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Full text of "Einführung in die Technik der Kinderanalyse [2., vermehrte Auflage]"

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Jvinder analy s 



Von 

Anna Xreud 



Zweite, vermehrte Auflage 



Internationaler 

Psychoanalytischer Verlag 

Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



ANNA FREUD 

EINFUEHRUNG IN 
DIE TECHNIK DER 

KINDERANALYSE 



. 


EINFÜHRUNG IN DIE 
TECHNIK DER 

KINDERANALYSE 

VON 

ANNA FREUD 

ZWEITE, VERMEHRTE AUFLAGE 

1929 
INTERNATIONALER 


-— 




PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 




WIEN 
1 ,„ 




i 

. 1 



ALLE RECHTE, 
INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1929 BY „INTERNATIONALER PSYCHOANA- 
LYTISCHER VERLAG, GES. M. B. H.", WIEN 



DIE ERSTE AUFLAGE ERSCHIEN 1927 

DIESE ZWEITE AUELAGE GIBT DIE IN DER ERSTEN AUF- 
LAGE ENTHALTENEN VIER VORLESUNGEN AM LEHR- 
INSTITUT DER WIENER PSYCHOANALYTISCHEN VER- 
EINIGUNG UNVERÄNDERT WIEDER UND FÜGT IHNEN 
EINEN AM X. INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 
KONGRESS IN INNSBRUCK GEHALTENEN VORTRAG „ZUR 
THEORIE DER KINDERANALYSE" HINZU, DER IN DER 
ERSTEN AUFLAGE NICHT ENTHALTEN WAR 



DRUCK: CHRISTOPH REISSER'S SÖHNE, WIEN V 



ERSTE VORLESUNG 



Die Kinleitung der Kinderanalyse 

Meine Damen und Herren! Es ist schwer möglich, 
_ etwas über die Technik der Kinderanalyse auszu- 
sagen, wenn man sich nicht vorher über die Frage klar 
geworden ist, in welchen Fällen man es überhaupt für an- 
gezeigt hält, die Analyse eines Kindes zu unternehmen, 
und in welchen man ein solches Vorhaben besser unter- 
läßt. Frau Melanie Klein aus Berlin hat sich, wie Sie 
wissen, in ihren Arbeiten und in ihren letzten Kongreß- 
vorträgen eingehend mit dieser Frage beschäftigt. Sie ver- 
tritt die Ansicht, daß jede Störung der seelischen oder 
geistigen Entwicklung eines Kindes durch eine Analyse 
behoben oder zumindest günstig beeinflußt werden kann. 
Sie geht noch weiter und meint, daß eine Analyse auch 
für die Entwicklung des normalen Kindes von größtem 
Vorteil ist und im Laufe der Zeit zu einer unentbehr- 
lichen Ergänzung jeder modernen Erziehung werden wird. 
Dagegen hat sich in einer Diskussion dieser Frage an einem 
unserer Vereinsabende des vorigen Jahres ergeben, daß die 
meisten unserer Wiener Analytiker einen andern Standpunkt 



vertreten und meinen, daß die Analyse eines Kindes nur 
im Falle einer wirklichen infantilen Neurose am Platze 
ist. Ich fürchte, ich werde im Verlaufe meines Kurses nicht 
viel zur Klärung dieser Frage beitragen können. Ich kann 
Ihnen höchstens berichten, in welchen Fällen ich eine 
Analyse unternommen habe, wo dieser Entschluß sich als 
richtig erwies und wo seine Durchführung an inneren oder 
äußeren Schwierigkeiten gescheitert ist. Es ist selbstverständ- 
lich, daß man sich dann bei neuen Entscheidungen von 
einem Erfolg weiterleiten und von Mißerfolgen abschrecken 
läßt. Im ganzen meine ich, man hat bei der Arbeit mit 
Kindern manchmal den Eindruck, daß die Analyse hier 
ein zu schwieriges, kostspieliges und kompliziertes Mittel 
ist, daß man mit ihr zu viel tut, in anderen Fällen wieder, 
und das noch häufiger, daß man mit der reinen Analyse 
viel zu wenig leistet. Es könnte sich also ergeben, daß die 
Analyse, wo es sich um Kinder handelt, gewisser Modi- 
fizierungen und Veränderungen bedarf oder doch nur unter 
bestimmten Vorsichten angewendet werden kann. Wo dann 
die technische Möglichkeit zur Einhaltung dieser Vor- 
sichten nicht gegeben ist, ist auch vielleicht von der Durch- 
führung der Analyse abzuraten. 

Sie werden im Verlaufe dieses Kurses an mehrfachen Bei- 
spielen sehen, worauf sich die vorstehenden Bemerkungen 
beziehen. Ich lasse vorläufig jeden Versuch, diese Fragen zu 
klären, mit Absicht beiseite und beschäftige mich mit dem 
technischen Gang der Kinderanalyse in Fällen, in denen 
es aus irgendeinem, im Augenblick nicht näher zu erörtern- 
den Grunde, ratsam erschienen ist, sie zu unternehmen. 



Ich bin seit dem vorigen Jahre mehrmals aufgefordert 
worden, in einem der technischen Seminare der Vereinigung 
den Verlauf eines kindlichen Falles darzustellen und an ihm 
die spezielle Technik der Kinderanalyse zu erörtern. Ich 
habe diese Zumutung bisher immer abgelehnt, weil ich 
gefürchtet habe, alles, was man über dieses Thema sagen 
kann, müßte Ihnen ungeheuer banal und selbstverständlich 
erscheinen. Die spezielle Technik der Kinderanalyse, soweit 
sie überhaupt speziell ist, läßt sich aus einem sehr ein- 
fachen Satz ableiten: daß der Erwachsene — wenigstens 
weitgehend — ein reifes und unabhängiges Wesen ist, das 
Kind ein unreifes und unselbständiges. Es ist selbstver- 
ständlich, daß bei so verändertem Objekt auch die Methode 
nicht die gleiche bleiben kann. Manche Stücke von ihr, 
die in dem einen Fall, beim Erwachsenen, wichtig und 
bedeutsam sind, verlieren in der neuen Situation an Wichtig- 
keit, die Rollen der verschiedenen Hilfsmittel verschieben 
sich, was hier eine notwendige und harmlose Aktion war, 
wird dort vielleicht zur bedenklichen Maßnahme. Diese 
Veränderungen ergeben sich aber jedermann aus der vor- 
handenen Situation und bedürfen kaum einer besonderen 
theoretischen Begründung. 

Nun habe ich aber in den letzten zweieinhalb Jahren 
Gelegenheit gehabt, ungefähr zehn Kinderfälle in lang- 
dauernder Analyse zu behalten und bemühe mich, im fol- 
genden, die Beobachtungen, die ich dabei machen konnte, 
so aneinanderzureihen, wie sie wahrscheinlich auch jedem 
von Ihnen unter den gleichen günstigen Umständen auf- 
gefallen wären. 



Wir halten uns also an die wirkliche Reihenfolge der 
Begebenheiten in der Analyse und beginnen mit der Ein- 
stellung des Kindes zu Anfang der analytischen Arbeit. 

Betrachten wir zuerst die analoge Situation beim er- 
wachsenen Patienten. Ein Mensch fühlt sich durch irgend- 
welche Schwierigkeiten in seinem eigenen Innern in seiner 
Arbeit oder seinem Lebensgenuß gestört, gewinnt aus irgend- 
einem Grunde Zutrauen zur therapeutischen Kraft der Ana- 
lyse oder zu einem bestimmten Analytiker und faßt den 
Entschluß, auf diesem Wege Heilung zu suchen. Ich weiß 
natürlich, daß die Sache auch nicht immer ganz so liegt. 
Nicht immer sind ausschließlich innere Schwierigkeiten 
der Anlaß zur Analyse, häufig erst die Zusammenstöße 
mit der Außenwelt, die sich aus ihnen ergeben. Auch der 
Entschluß wird nicht immer wirklich selbständig gefaßt, 
das Drängen von Verwandten oder sonst Nahestehenden 
spielt oft eine größere Rolle, als für die spätere Arbeit 
günstig ist. Auch das Zutrauen zur Analyse und zum Ana- 
lytiker ist nicht immer bedeutend. Immerhin aber bleibt 
es die für die Behandlung erwünschte und ideale Situation, 
daß der Patient sich aus freiem Willen gegen ein Stück 
seines eigenen Seelenlebens mit dem Analytiker verbündet. 

Diese Lage der Dinge ist natürlich beim Kind niemals 
zu finden. Der Entschluß zur Analyse geht nie von dem 
kleinen Patienten aus, sondern immer von den Eltern oder 
der sonstigen Umgebung. Das Kind wird nicht um sein 
Einverständnis gefragt. Würde man eine solche Frage an 
es stellen, hätte es auch gar keine Möglichkeit, ein Urteil 
zu fällen und eine Antwort zu finden. Der Analytiker ist 

8 



ein Fremder, die Analyse selbst etwas Unbekanntes. Was 
aber noch schwerer wiegt: auch das Leiden ist in vielen 
Fällen gar nicht das des Kindes, dieses spürt oft selbst gar 
nichts von einer Störung; nur seine Umgebung leidet unter 
seinen Symptomen oder Schlimmheitsausbrüchen. So fehlt 
uns in der Situation des Kindes alles, was in der des Er- 
wachsenen unentbehrlich erscheint : die Krankheitseinsicht, 
der freiwillige Entschluß und der Wille zur Heilung. 

Nicht jedem Kinderanalytiker imponiert das als ein 
ernstes Hindernis. Sie werden aus den Arbeiten von Frau 
Melanie Klein z. B. erfahren haben, wie sie sich mit 
diesen Umständen abfindet und welche Technik sie darauf 
begründet. Mir dagegen scheint es der Mühe wert zu ver- 
suchen, ob sich nicht die für die Erwachsenenanalyse so 
bewährte günstige Situation auch im Falle des Kindes 
herstellen läßt, das heißt, ob sich nicht alle die hier 
fehlenden Bereitschaften und Bereitwilligkeiten auf irgend- 
einem Wege in ihm erzeugen lassen. 

Ich nehme nun zum Thema meiner ersten Vorlesung, 
Ihnen an sechs verschiedenen Fällen, im Alter zwischen 
dem sechsten und elften Lebensjahr zu zeigen, wie es mir ge- 
lungen ist, den kindlichen Patienten „analysierbar" imSinne 
des Erwachsenen zu machen, das heißt, eine Krankheitsein- 
sicht in ihm herzustellen, ihm Zutrauen zur Analyse und zum 
Analytiker beizubringen und den Entschluß zur Analyse 
aus einem äußeren in einen inneren zu verwandeln. Es 
ergibt sich mit dieser Aufgabe für die Kinderanalyse eine 
Zeit der Einleitung, die wir bei der Analyse des Erwachsenen 
nicht finden. Ich möchte betonen, daß alles, was wir in 



dieser Periode unternehmen, noch nichts mit wirklicher 
analytischer Arbeit zu tun hat, das heißt, von einer Be- 
wußtmachungunbewußterVorgängeoder einer analytischen 
Beeinflussung des Patienten ist hier noch nicht die Rede. 
Es handelt sich einfach um die Überführung eines be- 
stimmten unerwünschten Zustandes in einen andern er- 
wünschten, mit allen Mitteln, die dem Erwachsenen 
einem Kind gegenüber zu Gebote stehen. Diese Zeit der 
Vorbereitung — der „Dressur" zur Analyse könnte man 
eigentlich sagen — wird um so länger dauern, je weiter der 
ursprüngliche Zustand des Kindes von dem vorhin geschil- 
derten des idealen erwachsenen Patienten entfernt ist. 

Sie dürfen sich eine solche Arbeit aber doch auch wieder 
nicht zu schwierig vorstellen, der Schritt, der getan werden 
soll, ist manchmal gar kein besonders großer. Ich denke 
hier an den Fall eines kleinen sechsjährigen Mädchens, 
das mir im vorigen Jahre zu einer dreiwöchigen Beob- 
achtung übergeben wurde. Ich sollte feststellen, ob das 
schwierige, stille und unerfreuliche Wesen des Kindes die 
Folge mangelhafter Anlagen und einer unbefriedigenden 
intellektuellen Entwicklung sei oder ob es sich hier um 
ein besonders gehemmtes und verträumtes Kind handle. 
Ein näheres Zusehen ergab dann das Vorhandensein einer 
für dieses frühe Alter ungewöhnlich schweren und um- 
grenzten Zwangsneurose bei höchster Intelligenz und schärf- 
ster Logik. Hier gestaltete sich die ganze Einleitung sehr 
einfach. Die Kleine kannte bereits zwei Kinder, die bei 
mir in Analyse waren, und kam das erstemal gemeinsam 
mit ihrer etwas älteren Freundin zur Stunde. Ich sprach 



nichts Besonderes mit ihr und ließ sie nur mit der fremden 
Umgebung ein wenig vertraut werden. Das nächstemal, 
als ich sie allein hatte, machte ich den ersten Angriff. 
Ich sagte, sie wisse ja, warum ihre beiden Bekannten zu 
mir kämen, der eine, weil er nie die Wahrheit sagen konnte 
und sich das abgewöhnen wollte, die andere, weil sie so 
viel weinte und schon selber darüber böse war. Ob man 
sie auch aus so einem Grunde zu mir geschickt hätte. 
Darauf sagte sie ganz geradeheraus: „Ich habe einen Teufel 
in mir. Kann man den herausnehmen?" Ich war im ersten 
Augenblick erstaunt über diese unerwartete Antwort. Das 
könnte man schon, meinte ich dann, das sei aber keine 
leichte Arbeit. Und wenn ich das mit ihr versuchen sollte, 
so würde sie eine Menge Dinge tun müssen, die ihr gar 
nicht angenehm sein würden. (Ich meinte natürlich: mir 
alles zu sagen.) Sie hatte einen Augenblick des ernsthaften 
Nachdenkens. „Wenn du mir sagst," erwiderte sie dann, 
„daß das die einzige Art ist, es zu machen, und es schnell 
zu machen, so wird es mir recht sein." Damit hatte sie 
sich aus freiem Entschluß auf die analytische Grundregel 
verpflichtet. Mehr verlangen wir ja auch von dem Erwach- 
senen zu Anfang nicht. Sie hatte aber auch für die Frage 
der Zeitdauer das volle Verständnis. Nachdem die drei Probe- 
wochen vorüber waren, waren die Eltern unschlüssig, ob 
sie sie bei mir in Analyse lassen oder auf andere Weise 
für sie sorgen sollten. Sie selbst aber war sehr beunruhigt, 
wollte die bei mir erweckte Hoffnung auf Herstellung nicht 
aufgeben und verlangte immer wieder dringend, ich sollte 
sie, wenn sie doch fort müßte, in den noch übrigen drei 



oder vier Tagen von ihrem Teufel befreien. Ich versicherte, 
das sei unmöglich, brauche eine lange Zeit des Zusammen- 
bleibens. Mit Zahlen konnte ich ihr nichts begreiflich 
machen, denn sie hatte, obwohl dem Alter nach schon 
schulfähig, ihrer zahlreichen Hemmungen wegen noch 
keine Rechenkenntnisse. Darauf setzte sie sich auf den 
Boden nieder und zeigte auf das Muster meines Teppichs : 
„Braucht das so viele Tage," sagte sie, „wie hier rote 
Punkte sind? Oder auch noch so viele dazu, wie hier grüne 
Punkte sind?" Ich zeigte ihr die große Menge der not- 
wendigen Stunden an Hand der vielen kleinen Medaillons 
in meinem Teppichmuster. Sie begriff es vollkommen und 
tat bei der jetzt folgenden Entscheidung das ihrige dazu, 
die Eltern von der Notwendigkeit einer sehr langen Zu- 
sammenarbeit mit mir zu überzeugen. 

Sie werden sagen, hier war es die Schwere der Neurose, 
die dem Analytiker die Arbeit so erleichtert hat. Aber ich 
meine, das wäre ein Irrtum. Ich führe Ihnen einen anderen 
Fall als Beispiel an, bei dem die Einleitung ähnlich ver- 
laufen ist, obwohl von einer wirklichen Neurose gar nicht 
die Rede sein konnte. 

Vor ungefähr zweieinhalb Jahren machte ich die analyti- 
sche Bekanntschaft eines fast elfjährigen Mädchens, dessen 
Erziehung dem Elternhaus die größten Schwierigkeiten be- 
reitete. Sie war aus dem wohlhabenden Wiener Mittelstand, 
die Verhältnisse im Hause aber wenig günstig, der Vater 
schwach und uninteressiert, die Mutter seit mehreren Jahren 
tot, das Verhältnis zu der zweiten Frau des Vaters und zu 
einem jüngeren Stiefbruder durch vielerlei Umstände ge- 



stört. Eine Anzahl von Diebstählen des Kindes und eine 
unendliche Serie von groben Lügen und kleineren und 
größeren Vertuschungen und Unaufrichtigkeiten hatten die 
Stiefmutter bestimmt, sich auf Rat des Hausarztes an die 
Analyse um Hilfe zu wenden. Hier war die analytische 
Verabredung ebenso einfach. „Die Eltern können mit dir 
nichts anfangen", war die Grundlage der Vereinbarung, 
„mit ihrer Hilfe allein wirst du nie aus den ständigen Szenen 
und Konflikten herauskommen. Vielleicht versuchst du es 
einmal mit einem Fremden." Sie nahm mich ohneweiters 
erst einmal als Bundesgenossen gegen die Eltern an, so wie 
die vorhin beschriebene kleine Zwangsneurose als Bundes- 
genossen gegen ihren Teufel. Die Krankheitseinsicht der 
Zwangsneurose war hier offenbar durch die Konflikts- 
einsicht ersetzt, der beiden gemeinsame wirksame Faktor 
aber das Maß des Leidens, das hier aus äußeren, dort ans 
inneren Gründen entstanden war. Meine Handlungsweise 
in diesem zweiten Fall war durchaus die Aichhorns im 
Verkehr mit seinen verwahrlosten Zöglingen aus der Für- 
sorgeerziehung. Der Fürsorgeerzieher, sagt A i c h h o r n, muß 
sich zu allererst auf die Seite des Verwahrlosten stellen und 
annehmen, daß dieser mit der Einstellung gegen seine Um- 
gebung recht hat. Nur so wird es ihm gelingen, mit seinem 
Zögling statt gegen ihn zu arbeiten. Ich möchte hier nur 
hervorheben, daß Aichhorns Stellung für diese Art der 
Arbeit vor der des Analytikers vieles voraus hat. Er ist 
von der Stadt oder vom Staate ermächtigt einzugreifen, 
und hat die Autorität des Amtes hinter sich. Der Analytiker 
dagegen ist, wie das Kind weiß, von den Eltern bezahlt 



und beauftragt, er gerät immer in eine schiefe Stellung, 

wenn er sich — selbst wenn es in deren Interesse ist 

gegen seine Auftraggeber wendet. Ich bin tatsächlich auch 
den Eltern dieses Kindes bei allen notwendigen Unter- 
redungen nie anders als mit schlechtem Gewissen gegen- 
' übergesessen und die Analyse ist schließlich nach einigen 
Wochen trotz bester innerer Bedingungen durch die Schuld 
dieses ungeklärten Verhältnisses an äußeren Dingen ge- 
scheitert. 

In diesen beiden Fällen waren jedenfalls die für den 
Beginn der wirklichen Analyse notwendigen Vorbedin- 
gungen: das Leidensgefühl, das Zutrauen und der Ent- 
schluß zur Analyse mit leichter Mühe zu schaffen. Machen 
wir jetzt einen Sprung zu dem anderen Extrem, einem Fall, 
bei dem von diesen drei Faktoren keiner vorhanden war. 

Es handelte sich dabei um einen zehnjährigen Knaben 
mit einem unklaren Gemenge vieler Ängste, Nervositäten, 
Unaufrichtigkeiten und kindlichen perversen Handlungen. 
Verschiedene kleinere und ein größerer Diebstahl waren 
in den letzten Jahren vorgefallen. Der Konflikt mit dem 
Elternhaus war kein offener, bewußter, auch von einer 
Einsicht in seinen ganzen unerfreulichen Zustand oder einem 
Wunsch, ihn zu ändern, war auf der Oberfläche nichts 
zu finden. Seine Haltung gegen mich war durchaus ab- 
lehnend und mißtrauisch, sein ganzes Bestreben darauf 
gerichtet, seine sexuellen Geheimnisse vor der Entdeckung 
zu schützen. Hier konnte ich keine der beiden Handhaben 
gebrauchen, die sich in den beiden anderen Fällen als so 
verwendbar erwiesen hatten. Weder konnte ich mich mit 

14 



seinem bewußten Ich gegen einen davon abgespaltenen 
Teil seines Wesens verbünden, denn Von einer solchen 
Abspaltung war ihm gar nichts fühlbar, noch konnte ich 
mich als Bundesgenossen gegen die Umwelt anbieten, an 
die er, soweit ihm bewußt war, mit sehr starken Gefühlen 
gebunden war. Der Weg, den ich hier gehen mußte, war 
offenbar ein anderer, schwierigerer und weniger direkter, 
es handelte sich darum, sich in ein Vertrauen einzu- 
schleichen, das auf geradem Weg nicht zu gewinnen war, 
und sich einem Menschen aufzudrängen, der der Meinung 
war, sehr gut ohne mich fertig werden zu können. 

Ich versuchte das nun auf verschiedene Arten. Erst 
einmal tat ich durch lange Zeit nichts anderes, als mich 
seinen Launen anzupassen und seinen Stimmungen auf 
allen ihren Wegen und Umwegen zu folgen. Kam er in 
heiterer Verfassung zur Stunde, so war ich auch lustig, 
war er ernsthaft oder deprimiert, so verhielt ich mich in 
gleicher Weise. Zog er es vor, eine Stunde statt im Gehen, 
Sitzen oder Liegen unter dem Tisch zu verbringen, so 
tat ich, als wäre das das Allergewöhnlichste, hob das 
Tischtuch auf und sprach so zu ihm hinunter. Kam er 
mit einem Bindfaden in der Tasche und fing an, mir 
merkwürdige Knoten und Kunststücke vorzuführen, so zeigte 
ich, daß ich imstande war, noch viel kunstvollere Knoten 
und merkwürdigere Kunststücke zu machen. Schnitt er 
Gesichter, so konnte ich noch viel bessere schneiden und 
forderte er mich zu Kraftproben heraus, so zeigte ich mich 
als die unvergleichlich Stärkere. Aber ich folgte ihm auch 
im Gespräch auf jedes Gebiet, von Seeräubergeschichten 



und geographischen Kenntnissen zu Markensammlungen 
oder Liebesgeschichten. Mir war auch bei diesen Gesprä- 
chen kein Thema zu erwachsen oder zu bedenklich und 
eine erzieherische Absicht konnte nicht einmal sein Miß- 
trauen hinter meinen Mitteilungen vermuten. Ich benahm 
mich ungefähr so wie ein Kinofilm oder ein Unterhaltungs- 
roman, der keine andere Absicht hat, als seine Zuschauer 
oder Leser an sich zu locken und der sich zu diesem Zweck 
auf die Interessen und Bedürfnisse seines Publikums ein- 
stellt. Meine erste Absicht war tatsächlich auch keine 
andere, als mich dem Jungen interessant zu machen. Daß 
ich gleichzeitig in dieser ersten Periode sehr viel über seine 
oberflächlicheren Interessen und Neigungen erfuhr, war 
ein kaum mitberechneter, aber sehr willkommener Neben- 
gewinn. 

Nach einiger Zeit ließ ich dann einen zweiten Faktor 
dazutreten. Ich erwies mich ihm in harmloser Weise als 
nützlich, schrieb ihm in der Stunde seine Briefe auf der 
Schreibmaschine, war bereit, ihm bei der Aufzeichnung 
seiner Tagträume und selbst ausgedachten Geschichten, auf 
die er stolz war, zu helfen und fertigte sogar in der Stunde 
allerlei kleine Dinge für ihn an. Bei einem kleinen Mädchen, 
das die gleiche Zeit der Vorbereitung durchmachte, häkelte 
und strickte ich sehr eifrig in den Stunden und beklei- 
dete allmählich alle ihre Puppen und Teddybären. Ich 
entwickelte also, könnte man kurz sagen, eine zweite 
angenehme Eigenschaft, ich war nicht nur interessant, 
ich war auch brauchbar geworden. Als Nebengewinn 
dieser zweiten Periode wurde ich an Hand des Brief- und 

x6 



Geschichtenschreibens allmählich in seinen Bekanntenkreis 
und seine Phantasietätigkeit eingeführt. 

Dann kam aber etwas ungleich Wichtigeres hinzu. Ich 
ließ ihn merken, daß das Analysiertwerden sehr große 
praktische Vorteile hat, daß z. B. strafbare Handlungen einen 
ganz andern, ungleich günstigeren Ausgang nehmen, wenn 
sie zuerst der Analytiker und erst durch ihn die Erziehungs- 
personen erfahren. So gewöhnte er sich daran, die Analyse 
als Schutz vor Strafe und meine Hilfe zum Wiedergutmachen 
unbedachter Taten in Anspruch zu nehmen, ließ mich 
gestohlenes Geld an seiner Stelle zurückgeben und übertrug 
mir alle notwendigen, aber unangenehmen Eingeständnisse 
an seine Eltern. Meine Fähigkeiten in dieser Beziehung 
probierte er unzählige Male immer wieder aus, ehe er 
sich entschloß, wirklich an sie zu glauben. Dann aber war 
kein Zweifel mehr: ich war ihm neben einer interessanten 
und brauchbaren Gesellschaft zu einer sehr mächtigen 
Person geworden, ohne deren Unterstützung er nicht mehr 
recht auskommen konnte. Ich hatte mich ihm also in 
diesen drei Eigenschaften unentbehrlich gemacht, wir 
würden sagen, er war in ein vollständiges Abhängigkeits- 
und Übertragungsverhältnis geraten. Auf diesen Zeitpunkt 
aber hatte ich nur gewartet, um dann sehr energisch — 
nicht mit Worten und auch nicht gerade mit einem Schlage 
— sehr ausgiebige Gegenleistungen von ihm zu verlangen: 
nämlich die für die Analyse so notwendige Preisgabe aller 
seiner bisher gehüteten Geheimnisse, die dann die nächsten 
Wochen und Monate in Anspruch nahm und mit der erst 
die wirkliche Analyse einsetzte. 



A. Freud; 2 



Sie sehen, um die Herstellung einer Krankheitseinsicht 
habe ich mich in diesem Falle gar nicht gekümmert, die 
kam im weiteren Verlaufe auf ganz anderem Wege von 
selber zustande, die Aufgabe war hier nur die Schaffung 
einer Bindung, die stark genug sein mußte, um die spätere 
Analyse tragen zu können. 

Aber ich fürchte, Sie haben nach dieser ausführlichen 
Schilderung den Eindruck, als ob es wirklich auf nichts 
anderes ankäme, als auf diese Bindung. Ich möchte ver- 
suchen, mit Hilfe anderer Beispiele, die zwischen den an- 
geführten Extremen die Mitte halten, diesen Eindruck 
wieder zu verwischen. 

Ich wurde aufgefordert, einen anderen zehnjährigen Jun- 
gen in Analyse zu nehmen, der in der letzten Zeit ein für 
die Umgebung sehr unangenehmes und beunruhigendes 
Symptom entwickelt hatte, nämlich lärmende Wut- und 
Schlimmheitsausbrüche, die bei ihm ohne einen verständ- 
lichen äußeren Anlaß zustande kamen und bei dem sonst ge- 
hemmten und ängstlichen Kind um so auffälliger waren. 
Sein Zutrauen war in diesem Falle leicht zu haben, denn 
ich war ihm von anderer Seite schon, bekannt. Auch der Ent- 
schluß zur Analyse traf ganz mit seinen eigenen Absichten 
überein, denn seine kleinere Schwester war bereits meine 
Patientin, und die Eifersucht auf die Vorteile, die sie offen- 
bar für ihre Stellung in der Familie daraus bezog, drängte 
seine Wünsche in die gleiche Bichtung. Trotzdem fand ich 
für die Analyse keinen rechten Angriffspunkt. Aber die Er- 
klärung dafür war nicht weit zu suchen. Er hatte zwar 
für seine Ängste ein Stück Krankheitseinsicht und ein ge- 



wisses Bemühen, sie und seine Hemmungen loszuwerden. 
Für sein Hauptsymptom aber, für die Wutausbrüclie, eher 
das Gegenteil. Auf diese war er unverkennbar stolz, be- 
trachtete sie als etwas, was ihn vor anderen auszeichnete, 
wenn auch nicht gerade im günstigen Sinn, und genoß 
die Sorge der Eltern, die er durch sie hervorrief. Er fühlte 
sich also in einem gewissen Sinn einig mit diesem Symptom 
und hätte wahrscheinlich zu dieser Zeit darum gekämpft, 
wenn man den Versuch gemacht hätte, es ihm mit analyti- 
scher Hilfe zu entreißen. Auch hier griff ich zu einem etwas 
hinterhältigen und nicht sehr ehrlichen Mittel. Ich beschloß, 
ihn mit diesem Stück seines Wesens zu verfeinden, ich 
ließ mir die Ausbrüche, so oft sie vorkamen, schildern, 
stellte mich besorgt und bedenklich. Ich erkundigte mich, 
wie weit er in solchen Zuständen überhaupt noch Herr 
seiner Handlungen war und verglich sein Wüten mit 
dem eines Geisteskranken, für den meine Hilfeleistung 
kaum mehr in Betracht käme. Dadurch wurde er stutzig 
und eingeschüchtert, denn als verrückt betrachtet zu werden, 
lag natürlich nicht mehr in dem Sinne seines Ehrgeizes. 
Er versuchte nun selber, diese Ausbrüche zu beherrschen, 
fing an, sich gegen sie zu stellen, statt sie wie früher zu 
unterstützen, merkte dabei seine wirkliche Ohnmacht, sie 
zu unterdrücken und bekam damit eine Steigerung seiner 
Leidens- und ünlustgefühle. Schließlich wurde nach einigen 
vergeblichen Versuchen das Symptom, wie ich es gewollt 
hatte, aus einem geschätzten Besitz zu einem störenden 
Fremdkörper, zu dessen Bekämpfung er nur allzu bereit- 
willig meine Hilfe in Anspruch nahm. 



19 



Es wird Ihnen auffallen, daß ich in diesem Falle einen 
Zustand herbeigeführt habe, welcher bei der kleinen Zwangs- 
neurose von vornherein vorhanden war: eine Spaltung im 
eigenen Innern des Kindes. Auch in einem anderen Fall, dem 
eines siebenjährigen neurotisch schlimmen Mädchens, ent- 
schloß ich mich am Ende einer langen, der oben geschilderten 
sehr ähnlichen Vorbereitungszeit zu dem gleichen Kunst- 
griff. Ich trennte plötzlich ihre ganze Schlimmheit personi- 
fiziert von ihr ab, gab ihr einen eigenen Namen, stellte 
sie ihr gegenüber und erreichte so schließlich, daß sie sich 
über diese so geschaffene neue Person bei mir zu beklagen 
begann und Einsicht in das Maß bekam, indem sie unter 
ihr zu leiden hatte. Mit der so hergestellten Krankheits- 
einsicht geht dann die Analysierbarkeit des Kindes Hand 
in Hand. 

Aber auch hier dürfen wir an eine andere Schranke 
nicht vergessen. Ich hatte ein ungewöhnlich begabtes und 
gut veranlagtes achtjähriges Kind, eben jenes oben erwähnte 
überempfindliche kleine Mädchen, das zu viel weinte, in 
längerer Analyse. Sie hatte alle Absichten, anders zu werden 
und Fähigkeit und Möglichkeiten, die Analyse bei mir aus- 
zunützen. Aber die Arbeit mit ihr stockte immer an einem 
gewissen Punkt und ich wollte mich schon mit dem wenigen 
Erreichten, dem Verschwinden des Störendsten zufrieden 
geben. Da stellte sich immer klarer die zärtliche Bindung 
an eine der Analyse nicht gut gesinnte Kinderfrau als die 
Schranke heraus, an die unsere Bemühungen, wo sie wirklich 
in die Tiefe gehen wollten, stießen. Sie glaubte mir zwar 
was sich in der Analyse herausstellte und was ich zu ihr 



sagte, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, bis zu dem 
sie es sich erlaubt hatte und an dem ihre Treue gegen 
die Kinderfrau anfing. Was darüber hinausging, stieß auf 
einen zähen und unangreifbaren Widerstand. Sie wieder- 
holte zwar auf diese Weise einen alten Konflikt in der 
Liebeswahl zwischen den getrennt lebenden Eltern, der in 
ihrer frühkindlichen Entwicklung eine große Rolle gespielt 
hatte. Aber auch diese Aufdeckung half nicht wirklich, 
denn die jetzige Bindung an die Erziehungsperson war 
eine durchaus reale und begründete. Ich begann nun einen 
zähen und konsequenten Kampf mit dieser Kinderfrau um 
die Zuneigung des Kindes, der von beiden Seiten mit allen 
Mitteln geführt wurde, in dem ich ihre Kritik weckte, ihre 
blinde Anhänglichkeit zu erschüttern suchte und nebenbei 
jeden der kleinen Konflikte, wie sie in der Kinderstube 
täglich vorkommen, zu meinen Gunsten ausnützte. Ich 
merkte, daß ich gesiegt hatte, als das kleine Mädchen 
mir eines Tages wieder einen solchen sie erregenden häus- 
lichen Vorfall berichtete, aber diesmal der Erzählung hin- 
zufügte: „Glaubst du, daß sie recht hat?" Von da an ging 
die Analyse erst in die Tiefe und führte von all den hier 
erwähnten Fällen zu dem vielversprechendsten Erfolg. 

Die Entscheidung, ob diese Handlungsweise, der Kampf 
um das Kind, eine erlaubte ist, war in diesem Falle ohne 
Schwierigkeit zu treffen: der Einfluß der betreffenden 
Erzieherin wäre nicht nur für die Analyse, sondern auch für 
die ganze Entwicklung des Kindes ein ungünstiger gewesen. 
Überlegen Sie aber, wie unhaltbar eine solche Situation 
wird, wenn man als Gegner keinen Fremden, sondern die 



Eltern des Kindes vor sich hat oder vor die Frage gestellt 
wird, ob es lohnt, dem Erfolg der analytischen Arbeit 
zuliebe das Kind dem sonst günstigen und erwünschten 
Einfluß eines Menschen zu entziehen. Wir werden bei der 
Frage der praktischen Durchführbarkeit der Kinderanalyse 
und dem Verhältnis zu der Umgebung des Kindes noch 
ausführlich auf diesen Punkt zurückkommen. 

Ich füge zum Abschluß dieses Themas noch zwei kleine 
Geschichten an, die Ihnen zeigen sollen, wie weit das Kind 
imstande ist, den Sinn der analytischen Bemühung und 
die therapeutische Aufgabe zu erfassen. 

Das beste darin hat wohl die schon mehrmals erwähnte 
kleine Zwangsneurose geleistet. Sie berichtete mir eines 
Tages von einem ungewöhnlich gut bestandenen Kampf 
mit ihrem Teufel und verlangte plötzlich Anerkennung. 
„Anna Freud", sagte sie, „bin ich nicht viel stärker als 
mein Teufel? Kann ich ihn nicht sehr gut alleine be- 
herrschen? Dazu brauche ich dich ja eigentlich gar nicht." 
Das bestätigte ich ihr vollkommen. Sie sei wirklich viel 
stärker, auch ohne meine Hilfe. „Aber ich brauche dich 
doch", sagte sie dann nach einer nachdenklichen Minute. 
„Du sollst mir helfen, daß ich nicht so unglücklich bin, 
wenn ich stärker sein muß als er." Ich glaube, man kann 
sich auch bei einem erwachsenen Neurotiker kein besseres 
Verständnis für die Veränderung erwarten, die er von der 
analytischen Kur erhofft. 

Und nun noch eine zweite Geschichte. Mein so aus- 
führlich geschilderter schlimmer Zehnjähriger kam in einer 
späteren Periode seiner Analyse eines Tages im Warte- 



22 



zimmer mit einem erwachsenen Patienten meines Vaters 
ins Gespräch. Der erzählte ihm von seinem Hund; der 
hätte ein Huhn zerrissen und er, der Besitzer des Hundes, 
hätte es zahlen müssen. „Den Hund müßte man zu Freud 
schicken", sagte mein kleiner Patient, „der braucht Ana- 
lyse." Der Erwachsene erwiderte nichts, äußerte sich aber 
nachher sehr mißbilligend. Was der Junge denn für eine 
komische Vorstellung von der Analyse hätte? Dem Hund 
fehlte doch nichts. Der will das Huhn zerreißen und er zer- 
reißt es. — Ich wußte genau, was der Bub darunter 
verstanden hatte. „Der arme Hund", muß er gedacht 
haben. „Er möchte so gerne ein guter Hund sein und 
etwas in ihm zwingt ihn, Hühner zu zerreißen." 

Sie sehen, dem kleinen Neurotisch -Verwahrlosten schiebt 
sich wirklich hier die Schlimmheitseinsicht ohne Schwierig- 
keit an Stelle der Krankheitseinsicht und wird ihm so zum 
vollgültigen Motiv der Analyse. 



2 3 



ZWEITE VORLESUNG 

JDie _M.ittel der Jvinoeranalyse 

Meine Damen und Herren! Ich stelle mir vor, daß 
. meine letzten Ausführungen den praktischen Ana- 
lytikern unter Ihnen einen sehr befremdenden Eindruck 
hinterlassen haben. Der ganze Umfang meiner Hand- 
lungen, wie ich ihn vor Ihnen dargestellt habe, widerspricht 
in zu vielen Punkten den Regeln für die Technik der 
Psychoanalyse, wie sie uns bisher gegeben wurden. 

Überblicken wir noch einmal meine verschiedenen 
Aktionen: Ich gebe dem kleinen Mädchen ein sicheres 
Heilungsversprechen, aus der Überlegung heraus, daß man 
einem Kind nicht zumuten könne, mit einem ihm bisher 
Unbekannten einen fremden Weg zu einem unsicheren 
Ziel zu gehen; ich erfülle so sein offenbares Verlangen, 
durch Autorität gedrängt und in Sicherheit gewiegt zu 
werden. Ich biete mich offen zum Bundesgenossen an und 
kritisiere gemeinsam mit dem Kinde seine Eltern. — Ich 
eröffne in einem anderen Fall einen heimlichen Kampf 
gegen die häusliche Umgebung und werbe mit allen Mitteln 
um die Liebe des Kindes, — Ich übertreibe die Bedenk- 



lichkeit eines Symptoms, mache dem Patienten Angst, um 
meinen Zweck zu erreichen. — Und schließlich schleiche 
ich mich in das Vertrauen der Kinder ein und dränge 
mich Menschen auf, die der Überzeugung sind, ausge- 
zeichnet ohne mich fertig werden zu können. 

Wo bleibt da die vorgeschriebene vornehme Zurück- 
haltung des Analytikers, die Vorsicht, mit der man dem 
Patienten mögliche Heilungen oder auch nur Besserungen 
in unsichere Aussicht stellt, die volle Reserviertheit in 
allen persönlichen Dingen, die absolute Aufrichtigkeit in 
der Beurteilung der Krankheit und die volle Freiheit, die 
man dem Patienten gibt, die gemeinsame Arbeit in jedem 
beliebigen Augenblick durch seinen Entschluß zu unter- 
brechen ? Die letztere Vorstellung erhalten wir zwar auch 
bei den kindlichen Patienten aufrecht, aber sie bleibt doch 
mehr oder minder eine Fiktion, etwa wie in der Schule, 
wo man auch die Kinder glauben machen will, daß sie 
für sich selbst und das Leben, nicht für den Lehrerund 
die Schule lernen. Wollte man mit der daraus erwachsenden 
Freiheit allzusehr Ernst machen, so hätte man wahrschein- 
lich am nächsten Morgen die Klasse leer. Ich verteidige mich 
nun gegen die vielleicht in Ihnen aufgestiegene Vermutung, 
daß ich in Unkenntnis oder unbeabsichtigter Vernachlässi- 
gung der Vorschriften so gehandelt hätte. Ich meine, ich 
habe nur, um einer neuen Situation zu entsprechen, An- 
sätze eines Verhaltens weiter entwickelt, das Sie alle, ohne 
es weiter zu betonen, Ihren Patienten gegenüber zeigen. 
Ich habe vielleicht in meinem ersten Vortrag die Unter- 
schiede zwischen der Anfangssituation des Kindes und der 



I 



des Erwachsenen übertrieben. Sie wissen, wie unsicher 
einem in den ersten Tagen der Behandlung der Entschluß 
und das Zutrauen des Patienten erscheinen. Wir sind in 
Gefahr, ihn zu verlieren, ehe er die Analyse noch über- 
haupt begonnen hat und gewinnen erst einen Boden für 
unsere Aktionen ihm gegenüber, wenn wir ihn mit aller 
Sicherheit in der Übertragung halten. In diesen ersten 
Tagen aber wirken wir offenbar fast unmerklich und gewiß 
ohne es als eine besondere Anstrengung von unserer Seite 
zu spüren, durch eine Beihe von Dingen auf ihn, die von 
meinen langandauernden und auffälligen Bemühungen um 
die Kinder nicht so sehr verschieden sind. 

Nehmen wir einen depressiven, melancholischen Pa- 
tienten als Beispiel. Es ist wahr, daß die analytische Thera- 
pie und Technik nicht gerade für diese Fälle bestimmt ist. 
Wo man aber eine solche Behandlung unternimmt, dort 
schiebt sich gewiß eine solche Zeit der Vorbereitung ein, in 
der man in dem Patienten durch Zuspruch und Eingehen 
auf seine persönlichen Bedürfnisse das Interesse und den 
Mut für die analytische Arbeit weckt. Oder nehmen wir 
einen anderen Fall. Die technischen Vorschriften warnen 
uns zwar, wie Sie wissen, davor, Träume zu früh zu deuten 
und dadurch dem Patienten Kenntnisse über seine inneren 
Vorgänge zu bieten, für die er noch kein Verständnis, son- 
dern nur Ablehnung haben kann. Bei einem klugen und ge- 
bildeten, alles bezweifelnden Zwangsneurotiker aber werden 
wir uns vielleicht freuen, ihm gleich zu Anfang der Be- 
handlung eine besonders schöne und eindrucksvolle Traum- 
deutung bieten zu können. Wir interessieren ihn damit, be- 



friedigen seine hohen intellektuellen Ansprüche — und tun 
im Grunde nichts anderes als der Kinderanalytiker, der 
einem kleinen Jungen zeigt, daß er mit Bindfaden noch viel 
bessere Kunststücke ausführen kann, als das Kind selber. 
Auch dafür, daß wir uns bei dem rebellischen und verwahr- 
losten Kind auf seine Seite stellen und uns bereit zeigen, ihm 
gegen seine Umwelt zu helfen, gibt es eine Analogie. Wir 
zeigen ja auch dem erwachsenen Neurotiker, daß wir zu 
seiner Hilfe und Unterstützung da sind und nehmen bei 
allen Konflikten mit der Familie ausschließlich seine Partei. 
Auch hier also erweisen wir uns als interessant und machen 
uns nützlich. Aber auch die Frage der Macht und äußeren 
Autorität spielt eine Rolle. Die Beobachtung zeigt, daß 
der erfahrene und angesehene Analytiker es in den An- 
fangsstadien der Analyse um so vieles leichter hat, seine 
Patienten zu halten, sich vor ihrem „Durchgehen" zu 
schützen als der junge Anfänger, daß er auch in den ersten 
Stunden bei weitem nicht so viel „negative Übertragung", 
Äußerungen von Haß und Mißtrauen zu spüren bekommt 
wie jener. Wir erklären uns diesen Unterschied aus der 
Unerfahrenheit des jungen Analytikers, seinem Mangel 
an Takt im Benehmen gegenüber dem Patienten, seiner 
Voreiligkeit oder allzu großen Vorsicht in der Deutung. 
Aber ich meine, hier müßte man gerade das Moment der 
äußeren Autorität in Betracht ziehen. Der Patient fragt 
sich, nicht mit Unrecht, wer denn eigentlich dieser Mensch 
ist, der plötzlich beansprucht, eine so ungeheure Autorität 
für ihn zu werden, ob seine Stellung in der Außenwelt, 
die Einstellung der andern, gesunden Menschen ihm gegen- 



*7 



über ihn dazu berechtigt. Man hat es hier nicht not- 
wendigerweise mit der Neuauflage alter Haßregungen zu 
tun, sondern vielleicht eher mit einer Äußerung gesunden 
kritischen Menschenverstandes, der sich regt, ehe der Patient 
sich in die analytische Übertragungssituation gleiten läßt. 
Der hochgestellte Analytiker von Ruf und Namen aber 
genießt bei dieser Einschätzung der Sachlage offenbar die- 
selben Vorteile wie der Kinderanalytiker, der von vorn- 
herein größer, erwachsener ist als sein kleiner Patient 
und der zur unbezweifelten Machtperson wird, wenn das 
Kind fühlt, daß seine Autorität auch von den Eltern noch 
weit über die ihre gestellt wird. 

Dies wären also die Ansätze zu einer solchen vorbe- 
reitenden Periode der Behandlung auch bei der Analyse 
der Erwachsenen, von denen ich vorhin gesprochen habe. 
Aber ich meine, ich habe mich dabei unrichtig ausgedrückt. 
Es wäre richtiger zu sagen, daß wir in der Technik der 
Erwachsenenanalyse noch Überreste all der Vornahmen 
finden, die sich dem Kinde gegenüber als notwendig 
erweisen. Das Ausmaß, in dem wir sie gebrauchen, wird 
wohl von dem Grade bestimmt, in dem auch der erwachsene 
Patient, den wir vor uns haben, noch ein unreifes und 
unselbständiges Wesen geblieben ist, sich also in diesem 
Punkte dem Kinde annähert. 

So viel über die Einleitung der Behandlung, die Her- 
stellung der analytischen Situation. 

Stellen wir uns im folgenden vor, daß das Kind durch 
alle die angeführten Maßnahmen wirklich das Zutrauen 
zum Analytiker gewonnen hat, Krankheitseinsicht besitzt 



und jetzt aus eigenem Entschluß eine Änderung seines 
Zustandes anstrebt. Wir sind damit bei unserem zweiten 
Thema angelangt: einer Überprüfung der Mittel, welche 
uns für die eigentliche analytische Arbeit mit dem Kinde 
zur Verfügung stehen. 

In der Technik der Erwachsenenanalyse haben wir 
vier solcher Hilfsmittel. Wir verwerten erstens alles, was 
die bewußte Erinnerung des Patienten liefern kann, um 
seine Krankengeschichte möglichst vollständig herzustellen. 
Wir bedienen uns der Traumdeutung. Wir verarbeiten 
und deuten die Einfälle, welche uns die freie Assoziation 
des Analysierten bringt. Und wir verschaffen uns schließ- 
lich aus der Deutung seiner Übertragungsreaktionen Zu- 
gänge zu allen jenen Stücken seines vergangenen Erlebens, 
die sich auf keine andere Weise in Bewußtes übersetzen 
lassen. Sie werden sich im folgenden eine systematische Über- 
prüfung dieser Mittel auf ihre Verwendbarkeit und Verwert- 
barkeit in der Kinderanalyse hin gefallen lassen müssen. 

Bei der Zusammensetzung der Krankengeschichte aus 
den bewußten Erinnerungen des Patienten stoßen wir schon 
auf den ersten Unterschied. Wir vermeiden, wie Sie wissen, 
beim Erwachsenen, irgendwelche Auskünfte von seiner 
Familie einzuholen und verlassen uns ausschließlich auf 
die Auskünfte, die er uns selber geben kann. Diese frei- 
willige Einschränkung begründen wir damit, daß die von 
den Familienmitgliedern beigebrachten Mitteilungen meist 
unzuverlässig und lückenhaft sind und ihre Färbung durch 
deren persönliche Einstellung zu dem Erkrankten erhalten. 
Das Kind aber weiß uns nicht viel über seine Kranken- 



ag 



geschichte anzugeben. Seine Erinnerung reicht, ehe man 
ihm in der Analyse zu Hilfe kommt, nicht weit zurück. 
Es ist von der jeweiligen Gegenwart so sehr in Anspruch 
genommen, daß die Vergangenheit daneben verblaßt. 
Außerdem weiß es selber nicht, wann seine Abnormitäten 
begonnen und wann sein Wesen sich von dem anderer 
Kinder zu unterscheiden angefangen hat. Es hat noch 
wenig Sinn für den Vergleich mit anderen und auch noch 
wenig selbstgestellte Aufgaben, an denen es sein Versagen 
messen könnte. Der Kinderanalytiker holt also tatsächlich 
die Krankengeschichte bei den Eltern des Patienten ein. Es 
wird ihm nichts übrig bleiben, als dabei alle möglichen Un- 
genauigkeiten und Entstellungen aus persönlichen Motiven 
in Rechnung zu ziehen. 

Dafür haben wir in der Traumdeutung ein Gebiet, in 
dem man von der Erwachsenen- zur Kinderanalyse nichts 
umzulernen hat. Das Kind träumt in der Analyse nicht 
weniger und nicht mehr als der Erwachsene, die Durch- 
sichtigkeit oder ünverständlichkeit des Geträumten richtet 
sich wie bei jenem nach der Stärke des Widerstandes. Die 
Träume der Kinder sind sicher leichter zu deuten, wenn 
sie auch in der Analyse nicht immer so einfach sind wie 
die in der „Traumdeutung" gebotenen Beispiele von Kinder- 
träumen. Wir finden alle jene Entstellungen der Wunsch- 
erfüllung in ihnen, wie sie der komplizierteren neurotischen 
Organisation der kindlichen Patienten entsprechen. Aber 
dem Kinde ist nichts leichter begreiflich zu machen, als 
gerade die Traumdeutung. Ich sage ihm bei der ersten 
Traumerzählung: Der Traum kann nichts selber machen; 

3o 



jedes Stück hat er sich von irgendwo hergeholt; und gehe 
dann gemeinsam mit dem Kinde auf die Suche. Es unter- 
hält sich üher das Aufsuchen der einzelnen Traumelemente 
wie über ein Zusammenlegspiel und verfolgt mit vieler 
Genugtuung die einzelnen Bilder oder Worte des Traumes 
in die Situationen des wirklichen Lebens. Vielleicht kommt 
dies daher, daß das Kind dem Traum noch näher steht als 
der Erwachsene, vielleicht ist es auch nur darum nicht 
erstaunt, im Traum einen Sinn zu finden, weil es die wissen- 
schaftliche Meinung von der Unsinnigkeit des Traumes 
vorher nie vertreten gehört hat. Jedenfalls ist es auf eine 
gelungene Traumdeutung stolz. Ich habe übrigens oft 
gefunden, daß auch unintelligente Kinder, die in allen 
anderen Punkten zur Analyse so ungeeignet wie nur 
möglich waren, in der Traumdeutung nicht versagten. 
Zwei solche Analysen habe ich lange Zeit hindurch fast 
ausschließlich an Hand der Träume geführt. 

Aber auch wo die Assoziationen des kindlichen Träumers 
ausbleiben, ist oft trotzdem noch eine Deutung möglich. 
Die Situation des Kindes ist so viel leichter zu kennen, 
seine Tageserlebnisse zu übersehen, die Anzahl der Per- 
sonen seiner Umwelt viel geringer. Man kann sich oft 
getrauen, die fehlenden Einfälle aus der eigenen Kenntnis 
der Lage zur Deutung einzusetzen. Die folgenden zwei 
Beispiele von Kinderträumen, die gar nichts Neues bieten, 
sollen Ihnen nur die eben beschriebenen Verhältnisse noch 
einmal veranschaulichen. 

Im fünften Monat der Analyse eines neunjährigen Mäd- 
chens lange ich endlich bei der Besprechung ihrer Onanie 



an, die sie sich nur unter schweren Schuldgefühlen ein- 
gestehen kann. Sie spürt beim Onanieren starke Hitze- 
gefühle, ihre Ablehnung gegen die Betätigung am Genitale 
greift auch auf diese Sensationen über. Sie beginnt, sich 
vor Feuer zu fürchten und sträubt sich dagegen, warme 
Kleidung zu tragen. An einem Gasbadeofen, der neben 
ihrem Schlafzimmer angebracht ist, kann sie die Flammen 
nicht ohne Angst vor einer Explosion brennen sehen. 
Eines Abends will ihre Rinderfrau in Abwesenheit der 
Mutter den Badeofen anzünden, kennt sich aber nicht aus, 
und ruft den größeren Bruder zu Hilfe. Er bringt es auch 
nicht zustande. Die Kleine steht dabei und hat das Gefühl, 
sie sollte sich auskennen. In der darauffolgenden Nacht 
träumt sie dieselbe Situation, nur hilft sie im Traume 
wirklich mit, macht es aber falsch und der Ofen explodiert. 
Die Kinderfrau hält sie zur Strafe unter das Feuer, so 
daß sie verbrennen muß. Sie erwacht mit großer Angst, 
weckt sofort die Mutter, erzählt ihr den Traum und setzt 
(aus ihrer analytischen Kenntnis) hinzu, daß das sicher 
ein Bestrafungstraum ist. — Sie bringt sonst keine Ein- 
fälle, die ich mir aber in diesem Falle leicht ergänzen 
konnte. Das Herumarbeiten am Ofen steht offenbar für 
das Herumarbeiten an ihrem eigenen Körper, das sie auch 
bei ihrem Bruder voraussetzt. Das „Falsche" daran wäre 
der Ausdruck ihrer eigenen Kritik, die Explosion wahr- 
scheinlich die Art ihres Orgasmus. Die Kinderfrau, welche 
die Warnerin vor der Onanie ist, vollzieht auch folge- 
richtig die Bestrafung. 

Zwei Monate später hatte sie einen zweiten Feuertraum 



folgenden Inhalts: „Auf der Zentralheizung liegen zwei 
Ziegelsteine von verschiedener Farbe. Ich weiß, jetzt wird 
das Haus gleich brennen und habe Angst. Dann kommt 
jemand und nimmt die Ziegelsteine fort." Beim Erwachen 
hat sie die Hand am Genitale. Diesmal bringt sie einen 
Einfall zu einem Traumstück, zu den Ziegelsteinen : man 
habe ihr gesagt, wenn man sich Ziegelsteine auf den Kopf 
legt, wächst man nicht. Von hier aus ergänzt sich die 
Deutung ohne Schwierigkeiten. Das Nichtwachsen ist eine 
der Strafen, die sie für die Onanie befürchtet, die Feuer- 
bedeutung kennen wir aus dem früheren Traum als Symbol 
ihrer Sexualerregung. Sie onaniert also im Schlaf, wird 
von der Erinnerung an alle Onanieverbote gewarnt und 
bekommt Angst. Der Unbekannte, der die Ziegelsteine fort- 
nimmt, bin wahrscheinlich ich mit meinen beruhigenden 
Versicherungen. 

Nicht alle Träume, die in den Kinderanalysen vor- 
kommen, deuten sich mit so geringen Schwierigkeiten. 
Im allgemeinen aber hat die letztesmal erwähnte kleine 
Zwangsneurotikerin recht, die mir einen Traum der ver- 
gangenen Nacht mit folgenden Worten anzukündigen 
pflegt: „Ich habe heute einen komischen Traum gehabt. 
Aber du und ich, wir werden sehr bald herausfinden, was 
das alles bedeutet." 

Neben der Deutung, der Träume spielt auch die der 
Tagträume eine große Rolle in der Kinderanalyse. Mehrere 
der Kinder, an denen ich meine Erfahrungen sammeln 
konnte, waren große Tagträumer, die Erzählung ihrer 
Phantasien wurde mir zum größten Hilfsmittel in der 
} 

A. Freud. 3 33 



: 



Analyse. Es ist gewöhnlich sehr leicht, Kinder, deren Ver- 
trauen man einmal auf anderen Gebieten gewonnen hat, 
auch zur Erzählung ihrer Tagesphantasien zu hewegen. 
Sie erzählen sie leichter, schämen sich offenbar weniger 
für sie als der Erwachsene, der seine Tagträumereien als 
„kindisch" verurteilt. Während der Erwachsene gerade 
aus diesen Gründen des Schämens und der Verurteilung 
seine Tagträume gewöhnlich erst spät und zögernd in 
die Analyse bringt, kommt einem bei dem Kind in den 
schwierigen Anfangsstadien ihr Auftauchen oft sehr zu 
Hilfe. Die folgenden Beispiele führen Ihnen drei Typen 
solcher Phantasien vor Augen. 

Der einfachste Typus wäre der .Tagtraum als Reaktion 
auf ein Tageserlebnis. Die kleine, eben erwähnte Träu- 
merin z. B. reagiert zur Zeit, da ihr Konkurrenzkampf 
gegen die Geschwister die größte Rolle in ihrer Analyse 
spielt, auf eine vermeintliche Zurücksetzung mit folgendem 
Tagtraum: „Ich mächte überhaupt nicht auf die Welt ge- 
kommen sein, ich möchte sterben. Ich stelle mir manchmal 
vor, daß ich sterbe und dann wieder auf die Welt komme, 
als Tier oder als Puppe. Wenn ich aber als Puppe auf die 
Welt, komme, dann weiß ich, wem ich gehören möchte, einem 
kleinen Mädchen, bei dem meine Kinderfrau früher war, 
und das besonders nett und brav ist. Bei der möchte ich 
Puppe sein und würde mir auch gar nichts daraus machen, 
wenn man mit mir so herumtun würde, wie man mit Puppen 
herumtut. Ich wäre ein reizendes kleines Baby, man könnte 
mich waschen und alles mit mir machen. Das Mädchen 
würde mich am allerliebsten haben. Wenn es aber vielleicht 



$4 






zu Weihnachten wieder eine Puppe bekommen würde, so 
würde ich doch weiter ihr Liebling sein. Sie würde nie eine 
Puppe lieber haben als die Babypuppe." Es ist hier wohl 
überflüssig hinzuzusetzen, daß zwei der Geschwister, auf 
die sich ihre Eifersucht am stärksten richtet, jünger sind 
als sie. Ihre augenblickliche Situation könnte sich aus 
keiner Mitteilung und keinem Einfall klarer herauslesen 
lassen als aus dieser kleinen Phantasie. 

Die sechsjährige Zwangsneurotikerin wohnt zu Beginn 
ihrer Analyse bei einer befreundeten Familie. Sie hat einen 
ihrer Schlimmheitsanfälle, der von den anderen Rindern 
sehr kritisiert wird. Ihre kleine Freundin weigert sich 
sogar, mit ihr in einem Zimmer zu schlafen, was sie sehr 
kränkt. In der Analyse erzählt sie mir aber, daß sie von 
der Kinderfrau, weil sie brav war, einen kleinen Spielzeug- 
hasen geschenkt bekommen hat und versichert gleichzeitig, 
daß die andern Kinder sehr gerne mit ihr schlafen. Dann 
berichtet sie einen Tagtraum, den sie beim Ausruhen 
plötzlich gehabt hat. Sie habe gar nicht gewußt, daß sie 
ihn macht. 

„Es war einmal ein Meiner Hase, mit dem seine Familie 
gar nicht nett war. Sie wollten ihn zum Schlächter schicken 
und abschlachten lassen. Das hat er erfahren. Er hat ein 
ganz altes Automobil gehabt, mit dem man aber noch fahren 
konnte. Das hat er in der Nacht geholt, sich hineingesetzt 
und ist davongefahren. Er ist zu einem reizenden kleinen 
Haus gekommen, in dem ein Mädchen (hier sagt sie ihren 
eigenen Namen) gewohnt hat. Sie hat ihn unten weinen 
gehört, ist hinuntergegangen und hat ihn eingelassen. Er 

5* 35 



ist dann bei ihr wohnen geblieben." Hier kommt also das 
Gefühl des Unerwünschtseins, das sie sich in der Analyse 
hei mir und offenbar auch vor sich selbst gerne ersparen 
möchte, mit aller Deutlichkeit zum Durchbruch. Sie selbst 
ist doppelt in dem Tagtraum vorhanden : einerseits als der 
kleine ungeliebte Hase, anderseits als das Mädchen, das 
den Hasen dann so gut behandeln wird, wie sie selbst 
behandelt werden möchte. 

Ein komplizierterer zweiter Typus ist dann der fort- 
gesetzte Tagtraum. 

Bei Kindern, die solche Tagträume, „continued stories", 
ausspinnen, ist es, sogar in der allerersten Periode der 
Analyse, oft sehr leicht, sich soweit mit ihnen in Ver- 
bindung zu setzen, daß man täglich das neu hinzugefügte 
Stück des Tagtraumes erzählt bekommt. Aus diesen täg- 
lichen Fortsetzungen läßt sich dann die jeweilige innere 
Situation des Kindes rekonstruieren. 

Als drittes Beispiel erwähne ich einen neunjährigen 
Knaben, dessen Tagträume sich zwar mit voneinander 
verschiedenen Personen und Situationen beschäftigen, aber 
den gleichen Typus des Ablaufes in unzähligen Situationen 
wiederholten. Er begann seine Analyse mit der Erzählung 
einer Fülle solcher in ihm aufgespeicherten Phantasien. 
In vielen davon waren die beiden Hauptpersonen ein Held 
und ein König. Der König bedroht den Helden, will ihn 
martern und umbringen, der Held entzieht sich ihm auf 
alle mögliche Weise. Alle technischen Neuerungen, beson- 
ders eine Luftflotte, spielen bei der Verfolgung eine große 
Bolle. Von großer Bedeutung ist auch eine Schneide- 

36 



maschine, die nach beiden Seiten bei der Fortbewegung 
sichelartige Messer ausschickt. Die Phantasie endet damit, 
daß der Held siegt und dem König alles antut, was dieser 
ihm antun wollte. 

Ein anderer seiner Tagträume schildert eine Lehrerin, 
welche die Kinder straft und schlägt. Die Kinder um- 
ringen und überwältigen sie schließlich und schlagen sie, 
bis sie stirbt. 

Ein anderer wieder beschäftigt sich mit einer Schlage- 
maschine, in die am Ende, statt des Gefangenen, der ge- 
peinigt werden sollte, der Peiniger selbst gesperrt wird. 
Er besaß in seiner Erinnerung noch eine ganze Sammlung 
solcher Phantasien in unendlichen Variationen. Wir er- 
raten, ohne noch mehr von dem Knaben zu wissen, daß 
all diesen Phantasien die Abwehr und Rache für eine 
Kastrationsdrohung zugrunde liegt; d. h. die Kastration 
wird im Tagtraum an demjenigen vollzogen, der sie ur- 
sprünglich angedroht hatte. Sie werden zugeben, daß 
man sich bei solchem Analysenbeginn eine ganze Reihe 
von Erwartungsvorstellungen für den späteren Verlauf 
bilden kann. 

Ein weiteres technisches Hilfsmittel, das neben der Ver- 
wertung der Träume und Tagträume in manchen meiner 
Kinderanalysen sehr im Vordergrund stand, ist das Zeich- 
nen, das sich bei drei meiner aufgezählten Fälle für eine 
Weile fast an die Stelle aller anderen Mitteilungen setzte. 
So zeichnete die vorhin erwähnte Feuerträumerin zur 
Zeit, da sie mit ihrem Kastrationskomplex beschäftigt 
war, unaufhörlich furchtbar aussehende menschliche ün- 



3/ 



geheuer mit überlangem Kinn, langer Nase, unendlichen 
Haaren und einem schrecklichen Gebiß. Der Name dieses 
immer wiederkehrenden Ungeheuers war Beißer, sein Be- 
ruf offenbar das Abbeißen des Gliedes, das er selber an 
seinem Körper in so vielfacher Weise ausgebildet hatte. 
Eine Reihe anderer Zeichenblätter, die sie in den Stunden 
immer wieder als Begleitung zu ihren Erzählungen oder 
auch schweigend füllte, zeigte alle Arten von Wesen, 
Kinder, Vögel, Schlangen, Puppen, alle mit unendlich 
in die Länge gezogenen Armen, Beinen, Schnäbeln und 
Schwänzen. Auf einem anderen Blatt der gleichen Periode 
stellte sie blitzartig alles zusammen, was sie sein wollte: 
ein Knabe (um ein Glied zu besitzen), eine Puppe (um 
die geliebteste zu sein), ein Hund (der ihr als Vertreter 
der Männlichkeit galt) und ein Seejunge, den sie einer 
Phantasie entnahm, in der sie allein als Knabe den Vater 
auf einer Reise um die Welt begleitete. Über all diesen 
Figuren war noch eine Zeichnung aus einem halb gehörten, 
halb selbst erfundenen Märchen angebracht: eine Hexe, 
die einem Riesen die Haare ausriß, also wieder ein Bild 
für die Kastration, welche sie zu dieser Zeit der Mutter 
zum Vorwurf machte. Sehr merkwürdig wirkt daneben 
eine Serie Bilder aus einer viel späteren Periode, in der 
ganz im Gegenteil eine Königin einer kleinen Prinzessin, 
die vor ihr steht, eine langstielige wunderbare Blume 
(offenbar wieder ein Penissymbol) überreicht. 

Noch anders waren die Bilder der kleinen Zwangs- 
neurotikerin. Die Erzählungen ihrer analen Phantasien, 
welche den ersten Teil ihrer Analyse ausfüllten, begleitete 

38 • 



sie gelegentlich mit Illustrationen. So zeichnete sie z. B. 
ein anales Schlaraffenland, in dem sich die Menschen 
statt durch die Brei- und Tortenmengen des Märchens 
durch einen ungeheuren Haufen aneinandergereihter Kot- 
patzen durchfressen mußten. Außerdem aber besitze ich 
von ihr eine Reihe der zartesten farbigen Blumen- und 
Gartenbilder, die sie mit ungeheurer Sorgfalt, Sauberkeit 
und Anmut ausführte, während sie mir ihre von Schmutz 
starrenden analen Tagträumereien entwickelte. 

Aber ich fürchte, daß ich Ihnen bisher ein zu ideales 
Bild von den Verhältnissen in der Kinderanalyse ent- 
worfen habe. Die Familie liefert einem bereitwillig alle 
notwendigen Auskünfte; das Kind selbst entpuppt sich als 
ein eifriger Traumdeuter, es bringt eine reichlich strömende 
Fülle von Tagesphantasien und liefert nebenbei Serien 
interessanter Zeichnungen, von denen sich Schlüsse auf 
seine unbewußten Regungen ziehen lassen. Es wäre nach 
allen diesen Schilderungen nicht ganz verständlich, warum 
man bisher die Kinderanalyse immer als ein ganz be- 
sonders schwieriges Gebiet der Analysentechnik empfunden 
hat oder warum so viele Analytiker erklären, mit Kindern 
in der Behandlung nichts anfangen zu können. 

Die Antwort ist nicht schwer zu geben. Das Kind 
hebt alle erwähnten Vorteile dadurch wieder auf, daß es 
sich weigert zu assoziieren. Es stürzt also den Analytiker 
dadurch in Verlegenheit, daß das eigentliche Mittel, auf 
welches die analytische Technik gebaut ist, bei ihm so 
gut wie nicht zur Anwendung gelangen kann. Es wider- 
spricht offenbar dem Wesen des Kindes, die dem Erwach- 



09 



senen vorgeschriebene bequeme Ruhelage einzunehmen, mit 
seinem bewußten Willen alle Kritik der auftauchenden 
Einfälle auszuschalten, nichts von der Mitteilung auszu- 
schließen und auf diese Weise die Oberfläche seines Be- 
wußtseins abzutasten. 

Es ist allerdings wahr, daß man ein Kind, das man 
auf die beschriebene Weise an sich gebunden hat und 
dem man unentbehrlich geworden ist, zu allem veran- 
lassen kann. Es assoziiert also auch gelegentlich einmal 
auf die Aufforderung hin, für kurze Zeit und dem Ana- 
lytiker zuliebe. Ein solches Einschieben der Assoziationen 
kann sogar von großem Nutzen sein und in einer schwieri- 
gen Situation plötzliche Aufklärung bringen. Aber es wird 
immer den Charakter einer solchen einmaligen Hilfe be- 
halten, nicht die sichere Basis sein, auf welche die ganze 
analytische Arbeit gegründet wird. 

Ein kleines Mädchen, das sich in der Analyse als be- 
sonders folgsam und meinen Wünschen gefügig erwies, 
das auch bei seiner großen zeichnerischen Begabung durch- 
aus visuell veranlagt war, konnte ich gelegentlich, wenn 
ich mich gar nicht mehr auskannte, darum bitten, „Bilder 
zu sehen". Sie setzte sich dann mit geschlossenen Augen 
und in einer merkwürdig hockenden Stellung hin und 
verfolgte gespannt die Dinge, die in ihr vorgingen. 

Auf diese Weise gab sie mir tatsächlich einmal die 
Lösung einer langdauernden Widerstandssituation. Das 
Thema war damals der Kampf um die Onanie und die 
Ablösung von der Kinderfrau, zu der sie, um sich vor 
meinen Befreiungsversuchen zu schützen, mit doppelter 

40 



Zärtlichkeit geflüchtet war. Ich bat sie, Bilder zu sehen, und 
das erste Bild, das in ihr auftauchte, brachte die Antwort: 
„Die Kinderfrau fliegt über das Meer davon." Das hieß 
mit der weiteren Ergänzung, in der um mich lauter Teufel 
herumtanzten, daß ich die Kinderfrau zum Weggehen 
bringen würde. Dann aber würde sie keinen Schutz gegen 
ihre Onanie Versuchung mehr haben und sich von mir 
„schlecht" machen lassen. 

Hie und da einmal kommen einem auch, häufiger als 
diese gewollten und verlangten Assoziationen, unbeabsich- 
tigte und ungewollte zu Hilfe. Hier nehme ich wieder die 
kleine Zwangsneurotikerin zum Beispiel. Auf dem Höhe- 
punkt ihrer Analyse handelte es sich darum, ihr ihren 
Haß gegen die Mutter klar zu zeigen, vor dem sie sich 
in der Vergangenheit durch die Schaffung ihres „Teufels", 
des unpersönlichen Vertreters aller Haßregungen, geschützt 
hatte. Obwohl sie bisher willig mitgegangen war, begann 
sie sich an dieser Stelle zu sträuben. Gleichzeitig aber 
verfiel sie zu Hause in alle möglichen trotzigen Schlimm- 
heiten, an Hand derer ich ihr täglich nachwies, daß man 
sich nur gegen einen Menschen, den man hasse, so schlecht 
benehmen könne. Schließlich gab sie unter dem Druck 
der immer wieder beigebrachten Beweise äußerlich nach, 
wollte aber jetzt von mir auch den Grund eines solchen 
Haßgefühls gegen die angeblich sehr geliebte Mutter 
wissen. Hier verweigerte ich die weiteren Auskünfte, da 
ich mit meinem Wissen auch zu Ende war. Darauf sagte 
sie nach einer Minute des Stillschweigens. „Ich glaube 
immer, es ist ein Traum daran schuld, den ich einmal 

4* 



(vor mehreren Wochen) gehabt habe und den wir nie 
verstanden haben." (Ich bitte sie, ihn zu wiederholen, was 
sie auch tut): „Alle meine Puppen waren da und auch 
mein Hase. Dann bin ich weggegangen und der Hase hat 
so schrecklich zu weinen angefangen. Da habe ich solches 
Mitleid mit dem Hasen gehabt. Und ich glaube, jetzt mache 
ich den Hasen immer nach und darum weine ich auch so 
wie er." In Wirklichkeit verhielt es sich natürlich um- 
gekehrt, der Hase machte sie nach, nicht sie den Hasen. 
Sie selber stellt in diesem Traum die Mutter dar und 
behandelt den Hasen, wie sie von der Mutter behandelt 
worden war. Sie hatte mit diesem Traumeinfall endlich 
den Vorwurf gefunden, den ihr Bewußtsein sich immer 
gesträubt hatte, der Mutter zu machen: daß sie immer 
gerade dann weggegangen war, wenn das Kind sie am 
meisten gebraucht hätte. 

Einige Tage später wiederholt sie den Vorgang noch 
ein zweites Mal. Ich dringe weiter in sie, nachdem sich 
nach einer momentanen Befreiung ihre ganze Stimmung 
wieder bewölkt hat, noch mehr zu dem gleichen Thema 
zu bringen. Sie weiß nichts, sagt aber plötzlich aus tiefen 
Gedanken: „In G. ist es so schön, da möchte ich gerne 
wieder einmal hingehen." Bei näherem Befragen stellt sich 
heraus, daß sie in diesem Landaufenthalt eine ihrer un- 
glücklichsten Zeiten gehabt haben mußte. Ihr größerer 
Bruder war eines Keuchhustens wegen zu den Eltern in 
die Stadt geholt worden und sie war mit der Kinder- 
frau und zwei kleinen Geschwistern isoliert. „Die Kinder- 
frau war immer böse, wenn ich den Kleinen das Spiel- 
es 



zeug weggenommen habe", sagt sie spontan. Es kam also 
damals zu der vermeintlichen Bevorzugung des Bruders 
durch die Eltern noch die wirkliche der kleineren Ge- 
schwister durch die Kinderfrau. Sie fand sich von allen 
Seiten verlassen und reagierte in der ihr eigenen Weise. 
Wieder also hatte sie durch die Erinnerung, diesmal an 
die landschaftliche Schönheit jenes Ortes, einen der schwer- 
wiegendsten Vorwürfe gegen die Mutter gefunden. 

Ich würde diese drei Fälle von überraschenden Asso- 
ziationen nicht hervorheben, wenn Ähnliches öfter in der 
Kinderanalyse der Fall wäre. Sie wissen, daß wir es beim 
Erwachsenen nicht anders gewöhnt sind. 

Dieser Mangel in der Assoziationswilligkeit des Kindes 
hat alle, die sich bisher mit der Frage der Kinderanalyse 
beschäftigt haben, veranlaßt, nach irgendeinem Ersatz auf 
die Suche zu gehen. Frau Dr. Hug-Hellmuth versuchte 
sich die Kenntnisse, die man aus den freien Einfällen 
des erwachsenen Patienten gewinnt, dadurch zu ersetzen, 
daß sie mit dem Kinde spielte, es in seiner eigenen Um- 
gebung aufsuchte und alle seine näheren Lebensumstände 
kennenzulernen suchte. Frau Melanie Klein ersetzt, wie 
ihre Publikationen schildern, die Einfallstechnik beim 
Erwachsenen durch eine Spieltechnik beim Kinde. Sie 
geht von der Voraussetzung aus, daß dem kleinen Kinde 
das Agieren angemessener ist als das Reden. Sie stellt ihm 
darum eine Menge winzigen Spielzeugs, also eine Welt 
im kleinen, zur Verfügung, und schafft ihm so die Möglich- 
keit, in dieser Spielwelt zu handeln. Alle Aktionen, die das 
Kind auf diese Weise ausführt, stellt sie den gesprochenen 

4 3 



Einfällen des Erwachsenen gleich und hegleitet sie mit 
Deutungen, so wie wir das dem erwachsenen Patienten 
gegenüber zu tun gewohnt sind. Es scheint uns auf den 
ersten Blick, als wäre damit eine empfindliche Lücke in 
der Technik der Kinderanalyse in einwandfreier Weise 
ausgefüllt. Ich möchte mir aber vorbehalten, in der nächsten 
Vorlesung diese Spieltechnik auf ihre theoretischen Grund- 
lagen hin zu untersuchen und zu dem letzten Punkt 
unseres diesmaligen Themas, der Rolle der Übertragung 
in der Kinderanalyse in Beziehung zu setzen. 



44 



DRITTE VORLESUNG 

-Die ixoile der U Dertragung 
in der Jvinderänalyse 

Meine Damen und Herren! Ich erlaube mir, den 
_ Inhalt unserer letzten Stunde noch einmal in 
wenigen Worten zusammenzufassen: 

Wir haben unsere Aufmerksamkeit auf die Mittel der 
Kinderanalyse gerichtet, haben erfahren, daß wir genötigt 
sind, die Krankengeschichte aus den Angaben der Familie 
zusammenzustellen, anstatt uns ausschließlich auf die Aus- 
künfte des Patienten zu verlassen, haben das Kind als guten 
Traumdeuter kennengelernt und die Bedeutung von Tages- 
phantasien und freien Zeichnungen als technische Mittel 
gewürdigt. Dagegen mußte ich Ihnen zu Ihrer Enttäuschung 
mitteilen, daß das Kind nicht geneigt ist, sich auf freies 
Assoziieren einzulassen und uns durch diese Weigerung 
nötigt, einen Ersatz für dieses wichtigste Hilfsmittel der 
Erwachsenenanalyse zu suchen. Bei der Schilderung einer 
dieser Ersatzmethoden machten wir schließlich halt, um 
ihre theoretische Würdigung auf den heutigen Abend zu 
verschieben. 



4 5 



Die von Frau Klein ausgearbeitete Spieltechnik hat 
ohne Zweifel den größten Wert für die Beobachtung des 
Kindes. Statt das kleine Kind mühsam und mit Zeitverlust 
in seine häusliche Umgebung zu verfolgen, versetzen wir 
die ganze ihm bekannte Welt mit einem Schlage in das 
Zimmer des Analytikers und lassen das Kind, unter den 
Augen der Analytikerin, aber vorläufig ohne ihre Ein- 
mengung, sich in ihr bewegen. Wir haben so Gelegenheit, 
seine verschiedenen Reaktionen kennenzulernen, die Stärke 
seiner Aggressionsneigungen oder seiner Mitleidsfähig- 
keit, sowie seiner Einstellung zu verschiedenen Objekten 
und Personen, die durch die Figuren dargestellt werden. 
Als Vorteil gegen eine Beobachtung in den "Verhältnissen 
der Wirklichkeit kommt noch hinzu, daß diese Spielzeug- 
umgebung handlich und dem Willen des Kindes unter- 
worfen ist, daß es also an ihr alle Aktionen ausführen 
kann, die in der wirklichen Welt, ihrer dem Kind gegen- 
über übermächtigen Größe und Stärke wegen, auf eine bloße 
Phantasieexistenz beschränkt bleiben. Alle diese Vorzüge 
machen uns die Verwendung der Kl einschen Spielmethode 
für das Kennenlernen des kleinen Kindes, dem der sprachliche 
Ausdruck noch nicht angemessen ist, so gut wie unentbehrlich . 

Frau Klein geht aber in der Verwendung dieser Technik 
noch einen wichtigen Schritt weiter. Sie beansprucht für 
jeden dieser Spieleinfälle des Kindes dieselbe Stellung wie 
für den freien Einfall des erwachsenen Patienten und über- 
setzt fortlaufend die Aktionen, die das Kind auf solche, 
Weise vornimmt, in die entsprechenden Gedanken, d. h. sie 
ist bemüht, hinter jeder spielerischen Handlung den ihr 

4 



zugrunde liegenden Symbolwert aufzusuchen. Wenn das 
Kind einen Laternenpfahl oder eine der Figuren des Spieles 
umwirft, so deutet sie diese Handlung etwa auf aggressive 
Neigungen, die sich gegen den Vater richten, den vom 
Kinde herbeigeführten Zusammenprall zweier Wagen auf 
die Beobachtung des Geschlechtsverkehrs der Eltern. Ihre 
Tätigkeit besteht vor allem in einem die Handlungen des 
Kindes begleitenden Übersetzen und Deuten, das — ähnlich 
wie bei der Deutung der freien Assoziationen des Erwach- 
senen — den weiteren Vorgängen in dem Patienten dann 
wieder die Richtung vorzeichnet. 

Überprüfen wir aber noch einmal die Berechtigung, 
eine solche Spielhandlung des Kindes dem Assoziieren des 
Erwachsenen gleichzusetzen. Der Einfall des Erwachsenen 
ist zwar „frei", d. h. der Patient hat jede bewußte Rich- 
tung und Beeinflussung seiner Gedankengänge ausge- 
schaltet, aber er steht doch gleichzeitig unter einer be- 
stimmten Zielvorstellung: daß er, der so Assoziierende, 
sich in Analyse befindet. Dem Kinde aber fehlt diese Ziel- 
vorstellung. Ich habe ihnen zwar zu Anfang auseinander- 
gesetzt, auf welche Weise ich mich bemühe, auch dem 
kindlichen Patienten, den Gedanken des analytischen Zieles 
nahe zu bringen. Diejenigen Kinder aber, für welche 
Melanie Klein ihre Spieltechnik ausgearbeitet hat, vor 
allem Kinder der ersten Periode der sexuellen Reife, sind 
zu jung, um auf solche Weise beeinflußt zu werden. 
Melanie Klein empfindet es auch als einen der wichtigen 
Vorzüge ihrer Methode, daß ihr durch sie eine solche 
Vorbereitung des Kindes als unnötig erspart wird. Wir 



47 



I 



hätten also hier einen Einwand, welcher gegen die von 
Melanie Klein vorgenommene Gleichsetzung spricht. Wenn 
aber die Spieleinfalle des Kindes nicht von der gleichen 
Zielvoistellung beherrscht werden wie die des Erwachsenen, 
so hätte man auch vielleicht kein Recht, sie jederzeit als 
solche zu behandeln. Statt Symbolbedeutung zu haben, 
könnten sie gelegentlich harmlose Erklärungen zulassen. 
Das Kind, das den Laternenpfahl umwirft, könnte tags 
vorher auf seinem Spaziergang irgendein Erlebnis mit einem 
solchen gehabt haben, der Zusammenprall der "Wagen könnte 
etwas auf der Straße Geschautes wiederholen und das Kind, 
das der Besucherin entgegenläuft und ihr das Hand täschchen 
öffnet, müßte nicht, wie Frau Klein meint, damit symbolisch 
seine Neugier ausdrücken, ob im Genitale der Mutter wieder 
ein neues Geschwisterchen steckt, sondern etwa an ein Er- 
lebnis vom Vortage anknüpfen, an dem jemand Eintretender 
ihm in einem ähnlichen Täschchen ein kleines Geschenk 
mitgebracht hat. Auch beim Erwachsenen halten wir uns ja 
nicht für berechtigt, jeder seiner Handlungen oder Einfalle 
einen symbolischen Sinn unterzulegen, sondern nur den 
unter dem Einfluß der von ihm akzeptierten analytischen 
Situation entstandenen. 

Aber der Einwand, den wir auf diese Weise gegen die 
analytische Verwendung der Kleinschen Technik vor- 
bringen, läßt sich doch möglicherweise von der anderen 
Seite her wieder entkräften. Es stimmt zwar, könnte man 
sagen, daß das Spiel des Kindes auch die eben angeführte 
harmlose Deutung zuläßt. Warum aber wiederholt es dann 
gerade die aus seinem Erleben genommene Szene mit dem 



48 



Laternenpfahl oder den beiden Wagen? War es nicht schon 
die Symbolbedeutung, die hinter dieser Beobachtung gesteckt 
ist, -welche ihr jetzt in der analytischen Stunde vor anderen 
den Vorzug gibt und sie zur Reproduktion bringt? Es stimmt 
auch, ginge es dann weiter, daß dem Kinde bei seinen 
Aktionen die Zielvorstellung der analytischen Situation 
fehlt, welche den Erwachsenen leitet. Aber vielleicht be- 
darf es ihrer gar nicht. Der Erwachsene muß mit einer 
bewußten Willensanstrengung die Leitung seiner Gedanken 
ausschalten und ihre Beeinflussung ganz den in ihm 
wirksamen unbewußten Regungen überlassen. Das Kind 
braucht aber möglicherweise gar keine solche willkürliche 
Veränderung seiner Situation. Es ist vielleicht jederzeit 
und in jedem Spiel ganz der Herrschaft seines Unbewußten 
überlassen. 

Sie sehen, die Frage, ob die Gleichsetzung des kindlichen 
Spieleinfalls mit dem Gedankeneinfall des erwachsenen 
Patienten berechtigt ist oder nicht, ist mit theoretischen 
Gründen und Gegengründen nicht leicht zu entscheiden. 
Es kommt hier offenbar auf eine Nachprüfung durch die 
praktische Erfahrung an. 

Versuchen wir mit der Kritik noch an einem anderen 
Punkte anzusetzen. Außer den Aktionen, die das kleine 
Kind an dem ihm überlassenen Spielzeug ausführt, ver- 
wendet Frau Klein, wie wir gehört haben, auch noch 
alle jene Vornahmen zur Deutung, die das Kind an den 
in ihrem Zimmer befindlichen Gegenständen oder an ihrer 
eigenen Person ausführt. Auch hierin folgt sie streng dem 
Beispiel der Erwachsenenana] y-se. Wir halten uns ja für 

A. Freud. 4 

49 









berechtigt, das ganze Verhalten, das der Patient in der 
Stunde uns gegenüber zeigt, sowie alle kleinen gewollten 
oder ungewollten Handlungen, die wir ihn ausführen sehen, 
in Analyse zu ziehen. Wir berufen uns dabei auf den 
Zustand der Übertragung, in dem er sich befindet und 
der auch den sonst unwichtigsten Verrichtungen eine be- 
stimmte symbolische Bedeutung geben kann. 

Hier entsteht aber die Frage, ob sich das Kind über- 
haupt in der gleichen Übertragungssituation befindet wie 
der Erwachsene, in welcher Weise und in welchen Formen 
seine Übertragungsregungen zur Äußerung kommen und 
in welcher Weise sie eine Verwendung zur Deutung zu- 
lassen. Wir sind damit bei dem vierten und wichtigsten 
Punkt unseres Themas angekommen, bei der Rolle der 
Übertragung als technischem Hilfsmittel in der 
Kinde ranalyse. Die Entscheidung dieser Frage wird uns 
dann gleichzeitig neues Material zur Entkräftung oder 
Bestätigung der Kl ein sehen Auffassungen liefern. 

Sie erinnern sich aus der ersten Kursstunde, wie viel 
Mühe ich mir gegeben habe, um in dem Kinde eine starke 
Bindung an mich herzustellen und es in ein wirkliches 
Abhängigkeitsverhältnis zu mir zu bringen. Ich hätte diese 
Absicht nicht mit solcher Energie und mit so mannig- 
fachen Mitteln verfolgt, wenn ich es für möglich hielte, 
die Kinderanalyse auch ohne eine solche Übertragung 
durchzuführen. Aber die zärtliche Bindung, die positive 
Übertragung, wie der analytische Terminus es nennt, ist 
die Vorbedingung für alle spätere Arbeit. Das Kind geht 
ja noch weiter als der Erwachsene darin, daß es nur den 

So 












geliebten Personen auch glaubt und nur dort etwas leistet, 
wo diese Leistung jemandem zuliebe vollführt wird. 

Die Kinderanalyse braucht sogar noch ungleich mehr 
von dieser Bindung als die der Erwachsenen. Sie verfolgt 
neben der analytischen Absicht auch ein Stück Erziehungs- 
absicht, mit dem wir uns später noch eingehend beschäf- 
tigen werden. Der Erziehungserfolg steht und fällt aber 
jederzeit — nicht nur in der Kinderanalyse — mit der 
Gefühlsbindung des Zöglings an den Erziehenden. Wir 
können in der Kinderanalyse auch nicht sagen, daß die 
Herstellung einer Übertragung an und für sich unserer 
Absicht genügt, gleichgültig, ob sie zärtlicher oder feind- 
seliger Natur ist. Wir wissen, daß wir bei dem Erwachsenen 
lange Strecken hindurch mit einer negativen Übertragung 
auskommen können, die wir durch konsequente Deutung 
und Zurückführung auf ihre Ursprünge für unsere Zwecke 
verwerten. Bei dem Kinde aber sind uns die auf den 
Analytiker gerichteten negativen Regungen — so auf- 
schlußreich sie in mancher Beziehung sein können 

vor allem unbequem. Wir werden sie sobald wie möglich 
abbauen und abschwächen. Die eigentlich fruchtbringende 
Arbeit wird immer in der positiven Bindung vor sich 
gehen. 

Die Herstellung der zärtlichen Bindung haben wir bei 
der Besprechung der Einleitung der Analyse ausführlich 
geschildert. Ihre Äußerung in Phantasien und kleinen 
oder größeren Aktionen unterscheidet sich in fast nichts 
von den gleichen Vorgängen beim erwachsenen Patienten. 
Die negativen Äußerungen bekommen wir an allen jenen 



Punkten zu spüren, wo wir einem Stück verdrängten 
Materials zur Befreiung aus dem Unbewußten verhelfen 
wollen und damit den Widerstand des Ichs auf uns ziehen. 
Wir erscheinen dem Rind in diesem Augenblick als der 
gefährliche und gefürchtete Versucher und ziehen alle 
Äußerungen von Haß und Ablehnung auf uns, mit denen 
es sonst seinen eigenen verpönten Triebregungen begegnet. 

Ich gebe im folgenden ausführlich eine zärtliche Über- 
tragungsphantasie der schon mehrfach genannten kleinen 
zwangsneurotischen Patientin wieder. Den äußeren Anlaß 
dazu hatte ich offenbar selbst gegeben, denn ich hatte sie 
in ihrem Haus besucht und war bei ihrem abendlichen 
Bad anwesend geblieben. Ihre Stunde am nächsten Tag 
begann sie mit den Worten: „Du hast mich in meinem 
Bad besucht und nächstes Mal werde ich kommen und 
dich in deinem Bad besuchen." Eine Weile darauf erzählte 
sie mir den Tagtraum, den sie vor dem Einschlafen im 
Bett ausgedacht hatte, nachdem ich fortgegangen war. Ihre 
eigenen erklärenden Bandbemerkungen setze ich in Klam- 
mern hinzu: 

„Alle reichen Leute konnten dich nicht leiden. Und dein 
Vater, der sehr reich war, konnte dich auch nicht leiden. 
(Das heißt, ich bin böse auf deinen Vater, glaubst du 
nicht?) Und du hast niemanden gern gehabt und hast 
niemandem Stunde gegeben. Und meine Eltern haben mich 
gehaßt und Hans und Walter und Annie haben mich auch 
gehaßt und alle Leute in der Welt haben uns gehaßt, so- 
gar die Leute, die uns nicht gekannt haben, sogar die toten 
Leute. So hast du nur mich gern gehabt und ich nur dich 






und wir sind immer beisammen geblieben. Alle anderen 
waren sehr reich, aber wir beide waren ganz arm. Wir 
haben nichts gehabt, nicht einmal Kleider, denn sie haben 
uns alles weggenommen. Nur das Sofa ist im Zimmer ge- 
blieben und auf dem haben wir beide geschlafen. Wir waren 
aber sehr glücklich miteinander. Und dann haben wir ge- 
meint, wir sollten ein Baby bekommen. So haben wir Groß 
und Klein zusammengemischt, um ein Baby zu machen. 
Aber dann haben wir gedacht, das ist nicht hübsch, daraus 
ein Baby zu machen. So haben wir angefangen, Blumen- 
blätter und andere Dinge zu mischen und das hat mir ein 
Baby gegeben. Denn das Baby war in mir. Es ist ziemlich 
lange in mir geblieben (meine Mutter hat mir erzählt, daß 
die Babys sehr lange in ihren Müttern bleiben) und dann 
ist ein Doktor gekommen und hat es herausgenommen. Ich 
war aber gar nicht krank (gewöhnlich sind die Mütter 
krank, hat meine Mutter gesagt). Das Baby war sehr süß 
und herzig und so haben wir gedacht, wir möchten auch 
so herzig sein und haben uns verwandelt, so daß wir ganz 
klein waren. Ich war so groß T und du warst so groß T. 
(Ich glaube, das kommt daher, daß wir herausgefunden 
haben, ich möchte gern so klein sein wie Walter und 
Annie.) Und weil wir gar nichts gehabt haben, haben wir 
angefangen ein Haus zu bauen, ganz aus Bosenblättern und 
Betten aus Rosenblättern und Kissen und Matratzen, alle 
aus zusammengenähten Rosenblättern. Wo kleine Löcher ge- 
blieben sind, haben wir etwas Weißes hineingesteckt. Statt 
Tapeten hatten wir das allerdünnste Glas und die Wände 
waren geschnitzt mit verschiedenen Mustern. Auch die Sessel 

53 






waren aus Glas, wir waren aber so leicht, daß wir nicht 
zu schwer für sie waren." (Ich glaube, meine Mutter kommt 
gar nicht vor, weil ich gestern mit ihr böse war.) Es folgt 
dann noch eine detaillierte Beschreibung der Möbelstücke 
und aller anderen für das Haus angefertigten Dinge. Sie 
spann den Tagtraum offenbar in dieser Richtung weiter 
aus, bis sie einschlief. Sie legt dabei besonderen Wert 
darauf, daß unsere anfängliche Armut schließlich ganz 
wettgemacht war und daß wir dann viel hübschere Sachen 
hatten als alle zuerst angeführten reichen Leute. 

Die gleiche Patientin erzählt aber zu anderen Zeiten, 
wie sie von innen her vor mir gewarnt wird. Es sagt in 
ihr: „Glaub der Anna Freud nicht. Sie lügt. Sie wird dir 
nicht helfen und dich nur schlechter machen. Sie wird 
auch dein Gesicht verändern, so daß du häßlicher bist. 
Alles, was sie sagt, ist nicht wahr. Sei jetzt müde, bleib 
ruhig im Bett liegen und geh heute nicht zu ihr." Sie 
weist diese Stimme aber dann immer zur Ruhe und sagt, 
das soll alles erst in der Stunde gesagt werden. 

Eine andere kleine Patientin sieht mich zur Zeit, da 
wir ihre Onanie besprechen, in allen möglichen herab- 
setzenden Gestalten als Bettlerin, als arme alte Frau, ein- 
mal auch nur mich selbst, in der Mitte meines Zimmers 
stehend, während lauter Teufel wild um mich herum- 
tanzen. 

Sie sehen also, wir werden wie beim Erwachsenen zur 
Zielscheibe, auf die sich je nach den Umständen die freund- 
lichen oder feindseligen Regungen des Patienten richten. 
Wir würden nach diesen Beispielen sagen, das Kind macht 

54 



eine gute Übertragung. Trotzdem steht uns gerade auf 
diesem Gebiet wieder eine enttäuschende Überraschung 
bevor : das Kind unterhält zwar die lebhaftesten Beziehungen 
zum Analytiker, es äußert auch in ihnen eine Menge von 
Reaktionen, welche es in der Beziehung zu seinen eigenen 
Eltern erworben hat, es gibt uns in dem Wechsel, der 
Intensität und der Äußerung seiner Gefühle die wichtigsten 
Hinweise auf die Gestaltung seines Charakters; aber es 
bildet keine Übertragungsneurose. 

Sie wissen alle, was ich darunter verstehe. Der erwach- 
sene Neurotiker verwandelt im Laufe der analytischen Be- 
handlung allmählich die Symptome, um derentwillen er 
die Kur aufgesucht hat. Er gibt die alten Objekte auf, an 
denen seine Phantasien bisher festgehalten haben und zen- 
triert seine Neurose neu um die Person des Analytikers. 
Wir sagen, er ersetzt seine bisherigen Symptome durch 
Übertragungssymptome, führt seine bisherige Neurose, 
welcher Art sie~auch war, in eine Übertragungsneurose 
über und spielt nun im Verhältnis zu der neuen Über- 
tragungsperson, zum Analytiker, alle seine abnormen Reak- 
tionen ab. Auf diesem neuen Boden, auf dem der Ana- 
lytiker sich heimisch fühlt, auf dem er die Entstehung 
und das Wachsen der einzelnen Symptome gemeinsam 
mit dem Patienten verfolgen konnte, auf diesem gereinigten 
Operationsfeld also, geht dann der Endkampf, die all- 
mähliche Einsicht in die Krankheit und die Aufdeckung 
der unbewußten Inhalte vor sich. 

Wir können zwei theoretische Gründe dafür angeben, 
warum dieser Ablauf beim kleinen Kinde nicht ohne- 



55 



weiters herbeigeführt werden kann. Der eine ist in der 
Struktur des Kindes selbst, der andere im Kinderanalytiker 
zu suchen. 

Das Kind ist nicht wie der Erwachsene bereit, eine Neu- 
auflage seiner Liebesbeziehungen vorzunehmen, weil — 
so könnte man sagen — die alte Auflage noch nicht ver- 
griffen ist. Seine ursprünglichen Objekte, die Eltern, sind 
noch in Wirklichkeit, nicht wie beim erwachsenen Neu- 
rotiker in der Phantasie, als Liebesobjekte vorhanden, 
zwischen ihnen und dem Kind bestehen alle Relationen 
des täglichen Lebens, alle Befriedigungen und Enttäu- 
schungen werden noch realiter an ihnen erlebt. Der Ana- 
lytiker tritt als eine neue Person in diese Situation ein, 
er wird sich wahrscheinlich mit den Eltern in die Liebe 
oder den Haß des Kindes zu teilen haben. Es besteht aber 
für das Kind keine Nötigung, ihn ohneweiters mit den 
Eltern zu vertauschen, er bietet, den ursprünglichen Ob- 
jekten gegenüber, nicht alle jene Vorteile, die der Er- 
wachsene findet, wenn er seine Phantasieobjekte gegen 
einen wirklichen Menschen vertauschen darf. 

Greifen wir hier auf die Kleinsche Methode zurück. 
Frau Klein meint, wenn ein Kind ihr in der ersten Stunde 
feindselig begegnet, sich abweisend verhält oder sogar 
nach ihr zu schlagen beginnt, so könne man darin einen 
Beweis für die ambivalente Einstellung des Kindes gegen 
seine Mutter sehen. Die feindselige Komponente dieser Am- 
bivalenz wird eben auf die Analytikerin verschoben. Aber 
ich meine, der Sachverhalt liegt anders. Je zärtlicher das 
kleine Kind an seine eigene Mutter gebunden ist, desto 



56 




weniger freundliche Regungen hat es für fremde Personen 
übrig. Wir sehen das am deutlichsten beim Säugling, der 
gegen jeden, der nicht die Mutter oder Pflegeperson ist, 
nur ängstliche Ablehnung zeigt. Ja, es ist sogar umgekehrt. 
Gerade mit Kindern, die vom Hause her an wenig liebe- 
volle Behandlung gewöhnt sind und keine starke Zärtlich- 
keit zu äußern oder zu empfangen gewöhnt sind, stellt 
sich oft auf. kürzestem Wege ein positives Verhältnis her. 
Sie bekommen eben endlich vom Analytiker, was sie 
von den ursprünglichen Objekten seit jeher vergeblich 
erwartet haben. 

Anderseits aber eignet sich der Rinderanalytiker auch 
wenig zum Gegenstand einer gut deutbaren Übertragung. 
Wir wissen, auf welche Weise wir uns in der Erwachsenen- 
analyse zu diesem Zwecke verhalten. Wir bleiben unper- 
sönlich, schattenhaft, ein leeres Blatt, auf das der Patient 
alle seine Übertragungsphantasien eintragen kann, etwa 
in der Weise wie man im Kinematographen ein Bild auf 
eine leere Leinwand wirft. Wir vermeiden es, Verbote zu 
geben oder Befriedigungen zu gewähren. Erscheinen wir 
trotzdem dem Patienten als Verbietende oder Gewährende, 
so ist es leicht ihm selbst klarzumachen, daß er das Material 
dafür aus seiner eigenen Vergangenheit herholt. 

Der Kinderanalytiker aber darf alles andere eher sein 
als ein Schatten. Wir haben bereits gehört, daß er für das 
Kind eine interessante Person ist, mit allen imponierenden 
und anziehenden Eigenschaften ausgestattet. Die erzieh- 
lichen Aufgaben, die, wie Sie hören werden, sich mit der Ana- 
lyse mischen, bringen es mit sich, daß das Kind sehr genau 

^7 




weiß, was dem Analytiker erwünscht oder unerwünscht 
scheint, was er billigt oder mißbilligt. Eine solche klar 
umrissene und in vielen Hinsichten neuartige Persönlich- 
keit ist aber leider ein schlechtes Übertragungsobjekt, d. h. 
wenig brauchbar, wo es auf die Deutung der Übertragung 
ankommt. Die Schwierigkeit, die hier entsteht, ist die 
gleiche, um in dem vorigen Vergleich zu bleiben, wie 
wenn wir auf der Leinwand, auf die das Bild projiziert 
werden soll, schon ein Gemälde aufgetragen finden. Je 
reichhaltiger und farbenschöner es ist, desto mehr wird es 
dazu beitragen, daß sich die Linien des daraufgeworfenen 
verwischen. 

Das Kind bildet also aus diesen Gründen keine Über- 
tragungsneurose. Trotz aller zärtlichen und feindseligen 
Regungen gegen den Analytiker spielt es seine abnormen 
Reaktionen weiter dort ab, wo sie vorher abgespielt wurden : 
in der häuslichen Umgebung. Daraus ergibt sich aber die 
schwerwiegende technische Forderung für die Kinderana- 
lyse, daß sie, statt sich auf die analytische Aufklärung dessen 
zu beschränken, was sich unter den Augen des Analytikers 
in Einfällen oder in Aktionen ereignet, ihre Aufmerksam- 
keit dorthin zu richten hat, wo die neurotischen Reaktionen 
zu finden sind : also auf das Haus des Kindes. Damit sind wir 
aber bei einer Unsumme von praktisch-technischen Schwie- 
rigkeiten der Kinderanalyse angelangt, die ich hier nur vor 
Ihnen ausbreiten möchte, anstatt Sie wirklich in sie ein- 
zuführen. Wir sind, wenn wir auf diesem Standpunkt 
stehen, auf einen ständigen Nachrichtendienst über das 
Kind angewiesen, wir müssen die Personen seiner Um- 

58 



weit kennen und ihrer Reaktionen gegen das Kind in 
einem gewissen Maße sicher sein. Wir machen, wenn wir 
uns hier den idealen Fall ausmalen wollen, eine mit 
den wirklichen Erziehern des Kindes geteilte Arbeit; dazu 
paßt es, daß wir, wie vorher auseinandergesetzt, auch 
die Liebe oder den Haß des Kindes mit ihnen zu teilen 
haben. 

Wo die äußeren Verhältnisse oder die Personen der Eltern 
ein solches gemeinsames Handeln nicht zustande kommen 
lassen, bekommen wir den Erfolg als Entgang an Material 
in der Analyse zu spüren. Ich erinnere mich an Kinder- 
analysen, die ich aus solchen Gründen fast ausschließlich 
an Hand der Träume und Tagträume durchgeführt habe. 
In der Übertragung ging nichts Deutbares vor und von 
dem in den Symptomen zutage tretenden neurotischen 
Material ging mehr als mir lieb war verloren. 

Nun gibt es aber auch in diesem Punkt, ähnlich wie 
bei der Anfangssituation der Analyse, Mittel und Wege, 
um die Lage beim Kinde der zur Durchführung der 
Analyse so viel besser geeigneten des Erwachsenen an- 
zugleichen, um also das Kind zu einer Übertragungsneurose 
zu zwingen. Das wird etwa dort notwendig werden, wo 
es sich um eine schwere neurotische Erkrankung in einem 
der Analyse oder dem Kinde feindselig gegenüberstehenden 
Milieu handelt. Es wird in diesem Fall notwendig sein, 
das Kind aus der Familie zu entfernen und in irgendeiner 
geeigneten Institution unterzubringen. Da es solche Insti- 
tutionen derzeit noch nicht gibt, haben wir die volle 
Freiheit, sie uns vorzustellen, also etwa als eine Anstalt, 

S 9 



welcher der Kinderanalytiker selber vorsteht, oder — 
weniger phantastisch — eine Schule, welche von analyti- 
schen Prinzipien beherrscht und auf die gemeinsame Arbeit 
mit dem Analytiker abgestimmt ist. In beiden Fällen bekämen 
wir zu allererst eine symptomfreie Zeit, in welcher das Kind 
sich in der neuen, günstigen und vorläufig indifferenten Um- 
gebung einlebt. Je wohler es sich in dieser Periode fühlt, 
desto ungeeigneter und unwilliger zur Analyse werden wir 
es finden. Wir werden es wahrscheinlich zu dieser Zeit 
am besten ganz in Ruhe lassen. Erst wenn es sich ein- 
gelebt hat, d. h., wenn es unter dem Einfluß des realen 
täglichen Lebens eine Bindung an die neue Umgebung 
gemacht hat, neben der die ursprünglichen Objekte all- 
mählich verblassen, wenn es dann in dieser neuen Umwelt 
seine Symptome wieder aufleben läßt und seine abnormen 
Reaktionen um neue Personen gruppiert, wenn es also 
seine Übertragungsneurose, gebildet hat, wird es wieder 
analysierbar. In der Anstalt der ersteren Art, welcher der 
Kinderanalytiker vorstünde, — wir können heute noch nicht 
einmal beurteilen, ob eine solche Form wünschenswert 
ist, — würde es sich dann um eine wirkliche Übertragungs- 
neurose im Sinne des Erwachsenen handeln, in deren 
Mittelpunkt der Analytiker als Objekt steht. Im anderen 
Fall hätten wir uns einfach künstlich die häusliche Um- 
gebung verbessert, hätten also ein Ersatzhaus geschaffen, 
das uns, wie es uns für die analytische Arbeit notwendig 
erscheint, sozusagen von oben hineinschauen läßt, und 
dessen Reaktionen gegen das Kind wir kontrollieren und 
regulieren können. 



60 






So erschiene uns technisch die Entfernung des Kindes aus 
dem Elternhause als die praktischeste Lösung. Sie werden 
aber, wenn wir vom Ende der Analyse sprechen, noch 
hören, wie viele Bedenken sich gerade gegen sie erheben. 
Wir greifen mit ihr der natürlichen Entwicklung in einem 
wichtigen Punkte vor, wir erzwingen die vorzeitige Ablösung 
des Kindes von den Elternobjekten, zu einer Zeit, wo es 
weder zu irgendeiner Selbständigkeit seines Gefühlslebens 
befähigt ist, noch den äußeren Umständen zufolge irgend- 
eine Freiheit in der Wahl neuer Liebesobjekte zur Ver- 
fügung hat. Selbst wenn wir für die Kinderanalyse sehr 
lange Zeiträume in Anspruch nehmen, so bleibt doch 
in den meisten Fällen zwischen ihrer Beendigung und 
der Pubertätsentwicklung noch ein unausgefüllter Zeit- 
raum, in dem das Kind in jedem Sinne der Erziehung, 
der Leitung und des Schutzes bedarf. Wer aber gibt uns 
irgendeine Sicherheit, daß es, nachdem uns die Ablösung 
der Übertragung geglückt ist, von selber den Weg zu den 
richtigen Objekten findet? Es kehrt also zu einer Zeit 
ins Elternhaus zurück, in der es dort ein Fremder ge- 
worden ist, seine weitere Leitung ist jetzt vielleicht Men- 
schen anvertraut, von denen wir es vorher mit Mühe und 
Gewalt gelöst haben. Zu einer Selbständigkeit ist es aus 
inneren Gründen nicht fähig. Wir stellen es damit in 
eine neue schwierige Situation, in der es außerdem die 
meisten seiner ursprünglichen Konfliktbedingungen wieder- 
findet. Nun kann es entweder den einmal begangenen 
Weg in die Neurose noch einmal gehen, oder aber, wenn 
ihm dieser durch die gut gelungene analytische Kur ver- 

6x 






sperrt ist, den entgegengesetzten: in die offene Rebellion. 
Das mag vom Standpunkt der Krankheit aus gesehen ein 
Vorteil sein, vom Standpunkt der sozialen Einordnung, auf 
die es beim Kinde letzten Endes ja ankommt, ist es 
gewiß keiner. 






lii 



VIERTE VORLESUNG 



JDas Verhältnis der Kinder an alyse 
■ zur Ürzieiiung 

Meine Damen und Herren! Sie haben mich bisher 
- zwei Schritte weit in die Kinderanalyse hinein 
begleitet. Heute, in der letzten Stunde des Kurses, werde 
ich Sie bitten, den dritten und vielleicht wichtigsten mit 
mir zu machen. 

Lassen Sie mich zuerst noch einmal zurückgreifen. Der 
erste Abschnitt beschäftigte sich, wie Sie sich vielleicht 
noch erinnern, mit der Einleitung der Kinderbehandlung. 
Wir können sagen, sein Inhalt ist, vom Standpunkt der 
analytischen Theorie aus gesehen, völlig gleichgültig. Ich 
habe Ihnen alle diese kleinlichen, kindischen und kind- 
lichen Handlungen und Beschäftigungen, das Häkeln, 
Spielen und Stricken, alle diese verschiedenen Arten der 
Werbung, nicht deshalb in solcher Breite vorgeführt, weil 
ich sie für so wichtig für die Analyse halte, sondern ganz 
im Gegenteil, um Ihnen zu zeigen, was für ein sprödes 
Objekt das Kind ist, wie es sich weigert, auch den be- 
währtesten Mitteln einer wissenschaftlichen Therapie zu 



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entsprechen und durchaus verlangt, daß man ihm seiner 
eigenen kindlichen Eigenart entsprechend entgegenkommt. 
Was immer wir mit einem Kinde beginnen, oh wir es 
Rechnen und Geographie unterrichten, ob wir es erziehen 
oder analysieren wollen, jedesmal müssen wir zuerst ein 
ganz bestimmtes Gefühlsverhältnis zwischen uns und dem 
Kinde herstellen. Je schwerer die Arbeit ist, die wir vor- 
haben, desto tragfähiger muß wohl diese Bindung sein. 
Die Einleitung der Behandlung, d. h. die Herstellung dieser 
Bindung, folgt also ihren eigenen, von dem Wesen des 
Kindes bestimmten, von der analytischen Theorie und 
Technik vorläufig unabhängigen Regeln. — Der zweite Ab- 
schnitt meiner Ausführungen war dann der eigentlich ana- 
lytische, in dem ich bemüht war, Ihnen eine Übersicht 
über die Wege zu geben, auf denen man dem Unbewußten 
des Kindes naherücken kann. Enttäuschend war er, wie 
ich wohl gemerkt habe, insofern für Sie, als er zeigte, 
daß gerade die besten und meist spezifischen Mittel der Er- 
wachsenenanalyse für die Behandlung des Kindes unver- 
wendbar sind, daß wir von vielen Forderungen der Wissen- 
schaftlichkeit abrücken müssen und uns unser Material 
herholen, wo wir es eben bekommen können, nicht viel 
anders, als es auch sonst im gewöhnlichen Leben zugeht, 
wenn wir einen Menschen bis in seine Intimitäten kennen- 
lernen wollen. Die Enttäuschung, meine ich, bezieht sich 
hier auch noch auf einen anderen Punkt. Ich hin, seitdem 
ich mich mit der Kinderanalyse beschäftige, häufig von 
analytischen Kollegen gefragt worden, ob ich nicht Gelegen- 
heit hätte, in ganz anderer Weise, als es in der Erwachsenen- 



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analyse möglich ist, den Entwicklungs Vorgängen der ersten 
beiden Lebensjahre nahezukommen, auf die sich unsere 
analytischen Aufdeckungsbemühungen ja immer dringlicher 
richten. Das Kind, meinten sie, stehe dieser wichtigen 
Periode noch um so vieles näher, alle Verdrängungen 
müßten noch um so vieles weniger scharf ausgeprägt sein, 
das Material, das diese Schichten überlagert, noch um so 
vieles leichter zu durchdringen, daß sich da vielleicht un- 
geahnte Möglichkeiten zur Erforschung bieten könnten. 
Ich mußte diese Frage bisher immer verneinend beant- 
worten. Das Material, welches das Kind uns liefert, ist 
zwar, wie Sie vielleicht schon aus den kleinen mitgeteilten 
Beispielen gesehen haben, besonders klar und eindeutig. 
Es gibt uns alle möglichen Aufschlüsse über die Inhalte 
der kindlichen Neurose, deren Darstellung an anderer Stelle 
ich mir noch vorbehalte. Es bringt uns viele sehr will- 
kommene Bestätigungen von Tatsachen, die wir bisher nur 
durch Bückschluß aus der Analyse der Erwachsenen be- 
haupten konnten. Aber so weit meine bisherigen Erfah- 
rungen mit der von mir hier geschilderten Technik reichen, 
führt es uns nicht hinter die Grenze, an der die Sprech- 
fähigkeit des Kindes beginnt, jene Zeit also, von der an 
sein Denken sich dem unseren angleicht. Theoretisch 
scheint mir diese Einschränkung nicht schwer zu verstehen. 
Was wir in der Analyse der Erwachsenen über diese Vor- 
zeit erfahren, wird ja gerade durch die freie Assoziation 
und die Deutung der Übertragungsreaktioneu zutage ge- 
fördert, mit Hilfe jener beiden Mittel also, die uns in der 
Kinderanalyse im Stiche lassen. Außerdem aber ließe sich 



A. Freud, ä 



GS 



unsere Situation hier mit der des Ethnologen vergleichen, 
der auch vergeblich versuchen würde, bei einem primitiven 
Volk auf kürzerem Wege Aufschlüsse über die Prähistorie 
zu bekommen als sie durch das Studium des Kulturvolkes 
zu haben sind. Im Gegenteil; er wird bei den Primitiven 
alle jene Hilfen der Mythen- und Sagenbildung vermissen, 
die ihm beim Kulturvolk den Rückschluß auf die geschicht- 
liche Vorzeit erlauben. So fehlen uns auch bei dem kleinen 
Kind noch die Reaktionsbildungen und Deckerinnerungen, 
die erst im Laufe der Latenzperiode gebildet werden und 
aus denen dann die spätere Analyse das in ihnen ver- 
dichtete Material gewinnen kann. Statt also etwas vor der 
Erwachsenenanalysevorauszuhaben, steht die Kinderanalyse 
auch in diesem Punkte, in der Gewinnung des unbewußten 
Materials hinter ihr zurück. 

Und nun zu dem dritten und letzten Abschnitt dieser 
Vorlesungen: der Verwendung des analytischen Materials, 
das wir nach so mühsamer Vorbereitung und auf all den 
hier geschilderten Wegen und Umwegen zutage gefördert 
haben. Sie werden nach meinen bisherigen Ausführungen 
darauf vorbereitet sein, manches Überraschende und von 
den klassischen Regeln Abweichende von mir zu hören. 

Betrachten wir wieder zuerst mit einiger Ausführlich- 
keit die entsprechende Sachlage beim erwachsenen Patienten. 
Seine Neurose ist, wie wir wissen, eine durchaus innere 
Angelegenheit. Sie spielt sich zwischen drei Faktoren ab, 
seinem triebhaften Unbewußten, seinem Ich und seinem 
Über-Ich, das die ethischen und ästhetischen Forderungen 
der Gesellschaft repräsentiert. Die Aufgabe der Analyse 

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ist es, durch die Bewußtmachung des Unbewußten den 
Konflikt zwischen diesen Mächten auf ein anderes Niveau 
zu heben. Die Triebregungen waren bisher durch den Zu- 
stand der Verdrängung dem Einfluß des Über-Ichs entzogen. 
Die Analyse befreit sie und macht sie dem Einfluß des 
Über-Ichs zugänglich, von dem jetzt ihr weiteres Schicksal 
bestimmt wird. An Stelle der Verdrängung tritt die be- 
wußte Kritik, die Verwerfung des einen Anteils, während 
die anderen teils sublimiert, von ihren sexuellen Zielen 
abgelenkt, teils zur Befriedigung zugelassen werden können. 
Dieser neue günstige Ausgang wäre dann dem Umstand zu 
verdanken, daß das Ich des Patienten von der Zeit, in der 
er seine ursprünglichen Verdrängungen vorgenommen hatte, 
bis zu der, in der die Analyse ihre Befreiungsarbeit aus- 
führt, seine ganze ethische und intellektuelle Entwicklung 
durchgemacht hat, daß es also imstande ist, seine Ent- 
scheidungen jetzt anders zu treffen, als sie damals aus- 
gefallen sind. Das Triebleben muß sich vielerlei Einschrän- 
kungen gefallen lassen und das Über-Ich manche seiner 
übertriebenen Ansprüche aufgeben. Auf dem gemeinsamen 
Boden bewußtseinsfähiger Tätigkeit kommt jetzt eine Syn- 
these zwischen den beiden zustande. 

Und nun vergleichen Sie damit die Verhältnisse beim 
kindlichen Patienten. Auch die Neurose des Kindes ist 
allerdings eine innere Angelegenheit, auch sie wird von 
denselben drei Mächten, dem Triebleben, dem Ich und 
seinem Über-Ich bestimmt. Aber wir sind schon an zwei 
Punkten darauf vorbereitet worden zu finden, daß beim 
Kinde die Außenwelt als ein zwar für die Analyse un- 




bequemer aber organisch wichtiger Faktor weit in seine 
inneren Verhältnisse hineinragt: bei Besprechung der An- 
fangssituation der Kinderanalyse waren wir genötigt, ein 
so wichtiges Stück wie die Krankheitseinsicht gar nicht 
dem Kinde, sondern vor allem seiner Umgebung zuzu- 
schreiben und in der Beschreibung der Übertragungs- 
situation stellte sich heraus, daß der Analytiker genötigt 
ist, sich mit den bisherigen Objekten des Kindes in die 
verfügbaren Haß- und Liebesregungen zu teilen. Wir sind 
also nicht überrascht, daß die Außenwelt auch in den 
Mechanismus der infantilen Neurose und Analyse weiter 
hineinreicht als beim Erwachsenen. 

Wir sagten oben, das Über-Ich des erwachsenen Indi- 
viduums sei zum Vertreter der moralischen Anforderungen 
der das Individuum umgebenden Gemeinschaft geworden. 
Wir wissen, es verdankt seine Entstehung der Identifizie- 
rung mit den ersten und wichtigsten Liebesobjekten des 
Kindes, den Eltern, denen wieder von der Gesellschaft die 
Aufgabe übertragen worden war, die in ihr gültigen ethi- 
schen Forderungen bei dem Kinde durchzusetzen und die 
von ihr verlangten Triebeinschränkungen zu erzwingen. 
Was also ursprünglich eine persönliche, von den Eltern 
ausgehende Anforderung war, wird erst im Laufe des Fort- 
schrittes von der Objektliebe zu den Eltern zur Identi- 
fizierung mit ihnen zu einem von der Außenwelt und 
seinen Vorbildern unabhängigen Ichideal. 

Beim Kinde aber ist von einer solchen Unabhängigkeit 
noch gar keine Bede. Die Ablösung von den geliebten 
ersten Objekten liegt noch in der Ferne, die Identifizie- 

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rungen werden, bei erhaltener Objektliebe, erst langsam 
und stückweise vollzogen. Ein Über-Ich ist zwar vorhanden 
und viele der Beziehungen zwischen ihm und dem Ich 
erscheinen schon in diesen frühen Zeiten denen des späteren, 
reifen Lebens analog. Die ständigen Wechselbeziehungen 
zwischen diesem Über-Ich und den Objekten, denen es 
seine Herstellung verdankt, sind aber nicht zu übersehen, 
wir könnten sie mit denen zwischen zwei kommunizie- 
renden Gefäßen vergleichen. Steigern sich die guten Be- 
ziehungen zu den Elternobjekten in der Außenwelt, so 
steigt damit auch das Ansehen des Über-Ichs und die 
Energie, mit der es seine Ansprüche durchsetzt. Ver- 
schlechtern sich diese Beziehungen, so wird auch das 
Über-Ich schwächer. 

Nehmen wir das kleinste Rind zum ersten Beispiel. 
Wenn es einer Mutter oder Pflegeperson gelingt, das kleine 
Kind nach dem ersten Lebensjahr an die Beherrschung 
seiner Exkretionsvorgänge zu gewöhnen, so gewinnen wir 
auch bald den Eindruck, daß das Kind diese Forderung 
der Reinlichkeit nicht nur für den Erwachsenen, also der 
Pflegeperson zuliebe oder aus Angst vor ihr, erfüllt, sondern 
daß es selber eine Beziehung zu ihr gewinnt, daß es sich 
selber über seine Reinlichkeit freut oder sich kränkt, wenn 
ihm in dieser Beziehung ein Malheur passiert. Wir bemerken 
aber immer wieder, daß eine darauffolgende Trennung von 
der Person, welche es diese Reinlichkeit gelehrt hat, also 
eine zeitweilige Entfernung der Mutter oder ein Wechsel 
der Kinderfrau, die Neuerwerbung völlig in Frage stellt. 
Das Kind wird wieder so schmutzig wie es vor der Rein- 



lichkeitserziehung gewesen war und erlernt das einmal 
schon Beherrschte erst wieder, wenn die Mutter zurückkehrt 
oder auch an die neue Kinderfrau eine Bindung hergestellt 
ist. Trotzdem war der Eindruck, daß das Kind den Anspruch 
der Reinlichkeit schon an sich selbst gestellt hatte, keine 
volle Täuschung. Die Forderung ist vorhanden, sie ist dem 
Kinde aber nur wertvoll, wenn die für ihre Aufstellung 
maßgebende Person als Objekt in der Außenwelt erhalten 
bleibt. Wo es die Objektbeziehung verliert, verliert es 
auch die Freude am Erfüllen des Anspruchs. 

Aber auch zu Beginn der Latenzperiode sind die Ver- 
hältnisse noch keine anderen. Wir können viele Male aus 
den Analysen Erwachsener bestätigt finden, wie bedenklich 
für die Moral und den Charakteraufbau des Kindes jede 
Störung seiner Bindung an die Eltern werden kann. Verliert 
es die Eltern zu dieser Zeit durch Trennung irgendeiner 
Art oder werden sie ihm als Objekt entwertet, etwa durch 
eine geistige Erkrankung oder durch eine verbrecherische 
Handlung in seiner Schätzung herabgesetzt, so ist es in 
Gefahr, gleichzeitig auch sein schon in vielen Stücken 
aufgebautes Über-Ich zu verlieren und zu entwerten, so 
daß es seinen nach Befriedigung drängenden Triebregun- 
gen weiter keine wirksame innere Macht entgegensetzen 
kann. Die Entstehung mancher Dissozialitäten und Cha- 
rakterabnormitäten ließe sich vielleicht von hier aus er- 
klären. 

Ich füge zur Charakterisierung dieser Verhältnisse auch 
noch zu Ende der Latenzperiode ein kleines Beispiel aus 
der Analyse eines in der Vorpubertät stehenden Knaben 



7° 



hinzu. Ich fragte ihn einmal zu Beginn der Behandlung 
aus irgendeinem Anlaß, ob er etwas von Gedanken wüßte, 
die man lieber nicht denken würde. Er meinte: „Ja, wenn 
man etwas stehlen wilj." Ich bat ihn um die Schilderung 
eines solchen Erlebnisses. Er sagte: „Wenn ich z. B. allein 
zu Hause bin und es ist Obst da. Aber die Eltern sind 
fortgegangen und haben mir von dem Obst nichts gegeben. 
Da muß ich mir immer denken, jetzt möchte ich etwas 
davon nehmen. Aber dann denke ich etwas anderes, denn 
ich will nicht stehlen." Ich fragte, ob er immer stärker 
sei als solche Gedanken. Er bejahte das, er hätte noch 
nie etwas gestohlen. „ Wenn deine Gedanken aber einmal 
sehr stark sind", fragte ich darauf, „was machst du dann?"*" 
„Dann nehme ich doch nichts", sagte er triumphierend, 
„denn dann habe ich Angst vorm "Vater." Sie sehen, sein 
Über-Ich hat eine weitgehende Unabhängigkeit erreicht, 
die sich in seinem eigenen Bedürfnis äußert, nicht als Dieb 
zu gelten. Wo die Versuchung aber zu stark wird, muß 
er zu seiner Unterstützung die Person zu Hilfe rufen, der 
diese Forderung ihr Vorhandensein verdankt, also den Vater 
und die von ihm ausgegangenen Warnungen und Straf- 
androhungen. Ein anderes Kind hätte sich an gleicher Stelle 
vielleicht an die Liebe zur Mutter erinnert. 

Zu dieser Schwäche und Abhängigkeit der kindlichen 
Ichidealforderungen, die ich hier behaupte, paßt dann noch 
eine weitere Beobachtung, die sich bei näherem Hinsehen 
beliebig oft wiederholen läßt: das Kind hat eine doppelte 
Moral, eine, die für die Welt der Erwachsenen und eine 
andere, die für es selbst und seine Altersgenossen be- 




stimmt ist. Wir wissen z. B., daß das Kind auf einer be- 
stimmten Altersstufe anfängt, sich zu schämen, d. h., es 
vermeidet, sich vor fremden Erwachsenen, später auch vor 
den ihm nahestehenden, nackt zu zeigen oder seine ex- 
krementeilen Bedürfnisse vor ihnen zu verrichten. Aber 
wir wissen auch, daß die gleichen Kinder sich ohne jede 
Scham vor andern Kindern entkleiden und gar nicht immer 
leicht davon abzuhalten sind, mit ihnen gemeinsam das 
Klosett aufzusuchen. Ebenso können wir zu unserer Über- 
raschung feststellen, daß das Kind sich vor gewissen Dingen 
nur in Anwesenheit von Erwachsenen, also gleichsam unter 
deren Drucke ekelt, während in der Einsamkeit oder in 
Gesellschaft von Kindern diese Beaktion ausbleibt. Ich er- 
innere mich an einen zehnjährigen Knaben, der auf einem 
Spaziergang plötzlich auf einen Haufen Kuhdung zeigte 
und interessiert ausrief: „Schau, was das Komisches ist!" 
Einen Augenblick nachher bemerkte er seinen Irrtum und 
wurde dunkelrot. Später entschuldigte er sich bei mir: er 
hätte nicht gleich bemerkt, was es sei, er hätte sonst nie- 
mals davon gesprochen. Aber ich weiß von dem gleichen 
Knaben, daß er im Verkehr mit seinen Freunden mit Ver- 
gnügen und ohne dabei zu erröten, über die exkrementeilen 
Vorgänge spricht. Der gleiche Junge versicherte mir auch 
einmal, wenn er allein sei, könne er seinen eigenen Kot 
mit der Hand berühren, ohne irgend etwas dabei zu emp- 
finden. Wenn aber jemand Erwachsener dabei sei, dann 
werde es ihm sehr schwer, auch nur davon zu sprechen. 
Also auch Scham und Ekel, diese beiden wichtigsten 
Beaktionsbildungen, die dazu bestimmt sind, die analen 



7 a 



und exhibitionistischen Strebungen des Kindes vom Durch- 
bruch zur Befriedigung abzuhalten, sind noch nach ihrer 
Entstehung in ihrer Befestigung und Wirksamkeit von 
der Beziehung zum erwachsenen Objekt abhängig. 

Mit diesen Bemerkungen über die Abhängigkeit des 
kindlichen Über-Ichs und die doppelte Moral des Kindes 
in bezug auf Scham und Ekel, sind wir jetzt bei dem 
wichtigsten Unterschied zwischen der Kinderanalyse und 
der des Erwachsenen angelangt- Die Kinderanalyse ist 
überhaupt keine private Angelegenheit mehr, die sich 
ausschließlich zwischen zwei Personen, dem Analytiker 
und seinem Patienten abspielt. Soweit das kindliehe Über- 
ich noch nicht der unpersönlich gewordene Vertreter der 
von der Außenwelt übernommenen Anforderungen ge- 
worden ist, soweit es mit der Außenwelt selbst noch 
organisch zusammenhängt, soweit spielen auch die dieser 
Außenwelt entnommenen Objekte in der Analyse selbst 
und insbesondere in ihrem letzten Stück, bei der Ver- 
wendung der aus der Verdrängung befreiten Triebregun- 
gen, eine wichtige Rolle. 

Greifen wir noch einmal auf den Vergleich mit dem 
erwachsenen Neurotiker zurück. Wir sagten, wir hätten 
in seiner Analyse nur mit seinem Triebleben, seinem Ich 
und seinem Über-Ich zu rechnen, wir brauchten uns — 
wenn die Verhältnisse günstig liegen — nicht um das 
Schicksal der aus dem Unbewußten gehobenen Regun- 
gen zu bekümmern. Sie gerieten unter den Einfluß des 
Über-Ichs, das für ihre weitere Verwendung die Ver- 
antwortung trägt. 

/3 



Wem aber überlassen wir in der Kinderanalyse diese 
Entscheidung? Die obigen Ausführungen überblickend, 
müßten wir folgerichtig sagen, den Erziehungspersonen 
des Kindes, mit denen sein Über-Ich noch so untrennbar 
verknüpft ist, also in den meisten Fällen seinen Eltern. 

Vergessen Sie aber nicht, mit welchen Bedenken diese 
Lage verknüpft ist. Die gleichen Eltern oder Erziehungs- 
personen waren es ja, deren übermäßige Forderungen das 
Kind zu einem Übermaß von Verdrängung und in die 
Neurose getrieben haben. Hier liegt auch zwischen der 
Neurosenbildung und der Befreiung durch die Analyse 
nicht der große Zwischenraum wie beim erwachsenen 
Patienten, der zwischen diesen beiden Zeitpunkten seine 
ganze Ichentwicklung durchmacht, so daß derjenige, der 
die erste Entscheidung getroffen hat und derjenige, welcher 
jetzt ihre Revision vornimmt, kaum mehr dieselbe Person 
zu nennen ist. Die Eltern, welche das Kind erkranken 
ließen und die, welche bei seinem Gesundwerden helfen 
sollen, sind wirklich noch die gleichen Personen mit den 
gleichen Ansichten. Nur im günstigsten Fall sind sie durch 
die Erkrankung des Kindes genügend belehrt worden, um 
jetzt zu einer Herabmilderung ihrer Anforderungen bereit 
zu sein. Es scheint also gefährlich, ihnen die Entscheidung 
über das Schicksal des nun befreiten Trieblebens zu über- 
lassen. Die Aussicht ist zu groß, daß das Kind genötigt 
werden wird, den Weg in die Verdrängung und die Neu- 
rose noch einmal zu gehen. Unter solchen Umständen 
wäre es ökonomischer, sich die langwierige und mühe- 
volle analytische Befreiungsarbeit ganz zu ersparen. 

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Was wäre aber der andere Ausweg? Wäre es vielleicht 
zulässig, das Kind aus Anlaß seiner Neurose und ihrer 
Analyse als vorzeitig mündig zu erklären und ihm selber 
die wichtigen Entscheidungen zuzumuten, wie es jetzt mit 
seinen ihm zur Verfügung gestellten Regungen verfahren 
will? Ich wüßte nicht, auf Grund von welchen ethischen 
Instanzen und mit Hilfe welcher Kriterien oder praktischen 
Überlegungen es imstande wäre, sich in diesen Schwierig- 
keiten seinen Weg zu suchen. Ich glaube, wenn man es 
allein läßt und jede Unterstützung von außen her von ihm 
abzieht, kann es nur einen einzigen kurzen und beque- 
men Weg finden: den zur direkten Befriedigung. Wir 
wissen aber aus der analytischen Theorie und Praxis, daß 
das Kind gerade im Interesse der Neurosenverhütung ab- 
gehalten werden soll, auf irgendeiner Stufe seiner not- 
wendigerweise perversen Sexualität wirkliche Befriedigun- 
gen zu erleben. Die Fixierung an die einmal erlebte Lust 
wird sonst zum störendsten Hindernis für die normale 
Weiterentwicklung und der Drang nach ihrer Wieder- 
belebung zum gefährlichen Anreiz für die Regression von 
späteren Entwicklungsstufen her. 

So scheint mir in dieser schwierigen Situation nur ein 
einziger Ausweg zu bleiben. Der Analytiker selber muß 
die Freiheit für sich beanspruchen, das Kind in diesem 
wichtigsten Punkt zu leiten, um auf diese Art das Er- 
gebnis der Analyse einigermaßen sicherstellen zu können. 
Das Kind muß unter seinem Einfluß lernen, wie es sich 
seinem Triebleben gegenüber zu verhalten hat, seine An- 
sicht wird letzten Endes entscheiden, welcher Anteil der 

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infantilen Sexualregungen als in der Kulturwelt unver- 
wendbar unterdrückt oder verworfen werden muß, wie viel 
oder wie wenig zur direkten Befriedigung zugelassen werden 
kann, und was auf den Weg zur Sublimierung gedrängt 
wird, für den dann wieder von der Erziehung her alle 
möglichen Hilfen zur Verfügung gestellt werden können. 
Wir können kurz sagen: es muß dem Analytiker ge- 
lingen, sich für die Dauer der Analyse an die Stelle 
des Ichideals beim Kinde zu setzen, er darf seine 
analytische Befreiungsarbeit nicht früher beginnen, ehe er 
sich versichert hat, das Kind in diesem Punkte völlig be- 
herrschen zu können. An dieser Stelle wird ihm die Macht- 
stellung wichtig, von der wir schon zu Anfang bei der 
Einleitung der Kinderanalyse gesprochen haben. Nur wenn 
das Kind fühlt, daß die Autorität des Analytikers auch 
über die der Eltern gestellt ist, wird es bereit sein, diesem 
neuen neben die Eltern angereihten Liebesobjekt jenen 
höchsten Platz in seinejn Gefühlsleben einzuräumen. 

Haben die Eltern des Kindes, wie vorhin erwähnt, 
etwas aus der Erkrankung des Kindes gelernt und sind 
geneigt, sich den Forderungen des Analytikers anzupassen, 
so ist hier eine wirkliche Teilung der analytischen und 
erziehenden Arbeit zwischen Haus und Analysenstunde 
oder vielmehr ein Zusammenwirken beider Faktoren 
möglich. Die Erziehung des Kindes erfährt dann auch 
nach Beendigung der Analyse keine Unterbrechung, son- 
dern geht direkt aus den Händen des Analytikers wieder 
völlig in die der nun verständiger gewordenen Eltern über. 

Arbeiten aber die Eltern mit ihrem Einfluß dem Ana- 






lytiker entgegen, so ergibt sich, da das Kind an beide 
mit seinen Gefühlen gebunden ist, eine ähnliche Situation 
wie in einer unglücklichen Ehe, in der das Kind zum 
Streitobjekt geworden ist. Wir dürfen uns nicht wundern, 
wenn sich dann auch alle schädlichen Folgen für die 
Charakterbildung ergeben, die wir von dem anderen Schau- 
platz her kennen. Wie dort Vater und Mutter, spielt das 
Kind hier den Analytiker und das Elternhaus gegeneinander 
aus und benutzt die Konflikte zwischen ihnen, um sich 
hier wie dort allen Anforderungen zu entziehen. Gefährlich 
wird die Sachlage, wenn das Kind in einer Widerstands- 
situation es versteht, die Eltern so gegen den Analytiker 
einzunehmen, daß sie den Abbruch der Analyse veran- 
lassen. Man verliert dann das Kind im ungünstigsten 
Moment, im Widerstand und in der negativen Übertragung 
aus der Hand und kann sicher sein, daß es alle von der 
Analyse empfangenen Befreiungen im ungünstigsten Sinne 
verwerten wird. Ich würde heute keine Kinderanalyse 
mehr unternehmen, wo mir nicht die Person oder die 
analytische Vorbildung der Eltern eine Garantie gegen 
einen solchen Ausgang zu geben scheinen. 

Die Notwendigkeit der völligen Beherrschung des Kindes 
durch den Analytiker veranschauliche ich im folgenden 
noch an einem letzten Beispiel. Es handelt sich hier um 
eine sechsjährige Patientin, die schon vielfach erwähnte 
Zwangsneurotikerin. 

Nachdem ich sie in der Analyse dazu gebracht hatte, 
ihren „Teufel" sprechen zu lassen, begann sie, mir eine Un- 
zahl von analen Phantasien mitzuteilen, anfangs zögernd, 



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dann immer mutiger Und ausführlicher, als sie merkte, 
daß Mißfallensäußerungen von meiner Seite ausblieben. 
Die Stunde stand allmählich ganz im Zeichen des Analen 
und wurde ihr zur Ablagerungsstätte aller dieser sie sonst 
bedrückenden Tagträume. Während dieses Sprechens mit 
mir war dann auch der Druck von ihr genommen, der 
sonst ständig auf ihr lag. Sie bezeichnete die Zeit bei mir 
selber als ihre „Ruhestunde". „Meine Stunde bei dir, 
Anna Freud," sagte sie einmal, „ist meine Ruhestunde. 
Da brauche ich den Teufel nicht zurückzuhalten." „Aber 
nein," setzte sie dann gleich hinzu, „ich habe ja noch 
eine zweite Ruhezeit: wenn ich schlafe." Während der 
Analyse und während des Schlafes war sie also offenbar 
von dem befreit, was beim Erwachsenen dem ständigen 
Aufwand zur Aufrechterhaltung der Verdrängung gleich- 
käme. Ihre Befreiung zeigte sich vor allem in einem ver- 
änderten, aufmerksamen und lebhaften Wesen. 

Nach einiger Zeit machte sie nun einen Schritt weiter. 
Sie begann, zu Hause ebenfalls etwas von den bisher streng 
gehüteten Phantasien und analen Einfällen merken zu 
lassen, machte etwa, wenn eine Speise auf den Tisch kam, 
einen halblauten Vergleich oder einen an die anderen 
Kinder gerichteten „schmutzigen" Scherz. Die damalige 
Pflegemutter des Kindes kam daraufhin zu mir, um sich 
Verhaltungsmaßregeln geben zu lassen. Mir fehlten zu die- 
ser Zeit noch viele meiner später gewonnenen Einsichten 
in die Kinderanalyse und ich nahm die Situation leicht, 
gab den Rat, man solle weder zustimmen noch ablehnen, 
sondern solche kleine Ausfälle einfach unbeachtet lassen. 



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Die Wirkung war eine nicht vorhergesehene. Das Kind 
verlor unter diesem Mangel an Kritik von außen her jedes 
Maß, trug nun einfach das bisher nur bei mir in der 
Stunde Geäußerte auch in sein Haus hinüber und schwelgte, 
so wie vorher bei mir, ganz in seinen analen Vorstellungen, 
Vergleichen und Ausdrücken. Die anderen Hausgenossen 
empfanden das bald als unerträglich, ihnen verging, beson- 
ders bei demVerhalten des Kindes am gemeinsamen Mittags- 
tisch, jeder Appetit und es ergab sich, daß einer nach dem 
anderen, Kinder wie Erwachsene, schweigend und mißbilli- 
gend das Zimmer verließen. Meine kleine Patientin hatte 
sich benommen wie eine Perverse, oder wie ein erwach- 
sener Geisteskranker und sich damit außerhalb der mensch- 
lichen Gemeinschaft gestellt. Vermied man, sie strafweise 
von den andern zu entfernen, so war der Erfolg doch nur, 
daß sie jetzt von den anderen gemieden wurde. Aber von 
ihr selbst war in dieser Zeit alle Hemmung auch in 
anderer Hinsicht gewichen. Sie hatte sich in wenigen 
Tagen in ein heiteres, übermütiges, schlimmes, mit sich 
selbst gar nicht sehr unzufriedenes Kind verwandelt. 

Nun kam die Pflegemutter ein zweites Mal zu mir, 
um sich zu beklagen. Der Zustand sei unhaltbar, meinte 
sie, und das Leben im Hause gestört. Was sie machen 
solle? Ob sie dem Kind sagen könne, das Erzählen solcher 
Dinge sei zwar an sich nicht so schlimm, sie bitte es 
aber, es ihr zuliebe in ihrem Haus zu unterlassen? Ich 
lehnte das ab. Ich mußte einsehen, daß ich einen wirk- 
lichen Fehler gemacht und dem Über-Ich des Kindes eine 
selbständig hemmende Stärke zugetraut hatte, die es gar 



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nicht besaß. Sobald die wichtigen Personen der Außenwelt 
in ihren Forderungen nachgelassen hatten, war plötzlich 
auch das vorher so strenge Ichideal des Kindes, das stark 
genug gewesen war, um eine ganze Reihe zwangsneuro- 
tischer Symptome hervorzubringen, nachgiebig geworden. 
Ich hatte mich auf diese zwangsneurotische Strenge ver- 
lassen, war unvorsichtig gewesen und hatte dabei für die 
Analyse gar nichts geleistet. Ich hatte für eine Weile aus 
einem gehemmten zwangsneurotischen Kind ein schlimmes, 
man könnte sagen, ein perverses Kind gemacht. Aber ich 
hatte mir gleichzeitig die Situation für meine Arbeit ver- 
dorben. Denn dieses befreite Kind hatte seine „Ruhestunde" 
jetzt den ganzen Tag lang, ließ in seiner Schätzung der 
gemeinsamen Arbeit mit mir beträchtlich nach, lieferte 
kein rechtes Material mehr, da es dies über den ganzen Tag 
verstreute, statt es für die Stunde zusammenzuhalten und 
hatte die für die Analyse so notwendige Krankheitseinsicht 
momentan verloren. Für die Kinderanalyse gilt ja in noch 
viel größerem Ausmaß als für die Analyse der Erwach- 
senen der Satz, daß die analytische Arbeit nur im Zustande 
der Unbefriedigung durchgeführt werden kann. 

Zum Glück stellte sich die Situation nur theoretisch 
als so gefährlich dar, in der Praxis war sie leicht wieder 
zu beheben. Ich bat die Pflegemutter, weiter gar nichts 
zu veranlassen und etwas Geduld zu haben. Ich würde 
das Kind wieder zur Ordnung bringen, könnte nur nicht 
versprechen, wie bald sich eine Wirkung zeigen würde. In 
der nächsten Stunde benahm ich mich dann sehr energisch. 
Das sei ein Bruch aller Verabredung, erklärte ich. Ich 



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hätte geglaubt, sie wollte mir diese schmutzigen Dinge 
erzählen, um sie loszuwerden. Jetzt aber sähe ich, daß das 
gar nicht so sei. Sie wollte das ja gerne allen Leuten im 
Hause sagen, um ihr Vergnügen daran zu haben. Ich hätte 
nichts dagegen, aber dann könnte ich nicht einsehen, 
wozu sie mich noch brauchte. Dann könnten wir die 
Stunden aufgeben und ihr ihr Vergnügen lassen. Bliebe 
sie aber bei ihrer ersten Absicht, dann dürfte sie von 
diesen Dingen nur mir erzählen und niemand anderem; 
je mehr sie davon zu Hause zurückhielte, desto mehr würde 
ihr in der Stunde einfallen, desto mehr würde ich über 
sie erfahren und von desto mehr könnte ich sie befreien. 
Nun sollte sie sich entscheiden. Sie wurde daraufhin sehr 
blaß und sehr nachdenklich, sah mich an und sagte mit 
demselben ernsthaften Einverständnis wie bei der ersten 
analytischen Verabredung: „Wenn du sagst, daß es so ist, 
dann werde ich nichts mehr davon sagen." Damit hatte 
ihre zwangsneurotische Gewissenhaftigkeit wieder einge- 
setzt. Im Hause kam von diesem Tage an kein Wort über 
derartige Dinge mehr über ihre Lippen. Sie war wieder 
zurückverwandelt, aber sie war auch wieder aus einem 
schlimmen und perversen zu einem gehemmten und 
interesselosen Kind geworden. 

Die gleiche Verwandlung mußte ich bei derselben 
Patientin im Laufe ihrer Behandlung noch mehrere Male 
vornehmen. Immer wenn sie mir nach der analytischen 
Befreiung aus ihrer ungewöhnlich schweren Zwangsneurose 
in das andere Extrem, die „Schlimmheit" oder die Per- 
version entwischt war, blieb mir nichts anderes übrig, als 



A. Freud. 6 



8j 



selber die Neurose wieder herbeizuführen und den schon 
entschwundenen „Teufel" noch einmal in seine Rechte 
einzusetzen, jedesmal natürlich mit geringeren Quantitäten 
und mit größerer Vorsicht und Milde, als die seinerzeitige 
Erziehung es getan hatte, bis ich schließlich das Kind 
dazu gebracht hatte, zwischen den beiden ihm möglichen 
Extremen die Mitte zu halten. 

Ich hätte Ihnen dieses Beispiel nicht in solcher Breite 
mitgeteilt, wenn sich nicht alle in diesem letzten Abschnitt 
behaupteten Verhältnisse der Kinderanalyse an ihm illu- 
strieren ließen: die Schwäche des kindlichen Ichideals, 
die Abhängigkeit seiner Forderungen und folglich seiner 
Neurose von der Außenwelt, seine Unfähigkeit zur eige- 
nen Beherrschung der befreiten Triebe und die daraus 
sich ergebende Notwendigkeit für den Analytiker, das 
Kind erzieherisch in der Gewalt zu haben. 1 Der Analytiker 
vereinigt also zwei schwierige und eigentlich einander 
widersprechende Aufgaben in seiner Person : er muß ana- 
lysieren und erziehen, d. h. er muß in einem Atem 
erlauben und verbieten, lösen und wieder binden. Gelingt 
ihm das nicht, so wird die Analyse dem Kinde zum 
Freibrief für alle von der Gesellschaft verpönten Un- 
arten. Gelingt es ihm aber, so macht er damit ein Stück 
verfehlter Erziehung und abnormer Entwicklung rück- 



1) Diese erzieherische Gewalt bietet dem Kinderanalytiker auch 
noch andere Vorteile. Sie ermöglicht die Anwendung der „aktiven 
Therapie" Ferenczis, einer Unterdrückung einzelner Symptome, welche 
dann die Libidostauung steigern und der Analyse auf diese Weise 
reichlicheres Material zuführen soll. 



8s 



gängig und verschafft so dem Kinde oder denjenigen, die 
über das Schicksal des Kindes entscheiden, noch einmal 
die Möglichkeit, es besser zu machen. 

Sie wissen, wir zwingen auch am Ende einer Erwach- 
senenanalyse keinen Patienten dazu, gesund zu werden. 
Es steht bei ihm, was er mit der ihm gebotenen neuen 
Möglichkeit anfangen will, ob er noch einmal den Weg 
in die Neurose gehen will, ob seine Ichentwicklung ihm 
gestattet, den entgegengesetzten Weg zur weitgehenden 
Triebbefriedigung zu machen oder ob er den Mittelweg 
zwischen beiden, die wirkliche Synthese zwischen den in 
ihm vorhandenen Mächten zustande bringt. Wir können 
auch die Eltern unserer kleinen Patienten nicht zwingen, 
jetzt etwas Vernünftiges mit dem ihnen wieder zurück- 
gegebenen Kind anzufangen. Die Kinderanalyse ist keine 
Versicherung gegen alle Schäden, welche die Zukunft dem 
Kinde zufügen kann. Sie arbeitet vor allem in die Ver- 
gangenheit; damit allerdings schafft sie einen gereinigten, 
besseren Boden für die zukünftige Entwicklung. 

Ich denke, aus den geschilderten Verhältnissen hat 
sich Ihnen ein wichtiger Hinweis auf die Indikation zur 
Kinderanalyse ergeben. Diese Indikation wird nicht nur 
durch eine bestimmte Erkrankung des Kindes gegeben. 
Die Kinderanalyse gehört vor allem in das analytische 
Milieu, sie wird sich vorläufig auf die Kinder von Ana- 
lytikern, von Analysierten oder von Eltern beschränken 
müssen, welche der Analyse ein gewisses Zutrauen und 
einen gewissen Respekt entgegenbringen. Nur dort wird 
sich die analytische Erziehung während der Behandlung 



83 



ohne Bruch wieder in die Erziehung im Elternhaus über- 
führen lassen. Wo die Analyse des Kindes nicht organisch 
mit seinem anderen Leben verwachsen kann, sondern sich 
wie ein Fremdkörper in seine anderen Beziehungen ein- 
schiebt und sie stört, wird man dem Kind wahrscheinlich 
mehr Konflikte schaffen, als ihm die Behandlung auf 
der anderen Seite löst. 

Ich fürchte, ich habe auch mit dieser Behauptung den- 
jenigen unter Ihnen, die schon bereit waren, der Kinder- 
analyse etwas Zutrauen entgegenzubringen, wieder eine 
Enttäuschung bereitet. 

Nachdem ich Ihnen aber so vieles von den Unmöglich- 
keiten der Kinderanalyse gesagt habe, möchte ich doch 
diese Vorlesungen nicht schließen, ohne auch noch über 
die großen Möglichkeiten zu sprechen, die mir die Kinder- 
analyse trotz aller Schwierigkeiten doch zu haben und 
sogar vor der Erwachsenenanalyse vorauszuhaben scheint. 
Ich sehe vor allem drei dieser Möglichkeiten. 

Wir können beim Kind ganz andere Charakterverän- 
derungen zustande bringen als heim Erwachsenen. Das 
Kind, das durch den Einfluß seiner Neurose den Weg 
einer abnormen Charakterentwicklung beschritten hat, muß 
nur einen kurzen Bückweg zurücklegen, um wieder in 
die normale und seinem eigentlichen Wesen angemessene 
Bahn zu geraten. Es hat noch nicht wie der Erwachsene 
sein ganzes künftiges Leben darauf aufgebaut, seinen Beruf 
infolge dieser abnormen Entwicklung gewählt, Freund- 
schaften auf dieser Basis geschlossen und Liebesverhältnisse 
auf dieser Grundlage angeknüpft, die dann wieder, in 

84 



Identifizierungen ausgehend, seine Ichentwicklung beein- 
flussen. Bei den „Charakteranalysen" des Erwachsenen 
müßten wir eigentlich sein ganzes Leben zertrümmern, 
Unmögliches vollführen, nämlich Handlungen rückgängig 
machen und Wirkungen nicht nur bewußt machen, sondern 
aufheben, wenn wir einen wirklichen Erfolg haben wollten. 
Hier hat also die Kinderanalyse unendlich viel vor der 
des Erwachsenen voraus. 

Die zweite Möglichkeit betrifft die Beeinflussung des 
Uber-Ichs. Die Milderung seiner Strenge ist, wie Sie wissen, 
eine der Forderungen der Neurosenanalyse. Hier trifft aber 
auch die Erwachsenenanalyse auf die größten Schwierig- 
keiten, sie hat mit den ältesten und bedeutungsvollsten 
Liebesobjekten des Individuums zu kämpfen, den Eltern, 
die es sich durch Identifizierung introjiziert hat und deren 
Andenken außerdem in den meisten Fällen durch Pietät 
geschützt und darum um so schwerer angreifbar geworden 
ist. Beim Kinde aber haben wir, wie Sie ja gesehen haben, 
mit lebendigen, durch die Erinnerung nicht verklärten, 
in der Außenwelt wirklich vorhandenen Personen zu tun. 
Wenn wir der Arbeit .von innen her hier eine äußere 
an die Seite stellen und nicht nur durch unseren analy- 
tischen Einfluß die schon vorhandenen Identifizierungen, 
sondern nebenbei noch durch menschliche Bemühung 
und Beeinflussung die wirklichen Objekte zu verändern 
versuchen, so ist die Wirkung eine durchschlagende und 
überraschende. 

Das gleiche gilt auch für den dritten Punkt. Wir müssen 
uns bei der Arbeit am Erwachsenen ganz darauf beschränken, 

85 



ihm zu einer Anpassung an seine Umgebung zu verhelfen. 
Es liegt uns ferne, steht auch ganz außerhalb unserer 
Absicht oder unseres Machtbereichs, seine Umgebung nach 
seinen Bedürfnissen umzugestalten. Beim Kinde läßt sich 
aber gerade dies ohne viel Schwierigkeiten durchführen. 
Die Bedürfnisse des Kindes sind einfacher, leichter zu er- 
füllen und zu übersehen, unsere Macht, mit der der Eltern 
kombiniert, reicht in günstigen Verhältnissen leicht aus, 
um dem Kind auf jeder Stufe seiner Behandlung und 
fortschreitenden Veränderung gerade das oder viel von dem 
zu verschaffen, was es nötig hat. So erleichtern wir dem 
Kind die Anpassungsarbeit, indem wir die Umgebung auch 
ihm anzupassen versuchen. Auch hier ist es eine doppelte 
Arbeit, von innen und von außen her. 

Ich glaube, es ist diesen drei Punkten zuzuschreiben, 
daß wir in der Kinderanalyse — trotz all der aufgezählten 
Schwierigkeiten — Veränderungen, Besserungen und Hei- 
lungen erzielen, von denen wir uns in der Erwachsenen- 
analyse nicht einmal träumen lassen. 

Meine Damen und Herren ! Ich bin darauf vorbereitet, 
daß die praktischen Analytiker "unter Ihnen nach dem 
hier Angehörten sagen werden, was ich mit den Kindern 
mache, hätte bei all diesen Differenzen gar nicht mehr 
viel mit der wirklichen Analyse zu tun. Es sei eine „wilde" 
Methode, die alles von der Analyse entlehnt, ohne doch 
den strengen analytischen Vorschriften irgendwie gerecht 
zu werden. Aber ich bitte Sie, das Folgende zu bedenken. 
Wenn in Ihre Sprechstunde ein erwachsener Neurotiker 
käme, um Sie um Behandlung zu bitten, der sich bei 

86 



näherem Zusehen als so triebhaft, intellektuell so unent- 
wickelt- und so weitgehend von seiner Umgebung abhängig 
herausstellen würde, wie es meine kindlichen Patienten sind, 
so würden Sie sich wahrscheinlich sagen: Die Freudsche 
Analyse ist eine ausgezeichnete Methode, aber für solche 
Leute ist sie nicht gemacht. Und Sie würden den Kranken 
in einer gemischten Weise behandeln, würden ihm so viel 
von reiner Analyse geben, als er seinem Wesen nach ver- 
tragen kann und den Rest in Kinderanalyse, weil er, 
seinem ganzen infantilen Charakter nach, ja nichts besseres 
verdient. 

Ich meine, es kann der analytischen Methode nichts 
anhaben, wenn man versucht, sie — die auf ein ganz be- 
stimmtes, eigenartiges Objekt, den erwachsenen Neurotiker, 
abgestimmt ist, — auch auf andersgeartete Objekte in 
modifizierter Weise anzuwenden. Es kann auch nicht als 
Vorwurf gewertet werden, wenn man einmal etwas an- 
deres mit ihr anstellt. Man muß nur immer wissen, was 
man tut. 



8 7 



Als Anhang zu diesen vier Vorträgen am Lehi'institut der 
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wird in dieser 
zweiten Auflage im nachfolgenden auch der auf dem 
X. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Inns- 
bruck gehaltene Vortrag „ Zur Theorie der Kinderanalyse" 
wiedergegeben (der in der ersten Auflage dieses Buches 
nicht enthalten war). 



Z/uv lheorie der Kinderanal 



yse 



Meine Damen und Herren! Wenn Sie auf diesem 
- Kongreß gleich drei Vorträge über Kinderanalyse 
zu hören bekommen, anstatt, wie bisher üblich, nur einen, 
so ist das nur ein Anzeichen dafür, wieviel Raum dieses 
Thema im Laufe der letzten Jahre innerhalb der Inter- 
nationalen Vereinigung für sich.' gewonnen hat. Ich meine, 
die Kinderanalyse erwirbt sich dieses gesteigerte Interesse 
durch drei Leistungen. Sie bringt willkommene Bestäti- 
gungen für die Vorstellungen über das Seelenleben des 
Kindes, die sich die psychoanalytische Theorie im Laufe 
der Jahre rückschließend aus den Analysen an Erwach- 
senen gebildet hat; sie liefert — wie der Vortrag von 
Frau Klein es eben demonstriert hat — neue Aufschlüsse, 
Ergänzungen zu diesen Vorstellungen aus der direkten 
Beobachtung; und sie bildet schließlich die Überleitung 
zu einem Anwendungsgebiet, das, wie viele behaupten, 
in der Zukunft zu einem der wichtigsten für die Psycho- 
analyse werden soll: zur Pädagogik. 

Auf dieses dreifache Verdienst gestützt, nimmt sich die 
Kinderanalyse aber auch allerlei Freiheiten und Selbstän- 



8 9 



digkeiten heraus. Sie verlangt nach einer neuen Technik. 
Diese Forderung wird ihr gerne zugestanden; auch der 
Konservativste ist bereit einzusehen, daß ein geändertes 
Objekt geänderte Angriffsmethoden verlangt. So entsteht 
die Spieltechnik Melanie Kleins für die Frühanalyse, später 
die von mir vertretenen "Vorschläge zur Analyse der La- 
tenzperiode. Aber manche Vertreter der Kinderanalyse — 
wie Sie in mir einen sehen — gehen noch weiter. Sie 
fangen an, sich Gedanken darüber zu machen, ob die Vor- 
gänge in einer Kinderanalyse theoretisch immer völlig 
mit denen der Erwachsenenanalyse übereinstimmen und 
ob die beiden sich, soweit es sich um die Ziele und Ab- 
sichten handelt, auch vollkommen decken. Sie erheben 
die Forderung, daß der Kinderanalytiker — der Sonder- 
stellung des Kindes entsprechend — neben der analyti- 
schen Schulung und Einstellung noch eine zweite besitzen 
sollte: die pädagogische. Ich meine, wir sollten nicht vor 
diesem Wort erschrecken und eine solche Vermengung 
zweier Einstellungen nicht von vorneherein als etwas 
Herabsetzendes für die Analyse ansehen. Es lohnt die 
Mühe, an Hand von einigen Fällen nachzuprüfen, ob eine 
solche Forderung überhaupt Existenzberechtigung besitzt 
oder ob es das Richtige ist, sie als eine illegitime von 
der Hand zu weisen. 

Ich wähle zu diesem Zwecke als Beispiel zuerst ein 
Bruchstück aus der Analyse eines elfjährigen Knaben. Sein 
Wesen, als er in Behandlung kam, war feminin-maso- 
chistisch, seine ursprüngliche Objektbeziehung zur Mutter 
ganz von der Identifizierung mit ihr überlagert. Seine ur- 



9° 



sprüngliche männliche Aggression machte sich nur gele- 
gentlich in feindseligen Handlungen gegen die Geschwister 
und isolierten Dissozialitäten Luft, die dann wieder von 
heftigen Reueausbrüchen und Verstimmungen gefolgt wur- 
den. Ich greife hier eine Zeit seiner Analyse heraus, in der 
er sich in zahlreichen Gedanken, Phantasien und Träumen 
mit dem Problem des Todes, richtiger des Tötens, beschäf- 
tigte. 

Eine seiner Mutter sehr nahestehende Freundin war 
gerade damals schwer krank, die Mutter wurde durch 
ein Telegramm von der Gefahr verständigt. Er griff dieses 
Ereignis auf, um es in seiner Vorstellung weiterzuspinnen. 
Em neues Telegramm, phantasierte er, kommt an und 
meldet: Sie ist gestorben. Die Mutter kränkt sich sehr. 
Da kommt wieder ein Telegramm: 'Sie lebt wieder, es war 
nur ein Irrtum. Die Mutter freut sich darüber. Und jetzt 
läßt er die Telegramme in rascher Folge erscheinen, eines 
immer, das den Tod, ein nächstes, das ihre Wiederbele- 
bung meldet. Den Schluß der ganzen Phantasie bildet 
eine Nachricht, die sagt: das Ganze war nur ein Spaß, 
den man sich mit der Mutter gemacht hat. Die Phan- 
tasie ist nicht schwer zu deuten; wir sehen seine Ambi- 
valenz, den Wunsch, die von der Mutter geliebte Person zu 
töten und seine Unfähigkeit, die Absicht wirklich durch- 
zuführen, deutlich daraus hervorgehen. 

Kurz darauf erzählt er mir folgende Zwangshandlung: 
Wenn er auf dem Klosett sitzt, dann muß er einen Knopf, 
der sich auf der einen Seite an der Wand befindet, drei- 
mal mit der Hand berühren, gleich darauf aber dasselbe 



9 1 



an einem Knopf der anderen Seite wiederholen. Die Hand- 
lung scheint zuerst unverständlich, bis sie in den nächsten 
Tagen durch eine in anderem Zusammenhang erzählte 
Phantasie ihre Aufklärung findet. Er stellt sich den lieben 
Gott als einen alten Mann vor, der im Himmelssaal auf 
einem großen Thron sitzt. Rechts und links von ihm sind 
Knöpfe oder Taster an der Wand angebracht. Drückt er 
auf die Knöpfe der einen Seite, dann stirbt ein Mensch, 
drückt er auf einen Knopf der anderen Seite, dann kommt 
ein Kind auf die Welt. Ich glaube, die Zusammenstel- 
lung der Zwangshandlung mit dieser Tagesphantasie macht 
die weitere Deutung überflüssig. Die Zahl drei läßt sich 
wahrscheinlich durch die Anzahl seiner Geschwister er- 
klären. 

Kurz darauf erkrankt ein Freund der Familie, der 
seiner Mutter nahesteht, der Vater eines seiner Spiel- 
gefährten. Er hört, während er zur Analysenstunde geht, 
das Telephon läuten und bildet nun bei mir folgende 
Phantasie: Man hat die Mutter verständigt, daß sie in 
das Haus des Erkrankten kommen soll. Sie geht hin, tritt 
in das Krankenzimmer ein, geht zum Bett hin und will 
mit dem Patienten sprechen. Aber er gibt ihr keine Ant- 
wort und sie merkt, daß er tot ist. Sie erschrickt sehr. 
In diesem Augenblick tritt der kleine Sohn des Verstor- 
benen herein. Sie ruft ihn und sagt: Komm her, schau, 
dein Vater ist gestorben. Der Junge tritt zum Bett und 
spricht zu seinem Vater. Da lebt der Vater und gibt ihm 
Antwort. Er wendet sich zur Mutter meines Patienten 
und sagt: Was willst du, er lebt ja. Da spricht sie wieder 



zu ihm, er gibt wieder keine Antwort und ist tot. Wie 
aber der Junge wieder hereintritt und spricht, lebt der 
Vater von neuem. 

Ich hätte diese Phantasie hier nicht mit solcher Aus- 
führlichkeit vorgebracht, wenn sie nicht so instruktiv und 
durchsichtig wäre und die Deutung der beiden vorher- 
gehenden gleich mit in sich enthalten würde. Wir sehen, 
der Vater ist tot in seiner Beziehung zur Mutter, er lebt, 
soweit es sich nur um die Beziehung zum Sohne handelt. 
War in den bisherigen Phantasien die Ambivalenz — 
der Wunsch zu töten und der entgegengesetzte, leben zu 
lassen oder wiederzubeleben — derselben Person gegen- 
über nur in zwei verschiedene Handlungen zerlegt, die 
sich gegenseitig wieder aufheben mußten, so gibt diese 
Phantasie durch die Hinzufügüng einer Spezialisierung der 
bedrohten Person (als Mann einerseits, als Vater anderer- 
seits) die historische Erklärung der doppelten Einstellung. 
Die beiden Strebungen entstammen offenbar verschie- 
denen Entwicklungsphasen des Knaben. Der Todeswunsch 
gegen den Vater als den Bivalen um die Liebe der Mutter 
entspringt der normalen Ödipusphase mit der seither ver- 
drängten positiven Objektliebe zur Mutter. Hier wendet 
sich seine männliche Aggression gegen den Vater, er soll 
beseitigt werden, um ihm den Weg frei zu machen. Die 
andere Strebung aber, der Wunsch, sich den Vater zu 
erhalten, kommt einerseits aus der frühen Periode der 
rein bewundernden und liebenden Einstellung zum Vater, 
noch ungestört durch die Konkurrenz des Ödipuskom- 
plexes; andererseits aber — was hier die größere Bolle 

9 3 



spielt — aus der Phase der Identifizierung mit der Mutter, 
die die normale Ödipuseinstellung abgelöst hat. Aus Angst 
vor der vom Vater drohenden Kastration hat der Knabe 
seine Liebe zur Mutter aufgegeben und sich in die weib- 
liehe Einstellung drängen lassen. Von hier aus muß er 
sich den Vater als Objekt seiner homosexuellen Liebe 
zu erhalten trachten. 

Es wäre verlockend weiterzugehen, den Übergang zu 
schildern, der in dem Knaben von diesem Wunsch zu 
töten, dann zu einer abendlich auftretenden Todesangst 
führt, und von hier aus einen Eingang in den kompli- 
zierten Aufbau dieser Neurose der Latenzperiode zu finden. 
Aber Sie wissen, daß das an dieser Stelle nicht meine 
Absicht ist. Ich habe Ihnen diesen Ausschnitt nur vor- 
geführt, um mir von Ihnen meinen Eindruck bestätigen 
zu lassen, daß dieses Stück Kinderanalyse sich in nichts 
von der Analyse eines Erwachsenen unterscheidet. Wir 
sollen ein Stück seiner männlichen Aggression und seiner 
Objektliebe zur Mutter aus der Verdrängung und von der 
Überlagerung durch seinen jetzt feminin-masochistischen 
Charakter und die Mutteridentifizierung befreien. Der 
Konflikt, um den es sich dabei handelt, ist ein innerer. 
Hat ihn auch ursprünglich die Angst vor dem wirklichen 
Vater in der Außenwelt zur Verdrängungsleistung getrie- 
ben, so wird der Erfolg dieser Leistung jetzt doch von 
inneren Kräften aufrecht gehalten. Der Vater ist ver- 
innerlicht und das Über-Ich der Vertreter seiner Macht 
geworden, die Angst vor ihm wird vom Knaben als 
Kastrationsangst empfunden. Jedem Schritt, den die Ana- 



94 



lyse auf dem Wege zur Bewußtmachung der verdrängten 
Ödipustendenzen machen will, stellen sich Ausbrüche 
dieser Kastrationsangst als Hindernis entgegen. Nur die 
langsame historisch-analytische Zersetzung dieses Über- 
ich ermöglicht ein Fortschreiten meiner Befreiungsarheit. 
Sie sehen also, die Arbeit und die Einstellung des Behan- 
delnden ist, soweit es sich um dieses Stück der Aufgabe 
handelt, eine rein analytische. Für die pädagogische Ein- 
mengung ist hier kein Platz. 

Hören Sie dagegen ein anderes Beispiel an. Es ent- 
stammt der Analyse einer sechsjährigen weiblichen Pati- 
entin, aus der ich schon an anderer Stelle und in anderer 
Absicht einiges veröffentlicht habe. Auch hier handelt es 
sieb — wie immer — um die Strebungen des Ödipus- 
komplexes und auch hier spielt das Verhältnis zum Töten 
eine gewisse Bolle. Das kleine Mädchen hatte, wie die 
Analyse aufdeckt, eine frühe und leidenschaftliche Liebe 
zum Vater durchgemacht und war in der gewöhnlichen 
Weise durch die Geburt der nächsten Geschwister von 
ihm enttäuscht worden. Ihre Beaktion darauf war eine 
außerordentlich starke. Sie gab die kaum erreichte geni- 
tale Phase zugunsten einer vollen Regression zum analen 
Sadismus auf. Sie wendete ihre Feindseligkeit gegen die 
neuangekommenen Geschwister. Sie machte einen Versuch, 
sich den Vater, von dem ihre Liebe sich fast völlig ab- 
gewendet hatte, wenigstens durch Einverleibung zu er- 
halten. Aber die Bemühungen, sich als Mann zu fühlen, 
scheiterten an der Konkurrenz mit einem älteren Bruder, 
von dem sie erkannte, daß er körperlich besser für diese 

9 S 



Aufgabe ausgerüstet war. Das Resultat war jetzt eine inten- 
sive Feindseligkeit gegen die Mutter: Haß gegen sie, weil 
sie ihr den Vater weggenommen hatte; Haß, weil sie sie 
nicht zum Knaben gemacht hatte; und Haß schließlich, 
weil sie die Geschwister geboren hatte, die die Kleine 
gerne selbst zur Welt gebracht hätte. Aber an dieser Stelle 
— etwa im vierten Lebensjahre des Kindes — geschah 
etwas Entscheidendes. Sie erkannte dunkel, daß sie auf 
dem Weg war, durch diese Haßreaktionen jede gute Be- 
ziehung zu der aus der ersten Kindheit doch sehr geliebten 
Mutter zu verlieren. Und um sich die Liebe zu ihr und 
noch viel mehr das Geliebtwerden durch sie, ohne daß 
sie nicht leben konnte, zu retten, machte sie eine gewal- 
tige Anstrengung „brav" zu werden. Sie trennte plötzlich 
wie mit einem Schnitt all diesen Haß und mit ihm ihr 
ganzes, aus analen und sadistischen Handlungen und 
Phantasien bestehendes Sexualleben von sich ab und 
stellte es ihrer eigenen Person als etwas Fremdes, nicht 
mehr Dazugehöriges, etwas „Teuflisches" gegenübe'r. Was 
zurückblieb, war nicht viel: eine kleine eingeschränkte 
Person, die ihr Gefühlsleben nicht voll zur Verfügung 
hatte, und deren große Intelligenz und Energie damit be- 
schäftigt waren, den „Teufel" in- der ihm aufgezwungenen 
Verdrängung zu erhalten. Für die Außenwelt blieb dabei 
nicht viel übrig als eine große Interesselosigkeit und laue 
Gefühle von Zärtlichkeit und Zuneigung zur Mutter, die 
nicht stark genug waren, um auch nur die geringste Be- 
lastung auszuhalten. Aber noch mehr als das: die Tren- 
nung ließ sich auch bei großem Energieaufwand nicht 

r 

9 b 






anhaltend durchführen. Der Teufel überwältigte sie gele- 
gentlich auf kurze Zeit, so daß Zustände entstanden, wo 
sie sich ohne rechten äußeren Anlaß auf den Boden hin- 
warf und schrie, in einer Weise, wie man sie früher wohl 
als Besessenheit gekennzeichnet hätte; oder wo sie sieh 
plötzlich ihrer anderen Seite überließ und mit vollem 
Genuß in sadistischen Phantasien schwelgte, sich etwa 
vorstellte, wie sie das Haus ihrer Eltern vom Dachboden 
bis zum Keller durchwanderte, alle Möbel und Gegen- 
stände, die sie vorfand, zerstückelte und zum Fenster 
hinauswarf, und allen Personen, die sie antraf, kurzer- 
hand den Kopf abschlug. Solche Überwältigungen des 
Teufels waren dann immer wieder von Angst und Reue 
gefolgt. Aber das abgetrennte Böse hatte noch eine wei- 
tere, noch gefährlichere Art, sie 'zu durchdringen Der 
„Teufel" liebte Kot und Schmutz; sie selbst fing allmäh- 
lich an, eine besondere Ängstlichkeit im Einhalten von 
Reinlichkeitsvorschriften zu entwickeln. Für den Teufel 
war das Kopfabschlagen eine Lieblingsbeschäftigung; sie 
mußte zu gewissen Zeiten morgens zu den Betten der 
Geschwister schleichen, um nachzusehen, ob alle noch 
am Leben waren. Der Teufel überschritt jedes mensch- 
liche Gebot mit Energie und Vergnügen; sie aber ent- 
wickelte abends vor dem Einschlafen eine Erdbebenangst, 
da jemand ihr beigebracht hatte, das Erdbeben sei die 
wirksamste Form, wie der liebe Gott die Menschen auf 
der Erde zu bestrafen pflege. So machte ihr tägliches 
Leben alle Anstalten, sich mit Ersatz-, Reue- und Buß- 
handlungen für die Taten des abgetrennten Bösen zu er- 

A. Freud 7 

97 



füllen. Wir würden sagen: der großartig angelegte Ver- 
such, sich die Liebe der Mutter zu erhalten, sozial und 
„brav" zu werden, war kläglich gescheitert; es war nichts 
daraus geworden als eine Zwangsneurose. 

Ich habe aber auch für diese infantile Neurose Ihr Inter- 
esse nicht wegen ihres schönen Aufbaues und der für 
dieses frühe Alter ungewöhnlich klaren Umgrenztheit der 
Symptome in Anspruch genommen. Was mich bewogen 
hat, sie Ihnen zu schildern, war ein besonderer Umstand, 
der mir während der therapeutischen Arbeit auffiel. 

In dem eben geschilderten Fall des elfjährigen Knaben, 
war — wie Sie sich erinnern — der Motor der Verdrän- 
gung die auf den Vater bezogene Kastrationsangst ge- 
wesen; natürlich war es auch die Kastrationsangst, die 
ich in der Analyse als Widerstand zu spüren bekam. 
Aber hier war etwas anders. Die Verdrängung oder viel- 
mehr die Spaltung der kindlichen Persönlichkeit hatte 
sich unter dem Druck der Angst vor dem Liebesverlust 
vollzogen. Die Angst muß unserer Vorstellung nach sehr 
intensiv gewesen sein, um eine so das ganze Leben 
störende Wirkung zu haben. Aber gerade diese Angst war 
in der Analyse nicht ernsthaft als Widerstand zu spüren. 
Unter dem Eindruck meines gleichbleibenden freundlichen 
Interesses fing die kleine Patientin an, ihre bösen Seiten 
in aller Ruhe und in aller Naturtreue vor mir auszu- 
breiten. Sie werden mir antworten, das sei nichts Auf- 
fälliges. Ich weiß, wir treffen oft genug erwachsene 
Patienten, die ihre Symptome mit bösem Gewissen ängst- 
lich vor aller Welt geheimhalten, und erst in der ge- 

98 



sicherten und von Kritik freien Atmosphäre der Analyse 
beginnen, sie preiszugeben, ja oft selbst hier erst ihren 
wirklichen Wortlaut kennenlernen. Aber das bezieht sich 
doch immer nur auf die Schilderung der Symptome; 
das freundliche Interesse und das Ausbleiben der erwarte- 
ten Kritik reichen doch niemals dazu aus, Verwandlungen 
an ihnen vorzunehmen. Gerade das aber war es, was sich 
hier vollzog. Als zu meinem Interesse und dem Mangel 
an Verurteilung von meiner Seite auch noch eine Herab- 
setzung der strengen Anforderungen im Elternhause da- 
zutrat, da geschah es, daß sich unter den Augen der 
Analyse plötzlich eine Angst in den dahinter versteckten 
Wunsch, eine Reaktionsbildung in den abgewehrten Trieb, 
eine Vorsicht in die dahinter liegende Morddrohung ver- 
wandelte. Die Angst vor dem Liebesverlust aber, die 
sich doch in starken Ausbrüchen einer solchen Umstellung 
entgegensetzen sollte, meldete sich fast gar nicht. Der 
Widerstand von dieser Seite war geringer als der von 
irgendeiner anderen. Es war, als ob das kleine Mäd- 
chen sagen würde: „Wenn du es nicht so arg findest, 
dann finde ich es auch nicht so arg.« Und in dieser Ver- 
minderung ihrer Forderungen an sich selbst vollzog sie 
mit dem Gang der Analyse fortschreitend allmählich 
wieder die Einverleibung all der Strebungen, die sie vor- 
her mit solchem Kraftaufwand von sich gewiesen hatte: 
die inzestuöse Liebe zum Vater, den Männlichkeits- 
wunsch, die Todeswünsche gegen die Geschwister, die 
Anerkennung ihrer kindlichen Sexualität, und stockte 
nur mit dem einzig ernsthaften Widerstand eine Weile 



99 



vor dem, was ihr als das Böseste von allem erschien, 
der Anerkennung des direkten Todeswunsches gegen die 
Mutter. 

Das aher ist nicht das Benehmen, das wir von einem 
regelrechten Üher-Ich zu sehen gewohnt sind. Wir lernen 
doch am erwachsenen Neurotiker, wie unangreifbar durch 
die Vernunft das Über-Ich ist, wie es sich jedem Ver- 
such der Beeinflussung von außen standhaft widersetzt 
und wie es sich in seinen Forderungen nicht herab- 
mindern läßt, ehe wir es nicht in der Analyse historisch 
zersetzt und jedes einzelne Gebot und Verbot auf die 
Identifizierung mit einer der in der Kindheit wichtigen 
und geliebten Personen zurückgeführt haben. 

Meine Damen und Herren, ich meine, wir sind hier 
auf den wichtigsten prinzipiellen Unterschied zwischen 
der Erwachsenenanalyse und der Kinderanalyse gestoßen. 
Wir befinden uns in der Situation der Erwachsenenana- 
lyse, wo das Über-Ich seine von der Außenwelt unbe- 
einflußbare Selbständigkeit bereits erreicht hat. Hier haben 
wir nichts anderes zu tun, als alle dem Es, dem Ich und 
dem Über-Ich angehörigen Strebungen, die an der Bil- 
dung des neurotischen Konflikts beteiligt waren, durch 
Bewußtmachung auf das gleiche Niveau zu heben. Auf 
diesem neuen Niveau des Bewußten wird dann der Kampf 
in neuer Weise ausgetragen und zu einem anderen Ende 
geführt. Zur Kinderanalyse aber müssen wir alle jene 
Fälle rechnen, bei denen das Über-Ich noch keine rechte 
Selbständigkeit erlangt hat, noch allzu deutlich seinen 
Auftraggebern, den Eltern und Erziehungspersonen zu- 



100 



liebe arbeitet und in seinen Forderungen alle Schwan- 
kungen des Verhältnisses zu diesen geliebten Personen 
wie auch alle Veränderungen in deren eigenen Ansichten 
mitmacht. Auch hier arbeiten wir wie in der Erwach- 
senenanalyse rein analytisch, soweit es sich darum han- 
delt, schon verdrängte Teile des Es und des Ich aus dem 
Unbewußten zu befreien. Die Arbeit am kindlichen Über- 
ich aber ist eine doppelte: analytisch in der historischen 
Zerlegung von innen her, soweit das Über-Ich schon 
Selbständigkeit erlangt hat, aber außerdem erzieherisch 
beeinflussend von außen her durch Veränderungen im 
Verhältnis zu den Erzieherpersonen, durch die Schaffung 
neuer Eindrücke und durch die Revision der Anforde- 
rungen, die von der Außenwelt an das Kind gestellt werden. 

Kehren wir hier noch einmal zu meiner kleinen Pa- 
tientin zurück. Wäre sie nicht als sechsjähriges Kind in 
Behandlung gekommen, dann wäre ihre infantile Neu- 
rose vielleicht wie so viele andere in eine Spontanheilung 
ausgelaufen. Als ihr Erbe hätte sich dann allerdings ein 
strenges Über-Ich aufgerichtet, das dem Ich starre Forde- 
rungen präsentiert und sich jeder späteren Analyse als 
schwer überwindlicher Widerstand entgegengesetzt hätte. 
Aber ich meine: dieses strenge Über-Ich steht am Aus- 
gang und nicht am Anfang der kindlichen Neurose. 

Ich beziehe mich zur Erläuterung des hier Gesagten 
noch auf eine Mitteilung, die Dr. M. W. Wulff gerade 
gleichzeitig in unserer Zeitschrift macht. 1 Er berichtet 



i) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XIII, Heft 3 

(•927)- 



IP1 



dort über phobische Angstanfälle bei einem eineinha lb- 
jährigen Mädchen. Die Eltern dieses Kindes waren offen- 
bar zu früh mit Reinlichkeitsanforderungen an es heran- 
getreten. Die Kleine konnte diesen Ansprüchen nicht 
nachkommen, begann verstört zu werden, und fürchtete 
sich, man könnte sie fortschicken. Ihre Angst steigerte 
sich zu Anfällen, wenn es dunkel wurde, bei fremden 
Geräuschen, z. B. wenn jemand an die Tür klopfte. Sie 
wiederholte immer wieder die Frage, ob sie auch gut 
sei, und die Bitte, man solle sie doch nicht weggeben. 
Die besorgten Eltern wendeten sich an Dr. Wulff um Rat. 

Ich meine, das Interessante an dieser frühen Krankheits- 
erscheinung ist, daß die Angst der Kleinen, die Dr. Wulff 
auch sofort als Angst vor dem Liebesverlust bezeichnet, 
sich in nichts von der Gewissensangst eines erwachsenen 
Neurotikers unterscheidet. Sollen wir aber in diesem 
Falle an eine so frühe Entwicklung des Gewissens, also 
des Über-Ichs, glauben? 

Dr. Wulff erklärt den Eltern, daß das kleine Mäd- 
chen offenbar die Anforderung der Reinlichkeit aus 
irgendeinem Grund noch nicht vertragen kann, und rät 
ihnen, die Erziehung in dieser Hinsicht noch etwas auf- 
zuschieben. Die Eltern sind verständig genug, nachzu- 
geben, sie setzen dem Kinde auseinander, daß sie es auch 
lieb behalten, wenn es sich naß macht, und versuchen 
es, so oft das Nässen vorkommt, immer wieder mit Liebes Ver- 
sicherungen zu beruhigen. Der Erfolg ist, wie Dr. Wulff 
schreibt, frappant; nach einigen Tagen ist das Kind 
ruhig und angstfrei. 



Eine solche Therapie ist natürlich nur sehr selten 
und nur bei sehr kleinen Kindern möglich; ich möchte 
nicht den Eindruck bei Ihnen erwecken, daß ich sie als 
die einzig mögliche empfehle. Aber Dr. Wulff hat hier 
die therapeutische Probe gemacht, die einzige, die uns 
Aufschluß über das Kräftespiel geben kann, das der 
Angst zugrunde liegt. Wäre das Kind wirklich an einer 
zu strengen Forderung des Über-Ichs erkrankt gewesen, 
so hätten die Versicherungen der Eltern ja gar keinen 
Einfluß auf sein Symptom haben können. Wenn aber 
die Ursache seiner Angst die reale Furcht vor dem Miß- 
fallen der wirklich in der Außenwelt vorhandenen El- 
tern — nicht ihrer Imagines — war, dann ist es leicht 
verständlich, daß sich seine Krankheit beseitigen ließ. 
Dr. Wulff hatte eben ihre Ursache aus der Welt geschafft. 

Eine ganze Anzahl anderer kindlicher Reaktionen läßt 
sich in gleicher Weise nur aus dieser Beeinflußbarkeit 
des Über-Ichs in frühen Jahren erklären. Durch Ver- 
mittlung von Dr. Ferenczi erhielt ich Einblick in die 
Aufzeichnungen einer Lehrerin an einer der modernen 
Schulen Amerikas, der Waiden School. Diese psychoana- 
lytisch gebildete Lehrerin schildert, wie neurotische Kinder 
aus strengem Milieu, die noch im Kindergartenalter in 
ihre Schule eintreten, sich nach einer mehr oder weniger 
kurzen Zeit der erstaunten Zurückhaltung in die außer- 
ordentlich freie Atmosphäre einleben und allmählich ihre 
neurotischen Symptome, meist Reaktionen auf die Onanie- 
abgewöhnung, verlieren. Wir wissen, ein ähnlicher Effekt 
wäre beim erwachsenen Neurotiker unmöglich. Je freier 

io3 



das Milieu ist, in das er sich versetzt fühlt, desto mehr 
steigert sich seine Angst vor dem Trieb und mit ihr 
seine neurotischen Abwehrreaktionen, seine Symptome. Die 
Forderungen, die sein Über-Ich an ihn stellt, sind durch 
das ihn umgebende Milieu nicht mehr beeinflußbar. Das 
Kind dagegen, das einmal mit der Herabminderung 
seiner Forderungen anfängt, ist viel eher geneigt, darin 
sehr weit zu gehen, sich mehr zu erlauben, als sogar 
die freieste Umwelt ihm zu gestatten bereit ist. Auch 
in diesem Punkt kann es dann die Beeinflussung von 
außen nicht entbehren. 

Und nun zum Schluß noch ein sehr harmloses Bei- 
spiel. Ich hatte vor kurzem Gelegenheit, das Gespräch 
eines fünfjährigen Jungen mit seiner Mutter zu belauschen. 
Dem Kleinen war es eingefallen, sich ein lebendiges 
Pferd zu wünschen; die Mutter sträubte sich aus guten 
Gründen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. „Es macht 
nichts", sagte er darauf, gar nicht niedergeschlagen. „Dann 
wünsche ich es mir eben zum nächsten Geburtstag." Die 
Mutter versichert, auch da werde er es nicht bekommen. 
„Dann wünsche ich es mir zu Weihnachten", meint er, 
„da bekommt man doch alles." Nein, nicht einmal zu 
Weihnachten, versucht die Mutter ihn zu enttäuschen. 
Er denkt einen Augenblick nach. „Und es macht doch 
nichts", sagt er dann triumphierend. „Dann kaufe ich 
es mir eben selbst. Denn ich erlaube es mir." Sie 
sehen, meine Damen und Herren, schon zwischen dieser 
inneren Erlaubnis und dem von außen aufgezwungenen 
Verbot entsteht der Konflikt, der dann alle möglichen 

104 



Ausgänge nehmen kann: in Auflehnung und Dissozialität, 
in Neurose, glücklicherweise auch häufig in Gesundheit. 
Jetzt aber noch ein Wort über die pädagogische Ein- 
stellung des Kinderanalytikers. Wenn wir erkannt haben, 
daß die Mächte, mit denen wir bei der Heilung der 
kindlichen Neurose zu kämpfen haben, nicht nur innere 
sind, sondern zum Teil auch äußere, dann haben wir 
auch ein Recht zu fordern, daß der Kinderanalytiker 
die äußere Situation, in der das Kind steht, richtig ein- 
zuschätzen versteht, ebenso wie wir verlangen, daß er 
die innere Situation des Kindes zu erfassen vermag. Für 
diesen Teil seiner Aufgabe aber braucht der Kinder- 
analytiker die theoretische und praktische pädagogische 
Kenntnis. Sie ermöglicht es ihm, die Erziehungseinflüsse, 
unter denen das Kind steht, z.u durchschauen, zu kriti- 
sieren und — wenn es sich als notwendig erweist — 
den Erziehern des Kindes für die Dauer der Analyse 
ihre Arbeit aus der Hand zu nehmen, um sie selbst zu 
verrichten. 



io5 



INHALTiSVEB.ZEICHNIS 

Seite 
E-mitinruiig in die Technik der Kinderanalyse 

(Vier Vorlesungen am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen 
v Vereinigung) 

Erste Vorlesung 

Die Einleitung der Kinderanalyse 5 

Zweite Vorlesung 
Die Mittel der Kinderanalyse .24 

Dritte Vorlesung 
Die Rolle der Übertragung in der Kinderanalyse .... 45 

Vierte Vorlesung 
Das Verhältnis der Kinderanalyse zur Erziehung .... 65 

Zur Theorie der Kinder analyse ....... "\ . 89 

(Vortrag auf dem X. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 
in Innsbruck, am 5. September 1927) 



-SIEGFRIED BERNFELD 

SI5YPH05 

ODER 

DIE GRENZEN DER ERZIEHUNG 

Geheftet M f.—, Ganzleinen M 6.JO 

Der geistreichste unter den Schülern des großen, genialen Sigmund 
Freud hat da den Pädagogen ein Büchlein gewidmet, das sie hoffentlich 
lesen und sobald nicht vergessen werden. Ich meinerseits glaube, daß 
seit langem im fragwürdigen Bereich der Pädagogik keine wichtigere 
Erscheinung zu verzeichnen war, als diese Schrift. Übrigens auch keine 
bei allem bitteren Ernst witzigere und vergnüglichere. (Gustav Wyneken 
im Berliner Tageblatt.) 

Ein geistreicher Beobachter der jungen Brut hat ein Buch heraus- 
gebracht, das er mit kühnem Mute „Sisyphos" nennt . . . Bernfeld sieht 
die Welt von einer Brücke, deren Köpfe auf Freud gestützt sind und 
auf Marx. Die bürgerliche Gesellschaft sieht er als einen Ozean der 
Lüge, auf dem die angeblichen Ziele der Erziehung treiben wie ver- 
faulte Schiffstrümmer. (Fritz Witteis im Tag.) 

Die glänzende Programmrede des Unterrichtsministers reicht an Anatole 
France heran und könnte in der Insel der Pinguine stehen. (Die Mutter.) 
Geistreiche Sachlichkeit und anmutige Ironie. (Ostseezeitung.) 

Bernfelds Buch ist natürlich, wesentlich und notwendig . . . Vollzieht in 
eigenkräftiger Klarheit die Paarung oder besser: die Durchdringung 
Freud-Marx . . . Sezierarbeit am didaktischen Größenwahn. (Paul Oest- 
reich in Die neue Erziehung.) 

Selten sind die scheinbar so sicheren Grundlagen der Pädagogik so gründ- 
lich unterwühlt worden, wie in dem vorliegenden geistreichen Buche. 
(Zeitschr. f. Sexualwissenschaft.) 

Überaus farbige und temperamentvolle Schrift. Durch den hinter der 
Oberschicht einer feinen ironischen Plauderei spürbaren sittlichen Ernst 
sympathisch. (Prof. Storch im Zbl. f. d. ges. Neural, u. Psychiatrie.) 

Vielleicht der erste Versuch, mit biologischem Büstzeug das Erziehungs- 
problem zu klären. Während bisher die Erziehung eigentlich als Kunst 
gewertet war, wird hier der Versuch gemacht, sie exakt wissenschaftlich 
zu begründen. (Zeitschrift für Kinderforschung.) 



iler .Psyche 



aler -Fsycboanalytisck 

Wien I, In der Börse 



er 



Verl, 



Pr 



essestimmen 



über „Siegfried Bernjeld: /Sisyphos 






Ein Buch, das alle Kulissen unserer pädagogischen Verbrämungen beiseite schiebt und 
jene Stelle aufdeckt, und zwar mit unwiderleglichen Griffen und Schlüssen, an der 
die wirklichen pädagogischen Probleme, nämlich, die Verankerung der Staatsmacht 
in der Schule, bloßgelegt werden, nüchtern, leidenschaftlich, hinreißend. 

(Arnold Zweig auf eine Umfrage im Tagebuch über „das beste Buch des Jahres",) 

Außerordentlich geistvolle, glänzend geschriebene, tiefgründige Studie . . . Ungemein 
anregend die geistsprühende Interpretation Freudscher Theorie . . . Ein literarischer 
Leckerbissen. (Basler TS achrichten) 

Mit seltener Schärfe und Konsequenz bohrt er sich kritisch in das Problem der Möglich- 
keit der Erziehung hinein und zwingt zum Mitdenken. (Leipziger Lehrerzeitung) 

Der Leser wird das Buch nicht eher aus der Hand legen, bis er das letzte Wort ver- 
schlungen hat und erschüttert von der Wahrheit der Dinge, die Grenzen der Erziehung 
mit Bernfeld bejaht. (Jüdisches Echo) 

Anhängern und Gegnern der sozialistischen und psychoanalytischen Lehren sei dies 
Buch empfohlen. Es wird manche Leser unterhalten, andere auffrischen, manche nach- 
denklich stimmen und jedem die Möglichkeit bieten, durch den Vergleich konservativer 
und revolutionärer Anschauungen zu lernen. (Prof, Fi-iedländer in der Umschau) 

Einen ernsthaften Versuch, marxistische Gesellscliaftstheorie in Zusammenhang zu 
bringen mit Freudscher Psychoanalyse macht Bernfeld ... Im Gewände eines Skeptikers 
und Pessimisten, aber eben nur im Gewände,' im literarisch glänzenden Florettgefecht, 
stößt Bernfeld insofern ins Herz, in den Kern der Sache, als er Änderung der Erziehungs- 
organisation allein abhängig sieht von Änderung der gesellschaftlichen Struktur. 

(Dr. Karl Schröder im Vorwärts, BerlinJ 

Fasziniert durch das eigenartige Nebeneinander kältester Skepsis und eines fast fanati- 
schen Bekennertums. (H. Hartmann in Grundlagen der Psychoanalyse) 

Unterhält auf die geistreichste Art und regt zu hurtigerem Nachdenken an, als manches 
(als vieles) andere. ! Literarische Beilage zur Sächsischen Schulzeitung) 

Zwei große Gestirne leuchten über Bernfelds Ausführungen: Marx und Freud; und sie 
haben ihn zu einer meisterhaften Satire inspiriert. (Linzer Tagblatt) 

Dieses Buch ist jedem sozialistischen Pädagogen wie überhaupt jedem pädagogischen inter- 
essierten Menschen — und wer wäre das nicht — zu empfehlen. (LeipzigerVolkszeitung) 

Das unterhaltliche Buch entläßt den Leser nicht ganz hoffnungsarm, wie man nach 
dem Titel fürchten müßte, der ebenso wie der Stil von Lessing herkommt. 

(Arbeiterzeitung, Wien; 

Fußend auf den Lehren des „großen Freud" und des „großen Marx", bringt Bernfeld 
im einzelnen oft feingeschnitten, immer geistvolle Gedanken, die den Leser in seinem 
Bann halten . . . Jedem Gebildeten als anregende Lektüre empfohlen. 

(Prof. Stier in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift) 

Bernfeld ist einer der wenigen, die als Marxisten und Psychoanalytiker gleich be- 
ichlagen sind. Der Sisyphos ist eines der prinzipiellsten Bücher zu Erziehungsfragen, 
die es überhaupt gibt; seine Lektüre erspart die Durcharbeitung ganzer pädagogischer 
Bibliotheken. (Jungsozialistische Blätter) 



AUGUST AICHHORN 

VERWAHRLOSTE 
JUGEND 

Geheftet M p.— , Ganzleinen M II.— 

Aus dem Geleitwort von Prot. oigm. Freud: 

„Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine so viel Inter- 
esse gewonnen, so viel Hoffnungen erweckt und demzufolge so viele 
tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die auf die Theorie und Praxis 
der Kindererziehung. Dies ist leicht zu verstehen. Das Kind ist das haupt- 
sächliche Objekt der psychoanalytischen Forschung geworden; es hat in 
dieser Bedeutung den Neurotiker abgelöst, an dem sie ihre Arbeit be- 
gann. Die Analyse hat im Kranken das wenig verändert fortlebende 
Kind aufgezeigt, wie im Träumer und im Künstler, sie hat die Trieb- 
kräfte und Tendenzen beleuchtet, die dem kindlichen Wesen sein ihm 
eigenes Gepräge geben, und die Entwicklungswege verfolgt, die von 
diesem zur Reife des Erwachsenen führen. Kein Wunder also, wenn die 
Erwartung entstand, die psychoanalytische Bemühung um das Kind werde 
der erzieherischen Tätigkeit zugute kommen, die das Kind auf seinem 
Weg zur Reife leiten, fördern und gegen Irrungen sichern will . . . Mein 
persönlicher Anteil an dieser Anwendung der Psychoanalyse ist sehr 
geringfügig gewesen. Ich hatte mir frühzeitig das Scherzwort von den 
drei unmöglichen Berufen - als da sind: Erziehen, Kurieren, Regieren — 
zu eigen gemacht, war auch von der mittleren dieser Aufgaben hinreichend 
in Anspruch genommen. Darum verkenne ich aber nicht den hohen sozia- 
len Wert, den die Arbeit meiner pädagogischen Freunde beanspruchen 
darf. — Das vorliegende Buch des Vorstandes A. Aichhorn beschäftigt 
sich mit einem Teilstück des großen Problems, mit der erzieherischen 
Beeinflussung der jugendlichen Verwahrlosten. Der Verfasser hatte in 
amtlicher Stellung als Leiter städtischer Fürsorgeanstalten lange Jahre 
gewirkt, ehe er mit der Psychoanalyse bekannt wurde. Sein Verhalten 
gegen die Pflegebefohlenen entsprang aus der Quelle einer warmen 
Anteilnahme an dem Schicksal dieser Unglücklichen und wurde durch 
eine intuitive Einfühlung in deren seelische Bedürfnisse richtig geleitet." 



Internationaler 



-Psyckoanalytiscker Verlat 



Wien L Li der Bora 



Pr 



essestimmen 



über „A-ichhorn: Verwahrloste Jugend 



Aichhorns Buch trägt die Bestimmung in sich, an aufklärender Er- 
ziehungsarbeit viel beizusteuern. Durch die Bildhaftigkeit seiner Aus- 
drucksweise, durch seine geschickte Verbrämung der praktischen Für- 
sorgeergebnisse mit den theoretischen Erklärungen hat er diesen zehn 
Vorträgen die Spannung von der ersten bis zur letzten Seite erhalten. 

(Soziale Arbeit) 

Wer sich für die Probleme der Verwahrlosung interessiert, wird an dem 
Buche von Aichhorn nicht vorübergehen können und die dort geschil- 
derten Fälle eingehend studieren müssen. (Preußische Lehrerzeitung) 

Dieses Buch ist dazu angetan, alle, die in der Erziehungsarbeit stehen, 
hellhörig und besinnlich zu machen. (Soziale Berufsarbeit) 

Von besonderem Interesse ist die Schilderung der Erziehungsmethoden, 
die der Verf. anwendet, und die zweifellos eine glückliche pädagogische 
Treffsicherheit in der Erfassung des im gegebenen Moment einer be- 
stimmten Individualität gegenüber Angebrachten verraten. 

(Zeitschrift f. Sexualwissenschaft) 

Fragt man nun danach, wo denn in der deutschen Gegenwartspädagogik 
der Geist Pestalozzis am lebendigsten vertreten bleibt: ... in der Praxis 
der österreichischen Volksschulreform, in dem neuen Verwahrlosten- 
Erziehungswesen, über dessen Wiener Ausgestaltung uns Aichhorn so 
schön zu berichten weiß. (Das Deutsche Buch) 

Solche Bücher, solche Männer möchten wir in reichlicher Anzahl unseren 
Massen zuführen und ihnen sagen können: „Seht Ihr's? So geht's auch!" 

(Ne'pszava, Budapest) 

Jeder, der jemals erzieherisch tätig war, wird Aichhorn für sein Werk 
dankbar sein; und wer hat nicht wenigstens einmal in seinem Leben 
vor der Aufgabe gestanden, erziehen zu müssen: und wäre es nur die 
eine lebenslängliche erzieherische Tat, — sich selbst zu erziehen. 

(Pester Lloyd) 

Wir begrüßen das Buch in doppelter Hinsicht: einerseits als Lehrbuch und 
anderseits als Führerbuch für diese wichtige Fürsorgefrage . . . Dieses 
Buch ist auch ein persönliches Dokument und zeigt, wie ein Praktiker 
in unermüdlicher und selbstverleugnender Tätigkeit einer wissenschaft- 
lichen Theorie, deren Erkenntnisgebiet außerhalb des Greifbaren liegt, 
Leben geben kann. (Blätter f. d. Wohlfahrtswesen d. Gemeinde Wien) 






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in die lecnnik der 

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Von • 

Annalreud 



jCweite, vermehrte Aufläse 



Internationaler 

Psychoanalytischer Verlag 

Wien