriniert. 

2) Die Steine scheinen den erstarrten Wasserleichen des vorigen Traumes 
zu entsprechen. 



112 Anali/se des Sdiuldgefühls 

„Stein mehr, sondern ein Holzstamm (der hatte einen Durchmesser von 
„einem Meter und war fast so lang), der langsam herunterfährt. Ich sagte, 

„das hätte ich jetzt nidit gedacht! Jemand — vielleicht waren Sie es 

„hat gemeint, warum sie so gehen, wissen Sie (oder weißt Du), Sie kennen 
„doch diese Gesetze. Ich sage, ich kenne alle physikalischen Gesetze sehr 
„gut. Diese Drei müssen sein Herunterroilen langsamer machen. Erstens 
„durdi die Adhäsionskraft zur Erde, zweitens durdi den Widerstand der 
„Reibungsflächen und drittens — das weiß ich nicht mehr. Trotzdem 
„habe ich erwartet, daß er den Berg heruntersaust." 

„Auf einmal kommt mir vor, daß das Mediziner waren, wie auf dem 
„Medizinerball, aber in einem Salon. Alle waren sehr müde, lungerten in 
„Fauteuils und Schaukelstühlen herum. Es waren Herren und Damen, 
„lauter Mediziner. Ich sagte mir, wen ich da einmal ablösen könnte. Sie 
„sagten, diese Woche ist es ohne meine Hilfe gegangen. Ich hatte mich 
„erbölig gemacht, sie haben mich aber ausgelacht: Ich anerböte es immer, 
„brädite es aber dann immer fertig, mich darum iierumzudrücten. Ich 
„wollte helfen, um den Dienst zu versehen, sie sagten aber, es sei un- 
„nötig, der W. habe heute Dienst, (das ist ein Gymnasiast, der Philo- 
„sophie studiert). Alle sind faul herumgelegen, in allen möglichen 
„Situationen, nur ich allein wachte noch. Auf einmal ist irgend eine Aus- 
„steuer vorgefahren, ein voller, offener Wagen, auf dem man alles sehen 
„konnte," 

Assoziationen: „Es fehlen mir heute die Worte, um den Traum zu 
erklären. Gestern abends hatte ich Ideenflucht, aus Revanche gegen meine 
Freundin, die nicht früher schlafen gehen wollte, sondern sich noch etwas 
zu tun machte (waschen und bügeln). Als sie sich dann niederleo-te, 
wollte ich sie nicht schlafen lassen. Ich war direkt manisch, während ich 
vorher wegen Max deprimiert war (ich brachte ihn dazu, sich wegen 
Eintrittskarten zum Medizinerball umzuschauen). In meiner zweiten Stim- 
mungsphase hatte idi Prostitution sphantasien und sagte, wenn mich jemand 
verführen würde, ich ginge gleich mit ihm, (Trotz gegen Max und die 
Männer überhaupt, die so schlapp und lau sind wie im Traum, ohne 
Libido). In der Nacht war ich sdilaflos, dachte, idi möchte Max einen 
Stein ans Fenster werfen, er schläft ja doch wie ein Stock. Der Stein 
im Traum war ein bißdien behauen, ziseliert. Komisch, ist das das riditige 
Wort? Am Morgen sagte meine Freundin zu mir, ich sei so männlich 



Die Bedeutung des Heldenideals 113 

aufgelegt; ich wollte sie nämlich auf die Schulter küssen. Viele Männer 
haben es gerne, wenn die Frau bubenhaft ist. Der kühne Kerl, der Alles 
selbst trägt, ist mein Ideal. Der es nicht zeigt, sondern die Last der 
Welt auf sich nimmt und stark trägt." ^ 

„So hätte idi sein wollen: innerlich groß, ohne daß man es sieht. Der 
äußerliche Typus (Kraftbursch, Blagueur, Sportsmann) versciwimml mit 
dem innerlichen.^ Im Traum habe ich gedacht: Da ist er ja wieder! d. h. 
der Typus: mit viereckigem Gesicht, Haar gescheitelt. Ich habe gedacht: 
So müßte er auch zum Galgen gehen (siehe Kreuztragung) und für seine 
Idee sterben. Teil trägt die Armbrust auf der Sdiulter wie Christus das 
Kreuz (im Traum war es ein großer Apparat, ein kompliziertes 
Gebilde). Idi habe auch an Odysseus gedacht, wenn ich Odysseus wäre. 
Mädchen können so etwas nicht machen. Der Wunsdi so zu sein, 
ist sehr stark. Ich wollte audi angebunden sein, zur Sühne. Das hätte 
mir starkes Lustgefühl gemacht. Zur Strafe! Es müßte ein viel sdiöneres 
Gefühl sein als Masturbation. [Auf meinen Hinweis, daß es sich offenbar 
um eine verdrängte lustvolle Vergewaltigungsphantasie handle, reagiert 
sie folgendermaßen:] Ja, schlagen und Blut muß fließen! Ja, der Mann 
im Traum blutet audi irgendwo! Ja, seit drei Tagen habe ich täglidi 
Nasenbluten, was ich nie vorher hatte. Sonntag abends zum erstenmal, 
gestern abends und heute morgens wieder. Der Vater hat midi nie ge- 
sdilagen, nur die Mutter. Ich selbst habe theoretisch immer die Ansicht 
verfochten, daß man Kinder prügeln müsse." 

Deutung: Der Traum zeigt zum erstenmale klar, daß ihrer phantasti- 
sdien Idealbildung des leidenden Helden, mit dem sie sich (männlidi) 
identifiziert, das Urproblem des Weibes zugrundeliegt, die auf die Rüdc- 
kehr in den Mutterleib, die dem Manne, wenigstens partiell, im Koitus 
gestattet ist, nur verzichten kann, indem sie sich mit dem gewaltsam in 
die Frau eindringenden Mann, bezw. dessen Penis identifiziert. Das normale 

1) Diese Figur erinnert teils an den Galeerensklaven in einem ihrer ersten 
Träume (siehe Seite 23), wo vier solche g-efesselte Kerle auf dem Schiff saßen, 
die sie — hinter ihnen sitzend — ■ retten wollte. Im selben Traum kam audi 
die Heilandsidee zum Ausdruck (siehe Wunder, Kunststück). Demselben Typus 
gehört audi ihr Heldenideal an (siehe Seite 22). 

2) Der innerlidie Typus ist der Gegensatz zu den „Lebemännern", wie sie 
zum Teil audi die herumlungernden Traumfiguren repräsentieren. 




114 Analyse des Sdiuldgefiihls 

Weib, das ihre Rolle akzeptiert hat, läßt das Eindringen in ihren Körper, 
in Identifizierung mit der Mutter, geschehen, ohne es als Vergewaltigung 
zu empfinden, während si<h eine zu stark verdrängte Tendenz zum Ein- 
dringen bei der neurotischen Frau in Vergewaltigungsphantasien umsetzt, 
die dann von der „Männlichkeitstendenz", welche auf das aktive Ein- 
dringen nicht verzichten will, wieder der Verdrängung unterworfen wird. 

Bei diesem Prozeß resultiert das Phantasie-Ideal des leidenden Helden 
mit dem sich das Idi sowohl als Heiden (aktiv) wie als Leidenden (passiv) 
identifiziert. Hier tritt zu den uns bereits bekannten Heldenfiguren von 
Wilhelm Teil und Christus eine Figur, die uns aus der griechischen 
Mythologie bekannt ist, und auf die Patientin offenbar anspielt, wenn 
sie von Odysseus spricht oder nach Worten sucht (d. h. sich erinnern 
will), um den Stein zu beschreiben. Es ist der Stein des Sysiphus, der 
zur Strafe immer wieder zurückrollt (siehe das Hinaufschlitteln), was 
in der mythischen Sprache die Rücksehnsucht zur Mutter als etwas Wider- 
natürliches' — als ein Kunststück — darstellen soll, wahrend es die 
Patientin im Traume' als etwas hinstellen will, das den physikalischen Ge- 
setzen nicht widerspridit.^ 

Im Traum versucht also Patientin die Möglichkeit der LoslÖsung (von 
der Mutter und Analyse) durch Hinweis auf die Naturgesetze zu wider- 
legen. Dieser biologische Regressions- Widerstand kann nur analytisch 
überwunden werden, u. zw. durch Identifizierung mit dem Analytiker 
(statt mit dem infantilen Ideal der Männlichkeit, dem Vater). Daher will 
Patientin für die Mediziner Dienst machen. Der „Philosoph" weist auf 
mein der Patientin bekanntes Interesse für Mythologie hin, dem zuliebe 
sie sich auch jetzt mythischen Idealfiguren zuwendet. Besonders dem 
Odysseus, der die Regression durch Schlauheit erreidit {der schlaue Kerl, 
der Kinoheld), weil die physisdie (physikalische), d. h. männliche Kraft 
dazu nicht ausreicht. Von da aus gelingt der Patientin die Identifizierung 
mit der Inteilektualität des Analytikers (neue Idealbiidung), die ihr 
die infantile Libidofixierung überwinden helfen soll. 



1) Der Ang-staffekt bei der Rückstrebungf (Geburt) wird dabei in sexuelles 
(masodiistischea) Sdiuld^efühl verwandelt; die Last der Welt! 

2) Siehe die Verbindung-: Pliysik— Chemie — Analyse S. 37. 




Ungeduld und Resignation 

# 

98. Stunde: 
Der Buh mit den Brüsten 

Ein nächster Traum bringt die teilweise Aussöhnung (Akzeptierung) 
mit ihrer weiblichen Rolle, indem sie sich einen Buben als Kind wiinsdit, 
der allerdings seine ursprüngliche Penisbedeutung noch in der Schilderung 
erkennen laßt: 

Traum: „Es war ein kleiner dicker Bub, mehr muskulös, der starke 

„Brüste hatte [Testikel] (so wie idi selbst) und vor den Brüsten noch 

„ein Paar, die auf Stielen saßen, und zwar nach redits hin, so d^ 

„folgende Figur entstand;" 

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Assoziationen: Ihr Einfall dazu, auf der Stiege meines Hauses (Über- 
tragung), daß sie sich von Max einen Buben wünscht (einen Buben aus 
Porzellan hatte sie ihm zu Weihnaditen geschenkt, ein Hbidinos gleidi- 
wertiges Kind — Polster, „Handarbeit" wollte sie mir zu Weihnachten 
sdienken). Dieser Bub ist sie selbst („Brüste wie ich"), und zwar in Über- 
kompensierung des Entwöhnungstraumas (Doppel brüste), da sie ja als Bub 
(Penis) wieder in die Mutter eindringen kann,' 

1) Hier leig-t sldi zum erstenmal, daß die Vier in ihrer Beziehung- auf die 
Verdoppelung der Brüste audi bisexuelle Bedeutung haben: es sind die Brüste 
und die ihnen später substituierten (männlidien) Testikel (Genitale: Bub). 




118 Ungeduld und Resignation 



Das Zeitmoment 

In einem zweiten Traumstück derselben Nacht, das sie ursprünglich 
vergessen hatte, stellt sie ihren Widerstand gegen die obige Akzeptierung 
der weibhchen Rolle in Form der Ungeduld dar; 

Traum: „In der Schule, ich sollte Examen machen, hatte die Hälfte 
„sdioo gemacht. Links von mir saß ein Mädchen, rechts ein Mann^ 
„(Otto H.) Idi sagte zu ihm: Was sagen Sie oder was sagst Du dazu, 
„daß wir wieder da sitzen wie vor einem Jalir, Er hat sich aber nicht 
„gewundert! Wir mußten etwas lesen; es war nicht gedruckt wie ein Buch, 
„sondern hektographiert, mit blauer Tinte, schwer leserlich und vier oder 
„fünf Zeilen standen impier übereinander (soll wohl heißen über jeder 
„wichtigen Zeile standen vier andere). Zmn Beispiel: „für Franzosen^ . . 

„für Engländer^ . . 

„für Deutsche . . . 

„für Italiener, , . , 
„oder für Mädchen und darunter für Buben; oder oben für 23jährige 
„unten für lOjährige. Ich sagte, ich kann das nicht lesen, die anderen 
„haben es aber rasch gekonnt. Man muß das studieren, muß mir dazu 
„Zeit lassen." 



Deutung: Wieder ein typischer Prüfungstraum (siehe S. 47) analy- 
tischer Ungeduld, der dem allmählichen bewußten Fortschritt (Lernen, 
Schule) die infantile Spontanerledigung der neurotischen Verdrängung 
entgegensetzen will. Mit Berufung auf das infantile Moment der Bisexualität 
und das neurotische des Sexualkonflikts, will Patientin die analytische 
Zurudcführung dieser pathogenen Libido-Situation als verwirrend zurück- 
weisen, „Jetzt kann ich gar nidits lernen, wie in der Sdiule, weil ich 
nicht weiß, ob ich ein Bub oder ein Mädel bin, besser gesagt, sein will." 
Der Mann OttoH, der neben ihr sitzt (WunscherfüUung) ist der Ana- 
lytiker, dem die lange Dauer der Behandlung — nicht praktisch bewußt, 
sondern libidinös-unbewußt — vorgeworfen wird, mit der für die 
Tendenz diarakteristischen Übertreibung (vor einem Jahr!), in der jedoch 
der libidinöse Wunsch der Fixierung in der Analyse, wie früher in der 
Neurose (bezw. an der Mutter) enthalten ist 

1) Auili im ersten Traum hat das rechts „Sitien" des zweiten BrüslepaareE 
männliche Bedeutung'. 

2) Vgl. die unverständlichen Spradien im Traum S. 45. 



Das zeitliche Moment 119 



Wir treten hier, mit der Betonung des zeitlichen Moments in die 
Phase der Analyse ein, die deren Höhepunkt bedeutet, von dem aus 
dann die zweite große Aufgabe der LibidolÖsung (von der Übertragung) 
anzubahnen ist. Es ist der MCendepunkt jeder Analyse erreicht, wo an 
Stelle der Neurose {alte mütterliche Libidofixierung) die neue analytische 
Libidobindung getreten, nach einem wichtigen Wort von Freud die 
Analyse an Stelle der Neurose gerüdtt ist. Diese neue Libidobindung 
empfindet der Patient einerseits als Gefahr, gegen die sich sein Nariifimus 
und sein Ichideal sträuben. Er sucht also durch Ungedulds-Symptome, 
die bald durdi Beweise von Selbständigkeit unterstützt werden, zu 
zeigen, dafJ er die Analyse iiidit mehr braucht. Dies gerade zu einer 
Zeit, wo sie für ihn alles geworden ist. Anderseits sucht die Libido 
durch Dauerfixierung dieser (analytischen) Situation sich den neurotischen 
Lustgewinn zu sichern (Regression); aus dieser Tendenz kommt der den 
Ungedulds-Symptomen parallel gehende Zwang zur Verlängerung der 
Analyse, gegen den jedoch das leb (oft genug auch bewußte Interessen 
neben der narzißtischen !dea!bildung) opponieren. Dieser ganze Konflikt 
wird nur verständlich und therapeutisch lösbar als Reproduktion des 
Geburtstraumas, der Trennung von der Mutter, die sich in der Lösung 
der analytischen Libidofixierung wiederholen mufi. 

J02. Stande: 
Ein Regressions -Widerstand 

Nach mehrtägigem Widerstand, den sie zum größten Teil an Max 
ausgelassen hat. Der Medizinerball, den sie in ihrer zwangsneu roiischen 
Denkart als Liebesprobe aufgefaßt hatte, konnte nicht besucht werden; 
sie hatte den ganzen "Vag vergeblich auf Max gewartet. Sie liebe ihn 
nicht mehr, wolle ihm den Abschied geben und nach Hause fahren. 

Den Traum von diesem Tage, an welchem sie ihn vergeblich erwartet 
hatte, erzählt sie nun heute; 

Traum: „Ich bin mit meiner Freundin Elsa in einem Tram einen Berg 
„hinaufgefahren: Auf der zweitletzten Station sollten wir aussteigen. 
„Sie wußte aber wie gewöhnlich nicht, wo das war und wollte weiter 
„fahren. Ich sagte, das können wir auch: bis zur letzten Station fahren 
„und dann müssen wir ein kleines Stück zurückgehen. Wir sind aber 
„doch ausgestiegen und zu einem Hotel gekommen, und zwar zu einem 
„Speisezimmer, in dem der Tisch gededct war. Ich bin nod) hinaus ge- 



h 



„ganzen auf die Toilette, die sehr luxuriös eingerichtet war, habe aber 
„dann den richtigen Ausgang nicht gefunden. Ich bin eigentlich 
„nicht zum Essen (zurüde) gekommen." 

Assoziationen: Zum Hotel fällt ihr der alte Traum von dem turmartigen 
Zimmer mit dem Prinzen ein (siehe Seite 97), der Auto und Luftschiff 
hat (Sportsmann). In diesem Traum ist der Luxus sozusagen auf die 
Toiletten konzentriert. Dazu, daß der Vater früher vermögender war als 
jetzt, was sie ihm ebenso zum Vorwurf macht, wie sie ihm früher seinen 
Reichtum aus unbewußten Motiven vorgeworfen hatte. 

Deutung: Regressions-Traum als Widerstand gegen analytisdie Lösung 
und Auflösung der tiefsten Mutterbindung (Libidofixierung). Regressions- 
züge: Hinauffahren, Zurückgehen, Ausgang niclit gefunden, luxuriöse 
Toilette — Mutterleib! 

W5. Stunde: 
Die Analyse als Kunstprodukt 

Traum: „Ich und meine Schwester saßen auf der Terrasse zu Hause, 
„zu deren beiden Seiten Blumen und Sträucher sind. Links sind in Wirk- 
„hchkeit kleine Rosablumen, im Traum war es aber Flieder; aber doch 
„kein richtiger, er war nicht so gewachsen wie Flieder und dann war er 
„weiß und zugleidi lila, so blaß, worüber ich mich gewundert habe. Meine 
„Sdiwester sagte aber, daß ist entstanden, indem man die beiden Flieder- 
„arten zusammengebracht hat (so macht man es wohl bei Tieren, ob auch 
„bei Pflanzen, weiß ich nicht; ich glaube schon). Da dadite ich: Ach so, 
„ist das also nicht echt, sondern ein Kunstprodukt." 

„(Auf diese Terrasse führt eine Doppeltür aus unserem Zimmer). Ich 
„bin vom Gang mit einem Gartentisch in dieses Zimmer gekommen, 
„dessen Tür nach der Terrasse offen war. Ich dachte: Wenn er mich 
„nidit liebt, kann man audi nichts tun. Es ist ja nidit so schlimm. (Es 
„war im Traum sehr früh am Morgen, ich glaube vier Uhr, und es kam 
„vom Garten ein frischer Windhauch herein). (Ich glaube, aus diesem 
„Traum bin idi erwadit, es war halb acht Uhr morgens, ich hatte den 
„Wecker auf Acht gestellt, weil ich heute zum erstenmal schon um 
„zehn Uhr Analyse hatte. Es ist Feiertag, auch für mich ein Festtag, eine 
„neue Aera beginnt. Aber beim Hergehen bin ich ausgerutscht und 
„dachte dabei: gefallenes Mädchen)." 



r 



Die Analijse als Kwislprodukt 121 

Nachtrag: „Ich habe den Tisch so vor mich hergetragen, es war 

unser ovaler Garteiitisch aus Blech — , die Doppeltür (in Wirklichkeit 

„ist es eine einfache), die ein bißchen klaffte, etwas mehr aufgestoßen, 

,den Tisch niedergestellt und dann mit Resignation gedacht [das, was sie 

„oben von der Liebe sagte]." 

„Dann kam ein Stück von der Schule. Ein Mädchen ist mit einem 
„Buben gegangen, dann hat sie ihn stehen lassen und ist zu einem andern 
^^gegangen. Es war ein am phitheatrali scher Hörsaal, wie in der Chemie, 
„die Fenster oben. Sie ist oben auf die Brüstung gesprungen. Der Lehrer 
„hat gesagt, sie leide an Uterusüberschuß. Idi war froh, daß ich das 
„nicht war, denn ich hätte mich sonst schämen müssen." 

„Dann war meine Mutter da, nur mit dem Hemd bekleidet und es 
„war doch nicbt meine Mutter. Es war ein Bett und daneben ein Stuhl 
„und ich sagte ihr, sie solle sich dodi setzen, damit sie sich nicht ver- 
„kühlt. Sie hat sich gesetzt und ich habe ihr die Füße mit einem Herren- 
„überzieher zugedeckt; dann auch um die Mitte ein Tuch gegeben und 
„gesagt, sie soll es fest unter sich nehmen. Und über die Schultern habe 
„ich ihr auch ein Tudi gelegt, auch Strümpfe von irgendwo gebracht 
„und ihr angezogen." 

„Dann steigt oder rutscht meine Mutter aus dem Fenster im 
„ersten Stock (oder Parterre) hinaus in den Garten. Sie hatte gelbbraune 
„Bergschuhe ohne Absätze an," 

Der erste Kur träum 

„Dann war ich in einer exotischen, südlichen Landschaft mit 
„Palmen. Es waren Blumen wie Frauenschuh, aber doch nicht Frauen- 
„schuh; Schmetterlingsblütler mit solchen Blüten wie Unterlippen. 
„Das waren dann Gesichter von alten Männern, die dann Photographien 
„waren. Es waren aber von toten Männern, wie Totensdiädel, Das Ganze 
„war ein sdiöner Garten, wie ein Gesundbrunnen. Neben mir stand 
„(als ich die Photographien wie in einem Schaufenster betrachtete) ein 
„Mädchen, die war doppelt so groß wie ich (ich reichte ihr nur bis zur 
„Hüfte). Jemand fragte mich, wo der Sohn von einem dieser Männer ist. 
„Ich sagte, ich kenne ihn, er ist in X, oder Y. und es war, als würde 
„man (von dem Berg, wo das Ganze lag) diese Orte sehen." 

/Assoziationen ; „Diese Männer mit Zylindern waren Ratsherren oder so 
etwas, und lagen auf einem Vorsprung in der Mauer. Gestern habe 




122 



Ungeduld und Resignation 



If- 



idi im Kino eine beleuchtete Brunnenfigur gesehen, die auch hier irgend- 
wo im Hintergrund war. Die Schulfreundin im Traum war auch meine 
l^jährige Kusine, die jetzt Matura macht. Im Traum sind mir ihre Schuhe 
aufgefallen: eine Art Ballschuhe mit schwarzen Bändern um das Bein. 
Die Mutter im Traum war auch die Großmutter und Frau S., in deren 
Pension ich einmal wohnte. Sie war fürs frühe Heiraten und gegen das 
Studium der Mädchen; sie hatte Angst, daß icli die andern Mädchen auf- 
klären würde. 2u dieser Frauenfigur im Traum fällt mir noch eine ent- 
fernte abenteuerlustige Verwandte ein, die ich sehr früh gesehen haben 
muß: sie rauchte, trug kurzgeschnittenes Haar und ging oft ohne Strümpfe, 
nur in Sandalen herum, was mich an die absatzlosen Bergschuhe im 
Traum erinnert." 

Deutung: Der Traum stellt die alte Vater-Libido (Assoziationen: 
Fliederduft — Hanns Sachs — Wagner — Walküre — Lenzluft) in der 
Übertragungssituation dar. Die analytische Libido wird in typischer Weise 
als „Kunstprodukt" symbolisiert und die resignierte Stimmung bezieht 
sich auf sie, und rückwirkend auf die Vaterlibido.^ Während in der ersten 
Traumszene sowohl im Milieu (Vaterhaus, poetische Szenerie etc.) als 
auch im Inhalt die infantile Einstellung vorherrscht, ist in der Schulszene 
(Hörsaal, Chemie) das analytische Moment betont: Im Gegensatz zu dieser 
resignierten Traumstimmung, mit der Patientin aus dem (zweiten) Traum 
erwachte und die — wie sie später berichtete — auch tagsüber anhielt, 
stellt der übrige Inhalt des Traumes ein mehr oder weniger starkes und 
mehr oder weniger deutliches sich zur Wehr setzen gegen diese Resignation 
dar, indem er sowohl die kompensatorische Flucht in die Männlichkeit 
wie auch ein volles weibliches Ausleben intendiert. Der Tisch, den sie 
vor sidi herlrägt und mit dem sie den Spalt in der Türe vergrößert, ent- 
spricht wieder ihrem typischen Geburtstrauma (halb herauskommen), das 
die Depression erklärt, aber auch die Tags darauf wirklich durchbrechende 
manische Stimmung. Die Blumen Symbolik (Kreuzung von Pflanzen, süd- 
liche Landschaft, Frauenschuh, Lippenblütler), der „UterusüberschuB". der 
Gesundbrunnen gehö ren zur Mutterlibido, während die Mutteridentifi- 

1) Zum Vater im Traum: Präsident Wilson, zum Sohn: ein Bruder ihres 
ithwagers van dem sie gestern gehört hatte. Die Lage des Gesundbrunnens 
war wie das Tal in einem früheren Traum (siehe Seite 391: Mutterleibs- 
phantasie). „Ich habe im Traum gedad^t, das ist keine gute Reklame, wenn 
man tote Männer aufstellt." 



Der erste Kurtraum 



123 



zierung, sowie die lebenslustige weibliche Verwandte 'auf das Ausleben 
der Weiblichkeit hinzielt, das allerdings wieder aktiven (männÜchen) 
Charakter hat, 

Der analytische Fortschritt Hegt darin, daß die Patientin früher aus 
ihrer Neurose heraus auf jede geringste Libido versagung mit dem Medianis- 
mus der Vateridentifizierung reagiert hatte und aus dem Mißlingen dieser 
Rolle verzweifelte. Die „männlichen" Züge in diesem Traum verraten 
Reste dieser Einstellung; doch gibt sie unter dem Einfluß der Analyse 
diese Versuche auf und resigniert. Hier wird klar, daß ihre sentimentale 
Stimmung, die sie auch im Traum notJi heterosexuell motiviert, eigentlich 
den Verzicht auf ihre Männlichkeitstendenzen, d. h. im tiefsten Sinne auf 
die Rückkehr zur Mutter darstellt. Infolgedessen träumt sie dann auch 
weiblich weiter (wenngleich immer noch mit männlichen Zügen vermisdit). 
Der Schlußtei! des Traumes führt dann noch ein Stüdc weiter in die 
normale Weiblichkeit' hinein, indem die infantile Wurzel desselben über- 
wunden (der tote Vater) und die Übertragung auf die jüngere Generation 
(Sohn) versucht wird. Das Mittel, das diese Transformation bewirken soll, 
ist die Analyse (Gesundbrunnen, Wiedergeburt; siehe zu Beginn 
des Traumes ihre Bemerkung-, Festtag, neue Aera). Natürlich vollzieht 
sidi diese ganze Fortsdi ritten den z auf dem Boden der Ödipussituation, 
denn sie repräsentiert hier die Mutter, die dem Vater den Sohn sdienkt. 

JOS. Stunde: 
Kritik und Korrektur der infantilen Einstellung 

Traum: „Idi habe wieder etwas von Kondensmilch geträumt. Ich 
„war bei der Tante Marie und sie hat mit einem Leinwandsäckchen, das 
„sie um den Finger wickelte, die Kondensmilch herausgeschmiert. Es 
„waren kleine Klümpchen darin, die sie zwisdien den Fingern zerdrückte 
„und zur besseren Auflösung mit Salz bestreute {es war alles so 
„primitiv)." 

„Dann war da eine Kiste, darin viele Flaschen mit beschriebenen Eti- 
„ketten, die die Tante in Ordnung bradite. Da kam der Onkel Frank 
„streng herein und sie sagte, sie habe das eine noch nicht genau ausge- 

1) In diesem Sinne ersdieint auch im ersten Traumteil die Sdiwester weniger 
im infantilen Sinne als Konkurrentin bei der Mutter wie als Vorbild der nor- 
malen Entwicklung-, der Übertragung- auf den Mann, (sie hat geheiratet, hat einen 
Mann, ist ffravid etc.) 



124 



Ungeduld und Resignation 



„redinet {es kam darauf hinaus, daß sie alles, was sie zum Kochen brauchte 
„genau aufschreiben mußte. Ich dachte im Traum, das ist auch nicht seh^ 
„bequem. (Spätere Assoziation dazu:] Es muß doch angenehm sein, einen 
„Herrn zu haben)." 

„Das Ganze schien mir so zusammen zu hängen, daß ich mit einem 
„Mann - wer weiß ich nicht - in ein Schloß gehen sollte, und 
„unterwegs fiel mir ein, daß mir noch das und jenes fehle. Das 
„sollten wir, glaube ich, dort holen {bei der Tante)." 

Associationen: Zur Etiketlierung fallt ihr die Mutter ein, deren Ge- 
wohnheit das ist. Auch der Patientin hat sie jetzt auf die Reise solche 
etikettierte Fläschchen mitgegeben. Darunter eines mit Alkohol, da Patientin 
an starkem Fluor litt {den sie augenblicklich wieder hat). Diesen Alkohol 
hatte sie sidi selbst in ein Parfumfiäsd.d.en gegeben, und die Mutter ge- 
beten, keine Etikette darauf zu geben. Die Mutter halte es aber doch getan 
und die Patientin hatte es bei der Ankunft hier wieder heruntergekratzt. 
„Ich weiß nicht, warum es mich so gestört hat! Gestern, als der Fluor 
weder so stark war,' hatte ich gedadit, wenn man jetzt nur einen Bleistift 
hmemsteAen könnte; ich hatte aber Angst, etwas zu madien, und dachte 
vielleicht wenn man ihn umwickelt (siehe den Finder im Traum). 
/ Alkohol 
Fluor — Jucken 

\ Bleistift — umwickeln — Finger - Masturbation - Berührung 
der Mutterbrust — (Kondens-) Milch (Ersatz). 
Zu Salz und Milch fallen ihr Ziegen ein, die sie als ganz kleines Kind - 
CS muß um drei Jahre herum gewesen sein — mit Salz gefüttert hat 
(s. S. 32f).' Dazu taucht etwa aus derselben Frühzeit eine Szene in 
einem sdiönen Park auf, wo sie am Weiher Schwäne füttert. Die Mutter 
mit einem Mann steht dabei (ganz dunkle Erinnerung). ..Das war meine 
glücklichste Zeit! Audi im Traum sollten wir ja in so ein Sdiloß gehen." 

Deutung: Hier kommt der wiederholt angedeutete Familienroman der 
Patientin zum Vorschein (luxuriöses Schloß, Prinz etc.), der sidi oft auf 
der dunklen Folie eines primitiven oder ärmlichen Milieus erhebt. In der 
bereits erwähnten Sommerzeit {siehe Seite 32), wo Patientin mit der 

1) Im Gegensatz zu dem feinen Tisdisalz, das sie zuhause hatten, das rohe 
Muck Sali, das sie den Tieren ^ab und das audi bei der Großmutter ^u Tisch 
k«m. Veryl. „es war alles so primitiv." 




Korrektur des Familienromans 125 

Mutter allein war, wird ihr im Sinne dieses Familienromans sdieinbar 
Untreue mit dem Vater vorgeworfen. Immer ist ein geheimnisvoller Mann 
da, der auch manchmal im Dunkel der Nacht am Hause läutet. Wie weit 
dies nun auch Realität gewesen sein mag oder nicht, eines ist sidier: 
für das unbewußte Phantasieleben der Patientin repräsentiert dieser Mann 
in jedem Falle den Vater u. zw. den Vater, der ihr selbst untreu ist, in- 
dem er zur Mutter kommt' Natürlich gibt auf der andern Seite die daraus 
phantasierte Untreue der Mutter die Lizenz für die gewünschte Verbin- 
bung mit dem Vater. Der Prinz, der später in ihrem Familienroman die 
Hauptrolle spielt, ist der idealisierte Vater, ein besserer Vater, wie ihn. 
sich auch die Mutter gesucht hat oder hätte suchen können (s. S. 88). 
Mit dieser Mutter identifiziert sich die Patientin nunmehr einerseits bei 
Akzeptierung ihrer weiblichen Rolle andererseits in ihrem Bemühen, sich 
vom Vater loszumachen, wie sie es der Mutter in der frühesten Kindheit 
supponiert hatte. Diese Identifizierungstendenz mit der Mutter stößt aber 
auf starken inneren Widerspruch, da ja die Mutter seit jeher das ersehnte 
Libidoobjekt repräsentiert. 

Der Traum sagt: Ich kann midi nicht mit der Mutter identifizieren, 
weil sie zugleidi das erste Libidoobjekt und das erste Libidohindemis ist. 
Deswegen tritt im Traum an Stelle der Mutter die Tante Marie, in deren 
Rolle die Patientin den strengen abweisenden Vater, den der Analytiker 
ihr repräsentiert (Onkel Frank), zu akzeptieren vermag („es ist gut einen 
Herrn zu haben"). Das Wesentliche ist die Mutterbindung (Brustphantasie), 
an der die ganze Masturbation hängt (Finger — Milch), die aber jetzt 
durch Mutteridentifizierung abgelöst wird, (Erinnerungen, wo Patientin ge- 
füttert hat, nicht gefüttert wurde.) 

!09. Stande: 
Die ersten Zeichen des erstarkten Ich 

Traum: „Ich bin im Traura gefahren und wie ich den Sdiaffner bezahlen 

„wollte, konnte er nicht herausgeben. Da habe ich ihm mein ganzes Geld 

1) Die Rekonstruktion dieser frühinfantilen Form des Familienromans wird 
g-estiitzt durch die Tatsache, daß dies die Zeit war, in der die jüng-ere Sdiwester 
der Patientin geboren worden war. — Auch das große Glücksgefühl, das Patientin 
erinnert, spridit dafür. Später wird gerade dies lum Vorwurf (Schul dg-efühl), 
und heute ist es aus der analytischen Situation heraus zum Vorbild geworden 
(Ideal). Darum wird in der ersten Szene der Mutterfigur selbbt Masturbation, 
Primitivität vorg;eworfen. 



12Ö 



Ungeduld und Resignation 



„(mit der Geldtasche) gegeben. Er sagte, er werde es mir später zurücät- 
„geben. Bei einer Kreuzung, wo ich dann in einen andern Wagen ge- 
„stiegen bin. der die Nummer 775 oder 275 hatte, war er nicht da und 
„ich hatte kein Geld. Da war plötzlich ein Mann neben mir (Naditrag: 
„von dem ich nur den rechten Arm in schwarzem Anzug sah), an einem 
„Büffet und stellte mir seine Börse, eine kleines Silbertäschchen zur Ver- 
„fügung, in dem Metallgeld und auch kleine Kupfermünzen waren. Dann 
„war ich zuhause, bei meinen Gliedkusinen und da kam plötzhdi der 
„Schaffner und brachte mir die Tasche zurück. IcJ> habe mich nicht so 
„sehr gefreut, daß ich das Geld zurückhatte, als daß er sid, herbemüht 
„hatte. Icli dachte mir: wenn man wartet und geduldig ist, kommt 
„es schon. Es war aber nicht der Schaffner, sondern ein Junge, so wie 
„ein Liftboy." 

„Dann war da ein großer Komplex, ein Grundstück, rechteckig, nicht 
„quadratisch und am Rande standen Häuser rings herum, 17 oder 10 
„aber nicht regelmäßig nebeneinander, sondern da eine Gruppe eng bei- 
„sammen. dann wieder stellenweise keine. Die Häuser waren auch 
„außen kahl, viereckig, ein bißchen orientalisdi. Die Häuser waren 
„alle leer, nur in einem war ein Schlafzimmer mit drei eisernen Betten. 
„Und noch ein anderes leeres Zimmer war da, aber was es war. weiß 
„ich nicht Die Tapete war hier wie im Schlafzimmer und die Tapete im 
„Traum-Schlafzimmer war die grüne Tapete aus dem Schlafzimmer der 
„Eltern.! Alles war so kahl (wie hier in der Hofburg), möbliert, aber 
„nur zur Hälfte. Ich dachte, daß es da so viel überflüssige Häuser gibt, 
„die könnte man nach Wien schaffen. Neben mir stand Onkel Franz' 
„und erklärte mir alles. Man müsse trachten die Häuser jetzt rasch 
loszuschlagen." 

Assoziationen: Patientin klagt über starken Fluor, schon seit gestern 
und auch jetzt in der Stunde. Sie wundert sich darüber, denn nach dem 
gestrigen Bade sei er am Morgen nicht da gewesen. Das Täschchen habe 
sie hier gekauft. Im Traum sei genau so viel drin gewesen, wie gestern 
m W.rkhchkeit. Sie sei gestern mit verschiedenen Elektristien gefahren 
habe «ei mit Schaffnern gesprochen, auch gefragt und freute si<±, wenn 
^'"" "^" "■'* '^' ^«^- "I<i> hatte Respekt vor ihnen. Unter anderem 



1) Diese grüne Tapete hat PaHenUn vor ihrer Abreise ausgewählt. Für ihre 
Hilfe sdienkte ihr die Mutter ein großes Silbertäsdidien. 



Die ersten Zeichen des erstarkten Ich 



127 



machte ich auch einen Krankenbesuch mit einer Elektrisdien, mit der idi 
nodi nie gefahren bin. Ich habe mich sehr gefreut, als ich merkte, daß 
i<Ji mich allein auskenne. Auf dem Rüdeweg gestern wollte ich ein- 
kaufen, sagte aber dann dem Mann im Laden, ich hätte zu wenig Geld 
bei mir, worüber er sich wunderte. Dann bin ich mit einer neuen Tram- 
linie nachhause gefahren, es ging sehr schnell und so bin ich heute 
morgen mit derselben Linie hergekommen. Es kam mir auch sehr 
schnell vor." 



Deutung! Es handelt sich um einen analytischen Traum von Ungeduld, 
welche aus dem Libidowid erst and folgt. Die Elektrischen, mit denen sie 
so rasch vorwärts kommt, und die schon von ihrem Zählzwang her libidinös 
besetzt sind, werden hier zur Darstellung des analytischen Tempos und 
weiterhin des Libido Widerstandes verwendet. Das Geld soll nidit zur 
Weiterfahrt reichen (ich nehme ihr alles weg), sie will Libido (siehe ihr 
Verhalten den Schaffnern gegenüber). Der Geldkoniplex erscheint hier 
wie gewöhnlich im Sinne der Ubid inÖsen Widerstände verwendet. 

Der Traum ist die direkte Reaktion auf die gestrige Analyse, in der 
die Mutteridentifizierung und die dagegen wirkenden Widerstände bewußt 
gemacht worden waren. Ich hatte ihr angedeutet, daß sie die Lösung 
allein zu machen habe. Der Traum ist die Realition- darauf: Ich habe ihr 
die ganze Libido weggenommen (gebunden) und sie erwartet sie von mir 
zurück: die weibliche im Sinne der Übertragung, die männliche im Sinne 
ihres Widerstandes. Der Mann, der ihr im Traum mit dem Geld aushilft, 
ist der Analytiker, von dem sie tatsädilich meist nur den Arm sehen 
kann. Sie ist also bereit, zu akzeptieren, aber zunächst nur Libido, 
während die letzte Traumszene zeigt, in welcher Weise sie bereit ist, die 
Analyse zu akzeptieren („Komplex", den ich ihr erkläre: kahl, leer, etc.). 
Dafür will sie sidi revanchieren u, zw. audi mit Libido, auch mit Hilfe- 
leistung (Häuser nach Wien bringen), Dankbarkeit. 

Auf die Forderung der Analyse, die Lösung selbst zu machen, ant- 
wortet der Traum mit dem Widerstand; Wenn idi es allein machen soll, 
müssen Sie mir meine IWannHchkeit wieder geben, ' Daneben kommt aber 
im Traum die weibHche Einstellung deutüdi zum Ausdruck: Patientin 

1) Es ist ihr gestern aufgfetallen, daß das Ausfcennen auf der Elektrisdien 
von ihr als etwas Männliches empfunden wurde. Siehe dazu das Auskennen in 
den Häuserkomplexen ; Identifizierung mit dem Analytiker. 



I 



128 



Ungeduld und Resignation. 



dachte im Traum: „Gott sei Dank, daß ich nicht hingelaufen bin (das 
Geld zu holen), wie ich es früher sicher getan hätte, sondern daß 
ich gewartet habe," 

Das Zeitproblem ist dadurch wieder aktuell geworden, daß die Mutter 
sie jetzt nachhause kommen lassen will, also im Begriffe ist, eine neue 
Libido fixierung zu zerstören (Wiederholung des Urtraumas). Patientin setzt 
dem die Verlängerung der Analyse, d. i. die Geduld im Traume ent- 
gegen, macht also diesen „Fortsdiritt" aus Trotz gegen die Mutter, 
eigentlich aber im Sinne der alten Mutterbindung. Derselbe Widerstand 
richtet sich aber auch gegen den Analytiker in der Form, daß sie sagt: 
ich kann die Analyse nicht akzeptieren, weil er mir keine Libido gibt 
und infolgedessen geht es langsam. 



nO. Stande: 

Die Patientin hat nun den seit lange geplanten Brief an die Mutter 
geschrieben. Sie hatte sich vorgenommen, ihr den Wert der Analyse ver- 
nünftig auseinanderzusetzen und ihr die Wahrheit zu sagen, d. h. daß sie 
nur aus Egoismus die Tochter wieder zuhause haben wolle. In Wirklich- 
keit hat sie aber einen sehr demütigen Brief geschrieben, über den sie 
sich heute selbst wundert und ärgert. Sie sei gestern während des 
Schreibens, das mehrere Stunden in Anspruch nahm, in eine merkwürdig 
aufgeregte Stimmung geraten, wäre am liebsten der Mutter zu Füßen 
gefallen, um zu sühnen,' Dann kommt sie aufs Beten zu sprechen, das 
sie schon als Kind nicht gern gemodit hatte, weil sie nicht ans Knien 
gewöhnt worden sei. Sie hat die Leiterin der Sonntagsschule gehaßt, weil 
sie immer sagte, man müsse zuhause für sie und die Eltern beten; sie 
selbst bete auch für die Kinder. „Das mochte ich aber nicht. Ich sagte 
mir: warum nur für die Eltern, nidit auch für die Schwester, die ganze 
Verwandtschaft, alle Bekannten usw. usw. und in endloser Reihe, die idi 
nicht bewältigen konnte, bis hinunter zum Hund. Ich dachte, sie ist 
schuld, daß ich beten muß, weil sie für uns betet. Das hat dann immer 
einen Kampf gegeben und die Unterlassung kam mir als Sünde vor. Sie 
wollte immer in den obersten Himmel kommen und als sie starb, hoffte 
ich, daß dies nicht der Fall sein werde, denn sie hat sich im Leben gar 



1) Dieselben Phantasien vom Koieen und Sühnen aus Sdiuldgefühl geg-en 
die Mutter findet man bei vielen weiblidien Neurosen. 



r 



Lösung des Matierkonflikls ]29 

nicht SO benommen, wie es sein sollte, hat allen Leuten nur Schlechtes 
gewünscht und nachgesagt Eigentlich sollte sie vor mir knien," 

In diesen vom Brief an die Mutter ausgehenden Assoziationen kommt 
deutlich das Liebes- und Schuldgefühl der Mutter gegenüber zum Vorschein. 
Dahinter lebt die Wiederholung ihrer alten Einstellung zur Mutter wieder 
auf, mit der sie sich aus dem Schuldgefühl heraus nicht als die vom 
Vater geliebte Frau, sondern nur als die vom Vater vernachlässigte Frau 
identifizieren konnte, Insoferne war die Mutter ihre Schicksalsgenossin 
und Verbündete, nicht ihre Feindin. Diese Wurzel des Mutterkonflikts 
geht auf die Ambivalenz zwischen der Mutter als dem ursprünglichen 
Libidoobjekt und ihrer späteren Rolle als Konkurrentin um die Libido- 
befriedigung beim Vater zurück. 



Rank, Neiiro£«liailHlyHe 




Die Identifizierung mit dem Analytiker 

* 

///. Stunde: 

Die Analyse als Kunststück 

„I(Ji habe viel geträumt, weiß aber nicht recht mehr was." Dann will 
sie etwas erzählen, sagt aber, sich unterbrechend: ,, Das ist der Schluß des 
Traumes." Dann fängt sie wieder an, sagt, „das ist aus der Mitte heraus", 
fährt aber dann doch fort: 

Traum: „Ich habt; meine Eltern getroffen, in einer andern Stadt als zu 
„Hause, und ihnen gesagt, dafJ ich weiter in die Analyse gehe. Zuerst hat die 
„Mutter Einwendungen gemacht, die idi ihr aber habe widerlegen können. 
„Dann hat der Vater gesagt, die Hauptsa<Jie ist — worauf ich sagte, idi 
„weiß schon, das Geld. Und das habe ich auch zu widerlegen versucht. 
„Dabei bin ich im Zimmer herumgetanzt und habe gesagt, ihr solltet 
„froh sein, daß ich das weiter mache. (Nachtrag: dabei habe ich mich 
„burschikos benommen und bin auf dem Tisch gesessen [bei diesen Worten 
„kreuzt Patientin herausfordernd die Arme über die Brust] und zwar in 
„unserem alten Wohnzimmer, das wir zwischen meinem vierten und 
„sechsten Lebensjahr bewohnten.}" 

„Dann bin ich mit ihnen hinausgegangen und habe gesagt, jetzt steigt 
„ihr in einen 58er ein, ich komme dann gleich nach, ich muß nodi etwas 
„besorgen. Wie ich dann einsteigen will, habe ich gedaclit, zu unserm 
„Punkt führen zwei Wagen (Linien): der 39er und der 58er, und ich 
„denke, in diesen sind sie eingestiegen. Ich habe dann den Wagen ge- 
„nomaien, der die kürzere Strecke gefahren ist, und wir kommen zu 
„einem Hotel am Wald {wie Kobenzl, aber es war nidit das Kobenzl), 
„Da sind sie aber nodi nicht da gewesen. Dabei war immer ein Mann 
„mit mir und ich habe gesagt, wir müssen zurückgehen, um sie zu holen. 
„Dann war es mein Onkel und wir sind in einem Auto zurückgefahren. 



Die Analyse als Kunststädc 131 

„Das Auto war wie ein gewöhnüdies, aber nur wahnsinnig hoch wie 
„ein Turm (ein Gestell wie die Wagen, mit denen man die Drähte der 
„Elektrischen repariert). Ich bin zu oberst gesessen, und habe hinunter- 
„gesehen, wie aus der Vogelperspektive. Auch der Weg war merkwürdig, 
„wie aul einem schmalen Wall sind wir in einer Kurve gefahren (wie in 
„früheren Träumen), Berge hinauf und hinunter. Alles in rasendem 
„Tempo. Auf einmal hört der Weg auf und das Auto stürzt ins 
„Nichts. Der Onkel sagt, das habe ich kommen sehen! Das Auto fällt 
„aber nicht plötzlich herunter, sondern pendelt in der Luft und 
„ist langsam wie ein Luftballon (ruckweise) am ßoden ge- 
„landet. Dann bin ich herausgestiegen und fortgerannt, weiß nidit, ob 
„ich die Eltern getroffen habe. Die ganze Reise ist schrecklich 
„schnell vor sich gegangen, nur so gesaust. Es war alles wie ein 
„Kunststück (Nachtrag: Ich habe alles selbst in die Hand genommen)." 

Das neue Libido-Ideal (Mutter bezw. Schwester) 

„Später waren wir in einem Ballsaal (vielleicht in dem Hotel) und ich 
„habe fünf oder sechs verschiedene Kleider angezogen, die mir alle zu 
„kurz waren, sowohl unten als auch oben. Besonders ein g-raues mit 
„Pelz verbrämtes, das ich anhatte, während meine Schwester, die auch 
„so eines hatte, gut davon bedeckt war. Ich sagte: Warum paßt es bei 
„der! Ich habe an mir herunter geschaut, ob man niclit den Saum bei 
„mir herunterlassen konnte. Dann bin ich in ein Garde robez immer ge- 
„gangen {Nachtrag: Wo zwei Betten mit den Fußenden gegeneinander 
„standen), um das zu machen. Dort standen meine Schuhe (neben einem 
„Sessel, der dort stand, wo die Betten zusammen stoßen) und daneben 
„die Schuhe meiner Mutter. Es waren Schuhe, die es gar nidit gibt: 
„aus Brokat, ausgeschnitten, mit Spangen, aber trotzdem hohe Schaft- 
„schuhe mit ganz niederen Absätzen und ausgetreten, wie alte Zug- 
„schuhe, ausgedehnt. Ich habe gedacht, wie gut, daß ich ihr keine 
„Schuhe von Wien mitgebracht habe. Da fangen meine Sdiuhe zu 
„brennen an, und zwar am Rande, rund herum (von einem Punkt aus- 
„gehend) mit einer merkwürdigen Flamme, wie man sie oft bei Weihnachts- 
„kerzen sieht: so ein bengahsches Sprühfeuer (Nacktrag: ein Feuer, das 
„nichts zerstören kann. Zuerst schreckt es, bis man sieht, daß es 
„künstlich ist; eine blaue, leblose Flamme). Es hat auch den Schuhen 
„nidits geschadet," 

■9. 



132 Die Identifizierung mit dem Analytiker 

Kritik von Seite des Ich-Ideals (Analytiker) 

„Vom Hotel sollten wir dann zum Mittagessen, ich und die Mutter, 
„und es kamen wieder zwei Linien in Betracht: ich sage, fahren 
„wir mit dem 63er, da kommen wir zur Sdileife und dort ist das 
„Restaurant, wo du so gerne ißt, sage idi zur Mutter. Bei der letzten 
„Haltestelle, wo es die Schleife macht, sage ich: Ich habe mich gründiidi 
„geirrt, aber das madit nichts, hier ist auch ein Restaurant ,Vom Eigner- 
^turm', aber es war eigentlich das italienische .Zum grünen Anker'. 
- „Die Gegend war aber merkwürdig: es waren zwei Endstationen, zwei 
„Schleifen und zwei Restaurants; auf einem großen freien Platz mit 
„einem Denkmal. Hinten auf dem Platz ein Gebäude mit großer Frei- 
„treppe uud Säulen (wie moderne Gebäude im griechischen Stil}." {Nachtrag: 
[am Schluß der Stunde, nach Deutung des Traumes, sagt Patientin wider- 
willig]: „Das Haus, wo der grüne Anker war, ist vorgestanden, war ein 
„Vorsprung, und vor ihm war der immens große Platz)." 

Assoziationen: „Zuerst habe ich den Traum vom grünen Anker erzählen 
wollen, habe mir dann aber gesagt, es muß früher etwas passiert 
sein. Dann wollte ich sagen, wie ich den Eltern von der Analyse erzählt 
habe; da ist mir aber eingefallen, ich müsse doch erzählen, wie ich sie 
getroffen habe. Und so kam es, daß ich zuerst schwankte, und dann den 
Traum in dieser Reihenfolge erzählte: zuerst das von der Analyse, dann 
die Autofahrt, dann das Fest und zuletzt das Essen im , Eignerturm." 
Patientin hat also den Teil des Traumes, den sie zuerst erzählen wollte, 
offenbar aus Widerstand erst am Schluß erzählt (sekundäre Bearbeitung) ; 
und aus der Tatsache, daß sie noch am Schluß der Stunde widerwillig vom 
,, grünen Anker" spricht, geht hervor, daß dieser Traum sich auf die 
Übertragung bezieht (der „grüne Anker" ist ein italienisches Restaurant 
gegenüber meinem Wohnhaus in der Grünangergasse). 

Der „Eignerturm" stammt aus dem „Weiten Land" von Schnitzler, das 
Patientin vor einigen Tagen gelesen hatte, ohne daß es einen besondern 
Eindruck auf sie machte. Dort kommt ein Herr von Eigner vor, nach 
dem ein von ihm zuerst bestiegener Berg „Eignerturm" genannt wird. 
„Es ist mir im Traum auch aufgefallen, daß das Restaurant ,vom Eigner- 
turm' und nidit wie gewohnlich ,zum' heißt [siehe auch das Auto wie 
ein Turm; Erstbesteigung, wieder Kunststück, das sich auf das 
Klettern an den Erwachsenen bezieht]. 



Die analytische Sgmbolveiwendung 133 

„Die Brokatschuhe waren wie von einer alten Kokotte, die noch solche 
Schuhe trag'en will, zu denen sie gar nicht paßt. Beim Feuer dachte idi: 
rette sich wer kann. Ich hatte aber gar keine Angst, kam mir überhaupt 
im ganzen Traum sehr überlegen vor, habe alles in die Hand ge- 
nommen und arrangiert." 

,,Der Tramwagen, mit dem ich zum Hotel hingefahren bin, war auch 
so hoch wie ein Autobus, nur mit vielen Stodtwerken. Alles so wie hohe 
Häuser, die schief sind (Turm)." 

Zur Verlängerung des Kleides: „Ich habe jetzt die Tendenz, alle Kleider 
länger zu machen. Montag nachts habe ich an dem Kleid, das ich jetzt 
trage, den Saum aufgelassen und dadite, ob man es nicht nodi mehr 
könne (heute habe ich midi auch gefreut, daß meine Bluse so hoch schließt)." 

Zu den Eltern, die im Traum als Gegner der Analyse auftreten, ge- 
hört, daß Patientin gestern geäußert hatte: „und wenn idi das Geid 
stehlen muß, mache ich die Analyse weiter!" (Das heißt, Patientin spielt 
mit der Phantasie, daß die Eltern ihr das Geld verweigern wollen, damit 
ihre Loslösungstendenz, die aus der Analyse stammt, real gerechtfertigt sei). 

Zur Ungeduld: „Das Ganze ist so rasend sdinell gegangen und ich 
habe auch immer meinen Vorteil genommen, um schnell ans Ziel zu 
kommen; ich war vor den Eltern dort, habe die kürzeste Linie (die 
gerade) genommen, bin den Eltern enfgegengefahren, um sie noch ein- 
zuholen, bin dann fortgelaufen etc." 

Der Onkel stammt aus einem gestrigen Gesprädi. Er ist der Re- 
präsentant der Familie, vor dem die Mutter Angst hat, sich geniert, und 
der gegen die Analyse ist. Er sagt im Traum auch: das habe idi er- 
wartet (nämlich das Unglück). 

Zum Fall: „Wie wir geschwebt sind, war eine lange Schnur, 
und unten etwas Weißes daran, etwas, was die Geometer benützen (ich 
frage, ein Senkblei?), an dem idi gesehen habe, daß wir langsam in Ab- 
sätzen zur Erde gleiten. Idi sagte ihm; siehst du, es geschieht ja gar 
nichts! Darauf er: ja, aber das haben wir nur dem und dem Umstand 
zu verdanken." 

Etwas rundes Weißes: „Wie die Bleiplomben von meinem Kleid, die 
ich zu Neujahr herausge trennt habe, um Blei zu gießen" (vgl. Saum- 
auslassen). 

Senkblei: „Etwas Sicheres, auf das man sich verlassen kann. Die ge- 
rade Linie, die straff gespannt ist, hat mir immer imponiert, die gerade 



134 



Die Idenlifizierang mit dem Analytiker 



Schnur, die die Geometer beim StraBeotrassieren verwenden, wo längs 
der Schnur die Erde gerade abgestochen wird. Das ist mit dem Gefühl 
verbunden: da ist wieder etwas in Ordnung gebracht." 

„Das hohe Auto ist ein Spielzeug, wie ein Kinderauto, aber nur sehr 
in die Hohe gezogen. Der Wall und alles andere auch wie ein Kinder- 
spielzeug. In dieses Auto könnte man ganz kleine Puppen hinein- 
setzen." 

Die analytische Symbolverwendung 

Bevor wir zur Deutung dieses Traumes übergehen, wollen wir eine 
Reihe von typischen Symbolen der Patientin in ihrer diarakteristi sehen 
Wandlung zusammenstellen, um an ihnen die analytische Beeinflussung 
der Einstellung des Ich zum Unbewußten der Patientin und damit auf 
ihre Libidoeinstelluog anschaulich zu machen. Wir wollen dabei gleich 
vorausschicken, daß — : wie nicht anders zu erwarten ist — mit dem 
Fortschreiten der Analyse der Inhalt auch ihres gesamten vorbewußten 
Denkens immer mehr analyfiscii wird und die Deutung daher neben dem 
infantilen und libidinSsen Moment das analytische zu berücksichtigen hat. 
Derartige Träume sind dann — neben andern Anzeichen — ein Beweis 
dafür, daß der analytische Prozeß soweit vorgeschritten ist, daß er sich 
an die Stelle des neurotischen gesetzt hat (artifizielle Übert rag ungs- Neu- 
rose). Wir lassen nun die Anzeichen für Identifizierung der Patientin mit 
der analytischen Einstellung folgen, so wie sie im Traum dargestellt sind, 
wobei wir vorau schicken, daß sich das ganze Symbolmaterial im Sinne 
der Reproduktion des Geburtstraumas auf diese früheste Libidolösung 
b ezieht. 

Ungeduld: Die Träumerin versucht (zweimal) die kürzere Strecke zu 
fahren. Die Automobil fahrt erfolgt in rasendem Tempo. Die ganze 
Reise geht schrecklich schnell vor sich; „nur so gesaust". 

Der Fall, ein Symbol, dessen Geburtsbedeutung typisch ist (s, Seite 59 f.); 
hier audi im Sinne einer plötzlichen Beendigung der Analyse gebraucht. Doch 
wird diese Tendenz durdikreuzt von der libidinösen, welche die Analyse 
zu verlängern traditet: der Fall ist nicht plötzlich, sondern langsam, rudc- 
weise (!) es passiert nichts, und endet schließUch in der besonders lust- 
voll betonten Situation des Schwebens (Intrauterin. S. Seite 137). Diese 
ursprünglich iibidinöse Bedeutung des Fallens ist auch der Grund dafür, 
warum nunmehr dieses Symbol auch zur Darstellung ihrer Fixierungs- 
tendenz gegenüber 'der Analyse verwendet wird. Eine weitere Überein- 



Der erste Lösungsversiich 135 

Stimmung isl darin gegeben, daß diese Situation im Traum als ein „Kunst- 
stüdc" charakterisiert wird, was sich sowohl auf die Rückkehr in die 
Mutter als auch auf die Analyse bezieht (siehe die verschiedenen Kunst- 
stiicklräume). 

Das angefährliche Feuer: Wieder ein altes Libidosymboi (Mutterleib) 
in seinem analytischen Aspekt verwendet. Es ist direkt eine Darstellung 
der artifiziellen Libidosituation in der Analyse, Darin liegt sowohl 
ein ironisierender Vorwurf (ein schlechtes lebloses Feuer), andererseits ein 
Trost: es kann nichts geschehen („ein Feuer, das nicht zerstören kann")- 
Siehe auch ihre früheren entsprechenden Träume, wo auch nichts passieren 
kann, wenn man den richtigen Moment (der Geburt) nicht verpaßt 
(Seite 61). Auch im Traum sagt Patientin zu dem Onkel, dem die 
(analytische) Situation gefährlich vorkommt: „Siebst du, es geschieht ja 
gar nichts" (so wenig wie damals). 

Die Schuhe: Daß dieses ambivalente Feuer im Traum die Schuhe er- 
griffen bat, ist in diesem Zusammenhang der doppelten symbolischen Be- 
deutung leicht verständlich. Umsomehr, wenn man berücksichtigt, daß die 
Schuhe der Patientin neben den alten ausgetretenen Schuhen der Mutler 
standen, weldie die weite, das Geburtstrauma paralysierende mütterliche 
Vagina symbolisieren (zwei — Brüste — Entwöhnung strauma — alt — 
ausgetreten — unbraudibar — keine Milch — Kondensmilch: Siehe 
Seite 60.) 

Deutung: Von diesem Punkt aus ergibt sich als Bedeutung dieses 
analytisdien Traumes eine teilweise Lösung der infantilen Fixierung an 
die Mutter unter dem Einfluß der Analyse (Übertragung) und sozusagen 
zu ihren Gunsten. Dazu hat Patientin den Einfall, daß sie gestern zu 
ihrer Freundin sagte, man müsse sich von den Eltern freimachen. Im 
Traum erfolgt diese Befreiung durch unbewußte Reproduktion des Geburts- 
traumas, der Lösung von der Mutterbindung, an deren Stelle eine Identi- 
fizierung, und weiterhin sogar die Differenzierung tritt: Patientin trennt 
sich im Traum zweimal von ihren Eltern (Mutter), um mit einer 
anderen Linie zu fahren, und als sie schließlich mit der Mutter wieder 
vereint fährt, verdoppelt sich alles (zwei Endstationen, zwei Schleifen, 
zwei Restaurants), Darin ist wohl auch ein Stück ihres Zweifels sym- 
bolisch ausgedrückt, aber die Schuhszene (zwei) zeigt deutlich, in welcher 
Weise sie sidi von der Mutter zu differenzieren sucht: nämlidi durch 



]^ ^ie Identifizierung mit dem Analytiker 



Identifizierung mil dem Analytiker (auskennen auf der Elektrischen). Sie 
■ will der Mutter gewissermaßen den analytischen Erfolg demonstrieren 
und so wenigstens das „analytische" Kunststück selbst gemacht haben. 

Aus dieser Identifizierung mit dem Analytiker erklärt sich auch die 
neue Idealbildung, die in der veränderten Einstellung zur Mutter (und 
Schwester) zum Ausdrude kommt. Die Mutter ist als Sexualobjekt alt und 
verbraucht, sie seibat doch jünger und auch besser, wenngleich ihre Schuhe 
bereits etwas Feuer gefangen zu haben scheinen. Hier kommt die vom 
Schuldgefühl genährte Idee wieder zum Vorschein, daß auch an ihrem 
Genitale etwas nicht in Ordnung sei. Der sich daraus ergebende Widerstand 
gegen die Akzeptierung der weiblichen Rolle in der Analyse wird so verständ- 
lich. Der folgende Trost: Es wird nichts geschehen, wird aus der analytischen 
Situation eingesetzt. Der Vergleich und die Differenzierung mit der Mutter 
bezieht sidi natürlich nur auf die der ödipussituation entsprechende feminine 
Einstellung zum Mann {Defloration und Geburt: „angebrannt" und „ausge- 
treten".) Das Sdiuldgefühl ist außerdem aber noch mit den beiden anderen 
Genitalbeschädigungen verbunden, nämlich mit der Masturbation und der 
damit verbundenen Kastrationsphantasie. Im Traum wird auch noch die 
jüngere, aber bereits verheiratete Schwester der Patientin zum Vergleich 
herangezogen: „Warum paßt es bei der!" Dies bezieht sich bewußter- 
weise auf die Heirat (Defloration) und die Gravidität (Geburt) der Schwester, 
unbewußt auf die Käst rat ionsphantasie und endlich zu tiefst auf die durch 
Geburt der Schwester erfolgte definitive Trennung von der Mutter. Im 
Traum handelt es sich darum, daß alle Kleider der Patientin zu kurz sind und 
daß sie sie verlängern will. Darin Hegt einerseits der alte Männlichkeits- 
wunsch, der aber jetzt in einem Symbol dargestellt wird, dessen Ver- 
wirklichung einer weiblichen Phantasie entspricht (nämlich lange, sozusagen 
dezente Kleidung zu tragen). ' Anderseits bezieht sich dies auch auf die 
Zeit der Analyse, bezw. Mutterbindung. In ähnlicher Weise symbolisiert das 
riesig hohe Auto den alten Männlichkeits wünsch, sein Fall in die Tiefe 



1) Dieselbe Gegensätzlichkeit in Bezuff auf Symbolbedeutun^ und Symbol- 
Verwendung findet man sehr häufigf — wie auA bei unserer Patientin - in 
Bezug auf das Haar; das Haarabschneiden ist einerseits Kaatrationssymbol für 
das Unbewußte, macht aber bewußterweise das Mäddien mannlidi (bubenbaft) 
Das Wadisenlassen des Haares wird vom UnbewuStea wieder im Sinne des 
Mannlidikeitswimsches aufgefaßt, während das Bewußtsein es als etwas Weib- 
hehes ansieht. Die Patientin macht von dieser Symbolik ausgiebig Gebraudi. 



Veränderte Realanpassung 137 

dagegen wieder die weiblidie Einstellung. Das mit dem Fall zusammen- 
hängende Senkblei führt wieder zum Geburtstrauma.' Hier ergibt sich ein 
Zusammenhang mit der tiefsten Schichte ihres genital bedingten Schuld- 
gefühls, in dem sie von der Analyse erwartet, daß diese früheste inten- 
sivste und nachhaltigste „Beschädigung" welche der Kastrations phantasie 
zugrunde liegt, nämlich das Geburtstrauma, durch die Analyse wieder in 
Ordnung gebracht werden soll. 

172. Stunde: 
Veränderte Realanpassungf 

„Gestern war idi mit Herrn T. auf einem Ball. Er hat mich ver- 
hindert zu träumen. Idi habe mir Vorwürfe gemacht wegen Max und 
wegen der Analyse; aber er hat mich so gedrängt, daß ich doch mit ihm 
gegangen bin. Er ist ein zudringHcher Jude. Ich bin auf einem Ball nie 
zufrieden, habe immer Furcht, die Damen vor den Kopf zu stoßen und 
trete daher immer vor ihnen zurück. Auch ist es immer so, daß einer, 
den ich möchte oder erwarte, nicht kommt. Auch gestern hätte ich gerne 
mit einem bestimmten jungen Mann dort getanzt, habe aber dann gerade 
seine Aufforderung zum Tanzen übersehen, worüber ich mich den ganzen 
Abend ärgerte. Auch habe ich auf Bällen immer ein Gefühl der Unsicher- 
heit und daß an meiner Toilette etwas nicht in Ordnung sei [siehe dazu 
ihren gestrigen Traum, aus dem auch deutlich hervorgeht, daß die Ur- 
sache dieser Störungen das Schuldgefühl gegen die Mutter ist]. Gestern, 
wo auch eine ältere, verheiratete Dame mit in unserer Gesellschaft war, 
hatte ich zum erstenmal ihr gegenüber ein Gefühl der Freude, 
weil ich selbst meine Jugend und Frische fühlte. Früher hätte 
ich ein Schuldgefühl gehabt [siehe ihren gestrigen Traum und die 
Differenzierung von der Mutter]. Bei Herrn T. imponierte mir so sein 
Bemühen, mich zum Mitgehen zu bewegen und sein Entgegenkommen. 
Deswegen bin ich eigentlich mit ihm gegangen." 

Hier wird deutlich, daß der Wunsch, vom Mann umworben zu werden, 
weniger mit der Eitelkeit oder mit der „passiven Rolle" der Frau zu tun 
hat, als mit der Realisierung der infantilen Ödipussituation; der Mann, 



1) Dazu eine nachträg-liche Assoziation der Träumerin, die beriditet, sie habe 
gestern nach" Hause geschrieben. „Die alte (ihr Name) ist nicht meiir und die 
neue ist noch nicht da. Ich schwebe jetzt eigentlich in der Luft." 



138 



Die Identifizierung mit dem Analgtiker 



der sich für sie mehr als für die andern interessiert, entspricht dem Vater, 
der sie der Mutter und Schwester vorzieht). 

113. Stunde: 

Die richtige Ödipuslibido 

Traam: „Es war ein Sdilafz immer mit Veranda, die auf einen Park 
„hinausging, in dem zwei Männer an einem Tisch saßen. Der eine war 
„mir sehr vertraut, ich weiß aber nicht, wer es war. Eigentlich der richtige 
„Mann für mich. Er hatte aber scJion eine Braut. Ich habe mit ihr rivalisiert 
„und wollte sie aus der Welt schaffen. Nicht direkt aus der Welt schaffen, 
„aber sie sollte nicht mehr da sein. Sie hat auch dann räumlich 
»weggehen müssen, in einen entfernten Teil des Gartens (wie in eine 
„Laube), von wo sie aber immer herii hergeschaut hat. Ich bin (wie aus 
„dem Zimmer heraus) an den Rand der Veranda getreten, habe mich an 
„das Geländer gebeugt und ihn so herangezogen (ohne etwas zu tun)." 
Nachtrag: „Ich habe gefühlt, daß er kommen muß). Wirklich ist er über 
„das Geländer Ireraufgeklettert' und oben — es war eine ganz 
„leere Veranda — ist er mit dem Rücken an das Geländer gelehnt ge- 
„hockt. Ich habe mich ähnlich zu ihm gesetzt (nach chinesischer Art ge- 
„kauert), immer näher an ihn heran und schließlich hat er mich geküßt. 
„Ich habe dabei ein Gefühl wie noch nie empfunden. Ich dadite, 
„nach diesem Kuß ist er mir mit Leib und Seele verfallen. Es war kein 
„Biß, kein wilder Kuß, aber ich habe gespürt, wie meine Zähne an 
„seinen Lippen angestoßen sind. Idi war selbst erstaunt, daß ich 
„so küssen könne. Er hat auch dasselbe gesagt: so habe er noch nie ein 
„Mädchen geküßt. Die andere sei jetzt vergessen. Dann wurden 
„wir gestört. Er sagte, dort steht ein Mann in der Verandatür (die 
„vom Zimmer, ich glaube es war meines, herausführte). Ich dachte mir, 
„ich kann ja küssen, mehr hat er ja nicht gesehen." Nachtrag: ,,Ich wunderte 
„mich, daß der in mein Zimmer hineingekommen ist. Er hat mit dem 
„Kopf so über die Halbvorhänge herübergeschaut. Mein Gott, dachte ich, 
„er hat ja nichts gesehen?" 

„Er wollte uns zwei Damen vorsteilen. Auf einmal stand ein Klavier 
„auf der Veranda, Die eine Dame setzt sich dazu, die andere steht da- 
„neben. Der Mann selbst ist nicht herausgetreten. Mein Freund (oder 



1) Siehe das zweite Kunststück, Seite 13. 



Die richlige ÖdipusUbido 



139 



„wars der andere) steht auf und stellt sich vor. Die ältere, ein bißchen 
„beleibte Dame, die sich zum Klavier gesetzt hatte (ich weiß aber nidit, 
„wer es war) hat mich auch gekannt ; sie wollte mich vorstellen (der 
„anderen?), hat aber meinen Namen nicht recht gewußt." 

Assoziationen: „Der Mann, der mich küßte, war eine Idealgestalt; 
ein bißchen wie der Vater in jungen Jahren, aber das Brutale, Sinnliche 
ist abgefallen. Er stand meinem Herzen und meiner Seele näher [Über- 
tragungs- Vaterideal]. Er hatte das Unmittelbare, wie gestern T, (Jude). 
Beim Kuß hatte ich das Gefühl von Geborgensein, wie idi es nodi 
nie hatte. Im Traum war auch noch etwas mit einer Eisenbahnfahrt, wie 
eine Hochzeitsreise. Ich schaue jetzt alle Frauen als Rivalinnen 
an. Auch die kleinere im Traum; vielleidit war es ihre Schülerin, die sie 
hätte an diesen Mann verheiraten sollen und da war ich auch im Wege. 
Das Klavier war mein Flügel von zuhause. Meine Schwester ist jetzt zu- 
hause, weil sie gravid ist. Ihr Mann scheint sie zu vernachlässigen, 
worüber ich midi sehr geärgert habe. Ich bin wütend auf den Schwager. 
Ich dachte, wo die Schwester wohl schlafen mag, in ihrem früheren 
Mädchenzimmer steht ja jetzt mein Flügel, wird man dort MÖbel hinein- 
stellen oder schläft sie jetzt in meinem Zimmer." 

Deutung: Es ist die reine Ödipuspliantasie, wie sie sich nach Auf- 
lösung eines Teiles des der Mutter geltenden Schuldgefühles nunmehr 
repräsentiert. Die Patientin ist im Stande, den Beseitigungs Wunsch gegen 
die Rivalin (Mutter, Schwester) sich einzugestehen, besonders auch ihre 
Rivalität mit der Schwester, die nadi ihr gekommen war und früher ge- 
heiratet hatte. Auf der andern Seite verrät der Traum noch ein Stück 
ihres Schuldbewußtseins, doch wird die Rolle des Entdedcers dieses 
„Geheimnisses" im Traum nicht wie früher der Mutter, sondern dem 
Analytiker (Mann) zugeschrieben. Das heißt, das vom Mutterkomplex 
abgelöste Schuldbewußtsein wird nunmehr dem Analytiker gegenüber 
als Widerstand verwendet (siehe später), obgleidi ja der Analytiker 
das Geheimnis längst kennt und der Patientin selbst bewußt gemacht 
hatte. Demzufolge reagiert sie auf diese" Aufklärung auch mit der 
unwilligen Bemerkung, sie wolle davon nichts wissen. Daß aber ihr 
Schuldgefühl der Mutter gilt, geht aus beiden Traumszenen klar hervor, 
besonders daraus, daß die im Traum empfundene Libido wesentlich 
mütterlich ist (Kuß). Wie sehr sie aber jetzt in allen Frauen Rivalinnen 



140 



Die Identifizierung mit dem Analgtiker 



sieht, geht audi aus ihrem wirklichen Benehmen gegen ihre Freundin 
hervor, die sie gestern zum erstenmal fortschicken (beseitigen) wollte, 
weil sie Max erwartete. Besonders plastisch kommt das Schuldgefühl im 
Zusammenhang mit der Mutter an der Stelle des Traumes zum Ausdrude, 
wo der Mann erklärt, die andere sei jetzt vergessen und es unmittelbar 
darauf heißt, „dann wurden wir gestört", nämlich durch das Schuldgefühl, 
welches jetzt im Analytiker repräsentiert wird, weil er die verdrängten, 
mit Schuldgefühl besetzten Phantasien ans Tageslicht zieht. Wieder ist 
die tiefste Wurzel des Schuldgefühls die ursprüngliche Mutterbindung 
(Geländer-Brüstung, Brust), die aber jetzt in der Übertragung hetero- 
sexualisiert ist (Kuß). 

Die Patientin reagiert in charakteristischer Weise auf die Deutung 
dieses Traumes. Wie sie gleich zu Beginn der ganzen Analyse gesagt 
hatte, fürchtete sie, die Analyse werde ihr ihre starke Bindung an 
den Vater nachweisen.' An dieser Vaterbindung hält sie nun solange 
als möglich fest, um die libidinöse (Schuldgefühl) Bindung an die Mutter 
nidit aufgeben zu müssen. Da aber die Vaterbindung längst analysiert 
ist (Idealgestalt), wiederholt die Patientin die infantile Identifizierung mit 
dem Vater, welche zum Männlichkeitswunsch und zu der daraus folgenden 
Masturbation führt. Im Traum wird aber gleichzeitig mit dem Eingeständnis 
der Rivalität mit der Mutter das ambivalente Verhältnis zum Mann dar- 
gestellt, wie es in der Übertragungssituation wiederbelebt worden ist 
(Libidoobjekt und Libido widerstand: er stört statt der Mutter). Daher 
auch im Traum das gemischte Gefühl von Befreiung und Versagung. 
Dazu berichtet Patientin folgendes: Als ich gestern auf Max wartete und 
ihn in meiner Ungeduld wieder anrief, also einen Rückfall in mein früheres 
Benehmen hatte, erschien mir mein Zimmer hell, freundlich und offen; 
zugleich aber traurig und resigniert: es war eine Stimmung wie wenn 
man von einem Begräbnis zurückkommt. So war es schon einmal 
in der Kindheit, sehr früh, aber ich weiß niclit wann (eine alte Stube, in 
der jetzt meine Schwester schläft, kommt mir dabei in den Sinn). Die 
alten Männlicäikeitsmotive tauchen hier in diesem Traum in neuer weib- 
licher Verwendung auf: das Hinaufklettern über eine Brüstung und das 
Hocken an der Mauer, das früher die Freundin machte (70. Stunde), macht 
jetzt der Mann. Der Traum enthält also besonders die Rivalität gegen 
Mutter und Sdiwester (die beiden Damen, denen sie vorgestellt werden 
soll, die sie also gar nicht kennt, d. h. kennen will). Die Rivalität gegen 



Aufhebung der Identifizierung 



141 



die Schwester geht wieder auf die Versagung der Mutterbrust (Klavierspiel), 
die ihr durch die jüngere Schwester streitig gemacht worden war, 

Aufhebung der Identifizierung mit dem Analytiker 

1U. Stande: 

Traum: „Die Elektrische, natürlich wieder, und ich habe den Wagen 
„geführt, aber so schlecht, das wir immer stecken geblieben sind. 
„Vorn war noch ein Herr, der hat immer einspringen müssen. Der 
„Sdiaffner hat immer gesagt: Geht es denn immer noch nicht! He, 
„schnelle rl Bei einer Biegung in einer schmalen Gasse, wo nur ein 
„Geleise geht, kommt uns ein Wagen mit zwei Pferden entgegen. Wir 
„mußten bremsen, aber dann ist der Wagen noch nicht gefahren. Da habe 
„ich zu dem Herrn gesagt: Ich gib es auf, fahren Sie weiter! Er hat 
„einen weißen Mantel angezogen und geführt. (Nachtrag: Er zieht den 
„Mantel schnell an; er hatte ihn jedesmal wieder ausgezogen, ich hatte 
„nämhch das Gefühl, daß er es schon früher getan hatte, und nur beim 
„zweitenmal habe idi gedacht, jetzt springt er wieder für mich ein). 
„Idi habe ein merkwürdiges Instrument (zam Fahren) benützt, wie 
„einen Feuerhaken, der aber bis zum Boden reichte; den habe idi so 
„vor mich hergeschoben und der ist im Geleise stecken geblieben. Ich 
„hätte ihn in der Mitte schieben sollen, statt dessen ist er im Geleise 
„stecken geblieben." 

Assoziationen: Patientin sagt: „Das ist ein analytischer Traum. 
Der Mann im weißen (Doktor-) Mantel sind Sie." Da die Patientin zu 
Beginn der Stunde (vor der Traumerzählung) gesagt hatte, daß sie gestern 
etwas mit Max hatte, was sie nicht sagen wolle, und daß sie auch den 
Traum nicht erzählen wolle, füge ich ihrer Deutung des Mannes im weißen 
Mantel hinzu, daß er nicht nur mich darzustellen scheine, sondern audi 
Max und frage sie, was sie denn mit ihm hatte. Darauf antwortet sie, 
sie hätte ihm gesagt, er liebe sie nicht mehr so, worauf er erwiderte, 
dies käme daher, daß sie ihm nidit mehr traue. Ich frage, warum sie mir 
denn das nicht erzählen wollte, worauf sie erwidert, ich sei doch gegen 
Max und warte nur auf so etwas. Sie bringt auf diese Weise ihr Miß- 
trauen gegen mich und das, was ich sage, zum Ausdruck, wobei natürlicb 
ihr Mißtrauen gegen Max (sie hatte ihm erklärt, sie glaube nicht, daß er 



142 



Die Idenlifizierung mit dem Anali/tiker 



1 



sie angerufen hatte) nur eine Verschiebung von ihrer analytischen Ein- 
steilung her ist. Nach Aufklärung dieses Widerstandes sagt Patientin: 
dieser Traum habe etwas Verwandtes mit dem Traum, wo sie ihren 
Eltern erzählte, daß sie in Wien bleiben müsse. Es handelt sich also 
wieder um die Analyse, die einerseits rascher gehen soll, andererseits 
ihr verwehrt, die männliche Rolle zu spielen (Führer), d. h. sich mit dem 
Analytiker zu identifizieren. Von diesem Standpunkt aus ist ihr Miß- 
trauen gegen sidi selbst gerichtet (Zweifel an der Liebe). 

Deutung: Der Traum stellt sozusagen das „negative Kunststück" dar, 
ihr Versagen in der männlichen Rolle, das dem Eindringen in die Mutter 
entspricht. Mit der männhchen Rolle ist wieder die Masturbationslibido 
verbunden, die durdi das Fahren mit der Stange in der Mitte symbolisiert 
wird. Dazu sagt Patientin sofort, sie wollte gestern masturbieren, hätte 
es aber nicht gekonnt: ,',als hätte mir jemand die Hände gebunden." 
Warum? „Idi möchte sagen aus Angst, daß mir die Hände verfaulen." 
Das Schuldgefühl, das sich hier äußert, kommt auch in der weiteren 
Assoziation „steckenbleiben" zum Ausdruck: „Man bleibt manchmal auf 
der Straße so unangenehm stecken, daß man sich auch ein Bein dabei 
brechen kann. Wenn man mit dem Stock so über die Straße fährt und 
ein Stein steht vor, dann bleibt man stecken und rennt sich den Stock 
in den Bauch hinein." Hier .kommt wieder die Symbolik des Vor- 
sprungs im Gegensatz zu den glatten oder richtiger sogar vertieften 
Schienen zum Ausdruck, die schnurgerade laufen, in Ordnung, während 
durch die Masturbation etwas verdorben, ruiniert wird (steckenbleibt). 

Das Steckenbleiben bezieht sich natürlich auch auf die Analyse und 
entspricht dem Wunsch der Patientin, sich in dieser neuen Libido Situation 
zu fixieren, nicht weiter zu kommen, während eine Gegentendenz das 
rasche Vorwärtskommen intendiert, welches aber auch ein Loskommen 
von der gefährlichen Analyse im Sinne des Widerstandes bedeutet, Das 
analytische Stecken bleiben wollen geht dann, wie gewöhnhch, auf die 
früheste Mutterbindung zurück und ist ohne deren Analyse nicht zu 
überwinden. 

Im Anschluß an diese Deutung fällt der Patientin ein, sie glaube in 
der Nacht auch einen „Masturbationstraum" gehabt zu haben. Jeden- 
falls habe sie unruhig geschlafen, mit der Decke zwischen den Beinen. 
Bei diesen Worten stößt sie die zu Füßen meines Sofas liegende Decke 



Das negative Kanslslack 143 



zu Boden und wartet, daß ich ihr sie wieder hinauflege, d, h, daß idi 
selbst ihr die Dedce (zwischen die Beine) gebe, die Masturbation 
(Libido) gestatte. Im Zusammenhang mit der Masturbation berichtet sie 
audi, daß der Fluor wieder stärker sei. 

„AucJi von meiner Schwester habe ich geträumt und von einem Loch 
im Strumpf, gerade über den Schneeschuhen? vielleicht hat die Sclmalle 
vom anderen Fuß das Loch gerissen. Dann habe ich noch etwas geträumt, 
was ich nicht mehr weiß und da habe ich jemanden umarmt. Vielleidit 
war ich direkt mit jemand, der dem A. geglichen hat. Ich glaube, jetzt 
kann mir nur eine Umarmung helfen. Es war ein Junge von 18 bis 
20 Jahren (wie im letzten Traum), der mich nicht aufforderte, wie ein 
junger Mann, den idi früher, wenn ich von der Analyse nachhause 
fuhr, gewöhnhch in der Elektrischen traf." 



w 



Die Akzeptierung der Schwester 



115. Stunde: 
Das Warten auf die Ankunft der Schwester 

Traum: „NatürÜdi wieder eine Elektrische, nein ein Autobus und ein 
„Klavier. Ich oder eine ganze Gesellschaft haben auf die Elektrische ge- 
„wartet, es war aber ohne Schienen, also wie ein Autobus, u. zw. an 
„einer merkwürdigen Stelle: bei einem Schloß oder einer Burg, unter dem 
„Burgtor, unter Säulen. Schließlich ist der Autobus gekommen. Idi dachte, 
„ich muß einen Platz haben {es war wie ein vergrößertes Auto, vielleicht 
„für 6 — 8 Plätze). Ich habe mich hinten hineingesetzt, u. zw, mit einem 
„Kind zusammen (es könnte meine erwachsene Kusine sein, war aber ein 
„Mädchen von 14, 15 oder 16 Jahren). Dann hat man warten müssen. 
„Dieses Auto ist nicht abgefahren. Man mußte auf einen Autobus warten, 
„der von irgend wo anders herkommt. Vorn sind die Leute nidit aufge- 
„sessen, sondern herumgestanden und haben gesagt, sie kommen noch 
„immer früh genug. Wie wir rÜdcwärts gesessen sind, ist der Autobus 
„nach vorn umgekippt. Ich habe gesagt, wir müssen uns nach hinten 
„lehnen; es ging wie auf einer Schaukel." fWacAira^ während der Deutung: 
„Zuerst hatte ich Angst, daß es vornüber kippt, aber nach einigem 
„Schaukeln dachte ich, es kann nichts passieren. Es begann damit, 
„daß die beiden vorderen Räder plötzlich weg waren). Ich habe zu 
„jemand gesagt: Ich besetze Dir (oder Ihnen) diesen Platz (es war eine 
„Frau aus meinem Heimatsort, wie audi die ganze Gesellschaft; auch 
„Onkel Frank war dabei). Dann weiß ich nichts mehr davon." 

„Schheßiidi bin ich an ein Haus gekommen (das Haus, wo ich während 
„der zwei letzten Schuljahre gewohnt hatte). Sie waren sehr erstaunt, 
„daß ich wieder komme. Im Salon ist die Tochter am Klavier ge- 
„sessen und hat gespielt. Neben ihr stand eine Freundin und hat 



Das Warten auf die Ankunft d er Schwester 145 

„gesungen; sie hatte einen Hut auf und hat zu mir gesagt, ich soll ihr ein 
„Band drauf geben. Es war ein merkwürdiges Band aus Leder und ge- 
„wickelt wie eine medizinische Binde. Idi habe es ihr über den Kopf 
„probiert. {Nachtrag: Ich stand hinter ihr und habe ihr das Band von 
„rückwärts nadi vorn über den Kopf jelegt). Sie sagte, es sollte ein 
„bißchen gerafft sein, mit braunem Tüll. Ich dachte mir, wo soll idi das 
„jetzt hernehmen {es war nämlich Sonntag). Ich hätte es ihr gerne so 
„gemacht. Ich habe mich bemüht, aber es ist immer nicht gegangen," 

Nachtrag: „Während man gewartet hat, ist eine Reihe von gewöhnlidien 
„Autos vorbeigesaust. Die Autos sind aus der Burg herausgekommen, 
„5 oder 6 in rasendem Tempo und ins Tal hinunter. Es hat aber dann 
„auf einmal aufgehört. Der andere Autobus sollte um die Edce herum 
„kommen. Es waren mehr Leute da als Sitzplätze, Der Dame habe idi 
„vor mir Platz belegt. Als das Auto nach vorn umkippte, fiel nodi etwas 
„Rundes (von dem belegten Sitzplatz?) nach vom herunter. [Auf meine 
Frage: Was, sagt sie]: „EineSemmel, aber keine gewöhnliche, sondern so 
„eine, die in der Mitte eine Rinne hat," 

Assoziationen: Die Burg ergibt sich aus den Einfällen der Träumerin 
als Mischbildung aus einer Burgruine in ihrer Heimat und der Wiener 
Hofburg (Familienroman; — SymboHk von Tor und Burggraben). 

„Gestern bin ich den ganzen Nachmittag, von Mittag bis spät abends 
auf der Chaiselongue gelegen und konnte mich vor Müdigkeit nidit 
rühren, wie ein Sack. Die Decke hatte ich bis hinauf gezogen und mich 
darin ganz eingehüllt. Ich wollte fast nicht mehr aufstehen, 
auch nicht sprechen, nur später habe idi meiner Freundin etwas erzählt 
und dabei an die Analyse gedacht." 

Es ist klar, daß die Patientin die analytische Situation zuhause ge- 
spielt hat. In welchem speziellen Sinne dies zu verstehen ist, zeigt der 
Zusammenhang mit dem gestrigen Zwischenfall in der Analyse, wo sie 
gewünscht hatte, daiä ich ihr die Decke aufhebe, d. h. die Masturbation 
gestatte. In ihrer Wiederholung zuhause verbietet sie sich die Masturbation 
selbst, indem sie mit eingewickelten Händen und Armen regungslos liegt' 
Natürlich entspridit diese Situation des Sich-nicht-rühren-wollens der 

1) Auch heute berichtet sie, die Masturbation störe sie immer noch und sie 
spüre es immer fortwährend, audi im Bett. Immer noch müsse sie die Decke 
zwisdien die Beine nehmen. 

Rank, NeuroaenanHfyse 10 



Mutterleibsregression. Auch die zum Masturbationszeremoniell gehörige 
Dedce zwischen den Beinen entspricht, wie mich eine Reihe weiblidier 
Analysen gelehrt hat, der Mutterfixierung. 

„Eigenthch habe id) im Traum auf die Elektrische gewartet und da 
kommt ein Auto, also ohne Schienen; vielleicht waren aber Schienen in 
der Nähe, ein Balmhof, wie ea zuhause wirklidi der Fall ist. Die Mutter 
hat uns immer verboten auf die Schienen zu gehen. Wir haben 
es aber doch immer getan; manchmal sind wir sogar über das Drahtgittcr 
gestiegen und haben Münzen aufs Geleise gelegt, um zu sehen, wie sie 
vom Zug zerquetscht wurden. Die Mutter hat uns öfter dabei er- 
tappt, indem sie vom Fenster hinter einem Vorhang hervor- 
schaute." 

Hier kommt hinter der Masturbationsphantasie das Schuldgefühl gegen 
die Mutter zum Vorschein, wobei auch deutlich wird, wie dieses Schuld- 
gefühl von der Ödipiisphantasie auf die Masturbation verschoben und 
sekundär damit verlotet ist.' 

Hut: „Ich habe jetzt einen Hut gekauft, mit einer Feder, die mir aber 
nicht gefallen hat Ich habe sie heruntergerissen und jetzt ist nichts 
darauf. Ich habe gedacht, ich sollte mir statt der Feder etwas anderes 
kaufen. Aber was, am besten eine Hutnadel mit einem Kopf." 

Deutung: Es ist klar, daß der zweite Teil des Traumes die Begründung 
für das im ersten Teii auftretende Schuldgefühl gibt. Die Hutsymbolik 
repräsentiert die „Kastration", welche Patientin im Traume in der Form 
akzeptiert, daß sie selbst in der (männlichen) Rolle des Analytikers^ die 
Operation ausführt (medizinische Binde), indem sie versucht, das auf dem 
Hut fehlende Stück wieder anzubringen; es geht aber niclit. (Dazu gibt 
sie den Einfall, daß sie sich gestern entschlossen habe, ihr kurzgeschnittenes 
Haar wieder lang wachsen zu lassen (Vgl. die Haarsymbolik Seite 66). 



1) In dieser Assoziation liegt übrig-ens auch der Beweis für unsere früher 
gegebene Auffassung, wonach das Schuldgefühl im Verlauf der Analyse von der 
Mutter auf den Analytiker übertragen wird, da der Mann in dem früher ana- 
lysierten Traum wie die Mutter hinter einem Fenster Vorhang hervorschaut und 
die Patientin in einer sexuellen Situation ertappt. 

2) Zur analytischen Symbolik des ersten Traumes gehört auch, daß sie der 
Frau, weldie eine deutliche Mutterfigur ist, den Platz vor sich reserviert, was 
wieder der Umkehrun^ der analytischen Situation entspricht, zugleich dem Wunsch, 
nicht gesehen, (ertappt) zu werden. 



Die Geburt der Schwesler 147 



Auf die Deutung des Traumes, insbesondere den Zusammenhang des 
an die Masturbation gelöteten Schuldgefühles mit der Motter reagiert die 
Patientin in überaus charakteristischer Weise. Sie sagt: „Ich hatte noch 
einen Traum, wo ich deutlich spürte, daß idi die Mutter nicht mehr gern 
habe. Aha! das ist ja nicht umsonst, das ist ja meine Feindin! Ich hatte 
das Gefühl, als denke ich, idi kann sie umarmen und das konnte ich 
nicht. Sie ist ja meine ärgste Feindin. Ich habe sie direkt von mir 
gestoßen und gedacht, ah, das gibts jetzt nicht mehr!" 

Der Traum zeigt also das Ringen zwischen ihrer Mutterbindung' nnd 
der in der Analyse geforderten Losung, woraus primär das Schuldgefühl 
entspringt: die Mutter, die einen geboren hat, von sich stoßen, ja an 
ihre Stelle treten zu müssen. Dieser definitive Verzidit auf die Mutter 
ist aber nur möglich nach Überwindung des Geschwistertraumas, 
d. h. der Tatsadie, daß eine jüngere Schwester nach ihr geboren worden 
war, die sie letztlich von der Mutter getrennt hatte. Der Traum zeigt 
den ersten Versuch zur Akzeptierung dieser Schwester, der nur auf 
Grund der Mutteridentifizierung mögUch ist. Das zweite Auto, auf das 
man geduldig waiten muß, ist das zweite Kind; der Platz vor ihrem, 
den Patientin fieihält, ist für die nachkommerde Schwester bestimmt; eben- 
so die Nahrung an der Mutterbrust, die durch das „Laberl" (Semmel 
mit Einschnitt in der Mitte) symbolisiert wird. 

Die Patientin kann sozusagen erst zur Reproduktion ihres eigenen 
Geburtstraumas gelangen, nachdem sie das vorgelagerte Gesdiwistertrauma 
erledigt, also die Geburt der Schwester akzeptiert hat. 

Diesen Konflikt zeigt der nächste Traum: 

Die Geburt der Schwester 
116. Stunde: 
„Ich habe heute sehr viel geträumt. Abends hatte ich einen Unfall. 
Ich bin plötzHch gefallen, u. zw. auf dem Rückweg vom Restaurant in 
der Nähe von Maxens Wohnung. Idi habe gedacht, ich werde liegen 
bleiben. Dann habe ich mir heute morgen die Hände nicht gewaschen; 
das ist mir zum ersten Mal passiert. Auch habe ich sehr unruhig ge- 
sdilafen." 



1) Das Auto fährt nidit, man muß warten; die beiden vorderen Räder 
(Brüste — Semmel mit Einschnitt) werden weggezogen, es kippt nach vorn — 
aber Patientin fällt aicht heraus. (\Vu nach Erfüllung.) 



10« 



148 



Die Äkzepiierang der Schwester 



Traum: „Eine Bergtour. Ganz merkwürdig. Mit einem Lehrer oder 
„vielleicht waren Sie es. Ich kann es gar nicht beschreiben. Rings herum 
„um einen viereckigen Abgrund waren Berge; u, zw. war oben nicht 
„ein Gipfel, sondern eine Mulde, und dann erst ging es hinunter 
„(sie zeichnet die Mulde mit der Hand in der Luft)," 

„In der Mulde selbst waren wieder Tiefen und Höhen und 
„sehr merkwürdiges Gestein. Das haben Sie oder der Lehrer da er- 
„klärt; es war Sandstein oder so etwas. Idi habe beständig Angst 
„gehabt, daß ich herunterfalle; ich habe immer vorausgeschaut, 
„dort und dort müssen wir hinkommen; es waren sehr schmale Stege. 
„Dann kommt eine Fortsetzung, aber von der weiß ich 
„nichts." 

„Dann habe ich geträumt von der Anatomie, an der idi öfter auf 
„dem Weg zur Analyse vorbeikam. Vor der Anatomie draußen so ein 
„kleiner, nicht gerade Platz, ein Weg' (eine Art Durchgang auf die Straße). 
„Dort waren eine Menge Studenten, die pflegten Grippekranke, u. zw. 
„auf der Straße, Sie haben aber immer nur warmes Wasser in eine 
„Schale gegossen und wieder herauslaufen lassen. Ich bin auch da, ziem- 
„lich abseits, in einem Bett gelegen, Idi dachte mir, was die sich ein- 
„bilden zu tun! Es ist ja nichts! Meine Freundin Elsa war voran. Es ist 
„ja gar nichts dabei herausgekommen, sie haben immer nur Wasser 
„hinein- und herausgelassen." 

„Im Gebäude der Anatomie waren verschiedene Zimmerdien, aber 
„leer. Nur in einem waren alte Bettstücke, Matratzen etc. In einem andern 
„wieder Wische, Besen, Klopfer, in anderen gar nichts. Ich hätte in so 
„einem Zimmer sein sollen, aber nicht einmal ein Stuhl war drin. Ich 
„habe gedadit, ich hole mir einen Stuhl. Aber das muß ich hinterrücks 
„tun, verstohlen. Dann habe ich mir einen Stuhl ohne Lehne genommen 
„und war froh, daß niemand es bemerkt hat. Die Wärterinnen sind hin- 
„und hergegangen. Eine Frau und ihre Tochter (die zuhause bei uns einen 
„Laden haben) hatten lauter Serviettentaschen gewaschen und die ge- 
„hörten alle meiner Schwester, eine unendliche Menge. Merkwürdig, 
„sage ich zu meiner Mutter, ich besitze eine einzige und sie so 
„eine Menge; alle möghchen Größen und alle mÖgHchen Arten, und die 
„haben sie alle gewaschen. In dem Zimmer war gar nichts als ein großer 
„runder Tisch und ein Stuhl ohne Lehne und auf diesem Stuhl stand der 
„Wasdikübel." ' 



Reaktion auf die Gebart der Schviesier 



149 



Assoziationen: „Der Berg hat auch etwas mit dem Skifahren zu tun 
gehabt. Es fällt mir dazu jener Traum wieder eio, wo ich auf die Station 
habe fahren müssen (siehe Seite 69)." 

Naditrag: „Das Gestein im Traum ist abgebröckelt. Er hat mit 
„einem Stock daran gesdilagen und dann ist es abgebröckelt, [ch hatte 
„Angst, daß alles abbröckelt und man rutscht und herunterfällt. Was, 
„dort herüber müssen wir gehen, dachte ich, das ist dodi sicher, daß man 
„hier herunter fällt! — Im Traum kam auch ein älterer Herr vor, dessen 
„Nase midi ärgerte." ' 

„Die Studenten haben getan, als ob sie wirklich etwas sdiaffen würden. 
Meine Freundin gehört insofern dazu, als sie zuhause während der Grippe- 
epidemie Pflegerin war, mir aber gestern erzählt hatte, sie hätte nur 
Krankengeschichten geschrieben. Ich dachte mir, das paßt zu ihr: 
Wenn sie etwas madit, kommt nie etwas heraus. Sie wäscht auch jetzt 
die ganze Zeit, was midi ärgert, ich möchte es verhindern, denn es stört 
mich, daß sie fortwährend herumschießt und die ganze Zeit Wasser aus- 
und eingießt; sie braucht so viel Wasser zum Wasdien. Die Servietten- 
tasdien, die im Traum gewasdien werden, kommen mir so vor, als hätten 
nur ziniperlidie Menschen soldie Taschen, Das Wasdistodterl im Traum 
war das aus unserer Küche; es hatte in der Mitte ein Loch. Das andere 
war größer und hatte Latten. Idi dachte, wenigstens hier soll ich einen 
Stuhl haben." 

Deutung: Idi erkläre ihr den Zusammenhang zwischen ihrem Nidit- 
waschen der Hände am Morgen, als einem Protest gegen die mit der 
Mutter identifizierte Freundin und zugleidi als Protest gegen ihren eigenen, 
im Traum ausgedrückten Waschzwang, in welchem sie sich ihrer Identi- 
fizierung mit der Mutter teilweise bewußt wird und sie ablehnt. Sie fällt 
aus einer infantilen Trotzeinstellung in die infantile Unrein lidikeit zurück, 
weldie im Traum korrekterweise auf der Analstufe dargestellt wird (kleines 
Zimmerdien, Stuhl, Wische und Besen, wie man sie im Klosett aufbewahrt). 

Zu dieser Deutung assoziiert sie prompt, daß sie seit Tagen Diarrhöe 
habe. Seit etwa 14 Tagen müsse sie sich nach jeder Entleerung 

1) Es ist ihre alte infantile, nunmehr mit Ang-st besetzte Fallphantasie, die 
ursprünglich auf die Mutterbrust (Berg mit Mulde) und das Entwöhnungstrauma 
bezüglidi, später nach der Libidoenttäusdiung am Vater auf Grund der Identi- 
fizierung mit ihm die Kastration im weiteren Sinne symbolisierte (siehe die 
Nase des Vaters Seite 18). (Bergbesteigung — ■ Kunststuck.) 



1 



150 



Die Akzeptierung der SAwester 



waschen, was sie bisher, soweit sie sich erinnern könne, nie getan hatte. 
„Ich habe dabei immer eine Freude, wenn das Wasser recht schwarz ist. 
Je sdiwärzer, desto besser. Heute ist auch mein Kleid schmutzig, fühle 
ich, und ich habe auch einen Geruch an mir, den Sie spüren. Das muß 
Ihnen ja doch unangenehm sein. Und die Hände habe ich auch nicht ge- 
waschen. Vielleicht kommt das daher, daß ich seit einigen Tagen von dem 
vielen Wasdien rauhe Hände habe und meine Freundin mir gesagt hat, 
ich soll die Hände nicht ins Wasser geben (Verbot). Ich habe mich infolge- 
dessen auch gestern mit Eau de Cologne gewaschen. Wenn man das nur 
immer könnte I — Früher hatte ich oft die Phantasie von einem Zimmer, 
wo man gar nie aufräumen muß, wo alles im Schmutz erstarrt und ich 
machen kann, was ich will.' Die Mutter hat immer gesagt, da 
wirst du bald im Schmutz ersticken. Ich hätte schon ein schönes 
Zimmer für die Gäste gehabt, aber mir selbst ist in einer Sauordnung 
wohl. Das war anfangs der Schulzeit, wo ich auch begann, mich selbst zu 
vernachlässigen." ^ 

Deutung: Erste Tfaumszene: Analytiker erklärt ihr das Gebirge, von 
dem sie abzurutschen fürchtet: Entwöhnungstrauma (Gebirgsmulde — 
Mutterbrust), als dessen Ursache die Schwester verleugnet werden soll: 
„Dann kommt eine Fortsetzung, aber von der weiß ich nichts." 

Zweite Traumszene; Anatomie, Pflegerinnen, Mediziner, warmes Wasser; 
Geburt (der Schwester), die verleugnet werden soll: „Es ist ja gar 
nidits dabei herausgekommen," 

Dritte Traumszene: Akzeptierung der Schwester als anales (un- 
reines) Kind, für die eine solche Menge von Windeln (Serviett entaschen) 
ge wasdien werden. 

Gegen diese ihr durch den Verlauf der analytisdien Behandlung auf- 
gezwungene (psychische) Akzeptierung der Schwester wehrt sie sich mittels 
Widerstand, der in der analytischen Schichte des Traumes deutlich wird: 

1) Intrauterinnufenthait (dort braucht man sich nicht zu reinigen), welcher 
die Phantasie vom „analen" Kind erklärt, die Patientin, geleg-entlidi der Er- 
wähnung von Masturbation auf dem Klosett, in folgender Form bringt; „Ich habe 
mir auf dem Klosett den Schmerz der Mutter beim Zahnausreißen 
vorgestellt und gedacht, das wird mir ja auch einmal blühen." (Geburtsschmerzen.) 

2) Es ist dies die Zeit, wo sie in bewußter Opposition gegen ihre Eltern, be- 
sonders auch gegen den Vater war und sich audi bewußt burschikos gebärdete, 
(Vernaclilässigung der Kleidung.) 



Sc/i'tuester- siati Muticr-Ideitlifisierung 



151 



1. Dabei kann man abrutschen und fallen; 

2. Es kommt nichts heraus dabei (nur eine Krankengeschichte); 

3. Man wird davon unrein (wäscht sich nicht mehr). 

Schwester- statt Mutter-Identifizierung 

J!7. Stunde: 

„Ich habe viel geträumt, hatte aber schon am Morgen alles vergessen." 
„Vom gestrigen Traum ist mir noch etwas eingefalleD, u. zw. eine 
Maschine, wie sie bei meinem Ofen jetzt ist, der so ein Türchen zum 
Hinaufklappen und seitiidien Verschieben (zur Regulierung des Luftzugs) 
hat. Löcher, wo eine Stange hineingesteckt wird und am Ende der Stange 
war so etwas wie eine Schraube zum Hin ein schrauben. Aber da war 
etwas nicht in Ordnung und ich konnte es nicht machen,'" 

Traum: Vom heutigen Traum weiß ich nur einen Teil, der für sich 
steht: „Jemand hat mit mir holländisch gesprochen. Ich habe einen hollän- 
„dischen Satz gesagt, der aber ebenso gut deutsch sein konnte. Die 
„andere Person, ich glaube es war eine Frau, hat mir geantwortet, das 
„war schon besser hoUändisdi und ich habe es gut verstanden." 

Assoziationen: „Vor einigen Wochen war ich mit Max in einem Variete, 
wo Holländerinnen aufgetreten sind. Zwei von ihnen haben sich dann zu 
Herren an einen Tisch gesetzt, die auch Holländer waren und mit ihnen 
gesprochen. Max bemerkte zu mir, wie dumm diese Holländer seien." Aus 
weiteren Assoziationen geht hervor, daß die Patientin sich mit diesen 
Holländerinnen identifiziert, zugleich aber auch diese weibliche Einstellung 
mit Dummheit. Daneben gelangt aber auch die Dummheit der holländi- 
schen Männer zu einer gewissen Bedeutung, da Patientin sich an ein Ge- 
spräch erinnert, das zwei andere Holländerinnen über die Königin von 
Holland geführt hatten, wobei sie über den Prinzgemahl spotteten. 

Der Traum zeigt eine stark weibUche Einstellung der Patientin, wenn- 
gleich es dabei nicht ohne Kritik des Mannes abgeht: der Mann ist dumm 
(Holländer), schwach (Prinzgemahl), die Frau dagegen ist klug und mächtig 
(Königin); zu Holland assoziiert sie außerdem: Meeresstrand-Kudron, die 
am Strande wäscht. Kudrun ist eine Heldin („alte Redtin"). 

1) Dieses Motiv, daß an einer Maschine der Heizkörper oder etwas nicht in 
Ordnung' sei, laudite bereits in ihren frühesten Träumen in der Analyse auf, 
die nodi nicht notiert wurden. 



1 



152 



Die Akzeptierung der Schmester 



Die verstärkte weibliche Einstellung der Patientin äußert sich audi ia 
ihrem bewußten Leben. Sie hat sich heute verschiedene Frisuren ange- 
sehen, um für sich eine passende auszuwählen und wollte sich dann in ein 
Schwesternheim einschreiben lassen, um entweder als Stütze einer Frau 
in der Wirtschaft zu helfen oder Krankenschwester zu werden. Kranken- 
schwester faßt sie selbst als ein Mittelding zwischen dem (männlichen) 
Arzt und der (weiblichen) Pflegerin auf. Audi im gestrigen Traum war 
sie teils Arzt, teils Pflegerin, teils aber auch Patient. In ihrer Identifizie- 
rung mit dem Mann ist sie teilweise auch immer der Mann mit dem 
weißen Doktoraiantel in den Träumen; andererseits degradiert sie den 
Mann mit dieser Pfleger innentracht zum Weib. 

Deutung; In diesem Traum zeigt sidi zum erstenmal als Kompensation 
für die Akzeptierung der weiblichen Rolle (Mutteridentifizierung) nicht 
die geheime Durdisetzung einer andern Männlichkeitsphantasie (Mastur- 
bation, Vateridentifizierung, Analität), sondern eine Kompensation auf der 
weibHchen Linie, die. über dem Umweg des starken heldischen Weibes 
(Kudrun) zur Mutteridentifizierung führt (Königin). 

Zugleich mit dieser mehr normalen Mutteridentifizierung (Weiblichkeit) 
wird ein Teil des neurotischen Schuldgefühls gegen die Mutter frei, welches 
sich nunmehr als soziale Hilfsbereitschaft gegen Andere, sei es Frauen 
(Stütze ira Haushalt) sei es Männer (Krankenschwester) äußern kann.' 
Analytisch äußert sich dieses Schuldgefühl im Sinne der Revancheidee, 
welche eines der widitigsten Anzeichen ist, daß das Unbewußte des 
Patienten nunmehr die analytisdie Lösung akzeptiert hat (in diesem Falle 
die weibliche Einstellung) und nun als letzten Widerstand das Schuld- 
bewußtsein dem Heilungsprozeß entgegenstellt. (Etwa: Idi kann das 
große Gesdienk der analytischen Heilung nicht akzeptieren, weil ich als 
Gegenleistung nichts zu bieten habe), In dieser Revancheidee liegt ein 
letzter Rest von Identifizierung mit dem Analytiker; allerdings in sub- 
limierter Form, aber dodi ein solcher Rest, der auch imstande ist, den 
Rest ihres MännI ich keits Wunsches zu befriedigen. (Etwa: Sie will anderen 



1) Eine weitere Folge der Auflosung ihres Sdiuldjrefühls gegen die Mutter 
ist die Befreiung vom Masturbation skonflikt. Patientin sagt darüber spontan: 
„Jetzt denke idi, daß idi es madien konnte; es kann oichts passieren. Es ist 
nicht mehr Schuldgefühl, was midi abhält, sondern daß es midi audi nidit be- 
friedigen würde." 



Vorwurfe gegen die Matter 153 

jetzt SO helfen, wie ich ihr geholten habe). Dazu ihr Einfall, daß sie 
gestern gedacht hatte, als Max, nachdem er erklärt hatte, er könne sie 
nicht lieben, dadite, ich könnte Max jetzt analysieren, damit er mich 
liebt.' Darin kommt zunächst ihr Glaube an die Wirkimg der Analyse 
deutlich zum Ausdruck, dann zeigt diese neue Reaktion aber ganz klar 
den Einfluß der Analyse auf ihre neugewonnene feminine Einstellung zum 
Mann. Patientin erkennt das selbst, indem sie erklärt; ,,Idi habe mir 
gestern sofort selbst gesagt, daß ich das früher nicht imstande gewesen 
wäre und habe midi darüber sehr gewundert. Denn früher hätte idi, wie 
so oft im Leben, auf ein solches Verhalten des Mannes mit Wut, Haß 
und Trotz reagiert," Die Analyse sdieint ihr nun plötzlich imstande zu 
sein, ihr zu helfen, ohne ihr Libido zu geben, weil sie sich damit ab- 
gefunden hat, daß ihr die Analyse die Fähigkeit zur Erlangung von 
Libido auf dem ihr von der Natur vorgezeichreten Weg der femininen 
Einstellung zum Mann verliehen hat. 

Der Traum versucht die analytische Aufklärung zu akzeptieren (hat 
das Holländisch schon besser verstanden), indem die Bedeutung der 
Mutter (Königin) betont, die des Vaters herabgesetzt wird (Prinzgemahl). 
Von dieser unnatürlidien Mutteridentifizierung (es wurde über den Prinz» 
gemahl gespottet) will Patientin zur Identifizierung mit der Sdiwester 
zutüdc, indem sie sidi in ein Schwestern he im einschreiben läßt und 
„Schwester" werden will. 

Vorwürfe gegen die Mutter wegen Geburt der Schwester^' 

778. Stunde: 

Traum: „Ich habe viel geträumt, aber das Meiste vergessen. Ich weiß 
„nur noch den zweiten Teil, der sich um meine Schwester gehandelt hat; 
„Ich habe mich fürchterlich mit meiner Schwester gezankt; habe 
„gar nicht mehr aufhören können. Es hat sich um das Photographieren 
„der Kaiserin Zita gehandelt. Dann ist der Apparat nicht in Ord- 
„nung gewesen (unser Apparat, den wir miteinander bekommen haben, 
„den aber immer meine Schwester benützt hat. Ich hatte kein Talent; 
„sie hat viel photographiert). Dieser Apparat war also nicht in Ordnung. 

1) Der erste Gedanke, nachdem Max sie verlassen hatte, zeigt unmittelbar 
ihre weibliche EiostelluQg- ; sie dadite nämlich; „Wenn idi jetzt ein Kind adop- 
tieren könnte, wäre alles gut." 



I 



^^^ Die Akzeptisriing der Sdiwesier 



„DieZila ist vorbei gegangen (ich glaube zwei Kinder waren auch dabei 
„einer war sicher ein Bub), er war aber nicht in Ordnung. Sie hat mir 
„nidit geholfen, ist nur daneben gestanden. Es waren keine Platten drin. 
„Ich habe sie gepufft und geschimpft, immer wieder, und habe gar nicht 
..mehr aufhören können. Ich habe wirklich die Wut verspürt. Dann 
„habe ich der Mama geklagt, das und das hat sie gemacht und habe 
„immer wieder noch etwas gefunden. Jetzt beim Erzählen erscheint es 
„mir traurig, daß ich sie so sehr angeklagt habe." 

„Das andere (vom Traum) war der größere Teil; den habe ich ganz 
„deuthch gewußt. Dieser kommt mir wie ein Anhängsel vor; es war der 
„kleinere Teil. (Nad. längerem Nachdenken zögernd) das andere war 
„vielleicht mit meiner Mutter." 

„Gestern war ich den ganzen Tag traurig und habe weinen müssen. 
„Ich war ganz hoffnungslos. Ich kann gar nichts mehr anfangen." 

In den Assoziationen schildert Patientin zunächst die Traumvorgänge 
und Bilder detaiilierter: „Im Traum habe ich eingestellt, es ist aber 
immer nur ein Teil .daraufgekommen (auf die Platte), und zwar ent- 
weder nur der Hintergrund (eine Burg oder die Votivkirche) oder nur 
der Vorderteil (Kaiserin Zita). Ich haHe im Voraus probiert, probeweise 
abgedrückt; zuerst mit der Blende eingestellt und dann kann man sehen, 
wie das Bild wirklich herauskommen soll. Es war im Traum ein großer, 
weiter Platz und ich bin auf einer kleinen erhöhten Balustrade gestanden. 
Ich hatte fortwährend das Gefühl: Schnell, schnell, sonst geht sie da- 
von! Ich hatte das Gefühl, wenn ich nur lange genug probieren 
würde, käme es schon richtig heraus. Es hat sich um Einstellen 
der Distanz gehandelt und dann um noch etwas, das mir jetzt nicht 
einfällt und auch in. Traum nicht eingefallen ist. Ich war deswegen sehr 
aufgeregt. [In plötzHcher Erleuchtung], Es ist die Zeit ! Ja, wie konnte idi 
nur die Zeit vergessen! Dann war ich auch aufgeregt, weil sie immer 
wegging; ich dachte, dann wird es zu spät [Pathetisch]. Ich dachte, sie ■ 
könnte helfen, sie weiß wie es geht, sie hat so viel Erfahrung darin!" 

„Ein Mann war auch dabei, bei der Schwester: ihr Schwager, nein 
mein Schwager (ihr Mann), vielleicht auch Si'e. Es war zwar meine 
Schwester, aber sie hat nicht so ausgeschaut, sie hat niemandem ähnlich 
gesehen. Ein weibliches Wesen. Sie hatte rote Backen, wie sie meine 
Schwester nie hatte, wie sie aber Mutter als junges Mädchen hatte 
(auf einem Jugendbildnis in einem Kostüm), .blühend*." 



Vorwürfe gegen die Mutter 155 



Deutung: Der Traum zeigt ganz klar die ambivalente Einstellung gegen 
die Mutter, der Patientin Vorwürfe macht und böse ist — wegen der 
(Geburt der) Schwester (im Traum klagt sie die Schwester bei der Mutter 
an) die in zu kurzer „Distanz" und „Zeit" nach ihr ankam. 

Das Schuldgefühl der Patientin wird in den Vorwürfen gegen die 
Mutter (und Schwester) teilweise frei (abreagiert r sie hat die Wut wirk- 
lich gespürt), teilweise äußert es sich in der traurigen, hoffnungslosen 
Stimmung tagsüber, die auch bei der Traumerzählung wieder zum 
Vorschein kommt („jetzt erscheint es mir traurig, daß ich sie so sehr an- 
geklagt habe." — Ich hatte auch im Traum das Gefühl: sie war sclion 
mißhandelt genug, nämHch durch mein Püffe, und ich habe sie ungerechter- 
weise nodi verklagt}." 

An diesem Traum wird noch deutHcher als an dem vorhergehenden 
{von der Königin von Holland), wie jetzt in der Analyse hinter dem 
manifesten Männlichkeits- und dem oberflächlichen Kastrationskomplex 
ein verdrängtes Motiv für das Schuldgefühl gegen die Mutter in den 
Vordergrund rückt, nämlich die unterdrückten Vorwurfe wegen der 
Geburt der jüngeren Schwester. Da der Analytiker jetzt eine ähnliche 
„Untreue" mit der „Lösung" begeht, wird er vom Unbewußten zwanghaft mit 
der Mutter identifiziert {siehe die Hilfe, deren Ausbleiben Patientin der 
Mutter im Traum zum Vorwurf macht und die sie jetzt von der Analyse 
erwartet). Dieses In- den- Vordergrundtreten der Mutter in der Analyse 
ist in den Traumgedanken sehr hübsch angedeutet: Im Vordergrund steht 
die Mutterfigur ; zum Hintergrund, der verschwommen ist, assoziiert 
Patientin die Burg, die darauf zum Vorschein kommt und ihren dazu- 
gehörigen Familienroman (Idealisierte Ödipusphantasie: Prinz). Außerdem 
eine Erinnerung aus der Zeit vor 1914, wo sie einmal den deutschen 
Kaiser bei einem P/Ianöver aus der Nähe photographierl hatte; das Bild 
war aber auch verschwommen. Andererseits deutet diese Eigenartigkeit 
des Traumbildes auch darauf hin, daß es die Mutter ist, welche zwischen 
ihr und dem Vater (Hintergrund) steht. Dazu gehört wieder ihre Identi- 
fizierung mit der Mutter, die darin zum Ausdruck kommt, daß der Patientin 
zu dem Knaben im Traum einfällt, sie hätte gedadit, so müßte das Kind 
aussehen, das sie gestern zu adoptieren wünschte (wobei sie allerdings an 
ein Mädchen gedacht hatte). In dieser Identifizierung mit der Mutter ist 
sie aber selbst die vom Vater schlecht Behandelte, die hilfesuchend sich 
zur Mutter wenden will. Andererseits ist die Kaiserin Zita (im Gegensatz 



1 



156 Die Akzeptierung der SiAwester 






zur Königin von Holland) eine Vertriebene, und als solche von Seite der 
Patientin wieder mit Schuldgefühl besetzt Dieses Schuldgefühl erscheint wie 
gewöhnlich audi in diesem Traume genital lokalisiert („der Apparat ist 
nidit in Ordnung"), wobei wieder alle möglichen Schichten der Genital- 
beschädigung, vom Geburtstrauma (Mutter) bis zur Phantasie vom eigenen 
Kind vertreten sind. Wie gewöhnlich ist die Masturbation vorgeschoben, 
worauf übrigens auch das zeitliche Moment hinweist („Schnell, schnell, 
sonst geht sie davon"), was sich im Sinne des Schuldgefühls auf die Angst 
überrascht zu werden, im Sinne der Libidobefriedigung auf das Er- 
wisdien des richtigen Moments (siehe Seite 61) und endlich audi auf 
das Tempo der Analyse bezieht; insbesondere aus dem Vergessen der 
„Zeit" im Traume ist ganz klar ersichtlich, wie dieses Zeitmoment als 
libidinöser Faktor von der Intrauterin Situation direkt auf die Analyse 
transponiert wird; Patientin soll reeller Weise etwas schnell machen (d. h. 
libidinös), was „Zeit" braucht, während eine andere, libidinöse Strömung 
in ihr sich Zeit lassen will, statt es im richtigen Moment zu machen. 

Die kompensatorische Zwillingsphantasie 

//P. Stunde: 

Traum; „Idi habe Verschiedenes geträumt, weiß aber nur noch die 
„Hälfte: Ein wunderschöner — nein, das war nicht der Anfang. Ich bin 
„abends spät nach Hause gegangen (das habe ich schon früher einmal 
„zu Hause geträumt und im heutigen Traum ging auch eine so große 
„Mauer hinauf, wie dort. Das ist auch nicht richtig). Es war ein wunder- 
„schöner Garten, eine Irrenheilanstait. idi kann es gar nicht 
„richtig sagen, wie es eigentlich war. Ein Garten, so schön wie Schön- 
„brunn, viel schöner noch, das Paradies. Darin haben eine Menge 
„Kinder gespielt. Fast lauter Mäderln. Ich war mit meiner Freundin 
„Elsa im Garten, Das Mittelgebäude (es war ein sehr großes Gebäude) 
„hatte große Fenster im ersten Stock und da hat man hineinsehen 
„können. Dort habe ich mehrere Mädchen in meinem Alter ge- 
„sehen, das waren die Assistentinnen des Professors von der Irrenanstalt. 
,, Wunderschön angezogen, in langen chinesischen Gewändern, sehr stil- 
„voll, das Haar offen, und lang, jede mit einer andern Frisur und jede 
„stilvoll in ihrer Art. Ich habe sie am Fenster gesehen und gedacht, sie 
„machen jetzt Visite mit dem Professor. Ich habe gedacht, in dem Spital 
„möchte ich auch sein. Dann aber ist mir eingefallen, ich bin ja Aus- 



r 



Die kompensaiorisdie Zwillingsphantasie 157 

„länderin, ich könnte nur Volontärin dort sein, nidit einmal dort schlafen, 
„ich müßte abends immer nadi Hause gehen. Dann kommt der Teil, wo 
„ich abends nadi Hause gegangen bin. Ich habe gedacht, wenn mich 
„nur niemand siebt, ein Strolch oder so. Auf einmal war idi im 
„Treppenhaus dieser schönen Irrenanstalt. Aber nidit auf der Haupt- 
„treppe, sondern hinten herum auf einer kleineren Hintertreppe. Ich 
„dachte, da wird mich niemand sehen. Da kommt aber gerade der 
„Professor herunter, schaut mich an, sagt aber nichts zu mir (ich dadite, 
„was wird der von mir denken). Ich hatte eine große Reisedecke am 
„Arm. Dann bin ich richtig in den Garten gegangen (es könnte auch der 
„des französischen Schlosses sein). Dort standen kleine W^erln in 
„Form einer Gartenbank oder wie Korbmöbel, mit einem oder zwei 
„Sitzen (Fauteuils oder Diwans). Sie waren dabei mit Rädern — so 
„etwas gibts ja gar nicht — und davor ein Tier gespannt, ein kleines 
„Pferd, das dazu paßt. Vielleicht 20 standen in einer Reihe. Die Kutscher 
„waren Kriegsinvalide. Soldie Invalide waren bei jedem Wagen, die zum 
„Transport bestimmt waren. Ich dachte, jetzt kann ich so ein Wagerl 
„nehmen und mit ihm nach Hause fahren, da tut mir niemand etwas. Es 
„waren aber fast nur solche mit zwei Plätzen da, nur einer mit 
„einem Platz." 

„Jetzt fällt mir noch ein Stück ein: Es war ein Eisenbabnzug oder 
„eine Elektrische, was weiß ich nidit. Ich stehe darin, vielmehr ich sitze. 
„Es war eine Eisenbahn, aber so voll wie eine Elektrische, Vor mir 
„steht eine Dame mit großem Hut und vielem Haar, so daß sie mir 
„den Rücken zuwendet (ich bin also wieder hinter ihr). Ich habe 
„gedacht: mein Gott was hat sie im Haar! Rückwärts war ein Stück mit 
„einem Gummiband herum befestigt, man hat gesehen, das war 
„nicht ihr eigenes Haar, sondern ein Stück wie maus beim Coiffeur be- 
,, kommt (es war in Locken). Warum trägt sie das? Aha, dadite ich, ihr 
„Haar beginnt weit oben und bis es länger wird, hat sie jetzt das." 

„Der Eisenbahnzug verwandelt sich dann in eine Konditorei. Daist 
„ein Zusammenhang mit der schönen Irrenanstalt. Es war eine schöne 
„Konditorei, aber was passiert ist, weiß ich nicht. Ich habe viel Gutes 
„ausgesucht und gegessen." 

Die ersten Assoziationen zu „Irrenanstalt" bestätigen den Eindruck, 
daß es sich um den Versudi einer Übertragung ihrer Sdiloßphantasie auf 
die Analyse handelt, wobei die Kinder, „die gar nicht krank waren" aus 



I 

B 



158 Die Äkzeptierang der Sclxtoestet 



dem Paradies (Mutterleib) in die Irrenanstalt (Analyse), versetzt erscheinen, 
die gleichzeitig zur Verurteilung dieser alten Wunschsituation dient, Die 
nächste Assoziation bestätigt die gegenteüige Tendenz, die Krankheit und 
damit auch die Analyse im Sinne der Ursituation zu verlängern. Dazu 
fällt der Patientin ein bisher vergessenes Traumstück ein (welches die 
Mutterregression als typische Reaktion auf die Versagung der Vaterlibido 
unzweideutig zur Darstellung bringt): 

Traum: „In einem weiteren Traumstiick bin ich mit meiner Freujidin 
„Elsa im Zimmer in einem Bett gelegen. Dann — wenn ich es nur 
„redit sagen könnte — eine Art homosexuelle Szene — , daß ich 
„das Gefühl hatte, jetzt spüre ich wirklich — (nach Zögern und Suchen) 
„das Gefühl, zwischen unsern beiden Geschlechtsteilen ist nur 
„eine Decke, meine Decke, eine dicke Plüschdecke. Ich habe sozusagen 
„gewußt, daß unter der Decke ihre Geschlechtsteile sind. Das Gefühl wie 
„sonst, wenn idi die Decke zwischen die Beine lege. Im Traum habe idi 
„an eine homosexuelle_ Szene gedacht. Ich habe sie gefragt: Spürst du 
„was? Ich habe gewußt, sie betrachtet das vom gleichen Standpunkt wie 
„ich, wissenschaftlich, ohne jegliches sexuelle Gefühl. Die Situation selbst 
„kann ich nur bildlich ausdrücken: Wie wenn ich auf einem Stuhl sitze, 
„nein, Puppen auf eine Decke setze und von der andern Seite audi, aber 
„von unten her, so daß die beiden Geschlechtsteile aneinanderstoßen, nur 
„durch die Decke getrennt. Zwei kleine hockende Wachsfiguren. 
„Wir sind seitlich zusammengestoßen und dazwischen war die Decke. 
„Nebenan war ihr Bett leer, sie ist zu mir ins Bett gekommen. Das Ganze 
„kam mir so unwirklich vor, bildhaft, keine echte Libido. Dabei bin 
„ich erwacht, das war das Letzte, und habe mich gewundert. Dann habe 
„ich gedacht: Wenn sie es selbst macht, kann sie mir nichts vor- 
„werfen. Jetzt haben wir gemacht, was man tun kann, etwas, was so 
„aussieht, als ob es Libido v/äre." 

Deutung: Der Anstaltstraum, io dem wieder das Schuldgefühl dominiert 
(nicht Ertapptwerden), bringt eine weitere Auflösung desselben in der 
Riditung, daß die Hbidinöse Decken -Phantasie (Mutterbindung) jetzt 
versucht wird, auf die idealisierte Vaterfigur (Professor) übertragen zu 
werden, was natürlich auf der andern Seite das Schuldgefühl gegen die 
Mutter zunächst verstärkt, welches in der „homosexuellen" Szene, die 
die Patientin selbst als unlibidinös bezeichnet („wissenschaftlich") in heuch- 



Deutung der „Homosexualität" 159 



lerischer Weise überkompensiert und damit verleugnet werden soll. Diese 
unwirkliche „wissenschaftliche" Libido repräsentiert aber auch das analy- 
tisdie Verhältnis, das, wie wir wieder sehen, auch hier jetzt als Mutter- 
bindung, u. zw. unmittelbar vor dem Geburtstrauma (noch mit der Decke 
verbunden) dargestellt wird {kleine hockende Figuren). Andererseits liegt 
in der Szene die aus der Vaterübertragung folgende Identifizierung mit 
der Mutter, die erst auf Grund der Aufhebung des Schuldgefühls mög- 
lich wird („wenn sie es selbst macht, kann sie mir nichts vorwerfen"). 
Endlich zeigt die Szene ganz klar, daß hinter der Masturbationslibido, 
für welche die Decke das männliche Genitale repräsentiert, eine Objektlibido 
steht, die durch das Schuldgefühl von der Mutter auf den Vater verschoben 
ist. Die pseudo-männliche Tendenz des Traumes wird also von der femininen 
Einstellung der Patientin (Mutteridentifizierung) und von der dahinter 
liegenden Identität mit der Mutter (Embryonalsituation) Lügen gestraft. ' 
Der Haaransatz der Dame, die in der Elektrischen vor ihr steht, erinnert 
sie an ihr eigenes Haar, das sie sich jetzt lang wachsen läßt; bis es aber 
soweit ist, beliilft sie sich mit einer ähnlichen Einlage, die aber im 
Gegensatz zum Traum vorn angebracht ist. Deswegen wird im Traum 
auf die stilvollen Frisuren der Mädchen so viel Wert gelegt und eine 
weitere Assoziation zu dieser Szene zeigt, daß es sich darum handelt, 
dem Mann (Vater) zu gefallen. „Meine Freundin hat die Frisuren ange- 
. schaut und dem Professor gesagt, ob es nicht hübscher so wäre": dabei 
legte sie ihren Kopf über den Tisch und streicht die Haare nach vorn. 
„Die mittleren Haare müßten um ein großes Stück länger sein 
als die seitlichen". Dazu assoziiert Patientin spontan „den Mittelbau" 
(aus dem Anfang des Traumes) und bemerkt hiezu: „Das ist unangenehm, 
das hängt mit der Männlichkeit zusammen" (Akzeptierung des männlichen 
Genitales statt der Decke); andererseits versucht sie mit der (Haar-) 
Einlage die ihr von der Analyse (dem Professor) entzogene „Decke" zu 
ersetzen, deren sie sich jetzt bereits schämt. 

Akzeptierungsversuch der Sdiwester, mit der aber gleichzeitig der Kon- 
kurrenzkampf um den Mann (Vater) autgenommen werden muß, die vielen 
gleichaltrigen und gleichgekleideten Mädchen, die sich aber als bloße 



1) Die großen Fenster, durdi die man hineinschauen kann, symbolisieren 
häufig in g-leicher Weise wie hier das Schul dg-efühl (Beobaditetwerden) auf der 
Basis des In trEutcriij Wunsches. 



160 



Die Akzeptierung der Schwester 



^ 



Vervielfachung der zwei Kinder — sie und die Schwester — erweisen. Daher 
lauter zweisitzige (Kinder-) Wägelchen, d. h. daß sie wenigstens mit der 
Schwester gleichaltrig sein will, Zwillinge. Dies ist auch die tiefste 
Bedeutung des „homosexuellen" Traumes, in welchem die beiden Puppen 
noch gleichzeitig mittels der Genitalien an der gemeinsamen Decke 
(Mutter) hängen. 

Nachdem Patientin aber (noch im Traum) erkennen muß, daß auch 
ein Wagerl mit einem Platz da ist (Realität), daß sie also kein Zwilling 
ist, kehrt sie (im Nachtrag) wieder zum alten Wunsch zurück, hinter 
der Schwester zu stehen, (Die Assoziationen zu Haar und Frisur zeigen 
ihr allerdings wieder, daß sie eigentlich die vorn Stehende, d. h. die 
Erstgeborene ist und bleiben muß). 

Die traumatische Erledigfuag 

120. Stunde: 

Traum: „Ich habe geträumt, aber nur so Bilder, Eine große Treppe 
„und die Mutter meiner Freundin Elsa geht vor mir herunter. Auf 
„einmal fällt sie auf den Rücken und schleift die ganze Terppe 
„herunter." 

Assoziationen: „In der Volkssdiule bin ich einmal beim Baden so über 
die Treppe hinunter wieder ins Wasser gefallen. Die Mutter hatte 
ängstlich nach mir geschickt. Dann bin idi noch verschiedene Male so 
gefallen, einmal auch, wie ich den Buben zeigen wollte, daß ich jetzt 
laufen kann, was nämlich in der Schule verboten war. Die Frau im Traum 
war sehr dick, dicker als sie in Wirklichkeit ist; sie kann daher auch 
meine Großmutter sein, von der ich gestern erzählte." 

Deutung: Es handelt sieh um eine reine Mutteridentifizierung bei 
Aufgeben der sekundären Männlichkeitstendenz (Stiege) und gleichzeitiger 
Befriedigung der Regressionstendenz (ins Wasser fallen), das aber hier 
zugleidi die Strafe enthält (als sie den Buben das Laufen zeigen wollte, 
hatte sie sidi ein Loch in den Hmterkopf geschlagen). Der Traum bringt 
also die Mutt er i'jentifi zierung (sehr did() der Patientin und gleichzeitig 
die Strafe für das daraus folgende Aufgeben der Mutter, Andererseits be- 
deuten die F/auen, die sie in den Träumen vor sich postiert, den Wunsch, 
nach der Schwester den Platz bei der Mutter anzunehmen. 



Die Trennung von der Sdavester 161 

Der Traum ist aber nodi in anderer Hinsicht bemerkenswert. Es ist das 
erstemal, daß die Patientin einen so einfachen, simplen, nüchternen 
Traum bringt, der sich besonders im Gegensatz zu dem gestrigen, über- 
aus phantastischen und Schönheit suchenden Traum merkwürdig ausnimmt. 
Die Erklärung ist, daß die ursprünglich die Mutterbindung ersetzenden (Decke) 
Masturbationsphantasien, die später in idealisierter Form den Inhalt ihrer 
heterosexuellen Tagträumereien gebildet hatten (Schloß, Prinz), unter dem 
Einfluß der Analyse zurückgetreten sind und den ursprünglichen primi- 
tiven Affekten, die dahinter wirken, Platz gemacht haben. Dies wirft 
auch ein gewisses Licht auf den Mechanismus der „sekundären Bearbei- 
tung", welche im gestrigen Traum besonders deutlich am Werk zu sehen 
war, da Patientin über den Anfang des Traumes im Zweifel war und die 
Erzählung vielleicht richtig im Sinne des Unbewußten begonnen hatte, 
dann aber nicht nur in eine logischere, sondern auch angenehmere Form 
einkleidete. 

Die Trennung von der Schwester 

Nach Deutung dieses kurzen .Traumstückes erzählt Patientin weiter: 
„Ich habe nur Bilder gesehen, die gar nicht zusammenhängen: Von einem 
„Essen, einem Tisch und darauf sind,,.. So: Wir setzen uns zum 
„Essen, Mutter, Vater und ich, es ist in einem Zimmer und zu 
„einer Zeit, wie ich es nie erlebt habe. Ich weiß nicht, was es ge- 
„geben hat, was man gegessen hat, verschiedene Sachen, verschiedene 
„Gänge, Schließlich war auch Fisch mit Mayonnaise. Die Mama sagt, 
„der Onkel Frank und die Tante haben schon gegessen vom Fisch, weil 
„sie früher wegfahren müssen; vom andern habe ich ihnen nicht ge- 
„geben. Das verbindet sich irgendwie mit der Hochzeit der Schwester, 
„Im Traum hat es noch etwas mit meinem Schwager zu tun. Mit Tratsch 
„über ihn und meine Sdiwester. Es handelte sich dabei irgendwie um ein 
„verrufenes Restaurant. Vielleicht war ich im Traum auch dort; (aber 
„was ich getan habe oder was passiert ist, habe ich vergessen.)" 

„Noch etwas mit einer Schneelandschaft war auch da; etwas Ähnliches 
„wie mit dem Gebirge und der Mulde, nur war es Schnee. Ich habe 
„einen Platz gesucht, um auszuruhen und habe die Mulde gewählt; 
„ich bin zusammengekauert darin gehockt." 

„Dann war noch ein Stück: Ich war in einem Warenhaus, um dort 
„Rohseide oder Crepe de Chine zu einem Unterrode zu kaufen, den ich 

Rank, NcuroseDanalyse XI 



162 Die Akzeptierung der Schwester 

„mir selbst madien wollte. Sie sagte, es kostet 99 Kronen; icli war sehr 
„überrascht, sie sagte, es wäre noch von früher her. Es war aber nur so 
„breit wie ein Streifen (nicht wie sonst Stoff ist). Ich denke, da 
„kosten 10 m nicht einmal 1000 K, das ist ja nicht viel, idi habe mir aus- 
„gerechnet, ich setze dann die Streifen zusammen, für das Kleid, für den 
„Rock. Dann zeigt sie mir nodi ein Stück — für das Mittelstück habe 
„idi sagen wollen — , daß das so angezogen wird [Patientin zeigt dabei 
„einen Querstreifen über dem Bauch]. Ich dachte mir, das muß ich unten 
„und oben ansetzen {wie das Kleid vor einiger Zeit im Traum). Auf einmal 
„war dieses Mittelstück nicht schön regelmäßig, sondern ganz zerfetzt 
„ — ein alter Lumpen! Schließlich dachte ich, das macht nichts, 
„ich kann es auch brauchen. Dann kommt das verrufene Restaurant 
„und was dort war? — Ich glaube, daß ich gegessen habe und kein 
„Geld hatte, ich weiß nidit, ob ich nidit bezahlen konnte und dachte, 
„ich könnte eine Geschichte erfinden, mein Vater sei da sehr bekannt 
„(aber ich glaube nicht, daß das so war). Das ist zwar wahr, er ist manch- 
„mal, wenn er auf einen Zug wartete, !ii neingegangen (und hatte vielleicht 
„auch eine Gesdiichte mit Kellnerinnen). Die Mutter konnte das 
„nicht leiden." 

Assoziationen: „Am Samstag ist es mir sehr schlecht gegangen, Meine 
Freundin ist von mir weggezogen, Max ist krank und ich konnte 
ihn nidit sehen. Habe abends allein im Restaurant gegessen und bin 
dann ins Kino gegangen. Ich dachte, es muß etwas geschehen, damit 
Max wieder gesund wird, damit alles wieder so wird wie früher. Samstag 
habe idi auch zuerst masturbiert, und zwar wie ich auf meine 
Freundin gewartet habe (bevor sie ganz von mir weggehen 
sollte). Zuerst dachte ich, wenn sie aber jetzt hereinkommt; dann aber 
dachte idi, jetzt macht es mir gar nidits, wenn sie auch kommt. Nachher 
habe ich Krämpfe gespürt, wie beim Unwohlsein, und abends beim 
Niederlegen habe ich Blutspuren am Hemd bemerkt (obwohl es ganz 
und gar nicht die Zeit der Menstruation ist). Ich konnte mir das gar 
nidit erklären. Auch der Fluor war nachts so stark wie am Anfang, ob- 
wohl ich den ganzen Tag über nichts bemerkt hatte, und war auch ein 
bißchen mit Blut vermengt." 

Es zeigt sich hier also deutlich, daß ihre phantastisdien Träume zum 
großen Teil nur verdrängte Inhalte unbewußter Masturbationsphantasien 



I 



Die Masturbalionsphantasien 163 

darsteilten — im wesentlichen immer Ersatz Produktionen für die verlorene 
Mutter {-Brust oder Leib) — nach deren Analyse einfache Angstträume, 
wie der vorhergehende vom Fallen auf der Treppe, auftreten oder neuer- 
liche Versuche, mit dem physischen Masturbation sakt auch wieder die 
alten Phantasien zu aktivieren: Versuch „eine Geschichte zu erfinden", 
die ihren Aufenthalt im verrufenen Restaurant: die Vateridentifizierung 
in bezug auf den Besitz der Mutter (Essen) zu rechtfertigen. Hinter den 
„schönen Phantasien", welche das verlorene Paradies der Mutterbrust er- 
setzen, kommt dann die verdrängte Angst, es nie mehr erreichen zu 
können, zum Vorschein, die — in Verbindung mit der Masturbation regel- 
mäßig aus dem Entwöhnungstrauma stammend — in dieser Phase der 
analytischen Losung zur Abreaktion gelangt. 

Die Patientin gelangt hier tatsächlich wieder zur aktuellen Mastur- 
bation, als die Freundin sie endgiltig verläßt, also offenkundig als Ersatz 
für das verlorene Mutterersatz- Objekt. Gleichzeitig repräsentiert aber die 
Freundin die Schwester, deren Weggehen (Heirat) der Patientin wieder 
ihre sexuelle Freiheit zurückgibt (zum Traumbeginn sind nur Vater, Mutter 
und sie da). Wenn man die unbewußten Verknüpfungen der Mastur- 
bation im Detail weiter verfolgt, zeigt sich klar, daß Patientin Blutung 
und Fluor als direkte Reproduktionen des Geburtstraumas, der Trennung 
von der Freundin, wiederholte, welche aber gleichzeitig in dieser Phase 
der Analyse die Erledigung ihres „Sdi wester- Komplexes" bedeutet, das 
wieder mit dem Enfwöhnungstrauma zusammenhängt. 

Im Sinne des analytischen Übertragungswiderstandes ist ihre Schilderung 
der Masturbationsszene charakteristisch: „Ich nahm den Finger nur ein 
wenig zu Hilfe, dabei habe ich an Sie und Max gedacht (eigentlich zu- 
erst an Max und dann an Sie), dann auch an die Decke, die ich aber 
nicht benützte. Nachher hatte ich die Empfindung, wenn es jetzt nur 
nichts schadet. Oder vielleicht eher so: jetzt werden wir ja sehen, ob es 
schadet." Ihr neurotisches Verhalten nachher soll also beweisen, daß es 
schadet, d. h. analytisch gesprochen, daß es schadet, wenn die Analyse 
ihre Libido unbefriedigt läßt und ihr die Befriedigung selbst überläßt. 
Daneben ist jedoch der Übertragungsciarakter der begleitenden Phantasien 
offenkundig. 

Nachdem ich ihr auf Grund der Assoziationen die einzelnen Traum- 
stücke als feminine Phantasien in Form der früher von ihr männlich ge- 
brauchten Symbole gedeutet hatte, reagiert sie prompt mit der Be- 
il' 



164 Die Akzeptierung der Sdiwester 

merkung, daß sie seit einigen Tagen wieder zahlen müsse, und zwar bis 
zehn, manchmal auch singend, sie hätte schon seit einigen Tagen ver- 
gessen, es mir zu sagen. Da meine Deutung des Traumes sich auch auf 
die Treppe, ihr typisdies Symbol bezogen hatte, über die sie im Traum 
in Identifizierung mit der Mutter herunterfällt, begründet sie weiter, das 
Fallen im Traum habe ihr gar nichts gemacht, sie habe gedacht, das 
ist eine glatte Ebene, wenn man jede Stufe mit der folgenden verbinde 
(siehe ihre ersten Treppen-, Vierer- und Skiträume). Beim Zählen ist es 
bei zehn immer riditig, dann fällt es ab. Auch im Traum kommt die 
Zehn vor (10 m nicht einmal 1000 Kronen), und zwar wieder im Zu- 
sammenhang mit einem im Dienste der weiblichen Tendenzen verwendeten 
Männlidikeitssymbole (Ansetzen des Unterrockes).^ Aus verschiedenen 
weiteren Assoziationen ergibt sich, daö die Patientin in der Zahl Zehn, 
wie so häufig, ein Symbql der Normal Sexualität sieht {Vereinigung von 
Strich und Null), der sie sich jetzt immer mehr nähert, während die 
früher bevorzugte Zahl Vier für sie die neurotische Libidofixierung 
repräsentierte. Sie erklärt auch, daß ihr jetzt die Vier und die mit ihr 
zusammengesetzten Zahlen unmöglidi erscheinen. 

Neben dem Zählen tauchen auch andere, längst verschwundene Sym- 
ptome wieder auf, offenbar im Zusammenhang mit der Aktivierung der 
Masturbation und den damit verknüpften Schuldgefühlen. Die wieder- 
kehrenden Symptome sind also zum Teil Ausdruck des Schuldgefühles, 
teils sollen sie den Schritt zur (auto erotischen) Unabhängigkeit vom 
Analytiker durch Betonung der Krankheit und Hilfsbedürftigkeit wieder 
zurücknehmen. Auf diese Weise bieten sie sich aber zur Analyse dar. 

12h Stunde: 

Die Angst vor den „Nachkommenden" 

Traum; „Es war alles verschwommen, ich habe immer weniger gewußt. 
„In der Nacht habe ich ein Stück vergessen, eines am Morgen beim Er- 
„wadien. Jetzt auf der Treppe ist mir ein Stück eingefallen, viel- 
„leicht mit Max. Wir müssen dann gleich heiraten, es darf nidit mehr 
„so lange dauern." 

1) Der Mittelstreifen dient wieder zur Kompensation der akzeptierten 
Kastration ebenso audi als Ersatz der „weganalysierten" Decke, wie ihrer nad» 
ohea versdiobenen Vertretung', der Einlage. 



Die Angst vor den „NaAkommenden" 165 

„Dies ist wahrscheinlich der Schluß : Ich bin in einer Vorstadtstraße in 
„der Nähe meiner Wohnung an einem Fluß spaziert, statt dessen war 
„aber ein See, dort war eine Straße und auf der anderen Seite waren 
„niedere, kleine Häuser. Es war spät abends und idi bin allein durdi- 
„gegangen. Ich dadite, das ist ein bißchen eine merkwürdige Straße, und 
„warum ich um diese Zeit ausgehen sollte. Es war wie ein Gottversuchen, 
„da muß mir ja was passieren! Aus einem kleinen Garten konunt 
„ein alter Mann, ein Strolch heraus, ein abscheulicher Mensch. Da bin ich 
„umgekehrt und bin nicht weiter entgegen gegangen. Ich dachte, jetzt 
,,wird er mir nachlaufen, jetzt bin ich verloren. Aber nein, ich kann 
„schneller springen. Aber ich komme nicht vorwärts (diese Träume 
„hatte ich früher Öfter, aber seit ich in der Analyse bin nicht 
„mehr gehabt.) Ich bin einfach nicht vom Fleck gekommen. Ich habe 
,,die Straße gemessen, den Raum, da muß ich in kurzer Zeit hin-, 
„kommen. Die Strecke ist aber immer dieselbe geblieben, die ich noch 
,, zurücklegen mußte (das habe ich früher so oft gehabt)," 

„Noch etwas, das mit Max zusammenhängt: Idi bin in einem Kaffee 
,,an einem Tisch mit ihm gesessen und noch zwei Personen waren da (ich 
„weiß nicht, warens Männer oder Frauen). Idi habe mich zu ihm geneigt, 
„und etwas flüstern wollen, da hat er mir einen Kuß auf die Lippen ge- 
„drückt. Ich frage, ob es jetzt so bleiben wird, er nickt ja (es war aber 
, .nicht sehr üherzeugend). Ich frage ihn noch einmal, ob es sicher ist und 
,,er gibt eine unbefriedigende Antwort (etwa wie: ich soll jetzt nicht davon 
,, reden). Audi der Kuß war nicht so überzeugend," 

„Dann waren aber noch zwei andere Träume. Einen habe ich schon 
in der Nacht vergessen, den andern habe ich am Morgen noch gewußt, 
bin aber dann wieder eingeschlafen und hatte erst später den erzählten 
Traum. In der Nacht habe ich wieder etwas vom Essen geträumt, sonst 
weiß ich gar nichts mehr." 

Assoziationen: „Den Vorstadttraum muß ich auch schon gehabt haben. 
Er erinnert mich an die öden Vorstädte mit Vorbahnhöfen etc., die ich 
so nicht leiden kann. Auch die Eisenbahnschienen wieder, in Wirklidikeit 
neben dem Fluß und audi zuhause. [Siehe das Verbot und die Über- 
tretung: nachts allein auf der Straße.] Als Kind hatte ich direkt Angst- 
zustände (mit etwas 4 — 6 Jahren), da mußte jemand bei mir sitzen und 
mir die Hände halten, sonst konnte ich nicht einschlafen. Es war ein bär- 



1 



166 Die Akzeptierung der Schzuafer 

tiger Mann und ein Tier, wovor ich mich fürditete. Die Welt schien mir 
damals trostlos, ähnlich wie die Stimmung im Vorstadttraum. Damals 
habe ich als Kind noch bei den Eltern geschlafen. Jetzt kommen mir nodi 
andere Angstfälle in den Sinn. So später, wenn der Vater mich gezwungen 
hat, abends das Tor zu schließen, habe ich immer geglaubt, jemand kommt 
hinter mir. Ich habe mich gefürchtet, es kommt jemand und ermordet 
oder vergewaltigt mich. Damals muß ich auch masturbiert haben. Später 
habe ich viel an die weiße Dame gedacht und hatte vor ihr wahnsinnige 
Angst Diese entstand, wenn im Schlafzimmer der Eltern Licht angezündet 
wurde und der Vorhang sich am Fenster spiegelte." m 

Deutung: Der Traum bringt analytisch die hinter ihren Symptomen und ■ 

verdrängten (Masturbation s-) Phantasien geschützte infantile Angst' 
zum Vorschein, die auf die nicht akzeptierte Trennung von der Mutter 
durch den Vater zurückgeht. Diese nunmehr hinter dem Schuldgefühl zum 
Vorschein kommende infantile Angst geht zum Teil aus der Ablehnung 
der Ödipusphantasie = hervor. Es zeigt sich, daß die Angst als Vor- 
stufe des SchuldgefühFs erscheint und ursprünglich aus dem Konflikt 
zwischen Mutteridentifizierung und Mutterbindung stammt. Die Mastur- 
bation dient dann der Abfuhr (Bindung) des durch Sexualisierung der 
Angst entstandenen Schuldgefühls einerseits und der Befriedigung der 
mütterlichen Urlibido andererseits. Die Darstellung als Angst vor jeman- 
dem, der hinter ihr kommt, zeigt deutlich, wie sie die nach ihr kom- 
mende Schwester mit dem Analytiker identifiziert, der sie gleichfalls von 
der Mutter trennt, 

722. Stunde: J 

Akzeptierung der schwangeren Mutter I 

„Heute habe ich auf der Straße an das Essen von Hundekot gedadit. 
Dann an Nagelbeißen oder -Reißen. Abends hatte ich ein scharfes Messer 
auf mich zukommen gesehen, das mich in der Mitte durchschnitten hat." 
[Dabei zeigt Patientin von ihrer Körpermitte in gerader Linie bis über Nase 

1) Verbotene Gasse (Geleise, jemand hinter ihr: betrifft die Schwester, Ana- 
lytiker — Sdiuldgefiihi). 

2) Diese selbst kommt im zweiten Traum in Form der Übertragung (auf 
Max) deutlich zum Ausdruck. Sehr hübsch heftet hier die Patientin ihren eigenen 
inneren Zweife! an ihrer Liebesfähigkeit an den berechtigteren Zweifel an der 
Echtheit der analytischen Libido. 



Akzeptierung der sdtwangeren Matter 167 

und Kopf hinauf (Siehe das „erste Kunststück", Seite 13)]. „Bei früheren 
Operationen war das Schlimmste immer der Hautriss in der Mitte." [In diesen 
Phantasien wechselt das Messer die Bedeutung von Kastrationssymbol und 
Geburtssymbol (Operation) zum Penissymbol, d. h. von der infantilen zur 
Objektlibido, wobei der alte Kinderfehler des Nägelbeißens, der vom 
Fingerlutschen als Mutterersatz abzweigt, als Protest dagegen erscheint], 

Traum: „Eine Elektrische hat darin eine Rolle gespielt. Ich bin in einer 
„großen Gesellschaft mit dem X-Wagen hinausgefahren (es ist die umge- 
„kehrte Riditung wie zu Maxens Eltern). Aus der Gesellschaft kann idi 
„mich nur an meine Mutter erinnern: Sie war fürchterlich dick, wie 
„man manchmal Frauen sieht, ganz übertrieben. Sie hatte kein Mieder, 
„nichts, war sdilampig wie eine Gemüsefrau (jetzt habe ich gedacht: wie 
„eine Klosett wart efrau). Ich habe mich gewundert, da das doch nicht die Art 
„meiner Mutter ist. Ich frage sie: .Bist du müde?' Sie sagt: Ja! Ich; Wenn 
„du nur allein zu mir gekommen wärest, nach Wien, wären wir 
„nur ins Theater gegangen, so aber lernst du das Wiener Leben kennen." 

,,Dort sind wir in ein Haus gekommen, düster, wo eine Kommission 
„irgend etwas hätte gründen sollen, irgend etwas kreieren wollte. Da war 
„ein Mann, ein Jüngling, der hat die Hauptrolle gespielt, der war 
„mir so unsympathisch; der war so philiströs, langweilig wie ein Vor- 
„kämpfer für die Abstinenz. Ich bin selbst ausgetreten und dann 
„weggeblieben, weil die Leute ohne Temperament waren, ohne Schwung, 
„Beseelt von allem Guten und Edlen, aber das Herz ist nicht dabei. 
„Das war in diesem Haus, da gingen so versdiiedene Gänge, man wußte 
„nicht, in welchem Zimmer man bleiben sollte, so ein verlassenes Wiener 
„Haus. Ich habe nicht eingesehen, warum man da war." 

,,Auf einmal war ich in einem Garten, in einem viereckigen Hof, der 
„abgesdilossen lag. Was da war, weiß idi nicht. Ein kleiner Balkon an 
„der Fassade, nach und nach hat man Licht angezündet. Auf einem Balkon 
„saß eine alte, dicke Frau (nicht meine Mutter). Dann mußte man 
„sie hereinschaffen beim Anzünden der Lichter. Ich habe sie bedauert, 
„Ich kann wenigstens im Garten sein, sie hat nur den Balkon, um darauf 
„zu sitzen. Dann sind wir oacäihause gefahren." 

„Aber noch etwas war: Ein Ladentisch und eine Wage darauf. Da mußte 
„dieser Jüngling auf einmal ein Ladendiener sein. Jetzt habe ich: an Blumen 
„gedacht, aber die haben mit dem Traum gar nichts zu tun." 



168 Die Akzeptierung der Schwester 



Assoziationen: „Die Elektrische im Traum fährt wieder in diese öden 
Vorstädte. Dort ist der Friedhof, das Schlachthaus [siehe Messer etc.]. 
Die Analyse hat gar nidits genützt. Jetzt habe ich alles verloren! Ich kanr 
gar nicht verstehen, daß ich je werde heiraten können {ich komme mir 
dabei wie ein ßackfiscb vor). Aber ich dachte, diesmal bin ich nicht schuld. 
Die Gründung im Traum erinnert midi an das Stück .Wienerinnen', 
das ich gestern im Theater gesehen habe; dort wollen junge Damen einen 
Salon gründen. Im Stüdc wurde auch gelegentlich gesagt, die Wienerinnen 
haben zu wenig Herz." 

Deutung: Der Traum bringt die Enttäuschung (Versagung) ihrer Libido 
in der aktuellen analytischen Situation ' zum Ausdruck und versucht 
daher die weibHche Rolle, d. h. die Identifizierung mit der Mutter abzu- 
lehnen: Muttersein heißt, eine alte didce Frau werden! 

Im Fortgang der Auflösung der Übertragung wird der Analytiker 
(Mann) weiter entwertet: er spielt nur eine Rolle, predigt Abstinenz, hat 
kein Temperament, „das Herz ist nicht dabei". Doch auch hier zeigt sich 
wieder, daß die Patientin diese analytische Situation zur Projektion ihrer 
eigenen Liebesunfähigkeit verwendet, denn sie ist mit den Wienerinnen 
identifiziert, die zu wenig Herz haben. 

Nach Aufklärung der analytischen Bedeutung des Traumes' bringt 
Patientin einen Nachtrag, der wieder eine Verteidigung der Analyse gegen 
die Mutter enthält, ja sogar eine Überschätzung derselben im Sinne der 
Übertragung, da sich herausstellt, daß die Sehenswürdigkeiten, die sie der 
Mutter in Wien zeigen will, die Analyse selbst ist. Das heißt mit anderen 
Worten, ihr Schuldbewußtsein wegen der in der Übertragung manifestierten 
Ödipuslibido will sich von der Mutter die Sanktion zur Fortsetzung der 
Analyse {im libidinosen Sinne) holen. Im Sinne dieser Aufidärung ist der 
folgende Nachtrag zum Traum leicht verständlidi : 

Nachtrag: „Mama war unzufrieden, daß wir hinausfuhren; idi habe ihr 
„gesagt, schließlich weiß man doch, was man mit der Zeit anfangen soll (es war 

1) Ihre Enttäuschung kommt sehr hübsch in einer schon außeriialb des 
Traumes fallenden Assoziation zum Vorschein, in der es heißt, die Blumen 
haben mit dem Traum, gar nidits zu tun. In Parenthese ist natürlich hinzuzu- 
fügen: Leider, d. h. sie bekommt keine. 

2) Diese richtet sidi audi gegen das alte düstere Haus, weldies die (mit ihr) 
schwangere Mutter und zugleich die analytisdie Situation darstellt. Patientin kann 
nidit mehr einsehen, was man da zu sudien hat. 



Kritischer Epilog 159 



„aber nicht mein freier Wille, hinauszukommen). Schließlich lernt man 
„da Sachen kennen, die wir allein, auf uns angewiesen, nicht kennen 
„gelernt hätten." 

Neben der Verteidigung der Analyse, die gegen die Mutter gerichtet 
sein soll, kommt darin auch das Dankbarkeits-{schuld-)gefühl gegen die 
Mutter und den Analytiker zum Ausdruck und die Reaktion dagegen, 
welche die Entwertung der Analyse bezweckt, weil sie ihr eben keine volle 
Befriedigung geboten hat {es war nur ein Zeitvertreib). 

123. Stunde: 
Kritischer Epilog 

Traum: „Ich habe geträumt vom Professor Freud, der im Vorder- 
„grund stand. Ich weiß nicht, ob ich zuhause oder in Wien war. Ich bin 
„nachhause zurückgekehrt, aber nur vorübergehend, nur für acht Tage. 
„Habe von Wien erzählt. Warum ich nachhause gefahren bin, weiß ich 
„nicht mehr. Davon weiß idi nur noch, daß ich erzählte, wie merkwürdig 
„es da ist, daß Leute, die früher dazu gehörten, jetzt auch Ausländer 
„sind (z, B. ItaHener, Tschechen, jugoslaven etc.). Die Schwester hat 
„gesagt, das ist merkwürdig. Ich sage, das kann man sich nicht vor- 
„stellen, wenn man es nicht mitgemacht hat," 

„Dann war es in Wien, in einem großen Park, und wir haben Pro- 
„fessor Freud beherbergt. Einmal war es so und einmal kommt es mir 
„so vor, als sei meine Mutter in Wien zu Besuch gewesen. Dann sind wir 
„im Park spazieren gewesen. Er war riesengroß, ein englischer Park, keine 
„Blumen, Wald und Bäume und eine riesige Wiese; kein Park mehr, 
„sondern freie Natur. Professor Freud und drei seiner Jünger waren 
„auch dabei. Dann haben wir den Professor und seine Begleiter durch 
„den Park geführt. Ich habe gefürchtet, er wird sich langweilen, man 
„muß etwas madien, damit er sidi nicht langweilt. Meine Schwester 
„und der Schwager waren auch dabei (ob Vater und Mutter weiß ich nicht). 
„Meine Schwester hat einen Kinderwagen geschoben. Auf ein- 
„mal gibt jemand dem Kinderwagen einen fürchterÜdien Pumm und er 
„rast herunter wie ein Auto (der Weg yaf gewölbt, wie es oft bei 
„Brücken der Fall ist). Immer rasender ging es und ich habe gedacht, es 
„fliegt um. Und richtig! Wir haben das Kind auflesen wollen, da sagt 
„meine Schwester, das ist ja eine Puppe, kein wirkliches Kind. 



1?Q Die Akzep tierung der Sdiwester 

„Da habe ich gedacht, dieser Betrug madit einen schlechten Eindrudt 
„auf den Professor, daß man nicht gesagt hat, es ist kein richtiges Kind!" 
„Später war ich mit der Mutter in Wien. Ich sagte: Weil ihr nur noch 
„zwei Tage hier seid, sollt ihr etwas sehen. Sie hat aber gesagt, sie hat 
, .Kopfweh. Ich sagte, das ist immer so (es war auch immer so und ich 
„erklärte ihr, daß sie es immer Sonntag hatte. Das war analytisch, sagte 
„ich im Traum). Sie sagt, sie müßte in das Schuhgeschäft gehen (wo die 
„Schuhe repariert werden; das war aber ein Konkurrent des andern 
„Sdiuhmachers, zu dem ich nie gehen wollte). Und ich sagte, gehen wir wieder 
„hinaus." 

Die Entstehung der Menschen 

(..Wie gewähnlich bin ich um 7 Uhr erwacht, da icli fürchtete zu ver- 
„schlafen und bin dann wieder eingeschlafen. Ich habe dann merkwürdig 
„geträumt"). 

„Wieder Professor Freild mit seinen Schülern. Ein ßild ist rrgend- 
„wo gehangen, Öl oder Aquarell oder wie heißt das — ich habe das 
„schon früher nidit gewußt — ja, Radierung: Warum habe ich das 
„nicht gewußt? Das Bild hat zwei Seiten gehabt, die Rückseite vom Bild 
„war auch bemalt. Dann hat es wie ein Kinematograph zu leben 
„angefangen. Zuerst die erste Seite, die weiß ich aber nicht mehr. Auf 
„der zweiten Seite waren vier Paare, vier Söhne eigentiidi. Vom ersten 
„Sohn sind zwei Kinder gewesen, ein Jüngling und ich. Die Erklärung 
„war etwa so; Die Entstehung der Menschen (ich weiß nicht, ob 
„jemand das bekannt machte, erklärte oder ob man es gesehen hat). Es 
„war ein Baum (ein Stammbaum) wie im Paradiesgarten. Von diesem 
„Baum kam ein Jüngling, das war der Sohn. Oder kam zuerst die Tochter? 
„Die war so schön, wie überhaupt keine Frau. Die schönste, die man 
„noch je gesehen hat, von einer wunderbaren Schönheit. Nachher ist der 
„Sohn auch vom Baum heruntergestiegen. Der hatte noch dazu eine 
„wunderbare Begabung für Noten und Musik, ein Genie! Die Beiden 
„waren nackt. Dann kommen die anderen, von den andern drei Brüdern, 
„die auf der andern Seite behandelt waren. Es waren eigentlich vier 
„Brüder, die Kinder bekommen haben. Aber nur vom ersten Bruder die 
„Kinder habe ich gesehen (vielleicht bin ich da geweckt worden)." 

„Vorher audi etwas wie eine Kinematographie, nicht ein Bild: Ein 
„Sofa in einem Salon, das mit der Lehne dorthin stand und hinter dem 
„Sofa hatte man durch einen Ausschnitt (wo hier die Tür ist) Aussidit 



Die Ensiehung der Menschen 171 

„in ein Zimmer. Dort sah man ein Tänzerpaar. Der Mann hat sich in 
„eine Frau verwandelt. Man konnte da nidit richtig sitzen, sondern 
„schräg (um das Bild über dem Sola zu sehen) und es waren noch mehr 
„Sofas. Ich bin in der Mitte gestanden, in dem Salon waren auch Pro- 
„fessor Freud und seine Schüler und im selben Zimmer war audi das 
„Porträt, das zu leben angefangen hat," 

Assoziationen: „Im Konzerthaus ein Musikgenie gehört, einen Ausländer 
aus meiner Heimat, empfand patriotischen Stolz. Dann spielte er noch ein 
Lied, das ich einmal früher mit Arthur vierhändig gespielt hatte. Ich 
hatte das Gefühl, daß mich Max lieber hat als ich glaube." 

,, Heilte habe ich gedacht, ich brauche nicht in die Analyse zu kommen. 
Ich bin auch sehr kritisch mit den Assoziationen, es muß etwas Passen- 
des sein. Die Elektrische des gestrigen Traumes, der Wagen, der in der 
entgegengesetzten Richtung; fährt. Auch im heutigen Traum kommt etwas 
Entgegengesetztes vor. Ich weiß aber nicht was. Ich habe an das 
Wort „Umkehrung" gedacht, die gibts doch: in der Musik (Umkehrung 
des Themas), in der Chemie, bei einer Gleichung (die sich aufhebt) und 
auch in der Analyse; die Umkehrung des Ödipuskomplexes und die Ver- 
wandlung in ein Weib." 

Diese „Umkehrung" (die auch in der Umkehrung des Sofas zum 
Ausdruck kommt) gibt abermals ihrer libidinosen Enttäuschung Ausdruck 
und ihrem Wunsch, es möge doch umgekehrt sein. Andererseits be- 
stätigt der Traum in der analytischen Schichte, daß das Unbewußte 
die Umkehrung ihres Ödipuskomplexes, d. h. die Identifizierung mit der 
Mutter akzeptiert hat. Natürlich fällt die Libido nun wieder in das andere 
Extrem, wenn Patientin zu den zwei Kindern bemerkt: sie waren Sohn 
und Tochter und doch ein Liebespaar (siehe Walkürenmotiv; auch Vater- 
Tochter). 

„Im Traum waren es Menschen mit Schlangenleibern. Dazu fallen mir 
Affen ein, die auf den Baum klettern. Durch die Analyse hat das Tier- 
hafte, Triebhafte nichts Abschredcendes mehr. Im Traum hat es mir sehr 
gut gefallen. Es waren so schöne Menschen. Der Großvater hat mir immer 
Stammbäume gezeigt und ich habe mich dafür interessiert. Mein Vater 
hat auch drei Geschwister (also zusammen vier). Ich wollte mich für 
unsern Familien stamm bäum noch weiter interessieren, es ist aber immer 
nur beim Wunsch geblieben, ich habe mich damit nicht recht beschäftigt. 



172 Die Akzeptierung der Schuiesier 

nidits dazugetan. Nodi mit der Großmutter habe ich mich darüber unter- 
halten, sie sollte mir von früheren Zeiten erzählen. Die vier Punkte sind 
vier Männer. Der Großvater (väterlicherseits) hatte noch drei Brüder (zu- 
sammen also vier Männer)." 

Deutung: Es ist klar, daß die Patientin im Traum Freud und seine 
drei Schüler in ihren Familienstammbaum einsetzt. Das Ganze ist eine 
Darstellung der Übertragung (ein belebtes Büd, aber doch nur ein Bild) 
und bringt sozusagen einen kritischen Epilog zur Analyse: Die 
Patientin stellt das Kind vom Vater (Stammbaum), das sie nicht bekommen 
kann, dem wirklichen Kind der (graviden) Schwester gegenüber und 
beklagt sich bei Professor Freud, (sc. über dessen Schüler), daß er sie um 
dieses Kind betrogen habe, ihr nicht gleich die Wahrheit sagte, daß es 
kein riditiges Kind in der Analyse gebe. Zur Darstellung dieser analytischen 
Übertragung und Enttäuschung verwendet die Patientin ein gar nidit 
existierendes Kind ihrer Schwester, was im Zusammenhang mit der Lösung 
ihres Schwester-Komplexes sich auf die Schwester als Kind bezieht, die 
durch den Stoii des Kinderwagens (Geburt) getötet wird, so daß im 
Stammbaum keine Mädchen außer der Patientin selbst vorkommen. 
Patientin projiziert also in Identifizierung ihrer Familie mit der analytischen 
Familie den ganzen Vorgang in die vorige Generation und auf diese 
Weise wird schließlich die paradiesische Urzeit ihres ünjeborenseins doch 
irgendwie ermöglicht. Dabei gelingt der Patientin eine bemerkenswerte 
Sublimierung ihrer gesamten Ellern- bezw. Übertragungslibido, indem sie 
Professor Freud als geistigen Vater (der Analyse) hinstellt und sich als 
das geistige Kind (Heilung), auf Grund dessen sie auf das inzestuöse Kind 
verzichten kann, Sie selbst ist nunmehr das geistig-wied ergeborene Kind, 
als weldies sie sich dem (geistigen) Vater neu schenkt. Man sieht hier, 
wie sie ihre sdiönen (Paradies-) Phantasien nunmehr analytisch zu sub- 
limieren imstande ist. Dieser Deutung fügt Patientin hinzu; „Ich würde 
mich nicht wundern, wenn ich eine eingebildete Schwangerschaft hätte," 
Worauf ich ihr nochmals erkläre, daß sie ja gerade davon geträumt hatte. 
Nur bezieht sich diese eingebildete Schwangerschaft letzten Endes auf die 
ihrer Mutter, bevor Patientin geboren war.' 



]) Patientin verwendet zu dieser Darstellung- die reale Situation in meinem 
Behandlungszimmer, wo über dem Sofa eine Radierung' von Professor Freud 
hängt, flankiert von vier Photo oraphien seiner Schüler. 



Die Wiedergeburt als jüngere Sckmesier 



173 



124. Stunde: 
Die Wiedergeburt als jüngere Schwester 

Patientin klagt über ihr Befinden und die „Komplexe", die sie jetzt 
plagen. [Die Analyse als Zwang.] „Gestern nach der Stunde hatte ich 
das Gefühl, als ob mir ein Penis im Halse oder im Rachen sitzen würde. 
Ich bemerkte auch wieder Blut in der Wäsche, habe aber sonst nichts gespürt. 
Im Bette hatte ich den Wunsch zu masturbieren, konnte es aber nicht tun, 
aus Schuldgefühl. Ich dachte, wenn ichs mache, wird wieder Blut kommen," 

Traum; „Zwei Betten, die beieinander standen, aber sie waren sehr 
„hoch (wie das Auto damals im Traum [siehe S. 131]) und daneben stand 
„das Nachtkastei auf einer Seite {nicht dazwischen). Es war wahnsinnig 
„hoch, so hoch wie ein Haus. Darauf ist mein Vater, meine Mutter und 
„ich gesessen, eigentlich oben gehockt. Idx hatte die Füße auf das 
„Nachtkastei gestellt, ich hatte Angst herunterzufallen und habe mit 
„dem Fuß getastet, ob es hält. Dann war etwas IVlerk würdiges, ich kann 
„es nicht richtig sagen, ich habe braune Schuhe angehabt (dieselben, die 
„mich so gedrückt haben). Dann habe ich gesagt, ich kann nicht im S»iiuh 
„auftreten, habe ihn halb ausgezogen und sage zur Mutter, sie soll 
„ihn mir ganz ausziehen. Das tut sie und da fließt Kaffee heraus — 
„er war gefüllt mit Kaffee." 

„Dann hat man auf meine Schwester gewartet, man hat ab- 
„reisen wollen. Ich hatte eine wahnsinnige Wut auf die Schwester. 
„Sie hätte in die Stadt fahren sollen wegen ihrer Aussteuer; es hat ge- 
„ heißen, sie muß nodi ihrem Bräutigam tele phonieren, idi habe mich 
„geärgert; sie hätte ja früher fahren können, nicht in der letzten 
„Minute, daß man versäumt. Die Mutter hat mich beruhigt und weiter 
,,geführt(?). In die Welt hinaus. Dort (auf der andern' Seite des Bettes) 
,,ist es in die Welt hinausgegangen, flach, so daß sie mich hat 
„weiter führen können. Der Abgrund war nur auf einer Seite, wo ich war." 
[Auf meine Frage: Wie? sagt sie]; „Das ist ohne Unterbrechung 
„in die Welt weitergegangen; nur auf einer Seite so schroff 
„abwärts und ich hatte Angst, daß ich herunterfalle." 

Ein anderes Stüdc Traum: „Mit einer Freundin aus der Volksschule 
„(die schon gestorben ist) habe ich eine Bergtour gemacht. Ich bin 
„geklettert, u. zw. eine Seite hinaufgestiegen an einer ziemlich steilen Berg- 
„wand oder Wiese, so ein Rain. Sie war vor mir und ich bin ihr nach." 



174 Die Akzeptierung der Schwester 

„Jetzt kommt mir plötzlich in den Sinn, daß ich auch von dem frühem 
„Bräutigam meiner Freundin Elsa geträumt habe. Er ist in meine Heimat 
„gefahren, in den Militärdienst. Im Traum kam mir vor, als wäre er 
„schon wieder da, ich dadite, bloß acht Tage haben sie ihn be- 
„halten {und dann zurückgeschickt). Wie mein Bräutigam, dachte ich. 
„Jetzt hätte es sich gut geschickt, wenn er einige Wochen im Militärdienst 
„wäre. Jetzt köonen sie ihn aber wieder nicht brauchen." 

Assoziationen: „Das Bett war nur zum Sitzen, ähnliches habe ich schon 
geträumt {siehe den Traum von den zwei Bursdien mit der Dirne im 
Hotel Seite 63). Wie bei Studenten, wo das Bett bei Tag als Sofa dient 
Gestern ging es mir schledit, ich hatte auch das Gefühl von einem Penis 
im Bauche. Sie können ss^en was Sie wollen, er ist dodi nodi da!" 

Deutung: Ich erkläre ihr dies als Widerstand, indem ich ihr die weib- 
lichen Züge des Traumes zeige (elterliche Ehebetten, Ödipusphantasie, 
Eifersucht auf die Schwester etc.). Ihr bewußter Widerstand dedte nur 
die unbewußte Akzeptierung der weiblichen Rolle. Anschließend an die 
Eifersucht auf die Schwester, hinter der der infantile Haß gegen das 
nach ihr in der Mutter gewesene Kind stedct, erklärt Patientin die Kaffee- 
szene des Traumes: sie hätte von der Mutter Kaffee geschickt bekommen 
und daran versdiiedenes auszusetzen gehabt. Sie benutze jede Gelegenheit, 
um die Mutter zu kritisieren. Im Traum ist die Mutter schuld, daß ihr 
Schuh voll Kaffee ist. „Die Mutter ist schuld, {daß die Sdiwester kam) 
nicht ich bin schuld"; diese Alternative stellt ein Stück der Auflosung 
ihres neurotischen Schuldgefühls dar. 

Es ist besonders charakteristisch für diesen Traum, der einen Typus 
darstellt {Akzeptierungsträume), daß die Patientin in der manifesten 
Traum erzählung an verschiedenen Stellen den Gegensatz ihrer jetzigen zu 
ihrer früheren unbewußten Einstellung hervorhebt. Ich habe einzelne von 
diesen Stellen in Klammer gesetzt z. B. Nachtkastei an der Seite, nidit 
dazwischen wie früher, oder braune Schuhe an — die mich früher so 
gedrückt haben. Dieser Gegensatz entspricht dem analytischen Fortschritt 
von der Mutterbindung {bewußt: Männlichkeitstendenz) zur Mutteridenti- 
fizierung {Weiblichkeit). Ähnlich erklärt Patientin die Szenerie der Berg- 
tour als dieselbe Stelle, wo sie früher geschüttelt hat. Jetzt klettert die 
tote (d. h. zur Mutter zurückgekehrte) Freundin, welche die Sdiwester 
vertritt, vor ihr hinauf und die Patientin folgt ihr nach, ist also die 



Die Wiedergeburt als jüngere Sdmiesier 



175 



Jünjstgeborene. In diesem speziellen Sinti, der Wiedergeburt als jüngere 
Schwester statt als Bub liegt der wesentlichste Fortschritt dieses typi- 
schen Geburtstraumes; oben gehockt, Angst zu fallen, halb herausgezogen, 
Mutter vollendet es — {Geburtswasser kommt heraus — Milcli — Kaffee) 
und führt sie in die Welt hinaus, die ganz riditig jenseits des elterlidien 
Bettes, in dem man geboren wurde, beginnt. Nach ihrer Geburt wartet 
man auf die Schwester, die hätte früher, d. h, vor ihr kommen sollen. 
Im andern Traumstück kommt Patientin hinter der verstorbenen also 
bereits „zurückgekehrten" Freundin nach. Auch den Bräutigam, mit dem 
sie sich identifiziert (männliches Eindringen in die Mutter) hat man nach 
acht Tagen wieder zurückgeschickt (im Traum S. 168 und 173 war Patientin 
selbst nur 8 Tage zuhause = acht Monate.) ^ 

Die beiden letzten Traumstücke, die Patientin auch gesondert von den 
übrigen einfallen, zeigen die Wiederbelebung ihres primären Mutter- 
Konflikts aus der analytischen Situation heraus, Patientin geht hinter 
ihrer Sdiulfreundin, die gleichsam als Führer fungiert, in ähnlicher Weise 
wie sie im ersten Traumstück neben dem Abgrund hin in die Welt geführt 
wird. Hier ist die bereits aufgezeigte Identifizierung des Analytikers mit 
der Mutter bezw. Schwester wieder greifbar. Darin liegt ihr analytischer 
Konflikt zutage, das Schwanken zwischen Ungeduld^ und Verlängerung 
der Libidosituation, die analytisch aufgelost werden soll. 

Während in den Anfangsträumen (jeder Analyse) die Misdigebilde 
(Personen, Orte etc.) auf die beginnende Übertragung alter Affekte auf 
die neue Situation hinweisen, ist in den (jetzigen) Endträumen die Ver- 
mischung der hiesigen und der heimatlichen Örtlichkeitea (siehe z. B. die 
phantasierten Reisen der Patientin oder des Analytikers in ihre Heimat, 
die Besuche ihrer Mutter in Wien) ein Zeidien für die Entwöhnung von 
der analytischen Libido -Fixierung, der Losung der Übertragung, indem 
die neuen Affekte wieder mit den alten Situationen verbunden werden. 



1) Zur SchulkoUeg-in, die vor ihr auf der Leiter geht, assoziiert Patientin 
zuerst den Traum, wo ein Mann auf dem Nachhausewege sie verfolgte. Dann, 
daß diese Freundin ihr selbst sehr ähnlich war, daß sie sie aber haßte, weil 
sie sie immer in ihren Bubenliehsdiaften gestört hatte, „Ich habe sie verwünsdit." 
Hier wird der dahinter wirkende zwang-smäßige Todeswunsrfi und der ganze 
dazu gehörige neurotische Konflikt inbezug auf die Mutter klar. 

2) Auch die Freundin auf der Leiter geht ihr viel zu langsam im Traum. 



Die Entwöhnungsphase 

» 

125. Stunde: 
Der Mann als Ersatz der Mutler 

„Idi bin heute in Wut, alles Möglidie hat mich geärgert, alles kommt 
mir schmutzig vor, die ganze Stadt, besonders Ihre Gasse. Ich habe ge- 
dacht, vielleicht ist das der Haß gegen die Mutler [auf den Analytiker 
geschoben], irgend etwas ist noch nicht in Ordnung, nicht psychisdi, 
sondern an den Geschlechtsteilen (der Fluor, das Blut etc.). Ich habe von 
Max geträumt und bin mit dem Gefühl erwacht, es nützt doch alles 
nichts. In der Nacht bin idi erwadit und habe gedacht, er kommt nur, 
um mir zu sajen, daß er mich nicht liebt [Libido versagung]." 

Traum: „Ich habe geträumt von einem Lokal, keinem eigentlichen Ball- 
„lokal, aber man hat dort getanzt. Max hat mich geküßt und lieb gehabt. 
„Wir haben einen Platz gesucht, wo wir allein sind, aber es war jemand 
„da. Er sagt, dort in der Nische wird es schon gehen. Aber gleich sehe 
„ich, da ist ein Kellner, der sitzt in der Nische so zwischen den 
„Blättern. Ich habe gewartet und mich nicht getraut zu sagen, daß 
„jemand da ist, (Ich hatte schon einmal so einen Traum, er solle mich 
„nur anschauen, daß ich ihm irgendwie bedeuten könnte, daß jemand da 
„ist.)' Das hatte er nicht getan; erst nach einiger Zeit hat er es gesehen 
„und gesagt, jetzt bin ich wieder nicht allein. Dann war ich im Kaffee 



1) Es war dies der niAt notierte, aber bereits Seite 22 erwähnte Traum 
von den vier ang'eliundenen GaJeerensträf üniren, die Patientin retten 
wollte ; sie wollte einem von ihnen, unbemerkt vom Aufscher, einen Wink geben, 
doch sdiaute sie der betreffende Mann nicht an. Es hat sich in diesem Traum 
um die Umkehmnir der analytisdien Situation, d. h. also um eine Vateridenti- 
fizierung mit dem heroischen Motiv der Vaterrettung durch Eindringen in die 
Mutter gehandelt. 



Der Mann als Ersatz der Mutter 177 



„mit N. und Max kommt herein und setzt sich an einen Tisch. Idi dachte, 
„wenn er mich nur sehen würde! Ich habe ihn immer sehen können. Aber 
„da ist auch immer jemand dazwischen gestanden. Ein Kellner. Max hat 
„Zeitung gelesen und mich nicht bemerkt. Ich erwachte mit einem un- 
., befriedigenden Gefühl, als ob etwas nicht in Ordnung wäre." 

Assoziatiomn: Der Kellner; vor dem braucht man sidi nicht zu ge- 
nieren. Dazu erklärt Patientin: „Vor ihm erschienen im Traum andere Leute, 
die uns störten, Bekannte, Freundinnen etc., aber beim Kellner haben 
wir uns dodi niedergesetzt (d. h. nicht geniert)." 

^ Deutung: Der Traum ist Ausdruck ihres auf den Analytiker transpo- 
nierten Schuldgefühls und des Bestrebens, es durch vorwurfsfreie Akzep- 
tierung der weiblichen Rolle (Mutteridentifizierung) zu überwinden.' Der 
Analytiker erscheint in seiner doppehen Vaterposition: Als Objekt der 
Libido in der Person von Max und als Hindernis der Libidobefriedigung 
in der Person des störenden Kellners, der die entwertete Männlichkeit 
repräsentiert; anderseits regelmäßig (z. ß. auch bei Homosexuellen) mütter- 
liche Bedeutung hat, da er Essen bringt. Das Zeitunglesen ist, wie be- 
kannt, das typische Symbol der versagten Valerlibido und zeigt, daß das 
im Traum dominierende Schuldgefühl an das infantile Geheimnis mit dem 
Vater geheftet ist. Im Traum dachte Patientin: Küssen kann man sich 
doch (wie in ihrem früheren Verandatraum siehe Seite 138), was letzten 
Endes dem alten Stück Mutterbindung auch im Vaterverhältnis entspricht 
und so ihr Schuldgefühl entlasten soll. 

126. Stande: 
Versöhnung mit der Mutter 

Traum: „Samstag nachts habe ich von einem Penis gelräumt, von einem 
„Mann. Er ist irgendwo am Boden gelegen, in einem großen Gedränge 
„und die Leute haben mich auf ihn hingestoßen. Und es kam so, daß ich 
„mit meiner Hand seinen Penis berühren mußte. Ich bin zurückgefahren 
„und habe mich freimachen wollen. Dann war es sdion zu Ende." 



1) (Weitere Assoiiaiion: Meine Freundin Elsa und ihr Verlobter genieren 
sich nidit vor mir; sie scheint kein Sdiuidgefühl zu haben. Max hat mir auA 
Sresag-l, ich soll nidit erschrecken, es macht ja gar nidits, wenn jemand herem- 
kommt.) 

Rank, NeurDMnsnalyiE 12 



178 Die Enlwöhmingspkase 



„Gestern (Sonntag) träumte idi von einem Zimmer in der Pension. 
„Da war eine ganze Gesellschaft (adi, ich mag das Ganze nicht erzählen) 
„am Tisch versammelt. Und da war ein Mäddien — niclit das mich immer 
„bedient — die icommt heran und sagt, die Damen haben erklärt, wenn 
„idi sciion das Elektrische benütze — (wir haben uns nämlich in der 
„Pension Kontakte für Bügeleisen und Kocher verschafft und meine 
„Freundin sagle, es freut sie doppelt, weil man das nicht tun darf, 
„es ist nicht erlaubt). Im Traum hat mir die Dame aber selbst einen 
„Rost geschickt (zum Aufstellen des Bügeleisens) und ich habe gedacht, 
„jetzt kann ich mit gutem Gewissen das machen. Die Damen 
„haben gesagt, wenn wir schon einen Elektrisdien {nämlich Kocher) 
„brauchen, dann kann sie sich auch erlauben, eine Tasse mitzutrinken. 
„Dann ist sie auch sdion dagesessen; ich habe das so merkwürdig ge- 
„funden, weil eine Gesellschaft da war." 

Deutung: Der Traum bringt wieder ein Stück Entlastung vom Schuld- 
gefühl, indem das Geheimnis und das Verbot aufgehoben wird. Das Ge- 
heimnis, indem es sich in beiden Träumen um dessen Darstellung durch 
eine große Menschenmenge handelt'), das Verbot, in dem die Mutter- 
figur selbst die Erlaubnis dazu gibt. Das Bügeln wird in typischer Weise 
als Symbol der Masturbation verwendet (Reiben, Drücken), während es 
zu gleitiier Zeit der Dreischichtigkeit der Genitalbeschädigung entspricht: 
Koitus (hin- und herfahren), Kastration, (glatt machen, Unebenheiten be- 
seitigen). Zum ersten Traum bringt sie Assoziationen von Penisberührungen, 
die sie unter einem hypnotischen Zwang, gleichsam gegen ihren Willen, 
vorgenommen haben will. Es ist klar, daß es sich dabei um einen vom 
Unbewußten ausgehenden Zwang im Sione des MännÜchkeitswunsches 
handelte, während der heutige Traum die heterosexuelle, feminine Ein- 
steilung zum männlichen Genitale andeutet. Diese Einstellung zeigt sich 
auch darin deutlich, daß die Patientin nunmehr ihr Schuldgefühl nicht 
bloß als Folge der Masturbation darstellt, sondern sie speziell auf Be- 

1) Daß das „Geheimnis" im Traum typisch erweise durch das Gegenteil, die 
große Menschenmenge dargestellt wird, hat seinen Grund darin, daß das Unbe- 
wußte, wie es nach Freud kein „Nein" und keine „Zeit" kennt, so auch für 
den Begriff Geheimnis kein Aus drucks mittel hat, weil der Begriff selbst etwas 
„nicht zu Wissendes" (Unbewußtes) beinhaltet. Des Unbewußte ist somsag-en 
selbst ein Geheimnis und sdieint daher außerstande, dieses negative Wesen 
seiner selbst auch nur funktional darzustellen. 



Versöhnung mit der Mutter 



179 



Schädigungen des Uterus beschränkt mit der Motivierung, sie werde keine 
Kinder bekommen. Dies beruht aber auf dem Geburtstrauma, aus dessen 
Angst Überwindung ja das Schuldgefühl letzten Endes resultiert,' 

127. Stunde: 
Der erste Genesungstraum 

Traum; „Meine Träume werden immer undeutlicher oder ich 
„vergesse sie. Heute Nadit habe ich geträumt, es ist jemand ge- 
„storben, ich weiß nidit wer. Es war ein Mann, u. zw. mein Geliebter, 
„Ich habe gesagt, ja — ich habe geweint, fürchterlich. Meine Mutter 
„hat gesagt, du mußt dich trösten, da kann man nichts machen. Es war 
„mir aber gar nicht so schrecklich, der Affekt war nicht so 
„echt, aber es war das Liebste, was idi gehabt hatte und da mußte ich 
„doch so tun. Heute morgen habe ich gedacht: es war nicht der Vater 
„als Vater, sondern als Liebesobjekt oder Max; aber das ist doch dasselbe." 

„Weiter habe ich etwas Merkwürdiges gelräumt. Ich habe dodi jetzt 
„immer mit der Nase zu tun. Im Traum habe ich entdeckt, daß ich mir 
„selbst in die Nase sdiauen könnte. Als könnte ich den Blick hinein- 
„verlegen [dabei zeigt sie auf die Oberlippe] und mir in beide Nasen- 
„loeher zu schauen. Sie waren ganz ausgehöhlt — nichts darin — 
„keine Nasenmuscheln, nur an einer Stelle ein roter Punkt wie ein 
„wunder Fleck. Dann mußte ich etwas anderes machen und habe ge- 
„dacht, ich kann ja später nadischauen, weil ich es doch sdion heraus- 
„gefunden habe. Dann habe ich es aber nicht mehr getan." 

„Dann mußte ich in den Kon firm ationsunterridit gehen. Es war als 
„hätte ich lange Zeit nidit hingehen können, als hätte ich schon einige 
„Monate keinen Unterricht gehabt, weil ich krank war. Im Traum 
„ging ich zum erstenmal wieder hin. Es war in S., auf der Straße, die 
„vom Pfarrhaus zum Bahnhof führt, bin ich gegangen; es hat geregnet. 
„Dann bin idi zum Religionsunterricht gekommen. Ich sehe den Pfarrer 
„(aber nicht den damaligen, der schon tot ist, sondern den jetzigen, den 
„ich auch kenne). In diesem Religionsunterricht sitzt der Pfarrer schwarz 
„gekleidet in der Vorhalle (eine Art Vorzimmerchen). Ich habe keine 



1) Sie erklart audi, daß sie bei der Menstruation immer an das Kinder- 
krieg-en gedacht habe, da die Mutter ol^ers geäußert hatte, die Schmerzen bei 
der Geburt seien gar nidits gegen die Menstniationsschm erzen. 

12* 



180 Die Entwöknungsphase 



„Notiz von ihm genommen, sondern bin in das Zimmer gegangen, wo 
„ein bekannter Lehrer war. Er sagt; ,Wir müssen ins Vorzimmer gehen, 
„um dich dem Pfarrer vorzustellen. So, jetzt bringe deine Klagen 
„vor", (Ich sollte erklären, warum ich nicht da war). ,In der ersten Zeit 
„hatte ich Scharladi.' — ,Aber vorher? — das hat doch nicht so lange 
„gedauert?' — Ich dachte, jetzt muß ich lügen. Aber was ich ihm 
„sagen wollte, weiß ich nidit. Dann sage ich; ,Es war Grippe', weil mir 
„nichts anderes eingefallen ist. .Beim Scharlach', sagt der Pfarrer, 
„muß man ja einen Tag vorher aufstehen' (um zu sehen, ob man fieber- 
„frei ist). Der andere sagt, zwei Tage, und ich sage: ,Ja, zwei Tage.' Wie 
„ich dann schließlich im Religionsunterricht war, da hätten die drei 
„Mädchen sich anziehen sollen, ich auch, ich war aber schon angekleidet; 
„aber mit ihnen ging das nicht vorwärts, (Ich habe auch keine 
„anderen Kinder gesehen, als diese drei Mädchen.) Ich möchte sagen, ich 
„hatte Schuldgefühl dem Lehrer gegenüber, aber das kann ich 
„unmögUch sagen, warum ich nicht gekommen bin. Vielleicht hatte es 
„etwas mit diesem Tod' zu tun," 

Deutung: Der Traum bringt dieselbe Situation, .wie ihr großer analytischer 
Sublimierungstraum (s. S. 168), in welchem sie sich bei Professor Freud 
über mich beklagt hatte, daß ich (bezw. der Vater) sie libidinos enttäuscht 
hätte (kein echtes Kind). Im Traum beklagt sie sich beim Lehrer über 
den Pfarrer, d, h.das Schuldgefühl verhindert sie, dies zu tun: sie soll 
sich im Gegenteil rechtfertigen, warum sie so lange nicht da war. 
Es erscheint hier die Situation ebenso ins Gegenteil verkehrt, wie die 
Voraussetzung dieser ganzen Traumszene, daß sie nämlich einige Mo- 
nate keinen Unterricht hatte, weil sie krank war. In WirkUdikeit 
hatte sie einige Monate (analytischen) Unterricht, weil sie krank war: 
„Im Traum ging ich zum erstenmal hin."' D. h. sie fürditet das 
Ende der Analyse (Trennung) und antizipiert die bevorstehende letzte 
Stunde, indem sie nach der Krankheit (also genesen) wieder von neuem 
anfängt. Die analytisdie Situation dieses Traumes äußert sidi weiterhin 
sehr deutlich in den drei Mädchen, mit denen es nicht recht vorwärts 
geht. Diese drei Mädchen sind die von ihr supponierten Patientinnen, die 
idi außer ihr habe, deren Zahl sie aus der Anzahl der Kopfkissen auf 

1) Geburtstag: nach einigen Monaten „Krankheit". 



Der erste Cenesungstraum 



181 



meinem Sota geschlossen hat,^ Sie selbst ist schon angekleidet im Traum 
d.h. fertig (gesund), während die anderen noch bleiben müssen, vielmehr 
bleiben dürfen. 

Auf diese Deutung reagiert Patientin mit folgenden Einfällen: „Ich 
habe sdion die ganze letzte Zeit gefühlt, daß Sie mich los werden wollen. 
Ich dachte auch, ob Sie schon einen anderen Patienten an meiner Stelle 
haben, und deswegen die Sache beschleunigen." 

Die drei Traumstücke (erstens Tod, zweitens Nase, drittens Pfarrer) 
zeigen deutlidi ihre gegenwärtige und die ihr zugrunde liegende infantile 
Libido Situation: 

Im dritten Traum stück will sie auf die analytische Libidofixierung 
nicht verzichten, diese aktuelle Versagung, die der infantilen entspricht, 
nicht akzeptieren und kehrt darum die Situation in der oben ange- 
deuteten Weise um, d. h. entwidtelt Widerstand gegen ihr Gesundwerden, 
um die Analyse zu verlängern. Dabei gesteht sie aber unbewußt erweise 
und indirekt zu, daß sie auf dem Weg der Genesung ist, denn sie macht 
ja ihren ersten Ausgang nach der Krankheit. 

Im zweiten Traum spielt sidi der gleiche Libidokonflikt auf dem Boden 
des Kastrationskomplexes ab: Wieder kehrt sie die Situation um, indem 
sie sich selbst in die Nase schaut, nidit der Arzt, und konstatiert, daß 
nichts mehr drin ist. Diese Konstatierung besagt einerseits vom Standpunkt 
des Ich aus, die Nase ist ja geheilt, es ist nichts mehr (Krankes) darin; 
vom Standpunkt der Libido Hegt darin ein Vorwurf gegen den Analytiker: 
es ist nichts mehr darin, es wurde mir Alles weggenommen, kastriert. 
Es wird hier deutlidi, wie die Akzeptierung der Heilung mit der Akzep- 
tierung der weibhchen Rolle zusammenfällt. Die Bedingung des Unbe- 
wußten für die Akzeptierung der femininen Rolle ist aber immer deren 
libidinöse Befriedigung im Sinne der Ödipussituafion (Mutteridentifizierung). 
Da diese nicht erfolgt, reagiert die Patientin mit Haß gegen den Mann, 
weldier im ersten Traum Ausdruck findet. 

Im ersten Traum ist der Vater gestorben, ein Wunsch, der einerseits 
der infantilen Reaktion auf die Mutterbindung entspricht, andernteils sich 
auf den Analytiker bezieht und die Loslösung von ihm erleichtern soll. Es 
ist aber im ersten Traum zunächst nidit klar, wer gestorben ist und 
dementsprechend empfindet die Patientin auch ganz richtig, daß dieser 



1) Dadurch sind auch die vier Kinder im Stammbaumtraum überdeterminiert. 



182 Die Entaiähnangsphase 



Traueraffekt über den Tod des Vaters nicht echt sei. Tatsadilich ist er 
versdioben, u, zw. von der Mutter her, der er im Sinne der Realisierung 
der Odipussituation gilt; die Mutter ist aber in diesem Traum als Trösterin 
dargestelit, d. h. ist ■ imstande, sie für den Verlust des Mannes zu ent- 
schädigen. In dem ersten Traum, den wir von der Patientin notierten 
(siehe Seite 7), fanden wir die gleidie Umkehrung als Flucht vor der 
Analyse des Ödipusaffektes, die heute im ersten Genesungstraum der 
Patientin wiedererscheint, da sie die analylisdie Lösung voll akzeptiert hat 
(Siehe dritten Traum}. Von diesem Punkt ihres infantilen Konflikts, näm- 
lich der femininen Ödipu sein Stellung, wird audi wieder der Zusammenhang 
mit ihrer aktuellen analytischen Situation verständlich, wo sie sich über 
den schlechten Vater, der sie vernachlässigt hat, der sie von sich stoßt, 
bei einem idealen Vater, der sie unter gewissen Bedingungen weiter 
unterrichten will, beklagt.' 

128. Stunde: 

Patientin sagt, sie habe nichts geträumt oder vielleicht doch, aber 
dann den Traum vergessen. Sie macht jetzt den letzten Widerstand 
gegen die Akzeptierung der Analyse durch, die zu Ende dieses Monats 
(d. h, in vier Wochen) beendet sein soll. Die Projektion des Schuld- 
gefühls auf den Analytiker und die Analyse zeigt sich jetzt darin, daß 
sie die Genesung sich und mir nicht gönnen will. Diese heute besonders 
starke Reaktion war nach ihrem gestrigen Genesungstraum zu erwarten. 

Im Verlaufe ihrer Assoziationen, welche diese aktuellen analytischen 
Widerstände zum Ausdruck bringen, sagt sie unter anderem: „Vielleicht 
habe ich von meinem Vater geträumt, u. zw, — ich weiß gar nicht, warum 
ich das sage — gestern habe ich gesagt, der libidinöse Vater ist gestorben, 
jetzt möchte ich sagen, ich habe eine Liebesszene mit ihm geträumt. Es 
hat keinen unangenehmen Eindrudc im Traum gemacht." 

1) Zu Krankheit: „Als die Schwester einmal Scharlach hatte, ließ man mich 
nidit IM ihr, dag-eg-en einen jungen Mann, der sie damals verehrte, nämlich 
Herrn F." Scharlach ist also für sie eine Krankheit, bei der die Sdiwester Libido 
bekommen hat; dementsprechend ihre weitere Assoziation: „Das erinnert mich an 
eins eigene Diphtherie, bei der ich mich sehr wohl g-efühlt hahe, weil man sich 
um mich gekümmert hat. Das war in der letzten Volksschulklasse und idi habe 
diese Krankheit damals glücklieh und in kurzer Zeit überstanden." 
(Trost med) an ismus aus dem Geburtstrauma auf Analyse übertragen.) 



Wie sage iclis meiner Mutier 



183 



Diese affekt- und verdrängungslose Vaterlibido ist als Ausdruck der 
Akzeptierung anzusehen, indem Patientin die seit der Kindheit verhinderte 
und durch Affekt Verschiebung neurotisch verwendete Libidoübertragung 
(von der Mutter) auf den Vater vollzieht und somit die anaiytisdie 
Lösung akzeptiert. 

129. Stunde: 

Wie sage ichs meiner Mutter? 

Traum: „Ich habe viel geträumt, weiß aber nur nodi zwei, wenn ich 
jetzt den zweiten nicht auch schon vergessen habe." 

„Ich war chirurgischer Assistent und habe einen weißen Mantel getragen. 
„Es waren lauter Assistenten da, nicht Studenten wie in der Klinik. Ich 
„habe gedacht: soll ich mich auch unter die Assistenten setzen, wenn ich 
„auch nicht dazu gehöre? Wenn ich bezahlt wäre, wie sie, ja; vielleicht 
„bin ich aber Österreicher und nur Volontär. Es waren Schulbänke wie 
„beim Konfirmationsunterricht. Ich habe mich dann setzen wollen, aber es 
„war kein Platz für mich da. Der Student neben mir saß so breit da, 
„er war so dick und auf den andern Plätzen war dasselbe. Ich habe gedacht, 
„da sieht man deutlich, ich gehöre nicht her. 

„Ja, jetzt das andere Stück [zögernd, mit Stockungen]: Eine große, 
„immense Treppe, nicht nur eine Treppe, sondern ein großer Bau, wie 
„manche Plätze, die man neu macht. Von den Seiten führen zwei Treppen 
„und in der Mitte dann die {Haupt-) Treppe hinauf. Ich ging mit der 
„Mutter hinauf. Sie trennen sich dann oben noch einmal. Oben 
„habe ich ihr gesagt: siehst du, da sieht man Alles, was zu sehen ist. 
„Ich habe ihr ein Resümee gegeben von allem (von Wien und der 
„Analyse glaube ich). .Siehst du den Berg', sagte ich; sie hat ihn aber 
„nicht gesehen und ich eigentlich auch nicht. Ich sagte: ,Aber das 
„macht nichts, das ist so ziemlich alles, was man sehen kann'. Auch ein 
„See oder Fluß war da. Ich dachte, eigentlich hätten wir weiter vorn 
,, schon aufsteigen können, weil man dort noch mehr die eigentliche Berg- 
„spitze hätte sehen können. Dort ist man schon hinüber über das 
„eigentliche Ende." 

Die Assoziationen der Träumerin bewegen sidi zunächst in der Riditung 
auf den Kastrationskomplex, bezw. Gefühle der Unsicherheit und Minder- 
wertigkeit, ja, als eine Art leichten Beziehungswahn. Im Gegensatz 
dazu, zeigt der Traum sie in einer gewissen Üb er Wertigkeit, besonders 



^°^ Die Eniruähniingsphase 

der Mutter gegenüber, so daß man diesen Traum geradezu überschreiben 
könnte: Wie sage icbs meiner Mutter? Die Beschreibung der Szenerie 
durch die Träumerin ergibt wieder das letzthin wiederholt erwähnte 
Gemisch von Wien und ihrer Heimat und wieder ist sie mit der Mutter 
beisammen. Eigentlid. zuhause und erzählt ihr von Wien. Offenbar hat 
Patientin eine Kompensation für die Akzeptierung der Analyse in ihrem 
analytisch gewonnenen Wissen gefunden, mit weichem sie jetzt der Mutter 
gegenüber prahlt. Die Enttäuschung an der Analyse, welche früher in die 
Formel gekleidet war: „Das ist Alles?", ist dem Stolz auf das Erarbeitete 
und Erlernte gewichen, welcher erklärt: „Das ist Alles!" Wie der Traum 
verrät, beginnt die Enttäuschung einer Resignation zu welchen, {Siehe den 
ähnlichen Traum von der Irrenanstalt, wo Patientin als Assistentin des 
Professors bleiben wollte, Seite 157). In diesem Traum konstatiert sie, 
daß kein Platz für sie da ist, es sei deutlich, sie gehöre nicht her in die 
Analyse. Sie hat also nicht -nur das analytische Resultat akzeptiert, sondern 
beginnt sich auch mit der Tatsadie der vollständigen Ablösung von der 
Analyse abzufinden." 

Die analytische Arbeit der nächsten Wochen steht ganz unter dem 
Einfluß dieser Entwöhnungskur und aller damit verbundenen Wider- 
slände, in denen die ganze Neurose noch einmal zu einem großartigen 
Blendwerk aufflackert. Aber schon hier zeigt sich deutlich, daß die 
resignierte Stimmung der Patientin einer Überwindung der infantilen 
Libidoversagung entspricht, auf welche sie seinerzeit neurotisch reagiert 
hatte, mit anderen Worten, auch damals konstatierte sie unbewußt, daß 
für sie kein Platz in der Mutter mehr sei, reagierte aber darauf neurotisch, 
während sie sich jetzt mit dem analytischen Standpunkt — von dem aus 
man alles überblickt — identifizieren kann.^ 



1) „Sie trennen sich noch einmal" heißt es im Traum: Erst von der 
Mutter, dann von der Analyse. 

2) Bei der Analyse dieses Traumes wird auch klar, was ihr Schwanken zwisdien 
den beiden Ortlld-keiten, der Heimat und Wien, im infantilen Sinne zu bedeuten 
hat: Wien repräsentiert für sie die Analyse und ihre Idee, der Wunsch in Wien 
zu bleiben, ist nur als Ausdruck ihrer Akzeptierung der Analyse zu werten. Die 
Heimat repräsentiert dagegen die infantile Bindung (Mutter). 

Daher kommt es, daß bei den meisten Patienten der Fortsdiritt, den sie mit 
der Ruckkehr in ihre alten Verhältnisse im Sinne der Analyse machen, für ihr 
Unbewußtes die alte Wunscherfüllung der Mntterre^ression repräsentiert 



Dankbarkeit^- und Liebuskonflikt 185 

Der Dankbarkeits-Komplex 

Der zweite Traum leitet insofern eine andere Phase der Ab- 
gewöhnungsperiode ein, als er im Stolz der Patientin auf ihr Wissen, 
der Dankbarkeit gegen den Analytiker Ausdruck gibt. Da diese Dankbarkeit 
zum großen Teil ein Resultat des auf die Analyse transponierten Schuld- 
gefühls darstellt, ist die Patientin ambivalent dazu eingestellt. Dies ist 
einer der Gründe dafür, warum sie diesen Traum, der dieser Dankbarkeit 
Ausdruck gibt, vergessen wollte („wenn idi jetzt den zweiten nicht auch 
schon vergessen habe!") 

Dazu die Assoziation, daß sie auf einer solchen großen Treppe, kurz 
bevor sie nadi Wien in die Analyse kam, ihrem alten Lehrer begegnet 
war, dem sie überhaupt die Kenntnis von der Existenz der Analyse 
verdankt. Sie war damals in Begleitung und hatte ihn nicht gegrüßt Hier 
liegt die Ambivalenz in Bezug auf die Dankbarkeit gegen die Psychoanalyse 
klar zutage: Sie traditet den Mann zu übersehen oder zu vergessen, dem 
sie analytisch etwas zu verdanken hat. Im zweiten Traum ist sie als 
Wissende mit ihm identifiziert. Andererseits betont sie mit der Erinnerung 
an ihren Lehrer eine frühere, ältere, anspruchsberechtigtere Dankbarkeit, 
die wir wohl konsequenterweise bis auf das Verhältnis zu den Eltern 
(Mutterbindung) zurückfuhren dürfen. Zugleich soll damit die aktuelle 
• Dankbarkeit entwertet werden, was natürlich im Sinne der Ablösung und 
Heilung gilt. 

130. Stande: 

. Der aktuelle Libidokonflikt 

„Ich träume jetzt immer so undeutlich. Die ganze Zeit von Max, 
wie mir vorkommt. Und dann von meiner Schwester und von meiner 
Freundin Elsa. Bald ist die eine, bald die andere im Traum," 

Traum: „Es hat sidi darum gehandelt, ob ich Max heirate oder nicht. 
„Dann war es also so: Er hat zuerst meine Schwester geliebt, ich 
„habe gedacht, ja natürlich ! Dann auf einmal habe ich gedacht, sie hat 
„ja schon ihren Mannn, er kann sie ja nicht dauernd lieben. Oder 
„hat er gesagt, er hat sie nidit lieb? Auf einmal habe idi aber doch 
„wieder Hoffnung bekommen und gedacht, am Ende bin ich es doch, die 
„er liebt. Es war schon eine Liebesszene dabei, die habe ich aber 
„ganz vergessen. Dabei habe ich immer gedacht, ich gehe zu ihm 



186 Die Entwöhnungsphase 



„hinaus, um die Geschichte in Ordnung zu bringen (ich hatte die 
„gewisse Unruhe), Dann bin idi in der Elektrisdien gefahren mit meiner 
„Freundin Elsa und ihrer Mutter. Ich habe gesagt: ,So gehen wir doch 
„endlich!' Ich babe schon gewußt, wozu sie mitgehen soll, jetzt weiß ich 
„es nicht. Ihre Mutter hat es nicht verstanden. Ich frage sie: , Wohin gehst 
„du hinaus?' Sie sagt: ,Zur Frau Dokter hinaus.' Ich sage: ,A!so komm!' 
„ihre Mutter hat es nicht gerne gesehen, daß wir hinausgegangen 
„sind. Auf einmal sehe ich (in der Elektrischen) ihren Arm, die ganze 
„Haut abgeschürft. Ich sage: ,Ja du hast die ganze Zeit den Arm so 
„gehalten in der Elektrischen und an der Stange am Fenster hat das 
„so gerieben,' Schon im Traum hatte ich Schuldgefühl und auch heute 
„morgens." 

Assoziationen: „Heute morgen hatte ich Brief von der Mutter, es 
gehe dem Vater nicht gut,. Ich dachte gleich, daran bin ich schuld und 
dann gleich, doch wieder nicht. Audi wie ich hergekommen bin, hatte ich 
Schuldgefühl und dachte, ich werde sagen, heute ist irgend etwas nicht 
in Ordnung." 

Plötzlich hat sie zum Traum den Einfall: „Das ist meine Situation 
im jetzigen Leben, habe ich gedacht." Ich frage, was. „Daß ich zu Max 
gehen will und wissen, was mit ihm los ist. Wenn die Analyse zu Ende 
wäre, müßte er sich erklären". Ich erkläre ihr an der Hand des Traumes, 
daß es sich um eine Verschiebung von der Analyse auf Max handelt und 
daß ihr Traumgedanke „er kann sie (die Schwester) ja nicht dauernd 
lieben" sich sowohl auf die Akzeptierung der analytischen Situation als 
auch auf die infantile Situation bezieht. Daß sie die Liebesszene aus dem 
Traum ganz vergessen haben will, entspricht dem Verzicht auf die aktuelle 
Libidobefriedigung im Ablösungsprozeß. Diese libidinösen Phantasien auf 
den Anal3'tiker sind es, welche auch wieder ihr altes Schuldgefühl {gegen 
die Mutter) mobilisieren.^ Man sieht also, daß die Wiederkehr verschie- 
dener Symptome oder neurotischer Konstellationen in der Endphase der 
Analyse durchaus nicht maßgebend ist für den Endeffekt des Heilungs- 
prozesses, sondern ledigUch vom Standpunkt des Libidowiderstandes zu 
werten, aber auch nur so zu überwinden und zu beseitigen ist. 

1) Im Traum hat es die Mutter niclit gern g-esehen, hat es nidit verstanden. 
Dazu die weitere Assoziation der Träumerin; „Der Mutier hat mau nicht 
richtig- sag-en dürfen, wo man hing-eht; die war im Weg-." 



Der aktuelle Libidokonjtilct 



187 



Charakteristisdi für diese letzte Phase der Analyse ist es bekanntlich, 
daß sich die Konflikte mehr in der Aktualität abspielen. Zum gestrigen 
Traum hatte Patientin auch die Heiratsgedanken mit Max assoziiert, so 
daß eine oberflächliche Bedeutung ihres Gesprächs mit der Mutter auch 
die gewesen wäre. Es hätte sich dann allerdings in dem gestrigen Traum 
um die Alternative von Heirat oder Berufswahl gehandelt, welche Alter- 
native wie so häufig der Alternative zwischen männlicher und weiblicher 
Tendenz entsprechen würde. Der heutige Traum dagegen bezieht seinen 
Zweifel an der Liebe aus dem analytischen Widerstand, welcher aus der 
Libidoversagung folgt. 

Bei der Analyse dieses Traumes ist noch eine Symbolwandlung be- 
merkenswert. „Zur Frau Doktor" fällt ihr ein: „Wir sind dann vier. Wir 
sind zwei und draußen erwarten uns zwei und das stimmt dann, geht auf. 
Es erwartete ja auch sie jemand draußen; zwei und zwei haben zusammen 
gehört, so verbunden." (Lachend fügt sie hinzu) „zwei lange und zwei 
kurze." Hier ist sehr schön zu sehen, wie sie die vier als Muttersymbol 
(Brüste) und als Männlichkeits Symbol entwertet (das Lachen) und hier das 
gleiche Symbol für die Paarung (2 X 2) verwendet, (Dies war schon 
im Traum vom Stammbaum angedeutet), 

131. Stunde: 

Symbolische Darstellung des analytischen Heilungsprozesses 

Patientin kommt mit großen Widerständen, es gehe ihr schlecht, und 
überreicht mir das Kuvert mit dem Honorar für den abgelaufenen Monat. 

Traum: „Ich habe drei Sachen geträumt: Einmal, daß mir jemand 
„Geid gestohlen hat, zweitens etwas von Onkel Frank und drittens 
„von meiner ICusine D. Im Traum hat sie mir erzählt — wie wir darauf 
„gekommen sind, weiß ich nicht mehr — wie soll ich es sagen? 
„Es hat sich darum gehandelt, daß sie mit ihrem Bruder geschlecht- 
„lich verkehrt, oder kann es auch der Vater sein. Sie sagt, für ge- 
„wöhnlidi hat sie eine Binde an — es kam mir vor wie eine Menstrualions- 
„binde. Jetzt aber in letzter Zeit, hat sie es weggetan, jede Vor- 
„sicht außer acht gelassen und mit ihm verkehrt. Das hat mich im Traum ' 
„gar nicht gestört, daß (erstens) eine Menstruationsbinde eine Verhütungs- 
„maßregel sein kann und (zweitens) auch, daß sie mit ihm verkehrt; und 
„drittens habe ich gedacht, die hat es jetzt richtig gemacht, die fangt 



„gleich nach der Pubertät an, und zwar ganz ungeniert, ohne alles 
„Zieren." 

„In einem andern Teil bin ich von der Pension fortgezogen und die 
„drei Damen haben mich begleitet, durch merkwürdige, schmutzige Gassen. 
„Wir haben immer den Weg suchen müssen, ein bißchen bergauf; ich 
„habe ihnen den Weg gezeigt, ganz sicher war ich aber auch 
„nicht. Auf einmal war ich dann im Haus, ein merkwürdiges Haus, die 
„drei Damen waren versdiwunden. Es war wie ein Magazinlokal, wie ein 
„Sdiuppen; es waren immer kleine, winkelige Treppen, die hinaufführten. 
„Wir haben an verschiedenen Kellern vorbeimüssen, wo ich hinaufgegangen 
„bin in die Zimmer. Es war ein altes Fabriksgebäude, das jetzt zu Lager- 
„zwecken verwendet wird. Wie ich oben bin, bemerke ich, daß ich die 
„kleine Tasche vergessen habe und vielleicht auch die Brieftasche. Mein 
„Gott, dachte ich, wo habe ich die iiegen lassen! Ich stürze sofort hinaus 
„und riditig Hegen beide auf der Treppe. Ich sehe ein Mädchen weggehen 
„und denke, die hat mir das Geld gestohlen, sie springt weg, ich schlage 
„Lärm, Leute kommen, ich sage, sie hat mir Geld gestohlen. Es war ein 
„Dienstmädchen. Ich dachte, jetzt habe ich gar nichts mehr. (Im 
„Traum wußte ich genau, es war das wenige Geld, das idi gestern als 
„meine Barschaft gezählt hatte)." 

„Später war ich beim Onkel Frank. Merkwürdigerweise war er der 
„mittlere Bruder (in WirkHchkeit sind es nur zwei). Auf einmal hat 
„er mir gefallen (sonst im Traum hat er mir nie gefallen), Er war wie 
„ein älterer Bruder von mir und hat mich geliebt. Er sah, daß ich 
„Kummer habe und fragte midi, und ich sagte ihm, man hat mir mein 
„Geld gestohlen. Ich habe gedacht, die Mutter wird mir jetzt 
„alles vorwerfen, daß idi so liederlich bin. Die Mutter war drin im 
„Zimmer mit dem anderen Onkel und dem jüngeren (das ist in Wirk- 
„lichkeit der Onkel Frank, der mittlere existiert gar nicht). Ich habe 
„dann den, mit dem ich sprach, als einen Vetter aufgefaßt und den 
„jüngeren Onkel im Traum als Onkel Frank, was er ja wirklidi ist; aber 
„der, mit dem ich sprach, war doch auch Frank, u. zw. der mittlere. Ich 
„bin nicht herausgekommen. Ich habe studiert, ist es mein Onkel oder 
„ist es mein Bruder. Er sagte dann: Ich kann dir schon noch leihen. Ich 
„dachte, er hat ja nicht genug. Er sagte, 5000 oder 20.000, komm nur 
„mit. Und ich ging mit. Wir kommen in ein ähnUches Haus wie das erste 
„war, ein Heusdiuppen unten, wir mußten hinaufgehen. Dort waren die 



Symbolische Darstellung des Heilungsprozesses 189 

„Zimmer (im Elternhause waren dort die Zimmer, wo das Dienst- 
„personal geschlafen hat). Im ersten Zimmer waren zwei Betten, das 
„hat nicht ihm gehört, es waren zwei Betten nebeneinander; und im 
„zweiten waren auch zwei Betten. Ich sagte, sdiade, daß ihr das erste 
„Zimmer nicht benützt. Dann waren wir in seinem Zimmer und dann 
„war es fertig." 

Deutung; Ich erkläre ihr, daß die eigentliche heterosexuelle Übertragung 
erst jetzt in der Schlußphase der Analyse deutlich ausgesprochen und 
auch bewußter werde, während es sich früher immer nur um die Über- 
tragung der Mutterbindung gehandelt hatte. Sie sagt darauf: „Ja, die 
Übertragung auf Sie ist jetzt so stark; ich dachte mir schon, jetzt hat 
man sie vergessen. Früher haben wir sie immer analysiert." 

Der Traum zeigt in der Anfangs szene, wie das Unbewußte der Patientin 
jetzt alle psychischen Vorsichtsmaßregeln außer acht läßt und die Inzest- 
phantasie ins Bewußtsein durchläßt. Der Bruder, den sie liebt, den gibt 
es gar nicht. So drückt sich die Einsicht in die fiktive Natur der Über- 
tragung aus und in die Tatsache, daß in der Analyse eben alte verdrängte 
Libidobestrebungen nur übertragen werden. Zugleich repräsentiert dieser 
mittlere Bruder, den es nadi ihrem eigenen Traumgedanken gar nicht 
gibt, das Penissymbol (ihren Wunsch, ein Bub zu sein) und gleichfalls die 
volle Akzeptierung seiner Unrealität.' 

Ihr aktueller Widerstand hängt natürlich, wie schon ihre einleitenden 
Worte zeigen, mit der Bezahlung zusammen, welche regelmäßig einen 
Schock für den Libidoanspruch des Unbewußten bedeutet. Das Bestohlen- 
werden hat in ihrem Traum auch Kastrationsbedeutung, d. h. Mutterverlust, 
daher wird die Person, die es nimmt, zum Mädchen. („Jetzt habe idi gar 
nichts mehr!") Anderseits steckt dahinter wieder die Identifizierung des 
Analytikers mit der Mutter, weil beide sie herausstoßen. 

1) Der Traum ist übrigens wieder g-anz auf dem Dreiheitssymbol auf- 
gebaut: sie hat drei Sachen geträumt, gibt im ersten Traum drei Gedanken an, 
geht im nächsten Traum mit drei Damen und hat im folgenden Traum die drei 
Brüder, die wieder zu dem irroflen Stammbaumira um zurückzuführen sdieinen. 
Audi hier wieder der Übergang zum Symbol der Vier in der neuen hetero- 
sexuellen Bedeutung (zwei Zimmer, zwei Betten etc., Paarung). Den drei Damen, 
denen sie den Weg zeigt, entspricht ein Wuosdi, ihren Weg als Weib allein zu 
finden, wenngleich darin doch ein Stüdc der Identifizierung mit dem Manne liegt 
(Dreiheit). Anderseits sind es die drei Patientinnen von mir (s. S. 179). 



Man könnte den Traum mit Rücksicht auf die nachstehende Deutung 
als programmatische Schilderung des analytischen Heilungsprozesses 
bezeichnen, dargestellt am infantilen Ödipuskomplex. (Siehe den Genesungs- 
traum Stunde 127.) Ich hatte der Patientin vor einigen Tagen ihre aktuelle 
analytische Situation mit einem Gleichnis von der überstandenen Operation, 
der nachfolgenden Rekonvaleszenz erläutert, das ihr gut gefallen hatte; 
sie hat viel daran gedacht. In dieser Symbolik, die ihrem Komplex ent- 
nommen ist, stellt sie nun tatsächlich den analytischen He ilungs Vorgang 
dar. Zur Menstruationsbinde im Traum erklärt sie, daß sie jetzt selbst 
eine soldie trage, obgleich die Menstruation noch nicht da sei.^ 

Die analytisch zugrunde liegende Idee im Traume ist die: wenn sie 
die Binde wegnimmt — wie es im Traum geschieht — ist die Trennungs- 
wunde (Kastration — Geburt) geheilt, die Libido frei, u. zw. in der weib- 
lichen Linie (Inzestphantasie). Das Anlegen der Menstruationsbinde in 
Wirkhchkeit ersetzt wieder die weganalysierte M utt erb indungs-Sym hole 
(Decke, Haareinlage, Seidenbinde etc.). Das Wegnehmen dieser Binde im 
Traum entspricht der einseitigen Übertragung auf den Mann. 

132. Stunde: 
Der Ausbruch ihrer Neurose 
Patientin, die sich am gestrigen Tag (Sonntag) schlecht gefühlt hatte, 
mich sogar anrufen wollte, dann versuchte, Max zu erreichen und einen 
andern jungen Mann, bat die ganze Nacht heftige Sexualphantasien und 
Genitalsensationen gehabt. Sie wiederholt damit, wie ich ihr leicht 
zeigen kann, die Situation des Ausbruchs ihrer Neurose, wo sie 
aus einer starken aktuellen Libidoversagung (Heirat der Schwester), zu einer 
Libidobefriedigung um jeden Preis kommen wollte, die sich in die neu- 
rotis»Jje Männlichkeitstendenz flüchte. Fast alles, was ich ihr zur Er- 
klärung ihres Verhaltens sagen kann, hat sie sich gestern schon selbst ge- 
sagt, es hat aber, wie sie erklärt, nichts genützt. Der Grund ist sehr ein- 
fadi: sie hat es sich an meiner Stelle gesagt, um sich zu vergewissern, 
daß sie von mir nur die Erklärung ihres Verhaltens, nicht aber die libi- 

1) Sie habe audi die kienhafte Vorstellung, daß das Menstrualblut den Fluor 
wegwasdien würde. Ferner dachte sie, daß jet^t auch mit der Masturbation 
nichts mehr sei, wenn audi bei der Menstruation wieder Jucken auftreten sollte. 
Wieder sehen wir die drei Genitalbesdiädigungen eng verbunden. 



Der Ausbrudi ihrer Neurose 191 

dinöae Befriedigung erwarten kann. Sie weiß auch, daß sie sich gegen 
die von der Analyse geforderte Sublimierung wehrt, genau so wie beim 
Ausbruch ihrer Neurose, weil sie das eine nicht haben konnte, was sie 
eigentlich haben wollte. So sei sie das ganze Leben oidit froh, nicht zu- 
frieden gewesen, — Wir haben somit erreicht, daß der ganze Konflikt 
der zu ihrer Neurose geführt hatte, nunmehr bewußt geworden ist, was 
erst in diesem Stadium der Analyse, bezw, der Übertragung der Libido 
auf einen Vaterersatz, möglich wurde. 

133. Stunde: 

Die Neuorientierung 

„Ich habe ein bißchen geträumt. Im Vordergrunde stand die Familie 
meiner ältesten Jugendfreundin L. (ich habe Jucken an der rechten Hand, 
jetzt, auch im Gesicht [Patientin kratzt sich dort]). Neben ihrer Familie 
wohnen Aristokraten namens H. Meine Mutter hatte eine besondere 
Stellung zu den Leuten. Man hat uns als Fremde, gewissermaßen als Aus- 
länder betraditet, aber die Mutter hat so getan, als würde ihr das nichts 
machen. Sie hat es aber nicht so leicht getragen, hat aber das 
Gegenteil behauptet." 

Traum: „Diese Frau H. sitzt da vor dem Haus. Es ist nicht so. Es 
„waren zwei Betten, das sind die beiden Häuser von H. und der Familie 
„meiner Freundin, möchte ich sagen. Frau H. sitzt vor ihrem eigenen 
„Bett auf einem Stuhl — die Betten stehen mit dem Fußende zusammen 
„ — hält eine Schüssel in der Hand (auf dem Schoß) und macht etwas, 
„vielleidit Gemüse zurichten. Auf einmal stellt sie die Schüssel weg und 
„auf das Bett der andern Frau. Im Traume habe ich gedacht, sie verfügt 
„über das Haus der andern. Natürlich, habe ich gedacht, die andern sind 
„weg und sie verfügt selbst über das Haus. Ich habe mich nur gewundert, 
„wie jemand so spurlos verschwinden kann. Das müssen nur Kom- 
„plexe von mir sein." 

Assoziationen: „Ich glaube, ich habe noch mehr geträumt. Vor den 
beiden Häusern war eine Straße, wie es auch in Wirklichkeit der Fall ist, 
und auf dieser Straße hat sich im Traum etwas abgespielt. — ICinder! Auch 
war im Traum ein bißchen Stimmung, ganz leise — Hoffnung wäre zu 
viel gesagt — ein Hauch von Erlösung. Heute beim Ausgehen dachte 
ich, diese Stimmung war schon vor vielen, vielen Jahren da." Dazu fällt 



192 Die EniviSknungspkase 



ihr die wiederholt erinnerte Episode ein, wie sie Öfters am Sonntag 
morgens zum Vater ins Bett gehen durfte. „Dazu würde passen, daß ich 
gestern abends dachte, ich muß allein zu Bett gehen. Die zwei Betten im 
Traum waren sozusagen ,harmIose' Betten; sie hatten gar nichts Reiz- 
voiles, nur Betlen zum Liegen und Ausruhen" [Analyse]. 

Deutung: Im analytischen Sinne würden diese zwei Betten auf die in- 
fantile Libidobetriedigung hindeuten, wie überhaupt die ganze Traura- 
situation mit dem Stuhl und dem Topf im Bett auf die infantile Mutter- 
identifizierung {anales Kind) deutet, die jedoch auch in der realen Neu- 
anpassung zu brauchen ist (siehe die Kinder im Traum). In diesem Sinne 
ist es zu verstehen, wenn Patientin bericbtet, sie habe gestern an die 
Schwester etwas von Neuorientierung geschrieben und dabei gedacht: 
Warum soll sie nicht zuerst ein Kind haben? Auch dachte sie, für 
das Kind der Schwester etwas zu tun. 

Unser besonderes Interesse verdient der letzte Satz des Traumes, der 
direkt einer psychoanalytischen Einsicht zu entspringen scheint: nämlich, 
daß ihre Komplexe spurlos verschwunden seien. Nun ist dies zweifel- 
los bis zu einem gewissen Grade richtig:, wenn auch nicht in dem Sinne, 
da ja die „Komplexe" überhaupt nicht verschwinden können, sondern in 
der Analyse eben ihres komplexen Charakters entkleidet, d. h. analysiert 
werden, um dann der neuen Libido Ökonomie entsprechend angepaßt, 
modernisiert zu werden, Hören wir nun, wie die Patientin dieses Ver- 
schwinden der Komplexe selbst assoziativ weiter erläutert und sehen wir 
dann zu, was es im eigentlich unbewußten Sinne bedeutet. „Im Traum 
war es so, als ob diese Familie meiner Jugendfreundin für ewig abge- 
tan wäre; aber nicht gestorben, sondern vom Erdboden verschwunden. 
Mit 10 Jahren habe ich der Mutter schon gesagt, daß sie sich (über die 
Behandlung von Seite der Familie H.) ärgere, obwohl sie die Gleichgültige 
spiele; sie war darüber fürchterlich verletzt. Überhaupt habe ich solche 
Sachen an anderen Leuten besonders gut bemerkt." 

Ich erkläre ihr diese intuitive Gabe als Resultat einer Identifizierung: 
sie selbst mußte ihrer ganzen Neurose nach so getan haben, als machte 
ihr die Libido versagung nichts aus, während es für sie doch unbewußt 
sehr viel, ja geradezu Alles bedeutete. Diesen infantilen — analytisch wieder- 
holten — Abwehrmechanismus repräsentieren im Traum die harmlosen Betten, 
während das Unbewußte ihr jetzt in der Mutteridentifizierung sagt; Du 



Die Neuorientierung 193 



täuschest dich ja selbst darüber; es wird dir gar nicht so leidit zu ver- 
zichten, wie du vorg-ibst. 

An dieser Stelle sind zwei Bemerkungen am Platze: erstens, daß jetzt 
das Vorbewußte sozusagen der vernünftigere Teil geworden zu sein 
scheint, der, auf dem Boden der Analyse stehend, sich der analytischen 
Technik irgendwie bedient. Zweitens, daß die Identifizierung mit der 
Mutter jetzt im Siruie der Sublimierung teilweise zum Verzicht, zur Resi- 
gnation, teilweise zum Kinderwunsch verwendet wird. 

Wir können aber aus dem Zusammenhang auch erschließen, weiche 
„Komplexe" es sind, die da so spurlos verschwindeni vor allem natürlich 
der Peniskomplex, auf welchen die Ausdrudts weise des Traumes direkt 
gemünzt scheint („gewundert, wie etwas so spurlos verschwinden kann", 
was sich auf den imaginären Penis ihrer Männlichkeitsphantasie bezieht). 
Zweitens die Masturbation, welche, wie bereits wiederholt angedeutet, 
mit dieser ersten Jugendfreundin L. aufs engste verbunden ist. Drittens 
steckt hinter dem verschwundenen Komplex, wie der ganze Zusammen- 
hang unzweideutig zeigt, der Wunsch nach Beseitigung der Schwester, als 
Voraussetzung der Identifizierung mit der Mutter.' In diesem Sinne ist 
die kritische Frau H., welche im Traum über die andere Familie so selbst- 
herrlich verfügt, zum Teil die Mutter in ihrer Rolle gegenüber der Tochter, 
zum Teil diese selbst in der Mutteridentifizierung, in welcher Rolle sie 
die andere Familie vom Erdboden verschwinden läßt. Endlich in der ana- 
lytischen Bedeutung der Arzt, der ihre Komplexe zum Verschwinden 
bringt und der, wie bereits ausgeführt, mit der Mutter, bezw. Schwester 
identifiziert wird und schließlich selbst spurlos verschwinden muß. 

Wir kehren jetzt zur interessanten Tatsache zurück, daß das Vor- 
bewußte der Patientin nunmehr scheinbar die Rolle der bewußten Kritik 
übernommen hat. Wir werden diese Tatsache im weiteren Verlauf der 
Analyse wiederholt bestätigt finden und möchten jetzt nur auf einen 
neuen oder besser gesagt, neuerdings betonten Charakter ihrer Träume 
aufmerksam machen, den die Patientin ganz spontan nach Kenntnisnahme 
der obigen Traumdeutung äußert; 



1) Hier bekommt das apurloae Versdiwinden vom Erdboden, ohne g-e- 
storben zu sein, deutlich den Sinn der Rückkehr in den mütterlichen Sdioß 
(der Topf im Sdioß, dann im Bett; siehe den Geburtstraum Seite 173: in die 
Welt gesetzt.) 

Rank, NeurucDBUHlyfie 13 



Entwertung des Traumlebens 

„Der Traum war wie eine moderne Theaterinszenierung. Meine 
Träume der letzten Zeit sind überhaupt so. Als Hintergrund war 
ein dunkles Tudi und vor dem spielte sich die Szene auf der Straße ab. 
Es scheint mir jetzt, die Frau sitzt auf ihrem Stuhl, wie wenn sie einen 
Monolog im Theater halten sollte, Sie kommt mir vor wie eine Frau mit 
einem Tuch auf dem Kopf, eine Köchin, aber eine feinere, oder wie 
ein junges Mädchen, das nur eine Köchin spielen würde. Es war aucli 
wie eine Regiebemerkung: Sie hat da zu sitzen und zu tun, als ob sie 
Gemüse richten würde. Aber was phantasiere ich da, im Traum war es 
doch gar nicht so!" 

Diese Bemerkungen der Patientin sind offenbar von meiner Deutung 
provoziert und bestätigen, in dem Bemühen, die ganze analytisclie Arbeit 
zu entwerten, den in meiner Deutung betonten Charakter der Unechtheit 
ihres Gefühls (Identifizierung mit der Mutter). D. h. die Träumerin tut 
so (schauspielert), als wäre ihr der von der Analyse aufgezwungene Ver- 
zicht auf die aktuelle und infantile Üb idobe friedigung leicht; daß dem 
nicht so sein kann, ist klar. Das Interessante ist nur die Form, in der die 
Patientin sich dies vorbewußterweise eingesteht: sie identifiziert sich 
nämiich mit der Mutter, die sie in diesem Punkte kritisiert hatte, und 
kritisiert sich so selbst damit. 

Nach Kenntnisnahme dieser Deutung versucht sie nun, diese Identifi- 
zierung selbst zu entwerten (das junge Mädchen hätte die alte Ködiin 
nur zu spielen) ' und damit die Unechtheit ihres Gefühls auf den ganzen 
Traum und die dahinter liegenden psydiisdien Vorgänge auszudehnen. 
Es zeigt sidi hier eine andere Art von Symbolverwandlung unter dem 
Einfluß der Analyse, welche den bisher erwähnten Symbo! Verwandlungen 
analog zu sein scheint. Während nämlich die ursprünglich im Dienste der 
neurotischen Tendenzen verwendeten Libidosyrobole im Laufe der Analyse 
auf die neue normale Libido ein Stellung umgearbeitet werden, zeigt sich 
bei den Symbolen, welche von Anfang an die Analyse selbst repräsentiert 
hatten (wie alles Unechte, Künstliche, Gespielte), daß diese nunmehr im 
Dienste der Sublimierung verwendet werden, wie sie früher als Wider- 
stände gegen die analytische Libidosituation gemeint waren. Und doch 
liegt letzten Endes auch darin nichts anderes als die Übertragung; denn 



1) D. b. sie die Mutterrojje (Köchin) nur zu spielen. 



Als Weib neugeboren 



195 



im Grunde genommen besagt der Traum, sowie die ihm analogen, un- 
bewußten Produktionen: „Ich spieie dies alles nur, täusche es mir vor, 
Ihnen zuliebe." - — Was die Patientin aber noch nicht zu sehen vermag, 
ist die Tatsache, daß auch diese Einstellung- nur eine Täuschung im Dienste 
der Libidobetriedigung und der Ichsfrebungen ist, denn in Wirkliclikeit 
täuscht sie sich das alles nicht vor, sondern ihr Ich hat tatsächlich diese ein- 
schneidenden Veränderungen erfahren, die sie sich allerdings gern als un- 
wirklich vortäuschen möchte, deren Echtheit aber unter anderem auch 
durdi die erwähnte „Vernünftigkeit des Vorbewußten" bestätigt wird. 

!34. Stunde: 

Patientin ersdieint mit langem Haar (d. h. in einer entsprechenden 
Damenfrisur) und erklärt, eigentlich gehöre sie nicht mehr in die Analyse, 
sie ginge nur so her. „Ich habe auch geträumt, weiß es aber nicht mehr. 
Etwas vom Theater — das war wie gestern im Traum — und die 
Haare sind mir in den Sinn gekommen. Auch: Das ist die Fiüsterstimme 
des Unbewußten." Hier sehen wir deutlich, wie sie ein reales Faktum, 
nämlich die weibliche Frisur, durch Einbeziehung in den Traum oder in 
die Traumsphäre zu entwerten sucht und außerdem noch in weiterer 
Entwertung auch der Traum bedeu tu ng den Traum selbst als bloßes 
Theaterspiel hinstellen will. 

Der Entsdiluß, sich die Haare wachsen zu lassen und wieder eine 
Frisur zu tragen, ist für die ganze analytische Situation der Patientin von 
symptomatischer Bedeutung. Wie aus ihren Assoziationen unzweifelhaft 
hervorgeht, entspricht dieser Entschluß ihrem endgültigen Verzicht darauf, 
die Libidoversagung an der Mutter durch Identifizierung mit dem Mann 
(Vater), also auf einem Wege zu erzwingen, auf dem sie immer scheitern 
mußte. Am Fall der Analyse (in der Übertragungs Situation) wurde ihr 
dies zum erstenmal klar gezeigt und zum Unterschied von ihren neurotischen 
Aktionen in mühsamer Arbeit Schritt für Schritt bewußt gemacht. Nunmehr 
scheint sie bereit, mit weiblichen Mitteln um die versagte Libido zu werben. 

Dies zeigt die Analyse vom nächsten Tag deutlich. 

135. Stunde: 

Als Weib neugeboren 

Patientin klagt über Schmerzen in der oberen Hälfte des Gesichts 
[Das Haar!], in den Augen möchte sie sagen. „Wie ein Hühnchen, 

13» 



156 Die Entaiöhnangsphase 



das auskriecht und die Sonne nicht vertragen kann [Geburt], 
Gestern nachmittag; lag ich janz in die Decke eingehüllt und habe' 
gefroren. Idi mödite jetzt schlafen, lange, ruhig. Die Welt ist 
ganz verwandelt. Etwas Neues, für das ich gar keine Worte habe. — 
Am Abend, im Bett war die Versuchung zur Masturbation wieder da. 
Vielleicht habe ich auch geträumt oder nicht, es war ein Wollustgefühl, 
aber etwas hat nicht gestimmt." 

Die vorbewufite Terminsetzung 

Traum: „Ich habe geträumt, daß ich irgendwo auf einer Straße gestanden 
„bin und es hat wahnsinnig geregnet. Ich bin mitten im Kot ge- 
„standen und habe ganz nasse Füße gehabt. Ich dachte die Gummi- 
„sdiuhe sind beim Flicken, hohe Schuhe habe ich kein zweites Paar 
„und niedere kann ich nicht anziehen. Ich war verzweifelt, dann dadite 
„ich, Gummischuhe kannst du dir kaufen (in Wirklichkeit habe ich zwei 
„Paar hohe Schuhe und auch Schneeschuhe). Es war Ecke Stock-im-Eisen- 
„Platz und Kärntnerstraße; das hat mit Ihrer Nähe zu tun." 

Assoziationen: „Ich denke schon lange daran, mir neue Schuhe zu 
kaufen, schon seit dem Winter, aber ich werde sie erst im Frühjahr kaufen. 
Die Gummischuhe sind wirklich beim Flicken; heute morgens dachte ich 
jedoch, jetzt wird es schön, dann brauche idi sie ja gar nicht mehr. Sie 
werden erst in vierzehn Tagen fertig, dieser Schuhtermin be- 
schäftigt mich fortwährend. Heute dachte ich, wie lange ich noch 
hergehen muß. Und auf einmal wird es überflüssig sein." [Überflüssig — 
Regen]. 

Dealimg: Diese Assoziationen weisen darauf hin, daß ihr Vorbewußfes 
mehr nodi als ihr Bewußtsein mit dem Endtermin der Analyse beschäftigt 
ist; sie will dann erst neue Schuhe kaufen und braucht dann die Gummi- 
schuhe [den alten Sexualschutz] nicht mehr. Der Traum gedanke, daß sie kein 
zweites Paar mehr habe, weist auf das Aufgeben der Brustphantasien hin. 

Die bewußte Dankbarkeit 
„Auch vom Geld habe ich wieder geträumt — ich weiß jetzt nie, 
ob etwas Traum oder Wahrheit ist; — dasselbe wie im früheren 
Traum vom Geld: Ich hatte wieder kein Geld und wieder hat mir jemand 
ausgeholfen. Nur habe ich im früheren Traum gesagt; ,Nun müssen Säe 
für mich bezahlen', jetzt: ,Ich habe es zuhause gelassen'. 



Die bewußte Dankbarkeit 



197 



Wieder ist es hier der Dankbarlieits komplex, welcher sich am Geld- 
verhältnis abspielt, und im Unbewußten einerseits mit dem Sdiuldgefuh! 
zusammenhängt, andererseits das „Gesdienk" (anales Kind) repräsentiert. 

„Ja, gestern beim Hergehen dachte ich: Jetzt kann ich Ihnen schon 
riditig danken für die Analyse. Früher dachte ich, idi, müßte Sie umarmen. 
Jetzt habe ich raidi gewundert, wie idi das machen werde, damit Sie 
sehen wie dankbar ich bin. Ich habe auch über das ,Kind' gelächelt und 
gedacht, vielleicht ist es überhaupt nicht richtig, wenn ich Ihnen etwas 
sdienke. Ich dachte: wenn ich Ihnen etwas schenke und sage, ich muß 
Ihnen das geben aus Dankbarkeit, so ist das nicht das Richtige. Idi 
dachte also, ich schenke Ihnen etwas zum Andenken an mich. Aber 
eigentlich sollte ich ja ein Andenken an die Analyse haben, etwas zum 
Mitnehmen. Aber ich kann doch nicht jetzt noch etwas verlangen, nachdem 
\(h schon so viel bekommen habe." 

Man sieht hier, wie das aus der Übertragungssituation stammende 
libidinöse Geschenk (Kind) in bewußte Dankbarkeit verwandelt wird, 
indem die Patientin selbst zu dem neugeborenen, i, e. wieder- 
geborenen Kind wird. Damit steht im vollen Einklang, daß gerade 
dieser Traum, ebenso wie der kurz vorher geträurate, in seiner tiefsten 
Sdiichte die Geburtsreproduktiou darstellt (anales Kind): Beide Träume 
enthalten Anklänge an den Kot, der erste in Stuhl, Topf im Bett etc. 
der zweite im Schmutz, in dem die Patientin mit defekten Schuhen und 
nassen Füßen steht (Geburtssituation), In beiden Träumen sind aber ebenso 
leicht Anspielungen auf die Konzeptions Verhütung zu erkennen (siehe 
übrigens auch ihren Inzesttraum mit der Menstruationsbinde, 131. Stunde): 
zu dem Topf im ersten Traum hatte die Patientin assoziiert: großmächtige 
Eraailschüssei — Kessel — Pessar; in diesem Traum hat das „Gummi" 
dieselbe Bedeutung. Der Untersoiied zwischen diesen beiden Präventiv- 
mitteln repräsentiert für die Patientin, wie wir bereits wissen, mehr 
noch als den bloßen Unterschied der Gesdilechter (Pessar — Kondom), 
nämlich ihre eigene unbewußte Einsteilung zur Männlichkeit resp. Weib- 
lichkeit. Wie nun bereits der Traum von der Menstruationsbinde zeigte, 
hatten die Präventivmittel in ihren Träumen die unbewußte Bedeutung 
des Wunsches, nicht geboren worden zu sein; jetzt entsprechen sie einem 
Stück Befreiung ihrer sinnlichen Libido aus dem Zwang der infantilen 
Einsdiränkung. Wir verstehen aber auch, wie dieser „Fortschritt" uralten, 
tief verdrängten Libidoansprüchen dienstbar gemacht wird, indem die 



158 Die Enivjöhnungsphase 



Präventivmittel eine Regression auf das sozusagen prähistorische Stadium 
des analen Kindes (Kot, Schmutz) erfordern, aber auch ermöglichen. Diese 
Rüdesehnsucht empfindet Patientin als „moralischen Schmutz", was wieder 
auf ihr Schuldbewußtsein zurückweist und zeigt, wie ein großes Stück 
ihrer genitalen Sexualablehnung ana! motiviert ist. In moralischer Hinsicht 
macht sich jetzt Patientin Vorwürfe wegen ihrer geringen Lust zur Sub- 
limierung und fürchtet, durch die Analyse komme ihre wahre, nämlich un- 
moralische Natur zum Vorschein. Diesen Widerstand nimmt das Vorbewußte 
zum Anlaß, im Traum eine offenkundige Prostitutionsphantasie darzustellen, 
indem Patientin an der Edce einer „solchen" Straße im „Schmutz" steht, 
und sich für Geld anbietet {sie hat kein Geld). Dies ist sozusagen die 
analytische Rache: denn, wenn die Analyse das Unmoralisdie im Menschen 
zum Vorschein bringt, dann muß sie auch gestatten, daß man es zeigt. 
Wieder sehen wir die Übertragung am Werke, allerdings jetzt auf der 
letzten ihr zu Gebote stehenden Plattform, nämlich den moralischen 
Widerständen, um ihre Existenz kämpfen. 

1 36. Stunde : 
Der letzte Zweifel 

Zum erstenmal seit idi in Wien bin, habe ich nach dem Essen 
geschlafen und dabei sehr lebhaft geträumt: 

Traum: „Wir sind um einen Tisch herumgesessen, meine Mutter sicher, 
„und die Mama von Max und vielleicht nocl) zwei Personen und der Onkel 
„Frank mit einem weiblichen Wesen, seiner Frau. Ich habe mit meiner 
„Mutter geredet {sie saß links von mir) und der Onkel saß rechts. Wie 
„idi aufhöre zu reden, ist statt dem Onkel der Max da. Ich frage: ,Wie bist 
„du auf einmal da'? Da hat er gelacht und gesagt, er ist gerade jetzt 
„gekommen. ,Und sagst du mir nicht einmal Guten Tag?' Dann habe ich 
„noch etwas gesagt, das sich auf den Kaffee bezogen hat: In Wien kriegt 
„man nur bei Maxens Eltern Kaffee mit richtiger Milch und auch bei 
„D.'s {es war mir unangenehm, daß ich auch das sagen mußte, ich 
„wollte eigentlich nur sagen, bei Max). Da sagte Max, die Mutter kommt 
„ja nicht nur wegen des Kaffees nach Wien." 

,,Dann habe ich noch etwas geträumt, bevor ich eingeschlafen bin, war 
„etwas mit dem Ofen, Das Zimmermädchen sagte, es sei kalt, vielleidit 
„solle sie einheizen. Im Traum war nur der Tisdi, die Gesellschaft und 



Der letzte Zweifel 199 



„der Ofen; ein großer, schöner Kachelofen (nicht wie meiner hier), so 
„groß, daß man mit dem ganzen Kopf hineinschauen konnte. Ich 
„habe im Traum ni^cht gewußt, ob es gut ist, daß es brennt oder nicht 
„(Nachtrag: es war ein Feuer, wie auf dem Theater)." 

Assoziationen, (die Patientin allerdings erst spater, nach Erzählung des 
resllidien Traumes gibt, die wir aber hier der Übersichtlichkeit halber 
voranstellen); „Gestern habe ich gezweifelt, ob ich zu Maxens Eltern 
gehen soll, wie ich es bis jetzt jede Woche getan hatte. Aber letztes 
Mal sagten sie nicht, daß ich wiederkommen soll, und ich wußte auch 
nicht, ob Max dort sein v/erde. Da dachte ich, ich lege mich hin — müde 
war ich — vielleicht schlafe ich ein (Ausweichen des Konflikts). Nadi 
dem Erwadien bin ich doch hingegangen, obwohl ich früher gedacht hatte, 
ich werde nicht gehen. Unterwegs habe ich aber noch gezögert, bin aus 
der Elektrischen ausgestiegen, habe geschwankt. Ich fühle aber, daß 
sich dies Alles nicht auf Max bezieht, vielleicht auf die Ana- 
lyse. Bei D.'s gab es Sonntag Hochzeit der Tochter und man bekam 
gute Sachen zu essen. Ich habe davon gesprochen, so daß es aussah, als 
wäre ich nur wegen des Essens gekommen. Auch Maxens Eltern sage ich 
immer Komplimente über das gute Essen," 

Deutung: Es ist klar, daß dieser Traum sich auf die Analyse und das 
Ü b er trag ungs Verhältnis bezieht („guten Tag" ist das Einzige, was ich 
außerhalb der Analyse der Patientin sage.) Der Traum macht nur den 
Versuch, die infantile (gleichbedeutend mit der Übertragungs-)Libido vom 
alten unbefriedigenden Objekt (Mutter — Onkel) auf ein aktuelles (Max — 
Analytiker) zu übertragen. Damit hat aber Patientin ihren ganzen alten 
Zweifel an ihrer eigenen Liebesfähigkeit mit übertragen. Dieser 
Zweifel haftet nunmehr am Analytiker wie auch den Resultaten der Ana- 
lyse und so ist ihr Traum, mit dem sie dem Zweifel in der oben ange- 
deuteten Weise ausweichen will, an und für sich schon eine Wunsch- 
erfüllung, indem er ihr hilft, den Zweifel zu vermeiden. Die Wunsch- 
erfüllung des Traumes liegt also sozusagen in der Tatsache des Traumes 
selbst, der gleichsam sagt: Warten wirs ab! In die analytische Termino- 
logie übersetzt, ist dieses Abwarten identisch mit Resignation, vom Stand- 
punkt des Unbewußten bringt es natürHch eine andere infantile Wunsch- 
erfüllung wieder durchs Hintertürchen herein: das gute Essen auf der 
Hochzeit und die echte Milch weisen wieder auf die infantile Mutter- 



L 



biodung hin (die entsprechende Mutteridentifizierung ist darin ausgedrückt, 
daß an Stelle der Patientin im Traum die Mutter diejenige ist, von der 
man glauben könnte, sie komme nur wegen des Essens). 

Alles wird „natürlich" 

Nächtlicher Traum: „Idi habe geträumt von einer großen Brüdce, sie 
„muß zuhause bei meinen Großeltern sein. Nicht mehr diese eiserne 
„Brücke (wie früher), sondern eine Naturbrücke möchte ich sagen. 
„Wie wenn eine Straße einfach hin übergeführt hätte, keine künstliche, 
„sondern eine natürliche. Ich war ganz allein am Anfang dieser 
„Brücke, da denke ich, mein Gott, da muß ein tiefer Abgrund sein, wie 
„in den Bergen. Ich habe gedacht, ich schau jetzt hinunter, solange ich 
„noch am Anfang stehe; spätei- falle ich sicher hinunter (d. h. wenn idi 
„erst später schaue). Ich habe mich am Zaun gehalten — es war audi 
„ein natürlicher, kein künstliches Geländer — und laufe gerade in 
„der Mitte, ohne rechts und links zu schauen, denn da kann mir nichts 
„passieren. Es war wie eine Straße, eigentlich gar keine Brücke. 
„In der Mitte schaue ich und es war gar keine Schlucht mehr, 
„sondern nur wie ein gewöhnlicher Bach. Diese Höhe war auf 
„einmal nicht mehr da." 

„Später habe ich noch geträumt, weiß aber nicht mehr. Ich bin aus 
„einer Elektrischen ausgestiegen. Auch an einer Endstation, u. zw. allein. 
„Es sind noch mehrere andere Leute ausgestiegen, aber keine Bekannte. 
„Es war daher doch nicht Endstation (es spielt an einem bestimmten Ort 
„in meiner Heimat, wo eine Elektrische nach einem andern Ort führt. An 
„dieser Linie hat ganz in der Nähe eine Freundin in einer schönen Villa 
„mit Garten gewohnt)." 

Das elegante Kunststück 

„Wir gingen über eine Wiese und alle anderen Leute auch. Dort war 
„ein Zaun und ich habe mich gewundert, wie die Damen über den Zaun 
„kommen werden. Ich dachte, ich habe einen Sportanzug, der sehr elegant 
„ist, idi kann mich überall sehen lassen. Mit großer Eleganz habe ich 
„einen Sprung über den Zaun gemacht. Dann habe ich die Mütze 
„ausgezogen und damit so geschlenkert (es war eine weiße, lederne Mütze). 
„Es war noch etwas mit dieser Mütze. Ein bißchen hinter mir kam ein 
„junger Mann, idi weiß nidit wer. Ich dachte, ich muß jetzt langsam 
„gehen, daß er mich einholt. Dann war es fertig." 



Das elegante Kunststück 201 



„Dann irgend etwas von meiner Schwester geträumt. Ich habe sie 
„kujoniert, sie hat geweint, war unzufrieden und kam sich vom Schicksal 
„verlassen vor. Ich weiß nicht, wieso ich das gefühlt habe." 

Assoziationen: „Diese Brücke möchte ich sagen, war an der- 
selben Stelle wie in einem früheren Traum (es ist aber nicht 
wahr). Dort war aber eine Viaduktbrüdie mit Eisenbalken; es war der 
Traum vom Fiachwerden der Landsdiaft, wie auch hier der Abgrund 
verschwindet," 

„Die Freundin, die an der Elektrisclien wohnt, hat mich seinerzeit als 
Schulkollegin verraten, indem sie mich zuerst abgehalten hat, irgendwo 
hinzugehen, dann aber selbst hinging. Einmal waren ich und eine andere 
Freundin bei ihr in der Villa eingeladen. Meine Freundin machte eine 
Bemerkung darüber, daß wir zu wenig zu essen bekommen hätten, ich 
stimmte zu, aber dann ging sie hin und sagte es der Freundin zurüde, 
die mich nicht mehr einlud," 

Deutung; Die unbewußte Bedeutung des betreffenden Traumstückes 
und dieser Assoziationen ist wieder die Enttäuschung an der libidinösen 
Versagung in der Analyse (man bekommt nichts zu essen): das kann dodi 
nicht das Ende (Endstation) sein, das ist Verrat (wie von der Freundin).^ 
Wieder sehen wir in diesem Traum die gleiche Umarbeitung der neu- 
rotischen Symbolik im Sinne der analytischen Beeinflussung, wie bereits 
in einem ähnlichen Traum, auf den Patientin ja selbst hinweist; die Land- 
sdiaft wird flach. Dies entspricht hier wie dort einer vollen, unbewußten 
Akzeptierung der weiblidien Rolle, dem Verzicht auf den neurotischen 
Peniswunsdi und der Akzeptierung der Trennung (Entwöhnung) von der 
Mutter. Die künstlidie eiserne Viaduktbrücke, welche Patientin immer 
irgendwie dunkel mit ihren frühesten Kindheitserlebnissen in Bezug auf 
den Vater verknüpft hatte (s, S, 32 f,), entspricht hier auch dem künst- 
lichen Penis, an dem sie durch Identifizierung festgehalten hatte. Im Traum 
verwandelt sich diese künstliche Brücke in eine natürliche und dann ist 
es überhaupt keine Brücke mehr, sondern eine Straße, d. h, ein weib- 
liches Symbol, Bemerkenswert ist, daß mit dieser Symbolverwand- 
lung zugleich die Angst aus diesem Traumtypus verschwun- 
den ist, wie Patientin ausdrüddich hervorhebt. Im nächsten Traumstück 

1) Sieiie die früheren Träume, wo Patientin das „unechte Kind" als Verrat 
bezeichnete. 



202 Die EnlwÖh/tungsphase 



niadit Patientin sogar einen Sprung über den Zaun (der schon im ersten 
Traum auf der Brüd:e vorkam) und ist stolz auf diese Leistung, Hier 
kommt allerdings wieder ein Stück ihrer Identifizierung mit dem Mann 
zum Vorschein (Sportanzug) und Patientin wundert sich audi, wie die 
Damen über den Zaun kommen werden. Andererseits ist sie unmittelbar 
nach dem Sprung wieder ganz weiblich ' im Benehmen gegen einen jungen 
Mann, der ihr folgt und von dem sie eingeholt werden will. Hierin liegt 
im analytischen Sinne ein wichtiges zeitliches Moment. Der Sprung ist 
teilweise ein Ausdruck ihrer alten neurotischen Ungeduld, welche die 
Situation der Libido versagung durch Identifizierung mit dem Mann sozu- 
sagen automatisch lösen will, während die Analyse bestrebt ist, im Gegen-* 
satz dazu diese Libido versagung sich sozusagen voll auswirken und zeit- 
lidi erschöpfen zu lassen. In diesem Sinne ist der Sprung als Widerstand 
gegen den zeitlichen Heilfaktor der Analyse anzusehen, während er an- 
dererseits ein Stück Sublimierung ihrer alten neurotischen Männlichkeits- 
tendenz repräsentiert. Im Traum ist sie besonders stolz darauf, daß sie 
dieses „letzte Hindernis"- allein nimmt (wie es auch allein ohne Angst 
über die Brücke geht), und noch dazu elegant ausführt. Sie erläutert 
diese Deutung selbst mit folgenden Worten: „Ich habe im Traum gedacht, 
das hat sicher nicht männlich ausgeschaut, das kann auch eine Frau 
(wenn mans so elegant macht). Ich war allein, ohne das neurotische 
Gefühl des Alleinseins. Ich war stolz, daß es gelang, daß ich nicht 
hängen geblieben bin. In früheren Träumen wäre es sicher nicht ge- 
gangen." Hier wird deutHch, daß es sich audi auf eine plötzliche Lösung 
der Übertragung bezieht, letzten Endes also auf die glückUche und selbst- 
ständige Überwindung des Geburtstraumas, der Lösung von der ersten 
und intensivsten Libidobindung, der an die Mutter. 



1) Der hinler ihr „Nedikommende" (die Sdiwester) ist hier ^anz angstfrei 
im heterosexuellen Sinne verwendet (Analytiker). 



I 



Die Lösung von der Analyse 

137. Stunde: 
Akzeptierung' der Libido-Lösung 

„Irgend etwas fehit mir! Ich habe Verschiedenes geträumt, nur etwas 
ist mir in Erinnerung geblieben: die Mitte aus einem Traum, Anfang 
und Ende weiß ich nicht. Einzelne Teile weiß ich nodi ein bißchen." 

Traum: „In der Mitte habe idi mit Arthur eine Pgrtie irgendwo auf 
„eine Höhe gemacht. Nicht auf einen hohen Berg, sondern es hat eine 
„Elektrische hinaufgeführt (so wie auf einer ansteigenden Straße, hinauf 
„und hinunter). Es war aber am Land und auf einer Höhe hat er mich 
„erwartet. Ich war erstaunt darüber. Da kommt ein Bettler, der will, 
„daß man ihm etwas gibt: seine Frau sei im Meer unten und dort 
„sei ihr etwas passiert. Wir fragen beide, was denn, und er wendet 
„sich an A. und sagt ihm etwas, was ich nicht genau gehört habe. Icli 
„glaube, es war, daß ihr ein Balken zwischen die Beine gefallen 
„ist Ich habe A, gefragt, aber er hat es mir nicht gesagt. Am Morgen 
„dachte ich, das hat etwas mit dem Kastrationskomplex zu tun." 

,, Verschiedene Leute sind nodi gestorben im Traum. Vor allem mein 
„Großvater. Ich komme in seine Heimatstadt und da war alles 
„schon vorbei. Ich dachte, merkwürdig, mit welcher Fassung sie 
„(die Großmutter) das trägt. Ich dachte, merkwürdig, daß alles schon 
„vorbei ist. Ich denke, idi muß mir Vorwürfe machen. Wäre ich ein 
„paar Tage früher gekommen, hätte ich ihn noch angetroffen. Ich 
„glaube, man hatte mich früher eingeladen, und deswegen habe ich mir 
„Vorwürfe gemacht. Dann habe ich wieder im Traum gedacht, ich hätte 



204 Die Lasung von der Analgse 

„mir keine Vorwürfe machen müssen; er hätte ja auch schon früher sterben 
„können." 

„Später ist noch jemand gestorben. Es war eine große Gesellschaft, 
„Ein junger Mann war gestorben. Ich dachte, ein Verwandter, ob Bruder 
„oder Sdiwager oder Vetter, weiß ich nicht. Er hatte mehrere Brüder 
„und Schwestern, die aile da waren. Wir sind alle von einer Treppe her- 
„untergegangen." 

„Es hat sich darum gehandelt, daß man weit wegreiste. Auf einmal 
„war es das Haus der Familie meiner Freundin L. und auf der Straße 
„davor (wo im anderen Traum die Kinder spielten), standen eine 
„Menge Koffer und Gepäckstücke. Wir kommen von oben herunter 
„und ich habe gedacht, wenn die vom Fenster hinaussehen, dann sehen 
„sie die Koffer und müssen sich denken, die Geschichte mit der 
„Reise ist wahr. Ich habe mich gefreut, daß sie seibst sehen 
„können, daß es wahr ist." 

„Dann kam ein merkwürdiges Traumstück: Wie in einer Schiffs- 
„kajüte; es war aber kein Schiff, sondern wirklich ins Wasser ein- 
„gebaut, war ständig im Wasser. Wir sind am Tisch gesessen, die 
„Gesellschaft vom Leichenbegängnis, Es war ein kleiner vierecki- 
„ger Raum, ringsherum waren Fenster und da hat man das Wasser 
„gesehen. Es waren eigentUch keine Fenster, sondern Gitterstäbe. Die 
„Wellen haben ein bißchen hereingesprilzt, aber nicht viel, weil 
„unten nodi Holzlatten angebracht waren. Ich dachte, warum Holzlatten, 
„halten die das Wasser auf? Ich bin auf dem Tisch gesessen — immer 
„kamen neue Wellen — und habe gedacht, die Holzlatten sind so ge- 
„macht, daß das Wasser nicht hereinkommen kann, das ist ausprobiert, 
„weiter hinauf steigen die Wellen nicht." 

Assoziationen; Zum toten jungen Mann zwei Freundinnen, deren Brüder 
plötzlich, der eine durch Selbstmord, starben; auch im Traum war es ein 
plötzlicher Tod. — „Jetzt sind die Schützer vom Fenster weggenommen, 
so daß man durch einen kleinen Spalt von draußen hereinsehen kann. 
Jetzt ist man nie mehr ganz allein. Im Zusammenhang mit dem Früh- 
jahr habe idi auch daran gedacht, daß ich jetzt die Stadt und die Um- 
gebung und alles das genießen will, was ich während der Analyse nicht 
konnte. Aber vielleidit ist das doch unrecht von mir: wenn der Vater 
krank ist, sollte ich doch nachhause gehen. Dann habe ich gedacht, was 



__^ Akzeptierung der Libido-Lösung 205 

für Eindruck die Nachricht vom Tode des Vaters machen würde; was für 
Einfluß auf die Analyse? Ob ich wohl nicht mehr zurüdkkommen würde 
oder doch!" (vom Leichenbegängnis).^ 

Deutung: Es handelt sich also teilweise um einen Traum vom Tod des 
Vaters, der aber deutlidi vom Egoismus der Patientin diktiert ist und 
unbewußt der Befreiung vom Vater entspricht (dementsprechend „stirbt" 
auch noch der Analytiker, der irgendwie als „verwandt" dargestellt wird 
und jedenfalls als nicht unersetzlich, da mehrere Brüder und Schwestern 
zurückbleiben). Daß im Traum an Steile des Vaters der Großvater tritt, 
hat seinen Grund zunächst darin, daß beim Tode der Großmutter Patientin 
auf besonderen Wunsch ihrer Mutter mit ihr zur Beerdigung fahren sollte. 
Sie kam aber erst später an, als alles schon vorbei war, u. zw. des- 
wegen, weil sie mit Arthur beisammen bleiben wollte (libidinöses Schuld- 
gefühl). Wie in einem früheren Traum, in weichem sich die Patientin der 
Unechtheit des Trauergefühls bewußt gewesen war, so konstatiert sie 
auch in diesem Traum die Gleichmütigkeit, mit der der Tod hingenommen 
wird. Dies erklärt sidi daraus, daß es sich auch hier um die wunsdigemäße 
Lösung vom Analytiker handelt. Im Übrigen läßt der erste Traum 
dieser Nacht keinen Zweifel daran, daß auch die Lösung von der Mutter 
als Todeswunsch gegen die Mutter dargestellt wird (die im Meer ver- 
unglückte Frau), Andererseits handelt es sich in diesem ganzen ersten 
Traumstück unzweideutigerweise auch um den Kastrat ions komplex, wie 
Patientin selbst erkennt, und endlich deutet die Mutter im Meere auf 
eine ausgesprochene Geburtssymbolik hin, die wir im letzten Traumstüdc 
als Intrauterin- und (Wieder-) Geburlsdarstellung auftauchen sehen. Die 
Gitterstäbe weisen jedoch darauf hin, daß Patientin die alte Intrauterin- 
situation jetzt im Sinne der analytisdien als Gefängnis auffaßt, aus dem- 
man trachten solle, wegzukommen („Die Gesdiichte mit der Reise ist 
wahr"). Analytisch bedeutet auch dieser jetzige Freiheitsdrang der Patientin 
nichts anderes als einen Ausdruck ihrer Ungeduld (siehe den Sprung im 
früheren Traum) und den Wunsch nach einer glücklichen Losung (Geburt). 

1) Ihr aktueller Konflikt besteht jetzt darin, daß die Mutter will, daß sie 
bald nadihause kommt, wahrend Patientin hierbleiben will. Nun hat sie Phan- 
tasien, daß der Vater krank sei oder sterben könne, was sie zwingen wurde, 
dodi nadihause zu fahren, d. h. im unbewußten Sinne zur Mutter zurückzukehren 
(Traumreise — Kajüte). 



206 Die Lösung von der Analgse 

!n diesem Sinne hat die Geburtswiedeiholung die Bedeutung eines Trostes, 
der besagt: Es geschieht dir nichts (das Wasser kann nicht hereinkommen, 
das ist ausprobiert), so wie es damals, bei der Geburt gut gegangen ist, 
so wird es auch jetzt wieder gut gehen. Ihre Ungeduld kommt auch in 
dem Traumstück zum Ausdrudt, wo sie nach dem Tod des jungen Mannes 
mit ihren Koffern abreist, was darauf hinweist, daß sie sich auch im Vor- 
bewußtsein mit dem Gedanken der endgültigen Loslösung vertraut madit. 
Wichtig ist dabei, daß sie es nicht heimlich tut, sondern so, daß die 
andern es sehen können; ähnlich weisen die Fenster im nädisten Traum-' 
stück auf diese teilweise Befreiung vom Scliuldgefüh! hin. Ihre Über- 
zeugung in Bezug auf die Resultate der Analyse kommt darin zum 
Ausdruck, daß man im Traum selbst sehen kann, daß es wahr ist. 
Im analytischen Sinne bezieht sich der Tod und das Leichenbegängnis im 
Traum auch auf ihre eigene neurotische Persönlichkeit, deren Beseitigung 
eine Voraussetzung der Neugeburt ist; anderseits spielt der ganze Traum 
sozusagen im „Jenseits" der vorgeburtlichen Welt, im mythischen Toteo- 
land. 

Die Lösung des Unbewußten, die im Traum angedeutet wird, ist also 
nicht ihre Entfernung von der Mutter (Reise), sondern die neurotische 
Beseitigung der Mutter, gegen die aber das Schuldbewußtsein protestiert. 
Dies ist der immer wieder in allen ihren Träumen auftauchende Urkonflikt 
der Ambivalenz: der Weg zur Mutteridentifizierung (normale Weiblich- 
keit) ist vom Schuldgefühl gegen die Mutter, die sie getragen und ge- 
boren hat, versperrt, weil Patientin die lustvolle Urmufterbindung nicht 
aufgeben, bezw. voll auf den Mann übertragen kann. 

Der infantile Affekt der Trauer 

Anschließend an diese Darlegungen ihrer jetzigen Einstellung zur in- 
fantilen Situation fällt Patientin ein weiteres Traumstück ein: 

„Da sitzt nodi unser altes Kindermädchen in der Küche, in Großvaters 
„Haus und weint fürchterlich. Ich habe sie getröstet und sie bittet mich, 
„ein Paar Schuhe mitzunehmen. Ich wollte sie in den Beutel geben, da gibt 
„sie mir noch ein Paar und ich sage, die brauchst du doch, ein Doppel- 
„paar mußt du dodi haben. Ich habe sie dann nicht mitgenommen." 

Assoziationen: Dieses alte Kindermädchen lebt jetzt tatsächÜdi im Haus 
des Großvaters und hatte sehr geweint, als sie von der Familie der Pa- 
tientin weg mußte. Sie wollte nicht' fort, sondern wie Patientin sich 



Die Liebeskrankheit 207 



ausdrückt, „beim Vater bleiben". Auch wenn sie jetzt manchmal zu 
Besuch komme, werde man sie schwer los. 

Deutung: Es fällt auf, daß dieses Traumstück sozusagen den fehlenden 
Affekt der Trauer nachträgt. In diesem Sinne ist dieses alte Kinder- 
mädchen, an der auch irgendwie eine sexuelle Phantasie der Patientin in 
Bezug auf ihren Vater haftet, eine Darstellung ihres eigenen neurotischen 
Ich,' das traurig ist, weil es den Vater verlieren soll {Analyse, Über- 
tragung) („Doppelpaar" ^ v i e r — ihr altes Libidosymbol der neuroti- 
schen Infantilfixierung). Anderseits handelt es sich um eioe deutliche 
Ammenfigur, einen Mutterersatz ( Do ppelpaar-B rüste). 

738. Stunde: 

Die Liebeskrankheit 

„Etwas ist nicht in Ordnung. Ich habe fürchterlidie Sachen geträumt, 
weiß aber nur noch etwas". 

Traum: „Ein großer Saal, merkwürdig gebaut, nicht viereckig, son- 
„dern ein bißchen rund. Auf einer Seite war eine Portiere, auf der an- 
„deren Seite noch ein Gemach mit Vorhang. Darin war ein Bett, wie 
„auf der Bühne, und darin lag ein junges Mäddien, vielleidit idi. Ob 
„es krank war oder etwas passiert ist, weiß ich nicht. Ich habe gesagt, 
„ich werde es gleich untersuchen und schauen, ob etwas Ernstliches 
„fehlt. Es ist nicht so wichtig, sage ich dann, aber die Vorhänge 
„müssen zugezogen werden; denn im größeren Saal war ein Fest, Es war 
„wie ein Frühlingsfest. Gerade vor dem Vorhang waren Azaleen- 
„blumenstocke, aber so groß wie Lorbeerbäume. Es war noch sehr viel, 
„aber ich weiß nichts mehr. Samstag habe ich auch geträumt." 

(„Es fällt mir dazu Dornröschen, eine Märclienprinzessin ein. Es 
muß etwas sehr MensdiHches passiert sein im Traum, trotzdem. Es handelt 
sich um sexuelle Geschichten. Ich weiß nicht, wie idi es sagen soll. Viel- 
leicht mit der Sublimierung. ich möchte und kann es nicht. Die unbe- 
wußte Forderung nach Libido. Ich werde wahrscheinlich doch keinen Mann 
bekommen und dann ist alies umsonst gewesen. Ich weiß nicht, ob ich 



1) Ähnlich ist die Schlußszene ihres Traumes aufzufassen, wo Patientin die 
Sdtwester kujoniert, so daß sie weint. Audi dies ist als Selbstdarstelluny im 
oben ang'edeufeten Sinne aufzufassen. 



208 Die Lösung von der Analyse 

ihn liebe oder nicht. Ich mochte auch wieder etwas arbeiten, aber wenn 
das Eine nicht da ist! So kann ich ja nicht nachhause fahren, dachte ich 
gestern.") 

Die Überzeugung von der Gesundung 

Noch etwas geträumt: „Ich habe meiner Mutter von der Analyse 
„erzählt bei diesem Fest. Ich habe der Mutter erzählt, daß ich jetzt 
„gesund sei und daß die Analyse fertig ist. Und sie hat gar nicht so 
„darauf reagiert. Ich sagte: Du weißt ja gar nicht, wie schlecht es mir 
„gegangen ist! Niemand kann das ermessen wie der Dr. Rani; und meine 
„Freundin. Ich habe ihr alles erzählt, auch alle möglichen Liebes- 
„affären, die ich hatte. Dann liabe ich mich nicht sicher gefühlt und 
„gedacht, das könnte mir wieder passieren. Ich habe die Analyse an- 
„gepriesen und war doch nicht sicher, daß die Analyse gut sei. Dann 
„habe ich noch mit Max gesproclien im Traum. Beim Erwachen hahe ich 
„gewußt, daß nicht Max das gesagt hatte, sondern daß es mein innerster 
„Gedanke sei, denn ich habe es geträumt. Es war eine Wediselrede. 
„Ich habe gesagt: Hast du mich überhaupt je geliebt, und er sagt: Liebst 
„du mich jetzt? Er hat mir keine Antwort gegeben und ich ihm audi 
„nidit." 

[Als ich Patientin darauf hinweise, daß die Beichte vor der Mutter 
ihrer analytischen Befreiung vom Schuldgefühl entspreche, fällt ihr noch 
ein TraumstÜck dazu ein:] 

„Die Schwester kommt dazu und sagt, zuhause kannst du nicht bleiben, 
„denn da hast du dich unmöglich gemacht. Aber sonst wirst du schon 
„etwas finden." — „Ich habe gedacht, wenn ich der Mutter alles erzähle, 
„dann muß ich auch sagen, daß der Vater an allem (i. e. Neurose) schuld 
„ist, aber nicht wie sie glaubt. Er kann doch nichts dafür. Das wird sie 
„nie verstehen! [Im Traum reagiert sie nicht so darauf, wie Patientin er- 
„wartet hatte]. Sie würde sagen, das ist eine schöne Heilung, was man 
„dir da alles erzählt hat!" 

Der Akzent liegt hier auf „erzählt", eigentlich nur „erzählt" hat, im 
Gegensatz zur Libido, die ihr Unbewußtes auch jetzt noch im Traum 
fordert. Dies der Sinn ihrer „Krankheit" im Traume, welche eigentlich 
nur noch eine Liebeskrankheit ist {siehe Märchenprinzessin), während 
sie sonst sich bereits gesund fühlt. Zur Krankheit im Traume bemerkt 
die Patientin noch ausdrücklich: „Sie hat eine merkwürdige Krankheit, das 



Die Überz eugung von der Gesundung 209 

versteht niemand, nur ich (im Traum versteht es nur der Dr. Rank), eine 
sexuelle Krankheit. Ich dachte im Traum, ich werde nur sagen, es ist 
nicht schlimm, eine Liebeskrankheit: Nur jemand, der mich kennt, mich ver- 
steht, kann sich ja in mich verlieben." (Übertragungsliebe). Zur Rede von 
Max, die Patientin als ihren eigenen innersten Gedanken, d. h, als inneren 
Zweifel an ihrer Liebesfähigkeit und der Echtheit der Übertragungsliebe 
erkennt, fügt sie erläuternd hinzu: „Er hat mich überführt, daß ich 
ihn nicht mehr liebe." Hier gibt Patientin der unbewußten Überzeu- 
gung von der Unrealität der Übertragungsliebe Ausdruck, auch hier wieder 
sehen wir ihr Vorbewußtes weiter als ihr Bewußtsein, das sich noch immer 
nicht ganz damit abgefunden hat. Patientin schließt diese Stunde mit einer 
Bemerkung, welche ihre ganze analytische Situation scharf beleuchtet : „Es 
ist ein kleines Stückchen, das noch zur Gesundheit fehlt. Es wäre 
nur ein Sprung, aber der ist unmöglidi." 

Die sexuelle Geschichte, die sich im Traum ereignet, das Mensdiliche; 
was dem Mädchen da passiert, weist wieder auf Geburts Vorgang hin, 
u. zw. auf das analytische Kind: im Traum ist Patientin zugleich Patientin, 
Doktor und vrie die Dornröschen- Assoziation zeigt, das eben geweckte, 
neugeborene Kind, das noch hinter dem Vorhang gehalten werden muß. 

739. Stande: 

Das neugeborene Kind 

Patientin erzählt, sie hätte geträumt, aber nichts davon behalten; das 
sei ein schlechtes Zeichen. Im Verlauf der weiteren Assoziationen ergibt 
sich, daß dieser Widerstand u. a. den Sinn hat, daß Patientin mir kein 
Material zur Analyse liefern will, um von mir keine Analyse annehmen 
zu müssen. Sie will nur Libido. Diesem Widerstand entspricht wie ge- 
wöhnlich ein unbewußter Fortschritt in der entgegengesetzten Riditung: 
das Vorbewußte ist, wie wir gesehen haben, in vielen Punkten bereits 
weiter und insbesondere hat die Patientin bereits das Stadium der Ana- 
lyse überschritten, wo die infantile Regressionstendenz zur Mutter dem 
sublimierten Wunsch nach der eigenen Wiedergeburt durch die Analyse 
gewichen und damit auch der leibliche Vater zum geistigen Vater ge- 
worden ist („verstehen"). Im vollen Einklang damit steht es, wenn Patientin 
beriditet, daß sie sich in letzter Zeit wie ein Kind fühle und betrage, 
insbesondere das starke Schlafbedürfnis sdieine ihr damit zusammenzu- 
hängen (Dornröschen). Auch schlafe sie jetzt in der Hockersteilung, 

Renk, NeurosenaDa^yse 1^ 



210 Die Lösung von der Analyse 

was sie früher nicht tat, und faßt sich selbst als embryonal auf. „Ich 
mochte lang schlafen und erst dann aufwachen, bis alles 
vorbei ist." ' 

140. Stunde: 

Das Tempo der Endphase 

„Es jeht besser, ich habe geträumt, weiß aber wenig." 

Traum: „Ich bin mit G. einen ganz steilen Rain, eine Wiese hinauf- 
„gegangen, in raschem Laufschritt, er hat mich am Arm gehalten und 
„heraufgezogen. Ich habe mir gedacht, es ist doch gut, daß er mich 
„gehalten hat, sonst wäre ich rücklings herunter gefallen. Im 
„Traum habe idi gedacht, merkwürdig, daß die Frauen einen so stilechten 
„Stand haben, warum das die Männer besser können. Es ist doch gut, 
„wenn man jemanden hat, der einen hält. Das ist aber mitten aus einem 
„Traum." 

„Am Morgen dachte ich, ob denn kein Brief vom Hause da wäre. Dabei 
fiel mir ein, daß ich in der Nacht geträumt habe": 

„Auf meinem Nachtkastl habe ich Briefe weggelegt und gedadit, den 
„habe ich gar nicht aufgemadit. Es stand etwas Wichtiges darin, was, 
„weiß ich nicht, idi habe ihn für einen Brief von der Mutter angesehen 
„und er war doch von jemand anderem. Ich dachte, er muß von einem 
„Herrn sein. Jetzt fällt mir gerade ein, er muß von Ihnen sein. Was darin 
„gestanden ist, weiß ich gar nicht. Jetzt habe ich gedacht, es kann etwas 
„von Geld gewesen sein." 

Assoziationen: Mit G. hat Patientin bei der Hochzeit seiner Sdiwester 
vor kurzem Bruderschaft getrunken (siehe die Hochzeit Seite 27, wo man 
so gutes Essen bekommen hat). „Ich habe nur die V/ange hingehalten, die 
andern sagten aber, es müsse der Mund sein. (Damals habe ich vielleicht 
auch gedacht, am Ende heirate idi jetzt gar nicht mehr, wenn mir die 
Männer so gleichgültig sind)." 

Deutung: Wieder ein Traum, der die Übertragung im Sinne der 
Heilungstendenz sublimiert: Bruderschaft, wirklich brüderlich, „nur auf 

I) Patientin stellt am nächsten Tajf die überaus charakteristisdie Frag-e, wie 
man Kinderneurosen verhindere. Auf meine Frage, warum sie g-erade das inter- 
essiere, antwortet sie: „Früher hätte ich gesagt, wegen meiner eig-enen Kinder. 
Jetzt möchte ich aber seihst als Kind dableiben." — Dieser Satz gibt 
die konzentrierteste Forme! für das ganze Wesen der analytisdien Endsituation. 



Das Tempo der Endphase 211 



die Wange", und das Hinaufgehen über den ßer^, das früher Ausdruck 
ihrer Männlichkeitsbestrebungen war, jetzt als Symbol der subümierten 
Hilfsbereitschaft im Sinne der analytischen Heilung aufgefaßt {„es ist 
doch gut, wenn man einen Mann hat, der einen hält"). Der „rasche Lauf- 
schritt" wieder Ausdruck der neurotischen Ungeduldstendenz, der im 
Unbewußten die Verlängerung der Analyse aus Hbidinösen Motiven gegen- 
übersteht. (Der Brief von mir ist meine letzte Honorarnote, die Patientin 
nicht zur Kenntnis nehmen will; indem sie den Brief — im Traum — 
nicht öffnet, schiebt sie das Ende hinaus, wie im Unbewußten die Trennung 
von der Mutter, die Geburt; daher der Zweifel, ob der Brief von mir 
oder der Mutter ist.)' „Im Traume habe ich gedacht: der Brief liegt sclion 
neun Tage. Ich habe diesen Brief immer zu einem andern gemacht." 

141. Stunde: 

Erledigung der Dankbarkeit 

„Idi habe geträumt, etwas Unsinniges. Vorher ist etwas vorausgegangen." 
Traam: „Es war ein Saal (so wie gestern bei einer Versteigerung, bei 
„der ich mit meiner Freundin war), Stühle waren da, aber immer ein 
„paar aufeinander, sagen wir drei aufeinander gestellt. Es saßen trotz- 
„dem Leute da; vielleicht die Leute auf gewöhnlichen Stühlen und nebenan 
„waren die Stühle aufgestapelt. Ich habe mich auch hineinsetzen wollen, da 
„sind alle Stühle auf einmal heruntergefallen, mit großem Gepolter, 
„es ist aber nichts geschehen. Meine Mutter war auch da. Ich 
„habe mich entschuldigt, meine Mutter hat mich beruhigt und zugleidi 
„den Leuten gesagt, daß ich nichts dafür kann. Ich war sehr ver- 
„wundert {warum eigenthch): daß sie mir geholfen hat." 

„Es waren noch zwei Sadien, die weiß ich aber nicht mehr. Etwas mit 
,, Eisenbahn oder Elektrischer und Schlafwagen." 

Assoziationen: Zum Stuhl fällt ihr ein, daß sie gestern auf das 
Versteigerungsprogramm eine Zeichnung, und zwar zweimal nebenein- 
ander gekritzelt und bald danach erkannt hatte, daß es wieder die 4 
sei, nur mit glatten Linien, ohne Vorsprünge. Die Stühle, die über- 
einander getürmt waren, erinnern sie in ihrer schematischen Form auch 



1) Sie fürchtet jetzt in jedem Brief der Mutter die Aufforderung zm finden, 
sofort nadi Beendigiinff der Analyse nadihause zu kommen, was sie auch hinaus- 
schieben will. 



14* 



212 Die Lösung von der Analgse 

an die Vorspriinge (ein Sessel in der primitiven Kinderart mit einfachen 
Strichen als 4 gezeichnet). Deutliche Geburtsdarstellung (Zusammenfallen, 
ohne daß etwas passiert dabei), mit Auflösung des Schuldgefühls gegen die 
Mutter, bei der sie sidi entschuldigt und von der sie beruhigt und ge- 
tröstet wird (Versöhnungstendenz). Auf dem Boden dieses Schuldgefijhls 
und seiner analytischen Auflösung werden die weiteren Assoziationen der 
Träumerin im Sinne der Übertragung dieses Schuldgefühls auf den Ana- 
lytiker verständlich: 

„Bei der Versteigerung habe idi ein antikes Glas gekauft. Ich weiß 
aber nicht für wen. Eigentlich mochte ich jetzt sagen für mich selbst. Ur- 
sprünglich dachte ich, für Max, der für seinen Freund ein Hochzeits- 
geschenk sucht. Ich dachte, wenn es ihm gefällt, kann er es mir ja ab- 
kaufen. EigentHch möchte ich es aber lieber selbst behalten." 

,,Dann habe ich noch von Ihnen und Geld geträumt. Es war deutlich 
Ihre Stimme, Sie haben mir etwas gesagt von zweitausend Kronen. Es 
war ein Gespräch schon im Autwachen. Es kam mir vor, als ob Sie an 
meinem Bettrand stehen würden. Sie sagten etwas von 1800 oder 2000 
Kronen." 

Deutung: Der Zusammenhang mit der Übertragungslibido ist klar, der 
weitere Zusammenhang mit ihrem Schuldgefühl gegen die Mutter ergibt 
sich aus (Selbst-) Vorwürfen wegen Geldausgaben. 

In ihrer jetzigen Situation sind zwei Fortschritte bemerkenswert: einmal 
die aus der teilweisen Auflösung des Schuldgefühls resultierende (narzis- 
tische) Einstellung, daß Patientin sich jetzt vieles vergönnen darf, was 
ihr früher das Schuldbewußtsein (gegen die Mutter) verwehrt hatte. „Jetzt 
denke ich aber, was ich für richtig finde, kann ich kaufen." 
Zweitens steckt darin ein Stüd: Auflösung der Übertragung und der neu- 
rotischen, i. e. aus dem Schuldbewußtsein stammenden Dankbarkeit gegen 
den Analytiker: statt ihm etwas zu „sdienken", beschenkt sie sich selbst. 
Diese Deutung bestätigt Patientin durch die Assoziation, ihre Freundin 
hätte gestern gesagt, sie würde an ihrer Stelle mir auf den Knien danken 
(das Zusammenfallen der Sessel!), Patientin fügt hinzu: „Ich dachte mir, 
indem sie das sagt, brauche ich es weniger zu tun." Gleichzeitig damit 
akzeptiert sie das analytische Verhältnis unbewußt als ein rein geschäft- 
liches, wenngleich der Traum ihre alten Libidoansprüche geltend macht. 
Daneben sagt er aber auch, daß Patientin mir Libido anbietet (stehe 



Erledigang der Dankbarkeit 213 



neben ihrem Bett), und ich nur von Geld spreche. Die unbewußte Ant- 
wort darauf lautet: .Wenn Sie nur Geld wollen, wenn es sich also nur 
darum handelt, dann bin ich Ihnen ja zu gar nichts mehr verpflichtet, 
denn das haben Sie schon bekommen.' Die Betonung dieses Faktors hat 
den Sinn, sie ihrer Dankbark eits Verpflichtung mir gegenüber zu entlasten. 
Dir Unbewußtes argumentiert weiter: .Ich braudie Ihnen nichts mehr zu 
geben, denn Ihr Geld haben Sie bekommen und das „Gesdienk" haben 
Sie mir ja als libidinös erklärt.' Dieses Geschenk ist letzten Endes das 
anale Kind, dessen Überwindung — natürlich zugleich Erfüllung — im 
Traum durdi das Zusammenfallen des Stuhles dargestellt ist.' 

Die Sublimierung 

Zu diesem Punkt der Deutung fällt Patientin „etwas Ähnhches im 
Traum ein, was idi nicht mehr weiß".' 

Traum: „Ich habe geträumt, daß ich in- irgend einem Nachttopf etwas 
„habe essen müssen. (Es war auch gestern ein Cremetopf auf der Auktion, 
„zu dem die Freundin bemerkte: das kaufe ich nicht. Im Traum habe 
„ich vermeint, daß man die Creme im Nachttopf ißt. Der Gedanke, ob 
„ich fähig wäre, aus einem Topf zu essen? Ich habe mir gesagt, das ist 
„doch gereinigt. Aber wenn man sich vorstellt, daß Jahre hindurch 
„Urin darin war, kann man nicht auf einmal Creme oder Suppe 
„daraus essen" [Analytische Wandlung!]. 

Dies ist ein besonders sdiön es Beispiel von Subliniierung im wahren 
Sinn des Wortes, denn Patientin will damit sagen, man könne sich nidit 
auf einmal mit dem verdrängten, unbewußten Material („Komplexe") im 
Bewußtsein befreunden, es aus der neurotischen Fixierung zu normaler 
Subliraierung verwenden. Andererseils ist der Gedanke selbst sdion ein 
Resultat dieser Sublimiening und bedeutet die Überwindung gewisser 
neurotischen Einstellungen, die wir übrigens als soldie analytisch gar nicht 

1) Zugleidi Akzeptierung der weibÜdien Rolle, d. i. der Kastration (Zusammen- 
fallen), wobei die Drei (Sessel) männlidie Bedeutung hat (siehe auch das „Zu- 
sammenfallen" der Landsdiaften und Gebirge in ihren Träumen). Patientin fügt 
noch hinzu, daß im Traum audi etwas von einer glatten Bahn oder von Über- 
eio anderkugeln vorgekommen sei, was diese Deutung unterstützt, 

2) Es scheint charakteristisdi für dieses Stadium der Analyse, daß die Patientin 
die sogenannten „Komplexträume" jetzt schwerer (unter Widerstand) erinnert, 
während die analytischen Traume im Vordergrund zu stehen scheinen. 



I 



214 Die Lösung von der Analyse 

angegriffen hatten, die aber jetzt, bei Analyse der Libidofixierung' und des 
Schuldgefühls von selbst verschwinden.' 

Patientin sagt im Anschluß an diesen Traum: „Ich habe heute morgen 
gedadit, ich werde mich nach der Defäkation nicht mehr waschen, was ich 
bisher immer getan habe. Andere Leute tun das auch nicht." Dies 
ist die Erledigung ihres Waschzwanges aus rein inneren analyti- 
schen Motiven. 

r42. Stande: 

Der Familienroman als Zukunftspliantasie 

„Ich erwache jetzt immer sehr zeitig am Morgen, gegen 6 Uhr und 
weiß, was ich geträumt habe. Idi lege mir das halb unbewußt zurecht 
und wenn ich dann später wirklidi erwache, weiß ich nichts mehr. Ein 
junger Mann kam darin vor. Das ist der Doktor Rank, sagte ich mir, 
der steht über allem und wacht über allem." 

Dies bringt die weitere Auflösung des Übertragungs Verhältnisses, 
welche sich jetzt am Schluß, der Analyse als Auflösung des Dankbarkeits- 
gefühls und des dahinter wirkenden Schuldgefühls (gegen die Mutter) er- 
weist. Während Patientin in ihrem Selbstdeuten und nachträglichen Ver- 
gessen der Träume andeutet, daß sie midi nidit mehr braucht (wohl auch 
noch: nichts mehr von mir annehmen will), zeigt der Traumgedanke, daß 
ich im Gegensatz dazu doch das Um und Auf bin. Aus verschiedenen 
weiteren Assoziationen geht hervor, daß Patientin an ihren Geburts- 
tag vergessen will, d. h. an die Dankbarkeit gegen die Mutter nicht 
erinnert werden will. Sie will der Analyse die Gesundheit so wenig ver- 
danken, wie der Mutter das Leben. Dies kommt in folgenden Assoziationen 
zum Ausdruck: „Ja, man müßte ja das ganze Leben danken, wenn man 
dem Analytiker so viel zu verdanken hat. Ich habe mich so sehr ver- 
ändert, daß meine Freundin sagt, alle Leute müssen paff sein, Max findet 
das nicht so. Er muß denken, daß ich vorher oder nachher Theater ge- 

1) An diesem Traum wird der Zusammenhang des Schuldg-efühJs ifetfen die 
Mutter mit dem sosrenannten „Kastrationskomplex", weldier der Identifizierung 
mit dem Vater entsprictit, vollkommen durchsichtig-. Dieser Zusammenhang' ist 
repräsentiert in der riickschreitenden Formel: Penis — Stuhl — Kind. Patientin 
hatte unmittelbar nach der Traum epiählung gani spontan erklärt; „Die Stühle 
habe ich — wegen der Vorsprünge — gleich beim Erwadien als Penissymbole 
aufgefaßt." Die Analyse hatte ihr zu zeigen, welche unbewußten Affekte 
und Lihidoeinstellunge n hinter dieser Symbolik verborgen sind. 



Der Familienroman a/s Zukiinflphanlasie 215 

spielt habe. Lächerlidi, man kann sich doch nicht so von Grund auf 
ändern! Patientin sucht hier die tatsächhche Heilung, die sie anerkennen 
muß, zu entwerten. Es hängt dies unmittelbar mit der Lösung ihrer 
infantilen Libido zusammen, die ja gleichzeitig mit der Übertragungslibido 
analytisch entwertet wird. „Ich will meinem Vater nicht durchs ganze 
Leben dankbar sein. Ich habe mich immer geärgert, daß ich ihm das 
Leben verdanke." Dies heißt mit anderen Worten, er sollte nidit ihr 
Vater sein, was zum Familienroman führt, der ja das die Liebes Verbindung 
verhindernde Blutband beseitigen soll. In diesem Sinne ist der Familien- 
roman zu verstehen, den Patientin, jetzt in Anlehnung und Modernisierung 
ihres alten Familienromans (Siehe Seite 34} zu realisieren sudit. Sie will 
in Wien leben, unabhängig vom Vater, natürlidi in sehr bescheidenen Ver- 
hältnissen, da sie kein Geld mehr von ihm annehmen will, um ihm nicht 
dankbar sein zu müssen. Natürlich übersiebt sie dabei den analytischen 
Mutterersatz, dem der ganze Wunsch, in Wien zu bleiben, gilt und den 
jetzt die Analyse aufgeklärt hat. 

143. Slunde: 
Die „Frühgeburt" 

Patientin ist wütend gegen die Mutter, weil ihr diese freigestellt hat, 
nachhause zu kommen, sobald die Analyse zu Ende ist. Das paßt nicht 
gut in ihre analytische Situation, welche ja augenblicklich darauf ausgeht, 
das Schuldgefühl gegen die Mutter abzureagieren. Sie sagt, sie hätte 
gewünscht, daß die Mutter ihr befohlen hätte, sofort nachhause zu 
kommen. Natürlich nur, um dagegen zu protestieren. Im Anschluß daran 
berichtet die Patientin, sie hätte irgend etwas von Amerika ge- 
träumt, den Traum aber gänzlich vergessen, als sie den Brief von der 
Mutter erhalten hätte. Amerika ist ein Hauptbestandteil ihres alten auf die 
Loslösung vom Heimatland (Mutter Erde) im Sinne der Vateridentifizierung 
gerichteten Familienromans, den sie jetzt in Bezug auf die Analyse 
wiederholt. 

,, Gestern nachmittags bin ich auf der Chaiselongue gelegen und hatte 
„einen Traum oder eine Vision. Zwei Männer haben ein Kind von 
„4 — 5 Jahren vor sich her gestoßen und haben ihm etwas antun 
„wollen. Das Kind ist schreiend zu mir gekommen und hat sich zu mir 
„geflüchtet. Es hatte das gleiche Haar wie meine Schwester." 



216 Die Läsung von der Analyse 

Deufang: Patientin identifiziert sich in diesem Traum über dem Um- 
weg der Schwester, die ein Kind erwartet, mit der Mutter," wobei die 
zwei Männer, die sidi so schlecht benehmen, den Vater und den Analytiker 
repräsentieren, die ihr reales Vorbild im Schwager finden, der sidi nach 
Ansidit der Patientin schlecht gegen die Schwester benimmt Die Identi- 
fizierung mit der Sdiwester wird erleichtert, ja, man könnte geradezu 
sagen hergestellt durch das Liegen der Patientin bei Tage, denn ihre 
Schwester muß jetzt tatsächlich liegen, und zwar wegen einer Frühgeburt, 
für die Patientin den Sdiwager verantwortlich macht. Diese „Frühgeburt" 
verwendet Patientin zur Darstellung des Abschlusses ihrer Analyse, 
welche natürlich immer zu früh erfolgt Überhaupt besteht jetzt eine 
stärkere Tendenz, die analytischen End Situationen im Sinne der Urtrennung 
darzustellen. So z. B. hatte Patientin vor zwei Tagen den Einfall, daß sie 
ihre Menstruation in 14 Tagen erwarte, was mit dem Ende der Analyse 
zusammenfalle. „Auch bekam ich gestern plötzlich Nasenbluten und sehne 
midi nach der Menstruation." Diese und andere Symptome (Schmerzen, 
Fluor elc) unterstützen die Identifizierung mit der Schwester (Krankheit) 
und die Menstruation bleibt sozusagen der Patientin als einziges „neu- 
rotisches" Ausdrucksmittel für ihre Geburtsphantasie übrig, welche die 
Analyse nadi den strengen Gesetzen des Unbewußten unbedingt ab- 
schließen muß. 

144. Stunde: 

Die Analyse als Kunststück 

Traum: „Ich habe etwas Verrücktes geträumt Es handelt steh 
„um ein Pferd — aber ein ßÖcklinsches Pferd: nur der untere Teil 
„war Pferd, der obere Mensch. Ich bin auf einer Wiese gestanden 
„und da hat sich das Pferd von einem Gespann losgemacht und ist in 
„rasendem Galopp auf uns zugesprungen, hat sich in die Höhe erhoben 
„und ist über midi hinübergestiegen [dabei zeigt Patientin auf die Mitte 
„ihres Kopfes], auf einen Baum gesprungen und in der Luft hat es sidi 
„aufgelöst. Mit einer Detonation ist es zersprungen, unter Blitz und 
„Donner. Indem es bei mir vorbeigesaust ist, hat es gesagt: Ich werde 
„doch abgehen. Es hat gefühlt, daß es sterben wird. Es ist zerplatzt 
„unter Feuer und Blitz wie eine Rakete und dann heruntergefallen 
„Dann war es aber doch noch das Pferd. Ich dachte, es muß ja tot 

1) Nachtrag; „Im Traum war audi etwas von der Mutter." 



Die Analyse als Kansistück 217 



„sein und es ist doch als Pferd wieder aufgestanden. Dann bin 
„idi erwacht." 

„Das Game spielte auf einer Wiese, einem Adcerfeld mit zwei Bäumen 
„und einer Straße. — Im Traum war es ein riditiges Pferd, aber jetzt 
„kommt es mir halb Menschengestalt vor und nur unten ein Pferd, — 
„Dann war noch etwas von meiner Mutter — das weiß ich nicht 
„mehr." 

Da dieser merkwürdige Traum vorwiegend analytische Bedeutung oder 
besser gesagt, analytisches Interesse hat, isl in den folgenden Assoziationen 
der Träumerin alles, was sich auf die analytische Situation bezieht, 
unterstrichen [wo nötig, ein kurzer Kommentar in eckigen Klammem 
dazu gegeben]. Die gleichen Bilder repräsentieren die primäre Intrauterin- 
situation, bezw, das Geburtstrauma (halb Tier, halb Mensch; Detonation etc.) 

Assoziationen: „Ich habe noch nie so geträumt, so etwas Über- 
natürliches, Gigantisdies. Der rasende Laut ging nur so wie ein 
Spuk vorbei und schon im Traum habe ich gefühlt, daß es unwirk- 
lich ist Keine gewöhnliche menschliche Situation [Überm enschlidi: 
SublimieruQg], Halbgotter, Mythisdi! Dazu fällt mir „Griechenland" ein. 
Dazu ein Gesprädi, das ich gestern mit Max, über Odysseus hatte. Wir 
sind gestern abend zusammen an der Spinnerin am Kreuz vorbeigegangen 
(von der ich auch geträumt habe)' und ich habe Max nadi dieser Sage 
gefragt. Er sagte, er weiß nicht mehr wie die Sage ist, hat mir aber 
doch etwas erzählt: Ein Mädchen, das zur Zeit der Kreuzzüge Aus- 
schau gehalten hat, ob ihr Geliebter zurückkommt. Nachher sagte 
er aber, er glaube, daß es nicht so war [Zweifel an der „Geschichte", 
die idi ihr erzählt habe]. Ich sagte darauf: das ist jedenfalls eine 
hübsche Erklärung, auch wenn es nicht so war. Ich sagte dann, 
sie hat sehr viel spinnen können, in der Zeit, bis er kam, wo das Reisen 
früher doch so beschwerlich war [Abreise]. Später fragte er mich, wie die 
Frau des Odysseus geheißen habe. Ich sagte: Penelope — und weiter, 
die hat auch 7 Jahre warten müssen. Dann sagt er: Das ist keine 
lange Zeit. Ich: Mir scheint es sehr lange. Er: Sie wird wohl auch 
nidit die ganze Zeit nur gewartet haben. Ich: natürhch hatte sie nicht 
die Hände im Schoß, sie wird gesponnen haben. Und dann habe ich 



1) Später: Im Traum halie ich auf einem Papier gesehen, in Anführunffs- 
leichen; „Die Spinnerin am Kreuz." 



218 Die Lösung von der Anatyse 

sagen wollen, im Unterbewußtsein, im Unbewußten, hat sie 
doch gewartet. Das Wort „Unbewußten" habe ich ihm aber niciit 
sagen wollen. Ich sagte: im Stillen. Er: Umsonst wird doch der Odysseus 
die Freier nicht hinausgeworfen haben. Da war ich überrascht, weil ich 
nicht an die Freier gedacht hatte; ich weiß gar nicht, warum mir 
das gar nicht in den Sinn kam. — Gestern als ich mit Max spazieren 
ging, kam er mir wie ein Stock vor, er hat keine Veränderung bei mir 
bemerkt, nicht mein Haar, nidit meinen Hut, das hat mich geärgert und 
er hat das sicher bemerkt." 

Deutung: Der Traum zeigt die höchste Intensität ihrer libidinösen 
Spannung, die sie in der „Explosion" entladet. Patientin identifiziert sich 
einerseits in der Spinnerin am Kreuz und in der Penelope mit der Frau, 
die geduldig auf den Mann wartet, während ihr Traum der höchste Aus- 
druclc ihrer libidinösen Ungeduld ist: Der „rasende Lauf" und die plötz- 
Hche Explosion. So wehrt sie sich gegen den ihr von der Analyse auf- 
erlegten Zwang der allmählichen schrittweisen Lösung ihrer Mutterlibido ' 
— durdi Reproduktion des gewaltsamen Geburtstraumas und versudit 
auf diese Weise loszukommen (Sprung). Das unbewußte Warten auf den 
Vater, das dahinter zum Vorschein kommt und das Patientin sich schämt 
einzugestehen („Im Stillen"), ist tatsächlich der unbewußte Untergrund, 
auf dem ihr ganzes neurotisches Gebäude aufgebaut war, das jetzt plötz- 
lich verfiüditigt ist. In diesem Sinne stellt das mythische Pferd auch ihre 
eigene Neurose symbolisch dar (das Tierische, das Sexuelle, eventuell das 
Bisexuelle, aber auch das IWensdihche und Übermenschliche, d. h. die 
Subhmierung, die ja auch im Wartenkönneo zum Ausdruck kommt). Dazu 
ihre Bemerkung: „Es war im Traum ein Pferd, das nicht mehr weiß, was 
es tut." Man mochte sagen, ihre in die Enge getriebene Neurose oder 
konkreter ausgedrückt, ihre neurotischen Wutanfälle, die durch die Ana- 
lyse sozusagen in statu nascendi erstickt werden und der geduldigen 
Resignation (Sublimierung) weichen. „Aber wie es sich in die Luft erhoben 
hat, dachte, ich, es ist kein riditiges (i. e. tierisches) Pferd, sondern etwas 
Übernatürliches, Magisches, Zauberhaftes. Denn zuerst hatte ich Angst, 

I) Ais ich ihr das erkläre, erwidert sie, sie hätte heute eben daran g-edadit, 
das einzig- Riditige wäre, sofort rasch wegzugehen. Worauf ich ihr erwidere, sie 
möge sich dieses rasche Weg-g-ehen für den Moment nach dem Abschluß der 
Analyse aufheben. 



Die Analyse als Kiiiislslücr^ 219 

es sei ein Pferd, das mich umwirft. Als es aber etwas Magisches schien, 
hatte ich die Angst verloren. Es war noch irgend ein Mensch da, der 
hat nicht bemerkt, daß es etwas Übernatürliches ist, und der hat die 
Furcht behalten und ist weggesprungen. Wer das war, weiß ich nidit. 
Vielleicht die Mutter, vielleidit Max, die das ÜbernatürUche nicht ver- 
stehen." Ich sage darauf: „Vielleicht auch ich, denn ich bin auch so nüchtern", 
und deute ihr damit den Widerstand gegen die Akzeptierung der Ana- 
lyse an, der bei aller Anerkennung derselben {etwas Übernatürliches, 
Magisches, Zauberhaftes), ja, gerade deswegen, im Traum zum Ausdrude 
kommt. In diesem Sinne stellt das Pferd neben der Neurose audi die 
Analyse dar, die sich gleichzeitig mit ihr verflüchtigt, die aber gleichzeitig 
und im selben Symbol aufs Tiefste entwertet werden. Vom Standpunkt 
dieses Widerstandes, der auch im Zweifel an der Erzählung von der Spin- 
nerin am Kreuz zum Ausdruck kommt, sagt der Traum, das Ganze ist ja 
eine sehr schöne, aber erfundene, unwahre, mythische Geschichte, Noch 
einfacher ausgedrückt: Die Analyse ist „das höchste Kunststück". 

Um diese aus dem Übertragungs widerstand folgende Entwertung der 
Analyse, die zugleich ihre hödiste Anerkennung enthält, zu verifizieren, 
sehe ich mich veranlaßt, die Patientin zu fragen, ob ihr bekannt sei, daß 
ich mich mit Mythologie beschäftige. Sie bejaht dies und beeilt sich hin- 
zuzufügen, daß sie mein Buch über den Ödipuskomplex — „der genaue 
Titel fällt mir nidit ein" — einmal gesehen habe. Sie erinnere sich nur, 
wie mein Name dort stehe. (Im Traum sieht sie „Die Spinnerin am Kreuz" 
gesdirieben.) Den Ödipus faßt sie als mythischen Helden, der auch zum 
mythischen Inhalt des Traumes gehöre, nicht als Komplex. In dieser Äuße- 
rung hegt das ganze Stück Sublimierung, das Patientin vom „Ödipus- 
komplex" über die Identifizierung mit mir (Sublimierung) zum mytholo- 
gischen Interesse führt. Ich bringe ihr den Titel meines Buches in Erinne- 
rung, worauf Patientin erklärt, der Titel habe ihr gleich einen unange- 
nehmen Eindrudc gemacht wegen des Wortes „Inzest", das dort vorkomme. 
Im selben Moment fällt ihr ein, warum sie auch nidit das Woi't für das 
mythische Pferd gefunden hatte, nämlich „Zentaur". An dieser Stelle er- 
klärt Patientin, es sei überhaupt das griechische Element, das im Traum 
vorherrsche, obwohl natürlich bis jetzt keine Rede davon war. Weiterhin 
assoziiert sie dazu: Schönheit, reine Luft, das Ästhetische und auch das 
Natürliche. Femer; das wäre der Ort, wo sie jetzt hingehen möchte, 
wenn sie von hier abreisen müßte. Idi erinnere sie an ihre Träume, weldie 



220 



Die Losung von der Analyse 



sidi auf mein Bild von der Akropolis bezogen (s. S. 73). Patientin er- 
innert sich genau daran und bekräftigt diese Erinnerung durdi den Hin- 
weis darauf, sie sei das eine Mal auf einem hohen Geländer gesessen, 
das andere Mal sei sie auf einer hohen Mauer Auto gefahren. Das „Hohe" 
von damals entspricht jetzt der Sublimierung, u. zw. der SublimierungNhrer 
neurotischen Männhchkeitstendenz (das Hohe, in diesem Traum das 
„Gigantische" = Penis), die eben jetzt in der Identifizierung mit dem Ana- 
lytiker, aber nicht als solchem, sondern mit seinem niditanalytisdien 
(mythologischen) Interesse, mit andern Worten, der Sublimierung des 
(mythischen) Ödipuskomplexes oder wie Patientin sidi ausdrückt: dem 
Interesse für den Ödipus, aber nicht für den „Komplex". Sie fügt hinzu, 
das mensdiliche Problem ist das schönste (siehe ihre Schwärmerei für das 
Natürliche), 

Selbstverständlich sind in diesem Traum, der zeigt, wie tief ins Vorbe- 
wußte selbst die analytische Einstellung der Patientin nunmehr hinabreicht, 
auch ihre alten, neurotischen Motive wiederzufinden. Die Art, wie ihr das 
Pferd über den Kopf springt, erinnert auffällig an den großen Skitraum 
(siehe Seite 13), in welchem die neurotische Vaterlibido triumphierte. 
Patientin, darauf aufmerksam gemacht, erwähnt audj sofort, daß im Traum 
eine Kutsche war, von der sich das eine Pferd losgerissen hatte. Dieses 
Pferd entspricht dem Vater (Zentaur), der sich von der Mutter (vom 
Gespann) losreißt, um sich auf sie zu stürzen, was ja in früheren Angst- 
träumen der Patientin auch der Fall war. Hier aber verflüchtigt sidi 
dieses infantile Angstphantom unter dem Einfluß der Analyse zu einem 
magischen Spuk. Anderseits ist das vom Wagen losgerissene Pferd die 
von der Mutter getrennte Patientin selbst. 

!48. Stunde: 
„Der Reigen" 

Traum: „Ich habe geträumt: Drei Bilder, einmal handelt es sich um 
„verschiedene Paare, immer zwei: meine Mutter und mein Vater, 
„meine Freundin und ihr Verlobter, meine Schwester und ihr Mann, und 
„idi audi mit jemandem; ich weiß aber nicht, wer es ist. Idi glaube, es 
„ist ein Festsaal und alle saßen paarweise herum und sind immer 
„wieder verschwunden: meine Mutter mit dem Vater gingen weg und 
„jemand hat gesagt, die sind da und da und haben den und den Aus- 
„flug gemacht und kommen erst Nachmittag zurück.- Und dann war 



„wieder ein anderes Paar weg. Ich weiß gar nicht, was weiter da- 
„bei ist, was mir so aufgefallen ist. Der Saal war im Hause meiner 
„Schwester und auch das Haus meiner Jugendfreundin L. hatte etwas 
„damit zu tun. Nachher oder vorher, glaube ich, hat die ganze Geseli- 
„schaft etwas besichtigt. Vielleicht das Schloß in Schönbrunn. Da war 
„etwas Merkwürdiges. Es war eine lange Fassade mit vielen Fenstern 
„(doch nidit Schonbrunn) und hinter den Fenstern hat sich immer etwas 
„bewegt u. zw. — wie soll ich das sagen — , wie ein ^, wie das Band 
„bei einer Schreibmasdiine, nein, beim Telegraphen. Es war aber kein 
„solches Band, sondern die Fenster haben sich vorbeibewegt. Wie soll 
„ich das erklären? Ich sehe es deutlich nodi vor mir. Es bewegte sich 
„etwas hinter den Fenstern und dodi waren es eigentHch die Fenster 
„selbst. Es war wie ein Kinoband, wo immer etwas Neues kommt, aber 
„hier war es immer dasselbe, es waren immer diese Fenster, unten 
„auch, überall, wo ich hingeschaut habe. Diese merkwürdige Einrichtung, 
„dachte ich! jetzt läuft das so Tag und Nacht, ob es jemand anschaut 
„oder nicht! Dann bin ich im Bett gelegen mit meiner Freundin (das 
„war vor dem Erwachen). Ich habe immer etwas gehört (im Traum), 
.einen leisen Pfiff. Ich dachte, das ist der Mann. Der Mann, der zu mir 
„kommt: Max oder A. oder wer es ist. Es war ein Zimmer mit lauter 
„großeo Fenstern, wie Schaufenster. Ich dachte, ich muß jetzt 
.„nur die Decke weg tun und dann wird er selbst da sein. Und richtig! 
„Ich dachte, ich muß ihm winken und er kommt herein. Und richtig, ich 
„winke und er kommt. Meine Freundin war faul und wollte nicht auf- 
„stehen. Ich will aufstehen, um ihn herein zu lassen und sehe, daß 
„das Bett blutig ist, Ich habe gesagt, ich wußte nicht, daß du noch un- 
„wohl bist. Ich dachte dabei, wenn ich es gewußt hätte, hätte ich sie 
„nicht bei mir sdilafen lassen." 

Deutung: Der Traum zeigt einen entscheidenden Fortschritt in der 
Entwicklung zur normalen heterosexuellen Libido {die verschiedenen Paare, 
deren Vorbild Mutter und Vater), bei gleidizeitiger Überwindung des 
Schuldgefühls, was offenbar die Voraussetzung dieser Entwicklung ist. 
Im ersten Traum kommt dies an der Stelle zum Ausdruck, wo Patientin 
das Verschwinden der einzelnen Paare mit der Bemerkung begleitet: „Ich 
weiß gar nicht, was weiter dabei ist!" Im zweiten Traum, daß sidi die 
Sexualität jetzt hinter Schaufenstern abspielt, die nicht nur ein Zusehen 



222 Die Lösung von der Analyse 



gestatten, sondern geradezu zum Anschauen da sind, {Dazu ihre spätere 
Assoziation zum zweiten Traumstück, von Sdiönbrunn, das sie besich- 
tigen will: „Diese Fenster sind zum Besichtigen da." Diesen Sinn h^t 
auch die Kinoassoziation). Zum dritten Traum sagt sie: „Es waren alles 
lauter Fenster, wie ein Glashaus". Dies entspricht einerseits einer Be- 
freiung vom Schuldgefühl, für das die ganze Sexualität etwas Verbotenes, 
Geheimzuhaltendes darstellt (Masturbation); andererseits weist es, wie wir 
wissen, und wie auch der erste Traum unzweideutig zeigt, auf die Tat- 
sache (oder die Phantasie) von der Belauschung des elterlichen Sexual- 
aktes hin, den die Patientin — jetzt aber in normaler Mutteridentifizierung — 
nachmad)en will (siehe den ersten Traum, wo sich zuerst Vater und 
Mutter entfernen). Dieses neurotische Trauma wird nunmehr von der 
Patientin im Sinne einer normalen Mutteridentifizierung, welche die un- 
bewußte Voraussetzung ihrer normalen heterosexuellen Einstellung ist, 
verwendet. Übrigens äußern sich diese beiden, für diesen Traum als 
charakterististJi hervorgehobenen Fortschritte: nämlich zur Hetero Sexualität 
über das Schuldgefühl hinweg, auch im realen Leben der Patientin, die 
heute spontan erklärt: „Das Schuldgefühl ist weg aus meinem Leben. Ich 
habe mich gewundert, wie frei ich gestern mit einem jungen Mann spredien 
konnte." Diese Bemerkung zeigt aber noch mehr an, besonders im Zu- 
sammenhang mit ihren anderen Assoziationen, welche in folgender Be- 
merkung der Patientin kulminieren: „Ich sehe jetzt ein, Libido kann man 
von jedem Manne bekommen. Aber der richtige! Dieser Richtige, 
Einzige war früher der Vater, jetzt ist es nur der eine Unbestimmte, 
aber es muß einer sein." Hier wird deutlich, wie die Analyse der Patientin 
den Weg zur wirklichen Hetero Sexualität, d. h. zur Wahl eines Liebes- 
objektes aus der Zahl der Männer ermöglicht hat, im Gegensatz zu dem 
Zwang, dem sie aus ihrer Neurose heraus jedem Mann gegenüber unter- 
worfen war. Auch diese neurotische Libido konnte heterosexuell, ja man 
möclite fast sagen, nympho manisch erscheinen, sie war es aber durchaus 
nicht, sondern Ausdruck einer verscliobenen oder neurotischen Libido- 
befriedigung. Jetzt bringt die Patientin im ersten Traum eine Art Sub- 
liraierung davon, indem sie verschiedene Paare als „Reigen" darstellt, 
worauf sie prompt erwidert, daß sie zwei Tage vorher den „Reigen" von 
Schnitzler im Theater gesehen hatte. Die konsequente, unbewußte Durch- 
führung dieses „Reigens" würde aber, wie der erste Traum verrät, die 
Patientin auch irgendwie in sexuelle Beziehung mit dem Vater bringen, 



„Der Reigen" 223 



der ja einer von den Hauptspielem im Traumreigen ist, wie ja überhaupt 
die andern männlichen Figuren Imagines von ihm sind, einschließlich des 
unbekannten Mannes, der zur Patientin gehört und der in der Über- 
trag ungsphase den Analytiker repräsentieren müßte. Andererseits wird 
aber dieser Reigen hier entwertet, die vorbeiziehenden Bilder (im zweiten 
Traumteil) als Kino charakterisiert, wie ja auch der Reigen selbst, den 
Patientin im Traum wiederholt, als Theaterstück in die Eotwertungs- 
kategorie fällt. Die teilweise Überwindung auch der Übertragungs- 
fixierung, die der Patientin jetzt geUngt, kommt darin zum Ausdruck, 
daß sie konstatiert, der unbewußte Film, der „immer dasselbe" brincrt, 
laufe weiter: „Tag und Nacht (siehe Träume) ob es jemand anschaut 
oder nicht." Das heißt mit andern Worten, ihr psychisches Leben wird 
weitergehen, gleichgültig ob ich midi dafür interessiere oder nicht.' Im 
infantilen Sinne hat sie damit die eigentliche Wurzel ihrer Neurose über- 
wunden; denn alle ihre neurotischen Aktionen hatten ja auch den Sinn, 
das verlorengegangene Interesse des Vaters mit allen Mitteln und mit 
Gewalt wieder auf sich zu lenken. Patientin drückt dies, wie bereits er- 
wähnt, darin aus, daß es nicht mehr der Eine, angeblich Unersetzlidie 
(Vater) sein müsse. 

Zum letzten Traumstück fällt ihr ein kleines Abenteuer ein, das ihr 
passierte, als sie von der „Reigen" -Vorstellung nachhause gekommen war. 
Ein in der gleichen Pension wohnender Herr namens T. (den sie schon 
in einem früheren Traum als Ersatzobjekt benützt hatte) sei zu ihr 
ins Zimmer gekommen und habe mit ihr geplauscht; sie habe ihn aber 
bald weggeschickt, da er zudringlich geworden sei und hätte das aber 
eigentlich bedauert. Beim Zubettgehen bemerkte sie Blut an der Wasche 
und auch der Fluor sei stärker geworden. Hier wird klar, daß dieses „Unwohl- 
sein" neben der Straftendenz (als Ausdruck des Schuldgefühls) auch den 
Sinn eines Selbstschutzes vor der eigenen Versuchung hat. In T. hat Pitt, 
den Mann gesehen, bei dem es sie nur einen Wink kostet, um ihn zu 
haben. Dies ist der Sinn der Traumsituation, wo sie nur zu winken braucht 
und der Mann erscheint. Die ist aber im wirklich normalen heterosexuellen 
Sinn nur möglich, wenn Patientin zuerst die neurotische Ersatzbefriedigung 
aufgibt, die als Masturbation, Homosexualität und Vaterlibido dargestellt 
werden; letztere wird im ersten Traum in den „Reigen" aufgelöst, ihre 

1) Film auch Darstellung des Wiederholungszwang-es, der Reproduktionstendenz. 



224 Die Lösung von der Analyse 

beiden neurotischen Ersatzbefriedigungen werden im letzten Traum aufge- 
geben, in dem Patientin die Decke (Mutterersatz-Masturbationsinstruraent) 
und die Freundin aus dem Bett entfernen will, um den Mann zu sidi 
kommen zu lassen. „Ich war bis übers Gesicht zugedeckt (Scham) 
und habe gedacht: Ich brauche nur die Decke weggeben, dann ist 
der Mann da." Der widitigste unbewußte Widerstand gegen die volle 
Akzeptierung der normalweibhchen Rolle ist also wieder die Mutter- 
regression, die auch durch die Fixierung an die Dedce dargestellt wird. 
In dieser Schichte bezieht sich das Blut, das der sexuellen Partnerin zuge- 
schrieben wird, auf die Geburtssituation. 

Schließlich muß auch nodi der neurotische Peniswunsdi vollkommen 
aufgegeben sein, wenn Patientin die normale Heterosexualität erreichen will. 
Nun fällt ihr zur langen Fensterreihe (im zweiten Traumstück) das väter- 
liche Fabrikshaus ein, ein glattes, nüchternes Gebäude,' mit den großen 
Fabriksfenstern nebeneinander. Dazu eine Fabriksarbeiterin, der von einer 
Maschine die Hand abgeschnitten worden war. Weiterhin schildert sie das 
Fabriksgebäude so, daß ich ihr die Formulierung' vorlegen kann, es hatte statt 
der Vorsprünge nur Löcher. Patientin sagt: „Im Traum haben sich dahinter 
nur die Fensterrahmen bewegt. Es waren eigentlich Lödier. Rahmen, wie 
sie in der Fabrik nebeneinander an der Wand standen." In diesem Sinne 
ist der letzte Traum auch als Akzeptierung der Kastration aufzufassen 
und das Biut im Bett entspricht dieser Einstellung, andererseits auch der 
Identifizierung mit der Mutter, und zwar im Sinne der sadistisdien Auf- 
fassung des Koitus. Es zeigt sich hier aber, daß diese Identifizierung mit 
der Mutter in der Heilungsphase nur so weit aufrecht erhalten, bezw. 
neu hergestellt wird, als sie den vorwurfsfreien Sexual verkehr (Ehe) 
ermÖg-licht, Im übrigen ist Patientin bestrebt, sich, was Angst und Sdiuld- 
gefühl betrifft, von der Mutter zu differenzieren, was darin zum Ausdrude 
kommt, daß sie erklärt, sie hätte jetzt im Gegensatz zu ihrer Mutter 
keine Angst vor irgend einem Ereignis, z. B. wenn der Onkel Frank, 
der krank sei, sterben würde. In dieser normalen Identifizierung mit 
der Mutter verbindet sich dieser letzte Traum mit dem ersten Traumstück 
insofeme, als dort der Vater mit der Mutter verschwindet, um den Sexual- 
akt heimlich auszuführen, während im letzten Akt die Patientin an ihrer 
Stelle den normalen Sexualakt im rein heterosexuellen Sinne nidit heimlich 

1) Wuasdig'egensatz: Sdiloß mit vielen Erkern und Türmen. 



Eniweriung der Öberiragang 225 

ausführen will. Während also der erste Traum ein Ausdruck der infantilen 
Sexualneugierde ist, die das Kind in der Frage formuliert: Was machen 
die Eltern heimlich? ist nunmehr dieser verdrängte infantile Vorwurf gegen 
die Mutter soweit beseitigt, daß Patientin jetzt selbst dieses unbekannte Etwas 
offen machen kann. Die infantile Sexualneugierde, die ein Ausdruck der 
verdrängten OdipusHbido ist, ersdieint hier in Identifizierung mit der 
Mutter zur Anerkennung dieser Tatsache umgearbeitet. 

149. Stande: 

Entwertung der Übertragung 

Traum: „Samstag hatte ich einen Traum, nur von Max. Ich war in 
„seiner Familie, aber mein Vater und meine Mutter waren auch da. Es 
„war Max, wie ich ihn gern möchte. Ich dachte, jetzt heiratet 
„er mich doch. Da hieß es, wir wollen ein bißchen spazieren gehen, es 
„war am Lande, Wir gehen hinaus und auf einmal liegen wir beide 
„auf einer Wiese, ziemlich nahe beieinander. Ich weiß, es war 
„mitten im Dorf, Leute gingen vorbei und er oder ich — es ist 
„ja gleich — hat gesagt, so können wir doch nicht liegen 
„bleiben. Die Leute würden sich etwas anderes darunter vor- 
„stellen. Es sdiickt sich doch nicht. Dann sind wir aufgestanden. Dann 
„war seine Schwester da und hat mir eine Mokkatasse oder eine fCaffee- 
„maschine hat Max bekommen und da habe idi angeboten, sie soll sich 
„eine zweite kaufen für sich. Dann hat sie mir gesagt, er geht jetzt in 
„die Tanzstunde. Da dachte ich, jetzt hat er sich doch geändert, 
„wenn er in die Tanzstunde geht, ohne mir etwas zu sagen. Das 
„andere habe idi vergessen — Ja! Auf einmal sehe ich ihn mit roten 
„Haaren, ich habe gedacht, oh je, das habe ich nicht gewußt! Dann war 
„etwas Merkwürdiges. Hinten ist ein Büsche! Haare ganz schwarz hervor- 
„gekommen, wie eine Maske, ich habe so etwas überhaupt noch nie ge- 
„sehen. Das ist mir unangenehm, das zu erzählen. Wie ein Hanswurst ist 
„er mir vorgekommen," 

„Im Traum war in der Familie noch etwas mit der Mutter. Nach 
„dem Essen sagt Max, er muß weggehen und ich sage, ich gehe 
„mit. Dann sind wir in ein Haus gegangen und dann kommt meine 
„Familie auch: Vater, Mutter und Schwester. Mutter war bös, daß idi mit 
„dem Max gegangen bin." 

Rank, NBUTDunaimlyBe 15 



226 Die Lösung von der Analgse 

„Nadidem wir im Traum aufgestanden sind, war da ein Haus und 
„daneben eine Kiesgrube. Am Rande wollte ich hinaufgehen und er hält 
„mich zurück und sagt, da könntest du herunter fallen." 

„Noch etwas habe ich geträumt, Samstag oder Sonntag', von unserem 
„alten Metzger, und zwar kaufe ich bei ihm ein Viertel Kilo und er hat 
„mir etwas bestimmtes geantwortet; was, kann ich nicht mehr erinnern." 

„Gestern nacht habe idi geträumt von einer großen engUscben Zeitung. 
„Auf Seite 14 hätte etwas stehen sollen — ich weiß nicht, ob etwas von 
„Politik, und dort habe ich vergebens gesucht, es stand dort nur ein 
„Gedicht." 

Assoziationen: „Ein Lehrer erzählte uns einmal, in England würden 
die großen Zeitungen auf der Reise gegen die Kälte benützt — ein 
Viertel Pfund Aufschnitt habe ich gekauft. Dieser Metzger hatte keine 
Haare; er war noch sehr jung, 20 Jahre vielleicht, als er schon kahl war. 
Im anderen Traum hatte Max das Haar angesetzt. Ich mödite midi immer 
frisieren lassen [Patientin hat jetzt selbst ihr Haar „angestückelt"] und habe 
die Idee, alle Leute müssen mein Haar anschauen. Ich möchte audi immer 
Puder und Schminke jetzt auflegen und überhaupt etwas an mir tun, 
daß die Leute es bemerken. Zum Aufschnitt fällt mir eine Reklame 
für Salami ein, die den Kopf eines Mannes zeigt, der mit einem Messer 
von einer Salamiwurst Schnitten heruntersdi neidet." 

Die Deatang dieses Traumstückes ist klar: Es ist die Entwertung des 
Analytikers, der als roher Mensch und Geschäftsmann (Metzger) gekenn- 
zeichnet wird und in Revandie auf die Analyse selbst als kastriert, d. h. 
kahl dargestellt ist, mit andern Worten, ein Mann, den man nicht lieben 
und nicht heiraten kann. (Dazu siehe die roten Hände von Onkel Frank, 
die man nicht heiraten kann). Diesen roten Händen entspricht im Traum 
das rote Haar, wozu Patientin bemerkt; „Ja, er war mir auch in der- 
selben Weise unsympathisch." 

Dieser Entwertung des Analytikers im letzten Traum stück, die der 
enttäuschten Libido entspringt, entspridit im Traum vom Samstag eine 
liebenswürdige Entwertung aus Selbst vor würfen; Setzt man für Max, von 
dem die Patientin geträumt haben will, dessen Ersatzrolle für den Ana- 
lytiker ihr aber bewußt ist, den Analytiker seihst ein, so wird der Traum 
als weiterer Schritt zur Losung der Übertragung aus einem aktuellen 
Schuldgefühl leicht verständlich. Patientin findet nämlich, es gehe nicht 



Enltvertung der Oberlra^ng 227 

länger an, daß sie so nahe bei mir (auf dem Sofa) Hege. „Die Leute 
würden sich etwas anderes darunter vorstellen." Das aktuelle Sdiuld- 
gefühl kommt darin zum Ausdruck, daß Patientin sich sagt, oder besser 
das wiederholt, was die Analyse, resp. idi ihr sage; „So können wir dodi 
nicht (ewig) liegen bleiben." Dazu gehört der spätere Nachtrag, wo ich 
nadi dem Essen, d. h. nach dem Ende der Analyse sage, idi müsse weg- 
gehen, und Patientin erklärt, sie gehe mit. Das gestattet aber ihr Gewissen, 
welches in Gestalt der Mutter auftritt, nicht, daß sie „so für nichts" nodi 
mit mir gehen soll. Das besagt aber, daß sie fühlt, ihre Analyse ist be- 
endet, und wenn sie weiter bliebe, so wäre es nur noch wegen der Libido, 
d. h, im Sinne des Mutter- Gewissens ohne Zweck, außer der Mutterlibido. 
Wir sehen hier das zum Gewissen sublimierte Schuldgefühl am Werk, 
um den letzten Rest von Übertragung zu zerstören. Eine leichte Gegen- 
tendenz ist noch darin bemerkbar, daß Patientin erklärt: „Im Sonntags- 
traum war noch viel, aber das habe ich vergessen. — Vielleicht haben 
wir nicht alles analysiert." Sie will also noch etwas zur Fortsetzung 
der Analyse zurückbehalten. 

J50. Stunde: 

Die letzte Stunde 

„Gestern und heute habe ich einen Traum gehabt, beide Male am 
Morgen, wo ich zuerst aufgewacht und dann wieder eingeschlafen bin. 
Da habe ich geträumt." 

Traum: „Es waren zwei Herren bei mir im Zimmer, den einen habe 
„ich besser gekannt. Der erste saß zuerst neben mir auf dem Sofa, der 
„Chaiselongue, der andere etwas abseits. Auf einmal bemerke ich, wie 
„idi dem andern (den ich weniger kannte) auf den Knien sitze und 
„er die Hand unter meinen Röcken am Genitale hat. Ich bin er- 
„schrocken und habe gedacht, wie kommt er plötzlich jetzt daher. In dem 
„Moment kommt mein Vater zur Türe herein und sagt, die Mama hat 
„jetzt doch Fieber. Ich sage, mein Gott! und habe ein schlechtes 
„Gewissen dabei. Ich frage, wieviel? Er sagt 39! Ich springe auf, um 
„zu ihr zu gehen." 

„Der zweite Traum: (heute) Auf der Straße vom Schottentor zum 
„Hotei Regina, ich glaube es ist die Währingerstraße, sind elektrische 

15» 



226 Die L ösung von der Analyse 

„Geleise auf dem rediten Trottoir gelaufen. Ein Haus steht ein bißdien 
„zurück dort beim Regina. Zuerst g-faubte ich, daß es ein Autobus ist, 
„auf dem ich fahre, dann bemerkte ich, daß es auf Schienen fährt und 
„sagte, es ist eine Elektrische. Plötzlich halt es bei der Ecke vis-ä-vis 
,,dem Regina, wo Taxi stehen. Wir steigen aus, und es war ein kleines 
„Kino da, wie ein Kasperltheater. In einer gemütlichen Ecke drin 
„sind ein paar Leute gesessen, drei Frauen oder vier. Mit mir war ein 
„Herr, der mit mir schon in der Elektrischen gekommen war. Den Sinn 
„von dem Stück habe ich nicht recht verstehen können. Die 
„anderen wollten es mir erklären, aber ich konnte es nicht ein- 
,, sehen. Ich dachte, ich bin dumm. Dann habe ich ein Glas Wasser 
„getrunken. Die eine von den Frauen hat gesagt, man sagt nicht ,Ver- 
„schlucken', sondern — sie hat es gesagt, wie man es in Wien sagt; 
„Haben sie sidi nicht über , . . ?' Jetzt fällt mir das Wort nicht ein; ich 
..hatte es auch im Traum noch nicht gehört gehabt, wir sagen ,in den 
,,falsdien Hals', Sie hat ein entsetzliches Gesicht gemacht, als ob ich 
„schon am Ersticken "wäre. Ich sage gar nidits und habe das Glas 
„(allen lassen. Nachher sind wir weggegangen und ich gehe mit diesem 
„Herrn die Währingerstraße hinauf. Eine von den Frauen kommt nach 
„und redet mich mit Frau Doktor an. Icii frage sie: .Kennen Sie mich?' 
„Sie sagt, ja. Idi rufe sie auf die Seite und frage sie heimlich: ,Waren 
„Sie nicht einmal in psychoanalytischer Behandlung?* Sie 
„wird zuerst verlegen und sagt nidits, dann etwas von einem 
„Dr. A, Idi sage: ,Ah, wahrscheinlich waren Sie organisch krank.' Dann 
„hat sie mir noch eine Geschichte erzählt. Ich weiß aber nicht, was 
„weiter ist" 

Assoziationen; „Gestern habe idi zum letzten Mal, zum Abschied, 
im Hotel Regina gegessen, wo ich zuerst abgestiegen war, als ich 
nach Wien kam. Dann habe ich gegenüber im Kino ein trauriges Stück 
gesehen und dachte wozu. Dann bin ich die Währingerstraße hinauf- 
gegangen, um eine Spende für einen wohltätigen Zwedc abzugeben" 
(Dankbarkeit). 

„Im ersten Traum waren Sie der besser bekannte Herr, der sidi auf 
der Chaiselongue aber ganz still gehalten hat. Der andere — (Pause) 
ich glaube, audi Sie. Ich dachte, das sieht so wie Libido aus und 
war doch eigentlich nichts. Der war nur ein Duplikat." 



Die letzte Stande 229 



„Das G las Wasser auf demTisdi: es war ein kleines Glas und saß 
auf einem langen Stiel {so wie die Blumenfrauen die Veilchen an 
einen Holzstiel binden). Es war fast leer, nur noch ein ganz kleiner 
Schluck darin. Likör kommt mir in den Sinn. Für heute abend habe 
ich ein paar Bekannte eingeladen und habe daran gedacht, Likör und 
Blumen einzukaufen, aber es reut mich, dieses Geld auszugeben, ebenso 
wie für den wohltätigen Zweck. Ich dachte, es wäre besser, Ihnen dafür 
ein Geschenk zu kaufen. Aber etwas Gewöhnliches drückt es nicht aus 
und um den Dank auszudrucken, ist nichts groß genug. Ich habe gedacht, 
an einem so kleinen Sdiluck kann man sich doch gar nicht verschludcen. 
Ich habe nur so ein Gesicht gemacht, als ob ich mich ver- 
schlucken könnte." 

„Dem Max habe ich gestern telefonisch gesagt, daß die Analyse zu 
Ende ist. Er wollte mich sprechen, idi wollte aber nicht. Ich habe auch 
einen anderen Likör gekauft, als er geraten hatte. Er muß noch Sonn- 
tag Farbe bekennen, was er sich eigentlich die ganze Zeit 
über gedacht hat." 

„Idi habe midi gewundert, wieso die Elektrische auf dem Trottoir geht. 
Wie eine Extraiinie. An der Ecke war die Endstation. Der Kreis 
schließt sich. Wie wenn das Ende sich dem Anfang nähern würde. 
Zurückfahren, wo ich hergekommen bin. Den jungen Mann wünschte 
ich mir zur Begleitung. Es hätte auch mein Bruder sein können, ich habe 
zwar keinen, aber so hätte ich mir einen gewünscht [Übertragung, siehe 
Traum, S. 188]. Er war mein Begleiter, eine Beschützerfigur. Idi hatte 
daran gedacht, daß mich bei der Abreise vielleicht niemand begleiten 
werde, dann gedacht, vielleicht tut es der Bräutigam meiner Freundin. 
Endlich dachte ich, ich kann ja jetzt allein mit Seelenruhe fahren. 
Ich brauche niemanden." 

Deutung: Der Traum stellt das Ende der Analyse (Endstation) dar, 
u. zw. als Trennung von der Mutter (bezw. realer Rütikehr zu ihr: zurück- 
fahren) und gibt in seinen zwei Teilen die Einstellung der Libido, bezw. 
des Ich zu diesem aktuellen (analytischen) Trauma. Im ersten Traum ver- 
sucht die Libido der Patientin sozusagen zum letztenmal die Übertragungs- 
situation rein sexuell aufzufassen, aber ihr analytisches Bewußtsein sagt 
ihr im Traum, daß es sich ja nur um ein Duplikat handelt. Das Original ist 
im manifesten Inhalt der Vater, mit dem das Schuldbewußtsein gegen 



230 Die Lösung ■uon der Analyse 

die (kranke) Mutter verknüpft ist. Im latenten Sinne steht der Analytiker 
und die Libido hier für die Mutter: sie sitzt auf dem Sdiofi und hält 
das Genitale (Intrauteriofixierung;). ^ 

Im zweiten Traum, der Dicht nur ihre „Reise" in die Währingerstraße, 
wo sie ang'ekoramen war, darstellt, sondern auch die Fähigkeit, allein 
wegzureisen betont, wird die Analyse nach verschiedenen Riditungen 
von Seiten des Idi entwertet; Das Ganze spielt nicht nur in einem 
Kino, sondern in einem auffallend kleinen Kino, das wie ein Kasperl- 
theater ist (siehe eine ähnliche Entwertung im Traum S. 42 f.). Dann 
heißt es, sie fcabe den Sinn des Stückes nicht verstehen können, trotz- 
dem ihr Begleiter es ihr zu erklären versuchte. Darin stetit ein weiteres 
Entwertungsmoment, denn Patientin weiß ganz genau, daß es in der 
Analyse darauf ankommt, die Zusammenhänge zu verstehen. Sie 
will aber nicht verstehen, sopdem lieber als „dumm" gelten und geliebt 
werden. 

Auch hier wieder dahinter die alte Mutterbindung (trinken) und das 
zweite Trauma der Entwöhnung. Aber eine weitere Entwertung stellt das 
Glas Wasser dar, das assoziativ zu einem Gläschen Likör und weiterhin 
zu ihrer Abschiedsfeier führt, die unbewußt natürlich mir und der Analyse 
gilt. Die Analyse gibt nicht wirkliche Libido, sondern nur verwässerte, 
und zwar in so kleinen Dosen, daß man sidi nicht verschlucken kann. 
Nebenbei repräsentiert der kleine letzte Schluck, der noch im Glase ist, 
die letzte Stunde (im unbewußten libidinösen Sinne), nach der das Glas 
zu Boden fällt und nichts mehr getrunken wird. Statt wie es die Neurose 
tut, bei diesem „Abschied" zu verzweifeln, versucht Patientin auch diese 
Lösung in der Übertragung zu entwerten, indem sie sagt, sie hätte nur 
so getan, als ob sie daran ersticken würde, in Wirklichkeit sei es gar 
nicht so arg gewesen (vgl. damit ihren früheren Genesungstraum, der 
sagte, es sei gar nicht so arg mit ihrer Krankheit, s. S. 207.).' Darin 
ist wieder der Trostmechanismus des Geburtstraumas (erstidcen) auf die 
analytische Lösung angewendet. 

1) Die Sdilu6träume in den Analysen neurotisdier Frauen stellen oft die 
Intrauterin- Situation umgearbeitet auf die heterosexueUe Libido dar. 

2) Abg'esehen vom analytisdien Sinn dieser Entwertung, die einer Heilung's- 
einsicht gleidikommt, liegt in dieser Einstellung der Patientin zu ihrer eigenen 
Neurose audt ein Stück Entwertung der Wurzeln der Neurose selbst. Die Frau, 
die im Traume ein so entsetztes Gesicht madit, als ob Patientin erstickt wäre. 



Die letzte Stunde 231 



Im Sinne der ausgeführten entwertenden Einstellung- des Ichs zur 
Analyse ist audi das Sdilußstüdt des Traumes aufzufassen. Die Frau aus 
dem Traum kommt der Patientin nachgeg-angeo ■ — was im Hinblick auf 
deren bevorstehende Heimrejse als Beweis für ihre Mutterbedeutung gelten 
kann — und spridit sie mitdem Titel Frau Doktor an. Hier schlägt die 
Entwertung der Analyse, ganz im Sinne einer Libidoentwertung am Objekt, 
in eine Oberwertung des eigenen Ichs um, welche sich bei der Patientin 
konsequenter weise in der Identifizierung mit dem Analytiker, bezw. mit 
dessen Frau äußert. Anderseits fragt nun die Patientin ihrerseits die 
Mutterfigur, mit der sie sich identifiziert, ob sie nicht einmal in analyti- 
dier Behandlung, d. h, neurotisch gewesen sei, Madit man die Projektion 
rüdegängig, so ergibt sich, daß das neue aktuelle Ich der Patientin — 
nämlich das mit dem Analytiker identifizierte — ihr altes neurotisches 
Idi kritisiert und sich sogar dessen schämt (die Frau wird verlegen und 
Patientin fragt sie heimlidi). Wir sehen hier deutlich, wie auf der Höhe 
der analytischen Sublimierung und bei Lösung der Übertragungslibido die 
Patientin eigentlich zu ihrer ersten Ödipussituation zurückkehrt, diese 
aber zugleich verwirft und verurteilt, indem sie die Mutteridentifizierung 
von sich weist, weüigstens soweit der neurotische Anteil derselben reidit: 
Das ist neurotisch. Ihre neurotisdie Vateridentifizierung überwindet sie, 
wie der Traum zeigt, durdi die aus der Übertragung folgende Identi- 
fizierung mit dem Analytiker, auf Grund deren sie eben ihre neurotische 
Einstellung zu beurteilen und verurteilen imstande ist. Der letzte Satz 
des Traumes; „Ich weiß ober nidit, was weiter ist," bezieht sidi auf die 
Zukunft der Patientin und auf ihr Bedauern, daß sie von nun an ohne 
die Analyse sein wird. 



repräsentiert natürlich die Mutter, die einerseits auf diese Weise erschreckt 
werden soll (sekundärer Krankheitsg-ewinn), andererseits ist es die aus dem 
Sdiuldg-efühl geg-en die Mutter stammende Selbstbestrafungstendenz (primärer 
Neurosen Vorgang), weldie nunmehr vom Unbewußten entwertet wird; ich tat 
' nur so, als ob idi (vor Wut) ersticken würde, d. h. dies war neurotisdi. Das 
Ersticken hat hier auch noch die Bedeutung einer Strafe für den Todeswunsch 
gegen die Mutter im ersten Traum (krank, Fieber etc.). 



NEUE ARBEäTEN ZUR ÄRZTLICHEN PSYCHOANALYSE 

Nr. I 

Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Entwicklufigsziele der Psychoanalyse 

Zur Wechselwirkung von Theorie und Praxis 

Nr. n 
Dr. Karl Abraham 

Versuch einer 

Entwicklungsgeschichte der Libido 

auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen 



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