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Full text of "Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Zur Wechselwirkung von Theorie und Praxis"

^NEUE ARBEITEN ZUR ÄRZTLICHEN PSYCHOANALYSE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

HEFT I 



Entwicklungsziele 
der Psychoanalyse 

Zur Wechselbeziebung von 
Theorie und Praxis 



von 



Dr. S. Ferenczi 



und 



Dr. Otto Rank 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN, VII. ANDREASGASSE 3 



Bücher von Dr. S. Ferenczi 



Introjektion und Übertragung. Eine psycho- 
analytische Studie. {Sonderabdruck aus „Jahrb. 
f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen" 
I. Bd. 1909). Leipzig u. Wien 1910. [Als 
Sonderabdruck vergriffen.} 



Hysterie und Pathoneurosen. (Internationale 
Psychoanalytische Bibliothek, Nr. II). Leipzig, 
Wien, Zürich 1912 

Inhalt: Über Pathoneurosen — Hysterische Materialisations- 
phänomene — Erklärungsversuch einig-er hysterischer Stig- 
mata- — Technische Sdiwierigkeiten einer Hysterieanalyse. — 
Die Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypo- 
chondrie. — Über zwei Typen tler Kriegshysterie. 



Populäre Vortrage über Psychoanalyse. 

(Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 
Nr. XIII). Leipzig, Wien, Zürich 1922 

Inhalt: Über Aktual- und Psychoneurosen im Lichte der 
Freud'schen Fors<iiungen und über Psychoanalyse. — Zur 
analytischen Auffassung der Psychoneurosen. — Die Psycho- 
analyse der Träume. — Träume der Ahnung-slosen. — Sug- 
gestion und Psychoanalyse. — Die wissenschaftliche Bedeutung 
von Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". — Die 
Psychoanalyse des Witzes und des Komischen. — Ein Vortrag 
für Richter und Staatsanwälte. — Psychoanalyse und Krimi- 
nologie» — Philosophie und Psychoanalyse. — Zur Psycho- 
genese der Mechanik. — Nachtrag 2ur Psychogenese der 
MedKanik. — Symbolische Darstellung des Lust- und 
Realitätsprinzips im Ödipus-Mythus. — Cornelia, die Mutter 
der Gracchen. — Anatole France als Analytiker. — Zähmung 
dnes wilden Pferdes. — Glaube, Unglaube und Überzeugung. 



Versuch einer Genitaltheorie. (Internationale 
Psychoanalytische Bibliothek, Nr. XV). Leipzig, 
Wien, Zürich 1924 

Contributions to Psychoanalysis. Authorised 
translation by Dr. Ernest Jones. Boston 1916 



Lelekelemzes. 3. Auflage, Budapest 1919 
Lelki Problemäk. 2. Auf läge, Budapest 1919 
Ideges tünetek. 2. Auflage, Budapest 1919 
A Pszichoanalizis haladäsa. Budapest 1919 
A hiszteria. Budapest 1919 



Mit Dr. St. Hollös 

Zur Psychoanalyse der paralytischen 
Geistesstörung. (Beihefte der Internationalen 
Zeitschrift für Psychoanalyse Nr. V). Leipzig, 
Wien Zürich 1922 



Mit Dr. Otto Rank 

Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Zur 

Wechselbeziehung- von Theorie und Praxis. 
(Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse. 
Heft 1). Leipzig, Wien, Zürich 1924 



Festschrift 

zum 50. Geburtstag von Dr. S. Ferenczi 

(Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse IX/3) 

178 Selten, mit einer Porträtbeilage 
Brosdi., in Halbleinen und in Halbleiler erhältlich 



Inhalt: 



■ierausgeber und Redaktion: Dr. S. Ferenczi. 

)r. Ernest Jones (London): Kälte, Krankheit und 
Geburt. 

•r. M. Josef Eisler (Budapest): Über hysterische Er- 
scheinungen am Uterus. 

r. J. Härnik (Berlin): Schicksale des Narzißmus bei 
Mann und Weib. 

r. Imre Hermann (Budapest): Organlibido und Be- 
gabung. 

■. Stefan H o 1 1 6 s (Budapest): Von den „ Pathoneurosen" 
zur Pathologie der Neurosen. 



Melanie Klein (Berlin): Die Rolle der Schule in der 
libidinösen Entwicklung des Kindes. 

Aurel Kolnai (Wien); Die geistesgeschichtliche Be- 
deutung der Psychoanalyse. 

Dr. Sigmund Pfeifer (Budapest): Königin Mab. 

Dr. Sändor Radö (Budapest): Eine Traumanalyse. 

Dr. Geza Roh ei m (Budapest); Heiliges Geld in 
Melanesien. 

Dr. Geza Szilägyi (Budapest): Der junge Spiritist. 

Verzeichnis der wissenschaftlichen Arbeiten von Dr. S- 
Ferenczi. 



w 



Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 



Heft I 



Entwicklungsziele 
der Psychoanalyse 

Zur Wechselbeziehung von 
Theorie und Praxis 



> von 



Dr. S. Ferenczi 

und 

Dr. Otto Rank 



1934 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Zürich 




*.*Mi*8 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



. ^ Alle Rechte 

m^^esonäere die der Übersetzung vorbehalten 

»,_ T„+ ,. Copyright 1924 

by „mternatxonaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. n,. b. H .«. Wien 



Gesellschaft für Graphische Industrie 



A.-G., Wien, 111., Rfidengasse Nr. n 



Vorwort 



r 

K^ Einem Gedankenaustausch über aktuelle Probleme der Psycho- 

W analyse im Sommer 1922 entsprang der Plan, gewisse theoretische 
und praktische Schwierigkeiten, die sich uns und — wie wir ver- 
muten durften — auch anderen ergeben hatten, in einer Arbeit 
I gemeinsam zu behandeln und zu lösen; der kritische Teil der 
Arbeit ist ursprünglich von einem der Autoren (Perenczi), der 
positive Abschnitt („Die analytische Situation") vom anderen (Rank) 
verfaßt und niedergeschrieben worden; beide Teile lagen bereits 
vor dem Berliner Psychoanalytischen Kongreß (September 1922) 
in der ersten Fassung fertig vor und sind später gemeinsam 
überarbeitet worden. 

An diesem Kongreß stellte nun Professor Freud das 
„Verhältnis der analytischen Technik zur analytischen Theorie" 
zum Thema einer Preisarbeit, die untersuchen sollte, „inwiefern 



^ilL31§5^ife--^lö^^^°^'^^® ^^®^^^ßt h^t und inwieweit die beiden 
einande r gegenwärti g fördern oder be hindern". 

Da sich nun dieses Thema mit den von uns behandelten 
Problemen eng berührte, lag es nahe, unsere Ausführungen im 
Sinne des allgemeineren Preisthemas auszugestalten. Wir ver- 
suchten also durch Abfassung eines Abschnittes über die Wechsel- 
wirkungen von Theorie und Praxis sowie Veränderungen am 
Texte selbst dieser Aufgabe zu entsprechen. Es gela ng uns aber 
ni cht, der umfassenderen Probl emstellung gerec ht zu werden, 
weshalb wir auf die Teilnahme an dem Preisbewerb verzichten 



mußte n, der übrigens auch sonst ergebnislos geblieben war. 
Inzwischen hatten sich uns wieder vielfach neue Gesichts- 
punkte ergeben, deren Bearbeitung aufgeschoben werden mußte, 
bis es möglich wurde, die Arbeit in ihrer vorliegenden Form 
abzuschließen, deren Mängel und Inkongruenzen durch den Hin- 
weis auf diese Entstehungsgeschichte entschuldigt sein mögen. 



Kiobenstein am Ritten, August 1923. 



„. . . Das bloße Anblicken einer Sache kann uns nicht fördern. Jedes 
Ansehen g^eht über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes 
Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, daß wir schon bei jedem 
aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren. 

Dieses aber mit Bewußtsein, mit Selbstkenntnis, mit Freiheit und, um 
uns eines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tan und vorzunehmen: 
eine solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der wir uns 
fürchten, unschädlich und das Erfahrungsresultat, das wir hoffen, recht 
lebendig und nützlich werden soll." Goethe. 



Einleitung 



Die psychoanalytische Methode entwickelte sich bekanntlich 
im Laufe von etwa dreißig Jahren aus einem schlichten ärztlich- 
therapeutischen Verfahren zur Behandlung gewisser neurotischer 
Störungen zu einem umfangreichen wissenschaftlichen Lehrgebäude, 
das sich allmählich aber stetig vergrößerte und zu einer neuen 
Weltauffassung zu führen scheint. 

Wollte man den Gang dieser Entwicklung im einzelnen ver- 
folgen und dabei die wechselseitige Beeinflussung der thera- 
peutischen Methodik und ärztlichen Technik einerseits, ihres 
wissenschaftlichen Ausbaues andererseits im Detail studieren, so 
hieße dies nichts weniger als eine Fortsetzung zur „Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung"^ schreiben. Bei Inangriffnahme 
dieser heute noch unlösbaren Aufgabe wäre es aber unvermeidlich, 
auch Probleme zu berühren, die weit über das Thema der 
Psychoanalyse als solches hinausgehen und das Verhältnis zwischen 
den von einer Wissenschaft verarbeiteten Tatsachen und dieser 
selbst zum Gegenstand hätten. Ist diese Aufgabe schon an und 
für sich äußerst schwierig, weil sie bis zu den Grundfragen unserer 
ganzen wissenschaftlichen Methodik führt, so wird sie fast unlösbar 
für die Psychoanalyse, die sich eben noch in Entwicklung befindet 



1 Siehe Freud: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 
(Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge). 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



und wo wir als unmittelbar an diesem Prozeß beteiligte, sozusagen 
mitten drin stehende Vertreter beider Gruppen, d. h. der ärztlich- 
therapeutischen sowohl als der wissenschaftlich-theoretischen, sehr 
schwer zu einer objektiven Erfassung des Tatbestandes dieser 
wechselseitigen Beziehungen gelangen können. 

Tatsächlich ist nicht zu leugnen, daß in den letzten Jahren eine 
zunehmende Desorientiertheit der Analytiker, insbesondere inbezug 
auf die praktisch-technischen Fragen Platz gegriffen hat. Im Gegen- 
satz zum rapiden Anwachsen der psychoanalytischen Lehre ist das 
technisch-therapeutische Moment, das ja der ursprüngliche Kern 
der Sache und auch der eigentliche Ansporn zu jedem bedeutenden 
Fortschritt der Theorie gewesen ist, zweifellos auch in der 
Literatur auffällig vernachlässigt worden.^ Das könnte den Anschein 
erwecken, als wäre die Entwicklung der Technik inzwischen 
stille gestanden, insbesondere da Freud selbst in diesem Punkte 
bekanntlich immer äußerst zurückhaltend war, so daß er z. B. seit 
beinahe zehn Jahren keine technisch orientierte Arbeit 
veröffentlicht hat. Seine wenigen technischen Artikel (die in der 
Sammlung kleiner Schriften, IV. Folge, gesammelt sind) waren 
auch für die Analytiker, die sich nicht selbst einer Analyse unter- 
zogen, die einzigen Richtlinien ihres therapeutischen Tuns, obwohl 
sie, auch nach Freiids eigener Ansicht, sicherlich unvollständig 
und in gewissen Punkten auch durch die seitherige Entwicklung 
überholt, einer Modifikation bedürftig scheinen. So ist es erklärlich, 
daß die große Zahl derjenigen Analytiker, die auf das literarische 
Studium angewiesen waren, allzu starr an diesen technischen 
Regeln fixiert blieben und den Anschluß an die Fortschritte, die 



^ Eine Ausnahme bilden die Versuche F e r e n c z i s, die Notwendigkeit 
eines aktiven Eingreifens in der Technik zu begründen, welche Versuche 
aber von der Mehrzahl der Analytiker entweder ignoriert oder mißverständlich 
ausgelegt wurden, vielleicht weil der Autor damals in Betonung des neuen 
Gesichtspunktes zu wenig Wert darauf gelegt hatte, den Leser darüber zu 
orientieren, wie sich dieser Gesichtspunkt in die bisherige Theorie und 
Technik einordnen läßt (s. bes. »Weiterer Ausbau der aktiven Technik in der 
Psa.« Zeitschr. VII., 1922). 



die Wissenschaft der Psychoanalyse inzwischen gemacht hatte, 
nicht finden konnten. 

Unzufrieden mit diesem Stand der Dinge, fühlten wir uns 
wiederholt dazu gedrängt, in der praktischen Arbeit innezuhalten, 
um uns über diese Schwierigkeiten und Probleme Rechenschaft 
zu geben. Dabei fanden wir denn auch, daß unser technisches 
Können inzwischen nicht unbedeutende Fortschritte gemacht hatte, 
deren volle bewußte Erfassung und Würdigung uns auch in den 
Stand setzte, unser Wissen nicht unbeträchtlich zu erweitern. Wir 
fanden es schließlich notwendig, angesichts eines offenbaren 
allgemeinen Bedürfnisses nach Klärung der Sachlage, diese unsere 
Erfahrungen auch anderen mitzuteilen und glauben dies am besten 
in der Weise zu tun, daß wir zunächst darzustellen versuchen, wie 
wir heute die Psychoanalyse betreiben und was wir jetzt darunter 
verstehen. Erst dann wird es uns möglich sein, die Ursachen der 
heute allenthalben hervortretenden Schwierigkeiten zu verstehen 
und ihnen — wie wir hoffen — abzuhelfen. 

Wir müssen dazu unmittelbar an die letzte technische 
Arbeit Freuds über „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten" 
(1914) anknüpfen, in der den im Titel angeführten drei Momenten 
eine ungleichwertige Bedeutung beigemessen wird, insofern als 
das eigentliche Ziel der analytischen Arbeit das Erinnern hinge- 
stellt wird, während das WiedererlebenwoUen an Stelle des Erinnerns 
als Symptom des Widerstandes betrachtet, daher als solches zu 
vermeiden empfohlen wird. Vom Standpunkt des Wiederholungs- 
zwanges ist es jedoch nicht nur absolut unvermeidlich, daß der 
Patient in der Kur ganze Stücke seiner Entwicklung wieder- 
hole, sondern es hat sich in der Erfahrung gezeigt, daß es sich 
dabei gerade um jene Stücke handelt, die als Erinnerung überhaupt 
nicht zu haben sind, so daß dem Patienten kein anderer Weg 
übrig bleibt als sie zu reproduzieren, aber auch dem Analytiker 
kein anderer, um das eigentlich unbewußte Material 
J5U fassen. Es handelt sich nur darum, auch diese Form der Mit- 
teilung, sozusagen die Gebärdensprache (F e r e n c z i), zu verstehen 
und dem Patienten zu erklären. Sind doch auch, wie Freud uns 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



gelehrt hat, die neurotischen Symptome selbst nichts anderes als 
entstellte Mitteilungen in einer zunächst unverstandenen Ausdrucks- 
weise des Unbewußten. 

Die aus diesen Einsichten sich zunächst ergebende praktische 
Notwendigkeit war die. Reproduktionstendenzen in der Analyse 
nicht nur nicht zu hemmen,^ sondern sogar zu fördern, voraus- 
gesetzt, daß man sie zu beherrschen versteht, weil sonst das 
wichtigste Material überhaupt nicht zur Äußerung und Erledigung 
gebracht werden kann ; andererseits stellen sich dem Wiederholungs- 
zwang oft gewisse — vielleicht auch biologisch begründete — 
Widerstände, vor allem Angst- und Schuldgefühle entgegen, die 
wir nicht anders als durch aktives Eingreifen, im Sinne einer 
Förderung der Wiederholung, überwinden können. So kamen wir 
schließlich dazu, anstatt dem Erinnern dem Wiederholen 
die Hauptrolle in der analytischen Technik zuzuteilen. 
Dies darf allerdings nicht einfach als ein Verpuffenlassen der 
Affekte in „Erlebnissen" verstanden werden, sondern besteht, 
wie weiter unten des Näheren ausgeführt ist, in einer schritt- 
weisen Gestattung und Auflösung, beziehungsweise Verwand- 
lung des Reproduzierten in aktuelle Erinnerung. 

Die Fortschritte, die wir bei dieser Bilanzierung unseres 
Wissens feststellen konnten, lassen sich unter zwei Aspekten 
betrachten und formulieren. Von der technischen Seite handelt 
es sich unverkennbar um einen Vorstoß der „Aktivität" im 
Sinne einer direkten Förderung der bisher vernachlässigten, ja als 
störende Nebenerscheinung betrachteten Reproduktionstendenz 
in der Kur. In theoretischer Hinsicht um die entsprechende 
Würdigung der inzwischen von Freud festgestellten überragenden 
Bedeutung des Wiederholungszwanges auch in den Neurosen.^ 
Diese letztere Einsicht macht erst so recht eigentlich die Resultate 

^ Wobei sie übrigens oft genug zum Schaden der Analyse sich in der 
Realität durchsetzen; insbesondere betrifft dies das Liebesleben (Verhältnisse, 
Eheschließung, Scheidung etc.), das ja in der Analyse der Versagung am meisten 
unterliegt. 

2jejjgej^g ^Qg Luatprinzips, 1921. 



der „Aktivität" verständlich und begründet ihre Notwendigkeit 
auch theoretisch. Wir glauben daher durchaus in keinen Wider- 
spruch mit Freud zu geraten, wenn wir nunmehr dem Wieder- 
holungszwang auch in der Therapie die Rolle einräumen, die ihm 
biologisch im Seelenleben zukommt 



n 



Die analytische Situation 
1. Der LibidoablaufprozeB und seine Phasen 

Wenn wir nun daran gehen, den heutigen Stand der auf die 
Therapie angewandten Analyse in großen Umrissen zu skizzieren, so 
möchten wir von vornherein den Anschein vermeiden, als handelte es 
sich um eine ins Detail gehende Darstellung der Technik. Soweit eine 
solche überhaupt literarisch möglich ist, muß sie ganz anders 
orientierten Arbeiten vorbehalten bleiben.^ 

Unter Zugrundelegung der Freud sehen Definition der psycho- 
analytischen Technik, welche diese als eine Methode charakterisiert, 
die die psychischen Tatsachen der Übertragung und des 
Widerstandes zur Grundlage der Beeinflussung des Patienten 
nimmt, kann man zu einer ganz allgemeinen Formulierung der 
Psychoanalyse gelangen, welche sich dem behandelnden Analytiker 
jeweilen als ein individuell bestimmter, zeitlich 
begrenzter Vorgang innerhalb der Libidoentwicklung 
des Patienten darstellt. Diesem automatisch ablaufenden 
Libidoprozeß gegenüber, der — ähnlich wie der organische Heilungs- 
prozeß — seine bestimmte Zeit und seine Krisen einhält, hat der 
Analytiker eigentlich nichts anderes zu tun, als an den Stellen, 
wo er einen störenden, das ist neurotischen Ablauf in Form eines 
Widerstandes spürt, korrigierend einzugreifen. Dieser artiflzielle 

^ Im übrigen wäre statt einer literarischen Darstellung der analytischen 
Techüik eigentlich ein detailliert ausgearbeitetes Lehr- und Lernprogramm des 
poliklinischen Unterrichtes in der Psychoanalyse anzustreben, innerhalb dessen 
allein die richtige Technik zu erlernen ist 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 11 

Libidoprozeß wird inauguriert und im Gange gehalten durch 
die Übertragung, welche Ferenczl^ seinerzeit als speziellen 
und in der Analyse nur unter besonders günstigen Bedingungen 
ablaufenden Fall der allgemeinen Übertragungssucht 
der Menschen beschrieb, die sich beim Neurotiker besonders stark 
äußert. Während aber im realen Leben diese Libidoexpansion viel- 
fach gehemmt und gestört wird, gestattet die Analyse unter 
gewissen Bedingungen diesen Ablauf, ja, hat ihn sogar stellenweise 
zu fördern. Schon aus dieser Auffassung ergibt sich die im ganzen 
passive und nur an wenigen Stellen aktiv eingreifende Rolle, die 
dem Analytiker im allgemeinen zufällt. Er hat gegenüber dem 
Leiden seines Patienten zunächst nichts anderes zu tun, als es 
sich, äußern zu lassen, nicht nur um zunächst zu sehen, worin es 
besteht („analytische Diagnostik"), sondern auch wegen gewisser 
Eigentümlichkeiten der Neurose selbst, deren Heilung eine Auf- 
frischung alter verdrängter Krankheitsstoffe voraussetzt. Ebenso 
kann der Internist bei der Behandlung einer organischen Krankheit 
nur korrigierend eingreifen, indem er den Krankheitsprozeß einzu- 
dämmen, zu lokalisieren sucht. Was der Analytiker vom guten 
Internisten zu lernen vermag, ist ruhige sachliche Beobachtung des 
Krankheits Verlaufes, Geduld und eine Passivität, die der „Natur" des 
Kranken auch etwas zutraut. Alle anderen, oft hochgeschätzten ärzt- 
lichen Tugenden können die analytische Arbeit sogar stören. Den 
wesentlichsten Unterschied zwischen Arzt und Analytiker kann man 
nach Freud dahin formulieren, daß der Analytiker die auch sonst 
überall latent vorhandene Übertragung nicht nur zielbewußt zur 
Erleichterung des Libidoablaufs benützt, sondern sie auch dem 
Patienten schrittweise aufzuzeigen hat, um ihn schließlich davon zu 
befreien. Das letzte scheint ein dem ärztlichen Ideal besonders 
widersprechender Punkt zu sein, da ja ein Teil aller ärztlichen 
Kunst auf dem Vertrauen, das heißt der unbewußten Über- 
tragung beruht, die sich der Arzt auch im Interesse des Patienten 
erhalten muß. In diesem Sinne gibt es in der internen Medizin, die 
mitder unbewußten Übertragung als einem der wichtigstenHilfsmittel 
^ lutrojektion und Übertragung. Jahrb. I, 1909. 



12 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



arbeiten muß, weit mehr „Suggestiverfolge" als in der Psycho- 
analyse, die sich diese Übertragung zwar auch zunutze macht, am 
Ende aber die Auflösung dieses Verhältnisses als therapeutisches 
Hilfsmittel zur Lösung der infantilen Libidoflxierung benützt. 
Daher ist auch der „ideale Fall" des Analytikers, im Gegensatz 
zur ärztlichen Praxis der einmalige und dann nicht wiedergesehene 
Patient, am besten geheilt, wenn man gar nichts mehr von ihm 
hört. Allerdings setzt dieser Erfolg eine Sublimierungs- und Ver- 
zichtmöglichkeit seitens des Patienten voraus, wie sie nicht allen 
Menschen gegeben ist. 

Aus der Auffassung der Analyse als eines künstlich einge- 
leiteten Libidoablaufsprozesses zum Zwecke der Korrektur neuro- 
tischer Abfuhrarten beantwortet sich die oft gestellte Frage nach 
der Einstellung des Analytikers von selbst dahin, daß er sich der 
Wiederholung dieses Libidoablaufs gegenüber ziemlich passiv, 
sozusagen als Objekt oder besser als Phantom desselben zu ver- 
halten habe. An den Stellen dagegen, wo eine Korrektur des 
neurotischen Ablaufs nötig ist, hat er jedenfalls „aktiv" oder nach 
Art eines Katalysators einzugreifen. 

Bevor wir die Frage beantworten, wie sich eigentlich die 
Analyse der Libidowiderstände vollzieht und welche im all- 
gemeinen die Punkte sind, an denen sich das Neurotische 
zur Korrektur darbietet, wollen wir betonen, daß die im nach- 
stehenden gegebene Beschreibung der analytischen Phasen sich 
in praxi natürlich nicht so schematisch darstellt. Es handelt sich 
hauptsächlich um die Phasen des Widerstandes und der Über- 
tragung, deren Bewältigung in der eigentlichen analytischen 
Hauptarbeit, die man zusammenfassend Libido-Entziehungs- 
kur nennen könnte, vor sich geht. 

Im Widerstand, in dem das Ich sich einerseits gegen die 
Reproduktion des Unbewußten selbst, andererseits noch mehr 
gegen die Analyse desselben zur Wehre setzt, kommt haupt- 
sächlich das vorbewußte Erinnerungsmaterial des Patienten zum 
Vorschein oder seine manifesten, vom Ich getragenen Charakter- 
eigenschaften und Idealbildungen. Alle diese höchst ungleich- 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 



13 



\ wertigen Widerstände, welche auf die geschilderte Weise in den 
; Ablauf der Libidoübertragung eingreifen, werden im Laufe der 
Analyse schrittweise beseitigt, und zwar kommen meist zuerst 
die vom Ich ausgehenden Widerstände des Narzißmus und 
der Idealbildung in Betracht, deren Überwindung oft die 
größten Schwierigkeiten macht, weil sozusagen die ganze 
aktuelle Persönlichkeit des Patienten mit ihrem vollen Gewicht 
sich dem von seinem Unbewußten angestrebten automatischen 
Libidoablauf hemmend in den Weg stellt. Oft gelingt die 
Überwindung dieser Ichwiderstände nur durch Verletzungen 
des Narzißmus oder zeitweilige Suspendierung der alten Ichideale, 
wonach sich der Libidoablauf oder richtiger: die affektive Äußerung 
der libidinösen Triebregungen freier als zuvor entfalten kann. Aus 
den Phänomenen der Übertragung, die sozusagen einen Wachs- 
abdruck der alten infantilen Libidosituation des Patienten darstellt, 
gelingt es dann mittels der bekannten Übersetzung der unbe- 
wußten Äußerungen in die Sprache des Bewußtseins und mittels 
der Wiederholungstendenz alter Libidosituationen die wesentlichen 
Stücke der gestörten infantilen Entwicklung des Individuums zu 
reproduzieren. 

Im Gegensatz zu dem vorbewußten Erinnerungsmaterial, 
das der Patient in der Widerstandsphase aus seinen verschiedenen 
Interessensphären und Besetzungszentren unter dem Einfluß der 
analytischen Situation gewissermaßen zusammenrafft, handelt es 
sich bei der Bewußtmachung der in der Übertragung wirksamen 
Libidotendenzen immer um die Reproduktion von Situationen, 
die meist gar nie bewußt gewesen waren, sondern 
Jenen Tendenzen und Impulsen entsprangen, die in der infantilen 
Entwicklung teilweise erlebt, aber sofort verdrängt wurden. Durch 
die Analyse der Übertragung gelingt es nun, diese in der Kind- 
heit sozusagen kupierten Wunschregungen, die im Unbewußten 
weiter nach Erfüllung streben, während das Ich sie längst ver- 
worfen hat (neurotischer Konflikt), 25um erstenmal intensiv 
„erleben" zu lassen und den Patienten mit Hilfe der so 
gewonnenen eigenen Überzeugung in den Stand zu setzen, 






1 



!^ 



J 



14 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



unter Vermeidung der pathologischen Reaktionsweisen die 
Anpassung an die Realität nachzuholen. Was man dabei 
als Hauptwiderstand zu überwinden hat, ist die infantile 
Angst, beziehungsweise ihre Verbindung mit dem libidinösen 
Elternkonflikt als unbewußtes Schuldgefühl. Dieses trägt an 
und für sich schon Konfliktstoffe in sich, da es aus dem Wider- 
streit des Ich, beziehungsweise Ichideals mit den libidinösen 
Tendenzen und den ihnen entsprechenden Wunschregungen hervor- 
geht. Der Neurotiker leidet nun, wie in besonders klassischer Weise 
die Zwangsneurose, aber auch jede andere Form der psychischen 
Abnormität (Perversion, Psychose usw.) unzweifelhaft erkennen 
läßt, an einem Übermaß dieses unbewußten Schuldgefühls. 
Gelingt es analytisch, dieses aus der Verdrängung wirkende Schuld- 
gefühl durch teUweise Auflösung und Abreagieren in Angst auf 
das Normalmaß zu reduzieren, so können die unter seinem Druck 
gehaltenen, seit der Kindheit gehemmten Libidotendenzen sich in 
Form der Übertragung hervorwagen, bewußt gemacht und auf 
Grund der analytischen Einsicht vom aktuellen Ich in neuer zweck- 
mäßiger Weise verarbeitet werden. Es ist bekannt, daß diese 
neuerliche Verarbeitung teils auf dem Wege der kritischen 
Verwerfung (neues Ichideal), teils auf dem Wege der Subli- 
mierung und teils auf dem Wege der Bejahung (Ausleben) 
erfolgen kann.^ 

Bedeutet schon das Schaffen der analytischen Situation und 
das zeitweilige, wenn auch phantasiemäßige Gewährenlassen der 
Übertragungslibido eine ausgiebige Gestattung bisher vom Ich 
verpönter Libidobefriedigungen, so handelt es sich in der Analyse 
darum, durch Entzifferung der in der Übertragung gegebenen 
Reproduktionen die Fixierungen der infantilen Libidoentwicklung des 
Patienten nicht nur zu rekonstruieren, sondern durch gleichzeitige 



^ Dieses Ausleben darf aber nicht iu tendenziöser Weise miß- 
verstanden werden. Es ist eben verständlich, wenn ein Teil der befreiten 
Libido des Neorotikers auch der direkten Befriedigung zugänglich gemacht 
wird, deren ja auch der Normale teilhaftig ist und auf die er nicht zu ver- 
zichten braucht 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 



15 



Befreiung von der Übermacht des Schuldgefühls (Angst) den 
pathogenen Libidotendenzen zum erstenmal eine Abfuhr zu 
' verschaffen. Da es sich dabei in jedem Falle auch um ein Wieder- 
erleben, ein Reproduzieren, im Gegensatz zum Erinnern des vor- 
bewußten Materials handelt, wird der Patient natürlich danach 
streben, gewisse für ihn libidinös hochwertige Situationen der 
analytischen Reproduktion durch reale Wiederholung zu 
entziehen, was man jedenfalls zu erkennen und soweit als möglich 
— im äußersten Falle mit Zuhilfenahme eines aktiven Eingreifens 
(Verbot) — zu verhindern hat. Anders mit der analytischen Wieder- 
holung, die Gelegenheit dazu bietet, gewisse Situationen in dei* 
Analyse nicht nur reproduzieren, sondern auch analytisch verstehen 
und beherrschen zu lernen. Die bewußte Aufklärung des Patienten 
erweist sich dabei oft nur als ein Hilfsmittel zur Reproduktion ver- 
' drängter Situationen, die als solche nicht „erinnert" werden können, 
weil sie, wie gesagt, nie bewußt gewesen waren. Neben diesen E r w a r- 
tungsvorstellungen, die man dem Patienten im Anschluß an 
seine Assoziationen und Widerstände zu geben hat, ist ein wesent- 
liches Hilfsmittel zur Erzielung der Reproduktion die Libido- 
versagung, in der der Patient während der Analyse gehalten 
werden soll, da auch die Neurose unter der Wirkung der Ent- 
ziehung einer vorher gewährten Libidobefriedigung entstand. Durch 
diese Libidoversagung verhindert man auch eine vorzeitige 
Verpuffung der Affekte in der Übertragungssituation und drängt 
unter fortschreitender Deutung und Aufklärung dieser Versuche 
die Libido bis zu den Punkten, von denen die Fehlentwicklung 
ihren Ausgang genommen hatte (Fixierungsstellen). 

Ist auf diese Weise die infantile Libido des Patienten aus 

der Verdrängung (von Angst und Schuldgefühl) befreit, hat er' also 

mit unserer „aktiven" Beihilfe dann den Mut gefunden, sich auch 

zu seinen libidinösen Tendenzen zu bekennen, so handelt es sich 

[darum, diese ganze in der Übertragungssituation reproduzierte 

[infantile Libido von der analytischen Situation loszulösen 

[und dem Patienten zu neuer, normaler Verwendung zugänglich zu 

[machen. Diese Aufgabe fällt einer besonderen Phase der Analyse 



16 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

ZU, die wir als Libidoentwöhnung: bezeichnet haben und die 
analytisch die korrekte Auflösung der Übertragung bedeutet. Daß 
der Patient reif dafür ist, kündigt sich durch verschiedene nicht 
mißzuverstehende Anzeichen mehr oder weniger deutlicher Art 
an. Der Hauptcharakter dieser Situation ist der von Freud 
bereits bezeichnete Moment, wo die Analyse als eine Art künst- 
liche Neurose (aktuelle Libidofixierung statt der infantilen) an die 
Stelle der alten Neurose gerückt, also sozusagen selbst zum 
Zwang geworden ist. Dann handelt es sich nur noch darum, 
diese künstliche Übertragungsneurose mit ihrer neuerlichen 
aktuellen Tendenz zur Fixierung — nach entsprechendem „Durch- 
arbeiten" — aufzulösen, was durch den Abbau der Übertragung 
geschieht, der ebenso allmählich erfolgen muß, wie der auto- 
matische Libidoablauf der ersten Phase unter den Hemmungen der 
Ichwiderstände. In dieser schrittweisen Entwicklung und Auflösung 
der analytischen Situation kommt das Wesen der Analyse als 
Libidoverschiebung oder Verlagerung, die einen bestimmten zeit- 
lichen Ablauf erfordert, deutlich zum Ausdruck. 

An diesem Punkt der Analyse, wo die Libidoentwicklung des 
Patienten sozusagen ganz abgehaspelt ist und von der Spule der 
infantilen Fixierung auf die der analytischen Fixierung übertragen 
ist — bei welchem Ablauf zumindest alle pathogenen Fixierungs- 
stellen seiner Libido filmartig reproduziert worden sind — tritt das 
Eingreifen des Analytikers in den Zeitablauf selbst ein, 
indem er dem letzten Stück der Analyse, dem Abhaspeln von der ana- 
lytischen Spule auf die reale, eine bestimmte Frist zur Erledigung 
setzt, während die dem automatischen Ablauf folgende Libido des 
Patienten die Tendenz zeigt, sich nunmehr in der Analyse als 
Ei'satz der Neurose zu fixieren. 

In dieser letzten Phase der Analyse, in der sich bereits zeigen 
muß, daß der Patient die Libidoentziehung verträgt, treten natur- 
gemäß neue Widerstände von selten des Ich auf, die auf eine 
Entwertung der ganzen analytischen Arbeit und das Nichtakzeptieren 
ihrer Ergebnisse hinauslaufen, da das Unbewußte des Patienten 
darauf eingestellt war, die Analyse nur um den Preis der realen 



I- 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 17 

Libidobefriedigung: in der Übertragung anzunehmen. Jetzt muß 
darauf verzichtet, die Resultate der Analyse und 
[die daraus folgende Veränderung der Einstellung dennoch 
angenommen werden. Dies ist eine Geduldsprobe für den 
Patienten, der ja im Sinne der neurotischen Versagung zu zeigen 
bestrebt ist, daß der Libidoentzug auch die Kur gefährdet, während 
er ja gerade der einzige Weg ist, auf dem die analytische Aufgabe 
endgiltig zu erledigen ist. Der nach Ausbildung der Übertragungs- 
neurose festgesetzte Endtermin der Analyse muß genau eingehalten 
werden und man lasse sich durch die „Portschritte", die der 
Patient unter dem Druck dieser ünnachgiebigkeit scheinbar 
machen kann, nicht etwa verleiten, ihn früher zu entlassen, 
denn gerade in dieser allerletzten Phase kann erst alles für den 
therapeutischen Erfolg Entscheidende geleistet werden, was in den 
früheren Phasen nur vorbereitet worden war. 

Wir können jetzt rückblickend den eigentlichen Sinn der 
analytischen Behandlung zusammenfassen: Das Wesentliche der 
Analyse besteht, wie gesagt, in einem zeitlich begrenzten Libido- 
ablaufsvorgang, in dessen Verlauf alle Ansprüche der infantilen 
Libido in der Übertragung teilweise Erfüllung finden; in Wirk- 
lichkeit aber erfahren sie bei gleichzeitigem Gewährenlassen einer 
phantasiemäßigen Befriedigung ihre schrittweise Auflösung bis zur 
endgültigen bewußten Anpassung. Diese Auffassung der Analyse 
legt es mit Rücksicht auf die von Freud klar herausgearbeiteten 
Inhalte und Zusammenhänge der Libidoreaktionen nahe, vom Vor- 
gang bei der analytischen Behandlung und den analytischen 
Situationen, in denen sie kulminiert, folgende Grundvorstellung 
zu geben. 

Indem wir den Patienten libidinös in das alte infantile 
Elternverhältnis versetzen, ermöglichen wir ihm, seine aktuelle 
Persönlichkeit sozusagen in ihre infantilen Vorstadien schritt- 
weise zurückzuverwandeln. Dementsprechend gilt die erste Phase der 
Analyse dieser Neueinstellung oder, besser gesagt, Wiedereinstellung 
des Patienten, indem er sozusagen von allen hochentwickelten Aus- 
läufern seines Ichsystems (seiner Persönlichkeit, bezw. seiner 



« 



18 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Neurose) die Besetzungen wieder einholt, um sie in das Geleise 
der alten Ödipuslibido und ihrer Vorstadien zurückzuleiten. Dies 
ist die in allen seinen Assoziationen wie aus großer Ferne durch- 
schimmernde unbewußte Zielvorstellung, die ihn leitet, und zwar 
sowohl in den Äußerungen seiner Libido wie auch in den 
hemmenden Äußerungen seiner Ichwiderstände. Der ganze Prozeß 
steht unter dem ungeheuren Druck der endlich irgendeine Befrie- 
digungsmöglichkeit erblickenden Infantil-Libido und läuft unter 
dem Protest der ganzen aktuellen Persönlichkeit ab, welche mit 
ihrem Ichideal und den pseudo-narzißtischen Tendenzen sich dieser 
Reduzierung aufs Infantile widersetzt. Je intensiver der Druck der in 
die Übertragung mündenden libidinösen Tendenzen ist, um so größer 
sind auch die hemmenden Widerstände des Ich. Hier wird es deut- 
lich, was es heißen soll, daß man eigentlich nur die Widerstände zu 
beseitigen habe, die der Entfaltung der Libidoübertragung im 
Wege stehen. Man muß sagen glücklicherweise, denn sonst würde 
die analytische Bemühung von der Wucht und Unmittelbarkeit 
der Libidoströmungen einfach weggeschwemmt werden. Aber der 
echte Widerstand, weit entfernt davon, die ana- 
lytischeArbeit zu stören, bedingt sie sogar geradezu, indem 
er wie die Uhrfeder den Ablauf reguliert und dosiert. Anderer- 
seits darf man aber auch nicht glauben, daß er ausschließlich 
eine solche, den Libidoablauf hemmende und damit die Analyse 
überhaupt ermöglichende Funktion hat; daneben ist auch 
seine inhaltliche Bedeutung wichtig, indem er fast immer ein 
Zeichen dafür ist, daß der Patient auch hierin statt zu erinnern 
reproduziert und im Material auch verrät, was er durch 
Reproduktion der analytischen Verarbeitung entziehen will. Von 
diesem Gesichtspunkt ist die Auflösung der Libidowider- 
stände aus der analytischen Situation eine der Haupt- 
leistungen der psychoanalytischen Technik. 

Ist die erste Anpassung an die analytische Situation gelungen, 
der Analytiker also an Stelle des libidinösen Ichideals gesetzt 
worden (Vater, bezw. Mutter), dann ist die m-sprünglich von der 
Odipussituation ausgegangene, durch immer weitere Verdrängung 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 19 

ron diesem Boden abgehobene Neurose in artifizieller Weise 
wieder auf diesen ihren Mutterboden zurückgeführt und damit die 
Übertragung im vollen unbewußten Sinne etabliert, die jetzt dazu 
benützt wird, um die alte „Ödipusneurose", die unter dem Ein- 
fluß der Ichentwicklung in eine der uns bekannten klinischen 
Formen verwandelt wurde, in eine neue analytische 
Übertragungsneurose überzuführen. Dies geschieht 
unter konsequenter Übersetzung des unbewußten 
Materials in jeder seiner Äußerung und dessen 
Deutung sowohl im Sinne der analytischen Situation, 
als auch damit parallel des Infantilen. Auf diesem Wege 
des Durchlebens und erstmaligen Zuendeerlebens der infantilen 
Libidostrebungen mit immerwährender Erledigung im Sinne der 
Bewußtmachung unter Versagung, lernt der Patient endlich auch 
endgültig auf die unangepaßte Realisierung und pathologische Befrie- 
digung der infantilen Libido zu verzichten, die nunmehr auch von 
seinem neuen Ichideal kritisch verworfen wird. Dies ist jene Nach- 
erziehung, die der Neurotiker seiner Libido in der Analyse zuteil 
werden lassen muß. Sie erfolgt, indem wir den Patienten allmählich 
in die Zeit der Konstituierung des „Ödipuskomplexes" (nicht der 
fertigen Situation selbst) auf dem Wege der Übertragung regre- 
dieren lassen und ihm durch Aufklärung derselben, unter Beseiti- 
gung der Widerstände, die früher durch die Verdrängungen 
abgesperrten Verbindungs- und Abfuhrwege gangbar und verfügbar 
machen. 

In der korrekten und konsequenten Durchführung dieser 
Aufgabe liegen die wichtigsten technischen Probleme der Psycho- 
analyse beschlossen. Denn die besondere Art, in der die normale 
Ödipuslibido in jedem einzelnen Falle vom Ich verarbeitet (zu- 
meist verdrängt) wurde, äußert sich in den Phänomenen der 
Übertragung und des Widerstandes, die man also nur zu ver- 
stehen, kunstgerecht zu redressieren und aufzulösen hat. Dabei 
ergeben sich natürlich durch gehäufte analytische Erfahrung, die 
dann auch in der Theorie ihren Niederschlag gefunden hat, 
gewisse typische Ausdrucksformen, wie es ja auch typische 



20 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



Formen für die Bewältigungsversuche der Libido durch das Ich: 
die Neurosen-, bzw. Charaktertypen gibt. 

Eine wie es scheint in der Analyse ganz regelmäßig wiederholte 
Reaktion auf die analytische Reproduktion derÖdipussituationist das 
Manifestwerden des Kastrationskomplexes. Dieser bedeutet beim 
Mann die Abwendung der Libido von der Mutter als Objekt und 
die Identifizierung mit ihr, ausder sich je nach dem Verdrängungs- 
schjcksal des als Motor wirkenden unbewußten Schuldgefühls die 
verschiedensten pathogenen Formen^ entwickeln können; für die 
Frau die Abwendung vom Vater und Identifizierung mit ihm 
im Sinne des bestehen bleibenden infantilen Peniswunsches. Wie 
in der infantilen Entwicklung diese Mechanismen einem Aus- 
weichen der betreffenden ÖdipusroUe dienen sollten, so tritt in 
der Analyse, welche diese Situation wieder aktiviert, der Kastra- 
tionskomplex, sozusagen als „negativer Ödipuskomple x", 
wieder in Erscheinung. Was wir also in der Analyse als „Kastra- 
tionskomplex" antreffen, entspricht einer neurotischen Ver- 
wendung (Abwehrsymptom) der normalen infantilen Bisexualität, 
das heißt einer Entwicklungsstufe, auf der es noch keine 
Geschlechtsunterschiede gab. Natürlich weist dieses Symptom auf 
tieferliegende, beiden Geschlechtern gemeinsame Infantilstufen 
zurück, die hier nicht näher erläutert werden können.^ 

Indem wir von der bereits stark entstellten Neurose, wie sie 
sich in den klinischen Symptomen manifestiert, ausgehend, den 
Patienten in die Übertragungsneurose versetzen, ermöglichen wir 
ihm die niemals eigentlich aktivierte „Urneurose" des Ödipus- 
konfliktes mit allen seinen Vorstadien in der Analyse durchzumachen, 
womit seine Krankheit, welche diese unzulänglich verdrängten 
ürtriebäußerungen ersetzen sollte, hinfällig und überflüssig wird. 
Die Zweizeitigkeit des analytischen Eingreifens: Aktivierung der 
Urneurose — und deren Auflösung, scheint der Zweizeitigkeit 
der Neurosenbildung: infantile Neurose — klinische Neurose, zu 
entsprechen, die selbst wieder nur im Sinne der Freudschen 

1 Siehe Rank, Perversion und Neurose. 

^ Siehe jetzt Rank: Das Trauma der Geburt. 1924. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 21 

Aufklärung aus der biologischen Tatsache des für den Menschen 
charakteristischen doppelten Ansatzes der Sexualentwicklung folgt.^ 

Die Neurose entspräche dem Hineinragen der ersten, ihrer 
Natur nach unvollkommenen, aber auch unvollkommen überwun- 
denen Entwicklungs- und Verdrängungsphase in die Phase der sexu- 
ellen Reifezeit. Im Unbewußten bliebe also der Neurotiker auf dieser 
primitiven biologischen Konfliktsstufe stehen, was sowohl den 
infantilen Charakter der Neurosen, als auch die Notwendigkeit 
der analytischen Nacherziehung verständlich macht. Daher steckt 
nicht nur hinter jeder Neurose eine Kinderneurose, sondern die 
Analyse hat direkt die Aufgabe, hinter der klinischen Neurose 
die infantile Neurose zu entfachen, das heißt sie in deren konfliktuöse 
Vorstufe zurückzuverwandeln, selbst wenn diese niemals 
manifest gewesen sein sollte. Diese Urneurose kann aber nur in der 
Analyse durch Reproduktion, die hauptsächlich in der Übertragung 
erlebt wird, wiederholt und damit psychisch erledigt werden. 

Die Psychoanalyse gestattet also dem Patienten das Wieder- 
erleben, teilweise sogar das erstmalige Neuerleben der infantilen 
libidinösen Ursituation mit einer teilweisen Befriedigung unter der 
Bedingung des bewußten Verzichtes auf ihre unangepaßte Reali- 
sierung. Diese Aufgabe kann unter dem Drucke der Analyse vom 
erwachsenen Ich des Patienten bewältigt werden, so daß er imstande 
ist, bewußt die unerwiderte Ödipusliebe zu ertragen. Ja, erst dieses 
Ertragenkönnen eines partiellen Verzichtes mit Vermeidung der 
En-bloc- Verdrängung, beföhigt den Menschen überhaupt, die in der 
Realität sich darbietenden Ersatzbefriedigungsmöglichkeiten zu 
ergreifen. In der Analyse drängen die im Unbewußten fortlebenden, 
in ihrer Entwicklung gehemmten infantilen Liebestriebe zur Wieder- 
holung (in der Übertragung), beziehungsweise werden sie eben 
mit Hilfe unserer Technik in Erscheinung gebracht. Es wiederholt 
sich also in der kunstgerechten Analyse nicht die ganze Ent- 



1 Es ergibt sich hier der seltene Fall, daß die aus rein praktischen 
(technischen) Bedürfnissen hervorgegangene Auffassung sich als nachträgliche 
Bestätigung einer früheren theoretischen Annahme und nicht nur als mecha- 
nische Anwendung derselben erweist. 



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22 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Wicklung: des Individuums, sondern nur jene Entwicklungsphasen 
der Libido, an die das Ich trotz ihrer Unzweckmäßigkeit fixiert 
geblieben ist. 

Die theoretische Frage, ob die Analyse eine Icherziehung 
oder eine Erziehung der Liebestriebe sei, beantwortet 
sich in praxi etwa so, daß die erste Phase jeder Analyse 
insoferne eine Icherziehung darstellt, als man das Ich der 
Patienten gewöhnt, ichwidrige Libidoäußerungsformen anzuer- 
kennen und es verhindert, daß sich der alte Verdrängungsprozeß 
wiederhole. In einer späteren Phase, nachdem die Übertragung 
entwickelt ist, wird die in der Kindheit aufgehaltene Libido- 
entwicklung voll entfaltet ; in der Entwöhnungs- oder Entziehungs- 
phase sorgen wiederum Ichenergien, die vom neuen Ichideal 
ausgehenden Kräfte dafür, daß sich die neuerwachten Regungen 
der Realität anpassen. Natürlich brauchen diese Ichkräfte nicht 
durch Moralpredigten oder anagogische Zielgebungen dem Patienten 
einverleibt zu werden; sie sind in jedem nicht geisteskranken 
Patienten von vornherein ebenso da, wie die Übertragungssucht 
und sie sind es schließlich auch, die den Heilungsprozeß (die 
weitere Übertragung der Libido vom Arzte auf „realere Objekte" 
des Lebens) zustande bringen. Ohne die Hilfe dieser Ichkräfte und 
ohne ein Stück natürlichen Egoismus wäre die letzte Aufgabe der 
Psychoanalyse, die Entwöhnung von der Kur, unlösbar. Denn in 
dieser Phase handelt es sich darum, daß man den Patienten mit 
Hilfe der Liebe zum Arzt dazu bringt, auf diese Liebe zu ver- 
zichten. Das wäre eine contradictio in adjecto, ein Ding der 
Unmöglichkeit, würde die Vernunft des Patienten nicht auch mit- 
sprechen. Nachdem sich der Patient die Überzeugung geholt 
hat, daß die Liebe des Arztes für ihn in der Realität wirklich 
unerreichbar ist (und daß dies der Fall ist, sieht er nur in der 
allerletzten Phase der Kur ein), erkennt er gleichzeitig die Uner- 
füUbarkeit der infantilen Libidoansprüche bewußt wie gefühlsmäßig 
an und begnügt sich mit dem, was ihm das Leben sonst bietet. Es 
ist merkwürdig, mit welcher Hast sich die von der Kur loslösende 
Libido auf neue Lebenspläne wirft. Wir sehen den Prozeß der 



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Entwicklungswege der Psychoanalyse 23 



Sublimierung, der im gewöhnlichen Leben Jahre der Erziehung 
benötigt, gegen das Ende der Kur in gedrängter Kürze vor 
unseren Augen zustande kommen, ohne daß dazu eine besondere 
Anleitung nötig wäre. Die disponibel gewordene Libido bemächtigt 
sich spontan aller Fähigkeiten, aller Abfuhrmöglichkeiten, an denen 
sie sich ichgerecht ausleben kann. 

2. Die Lösung der Libidofixierung im Erlebnismoment 

Durch Schaffung der analytischen Situation setzt 
man den Patienten eigentlich seinem infantilen Trauma 
wieder aus, indem man seiner unbefriedigten Ödipuslibido, die 
sich in neurotischer Weise auf inadäquate Objekte verschoben 
hatte, das eigentliche alte Objekt darbietet. Der libidinöse Erregungs- 
ablauf, den man damit eingeleitet hat, stellt für das Unbewußte 
des Patienten eine ihn an die Situation bindende Befriedigung dar, 
die er nirgends sonst im Leben zu erlangen imstande ist. Wir 
geben den Patienten die seit der frühesten Kindheit gesuchte 
Elternimago, an der sie ihre Libido affektiv ausleben können. 
Indem der Patient uns mit dem Vater oder der Mutter identifiziert, 
zeigt er ja deutlich an, daß es diese ideale Elternimago ist, die er 
sucht, die wir ihm allerdings auf die Dauer nicht in der von ihm 
gewünschten Form bieten können. Täten wir es dennoch, so würden 
wir den Patienten, wie es häufig genug geschieht, dadurch scheinbar 
„heilen", daß wir ihn glücklich verliebt machen, während die 
Analyse darauf hinzielen muß, ihn zum teilweisen Verzicht auf 
diese infantile Libido durch die Einsicht in ihre ünrealisierbarkeit zu 
bringen. Wir haben ihm schließlich sozusagen an einem peinlichen 
Erlebnis zu zeigen, daß und in welcher Weise die Erfüllung 
seiner Libidostrebungen seinem erwachsenen Ichideal widerspricht. 

In und mittels der Übertragung erfolgt die Aufrichtung eines 
neuen provisorischen Ideals, gegen das sich das mitgebrachte Ich- 
ideal des Patienten in Form von Widerständen zur Wehr setzt, 
während sein altes, verdrängtes infantiles Wesen darnach strebt. 
Indem man sich nun, wie Freud es ausdrückte, zunächst zum 
Anwalt des Verdrängten macht, kann man die vom Ich ausgehen- 



24 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

den Widerstände beseitigren. Eine der häufigsten Manifestationen 
des Widerstandes im Beginn der Analyse ist die Vateridentiflzierung 
mit dem trotzigen Wunsch, ihn in allem zu übertreifen, der sich 
gegen die Annahme der in der Analyse gegebenen infantilen 
Situation richtet. Schon diese erste Phase der Analyse der Ich- 
widerstände erfordert mitunter ein aktives Eingreifen des 
Analytikers, das jedoch über das durch die Übertragung gegebene 
Stück analytischer Elternautorität nicht hinauszugehen braucht. Sind 
die Ichwiderstände beseitigt und hat sich die Übertragung in 
breiter Front etabliert, so wird sie so lange zur Reproduktion in 
der Analyse ausgenützt, bis sich aus ihr selbst der zweite 
große Widerstand jeder Analyse nach dem Ichwiderstand, der Libido- 
widerstand, ergibt, das heißt das natürliche Sträuben gegen die 
notwendig aufgezwungene Versagung, d. h, der Anerkennung der 
unerfüllbaren Wünsche in der Analyse. Erst an diesem Punkt wird 
die Übertragung neben einem fördernden Hilfsmittel der Analyse zu 
deren Objekt und muß als solches dem Patienten aufgeklärt werden. 
Im allgemeinen darf man den unmittelbaren therapeutischen 
Wert dieser Aufklärungen, die nicht direkt der Beseitigung 
eines Widerstandes dienen, nicht allzu hoch einschätzen. Wir 
brauchen nicht einmal an den bekannten Typus der Zwangskranken 
zu erinnern, die oft nach längerer Analyse das ganze analytische 
Wissen ihres Analytikers im kleinen Finger haben und ihn in 
der Deutung ihrer eigenen Symptome sogar übertreffen können, 
ohne daß ihnen damit irgendwie in ihrem Leiden geholfen wäre. Hat 
ein solcher noch so viel von seinem Analytiker gelernt und auch 
verstanden, so hat er damit doch nichts erlebt, was ihm dieses 
„Wissen" auch innerlich nahe gebracht hätte. Man braucht aber 
gar nicht so weit zu gehen, um die therapeutische Unfruchtbarkeit 
des „Nurwissens" vor Augen zu führen. Es genügt, wenn man an 
die Personen erinnert, die irgendwie — meist aus neurotischen 
Motiven — zur Ausübung der Psychoanalyse gekommen sind, um 
dann nach einigen Mißerfolgen zu erkennen, daß sie selbst der 
Analyse bedürfen. Solche Personen kommen meist mit einem mehr 
oder weniger fertigen analytischen Wissen — auch über ihre 



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Entwicklungswege der Psychoanalyse 



25 



eigenen Symptome — in die Kur, das sie, wie sie an sich selbst 
beweisen, nicht davor zu schützen vermochte, der Neurose zu 
verfallen, und auch nicht imstande war, sie davon zu befreien. 
Im Gegenteil scheint für solche Analytiker die Ausübung der 
Analyse selbst nur ein Symptom ihrer eigenen Neurose bedeutet 
zu haben, insofern die Analyse auch für sie selbst die alte Ödipus- 
situation reaktiviert, die sie daher auch bei ihren Patienten niemals 
völlig aufzulösen imstande sind.^ Die Analyse solcher Personen 
wäre als Schulbeispiel für angehende Analytiker sehr lehrreich 
und würde sie wahrscheinlich vor gewissen technischen Mißgriffen 
bewahren. Denn sie sähen sich dabei einem Patienten gegenüber, 
dessen theoretisches Wissen auf dem Gebiete der Analyse mit dem 
ihrigen etwa gleichwertig ist und wären so vor die Aufgabe 
gestellt, zu entdecken, daß die therapeutische Beeinflussung eines 
Patienten etwas von der bloßen Vermittlung theoretischen Wissens 
völlig Wesensverschiedenes ist. Beim Vergleich solcher Analysen 
mit denen naiver Patienten kann man am besten erkennen, daß 
alle Aufklärung und Übersetzung allein nur ein 
erstes Hilfsmittel ist, um dem Patienten den Sinn der 
zu erwartenden Reproduktionen im analytischen Erlebnis ver- 
ständlich zu machen. Es ist durchaus nicht zu befürchten, daß der 
Patient durch eine vorzeitige Aufklärung „erschreckt" werde und 
in Widerstand verfalle. Allerdings gibt es Situationen in der 
Analyse, wo das Nichtdeuten die richtige Reaktion ist, um alles 
Material, das zu einer bestimmten Situation gehört, vom Patienten 
zu bekommen, während man in einem solchen Fall durch eine 
voreilige Deutung des letzten unbewußten Motivs der oft sehr 
wichtigen Verbindungsglieder verlustig gehen kann.^ Versteht und 



^ Haben wir es ja erlebt, wie manche Anhänger bei bewußter Kenntnis- 
nahme der Analyse einfach mit ihrer latenten Neurose reagierten, aus der sie 
dann ihre „Widerstände" in Form wissenschaftlicher Einwände geschöpft haben. 

2 Es wäre etwa so wie wenn man das Verlieren eines Gegenstandes 
einfach symbolisch als „Kastration" deuten würde, ohne sich um den feineren 
psychologischen Mechanismus der Fehlleistung zu kümmern (Opfer, Schuld- 
bewußtsein). 



^ 



26 



Dr. S, Ferenczi und Dr. Otto Rank 



beherrscht der Analytiker die analytische Situation nicht, so bleibt 
ihm allerdings nichts anderes übrig, als den Patienten „assoziieren" 
zu lassen und ihm die Einzelassoziationen als solche zu „deuten", 
was, auf die Dauer fortgesetzt, die Analyse auf das Niveau eines 
Assoziationsexperiments herabdrückt, als gelte es, dem Patienten 
zu beweisen, daß, beziehungsweise welche Komplexe er habe. 

In der analytischen Technik gilt als oberster Grundsatz, daß 
der Analytiker nur dann, wenn es wirklich notwendig ist, das 
heißt in der Regel, wenn es Widerstände erfordern, aus seiner 
passiven, beobachtenden Reserve heraustritt, um in dem früher 
angedeuteten Sinn regulierend in den Libidoablauf des Patienten 
einzugreifen. Womöglich soll dies nur in den wenigen großen 
und wirklich entscheidenden Situationen der Analyse geschehen, 
während man sich davor hüten soll, in der Detaildeutung zu 
gewissenhaft sein zu wollen und alles, was der Patient sagt oder 
tut, auch sofort verstehen und dem Patienten übersetzen zu wollen. 
Solcher Übereifer bedeutet die Außerachtlassung der auch theo- 
retisch nicht bedeutungslosen Tatsache, daß die Assoziationen oft 
nur in tendenziöser Weise vom Ich vorgeschoben sind, dann aber 
in dieser Bedeutung dem Patienten bewußt gemacht werden 
müssen, anstatt daß man sich in Einzelheiten der Assoziations- 
deutung verliere. Dasselbe ist im erhöhten Ausmaß bei derTraum- 
deutung zu beachten, die in der praktischen Analyse natürlich 
nicht so durchgeführt zu werden braucht, als gelte es, die Richtigkeit 
der Traumtheorie zu bestätigen,^ sondern so, daß man entsprechend 
der analytischen Situation aus dem Traum das Wichtige schöpft. 
Andernfalls verföUt man in den verhängnisvollen Fehler, über 
dem psychologischen Interesse die aktuelle Aufgabe zu vernach- 
lässigen. Diese besteht darin, daß man jede Äußerung des Ana- 



1 Inzwischen erschien die hiehergehörige Abhandlung ,Zur Theorie und 
Praxis der Traumdeutung' von Freud (Zeitschr. lX/1, 1923). 

Gelegentlich mit Stolz publizierte „Traumdeutungenf, an denen viele 
Stunden lang „gearbeitet" worden war, stellen dem Analytiker als solchem 
kein gutes Zeugnis aus, mögen solche Studien auch noch so interessantes 
Material für die Traumpsychologie oder die Deutungstechnik liefern. 



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Entwicklungswege der Psychoanalyse 



27 



lysierteu vor. allem als Reaktion auf die gegenwärtige ana- 
lytische Situation (Abwehr oder Anerkennung von Aussagen 
des Analytikers, Gefühlsreaktion auf dieselben usw.) verstehen 
und deuten muß, wobei es wichtig ist, aktuell Provoziertes von 
infantil Wiederholtem in den Reaktionen zu unterscheiden, 
gelegentlich das beiden Gemeinsame zu erkennen und anerkennen 
zu lassen. 

Gilt dies für jedes einzelne Symptom, für jeden Traum, ja 
sogar für das Verständnis der einzelnen Assoziationen, um wieviel 
mehr für die gesamte analytische Situation. So wird es besonders 
wichtig, die unbewußten Bedingungen zu analysieren, die den 
Patienten in die Analyse geführt haben, ebenso alle Bedingungen 
und Forderungen, die er mit dem Abschluß der Analyse verknüpft, 
darunter insbesondere Bedingungen zeitlicher Natur (zum Beispiel 
wenn der Patient von vornherein für die Analyse einen be- 
stimmten Termin setzen will). Eine solche Einstellung kann die 
ganze, im Detail noch so gut geführte Analyse, wenn sie nicht 
von vornherein analytisch beseitigt wird, in ihrem Enderfolg 
vereiteln. 

Die vorstehenden Ausführungen zeigen deutlich, inwiefern 
das ursprüngliche Abreagieren der Affekte eigentlich 
immer noch — trotz aller Erweiterung unserer Erkenntnisse 
— das wesentliche therapeutische Agens geblieben 
ist, nur mit dem bedeutsamen Fortschritt, daß wir seinen 
Ablauf nicht mehr mechanisch dem Wiederholungszwang über- 
lassen und ihn auch nicht mehr auf einen einzelnen „ein- 
geklemmten" Affekt beschränken. Der ungeheure Unterschied 
zwischen der Abreagierung in der Katharsis und der beim 
„psychoanalytischen Erlebnis" in unserem Sinne ist der, daß 
man bei der Katharsis bestrebt war, die Affektabfuhr in unmittel- 
barem Zusammenhange mit der Auffrischung pathogener Erinne- 
rungsspuren zu provozieren, während unsere heutige analytische 
Technik die pathogen wirksamen Affekte im Verhältnis zum Arzt 
und zur Analyse, also in der analytischen Situation ablaufen läßt, 
und erst diese Affektäußerungen dazu benützt, um mit ihrer Hilfe 




28 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

die traumatisch wirksamen Momente der Vergangenheit zur 
spontanen Erinnerung zu bringen oder zu reproduzieren.^ 

In dem hier gegebenen Unterschied zwischen der Absicht, 
Erinnerungen zu suchen, um zu den Affekten zu gelangen, 
und der, Affekte zu provozieren, um das Unbewußte zu 
entlarven, liegt auch die tiefste Ursache dafür, daß die Analyse 
auch als Wissenschaft zuerst eine Erkenntnisphase durchmachte, ehe 
sie zur vollen Würdigung des Erlebnismomentes gelangen konnte. 

Erst an dieser Stelle können wir den anscheinenden Widerspruch 
zwischen der Auffassung Freuds von der hervorragenden 
Bedeutung des Erinnerns und unserer Betonung der Erlebnis- 
reproduktion verstehen und lösen. Auch die von uns verfolgte 
Tendenz, das Wiederholen in der analytischen Situation zu provo- 
zieren, läuft ja schließlich darauf hinaus, dem Patienten mit Hilfe 
dieser Erlebnisse sozusagen neue aktuelle Erinnerungen zu 
schaffen, an Stelle der bisher vom übrigen psychischen Inhalt 
abgesperrten pathogenen Komplexe, die aufgefrischt und sozusagen 
noch während des Erlebens selbst durch Bewußtmachung in 
„Erinnerung" übergeführt werden, ohne daß man ihnen Zeit und 
Möglichkeit zur „Verdrängung" läßt. So bleibt also schließlich 
doch ein Erinnernlassen der endgültige Heilungsfaktor, wobei es sich 
eigentlich stets darum handelt, die eine — sozusagen organische — 
Wiederholungsart, die Reproduktion, in eine andere, psychische 
Wiederholungsform, das Erinnern — das ja doch schließlich auch 
nur eine Form des mnemischen Wiederholungszwanges ist — zu 
verwandeln. Dabei kann einem auch klar werden, warum gerade 
die analytische Versagung, die sozusagen eine Wiederholung 
des Traumas für den Patienten darstellt, zur Gewinnung der 
heilsamen Überzeugung unentbehrlich ist. Ist doch das Bewußt- 
werden überhaupt ein psychisches Phänomen, das die Lebewesen 
niemals unter anderen Bedingungen als unter dem Druck einer 



1 Siehe Ferenczi: Weitere Beiträge zur aktiven Technik in der 
Psychoanalyse (Zeitschrift 1921). — Zwischendurch kommt es allerdings 
gelegentlich auch zu spontanen „kathartiachen" Entladungen, meist im 
Zusammenhang mit nicht sehr tief verdrängtem Erinnerungsmaterial. 



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Entwicklungswege der Psychoanalyse 



29 



Versagungssituation, also zur Vermeidung von Unlust produzieren.^ 
Jedem anders erworbenen Wissen, und sei es logisch noch so 
zwingend, fehlt diese Überzeugungsnote. 

Darum müssen wir in der Analyse das Individuum zur Repro- 
duktion des im Wesentlichen unbewußten Stückes seiner Fehlent- 
wicklung drängen und lassen es ein Stück versagter Libido unter der 
Bedingung ausleben, daß es durch Abfuhr und gleichzeitige Einsicht 
in ihren Mechanismus die verfehlte Anpassung aufgibt und auf 
Grund eines neuen Entwicklungsschubes durch eine realere ersetzt. 
Dies erfolgt auf dem Wege der Überführung der Erregungs- 
abläufe vom unbewußten Phantasieren in das höhere vorbewußte 
Denken in der analytischen Situation. Damit ist aber auch der 
Weg zur Abfuhr der Affekte zum erstenmal gebahnt und die 
ganze psychische Existenz auf ein anderes Niveau, das Niveau der 
Realanpassung gehoben. Die regelrechte Psychoanalyse ist in diesem 
Sinne sozusagen ein sozialer Vorgang, eine „Massenbildung 
zu zweien", nach dem Ausspruche Freuds, wobei der Analytiker 
als Vertreter der ganzen differenten Umwelt, besonders der 
bedeutsamsten Personen seiner menschlichen Umgebung, fungieren 
muß. 



^ S. Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Jahrb. 1, 1909. 



III 



Historisch-kritischer RUcIcblicIc 



Nachdem wir so in kurzen Umrissen dargestellt haben, 
was unter analytischer Methode zu verstehen ist, sind wir rück- 
blickend imstande zu erkennen, daß eine Reihe von fehlerhaften 
Techniken nur einem Stehenbleiben auf einer gewissen Entwick- 
lungsphase der analytischen Erkenntnis entspricht. Es ist nur 
natürlich, daß solche Entwicklungshemmungen auf allen Stufen 
des analytischen Fortschrittes möglich waren und auch vorkamen, 
ja, auch heute noch bestehen oder sich wiederholen. 

Wir wollen versuchen, an einzelnen Punkten zu zeigen, in 
welcher Weise dies zu verstehen ist und damit nicht nur Streif- 
lichter auf die historische Entwicklung der Psychoanalyse zu 
werfen, sondern hauptsächlich zur künftigen Vermeidung ähnlicher 
Fehlentwicklungen beizutragen. Was nun folgt, ist also eigentlich 
die Darstellung einer Reihe von unrichtigen, d. h. dem heutigen 
Begriff der Psychoanalyse nicht mehr entsprechenden technischen 
Methoden. 

Bei der in der Medizin allgemein üblichen klinisch-phänomeno- 
logischen Betrachtungsweise war es nicht zu verwundern, wenn 
«s in der ärztlichen Praxis vielfach zu einer Art deskriptiver 
Analyse, eigentlich einer contradictio in adjecto, kam. Eine 
solche beschränkte sich in der Regel auf das Anhören, respektive 
die breite Schilderung von Symptomen oder perversen Regungen 
des Patienten, ohne wesentlich therapeutisch zu wirken, weil sie 
das dynamische Moment vernachlässigte. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 31 

Eine ähnliche mißverständliche Art der Analyse bestand im 
Sammeln der Assoziationen, als wären sie das Wesent- 
liche und nicht bloß aufsteigende Bewußtseinsblasen, die uns nur 
anzeigen, an welcher Stelle, eventuell in welcher Tiefe unter der 
Oberfläche sich die wirksamen Affektregungen verbergen und 
besonders welche Motive den Patienten dazu drängen, sich im 
gegebenen Falle gerade der von ihm bevorzugten Assoziations- 
wege zu bedienen. 

Weniger harmlos war der Deutungsfanatismus, der 
dazu führte, daß man über der Fixigkeit lexikonhafter Über- 
setzungen übersah, daß auch die Deutungstechnik nur eines der 
Hilfsmittel zur Kenntnis des unbewußten Seelenzustandes des 
Patienten ist und nicht der Zweck oder gar der Hauptzweck der 
Analyse. Dieses Übersetzen der Einfälle des Patienten ist ähnlich zu 
werten wie auf sprachlichem Gebiet, von wo der Vergleich auch 
genommen ist; das Nachschlagen der unverständlichen Vokabeln 
ist die unvermeidliche Vorarbeit zum Verständnis des 
ganzen Textes, nicht aber Selbstzweck an sich. Dieser „Über- 
setzung" muß erst die eigentliche „Deutung" im Sinne des ver- 
ständlichen Zusammenhanges folgen. Unter diesem Gesichtspunkt 
verschwinden die so häuflgen Streitigkeiten über die Richtig- 
keit einer Deutung, i. e. Übersetzung. Fragen von Analytikern, 
ob diese oder jene „Deutung" — in unserem Sinne ist Über- 
setzung gemeint — richtig sei, oder die Frage, was dieses oder 
jenes — etwa im Traume — „bedeute", zeugen von unvoll- 
kommenem Verständnis der analytischen Gesamtsituation und von 
der eben angedeuteten Überschätzung isolierter Einzelheiten. Diese 
können einmal das, ein andermal etwas anderes bedeuten. Das 
gleiche Symbol kann beim selben Patienten in einem anderen 
Zusammenhang, in einer verschiedenen Situation, unter dem Druck 
oder Nachlassen des Widerstandes, andere Bedeutung haben oder 
annehmen. Es kommt in der Analyse so viel auf feine Details, 
scheinbare Nebensächlichkeiten, wie Tonfall, Gebärde,. Miene an; 
^ es hängt so viel von der gelungenen Interpolation ab, vom ver- 
H ständlichen Zusammenhang, vom Sinn, den die Äußerungen des 

t 



1 



32 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Patienten durch seinen unbewußten Kommentar mit Hilfe unserer 
Interpretation bekommen. Die Übersetzungstechnik vergaß also über 
dem Interesse an der „richtigen" Detailübersetzung, daß das Ganze, 
das heißt die analytische Situation des Patienten 
als solche, auch eine Bedeutung hat, u. zw. die Hauptbedeutung ; 
aus dem Gesamtverständnis ergibt sich erst jeweils die richtige 
Detailinterpretation der übersetzten Stücke, dann aber zwanglos 
und zweifellos, während der Übersetzungsfanatismus zur Schema- 
tisierung führt und therapeutisch unfruchtbar ist. 

Ein anderer methodischer Fehler war das Festhalten an der 
überwundenen Phase der Symptomanalyse. Bekanntlich gab es 
eine Frühperiode der Analyse, in der von den einzelnen Symptomen 
ausgegangen und durch suggestives Drängen jene Erinnerungen 
wachgerufen wurden, die, aus dem Unbewußten wirkend, die 
Symptome produzierten. Diese Methode ist durch die seitherige 
Entwicklung der psychoanalytischen Technik längst überholt. 
Handelt es sich doch gar nicht darum, die Symptome zum Ver- 
schwinden zu bringen, was ja jede Suggestivmethode leicht 
erreichen kann, sondern darum, ihre Wiederkehr zu verhindern, 
d. h. das Ich des Kranken widerstandsfähiger zu machen. Dazu 
bedarf es eben einer Analyse der ganzen Persönlichkeit. Der 
Analytiker hat daher, nach Freuds Vorschrift immer von der 
jeweiligen psychischen Oberfläche auszugehen, und darf nicht den 
assoziativen Verknüpfungen mit dem Symptom nachjagen. Offen- 
bar war es zu verlockend und bequem, auf dem direkten Wege 
der Befragung des Patienten über die Einzelheiten seines neuro- 
tischen oder perversen Tuns Auskunft zu holen und so die Ent- 
stehungsgeschichte seiner Abnormität direkt erinnern zu lassen.^ 
Erst eine Reihe von konvergenten Erfahrungen kann uns in den 
Stand setzen, die vielen „Bedeutungen", die einem Symptom im 
bestimmten Falle zukommen können, zu verstehen. Mit der 

^ Die prinzipielle Ablehnung der „Symptomanalysen" schließt die gelegent- 
liche Befragung des Patienten über die Ursache der besonderen Vordringlichkeit 
einer Symptomäußerung (z. B. der sogenannten passageren Symptome) natür- 
lich nicht aus. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 33 

direkten Befragung: erreichte man nur, daß die Aufmerksamkeit 
des Patienten- unzeitgemäß auf diese Momente hingelenkt, 
dadiu"ch aber auch der Widerstand dort etabliert wurde, indem der 
Patient dieses an sich nicht gerade unberechtigte Hinlenken der 
Aufmerksamkeit mißbrauchen konnte. So konnte es dazu kommen, 
daß übermäßig lang „analysiert" wurde, man aber nicht zur infan- 
tilen Urgeschichte kam, ohne deren Rekonstruktion keine Behand- 
lung eine wirkliche Analyse genannt werden kann. 

Etwas eingehender müssen wir uns mit einer Phase der 
Analytik beschäftigen, die „Komplexanalyse" genannt werden 
kann und die eine wichtige Etappe der Verbindung mit der Schul- 
psychologie konserviert. Das Wort „Komplex" wurde zuerst von 
Jung verwendet, als Vereinfachung eines komplizierten psycho- 
logischen Tatbestandes, als Bezeichnung gewisser für die Person 
charakteristischer Tendenzen, oder einer zusammenhängenden 
Gruppe affektbetonter Vorstellungen. Diese immer mehr umfassende 
imd daher beinahe nichtssagend gewordene Bedeutung des Wortes 
wurde dann von Freud dahin eingeschränkt, daß er mir die unbe- 
wußt-verdrängten Anteile jener Vorstellungsgruppen mit dem 
Namen „Komplex" umschrieb. Je feiner aber die labilen, hin und 
her wogenden Besetzungsvorgänge im Psychischen der Unter- 
suchung zugänglich wurden, um so überflüssiger erschien die 
Annahme von solchen starr abgesonderten, in sich zusammen- 
hängenden und nur in toto erregbaren und verschiebbaren Seelen- 
bestandteilen, die, wie die genauere Analyse zeigte, viel zu „komplex" 
waren, als daß sie wie weiter nicht zerlegbare Elemente hätten 
behandelt werden dürfen. In den neueren Werken Freuds figuriert 
denn auch dieser Begriff nur mehr als Survival einer Periode der 
Psychoanalytik, dem im psychoanalytischen System insbesondere seit 
Schaffung der Metapsychologie eigentlich kein Platz mehr zukommt. 
Es wäre wohl am folgerichtigsten gewesen, mit diesem nun- 
mehr unbrauchbar gewordenen Rudiment aus früherer Zeit 
überhaupt aufzuräumen und die den meisten Analytikern lieb- 
gewordene Terminologie zugunsten eines besseren Verständnisses 
aufzugeben. Statt dessen wurde vielfach die ganze Psyche gleichsam 



1 



34 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



als ein Mosaik solcher Komplexe vorgestellt und die Analyse dann 
so betrieben, daß man einen Komplex nach dem anderen „heraus- 
zuanalysieren" bestrebt war; oder es wurde versucht, die ganze 
Persönlichkeit als eine Summe von Vater-, Mutter-, Bruder-, 
Schwesternkomplexen usw. zu behandeln. Es war natürlich leicht, 
Material zu diesen Komplexen zu sammeln, da doch jeder Mensch 
alle „Komplexe" besitzt, das heißt jeder im Laufe seiner Ent- 
wicklung mit dem Verhältnis zu den ihn umgebenden Personen und 
Dingen irgendwie fertig werden mußte. Die zusammenhängende 
Aufzählung der Komplexe, beziehungsweise Komplexmerkmale mag 
in der beschreibenden Psychologie am Platze sein, nicht aber in der 
praktischen Analyse der Neurotiker, selbst nicht bei der analytischen 
Bearbeitung literarischer oder völkerpsychologiseher Produkte, wo 
sie unweigerlich zu einer durch die Vieldeutigkeit des Stoffes durch- 
aus nicht gerechtfertigten Monotonie führen mußte, die dadurch kaum 
gemildert wurde, daß bald dieser, bald jener Komplex bevorzugt ward. 
Mochte auch eine derartige Flächenhaftigkeit bei der wissen- 
schaftlichen Darstellung manchmal als unvermeidlich hingenommen 
werden, so durfte man doch nicht ein solches eingeengtes Inter- 
esse in die Technik hineintragen. Die Komplexanalyse verleitete 
den Patienten leicht dazu, seinem Analytiker angenehm zu sein, 
indem er ihm beliebig lang „Komplexmaterial" lieferte, ohne seine 
wirklichen unbewußten Geheimnisse preiszugeben. So kamen 
Krankengeschichten zustande, in denen die Patienten Erinnerungen 
erzählen, offenbar erdichten, wie sie bei unvoreingenommenen 
Analysen nie vorkommen und nur als Produkte einer solchen 
„Komplexzucht" aufgefaßt werden können. Derlei Ergebnisse 
sollten natürlich weder subjektiv für die Richtigkeit der eigenen 
Deutungstechnik, noch auch zu theoretischen Schlußfolgerungen 
oder Beweisführungen verwertet werden.^ 



^ Als extremes Beispiel für die Subjektivität solcher Komplexvorlieben 
sei auf S t e k e 1 hingewiesen, der dieselben neurotischen Symptome zuerst 
auf Sexualität, dann auf Kriminalität, endlieh auf Religiosität zurückführte. 
Er mag ja, da er alles mögliche behauptet hatte, auf diese Weise auch mit 
manchen seiner Einzelbehauptungen recht behalten. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 



35 



Besonders häufig geschah es, daß die Assoziationen des 
Patienten unzeitgemäß aufs Sexuelle hingelenkt oder er dabei 
belassen wurde, wenn er — wie so häufig — mit der Erwartung 
in die Analyse kam, daß er fortwäJirend nur von seinem aktuellen 
oder infantilen Sexualleben zu erzählen habe. Abgesehen davon, daß 
dies in der Analyse gar nicht so ausschließlich der Fall ist, wie 
unsere Gegner meinen, kann ein solches Gewährenlassen des 
Schwelgens im Sexuellen dem Patienten oft die Möglichkeit bieten, 
die ihm auferlegte Versagung auch in ihrer therapeutischen Wirk- 
samkeit zu paralysieren. • 

Auch das Verständnis für die vielgestaltigen und bedeutsamen 
Seeleninhalte, die sich unter dem Sammelnamen „Kastrations- 
komplex" verbergen, wurde durch das Hineinträgen der Kom- 
plexlehre in die Dynamik der Analyse nicht gerade gefördert. Im 
Gegenteil meinen wir, daß die voreilige theoretische Zusammen- 
fassung der Tatbestände unter einem Komplexbegriff die Einsicht 
in tiefere Schichten gehindert hat. Wir glauben, daß die volle 
Würdigung dessen, was der analytische Praktiker sich gewöhnt 
hat, mit der Etikette „Kastrationskomplex" abzutun, noch aus- 
steht, so daß dieser Erklärungsbehelf nicht leichthin als ultima 
ratio so vieler und so verschiedener Seelenzustände und Vor- 
gänge im Patienten hingestellt werden sollte. Wir können von 
dem in der Praxis einzig gerechtfertigten dynamischen Standpunkt 
in den Äußerungsformen des Kastrationskomplexes, wie sie 
sich im Verlauf einer Analyse manifestieren, oft nur eine der 
Wider Standsformen erkennen, die der Patient den tiefer 
gelegenen libidinösen Regungen vorgeschaltet hat. Im Frühstadium 
mancher Analysen läßt sich die Kastrationsangst als Ausdrucks- 
mittel der auf den Analytiker übertragenen Angst zum Schutz vor 
der weiteren Analyse entlarven. 

Wie wir schon angedeutet haben, erwuchsen technische 
Schwierigkeiten auch aus einem Zuvielwissen des Analytikers. 
So hat die Bedeutsamkeit der von Freud ausgebauten Theorie 
der Sexualentwicklung manche dazu verleitet, gewisse Auto- 
erotismen und Organisationssysteme der Sexualität, die 



3* 



36 



Dr. S, Ferenczi und Dr. Otto Rank 



uns das Verständnis für die normale Sexualentwicklung erst 
eröffneten, mißverständlich und in allzu dog^matischer Weise in 
der Therapie der Neurosen anzuwenden. Auf der Suche nach den 
konstruktiven Elementen der Sexualtheorie wurde so in einzelnen 
Fällen die eigentliche analytische Aufgabe vernachlässigt. Diese Art 
Analysen waren gleichsam psychochemische „Elementar- 
analysen". Auch hier wieder zeigte sich, daß die theoretische 
Bedeutsamkeit nicht immer mit der Bewertung in der praktischen 
Analyse korrespondiert. Die Technik braucht nicht schulmäßig alle 
sozusagen vorgeschriebenen Phasen der Libidoentwicklung historisch 
bloßzulegen, geschweige denn, daß die Aufdeckung aller theoretisch 
festgestellten Details und Rangordnungen als Heilungsprinzip der 
Neurose zu verwerten ist. Auch ist es praktisch überflüssig, alle 
Grundelemente einer hochkomplizierten „Verbindung" aufzuzeigen, 
die ja im voraus bekannt sein müssen, während das geistige 
Band, das wenige Grundelemente zu immer neuen, andersartigen 
Phänomenen verbindet, unserer Hand entschlüpft. Gilt doch von 
den Erotismen (z. B. Urethral-Analerotik usw.) und den Organi- 
sationsstufen (orale, sadistisch-anale und andere prägenitale Phasen) 
dasselbe wie von den Komplexen : es gibt keine menschliche Ent- 
wicklung ohne sie, man darf ihnen aber in der Analyse nicht d i e 
Bedeutung für die Krankheitsentwicklung zuschreiben, die der 
Widerstand unter dem Druck der analytischen Situation vortäuscht. 

Bei näherem Zusehen ließ sieh dann ein gewisser innerer 
Zusammenhang zwischen „Elementaranalysen" und „Komplex- 
analysen" insofern erkennen, als die letzteren bei ihrem Bemühen, 
die seelische Tiefe zu erfassen, auf den Granit der „Komplexe" 
stießen, und ihre Arbeit in die Breite anstatt in die Tiefe ging. 
Gewöhnlich versuchten sie dann, die mangelnde Tiefe der Libido- 
dynamik durch einen Sprung in die Sexuallehre zu ersetzen und 
verknüpften starre Komplexmerkmale mit ebenso schematisch 
behandelten Bausteinen der Sexualtheorie, während ihnen gerade das 
dazwischenliegende Kräftespiel der libidinösen Tendenzen entging. 

Dieses Verhalten mußte zu einer theoretischen Überschätzung 
des Quantitätsmomentes führen, die alles Pathogene 




Entwicklungswege der Psychoanalyse 



37 



einer stärkeren Organerotik usw. zuschrieb, eine Anscliauung, 
die ähnlich wie die voranalytischen Neurologenschulen durch 
die Schlagworte „Vererbung", „Entartung" oder „Disposition", 
sich den Zugang zur Einsicht in das wirksame Kräftespiel 
der pathogenen Ursachen verlegte. 

Seitdem die Trieblehre und mit ihr auch biologische 
und physiologische Kenntnisse, zum Teil als Erklärungsbehelfe 
psychischer Vorgänge herangezogen wurden, insbesondere seit- 
dem die sogenannten „Pathoneurosen", die Organneurosen, ja 
auch organische Erkrankungen psychoanalytisch behandelt werden, 
ergaben sich zwischen Psychoanalyse und Physiologie Grenz- 
streitigkeiten. Die schablonenhafte Übersetzung physiologischer 
Vorgänge in die Sprache der Psychoanalyse ist unzulässig. 
Insofern man organischen Prozessen analytisch nahezukommen 
versucht, müssen die Regeln der Psychoanalyse auch hier 
streng eingehalten werden. Man soll bemüht sein, das - organisch- 
medizinische und physiologische Wissen sozusagen zu vergessen 
und einzig die psychische Persönlichkeit und ihre Reaktionen im 
Auge behalten. 

Verwirrend wirkte es auch, wenn einfache klinische Tatsachen 
gleich mit Spekulationen über Werden, Sein und Vergehen ver- 
knüpft imd diese wie feststehende Regeln in die praktische Analyse 
hineingezogen wurden, während Freud selbst in seinen letzten 
synthetischen Arbeiten deren hypothetischen Charakter immer 
wieder betont. Oft genug scheint denn auch ein solches Abgleiten 
in die Spekulation nur ein Ausweg aus unbequemen technischen 
Schwierigkeiten gewesen zu sein. Wir wissen, wie sich ein 
vorzeitiges ZusammenfassenwoUen unter ein spekulatives Prinzip 
in technischer Hinsicht rächen kann (Jung sehe Theorie).^ 

^ Bekanntlich ging Jung soweit, die mneinische Bedeutsamkeit der in 
der Analyse zutage geförderten infantilen Erlebnisse und der in ihnen eine 
tätige Rolle spielenden Persönlichkeiten zugunsten einer Analyse auf der 
»Subjektstufe" zu vernachlässigen. Es verrät einen hohen Grad von Realitäts- 
flueht, wenn man nur den idealisierten oder gar zu unpersönlichen Begriffen 
verdunkelten Abkömmlingen der ursprünglichen Erinnerungen an Dinge und 
Personen Realität und Wirksamkeit zugestehen will. 



38 Dr. S. Ferenezi und Dr. Otto Rank 

Fehlerhaft war es auch, unter Vernachlässigung des Indivi- 
duellen, bei der Erklärung von Symptomen sogleich kulturgeschicht- 
liche und phylogenetische Analogien heranzuziehen, so aufschlußreich 
letztere auch an sich sein mögen. Anderseits verleitete die Über- 
schätzung des Aktuellen zu einer prospektiv-anagogischen Inter- 
pretation, die den pathologischen Fixierungen gegenüber unfruchtbar 
blieb. Sowohl die „Anagogen" als auch manche „Genetiker" 
vernachlässigten über Zukunft und Vergangenheit die Gegen- 
wart des Patienten; und doch äußert sich fast alles Vergangene 
und alles unbewußt Angestrebte, insoferne es nicht direkt bewußt 
oder erinnert wird (und das geschieht nur äußerst selten), in 
aktuellen Reaktionen im Verhältnis zum Arzt, respektive , zur 
Analyse, mit anderen Worten in der Übertragung auf die 
analytische Situation. 

Die theoretische Forderung der Breuer-Freudschen 
Katharsis, die auf Symptomäußerungen verschobenen Affekt- 
mengen direkt zu den pathogenen Erinnerungsspuren zurück- 
zuführen und dabei doch zur Abfuhr und Wiederverankerung zu 
bringen, erwies sich als unerfüllbar, d. h. dies gelingt nur in bezug 
auf unvollständig verdrängtes, meist vorbewußtes Erinnerungs- 
material, also auf gewisse Abkömmlinge des eigentlichen Unbe- 
wußten. Dieses selbst, dessen Aufdeckung die Hauptaufgabe 
der Psychoanalyse ist, kann — da es nie „erlebt" wm-de — 
auch nicht „erinnert" werden, man muß es auf gewisse 
Anzeichen hin reproduzieren lassen. Die bloße Mitteilung, etwa als 
„Rekonstruktion", ist allein nicht geeignet, Affektreaktionen her- 
vorzurufen ; sie prallt von den Patienten zunächst wirkungslos ab. 
Erst wenn sie etwas dem Analoges aktuell, in der analytischen 
Situation, d.h. in der Gegenwart erleben, können sie sich von 
der Realität des Unbewußten, meist auch nur nach wiederholtem 
Erleben überzeugen. Unsere neuen Einsichten in die Topik der 
Seele und die Funktionen der einzelnen Tiefenschichten geben 
uns die Erklärung dieses Verhaltens. Das Unbewußt-Verdrängte 
hat keinen Zugang zur Motilität, auch nicht zu jenen motorischen 
Innervationen, deren Summe die Affektabfuhr ausmacht; das 




Entwicklungswege der Psychoanalyse 



39 



Vergangene und Verdrängte muß also im Gegenwärtigen 
und Bewußten (Vorbewußten), also in der aktuellen psychi- 
schen Situation eine Vertretung finden, um affektiv erlebt werden 
zu können. Im Gegensatze zu den stürmischen kathartischen 
Abreaktionen wäre der in der psychoanalytischen Situation stück- 
weise vor sich gehende Affektablauf als eine fraktionierte Katharsis 
zu bezeichnen. 

Wir glauben übrigens im allgemeinen, daß Affekte, um 
überhaupt wirksam zu werden, erst aufgefrischt, das heißt 
gegenwärtig gemacht werden müssen. Denn was uns nicht un- 
mittelbar in der Gegenwart, also real affiziert, muß psychisch 
unwirksam bleiben. 

Der Analytiker soll immer mit der Mehrzeitigkeit fast 
jeder Äußerung des Patienten rechnen, wird aber auf die gegen- 
wärtige Reaktion sein Hauptaugenmerk richten. Unter diesem 
Gesichtspunkte kann es ihm erst gelingen, die Wurzeln der 
aktuellen Reaktion in der Vergangenheit aufzudecken, das heißt, 
die Wiederholungsbestrebung des Patienten in ein Erinnern zu 
verwandeln. Die Zukunft braucht ihn dabei wenig zu kümmern. 
Man kann diese Sorge jedem, der über seine gegenwärtigen und 
vergangenen seelischen Strebungen genügend aufgeklärt wurde, 
ruhig selbst überlassen. Die kulturgeschichtlichen und phylogene- 
tischen Analogien aber müssen in der Analyse zumeist gar 
nicht zur Erörterung kommen. Mit dieser Vorzeit braucht sich 
der Patient fast niemals und auch der Arzt nur höchst selten 
zu beschäftigen. 

An dieser Stelle müssen wir uns auch mit gewissen Miß- 
verständnissen in bezug auf die Aufklärung der zu Analysierenden 
beschäftigen. Es gab eine Phase in der Entwicklung der Psycho- 
analyse, in der man das Ziel der analytischen Behandlung darin 
erblickte, gewisse Erinnerungslücken des Patienten durch Wissen 
auszufüllen. Später erkannte man, daß das neurotische Nichtwissen 
aus dem Widerstand, das heißt dem Nichtwissenwollen hervorgehe, 
und dieser Widerstand es sei, der immer wieder entlarvt und 
unschädlich gemacht werden müsse. Geht man in dieser Wei 



40 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

vor, SO füllen sich die bisherigen amnestischen Lücken in der 
Erinnerungskette des Patienten zum großen Teil automatisch, zum 
andern Teil mit Hilfe sparsamer Deutungen und Erklärungen. Der 
Patient lernt also nicht mehr und nichts anderes, als was und 
wieviel er zur Beseitigung der herrschenden Störungen braucht. 
Es war ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, daß niemand 
vollständig analysiert sei, der nicht auch theoretisch in alle 
Einzelheiten der eigenen Abnormität eingeweiht wurde. Freilich 
ist es nicht leicht, die Grenze abzustecken, bis zu der die Instruk- 
tion des Patienten durchzuführen ist. Unterbrechungen der regel- 
rechten Analyse durch förmliche Auffclärungskurse mögen Arzt 
und Patienten gleicherweise befriedigen, können aber an der Libido- 
einstellung des Kranken nichts ändern. Eine weitere Folge solchen 
Vorgehens war es auch, daß man den Patienten unmerklich dazu 
drängte, sich auf dem Wege der Identifizierung mit dem Analytiker 
der eigentlichen analytischen Arbeit zu entziehen. Es ist ja bekannt, 
sollte aber viel ernster gewürdigt werden, daß das Lehren- und 
Lernenwollen eine für die Analyse ungünstige psychische Ein- 
stellung schafft.^ 

Gelegentlich hörte man von Analytikern die Klage, diese oder 
jene Analyse wäre an den „zu starken Widerständen" oder an 
der zu „heftigen Übertragung" gescheitert. Die Möglichkeit solcher 
extremen Fälle ist prinzipiell zuzugeben ; stellen sich uns doch 
tatsächlich manchmal quantitative Momente entgegen, die wir 
praktisch keineswegs unterschätzen dürfen, da sie doch am End- 
ausgang der Analysen ebenso wie an ihrer Verursachung einen 
entscheidenden Anteil haben. Doch kann das Quantitätsmoment, an 
und für sich so bedeutsam, zum Deckmantel für mangelhafte Einsicht 
in das Motivenspiel werden, das schließlich über die Verwendungsart 
und die Verteilung jener Quantitäten entscheidet. Weil Freud 
einmal den Satz aussprach : „Alles was die analytische Arbeit stört, 



^ Das gilt auch für die Personen, die sieh nur zu Lernzwecken einer 
Analyse unterziehen (sogenannte »Lehranalysen"). Es passiert dabei nur zu leicht, 
daß die Widerstände sich auf intellektuelles Gebiet (Wissenschaft) verschieben 
und so unaufgeklärt bleiben. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 41 

ist ein Widerstand," dürfte man nicht bei jeder Stockung in der 
Analyse einfach, sagen: „Das ist ein Widerstand." Dies brachte 
namentlich bei Patienten mit stark ansprechbarem Schuldgefühl 
eine analytische Atmosphäre zustande, in der sie sich quasi 
ängstigen, den faux pas eines „Widerstandes" zu begehen, 
während der Analytiker der Situation hilflos gegenüberstand. Man 
vergaß dabei offenbar eine andere Aussage Freuds, nämlich, daß 
wir in der Analyse darauf vorbereitet sein müssen, denselben 
Kräften, die seinerzeit die Verdrängung verursachten, als „Wider- 
stand" zu begegnen, sobald wir uns anschicken, diese Verdrängungen 
aufzuheben. 

Eine andere analytische Situation, auf die die Etikette „Wider- 
stand" ebenfalls unkorrekt angewendet zu werden pflegte, ist die 
negative Übertragung, die sich ihrer Natur nach gar nicht 
anders denn als „Widerstand" äußern kann und deren Analyse 
die Hauptleistung der therapeutischen Beeinflussung darstellt. Vor 
den negativen Reaktionen des Patienten hat man sich natürlich 
nicht zu ängstigen, denn sie gehören zum eisernen Bestand einer 
jeden Analyse. Auch die stürmische positive Übertragung, besonders 
wenn sie sich am Anfang der Kur äußert, ist oft nur ein Wider- 
standssymptom, das nach Demaskierung verlangt. In anderen Fällen, 
und besonders in den späteren Stadien der Analyse, ist sie 
aber das eigentliche Vehikel für die Zutageförderung unbewußt 
gebliebener Strebungen. 

In diesem Zusammenhang ist auch eine wichtige Regel der 
psychoanalytischen Technik zu erwähnen, und zwar in bezug auf die 
persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patienten. Die theoretisch 
geforderte Vermeidung jedes persönlichen Kontaktes außerhalb 
der Analyse führte meist auch in der Analyse selbst zu einer 
unnatürlichen Ausschaltung aUes Menschlichen und damit wieder 
zur Theoretisierung des analytischen Erlebnisses. 

Unter dieser Einstellung waren manche Praktiker allzu leicht 
geneigt, einem Wechsel in der Person des Analytikers 
nicht jene Bedeutsamkeit beizulegen, die ihm vermöge der Auf- 
fassung der Analyse als eines seelischen Prozesses, dessen Ein- 



42 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



heitlichkeit durch die Person des Analytikers bedingt ist, 
zukommt Ein Wechsel des Analytikers mag; ja in seltenen Aus- 
nahmsfällen aus äußeren Gründen nicht zu umgehen sein, doch 
glauben wir, daß man technische Schwierigkeiten — z. B. bei Homo- 
sexuellen — nicht einfach durch die Wahl eines Analytikers vom 
anderen Geschlechte umgehen kann. Denn in jeder regelrechten 
Analyse spielt der Analytiker ohnehin alle möglichen Rollen für 
das Unbewußte des Patienten; es liegt nur an ihm, dies jeweils 
rechtzeitig zu erkennen und unter Umständen auch bewußterweise 
auszunützen. Insbesondere handelt es sich dabei um die Rollen der 
beiden Eltern-Imagines (Vater und Mutter), in denen der Analytiker 
eigentlich ständig alterniert (Übertragung und Widerstand). 

Es ist kein Zufall, daß technische Mißgriffe gerade bei den 
Äußerungen der Übertragung und des Widerstandes so häufig 
vorkamen. Man ließ sich eben leicht von diesen elementaren 
Erlebnissen in der Analyse überrumpeln und vergaß merkwürdiger- 
weise gerade hier die Theorie, die man an unrichtiger Stelle in 
den Vordergrund gerückt hatte. Es mag dies auch auf subjektiven 
Momenten beim Arzt beruhen. Der Narzißmus des Ana- 
lytikers erscheint geeignet, eine besonders ausgiebige Fehler- 
quelle zu schaffen, indem er mitunter eine Art narzißtischer 
Gegenübertragung zustande bringt, die den Analysierten 
veranlaßt, einesteils Dinge in den Vordergrund zu schieben, die 
dem Arzt schmeicheln, andernteils ihn betreffende Bemerkungen 
und Einfälle abfälliger Art zu unterdrücken. Beides ist technisch 
unrichtig; das erste, indem es zu Scheinbesserungen des Patienten 
führen kann, die nur darauf berechnet sind, den Analytiker zu 
bestechen und ihm auf diese Weise libidinöse Gegensympathie 
abzugewinnen; das zweite, indem es den Analytiker von der 
technischen Notwendigkeit abhält, bereits leise Anzeichen der 
sich meist nur zaghaft hervorwagenden Kritik aufzuspüren und 
dem Patienten zur unverhüllten Aussprache, beziehungsweise 
Abreaktion, zu verhelfen. Die Angst und das Schuldbewußtsein 
des Patienten können ohne diese, allerdings einige Überwindung 
erfordernde Selbstkritik des Analytikers niemals bewältigt werden, 



• Entwicklungswege der Psychoanalyse 



43 



und doch sind diese zwei Gefühlsmomente die wesentlichsten 
Faktoren für das Zustandekommen und die Aufrechterhaltung 
der Verdrängung. 

Eine andere Form, hinter der sich technische Unzulänglich- 
keit verbarg, fanden manche Analytiker in einer gelegentlichen 
Äußerung Freuds, die lautet, daß der Narzißmus des 
Patienten seiner Beeinflußbarkeit durch die Analyse eine 
Sehranke setzen könne. Wenn die Analyse nicht recht vonstatten 
gehen wollte, tröstete man sich damit, daß der Patient eben „zu 
narzißtisch" sei. Und da der Narzißmus als Bindeglied zwischen 
Ich- und Libidostrebungen ebenfalls bei jedem normalen und 
abnormen Seelenvorgang irgendwie beteiligt ist, war es nicht 
schwer, aus dem Tun und Denken des Patienten Beweise für 
seinen „Narzißmus" zu erbringen. Aber auch die narzißtisch be- 
dingten „Kastrations"-, beziehungsweise „Männlichkeitskomplexe" 
darf man nicht so behandeln, als bezeichneten sie bereits die 
Grenze der analytischen Auflösbarkeit.^ 

Wo die Analyse auf den Widerstand des Patienten stieß, 
übersah man oft, inwieweit es sich dabei nur um pseudo- 
narzißtische Tendenzen handelte. Insbesondere Analysen von 
Personen, die bereits mit einer gewissen theoretischen Vorbildung 
zur Analyse kommen, können einen davon überzeugen, daß vieles 
von dem, was man theoretisch geneigt ist, dem Narzißmus zuzu- 
schreiben, tatsächlich sekundär, pseudonarzißtisch ist und sich bei 
fortgesetzter Analyse restlos im Elternverhältnis auflösen läßt. 
Natürlich ist dabei ein analytisches Eingehen auf die Ichentwicklung 
des Patienten notwendig, wie überhaupt bei der Analyse der 
Widerstände die bisher allzusehr vernachlässigte Analyse des Ich 
herangezogen werden muß, für die Freud in letzter Zeit wert- 
volle Winke gegeben hat. 

Die Neuheit eines technischen Gesichtspunktes, der in letzter 
Zeit unter dem Namen „Aktivität" (Ferenczi) eingeführt 
wurde, hat es mit sich gebracht, daß manche, um technischen 

1 Wir wissen, daß Adler, der offenbar mit der Analyse der Libido 
nicht weiter kam, an diesem Punkte stecken blieb. 



44 



Dr. S. Ferenezi und Dr. Otto Rank 



Schwierigkeiten auszuweichen, dem Patienten oft mit gewaltsamen 
Ge- und Verboten an den Leib rücken, was man als eine Art 
„wilde Aktivität" charakterisieren könnte. Dies ist allerdings 
auch als Reaktion auf das andere Extrem, das strenge Fest- 
halten an einer allzu starren „Passivität" in der Technik zu 
verstehen. Letzteres ist wohl durch die theoretische Einstellung 
des Analytikers, der zugleich Forscher sein muß, einigermaßen 
gerechtfertigt. In der Praxis aber führt es leicht dazu, daß man dem 
Patienten auch den Schmerz notwendiger Eingriffe ersparen will 
und ihm die Führung in den Assoziationen wie in der Deutung 
seiner Einfälle allzusehr überläßt.^ 

Die von der Analyse geforderte maßvolle, aber wenn nötig 
energische Aktivität besteht darin, daß der Arzt es übernimmt, 
jene Rolle bis zu einem gewissen Grade auch wirklich zu erfüllen, 
die ihm das Unbewußte des Patienten und seine Fluchttendenzen 
vorschreiben. Hiedurch wird der etwa gehemmten Wieder- 
holungstendenz früherer traumatischer Erlebnisse Vorschub 
geleistet, natürlich mit dem weiter führenden Ziele, diese Wieder- 
holungsneigung gerade durch die Aufdeckung ihres Inhaltes 
endgültig zu überwinden. Wo diese Wiederholung spontan zustande 
kommt, ist ein Provozieren derselben überflüssig und der Arzt 
kann ohneweiters die Umwandlung der Wiederholung in Erinnerung 
(oder plausible Rekonstruktion) herbeiführen. 

Diese letzten rein technischen Bemerkungen führen uns zu 
dem bereits öfter gestreiften Thema der Wechselwirkung von 
Theorie und Praxis zurück, dem wir nunmehr einige allgemeine 
methodologische Bemerkungen widmen können. 



^ Eine solche zu „passive Technik" ihres Analytikers machen sich besonders 
gerne Patienten mit stark „masochistischer" Einstellung zunutze, indem sie selbst 
Deutungen auf der , Subjektstufe" vornehmen, wobei sie gleichzeitig ihre selbst- 
quälerischen Tendenzen befriedigen und der tieferen Deutung ungläubigen Wider- 
stand entgegensetzen. — In ähnlicher Weise kann man übrigens beliebig „ana- 
gogische" Traumdeutungen erzielen, wenn man dem in der Analyse etwas unter- 
richteten Patienten selbst die Deutung der Traumelemente überläßt, ohne hinter 
die durch die Moral überkompensierte Widerstandsdynamik zu gehen. 



w 



IV 

Zur Wechselwirkung von Theorie und Praxis 

Eine besondere, im Wesen der Psychoanalyse selbst gelegene 
Schwierigkeit macht dieses Problem hier noch komplizierter als es 
vielleicht auf anderen Wissensgebietensein mag.Diepsychoanalytische 
Technik war ursprünglich und ist auch heute noch ein Mittel zu 
einer kausalen Therapie der Neurosen und strebte die Beseitigung 
der Symptome durch Bewußtmachung ihrer unbewußten Wurzeln 
an. Die Therapie selbst beruht also auf einer Art „Wissen" und 
scheint so dem theoretischen Wissen nahe verwandt. Doch konnte 
gerade die Analyse zum erstenmal deutlich zeigen, daß es sozu- 
sagen zweierlei Arten von Wissen gibt, ein intellektuelles und 
ein auf tiefer „Überzeugung" basiertes, deren scharfe Auseinander- 
haltung, besonders auf dem Gebiete der Psychoanalyse zu den 
ersten und strengsten Forderungen gehören muß.^ Darin scheint 
auch einer der Gründe zu liegen, warum die Psychoanalyse insofern 
eine Sonderstellung in Anspruch nimmt, als in ihr „Plausibilität" 
und „logische Notwendigkeit" als Kriterium der Wahrheit nicht 
genügen, sondern ein unmittelbares Wahrnehmen oder Erleben des 
in Frage kommenden Prozesses zum Überzeugtwerden erforderlich 
ist. Dieses „Erleben" schließt aber zugleich nicht unbeträchtliche 
Fehlerquellen in sich, wenn man nicht bei der Herauskristallisierung 
theoretischer Ergebnisse aus den seelischen Erlebnissen das 
subjektive Moment der eigenen Impression wieder weitgehend 
auszuschalten vermag. 

^ Siehe auch: Glaube, Unglaube und Überzeugung (Ferenczi: Populfire 
Vorträge über Psychoanalyse). 




48 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



Die therapeutische Technik wurde mit der Entwicklung der 
Psychoanalyse immer vollkommener und detaillierter ausgebaut, 
und zwar eben mit Hilfe dieser Technik selbst, welche auf diese 
Weise gleichzeitig ein praktisches Instrument der Heilung und 
ein solches der Erkenntnis war, da der Patient durch das „Wissen" 
geheilt wurde. Die Analyse hat eben von Haus aus zwei gänzlich 
verschiedene Aspekte, die einander aber fortwährend berühren, 
schneiden, durchkreuzen, und es kommt nur darauf an, von 
welchem Gesichtspunkt aus man jeweilen die Sache betrachtet. 
Sieht man die analytische Technik als ein Mittel zum Atifflnden 
neuer psychologischer Tatsachen und Zusammenhänge, also zur 
Erforschung des Seelenlebens an, so wird man sagen können, ihr 
therapeutischer Wert sei rein zufällig; oder umgekehrt, vom 
Standpunkt der Therapie gesprochen, wären ihre wissenschaft- 
lichen Ergebnisse ein willkommenes Nebenprodukt. 

Nun ist es aber, wie eben erwähnt, eine der Eigentümlich- 
keiten der Psychoanalyse, daß das wissenschaftliche Instrument 
zugleich ein heilendes ist, während andere Wissenschaften zu ihrer 
Förderung Methoden benützen, die in bezug auf das Objekt als 
destruktiv bezeichnet werden müssen (Anatomie, Vivisektion etc.).^ 

Bereits in den „Zukünftigen Chancen der psychoanalytischen 
Therapie" ^ hat P r e u d das Wesentliche dessen vorweggenommen, 
was man über die Wechselbeziehung zwischen psychoanalytischer 
Technik und Therapie überhaupt sagen kann. Er führt dort unter 
anderem aus, daß die Therapie viel bessere Erfolge zeitigen werde 
(wohl auch raschere), wenn wir mehr wissen werden. Technische 



1 Auch dieser Unterschied scheint auf jener merkwürdigen, nach Freud 
einzigartigen Eigenschaft des Psychischen zu beruhen, wonach hier (im 
Psychischen) dieselben Inhalte in mehrfacher Lesart niedergelegt 
sein und topisch auseinandergelegt werden können (siehe die Topik in Freuds 
Metapsychologie). Das macht es möglich, daß man im Kranken die Vergangenheit 
mnestisch (wohl auch halluzinatorisch) wiederbeleben und zu gleicher Zeit zum 
Objekte der gegenwärtigen Beobachtung machen kann, ohne daß man 
die gegenwärtige Persönlichkeit des Analysierten „zerstören* müßte. 

'^ Vortrag auf dem 11. Psychoanalytischen Kongreß zu Nürnberg, 1910. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 



47 



Schwierigkeiten und die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung waren eben 
für Freud das eigentliche Motiv zu allen jenen Forschungen, die ihn 
zum Entdecken des unbewußten Seelenlebens, seiner Mechanismen, 
Dynamismen und seiner Ökonomie führten, deren Kenntnis dann 
allerdings rückwirkend wieder unser technisches Können in dem 
oben angeführten Sinne fördern konnte. Man kann hier umge- 
kehrt wie im Falle eines stets neue Schwierigkeiten schaffenden 
circulus vitiosus, formlich von einem clrculus benignus sprechen, 
von einer gegenseitig fördernden Beeinflussung der Praxis durch 
die Theorie und der Theorie durch die Praxis. 

Es ist vielleicht nicht übertrieben zu behaupten, daß diese 
Art gegenseitiger Kontrolle der Erkenntnis durch die Erfahrung 
(Empirie, Induktion) und der Erfahrung durch vorhergehende 
Erkenntnis (Systemisierung, Deduktion) die einzige ist, die eine 
Wissenschaft davor behüten kann, in die Irre zu gehen. Eine 
Disziplin, die sich mit dem einen oder dem anderen Forschungs- 
wege allein begnügen oder auf die Kontrolle durch eine Gegen- 
probe zu früh verzichten wollte, wäre dazu verurteilt, den sicheren 
Boden unter den Füßen zu verlieren; die reine Empirie, weil ihr 
der befruchtende Gedanke fehlte, die reine Theorie, weil sie in 
voreiligem Allwissen die Motive zu weiterer Forschung ver- 
stummen ließe. 

Freuds Psychoanalyse verdient es, in der Wissenschafts- 
lehre als Beispiel des richtigen „utraquistischen" Forschens genannt 
zu werden. Sie wurzelt in der praktischen Notwendigkeit, gewisse 
auf Abwege geratene Seelenfunktionen zu beeinflussen, also in 
der Realität. Und zu dieser kehrte sie immer wieder zurück, 
wenn sie die Stichhaltigkeit der ihr von der Erfahrung auf- 
gedrungenen oder durch logische Folgerungen abgezwungenen 
Theorien prüfen wollte. Zur Illustration dieser günstigen Wechsel- 
wirkung möge hier auf einzelne bedeutsame Entwicklungsschübe 
der Freud sehen Forschung hingewiesen werden. 

Die erste Theorie von Breuer und Freud, die Lehre von 

Ider Abreagierung eingeklemmter Affekte, von der Fähigkeit der 
Seele, Affekte von ihren Objekten zu lösen und anders zu ver- 



1 



48 Dr.-S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

wenden, beruhte, abgesehen davon, daß sie uns gewisse Seelen- 
vorgänge plausibler, verständlicher machte, ausschließlich auf der 
therapeutischen Wirkung der kathartischen Erinnerungsforschungen 
bei der Hysterie. Allerdings erleichterten dann diese Erkenntnisse 
die kathartische Therapie selbst, d. h. das Suchen nach jenen 
pathogenen Erinnerungen wesentlich. 

Die praktische Schwierigkeit, daß man die wenigsten Menschen 
ordentlich hypnotisieren kann, veranlaßte Freud, auf die Hypnose, 
dann auch auf andere Suggestionsmittel zu verzichten und die 
Patienten „frei assoziieren" zu lassen. So ergaben sich über- 
raschende Einsichten in das bisher durch die hypnotische Affekt- 
bindung verdeckt gewesene unbewußte Material. Die Technik des 
freien Assoziierens führte zur Entdeckung des Inhaltes und der" 
Äußerungsformen des unbewußten Denkens überhaupt. Die psycho- 
analytisch-technische „Grundregel" der freien Assoziation lieferte 
auch den Stoff, der Freud zur Schaffung einer topisch-dynamischen, 
später durch den ökonomischen Gesichtspunkt ergänzten meta- 
psychologischen Betrachtungsweise befähigte. Selbstverständlich 
erleichterte dann diese Theorie die Orientierung in dem unüber- 
sichtlichen Material, das durch freies Assoziieren gewonnen 
wurde, und förderte die praktische Aufgabe, sich im einzelnen 
Falle zurecht zu finden. 

Da sich in jedem Neurosenfalle ausnahmslos sexuelle 
Traumen der Kinderzeit als Knotenpunkte der Symptomatik 
erwiesen, gelangte maii zunächst zur Aufstellung der „Trauma- 
theorie" der Hysterie. Als es aber offenbar wurde, daß auch 
solche Traumata in der freien Assoziation zur Sprache kamen, die 
in der Realität unmöglich vorgekommen sein konnten, mußte sich 
Freud zu einer Modifikation der Theorie entschließen, die nebst 
der äußeren auch die psychische Realität, insbesondere die Phan- 
tasietätigkeit als Faktor bei der Symptombildung berücksichtigte. 
Welch großen Fortschritt dieäe Erkenntnis für die analytische 
Psychologie bedeutete und wie fördernd sie auf die Praxis imd 
Technik der Analyse zurückwirkte, brauchen wir hier wohl nicht 
näher auszuführen. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 



49 



Die praktische Notwendigkeit, in gewissen Fällen von Angst- 
[hysterie die Patienten nebst dem freien Assoziieren auch zu 
jewissen Unlustüberwindungen zu verhalten, wie Freud es vor- 
schrieb,^ führte zu Berücksichtigung aller jener Leistungen, die 
Idem Patienten in der Kur außer der offenen Aussprache zufallen. 
LDie theoretische Betrachtung jener seelischen Vorgänge, die als 
tWirkung solcher „aktiven" Eingriffe zustande kommen, eröffnete 
dann einen tiefen Einblick in die Dynamik der Seelenvorgänge 
^^überhaupt, und wir haben ja im Laufe unserer Ausführungen 
Jarauf hinweisen können, daß die Verwendung einer allerdings in 
Iweiterem Sinne genommenen „Aktivität" dann die praktische 
[Leistungsfähigkeit der Therapie in unerwartetem Maße zu steigern 
yinstande ist. 

Die letzten Arbeiten von Freud, die den Ausbau der bisher 
[zugunsten des Libidostudiums vernachlässigten Ichpsychologie 
lachzuholen suchen, zeigen deutlich, daß unser therapeutisch- 
Itechnisches Können auch in dieser Hinsicht vielfach der wissen- 
schaftlichen Überlegung vorausgeeilt war. Insbesondere die letzte 
Arbeit Freuds, von der wir auf dem VII. Kongreß in Berlin 
[sozusagen die Ouvertüre zu hören bekamen,^ versucht nach- 
holend einige naheliegende Erfahrungstatsachen aus der Praxis mit 
unserem theoretischen Wissen in Einklang zu bringen oder 
besser gesagt, dieses zu- modifizieren und zu erweitern, soweit 
es sich zur Erklärung dieser Tatbestände unzureichend erweist. 
Man könnte vielleicht, den sich aus diesen Beispielen ergebenden 
lEindruck resümierend, sagen: So wie die ersten theoretischen 
'Grundkonzeptionen Freuds, in mühsamer Detailarbeit aus 
^zahllosen Erfahrungseindrücken herauskristallisiert, der wirk- 
samste Ansporn für die Ausgestaltung der eigentlich analytischen 
Technik — zum Unterschied von dem früher geübten Verfahren 



^ Wege der psychoanalytischen Therapie. Vortrag auf dem V. Psycho- 
j^analytischen Kongreß, Budapest 1918. 

Das Ich und das Es, welche Arbeit inzwischen in extenso erschien. 




50 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

— waren, so ist fortschreitend in dem Maße, als wir das Unbe- 
wußte verstehen und beherrschen gelernt haben, immer wieder 
ein neues Stück Theorie notwendig gewesen, die ihrerseits wieder 
das technische Können gesteigert hat. 

Die Psychoanalyse scheint nunmehr an einem Punkt der 
Entwicklung angelangt, wo unser Wissen um den vorher vernach- 
lässigten, aber größeren Anteil des Seelenlebens, seinen Inhalten 
und Mechanismen, bereits ausreicht, um erhebliche therapeutische 
Wirkungen zu erzielen, vorausgesetzt, daß man sich darüber klar 
ist, wie dieses Wissen in zweckmäßiger Weise 
praktisch zu verwerten sei. Gerade über diesen Kardinal- 
punkt haben wir uns aber offenbar viel zu wenig Rechenschaft 
gegeben. Vielmehr scheint es, daß in den Analysen vielfach das 
theoretisch Bedeutsame anstatt des analytisch Wichtigen gesucht 
wurde, während umgekehrt praktisch Wichtiges auch leicht 
theoretisch überschätzt zu werden pflegte. 

Extrem ausgedrückt ließe sich das Problem etwa so formu- 
lieren, daß die Psychoanalyse, die aus einer Therapie zu einer 
Wissenschaft, ja Weltanschauung geworden ist, sorgfältig unter- 
scheiden muß, was von diesem imgeheuiren Lehrgebäude wesentlich 
Therapie im engeren Sinne geblieben ist. Statt die Theorie irrtümlich 
in Bausch und Bogen „therapeutisch" anzuwenden, muß man sich 
vielmehr fragen, was von der ganzen Psychoanalyse sich zur 
Anwendung auf die Medizin geeignet erweist und was als 
allgemein psychologisches Wissen, als Theorie, oder 
höchstens als „Therapie der Normalen" (Pädagogik) zurückbleibt. So 
sind die „Komplexe" beispielsweise Resultate der Theorie, die für die 
Normalpsychologie ihren Wert behalten, deren Feststellung aber nie- 
mals Resultat der therapeutischen Bemühung sein kann („einen Kom- 
plex herausanalysieren"), vielmehr deren Voraussetzung bilden muß. 
Es war ein begreiflicher, aber verhängnisvoller Irrtum mancher 
Anhänger, zu glauben, daß in der Analyse das bloße Finden eines 
Fehlers (in der Entwicklung) zugleich therapeutische Wirkung 
habe ; vielmehr ist im Gegensatz zu dieser einseitig „sokratischen" 
Auffassung das eigentlich wirksame Medikament erst in der 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 



51 



richtigen Verknüpfung der Affektivität mit der intellektuellen 
Sphäre zu suchen. 

Wie es also natürlicher- und notwendigerweise fördernde 
Wechselbeziehungen zwischen Technik und Theorie der Analyse gibt, 
so gab es auch aus der verschiedenen Natur der beiden notwendig 
störende oder hemmende Einflüsse von beiden Seiten. Was 
wir unter „störenden" Einflüssen der Theorie auf die Praxis 
verstehen, haben wir hauptsächlich im kritischen Teil gezeigt. Im 
allgemeinen läßt sich sagen, daß die Vorteile, welche aus der groß- 
artigen Erweiterung unseres Wissens vom Unbewußten für die 
Normalpsychologie erwuchsen, den therapeutischen Interessen nicht 
immer genügend nutzbar gemacht wurden. Diese Art des allzu 
theoretischen Wissens wurde sogar vielfach zum Hindernis des 
praktischen Könnens. Der Arzt mit zu viel Wissen hatte sozu- 
sagen „les d^fauts de ses avantages". Bei einer jungen, im Werden 
begriffenen Wissenschaft, wie es die Analyse war, konnte man 
es gerechtfertigt finden, wenn der analysierende Arzt die beiden 
Aufgaben des Heilens und des Forschens miteinander zu verbinden 
wußte, wie es in so vorbildlicher Weise Freud selbst getan hat. 
Begreiflicherweise hat aber die Tendenz, dieses Vorbild zu erreichen, 
nicht selten mehr zu einer Verwechslung dieser Aufgaben, denn 
zu ihrer Verbindung geführt. 

Der theoretisierende Analytiker läuft immer Gefahr, beispiels- 
weise einer neu aufgestellten Behauptung ziiliebe den für 
sie beweisenden Argumenten nachzuforschen, während er den 
L Heilungsprozeß einer Neurose zu fördern vermeint. So konnten 
zwar wichtige Bestätigungen für gewisse Theorien gefunden 
werden, aber der Heilungsvorgang im abnormen Dynamismus des 
Seelenlebens wurde dadurch kaum gefördert. Die Heilungen, die 
man mit Hilfe des kleineren Wissens rasch erzielte, sind jenen, 
zu denen man auf Grund einer vertieften Einsicht, wenn auch in 

I langsamerem Tempo gelangt, gewiß nicht gleichwertig. 
Die ersten Mitteilungen Breuers und Freuds, die noch 
ausschließlich mit wenigen einfachen Vorstellungen operierten, 
berichteten von glänzenden Heilungen, die manchmal in wenigen 



52 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Tagen oder Wochen erzielt wurden. Ähnliche Glanzerfolge erlebte 
jeder von uns am Beginn seiner psychoanalytischen Laufbahn, 
manche vielleicht auch bevor sie die Analyse anwandten; denn 
Heilerfolge ließen sich mit allen psychotherapeutischen Maßnahmen 
erzielen, bewiesen aber bei der Unkenntnis der dabei in Betracht 
kommenden Vorgänge kaum etwas für oder gegen die angewandte 
Methode. Inwieferne dies auch für die Psychoanalyse gilt, die 
übrigens ihre heute schon unbestrittenen therapeutischen Erfolge 
als Beweis für die Richtigkeit ihrer Theorie nie überschätzt hat, 
werden wir im letzten Abschnitt kurz berühren. Wenn mit dem 
Anwachsen unserer Kenntnisse überhaupt und der Erfahrung des 
Einzelnen die Berichte über solche Wunderheilungen immer seltener, 
die Analysen selbst länger wurden, so möchten wir diese Tatsache 
ebenso wenig gegen die psychoanalytische Lehre ausgenützt wissen 
wie die anfänglich raschen Erfolge für dieselbe. Die Länge der 
Behandlungsdauer kann niemals ein Argument gegen die Richtigkeit 
einer Methode sein, wenn sich nur nachträglich erweisen läßt, 
daß diese Verlängerung ein notwendiger und unvermeidlicher 
Umweg zur Erreichung eines besseren Resultates, einer kausal 
wirkenden Therapie war.^ 

Kann man den Praktikern nur empfehlen, die Lücken des 
theoretischen Wissens durch entsprechende Schulung und die 
eigene Analyse zu beseitigen, so müßte man den Übertheoretikern 
raten, ihr theoretisches Interesse bei der praktischen Analyse 
möglichst beiseite zu schieben und jeden neuen Fall neu anzugehen, 
das heißt, sich nicht vor neuen Erfahrungen zu verschließen. 
Diese Forderung nach einer theoretisch möglichst unvorein- 
genommenen Einstellung zum Patienten soll uns jedoch nicht als 
antiwissenschaftliche Tendenz ausgelegt werden ; wir wissen den 
Wert einer wissenschaftlich geforderten Einstellung, welche 
mit der Konzentration der Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes, 



^ Die Patienten, die über die lange Dauer der psychoanalytischen 
Behandlung klagten, hatten im gewissen Sinne recht. Wir konnten uns aber 
demgegenüber mit gutem Gewissen sagen, daß diese Zeitverlängerung schließlich 
auch einen besseren Erfolg verbürge. 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 



53 



theoretisch zu bearbeitendes Thema verbunden ist, vom Standpunkt 
der Wissenschaftsförderung sehr wohl zu schätzen. Unsere Kritik 
richtete sich nur gegen die Überschätzung, das Pixiertbleiben in der 
oder jener Phase der Entwicklung der Psychoanalyse, insbesondere 
an jenen Punkten, an denen das richtige Verhältnis zwischen 
Theorie und Praxis nicht genügend erkannt oder beachtet worden 
war, indem vieles teils zu wörtlich, teils zu allgemein genommen 
wurde, was nur für einen bestimmten Zusammenhang und eine 
bestimmte Stufe der Erkenntnis richtig war. Wir meinen also, daß 
die meisten Mängel der Technik und gewisse daraus folgende 
therapeutische Schwierigkeiten als Ergebnis einer unzureichenden 
Orientierung über das wirkliche Wesen der psychoanalytischen 
Methode und den eigentlichen Sinn und das Ziel der psycho- 
analytischen Behandlung zu verstehen waren. 



Ergebnisse 

Die Anfänge der Psychoanalyse waren rein praktisch. Sehr 
bald jedoch ergaben sich als Nebenprodukt der therapeutischen 
Beeinflussung der Neurotiker wissenschaftliche Einsichten 
in den Aufbau und die Funktion des psychischen Apparates, seine 
individuelle und Artgeschichte, endlich in die biologischen 
Grundlagen (Trieb lehre). 

Als Hauptergebnis der günstigen Rückwirkung dieser 
Erkenntnisse auf die psychoanalytische Praxis stellte 
sich die Entdeckung des Ödipuskomplexes als Kern- 
komplex der Neurose und die Bedeutung der Wiederholung 
der Ödipusrelation in der analytischen Situation (Über- 
tragung) dar. 

Das Wesentliche des eigentlichen analytischen Eingriffes 
besteht jedoch weder in der Konstatierung eines „Ödipuskomplexes", 
noch in der einfachen Wiederholung der Ödipusrelation im 
Verhältnis zum Analytiker; vielmehr in der Auflösung, beziehungs- 
weise Ablösung der infantilen Libido von ihrer 
Fixierung an die ersten Objekte. 

So entwickelte sich das psychoanalytische Heilverfahren, wie 
wir es heute verstehen, zu einer Methode, welche das volle 
Durcherleben der Ödipusrelation im Verhältnis des Patienten 
zum Arzt zum Zwecke hat, um sie dann mit Hilfe der Erkenntnis 
einer neuen, günstigeren Erledigung zuzuführen. 

Diese Relation stellt sich unter den Bedingungen der Analyse 
von selbst her; dem Analytiker fällt die Aufgabe zu, sie 



I 




Eatwicklungswege der Psychoanalyse 



55 



schon an leisen Anzeichen zu entdecken und den Patienten zur 
vollen Reproduktion im analytischen Erlebnis zu veran- 
lassen ; gelegentlich muß er durch entsprechende Maßnahmen diese 
Spuren zur Entfaltung bringen (Aktivität). 

Die theoretisch bedeutsamen und an sich unentbehrlichen 
Kenntnisse über die normale seelische Entwicklung (Traumlehre, 
Sexualtheorie usw.) sind in der Praxis nur insoweit zu verwenden, als 
sie dazu verhelfen, die in der analytischen Situation zu erstrebende 
Reproduktion des Ödipusverhältnisses zu ermöglichen, beziehungs- 
weise zu erleichtern. Ein Sich- Verlieren in Einzelheiten der Ent- 
wicklungsgeschichte des Individuums, ohne diesen Zusammenhang 
immer wieder herzustellen, ist praktisch unrichtig und erfolglos, 
liefert aber auch theoretisch viel weniger verläßliche Resultate als die, 
die sich im Sinne der obigen Darstellung praktisch bewährt haben. 
Die bis jetzt vernachlässigte wissenschaftliche Bedeut- 
samkeit der richtig gehandhabten Technik muß die 
ihr gebührende Würdigung finden. Es sollen also weniger als 
bisher theoretische Resultate mechanisch auf die Technik rück- 
angewendet werden ; vielmehr muß eine stetige Korrektur der 
Theorie durch die in der Praxis gewonnenen neuen Einsichten 
n erfolgen. 

^M Von ihrem rein praktischen Ausgangspunkt gelangte 
^Kie Psychoanalyse unter dem Eindruck der ersten überraschenden 
^Einsichten in eine Erkenntnis phase. Mit der rasch wach- 
senden Erkenntnis der allgemeinen seelischen Mechanismen 
wurden aber die anfangs so frappanten Heilerfolge im Verhältnis 
unbefriedigender, so daß man darauf bedacht sein mußte, das 
neu erworbene Wissen, das dem therapeutischen Können weit 
^vorausgeeilt war, damit wieder in Einklang zu bringen. 
^m Unsere eigenen Ausführungen bezeichnen in diesem Sinne 
^pen Beginn einer Phase, die wir im Gegensatz zur vorherigen als 
Erlebnisphase bezeichnen möchten. Während man sich 
nämlich früher bemühte, die therapeutische Wirkung als Reaktion 
auf die Aufklärung des Patienten zu erzielen, bestreben wir uns 
nunmehr, das von der Psychoanalyse bisher erworbene Wissen 



T1 



56 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



weit unmittelbarer in den Dienst der Therapie zu stellen, indem 
wir auf Grund unserer Einsicht die entsprechenden Erlebnisse 
in direkterer Weise provozieren und dem Patienten nur dieses 
ihm natürlich auch unmittelbar evidente Erlebnis erklären. 

Das Wissen, auf Grund dessen wir imstande sind, an richtiger 
Stelle und in entsprechender Dosierung einzugreifen, besteht im 
wesentlichen in der Überzeugung um die universale Bedeutsamkeit 
gewisser fundamentaler Früherlebnisse (wie z. B. des 
Ödipuskonfliktes), deren traumatische Wirkung in der Analyse — 
nach Art der „Reizkuren" in der Medizin — wieder neu entfacht 
und unter dem Einfluß der in der analytischen Situation erstmalig 
bewußt durchlebten Erfahrung zu einem zweckmäßigeren Ablauf 
gebracht wird. 

Diese Art der Therapie nähert sich in gewisser Hinsicht 
einer Erziehungstechnik, wie ja auch die Erziehung selbst — 
schon durch das affektive Verhältnis zum Erzieher — viel mehr 
im Erlebnis- als im Aufklärungsmoment wurzelt. Auch hier, wie in 
der Medizin, wiederholt sich allerdings der ungeheure Fortschritt 
vom rein intuitiven und dabei oft fehlgehenden Eingreifen zu der 
zielbewußten, weil auf Verständnis beiruhenden Einleitung des 
analytischen Erlebnisses. 



VI 

Ausblicke 

Wenn es uns auch, wie wir voraussagten, kaum gelingen 
konnte, die Geschichte der Psychoanalyse unter dem Gesichtspunkt 
der Wechselwirkung von Theorie und Praxis erschöpfend dar- 
zustellen, so meinen wir doch, diesen Entwicklungsgang wenigstens 
in großen Umrissen skizziert zu haben und glauben auch imstande 
zu sein, die zukünftigen Entwicklungswege zu erraten. 

Von dem rein praktischen Ausgangspunkt derBreuerschen 
Katharsis führte der wiederholt geschilderte Weg zur eigent- 
lich Freud sehen Psychoanalyse, die zugleich mit immer fort- 
schreitender technischen Vervollkommnung zum wissenschaft- 
lichen Lehrgebäude wurde, welches eine ganz neue Psychologie 
begründete. Wir zeigten, wie es durch Verkennung dieser Doppel- 
rolle der Psychoanalyse und der unvermeidlichen Einseitigkeiten 
dazu kommen konnte, ja kommen mußte, daß bald diese, bald jene 
Bedeutung auf Kosten der anderen überschätzt wurde. Die letzte 
extreme Ausschwingung dieser Pendelbewegung war das Überhand- 
nehmen einer allzu theoretisierenden Richtung, wie sie sich nach 
allgemeinem Eindruck auch auf dem letzten Berliner Kongreß 
(September 1922) gezeigt hatte. Unsere positiven Ausführungen 
versuchten demgegenüber das notwendige Gleichgewicht durch eine 
[Stärkere Betonung der praktischen Gesichtspunkte herzustellen, 
wobei es nicht zu umgehen, vielleicht sogar notwendig war, stellen- 
weise ins andere Extrem zu verfallen. 

Diese Selbstmahnung soll uns aber nicht davon abhalten, die in 
[dieser Richtung möglichen Weiterentwicklungen, wenn auch nur 



58 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

im Großen und Ganzen, zu durchdenken, in der Erwartung, daß 
wir bei konsequenter Fortführung des Gedankenganges wenigstens 
an einzelnen Punkten der Wirklichkeit nahe kommen. 

In dem Budapester Kongreßvortrag (September 1918) über 
die „Wege der psychoanalytischen Therapie", wie sie sich Freud 
vorstellte, ist eigentlich das Wesentliche schon vorausgesagt. 
Auffällig ist nur, daß die so bedeutsamen Anregungen 
Freuds nicht die ihnen unserer Ansicht nach gebührende 
Würdigung in der Praxis gefunden haben, ^ ja es zuletzt den 
Anschein gewann, als sollte die so eminent praktischen Zwecken 
dienstbare Psychoanalyse von einer theoretisch-spekulativen Welle 
überflutet werden. Das veranlaßte uns, an diese Ausführungen 
Freuds anzuknüpfen, um wieder einmal die praktischen Gesichts- 
punkte, die F r e u d selbst nie aus dem Auge verlor, auch in ihrer 
theoretischen Bedeutsamkeit zu betonen. 

Die Psychotherapeuten vor Breuer waren bekanntlich in 
extremer Weise aktiv; aber sie waren eben nichts als aktiv, das 
heißt, es fehlte ihnen die Einsicht in den seelischen Mechanismus 
der Krankheit wie auch ihres eigenen Tuns und seiner Wirkungs- 
weise. Insoweit sie instinktiv das für den betreffenden Fall 
Richtige trafen, hatten und haben sie sicherlich Erfolge, und zwar 
indem sich eigentlich ohne ihr Verständnis die von ihnen jeweils 
bevorzugte (energische oder liebevolle) Form der Aktivität irgend- 
wie wirkungsvoll für die Patienten gestaltete. Der gewaltige Fort- 
schritt, den Freuds Psychoanalyse, über Breuers Katharsis 
hinausgehend, darstellte, war die Erkenntnis von der grund- 
legenden Bedeutung der Übertragung für die Therapie überhaupt. 
Alle weiteren Fortschritte der analytischen Technik seither kann 
man im Wesentlichen als die konsequente Ausgestaltung und 
Nutzbarmachung dieser Grundeinsicht betrachten. Aber auch die 



^ Eine rühmenswerte Ausnahme bilden die Bestrebungen zur Schaffung 
poliklinischer Institute, deren Gründung bekanntlich auf diese 
Anregung F r e u d s zurückgeht Siehe dazu den ^Bericht über die Berliner 
Psychoanalytische Poliklinik" (März 1920 bis Juni 1922) von Dr. M. E i t i n g o n 
(Internat. Zeitschr. f. Psa. VIII, 1922; auch separat im Internat. PsA Verlag). 






Entwicklungswege der Psychoanalyse 59 

wesentlichen theoretischen Fortschritte Freuds knüpfen an diesen 
ursprünglich praktischen Gesichtspunkt an (z. B. die Erkenntnis 
des infantilen Ödipuskernes aus der Übertragungssituation); so 
sehr sich auch die psychoanalytische Lehre seit ihren Anfängen 
in die Breite und Tiefe entwickelt hat, ist Freud auch im Tech- 
nischen niemals von der Grundtatsache des affektiven Erlebnis- 
momentes als des wesentlichen Heilfaktors abgewichen. 

Dazu gehörte allerdings die seltene Fähigkeit, das fort- 
schreitende Wissen immer wieder auch zum Förderungsmittel des 
eigentlich therapeutischen Agens zurückzuleiten. Es ist offenbar 
nicht jedem gegeben, das theoretische Interesse und die prak- 
tischen Notwendigkeiten immer so zielbevraßt auseinanderzuhalten 
und dabei doch, soweit erforderlich, miteinander zu verknüpfen. 
So werden die theoretischen Übertreibungen in der Praxis ver- 
ständlich, gegen die sich hauptsächlich unsere kritischen Bemer- 
kungen gewandt haben, während die positiven Vorschläge darauf 
hinzielten, andeutungsweise zu zeigen, wie das gesamte analytisch 
erarbeitete psychologische Wissen in den Dienst der Praxis, d. h. 
des analytischen Erlebnismomentes, gestellt werden kann und soll. 

Man würde fehlgehen, wollte man aus dem Gesagten den 
Schluß ziehen, als unterschätzten wir die Theorie oder das Wissen 
an und für sich. Das ist durchaus nicht der Fall. Nur glauben wir, 
daß in dieser Hinsicht eine Veränderung in der bisherigen Einstellung 
unvermeidlich ist. Wir sind nach wie vor der Ansicht, daß der 
Analytiker, wie der Fachmann jedes anderen Gebietes, nicht genug 
wissen kann, bestreiten aber, daß es notwendig sei, den Patienten 
jedesmal auch in dieses ganze Wissen einzuweihen oder das bereits 
von der Analyse erworbene psychologisch-theoretische Wissen in 
jedem einzelnen Falle neu entdecken und sich so Überzeugungen 
holen zu wollen, die man bereits mitgebracht haben müßte. 

Diese Feststellung fordert zu einer Bemerkung über die bis- 
herigen Lernmöglichkeiten der Psychoanalyse heraus. Hat es 
doch lange Zeiten hindurch überhaupt keine solchen gegeben. Die 
angehenden Analytiker waren ausschließlich darauf angewiesen, 
sich ihr Wissen aus Büchern zu holen. Dieses Wissen war also 



60 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



ein theoretisches und dieses theoretische Wissen versuchten sie 
dann einfach dem Kranken zu applizieren. Wollten sie darüber 
hinausgehen, so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den zu 
Heilenden, wie es allerdings auch sonst in der Medizin üblich ist, 
gleichzeitig als Studien objekt zu benützen. Infolge der rein theo- 
retischen Vorbildung gingen aber auch diese Untersuchungen in 
anima vili mehr ins Theoretische. Aus solchen Erfahrungen 
wurde allmählich klar, daß die einzig richtige Vorbildung das eigene 
Erleben der Analyse sein muß. Darum haben auch die den Poli- 
kliniken angegliederten Ausbildungsstätten zur Regel erhoben, 
daß jeder, der sich der Analyse widmen will, vorerst eine eigene 
Analyse bei einem erfahrenen Analytiker durchmachen muß. Doch 
gleichwie in den Heilanalysen das bloße Vermitteln des schul- 
mäßigen Wissens zu den Kinderkrankheiten der Disziplin gehörte, 
so glauben wir, daß die richtige „Lehranalyse" eine solche ist, 
die sich in gar nichts von der therapeutischen unterscheidet. Wie 
soll der künftige Analytiker denn sonst überhaupt die richtige 
Technik erlernen, wenn er sie nicht genau so erfährt, wie er sie 
später anwenden soll ! Dazu kommt, daß es ja erst von den Ergeb- 
nissen der Analyse abhängt, ob es sich im gegebenen Falle um 
eine Lehr- und nicht um eine therapeutische Analyse handelt, das 
heißt ob Absicht und Eignung zum Psychoanalytikerberuf der 
Analyse standhalten. 

Angesichts mancher Erfahrungen wäre man versucht, sich 
zu fragen, ob nicht unsere bisherigen therapeutischen Analysen 
vielfach zu sehr „Lehranalysen" waren, während die sogenannte 
Lehranalyse weniger die Analyse als die Lehre vermittelt?, die 
erst nachher, getrennt davon, zu erwerben gewesen wäre. 

Unseren Standpunkt in dieser Frage könnten wir also etwa 
dahin formulieren, daß das Zuvielwissen des Patienten 
durch ein Mehrwissen des Analytikers ersetzt 
werden sollte. Statt das eigene theoretische Wissen, das dem 
Analytiker zum Assoziationsmaterial des Patienten „einfällt", also 
statt gleichsam die eigene, parallel laufende Assoziationsreihe laut 
werden zu lassen, verarbeite der Analytiker das ganze Material 



w^ 



Entwicklungswege der Psychoanalyse 61 



in sich und teile nur das mit, was der Patient zum analytischen 
Erlebnis wie zum Verständnis desselben unbedingt braucht. 

Durch diese Verschiebung des Akzentes auf das Wissen und 
Handeln des Arztes könnte sich das BUd der analytischen 
Behandlung, wenigstens äußerlich, in gewissem Sinne den nicht- 
analytischen Psychotherapien, ja überhaupt den in der Medizin 
üblichen Behandlungsmethoden mit der Zeit immer mehr 
angleichen. Der ungeheure Unterschied läge allerdings darin, daß 
der Analytiker auf Grund der richtigen Verknüpfung seines 
Wissens mit den vom Patienten gelieferten individuellen Daten 
genau den Zeitpunkt, die Art und Dosierung seines Eingreifens 
bestimmen kann, während dies bei allen anderen psychothera- 
peutischen Methoden entweder auf dem Wege plumper Gewalt 
oder mit Hilfe einer unkontrollierbaren „künstlerischen" Intuition 
erfolgt. 

In der Hypnose z. B. erzielte der Arzt meist nur vorüber- 
gehende und nicht radikale Wirkungen, weil ihre Verwendung 
alle wirksamen psychischen Motive verdeckte; darum wurde sie 
auch von Freud ausgeschaltet und die Methode der freien 
Assoziation benützt, die uns erst die Einsicht in das psychische 
Kräftespiel vermittelte. Allerdings muß man mit Freud gestehen, 
daß die Hypnose ihre unleugbaren Erfolge eben der glatten Aus- 
schaltung der intellektuellen (ethischen, ästhetischen usw.) Wider- 
stände verdankt. Gelänge es beispielsweise, diesen unschätzbaren 
Vorteil der hypnotischen Technik mit dem Vorteil der analytischen 
Lösungsmöglichkeit der hypnotischen Affektsituation zu ver- 
knüpfen, so wäre ein ungeheurer Fortschritt unseres therapeu- 
tischen Könnens erreicht. 

Diesbezüglich hat uns die Psychoanalyse bereits soweit aufge- 
klärt, daß sie uns als Kern des hypnotischen Affektverhältnisses die 
Ödipussituation verstehen lehrte. Aber das tiefste Verständnis für das 
Spezifische am hypnotischen Zustand ist sie uns bis jetzt eigentlich 
noch schuldig geblieben. Wird es erst gelungen sein, auch das Wesen 
der hypnotischen Bindung an den Arzt, die uns durch die Erkenntnis 
vom Wesen der Übertragung doch nicht voll verständlich geworden 



62 Dr. S. Ferenczi und Dr. Olto Rank 

ist, ganz zu erfassen, so könnte es dazu kommen, daß der 
Analytiker befätilgt würde, die Hypnose wieder in den Dienst 
seiner Technik zu stellen, ohne befürchten zu müssen, daß er die 
affektive Nabelschnur, die den Patienten an ihn bindet, schließlich 
nicht auch werde lösen können. Diese Möglichkeit einer 
Wiedereinsetzung der Hypnose oder anderer Suggestivmittel 
in die analytische Therapie wäre vielleicht dann der Schlußstein 
jener Entwicklung, zu der die Vereinfachung der analytischen 
Technik nach unserer Auffassung tendiert und tendieren soll. 
Schließlich zielt ja auch die Psychoanalyse darauf hin, in ihrer 
Technik die intellektuellen Prozesse durch affektive Erlebnis- 
momente zu ersetzen; bekanntlich ist dies aber in der Hypnose 
in extremer Weise erreicht, indem hier das Bewußtsein je nach 
Bedarf ein- oder ausgeschaltet werden kann. 

Ein Ausschalten, besonders der intellektuellen Widerstände, 
wird aber auch immer mehr erfordert, seitdem die Psychoanalyse 
begonnen hat, in das Bewußtsein breiterer Schichten einzudringen, 
die dann dieses Wissen als Mittel des Widerstandes bereits in die 
Kur mitbringen. Diese Tatsache war nicht das unwesentlichste 
unter den Motiven, die uns unwillkürlich zu Änderungen 
unserer Technik nötigten und auch weiterhin zu immer neuen 
Anpassungen unserer Technik an die fortschreitende Aufklärung 
der Gesellschaft über Verursachung und Wesen der Neurosen 
drängen muß; nach der Prophezeiung Freuds soll ja die Ver- 
breitung psychoanalytischer Kenntnisse die bisherigen Neurosen- 
formen mit der Zeit automatisch zum Schwinden bringen. 

Wir sehen hier wieder zweierlei Wissen am Werke, eines, 
das die Therapie unterstützt, ja die Neurosen prophylaktisch 
verhindern kann (analytische Kindererziehung) und eines, das 
sich in der Kur als Hindernis etabliert. Diese letzte Schwierigkeit 
wird aber durch die Tatsache paralysiert, daß — bis auf weiteres 
wenigstens — der Analytiker dem Wissen der Allgemeinheit doch 
immer um ein gutes Stück voraus und überlegen ist. 

So tendiert die ganze Entwicklung in der nächsten Zukunft, 
wie wir meinen, zu einer wesentlichen Vereinfachung der psycho- 




Entwicklungswege der Psychoanalyse 63 

analytischen Technik. Möglich, daß dadurch der Anschein einer 
gewissen Monotonie und Formelhaftigkeit verstärkt wird; aber der 
richtige Praktiker war schließlich immer auch Handwerker und soll 
es vielleicht im wesentlichen sein. Die Anwendung solcher Schemata, 
welche ja hier nichts anderes als den Niederschlag schwer erwor- 
benen Wissens darstellen, auf das individuelle Material bleibt 
immer das Wesentliche in der Psychoanalyse, womit sowohl der 
Betätigung besonderer Begabung als auch der weiteren Forschung 
genügend Spielraum gelassen ist. Die Reduzierung der Methode auf 
einfachere Tatbestände, — was ja unser fortschreitendes Wissen 
auch fördern soll — hätte mit der Zeit jedenfalls die praktisch nicht 
zu unterschätzende Folge, daß einesteils die Erwerbung des 
psychoanalytischen Wissens seitens der Ärzte im allgemeinen 
(also nicht nur der Psychotherapeuten) viel leichter würde, andern- 
teils die Behandlungsart und -dauer eine wesentliche Vereinfachung 
erführe. 

Bei diesem Stande des praktischen Könnens brauchte dann 
die für die Schöpfung und Ausgestaltung der Psychoanalyse 
unentbehrlich gewesene splendid Isolation nicht mehr so 
streng aufrecht erhalten zu werden; ja wir würden uns nicht 
wundern, wenn es schließlich dazu käme, daß auch andere psycho- 
therapeutische Methoden, die sich im Sinne eines analytischen 
Verständnisses als wirksam erwiesen haben (wie wir am Beispiel 
der Hypnose zu zeigen versuchten), legalerweise mit der Psycho- 
analyse verknüpft würden. Freud selbst hat ja eine solche 
zukünftige Möglichkeit für die Massenanwendung der psycho- 
analytischen Therapie im Auge gehabt, wenn er es als sehr 
wahrscheinlich hinstellte, daß „das reine Gold der Analyse reichlich 
mit dem Kupfer der direkten Suggestion zu legieren sei und auch 
die hypnotische Beeinflussung wieder eine Stelle finden könnte".-"^ 

Allerdings wird dann auch das in das ärztliche Denken ein- 
gedrungene psychoanalytische Wissen, also eine Art geschärfter 
Menschenkenntnis, dafür sorgen, daß alle Eingriffe nach genauer 



Wege der psychoanalytischen Therapie. 1918. 



64 



Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 



Abwägung auch der wirksamen psychischen Faktoren weit 
zweckmäßiger und daher wirkungsvoller erfolgen werden. Haben 
doch schon heute einsichtige Internisten, Gynäkologen und 
Chirurgen sich psychoanalytischer Kunstgriffe zu bemächtigen 
versucht und damit, soweit sie richtig griffen, unleugbar gewisse 
in ihren Fachkreisen überraschende Erfolge zu erzielen vermocht. 
Für uns sind diese Erfolge allerdings nicht überraschend, erwarten 
wir doch von einer zielbewußten analytischen Schulung 
aller Ärzte eine wesentliche Förderung der ganzen Medizin. Es 
ist sogar zu erwarten, daß das psychoanalytische Wissen, das heißt 
das Wissen um den Menschen, zu einem Knotenpunkte des 
gesamten medizinischen Wissens werden und eine Vereinheit- 
lichung dieser durch das Überhandnehmen des Spezialisten- 
tums so sehr zerklüfteten Disziplin zustande bringen wird. Der 
alte Hausarzt, der Freund und Berater der Familie, würde so seine 
frühere bedeutende Rolle in einem wesentlich vertieften Sinne 
wieder erhalten. Er wäre der verständnisvolle Beobachter und 
intime Kenner der ganzen Persönlichkeit und würde den Ent- 
wicklungsgang des Menschenkindes von der Geburt über die 
Erziehung, die Schwierigkeiten der Pubertätsentwicklung und 
Berufswahl, die Eheschließung, mehr oder weniger schwere 
psychische Konflikte, organische und Gemütskrankheiten in 
zweckmäßiger Weise beeinflussen können. Seine Beraterrolle 
würde sich eben nicht nur auf das Körperliche beschränken, 
sondern die fast noch viel wichtigeren psychischen Momente, 
sowie die gegenseitige Beeinflußung des Physischen und des 
Psychischen, sachgemäß berücksichtigen können. 

Von der Familie aus würde dieser Seelenarzt natürlicher- 
weise einen noch ungeahnten Einfluß auf die Gesellschaft, ihre 
Sitten und Zustände, ausüben, so indirekt auf die Verbesserung 
der Erziehung hinwirken und damit wieder zur Prophylaxe der 
Neurosen auch auf diesem Wege beitragen. Die Vereinigung bisher 
so heterogen erschienenen Wissens in der Person des Arztes 
würde möglicherweise auch zur Vereinheitlichung der Wissenschaft 
überhaupt beitragen, die bisher allzu streng in die Disziplinen 



H 



! 


Entwicklungswege der Psychoanalyse 


65 


der Natur- und Geisteswissenschaften geschieden war. 


Schon 



jetzt können wir davon sprechen, daß das Eindringen psycho- 
analytischen Wissens beispielsweise die Biologie wesentlich 
gefördert hat, Indem sie die Grundlage zu einer ganz neuen 
Trieblehre schuf, die ihrerseits der Entwicklungslehre neue Wege 
weisen dürfte. Die Rückanwendung der Psychoanalyse, zum Beispiel 
auf die modernen Richtungen der physiologischen Chemie (innere 
Sekretion usw.) ist noch kaum abzusehen; auch die Analyse der 
Neurosen stößt ja zuguterletzt auf den Sexualchemismus, dessen 
Bedeutung Freud in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie" (1905) bereits prinzipiell gewürdigt hat. Auch die vordem 
nur einseitig berücksichtigte toxische Ätiologie der Psychosen 
könnte im Zusammenhang mit der Psychoanalyse dieser Krankheits- 
erscheinungen noch zu therapeutischen Überraschungen führen. 

Neben dem psychoanalytischen Wissen als einem zukünftigen 
Gemeingut aller Ärzte, welches ihnen ebenso unentbehrlich sein 
wird wie z. B. unser heutiges Wissen um Anatomie und Physio- 
logie, wird es aber natürlich doch auch speziell geschulte 
Therapeuten geben, welche — wie bereits heute vielfach — nicht 
unbedingt Ärzte sein müssen, da ja auch Erziehung ebenso wie 
Seelsorge eigentlich psychotherapeutische, bezw. prophylaktische 
Aufgaben darstellen. Damit erledigt sich auch die von gewissen 
Spezialisten etwas aufgebauschte Frage, ob auch „Laien", das soll 
heißen Nichtärzte, überhaupt analysieren sollen. Heute steht die 
Sache eigentlich so, daß die Ärzte, befangen in ihrer einseitig natur- 
wissenschaftlichen Schulung, in psychologischen Dingen eigentlich 
Laien sind.^ Ja, man kann ruhig sagen, daß ihre rein physiologische 
Denkweise das Verständnis für das Psychische gewissermaßen 
einschränkt. Andererseits ist die Psychoanalyse in ihrer Grund- 
konzeption auf wenige allgemein menschliche Voraussetzungen 
aufgebaut, so daß zu ihrem Verständnis und ihrer Handhabung 



1 Erst in allerletzter Zeit hat man sich besonnen, die Einführung eines 
psychologischen Unterrichtes in das medizinische Studium überhaupt zu 
fordern. 



66 Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

— außer der gründlichen analytischen Schulung — eine gründliche 
Allgemeinbildung genügt und die Beherrschung der medizinischen 
Disziplinen nicht unbedingt erforderlich ist, wie dies auch aus 
Freuds diesbezüglichen Ausführungen folgt.^ So kam es, daß 
die Bedeutung der Psychoanalyse bisher viel mehr von Nicht- 
ärzten als von den Ärzten erkannt und gewürdigt wurde, 
ja, daß erst kürzlich ein jüngerer Vertreter der modernen 
Psychiatrie seinen Kollegen in öffentlicher Kongreßversammlung 
den Vorwurf machen konnte, daß ihnen, die eigentlich dazu 
berufen gewesen wären, die Führung in der psychoanalytischen 
Frage entglitten sei.^ Die nächste Zukunft dürfte dem allerdings ab- 
helfen und es hat bereits den Anschein, als ob sich in einzelnen 
Ländern die offizielle Medizin eines Besseren zu besinnen begänne, 
so daß bei dem zu erv^artenden Eindringen der Psychoanalyse in 
das Allgemeinwissen der Menschen überhaupt derlei Grenzstreitig- 
keiten mit den Fachwissenschaftlern gänzlich verschwinden werden. 
Was Freud bereits in den „Zukünftigen Chancen der psycho- 
analytischen Therapie" (Kongreßvortrag 1910) voraussehen konnte, 
daß nämlich unsere therapeutischen Erfolge viel größer sein 
werden, wenn uns erst einmal die den Fachärzten allgemein 
zugestandene Autorität zugesprochen sein wü'd, ist der Verwirk- 
lichung seitdem einigermaßen näher gerückt; aber seine volle 
Wirksamkeit wird dieser keineswegs zu unterschätzende soziale 
Faktor erst entfalten können, wenn die intellektuellen und 
sonstigen Widerstände — vielleicht auch unter Mitwirkung der 
diesem Gesichtspunkt bereits Rechnung tragenden Änderungen 
der Technik — in sich zusammengefallen sein werden. 

i Über Psychoanalyse, 1910. „Den Arzt, der durch sein Studium so 
vieles kennen gelernt hat, was dem Laien verschlossen ist, läßt vor dea 
Details der hysterischen Phänomene all sein Wissen im Stiche." — ,Er kann die 
Hysterie nicht verstehen, er steht ihr selbst wie ein Laie gegenüber". (S. 4.) 
Darum sagt denn Freud auch, daß es uns nur soweit, d. h. bis zur Diagnose, 
Vorteil gebracht hat, mit den Ärzten zu gehen, wir uns aber dann bald von 
ihnen trennen können (ibid S. 3). 

2 Siehe Prinzhorns Autoreferat in Intern, Zeitschrift f. PsA. VIII. 
1922, S. 386. 




Eatwiclclungswege der Psychoanalyse 67 

Wenn wir im Vorstehenden versuchten, über den uns heute 
unmittelbar gegebenen Tatbestand hinaus Ausblicke in die Zukunft 
der Psychoanalyse zu wagen, so scheint uns dies mehr als ein 
müßiges Spiel der Phantasie zu sein. Ja, wenn wir diesen Ideen- 
gang konsequent zu Ende führen, so gelangen wir zu einem 
Punkt, an welchem unsere Auffassung insofern gerechtfertigt 
erscheint, als sie sich in eine große, wenn auch nicht geradlinige 
Entwicklung organisch einfügt. Besteht doch der wesentlichste 
Fortschritt der Psychoanalyse letzten Endes in einer ungeheuren 
Erweiterung des Bewußtseins, bezw. im Sinne unserer Meta- 
psychologie ausgedrückt, in einem Emporheben triebhaft-unbe- 
wußter Seeleninhalte auf das Niveau des vorbewußten mensch- 
lichen Denkens. Das aber bedeutet unserer Ansicht nach einen 
so wesentlichen Entwicklungsschub, daß man ihn geradezu als 
einen biologischen Fortschritt der Menschheit werten darf, und 
zwar als einen, der sich erstmalig sozusagen unter einer Art 
Selbstkontrolle vollzieht. 

Unter dem Einfluß eben dieser Bewußtseinserweiterung wird 
sich aber auch der Arzt, dessen Beruf sich aus dem eines Medizin- 
mannes, Zauberers, Charlatans, Heilkünstlers entwickelt hat, und 
der in seinen besten Vertretern immer noch ein Stück Künstler 
geblieben ist, mehr und mehr zum Kenner nunmehr auch der 
seelischen Mechanismen entwickeln, und in diesem Sinne dann 
auch der Ausspruch zur Wahrheit werden, daß die Medizin die 
älteste Kunst und die jüngste Wissenschaft sei. 



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-yr^-r - 



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Inhaltsverzeichnis 



Seite. 

I. Einleitung 5 

IL Die analytische Situation 

1. Der Libidoablaufppozeß und seine Phasen 10 

2. Die Lösung der Libidofixierung im Erlebnismoment 23 

III. Historisch-kritischer Rückblick . . . 30 

IV. Zur Wechselwirkung von Theorie und Praxis 45 

V. Ergebnisse .54 

VI. Ausblicke 57 









Bücher von Dr. Otto Rank 



A 



Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsycho- 
logie. (ImaCTo-Bücher I.) 4. Tausend, Leipzig, 
Wien. Zürich 1922 

>37ohl eines der interessantesten Probleme, denen die Psydio- 
analyse sich zugewandt hat, (Frankfurter Zeitung) 

Das Werk Ranks behandelt in lichtvoller t)arsteUung' ent- 
scheidende Fragen. Der Weg- ist kühn — aber kein Marsch 
auf der Straße, (Die Zeit) 

Viele sehr verdienstvolle, wenn auch harte und beinahe rüdc- 
sichtslose Meinungen. Es gehört eine groÖe Freiheit des 
Geistes und eine sehr schätzbare Unbefangenheit dazu. 
Übrigens hat Otto Rank auf dem Wege zur Seelenschau des 
Künstlers eine ganze Menge psychologischer Faktoren auf 
ihren sexuellen Gehalt hin geprüft und mit schöner Prägnanz 
demonstriert. (Münchner Allgemeine Zeitung) 

Höchst interessant, wie die Vertiefung der Freud'schen Lehre 
auf Teile uralter religionspsychologischer Grundmauern stößt. 
Das Studium dieser geistreichen Schrift kann sehr empfohlen 
werden. (Zeitschrift für Religionsjjsychologte) 

As dimly glimpsed by Nietzsche, Hinton and other earliec 
thinkers» — the main explanation of the dynamic process 
by which the arts» in the widestsense, have come into beeing, 
is now chiefly being explored. One thinks of Freud and 
especially of Dr. Rank, perhaps the most brllliant and 
clairvoyant of the younger investigators who still stand by 
the master's side. (HavelockEUisin „Thedanceof thelife") 



Der Mythus von der Geburt des Helden. 

Versuch einer psychologischen Mythendeutung;. 
(Schriften zur angrewandten Seelenkunde. 
Nr. 5.) Zweite Auflaufe, Leipzlof u. Wien. 1922 

The Myth cf the Birth of the Hera. (Nerv, and 

Ment. Disease Monog-r. Series) New-York 1914 

II mite della nascita degli Eroi. (Biblioteca 
Psicoanalitica Italiana. Nr. 4.) Zurigo, Napoli, 
Vienna, Nocera Inferiore 1921 

Die Verbindung mit dem Sozialen und dem Individuellen ist 
Rank vollkommen gelungen. (Berliner Tageblatt) 

Es ist ein in seiner Tragweite kaum zu umfassender Gedanke: 
die ganze Geschichte ein ungeheurer Spiegel. Das Buch von 
Rank wirkt nicht nur belehrend. und anregend, sondern auch 
befreiend. (Die Zeit) 

Psychoanalytische Beiträge zur Mythen- 
forschung, (Internat. Psychoanalyt. Bibliothek. 
Nr. 4.) 2. Aufl., Leipzig, Wien, Zürich 1922 

Inhalt: Vorwort / Myth"logfie u. Psychoanalyse / Die Sym- 
bolik /Völkerpsychol^'gfische Parallelen zu den infantilen Sexual- 
theorien / Zur Deutung der Sintflutsage / Männeken-Piß und 
Dukaten-Scheißer / Das Brüdermärchen / Mythus u. Märchen. 

Daß Rank es verstanden hat, sein Thema klar, übersichtlich 
und fesselnd zu gestalten, ist für den Kenner seiner Arbeiten 
Keine Überraschung. (Zeitsch. f, Sexualwissenschaft) 

Kritische Leser werden viel Anregung und interessantes Ma- 
terial in diesen Aufsätzen finden. (Literarisches Echo) 

Libro ... de una presentaciön elegante es una de las magni- 
fieas contribuciones a ia interpretacion psicoanalitica de 
mitns y legendas. (Revista di Psiquiatria, Lima) 



Die Lohengrinsag^e. Ein Beitrag zu ihrer Motiv- 
gestaltung und Deutung. (Schriften zur angew. 
Seelenkunde. Nr. 13.) Leipzig u. Wien 1911 

Der Verfasser, einer der scharfsinnigsten Schüler Freuds, ver- 
folgt die psyehisdi bedingten Umliildungen des Stoffes, indem 
er sich auf ein ungeheures Material stützt von der altfranzö- 
sischen Sage vom Chevalier an cygne an bis zu Wagners Musik- 
drama. Besonders interessant ist die Verbindung zwischen den in 
der Sage lebenden Vorstellungen und drni aus dein Seelenleben 
derNeurotiker Erschlossenen. (Wie ner K;li n. Rundschau) 



Das Inzestmotiv in Dieb _ icr und Sage. 
Grundzüge einer Psycholo^^ , . dichterischen 
Schaffens. Leipzig u. Wien 1912. {IWgriffen] 
Der Verfasser darf mit Recht bei .■ t^n, ^;i,; .Grundzüge 
einer Psychologie des dichterische :'. kafft i-:' gegeben zu 
haben. ([ ;, Neu ._ neration) 

Völkerpsychologisch wie biologisch nril . int-n i ..je eine unge- 

ahnte Perspektive eröffnet (M ü n e h n:M c- li, W n c h e n s ch r.) 

Einen Teil der neuen, Urhaftes belichtenden Seelenlehre, die 
wagniskräftig über die schwanken Mauern der Träume steigt, 
in die fahlen Gärtep körperlicher Wallungen zwischen Kinder 
und Eltern tritt, — einen Teil dieser neuen Lehre erhärtet Rank 
in 24 Kapiteln. . . Es geht den Wissenschaftler an, wie den 
gliedernden (und zergliederten) Dichter. (AlfredKerrimPan) 
Von Seite zu Seite flößt die Rank'sche Gedankenarbeit dem 
Leser wachsende Achtung voj- der strömenden Fülle stets 
kampfbereiter ethnologischer und literarischer Kenntnisse 
unter wahrhaft erstaunlicher Belesenheit ihres Schöpfers . . . 
Das Werk hat berechtigte Aussicht die kunsttheoretische 
Bibel der Freudianer zu werden (Literar. Zentralblatt) 
Das Buch muß als die erste große Leistung einer neuen 
Literaturbetrachtung begrüßt werden. (Die Zeit) 

Eines der bedeutensten Werke in der psydioanalytischen 
Literatur. (Zeitschrift f. angewandte Psychologie) 



Das Trauma der Geburt und seine Be- 
deutung für die Psychoanalyse. (Intern. 
Ps Analyt. Bibl. Bd. 14.) Leipz., Wien, Zürich 1 924 



Mit Dr. Hanns Sachs 

Die Bedeutung der Psychoanalyse für die 
.- Geisteswissenschaften. Wiesbaden 1913 

The significance of Psycho-Analysis for 
the Mental Sciences. (Nervous and Mental 
Disease Monograph Series)- New-York 1916 

Tlie book forms an invaluable introduction . . . It ,is to be 
hoped that a careful perusal of the book by a wide circle 
of such readers on botli sidcs of the Atlantic may help to 
bring about a collaboration. 

(The Internat. Journ. of Psychoanalysis) 



Mit Dr. S. Ferenczi 

Entwidtlungsziele der Psychoanalyse. Zur 

Wechselbeziehung von Theorie und Praxis. 
(Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse. 
Heft 1) Leipzig, Wien, Zürich 1924 



Zu beziehen 



arh: Internationaler Psychoanalytischer Verlag Anlei'g-es 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN, VII. ANDREASGASSE 3 



iV 



Im Dezember 1^2) erscheine n: 

Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, Heft II 

Dr. Karl Abraham ^^ 

Versuch einer 

Entwicklungstheorie der Libido 

auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen 

* 
Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XIV . 

Dr. Otto Rank 

Das Trauma der Geburt 

und seihe Bedeutung für die Psychoanalyse 

* 
Bd. XV 

Dr. S. Ferenczi 

Versuch einer Genitaltheorie 

Vera Schmidt 

Psychoanalytische Erziehung 
in Sowjetrußland 

Bericht über das Moskauer Kinderheim-Sanatorium 

Prof. Dr. Sigm. Freud 

Zur Geschichte ^ 

der psychoanalytischen Bewegung 

(Erstmalige selbständige Veröffentlichung der Arbeit aus der „Vierten Folge"^ der „Sammlung kleiner 

Schriften zur Neurosenlehre'')