Religionsgeschichtliche
Versuche und Vorarbeiten
begründet von
Albrecht Dieterich und Bietaard Wünsch
herausgegeben
von
Bichard Wünsch und Ludwig Deubner
in KönlBSbetg i. Pr.
Zehnter Band
Gießen 1911
Verlag von Alfred Töpelmann (vormals J. Ricker)
Epiktet
und das Neue Testament
von
Adolf Bonhöffer
Oieäen 1911
Verlag von Alfred Töpelmann (vormals J. Ricker)
Religionsgeschichtliche
Versuche und Vorarbeiten
begründet von
Albrecbt Dieterioh und Biohard WünBOh
herausgegeben von
Richard Wünsch und Ludwig Deubner
in KUnigBberg I. Pr.
X. Band
Unveränderiec Nachdruck der im Jahre 1911 erathioiiciieti
ersten Auflage
Aichiv-Nl, 39ÜT641
©
i964 by Alifed Topclmünn V^rl^a, Bttlin 30
FiinlcU in l^luciil
UUne öusdmckLche GenehmiEung Jen Verlief in a a>ich iiichi gcsnirrcr, riicc^ RucS iiJcc Ttilc ^i^m
auf photomcchüni^hem Wege (Phorökopifi, Mikiotopie) zu vcrviclhltigtn
DEM ANDENKEN MEINER FRAU
Epikt. Diss. in 13, 5 u. 6 Ev. Joh. 16, 32
kkhl^S
Unvetändetcer Nachdruck der im Jahre 1911 erschieneneti
ersten Auflage
Aidiiv-Nr. 3907641
©
1»64 by Alfied TÜptln»™ Velag, Bcilin 30
Prim«! in Poland
O^ .„^kUchc G^ch^gu^ .1.. V=H^« i. =. .-.h nicht ^.r..«, die«. Buch od« Ttik ^..
,ui phfflwntdBi.iÄhBn-W'e' (PholbVapic, Mikrokop.O lU v«v«ll^ig«.
Vutwort VII
Vorwort
In meinen früheren Arbeiten über Epiktet habe ich mir
die Aufgabe gestellt, seine Stellung: innerhalb der stoischen
Schule, speziell sein Verhältnis zur alten Stoa klarzulegen,
sodann seine eigene Philosophie, ti. h. seine ethische Lebens-
ansehauung gründlicher und systematischer, als es bis dahin
geschehen war, zur Darstellung zu bringen. Auf deren Ver-
wandtschaft mit dem Christentum, die jedem Leser der Diseer-
tationen auffallen muß, bin ich damals absichtlich nicht näher
eingegangen, weil ich mir dieses Thema, das mich vermöge meines
Studiengangs besonders reizen mußte, für später zu selb-
ständiger Behandlung vorbehalten wollte. Nach langer Panse
ist mir die Ausführung dieses Vorhabens möglich geworden.
Ich wollte ursprünglich das Verhältnis Epiktets zum Neuen
Testament nur in einem größeren Aufsatz im „Archiv für
Keligionswissenschaft" behandeln und bin zu diesem Zweck
mit Alhrecht Dieterieh in Beziehung getreten. Nach dem
bald darauf erfolgten frühzeitigen Tode dieses um die religions-
geschichtliche Forschung so hochverdienten Mannes machte
mir sein Kollege und Nachfolger in der Redaktion, Richard
Wünsch, in ebenso liebenswürdigem Entgegenkommen den
Vorschlag, meine Arbeit als Bestandteil der „Religions-
geseLichtlichen Versuche und Vorarbeiten" zu vei-öffentlichen.
Dadurch war mir eine wesentlich umfassendere Behandlung
des Gegenstandes nahe gelegt, als ich sie ursprünglich be-
absichtigt hatte, was mir aber um so erwünschter war, als
VIII Vorwort
ieh inzwischen K. Kuiper's Versach, die Th. Zahn'sche These
von der Abhängigkeit Epiktets vom Neuen Testament mit
neuen Gründen zu stützen, kennen gelernt hatte, und bald
darauf Carl Giemen in seinem Buch „Die religionsgeschicht-
liche Erklärung des Neuen Testaments, Gießen 1909" die
Kehrseite der Frage, nämlich die Abhängkeit des letzteren
von der Stoa ausführlich und bis zu einem gewissen Grad
abschließend zur Erörterung brachte.
So ist denn der erste Hauptteil dieses Werkes ganz
diesen beiden kritischen Fragen gewidmet. Wenn Ich aus
Gründen der Symmetrie auch der ersten einen breiten Eaum
gegönnt und nicht bloß mit Kuiper's sondern auch mit
Th. Zahn's Ansicht mich im einzelnen auseinandergesetzt
habe, so lag mir dabei nicht bloß jede polemisclie Absicht
fern, sondern ich bin mir auch wohl bewußt, in diesem Teil
meiner Untersuchung keine wesentlich neuen Erkenntnisse zu
bieten, hoffe aber doch gerade durch die genaue Piüfang der
von den genannten Gelehrte^ vorgebrachten Gründe die ent-
schiedene Ablehnung, welche ihre Auffassung überall gefunden
hat, noch etwas fester verankert zu haben.
Auch bei der zweiten Frage bin ieh, im wesentlichen
in Übereinstimmung mit Giemen, nur noch bestimmter als
dieser, zu einem fast durchweg verneinenden Ergebnis ge-
kommen. Im Mittelpunkt steht hier naturgemäß die Prüfung
des Verhältnisses des Apostels Paulus zum Hellenismus und
zur stoischen Philosophie, wobei ich mich auf die wertvollen
Arbeiten von Ad. Deissmann, G. Heinrici, Th. Nägeli,
Ed. Schwartz, Johannes Weiß, Paul Wendland und anderer
stützen konnte. Die Ausführlichkeit, mit welcher ich auch
hier auf das Einzelne einging, war vielleicht Tür die Ent-
scheidung der Streitfrage nicht erforderlich, dürfte aber doch
nicht ganz unnütz sein, insofern die mit Epiktet nicht schon
vorher genauer Vertrauten auf diese Weise tiefer in die
Eigenart der stoischen Weltanschauung eingeführt und auf
den zweiten, rein vergleichenden Hauptteil vorbereitet werden,
in welchem, wenigstens für mich, der Schwerpunkt des Ganzen
liegt. Hier war es mein Bestreben, die beiden Lebens-
anschauungen nicht bloß obenhin zu vergleichen sondern in
Vorwort IX
ihren Tiefen zu erfassen und sowohl ihre Verwandtschaft als
auch ihren Gegensatz nach allen Seiten zu beleuchten. Wenn
die liierbei namentlich über die Bedeutung der stoischen Ethik.
im Vergleich zur christüehen entwickelten Ansichten vielfach
auf Widerspruch stoßen werden, so wird man doch nicht
verkennen, daß ich es mir angelegen sein ließ, auch der
letzteren eine unbefangene Würdigung zuteil werden zu lassen.
Wichtigere Abkürzungen, die ich mir im Text erlaubt
habe, sind:
B^ u. B' für meine beiden früheren Werke über
Epiktet (von S. 30 ab)
A — Alttestamentl. Apokryphen 1
S ^ Septuaginta von S. 106 ab
P = Patres apostoüci J
PI = Paulus (von S. 137 ab, auch im weiteren Ver-
lauf des Buches gegen meine eigentliche
Meinung beibehalten).
Stuttgart im April 1911
Adolf Bonhöffer
Inhaltsfiberücht XI
Inhalteübersiclit
.■■'.- Srit«
Erstes Bnch
Die Frage der Abhängigkeit
Vorbemerkung 1
Erster Teil
Abhängigkeit Epiktets vom Neuen TeBtament
Elster Abschnitt
Theodor Zahn â– ..,..... 4
Zweiter Abschnitt
K. Kuiper 4*
Dritter Abschnitt
SchlnBergebniB 72
Zweiter Teil
Abhängigkeit des Neuen Testamenta Ton der Stoa ..'
Krater Abachnitt
AUgemdnes SS
Zweiter Abschnitt
Die Synoptiker und Verwandtes BS
Dritter Abschnitt
Paulus. (Einleitung) 98
A. Der Wortschatz 101
B. Der Stil 186
C. Besonders bedeutunga volle Worte und Begriffe ...... 146
D. Einzelne atoizisierende Aussprüche 166
Vierter Abschnitt
Die übrigen Schriften des Nenen Testaments 160
XII InhttltsiiberBicht
öeitü
Zweites Buch
Yergleichung Epiktots und <les Neaen Testaiuests
Vorbemerk im g ISö
Erster Teil
Der Wortsehatz
Bialeituiig 197
Erster Abschiütt
Wärter, welche Epiktet und dem Neuen Testament gemeinaam sind . 198
Zweiter Abschnitt
Wörter, welche bei Epiktet besoodera hervortreten, aber im Neuen
Testament fehlen 218
Dritter Abschnitt
Wörter, welche im Neuen Testament mehr oder weniger von Bedentnng
sind, aber bei Epikt«t fehlen 3t>7
Zweiter Teil
Einzelne Aussprüche und Qedanken 28ä
Dritter Teil
Syatematiäche VergleichTing Epiktets nnd des Neuen Testaraentis
Vorbemerkung 339
Erster Abschnitt
Der Qeaamtchamkter â– S41
Zweiter Abschnitt
Die wichtigsten religiösen und ethischen Grnndsätae und Gedanken . 357
A. Stellung zu Gott 358
B. Stellung zum Leben nnd zur Welt 363
C. Stellung zur Sünde [Sünde und Sittlichkeit) 369
0, Stellung znr menschlichen Gesellschaft 3Tä
Dritter Abschnitt
Dil Oiumtbedeiitung 382
BtrlohtlKungen nnd Nachträge 3S1
VintiahDlina 393
Adolf BonhDSär, Epiktet and das Nene Testament
Erstes Buch
Die Frage der Abhängigkeit
Vorbemerkung
Schon in früher Zeit ist man auf das „Christüche" in
Epiktet aufmerksam geworden. Als das Christentum die
Staatsreligion im römischen Reich geworden war, gewöhnte
man sich aUmithlich daran, der heidnischen Weisheit, von der
man nichts mehr zu fürchten liatte, unbefangener gegenüber-
zutreten, und scheute sich nicht das Gute darin mehr oder
weniger offen anzuerkennen und für die eigenen Zwecke zu
benutzen. So sind durch Ämbrosius, Lactautius, Äugustio und
andere Lateiner Cicero und Seneca und mit ihnen der Pla-
tonismus und noch mehr die Stoa in der christliclien Welt zu
Ansehen und Einfluß gekommen. Etwas zurückhaltender in
der Schätzung und Aufnahme der heidnischen Philosophie
waren die griechischen Väter; fällt docli Gregor von Nazianz,
allerdings in einer Invektive gegen den abtrünnigen Julian,
über Sokrates, Epiktet und Anaxagoras das ebenso unzarte
als unverständige Urteil: ^2» &vayy.ala ftSkXov ^ ixovaiog fjV ^
(ptkoao(pla (H. Schenkl Epicteü Dissertattones, Lipsiae 1894,
XIX), Auch später war die zu starrer Orthodoxie hindrängende
Entwicklung der byzantinischen Kirche einem freieren Ver-
hältnis zur heidnischen Literatur nicht günstig; die Diatriben
Epikteta wurden immer weniger gelesen, nur das Encheiridion
erfreute sieh fortdauernder Beliebtheit, und dieses wurde denn
ReligLonageacbichllLChB Veisucht^ u. VorarbaitBn X. 1
2 Adolf Bonhöfier
auch mit der Zeit dem christlichen Lehr- und Erbauungs-
zweck förmlich dienstbar gemacht, wie die christliche Para-
phrase des Manuale, und das sogenannte Elncbeiridion des Nilus
beweist ^ Daß allmählich auch die Diatriben wieder zu Ehren
kamen und geschätzt wurden, zeigen die noch aus der byzan-
tinischen Zeit stammenden Seholien des Codex Eodleianus
(Schenkl XXXIII ff.). Im Mittelalter, wie alle Griechen, der
Vergessenheit anheimgefallen, treibt ihn die Welle des Hn-
manismus wieder empor, und er gehört von da an bis tief ins
18. Jahrhundert herein zu den Lieblingen bedeutender Geister,
teils als Geistesverwandter der christlichen Lehre, teils als
Ersatz für sie.
Erst die durch D. Fr. Strauß ins Leben gerufene historisch-
kritische P>forschung des Lebens Jesu und des Urchristentums
weckte das Verlangen, über die Beziehungen der späteren
Stoa, deren Hauptvertreter, Seneca und Epiktet, gerade in
der 2eit der Entstehung der neutestamentlichen Schriften
lebten und lehrten, zu diesen ins klare zu kommen. Nachdem
sich diese Neugier durch die extravaganten Versuche eines
Bruno Bauer und Ern. Havet wieder abgekühlt hatte, wurde
das Problem, einerseits durch die sozialistisch-radikale Ge-
schichtsbetrachtung, andererseits im Zusammenhang mit der
moderneu vergleichenden Eeligionsforschnng von neuem auf-
gebracht und ist nun eigentlich erst recht zu einer die
weitesten Kreise interessierenden, brennenden Frage geworden.
Man schreibt wieder über das „Christentum" des Seneca und
seinen famosen Briefwechsel mit dem Apostel Paulus; das
Hauptinteresse konzentriert sich aber, wie billig, auf Epiktet,
der unter allen Schriftstellern der Antike, nach dem ethisch-
religiösen Gehalt seiner Philosophie, dem Christentum am
nächsten steht. Dazu kommt, daß bei Seneca, der seine philo-
sophischen Schriften zwischen 50 und 60 schrieb, an eine
Kenntnis und gar an eine Benutzung neutestamentlicher
Schriften nicht im Ernst zu denken ist, während dies bei
' Das letztere ist keiae eigentliche Parapfarase, sondera nur eine Aus-
gabe des Kncbeiridions, welche die ailergröbsten Anstöße für ctiristliohe
Leaer beneitigt, b. B. 3-Boi duich Osöe ersetzt.
Eplktet und das Nene Testament 3
Eplktet, deseeii eigentliche Lehrtätigkeit zwischen 100 und
180 ftlUt, nicht von vornherein als undenkbar bezeichnet
werden kann. Andererseits ist eine literarische Beeinflussung
des Neuen Testameots durch Epiktet aus denselben chrono-
logischen Gründen so gut wie ausgeschlossen. Wenn also
die unleugbare Verwandtschaft beider nur durch ein Ab-
hängigkeitsverhältnis zu erklären ist — und diese Annahme
Jlegt jedenfalls dem oberfläclilicheu Beurteiler am nächsten —
10 muß ein Einfluß des Neuen Testaments auf Epiktet nach-
gewiesen werden können.
l*
Adolf Bonhöffer
Erster Teil
Abhängigkeit Epiktets vom Neuen TeBtament
Erster Abschnitt
Theodor Zahn
Einen kräftigen Vorstoß in dieser Richtung hat Theo-
dor Zahn unternommen in seiner im Herbst 1894 zu Er-
langen gehaltenen Rektoratsrede „Der Stoiker Epiktet und
sein Verhältnis zum Christentum" '. Er tut dies in bewußter
Opposition gegen die „in der Gegenwart bei Theologen und
Philologen herrschende starke Neigung, solches, was man für
ursprünglich christlich hielt . , . aus Aneignung heidnischer
Ideen zu erklären", und kommt zu dem Resultat, daß Epiktet
neutestamentiiche Schriften gelesen und religiöse Ideen und
Lebensregeln des Neuen Testaments sich angeeignet habe.
Diese Behauptung Zahns hat von selten der Kritik fast ein-
stimmige und zum Teil sehr scharfe und energische Ablehnung
gefunden: einen Versuch, die Einwendungen der Gegner zu
widerlegen, hat Zahn meines Wissens nicht gemacht.
Somit könnte ich für meinen Zweck mich des näheren
Eingehens auf seine Schrift ruhig entheben. Wenn ich es
doch tue, so geschieht es deshalb, weil ein Mann von der Be-
deutung Zahns, auch wo er irrige Ansichten vertritt, immer
noch interessant und lehrreich bleibt, und weil nur eine
'â– Ick zitiere nacli der 2. Anfluge, Erlangen u, Leipzig, 1895.
Epiktet und dfts Nene Testament 5
gründliche Auseinandersetzung mit ihm, die zugleich auch
tiefer in den Geist der Stoa einführt, die Streitfrage zu klären
und, soweit es möglich ist, zum Austrag zu bringen vermag.
Vor allem ist anzuerkennen, daß Zahns Darstellung frei
ist von irgendwelcher Tendenz, den Epiktet zu einem Christen
oder Christenfreund malgre lui zu stempeln. Er ist sich ganz
klar darüber, daß Epiktet nichts anderes sein wollte als ein
Stoiker, daß gerade das Wesentliche des Evangeliums für ihn
völlig unannehmbar war, und fast elegisch klingt Zahns Schluß-
urteil über ihn: „Er Ist kein Christ geworden, weil er ein
Stoiker war und als Stoiker sterben wollte" (34). Ferner
konstatiere ich gerne, daß die. objektive Schilderung, die Zahn
in der ersten Hälfte seines Vortrags von Epiktets Persönlich-
keit und Lehre gibt, sehr gewandt und ansprechend ist und
auch eine gewisse Sympathie mit dem heidnischen Philosophen
keineswegs vermissen läßt ^
Aber so weit geht nun allerdings diese Sympathie und
Unbefangenheit nicht, daß er sich ernstlicher bemüht hätte,
Epiktets Lebensanschauung aus sieh selbst und ihrem Zu-
sammenhang mit der alten Stoa heraus philosophisch zu yer-
Btehen. Gleich am Anfang wendet sich Zahn auffallend scharf
gegen die von mir behauptete großartige Einheitlichkeit und
Geschlossenheit des epiktetisehen Gedankensystems und findet
das entgegengesetzte Urteil eher am Platze, daß die Selbst-
widersprüche, in welche die stoische Lehre schon vor ihm
aich verwickelt hatte, bei Epiktet verschärft uns entgegen-
treten. Und am Schluß seiner Schilderung der epiktetisehen
Lelire lesen wir die befremdlichen Worte: „Harmonisch klingt
das, und doch, welche Widersprüche!" Befremdlich ist das
achon im Hinblick auf Zahns eigenes, vorhin berührtes Urteil
über Epiktet. Wenn dieser wirklich, obwohl er (wie Zahn
meint) das Christentum und neutestamentliche Schriften kannte,
ein überzeugter Stoiker war und als Stoiker leben und sterben
wollte, wie hätte dann diesen charaktervollen Stoiker seine
Kenntnis des Christentums so alterieren können, daß dadurch
eine Disharmonie in seine Welt- und Lebensanschauung hiuein-
1 Panl Wendland in Theol. Lit.-Z. 1895. 493.
6 Adolf Bonhöffer
g:ekommen wäre ? Eine solche zu Selbstwiderspriiclien führende
Beeinflußbarkeit wäre denkbar bei einem Menschen, der von
Haus aus keine feste, klare Überzeugung hat und deshalb
das Neue kritiklos zu dem hin aufnimmt, was ei' vorher ge-
glaubt und bekannt hat, nicht aber bei einem Manne, der,
wie Zalin selbst anerkennt, seiner einmal angenommenen Denk-
uüd Lebensrichtung bis zum Ende unentwegt treu geblieben
ist. Und wenn Epiktet ein so deutliches Gefühl davon hatte,
daß das Wesentliche des Christentums für ihn völlig un-
annehmbar war, wie sollte das letztere imstande gewesen
sein, ihn, ohne daß er es selbst merkte, in Widersprach mit
seiner stoischen Grundanschauung zubringen? Zahn spricht
ja freilich davon, daß diese Selbstwidersprüche schon der alten
Stoa eigen gewesen seien. Dann liegen sie aber eben im
System als' solchem, und das angeblich stärkere Hervortreten
derselben bei Epiktet würde sich dann weit einfaclier dadurch
erklären, daß er eben ein ganzer Stoiker, ein Stoiker „mit
seinem ganzen Widerspruch" gewesen ist, als dadurch, daß
er sich ganz heterogenen Einflüssen hingegeben hätte'.
Geben wir aber nun einmal die Möglichkeit zu, daß die
Widersprüche, die bei Epiktet sich finden sollen, sich aus
einer Beeinflussung durch christliche Vorstellungen erklären
lassen, so müssen wir jetzt fragen, worin denn diese
Widersprüche bestehen. Zahn findet einen solchen
zwischen der Gestaltung des Selbstmordes und der Lehre von
der Vorsehung. Es ist aber eine gänzliclie Verkennung der
epiktetischen Providentia specialis, wenn man sie so auffaßt,
als ob Gott dem Ifenschen auch seine äußere Existenz,
und was za ihr gehört, gleichsam verbürgt hätte. Das einzige,
was die Gottheit dem Mensehen gewährleisten kann, und
worin der Stoiker ihre fürsorgliche Liebe, wenn man so will,
erkennt, ist seine innere Freiheit und Würde, die er,
falls er ein Philosoph ist, auch unter den schlimmsten äußeren
Schicksalen aufrecht erhalten kann. Mangel und Elend zu
' Ed. Zeller, Die PhüoBOphie der Griechen III 1, 4. Änfl. Leipzig 1900,
481 ; „(Wir würdeii) den Stoikern Unrecht zu tBn glanben, wenn wir ■wegen
dieser wiasenschaflJichcn Mängel und Widersprüche die Eiuheit und den
isneien Zusammenhang ihres Systems leuguen wollten."
6 Adolf Bonhöffer
g:ekommen wäre ? Eine solche zu Selbstwiderspriiclien führende
Beeinflußbarkeit wäre denkbar bei einem Menschen, der von
Haus aus keine feste, klare Überzeugung hat und deshalb
das Neue kritiklos zu dem hin aufnimmt, was ei' vorher ge-
glaubt und bekannt hat, nicht aber bei einem Manne, der,
wie Zalin selbst anerkennt, seiner einmal angenommenen Denk-
uüd Lebensrichtung bis zum Ende unentwegt treu geblieben
ist. Und wenn Epiktet ein so deutliches Gefühl davon hatte,
daß das Wesentliche des Christentums für ihn völlig un-
annehmbar war, wie sollte das letztere imstande gewesen
sein, ihn, ohne daß er es selbst merkte, in Widersprach mit
seiner stoischen Grundanschauung zubringen? Zahn spricht
ja freilich davon, daß diese Selbstwidersprüche schon der alten
Stoa eigen gewesen seien. Dann liegen sie aber eben im
System als' solchem, und das angeblich stärkere Hervortreten
derselben bei Epiktet würde sich dann weit einfaclier dadurch
erklären, daß er eben ein ganzer Stoiker, ein Stoiker „mit
seinem ganzen Widerspruch" gewesen ist, als dadurch, daß
er sich ganz heterogenen Einflüssen hingegeben hätte'.
Geben wir aber nun einmal die Möglichkeit zu, daß die
Widersprüche, die bei Epiktet sich finden sollen, sich aus
einer Beeinflussung durch christliche Vorstellungen erklären
lassen, so müssen wir jetzt fragen, worin denn diese
Widersprüche bestehen. Zahn findet einen solchen
zwischen der Gestaltung des Selbstmordes und der Lehre von
der Vorsehung. Es ist aber eine gänzliclie Verkennung der
epiktetischen Providentia specialis, wenn man sie so auffaßt,
als ob Gott dem Ifenschen auch seine äußere Existenz,
und was za ihr gehört, gleichsam verbürgt hätte. Das einzige,
was die Gottheit dem Mensehen gewährleisten kann, und
worin der Stoiker ihre fürsorgliche Liebe, wenn man so will,
erkennt, ist seine innere Freiheit und Würde, die er,
falls er ein Philosoph ist, auch unter den schlimmsten äußeren
Schicksalen aufrecht erhalten kann. Mangel und Elend zu
' Ed. Zeller, Die PhüoBOphie der Griechen III 1, 4. Änfl. Leipzig 1900,
481 ; „(Wir würdeii) den Stoikern Unrecht zu tBn glanben, wenn wir ■wegen
dieser wiasenschaflJichcn Mängel und Widersprüche die Eiuheit und den
isneien Zusammenhang ihres Systems leuguen wollten."
Epibtet imd das Nene Testameut 7
ertragen, solange überhaupt noch eine vernünftige Hoffnung
auf Besserung oder eine Möglichkeit zu sinnvoller Fortsetzung
des Lebens vorhanden ist, mutet Epiktet jedem Menschen zu.
Freilich weiß er, daß nur verhältnismäßig wenige imstande
sind, bis zu jener äußersten Grenze auszuharren .- die meisten
würden vorher schon die Last des Lebens eigenmächtig voh
sich werfen oder vielmehr, wenn es geht, lieber ihre sittliche
AVürde hingeben, um ihr Leben noch länger oder angenehmer
fristen zu können. Wenn aber der Philosoph, der sittlich
Öebildete, je in die Lage kommt, seinem Leben selbst ein
Ende zu machen, so tut er es ja in völligstem Einklang
mit dem Willen der Gottheit, ohne eine Spur von
Bitterkeit gegen sie, ohne auch nur im geringsten deshalb
an ihrer fortdauernden Liebe und Weisheit zu zweifein \
' Auch die Idee der Gottestiiidschaftiatniobt, wie Zahn meint (29),
imtei- dem EinfluE des Christentums von Epittet vertieft worden. Denn
bei aller Ähnlichkeit der An sdmeks weise ist doch die augrande liegende
Anschauung vom Verhältnis des Menschen zu Gott eine wesentlich andere
als dort imd kann ebendeshalb auch nieht in Widerspruch treten mit der
Gestattuug des Selbstmords, wie im folgenden noch genauer gezeigt werden
wird. — Wenn aber Zahn sagt, vergebens suche mau in der heidnischen
Literatur vor Epiktet, ic. B. bei Seneca, die Wahrheit, welche Epiktet mit
Feuereifer predige, daß aUe Menscben alg Kinder Gottes anch Brüder sind,
und daß auch der Sklave ala Broder, sla SpröEliug desselben Zeus an be-
handeln sei, so ist mir dieses Urteil angesichts der vielen bei Seneca vor-
liegenden Gegenzeugnisse — ich greife nur De benef. III 28, I ft., Epist.
31, 11; 4i, 1; 47, 1 u, 11; 95, 33 (ed. Halse) heraus — wirklich unver-
ständlich. Es geht doch nicht an, die erhabenen Gedanken, die er hier aus-
spricht, einfach als „scbüue Worte" beiseite zu schieben, weil eben Seneca
allerdings im Leheu nicht immer diese Höhe behauptet hat. — Weit richtiger
hat W. E. H. Lecky über Seneca geurteilt (Sittengeschichte Europas, deutsch
von H. Jolowicz, Leipzig u. Heidelberg 1870, I 206): „ErwSgt man die
Korruption (der damaligen Zeit) und andererseits die hohe Stellung der
meisten Stoiker, so ist die strenge Lauterkeit der Sehiiften Senecas und
seiner Schule eine ia der Geschichte einzig dastehende Tatsache". Ähnlich
Ed, Norden, Die antike Kunetprosa, Leipzig 1898, II 306 ff. — Zum Haupt-
gedanken vgl. noch Otto Seeck, Geschichte des Uniergangs der antiken Welt,
Bd. 3, Berlin 1909, 89; „Bei den Stoikern gehurt es zu den Grundzügen
ihrerLehre [von mir gesperrt I], datlauohdcr Fremde und der Sklave, wenn
er nur ein edler Mann sei, hinter dem freien Griechen nicht zurückstehe. Der
Satz, daß alle Menschen Brüder sind, den wir mit Unrecht für christlich
halten, hat schon in ihrer Schule eine klare Auapraguüg erhalten."
8
Adolf BolihBfEer
Man kann diese Anschauung sonderbar und verkehrt finden,
aber von einem Konflikt zwischen göttlicher Vorsehung und
dem Recht des Menschen auf sein eigenes Leben kann auf
dem Standpunkt der Stoa keine Rede sein.
Ich muß jedoch dies noch deutlicher zu machen versuchen.
Zahn bat seine Behauptung aufgestellt, obgleich er mein Buch
gelesen bat, in welehem icli gerade die stoische Lehre vom
freiwilligen Tod besonders ausführlich dargestellt habe und
zwar so, daß die Motive und Bedingungen, überhaupt der
ganze Sinn, welelien die Gestattung der absichtlichen Be-
endigung des eigenen Lebens bei den Stoikern hat, so deutlich
als möglich hervorgehoben wurde. Trotzdem führt Zahn
zum Beweis des behaupteten Konflikts in Anm. 21^ einige
Stellen Epiktets an, aus welchen er im Texte eine Reihe von
Widersprüchen herleitet, die aber nur auf denjenigen einen
Eindruck machen können, der von dem eigentlichen Sinn und
Geist der stoischen Lebensbetrachtung keine Ahnung hat.
„Als ausreichenden Grund zum Selbstmord läßt er unter an-
derem gelten, daß einem der notwendige Lebeosunterhalt ausgeht
. . . und in dem gleichen Zusammenhang mahnt Epiktet im
Tone der Bergpredigt, nicht zu sorgen für den anderen Morgen,
sondern dem Vater zu vertrauen, welcher die unvernünftigen
Tiere ernährt und die entlaufenen Sklaven nicht verhungern
und die Bettler meist steinalt werden läßt." ,■Zahn sieht hier
die Äußerungen Epiktets ganz durch die Brille des Evan-
geliums: sie haben in Wirklichkeit keinen solchen kindlich
gläubigen Sinn. Gerade den Z u s a m__m e n h a n g, in welchem
diese selieinbar widersprechenden Äußerungen miteinander
stehen, hätte Zahn besser beachten sollen, dann wären sie
ihm nicht als Widerspruche erschienen. Epiktet sagt aller-
dings „wenn da (heute) hast, wirst du (auch morgen) haben",
fährt aber unmittelbar darauf fort: „wenn du aber nicht hast,
so scheide! die Türe ist offen" (I 9, 20). Also geht sein Ver-
trauen auf die Gottheit eben nicht so weit, daß er dieses
„morgen" ins Unbegrenzte fortgesetzt denkt; sondern er nimmt
an und sagt es ja deutlich, daß der Fall eintreten kann, wo
Gott die Nahrung nicht mehr darreicht (aaO.; III lü, ü;
III 26, 29). Aber — und dies ist der entscheidende Punkt —
Epiktet und äas Nene Testament 9
er verliert dadurch sein Vertrauen auf die Gottheit keines-
wegs, da ihm der Tod «nd auch der freiwillige Tod eine
Willensäußerung desselben Gottes ist, der ihn zuvor genährt
hat und ihm auch jetzt nichts Arges antut (eis o^^'^^ öeivöv)
sondern ihn nur zurückruft zur Wiedervereinigung mit dem
wesensverwandten All.
Es fällt also dem Epiktet gar nicht ein, die Menscheo
zu ermahnen, sie sollten dem Vater vertrauen, daß er ihnen,
immer den notwendigen Lebensunterhalt gewähren, werde.
Wohl exemplifiziert er auch auf die unveriiiinftigen Tiere, die
Gott so ausgestattet hat, daß sie (in der Regel) selbst ihre
Nahrung finden; aber selbstverständlich hat auch bei den
Tieren diese Gewährschaft ihre Grenzen, und während das
Tier nun in diesem Fall elendiglich verhungert, ist es nach
Epiktet das Von-echt des Mensehen, ein sinnloses Sich zu
Tode quälen sich zu ersparen und den Willen der Vor-
sehung durch bewußtes Erfassen rascher zu verwirklichen.
Wohl weist er darauf hin, daß die Bettler meist steinalt werden
(III 28, 6), aber nur um zu zeigen, mit wie wenigem der
Mensch erfahrungsgemäß auskommen kann, und welche Wider-
standskraft ihm gegen das, was weichliche Leute Not und
Elend heißen, gegeben ist, aber nicht in dem sentimentalen
Sinn, daß die Gottheit den Bettlern etwa ein besonderes Maß
von Fürsorge eiTveisen würde: gilt ihm doch dieses Stein-
altwerden gar nicht an sieh als etwas Begehrenswertes oder
Gutes, wofern der Inhalt dieses Lebens nicht Weisheit und
Tugend ist. Wohl spricht er von den entlaufenen Sklaven,
die völlig mittellos und stets gefährdet und verfolgt sich doch
durchs Leben schlagen, aber nicht im Vertrauen auf den
Schutz des Himmels — wie könnten sie das auch, da Epiktet
ihre Flucht gerade als ein Zeichen unweisen und unfromraen
Sinnes selbstverständlich mißbilligt! — sondern, wie er klär-
lich sagt, im Vertrauen auf sich selbst (1 9, 8 tivi
fcsnoi3-6ves ■. .; ovätvi, &k'L' lavtoTg).
Zahn fährt fort: „Geschlagen, gehängt und gekreuzigt
zu werden, soll nicht unerträglich sein; wenn es kommt, soll
man es als Gottes Willen hinnehmen. Warum soll es dann
unerträglich sein zu betteln oder auch zu verhungern, wenn'
10 Adolf JJonhöffer
das Gottes Wille ist?" Freilieh ist es unerträglich zu betteln,
weil das Betteln nach Epiktets Meinung oder vielmelir klarer
Kenntnis der Zeitverbältnisse, in der Eeget wenigstens, mit
einer Selbsterniedrigung verbunden ist; diese aber Ist, wie
alles Unvernünftige, d. Ii, alle* der höheren Natur des Menschen
Widerstrebende, unerträglich, so unerträglich, daß der Philo-
soph lieber stirbt als daß er durch ein Sehmeichelwort oder
eine erniedrigende Handlung sein Leben fristen wollte. Und
das Verhungern, d. !i. das langsame, .sichere Verhungern ist
unerträglich, nicht weil es wehe tut, weil es qualvoll ist,
sondern weil es unvernünftig ist, nnnötige Qualen zu dulden.
„Der Glaube an die allgegenwärtige Fürsorge Gottes läßt
es dem Philosophen gleichgültig erscheinen, ob Gott ihn auf
eine wüste Insel verbannt oder in Kom leben läßt; wenn aber
der Bauch im Hause zu arg wird, verläßt er es eigenmächtig;
und wenn ihm nach reiflicher Überlegung der Aufenthalt auf
der Öden Insel als ein solcher Rauch erscheint, so tötet er
sich. Aber woher kommt der unter Umständen unerträgliche
Ranch in dem mit vollkommener Weisheit gebauten und mit
väterlicher Liebe verwalteten Hause der Welt? und wie ist
es denkbar, daß im Umkreis der Natur, welcher gemäß zu
leben Sittlichkeit und Seligkeit ist, ein Ort sieh finde, wo es
dem Menschen nicht mehr möglich wäre, natur- und veruunft-
gemäß zu leben?"
Zuerst eine Kleinigkeit! Zahn sagt, „wenn der Itauch
im Hause zn arg wird, verläßt er es eigenmächtig". Er
weiß wohl, daß Kpiktet das Büd vom Hauche gebi'aiicht zur
Veranschiinlichung einer Lage, in welcher einem gleichsam
das Atmen, das heißt die Lebensmöglichkeit ausgeht. Warum
sagt er dann „eigenmächtig"? Wenn der Rauch im Hause
zu arg wird, verläßt man es doch vernünftigerweise.
Zahn denkt an den „Selbstmord", der natürlich immer eigeu-
mäclitig ist und setzt deshalb sozusagen, mit instinktiver Miß-
billigung, das Wort „eigenmächtig'', wo es gar nicht hinpaßt.
Sodann gibt er selbst zu, daß der verbannte Stoiker sich erst
tötet, wenn er nach reiflicher Überlegung den Aufent-
halt auf der öden Insel unerti-äglicli findet. Unter reiflicher
Überlegung verstellt man aber meines Wissens immer eine
Epiktet und das Neue Teatament U
richtige, vernünftige Überleg-ung;. Was soll also fiir ein Wider-
spruch darin lieg-en, wenn Epiktet sagt, an und fiir sich kann
der Weise in «yara ebenso glücklieh leben wie in Korn; es
kann sieh abei- der Aufenthalt auf der öden Insel mit der
Zeit so gestalten, daß das Leben keinen Sinn mehr hat, z. B.
wenn ein schweres Leiden ihn befällt, aber keine Möglichkeit
der Heilung vurliegt? danu wird er vernünftigerweise darin
das ßückzugssignal erkennen. Selbstverständlich kann dieser
oder ein aliolicher Fall auch in Rom eintreten, aber die
Wahrsclieinlichkeit ist bei Gyara doch etwas gröJJer.
Nach diesen Vorbemerkungen aber kommen wir erst auf
den Kern der Sache: die letzten Sätze Zahns geben in der
Tat zu denken, denn sie entrollen vor uns kein geringeres
Problem als das der Theodizee, das überall, auch in der
Stoa, seine Schwierigkeit hat. Zuvörderst ist nun aber zu
sagen, daß die Ausdrücke, die Zahn gebraucht, einen allzu
chribtHchen, bestimmt theistisclien Klang und Sinn haben, der
auf die Stoa nicht paßt: daß die Welt mit väterlicher Liebe
verwaltet wird, ist vom stoischen Standpunkt aus zuviel ge-
sagt, erweckt jedenfalls keinen ganz adäquaten Eindruck von
dem Weltbild, das die Stoa, das auch Epiktet sieh gemacht hat.
Sodann, woher der unerträgliche Rauch kommt, sagt ja Epiktet
ga«K deutlich an manclier Stelle, am deutlichsten II 5, 27:
'JdvvoTOv -/OQ iv ToiovT';) awfiaTi, iv icivz^i xqi TtSQt^'/ßvTi,
tovToig Tols ai:t,Sjair /lij tjcfimitiuv alhjii; äi'/.a rotnOra. Die
ünvollkommenbeit der Welt — „UnvolJkommenheit" natürlich
im Sinne des unphilosophischen, unethischen Menschen! —
beruht also nicht auf einerji Mangel an Weisheit oder Liebe
seitens der Gottheit, sondern auf der Natur der v'/n^, an welcher
auch sie eine im letzten Wesen der Dinge begründete Schranke
ihre]' Jlaciit hat, ohne daß jedoch sie selbst dies als Schranke
sozusagen schmerzlich empfinden künnle. Ganz treuherzig er-
klärt Zeiis dem Epiktet: „Wenn es niöglich wäre, hätte ich
auch deinen Leib und deinen Besitü frei und unhemmbar ge-
macht ... da ich aber dies nicht konnte, so gab ich
dir ein Teil von unserem Wesen, nämlich diese Fähigkeit
freier Selbstbestimmung, in der du dein Glück und deine Be-
friedigung finden kannst" (1 1, 10 ff.). Ein Spötter « la Lukian
12 Adolf Bonhöffer
könnte da ganz hübsch erwidern: „Ja, du gestehst doch aber,
daß du selbst nicht alles kannst (was du vielleicht möchtest):
â– wie soll dann das Teil von dir, das ich erhalten habe, volle,
schrankenlose Freiheit sein?" Aber hier hört eben das Rai-
sonnement der Stoa auf: Zeus bekennt eine gewisse Ohn-
macht, aber warum es so sein muß, weiß er selbst nicht oder
er macht sich keine weiteren Gedanken darüber. Jedenfalls
bedauert er sie nicht, sondern nimmt sie einfach hin als eine
nicht weiter zu erklärende Notwendigkeit, und ebenso soll
auch der denkende Mensch die Schranken, die seinem äußeren
Leben gezogen sind, nicht bedauern oder schmerzlich empfinden,
sondern sich der Notwendigkeit unterwerfen und zufrieden
sein mit dem Großen und Hohen, das ihm an innerer, geistiger
Kraft gegeben ist.
So erledigt sich auch die letzte Frage Zahns : es gibt in
der Tat im Umkreis der Natur keinen Ort, wo es dem Menschen
nicht mehr möglich wäre, natur- und vernunftgemäß zu leben.
Niemand kann in dieser Beziehung höhere Ansprüche an den
Menschen machen als Epiktet. Er verlangt, daß man das
Leben noch schön und lebenswert findet, wenn gleich alles
fehlt, was die Mensehen als ein sogenanntes Lebensbedürfnis
ansehen; er schildert, wie man selbst auf die Befriedigung
des angeborenen Gesellschaftstriebs verzichten und in voll-
kommener Einsamkeit einen vernünftigen Lebenszweck erfüllen
kann (III 13). Aber es können doch Fälle eintreten, wo schon
rein äußerlich die Fortsetzung des Lebens und vollends eines
menschenwürdigen, denkenden Lebens auf die Dauer in Frage
gestellt ist, und in solchen Fällen, selbstverständlich nicht
vorschnell, sondern nach reifliclierl^lrwägung, erkennt es der
Stoiker als eine Forderung der Vernunft, das Leben frei-
willig abzuschließen, und dieser Abschluß selbst ist ihm dem-
gemäß eine natur- und vernunftgemäße Handlung im hächsten
Sinne des Wortes. Der Stoiker wird also niemals zugeben,
daß der Eintritt eines solchen Falles, wo ilim der freiwillige
Tod geboten erscheint, den Charakter des Lehens als eines
natur- und vernunftgemäßen irgendwie zu alterieren vermag,
so wenig wie das plötzliche oder „vorzeitige" Hinweggeraftt-
werden durch einen von der höheren Macht verhängten Tod.
Bpiktet und iaa Neue Testament ja
So zeigt es sich denn nach allen Seiten hin, daß ein
Widerspruch zwischen de,- Gestattung des Selbstmords und
dem_ -Vorsehungsglauben nicht vorhanden ist, sobald man die
Ansicht der Stoiker scharf ins Auge faüt und keine Christ-
liehen Überzeugungen und Gefühle in die Stoa einträgt. Nicht
anders verhält es sieh mit einem weiteren Selbstwiderspruch
welchen Zahn darin findet, daß Epiktet die Sünde einerseits
lediglich auf einen intellektuellen Irrtum zurückführe der
jederzeit leicht zu heben sei, andererseits aber Klage führe
über die allgemeine Herrschaft der Sünde, der sich sogar die
Besten nicht entziehen können. Auch hier ist nämlich der
Widerspruch nur ein scheinbarer. Wohl entspringt nach
stoischer Ansicht alle Leidenschaft und moralische Schlechtig-
keit aus einer Verkelirung: der Vernunft, einem falschen Urteil
über das Erstrebens- und Jleidenswerte; imd sobald das richtige
Urteil m der Seele Raum gefaßt und Wurzel geschlagen hat
muß da.^ Böse verschwinden. Aber Epiktet betont es deutlich
und nachdrücklich, daß diese fundamentale Änderung des Wert-
urteils keine so leichte Sache ist und sich nicht im Hand-
umdrehen vollzieht. Vor allem ist nicht jeder beliebige Mensch
imstande, die richtigen Anschauungen über das Gute und
Schlechte anderen auf eine wirksame und eindrucksvolle
^eise beizubringen, sondern es gehört dazu, wie es Epiktet
Ott ausspricht, ein besonderes rednerisches und didaktisches
l^eschick, das überdies noch von einer ernsten, ethisch über-
legenen Persönlichkeit getragen sein muß. Sodann sind die
Anlagen der Einzelnen sehr verschieden, wie ebenfalls Epiktet
oft genug betont, von der absoluten Verstocktheit und hoff-
nungslosesten ämiöeicc, weJcheaiich dem menschenfreundlichsten
Lehrer jede Lust und Möglichkeit der Belehrung unmöglich
macht, bis zur idealsten Begeisterungsfähigkeit einer groß und
edel angelegten Seele. Liese letzteren sind die Naturen, an
die er denkt, wenn er die Bekehrung als etwas Leichtes hin-
stellt, wenn er Äußerungen tut wie die: „Zeige dem W-.6v
vmiovcyM» den Widerspruch, in dem es sich bewegt, und es
wird Ihn überwinden!" (11 26, 7) oder „Zeige ihm die Wahr-
m 7"^ o7^''^ ''^'"' ^'^ "'' '■''^^^'" (" 12, 4; ähnlich
14 Adolf Bonhöfter
Aber selbst im günstigeren Fall ist mit dieser ersten
kräftigen Siiiiia-iänderuEg die Sache noch keineswegs abgetan.
Auch bei guter Beaiilagung braucht es doch viel Zeit und
stetige, innere Arbeit, um die theoretisch gebilligten Grund-
sätze sich innerlich anzueignen und zu praktischen Über-
zeugungen zu machen, indem man sich daran gewöhnt, sie
auf alle Vorkommnisse und Entsclieidungen des Lebens anzu-
wenden '-. Warum würde denn sonst Epiktet so viel Wert legen
anf die fislirrf und äay.r,ms, wenn es im Ernst seine Meinung
wäre, daß die bloße, am Ende gar nur einmalige Mitteilung der
richtigen döy/iara geniige, um die Affekte und das unsittliche
Handeln zu unterdrücken? Ein sittlich tüchtiger Mensch
wird man nach Epiktet, in der Regel wenigstens, nicht durch
eine plötzliche Bekehrung, sondern durch einen ethischen
Bildtjngsprozeß, über dessen Dauer selbstverständlich nichts
Bestimmtes und Allgemeingültiges gesagt werden kann, außer
daß er meistens das ganze Leben hindurch fortdauert, so daß
er, der Lehrer, zuweilen seihst noch sich in denselben ein-
schließen kann. Es genügt hier nur die eine schöne Stelle
herzusetzen, welche Epiktets Ansicht am besten zum Ausdruck
bringt. „Nichts Großes entsteht mit einem Schlag, wo doch
' Sehr gut hat itieB L. Webör ausgeführt in einer Reihe tou Auf-
sätzen üher La niorale d'Epiciete et les besoins prisenis de i'enseignement
moral in der lieuue de me.taphyuiqae et de viorak, Pnris 11106 u. ff. Jahr-
gange. Epiktefa Wissen, so führt er etwa, aiip, ißt uitht ein bloU theore-
üschos, sondern ein innerlich praktisches, es bat nur Weit, sofern es Jfegen-
wärtig ist, die Kraft weckt und die Handlung bestimmt Seine dialektisch
entwickelten ««oAi/ytis sind keine hioli theoretischen Regriffe, sondfirn —
der Ausdrack ist ivoh! nach A. Füuille gebildet — idtes-motrices, idees-
forcen; das Wissen, das diesen Namen wirklich verdient, schließt iminec
eine entsprechfiifde Macht ein. — Ich kann liier nicht umhin es aHsziiaprechen,
daß in Frankreich und auch in England — ich denke besonders an das
Werk des nun verstorbenen Edw. Caird The evolution of theology in Ihe
greek philonophcre, Glasgow 1904 — im allgemeinen die Stoa mit mehr
Liebe und eindringendem Interesse studiert wird als bei uns, wo eine ge-
wisse stereotype, aus Wertschätzung und traditionell vorurteilavoller Kritik
gemischte Auffassung einem tief ergehenden Verständnis vielfach irn Wege
steht. Die Verdienste der deutschen Forseher, die hierin eine rühmliche
Ausnahme machen , sollen durch diese Bemerkung natürlich nicht ^e-
scbmätert seiu.
Epiktet und das Nene Teetament 15
nicht einmal die Traube oder Feige. Wenn du mir sagst,
ich ■will eine Feige, so werde ich dir antworten, daß dies Zeit
braucht. Laß (sie) zuerst blühen, dann Frucht ansetzen,
hernach reifen. Also die Frucht der Feige bildet sich nicht
plötzlich nnd in einer Stunde, die Frucht des menschlichen
Geistes aber willst du so rasch nnd mühelos haben? ich sage
dir, erwarte dag nicht!'" ([ 15, 7Jf. Vergl. IV 8, 41 und TI 8, 24).
Die sittliche Bildung ist also nach Epiktet nichts so Einfaches,
sondern etwas wunderbar Großes, das höchste und schwierigste
Kunstwerk, das es auf dieser PIrde zu vollbringen gibt. Der
eokratische Intellektualismus, auf welchem die stoische Ethik
ralit, erscheint hier allerdings in einer Weise ausgebildet, er-
gSji2t und vertieft, daß er seine paradoxe Härte fast verloren
hat und den Tatsachen und Bedürfnissen des menschlichen
Seelenlebens vollkommen gerecht wird. Daraus erklären sich
die scheinbaren "Widersprüche, die. jedoch in Wirklichkeit
nur die innerlich notwendigen, verschiedenen Betrachtungs-
weisen einer und derselben Sache sind. So macht es jeder
vernünftige Erzieher. Sieht er, daß der Schüler über seiner
Aufgabe verzagt, so spricht er ihm Mut zu, betont die
Leichtigkeit der Aufgabe und weckt dadurch das Vertrauen
auf seine Kraft; merkt er, daß er's zu leicht nimmt, so stellt
er ihm den ganzen Ernst der Aufgabe und die große Schwierig-
keit, sie recht zu lösen, vor Augen. So kann Epiktet bald
sagen „Nichts ist leitsamer als die menschliche Seele" (IV 9, 16),
bald im Hinblick auf ganz Verstockte sich des Sprichworts
bedienen: Mioqov oiJze rreloai ot'iE ^rj^ai eoii (II 15, iH). Die-
selbe verschiedene Betrachtungsweise wendet Epiktet auch
in seiner Selbstbeurteilung an. und diese Abwechslung — wir
dürfen nicht sagen: dieses Schwanken — zwischen hoch-
gespanntem Selbstbewußtsein und demütiger Erkenntnis der
eigenen UnvoUkommenheit ist so wenig befremdlich oder
widerspruchsvoll, daß es im Gegenteil als Zeugnis tiefster
ethischer Einsicht und Bildung betraciitet werden muß. Auch
Jesus mußte sich seine Berufsfreudigkeit stets von neuem
wieder erkämpfen, und Paulus bewegt sich in seinem pastoral-
pädagogischen Wirken wie in seiner Selbstbeurtellimg in der-
selben Polarität der Gedanken, die jeder großzügigen ethischen
16 Adolf Bonhöfier
Auffassung eigen ist und den Bedürfnissen der Menschen
wie den Stimmungen des eigenen Gemütes durchaus entspricht
In seiner Schilderung der Widersprüche Epiktefs seheint
mir aber Zahn (S. 24 ff.) nicht nur diesen prinzipiellen Gesichts-
punkt zu ignorieren, sondern auch von Übertreibungen und
üngenauigkeiteu sich nicht ganz frei zu halten. Das Wort:
„Ich kann keines seiner Gebote übertreten" (IV 3, 10) hat
keineswegs den Sinn einer pharisäischen Selbstüberhebung,
in welchem es bei Zahn erscheint, ist überhaupt kein direktes
Urteil Epiktets über sich selbst, sondern bedeutet im Zu-
sammenhang nur so viel, daß dem Menschen, welcher erkannt
hat, daß die irdischen Dinge keine wahren Güter sind, auch
nicht zugemutet werden kann, wider seine bessere Überzeugung
sich um irdische „Güter" zu bemühen um den Preis des
wahren Glücks: also etwa dasselbe, was Joseph sagte: „Wie
sollte ich ein solch groß Übel tun und wider Gott sündigen?"
oder was Luther in Worms geäußert haben soll: „Hier stehe
ich, ich kann nicht anders!" Übertrieben ist es, wenn Zahn
sagt: Warum aber übertritt der Mensch und auch der Stoiker,
der die richtigen Dogmen innehat, diese Gebote unauf-
hörlich?" (von mir gesperrt). Das hätte denn Epiktet von
sich doch nicht so ohne weiteres zugegeben. Ei'ne unbewußte
Einmischung christüchen Fühlens ist es, wenn Zahn von einer
ergreifenden Klage über die ünfindbarkeit eines wahrhaft
freien und guten Menschen redet. Gemeint ist hier die aller-
dings wunderbare und auch ergreifende Apostrophe Epiktets
an seine Schüler in II 19, 23 ff. {%ig oh kan STuiiv.6g;), die
uns einen der tiefsten Einblicke gewährt in die um die sitt-
liche Hebung der Menschen so beiß sich bemühende Seele
unseres Philosophen. Aber erstens spricht Epiktet in dem
betreibenden Kapitel speziell gegen diejenigen, welche die
Philosophie selbst eben als ein sogenanntes Biidungsfach im
äußerlichen Sinne treiben, wird also durch die ganze Intention
seines Vortrags naturgemäß auf die energische, man möchte
sagen nervös energische Betonung dieses Gegensatzes zwischen
bloß tJieoretischem und ernsthaft praktischem Studium geführt:
man darf also diesen momentanen Stimmungsausbruch nicht
verallgemeinern. Sodann aber kehrt er am Schluß des Vor-
Epiktet und das Neue Testament 17
träges wieder ganz zu der gewohnten, ruhig überlegenen
Tonart zurück und bekennt sieh gerade liier auBdrlieklich zu
der intellektualistisehen Grundlage seiner Ethik, indem er die
Frage aufwirft: „Ist denn die Sache vielleicht üherliaiipt nicht
lehrbar?" und die Antwort gibt „freilich ist sie lehrbar".
Daraus geht hervor, daß er selbsi mit jener „ergieif enden
Klage" seine intellektualistische Auffassung der Ethik in
keiner Weise in Frage stellen wollte.
Übertrieben ist es ferner, wenn Zahn sagt, Epiktet be-
kenne, daß er es über das Wollen und Wünschen des Guten
nicht hinausbringe. Welche Stelle er dabei im Auge hat,
ist nicht recht klar, da die in Anm. 23 zuerst angeführte
Stelle nicht existiert; IV 1,151 dagegen richtet er allerdings
an sich selbst die Frage; „Bist du Bun freiV" und antwortet:
„Ich will es bei Gott und wünsche es, aber ich kann noch
nicht (mit voller Souveränität) den Herren ins Gesicht sehen" usw.
Was hier Epiktet, gewiß nicht bloß aus Bescheidenheit, sondern
im Ernste sich abspricht, das ist eben jene höchste Stufe der
moralischen Sicherheit und persönlichen UnaEgreifbarkeit, die
er nur an den von ihm bekanntlich noch bedeutend idealisierten
Persönlichkeiten eines Diogenes und Sokrates anschaulich zu
machen vermag. Das ist aber doch etwas ganz anderes als
wenn er sagen würde, wie es bei Zahn den Ansehein hat,
daß er überhaupt das Gute nicht zu tun vermöge, etwa so,
wie Paulus Köm. 7, 14 ff. den unerlösten Menschen schildert.
Wie ei' in Wahrheit über sich denkt, geht aus I 2, 30 deutlieh
hervor, wo er zwar nicht geradezu sich mit Sokrates ver-
gleicht, aber doch nicht allzuweit von diesem sich abrückt,
den er doch zu den i^ctlQSTot rechnet. Ebendort spricht er
auch den allgemeinen Grundsatz aus, den er auch auf das
sittliche Streben anwendet, daß kein Mensch deshalb von öer
eifrigen Verfolgung eines Gutes absteht, weil er sich sagt,
daß er es doch nicht im allerhöchsten Maße sich anzueignen
imstande sein werde (I 2, 37). Unter allen Umständen rechnet
er sich zu den Tt^oxömovreg , und zwar sicherlich zu den
7tQO-A.6fcxovTsg par excellence, zu welchen freilieh in gewissem
Sinne selbst Sokrates gehört. Denn Epiktet rühmt unter
anderem besonders dessen Ausspruch, daß seine Freude in
Religio nageäehicbtli die Vei-suche ii. Vorarbeiten X. ^
. Q Adolf Bouli6fter
der Wahrnehmung täglicher Besserung bestehe {IH 5 U) und
diese Stimmung war sicherlich auch m Epiktets Selbst,
beurteilung die vorherrschende. Wenn er davon spricht, daß
ä«"h gute Handlungen die moralische Kraft «nd Sicherheit
gestärkt werde, daß man täglich Siege über sieh selbst erringen
SSich deshalb ein Fest feiern könne (IV 4, 46 , so spricht
er da selbstverständlich aus eigener Erfahrung heraus Ja
es fehlen auch nicht Äußerungen, die, wenn man sie isolieren
wollte, beweisen würden, daß Epiktet sich selbst schon im
vollen Besitz der Weisheit und Tugend gefühlt habe bo
entwickelt er einmal gegenüber einem reichen, eitlen Ehetor,
was er vor diesem voraus habe, und schildert sicli da ganz
und ohne Einschränkung als einen in seinem philosophisch
vernunftgemäßen Leben vollkommen festgegründeten, innerlich
fertigen und absolut befriedigten Menschen (IIl 9, llS-^^og
oh ho> xe^to-^.- ■- ■^«''^« - •*■^- ^'^ ^°""'^''' '^r"«^"^^""^;
bQuui und ä?4^«S - h*^ 't«^« 9"''^"' ■■■«^ ^'^'*! ^rJ
diiivoia . . f, kfii] ßrcL^vfiia) Ttsfilri^mm). und III ^4, llbtt.
spricht er von der ä^poßia und äXv^i» in einem Tone, dem man
es wohl anmerkt, daß er diese Tugenden, jedenfalls in hohem
Grade, besessen hat und sich dessen auch bewußt war-, und wenn
er seinem Schüler noch dazu den Rat gibt, sich mit diesen
Tugenden doch ja nicht vor den Menschen zu brüsten und
ihm zuruft: 'Jgyiov aözk iyialvc^v x«i iidaiftovüy. so hat er
gewiß dieses Gefühl innerer Gesundheit und Glückseligkeit
zuerst selbst ver^chmeekt und, die uuvermeidlicbeu kleinen
Schwankungen ausgenommen, stets gegenwärtig m sich ge-
1 P Weudlaud (Die tieUenist. römische Kultur, nandbuch znm K. Test.
Sklaye geborene Epiktet hat die Wabrlieit der Lehre mnerli h erlebt.
^ Ger.de die .W'« ha er IV 1, 151 «ich aberkannt ds etwas, was
ihm â„¢r vollen Freiheit noch fehle. Weim er aber hier f ^/ff '"^^^
«einen Schülern fordert, .o merken wir w»W, daß er auch dort n,.bt sage,
^iü er sei wehleidig und wäre tiuEer.tande, für seine Überzeugung Loib
und Leben zu opfern; sondern jenes ehrliche Bekenntnis besagt nnr daß
"gerade weil er sein Lebe, lang einen verstümmelten K rper mit sieh
herumsehleppen .nuGte, andern, was ihm -'^'' "/-'^^.«*f ^^''^f ^; "^ " *
einer gemsseu begehrlichen Liebe hüüge. wie denn jeder, auch der Beste,
noch irgend etwas bat, woTon er sich slaubj nichi trennen m können.
Eplktet tmd duB Nene Testament 19
tragen. Aber auch wenn er, mit dem Ideal sieh vergleichend,
nur ein rc^oxörcrov sein wollte, so liegt in diesem Ausdruck
viel weniger das schmerzliehe Gefühl dessen, was noch nicht
erreicht ist oder überhaupt nie erreicht werden kann, als das
freudige Bewußtsein dessen, was man schon erreicht hat: er
hat also weit mehr positiven als negativen Gehalt.
Nach dem allem können wir in der Tat nicht erstaunt
sein, wie Epiktet sich der Hoffnung hingeben mag, daß er
einst sterbend mit der Frage vor Gott hintreten werde : „Habe
ich etwa deine Gebote übertreten?" (III 5, 8J. Denn sieht
man das Vorangehende an, so verliert diese Anrede alles,
was nach pharisäischem Selbstrulim schmeckt. Da sagt er, er
möchte dereinst vom Tode ergriffen werden in einem Zustand
innerer Sammlung, in der Beschäftigung mit sich selbst, d, h.
in der konzentrierten Arbeit an seiner eigenen Besserung und
Vervollkommnung. Wäre er der selbstgerechte Weise, wie
Zahn seine Anrede an Gott versteht, so hätte es ja gar keinen
Sinn für ihn zu wünschen, daß er in würdiger Verfassung
vom Tode betreten werden möchte; wollten wir alles das, was
er zu Gott von sich sagt, als buchstäbliche Wahrheit auf-
fassen, so hätte er es gar nicht nötig, auf ein würdiges Sterben
sich noch besonders vorzubereiten oder innerlich einzurichten.
Was er Gott vorträgt in seiner hypothetischen Sterbestunde,
ist nur eben das, was er jetzt schon täglich und stündlich
als sittliches Ziel sich vorhält, dem er jetzt schon mit allem
Ernste nachtrachtet. Was er sich wünscht, ist nur, daß der
Tod ihn treffen möge nicht in einer Anwandlung von Schwäche,
Verzagtheit oder ünfreudigkeit, sondern auf der Höhe seiner
geistigen und sittlichen Kraft, so daß das Ende übereinstimme
mit dem Lehen, das er, einzelne Störungen und Schwankungen
des inneren Gleichgewichts abgerechnet, doch im ganzen stets
geführt habe.
So st«ht Epiktet auch in seiner sittlichen Selbstbeurteiluug
vor nns ohne jeglichen Widerspruch, vielmehr achtunggebietend
ebenso sehr dui'ch seine ehrüche, nngeheuchelte Bescheidenheit
und Demut wie durch sein kraftvolles sittliches Selbstgefühl
und seinen unverwüstlichen Glauben an sein Ideal und an
sich seihst. Ein Selbstwiderspruch soll es aber weiter sein,
2"
20 Adolf BoiihHffer
daß er einerseits es verbiete, Menschen zu tadeln und dem
Sünder zu zürnen, andererseits doch gelegentlich eine kräftige
EntriistungüberdieSüiide zeige und sogar das Schelten
und Strafen zu einer Hauptfunktion seines Idealbildes, des
Kynikers, mache. Auch über diesen Punkt muß ich mich
etwas eingehender aussprechen, weil damit ein noch viel-
verbreitetes Mißverständnis der stoischen Ethik berührt -wird.
Es ist durcliaus richtig, wenn Zahn sagt, daß Epiktet das
Tadeln oder Schelten des Nächsten nicht bloß für den Fall,
daß man selbst durch ihn beleidigt oder geschädigt worden
ist, sondern ganz allgemein verbiete. Im ersteren Fall kßiinte
man sich die Sache ja so erklären, daß ßpiktet das Schelten
und Strafen der sittliciien Verfehlung nur deshalb verbiete,
weil der Scheltende sozusagen Partei, also nicht ganz unbe-
fangen und jedenfalls verdächtig ist, in seinem Schelten einen
(vom stoischen Standpunkt aus unzulässigen) Affekt des
Schmerzes oder Zornes — auch der Zorn ist ja eine Art der
Hnrj — über einen äußeren Verlust zu verraten. Dieser Ge-
sichtspunkt spielt fiir Epiktet natürlich auch eine wichtige
Rolle, ist aber nicht ausschlaggebend. Er verbietet das 'ey-
-Aal&lv und ftif-iq^ead-ac ganz allgemein und führt die Enthaltung
davon oft und in stereotyper Weise als ein Anzeichen der
eingetretenen Sinnesänderung, als einen Beweis der erlangten
sittlichen Bildung und inneren' Freiheit auf. Zu dieser sitt-
lichen Bildung gehört nach Epiktet u. a. auch die Einsicht,
daß alle moralische Verfehlung aus der Unwissenheit ent-
springt, daß daher die Feiilenden Verzeihung und eher Mitleid
als Vorwürfe verdienen ^. Der Gebildete soll deshalb auch
die Fehler und Vergehen seiner Mitmenschen hinnehmen als
etwas, was gewissermaßen auch notwendig zum allgemeinen
Weltgeschehen gehört und darum kein Recht gibt, sich darüber
aufzuhalten und zu ärgern, um so weniger als es das eigene,
innerlich gegründete ülück nicht zu trüben vermag. Das
Nicht-Schelten ist also eine Anerkennung der Unfreiwilligkeit
des Sündigen«, zugleich aber eine Billigung des Weltlaufs auch
' I 17, 14 i Hdiirae S^^vins afxnQ-eäviiv ; I 28, 4: Iläoa Tpvx'l 3xovan
aii^Bjat if,) aXijü'iias- II 32, 36: Svyyvia/iovivos lus Tipös nyvoovi'ta, als
Epiktct und dae Neue Testament 21
in dem, was der gewühnliche Mensch als eine Störnng und
Beeinträchtigung seines Glückes empfindet; denn tatsüchlicli
findet sich dieser durch die sittlichen Verfehlungen der an-
deren, wofern sie ihm nicht etwa Schadenfreude verursachen,
(geniert oder unangenehm berührt, auch wo sie nicht direkt
gegen ihn gerichtet sind oder ihm Abbrucii tun. Beide Ge-
sichtspunkte fließen für Kpiktet gleichsam in Eines zusammen,
was man am besten daraus ersieht, daß das' Schelten der
Nebenmensehen mit dem Murren gegen Gott oft auf eine Linie
gestellt wird (Ilf ö, .16: Mrjöifrote ly/MMaai iivl, fii] O-uJ), /.lij
äi>SQ(lift(iij. Bei Gott kann es sich aber ja nicht um eine
moralisclie Verfehlting handeln; der oberste und einheitliche
Gesichtspunkt ist eben der, daß man sich nicht aufregen soll
Über das ■Weltgeschehen, als ob es «urecht wäre und das
wahre Glück des einzelnen alterieren könnte.
Mit dieser Anerkennung einer gewissen Notwendigkeit
fler Sünde ist aber keineswegs gesagt, daß man nichts zu
ihrer Beseitigung oder Minderung tun könne und die Sünder
ruhig sidh selbst überlassen solle. Vielmehr gerade weil sie
als Irrende, Getäuschte im tiefsten Grund bedauernswert sind
und des. wahren Glückes entbehren, fordert es der in den
Menschen gelegte Draug zum Helfen und Mitteilen, daß man
den Irrenden zu Hilfe komme und sie von ihrem Irrtum zu
heilen verbuche. Eine Entrüstung über die Sünde im Sinne
eines Affekts, eines heiligen Zornes über die Abtrünnigen
liat in der Stoa allerdings keinen Raum, und Zahn wird keine
Stelle aus Epiktet anführen können, die dem widersprechen
würde'. Auch das STriftlilamiv, das er dem Kvvixö^ als eine
Hauptfuiiktion zuteilt, ist durchaus nicht so gemeint, als ob
' Daß mau you einer „Eutrüntnng" über die Sünde bei Epiktet uiclit
fi]irefiheii liaiiii, g-eht schon darans herTor, daß er in einer unser äittüches
Oefühl fast beleidigenden Weise die größten Verbrechen, Diebstahl, Ehe-
liruch, Murd, für ganz sei bat verständliche, keineswegs yerwnn darliehe Eulgeu.
cirieB (alachen Urteils über das Begehrenswerte erklärt (z, B, I 18, 11;
[ 23, 14 1 I 28, 4 ff.). Ja er geht sogar soweit zu behaupten, daß, wer dem
Hieb oder Ehebrecher zürne oder sich über ihn entrüste, damit nur sein
i'ijicnes falsches Werturteil, seiiie Bewunderung der ihu bekunde (1 18, 11).
It'reilich setzt er dabei voraus, daß man selbst der Geschädigte ist; aber
iiueh in diesem Fall sollte man ja eine sittliche EutrUstaug haben können!
22 Adolf Bonhüffer
dieser etwa nach Art der christlichen Predigermönche die
Leute wegen ihrer Sünden verdonnern un4 in die Hölle ver-
dammen würde. Man darf nur einen Blick in das Kapitel-
7ceqI Kwiai-wS {III 22) werfen, um sich zu überzeugen, daß
der Kyniker in total anderem Tone die Menschen apostrophiert ^:
das iTcistliiaaeii', das seine besondere Stärke ist, besteht in
nichts anderem als darin, daß er in besonders beweglicher,
packender Weise die Menschen zur Erkenntnis ihres wider-
spruchsvollen, unseligen Lebens zu bringen vermag- Diese
Pflicht, die Mensehen über ihr verfehltes Leben und Streben
aufzuklären und sie auf den rechten Weg zu weisen, hat nicht
bloß der Kwixög, sondern jeder, der es überhaupt vermag,
und wie ernst Epiktet selbst diese Pfliclit genommen hat,
zeigt am besten die wunderbare Auseinandersetzung mit dem
stutzerhaften Rhetorikstudenten in III 1. In der bekannten
aokratischen Manier bringt er diesen zum Eingeständnis
dessen, daö wahre Schönheit nicht in äußerem Schmuck,
sondern im Erweis der ävd'Qojmxij (J^etjJ besteht. Nun hält
er inne und sagt, er habe ihm weiter nichts zu sagen; w"a3
er ihm sagen könnte, würde ihn ja doch nur kränken und
vom weiteren Besuch seiner Vorträge abhalten. Aber frei-
lich — fährt er fort — ■wenn er ihm die Wahrheit nicht
sagte, so würde er seine Pflicht als Philosoph nicht tun. Auch
wäre es grausam gehandelt, wenn er ihn ungebessert von sich
ließe; und später, zu Verstand gekommen, würde dieser ihm
mit Recht einen Vorwurf daraus machen, daß er ihn, noch
dazu als jungen Menschen, wie einen Unverbesserlichen be-
liandelt habe. Und wenn er, Epiktet, sich dann damit ent-
schuldigen wollte, daß er den Eindruck gehabt habe, als
würde er seine Mahnung doch in den Wind schlagen, so würde
man ihm entgegenhalten, daß auch Apollon den Laios gewarnt
habe, obwohl dieser sich nicht daran kehrte, und obwohl der
Gott dies sogar vorausgewußt habe: eben weil er Apollon
' III 22, 26: '/(u n»5'po)7roi, Trat (f/i^eade; ri noulre, lä taXailfai^oi'
täi Tv^lol ävio xai xätio nvXisiiS'r eto. — Denselben Tun konnte übrigen»
anch Epiktet g^elegentlich anschlagen, wie ans dem Fragment bei Otlliiw
(Dias. fr. 10) hervorgebt: "AyO^oint, jioii fiäiltn; etc.
Epiktet und das Nene Testament 23
llt, ZU desseH Natur es gehört, den Menscheu die
Wahrheit zu sagen.
Wir sehen daraus, daß Epiktet es nicht versehmäht, die
Sünder zu tadeln, ja daß er auch nicht davor zurückschreckt,
ihnen durch seinen Tadel wehe zu tun: ein solcher Stachel
in der Seele ist vielmehr unter Umständen ein heilsamer An-
Bponi zum Insichgehtn. Aber das ist etwas gan» anderes als
iyxai.Elv und puftfpwd-ai, Wörter, mit denen Epiktet in der
besagten Wendung stets den Begriff des niedrig egoistiseheu,
affektmäßigen Sehelteua und Sehimpfens verbindet". Das
t[iiytiv dagegen hat diesen Beigeschmack nicht, ist vielmehr
erlaubt, ja sogar notwendig, wie er denn einmal ganz korrekt
stoisch Siigt TÖ alaxebv tpexiöv ia.Ti. th äi tpiXTÖv ii^iöv iatt
toü ipsyf.a&ai. (Itl 26, 9). Und wenn er den Grundsatz auf-
stellt, daß man das Tun und Lassen der Menschen nicht nach
dem äußeren Schein loben oder tadeln dürfe, sondern nur nach
den Motiven, nach der Gesinnung', die sich darin offenbart
(IV 4, 44; IV 8, y; Euch. 45), so geht ja daraus ebenfalls
hervor, daß er den richtigen Tadel nicht verwirft". Nur muß
noch einmal gegen jedes Mißverständnis ausdrücklich bemerkt
werden, daß Epiktets Tadel nicht den Sinn hat, daß der
Mensch wissentlich oder freveljiaft ein positives Gebot über-
treten habe, sondern nar darin besteht, ihm recht eindringlich,
■ßesomiers deutlich sieht man dies aus III 22, 13, wo kurz nach dem
Verbot des (yxaleiv die Wurte stcheo: Äi ftq ö^yiiv di'ai, /i^ fiTti/iv etc.
' Es ist Iran aber doch nicht so, daß Epilitet fiycti- stets im gnten,
iyyi-hiv nnd fiififea»(u, wofür auch zuweilen XotSogeiv stellt, nur in»
«ühUiiimen Sinne brauchen würde. Zu den Pfiiobten des Sohnes und
llrndera gehurt es, Vater oder Brudei- nicht zu tadeln (II lü, 7£f.l.
Miijf hier die besondere o^iats die Enthaltung anch von begründetem Tadel
fiirdeni. so spricht Epiktet doch auch von einer Tipo&v/iia Tfi^ai als einem
Zeichen der Unbildung (III 25, fift.; IV i, 7) und der Bösartigkeit (x«-
Ho-'/l^ovs t.i'ya>') und braucht es einmal synonym mit y.axo}j)yiitv (I 29, 48).
Der Tailel der Ungebildeten ist natürlicii in der Regel ungerecht oder
biiitttrtig und solchen Tadel sich nicht anfechten au lassen ist ein Beweis
v.ni philosophischer Bildung (IV 12, 12; III 18, 9), - Wie das ^■«7«»'
rceht nnd unrecht geübt werden kann, so auch das sm^Xrimti; das übrigens
Hcltener bei Epiktet vorkommt [vgl. Ench. 33, 16 nnd Euch, 36): es liegt
also auch hiei' jiicht im Wort selbst schon die sittliche Abzweekung, die
«ibt ihm erst der Kvftxöi bzw. überhaupt der sienaiäevfuroi.
24 Adolf BonhBffer
je nachdem auch in einsehneidender, beschämender Weise,
das Irrige, Törichte und Niedrige seines Tuns vor Augen zu
stellen. In diesem Sinne kann Epiktet allerdings auch rechte
Strafpredigten halten, besonders seinen Schülern, wie z. B.
11 16, 18 ff. Aber auch mit diesen Strafpredigten setzt er
sich nicht in AViderspruch mit seiner Grund anschauung von
dem Ursprung der Sünde aus dem falschen Werturteil; es
handelt sich dabei auch nicht sowohl um einzelne positive
Verfehlungen der Schüler, die er zu rügen hätte, sondern mehr
um die allgemeine Indolenz und Stumpfheit und den Mangel
an sittlichem Ernst, der eben nach Epiktet auf einer falschen
Auffassung des Lebens und des Philosophiestudiums selbst
beruht, als sei es dabei nur auf theoretische Bildung abgesehen,
mit der man vor den Leuten prunken könne.
Im gleichen Zusammenhang bespricht Zahn noch einige
andere Äußerungen Epiktets, welche man mit Vorliebe za
Vorwürfen gegen seine Etliik benutzt, in derselben abträglichen
Weise, Äußerungen, die alles Befremdliche oder Widerspruchs-
volle verlieren, wenn mau sich die Mühe nimmt, Epiktets
Gedanken konsequent auszudenken. Da ist zuerst der be-
rüchtigte Satz y.QtiTTüv xov TtaTäa -tav.br alvai fj ae y.axodaiuova
(Ench. 12). Epiktet sagt das einem, der ein sittliches Leben
anfangen will (ti ^Qoxöipat &^lEig), aber vor lauter Sorge um,
Dinge des täglichen Lebens nicht dazu kommt. So macht
ihm unter anderem die Züchtigung eines Dieners zu schaffen,
und dadurch — so müssen wir notwendig ergänzen — gerät
er immer wieder in Affekt und wird von der Sorge um sein
wahreK Glück abgezogen. Ist es da nicht ganz natürlieli, daß
Epiktet ihm vorhält; „Deine erste und wichtigste Pflicht ist
doch dies, selbst glücklich und gut (was dasselbe ist) zu
werden? Dieses Glück um eines Sklaven willen zu ver-
scherzen ist töricht: lieber sei dein Sklave schlecht als du
selbst; denn — das ist der springende Punkt — den Sklaven
bessern kannst du doch nicht, wenn er nicht selbst will, dein
eigenes Glück aber hast du in der Hand." Überdies handelt
es sich an dieser Stelle wohl gar nicht um die sittliche
Schlechtigkeit oder Güte des Sklaven im philosophischen
Sinne, sondern nur um seine Brauchbarkeit für den HeiTD,
Epiktet UEd das Neue Testament 26
für dessen egoistische Zwecke oder jedenfalls für Zwecke, die
im Vergleich zu dem anderen, was auf dem Spiel steht, äuUerst
geringfügig sind.
Nicht anders verhält es sich mit dem Worte Epiktets
man soll nicht einmal ernstlich wollen, daß Frau oder Sohn
nicht sündigen (IV 5, 7). Das klingt ja farclitbar herzlos, ist
aber, zum mindesten von Epiktets Grundsätzen aus, ganz
vernünftig. Er lehrt ja überall, daß der Mensch nicht glück-
lich und gut sein kann, wenn er sein Wollen nicht streng
beschränkt auf das, was wirklich in seiner Macht steht. Dazu
gehört aber weder der ßehorsam des Sohnes noch- die Treue
der Frau, Selbst verständlich würde auch Epiktet nicht leugnen,
äaß man immerhin auf beide, unter normalen Verhältnissen
wenigstens, einen bewahrenden Einfluß haben kanii\ Aber
der Erfolg alles dieses pädagogischen Bemühens hängt doch
schließlich von dem Willen des anderen ab. Deshiilb hiit
Epiktet ganz recht, wenn er sagt, man solle das, worüber nur
ein fremder Wille entscheidet, nicht „ernstlich" d. h. so
wollen, daß man unglücklich würde, wenn dieses Wollen fehl-
schlägt. Das G-anze kommt auf nichts anderes hinaus, als
daß der Philosoph auch gegen solche Eventualitäten, die zu
den .schwersten Schickungen des Lebens gehören, sich bei-
zeiten innerlich wappnen soll. Wenn ferner Epiktet die
Selbstanklage, der er als einem ersten Anzeichen der
Besserung einen gewissen Wert zuerkennt, mit fortschreitender
Bildung immer entbehrlicher und sehiießlich ganz entbehrlich
werden läßt (Ench. 5; II 22, 35), so ist dies ganz in der
Ordnung: denn wer schon im sittlichen Leben drin steht und
einen sittlichen Charakter erworben hat, wird bei einem Fehl-
' Ganz deutlich sagt dies übrigens Epiktet III 24, 22 ff. Das Heim-
woh der Mutter darf den Sohn nicht abhalten, znra Zwei:]! seiner philo-
Kuphiscbeu Bildung' die Heimat zu verlassen. Die Mutter soll eben suchen,
aaeh eine philosophische Bildung sich anzueijipien. „Ich sage übrigens nicht,
(laß es dir gleichgültig sein soll, ob sie jammert oder nicht, . . . auch nicht,
itKH du nicht versiicheu sollst, sie zu einer Ternünf tigeren Anschauung zu
bringen, nur um jeden Preis sollst du dies niclit wollen, weil es ein MXö-
■liiinii ist, etwas, das nicht Ton dir abhängt." Im Vergleich zu dieser Er-
klärung erscheinen die Äußerungen Jesu Über seine Verwandten erheblich
schroffer.
„g Adolf BonliUffer
tritt nicht über sich selbst in unmännlicher, theatralischer
Rene herfallen und sich die Haare ausraufen, sondern m aller
Stille den Fehler ad notam nehmen und sich dadurch za ver-
doppelter Achtsamkeit auf sich selbst anspornen.
Zahn findet endlich auch darin einen merkwürdigen feelbst-
widerspruch. daß Epiktet „bei voller Anerkennung der all-
gemeinen Verbreitung der Sunde" doch an seiner opti-
mistischen Ansicht von der ungestörten Harmonie der
Welt und von der Güte der menschlichen Natur festhalte.
Dagegen ist folgendes zu sagen. Daß Epiktet die Herrschaft
der Sunde" - das Wort paßt eigentlich nicht in das stoische
Svstem - anerkennt, ist richtig, nar darf man es beileibe
nicht im Sinne der christlichen Lehre von der Erbslinde oder
der allgemeinen Verderbnis menschlieber Natur verstehen
Da die Tagend, wie wir sahen, nach Epiktet das Produkt
einer methodischen sittlichen Erziehung ist, ein Kunstwerk
das nicht sofort fertig in die Erscheinung treten kann, so ist
es ja eigentlich ganz klar, daß die große Mehrheit der Menschen
immer sozusagen außerhalb des Bereichs, der Tugend sich be-
wegt Die ^Q07.6^zovTis freilich, d. h. diejenigen, welche im
nhilosophiscb-ethischen Bilduugsprozeß drin stehen, gehören,
obwohl sie theoretisch noch ^c<y.ol sind, doch für die prak-
tische Beurteilung auf die Seite der Guten. Doch auch ihrer
sind verhältnismäßig wenige, weitaus die meisten wachsen
auf in den verkehrten Sitten, in den falschen ^\ erturteilen
und haben entweder niemand, der sie auf das Törichte ihres
Lebens in wirksamer Weise aufmerksam machen könnte, oder,
wenn sie schon Gelegenheit hätten, einen Philosophen zu hören
so ist doch die falsche Lebensrichtmig bei ihnen schon so tiet
■eingewurzelt, daß sie nicht mehr die Energie zar Sinnes-
änderung haben. Das ist ja eine der Wahrlieiten, die Epiktet
am eindringlichsten predigt, daß nämlich durch länger fort-
gesetztes böses (oder gutes) Handeln eine e^^s entsteht, em
habitueller Zustand, der nicht so leicht mehr zu ändern ist,
und daß diese ^iS durch die xcrdAM^ßt «f^^^'S immer weiter
sich steigert und verfestigt.
Über die erste Entstehung des Bösen, des verkehrten
Werturteils hat Epiktet, wenigstens in dem, was uns von seinen
Epiktet und das Nene Testameat 27
Vorträgen erhalten ist, nicht weiter reflektiert, und Zahn
findet das auch uiclit verwunderlich, weil er wohl weiß, daß
eine die Vernunft befriedigende Erklärung des Bösen noch
keine Religion und keine Philosophie gefunden hat und, möchte
ich hinzufügen, auch nicht ünden kann, so lang man noch mit
dem alten Begriff der Sünde als einer hewußien Auflehnung
gegen Gott oder gegen ein transzendentes Sittengesetz ope-
riert ^ Ich glaube aber doch, daß es auf dem Boden der Stoa
nicht so schwer ist, eine relativ befriedigende Erklärung der
Sünde, ihres Ursprungs und ihrer Herrschaft zu geben, und
zwar aus dem bekannten stoischen Satze, daß der Xöyos im
Kindesalter noch nicht wirksam ist, sondern erst etwa im
14. Lebensjahre sich entwickelt, ferner aus der bei Epiktet
sehr bedeutsam hervortretenden Lehre von der m^avÖTr^g
tGiv 7TQcc/i.idi:<.av, d. h. von dem in den Dingen selbst liegenden
Eei?; oder verführerischen Schein, der alles, was das äußere
Wohlsein fördert, dem Menschen ais gut, das Gegenteil davon
als sclilecht hinstellt. Aus diesem verführerischen Reiz der
Dinge selbst wieder ein unlösbares Rätsel zu machen, ist un-
nötig: denn er erklärt sich zur Genüge aus der stoischen
Anscliaunng, daß der Mensch eben zunächst auch ein Natur-
wesen ist, das wie das Tier durch sinnliche Eindrücke be-
stimmt wird. So erkennen die Stoiker ja auch in ihrer Lehre
vom Naturgemäßen (iw -/tarä (pvaiv, tzqüitu xaza (piiuiv) dem,
was der Befi-iedigung des \aturtriebs dient, eine gewisse Be-
rechtigung z^x. Erst allmählich erwacht im einzelnen, wie
in der Menschheit als ganzem, das Gefühl davon, daß der
Mensch etwas Besseres, Geistiges in sich trägt, das ihn hoch
über das tierische Leben hinaushebt und das Ziel seines
Strebens auf einmal auf etwas ganz anderes als auf die xcrcä '_
cpDijiv lenkt, deren Unsicherlieit und Unverläßiichkeit er mehr
und mehr einsieht. Man könnte nun freilich sagen, wenn der
Logos im Menschen erwacht, so sollte er auch alsbald die
falschen Werturteile zu beseitigen und die richtigen an ihre
Stelle zu setzen vermögen. Aber so fassen die Stoiker den
' Ahnlieh spricht sieh F. C. Burkitt aus (Urchristentom im Orient,
Deutsch von E. Preaschen, Tübiugen 1907, S. 113; „Das Problem ist nicht neu,
über stibst lieute keunen wir seiue LÜsuug uictt.").
2g AdoH BonliöfteT
Logos nicht auf: er ist keine fertige, unmittelbav wirkende
Kraft, sondern muß selbst erst geübt, entwickelt, gleiclisam
zu einem System ausgebaut werden \ Daß dies nicht jeder
kann, sondern verhiiitnismäßis nur wenige; die dann den an-
deren zu Führern und Lehrern werden, ist nicht yerwnnderlicb.
Wie die Anlage zur Kunst, zur Wissenschaft, zu technischen
Erfindungen schließlich in jedem steckt, aber nur in wenigea
Auserwählteu so stark, daß sie in bahnbrechenden Leistungen
und Entdeckungen offenbar wird, so gibt es auch auf dem
Gebiet der Lehenskvinst führende Geister, welche die Gesetze
des sittlichen Lebens soxiisagen erst entdecken.
Dies ist auch wirklich die Ansicht Epiktets. Oft spricht
er davon, daß die allgemeinen Vorstellungen des Nützlichen
und Schädlichen, des Guten und Dösen, des Gerechten und
Ungerechten usw. jedem innewohnen, dagegen nicht die Fähig-
keit, diese 7i:QoXrjii>us richtig anzuwenden, d. h. aber nichts
Geringeres als die Fähigkeit, das wahre Wesen des Menschen
und den wahren Sinn des Lebens, kurz die höhere Bestimmung
des Menschen zu erkennen. Wie jeder eine Yorstellnng vom
Gesunden und Ungesunden hat, aber nur der Arzt, der diese
â– Begriffe metliodisch untersucht, die richtige, so kann auch nur
der Philosoph die riclitige Vorstellung über Gut und Bös mit-
teilen (11 17, 8 ff.). Bei dieser Anschauung von der Natur des
Logos ist es, meine ich, eine unvermeidliche Konsefiuenz, daß
ein großer Teil der Menschheit in der Irre geht und nicht
zum Bewußtsein ihrer wahren Würde und Bestimmung gelangt.
Diese empirische Notwendigkeit verbindet sich mit der von
den Stoikern und auch von Epiktet ausgesprochenen speku-
lativen Idee, daß die Gegensätze, auch der von «i^CTi; und -/.axia,
in gewissem Sinn zur Harmonie des Weltalls notwendig sind
(I 12, 16). Und wie Zahn richtig erkannt hat, daß diese
letztere Anschauung keinen Widerspruch bildet zu der Lehre
„von der anerschatfeuen und unverloreuen Willen sfreiheit",
so gilt dasselbe auch von der Anerkennung der allgemeinen
' I 17, Ift- Der Jü/o,- ist's, der alles zergliedert und herausarbeitet,
er liat aBch die Fähigkeit, sich selbst kti üergiiedern, d. h. in seinem Wesen
zu erkennen; I 30, 5: Er ist ein oiWt?,"« i>t nouiy fayraauii'; M.-Aurel
Ili 1 : Ao/iHfiöe av/fc/vfiyaii/iivos.
Epilitet Dud das Neae Testament 29
Verbreitung der Sünde. Das Wesentliche der stoischen An-
sicht von der zax/« und das Unterscheidende von der christ-
lichen bleibt doch eben das, daß die Stoiker die Sünde nicht
als einegewisserniaßenselbst;indige,furditbar ernst zu nehmende
Macht betrachtet Iiabeii, sondern als einen Mangel, der, po-
tentiell wenigstens, leicht zu heben ist; nicht als etwas direkt
Widei'göttliches, was so>;usagen einen Eiß in die Schöpfung
hineinbräciite, sondern als eine sekundäre Neben wiikung der
göttlichen Weltordining.
Jlit der Widerlegung: der angeblichen Selbstwidersprüche
Epiktets, die Zahn nur durch einen Einfluß christlicher Ideen
erklären zu können glaubt, ist das Wichtigste erledigt und
die Integrität und Einheitliclikeit der epiktetischen Welt-
anschauung gewahrt. Die Widersprüche, wenn man sie so
nentien will, stammen jedenfalls nicht aus dieser Quelle, sondern
sind der stoischen Wellauschauung inhärent. Ich bin jedoch
überzeugt, daß, wenn es sich um so schwierige Probleme wie
den Ursprung des Rosen und die göttliche Weltregierung oder
sittliche Weltordnung bandelt, jede Philosophie, vom christ-
lichen Dogma gann zu schweigen, auf dieselben oder analoge
theoretische Widersprüche stiißt, die ich darum lieber Anti-
nomien oder gegensätzliche Betrachtungsweisen nennen möchte.
Daß nichtsde.stoweniger gerade die stoische Weltanschauung
eine besouders großartige Einheitlichkeit und Geschlossenheit
hat, halte ich nach wie vor aufrecht, gebe jedoch unumwunden
zu, daß dieser Eindruck vornehmlich auf die stoische Ethik
sich bezieht. Aber aus ethischen Bedürfnissen ist die Stoa
geboren und in der Ethik hat sie allezeit ihre Stärke und
den eigentlichen Kern ihres Wesens gehabt. Bei Epiktet
aber tritt diese Einheitlichkeit und Geschlossenheit deshalb
noch mehr hervor, weil er in viel höherem Maße als die alten
Schulhäupter sich auf das Ethische beschrankte. Daß aber
seine ethische Weltanschauung Einheitlichkeit und Geschlossen-
heit besitzt, ist ein Eindruck, den auch andere gewonnen
haben, ja den eigentlich jeder imherangene Leser gewinnen
ranß. F, Ogereau, einer der schal fsinnigsten und einsichts-
vollsten Beurteiler der stoischen Philosophie , spricht von
Vmchahiement rigoureux de ses dogmes [Essai sur le Systeme
30
Adoif BonhöHer
pMlosophique des Stoiciens, Paris 188Ö), und auch K. Vorländer,
ein sehr guter Kenner der antiken Philosophie, g'ibt wenigstens
die Einheitlichkeit seiner sittlichen Grundanschauung zu
(Zeitschr. f. Philos. 107, 1896, S. 288). In der Tat, aus wenigen,
aber tieferfaßten und weittragenden Grundsätzen leitet Epiktet
alle seine moralischen Ausführungen ab, auf sie kommt, er
immer wieder zurück, sie wendet, er auf alle Lebensfragen
und Vorkommnisse in einer gewissen stereotypen Art an, die
aber nie ermüdend wirkt, weil er über eine reiche Lebens-
erfahrung, einen großen psychologischen Tiefblick, eine un-
vergleichlich auschanliche und lebendige Ausdrucksweise ver-
fügt, und vor allem, weil eine mächtige sittliche Persönlichkeit
dahinter steht.
Wir müssen nun aber auch noch auf einige weitere Punkte
eingehen, aus welchen Zahn eine Beeinflussung Epiktets durch
das Christentum folgert. Da ist zuerst das Verbot des
Schwörens (Ench. 33, 5: "Oqkov na^ahv^aat. d n'ev oUyie,
dg ärtav, sl de ur}, h rQv höviMv), welches aus der früheren
stoischen Literatur allerdings nicht zu belegen ist, womit
natürlich nicht gesagt ist, daß es nicht von älteren Stoikern
auch schon ausgesprochen worden sein kann. Ich sprach
früher (B^ 113")^ die Vermutung aus, Epiktet könnte diese
und vielleicht manche andere asketische Vorschrift vom Pytha-
goreismus angenommen haben, der ja eben in der ersten
Kaiserzeit in der Schule der Sextier eine enge Verbindung
mit der Stoa eingegangen hatte {Ed. Zeller, aaO. 70.^). Ich
bin jedoch davon zurückgekommen, weniger, weil der Pytha-
goreismus, wie Zahn betont, zur Zeit Senecas in Rom als aus-
gestorben galt — denn die Übernahme konnte natürlich auch
auf literarischem Weg erfolgt sein — , als weil die Hypothese
zur Erklärung des Eidverbots bei Epiktet unnötig ist'^ Es
' Mit B' unil W bezeichne ich im folgenden merne beiden früheren
Werke : ,Epiktet und die Stoa" Stuttgart WM, und „Die Ethik des Stoikers
Epiktet" Sluttg:- 189i. ,,, ., , ,,
= In neuester Zeit hat Franz Mürth (Festschrift zur Philöl. \ ers.
GrailEW, 182ff.) die vielunistriitene Stelle gründlich niid umsichtig unter-
sucht und kommt au dem Reaultiit, daß wir es auch hier mit altst^ischer
Tradition zu tun haben und daß eine direkte Beniehnug zwiacheu Epiktet
Epiktet nnd das Nene Teatament 31
erklärt sich nämlich einfach aus dem besonderen Charakter
des Eiidieiridions, das wenigstens in seinem Kern — denn es
sind auch einzelne längere Ausführungen aus den Diatriben
hineingekommen — nicht ein populäres Kompendium der
epiktetischen Ethik, sondern ein Handbuch fUr den engeren
Kreis der Schiller sein sollte K Epiktet untersagt das Schwören
seinen Schülern speziell für ihre' sittliche Lehr- und Übungs-
und dem ETingelium von Tornherein unwahrscheinlich und mit Eüelisieht
auf die beBtehenden Differenzen sogar unmöglieh sei. Ich bin mit dieser
Ansieht eiiiveratanden , aber nicht mit allem, was Jtörth in diesem Zu-
aammenliang gegen meine frühere Krkläruiig der Stelle vorbringt. Ich gebe
au, was ich übrigens auch dort nicht bestritten, habe, daß auch für die
Stoiker der Eid eine religiöse Bedeutnng hat, und verweise für Epiktet
noch besoiidera auf I 18, lö, wo er den Treueid der Soldaten in einer Weise
erwShnt, daü er unmöglich im Schwüren überhaupt eine Verletzung der Ehr-
furcht vor Gott erblickt haben kann. Eben deshalb bin ich aber über-
zeugt, daß er, wenn er den Eid verbietet, nicht yon religiüsen, sondern
von ethischen Motiven geleitet war, und nehme, was die Auslegung des
Simpübios betrifft, mit Eud. HirMl auch jetzt noch an, daU die Worte
Epiktet^ ihre religiöse Beziehung erst durch jenen erhalten haben. Dagegen
räume ich gern ein, daß das Eidverbot der Bergpredigt iu erster Linie
religiöse, nicht ethische Bedeutuna: hat, wiewohl ich uborKCiigl bin, dali
Jesus auch die mit dem Leichtnehmen des Eides verbundene Unwahr-
haftigkeit treffen wollte. — Überraschend war mir die Interpretation Morths,
daß zu ^y- TiSi/ Ivöi^oH' nicht nn.^nhrjaitij Sündern o/ivoe au ergänzen sei.
Ich glaube, daß nicht bloß ich. sondern auch andere unwillkürlich das
Erstere suppliert haben; daß dann eine gewisse Tautologie entstÜJde, wird
nicht zu bestreiten sein. Ich zweifle jedoch, ob ex tujj' ejwiiüf hier heißen
kann „soweit es die umstände eben erfordern", jedenfalls hätte sich Epiktet
bzw. Arriftn recht undeutlich ausgedrückt. Meine Verwertung des Seueca-
Fragpient^ bei Martinus von Rraccara nimmt, wie schon vnrher P. Wend-
land, auch Mürtli gegen Zahn in Schutz. Auch E. Bickel ist in eingehender
Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen, daß die ganze philosophische
Begriff swelt des Traktais von der formula Iionestaevitae in Übereinstimmung
mit Senecas Moralphilosophic stehe und auch in Sprache und Phrasen-
Bchatz bestimmt an f Seueea, und zwar auf eine bestimmte Schrift desselben
als Quelle weise (Ehcin. Mus, LX (1905) 505 ff.).
' Ebenso urteilt Th. Colardeau {Etüde mr Epicüte. Paris 1903, 35):
Utk Sorte de hrevioAre ...» Vusage de ceux, qui la (doctrine) prafiqttaient
dejä, mais ne et sentaient paa eiicore tres sürs d'euj} mSmes. — Wenn man
das Manuale so auffaßt, begreift mau auch eher, dalJ es gerade au einem
Brevier christlicher Miinche umgearbeitet wurde, wozu es sich allerdings
vortrefflich eignete.
32 Adolf Bonhöffer
zeit, weil es, wie das viele Sehwatzen und Lachen, etwas
Unnötiges ist, das entweder als Merkmal eines nocli dem
Äußerlichen zugewandten Sinnes aufzufassen ist oder doch
von der Hauptaufgabe, in seiner inneren Welt heimiseli -zu
werden und das Gefühl der persönlichen Würde recht erstarken
zu lassen, abzieht \ Hiermit soll jedoch keineswegs gesagt
sein, daß Epiktet dieses Verbot des Schwörens auf die Lelirzeit
beschränken wollte: es soll natürlich auch im späteren Leben
nichts Unnötiges und Unwürdiges getan werden, und das ist
das Schwören in den meisten Pallen. Nur daß der sittlich
Gefestigte auch darin wie in allem mehr Freiheit hat.
Wem diese Erklärung nicht genügt, der muß doch jeden-
falls zugeben, daß in dem betreffenden Kapitel des Encheiridions
neben dem des Schwörens noch andere Verbote sich finden,
die in dieser Weise in den Diatriben sowie in der älteren
stoischen Literatur auch keine Parallele haben, die aber doch
zweifellos den Anschauungen nnd der pädagogischen Ge-
pflogenheit Epiktets nicht widersprechen. Als oberstes Gebot
für die charaktervollen und ernsthaften Schüler der Philosophie
steht voran das Gebot des Schweigens, der Beschränkung
des Gesprächsverkehrs und überhaupt der Anteilnalime an den
Sitten und Interessen der Welt auf das Mindestmaß. In diesen
Zusammenhang paßt das Verbot des Schwörens vortrefflich
hinein', und es wäre doch seltsam, weini Epiktet gerade
dieses eine Stück der Eedekeu.'^chheit — nm mich so aus-
zudrücken — anderswoher ejitnommen liätte. Vollends eine
Entlehnung aus dem Gedankenkreis der Evangelien anzunelimen
' Denken wir vollends — worauf freiliuh kein bestimmter Hinweis
vorhanden ist — bei dem Schwöreu au eiiiliche VerBprechiingen und Be-
teuerungen, die sict auf das pitthche Gebiet erstreiken, 30 käme noch der
weitere Sinn dazu, daß, wer noch sittlich so unfertig ist, nicht Dinge ver-
Bpreehen soll, die er zurzeit doch nicht halten kann, nnd durch deren eid-
liche Versiclferung er nnr sich und die Philosophie bJoUstellen würde,
' Treffend sagt hierüber K. Präcliter (Bursians Jahresbeiicht XXVI
(1898), Abt. 1, 39): „Dem zurückhaltenden und überlegenen Stoiker, der
nnnütues Reden, vieles und starkes Laclien sowie die Teilnahme an den
gewöhnlichen geselligen Freuden meidet, ziemen auch uicht das Patios und
die starke Bemühnng um den Glauben anderer, wie sie die Voranssetauug
des Schwures bilden.-'
Epikut und dae Neue Testament 33-
liegt nicht der mindeste Grund vor, und wir dürfen es Epiktet
wirklich tiiciit zutrauen, daß, wenn er je die Bergpredigt ge-
kannt hätte, er gerade dieses Verbot des Schwörens, das
weder im Evangelium zu dessen höchsten Gedanken gehört
noch auch die Lehre Epiktets um einen besonderen Edelstein
bereichert hätte, sich angeeignet haben würde '.
Im übrigen ist die Beweiskraft der Parallelen aus M. Aorel
und Seneca, auf die ich hingewiesen hatte, keineswegs so
gering einzuschätzen wie Zahn meint. Der erstere rechnet
' Zahn findet es merkwürdig, dali ich, obwohl kh (B= 72) an JesnB
erinnere, doch einer Ableitung aus dieser Quelle ausweiche. Er scheint
also anzunehmen, ich wolle um jeden Preis eine Abhängiglieit Epiktets,
auch wo sie fast mit Händen zu greifen sei, in Abrede zielien. Von
einer soleheu Tendenz, überhaupt einer Tendenz war nnd hiu iob Jedoch
gänzlich frei. Wenn ich aaO. dayon sprach , Epiktet Terwerte den Eid
aas denselben, mehr moralischen ula religiösen Motiven wie Jesns, so
bin ich dadurch nicht gezwungen, Epiktet von Jesus abhängig zn machen.
Das Moralische versteht sich in diesem Fall wirklieh von selbst, d. h. es
ist gar nicht zu verwundern, daß zwei große ethische Petsänlichkeiten ganz
unabhängig voneinander eine Abneigung gegen den Eid und dits ganze,
teils kieinliehe, teils schauspielerische Gebaren, das damit verbunden ist,
empfinden. Tlbrijjens war jenes Urteil nicht so gemeint, als ob die innere
Stellung Jesu und Epiktets zum Eide sich ganz decke: das Verbot Jesn
riehtet sieh in erster Linie gegeu die lächerliche Spitzfindigkeit der jüdischen
ßeligiositdt, die zwar den Namen Gottes beim Schwören vermeidet, aber
mir nin so fanitjscher an abgeleitete Heiligkeiten sich hängt, um durch
sie der eigenen Aussage mehr Kachdruck and Glaub würdiglieit zu ver-
leihen, im innersten Grunde aber allerdings gegen die Uu Wahrhaftigkeit,
die sich durch diese Schwürfrendigkeit verbergen will, aber gerode dadurok
offenbart. • Jedoch auch das moralische Motiv hat im Munde Jesu ganz
anders als bei Epiktet zugleich eine ausgesprochen religiöse Bedeutung. —
Treffende Bemerkungen zur ganzen Frage finden sieh in Eud. Eirzela
Monographie „Der Eid" (Leipzig iSOä). Eine absolute Verurteilunj? des
f^chwürens aus Rücksichten der Frömmigkeit and der Religiun erscheint
ihm als etwas Ungriechischea (S. 110). Wenn er ferner, wie ich glaube
mit Recht , es wahrscheinlich findet, daß die Kynikcr den Eid gänzlich,
verwarfen, so wäi-e also Epiktets Forderung gar nichts ßinguläres mehr.
Mna braucht aber nicht einmal auf die Kjniker zu rekurrieren ; denn was
(ücero de oif. III 104, ohne Zweifel einer stoischen Vorlage folgend, und
vollends Quintüiau, der Zeitgenosse Epiktets, über den Wert des Schwörens
vum Standpunkt der Menschenwürde aus sagt (Inst. IX 3, 98: In toinfn
iurare, nis-i, uH necesse es', gravi viro parum convenit), liegt ganz auf
der Linie Epiktets. — Vgl. auch Mörth aaO.
ReligioiiseeschieUtlicbe Versuche u. Vdrai'l) eilen X. 3
34 A4olf Bonhöffer
ZU den Eigenschaften des Idealbildes, wonach er seine Per-
sönlichkeit zu bilden bestrebt ist, auch die, keines Eides zu
bedürfen (HI 5). Merkwürdigerweise findet sicli aber auch bei
Ihm eine Äußerung, aus der hervorgeht, daß er das Schwören
keineswegs als etwas an sich Verwerfliches ansieht, sondern
ihm sogar einen gewissen religiösen Wert zuerkennt, indem
er es neben dem Opfern und Beten und den anderen kultischen
Pflichten, echt stoisch, als einen Beweis dafür verwendet,
daß die Götter sieh um uns Menschen kümmern (VI 44, 2).
Also ganz dieselbe Stellung zum Kide wie bei Epiktet: vom
Gesichtspunkte der persönlichen ToUkommenbeit aus ist er
überflüssig und soll womöglich vermieden werden; als religiöse
Übung dagegen, gleichsam als feieriiclies Bekenntnis ku dem
Dasein und der lebendigen Teilnahme der Gottheit am
Menschengeachick hat er dieselbe Berechtigung wie die Be-
obachtung der sonstigen Gebote der väterlichen üeligion^
In dem bereits erwähnten Seneca- Fragment ist dagegen aller-
dings, wie Zahn bemerkt, der Eid nicht geradezu widerraten,
sondern nur ausgesprochen, daß die schlichte Aussage als
ebenso unverletzlich gelten müsse wie jener. Aber es ist klar,
daß, wo einmal diese als dem Eide ethisch ebenbürtig erkannt
war, auch die Entbehrlichkeit des letzteren erkannt sein mußte.
Über die weiteren Beziehungen, welche Zahn zwischen
Epiktet lind dem Evangelium fl^ndet, daß der Herakles-Heiland
Epiktets nichts anderes sei „als ein Echo des Evangeliums in
der Seele eines Heiden", daß seine begeisterten Schilderungen
des Diogenes uns an Christus und seine Apostel erinnern, ja
daß in III 22, 56 sogar eine direkte Bezugnahme auf das
Schicksal des Apostels Paulus vorliege, will ich hinweggehen,
da hierüber bereite von F. Wendlaad und neuestens von Mörth
' Wer hierin einen Widerspruch erbliclien wollte, würde nur zeige»,
wie wenig er das innerate Wesen der Stoa erkaimt hat. Das Merk-
würdigste au ihr ist wohl eben die für unser modernes Gefühl kaum ver-
Btändliehe Vereinigung von positiver Religiosität und Preideukertum, yoii
JlBli^ion — um mit dem Theologen liiederniann ku reden — auf der Stufe
der Vorijtellang und auf lier Strafe des Denkens, Ks läüt sieh leicht zeigen,
dall die Stoiker diese merkwürdige DoppelsteUnng auch zu den anderen
sogenannten religiösen Pflichten wie Gebet, Opfer, Mantik ii. dgl. ein-
genummen haben.
Epiktet und das Nene Testament 36
das Nötige gesagt worden ist. Eher ließe sich reden über
eine gewisse Übereinsliromung: der epiktetischen Schilderung
des Kynikers (III 22, 69 ff.) mit den Grundsätzen, welche der
Apostel Paulus in I Cor. 7 üher das Leben des Christen in
der Welt entwickelt. Die Forderung Epiktets an den Kyniker,
daß er jeder bürgerlichen Verpflichtung und insbesondere des
Ehelebens sieh begeben solle, erinnert ja wohl an den Kat
des Apostels, lieber unverehelicht zu bleiben und überhaupt
mit dem Weltleben sich möglichst wenig einzulassen (I Cor.
7, 26 ff. und 11 Tim. 2, 4). Aber die Motivierung ist eine
völlig verschiedene. Beim Kyniker handelt es sich um eine
anerkannte Ausnahmestellung, und jedem anderen, auch dem
Philosophen, würde es Epiktet geradezu zum Vorwurf machen,
wenn er den gewöhnlichen bürgerlichen Pflichten, speziell der
Ehe geflissentlich aus dem Wege ginge ' : Paulus aber hält
es ganz im allgemeinen für geratener, unverehelicht zu bleiben.
Der Kyniker zieht sich, im oben bezeichneten Sinn, zurück
von der Welt, nicht weil er andernfalls eine Störung seines
inneren Gleichgewichts, eine Gefahr für seine Tugend be-
iüichten müßte, sondern lediglich im Interesse der Menschheit,
um ÜU' mit seiner ganzen Person als Gotteszeuge und Seelen-
arzt dienen zu können; Paulus aber befürchtet, daß durch die
mit der Ehe verbundenen Sorgen und Anforderungen der
sinnlichen Natur der Seelenzusiand des Gläubigen gefährdet
und sein Sinn von dem jenseitigen Gottesreich abgelenkt
werden könute. Epiktet meint, wenn der Staat der Weisen
verwirklicht wäre, würde man keinen Kyniker brauchen;
fOiavTri^ d' oVa/jg xaiaatüoeMi; oYa vDv laziv, &iq sv ^dQatä^ei,
d. h. SO wie die Welt nun einmal ist, daß man fortwährend
mit der Macht der Unvernunft zu kämpfen hat, muß es jemand
geben, der, in besonderem Maße hierzu ausgerüstet, sich speziell
damit abgibt, die irrenden Menschen zum Bewußtsein ihres
Irrtums und Elends zu bringen und auf den rechten Weg
zu führen. Von einem metaphysischen Gegensatz zwischen,
einem aUiiv ohog und ov^äviog ist hier also, nicht die Rede:
■über die Stellang Epiktets zur Ehe und seine Äbweichuug Ton
MusoniuB Tgl. die trefiliche Untersuchung Carl Praechters über den Stoiker
Hlerokles, der sieh in obiger Frage dem Epiktet nähert (Leipzig 1901, S. 5J
3*
36 Adolf Bonhöffer
mag Epiktets Urteil über die gegeawärtige Welt auch ziem-
lich pessimistisch klingen, es ist jedenfalls nicht im Siuii eines
trostlosen Pessimismus gemeint, als ob es in diesei- Welt nicht
mehr besser werden könne. Vielmehr dient ja gerade der
Kyiiikerdazu, dem'allgemeinen Verderben Einhalt zu gebieten:
er ist sozusagen eine notwendige Person in der sittlichen
Ökonomie der Menschheitsgeschichte, eine Art Regulator, der
den ethischen Prozeß, wenn er erlahmen will, immer wieder
in Gang bringt. Zahn selbst sagt, von einer „gegenwärtigen
Welt" zu reden, habe nur Sinn bei Paulus, der an eine zu-
künftige Weh glaube. Nun glaubt aber Epiktet bekanntlich
nicht an eine solche: wie kann man ihm denn die Torheit
zutrauen, daß er vom Neuen Testament die Vorstellung einer
diesseitigen (im Argen liegenden) AVeit übernimmt ohne ihr
notwendiges Korrelat, den Glauben an ein jenseitiges Eeich?
Von der bei Efiktet so geläufigen Gegenüberstellung des
iSiov und &Xk<)'i:Qtov sagt Zahn, sie finde in der Literatur
vor ihm schwerlich eine genauere Parallele als Lukas 16, 12.
Nun hängt aber diese Unterscheidung so unmittelbar zusammen
mit der anderen, die für die ganze Philosophie Epiktets von
grundlegender Bedeutung ist nnö darum auch in dem Enehei-
ridion als der beherrsehende Gesichtspunkt an den Anfang
gestellt worden ist, nümiich mit der Unterscheidung des iqi'
}}/iiv und des ovy. ^cp' rj/äy, d. h. der Dinge, die wir uns seihst
zu verschaffen imstande sind, und derer, die von fremden
Mächten abhängen, daß hier am allerwenigsten ein fremder
Einfluß auf die Denk- und Ausdrucksweise Epiktets ange-
nommen M'erden kann. Das i'Ötov Epiktets, um mich dieses
Wortspiels zu bedienen, kann doch unmöglich aus einer zu-
fälli^n Kenntnis der Gleichnisrede des Evangeliums hergeleitet
werden, deren Sinn erst nicht einmal ganz klar, jedenfalls
aber mit Epiktets Ansicht gar nicht vereinbar ist. Für ihn
hat der Gedanke „Wenn ihr im Fremden (in der Anwendung
■der irdischen Güter) nicht treu seid, wer wird euch das Eurige
geben?" gar keinen Sinn; denn wer im Fremderi wirklich
treu ist, der liat nach Epikteteben damit schon das Sein ige,
d. h. das höchste sittliche Gut; eine Steigerung ist für ihn gar
nicht mehr zu erwarten und vollends nicht als jenseitiger
Eplktet and das Nene Testament 37
Lohn für eine diesseits auszuübende Tugend. Aus dem
Evangelium hat er diese Unterscheidung also siclierlich nicht
entlehut. P. Wendland in seiner Rezension weist darauf hin,
daß der Gegensatz des Eigenen und Fremden auch bei Seneca
vorkommt, vermutet jedoch mit Eecht, daß er schon älter sei:
ist doch die ganze stoische Ethik aufgebaut auf dem Unter-
schied der äya&ä (und zccxii) einerseits und der äihüepo^a
andererseits, welcher sieh mit dem epiktetischen des Eigenen
und Fremden im wesentlichen deckt. Jedoch nicht nur dies:
auch der Begriff' des irp' fifiiv, schon dem Aristoteles geläufig,
ist otfenbar vor Epiktet schon in der Stoa gebräuchlich ge-
wesen. Das sehen wir nicht bloß aus Clemens Älexandriiuis S
der ihn ja schließlich ans Epiktet geschöpft haben könnte,
wie auch Plutarch (De tranq. an. 467 E), sondern namentlich
aits Philo Judäus, dessen Schriften uns in vieler Hinsicht
einen Ersatz bieten für die verloren gegangene originalstoische
Literatur, und dessen Wortschatz noch lange nicht genügend
für die Kenntnis der Stoa ausgebeutet ist ^.
Auch der epiktetische Begriff' der -/.Irjaig hat mit dem
biblischen Begriff der Berufung kaum etwas gemein. Im
Neuen Testament handelt es sich um eine Einladung Gottes
an die Menschheit, durch den Glauben au Christus der Güter
des Eeiclies Gottes teilhaftig zu werden. Die 7i)S]ai.s Epiktets
aber (I 29, 33 ff.), die nicht einmal direkt als von Gott aus-
gehend gedacht werden muß (vgl. die Worte -naUaavroii to-G
xatooii), besteht darin, daß man in eine schwierige, kritische
Lage versetzt wird. Eine solche Lage betrachtet Epiktet
als einen Euf Gottes an den Pliilosophen, von der Wahrheit
und Kraft seiner Grundsätze Zeugnis abzulegen, insofern als
eine Ehre, die ihm von Gott widerfährt. Aber so wenig kurz
vorher (I 29, 29) das dvßxÄJ^i o«!*' , das Eückzugssignal, das
Gott Jeweils seinen Kindern gibt, aus der biblischen Sphäre
stammt, so wenig kann es befremden, wenn Epiktet das Wort
' Strom. II 54, 458 P; I 84, 368 und öfter; IV 184, 620: die Hferij
ist IJl' Tl/tlV.
' De mjgr. Abr. 37 (469 M) : die '>.r]0-q geliürt zu den ot' 7za^^ iifiiv. De
iiiut. noni. 41 (ßl4M); das Xiyeiv ist tj' Tifi-if.
38 Adolf BonhBffer
xaUlv anwendet, wo es sieh um eine ethisch besondei-s wichtige
und entscheidende Situation handelt, in die der Mensch ge-
bracht wird. Was ihm dabei vorschwebt^ ist nicht der tran-
szendente Gott, der die Menschen zu seinem Gnadenreich
einlädt, sondern der Feldherr, der seine Leute auf einen
schwierigen Posten stellt, um sie zu erproben, oder der Ge-
richtsherr, der diesen oder jenen auf die Eednerbühne ruft,
damit ev Zeugnis ablege und in seinem Teil die gerechte Sache
(in diesem Fall: die gute und vernunftige Weltordnnng) an
den Tag bringen helfe ^ Wen kann es da noch befremden,
wenn Epiktet in der Konsequenz dieser Vorstellungen zur
Prägung des meinetw.egen in der sonstigen profanen Literatur
jener Zeit sich nicht wieder findenden Ausdrucks weiter-
schreitet: Karaioxtjveiv tijv xlf,utv i;v xhlriTcev? Wenn Zahn
sagt, die Begriffe „Berufung" und „Befuf" stammen überhaupt
aus der Bibel, so ist dies in dieser Allgemeinheit nicht richtig.
Wo eine sittliche Bestimmung des Menschen erkannt ist, da
ist auch eo ipso die Vorstellung eines Berufes gegeben, wenn
auch das Wort xXijois nicht gebraucht wird. Von dem Glauben
an eine sittliche Bestimmung des Menschen sind aber alle
Heden Epiktets getragen, und er hat diesen Glauben nicht
aus sich selbst oder gar von den Christen angenommen,
sondern dieser liegt der ganzen stoischen Philosophie zn-
grunde, insofern sie ein Ziel (tslog) für den Menschen auf-
gestellt und es als Gehorsam gegen die Natur oder gegen
Gott definiert hat. Ja es ist bekannt, daß innerhalb der Stoa
nicht bloß dieser allen Menschen gemeinsame Beruf jederzeit
gegolten hat, sondern, insbesondere von Panaitios, auch die
Vorstellung eines individuell gearteten Berufs des einzelnen
gebildet worden ist. Die Stoiker haben diesen individuellen
Beruf mit dem vom Bühuenwesen hergenommenen Wort
^ I 29 iS; Uöis ovv ävaßaiveis vvv; oii fiä(>Tve wia To5 deov «exltj-
fiivoi. — Obiges war läagst niedergegchrieben, als mir Mörtts Alihandluitg
zu Gesicht kam. Er erklärt den epiktetisehen Ausdruck ganz ebenso wie
ich, nur daß er noch reichliehe Analogien ans dem klassiachen Sprach-
gebravioh l>eibrin{rt. Aufgefallen ist mir imr, dali er für den An^druck
dvaitliTiKÖi' den M. Aurel als Zeugen anführt, wahrend er doch dieses Bild
schon bei Epiktet finden konnte.
Epiktet nnd ias Nene Testsment 39
jrpöowjTov bezeiclmet, das ja auch fcei Epiktet eine große
Rolle spielt ^
Epiktet hat nun aber nach Zahn nicht bloß manche
chrJBlliche Anschauungen und Ausdrücke seinem Gedanken-
kreis und Wortschatz einverleibt, sondern gelegentlich auch
eine mehr oder weniger ungünstige Kritik am Christentum
geübt. Daß er einmal die Phrase xvqu iXhjaop gebraucht
(11 7, 12), kann sieh Zabn nicht anders erklären, als daß er
„aus christlichem, vielleicht auch aus jüdischem Munde das
Kjrie eleison unserer Liturgie und unserer Kirclienlieder" gehört
habe. Während Wendland diese Annahme kurzerhand und
' Z»hil hat Eecht, wenn er mir vorhält, daß das Wort itgoaomov, wo
es nicht daa Antlitz oder die Miene bedeutet, anch bei Epittet stets in der
Bedeutung „Seh an spiel eraiaake", „Rolle" zu nchtDcn sei, und es war nicht
richtig, wenn ich in meinem Index (ß- 264) ^poaiaTrov direkt mit „sittliche
Perafiiilichkeit", „Ehre" ilhersetate. leh mache jedoch aufmerksam auf
die ziemlich verschiedene Art. wie Epiktet diesen Begriff ngöoionov an-
wendet Zuweilen ist damit lediglich die äußere Lebensstellung gemeint
(Reich oder Arm, Herrscher oder Sklave und dgl.), die der Stoiker als eine
von der Gottheit zugeteilte Bolle hetrachtet, welche er auf dem Theater dea
Lebens ku speien bat [I 23, 47; Ench. 17; Diss fragm, 11). Hier besteht
die sittliche Aufgabe einfach darin, dafl man mit seiner Rolle zatrieden
ist nud ihren Beschwerden oder Versuchungen zum Trotz seine innere
Uo ab h Engigkeit und Heiterkeit bewahrt. Schon etwas mehr ins sittliche
Gebiet hinein spielt es, wenn die o^iaB«, die natürlichen Beziehungen z. B.
des Sohnes zu den Eltern, des Brnders zum Bruder als ngomona bezeichnet
werden. Denn mit diesen „EoUen", deren also jeder eine ganze Anzahl zu
spielen hat, sind nach stoischer Lehre schon ganz bestimmte sittliche Pfliehfen
verbunden (II 10, 7), Hierher können wir auch rechneu z. B. den Beruf
des Athleten, der uacU Bpiktets Ansicht ein besonderes Maß von Männ-
lichkeit und Härte gegen aicli selbst verlangt (I 2, 2(i)- Die höchste und
allgemeinste Bedeutung ist aber die, wo es sich um das tioöboitiov des
»aXotiäyit^ö^, des ipiiiioo^os, des iisTiaiSnifii.ros handelt (III 2ä, 69; I 29, 57;
IV 3, 3). Hier deckt sich die ganze sittliche Aufgabe mit der Rolle, die
man übernommen hat. Epiktet weiß ivohl, daß keineswegs alle diese Rolle
spielen wollen ; aber selbstverständlich ist seine Ansicht die, daß sie eigent-
lich jedem Measchen Ton Gott zugeteilt worden ist. In diesem Sinne ist das
.-tpodöiKuj' nichts Individuellea mehr, sondern das füf alle gleiche sittliche
Ideal, das icoiamTio'' des äv^goiTio;, nnd so kann Epiktet sagen; wer sich
Hbei'haupt besinnt — ob er aus Opportunitätsrück sichten etwas Unwürdiges
tun soll — ist so gut wie einer, der »o iSiov Tigoaotnoi; seine sittliche
I'eisönlichkeit, seine Ehre vergessen hat [I 2, 14).
40 Adolf BonhÖfter
schroff abgelehnt hat, ist Mörtti, der fast in allem anderen
Zahn unrecht gibt, in diesem Falle geneigt, ihm beizustimmen,
indem er nur die Möglichkeit, daß Epiktet die Formel auch
als eine jüdische kennen gelernt haben konnte, etwas stärker
als jener betont. Ich habe meine eigene, schon vorher nieder-
g-eschri^bene ausführliche Analyse der interessanten Stelle
hinterher getilgt und gedenke auch auf die gediegene Er-
örterung Mörths, die mich allerdings nicht überzeugt hat, nicht
im einzelnen einzugehen, weil die exegetische Ausführlichkeit,
die hierzu nötig wäre, in keinem Verhältnis steht zu dem
Wert, den die ganze Frage für den vorliegenden Zweck be-
sitzt. Bekanntlich ist die Lesart nicht ganz sicher, und auch
bei dem Schenkischen Text ist es nicht absolut ausgeschlossen,
die Anrede auf den Mantis, statt auf den Gott selbst zu be-
ziehend Ich halte, mag mau nun im einzelnen lesen wie
man will, das erstere für riclitig und zwar aus zwei Gründen,
erstens, weil kurz zuvor Epiktet die Menschen verspottet,
welche dem [idvTig schmeicheln und ihn eben mit dem ser-
vilen y.vQi£ anreden ; zweitens weil auch das devote xvqie eUijoov
weit wirkungsvoller ist, wenn der Mantis, also ein ohnmächtiger
Mensch, so angeredet wird. Wenn Epiktet Gott nicht mit
â– nvQt-i anzureden pflegt, so tut er dies nicht deshalb, weil ihm
das Wort xiiptog überhaupt verhaßt wäre. Vergleicht er doch
Gott mit einem o/xoÖfffjroTijg (III 22, 4) und nennt ihn Swi-
«(j-Ei/s; tOj' i)l(uv, der über alles, ausgenommen die i;/£,uowxt(
der Veriiuuftwesen, die er selbst freigegeben hat (1 19, 9) ein
Y.ÜQLoq ist (IV 10, 30). Und daß dieses Wort, auch auf Menschen
angewendet, nicht immer einen odiösen Klang hat, beweist
die Stelle III 22, 38, wo er den Kwi-zAs in vollem Ernste
als '/-vQie äyyske xal xmdaxoTie anredet. Wenn Epiktet trotzdem
die Bezeichnung xvqios fast nie auf Gott anwendet, so liegt
der Grund einfach darin, daß der Stoiker nach dem oben
Gesagten keinen Anlaß hat, Gottes Herrschertum in bezug auf
sich selbst besonders zu betonen. Insofern ist es richtig, wenn
auch nicht ganz treffend ausgedrückt, wenn Zahn sagt,
Epiktet lege die Anrede xv^ib den Vertretern einer ungesunden
' übrigens ist ja Sehenkl seHst geneigt, O-irw statt fleöf za lesen
iind verweist dafür mit Eecht auf I 17, löif.
Ipiktet niid dos Neue Testament 41
Eeligiosität in den Mund. Auch den Menschen, die im Leben
eine wirkliche Herrsclierstellung bekleiden, z. B. dem Kaiser,
mißgönnt er den Titel y.vQiog nicht {TV 1, 12); auch der
Steuermann ist, in seinem Revier, ein m^wg (IV 1, 118), wie
überhaupt überall der i'fiiisiQog dem aTtctQos überlegen und in
gewissem Sinn sein Herr ist. Was er aber mit aller Ent-
schiedenheit ablehnt, ist das, daß irgend ein Mensch (der
Kyniker natürlich nicht ausgenommen) über einen anderen
Menschen, über seine Persönlichkeit, eine Macht habe (I 29, 60:
iiv9-eii}7tog äy^Qwnov xv^iog ovxi'ouv). Zusammenfassend können
wir also im Sinne Epiktets sagen, daß die Leute, welche
sowohl Gott als auch Menschen gegenüber das Kiigt« stets auf
den Lippen haben, sie eaiud-sv xal h nd&ovg so nennen (IV 1, 57),
sich eben damit als Knechtsseelen dokumentieren, deren ganzes
Trachten auf die äußeren Glücksgüter gerichtet ist, welche
ihnen jene Herren, wirklieh oder vermeintlich (wie die Ärzte
und „Professoren"! II 15, 15; III 10, 14; III 23, 11 und 19),
mitzuteilen vermögen (I 29, 48; II 16, 13).
Aus dem allem geht hervor, daß die Phrase xüqie iXhjoov
aus dem Sprachgebrauch^ und der Denkweise Epiktets sich
vollkdmmen erklärt. Die Annahme einer bewußten Verwendung
der christlichen Gebetsformel verbietet sieh aber auch aus
inneren Gründen. Selbst wenn JSpiktet ihren wirkliehen Sinn
nicht kannte, sondern nur eben das sehnsüchtig und unter-
tänig Bittende, das ihm unsympathisch war, aus ihr heraus-
hörte, so konnte er doch in dem Zusammenhaug, in welchem
er die Anrede gehrauclit, die Christen damit nicht parodieren
wollen. Denn er witßte ja — und dies ist das einzig Sichere,
was wir über Epiktets Kenntnis des Christentums wissen! —
daß die Christen keineswegs so armselige Leute waren, die
in feiger Sorge um iiir Gut und Blut, Leib und Leben zitterten.
Hat er doch selbst es angedeutet, daß sie furchtlose Leute
seien, die vor keiner äußeren Gewalt sich beugen (IV 7, 6) ''.
' Betreffs des Imperatira kXh^aov weist dies MÜrth noch besonders
iiaeh [S. laO).
^ Auch die zweite Stelle, wo Epiktet unter dem Namen der Jviflen
vielleicht die Cliristen meint (II 9, 20 ff.), zeigt deutlich, wie gut es ihm
42 Adolf BonhöSer - .
Und wenn er auch das Motiv ihrer &(poßla nicht gerade hoch
einschätzt, so hat ihm doch vielleicht bis zu einem gewissen
Grad ihr Todesmut imponiert, und es ist absolut undenkbar,
daß er sie durch ihr Kyrie eleison hätte als Feiglinge ver-
spotten und brandmarken wollen ^. Überdies sieht das Audi-
torium Epiktets, so wie wir es aus den Diatriben kennen, gar
nicht danach aus, daß es die Anspielung verstanden hätte:
so wäre sie also- nicht bloß Epiktets unwürdig und gemein,
sondern auch völlig zwecklos gewesen.
Hiermit sind wir von selbst auf die Stelle in Epiktets
Diatriben geführt worden, welche allein mit Sicherheit davon
Zeugnis gibt, daß ihm die Sekte der Christen, sei es nun aus
eigener Anschauung oder wenigstens vom Hörensagen bekannt
war, wofern nämlich- unter den „Galiläern", deren Todesmut
er IV' 1, 6 erwähnt, wirklieh die Christen zu verstehen sind.
Zahn findet diese Bezeichnung befremdlich, da sie bei den
heidnischen Schriftstellern jener Zeit sonst nicht vorkommt,
vielmehr erst bei Jnlianus auftritt. Ich finde dies letztere
weniger auffallend und erkläre es mir einfach daraus, daß die
Christen in jener Zeit übei'haupt in der heidnischen Literatur
ignoriert wurden, weil man der Sekte keine Bedeutung beimaß.
Als dann um die Mitte des 2. Jahrhunderts die neue Eeligion
sich in ungeahnt«- Weise ausgebreitet hatte, so daß sie nicht
mehr ignoriert werden konnte, hatte es keinen Sinn mehr,
die Cliristen mit dem nun antiquierten und nicht mehr ver-
standenen, jedenfalls gar uicht mehr diai'akteristischen Namen
„Galiläer" zu be7.e!chneii. Daß in dem Briefwechsel zwischen
Plinius und Trajan der ofözielle Name Christiani, den sie sich
selbst beilegten, gebraucht, wird, ist selbstverständlich. Maa
darf also gerade umgekehrt daraus, daß sie Epiktet Galiläer
nennt, eher sehließen, daß er von dem unterscheidenden Inhalt
und Gegenstand ihres Glaubens keine deutliche Vorstellung
hatte. Er nannte sie „Galiläer" , weil die Juden sie so
beksmut war, daß dus Bekenntnis zu dem nd9os lov ßsßafi/iivov Gefahceii
in sich seliloG, also mutige Lente erforderte,
' EbejiBo urteilt MJirth in betreff der Nebenfrage, ob Epiktet au Stellen .
wie III 10, 15 oder II 15, 15 («%(■, ßort^rioöv not) Worte der Ecaugelien
(Matti. 8, 2; lö, 25) peraiilieren wollte.
Epiktet nnfl das Neue Testnmeat 43
Tiannten, und diese jüdische Bezeichnung: naturgemäß auch von
den Heiden, die der Sache nicht näher nachforschen wollten,
ohne Besinnen übernommen wurdet Unter allen Umständen
unwahrscheinlich ist es aber, daß Epiktet, wie Zahn annimmt,
auf diese Eeaeiclmung selbst, durch Lektüre neutestam entlieh er
Schriften gekommen wäre. Denn hier, d. h. in den Evangelien
und der Apostelgeschichte, werden die Jünger Jesu ja nur
deshalb Galiläer genannt, weil Galiläa ihre niid allerdings
auch Jesu Heimat war. Da lag es doch für Epiktet weit
ntLhei-, die Christen Nazaräer zu nennen, was er im selben
Zusammenhang finden konnte und was nach dem Zeugnis der
Acta (24, 5) wirklich ein Name für die ai'eewtt;, für die
christliche Eeligionsgemeinde gewesen ist. Sehen wir aber
auch über diese ün Wahrscheinlichkeit hinweg, so hätte es doch
gar keinen Sinn gehabt, wenn Epiktet vor seinem heidnischen,
lediglicli griecliisch gebildeten Publiknni die Christen mit
einem Namen genannt hätte, den sie gar nicht verstanden
hätten. Wenn Zahn vermutet; Epiktet werde diese Bezeichnung
in dem fdr uns verlorenen Teil der Diatriben öfter angewendet
-haben, so wird dadurch, von der Willkürlichkeit dieser An-
nahme abgesehen, an jener Sachlage nichts geändert: wir
müßten denn gerade annehmen, es habe dort, und zwar natür-
lich da, wo er den Namen erstmals gebrauchte, auch eine Er-
läuterung desselben gestanden, was übrigens bei dem vielfachen
Wechsel seines Publikums auch nicht genügt hätte.
Was nun aber endlich den Inhalt der epiktetischeu
Äußerung betrifft, so hat schon F. Wendland darauf hin-
gewiesen, daß sie Zahn in einem für diese Christen viel zu
günstigen Sinne deutet. Epiktet stellt das t^og der Christen
zwar nicht auf eine Stufe mit der /.lavla und äitävoia, aber
doch mit dieser zusammen in einen scharfen Gegensatz zum
/ti/oc. Wohl schätzt er deü Faktor der Gewöhnung nicht
gering, jedoch nur, wo die vernunftgemäße, philosophische
Helehrimg: vorausgegangen ist und sie begleitet: ein h'S-oi;
ohne Xöyos hat für ihn keiuen Sinn. Das [Irteil
Kpiktets über die Christen ist also nicht wesentlich verschieden
Mörtli 199 mit Bernfung auf Harnack und v. Dobachiity..
44 Adolf Boniiäffer
von dem seines geistigen Schülers M. Aurel, wenn auch in
der Forai nicht so schroff wie dieses (XI 3) ^.
Zweiter Abschnitt
K. Kniper
Ich verlasse hier die Sclirift Zahns, indem ich noehmalH
ausdrücklich betone, daß die ausführliche Erörterung' der
Hauptpunkte, auf welche er seine Ansicht stützt, zwar rein
wissenschaftlich betrachtet vielleicht nicht oder doch nur teil-
weise nötig, aber für den Zweck der gegenwärtigen Unter-
suchung nicht zu entbehren war, einmal weil der Leser ein
Eeeht darauf hat, die hauptsächlichsten Gründe, welche für
eine Abhängigkeit Epiktets vom Xeuen Testament vorgebracht
worden sind, zu erfahren, sodann namentlich weil er durch
diese vorläufige und mehr gelegentliche Vergleichung der
beiden Standpunkte, des stoischen und christlichen, am besten
vorbereitet wird für die später anzustellende sj'stematische
Gegenüberstellung. Was ich von Beweisen, die bei Zahn sich
finden, unerwähnt gelassen habe, wird, soweit es von Be-
deutung ist, im folgenden, insbesondere bei der zusammen-
hängenden Vergleichung des beiderseitigen Wort- und Begriff-
' lu neuester Zeit Iiat man die Lesart li^id id'ovs beanstandet, u. a.
deshalb, weil Epiktet ja gerade so graöcu Wert auf das i^os legt, folglicb
die gewohnheitsmäßige Todesperachtung (ier Christen nicht auf eine Stufe
mit der imvla stellen künne. Die Antwort hierauf iüt mit dem eben im
Test Gesagten bereits gegeben. Ich füge mir noch hinzu, daU Epiktet
auch von einem schlechten lOo; spricht, das man durch das entjfegect'e setzte
überwiiiden und verdrängen soll (III 13, 6). Aber dieses letztere denkt ei'
sich lediglich durch vernünftige Belehrung und Aufkliii-ung bewirkt,
nur dieses hat sittlichen Wert und Bestand iu seinen Augen. Es liegt
also öl. K. kein Anlaß zur Änderung vor: der Ausdruck ist vieliuohr für
Epiktet besonders angemessen, weil er ebenso mild in der Form, wie ent-
schieden ablehnend dem Sinne nach ist. /Jci&oii, was Kurt Slciser vor-
schlägt (Hermes XLV, 1310, IBO) empfiehlt sich aclioa deshalb niclit, weil
das Wort hei Epiktet sonst nicht vorkommt; dixeid-eiag, was P. Corssen
■vermutet (Berl. Ph. Wschr. 191(1, Nr. 26, S. 8:-i2) würde wohl y.u der ^«on-
T.f|is des M. Aurel passen, wäre aber für den Zusiuumeiibaug bei Epiktet,
der einen allgemeinen Begriff erfordert, zu speziell und konkret.
Epiktet unä das Nene Testament 4B
Schatzes zur Sprache kommen, ebenso das, was vom Standpunkt
der höheren Kritik gegen die Ansicht Zahns im ganzen ein-
zuwenden ist und hauptsächlich in Eduard Nordens bereits
erwähntem Werke „Die antike Kunstprosa", Bd. 2 S. 452 ff.
einen zwar etwas einseitigen aber beredten und geistreichen
Ausdruck gefunden hat.
Zahn hat, wie schon erwähnt, keinen Versuch gemacht,
seine Ansicht der Kritik gegenüber zu verteidigen und auf-
recht zu erhalten. Auch von anderer Seite ist ihm in
Deutschland wenigstens kein Eideshelfer erstanden. Um so
merkwürdiger aber ist es, daß, nachdem die Frage schon er-
ledigt schien, im Jahre 1906 ein holländischer Gelehrter,
K. Kuipcr, in einer größeren Abhandlung Epidetus en de
chriäelijke morml dieselbe wieder aufgegriffen und, freilich in
viel maGvoUerer Weise und mit erheblich geringerer Zuver-
sichtlich keit, aber doch wesentlich im Sinne Zahns beantwortet
hat ^ Es gehörte nicht wenig Mut dazu, nachdem der letztere
fast einstimmigen Widerspruch erfahren hatte, den Versuch
aufs neue zu wagen. Um so mehr hat er Anspruch auf
'unsere Beachtung. Man sieht, daß gewisse Probleme in der
Wissenschaft immer wieder neu aufleben, nachdem sie längst
abgetan zu sein scheinen, und das ausführliche Eingehen auf
Zahns Beweisführung erscheint von hier aus doppelt gerecht-
fertigt.
Was ist nun das Neue und Eigenartige an Kuipers Aus-
führungen? Vor allem ist zu bemerken, daß er der Opposition,
die gegen Zahn laut geworden ist, in ziemlich weitgehendem
Maße beistimmt und deshalb vieles von dem, was jener auf
eine Beeinflussung Epiktets durch das Christentum zurück-
geführt hatte, ohne weiteres preisgibt. Er räumt ein, daß
sich bei Epiktet keine bestimmten Auffassungen nachweisen
lassen, die nicht auf dem Boden seiner kynisch - stoischen
Philosoiihie entsprungen sein können, namentlich keine solchen,
die er im Widerspruch mit seinem sonstigen System von
anderer, d. h. christlicher Seite angenommen hätte. Er betont
1
Yeralagen m Mededeelingen der K. Äkaä. wn WeteMchajipen. Afd.
LeUerkwide. 4. Beeks, 7. Ded, Amsterdam 1906.
46 Adolf BonhöfEer
mit Recht, daß man von vornherein auf eine sehr belangreiche
Übereinstimmiiiig zwischen der stoisch -kytiischen Lebens-
auffassnng und der christlichen Moral gefaßt sein muß und
deshalb zunächst keine Veranlassung hat, aus der Ähnlichkeit
von gewissen Gedanken und Stimmungen auf ein Abhängig-
keitsverhältnis zu schließen. Wer damit rechne, werde z. B.
ebensowenig das Wort des Paulus „Wir sind allzumal Sünder"
für eine Entlehnung aus Seneca halten (De dem. I 6, 3 r pec-
cavimus omnes) vfie umgekehrf. Ferner gibt er zu, daß auch
die vielfache Ähnlichkeit der äußeren Lebensverhältnisse bei
dem Kyniker und dem Verkündiger des Evangeliums eine
gewisse Übereinstimmung im Ton und Inhalt der Paränese
erklärlich mache. „Beide liaben ihre Anhänger zu warnen
vor der bösen Zeit, zu stärken gegen Tyrannenfurcht, zu er-
mahnen zu freimütigemBekenntnisihrerÜberzeugung" (aaO.383).
Doch dies alles, meint Kuiper, habe seine Grenze. Zu
zahlreich seien die Epik tetsteilen, die an das Neue Testament
anklingen, als daß man sich bei der Annalime einer allge-
meinen und unbewußten Sympathie beruhigen könnte. Der
Unterschied Xuipers von Zahn besteht also einmal darin, daß
er sozusagen die Vorwerke der Festung preisgibt und sich
auf den enger begrenzten Raum des Festungsinnern zurück-
zieht. Nur um so genauer müssen wir deshalb die Stellen
prüfen, bei denen er ein zufälliges Zusammentreffen für aus-
geschlossen hält und eine bewußte Bezugnahme Epifctets auf
die Bibel annehmen zu müssen glaubt. Doch noch ein anderer
wichtiger Punkt unterscheidet ihn von Zahn: während dieser
weitaus überwiegend die Übereinstimmung Epiktets mit
dem Neuen Testament betont nnd nur nebenher auch einen
polemischen Seitenblick vermutet hatte, legt Kuiper auf die
bewußte Opposition Epiktets mindestens ebensoviel Gewicht
wie auf die Übereinstimmung. Er findet bei einem zuweilen
tauschenden Schein von Gleichheit in der Überzeugung häufig
eine scharfe und nicht undeutlich ausgesprochene Antithese.
Ja es dünkt ihm sogar im allgemeinen unwahrscheinlich, daß
dem berühmten literai-isehen Angriff des Celans auf das
Christentum nicht da und dort eine mehr flüchtige und ge-
legentliche Bestreitung sollte vorausgegange!\, sein.
Epiktet und dtiB Neue Testament 47
Um gleich an das letztere anzuknüpfen, so mag ja Celsns
Vorgänger gehabt haben, aber erstens wissen wir nichts davon,
und, wenn sie von irgendwelcher Bedeutung gewesen wären,
dürften wir erwarten, daß auch sie ihren Origenes gefunden
hätten; zweitens ist es durchaus unwahrscheinlich, daß eine
solche Polemik schon 50 und mehr Jahre vor Celsus eröffnet
worden ist. Denn um das Jahr 100—120 lag einfach für die
Heiden noch keine Veranlassung vor, das Christentum zu be-
kämpfen, weil sie ihm keine höhere geistige Bedeutung bei-
maßen, wie man das gerade auch bei Epiktet wahrnehmen
kann^ Solange die gebildeten Griechen und Römer auf die
Sekte der Galiläer oder Juden noch geringschätzig oder mit-
leidig herabsehen zu dürfen glaubten, konnte der Gedanke,
sie literarisch zu bekämpfen, nicht aufkommen. Bekannüieh
stand sogar der Kaiser Mark Aurel den Christen gegenüber
noch auf diesem Standpunkt: seine Äußerung über das Mar-
tyrium der Christen läßt Epiktet gegenüber wohl einen Fort-
schritt erkennen, aber nicht einen Fortschritt in der Ee-
spektierung des Christentums als einer geistigen Macht, sondern
höchstens eiaen Fortschritt vom Mitleid mit den sonderbaren
Schwärmern zum Unwillen über die Leute, deren „Trotz"
ihm als Kaiser nicht wenig zu scliaffen machte und deren,
wie er meinte, unbesonuene Sterbefreadigkeit seinem stoischen
Empfinden widerwärtig war (XI 3)*.
Sehen wir uns nun aber die Argumentation Kuipers genauer
an. Er untersucht zuerst die äußere Ähnlichkeit in Wortwahl,
Redewendungen und Bildersprache und stellt den Satz voran,
daß zwischen dem Stil des epiktetischen Eccheiridion und
den paränetiscben Teilen der Evangelien, sowie andererseits
' Wir kflnnen Ana mit W. E. H. Lecky bedauern {aaO. I 304:
„Die sittliche Bedeutsamkeit der Fovtsoliritte des Christentuias übersahen
die römischen Schriftsteller ganz und gar, und durch diese Uttachteanikeit
iat eine nimmer auszufüllende Lücke in der Geschichte entstanden"), aber
einen Vorwurf können wir darob kaum gegen sie erbeben.
' Ge^en die Annahme, daß Epiktet irgendwie eine bewußte Polemik
gegen chiigtliche Lehren geübt habe, spricht auch der Umstand, daß Origenes,
und zwar gerade in der Schrift gegen Celnus (VI 630 Del), unseren Philo-
sophen lobend erwähnt und die von ihm ausgehende sittliche Besserung
rilckhaltslos anerkennt.
48 Ad t Bonhöfter
der Diatriben und etlicher paulinischer Briefe eine Familien-
ähnliclilieit bestehe, die man freilich nur durch fortgesetzte
Lektüre bemerken könne '. Immerhin gebe eine schematische,
"Übersicht über einzelne Hauptpunkte schon einen gewissen
festen Grund. Er erwähnt nun die Ausdrücke tijitf xal der,usis
(I 28, 20; IV 1, 51; Matth. 7, 7), o&Sie y.al ttQoa^xezf (1 3, 9;
Matth. 16, 6), f(>; yevoizo (beiderseits häufig), erklärt jedoch
ausdrücklich, daß es leichtsinnig wäre, aus dergleichen Parallelen
Schlüsse zu ziehen ^ Dagegen glaubt er, wenn solche beiden
gemeinsame Redewendungen verbunden seien mit einer sach-
lichen Parallele, mit einer Ähnlichkeit des Gedankens, so
könne man nicht umhin, an eine bewußte Beziehung Epiktets
auf das Neue Testament zu denken. Dies sei z. B. der Fall
bei der Stelle II 10, 12: „Wenn du aber hingehst und deinen
Bruder tadelst, so sage ich dir, du vergaßest, wer du bist
und welchen Namen du trägst." Das erinnert ja allerdings an
das Wort Jesu : „Ich aber sage euch : wer mit seinem Bruder
zürnet, der ist des Gerichtes schuldig" {Matth. ö, 22). Jedoch
bei näherem Zusehen löst sich die Ähnlichkeit Stuck für Siück
in Dunst auf. Jesus stellt sich mit der Formel i'/w öe ).eyio
viiiv in bestimmten Gegensatz zu den Gesetzeslehrern der alten
Zeit und nimmt zugleich für sieh in feierlicher Weise die
Autorität eines Oft'enbarers des göttlicben Willens in Anspruch.
Bei Epiktet aber tritt das i-eyio aoi, das auch sonst oft vor-
kommt, gar nicht als besonders emphatisch hervor, sondern
' Meine Erfahrung ist eher die umgekehrte, daß ich nämlich autaags
durch ciie manuigfaelien Anklänge an das Neue Testament überrascht war,
aber bei wieilerhoUem Lesen mehr die durchgängige Versciiiertenheit als
die Äinlichkeit empfand.
' Ich gehe auf diejenigen Punkte , welche Euiper selbst nicht für
beweiskräftig hält, im allgemeinen nicht ein und verweise, was die sprach-
liche Verwandtschaft zwischen Epiktet and dem Neuen Testament betrifft,
auf die yov P. Wendlaud, A. Ueißmann n. a. zur Geniige konstatierte
Tatsache, dali das neutestam entliehe Griechisch kein besonderes Idiom dar-
stellt, sondern eben auch die sprachliehen Eigentümlichkeiten der sogenannten
Koivii aufweist. Nur zu dem Ausdruck J/rei mI ivg',<ji.is bemerke ich, daß
das „Suchen", das Epikf«t verlangt, den logischen Gehraucli der Vernunft
bedeutet, also etwas ganz anderes, als was Jesus in dem bekannten Spruch
der Bergpredigt meint.
Epiktet) und das Nene Testament ' 49
Steht dureLaus in derselben Linie wie die übrigen Formeln
der Apostrophe, die durch das ganze Kapitel hindurch sich
fiuden (ax^ipat, axÖTtei, /U^tvtiao, 'iu&i, öga). Es handelt sich
darin um den von Epiktet oft aasgeführten Gedanken, daß
die Pflichten, welche wir haben, schon durch eine genaue
Analyse der 6v6^iata, der Begriffe 'Mensch', 'Sohn', 'Vater',
'Bruder', 'Bürger' etc. gefunden werden können. Er beschreibt,
was alles z. B. in dem Wort Sohn oder Bruder enthalten liegt:
zu einem „Bruder" gehört Nachgiebigkeit, Gefälligkeit, Freund-
lichkeit usw. Nachdem er dann zum Schluß jenen allgemeinen
Satz, daß jeder dieser Namen, recht bedacht, die entsprechenden
Pflichten an die Hand gebe, noch einmal rekapituliert hat,
fährt er fort: „Wenn du aber weggeh'st^ und deinen Bruder
schiltst" etc. Man sieht, daß der Gedanke der Bruderpflicht-
Verletzung vollständig durch das Vorhergehende vorbereitet
und bedingt ist, wo gerade die Forderungen, die im Begriff
des Sohnes, des Bruders liegen, eingehender geschildert worden
waren. Somit liegt auch nicht der mindeste Grund vor, das
Zusammentreffen der Formel Xiyo) aot mit der Warnung vor
unbrüderlichem Verhalten irgendwie auffällig zu finden.
Auch sachlich lassen sich die beiden Stellen, abgesehen
von dem allgemeinen Prinzip der Menschenliebe, das bekannt-
lich ebensosehr stoisch als christlich ist, kaum vergleichen.
In der Bergpredigt handelt es sich nicht um den Bruder im
engeren Sinn, sondern um den Nächsten überhaupt, während
Epiktet nur von dem wirklichen Bruderverhältnis spricht.
Dort handelt es sich darum, das Verbot des Tötens, d. h. der
Feindseligkeit, die sich in rohen Tätlichkeiten äußert, auch
auf die gelindere Feindseligkeit und Gehässigkeit, wie sie in
rohen Worten und häßlichen Affekten und Gefühlen zutage
tritt, auszudehnen. Dies wird als ein ganz neuer Gedanke,
sozusagen als ein neues Gebot eingeführt, daher die feierliche
Art der Einführung. Bei Epiktet aber handelt es sich nur
darum, eine sittliche Forderung, die dem Philosophenjünger
theoretisch längst bekannt war, ihm in ihrer Anwendung auf
' Nämlith vom pliilosopliiscliett Unterrictt, wo er über den Inhalt
dieser Begriffe belehrt worden war.
Religicusgesohiettliche Varsache u. Vorarbeiten X. . 4
50 Adolf Bonhöffer
das wirkliche Leben zum Bewußtsein zu bring'en und ihm zu
zeigen, wie oft er im Leben dem zuwiderhandelt, was er in
der Seliule beliannt bat. Endlich das Urteil, das an beiden
Stellen über den Lieblosen gefällt wird, ist ganz veracMeden
und zeigt den ganzen tiefgreifenden Gegensatz zwischen
christlicher und stoischer Anschauung: dort ein Verfaltensein
an menschliches und göttliches Gericht, hier die rein imma-
nente Strafe des Verlustes eines wesentlichen Stückes seines
Menschentunis.
Nach allen Seiten zeigt es sieh also, daß der Spruch
Epiktets sich nicht nur vollständig aus dem Zusammenhang
erklärt, sondern daß eine Anspielung auf den Spruch der
Bergpredigt diesen Zusammenhang ganz unnötig alterieren
wurde. Dasselbe wird uns auch bei den anderen Parallelen,
die Kuiper anführt, entgegentreten. Daß Epiktet ähnlich wie
Paulas den niederen Teil der menschliehen Persönlichkeit mit
üdQB oder vexpöi' ocufiätiov bezeichnet, nötigt, wie auch Kuiper
zugibt, zunächst noch nicht, an eine Entlehnung zu denken.
Wenn er aber diesen Ausdruck gebraucht im Zusammenhang
mit der Idee der Gemeinschaft mit Gott, wozu der Mensch
berufen ist (II 19, 27J, so glaubt Kuiper hier eine Erinnerung
an das Wort des Paulus finden zu müssen: „Stellet euch selbst
Gott zur Verfügung als die aus Toten Lebendigen !" (Rom. 6, 13).
Auch hier ist indessen von einer eigentlichen Verwandtschaft
des Ausdrucks und des Gedankens keine Rede: bei Paulus
bezieht sich der Ausdruck vexQüi auf die innere Beschaft'euheit
des Menschen, bei Epiktet ist nur das aünici tot^; bei jenem
hat das Totsein aufgehört, sobald das neue Leben begonnen
hat, bei diesem bleibt der Leib etwas Totes, an sich Wert-
loses, und besteht gerade darin das Große, daß der Mensch
imstande ist, trotz dieses niederen Elements, sich stützend
' Epiktet gehrauBlit aUerdiiig-s die Begriffe i'cxqöi, dnavex^vnns auch
Ton geistigen Zuständen (I 9, 19; 111 28,20; 1 .'i, 7; 19, .H3; 113.5; 15, 4),
wie dies schon Pliilou getan hatte (De profiig. 10, 1 554 M}, aber >iii "nBerer
Stelle eben niclit. Andererseits ist Rom. 6, 12 wohl aueh von dem d-vrjTov
am/ia die Rede, aber in einem Sinne, der den denkbar scbSrfsten Gegensatü
zn Epiktet bildet ; denn für ihn herrsclit die Sünde nicht in dem sterblichen
Leib, sondern lediglich im geistigen Zentrum, im Regem onikoü, sofern es
von fslsolien äöy/ima erfüllt ist.
Epiktet und das Nene Testament 51
auf den gottentstammten Logos oder Nus, Gemeinschaft mit
Gott zu i)flegeii. Überdies von einer -Koinovia mit Gott spricht
Paulus gerade an dieser Stelle uicht, und vollends : wie konnte
Epiktet im selben Augenblick, wo er den gewiß nicht christ-
lichen Wunach ausspricht, aus einem Menschen ein Gott zu
werden, von einer Keminiszenz an ein Wort des Paulus sich
beeinäussen lassen!
Ein weiterer „Beweis"! Daß Epiktet Gott zuweilen
„Vater" oder „Herr" nennt, ist nach Kuiper nicht eben auf-
fallend; aber wenn er an diesen Vaternamen nun auch den
Begriff des Umgangs mit Gott knüpfe (I 9, 5: KoivoyveZv rq>
S-sqi Tj;e ovvavam-Quffiiiii), SO falle sowohl diese Vorstellung seibat
als auch das dafür gebrauchte biblisch klingende Wort außer-
halb des Rahmens der stoischen Lehre. Hiergegen ist zunächst
an das früher Ausgeführte (S. 40) zu erinnern, daß, wie schon
Zahn richtig bemerkt, wenn auch nicht ganz richtig gedeutet
hatte, Epiktet das Epitheton xiigtog höchst selten und offenbar '
nicht gerne von Gott gebraucht, während er die Bezeichnung
„Vater" und „Fürsorger" (zi,di,«cür) mit Nachdruck anwendet
und großen Wert darauf legt Daß dies mit dem stoischen
Pantheismus sieh eigentlich nicht zusammenreime, wie Kuiper
(386 Anm. 2fi) meint, ist deshalb nicht richtig, weil der sto-
ische Pantheismus niemals von der nüchternen, farblosen Art
gewesen ist, daß er eine gewisse persönliche Fassung des
göttlichen Wesens ausgeschlossen hätte, wie denn Epiktet
auch mit vollem Ernst neben der pantheistischen die poly-
theistische E.edeweise beibehält. Eine einseitig theistische
Ausdeutung solcher Prädikate wie „Vater", „Versorger", wie
überhaupt der ganzen Lehre von der Providentia specialis
verbot sich durch den Grundgedanken der stoischen Lehre,
daß alles äußere Gut kein wirkliches Gut ist und daher Gott
dem Einzelnen eigentlich nichts Wesentliches geben kann,
von selbst. Aus denselben Gründen kann auch der Gedanke,
daß das Vernunftwesen zum Verkehr mit Gott bestimmt ist,
nicht im mindesten auffallen, haben wir doch gesehen, daß
Epiktet sich zu noch weit höheren Aspirationen versteigt,
daß nämlich der Mensch ein Teilnehmer an der göttlichen
Herrschaft, ja selbst ein Gott werden könne. Das Wort
4*
52 ■■Adolf Boiihöffer
avvavaozQOfpri aber ist unserem Epiktet ganz geläufig und hat
sich in der Bedeutung „Umgang-' ganz naturlich entwickelt
aus der vox simpleX ävaaipocpr,, das von Polyfaios an auch in
der Bedeutung „Beschäftigung, Lebensweise" angewendet
wird. Wie kann man also sagen, das Wort mvmaOTQOfpii
klinge biblisch, zumal gerade dieses Kompositum nicht einmal
im Neuen Testament vorkommt ? '- Es bleibt also hier wirk-
lich nicht einmal ein Schein von Entlehnung hbrig.
Mehr Wert würde ich legen auf die von Kuiper nnr
nebenbei erwähnte, bei Epiktet zweimal sich findende Redensart
äjtb t&v xtdav „mit den Lippen" ira Gegensatz zu ättü 5ii-/i.i(xtuv
„auf Grund fester Überzeugung" (II 9, IC; III lÖ, 7). Dieser
Ausdruck kommt in der übrigen Itlassischen und nachklassischeu
Gräzität m. W. nicht vor, vielmehr scheint zur Eezeiehniing
jenes Gegensataes das Wort ylQaaa, dem dann etwa yvw^ir^
oder <p(>rjr korrespondiert, gebraucht worden zu sein. Epiktet
selbst drückt diescK Gegensatz gewöhnlich durch die Formel
' Van deu Bergh Tan Ejsiuga weist auGerdem noch mit Eeclit darauf
hin daß aiicli das Wort iliraaTQotfri im Neuen Testament uia mit Gott ver-
bunden Torkorame {Museum. Muanihlad voor riiUologie eii Gesclnedsiüs
XIV (1907) 440}. Die eiozige Stelle, wo nvaateofn in uniuittelbaror Xähe
von dem „V»tergütt" sich findet (I Petr. 1, 17) beweist natiirliRh f;ar nichts,
da die beiden Ausdrücke liier in keineiiei Beziehuiig zueinander gesetzt
sind, es aich also nicht um einen Wandel oder Verkehr mit Gott handelt.
Man könnte im Gei^enteil zeigen, daß, wo im Neuen Tcatament Tun dem
Lebenswandel die Rede ist — der allerOings gerne mit a^aurpo^pv nud
dvain^ffifO-iu bezeichnet wird ■- Gott niBbt als der Vater süiidern eher
als der unnahbar hciliKe Gott gedaeht und empfunden wird, der den Wandel
der Gläubigen mit dem strengen Ange des Eithtera beobachtet. Überhaupt
liegt die VorKtellnng von einem sozusagen familiären Verkehr des Menschen
mit Gott nicht bloß dem Alten, sondern anfth dem Neuen Testament im
Ganzen fern. Die Gotteskindschaft äuliert sich nur in dem beseligenden
Vertrauen an der Täterlichen Güte und Gnade Gottes und in dem Recht,
jederzeit sein Anliegen im kindlicijen Gebet unmittelbar vor Gott zu bringen.
Das ist aber etwas ganz anderes als die stoische Gemeinschaft mit Gott,
die gleichsam eine geistige und moralische Gleich Stellung des Weinen mit
Gott bedeutet, während im Neuen Testament trotz des Kindesvethältnisaes
doch die uuvergleiehliehe Krhabenheit Gottes stets gewahrt bleibt. Der
einzige neutestamentliche Autor, der sich au der Vorstellung einer «otvtavla
mit Gott erhebt und dadurch der atoisohen Auffassung des Verhältnisses
zwischen Mensch und Gott etwas näher kommt, ist Johannes (I Joh. 1 , 3 u, ß).
Epiktet und dafi üene Testitmeut 53
fi^XQt Uyov, fäy,Qi toG liyuv aus. Würde nun der Ausdruck
d(TÖ tSiv yHlGiv im Neuen Testament wirklich und wiederholt
sich finden, so läge immerhin eine Veranlassung vor, eine
Abhängig-keit Epiktets anzunehmen. Das ist jedoch nicht der
Fall. Es findet sich wohl der Ausdruck rcc yMly] mehrfach,
zum Teil auch im Sinne des bloß äußerlichen Geredes im
Gegensatz zur inneren Überzeugung und Empfindung (xaedt«),
aber stets nur in Zitaten aus dem Alten Testament, so daß
also, wenn man an eine Entlehnung denken wollte, eher die
alttestam entlichen Schriften in Betracht kämen. Ferner ist
auch da nebeu x^llog meistens das Synonymon yhiiaaa ge-
trancht, so daS also Epiktet eigentlich keine Versuchung
empfinden konnte, gerade das Wort yuf-os zur Bezeichnung
jenes Gegensatzes sich anzueignen. Überdies ist dasselbe im
ls>iien Testament nicht bloß im tadelnden Sinn, sondern auch
ganz neutral als Organ des Sprechens, ja gerade als Werkzeug'
einer wahren, lebendigen Gottesverehrung gebraucht (Febr.
1^, 15; I Kor. 14, 21), so daß hiermit, wenn man überhaupt
einmal die ungeheuerliche Annahme wagen wollte, als habe
-Epiktet das ganze Neue Testament gekannt, die Wahr-
scheinlichkeit, daß er durch dieses auf den Ausdruck Äreö
xOtv xEi).ö)v gekommen sei, sich um ein Weiteres yerringert.
So wird man sich wohl vorläufig, bis vielleicht der griechische
Thesaurus Parallelen aus der profanen Literatur zutage
fördert, dabei bescheiden können, daS Epiktet diese Redensart
der Koivfi eatnommen oder selbst gebildet hat, was um so
weniger auffallend wäre, als eben gerade bei ihm der Gegen-
satz von äußerlicii angelernten und innerlich aufgenommenen
und angeeigneten Wahrheiten eine besondere Rolle spielt.
Von den formelhaften Wendungen zu der eigentlichen
Bildersprache übergehend gibt Kuiper wiederum zunächst
manches als aus dem gemeinsamen Sprachschatz geschöpft
preis, so die Bezeichnung unserer Gaben als eines von Gott
anvertrauten Pfandes {nctQayMtad-ifJiri) ^ oder die Vergleichung
des 7iQoy.ihcTiuVf des ernsthaften Wahrheit- und Heilsuchers,
' Ib. Sehenkls liirtex s, T. na$axaTnTl9ia9ai mnli es heißen It 8, 21
(Htatt IV ä, 21).
Epiktet und das Neue Testament 55
eine Ziel erforderlich ist \ Die eigentliche Meinung Epiktets
ist dabei freilich die, daß die wenigsten bereit sind, solche
Opfer zu bringen, daß also erfahrungsgemäß zum Philosophen
nur wenige „geboren" sind. Dem Apostel Paulus aber fällt
es nicht ein, denjenigen Tinter den korinthischen Christen,
die zum Agon des Glaubens nicht hinlänglich ausgerüstet
sind oder ausgerüstet zu sein glauben, den Eat zu geben,
sie sollten Jieber ganz davon Abstand nehmen und im Stand
der Unseligkeit verharren. Vielmehr fordert er sie auf so zu
laufen, daß sie den Preis erlangen. Er kann also den voraus-
gehenden Satz: „Alle laufen, aber nur einer erlangt den Preis**
niclit so verstanden haben, als ob es auch beim christlichen
Wettlauf von vornherein ausgeschlossen wäre, daß alle ge-
krönt werden, sondern „Wer recht läuft, der wird gekrönt" ^. —
Was abei' weiter das Selbstbekenntnis des Paulus und Epiktet
betrifft, so besteht ja gewiß hier eine große Ähnlichkeit der
Stimmung und Selbstbeurteilung; aber daß der eine es dem
anderen nachgesprochen habe, will gewiß auch Kuiper nicht
behaupten "; mit dem Bilde vom gymnastischen Wettkampf
haben aber die betreffenden Äußerungen Epiktets gar nichts
zu tun , folglich kommt hier gerade der Umstand, der für
Kuiper wesentlich ist, nämlich die Übereinstimmung im Ge-
danken und Bild, in Wegfall*.
Noch weniger will die Parallele zwischen Epikt. IV 8, 35 ff.
und aiatth. 13, 5ff. besagen. Auch hier nimmt Kuiper an
dem Vorkommen des Bildes selbst keinen Anstoß, wenn er
' III )5, 1-3: 'Eva Oi Sei &vd'^ai!iov ilvai rj dya&oi- ij y.axav . . . ^ â– ^ci^i
Trt ilHI ffthjTtoyEtv ■/} TISpl Tri ^^iü.
' Vgl. II Timoth. 2, 3; Öv arE^afoviitt tdv fiT> vo/il/ttoi ai^Xi/oyi,
' Vai) den Bergh van Eysinga {aaO. 440) weist richtig darauf hin,
iliili aa der betreffenden Epiktetstelle (II '8, 34} der echt stoiaclie Ausdruck
iiiyxaTc3'i/ct;f ebeufalla für die Unabhängigkeit der dort ausgeführten Ge-
li linken spreche.
* Die Frage, inwieivoit die oben berührten so wichtigen Anschauungen
der Ötoa einerseits und des Christentums andererseits über die Erreichbarkeit
di'B sittlichen Ziels ähnlich und inwieweit sie verschieden sind, kann erst
Im syatematisehen Teil genauer erörtert werden. Hier kam es nur darauf
nn zu zeigen, daß zu der Annahme eines Einflusses des Neuen Testaments
auf Epiktet kein Anlaß vorliegt.
56 ^do1£ Bouhüffer
auch meint, es passe nicht ganz in die epiktetische Escliato-
logie. Die letztere Bemerkung beruht jedoch auf einem
Irrtum ; denn es ist an den betreifenden zwei Stellen (II 6, 12
und III 24, 91) gar nicht von Tod und Auferstehung die Rede
(wie im Evang. Joh. 12, 24 und I Kor. 15, 36) sondern
lediglich vom Tode, auch nicht vom Samen und seiner Ver-
senkung in die Krde, sondern nur vom Ernten der reifen
Frucht. Wie es der Ähren Bestimmung ist zu reifen und
dann geschnitten zu werden, so ist es des Menschen Be-
stimmung zu sterben. Somit kann man hier überhaupt nicht
von einer Parallele reden, weil der bildliche Vorgang selbst
und das durch ihn Angedentete beidemal verschieden ist.
Dagegen gebraucht Epiktet das Bild von der Saat und ihrer
Entwicklung allerdings zur Veranschaulichung des inneren
Vorgangs des Weisewerdens in der berühmten Stelle IV 8, 35 ff.,
und es ist überaus interessant, dieselbe mit dem bekannten
Gleichnis des Evangeliums zu vergleichen. Aber daß Epiktet
das letztere gekannt habe, wird durch nichts nahe gelegt,
geschweige denn gefordert. Denn Epiktet bietet eine sorg-
tältig ausgeführte Vergleiehung, die durchaus den Charakter
des Ursprünglichen trägt und sogar ausdrücklich auf seine
eigene Kenntnis des Land- und Natmiebens gestützt ist: er
spricht von Adonisgärten, von den Klagen der Bauern über
das vorzeitige Keifen der Frucht. Außerdem ist auch der
Inhalt und Sinn des epiktetischcn Gleichnisses wesentlich
verschieden von dem des Evangeliums: hier handelt es sich
um die verscliiedene Eodenai't, von der das Schicksal des aus-
gestreuten Samens abhängt, bei Epiktet nur um den nafur-
gesetzlichen, normalen Wachstumsvorgang im Gegensatz zu
einem künstlich forcierten Treibhausgewächs. Der Haupt-
nachdruck liegt bei ihm darauf, daß die Frucht Zeit braucht
und nur allmählich und stufenweise der Vollendung entgegen-
reift, ein Gedanke, der dem biblischen Gleichnis eigentlich
fern liegt. Daß aber Epiktet selbständig darauf kommen
konnte, den geistig-sittlichen Werdeprozeß mit dem Wachstum
der Saat zu vergleichen, wird niemand wundernehmen, der
seine bilderreiche, drastische Sprache kennt. Was ihm Ver-
anlassung bot zu diesen Gleichnis, das war die Wahrnehmung,
Epiktet nnd das Nene Teatftinent 57
daß SO viele seiner Jünger allzufrüh als Philosophen sich ge-
härdeten, ohne die notwendige innere Vorbildung absolviert
zu haben. Vor dieser Meisteraucht will er warnen, indem er
an die ungesunden und unbrauchbaren Treibhausprodukte
erinnert. Mit ganz besonderer Betonung spricht er von der
Notwendigkeit, daß der Same zunächst verscharrt und ver-
borgen werden muß, im Einklang mit der von ihm so oft aus-
gesprochenen Mahnung, der PLilosophenjünger solle zunächst
ganz in der Stille sich vorbereiten und üben und ja nicht
vor den Leuten seinen Lebensvorsatz ausposaunen und mit
seiner Askese renommieren. So haben wir denn die merk-
würdige Tatsache, daß Epiktet allerdings auch, wie das Neue
Testament, von dem Begrabenwerden des Samens redet, aber
gerade nicht in dem Zusammenhang, in welchem es sich um
Tod und Vergehen des äußeren Menschen handelt — weil es
dort für ihn, der keine Äufei'Stehung lehrt, wirklich sich nicht
schickte — sondern in einem ganz anderen Sinne, in einem.
Sinne, der nicht bloß jenen biblischen Vergleichen nicht za-
grunde liegt, sondern dem Charakter des Neuen Testaments
.eher zuwider als verwandt ist, da es hier viel mehr auf einen
einmaligen großen Entschluß, eine Glaubenstat, ein rasches,
energisches Ergreifen des Heils ankommt, als anfeine langsame
innere Entwicklung.
Nicht besser steht es mit dem letzten Beispiel, das Kuiper
für die Übereinstimmung der Bildsprache Epiktets und des
Neuen Testaments ins Feld führt. Das Bild vom Leib und
seinen Gliedern wird bei Epiktet wie bei Paulus angewandt,
zur Veranschaulichung des engen Zusammenhangs, der
zwischen dem einzelnen Menschen und dem "Weltall oder
der Menschheit, beziehungsweise zwischen dem Gläubigen und
der Gemeinde oder Chris'tus stattfindet. Das Wort fi^kog findet
sieb nui) allerdings bei Epiktet nicht, er begnügt sich mit
dera farbloseren /w^pos^. Aber. das Bild liegt doch zugrunde
der Ausführung in 11 5, 24fi'., wo das Verhältnis des Menschen
' Dns Bild vom ^'J'-oj gebraucht, allerdings nur einmal, Mark Aarel,
unä zwar im auailrlicliliclien Gegensatz za /isffoi, das ihm die inneiliehe
ZuHammengehörigkeit der Menschen nicht genügend darzustellen scheint
(VII 13).
58 Adolf Bonhöffw
zum Kosmos mit demjenigen des Fußes zum Leib verglichen
wird. Kuiper tindet nun, wie billig, in dem Gebrauch dieses
Bildes nichts Auffallendes. Dagegen glaubt er die bei Paulus
so beliebte Bezeichnung des Leibes als eines Tempels Gottes
auch bei Kpiktet II 8, 12 if.- wiederzufinden und meint, man
könne dessen Worte; „Gedenke, wer du hist, beim Essen,
beim Trinken . . , gedenke, daß du einen Gott nährst" usw.
nicht verstehen, ohne die Annahme, daß ihm der Sprucli Pauli:
„Ihr esset oder trinket oder was ihr tut, so tut es alles zu
Gottes Ehre" (I Kor, 10, 31) nicht unbekannt gewesen sei.
Nun ist vor allem zu sagen, daß Epiktet niemals den
menschlichen Leib direkt einen Tempel Gottes nennt. Er
konnte das auch nicht gut sagen, ohne mit sicli selbst und
der geringschätzigen Äit, in welcher er sich gewöhnlich über
den leiblichen Teil des menschlichen Wesens äuGert, in Wider-
spruch zu geraten '. Hier ist in der Tat ein Punkt, wo die
Überlegenheit der christlichen Auffassung in die Augen springt.
Denn für sie bilden Leib und Seele eine Einheit als die
beiden integrierenden Bestandteile der Persönlichkeit: solange
diese noch von der Sunde beherrscht ist, nimmt auch der
Leib als Sitz und Werkzeug der Sünde an der Verdamniungs-
würdigkeit teil, wird also noch erheblieh niedriger gewerlet
als von Epiktet, dem er nur ein Adiaphoron, nicht aber etwas
an sich Schlechtes ist. Dagegen beim Erlösten, in dem der
Geist Gottes wohnt, nimmt auch der Leib au dem wieder-
gewonnenen Wohlgefallen Gottes teil. Deshalb kann Paulus
nicht bloß die Gläubigen, sondern auch ihren Leib einen Tempel
des heiligen Geistes nennen. Aus eben diesen Gründen kommt
mir aber die Übereinstimmung der beiden von Kniper ver-
glichenen Stellen nicht so groß vor. Epiktet führt aus, daß
das Wesen des Guten nur im Venumftwesen, beziehungsweise
im vernünftigen Teil des menschlichen Wesens beschlossen
liege. Mit aller Schärfe trennt er das Vernunftlose, wozu
auch die Tiere und der menschliche Leib gehören, von dem
Vernunftbegabten: auch jenes sind Werke Gottes, aber keine
a:Qorjovu£va, nichts an sich selbst ^\"ertvolIes, keine Teile
'B'3;-ift.
Epiktet und das Nene Testameat 59
Gottes, „Du aber bist ein Selbstwert, du bist eiu Stück
Gottes, du hast in dir ein Teil von ihm. Was verkennst du
nun deinen Adel? warum weißt du nicht, woher du gekommen
bist? gedenke, wenn du issest, wer du bist und wen d«
näiirst" usw. Der ganze Zusammenhang zeigt, daß Epiktet
gar nicht etwa den Leib als Wohnung Gottes feiern oder
ihm eine besondere Würde zuerkennen will, sondern er will
nur daran den Menschen nachdrücklich erinneni, daß er einen
Gott in sich trägt und daß er in allen seinen Betätigungen
dieses Gottes sieh würdig erweisen soll. Wohl hat die Nahrung,
die Gymnastik unmittelbar den Leib zum Objekt, aber dieser
Gesichtspunkt ist für Epiktet hier ganz unwesentlich, sonst
könnte er ja nicht sagen „Einen Gott nährst du" sondern
müßte sagen: „Die Behausung Gottes nährst du". Er fährt
aber fort; „Ihn (den Gott) trägst du in dir und merkst nicht,
wie du ihn befleckst mit unreinen Gedanken und schmutzigen
Taten". Daraus ist klar, daß Epiktet nicht den Leib, sondern
den Menschen im Äuge hat, der durch sein Tun und Denken
den Gott in sich, den Dämon, entweder beleidigt oder ehrt,
-Ferner ist ihm auch das Essen und Trinken nicht irgendwie
um seiner selbst willen ivichtigj sondern nur als eine der
täglichen Betätigungen, während der Apostel Paulus an der
betreffenden Stelle speziell von der Mahlzeit ausgeht und
seine Mahnung, auch in diesem Stück — es handelt sich um
die Frage des Opferfleisches -— Gottes Ehre und des Käclisten
Wohl im Auge zu behalten, in jener allgemeinen Wendung
beschließt und bekräftigt. Somit bleibt von der ganzen
Parallele eigentlich nichts übrig als der allgemeine Gedanke
der Gott verwand tschaft des Menschen, den der Paulus der
Apostelgeschichte selbst als einen auch den Heiden geläufigen
bezeugt hat (Acta 17, 28)'. Kuiper scheint dies selbst zu
fühlen, wenn er die Keihe dieser Parallelen beschließend —
eigentlich im Widerspruch mit dem am Anfang Geäußerten —
es ausspricht, daß „entscheidende, d. h. für jeden überzeugende
' Auth Vau den Bergh van Eysingn findet zwischen Epikt. II 8, 12
nnil I Kor. 10, 31 keinen Zusammenhang, würde aber, falls doch ein solcliet
bestünde, lieber den Spruch des PunJns für eine kurze Nachbildung der
ansflihrlicheren Epiktetstelle halten (aaO. 441),
60 Adolf Bunliöffor
Kraft" diese Parallelen natürlicli nicht besitzen. Doch ihre
große Anzahl, fährt er fort, könne uns veranlassen, nicht
puren Zufall zu sehen in Fällen, wo ein Ausspruch Epiktets
auch durch seine Form einem Eihelsprnch sehr ähnlich sei
oder sieh einem solchen mehr oder weniger scharf gegenüber-
stelle. Wir werden darauf zn erwidern haben, daß, wenn
keine einzige der Parallelen für sich zur Annahme einer Be-
kanntschaft Kpiktets mit dem Neuen Testament nötigt, auch
ihre Gesamtheit uns keineswegs dazu bestimmen kann. Kuiper
bringt dann zunächst noch gleichsam als Nachtrag einige
dieser „Anklänge", über welche wir dasselbe Urteil fällen
müssen, wie über die im vorhergehenden ausführlich be-
sprochenen Parallelen. Der Spruch der Beigpredigt „Wo
dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein'' (llatth. 6, 21)
hat ja gewiß nach Form und InJialt eine gewisse Ähnlichkeit
mit Sätzen wie: „Wo das Ich und das Mein ist, dahin muß
das Lebewesen notwendig sich neigen" (Epikt. II 22, 19) ^
Aber wie kann man solche Aussprüche Epiktets, die eine von
ihm fast in jedem Satz gepredigte Grundwahrheit eiitbaUen
und aus dem erklärten Eudämouismiis der sjokratiseh-stoischen
Moral sich direkt ergaben, im Ernste in Beziehung setzen zu
einer gelegentlichen Äußerung Jesu, der jedenfalls weit davon
entfernt war, den Satz in seiner AUgemeinlieit, d. h, auch in
dem Sinne gelten zu lassen, daß auch die Bösen, irdisch Ge-
sinnten, mit Notwendigkeit ihren irdischen Zielen nach-
jagen, d. h. Böses tun! Wenn man da an Knrlelmung denken
wollte, so müßte sie doch vielmehr auf selten des Neuen
Testamentes sein.
Ganz dieselbe Bewandtnis hat es mit der Parallele zwischen
Epikt. II 28, 4-' und Rom. 7, Uff. \Venn es dort heißt,
dalJ der Sündigende nicht tut, was er will, dagegen tut, wm
er nicht will, so ist dieser Satz nur die auis äußerste zu-
gespitzte und darum paradox klingende Formulierung des
Grundgedankens, der am Anfang des Kapitels steht und sein
Thema bildet, daß nämlich jede Sünde einen W iderspruch in
^ Nur (tei' Form, uicht dem luhalt nach kann very:lielien werden
* Nicht 11 'iA, 4, wie bei Kniper zu lesen ist.
Epiktet nnd das Nene leatament 61
sich enthalte (ttSv aftd^ttj^ia fidxv^ TrepiEx^i). Dieser Satz
fließ!, aber etünso mit Notwendigkeit aus dem stoischen Eu-
dämonismus wie jeuer obige ^ und wir würden unbedenklich
sagen dürfen, daß Pauius bei seiner dem Wortlaut nach so
ähnlichen Auslassung im Kömerbrief von stoischen Gedanken
beeinflußt gewesen sei, wenn nicht die wirkliche Meinung des
Apostels so grundverschieden wäre von derjenigen Epiktets.
Paulus spricht, von dem Menschen, der das Gute weiß und
innerlich anerkennt, aber wegen der Übermacht des sündigen
Triebes (des Gesetzes in den Gliedern) nicht imstande ist, das
Gute 2U tun. Bei Epiktet aber handelt es sich nicht um
einen Kampf zwischen dem guten Willen und dem sündigen
Trieb, überhaupt nicht um einen Kampf, sondern nur um einen
Widerspruch, insofern der Sünder sein Glück sucht, aber
diesem in Wahrheit entgegenarbeitet, weil er das wahre Gut
nicht kennt, einen Widerspruch also, den der Betreffende selbst
gar nicht empfindet, wäin-end der Sünder bei Paulus sich tief
unglücklich fühlt in seinem Bingen nach Gerechtigkeit, das
doch durch die „in ihm wohnende Sünde" — ein für Epiktet
ganz uuvollzie'hbarer Gedanke!* — von vornherein zur Ohn-
macht verurteilt ist".
Das Bild von der Milch und der festen Speise endlich,
das im Hebräerbrief (5, 12; ähnlich I Kor. 3, 1) und von
Epiktet in einigermaßen analoger Weise gebraucht wird
(II 16, 39 und III 24, 9), beweist um so weniger, als die be-
treffende Stelle im Hebi-äerbrief gerade diejenige ist, die unter
allen Stellen des Neuen Testaments am meisten und augen-
fälligsten eine Kenntnis der stoischen Schulsprache verrät
(reXi io)v di iativ fj ozeqeu T^ocpTJ , i&v dia irjv e^tv iä
' Van den Bergh van Eysiiiga aaO. 441.
^ Dies erkennt aucli Kuiper an aaO. 391; „Die paulinieolie Lehie toh
dem Verkauftsejn unter die Sünde ist dem Epiktet ganz fremd."
" Merkwürdigerweise Itommt Kuiper auf diese scheinbar so überein-
stimmenden Äußerung^en des Apostels «ml des Stoikers noeli einmal zu
spreelien, aber gerade im entgegengesetaten Sinn, indem er nämlicli die
Ansicht Epiktets als eine Opposition gegen den Eömerbrief anffaüt (aaO, 395).
Dies ist richtige, insofern die beiderseits zugrunde liegende Ausehaunng yiel
mehr verachiedcu ist als ähnlich. An eine bewutJte Opposition haben wir
aber so wenig zn denken wie an eine Entlehaung.
62 Adolf Bößhöffer
ata&i^tt^Qia yiyi>uvaüfi4va kxövnov Tt^bg öiänQiaiv y.aXov %e
■Mu xaxov). Im übrigen geht die Übereinstimmung des Ge-
dankens p:m- nicht so weit, wie es zunächst scheinen künnte.
An den erwähnten Bibelstellen ist unter der Milch die geistige
Nahrung der Anfänger jm Glanben verstanden, also etwas,
was zwar noch nicht sozusagen den Kern der Offenbarung
enthält, aber doch auch gut und göttlich und für eine gewisse
Stufe notwendig ist. In analogem Sinne hat Quintilion das
Bild augewandt auf den ersten Jugend Unterricht, der dem
kindlichen Gemüt sich anpassend mehr Leichtfaßliches und
Ergötzliches bieten soll (Inst. orat. II 4, 5)^ Epiktet aber
spricht an den beiden Steilen vom Entwöhnen der Säuglinge
{äTioyala-ATlilead-ai), aber nicht in dem Sinne, als ob das Milch-
trinken die erste Stufe im philosophischen Unterricht bedeuten
würde, sondern indem er unter dem Bilde des Säuglings, der
nach der Mutter oder Amme schreit, die Weichlichkeit seiner
Schüler geißelt, die, obwohl sie die philosophischen Lehrsätze
schon zur Genüge gehört haben ^, dennoch wie kleine Kinder
sich nach der Heimat sehnen und über die Entbehningen des
Aufenthalts in der Fremde jammern. Das Entwöhnen be-
deutet somit in diesem Zusammenhang ganz dasselbe, was er
sonst mit anderen Bildern, ?., B. dem der Freiwerdiing aus-
drückt, nämlich den Augenblick, wo man vom bloßen Hören
übergeht zum Tun, wo man es ernst nimmt mit der Philo-
sophie und entschlossen ist, ihre Grundsätze im Lehen zu
verwirklichen. Man sieht also, daß das Bild von der Milch
und der festen Speise bei Epiktet einerseits der natürlichen
Bedeutimg viel näher steht und ganz ungezwungen aus der
Situation sich ergibt-', andererseits einen wesentlich anderen
Sinn hat als im Neuen Testament,
' Im .selbeu Siune ist es aiiiih in der licrn Pliilun au geschriebenen
stcisplieii Schrift Qiwtl omnis probus Über ijebraiieht (TI 070M), worauf
Vau deu Bergli \m Ejsinga aufmerlisrim macht [aaO. 441),
^ BeeoilllevB III 24, 9: OÜk ii7ioynhiyiiao//ev jjSi -rtoll' kavioi-; «ai
/i iftviiaöu-dfa a)v ■^xoiaa/tE!' :rapa röiv •fiXoanf lov;
' Demgegeuliber liut das Bild von ilcr Milch ira Hebräerbricf etwas
Doktrinilres und Stereotypes und macht den Eindruck, als ob es aus dem
Magazin des allcgorisiereuilen jüdischen Hellenismus hei- vorgeholt sei; be-
Epiktet imii ilafl Neue Teetament 63
So wenig demrach auch diese Parallele für eine positive
Eezugnalirae Epiktets auf das Neue Testament spricht, so
wenig, ja noch viel weniger kann man in der Geringschätzung
des Kindes, welche bei ihm oft zutage tritt, eine polemische
Spitze gegen die in der Sprache des Urchristentums so be-
liebte Bezeichnung der Gläubigen als „Kinder" erblicken.
Wenn „60 Jahre nach Epiktet" Ceisus, der das Christentum
bekämpfen will, unter anderem auch diesen Lieblingsausdmek
bemängelt und unwürdig findet, so liegt doch gar kein Grund
vor, bei Epiktet, der nicht gegen das Christentum kämpft,
sondern, abgesehen von einigen Ausfällen gegen die Epikureer
und Akademiker, ganz innerhalb der Mauern seiner Stoa bleibt,
eine polemische Absicht anzunehmen. Wenn er das Kind
gering wertet, so ist dies die notwendige Folge des stoischen
Intellektualismus, der den Logos, das Organ aller menschlichen
Große und Vollkommenheit, erst mit .dem Ende des Kindheits-
alters gleichsam geboren werden läßt. Darum kann. Epiktet
sagen: „Was ist Kind? Unwissenheit, Unbildung" (II 1, 16).
Dies schließt aber gar nicht aus, daß er für die kindliche
Natur auch wieder ein feines Verständnis zeigt und an dem
kindlichen Treiben eine gewisse Freude enipflndet^, und wenn
Kuiper sagt, die Worte rccxtöiov oder vi]tciü!; klingen bei Epiktet
beinahe wie Scheltworte, so ist dies richtig in keinem anderen
Sinne, als in welchem sie auch heute noch Scheltworte sind
und allezeit sein werden, wenn Erwachsene in Fällen, wo
Eeife des Verstandes und Festigkeit des Willens verlangt
wird, sich als Kinder gebärden.
Mit diesem Beispiel vollzieht nun Kuiper selbst den "Über-
gang zu dem zweiten Teil seiner Beweisführung, in welchem
er eine Bekanntschaft Epiktets mit den Schriften der Christen
ataiders der Satz: ^«s /äp i> finixuiv yahttros aaci^os löyo« Sixaioavvije,
vi'jmos yä^ ioTii' ist eigentlidi nur bei dieser Annahme verständlich.
' Sehr liübflcli ist dies tou R. Renner „DiS Kind, Ein Gleichniamittel
bei Epilitet" (.Featsolirift des Philol, Vereins in Manchen 1905) ausgeführt
worden. Mit Reehl sagt er „daJi von einer eigentlichen Veracbtun^ und
VerteiiBung (des Kindcä) nicht die Rede sein kann, und daB eine Ahnung
von dem ethiachcn Wert der Kindeseeele auch der Stoa, wenigstens der
jüngeren Schule, nicht völlig abging" [S. 9).
64 Adolf Büuhöffer
aus angeblichen oppositionellen Anspielungen darztitun sich
bemüht. Da ist es nu» vor aüem bemerkenswert, daß Kuiper
in diesem Abschnitt wiederholt mit Nachdruck betont, daß
Epiktet nur eine ganz oberflächliche Kenntnis der paulinischen
Lehre und der Evangelien g:ehabt haben könne, weil sonst
seine Opposition teils gegenstandslos gewesen wäre, teils viel
schärfer und grundsätzlicher hätte ansfallen müsseu. Dies
ist gewiß richtig, wenn man überhaupt eine Bekanntschaft
Epiktets mit dem Neuen Testament annehmen will oder darf.
Aber wenn dieselbe eine so flüchtige und oberflächliche war,
so werden die positiven Berührungen oder Übereinstimmungen,
deren Beweiskraft, wie wir salien, ohnedies so gering ist,
nur noch unwahrscheinlicher: denn sie würden keineswegs
bloß eine flüchtige Bekanntschaft, sondern eine ziemlich weit-
gehende Belesenlieit im Neuen Testament voraussetzen. Im
übrigen geht auch hier Kuiper wieder überaus vorsichtig, ja
man könnte sagen zaghaft zu Werke, indem er die Beweiskraft
der vorgebrachten Argumente immer wieder einschränkt «nd
im allgemeinen erklärt, daß es überaus schwierig sei, die
Grenzlinie zwisclien bewußter Opposition und unbewußter
Antithese zu ziehen.
Nichtsdestoweniger soll es eine nicht zu bestreitende Tat-
sache sein, daß Epiktet zuweilen gegen christliche Leiiren
und Anschauungen opponiere. Sehen wir uns die Stellen näher
an ! Wenn der Apostel Paulus das allgemeine Sündenverderben
der Menschen als eine Strafe Gottes über ihre Abgötterei
erklärt (Eöm. 1, 24), so klinge wie ein Protest dagegen die
Äußerung Epiktets, daß die Götter, selbst wenn sie gewollt
hätten, den Menschen nicht ganz unabhängig von weltlichen
Einflüssen und Versuchungen machen konnten, nachdem sie
einmal beschlossen hatten, sein irdisches Dasein an diesen
stofflichen Leib zu knüpfen (I 1, 8). Nur schade, daß die
Worte Epiktets, welche Kuiper hier allzu frei übersetzt hat,
gar nicht vom lli'sprang der Sünde, sondern vom Ursprung
des sogenannten Übels d. h. von den in der menscblichen
Natur im Zusammenhang mit der Allnatur notwendig be-
griindeten äußeren Störungen und Hemmungen handelt! Frei-
lich hat Epiktet auch von dem Ursprung und A\"esen der Sunde
Epiitet und das Nene Testament 66
eine wesentlich andere Ansicht als der Apostel; aber an obiger
Stelle spricht er sie nicht aus, und ein Protest gegen die pau-
linische Lehre ist weder hier noch anderswo bei ihm m finden.
Kuiper selbst nimmt diese Stelle nicht als vollgültig'es
Zeugnis in Anspruch. Eine wirkliche und bewußte Polemik findet
er dagegen in verschiedenen Äußerungen Epiktets, die einen
ausgesprochenen Gegensatz bilden zu der christlichen Derauts-
stimmung oder tarveivotpQoavyij. Dieses Wort, wie es später dem
Celsus verhaßt gewesen sei, errege schon den Ärger Epiktets;
er gebrauche es nicht nur ausschließlich im tadelnden Sinne
sondern kämpfe auch gegen die Sache selbst an, indem er
statt der demütigen Beugung vor Gott vielmehr eine stolze,
freimütige Haltung verlange (II 16, 4ä: äydruvov z'ov TQdxrj^ov
, . . Avaß'fJipag TiQog z'ov d-eöv). Was nun das erstere betrifft, so
kommen die. Worte taTCuvorpqoavvri und taitEivofpqonlv ^fi nur
einmal vor. In der übrigen profanen Gräzität finden sie sieh
gar nicht, dagegen laituvoipqoiv bei Piutarch, natürlich auch
im sehliraraen Sinn. Wenn nun Epiktet die Worte auch in
diesem Sinn gebraucht, so ist das nur natürlich, da er das
Adjektiv lanurös, soweit es eine Gesinnung des Menschen
bezeichnet, in Übereinstimmung mit dem vorherrschenden
Sprachgebrauch nur zur Bezeichnung einer niedrigen Denkungs-
art, als Synonymuni von SeiXög, Sovkos, äyevy^g u. dergl. ver-
wendet. Eine Antithese gegen die wesentlich verschiedene,
die religiöse Devotion bezeichnende Bedeutung des Wortes
im Neuen Testament konnte er gar nicht beabsichtigen, da
jeder Grieche es ohne weiteres in seinem Sinne verstand.
Ebensowenig ist die Ai-t wie Epiktet über das Beten
spricht S so gewiß sich daraus oft ein diametraler Gegensatz
' Kuiper hat ganz richtig beobachtet, daß Epiktet eigentlich nnr von
einem Daakgebet weiB, nicht von einem Bittgehet, da er ja das Glück
von Mich aelbst erwartet. Aus demselben arnnde ist aber auch sein Dank-
gebet nicht ein Dank für eine einzelne göttliche Hilfeleistung oder Wohltat
sondern nur der Ausdrack der allgemeinen Dankbarkeit dafür, daß Gott
den Menschen so eingerichtet hat, daß sein wahres Glück von nichts inaerem
abhängig ist. Wenn man das im Auge behalt, kann man auch ein Bitt-
gebet auf dem Standpunkt Epiktets recht wobl angängig finden: es ist dann
eben ein besonders feierlicher und kräftiger AppeU des Menschen an eich aelbst
und seine hühevc Natur. An solche siyai hat er wohl z. B. IV 6, 36 gedacht.
RelieionBgeatliiettlLfllia VwauchB u. Vorarbeiten X. <>
66 Adolf Bouli^fFer
ZU der cliristliclien Anscliauung über die Art und Weise und
den Zweck des Gebetes konstruieren läßt, irgendwie mit Be-
ziehung auf die Christen gesagt Kuiper gibt selbst zu, daß
er dabei nicht immer au die Christen gedacht haben müsse.
Dagegen unverkennbar sei die Opposition gegen den Ausruf
des Apostels Paulus in Rom. 7, 24: „Ich elender Mensch, wer
wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?" Epiktet
persifliert nämlich in I 3, 5 die unmännliche Haltung der
Ungebildeten, die an die äußeren Glücksgüter ihr Herz hängen,
indem er sie, wenn ihnen etwas Widriges zustößt, klagen
läßt: Tt yccQ dfil; ralaiTnä^ov ävS-QonrdQwv und ra dvoDjvd
ftov aaQxidia. Kuiper legt besonderen Wert darauf, daß hier
nicht bloß derselbe Ausruf („ich elender Mensch") erscheint,
sondern auch dieselbe Klage über den unseligen Leib sich
anschließt, der allerlei Schmerzen und dem Tod unterworfen
ist. Es scheint mir aber, daß Kuiper hier über der schein-
baren Ähnlichkeit des Ausdrucks die völlige Verschiedenheit
des Gedankens übersehen hat. Paulus klagt (indem er sich
in den Zustand des unerlösten Menschen versetzt) über den
Leib, in dem sieh die durch eigene Kraft nicht bezwingbare
Macht der Sünde sozusagen lokalisiert ; Epiktet, oder viel-
mehr sein töibnris, über den Leib, der Krankheit und
Schmerzen verursacht; die Klage in Römer 7 steht in Charakter
und Gehalt turmhoch über dem ganz gewöhnlichen Jammer
des Erdenmenschen bei Epiktet Für so unkritisch und un-
üobel dürfen wir doch den letzteren nicht halten, daß er eine
Klage, die ganz anders gemeint war, durch eine solche Ent-
stellung lächerlich machen wollte I und wenn wir annehmen
wollten, er habe nur eine undeutliche Erinnerung au jene
Stelle des Römerbriefs gehabt, so mußte ihm doch das wenigstens
auch noch in Erinnerung geblieben sein, daß jene Klage dort
keine definitive, endgültig verzweifelnde ist sondern sich sofort
auflöst in den Dank- und Freudenruf dessen, der im Glauben
an Christus seine ewige Erlösung gefunden hat '.
' Kuiper vermutet allecdings nur, daß dem Epiktet die Klage ans
Cliristenmiind zu Ohren gekommen sein könnte. Aher ein Christ hat die-
selbe gewiß nie ah Ausrlmek seines eigenen, gegenwärtigen. Herzcns-
zustendes gebrB,ucht: also kannte Epiktet die Worte nur vorlesen gehurt
Bpiktet unfl das Neue Testament 67
Also wirklich, selbst wenn Epiktet die Stelle kannte, lag-
für ihn keine Veranlassung vor, sie überhaupt und volmnds
in diftser Weise zu parodieren. Liegt denn aber der Ausruf
„Ich elender Mensch" nicht so nahe, daß er gar nichts Auf-
fallendes hat, wenn er bei den heterogensten Schriftstellern
sich findet? Wenn Kuiper besonders noch darauf hinweist,
daß dem Epiktet doch selbst die (paulinische) Unterscheidung
von !cvsDfta und o<f?g so geläufig sei, es daher um so auf-
fallender sei, — so muß ich Kuipers Gedankengang verstehen —
wenn er die Klage des Paulus über die unselige odQ^ parodiere,
so liegen hier wieder einige Mißverständnisse vor, die richtig
gestellt werden müssen. Vor allem ist es nicht richtig, daß
Epiktet die Begriffe Ttrevfia und odQ^ häufig einander ent-
gegenstelle: auch nicht ein einziges Mal kommt dies vor.
Den Gegensatz zw adg^, der niederen Seite des menschlichen
Wesens, bildet vielmehr die frQoai^eGig oder auch der yoijs
oder löyog\ Mit Pnenma dagegen bezeichnet er nie die
geistige Seite des Menschen, sondern nur das Seelische, das
Prinzip des animalischen Lebens. Das Wort kommt überhaupt
nur zweimal vor und zwar beide Male im physiologischen oder
psychophysischen Sinn : II 23, 3 ist die Rede von dem tTVED^a
<pii.6iExvov der Augen, das die Sehwahrnehmung ermöglicht;
III 3, 22 steht es synonym mit }pvyir, als das Substrat der
seelischen und allerdings auch' der geistigen Vorgänge, aber
gleichsam als neutrales Organ, daa sowohl der Vernunft als
der Unvernunft dienstbar sein kann -. Daß das Pneuma nicht
das substanziell Höhere im Menschen bezeichnen kann, geht
auch daraus hervor, daß Epiktet neben rcvevfia auch die
Diminutivform ■^vsv^iäriov gebraucht , die ja immer einen
geringschätzigen Nehensiun hat, bexiehungsweise etwas aus-
drückt, was nicht an sich selbst wertvoll ist. So nennt er
den Tod eine Trennung des awjt<iriov vom nvEvfidrioy (II 1, 17).
haben, dairn aber sicherlich nicht nline die anderen, die unmittelbar dar-
auf folgen!
' II 23, 19; It S3, 20. Epiktet wendet das Wort oä^S oder aa^xiStov
besouders gerne da an, wo er gegen die Lustlehre Epikurs polemisiert, so
1 20, 17; II 33, 2Q- JII 7,3.
^ Hiernach ist meine Darstellung in B' 30 zu modifizieren.
5«
68 ^ioU BoulLoECer
Daß damit aber kein metapliysisclier Gegensatz zwischen dem
Vergiingliclien und Unvergänglichen, dem Stoffliclien und
Geistigen gemeint ist, sieht man aus der anderen Stelle, wo
Epiktet das Ttviv^ätiov als eines der vier StolFelemente be-
zeichnet, aus deren Mischung der Mensch besteht und deren
Entmischung der Tod bedeutet (III 13, 15). Der stoische
Materialismus nötigt uns allerdings, die geistigen Kräfte des
Menschen an die zwei edleren Elemente, Feuer und Luft,
gebunden sein zu lassen ; aber nicht an sich selbst sind diese
schon vernunftbegabt, sondern sie sind nur aufnahmefähig- für
den löyog, der als sozusagen spezifisch göttitchet; freilich auch
wieder luft- und feuerartig gedachter Stoif sieh mit ihnen
vereinigt oder ihnen eine höhere Qualität verleiht ^
Soviel ist aber jedenfalls ans dem Obigen ersiclitlich, daß
Epiktet einen Gegensatz von öcJpl und itveO^tct, der dem pau-
linischen entspräche, nicht kennt. Dagegen kann er mit der-
selben Emphase wie Paulus die (jd^§ etwas unseliges nennen,
und er tut dies auch im Ernste an der besprociienen Stelle,
aber nur in dem Sinne, daß das Fleisch eine Quelle der ün-
seligkeit ist für denjenigen, der darauf sein Glück
baut und für das bessere Teil, das ihm gegeben ward, blind
isf^. So betrachtet nähern siuh die beiderseitigen An-
schauungen wieder, und es wird dadurch nur um so unwahr-
scheinlicher, daJ3 Epiktet an dem Ausspruch des Paulus sollte
Ärgernis genommen haben.
So vorsichtig Kuiper im allgemeinen in seinen Auf*
Stellungen ist, so läßt er sich doch zuweilen in seinem Be-
streben, eine Bezugnahme Epiktets auf das Neue Testament
aufzuweisen , zu Behauptungen verleiten , die kaum einer
Widerlegung bedürftig sind. Wenn Epiktet manchmal, um
seine Schüler aufzumuuteni, an ihren Willen appelliert als
die Macht, mittels welcher sie sich selbst erlösen können, so
soll dies eine Entgegnung sein auf neutestamentliehe Sprüche,
welche umgekehrt "die Ohnmacht des Willens betonen und das
' Dia Frage, wie die Stoiker die Abstufung der Teinheits- und Eein-
heitsgrade dca Pneuma sich näher vür^esteUt haben, gehöre zu den un-
gelösten und wohl aiich unlösbaren Fragen der stoiaehen Physik.
' I ß, 6; Tiö fiiv iivri. Svariji'a, illä ij^sn « xai x^eiüoov nüc aiffxiSitoy,
Epiktet vmd das Nene Testament 69
Heil nur von der Hilfe Gottes oder vom Gebet erwarten
(z. B. Eöm. 9, 16 oder Jak. 2, 5). Der Feind, den Epiktet da
im Auge hat, ist jedoch nicht eine christliche Theorie,
sondern die allgemeine Tatsache, daß es dem Menschen so
schwer fällt, sich von dem gewohnten Leben und Treiben zu
emanzipieren und zu einem großen sittlichen Entschluß auf-
zuschwingen, der das ganze Leben auf eine höhere Basis
stellt. Ebensowenig können wir Kniper folgen, wenn er, von
den Briefen (speziell den paulinischen) auf die Evangelien
übergehend, die Seligpreisungen der Bergpredigt im Einzelnen
vei'glelcht mit ähnlich lautenden Auasprilehen Epiktets, welche
teils eine Zustimmung, bisweilen auch eine Verschärfung, teils
eine Zurückweisung derselben enthalten sollen. Die Selig-
preisung der Leidtragenden z. B. beantworte Epiktet mit dem
Sat«: ovöels äyci-9-bg rtsvOsl (II 13, 17), und die Verheißung
an die Barmherzigen „sie sollen Barmherzigkeit erlangen"
bereite ihm Ärgernis, ihm, der den elsog im aktiven wie im
passiven Sinn verwerfe als Anzeichen einer noch am Irdischen
]iaftenden Gesinnung ^ Demgegenüber ist zu sagen, daß alle
fliese Forderungen aus dem stoischen Ideal der dnaffaa mit
solcher Selbstverständlichkeit sich ergeben, daß die Annahme
einer Polemik gegen die christliche Anschauung das richtige
Verständnis Epiktets nur stören und erschweren würde.
Ebenso selbstverständlich ist es, wenn wir von ihm Ermahnungen
hören zum ernstlichen und' ansscliHeßlichen Trachten nach
den innerlichen Gütern, und Warnungen vor unnötigem, ängst-
lichen Sorgen ums Zeitliche, welche an die entsprechenden
Paränesen der Bergpredigt (Mattli. ß, 35 ff.) oft merkwürdig
erinneiTi, daß dagegen die Verheißung Jesu: „So wird euch
das Übrige alles zufallen" (Vers 33) bei Epiktet keine Par-
allele findet. Denn mit unbestimmten Verheißungen, wie
diese es ist, operiert er allerdings nicht, und der Gedanke,
' II 17, 36; -L'i Si' fSovels Kai ihiis «al ZrjXo-rvTiiti xnl igiints . . .
zi ETI liyus TZfT^aiSevo&cu; IV 6, 1: 'Ejc i/ioi (iari fi!; tAssW*ßi) «]• Suy^Oia
üinols ßn ci^tov iliov ovrn l/ia-nrö". t— Mit dieser Verwerfung des V.ios als
eines nriS'oä streitet es nicht, ivenn Epiktet g-elegentlich ein niitürlitlies
Mitleid K. E. mit den Blinden nnd Lahmen, insbesondere dber mit den
geistig Blinden für berechtigt hält, z. IB. I 28, 4 u. ü.
70 ' Aiof Bonhüffer
daß Gott denen, die ernstlich nach dem Reich Gottes trachten,
gleiclisam zum Lohne dafür auch das zar Fristuug des äußeren
Lebens Nötige darbieten werde, hat in seiner Lehre keinen
Platz. Wie Jesus, so weist auch er darauf liin, daß, wer
genügsam ist und der Arbeit sich nicht schämt, in der Regel
auch seinen Lebensunterhalt finden, ja sogar ein recht hohes
Alter erreichen wird '. Aber mit der Frage der inneren
Würdigkeit hat dies für ihn gar nichts zu schaffen, und er
nimmt keinen Anstand, für die Ausnahmefälle, wo jene
Erwartung nicht zutrift't, die Politik der „offenen Türe" zu
predigen (s. a. oben S. 9).
So erweist sich denn auch die Äiinfthnie einer polemischen
oder kritischen Bezugnahme Epiktets auf das Neue Testament
überall als durchaus unbegründet. Es muß hier übrigens
nachträglich noch bemerkt werden, daß Kuiper in dem zweiten
Teil seiner Beweisführung nicht bloß von den Fällen (an-
geblicJier) Opposition redet, sondern auch dazwischen gelegent-
lich weitere „mehr oder weniger bewußte" Übereinstimmungen
namhaft macht ^ und — eine Eventualität, die bisher noch
^ lil 26, 6: Tiva TTiiintir' ^'Jia.hijV ^qSlias sISj^s /tr) yk^üvra; Tina i^'iii'fi
io/fljöyri^mn i Siehe nueh oben S. 9.
" Die Übereinstimmungen, die Kuiper in diesem ZusaiDmeuhang noch
nachtrügt, will ich hier iivr gaua kur^ erwähnen. In Ausdrüfken wie
lalai-TiaiQoi vö/ioi icüv vexgoiv (I 13. 5), in den an die n eilt estam entliehen
Begriffe der äTiolixioiaan und i^aya^aau erinnernden Bildern van der Be-
freiung aus dem Sklavenätand (z. B. IV 7, 17], in der Begründung der
Nächstenliebe auf die Gotteskindschaft, in der rordenmg der Seeienreiulieit
als einer Vorbedingung für deu Umgang mit Gott, in der Empfehlung der
Ehelosigkeit (für den Kjuiker) auni Zweek der ungestörten Ausübung seines
göttlichen Berufs und anderem mehr erblickt er Voratellnugen und An-
Bebauungen, die aua dem Rahmen der stoianbcii Lehre heraustreten und eine
Beeinfluasung von christlicher Seite wahrscheinlich machen. In Wirkliebkeit .
ist aber dies alles gut stoisch, wie zum Teil im bisherigen schon nach-
n;ewieseu wurde , zum Teil nach Analogie der ausf lihriieh besprochcnea
Parallelen leicht ku erkennen ist. Ein MißTersfändnis aber ist es, wenn
Kuiper meint, das Bild von der Befreiung oder ErlSsnng, das Epiktet zu-
weilen gebrauchte, sei ein Widerspruch zu seiner sonstigen Auffassung,
wonach der MenBcb, von Natur gut, gar nicht erlöst zu werden brauche,
vielmehr sich seibat zu erlösen vermöge. Wenn er sagt' „Ich bin von Gott
betreit worden" „Ich habe einen rechten Freisprecber" (IV 7, 17 ■Kaffniorijv
Sxca oloi- Sa), so meint er ja nichts anderes, als daß der Mensch von Gott
Epittet und das Neue Testameat 71
]ücht zur Sprache kam — an einigen Stellen eine bewußte
Bivalität Pjpiktets mit dem Neuen Testament finden will.
Schon Zahn hatte behauptet, daß der Nimbus, mit welchem
die Gestalt des Herakles bei Epiktet umkleidet ist, sich aus
dem stoiscli-kynischen Gedankenkreis nicht erklären lasse *,
luid so meint auch Kniper, daß auf dieser Schilderung des
griechischen Nationalhelden als eines Gottessohnes und Erlösers
die Gestalt Christi einen Einfluß gehabt habe. Ebenso sei
die Schilderung des Kcvi-AÜg als eines Dieners und Zeugen
Gottes beeinflußt von der Kenntnis des chrjstiiehen Apostolats
und Martyriums. Epiktet wolle damit den Christen gleichsam
zu verstehen geben: Was Ihr an Eurem Heiland \mi Euren
Aposteln und Märtyrern habt, das haben wir an unserem
Herakles nnd Diogenes. Mit der Widerlegung dieser Meinungen
brauche ich mich nicht aufzuhalten, da notorisch diese Idea-
lisierung des Herakles und die Idealfigur des Kynikers längst
in diesen Kreisen heimisch war oder wenigstens sieh vor-
bereitete, ehe die Welt etwas von Christus hörte.
Nur die eine Stelle soll noch kurz besprochen werden,
in welcher Kuipei' eine liväiisierende Anspielung auf das
Neue Testament erblicken möchte. Zu den Kennzeichen des
Erlösten oder Freien rechnet Epiktet u. a. auch das tvaeßH,
%äQt)i 'e^ov uitlQ Ttävtinv Tiji if-eij) (IV 7, 9). Diese Worte er-
innern ja gewiß lebhaft an die Art, wie im Epheserhrief
(5, 19 ff.) die Stiminnng des ruhig der Vollendung des Gottes-
j'Cichs entgegenharrenden Christen geschildert wird: ^h^QoCaife
iv nvsvuGTi . . . tuyaQiatoüvrtt; TTÜrioti v'ji.io ircfiTWC . . . t^
^sqi. Aber das Gefühl der stetigen Dankbarkeit gegen Gott
ist der Lebensauffassung des Epiktet nicht weniger eigen als
dem Christentum, wie Kuiper selbst kurz zuvor ausgesprochen
hat, und daß Epiktet die Absicht gehabt haben sollte, gerade
so geseliaffea worilen igt, dajfl er aUezeit, troU alles äußeren Zwangs,
innerlich frei sein und bleiben kann, also nicht ein zeitlicliea Ton Gott be-
wirktes Erloaungserlelinjs, soniiern eine anerschaffene, in der Natur des
Menschen begründete Anln,ge.
' AaO. 31; „Das ist nieht mehr der altbekannte Herakles am Scheide-
wege ... das ist der Gottes- und Menachensolin, der die Welt von der
Sünde befreit «ml als Erlöser bolierrscht. Und was ist das anders als ein
Echo des Evangeliums in der Seele eineä Heiden?" S. a. oben S. 34,
72 Adolf Bonhöffer
im Hinblick auf die Stelle des Epheserbriefes darauf hin-
zuweisen, wie auch auf anderem Boden als auf dem des Auf-
erstehungsglatibens die wahre Lebensfreudigkeit blühen könne,
ist doch eine gar zu abenteuerliclie Vermutung:, die um so
weniger begründet ist, als weder dort die Äuferstehungshoffnung
ausdrücküch erwähnt noch hier der Verzicht auf ein per-
sönliches FoiHebeu irgendwie angedeutet ist.
Dritter Abschnitt
SchJußergebnis
Hiermit nehmen wir Abschied, auch von dem zweiten
großen Versuch, eine Beeinflussung Epiktets durch das Neue
Testament nachzuweisen. So behutsam und besonnen er auch
durchgeführt ist, so interessant und anregend manche Partien
sind, im ganzen ist er gewiß ebenso mißlungen wie derjenige,
den 12 Jahre zuvor Th. Zahn unternommen hatte ^ Kat
Kuiper schon in der Diskussion, die sich an seinen Vortrag
in der K. Akademie der Wissenschaften anschloß, mehr Wider-
spruch als Zustimmung gefunden, so ist ihm inzwischen bereits
auch ein literarischer Gegner erwachsen. Van den Bergh
van Eysinga hat in dem schon mehrmals erwähnten Artikel
Epictetus en liet Nieuwe Testament die Aufstellungen Kuipers
scharf bekämpft, indem er vornehmlich den historischen Ar-
gumenten, mit denen Kuiper, wie zuvor Zahn, die Möglichkeit
oder Wahrscheinlichkeit einer Bekanntschaft Epiktets mit
dem Christentum zu stutzen suchte, zu Leibe geht. • Vielleicht
geht er da etwas zu radikal vor, wenn er nicht bloß die
Stelle, wo Kpiktet von dem Ttd-^og toS ßsßa/jfUfov xai y^tjuivov
' Soüte jemand den Eindruck haben, daß ich auf Grund eines gewissen
Vorurteils, d. ii. einer ÜberBchätaung des Stoizismus jegliche Abhängigkeit',
des letaleren vom Neuen Test«menl bestreite, so erkläre ich demgegenüber,
daß es ja an und für sich gar keine Schande für die jüngere Stoa wäre,
wenn sie etwas vom Christeiitam angenommen hätte, vielmehr nur ein noch
stärkerer Beweis für die allerdings ohnedies feststehende Tatsache, daQ
unter allen den mannigfaltigen Typen philosophischer Lebensanschauung,
welche das Griechentum geprägt hat, keiner dem Christentum nä,her steht
ala der stoische.
Epiktet und das Neue Testament 73
redet (II 9, 20) auf die 3\x<ien bezieht, soiiiJern auch unter
den „Galiiäern" nicht die Christen, sondern die Juden versteht,
unter Berufung darauf, daß auch die Anhänger des Zeloten
Judas diesen Namen tragen (Justinus M. Dial. 80) \ und daß
es ja auch das e^os der fanatischen Juden war, sich am
Sabbat lieber töten zu lassen als sich zu verteidigen. Sein
Sehlußm-teil faßt er dahin zusammen: „die neutestamentlichen
Schriftsteller, vor allem diejenigen der paulinischen Briefe,
haben den Einfluß der Stoa erfahren, was im allgemeinen
Sinne mehrfach sieh zeigt, aber bisweilen {vgl. Rom. 12, 19
mit Seneea de im II 32; III 39) sogar die Annahme direkter
Entlehnung nahe legt. Nirgends aber kann ich bei Epilctet
eine Stelle entdecken, wo die Gleichheit mit einigen neu-
testamentlichen Texten weiter geht, als man bei Äußerungen
von verwandten Gedankenkreisen von vornherein erwarten mag'-'.
Dieses Urteil des holliindisclien Geleiirten stimmt iiberein
mit dem, was in den letzten Jahren in Deutschland über diese
Frage geäußert worden ist^. Und dies gilt nicht etwa bloß
von den Philosophen und Philologen, sondern auch von den
Theologen, die sich in neuerer Zeit ebenfalls angelegentlich
mit dem Problem der Beziehungen zwischen Christentum und
' Diese Ansicht hat (ibrigens schon W. E. H. Lecky geSutiert (aaO.
I 342, A. .^), wogegen Karl liBrtmiian neuerdings wieder entschieden dafijr
eintritt, daß dem Epiktet die Existenz der Christea nicht unbekannt sein
komite, nnd daC dalier auch die Anspielung auf die Getauften Rieh auf diese
beziehe (Arriau und Epiktet, in den Neuen Jahrbb. für Idass. Philol. 1Ö05, 267).
' Paul Rartli, -Die Stoa, 2. Aufl. Stuttgart 1908, 940! „Weder hat
Epiktet das Neue Teätament gekannt, noch haben die Synoptiker stoischen
Gedankengängen Raum gegehen". — Ulr. v. Wilamowitz - Mölleudorff,
Griechisches Lesebudi I 2 Berlin 1902, 321 : „Das Evangelium Jesu hat er nicht
gekonnt; daß er sieb mit dessen Lehre von Menschenwürde und Gottesliebe
oft 30 nahe berührt, erklärt sich aus der Stimmung, aus der Sehnsucht und
Höffauug der gleichen Zeit". — E. Norden, aaO. K 519 : „Die Argumente,
daß Epiktet das Neue Testament gelesen habe, halten bei gennuet Prüfung
nicht stand." — Paul Wendland, Die h eil eni ach -römische Kultur: „Cliristi
Predigt hat kein Verhältnis zum Hellenismus. " — TLeod. SSgeli, Der
Wortächati; des Apoatels Paulus, Göttiagen laOö, SH : „Ob Paulus überhaupt
je eine Schrift der Alten zu lesen bekam, ma«: dahingestellt bleiben; daß
rgfinil ein klassischer Dichter, Philosoph oder Bedner sprachlich ihn be-
einflußt habe, dürfen «Ir rundiveg ^enieineu."
74 Adolf Boaliütfer
Grieclientiim beschäftigen. Speziell über das Verhältnis des
ersteren zum Stoizismiis sind in den letzten Jahren zwei
bemerkenswerte Arbeiten von theologischer Seite erschienen,
beide offenbar veranlaßt durch die Eektoratsrede Th. Zahns
über Epiktet. Ich meine deji Aufsatz von Paul Feine im
Theolog. Literatnrblatt (1905, Nr. 6 ff.) „Stoizismus und
Christentum" und die Abhandlung J. Leipoldt's über das-
selbe Thema in der Brieger'sehen Zeitschrift für Kirchen-
geschichte (1906, S. 129 ff.). Beide gehen zwar auf die Frage
der Abhängigkeit Epiktets vom Neuen Testament nicht näher
ein, ihr Interesse konzentriert sich lediglich einmal auf den
Nachweis der vielfachen Verwandtschaft zwischen christlicher
und stoischer Lehre, sodann namentlich auf die Abgrenzung
der beiden Gebiete und die Feststellung der wesentlichen
Unabhängigkeit des nentestamentlichen Christentums von der
heidnischen, speziell der stoischen Philosophie. Aber eben
der Umstand, daß sie die Ahhängigkeitsfrage nur nach dieser
einen Seite ernstlicher ins Auge fassen, beweist, daß für sie
der Einfluß des Neuen Testaments auf die römische Stoa,
insbesondere auf Epiktet, eigentlich nicht mehr in Frage
kommt. Feine bemerkt sehr richtig; „Kommt man von den
Stoikern zum Neuen Testament , so fällt zunächst auf die
Verschiedenheit des Begi-iffsmaterials. Im Neuen Testament
fehlen üfiag!.ii>'rj, 'iisn^MiievYj, tiQÖvota . . . ^. Daraus ist er-
sichtlich, daß die Orientierung für den Menschen und die
sittlichen Kategorien im Stoizismus andere sind als iai Cliristen-
tum" (S. 73).
Damit ist ein prinzipieller Punlrt berührt, und dies führt
uns darauf, die Frage der Abhängigkeit Epiktets vom Neueti
Testament, die wir bisher mehr im einzelnen an der Hand
der Aufstellungen Zahns und Knipers geprüft haben, nun auch
noch kurz von allgemeineren Gesichtspunkten aus zu erörtern.
Es handelt sich also für uns jetzt nicht mehr darum, einzelneu
Spuren einer Bezugnahme pjpiktets auf neutestamentliche
Schriften nachzugehen, auch nicht darum, die theoretische
' Die von Feine hier weiter aufgeführten speziHseli stoischen Begriffe,
liie im Kenen Testament fehlen, werden später anr Besprechung kommen.
"Wir werden dsbei sehen, daß auch das Umgekehrte gilt.
Epiktet und das Neue Testament 75
Möglielikeit oder historische Wahrscheiiiliclikeit einer näheren
Bekanntschaft unseres Stoikei'S mit dem Glauben und Leben
der Christen darzutun oder zu bestreiten, sondern es fragt
sich, ob, "wenn je eine solche stattfand, Epiktet seinem
ganzen Charakter nach im Stande war. von christ-
lichen Lehren und Vorstellungen irgend etwas'
auch nur einigermaßen Erhebliches m'it Bewußt-
sein sich anzueignen und gar, ohne ?v am haftmach ung
der Quelle, in seinen Lehrvorträgen zu verwerten. Und diese
Frage müssen wir mit einem entschiedenen „ISetn" beantworten. -
Jeder, der nur einigermaßen in den Geist Epiktets sich ein-
gelebt hat und einzufühlen vermag, muß den bestimmten Ein-
druck haben, daß hier ein Mann zu uns redet, der seiner
Sache subjektiv im allerhöchsten Maße gewiß und sicher ist,
ein Mann, der, wie wenige vor und nach ihm, eine in sich
selbst voUstäudig gesättigte und befriedigte Lebensanschauung
vertritt.
Es ist nun schlechterdings undenkbar und psychologisch
unverständlich, daß ein Mensch, der so sehr wie Epiktet über-
zeugt ist, die absolute "Wahrheit, d. h. wenigstens die Wahrheit,
die man zum Leben braucht, die frei und glücklich macht, zu
besitzen, Anleihen machen würde bei irgend einem anderen
â– System und vollends bei einem so ganz und gar fremdartigen
und heterogenen, wie es für einen Sohn der hellenischen Weisheit
die Eeligion des Alten und des Neuen Testamentes war'.
Dabei ist die unbestreitbare, aber geschichtlich recht wohl
verständliche Tatsache zunächst ganz außer acht gelassen,
daß die klassisch gebildeten Zeitgenossen des werdenden
Christentums mit einem ungeheueren Vorurteil gegen jede
barbarische und vollends gegen jede mit dem verachteten
rludenvollie zusammenhängende Religion belastet waren ^. I^'ur
' Naeh einer anderen Eiehtiing ist dieset Gedanke bereits aa£ Seite ö ff.
Busgcfiihrt wortleii.
^ Die grolie Verbreitung, weloiie ancli ächou in dieser Zeit die ver-
scliiedeneu orientalischen Kalte im rümischeu Reich imd nicht blol! bei den
niederen Ständen gefunden haben (vgl. besunders Franz Cumuut, Die orien-
talisciien Heligionen im rümischen Heidenluui, Deuturh tou G. üehrich,
Leipzig und Berlin 1910), darf docli aieht so »erstanden werden, als "b
76 Adolf Bonhöffer
Epiktet braucbeii wir diese Erklärung gar nicht. Seine
Immunität gegen christliche Vorstellungen wurzelt hinlänglich
fest in der unvergleichlichen Selbstgewißheit seiner philo-
sophischen Überzeugung, die unleugbar, wie jeder derartig
extreme Idealismus, etwas Einseitiges und Intolerantes an
sich hat. Wenn Epiktet, wie jedermann aus seinen Disser-
tationen sieht, als richtiger Vollblutstoiker, nicht einmal im-
stande war, seinen hellenischen Antagonisten, den Epi-
kureern und Skeptikern, einige Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, wenn er kein Bedürfnis und keine Fähigkeit zeigt,
diesen abweichenden Standpunkten, die doch auch dem gemein-
samen Mutterschoß der sokratisch- platonischen Philosophie
entsprossen waren, jedenfalls aber seit Jahrliunderten ihr
Bürgerrecht in der hellenischen Welt besaßen, eine objektive
Beurteilung zu widmen, so versteht es sich von selbst, daß
er noch viel weniger das Bedürfnis empfand, eine religiöse
Bewegung, die von einem so wenig von griechischer Kultur
beleckten Lande und A'olke ausging, aufmerksam zu verfolgen
und mit unbefangenem Blick zu prüfen.
Man konnte mio freilich dagegen einwenden, gerade darin,
daß Epiktet den lilpiknreismus , der doch auch ein Gebilde
griechischer Weisheit war, so heftig bekämpfte, liege ein
Beweis seiner Freiheit von nationaler Befangenheit, die ihn
dann auch dazu befähigt habe, bei fremden, von den Griechen
verachteten VuJkern das Wahre und Gute herauszufinden und
gegebenenfalls sich anzueignen. Daß er dem Christentum,
wenn er es gekannt und richtig erfaßt hätte, sich innerlich
wohl näher gefühlt haben würde als der epikureischen oder
der skeptischen Weltanschauung, läßt sich nicht bezweifeln.
Aber wenn es denkbar ist, daß ein Mensch, der eine feste
Lebensüberzengung und ein beglückendes Ziel seines Strebens
noch nicht gefunden hat, schließlich auch ein tief eingewurzeltes
alles bliuillings dem Taumel rter sjnkfijtiitisclLeii Schwärmerei sich ergeben
hätte. Es blieben gewiß, besonders in der Zeit, tou der wir reden, auch
im rümisclien Weltreich nach genug „Kniee übrig, die sich vor Biial nicht
beugten", Männer die auch in diesem geistigen Chnos die Sonne griechiacher
Geistesklarlieit sich nicht YerKnstern ließen. Und gerade die Stoa, die
echte üftmlich, hat den Eubm, sie am Ifingaten sich bewahrt zn haben.
Epiktet null das Neue Testament 77
Vorurteil zu überwinden vermag und sich nicht schämt, die
Wahrheit anzunehmen von einer Seite, wo er sie am wenigsten
gesucht hatte, so fällt bei Epiktet .jede innere Veranlassung dazu
weg. Wenn daher Feine am Anfang seiner Abhandlung sagt,
das Eigenartige und Unüberbietbare des Christentums liege
in der Offenbarung Gottes, die Christus gebracht habe, und
jeder Versuch, eiue materielle Beeinflussung (ier christlichen
Religion durch fremde Keligionen nachzuweisen, setze sich in
schroffen Gegensatz zu demjenigen, was die, welche es
wissen konnten, die Apostel Jesu und die älteste Kirche,
gerade als das Unterscheidende des Cliristentnms behauptet
hatten, so gilt dies nicht minder auch von Epiktet. Er war in
seiner Weise ebenso offen barungsgiänbig wie irgend ein Yer-
kiinder des Evangeliums Cliri.fti. Zenon und Chrysippos gelten
ihm als die Männer, welche den Menschen den Willen der Natur
geotfenbart haben, und er erhebt sich zu einer in ihrer Weise
ebenfalls unüberbietbaren religiösen Begeisterung, wenn er
diese waliren Wohltäter des Men.schengeschleehts preist, welche
den Weg zum Glucke zeigen, und ihre Lehren Gesetze nennt,
welche „von dorther", d. h. von Gott gesandt seien, um die
Menschen zum inneren Frieden zu führen*. Wer so fest
davon überzeugt ist, auf dem rechten Wege zn sein, der schaut
' I 17, 17fl'.; in 31, 19; I 4, 29: .'iJ ^iyd>.>,s e^vxia;, <J ^ey»Xov
EV8ffyiTov 10V ^stv-vvov^oi XJjv 6Ö6l'[ iV 3 j 12: Ojrrol Ewii' ol ^.KrT'fev
dneaza.X/iii'oi. v,',fioi, lavxa T.i i5i(iT«j-ii«t«. — Schön ans dieser begeisterten
Lobpreisung der ersten stoischeD Scbulbäopter müßte raüii schließen, daß
Epiktet lue Scliriftcu eiues Zenon und Chrysippos selbst verstänülich gfkaniit
bat. DnÜ er sie auch seinem Unterricht zugruDile au leg'en pflegte, ersieht
man aus den ir™nischen Diatribeu gau« deutliuh (!!'■' £) und ist von
Ivo £ruii3 (Dt mhnla Ejikleti, Kihac 18SJ7, 13 ff.) yegeu Tb. Zahns liiichst
uu motivierten Widtrsprucli schlagend erwiesen worden. Sehr erstaunt war
icb daher, in der sonnt recht verdienKtvoUen Untersuchiiu',' Paul Meiuliers
Über das Verhältnis der Sprache Epittets atir .-Vlthis {Dissertationes Pkilo-
iogicac IMaises VüL 17, i:)U7) zu lesen, daß er fa-st alle Schriften der
Stoiker ignoriert bu haben Kebeine und, was er au stoischen Ausdrucken
biete, raebr dem Unterricht des Musonins als den Büchern der stoiscbeu
Sehulhänpter verdanke (p. S). Die Abhandlunf,' vuu Bruns scheint ilim
nicht bekaunt gewesen zn sein, sonst hätle er wenigstens polemi.sch auf
sie Bezug nehmen müssen. Die Ansicht von Bruns teilt mit Entsehiedeiiheit
auch V, -irnim (lüerokles, Berliner Klasaikertcxte IV 1906, SVJ: „Es iet
78 Adolf Boaiifltfer
nicht nach anderen Wegen aus, ob und inwieweit sie vielleicht
auch zum Ziele führen könnten.
Aus demselben Grunde ist es auch yon vornherein un-
wahrscheinlich, daß die Apostel Jesu bei der heidnischen
Philosophie Anleihen gemacht oder auch nur geglaubt hätten,
durch Verwendung griechischer Zutaten die Wirkung ihrer
Heilsverkündigung erhöhen zu können. Was uns selbst bei
Paulus, dem am ehesten mit griechischer Bildung Vertrauten
unter den Aposteln, deutlich entgegentritt, das ist seine tiefe
Abneigung gegen die menschliche Weisheit (I Kor. 1, 21 iF.),
die ihm gegenüber der Offenbarung Christi, in welchem alle
Schatze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen (Kol. 2, 3),
nur als ein Irrweg ersclieinen kann '. So wenig wir nun
dem Apostel, der so über die hellenische Weisheit denkt, die
Charakterlosigkeit zutrauen, daß er insgeheim sich doch mit
den Federn dieser Weisheit schmücken wollte, so wenig
können wir annehmen, daJJ Epiktet seinen Stola auf die
hellenische Offenbarung so sehr verleugnen konnte, daß er
von einem grundsätzlichen Verächter derselben irgendwelche
Belehrung angenommen hätte. Wenn er die Briefe des Paulus
auch nur oberflächlich kannte, so mußte ihm schon das Urteil
das er hier über sein Höchstes und Heiligstes vernahm, alle
Lust benehmen, sich mit der christliehen Religion und Lebens-
anschauung näher einzulassen oder zu befreunden.
Aber auch noch eine andere Erwäguog läßt es uns als
unmöglich erscheinen, daß Epiktet vom Neuen Testament
etwas sollte entlehnt haben. So unleugbar die innere Ver-
wandtschaft beider Weltanschauungen ist, so zahlreich die
Beruhrungen und Übereinstimmungen — wie wir später
noch im einzelnen sehen werden -, so stark und prinzipiell
sind auch, wie allgemein zugegeben wird, die Gegensätze
die zwischen beiden bestehen. Gerade Euiper hat auf Schritt
unzweifelhaft, liali beide (Musotiius acd Epiktetl auch theoretischen Unterricht
und ^«.ar uicht nnr in der Ethik, soaaern aiicli in der Logik und Physik'
erteilten"). ° ■' '
' fl ^'f^ ^^St deshalb E. Norden faaO. II 493) : „Ist es denn nicht
mar, doli dem Apostel, selbst angenommen, er habe die hellenische Literatur
gekannt^ daran hegen mußte, das eher an verbergen als zu zeigen?«
Epiktet und das Neue TesUment 79
und Tritt auch darauf hingewiesen, wie vieles im Neuen
Testament für einen Epiktet rein un verständlich, ja unge-
nießbar und abstoßend sein mußte. Und zwar nicht bloß hier
und da, sondern fortwährend miißte er auf Anschauungen und
Grundsätze, Stimmungen und Empfindungen stoßen, für die
er durchaus kein Verständnis, geschweige denn eine Sym-
pathie haben konntet Und wir sollten diesem Mann, der so
rücksichtslos alles ausschaltet und niedertritt, was in sein
System nicht paßt, die Geduld und Selbstverleugnung zu-
trauen, sich durch so viele Anstöße hindurchzuarbeiten, um
vielleicht da und dort etwas für iliti Brauchbares zu finden
und einer gewissen geistigen Gemeinschaft bewußt und froh
zu werden? Oder sollten wir ihn gar für so kiitiklos halteu,
daß er des tiefen Gegensatzes zwischen christlicher und
stoischer Weiüheit nicht einmal gewahr wurde? Beides ist
nnmöglich, und ebenso unmöglich ist die weitere Annahme,
daß er, wie Kuiper meint, sogar in seinen Lehrvorträgen so-
wohl positiv manches Christliche eingestreut als auch polemisch
auf die Christen angespielt habe. Wenn, wie sich mir dies
von selbst zu verstehen scheint, Christen nicht unter seinen
Zuhörern sich befanden, so wären ja diese Anspielungen, die
zustimmenden wie die ablehnenden, völlig vergehlich gewesen,
weil sie von niemand verstanden und beachtet worden wären.
(Vgl. oben S. 42.} Selbst wenn eine Christengemeinde in
NikopoHs bestand, so durfte Epiktet ohne weiteres annehmen,
daß die Leute, die zu ihm, dem Philosophen kamen, kein
Interesse für die neue Sekte hatten. Lag ihm aber auch nur
das Geringste daran, auch von christlichen Ohren gehört zu
werden oder seine Stellung zum Christentum kundzugeben,
so hätte er das sicherlich nicht in versteckten Andeutungen
sondern in offener, freimütiger Auseinandersetzung getan.
Aber von allem dem sehen wir in den Dissertationen
keine Spur. Was wir sehen, ist nur, daß er alle Mühe auf-
' Auch G, Heincici, Der literarische CiiBrakter der neutest, Sclitifteu,
Leipzig 1308, 109 urteilt ähulich: Hätte Epiktet die ueutestani entliehen
Sebrifteu geleseu, so würde er sich tou vielem wohl verwandt berührt ge-
fühlt lialieu, vieles andere hätte ihn ahgeatoßen, vielea hittte er niclit ver-
gtandeii und vieles TermiüC.
80 Adolf BoBhÖffer
wendet und ganz und gar von dem Zweck geleitet ist, seine
Zuhörer zum rechten Verständnis und zum ernstliehen Er-
greifendes stoischen Lebensideals zu führen. Darauf ver-
wendet er die ganze Kunst seiner Beredsamkeit, und alles, was
er aus dem reichen Vorrat seiner Lebenserfaliriing und seiner
literarischen Bildung beibringt, muß diesem Zwecke dienen.
Niemals verliert er sich in allgemeine Betrachtungen, niemals
sucht er etwa durch behagliches Plaudern das Angenehme
mit dem Nützlichen zu verbinden. Also selbst wenn ihm das
Christentum einigermaßen interessant gewesen wäre, hätte er
es für eine Pflichtverletzung gehalten, seine Zuhörer mit Be-
merkungen und Gedanken zu speisen, die nicht direkt zur
Sache gehörten. Aber daß es ihm nicht viel Interesse, ge-
schweige denn großen Respekt eingeflößt hat, geht, wie wir
sahen (S. 43) aus der einzigen Stelle, wo er sicher die Christen
erwähnt, deutlich hervor. Wenn er sogar den heroischen
Vorsatz eines ihm befreundeten Mannes, sich auszuhungern,
für eine Narrheit erklärt, weil diesem Vorsatz keine ver-
nünftige Überlegung, sondern nur eine grillenhafte Anwandlung
zugrunde liegt (11 15, 7fF.), so wird er gewiß über die
Sterbensfreudigkeit der Christen, deren wahres Motiv er nicht
verstand, nicht günstiger geurteilt haben. Jedenfalls ist,
wenn wir uns an Epiktets eigene Aussagen halten, so viel
sicher, daß er die christliche Lehre niemals als eine auch
nur annähernd ebenbürtige Weltanschauung betrachten konnte,
eben weil sie iiim, der nur eine durch methodische dTinäsi^ig
zustande gekommene Wahrheit gelten ließ, nicht als ein
Erzeugnis der denkenden Vernunft erschien ', und daß er des-
halb unmöglich veraucht sein konnte, irgend etwas Christ-
liches wissentlich in sein System herii herzunehmen.
Hiermit sind auch die allgemeinen Erwägungen gegen
eine Benützung des Neuen Testaments durch Epiktet er-
schöpft. Von noch allgemeineren und umfassenderen Gesichts-
punkten aus hat E. Norden die Frage behandelt (aaO. II 452 ff.).
' Ganz ebenso apriclit Galenos Ton den livanoSciKToi. voftoi der Juden,
und Christen (VIII 579 K), und noch Julian beurteilt sie von demselben
antik intellettHaJisti sehen Gesichtspunkt ans, wenn er ihnen die Worte
entge gen sohle udert : vfttöv äi j; ä}.oyia, S. Norden aaO. II i54.
Bpiktet nnii das Neue Teatament 81
Für ihn sind Hellenismus und Christentum Weltanschauungen,
die sich im Prinzip ausschließen; Stoa und Christentum Ins-
besondere sind prinzipiell Gegensätze, „was heute wohl her-
vorgehoben zu werden verdient, wo es Mode wird, die scharfen
Grenzlinien zu verwischen, welche einst Lor. Valla ... ge-
zogen hat". Inwieweit wir uns auch diesem letzteren urteil
anschließen können, wird sich zeigen, weün wir nun zum
zweiten Teil der Kritik übergehen, zur Erörterung der
Frage, ob vielleicht eine Abhängigkeit des Neuen Testaments
von Epiktet oder überhaupt von der späteren Stoa sieh nach-
weisen lasse.
ReUBionsgesobialitliehe Veraiielie a. Vorarbeiten X.
82 Adolf BonhöfEer
Zweiter Teil
Abhängigkeit des Neuen Testaments von der Stoa
Erster Abschnitt
Allgemeines
Die Untersuchung, die hier zu führen ist, fällt eigentlich,
so scheint es, a.nfte.rhalb des Eahmens einer Arbeit, welche
das Verhältuis Epiktets und des Neuen Testaments zu ihrem
Gegenstand hat. Denn eine literarische Benützung der von
An-ian etwa ums Jahr 130 n. Chr. aufgezeichneten epik-
tetischen Gespräche durch Schriftsteller des Neuen Testaments
ist ein Ding der Unmöglichkeit, selbst wenn man einzelne
der heiligen Schriften, d. li. etwa das Evangelium Johannis
und einige der katholischen Briefe erst in der ersten Hälfte
des 2. christlichen Jahrhunderts abgefaßt dächte (S. 3). Da-
gegen wäre es nicht undenkbar, daß ein neutestamentlicher
Autor Epiktets Vorträge in Eom oder später in Aikopolis
gehört und Eeminiszenzen daraus in sein heiliges Buch ver-
wehen hätte. Jedoch ist diese Annahme sowohl äußerlich
als auch innerlich so unwahrscheiulich, daß sie ruhig außer
Betracht bleiben kann, zumal da gerade derjenigo, dessen
Briefe anerkanntermaßen am ehesten etwas von stoischer
Färbung an sich habeu, der Apostel Paulus, gar nicht davon
getroffen würde. Sollte sich also Stoisches im Neuen Testament
nachweisen lassen, so könnte es nicht von Epiktet, söndei'U
EpJfetet nnd das Nene Testament B3
nur von solchen Vertretern dieser Lehre stammen, die min-
destens eine Generation vor jenem gelebt haben.
Aber wenngleich Epiktet selbst aus dieser Untersuchung'
ausscheidet, so ist sie doch auch für die Feststellung des Ver-
hältnisses zwischen ihm und dem Neuen Testament wichtig,
ja unerläßlich, denn Epiktet bietet ja bekanntlich materiell
wenig Eigenes und Originelles, sondern nur die allgemeine
orthodoxe Lehre der Stoiker, wie sie, nach Überwindung der
eklektischen Richtung des Panaitios im Zeitalter Christi wieder
zu neuem Leben erwacht war, speziell in der Gestalt und
Beleuchtung,, wie er sie bei seinem Lehrer Musonius kennen
gelernt hattet Wenn also überhaupt ein stoischer Einfluß
auf das Neue Testament stattgefunden hat, so liegt es natür-
lich viel näher, die Anklänge, die sich bei Epiktet finden, auf
eine Bekanntschaft der nentestamentliehen Schriftsteller mit
der Stoa als auf eine Abhängigkeit Epiktets vom Neuen
Testament zurückzuführen, und es ist klar, daß, wenn der
Nachweis dieses Einflusses gelingt, die im ersten Teil durch-
geführte Ablehnung einer Abhängigkeit Epiktets vom Neuen
Testament nachträglich eine weitere Stütze erhält.
Die Frage, in die wir jetzt eintreten, ist nicht bloß von
jeher eine Lieblingsfrage gewesen für alle diejenigen, welche
zu einer objektiven Auffassung des Christentums befähigt
waren, sondern sie ist gerade 'in unserer Zeit, im Zusammen-
hang mit dem gewaltigen Aufschwung der vergleichenden
Religionswissenschaft, wieder zu einer sehr brennenden Frage
geworden (S. 2). Die Tendenz, die gewaltige Erscheinung des
Christentnms als natürliches Produkt der menschlichen Geistes-
entwicklung zu erklären, hatte in den siebziger Jahren des
letzten Jahrhunderts ihren radikalsten Ausdruck gefunden in
den Werken von Bruno Bauer und in Ernest Havet's Le
chrisHaimme et ses origines Paris 2. ed. 1873C Ihnen zufolge
ist die christliche Religion nichts weiter als eine Verbindung
des jüdischen Monotheismus mit der gnechischen, d. h. pla-
tonisch-stoischen Philosophie; ja Havet schaltet sogar den
' Die OrthodoTiie Epiktets wird neuerdings ziemlieli allgemein zu-
jtegeben. Vgl. H. y. Aruini in Panlj-Wissowa nnter Epiktetos; Colmiieau
aaO. 340; E. Caird aaO. 84.
6*
84 Adoäf Bonl!i)ffer
jüdischen Faktor fast ganz aus und sagt in allem Ernst, die
Quintessenz des Christentums sei nii;ht.s anderes aly stoische
Philosophie \ Wir können heute derartige radikale und grund-
verkehrte Urteile kaum mehr begreifen und sie nur erklären
aus eineKi gewissen geistigen Zwang, welchem gerade oft
hochbegabte und geistreiche Köpfe in der Verfolgung eines
neuen Gedankens unterliegen. Es versteht sich voü selbst,
daß solche maßlose Theorien nicht bloß auf selten der Gläubigea
sondern auch unter den Männern der wissenschaftlichen
Forschung keine weitere Beachtung finden konnten l Um sa
mehr ist es-der letzteren gelungen, den wahren Kern, der in
jenen ausschweifenden Ideen steckte, herauszuschälen und die
tiefgreifende Beeinflussung der christlichen Dogmenbildung
durch die griechische Philosophie an das Licht zu stellen.
Ich nenne hier nur die grundlegenden Werke, Adolf Har-
nacks Dogmengeschichte (Tüb. 190ö) und Edwin Hatchs
„Griechentum und Christentum" (Deutsch von E. Preiisehen,
Freiburg 1892), die wohl im einzelnen vielJeicht auch zu weit
gegangen sein mögen in der Erklärung des Christlichen aus
dem Griechischen, aber im ganzen eine Position geschaffen
haben, von welcher nicht mehr abgegangen werden kann.
Jedoch auch die Versuche, das neutestamentliche Christen-
tum selbst, in größerem oder kleinerem Maße, auf anderweitige
Einwirkungen zurückzuführen, sind Ms heute nicht ganz zum
Schweigen gekommen. Es war nur natürlich, daß die auf-
sehenerregende Delitzsch'sche These von den babylonischen
Elementen in der israelitischen Religion auch die Frage wach-
rief, ob nicht auch im Neuen Testament sich die Einfliisse
onentalischer Keligionen bemerkbar machen. So wurde und
wird zur Erklärung des Christentums besonders derParsismus,
dann aber auch, als etwas ganz Neues, als eine Frucht der
' ÄaO. I 317: fotit cela (die atoiscle Gütetlelire) c'est le christianisme
mSme; II 263: presque tout Senique est chretien; II 290; le ckristiartisme
n'a fait qu'kSriter de la pMlosophie de l'antiquiti.
" Dagegen ist ca nicht zu verwundern, wenfi dieae Grundsätze in
BtScliem, welche der Aufklärung der Massen dienen sollen, immer noch aus-
gesprochen werden. Vgl. ilie neueste dentache Ubersetssnng öes epiktetiachen
llandbüchleins von H. Schmidt, Leipzig 1909.
Epiktet und das Neue Testament 85
gewaltig angewachsenen Papymsliteratur, die ägyptische
Eelig:ioii lierangezogen, letztere besonders von Riehard Reit zen-
stein, während andere, darunter P. We n d 1 a n d und Th. Z i e -
1 i 11 s k j , mehr die religiösen Mysterien der griechisch redenden
Welt überhaupt und insbesondere die von dem platonisierenden
Stoiker Poseidonios ausgehende mystische Eichtuiig ins
Auge fassen. So kommt Zielinski neuestens wieder zu einer
sehr gewagten, an Bauer und Havet erinnernden Lösung, wenn
er sagt, das Christentum sei dem Judentum innerlich fremd
und müsse vielmehr als die religiöse Krönung der antiken Welt
in ihrer Entwicklung von der archaischen zur ökumenischen
Periode verstanden werden (Die Entwicklung der geistigen
Kultur, S. 110, in „Schaffen und Schauen" Bd. 2, Leipzig 1909).
Ja nicht bloß die griechische und griechisch-orientalische Welt,
sondern sogar der fernste Orient, der Buddhismus wird neuer-
dings wieder als die wahre Heimat urchristliclier Gedanken
und Gebräuche in Anspruch genommen, so besonders von Vau
den Bergh van Eysinga, dem wir bereits als Gegner
Kuipers begegnet sind (Indische Einflüsse auf evang. Er-
zählungen, 2. Aufl., Göttingen 5909). Andererseits ist auch
die theologische Apologetik scharf auf der Wacht, um alizu
kecke Angriffe auf die Originalität der Lehre Jesu abzuwehren \
Von allen diesen Problemen, die zum Teil erst im Än-
fangsstadium der Behandlung sich befinden, haben wir es bier
nur mit dem einen zu tun: zeigen die Schriften des
A'^euen Testaments oder wenigstens einzelne von
ihnen in Wortschatz und Begriffsmaterial, ja
vielleicht auch in den religiösen und ethischen
Anschauungen eine Einwirkung der stoischen
Philosophie? In seiner schon öfter erwähnten Eezension
der Zabnschen Schrift hatte P, '\^'endland am Schluß die pro-
gritmmatischen Worte geschrieben: „Ob nicht schon die ur-
christliche Literatur in Stilform, Ideen und namentlich Ver-
gleichen von dieser (stoischen) Gedankenrichtnng einen Einfluß
erfahren hat, der gar nicht einmal literarisch vermittelt zu
' Vgl. C. F. Nö8gen, Der angebliehe orientalische Einschlag der Theo-
logie des Apostels Paulus (Neue kircWielie Zeitschrift 1909, Heft 'i und 4).
Kr wendet sich besouders gegen Weudlaads „ Helle niätiseü-Eümische Kiütiir".
86 Adolf Bonhöffer
sein braucht?" Er hat diese Ändeutniigen später in seinem
Aufsatz „Christentum und Hellenismus in ihren literarischen
Beziehungen" (Neue Jahrbb. IX 1902) und in dam schon öfter
erwähnten Werke „Die hellenistisch-römische Kultur" genauer,
luid zwar in durchaus bejahendem Sinne, ausgeführt, und die
Mehrzahl der liberalen protestantischen Theologen hat sich
wohl im ganzen seine Anschauungen angeeignet, was ja schon
darin zum Ausdruck kommt, daß die letztgenannte Schrift
Wendlands die Einleitung zu dem von liberaler Seite heraus-
gegebenen Handbuch zum Neuen Testament bildet. Inzwischen
hat Ed. Norden im 2. Bande seines Werkes über die antike Kunst-
prosa niclit bloß Th. Zalms Ansicht von der Abhängigkeit Epik-
tets vom Neuen Testament in schrotter AVeise zurückgewiesen,
sondern auch gegen die umgekehrte Auffassung, Überhaupt gegen
das Bestreben, Uterarische Entlehnungen herüber oder hinitbev
finden zu wollen, sich in sehr temperamentvoller Weise aus-
gesprochen. G. Heinrici, der in seinen Kommentaren zu den
Korintherbriefen die profane Literatur zur Erläuterung viel-
leicht in allzu reichlicher Weise herangezogen hat und der
von Nordens Tadel speziell getroffen war, hat im Anhang
seiner Bearbeitung des Meyerschen Jfommentars zum II Ko-
rintherbriefe (1900) auf diesen Angriff scharf erwidert und,
abgesehen von der persönlichen Polemik, zur Klärung der
Frage viel beigetragen ^ Wenn man die Sache nämlich rnhig
' Iii einig-eii FTinkten bin ich mit Helurici nioht ganK eiaverstanden.
Wenn er darauf iinweist, daß Paulus in Tarsus iiifiht nur gebureil und
anferzogen worden sei, sondern au«h nacli seiner Beliehrnug: eieli längere
Zeit dort aufgehalten liabe, so grlindet sich dies nur auf den Bericht der
Apostelgeseliiohte (9, 30). Paulus selbst aber sagt nichts Ton Tarsus, sondern
drückt sich ganz unbestitunit aus (Gal. 1, 21: äs la .■ki/ia-za rlje 2Vj,/uff
«fli riji KiLxian). Aua beiden Stellen gebt also nicht mit Sicherbeit hervor,
daC er längere Zeit in seiner Vaterstadt Terweilt habe; auch sogen die
Acta niebt, was er dort getrieben hat. Dagegen lälit sich aus der Stelle
im Galaterbrief sdilielien, dali er damals schon mit der Verkündigung des
EvangeliumB begonnen hat; Näheres über die Art und Weise, Umfang und
Ausdehnung dieser Mission ist nicht bekannt. Wie dem auch sei, jedenfalls
war er aber in jener Zeit der ersten ETangelisation oder der inneren
Sammitmg und Vorbereitung auf dieselbe kaum in der Verfassung, i'ich
um das, was die Griechen trieben, ernstlich zu kümmern. — Die Anwendung,
welche Heinrici von den drei ro'jioi Epiktets (Ejieh. &3 — nicht 76!) anf die
Epiktet und dofNeue Testament 87
betrachtet, so weichen die Ansichten Nordens und Heinricis
gar nicht so weit voneinander ah. Denn einerseits läßt
Heinriei darüber keinen Zweifel, daß er das, was für das
Christentum zentrale und konstitutive Bedeutung hat, nicht
aus der griechischen Philosophie herleiten will, und er erklärt,
allerdings mehr in den späteren Schriften, ganz deutlich, daß
er keine literarische Beeinflussung annehme, sondern nur von
Analogien rede, die auf das ethisch-religiöse Gemeingut der
Zeit hinweisen '. Andererseits ist auch Norden weit entfernt,
die Bekanntschaft des Paulus mit der griechischen Kunst-
prosa, und zwar derjenigen der asianischen Sophistik, zu
leugnen. Noch weniger verkennt er die weitgehende geistige
Verwandtschaft des Christentums mit der Stoa. Schon in
einem fiüheren Aufsatz (Philol. Jahrbb. 189ii, 398) hatte er
erklärt, zwischen Kynikern und Spätstoa einerseits und Christen-
tum andererseits besteben so enge Beziehungen, daß beide
oft kaum zu unterscheiden seien. Und auch in seinem Haupt-
werk spricht er es aus, daß Stoa und Christentum sich an
entscheidenden Punkten, z. B. in der Frage der Willensfreiheit
und der Askese, berührt haben und gibt eine ausgezeichnete
Darstellung derjenigen geistigen Elemente der hellenischen Welt,
an welche das Christentum anknüpfen konnte und welche ihm
seinen Eingang in die Heidenweit erleichterten.
So scheint mir denn gegenwärtig in der Hauptfrage unter
Areopagrede macht, ist yerteiilt. Wenn die Athener für die yon Piulna
Torgetiageneii Leiiren Beweise Terlangten (zweiter rÖTioi) — es steht
aber nichts diiTon da — , so waren sie ganz in ihrem Recht, und Epiktet
wäre der letzte gewesen, der dieses Verlangen unbillig gefnuden hütte.
Aaeh die Entscheidung darüber, oh die Beweise Jogisch korrekt seien
(drittel- lö-^ai)^ hatten sie sich selbstverständlicii Torbehalten müssen. Was
aber den ersten Topos betrifft, die praktische Betätigung der Dogmato, so
hatte auch der Apostel diesen vor den Athenern keineswegs an sieh selbst
schon zur Anschauung gebracht, er hatte nur eine Ansprache gehalten.
Also die ganze epiktetieche Untersclieidung der drei tÖTtot iat mit dem Vor-
gang in Athen gar nichts zn tun.
' „Von vornherein darf als sicher gelten, daß weder die Klassiker der
griechischen PopnlorphiJoaophie im 1. und 2. Jahrh. neutestam entliche
Schriften studiert haben, noch Jlänner der 1. und 2. christlichen Generation
aus jenen ihre Orieutiernng sich geholt haben" (Die Bergpredigt begriffa-
geschichtUch untersucht, Leipzig 1905).
88 Adolf BonJiüifer
Phüologen und Theologen eine erfreuliche Einigkeit zu
hen-schen, nur mit der Modifikation, daß die mehr konservativ
gerichteten Theologen das hellenische Element im Neuen
Testament sowohl quantitativ etwas mehr einzuschränken als
auch qualitativ mehr auf das Peripherische am Christentum
zn reduzieren trachten. Neuerdings hat min Carl Giemen
(Relig.gesch. Erklärung des Neuen Testaments, Gießen 1909)
den Versuch gemacht, aus den Untersuchungen der letzten
Jalire über die Abhängigkeit des ältesten Christentums von
nichtjüdischen Religionen und philosophischen Systemen ein
vorläufiges Fazit zu ziehen. Da er mit großer Sorgfalt alles
wichtigere Material zusammengetragen hat, so können wir
uns im wesentlichen an seine Darstellung halten. Es handelt
sieh dabei hauptsächlich um den „Ahsöhnitt I. Allgemeiner
Teil. A. Das Christentum im Allgemeinen" (S. 30—58). Hier
bespricht Clenien speziell die Punkte, bei welchen ein Einfluß
der griechischen Philosophie auf das Nene Testament ange-
nommen werden muß oder kann , indem er die einzelnen
Schriften der Reihe nach durchmustert. Im übrigen, größeren
Teil des Buches ist, abgesehen von dem zusammenfassenden
Schluß (S. 285 ff.), nur hier und da noch die griechische Philo-
sophie zur Erklärung einzelner Stellen herangezogen, es über-
wiegt darin weitaus die Vergleichung des Neuen Testaments
mit der jüdischen, rabbinischen Literatur und besonders mit
den orientalischen Religionen, Parsismus, Buddhismus und mit
den hermetischen Schriften. Auch in jenem oben bezeichneten
Abschnitt interessieren uns hier ausschließlich die Anklänge
an die Stoa und auch diese nur, insoweit sie Giemen selber
gelten läßt. Was er als nicht beweiskräftig ablehnt und was
vielfach gar nicht als Zeugnis der Abhängigkeit, sondern nur
als Parallele gemeint war^, wird, soweit es mir interessant
scheint, erst im zweiten Buch, das von der Verwandtschaft
zwischen Epiktet und dem Neuen Testament handelt, ver-
wertet werden.
' Dies bemerke ich namentlich auch mit Bezug auf das, was Clemen
ans meinen früheren Werken über Epiktet anführt nnd bekämpft: an eine
AbhSugigkeit des Neuen Testaments von der Stoa oder nmgckehrt
habe ich dort nirgends erinnern wollen, sondern lediglich hier und da eine
Epiktet Tuid das Neue Testwnent 89
Zweiter Abschnitt
Die Synoptiker und Verwandtes
Wie ist es nun nach Giemen mit der Abhängigkeit des
Neuen Testaments von der Stoa bestellt? Von den Evangelien
sagt er, daß ein^ indirekter oder direkter Einfluß der grie-
chischen Philosophie auf die Predigt Jesu und die Anschauung
der Synoptiker nur in einigen Ausdrücken, Metaphern und
Gleichnissen wahrzunehmen sei, die den Inhalt wenig alterieren^.
Von Matth. 5, 48 brauche ich nicht viel Worte zn machen.
Clemen gibt selbst zu, daß der Sinn der Ermahnung „ihr
sollt vollkommen sein" mit der stoischen Voratellung von der
ethischen Vollkommenheit des Menschen nichts zu tun hat.
Nur auf den Ausdruck t^z-eioq, meint er, könnte die grieuliische
Philosophie eingewirkt haben, weil er sonst im Neuen Testament
nirgends auf Gott angewendet wird. Aber ich halte diese
Annahme nicht für geboten; denn das Wort j^leiog frird
auch sonst im Neuen Testament so häufig angewendet und
auch mit Gott wenigstens in so nahe Beziehung gebracht
(Eöm. 12, 2; I Kor. 13, 10; Jak. 1, 25), daß dieses Prädikat
ebensogut Gott direkt beigelegt werden konnte. Überdies
paßt das Wort nicht ganz in den Zusammenhang, in welchem
speziell von der erbarmenden Liebe die Rede ist, wie denn
auch Lukas üly.TiQf.<vjv statt liXsioe liat.
Eine Möglichkeit griechischen Einflusses findet Clemen
ferner in dem Bild von den beiden Wegen (Matth. 7, 13).
Die Lukasparallele, in der nur von einer engen Türe die
Kede ist (13, 24), gibt natürlich keinen Anlaß an die pro-
dizeische Fabel von den zwei Wegen zu denken. Bei Matthäus
aber erseheint der Spruch in einer veränderten, mehr rhetorisch
stilisierten Fassung, wie ja überhaupt die ganze Bergpredigt
inhaltlich verwandte Stelle aus dem Neuett Testament zur Illustiation bei-
gezogen.
' Noch entschieden er spricht sieh Leipoldt aua in der bereits zitierten
Stelle (aaO. 144), — Norden (aaO. 473) : „Wer in dem Stoff der synop-
tischen Evangelien irgend weklien belleiiistischen Einfluß annimmt, begeht
einen prinzipiellen Fehler."
90 AdolE Bünhüffer
bei ihm kunstvoller kompouiert ist. Nimmt man an. was mir
wahrscheinlich ist, daß die Fassung bei Lukas die nrsprüiig-
liche ist oder jedenfalls der „Redenquelle" näher steht ^ so
würde sich allerdings die Erweiterung und Verschiebung, die
der Spruch bei Matthäus erfahren hat, ganz hübsch erklären
aus einer Kontamination des Jesusspruchs mit einer Reminis-
zenz aus der griechischen Spruchweisheit. Indessen ist der
Gedanke, die Verschiedenheit im moralischen Verhalten der
McRScben durch das Büd von ver.'ichiedenen Plätzen oder
Wegen zu veranschaulichen, auch dem Alten Testament ge-
läuüg, man denke nur an den „Weg der Sünder" in Psaim 1,
der als sein Korrelat natürlich auch einen Weg der Gterechten
fordert ^
Aueb der Spruch „Kann man auch Trauben lesen von
den Dornen oder Feigen von den Disteln?" (Matth. 7, 16J und
der ähnliche bei Jak. 3, 12 (/») äövaiai avx.r: iXaiug jton'jßai
^ Bf-iTieloi; avxa;) scheint mir nichts Hellenisches an sich zu
tragen. Wetstein und Heinrici erinnern hiezu an Epiktet 11
20, 18 : ricui; ^ÖQ öüvarai SftTiflog ftij äfiTishiiß/s xivelod-at, älk'
ikaix&g, ij iXata itdXiv fiij iXa'Cxih(^ &H' &ft!i:eXriiiig; Aber schon
rein äußerlich betrachtet ist die Ähnlichkeit gar nicht einmal
so groß, wie sie auf den ersten Anblick zu sein scheint. Ab-
gesehen von dem spezifisch griechischen, nur einem mit der
griechischen Philosophie Vertrauten recht verständlichen
Ausdruck äfiiteXixag y.ivilü!>ai ist bei Matthäus der Weinstock
' Eine AniJeutniig daTon, daß die Version des Matthäus eine Ab-
lenkung vom urspriiiigiiolicn Sinn erlitten hat, künnte man in der SehluB-
wenduug erblicken »"i ö'Uyoi ihiv ol eiißiffnoj'ree «ür/Jr. Dieser Schluß
Stimmt nicht zum Anfang, wo siifgefordeit ist enni Eingang- durch die
enge Pfnrte, wie wenn diese für jeden erkennbar und erreichbar wäre.
Das „Suchen" erinnert unwillkürlich an die FasBUng bei Lakas, obwohl es
wieder mit dem Sich hin ein dräu gen oder Hindurch ringen sioh nicht ganz deckt.
* Noch viel näher liegt es, an die jüdische Bildersprache zu denken,
wenn A. Haraack Becht hat mit seiuer Verimituög, daß der Didache eine
jüdische, auch im Barnnbasbrief benutzte Schrift „von den beiden Wegen"
zugrunde liege (Die Apostellehre, Leipzig 1P86). Diese Ansieht ist neuer-
dings Tua dem Stockholmer Eabbiner G. Klein wieder aufgenommen und
näher ausgeführt worden (Der älteste christliclie Katechismus [Didache]
und die jüdische Propagandaliterfttnr. Üerliu lü09].
Epiktet Tind das Neue Testament 91
gar nicht genannt, nur die Traube, diese aber ist mit den
Dornen in Verbindung gebracht, nicht mit dem Ölbaum, während
die andere Syzygie, Feige und Distel, bei Epiktet ganz felilt.
Näher berührt sich der Wortlaut des letzteren mit dem Ja-
kobuswort, insofern beiden wenigstens die (naturwidrige) Vor-
stellung einer Vertauschung der Früchte gemeinsam ist, wie-
wohl bei Epiktet es nur im allgemeinen heißt, daß die Kebe
sich nicht wie ein Ölbaum geben könne, und bei Jakobus
Rebe und Feige und wiederum Feige und Ölbaum verbunden
sind, während Epiktet, auch in dieser Kleinigkeit die strengere
Gedankenzucht des Hellenen verratend, nur Rebe und Ölbaum
in ein reziprokes Verhältnis setzt.
Aber, wenn schon der Wortlaut sieh keineswegs deckt,
so ist die Verschiedenheit des Sinnes eine so große, daß man
wirklich nicht begreift, wie man im Ernste einen hellenischen
Einfluß auf diese biblischen Bildersprüclie annehmen mag.
Epiktet spricht an der genannten Stelle von seinem Erbfeind
Epikur und dessen Inkonsequenz, kraft welcher er, der den
reinsten Egoismus predige, doch so viel Mühe sich gebe mit
Bücherschreiben, offenbar gedrungen von einem unwillkürlichen,
unausrottbaren Ti'ieb des Menschen, seinen Mitmenschen zu
nützen. „Etwas so Starkes und ünbesiegliches ist die Natur
des Menschen", daß er ein wesentliches Stück seiner Aus-,
stattung nicht ganz verleugnen kann, wenn er es gleich in
seiner Verblendung will. Und nun folgt der Vergleich mit
dem Weinstock, der unmöglich seine Natur verleugnen und
etwa die des Ölbaums annehmen kann. Ebensowenig kann
der Mensch die menschlichen Regungen und Triebe ganz und
gar vertieren. Dies ist der Zusammenhang. Der Weinstock
ist also in dieser Vergleichung verwendet lediglich als ein
Stück der Natur, genauer als ein Naturorganismus, der
mit Notwendigkeit seinem inneren Gesetz folgt; er kommt_
hier gar nicht in Betracht nach seiner Güte oder seinem
Nutzen für die Menschen, und Epiktet hätte gerade so gut
.sagen können „Wie kann der Dornstrauch anders denn als
Dornstrauch sich gerieren, d. h. Dornen Iiervorbriugen?". In
dem Spruch der Bergpredigt aber liegt das ganze Schwer-
gewicht auf dem Q u a 1 i t ä t s u n t e r s c h i e d zwischen Trauben
92 Adolf Bonhöfter
und Domen, Feigen und Disteln, und aus der Qualität dei-
Früchte (der Werke) wird auf die Qualität des Baumes (des
MeDseheii) geschlossen '._ Der Sinn ist also im Grunde eher
ein entgegengesetzter als ein verwandter: Jesus sagt, ein
schlechter Mensch, wenn er gleich gute Grundsätze im Munde
führt, -wird sich schließlich doch in seinem Tun und Handeln
verraten; Epiktet sagt, ein Mensch wie Epikur, der die
schlimmsten Gruuiisätze predigt, kann dennoch nicht ganz
und gar den Menschen und das Gute, was von Xatur im Menschen
liegt (man beachte auch hier den prinzipiellen Gegensatz
beider Weltanschauimgen !) verleugnen.
Ich habe die Verglcichung absichtlich so ausführlich an-
gestellt, um an einem, wie mir scheint, eklatanten Beispiel
zu zeigen, wie oberflächlich zuweilen mit der Ausbeutung und
Ausdeutung solcher „Parallelen'' verfahren wird. Etwas gröfäer
ist die Ähnlichkeit des Sinnes allerdings bei der Stelle des
Jakübusbriefes. Hier ist in einer zwar mit heidnischen Federn
geschmückten aber doch im ganzen echt jüdisch empfundenen
und stilisierten Auslassung - die Hede von der Stacht der Zunge
' Auf deu bedenklich dualistischen Chsraktoc des Syllogisinns will ich
imi nebenher aatmciksam gemacht haben.
' Auch J. Geffcken, der mit glücklichem Scharfsinn die Komposition
des Stückes untersuulit liat (K.vnik« uad Verwandtes, Heidelberg 1909,
8. 45 ff.) kommt darauf hinaus, dali der Verfasser des Briefs ein Stück einer
judisch-hellenistischen Diatdbe seiner Ausführung uLiorganisch genug
einverleibt habe. Dag Bild von den Rossen und Schiffen stammt zweifellos
ans der profanen Literatur. Der Hauptgedanke dagegen von der Wichtig-keit
der Zunge und ihrer Beherrschung ist echt jüdisch, wie ein Bjjck in die
Bittest ament liehe Spruchliteratur zeigt. Ebenso muß der Vergleich von der
Feige und Bebe am Schluß des Absehnitts nicht notwendig fremdes Material
sein, da die Äedeu Jean diese Gewäcise ebenfalls gerne zur lUustration
verwerten. Sehr nahe berührt sieh allerdiiigs mit der Jakobasstelle Plufarch
de tranqn. an. 472f., wo ebenso, wenn auch in anderer Kombination, der
Ölbaum als drittes Gewächs zum Zweck der Variation verwendet wird.
Sicherlich nichts zu tun hat aber mit beiden Stellen das Wort des Epiktet.
Denn bei ihm hat es nicht bloß einen ganz anderen Sinn — das würde ja
an sich, wie Geffcken richtig betont, nicht gegen eine Entlehnung sprechen —
sondern gar keinen sprich wörtlichen oder stereotypen Charakter, wie er
denn die Eebc und die Feige mit VorÜehe, in ganz verschiedenem Zu-
sammenhang iijid Knr VBran3chiuiIichi.iug der mannigfaltigsten Gedanken
verwendet (X 4, 32; I 15, 3; III 34, 86; IV 1, 121). überhaupt seheitit es
Epiktet miä das Neue Teetameat 93
als des Organs, durcli welches sielt die Gesinnung des Menschen,
die gute odev die böse äußert. , Durch sie loben wir Gott
den Vater nnd durch sie fluchen wir den Mensehen, die nach
dem Bilde Gottes gemacht sind. Es soll nicht, liebe Brüder,
also sein. Quillet auch ein Brunnen ans einem Loch süß und
bitter? Kann auch ein Feigenbaum Öibceren oder ein Wein-
stock Feigen tragen?^' Der Verfasser exemplifiziert also in
ähnlicher Weise wie Epiktet aus der Natur nnd begründet
aus der Konstanz und Eindeutigkeit der Naturkräfte und
Naturdinge seine Forderung, daß der Miensch die widerspruchs-
volle Verbindung von Gut und Bös in seinen Reden und Taten
ablegen und ein eindeutiges, natürlich ein gutes und heiliges
Wesen offenbaren soll. Zur Veranschaulichung dieses Ge-
dankens ist das Bild von der Quelle ganz geeignet, nicht aber
da^ andere, denn es sollte, wenn es konform dem ersten wäre,
etwa lauten: „Kann auch ein Feigenbaum Feigen und Gift-
beeren tragen oder die Rebe Trauben und Nieswurz?" Nun
darf man ja Eildervergleiche nicht pressen, aber die Gedanken-
losigkeit ist in diesem Falle doch etwas stark, so daß man
auf die Vermutung kommen kannte, der Verfasser habe sich,
während er das erste Bild niederschrieb, an ein vielleicht
aus dem Munde eines kynisch-stoischen Wanderpredigers ge-
hörtes Wort erinnert und dieses zur Füllung seines eigenen
Gedankenvorrats verwendet, ohne sieh darüber Rechenschaft
zu geben, daß es eigentlich einen etwas anderen Sinn habe.
Kehren wir nach dieser kleinen Abschweifung zu unserem
Gegenstand zurück, so will Giemen auch bei dem Spruch „die
Gesunden ^ bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken"
(Mark. 2. 17 und Parall;) die nach Adolf Sonny {Ad Dionem
ChrysosL analeda, Kioviae 1898, 180) auch von Adolf Jülicher
mir nötig, hier schon auf das entschiedenste darauf auficerksam zu machen,
daß zwiäcLen den wirklichen Diatriben z. B. Plutarchs rad denen Epiljtets
ein himmelweiter Unterschied besteht. Die moralischen Traktate Plutarchs
sind Diatriben, wenn sie g-leich nicht so heißen; die „Diatribeu" Epiliteta
aber stehen, i» ihrer großen Mehrzahl wenigstens, hoch über dem, waa
man ciae m oral philosophische Srnr^i-ß-; zu nennen pflegt, so hoch wie die
Reden Jesn oder Pauli üher den Kommentaren eines Clemens oder Ongenes.
' Mafth. (9, 12) lind Markus haben das Wurt lox,wrTi=, Lukas be-
zeichnenderweise das gewöhnlichere vyiaivomi.
94 Adolf Bonhöffev
(Gleichnisreden Jesu, Freiburg 1899, II 177) angenonifflene
Möglichkeit nicht von der Hand weisen, daß er im letztea
Grunde der kyiiisch-stoischen Auffassung von der HBilaufgabe
der Philosophie entsprossen sei. Epiktet besonders hat diesen
Gedanken ausgesprochen in dem berühmten Worte III 23, 30:
'Itn^siöv imtv ro roB ifdoaöipov o^olelov od Öel ijo^viag
i^el&ilv &U: äly^,aavT<xg (vgl. a. III 21, 20ff.)\ Hier ist nun
allerdings eine unleugbare Analoge vorhanden, insofern diese
Philosophie wie die Verkündigung des Evangeliums von der
Voraussetzung ausgeht, daß die meisten Menschen auf einem
Irrweg oder in einem Zustand der inneren Verwahrlosung,
der geistigen Abnormität sich befinden, und daß dieses Gefühl
der inneren Unseligkeit vor allem vorhanden sein, beziehungs-
weise geweckt werden muß, wenn etwas ausgerichtet werden
soll. Aber es dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen
werden. Im Evangelium will Jesus mit obigem Worte seinen
den Pharisäern ärgerlichen Verkehr mit den „Zöllnern und
Sündern" rechtfertigen, mit Leuten also, die unter ihrem Volke
als sittlich anrüchig galten und wohl auch selbst ihres Makels
sich bewußt waren. Der stoische Arzt aber ruft nicht etwa
die Kranken zu sich, sondern wartet, bis sie, von einem
dunklen Gefühl des Mangels getrieben, zu ihm kommen, um
dann durch seinen das Gewissen packenden und die Gedanken
kliirenden Vortrag in ihnen das Bewußtsein des großen
Widerspruchs, die Erkenntnis ihrer Mangelhaftigkeit zu wecken.
So hat nach Epiktets Zeugnis sein eigener Lehrer Musonius
Kufus es verstanden, die Hörer in ihrem Gewissen zu treffen,
so daß jeder glaubte, er sei bei ihm verraten worden: ovtms
i';Ttrtw rä>v yivoj-ieviov, ovt(o rCQü oifd-ahidiv hiO-Bi rcc txdawv
xaKrf (III 23, 29). Die Folge dieser Aufdeckung der inneren-
Schäden ist ein bi'eunender Schmerz, der nun aber — und
das ist ein zweiter wichtige)' Unterschied — nicht etwa auf
einmal durch die verkündigte Sündenvergebung und ihre
gläubige Erfassung gestillt wird, sondern sich oft wiederholen
muß, bis i n geduldiger Arbeit an sich selbst die innere Er-
' Diese Parallele liat natürlich aueh Edmumi Spieli in seinem „Logos
Siiermatikos", Leipzig 1Ö71, einer äußerst rteiEigen, aber aucli sehr iin-
kritiacheu Sammlnng you Psrallelstelleii zum Neuen Testament.
Epiktet und das Neue Testitiiieiit 95
neaetning Wurzel gefaßt hat und die Stufe des Fortsclireitenden
{^fonörctti»') erreicht ist Wem Jesus ein Arzt werden soll,
der muß in tiefer Trauer und Zerknirschung zu ihm kommen
urtd geht getröstet im seiigen Bewußtsein der Vergebung von
dannen. In Kpiktets Seliule kommt man vergnügt und leichten
Herzens, geht aber mit verwundeter Seele heraus (oi öel
fjOSirtag i^eld'Elv all' &i.yrjaavza$).
Bei dieser trotz aller Verwandtschaft doch so großen
Verschiedenheit in der Auffassung der Heilungsmethode und
des Heilungsprozesses ist es schon von vornherein unwahr-
scheinlich, daß das evangelische Bild vom Arzte aus der
Philosophie entlehnt sein sollte. Das Alte Testament (Exod.
15,26), besonders die Propheten' boten dafür hinlängliche An-
knüpfungspunkte, ich erinnere nur an die berühmte Stelle
aus .Tesajas 1, 5 ff,, wo der trostlose — äußere, aber auch
innere Zustand des Volkes Gottes geschildert wird mit den
Worten „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist
matt" usw. Für Jesus selbst lag aber das Bild ohnedies nahe
genug, da die Heilung der leiblich Kranken ein Hauptbeweis
seiner göttlichen Sendung war und daher auch sein Werk an
den Seelen sich ihm von selbst als eine ärztliche Tätigkeit dar-
stellte, und seine Einladung an die „Kranken" liegt auf der-
selben Linie mit seiner Seiigpreisung der geistig Armen, der
Leidtragenden und seinem Lockruf an die Mühseligen und
Beladenen (Matth. 11, 28).
Für das von Jesus selbst als Spvichtwoi't bezeichnete
„Arzt, hilf dir selber" (Luk. i, 23) weiß auch Giemen keine
Parallele aus der griechischen und römischen Literatur an-
zuführen, dagegen aus der jüdischen Tanchumah, hält es aber
für möglich, daß das Gleichiiis auch da übernommen sei. Eine
sprichwörtliche Redensart kann ja nun freilich am aller-
leichtesten von einem Volk auf das andere übergehen; solange
aber dieses. Sprichwort nicht wirklich nachgewiesen ist in der
außerjüdisclien Literatur, haben wir gar keinen Grund die
Entlehn ungsf rage aufzuwerfen, denn es wird niemand be-
haupten wollen, es passe seinem Sinn oder seiner Form nach
nicht in die Sprache der Juden. Im Gegenteil, die unwill-
kürlich au die naqaßoh] erinnernden Spottrufe in der Leidens-
96 Adolf Bonhöffer
gescMchte „hilf dir selbst" usw. klingen echt jüdisch nnd man
könnte sogar die Vermutung wagen, daß jene Parabel Luk. 4, 23,
die im Zusammenhang der dortigen Rede keinen rechten Sinn
gibt, eine ungeschickte, prophetisch sein sollende Yorwegnahme
der Schmähung des Gekreuzigten set\
Ks ist wenig, sehr wenig, was Giemen von einem Einfluß der
griechisch-römischen Philosophie auf die Synoptiker noch stehen
läßt, und doch auch dieses Wenige dünkt mich noch zu viel.
Auch was im Zusammenhang mit Stellen der Evangelien über
Aussprüche anderer neutestamentl icher Schriften in obiger
Richtung eingeräumt wird, dürfte einer genaueren Untersuchung
kaum standhalten. So kann ich keineswegs beistimmen, wenn
Giemen nach W. B. Smith (Der vorchristliche Jesus, Gießen
J906) die metaphorische Verwendung der Begriffe o/roptf und
aniq^m (in 1 Petri 1, 23; Jak. 1, 21; I Joh. 3, 9) aus dem
stoischen Begriff des löyog aivs^fimmög herleitet. Man be-
denkt dabei nicht, daß die Stoiker unter" dem Logos Sper-
matikos gar nicht speziell die im Menschen oder im Weisen
zur Entfaltung kommende Gottesgabe der Vernunft verstanden
haben, sondern eine kosmische Potenz, die nicht bloß im
Menschen, sondern in allem Organischen wirkt ^, die Trieb-
kraft der ganzen Weltentwicklung, das was die Welt im
Innersten zusammenhält und woraus sie sich periodenweise
immer von neuem wieder bildet». Wie soll man nun an
diesen umfassenden, durchaus philosophischen, und zwar mo-
nistisch-philosophischen Begriff sieh erinnert fühlen, wenn im
I Petrusbrief die Christen genannt werden &vayf.yEvviqßivot
oiy. ix arco^Sq (pSaqTffi AXla &cpihi^TOv Öta Xöyov 'CffivTog S-eoD\
Damit ist doch gar nichts anderes ausgesprochen, als der
auch sonst im Neuen Testament beliebte Gedanke, daß der
Christ durch seinen Glauben Mitglied einer höheren Gemein-
schaft wird, als es die auf leiblicher Abstammung beruhende
' Auch J, Wellhausen (Das Evangelium Lacae, Berlin 1904, 10) flndet
die Stelle aeltsam.
* Die •f'iiiis definieren sie ala c|ib f.^ avrijs xivou/Upi^ xaxä (rnepfiari-
tiovs ?.oyovs, Diog. L. VII 148.
' Das TiSp ai&£ffJiSts, das beim Wdtbrand allein flbrig bleibt, ist das
o:iippa der ganzen Weltentfaltnng. Diels, Doxogi-, gr,, Berlin 1879, 468.
Epiktet und daa Kene TeBtameut 97
Geschlechtsgemeinsehaft ist, Genosse einer hölieren geistigen
Welt, die ein ewiges Leben verbürgt. In gewissem Sinn erlebt
ja auch der stoische Weise in dem Augenblick, wo seine
Weisheit perfekt wird, eine Wiedergeburt: nur haben die
Stoiker diesen mystischen Ausdruck nicht gebraucht, und
ihre „Wiedergeburt" vollzieht sich nicht durch den Logos
Spermutikos, sondern durch den ).6yos im engeren Sinn, durch
die vollkommene Ausbildung und Inthronisierung der Vernunft.
Das Bild vom Samen und von der Zeugung ist aber ja
gerade dem jüdischen Denken so naheliegend, daß man wahr-
lich dafür nicht nach anderweitigen Parallelen suchen muß.
Der Spruch in I Joh. 3, 9 («ae ö yeytvvrjftii'os h, rov Jeoö
ältuQTlav od Tioiül, Srt GJtiQj.ia abvov h avzqi fiivsi) erklärt
sich überdies ohne weiteres acs dem großen Gespräch Jesu
über die Wiedergeburt oder die Geburt von oben im 3. Kapitel
des Joh.-Evangeliums (Vers 3tf.), wenngleich das Wort ansQua
daselbst nicht vorkommt. Mit der Stoa hat jedenfalls auch
diese Stelle nicht das Mindeste gemein. Auch Epiktet spricht
ja bekanntlich oft von der göttlichen Abstammung des Menschen ;
aber er ist weit entfernt von der schroffen dualistischen
Scheidung in Gotteskinder und Teufelskinder, welche ein be-
zeichnender Zug der Johanneischen Literatur ist. Bei Jakobus
1, 21 endlich ist vom Samen gar nicht die Kede, sondern nur
von dem Mi*(pxnog Uyoq, den man annehmen soll, und der die
Seelen erretten kann. Dieser Logos ist nicht die stoische
Vernunft, geschweige denn der Logos Sperraatikos, sondern
einfach das Wort Christi oder das neue Gesetz, das er ver-
kündigt hat. Der Ausdruck 'iiitpmog, der übrigens auch schon
in der Sap. Sal. 12, 10 vorkommt, erinnert hier allerdings an
den stoischen Sprachgebrauch der sfitpvrot 'evvomt und n^o-
X^ipeis, er ist aber in einem ganz ungriechischen und in einem
entgegengesetzten Sinn als bei den Stoikern gebraucht.
Während er hier gerade die natürliche, allgemein menschliche
geistige Ausstattung bedeutet, versteht Jakobus, beziehungs-
weise der Verfasser des Briefes eine bestimmte, historisch
in Jesus aufgetretene Lehre, die übematürliche, geoffenbarte
W ahrheit d es Evangeliums!'
' Ebengo Barnabae- Brief 9, 9 if^vTos d/opeä SiSa-^s; ähnlich 1, 2.
Religionagescbiebtliuhe Versuche u. Vurarbeiten X.
98 Adolf Bonhöffer
Was Giemen sodann im Anschluß an das Wort Jesu vöii
den sivovxoi (Matth. 19, 12} über stoische Einflüsse auf die An-
schauung des I Korintherbriefs über die Ehe sagt, besprechen
■wir zweckmäßiger im Zusammenhang mit der Frage des Ver-
hältnisses des Apostels Paulus zum Hellenismus überhaupt,
zu der wir nnu übergehen.
Dritter Abschnitt
Paulus
Selbstverständlich kann es sich im Rahmen der Aufgabe,
die ich mir gesteckt habe, nicht darum handeln, dieses wichtige
Thema, Über welches schon so viel geschrieben worden ist,
und worüber die Ansichten so sehr auseinandergehen, in seinem
ganzen Umfang und erschöpfend zu behandeln. Was uns hier
interessiert, ist nur das Verhältnis des Apostels zur Stoa oder
genauer zur kynisch-stoischen Popularphilosophie. Freilich
ist durch diese nähere Begrenzung des Vergleichungsmaterials
vielleicht nicht viel gewonnen; denn man kann wohl sagen,
die größte geistige Macht, über welche das Griechentum in
der Zeit des entstehenden Christentums verfügte, war eben
die Macht der stoischen Gedanken, und was sonst noch Kraft
und Geltung hatte in der griechisch-römischen Geisteswelt,
war entweder, wie der Epikureismus und Skeptizismus, gar
nicht dazu angetan, einen Mann wie Paulus anzuziehen, oder
hatte, wie die wiederautlebende alte Akademie und die peri-
patetische Philosophie, äo viel vom Stoizismus angenommen,
daß sclüießlich doch in ihm sich alles ernstliche Wahrheit-
suchen der Heiden für ihn verkörperte. So hat G. Heinrici
in seiner Besprechung der schönen Abhandlung von E. Curtius
über „Paulus in Athen" (Sitzungsberichte der Berl. Akademie
d. Wiss., 1893) mit Recht getadelt, daß darin immer nur im
allgemeinen von den Beziehungen Pauli zum hellenischen
Wesen and Geistesleben die Rede sei, während sich doch
dieselben viel bestimmter präzisieren lassen als Beeinflussung
durch die kynisch-stoiache Philosophie (Theol. Lit.- Zeitung
1894). Immerhin bedeutet es eine Vereinfachung des Problems,
Epiktet uud daa Neue Testament 99
wenn wir etwaige Einflüsse des Piatonismus odev Heraklitismus
und besonders auch die neuerdings viel erörterten Berühningen
mit der hermetischen nnd orphischen Literatur, mit dem
Mysterienwesen und überhaupt der praktischen Keligionsübung
in der griechisch-römischen Welt hier gänzlich aus dem Spiele
lassen. Und auch innerhalb dieses enger umgrenzten Gebietes
gedenke ich keineswegs alle in Betracht kommende Fragen,
namentlich nicht die sprachlichen und stilistischen, eingehend
zn behandeln, sondern nur das Wichtigste und für die Ver-
gleiciiung mit Epiktet Interessanteste hervorzuheben.
So sehr die Gelehrten zurzeit darüber einig sind, daß ein
geistiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen den (synoptischen)
Evangelien und der griechischen Philosophie so gut wie nicht
besteht, so stimmen sie fast ebenso darin überein, daß die
pauliniachen Briefe, welche, wenn anch nicht dem äußeren
Umfang, so doch ihrer geistigen Bedeutung nach wohl allen
übrigen neutestamentlichen Schriften zusammengenommen
ebenbürtig sind, ganz unleugbare Spuren hellenistischen Ein-
ilnsses an sich tragen. Über das Maß dieses Einflusses und
seine Bedeutung für die paulinische Gedankenwelt und
Missionsmethode sind natürlich die Anschauungen der einzelnen
Forscher sehr verschieden: sie durchlaufen die ganze Stufen-
leiter von der äußersten Skepsis eines Norden oder Nösgen
bis zu der überschwenglichen -Apotheose des Hellenistischen
an Paulus, auf welche Curtius in dem erwähnten Aufsatz
hinausgekommen ist. Die augeführten Beispiele zeigen zu-
gleich, daß nicht etwa die Philologen mehr auf dieser, die
Theologen mehr auf jener Seite stehen, sondern daß die er-
wähnten Gegensätze im einen wie im anderen Lager ver-
treten sind. Ziemliehe Übereinstimmung herrscht aber trotz
dieser Gegensätze über folgende zwei Punkte: erstens, daß
die Übernahme hellenischen Gutes seitens des Apostels nicht
auf literarischem Wege erfolgt ist ^ ; zweitens, daß das Über-
' EeJtzeiifitein in seinem neueüteu Buche „Die liellenisti sehen Mysterien-
religioneu", Leipzig nnd liorlin 1910, mäiclit hier allerdings eine Auanahme :
„Die helleniatische religiäae Literatur muß er gelesen haben, ihre Sprache
redet er, in ihre Gedanken hat er sich hin einy ersetzt" [S. Ö9). Icli fahle
mich nicht Kustäiidig, das Recht oder Unrecht dieser Behauptung darzutuo,
7*
100 Adolt BonliiiSer
nommene in der Hauptsache nicht den Kern seiner religiös
ethischen Überzeugung berührt, aondem nur die Form oder
solche Anschauungen betrifft, die zur Peripherie des Pau-
linismns gehören '.
Obwohl für unseren Zweck die Fragen der Kritik, was echt
paulinisch und was unpaulinisch sei, eigentlich nicht in Betracht
kommen, da wir es mit dem Neuen Testament in seiner Gesamt-
heit zu tun haben, so sollen doch, um ein möglichst einheitliches
Bild von dem Hellenismus des Paulus zu erhalten, zunächst nur
diejenigen Dokumente berücksichtigt werden, deren Echtheit
gegenwärtig ziemlich allgemein anerkannt ist, nämlich die
vier großen Briefe und außerdem der Brief an die Phiiipper,
der I an die Thessalonicher, der an Philemon und, mit Vor-
behalt, der an die Kolosser*. Die übrigen „paulinischen"
Briefe sowie die Apostelgeschichte, insbesondere die sogenannte
Eede Pauli in Athen, die für seinen Hellenismus die dank-
barsten AnhaltspUEkte gäbe, aber höchst wahrscheinlich ein
späteres Produkt ist, werden also vorerst unberücksichtigt
bleiben und erst später auf ihren heilenistisctien Gehalt ge-
prüft werden. Auch bei den paulinischen Briefen können wir
uns, wie bei den Synoptikern, im allgemeinen an die Dar-
stellung Clemens anschließen, der nicht bloß die einschlägigen
Stellen mit annähernder Vollständigkeit erörtert, sondern auch
durch seine gesunden methodischen Grundsätze und sein maß-
voll vermittelndes Urteil sich zum Führer gut eignet. Da-
gegen will ich versuchen, statt der etwas trockenen Anein-
begiiüge mich yielmeiir zu konstatieren, daß jedenfalls Epiktet seibst dieser
Literatur ganz fern stellt, und die ohnedieB sehr fragliche BpeinflnsBiing
des Paulns durch die Stoa nur noch unwahrscheinlicher wird, wenn Reitaeii-
stein Eeeht hat.
' Selbst Heinrici, der doch iu der Erklärung paaliuiseher Worte und
Gedanken aas der Stoa ziemlich weit geht, spricht sich dahin aus, daß die
eigentlichen Kraft^ineilen der Glanbensgedanken dea Apostels nicht ira
Hellenismus, auch nicht im Alten 'L'estament oder dem späteren Judentum
liegen, sondern im Evangelium Jesn (Theol. L.-Z. 1894, 210). Vgl. i. S. 87.
" Wilhelm Brückner stützt seine Untersuchung über die Entstehung
der paulinischen Christologie (Straßborg 1903) genau auf dieselben QueEen.
Ich freae mich auch in diesem äußerliehen Ponkt mit ihm zusammen-
zutreffen, wie ich auch seine Auffassung des Panlna in den wesentlichsten
Zügen als richtig anerkenne.
Epiktet unfl dw Kene Testimieut 101
aiiderrejhting eine mehr systematische Einteilung des Stoffes
zu geben, indem ich zuerst den Wortsehatz, dann den Stil,
des weiteren einige besonders wichtige und bedeutungsvolle
Wörter und Begriffe, endlich die Gedanken und Anschauungen
des Apostels bespreche, alles natürlich nur soweit es für die
Frage seines Hellenismus, beziehungsweise seines Verhältnisses
zur Stoa in Betracht kommt.
A. Der 'W'ortsehatz des Apostels Paulus
Über dieses Thema hat vor etlichen Jahren Theod. Nägeli
eine ausgezeichnete Monographie veroifentlicht, mit deren
Aufstellungen ich mich im ganzen durclifius einverstanden
erklären kann. Sie ist zwar in gewissem Sinn nur ein trunciis,
insofern sie nur den ersten Teil eines vom Verfasser in Angriff
genommenen Lexikons zu den pauliuischen Brieten bildet und
ihre Belege nur den ersten fünf Buchstaben des Alphabets
entnimmt. Aber dieser Bruchteil des Sprachschatzes ist in
so mustergültiger Weise bearbeitet, daß die daraus gewonnenen
Ergebnisse auch für das Ganze in Anspruch genommen werden
können. Es ist deshalb gewiß zweckmäßig, wenn ich meinen
eigenen, in sachlicher und sprachlicher Hinsicht natürlich viel
enger begrenzten Beiträgen, eine kurze Übersicht über den
Ertrag der Untersuchung Nägelis vorausschicke. In dem
Streit zwischen Norden und Heinrjci nimmt er eine ver-
mittelnde Stellung ein , indem er den Satz aufstellt ; die
Schreibweise des Paulus ist weder unhelleuiseh noch im eigent-
lichen Sinne literarisch geschult, sondern gehört (neben sehr
begreiflichen Anklängen an die Septuagiuta) in den Bereich
einer zwar unliterarischen, aber doch nicht eigentlich vulgären,
sondern im Ausdruck gewandten Umgangssprache, die sich
auch in den abstrakten Lebensgebieten v.m bewegen weiß (lÜ).
Den Beweis hierfür, zunächst fiir den Wortschatz des Apostels,
fühlt er in der Weise, daß er zuerst den klassischen Wort-
schatz des Paulus untersucht, wobei er zu dem Ergebnis
kommt, daß er von der klassizistisch-reaktionären Strömung,
die einen Teil der Schriftsteller jener Zeit beherrscht, völlig-
unberührt ist (a!^). Die Prüfung seines nachklassischen Wort-
vorrats aber, die nun folgt, zeigt evident, daß Paulus seinem
102 Adolf Bünhäffei'
Sprachgebrauch nach als echter Hellenist sich daratellt, und
zwar in dem doppelten Sinne, daß seiu Wortschatz einerseits
in denselben spraehgescliichtlichen Zusammenhang gehört wie
der des Poljbios, Diodor, Kpiktet und vieler hellenistischer
Inschriften, andererseits aber in der landläufigen Umgangs-
spraclie wurzelt, d. h. also sowohl an der höheren wie an
der niederen Koivi] *â– seinen Anteil hat (28. 40. 41). Besonders
wichtig und ra. B. sehr richtig ist in diesem Zusammenhang
der von Nägeli aufgestellte G-rundsatz, daß Wörter, die in
der Profangräzität erst in nachpaulinischer Zeit (etwa bei
Plutarch) zu belegen sind, darum nicht als Zeugen für ein
selbständiges Juden- oder Bibelgriechisch anzusehen sind,
sondern zweifellos schon im 1. -Jahrhundert in der Umgangs-
sprache vorhanden waren (42). Was speziell die popuiar-
phüosophische Terminologie betrifft, wie wir sie besonders
durch die Diatriben des Epiktet kennen, so betont Nägeli
mit Recht, daß Epiktet wie in der Lehre, so auch im sprach-
lichen Ausdruck fern von Schulweisheit war: „er spricht die
Sprache der zwanglosen Unterhaltung, der höheren Koivtj; und
wenn wir besonders in ethischen Ausdrücken manche über-
raschende Parallele zu Paulus bei Kpiktet finden, so darf uns'
dies gerade als Bestätigung dafür dienen, daß Paulus nicht
von der Schule abhängt, sondern aus dem allgemeinen Spraeh-
gut schöpft" (21).
Gegenüber der vielfach etwas zu allgemein und unbe-
stimmt ausgesprochenen Behauptung, daß die Briefe des Paulus
große Verwandtschaft zeigen mit dem Stil der kynisch-
stoischen Üiatribe, wobei dann besonders an Epiktet gedacht
wird, habe ich bereits darauf hingewiesen (8. 93 Änm.), daß
Epiktet durchaus nicht der klassische Vertreter des Diatriben-
Stils ist. Diatriben im eigentlichen Sinn des Wortes sind die,
wenngleich populär gehaltenen so doch vorwiegend lehrhaft
entwickelnden moralisierenden Abhandlungen, wie sie uns auf
kynisch-stoischer Seite von Teles, Antipatros und Musonins
erhaiteii sind \ Auch unter Epiktets Diatriben sind ähnliche
' Daß die Grenze zwischen beiden eine tließende ist, versteht sieh
von selbst unil wird auch yon Nägtli ausdcüuliÜch auBgesprechen (41).
^ Auf die sehr wesentlichen Unterschiede in der Lehr- und Dar-
Epiktet und das Nene Teatameut 103
Stücke, ■wie z. B. die große Diatribe über die Freiheit oder
jttf/l Kwiaf-ioü (IV 1 ; III 22) und manche andere. Aber die
meisten sind keine lehrhaften Abhandlungen, sondern ans dem
Angenbliek geborene, meist an eine äußere Veranlftssang oder
Beobachtung: anknüpfende, im Gesprächston gehaltene Vorträge
und Ergüsse, und diese ganz originell epiktetische Art bringt
es mit sich, daß er vielfach sich mit der Vulgärsprache be-
rührt. Dies hebt auch L, ßadermaeher in seinem Aufsatz
Aber Besonderheiten der Koine-Syntax (Wiener Studien XXXI
(1909) l IF.) hervor und wendet es in der Weise auf das Neue
Testament an, daß in gewissem Sinne, d. h. was den be-
haglicheren Ton der Unterhaltnng betriift, die Vei'fasser der
Evangelien dem Epiktet näher stehen als Paulus, der in
deutlichem Gegensatz zu ihnen seine Rede auf den Ton der
Diatribe gestimmt habe. Daß Epiktet io der Tat ebenso wie
Paulus (vielleicht noch mehr als dieser) neben der höheren
auch die niedere Koine kultiviert hat, verkennt auch Nägeli
nicht, denn Epiktet erscheint bei ihm als Zeuge sowohl für
die der höheren als für die der niederen Koine angehörigen
Wörter des Apostels (29ff. 38ff.). Auch P. Bleicher (aaO. 3)
weist darauf hin, daß Epiktet schon wegen seiner niederen
Herkunft in der Hauptsache die Vulgärsprache gesprochen
Jiaben werde, die freilich von dem feiner gebildeten Arrian
da nnd dort unabsichtlich poliert worden sei.
9tellnng.sart der StoJker hat v. Äinim in seiner trefflichen Einleitang zu
Heiner Ausgabe der 'H^ixi; STotxiibinie des Hieroi I es nachdrücklich anf-
merkaam gemacht. Von den Popularphilosophen in der Art dea Dion von
PriiHä üuterKcheidet er die Stuiker, welche ihren Schillern das System in
streng wisseosohaftlieher rorni übermittelten. Diese selbst aber zeigen
wieder Terscbiertene Abstufungen je nach der Stärke des rein wissenachaft-
lichon Interesses. Ein ö heraus wertvolles Dokument der rein wissen-
schnEtlichen Art ist eben das Buch des Hierokles, das ebensosehr von dea
kahlen dosographischen Abrissen der stoischen Lehre absticht wie von den
iinsachlielflich der piüktischen Ethik dienenden Vorträgen des Masonins und
Epiktet. Zwischen diesen beiden selbst scheint mir aber nach dem Obigen
wiederum eine merkliehe Abstnfnng vorznliegen, insofern Musonius mehr
den eigentlichen Diatribenstil präsentiert, Epiktet aber diesen mit stärkerem
Hervortreten seiner individuellen Originalität und eben deshalb mit einer
gewissen AsnäheruDg an <lie Popularphilosophen handhabt.
104 Ädölt Bonhölfer
Neben der hellenistiscben Umgangssprache aber kommt nun
als zweites Element, aus dem sich der paulinisclie Wortschatz
rekrutiert, das Septuagintagriechisch in Betracht (59. 74). Dieses
selbst wird freilich in neuerer Zeit (so besonders von Ueißmann
und Kennedy) immer mehr der früher ttbiichen Isolierung
entrückt und in den Eahmen der unliterarischen Koivri ein-
bezogen. Immerhin nimmt die Septuaginta eine gewisse
Sonderstellung ein, da sie ein Übersetzungsgriechisch ist, und
durch die Wiedergabe des semitischen Originals sich viele
ungriechische Konstruktionen und Redensarten in ihr ein-
gebürgert haben, die auch bei Paulus zum Vorschein kommen,
aber ebendeshalb nicht als Hebraismen, sondern besser als
Septuagintismen zu bezeichnen wäre (60. 74). Neben der
Septuaginta spielen eüdlicl) noch die griechischen Apokryphen
des Alten Testaments herein, mit deren der höheren lite-
rarischen Koivri angehörigem Wortschatz Paulus sich ebenfalls
berührt, ohne daß deshalb eine bedeutendere lexikalische Ab-
hängigkeit von jenen angenommen werden müßte. So be-
stätigt sich also auch hier, wie bei der Vcrgleichung mit der
Profangräzität, die Wahrnehmung, daß Paulus als echter
Hellenist sowohl die niedere als die liöhere Koiv^ sich an-
geeignet hat: „bei aller pietätvollen Anlehnung an die Klang-
farbe der Septuaginta nimmt er aus der Umgangssprache der
ihn umgebenden Hellenisten, auch der Gebildeten, harmlos in
seinen Sprachschatz auf, was ihm zum klaren Aussprechen
seiner weltbewegenden Gedanken dienen kann" (74).
Auf der Grundlage dieser Ergebnisse Nägelis versuche
ich nun den Wortschatz des Paulus mit dem des Epiktet zu
vergleichen, um feststellen zu können, ob er wirklich, wie
vielfach angenommen wird, besonders viel von der moralphiio-
sophisehen Terminologie übernommen hat, so daß man be-
rechtigt wäre, von einer Abhängigkeit des Apostels von der '
Stoa zu reden. Ich habe diejenigen Wörter des Neuen Testa-
ments, die irgendwie vom Standpunkt der Vergleichung mit
der Stoa aus wichtig oder bezeichnend sind und sich bei
Epiktet nicht finden, ebenso umgekehrt die für Epiktet charak- â–
teristischen, die im Neuen Testament nicht vertreten sind,
zusammengestellt, endlich auch diejenigen, welche beiden Teilen
Epiktet Biiii das Neue Testament 106
gemeinsam sind, wobei die Auswahl wiederum von obigen
Gesichtspunkten geleitet war. Diese Listen werden aber erst
im zweiten Bncli gegeben werden, da ich sie weniger zur
Eotseheidung der Äbhängigkeitsfrage als rein zur Vergleichung
benutzen will. Aus der letztgenannten Liste will ich aber
hier, wo es sieh, wie bei Paulus, noch stark um die Ab-
hängigkeitsfrage handelt, einen Ausschnitt jetzt schon geben,
der diejenigen irgendwie bedeutsamen Wörter enthält, welche
Paulus und er allein (mit wenigen Ausnahmen) mit Epiktet
gemeinsam hat. Ich fülire zunächst die in den anerkannten
Briefen sich findenden Wörter an, hernach diejenigen, welche
nur im Epheserbrief (sofern es sich nicht um Parallelstellen
zum Kolosserbrief handelt), II Thessalonicher und den Pastoral-
briefen vorkommen, und glaube, hierin im Gegensatz zu Nägeli
(76), daß diese Trennung immerhin manches Lehrreiche bietete
Es sind folgende:
txiaO-rjaig 'Urteilsvermögen' (Nägeli), vielleicht genauer
'sittlicher Takt' (Phil. 1, 9). Die Verbindung ev ifiiyvdioei
xul 7cäaTi ala-D-ijfJBi. ist so unstoisch als möglich. Bei den
Stoikern bedeutet ai'a'^)]oii; die 'sinnliche Wahrnehmung',
weiterhin auch, die 'geistige Wahrnehmung* (E= Register); in
letzterem Sinne nähert es sich bei Epiktet wohl zuweilen der
Bedeutung 'Erkenntnis', muß aber dann einen Genetiv des
Objekts bei sich haben {z. B. I 26, 15 a'iaSriais toU löiov
iffmovivMv jt&g 'ixei), da es seine eigentliche formale Be-
deutung eines Erkenntnismittels oder eines Wahrnehraungs-
vorgangs nie ganjz verleugnen kann. Dagegen ist der absolute,
inhaltlich bestimmte Gebrauch des Wortes, neben anderen Be-
deutungen wie 'sinnliches Geführ, in der Septuaginta und
den Apokryphen mehrfach nachzuweisen und in den Prov.
sogar die Regel.
alaxQoloyia Kol. 3, 8 gehört nach Nägeli, wie auch cä-
o$-tjOis, zu den gewählteren, der Literatursprache anscheinend
näher stehenden Ausdrücken. Spezifisch stoisch ist das Wort
keineswegs, wogegen allerdings die Sache den Stoikenij die
besonders energisch auf die Heiligung des ganzen Lebens und
Gebarens, auch im Reden, drangen, sehr am Herzen lag, wie
man aus Epiktet sieht. Im griechischen Alten Testament
106 Adolf BoubSScr
kommt es nicht vor, dagegen in der Apostellehre (Did. 5, 1),
was vielleicht ein Fingerzeig dafür ist, daß der betreffende
Spruch des Kolosserbriefes nachpaulinisch ist.
äxaS-agata metaphorisch von etliischer Unreinheit, öfter
bei Paulus (darunter zweimal im Epheserbrief), von NägeJi
zu den Fällen von gewählterer Diktion gerechnet und als
ein paulinisches Lieblingswort betrachtet, dessen Fehlen in
den Pastoralbriefen als argumentum gegen die Echtheit ver-
wendet wird. Auch dieses Wort ist übrigens weder speziell
stoisch, noch fehlt es in obiger Bedeutung bei A und S \ ist
vielmehr, namentlich bei A und den Propheten, im moralischen
Sinne ziemlich häufig. Von den Patres hat es nur der Bar-
nabasbrief.
älvuog 'getrost' (Nägeli), 'unbesorgt', nur Phil. 2, 28.
Nägeli rechnet es zu den dem jonisehen Sprachkreis ange-
höj'igen und deshalb auch in der Koine geläufigen, besonders
in Briefen beliebten Wörtern. Es findet sich weder bei AS
noch bei P. Dagegen ist nun dies allerdings ein Wort, das
in der stoischen Lehre eine wichtige Rolle spielt, weil es ein
Stück der von den Stoikern erstrebten ändana bildet. So
ist es denn auch bei Epiktet mit seinen Synonymen Hipoßos.
ördpKxos recht häufig. An eine Entlehnung aus der Stoa ist
•aber um so weniger zu denken, als es von Paulus ganz im
natürlichen Sinne und sogar im Komparativ gebraucht wird,
was der Stoiker gar nicht verstehen würde. Da muß der
Mensch schlechthin filvnos sein nnd wer von sich sagt, daß
er (durch ein äußeres Ereignis) äU'n:ÖT£^oq werde, gibt damit
zu, daß er voltständige äXvTtia nicht besitzt nnd erstrebt,
jedenfalls sie nicht durch eigene Kraft für erreichbar hält.
äfietavöijtos 'unbußfertig' (Mag.) nur Eöm. 2, 5. Findet
sieh weder bei AS noch bei P, in der Profangräzität, abge-
sehen von Epiktet, erst bei Lukian, auf Papyri von der
Kaiserzeit an, aber in passivem Sinn = 'unwiderruflich' (Nag.)
' Mit i beaeiehne ich im folgenden kurzerhand die alttestaraentlichea
Apokryphen, mit S die Septuaginta im eogereu Sinne, J. h. die griechische
UbersetBong der kanonischen Böeher des Alten Testaments, mit AS da»
ganze griechische Alte TcBtament, mit P die Patres apostoUci.
Epiktet und dc^ Heue Testament 107
oder 'nnverbrüchlich'. Auch bei Epiktet ist es ein Htco^
Xeyöfitvov und zwar in einem Fragment {Diss. fr. 25, Schw. 71),
das überdies einigermaßen verdäehtiK ist^ Die Bedeutnng
des Wortes ist jedoch hier ganz verscliieden, ja entgegen-
gesetzt derjenigen bei Paulus, '^furavöiiros d. h. 'von Reue
befreit' zu sein erscheint nämlich als ein IdeaP, während
Paulus den schwersten sittlichen Defekt damit bezeichnet
Von einer Anlehnung an den Btoisehen Sprachgebrauch kann
also nicht die Rede sein ; wir haben vielmehr ein interessantes
Beispiel davon, wie zwei Autoren ans einem geläufigen, aber
ganz verschieden aufgefaßten Begriff (fiettivoia, fisiuvonv) das-
selbe Kompositum bilden und auf diesem Wege zu ganz ent-
gegengesetzten Begriffen kommen. Sollte das Epiktet- Fragment
unecht sein, so ist doch die Sache selbst, nämlich die Ver-
werfung der furdvoia und die Erhebung der Keuelosigkeit zu
einem Ideal dem Epiktet ganz bekannt und aus dem Herze»
gesprochen (II 22, 35 o&'rwt; Üotai hqCjtov tüv aörog iai-riii ui}
loiäopovfiivog, /.li} ftax^t-firog, fiij fieTCivo&v, fiij ßaaavi^iov
kaviöv. Ench. 34). Übrigens auch der passiven Bedeutung des
Wortes liegt diese Vorstellung zugrunde, daß die /isidvota etwas
Verwerfliches ist, und so spiegelt sich in diesem Worte gewisser-
maßen der Gegensatz des antiken und des christliehen Denkens.
' Seinem allgemeinen Sinne nach hat der Sprach Ja wohl nichts Uu-
epiktetiäclies, besonders das /tf/ivTiuo Sit ^ueffos el, paßt ganz zh ihm. Da-
gegen sind nicht bloß die meisten anderen Wörter entweder gac nicht
(aa-BTHoie, äiTBiiij, d/mav6>jTee, ärtv&vvot, Siayiyveo&at) uder nicilt in der-
selben Bedentnng in unaeiein Arrianischen Epiktet nachzuweisen (inixei^Eti-
itvi von Personen, T^aUyaiv von der au sich selbst gerichteten Erinnerung),
sondern einzelne stimmen nueh inhaltlich nicht zur Aiisdrncks- und Urteüs-
weise Epiktete: die äniih] hätte er wohl nicht gestattet, da sie etwas
Affekfmüßiges hat und außerdem sinnlos ist, wo die Androhung äußerer
Übel keine Übel androht, das Drohen mit wahren Übeln aber die Kom-
petenz des Menschen überschreitet. Noch in höherem Grade nnepiktetisch
erscheint mir das Wort ä.vti&vvoe, oh man es nun mehr äußerlich gleich -
'vorwurfsfrei', 'unsträflich' oder als nnschuldig' im moralischen Sinne ver-
steht ; in beiden Fällen ist der Gedanke für Epiktet viel zu matt, im ersteren
aber'vollends fremdartig, da er mit der Erwägung, wie man in den Angea
der Menschen dasteht, gar nicht operiert.
' Wenn Nägeli sagt, es stehe nicht in tadelndem Sinne, eo ist dies
KU schwach an?gedrilckt.
108 Adolf Bonhöfier
äjteQiajTdazüig 'ungehindert', nicht abgezogen (^urch äußere
und namentlich durch innerliche Hemmnisse), 'mit geKammeltem
Gemüt' (I Kor. 7, 39). Ein hellenistisches, besonders bei den
Stoikern beliebtes Wort, schon von Antipatros (bei Stobaios)
und Polybios gebraucht, findet sieh zweimal bei Ä, einmal bei
P, mehrmals bei Epiktet.
änXöir^s'^ wird im Neuen Testament nur von Paulus
(Epheserbrief eingeschlossen) gebraucht und zwar, wie auch
bei AS, in der allgemeinen geläufigen Bedeutung 'Einfalt',
'Aufrichtigkeit'. An einigen Stellen dagegen (II Kor. 8, 2;
9, U und 13) glauben die Lexikographen die speziellere Be-
deutung 'Freigebigkeit' annehmen zu miissen, so daß Nägeli
das Wort (in dieser Bedeutung) zu den spezifisch christlichen
Wörtern rechnet. Es scheint mir aber kein zwingender Grund
dazu vorzuliegen; denn die Stellen, die in Betracht kommen,
gehören zu jenen wortreichen, aus der Überfülle des Gemüts
hervorquellenden Wendungen, die schwer zu übersetzen sind,
weil die Begriffe, mit denen Paulus operiert, nicht scharf ge-
faßt, und ihre Beziehungen nur gleichsam angedeutet sind.
An der letztgenannten Stelle liegt überdies die Vorstellnng
der Freigebigkeit eher in dem Wort mivLovia als in ä/ilÖTtjg
und das letztere bezeichnet mehr die Form des Gebens oder
die ihm zugrunde liegende Gesinnung, ganz wie Köm. 12, 8
(6 /tuTüöiöobs ev ctTtlÖTfjZL). Andererseits ist der Umfang des
Begriffes &7t).ovii und äitlütrjq auch im profanen Griechisch
so weit, daß auch die Gutherzigkeit und Freigebigkeit darin
ausgedrückt sein kann. Das zeigt besonders Mark Aurel, der
dieses Wort als Lieblirgswort gebraucht, freilich meistens in
einem viel innerlicheren Sinn, aber doch auch zuweilen so,
daß es als Synonymon zu 'gütig', 'wohlwollend' gelten kann
(XI 15 äya&og xai anlovq y.ai evftsrijg).
ä^M^ m der klassischen Bedeutung 'Tugend' kommt bei
Paulus nur Phil. 4, 8 vor^, während es in S entweder in der
' !eh habe das Wort anf genommen obffleich es bei Epiktet sich niclit
findet, da dieses Fehlen wohl mir zufällig ist, und M. Aurel es um so häufiger
gebraucht.
' Die »edeutuii^ von d^izi; in II Petri 1, ö igt tiifM ganz klar, DaÜ
zu TzioTie die a'pei?? hijiziikoinmeii, odei- vielmehr aus ihr hervorgeheu soll.
Bpiktet nnd das Nene Testoment 109
farbloseren Bedeutung 'Lob' oder speziell von 'göttlicher
Kraft' (so auch I Petri 2, 9 und 11 Petri 1, 3) gebraucht wird.
Nägeli meint, der Apostel habe es in früheren Jahren als an
lieidnische Vorstellungen anknüpfend vermieden, aber in Korn
dann doch angenommen. Mir will es eher scheinen, als ob
das Auffallende dieses einmaligen Gebrauchs sich besser da-
durch erkläre, wenn man die betreffende Stelle, die auch
sonst stark an die moralphilosophische Terminologie anklingt,
als spätere Zutat auffaßt, wofern man nicht vorzieht &str^
auch hier als Synonymon von E7tai.voe anzusehen, mit dem es
enge verbunden ist. An stoischen Einfluß speziell braucht
man jedenfalls nicht zu denken.
&oyr,novko zweimal im I Koriiitherbrief, von Nägeli über-
gangen. Auch änyrn-it^v nur bei Paulas, &üyr,uoisvvri außer
bei ihm nur noch in der Apokalypse, jedoch in der spezifisch
alttestamentlichen Bedeutung 'Blöße'. Paulus fand diese drei
Worte in seiner grieehisclien Bibel, wo sie freilich fast nur
in der engereu Bedeutung der objektiven oder der geschlecht-
lichen Unanständigkeit gebraucht werden. Die weitere Be-
deutung, in welcher äanri^iovelv namentlich I Kor. 13, 5 ver-
wendet wird, mag immerhin dem hellenistischen, wenn auch
nicht gerade dem stoischen Sprachgebrauch entnommen sein i.
ai%äQ-A.v,q in der Bedeutung 'genügsam' (Phil. 4, 9) findet sich
auch bei A. gewöhnlicher ist jedoch in ASdieobjektive Bedeutung
'hinreichend'. Von der spezifisch stoischen, inhaltsschweren
Bedeutung 'sich selbst genügend', 'unabhängig' (von irgend
•ibt ja einen guteil Sinn. Wenn aber in der «p«>J wieder die r™<"^- sich
zeigen m dieser dann wieder die i^-xj-d-r«« glciehanni cingescb achtelt sem
soll und so fort, so ist es nicht gana leieht, Jen Gedaukengang zu verstehen,
auch wenn mun, übrigens in ziemlich williür lieber Exegese, unter y^«.««
die ethische Einsicht versteht. Jerteutalls wird dnrch die Ahleitnng der
yvo-o^i ans der A^^^ die Bedeutung der letzteren als der sittlichen TuehtiRkeit
wieder etwas zweifelhaft.
' Daß dox'^«'" und £'Vxf>i-" echt griechische BegriFle sind, zeigt
Leopold Schmidt in aeinec „Ethik der alten Griechen" ßerlm 1883 (s. das
Register in Band 2). Wenn er freilich Aaxinim,' mit 'haltüngslos iiber-
setat, so ist dies, jedenfalls für Epiitet, zu schwach ausgedruckt; bei ihm
bedeutet dax,if,oveiv entweder 'sich schamlos oder unanständis: gebärden
oder 'sich blamieren'.
110 Adoü BonhBffer
eiaeiu äußeren Gut) findet sich im Neuen Testament keine
Spur, auch nicht in dem Hauptwort airä^xeia, das II Kor. 9, 8,
allerdings in einem umfassenderen, auch die geistigen Güter
einschließenden Sinn gebraucht wird. Aber daß es nicht die
stoische adiägyeia ist, zeigt schon der Beisatz Tidnoze nSaav
avT(xQX£iav k'xorT€g. und ist ohnedies klar, da Selbstgenögsamkeit
und Gnadenhewußtsein nicht zusammenpassen. Auch I Tim.
6, 6 bedeutet das Wort nichts weiter als Grenügsamkeit. Bei
Epiktet findet sich übrigens nur das Substantiv afiTÖ^xeia und
zwar in einem Fragment, das ohne Zweifel unecht ist, unter
anderem auch deshalb, weil die aörtiQXEia gar nicht im vollen,
stoischen Sinn gebraucht ist (Schw 27 = Sclienkl 466, 16.)
&(prj in Xol. 2, 19 (und Parallele Eph. 4, 16) ist In einer
Weise gebraucht, die nicht bloß von S abweicht, wo es 'Wunde',
'Schaden' bedeutet, sondern auch in der Profangräzität keinen
genauen Beleg hat. Während in Kol. 2, 19 durch die Ver-
bindung mit dem Wort avvdEaaog mehr eine konkrete Be-
deutung ('Band', 'Gelenk') nahegelegt wird, muß man bei der
Epheserparallele eher an die abstrakte Bedeutung 'Zusammen-
hang', 'Ineinandergreifen' denken. Jedenfalls ist dieser Aus-
druclf gut griechisch; die spezifisch stoische Bedeutung
'Tastsinn', 'sinnliches Gefühl' haben wir an keiner der beiden
Stellen, wiewohl sie nicht soweit abliegt, besonders wenn wir
unter den arptzi in Kol. 2, 19 etwas wie die Nervenfasern ver-
stehen dürften.
äcpo^ftV; 'Ausgangspunkt', 'Veranlassung', 'Gelegenheit',
'Handhabe', ist eines der sowohi in der klassischen wie in der
späteren griechischen Literatur sehr gebräuchlichen Wörter,
die sich im Neuen Testament nur bei Paulus finden (außer
in Rom., 11 Kor. und Gal. auch in I Tim. 5, 14). Seine An-
wendung in S ist so spärlich und unklar, daß er es nicht
hieraus geschöpft haben kann ; nur in III Makk. 3, 2 kommt
es bestimmt in obiger Bedeutung vor. Auch Epiktet gebraucht
das Wort sehr viel; freilich eine Kenntnis der danebenber
laufenden, ganz apart stoischen Bedeutung 'Abneigung',
■Widerstreben' (Gegensatz zu ö$i,t^ 'Trieb zum Handeln') dürfen
wir bei dem Apostel nicht voraussetzen. Für eine Einwirkung-
der Stoa beweist also auch dieses Wort nichts.
Ei)ittet und das Nene Testament 111
SäxvM^ im Neuen Testament nur Gal. 5, 15 und zwar
nicht im bueLstäbliclien , sondern im übertragenen Sinn ge-
braucht von der feindseligen Gehässigkeit gegen die Neben-
menschen. Auch dem Epiktet ist dieses Bild nicht fremd zur
Bezeichnung der Lieblosigkeit gegen andere (IV 1, 122 was
ist seine — des Menschen — Natur ? dä-xveiv xal lanTl^Biv xtX. ?
Ahnlich ist XV 5, 21 SiiKvuv und laxTlteiv, II 22, 28 öäxvetv
und XoiäoQSia&ai verbunden) oder überhaupt dessen, was wehe
tut oder schadet (II 1, 17 der Tod ist ein Popanz: siehst du
genauer zu, so wirst du erkennen ^&s oi ääxvEt). Aber be-
deutsamer und eigentümlicher, wenn auch keineswegs der
klassischen Sprache fremd, ja schon bei Homer vorkommend,
ist bei Epiktet die vertiefte Bedeutung des Sdxvuv und öäy.-
veaä-ai 'innerlich wehe tun', 'ärgern'. In diesem Sinne wird
es bei ihm zu einem wirklichen terminus tcchnicus und das
ftij Sd-AVf-a^m (z. B. über Glück und Bevorzugung des Nächsten,
über das Urteil der Leute) wird ihm zu einem Prüfstein dafür,
daß jemand gebildet, respektive auf dem Weg zur Bildung
ist (III 2, 8; IV 6, 10; IV 8, 23 und ähnlich Ench. 46, 2). Ja
noch allgemeiner gebraucht er das Wort zur Bezeichnung
aller der unwillkürlichen, von der Außenwelt ausgehenden An-
reizungen zu irgend welcher affektmäßigen, also unvernünftigen
Gemütsbewegung (III 24, 108 'örav ae »' (pavraoia &äv.vri . . .
Avaiitixov i({> ?-6y(j3). Auch hier zeigt sich also wieder, daß
Paulus gerade diejenige Wortbedeutung, welche die Stoiker
zwar nicht geschöpft, aber doch besonders ausgebildet haben,
nicht zu kennen scheint, jedenfalls nicht anwendet. Sie findet
sich dagegen im Bamabasbrief
döaig xal lilipis. Das Wort äi'mg allein, in dem gewöhn-
lichen, auch bei AS geläufigen Sinn 'Gabe', 'Geschenk' kommt
im Neuen Testament nur Jak. 1, 17 vor. Die Verbindung
mit Af7i/"e in der Bedeutung 'Ausgabe' und 'Einnahme',
'üeehnmigsführung' (Phil. 4, 15) konnte Paulus dem Buch
Siraeh entnehmen (Sir. 41, 19; 42, 7). So spricht Epiktet von
den äy.aT(ii.).7jXoi }.r,ipeig xal däau^, welche den Habsüchtigen
charakteiisieren (II 9, 12). Aber er gebraucht das Wort auch
Von Kftgeii Übergangen, wie aiieli die fulgenden Tier Wörter.
112 Adolf Bonhöffer
in der spezifisch stoischen Bedeutung ' Wertschätzung' ^ (II 22, 30),
die â– wiederum dem Apostel fremd zu sein scheint.
hiSrjiiiui 'verreisen*, 'über Land gehen' lesen wir einmal
bei Epiktet, der es hier oifenbar nur gebraucht zur Ab-
wechslung mit dem gewöhnlichen &rco5rinüv (I 4, 23J. Paulus
wendet, das Wort nebst seinem Gegensatz ivdr^fteui bildlich
in jener schönen Stelle des IT Korintherbriefes (5, 6if.) au,
wo er das Heimischsein im Leibe ein Feniseiu vom Herren
nennt und das Verlassen des Leibes als die Bedingung der
vollen Vereinigung mit dem k6qios ersehnt. Das Wort selbst
kommt schon bei Piaton, dann namentlich bei Plutarcli vor,
In der griechischen Bibel findet es sich nicht, dagegen einmal
das Substantiv höi^fUa (III Makk. 4, 11), das aucli Polybios kennt.
hxXivb} ist ein überaus häufiges Wort der griechischen
Bibel und kommt hier in den verschiedensten Bedeutungen
fabweichen'', 'abwenden*, 'verführen', 'ausbiegen' oder
'krümmen* usw.) und Konstruktionen vor (meist mit ätiö, so-
dann mit hl, TtQ^g und eis, auch absolut, ferner mit Akkusativ,
ja sogar mit Infinitiv). Die im späteren Griechisch von Poly-
bios an häufiger werdende Bedeutung 'meiden*, die dann bei
Epiktet als Gegenstück zum d^iysa&ai geradezu als ein
Fundaraentalbegriff seiner Psychologie und Ethik erscheint,
taucht auch in den späteren, hellenistisch gefärbten Schriften
des Alten Testaments, so in den Proverbia und bei Sirach
auf, ebenso später bei den Patres apostoUci (Ignat. ad Ephes.
7, 1: ovs äel vfiSs äis -S-q^la exxlhfiv). Bei Paulus finden wir
es zweimal, einmal absolut in einem Zitat aus den Psalmen
(Rom. 3, 12, ähnlich I Petri 3, 11), dann mit ärtö in dem der
Septuaginta geläufigen Sinn 'sich abkehren von' (Köm. 16, 17).
s-AiÜp und ixKOJv finden sieh beide im Neuen Testament
nur bei Paulus. Von äxiuv sagt Nägeli, daß es in der Um-
gangssprache etwas zurücktrete. Dasselbe wird auch von
ixdir gelten können. Wir können also hierin mit MägeU
immerhin eine gewisse Annäherung an das literarische Grie-
chisch erblicken, wiewohl beide AVörter, wenn auch selten, in
AS sich finden. Ziemlich häufig ist hier dagegen die Form
'B'Eeg.
Epiktet nnd das Neue TesUment 113
äw^atog und Exovaiog, von welchen das letztere sich auch im
Neuen Testament, und zwar ebenfalls nur bei Paulus (Philem. 14)
findet, während das Adverb auch Hebr. 10, 26 und I Petri 5, 2
vorkommt. Epiktet hat äxwc, hubv und &xoi/aiog. Eine Ver-
trautheit des Apostels mit dem stoischen Sprachgebraach läßt
sich daraus nicht ableiten. Die Frage aber, ob — wie manche
meinen — das Hervortreten solcher auf die Freiheit des
Willens bezüglicher Begriffe überhaupt für eine Anlehnung des
Paulus an den stoischen Gedankenkreis spreche, ist in einem
anderen Zusammenhang zu behandeln. Daß exo'iv bei P wieder
häufiger auftritt, kann nicht wundem.
ivT^i7tat, enqiTio^tat ist ein Wort, das, von Homer an ge-
bräuchlich, im Lauf der Zeit einen reichen Inhalt aus sich
heraus entwickelt hat. Im klassisclien Griechisch fast nur
im Medium oder Passiv gebraucht, läßt es in seiner Ursprung-
liehen Bedeutung 'sich rühren lassen', 'sich zu Herzen nehmen'
die etymologische Ableitung deutlich erkennen. Die innere
Bewegung kann nun aber freilich nach verschiedenen Seiten
sich äußern: wo eine solche erwartet wird, bedeutet Ivtqe-
jieaS-ai das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Hartherzigkeit;
wo jedoch ein fester Entschluß am Platze ist, wird es ver-
werflich und gleichbedeutend mit 'zögern', 'sehwanken', wie
z. B. bei Sophokles Oed. Kol. 1538. Als Hauptbedeutung
tritt aber doch immer mehr die des Sich Kümmerns am etwas
hervor, so namentlich bei Polybios, der das Wort sehr gerne
gebraucht. Bei ihm entwickelt sich jedoch daneben auch die
engere, ethische Bedeutung und zwar in der doppelten Aus-
gestaltung 'sich schämen' und 'jemand scheuen'. Beide Be-
deutungen finden sich auch im griechischen Alten Testament,
nur daß die erstere häufiger passivisch ("beschämt werden')
und zwar in dem objektiven Sinn 'zu Schanden werden' auf-
tritt, während die tiefere, subjektive Bedeutung 'sich schämen',
'sich demütigen' (im Gefühl einer Schuld) seltener ist. Im
Neuen Testament kommt es in der Bedeutung 'sich scheuen
vor jemand' mehrmals vor, nur Paulus gebraucht das Activum
im Sinn von 'beschämen', aber merkwürdigerweise als Gegen-
satz zu von&eiilv, so daß er unter Ivi^inetv eine wehtuende,
unzarte oder gar Heblose Beschämung verstanden haben muß.
RetiRiansgesEhicbtliche Veiauche u. Vorarbeiten %. °
114 Adolt Bonliflffer
Im selben Sinn ist das Passiv gebraucht II Tliess. 3, 14 und
Tit. 2, 8, aber liier als eine beal)sichtigte Wirkung auf die
Gegner, die innerlich zu Schanden gemacht werden sollen, so
daß also die alttestamentliche Bedeutung in verinnerlichtem
Sinn wiederaufiebt. Bei Epiktet findet sich das Verbum gar
nicht, dagegen das bedeutungsvolle Verbalsubstantiv to ev-
TQettTtxöv, das als Synonymon zu rh atöfjfiov die Fähigkeit
sieh zu schämen und in sich zu gehen, die moralische Ee-
aktionsfähigkeit, ja weiterhin das angeborene sittliche Gefühl
überhaupt bezeichnet. Wenn man bedenkt, daß gerade bei
dem Stoiker Polybios der ethische Gebrauch des Wortes
häufiger zu werden anfängt, so kann man es immerhin in ge-
wissem Sinn zur stoischen Terminologie rechnen. Ein Schluß
auf die Abhängigkeit des Paulus von dieser läßt sich aber
daraus nicht ziehen.
e^artaido] hätte wohl von Nägeli auch unter den Wörtern
der besseren Gräzität aufgeführt werden können. Im Neuen
Testament gebraucht es nur Paulus, in der Septuaginta kommt
es zweimal vor. Da es bei den Patres fehlt, so könnte das
Vorkommen des Wortes in den zweifelhaften Paulinen {II Thess.
2, 3 und I Tim. 2. 14) als Indizium für die Echtheit ver-
wendet werden. Jedoch die Vergleichung von I Tim. 2, 14
mit II Kor. 11, 3 zeigt, daß der Verfasser des Briefes mit
dem Gedanken (Evas Verführnug) auch das Wort von Pauius
übernahm, und eine ähnliche Verwandtschaft findet statt
zwischen II Thess. 2, 3 uud Köm. 16, 18, einer Stelle, die
übrigens selbst verdächtig ist. Bei Epiktet spielt das Wort
eine ziemliche Rolle, besonders in dem Sinne, 'den Leuten
etwas vormachen', etwas zn sein scheinen, was man doch
nicht ist. Zw noch größerer Bedeutung gelangt es aber in
dem Begriff äyi^a^itcirritog und ärE^arraTr-aia, womit Epiktet
(neben äuEty.auhr^s und äftETOTt-vioijia) die Tugend des dritten
Topos fdie Sicherheit in der at;yy.aTd-if-taig] bezeichnet. Gerade
dies spricht aber eher dagegen als dafür, daß Paulus das Wort
etwader stoischen Literatur entnommen hat. Aus Epiktet II 20, 7
ersieht man übrigens (falls er richtig zitiert), daß auch Epikur
das Wort e^afiaräv gebraucht hat. Bei Komutos, dem Stoiker
der ersten Kaiserzeit, finden wir das Kompositnni ei-s'^oTtävi^og.
Epiktflt und das Neite Testament 115
ittuvatiavofiai (Eöm. 2, 17) im Sinne eines unberechtigten
oder mißbräuchlichen Vertrauens auf etwas hat eine genaue
Parallele in S (Micha 3, II: s/ri tbv xtjqiov ercavsTvctvovio
"sie pochten auf den Herrn'), nur daß es dort mit dem
Dativ konstruiert ist. Ohne diesen tadelnden Nebensinn
steht es I Makk. 8, 12 vom Vertrauensverhältnis als Syno-
nymon der Frenndachaft. Sonst bedeutet das Wort im Alten
und Neuen Testament einfach 'sich niederlassen auf etwas'.
Bei Epiktet kommt es einmal vor und zwar in der neutralen
Bedeutung 'sich verlassen auf (I 9, 9 neben &c<Qqelv), ähnlich
7C^ogayafcavi<j3^i (III 13, 2). Das Simples ävccTtavtiv und
äraTiavsad-ai in der auch dem Paulus geläufigen Bedeutung
'erquicken', 'sich erholen' findet sich von Polybios an; die-
selbe Bedeutung, speziell von geistlicher Erquickung oder
Erbauung, hat t^aianaveo&ai in der Apostellehre und im
Barnabasbrief. Irgendwie bezeichnend für den stoischen
Sprachgebrauch ist es nicht.
emoTidoftai einmal bei Paulus I Kor. 7, 18 in der speziellen
Bedeutung, in welcher es den Gegensatz zur Besehneidung
bildet. Nahe verwandt ist die bei Lukian sich findende
Redensart Tiüytova e7iia7i:Sa9m 'sich den Bart wachsen lassen'.
In S wird das Verbum in verschiedenen auch der Profan-
gräzität geläufigen Bedeutungen, auch in der paulinischen ge-
braucht. Epiktet hat das Wort zweimal, einmal im natürlichen
Sinn 'etwas au sich ziehen', 'schlürfen' (Eneh. 47: tTitaitamt,
ipvxQOv üöaioe) und im übertragenen Sinn 'sich etwas zuziehen',
'sich etwas aufladen' ' Q 12, 3ö tI oiv EftiOTtSe oeavuo toSw
ö Effw (oder €aii)0-Bi') tiv&giOTCog (Gegensatz 6 sgw ävS'QioTtng).
Dieser dem Apostel Paulus (inclusive Eph. 3, 16; vgl.
I Petri 3, 4 6 xgvmbt; rije y.aQÖiag äv&Qüjfto^) eigentümliche,
vielsagende und tiefsinnige Ausdruck, mit welchem er sowohl
das Innere, die Gesinnung des Menschen überhaupt (Rom. 7, 22)
als auch die der Vollendung entgegenreifende christliche
' So ist dag Wort im Paator Herniuc mehifacli gebraucht [Sim. IS 2, 6
Au.tiJI'; Mand. IV 1, 8 n/tnpTi.ii- ; Vis I 1, 8 ^dfaroi; III 9, 3 uad-iKi.ai'). —
Im Martyr. Polyc. Steht es im bueiiatäblichea Sinn gleich 'zu sich her-
ziehen' [3, 1).
IIQ Adolf Bonhöffer
Persönlichkeit (II Kor. 4, 16) bezeichnet, erinnert allerdings un-
willkürlich an die dem Epiktet so geläufige Gegenüberstellung
von 'eoM und e^m {^a<»9-Bv und «gw^tp), die in dieser Häufigkeit
and Reichhaltigkeit der Anwendung in der sonstigen Gräzität
keinen Vorgang und keine Nachfolge hat. In S werden diese
Ädverbia, wie auch in der griechischen Literatur fast durchweg,
nur im äußerlichen Sinne gebraucht, Bei Epiktet finden wir
einerseits den Gegensatz rä cow und rä egw zur Bezeichnung
des Unterschieds zwischen den geistigen (ethischen) und äußer-
lichen Gütern und Übeln, analog dem anderen beherrschenden
Gegensatz tob '^^ ^go' fjiiZv und ra oiv. iif ijfilv, (Eine Ver-
bindung beider Begriffe s. in II 5, 5 tau iv %otg ii-iolg; vgl.
IV 9, 16 'datod'ev ydg hii. aal iituKEia Kai ßo^&eia.) Insofern
nach stoischer Ansicht das Glück in der normalen Beschaffen-
heit des Hegemonikon besteht, ist das Innere (t« 6<tw) identisch
mit diesem (IH 15, 13: i} th fjtfiovcxöv ob äei i^eQytx^ea^cu
zh aav%ov ^ T& Itadg. rj Tttqt ta ^mo ^iXoTtovelv ^ 7tiQl r4
UB,<a). Andererseits wendet Epiktet das 'eau&tv au zur Be-
zeichnung der inneren Gemütszustände und Motive im Unter-
schied von dem, was der Mensch in Worten oder Taten äußert
(1 18, 19 und Ench. 16: man darf, je nachdem, den eigenen
Schmerz oder das Mitgefühl äußern, nur nicht eff(u5-£v ü-rsvätuv;
IV 1, 57: man darf wohl die Großen dieser Erde mit „Herr"
anreden, aber nicht eaiuäev und */ itd&ov^; I 27. 21 : Zeichen
der Unbildung ist das Qriywa&ai (G(tt»sv t^v xccQÖltxv, die inner-
liche Ungeduld und Fassungslosigkeit gegenüber den äußeren
Ereignissen; III 3, 13: der Mensch ist in seiner Wahl zwischen
äußerem Vorteil und innerer Befriedigung abhängig von dem
Hkkog edoiSsr. dem inneren Gesetzgeber, den er selbst iu sich
großgezogen hat; IV 11, 18: es gibt eine verwerfliche Un-
reinheit, die ein Ausfluß der inneren Verwahrlosung und
Fäulnis ist). Endlich bezeichnet er mit eoid oder 'iaw&iv das
innere Heiligtum des Menschen, das jeder von Natur besitzt,
den Ort, wo der Gott oder Daimon, der wahre Mantis gegen-
wärtig ist (11 8, 14; II 7, 3). Es läßt sich nicht bestreiten,
daß in allen diesen Anwendungen der epiktettsche Begriff
des saii) und 'd^m dem paulinischeu tavj livO-^io^toi sehr nahe
steht, besonders nach Rom. 7, 22, während die etwas mystische
Epiktet nnd das Neue Testament 117
Färbung in II Kor. 4, 16 von Epiktet weiter abrückt. "Wenn,
woran kaum zn zweifeln ist, Epiktet diese Begriffe schon in
den Schriften älterer Stoiker vorgefunden hat, so ist es wohl
denkbar, daß Paulus von jener Seite, wenn auch nur auf
mündlichem Wege, eine Anregung zur Eildung seines 'daia
äv&QLO!tog empfangen hat, eher als etwa aus der Lektüre
Piatons, der den Ausdruck 6 kvrh ihd-eoitiog im Sinne des
beherrschenden Zentrums oder der Vernunft in der Polileia
(IX 589 Ä) gebraucht hat. fJichtsdesto weniger muß darauf
hingewiesen werden, daß gerade das semasiologisch Ent-
scheidende, nämlich die Verbindung ^'ffw (e?w) äv»Qai7tog,
bei Epiktet fehlt; ja man kann sogar sagen, dieselbe wider-
spricht seiner sonstigen Ausdrueksweise und Anschauung, da
er von einem äußeren Menschen gar nichts wissen will,
vielmehr nur das Innere, die Proairesis, die sittlich freie
Persönlichkeit, Mensch nennt (III 1, 40: du bist nicht aä^^
sondern Ti^oalQeaiq. Vgl. B^ 33 ff. und Pseudo-Philon Quod
omnis proÖus Mer 17 : der äö^arog voOg ist der wahre Mensch).
So verliert denn von dieser Seite die Annahme einer Ab-
hängigkeit des Paulus vom stoischen Sprachgebrauch wieder
etwas von ihrer Wahrscheiniichkeit.
d-Xltjjig xal mtvoxuiQke. Während das Substantiv »Xlipiq
im Neuen Testament häufig und allgemein gebraucht wird,
kommt das Verbum ikXißeiv im Sinne von '0ngemach zufügen',
abgesehen vom Hebräerbrief 11, 37, nur in den pan-
linischen Briefen vor, wobei allerdings II Tbess. 1, 6 und
I Tim. 5, 10 inbegriffen ist; o%Evo%iiiqia dagegen und öievo-
xwp^w finden sich nur im Römer- und II Koi-intherbrief, und
zwar meistens in Verbindung mit Mitptg, beziehungsweise
»Ußw. Da nun Epiktet nicht bloß die Wörter yMßio {nicht
&XlipiSj, aitvoxojqiui und aTevoxt^^ici ebenfalls gebraucht, sondern
beide Verba, zwar nur an einer Stelle, aber dreimal nach-
einander verbindet (I 25, 26 ff.), so wurde auch dies für eine
nähere Verwandtschaft des paulinischen und stoischen Sprach-
gebrauciis geltend gemacht. Ganz ohne Grund, denn gerade
die Verbindung beider Begriffe, und zwar ebenfalls in dem
übertragenen Sinn, ist S ganz geläufig und auch bei P beliebt.
In der Profangräzität werden die Worte wenig und bis auf
118 Adolf BoDbBfter
PolybioB nur im physischen Sinne angewendet: bei letzterem
findet sich arsvoxwgia zur Bezeichnung der staatlichen Geld-
klemme. Wenn gerade in der Bibel die übertragene Bedeutung
besonders häufig ist, so mag das damit zusammenhängen, daß
das jüdische Volk io besonderem Maße gedrückt und bedrängt
wurde oder sich so vorkam, was sich dann natürlich bei der
ältesten Christenheit noch steigerte. Im übrigen zeigt auch
hier wieder eine genauere Betraclituug, daß im Gebrauch
dieser Worte zwischen Paulus und Epiktet weit mehr Unter-
schied als Übereinstimmung besteht. Epiktet gebraucht sie
nämlich entweder in der natürlichen Bedeutung 'drücken',
'einengen' (I 25, 27; 16, 26, beidemal von dem Gedränge
bei Festen und Schaustellungen)^ oder aber, und zwar ganz
überwiegend, zur Bezeichnung eines inneren Druckes und Un-
behagens, wie es durch die falschen Vorstellungen über Glück
und Unglück und die darauf gegründeten falschen Ansprüche
an das Leben entsteht. Also gerade die Bedeutung äußer-
lichen Druckes und Ungemachs, welche in der Bibel vorherrscht,
finden wir bei Epiktet nicht. Ganz natürlich! da er diesen
Begriff gar nicht anerkennt: was uns drückt, beschwert und
plagt, sind nicht die Dinge oder die bösen Menschen, sondern
wir selbst mit unseren falschen diiyftaTa (Euch. 16: älXov —
d. h. irgend etwas anderes als wir selbst — oi S-UßEi; I 25, 28:
kavTovg -lUlßo^tv, havTovg mevo^njQoC^iev; vgl. 125, 17; III 10, 13;
m 13, 8; Ench. 24, 1). Genauer führt er es I 27, 2ff. aus,
was alles ein O-llßov^ ein Moment der Beunruhigung und der
Qual werden kann, der Eeiz der Dinge, die Gewohnheit, die
falschen Vorstellungen, ja auch theoretische Fragen, z. B. die
logischen Sophismen (vgl. auch IV 1, 45 ; I 2, 4). So können
wir also ruhig sagen, für Epiktet gibt es keine ^Uipig und
msvoxi^eia im biblischen Sinne, und die anfangs überraschende
Parallele löst sich in einen grundsätzlichen Gegensatz auf.
' Das Fragment 13 des Gnomol. Epict. (SoIicDkl p. 465 = 8ohw. 24),
in welchem 3-lißtaäai im rein physisclien Sinne gebraucht ist, seUeint nicht
echt za sein. — Orisinell ist dagegen der natürliche Gebrauch des Wortes
mei'o-iojQeiii in IV 1, 106, wo Epiktet dem nimmersaften GenieBer, dem
der Tod KO entsetzlich ist, zuruft: ti änlr^ata; li . . . -li ozivoxfe^^' t»)'
li^iktet imd das Nene Testament 119
"Übrigens findet sich auch bei Paulus eine ihm eigentümliehe
Anwendung des aTsvoy,t»^t,lad-<xi (II Kor. 6, 12) und eine Diffe-
renzierung der beiden Verba, so daß mit d-Ußeaü'ai der äußere
Druck, mit orevoxfaQcla^«!. die innere Beklemmung oder Ver-
zweiflung bezeiühnet wird, worin dann wieder eine gewisse
Annäherung an die Terminologie des Epiktet liegt.
/.öciüv gehört auch zu den Wörtern des Neuen Testaments,
die nur bei Paulus sich finden. In einem mehr äußerlichen
Sinn ('Gebiet', 'Arbeitsgebiet') steht es 11 Kor. 10, 13 und 16,
im Sinne der ethisch-religiüsen Kichtschnur Gal. 6. 16 (Phil.
3, 16). In AS steht es dreimal, zweimal gleich 'Säule', einmal
in der Verbindung Kaviuv i^s (pdoooyilag, jedoch in dem späten
IV. Makkabäerbuch. Da auch der verwandte Begriff fihQov in
Anwendung auf das geistige Gebiet zwar nicht ausschließlich,
aber doch vorwiegend bei Paulus vorkommt, so glaubte man
auch diese Wörter in Beziehung zum stoischen Sprachgebrauch
bringen zu dürfen. Epiktet, der aber die Bildlichkeit dieses
Gebrauches zuweilen ausdrücklich in Erinnerung bringt \ ver-
steht unter xttwü»' oder y.avvves die logischen Kriterien, mittels
welcher man die Waiu'heit einer Aussage, und insbesondere
den praktischen Wert der Dinge beurteilt. In ähnlichem
Sinne gebraucht er auch das Wort ftei^av. Diese fUi^a und
■/.ayöveg sind teils natürliche Maßstäbe und somit identisch mit
den ifivaiital 'evvoiai oder ?rpoJ.^'t/i£(g (II 20, 21; IV 10, 3; IV
12, 12; Euch. 1, 5), teils solche, die erst darch philosophische
Denkarbeit hinzugewonnen sind (II 20, 21 fiQOitpiXoztxvü tov'
tois jc^og^eivat -xai TtQoge^cQydaaaO'ac rä Xeljtovia). Dabei ist
aber nicht zu verkennen, daß (.Uzqov der allgemeinere Begriff
ist, wie denn Epiktet auch von den ^Ut^a des Essens und
Trinkens, des Besitzes, der Begierden, der Entschlüsse und
Handlungen redet. Es ist jedoch nicht nötig, weiter ins
einzelne zu geben; denn die paar Stellen bei Paulus, be-
sonders der Ausdruck ^Uzqov z^g niazeag, haben so wenig
Verwandtschaft gerade mit dem epiktetischen Sprachgebrauch,
' I 28, 30: Wie man die ScLwore dnreli die Wage, die Menge durch
dus Mali bestimmt, so muß man auch für die Beurteilung des Wertes der
Dingo eiue Art Kanon iabei». Ja darin bestellt fcewisEennaGen die Philo-
sophie IntaxInttad'iH r.aX ßtßaioiiV zoi'S -iaidvits, II 11, 34.
120 Adolf Bonhöffer
daß keine Schlüsse darauf zu gründen sind. Wie weit Hegt
z. B. die schwülstig pleonastische Wendung xara to /i^qov
toD -Aovövos ol EfiiQiasy fj,uty 6 3-tbg /-'^(lov (II Kor. 10, 13) ab
von der Klarheit und Bestimmtheit, mit welcher Epiktet diese
Begnffe anwendet! Zu allem hin ist aber die philosophische
Bedeutung des Wortes xav,!,v keineswegs den Stoikern eigen,
sondern tritt im Epikureismus als Titel eines Hauptwerks
seines Gründers noch weit mehr hervor'.
xivöäo^os 'ruhmsüchtig" kommt bei Epiktet und bei Paulus
je einmal vor und ist für beide in keiner Weise besonders
bezeichnend. Es ist ein hellenistisches Wort, wie auch das
Substantiv xsvoöo^ia, welch letzteres auch Phil. 2, 3 gebraucht
wird. Bei Polybios kommen beide Worte vor, bei A außerdem
noch xsvoSo^^b). Bemei'kenswert ist, daß xsvoSo^ia hier, wie
dann auch bei P, neben 'Ruhmsucht' auch die Bedeutung des
'Falschglaubens', der Heterodoxie oder Häresie hat.
xe^öog ist eines der Wörter der klassischen Gräzität,
welche sich im Neuen Testament nur bei Paulus finden, und
zwar zweimal im Philipperbrief, das einemal in der ebenfalls
klassischen Verbindung mit 'Crjfua ^ Auch die Ausdrücke
■/.s^öos {beziehungsweise 'Ct^fiiay) i^yetad-ai oder vofä^eiv kommen
bei Xenophon und Isokrates vor. Es sclieint, daß das Wort
xtQÖos in der hellenistischen Zeit außer Übung kam, es findet
sich weder bei Polybios noch im griechischen Alten Testament ;
dagegen wurde es später, wohl durch die Attizisten, wieder
eingeführt; auch Epiktet gebraucht es etliche Male. Merk-
würdig ist es, daß der berüiimte paulinisehe Ausspruch ib
äTco&artly {1.101) -K^QÖog (Phil. 1, 21) nicht bloß bei dem Rhetor
Libanios, sondern schon hei Piaton und den alten Tragikern
genaue Parallelen hat (siehe Wetstein zu der Stelle!), ohne
daß man ihn aber für eine Reminiszenz aus der Klassiker-
lektüre halten müßte.
vör^fta 'Gedanke', 'Anschlag', 'Sinn', ein gut klassisches
' Eine interessante Bedeutung des Wortes bei Epiktet sei noeh er-
wähnt: einem hohen Staatabeamten gibt er zu bedenken, daü er för alles
sein Tnn doppelte Verantwortung trägt, lia er der Menge als xavöif «<xi
^apäStiyfia gilt (III i, 5).
' AuEerdem noch Tit. 1, 11 im gewöhnJichen, niedrigen Sinn Tom Geld«,
Epiktet nnd daa Neue Teatamettt 121
Wort, von Platon in allen diesen Bedeutnugen gebraucht. In
der späteren Gräzität scheint es seltener geworden zu sem.
Bei Ä kommt es nur dreimal vor, tei Epiktet einmal im
ironischen Diminutiv vorjiAdnov (schiSner Gedanke). Ein Grund,
es mit Heinrici (Der literarische Charakter der neutestament-
lichen Schriften, 110, Änm. 1) zu den aus der Popularphilosophie
entlehnten Begriffen zu zählen, liegt also nicht vor.
ol-Aovoi.iia, ein Wort, das sich von der ursprünglichen, be-
schränkten Bedeutung 'Hausverwaltung' zu der weiteren
der 'Organisation des Gemeinwesens' und dann, unter
stoischem Einfluß, zu dem umfassenden Begriff der 'Wfclt-
eiurichtung' entwickelt hat, welchen dann Paulus aufgenommen
und im christlichen Sinne umgestaltet hat zu dem Begriff der
göttlichen Ordnung, speziell der 'Heilsordnung' oder der zur
Gründung und Erhaltung der Heilsanstalt oder des Reiches
Gottes eingesetzten Ämter und Ordnungen \ Für beide, Stoa
wie Christentum, ist die Ausbildung des Begriffes zu dieser
umfassenden Bedeutung gleich natürlich und bezeichnend, da
beide, jedes in seiner Weise, den großen Gedanken einer
universellen, die ganze Menschheit zusammenfassenden Gottes-
nnd Heilsordnung gefaßt und verkündigt haben. Schon bei
Polybios erscheint der Ausdruck (pvaiuig olxovoiÄla- im selben
Sinne nennt Epiktet den regelmäßigen Wechsel des Entstehens
und Vergehens eine rerayfievi} oixovoi.ila xal öioly-rioig (III 24, 92) .
Weit häufiger verwendet er freilich das letztere Wort, das
im Neuen Testament nicht vorkommt, später aber in der von
der Organisation des römischen Reichs übernommenen Be-
deutung 'Provinz' auch für die christliche Kirche wichtig ge-
worden ist. Das Fehlen des höheren Begriffs der oUomüa
in S erklärt sich ganz natürlich aus der partiknlaiistisch
gerichteten israelitischen Religion; bei P dagegen finden wir
1
- E3 Itümmt wir hier nnr auf die Bedeutung der pauliTiischen oi-
y.o^o!.ia im allgemeineii an; die einzelnen Nua:ncen der Anwendung über-
lasse ich den Theologen.
» I 9 11 ist das Wort im gewöhnlichen Sinn toh der J^natuag ues
äußeren Lebens gehraucht, III 14, 7 in dem spezifisch stoischen Smn der
inneren Dispusdtion oder Direktion des Handelns nach Zn-eekeu; vgl. Mark
Aucel IV 19 und XI 18, 3.
122 Adolf Bonhüifer
üin bereits eingebürgert. — Wenn es nim auch nicht un-
mögiich ist, daß die liöliere Bedeutung, welche Paulus dem
Wort oixovofda gegeben hat, indirekt wenigstens durch die
stoische Idee der physischen oder kosmischen Ökonomie ver-
anlaJJt ist, so darf man doch, nicht übersehen, daß dabei viel-
leicht auch das Bild vom Haushen-n und Äi'beitgeber mit-
gewirkt hat, welches Jesus so gerne zur Darstellung des
Wesens und der Ordnungen des Gottesreichs gebraucht hat \
bfidla gehört auch zu den Wörtern, die innerhalb des
Neuen Testaments nur Paulus gebraucht, was aber um so
weniger von Belang ist, als es in einem Zitat aus Menander
geschieht {I Kor. 15, 33) and das Wort der allgemeinen
Gräzität angehört. leli bemerke nur, daß Epiktet auch von
einer öndla ^^bg &tov5 redet (III 22, 22), was — auch abgesehen
vom Plural — ein Christ nicht gewagt hätte. Die erst in
später Zeit aufgekommene Bedeutung Xei'bauüche) Rede' oder
'Abiiandlung', welche bei Stobaios gerade auf die epiktetischen
Vorträge angewendet wird (Diss. fr. 11, Scliw. 174) ist dann be-
kanntlieh in der christlichen Kirche heimisch geworden. Erst-
mals finde ieli es in dem ignatianischen Brief ad Polyc. 5, 1.
%^iS Rom. 1, 27 von den perversen sexuellen 'Gelüsten'
der Heiden. Das Wort bedeutet in der philosophischen Ter-
minologie der Griechen von Piaton ab, insbesondere bei den
Stoikern, im Unterscliied von dem Affekt der knidv^Ua, die
neutrale, d. h, an sich nicht verwerfliche, ja zum Teil sogar
die natürliche 'Begierde'. So ist auch in der Sapientia Salom.
16,3 von mi.%v &mymla %§(£ die Rede; sonst ist aber auch
in den alttestamentlichen Apokryphen die unphilosophische
Anwendung des Wortes, nämlich im schlimmen Sinn, vor-
herrschend. Bei Epiktet ist bekanntlich die SpEgte einer
seiner philosophischen Hauptbegriffe, und die ganz davon ver-
schiedene Anwendung bei Paulus beweist eher gegen als für
irgendwelche nähere Kenntnis der stoischen Schulsprache.
' Das GleichniB vom ungerechten Haushalter in Lue. 16, 1 fl., der einzigen
Stelle im Neuen Testament, an welcher das Wort olxavoiil«, freilich im
gewöhnlichen Sinn, noch yorkommt, rechne ich nicht liierlier, Denn hier
ist der oiKot'ö/toe veracliieden von dem Kv^coi.
Epiktet lind Ans Nene Teatament 193
oacQÖxivos 'tönern' kommt in der klassischen Literatur
nicht vor, dafür riazQax^ör^g bei Aristoteles, Theophrast, aucli
Hierokles. Dagegen ist es nicht selten bei S und zwar meistens
in Verbindung mit &yyilov oder av.svoc, wie bei Paulus, teils
einfach das Material bezeichnend, teils mit dem Nebensimi
des Wertlosen (wie II Tim. 2, 20) oder Zerbrechlichen (II Kor. 4, 7).
Da das Wort aber auch bei Epiktet und dann, bei Lukiau
auftaucht, so dürfen wir annehmen, daß es ein hellenistische«
Wort war, für welches uns aus der vorchi'istliclien Profan-
gräzität die Belege noch fehlen. Merkwürdigerweise hat es
sich nun so gefügt, daß, während Epiktet es sonst im wört-
lichen, stoffliehen Sinn gebraucht (I 18, 15-, III 22, 106) einmal
eine den beiden neutestameiitlichen Stellen einigermaßen
analoge bildliche Anwendung sich findet. III 9, 18 setzt
Epiktet einem reichen Weltmann, einem Rhetor, auseinander,
was jeder von ihnen vor dem anderen voraus hat; jener hat
hohe Gönner usw., er das Glück, niemand schmeicheln zu
müssen; jener goldene Geräte, dafür aber einen tönernen köyog,
tönerne ööyiiara usw. Jedermann sieht, daß der Ausdruck
öarQdy.tvog UyoQ, hier gar nichts Stereotypes hat, sondern
lediglich ein aus dem Augenblick geborenes, allerdings treffendes
Bild und Witzwort ist. Wenn nun Paulus den Körper ein
tönernes Gefäß nennt, welches den heiligen Sehatz des durch
die Gnade Gottes geweckten geistlichen Lebens birgt, so hat
dies offenbar mit der epiktetischen Jletaplier gar nichts zu tun.
AVenn dagegen der Verfasser des IL Timotheusbriefes, der die
verhältnismäßig späte Zeit, in der er schreibt, schon durch
die Vergleichnng der Christenheit mit einem großen Hause
verrät, die guostischen Häretiker mit hölzernen und irdenen
Gefäßen vergleicht, die ~ hierin hinkt der Vergleich — dem
Hause zwar notwendig sind, aber doch nicht zur Ehre ge-
reichen, so kommt die.'5 dem von Epiktet gebrauchten Bilde
insofern näher, weil es sich in beiden Fällen um die Ein-
schätzung von Persönlichkeiten handelt; aber damit ist auch
die Ähnlichkeit erschöpft. Die Vorstellung von tönernen Ge-
fäßen konnte jeder aus dem Leben, die neutestamentlichen
Schriftsteller obendrein aus den Propheten des Alten Testa-
ments entnehmen; die bildliche Anwendung trägt aber in
124 Adolf Bonhöfier
jedem einzelnen der drei Fälle eine so individuelle Färbung,
daß es nicht bloß unbegründet, sondern fast beleidigend für
jeden der drei Autoren wäre, wenn man eine Beeinflussung
des einen durcli den anderen statuieren wollte. So ist denn
dieses Beispiel wiederum sehr lehrreich dafür, daß man nicht
vorschnell aus scheinbar überraschenden Anklängen auf eine
Abhängigkeit schließen darf.
3v6&og von Piaton an von den Philosophen zur Bezeichnung
der leidenschaftlichen Gemütsbewegungen, der 'Affekte' ge-
brauclit, in der nacharistotelischen Philosophie der Zankapfel
der verschiedenen Schulen und besonders in der stoischen
Eiliik, welche die Anäd-na als Ziel aufstellt, zu zentraler Be-
deutung gelangt, kommt im Neuen Testament nur an drei
Stellen der paulinischen Briefe vor. In S findet es sich nur
einmal sicher und zwar in der ursprünglichen Bedeutung des
(körperlichen) Leidens (Prov. 25, 20). In den Ignatianischen
Briefen ist es die stehende Bezeichnung für das Leiden Christi,
für welches, wie überhaupt für das körperliche Leiden, im
Neuen Testament das Wort Ttd&ijua gebraucht wird, In der
philosophischen Bedeutung steht es wohl unzählig:e Male im
IV. Makkabäerbuch, dessen Gegenstand eben die Bekämpfung
der Affbkte bildet. Jedoch da dieses als Quelle für Paulus
kaum in Betracht kommt, so wäre es allerdings sehr auffallend,
wenn dieses Lieblingswort der hellenistischen Philosophie
unter den neutestamentliclien Schriftstellern nur von ihm ge-
braucht würde. Hat denn aber das Wort nö&og bei Paulus
die Bedeutung 'Affekt' im philosophischen Sinne? Die TtdO-rj
ärifUag Eöm. 1, 26 sind nicht schändliche Affekte — was auf
dem Standpunkt der Stoa überdies ein Pleonasmus wäre —
sondern, wie der Zusammenhang deutlich zeigt, schändliche
Handlungen beziehungsweise Duldungen. In ähnlichem Sinn,
von geschlechtlichen Lüsten und Perversitäten, ist es
Kol. 3, 5 zu verstehen; Luthers Übersetzung „scliändlicha
Brunst" trifft hier so ziemlich das Eichtige. Wenn im
folgenden, wo es sich augenscheinlich um feinere Ver-
fehlungen handelt, d^ytj und &vfAÜs genannt sind, so kann
der Verfasser, als er von fcd&og schrieb, schon deshalb nicht
an die philosophische Bedeutung des Wortes gedacht haben,
Epiktet nnd das Nene Testament 125
weil unmittelbar vorher ganz unbefangen vom Zorn Gottes
geredet wird, was einem stoischen Ohr unerträglich gewesen
wäre. An der dritten Stelle aber (I Thess. 4, 5) bedeutet
das 3t<i9os kmS'OfUag ebensowenig den Affekt der Begierde,
sondern wiederum die sinnliche Brunst, welche dem Apostel
ein wirkliches, von dem Gott-losen Menschen freilich selbst-
verschuldetes und ihn schändendes Leiden darstellt (vgl. das
meovo&at 1 Kor. 7, 9). An die philosophische Lehre vom
Affekt konnte Paulus gerade hier um so weniger denken, als
er die Behaftung mit dem Pathos der iTti^vnla eben als
Kennzeichen der „Völker, die Gott nicht kennen" anführt.
Wenn er aber den Begriff ^<ii^og von den griechischen Philo-
sophen Übernahm, so mußte er auch wissen und hätte es
irgendwie zum Ausdruck bringen müssen, daß ein Teil der
Heiden, und zwar die besten unter ihnen, das ndO-og nocli in
ganz anderem Maß und Umfang verdammten als er selbst.
Außerdem ist zu bedenken, daß Paulus auch das Wort rrdS-r^fia,
das sonst im Neuen Testament, wie auch bei Paulus selbst,
das äußere Leiden bezeichnet, zuweilen im selben Sinne wie
tt<i»og, d. h. im Zusammenhang mit dem Begriff der Sünde
gebraucht, was meines Wissens die Stoiker nie getan haben.
Wenn also das singulare Auftreten des Wortes Tvd&og aus
einer Bekanntschaft des Apostels mit der stoischen Philosophie
erklärt werden soll, so kann das nur soviel bedeuten, daß der
Wellenschlag des philosophischen jrrfÖos-Gezänks auch sein
Ohr getroffen hat, ohne daß er sieh Mühe gab und ein Inter-
esse daran hatte zu erkunden, was denn die 'e^vr, darunter
verstehen. Ganz anders Hegt die Sache bei dem Pastor
Hermae. Zwar wenn er die ^toixda. in welcher ein Weib
befangen ist, Jtd^os nennt, so hält sich dies noch auf der
paulinischen Linie (Mand. IV 1, 5). Anders dagegen in der
Stelle Sim. VI 5, 5, die nicht bloß im Ausdruck, sondern
auch im Gedankengehalt eine gute Kenntnis der stoischen
Affektenlehre verrät: sie ist interessant genug, um hier m
extenso wiedergegeben zu werden: n5<ja Tteä^ig Tpixpr; lan
Tq> dv&^(!>7t(i> ö lav fiÖioig Ttoifi' vial yaq 6 tf^v^olos n> ^«^''»«^
nä&Et rh Ikovov fcouov r^v(p^- xal 6 f.iOiyflg y^al o ^i^&i^aog . . .
■Aal t> lovTOis Tä Sfioia Ttotüv ifj m<f vdfffr. rb ixcri'ör ftoiei.
126 Adolf Bünhöfter
it;eQty.d9aQ!.ici 'Abschaum', 'Auswurf, ebenso seltßu , wie
das einfache x<i!>a^iia in der grieehiselieii Literatur liäuß^ uiid
geläufig ist. An und für sich wäre es gar nicht unmöglich, daß
Epiktet, bei dem wir das Wort einmal finden (111 22, 78). es
selbst gebihlet hätte, indem er dem Sinii)les das verstärkende
TceQt hinzufugte. Aber gerade der Umstand, daß aucii Paulus
es einmal gebraucht (I Kor. 4, 13}, ja daß es auch bei S einmal,
freiäicii In einer weniger durchsichtigen Bedeutung ('Lösegeld',
'Ersat»', Prov. 21, 18) vorkommt, weist darauf hin, daß auch
das Kompositum der Koine nicht unbekannt war. Im übrigen
ist das Verbum nfqiy.a!>aiQii} in der einfachen Bedeutung
'ringsum oder völlig reinigen' nicht bloß der hellenistischen
Sprache eigen [lY Makk. 1, 29; Kpiktet I 19, 5), sondern
schon dem Piaton und Aristoteles. In S dagegen steht es in
der spezifisch religiösen oder kultischen Bedeutung der 'Ent-
sühmmg' und zwar zur Bezeichnung heidnischen Aberglaubens,
ebenso in der Didaehe 3, 4 '. Die letztere Bedeutung scheint,
wenn den Grammatikern Glauben zu schenken ist, auch dem
Schimpfwort y-äd-txQ^ia, und so vielleicht auch dem ^SQixd^a^na
zugrunde zu liegen, wiewohl das letztere sich auch voll
jener natürlichen Bedeutung aus leicht erklären ließe als das-
jenige, was bei der Reinigung abfällt, beziehungsweise weg-
geschnitten werden muß, wenn das Gewäch.s gesund bleiben soll.
icEQiisqtvoiiai prahlen (I Kor. 13, 4) kommt sonst in der
ganzen Bibel, auch bei P nicht vor. Epiktet hat das Ad-
jektiv TtiQTiiQog ('windbeutelig') JII 2, 14, das bei Polybios
zuerst auftritt, und kuiegnsQ^voitat 'sich blähen', 'großmachen'
(11 1, 34). Bei M. Anrel findet sich auch das Simplex (V .">).
So könnte es freilich scheinen, als ob es speziell ein stoischer
Ausdruck wäre. Aber die Aussagen .der Grammatiker, das
Vorkommen des Kompositums t/irrtQ^E^iveaa-ac bei Cicero (ad
Atticum 1, 14) und besonders die Tatsache, daß der Stamm
^teQytcQog von der lateinischen Sprache annektiert wurde, um
' Diesirr kultiädieii Jäeileiitimg diT Rntsülinung liegt — worauf miRli
It. Wünsch nnfinerksBDi machte — offenbar iiiobt sowohl die Vorstelluiifj iler
yijlliseii Keinigiiiig uls vielmelir tltr Kitas des Ringsheramtrasens des
f-Uhiie mittels um das iieinigimwsobjekt zugrunde.
Epiktet und das Meue Testament 127
allerdings zu der Bedeutung 'nichtsnutzig', 'verkehrt' erweitert
zu werden, beweist, daß auch dieses Wort im Zeitalter des
Hellenismus gelaufig war (Melcher 61). Bei Paulus verstärkt
freilich der Umstand, daß er im selben Atem drei, dem übrigen
Neuen Testament fremde Wörter gebraucht (nsQftsQsvBai^ai,
äaxrtnoyBlv, <pvaiova&at) den Eindruck, daß er sich die Aus-
drucksweise der Keine in besonderem Maße angeeignet hat.
(S. die Bemerkung zu äö-/rjf.tov£iv und (puaiavaS-ai.)
ntO-avoloyia nur einmal ina Neuen Testament, Kol. 2, 4,
und zwar im üblen Sinn von Irrlehren, die mit einem ge-
wissen täuschenden Schein auftreten. Das Wort ist sonst nur
aus Piatons Theaitetos bekannt: hier bedeutet es eine nur
mit Wahrscheinlichkeiten und Vermutungen operierende Be-
weisführung im Gegensatz zur zwingenden Logik. Bei Epiktet
findet sich zwar nicht das Substantiv, dagegen der Ausdruck
15 ^1.3-avoloyrKi] dvvrtfug im Sinne einer an sich -wertvollen
dialektischen Kunst oder Fertigkeit, die jedoch auch zum
Schlechten gebraucht und, wie alle övvdfiug, dem sittlich noch
nicht Gefestigten gefähiiich werden kann. Es ist natürlich
nur Zufall, daß die beiden Wörter in der ProfangrÄzi tat als
Hapaslegoraena sich darstellen; denn Epiktet gebraucht jenen
Ausdruck als einen feststehenden, und das Verbum mOßroloyeb»
findet sich bei Aristoteles und Epikur. In Kol. 2, 4 seheint
es mir aber in seiner deutlichen Beaugnahme auf guostische,
eben mit den Mitteln rhilosophiscber Dialektik arbeitende
Irrlehrer zu den Indizien einer nachpaulinischen AbfassuEg odei-
Überarbeitung zu gehören.
TtQaaiQio^ai 'sich etwas vornehmen', 'sich entschließen'
II Kor. 9, 7. Diese allgemeinere Bedeutung, die sich aus der
ursprünglichen Bedeutung 'vorziehen', 'etwas wählen au Stelle
eines anderen', entwickelt hat und, bei Aristoteles schon auf-
tretend, von Polybios ab ganz gewühnlich ist, finden wir auch
bei Epiktet IL 23, 43. Interessant ist es zu beobachten, wie
bei S die ursprüngliche Bedeutung vorherrscht, bei A dagegen
die spätere. Ein Anleben bei der Stoa liegt also unter keinen
Umsläiiden vor, zumal da bei Epiktet das Yerbnm auch nur
einmal vorkommt, ganz im Gegensatz zu dem überaus büufigen
128 Adolf Bonhöffer
und zum Grundstock der epiktetiscben Terminologie gehörigen
^QoalQeaig und irQOatQeTtxög.'
TCQOxo-m] 'Fortschritt', 'Förderung* zweimal im Philipper-
brief (außerdem I Tim. 4, 15). Dieses Wort, im Unterschied
vom Verbum TtgoKÖTvieiv als unattisch verworfen (Phrynichos
ed. Lobeck p. 85) kann einigermaßen als eine stoische Schöpfung
betrachtet werden, jedenfalls in dem speziellen Sinn eines
Fortschritts oder Fortgeschrittenseins in der ethischen Bildung.
Zwar nicht gerade in diesem Sinne, aber doch mit unver-
kennbarer Anspielung auf den stoischen Kunstausdruck er-
wähnt es auch Cicero (ad Att. 15, 16), und bekannt ist der
Begriff des Tt^oxoTTTutv, der in der Stoa allmählich an die
Stelle des (in Wirklichkeit kaum zu findenden) aocpög getreten
ist. An den beiden Stellen des Philipperbriefs (1, 12 und 2ö)
ist es ebenfalls im guten Sinne, allerdings mit einem Genitiv
des Objekts gebraucht (r«ö iiayyeXiov — lijs Tcitnetitg)^- be-
sonders nahe kommt dem stoisclien Gebrauche I Tim. 4, 15,
wo es sich um die Förderung der ganzen Persönlichkeit, nicht
bloß einer einzelnen Seite handelt (iV« aoS rj nQoxortij <pavEgä
^ itSaiv). Dagegen ist im 11. Timotheusbrief das Verbum
TtQoxÖTTTeiv mehrmals von einer Zunahme in deterius gebraucht,
was geradezu eine Verleugnung des stoischen Sprachgebrauchs
wäre, wenn überhaupt der Verfasser dabei an die Stoa ge-
dacht hätte. Aber auch bei Paulus ist diese Annahme un-
nötig, da von Polybios ab das Vi^ort auch in der nicht philo-
sophischen Literatur vorkommt, wie es denn auch bei Ä sich
findet. Das Verbum 7tQOA67Cvv) steht auch Luk. 1, 52; und
im IL Kleraensbrief (17, 3) ist ganz ähnlich wie im Philipper-
brief von einem Tt^oxaitiuv h taZg ivto?.aZs lov x7:^iov die Kede.
Tt^oaxö^Tii} 'Anstoß nehmen', 'sich ärgern', in dieser Be-
deutung von Polybios an nachweislich, wie auch das Haupt-
wort itQouvMTiri (II Kor. 6, 3). Letzteres fehlt nur zufiiliig
bei Epiktet, denn er kennt natürlich die spezifisch stoische
Verwendung dieses Eegrifis als des Pendants zum vöarifta
(Hang) 2, wie aus dem analogen Gebrauch des Verbums
' Der Geoitiv t/iMi- scheint mir eher Ton ni'oisoie als too TtgoxoTt^
ilirekt abinliängen. = B ' 876.
Epiktet und das Neue Testament 129
it^omÖTtTEiv neben ögy/Cetr^ai, zaie/ta/fsiv usw. hervorgeht
(I 28, 10 5 vgl I 18, 9 Tö TCQoaxomttxhv xai fiiaticiwv). Cicero
übersetzt bekanntlieh den stoisehen Terminus srgoffxo^^ mit
offenste Beide Wörter finden sieh wiederum nur bei Paulus
(denn I Petri 2, 8 hat ji^oaxoTcteiv den auch sonst im Neuen
Testament gebräuchlichen objektiven Sinn 'anstoßen an etwas'
und dadurch zu Fall kommen). Etwas Auffälliges hat dies
aber nicht, da, wie gesagt, beide Wörter dem hellenischen'
Sprachgebrauch angehören und das Verbum wenigstens auch
bei Sir. sich findet und zwar sowohl gleich 'Anstoß nehmen',
als auch gleich 'Anstoß geben'; im letzteren Sinne auch bei
I Klem. 21, 5. Paulus hat außerdem auch noch das Derivatum
jcQ6axofi[ia (im äußerlichen Sinne 'Anstoß', 'Hindernis' und im
innerlichen gleich TtQoaxoTt^), das außerhalb der Bibel erst
bei Plutarch sieh findet, aber den S geläufig ist und auch im
Pastor Herrn, gebraucht wird. 'JjiQÖmofCos kommt nur im
Neuen Testament und bei A (Sir. und III Makk.) vor.
TtQoxi&tfiai 'einen Vorsatz fassen' Eöm. 1, 12 (und Eph. 1, 9)
ist wiederum ein zwar schon in klassischer Zeit gebrauchtes,
aber dann besonders in der späteren Gräzität gewöhnliches
Wort, das zwar bei S in anderem (wörtlich lokalem) Sinn
angewendet wird, dagegen bei A auch in der erstgenannten
Bedeutung. Iq der stoischen Psychologie spielt es allerdings
eine gewisse, Rolle als eine Spezies der Öß^(jJ oder des Wollens ;
aber Paulus braucht es ganz im landläufigen Sinne, wie
auch das Hauptwort jt^ö&eaii, das übrigens auch Lukas
hat, und denkt nicht entfernt daran, daß dies ein stoischer
Terminus ist.
aalouai wird einmal von Paulus und zwai' in der sonst
nirgends belegten Bedeutung 'wankelmütig werden', 'sich er-
schüttern lassen' gebraucht (I Thess. 3, 3). Sehr nahe berührt
sich damit die Stelle bei Diog. Laert. (IV 41), wo es soviel
bedeutet wie 'gerührt', 'ergriffen werden'. Im selben Sinn,
aber noch mehr in der Bedeutung 'schmeicheln' und 'sich
schmeicheln lassen' ist es in der poetischen Literatur der
klassischen Zeit nicht selten und wird dann auch von der
späteren Prosa angeeignet. Bei Epiktet kommt es einmal
vor in der natürlichen Bedeutung 'wedeln' (von den Hunden),
Keligioiiseesclilolitl'sliE Versuche n. Vorarbeiten X. . *
130 Adolf Bouhöffer
weshalb um so weniger Anlaß vorhanden ist, das Zusammen-
treffen des Paulus mit Epiktet irgendwie auffällig zu finden.
Gxo7tög in der Bedeutung 'Zier (Philipp. 3, 14j gehört zu
den gutgriechischen Wörtern, die dem Apostel Paulus als
einem mit der griechischen Sprache und der Anschauung der
Hellenen von Jugend aaf vertrauten Manne näher lagen als
den meisten anderen neutestamentlichen Autoren, und deren
ausschließliches Vorkommen bei ihm somit nichts Befremd-
liches hat, so wenig wie die anderen von der griechischen
Athletik genommenen Begriffe und Bilder. Daß es auch bei
Epiktet nicht fehlt, ist ebenfalls ganz natürlich. Wenn aber
nicht einmal dieser eine Kenntnis der spitzfindigen Unter-
scheidung von tüos und axoTtög verrät, die dem letzteren
"Wort zu einer gewissen Sonderbedeutung innerhalb der
stoischen Sehulsprache verhelfen hat (Stobaios Anth. 11 76, 16 W),
so ist dessen Gehranch bei Paulus noch viel weniger als
„Stoizismus" zu betrachten. Auch in der Sap. Sal wird das
Wort so gebraucht, ebenso in den Klementin. Briefen.
OToixila ToS -Mafiou. Während das Wort aroixsia in
Hebr. 5, 12 die Anfangsgründe, in 11 Petri 3, 10 die
Elemente im physikalischen Sinn bezeichnet, ist der Aus-
druck atotxiia Tov xoafiov dem Paulus eigentümlich (Gal. 4,
3 und 9; Kol. 2, 8 und 20). Der langjährige Streit der Ese-
geten, ob darunter die Anfangsgründe, d. h. die primitiven,
nur vorübergehend gültigen Satzungen der Welt im Gegensatz
gegen die höheren, definitiven Ordnungen des Gottesreiches
oder die Elemente im physischen, genauer im theologischen
Sinn als die Gestirngeister oder überhaupt die den (ver-
gänglichen) Kosmos beheiTschenden Mächte gemeint seien,
kann nach der grundlegenden Untersuchung von H. Diels
(Elementum, Leipzig 1899) im allgemeinen als zugunsten
der letzteren Auffassung entschieden gelten. Ihr hat sich
auch die theologische Exegese mehr und mehr angeschlossen,
so Ernst Kühl in seiner Erläuterung der paulinischen Briefe
(Band 1, Gr.-Lichterfelde- Berlin 1907) und H. Lietzmann im
Handbuch zum Neuen Testament III 1, 1906 ff., während z.B.
Bernhard Weiß auf seiner abweichenden Auffassung beharrt.
Zuzugehen ist, daß die Diels'sehe Erklärung erschwert wird
Epiktet und dos Nene Testament 131
durch die Erwägung, daß der Apostel das mosaische Gesetz,
dem er selbst einst diente, kaum in dieser Allgemeinheit als
ein Werk, bei dem Gott selbst sozusagen gar nicht beteiligt
gewesen wäre, darstellen und gar mit dem von ihm so .schroff
verurteilten Götzendienst der Heiden auf eine Linie stellen'
konnte. Andererseits tritt an beiden Stellen ganz klar hervor,
daß er bei seinem Urteil speziell das Äußerliche und Äußer-
lichste am Gesetzesdienst im Auge hat, nämlich die religiösen
Übungen, sofern sie an die kosmischen Zeiten gebunden, also
gleichsam von den Weltgeistern, den Astralmächten diktiert
sind, und von diesem Gesichtspunkt aus erscheint ihm mo-
mentan der Unterschied zwischen heidnischer und jüdischer
Eeligionsübung als irrelevant. Daß die Äußerungen des
Apostels über das jüdische Gesetz nicht leicht unter einen
Hut zu bringen sind, ist eine anerkannte Sache, und wir
werden nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß er an den
fraglichen Stellen, wo sich's um einen Rückfall von Christen
ins Judentum handelt, das Gesetz nur nach der negativen
Seite seiner Un Vollkommenheit und Unzulänglichkeit betrachtet,
nicht nach seiner positiv „pädagogischen" Bedeutung, in
welchem Betracht er den Gottesdienst niemals der heidnischen
Verehrung der (p-iau firj üvreg ■d'eoi und dem leeren Trug der
(piXoüOfplct gleichstellen konnte. Im übrigen entspricht gerade
diese „superstitiöse Anbetung der Elemente", welche Diels
dem paulinischen Ausdruck zugrunde gelegen sein läßt, am
allerwenigsten der stoischen Anschauung, wenigstens in
ihrer reinen Gestalt, für welche vielmehr die pantheistische
Vereinheitlichung der Naturmächte und der göttlichen Wirk-
samkeit bezeichnend ist, wie denn auch Diels selbst es aus-
spricht, daß Paulus hier an die jüdische Volksanschauung
anknüpfe, wonach die aioixela oi^ikvia von Engeln geleitet
werden (aaO. 51)*.
' Eingehend nnd iimeichtig ist der panlinische Begriff ileK oioty.ita
erörtert von Sl. Dihelius (Die Geisterwelt im Glauben des Paulas, GSttingen
1909). Ira ganzen mit Diels einig weist er jedoch darauf hin, daß man
nicht bloß an die öestimgeiBter denken dürfe, sondern überliaupt an die
Geister, die den nön/ias regieren. (Ähnlich neuestens auch Friede. Pßster
in Philol- 69, 1910, H. 3.) Auch betont er mit Eecht, daü es ver-
9*
132 AdoU Bonheffer
aiJi4(piovos kommt nur einmal bei Paulus vor, und zwar in der
Formel «x avficpthvov 'nach Übereinkunft' (I Kor. 7, 5); also
keine Spur von der bedeutungsvollen Anwendung des Begriffs
in der Stoa, welche das Ziel des Menschen in die oi:fitfiuvia
mit dem Willen des Weltordners setzt (Chrysipp bei Diog.
Laert VII 88; Epikt. I 4, 18 lijv Ttgoal^saiv aijfi<piiivov &no-
zeXtaai rfj (pvaet) und die Gegensätze 'Sommer und Winter'
'Tugend und Laster' usw. zur avi-Kpuyyia röv iJloiv für not-
wendig hält (Epikt. I 12, 16); av^Kpwvias zfl (pvasi ist bei
letzterem nur ein vollerer Ausdruck für xar« ipvaiv. Statt
des Substantivs av/Kpwvla, das sich nur bei Lukas, in musi-
kalischer Bedeutung, findet (15, 25), gebraucht Paulus das
spätgriecbische Wort avfupdivrjaig (II Kor. 6, lö: ^Is (^k *'?''/'-
(pdivrfiig Xqioioü jtQos BslioQ;). Bei P kommt cvfKpwvslv und
avfKpKjjvoi öfter vor Im Sinne der Eintracht, ebenso bei A.
Doch findet sich hier (IV Makk. 7, 7) auch der Ausdruck
ov/ieptüvog vöfiov (a. mit Genitiv schon bei Piaton) und ganz
stoisch klingt die Weisheit des Ecclesiastes (7, 15|: avv tovrq)
{tiJ» &yaS-(J)) av/iqidivijjg toEto (tÖ ycaxhv) iitoirjOev ö &e6s.
ovviaTiii.li (avvitrcdiviijj von Paulus ziemlich häufig ge-
braucht, meist in der auch bei Epiktet vorwiegenden Be-
deutung 'empfehlen', doch auch als 'dartun' und intransitiv
im IL Aorist 'bestehen aus'^ In allen diesen und noch
mannigfaltigeren Bedeutungen ist das Wort in der klassischen
und hellenistischen Prosa gebräuchlich, auch der Ausdruck
avavaTixij eniazoX-^ [II Kor. .S, 1; vgl. Diog. Laert. V 18 und
Epikt. II 3, 1 yQdfifiaza avaTartxä). Auch bei A tritt die
Bedeutung 'empfehlen' deutlich hervor, während sie bei P
wieder fehlt. Epiktet gebraucht das Wort besonders, um die
kehrt wäre, in der betreffenden Stelle Gal. 4 die QniBtesaenz der paulinischen
Gedanlten über das Judentum zu suchen. Nicht beipflichten kann ich ihm
aber darin, duü Pauiua auch die yoa den Heiden verehrten Götter als ini-
ipoitat und olx/'fonoi (aiol), d. h. als die wirklichen Verwalter der Welt
(p. 83) hätte gelten lassen. Uies laßt eich mit Eöm. I schleohterdiugB nicht
zusammenreimen, und wenn Paalus «nter der xtLois (Böm. 1, S5) die Geist-
wesen, von denen die gesamte Schöpfung regiert wird, -verstanden hätte,
so konnte er unmöglich den Heiden aus ihrer Verehrung der (tatsäch-
lichen!) Weltregenten einen so vernichtenden Vorwurf machen.
1 Ebenso II Petri 3, 5.
o
Epiktet wid das Neue Testament 133
Unsitte der Kmpfehlung von jungen Leuten an Lehrer der
Philosophie zn geißeln. Eine tiefere Bedeutung haben aller-
dings auch diesem Begriff die Stoiker beigelegt, indem sie
die natürlichen und weiterhin die höchsten moralischen Be-
dürfnisse des Menschen, die innere Einheit und Überein-
stimmung mit sich selbst, als etwas darstellten, was die Natur
dem Menschen selbst empfehle (vgl. die Ausführung, welche
Cicero nach Panaitios im''2. Buch der Offiäa Cap. 13 ff. über
die cominendatio giht). Ähnlich sagt Epiktet „mich hat Gott
mir empfohlen" d. h. er hat mich auf mich selbst hin-
gewiesen als auf das heiligste Gut, das es für mich gibt
und zu bewahren gilt (IV 12, 12). Von dieser philosophischen
Bedeutung abgesehen hat jedoch das Wort nichts Stoisches
an sich, es gehört aber immerhin der besseren Gräzität an.
aiotpqovin} wird im Neuen Testament nicht bloß von Paulus
gebraucht; es steht auch bei Markus 5, 15 (Luk. 8, 35j im
physischen Sinne als Gegensatz zur geistigen Störung; ähnlieh
XI Kor. 5, 13 im Gegensatz zur Ekstase. Dagegen wollte
man darin, daß der Apostel das Wort einmal auch im ethischen
Sinn gebraucht (Eöm. 12, 3), eine Verwandtschaft mit der
griechischen Philosophie entdecken. Doch reicht hierzu diese
eine Stelle, die noch dazu in einem Wortspiel besteht, nicht
aus, zumal weil das im philosophischen Sprachgebrauch viel
wichtigere Substantiv aiacp^oa-övri, sowie das Adjektiv a^fpQiov
fehlt, während das Auftreten dieser beiden Wörter in den
Pastoralbriefeu, wie auch in der alttestamentliehen apokryphen
Literatur in der Tat ein Anzeichen hellenischen Einflusses ist.
Übrigens ist gerade bei der Stoa der alte sokratische Begriff
der oiüfQoavyrj durch die Lehre von der Einheit aller Tugenden
und das Überwiegen des inhaltsvolleren Begriffs des Natur-
und Vernunftgemäßen etwas in den Hintergrund getreten.
tpdoaoipla. Vor ihr wird Kol. 2, 8 als vor einer ver-
führerischen Kunst gewann, der stärkste Beweis dafür, wie
wenig wirkliehe Kenntnis und unbefangene Schätzung der
griechischen Philosophie der Briefschreiber besitzt, der aber
in diesem Fall sicher nicht Paulas selbst ist. Von hier aus
ist nur noch ein Schritt zu dem gehässigen Hohne, mit welchem
in der JJJpislola ad Diogiietum 8, 2 von den A^iörttoiot <piX6-
134 Adolf Bonhefler
ao^ot die Rede ist, die kurz darauf mit dem Ehrennamen
y6j}Tss bedacht werden. Daß das Wort im Neuen Testament
sonst nie vorkommt, kann niemand wundernehmen, andererseits
mußte der Biograph des Paulus bei der Schilderung seines
Besuchs in Athen wohl oder übel die epikureischen und
stoischen Philosophen erwähnen.
tftlöctOQyoq, von Xenophon und Piaton an speziell als
Bezeichnung der Verwandtenliebe gebräuchlich, spielt bei der
Stoa, besonders der späteren, entsprechend der hier mehr
hervortretenden Schätzung der natürlich menschlichen Em-
pfindungen, eine große Rolle, wie denn eines der schönsten
Kapitel in den Dissertationen Epiktets der (pdoaro^yla ge-
widmet ist. In AS findet sieh der Begriff bezeichnenderweise
nur in den offenkundig hellenisierenden Makkabäerbüchern,
und zwar von der natürlichen Selbstliebe wie von der Eltern-
liebe. Paulus überträgt ihn auf das brüderliche Verhältnis
der Gläubigen, und so ist er auch in Epist. ad Diogn. 1, 1
gebraucht. "Wir können also dieses Wort immerhin zu denen
rechnen, welche Paulus seiner größeren Vertrautheit mit dem
griechischen Wesen verdankt ^
gfvawofiai 'aufgeblasen sein^ 'sich brüsten', im I Korinther-
brief öfters, auch Kol. 2, 8. In dieser Form ist das Verbum
in der Profangräzität nicht nachzuweisen, wogegen q>vati<i) und
tpvadoi^ai in derselben Bedeutung gut griechisch ist und auch
bei Epiktet und AS vorkommt. Vielleicht gehört das Wort
der niederen Umgangssprache an; jedenfalls beweist es nichts
für eine hellenistische, geschweige denn stoische Beeinflussung
des Apostels.
Überblicken wir noch einmal diese 48 Wörter, beziehungs-
weise Ausdrücke % welche Paulus allein mit Epiktet gemein
hat, so hat sich gezeigt, daß die weitaus meisten keinen Anlaß
' Die Bedeutnag und das gegenseitige Verhältuis der BegriSe ^dav,
arif/eip und dyanäi' hat feinsinnig dargestellt L. Schmidt (aaO. I 275 a. 391).
^ Nachträglich füge ich noch hinEur SoyfiaTi^ui, öovhi-/iay4o>, ä-gta/i-
ßiiioi; ijTiBMffevia, das Epiktet einmal gebraneht, findet sich nur 11 Tim. 4, 3;
dagegen das simplex oio^evm auch Köm. 12, 20, freilich in einem Zitat
ans Prov. 26, 22.
Gpiktet \mi das Neue TestHment 135 ,
geben, irgend eine besonders nahe Bekannt-schaft des Apostels
mit der profanen Literatur oder überhaupt der spezifischen
Denk- und Ausdriicksweise der Griechen anzunehmen. Viel-
mehr sind es fast lauter Wörter, die ihm aus der Septuaginta
und besonders aus den alttestamentliehen Apokryphen be-
kannt sein mußten oder konnten; wo dies nicht zutrifft, oder
für den Fall, daß ihm die letzteren nicht oder nur zum Teil
bekannt waren, erklärt sich ihr Gebrauch daraus, daß Paulus
eben in der hellenistischen Sprache auferzogen war und selbst-
verständlich auch manches von der hellenischen Anschauungs-
und Hedeweise sich unwillkürlich angeeignet hat. Immerhin
bleibt ein kleiner Eest von Wörtern übrig, welclie zeigen,
daß nicht bloß überhaupt der Wortschatz der höheren Koine
sondern auch die philosophische Terminologie, darunter auch
etliche stoische Lieblingsausdrücke (äTisgiafcciaTiog, äaxi]fiovstv,
ixiLv, kvTQiTto}, olxovofda, Ttd-S-og, (piX6aTOQyog usw.) ihm einiger-
maßen zu Gebot standen. Andererseits fanden wir durch-
gängig, daß gerade die spezifisch philosophische Bedeutung,
welche viele dieser Wörter in der Stoa angenommen hatten,
dem Apostel unbekannt oder gleichgültig ist, ja daß er zu-
weilen geradezu in Widerspruch zu ihr tritt.
Etwas anders würde sieh das Verhältnis stellen, wenn
wir auch den Epheserbrief und die Pastoralbriefe zu den
echten Paulinen rechnen dürften: hier sind die Berührungen
mit der einer höheren Bildungssphäre angehörigen Diktion
deutlicher, und auch spezifisch stoische Wörter und Begriffe
treten hier häufiger auf. Ich nenne im folgenden wieder nur
diejenigen, welche sich innerhalb des Neuen Testaments nur
in den betreffenden „Paulinen" und zugleich auch bei Epiktet
finden. Aus dem Epheserbrief: -Kußda (vgl. mit dem epik-
tetischen ■x.vßsvüi 'ein leichtsinniges oder betrügerisches Spiel
treiben'), oa7CQ6g (vom löyog, wie Epiktet vom ööyfia), aaozoSad^ai
(von der geistigen Verblendung) und (pQÖwjms; aus den Pastoral-
briefen ayvtia (im ethischen Sinn), drurrdraxfoe, &nalÖ{^vTüq,
&7to9rflavQÜ^cii, yvfivaaia, yvvatxdQiov, £ftav6^-d-ioaig, ^ftinl^aaca,
xtvofpiuvia (Epikt. 11 17, 8: nErws jag (ptuväg Tuvrag (Sfiijxoü/iev ;
II 6, 19: xevä dv6u<xrct), nöafttoq, dftokoyovftivtDg (auch Ep, ad
Diogn, 5, 4), Tza^axoXov&^to, aiSi<jiQo}y und anj^Qoavvt; [aiixp^ovl^ot
136 Molf BouhtlfieT
und a(o(p^ovion6g], r'xvoipoyi^w, r^Xog (= Zweck), wytijg Xöyog,
vytaivovTBs Xöyoi (überhaupt die Übertragung des Begriffs der
Gesundheit auf das geistige Gebiet), vdQOTcorib} \ vitox^mais,
(pilavzog (auch bei Epiktet im tadelndeu Sinn), x«^e^^S^-
Jedoch auch bei Hinzunahme der von uns als unecht be-
trachteten Briefe wird das Ergebnis kein wesentlich anderes,
wie im einzelnen wieder leicht zu zeigen wäre.
B. Der Stil des Apostels Paulus
Wie in dem Wortsehatz, so, und vielleicht in noch höherem
Maße, wollte man auch im Stile des Paulus eine Verwandt-
schaft mit Epiktets Diatriben finden, die man sich nur aus
einer besonders starken Beeinflussung durch den Hellenismus
erklären zu können glaubte. Indem ich eine eingehende und
allseitige Darstellung des paulinischen Stiles Berufeneren über-
lasse, beschränke ich mich hier darauf, einige Beobachtungen,
die mir bei wiederholter Lektüre der paulinischen Briefe und
der epiktetischen Lehrvorträge aufgestoßen siud, mitzuteilen.
Daß die Argumentationsweise bei Paulus stark an die Disser-
tationen des Epiktet erinnert, ist längst erkannt worden*,
und wird neuerdings auch von Nägeli (aaO. 13) zugegeben.
Zu bedauern ist, daß J. Viteau in seinen äußerst verdienst-
lichen Arbeiten über das Griechisch des Neuen Testaments
' In der Septuaginta «inmG:! bei Dau. 1, 13.
' Außer II Tim. 3, 1 kommt 63 aucli Matth. 8, 38 vör, aber von
Peraouen, in der Bedeutung 'Bchlimm', 'bösartig'.
" Feine aaO. 79; Job. Weiß, Die christl. Freiheit, GBttingen 1902, 8;
Leipoldt aaO. 146. Am besten nad eingehendsten hat Georg Heinrid, Der
literarische Charakter der neatestamentliohen Schriften, 67fl. über den Stil
des Apostels gehandelt. Meine Ausfühmng soll nur eine Brgftnznng daan,
allerdinga zugleich eine Einschränknag der von Heinrici gezogenen
Folgerungen sein. Betreffs des Sprachgcbranch« Epiktets in grammatischer,
lexikaÜBcber und stiliätiseher Hinsicht verweise ich auf die mehrfach er-
wähnte, eingehende und nötzliche Uutersnchnng von P. Melcher. Yon
allgemeinerer Bedeutnng ist die Schrift A. Thumbs, Die griechische Sprache
im Zeitalter des Heüenismns , StraBbnrg 1901, und für die Sprache des
Neuen Testaments bildet in rein philologischer Hinsicht immer noch die
Grundlage das Buch von F. Blali, Grammatik des neutest. Griechisch,
2, Aufl., Gattingen 1903.
Epütet und duB Neue Testament 137
za wenig auf die Parallelen aus der profanen Gräzität ein-
gegangen ist. Freilicli läßt sich, wie heutzutage wohl all-
gemein zugestanden ist, das neutestamentliche Griechisch
nicht mehr als eine Einheit betrachten und behandeln, sondern
es tut not, die einzelnen Schriften oder Schriften?rnppen jede
für sich besonders zu untersuchen. Wenn ich dies im folgen-
den mit den paulinisehen Briefen, und auch dies nur mit Be-
ziehung auf Epiktet unternehme, so möge man dies im vollen
und bescheidensten Sinne als einen „Versuch und eine Vor-
arbeit" betrachten.
Ich hebe im wesentlichen nur diejenigen Elemente der
paulinischen Bedeweise heraus, welche innerhalb des Neuen
Testaments dem Apostel allein eigen sind und zugleich auch
bei Epiktet sich finden. Da steht in erster Linie die bei
letzterem so überaus häutige aber auch dem Paulus geläufige
Formel (t^ yivoiTa, welche eine von dem Hörer oder Leser
aus einer vorangegangenen Behauptung möglicherweise ge-
zogene Folgerung in temperamentvoller Weise abwehrt. Da
sie ihre eigentliche Stelle in einer theoretischen, dialektischen
Auseinandersetzung hat, so Ist es nur natürlich, daß sie von
PI' am häufigsten im Römerbrief, sodann im Galaterbrief,
weniger in den Korintherbriefen, gar nicht in den übrigen
angewendet wird. Während Viteau (aaO. 39) den Ausdruck
als einen dem PI eigentümlichen bezeichnet, weist Nägeli
nebenbei daraufhin, daß er schon in S „also in der griechischen
Gemeinsprache" sich finde (aaO. 13). Dies ist z. E. der Fall
Josua 24, 16 und Gen. 44, 17. Beidemal tritt aber noch ein
Dativ hinzu {^oi oder v^tlv) und beidemal handelt es sich um
eine praktische Verwahrung, nicht um eine theoretische Ab-
wehr. Man kann also diese Art der Verwendung nicht ohne
weiteres der paulinischen an die Seite stellen; von einem
formelhaften Gebrauch, wie bei PI und Epiktet ist ohnedies
keine Bede. Im selben Sinne, wie bei S, und zwar ohne
Dativ, kommt der Ausdruck auch im Neuen Testament einmal
' Da ich die Chiffre P als abgektlrzte Bezeichnung für die Fatren
apostoUci gewählt habe, so soll im folgenden PI als Abkürzung für Paulus;
gebraucht werdeu.
138 Adolf BoiihüiTer
vor, nämlich Luli. 20, 16. So bleibt es denn dabei, daß der
epiktetische Gebrauch des Ausdrucks innerhalb des Neuen
Testaments sich nur bei PI findet. Dies wäre an sich noch
nicht besonders auffallend, da eben nur Paulus tatsächlich in
seiner Geistesart etwas dem Epiktet Verwandtes hat. Auf-
fallend ist jedoch, daß die Formel auch in der übrigen Profau-
literatur, soviel mir bekannt ist, bis jetzt nicht nachgewiesen
ist. Sie findet sich auch nicht bei Teles, dessen Lehrvorträge
sonst, wie wir noch sehen werden, anch im Stil, wie im Ge-
dankengehalt, den epiktetisehen am nächsten stehen. Trotz-
dem ist natürlich an ein Änlehen des Epiktet bei Paulus nicht
zu denken; und da dieser sein fiij yävoito nicht von jenem
iiaben kann, so bleibt in der Tat keine andere Erklärung
übrig:, als daß beide diesen Ausdruck der Umgangs.'^prache
entnommen haben, da er sich der dialektischen Lebhaftigkeit
beider in gleichem Maße empfahl.
Besonders groß ist die Übereinstimmung des PI mit
Epiktet in den Partikeln und formelhaften Wendungen, mit
welchen die den Fortschritt der Gedanken tragenden Fragen
eingeleitet werden. Schon die große Häufigkeit dieser rheto-
rischen Fragen in den betreffenden Ataschnitten seiner Briefe
ist auffallend {Blass aaO. 297} und erinnert auf Schritt und
Tritt an Epiktet, bei dem ja fast jeder zweite Satz eine
Frage ist. Aber auch die Ausdrücke selber stimmen überein,
so vor allem das vi o-^v. Mit karh oder überhaupt als An-
fang eines eigentlichen, vollständigen Fragesatzes kommt es
natürlich auch sonst im Neuen Testament vor, aber für sich
allein, als abgekürzter Fragesatz, wie bei Epiktet so überaus
häufig, wird es nur von PI gebraucht (z. B, Köm. 6, 15).
"Denn Joh. 1, 21 hat es eine ganz andere Bedeutung („was
bist du dann?-', nämlich: wenn du nicht Christus bist). Eben-
so wie bei PI und Epiktet finden wir das il oh auch bei
Teles (z. B. 25, 13 Hense *) und Mnsonius. Daran reiht sich
an die bei PI so beliebten Formel ii oiv e^oCftev oder
auch bloß tI egoüfiev}. Letzteres finde ich zwar bei
Epiktet nur an einer Stelle (III 7, 3 tl i^omisv rolg äy&Qt!i-
' Eiumal auch n' oiy fq/ii; (I Kor. 10, 19).
Epiktet und im Nene Testament 139
notg;) dagegen ist beiden gemeinsam nicht bloß die Wendung
%l ei'rtw, sondern namentlich auch t* J-^yet zur Einführung
eines Zitats (bei PI gewöhnlich zu ergänzen: ^ i'^ctf'^) und
rl l^yei.s.'- Im Zusammenhang damit erwähne ich auch die
nicht interrogativen Verbindungen mit }Jy(o oder fjjfU, die
einen neuen Gedanken oder einen selbstgemachten Einwand
einführende Formel «pe^so 5 i','5J.i'.'«eEiTis{Epik.tet 118,24
äXl' eQovat) und die Ausdrücke liyt^ oiv, lovto liyut. â–
loCtö tpTifU, und besonders ä}.).a Uyw, liyoj äi, liyai
y&Q, mit welchen PI und ähnlich Epiktet, wenn auch
weniger in der feierlich autoritativen Weise des ersteren,
seine eigene Meinung kundgibt^.
um wieder auf die interrogativen Wendungen zurück-
zukommen, so ist hier namentlieh zu nennen der häufige Ge-
brauch der Adverbien /fös und -^tov, wobei ei-steres seine
ursprüngliche modale, und noch mehr letzteres seine lokale
Bedeutung fast ganz abgestreift hat. Dem Paulus und
Epiktet gemeinsam, den übrigen Autoren des^ Neuen Testa-
ments aber fremd sind die Wendungen ftC-s Ut,^itov^ oiv
oder auch ftov allein im Sinne einer emphatischen Verneinung,
während jrög oh und it&g oi oder oöxi auch sonst im Neuen
Testament sieh findet. Auch die Wendungen il Hi, über-
haupt die vielen Fragen mit i/s und ^ die Formel oiy.
oläag (Epiktet twyt ola&a, 7c6d-fv olSas) und besonders im
Plural ovx oidare (Epiktet ovx i<nc), ferner das eitsi vor
Fragen (übrigens auch Hebr. 10, 2), die Apostrophe ab vis
d (Rom. 14, 4; Epikt III 1, 22), das alles sind Punkte, in
welchen eine unleugbare Stilverwandtschaft beider zutage tritt.
Dazu kommt noch das von. Epiktet so gerne zum Ah-
echiuß einer Gedankenreihe verwendete loi-jtöv, das bei PI
zwar nicht häufig, aber in diesem Sinne doch nur ihm eigen
ist, ferner die zwar nicht bloß bei PI aber besonders häufig
bei ihm vorkommende Folgei-ungspartikel vvv oder ywl
äi, die Verbindungen eifcsQ ÜQa, ftövov ftj^, Tti^v Ui
(letztere auch Acta 20, 23, aber eben in einer Bede des
' Von Teles schon gebraucht.
» Uyiii üi findet sich nach bei Mnäonius.
140 Adolf Bouhöffei
PI 1), ebenso der Getraucli von äaie in selbständigen
Sätzen zm- Anknüpfung einer Folgerang, die Verbindung
ilsaTjTtag öe xal, die dem Epiktet geläufige Anrede
Sv&QioTttim urban ironischen Sinn, das Adverbium tcdvrtog,
das nur Lucas und PI, mit der Negation (oi TTthrmg uud
ndvtwg oS) nur der letztere gebraucht, die allerdings auch
sonst im Neuen Testament sich findende Redensart ßX^nsie
fuj, endlich die nichtentwickelten Bedingungssätze (z. B.
Rom, 13, 3 -ä-iXete öl fiij (poßkTc&ai rijv e^ovaiav tö äyaS-ov
Tcolu), welche der Rede ebenfalls etwas Energisches und
Adstringierendes geben '.
Wenn dies alles — und es könnte gewiß noch mehr bei-
gebraclit werden — bei einem aufmerksamen und mit Epiktet
vertrauten Leser den Eindruck erweckt, als ob zwischen
PI und Epiktet, bzw. der Geistesart der kynisch-stoischen
Diatribe eine besonders nahe Verwandtschaft bestehe, so ist
dies wohl begreiflich. Es fragt sich aber, ob diese Über-
einstimmungen zu dem Schluß berechtigen, daß der Apostel
diese Literatur gekannt und mit Bewußtsein ihrer Ein-
wirkung, natürlich nur nach der formalen Seite, sieh hin-
gegeben, oder auch nur sie mit solchem Interesse in sich auf-
genommen habe, daß er die Spuren dieses Studiums oder
dieser Kenntnis unwillkürlich in seiner Schreibweise ven-aten
habe. Ich möchte diese Frage durchweg verneinen und zwar
aus folgenden Gründen, Einmal gilt diese ganze oft über-
raschende Ähnlichkeit mit der Redeweise Epiktets nur von
einem Teil der Briefe des PI und auch hier nur von ge-
wissen Partien, wo er dogmatische Anschauungen entweder
üca mit dem Eifer und dem Patlios des Selbsterarbeiteten
entwickelt oder mündlich Gelehrtes in Erinnerung bringt
bzw. gegen Mißvei-ständnisse oder gegnerische Angriffe ver-
teidigt. Hierbei scheiden also von vornherein aus, abgesehen
von dem Epheser- und Kolosserbrief, die mit ihrem liturgisch
feierlichen Ton und ihren schwülstigen Perioden auch formell
1 )■?»• di auch bei Teles und Musoniiis; bei letzterem auch ti in,
^oü, a<Üs avzi, loatt, i:zci yor PragCD. — Auch das ^.let in der Bedeutuug
sonst ist im Neneu Testament irar dem PI eigen (Blaß 268). Zn Xoin6y
3. Meleher 2011.
Kpiktet and das Nene Teatameat 141
einen direkt unhelleniachen Eindruck maclieii ', auch die
übrigen von uns als echt betrachteten Briefe, in welchen der
Apostel den Dialektiker wenig oder nicht hervorkehrt, sondern
mehr die ungekünstelte Sprache des vertraulichen Briefes,
des Herzens spricht Selbst der von heftiger Erregung durch-
zitterte zweite Brief an die Korinther bietet fast gar keinen
Anlaß zur Vergleichung mit Epiktet.
So beschränkt sich auch in der Tat die oben dargelegte
Übereinstimmung des Stils etwa auf die Hälfte des Römer-
briefs, wobei hauptsächlich die Kapitel 3-8, 9—11 und etwa
noch 14 und 15 in Betracht kommen, sodann auf gewisse,
mehr zerstreute Partien des 1. Korintlierbriefs und einen Teil
des Galaterbriefs, besonders die Kapitel 2—4. Kein unbe-
fangener Leser wird leugnen können, daß die Mehrheit dessen,
was wir von PI im Neuen Testament haben, nicht bloß
keine Ähnlichkeit mit Epiktets Dissertationen oder überhaupt
mit der kynisch-stoischen Schriftstellerei aufweist, sondern
vielmehr, auch in Sprache und Ausdrucksweise, einen völlig
anderen Geist atmet. Nun könnte man ja sagen, PI, als
Meister der Sprache, der er sicherlich war, bedient sich der
hellenischen Ausdrucksformen eben nur da, wo er sie fiir
seine polemisch oder pädagogisch dogmatischen Zwecke
brauchen kann. Epiktet spricht immer in derselben, lebhaft
eindringliehen und dabei doch ruhigen und nücliternen, kühl
intellektuellen Weise, vom Dozieren oder Perorieren stets
rasch wieder zum populären Demonstrieren und schlagfertigen
Dialogisieren übergehend; Paulus aber ist eigentlich — so
würde man dann annehmen — in einer anderen Mitteilungs-
weise zu Hause, geht aber, wo er es für gut findet — mit
Bewußtsein, Notabene I — zu dem i|im innerlich fremden,
hellenisierenden Stile über. Ich glaube, diese Annahme ist
' psychologisch nicht haltbar und auch des großen Apostels
nicht würdig, der immer und überall in Sprache wie Gedanken
nur sich selbst gibt. Es dürfte auch ein schwieriges Kunst-
stück sein, in einer Sache, die einem so ungeheuer am Herzen
liegt und die ganze Seele aufrührt, wie dem PI, eine
' S. a. Blaß 270
142 Adolf üonhüffer
mehr oder weniger nur äußerlich angelernte, aus mündlichen
oder schriftlichen Reminiszenzen sich erbauende Sprache zu
reden. Kurzum die Einheitlichkeit des schriftstellerischen
Charakters des Apostels würde durch jene Annahme gefährdet'
Dazu kommt aber noch ein zweites, gewichtigeres Argn-
ment. Nach allem, was wir von dem Bildungs- und Lebens-
gang des Apostels wissen, und nach seiner ganzen durchaus
ablehnenden Stellung, die er aller menschlichen Weisheit,
auch der griechischen Philosophie gegenüber einnimmt',
ist es ganz unwahrscheinlich, daß er jemals den philo-
sophischen Vorträgen, die er ja wohl anhören konnte, oder
den philosophischen Schriften, deren er wohl habhaft werden
konnte aber sicherlich nicht begehrt hat, jenes Maß von Auf-
merksamkeit oder Interesse zugewandt hätte, das nötig war,
um ihn zu solch perfekter Handhabung des Diatribenstils zu
befähigen. Und so wäre es in der Tat eine gewisse Cha-
rakterlosigkeit, die wir ihm nicht zutrauen, wenn er für seine
heilige Sache die Ausdrucksmittel jener von ihm so gering
geachteten oder wenig verstandenen unheiligen Weisheit ver-
wendet, also gewissermaßen sich mit fremden Federn ge-
schmückt hätte. Man halte nicht dagegen sein eigenes Be-
kenntnis (I Kor. 9, 20), daß er den Juden ein Jude, den
NichtJuden ein Niehtjude geworden sei, um auch sie für das,
was so ungriechisch war, zu gewinnen! Denn was er damit
meint, ist nur die Anbequemnng an ihre Lebensart, das An-
knüpfen an und Eingehen auf ihre Vorstell ungs weise. Es
ging aber nicht so weit, daß er hewußtermaßen ihre Sprache
geredet und ihre Argumentations weise angewendet hätte;
denn er selbst stellt auch die Art seiner Verkündigung in
diametralen Gegensatz zu der philosophischen Überzeugungs-
kunst, wenn er sagt „es gefiel Gott wohl durch törichte
Predigt selig zu machen die, so daran glauben; sintemal
die . . . Griechen nach Weisheit fragen, wir aber predigen
den gekreuzigten Christ ... den Griechen eine Torheit"
' Näsgen {aaO. S43)r Pauli Erklärung (I Kor. 1, 17 ff.) zeigt unwider-
leglich, daß er als Bote Jesu Christi mit vollem Bewußtsein ein Gegner
aller Vermisdiuug mit griechiseher ScLul Weisheit und aneh mit orien-
talisch religiöser üeheimlehre gewesen ist.
Epi^tet und das Neue Testamect 143
(I Kor. 1, 21 ff.). Die fio)Qia bezieht sich allerdings zunächst
auf den Inhalt, nicht auf die Form seiner Verkündigung;
aber wir werden ihm doch nicht die Geschmacklosigkeit zu-
trauen, den Griechen das Gegenteil der Weisheit, die sie
suchen, in den Formen dieser Weisheit beibringen zu wollen! -
Es bleibt also dabei, daß durch jene Annahme nicht bloß der
schriftstellerische, sondern auch der ethische Charakter des
Apostels geschädigt würde.
Dazu kommt nun aber noch ein dritter Punkt. Die
stilistische Übereinstimmung mit Epiktet, auch innerhalb der
Schranken, in denen sie überhaupt gilt, ist keineswegs so
vollständig, wie sie sein müßte, wenn wir wirklieh eine ge-
naue Bekanntschaft mit der hellenischen Popularphilosophie
bei ihm voraussetzen dürften. Denn wenn PI auch viele
Formen der Eede mit Epiktet gemein hat, so fehlen doch
ebenso viele oder noch mehr, die für diesen charakteristisch
sind. Ich meine natürlich nicht die bei Epiktet so häufigen,
nur auf dem Boden des griechischen Polytheismus möglichen
Beteuerungsformeln V)) (/(ä) ^('a, v^ Tovg-&£ovg. tov -d-säv
aoi lind Ähnliches; aber wenn die nicht minder häufigen,
der Belebung des Vortrags dienenden Partikeln vai, &l).ä,
nairoi, ov'KOüv, eItu, zoiyäqxoi, die Fragewörter Äg«
{&q' oh), Ttoios, nöd-EV, itötEQov-ij, die Frageformen
oQSg oiv (öpste), ii naX-itt, ti &XXo ij, überhaupt die
Verwendung des Silo {aXlo oiäiv, oidh Skko fj), die Impera-
tive äye, 'iitays., ip^Qs, ea/darw, die Anreden i?^J.riör«,
taXaifruiQe, ävÖQästoöov, die Wendungen olov &v et,
Siict ftev —fifia äi, iifta xal, o&'tw äi vcal ei/S-dÖe (oder
hTaü&a), UV aoi öö^ji, und dgl, besonders auch das allein-
stehende ov mit folgendem &llä und so manches andere bei
PI gänzlich fehlt, obwohl er Gelegenheit gehabt hätte, dies
und jenes zu verwenden, so reduziert sich der Eindruck der
■Übereinstimmung ganz erheblich.
Andererseits gebraucht PI mit Vorliebe so manche
Wendungen, die bei Epiktet ganz fehlen, wie das folgernde
&qa oiv, das fragende fi^s 64, ganz zu geschweigen von
den vielen hebraisierenden oder eben nur auf dem Standpunkt
des supranaturalen Offenbarungsglaubens und der autoritativen
144 Adolf Bonhüfier
Ethik denkbaren oder aus seinem prophetisch apostolischen
Bewußtsein fließenden Ausdrücken, die der ganzen Erörterung,
wenn sie vielleicht eine Zeitlang uns recht hellenisch an-
mutete, auf einmal eine ganz andere Färbung geben. Ich
nenne in dieser Hinsicht nur die Redensarten fiaxä^iag
i'i etc., S-ehg oläsv, o'iäa/isv {oier i7j:iai£vo/.isr) Sri, oida
v.al jteTceiafiai, ov yÜQ &ilo} ifiäg äyvoslv^ löoi)
fiVaTijgtov v/.t.Lv X^yo), yviaqlt^M {^taqivQOfictt, naQayy^Xlo})
v/iiv, jiaQaY.alC) ovv v^Sg, die feierlichen Imperative
wie ö iaS'iojv rov fiij tadiovia /.tij £§ovd-evsit(i> (Rom. 14, 3)
und dergl.
Neben dieser äußeren Ungleichhi-it ', die bei aller Ähnlich-
keit doch zu bemerken ist, möchte ich aber auch hinweisen
' Ich rechne dazu auch die vielen Zitate aas dem Alten Testament
und die oft lang auBgesponnene rahhinische Sehriftdeotnag', wodurch die
dem Diatribenstil ähnelnden Anstühmng'en dutchaetat und unterbrochen
sind. Auch Heinrioi hat darauf anfmerksam gemadht (der liter. Charakter 68),
daß Köm. 9—11 die Methode der rabhinischen Schriftdeutung verbunden
sei mit den Formen der Diatribe, freilich nicht in dem Sinne, daß ihm
dadnteh der bewußte Anschluß des Pi an die letztere etwa zweifelhaft
geworden wäre. — Ich habe, wie schon eingangs erwähnt, bei dieser Ver-
gleichung des epiktetischen nud paulinischeu Stils keinerlei systematische
Vollständigkeit erstrebt, sondern nur einigcrmaücü übersichtlich gruppiert
und in einen Zusamnienhang gebracht, was mir selbst anfsticE und wichtig
schien. Waa Andere, inabesoudere Blaß und Melcher noch außerdem notiert
liaheu, will ich hier anhangsweise noch aufführen. 1. Sprachforinen und
Partikeln, die dem Epiktet (bzw. der Profan gräzität überhaupt) geläufig
sind, im Neuen Testament aber nnr oder fast nur oder eben häufiger bei
PI vorkommen: äpo, ye [das bedeutungsvollere), ti.Tcj {iJ.T^p <'p"), ^&ei.av
(cfr. tjvxo/iiiv), ijToi — >j, x-Sdntp, /Lr, ui, nins (eis verstärkende Partikel),
•cm im prägnanten Sinn (etwas Kechtes), Tot/xi^oly. — 3. Bei Epiktet kommt
vor, aber a) im Neuen Testament nicht: «re, yovv, Ixekoi, b) hei PI nicht
oder doch seltener als bei anderen ncutestam entlichen Autoren: «spfs mit
Konj., S//tiov, &ikin mit folg. Iva, ira nach Demonstrativis (bei Johannes
mehrmals, bei PI nur einmal), /dvroi, n(ia [ö(iSxt) ftri (mehrmals hei deu
Synoptikern, nur einmal bei PI), nvv 'wohin' [nur Job. u. Eebr.). Die
Seltenheit der bei Epiktet so außerordentlich beliebten Diminntirformen
nnd der Adjcoiiva verbaiia sowie die Uleichgültigkeit gegen den Hiatna
teilt PI mit dem uhrigen Neuen Testament. — 3. Nicht bei Epiktet, da-
gegen a) im Neuen Testament, auch bei PI, kommt vor äy.^t, /levoWyi
(3 mal bei PI, 1 mal bei Lukas), b) gerade bei PI und nur bei ihm; äia.T«^,
k'^iüTjeQ und die unklassiBChe Verbindung äs oti (Blaß 226).
Epiktet und das Neue Teatamenl: 145
auf die inuere Verschiedenheit des Tones, die auch in den
am meisten hellenisch klingenden Partien der paulinischen
Briefe nicht zu verkennen ist. Hier ist nichts von der bei
allem Ernst und Eifer um die Sache doch im Grunde behag-
lichen Ruhe und überlegenen Kühle, ja anscheinenden Kälte
und Gleichgültigkeit, mit der Epiktet über die wichtigsten
Angelegenheiten der Menschen redet, sondern eine gewisse
nervöse Unruhe, eine leidenschaftliche Ungeduld, die erlösende
Wahrheit, von der seine ganze Seele erfüllt ist, den Menschen
beizubringen und ihr Heil, an dem ihm alles liegt, sicher zu
stellen. Diese Verschiedenheit des Tones erklärt sich voll-
kommen einmal aus der Verschiedenheit des Gegenstandes —
hier reine Vernunftwahrheit, dort ein Mysterium des Glaubens
— sodann daraus, daß PI, während er schreibt, die Wahr-
heit, die er verkündigen will, gleichsam selbst erst neu aus
sich erzeugt oder doch gestaltet, während Epiktet nur die
Aufgabe hat, klare, nüchterne, seit Jahrhunderten feststehende
Grundsätze zu entwickeln und möglichst einleuchtend zu
machen. Andererseits erklärt sich die besonders große
stilistische Verwaiidtschaft des PI mit Epiktet nicht bloß
daraus, daß jener mehr als die meisten anderen neutestament-
lichen Autoren den Hellenismus kennt und sich in ihn ein-
zufühlen weiß — der Verfasser des Hehräerbriefes müßte ja,
wenn dies der einzige Grund wäre, dem Epiktet noch
näher stehen — sondern namentlich daraus, daß beide, jeder
in seiner Art, in besonderem Maß originelle und geisterfüllte,
lehrbegabte und überzeugungskräftige Persönlichkeiten sind,
beide mit einer auch die Geringsten umfassenden Menschen-
liebe und außerordentlichen Gabe populärer Kode ausgestattet.
Und wie die kynisch-stoisehen Tugendprediger die Eigen-
tümlichkeiten ihres Stils sicherlich in der Hauptsache daher
haben, daß sie selber aus dem Volke stammen und die Sprache
des Volkes reden, so hat auch PI dsis Hellenistische seiner
Rede nicht etwa den Stoikern oder Kynikern abgelauscht,
sondern aus der allgemeinen Umgangssprache geschöpft, und
Nägeli hat gewiß recht, wenn er sagt: „Wenn die Argu-
mentationsweise bei PI stark an die Dissertationen des
Epiktet erinnert, so ist damit für einen Einfluß der hellenischen
ItelieiansgescbicbtUslie Versuche u. Vorarbeiten X. 10
146 Adolf Bonhöffer
Rhetorik auf seinen Stil nur wenig, Sür eine Beeinflussung-
auf literarischem Wege nichts bewiesen".
C. Besonders bedeutungsvolle Worte und Begriffe
Bei der Aufzählung der wichtigeren Wörter, welche PI
mit Epiktet gemein hat, habe ich einige der allerwichtigsten
absichtlich übergangen, weil sie eine eingehendere Besprechung
erheischen. Zugleich handelt es sich bei ihnen nicht bloß um
die sprachliche Übereinstimmung, sondern um den ganzen
Komplex von Anschauungen, die sich daran heften, so daß
also diese Untersuchung gleichsam die Brücke bildet von dem
mehr äußerlichen Vergleichungsgebiet des Wortschatzes zu
dem ungleich wichtigeren der ganzen Begriffswelt und in
letzter Linie der Lebensansehaunng. So ziemlich alle Theo-
logen unserer Tage, die sich mit diesen Fragen beschäftigt
und öffentlich darüber geäußert haben, Heinrici, Johannes
Weiß, Feine, Leipoldt, Lietzmann, Giemen u. a., stimmen darin
überein, daß der Apostel PI In ganz besonderem Maße ge-
wisse Begriffe der griechischen Popularphilosophie sich an-
geeignet habe (Paul Wernle, Die Anfänge unserer Eeiigion,
2. Aufl. Tübingen 1904, S. 375 ft'.). Auch Philologen wie
Wendland sind im ganzen dieser Ansicht, ja Curtius ist in
der Verhellenisievung des PI nocli viel weiter gegangen wie
die genannten Theologen, während umgekehrt Norden und
auch Eduard Scbwartz in seinem Charakterbild des Apostels
(Cbarakterköpfe, 2. Reihe, Leipzig 1910) sieh wesentlich zu-
rückhaltender aussprechen. Welches sind nun diese Worte
oder Begriffe? es sind besonders die Worte ad^^, (pvatg,
vovq, /rveDfia, ■/.a&f^/.ov , uvTEiörjaig^ also die Begriffe
Fleisch und Geist, Natur, Vernunft, Pflicht und
Gewissen, ferner die nicht gerade an bestimmten sprach-
lichen Ausdrücken haftenden Ideen der Freiheit, der
Freundschaft, des natürlichen Gesetzes, des ver-
nünftigen Gottesdienstes u. dgl.
Ich beginne mit dem Begriff der Natur. Daß dies ein
spezifisch hellenischer oder doch arischer, dem Öemitismus
fremder Begriff ist, steht fest; sein vollständiges Fehlen im
Alten Testament, abgesehen von den notorisch hellenistischen
£piktet und das Neue Testament 147
Büchern der Weisheit und IV. Makkabäer, ist deshalb nicht
verwunderlich. Ebensowenig ist es aber zu verwundern, daß
das Wort ^vGis schon in den ältesten Dokumenten des
Christentums auftritt; denn es war in der Tat nicht möglich,
unter Griechen zu leben, ohne täglich die Worte (pvaig, ipvaEi,
fvamüig usw. zu hören. Am häufigsten tritt er uns bei PI
entgegen, freilich fast nur in den adverbialen Wendungen
(pvou, xorä ipiaiv, ira^a <pvaiv. Nur einmal erscheint die
(pvaig als selbständiges Nomen und zwar gleichsam personi-
fiziert in der merkwürdigen Stelle oMk ^ tp^aig aMj diddaxsi
vf^Sg Sri &vijQ fiiv sav itOfi^ &%ifxla aiiip lativ, yvvrj Öl iav
wfi^ S6%a at-T.fi icttv; (I Kor. 11, 14). Gewiß kommt PI hier
dem griechischen Gefühl seiner korinthischen Christen ent-
gegen. Nachdem er in längerer rabbinisch-mystischer Aus-
einandersetzung die Pflicht der Frau, beim Gebet ihr Haupt
zu bedecken, erwiesen Bat, verweist er seine Leser zum
Schluß auf ihr eigenes natürliches Urteil und Gefiihi {iv vjäIv
airfOlQ x^lmre). An die Popularphilosophie braucht man aber
deshalb noch lange nicht zu denken; denn einmal zeigt der
ganze Zusammenhang und das aiz^ bei <fiijoig zur Genüge,
daß der Apostel weit entfernt ist, das Gebot der Natur mit
dem Gebot Gottes zu identifizieren. Und an die kynisch-
stoische Philosophie kann er dabei vollends nicht gedacht
haben, da ja für diese der lange Haarwuchs keineswegs als
Schande für den Mann, sondern, allerdings mit Vorbehalt (vgl.
Ep. IV 8, 5 ff.), gerade als Erkennungszeichen des Philosophen
galt. Es ist mit Eecht darauf hingewiesen worden, daß die
Begriffe und Anschauungen, die in den Philosophenschulen
kultiviert wurden, in weitgehendem Maße auch auüerhalb der-
selben Aufnahme, wenn auch nicht immer verständnisvolle,
gefunden haben und gleichsam zum geistigen Gemeingut ge-
worden sind. Sollte dies nicht auch mit dem Begriff tptiaig
geschehen sein, ja könnte nicht gerade die Redensart ^ tpvaie
SiS&ayf.si, die ich übrigens gerade aus der philosophischen
Literatur im Augenblick nicht zu belegen vermag^, sprich-
wörtlich geworden sein?
' Ganz Btalich wie PI sagl^ übrigens Platarcli de tranqu. an. 473A:
Uq'oS äh -Tovtip xnl zi/v ^vaiv oqäniv iiiofiifii'tjaxovaap t',aäi,
10*
148 idolf Bonhöfier
Mehr als diese paulinische Stelle jedenfalls nähert sich
dem Hellenismus der Gebrauch des Wortes ipvaig in den
beiden anderen Fällen, wo das Wort im Neuen Testament
sich findet, bei Jak. 3, 7, wo von der qivaig der Tiere, wie
schon Sap. Sal. 7, 20, die Rede ist und sogar der dem Epiktet
so geläufige Ausdruck (pvatg ävS'QtoTtivri gebraucht wird; so-
dann II Petr. i, 4, wo als Endziel der Erlösung durch
Christum die Teilnahme an der ^tia <pvaig verheißen wird,
eiu Ausdruck und Gedanke, in dem sich bereits die Ver-
mählung des hebräischen Spiritualismus mit dem griechischen
Naturalismus, ankündigt. Im ganzen Neuen Testament aber
und so besonders auch bei PI ist , was sich übrigens von
selbst versteht, keine Spur zu finden von der tiefen und um-
fassenden religiös-philosophischen Bedeutung, welche der Be-
griff ffivaig in der stoischen Schule erlangt hat und welche
bei Epiktet wie bei Mark Aurel fast auf jeder Seite zum
Ausdruck kommt. Man darf nur etwa daran denken, daß
dem Stoiker die Übereinstimmung mit der Natur als höchstes
Ziel vorschwebt, oder daß Epiktet die Natur ro ttüvriov
iaxvQÖTUTOv nennt und den freiwilligen Tod als besten Beweis
des Gehorsams gegen den Willen der Natur feiert, so hat
man die unüberbrückbare Kluft vor sich, welche stoisches
und urchristliches Denken trennt.
So kann denn auch der ziemlich häufige adverbiale Ge-
brauch des Wortes (fvaig bei PI für eine Entlehnung aus der
griechischen Philosophie lediglich nichts beweisen, vor allem
nicht der Dativ tpvaei, der gar nicht dem spezifisch philo-
sophischen Sprachgebrauch angehört, sondern allgemein ge-
bräuclilich und verständlich war und sowohl das Angeborene
im Gegensatz zu dem später Gelernten oder Erfahrenen, als
auch das Freiwillige, Selbständige gegenüber der positiven
Satzung bezeichnet. So gebraucht auch PI den Ausdruck, im
ersteren Sinne Gal. 2, 15 (ipvaei 'lovdatog — vgl. Köm. 2, 27
^ h <pvaEwg ix^oßvaula) ', im letzteren Sinne Köm. 2, 14 {(pvou
' Ich rechne hierher auch Bph. 3, 3 ^fted-a tinva- ^lioti ö$yT,i (wie
auch Sap. Sal. 13, 1). — Etwas yerachieden hiervon nad eigentümlich ist
die Stelle Gal. 4, 8, wo das ifiau einen Gegensatz zum Erdicbteton, Un-
wirklichen büdet uad mit „in Wirklichkeit" zu ttberaetzen ist. — An die
Epiktet und das Nene Testament 149
rä roü röuov rtoiüaiv). Etwas anders steht es mit den Aus-
drücken xcTCf und naQa rpvaiv (R5m. 1, 26; 11, 21 ff), die
zwar auch in der klassischen und nach kl assischen Gräzität
unabhängig von der philosophischen Terminologie gebraucht
worden, aber doch etwas mehr an die Stoa erinnern. Aber
gerade das, was diese Ausdrücke als stoische charakterisiert,
nämlich die Substantivierung th -Kaih tftjoiv oder vollends
TtQ&za xatä <pijaiv in dem ganz bestimmten Sinn der natur-
gemäßen Dinge, die zwar Ausgangspunkt, aber nicht Mafi
und Inhalt des Sittlichen sind, oder Verbindungen wie xaro
(p^atv exfiv oder öte^dystv, /.ara <pvaiv ö^fiSv, dQiysadvtt etc., wobei
die ipvaif; im höchsten Sinn als Inbegriff des Sittlichen zu
denken ist, fehlt bei PI wie im Neuen Testament überhaupt.
Eine eingehendere Besprechung erfordert aber noch die
bereits erwähnte Stelle Rom. 2, 14 und überhaupt die ganze
Erörterung des Apostels in Rom. 1 und 2 über die natürliche
Gotteserkenntnis und Sittlichkeit. Denn sie hauptsächlich,
weniger der Gebrauch des Wortes (pvaig, ist es, was zu der
Annahme einer Einwirkung der Stoa auf PI geführt hat. In
diesem Zusammenhang treten ja auch mehrere von den anderen
Begriffen auf, die er von der Popularphilosophie entlehnt
haben soll, nämlich xad-fjxov, vö[iog ö'yQantog und avvdör,mg.
Ich glaube aber, man muß auch hier die Annahme von einer
Beeinflussung des Apostels durch die Stoa erheblich ein-
schränken. Die natürliche Gotteserkenntnis nämlich, die er
den Heiden zuschreibt, ist eine sehr problematische. Während
die Stoiker aus dem consensvs gentium, d. h. aus der Tatsache,
daß überall auf der Oikumene etwas wie Religion sich findet,
auf die Existenz von Göttern oder einer Gottheit schlössen
und weitherzig genug waren, auch die primitivsten Vor-
stelJungen und Kulte der Gottheit als Religion gelten zu
lassen, so zeigt der Apostel PI als Jude, was niemand be-
fremden wird, auch nicht das geringste Verständnis für das,
was wir natürliche Religion nennen möchten. Religion ist
ihm nur die Erkenntnis des einen, wahren Gottes. Und nun
Stelle von uträ ifvatv tritt ~&öm. 1, 26 das Adjektir jujojkoc, welehes
anGurdtni nüch II Pelr. 2, 12 iu eiuer recht ungrieeJiischen Eousttnktion
Btatt fiioixwa oder yüoet gesetzt ist.
150 Adolf Bonhöffer
geschieht das Ungeheuerliche, daß er behauptet, die Heiden
hätten die Möglichkeit und Fähigkeit gehabt, diesen Gott zu
erkennen» ja sie haben ihn auch erkannt {1, 21) aber — man
weiß nicht aus welchem Grunde — nicht als Gott (oder in
einer Gottes würdigen Weise) geehrt und seien in Götzendienst
verfallen. Dies alles natürlich nur — ich will nicht sagen
in der Absicht, aber — in der ihm selbstverständlichen Vor-
aussetzung, daß die Heiden selber schuldig seien an ihrer
Verdammnis. Genau so hatte zwei Jahrhunderte vorher,
übrigens in weit freierer und geistvollerer W'eise, der Verfasser
der Weisheit Salomos {Kap. 12 und 13) die Möglichkeit der
(wahren) Gotteserkenntnis bei den Heiden behauptet, um sie
für ihre faktische Gottlosigkeit verantwortlich zu machen.
Auch nicht die Spur eines Gedankens daran, daß diese Gottes-
erkenotuis, wenn auch die Anlage dazu vorhanden war, doch
natürlich nicht gleich von Anfang an und nicht bei allen
gleichmäßig in voUem Maße wirklich werden konnte. Und
wenn wir auch diese Idee der allmählichen Entwicklung
billigerweise bei dem Apostel nicht erwarten können, so
könnten wir doch, wenn er auch nur einigermaßen der Ent-
wicklung der griechischen Philosophie, ja nur überhaupt des
griechischen Geisteslebens seine Aufmerksamkeit geschenkt
hätte, erwarten, daß er rühmend hervorheben würde, wie
wenigstens da und dort ein Heide sich der wahren Gottes-
erkenntnis genähert habe. Ist der Mangel jeglichen Hin-
weises darauf, und dazu in einem Brief an die Christengemeinde
in Kom, nicht der beste Beweis dafür, daß PI eben die
griechische Philosophie nicht kannte oder nicht kennen wollte?
Und wo haben die Stoiker jemals behauptet, daß der Mensch
von Natur befähigt sei, den wahren Gott zu erkennen? Sie
selbst sind, wie in anderer Weise vor ihnen Anaxagoras,
Sokrates und Piaton, dieser Erkenntnis zum mindesten sehr
nahe gekommen, und ich bin fest überzeugt, daß sie, obwohl
sie den landläufigen polytheistischen Glauben und Kult nicht
verleugneten und verweigerten, doch sich recht wohl, bewußt
waren, einen höheren Glauben, eine vollkommenere Religion
zu besitzen als die große Masse. Aber sie wußten sicherlich ,
auch, daß man zu einer solchen reineren Gottesanffassung
Epiktet und das Neue Testament 151
nicht von Natur und nicht ohne weiteres, soodern erst mit
fortschreitender Kultur und mittels konzentrierten Denkens ge-
langt, und daß nicht alle das Zeug dazu haben. Also ich kann
nicht anders urteilen als so; wenn PI auch nur einen flüchtigen
Blick in eine stoische, vom Göttlichen handelnde Schrift (etwa
des Poseidonios) getan hätte, so wäre es ihm unmöglich ge-
wesen, Bömer 1 und 2 so zu schreiben, wie wir es heute lesen.
Nicht viel günstiger kann unser Urteil ausfallen über
die „von der Stoa entlehnte" paulinische Lehre von der
natürlichen Sittlichkeit oder ethischen Erkenntnis,
Sie stützt sich ebenfalls lediglich auf Köm. 1 und 2, vornehm-
lich anf die berühmte Stelle 2, 14 ff., nach welcher PI es
für möglich zu halten seheint, daß Heiden, ohne positives
Gesetz, lediglich kraft ihrer natürlichen Erkenntnis von Gut
und Böse, das Gesetz erfüllen. Doch dies kann unmöglich
des Apostels ernstliche Ansicht sein. Ich will mich auf das
schwierige Problem der paulinischen Sündenlehre hier nicht
weiter einlassen, insbesondere auch keine Betrachtungen
darüber anstellen, wie sich die Vorstellung von einem ins
Herz geschriebenen Gottesgesetz und einem auch in den Heiden
wirksamen Verantwortungsgefühl zusammenreimen läßt mit
der Lehre, daJä erst durch das positive Gesetz eine Erkenntnis
der Sünde und damit auch erst ein eigentliches bewußtes
SUndig'en möglich geworden ist. Aber soviel liegt anf der
Hand, daß er den Heiden jedenfalls nicht die Fähigkeit einer
vollkommenen Gesetzeserfüllung zuschreiben wollte und
konnte-, denn der ganze Römerbrief steht und fällt mit der
These, daß nicht bloß tatsächlich die ganze vorchristliche
Menschheit, Juden wie Heiden , der Sünde verfallen war,
sondern daß auch niemand imstande war und ist, von sich
aus die Gerechtigkeit, die Gott fordert, zu verwirklichen.
Wohl können wir auch nicht annehmen, daß PI das relativ
Gute, was doch an der israelitischen Frömmigkeit und Ge-
rechtigkeit war, ganz und gar verkannt hätte, ■daß er völlig "
blind gewesen wäre gegen die Tugenden, welche sich unleug-
bar unter der Zucht des Gesetzes bei den Juden entfalten
konnten und tausendfach erwiesen haben. Und ebensowenig
konnte er das Lobenswerte und Tüchtige in der Lebens-
152 Adolf Bonhöffer
führung so vieler Heiden ganz übersehen, nnd was er im
Eingang des Kömerbriefs von der Gesetzeserfüllung der
Heiden sagt, ist eben ein solches Zugeständnis, das er seiner
religiösen Theorie zum Trotz dem gesunden Menschen-
verstand macht. Zugleich muß ilim diese relative Anerkennung
heidnischer Sittlichkeit dazu dienen, die Juden zu beschämen,
welche auf ihre rituelle Makellosigkeit pochen, aber die sitt-
liche oft ganz außer acht lassen '. Aber was bedeutet es
für einen PI mit seinem Hunger nach wirklicher Gerechtig-
keit, wenn unter Juden und vielleicht auch unter Heiden da
und dort edle Taten vollbracht worden sind, oder ein nach
außen anständiges, bis zu einem gewissen Grad pflichtmäßiges
Leben geführt wird! So gut wie nichts gegenüber der Tat-
sache, die er Rom. 7 so ergreifend schildert, daß nämlich kein
Mensch imstande ist, das in jeder Brust schlummernde Sehnen
nach voller Reinheit des Herzens und Lebens, nach stetiger
Kräftigkeit und Sieghaftigkeit des guten Willens zu befriedigen.
Was PI wirklich von dem Leben der Heiden gedacht hat,
das zeigt uns das düstere Gemälde äußerster Sittenverderbnis,
welches er Eöm. 1 vor uns entrollt, das sagt er uns dann
noch besondei's deutlich in Kap. 9, 30: Stis&vi^zä fii] Siil>-
■AovTa 6iv.atoavvriV xatekaßev §L-/.aioavvriV, Stxaioavvrjv Se
zijv h ^iatEiog. Also die Heiden tun nicht bloß nicht die
Gerechtigkeit, sondern sie traöhten nicht einmal danach, die
Gerechtigkeit ist ihnen gar kein Ideal, das sie zu erreichen
suchec. Liegt hierin nicht auch beinahe das Eingeständnis,
daß die Heiden gar nicht wissen, was Gerechtigkeit ist,
jedenfalls nicht wissen, wie wertvoll und begehrenswert sie
ist, wenn doch in ihrem Handeln die Rücksichtnahme auf die
Gerechtigkeit so gar keine Kolle spielt? Dies ist unzweifel-
haft die eigentliche und wahre Ansicht des Apostels.
' Ganz übereinstimmend mit obigem urteilt P. Wernle (aaO. 378):
„Paulus hatte wohl einmal theoretisch eingeräumt, ea könne auch Heiden
geben, die das Gesetz erfüllen. Dies Zugeatändnia hatt« aber bei ihm nur
den Zweck, das Pochen der Juden anf ihren Besitz dea Gesetzes nieder-
zuschlagen. Praktisch beurteilt er alle Heiden ausnahmalos als verlorene
Sünder, in denen nichts Gutes wohnt, die alle Kraft zur EriüUong des
göttlichen Willens erst vom Geist Christi in der Kirche empfangen müssen."
(Tgl. ebenda 288.)
Epiktet uad das Neue Testament 163
Und nun halte man einmal dagegen das, was die Heiden,
Bpeziell die Griechen, von der Gerechtigkeit oder von der
Tugend, wie sie es nennen, gedacht und gelehrt haben ! Wird
nicht von Sokrates an in allen besseren Philosophenschnlen
der hohe, ja einzfgartige Wert der Tugend gepriesen? lehren
nicht die Stoiker, daß der Gehorsam gegen Gott oder die als
göttliche Macht verehrte Natur das Einzige ist, was dem
Menschenleben Glück und Würde verleiht? lehren sie nicht,
dafi jeder Mensch von Natur zur Tugend, zur Sittlichkeit ver-
anlagt sei und prinzipiell das sittliche Ideal aus eigener Kraft
(was für sie keinen Gegensatz zum göttlichen Beistand be-
deutet) zu verwirklichen vermöge ? Ist das nicht das gerade
Gegenteil von dem, was PI lehrt? Selbst dann, wenn wir in
Rechnung nehmen, daß dieser nach anderen Aussprüchen ein
gewisses Maß von sittlichem Handeln den Heiden zuerkannt
hat, und daß andererseits sogar die Stoiker im Lauf der Zeit
die absolute sittliche Vollkommenheit als ein seltenes Wunder
bei den Sterblichen betrachtet haben, wird die Wucht dieses
prinzipiellen Gegensatzes kaum verringert. Wie sollte PI
von dieser Philosophie und ihrer Tugeudlehre sich auch nnr
im geringsten angezogen fühlen, wie sollte er von ihr die
Annahme eines gewissen angeborenen sittlichen Gefühls oder
Ünterscheidungsvermögens entlehnt haben, was doch bei jenen
nur die Voraussetzung war für Folgerungen, die dem Apostel
geradezu als gotteslästerlich und diabolisch vorkommen mußten ?
Und andererseits: wie konnte er in dieser Allgemeinheit, wie
es dasteht, schreiben von den Heiden, „welche Gerechtigkeit
nicht suchen", wenn er doch wußte, daß diese Heiden mindestens
mit demselben Eifer und derselben Konzentration wie nur die
frömmsten Juden, freilich auf ganz anderem Wege, nach der
Gerechtigkeit trachten ?
Schließlich muß ich noch auf etwas anderes aufmerksam
machen. So unendlich weit PI einerseits liinter dem zurück-
bleibt und zurückbleiben muß, was die Stoiker von der sitt-
lichen Erkenntnis und insbesondere von der sittlichen Kraft
des natürlichen Menschen gelehrt haben, so geht er anderer-
seits doch wieder über diese hinaus, wenn er sagt, daß die
Heiden von Natur die Vorschriften des Gesetzes befolgen.
154 Adolf Bonhefter
Denn das haben nun die Stoiker bekanntlicli nicht ange-
nommen, sondern wie sie lehrten, daß überhaupt nur der
Erwachsene, dessen Arfyog sozusagen ausgereift ist, sittlich
handeln könne, so hielten sie es für ein schwieriges, sorg-
fältiger Anleitung und unablässiger Übung bedürftiges Werk,
den Menschen zur richtigen sittlichen Erkenntnis und zur
Sicherheit und Stetigkeit des sittlichen Handelns zu bringen
(vgl. S. 54 If.). Angeboren sind sozusagen nur die formalen
Kategorien des praktischen Urteils, die für sieh selbst noch
gar keine Kraft und Gewähr fürs sittliche Handeln geben,
sondern erst durch theoretische Belehrung, durch den Xöyoe
mit dem richtigen Inhalt ei'füllt werden müssen. Auch von
dieser Seite also erweisen sich die Ansichten des Apostels
PI keineswegs als den stoischen verwandt.
Damit sind nun auch zugleich die übrigen mit der Frage
von der natürlichen Sittlichkeit zusammenhängenden Begriffe
ihres stoischen Scheines entkleidet. Vor allem der Begriff
vöfiog. Gewiß spielt er bei den Stoikern auch eine große
Rolle , aber nicht in dem Sinne eines elementaren , allen
Menschen gemeinsamen Sittengesetzes, sondern in dem aller-
höchsten Sinne einer immanenten sittlichen Weltordnung.
Dieser vöfioe ist nichts anderes als der löyog d^^og, die
praktische Vernunft, aus welcher sie ihre ideale, der gewöhn-
lichen Sittlichkeit oder Legalität so ganz entgegengesetzte
Ethik ableiten. Nicht als ob sie die elementaren sittlichen
Gebote, wie daß man nicht töten, nicht stehlen darf, daß man
die Eltern ehren soll u. dgl., geringschätzen würden; auch
diese Gebote, welche die Sphäre des bloßen y.<x3f,mv bilden,
sind schließlich ein Ausfluß jener allgemeinen, in der Mensch-
heit wirksamen praktischen Vernunft, des w'/iog xoi.v6g. Aber
wer sich mit dieser Legalität begnügt, wer sich nicht über
das xa&fjxov zum yiaiöff&wfia erhebt, bleibt ein Unweiser, ein
innerlich unglücklicher Mensch, der die enayytUa des äy&Qw-
7toQ nicht erfüllt und ein verfehltes Leben lebt. Indem ihnen
nun der v6i.iog ein höchster Begriif ist, eine geistige Macht,
welche den Menschen zur Weisheit und zu einem voll-
befriedigten, glückseligen Leben führt, gebrauchen sie
dieses Wort gerade nicht zur Bezeichnung dessen,
Epiktet nnd das Nene Testament 155
was PI im günstigsten Fall den Heiden zubilligen
kann, sondern vielmehr als Ausdruck jener höchsten sitt-
lichen Grundsätze, welclie den gewöhnlichen Hellenen kaum
weniger eine Torheit waren als des Apostels Predigt vom
Kreuz. So spricht Epiktet von einem vöi-iog t% (pvOBOig xal
tov &EOV, einem vonog (pvoi-AÖg und S^elog; aber niemals ver-
steht er darunter das, was wir die natürliche Sittlichkeit
nennen würden, sondern gerade umgekehrt die philosophische
Sittlichkeit, welche darin besteht, daß man sein Eigenes
wahrt, ums Fremde sich nicht kümmert (II 16, 27 nnd ähnlich
Öfter), d. h. daß man allem nieder Egoistischen gänzlich ent-
sagt und einzig und allein seiner höheren Bestimmung, seiner
inneren ituhe, Freiheit und Würde lebt. In diesem Sinn
nennt er es ein Gottesgesetz, daß alle Sünde, d. h. alles nur
von nieder egoistischen Motiven bestimmte Handeln sich selber
rächt und straft, nämlich durch den inneren Unfrieden, den
es zur Folge hat, und es ist ein ganz richtiges Gefühl, wenn
er diese, dem gewöhnliclien Denken und Fühlen so fern
liegenden Grundsätze in einer Anwandlung von theistischem
Antoritätsg'lauben die „von dort her gesandten Gesetze" nennt
(IV 3, 12). So ergibt sieh also bei näherem Zusehen das
Wunderbare, daß Epiktet gerade das Gegenteil dessen vo^iog
nennt, was PI Römer 2, 14 von dem yJfiog der Heiden sagt und
um dessentwillen man eine Entlehnung von der stoischen
Philosophie annehmen zu müssen geglaubt hat Denn der
epiktetische vö^wg ist dem Menschen gewiß nicht von Natur
ins Herz geschrieben, er kaun vielmehr nur durch eniste,
anhaltende Beobachtung seiner selbst und des mensclilichen
Lebens und durch strenge philosophische Zucht und Denk-
arbeit erkannt nnd in das Herz aufgenommen werden als den
Lebenswillen beherrschende Macht — Auch Mark Aurel ge-
braucht das Wort vöfios, wo er nicht von staatliclien Gesetzen
redet, in jenem hohen Sinne, und Musonius (37, 2 ff. Hense)
schildert den idealen Herrscher als vötwv efiipvxov . . . ilijÄdj-rijv
toD ^tbg Svra ^al uait^a t&v ^Qy^ofieviDv^ indem er ausdrück-
lich betont, daß er hierzu nicht bloß eine außerordentliche
Naturausstattung, sondern auch die denkbar höchste philo-
sophische Bildung haben müsse.
166 Adolf BoshtlffK
Ahnlich wie mit vöfiag verhält es sich auch mit owei-
Sjjais, d. h. die Sache steht hier noch ungünstiger, einmal
insofern daa Wort nicht bloU bei P! — bei ihm allerdings
am häufigsten ~ sondern auch sonst im Neuen Testament
und zwar bei den verschiedensten Autoren vorltommt, sodann,
weil sein stoischer Ursprung Iteineswegs sicher, ja nicht ein-
mal wahrscheinlich ist '. Jedenfalls spielt es in der Stoa gar
keine nennenswerte Rolle; bei Kpiktet kommt es nur einmal
vor und zwar in einem sicher unechten Fragment (Schweigh.
Nr. 97), das Schenk! nicht einmal aufgenommen hat. Dagegen
findet sich die auch sonst bei gleichzeitigen Autoren beliebtere
Form 10 aweiöög, jedoch auch nur einmal und in einem ganz
anderen Sinn, nämlich nicht vom Gewissen, überhaupt nicht
in ethischer Bedeutung, sondern von dem Bewußtsein, das
der Kvvixög von seiner göttlichen Sendung oder von seiner
einzigartigen Lebensaufgabe liat (III 22, 94). Mark Aurel
gebraucht das Wort nicht ein einziges Mal. Soweit die
(fümdr^ßig nur überhaupt das Bewußtsein bedeutet, welches
der Mensch von sich selbst, seinen Anlagen und Kräften,
seinen Gedanken und Handlungen hat, ist den Stoikern, jeden-
falls den späteren, das Wort awalaü-ijois oder traQaxolov&ijaie
{ttbv (pavzamav) viel geläufiger. Das natürliche sittliche Ge-
fühl, insbesondere das Gefühl für das Anständige, bezeichnet
Epiktet mit to svi^eTtzimv oder rh atörii.iov (letzteres auch
M. Aurel) ^ Aber auch diese Begriffe decken sich durchaus
nicht mit dem neutestamentliclien, natürlich selbst wieder
' Leop. Schmidt (aaO. I 236) vemiQtet, daß die substantiyische Be-
neiclinnng für den Begriff des Gewissens — nicht dieser Begriff selbst ! —
den Stoikern ihre Entstehung Terdankt, während das Partizip ro oave,36i
langst zuvor schon gebräuchiich war (aaO. I 2J0). Der Sprachgebrauch dea
lipiktet und M. Aurei ist jedoch, wie oben gezeigt wii-d, nicht geeignet
diese Annahme zu stütaen,
" B' 6 A. 8. — Am ehesten entspricht vielleicht nnserem „Gewiesen"
Jas, was Epiktet den xoivds i'ove nennt, wovon er auf Befragen eine förm-
hohe Definition gibt: loi/ tiva^ ä ol fi^ Ttav^äxaaw StEmQit/iitivot twv äv-
^QdTzae K^td Tcis «oiväe «^(.(i^j,« äpüaiv (HI ß, 8). Ana der ganzen Stelle
ersieht man aber zugleich auch deatlich, wie wenig Bedeutung er im
Grande diesem allgemeinen sittlichen Gefühl beimißt. Übrigens kennte
damit nicht bloß das sittliche Gefühl, sondern daa Wahrheitsgefühi flber-
lioupt, also aach das intellektuelle tkwissen gemeint sein.
Epiktet and das Nene Testament I57
sehr vieldeutigen Begriff awEldriaig- insbesondere aber hat
der speziflseh christliche (und jüdische) Sprachgebrauch, -wo-
nach &?s Wort avvelSrjmg ohne nähere Bestimmung absolut
im Sinne unseres modernen Begriffs 'Gewissen' gesetzt wird,
keine Analogie in der Stoa: selbstverständlich, da ihr das
notwendige Korrelat dazu, nämlich die Vorstellung eines
persönlichen Gottes, dem gegenüber sich der Mensch verant-
wortlich weiß, fehlt.
Mit dem Wort -/ßtf^Kov dagegen kommen wir allerdings
wieder auf einen von der Stoa geprägten Begriff und zugleich
auf einen, der, wenigstens in der Partizipialform, im Neuen
Testament nur von PI (Rom. 1, 28) gebraucht wird. Jedoch
es steht keineswegs so, daß Zeiion, der nach Diogenes Laertios
dieses Wort in die philosophische SchuJsprache eingeführt
hat, es neu geschaffen oder auch nur die ethische Bedeutung
ihm erstmals verliehen hätte; sondern -xal^^rfaeiv wird in diesem
Sinne schon von Xenophoa und Lysias, ja schon von Sophokles
gebraucht. Und um so leichter konnte wiederum von der
Stoa aus die ethische Bedeutung des Wortes in der helleni-
stischen Gemeinsprache sich einbürgern \ Daß dies geschehen
ist, beweist die Septuaginta, wo Ka&rf/M und Kßi^tjxwf im
Sinne von 'gehöiig', 'geziemend' ziemlich häufig zu lesen ist.
Ans ihr, bzw. direkt aus der Keine, hat PI das Wort ent-
nommen. Dabei ist für ihn wie für das griechische Alte
Testament darauf hinzuweisen, daß xk m&rixovta durchaus
nicht in dem philosophischen, umfassenden Sinn zu verstehen
ist, wonach es den ganzen Kreis der officia, des pfliehtmäüigen
Handelns bezeichnet, sondern speziell das 'Anständige' und
m diesem engeren Sinn Geziemende bedeutet ^ Überdies ge-
braucht es PI in der negierten Form ^ä /») -AaO-ijWvca, wobei
dieser engere Sinn des Unziemlichen, Unanständigen noch
deuüicher hervortritt. Den Ausdruck ;<^ {06) xnärixov ge-
brauchen aber die Stoiker nie, sondern sie bezeichnen den
Gegensatz zu y.a^/)-Aoy mit jrop« zb ^a^mv, so auch Epiktet
' DKsselbe ist z. B. mit dem Wort KaTain^^«,.«»- in der von den
Stoikem üiierten Bedeittnng 'geistig erfassen', ■begreifen" erfolgl;.
' Ebenao III Makb. 4, 16 id /tf, .-a^qKoyTa Uiwi:
158 Adoif Bonbi3ffer
dnrchweg'. Es bestätigt sich also auch hier wieder, daß
nach Form und Inhalt gerade das spezifisch Stoische des
Ausdrucks dem Apostel PI unbekannt bzw. gleichgültig- ist.
Im Anschluß an die bis jetzt besprochenen, hauptsächlich
die sittliche Anlage und Betätigung betrelfenden Ausdrucke
will ich auch kurz den Begriff voDg erwähnen, "dessen aller-
dings überwiegend liänfiger Gebrauch in den von PI verfaßten
und ihm zugeschriebenen Briefen auch als Zeugnis für seine
heUenisehe Bildung verwertet worden ist. Er verwendet das
Wort in den verschiedenen Bedeutungen, welche es zu allen
Zeiten in der griechischen Sprache gehabt, nämlich "Vernunft'
oder 'Verstand', 'Sinn' ('Gesinnung' oder 'Bedeutung'). Im
ersteren Sinn steht es auch Luk. 24, 45 und zweimal in der
Apokalypse. P'ür die stoische Terminologie ist es in keiner
Weise bezeichnend, im Gegenteil ließe die Vorliebe für den
Nus eher auf platonische oder per ipate tische Bildung schließen :
die Stoiker bezeichnen die Vernunft lieber mit Xöyos oder
Xoyiafiög, die Gesinnung oder dem Sinn (des Menschen) mit
didvoia oder fiysftovtitöv. Epiktet gebraucht das Wort voCg
selten und fast nur in den populären Wendungen voDv n^og-
iX^iv vivi oder iQineiv {qsTTfiv?) tt^Sq ti und besonders vovv
ex^tv, vovv 'iywv; die letztere Redensart finden wir auch
Apok. 17, 18. Im übrigen vgl. B ^ 120 ff. und die Anmerkung 2
zu Seite 156 des vorliegenden Werkes.
Auch in dem Begriff loyiy.ii laTQsia (Rom. 12, 1)
wollte man eine Spur des Stoizismus erblicken. Das Adjektiv
i.oyixög, obwohl schon von Aristoteles gebraucht, ist allerdings
erst durch die Stoa zu Ehren gekommen (Melcher 40: inde a
Chrysippo). Von Polybios an kommt es auch außerhalb der
philosophischen Schulsprache vor, doch ist es offenbar vor-
wiegend ein Wort der wissenschaftlichen Sprache geblieben;
• EiitBdiieilen nSher steht dem stoischen Sprachgebrauch hierin der .
Verfasser des I. Klemens-Briefes ; er Bpricht Ton der aaS-^xntiai, t<//ij, der
gebührenden Ehre, die man den Ältesten erweisen soll, gebrnueht die
adverbialen Ausdrücke xa/id id «nO-iJKaf und ^■t^ä r. «. — allerdings mit
einer näheren Beatiniraung zu xalt^KOT, aber immerhin in einem sehr um-
fassenden Sinne ~ und das vun Polybios an gebräuchliche Adverb xaO^xöv-
rmg {Kap. 1, .^; 3, 4; «, 3).
Epiktet nnd das Neue Teetament 159
SO findet es sich denn im ganzen griechischen Alten Testament
kein einziges Mal, auch bei den Patres apostolici nicht, im
Neuen Testament außer Rom. 1 nur noch I Petri 2, 2 in ganz
ähnlicher Bedeutung wie dort. Immerhin wenn der Eegriif
X6yoQ, selbst durch Vermittlung; des alexandrinischen Juden-
tums in die Heilige Schrift Eingang gefunden hat, so ist es
nicht auffallend, wenn auch das Eigenschaftswort Aej-fzoe von
der Stoa aus unter den Gebildeten gebräuchlich geworden ist.
Wie sollte z. B. die stoische Definition des Menschen als eines
tf^ov XoyuMv d-vtjTÖv nicht weithin bekannt geworden sein?
Freilich die Bedeutung des loyi.x.6g in den beiden neutesta-
mentlichen Stellen ist nicht ganz dieselbe wie in der Stoa.
Hier heißt Xoym^s in der Hauptsache durchweg 'veinunft-
begabt' im Gegensatz zu dem von Natur der Vernunft nicht
Teilhaftigen, weiterhin das, was den Vernunftwesen im Unter-
schied von den vernunftlosen "Wesen eigentümlich ist (vgl.
B'' Beg.). Bei PI und dem Verfasser des I. Petrus-Briefes
handelt es sieh weniger um den Gegensatz von 'vernünftig'
und 'unvernünftig', sondern von 'geistig' und 'grobsinnlich'
oder 'innerlich' und "äußerlich*. ' Etwas Analoges haben wir
bei den Stoikern etwa in der Unterscheidung der Aoymi)
(pavtacLa und der ceio9-rjiici] ip., d. b. des rein Gedachten und
des sinnlich Erfahrenen. Der Begriff loyixij XatQBia aber im
Sinne des geistigen Gottesdienstes (genauer: Opferdienstes)
gegenüber dem zeremoniellen kann durchaus nicht als eine
stoische Idee in Anspruch genommen werden. Wohl betrachtet
der Stoiker, von Kleanthes an bis zu Mark Aurel, das Leben
des Mensehen, speziell des Weisen oder Philosophen, als einen
Dienst Gottes, was ja auch in der religiösen Fassung des
Lebenszieles (Telos), besonders bei Poseidonios und auch
Epiktet (Eit£a&at -d-iolg), zum Ausdruck kommt; ja vom Kvvf/.6g
sagt der letztere geradezu, daß er dem Zeus diene (IcaQevu
111 22, 56). Aber einesteils bildet der Idealkyniker Epiktets
als außerordentlicher Bote Gottes an die Menschheit eine
Ausnahme; anderenteils haben die Stoiker bekanntlich den
äußerlichen Opferdienst und GötterkuU überhaupt nicht in
Gegensatz zu dem wahren, geistigen Gottesdienst gestellt,
durch welchen jener andere abrogiert und hinfällig würde,
160 Adolf Bonhöffer
sondern ruhig den zeremoniellen Dienst weiter bestehen lassen
nnd mitgemacht, wie wenn er ein unerläßlicher Bestandteil
der wahren, vom Philosophen freilich ungleich tiefer und
innerlicher aufgefaßten liaißsia wäre. Somit haben wir ge-
rade bei dem Ausdruck Xoytxi^ XccTQdtx keinen Anlaß, be-
sonders an stoische Vorstellungen zu denken.
Am wenigsten habe ich es verstehen können, wenn man
auch die paulinische Lehre von der adQ^ als Quelle der
Sünde oder vielmehr von dem Gegensatz zwischen cAq^ und
TtviG^a aus der Stoa hat herleiten wollen '. Es ist hier nicht
meine Aufgabe, die Bedeutung des Wortes oä^^ bei PI zu
untersuchen und dessen Auffassung des Gegensatzes von
Fleisch und Geist auf ihre Quellen zurückzuführen. Ins-
besondere lasse ich mich nicht darauf ein, festzustellen, ob
und inwieweit er wirklich die oög^ als Ursache der Sünde
betrachtet habe, ob ferner das DualisLisch-AsketlscIie, was in
seiner Lehre gefunden wird, wesentlich über die in anderen
Teilen des Neuen Testaments vorliegenden Anschauungen und
über das jüdische Denken und Fühlen überhaupt hinausgehe,
so daß man es in der Tat aus einer anderweitigen Beein-
flussung, sei es von seiten der orientalischen Religionen oder
der griechischen Philosophie, erklären maßte. Wir haben es
hier nur mit dem Verhältnis des Apostels zu Epiktet bzw.
zur Stoa zu tun, und hier muß ich sagen, daß. wer in diesem
Stück auch nur eine Anlehnung des PI an den Stoizismus
annimmt, diesen letzteren nicht kennt oder jedenfalls sein
innerstes Wesen nicht erfaßt hat. Die ffttog spielt im stoischen
System überhaupt keine Eolle: wenn das Wort bei Epiktet
und auch M. Aurel nicht gerade selten vorkommt, so erklärt
sich das — abgesehen von den paar Fällen, wo es ganz
wörtlich gemeint ist — aus der Polemik gegen Epikur, in
dessen Lehre die o<ip| als Sitz der sinnlichen Lust- und
Schmerzenipfindung allerdings eine sehr wichtige Stellung
einnimmt. Er hat ja die Lust definiert als leia, den Schmerz
als t^aida xivTjaig r^^ acr^nög. Wo Epiktet von der adg^
oder dem aixQxiäwv spricht, da tut er es mit ausdrücklicher
' Vgl. auch, was S. 67 ff. gegen Kuiper ausg-eführt worden ist.
Epiktet und da» Nene Testament 161
oder doch stillschweigender Beziehung auf Epikur (I 20, 17;
I 3, 6; n 2% 19; U 23, 20; III 7, 3; IH 7, 25; IV 1, 161;
IV 7, 32) ^ An diesen 8 Stellen bekämpft er stets die epi-
kurische, oder von ihm als epikurisch aufgefaßte Ansicht, dafi
im Fleisch, d. h. in der Sinnlichkeit, das Gut, das Gluck,
bzw. das Wohl und Wehe des Menschen liege. Der Stoiker
dagegen setzt sein Glück nicht in die vXr] sondern in das
fCQoijyovfiBvo)', nicht in die sinnliche sondern in die geistige
Seite seines Wesens.
Daß dies, wenn man so will, ebenfalls ein Dualismus ist,
der mit dem paulinischen Gegensatz von aäg^ und ttveefia
verglichen werden kann, wird niemand bestreiten, und wir
werden davon später noch zu reden haben. Aber das kann
und muß jetzt schon gesagt werden, daß der Gesichtspunkt,
aus welchem diese beiden Bestandteile des menschlichen
Wesens einander gegenübergestellt werden, ein total ver-
schiedener ist. Epiktet ist weit entfernt, der adQ^ als solcher
irgend eine bestimmende Macht über den Menschen einzu-
räumen^: er betrachtet es lediglieh als Geschmackssache, ob
dieser das Fleisch als den wichtigsten Teil seines Wesens an-
sehen will oder den Geist. Natürlich ist er überzeugt, daß
bei richtigem Gebrauch der Vernunft die erstere Ansicht nn-
möglich ist, und als schlagendste Widerlegung erscheint ihm
der Gedanke, daß es eben doch der Geist ist, der, im Falle
Epikurs, dem Fleisch gleichsam die Palme zuerkennt, hier-
mit also sich gevvissermaßeii selbst entthront und preisgibt.
Ihm selbst ist die oäp| zwar ein nach Gottes Willen dem
Menschen beigegebener und deshalb von seiner Natur unab-
trennbarer (IV 1, 104), aber doch gänzlich unwichtiger Be-
standteil, der um des Höheren willen jedei-zeit zurückstehen
und, wenn es'seiii muß, freudig geopfert werden muß (I 29, 6;
' Auch bei M. Aarel tritt der Name Epikur ia Verbindung mit den
Kij/ijofis jov aa^xiSiiv auf (IX 41),
' Ich glaube kaum, daß G. Heinrioi sein früher {Kommentar zu
II KorJnther p. 586') gefälltes Urteil hente wiederholen würde: „Mit Vor-
liebe braucht Epiktet aä^^ ala sündig; ftberhanpt ist die jüngere Ston
durchdrungen von der Mat:ht der Sünde, welche sie in den niederen
Trieben safzeigt" [yon mir geaperrtl].
Kslieionsgeschiubtliche Versuche u. Vor&rbeiten X. 11
162 Adolf Bonhöfier
II 1, 4; IV 1, 161 u. Ö.). Das eigentliche Wesen des Mensclien
wie dasjenige Gottes (II 8, 2) ist der Geist mit seioen
Äußerungen und Betätigungen. Darum würde die au«h im
Neuen Testament und auch von PI zur Bezeichnung aller
Lebewesen, speziell aller Menschen gebrauchte jüdische Formel
ftsaa oäßS dem Epiktet völlig unannehmbar sein, der ja
oft genug und in der schroffsten Weise seinen Schülein ein-
schärft, daß nicht in der äußeren Leiblichkeit, sondern im
Hegemonikon das Ich und Du, das wahre Selbst beschlossen
sei. Auch von Ifci^v/iiat der oÜQi könnte er nicht reden,
da für den Stoiker die böse Lust nicht im Fleische sitzt,
sondern ein falsches Urteil, beziehungsweise eine Alteration
oder Selbstverkehrung des Hegemonikon ist. Vollends ein
(pqövtj^a Trjg oaQy.6g (Rom. 8, 3) oder gar ein vovg i^g a.
(Kol. 2, 18) wäre ihm direkt unverständlich. Das Wort des
Apostels h Tfj aaQxl finv (nix nhst) &ya&äv (Rom. 7, 18) könnte
sich Epiktet wohl aneignen, aber in einem gänzlich ver-
schiedenen Sinn, nämlich daß das Gut des Menschen nicht im
Fleisch liegt, dieses also ihn weder glücklich noch unglüeklicb
machen kann, während PI eben unter dem Kindruck der den
besseren Willen knechtenden Macht der ötfß^ jenes ergreifende
laXainui^og lyf» äv&Qtüvcos ausruft. Somit ist klar, daß der
Begriff adq^ bei PI nicht nur keine Ähnlichkeit mit dem
stoischen hat, sondern, wie wenig andere, gerade den tief-
greifenden Gegensatz beider Anschauungen zum Vorschein
bringt K
' Etwas anäejs stellt sich die Sache, wenn man den piaton iaierenden
StoJBismus lies PoseidoBios, zn dessen Interpreten, sicli auvrcÜBu Seneca
macht, ine Auge faßt. Ihm steht P! aelbstverBtändüeh näher, auch im
Punkte des Dualismus, den die echte Stoa überhaupt niaht kennt, Immei'-
hin fällt es auch dem Poseidonios nicht ein, das Fieisch oder dm ahoyov
lti(ins lijs T/'fi'if^ in einen metaphysischen Gegensatz zum Geist au
bringen: dieses Veruuaftlose in der menschlichen Seele hat keineswegs
die Macht, dio Vernunft zu knijchten, sondern ist dazu fähig und be-
stimmt, sich dieser fügsam unterzuordnen als ihr dienstbares Organ (ygl.
M. Pohlenz, Vom Zorne Gottes, Gdttingen 1909, S. 5 o.). — Merkwürdig
auf den Kopf gestellt finde ich den Sachverhalt bei Nösgen (aaO, 267),
wenn er sagt, der Sontrast des Fleisches und Geistes aei nach P! nicht
un Über wind bar wie bei den griecliisclien PüiloMphen und, auch bei Posei-
Epiktet und das Neue Testament 163
Nicht anders ist es mit dem Begriff stvevfia, was sich
schon von vornherein erwarten läßt, weil dieser Begriff bei
PI in genauer Korrelation zur adQ^ steht: wenn also die orfgl
bei Epiktet mit der des PI sich nicht deckt, so kanii auch
der Begriff nvevfia bei beiden nicht kongrnent sein. In der
Tat gehört das Tcveüfia bei PI nicht zur Naturausstattung des
Menschen, sondern ist ein übernatürliches Gnadengeschenk,
eine transzendent göttliche Macht. Auch dem Stoiker ist
das ^vEvfia etwas Göttliches, besteht doch Gott selbst aus
TtvEvi-ia votQÖv oder öuiTtv^ov oder le^vt^töv. Aber dieses Pneuma
selbst ist ein Körper und wie sehr diese monistische Theologie
dem jüdischen und christlichen Theismus widerspricht, ja
geradezu als Lästerung Gottes erscheinen mußte, ersieht man
daraus, daß den Kirchenvätern kaum eine heidnische Lehre
größeres Ärgernis bereitet hat. Übrigens besteht auch darin
ein Unterschied zwischen der christlichen und der stoischen
Anwendung des Wortes •jtveHiifx, daß es hier nicht wie dort
das eigentlich Geistige oder das geistige Prinzip, sondern nur
sozusagen die stoffliche Basis des Geistigen bezeichnet; das
Geistige in unserem Sinn drücken sie lieber durch i/^x>J oder
iiymovi'x6v, Uyos oder fCQoaiQeaie aus. Auch Hans Lletzmaun,
donios, vielmehr werde sogar der irdische Leib im Jenseits umgestaltet.
Darin liegt ja eben der Dualismus, daß eine himmlische Welt der irdischen
so schroff gegenübergestellt wird, und daß der irdische Leib eine Ver-
wandlung, d. h. Verltläcuug durchmachen ninB, um jener himmlischen Welt
angehfiren zu können. Übrigens nicht die o«pl Bondern das iiSpa wird
umgewandelt, die a-i-^ verfäUt vielmehr dem Untergang, wie sie von An-
fang au das Prinzip der Vergänglichkeit, Schwachheit und SüBdhaftigkeit
war. Auch im Wiedergeborenen ist sie bereits ideell tot {Rom. 7, 5 öje
ydp ^H^v iv t's o„p«i\ der Verklärte aber ist ganz von ihr befreit (I Kor. 15, 50
aajif kui itifta ßaadeia" S'sov xhipovofiijaai oi Svi'aTm). Nur darin ist
allerdings das christliche oder wenigatena das paulinisehe Denken realiätiaoher
als das griechische, daß es sich ein Fortleben des Geistes ohne eine Leib-
Uchkeit nicht vorstellen kann. Nach den Stoikern trennt sich im Tode das
oä/i" vom Jir*.-.i.a; aber man darf nie vergessen, daß ihnen auch das
meifii ein ow^-. ist, nur von feinerer Qualität, und ferner, daii nach der
Lehre Ton der Weltver brennung, an welcher anch Poaeidouioa festgehalten
hat, daa a^ft mit dem ra.-iri^a sich von neuem verbindet. Auf welcher
Seite der wirkliche Spiritualismus nnd Dualismus ist, dttrfte hiermit klar-
gelegt sein. ^^^
164 Adolf Bonhöfier
der in seinem Kommentar zu den paulinisehen Briefen (Hand-
buch zum Neuen Testament, Tübingen 1907 ff.) m. E. der
Lockung Parallelen zu statuieren eher zn viel nachgibt, sagt
zu.Röm. 8, llff. mit Eecht: mit der stoischen Lehre „Gott ist
TtvEd^a^ hat PI gar keine Berührungspunkte ^
Aus dem bisher Gesagten dürfte zur Genüge hervorgehen,
daß Johannes Weiß, übrigens einer der modernen Theologen,
die am meisten vorurteilsfrei der griechischen Philosophie
gegenüberstehen, keinen glücklichen Gedanken gehabt hat,
wenn er in seinem Vortrag über die christliche Freiheit die
Annahme vertritt, daß PI mit anderem auch seine Idee von
der Freiheit aus der griechischen Philosophie, speziell der
stoischen, herübergenommen habe *. Ich kann vor allem nicht
finden, daß dieser BegTiff für PI besonders bezeichnend wäre:
er tritt bei Johannes, ja sogar bei Jakobus (1, 25; 2, 12)
ebenso mächtig hervor, wenn sie auch nicht so viel Worte
davon machen wie PI. Weiß unterscheidet ganz schön eine
dreifache Freilieit, die PI lehre, Freiheit vom Gesetz, von der
Sünde und von der Welt. Die erstere, meine ich, hat Jesus
' Vgl. Ed. Schwarte, Aporien im vierten ETftiigelinm IV {Gott. Nach-
richten, Phil.-hist. Kl. 1908, 561).
° Älmlich wie WeiC hatten sich auch Hoinrici nnd Feine hierüber ge-
äußert und Giemen [aaO. 45) gibt ihnen recht, erklärt jedoch zugleich,
daß Weiß cnfEchieden zu weit gehe. Wenn er aber sagt, der Umstand,
daß die yreiheit bei der Stoa ganz anders begründet werde, ula bei PI,
hindere nicht, daß er zugleich im Ausdruck von der in Tarsus ja be-
soDdcrs einflns^reicben Stoa abhängig sein künnte, so gestehe ich, daß ich
das nicht verstehe. War denn der Anadruok iUi'ltegas etwas so Ungewohntes,
daß maa ihn von den Stoikern entlehnen mußte? oder sollen wir PI zu-
trauen, daß er nur darum so viel von Freiheit redete, um den auf ihre Freiheit
stolzen Stoikern za zeigen, dal! er auch von einer Freiheit wisse, die freilich
ganz anderer Art sei als die ihrige? Wohei: weiß man aber, daß daciatg
die Stoa in Tarsus besonders einäuDreich war? Wenn S bis Ü Jahrhunderte
früher einige stoische Schnlhüupter zuffillig aus Tarsus waren, wird man
das der Stadt jetzt i]oi:h augemerkt haben? Daß die stoische Theorie auch
damals eifrig dort gepflegt wurde, mag ja sein; aber einflußreich war
wohl schon damals die Stoa nicht mehr, wenigstens nicht so, daß auch
ein Jude sich diesem Einfluß nicht ganz entziehen könnt«. Warum schickt
denn Epiktet seine Schüler nicht nach Tarsus? Er wußte, wie es mit dem
Einfluß der Stoa stand, wenn er ansrnfeu konnte, zeiget mir doch auch
nur einen einzigen Stoiker! (II 19, 24).
Epiktet und das Nene Testament 16&
durch sein Beispiel nocli viel wirkungsvoller dargetan als PI
mit seinen oft etwas künstlichen Deduktionen \ Für die Stoa
kommt diese ohnehin gar nicht in Betracht. Die Freiheit
von der Sünde und von der Welt, was für die Stoiker in
eines zusammeufäüt, ist aber bei Johannes womöglich' noeh
tiefer und großartiger erfaßt; niemand wird aber hier an
stoischen Einfluß denken. Daß in diesem Punkte Stqa und
Christentum sich bei aller Verschiedenheit sehr nahe kommen,
leugne ich keineswegs und werde es an seinem Orte näher dartun.
Nur der Kuriosität halber erwähne ich noch die Äuße-
rung des sonst so vorsichtigen Giemen, daß auf die Wert-
schätzung seiner Freunde, die z. B. I Thess. 3, 1 bei PI her-
vortrete, möglicherweise die Empfehlung der Freundschaft
durch den Stoizismus eingewirkt haben könne (aaO. 48).
Wenn in irgend einer antiken philosophischen Schule die
Frenndachaft eine recht dürftige und untergeordnete Rolle
spielt, so ist es in der Stoa. Ich darf hier vielleicht ver-
weisen auf das, was ich früher (B^ 106 ff.) ausgeführt habe,
wesentlich in Übereinstimmung mit Zeller (III 1,289 ff.), den
Giemen merkwürdigerweise als Gewährsmann in Anspruch
nimmt. Wenn er ferner auch auf v. Arnims Fragmentsammlung
der Stoiker sich beruft, so kann sich jedermann selbst davon
überzeugen, wie außerordentlich leer und mager, natürlich
ohne dessen Schuld, das Kapitel de amicitia et gratia ausge-
fallen ist (in 181 ff.). Anders ist die Sache freilich, wenn
man den seines Marks beraubten, weltförmigen Stoizismus des
Panaitios heranzieht, der auch in Oiceros Laelms und De of-
ficiis zum Ausdruck kommt. Aber dann möge man doch lieber
sagen, PI sei vom Epikureismus beeinflußt, in welchem die
Freundschaft noch ungleich höher gewertet wird! Übrigens
finde ich auch bei PI und. ebenso im übrigen Neuen Testament
eigentlich nichts, was man Freundschaft nennen könnte:
hierin gleichen sich vielmehr die urchristlicbe und die stoische
Seelenstiramung vollständig. Denn wie hier die Freundschaft
in der naturgemäßen inneren Verwandtschaft der Weisen oder
' Äimlich nrteat W. Bonsset, Das Wesen der Beligiou, Halle a. S.
1904, S. 200: Wecn wir die Freiheit Jesu nnd Pauli vei^lciehcn, 30 er-
scbeint diib Jeans fast uocb als der Freiere.
166 Adolf Bonhoffer .
rpdöootpoi oder in der allgemeinen Menschenliebe au%eht, so
dort in der christliehen Bruderliebe und dem Erbarmen mit
allen unerlösten Seelen, die doch der Idee nach gleichfalls
Objekte der göttlichen Gnade sind.
Für gänzlich unberechtigt muß ich es auch halten, wenn
man aus der allerdings recht weit gefaßten Sehlußermalmung
des PI an seine Philipper (4, 8) eine Verbindung der natür-
lichen Sittlichkeit mit der christlicliea (Giemen 53) oder gai-
wie Curtius (aaO. 928) einen inneren Zusammenhang mit
hellenischer Ethik folgern will. Daß auch die Heiden dem
äinaiov, äyvöv, nQogtpdig usw. nachtrachten, hat ja der Apostel,
wie wir sahen, Rom. 9, 30 deutlich von der Hand. gewiesen,'
und so sagt er auch nach der Aufzählung aller jener Tugenden
nicht etwa „was ihr nicht bloß an mir gesehen habt, sondern
zum Teil sogar aus dem Beispiel ernstgesinnter Heiden lernen
könnet", sondern lediglich das erstere: der beste Beweis, daß
er bei dem allem nicht entfernt an hellenische Ethik gedacht
hat. Das einzige, was an dieser Stelle griechisch klingt, ist
das Wort ^ffrutog, das sonst im Neuen Testament nicht ge-
braucht wird, «ad das wir unbedenklich zu den Wörtern
rechnen können, welche die verhältnismäßig große Vertrautheit
des Apostels mit dem besseren Griechisch an den Tag legen.
D. Einzelne stoizisierende Aussprüche
, Viele und zum Teil gerade die gewichtigsten Indizien
für einen stoischen Einfluß auf Paulus, die auch Giemen noch
irgendwie gelten läßt, sind bereits in den vorangehenden drei
Abschnitten, besonders im 1. und 3., zur Sprache gekommen,
Es bleibt uns nur noch übrig, auch den anderen Stellen der
(echten) pauliuischen Briefe, die eine Einwirkung der Stoa
verraten sollen, eine Prüfung angedeihen zu lassen. Wir be-
folgen auch hier wieder die Methode, daß wir uns an Clemens
Darstellung anschließen, jedoch aUes das übergehen, was er
selbst nicht oder nicht ernsUich als Zeugnis für eine Ab-
hängigkeit von der Stoa in Anspruch nimmt.
Wenn PI in Gal. 3, 28 die Unterschiede von 'Jude und
Grieche', 'Sklave und Freier', 'Mann und Weib' in Christo
Epiktet and das Neue Testament 167
für aufgehoben erklärt, so gibt Giemen zu, daß er auf diesen
Gedanken an sich nicht erst durch die ^toa gebracht zu
werden brauchte, sondern auch von seinen christlichen An-
schauungen ans so urteilen mußte. Trotzdem gibt er der
ersteren Vermutung Raum, weil PI nicht die volle Konsequenz
daraus gezogen habe, sondern anderweitig (I Kor. 11, 3ff.;
14, 34 ff.) eine strenge Unterordnung des Weibes unter den
Mann lehre. Jedoch was anderes will PI mit jenem Worte
sagen, als daß das weibliche Geschlecht ebensogut wie das
männliche an der Erlösung durch Christus teilhabe? Hat
er aber dies irgendwo zurückgenommen? Wenn er dem Weibe
nicht dieselbe äußerliche Freiheit einräumt wie dem Manne,
so urteilt er hierin einfach als Orientale. Andererseits zeigen
doch seine Grüße von und an Glaubensschwestern, daß er sie
in der Hauptsache als voll ebenbürtige Genossen im Reich
Gottes anerkennt und auch eine, selbstverständlich ihrer Natur
angemessene, Tätigkeit der Frauen im Dienst des Herrn
vollauf wertet (z. B. Rom. 16, 12). Umgekehrt dürfen wir
vielleicht fragen, ob denn die Stoiker etwa die volle Kon-
sequenz aus der prinzipiell von ihnen angenommenen Gleich-
berechtigung der Frau gezogen haben? Daß auch sie der
Tugend, und zwar der philosophischen Tugend bedürftig und
fähig sei, ist allerdings von Kleanthes an stoische Lehre ; aber
in der Praxis scheinen die Stoiker die antike Geringschätzung
des Weibes doch nicht ganz überwunden zuhaben (B^ 86ff.)-
Epiktet speziell scheint dem weiblichen Geschlecht, wie er
es tatsächlich kannte, keine besondere Hochachtung gezollt
zu haben, was auch aus seiner Vorliebe für das Deminutiv
yvvaixÖQtov hervorgeht, und in seinen Lehrvorträgeu wendet
er sich ausschließlich an die Männer. Und wenn Musonlus,
der neben Antipatros aus Tarsus von allen Stoikern am meisten
sympathisch von dem Weibe spricht und die reinste und
idealste Anschauung von dem Verhältnis der Geschlechter
bekundet, einen eigenen Vortrag ikt y.al ywai^l yjiloaofprjiior
verfaßt hat, so spricht er damit doch nichts weiter aus, als was
in seiner Art auch für den Apostel PI selbstverständlich war.
Die sogenannten Lasterkataloge (Ga!. 5, 19ff. und
ähnlich im Römer- und KolosserbriefJ liaben mit der Stoa gar
168 Adolf Bonhöfier
nichts zu tun. Einmal ergibt sich diese häufende Aufzählung
von menschlichen Untugenden aus dem Zweck, den der Apostel
verfolgt, ganz von selbstS wie auch Heinrici zugibt den
Giemen, wie ich glaube mit Unrecht, als Gfewährsmann far
seine Auffassung in Anspruch nimmt. Sodann zeigt die
Vorausteilung der geschlechtlichen Sünder deutlich die be-
sondere Anschauungssphäre des Juden und endlich liegt den
stoischen Aufzählungen der pflichtwidrigen Handlungen stets
ein gewisses ethisches System oder die philosophische Theorie
von den ^rrf^j zugrunde, während bei PI jedes Ordnungs-
und Einteilungsprinzip fehlt.
Weit mehr Beachtung verdient es, wenn der merkwürdige
Ausspruch von dem nnvfiarMbe ^v^^ionos, der alles beurteilt, '
selbst aber von niemand beurteilt wird (I Kor. 2. 15) mit der
griechischen Philosophie in Verbindung gebracht wird. Das
ist in der Tat ein philosophiseher Gedanke, der in der Bibel
etwas überraschendes hat. Heinrici« erinnert an das Wort
Piatons, daß die Schlechtigkeit weder die Tugend noch sich
selbst erkennt, die Tugend dagegen beides {Eep. m 17 409 DE).
Mit dieser Piatonstelle stimmt auffallend Überein die Be-
hauptung Epiktets, daß die (pQÖvriatg sowohl sich selbst als
auch ihr Gegenteil erkennt oder wahrnimmt (I 20 6) Das
ganze Kapitel mit der Überschrift ^e^l io€ X6yov Tt&g aitoC
^Ew^r,Tu6g Ic^tv ist diesem Gedanken gewidmet. In einer
bei Epiktet sonst seltenen, streng theoretischen, im höheren
Sinne philosophischen Erörterung legt er dar, daß jede einzelne
Kunst oder Wissenschaft ihr Gebiet hat, das sie zu beurteilen
vermag, dagegen sich selbst nicht beurteilen kann, weil dies
nur dann der Fall ist, wenn das Beurteilende und das zu
Beurteilende homogen sind. Dies trifft nun aber bei dem
Uyo? oder der <pq6v^uts, überhaupt bei der Philosophie zu,
denn ihr Gebiet ist eben die Theorie (zß^^e (parxaatay o'ia 6,1)
und sie selbst ist etwas Theoretisches, eine Betrachtungsweise
{ovüTriiia fx Ttoi&v fpavTamav). Darum vermag der Logos nicht
'Man kann yielleieht sogar noch weitergehend sagen, für einen
Kenner deaTHndicheuMenaeheTilebens, wie PI e^ war, wäre ea ein Armute-
zengnis, sich nach einem herkömmlichen Schema zu richten.
* Nach Edwards, den ich nicht selbst einsehen konnte.
Bpiktet und das Neue Testament 169
bloß die einzelnen, ebenfalls ein (begrenzteres) System von
Vorstellungen darstellenden Wissenschaften, sondern auch sich
selbst zu erkennen und zu beurteilen, wie es denn überhaupt'
ein höchstes Maß oder Kriterien geben muß, das sozusagen
antonom ist und nicht wieder von etwas anderem gemessen
und beurteilt wird\ Ganz ähnlich ist die Entwicklung; des
PI an der angeführten Stelle: Gott als die höchste Vernunft
erkennt sich selbst und alles Geistige in der Welt, auch die
untergeordnete Vernunft des Menschen. Will dieser aber
Gott erkennen, so kann er es nur vermöge des gottlichen
Geistes, der ihm im Glauben au Christus geschenkt wird:
ist er aber auf diese Weise ^ver^ißirwo's geworden, so erkennt
aneh er sich selbst und alles bloß Psychische, während er
selbst keinen (menschlichen) Richter über sich hat, er ist
sozusagen selbst eine höchste Instanz geworden. Die Über-
einstimmung ist hier in der Tat merkwürdig und macht es
sehr einleuchtend, daß PI den platonischen . oder den stoischen,
jedenfalls auch vor Epiktet in der Stoa schon diskutierten
Gedanken gekannt und für seine Zwecke umgeformt habe.
Trotzdem kann ich auch hier eine bewußte Anlehnung oder
Reminiszenz an griechische Vorbilder nicht zugeben, und zwar
deshalb, weil der ganze Zusammenhang bei PI von dem Ge-
danken beherrscht ist, daß die menschliche Weisheit nichtig,
die göttliche allein gültig ist, daß zwischen dem nviv^a tov
K6aftov, dem doch auch die ganze heidnische Philosophie an-
gehört, und dem TtveOfia (ix) roß d-toü ein himmelweiter Unter-
schied besteht. Und warum sollten wir PI nicht soviel
philosophische Begabung zutrauen, daß er von sich aus auf
jenen Gedanken gekommen sein könnte? Die Evolutionen
seines eigenen ßaisonnements liegen ja überall in seinen
Briefen, namentlich den großen, so deutlich zutage und
nehmen einen so breiten Kaum ein, daß es psychologisch un-
denkbai- ist, daß er, bei allem Bewußtsein des Ofifenbarungs-
'Nnr mit anderen Worten, aber fast noch deutlicher ist dieser Ge-
danke ausgesprochen in dem Fragment (Sehenkl 476, 54), das recht wohl
echt aeia kann: Ko.3-dne$ ij lö" y^^voäv Soxiftä^tvan kid-os o^xiri «ai avti)
^pos Tod y,iivaov SaMfi'it,tTai, oinm xat o lu xqit:!qiov l-/_mv. — Ygl. aUCh
1 17, Iff. {Oben S. 28') und M. Äurel XI 1, 5.
170 AdoJf Bonhütfer
mäßigen seiner Lehre, doch nicht aueli zuweilen seiner
Kelbständig schaffenden Vernunft sich bewußt und froh ge-
worden wäre.
Zu der Stelle' I Kor. 4, 9 -d-mtgoi^ eyevij^tjfifv rq, y.öaft([i
wird von Lietzmann die Ausführung Senecas in de proiM. 2
herangezogen, und auch Clemen hält es nicht für ausge-
schlossen, daß P! ältere derartige Schilderungen in der Tat
gekannt und, wenngleich in sehr freier Weise, nachgeahmt hat.
Noch reichlichere Parallelen bietet Epiktet, zu dessen üieblings-
gedanken es gehört, daß das widrige Geschick gleichsam ein
Kampfspiel sei (vgl. S. 54), in welchem der Mensch seine
sittlichen Kräite zeigen könne, und der den wahren Philo-
sophen überhaupt, besonders aber im Kampf mit dem Unglück
ein 5^ö/(a nennt, an welchem Menschen und Götter sich freuen
{II 19, 25; III 22, 59). Aber an eine Abhängigkeit des PI
ist auch hier nicht zu denken, um so weniger, als er das Bild
vom S-äatooy im ganz entgegengesetzten Sinne versteht wie
die Stoiker: ihm ist es ein Zeichen äußerster Erniedrigung,
daß er so Schweres und Schmähliches leiden muß, wie er auch
gleich hernach im Hinblick auf eben diese Leiden und Miß-
handlungen sagt ätg ns^ttKt&ü^uaTa toö -/.öufiov eyerjiZ-tjUEv
■rrdvttov ice^ltprjfice ecog Sqti; während der Stoiker stolz darauf
ist, der Welt zeigen zu können, wie sehr er im Bewußtsein
seines unangreifbaren inneren Besitzes sie verachtet K
Von der Ausführung in I Kor. 7, 17 ff. meint auch Clemen,
daß sie nicht nur formell und inhaltlich an stoische Diatriben
' Ich lengne nfttüriifih nicht, daß das Neue Testament mutatis mutandia
dieselbe Betraclitnngs weise kennt und anwendet, woToa gpitter die Rede
sein wird. Hier handelt es Kicli um den Ausdruck „Schauspiel" und seine
Bedeutung im Zuaammenliang. ~ Gegen den Einwand, der hier und auch
3onst oft genug gegen mich erhoben werden könnte, iiaii nämlich der von
PI gebrauchte Äiisdnick oder Vergleich, wenn auch die darin ausgesprochene
Otter ihm angruude liegende Änschanang der betretEendeu stoischen wenig
gleicht, ja eher ihr entgegengesetzt ist, dennoch einer fieminiszenz von
dorther entstammen könnte, verwahre ich mich ein für allemal, indem ich
sage, es ist mir immerhin noch wali rech ein lieh er, daß ein Mann wie PI
auf ein Wort oder Bild Ton selbst kommt, als daß er es anderen nach-
spricht, deren Anschauung er doch gar nicht teilt, Ja eigentlich verwerfen
und bekämpfen muß.
Epiktet und des Neue Testament 171
erinnere, sondern aucli zum Teil im Anschluß an solche ge-
schrieben sein könne. Ohne Zweifel besteht darin eine der
wichtigsten Übereinstimmungen zwischen Stoizismus und
Christentum, daß beide in ihrem idealistischen Optimismus die
äußeren Unterschiede des irdischen Menschenloses, die dem Welt-
menschen so wichtig sind, gleich sehr ignorieren und darum auch
den Zustand des Slclaven nicht an und für sieh als einen be-
dauernswerten betrachten. Diese Auffassung und der damit
zusammenhängende Mangel des Interesses an der Abschaffung
der Sklavei'ei ergibt sich bei beiden gleichermaßen aus den Vor-
aussetzungen ihrer Lehre ^ Aber ganz deckt sich die Stellung
beider zur Sklaverei doch nicht. Der Stoiker kann sich nicht
veranlaßt fühlen, seinen Schülern anzuempfehlen, in der äußeren
Lebensstellung, in der sie gerade sind, absichtlieh oder grund-
sätzlich zu verbleiben; im Gegenteil er muß auf Grund seiner
Lehre von den Tc^or^yiUva es ihnen vielmehr zur Pflicht
machen, jede sich darbietende Gelegenheit zu einer Ver-
besserung der äußeren Lage zu benutzen. Zu den natur-
gemäßen Dingen, die ja nach stoischer Lehre den eigentlichen
Antrieb zum praktischen Handeln in der Welt geben, gehört,
wie z. B. die Gesundheit, so auch die persönliche Freiheit.
Und was Chrysipp von der Gesundheit sagt, daß man, solange
man nicht etwa das Verbleiben in der Krankheit als speziellen
Willen der Gottheit anzusehen Grund hat, alles tun muß, was
ihrer Erhaltung oder Wiedergewinnung dient, das gilt natür-
lich auch von der Freiheit: es wäre nach Chrysipp und Epiktet,
der dessen Ausspruch zitiert (II 6, 9), geradezu eine Pflicht-
verletzung und Torheit, die Freiheit nicht zu wählen d. h.
eine sich bietende Gelegenheit zur Abschllttelung der Knecht-
schaft gleichgültig vorbeigehen zu lassen — selbstverständlich
immer mit dem Vorbehalt, daß man diese Besserung des
äußeren Loses §iya Tid-t^ong erstrebt und sein Herz niclit daran
hängt, als ob das wahre Glück irgendwie dabei beteiligt wäre.
Eine Aufforderung wie die des Apostels Plr „Jeder bleibe in
dem Beruf (d. h. in der äußeren Lebensstellung), in dem er
berufen ist", wäre deshalb direkt unstoisch; ich vermag eine
B' 98 ff.
l'^2 Adolf Bonhöffer
Parallele dazn auch in der Tat aus der stoischen Literatur
mcht beizubnBg:eu. die Stellen, die Giemen aus Seiieca und
Epiktet anfuhrt, besagen auch nichts weiter, als daß die äußeren
Unterschiede zwischen Freien und Knechten für den Weisen
belanglos smd, da man auch als Sklave wahrhaft frei sein
kann, wUhrend die meisten Freien tatsächlich Knechte sind-
Ganz anders ist es bei PI. Einmal fällt für ihn die stoische,'
kurz gesagt rationalistische Anschauung von der pflichtmäßigen
«cAop, .üv ..9>..a.^e., weg, sodann rechnet er mit einer nahe
bevorstehenden endgültigen Umgestaltung des Kosmos, so daß
für den Glaubigen das Interesse an einer irdischen Besser-
steUung gänzlich verschwindet, und die Sorge darum als
Zeichen eines mangelhaften oder unsicheren Glaubens an die
verheißene himmlische Herrlichkeit aufgefaßt werden müßte.
Daß PI wirklich dieser Meinung war, geht aus dem folgenden
Sa deutlich hervor: äXX' d ^al ö^vaaa. ilei&.^o, yLa»a,
stand bleiben^ eben um darzutun, daß ihm die selige Freiheit
der Kinder Gottes genügt; denn - so ist die nun folgende
außerordentlich feine, epigrammatisch knappe Antithese zu
veistehen - als Sklave empfindet er seine Zugehörigkeit zu
Chris US vorwiegend als Befreiung, während sie dem Freien
äußer ich Ungebundenen mehr unter dem Gesichtspunkt der ~
freilich heilsamen und nicht weniger zu ersehnenden - Ge-
bundenheit der freiwilligen Selbstbegebung erscheint. Selbst-
verständlich will PI nicht geradezu sagen, der Freie habe
weniger an Chnstus als der Sklave; immerhin deutet er an
daßder Sklave innerhalb der- christlieben Gemeinschaft in
fr ITo ?."■";"';''"■''^''" ''^'' ™-^"« ^^be, insofern
er das Gefühl der Freiheit weit intensiver und freudiger ge-
nat berlihrt ' ''' ""* ''" Seligpreisungen Jesu sich
So fällt alsoaueh in diesem Fall der behauptete Anschluß
^^ ^'^ ^^"^ ^" «ich zusammen, und noch viel mehr ist dies der
' °!'f Auslegung der Stell« dünkt mir die aHein mBgliohe sie «t
aueh .oviel m,r bekannt i«t, ziemlich allgemein rezipiert. Eine einUhei
Vgl. auch LietzmMn im „Hrindbneh znm Nenen Testament".
Epittet und das Neue Testameut 173
Fall bei dem von Giemen hiermit in Verbindung gebrachten
Ausspruch über die Eheleute (I Kor. 8, 29 Iva xal oi hovris
yvvaixag Ag ^tj ^xo^^S SjOii'). Was PI hiermit in zart ver-
blümter Weise den Verheirateten rät, sich der geschlechtlichen
Gemeinschaft lieber zu enthalten, ist so ziemlich das Gegenteil
von dem, was Epiktet über diese Dinge denkt. Man ver-
gleiche einmal dJe Schwierigkeit, die dem Apostel die not-
gedrungene Anerkennung des Hechtes der gesclüeehtlichen
Befriedigung bereitet, mit der nnumwundenen Freiheit, mit
welcher Epiktet dieselbe als eine notwendige, naturgemäße,
ja sogar als ein besonderes Argument für die göttliche Weisheit
betrachtet (I 6, 9: To Ö'Sqqsv xal ib d-fjXv xai ij irgo^v^ia
<i5> TC^bg T^v avvovalav ixati^ov xai i) dtjvajug xQrjorixii TOlg
^oeioigTols xazeaxBvaotthois oiähraüia ififpaivst toptex"'"/'';)!
Mehr werde ich hierüber nicht zu sagen brauchen; im übrigen
verweise ich wieder auf die Ausfuhrungen in B ^ 63 ff. u. 86 tf.
und auf K. Frachter, Hierokles der Stoiker, S. 139.
Nicht einmal eine große Ähnlichkeit, geschweige denn Ab-
hängigkeit zeigt der Ausspruch änölXmtxi. yfxQ ö ä(;&£vibv iv jfj
öfl '/vihaei. (I Kor. 8, 11), den Heinrici mit Bp. 11 9, 3 vergleicht.
Denn was bei PI nur ein einzelner Fall ist, nämlich der Gebrauch
des Wortes äfcöUvfu im uneigentlicheu , d. h. moralischen
■Sinne, das ist bei Epiktet etwas überaus Hänflges und zwar
sowohl in der transitiven a^ in der intransitiven Form
{äifokliietv thv Sfif-Qutiiov, tov fcicnöv, zbv aid^fiova, tOV^^ToUrr.v
etc.; &]täiU%o b TQoyqyöög, &!t6kaiXsv sc. Ty tpvxi} etc.) \ Überdies
hat — und dies ist ausschlaggebend — der bildliche Gebrauch
des Wortes bei ihm einen wesentlich anderen Sinn als bei PI.
Dieser will, wofern er nicht etwa an die wirkliche und ewige
&7nliUta denkt, nichts anderes sagen .als daß der schwache
Bruder durch das Ärgernis, welches ihm das Essen des Freieren
bereitet, möglicherweise irre wird an seinem Glauben, jeden-
falls Schaden nimmt an seiner Seele. Er hat also einen
wirklichen moralischen Schaden im Auge, den der eine
» Im selben Sinne wie iiri6}lvui gebraucht er auch zuweilen daaWoit
niX"/^', a- B, III 3, 6: £( loü vnhii y.ui Smaiav to dya^o" f.ri^öf ioTiV,
olx'^iai K« wai/yu »ai dSe^^öi etc. — Don Gegensatz zo beiden bildet der
Begriff amtiiv z, B. II 22, 18; 11 9, 11.
174 Adolf Bonhöffer
durch den anderen erleidet, Epiktet aber denkt nur an einen
begrifflichen, ideellen Schaden oder Verlast, welchen der
Mensch durch sich selbst erleidet: z, B. wer des Nachbars
Weib verfuhrt, verliert eo ipso den itiarög, den yelzuv etc.,
d. h. er zeigt dadurch, daß ihm dag Merkmal des matög etc.,
also ein integrierender Bestandteil des ethischen Menschen
abgeht. Am deutlichsten wird der Unterschied, wenn wir
uns vorstellen, wie Epiktet an Pauli Stelle den Gedanken
gewendet liätte. Er hätte gesagt; „Wenn du rücksichtslos
deine Freiheit gebrauchst, so verlierst d u den tpiUäelrpoSf den
Mivmiy.ög etc.; daß der Bruder durch deine Handlung Schaden
nimmt, geht dich dagegen nichts an, dafür ist er selbst ver-
antwortlich".
Ein Eldorado für diejenigen, welche geneigt sind, Aus-
sprüche des PI auf griechische Philosopheme zurückzuführen,
ist der zweite Korintherbriefi insbesondere Kapitel 4 und 5.
Über die Ausdrücke o 'data und egw ävi^Qwnog habe ich mich
in dem Abschnitt vom paulinischen Wortsehatz bereits aus-
gesprochen (S. llöff.). Der Vergleich des Leibes mit einem
tönernen Gefäß oder einem Zelt erinnert allerdings an pla-
tonische Gedanken, wie sie uns auch in der platonisierenden
Stoa, in den aus Poseidonios geschöpften Partien Ciceros und
Senecas, zuletzt auch bei Mark Aurel begegnen, der ja, wie-
wohl mit dem weitaus überwiegenden Teil seines Wesens ein
guter Stoiker, doch mit Bewußtsein einem gewissen Eklekti-
zismus gehuldigt hat. Aber einerseits wird man auch hier
darauf sich berufen dürfen, daß so manches, was in den philo-
sophischen Schulen gelehrt und geredet wurde, zum geflügelten
Wort geworden ist; andererseits ist es nicht schwer, für diese
Vergleiche auch im Alten Testament eine Anknüpfung za'
linden. Besonders die Vorstellung vom Töpfer und seinem
Werk ist bekanntlich bei den Propheten beliebt, und das
Bild vom zerbrechlichen oder unnützen Gefäß (mieDog), an-
gewendet auf das ganze Volk wie auf den einzelnen Menschen,
ist den Psalmisten und Propheten nicht fremd {Ps. dl, 13;
Hos. 8, 8; Jer. 2a, 28).
Den stärksten Beweis für die Abhängigkeit des PI von
der griechischen Philosophie findet mau aber in den Anfangs-
Bpiktet und das Nene Testament 175
Versen des 5, Kapitels, wo PI in so ergreifender Weise von
den Beschwerden des irdischen Leibes und der Sehnsucht
nach der himmlisehen Behausung redet. Es ist die Stelle,
von welcher Giemen in seinem zusammenfassenden Schlußwort
sagt, es sei dies der deutlichste Fall, wo Paulus von der
griechischen Philosophie abhänge (aaO. 285). Man gibt nun
zwar zu, daß der Apostel den Ausdruck und den Gfedanken
aus dem Buch der Weisheit geschöpft hat (9, 15: (pd-uQrbv
yag aüiiict ßoQvvei ipvyjijv xoi ßqi9u io yeStäeg uxijvog voBv
noXvtpQÖvriöa). Da aber dieses Buch auch sonst notorisch
hellenistischen Einfluß aufweist, so hätten wir damit aller-
dings an einer Stelle wenigstens den Piaton ^ im Neuen
Testament, nur daß damit nicht gesagt wäre, daß PI sich
des außerbiblischen Ursprungs seiner Worte bewußt gewesen
sein müsse. Mit diesem Vorbehalt könnte ich ja recht wohl
der üblichen Anschauung beitreten, für eine Abhängigkeit
von der Stoa wäre ja damit noch nichts bewiesen ^ Die
Ansicht der letzteren von dem Wert des Leibes und seiner
Bedeutung für den Geist habe ich an anderer Stelle (B' 33ff.J
ausführlieh entwickelt. Daraus ergibt sich für die Vergleichung
mit der christlichen Anschauung sofort, daß bei aller Ähnlichkeit
der Beurteilung und Stimmung doch in den allerwichtigsten
Punkten keine Übereinstimmung, sondern schroffer Gegensatz
besteht. Der Stoiker' wurde nie zugeben, daß der Mensch ein
Recht habe, sich in diesem irdischen Leib beschwert zu fühlen ;
er würde es ferner für ungesund, ja direkt für unfromm halten,
wenn er sich aus diesem Leibe hinaussehnen wollte, den er
doch nach der notwendigen Naturordnung erhalten hat und
nach jeder Welterne'temng wieder erhalten wird; er weiß
endlich nichts von einer Behausung, die vom Himmel ist, ^a
nicht einmal von einem bewußten Fortleben der Seele, jeden-
' Beziehungsweise den Pythagoreismus, denu die Bezeichnung; des
Leibes (iIb Hülle oder auch als Gefängnis der Seele war von jeher dovt
besonders beliebt.
= Dasselbe gilt von fler paniiniachen Schilderung det Ekstase als eines
vocttbergehend leiblosen Zastands in 11 Kor. 12, Sfi, Wer übrigens wie
PI so etwas erlebt hat, dei wird dieses Erlebnis auch ohne Znhilfenabme
einer ihm von Haas ans fremden Theorie zu schildern wissen.
176 -^df'f Bonhößer
falls nicht von einem solchen, das irgendwie ein Gegenstand
der SehnSQcht sein könnte. Wir haben also wirklich keinen
Anlaß, an eine Beeinflussung von stoischer Seite zu denken,
müssen vielmehr sagen, daß PI, wenn er die bezügliche Lehre
der Stoa wirklich gekannt hätte, das Ähnliche, was sie etwa
bietet, sich nicht aneignen konnte, ohne seinen prinzipiellen
Gegensatz gegen sie irgendwie anzndeuten.
Im übrigen scheint mir die Anschauung vom Leben and
Tod, welcher PI in diesem Brief Ausdruck gibt, nicht so
Singular zu sein, daß man sie auf griechischen Einfluß zurück-
führen müßte. Daß er mehr, als es nach den Synoptikern
bei Jesus selbst der Fall war, sich als Fremdling auf dieser
Erde ffthlte und mit allen seinen Gedanken im Eeich der zu-
künftigen Vollendung lebte, ist sicher, erklärt sich aber ganz
naturgemäß aus der Wendung, die er dem Evangelium Jesu
gab, indem er statt -der mehr allgemein ethisch -religiösen
Eeform, welche für Jesus jedenfalls den Ausgangspunkt biädete,
das Wunder vom Gekreuzigten und Auferstandenen zum A
und seiner Verkündigung machte. In der Hauptsache jedoch
war auch der Blick Jesu auf die ßaadeia zG)v oi^avGiv ge-
richtet, und aus Worten wie „Fürchtet euch nicht vor denen,
die den Leib töten" usw. (Matth. 10, 28), „Wer sein Leben
erhalten will, der wird es verlieren" (Matth. 16, 25), „Was
hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne?" usw.
(Matth. 16, 26) spricht eine sehr entschiedene Geringschätzung
des irdischen Lebens. Ja Äußerungen wie die: „Ärgert dich
dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von dir!" (Matth.
5, 28), wie Jesu Antwort auf die Sadduzäerfrage über die
Ehe in der Auferstehung, seine Einladung an die Mühseligen
und Beladenen, die doch eigentlich so zu verstehen ist, daß
jeder ernstere Mensch sich dazu rechnen muß (vgl. die Selig-
preisung der Leidtragenden), alles das läßt doch daranf schließen,
daß auch er nicht bloß die Leiden, sondern auch die An-
sprüche des Leibes für etwas Hemmendes und Beschwerendes
gehalten hat. Und der johanneische Christus vollends ist nur
deshalb nicht so wie PI von leidenschaftlicher Weltflucht und
Himmelssehnsucht bewegt, weil er schon in seinem Erden-
wallen die Welt völlig überwunden hat und wie ein seliger
Eplbtet Qiiil d» Neue Teitnment 177
Geist aus Himmelsliöhen nur in flüchtigem Besuch über dieses
Tränental hingleitet (Job. 10, 33: „In der Welt habt ihr
Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden").
Was Giemen sonst noch aus den Briefen des PI auf -
stoischen Einfluß zurückzuführen geneigt ist, so insbesondere
der anthropologische Dualismus in Rom. 7, der Begriff loymi}
Icctueia (Höm. 12, 1), die Stelle Phil. 4, 8, ist bereits in den
vorigen Abschnitten zur Sprache gekommen. Nur noch ein
kurzes Wort über den Determinismus des PI Rom. 9 (u. Phil.
2, 13). Giemen meint, obwohl er zunächst natürlich aus dem
Alten Testament stamme, könne er doch zugleich aus dem
Stoizismus erklärt werden. Dieser Determinismus ist aber
in dem MaBe unstoiseh, als er durch und durch alttestamentlich
ist. Nie hätte ein Stoiker von Gott sagen können ov ihiUi.
IXeei. Sv Se fUlei 'axlrj^vvet (Vers 18). Nach Epiktet hat Gott
jedem Menschen die äepoQfial zur Tugend gegeben, und es
steht ganz und gar in des Menschen Macht, ans sich zu machen
was er will: „Was kann den Willen hindern? nichts außer
ihm Stehendes, nur er selbst, wenn er sich selbst verkehrt"
(n 23, 19). Wenn man natürlich für diese Selbstverkehrnng
wieder einen Grund sucht, so muß auch der Stoiker schlieSlich
auf die alles bewirkende göttliche Macht rekurrieren. Niemals
aber würde er es dem Menschen gestatten, an sieh selbst
gleichsam zu verzweifeln und für seine Schlechtigkeit, als ob
sie unvermeidlich und unheilbar wäre, Gott verantwortlich zu
machen. Überhaupt ist diese göttliche Universalkausalität —
darin liegt der große Unterschied! — nicht ein pei'Sönlicher,
nach orientalischer Art mit omnipotenter Willkür ausgestatteter
Herrscher, sondern eine unpersönliche, geheimnisvoll wirkende
Naturmacht, die allerdings schließlich auch das Böse (aber
nicht als Böses) schafft, jedoch als nicht weiter erklärbare
Ursache des Bösen erst dann in Betracht kommt, wenn der
Mensch sich selbst aufgegeben hat. Und wenn Giemen Windel-
bands Urteil zitiert, daß nach stoischer Lehre die ewige Vor-
sehung schließlich auch das Böse zum Guten wende und in ihm
nur ein scheinbar widerstrebendes Mittel zur Erfüllung ihrer
höchsten Zwecke habe (Lehrbuch der Geschichte der Philosophie,
Tüb. 1910, S. 163), so ist erstens zwischen stoischer und
RflUeioDBgßRehiolitlißhH Versnehe h. Vorarbaiten X. 13
178 Adolf Bnuhöfier
christlicher Theodizee der fundamentale Unterschied, daß dort
der einzelne Böse niemals auf eine Rehabilitierung rechnen
darf, die Harmonie des Alls aber trotzdem, daß viele nicht
zum vollen Menschsein gelangen, besteht und bestehen bleibt.
Sodann ist es umgekehrt sehr fraglich, ob auch nur PI, ge-
schweige denn die übrigen Autoren des Neuen Testaments, im
Ernst und konsequent eine endgültige Begnadigung aller an-
genommen haben, ob nicht vielmehr der Glaube an eine ewige
Verdammnis der meisten eine unvermeidliche Konsequenz der
ursprünglichen Anschauung Jesu ist.
Wir sind hiermit zu Ende mit der Prüfung des Einflusses
der griechischen, speziell der stoischen Philosophie auf PI.
Überall hat sich ergeben, daß auch solche Ausdrücke, Redens-
arten und Gedanken, die auf den ersten Blick überraschende
ÄhnKchkeit mit Stoischem haben, bei näherer Untersuchung
doch so verschieden, ja oft von ganz entgegengesetzter Be-
deutung sind, daß eine genauere Kenntnis der stoischen Lehre
und eine bewußte Anlehnung an sie bei PI nicht angenommen
werden kann. Manchem mag dieses Ergebnis als allzu negativ
vorkommen. Aber ich bin mir bewußt, in keiner Weise nach
dieser Seite hin voreingenommen zu sein, sondern die Achtung
vor der Originalität und dem einheitlichen Charakter des
Apostels, der stets von neuem bestätigte Eindruck davon, daß
in den paulinischen Briefen ein total anderer Geist lebt als
in der Stoa mit ihrem kühlen Rationalismus, und nicht zum
wenigsten die langjährige Vertrautheit mit der letzteren
machen es mir unmöglich, zu einem anderen Urteil zu kommen.
Was sollen wir anfangen mit einem Urteil, wie es Giemen
fällt, der im ganzen auf meiner Seite ist, doch im einzelnen
eine etwas unsichere Vermittlerrolle spielt: „Paulus ist wirk-
lich, wie das ja auch von vornherein zu erwarten war[?]',
vielfach, und nicht nur in seinen Bildern, von der Philosophie
beeinflußt worden, wenngleich zumeist nur in der
Richtung, die sein Denken auch ohnedies schon
' Diesen letzteren, von mir mit einem Fragezeichen versehenen S»tz,
beanstandet ancb, mit Beratung anf DeiQmtinns Licht vüm Osten, 1. Aafl,
Tüb. 1908, S. 105 Vftn den Bergh van Eyainga in seiner Rezension des
Bnchea von Clemen (Musenm XVII, Leiden 1910 Nr. 8, S. 302«.).
Epiktet und das Neue Testitmeut 179
genommen hätte oder hatte" (aaO. 55). Nimmt man
diesen letzten Satz ernst, so ist dies eben kein Einfluß mehr,
und wenn man es docli so nennt, so ist es nur ein Wort,
hinter dem nichts Wirkliches steht. Ich stimme daher lieber
Hausrath bei, wenn er von PI sagt, in der Hauptsache sei
das Alte Testament der mütterliche Boden, in welchem seine
Theologie wurzle S mit dem eigentlich selbstverständlichen
'Jesus and die neu te st nm entliehen Sehriftsteller,. Berlin 1908—09,
I 267. — An dieser Stelle kann ich einige knrze Bemerkungen nachtragen
aber die erst während der Dnicblegang des vorliegenden Werkes erschienene
grllndliche und interessante Abhandlung von Rud. Bultmann, Der Stil der
Pauünisehen Predigt nnd .die kynisch- stoische Diatribe, GSttingen 1910
(Forschungen aur Eeligion und Literatur des Alten nnd Neuen Testaments,
Heft 3). Den Beweis einer wirklichen Abhängigkeit des Apostels von der
kjniach-stoischen Diatribe, deren Formen, ztim Teil auch deren Gedanken
er bewußt oder unbewußt nachgebildet hBtte, hat aber der Verfasser ra, E.
nicht erbracht. Erstens liabe ieh bereits darauf hingewiesen (S. 103 Anm. 1],
daß die Reden Epiktets durchaus nicht den gewöhnlichen Üiatribeastil dar-
stellen, sondern, so vieles er natürlich auch der Schaltradi tion verdankt,
docb etwas ganz Originelles und Eigenartiges sind und anch mit den
Vorträgen eines Teles, ja anch des Mnsonius, selbst wenn wir die yorans-
gesetzte Absehleifung durch den Herausgeber in Rechnung nehmen, nach
Form und Geist sich keineswegs decken, B^ltmanu aber muß, itm die
Übereinstimmung des PI mit der Diatribe zu zeigen, in ganz überwiegendem
Maße eben die Reden Epiktets heranziehen, die doch der Apostel natürlich
niemals gehurt haben konnte. Zweitens führt Bultinann, während er einer-
seits viel zu viel ans Epiktet heraas argumentiert, andererseits vielem euf,
was der Diatribe nicht speziell eigentümlich ist, sondern zu den rhetorischen
Aasdrucksmitteln der Eunstprosa Überhaupt gehört. Drittens scheint mir
mit der ganzen Bildnugslaufbahn nnd Geistesart des Pt die Annahme
scblecliterdinga un vertrag! ich, daß er popularphilosophisthe Vorträge von
Heiden so häufig und mit so viel Interesse angehört hätte, daß ihm „diese
Klänge in Fleisch und Blut übergegangen wären" (Bultmanu 8. 78, vgl.
dagegen S. 67). Ich betone übrigens ausdrücklich , daß Bultmann selbst
volles Verständnis zeigt für die auGerhalb des Hellenismus gelegenen Faktoren
der paulinisehen Fredigt und es nie unterläßt, auch auf die tiefgreifende
Verschiedenheit der letzteren von der Diatribe aufmerksam zu machen
(a. B. S. 68 und Bl). Wenn man den Begriff der Diatribe schärfer faßt,
der Singularität der epiktetischen Rede und ebenso der Individualität des
Apostels Fl ganz gerecht wird, so wird man diesem die genauere Kenntnis
der kjni seh -stoischen Diatribe and vollends die scfariftatellerisehe Beeinflussung
durch dieselbe absprechen und zur Erklärnng der mannigfachen Berührung
beider in Form nnd Gedankenrichtung sich begnügen müssen mit dem auch
12*
180 Adolf Bonhöffer
Anfügen, daß das Tiefste und Größte daran nicht jenem, sondern
dem neuen Geiste, dem Geiste Christi entstammt, der ihn mit
der Gewalt einer übermächtigen Offenbarung ergriffen hatte
und seinen eigenen Geist in wunderbarster Weise entbunden
nnd zu den großartigsten Schöpfungen befähigt liat.
Vierter Abschnitt
Die übrigen Schriften des Neaen Testaments
Nachdem .die Frage einer Abhängigkeit von der Stoa fiir
die Synoptiker und für PI im wesentlichen verneinend be-
antwortet worden ist, müssen wir noch anhangsweise auf die
übrigen Schriften des Neuen Testaments eingehen. Da handelt
es sich vor allem um die sogenannte Areopagrede der
Apostelgeschichte (17, 22 ff.). Daß PI nicht so gesprochen
haben kann, wird von den meisten neueren Forschern ange-
nommen '. Ebenso übereinstimmend wird aber betont, daß
diese Rede eine ganz besondere Annäherung an die griechische
Popularphilosophie zeige (Wendland, Die hellenistisch-römische
Kultur etc. 142 ; Lietzmann, Handbuch III 9 und andere). Daß
der Verfasser dieser Rede eine gewisse Kenntnis der letzteren
und die ausgesprochene Absicht hat, daran anzuknüpfen, um
die Zuhörer für seine Botschaft günstig zu stimmen, geht aus
von Bultmaim gelegetttUeh {S. Öl) gemachten Hinweis auf d&s Gemeingut
der heUenwtischen Umgangespraclie, die dem PI selbst verstaadlich yertraot
war, noch mehr aber auf die sprach schöpferische Oriijinalitat, welche ihm
nicht weniger als einem Epikt^t eigen war, und bei beiden zusammenhing
mit einem mächtigen Temperameut und einem glühenden Drang nach etliisch-
religiiSser Einwirkung auf die Menschen, die, von ganz verschiedenen dog-
matischen Grundlagen aus, dach in der Haupt»ache demselben Ziel zustrebte,
die Seelen in Gott frei nud selig zu machen.
' Ich nenne . hier nur A. Hansrath, nach welchem diese Bede aller
panlinischen Gedanken ermangelt (aaO. i)70) und von Wiiamowitz-Möllen-
dorft, der jüngst mit Bezug ilaraaf das kräftige Wort gesproolien hat:
„Wer die Originalität jener [echten Pl-]Biiefe nnd die geschloasene Eigenart
der Person, welche hinter ihnen erscheint, verkennen kann,' oder wer an-
dererseiti dieser Person die Areopagrede der Acta zutrauen kann, mit dem
ist nicht zu reden" (Rezension von Ed. Schwart_z „(Jharakterköpfe usw."
in D, Ut. Z. 1910, Nr. 6).
Epiktet und du Neue Testament 181
der captatio henevolmtiae im Eingang und dem Dichterzitat
deutlich hervor!» Im ßbrigen finde ich in der Rede nichts
spezifisch Hellenisches oder Stoisches, jedenfalls nichts, was
den Philosophen sonderlich imponieren konnte. Daß das
Dichterwort von dem Stoiber Aratos stammt, scheint ihm
nicht bekannt gewesen zu sein, sonst hätte er, der doch ge-
rade vorher auch mit Stoikern disputiert hatte, kaum ver-
säumt dies hervorzuheben. Die Anknüpfung an den Altar
des unbekannten Gottes ist ja recht hübsch, aber ein Kenner
des griechischen Kultus hätte bei aller Freiheit der Anwendung
immerhin andeuten müssen, was die wirkliche Bedeutung dieses
AUares war. Was aber nun kommt und den Hauptinhalt der
Rede bildet, daß es einen obersten Gott und Schöpfer gebe,
daß dieser nicht in von Menschenhand gemachten Tempeln
wohne, das war wohl nicht bloß den Stoikern, sondern auch
den meisten anderen Zuhörern ohne Zweifel kein neuer Ge-
danke; die Beanstandung des Tempelknltes konnte aber gerade
aus dem Munde eines Juden nicht besonders überzeugend
klingen. Andererseits konnte die bloße Behauptung des Ur-
sprungs aller Völker von einem Menschen keinen großen
Eindruck machen, und daß man Gott suchen, ja sozusagen im
Dunkeln nach ihm tasten müsse, konnten diejenigen sieh schwer
zurechtlegen, die der Ansicht waren, daß jeder Mensch eine
angeborene Vorstellung Gottes in sich trage -, abgesehen davon,
daß gerade der Ausdruck xprilcKptlv &-wv nicht recht passen
wollte zu dem tadelnden Urteil über die sinnenfäliige Dar-
stellung der Gottheit in einzelnen Götterbildern. Griechisch
' Gewiß liegt in dem iji SctaiSat/iov^aii^ois im Sinne das Redners
ein leiser Tadel. Aber den Znhürera kam dies wolil kaum /um Bewußtsein,
da das Wort von Haus ans, noch bei Äriatoteles, keinen Tadel einschloß
(vgl Leop Schmidt aaO. 11 67: ,bo bemerkt man, daB die Sprache erst
spSt dazu gelangt ist einen Unterschied zwischen Frömmigkeit und Frömmelei
za machen, derselbe daher wohl auch sehr alta&hlich in das BewnEtaeLn
getreten ist"). Das auüerordentliche Entgegenkommen des Missionars be-
steht darin, daß er die vielen oeß^aitaTi Athens erwähnt, ohne »nch nur
im geringsten eine Mißbilligung, gescHweige denn — wie es ein PI nicht
anders Tennocht hätte — seinen Abscheu vor diesem Götzendienst kund-
zugeben, .
» Die Ansführung auf S. 149 ff. steht dem Obigen nicht im Wege.
182 Adolf Boniiöffer
gedacht ist dann allerdings der Erweis des Daseins und der
Erfaßbarkeit Gottes — nicht etwa aus seinen Theophanien,
was ja dem Juden so nahe gelegen gewesen wäre — sondern
aus dem unwillkürlichen Abhängigkeitsgefühl, das der Mensch
gegenüber der höheren', lebenspendenden und lebenerhaltenden
Macht empfindet, wiewohl der Ausdruck if <xvt^ yäff ^w^ej-
y.at KivovfitS-a xai hfih in seiner Abundanz und Mystik wenig
griechisch, sondern mehr hebräisch lautet. Unliebraisch ist
dagegen wieder der die Grenze zwischen Gott und Mensch
verwischende Ausdruck y^og oöv vTtä^yfivTis toD ■9-eo€. Um
so verwunderlicher ist es aber, daß der Redner diesen Ge-
danken, der ja eher eine Rechtfertigung der Abbildung der
Gottheit in Menscliengestalt enthält, dazu benützt, um daraus
die Verwerflichkeit dieses Kultes zu folgern. Und vollends
der Schluß der Rede, die Charakterisierung des Heidentums
als einer Zeit der Unwissenheit, die Aufforderung zur (iträvoia,
die Verkündigung eines bevorstehenden Gerichts durch einen,
gar nicht näher bezeichneten „Mann", der hierzu durch seine
Auferstehung legitimiert ist, widerspricht so vollständig dem,
was ein wirklich vei-ständnisvoller, konzilianter Beurteiler des
Heidentums an dieser Stelle hätte sagen können und müssen,
daß ich in der ganzen, logisch so wenig zusammenhängenden
Rede nur einen unglücklichen Versuch, die Athener durch
einiges Entgegenkommen zu gewinnen, keineswegs aher eine
auf halbwegs solider Kenntnis der griechischen Kultur und
Philosophie beruhende Verschmelzung der letzteren mit dem
Christentum erblicken kann.
Die Johanneische Schriftengruppe, und nicht
etwa bloß die durch und durch jüdische Apokalypse*, steht
im ganzen, nach Ton und Inhalt, dem Stoizismus so fern als
' Die Frage, ah uicbt aiicii die Apokalypse griecliiacbc Vorstellougen
iu sich aiif^nnminen und bt^nützt hat, wiU ich biür niclit entscheiden.
Wenn Van den Bergh Tau Eysinjja iu der bereits erwähnten Bezension
eine Übereinatimmung der Schilderung dea himtnli sehen Jernsalema mit
Lukians Hitumelsatadl (Vcr. bist. II 11) findet und daraus achlieQt, daß
nach „unser letztes Bifaelbuch unter heUenischeia Einfluß steht", so scheint
mir diese b'olgemag zu weitgehend: an dem gritnd jüdischen Charakter des
Ganzen ändert sich jedenfalls dadurch nichts.
Bplktet und das Nene Testament 183
möglicli. Ihr Charakter ist antijüdisch in weit höherem Maße
als die ganze Polemik des Pi, aber doch nur sozusagen als
äußerster Ausläufer des Judentums selbst, das sich aber im
leidenschaftlichen Schmerz über die Verwerfung des Größten,
den Gott seinem Volke geschenkt, mit bitterer, vernichtender
Kritik gegen seinen eigenen Ursprung zurückwendet. Aber
wie ein edler Mensch, dessen Vertrauen da, wo er Liebe und
Verständnis suchte, schnöd getäuscht worden ist, es doppelt
verschmäht, um die Gunst anderer zu buhlen, die er anfangs
nicht beachtet hatte, so findet sich in den johanneischen
Schriften keine Spur eines Liebäugeins mit der heidnischen
Weisheit. Das einzige, was an sie erinnert, ist der Logos-
begriff, der jedoch im absoluten Sinne, als göttliche Macht
oder Hypostase, nur im Evangelium und auch hier nur im
Eingang verwendet wird K Es kann nicht eindringlich genug
darauf hingewiesen werden, daß dieser Logos, welcher, nach dem
Eingang zu schließen, der das ganze Evangelium beherrschende
Begriff sein sollte, im ganzen weiteren Verlauf kein einziges
Mal mehr genannt wird, also in Wirklichkeit keine zentrale
oder auch nur bedeutsame Rolle darin spielt ^ Ob man daraus
den Schluß ziehen darf, daß der Eingang von einem Späteren
hinzugefügt worden Ist, will ich nicht entscheiden*, es kommt
' Der löyos to? 9coc iu Apok, 19, 13 ist nnr eine dichterische Per-
sonifikation und hat mit dem Logos des ETäDgellumg nichts zn tun. An
dieses erinnert dagegen zweifellos der l.oyos r^s S'^^s in I Joh. 1, 1, ohne
doch die Abstraktion dea absoluten Logos zu erreichen.
" Dies hat jüngst auch P. Wemie in seiner Besprechung ileS Haus-
rath'schen Werlres (Theol. Lit. Z. 1910, 5) sehr kräftig betont; „Das
Evangelium, wie wir es iaben, erzählt eben nicht vom Logos. Eondem von
Jesus Christus, aud iver diesen Unterschied nicht merkt, der hat ea um-
sonst gelesen". — Auch Vl'illiam Wrede, Vorträge nnd Studien, Tüb. 1907,
S. 201, weist nachdrücklich darauf hin, daß die philosophisch klingenden
Begriffe Logos, Brot, Lehen usw. wohl eine gewisse Spekulation, aber keine
pldlosopliische Lehre enthalten, und daß eine philosophische Terroinologie
vollständig' fehle.
' Ed, Scliwartz spricht den Logos dem ursprünglichen Evangelium eu
(Aporienusw. 532 f(.). Daß der Logos weiterhin im Evangelium nicht mehr
vorkommt, erklärt er in interessanter, doch etwas problematischer Weise : „der
jüdische Begriff war den Christon fremd geworden, und so ist es gekommen,
daß im Evangelium selbst der Logos jetzt isoliert daliegt wie ein von den
184 Adolf Bonhö«er
auch ffir meinen Zweck ^&t nicht darauf an; denn zum Neuen
Testament gehört auch dieser Abschnitt nun einmal und des-
halb kommt er fUr die Beurteilung der Frage des hellenistischen
Einflusses auf dasselbe in Betracht.
Daß dieser Logosbegriff nicht, jedenfalls nicht ganz, auf
jüdischem Boden gewachsen ist, wird wohl von 'keiner Seite
ernstlich bestritten. Aus Genesis 1 allein kann er nicht ab-
geleitet werden, und wenn man auf die Personifikation der
Chochma in den Sprüchen Salomos verweist, so ist ja der
Logos des johanneisehen Prologs ohne Zweifel nahe verwandt
mit der Rolle, welche dort die Weisheit spielt; aber erstens
ist es sehr ffaglieh, ob die letztere als Hypostase und nicht
bloß als eine dichterische Personifikation zu fassen Ist, zweitens
müßte eben doch erklärt werden, warum der Evangelist an
die Stelle der ao^ia gerade den Logos setzt, der aber im
ganzen alten Testament nirgends in dieser halbpersönlichen
und absoluten Bedeutung sich findet. So ziemlich alle neueren
Forscher sind der Ansicht, daß Johannes seinen Logos, sei es
direkt, sei es durch die Vermittlung des Philon, aus der
griechischen Philosophie, genauer von Herakleitos, beziehungs-
weise den Stoikern übernommen hat. Nur darin gehen die
Ansichten auseinander, daß die einen, wie Anathon Aal [Der
Logos, Leipzig 1896, I 233), Paul Barth (Die Stoa 244), Hans
Windisch (Die Frömmigkeit Philos, Leipzig 1909, passim) die
Logoslehre direkt aus der griechischen Philosophie ableiten,
während andere die Lögosidee zu denjenigen Vorstellungen
zählen, welche über den engeren Kreis der Schulphilosophie
hinaus, mehr oder weniger zu einem Gemeingut der Gebildeten
geworden waren ^
Schmelzwasaem zurückgelassener erratischer Block, die jüngere christliche
Metaphyaili; hingegen den stehen gebliebenen Rest benutzte, nm an den
Pktonismns anznkniipfen" (ä59f.
'Heinrici, Der literarische Charakter der ueutestamentlichenSuhriften 55 :
Die Logostehre beider (des Philo nud Johannes) hat ihre gemeinsame Quelle
in populären Gedanken der griechischen Philosophie. — Will, Benj. Smith,
Der Torchristliche Jesus 131 : Es ist klar wie der Tag, daß die stoische
Lehre vom spermatischen Logos ... in religiösen nnd theosophiaehen Kreisen
anQerordentlich popnlSr war und von jedem Denker in seiner eigenen Weise
gebraucht nnd verwendet wurde.
Epiktct nnd das Newe Testameot 185
Eine Modifikation, aber auch zugleicli eine weitere Stutze
und Bestärkung liat diese Ansicht von dem stoischen Ursprung
des phiionisehen und johanneischen Logosbegriffs erfahren
dui-ch die «euere religionsgeschichlliche Forschung, wonach
nicht die Stoa direkt, sondern eine Verbindung stoischer und
ägyptischer Theorien, der auch die hermetische Literatur ent-
sprossen ist, auf Philon und die Bibel gewirkt hat \ Auf der
anderen Seite hat es aber auch nicht an solchen gefehlt,
welche auf den Unterschied des jüdisch-christlichen Logos von
dem griechisch-stoischen aufmerksam gemacht haben. Norden
meint zwar merkwürdigerweise, der Anfang des johanneischen
Prologs hätte wörtlich so von einem Stoiker geschrieben
werden können (aaO. II 472), er sei eine direkte und bewußte
Reminiszenz an das gedankengewaltige Proömium des Hera-
kleitos, findet es aber doch interessant, wie hier die hellenischen
Vorstellungen durch hellenistisch-jüdische leise beeinflußt sind,
und erklärt, daß die Worte „und der löyog war bei Gott"
absolut unstoisch gefohlt seien. Was Norden hier in noch
ziemlich gelinder Kritik angedeutet hat, ist nun auf einmal
von Ed. Schwartz in seinen epochemachenden „Aporien im
iV. Evangelium" (aaO.) in energischer Weise durchgeführt
worden. Er hat den Mut gehabt, mit der allerdings allzu
kritiklos aufgestellten und weiterverbreiteten Ansicht, daß
der Logos bei Philon und Johannes aus der griechisdieTi
Philosophie stamme, gi-ündlicli aufzuräumen. Gleichzeitig hat
er eine Charakteristik von Philon gegeben, die zwar nicht
ohne Vorgang, aber doch in dieser rücksichtslosen Scliärfe
meines Wissens noch nicht dagewesen ist und in diametralem
Gegensatz steht zu dem bereits erwähnten neuesten Buch
' Dieaer Auffaaaung soiiließt sieh wie Euvor Schon P. Wendland (Neue
Jahrbücher 1902, 7), im Ganzen auch Giemen an (aaO. aTöff.), ohne jefloch
die sonstigen Beziehungen zwischen Johannes und Phüoa zu übersehen. —
Eingehend beatritten wird die Reit7,enatein'sche Ansicht in allerjUngster
Zeit Ton Engelb. Kreha (Der Logos als Heiland im ersten Jahrhundert,
Freibnrg i. B. 1910). Was der Veifasaer über den johanneischen Logna-
begrift sagt „eine Helleniaiernng im Sinne einer inneren Umwertung
liegt nicht Tür" (S. 117) stimmt ganz mit meiner Autfassnng überein und
kann auf das Ganze der uentestaTnentliehen Anschaunagawelt anBgedehnt
werden.
Epiktet und das Nene Testament 187
liebere Kenntnis der hellenistischen SchulphÜosophie und eine
nähere Verbindung mit dem Griechentum besaß als die
Therapeuten, daß ein Unterschied besteht zwischen dem alt-
testamentlichen ^Wort des Herrn" und dem Xöyog Otlog des
Rabbiners, und daß die philosophische Bildung des Exegeten
diesen ünterechied erweitert und vertieft hat (aaO. 545. 546.
554). Insofern wird auch durch die Untersuchungen von
Scliwartz nichts an dem oben p. 170 Gesagten geändert, daß
alle Forscher darin übereinstimmen, daß der philonische_ und
Johanneische Logos nicht ganz auf jüdischem Boden gewachsen
ist. Nur um so entschiedener freilich iiält er, wie icli glaube
mit ßecht, daran fest, daß er in seinem Kern kein griechisches
sondern ein jüdisches Gebilde ist, ja daJi dieser Logos erst
recht rätselhaft wird, wenn man ihn in griechischem Sinne
fassen will. Aus der eingehenden Beweisführung von Scliwartz
hebe ich nur die wichtigsten Punkte hervor. Wenn Phiion
die Engel f.öyoi &eoü nennt, wenn er die Bibel als ö uqos
Xöyog bezeiclinet, wenn er den Hohenpriester dem göttlichen
AVort gleichsetzt, so ersieht man aus dem allem, daß ihm der
Uyog niclit die allgemeine Vernunft, sondern das göttliche
Wort und die göttliche Rede ist, nicht das immante stoische
AVeltgesetz, sondern die hoch über aller menschlicher Ver-
nunft stehende Manifestation des überweltlichen Gottes in
der Torah. Noch entscheidender scheint mir der andere Um-
stand, in welchem aueli ich den prinzipiellen Unterschied des
Johanneischen und stoischen Logos erblicke, daß nämlich der
erstere, obwohl er aucli wieder mit Gott gleichgesetzt wird,
doch deutlich von ihm als ein zwischen Gott und den Menschen
vermittelndes Wesen unterschieden wird, während die Stoa
„einen Logos, der von Gott zur Menschheit die Brücke schlägt
und zwischen beiden steht, nicht kennt und nicht kennen
kann, weil sie einem strengen Eationalismus huldigt".
Der Johanneische Logos ist nun aber nach Schwartz nicht
ohne weiteres identisch mit dem des Phiion. AVährend dieser
den Logos durch einen Zusatz mit Bestimmtheit als den
göttlichen zu bezeichnen pflegt, hat die christliche Spekulation,
vielleicht sciion vor dem Verfasser des johanneischen Prologs,
wahrscheinlich von der historischen Realità ¤t Jesu ausgehend,
188 Adolf Bouliüffer
den absoluten zusatzlosen Logos eingeführt, „und die moderne
Dogmengeschichte der griechischen Philosophie, die den Logos
in der Stoa und bei Philoii sucht, hat in unbewußter Er-
innerung an den Anfang des vierten Evangeliums ein jüdisch-
christliches Theologem in die griechische Philosophie ver-
schleppt, in die es nicht gehi3rt". Dies scheint ,mir eine der
frappantesten und geistreichsten Beobachtungen der Schwartz-
schen Abhandlung zu sein. Denn sobald wir daran gehen,
den stoischen Begriff des Logos etwas genauer zu untersuchen,
werden wir sehen, daß er in der Tat etwas ganz anderes ist
als der des Johannes.
Dies gilt jedenfalls einmal von Epifctet, der uns ja hier
zunächst angeht. Bei ihm hat Ad/og folgende Hauptbedeutungen :
1. 'Wort', 'Rede', oft im Gegensatz zum i'^yov, zur Tat.
2. 'Satz', 'Aufstellung', 'Behauptung', also synonym mit ÖÖTfia.
3. 'logische Entwicklung', 'Schluß', oft mit ärrö6et^tg verbunden.
Diese dritte Bedeutung macht, wie man sieht, den Übergang
zu der vierten und wichtigsten, die uns hier allein beschäftigt,
zu der Bedeutung: 'Vernunft'. Der Logos in diesem Sinne
ist eine geistige Kraft und Fähigkeit, durch welche sich der
Mensch als Xoytuov ^^ov von den Tieren wesentlich unter-
scheidet. Dieser Logos ist jedem Menschen verliehen als sein
bestes und wertvollstes Teil; durch ihn ist er mit Gott ver-
wandt (I 3, 3), aber, wohlverstanden, noch lange nicht gott-
ähnlich ^ Denn der Mensch muß seinen l6yog ausbilden und
bearbeiten {ixrtovslv, i^£gyä^w:>ai, II 7, 30; III 9, 20), damit
er zum d^&bg i^.oyog wird, worin auch das eigentliche Wesen
Gottes besteht (11 8, 2). Um dem Logos solche unablässige
Sorgfalt angedeihen lassen zu können, muß man freiücli er-
kennen, daß auf dieser Seite, nicht in der tjrf^^, alles wahrhaft
Gute und Schöne liegt (IV 10, 26). Am deutlichsten ist dieses
' Die erkeantnisihewetisühe Bedeutung dieser stuischen Lehre von
der Verwaniitsehaft des meDsehiichen und giittliehen Logos hat H. \. Arnim
sehr gnt zum Ansdrudi: gebracht, wenn er segt : Weil unser Logos der daa
Weltall durch waltenden Vernunftkraft, welche den Stoff nach ihren Ge-
danken modelt, wesensgleich ist, bat er die Fähigkeit, ihre Gedauken in
sich za reproduzieren und sieh dadurch die Wirklichkeit denkbar nnd aus-
sprechbar zu machen. {,Die europäische Philosopliie des Altertums" in:
Kultar der Gegenwart, Berlin und Leipzig li:07, I 5, 224.)
Epiktet und das Neue Testameni 189
Verhältnis zwischen Uyos und 6^9iig i.öyo<; dargestellt in dem
Satz: die Urj (das Material, der Arbeitsstoff) des Philosophen
ist der Uyog, sein TÜog (Ziel) der d^^og Uyog (IV 8, 12).
Meistens spricht Kpiktet in dieser Weise von dem (Vernunft-)
Logos als von einem Besitz, den jeder von Natur hat, den
er aber erwerben muß, um ihn recht zu besitzen. Seltener
verlegt er den Logos aus dem Menschen hinaus als eine so-
zusagen objektive Größe, an welcher der Mensch teilhaben,
deren er aber auch verlustig gehen kann: so wenn er von
einer &7ToazQoq'ij lod löyov, einer Abkehr oder Abin-ung von
der Vernunft redet (IV 3, 4), oder wenn er die Stürme der
Leidenschaften oder Versuchungen ^avraaiai exxQovozixal tov
Uyov nennt (II ly, 29), Vorstellungen, die den Menschen
gleichsam aus dem Logos herausheben ^
In beiden Fällen aber gebraucht er den Begiiff Uyog gar
nictit anders, als wir täglich und stündlich das Wort Vernunft
gebrauchen, bald als etwas jedem Menschen wesenhaft Eigenes,
bald mehr objektiviert als etwas fiares, was man nicht überall,
wo Menschen sind, antrifft. Niemals aber sieht er in dem
Logos eine besondere göttliche Wesenheit, geschweige denn
Persönlichkeit, noch viel weniger ein Mittelwesen, dessen sich
Gott zur Weltschöpfung bedient hätte. Ein Stoiker konnte
nicht sagen „Im Anfang war der Logos", deijn frtr ihn gibt
es zwei &Q%ai, das nckayov und das TtoioCv oder atnov, die
^noiog vlri und den Uyog oder »iog. Nicht einmal der Ge-
danke ist stoiseli, daß oline den Logos nichts ward, was ge-
worden ist. Denn so gewiß der stoische Monismus Ernst
macht mit dem Gedanken der Göttlichkeit und göttlichen
Notwendigkeit der Welt, so gewiß er den Logos auch das
Unbeseelte, bloß Stoffliehe, ja selbst das Häßliclie und scheinbar
Unnütze durchdringen läßt — in einer \Veise, wie es auf dem
theistischen Standpunkt nimmermehr möglich wäre — so haben
andererseits gerade die Stoiker gelehrt, daß der göttliche
Wille oder der Logos nicht alles in der Welt direkt d. h. in
I So möchte ich den Aüadruck lieber veratehen, faeo : Votstellnngen,
die den Meusehea gleichsam ans dem Logos, ftiis dessen Machtbereich
hinausdrängen wollen, nicht: VorsteUungen, die den Logos Tertreiben —
wtt9 ein Stoiker genau genommen nicht sagen kann.
190 Adolf BoDhüBer
primärer Äbzweekung (Tt^or^yovftivwg) hervorgebracht habe,
sondern daß manches, d. h. gerade das, was auch dem denkenden
Wesen als eine gewisse Unvollkommenheit der Welt erscheint,
gewissermaßen zufällig, d. h. als unbeabsichtigte Nebenwirkung
(als e7iaxoXovi>rifia oder irtiyevvtj^ia) entstanden und durch die
Beschaffenheit der Materie, die bis zu einem gewissen Grad
ihre Selbständigkeit hat, bedingt sei '. Gar nichts anzufangen
wüßte ein Stoiker mit dem Satz: „In ihm war das Leben und
das Leben war das Licht der Menschen". Direkt antistoisch
endlich ist, worauf Schwartz mit Recht aufmerksam gemacht
hat, die Vorstellung, daß der Logos Fleisch geworden ist, da
yielmehr X6yog und adQ§ für den Stoiker die äußersten Gegen-
sätze bilden, die sich wohl in dem Vernunftwesen zusammen-
finden, aber niemals sich decken können, sondern ihrem Wesen
nach ewig entgegengesetzt bleiben.
Wenn wir von Epiktet aus auch noch einen Blick auf
Mark Aurel werfen, so dürfen wir erwarten, daß, wenn je bei
einem Stoiker, so bei ihm das Metaphysische und Spekulative
am Logosbegriff zum Vorschein kommt. Knüpft er doch aus-
drücklich an Herakleltos an und greift, obgleich im Kern ein
echter Stoiker, doch in seiner bekannten freien eklektischen
Art da und dort über die engeren Schranken der Stoa hinaus.
Wir finden diese Erwartung auch nicht getäuscht: der Logos
als objektive, weltbeherrschende Macht spielt bei ihm eine
erlieblich größere Bolle als bei Epiktet. Zwar auch er kennt
den Logos, den Gott sozusagen als Stück seiner selbst (äTiö-
anaufta V 27) jedem Menschen als Aufseher und Leitstern
gegeben hat, den Logos, der allen Vernunftwesen und den
Göttern gemeinsam ist (VII 9; VII 53). Aber er scheidet
doch deutlicher als Epiktet den Logos ^der menschlichen Natur
und denjenigen der xoivi] rpvaig (VI 58) und faßt diesen
letzteren mehr als eine objektive Macht auf, und zwar teils
als das moralische Weltgesetz, dem der Mensch folgen soll
' Vgl. K. Frachter, Hierokles der Stoiker £0: Trotz dea monistischen
Grundeharakters ihrer Lehre hat die Stoa nicht selten den relativen Gegen-
satz awischen Stet und vXt; in einer Weise betont, daß derselbe fast den
Anschein eines absoluten erhält und die Einheitlichkeit dea letzten Prinzips
zurilek tritt.
Epiktet und das Nene Testament 191
(II 16, 9 'iTiEO&at t(j> Tf/S Tto'Miis ■'icii fcohTEiag Ttjg nQtcßiTÖtriQ
Uyt^ L«i »m^öj; XII 31 Ui,a!>at iq> Uyi,» xai zC^ &eq>) teils,
und dies mit besonderer Vorliebe, als eine physische Potenz,
welche das ganze All durchwaltet (ö rrjv oüalav oder lä S?.a
dioinGiy löyog oder auch bloß o StoiKütv X6yos: VI 1; IV 46;
VI 5), ja gleichsam körperlich oder stromartig die Materie
durchdringt (X 33, 2 voSq öe xal löyog Sth Ttanog xoü ävri-
Ttisttoviog ovzcog vtOQ(via»ai dvmzai iig itifpvmt x«( üg O-iltt;
V 32 %ov SC Urig Trjg ovalag öiiiytovta k/r/oy -^.al 6i& Travrbg
Toü aiöjvog XßTß TTEQiödovg TitayfUvaq ohovo^ioCvjct lö ^äy).
Ganz besondei-8 tritt diese physische Bedeutung des Logos
hervor in dem echt stoischen, aber von Epiktet in den auf
uns gekommenen Diatriben nie gebrauchten Ausdruck layog
oneQfiattnög, der sozusagen die latente vernünftige Welt-
enei^e bezeichnet, in welche — nicht alle! — sondern eben
die höhere geistige Substanz* {ftäv ainov VII 10), aiso auch
das Wesentliche vom Menschen beim Tode sieh auflöst und
zurückkehrt (IV 14 und 21, 1). Statt 'l6yos oiEtQfiarixög sagt
er wohl auch einfach ö tß»' bX(i)v ).6yog (VII 10; X 7, 2).
Noch deutlicher wird die Entfernung von der bei Epiktet
vorherrschenden Vorstellung des Logos als einer sozusagen
geschlossenen und individuellen geistigen Potenz und die An-
näherung an eine materialistische Auffassung dadurch, daß
er zuweilen aucli den Plural gebraucht und von den löyoi
aireQfio'tiy.oi rov xöofiov (VI 24) oder den Xöynt rwv ecofiiviov
redet, welche die neöyoia, wenn sie an die Weltgestaltung
{diax6attiiaig) geht, als öwiineis yöviftoi zu Hilfe nimmt (IX 1, 4) \
' Schließlich freilich auch die niedere, feetc Substwii^, aber erst nach-
dem sie sieh — wir haben hier den reinsten stoischen Materialismus — in
die hnhere InfUrtige Substanz verwandelt hat; X 7, 2.
= Hierin hat also Schwarte unrecht, wenn er meint, die Uyoi Philons
vertragen sieh nicht mit der stoischen Weltvernnnft, nnd unter anderem
diesen plnralischen Gebrauch des Wortes als Argument gegen den stoischen
Ursprung seiner Logoslehre verwendet (aaO. 551). — Bei dieser Gelegenheit
seien auch noch einige andere Uugenaniglieiteii richtig gestellt. Als
spezifiBeh jüdisch bei Philon betrachtet er u. a. die Warnung vor iil«yt
und oi^a.s (539); die oti-jis d. h. die MeinuDg des gewöhnlichen Men 8 chen,
daß er die richtigen ethischen MaßatSbe auch ohne philosophische Bildung
kenne, beziehungsweise des Philosophiestudenten, daß er die Hauptsache
192 Adolf BonböHer
Eben damit wird aber nur um so klarer der fundamentale
Unterschied auch dieses antoninischen Logos von dem des
Evangeliums Johannis: für diesen wäre die Piuralisierung
des Logos völlig undenkbar und einer frevelhaften Zerstörung
des Logosbegriffs gleichbedeutend.
Außer dem Logosbegriff findet auch Giemen in .den johanne-
ischen Schriften nichts, was auf eine Abhängigkeit von der Stoa
hinweisen würde. Denn der Gedanke, daß alles Vergängliche nur
ein Gleichnis, eine Abschattun g der wahren himmlischen Seali-
täten sei — der jedoch im Hebräerbrief, den Giemen natürlich
auch erwähnt, erheblich mehr als bei Johannes hervortritt,
übrigens mehr nur vom jüdischen Gesetz und Gottesdienst, nicht
in diesem allgemeinen philosophischen Sinne zu verstehen ist —
soll der platonischen Philosophie entnommen sein, geht uns also
hier nichts an. Wie weit dies richtig ist, mögen die Piatonforscher
entscheiden; dem Geiste der Stoa ist die echt alexandrinisch
jüdische Allegorie des Hebräerbriefs mit ihrer transzendenten
Mystik so fern als möglich. Wenn es richtig ist, daß dieser
Brief auch den johanneischen Logosbegriff voraussetzt (Gie-
men 56), so gilt von ihm erst recht, was Schwartz vom neu-
testamentlichen Logos überhaupt darzutun versucht hat, daß
er nämlich ein durchaus jüdischer Begriff ist, der mit dem
philosophischen Logos nichts zu tnn Iiat. Hier ist es nämlich
ganz deutlich, daß mit dem Logos nur das ^rjim loö &iov
gemeint ist: durch das Wort seiner Kraft trägt der Sohn
das All (1, 3), durch das Wort Gottes sind die Welten be-
reitet (11, 3), er ist das r.albv -»eoü Qfjua (6, 5); folglich ist
auch unter dem !;ap Xöyog ^ov »eoij (4, 12), dem Uyoq zijs
heaitze, wenn er das rex^oloytiv Ttcpi ayaO'oi xai xaxov verstehe, bekämpft
Epiktet auf das heftigste (11 17, 1 ri nfiiSröv iorii' ^fyof rov fdoainfovvTos ,â–
änoßitltiK oiijot!'; ähnlich öfter). Auch der Begriff ^H^htos ist ihm nicht
fremd : wenn er die berechtigte Gorge des Menschen für seine eigene geistige
Gesundheit gegen den Vorwurf der Selbstliebe yerteidigi (1 19, 11), so zeigt
er doch eben damit, daß er auch eine verwerfliche TiiavTia kennt. Endlich
die Koordinierung von Frömmigkeit und Käehstenliebe (64J) ist nicht bloß
jüdisch sondern auch stoisch, d. ii. nach Epiktet ist das avii-pipov und das
SUaiuv oder xoivi»felie einerseits, das aifupi^ov uud das evacßie oder öoiav
andercraeits identisch; wenn aber a = b iiud h = e ist, so ist anch b = c
(119, 12 (f.; 127, U; Iläa, 18.)
Epiktet und das Neue Testament 193
hQVMßooiag {7, 28) nichts anderes zu verstehen, d. h. der Ver-
fasser des Hebräerbriefs identifiziert den Sohn, der ihm eine
ganz konkrete, wenn auch Überirdische und auch die Engel
weit überragende Perstinliclikeit ist, gar nicht mit dem Uyog
oder e^/<« iteov, sondern macht ihn nur zum Träger desselben
(I, 2 Bit' loxdrov t/bv fifte^av toüzoiv t'JMrjasv fjfiiv iv vlif>) und
läßt ihn im Alten Testament durch das :^vevfia Uyiov vor-
bereitend verkündigt und gleichsam in die "Welt eingeführt
werden (1, 6 Siov l>l icäliv skayäyr) t'ov TtQiOTÖroxov elg ifjv
oiy.ovi.Uvriv; 10, 5 Sth dsEQXifievos etg tov xöaftov i.eyei etc.}-
Im Jakobusbrief wird man außer einzelnen Ausdrücken
und dem verhältnismäßig guten Griechisch, in dem er ge-
sehrieben ist, schwerlich eine Spur von hellenischem Einfluß
entdecken können. Auch das merkwürdige Bild von dem
z^oxos Tije ysveaevyg. das aus dem Kreise der Orphiker stammt;
will Giemen nicht weiter premieren. Dagegen ist schon längst
erkannt worden, daß der Brief, so ausgesprochen jüdisch in
Ausdruck und Anschauung er ist', doch auch wieder ein
merkwürdiges Doppelantlitz zeigt, insofern gewisse Partien
geradezu aus einer philosophischen oder rhetorischen Chrie
geflossen au sein scheinen. Dies gilt besonders von dem Ab-
schnitt 3, 1-12, wie jüngst von J. G^ffken (Kynika 93)
1 Was deu Ausdruck nnd Stil betrifft, so erinnere ieh namentlich an das
plennttstische Svl^^'^^os nnd d-^e (z. B. 1, 20 ^ey>i «rSp«e), »" ^^ Hebraismen
rix(,o™T^s k7t.?,w,ior!;, (1, 25), Idv «.V«.ä »^^"11 (i, 15), «.i»V«* i^ de^vj,
(2, 16) und den eciit jüdiöchen, feierliuli patriardialiBclien oder propheten-
haften Stil der Mahn- und Stralreden (z, B. 4, Sil.: x«*«pioart x't(^t etc.,
5 t äys rvf oi a).o<':aiot. xXu.iaaii). Für die jüdische Denkweise ist be-
eönders bezeichnend die Hervorhebung der sogenannten ZungensUnden
(3 1 H.), die Ehrfurcht vor dem Gesetz (4, U), die Brandmarkung des ge-
ivinnaüchtigen Handelsgeistes {4, 13), die fast abergläubiaohe Wertschätzung
des Gebets, Händeauflegeus und Salben« (5, 13 fl.), die Wichtigkeit, welche
dem Schwörverbot beigelegt wird (ö, 13 ^g'o ^ra^-^u-v Si, »SsXfo, /lo^, fir,
i,,vieTi), und dies unmittelbar nachdem die denkbar höchste Bewährung
der Frömmigkeit im Martyrium ans Herz gelegt war, nnd endlich die ganze
Werkgerechtigkeit, die noch besonders eklatant in dem Schlußsatz sich
offenbart (««l-;^" ^}-^»oi ^/tt^t^r). Daß daneben auch eine höhere
Ethik und eine echt christliehe Betrachtung und Empfindung zur Geltung
kommt, soll ansdrücklich anerkauiit sein.
ReligionaBeaohichtliche Versuche u. Vorarbailen X. 13
194 Adolf Bonhi5ffer
nachgewiesen worden ist. Was sonst in Wörtern oder Ge-
danken einen gewissen griechischen Schliff verrät, wird, so-
weit es nicht etwa schon zur Besprechung kam, im zweiten
Teil berührt werden. Dasselbe gilt von den übrigen nen-
testamentlichen Schriften, die im Bisherigen nicht im Einzelnen
oder in ihrem ganzen Charakter auf eine etwaige Abhängigkeit
von der Stoa hin untersucht worden sind: bei ihnen allen ist
es wirklich nicht der Mühe wert, diese Frage ernstlich zu
stellen und zu beantworten.
Epiktet lud das Keue Testament 195
Zweites Buch
Verglelcliung Epiktets und des Neuen Testaments
Vorbemerkung
Wenn ich im ersten Buche, welches der Prßfung des
etwaigen Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Epiktet und
dem Neuen Testament gewidmet war, fast durchgängig zu
einem verneinenden Ergebnis gekommen bin, so sollte damit
natürlich nicht gesagt sein, daß die beiden Objekte ganz un-
vergleichbare GriSßen seien. Im Gegenteil gaben aneb die
bisherigen Ausführungen Gelegenheit genug, auf die zum Teil
sehr weit und tief gehende Verwandtschaft beider An-
schauungen oder Religionen — denn die stoische Philosophie
ist schließlich auch eine Religion ^ — freilich andererseits
> Hiermit böü natürlich nicht gesagt sein, daS'der Stoizismus eine
eigentliche Religion oder anch nur, daß er mehr Religion als PhiloEophie
sei. K. A. Buach hat deshalb ganz Recht, wenn er s^ die Stoa küime
kaniQ als Religion in Anspruch genommen werden (Rezension voa
W. 0. Lewis The fimdamenial principks invulved in Dr. Eäw. Caird's
PMlosophy of ReUgim in D. Lit.-Zeit, lÖlO, Nr. 24). Nichtsdestoweniger
kann man die stoische Philosophie recht wohl mit einer Religion vei^leichen,
und zwar nicht bloß deshalb, weU der ^yo; »toXoyixoi in ihr von Hause
BUS einen integrierenden Bestandteil bildet, als Teil der „Phjsili" und rehr-i
des ganzen Sjatems, nicht bloß deshalb, weil, namentlich bei den späteren
Stoikern, der Wert und die Wirknng der Philosophie ganz ins Praktisehe
verlegt und die letztere genan so wie hei der Religion als Mitte! zum
Heil betrachtet wird, sondern noch aus einem anderen Grande. Der Sloiker
behält die überlieferte väterliche Religion, und zwar mit Überzeugung, bei:
sie ist ihm aber nicht eine neben dem philosophischen Leben herlaufende
besondere, am Ende gar höhere Lebenabetätigang, sondern ein Stack, ja
der Grundton des philosophischen Lehens selbst. Kr will zwar religiös
sein zunächst nur so, wie die Gesetze es vorschreiben, wie es die Menge
anch ist; in Wirklichkeit aber verleiht die Philosophie seinem religiösen
13'
196 AdolE Bonhaffer
auch auf dea tiefgreifenden Unterschied und Gegensatz beider
hinzuweisen. Ja ich würde das bisher Gesagte zu einem
großen Teil für überflüssiges Gerede ansehen müssen, wenn
ich dabei bloß den Zweck verfolgt hätte, die Frage dei' Ab-
hängigkeit zu entscheiden, Weitaus mehr lag mir bei dem
allem am Herzen, die reichen und vielseitigen .Beziehungen
zwischen der christli(^hen und stoischen Lebensanschauung
aufzuzeigen, und auch der Gewinn des Lesers, wenn icli auf
einen solchen rechnen darf, soll auch bei dem ersten Hauptteil
mehr in dieser Richtung liegen. Was aber bisher mehr nur
gelegentlich und zerstreut geboten werden konnte, soll jetzt
in übersichtlicher und zusammenhängender, durch keine Po-
lemik gehemmter Darstellung bewii-kt, und so in unbefangener
Würdigung der beiden Vergleichsobjekte die Art und das
Maß ihrer Verwandtschaft festgestellt werden. Zug'leich wird
das neue Material, da.s hier zur Behandiung kommt, auch zur
weitereu Klärung der Ahhängigkeitsfrage dienen; mancher,
der doch etwas mehr Abhängigkeit annehmen zu müssen
glaubt, als ich vertreten konnte, wird hieraus neue Stützen
für seine Ansicht entnehmen, während andere vielleicht noch
mehr in der Überzeugung befestigt werden, daß wir es hier
mit zwei Geisteserzeugnissen und Geistesrichtungen zu tun
haben, welche, wiewohl gleichzeitig, doch gegenseitig unab-
hängig voneinander sind und jede in ihrer Art eine selb-
ständige Größe und ein Höchstes ethisch - religiöser Bildung
darstellen. Der Stoff gliedert sich von selbst in analoger
Weise, wie wir die Abhängigkeit des Apostels PI von der
Stoa betrachtet haben, unter selbstverständlichem Wegfall der
Untersuchung des Stils, in drei Abschnitte: ich werde zuerst
den Wortschatz vergleichen, sodann die Ähnlichkeit einzelner
Aussprüche und Gedanken erörtern, und endlich in syste-
matischem Überblick die Übereinstimmung und die Eigenart
der beiden Lebensanschauungen zu erfassen suchen.
Glauben und Knlt einen un vergleich lieh viel tieferen Sinn und erhebt ihn
ans der Stufe des unfreien Gehorsams zu einem vernünftigen Gottesdienst,
und in diesem Sinne kann man sagen, daß der punlinische BegrifF der loyixlj
XaTciiü der Punkt ist, wo Stoa und Christentum, von ganz verschiedenen
Ausgangspunkten aus, sieh am vollkommensten berühren und zusammenlaufeii.
Epiktet und das Kene Testament 197
Erster Teil
Der Wortschatz
Niemand, der nach der Lektüre des Epiktet zum grie-
chisclien Neuen Testament greift oder umgekehrt, wird wohl
den Eindruck haben, als ob zwischen beiden eine besonders
große oder auffallende Übereinstimmung im Wortvorrat und
in der Wortverwendung bestehe; vielmehr wird er, wie hin-
sichtlich der Gedanken uud des ganzen geistigen Gebarens,
so auch bezüglich der Terminologie und Ausdrneksweise sich
in eine ganz andere Welt versetzt fühlen. Plier und da wird
er freilich auf beiden Seiten überrascht sein, einen guten
Bekannten an eigentlich unvermutetem Orte wiederzufinden,
aber den Gesamteindruck des Fremdartigen werden solche
Wahrnehmungen nicht hinwegzunehraen vermögen (vgl. S. 48 1).
Achtet man nun aber genauer auf die beiderseits gebrauchten
Wörter und erstreckt man seine Beobachtungon auf den ganzen
Umfang der Schriften, so findet man immerhin eine erheblich
größere Übereinstimmung, als man vielleicht dem Gesamt-
eindruck nach erwartet hätte. Wir werden uns aber nach
dem früher Gesagten darüber nicht wundern: abgesehen von
den Hunderten von Würtern, die überhaupt niemand, der
griechisch redete oder schrieb, entbehren könnt«, ist es ja,
nachdem man das neutestamentliche Grieeliisch aus seiner un-
historischen Isolierung befreit hat (S. 48 % selbstverständlich,
daß eine große Anzahl von Wörtern beiden Schriftgattongen
gemeinsam sein mußten, und zwar teils solche, die der da-
maligen lTmgang.<Kprache oder überhaupt der hellenistischen
Gi-äzität angehören, teils solche, welche dem ethisch religiösen
Htotf entsprechen, der bei Epiktet ausschließlich, im Neuen
Testament, freilich bei den einzelnen Schriften in sehr ver-
198 Adolf Bonhöfter
schiedeaem Maße, wenigstens überwiegend behandelt ist. Ich
werde daher zuei-st eine Liste von solchen Wörtern geben,
welche sowohl bei Epiktet als auch im Neuea Testament
vorkommen, sodann von solchen, die je nur einem von beiden
angehören. Aus diesen drei Listen zusammen kann der Leser
den Umfang der sprachlichen Übereinstimmung und Ver-
schiedenheit ersehen. Auf absolute Vollständigkeit ist es
dabei natürlich nicht abgesehen, was ja auch keinen Sinn
liätte, sondern nur auf relativ vollständige Aufzählung aller
derjenigen Wörter, welche für Epiktet oder für das Neue
Testament, beziehungsweise für beide irgendwie bedeutungs-
voll, d. h. entweder singulär oder besonders bezeichnend sind.
Auch so wird unvermeidlich die Auswahl etwas Willkürliches
und Subjektives haben; der Fehler wird aber dadurch aus-
geglichen werden, daß alie drei Listen ohne jedes Vorurteil
und ganz nach denselben Gesichtspunkten zusammengestellt
sind, so daß das Gesamtergebnis immerhin einigen Anspruch
auf statistische Genauigkeit erlieben kann.
Erster Abschnitt
Wörter, welche Epiktet imd dem Neuen Testament
geni einsam sind
Ich gebe im folgenden eine Tabelle von etwa 200 Wörtern,
welche sowohl bei Epiktet als auch im Neuen Testament sich
finden. Die Gesichtspunkte, die mich bei der Auswahl leiteten,
habe ich soeben dargelegt; ich füge noch hinzu, daß es in
der Hauptsache diejenigen Wörter sind, welche von den Zeiten
"VYetsteins an, der selbst wieder auf den Schultern früherer
Philologen wie Gatacker und Pricaeus steht, bis herab auf
Heinrici und Lietzmann als spracliliclie Parallelen bemerkt
und, sei es um der reinen Vergleichung willen, sei es als
Argumente für die Abhängigkeit, notiert worden sind. Um
die Aufzählung nicht allzu trocken werden zu lassen, habe
ich einzelnen wichtigeren Wörtern oder Begriffen kurze Er-
läuterungen hinzugefügt, welche als Beitrag zur Semasiologie
und gewisssermaßen als Ergänzung zu A. Deißnianns Bibel-
studien (Marburg 1895 u. 1897) und zu Melchei-s Dissertation
Epiktet und das Nene Testament 199
betiaclitet werden mögen. Ferner habe ich durch Anbringung
der Rubriken I bis VII es ermöglicht, das Vorkommen eines
Wortes in den verschiedenen Gruppen der neutestamentlichen
Schriften zu erkennen, wodurch dann zugleich die größere
oder kleinere Annäherung dieser Gruppen an den epiktetischen,
weiterliin überhaupt den hellenistischen Sprachgebrauch er-
sehen werden kann. Schon Jos. Viteau hat in seinem bereita
erwäJmten Werk £tude sur U Gref- du nouveau testammt, Paris
1893/96 versucht, die neutestamentlichen Schriften nach der
Quantität des griechischen Elements, das sie enthalten, zu
klassifizieren und folgende vier Gruppen unterschieden; 1. He-
bräerbrief, Acta, Jacobus; 2. Evangelium Lncae, Paulusbriefe,
Matthaeus; 3. Briefe des Petrus, Judas, Johannes, Evang.
Johannis und Marcl; 4. Apokalypse. Ehe ich seine Arbeit
kennen gelernt hatte, schwebte mir eine mehr den inneren*
Charakter der schriftstellerischen Tendenz oder Eigenart
treffende Einteilung vor, die sich etwa so gestaltet hätte:
1. rein jüdische Gruppe (Matthäus, Markus, Jakobus, Apoka-
lypse), 2. hellenistisch -jüdische Gruppe (Lukas, Acta, echte
Paulusbriefe), 3. alesaudrinisch-jüdlsehe Gruppe (Hebräerbrief),
4. antijüdische Gruppe (Evangelium und Briefe des Johannes),
5. unjüdische Gruppe (unechte Paulusbriefe, katholische und
Pastoralbriefe). Das Prädikat „jüdisch" wäre dabei natürlich
nur so zu verstehen, daß die betreffenden Schriften christliche
Schriften sind und sein wollen, aber ihr Hervorgehen aus
dem Judentum deutlich an der Stirne tragen, im einzelnen
aber eine sehr verschiedene Stellung zum Judentum einnehmen
und 'alle miteinander, ausgenommen die fünfte Gruppe, in
welcher die Anknüpfung an das Judentum fehlt oder wenigstens
zurücktritt und die „katholische" Ära des Christentums mehr
oder weniger sieh ankündigt, eine Stufenleiter darstellen von
der Befangenheit im jüdisclien Partikularismus an bis zur
ausgesprochenen Lossagung von dem nationalen Zusammenhang.
Doch würde sich diese Klassifizierung, wenn sie auch dem
tatsäehliebeu Verhältnis ziemlieh gerecht werden dürfte, für
die Aufzeichnung des Maßes der sprachlichen Verwandtschalt
mit dem Hellenismus weniger empfehlen. Ich habe deshalb
aus mehr äußerlichen Rücksichten sieben Gruppen unter-
200 Adolf Bonhöffer
schieden, indem ich unter I Matthäus und Man.ns, unter
II die Johanneischen Schriften, unter III Lukas und Acta,
unter IV die echten, V die unechten Paulinen, unter VI die
übrigen Briefe außer dem Hehräerbrief verstehe, welcher die
Vn. stelle einnimmt. Zwischen V und VI schiebe ich die
Rubrik (IV und V) ein, damit man sehen kann, wie sich das
Verhältnis gestalten würde, wenn man alle dem PI zuge-
schriebenen Briefe als echt betrachten wollte'. Für nicht
uninteressant hielt ich es endlich, als Anhang noch drei
Rubriken S, A, P hinzuzufügen, damit die Vergleichung auch
auf die Septuaginta, die alttestamentliehen Apokryphen und
die Patres aposioUci ausgedehnt werden könnte. Die Striclie
innerhalb der einzelnen Rubriken bedeuten, daß das Wort in
in der betreffenden Schriftengi uppe vorkommt, die aufrechten
Kreuze (+), daß es im Neuen Testament nur in dieser vorkommt.
Die senkrechten Kolonnen geben einen raschen summarischen
Überblick über die Häufigkeit der sprachlichen Berührung
jeder Gruppe mit Epiktet, aus den wagerechten ersieht man
die Verbreitung der Wörter über die einzelnen Gruppen des
Neuen Testaments. Bei den apostolischen Vätern habe ich
in dem Fall, wenn ein Wort nur einmal, beziehungsweise nur
bei einem Autor vorkommt, die Stelle, beziehungsweise den
Autor dazu geschrieben, wobei ich nnch, in den Abbreviatnren
an E. J. Goodspeeds Index patristicm, Leipzig 1907. anschloß ;
wo das Wort selbst zwar nicht, aber doch ein stammverwandtes,'
beziehungsweise ein Derivatum sich findet, habe ich dies be-
merkt. Von den früher eingehend besprochenen Wörtern,
welche PI mit Epiktet gemeinsam hat, wnrden fast alle, aber
selbstverständlich olme nähere Erläuterung, auch in dieses
Register aufgenommen, weil sonst der statistische Nebenzweck,
den ich mit diesem verfolge, nicht zu erreichen gewesen wäre;
ich habe si e durch einen vorgesetzten Stern kenntlich gemacht.
' Die Kübrik flV und V) ist so zu verstehen, dali in derselben alle
Wörter, die entweder in Qrappe IV oder in Grnppe V oder in beiJen vor-
kommen, verzeichnet sind. Wörter, welche sowohl in IV nls anch in V
sich finden, sind, aaüer in die Eubrik (IV und V), mvb in die Rubriken IV
nnd V anfgenommon, »Iso dreimal notiert. — Wo ein Wort Jiur in Rubrik
IV oder V vorkommt, ist das Kreuz statt des Strichs nur Lier, nicht auch
ÜD der zusammenfassenden Rubrik (IV und V) gesetzt.
Epiktet und das Neue Testament
201
I
ir
III
IV
V
IV
VI viil
s
A
P
V
dyya^Evco
+
Did 1, 4,
*äyvtia
+
—
—
—
~~
dSqxtfios
—
—
—
+
—
—
Tral 12, 3
*aia&>/ois
—
—
—
—
— .—
*aitrxpoioyia
+
—
Did 6, 1
alxfiuhjiriX"' *
—
—
—
—
— ^
—
'^
a'le'iv *
—
—
—
—
^
—
—
—
—
_—
"^^
*üxa9apaia (ethisch)
—
—
+
—
—
Bar
nxataaTaaia '
—
—
—
älaya c^'unvernünftig'
—
—
—
TiBd 'yemunfloB'
*iilvrtos
+
—
*n,ueiav6'fios
+
—
ävayxaoTÖs
+
â– WS
â– lyax^ivm
—
—
—
—
—
Pap 2, 4
n.t^aflflQtli'COS
+
—
~
iivKrTporfTi *
—
—
—
~
~
' Im Seilen Testament {Jalt. 3, 17) â– unparteiisch', 'teinen Uoterschied
machend" (nach anderen "nicht zweifelnd'), bei Epiktet 'tmunteracteidbar .
J B Lightfoot (37i^ apost.fathsrs, London 1HH5-1890) zählt nicht weniger
als sieben verschiedene Bedeutung^en des Wortes auf, das anch bei P sieh
mehifaeh findet. Bei Lnkian bedentet es 'unentscliiedeu' (W. Schm:d, Der
Attizismus (Stuttgart 1887/97) I 390), Im Alten Testament findet C9 sich
nur ProT. 25, 1 in einem Znsatz der 8, wohl in der Bedcntnng 'zuTerlässiE:',
'wohlgemeint', wie auch schon bei A {Judith 16, 9),
' Bei Lukas, ebenso bei Epiktet in wörtlicher, hei PI in übertragener
Bedeutung.
' Bei Epiktet nur zweimal Im Sinne der (unbegrenzten) Zeit , der
(laugen) Zeitdaner; es spielt bei ihm nicht entfernt die große Rolle wie
im Neuen Testament, insheäondere wäre ihm die GegenUberstellnug des
ah',p oiio^ und f.ahaf ganz nnv ex ständlich. In den Ignatianischen Briefen
tritt dann bereits die gnustisohe Personifikation des Aon auf.
* Im Neuen Testament wie auch bei A, S und P nor von äuBerhchen
Wirren oder Unruhen, bei Epiktet nur von der inneren Unruhe und
Haltungslosigkeit.
" Bei S nnr einmal 'unvernünftig', ab«r in unsicherer Lesart (Hiob
11, 9); sonst noch 2mftl in den seltenen Bedeutungen 'sprachlos', 'rede-
ungewandt' (Ex. 6, 12) nnd 'irrational', 'ungerechnet' (Num, 6, 12).
" Das Verbum dfuoiiiiftv&iii 'wandeln' auch bei S nnd P. 'Aia/rTfofj
von Polybios an (Mekher 65).
202
Adolf Bonhöffer
IV
—
I
II
III
IV
V
u.
V
VI
VII
9
Ä
P
af&^ifkiivoe '
,
^_
_
*ä7iai3evroe
+
—
—
„
I Clem 39, 1
a^a^ßaio^
+
*d7re^i<77Taoxo5
+
—
—
Bph 20, 2
dTtix^
—
—
^
—
—
tiTTtoros
„
—
—
—
—
—
—
uTiXovs
—
—
~
—
—
—
KjzoSoniftfi^m
—
—
—
—
—
n7taK£^nXi^ii> ^
—
—
—
aTio^vx^*
+
—
•fff fiTJJ ^
—
—
—
—
—
—
äotj^o,^
+
—
—
_
aoi-uf^ofpos
+
*ita-^rjftovEO
+
—
—
Pap 3 «17;;';-
*[«f'TC(iXIJtf^ -«rt^]
T—
—
+
—
—
—
*fly^*
—
+
—
' Eine Folge der immer dentlifheren Heraasgestaltimg des supra-
neturalen Chaiekters der cbristliclieu Anscliaiiaiig ist es, daß dieses Wort,
welehes bei Epiktet durchweg in dem optimistiachen Slun, der allea Mensub-
liche von Haoa aua gut uad iu der Ordnuug findet, venvendet wird, schon
im Neuen Testament, vollends aber bei P fast nur das niedrig Mensehliehe
im Gegensatz znm Göttlichen oder Pneumatischen bezeichnet.
' Ein 8pätgriechispbe3. wohl der niederen Keine angebörigea Wort,
das sieh im Alteu Testament nur in dem akanonischen Psalm löl (tob
Ooliath) findet.
' Deutlich scheidet sich an diesem Wort der Anschauuugskreig der
rein jüdischen nnd der hellen istisch-jüdi sehen Literatur : nar in letzterer hat
es die Bedeutung der menschlichen Tugend (im philosophischen Sinn),
während es dort nur ein Attribut Gottes ist und seineu Euhm, seine Herr-
lichkeit bedeutet. Ebenso auch im Neuen Testament, mit Ausnahme von
Phil. 4, S und II Petri 1, 5, wo es jener philusophischen Bedeutung sich
nähert, ohne jedoch aie ganz zu erreichen ;(S. 108), wie dies dann im
II. Klemensbrief der Fall ist (10, 1 Siiö^iafttv i^v npsr'J-j').
' Bei Epiktet nur einmal, in einem Zitat aus Theopompös, 'bedeutungs-
los', 'sinnlos', ähnlich Diogn. 12, 3 'dunkel', 'andentlich'. Im Alten Testament
dreimal, in verschiedenen Bedeutungen (Gen, 30, 42 'unbeaeichnet', Hiob
42, 11 'ungeprägt', III Makü. 1, 3 'unangesehen').
" Das Substantiv «viiijuEi« im Neuen Testament und bei P 'Ans-
kommen' und 'öenitgsamkeit'.
° Bei S sehr häufig in der offenbar von der Palästra stammenden
Epiktet und das Neue Testauteut
203
I
II
UI
IV
V
IV
u.
V
vivn
s
A
P
dxeeloi
ßeßaiöca
ßiefifia
ßö^ßo^oi
ßoilrjuri
Yoyyvi,"' (Meleher 61)
*yVfivaoi'f
^yvvatifz^tav
(Sm/ivii) äaifröi-iov'
*däxiiio bildlich
tSitiyfwoi^^
äiaxovia
SutXoyi^Ofini
i'tii^^oytUfiö'^
oimi^0Onf
duätioi 'erstreben'
Xöyftrt '
So7imdS,ai
+
+
+
+
+
+
+
—
—
_
HSimVI2,6
Bedeutung 'Hieb', 'Streich', 'Griff', von der unsanften Berüliniiig öottea,
die sich in Krankheiten, besonders in der dea AnsBatzes Snßert. — Bei
Epiktet hat es auch, ebenfalls von der Palästra her, die Bedentnag 'Staub'.
' In der ganzen heiligen Schrift werden mit diesem Wort bekanntlich
die heidnischen Pseudo-Öötter oder die bösen Geister bezeichnet, mit einziger
Auanahtoe von Acta H, 18, wo es aber den heidnischen Athenern in den
Mund gelegt ist. Bezeichnend für den Gegensatz des Sprachgebrauchs
iät namentlich die Stelle Ps. 96, 5 üti ^ävTe^ ol iftoi läit' itfviäi' Saiftöfnt.
" Bei Epiktet erkenntniatheoretisch 'Uut*rächeidung', im Neuen
Testament (Acta 25, 21) und Sap. 3, 18 juridisch * richterliche Entscheidung'.
' Von der philosophischen Bedeutung des Wortes, das bei Epiktet
eine so zentrale Stellung einnimmt, ist natürlich in den biblischen Schritten
nichts zu finden: ea bedeutet nichts weiter ala 'Satzung', nnd zwar zunächst
die Willenskundgebung eines irdischen Machthabers, dann weiterhin auch
die ethisch-religiösen Gebote des göttlichen Herrn.
* Die epiktetische Bedeutung 'meinen' (und zwar mit dem Nebensinn
der bloßen Meinung im Gegensatz znm Wissen) findet sich in der Bibel
nicht: auch die Stelle Hehr. 5, 5 oh ^"t«.' käoiaotv yenj^-^ai dpyjeeix
ist wohl anders zu erklären. Dagegen ist es in der Bedeutung 'ehren',
201
AdolE EunhüKer
I
n
]ii
IV
V
IV
u.
V
VI
VII
s
A
P
"^SoffiS xai Xrjtfie
+
—
—
lyyaicw
—
—
—
—
—
t9os
—
—
—
—
—
e'ßiiilor
_
_
—
—
—
—
—
^kxtSij/iioi ^
+
—
*£««Jjl'IU
—
—
—
—
—
—
i>i}j>yfl '
—
—
—
—
—
^uninita
—
—
—
—
—
—
—
*ixtöv
+
—
_.
—
iXc-69'rffBe
—
—
~
—
—
—
—
_
iflflEVbJ
—
—
—
—
—
—
—
^fi^i-Tnüi übertr.
—
—
—
„
—
—
ipfVTOS
+
—
Bar
^vS^Ü^iffi
+
—
H
^rl'VOtlt
—
—
—
-_
—
'^ki^r^ezito ^ -o/tut *be-
—
—
+
—
—
sehäiaen','3ii;li8chea-
gh', 'sich achämen'
itri^T!^<i:o
+
—
—
H Man X 3. 1
♦(JnnnrHUj
—
—
+
—
—
e^r^yio/iac
—
—
—
—
—
i^ovoia
—
—
—
—
—
~
—
—
—
—
^
i-TCnyyeXia '
—
—
—
—
—
—
— â–
—
—
'verherrliclieii' im Alten und Neuen Testaweut sehr l)äiifi^, — I7po';i'og>!i!ii'
nennt Epiktet das wUlkürÜcIie. falsche Werturteil über die GegeasliSii(le
der Wahrnehmung.
' Das Substantiv ixSiaui-t ist III Makk. 4, 11 gebraucht,
' Auch dieses Wort wird im Neuen Testament — im Alten fehlt ee —
nicht in der tecbniBchen (ethischen) Bedeiitang, welche es bei Epiktet hat,
gebraucht. Sofern ea 'Auswahl' bedeutet, ist die Onadenwahl Gottes ge-
meint; an anderen Stellen, anch bei P, steht es rüetonymisoh für die i-^lmuU,
' Dieses Wort, in klasBischer Zeit nur als juridiseber terminas leckniciw
gebraucht, bekommt im hellenistischen Griechisch (von l'oljbios an) eine
allgemeinere und mauuigfaehere Bedeutung, indem en teils mit 'Ankündigung',
'Meldung', teils mit 'Verheißung' zu übersetzen ist. Besonders im letzteren
Sinne ist es im Nenen Testament fiberaaa häufig (während es im Alten
noch selten auttritt), selbst Terstäiidlicli, da das Christentun» eine Religion
der Verheißung ist. In ganz eigenartiger Weise verwendet es aber Epiktet,
ohne Zweifel anch hierin stoischen Vorgängen folgend, nämlich für den
'Begriff' eines Dinges oder Wesens öder die Vorstellung, welche ein Wort
oder Name erweckt, die Eurkfionen, die man der Wortbedeulung nach
Epiklet nod ilas Nene Testament
205
I
U
m
IV
V
IV
n
V
VI
vn
s
A
P
^ETiafii.rtiivoiiiit
'sich
+
_
—
—
Terlassen an£'
+
—
iniyviuBiS
ETIllfyni '
"
+
+
—
+
—
—
Pol 1, 2
Diog
kTcmxOTTif} '
—
—
—
—
"â– i.Tin.Tiif.i
+
"
+
—
—
4
inofoSo/iicD "
"
"
—
—
—
—
If
von ihm erwartet. So spricht er von der euayytMic des Menschen, dea
PhiloBophea, des Bürgers, aber auch von der kTcay/eUa des Bedingungs-
nnd DiKjunktionssatzes , der o<>tiw und Imx^uis, der lips^'?. Im Neuen
Testament fehlt natürUch dieser epiktetisohe Gebrauch des Wortes.
' Im Neuen Testament in den beiden, aneh der klassiBchen Gräzität
bekannten Bedeutungen 'auswählen' (so auch bei AS) und 'benennen' (so
auch bei P). Der letzteren nahestehend, aber wiederum ganz eigenartig
ist der Gebrauch des Wortes bei Spiktet 'dazu sagen" oder in Gedanken
dazu setzen', also von einem Urteil, welches der Mensch, sei es unwill-
kürlich, sei es infolge von philosophischer Gewöhnung iilter die Dinge und
Ereignisse sofort zur Hand hat, beziehungsweise haben soll, um nicht durch
sie verwirrt, und aus der l'assung gebracht zu werden.
° Im griechischen Alten Testament findet sieh nur das Substantiv
Im^kl'i^s (II Makk. 7, 33),, das auch in dem sicher unechten epiktetischeu
Fragment (Schenkl 483, 12) vorkommt. Bpiktet hat auch das Verbaladjektiv
' Bei Ä kommt nur iTiianorrae und iniaxoTi'i vor.
* Nur iimriSeviii und iimiiStvfta je einmal.
' Weil dieses Wort in der Bildersprache der paulinischen Briefe auch,
wie bei Epiktet II 15, 8, mit dem Begriff »riiif^i' verbunden ist, glaubte
man hierin auch eine merkwürdige (jbereinstimmaug heider M&nner finden
zu sollen. Der Grundstein, auf welchem der Gläubige sich und sein Werk
aufbaut, ist aber Christus, während Epiktet das Urteil und die darauf g:e-
bante zähe Festigkeit im Handeln im Auge hat. Das Büd vom Gebäude
lag ]a beiderseits nahe, und wo darauf gebaut wird, muß natürlich auch
ein Grund da sein. In der apostulisch-patristischen Literatur ist das Wort
nur bei Hermag gebraucht, aber im eigentlichen Sinn,
206
Adolf Bonhöffer
I?
I
11
III
IV
V
11.
V
VI
VII
s
A
P
i^OTlZ^S '
+
_
_
I Clera 59, 3
eva^Eorior
+
—
—
— .
eid/ictnos -ws
—
—
—
siyei'ijs *
—
—
—
_
—
svxai^t -los
-_
—
—
—
—
^_
ciXäßeia -^, -io/teu'
—
,
evninf^e*
+
—
tvXi'^i'JTeot
—
—
—
—
—
—
,
^TjXlOTI^S ^
—
—
~
—
. — -
—
^ij/iia
—
_
—
HSim VI 3, i
SlflJJOiS *
—
—
—
~
' Epiktet nennt Gott den iTtÖJtTiji tiöv axiotap, den Anfseher und
Schätzer der sittlichen Beziehungen der Menschen znemander illl 11,6];
anch im Alten Testament ist es ein Ehrenname Gottes, im Neuen Testament
gebraucht es der Paendo-Apostel Petrna (II P, 1, 16) you seiner Zeugen-
sohaft bei der Verklärung Jesn.
' Bei Epiktet sowohl von äußerer Vornehmheit als auch von innerem
Adel, besonders von der sittlichen oder philosophi sehen Empfänglichkeit.
Ähnlich JTOch Acta 17, II.
' Das Adjektiv bei Lnkas, das Substantiv und Verbum im Hebräer-
brief, stets im lobenden Sinne von der 'Sehen vor Gott' oder 'Gottesfurcht'.
Im griechischen Alten Testament ist das Verbum häufig, das Adjektiv nnd
Substantiv dagegen selten, letzteres auch im tadelnden Sinne von der ge-
meinen 'Furcht'. Bei den Patres wieder in derselben Bedeutung, wie im
Neuen Testament, Die spezifisch ethische Bedeutung, welche das Wort in
der stoischen Philosophie erlangte als süioyoi exxiion d. h. lüs vernünftige
Vorsicht und Achtsamkeit gegenöber wirklichem, ethischem Schaden, and
welche es auch bei Epiktet auasohlieGIich hat, wird man im Neuen Testament
nicht erwarten.
* Nur Jak. 3, 17. Bei A kommt auch, wie bei Epiktet, eÜTieiätia vor,
sowie das Verbum einEiOiio, freilich sämtliches nur im IV. Makkabäerbuch.
• Bei Epiktet durchweg im guten Sinn d. h. von der Naoheiferiiag
menschlicher Vorbilder oder Gottes, nnr einmal, wo er von seinem früheren
kjnisch-propagandiatisclien Eifer als einem längst überwundenen erzahit
(II 12, 25), bekommt das Wort, aber nur retrospektiv, die Bedentnng des
Zeloten, gerade so wie der Eifer um das jUdisehe Gesetz von PI später
als ein verfehlter erkannt worden ist (Acta 22, 3), Auch bei P steht ea
nur vom löblichen Eifer, während es Did. 3, 2 eine üble Eigenschaft, nämlich
Wohl die 'Eifersucht' beEeichnet. Bei S kommt es nur als Attrihnt Gottes
vor in dem bekannten Sinn der heiligen Eifersuclit.
' Während Epiktet die ^^r,ais d. h. die ' philo eophiscbe Untersuchung'
Epiktet nnd das Nene Testament
207
I
II
[II
IV
V
IV
u.
V
VI
VII
s
A
P
5-et<i;
—
—
—
d'eOfi'iyfit -iai '
+
—
—
—
—
H Via II 3, 1
iiitmixiiv
xa^/jx£i -oVTn
—
—
—
_
—
Clem
*xavt6if
+
—
—
—
xmaXtt^ßävto 'er-
keanen'
■— '
"
"
xinuoxoTioe
unTixto '
xaiioofivi* VoBtig
werden'
*XEv6So^O&
—
—
+
—
+
+
—
—
Did 3, 5
xe^afttov
TttipikXatov *
~
z
—
—
—
x}.rif)ovopilo -ia, -os
_
—
—
—
—
—
—
_
und BeBinnnng, al8 ein notwendiges Erlordemis betrachtet, bekomint es
in den Pftstoralbriefen, im Hinblick aaf die Onoais, begreiflicherweise einen
Üblen Beigeaohmaek. Sonst im Nenen Testament wird es ganz objektiv
Yoa der 'Untersuobung'', Acta 15, 2 jedoch von streitsüchtiger und leiden-
schaftlicher ErGrtemng einer Präge gebrancht.
' Bei A nur das Verbum »eou-tiica (II Makk. 7, 19).
' Außer Acta 4, 13 (.wo die Jünger als ap3-$i-^0' dy^dfifiarot xai
tStwia^ bezeichnet werden) nur bei PI in dem allgemein griecbiachen
Sinn des 'Unerfahrenen' im üegenaatz zum Sachverständigen oder Ein-
geweihten. Die spezielle Bedeutung, in welcher Epiktet außerdem noch
daa Wort verwendet, nämlich ais Gegensatz zum Pliilosophen oder zum
sittlich Gebildeten, hat natürlich keine Stelle im Neuen Testament. Bei S
findet ea sicli nur in dem Einschiebsel Prov. 6, 8 (ßaoileis Ka.1 ISiärai),
bei A und F nur das Adjektiv ISu^itixoe.
' Bei Epiktet in der Bedeutung 'innehaben', 'einnehmen', 'bei sich
behalten', 'znrUckbalten' ; im Nenen Testament in denselben nnd noi^h
weiteren Bedentnngen,
* Nur Jak, 5, 3; anch bei Epiktet nur einmal. Das Wort findet sich
in der Profangräzit&t nicht vor Dioskoiides, dagegen in aktiver Torrn Sir. 12, 11.
* Nur Hebr. 8, 1 im epiktetisehen Sinn die 'Hauptsache', ebenso oder
ähnlich Mart, Polyc. 20, 1 und Herrn. Vis. V 5, 5; Acta 32, 38, wie durch-
weg hei S, in der ebenfalls gnt griechischen Bedeutung 'Summe', 'Kapital'.
« Zn dem früher (S. 40ff.) gegen Zahn über das Wort xJ.^k Bemerkten
208
Adolf BonhefCer
I
11
in
IV
V
IV
11.
V
VI
VII
s
—
A
P
xoiTior
+
+
*'x60fH0S '
x^dßßuxov (Melcher
â– 61)
+
—
—
+
—
-_
ii(itxf;^ti>v ^
—
—
—
—
—
),aT^EVlll
—
—
—
—
—
—
—
—
■—
—
XeiTovpyeco
+
—
—^
—
I
■—
—
fttfififtoigns
—
+
ftST^OV
—
—
—
—
—
—
—
—
—
/loXvi-a '
—
—
—
—
—
—
(täloitfi (Melclier 62)
+
—
—
—
füge ich noch hinzu, daß es weder bei Epiktet noch im Neuen Testament
das bedeutet, was wir heutzntage Beruf nennen. In I Kor. 7, 20, wo man
diese allgemeine Bedeutung finden will {ix-mui ir rTj -Arian <' ixXfj^i] iv
Tuvin fieviTio), handelt es sich genau wie in den übrigen Stellen des Neuen
Testaments um die göttliche Berufung zum Heil, welche, als überragendes
Gut, jede Änderung der äußeren Lebensumstände, unter welchen sie statt-
fand, überflüssig raftcht. Bei Epiktet aber ist die xl^ais entweder eine
außerordentliche göttliche Berufung zn einer auGerord entliehen Lebens-
aufgabe, au einem /la^-cve'or, oder aber jeder durch die Umstände {xitt^oe,
liväyy.ri Malet) sich anzeigende Aufruf zur Erfüllung einer bestimmten sitt-
lichen Pflicht fz. B, II 1, 31 ; Ench. 33, 2 ; II 6, 16 ; IV i. 6). Das Verbum
tralfia (das SubstantiT «f.r^ais kommt überhaupt nur einmal Tor) gebraucht
Epiktet in der Bedeutung 'rufen, einladen' natürlich auch sonst, wo es sich
nicht gerade um sittliche Aufgaben handelt, besonders von der Einladang
zur Mahlzeit. Im letzteren Sinn stellt kÄä"« in III Makk. 5, 14 und Judith
12, 10; im Sinn der Vorladung BUm Gericht Jer. 31, 6. Bei P hat es
natürlich wieder den nentestamentliclien, aoleriologischcn Sinn; so lesen
wir a. B. im Hermas (Mand. IV 3, 6) von der «i^ms j-eii"; ^ fntyiiii} nai asfiff,.
' Bei Epiktet und Apokal, 3, 18'Angensalbe'; bei A in der schon hei
Aristophftnes vorkommenden Bedeutung 'Brot' oder 'Kuchen'.
' Das Adjektiv kommt bei AS niclit vor; nur das substantivische r,'.
xAo/tia¥ 'geordnete Reihe' oder ' Perl enseli nur' (Eccl. 12, 9 x. ^xa^aßoiäy).
' Im biblischen Griechisch, Alten und Neuen Testaments, selten nnd
nur 'Gericht' oder 'Keohtssache' (I Kor. 6,4) ; von der erkenntniatheoretischen
Bedeutung, in weicher es Epiktet gehraucht, keine Spur.
* In der Apokalypse, wie bei s, von äußerlicher oder auch von ge-
schlechtlicher Verunreinigung. Der bildliehe Gebrauch des Wortes von
Epiktet und daa Neue Testament
S09
I
TT
ITT
TV
V
IV
n
VI VII
s
A
P
V
viKgöofiai '
—
—
—
"vÖTifia
—
—
+
—
*olxOPo/iia überti.
—
—
+
.
olöxhj^ns '
—
—
—
—
—
HManV3,3
*6/ii^a
+
—
—
—
Pol b, t
*ofioh>yov/iivtos
+
—
Diog ö, 4
+
—
—
—
—
+
+
—
—
Diog 4, 5
Dios 2, 7
Mar 22, 3
. ovfdrioe
*7id9'i>e
+
—
—
~"
navSaxstav (navSo-
+
1
^elav)
1
innerHcher oder seelischer Befleckung, der auch aem Epiktet gelänfig i,3t
(II 8 13- i"P *'"" fo^-i'/iav ovx nlad-dfji äKaffäproic Siavoijiiaoi; 9, 17;
Ench. 33, 6 - fr. 36 Scliw., Schenkl 469, 36 ist wohl unecht), findet sich
im Neuen Testament allerdings mir bei Paulus (ind. Paatoralbriefe), hat
aber einen. Vorgang in Sir. 21, 28. u ,- ,,
' Epiktet gebraucht die Begriffe i-iKfos, vs«ffoSa&ai nnd noch lieber
ä!topexooia»a,. und dTiovdK^oiais in übertragenem Sinn vuö der BrtGtung
des Schamgefühls oder überhaupt der sittlichen Empfindung. Die hildhche
Anwendung von v^x^ova^oi und vit^gioati hei PI ist ganz anderer Art: bei
ihm handelt es sich um eine wünschen ewerte Brtötuug des Leibes, einmal
durch äußeres Leiden, sodann durch Unterdrilcknng seiner sündigen Triebe ;
beides zusammen bildet das mystische Sterben mit Christns {vgl. Hermas
Sim. IS 16, 2 und 3). Außerdem ist es Eöm. 4, 19 und Hebr. 11, 12
phjaiologisch gebraucht TOm nicht mehr zengungsf&higen Alter. — Da das
Wort auch bei Plutarch Torkommt, so darf man annehmen, daß es auch
schon vor dem Neuen Testament im Gebrauch war.
" Bei Epiktet nur Ton der köirietlichen Integrität, bei S auch von
der kultischen, bei A sodann wie im Neuen Testament und z. B. nermas
Mand V 2, 3 von der sittlich religiösen Untadelhsftigkeit.
ä Im Neuen Testament wie auch bei AS nur im äußerlichen, nirgends
in dem psychologischen Sinn des 'Triebs zur Handlung', die bei Epiktet
stereotyp geworden ist. Dasselbe gilt von dem Hauptwort i^M, nur daß
dieses bei A vereinzelt auch die Bedeutung 'Anschlag' bat. Im Bnef an
Diognet 4 5 wird der astrologische Aberglaube der Heiden gegeißelt, die
^(,ÖE r«s «.':t<Jv oo/.«.- — nach ihren 'Launen oder wiUkürlicben Einfäüen
nnd Wünschen — die göttlichen Ordnungen der Natur deaten und benutzen,
Bali gionsgesBliichtli che Veisuebe a. Vorarbeiten X.
210
Adolf Bonhöffer
I
U
III
IV
V
IV
u.
V
VI
VII
s
Ä
p
TiaQÖSoais '
—
_
—
_
~
—
—
—
~
.TtijjaKii:rro)
nshiyo<s '
—
+
+
—
_
—
—
Did 3, 4
TteQiOTtAofioti *
+
—
—
E
' Einmal bei Epiktet und zwar von liem philosophischen 'Unterricht
der lehrbfttteii Üborüeferung der 9eia(>ij/inra (II 23, 40). Eben diese wird
Kol, 2, 8 in geringseliiltzigem Sinne eine ^n^äScais räp Ai'd'ei'i-^oiv genannt.
Sonst bezeichnet das Wort im Neuen Testament weniger den Akt der
Mitteilung von Lehren, oIb die sozusagen fertige 'Lehre' selbst, die 'Satzung".
* Bei Epiktet einer der wichtigsten termini technici , welcher die
«nterscheidende Fähigkeit des Wenachen bezeichnet, nicht bloß Vor-
atellnngen und Empfindungen zu haben wie das Tier, sondern dieselben
denkend zu erfassen und sich ihrer bewußt zu werden. Wir werden uns
nicht wunden!, wenn wir diese Bedeutung des Wortes imd die entsprechenden
Anadrüeke napaxoJ^v&ijoi-t oder Svv/t/iis nn^anoXovS'ijiiiii! im Neuen
Testament nicht finden. Immerhin ist es auch hier nicht bloB wörtlich
gebraucht (Markus 16, 17 'mitfolgen, zu Gebot stehen'; ähnlieh Papias 2, 3 u. 5
von der äaEerlichen Jüngerschaft oder der begleitenden Nachfolge) sondern
auch in übertragener Bedeutung, von der Annahme der S'Saoynlin, d. h. der
theoretischen und praktischen 'Nachfolge' (Pastoralbriefe) und bei Ltik. 1,3
in einem dem epiktetischen Gebrauch ziemlich nahe kommenden intellektuellen
Sinne 'selbständig erforschen', 'im Geiste verfolgen'. Im Alten Testament
nur zweimal im II Makkabäerbuch vom zeitlichen Nachfolgen und Tom
praktischen üefolgeu.
" IV Makk. 7, 1 ist sogar ton dem niX^yos ivjv ■n.aO'öiv die Rede.
Weitere Beispiele für diesen metaphorischen Gebrauch siehe bei E. SalKmaim,
Sprichwerter bei Libanios, Tüb. Diss. 1910, S. 89.
' Von Polybios an gebräuchlich in der Bedeutung 'abgezogen werden'
oder überhaupt 'beschäftigt sein' oder 'sich zu schaffen machen', äußerlich
oder iunerlich, doch stets im Sinn einer Ablenkung von, der Hauptsache,
einer sti5renden Zerstreunng oder eines unsicheren Schwankens. Epiktet
gebraucht das Wort einmal im buchstäblichen Sinn ('ziehen', 'schleppen'),
sonst aber immer in jener übertragenen Bedeutung, sowohl im Aktiv wie
im Passiv, von den weltlichen Gedanken und Sorgen, Geschäften und Auf-
i^ben, welche den Jünger der Philosophie, ablenken von seiner Hanpt-
Kpiktet und das Neue Testament
211
I
IT
in
IV
V
rv
u.
T
VI vu
s
A
P
*.TCp7Ti^ivofiar, Epikt.
'"rii^avohiyia^ Epikt.
:ip63'£ois 'Vorsatz'^
Tt^öxeipa' -ei/tevoe^
■*:cgoxo7tTi -önro)
^^^oüKOTitai 'Anatflß
nehmen' '
TzpooifCfio/iai iM'i 'mit
einem nmgehen"'
—
—
—
+
+
+
+
—
—
—
+
_
—
I dem 45, 7
II Ciem n, A
I dem 21, 5
rtutgabe oder wenigstens in einem inneren Zwiespalt festhalten. Tatsächlieli
in ähnlicliem Sinne, wenn auch vielleicht ohne tadelnde Nebenabsicht, steht
es Luk. 10, 40 von der hänalichen Geschäftigkeit der Martha. Im Alten
Testament begegnet una diis Wort, auch daa SnbstantiT nf^ia:iaafiö<, et-
lichemal im Ecdes. und Sir. 41, 2; vuu den Patres apostaliä hat es nur
Hei'mas, Vgl. übrigens aneh äjcigiaTräajBii unter den dem .Apostel PI
eigenen Wörtern !
' In der Bibel sowohl 'Mülie', als auch 'Beschwerde', 'Schmerz', jedoch
auüer IV. Mabkabäer nirgends in der philosophischen und speziell stoischen
Redentung als des Oegenaatzes nur >'}äov^.
'' Auch bei S kommt das Wort vor, doch nur in lokaler Bedeutung
Ton der Auflegung der Sehaubrote. In der Bedeutung 'Vorsatz' häufig
bei Polj'hios (Melcher 64).
" Ein wichtiger Begriff bei Epiktet: er versteht darunter die un-
mittelbar vorliegende Pflicht und Aufgabe, die, ob auch äuflerlicli nach den
UmBtändea sehr verschieden, doch in Wahrheit stets dieselbe ist, nämlich
iu jeitem Stoß des Handelns seine sittliche Treiheit und Würde zu bewahren.
Bemerkenswert ist der Ausdruck agoxsl/uvoi dyiäv im Hebräerbrief vgl-
mit Epikt. III 35, 3 o äyöiv Tteöxcaai, was jedoch keine spezifisch stoische
Wendung ist. Autk sonst gebraucht der Verfasser des HebrSerbriefa da»
Wort zur Bezeichnung dessen, was erwartet wird, was Ziel der HoffiiuUK
und Bemühung ist (ebenso I Ciem. 63, 1 ö Ti^oxii/isvos OKOTiis, i^atim
ad Ephes. 17, 1 tö jigor.tiptvov ^Tp). Im Alten Testament steht es meistens im
buchstäblichen, lokalen Sinne, während es U Kor. 8, 12 einfach 'vorhanden
seilt', Jud. 7 'dastehen' bedeutet. ' Bei S aur im wortlichen Sinne.
" Bei S nur im Aktiv 'darbringen'.
14*
212
Adolf BoDhtifier
II
III
IV
VI
VII
^vaapös
I dem 36, 2
Phüad 3, 3
Eom 6, 3
Eph
*!i(ini&t/iizi 'sich yor-
nelimen' '
^aSiovffyrj/ca -fa,Epikt. +
•6s und -ioi
^apioei hisch.Epikt.
-OS
*oizirofiai wanken*
''aan^ös übertr. -(-
♦dkojio'b 'Ziel' ' +
♦onoToo/int ühetEr. -j-
oTivQii 'Korb'
atäaie 'Znstand', 'Be- -|-
stand' '
üiryitaTaTcii'p/iat 'bei- H~
stimmen', 'ein-
willigen' '
ovfiTiaO'eot * -^
' Nut III Makk. 3, 37. In deu Psalmen etlichemal in einer ähnlichen
Berteutnng "sieh etwas vorsetzen' «der 'varhalten' zur Beherzigiing oder
Nacheifern ng.
' Bei S meist in der persönlichen Bedeutung 'Späher', 'KnndsohaCter'
' Im Alten Testament meist in der Bedentung Standort' oder 'Bohe'.
Im Neuen Testament geivöhnlii;h 'Zwist,' 'Aufruhr', ebenso bei P.
* Lnk. 33, 51 von der praktischen Zustimmung', ebenso SusannaSO;
sonst noch im Exodus zweimal 'sieh einlassen mit jemand'. Von der
spezifisch fitüiaehen, logischen Bedeutung des Wortes, in welcher m bei
Epiktet eine so zentrale Stellnng einnimmt, findet sich in der Bibel keine
Spnr. Nahe kommt ihr indessen die Stelle Ignatiufl ad Phüad. 3,3; li ns
iv aV.oipiff yrai/iT) ntiiittatit, oWns tip tä^ei (dem Leiden Christi) ov avy-
KaTaT'&erat, d h. er versagt (in Wirklichkeit) dem zentralen christologiachen
Dogma seine Zustimmung.
" Einmal \in Epiktet und zwar in intellektuellem Sinne (böy/jccri
av/i7ta&')ani I 3, 1), im wesentlichen gleich bedeutend mit aTiyKtiTmi^ta^ai,
nur daß neben dem intellektuellen Akt aiKh zugleich das GefühlsmSßige
hervortritt ( von Herzen ^«stimmen'). Im Hebtäerbrief und Ign. Eom. 6, 3
bedeutet es Mitleid haben', wie auch das Adjektiv av/i:ra,'i'ijj in I Petri 3, 8.
Im stoischen Sinn, von dem innigen Zusammenhang aUerWesen und Dinge
im All, werden die Begriffe ov^Tinüeif , ov/t:indr]i und ovfi^d&sia im
IV. Makkabäetbufihe gebrancht.
° Lukas gehraucht das Wort mehrmals, im äußerlichen Sinne 'fort-
piktet nnd das Neue Testament
213
l
II
in
IV
V
IV
a.
V
VI VII
s
A
P
owciSiiOis "■, Epiit. tö
—
—
—
—
—
_
—
—
—
-
awetSös
'■'•jwlaTTjfu 'empfehlen
iTvvoSla* 'Reisegesell-
schaft'
+
+
—
—
_
Epb 9, 2
uvycSos
oi^ot" 'schleppen'
—
—
ethjscli
Tu^fivös ethisch
*Ti?.os 'Ziel'
—
+
+
+
—
—
—
I Ctem
■Evyioö"* übertr.
"iyi^s, vyialfon/ übertr.
+
—
+
+
—
—
—^
HSiraIX19.3
schleppen', 'mit Gewalt greifen'; ebenso in den Makkabäerbüchern. Die
Anwendnng aufs aeeüäche Gebiet, im Siune eines begeiaterndeu (»der yer-
tührerischen Fortgerissenwerdena, koreint erat m der späteren Gräaität vor
(W. Schiiiid, Attlzismns IV 716). Doeh findet sich ein Beispiel daTon auch
in der Bibel {Prov, 6, 25 fitiSi awagnnoO-ifi dnö imv ai-c^i [ii;« Yvrv,iKos\
ßlc^ä^oM'). Epiktet gebraucht das Verbnin uur in diesem ianerlichen Sinne
TOii der Terführeii sehen Macht der yoiTocini.
' Dal! ovusiSiaie ursprünglich nicht das Gewissen oder das sittliche
Bewußtsein bedeutet, sondern einfach das Bewußtsein, sieht man deutlich
aus der einzigen Stelle, wo ea als Übersetzung von y^a bei S rorkummt
("Endes. 10.20: iv avvtiS'f<'f' aov — d. h. in Gedanken — ßaaiUa ur, xina^äaji).
' Bei S (Nehemia) in der Bedeutnng 'Sippe', 'Geschlecht'.
^ Ein spatgrjechisclies Wort, das denn unrh bei A8 fehlt. Komposita
•lind dagegen auch bei den Attikern gebräuchlich (Melcher IB).
* Epiktet hat nur das Partizip icivipXiii/ii,/oi (I 28, 9) aiid zwnr in
unsicherer Lesart; gewöhnlich gebraucht er d;i3 Kompositum d^oTvjf.iia.
Im Alten Testament finden sich beide Verba einigemal zur Bezeichnung
der geistigen Verblendung, ä'^iiyrvfXovv auch Hermas Mand, V 2, 7,
> Bei Epiktet bedeutet es fast nur 'eine Rolle spielen' ohne den tadelnden
Nebensinii des Sieh v erst ellens oder Henehelns; ebenso das Hauptwort v^o-
xpit/;t\ lu der Bibel dagegen, außer an einigen Stellen der altteatament-
lichen Apokryphen, Wird i^iox^ivo/iai und noch viel häufiger r^iox-inKi und
iji6«pi<ji^ nur im schlimmen Sinn gebraucht Hier wäre das epikteiische
Hild vom äya&ö? oder xaläs vnoxgtTqi als einem ethischen Ideal unrerständ-
lich (Euch, 17; Diss. IV 1, 165; 7, 13).
214
Adulf BoDhSftei'
IV
I
n
III
IV
V
u.
V
VI
VII
s
A
P
i'-JIoxp/ujä
—
—
—
j-noitUfifiafoi 'meinen'
+
—
—
—
yavzu^ofiiu '
+
—
tptivraoia
+
—
— â–
ya^Aos
—
—
^
—
—
__
I Clera
*q^i/^aa^ia
+
—
—
Diog 8, 2
fMoofos
*ff^i!.öaTOffyos
+
—
— '
Diog 1, 1
^lioOTO^yitt
*f$öviOit
+
■—
—
—
tfvatKos
—
—
yi-ffJS
—
—
—
—
—
»9-faiöoi -öo/iai^ Epikt.
+
—
—
Diog 12, 5 fit
qiV^HO/ltU
■iixlcTcös 'heKchwerfich'
+
—
—
—
—
^apa| 'Zaun', 'Wall'
+
—
—
H
VLtJnJtTljp ^
+
—
—
—
if!vxtyt6^^
—
—
—
—
' Nur Hebr. 12, 31 ro qiavra^öfievov yoii einer objektiven ainnlicben
Ersoheinnng. Epiktet gebraticht das Wort sehr häufig und zwar subjektiT
sich etwas vorstellen', 'eine Voratelliing haben' (fcevraoiav laußäveiv). Im
ubjekiiven Sinn 'erscheiaen', 'sich zeigen' in Sap. Sal. 6, 16, im aubjektivett
von ängstlichen oder krankiiaften VorsteUungeu Sir. ä4, 5. Ähnliche Be-
deutung fTrannivoratellung', ' Wahn ge bilde') hat •pa-vraiiia im Alten Testa-
ment; im Neuen Testament (nur Acta 2ö, 23) bedeutet es 'Pomp', 'Gepränge',
wie auch Poljbios schon das Wort gebraucht hat. Von dem psychologischen
oder logischen Sinn, in welchem es bekanntlich zu Epiktets Hauptbegriffett
gehört, ist also in der Eihel nichts ?,u entdecken,
* Epiktet gebraucht das Wort in mannigfacher Weise, vom 'Gepräge'
der Münzen, vom 'Stil' der Rede, von des verachiedeuea Arten der pbilo-
Huphisehen Wirksamkeit (a^poTpe.TUKts , ii.tYieitx6s, StSaanaXiHÖe ^[«phkd'jj
111 23, S3), aber auch von den inneren, ethischen Kennzeichen des Meuachen,
aowohl sofern sie nur natürliche Anlagen sind, als auch im hSchsten Sinne
als einheitliches Gepräge der Persönlichkeit, der ungebildeten wie der ge-
bildeten (Euch. 48, 1 iSioirav aiäoi-e yai ;[ff(>ii«T^() ,— filoaöqiov at. unl %..
Diss. rv 5, 16 ff,). Im letzteren Sinn erhebt sich sein Gebrauch des Wortes
^vl der Üedentnng des 'sittlichen Charakters' überhaupt (Buch. 83, 1 ; Disi^.
III 22, .50 und m). Im Neuen Testament (Hebr. 1, 3) wird Christus dicai-
yaofta t!;; Sö^rjs Kci ^ngaxT'jo CAbdruck', 'Abbild") T^f i^oaiäacio; aviov
genannt; im Alten Testament kommt es zweimal vor, Lev. 13, 28 'Brand-
mal', II Makk. 4, 10 im geistigen Sinn i^EV-tjuixüs x''$'"'"je).
' Dieses Wort zeigt uns za guter Letzt noch einmal anschaulich den
Epiktet nnd das Neue Testament 215
Aus cliesem Wörterverzeichnis ersieht man, daß immerhin
eine beachtenswerte Verwandtschaft des Sprachgnts zwischen
Epiktet und dem Neuen Testament besteht; namentlich eine
ganze Reihe von selteneren griechischen Wörtern sind beiden
geraein. Der Anteil freilich, den die verschiedenen Schriften
des Neuen Testaments an dieser Verwandtschaft haben, ist
sehr verschieden. Achten wir zuerst auf diejenigen epiktetisehen
Wörter, welche je nur in einer, der sieben Schriftengruppen
sich finden, so stellt sich das Ergebnis folgendermaßen. Von
den 203 Wörtern Epiktets hat die erste Gruppe als Sondergut 3,
die zweite ebenfalls 3, die dritte 2J, die vierte 29, die fünfte 15,
die sechste 13, die siebente 9; im ganzen sind es also 104
Wörter, etwas mehr als die Hälfte, welche im Neuen Testament
selbst gewissermaßen eine Ausnahmestellung einnehmen, d. h.
nur in einem verhältnismäßig kleinen Teil desselben gebraucht
werdtin, wobei freilich der Umstand, daß der Inhalt mancher
Schrift keine Gelegenheit zur Anwendung des betreffenden
Wortes gab, billigerweise berücksichtigt werden muß.
Will man nun aber statistische Schlüsse ans obigen Zahlen
ziehen, so muß man zuvor den sehr verschiedenen Umfang
der einzelnen Gruppen auf ein einheitliches Maß zurückfuhren.
Um das Verhältnis des Umfangs möglichst genau zu be-
stimmen, habe ich eine Ausgabe des Neuen Testaments zu-
grunde gelegt, in welcher der" auf die einzelnen Seiten oft
ziemlich ungleich verteilte kritische Apparat fehlt, die Anzahl
der teilen auf jeder Seite also ganz gleich ist, nämlich die-
jenige von Phil. Buttmann 1862. Die erste Gruppe (Matth.
und JTarkus) hat hier rund 100 Seiten Umfang, die zweite 128,
die dritte 90, die vierte 84, die fünfte 24, die sechste und
siebente 18. Kechnet man nun die oben erwähnte Anzahl der
Gegensatz der gi'iechiscli-yhiloaophiachen rnid der bib lisch -theülogischen An-
scliftuungs weise. Epjlitet, rter es Übrigens selten gebrancbt, bezeichnet damit
das dem rein Leiblichen oder Fleiäc blichen entgegengesetzte liühere, see-
lisiihe und geistige Wesen des Menschen (IT 18, 5: III 7, 7); im Nenen
Testament dagegen ist es das rein Natürliche, Vergängliche cder Sündhafte
im Gegensatz zum Fneuma, dem Prinzip des höheren, geistlichen und ewigen
Lebens. Im Alten Testament findet sieh das Wort nar in den Slakkabäer-
biieheru, wie zn erwarten, in einem der griechischen Anschauung sieh
BälierDden Sinne.
216 Adolf Bonhöfler
mit Epiktet gemeinsamen Souderworte auf dieses Verhältnis
um, so ergeben sich für die 7 Grnppen die Zahlen 3; 3, 3;
16, 5; 34, 5; 62, B; 72; 50. Soviel erkennt man sofort, daß
zwischen Gruppe I und II einerseits und allen übrigen
andererseits ein ungeheures TdiSverhältnis bestellt, d. h. daß
die beiden ersten Evangelien und die Johanneischen Schriften
auch der Sprache nach spezifisch jüdischen Charakter tragen
und von hellenistischem Einfluß äußerst wenig aufweisen. Es
ist dies aber keineswegs eine neue oder überraschende Be-
obachtung, höchstens ist der Umstand, daß die zweite Gruppe
sich von der ersten in sprachlicher Hinsicht ganz wenig unter-
scheidet, bisher weniger bemerkt oder hervorgehoben worden.
Ziemlich gro"^ß scheint aber auch der Abstand der Gruppe III
Ton den anderen, namentlich von der fünften an, zu sein.
Hierbei ist aber zu bedenken, daß gerade die Lukasschriften
(zu welchen ich also, wenigstens hypothetisch, auch die Apostel-
geschichte rechne) ganz überwiegend viel, besonders was die
letztere betrifft, Erzählungsstotf enthalten, bei welchem selbst-
verständlich der Anlaß zum Gebrauch von Ausdrücken der
Popularphilosophie weit weniger gegeben war. Dasselbe trilft
in geringerem Maß auch bei den beiden ersten Gruppen zu.
Berücksichtigt man dies, so wird man der Wahrheit wohl
ziemlich nahe kommen, wenn man bei Gruppe I nur die Hälfte
des Umfangs, bei U, wo die Keden überwiegen, nur %, bei
III aber nur ^/^ desselben in Anschlag bringt, so daß die Ver-
liältniszahleu sich ändern würden in 6, 5 und 41. Der Ab-
stand von I und 11 gegenüber III würde 'sich dadurch aller-
dings noch erhöhen ; dagegen würden die lukanischen Schriften
auf die Höhe der pauUuisohen gehoben, was auch dem tat-
sächlichen Verhältnis durchaus entspricht. Wer sich die
Mühe eingehenderer Vergleicliung nimmt, wird auch finden,
daß gerade zwischen der lakauisehen \mi paulinischen Diktion
eine besonders nahe Verwandtschaft obwaltet, was übrigens
auch schon längst erkannt worden ist. Wenn nun aber immer
noch zwischen Gruppe III und IV einerseits und den folgenden,
naiiientlich V und VI, eine erhebliche Distanz bestellt, so ist
dabüi zu berücksichtigen, daß auch die echten Paulusbriefe
manche und umfangreiche Partien enthalten, wo der Apostel
Epikret und das Nene Teatoroent 217
ganz Jude ist, wie in den laiigatisgesponnenen rabbinisehen
Deduktionen, oder wo er in der Erörterung persönlicher Er-
lebnisse und konkreter Geschehnisse sich ergeht, wo also
naturgemäß die hellenistische Färbung zurücktritt. Ganz
wird aber dadurch die Differenz nicht erklärt, wir dürfen
vielmehr aus obiger Statistik den Schluß ziehen, daß die
Pastoralbriefe einschließlich dea Epheserbriefs, ebenso die so- ,
genannten katholischen Briefe und der Hebräerbrief, bei welchem
übrigens die rabbinisch allegorische Exegese ähnlich wie bei
PI in Abzug zu bringen ist, der griechischen Denk- und Aus-
drucksweise entschieden noch näher stehen, wie sie denn aucli
durchschnittlich mehrere Jahrzehnte später abgefaßt sind und
den Übergang vom eigentlichen Urchristentum zu der dem
griechischen Bildungselemeut immer mehr sich erschließenden
patristischen Literatur darstellen.
Was bisher von dem Sondergut der verschiedenen Gnippen
ausgeführt wurde, bestätigt sich, wenn wir nun die Gesamtzahl
der jeder einzelnen Gruppe mit Epiktet gemeinsamen Wörter
betrachten. Die absoluten Zahlen sind 38, 36, 90, 109, 70,
55, 4ß, die relativftn 38, 40, 72, 130, 291, 307, 255, umgerechnet,
unter Berücksichtigung des verschiedenen Inhalts: 76, 60,
180, 130. 291, 307," 255. Es kehrt liier also im ganzen das-
selbe Yerliältnis wieder, daß nämlich Gruppe HI und IV (wenn
■wir Fl wieder auf das Niveau des Lukas erhöhen) zwei- bis
dreimal soviel Wörter enthält als I, .Gruppe V bis Vit wiederum
erheblich mehr als diese. Daß bei den Sonderworten der Ab-
stand zwischen den beiden ersten Gruppen und den folgenden
ein erheblich größerer ist, kann nicht befremden, da von den
Wörtern, welche überhaupt häufig im Griechischen vorkommen,
eine gute Anzahl selbstverständlich auch in jenen Evangelien
nicht entbehrt werden konnte. Die auffallend hohen Zahlen
in Gruppe V— VII (z. B. 307 gegen 130 des PI!) geben insofern
kein ganz richtiges Bild, weil man hier nicht einfach die
Proportion des Umfangs anwenden darf: wenn z. B. Gruppe V
an Umfang viermal kleiner wäre als Gruppe IV, darf man
nicht den Schluß ziehen, daß bei gleichem Umfang auch viermal
mehr Wörter der bezeichneten Art erwartet werden müßten;
vielmehr würden in erster Linie die Wörtei-, welche in Gruppe V
218 Adolf Bonhüfter
vorkommen, bei größerem Umfang häufiger vorkommen, wie
überhaupt eine ganz genane Statistik, die für uns jedoch kein
Interesse hat, auch die Häufigkeit jedes einzelnen Wortes in
Betracht ziehen müJJte. Interessant, aber für unsere Zwecke
ebenfalls entbehrlich wäre auch die isolierte Untersuchung
der einzelnen Briefe, die wir hier der Kürze halber in Gruppen
zusammengefaßt haben. Soviel jedoch, meine ich, lehrt auch
die zweite Statistik, welche sieh auf die, mehreren Gruppen
neutestamentlicher Schriften mit Epiktet gemeinsamen Wörter
bezieht, daß hinsichtlich der sprachlichen Berührung mit der
gebildeteren, literarischen oder der Literatursprache näher
stehenden Gräzität im Neuen Testament drei Etappen zu be-
merken sind, welche von Matthäus, Markus und Johannes über
PI und Lukas zu den nachpanlinischen Biiefen führen.
Zweiter Abschnitt
Wörter, welche bei Epiktet besonders hervortreten,
aber im Neuen Testament felilen
Über die Grundsätze, welche mich bei der Auswahl der
Wörter und ihrer Erklärung geleitet haben, werde ich am
Schluß der Liste mich ausspreciien. Zum voraus bemerke ich
nur, daß ich nicht bloß die verschiedenen sprachlichen Formen
desselben Begriffs, sondern auch andere Zusammensetzungen
desselben Stammes und zuweilen alueh bloß synonyme Eegriffö
vereinigt, in den letzteren Fällen jedoch von den betreffeuden
Wörtej'n an der durcii die alphabetisciie Folge geforderten
Stelle auf das Wort, welches den alphabetischen Ausgangs-
punkt bildete, rückverwiesen habe. Hieraus erklärt sich zu-
gleich, daß im Lauf des Alphabets die eben erwähnte Ver-
einigung verwandter Wörter immer seltener, die Verweisungen '
dagegen immer häufiger werden.
äßlaß^g
Bei Ep.i sowohl aktivisch als passivisch: der Weise ist ä.,
d. h. er kann von nichts, was außer ihm liegt, Schaden er-
' So soll iu diesen Zusanimenatellnngen Epiktet nbgeliiLr2t wenlen.
218 Ädülf Bonbüffer
vorkommen, bei größerem UmfaBg häufiger vorkommen, wie
überhaupt eine ganz genaue Statistik, die für nns jedoch kein
Interesse hat, auch die Häufigkeit jedes eiiizelnen Wortes iu
Betracht ziehen müßte. Interessant, aber fiir unsere Zwecke
ebenfalls entbehrlich wäre aucb die isolierte Untersuchung
der einzelnen Briefe, die wir hier der Kürze halber in Gruppen
zusammengefaßt haben. Soviel jedoch, meine ich, lehrt auch
die zweite Statistik, welche sieb auf die, mehreren Gruppen
neu testamentlicher Schriften mit Epiktet gemeinsamen Wörter
bezieht, daß hinsichtlich der sprachlichen Berührung mit der
gebildeteren, literarischen oder der Literatursprache näher
stehenden Gräzität im Neuen Testament drei Etappen zu be-
merken sind, welche voa Matthäus, Markus und Johannes über
PI und Lukas zu den nachpaiiHnischen Briefen führen.
Zweiter Abschnitt
Wörter, welche bei Epiktet besonders Lervortreten,
aber im Neuen Testament fehlen
Über die Grundsätze, welche mich bei der Auswalil der
Wörter und Ihrer Erklärung geleitet haben, werde ich am
Schluß der Liste mich aussprechen. Zum voraus bemerke icli
nur, daß ich nicht bloß die verschiedenen sprachlichen Formen
desselben Begriffs, sondern auch andere Zusammenset/iiingen
desselben Stammes und zuweilen auch bloß synonyme Begriffe
vereinigt, in den letzteren Fällen jedoch von den betreffenden
Wörtei'n an der durcli die alphabetische Folge geforderte»
Stelle auf das Wort, welches den alphabetischen Aasgangs-
punkt bildete, rückverwiesen habe. Hieraus erklärt sich zu-
gleich, daß im Lauf des Alphabets die eben erwähnte Ver-
einigung verwandter Wörter immer seltener, die Verweisungen
dagegen immer häufiger werden.
Bei Ep-' sowohl aktivisch als passivisch; der Weise ist <{.,
d. h. er kann von nichts, was außer ihm liegt, Schaden er-
' So soll ia dieseu Z asammena teil qq gen Epiktet abgekürzt wenlen.
Kpiktet nnd ins Nene Testament 219
leideü; und die äußeren Dinge, also auch die Mensehen sind
ihm gegenüber i., weil sie ihm keinen Schaden zufügen können.
In diesem absoluten Sinne, als Kennzeichen der Selbstherrlichkeit
des AVeisen, paßt das Wort natürlich nicht in das Neue Testa-
ment. Der ähnlich klingende Aussprucli in I Petri 3, 13 {y-al
zig 6 xaxüiaiov vfiSg etc.) ist wesentlich anders zu verstehen:
wenn der Christ dem Guten nachtrachtet, so wird in der Regel
niemand ihm Übles zufügen, wo doch, kann er trotzdem selig
sein. Der Christ erleidet ßi-äßr^, er fühlt z. B. den
Banb seiner Guter als Verlust, vermag aber den Verlust
innerlich zu überwinden im Blick auf das ewige Gut, das
ihm winkt. — Jm Alten Testament nur in Sap. Sal., bei P nicht.
ä'/u7tdw 'zufrieden sein'
(äaTcd^oftat)
Auch bei den Stoikern ist äydTcri oder tf/ßyrjjtKs ein
wichtiger Begriff, aber in einem anderen Sinne als im Christen-
tum: sie ist neben äaftaoftög eine Spezies der ^oii^ijutg d. h.
des Ternünftigen Begehrens, Ihr Objekt ist nicht eine mensch-
liche Person, sondern kurz gesagt der Weltlauf: ihn soll der
Mensch allezeit lieben und begrüßen, d. h. sich mit Freudigkeit
iu ihn ergeben. So bekommt äyanäy die Bedeutung 'zufrieden
sein' mit etwas, freilich nicht in dem gewöhnlichen Sinn eines
mehr oder weniger resignierten Sichabfindens, sondern eines
freudigen Einverständnisses mit dem, was die Natur oder die
Vorsehung sendet und zuteilt (IV 4, 45; IV 12, 19; IV 7, 5).
Das Wort äa.rdi^m&ai ist besonders bei Mark Aurel und zwar
ausschließlich in jenem ethischen Sinn beliebt (z. B. IV 33
am Schluß: Die richtige Gemütsverfassung ist Sid&tais ^(JTca-
'Cofisi'tj i(&v th ai;i.ißalvov üg ämy-Aalov etc.). Im Neuen Testa-
ment kannte Hebr. 11, 13 für diesen Gebrauch in Anspruch
genommen werden; jedoch kommt man auch hier mit der ge-
wöhnlichen Bedeutung 'grüßen', allerdings mit dem Nehensinn
des Sehnsüchtigen, aus.
äyEv(v)'jg, ^^^^{v)^«
(yevvcttog)
Echt griechische Wörter und Begriffe, deren Fehlen im
Neuen Testament — wenigstens mit dem tieferen ethischen
220 Atlolf Bonhöffer
Sinn — nicht befremdet, '^yevi'is und eiyEv^,g hat zwar PI
(I Kor. 1, 26-28), aber nur von der äußeren Vornehmheit und
auch dies oifenbar nur mit ironischem Seitenblick auf die
Griechen, bei weichen diese Unterschiede eine solche Rolle
spielten. Nur einmal findet sich ev)'£vi]g im ethischen Sinn
'gutgeartet' und zwar, bezeichnenderweise in der Apostel-
geschichte und in einem Zusammenhang, wo es sieh um grie-
chischen Boden handelt und sogar ausdrücklich die 'EU-tpfidtg
erwähnt werden (17, 11)- Im Alten Testament kommen alle
diese Wörter nur in den hellenistischen Apokryphen, besonders
den Makkabäerbüchern vor, mit Ausnahme von eiyevijti, das
im Eingang des Buches Hiob steht. Bei P tritt, wenigstens
in I Clem. und Mart. Pol. das Wort yevvalog und yerraiörrje
bereits hervor.
i y V iii fibt V y &yv(iiiiQviui
(eöyviü^ioiv, tiyViOfioavvfj)
Wörter der klassischen, genauer der attischen Gräxität.
Die intellektuelle Bedeutung ^ die äyvdi/jDv hier neben der
ethischen hat, tritt bei Ep. zurück: bei ihm bedeutet es 'un-
dankbar', 'unbillig', 'rücksichtslos', wie auch bei M. Äurel und
Teles (26, 1 H). Im Alten Testament kommt i&yvattioavi'ij
einmal vor (Esth. 8, 13 beziehungsweise 16, 6); bei P fehlen
die Wörter ganz.
äyv/ivaarog
Ebenfalls ein attisches \\'ort, weder im Alten Testament
noch bei P. Ep. gebraucht es von der ethischen Gymnastik
der Vorstellungen und Urteile, die bei ihm eine so wichtige
EoUe spielt. Es findet sich auch bei dem Stoiker Hierokles
8, 4 Arn. Einen deutlichen Anklang au diesen stoischen
Begriff enthält die Stelle Hebr. 5, 14 tüiv öia rj)v ^iv tä
alaO-rjrilQia ysyv/tvaa^uiva f xoVrwj' nqhg öidxgimv r.aXoü ze x«i
xaxoö.. Der Verfasser hat ohne Zweifel, wahrscheinlich aus
Philon, etwas von der stoischen Erkenntnistheorie gewußt.
&Y 10 VI dm
Die Bedeutung 'in Angst', 'in Verwirrung sein' in der
' Nach W. Stlimid, AttUismus IV 721 ist bei evyfeoftoavpj! die in-
tellektuelle Bedeutung erat nnchklassisch.
Epilctet und das Nene Testament 221
HauptsaeLe erat Dachklassisch (W. Sehmid, Ätt. 1 155; II 71;
rv 721), ebenso das Hauptwort äytovia. Als ein Hauptkenn-
zeichen der Unbildung gehört das äyiüviäv zum Grundstock
der epiktetischen Terminologie; Ayaivla in derselben Bedeutung
II 13, 10. Im Alten Testament tritt beides erst in den Apo-
kryphen auf; Lukas braucht &yu>via einmal zur Bezeichnung
des Seelenkampfes Jesu in Gethsemane; bei P fehlt beides.
{Sta^SqöiJi, dläQ&QKiOig, dtße^^wrwo'e)
Gehört zu den erat \'on Aristoteles ab gebrauchten, bei
den Attizisten beliebten Wörtern. Bei Epiktet hat das Verbum
diaQ&Q6(^ mit seinen Derivaten eine ganz bestimmte logische
oder erkenntnistheoretische Eedentung: die (pvaixal hmiat
oder fCQolr^4>m müssen, um richtig angewandt werden zu
können, durch logisches Denken zergliedert und dadurch zu
klaren Begriffen erhoben werden. Ein anschauliches Beispiel
dieser dtdQ&^ioffis d. h. logischen Analyse eines Begriffes,
haben wir II 12, 7 ff. Die Bedeutung 'zergliedern', 'unter-
scheiden', 'analysieren' erweitert sich dann zu der des 'Er-
kennens' überhaupt : der köyos zergliedert d. h. erkennt alles,
auch sich selbst (H 17, Iff., ähnlich M. Äurel XI 1, 1 t& löi<x
tilg ^o^w^S ^v'/ffi- ^civti]» ÖQ^, ^avrijV 6toQ»Q0l).
äSidcpoQoe
&äia(poQew, äöiaipoQia
Bekanntlich ein Hauptbegriff der stoischen Ethik. Über
die ädiatpoQia d. h. die Wertlosigkeit der Dinge an sich selbst,
beziehungsweise das entsprechende gleichgültige Verhalten des
Weisen gegen sie", handelt ein ganzes Kapital bei Ep. (116).
Seine Grundregel lautet; die Dinge selbst sind gleichgültig,
nicht aber ihr Gebrauch (mais), vielmehr zeigt sich gerade
hierin die praktische Weisheit und Gewissenhaftigkeit. Das
Wort &8i<iq>oeog findet sich schon bei Teles (49, 7 H); Poly-
bios gebraucht die Wendung Miatp^eag h^iv i>niq uvoq. Im
Buch Sirach kommt &öimpoQog etlichemal vor, die Bedeutung
ist aber nicht ganz sicher.
' M. Aurel XI 16 nQÖs tb dSuitfOQa «Jitryopel»' ; VII 81.
222 Adolf BouhoSer
ädvvafila
Nach W. Sehmid ein allgemein attisches Wort, bei Ep.
besonders toü der moralischen Schwäche oder Kraftlosigkeit
gebranchtV Einer seiner am meisten dem Christentum nahe-
kommenden Aussprüche knüpft sich an diesen Ausdruck
(U H, 1 &Qxi; <pdoao(filag üwalü&rjaig rfjg avw^ 6a9-ivetag xa'i
dävvaftiog TTe^i za dvayxaia). 'ädvvafila und äövvaftetv findet
sich auch im Alten Testament, noch häufiger äövvmeiv, letzteres
auch im Neuen Testament, aber, wie dort, nicht von Personen
wie im profanen Griechisch (auch bei Teles und M. Aurel)
sondern sachlich 'unmöglich sein'.
ätrj^llos 'straflos'
Gut attisches Wort, bei Ep. synonym mit äßXaß^g.
ä^frifTog 'unüberwindlich'
Gleichfalls. Auch dieser Begriff wird bei Ep. in die
höchste moralische Region erhoben: während des Ehetors
höchstes Ziel ist ^. irepi l6yovs zu sein (Aristides XXV'I 517),
erstrebt er die absolute Unüberwiudlichkeit des Weisen (III 6, 5
6 OfCOfdalos ä^rt^rog; I 18, 21 lig o liij'rrijiog ,- ov ovv. s^loTtjtjiv
oidh Tßtv icjT^oaiQinov. M. Aurel I 16, 10 &. ifn-xij)-
Bei Ep. sowohl in der älteren Bedeutung (wie bei Xenophon;
'ungepflegt', 'verwahi-lost' (III 22, 33 a. fjyefiovixöv; so auch
äSs^aTtevaia IV 11, 18) als auch in der, wie es scheint, bei
den Attizisten vorherrschenden Bedeutung 'unheilbar'.
aldtj/iKiv^ 'schamhaft', 'gesittet'
Im Alten Testament nur zweimal in den Makkabäerbüehern.
Bei Ep. wie auch bei M. Aurel einer der wichtigsten Begriffe
' DaÜ aSufu/iia iiiid äävvazeot einander entspcecheu, sieht man aus "
der Vergleicliuug: von Ep. JI 13, 4 uud M. Aurel X i. Beiläufig bemerke
ich, daß letzterer die Epiktetstelle vor Augen zu haben seheint und sie
gewissermaßen korrigiert. — Zu dSwarico vgl. H. A. A. Keunedy Sourcet
of Nae Testament Greek, Edinburgh 1895, S. 131, der aber irrtümlich
Pölybioa als Zeugen für die biblische Bedcntung aufruft.
' Nach W. Sehmid, Attizismus IV 646 kommt das Wort unter den
AttiziBteu nur bei Aelian vor; es findet sich jedoeh auch bei dem „Halb-
attizlBten" Pliitarch.
Epiktet und das Kene Testament 2S3
der praktischen Ethik, eine der Haupttugenden, auf die er
gegenüber der kynischen und allgemein menschlielien ävai-
oxvvTia besonderen Wert legt, wobei Übrigens zu beachten ist,
daß diese Begriffe bei Ihm eine erheblicli weitere Bedeutung
haben als in unserem Worte „schamhaft" oder „schamlos"
liegt, und z- B. auch das Gebiet der Religion, der Ehrfurcht
vor Gott betreffen. Mit dem Neutrum rb alöfj/iov bezeichnet
er,- wie schon früher erwähnt (S. 156), das sittliche Gefühl
oder den sittlichen Takt überhaupt.
d K « T « J. JJ iC T g
Spezialbegriffe der stoischen Erkenntnistheorie, die natür-
lich keinen Platz im Neuen Testament haben ; auch im Alten
Testament kommen sie nicht vor, ebensowenig bei F. Dagegen
war das Stammverbum xata'/.cii.tßäfitv in der von der Stoa
geprägten Bedeutung 'erkennen', 'begreifen' zu jener Zeit
längst in den allgemeinen Sprachschatz aufgenommen und ist
deshalb, wie wir früher sahen, auch in die urehristlichen
Schriften eingedrungen. Einmal bei P findet sich auch das
Wort äy.aTdiXr,mos (I Clem. 33, 3 spricht von der &. o6vtaiq
Gottes).
{xRTiiUij/05)
Ein wie es scheint von Aristoteles in die Schriftsprache
eingeführtes, späterhin besonders von den Grammatikern ge-
brauchtes Wort. Auch in der Stoa spielt es eine Rolle. Bei
Ep. bezeichnet es das, was 'logisch korrelaf, 'entsprechend',
'angemessen' ist- So spricht er vo]i der wräKhilog tfpaQftoyii
züiv n:soXriipmi' {II 10, 8 ff.), von den TunäXXrii-a *?/», welche
nötig sind, um eine ethische Eigenschaft zu erwerben, respek-
tive zu erhalten (119,10); ähnlich M. Aurel. KaraXXijXiog
tfi (pvmi ist nur ein vollerer Ausdruck tiir y.mä (pvaiv. wie
6jioXoyo\!ftenos if, <pvaei.
&y.aT(xnX}jy.tog 'nicht aus der Fassung zu bringen', 'un-
erschrocken'
Ein Wort der späteren Gräzität, von Dionysios von Ilali-
karnass an. Bei Bp. Synonymon von &7ta-9^s und itii^axog.
224 Adolf BonhSfEer
AKoivu)vr}Tog 'nngesellig'
Schon von Piaton gebraucht. 1. 'unteilhaftig,' 2. 'angesellig'.
Bei Ep, nur in der letzteren Bedentung 'was die xoiviDvia
verletzt' (I 19, 14 ; IV 6, 25 neben Biptloii und äyyä)fio>v). So
nennt er die Uyitaia des .Epikur &x.oiydtvriva (II 20, 16). Die
erste Bedeutung findet sich in dem unsicheren Fragment
Schw. 8 = Gnomolog. Epict. Stobaei 31 (ScLenkl 470). Noch
häufiger ist das Wort, im epiktetischen Sinne, bei M. Aurel,
wie er denn die soziale Kichtung der stoischen Ethik mit
besonderem Nachdruck vertritt. — In einer anderen Bedeutung,
welche von der ersten ausgeht und schon bei Aristoteles auf-
tritt, steht das Wort Sap. Sal. 14, 21, wo die Heiden getadelt
werden, weil sie rh A-itoivMVjjioy . Svo/ia (uämlich Gottes) den
Steineu und Hölzern beilegen, also 'was .sich logisch nicht mit
etwas vertragt'.
&x6).ov-3'os 'folgerichtig', 'übereinstimmend'
Bei Ep. sowohl von dem, was zeitlich, als auch von dem,
was hegrifOicb auf etwas folgt. Im ersteren Fall ist der
Gegensatz tö ya-9'rjyovfiBvov, im letzteren td naxöfisvov. In der
Bedeutung 'Übereinstimmend mit' ist namentlich auch das
Adverbum häufig gebraucht, im Alten Testament besonders
im Buch Esra. Auch bei P kommt das Wort in ähnlicher
Bedeutung wie bei Ep. vor. Spezifisch stoisch ist die "Ver-
bindung mit ^vaig (Ep. 16, 15; M. Aurel II 9).
&x.il)i.vTos 'ungehindert'
Ein selteneres Wort, für die stoische Freiheitslehre un-
entbehrlich, bei Ep. äußerst häufig: höchstes Ziel des Menschen
ist, in seinem Wollen, überhaupt in seiner geistigen Betätigung
ungehindert zu sein, was er erreicht, wenn er sich auf i« iy'
fjftlv beschränkt. Das Neue Testament konnte an der Sache,
also auch am Wort kein Interesse haben, ebensowenig die
Patres apostolki. Im Alten Testament findet es sich nnr einmal
und" bezeichnenderweise in der Sap, Sal., in der durch und
durch stoischen Stelle, 7, 22 iF.: eaiiv yag ev aiz^ [t^ <f'>qil^]
nvsC/ta voe^öv etc. Das Adverb äxiuXikug, das schon Piaton
anwendet, steht auch in der Apostelgeschichte als letztes
Epiktet nnd dtw Neue Testament 226
Wort, freilich nicht in der innerlichen Bedentnng, wie bei Ep^
sondern von dem äußerlichen Unbehindertsein.
dloylatmg 'anüberlegt'
(siXöytazog, EiXoyiaT^ia)
äi-öyttnos schon bei Piaton gebräuchlich, eilöyiaros und
tiXoyiai/a (auch äXoyiatla) erst von Aristoteles ah; beides,
namentlich der Begriff eiloyiazia, hei den Stoikern zn Be-
dentang gekommen und teilweise sogar in die Definition des
Tiiog aufgenommen. Im Alten Testament findet sich Al6yiatog,
äloylartag, äKoyiaxla und elXoyiaria nur in der Sap. Sal. und
den Makkabäerbiichern. Das Fehlen dieser Worte im Neuen
Testament und bei P, obwohl das Verbum loyl^ea&at hftufig
ist, entspricht der verhältnismäßig geringen Wertung des
menschlichen Verstandes. Die Verba &Xoytmiin und eiloytaiicD
kamen erst später auf.
&fiBliT7jTos 'ungeübt"
äfieXerrjola {/(e^xij)
fiBletdüt und fisiJri] sind altgrieehiache Wörter, die deshalb
auch in S nicht selten gebraucht werden; im Neuen Testament
nur das Verbum nnd dies selten, bei P beides, aber fast nur
im Barnabasbrief. Auch äfislht^ios und &/ie}Lenjaia findet sich
schon bei Piaton. Betreffs der Bedeutung, welche die ftsX^,
die theoretisch-praktische Einübung der ethischen Grundsätze,
zwischen ^dÄjotg und SoKijaig stehend, bei Ep. hat, verweise
ich auf B * Reg. 'Jfiei.^r/ios hat bei ihm aktiven Sinn 'einer,
der (sich) nicht geübt hat' — speziell auf dem Gebiet der
Ethik. Auffallend ist, daß alle diese Wörter bei M. Aurel
fehlen. Vielleicht hängt es mit dem besonders innerlichen
nnd intimen Charakter seiner Aufzeichnungen zusammen: er
schreibt elg taviöv, hat also nicht das pädagogisch-propagan-
distische Interesse des Ep,, der seinen Schülern gegenüber
besonders auf fiEXenj dringen maß '.
' Dem Urteil J. Geffckena „M. Anrel sie iaviöv hat Diatribencharakter"
(Kjnika 14, Aiim. 1) muQ ich widersprechen. Manche läng^ere AasfUhrungen
mögen aus Aufzeichnungen gebildet sein, die er vielleicht Htoischen Dia-
triben eatuommen bat. Im ganzen aber entepticbt das Büchlein nach Form
nnd Inhalt ganz dem Titel, deu es trägt, and ist ebensoweit entfernt vom
Diatrihenatil wie vom Stil der epiktetisehen Homiüe.
B«ligiOB8Ke8chiolitlichfl Verauohe n. Vorarbaiten K. 15
226 AdoH Bonhößer
&fttli]g 'sorglos', 'nachlässig*
&(iEUa kommt im Neuea Testament etlichemal vor, äfiilri^
nicht, dagegen im Alten Testament und bei P. Auch i^ti-
ftekrji and imptiXsta ist im Neuen Testament nur vereinzelt.
Dem Ep. sind diese Begriffe sehr wichtig, denn eines der
sittlichen Pi-ohleme ist das, die inmilsia. die gewissenhafte
Sorgfalt in dem Gebrauch der Dinge und die äöiatpo^la d. h,
die innere Freiheit ihnen gegenüber zu vereinigen (II 5tit.
se&g avvvfttiQX^'' ftyai-Ofpqoüiivri --töJ ifci/i^leia. II 6, 2 ^wij jcot'
oöv, Stav äjfti ziq vfilv &Sia<po^f.lv nal taSta, ä^sltls yivtod-e,
/ijj^' Si«v £iq lftifiii.8iüv Tig vfiSg naqanalfi, jaTteivol x«t räj
Siag TedovjucKc'reg).
ilfiitd7tt(i}T0Q ftETCaiifCTb)
(/iCTrfjiTMToe, /ittÜTtTtoaig, äite^lirTtuTog, TtegiftTwiixog; Stva-
fxdtevxTOS, d:7toievxi:iii6g)
Diese Wörter gehören wieder zur stoischen Terminologie
im engsten Sinn ^ und fehlen deshalb naturgemäß im Neuen
Testament (wie auch bei AS und P). Die dneroTiTwala, die
absolute Sicherheit im ethischen Urteil und Verhalten, ist die
Frucht des dritten epiktetisehen Topos, der logischen Durch-
bildung, welche es unmöglich macht, daß der Mensch seinen
Grundsätzen durch irgend welche verführerische Dialektik und
Scheinweisheit wieder abspenstig gemacht wird {ftecajtiitisC).
Der Begriff arceei^ionog dagegen gehört zam ersten Topos,
welcher das richtige d. h. nie sein Ziel verfehlende {ävaTtSiEvuzog)
Begehren und das richtige d. h. nie dem Gefürchteten ver-
fallende ((We^/fTKirtog) Meiden lehrt. Die meisten dieser tcrmini,
zum Teil auch andere Derivate desselben Stammes, finden sich
auch bei M. Aurel. Die Stammverba niiajtiTntiv, Tce^tTtlnntv,
&7f:ozvy%&v€iv als allgemein gebräuchliche fehlen natürlich auch
in der biblischen und urchristlichen Literatur nicht, besonders
ice^ifil/iTetv, das selbst im Neuen Testament vorkommt; die
beiden anderen sind aber auch bei AS und bei P selten.
' Als einen bei den stoiecben Orämmatilicrn üblichen Aasdruuk er>
wähut Sohmid, Attäzismus IV 728 dag Wort aSiiirntoro^. Auch dieses Wort
bezeichnet die unfehlbare Sicberbeit, deckt sieb aber doch nicbt ganz mit
ä/tcTä-nTWTot.
Bpiktet und daa Nene Testament Sl^
&fi-rjx<'vog, &fit]xctvla
Ep. gebraucht Afi^x"""? stets als 'unmöglich', nnd zwar
von der Unmöglichkeit, die in der Natnr der Dinge, in der
Weltordnung, wie sie nun einmal ist, ihren Grund hat, also-
gerne im Sinne der Theodizee (besonders IV 11, 9 ff.), i^fiij-
xavia dagegen ist 'Ratlosigkeit', 'Hilflosigkeit'. Das Adjektiv
in derselben Bedeutung wie bei Ep. findet sich einmal in A,
im II. Makkabäerbueh. M. Aurel Iiat äfirixavoDy 'ratlos sein",
äfifptaßij%4w
Das Fehlen dieses für die echt griechische Freude am
freien Streit der Meinungen und am Wahiheitsachen be-
zeichnenden Wortes in der Bibel ist vielleicht nicht ganz zu-
iSllig. Übiigeiis hat gerade die Stoa innerhalb der griecliischen
Welt einen gewissen Dogmatismus auE:gebildet, welcher der
einen sicheren autoritativen Grund heischenden Religiosität
verwandt ist. Auch Ep. liebt das &^(pigßr,Ttlv nicht, sondern
will Gewißheit haben und glaubt, daß dieselbe bei riclitigeia
Gebrauch der Vernunft wenigstens in dem, was man zum
glückseligen Leben wissen muß, zu haben ist
dvayxfffofiai im absoluten Sinn
&yavdpia<noQ {ifiTtoöl^ofiat, Avsfijiödtatog, äjta^anudiaros)
Nicht und durch nichts geinvungen oder gehindert werden
zu können, ist bekanntlich das Ideal des stoischen Weisen;
die Wörter Avaväyxaarog und ävefitidSiarog gehören daher, wie
AxiLXvnog, ebenso natürlich zur stoischen Freiheitsiehre, wie
sie im Neuen Testament keinen Platz haben. In den alt-
testamentlichen Apokryphen und bei P kommt ivennöäiaiog
und k^no5lt,ea^^ai vor, aber nicht im Sinne Ep.'a *.
&vaia^il%og
ävato&rjaia
Ein AVort der klassischen Prosa, von Ep. besonders gerne
angewendet zur Bezeichnung der Menschen, denen jedes Organ
für das Göttliche und Wahre abgeht, alles Gpfülil für ihre
' DSigegen ä^apa^aStciae mit dam gleicUalla Dtoiecben Wort n\:Tä3eia
verbBoilen III Makli. G, 28.
228 Adolf Bonhitfier
höhere Bestimmimg abhanden gekommen ist; daher gerne mit
&vaiaxvyios {&vausxvyi:l^) verbunden. Ebenso bei M. ÄureL
Im Alten Testament fehlt es, dagegen bei P tritt es auf, ganz
besonders in der Epistola ad Diognetum, die Überhaupt einen
höher gebildeten Geist atmet. Auch das Verbum &v(tiü3'r(tt.iv
findet sich hier.
&vavevto
(&7i:ovevci>, iiEtveiJoi)
Wörter der stoischeu Logik, deren Bedeutung am besten
erhellt aus dem Satze Ep. III 3, 2 fii(pvxe nSaa tf/v^ij r^
&i.fj&ei irctveveiy, jtQoi; ro tpevdos ävaveveiy, Ttgog zb &drjlov
ini^nv. Im Alten Testament kommt Avavtvuv und Itttv^uv,
im Neuen das letztere einmal vor in den Acta, doch nirgends
natarlleh in dem erkenntnistheoretischen Sinne.
(iyajcrfievKiot: 'das Ziel nicht verfehlend' s. (J/ieiäTciwTOs
ävatpaiQezos 'unentreißbar"
Ein Wort der späteren Gräzität, auch von Dionys- Hai.
und Plut. gebraucht, ebenfalls von prinzipieller Bedeutung
für die epiktetische Lebensanschauung: der Mensch soll sein
Streben auf das richten, was wirklich nnentreißbar ist, also
auf nichts Äußeres, auch nicht auf Menschen, Weib und Kind,
sondern auf die itQoalQeaig o'ia deZ (III 24, 84 ff. u. ö.).
ävaipogä 'Zweckbeziehung'
Auch dieses Wort hängt mit dem innersten Kern der
epiktetischen Ethik zusammen : alle Handlungen des Menschen
sollen erstens auf einen Zweck bezogen sein (Gegensatz tUfj),
zweitens auf den wahren Lebenszweck ' (Gegensatz dua(paX'
(t4vii>s). In letzterer Hinsicht gibt es eine xoiv^ &va(poqd {&g)
Sy&QW7C0s) und eine idia (jigög rö iTttrtjöevfta ixätnov, III 23, 3 if.).
Ausgezeichnet ist der Grundsatz, den Ep. IV^ 4, 41 ausspricht:
„Ich kann niemand iloißig nennen, wenn ich nur das höre,
daß er liest oder schreibt, meinetwegen ganze Nächte liin-
* Noch deatlicher sAgt dies M. Aurel II 16; jHof xoi rä piK^oTara
£pikt«t and das Nene Testament 229
durch, wenn ich die &va(poed! iiiclit kenne". Im selben Sinn
gebraucht er auch das Verbum äray/igio. Letzteres ist ancli
in der Bibel und bei P gebräuchlich, doch in ganz anderem
Sinne, meist 'hinaufbringen' d. h. 'darbringen', 'opfern'.
&vdp<i!coSov,
Das von Ep. gebrauchte Wort &vdQd7todov, welches, wie
auch das Adjektiv ävd(ia7to6(h5rig, in echt grieeliischera Geist
die niedere Gesinnung brandmarkt, fehlt begreiflicherweise
in den heiligen Schriften. III Makk. 7, ö steht es im buch-
8t?.blichen Sinne, wie auch &vdqanoSiai:rig in I Tim. 1, 10.
Auch die Tugend der ivögela suchen wir im Neuen
Testament umsonst, d. h. wenigstens unter diesem griechischen
Namen. Im Alten Testament sind die Worte nicht selten,
jedoch, soweit es sich nicht um die hellenistischen Apokryphen
handelt, Übersetzung von hebräischen Wörtern, die sich mit
dem Begriff der ävÖQeia nicht decken. Dagegen ist das Auf-
treten des Wortes bei I Clem. und Hermas, wo es z. B. anf
Judith und Esther, dann auf Christus selbst angewendet wird,
bezeichnend für das allmähliche Eindringen griechischer Vor-
stellungen in die christliche Literatur,
dvttxacöti^g
(dxatog, AvE^aTtcerrjOia, livt^afcdrtjtos, äitgömonog)
Ein offenbar von Chrysippos aufgebrachter stoischer ter-
miiius techmcus, der bei Diog. Laert. VII 46 folgendermaßen
definiert wird: laxv^bg Xöyog Trpög ib ehhg löms /lij evötöövai
aHrqi. Daß P]p. diesen Ausdruck gebraucht, ist neben vielem
Anderen ein Beweis für seinen engen Anschluß an die stoische
Sehulsprache. Von den übrigen an obiger Stelle aufgeführten
verwandten Begriffen änQojiTiaala, äveXeyila, äfiaTotofrjg er-
scheint der erste in Gestalt des Adjektivs äTt^ömumoii auch
bei Ep. Im übrigen verwendet er neben &veiKetiÖT'ris das Wort
(h'«|o7E(Mijoia, das, soviel ich sehe, sonst nicht belegt ist,
während &ve^an6iriiog bei Aristot., Poljb., Sext. Emp, vor-
230 itloH Botthöffer
kommt Auch das Adjektiv sUalog findet sieh nicht in der
Bihel und bei P, dagegen äxaiötrjg in Epist. ad Diogn. 4, 6
in der allgemeinen Bedeutung von niditigeö, verkelirten Vor-
stellungen.
ävefiTtoStaios s. &vayK<i!^öfiat
ävt^afcÖTriTog (-aia) s. iyuxaiÖTijg
ävoftoi.nyoviiBvos,
&vOfio}.oyia
Schon bei Piaton, 'nicht übereinstimmend", 'uneins'. In
der Stoa bekam der Begriff der 6^wi.oyia zentrale Bedeutung,
insofern das höchste sittliche Ziel in der Übereinstimmung
der Handlungen unter sich (beziehungsweise mit der Natur)
erblickt wurde. Über das Gegenteil, die ävoftoloyla, handelt
eine eigene Diatribe (II 21); das Wort bedeutet hier die
'Uneinigkeit' der Menschen oder vielmehr die Unsicherheit
des einzelnen in seinem Urteil über Gut und Bös. Das Ad-
jektiv bedeutet das 'logisch Unvereinbare' {II 23, 14), an einer
anderen Stelle das 'Widerspruchsvolle* in den Entschlüssen,
also liier ganz im Sinne der stoischen Definition des Telos^
In beiden Fällen erscheint als Synonymon das Adjektiv läfftiju-
ifb)vo<:, das, wie wir sahen (S. 202), auch im Neuen Testament
(Act. 28, 25) vorkommt.
ävieiadyio, 'dafür einfuhren', 'ersetzen*, 'dagegen ins
Feld führen".
Ein Ausdruck der epiktetischen Gedankendisziplin: die
schlimmen tpavtaalat soll man nicht gewähren lassen, sondern
paralysieren durch edle und gute (II 18, 25; III 24, 110;
III 16, 13). Schon PJaton gebraucht das Wort, das übrigens
selten ist.
ävTiTcoieofiai 'sich um etwas bemülien', 'sich zu be-
mächtigen suchen'
Ein gut attisches Wort, auch von Ep. gerne angewendet,
' II 14 22: 'EntßoXai ärn/ioXayoifcefai, ön/tai äav/iy/Bifoi in jjilcfci.
Man sieht hier auch, beiläufig gesagt, daß die Diiferenz in der Telbs-
definition, ofioloyovfih-m S^* und o^. in w^°" i''>'< •'eine wesentliche Be-
deutung bat.
Epiktet und ias Neue Testament 231
besonders in dem Sinn, daß man sieh um die iU.&t^ia nicht
kümmern soll (I 24, 11). Das Wort findet sieh auch I Makk.
15, 3, mit ßaffdslas yerbunden, ähnlich wie bei Ep. III 22, 8
mit Aqxv?-
ä^lMfia 'Würde'
Ep. gebraucht das Wort zweimal in dem bezeichneten,
auch der attischen Prosa geläufigen Sinne '. Im Alten Testa-
ment in derselben Bedeutung 11 Makk. 4, 31, sonst 'Forderung',
'Verlangen'. Die technische Bedeutung, welche es in der
stoischen Logik hat, nämlieh 'Aussagesatz' (also nicht 'Axiom' in
unserem Sinne!) findet sich, gewiß zufälligerweise, bei Ep. nicht.
änayö^ev fia 'Verbot'
Eine stoische Wortbildung, Gegensatz Tt^Atnay^a {III 24, 98).
Der vd^ioq wird bekanntlich von Chrysippos definiert als Uyoq
ngoaraxtixbg /iiv Sjv rcoiy]Tiov, &7tay(iQtvtiv.og Öi iiv oi noirjTdov
(v. Arnim, Stoic. vet. fr. III 77 ; B = Eeg.). — Auch das all-
gemein griechische Verbum &nayoQ£viii in seinen zwei Haupt-
bedeutungen 'verbieten' und 'versagen', 'ermatten' {Ep. II 2, 13)
findet sich in der Bibel nicht außer IV Makk., ebensowenig bei P.
ScTtdO-sia, 'Freiheit von Leidenschaften'
{Ä?ra*^e, Tt^oun&fs^ta 'sein Herz an etwas hängen')
Diese spezifisch stoischen, für die Schule eigentlich am
meisten charakteristischen Wörter fehlen ganz in der Bibel.
Bei P findet sich zweimal iitadr^q, von Christus ausgesagt,
aber in anderem Sinne: er ist nach seiner menschlichen Natur
naörixög {'leidensfähig'), nach seiner göttlichen ä/ta5'ijs (Ign.
ad Eph. 7, 2; ad Polyc. 3, 2).
Wieder ein stoischer Terminus (B^ Reg.), bezeichnet die
Dinge, die, an sich gleichgültig und nicht xaxd, doch Gegen-
stand des vernünftigen Meidens [eijloyos ^uenloyTi) sind*.
Allgemein griechisch ist das Verbum &na^i6u} 'für unwert
' Ebenso M. Aurel I 17, 6.
' Die Lexika von Passow nnä Pape interpretieren daa Wort gitiu
Terkehrt als das 'sittlioli Schlechte'.
232 i^öU BonhöHer
aehteii' (Ep. HI 22, 12; vgl. Schmid, Attiz. IV 391). Beide»
fehlt in der Bibel und P.
iTttt^astöäiaiog s. ävayxä^ofiat
(Plnt. iiccegenTtäSLOTos)
&7i[€xX^yofiai 'verwerfen'
(exiUxtixrJg)
Stoischer Terminus, Gegensatz zu ejdeyofiat. Korrelat der
MoyiJ und ärrexloy^ sind die ngoriyiAiva und datonqoriyftiva
(IV 7, 40: Das ^/t^ovindv ist %o Jtävra t&kla SoM^idtav, IxXb-
yöfievov, &TCe>iXey6tisvov).
ns^larouts. 'Umstand', ein nachklassisches Wort, besonders
hftuflg von Polybios gebraucht und in der Stoa zu einer
stereotypen Bedeutung gelangt. Wie bei Polybios, bedeutet
es auch bei Ep. teils die Umstände überhaupt (z. B. I 22, 1:
das iyaS^öv muß man ix ndatjg Ttegioidaetug erstreben und ver-
folgen), teils, und zwar ganz überwiegend, die 'widrigen, ge-
fahrvollen Umstände', die eben, besonders geeignet sind, den
Charakter zu erproben'. Das Wort findet sich im Alten
Testament einmal, II Makk. 4, 16, mit /«Ae/tij verbunden.
Das Adjektiv äne^latavog wendet Ep. an auf den Kyniker,
der weder Weib noch Kind noch Vaterland etc. hat, damit
also auch aller Schwierigkeiten, Sorgen und Gefahren ent-
hoben ist, welche aus jenen Beziehungen erwachsen {IV 1, 159).
Es fehlt in der Bibel und bei P. — M. Aurel hat auch das
Adj. verb. TtEgimaTixög.
ärtoXl^ioaig 'Abstumpfung', 'Ertötung' ..
(inovixsoiaig)
Ich verbinde beide Wörter, weil sie bei Ep. (I 5) im
gleichen Zusammenhang promiscue gebraucht werden. Er
1 Ob bei Teles (52 H) die Überaclirift wepi ^ifpioraoEWT' ureprünglioli
jBt, mag boEweifelt weiden. Jedenfalls zeigt der Inhalt des Kapitels und
die (einmalige) Anwendung des Wortes, daß er es noch nicht in dem be-
jtimmteren Sinn kennt, den ea in der Stoa angenommen hat
Epiktet nnd das Neue Testament 233
spricht da von einer doppelten Verhärtung, einer intellektuellen
nnd moralischen (toC vorjtixov, %oo hT^tTttiMü), Der bildliche
Gebrauch dieser Worte ist, soviel ich sehe, außer bei Ep^ auch
in der profanen Gräzität nicht nachzuweisen ; dagegen spricht
M. Aurel von einem vemjoSüihn- der Siynara (VII 2). Ep. ge-
braucht auch vexqocad^ai und rezerfg öfters in abertragener
Bedeutung von seelischen Zuständen, spricht von toten
Worten und Lehren, ja von toten Erziehern und Philosophen
(III 16, 7; m 23, 28; I 9, 14). Der BegrifiF mpoCff^w bei PI
hat mit dem epiktetischen nichts zu tun (s. 8. 209); dagegen
hat der letztere mit den biblischen Begriffen der Verstockung
nnd (mXriqoyiaqSla viel Verwandtes.
&st6Xvtog 'fUrsichseiend', 'absolut'
Ein philosophischer Terminus, wie es scheint. In der
späteren Akademie zu Hause; wenigstens ist er dem Sext. Emp.
geläufig zur Bezeichnung der Begriffe, die für sich selbst, ohne
Beziehung auf Anderes, einen Sinn geben, also das Gegenteil
der Eelativbegriffe. Ep. gebraucht aber das Wort nicht in
diesem logischen oder grammatikalischen, sondern sozusagen
in spekulativem Sinn, indem er unterscheidet, was der Mensch
an sich ist und verlangt, von dem, was er im Zusammenhang
des Alls bedeutet und beanspruchen kann (II 5, 24ff.)^.
iiTtoviKQiaati s. &7eoU9iums
&7tove^<a s. &v<xvev(ii
änoitäaxo) (jtdaxw) 'eine (negative oder positive) Vor-
stellung haben'
Tttfffxw im logischen Sinn 'einen Eindruck', 'eine Vor-
stellung haben', ist durch den Sprachgebrauch Piatons vor-
bereitet> aber erst in der Stoa eigentlich in Aufiiahme ge-
kommen. Es ist hier ganz zu einem verhum sentiendi geworden,
das mit Hti konstruiert werden kann. Die Hauptstelle fllr
diesen Gebrauch ist Ep. I 18, Iff. &qx^ tov avyxaTaO-ia^ai tb
TtaSelv Srt v-n:6Qx^i etc. 'AjtonAoxtiv ist in der bekannten
stoischen Art als Negation gebildet.
' In etwttS anderem, mehr ethiscli geweiideteu Sinn gebraucht das
Wort M. Aurel (X 24; XII 3, 1).
234 Adolf BonhBSer
äTiöajtaafta 'Stück'
Das Wort, schon von Platon gebraucht, bekommt in der
Stoa eine höhere Bedeutung durch die Lehre, daß der Öensch,
genauer seine Seele oder sein voc-g oder Uyog, ein Stück Gottes
sei (I 14, 6; II 8. 11; M. Aurel V 7; letzterer gebraucht
hierfür auch änöffQOia). Im Alten Testament kommt das Wort
zweimal vor, aber als zweifelhafte Übersetzung zweifelhafter
Stellen.
&noTi'i^afitt 'Wirkung', 'Erfolg"
Ein späteres stoisches Wort, vor Polyhios wohl nichc
gebraucht, dagegen dem Aetios und Kornutos geläufig, als
Gegensatz zum Vorsatz {jt^omQuaig) oder zum a'irwv oder zur
&Qxri Überhaupt. Ep. ist nicht zufrieden mit dem theoretischen
Studium der Philosophie, er will ein &., eine praktische Wirkung
sehen (I 4, 13). In einem noch höheren Sinn gebraucht
M. Aurel das Wort, wenn er sagt : wir arbeiten alle (ob wissend
und wollend oder nicht) auf ein (kosmisches) Endziel hin
(VI 42). Das Verbum iitorglsiv kommt einmal in S, zweimal
im Neueu Testament und etlichemal bei Hermas vor, in dem
gewöhnlichen Sinn 'vollenden'. Ep. gebraucht es mit doppeltem
Aceusativ wie reddere, ebenso II Makk, 15, 39.
&-n:oTsv/.Tiv.ög 'A»s, Ziel verfehlend', 'mißlingend' s. i^te-
Im Alten Testament einmal, mit Aceusativ konstruiert
(Hiob 31, 16), bei Hermas zweimal, und im Martyr. Pol. einmal
richtig mit Gen.
&7cotv<p).6üi bildlich
tvfpkös und rv<pi.ova&ai von der geistigen Blindheit ist
dem Neuen Testament nicht fremd s. Seite 213.
dfcölpaatg
Das Wort hat zwei Bedeutungen. 1. 'Verneinung' (schon
bei Platon). 2. 'Ausspruch', 'Erklärung' (von Polyb. an). In
beiden Bedeutungen ist es Kunstausdruck der stoischen Logik
Epiktet und daa Nene Testament 235
geworden. Ep. gebraucht es nur im positiven Sinn 'Be-
hauptungssatz'; daß ihm auch die negative nicht unbekannt
ist, zeigt seine Erwähnung des ä7to(p<iaxu}v, eines nicht weiter
bekannten, mit Verneinungen operierenden stoischen Fang-
schlusses {in 9, 21). Um den Doppelsinn des Wortes zu ver-
meiden, wenden die Stoiker übrigens lieber die Ädketiva ver-
baiia an, die sich durch einen Buchstaben unterscheiden
{äjroipanxös und &!to<pavtix6s s. Stoic. vet. fr. coli. v. Arnim
n 63 ff.). Auch das Verbum äTtoipaivetv ist dem Ep. sehr ge-
läufig und zwar nicht bloß als 'aussprechen', 'erklären' sondern
auch in der Bedeutung- -'«inen zu etwas machen' (I' 12, 32;
m 24, 32; vgl. W. Schmid, Atti«., IV 394). Im erateren Sinn
finden 'wir das Verbum auch im Alten Testament etlichemal
und in Epist. ad Diog. 8, 3.
diTcox^ 'Enthaltung'
SpätgriechLsches Wort, bei Ep. und M. Aurel je einmal.
Welche Bedeutung die Enthaltsamkeit für Ep. hat, zeigt das ge-
■flügelte Wort Av^xoo xai &7tiy,ov (Fragm. 10 Scheukl ^179 Schw.).
Das Wort TTQoalQBmg, als Bezeichnung des spezifisch
menschlichen Vermögens der freien Selbstbestimmung, mit
seinen Derivaten bildet sozusagen den Grundstock der epik-
tetischen Psychologie. Im Neuen Testament und bei P fehlen
diö Wörter ganz, im Alten Testament kommt nQoal^Eatg in
der Bedeutung 'Anschlag', 'Vorhaben' mehrmals vor.
&7tq6ift(aroi 'unentwegt' s. äriiMxiÖTijg
&Qqdiotri(ia im ethischen Sinn 'Sucht'
. Stoische Bezeichnung eines habituell gewordenen ndd-og,
noch schlimmer als das vöaritia ("Hang"). Siehe B * Keg. Im
Alten Testament ist das Wort im physischen Sinn bei Sirach
gebraucht, wälirend sonst ^Q^mmla die Krankheit bezeichnet.
- äaxr^aig im ethisch -pädagogischen Sinn s. äftelhT^zog
Das Wort findet sich im Alten Testament nur IV Makk.
und bei P nur Mart. Pol. 18, 2.
236 Adolf Bonbaffer
Einmal bei Ep. 'Inneriicli nicht beistimmend* (II 8, 21),
entsprechend der Bedeutung, in welcher er av/iTta-^tiv ge-
braucht (s. dies Seite 212). Zu dem dort Gesagten trage ich
nach, daß Ep. zwischen avfifca^eiv und avfindaxfiv genau zu
unterscheiden scheint, insofern das erstere psychologische, das
letztere ontologische Bedeutung hat, d. h. den physischen oder
nnbewußt inatinktiven Zusammenhang der Wesen und Dinge
bezeichnet.
Mit diesem Wort hat es eine eigene Bewandtnis bei Ep.
Die Bedeutung 'mühelos' oder, mehr subjektiv gewendet, 'nn-
beknmmert', 'leichtsinnig', in welcher es im klassischen Sprach-
gebrauch (Thuc, Aristoph.) erscheint, tritt hei ihm nicht
deutlich hervor: das Wort enthält einen stärkeren sittlichen
Tadel und bezeichnet einen Menschen, der keine Mühe auf
sich nehmen, nichts ertragen mag, ist aJso am ehesten mit
'weichlich' wiederzugeben, wie es denn gern mit ösd6g oder
diiödgeffTOs ('mißvergnügt', 'unzufrieden^ verbunden ist. Anderer-
seits hat es auch wieder eine mitleidige Färbung und be-
zeichnet, wie das positive -rcAc/nrwpoe, den 'Elenden' Ober-
haupt, wenn auch mit verächtlichem Beigeschmack als den,
der sein Elend verdient. So möchte man fast annehmen, das
a sei nicht privativ, sondern verstärkend zu verstehen, falls
nicht an den betreffenden Stellen die Lesart taXaimoQos richtiger
ist. Dieses letztere mit Derivaten kommt bekanntlich im
Alten und Neuen Testament und bei P vor.
äTäQaxog
Bei Ep. sehr geläufiges Synonymen von (Joto^tjc; und &^d-
3-tia. Die klassische Form des Adjektivs ist ätd^axcog. Der
Begriff spielt übrigens nicht bloß io der Stoa, sondern auch
bei Epikur eine Rolle, ja eigentlich bei allen nacharistotelischen
Schulen, denen allen die Philosophie ein Mittel zur Sicherung
des persönlichen Glückes ist. äjäQoxog kommt auch in den
alttestamentlichen Apokryphen und I Clem. 48, 4 vor.
Bpiktet und du Nene Teat&ment 237
&TOVOS, StTOvla
(evtovla, TÖvoe, ^rzovogunä tävea^ai, im physikal., physiolog.,
und psychoIog. Sinn 'gespannt auf etwas gerichtet sein')
T6vos ist ein spezifisch stoischer Begriff, der zunächst
physikalische, weiterhin aber auch psychologische und mora-
lische Bedeutung hat, hei Ep. vorwiegend die letztere. So
spriclit er von döyfiata Stova, kraftlosen Grundsätzen, die nur
äußerlich angelernt sind, von einem TtSvog der Seele, d. h. der
'Spannkraft', mit der sie sich auf irgend ein Ziel wirft. Dieser
tövog ist an sich notwendig uud lobenswert, aber nur, wenn
er auf vernünftiger Überzeugung beruht: so wird er zur e(J-
Tovla, während ein ungesunder Tiivog eigentlich &iovia, 'Schwäche'
ist (II 15, 2 ff.). Im Alten Testament findet sich Atoveiv und
%6voq, letzteres in IV Makk. ganz im Sinne der stoischen
Physik. Bei P werden die Begriffe nur im Hermas ange-
wendet, und zwar sowohl %6vag als ärorag mit Beziehung auf
den Teufel, dessen Macht und Dränen für den Gläubigen
kraftlos ist (Mand. XII 6, 2 und 4, 7). Das Adverb eßrrfvws,
'energisch', 'heftig" steht zweimal bei Lukas (23, 10 und
Acta 18, 28).
&TVxia, diu'xij^a (iiuffTt>X'äSj £^TV);»}s)
Alle diese von tixv abgeleiteten Wörter, die in der grie-
chischen Sprache aller Zeiten so vielgebraucht sind und in
der Stoa, allerdings mehr innerlich gewendet, besondere Be-
deutung erlangt haben, auch tiIx»? selbst, fehlen im Neuen
Testament, auch bei P, wohl nicht zufiLllig; denn die Religion,
die alles von dem persönlichen Eingreifen eines Gottes er-
wartet, meidet jeden Anklang an die ihr unfromm erscheinende
Vorstellung einer Tyche. Im Alten Testament kommen ein-
zelne dieser Wörter, aber selten und vorwiegend in den
helleniaierenden Apokryphen vor. Bei P fehlt lux»; mit seinen
Derivaten vollständig. Die Ausnahme im Martyrium Polyk.
bestätigt nur die Regel und zugleich die soeben gegebene
Erklärung: denn ti>x>! kommt hier vor nur in der den Abfall
zum Heidentum ansinnenden Persekutionsformel Snoaov i^v
Kaiaa^oe "'X')»' (9. 2 U. ö.).
238 Adolf Bonhüffcr
aiTE^ovaiog 'selbstherrlich', 'unabhängig:'
Ein Wort der späteren Gräzität, ohne Zweifel durch die
Stoa aufgekommen, in deren Gedankenkreis es jedenfalls vor-
trefflich paßt. Der früheste Zeuge ist, soviel ich sehe, der
Lehrer Ep.'s, Musonius, der die Seele, speziell die Siävoia, frei
und selbstherrlich nennt Im 4. Makkabäerbucji, das aber
wohl später ist als Musonius, kommt, einer Lesart zufolge,
aiie^ovoiöiijs vor.
Von der inneren Ruhe und Heiterkeit des Gemüts schon
bei Piaton, dann aber namentlich von den Stoikern, am
häufigsten bei Mark Aurel gebraucht. Das gerne damit ver-
bundene Wort sidia kommt bei Matthäus im buchstäblichen
Sinne vor.
y evi/alog s. äyeyyijg.
Im Sinne von 'geistige Verfassung', 'Gemütszustand' schon
der klassischen Gräzität bekannt, doch bei der Stoa zum
ierminus technicus entwickelt und von t^ig, das vorwiegend,
nicht ausschließlich (vgl. Hebr. 5, 14) von physischen Zuständen
gebraucht wird, unterschieden: Im Alten Testament in obiger
Bedeutung nur in den Makkabäerbüchern.
Dieses Verbum hat eine ganz ähnliche Bedeutung wie
öiari&tG&ai (didS'eaig) und kommt weder im Neuen Testament
noch bei P, im Alten Testament ebenfalls nur in Makkabäer
vor (vgl. W. Schmid, Attiz. IV 150). Auch dieses ist bei der
Stoa besonders beliebt und findet sich, nicht bloß bei Ep. und
M. Aurel (bei letzterem namentlich didO^eaig häufig), sondern
auch bei Hierokles und {di(x&iaig) bei Kornutos.
ötag&QÖiii etc. S. äöiäQ-^gtiiros
6tii%voig
Das Verbum in der Bedeutung 'sich ergötzen' (eigentlich
in Lust zerfließen) geht auf Piatons Symposium zurück; bei
Epiktet und dag Nene Testament 239
den Stoikern wurde es und besonders das Substantiv äiäxvoig
zum psychologischen Terminus (s. B^ Reg.). Znr Zeit Ep.'s
war übrigens diax^o^iai in der Bedeutung 'sich zerstreuen^-
'sich erheitern' sehr gebräuchlich ; PhÜostratos gebraucht sogar
das Aktiv in diesem Sinne (W. Schmid, Attiz. IV 249).
M. Aurel spricht in einem etwas weiteren Sinne von x^'^^S
und öidxvaie i^g Siavoiai; an einer für die physiologische
Psychologie äußerst interessanten Stelle (VIII 57). Im Alten
Testament ist öiaxelv durchweg im buchstäblichen Sinne 'zer-
streuen', 'verbreiten' gebraucht, wie z. B. auch bei M. Aurel
(TV 27).
Soviel ich sehe, erstmals bei Teles nachweisbar, dann von
Polybios an gebräuchlich und zwar mit aktiver Bedeutung
'durchführen', 'erledigen', 'beilegen'. Bei Ep. ist das Wort sehr
häufig, aberwiebeiTeles durch weg intransitiv'leben', 'existieren',
'sieh verhalten', so daß als Objekt t'ov ßiov oder %q6vov in
Gedanken ergänzt werden muß. Ebenso Öte^a^'wjTJ 'Existenz',
'Lebensweise', häufig mit (pvmg verbunden (z. B. avjÄtpwvos
öie^ayw/ij tß (pvaei I 6, 21). Sozusagen metaphysische Be-
deutung erlangt das Substantiv bei M. Aurei, der die Su^ayiuyi^
als Dauerzustand der ä^xv ui3 ändlri^ig entgegenstellt {VIII 20).
Im Alten Testament kommt das Verbum etlichemal und zwar
sowohl transitiv als auch intransitiv vor.
Ärfgö 'Meinung'
Dieses Wort, im Altfn und Neuen Testament and bei P
zu den meistgebrauchten gehörend, kommt doch nirgends in
der von Piaton an in der griechischen Philosophie heimischen
Bedeutung der (bloßen) 'Meinung', beziehungsweise im erkenntnis-
theoretisehen Sinne als Gegensatz der dX^&eia vor. Der Grund
hierfür liegt auf der Hand. (Vgl. auch Jo|rf?w S. 203.)
Wörter der attischen Prosa (W. Schmid, Attiz. I 260),
von Ep. gern in Vergleichen zur Veranschaulichnng der inneren
240 Adolf BonhöSer
Knechtschaft des Nichtphilosopheii verwendet Im Alten
Testament finden wir dpcnr^rijs einmal, im buchstäblichen Sinne
(n Makk. 8, 3&).
Svaa^Botib), SvadQsarog 'unzufrieden', 'mißvergnügt' (sein).
Während eda^eaiiai und edügsatog im Neuen Testament
nicht ganz fehlt (s. S. 206), kommt der entgegengesetzte Be-
griff in den heiligen Schriften nicht vor. Da sich die dvaaQiairjais,
jedenfalls im epiktetischen Sinn, schließlich gegen das Welt-
regiment selbst richtet, so erklärt sich das Fehlen des Begriffs
in der Bibel vielleicht dadurch, daß die Freiheit der Selbst-
gegenüberstellung fehlt, welche die Voraussetzung jener
dvatx^eanjaig bildet.
{t^QQia etc.)
Beliebte stoische Ausdrücke zur Bezeichnung des 'Übel-
beftndens' und 'Wohlbefindens* im prägnanten ethischen Sinn,
verwandt mit •yah]vri und eiiSla und als Synonyma gerne ver-
bunden mit den Begriffen evzv%tly, ei>aia&slv und dergleichen.
Wenn eS^oia von den Attizisten vornehmlich im rhetorischen
Sinne vom glatten Fluß der Rede gebraucht wurde, so erblickt
W. Schmid hierin eine Übertragung aus dem stoischen Sprach-
gebrauch (IV 175). Es durfte jedoch die Grundlage für die rhe-
torische Bedeutungschon im platonischen Phaidros gegeben sein.
ivarvx'js S. ärvx^S
Dieses schon den Tragikern gewohnte Wort scheint, wie
auch &7toxa^T£ff£ly, später die spezifische Bedeutung 'sich zu
Tode hungern' bekommen zu haben (Cic. Tusc. I 34). Im
Alten Testament kommt es in der Bedeutung 'ausdauern' (im
Leiden) einmal vor (IV Makk. 14, 9). Das Simples xa^te^elv
gebraucht der Hebräei-brief.
eixalog S. Aveixai^Trjg
ixxi.iaig, ixKltttKÖg
(dQSXttxög)
Diese Begriffe haben für die epiktetische Psychologie und
Ethik fundamentale Bedeutung: die erste Stufe der philo-
Epiktet nnd das Keue Testament 241
sophischen Bildung besteht darin, daß man die ^nxXiais und
H^s^ig richtig gebrauchen, d. h. auf die wahren Übel und
Guter richten lernt. In dieser umfassenden Bedeutimg kommen
die Begriffe natürlich in der Bibel nicht vor, außer in den
alttestamentlichen Apokryphen Öge^is. Im gewöhnlichen iSinne
ist dem Neuen Testament Ex,xkiviü, d^iyofiai und oQtcig nicht
unbekannt (s. S. 204 und 209).
ixksxTix^s s. iTtenl^yofiat und Seite 204 unter »x/.dj'fj.
sTinTwaig 'Fall', 'Entgleisung', 'Verirrung'
Das Verbnm hitbttHp tivög in übertragenem Sinn 'einer
Sache verlustig gehen' ist auch dem Neuen Testament bekannt
(Gal. 5, 4 T^e x^äptios). Das Substantiv finde ich in diesem
Sinne nur bei Ep.: er wendet es auf die Medea an, deren Ver-
zweiflungstat er interessant vom stoisclien Standpunkt aus be-
urteilt und exTiTiiiatg ipvxfjg fieyäf.a rev^a ixovorii; nennt (II 17, 21).
kxTtvQaiatg 'Verbrennung'
Der bekannte Ausdruck für die stoische Lehre vom Welt-
brand, d. h. der Auflösung des Kosmos in das Element des
Feuei-s. Die Sache selbst, freilich auf Grund einer ganz aiidej-en
Vorstellung, und auch das Wort nvqovßt^at kommt auch im
Neuen Testament II Petri 3, 10 ff. vor. Wenn irgend eine
Lehre der Stoa sich dazu eignete, allgemein bekannt und be-
achtet zu werden, so war es diese Lehre Ton der Ekpyrosis.
Das Verbum hxTiv^ovv 'anzünden' {W. Schmid, Attiz. IV 3.Ö2)
findet sich 11 Makk. 7, 3 und 4.
Das Wort kommt bei Ep. in zwei Bedeutungen vor, erstens
in der auch sonst bei späteren Schriftstelleni sich findenden Be-
deutung: 'fertig', 'geübt' (III 24, 78), zweitens in der zum
stoischen Terminus 'i^ig gehörigen Bedeutung 'liabitueir. Bexr.
%^Lg s. a. äiää^iütg.
ixxQOTtr] 'Abweichung', 'Verirrung' f gelinderer Ausdruck
für exmtaotg)
Ein gut attisches Wort. Das Verbum UzQi^rofiai kommt
in den beiden Bedeutungen und Konstruktionen, die es bei
Ep. hat (1. 'einen meiden", 2. 'sich zu etwas versteigen', 'wohin
lunefonseeflchiclitllche Versuche n. Vorarbeiten X, 16
242 Adolf Bonhöffer
abirren'), auch im Neuen Testament, aber nur in den Pastoral-
briefen vor,
IXäTTMfia 'NaehteiF, 'Mißerfolg'
Ein Terminus der stoischen Güterlehre, hänfig bei Pplybios,
als Gegensatz zum xaTÖQd-wfia. Das Wort kommt auch in
den alttestam entliehen Apokryphen und Herinas Sim. IX 9, 6
in der Bedeutung 'Nachlaß', 'Niederlage', 'Defekt' vor (vgl.
W. Schmid, Attiz. IV 353).
Seit Piaton, beziehungsweise Sokrates ist die e^.tj'^fg, die
dialektische Überfährung der Irrenden, eine Hauptfunktion
des Philosophen. Ep. unterscheidet einen TtQotQSTTrixög, l}:£yxtiy.6s
und diÖaaxah-Kog xaqamri^ unter Ablehnung eines vierten, des
Ini8u-A.i:iit6q. Typus des zweiten ist ihm Sokrates, des dritten
Zenon und Chrysiijpos, neben welchen er noch einen besonderen
/a^öJtTiJß, nämtieh den ßaadixös und i7ti7ti.rixrix6s für den
Kyniker bereit hat
llxvoTixög 'verlockend', 'verführerisch'
Die Stoiker nannten das (pävtaa/sa (die willkürliche oder
krankliafte Einbildung) einen öidixevog eXxvaftbs ti^s öiavoiag.
Dem entsprechend redet Ep. von la IkxvaTtxä xai Tii-d-avd oder
von den Trtflai'dnjTsg [tQv ■n^ayfidiiov oder tSJv Xöyiav) und meint
damit alle die in dem täuschenden Schein der Dinge oder
Reden liegenden Anreize zu falschen Vorstellungen und Ur-
teilen, denen durch die Schulung der avyxaTd&eaig begegnet
werden muß (III 12, 14). Die Wörter kommen weder in der
Bibel noch bei P vor; nur Tzt&avoXoyia findet sich im Kolosser-
brief (s. S. 211).
kfi7to6il,oi.tai 8. &vayx6t,o^iai
ivavTiöiijg 'Gegensatz'
Schon von Piaton gebraucht. Wenn Ep. an der betreffenden
Stelle (I 12, 16) unter den Beispielen von Gegensätzen, die
zur Harmonie des Alls erforderlich sind, auch «pwi; und xctr-ia
Epiktet und daa Nene Testament 243
nennt (S. 28), so ist damit einer der tiefsten Gegensätze
zwischen stoischer und christlicher Anschauung berührt.
ivciffy^g 'klar', 'einleuchtend'
Dieses Wort hat in der stoischen Erkenntnistheorie, ebenso
aber auch in der akademischen Polemik gegen dieselbe eine
große Bedeutung erlangt; die Stoiker glaubten an eine ge-
wisse, jedem gesunden Gefühl sich unwillbiirHch aufdrängende,
beziehungsweise jedem Unbefangenen durch philosophiselie ,
Belehrung beizubringende Überzeugungskraft des Wirklichen
und Wahren (s, B ^ Eeg.). Wenn das Wort in der Bibel und
bei P fehlt, so ist wohl der Grund nicht bloß darin zu suchen,
daß es ein attisches Wort ist, sondern auch weil das Interesse
an der verstandesmäßigen Erkenntnis der Welt dort zu wenig
entwickelt ist.
sfOraaig 'Vorsatz*
Dieses Wort, nicht zu verwechseln mit dem spezifisch
stoisclien Terminus hair^^ia ('Hindernis für die richtige Wahr-
nehmung'), im nachklassischen Griechisch in verschiedenen
Bedeutungen ('Einleitung einer Aktion', 'Einwarf') gebraucht,
hat bei Ep. an den drei Stellen, an denen es vorkommt, stets
dieselbe, sonst, soviel ich weiß, nicht belegte Bedeutung 'Vor-
satz', speziell in dem Sinne eines persönlichen Lebensvorsatzes.
Sie läßt sich jedoch wohl als eine Nuance der erstgenannten
Bedeutung verstehen: wörtlich übersetzt ist es das Sich-
einstelien (auf ein bestimmtes Lebensziel).
^vzovoq s. &VOV0S
livTQe7tTix6v, t6, 'das moralische Gefühl'
Das Wort IvrQijtij} in der Bedeutung 'beschämen* ist, wie
wir sahen (S. 204), auch dem Neuen Testament nicht unbe-
kannt, ebensowenig dem Alten Testament und P. Dagegen
finde ich für die verallgemeinerte und vertiefte Bedeutung,
welche es durch das von Ep. gebrauchte Verbalsubstantiv
(S. 156) erhält, keinen sonstigen Beleg.
Kunstausdrücke der stoischen und skeptischen Philosophie,
die 'Zurückhaltung' des Urteils bezeichnend, welche für den
16>'
244 ^^olt BonhSfler
Skeptiker durchweg, für den Stoiker nur Tt^hg za äSijXa Pflicht
ist. Das Verbnm ivc^xw Ündet sieh in den verschiedenen sonst
gebräuchlichen Bedeutungen auch in der Bibel.
In der stoischen Schulsprache neben TtQÖS-eais, ^ropcmteinj
eine Spezies der öp^ij, d. h. des auf das Handeln gerichteten
Triebes, von Cicero mit conatws wiedergegeben, also 'Versuch',
'Anschlag*. Während sitißoX-^, abgesehen von einer zweifel-
haften Lesart in II Makk. 8, 7 in der Bibel nicht vorkommt,
sind ?röpao5c«jjJ und im Neuen Testament 7i^69eais nicht eben
selten (s. S. Sfll), ebenso die dazugehörigen Verba, nur natür-
lich nicht in dem festgeprägten stoischen Sinne. Bei Hernias
Sim. VI 3, 5 dagegen steht hitiß&XlEa&ai in der Bedeutung
'etwas angreifen', 'anfangen'.
iTtiyivvfina 'Nebenprodukt', 'Begleiterscheinung'
Wiederum ein spezifisch stoisches Wort, das in nuce die
ganze stoische Moral enthält: Lust, Freude sind nicht letzte
Zwecke, sondern nur aceedentia der naturgemäßen Tätigkeit
iTtivevü) s. ävaveiu)
iniitXoxi^
((TvftTcXoK^, avfi(f>v^g, (Jwayijg)
Bei den Stoikern beliebte Wörter zur Bezeichnung der
engen Verbindung der Wesen des Alls, besonders der Menschen
mit Gott. Ähnlich gebraucht Ep. das Wort axdoig, dieses
jedoch mehr von den durch Natur und Abstammung gegebenen
moralischen Beziehungen und Lebensverhältnissen. Diese
vier Wörter finden sich weder in der Bibel noch bei P.
Efitaz^fitj
Daß dieses für alle griechische Philosophie grundlegende
Wort im Neuen Testament fehlt, ist eines der deutlichsten
Anzeichen seines prinzipiellen Gegensatzes zum Grieehentum.
Im Alten Testament, das bekanntlich eine stark rationalistische
Ader hat, ist das Wort häufig; auch bei P tritt es wieder
auf (Hermas und Barnabas).
Epiktet und dae Nene Testament 245
eTtlOTQOtpl}
Bei Ep. Kelir häufig und zwar fast ausschließlich im Sinne
von 'sich bekümiiierii um etwas', meist mit Genitiv konstruiert;
das Verbum ist auch im Neuen Testament häufig, aber iu
anderen Bedeutungen als bei Ep.
efcitjjösv /ici
Dieses keineswegs spezifiscli stoische, vielmehr allgemein
übliche Wort fehlt im Neuen Testament, während es im Alten
Testament ziemlich häufig ist. Dies illustriert die Verschieden-
heit des Spraciieharakters der Septuaginta, welche bei ihrer
Übertragung aus dem Hebräischen auf die griechisch redende
Welt Ettcksielit nimmt, während dies im Neuen Testament im
großen Ganzen nicht der Fall ist
sfrixei^Tjfia 'dialektischer Kunstgiiff'
Kommt im Alten Testament einmal vor in der allgemeinen
Bedeutung 'List', 'Verffihrungskunst' (Sir. 9, 4).
Daß der griechische ?pws bei den Juden und noch mehr
bei den Christen verpönt war, versteht sich von selbst. Immer-
hin wird igaai-^g im Alten Testament noch unbefangen auch
im edlen Sinne gebraucht, im Neuen Testament und bei P
fehlt auch dieses ganz.
ste^oxltvQg e'xw 'nach einer Seite hangen' (in tadeln-
dem Sinn)
Im ethischen Sinn m. W. außer bei Ep. in der profanen
Literatur nicht nachweisbar. Das Adjektiv kommt bei Xenophon
und sonst vor in der Bedeutung 'abschlissig'. Merkwürdiger-
vreise aber auch bei Clera. ßom., der die Abtrünnigen oder
überhaupt die Ungläubigen, die Heiden, damit bezeichnet.
evyyiöfiwv, tiyviufioovvij s. Ayviii/Kav
siäal/iiiiv etc.
(naxoSal^iaiy)
Das gänzliche Fehlen dieses fiir die griechische An-
schauung vielleicht bezeichneudsteu Wortes und seiner Derivata
246 Aiio'f BonhöBer
in der griechischen Bibel ist gewiß nicht zufällig, sondern
hängt mit der instinktiven Scheu vor dem Begriff dai/ituv zu-
sammen, mit welchem der Jude und Christ sich nichts Gutes
verbunden denken konnte. Bei P findet sich einmal, und zwar
in dem Brief an Diognet, das Verbum evöaifioveio.
eii.6yi.aTos, evXoyiaziia s. äloyiartng
e^Xoyog
Auch der X6yog im griechischen Sinn lag dem semitischen
Denken fern ; deshalb fehlt auch das in der Stoa so wichtige
Wort ^loyog im Neuen Testament, ebenso in der Septuaginta
bis auf eine einzige Stelle im I. Makkabäerbuch. Es gesellt
sieh hier freilich der weitere Grund hinzu, daß das gleich-
lautende Wort eif-oysiv (evXoyla) mit seiner ausgesprochen
religiösen Bedeutung ('segnen') in der Bibel so überaus häufig
ist. Bei P taucht es dann vereinzelt auf.
ti;XvTos leicht zu lösen oder abzustreifen'
Das Wort, das auch dem klassischen Griechisch nicht
fremd ist, bekommt bei Rp. eine besondere, mehr nach innen
gewendete Bedeutung. iJdvra (vXi.ta elx^v, so charakterisiert
er den Diogenes in seiner souveränen Freiheit {IV 1, löS):
die Dinge, d. h. die äußeren Güter müssen für uns leicht ab-
streifbar sein, wir dürfen das Herz nicht dran hängen; anders
gewendet: wir müssen alles ivXikiag, d. h. 'willig* hergeben,
wenn es Gott zurückfordert (IT 16, 28). Nach Teles (38, 6 H)
stammt das Bild von dem Kyniker Krates; auch Kornutoa
und M. Aurel gebrauchen das Wort wie Ep.
ev^eaiXoyla, 'Ausrede', 'Finte*
Ein Wort der späteren Gräzität, vor Polybios, wie es
scheint, nicht nachweisbar. Der Stoiker Kornutos hat das
Adjektiv tvgeolXoyog.
Bi)QOta, ^qoioi, tipoug S. öva^ota
eöaräd-eiaf svata-drjS, eiatai^iiü
Der Begriff spielt bei Epikur eine Kolle, wurde aber auch
von den Stoikern angewendet, in entsprechender Sublimierung.
Bei Ep. sind die dazu gehörigen Wörter beliebte Synonyma
Epiktet «od das Neue Tesfament 247
Ton &7td&eia. äxa^a^la und iv^otct. Im Alten Testament
kommen sie besonders in den Apokrj'phen vor, meist von der
äußeren 'Wohlbestelltheit' oder 'Beständigkeit'; auch bei P
nicht selten und hier auch ina Ethische gewendet.
iizovlct s. äioroi;
siTvxr/S- ^v^vyjio etc. s. &Tvx^'jg
eiipv^g 'begabt', 'gut veranlagt'
Das attische, im engeren Sinne gut giieehische Wort ist
auch dem Ep. sehr geläutig. Im Alten Testament kommt es
nur vereinzelt vor.
e<pafffi6tu), sfpag/ioyij 'anpassen', 'anwenden auf'
Wichtige "Wörter bei Ep. und zwar stereotyp in der Ver-
bindung mit iT()dlijV*S von der richtigen Anwendung der naiür-
lichen Begriffe auf die eiuzelnen Gegenstände oder Vor-
kommnisse, in.sbesondere von dem (richtigen) Werturleil, das
eben die Philosophie lehren soll (vgl, M. Aurel V 12). Jm
Alten Testament nur in IV Makk. in buchstäblichem Sinn.
l^exTixSig S. ine%ia
iq>isfiai, '€q>Boig 'Begehren'
Bei Ep. ein ziemlieh häufig gebrauchtes Synonynion filr
die 'ÖQt^ie, d. h. das neutrale Begehren im Unterschied von
dem verwerflichen, leidenschaftlichen, das die Stoiker eTti-
^ufUa nennen.
sipOQäd) 'beaufsichtigen'
Ep. gebraucht dieses Wort von dem umfassenden Welt-
bewußtsein und dem stetigen fürsorglichen Interesse der
Gottheit an allem, was in der Welt vorgeht (I 14 Titel ö'k
jtdvia erpoqä %b ä-elov). Hier ist einer der Punkte, wo sich
Ep.'s religiöse Anschauung sehr nahe mit der Bibel berührt.
Das Verbum, das im Alten Testament häufig, auch von Gott,
gebraucht wird, fehlt im Neuen Testament, vielleicht weil es
mit seinem Evangelium der Menschwerdung Gottes und der
innigen Verbindung Gottes mit der Menschheit weniger In-
teresse hat an dieser doch mehr die Ferne als die Nähe aus-
drückenden Vorstellung des eipoQäv.
248 AdoU BonhOfEer
Erst in der nachklassischen Periode häufiger, bei Ep. neben
ip9-ovelv etc. eines der gewöbnlicheren Dokumente mangelnder
ethischer Bildung. Im Alten Testament merkwürdigerweise
nnr Num. 5, 15 in der Verbindung &^vaiix t,yil.o%vKi<xs; bei P
nur in dem Laaterkatalog Did. 5, 1.
■^yefiQVfxöv, 16, 'das seelische Zentrum'
Eine der fruchtbarsten sprachlichen Neuschöpfungen der
Stoa, in welcher sich die Tendenz zu einer einheitlichen Auf-
fassung der menschlichen Persönlichkeit einen Ausdi-uck ge-
geben hat. Das Ttvsv/ia ^ya/ioi'i.xöv in Psalm 51, 14 {und I Clem.
18, 12) als Übersetzung von 2'-!j nn hat jedenfalls mit dem
stoisclien ijy€fioviiK6v nichts zu tun *,
ijfieQog im etliischen Sinn
Diese Eigenschaft ist neben xoivaivixög und qnlälkijXos
einer der wesentlichsten Faktoren des epiktetischen Ideal-
menschen, Im Alten Testament und bei P kommt das Ad-
jektiv etliche Male vor.
S'd^Qaleog "zuversichtlich", 'getrost'
Von dieser Eigenschaft gilt dasselbe; sie bildet bei Ep.
einen Gegensatz zu siXaß^s Cvorsichtig', 'bedächtig'), der aber
die Vereinigung beider Eigenschaften in einem Subjekt nicht
ausschließt, da das Gebiet des &a^^aX^ov das Äußere, das des
evXaßeg das Innere ist (II 1 Titel: üti od fiäxetai rb Äo^^ef»
Tq> liXaßilaS-ai). Das Fehlen des Wortes im Neuen Testament
ist von keinem Belang, da ^a^gelv und ^dgaos ihm .nicht fremd
ist. Im Alten Testament findet es sieh übrigens auch nnr in
in u. IV Makk,, bei P nicht.
&£oxöXw'cog 'gottverhaßt'
Ein singuläres Wort-, soviel ich weiß, außer Ep. nicht belegt,
ihm aber auch besonders gut anstehend und für sein religiös-
ethisches Pathos bezeichnend; er gebraucht es auch nur im
^ Wer 3'i] mit ^yiunvitor übersetzte, Teratand entweder das hebräiache
Wort nicht im ainne von 'willig', wie es Kantzsch überaetat, oder wußte bo
wenig Griechiscli, daß er jjytfiovmös passiT C einer, der Bieh leiten läßt'} faßte.
Epiktet nnd das Nene Testament 249
höchsten Ernst und angesichts einer ans Frivole grenzenden
Leichtfertigkeit K
S^E(u^tjfia 'wissenschaftliche Lehre'
Das Fehlen dieses, der wissenschaftlichen Sprache an-
gehörigen, nach W. Schmid (Ättiz. IV 360) der späteren Gräzität
eigenen Wortes in der Bibel hat nichts Auffallendes. Bei Ep.
ist es ziemlich häufig; die Geringsehätznng, welche in der
ebenfalls bei ihm vorkommenden Diminutivform {S-eia^fiänov)
liegt, gilt natürlich nur der eiuseitigeu Betreibung der Theoiie
ohne praktische Befolgung.
TtaKoSai fiaiv s. eiöalftioy
xaloxäya&la
Dieses spezifisch griechische Wort fehlt natürlich in der
Bibel. Die Ausnahme (IV Makk.) bestätigt die Regel, da
dieses Buch ganz mit hellenischen Ausdrücken operiert. Höchst
bezeichnend für das allmähliche Eindringen des Hellenismus
in die urchristliche Literatur ist Igu, ad Eph. 14, 1 : in echt
paulinischem Geist wird Glaube und Liebe als <ipj^ xal zelag
des christlichen Lebens bezeichnet, aus welchen alles andere,
was zur xaXox&yaO-ia gehöre, von selbst sich ergebe.
x«z"(f Aiji/'is, xcnalrjjrtixög S. &x((j:äh^7CT0S
xf(X(£A/ ijAoi; s. &xaTÜlkiji.og
xaioQ^öiD, xaTÖQdiufta im ethischen Sinn
Wiederum eine der bedeutungsvollsten sprachlichen Neu-
prägungen der Stoiker. Ohne von der gebräuchlichen Be-
deutung, welche das Verbum schon im klassischen Griechisch,
das Substantiv von Polybios an hatte, eigentlicli abzuweichen,
haben sie doch etwas ganz Neues daraus gemacht, indem sie
das 'gute Gelingen und Vollbringen' aufs ethische Gebiet über-
tragen und dadurch, unterstützt durch den Anklang an den
Uyns oQ96q, den Begriff einer nach Inhalt und Form guten,
' Die Ättiter sagen dafür 3ttiis iy^&oäs (L. Schmidt aaO. I 236), Es
wird kaum nötig sein za bemerken, daß aus dem Gebrauch des Wortes
<teä/,ui.o'7o;, das aUerdiugs einen anthroporaorpten Gott yoransaetzt, nicht
geschlossen werden darf, daC auuh Ep. aeiuem Gott den AKekt des Zomea
beilej'en wollte.
250 Adolf Bonhöffer
'sittlich vollkommenen Handlung' herausbringen. Die einzige
Stelle des Neuen Testaments, wo ■ica-cÖQO'Mfia, übrigens in un-
sielierer Lesart, vorkommt (Acta 24, 2), hat nichts mit dem
stoischen Begriff zu tun, ebensowenig der Gebrauch des Verbums
(und in Makk. 3, 21 des Substantivs) im Alten Testament
und im Pastor Hermae. Letzterer streift zwar nahe daran
und ist überhaupt stark hellenistisch beeinflußt ' ; aber den
prägnanten und absoluten Gebrauch des Wortes in der Stoa
kennt er nicht.
Dieses obszöne und nur dem Griechen recht verständliehe
Wort gehört leider (ohne seine Schuld) auch zum sprachlichen
Repertoire Ep.'s,
xlvtjfta, yUvt}ai.g
Die Stoiker, wenigstens Ep. und M. Aurel, gebrauchen
diese Begriffe nicht bloß im herkömmlichen Sinne von physi-
kalischen oder sozialen, sondern mit Vorliehe von seelischen
Regungen und Bewegungen (s. B- Eeg.). Nur die spätesten
Bücher des Alten Testaments zeigen eine Annäherung an diesen
Gebrauch.
laß^ 'Griff', 'Handhabe' â–
Ep. gebraucht das Wort in dem vonderPalästra stammenden,
von da aufs ethische Gebiet übertragenen Sinne 'Angriffspunkt',
■Angriffsfläche' (W. Sehmid, Attiz. III 134). So sagt er von
Diogenes, er habe alle kaßai der äoulsin abgetan gehabt
(IV 1, 152); ferner, jedes Ding habe zwei Xtxßai {'Anfassungs-
weisen'), eine, nach der es zn ertragen und eine, nach der es
nicht zu ertragen sei (Ench. 4S). Im Alten Testament findet
sieh das Wort einmal in der buclistäblichen Bedeutung 'Griff',
'Knauf (Jud. 3, 22).
A^^tg 'mündlicher Ausdruck'
Im gewöhnliehen Sinne 'Wort', 'Rede' kommt iJ^ig auch
im Alten Testament etlichemal vor. Ep. gebraucht es aber
in dem bestimmten Sinne der Grammatiker von schwierigeren,
' Ebenso urteilt J. Geffcken (aaO. 28: der von heUeniacher Eildiing
beleckte Hirt des Hennas). .
Epiktet und diis Neue Testameiit 251
theoretischen Ausdrücken, die «iuerKrkläning bedürfen (11121,7).
Die ^|«(c; sind sozusagen die Faktoren des ^ffipij^a und bilden
mit diesem zusammen den von Ep. so sehr premierten Gegfen-
satz zur ft^s^ig.
}.ijfil.t tt 'Satz', speziell 'Vordersatz' im Syllogismus
Dieses Wort ist noch mehr als dus vorige ein Terminus
der Dialektik und deshalb in dieser Bedeutung in der heiligen
Schrift nicht zu erwarten. In anderen Bedeutungen und zwar
sehr verschiedenen ('Aussproch', 'Auflage^, 'G-eivinn') kommt
es im Alten Testament nicht ganz selten vor, in der letzteren
auch Herrn. Sim. IX 19, 3.
Ep. bezeichnet mit diesem Diminutiv, wie mit O-m^r^fiäua,
die ganze theoretische Seite der Philosophie, wenn es ihm
darauf ankommt, das einseitig theoretische Strebertum zu
brandmarken. Vgl. M. Aurel I 7, 1.
Dieselbe theoretische Seite der Philosophie, sofern ihre
Aneignung die unerläßliche Vorbedingung der praktischen
Weisheit ist, nennt er /id-S-r^aig. Daß hierzu noch fiEkirri und
äözijffig hinzutreten muß, wurde bei dem Wort äfitiJir^Tog erwähnt.
^alvo^tctb Vasen', "verrückt sein'
Nach der bekannten stoischen Hyperbel sind alle Toren
oder Nichtweisen verrückt. Diese ethische fiavla ' kennt die
Bibel natürlich nicht, denn sie beurteilt die Sünde oder sitt-
liche Verwirrung ganz anders. Im gewöhnlichen physischen
Sinn fehlt jedoch das Wort im Alten Testament nicht ganz;
im Neuen Testament tritt an seine Stelle der Begriff der Be-
sessenheit, das daifiorl^m^at u. dergl.
fiavTSvofi ai, fiavTixi^ etc.
Die Mantik spielte auch bei den Stoikern eine Rolle, ent-
sprechend ihrer konservativen Stellung zur Volksreligion, Daß
für sie aber in ihrem ethischen System kein rechter Piatz ist,
' Schon Demosthenes ^braueht ans Wort /lavin zur Bezeichiiang
eioe» hohen Maßes sittlicher Schlechtigkeit (L. Schmidt naO. 1 366).
252 Adolf Bonhöffer
ersieht man am besten aus Ep. In der Bibel wird das Wort
mit seinen Derivaten ziemlich selten und auch im Alten
Testament meist in mißbilligendem Sinn von abgöttischer
Prophetie gebraucht; im Neuen Testament steht das Verbum
nur Acta 16, 16 ebenfalls von widergöttlichem Treiben. Bei
der Bedeutung der /rfo^ij«/« als einer Wirkung des heiligen
Geistes versteht es sieh von selbst, daß das an die heidnische
Praxis erinnernde Wort verpönt war.
ftdxt} 'Diskrepanz', 'Widerspruch'
Ep. gebraucht das Wort häufig von der objektiven
Meinungsverschiedenheit der Menschen, ja noch abstrakter
von dem Widerspruch der Dinge oder Gedanken überhaupt.
Ob ft<ix>j in dieser Bedeutung vor Ep. nachzuweisen ist, kann
ich niclit entscheiden, nachklassisch ist sie jedenfalls.
Die Bezeichnung einer spezifisch griechischen Tugend,
(s. Leop. Schmidt aaO. II 450 if.), die auch im Alten Testament
nur in den spätesten Makkabäerbilchern sich findet.
Während die ftavia bei den Stoikern die selbstverschuldete,
etliisclie „Verrücktheit" ist, bezeichnen sie die physisch be-
dingte geistige oder seelische Störung mit peAayzö^^«- Auch
diese bekommt aber in der stoischen Ethik eine besondere
Bedeutung, weil sie lehrt, daß der Weise auch im Zustand
der Berausehtheit (aYrtomg) und der ^leXayxoXia nichts Unver-
nünftiges begehe oder sage, eine von den Absonderlichkeiten
der Stoa, in denen aber doch ein Körnchen Wahrheit steckt.
fieXeiTj 'Einprägung' s. äfuX^rrjTog
Bei Ep. nur in tadelndem Sinne, weil die Reue von den
Stoikern unter die näO-ij gerechnet wird. An diesem Wort,
das im Neuen Testament die Buße als Bedingung für den
Eintritt ins Reich Gottes bedeutet, kommt der Unterschied
der griechischen und nentestamentlichen Anschauung wieder
besonders deutlich zum Vorschein. Auch im Alten Testament
Epiktet und dns Neue Testament 253
gilt die fieztivoia als etwas Lobenswertes, ja sie -wird sogar von
Gott ausgesagt, der von seinem Zorn über die Mensclien abläßt.
o'iijaig 'Dünkel', 'Blasiertheit'
Bei Piaton einfach die 'Meinung' bedeutend bekommt das
Wort in der späteren Giäzität die spezielle Bedeutung 'Dünknl',
'Einbildung' (H. Diels, Herakleitos fr. 46). So gebraucht es auch
Ep., ■£. E. I 8, 6 als Synonymon von Tür/^os, jedoeli mit der be-
stimmteren Nuance, daß er darunter die intellektuell- et hi-^che
Blasiertheit versteht, vermüge deren die Menschen glauben, sie
kennen das Gute und Rechte auch ohne philosophische Belehrung,
oder es fehle ihnen iiiclits zum Glück, wenn es ihnen nur im
äußeren Lehen leidlich ergehe. Der entgegengesetzte Fehler ist
die ä-rctoTia, d, h. die pessimistische Ansicht, es sei in dieser Welt
überhaupt kein Glück möglich (III 14, 8J. Diese Beschreibung
der *)(i;a(e erinnert sehr stark an deii nentestameutlichen Begriff
der Selbstgerechtigkeit und geistigen Sattheit, die Jesus in
der Bergpredigt und sonst bekämpft. M. Aurel gebraucht das
Wort in ähnlichem Sinne. Im Aiten Testament und bei P
kommt es nicht vor,
otxeiöoftai, oixEtuiOi'i
Die Begriffe sind den Stoikern sehr wichtig, da sie alles
Handeln, also schließlich die ganze Ethik von dem Äufsnehen
des ohüov d. h. des der eigenen Natur und Konstitution An-
gepaßten, Förderlichen ableiten. Diese Anschauung wird am
besten illustriert durch die beiden Sätze Ep.'s.; ,(i('« w'i f, ahi]
äQxij nüalv lazir f; ngos avtct OtxU<ouiS (I 19, 15) und ?fßf
Cqioy ov6evi oVrojg ^Mkojai t'ig rCo I6if;> avfifpeQovn (II 22, lö).
Es ist deshalb ganz natürlich, daß in der ethischen Elementar-
lehre des Stoikers Hierokles, welche sieh eben mit der em-
pirischen Ableitung der Ethik abgibt, diese Eegrifle stark
hervortreten ; auch dem U. Aurel sind sie gelüuflg. \\'"enn
schon das Adjektiv oheio^ in dieser anthropologischen oder
zoologischen Bedeutung im Neuen Testament nicht anziitrelfen
ist, so fehlen begreiflicherweise jene spezifisch stoischen Wort-
bildungen dort ganz, auch im Alten Testament und bei P.
254 Adolf Bonhütter
Nicht ZU verwechseln mit ohehnaig ist oUeiÖTtjs, das auch Ep.
im gewöhnlichen Sinne der (Bluts-) "Verwandtschaft gebraucht.
o'iviaaig 'Berauschtsein'
Die Stoiker, wenigstens ein Teil von ihnen, unterschieden
zwischen o'ivwatg d. h. dem auch den Weisen nicht schändenden
Ängeheitertsein und der ;M^*ij, der sittlich verwerflichen
Trunkenheit (s. H. v. Arnim, Quellenstudien zu Philo von
Alexandrien, Berlin 1888 und B^ 62 ff.). Die Bibel kennt
natürlich jene Lizenz nicht und das Neue Testament bezeichnet
die Unmäßigkeit im Trinken mit fidO-rj und oivixpXvyia.
oiXOfiai 'weg sein'
Der aus der dieliterischen Sprache geseliöpfte ' Ausdruck
im Sinne des Verlorenseins oder Entschwundenseins andi von
leblosen Dingen oder Abstracta ist bei Ep. beliebt (vgl. S. 17b);
Z. B. III 2, 6 oi'xeiai y.ai ^KT^p xai äÖelfpög d. h. es ist aus
mit dem Vater etc., man nimmt keine Rücksicht mehr darauf,
daS er der Vater ist. Im Neuen Testament fehlt das Wort
ganz, im Alten Testament steht es nur in der gewöhnlichen
Weise von Personen.
ÖQexTiKÖii s. ^xxkioig
oioia, 10 oöaiwdei; 'Wesen', 'das Wesenhafte*
Der metaphysische Gebrauch des Wortes odoia und das
hierzu gehörige Adjektiv ovaiwdrjg fehlt natürlich in der Bibel.
Auch im gewöhnlichen Sinn 'Habe', 'Vermögen' kommt es im
Neuen Testament nur einmal, im Alten Testament nur zwei-
mal vor.
TtatSid 'Spiel'
Unter den Bildern, mit welchen die Stoiker die Wert-
losigkeit aller äußeren sogenannten Güter veranschaulichen,
nimmt das des Spieles eine hervorragende Steile ein, wobei
man sowohl an Kinder- und Jugend- oder Kampfspiele, als
auch besonders an theatralische zu denken hat. Das Leben
selbst ist in gewissem Sinne ein Spiel, dessen Wert nur eben
in der Spielkunst selbst, nicht etwa in dessen Dauei' oder
einem außer ihm Hegenden materiellen Zweck besteht, ein
Spiel, welches nur einen Sinn hat, wenn man nicht mUrrisch
' W. Schmid, Attiz. 11 203.
Epiktet und das Neue Testament 255
und verdrossen, sondern mit Lust und Liebe dabei ist. Es
ist dies, wie etwa auch die Apathie, eines der Schlagworte,
mit denen oberflächliche Kenner der stoischen Philosophie
diese, namentlich im Gegensatz zum Christentum, zu diskre-
ditieren belieben: und doch laßt sich eine feinere und, wenn
man's recht versteht, auch ernstere Lebensauffassung nicht
denken. — Das Wort, geschweige denn der Gedanke, kommt
auch im Alten Testament nicht vor.
^av^yvQiS 'Fest'
Ein zweites, bei Ep. beliebtes Bild für das menschliche
Leben, das zum ersten gleichsam die feierliche, religiös ge-
fühlte Ergänzung bildet. Im Neuen Testament wird das Fest
ausschheülich, im Alten Testament weitaus vorwiegend mit
ioQz^ bezeichnet; einmal, und zwar bezeichnenderweise im
Hebräerbrief, findet sich das hellenische Wort TcavrjuQii; auch
im Neuen Testament, jedoch im Sinne einer 'großen Versammlung'.
Im gewöhnlichen Sinne, d. h, zur Bezeichnung von selt-
samen, erKtaunlichen Dingen oder Ereignissen, die über die
alltägliclie Erfahrung hinausliegen, wird das Adjektiv auch
im Alten Testament etlichemal und einmal im Neuen Testament
gebraucht (Luk. 5, 26). Fremd dagegen ist beiden der philo-
sophische Gehrauch des Wortes von Anschauungen und Grund-
sätzen, beziehungsweise Handlungsweisen, die der gewöhnlichen
Meinung und Moral zuwiderlaufen. Bekanntlich wurde gerade
den Stoikern der ^'orwurf der Faradosologie gemacht, gegen
den sie sich aber zu verteidigen wissen (Ep. I 25, 32ft'. und,
als Ausspruch des Kleanthes, IV 1, 173: Tto^odoga ^th iWs
ipciair ol (pilöaoffot, ot- filjv n:aqä).oy{i).
7taQaav,evr-, jiaqaTiitcdtoiiat s. trtißoX^
Ttd^seyos 'nebensächlich'
Das auch in dei; klassischen Gräzität sehr häufige Wort
bekommt bei Ep. eine gewisse philosophische Bedeutung, in-
dem er von den i'^ya rfjs fpiiireoig, d. h. den großen Werkeu
und Ordnungen der Natur, die TtäQs^/a rijs <fvas(iis unter-
scheidet, in welchen er gemäß der stoischen Teleologie nicht
266 Aäolf Bonhöfter
weniger die Weisheit der Vorsehnng erkennt (I 16, 9). Im
Übrigen gebraucht er das Wort und die Adverbialausdrücke
iia^iQYiaq und iv itaQiQyt^ in dem üblichen Sinn ('beiläufig',
'Nebensache' usw.). Im Alten Testament findet sich oi ftÜQEQyog
('nicht anerheblich') in II Makk.
Jtdo%<i} (logisch) S. &n07td<JX*>>
jEeqalvo) im logischen Sinn 'schließen', 'folgern'
Die Stoiker unterschieden löyoi oder avlloyiofioi jteßßv-
tmol {d. h. bündige, gültige, logisch korrekte Schlüsse) und
&n:iQavToi. Eine besondere Art des Syllogismus, die Ep. mehr-
mals erwähnt, ist der nicht näher bekannte, aber wahr-
scheinlich mit dem Sorites identische 5 tö* 'i^tuT^a&ai itE^aivtav.
TCSQiTizuiT ixög s. ifiBTämiacog
fttqiOTaaig s. äitE^iaraTog
Tt^yrvfit im übertr. Sinn
nq^are vfiüv tag v7roXi]ipsig, machet eure (richtigen) An-
schauungen fest (zu einem festen Besitz), ruft Ep. seinen
Schülern zu (III 16, 13). Diese ^^^ig der Grundsätze (vgl.
Ench. 48, 2), auf die alles ankommt, ist das Ergebnis der üaytr^ig.
jti&avöitjg, Ttid-avög s. eXxvariKÖg
nXt] ftfieXeuj, itXtiftfieXrjfia
Wird von Ep. im Vergleich zu äfta^ziivb) selten, aber nicht
etwa im Sinne eines leichteren Vergehens gebraucht. Im
Alten Testament ziemlich häufig (auch ^riij^ifjeAijfi« und tiXt^/i-
^lekijatg) fehlt es im Neuen Testament, vielleicht weil für seine
Auffassung der Sünde der Ausdruck nicht stark genug war.
fc goa iqeaig, nqoai^eruKdg 8. äftqoaiqitog
nQOrifo^ftevov , 7TQorfyovftiva)g 'bevorzugt', 'primär',
'wesentlich'
Welche wichtige, umfassende Bedeutung dieses nach-
klassische, wohl nur durch die Stoa aufgekommene Wort bei
Ep. hat, mag man aus E ^ Reg. erselien. Im Alten Testament
ist TtQOYfftlaS-ai und Tt^orjyovfievog nicht ganz selten, aber fast
nur von Personen in der ursprünglichen Bedeutung 'vorangehen',
'anführen' gebraucht, ebenso bei I Clem. (21, 6) und zweimal
bei Hennaa {ol 7iQorjyo-ö/.ievoi i^g Exxli^aiag).
Epiktet und das Nene Testament 267
}ff6i.rjipig 'Begriff'
Dieser von Epikur aufgebrachte, von den Stoikern über-
nommene und entsprechend abgewandelte Ansdmck spielt in der
stoischen Erkenntnistheorie und besonders auch bei Ep. eine große
KoUe (B * Eeg.) ; sein Fehlen in der Bibel und bei P ist begreiflich.
ir^övoia 'Vorsehung*
Der Begriff der göttlichen Vorsehung tritt in der späteren
Stoa besonders bei Ep. stark hervor, ohne jedoch den nrstoisclien
Begriff der (Wotg zurückzudrängen oder den pantheistischen
Gesarateharakter zu alterieren: beide Betrachtungsweisen, die
naturalistische und die religiöse, sind dem Ep. gleich geläufig
und bilden für ihn keinen Widerspruch. Im Neuen Testament
findet sieh das Wort zweimal, aber nur von der menschlichen
Fürsorge {Acta 24, 3 und Rom. 13, 14); im Alten Testament
tritt neben dieser Bedeutung auch die -S-eia xai. ^ävaoepog
7t(j6voia auf, doch erst in den Apokryphen. Von den Patres
apost. wendet der Verfasser des. I. Clemensbriefes (24, 5) und
der des Pastor Hermae (Vis. I 3, 4J den Begriff auf Gott an.
Tteosdo^^tw s. 8ö^a und ^o^rf^'J (8. 203)
jrpogij'xe*, Tt^o^xov 'es ziemt sich'
Ep. gebraucht auch dieses allgemein griechische Wort
neben dem stoischen KaAjitet, mit dem es sich vielfach, freilich
durchaus nicht immer und vollständig deckt, sehr häufig. Im
Neuen Testament fehlt es, man möchte sagen auffallenderweise,
ganz ; übrigens auch im Alten Testament ist es ganz vereinzelt.
it^ogoxv 'Achtsamkeit'
So häufig das Verbum ^gog^xeiv ('achthaben', 'aufmerken')
auch im Neuen Testament Ist, so fehlt doch das Substantiv
TtQogoxii- Es ist übrigens spätgriechisch und soviel ich weiß
nicht vor den alttestamentlichen Apokryphen (Sirach, Weisheit)
nachweisbar. Bei den Stoikern scheint es beliebt gewesen zu
sein, denn es kommt auch bei Komutos, Hierokles, M. Aurel vor.
tt^ogstdaxfo s. &nd-9-eia
itQÖxsi^og 'zur Hand', 'präsent', 'verfügbar'
Bei Ep. (wie bei den Attizisten) sehr häufig, besonders in
EBligionsgeseliicIiUiche VaranehB u. Vorartolten X. 17
258 Adolf BonhöSer
der Verbindung ^^öxceo* hetv. Es ist auf dem Standpunkt
der stoischen Ethik außerordentlicli wichtig, daß der Mensch
seinen geistigen Besitz, seine Kriterien und Grundsätze, stets
gegenwärtig habe, um von den Erscheinungen oder den
Meiaungaäußerungen anderer nicht zu falschen Urteilen und
unvernünftigen Handlungen verleitet zu werden. Im Alten
Testament findet sich das Wort nur einmal und dies in un-
sicherer Lesart (Prov. 11, 3),
^in<a 'sich wohin neigen', 'wenden'
Von Ep. gerne, wie übrigens schon in der klassischen
Sprache, von seelischen Neigungen und geistigen Eichtungen,
synonym mit xXlvo) (xXifia) gebraucht. In der Bibel und bei
P fehlt das Wort.
^evfta 'Fluß'
Dieses von Haus aus mehr dichterische Wort gebraucht
Ep. in dem später üblichen medizinischen Sinne, jedoch nur
zur Dlustration seelischer und zwar abnormer Bewegungen
(11 15, 20; II 21, 22). Im Alten Testament nur einmal bei
Sirach vom fließenden Wasser. M. Aurel vergleicht das Welt-
geschehen mit einem Ttozafwg und ^eSfia (IV 43).
axäTTTOfiai, ax4ipig 'überlegen', 'erwägen'
Bei Ep. sehr häufig, und zwai' ini guten Sinne von der
dem Handeln vorausgehenden Überlegung, keineswegs im Sinne
der akademischen Skepsis ; auch das verstärkende rve^iax^jtTsif&ai.
und nsijuoy.en(iBV(aq kommt einmal vor. Auf dem Boden des
geoffenbarten g(3ttlichen Gesetzes ist für die axiiptg im Sinne
Ep.'s kein Raum. Im Alten Testament findet sieh das Verbum
etlichemal in der Bedeutung 'sich nach etwas umsehen (aus-
lesen)', 'zusehen'.
Diese schulmäßig stoische ^ Bezeichnung des sittlich Guten
tritt bei Ep. hinter den ihm geläufigeren Ausdrücken äya^ög,
irttiaiÖev^iivog, q>iX6oo(pog, nQOxöJiziov usw. ziemlich zurück;
' Der Begriff ist übrigens keine stoische Neuschöpfntig, sondern geht
auf Xenophon, ja auf Th^ognie zurück imd ist von Aristoteles in die philo-
sopliiache Termüiologie eingeführt worden (L. Schmidt aaO, I 335).
Epiktet and dos Neue Testament 259
ä(rf£tos, das Acta 7, 20 und Hebr. 11, 23 entsprechend dem
nacbkjassisclien Gebrauch die äußerliche Schönheit bedeutet,
g:ebraucht er gar nicht. Im Neuen Testament ist onovöalog
nicht unbekannt, aber nur in dem gewöhnlichen Sinne 'eifrig',
'eilig*, 'neugierig', ebenso zweimal bei P.
Im Neuen Testament tritt der Begriff der &yämj so mächtig:
hervor, daß neben dem allgemein gebräuchlichen (pdelv das
Bedürfnis nach einem weiteren Ausdruck nicht vorhanden war.
Ep. gebraucht das Wort und ebenso das Kompositum ^do-
cToqyfiv speziell, doch nicht ausschließlich, von,der naturliehen
Liebe zu Blutsverwandten oder zu sich selbst. ^tUato^yog
findet sich, wie wir sahen (S. 134), einmal auch im Neuen
Testament (Köm. 12, 10).
auYY.aTiii-9-eaig, 'Zustimmung*, 'Bejahung'
Diese speziflscli stoischen und bei Ep., als Gegenstand
des dritten Topos, besonders wichtigen Begriffe fehlen natür-
lich in der Bibel und bei P. S. übrigens ovyiiaTRTl&tixai
S. 212!
avi.koyiai.i6g 'Schluß'
Das gleiche gilt von diesem dem philosophischen Schul-
betrieb angehörigen Worte. Im Alten Testament kommt es
vor in der Bedeutung 'Summe', 'Summierung'; im Neuen
Testament avlXoyiCeaS^at einmal (Luk. 20, 5) und zwar aller-
dings im Sinn eines logischen Schließens oder Kalkulierens.
ovftneQtfe^o^ai,
avfiTti^ifOQä
Ep. versteht darunter den Umgang mit den (gewöhnlichen)
Jlenschen, aber stets im Sinn einer Kondeszendenz des Philo-
sophen, wie schon Polybios avi.i-rcBqi(poqä 'Nachsicht' gebraucht.
Im Alten Testament, besonders den Apokryphen, kommt das
Verbum etlichemal vor.
avfiTckox^j s, lTCtJtXox.rj
av/^fi-ijg s. ebenda
IT
260 Adolf Bonböfter
auvat.o&&vofiai
Der Begriif des Selbstbewußtseins, der in diesem Worte
zum Ausdruck kommt, ist zweifellos in der Stoa zuerst klar
herausgearbeitet worden (S. 156j. Auch im Alten Testament
und bei P fehlen die Wörter.
ffvvjS'eia (im erkenntnistheoretischen Sinn)
Von der Bedeutung 'Umgangssprache', gewöhnlicher Sprach-
gebrauch, welche das Wort mit der Zeit angenommen hat ' und
die auch bei'Ep. zum Vorsehein kommt (II 15, 13) ist nur
noch ein Schritt zu der Bedeutung der 'gewöhnlichen, natür-
lichen Auffassung der Dinge', zu der Weltanschauung des
common sense, um welche sich der Streit der Stoiker mit der
Skepsis drehte (I 27, 16 if.}. Im I. Korintherbrief wird das
Wort zweimal angewendet in der gewöhnlichen Bedeutung
'Sitte', 'Gewohnheit' ; in IV Makk. und hei P in der ebenfalls
allgemeinen Bedeutung 'Umgang', familiaritas.
avvovala im sexuellen Sinn
Schon von Piaton so gebraucht. In den alttestamentlichen
Apokryphen findet sich dafür ovvovanxoftög.
avvra^ig 'Abhandlung', 'Schrift'
Von Polybios an in diesem Sinne gebräuchlich. Während
im Alten Testament das Wort andere Bedeutungen hat, spricht
das Papias-Fragment (2, 15) von einer auvra^ig (d. h. syste-
matische Zusammenstellung) der xv^iaxa Xöyia.,
avOzrjfia
Der Begriff des Systems im wissenschaftlichen oder philo-
sophischen Sinn scheint seinen Ursprung in der Stoa zu haben.
Ep. nennt die Welt, beziehungsweise das Beste an ihr, das
aiartjfia e| Av^^dyitav xal #eoe (I 9, 4) und den X6yos ein o.
ex itoiwv q)aveaaiü)v (I 20, 5),
ff/oAtj 'Muße'
In dieser Bedeutung findet sich das Wort in der Bibel
W. Schmid, Attiz., Registerband 208.
Epiktet und das Neue Testament 261
nur bei Sirach. Dem Neuen Testament liegt der (Sedanke
an Uuße allzu fern.
velvo^a i , tövog s. äzovog
itxvoi,OYd(o s, q>iXor6xvdii/
TÖTtog im wissenschaftlichen Sinn 'Untemchtsstnfe'
Ep. verteilt den philosophischen Unterricht auf drei Ge-
biete oder Stationen : auf der ersten ist die S^e^ig zu lernen
und zu Üben, auf der zweiten die op/i^, auf der dritten die
av)n(ctTd-$-eais. Der Gebrauch des Wortes lönas im bezeichneten
Sinn ist wohl in der Stoa aufgekommen (vgl. Villoison in der
Osann'schen Ausgabe des Kornutos p. 302), dann durch die
Rhetorik verbreitet worden, aber wohl nirgends so ausgeprägt
und stehend wie bei Ep. M. Aurel wendet das Wort in diesem
Sinne nur einmal an und hier mit offenbarer Beziehung auf
Ep. Daß die Bibel diese Bedeutung nicht kennt, bedarf kaum
der Erwähnung,
v^Lßwv der Thilosophenmantel'
Das gleiche gilt von dem z^lßojv {xQtßiltviov), den Ep. neben
dem jt<liyu)v als Abzeichen der Afterphilosophen öftei« erwähnt.
Tvnöüi im erkenntnistheoretischen Sinn ('einen Eindruck
hervorbringen') rvTtwaig
Nach der materialistischen Erkenntnistheorie der Stoiker
ist die (panaola eine ivtcüiois toC ^ye/^ovtxoB. So spricht auch
Ep. von einem rvitoüa&at iitb rSiv aiadrjtüv (I 6, 10; M. Aurel;
g/avraartx&g tv!coBü-9-oi), von den vÖTtot der Dinge, welche wir
in der Seele bewahren (I 14, 8; vgl. 11 23, 3). Das Wort
tvnog, im Alten Testament ganz selten, wird im Neuen Testament
in der Bedeutung 'Abbild' und 'Vorbild' sehr häufig, noch
häufiger bei P, besonders mit dem Überhandnehmen der typo-
logischen Auffassung der alttestamentlichen Geschichte und
dem Aufkommen doketistischer Regungen, wonach Christus
nur den ivrcog des Fleisches au sich hatte. Nicht Tvniiitsig
aber vTtotvrvaaig, ein Wort der wissenschaftlichen Sprache,
wird in den Timotheusbriefen gebraucht.
ivxr^ s. ätvxi'ig
262 Adolf BonhSffer
SXrj 'Stoff'
Ep. gebraucht dieses "Wort sehr häufig und zwar stets im
übertragenen oder philosophischen Sinn, entweder von dem
Stofflichen, Materiellen und infolgedessen Gleichgültigen, im
Gegensatz zum Geistigen, an sieh Wertvollen {Tr^orjyovfiEvov)
oder neutral von allem, was fUr den Menschen als Stoff oder
Objekt seines Handelns in Betracht Itommt, mag^ es an sich
wertlos sein oder von höchstem Werte, wie das fiyeftovixov,
dessen richtige Verfassung und Betätigung das letzte Objekt
alles Handelns ist (III 3, 1 vlrj tov xgXoÖ -auI &ya9-ov rb 'idiov
fiyefiovixöyj. Im Alten Testament treffen wir die philosophische
oder metaphysische Bedeutung der vi-i] nur an einigen Stellen
der Apokryphen, Sap. Sal. 11, 17 erscheint sogar der stoische
Ausdruck äftoQqioq ifAij. Auch bei P tritt dieser giiecbische
Begriff vereinzelt wieder hervor, z. B. Epist. ad Diogn. 2, 3
die tp^aQtij SXrj.
ift£|ßtpf'w,wfr£|o;/eeiT(S 'in Gedanken eine Ausnahme machen'
Das Verbum kommt schon bei Piaton und vor ihm vor,
das Substantiv erst bei späteren Schriftstellern. Interessant
und für die praktische Ethik Ep.'s wichtig ist der Ausdruck
Itey vTte^ai^^aeiog 6^(i&y d. h. nicht um jeden Preis, sondern
nur 'bedingungsweise' etwas wollen (B ^ Reg.). M. Aurel hat
den vielleicht von Ep. geprägten Ausdruck aufgenommen und
seinen Sinn trefflich erklärt {V 20). Die Lexika abersetzen
ihn ganz falsch mit 'allmählich'.
Ep. spricht von vno^stivioX X6yoi, auch von iTt^^eats im
logischen Sinn, besonders aber versteht er unter den virod-inus
die gegebenen 'Bedingungen des Lebens' (die man nicht soll
ändern wollen) oder die von Gott einem jeden in Gestalt seiner
äußeren Lebensverhältnisse gestellten besonderen Aufgaben.
Man kann also darin eine Weiterbildung des rhetorischen
Gebrauchs des Wortes erblicken: inöä-tais im letzteren Sinn
{'Vorwurf einer Rede oder Abhandlung) findet sich IV Makk. 1, 12.
Von Aristoteles an zur Bezeichnung der 'Meinung' ge-
Epiktet und das Neue Testament 26'i
braucht, ist das Wort, noch häufiger das Verfeum v!Co).afißävw,
bei Ep. als Synonymon von ö6^a sehr beliebt. Ziel des Philo-
sophen ist der Besitz von d^&ai vTtok'^ipeig. Das Substantiv
findet sich im Alten Testament einmal bei Sirach (3, 24) in
der prägnanten Bedeutung 'Meinung von sieh', 'Dünker, also
wie sonst oi'rjaig, das Verbum in der fraglichen Bedeutung
mehrfach in den Apokryphen, im Neuen Testament in den
lukanischen Schriften.
iTCoavatfKÖs
Das vor Ep. wohl nicht nachweisbare Adjektiv zu dem
seit Aristoteles gebräuchlichen metaphysischen Terminus
vTtömaais ('Wesen'). Ep. gebraucht ea nur einmal, als Syno-
nymon von oiaiaäeg {I 20, 17). Die Interpretation der Stelle
ist nicht ganz sicher, ob nämlich diese beiden Begriffe einen
Gegensatz zu 7tQorjyavi.ievov bilden, folglich die stoffliche Grund-
lage gegenüber dem einzig wertvollen Geistigen bedeuten, oder
nur Epesegese zu jr^oijyoiJfiEvov sind. Ersteres scheint mir
richtiger. Das Substantiv steht einigemal im Alten Testament
im Sinne von 'Existenz', im Neuen Testament im IL Korinther-
brief 'Zustand', im Hebräerbrief mehrmals in verschiedenen,
nicht ganz sickeren Bedeutungen, darunter aber einmal sieher
in der philosophischen Bedeutung 'Wesen' (1, 3), ebenso in
Epist. ad DiogD. 2, 1.
(paviaaia 'Vorstellung'
Dieser neben n^QoaiQfaig vielleicht wichtigste philosophische
Begriff bei Ep. fehlt in der Heiligen Schrift (S. 214).
Dieser Begriff bildet gewissermaßen die Ergänzung zu
(pü.äoTOdyos . indem er zur Verwandtenliebe die allgemeine
Menschenliebe hinzufügt. Ea gehört zum Schönsten an der
späteren Stoa und besonders an Ep., daß er den Drang zur
Gemeinschaft und zur Liebe {th xoivojmy.bi' xal cpUakitilov)
neben dem fjitsQov und ävexTtxöv, worin sich praktisch diese
Liebe hauptsächlich zeigt, ao nachdrücklich als einen inte-
grierenden Bestandteil der menschlichen Naturanlage in An-
spruch nimmt. In der Bibel und bei P tritt an Stelle von
fdöXmos das Wort fddötktpog, das auch bei Ep,, jedoch im
264 Adolf BonbüEfer
wörtlichen Sinne, vorkommt, und tpiHvd-QOjnos. Auch dieses
gebraucht Ep. Im Neuen Testament und bei P bedentet
übrigens die Philanthropie mehr die Liebe Gottes zur Mensch-
heit, im Alten Testament treten beide Begriffe fast nur in
den Apokryphen auf.
(fO.oXoyia, tptloXoy^ia
Ep. gebraucht diese in der Bibel und bei P ganz fehlenden
Begriffe stets in mià Ÿbilligendem Sinne zur Bezeichnung des
einseitig „philologischen" Betriebs der Philosophie. Die giiU-
Uyot sind ihm die „Stndierten" , die sieh auf ihre wissjen-
schaftliche Bildung etwas zu gut tun und den praktischen
Hauptzweck alles Studiums ignorieren.
tptXorexyia, cpilöreyvog
Das Verbum und Substantivum von jedem eifrigen und
planmäßigen Betreiben einer Sache, das Adjektiv im Sinne von
'kunstvoir (II 23, 3)1. Aelian gebraucht <pdojBy.yelv auch als
'kunstverständig aber etwas reden' (W. Sehmid, Attiz. lil 272) ;
hierfür sagt Ep. w/voioyeiv,
xahtTtalvti} 'zürnen'
Das Wort war offenbar in der Kotvfj außer Gebrauch ge-
kommen, denn es findet sich im Alten Testament nur im
IV. Makk-, im Neuen Testament und bei P nicht: Gelegenheit
zu seiner Anwendung war ja reichlich vorhanden. Für Ep.
ist das oi xeiUTtahEiv ein Zeichen der ethischen Bildung.
x^fjoig 'Gebrauch'
XQrifjttxög
Bei diesem Wort scheint dasselbe zuzutreffen wie bei
xalsnalvu): es findet sich in dieser Bedeutung nur in den
Apokryphen und hier selten. Daß im Neuen Testament PI
als einziger einmal es gebraucht (Eöm. 1, 26 im sexuellen Sinn)
ist nach dem, früher Ausgeführten kein Beweis dagegen, eben-
sowenig, daß es bei P da und dort auftaucht. Besonders
' fÜBtinvi-ie hat in diesem Sinne anch Hierökles.
Epiktet nnd das Nene Teetameut 265
eigentümlich ist dem Ep. die Verbindung XQfjmg rdiv (pcmzaaiCbv
(die Fähigkeit, siDnliche Eindrücke und Vorstellungen und
durch sie motorische Impulse zu erhalten). Soweit geht auch
das Vermögen der Tiere, das unterscheidend Menschliche ist
die 7ta^axoi.ov-37jaig ifj x^j^aeiiäiv ipanaatü/v.
xdiga im übertr. Sinn Tlatz', Tosten'
Dieser Gebrauch des Wortes zur Bezeichnung der dem
Menschen von Gott angewiesenen Stellung im Leben ist bei
Ep. sehr beliebt. Er berührt sich mit dem ihm ebenfalls ge-
läufigen Bild vom Feldherrn, der die EoUeu austeilt. Ein
Gedanke von hervorragender sozialer Bedeutung ist es, den
Ep. II 4, 5 ausspricht, daß jeder Mensch imstande ist und
eine Ehre darein setzen muß, irgend eine &v9-Q>iiniia] x<hQa
auszufüllen. Möglicherweise hat Schleiermacher an diesen
stoischen Sprachgebrauch gedacht, wenn er in seiner Christ-
lichen Ethik den Beruf definierte als den Ort eines jeden im
Eeiche Gottes. — Übrigens gebraucht Ep. auch vÖTtog in ähn-
lichem Sinne wie xihqa.
ipvxaywy^bi 'erfreuen'; 'ergötzen'
Dieses Wort, wie auch das Substantiv tpvxayioyla, ist bei
den Attizisten besonders beliebt (vgl. W. Schmid, Attiz., Index).
Bei Piaton hat es außerdem die ethische Bedeutung der
'Seelenleitung' und die eschatologische der 'Seelenbannung*.
Im Alten Testament ist das Substantiv nur H Makk. 2, 25
im Sinne einer 'literarischen Unterhaltung' gebraucht; bei P
das Verbum einmal und zwar im asketischen Sinn von dem
Reichtum, der die Menschen ergötzt und daher von Gott
fernhält.
So hätte nun diese lange und etwas kahle Wörterauf-
zählung wenigstens einen „erfreulichen" Abschluß gefunden.
Was ich damit bezweckte, ist das, von dem Umfang des dem
Neuen Testament fremden epiktetiachen Sprachgutes eine hin-
reicliende Vorstellung zu geben. Selbstverständlich ist weitaus
nicht alles aufgenommen, was Ep. dem Neuen Testament
gegenüber Eigenes hat, aber doch so ziemlich das Wichtigste
von dem, was fiir ihn besonders chai'akteristiseh ist und be-
266 Adolf BonhBffer
sonders häufig vorkommt, d. h. also seine Terminologie im
großen ganzen beherrscht. Insofern ich diese ca. 200 Wörter in
annähernd der gleichen Anzahl und nach den gleichen objek-
tiven Gesichtspunkten wie die beiden Teilen gemeinsamen aus-
gewählt habe, sind sie wohl imstande, zusammen mit der
vorangehenden Liste, eine gleichmäßige Anschauung sowohl
der Verwandtschaft als auch der Verschiedenheit der Sprache
zu geben. Dabei wird niemand entgangen sein, daß die Ver-
schiedenheit erheblich größer und gewichtiger ist als die
Übereinstimmung. Denn während das erste Verzeichnis viele
nur gelegentlich oder selten gebrauchte Ausdrücke enthielt,
bietet das zweite eine Menge der allerwichtigsten Begriife,
die nicht bloß etlichemal sondern dutzendmal, ja fast auf jeder
Seite zu lesen sind. Wenn ferner bei den Wörtern der ersten
Liste, und zwar gerade bei häufig gebrauchten, die Über-
einstimmung vielfach nur in den Wörtern selbst bestand,
während die Bedeutung derselben ganz verschieden war, so
muß die zweite vollends den Eindruck befestigen, daß der
Anschauungskreis, wie er sich schon in dem Wortschatz kund-
gibt, bei Ep. und dem Neuen Testament ein ganz verschiedener
ist. Nicht bezweckt habe ich mit diesem Verzeichnis eine
philologisch genaue und erschöpfende Statistik und Semasiologie
der besprochenen Wörter, vielmehr war ich bestrebt mich in
dieser Beziehung auf, das Wichtigste, dem leitenden Haupt-
zweck Dienende zu beschränken. Zu manchem Ausdruck wäre
natürlich noch viel zu sagen und beizubringen gewesen, aber
die ohnehin genug lange Liste wäre dadurch ins Ungebühr-
liche gewachsen. Auf der anderen Seite lag es mir daran,
die Bedeutung der betreffenden Ausdrücke möglichst klar zu
machen und den mit Ep. noch nicht oder nur wenig vertrauten
Leser bei dieser Gelegenheit in die stoische Terminologie ein-
zuführen. Dies war für mich — ich betone dies ausdrücklich —
ein uicht unwichtiger Nebenzweck. Gleichzeitig suchte ich auch
den Sprachgebrauch einerseits der mit Ep. annähernd gleich-
zeitigen, überhaupt der späteren Stoiker, zuweilen auch den
der älteren Stoa und des Polybios, andererseits den der
Septuaginta und der apostolischen. Väter in die Vergleichung
hereinzuziehen. Vollständigkeit habe ich naturlich auch hier,
Bpiktet Bnd d^s Nene Testament 267
aus den angegebenen Gründen, keineswegs erstrebt, sondern
mich vielfach mit leichten Andeutungen und Anregungen
begnügt.
Dritter Abschnitt
Wörter, welche im Neuen Testament mehr oder weniger
Ton Bedentnog sind, aber bei Epittet fehlen
Um die Verschiedenheit des Sprachschatzes vollständig
zur Anschauung zu bringen, ist es nötig, dem Sondergut Ep.'s
auch das des Neiieu Testaments zur Seite zu stellen — „Sonder-
gut" natürlich nur relativ verstanden, d. h. die Wörter, welche
im Vergleich mit Ep. dem Neuen Testament eigen sind.
Selbstverständlich bleiben dabei alle diejenigen Wörter ans
dem Spiel — und das ist weitaus die Mehrzahl — welche für
das Neue Testament überhaupt und insbesondere in seinem
Verhältnis zu Ep. ohne Belang, also mehr zufälliger oder
nebensächlicher Natur sind. Dagegen war bei der Auswahl
mein Absehen darauf gerichtet, die Wörter, welche dem Neuen
Testament im Unterschied von Ep. eigentümlich sind, also
bei diesem nicht bloß zufällig, sondern der Natur der Sache
nach, mit einer gewissen inneren Notwendigkeit fehlen,
möglichst vollzählig aufzunehmen, selbst wenn sie im Neuen
Testament nur vereinzelt vorkommen, damit die Verschieden-
heit des beiderseitigen Gedankenkreises, soweit sie schon aus
dem Wortvorrat zu erkennen ist, nach allen Seiten ins Licht
trete. Natürlich befinden sich unter den etwas über 200 Wörtern,
die nun folgen, auch viele, welche zu den meistgebraucliten,
ja zu den Zentralbegriffen des Neuen Testaments gehören,
wie dies umgekehrt auch in der Liste der epiktetischen Wörter
der Fall war, so daß ihre Anzahl nicht bloß quantitativ,
sondern auch qualitativ zu veranschlagen ist. Auf der an-
deren Seite kann ich mich hier wesentlieli kürzer fassen, da
der dort verfolgte Nebenzweck, die Leser in die Terminologie
einzuführen und die Wörter sprachgeschichtlieh und begrifflich
zu erklären, in Wegfall kommt. Die Vergleichung des ]ieu-
testamentliehen Sprachgebrauchs mit demjenigen der Septua-
268
Adolf BonhöffEr
gLDta einerseits, dem klassischen und vulgären Profangriechisch
andererseits, wie sie von Thayer-Grimm, Dei&mann, Kennedy,
Nägeli u. a. mehr oder weniger «mlassend vorgenommen worden
ist, liegt außerhalb meiner Aufgabe. Zur Erläuterung der
Liste schicke ich noch voraus, daß bei den Wörtern, welche
Ep. ebenfalls hat, aber nicht in der spezifisch neutestament-
lichen Bedeutung, ein betreffender Zusatz j^emacht ist, der
sich jedoch immer bloß auf das unmittelbar vorangehende
Wort bezieht; folgt darauf ein stammvei'wandtes Wort ohne
Zusatz, so ist damit gesagt, daß dieses Wort bei Ep. über-
haupt nicht vorkommt. Aber auch in diesem Fall kommt für
mich nicht sowohl das Fehlen des Wortes, als vielmehr die
Tatsache in Betracht, daß es in der betreffenden Bedeutung
dem Ep. fremd ist. Wörter, die nur andere Bildungen vom
gleichen Stamme sind, habe ich, soweit es der Eaum erlaubte,
sei es ganz oder abgekürzt, dem Grund- beziehungsweise
Hauptwort beigefügt; vollständig findet man sie in der syste-
matischen Übersicht innerhalb der betreffenden Gruppe und
Reihe. Die epiktetischen Fragmente, soweit sie nicht mit
Sicherheit oder überwiegender WsthrscheinKehkeit als echt
betrachtet werden können — und dies ist die große Mehr-
zahl ~ sind natürlich unberücksichtigt geblieben.
Sßvaaog, i)
iyaS^OTtaUot, -la,-6g
äyaS'biavyij
äyaXhdw, - iaoig
iydni] 'Liebe', -ijTo'e
'geliebt*
äyytXog ■'Engel'
dyiä^oj, -Ofiös
Syiog, -onjs, -Mavvrj
äyvi^cu, 'tafi4g
&yv6g, -rfiije
S<delqi6g (iibertr.) ,
-tJ, 'ÖTTjg
äCviÄog
S&sog
&iäiog
al^a (kultisch), aU
lj.areK%vaia
atvita, a'iveaig, alvog
a'iviyna
aisöy (theologisch),
aidiviog
aYQBdig (im üblen
Sinn), oJgeriJtfJs
äxgoßvaria
ixQoytovutlog
äXelqioi (im kulti-
schen Sinn)
&ÄXij).ovia
äi^d^avTOg
&^aqTla, 'ia).6g
iyayevrdui
äya^dto
&vaKCUv6ti), ävanal-
vioatg
&vdaTaatg
&nii.vtQOv
ävTlivfiov 'Abbild'
Epiktet nnd das Neue Testaraent
idgafiog
difieigaarog
&}zeglTfirjTog
äTciatog 'ungläubig*
iTtodfxaröiD
&7toMii.vipig, -vfiiu
iitOAüTiiaiaaig
&7toXizqii)aig
änoaxlaofia
AnöOTolog, -ri
inotswä-yioyog
äti^oatottol^rTTCifg
ändiXeia (theolog.)
&exdyyEi.og
o^Xri (theolog.)
&QXUqttziy.6g
iQXiüvväytayog
iQ^Kithhvr^g
Somlog
äiptaig (äfioQTi&v)
&q>9uqTog, -oia
äxeiQOJtolrjTOg
tOfiög, -tODjs
ßaadsia (theolog.)
ßöiXvyfta, -vxzög
ßißrjlog, -6(u
ßXaa<p'tj/iitii, 'La
ya^orpvXäxiov
yievva
yXsiairai (Glosso-
- lalie)
yv&aig
y^affiOTivg
yqatpn
ÖBifiovuiidrjs , dai-
deiaiöaii.i(i}v, -ovia
dexaTÖoi
ÖtAßoXog
öiG^rixti (religiös)
diaOTta^d
5i%ai6u>, -ß/(u^o,
-ai<i>atg
Svva^ugiysa mystisch
theolog. oder me-
taphys. Sinn)
lynalvta, -lt,M
e&sXo&^a-AEia
^»yti 'Heiden', £»vi-
x6g
MioXov 'Götze' (a.
Derivata)
ehuhv
EiQ-^rrj (religiös)
lytörjiUüt (eschato-
^ log-)
hn-uXrjaia
kxXsy.TÖg
i'xataais
hdiTtlOV
sS^OQ-x-Lorrig
e^otala (theolog.)
iTClOKOTtOg, -^
ejiovQdvtog
ee^irjveia (u. Kom-
posita)
ire^o äidaoxaX^o/
eiayyeXtov (mit De-
rivata)
tiSoxi(o, 'ia
eiXoyiia, -»frü's, -i'ß
shnoCia
it'OJtXayyyog
lfp<fa9d
^w)J (theolog.)
^moyoviio, -itoiiM
O^äyazog (theolog.)
d-foSlStniTog
■S'SÖTtvBvtnog
^grjOTtös, "«<«
d-QÖvog
fUafta
idov
IfQaTeiJbt, -ei;fta, -lia
IXäaxofiai, -fiög,
lOäyyeXog
via&a^l^o), -laft^g
ytaqdioyvdimijg
xaraic^raofia
xirieiÖwXog
vavti
xavydofim (u. Kom-
posita)
â– xr^qvaaio, x^pn^ (pro-
phet.) xr^Qvyfta
xXrJQOg (religiös)
270
Adolf Boühöffer
xocvög 'profan'
Y.OQßär
xöa/Aos (daalistiscli),
xoa/itxös
xoOftoxgdrojQ
xtICo), Ktiatg (-/<«),
xvQtaxög
xv^ioTi^g
iaög 'das erwählte
Volk'
lenov^yem (relig:iös)
-ia
XißaycAiTog
/.vTQÖio , IvT^iooig,
fidyos, fiayevb), -da
ftCKQoS-vfi^ia, -ia
fidvva
fiaftiaväg
fuyaXwavvt;
fi8aht}g, [leaizEvcu
JUtaaiag
fieiafio^fpÖM
fieiaoxtlftaii^io
fiiaivio, fuaaftög
ftiudvg, fna&anO'
doaia, -o'ri/s
Mo'löyi
ftovoy&vrig
[ivazij^tov (theolog.)
reoq^VTog
VOfloäld(i<Jxai,Oi;
olxxiqi,if}v, oiKCiQfiög
dhyöfriazog
oXnv.avTiofiQ
ölöxhjQog (kultisch
u. ethisch)
5vofia (relig.)
oigavög , ov^äviog
(theologisch)
ötpdivior
na'Uyynviaia
navTOXQ^TioK
TCOQd^aaig
Ttaqaßokri
nagädsioog
naq6xXriTog
n&Qotxog
naqovaia
naxqtiiqxiig
jzeiQÖl^o) (relig.), ?t£i-
Qaaftög.
â– Ttsvzrfxoait]
nimig, 71 tmevio (re-
ligiös)
TtXij^fxpo^u}, -ia
nXiJQiUfia
jTffffi« (theolog.),
-Ttx6g
ITVIKIÖV, 10
3toif.tijv (im geistl.
Sinn), TioiftaivM,
Ttoifivri, 7f oifiviov
7to).iTf,vi.ia
■noX'üijjtXayxvog
7covtiQ6?, 6, der
'Teufel'
TtOQVSVUI, -sict
7tQ£OßvT£gog, -liQiov
7tqogiVXOi.iai, nrpog-
TtQogrjXvTog
TtQoawTioXtjfi \pia
TtqOfpTiTYjq, -tia
Tip vnox a^t dp ioT
tigtDTOTOxog
Qaßßi, Qaßßouvi
^arti^u», -lo^ög
aäßßcaoy (11. Vari-
anten)
aoQY.ixog
OÜQXivog
uazavSg
axdväaXov, -itut
oxrivT^ 'Stiftshütte',
ax^viuj.ia , Gxipio-
Ttayia
oxXrjqoy.aqÖia
ütacQÖg (theolog.),
aVj.1 TTQEOßüTEQOg
avvayuiyi}
övviäQiov
Ovi'txXtxTÖg
Tijpte (theolog.)
(T(UIljp(OS
toTtelvioaig , (ob-
jektiv)
rixvov , tsxviov
(übertr.)
jsXiövtjg, r£}.ii>viov
TVfTog 'Vorbild' (al-
legorisch)
Epiktet and das Nene Testament
271
VTiotvjtiutJig
{paveQÖw
X^e^s 'Gnade';
XeiQOttolijTog
XEQOvßLfl
fpwti^ü) (theolog.), XQf-oiia
ipevSädelq'os
^eväaTtöaTolog
ipevdoSlödaxaXog
tflBvSoTtQorpriTr^S
ipsvÖöxQiotog
woavvd
q>catiaii6g
XStaziayög, XgWTÖg
Dieses Verzeichnis sagt dem Kundigen und Eingeweihten
ohne Kommentar genug. Um aber dasselbe allgemein ver-
ständlich zu machen und die Wahl der Wörter im einzelnen
genauer zu begründen, fasse ich dieselben in einige Gruppen
zusammen, indem ich zugleich, wo es nötig ist, ihre Bedeutung
und den Grund ihres Fehlens bei Ep. kurz zu erklären ver-
suche. Keiner besonderen Verantwortung wird es bedürfen,
wenn ich bei dieser eingehenderen Verzeichnung hier und da
ein weiteres, bezeichnendes Wort beifüge, das in der alpha-
betischen Gesamtliste nicht aufgeführt ist.
Gruppe I: Semitische (hebräische oder
aramäische) Wörter
äßßä, äXlriXo^ia, d^iiij)', äQQccßdiv, ßdrog ein Flüssigkeitsmaß
(von ns), ys8vya, sif'(pa&d, xoQßäv, xÖQog ein Getreidemaß (von 13),
fia/t(i)v&g, /.lävra, fia^äv &9-ä, ^eaalag, i,iol6x, Ttdaxa, qaßßi,
^aßßovvi, QUKa, aaßawd; o&ßßatov, oaßßariafwg, aaravSg, x^^ou-
ßifi, wOavvä.
Die Eigennamen, sowie die zu ganzen Sätzen verbundenen
hebräischen oder aramäischen Wörter (z. B. eli eli lama
asaphtani) habe ich, im Unterschied von Thayer, nicht auf-
genommen, dagegen semitische Lehnwörter, die schon vorher
in die griechische Sprache übergegangen waren, wie &QQaß(liv,
nicht ausgeschlossen. — Daß Ep. diese Wörter nicht gebraucht,
versteht sich eigentlich von selbst; daß die Interjektion oßa
und ovai, TS'elche bei Profanschriftstellern äußerst selten, da-
gegen in Septuaginta und Neuen Testament sehr häufig vor-
kommt, gerade bei Ep. etlichemal sich findet, beweist gewiß
keine Vorliebe für oder Vertrautheit mit dem Judengriechisch,
sondern nur, daß er die Ausdrücke der niederen Umgangs-
272 -idolt BonhSffer
Sprache nicht verschmäht, wie wir es auch sonst vielfach bei
ihm wahrnehmen. Zu den semitischen Wörtern können wir
auch noch zählen die Adverbia Ivwitiov, -/.arEvibTTiov und x«t^-
vavTi sowie die im Neuen Testament so liäufige Demonstrativ-
partikel Mot!. Denn wenn diese Ausdrücke auch, wie neuer-
dings von Deißmann und Jac. Wackernagel {HelUnisHca, Gott.
Programm 1907) gezeigt worden ist, dem außerbihlischen
Griechisch nicht fremd sind, so ist es doch klar, daß ihr so
überaus häufiger Gebrauch im Neuen Testament lediglich aus
dem hebräischen Sprachgebrauch sich erklärt.
Gruppe II: Biblische Wörter', d. h. Wörter, welche,
mögen sie in ähnlicher oder anderer Bedeutung
in der profanen Gräzität vorkommen oder nicht,
im Neuen Testament lediglich auf jüdische oder
urchristliche Einrichtungen und Gebräuche oder
Glaubensvorstellungen sieh beziehen und deshalb
von vornherein bei Ep. nicht zu erwarten sind.
Auf eine eigentlich systematische Anordnung glaubte icli
hier verzichten zu können, zähle vielmehr die Wörter in
alphabetischer Reihenfolge auf, indem ich den einzelnen, die
zufellig an die Spitze einer Eeihe zu stehen kommen, die
sprachlich oder sachlich zugehörigen beifüge. Auch hier ist
dem griechischen Wort die Übersetzung oder ein charakteri-
sierender Beisatz nur dann beigegeben, wenn es in anderer
Bedeutung auch bei Ep. vorkommt.
äy^eXos 'Engel' — &Qx6yyB}.o$, taäyyelog
&XQoßvaria — änsQit/tTjJog, Tte^iiofi^, xuTazofi^
iXelipw (im kultischen Sinn) — x^iofia, XQ^'^'^S- ^nix^itnog,
ipev66%ßiaiog, ■iqiartavdg
' Ich brauche wohl knnm heryotBUhehen , daß ich unter biblischen
WSrtera nicht das meine, was mau früher als sogcDaautes Bibelgrieehisch
auffaßte, und was, mag auch noch nicht alles ans Inschriften belegl^ worden
sein oder belegt werden können, doch einfach zur Koifi] gehört. Meine
Lietc deckt sich denn auch nicht mit Thayers Biblical teords, eoidem, und
auch diea nar zam Teil, mit dem, was er BibUcal ngnifications nennt.
Epiktet und Aas Neae Testament 273
ävaKiiivvcfu ^
ATToätKaTÖto — dexarow
ärroavvdyioyog — iißX"fi"''^>'"'J'''S. avvaycoy^
ägxtrroi{tT]v ' — rvotfi^v {im geistlichen Sinn), 7toi.^aiy<a, noi^yri,
itoifiviov
ßafiri^oi ^ — ftdTVuatia, ßamta(i6s, ßa^rtav^q, ß^ßrjXog, Ssßfß.6m,
y.oiv6g 'profan'
yo^O(pv}.dxi<}y
yQa/iftaxBvg — /?«'/"), voiiodtddaxalogf ovred^iov
öaifinviCofiai — äai/ioni!>ärjg, i§o^itio, i§OQXtmi]g
didßolog — ö nnvrjQÖg der 'Teufel'
^utx^1}Kl] — juecf^iijg, fieisiTf.v<a
öiaoTcaqü — iB e^vtj die 'Heiden', iO-viKÖg, Xaög das 'erwählte
Volk'
iyy.aivia — lyxaivitM, n&a%u, Tcevrjjxoffrij, ay.r^vonxfyia
tiöoilov 'Götzenbild' — eMwAoieirpije, £tä(okoi.aTQeia, ei6ii>lö-9-vrog,
y.aTtiäcof.og, y^si^oTiolriToe (von Götterbildern und vom
Tempel), &y,iigoTtoitiiog
txxlijcia — IxktxTÖg, ai-fiy-XiKtög, zAr]goc: (religiös), xXrjQiiio, xXrjrög
tJtioxoTtog — hTiiüxoTtri
^vf^ttciriQtov — Svfiiafia, XißaroTÖg
xaTaniTaa/ia — (Jki;i'iJ 'Stiftshiitte', 'Tempel', a/ijvwjfo:, äy-go-
yiDvcalog, 'U&oßoXioj
fidyog — /.laysjjvj, itayeia
' Dieses Verbum, I Petri 1, 13 in einer bildlichen Wendung gebranclit,
ist insofern nnhelleniscii, als es anf die Tracht der Orientalen sich bezieht.
Kennedy führt es unter den Wörtern »nf, welche das Nene Testament mit
Septnaginta gemein liat.
' DaG d^/,inoift^v tein ausschließlicli biblisches Wort ist, zeigft sein
Vorkommen auf einem ägyptischen Mumientsf eichen {DeiBmann, Licht vom
Oät«n 66 ff.).
' Auch Ep. spieit bekanntlich einmal auf die jüdische (oder christ-
iiehe) Sitte des Tanfens an, gebraucht aber nicht den biblischen Terminus
jSn.-c II Ja,, sondern das allgemein griechiscbe Wort ßä^iTio (II 9, 20), wogegen
allerdings das ebendort gebrauchte Wort ^n^nfJ'i.iTiorj;; an jenes erinnert.
ReligiünSBescliiohtlichB Verauclia u. Vorsubelttn X 18
274 Adolf ßonböffer
fifyaXoavvr/ — SvofiQ (im mystisch religiösen Sinn)
jcQstfß^EQos (als besondere]- Stand in der Gemeinde) — oi;,u-
jrjoq^jJTTje ^ — }pevÖ07tQO'^i^Tr}s, ^Qoqjrjrela, ykS)aaai (Glossolalie),
EQ/.i7jpeia, diB^fii}vevü>, öieQftrjvevnig, ^^uwxaS'eSQia.
Gruppe III: Wörter, welclie für das Wesen der
jüdischen und besonders der christlichen Religion
bezeichnend sind, und deren Fehlen bei Ep. des-
halb den tieferen Unterschied der beiderseitigen
Anschauungen offenbart.
Es handelt sich bei dieser Gruppe, bei welcher wir den
ganzen Eest der Liste unterbringen können, nicht, wie bei 11,
um äußerliche Einrichtungen und Ordnungen oder einzelne
Kult- und Glaubensobjekte, sondern um den tieferen, allge-
meineren Gehalt and Charakter der biblischen Weltanseliauung
überhaupt, soweit er schon in dem Gebrauch und Vorherrschen
gewisser Wörter und Begriffe zur Erscheinung kommt. Hier
ist es nötig, eine einigermaßen systematische Einteilung zu
versuchen, welche zugleich für die zusammenfassende. Ver-
gleichung Ep.'s mit dem Neuen Testament eine gewisse Grund-
lage gibt.
1. Supranaturaliatische und damit dnalistische
Auffassung des Seins.
a) Die Existenz einer übernatürlichen Welt:
äidios, aliijv (fieXkav), attiivios, äfid^avcog, äögavog, &<f>a<xq-
lOS, ä<p9aQ(7la, ßasdsla {z€)v o^qavfbv oder i^eov), entov^äviog,
oiqavög.
' n^o^'jiiti und lepei: erwähnt Ep. awar einmal, aber in einem Zu-
sammenhaiig, der uns gerade zeigt, wie niedrig er diese religiösen Ämter
und Enrichtnugen an sich selbst gewertet hat, wenn ihre Träger etwa
Epikureer oder Skeptiker, d. h. nicht von einer positiv etliiacb-religiöseu, (in
seinem Sinne) wahrhaft philosophiBChen Überzengnng erfüllt sind (II 20, 37).
Insofern und in Anbetracht der ganz anders hervortretenden Bedeutung
der Propheten in der Bibel können wir auüh diesen Begriff als einen dem
Neuen Testament im Unterschied von Ep. eigenen betrachten.
Epiktet nnd das Nene Testaineat 275
b) Die irdische Welt unvollkommen, vergänglich, be-
ziehungsweise beherrscht von nntergöttlichen oder wider-
göttlichen Mächten:
aitüv (ohroQ), xöaftog (dualistisch), KoantKÖg, xiiaig ', xoafio-
kq6xioq , dpx'i *• ä^vcfiS, e^ovaia, S-gövog, xvQiÖTi]g, aa^xi-xög,
adQxivog, TaTteiviüotg (aCtfia irjg Taitetviliaeag).
c) Die irdische Welt enthält nur Abschattungen oder
Abbilder der himmlischen, nnd innerhalb der irdischen ist die
vorchristliche Zeit nur ein „Typus" der in Christus erschienenen
oder durch ihn angebahnten Vollendung:
atviy^a , ' dXkr/yaqifj) , ävtlrvTrov , ATtavyitafia , AtToaxlaOfia,
sixibv *, fivaTfi^ia», na^aßakri, oxiä, zvjtog, vTtOTvnwaig.
d) Das Kommen dieses überirdischen Wesens und die
Anteilnahme an ihm ist das einzig ersehnte Ziel des Menschen:
ävdoTaats, änoxa^aäoxiß *, AtioxaTdazaaig, titöijfietu, /.ttza-
H0^(p6<D, ^£i:«iTX»j|(ißi^w, Tcalt'yysvtQlix, n^qoixog, itoQovolct, fröXig
(^ li4Xkovaci\ TtoXitWfta.
Die Kehrseite dieser Seligkeit: &ßvaoog (Ort der Ver-
dammnis, hauptsächlich in der Apokalypse), AircliXeia.
' Kiiaii kommt hier nur unter dem Gesichtspunkt des nnr fär eine
kurze Zeit (oder von nutergöttlichen Mächten) GeachftfEenen in Betracht;
meint man das Geechatfene im Gegensatz zam Selbetgewordenen, so wird
das Wort ein Zeuge für den Theismus.
' Bei '-e-//:, S6,-<:fiii etc. handelt es sieh natiitlich um die speziflaeh
hibÜBChe, myatiaeh theologiache, beziehunga weise mythologische Bedeutung.
* cim-iy kommt hier nur in der mystischen Bedeutung in Betracht,
wonach etwa Chriatns das Ebenbild Gottes oder der ChriBtnaglKubige slxoiv
Chiisti genannt wird. Es ist mir wohl bekannt, daS eluäv ala wirkliches,
adäquates Abbild im Neuen Testament der nxtä , der trüben , unwesen-
haften Abaohattung entgegengesetzt wird. Insofern jedoch das Abbild ant
ein der unaiehtbaren Welt angehörendea Urbild oder Urwesen hinweist,
gehört das Wort auch zu der Gruppe derjenigen Ausdrücke, welche die
spiritnaliatische Anffassung des Neuen Testaments charakterisieren: von der
OKI« führt gleichsam eine Stufenleiter über die geistig sclion im irdischen
Leben za verwirklichende- dxt^v znr endgültigen, verklärten elxüi^ zum
Urbild, zu Gott.
* Diese sehnsüchtige Richtung des Gemütes auf ein zukiSnftigea, über-
irdisches Ziel kennzeichnet besonders gut den Unterschied zwischen der
stoischen, im gegenwärtigen Besitz gesättigten nnd der christJichen, es-
chatologisch bestimmten Religiosität.
18*
27R -Adolf Bonhöffer
2. Korrelat dieses Supranaturalismus ist der ausgeprägte,
unüberbietbar energische Theismus.
a) Die Existenz des unumschränkt gebielenden, in sich
vollkonnneoen, die Seligkeit der Menschen wollenden Gottes.
ifteif^aoTOS, &7tqoüiorcoXrjrcTuig'^ (xj/voiy) [jiQoatnuo'kriftJtTriq,
jtQoiJtanf>hr,fi\pla\ TtaQdwyvthaitiy, vxltia, ^tlofia, Kciazije> ('«y^^o-
^vfteio, fiaxgo&Vfiia^, olxtiQfitDV, otxuQ/.tas, navTo>i.QÖrmQ, itXt]-
ßtofia', jtohvaTtXayyvos, vloO-eaia, X'^QtS> ya^tiöot.
b) Er offenbart seine Herrlichkeit und sein Heil durch
seinen Sohn und Geist.
inovAlv^pig, aTtoy.aivKti-j , ÖiSayj], didaaxah'a (im Sinne
der geoffenbarten Lehre), evayy^hov, ivayyEXi^w, tvayysktari^Si
■ü^iodidctXTog, d-tvitvivatog, %>jQvoacD, xrjQv^, y.i]Qvyfia, -/.offiaxög,
fioroyirrig, ■rra^tht'/.tiTos ^ m'si>{.i<t, TCQi'jzÖTOxog, qiare^u), (pwri^w,
«pivriafiös, yäqiGfia.
c) Alle menseliliche Verfehlung, ethisclie und religiöse,
bekommt als gegen den einen himmlischen Herrn gerichtet,
eine besondere Schärfe-
' Daß Gott keilt „Anseben der Perioii" kennt, ist eben .incli ein
Zeichen seiner Erhabenheit, seiner suGeren Erhabenheit, kraft ivelober er
dnrcli keinerlei Euekaitht auf etwas aulier iUni Existierendes gebunilen ist,
und seiner inneren Erhabenheit, d. h. seiner Gerechtigkeit nnd Heiligkeit.
' Die /inx^oO-vnUi als die nachsichtig znwartende, nicht gleich strafentle
Langmut Güttes ist dem Stoiker fremd, für welchen jede Sünde die Strafe
unmittelbnr in sich selbst trügt. In der Bertentnng dea gednldigen Ans-
harrens, vielleicht anch der verleihenden Nachsicht, iat die /la-^po/h/iln im
Nenen Testtiment auch eine menschliche Tugend, gehört also anch in die
Gruppe in 3 b.
» ^!.r,piufi>, kommt hier natürlich nur in Betracht in der dem Epheser-
brief eigenen niyitiscben liedentnng der Überschwenglichen, über alle Ver-
nuntterkenntnis hinansliegenden Wesens- und Lebensfülle des trans-
zendenten Gottes.
' Der Paraklet im johaaneischen Sinne als der im Gläubigen wirk-
same Götte'geist oder göttliche Seelenbeiatand hat, sobald mau ihm den
übernatürlichen Charakter aliitreift, eine schöne Analogie in dem SaJ/imr,
det nach Ep. und überhaupt nach den späteren Stoikern als Stellvertreter
Gottea und Fühi-er zu Gott dem Mensehcu eingesenkt ist. Dagegen für
die fna(.<lx).r,aK im Sinne des Trostes hat der Stoiker kein Verstttndnig, weil
er überhaupt kein (äuücies) Leiden und Unglück kennt; das Wort findet
sich bei Ep. einmal, wo es sich um die Empfehlung der Philosophie, also
um den ^^0Tne:nixöi Uyoi handelt (UI 23, S8).
Epittei und das Neue Testament 277
8&iog, a'iQiotg (im üblen Sillll)^, aS^tztwi, äfiaoiojXöe,
äyäO-ejia, äyaO-ffiari^u , &»Tif.acMa'^ (fiia-S-dg, fuaO^anodoaia,
HioO-anoöÖTijg, iipi'avtov) , ätiiaiog 'ungläubig' (äkiyörriffrog),
ßSiXvyi.ia , ßStXv'Aiic , ßJ-aatpr^ftew , äeitjiöaitivjv, äsiaiöai^iovia,
iO^eXoS'Qr^axEia, STtixatd^aTog, f.r£Qo6iSaiixa/Jto (ipevtioöidäaKakog),
/Aialvbi, fiiaa^iög, rca^äßaaig", ireipettw*, Ttsi^üafiög, oitäväakov,
d) Ebendeshalb genügt die bloße Oft'enbaruiig der Wahr-
heit nicht, sondern Gott muß die Menschen durch Enisühnung:
fiir sein Heil bereit machen.
ayiöCM, äyiaaitöi;, SytOf, üyioiTj^', äyiMOvvri, äyviCw, üyviOfwg,
atfta^, alftarexxvaia, äi-Tii.VTQOv, djtnjx'J' änolvTQutaig, &a:xiXog,
' Das Wart "iffion gebraucht lüp. in dem gemeiugrieehiächen, iiea-
tralea Sinne der philosophischen Sekte oder Schule.
' Ich blanche wohl nicht weiter auszufübren, iuwiefeiu die bibÜKL'ben
hegtiSe des Lohns und der Vergeltung: mit der stoischen Ethik sich nicht
Tertragen.
* Tiapäßnoie ist uTistoiscli natürlich nur in dem Sinne einet le^vutten,
objektiv vorantwottliehen Zawiderliaudiung gegen ein positiveH, güttliches
Gebot. Ep. gebraucht einmal den A.asdrnck HHyttßatiKiö; l/.hh tou der
VerletKung der durch die menschliche Satur geförderten soaialeii Bück-
sichtQfthme, der xaiviafia (II 'if), 14).
* Es handelt sich hi^r nur nm den biblisehen Begriff der Versachung
als einer von widergüttJithen, feindlichen Mächten ausgehenden Anreiznng
zum Bösen oder zum Abfall von Gott. Überaus lehrreich ist in dieaer
Hinsicht die Vergleichung von Eneh. 10 mit dem entsprechenden Abschnitt
der Paraphrasis (1.3); während Ep. nur von -ipoä.i/jiiaj r.i spricht, bezeichnet
der christliche Bearbeiter diese Zufälle genauer als Trsigaufuii und nennt
sie ausdrücklich y^o toIi t'/^paü Tipa^iüüiJUi/iti/ot , Hier kann man den
Unterschied zwischen stoischer und christlicher Auffassung mit Händen
greifen! Sieht man dagegen von dem Ausgangspunkt des :if.i("Wfioi ab,
so besteht zwischen der christlichen und der stoisr.hen Anschauung, wonach
diese Tiiifiaa^tni, d. h. die Leiden, sein müssen und zur Erprobung des
Glaubens, beziehungsweise der sittlichen Widerstandskraft dienen, eine groHe
ÜbereinatimmuHg. Ep. wendet einmal auch das Verbum ^iipu^fu' au, wo
er erzählt, nie sein Lehrer Masonlus einst seine Gesinnungstüchtigkeit (tuf
die Probe gestellt habe (f 9, 29;.
* Das Wort "Ifc kommt bei Ep. gelegentlich auch vor, aber nur im
natürlichen, physiologischen Sinn. Daß das Blut auch in der griechisehen
Religion eine Bedeutung hatte, würde man aber aus Ep.'s Gespräclien nicht
erfahren. Als Stoiker respektiert er die religiüsen Gebräuche seines Voltes,
aber für die Ausgestaltung seiner Lebensanschauung hat der ganze Kultus
278 Adolf Boaiiüffer
ä^EUig (AfiaQTiüv) , ötxaionf, öixaim/ia, dixaiojoig, Ikdaxofiai,
Uao/ifJs, üaaT^Qiov, xad-a^i^vj, xa3a^ia^6g, kirc^öw, XiJT^watg,
XvtQum'is. XvtQov, dXöxXrjQog ', Tcd^Batg, mavQÖg ', avotavgiia, aäi^iu,
Oattij^, aatTtjQia^, aotTrJQiog.
3. Der Mensch erfahrt durch die Aneignung des göttlichen
Heus eine völlige innere Erneuerung und Hinaüshebung über
die natürliciie Menschenart.
ävayevyiio}, äva^äw, ävait.mvöiu,ävaxalr(iiatg,'l^(i))^*, ^(ooyoviio,
^(fio^oiEio (Kehrseite SdvaTog), vtöfpviog, uvei-fiaiixög.
Im einzelnen änßert sich dieses neue Leben :
a) religiös «) in tiefster Befriedigung and hochgespannter
Jubel- und Dankesstiramung.
&yaXXiäbt, &yaXliaais> aivho, a'ivsaig, abog, eipiji^ *, enaraaig,
nichts zu tadeuten; und insofern ist allerdiuga das Fehlen dieser kultischen
Begfifie höchst bcüeichueud für den Unterschied zwischen ihm nad dem
Neuen Testament.
' öUA-^tiai gebrencht Ep. nur von der körperlichen IntegritSt, nicht
in übertragener, wohl dem Opferbegrifi entnommener Bedeutung.
' Es versteht sich von selbst, »laß Ep, Ton dem Mysterium des Kreuzes
nichts weiß. Deu Kreuzestod erwähnt er mehrfach und zwar in einer Weise,
die Termuten läßt, daß er selbst Kreaziguagen gesehen hat. Wenn er die
Stellnng der Badenden, die in ihrer Bequemlichkeit sieh ganz von fremden
Händen bedienen lassen, mit Gekren^igteii vergleicht [HI 26, 22), so ist
dies gewiß auch ein Fingerzeig, wie wenig der Ideeukreis der Christen ihm
bekannt war, respektive wie wenig er sieh veranlaßt sah, irgendwie auf
ihn, auch nur polemisch, Kücksicht zu nehmen.
' Auch Ep. kennt eine tiefere, geistige Bedeutuug der Begriffe cd/Zi"
und OBtTr.rin, aber lediglich im rationalistischen Sinne der Selbsterlöanng,
so daß gerade in diesen gemeinsam gebrauchten Würtem der ganze tief-
greifende Gegensatz der Anschauungen offenbar wird.
* Es handelt sieh hier natürlich nur um den prägnanten, mystisch
reügiesen Begriff des Lebens und Todes. — Übrigens gebraucht anch Ep ,
zwar nicht S'draioB, aber s'emi'i,', rsKjiot/iKietc. bildlich für seelische Zustände.
' Dsn inneren Frieden kennt E]i, als Stoiker sehr wohl, bezeichnet ihn
aber eher mit YaM''1, eTponc nnd ahnlichen Bildern. Einmal spricht er
auch vergleichungs weise von einer ttir^^vr, «,tö ■7i{vl>uv,; cItiü q96vov etc.,
d. h. von einem Zustand, wo man nicht angefochten wird durch Leiden-
schaften j aber auch von diesem Frieden gilt dasselbe was oben ku ooigoi
bemerkt wurde. — Die übrigen Ausdrücke der Gruppe sind charakteristisch
für die Gfut der religiCsen Empfindung, welche das Neue Testament dareh-
Epiktet nnd das Neue Testament 279
tiöoxedi, tvSoviia, siloyiu, ^kayt^ög, e-iloyict, xavx^onai (iy-
xavxäo^iai, -AaTaxavxäo/iai) , xöijxj^.uc , y.aijxijais , Ttlij^ocpo^fio,
nXriQOfpogict, ii.qoaeü%ofiat, itQoasv^rj.
ß) in gläubiger Hingabe an Gott und Festhaltung; seiner
"Wahrheit.
yvwaig S ^Qr^axtia ', XarQsia, '/.siiovqyew, XeeiovQyia, oq^o-
10/ieci} ", TtidTis *, TtcfJTtvut.
b) ethiscli a) in Reinheit des Wandels, Demut, Geduld.
&/VÖ1;, äyveia (Gegensatz ^oQvevo), 7toQvsla),iaitBi,vo<pqoavyii,
zanttvöfpqmvj vuo^ioni''.
ß) in einer selbstlosen, aufopferungsföhigen, wohltuns-
freudigen Menschenliebe von zuvor nicht gekannter Wärme
und Herzlichkeit*.
weht. Nicht als ob es dem Ep. au religiöaer Wärme, gelegentlich auch an
leligiöaem Enthusiasmus fehlen würde : aber die hocbgespaante Freuden- uud
Dankes- oder Gebetsstimmung, wie sie in jenen Ausdrücken liegt, ist doch
nur möglich auf dem Boden des Theismus mit seinen im engeren Slcm
religiösen Erlebuisseu,
' ' Die neutestameutlithe yi'iöais ist natürlich etwas anderes aU die
kühl TcrätandesmäfligB l7iwir,fi.r, der Stoa, sozusagen ein Intellektualiamus
hüherer Ordnung, den Ep. gewiß ebenso scharf bekämpft hätte, wie ihn
später die cbrisrliolie Kirche hekftmpten mulite, als er ihr über den Kopf
wacbsen wollte. — Das Wort yriöais rechnet Nägeli au den Liehiings-
wörtern des Paulus.
* Bezeichnet den Kuitns überhaupt, aach deu falsclien {ygl. l9-e)j)-
&-^r,uxünj, wird aber Jak. 1, äö auch von der wahren, christlichen Gottes-
verehrung gebraucht.
* Dieses aus der Profangräaität nicht belegte Wort findet sich nur in
einem der spätesten Briefe des Neuen Testaments. So üehr die atoiker auf
die t'ip^f' iiy.uma Wert legen, sind sie doch von der Reehtgläubigkeit im
kirchliehen Sinne, die sich iu jener Stelle ankündigt und imraec etwas Un-
freies an sich hat, so weit als möglieh entfernt.
' nioxii und TuaTtiiii kommen hier natürlich nur im Sinne des Glaubens
in Betracht, eines Begriffes, der dem stoischen Rationalisrans gänzlich
fremd ist.
â– â– ' Die oben genannten Tugenden sind ihrem Inhalt nach selbstver-
ständlich auch dem Ep. bekannt und wichtig genug; nur die Ausdrücke,
insofern sie ein religiöses, und zwar theistisch religiüses Verhältnis an-
deuten, sind nicht eben stoisch. Über ■ia:<tii/oipoauiiq speziell siebe S. 65.
' Hier sind wir an einem Punkt, in welchem man gewöhnlich einen
280 Adolf ßonhüfier
Aya^oe^yeu}, &ya&07tOLka, äyaOoTCOita, d/ya&OTtoiöf;, äyaSw-
oiiwj, &y6Tc^, äyaicdb). ÄyaTtr^zög, äd{k(p6g • (Gegensatz ipsvöä-
Sektpog), &del(pri, 6deXq>6rTjs, tvnotia, etJafclayx^'og, t^xvov, rtxvlov,
^ß.Tlfia.
Zum Schloß mache ich, um MiBverständnisse zu verhüten»
noch eiiimaJ auf folgendes aufmerksam.
1. Die aufgefahrteil Wörter sind, wenn auch vielleicht
vorwiegend, doch keineswegs nnr solche, welche der neu-
testamentlichen oder biblischen, weiterhin überliaupt der
jadischen Gfräzität eigentümlich wären, sondern kommen zum
Teil, freilich nicht immer in derselben Bedeutung, auch bei
den profanen Schriftstellern der klassischen und namentlich
der nacllklas^i3chen Zeit vor. Es sind aber Wörter, welche
für den Vorstellungskreis des Neuen Testaments bezeiclmend,
ja teilweise geradezu konstitutiv sind, während sie demjenigen
Bp.'s fernliegen.
2. Man darf nicht die einzelnen Wörter der Liste pressen
oder isoliert für sich betrachten, als ob in jedem einzelnen
ein markanter Unterschied zwischen Ep. und dem Neuen
Testament sich offenbarte. Es fehlt zwai- nicht an solchen ;
andere dagegen geben erst im Verein mit einer Reihe gleich-
artiger, zu einer Gruppe zusammengefaßter Wörter einen
deutlichen Eindruck von der Verschiedenheit der Spraeli- und
Gedankenwelt,
der Hanptvorzüge des Ohristeiitnms gegenüber dem Stoizbinna erblickt.
Eineateila mit Beeilt. So sehr beide Lebens anschaulingen iu der Gering-
schätzung der irdiseheu Gilter übereinBtimmen, steht doch das Christ-entum
in seiner Betonung der Pflicht des positiven Wohltuns und Helfens (in den
mancherlei Nfiten dieses Lebena) dem natürlichen Empönden weit näher als
die StoB. Andernteils ist diese feönaeqnenter in ihrer herben Forderung
einer absoluten ünterwerfimg unter die nach ihrer Ansicht nicht etwa
irgendwie anormalen, von widergöttlicheu Mächten gewirkten, sondern
gottgeordaeten Bedingnn^ien des Daseins,
' So gewiß die St«a den Gedanken der altgenieinen Verwandtschaft
der Menschen, als der Kinder eines Gottes ausgesprochen und damit auch
den Begriff der brüderlichen Verbundenheit aller Menschen deutlich erfaßt
hat (S. 7. 49), so hat doch diese Vorstellung bei ihnen nicht die gefühls-
mBJJige Wärme wie im Christentum und hat deshalb auch nicht zu der
entsprechenden Terminologie geführt.
Bpiktet und das Neue Testaraent 281
3. Einen Beifrag zur spracUwisseuschaftliclien odei- sprach-
geschichtlichen Erklärung der neBtestamentiichen Gräzität
wollte ich nicht gehen, verweise dagegen auf die Septuaginta-
Koukordaiiz von Hatch und Redpath, ferner auf die öfters
erwähnten Arbeiter von Kennedy, Thayer, Deißmann und Nägeli,
wo die meisten Wörter nach ihrer sprachlichen Provenienz
und Frequenz eingehend behandelt sind, ebenso auf die wert-
vollen Wörterverzeichnisse in W. Schmids Attizisraus und
E. Maysers Grammatik der griechischen Papyri.
4. Auch auf die Heranziehung der Fatres apostolm glaubte
ich für den besonderen Zweck dieser Liste verziehten zu können.
Es läßt sich von vornherein erwarten, und Goüdspeeds Index
patrifUcus bestätigt es im einzelnen, daß der Wortschatz,
welcher für das Neue Testament besonders bezeichnend ist,
zum größten Teil, vielfach bereichert durch neue Formen,
auch bei den apostolischen Vätern wiederkehrt.
Damit wäi'e nun der für den Leser vielleicht weniger er-
quickliche, doch nicht am wenigsten nützliche und lehrreiche,
sprachvergleicheude Teil der Arbeit erledigt und dem Aufstieg
zum Höheren, der Vergleichung der Gedanken und der ganzen
Weltanschauung, der Pfad geebnet.
282 Adolf BonhöSeT
Zweiter Teil
Einzelne Aussprüche und Gedanken
Was wir bei der Untersuchung des Wortschatzes ge-
funden haben, daß nämlich die nicht zu leugnende große Über-
einstimmung doch von der Verschiedenartigkeit entschieden
überwogen wird, ja daß in der Übereinstimmung selbst eher
die Unähnlichkeit als die Ähnlichkeit der geistigen Grund-
lage und Grundrichtung offenbar wird, bestätigt sich auch,
wenn wir die einzelnen Aussprüche und Gedanken mit ein-
ander vergleichen. Zunächst freilich wird uns auch hier eine
überraschende Fülle von übereinstimmenden Gedanken und
Anschauungen begegnen, und es ist keineswegs meine Absicht,
die unläugbar vorhandene große Verwandtschaft irgendwie
abzuschwächen, vielmehr unterziehe ich mich mit Freude der
Aufgabe, alles Erwähnenswerte mitzuteilen, freilich nicht mit
der früher schon charakterisierten naiven Freude, mit welcher
in alter und zum Teil noch in neuerer Zeit die Parallelen-
jägerei betrieben worden ist. Am vollständigsten nach dem
alten Wetstein, aber in der am wenigsten vorbildlichen Weise
hat die epiktetischen Parallelen zum Neuen Testament ge-
sammelt Edm. Spieß in seinem bereits erwähnten Logos sper-
matikos. So verständig und verhältnismäßig weithei-zig die
Grundsätze sind, welche er in der ausführlichen Einleitung
über das Verhältnis der antiken Literatur zur Bibel ausspricht,
so unbefriedigend ist die Ausführung seines Planes, die Keime
der christlichen Wahrheit im Altertum aufzuweisen, geraten :
Vers für Vera, von Matthäus bis zur Apokalypse, wird das
Neue Testament von ihm durchgegangen und eine Parallele
aus den Klassikern dazu gesetzt, mag sie passen oder nicht.
Daß auch Ep. unter den heidnischen Zeugen für das Christea-
Epiktet und das Neue Testament 283
tum sehr iiäufig auftritt, versteht sicli von selbst. Welcher
Art diese Spieß'sdien Parallelen sind, davon nur einige Proben.
Zu Mattb. 1, 21 („Du sollst ihn Jesus heißen, denn er wird
sein Volk selig maelien von ihren Sünden") zieht er das von
Ep. dem Sokrates in den Mnnd gelegte Wort an: äppj -nai-
Ötvasoig ^ t&f övo/idttDV iTtiaxsipis (1 17, 12) ; zu Joh. 11, 9 u. 10 '
(„Wer des Tages wandelt, der stoßet sich nicht") vergleicht
er Encli. 38, wo Ep. sagt, wie man beim Gehen achtgibt,
daß man nicht in einen Nagel tritt und den Fuß verrenkt, so
soll man auch auf sein iiyetioviKÖv stets achtgeben, daß es
keinen Schaden leide. Jedermann sieht, daß ein fertium com-
paratimis^ hier gar nicht vorhanden ist: denn was dort, in
mystischer Redeweise, als eine selbstverständliche Tatsache
hingestellt wird, ist bei Ep. die Folge einer bewußten Willens-
Hchtung. Zu dieser naiven, häufig den Sinn ganz verfehlenden,
im ganzen recht geistlosen Vergleichungsmethode tritt dann
noch die völlige Kritiklosigkeit in der Verwendung der anter
Ep.'s Namen laufenden Fragmente, die bekanntlich zum weitaus
größten Teil unecht sind. Aus diesen Gründen ist die Spieß'sche
Zusammenstellung so gut wie nicht zu gebrauchen.
In neuerer Zeit hat die theologische Exegese des Nenen
Testaments in weitgehender Weise auf die verwandten Ge-
danken der profanen Literatur, besonders der späteren Stoa,
aufmerksam gemacht. Bahnbrechend ist hierin G. Heinrici
in seinen gründlichen und sachkundigen Kommentaren voran-
gegangen, und es gehört seither gewissermaßen zum guten
Ton, das Nene Testament nicht mehr bloß aus den jüdischen
Quellen und Parallelen, sondern auch aus den heidnischen
Schriftstellern zu erklären. Auch das neueste Handbuch von
Ijietzmann macht ausgiebigen Gebrauch davon. So ist denn
dieses Gebiet der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen
Ep. und dem Neuen Testament im allgemeinen wohl durch-
forscht, und ich mache nicht den Anspruch, viel' Neues zw
bieten, werde mich aber auch davon dispensieren dürfen,
jedesmal anzugeben, wenn Wetstein, Spieß, Heinrici und an-
dere die betreifende Parallele auch schon notiert haben. Etwas
Neues dagegen glaube ich insofern zu bieten, als jene Gelehrte,
Spieß etwa ausgenommen, nur gelegentlich vom Neuen Testa-
284 Adolf Bonbüffer
ment auf Ep. hiniibergeblickt haben, während ich das Ähn-
liche oder Gemeinsame in mSgHchst erschöpfender Weise
herauszuheben versuchen werde. Die Vorbedingung hierfür ist,
daß man sowohl in den Epiktet als auch ins Neue Testament ein-
gelesen ist und die beiderseitige Gedankenwelt stets präsent
hat. Wem beides gleich gut vertraut ist, dem wird bei der
Lektüre des eineu und des anderen das irgendwie Verwandte
von selbst aufstoßen. Man kann hierbei von Ep. oder vom
Neuen Testament ausgehen: das gründlichste Verfahren wäre
wohl, beide Wege nacheinander einzuschlagen, doch würden
sich dabei zu viele AViederholungen ergeben. Ich werde von
Epiktet ausgehen, uicht sowolil, weil dies dem Titel meiner
Arbeit mehr entspricht, sondern weil in Ep. uns ein gleich-
mäßigeres, einheitlicheres und überdies seinem Charakter nach
allgemeineres und sozusagen weiter gespanntes Gedanken-
raaterial vorliegt, in welches sich die enger bestimmte, aber
in sich mannigfaltigere Gedankenwelt des Neuen Testaments
leichter einzeichnen läßt als umgekehrt Daß jeder derartigen
Ideenassoziation etwas Subjektives und Persönliches anhaftet,
bin ich mir wohl bewußt, andererseits aber aneh dessen, daß
das Persönliche als solches eine zwar beschränkte, aber un-
widerlegliche AVahrheit besitzt. .
Diss, 1 1, Iff. Die Xoyati} äiirafut; hat das Besondere, daß
sie sowohl sich selbst als auch alles andere erkennt und beurteilt.
Vgl. I 17, Iff.; II 23, 6 ff. und Fragm. 64 Schw. (Sehenkl
475, 54).
I Kor. 2, 15 w TtvtvftaTiy.os iv<rnQirit \}itv\ ■/läyra, avrog
äe t-Ti' oiöerbs dcvax^lviTttt.
Es gibt eine höchste Instanz, welche den Mensche» nn-
mittelbar der Richtigkeit seines Urteilens und Handelns gewiß
macht, dort die angeborene Vernunft, hier das dem Glauben
geschenkte göttliche Pneuma.
Diss. I 1, 9fi', ifci yf^g -/ä^ 'önmg xal aüifian avfötdmEi'ovg
xoiOvTi^ . . . Ttibg olöv i'^i' . . , vnh tStv Lr.ibq iitj l/ijzoöi^tod^oi;
äze ovv TtoXi.oig TZqogdsSifievni ßaqovueä^a t-7i' altüiv xai
xa&eXx6fieüa.
Epiktet und daa Kcue Testament 28Ö
II Kor. 5, 4 y-cl yä$ Svtes iv t^) axi'ivti aitvd^ofnv floQovi.t evoi.
Die Verhältnisse, diircli welche unser irdisches Leben be-
dingt ist, bringeü mit Notwendigkeit gewisse Hemmungen und
Leiden mit sich: der Christ fühlt sich dadurch bedrückt,
während nach stoischer Ansicht nur derjenige dies als Druck
empfindet, der die ädtarfo^ia gegenüber de» äußeren „Gittern"
sich noch nicht zu eigen gemacht hat,
Diss. I i, 14 vi'r ä' irog dvvd^isvoi tTtif-iiiMs-^ai . . .
[i.Sk).ov &e/.ofuy ftoÄXwv kitifisXelaSai.
Vgl. III 9, 22: ;»; 7C0fX0iv Ini-d-vi^ti neu oiauq.
Luk. 10, 41 fitQiftvSg jtai ■S'oqvßä^Ti ntQi fto'Ü.ii, kvhi
de ioiii' ZQfiu.
Das Verhalten der Martha bildete natürlich nach dem
urspriiii glichen Sinn der Erzählung keinen solchen direkten
und prinzipiellen Gegensalz zu demjenigen der Maria; aber
in der praktischen Auslegung und Verwertung deckt sich die
Mahnung Jesu so ziemlich mit derjenigen des Ep. An Stelle
des Gegensatzes von Einem und Vielen tritt übrigens bei ihm
meist der des Eigenen und Fremden {z. B. I 25, 4 ri aa
T^6( - . . z&v ällotQÜi»' fii: iqiieao. S. a, S. 36 ff.).
Diss. I 1, 17 x9>io!^c'i [dtl TOl<; TiQäynamv] <'i/^ näpuKtv
Vgl. I 12, 7 und 15 und besonders II 7, 13: ä'jXo oöf ii
ajitirov jj To TfT/ T?e(7, doxoDr; Euch. 53.
Matth. 6, 10 ytJ'ijÖ-iJrw Tfj S-S.rjud aac.
Vgl. Matth. 26, 39 ff.
Die Ergebung in den Weltlauf, welche auch die Stüa
fordert, hat bei Kp. liäuüg eine religiöse Färbung, weiche ihn
dem Cbiistentum sehr nahe bringt.
Diss. I 1, 18 'tf.iE ovv vvv TQayfjXo'AOJrflalfai fiövov;' %l ovv;
il&ti-ti; Tiäna'^ 'i(iax'^Xoxo7itj-3'riria na rrl jiagafivffiav ex*]^!
Vgl. I 29, 16; II 5, 27.
Luk. 13, 2 Öov.tli^ Hti rciWMoi oltoi üuagroloi noQa
iTäyzag tovg ra/,t},aioi'S tyfvovio Sri. ravTct jcETtövä-aciv ;
„Warum muß gerade ich dies leiden?" oder: „Warum
muß gerade den und jenen ein so schreckliches Los tieft'en ?"
28B AdolE Bonhöfier
Diese schwierigen Frageu der Theodizee sehlägt Ep. nieder
mit der ganzen Herbigkeit der stoisciieu Ansicht, daß das
äußere Wohl und Wehe des Einzelnen keine Rolle spielt im
unendlichen Kreislauf des Alls. Das Wort Jesu stimmt in-
soweit damit überein, als auch er es ausspricht, daß besonderes
Unglück nicht auf besondere Sündhaftigkeit schließen lasse,
weicht aber darin stark von Ep. ab, daß Jesus den gewalt-
samen Tod als ein verdientes Strafgericht über die sündigen
Menschen betrachtet und den Bußfertigen, innerlich Erneuerten
eine besondere göttliche Bewahrung in Aussicht stellt. Die
andere neutestamentiiche Anschauung, nach welcher auch die
durch Christus Erlösten der schrecklichsten Schicksale ge-
wärtig sein müssen, dieselben aber eben nicht als Strafe,
sondern als Prüfung empfinden, die ihnen Gottes fortdauernde
Liebe in keiner Weise zweifelhaft macht — eine Anschauung,
die mutatis mitfandis auch diejenige Ep.'s ist — liegt an der
betreffenden Stelle außerhalb des Gesichtskreises Jesu.
Diss. I 1, 23 ro ax^iog fiov dr^aus. ii}v TCQOatQtaiv de o&i'
b Zevg vixljaai öüvarai.
Vgl, III 13, 17; 'ri ohv; uv itg . , . äjtoaipä^r^ /is;' funQi,
ah oV, äX)M lö aw^djt.ov.
Mattli. 10, 28 ;«; ipoßeloi^s äTvb i&v äjtoxruvövTiav z» aiLfta,
Tijv Sk ipvxi}v fiij ävvafteyiijy iTtoxTilvat.
Die Ähnlichkeit des Gedankens wird allerdings stark be-
einträchtigt durch das, was bei Matth. folgt, wonach Gott
auch Macht hat die Seele zu verderben d. h. ihr das Leben
zur ewigen Qual zu machen. Aber doch auch nach Jesu
Ansicht nur dann, wenn sie in freiwilliger Verblendung sich
von Gott abkehrt. Mit dieser Eventualität rechnet auch Ep.,
und der Unterschied besteht nur darin, daß eine solche i/'wzi}
nach Ep. schon innerhalb ihres irdischen Lebens verloren
d. h. unselig ist und deshalb eine ewige Qual nicht nötig hat.
Diss. 1 1, 27 oi &&BIS fiei-tTäv &QXfia^ai ly öedo/A^vq);
Hebr. 13,5 ätpikdQyvQog a i^ÖTtog, äfixoiJfii:vot Tolg nagoSaiv.-
Der öedanke Ep.'s ist allerdings viel umfassender: unter
dem „Gegebenen" versteht er alles, was auf das äußere Leben
Epiktet nud das Nene Testament 287
Bezug hat, also auch seine stetige Gefährdung, eventuell auch
durch Mangel am Nötigsten. Andererseits will natürlich auch
das Neue Testament Gott niclit gleichsam ein Minimum vor-
schreiben, unter welches seine Gaben nicht herabsinken dürfen,
wenn der Mensch noch mit der Vorsehung soll zufrieden sein
können.
DiSfi. X 1, 32 AitoS-avilv /i€ Sü. tl TJör>. d/roi^j'ijomit . . . tEig
Ttqogr^yLU tov ra AXXötQUt &7toSiS6via.
Vgl. III 5, 10: vSv fie -^iXeig äicsl-^tiv Ix rfjg TtavijyiQews '
äitetfii, x^qiv aot ^%ui näaav ete. IV 1, 106.
Phil. 1, 21 ki.101 yhc^ 10 %fiv X^iOtog aoI rö &ito9-avüv -Ae^dog-
II Kor. 5, 9 (pilozi/iovfitd-a eire hörjfioDvjeg (Yts Ixätj^oCvr^g
eiä^emot airip elvai.
Das Gemeinsame liegt sowohl in dem Ausdruck der stetigen
freudigen Bereitwilligkeit zum Sterben als auch in der An-
schauung, daß das leibliche Leben, wiewohl an sich selbst
etwas Fremdes oder ein Fremdeiistand, doch die Möglichkeit
in sich sehließt, das wahre geistige Leben zu verwirklichen.
Der Unterschied liegt bloß wiederum darin, daß dem Ep, diese
Verwirklichung eine volle, endgültige, dem PI nur eine vor-
läufige ist und den Lebenstrieb keineswegs dauernd stillt.
Diss- I 2, 11 av yuQ tl h aavrov slSdig, noaov Ü^iog et
öEöUTfJj xal Ttöaov aeavzhv scinQ^oxeig.
Vgl. in 24, 49.
Matth. 16, 26 ri y^Q wq^fAij-^ijoEiat Sty&QViitog lav lö*
xöofiov H?.ov xepiSijff);, tijv de ^)vyrjv airov ^rjtuojSfj;
In beiden Fällen handelt es sich um die Selbsteinschätzung
des Menschen, ob er nämlich sein wahres Ich und Leben als
ein absolutes Gut erkennt, dem gegenüber alle vergänglichen,
im letzten Grunde nur scheinbaren Güter nicht in Betracht
kommen.
Diss. I 2, 18 eyii} öe jtOQ^v^a elvat ßovAOfiai, zh dXlyot
htsZvo nal azdTtvbv xat TOlg HXlotg a'kio)' zov tvTtQSTtfj (paiu-
Vgl. III 1, 23 h> jtavti yivii (pieiai ii l^ctiqttov etc.
288 Adolf BünUfiRer
Mattli. 5, 14 fl'. <-iiels imt to (pHig loD y.6afiov . , , oV-rtog
/MfupdTto to (fSig vuGiv i'/itTQOO&ev tSiv äv&QiImiov.
So wenig Ej). es irgend einem vetwehrt, ein Purpur seiu
zu wollen, so wenig will natürlicli Jesus die Forderung, ein
Liclit der Welt zu sein, auf etliche Auserwälilte beschränken.
Der Unterschied besteht nur darin, daß der, letztere mehr
an die verbreitende, die Mitmenschen erleuchtende Wirkung
der Iiichtnatur denkt, während Ep. schon befriedigt ist, wenn
es überhaupt einzelne leuchtende Punkte in der großen Masse
der Menschen gibt, und die letztere nur indirekt an dem
Glänze der Erwählten, der i^ai^erot, teilnehmen läßt. Daß
übrigens auch dem Ep. die vorbildliche Wirkung ethischer
Größe nicht ganz gleichgültig war, zeigt das Folgende: ri
ovv loipihjoe Il(>iuy.og eJg &v; ti Ö' i'!irpt?.H {j ^og(pv$a tu luäuov;
tl yäp S'/.'M> ij SiartQinst iv airqj üg no^^vQct x«i ToigS)ilotg
ds xaXov nagBÖEiy/ia ey.xeiTot; (VeVS 22).
Diss. I 2, 34 Öia ri uii; d vf^h^ loCio TtEffivxafHV, oi
nävTeg ^ no'/J.oi yivovrcci TOioüzni;
Matth. 22, 14 ^oUol y&q eimv x^.jjtö/, iUyoi Je eTilexioi.
AVir haben liier wieder eine Frage der Theodizee, und
zwar die viel schwierigere nach dem Grunde der ethischen,
inneren Ungleichheit der Menschen. Bekanntlich finden .sich
hierfür im Neuen aVstament zwei einander widersprecliende
Anschauungen. Nach der einen, die mir auch Jesus in dem
fraglichen Ausspruch zu vertreten scheint, sind alle zum Heil
berufen und imstande es zu erlangen; wer schließlich nicht
zu den exiexrot gehört, hat es sich selbst zuzusehreiben. Nach '
der anderen, die uamentlieh in Aussprüchen des PI eine Stütze
hat, entscheidet in letzter Linie Gottes unerforsehlicher Rat-
schluß über Seligkeit und Verdammnis. Ep. antwortet auf
obige Frage auch in dem Sinn, daß die große Mehrzahl der
Menschen mit einer gewissen Notwendigkeit das höchste
ethische Ziel nicht erreicht, betont aber ausdrücklich, daß es
töricht wäre 3iä i:i;v ä7t6yvioutr jdiv äx^tar das Streben da-
nach ganz aufzugeben. Er kommt also darauf hinaus, daß
es aucfi in ethischer Beziehung der Natur der Sache nach
viele Abstufungen unter den Menschen gibt. Anderswo spricht
Epiktet nnd das Neue Testament 289
er sich auch wieder, im Einklang mit dem stoischen Dogma
VOE der Verrücktheit aller Nichtweisen, so aus, als ob es nur
ein Entweder-Oder gäbe. Ich sehe darin eine unvermeid-
liche Antinomie jeder absolut idealistischen Ethik. Das
Christentum mit seiner Lehre von der ewigen Seligkeit oder
Terdammnis kann natürlich theoretisch bei einer Relativität,
wie Epiktet sie annimmt, sich nicht beruhigen, ist aber doch
praktisch genötigt, sie das ganze Leben hindurch gelten
zu lassen, wenn sie nur im letzten Augenblick vor dem Tode
durch eine wirkliehe Bekehrung sich nocli zum Absoluten
erhebt.
Diss. I 3, 1 b'l tig T0 S6y^ari tovti^ avfiTiaSijaat xat'
d^iav övvaito, Sxt yeyövafiev V7tb toü &eoiJ Ttdvrsg nQOij-
yovfi-iviog /.ai o &Ebs JCCtzi^Q earc tSiv t' äv&qiiircwv v.«i tÜjv
3-eiöv, ol.(.iaL 8ri ovöiv diyevyss oiSe taiteivov lv&viit}3-i]aiTai
III 22, 82 Toß xoivov Ttar^hg vTtij^^g toö Jidg. III 24, 3.
Joh. 1, 13 o'io^x i^al/idriav. ..&W ex -S^tov ^ys.vv>l&vjaav.
I Joh. 3, 9 TiSg yeyevyiji-ävog ix tov -d-eov äfia^iiav oi Ttoisl.
Bei der Vergleichnng dieser Stellen lege ich Wert nicht
bloß auf die Ähnlichkeit der Ausdrücke und die Vorstellung
der Gotteskindsehaft überhaupt, die im übrigen bei Ep. eine
wesentlich andere Bedeutung und Färbung hat als im Neuen
Testament, sondern namentlich auch auf die von Ep. wie in
I Joh. 3, 9 heiTorgehobene ethische Konsequenz des Bewußt-
seins oder vielmehr (bei Johannes) der religiösen Tatsache
der Gotteskindsehaft.
Diss. I 4, 32 ort fth SfiTtelov ^S(/>Kav rj nv^ovg, evti-SiJOftev
lOvTOv ^vexa, iht di toiaiHov l^i^veyxav xaQTchv fv &y&QU}n,ivt}
duivoiq, ät' ov T^v &),^&-eiav rijv ne^l eUaifioviag ds(§HV rj/tZv
ijfieXkoy, loviov Ö'Svexa oix ^%<fQUJTriao(iBv t^ &e(^;
Joh. 1, 17 ^ %äqtg xal fj äL^d-eia 3ia 'Ii]aoö X^iarov ky^eto.
Joh. 8, 32 fj äi.i^-9-Eia sXev&eqiüau vfi&g.
Joh. 14, 6 iydi d(ii ^ bSag vmX ^ öA^^et« -xal tj ?w)j.
Das Gemeinsame des Epiktetischen Ergusses und der, im
einzelnen natürlich gar nicht damit vergleichbaren Bibelworte
EeligionasMchlobtliche Versnobe n. Vontibei(«n X. '^
290 Adül£ Bonhaffer
li^t in dem Begriff der beglückenden oder befreienden Wahr-
heit, der im Neuen Testament besonders bei Johannes hervor-
tritt, und in der Lobpreisung dieser rettenden Wahrlieit, die
bei Ep. kaum weniger enthusiastisch und religiös klingt als
dort. Im übrigen unterscheidet sich der philosophische In-
tellektualismus Ep.'s, der die Wahrheit wohl auch als Gabe
Gottes aber zugleich als eine Frucht des menschlichen Denkens
betrachtet, deutlich von dem religiösen oder mystischen In-
tellektualismus des Johannes, dem sie als eine geoffenbarte
und gleichsam fertige in der Person Jesu Christi verkörpert ist.
Diss. I 5, 8 ff. fiäx>]v . . . avvoQQv ol>tog (o '^/y.aöi]!iaHtös)
oi xivsltat am TtQo-MTViei. . . . '£y.zETfiri%ai tu aldijfwv adtov
lal In^ETiTijiöv.
Vgl. Diss. fr. 19: Wie es Kranke gibt, die der Arzt auf-
gegeben hat, so gibt es Mensehen, denen der Philosoph nichts
mehr zu sagen hat,
Matth. 12, 32 ÖS ö'Sv eiW/j xaiä tcO iTj'ftl^arog rov äyiov,
Die Art wie Ep. die V'Z^fi iTtov^xQuatg, die Verstockung
der Skeptiker schildert, wie sie wissentlich sich sperren gegen
das augenscheinlich Gewisse und das natürliche Gefühl für
die Wahrheit geflissentlich verleugnen, erinnert lebhaft an
das Wort Jesu von .der Sunde gegen den lieiligen Geist, dem,
wie man es auch näher deuten mag, jedenfalls ein verwandter
Gedanke zugrunde liegt
Diss. I 6, 19 zbv 6' ävS-QUTCQv (ktatiiv darjyayEv aizof' re Mtl
tGiV eQyu,y tQv aözoS, xal oi fttivov tfsar^V, ^UÄ xal i^^ymr.y.
Matth. 6, 26 fr.
Für diesen schönen Gedanken Ep.'s vermag ich aus dem
Neuen Testament keine rechte Parallele anzuführen: vor dem
alles beherrschenden soteriologischen Interesse tritt die reine,
sozusagen uninteressierte Anbetung Gottes iu seinen täglichen
Werken ganz zurück. Auch die Sprüche der Bergpredigt
welche einen offenen Sinn für die GrotSe Gottes in der Natur
zeigen, wollen doch nur die göttliche Fürsorge für die
Menschen daran anschaulich machen. AVeit mehr entspricht
Epiktet und das Neue Testament 291
hier der epiktetischen Religiosität die Frömmigkeit der alt-
testamentliclien Psalmen,
Diss. I 6, 37 '(pi^e vSv, 5) ZsC, p d-di-eig ite^iataaiv i'x<^
y^ ttuQamevijv h aov fioi öedofi^vrp' xal dupoQfiiis ""p^S fo
xo<Tfifjaai Sia TüiV äTroßatvävrav sftavtdv'-
Phil. 4, 11 ff. ej'öj yag sfia^ov iv oh sifit o^ßpKijg bIvoi . . .
n6yi;tt la%vu> iv r/p evävvaftovvii f.ie.
Man hat in dieser Apostrophe an Zeus eine an Selbst-
überhebung grenzende Herausforderung sehen wollen. Sie ist
dies ebensowenig als das sinnverwandte Bekenntnis des PI
etwas Prahlerisches hat. Auch Ep. betont, daß er die sittliche
Kraft zum Ertragen des Leidens von Gott hat, wenn er auch
freilich nicht wie PI an eine direkte Kraftspendung von oben
oder ein mystisches Einwohnen der Gottheit denkt. Auch der
Gedanke, daß er sich durch die Leiden schmücken will, hat
in Epiktets Mund lediglich nichts Selbstgefälliges.
Diss. I 7, 33 ^ TotöTa fiöva ana^ticnd Idii to KaTttxibliov
EHn^flffm ycl tbv nati^a &7tOY.Telvat, ib 5'e^x^ xai fKirriy xßi
(J»5 itvxev %qilad-aL tcti^ (pavTaalaig . . . toikatv 6'oM^v kiniv
Vgl. Diss. fr. 15: oiSi rbv ödxvvXov hreivstv dxfj nrgooijjt«.
Luk. 16, 10 6 itiazbg h eXuxiav^ xa* iv ^oXXf^ ■rtiatög etniv etc.
I Kor. 14, 40 -/tdyia dk siaxr]növ<ag xai xata tö^ir yev^a&o.
Der Gedanke, welchen Ep. in dem ganzen betreffenden
Kapitel an dem Beispiel von der Logik veranschaulicht, daß
das ethische Bewußtsein sich auch auf das scheinbar Gering-
fügige erstrecken und auch die kleinsten Pflichten des täg-
lichen Lebens durchdringen müsse, ist ohne Zweifel auch ein
christlicher Gedanke. In den angeführten Sprüchen handelt
es sich zwar, wie ich wohl weiß, teils um etwas Allgemeineres,
teils um einen bestimmten Fall: sie werden aber in der Christa
liehen Paränese herkömmlieherweise in jenem obigen Sinn
verwertet und insofern nicht ganz mit Unrecht, als die
Heiligung des ganzen Lebens und Wesens eine urchristliche
Forderung ist {Kol. 3, 17 ; vgl. dazu Ep. I 13 Titel yrwg 'dxaord
18*
992 Adolf BoDhöffer .
Diss. I 9, 5.
I Petri 1, 17 u. I Joh. 1, 3 ff.
a Seite 51 ff.
Diss. I 9, 7 lÄ de thv &ebv troiijTijv e^eiv xal ttave^a mi
m 26, 27 ff.; in 13, 13.
Matth. Ö, 25 iiij fte^i/ivSTs %ij ipvxfj vi.iäv rl tpdyrjTS etc
Rom. 8, 31 ff. et ö -^ebs vjUq ijfißiv, lig xaS^ {j^Oiv etc.
Was Ep. hier ausspnclit, hat nach dem Zusammenhang
seine nächste Parallele an dem Spruch der Bergpredigt. All-
gemein gefaßt ist es aber nichts anderes als die stoische Forde-
rung der Affefctiosigkeit, religiös gewendet, und in diesem
allgemeineren Sinne entspricht der Gedanke wohl eher dem
begeisterten Hymnus des Fl. Das Neue Testament weicht
darin von der Stoa ab, daß es Trauer und Furclit nicht ganz
verbannt, vielmehr in gewissem Sinne fordert (als götÜiche
Traurigkeit, 11 Kor. 7, 10, und religiöse Furcht, z. ß. 1 Petri
3, 2). Auch die rein natürliche Furcht und Traurigkeit wird
als etwas mit diesem Erdenleben notwendig Verbundenes ge-
dacht (z. E. Joh. 16, 22); andererseits sind doch diese Em-
pflndungen gebunden und ihres Stachels beraubt durch die
Seligkeit des Glaubens und Hoffens, und das große Wort des
Johannes „Furcht ist nicht in der Liebe" klingt ebenso er-
haben, nur noch schöner und herzgewinnender, wie die stoische
Lobpreisung der eiäaiftovia, der sdäia xal yah]v,i h %{^ ^e-
Diss. I 9, lö 'liy-&-qa7toi kxäi^aaS-s löc Oeöv Stav li!.üvog
aea^e rtQog airdv . . . di.iyog ä^a tq6vog ohog 6 Tijg ol^mws
jcai Q^diog roig ovzto diaxeifievoig . . .'
Jakob. 5, 7 ^icncQO»v/i^acn£ oiv, &3e).g>oi, 'ewg Ti^g jcaQOvaiag
To€ xv^iov.
II Kor. 4, 16ff. dth oix Eyxaxouftev . . . tb yä^ na^av-
Tlxa k'Kcffpqbv Tijs »Utpeag ■fjiitbv . . . aidivtov ßti^og dö^vg
Diese schöne Apostrophe Ep.'s, weiche zu den tiefst-
empfundenen religiösen AuBerungen des Altertums gehört, hat
Epiktet und daü Nene Testament 293
in Stimmung und Gedankengehalt so \iel Christliches, daß
man sie fast ins Neue Testament herübernehmen könnte; be-
sonders nahe berührt sie sich mit der Stelle ans dem II. Ko-
rintherbrief. Im übrigen darf man nicht vergessen, daß der
Trost, den Ep, hier einem fingierten weltschm erzlieh bewegten
Schüler spendet, ein hypothetischer ist, und daß für seine
virilis sententia kein Grund vorliegt, das Leben als Last zu
empfinden und sich nach dessen Ende zu sehnen, zumal auch
die Vereiuigiing mit Gott, die keine persönliche ist, wenig
Verlockendes für den Menschen haben kann.
Diss. I 9, 19 otttv xoQtao-Sijie arjfie^ov, xd&rjaSE xi.dnvTF.g
Mattb. 6, 34 ^^ oiv /it^ifivilaETS eig tjjy aiigiov, ij ya^
So wenig die Ähnlichkeit dieser Stellen die Annahme
einer Abhängigkeit der einen von der anderen fordert, so
augenscheinlich und immerhin merkwürdig ist die Überein-
stimmung: doch lauert schon im Hintergrund auch hier die
prinzipielle Verschiedenheit der stoischen von der ciiristlichen
Anschauung (Seite 9 und 69).
Diss. I 10, Iff. ei oijTw afpoS^Cig ovferstdi.isSxe Jtepi rb
€Q'/Ov tö savzCbv (ug Ol ^v 'Pihurj yiQOvxEg TteQi & lafiovddxaai,
zdxci äy rt rjrvofisf yal afytoL
Vgl. I 20, 10 und I 28, 28 ff.
Eine besonders feine Zuspitzung bekommt dieser Gedanke
in IV 6, 37: „Die Weltmengchen ficht es nicht an, wenn du
sie bedauerst. Warum nicht? Weil sie überzeugt sind eines
Gutes habhaft zu werden, du aber nicht".
Luk. 16, 8 oi vlol Tov alätvog tovtov rpqoviLiiliTEQOi vnep
rovg viovg tov (pMzhg eig ttjv yeveav tijv eccvzGjv tlaiv.
Die Übereinstimmung des Grundgedankens, daß diejenigen,
die nach einem idealen Ziele streben, von den ausgesprochenen
Weltmenschen lernen könnten und sollten, ihre Kraft und
Aufmerksamkeit ganz auf die Erreichung dieses Zieles zu
konzentrieren, ist so handgreiflich, daß ich nicht verstehe, wie
man dieselbe nicht der Hede wert finden kann (Giemen aaO. 42).
294 ■Adolf Bonhöffer
An eine Abhängigkeit ist aber selbstverständlicli nicht zu
denken, dazu ist allerdings die Ähnlichkeit zu gering, von
allem anderen abgesehen. Zum Gedanken selbst bemerke ich,
daß es nicht eben sehr verwunderlich ist, wenn die Welt-
kinder in der Verfolgnng ihrer Ziele klüg'er, konsequenter
und energischer sind: weil nämlich der Gegenstand ihres
Strebens von Haus ans für den Menschen etwas Verlockendes
hat, während das Ideal der Gotteskinder eine nicht ebenso
leicht spürbare und stets gegenwärtige Wahrheit und An-
triebskraft besitzt Eben dies führt Ep. in dem betreffenden
Kapitel in anschaulicher Weise, zum Teil mit köstlicher Selbst-
ironie näher aus.
Diss. I 11, 7 ^ävTsg axeöov tJ oi ys iiXslatot äftaQTiivofiev.
Böm. 3, 23 jfäyveg yög fjftaQTOv xai vme^oSvTai rr/^ 66^i^g
10V &eov.
In der Ähnliclikeit zeigt sich hier sofort eine schwer-
wiegende Differenz in der epiktetischen Restriktion „oder
wenigstens die Meisten". Auch Ep. erklärt übrigens gerade
an dieser Stelle ausdrücklich, daß die Sünde, wiewohl ziemlich
allgemein, doch darum keineswegs naturgemäß sei. Der große
unterschied der beiderseitigen Anschauungen von der Sünde
ist früher schon (z. B. S. 13 ff.) eingehend erörtert worden.
Diss. I 14, 13 Stav xkeimjTe tö? &vQag xai ffjto'iog e'vdov
jrotiJiDjre, fi^^vr^ad-e ^riöinoTi Uyuv oii fiövoi i(n^- &d y&^
lozi, äW o S-ebg hdov egtiv xal 6 vft^tQog öai^itov ia-nl.
Vgl. I 30, 1: aU.og ävio9-ev ßXf.ittt. zä yiyvöfieva und die
besonders wirksame Äusfühning dieses Gedankens in II 8, 11 ff.;
ferner II 14, 11; oäx h'ari Xa-9-etv aiibv o6 /lövov TtotaOvra &XX'
ovöe ätavoovfiivov ^ svS-vfiov/tevov.
Matth. 6, 4 xal Ttarrj^ aov ö ßlinaty h t^, xgvmr^ &7C0-
äcitasi aoi.
Matth. 28, 20 xal löoi iyä} [le»' ift&y elfit ndaag tbc;
^fi^QüS 'diue ij/g avvreleias zoO aiwvoq.
Die Allgegenwart Gottes, beziehungsweise seine Immanenz
im Menschen kannte auch Ep. nach ihrer tröstlichen wie nach
ihrer richtenden Seite. Wenn Jesus seinen Jüngern verheißt,
Epiktet und daü Neue Testament 295
daß er stets bei ihnen sein, beziehungsweise, nach Johannes,
als seinen Stellvertreter den Paraklet senden werde, so zeigt
Ep. in seiner Lehre von dem jedem Menschen beigegebenen •
Daimon Epitropos, wenn auch in weniger mystischer Form,
einen ganz analogen Glauben.
Diss. I 15, 1 ff. üvfißovlsvoft^ov iivös. rrtSg ibf ädei.(pbv
^tiarj firpt^ti x«iertfüg aitqi exeiv, Oix htayyiXXBtat, £(pi^, (piXo-
Vgl. III 9, 10: ovy. 'e-/,o} nqoq rovxo ^e<aq^a<na.
Luk. 12, 13 ürißv di zig iy. lov öx^of aitq) ■dtöämiaXe,
EifCE r^ ääeXtp^ /.lov ftsQiaaaSai i.tei' euoC tjjv xkr^QOvofiiav 6
öe elfcev ixir^i' ävS-^M^E, T/g [.iS xaz^arrjaet xgijrp> ij /lE^ioTr^v
i(p' Vf.t&S;
Ich weiß nicht, ob auf die Ähnlichkeit der beiden Stellen
sonst schon hingewiesen worden ist. Mir erscheint sie äußerst
merkwürdig. Der Fall ist so ziemlich derselbe: ein Mensch
kommt zum Seelenarzt mit seinen leibliehen oder äußerlichen
Anliegen in dem Wahne, ein so außerordentlicher Mann könne
am Ende auch seinem irdischen Glück auf die Beine helfen
und zur Sanierung seiner Finanzen oder seiner persönlichen
Beziehungen zu gebrauchen sein. Beidemal erhält er eine
sehr deutliche Abweisung mit seinein törichten oder niedrig
egoistischen Ansinnen, beidemal wird ihm zum Bewußtsein
gebracht, daß es sich bei der Philosophie, beziehungsweise
beim Evangelium, nur um innerliche, persönliche Hilfe handelt,
die dann freilich möglicherweise, aber nur indirekt, auch eine
Besserung der äußeren Verhältnisse herbeiführen kann,
Diss. I 16, 15 ti yag vovv e'iio/.iEr, aXXa ii t6ei -^^ftSg 7tou.lv
xixi xotv^ xal iöia ^ vftvelv to delov xcü lirprjfiEiv Kai iite^sQ-
Vgl. II 23, 5: ffjr' &%dqtaTog 'ta&i fiiffte fc6Xtv äiin^^unv
1(5 V HQttüaövwv.
in 26, 30; Diss. fr. 17, wo die Undankbarkeit der nimmer-
satten Mensehen durch das Bild vom Gastmahl anschaulich
vorgestellt wird; ebenso Eneh. 15.
296 Adolf Bonhöfter
Eph. 5, 19 ff, 7cXi^qova9e h nv£v/.iazt XaXovvrtg iavTolg
ipakftolg xai v/ivotg xal ^dalg itvevfiaTOiaig i^dovztg xai yjdkXovreg
Tfj xagSia vfi&v rq> xv^li^ sixaQiazovvreg Tidnote vtieq Ttdaniov.
Die Stelle aus Ep.- ist nur der Anfang jenes Ergusses
lauterster Frömmigkeit, wo er zum Schluß gelobt, daß er in
seinen altea Tagen nicht ablassen wolle, Gott zu preisen und
ihm ein Loblied zu singen. Die Worte des Epheserbriefes,
die natürlich im Vergleich zum übrigen Neuen Testament
nichts Besonderes bieten, lassen sich vielleicht am ehesten mit
jenem zusammenstellen, weil in ihnen dieselbe fromme Freudig-
keit und Dankesstiramung mit einem gewissen Gefühlsüber-
schwang zum Ausdruck kommt. Über der Ähnlichkeit darf
man natürlich nicht vergessen, daß der Ijobpreis Ep.'s viel
allgemeineren Inhalt hat als der des Apostels, der stets das
zentrale religiöse Erlebnis des Gläubigen im Auge hal Dem
Gegenstand nach steht Ep.'s Bekenntnis wohl dem Standpnnkt
der Psalmen näher, erhebt sich aber über diesen in der Reinheit
und absoluten Uneigenntitzigkeit seiner Gottesfreude und ist
bei aller dankbaren Anerkennung auch der leihlichen Gaben
Gottes sich doch wohl bewußt, daß wahre Frömmigkeit nur
da vorhanden ist, wo man in Gott vor allem den Spender
der höheren, geistigen Güter verehrt. — Dies war bereits ge-
schrieben, als ich das von A. Harnack veröffentlichte jüdisch-
christliche Psalmbuch kennen lernte (Texte und Untersuchungen
Bd 35, 1910). Hier bietet der Anfang der sechzehnten Ode
(„wie es des Landmann's Geschäft ist zu pflügen ... so das
meinige, das Lied des Herrn zu singen") allerdings eine
uoch merkwürdigere Parallele zu dem Epiktet'schen Gedanken,
so daß der englische Bearbeiter, Harris, sogar vermutet, der
Verfasser habe Ep. I 16 gekannt, was aber Harnack mit
Eecht ablehnt.
Diss. I 17, 17 noLa oiv iv&dö' dg>qhg roö l^iffov^ivov ;
oiS' atxov X^vaLnitov dixaltug, d /iövov s^rjyeiTat tb ßovXmta
rfjg ^vasiug, aitbg Ö'ovx äxo}.ov9-Ei.
I Kor. 9, 27 inoTrid^to fiov zb aCifia xal öovkayioyßi, fw â–
ttug SXXots xijQv^ag avrhg d66xcfios yevtaftai.
Vgl. Eöm. 2, 21: 6 diSäaxuv i'rsQov oEctvtbv oi ßtdäaxeig;
Epiktet Tuid das Neue TestBinent 297
Ep. verspottet hier, wie so oft, den eitlen „Philosophen",
der sich was darauf einbildet, den Chrysippos, den e^ij^-j/i^s
lijg (pvtT£u)g, seinerseits exeg:esieren zu können, und sagt dann :
nicht einmal dieser Offenbarer der Wahrheit hätte Grund sich
dessen zu rühmen, wenn er. diese nicht auch selbst befolgen
würde. In der unermüdlichen Betonung dessen, daß alles auf
das Tun des Wortes ankommt gegenüber dem bloßen Hören oder
Verstehen, stimmt Ep. ganz mit dem Neuen Testament überein,
ans -welchem noch viele andere Parallelen beizubringen wären
(z. E. Matth. 7,. 21). Das Besondere ist aber an den beiden
verglichenen Stellen, daß auch der Verkündiger der göttlichen
Wahrheit selbst, ja er wohl im allerhöchsten Maße, die PMcht
hat, sein Leben seiner Lehre konform zu raaeheo.
Diss. I 19, 13 xaO-6).ov re Tmavtrjv (lijv} (pvatv tov loyixoC
C<^ov viaitay.evaaev (ö ^eög), 'iva ftrjösvhg %G)v ISicov äyadSiv övvtj-
jai TUj'/tij'fiVj (&vy /.ti] ri etg to xatvöv dftpeXt^ov ^Qogrfiqr^at.
Vgl. I 27, 14: Ihy fii) h r^ avi/p ^ ib sSaeßes /ol ov^-
(pi^ov, oi SvvGTat aiu&ijvai, lö evasßeg 'iv Ttvi ; II 22, 18 ; III 3, 6 ;
II 5, 23 : ditov yaQ rö /«(^«v sii-öyoig, hieX iial vh avyy,al^siv ^
I Joh. 4, 20 idv itg eXrctj 8ri &ya7ta zhv -S-eöv, x«i %ov
A&shpov airtoö ^uafj, ifjevartje iü%iv etc.
Das Wort Ep.'s, daß man selbst nicht glücklich werden
kann, ohne auf das Glück der Mitmenschen bedacht zu sein,
diese kühnste Synthese des Egoismus und Altruismus, ist einer
der höchsten Grundsätze der stoischen Ethik, ja der Ethik
überhaupt. Eine volle neutestamentlicbe Parallele dazu gibt
es nicht, 'einfach deshalb, weU das Evangelium nicht, jeden-
falls nicht in dieser ausgesprochenen Weise wie die stoische
Ethik, eudämonistiscb begründet ist. Aber auch Johannes,
der überhaupt den tiefsten Gedanken Ep.'s am nächsten steht,
vollzieht eine Synthese der Nächstenliebe, wenn auch nicht
mit der Selbstliebe, so doch mit der Gottesliebe. Und in
■Dieses Wort enthält gleichsam eine Ergänzung zu dem obigen
(I 19, 13) : Wer das wahre Gut erstreht, muB auch darauf aas sein, es
anderen zu Terscbaflen, und wenn ein anderer es besitzt, so muL man sieh
mit ihm darüber freaeu, gerade so, wie man sich übe'r Beinen eigenen BesLta
frenen kann.
298 Adolf Bonhöffer
dieser Zurückführuiig aller Pflichten und ethischen Aufgaben
auf einen grroSen, heiligen Grundtrieb erblicke ich das Gemein-
same, das Philosophische, das auch der Johanneischen Deduktion
eigen ist. überdies kann man ja wohl sagen, daß für den
Christen die Gottesliebe auch die Selbstliebe mit vertritt, in-
sofern der Christ in Gott eben die Quelle alles Gnten liebt,
das es auch für ihn gibt.
Diss. I 19, 25 sxel j-öp xal d-eols eix<'&i^<^fis>', Snov rb
^ Vgl. i: 22, 19: Stcov ya^ &v tö cycu xal to iftöv, sxel
&vdyy.ri ^imiv t'o ^<pov (schon von Wetstein, neuerdings von
Heinrici mit Matth. 6, 21 verglichen).
Matth. ,6, 21 87€ov yrfp eanv 6 d^aavQÖg aov, sxeZ earai
xal fj xa^dia aov.
Beide Sprüche geben sich zunächst als eine Art Taute-
logiej denn es ist selbstverständlich, daß man nur für das
dankt nnd das liebt, was man als ein Gut empfindet. Aber
hinter beiden steckt der tiefere Gedanke, daß nur derjenige
Gott wahrhaft lieben und ihm wahrhaft dankbar sein kann,
der ein wahres, vollauf beglückendes Gut von ihm empfangen
hat. Weiter hängt damit der andere Gedanke zusammen, daß,
wer Gott wahrhaft liebt, die vergänglichen Güter, in welchen
sich Gottes Liebe nicht, jedenfalls nicht mit Sicherheit und
nicht entfernt in demselben Maße wie in der Spenduug des
wahren Gutes erkennen läßt, sein Herz auch nicht an diese
hängen darf. Darum folgt bei Matthäus kurz darauf (V. 24)
der Spruch; „Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon".
Dies gehört bekanntlich auch zu den Lieblingsgedanken Ep.'s,
daß der Mensch wählen muß zwischen dem wahren Gut und
den Scheingütern, daß er nicht beide zugleich haben kann,
sondern notwendig in dem einen zu kurz kommt, wenn er das
andere erjagen will (z. B. II 16, 4; II 10, 8; III 16, 11; m
17, 6; IV 6, 25 r vi eiXoywTEQOv ^ roig ttsQi vi hnoväaxöraq h
heiv^ n/Mov k'^uv, h ^ eaTtovddxGaiv ;) IV 10, 19ff.; Ench. 13.
Diss. I 20, 7 ToSzo ^Qyov tov (piloaötpov vh fiiyiarov xal
irc^Gttov öoxifi<i^Eiir lÄg (pavTaalag xal äiax^ivsiv xal firjÖSfiiav
ääoKl/taovov TCQ0^(peQm9ai.
Epiktet nnd das Neue Testament 299
I Thess. 5, 21 ttdna ÖOKt^irfCcre.
Rom. 12, 2 SIS fö tSoxtftd^etv vftSg tI rb &ih]fia lOü &80v.
Eph. 5, 10 doy-ifiäCovzeg tI eOziv eödgearov iö> ■x.vQifp.
Phil. 1, 10 £(£ th 6oxifiäCsiv ifiSg zfc öimpi^ovra.
I Joh. 4, 1 SoiUfni^€te tä TtveTJ/iara.
Das Prüfen der Vorstellungen, ob sie nämlich dem reinen
Sachverhalt entsprechen und nicht mit hinzugebrachten
Meinungen vermengt sind (ngosdo^d^ei-v), hat natürlich auf
dem intellektualistischen Standpunkt Ep.'s eine ganz andere
Wichtigkeit und auch eine wesentlich andere Bedeutung, als
das prüfende Erkennen dessen, was als Gottes Wille and
göttliche Wahrheit zu gelten hat, wozu namentlich PI öfters
ermahnt. Immerhin ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden,
insofern nämlich anf beiden Seiten der Glaube an eine ab-
solute Wahrheit das Prüfen ermöglicht, erleichtert und so-
zusagen beständig dazu auffordert Vgl. das zu Diss. 1 1. 1 ffi
Bemerkte (8. 284).
Diss. I 20, 14 xakoi aitog ftsv 6 fcgorjyovfievog ).6yog tav
q)iXoo6<p<i}v Xiav kütlv 6klyog.
Vgl. Diss. fr. 16: oi ^ifÖiov ddy/^a na^aysv^a9ai &v9-Qd}7t^,
et fiij Kß^' htäfm^ ijfiä^av tä o^tä xat Xiyoi Ttg Kai Sixovoi
xal Sfia x^ijiTO rcQbg töv ßlov.
Phil. 3, 1 tit o^ä y^äfpuv vfiiv inol niv oix dxvrjQÖv,
vfttv di äatpaX^g.
Ep. hat ein klares Bewußtsein davon, daß die stoische
Philosophie und Ethik auf einigen großen Anschauungen und
Grundsätzen beruht, die sich in wenig Worte fassen lassen,
aber freilich um so mehr Zeit und innere Arbeit erfordern,
um ganz angeeignet zu werden. Diese Einfachheit, aher in
ihrer Einfachheit unerschöpfliche Reichhaltigkeit und un-
endliche Lebensfülle ist eben das Kennzeichen der Wahrheit.
Daß hierin die Stoa dem Christentum ähnlich ist, wird niemand
leugnen. Im Neuen Testament finde ich jenen Gedanken
nicht geradezu ausgesprochen, aber er war dem Apostel
zweifellos präsent, als er den Philippern Obiges schrieb, und
auch Jesus will offenbar diese göttliche Einfachheit und ver-
hältnismäßige Leiehtfaßlichkeit seines Evangeliums ausdrücken,
300 Adolf Boniöfier
weun er im Blick auf den Wust von Dogmen und Satzungen
des pharisäisc]ien Judentums ausruft: „Mein Joch ist sanft
and meine Last ist leicht" (Matth. 11, 30).
Diss. I 22, 18 del fisv y.aX fpi'/.oao(pEtv, Sei de xal iy-Aitpalov
exeiv ■zaSra fiiOQii kari • ov rta^a tCjv q)iXoa6(p(ov fiav&dveig
ovlXoyiunöv, ri öe aoi jioirjTiov eati aii xäXi-iöv oldag fj ol
qnXöao^OL.
(Ep.'s wahre Ansieht hören wir in I 25, 33: -ri o^v
■^arfictoTov et y.al h (pi,Xoaorpl(f vroV.a t&v äXrj&av iragdöo^a
I Kor. 2, 14 tpvxixog de ÜvS-Qniirog oi Si%£tai rä toD Ttvev-
fiGTog ToB ^EoC' fiOJQia yäg auriit iariv, -Kai ov ävvarat yvwvai.
lü köstlicher Weise persifliert Ep. hier die blasierte
Klugheit des erfahrenen Weltmensehea, der die Philosophie
als ein Eildungsfach neben anderen schließlich noch gelten
lassen will, ihr aber keinen Einfluß und Nutzen für das Leben
zuerkennt, sondel-n ihre idealen Lebensgrundsätze als Torheit
verwirft. In noch höherem Maße mußte dies ja PI mit seiner
Predigt vom Kreuz erfahren. Wenn ich früher diese scharfe
Gegenüberstellung von göttlicher Torheit und menschlicher
Weisheit als einen Hauptbeweis für die Exklusivität des
Apostels gegenüber der griechischen Phitosophie verwertet
habe (S. 78), so schließt dies doch nicht aus, daß in der Art
wie Ep. ,die Geltung seiner Philosophie bei der „Welt" be-
urteilt, eine wirkliche und merkwürdige Übereinstimmung mit
dem entsprechenden Bewußtsein des PI vorhanden ist.
Diss. I 24, 1 al iteQiazdoeit; elaiv al -zohg ävdgag duxy^ovaai.
kOiTtov örav Ijiitiüjj jttQlataaig , /.läftvijiio Bji ö i^Ko'g oe ü^
äXeiTVtrjg iQaxel vsavinKi^ (avfiyß^ßXrjTiBV.
Zahlreiche weitere Belege für diese Auffassung des Übels
s. B '^ 23 ff. Besonders drastisch ist die Ausführung in III 20, 11 ff.:
xaxog yslrojv; avrqi- SiXX'' sfiol äya&ög- yv^vd^ei fiov zb
€vyvwfiov, TÖ S7tiei-/.ig . . , «oCz' i'ari zb %oS 'E^fioü ^aßöiov etc.
Jak. 1, 2 ff. TtSaav x^Qctv rjyi^aaa&e bzav jcuQaa/ioig nre^t-
fzäaijie nomikoig, ytvt'aaxovTig ori ib doxlfiior iftwv Tijg TiioTEias
Epiktet und das Neue Testaineiit 301
(Vgl. I Petri 1, 7; 4, 12; TI Kor. 4, lOff.; Phil. 1, 20;
II Tim. 2, 3.)
Die ^tQiotöasis haben für Ep. dieselbe Bedeutung wie
die Tteißacfioi im Neuen Testament: es sini gottgeaandte oder
(N. T.) yon Gott zugelassene Prüfungen und Gelegenheiten
zur Bewährung der sittlichen Ki'aft beziehungsweise des
Glaubens. (S. die Bemerkungen zu äTiEQioiatos und rceiQÜl^ai
auf Seite 232 und 277.) Als einen weiteren Unterschied
zwischen der stoischen und christlichen Auffassung erwähne
ich hier noch zweierlei: erstens ist nach letzterer die Be-
währung nicht in erster Linie oder niclit bloß die eigene
Tat des Menschen, sondern zugleich auch Wirkung eines
außerordentlichen göttlichen Beistandes; zweitens drückt sich
der Christ lieber so aus, daß durch diese Erprobung in der
Trübsal Gott oder Christus verherrlicht wird, während sie
nach Ep. dem Mensehen selbst — nicht zu eitlem Ruhm! —
aber doch objektiv zum Schmuck und zur Zierde gereicht
(III 20, 14 i5e/|iy airflg (zijg y6aov) xijV <pvaLV, Sian^itpm iv
ttiTij. m 21, 9).
Diss. I 24, 14 srtüg ovy Ifiä avza (lä äTt^oal^eTo) Xiyonfv;
ög löv xQdßßarov ev i^ jiavöoxEiq).
Vgl. n 23, 36 etc. (wo übrigens nicht das Leben selbst,
sondern nur ein Stück desselben, das theoretische Studium
der Philosophie, ein navöoxüov, ein bloßer Durchgangspunkt
genannt wird) und besonders Euch. 7 und 11.
I Petri 2, 11 na^axalü> wg mxQolnovs nai TtaqBniStjfxovg
(Zitat aus Psalm 39, 13) &7ti%Ba&^ai i&v üaQ-Ai-nav E:n:i&v^i.&r.
Hehr. 13, 14 ov y«p 'exofiev Side (ihovaav itokiv, ^IXh zijv
Ep. vergleicht das menschliche Leben mit dem (vorüber-
gehenden) Aufenthalt in einer Herberge oder auch an einem
Landungsplatz (Eneh. 7), freilich nicht in dem neutestament-
lichen Sinne, als ob das Erdenleben bloß ein vorläufiges, un-
vollkommenes Stadium wäre, dem nach dem Tode das wahre,
vollkommene Leben folgen soll, sondern in dem herberen Sinne,
daß die äußeren Lebensgüter und die zeitliche Dauer des
Ijebens seibat etwas Gleichgültiges sind gegenüber dem ver-
302 Adolf BonhöfFer
nunftgemäßen, geistigen Leben, das, wo es einmal erreicht
ist, vollwertig nnd in sich abgeschlossen ist, gleichviel ob es
nur einige Stnnden oder Jahrzehnte dauert. Trotz dieses
wesentlichen Unterschieds besteht aber hinsichtlich der Wertung
des äußeren Lebens und der inneren Stellung zu seinen Gütern
zwischen Ep. und dem Neuen Testament große Übeireinstimmung.
Diss. I 25, 17 /iövov fir^ökv ßagovfteyog noUt fiij ■^-hßü/.ievog
fiTjö' v7Co).(x(.ißdvwv iv Ttaxotg slvat.
Phil. 4, 4 x*^?*^* ^»' xvgiijj jräjToiE" ndkiy Ipilr, xai^sTi,
Kol. 3, 17 xc(i Ttäv S vi läv tcoi-^te iv Xöyt^ ^ kv fqy<^,
jtdrra iv &v6(iaTi. y.vqlov 'lt}aov, eiixaQKnovvzeg rqt iJey jcazQi
St' airoG.
(Vgl. Matth. 6, 16 ff.; 9, 15; Eöm. 13, 15; 14, 5: ixaaio^
iv tij) täit^ voi ^Xt^Qog>oQUaiHu.)
Es ist eine goldene Regel, die uns Ep. hier gibt: man
soll und darf an dem Spiel des Lehens sich ergötzen, am
Tun und Treiben der Mensehen sich beteiligen, soweit die
innere Harmonie darunter nicht notleidet. Nur soll man nichts
mit halbem Herzen, mit Unlust, mit dem Geftthl eines Drucks
oder Jiwangs tun, sondem fröhlich mittun oder aber ohne
Bitterkeit verzichten. Das Nene Testament set^t freilich wohl
keine so weitgehende Anpassung an die „Welt" voraus wie
Ep.; ich finde auch keinen Ausspruch, der mit dem des Ep.
sich genauer decken würde. Aber die Forderung tritt doch
auch hier öfters zutage, daß die Freudigkeit, welche das in
Gott selige Herz erfüllt, auch alle menschlichen Verhältnisse
und die Werke und Erholungen des täglichen Lebens be-
strahlen soll. Sauertöpfisches, unzufriedenes, engherziges und
verdrücktes Wesen ist dem wahren Christentum, jedenfalls
seinem Stifter, nicht weniger zuwider als unserem Stoiker.
Diss. I 26, 15 «ü'tij ovv ä^xv *"'' ipiloaucptivj aiaif-ijaig loD
idiov Y/Bfioviviov nws Mxbi.
Vgl. H 11,1; anvaiaittiaig tfjg avioü äaS^eviiag /.tu u<ivva-
}ilag nk(i\ zu ävayxaia und III 23, 30: taiQslöv lativ, ävö^Bg,
lö toO (piXoadrpov ayfiXElov (S. a. Seite 94 und 222).
Matth. 5, 3 ff. naxä^ioi oi jtmixol t^ jcvevfiaji etc.
Epiktet und Aae Neue Testnmeut 303
Matth. 9, 12 oi x^elav ^/ouaiv oi iaxvovies Ica^oü &i.X' ol
xaxSig Exovteg.
Wir haben hier eine der wichtigsten Übereinstimmungen
zwischen Ep. und dem Evangelium, auf welche darum auch
von vielen schon hingewiesen worden ist. AVie nach dem
letzteren das Bewußtsein der Sündhaftigkeit, der Druck des
SchuIdgefühJg und der Hunger nach Gerechtigkeit zum Er-
fassen des göttlichen Heils antreibt, so ist für Ep- die Grund-
voraussetzung für ein ernstliches und fruchtbares Studium
der Philosophie die lebhafte Empfindung der Schwäche des
eigenen Hegemonikoiis, das ohne methodische Schulung des
Ao^og zu keiner Klarheit über sich und seinen Lebenszweck
kommen kann.
Diss. I 28, 9 olxi ^! i'ifce^ &^a, fiä)J,ov ekstlg, &s laiig
Tvq>lovg ileoB/^ev, (i)i; lOvg xw^oiig, ovtu jovg ^ö nv^idizaza
tEtvcpkiufievovs xal &icoKBXioX<ii^ivovg;
Matth. 9, 36 'löii)V de novg Sx^ovg ioTcXayxvi^^i ^sqI aiiütv.
Der Gedanke, den Ep. öfter ausspricht (z. E. auch 1 18, 6 ff.},
daß man mit den Sündern eher Mitleid haben als sich über
sie entrüsten sollte, berührt sich sehr nahe mit den Gefühlen,
die Jesus den Verirrten und Verwahrlosten gegenüber an den
Tag legt. Die Anschauung freilich, daß der Sünder unfrei-
willig sündigt und deshalb nur zu bedauern ist, wird im
Neuen Testament nirgends geteilt, vielmehr zum Teil geradezu
bekämpft. Am meisten kommt das heilige Mitleid mit den
Sündern eben in den Aassprüchen und dem Verhalten Jesu
selbst zum Ausdruck. Andererseits darf auch Ep. als Stoiker
kein eigentliches, ein Schmerzgefühl einschließendes Mitleid,
sondern nur eine raitleidartige Regung einräumen.
Diss. I 29, 9 Ifiüg oiv ol (piX6oo<pot, SiädoxerE naiarpqovelv
zSiv ßaaiXeuiVi fti} yevouo . . . 'illa na'i tüiv öoyfiÜTuiv Ü^x^'-^
^iXitf. Jtat Tig ool tcivtjjv Tipi i^ovaiav de'dwxev;
Vgl. I 30, 1 (irav elairjg n^ög iiva zSiv VTCi^ex^VTiov, fie-
fivijao Sit äi.Xog &vtad-E» ßXijtsi ta yiyvö^i£va Aal Sri hielv^ as
304 ÄdoH Bonhöffer
Matth. 22, 21 in:6Ö0T£ oiv tu Kaiaa^og Kaiaaqi xal ja
Matth. 11, 8 oi ra fiaXaxä (poQoGvreg Iv zotg o'ixotg ifäv
ßtxaikiwv.
Luk. 22, 25 oi ßaadelg %&v s&v&v xvQitvovmr aviüiv xal
oi eSovaid^oneg avzOiv Bve^yerat ■xaXoüi'tai. i^ieig dk oix ouTiag.
Es ist interessant, daß auch Ep. wie Jesus sich gegen
den Vorwurf verteidigen mußte, er untergrabe Ehrfurcht und
Gehorsam gegen die Obrigkeit. Wir werden die Recht-
fertigung gelten lassen i und trotzdem überzeugt sein, daß,
wenn auch nicht direkt und formell, doch tatsächlich und in-
direkt die Lehre der Sloa wie auch das Evangelium Jesu dem
monarchischen oder jedenfalls dem autokratisehen Regiment
keine Stütze sein konnte, weshalb die Vertreibung der Philo-
sophen aus Eom durch Domitian uns nicht wundernehmen
kann. Die Kühnheit, mit der Ep. die Anmaßung einer Herr-
schaft über die Überzeugung und Gesinnung {äQXBtv -cwv doy-
fiäTwv) zurückweist, wird nicht bloß im Zeitalter des Cäsaro-
papismus unangenehm empfunden. Die Art, wie PI Eöm. 13
die Unterwerfung unter die Obrigkeit fordert, und vollends
die Mahnung des „katholischen" I. Petrusbriefs (2, 17: rbv &eöv
cpoßsiad-s, TOV ßaaiUa ziia&ze) sticht jedenfalls sehr ab von der
reservierten Haltung, die Jesus gegenüber den weltlichen
Herrschern eingenommen hat und auch von dem mutigen Wort
des wirklichen (?) Petrus: Man muß Gott mehr gehorchen als
den Menschen (Acta 5, 29).
Diss. I 29, 22 ff. Ukbi fie (xii;) elg vijr äyoQdv, eha Ijjrt-
x^avyäCovacv äXloc 'tpiX6ao<p£, tL at ihfpi^xe lä ööyiicera;'
Luk. 4, 23 l^siT^ fioi %t;v fia^aßoXijv TavTt]v "lat^i, ^eqd-
Tisvoov aeavzöv'.
Vgl. Luk. 23, 35 ff.
Eine überraschende Parallele, wobei man sich nur wundern
muß, daß niemand diese von Ep. fingierte Szene für eine
Nachbildung des Evangeliums erklärt hat. Wie dem Stoiker,
' Die positive Eechtiertiguag, dali nämlich gerade die philosopliiacbea
Gmndsatze den Gehorsam gegen die Gesetze wesentlicii erleichtern eibt
Ep. IV 7, 33 ff. ' ^
Epiktet and das Nene Testament 306
der vore Gericht und zum Sehaffot geschleppt wird, die Menge
schadenfroh zuschreit: „Was nützt dich nun deine Weisheit?"
so ruft man dem G-ekreuzigten zu: „Hilf dir nun selbst! bist
du Christus, so steige herab vom Kreuz!", ein Vorgang auf
welchen das Wort Jesu in Luk. 4 proleptisch hinweist. Die
Antwort, welche das Evangelium stillschweigend auf solche
Herausforderung gibt, ist freilieh nicht ganz dieselbe, wie die-
jenige Ep.'s. Während dieser einfach darauf hinweist, daß er
doch niemals dem Weisen eine körperliche Überlegenheit zu-
geschrieben habe, wird dort eine wunderbare Rettung aus der
Hand der Feinde nicht ins Reich der Unmöglichkeit ver-
wiesen, sondern nur aus höheren, heilsßkonomiscben Gründen
auf die Inanspruchnahme außerordentlicher göttlicher Hilfe
verzichtet.
Diss. I 29, 30 vi oiv; leyEiv ötZ tavza Tt^hq TOt'g noV.ovs;
'ivatl; ov yaQ (tjv-E* th avtov sielO'iaSxii ;
Ähnlich 64: il oiv; -Kr^Q^oaur SbI %aCxa ■rrgog Ttdvzag; .oi;,
6Ua toig Idiibzaiq mifinBqupiqEüit-ai aoi Uysiv 'oltog 8 aivqi
äyaSbv oXsrai toüto y.&(iOi avftßovlB^£f avyytyvwmtit a&r^'
Vgl. III 24, 118; IV 6, 23; IV 8, 26 ff.; Ench. 23. 46. 47.
Vgl auch Seite 57 u. 315.
Matth. 7, 6 ;(^ äwre ro äywv tolg xvaiv, fiTjSi ßixl.rj%E lovs
uagyaQhag vftQv i'fiitgoa&EV lihv %oIqu>v.
Nachdem Ep. die Grundsätze entwickelt hat, wie man
sich gegen alle menschliche Vergewaltigung und Ungerechtig-
keit, überhaupt gegen alle Schicksalssehläge innerlich wappnen
kann und soll, unterbricht er sich — zweimal in demselben
Vortrag — durch die Frage: „Soll man diese seine Über-
zeugung überall ausposaunen, um recht erhaben dazustehen
vor den Leuten?" Keineswegs, sondern man soll sich genügen
lassen an seinem eigenen Bewußtsein, und wo man kein Ver-
ständnis für das, was einem heilig ist, voraussetzen und
keinerlei bessernde Wirkung erwarten kann, soll man es in
keuschem Stolze für sich behalten, ja zutreffendenfalls sich zum
Standpunkt des Laien herablassen, wie Sokrates dem weich-
herzigen Gefängniswärter sogar eine gewisse Anerkennung
gezollt hat. Daß der Ausspruch Jesu, wenn er auch etwas
Heligionägesshiohtliche Versuche n. Voiarbaiteu X. 2U
306 Adolf Bonhijffer
andere Verhältnisse im Äuge hat, doch in seinem Kern mit
dem Empfinden Ep.'s übereinstimmt, ist wohl nicht zu leugnen.
Freilich noch mehr stimmt dazu sein tatsächliches, edel stolzes
und hoheitsvolles Benehmen gegen seine Richter, das sicher-
lich auch dem Ep. aufs höchste imponiert hätte.
Dies. I 29, 46 rtüg olv ävaßaivsig vUv; uig fjd^Tvs mto lov
■&-eov xsxli^fievos. '1^X0'" "" >=«* ftoQTiJQtjaöv fioi- ah y&(j ä§ios
d stQoax&fjvai fidqivg vn'' i/ioO.'
Vgl. II 1, 39.
Acta 5, 41 ol fih oh iTtoQSvovxo xaiQovueg Arch -nQoadistov
lOD avveöoiov, 'du xaTtj^idi^rjOav iTtiQ toü dvö/tarog äri-
Hehr. 1,2, 6 ov ybq &yan^ v-v^iog natde^Bi.
Äpoc. '6, 19 oaovg iäv (piXw ei^yxio xa'i Tiaiöevia.
Der Gedanke, daß das Leiden, und besonders das von
Menschen zugeftigte, eine Elire oder ein Beweis besonderer
Liebe Gottes ist, weil es Gelegeniieit gibt, für Gott und die
Wahrheit Zeugnis abzulegen, ist nur die höchste Steigerung
der Anschauung, daß die Übel daau da sind, die sittliche Kraft
zu bewähren (siehe zu I 24, 1 Seite 301). itfan sieht, wie
weit gerade in diesem Paukte die Übereinstimmung zwischen
Ep. und dem Neuen Testament geht.
Diss. II ], 22 ff. öö yccQ zalg noilolg itiunmiov, o'i Uyavat
^l6volq s^slvat TtaiäivEa^ai rolg eXsvl^e^oig, äXl&
Totg (piloaöfGig (inlXov, ot liyovai fzövovg toi-g naidev-
■d-^vtas iXsv'd'^QOvg elvai .... oiöslg loirvv äua^xäviüv
iXtiiü-eQÖg eart.
Vgl. die Ausführungen in IV 1.
Gal. 3, 28 OVK evi 'lovSalag oids "ElXjjv, oix ¥vi SovXog
oiöi iXevdi^og . . . ^(ivreg yaQ {,/uZg elg Ime Iv Xqttjiqt ^Iqaov.
Job. 8; 35 ff. nSg ö nuiGiv rijv af.ia^'tiav SovXög kaxiv ifß
ä^a^tlag. iav oiv t> vtög vfiäg iXsv&EQchmj, Svti'jg eXmiS-e^ot 'e'aEa»e.
Die Umwertung, welche Ep. hier mit dem Begriff der
Freiheit vornimmt, findet in den damit verglichenen Bibel-
stellen natürlich keine vollständige Parallele; denn die grie-.
chisehe Anschauung, daß die höhere Bildung ein Vorrecht der
Epiktet und das Neue Testament 307
Freien sei, interessierte die scriplores sacri nicht. Um so
größeren Nachdraek lege ich aber auf die Übereinstimmung
in dem Hauptgedanken, daß nämlich die äußere Stellung des
Menschen für sein Verhältnis zu Gott gar nicht in Betracht
kommt, nnd daß nur die wahre, ethisch - religiöse Bildung
â– wirklieh freie "Menschen macht Auch der weitere Ausspruch
Ep.'s, daß kein Sündigender frei ist, findet sich fast mit den-
selben Worten in der Rede Jesu hei Johannes. Wenn im
Neuen Testament die Freiheit auf eine befreiende oder er-
lösende Tat Gottes zurückgeführt wird, so findet sich auch
dazu eine Parallele bei Ep.: rjlBv-S-^Qtofim vTth toB &eoS, sagt
er IV 7, 17, in dem doppelten Sinn, daß jeder Mensch der
Anlage nach frei geschaffen ist und daß er wirklich frei wird,
sobald er Gottes Willen mH< Bewußtsein in seinen Willen
aufnimmt.
Diss. n 2, 12 fiij &vrta7iß}- xal Jtoiil /.ih ^41b dov?.Ev€iv
■rcoTh 6^ fiij &ff.e, all' aitl&g xaJ h^ S?,i]S T^g dtavolos ä) TaCia
7j eyteiva J} iXev&egoq ij doDXog.
Vgl. III 15, 13: tm ae del äv&qiOTtov üvai Jj ityadhv Sj
•/.a-xöv. IV 2, 4tf. : ohbüg hjtaf.i(poziQl^u>v övvoTai Ttqax.öipai . . .
od 6vyaoat vtai BsQüirr^v vTrox^lvauS-ai xal l4ya^ii^vova. IV 6, 30 ;
eQj-ov %^y<ii oi xoLvmvei. Uiss. fr. 28: es handelt sieh um
Matth. 6, 24 oideis öüvatai Oval xvqIoks dovXe^uv etc.
Matlh. 12, 30 ö fitj Sjv (i^' iftov y.ar' kfioC lativ.
Apoc. 3, 15 'öifitlov ipvxgög ^s ^ ^eavös • oürtng Srt X'^'^pög
d Mtl oiiTs ^stnog oÜre tpvxQÖe etc.
In der Zurückweisung aller gesinnunglosen Halbheit und
Unentschiedenheit, in dem Dringen auf eine volle und ganze
Hingabe an die befreiende Wahrheit finden wir wiederum
eine wichtige Übereinstimmung zwischen Ep. und dem Christen-
tum (s. a. zu I 19, 25 auf Seite 298). Auch darin sind beide
sich ähnlich, daß sie einerseits die theoretische Möglichkeit
der Bekehrung für jeden Menschen festhalten, andererseits
aber mit der tatsächlichen Scheidung der Menschen in Gute
und Böse als mit einer sozusagen metaphysischen oder fata-
listischen Notwendigkeit rechnen, jener Antinomie, von der
20"
308 Adolf Bonhöffer
früher schon die Rede . war. Nur daß das Neue Testament
diesen dnalistisclien Gegensatz, wie er am schärfsten bei
Johannes zum Ausdruck kommt (8, 23: ineig h tG)v zötw
hari), viel ernster und sozusagen tragischer nimmt als die
Stoa, welche einen eigentlichen Schmerz über das Yerloren^ein
der meisten nicht kennt.
Diss. II 3, Iff. &'rt ^iiv ävd-^o)7tog d v.al tdtiv yvdiatTcu-
st ö'äyo-9-os ^ xcwo's. et /.ihv 'dfntUQÖg hu öiayvOivai Tovg äya-
&Ovg xal xay.ovg, yviliasTai- el d'äneiQog, ovd' äv fWQiehus
y^dtj/iD aitil).
II Kor. 3, 1 ff. fj /.li} x^^^ofiBv &g Tiveg auurazix&v stchttoX&v
^Qos vfiSg ^ i§ i^av; etc.
Es ist eine verhältnismäßig unbedeutende und doch nicht
ganz uninteressante Parallele, die hier vorliegt. Ep. wendet
sich, übrigens in Worten, die von dem Kyniker Diogenes
stammen sollen, gegen die Sitte der Empfehlungsbriefe, mit
welchen die Studenten der Philosophie bei einem neuen Meister
sich einzuführen pflegten. Der Apostel PI erwähnt merk-
würdigerweise auch solche Empfehlungsbriefe, welche seine
Gegner, die Fälscher des Evangeliums, den Christen in Korinth
zu präsentieren beliebten, nm sich bei ihneri zu beglaubigen
und den „Heidenapostel" zu verdrängen. Das Urteil, das er
über solche Empfehlungen fällt — es ist eines der schönsten
Worte des Apostels überhaupt — kommt im Kern auf das-
selbe hinaus, was Diogenes-Ep. sagt, daß der wahrhaft Tüchtige
sich durch sich selbst empfiehlt.
Diss. II 4, 5 od ^iksig oiy Qnpijyal nov xai aurog Ini
KOJtgitxv üg oxEvog äxfftiinov, &g KÖnQiov;
Luk. 17, Iff. Oval dl' ov (ro axävdala) i'^xerai- hiaiTeXel
avi^ d . . . EQQinTai eig tijv &älaa<jav.
Auch diese Parallele enthüllt uns nicht gerade eine in-
haltlieh wichtige Übereinstimmung. Immerhin ist bemerkens-
wert, worauf auch andere schon hingewiesen haben, daß auch
Ep. das im Neuen Testament so beliebte Bild vom Gefäß von
der ethischen Qualität der Menschen gebrauchte Die Ähn-
' Auf die, ebenfalls von anderen schon angemerkte ÜberehistimmnnÄ
Epiktet nnd das Neue Teatament 809
iichkeit mit dem Ausspruch Jesu vom Ärgernis liegt aber
tiefer, nämlich in dem heiligen Ernst, mit welchem auch Ep.
die Unbrauehbarkeit und Schädlichkeit eines sittlich wurm-
stichigen Menschen vor Augen malt.
Diss. II 8, 1 ö 79-eög i!iip4lifiog.
Vgl. Ench. 31, 1: wir sollen allem, was geschieht, ans
beugen &g vito vrjg lägioiijs ynfhfu^g iniTe'kovfiivoig.
1 Joh. 4, 16 6 &sbg hy&nt] iaxiv.
Vgl. Jak. 1, 17 Tihaa Söotg Äyafl^ , , . Svtn&ev iariv v.ara-
ßaivtav &iio tov JtatQog t&v (fthrtav.
Es könnte vermessen erscheinen, dieses so nüchtern
klingende stoische Dogma mit einem der herrlichsten Aussprüche
des Neuen Testaments vergleichen zn wollen. Und doch be-
deutet es für Ep. um nichts weniger als jener für den Christen;
denn die Liebe Gottes spürt er eben auch nur in dem, was
ihm Gott innerlich gegeben hat, und dieses ist für Ep. ein
Absolutes, Unvergleichliches so gut wie für den Christen.
Diss. II 8, 10 'ovy. eaii -Seöv ^Qya n&xslva;' (d. h. die Tiere)
£(niv, &Xl' oi TtQiyrjyovfteva ovÖs /(/pij -S-eav,
Vgl. II 10, 2: (xaxä f.öyov) itex'^pioat ^^kov, xext^Ö^c"'
^c^oßdrur.
Matth. 6, 26 6 naTijQ vj.iSiv ö oii^&viog %qi<pu avT<i {tu
jtttEivä)- oix vfislg fiUXXov öia^^Qtrs aictby;
Die wesentliche Erhabenheit des Menschen über das Tier
ist ein Hauptsatz der Stoa und eine selbstverständliche Vor-
aussetzung des Christentums. Dies schließt beiderseits eine
gewisse Schätzung der Tiere als gleichfalls von Gott ge-
schaifener und erhaltener Wesen und eine Sympathie mit ihnen
nicht aus. Die bekannte stoische Lehre, daß es keine Pflichten
des Menschen gegen das Tier gebe, hat nur den Sinn, daß
ein Rechtsverhältnis nur unter gleichstehenden, ä. h. ver-
nünftigen Wesen bestehen kann, und soll selbstverständlich
eine Verwahrlosung der Tiere oder gar eine Grausamkeit
gegen sie nicht rechtfertigen. — Was den anderen in dem
in dem Gebraacli des gpätgriechiseheu Wortes xoTt^ia (Lnk. J4, 35) sei uTir
nebenbei aufmeiksam g:einttcbt.
810 Adolf ilönhöffer
Spruch der Bergpredigt enthaltenen und auch dem Ep. ver-
tmutea Gtedanken betrifft, daß die ängstlich sorgenden Menschen
von den sorglosen, allen Veränderungen sicU leicht anpassenden
Tieren beschämt werden, vgl. S. 8ft; und Ep. 1 9, 9 and III 24, 6.
Diss, II 10, 19 oidsig dlxa äfCtoXdag xai ^rj^tiag yttxxög iart.
Vgl, III 24, 42: b v6nog d-elos . . . b rag iieylanas etg-
7t(aao6fieyog xoXdaeig naqa (rCiv) tä /.Uyiara afiaqTavövtiav.
IV 1, 119. Besonders drastisch Diss. fr. 13.
Joh. 5, 29 e-xnoQevmnai . . . ol ja <pavXa it^d^apieg eig
&vd(naaiv x^laeoig.
Rom. 2, 9 d-Xltpig /.al aieroxtu^ia i^l n&aav tpvxijv ivO^ta-
ftov Toß KüTt^ya^Oftivov tb y.axöv.
Daß jede Sünde sich rächt und Strafe nach sich zieht,
ist eine gemeinsame Überzeugung der Stoa und des Christen-
tums. Nach ersterer freilich ist die Strafe der Sünde sozusagen
immanent als Verlust oder Verkümmerung alles dessen, was
dem Leben wahren Wert und Freude verleiht. Diese tiefere
Anschauung ist auch dem Neuen Testament, wenigstens den
Johanneischen Schriften nicht ganz fremd (Joh. 3, 18 ff.); aber
auch sie können auf eine zeitlich nachfolgende, ewig
dauernde Strafe der Sünde natürlich nicht verzichten.
Diss. II 11, 16 y.al jtStg ol6v te äräxfiaQva slvai itai äpsvotra
rä ävayxaiÖTaTa h &v&q<if!coig ;
Vgl. III 24, 2: b y&Q ä-ebg Ttivtag in&^diycovg kcl rh eö-
Saiftovslv, £7tl tÖ Eiara&tlv sfioii^aEV-
I Tim. 2, 4 S'eov, Sg ftävrag äv&Qdurovg &£,si. mo(H\vai xo(
tig litlyvwaiv äXti&eiag kkif-elv.
Vgl. II Petr. 3, 9; Joh. 1, 17 und Hebr. 1, 2 und S. 289ff.
Dieses Wort Ep.'s ist eines der allerherrlichsten Zeugnisse
für seinen unverwüstlichen, gläubigen Optimismus: der Ge-
danke, daß Gott den Menschen im Zweifel darüber gelassen
haben könnte, ob und wie er glucklich werden kann, ist ihm
unfaßbar und unerträglich. Die Freude darüber, daß es Gott
gefallen hat, durch Christus seinen Heilswillen, die selig-
macheiide Wahrheit zu offenbaren, atmet das ganze Neua
Testament, wenn schon natürlich die Anschauung, daß Gott
Epiktet und das Neue Testament 311
gleiehaam dazu verpflichtet gewesen sei, bei dem von Haus aus
wesentlich anderen Gottesbegriff hier nicht Platz finden kann.
Diss. 11 14, 12 ff. zbv exelvois {i'ols &-eolg) i^icoyice xai
Tteta&TiaSfiByoy dndyxrj Ttu^üadui icaiä öövafiiv k^Ofioiova&ai
txiivots ...(!(£ S'eov loivov ^rjXtuiijv va e^ijs itäina xal rcoulv
xat Xeyuv.
Matth. 6, 48 i'aeaS'e oiv ifietg x^Xbioi dig ö itai^^ vfi&v ö
oö^dyios T^ksiüg emiv.
£ph- 5, 1 yiyiad-£ oiv ftifiTjTal roß &eoD.
Wie die sogenannten ethischen Religionen, so nimmt auch
die stoische Philosophie es als unbewiesene Voraussetzung in
Anspruch, daß Gott ein ethisch absolut vollkommenes Wesen
ist. So ergibt sich von selbst, da£ daa Streben nach sittlicher
Vollkommenheit auch als Streben nach GottähnlJchkeit oder
Gott^leichheit gefaßt werden kann. Im Neuen Testament
bleibt aber-^natürlieh die Distanz zwischen Gott und Mensch
sorgfältiger gewahrt als bei Ep., der den Ausspruch wagt:
ov &ebs ä, ä> äv&QVJ7iB (II 17, 33. Vgl. U 19, 27).
Diss. II 14, 18 vSv yäd ffv ikrjXvtt-ag ^^bg k/Ae ätg /.iijöeyas
diöjJEyog. %lvog 6'&y xal g>avTaoif-fir]g uig Iväioyrog; etc.
Vgl. III 9, 8; III 14, 8: ein Grundfehler ist die oCijoig,
die Meinung (.iriSevog Jtqogöela&at.
Matth. 19, 20 ).4yei aitqi 6 vtaviaxog- TüDra n&vxa Itpv-
Der Gedanke, daß das größte Hindernis für die Bekehrung
in dem mangelnden Gefühl der inneren Armut und Leere
liegt, ist schon zu I 26, 15 (S. 302tf.) erörtert worden. Die hier
verglichenen Stellen, von denen ich jedoch nur den Anfang
hersetzen konnte, haben aber außer diesem Grundgedanken
noch eine besondere merkwürdige Ähnlichkeit. Beidemal
handelt es sich um eine wirklich stattgehabte Unterredung,
beidemal ist es ein mit zeitlichen Gütern gesegneter und bis
zu einem gewissen Grad nach Ehrbarkeit und Gerechtigkeit
strebender Mann, der zum Meister mit der ausgesprochenen
oder unausgesprochenen Frage kommt „was fehlt mir noch?"
Wie der reiche Jüngling von den göttlichen Geboten sagt:
812 Adolf BonhCfier
„das habe ich alles gehalten", so gibt Ep. dem römischen
Großen das Zeugnis tä jtKi^iJxoyiro änodläios, freilich nicht ohne
den schneidend ironischen Znsatz „Deinem Wohltäter ver-
stehst du Gates zu vergelten, deinem Widersacher Böses".
Beidemal wird dem satten Glacksmenschen zum Bewußtsein
gebracht, daß ihm zum wahren Glück das Wichtigste, ja so
gut wie alles fehle. Die Epiktetsteüe gehört übrigens zum
Schönsten in den Diatriben und ist es wert, gauz und im
Zusammenhang gelesen zu werden.
^Diss. 11 16, 42 ff, TÖlfiijaov ävaßXiipag tc^oq tov Sebv eiitelv
Su 'x^ß) jioi XoiTthv eis 8 äv &^lf}g' dftoyvMfiOvS, aoi, oög dfti etc.
Vgl III 24, 95 ff. TEiöe li-jv avioü yß^av hrrlTj^diufj ei-
TÜXTCüS Kai siTtst^üg Tq> &eq) TV 1, 89.
Rom. 8, 38 oiks d-üvatos ovts ^idij . . . dvvijaeiai ^,u5^
XMQioai &7tb Tijg &yäitrjg toC Stoü.
Phil. 4, 12 oUa xai laTtsivoDa&at, olSa xai fce^taas.iEiv.
Matth. 5, 16 Xaftypäru) th tpag v^Cv i'ft^Qoa&sv tütv äv-
■9'QÜiniiiv etc.
Hebr. 12, 2 d^opöi^reg üg %hv t^g izltnewg &Qxrfyov itöi
zeXsitoT^v 'Iijaovv.
j*.uch dieser Passus bis zum Schluß des Kapitels gehört
zu den Perlen der epibtetischen Diatriben. Es handelt sieh
hier weniger um einzelne Gedanken oder Gedankenprägungen,
die mit neutestamentlichen zu vergleichen' wären, sondern um
den ganzen religiösen Geist, den diese Expektoration atmet
und der uns auf Schritt und Tritt an die heiligsten Worte
und die erhabensten Mahnungen des Neuen Testaments er-
innert. Besonders hervorzuheben ist der. Gedanke, daß der
Weise sein Leben, in welcher äußeren Lage, welchem Beruf
er auch sei, so zu führen gesonnen ist, daß es zu einer Recht-
fertigung oder Verherrlichung Gottes vor den Menschen wird,
und daß die innere Heiligung des ganzen Wesens nicht ändert
geschehen kann als in stetem Aufblick zu Gott (vgl III 21 12-
22, 3; 24, 114).
Diss. II 18, 28 fifyag 6 hytLv Imi, ^elov rh ¥qyov . . .
rov »eov fiifivriao, helvov e/Cixalov ßotjO-bv xal Tragaürdrfjv. '
Epikfec lind das Nene Testament 313
Eph. 6, 11 ivövaaaü-e zip' TiavofcXlav toC &eov Ttqog tÖ
d^vaaS-at vfiSg ozijvai jrpöe lä? fis&oälag zov dtaßö'kov.
Die Art, wie Ep. hier den methodischen Kampf gegen
die Sünde lehrt, hat bei aller Verschiedenheit doch auch große
Ähnlichkeit mit den entsprechenden Mahnungen des Neuen
Testaments, beispielsweise mit dem schwungvollen Aufruf des
Epheserbriefes. Die Wichtigkeit und der Ernst des Kampfes,
die Herrlichkeit des Kampfpreiaes und die Notwendigkeit des
göttlichen Beistandes, letztere von Ep. freilich wesentlich
nüchterner verstanden, wird beiderseits, oft in überraschend
ähnlichen Wendungen ans Herz gelegt.
Diss. II 22, 30 Ttov yäg äXXaxov giikla ^ oTtov. TtiOTig,
'öftov atd(l>$, Strov Ööaig rov xalov, rSiv d'&XXtov otdev6g;
Acta 4, 32 roü 3h Ttk^&ovg iC)V Ttimevadviräv ^v xa^Sia
xal ifivxi] ftff xai . , , ^v aiiolg IxTtavia aoivfi.
Die schönen Ausführungen Ep.'a über die wahre Freund-
schaft, die in dem angeführten Satz wie in einem Brennpunkt
zusammengefaßt sind, können uns wohl erinnern an das Ideal
der Freundschaft und Gemeinschaft, wie es in den ersten
Christengemeinden verwirklicht war. Wenn auch Tcioiig bei
Ep. nicht Glaube sondern Treue bedeutet, so ist doch aucli
nach seiner Ansicht ein Glaube an ein göttliches Ziel, an
ein heiliges Gut nötig, und dieser Glaube allein vermag wirk-
liche und dauernde herzliche Gemeinschaft unter den Menschen
zu wirken.
Diss. II 22, 36 lov &vofiolov ävexrixdg, TCQ^og TCQog aij6v,
fjfitQogj avyyviiif.iovii'^g &g Tt^bg äyvoovyra . . . oidtvl x^^^^^S-
Kol. 3, 12 ivövaaa&e oiv . . . ajtiÄyiya ohriQ/io-B, yiQ7i<n6-
rtjTo, laitiivoifQooivriV, TtQavTi^a, ficnc^o-S-vfUav , Stv^x^fievoi
dAATjÄtuv etc.
Vgl. I Kor. 13, 4: ij äyd-itTi (.laxQo&ufiü.
Die epiktetisehe Schilderung der geselligen Tugenden des
Weisen, die Hervorhebung der Sanftmut, Nachsicht, Ver-
träglichkeit usw. zeigt trotz aller Unterschiede (z. B. in der
Begründung der verzeihenden Nachsicht) eine so große Ver-
wandtschaft mit der christlichen Seelenstimmung, daß ich
314 Adolf BonhBffer
diese Parallelen, obwohl sie zu den bekanntesten und ab-
gegriffensten gehören, nicht übergehen zu dürfen glaubte.
Disa. II 23, 34 äXlic -co fiäya tovro, &7toXi7tElv exctOR^ r^i'
avzoS dövafiiv ^v e'xei xal ditolittövia ISeIv t^v ä^iav Tijg Övvd-
ftibiS Ttal 10 x^tirimov tCiv Svtwv xaraiia&sZv xal lodxo h jcavTt
fjttadiclmeiv. ' .
Vgl. III 24, 50: oiöh noiel toü d6^ai ?j'«c«,
Phil. 2, 3 ^r^ökv -mz' hqi^üav ^t^^I jtcrä -^Evoöo^iav äUä
T^ raireivoff^oavvtj äil'^i.avs fjyojjfifvot v^EQ^%on:as eavzMv.
I Kor. 13, 4 ^ &y&7txi oh %r[kol, ov nEQneqevEzai, oi g>vai.oBrai.
Ep. spricht hier von den dwäfteig, i. h. von den indivi-
duellen (leiblichen oder geistigen) G-aben und Vorzügen, welclie
man neidlos, doch ohne sie zu übersehätzen, anerkennen soll.
Dies kann man um so eher, wenn man stets den Blick ge-
richtet hält auf das eine höchste Gut, das jedem zugänglicli
ist und vor dessen Glanz all^ die nur zufälligen oder indivi-
duellen Vorzüge erblassen. Im^euen Testament spielen ja wohl
diese individuellen Unterschiede in der Begabung der Menschen
eine noch geringere Kolle als bei Ep., und die demUtige Unter-
ordnung, welche Phil. 2 gefordert wird, ist gewiß weniger
mit Bezug auf äußere Gaben, sondern auf die erreichte Stufe
des geistlichen Lebens gemeint. Immerhin wird die Freiheit
von Neid, Ehrgeiz und Hoffart ganz allgemeia verlangt und
auf dem geistlichen Gebiet selbst gab es ja, wie wir aus den
Korintherbriefen wissen, gewisse äwdftitg wie Zungenreden
und Prophetie und einen ungesunden, ehrgeizigen Wetteifer
darnach. Gemeinsam ist jedenfalls dem Ep. und dem Neuen
Testament die verhältnismäßige Geringschätzung aller in-
dividuellen Vorzüge gegenüber dem einen universalen Heilsgut,
in dessen Besitz es keine Gradunterschiede mehr gibt, zum
mindesten keine solelien, welche Neid oder Hoffart bewirken
könnten.
Diss. 11,24, 16 ehl Tivsg -fiktiv (pvoitutl icpo&vitiat xal ngos
To Uyuv, Brav o äKov<}ö|^epog fpavfj iig, Hiav adiog EQe^laj].
Matth. 13, llff, ij^ri- d^dtyi^ai yv6>}'ai nä /.ivai^^ta rijs
ßaadeiag rüiv ovQavGiv, heivoig 6h ob öeäovai . . . ort ßlenonsg
ov ßXitcovatv xai äKovovzeg ovx äxovovviv oidk avviovatv.
Epiktet and das Nene Testament 315
In dem ganzen Kapitel beschäftigt sich Ep. mit einem
Manne, der, offenbar ohne ernstliches Interesse far seine Lehre
und ohne den Gedanken, daß er etwas von ihm lernen könnte,
sieh in eine Unterredung mit ihm einlassen, wir würden sagen,
ihn interviewen möchte^ Ep. erfüllt ihm den Wunsch nicht
und erklärt ihm ausführlich die Gründe, daß nämlich auch
der Lehrer nicht immer lehren kann, wann er will, sondern
bis zu einem gewissen Grad abhängig ist von dem geistigen
hahitus oder der seelischen Disposition, die der Hörer mit-
bringen muß und die erst einen Kontakt zwischen beiden her-
stellt und die Lust zum Reden, zur geistigen Einwirkung In
dem Lehrer auslfet. Der ganze Gedankengang erinnert an
das, was zu I 29, 30 (S. 305) ausgeführt wurde. Auch dort
war davon die Rede, daß der Philosoph unter Umständen sein
Bestes bei sich zu behalten hat, wenn er nämlich sieht, daß
die geistigen Voraussetzungen, um verstanden zu werden,
fehlen. Während aber dort das keusche Schweigen, die stolze
Zurückhaltung empfohlen war in dem Sinne, daß der Philosoph
nicht in eitler Prahlerei oder aufdringlicher Bekehrungssucht
sein Heiligstes am unrechten Platze preisgeben solle, handelt
es sich hier um eine scheinbare pädagogische Pflicht, der sich
Ep. entzieht *, weil er nämlich den Hörer, der ihn hören will,
nicht wert achtet, sich mit ihm abzugeben. Die persönlichen
Momente, die 'seine Abneigung bedingen, kommen im Lauf
des Vortrags immer deutlicher zum Vorsehein. Das Evangelium
bietet, außer dem angeführten Spruch Jesu, noch manche
Parallele zu diesem scheinbar trotzig spröden Verhalten Ep.'s.
Man erinnere sich an den l'on, auf welchen das ganze Evan-
gelium Johannis gestimmt ist, sobald Jesus es mit den Juden
zu tun hat, die er ja auch keiner sachlichen Auseinandersetzung
■würdigt, sondern als Leute behandelt, die von vornherein für
seine Wahrheit unempfänglich sind. Ja man kann sogar die
merkwürdige Stelle beiziehen, wo es heißt, Jesus habe in
Nazareth nicht viele Wunder tun können um ihres Unglaubens
' Daß Ep. sonst dieser pädagogischen Beruf spflicht gewisaeulifttt ein-
gedenk iat, zeigt die Unterredung mit läeni eitlen JüngliDg, den er trotz
seiner Entartung docli nocli ala f-ö/ov ökovoiixös behandelt, weil er eben
noch jung und deshalb bessern agsfahig ist (8. 23 ff.).
316 Adolf Bonhöfler
willen (Matth. 13, 58). Es handelt sieh eben auch hier nm
gewisse Hindemisse iu den Seelen der Menschen, wodurch eins
fruchtbare Einwirkung auf sie von selten der Geistbegabten
unmöglich gemacht wird.
Diss. II 26, 1 iitel yaQ 6 äfta^rtiviov oi &4X€i &/4a^T<lveiv
Alka AaTnQ&aaai, ör\i.ov Sn S fikv d-iXsi oi Jtoiel.
4 : S S-iXei oi Ttotsi xal 3 fiij &iXet Ttoiel.
Rom. 7, 15 oi yap o S-i'ko} rovto Tt^äoota iX).' o
fiiaii) toCto itotßi.
Die äußere Ähnlichteit dieser Aussprüche ist so in die
Augen springend, daß ich sie nicht ganz übergehen wollte.
Wie grundverschieden aber der eigentliche Sinn dieses un-
freiwilligen Tuns des Bösen ist, habe ich S. 60 £F. eingehend ge-
zeigt. Zur weiteren Bestätigung weise ich noch darauf hin,
daß Ep. hier sagt, sobald einer den Widerspruch, iu dem er
sich befindet, erkannt habe, müsse er sich ihm mit Notwendig-
keit entwinden, während nach PI eben dies das Traurige ist,
daß der Mensch aus diesem Widersprueli durch eigene Kraft
nicht herauskommt.
Dissert. III 3, 8 ^ hti6g iiviov IkxvjqCüv olzog xav äyad-oD
Tvyy^öivu.
Matth. 10, 39 (u. Parallelstellen) ö ev^biv iijv ^vxijv ainoü
SircoX^att at-ttjv, xai b änoX^aag ttjv i/'n^^f avrov eyexsv e^ioö
ei'pjjoet avirjv.
Der Sinn des epiktetischen Wortes ist folgender; „Wer,
um seine Pflicht (gegen Vater, Bruder usw.) zu erfüllen, sich
selbst überwindet und ein Opfer bringt an äuBeren Gütern,
der wird eben dadurch, daß er, im Gehorsam gegen Gott,
diese verliert, des wahren Gutes teilhaftig", stimmt also voll-
ständig mit dem berühmten, tiefsinnigen Worte Jesu überein. ,
Diss. III i, 3 jlvag yag 'iy,ovatv fHfirjaau&ai oi TtaUol ij
tovg vTtSQixoy^ag vfiSg';
Matth. 6, 13 v^teig iaie xo Slag fijg j^g* lav dh tö SXag
/tto^avSij, h> tlvv äXiuS^aeeai;
Ganz trefflich und überaus fein und lehrreich ist die
Lektion, die Ep. hier ieinem Geringeren als dem Statthalter"
Epiktet nnii das Neue Testament 317
von Epirus erteilt, der bei einem Schauspiel durch unwürdiges
aTiovSä^uv ein schlechtes Beispiel gegeben hatte. Ihm bringt
er in eindringlichster Weise zum Bewußtsein, daß solche
prominente Persönlichkeiten, wo sie sich i3ffentlieh zeigen,
eine große Verantwortung haben und sich in acht nehmen
müssen, die öffentliche Moral nicht irre zu führen. Es handelt
sich dabei ja freilich nicht um einen Philosophen, den wir'
eher mit den Jüngern Jesu vergleichen könnten, sondern nur
um einen Gebildeten überhaupt, der eine heryorragende Stellung
einnimmt. Aber nur um so wertvoller ist uns diese Aus-
lassung Ep.'s, weil sie zeigt, daß ev gelegentlich auch von dem
Piedestal der philosoplüschen Ethik heruntersteigen und sich
auf den Standpunkt der Ethik des gemeinen Mannes stellen
kann. Der Grundgedanke, daß, wer einen besonders ver-
antwortlichen Beruf hat und vielen ein Vorbild sein soll, durch
würdeloses oder gewissenloses Benehmen auch besonders großen
Schaden anrichten kann und die Möglichkeit der moralischen
Hebung der mensehiichen Gesellschaft in seinem Teil zu
Schanden macht, ist Ep. und Jesus gemeinsam.
Diss. III 5, 7 ff. ifiol ^iBv yoQ -Ac/Talri^ä-ijvai ysmeco ftfiösvog
äUov imneXovfidvqi ^ tfjg nQoatqioEwg tij^ e^if,? 'etc.
Vgl. IV 10, 12 ff., wo Ep. die Ausübung einer gemein-
nützigen T a t noch über diese sittliche Arbeit an sich selbst stellt.
Luk. 12, 37 ftaxÜQioi o'c Sovloi ivstvoi, oüg ü-ü-üv 6 v.vQiog
iVQriosi y^ijyoQoiivra^.
Apok. 16, 15 fiaxäQioi; 6 y^jjyOQÜiv r.ai lyQwv rä Ifidiia
airoC.
Der Wunsch, den Ep. in dieser schönen Stelle ausspricht,
vom Tode betroffen zu werden in innerer Sammlung und
energischer Konzentration auf das Eine, was not tut, entspricht
gauz und gar der im Neuen Testament so häufig ausgesprochenen
Forderung der Wachsamkeit und steten ßereitschatt auf das
Kommen des Herrn. Freilich erscheint hier diese Würdigkeit
und Bereitschaft nur als Mittel zu dem Zweck des Eingangs
iu das himmlische ßeich, während Ep. darin nur die letzte
und endgültige Bestätigung eines im Gehorsam gegen Gott
vollbrachten Lebens erblickt.
318 Adolf Bonhöffer
Diss. III 7, 17 xai aiiot yag fiX'/.a Uyouev, &X'/.a äi jiot'
ovfuv; fjfceig Uyof^ev tu xakd, ftoioBftsy ia aiaxgd.
Vgl. in 24, 38 und III 21, 3 ; dsl^öv riva i,{ilv fiSToßoUiv
T6V ijyefiovtKod toB aeavtoD. Ench. 46, 2.
Matth, 7, 21 äßö yt ättb tCm ita^Tiwv aiTütv littyvwata&e
afitov^ ete.
In seinei- Auseinandersetzung mit dem vornehmen Epi-
kureer gelangt Kp. in ebrliciiem Freimut und köstliclier Selbst-
ironie zu dem Paradoxon; „Ihr Epikureer unterscheidet euch
eigentlich in nichts von uns Stoikern, denn bei beiden stimmt
Glauben und Tun nicht überein" (vgl. Ench. 62, 2), Das
streng verwerfende Urteil, das unser Philosoph damit über
seine Schule, sich selbst mit eingeschlossen, ftlllt, ist natürlich
cum gram salis zu verstehen. Andererseits besagt der Spruch
Jesu nichts anderes, als daß es immer auch „Christen" geben
wird, welche „Anderes sagen, Anderes tun".
Diss. III 7, 21 aol aaXiiv yvvalxa (palvEu&at (ir^Sefiiav f,
r^v mj'i'.
Vgl. II 23, 12: si öi dst t^v tov iivog iSbZv yvvaiKa nal
7te>s, Ttg Uyu; â– }) 7tQoaiQsziy.il. II 18, 15.
Matth. 5, 28 nSg ö ßXsTtwv ywaina TtQog th i7ti&v/ifjaai
¥jSri iftoixtvaev aörijv ev rjj xaqdiif airoD.
Daß die Ausdehnung der Heiligungspflicht auf das Innen-
leben, auf die Wünsche und Gedanken des Herzens, nicht erst
im Christentum vollzogen wurde, zeigt die Stoa und besonders
Ep., aber auch schon Seneka und später M. Anrel deutlich.
Die Übereinstimmung Ep.'s mit Jesus in dem speziellen Fall,
um den es sich in den verglichenen Stellen handelt, ist äugen- -
seheinlich. Aber auch über die Herzensreinheit überhaupt hat
Ep. goldene Worte gesprochen (IV 11 Titel fct^l yca9-aQi6Tr]Tog;
III 22, 93).
Diss. III 9, 21 &7tX^qo}tös oov hTh -fj Imd-v^Ua, ^ e^^
neitXriQi'nai.
Job. 10, 10 iyio '^X^ov 'iva l^tuTjv 'ixviüiv -Aal Tte^toabv 'e^aaiVi
II Kor. 9, 8 'iva Iv jcavii rtdvKne TrSoav aütdQxeiav ^^ovieg etc.
Ein großes Wort: „Mein Begehren ist gestillt!" Ein volles â– â–
Epiktet nnd daa Nene Testament 316
philosophisches Äquivalent für die religiöse IVunsehlosigkeit
nach außen im beseligendeu Gefühl der Gemeinschaft mit
Gott (8. auch S. 18).
Diss. III 10, 17 ^oC oh ETI vLai()hq toO (poßEiaO-aL-, tcoü
oh ^ti xaipog ÖeyfjS ■■■Ort t^w r^e iTpOöfp^ffswS oiä^v sotiv
oi^^e äyaOhv oi'r« xa^öv.
Vgl, Euch. 18 : ^fiol ^dvra a'iaia ari/.iaeveTai, ea» iyeu 9-iXiA
Jiöm. 8, 28 o'idauev 6h Sti toI>; &yanC)OLv %hv ■&ebv Ttüvza
ovviLQyEl eis äya&öv etc.
Die besonders schwungvolle Art, mit der Ep. hier den un-
zählige Male gepredigten Grundsatz der Autarkie und Atarasie
des Weisen verkündigt, kann uns immerhin erinnern an jene
vielleicht schönste Stelle im Neuen Testament, wo PI sich
nicht genug tun kann, in ähnlichen rhetorischen Fragen die
Fülle des Glückes und Friedens zu schildern, die im Bewußtsein
der Erlösung beschlossen ist.
Dias, in 13, 12 ta^rrjv t^v eiQi^vrjv tiq 'h<^v . . . vrch
TOD ■9'eov Tte-Kt}Qvyiidpfiv diä tov löyov oßx ä^itElTat ^Tav(fi} (iövog;
Job. 16, 33 'iva iv ifiol e/pijj'ijv Vx-i]Te.
Auch Ep. kennt den Begriff des inneren Friedens und
preist ihn begeistert als eine frohe Botschaft von Gott, vei'-
kundigt durch den Logos. Dieser ist freilich, wie wir gesehen
haben (S. 188 ff.), nicht der persönliche Logos des Johanneischen
Prologs, sondern vielmehr die unpersönliche, aber jeden erst
zur Person bildende aligemein menschliche Vernunft.
Diss. III 15, 1 (und Ench. 29) ixdarov e^yov OKÖiiei tä
KK'S-rjyovfiera xal zä ^/.öXov^a vial ovTtaq 'iQ%ov stt' avzö.
Vgl. Ench. 22 : tl tpdoao<p(ag em^^fitic, jtaQamiBvd^ov ai-
TÖ&BV (üg •/.(tzayEXaaÜ-r^aöi.iEvos.
Luk. 14, 28 Ttg yäq i^ v/x&v &iliav Ttvffyov oUodoftijaai,
oi'X'' ^S^z^ov jta^/ffög iprjfpl^ei Trp> daTiäyfjy etC.
Vgl. Luk. 9, 62.
Was Jesus mit diesen anschaulichen Bildern lehren will,
ist, wie die Nutzanwendung in Vers 33 zeigt, genau dasselbe,
was Ep. hier und öfter den Leuten ans Herz legt: wer ein
Philosoph werden will, muß sich darüber klar sein, was er
320 Adolf BonhöHer
alles drangibt und was er an geistiger Energie aufwenden
muß, um zum Ziel zu gelangen; widrigenfalls er kläglich
scheitern muß.
Diss. in 16, 1 äväyxr] zhv avyKaO-ievTa Tialv e-/tm)Jov . . ,
^ airov h.dvOfS i^o^toiojüfjvai ^ Ueivovg (leva&tlvai eTci zä ahoS.
Dias. Iir 16, 11 Sia tovto ymI tüv uaTQLÖo}v aui^ßovhiJovaiv
&7toxu)qslv ol (piUao(poi, Stt TÄ Tialaiä 'e»,; m^iOTtB xm oök
# ^GXV^ y^io&ai. Tim SUov s&iafwü.
Vgl Euch. 33, 6.
II Kor. 6, 14 fiij '/£vsa3-e hsQo^vyoBi-Teg äitiaiois ■jig yaq
ftSTOX'l öixaioavifi xat ävofiii^; etc.
Für eine neugegründete Religionsgemeinsebaft verstellt
es sich von selbst, daß ihre Eekenner zusammenhalten und
den Verkehr mit Andersgläubigen meiden oder auf das Not-
wendigste beschränken. Die Jünger Jesu wußten es nicht
anders, als daß sie, wie ihr Meister selbst, die seitherigen
Beziehungen zu losen hatten. Diese Absonderung hatte zu-
nächst nur den Zweck des Bekenntnisses vor der Welt, erst
in zweiter Linie stand das pädagogische Motiv der Bewahrung
vor schädigenden Einflüssen des Umgangs mit „Ungläubigen'''.
Nichtsdestoweniger konnte auch dieses Motiv große Bedeutung
erlangen, wie die Warnung des Apostels an die Korinther
zeigt. Ep. verbietet seinen Scliülern den Verkehr mit der
„Welt" lediglich aus pädagogischen Rücksichten; dem Ge-
festigten, dem Weisen schadet die avfi7VEqiq>0Q<i, die Aube'
quemung an die Sitten der Welt nichts, ist für ihn vielmehr
gerade eine Gelegenheit zur Erweisung vollendeter Selbst-
beherrschung und Geistesfreiheit. Interessant jedocli und mit
der Praxis Jesu gana übereinstimmend ist der nach Ep. von
den Stoikern erteilte Rat, die Vaterstadt zu verlassen, weil
nur durch Loslösung aus den gewohnten Verhältnissen ein
neuer ethischer Grund gelegt werden kann.
Diss. III 21, 16 oÖJt ia^a J'xstg fjv Sei nbv leQOfpdvzt^v
ovx ijyvtvxag wg titeivog etc.
Matth. 22, 12 Izal^e, jtQg dafil^Eg &de (iii k'xcov ^vSv/ia
ydfiov ;
Epiktet und das Neue Teatament 321
Der Gruüd, warum ich die beiden Stellen vergleiche, ist
nicht etwa bioS das äußerliche Moment, daß beidemal das
festliche Kleid, als Symbol der festlichen, des heiligen Aktes
wüi'digen Stimmung und Gesinnung, vermißt wird. Denn bei Ep.
ist das Kleid des Hierophanten nur ein verhältnismäßig neben-
sächlicher Punkt in der Reihe der Bedingungen für die würdige
Ausübung der Mysterien; ferner handelt es sich bei ihm um
den hohen Beruf eines Lehrers der Menschheit, neutestamentlich
gesprochen eines Apostels, während das Gleichnis Jesu nnr
die Anteilnahme an dem göttlichen Gnadengut im Auge hat.
Von diesen Unterschieden abgesehen offenbart sich aber aller-
dings eine bedeutsame Übereinstimmung: Ep. wie Jesus ver-
langt, daß das Heilige heilig erfaßt und betrieben und nicht
durch frivole Menschen profaniert werde. Die Ausführung
Ep.'a muß man ganz lesen, um sich davon zu überzeugen,
nicht nur, wie hoch er von dem göttlichen Beruf des Philo-
sophen als Erziehers dachte, sondern auch mit welchem Ernst
und tiefreligiösem Sinn er die überlieferten kultischen Ordnungen,
hier speziell das Mysterienwesen, erfaßte, und wie. nichtig,
jedenfalls soweit es den Ep. betrifft, das herkömmliche Gerede
ist, wonach die Stoiker nur zum Sehein oder mit einer ge-
wissen reservatio mentalis die religiösen Gebräuche bejaht und
aa ihnen teilgenommen haben.
Diss. in 22, 23 (ö Evvixhs) äy/elo? &nh xoS Jwg &7tiütaX%at
v.al fCQÖg Toie iv&sd^Ttovs sregl äya&Siv xal xoxöv vitodsi^wy
Gvrotg (kl stenX^vzai.
II Kor. 5, 20 vjEEg Xqiotov oiv itQEaßtionEV &g roij d-eoC
n:aßaxaXovvtos SC fjfiCüv . . . xaiakXäyrjTS r^ ■d'e/p.
Das epiktetische Ideal des Kvnwg als eines Boten Gottes
an die Menschheit wurde längst als ein merkwürdiges Gegen-
stück zum christlichen Begriff des Apostolats erkannt. Man
kann dies anerkennen und sich freuen über die Übereinstimmung
des Typus bis hinein in die speziellsten Züge, ohne deshalb
eine bewußte Übertragung von der einen nach der anderen
Seite anzunehmen.
Diss. III 22, 61. Sjtov yiiQ zoQaxai xai Xsnai . . . xßi (pd^voi
xai 'Qiikozvniat, nov ixtl feä^oöog EiSmi-iovlag ;
JtelieionsgeBclüchfllcliB Yecsuche u. Vorarteiten S. 21
322 Adolf Bouhaffcr
Jak. 3, 16 ofi:ov yoQ ^i^log xot iQtS-da, ezti &%aTaaxaaia
y.<xi nüv (pavXov it^&yfta.
Auf die Übereinstimmung des Gedankens, der bei Ep.
jedenfalls mehr Substanz hat als hei Jakobus, lege ich hier
■weniger Gewicht als auf die immerhin bemerkenswerte Ähn-
lichkeit seiner sprachliehen Fassung.
Diss. in 22, 69 toiaikrjg S'ovOrjS xaTaazdasiog, o'ia vüv laiiv,
8Xov fCptig li] äiaxovif^ TOO -dsoü;
I Kor. 9, 12 äXV ovx ^x^rfläfis-^c/. ri] s^ovai^ TavFfi, all»
Tidvia aT£yoi.isv iva jhj Tira £'/M7ti}v dSifisv itj) eöayyskifi) toD
Wie Pi auf seine Freiheit verzichtet, um seiner Arheit
am Evangelium keinen Abbruch zti tun, so muß der Kyniker
Ep.'s nnverehelicht bleiben, um dem Dienst Gottes sein ganzes
Leben weihen zu können. Die Äußerung, daß der Philosoph
sozusagen auf dem Kriegsfuß mit der Welt lebt, ist nicht als
pessimistisches Urteil über seine Zeit zu verstehen, als wäre
diese besonders schlecht, sondern wili nur den tatsächlichen
Zustand des menschlichen Lebens bezeichnen im Gegensatz
zu dem auch nach Ep.'s Sinn atopischen Ideal eines Staates
von Weisen (S. 35ff.).
Diss. III 24, 15 oiöeig iartv SvO'Qiojrog oqtpavög, älla TiäviMV
äel y.al dirjventjig d navriQ iattv 6 xrjööftEvog.
Joh. 14, 18 oujt (if/)i;(i([> vfiSg dg^avovg, i'Q-^Ofiai rz^og vi.i5g.
Joh. 16, 32 oüx stftl ftövog, oii 6 jcai^j fiev' ifwS la'tiv.
Einer der schönsten Gedanken des Christentums, die Über-
zeugung von der steten hilfreichen Gegenwart Gottes, ist auch
von Ep. ausgesprochen worden, hat aber natürlich in seinem
Munde einen geringeren Gefühlswert als dort, in dem Maße,
als ihm der reine, unvermischte Theismus fehlt (r. a. zu I 3, 1
auf Seite 289).
DisS- III 24, 31 ff. ovx. olay Szi azQatsia zo X?^/'<^ küil;
II Tim. 2, 3 ff. cvvy.aitoji:äü-rjaov (bg y.aXbg ot oai tdititg
Xqiozov IriOOD.
Vgl. I Kor. 9, 7.
Epiktet )iad das Neue Teatament 323
Wie das Bild vom "VVettkampf so wird auch das vom
Kriegsdienst, wiewohl seltener als von Ep. und, wie jenes,
hauptsächlich von PI und in den Pastoralbriefen gebraucht.
Freilich hat Ep. dabei mehr allgemein die Unterordnung unter
die Befehle des Feldherrn, das Neue Testament mehr das
willige Erdulden und den Kampf gegen die objektiven, dä-
monischen Feinde des Seelenheils im Auge.
Diss. III 24, 60 /JSiiiirjii^vog özc nqönov Sei xf-eolg elrai tpikov.
.Tak. 4, 4 oix o'löajs (ki i> (piUa roO xdoftov 'ix^QC i^oD
Znm rechten Verständnis des epiktetischen Ausspruchs
muß ich beifügen, daß es sich hier um eine sogenannte Kollision
der Pflichten, in diesem Fall der Verwandtenliebe mit der
persönlichen sittlichen Würde handelt. Selbstverständlich ist
die erstere, d. h. die Übernahme einer nach gemeinem Urtei!
durch sie geforderten Handlung, keine Pflicht, sobald die Treue
gegen sich selbst, beziehungsweise gegen Gott dadurch ver-
letzt würde. Der Spruch des Jakobus gleicht dem des Ep.
freilich mehr nur äußerlidi, denn unter der Weltfreundschaft
ist wohl nicht irgend eine Pflichteukollision sondern die ein-
fache, egoistische Verleugnung der Christenpflicht gemeint.
Was Ep. meint, ist aber ganz nach Jesu Sinn, der das große
Wort gesprochen hat: „Wer den Willen meines Vaters im
Himmel tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und Mutter"
(Matth. 12, 50).
Diss. in 24, 81 o^-t &QVTjarj y.<xi oaa 'efia-ü-se d5ivcei, 'iva fifi
diaßüljig Tcr ■^eioQ'^ficna äg ä^Q^OTa ;
Vgl. in 21, 22: jif/ Ttqoarqlßüv -naX kvzo^ alaxog (ptXoaoifi^
äia aai,ioS fir}dh yivov fiigog tSiv öiaßaV.öyTmv ro e^yoy.
in 26, 13; IV 8, 9 ff.
Rom. 2, 23 ot; ev vö^tvj itavx&oot, öta ^fjg naqaäämoig lov
vöftov %ov dsbv &ctuiiKEig;
Die Kongruenz ist hier eine ganz vollkommene. Ep. rät
dem Menschen, der nur, um damit prahlen zu können, die
philosophische Theorie sich angeeignet hat, aber nicht daran
denkt, sein Leben danach einzurichten, lieher das Gelernte
21*
324 Adolf Bonheffer
ZU verleupien als die Philosophie durch seinen Lebenswandel
zu kompromittieren; PI straft die Juden, die mit 'dem Gesetz
(also außh mit einem theoretischen Besitz) sieh brüsten, aber
durch ihr gesetzwidriges Leben den Urheber dieses Gesetzes
vemnehren und vor der Welt diskreditieren (vgl. S. 152).
Diss. III 24, 108 orav ae fj ipavrceaia Sdxvtj (tovto y^Q oix
kü oo£j, ivaftdxov zip köyf^ . . . ^lij Idarjq hiioxvetv (irjöe ti^oü-
y&iv itii TU E^fjg.
Jak. 1, 14 ^aaroq de netgä^erat vno tffi löia^ sTtt^vf^iag
i^elxöfuvos xtri deXsaZöfievog ' eha ^ E7fi3^/jia avXXaßovaa rixtsi
Was das Neue Testament eine Versuchung nennt, die
von der e'igenen bösen Lust (beziehungsweise vom Teufel) aus-
geht, ist dem Ep. ein öäxvead-ai VTtb (pavtaaias, das er aus-
drücklich für etwas Unwillkürliches erklärt, ohne sich über
Ursprung und Art dieser Reizung näher auszusprechen. Wenn
aber in diesem Punkt seine Anschauung von der biblischen
jedenfalls erheblich abweicht, so erinnert doch die Art, wie
Ep. auf Grund scharfer psychologischer Beobachtung den
Übergang der Heizung in Sünde beschreibt, merkwürdig an
das im Jakobusbrief gebrauchte Bild von der Empfängnis,
welchem eine ganz ähnliche Vorstellung zugrunde liegt.
Diss. III 25, 2 oi yaQ Aftoxvrjzdov tÖv äyfitva lov niyusrov
S:yo)vi^Oß4vot$ d-X).» xai nXijyäs Xijfivioy.
Vgl. IV 9, 14 : 7tQC)tov /lev y.aT<iyviii9t t&v j'iyvofiiyioi',
tlza xatayvovg (lij &7r:oyv^>g aiavtov.
Ench. 48, 3 : äig ix^QÖv iavjov Ttagatpvläaaei xat tTtißovloy.
Hebr, 12, 1 di' VTCOftovfg vqixionEV zhv nqo-ntlfievov fjftiv
äywva etc.
Epiktetverlangtkeineeinmalige völlige Bekehrung, sondern
rechnet damit, daß die neuen Lebensgrundsätze, deren erst-
malige ernsthafte Erfassung allerdings ein zentraler Akt, eine
Art Wiedergeburt ist, erst allmählich erstarken, womit von
selbst gegeben ist, daß sündige Eückf^llo noch vorkommen.
Er ist zufrieden, wenn einer ernstlich kämpft, durch eine
Niederlage sich nicht entmutigen läßt, dagegen auch sich nicht
Bpjbtet und das Nene Testament 325
ans Erliegen gewölmt, vielmehr durch jedeu Fall achtsamer,
voi'sichtiger und damit auch widerstandsfähiger wird. Im
Neuen Testament hat natürlich die Bekehrung einen weit
akuteren Charakter und soll, wenigstens in der Idee, eine
völlige iReform des Lebens unmittelbar zur Folge haben:
grobe Verfehlungen wenigstens sollen dem „Erlösten" eigent-
lich innerlich unmöglich sein , und nach dem Hebräerbrief
schließt sogar eine wissentliche Sünde (die es allerdings für
Ep. nicht gibt) definitiv vom Heile aus (10, 26)^. In der
Praxis aber konnte natürlich dieser hohe Standpunkt nicht
ganz festgehalten werden. Was Ep. jedenfalls mit der neu-
testamentlichen Anschauung gemein hat, das ist einerseits die
VorsteUung von der ernsten Verantwortung, die der Mensch
mit seiner Bekehrung auf sich nimmt, andererseits die weit-
herzige Nachsicht mit den „Gefallenen", die keinem erlaubt,
an sich selbst ganz zu verzweifeln.
Diss. IV 1, 151 ov olv sXtv&e^og ei; d-^lto n) Tohg 3-eovs
xat e^'xojuoi, äXk' oÜTtw 6vva^tai ävrißXiipat loig xv^iotg.
Vgl. IV 12, 19: övvatbv &vaniiqziqiov ijdfj elvai; &}irj"iatoy,
Äü' VABivo övvaiov ■n:Qog to /*^ a/xa^tävetv lezda-S'ai äirjvsx&g.
Phil. 3, 12 ovx Sit liöri ^Xaßov ^ *;'iJ)j TevelsUüfiai, (Jttixw
äe et x«( xcciaXdßw etc.
Die Bescheidenheit, die Ep. hier in der Selbstbeurteilung
otfenbart, darf, wie früher ausgeführt wurde (S. 15 ff.), nicht
zu falschen Folgerungen verwendet werden. Sie steht etwa
auf demselben Niveau wie das Bekenntnis des Apostels, der
auch keineswegs damit sagen will, daß er noch irgendwie
unter der Herrschaft der Sünde stehe, sondern nur, daß
er sich noch nicht absolut ausgereift und vollkommen würdig
für den Eintritt ins himmlische Leben fühle. Ein eigentliches
Bekenntnis der Sündhaftigkeit oder der sittlichen XJnvoll-
kommenheit, wie es z. B. Jak. 3, 2 viel direkter und ruck-
' Übrigens ist dem Ep. anoh diese Betruditnng nicht fremd, daß
nämlich ein einaiger Fehltritt den ganzen Gnadengtand — christlich ge-
Bpracheo — in Frage stellen kann (IV 3, 4; oUyov Si %?"" ^"'^ "P^e t^
aTCaUeiar t^»' Tiävzon' xal ■■•farffOTi^, ^xfü« BTioaTpoip^s Tov !.6yov. TV 12, 6).
326 Adolf Bonhöffer
haltloser ausgesprochen ist {ftollä nzaiofisv HjtavTsg), will PI
damit gar nicht ablegen.
Diss. IV 1, 169 xal vCv Iwx^ekovg SiTro&ayövtog ovdev ^jitov
ij -Aal trkelov ilfeXifiös lativ Av-S-^diitoig ij //MJ^i; &v hi t,wv
Phil. 2, 8 handveuaev iavrbv yerö/tevog he^oog fiiyiQi'
â– d'avthov.
Joh. 16, 7 ovjXfpiQEt vfjtv 'iva eyd} &7teX&(ü.
-Tob. 17, 4 iydi ae eöö^aaa Itti iflg ^^g ih 'eqyov nlufbrng
8 öiÖMxäg fioc tva noiriGw.
Es liegt mir ferne, das Urteil Ep.'s über den das Vorbild
des Lebenden noch üben'agenden Wert des Todes des Sokrates
mit der Bedeutung; zu vergleichen, welche das Neue Testament,
freilieh nicht überall, dem Tode Jesu beimißt. Ein Mysterium
des Glaubens ist der Tod des Sokrates dem Ep. nicht. Aber
andererseits fehlt auch im Neuen Testament nicht jene mo-
ralische Beurteüung des Todes Jesu, wonach sich in ihm die
Krönung seines Lebenswerks, die höchste Bewährung seines
Gehorsams gegen Gott und seine.s .Sieges über die Welt dar-
stellt Diese Auffassung konnte neben der soteriologischen
um so weniger entbehrt werden, als auch seine Bekenner bald
genug in die Lage kamen, iur ihren Glauben das Opfer ihres
Lebens zu bringen.
Diss. IV 2, 1 rtQo ftdvTiov oe 3bI n^ogixuv, ft^ nme Squ
T&v 7iqoTiQt.üV avvq&wv 'q rpÜMv ävaxQa3i}g iivi. ovrotg äat' stg
rä a&tä aiyKaiaßf^vai autqj- d ös fu], ämltlg aeavTÖv.
Matth. 10, 22 y.ai soea^e fuaovftemi vitb ndvrtav Ötä ib
Svofid fiov.
Wenn Ep. von seinen Schülern verlangt, daß sie in ihrer '
ganzen Lebensweise sich von der großen Menge der Unge-
bildeten untersciieiden und deshalb auch den gewohnten Ver-
kehr mit ihren bisherigen Freunden und Bekannten abbrechen,
so ist dies, nur in milderer Form, dasselbe, was Jesus seinen
Jüngern in Aussicht stellt, daß sie nämlich den Haß der Welt,
ja ihrer nächsten Freunde und Angehörigen auf sich nehmen
müssen. Das Risiko eines Zerwürfnisses mit Verwandten ist
Epiktet nnd Am Neue Testament 327
vielleicht manoliem nicht so einpfladlich wie das andere, daß
er nun seinen Freunden auf einmal nicht mehr als „feiner
Mensch" sondern womöglich als das Gegenteil davon erscheint.
(Vgl. übrigens die Ausführungen zu III 24, GO auf Seite 323,
mit denen sich der vorliegende Gedanke nahe berährt.)
Diss. IV 5, 35 ravra Ttt döyfiaia Iv aixlif (piXlav Ttotsl, ev
Ttöla ofiövotctv, h E9vtotv siQtivrjv, -rr^bs ^i-bv dxtxQiaxov, Ttav-
Luk, 2, 14 i5o|a h vipiutoig ^etj) xat E7tl j'iis £^ß?jvij ev
&vOQii}!tois si)doy.ia£.
Ich kann mir nicht vei'sagen, diese schöne Zusammen-
fassung dessen, was dem Ep. als Ideal vorschwebt und was
er als Frucht der Philosophie erwai-tet, mit dem biblischen
Weihnachtsgruß lu Beziehung zu setzen. Mag auch derselbe
im einzelnen einen etwas anderen Sinn haben, so ist doch
kein Zweifel, daß auch das Christentum, und mit Eecht, den
Anspruch erhebt, den Menschen' nicht nur für sich selbst
glücklich und getrost zu machen und zu Gott in das richtige
Verhältnis zu setzen, sondern auch das Zusammenleben der
Menschen nach jeder Eichtung zu festigen und friede- und
freudevoll zu gestalten.
Diss. IV 8, 3 Tß (U^v itTth Soyfidtiov ö^d-Civ xciXs>g {ylvErai),
Rom. 14, 23 ffäv dh 8 oiy. ez ttiaTso}^ aua^Tla kaiiv.
"Wie für Ep. das richtige Dogma, die richtige Überzeugung
von dem Wert der Dinge, Quelle und Maßstab jeder sittlich
guten Handlung ist, so für PI der Glaube, in jener umfassenden
Bedeutung nämlich, in welcher er auch das praktische Urteil
in sich schließt als ein aus dem Willen Gottes geschöpftes,
das zwar bis zu einem gewissen Grade, d. h. auf dem Gebiet
des Erlaubten, der Allgemeingültigkeit ermangelt, aber doch
als Glaube stets subjektive Wahrheit und Verbindlichkeit
besitzt. Daß auch dem Ep. der Gedanke einer individuellen
Variation des sittlich Gebotenen oder Erlaubten nicht fremd
ist, wurde früher schon, besonders bei der Besprechung des
Begriffs fi^öaüirrov berührt (S. 39).
328 Adolf BonbeSer
Diss. IV 8, 35 ff. aavT^ ipiloaöfpriaov dXiyov x9<i>'ov- ovtoj
xo^lg yivsrai- xoTOQvy^vai dsZ xq6vov t& aiti^pta, x^vrp&ijvai,
xara fiiitQov av^r^Silvai, 'iva TeAeffyopijoT^ . . , Säirov rov dionog
ijvSrjxagj iTtoataiast as 6 xEiftdyv.
Joh. 12, 24 löv i^ri b 3((Jx)tog toö oLtov ^eatay etg «^j" y^v
äno&dvrj, airhg ftövog ftivif iitv Sis üno^dv^, aoXvv xa^Trhv tpi^u.
I Kor. 15, 36 ah o OTCBlqeiq, oi ^i^OTtounat lav ftrj dinod-dv^.
Matth- 13, 3 ff. it«( evd-iais t^av^isdsv öile tÖ /(^ ^x^iy
ßd9og yijs, fjUov de &vmdlavTi)g havfmTiathj xai öiä ib /t^
ex^iv ^i^av l^riqdvdiq.
Obwohl diese Parallelen bereits früher (S. 56) eingehend be-
sprochen wurden, hielt ich es doch der Übersichtlichkeit wegen
für angezeigt, sie hier nebeneinander zu setzen. Wie wir
sahen, hat das von Ep. gebrauchte Bild in seiner ersten Hälfte
mit den betreffenden Bibelstellen (Joh. u. I Kor.) nur eben
das Bild gemeinsam, während der Sinn ganz verschieden ist.
Dagegen hat es, besonders in der zweiten Hälfte, in Ausdruck
und Gedanken eine wirklich überraschende Ähnlichkeit mit
dem bekannten Gleichnis Jesu vom Säemaun.
Diss. IV 9, 16 oiöiv iffviv evayayörs^ov ävO-^toTrivrjg t/rnx^S-
&-fXfj(!Oi diZ xai yfyovEV, öiÖQä-iiirat.
Mark. 1, 15 ueravoeiTe xai ^laiei'tte h t^ EvayyeXl(fi.
Die Bedingung des Heils ist auch nach Ep. Buße (xa-
vüyvioaig töiv yiyyoixivfjyv, Verurteilung des bisherigen Lebens,
IV 9, 14) und Glaube d. h. ein zentraler Willensakt^ die sieh
darbietende Rettung zu ergreifen. Obwolil im Neuen Testa-
ment die Sache zuweilen auch so dargestellt wird, daß auch
der Glaube durch Gott selbst gewirkt werden müsse, so ist
doeli darüber gar kein Zweifel, daß Jesus selbst und in der
Hauptsache auch die Apostel zum Glauben aufgefordert, folg-
lich ihn als etwas betrachtet haben, was man dem Mensclien
zumuten kanu und nur eines kräftigen Entschlusses bedarf.
Wie hätte auch sonst Jesus sagen können "Mein Joch ist
sanft", wenn er nicht den Glauben als etwas verhältnismäßig
Leichtes angesehen hätte! Und wie Ep. sich hier so äußert,
wie wenn mit diesem einmaligen Willensakt alles getan und
in Ordnung gebracht wäre, so wird auch im Evangelium dem
Epiktet und das Keue Testament 329
Glaubensentscliluß eine gänzliche Erneuerung der Persönlicli-
keit zugeschrieben, die sich nicht bloß in innerer Herrlichkeit
(Joh.), sondern auch in einer gesteigerten Macht über die
Natur offenbart (Synoptiker). Es wird jedoch kaum nötig
sein, darauf hinzuweisen, daß bei Ep. wie im Neuen Testament
neben jener sozusagen optimistischen Betrachtung eine andere,
nüchtern praktische herläuft, nach welcher diese innere Er-
neuerung nur alimäliüch in ernstem mühevollem Eingen er-
reicht wird.
Diss, IV 11, 5 TCQCÜTTi o^y xoi ÄctüTtfrw xa&ccQÖvrjg ^ iv
ipvxfi yevofi^rj xal öfioiiiiq äxaS-aqaitx.
II Kor. 7, 1 -Aad-aQiaiofiev eavrovg &7to Ttavrhs ftoXvofioO
aaQxbg xal â– itvsv^atag-
Auf Reinheit und Reinigung des ganzen Wesens dringt
Ep. nicht weniger als das Neue Testament, womit jedoch nicht
gesagt sein soll, daß er auch in der asketischen Fassung der
Reinheit mit diesem einvei-standen gewesen wäre. Anderer-
seits schärft er die Pflicht der Reinlichkeit in einem viel um-
fassenderen Sinne ein als es im Neuen Testament geschieht,
wo unter dem nolvafibg aoQxög im wesentlichen doch nur
sexuelle Unreinheit verstanden ist "Was Ep. in dem be-
treffenden Kapitel, sehr ins einzelne gehend, über die körper-
liche Reinlichkeit sagt, mag für das praktische Leben wichtig
genug sein, gehört aber zu den Dingen, von welchen das
Neue Testament schweigt, weil sie zu selbstvei-ständlich oder
im Verhältnis zu dem gi-oßen Hauptziel zu geringfügig sind
und darnm gleichsam unter der Schwelle seiner sittlichen
Beurteilung und Paränese bleiben.
Diss. IV 12, Iff. TTOQcc To a->lfiSQOv a/j.aQTri9-Ev dg t^lla
XSiQOv ävdynrj aot za nQdyftaTa syjiv etc.
Vgl. Ench. 51.
Hebr. 3, 13 naffaxai.elTi eavroig xa&' hä(m~iV fjfi^Qav, SxQtg
ol} 10 aijfiEQOV xaXeizai,.
Die ganze Verkündigung Jesu und seiner Apostel hat
etwas Eiliges, auf rasche Entscheidung Hindrängendes, weil
das Ende der Dinge nahe gedacht wird. Auch Ep. warnt
330 Adolf Bonhöffer
(in diesem ganzen Kapitel) davor, die Bekelirung immer wieder
von heute auf morgen hinauszuschieben; freilich nicht aus
Jenem eschatologischen, sondern aus dem pädagogisch psyeho-
logischen Motiv, daß die Gewöhnung ans Sündigen und die
Gewöhnung an den Aufschub die Umkehr immer schwieriger
macht, und jeder Tag, den man im Gehorsam gegen die Ver-
nunft verbringt, als glücklicher Tag ein Gewinn fürs Leben ist.
Diss. Fragm. 23 Sttviiaarij ij rpvatgy.a'i.g>ii.6tfpog.Toyoav aSifia,
■CO TtäVTWV itjä^aTaiov xal ^vii;aQ(l)TaTov,aT^Qyo!i£v xal SEganevofisv.
Eph. 5, 29 oiSeig yäq acoze ttjv eavTOv adQxa euiarjmv,
älXa btTQscpei xal S^Xnu avrriv.
Dieses Wort des „PI" ^ ist eines der wenigen im Neuen
Testament, welche das Recht der sinnlichen Natürlichkeit
ausdrücklich anerkennen und daher mit Grund gegen die
Meinung ins Feld geführt werden, als sei dem Christentum
von Haus aus eine (krankhaft) asketische Eichtung eigen.
Wie man sieht, stimmt der Ausspruch Ep.'s ganz mit dem
Bibelspruch überein, nur daß, gerade im Unterschied vom
Neuen Testament, auf seiner Seite eine gewisse pessimistische
Verachtung des Leiblichen vorhanden zu sein scheint. Jedoch
es gibt Äußerungen genug, welche zeigen, daß Ep. auch den
Leib mit den Augen des Griechen betrachtet und gewertet
bat. Wenn er hier die Sache von der anderen Seite betrachtet,
so hat er dazu sein gutes Recht. Er tut es aber nicht in
irgend einer pessimistischen Absicht, um die Leute zur Un-
zufriedenheit mit diesem elenden, schmutzigen Leben anzuregen,
sondern nur um ihnen durch Erinnerung an die Stimmungen,
die keinem anständigen Menschen ganz fremd sein können,
den Gedanken an die bevorstehende Weggabe des Leibes er-
träglicher zu machen. Er selbst nimmt an dem schmutzig
Leiblichen so wenig Anstoß, daß er sogar die Liehe zum Leibe
ausdrücklich als eine Naturausstattung anerkennt und die
Weisheit der Natur bewundert, die durch diese eingepflanzte
Liebe zum eigenen Fleisch den Menschen alles damit ver-
knüpfte Unangenehme überwinden lehrt.
' Ich werde mieü uie davon überzeug'en können, daß ein und der-
selbe Mann I Kor. 7, 39 und JEph. 5, 28 ff. geschrieben h»t.
Epiktet und das Neue Testament 331
Enclieir. 25, 1 Ttgoerifi^dTj aov tig h earidaec . . .; et fth
&ya&ä ravTd eati, %aiQBiv os äel Uxl hvy,sv aitQv SKSlvog.
Eöm. 12, 16 %ctiQSiv nf,Ta %(tiq6vT(av tiXalsiv fteiu xXaiövr(j)v,
Daß man sich freuen soll, wenn dem Nebenmenschen ein
Gut zuteil wird, selbst dann, wenn man selber Anwartschaft
darauf hatte und es nicht erhielt, ist gewiß ein edler Grundsatz.
Aber er ist im Neuen Testament besser begründet als bei
Ep., der, sobald er auch nur hypothetisch etwas vom eigenen
Willen Unabhängiges ein Gut nennt, jenes neidlose Zusehen
und selbstlose Sichfreuen beim Gluck des anderen nicht mehr
motivieren kann.
Encheir. 33, 1 aiioTtrt i« TTokv 'dmo} i] kaXtia&tu za ävay-
xala Kßi dl' ÖHyoiv. — 33, 16; ^rrta^alis ^i tot w ^^S ataxQO-
loyiav itQOS/.&eiv.
Eph. 5, 3 (Es soll verbannt sein aus der Gemeinde) ,wwßo-
Xoyia ^ evzQajiskla.
Vgl. Kol. 3, 8 : Anöd-Ba&E . . . aioxQoloyiay. ferner I Tim.
5, 13 und Jak. 3, 1 ff.
Was Ep-, zunächst von den Lernenden (s. S- 32) verlangt,
daß sich der Ernst ihres Strebens auch in der Heiligung und
keuschen Zurückhaltung des Wortes zeigen müsse, entspricht
gewiß auch dem Ideal der christlichen Persönlichkeit. Dem
Gefestigten gestattet er freilich eine erheblich größere Be-
wegungsfreiheit in der Anpassung an die Welt, als es auf
dem Boden des Urchristentums möglich wäre.
Encheir. 33, 2 U^ov {liv, &lXa . . . ftrj tt^qI fiovofiaxi&v . . .
ftdliora de fit; ^tQi &vi)-QM-/tiav tpeyojy ij hTttxtvGiv ^ avyxQiviav.
Vgl. cap. 45.
Matt. 7, 1 ff. /(^ AQlvtte, 'iva fiij xQid-^e etc.
In dem Verbot des lieblosen, tadelsüchtigen Richtens trifft
Ep. ganz mit den Grundsätzen Jesu zusammen, nur daß bei
ihm die religiöse Begründung, daß man dadurch dem himm-
lischen Richter vorgreift und sein Gericht über sich herauf-
beschwört, fehlt.
Encheir. 33, 5 S^xov naQalrrjoai.
332 Adolf Bonhöffer
Mattli. 5, 34 iyiü 6s Uyta S/ilv ftij ifiöaai bkcag.
Seite 30 ff.
Encheir. 33, 7 tä jrepi xö aSifta ni%qi iffi X^eiag ipilijs
trapaXd/ißave, ohv z^otpäs, rt^fia, Afinexävip'.
Vgl. cap. 39.
I Tim. 6, 8 exoweg öe öm%^oq>ag Aal axeTräoftata Tovtoiq
Vgl. Luk. 3, 14.
Anch die Forderung der Genügsamkeit wird in der Stoa
ebenso wie im Nenen Testament erhoben und zwar mit wesent-
lich gleicher Motivierung, nämlich dem Hinweis auf das alle
äußeren Werte nneadlich überragende geistige Gut, das jedem,
der will, sicher ist.
Encheir. 33, 8 tcs^I &fpQoäl<jia si$ Svvafitv ■Tt^o yd/xov
I Thess. 4, 3 xomo yd^ hrtv &ih^{ia jov d-tov, 6 äytaafws
ifiG)v, ATzi^ea^at vfiBg dtjib Tr^g ^o^nlag.
Vgl. Jak. 3, 17.
Während Ep. betreffs der Reinheit des ehelichen Ver-
hältnisses dieselben Ansprüche auf Treue und Selbstbeherrschung
erliebt wie da^ Evangelium (vgl. zu Diss. III 7, 21 auf S. 318),
verlangt er, echt griechisch, von dem Unverheirateten nicht
unbedingt geschlechtliche Enthaltsamkeit. Inwiefern daraus
geschlossen werden darf, daß er hinsichtlich der Würde der
Persöniiehkeit, speziell der weiblichen, sich nicht zur Höhe
der christlichen Auffassung aufzuschwingen vermochte, wage
ich nicht zu entscheiden.
Encheir. 35 ^rav ti diayvovg, Szt rtoirixiov sarl, fcoi'^g,
(.tvöinoTE (pvyrjg dfp^rjvai TCqdaaaiv aiz6 , xäv Allolöv %t
fiiXlijoaiv Ol noXXol jteqi aiwv v7toXa{.tß6vEiv.
Vgl. cap. 50.
Matth. 5, 10 fiaxdQioi ot 5sSitay(iivot 'iviviEV 6ixaioaiJVt]s etc.
I Petri 4, 4 Iv S $svi^ovrat /i^ awrQex^mav vfiGtv
«ig tijv aiiijv Tijg äauniag ßivdxvoiv.
Was man als recht erkannt hat, soll man tun, ohne sich
um das Urteil der Leute zu kümmern und durch ihre feind-
Epilitet und das Nene TesUmeut 333
selige Stellung dazu beirren zu lassen. Hierin stimmt Ep.
mit dem Neuen Testament ganz überein. Der Gedanke der
Bergpredigt wird namentlich in I Petri 3 und 4 weiter aus-
geführt, und hier wird auch, ganz entsprechend manchen
Äußerungen Ep.'s, der Grund angegeben, warum die Welt-
menschen an dem Verhalten des „Gerechten" Anstoß nehmen,
weil es ihnen peinlich ist, dadurch in ihrem unsittlichen Tun
innerlich gestört und verurteilt zu werden.
Encheir. 40 ^^ogex^ir o^v S^iov, l'va aiad^utnai {al ywaUte),
6i6ti In oiösvl äXhi) zifxwyeai Jj t^ y.öafiiat (paivea^at xai
I Petri 3, 3 &v «rrw oöx 6 e^ut&ey . . . -AÖai-ios, äXK' 6
x^VTTThs z-ijs v.aqSlag av^QOiTtO? etc.
Das Gemeinsame beider Stellen, das allerdings erst durch
Hinzunahme des weiteren Zusammenhangs recht deutlich
wird, liegt in der Mißhilligung der weiblichen Gefallsucht
und in dem Dringen auf Sittsamkeit, wodurch das Weib seinen
wahren Wert erlange. Ep.'s Mahnung ist aber hauptsächlich
an die Männer gerichtet, in deren Hand ea gleichsam liege,
das Weib zum Bewußtsein seines wahren Wertes zu erziehen
und vor sittlicher Verwilderung zu bewahren. Hievon sagt
zwar die Bibeistelle nichts; aber auch in ihr wird der sich
nahe damit berührende Gedanke ausgesprochen, daß nämlich
die Sittsamkeit der Frau ein wirksames Mittel sei, den un-
gläubigen Mann für das Evangelium zu gewinnen.
Encheir. 42 &7io lovnov ovv dQi.nl>!.tsvos tvqi^iüs ^isig ft^hg
Tov koiöogoCvra.
I Petri 3, 9 fti] &7toöi36i'TBg xaxhv &vtI xaxoO ^ XotSoQiav
&VTI XoiSoqiag.
Sanftmut gegen die Beleidiger, Verzicht auf Vergeltung
des Bösen in Wort und Tat, gehört wohl zu dem Christlichsten
unter dem, was man vielfach für spezifisch christlich gehalten
hat und hält. Mag auch die Gemiitsstimmung, welche beider-
seits diesem sanftmutigen Verhalten zugrunde liegt, ziemlich
verschieden sein, so konnte doch die stoische Praxis hierin
durch das Christentum nicht mehr überboten werden. Ja Ep.
334 Adolf Bonhäffer
geht womöglich noch weiter, wenn er rät, man solle sich nicht
nur gegen Schmähungen nicht verteidigen, sondern sogar
sagen: „er wußte wohl meine anderen Fehler nicht, sonst
hätte er nicht bloß dies getadelt" (Euch. 33, 9).
Encheir. 43 ä StÖEXfphs iav idiKij, evreü-d'ev aizh ^lij Idfißan,
Oll ^dixul . . . äU.ii htt&ev fiäXlov nti ädsXrpög, ort avvzQO<f>og.
Matth. 18, 21 ff. Ttoaüxtg äfiagvrjad dg ifd Öädsltpög (lou
xal ärpijatu air^) ; ete.
Ep. spricht hier zwar nicht ausdrücklich von der Pflicht
des Vergebens, sondern nur davon, wie man imstande sei,
das Unrecht, das der Bruder einem zufügt, zu ertragen. Aber
ea ist selbstverständlich seine Meinung, daß man dem Bruder
seiü Unrecht auch nicht nachtragen darf, was ja schon aus
seiner allgemeinen Auffassung der Sünde als einer aus Un-
wissenheit stammenden Handlung hervorgeht.
Weitere Belege aus dem Neuen Testament beizubringen,
hielt ich für überflüssig.
Mit dem Vorstehenden glaube ich die Übereinstimmung
Ep.'s mit dem Neuen Testament in einzelnen Aussprüchen
und Gedanken im wesentlichen erschöpft zu haben. Ich füge
nur noch zwei Erläuterungen bei, eine formale und eine
materiale. Man wird bemerkt haben, daß die Anzahl der
Parallelen im I. Buch der Dissertationen unverhältnismäßig
häufiger ist und vom zweiten Buch an progressiv abnimmt.
Es erklärt sich dies daraus, daß die betreffenden Gedanken
natürlich meist an mehreren Stellen Ep.'s einen jeweils ver-
schiedenen Ausdruck gefunden hahen, und bei meiner An-
ordnung immer diejenige Stelle zugrunde gelegt wurde, die
eben im epiktetischen Text zufällig die frühere, wenn auch
keineswegs immer auch die passendste und bezeichnendste
war. Die wichtigsten späteren Stellen habe ich aber stets,
wo es nötig schien, dem Wortlaut nach, wo nicht, wenigstens
durch Angabe des Ortes angeschlossen, so daß tatsächlich das
ganze Corpus Epicieteum gleichmäßig berücksichtigt worden ist.
AVeit wichtiger ist jedoch die sachliche Erläuterung, die
ieh noch zu geben habe. Der Leser wird einerseits, so reichlich
Epiktet und das Neue Testament 335
auch die Parallelen von mir geboten worden sind, doch vieles
vermissen, was andere, wie Zahn, Heinrici, Feine, Lietzmaiin
angemerkt haben, nnd darunter vielleicht gerade dasjenige,
was, wenn man auf den wörtlichen Anklang achtet, das
Schlagendste und Interessanteste zu sein scheint. Andererseits
wird er bei vielem, was ich angeführt habe, eine Ähnlichkeit
anf den ersten Anblick gar nicht entdecken und manche
Parallele als zu weit hergeholt befinden, Demgegenüber er-
kläre ich, daß, wie schon am Anfang des AbKChnitts (S. 284)
angedeutet wurde, bei solchen Vergleichungen dem subjektiven
Empfinden selbstverständlich ein gewisser Spielraum gelassen
werden muß. Bei genauerer Prüfung wird man aber wohl
überall eine der Erwähnung werte Übereinstimmung anerkennen
müssen, und ich persönlich lege anf diese mehr in der Tiefe
liegende, auf den Kern der ganzen Lebensanscliauung zurück-
gehende Verwandtschaft der Gedanken weit gi'ößeres Gewicht
als auf die in der wörtlichen Fassung sich aufdrängenden
Ähnlichkeiten, die meist nur zufälliger Natur sind oder auf
der Oberfläche sich bewegen und für die geistige Verwandt-
schaft nichts oder wenig zu besagen haben. Im übrigen sind
auch die letzteren, die ich keineswegs geringschätze, im Laufe
unserer Untersuchung, besonders in der Auseinandersetzung
mit Zahn und Kuiper, zum größten Teil zur Sprache gekommen
nnd behalten, wenn sie auch keine Abhängigkeit des Einen
vom Anderen beweisen, als mehr oder weniger interessante
oder überraschende Anklänge und Analogien ihren Wert.
Was ich davon übergangen habe, findet man in Clemen's mehr-
erwähntem Buche zusammengestellt. Ich habe mir alle Stellen
des Neuen Testaments, von Matth. 1 bis Apok. 32, notiert,
zu welchen von Wetstein an bis auf das neueste Handbuch
zum Neuen Testament von Lietzmann Parallelstellen aus
Ep. angezogen worden sind. Auf einen Abdruck dieses Ver-
zeichnisses habe ich verzichtet, weil ich zweifle, ob es nach
den bisherigen auf das Einzelnste ausgedehnten ünt-er-
suchungen noch ein Interesse für den Leser hätte. Nur
einiges Wenige möchte ich nachtragen, was bisher nicht
berührt wurde und mir doch einigermaßen bemerkenswert
erseheint.
336 Adolf Bonhöffer
Mattli. 7, 5^; ^AßctXe jt^wrov ex lov 6<f9-aXiiov aov vijv
6ox6v, xal rdre ötaßX^^eig ixßaXelv tb xtiQ<pog ex zoD dfp&aX^wv
ToS äöeXipov aov.
Epikt. Diss. II 16, 46: &)J,' ovx el 'H^axXijs Kctl o6 övvaaai
xa&aiQEiv TU &XX6TQia xaxtt . . . tä aavrov xdd-agov.
Mattli. 8, 9': xal X^ia jovriif fcoQtiiä-t^ri, xal rtoQevttai,
xa'i äXltp- eQ%ov, xai SQ^eiai.
1.25, 10: xaTixTaytig 'j^yanif-tviav Xiyu fiot 'no^eiov jrpög
10V 'AxiXXia x«i &ji6a7taaoy i^v B^iat^iÖa'. ito^svofiai. "eQ%ov'.
e'Qxof'O'-
Matth. 11, 16*: Sfioia kavlv naidioig xaS-tjftA'oi^ ev â– nxlg
äyo^alg & ngogefoivoC-yza lolg H^QOig l^yovaiv TjvXi^aaftEv v^üp
xal odx MQxr'flaaS'E etc.
III 15, 5: ^Qd oti MS rä riaiSia &vaarqa(prfJ^, & vüv /liv
äO-}.i;ras vml^u, vvv de fiovoftäxovg, vvy dh aaXtti^ei, sha r^a-
yc(i6Ei etc.
Ifark. 12, 36*: ^S>s Xiyovaiv ai yQafifiazElg ; etc.
I 17, 12: zig kaziv ö ysyQaqxäg; etc,
Lok. 22, 29*: xäyot Simi&eiAat vfilv . , . "iva ea^ijTe xal
' Wetsteiß. -;- Der gemeinsame Gedanke ist der, daß der gewöfanliclie
Mensch genug zu tun hut mit aicli selbst und also znerst seinen eigenen
sittlichen Zustand in Ordnung bringen soll, ehe et steh daran macht, andere
KU richten oder (Epiktet) beaaem zu wollen. Der Begriff des lieblosen
Richtens, cheusü die Betonung des Mißrcrhältnisses zwischen den eigenen
Fehlem und denen des Nächsten liegt der Bpilttetutelle fern.
' Wetstein. — Die Parallele ist sachlich natlirlich ganz bedeutungslos
and betrifft nur die wörtliche Ähnlichkeit der drastiachen Schilderung einer
menschlichen (relativen) Omnipotenz.
' Wetstein. JUItcher. — Die Kinder sind an beiden Stellen als Bei-
spiel eines unbeständigen, lannisch weeLselndou Begehrens gebiancht, dus
au ihnen freilich nnr natürlich ist, aber dem Erwachsenen nicht ziemt.
' Spieü. — Dient zur Ergänzung dessen, was in dem Abschnitt über
den Ktil des Apostels Panlus über die Ähnlichkeit der stilistischen Wendungen
ausgeführt wurde.
* Spieü. — Der Fortschritt des christlichen Güttesbewiilitseiua über
das jüdische wird liaura deutlicher veranschaulicht als durch die Zulässigkeit
der Vorstellnng eines gewissermaßen familiären Verhältnisses zwischen den
Jüngeren, und dent erhöhten Meister. Im übrigen darf man nicht vergessen,
Epiktet und das Neue Testament 337
Ijtl »q6hhv etc. (vgl Apoc. 3, 21).
Ench. 15: xal ^'<nj icoik S^iog twv &eGiv aijfifiortjg. &p öe
xal TtaQore^ivTov aoi fiij i.dßrjs . . . irfre ov ^lovov avfinÖTiig
I Kor, 2, 2^: oi ya^ ex^ivä il Bläevai. h fi^lv et fiij
Diss. n 1, 36 ff.: öö^ov ös ft-rjäeie elvai xal etösvai /.»id^v.
fiotov 10VTO etdiug ^alvov, nSig fir^t' dsjtorvxfiS ^»le f"'i^^ itfQiititFtjg,
I Kor, 3, 21*: ftdvta ya^ v(iü>v kaxiv.
Diss. I 29, 4: e'i rt äyaSbv ^eleig iiaqa aeavroS Xcsßi.
I Petri 2, 18 ^ : oi olxerai vitoraaaöftevoi ev Ttanl (pößtji
xolg SeaTc6taig, ov ^lövov TOlg &yad-olg xai hzisiKiaiv iXXh xai
tO(l; trttoXwlg.
daC Jeeua als König des Gotteereicha nach nentestamentlichen Begriffen
noch lange nicht als Gott gleich geaclitet wird; ea bleibt deshalb auch
angesichts dieser Stelle bestehen, daß einer , so töU igen Beseitigung der
SchrankeE zwischeii Gott und dem Menschen (d. h. dem Weisen), wie sie
die Stoa sieh erlaubte, anch das ETBcgelium Jiisu nicht fähig war. Während
übrigens Jeans nnr den ZwöKen eine ujiinitt«lbare Teilnalime an seiner
himmlisr-lien Seligkeit und Macht in Aussicht stellt, ist nauh Ep. an sich
jeder fähig ein av/iitÖTiis, ja, wenn er in freiwilliger Enfsagung einen
Sokrates nachahmt, sogar ein avväpx<^ ™*' *""»' zu werden.
■Wetstein. — Wie PI auf alles gewöhnliche Menschenlob reizlchtet
nnd nur das eine für sich in Anspruch nimmt, Ohristnm zu kennen, so
rät Ep. seinen Jüngern, von allem weltlichen Ehrgeiz nnd Wissenwollen
Abstand zu nelimen und nur in dem Stück als Wissende sich ku geben,
daß eäe ihr Eigenstes und Heiligst^es in aclit nehmen.
■' Spieß. Havet. Lietzmaan. — Die angeführte Epiktet«telle ist nnr
eine beliebige von den vielen, welche den Gedanken ansdriieken, daS der
Weise nichts entbehrt, sondern jederzeit alles hat oder haben kann, was
er braucht um bvSai/iiov an sein. Dem Wort des PI liegt eine analoge
Vorstellung zugrunde, es bekennt aber zugleich in dem Zusatz vp,Bis Bi
X^taioü eine Abhängigkeit von einer einzelnen Person, die zu der stoischen
SelbstJierrlichkeit den größten Gegensatz bildet. Weit genauer als der
Ausspruch Ep.'s deckt sich übrigens mit dem paulinischen das bekannte
stoische Schlagwort ^ü'v oofiäv nav^a elvm (Diog. Laert. VII 125; weiteres
s. Stoicorum Veterum Fragmenta ed. v. Arnim III 154 ff.).
' Wctsteiö. — In der Forderung gelassenen Duldeus des llnreehta,
ReliKionsgesohlchUlche Versnobe u. Vorarbeiten X. 22
338 Adolf Bouhüffer
EncL. 30: '6X1^ TtarijQ xaxösltni'. /ii; n oiv ^pög äya&hf
Hebr. 4, 13 ' :, oiy. 'e<ni,v Tizlatg ätpccvijg eviiirtiov aitoB, itüvTa
Diss. II 14, 11: ^ari d'shg . . . xal obx 'esti }.a9-£tv avtöv
oi f.iQvov Tzoioßvra &XX' oidl SKxvooifiEVOv ^ hd-vnovftevov.
Jak. 1, ö^: ahslTO} Sh ev Ttlmst, ftrjSkv dtaxQivöfievog-
Ench. 32 : &a^Q{itv oiiv ßiq ml ovfißoiJXovs ^px"" ^"ig &^otj^.
also der sogenannten pasHiven Tagend, wird Ep, aUerdluga kaum Tom
Neuen Testament übertroffen; die aiioits insbesondere, d.h. die auf Natur
and Sitte gegründeten menBchlichen Verbindungen, umkleideter mit einem
Nimbus der Unverletalichkeit, wie die strengste Sanktion einer positiven
ßeligion.
' Spieß. — Zn dem S. 294 Bemerkten füge ich hinzu, daß die epik-
tetische Vorstellung' von der Allwissenheit Gottes, ao Hehr sie im Änsdrnck
znweilen der christlich theistiEchen sich nähert, doch von weit geringerer
praktischer Bedeutung ist, weil die Pnrcbt ver einem zeitlichen oder gar
ewigen Verderben, daa Sott dem Menseheu zufügen könnte, fehlt.
' Spieß. — Vertrauen zu Gott fordert Ep. wie Jakobns, nur daß es
von ihm noch ausechließlicher und strenger als im Christentum auf die in
der Garantie des einen, geistigen Gntes sich offenbarende Liebe Gottes ge-
gründet wird.
Epiktet und dos Nene Testament 339
Dritter Teil
Systematisclie Vergleichting Epiktets
und des Neuen Testaments
Torbemcrkting
Im Bisherigen ist das Maß der Verwandtscfiaft zwischen
Ep. lind dem Neuen Testament, Ähnlichkeit nnd Unähnlichkeit
nach allen Richtungen dargelegt worden. Kaum etwas, was
für die Vergleichung im einzelnen von Bedeutung ist, dürfte
übersehen worden sein, und es wird auf Grund des Dar-
gelegten Jeder Leser imstande sein, sich sein Urteil über
die Frage zu bilden. Jedoch es ist mir selbst ein Bedürfnis
und dem Leser wohl nicht unerwünscht, wenn zum Schluß
nun noch in tuntichster Kürze eine systematische Vergleichung
geboten wird, wobei neben der Zusammenfassung des Einzelnen
die beiden Lebensanschauungen auch als Ganzes nach ihrem
Gesamtcharakter und Gesamtwert einander gegenübergestellt
und zugleich auch die Urteile der neueren Forscher über die
Beziehungen zwischen Ep., beziehungsweise der Stoa nnd dem
Christentum reichlicher, als es mir bisher zweckmäßig schien,
herangezogen werden sollen. Zuvörderst möchte ich es nicht
unterlassen hinzuweisen auf das, was in dieser Hinsicht in
neuerer Zeit bereits geleistet worden ist. Abgesehen von den
im I. Euch des vorliegenden Werkes mehr oder weniger aus-
fuhrlich herangezogenen, von Tlieoiogen (Zahn, Kuiper, Feine,
Leipoldt. Heinrici) gebotenen Vergleichungen Ep/s oder der
Stoa überhaupt mit dem Christentum kenne ich drei Arbeiten,
die von einem freieren, d. h. eben nicht von einem aasge-
sprochen christlichen Standpunkt aus, jede in ihrer Art vor-
trefflich, dieses Thema behandeln. Erstens den Aufsatz
22*
340 Adolf Bonböffer
„Epiktet" von Carl Hilty im I. Bande seines vielgelesenen
Buches „Glück" (Frauenfeld 1891); zweitens die gedanken-
reiche Abhandlung Harald Höffding's Hedenske Sandhedssipgere
vom Jahr 1892, aufgenommen in seine Udvalgte Skrifter,
4¥' Levering, Kobenhavn 1899, die mir nur durch die Güte
des Herrn Verfassers zugänglich geworden ist, und endlich
Karl Yorländer's sympathische Darstellung der epiktetischen
Weltanschauung, die in den Preußischen Jahrbüchern (Bd 89,
1897, Heft 2) unter dem Titel „Christliche Gedanken eines
heidnischen Philosophen" erschienen ist.
Wenn ich nun selbst, in mehr systematischer Weise, die-
selbe Aufgabe durchzuführen mich anschicke, so könnte ich
daran denken, die Vergleichung in der Weise anzustellen, daß
ich die Schemata der christlichen Dogmatik, natürlich unter
Wegfall der Christologie, also etwa Theologie, Anthropologie,
Soteriologio und Eschatologie zugrunde legen würde. Doch
scheint mir dies unangezeigt deshalb, weil weder Ep. noch
die neutestamentlichen Schriftsteller ein dogmatisches System,
sondern vielmehr nur ihre unmittelbare persönliche Überzeugung
oder Erfahrung geben wollen, und überdies von einer neu-
testamentlichen Theologie (im weiteren Sinne) nur in
beschränktem Sinne gesprochen werden kann, da die Lehr-
typen, wenn man so sagen darf, bei den einzelnen Schriften
erheblieh verschieden sind. Ep.'s Ansprachen ruhen allerdings
durchweg auf einem ganz genau umrissenen und ins einzelne
hinein fest formulierten System, der alten orthodoxen Lehre
der Stoa unter Hinzunahme der schon dem Stifter der Schule
eigenen, von Ep. aber geläuterten kynischen Elemente: aber
was er uns durch die Hand seines Schülers Arrian hinter-
lassen hat, ist eben kein Sj'stem, sondern ein Spiegelbild seiner
eigenen vom stoischen Geist durchdrungenen Persönlichkeit.
Andererseits bilden die Schriften des Neuen Testaments die
Grundlage der nachmaligen christlichen Glaubenslehre und
sind mehr oder weniger auf dem Wege dazu, ein System zu
werden; aber was sie uns so unvergleichlich wertvoll macht,
das ist der frische Pulsschlag eines neuen, unüberbietbar
reinen und vergeistigten religiösen Lebens. Und so eignet
sich allerdings gerade Ep. besonders gut zur Vergleichung
Epiktet und das Neue Testament 341
mit dem Neiieu Testament (nicht mit dem „Cliristentiim"),
weit besser als etwa Seneca ^, der viel melir Theoretiker und
Rhetoriker der Stoa als ihr persönlicher Vertreter ist, auch
besser als der stoische Kaiser, dessen Meditationen zwar höchst
persönlich sind nnd ein stoisches Seelengemälde von unver-
gleichlichem Reiz und Wert darstellen, aber doch wieder zu
persönlich und eigenartig sind und der propagandistischen,
Schule und Gemeinschaft bildenden Tendenz, die Ep. mit dem
Neuen Testament gemein hat, ganz ermangeln.
Ich gedenke nun in der Weise vorzugehen, daß ich zuerst
den Gesamtcharakter, sodann die wichtigsten religiösen und
ethischen Grundsätze und Gedanken und endlich die Gesamt-
bedeutung der epiktetischen Lebensanschauung im Vergleich
zum Neuen Testament behandle.
Erster Abschnitt
Der Clesamteharakter
Wer die Reden Ep.'s zum erstenmal liest, der wird wohl
kaum von etwas einen stärkeren Eindruck empfangen a5s von
dem Geist warmer und reiner Religiosität, der sie im
allgemeinen durchweht und in einzelnen längeren Bekennt-
nissen und Ergüssen einen besonders schönen und ergreifenden
Ausdruck gefunden hat. Wenn schon von Hans ans die Stoa
eine ausgesprochen religiöse Färbung trägt' — man denke
' Leekj aaO. 232: „Er (Seneca) ist nicht selten sfilbstbewußt, thea-
tralisch und überspannt . . . doch erhebt er sicli oft zu einer GrCSe des
Gedankens niid AuBilrnclis, die wenige Möralphilosophen je erreicht
haben". — Norden, Kunstprosa II 303fE,: „Wie der Mensch, so der Stil:
er hat etwaa Theatralisches . . . seine pompösen Stilmalereien, seine De-
klaraationen über die Autarkie der Tugend , . . gehören ku dem Grofi-
artigsteii, was wir aus dem ganzen Altertum besitEen. — E. Eohde, Kleine
Schriften, Tübingen 1901, II 84 spricht yon dem großen Beia des rhe-
torischen Stiles Senecas, „dem das Paradoxe zm Natur geworden war".
^ E. Havet aaO. II 274: „Die stoische Moral ist schon eine Theologie,
sie ruht auf Glaubensannahmen {a-oyances), die man übernatürlich nennen
kann, weil sie der Natur widersprechen". — B. Caird aaO. II 76: „Der
Stoizismus war eine religiöse Philosophie". — P, Ogerean aaO. 399: „Die
342 -i^oU BonhBffer
nur an den erhabenen Hymnus des Kleantlies! ~ so tritt,
wie allgemein anerkannt ist, dieses religiöse Element bei den
Stoikeni der römischen Kaisevzeit und besonders bei Ep. noch
viel deutlicher und stärker zutage. Eben dies gibt uns
auch das Recht, gerade seine Lebensansehaimng, obwohl sie
diejenige einer philosophischen Schule ist, mit der Religion
des Neuen Testaments zu vergleichen, und es ist nicht mehr
als billig, wenn wir die Yergieichnng des beiderseitigen Ge-
samtcharakters mit der Hervorhebung der religiösen Über-
zeugung eröffnen. Ohne hier ins einzelne zu gehen, erinnere
ich nur daran, daß Ep., wiewohl er den Glauben an die
hellenischen Götter arglos bejjiehält, ja gelegentlich gegen
Spötter und Leugner eifrig verteidigt, doch wiederum den
Zeus so hoch über die anderen erhebt, als oh er allein Gott.
die anderen aber nur Ausstrahlungen oder Wirkungsweisen
von ihm wären, und wiewohl er den pantheistischen oder
besser dynamischen Monismus der Stoa mit Überzeugung ver-
tritt, häufig die Sprache des reinsten Theismus redet und
seiner Gottheit Prädikate und Funktionen beilegt, die zu den
charakteristischen Merkmalen des Gottes der Christen ge-
hören'. Er betont nicht bloß die rein geistige Natur, die
sittliche Güte und Vollkommenheit, die Selbstherrliehkeit, die
in sich selbst ruhende absolute Seligkeit des höchsten Gottes,
sondern schildert auch seine Beziehung zu den Menschen, sein
stetes Ächthaben und nie schlummerndes Interesse, seine
väterliche Fürsorge und Liebe, seine immerwährende Gegen-
Religion der ersteu Stoiker gab weder au Tiefe noch an Eeialieit der-
jenigen Seneens etwas utich".
' W. L. Davidson The iiimc Oreed, Edinburgh IWT: „Ep, spricht faat
durchweg in der Sprache des g-lüheudsteu Theismus", — Willy Staerk,
NeatestaniSütüche Zeicgeaehiehte, I, Leipzig 1907, 75: „Der Paatheismus
war hier . . . auf dem Wege, £ich in ciueu ki'äCtigcu Theismus umzu-
formen". — In der Motivierung dieser Wandlung, wenn man Ton einer
solcheu reden wiü, bin ich freilich mit Staerk keiuesivega eluveratandcn. —
Johannes Weiß, Die christliche Freiheit, Gütfingen 190:3, S. 17u. 30: „Der
FcQmmigkeit Epiktets fehlt es nicht an Inniglieit und WSrme . , . sie hat
etwas vom ehristlichen Gott vertrauen". — Auch P, Wecdland, Hell, rom,
Kultur, spricht verschiedeatlich Ton dem erhabenen paulheistischeu Mono-
theismus, dem monotheistischen Zag:, der frommen Theologie der Stoa,
Epiktet und das Nene TeRtament 343
■wart und geistige Einwohüung, welche alles Unheilige richtet
und fernhält, oft in ganz christlichen Tönen; ja — worauf
ich den größten "Wert legen möchte — er erhebt sich auch
zu dem Gedanken, daß der Mensch nur im innigen Anschluß an
Gott seines Glückes gewiß und teilhaftig wird und nur im steten
Aufblick zu ihm seiue sittliche Bestimmung recht zu erfüllen
vermag. Dieser Gedanke, daß der Mensch Gott nötig hat
und zwar nicht bloß für sein äußeres Wohlergehen, sondern
für sein inneres Wohl und Gedeihen, ist deshalb so hoch zu
werten, weil er einen gewissen Ersatz bietet für die bei £p.
naturgemäß fehlende höchste Eigenschaft des christlichen
Gottes, seine sündeavergebende Gnade uud Barmherzigkeit ^
Den Trost übrigens, welchen dem Christen sein Glaube
an einen gnädigen Gott und Heiland gewährt, bietet in seiner
Art auch Ep. Die strafende Gerechtigkeit Gottes reflektiert
sich ihm in der unermüdlich gepredigten Wahrheil, daß jede
Abiveieliuiig von der Linie der Tugend sieh unfehlbar selbst
rächt; die göttliche Langmut und sündenvergebende Gnade
genießt er in dem Glauben an die ursprüngliche Güte und
nie erlöschende Besserungsfähigkeit der menschlichen Natur,
welche keinem erlaubt, an sich zu verzweifeln, sondern den
Weg zum Heil prinzipiell jedem offen hält. Überhaupt kann
man sagen, was der Ohrist besitzt in seinem Glauben an ein
durch Gebet und Buße stets zu erwirkendes zeitliches Ein-
greifen Gottes zu seinem persöuliclien Heil, das hat der Stoiker
in seiner zwar vernuuftmäßig gegründeten, aber schließlich doch
auch auf einem Glauben beruhenden Überzeugung, nach welcher
Gott das Wesen des Menschen ein für allemal so eingerichtet
und ausgestattet hat, daß er die Gewähr seines Glückes nnd
die sittlichen Kraftquellen in sieh selber hat, und wenn ihm
die letzteren versiegt zu sehi scheinen, sie jederzeit aus sich
und aus Gott von neuem flüssig machen kann.
Dasselbe läßt sich auch sagen bezüglich eines anderen
anscheinenden Mangels, welchen die epiktetische Religiosität
gegenüber der christlicheu aufweist. Das „evangelische"
' Auch J. Weiß anO. 23ff. hat dies als grKßte Annäherung an das
Chi'iateutiim besonders hervorg'ehobeu.
344 Adolf Bonhüfier
Gefühl, welches dem Christen die Überzeugung von eiuer
zeitlich erfolgten positiven Offenbarung und Heilstat Gottes-
verleiht, kennt Ep. natürlich nicht, wiewohl auch er die
Häupter seiner Schule, Zenon und Ohrysippos in einer an die
christliche Offenbarungsfreudigkeit erinnernden Begeisterung
als diejenigen feiert, durch weiche an einem bestimmten
historischen Punkt die beglückende Vernunftwahrheit an den
Tag gebracht worden ist. Aber wenn er auch dies nicht im
Sinne des christliehen Glaubens als eine gleichsam im Herzen
Gottes sich vollziehende und auswirkende Gnadenregung sich
vorstellt, so lebt in ihm als überzeugtem Stoiker doch dieselbe
starke und freudige Gewißheit, den gottgewiesenen "Weg zur
Wahi'heit und Seligkeit gefundeu zu haben, wie in dem offen-
barungsgläubigen Bekenner Christi.
Mit dem allem soll aber nun keineswegs gesagt sein, daß
die Eeligiosität Ep.'s der neutestamentlichen vollauf ebenbürtig
sei. Der wirkliche Theismus, wie ihn eben Ep. nicht besaß,
und vollends in seiner denkbar höchsten Form, wie ihn Jesu*
begründet hat, wird als Religion allem Pantheismus und
Halbtheismus stets überlegen sein, und die Frage ist nur die,,
ob nicht andere unausrottbare Bedürfnisse des menschlichen
Geistes ihm zum Opfer gebracht werden müssen. Aus dem-
selben Grunde erreicht auch die Frömmigkeit Ep.'s, so echt
sie empfunden ist, doch die Höhe der christlichen nicht. Die
Dankbarkeit gegen Gott, die freudige Ergebung in seinen
Willen, die er so schön zu schildern weiß, und die ihm nicht
weniger am Herzen liegt als Jesus und seinen Jüngern, kann
doch unmöglich dieselbe Herzlichkeit und Gefühlswärme ha^en
wie dort, wo Person gegen Person steht, wo der Mensch über-
zeugt ist, daß er gar nichts ist von sich selbst sondern alles.
Inneres wie Äußeres, lediglich Gottes Gnade verdankt. Dazu
kommt noch ein weiteres Moment. So harmlos an sich die
polytheistischen Vorstellungsformen sind, in welchen sieh auch
Ep. noch bewegt, so wenig sie die Reinheit und Erhabenheit
seines religiösen Empfindens zu trüben vermögen, so zeigt
doch ilir Gebrauch einen theoretischen Mangel, eine gewisse-
Gebundenheit, weil sie sich mit dem reinen Vemunftstandpunkt
der Stoa, wenigstens nach unserem moderaen Gefühl, nicht
Epiktet null flas Neue Testament 345
verträgt. Also nicht darum möchte ich dies« polytheistischen
JElemente seiner Religiosität beanstanden, weil sie natürlich
ebenfalls ein Hindeniis für die Entfaltung eines reinen Theismus
bildeten — denn zu diesem wäre er ohnedies nicht gelangt —
sondern weil auch er damit, wenn auch unbewußt, ein ge-
wisses sacfifisio delV inteUetto bringen muß.
Soweit nun aber — und dies ist und bleibt der vor-
herrschende Eindruck — die epjktetische Religiosität dem
christliehen Theismus nahe kommt, nimmt sie auch teil an
zwei weiteren Eigenschaften desselben, einer guten und einer
weniger guten. Was man als einen Hauptvorzug der christ-
lichen Religion betrachtet, daß sie eine lebendige Verbindung
von Religion und Moral, von G-laaben uod sittlichem
Leben zuwege gebracht habe, das muß in vollem Maße auch
fUr Ep. in Anspruch genommen werden ', Die ganze stoische
Ethik ruht auf religiösen Voraussetzungen, der Tteö^ipig ■O'eov,
dem Glauben an die Existenz eines Gottes, dessen Wesen
reine Vernunft und ebendamit sittliche Vollkommenheit und
oberstes Gesetz für die ihm \vesensverwandt*n , vernunft-
begabten Mensehen ist. Eine innigere Verbindung von Re-
ligion und Moral läßt sich in der Tat nicht denken: das
sittliche d. h, vernunftgemäße Leben ist eo ipso das gottge-
fällige Leben. Frömmigkeit, Tugend und Glück sind für Ep.
Begriffe, die einander gegenseitig bedingen, die miteinander
â– G. Eeinrici (II. Korintherbrief 582): PI erreicht, was Philo und
zuvor Plato und die Stoa vergeblich angeätrebt hatten, eine lebensfähige
Verbindung zwischen Religion nud Sittlichkeit. — Ob Heinrioi aueh den
Ep. in dieses Urteil einschließt^ ist nicht sicher. ,A.ber anch hei der alten
Stoft war beides eng verbunden, wie man z. B. an der chrysippisohen Telos-
definition — SIöjT« rc^dixeiv xaik Tr/r avfifairiav tov jtoji' Ixüari? Sai/iofol
jtQo^ ir,v Tov ttäv 6m/v OioinT^oir ßovK^atv — ersehen kann. Wenn die
Verbindung weniger hervortritt als z. B, bei Ep., so liegt dies daran, dal!
uns vom System der Stoiker in der Hauptsache nnr kahle Abrisse ihrer
Ethik, aber kein einziges hinreichendes «yeeitneM, ihrer ^eoiayia, überliefert
ist. — Was 0. Pfleiderer (Vorbereitnng des Christentnms, Halle a. 8. 1904,
S, 69) sagt, erst das Christentum habe dio wahre Synthese vör sittlicher
Freiteit nnd Abhängigkeit von Gott gebracht, ist unrichtig: die Stoiker
haben allerdings die Abhängigkeit von Gott nicht soweit getrieben wie
etwa PI, daß die sittliche Freiheit des Menschen dadurch gefährdet wird.
346 AdülE Bonliöffer
stehen und fallen ' : wahrhaft fromm sein kann nur deijenig^e,
welcher weißj daß Gott ihn zum Glückliehsein, das eben nur
dem Tugendhaften zuteil wird, geschaffen hat.
Während nun die organische Verbindung von Religion
und Sittlichkeit nur den geistig am höchsten stehenden Keli-
gionen eigen ist, bildet die Intoleranz — dies ist die
zweite Eigenschaft, die ich meine — ein Merkmal jeder po-
sitiven Keligion, und zwar ist sie um so strenger, je univer-
seller dieselbe gerichtet ist. Die partiknlaristisehen Religionen,
auch die jüdische der älteren Zeit, leugnen die Existenz
anderer Götter als der von ihnen verehrten nicht, legen ihnen
nur keine Bedeutung und Stacht bei. Das Christentum aber,
die universellste von aih:n, kennt nur einen Gott für die
ganze Welt, eine Wahrheit und eine Möglichkeit des Heils
für alle. Ep. ist genau so intolerant, wie es das Neue Testa-
ment naturgemäß sein muß, und dieser intolerante Dogmatismus
e?'streckt sich bei Ep. nicht bloß auf das religiöse, sondern
auch auf das philosophische Gebiet, wenigstens auf die Grund-
anschauuug, während er in einzelnen wissenschaftlichen Fragen
selbst keine Entscheidung trifft und deshalb das Urteil frei-
gibt. Daß jemand mit innerer Berechtigung an dem Dasein
Gottes und an einem vernünftigen Sinn der Welt zweifeln
könnte, ist ihm unverständlich: diese Leugnung oder Skepsis
erscheint ihm als völlige geistige Entartung, als schamloser
Trotz oder Verstocktheit, gerade so, wie im Evangelium des
Johannes der Unglaube der Juden beurteilt wird. Ja nicht
die geringste Konzession macht er der religiösen Aufklärung,
so daß er etwa ah Mindestmaß wenigstens öcn Glauben an
ein göttliches Wesen überhaupt ibrdern würde. Nein, den
ganzen griechischen Götterstaat nimmt er in Schutz und be-
merkt mit bitterem Sarkasmus; „Dankbare und edle Menschen
' Eine organische Verbindung von Frömmigkeit und Glüolt zeigt anoh.
das Seile Testament, wenigstens wenn man von der darin vorlierrschenden
Auffassung ausgeht, welclier die dem ChrlsteDtum oft mit Unrecht vor-
geworfene ^Tiohneucht" fremd ist. Denn ilir aiifolge bestellt die walire
Frömmigkeit eben im Genuß der Liebe Gottes, und die Seligkeit, mit der
sie belohnt wird, ist nur die ewige Vollendung dieacs Sc eleu zu Stands, also
etwas der f rümmigkeit Gleich arttj^es.
Epiktet und das Nene Testament 347
fürwahr, die Tag für Tag ihr Brot essen und zu sag-en wagen,
wir wissen nicht, ob es eine Demeter oder Kore oder einen
Pluton .gibt!" Der Ausspruch bestätigt zugleich das früher
Gesagte, daß Ep. seine eigene geläuterte Religiosität in den
überkommenen Götterglauben hineinträgt und deshalb im-
stande ist, diesen idealisierten Polytheismus ohne Bedenken
beizubehalten, zeigt aber auch wieder, wie sehr diejenigen
Unrecht haben, welche die religiiJs konservative Haltung der
Stoa aus opfiortunistischen Motive» herleiten ^
Als einen zweiten für die Yergleiehung mit dem Neuen
Testament wichtigen Cliarakterzug möchte ich iiervorheben
die stark optimistische, ira innersten Grund freudige und
getroste Lebensauffassung Ep.'s. Er hängt ja mit dem
ersten, der tiefen und reinen Religiosität, nahe zusammen:
denn warum sollte der Mensch nicht von Herzen fröhlich
sein, der überzeugt ist, die absolute göttliche Wahrheit und
in ihr die Erlösung von allen Übeln und Ängsten des Lebens
und des Todes gefunden zu haben? Es läßt sich überhaupt
eine wirkliche Religiosität, die nicht glücklich, dauernd glück-
lieh macht, nicht denken. Aber auch wenn wir von diesem
Zusammenliang abseheo, so üegt unleugbar hierin eines der
stärksten Verwandtschaftsmomente, die den Ep. mit dem Neuen
Testament verbinden. Die Stimmung der Freude, der freudigsten
Lebensbejahung, welche dieses diuchzieht, ist auch die Grund-
stimmung Ep.'s und sie erleidet durch die ruhige Anerkennung
der nicht zu ändernden Tatsache, daß viele, ja die meisten,
die volle Höhe des Menschtums nicht en-eiehen, daß manche,
die den Weg dazu nicht finden, ihr Leben eigenmächtig ab-
' Ich inö:;Iite dies in noch, bestimmterer Foim venioinen ai.s etwa
P. Weudknd, der sich dahin äaücrt, der AnschluB der Stoiker an die yollis-
tümliche Ketigion sei oicht bloll ans politiaclier Berechunug, soudero nash
aas der Tiefe ihres religiüseu Gefühls zu erklären iHell. rüni. Kultur 65). —
Aucb. Ogereaii will ollenbar keinen Tadel aKsspreclien, weiiii ex sagt, auch
in der Schonung des Glaubens üelgon die Stoilier die Imbile iconomie de
tont ce qid restc piicwe et pi^ut äevenir uns forct vive (aaO, 263); nnd
M. Pohlenz sagt ganz treffend; „Eompromiflsucht war dabei sehr wenig
beteiligt. Vieininbr war es ihre feste philosophische Überaengiing, daß der
Logos Bifh auch in den .A. n floh a nun gen der Allgemeinheit, dem «wsenertä
onirdum, knndtU';" (Vom Zorn Gottes 150),
348 Aaolf ßonhöfiei
brechen, ebensowenig einen Eintrag, als den Christen der
Gedanke an die Masse der Verdammten in dem Genuß seiner
Seligkeit zu stören vermag K Die Freude des Christen ist
allerdings mehr eine freudige Erwartung, eine Seligkeit
in Hoffnung, während Ep. die volle Lebensfreude in der
Gegenwart genießt und prinzipiell für jeden erreichbar aclitet
auf Grund der allgemeinen Weltordnung und Einrichtung der
mensehlieheu Natur, sozusagen auf Grund dessen, was Gott
von Ewigkeit her für die Menschen getan hat. Und während
der Christ sieh die Seligkeit nur als eine zeitlich endlose
vorstellen kann, erklärt die Stoa ausdrücklich, daß die Zeit-
dauer für die sväai/iovia keine Rolle spiele und auch ein
„vorzeitiger" oder jäher Tod ihr nicht den geringsten Abbruch
tue. Das sind anscheinend ganz diametral entgegenges'etzte
Anschauungen; und doch fällt der Unterschied m. E. wenig
ins Gewicht, weil die jenseitige Seligkeit ja innerhalb dieses-
Lebeas nicht erfahrbar ist und für das Glücksgefühl des-
Christen also keinen aktuellen Wert hat. Die erhoffte Seligkeit
verklärt ihm eben auch sein irdisches Leben und dieses Vor-
gefühl der Seligkeit wird auch im Neuen l^estament, besonders
in den johanneischen Schriften, in einer Weise gesteigert, daß
man bekanntlieh darüber streiten konnte, ob dort überhaupt
noch aufeinezeitlicheFortsetzungundVollendung im „Jenseits"
Wert gelegt wird. Für die Beurteilung der Gemüts Verfassung
eines Menschen kommt eben nur die tatsächliche Empfindung
in Betracht, die er von dem Wei't seines Lebens hat, nicht
die theoretische oder religiöse Vorstellung, auf welche sie sieh
stützt, und wenn die letztere, d, h. in diesem Falle die Über-
zeugung von einer zukünftigen Seligkeit, nicht so ernsthaft
' leh kann 0. Hiltj hier nicht Keoht geben, wenn er in eeinem an
treffenden Bemerkungen reichen Essay über Ep. {Glück I 23 ff.) Ton der
stoischen Philosophie sagt, sie komme zwar dem Geiste des Christentums
in einaelneii ihrer erhabeasteu Aussprüche nahe, besitze aber lange nicht
dessen kindlich-freuiiiiTen Geist (S. 33): an Freudigkeit läßt Ep. nichts zu
wllnscheu übrig, allerdings ist sie mehr eine männliche als eine kindliche.
Aach das ist nicht richtig, daß liem Stoizismus das richtige Wollen ein
beständiger harter Zwang gegen sich selbst, dem OhriaMctum aber ein
frühliehes Müssen sei (3. 86'). — Man kann ebeu den Ep. ans seinem
Handbuch allein nicht recht kennen lernen, nur aus den Eedeii.
Epiktet und das Nene Testament 349
und kräftig ist, daß sie eine absolute Eefriediguug über den
Verlauf des irdischen Lebens zu erzeugen vermag, so bleibt
der Christ mit allem seinem Glanben doch wesentlich unter
dem Niveau des Lebensgefilhls und der Lebensfreudigkeit,
welche der Stoiker, allerdings auch wieder nur der echte
Stoiker, besitzt. Der wahre Christ dagegen wird genau so
wie der letztere sein Glücksgefühl auch von der Dauer des
irdischen Lebens nicht abhüiigig machen, sondern sich bei
vorzeitigem oder gewaltsamem Tode mit der himmlischen
Herrlichkeit trösten, wie der Stoiker seinerseits mit der Er-
kenntnis, daß, wer einmal zum Bewußtsein seines Menschen-
wertes gelangt ist, jederzeit freudig sterben kann '.
Der freudige Optimismus aber, der die Eeden Ep.'s nicht
weniger als die SchrifteTi des Neuen Testaments auszeichnet,
hat zu seiner Voraussetzung eine völlig idealistische
Welt- und Lebensbetrachtung and die Überwindung
aller materiellen Gesinnung. Dies ist der dritte Charakterzug,
der beide verbindet. Wer sein Herz noch irgendwie an die
Güter dieser Welt hS.ngt, mögen sie nun heißen wie sie wollen,
der kann jene stete Freudigkeit unmöglich haben, weil die
ungestillte Begierde und das unausbleibliche häufige Fehl-
sehlagen seiner Wünsche ihm immer wieder Pein verursacht.
Es gibt nicht leicht ein Gebiet, auf welchem die Überein-
stimmung zwischen Ep. und dem Neuen Testament voll-
kommener ist: bei ersterem zumal kann man kaum ein paar
Sätze hintereinander lesen, ohne auf den Gedanken zu stoßen,
daß, wer auf die unsicheren und unzuvei-lässigen Scheingüter
sein Glück bauen will, unfehlbar der l'nseligkeit verfällt. In
der GeringscliätzLing dieser Krdenguter tut er es dem Neuen
Testament zum mindesten gleich, in der inneren Erhebung
über alles Erdenleid und Menschenübel geht er, wie schon
früher bemerkt wurde, womöglich noch über dieses hinaus,
insofern er die Übel des Lebens, unter welchen auch der
' Sebr fein beraerkt Georg Misch, daß in der ZuTeiBkht, mit welcher
Ep. bei aller Gleichgültigkeit gegen das üulSere Schicksal und ohne Aus-
achaneu nach Unsterblichkeit an dem Vollwert dieses menschlichen Daseins
festhalte , ein religiCses Moment liege (Geschichte der Autobiograpliie, 1,
.Leipzig u. Berlin 1907, 8. 2Ö0).
350 Adolf Bonhöffer
Ohrist, wenngleich ohne sich ungliicklicli zu fühlen, immerhin
leidet, gar nicht als Übel anerkennt und allem äußeren
Geschehen jede Fälligkeit abspricht, dem sittlich Gebildeten
Schaden zuzufügen oder Wunden zu schlagen. Das ist die
stoische Apathie, die manchen als iinnatiärliehe Härte er-
scheint. Anderei'seits weiß allerdings der Stoiker der Welt,
sofern nur die innere Unabhängigkeit von ihr gewahrt bleibt,
wieder weit mehr Keiz abzugewinnen als der Christ, der stets
über diese unvollkommene Welt hinausbJickt und auch in
manchen harmlosen Freuden eine Gefahr für das Heil der
Seele und in dem rein Natürlichen vielfach ein Widergöttliehes,
vom Teufel Gewirktes erblickt. Es ist gar keine Frage und
sollte billigerweise nicht bestritten werden, daß die Religion
des Neuen Testaments eine erhebliche Beimischung von dua-
listischen und asketischen Anschauungen aufweist, die bei
Ep.' entweder ganz fehlen oder doch nur in viel geringerem
Grade vorhanden sind'. Diese Verschiedenheiten ändern
' W. Capelie in seinem sehr beaehten »werten Aufsatz „Zur aatikea Theo-
dizee" (Archiv f. Gesch. d, Philos. SX (ItO?) ISäff.) liadet, daß duwh Äußerungen,
wie sie bei Ep. mehrmals sich finden, daß nanilicii die sog. Übel und UttTüll-
komiuen hei teil des Daseins in der anoh you Gott nicht zii ändernden Natur der
Diüge begründet seien, die monistische Metaphjsik der Stoa bedenklich ge-
fährdet sei. Dies wäre nur dann der Fall, wenn die Ananke, an die aueh Gott
gleicbsam gebunden ist, von diesem irgendwie als ein Hemmnis seines Wirkens,
als eine Schranke seiner Macht empfunden würde. Davon ist aber hei Ep. keine
Spur zu entdecken, sondern es ist gewiß in seinem Sinn, wenn wir annehmen,
daß, wie der Mensch das tatsächliche Weltgeschehen als Gottes Willen
gutheißt, so anoh Gott selbst die ihm von Ewigkeit her und nicht im
Gegensatz zu seinem Willen vorge zeichneten Wirkungsweisen gleichsam
approbiert und in seinen Willen aufnimmt. Ja, Ep. sagt sogar, Gott selbst
habe diese äußeren Dinge rj läv olo>v :ie^i6Sip, also der Ananke, unter-
geordnet (IV 1, 100) und fährt fort: ii oiV &eoftaxä; also ist da,s Murren
über die Ananke eine Auflehnung gegen Gott! Wo bleibt da der Dualismns?
Wenn Chrysippos nach fr. 1178 \. Arnim gewisse Mißgriffe der Welt-
regierung auf SatfiövM favla znrückgeführt hat. SO ist dies eine der Ent-
gleisungen, wie sie hei diesem Manne, der alles begreifen und erklären
wollte, nicht eben selten waren. Übrigens ist es überaus schwierig, ans
solchen ans dem Zusauimenhang geriasenen Sätzen die wahre Meinung
dieses General ad vokaten der Stoa zu entnehmen. Ep.s Ansieht dagegen
liegt klar vor uus, und ihr znfolge bedarf die göttliche Weltordnung wegen
der dväyxq, welche auch die n^övoia. nicht zu ändern vermag, keine Recht-
Epiktet und das Neue TesItLoent 351
jedoch nichts an der Hauptsache, daß nämlich beide, Ep. and
das Neue Testament das Glück des Menschen lediglich auf
das Innere, Geistige gründen nnd deshalb der Welt mit ihren
Freuden und Leiden keinen bestimmenden Einfluß auf dasselbe
einräumen.
Dieser idealistisclie Ernst zeigt sich nun aber nicht bloß
in der the.oreti8chen Beurteilung der Welt, sondern auch in
den praktischen Anforderungen, die an den Menschen gestellt
wenden, der jenes von allem Äußeren unabhängigen Glückes
teilhaftig werden will: der idealistische Ernst muß zum
sittlichen Ernst werden. Man muß die Welt wirklich
überwinden, wenn man selig werden will, muß sich innerlich
von ihr völlig losreißen, denn es geht nicht an, beides, die
Jagd nacli irdischen Gütern und das Streben nach dem wahren
Glück, die Liebe zur Welt und die Liebe Gottes zu vereinigen.
Das ist der vierte Punkt, wo Ep. und Neues Testament sich
aufs innigste berühren. Herrlich sind bei Ep. ganz besonders
die Stellen, wo er diese Waiirbeit in seiner packenden An-
schaulichkeit auseinandersetzt und in seiner eindringlichen
Weise ans Hera legt, daß man sich klar sein muß über sein
Ziel und den Weg dazu, daß man etwas Ganzes tun, ein
ganzer Mensch werden muß. Das schroffe „Entweder-Oder-',
das in so manchen Aussprüchen Jesu einen unvergeßlichen,
fast sprichwà ¶rtlich gewordenen Ausdruck gefunden hat, ver-
nehmen wir eben so bei Ep.: er ist, wie das Neue Testament,
fertigimg: vielmehr sobald er im Emate zugeben würde, daß Qott das
Leben des Menaoheu auch äuBerlich hätte yollliomiaen maclicn kaunen, ioM
alflo doch ein noch glücklichereB Leben denkbar wäre, hatte er aufgehört
Stoiker zu aein: denn Stoa und Übel, das kein Übel ist, geh Gren notwendig
zasammeu. — Auch die vos Capelle angeführten SteUen ans Seneca atimmeo
vollständig mit Ep. Uberein: wie wenig aneli jener in der Gebundenheit
Gottes an den Stofi einen Widerspruch oder einen Mangel erblickt, sieht
man darons, daß er ucmittelbar nach jenem Zugeständnis das Wesen Gottes
als Leidlosigkeit {extra patientiam malomm) definiert; würde sich die
Gottheit durch die Ananke eingeengt fühlen, so wäre dies allerdinga ein
malum für sie. Nnn ist die Sache aber so: die Götter werden von den
mala äuQerlich, die weisen Menschen innerlich nicht getroffen, fofgiich gibt
es eben kein ntalum, keine xaxov ^iote, wie Ep, erklärt — qmd erat
jirohandwn !
352 Adoif BonhSffer
nicht bloß dogmatisch, sondern auch ethisch intransigent und
madit, wie dieses, dem Niedrigen im Menschen, dem „Fleisch"
nicht die mindesten Zugestandnisse. Diese ethische Intoleranz
wird nun freilieh beiderseits etwas gemildert, einmal durch
die Lelire, die auch Ep. vertritt, daß der Mensch nie an der
Möglichkeit seiner Kettung verzweifeln darf, sondern auch
nacli einem langen Sündenleben, noch in der „elften Stunde"
sich bekehren kann. Selbstverständlich sali dies hier wie
dort nicht als Regel gelten, und wie im Neuen Testament das
begnadigende Wort des Geki-euzigten nicht als Freibrief für
Leichtsinn und sittliche Trägheit gemeint ist, so macht Eß.,
wie wir sahen, bei aller prinzipiellen Milde gegen die Irrenden
doch mit allem Ernst darauf aufmerksam, daß durch die Ge-
wohnheit des Sündigens die innere Fähigkeit zur Umkehr mit
jedem Tag' vermindert wird. Eine zweite Milderung jener
schroffen Scheidung der Menschen in Gute nnd Böse bietet
das Neue Testament in jener freilich sehr vereinzelten und
problematischen Vorstellung vonder endlichen Wiederherstellung
aller Dinge, einer Lehre, der man allerdings keine praktische
Verwendung wünschen möchte, weil sie den Ei-nst der inner-
halb dieses irdischen Lebens geforderten Entscheidung in der
Tat abzuschwächen geeignet wäre. Da ist der Anschauung
Ep.'ö jedenfalls der Vorzug zu geben, wonach es eben aucii
im sittlichen Leben Eelativitäten und Abstufungen gibt
Niclit als ob er die schlechte Lehre von einer niederen und
höheren Sittlichkeit vertreten würde; nein, er hält absolut
daran fest, daß ein wirklich befriedigendes, menschenwürdiges
Lehen nur dem sittlich Gebildeten beschieden ist, und wenn
er für den außerordentlichen Beruf des Kynikers, des Gottes-
zeugen im höchsten Sinne, eine besondere, persönliche Aus-
stattung verlangt, die nur den Allerwenigsten gegeben ist,
so begründet doch dieser besondere Beruf in seinem Sinne
keineswegs auch einen Vorzug in der ethischen Qualität des
Wesens und Lebens. Dagegen kennt er allerdings den furcht-
baren Ernst, der in der christlichen Vorstellung von der
schließlichen Scheidung der Menschen in ewig Selige und
ewig Verlorene liegt, nicht, sondern beruhigt sich dabei als
bei einer vielleicht auch in der göttlichen Ökonomie notwendig
Epiktet und das Neue Testament 353
beschlossenen Tatsache, daß die Mf^se zeitlebens unter dem
Niveau wahrer Menschlichkeit hleibt. Die Einen werden in
dieser philosophischen Kühle einen schweren Mangel der Stoa
erblicken, während andere sie als einen Vorzug betrachten
und in der nüchternen Auffassung Ep.'s eine alle zeitliehen
Gestaltungen menschlicher Dogmatik und Ethik überdauernde
„ewige" Wahrheit erkennen \
Aber auch hier muß wieder gesagt werden, daß diese
Unterschiede der Betrachtungsweise nichts ändern an dem;
Urteil, daß in dem Hauptpunkt, um den es sich handelt, in
dem intransigenten sittlichen Ernst, in dem entschiedenen
Dringen auf grundsätzliche Entscheidung, in der Verwerfung
aller ethischen Halbheit Kp. und Neues Testament sich die
Hand reichen. Insbesondere möchte ich noch betonen, daß
der praktisch so außerordentlich wichtige Grundsatz der
„Treue im Kleinen", der Ausdehnung der Heiligungspflicht
auf alle, auch die scheinbar geringfügigsten Lebensbetätigungen,
von der Stoa ebenso nachdriicklieh vertreten wird wie vom
Christentum.
In dem Vorstehenden glaube ich die wichtigsten gemein-
samen Charakterzüge angegeben zu haben. Nur anhangsweise
erwähne ich noch einen Punkt, der, was den Ep. betrifft,
früher schon da und dort berührt wurde; ich meine die groß-
artige Einfachheit und Einheitlichkeit seines Systems.
Wenn im Neuen Testament dieses Merkmal nicht so in die
D]B9. III 16, 10: nU^ff j/ap ^pös aAÄo Ti siSqniusv — auch auf das
sittliche Gebiet ausgedehnt! — Sehr gut hat die Meinung der Stoiker
T. Arnim erfaüt und wiedergegeben: „Weun sie zum Teil diese Aufgabe
nicht erfüEen, so ist das allerdiugs vom Standpunkt ihrer Aufgabe das
Böse, aber kein Übe! vom Standpunkt des Ganzen. Sie sinken dumit nur
auf die näehstn ledere, die enimalischa Weaensatute iiiuab, und so wenig es
vom Standpunkt des GanBcn ein Übel ist, dali ea neben den Menschen auch
Tiere und Pflanzen gibt, so wenig ist die Existenz sehleehter und unver-
nünftiger Menschen vom Standpunkt des Ganzen ein Übel" (Die europäische
Philosüphie des Altertums 234ff.]. — Die tierhaften Menschen sind aller-
dings den Tieren nicht ganz gleich, sondern tangieren noch untei diesen ;
denn wahrend diese sind, was sie sein können und sollen, und irgend einen
Nutzen bringen, ist der Unsittliche zu nichts nütze, höchstens dazu, wozn
die scbädJichen oder läsrtigen Tiere da sind, den Menschen Geduld zu lehrea.
Baiig ionseesebichlli che VersuohB u. VorarbeiMn X. 23
354 Adolf Bonhüffer
Augen fällt, so rührt dies eben dayon lier, daß es uns das
Evangelium Jesu durch mehrere und individuell so verschiedene
Medieu darbietet. Dieses selbist ist, wie alles wahrhaft Große,
von einer göttlichen Einfachheit. Auch der Buddhismus und
der Mohammedanismus ruht auf einem großen, einheitlichen
Grundgedanken, aber es ist dort eine unfruchtbare, somsagen
totgeborene, hier eine zwar imposante, aber starre und un-
lebendige Einheitlichkeit , während der Grundgedanke des
Evangeliums, ebenso aber auch derjenige Ep.'s, einer unendlich
reichen und mannigfachen Entfaltung fähig ist, das ganze
Welt- und Menschenleben umspannt und durchleuchtet und
ihm eine unvergleichlich hohe positive Bedeutung verleiht.
Diesen geraeinsamen Charakterzügen stehen nun natürlich
prinzipielle Unterschiede, ja Gegensätze gegenüber, die von
kaum geringerer Bedeutung sind. Ich will dieselben hier
nicht näher ausführen, sondern glaube mich mit einer kurzen
zusammenfassenden Rekapitulation des im Früheren Gesagten
begnügen zu können. Da ist vor allem der Gegensatz zwischen
Vernunft und Offenbarung oder immanenter und tran-
szendenter Offenbarung. So sehr die stoische Philosophie einen
religiösen Charakter hat, so ist sie eben doch Philosophie,
nicht Religion. Und wenn es überhaupt keine Philosophie
oder Wissenschaft gibt, der nicht das Denken, die Vernunft
die höchste Autorität wäre, so ist bekanntlich gerade im
Stoizismus der Glaube an die Vernunft und ihre Fähigkeit,
allgemeingültige Erkenntnisse, absolute Wahrheit zu erzeugen,
aufs Höchste gesteigert. Dieser ausgesprochene Rationalismus
oder — da dieser Ausdruck einen unangenehmen Beigeschmack
erhalten hat — Logismus tritt auch bei Ep. überall hervor
und bringt uns auf Sehritt xmi Tritt den großen Gegensatz
zum Neuen Testament zum Bewußtsein, das nicht mit Ver-
nunftgründeu operiert, sondern nur gläubige Annahme der auf
wunderbarem Weg erfolgten göttlichen Offenbarung verlangt.
Ein zweiter Gegensatz zum Neuen Testament i!,t der
erklärte Diesseitigkeitsstandpunkt Ep.'s. Der Mensch
ist ein vergängliches Wesen: was er aus seinem Leben macht,
zu welcher Höhe des Lebensgefühls er sich eraporringt, ist
seine Sache; aber alles, was er erreichen kann, liegt in dei
Epilitet und das Neue Testament 355
Grenzen dieses zeitlichen Lebens. Während naeli christlicher
Auffassung das Sterbenmüssen der Fluch der Sunde ist, sagt
Ep. umgekehrt, nicht zu sterben wäre für den Menschen ein
„Fluch" d. h. etwas Widernatürliches, das ihm anzuwünschen
im höchsten ürad unfromm wäre (Diss. II 6, 13). Wie es zur
Natur der Ähren gehört, daß sie reifen und eingeheimst
werden, so fordert die menschliche Natur den Tod. Und in
dieser Beschränkung auf die von der Natur gezogenen Grenzen
sieht er so wenig eine Beeinträchtigung des Glückes, daß er
vielmehr ein wahres Glück nur da zugibt, wo man an dem
Erreichten sein volles Genüge hat: denn „Glückseligkeit und
Sehnsucht nach etwas nicht Vorhandenem reimt sich nicht
zusammen" (Diss. 111 24, 17J. Er würde also nicht zugegeben
haben, daß das Glück des Christen, der sein Heil von dem
Jenseits erhofft, dem seinigen ebenbürtig sei; und wenn ich
oben den psychologischen, gefühlsniäßigeu Wert des auf Hoffnung
ruhenden Glückes des Christen als einen vollen nachzuweisen
versucht habe, so sollte damit natürlich nicht bestritten werden,
daß die Art des Glücksgefübls bei Ep. und beim gläubigen
Christen ganz wesentlich verschieden ist.
Aus beidem, dem strengen Logismus und dem Diesseitig-
keitsstandpunkt, ergibt sich nun das, was man gewöhnlich,
and zwar meist in tadelndem Sinne, als das Kennzeichen des
stoischen Weisen betrachtet, seine Selbstgenügsamkeit
oder Autarkie, die freilieh zur chnstlichen Demut und Selbst-
erniedrigung, zu dieser geflissentlichen Verkleinerung, ja Preis-
gebung ailes eigenen persönlichen Wertes, den denkbar
schärfsten Gegensatz bildet. Nach allem, was bisher schon
darüber gesagt wurde, werde ich die Stoiker nicht mehr gegen
den Vorwurf pharisäischer Selbstgereehtigkeit oder hoffärtiger
Selbstüberhebung verteidigen müssend Daß ihre Selbst-
' So sagt aaeh E. Caird von den Stoikern: „Sie hielten das Ideal für
erreichbar und erreicht (z. B, in Sokrates}; aher man wird keinen Stoiker
flnäen, der den Ansprach erhübe, selbst der weise Mann zn sein. Solche
Sehiidernngen sind mehr als Ermahnungeii sm betrachten, die der Stoiker
an sieh selbst und die Andern richtet" (aaO- II 143). — Wir sahen übrigens,
daB Ep. gelegentlich auch den Sokrates noch als einen ethisch Strebendeit
einfährt.
23»
356 Adolf Bönhijffet
genügsamkeit die echteste Demut und bescheidenste Selbst-
erkenntnis nicht ausschließt, haben wir bei Ep. zur Genüge
gesehen. Pharisäischer Tugendstolz ist Sache dessen, der, ob
Nichtehrist oder Christ, in einzelnen frommen Werken oder
verdienstlichen Entsagungen seinen Euhin suciit: wer aber
sein sittliches Ziel so hoch steckt wie Ep. und wie es auch
Jesus seinen Jüngern gesteckt hat, der ist über den Verdacht
des Pharisäismus erhaben; und ob man diesem hohen Ziel
nachstrebt in der Form der stoischen ahdQxeia oder der christ-
lichen taTtsivofpQoavtn;], ist schließlich ein unwesentlicher Unter-
schied, wenn Jseide eins sind in dem Trachten nach dem â– Reiche
Giottes UHd seiner Gerechtigkeit.
Auch noch auf andere Weise hat man versucht, den
Gegensatz zwischen Christentum und Stoizismus, meist zu-
ungunsten des letzteren, zu formulieren. Man schalt ihn
egoistisch gegenüber der altruistischen Ethik des ersteren.
In Wahrheit ist die stoische Ethik so altruistisch wie die
christliehe, oder die des Neuen Testaments so egoistisch wie
diejenige Ep.'s: d. h. beide haben in ihrer Art eine höchste
Synthese von Egoismus und Altruismus gefunden, insofern die
Gesinnimg, welche dem Menschen sein eigenes Glück verbürgt,
zugleich auch die wahre Liebe zu den Menschen ermöglicht
und einschließt '. — Des weiteren hielt man sich an die Züge
von Unnatur, welche das Bild des stoischen Weisen zeige,
und glaubte zu dem Urteil berechtigt zu sein, das Christentum
zeige mehr Natürlichkeit in seinen Lebensgrund Sätzen als die
Stoa. In Wirklichkeit aber verteilt sich Natürlichkeit und
Unnatur ziemlich gleichmäßig auf beide Anschauungen. Die
stoische Apathie, auch wenn man sie richtig versteht, enthält
immerhin eine gewisse Härte iind Verieugniing des natürlichen
Gefühls, der gegenüber das Neue Testament mit seiner Ge-
stattung des Mitleids und der Reue, der Trauer und Sehnsucht
' Aach hierin hat y. Arnim die Meiunng der StoUter gut getroffen
und aasgedrüott ; „Die Entwictlang von dem ADimaÜBclien zur Wahrung
dea Vernünftigen führt zugleich über den Egoismus hinana aar altrnistiBchen
und Bozialen Gesinnung" (aaO. 348). — Ein Gefühl aber, das mit Selbst-
befriedigung verbunden ist, darf man darum noch nicht egoistiach nennen
(Höffding, Ethik 236).
Epiktet und das Nene Testament 357
dem allgemein menselilichen Empfinden näher steht und des-
halb wohltuender berührt. Auf der anderen Seite ist das
Christentum vermöge seiuer durch die Jenseitshotfnung not-
wendig bedingten asketischen Richtung nicht imstande, die
weltlichen Kulturgüter so unbefangen zu schätzen und die
Forderungen der sinnlichen Natur so rückbaltios anzuerkennen,
wie es die Stoa tut, so daß also in diesem Sinne entschieden
auf ihrer Seite die größere Natürlichkeit zu finden ist. Man
wird also sagen können, das Christentum ist naturlicher, was
die ethischen und sozialen oder sympathlsehen Gefühle betrifft,
der Stoizismus ist natürlicher, wenn man die sinnlichen und
ästhetischen Gefühle ins Auge faßt *.
Zweiter Abschnitt
Die wichtigsten religiösen und etliischeu Gruiidsätze
^ und Gedanken
Im vorigen Abschnitt, wo es sieh nur um die Hauptzüge
der epiktetisclien und neutestamentlichen Weltanschauung
handelte, habe ich absichtlich das Eingehen auf einzelne
Fragen vermieden. Es lohnt sich aber doch, die Vergleichung
nun auch noch in etwas genauerer, konkreterer Weise an-
zustellen, wobei das dort Gesagte eine Bestätigung und Er-
gänzung findet: einzelne Wiederholungen waren dabei nicht
ganz zu Termeiden. Ic!i. werde mich wiederum nicht der
Schemata eines dogmatischen oder etliischen Lehrsystems be-
dienen, sondern in freierer Weise die Gedanken um folgende
' Kicht recht verstäudlich ist mir die Bemerkung E. Nordens: „Was
in der östlichen Welt das Handhüchlein des phrjgischen Sklaven und die
Medititionea des Cäsais, das wnrden im Westen die Schriften des römischen
Aristokraten, eine Quelle des Trostes und der Erbauung für die, deren
G-dst nicht einfach genug war lum Verständniß der natürlichen Mensch-
liclikeit der neuen Lehre" (Kiinstprösa H 313). — Dieser Enhm soll ja dem
Christentum nicht geraubt werden, daß es dem menschlichen Herzen mehr
geben will und kann als Jede Philosophie: aber daß ein Grieche oder
griechisch Gebildeter das Wort vom Krenz natürlicher und menachlielier
finden sollte als den ünindsatz des naturgemäEen Lebens, des konnte man
ihm doch nicht zumuten Das hat auch der Heidenapostel nicht verlangt.
358 Adolf Boühöffer
Punkte gruppieren: Stellung zu Gott, zum Leben und zur
Welt, zur SUnde, zar menschlicheu Gesellschaft.
A. Stellung zu Gott
Die Vorstellung, die Ep. von dem ethischen Wesen
Gottes hat, ist eine sehr hohe. Seine absolute Heiligkeit,
Keinheit und Güte betont er in einer Weise, die ganz mit
der biblischen Anschauung iibereinstimint Gottes Gegenwart
verträgt durchaus nichts Unreines und wird schon durch einen
schmutzigen Gedanken entweiht (II 8, 14). Er ist der frei-
gebige Spender aller guten Gaben, der väterliche Versorger
der Menschen, und schon der Gedanke, daß Zeus für uns nicht
aufs allerbeste gesorgt haben könnte, ist eine Sünde (III 24, 19j^
So gilt das große Wort des Johannes „Gott ist die Liebe"
auch bei Ep., ja in gewissem Sinne noch mehr, weil das Glück,
das sein Gott dem Menschen bestimmt hat, schon in diesem
Leben ein volles, gottgleiches ist. Trotz alledem deckt sich
keine dieser Eigenschaften Gottes ganz mit dem, was der
Christ sich darunter denkt. Die Eeinlieit der Seele setzt Ep.
ausdrücklich in nichts anderes als in den Besitz der richtigen
döy^tata (IV 11, 8), und da nun der Mensch diese haben kann,
so ist er also derselben Reinheit fähig wie Gott (IV 11, 3),
so daß schließlich keine ethische t'Jberlegenheit Gottes mehr
übrig bleibt (I 12, 26). So scheint also die Heiligkeit des
epiktetischen Gottes -wieder unter die biblische Vorstellung
herabzusinken, und auch die Liebe Gottes ist für Ep. natür-
lich keine solche, die den einzelnen Menschen sozusagen per-
sönlich ins Herz schließt, sich für ihn einsetzt und ihm zulieb
ein Opfer bringt. Nur eine Stelle ist mir 'aufgefallen, wo Ep.
unwillkürlich zuzugestehen scheint, daß Gott auch nach Charakter
und Gesinnung qualitativ über den Menschen erhaben ist.
■Ana Ep. — sBgt Jodl — ließe sich oline Mühe ein christlicheB
Gebetbuch zusaninienstellen (Geschichte der Ethik I -103) — freilich nur
eia solches, das die eigentlich chriBtliehen Heils Wahrheiten geflissentlich
nmginge. AIhr. Dieterich hat in der Vorstellung von dem eiaea sorgenden
Vatergott semitiaohen Einfluß finden wollen (Mutter Erde, Leipa. Berlin 1905),
ich gianhe mit Unrecht: denn gerade das Semitische, die leligiese Kraft
nnd Leidenschaft, fehlt dieser Vorstellung bei Ep.
Epikt«t und das Nene Testament 359
Das Leben — so führt er da aus — ist eine Art Feldzug,
wo es gilt, alles nach dem Willen und Wink des Feldherren
(d. h. Gottes) zu tun, ja womöglich zu en'aten, was er will,
„Dean jener {menschliche) Feldherr ist ja diesem (göttlichen)
keineswegs gleich, weder hinsichtlich der Kraft noch hinsicht-
lich der Erhabenheit des Charakters" {xara zi^v %oS f^ovg
viTiQOx^v. III 24, 35). Darin liegt doch vielleicht ein Gefühl
dessen, daß, um es christlich auszudrücken, Gottes Herz größer
ist als das beste und edelste Menschenherz. Übrigens möchte
ich keine weiteren Schlüsse darauf bauen: im wesentlichen
bleibt es dabei, daß die Heiligkeit und Reinheit, ja auch die
Liebe Gottes nach stoischer Auffassung derjenigen des Weisen
gleichartig ist, weil sie nicht Sache des Gefühls, sondern der
Vernunft und diese überall dieselbe ist. Die ethischen Eigen-
schaften Gottes erhalten dadurch etwas Naturhaftes, Ünver-
dienstliches, Selbstverständliches. Freilich ist es ja auch auf
theistischem Standpunkt überaus schwer, von den „ethischen"
Eigenschaften Gottes sich eine klare Vorstellung zu machen,
weil gerade das, was beim Menschen zur Ausbildung einer
ethischen Eigenschaft gehört, der zu überwindende Widerstand
der Welt und der eigenen Natur, bei der Gottheit fehlt \
Was das metaphysische Wesen Gottes anbelangt,
so ist schon mehrfach hervorgehoben worden, daß der stoische
Gottesbegriff, von Haus aus entschieden pantheistisch, doch
zugleich, und besonders bei den späteren Stoikern eine theistisehe,
persönliche Färbung hat, und Davidson hat mit Recht betont,
daß keiner dieser späteren Stoiker Antisup ran at uralist im
Sinne der modernen Rationalisten und Freidenker gewesen
' So wie Ep. den regulären ethisohen Bildungsprozefl beschreibt, ei-
fordert die Aneignung und Ausübung der Tugend freilicli Anstrengung nnil
Kampf, wahrend die Götter mühelos gut sind und bleiben. — Seneka ge-
fallt sich darin, jenen Unternehied zwischen Gott und dem Weisen en-
guasten des letzteren ins Licht au setzen, z. B. ep. 53, 11: üle bencficio
Katitrae non ÜMd, suo sapiens und ep. 124, 14; umits bonwta natura per-
ficit, du [scilicet], aUerius fiira hominis. — Daß die Tugend Gottes, wenn
auch nicht geringer zu werten, so doch jedenfalls von anderer Art sein
muß als die des Mensehen, erkennt auch z. B. Clemens Alex, »n, wenn er
sagt, man dürfe Gott keine Selbstbeherrschnng beilegen, da es für ihn
keine rröi?)? gebe. Vgl- Pohlenz, aaO. 30.
360 Adolf Bonhüffer
ist (aaO. 242). Eben diese Mischung von Pantheismus und
Theismus zeigt einerseits die Berechtigurg, von einem christ-
lichen Charakter der stoischen Religiosität zu reden, zieht
aber andererseits doch wieder eine scliarfe Grenze zwischen
dem stoischen Gott und dem chi-istlichen, welcher die Natur
geschaffen hat und beherrscht, aber niemals, auch nicht mit
einem Teil seines Wesens, mit ihr identifiziert werden kann.
Aus demselben Grunde weist auch das Verhältnis des
Mensehen zu Gott, so wie es z. B. bei Ep. zutage tritt,
eine große Ähnlichkeit, aber auch wieder eine grundsätzliche
Verschiedenheit von dem Neuen Testament auf. Vertrauen
auf Gott, Liebe zu ihm, Gemeinschaft mit Gott, stetes Auf-
blicken zu ihm, das Alles, was zu den höchsten Merkmalen
der christlichen Religiosität gehört, kennt, preist und fordert
auch Ep.; aber man darf nie vergessen, daß dies nur Gedanken
und Refleziooen sind, die etwas Blasses und Mattes haben
gegenüber dem die Tiefen des Herzens erfüllenden, die seligste
Lust nnd das rührendste Leid einschließenden Verhältnis des
Christen zu seinem persönlichen Gott ^ Aber eben deshalb
kennt Ep. auch nicht die Furcht vor Gott, die doch auch
im Neuen Testament nicht ganz aasgeschieden werden soll
und, wenn sie auch keine knechtische Fnrcht ist, doch sieh
wesentlich unterscheidet von der Scheu vor Gott, der aldtög,
die bei Ep. eine wichtige Rolle spielt, aber doch natürlich
nichts Affektmäßiges in sich hat. "Wo es keinen Zorn Gottes
gibt^ da gibt es auch keinen (pößog O-eöD, und in der Tat
' Nur in dieäem Siun kaaa ich Jal. Böhmer beipftiohten, wenn er
sagt: „Gotteagemeinscliaft ist den Griechen stets eine unbekannte, unver-
ständliche Grüße gewesen" [Der religionsgeschicLtliclie Kahmeu des Eeielies
Gottes, Leipzig 1909, 160). Die orpiiische Myetik nimmt er dabei freilich
bis zu einem gewissen Grade ans. — Vgl. E. Rohde, Kleine Schriften,
II 835: „Der unentatelite Pantheismus der Stoa und der Spiuozistischen
Lehre kennt keine Erlösung nnd keine Mystik". — G. Heinrici legt in die
Worte Ep.'3 „ohne Gott Tcrauche es nicht!" (III 32, 53) sn viel hinein,
wenn er den Tadel daran knüpft: „aber wie die Gemeinschaft mit Gott
gewonnen und erhalten wirrt, sagt er nicht" (Der literar. Charakter 11).
Ep. sagt dies freilich deutlich genug, nämlich eben durch die vernünftige
Erkenntnis Gottes und des Menschen ; dadurch eatatebt Gemeinschaft mit
Gott, aber keine mystische.
' Cicero De ofi. III 102: Hoc quidem commune est omnimn philo-
Epiktet und das Neue Testament 361
hat die FiirehtempfiniJuiig geffenuber Gott nirgends weniger
eine Stätte als im Herzen des Stoikers, dem sein Gott absolut
kein Übel antun kann außer demjenigen, das er sich selbst
antut. Aucä die Erfüllung der äußeren kultischen
Pflichten, die auch Ep. als ein xaö-^xoi' betrachtet, schließt
für den Stoiker keinerlei ßeunruhigungsmoment in sieh. Denn
das sind fest bestimmte Leistungen, die keine ethische An-
strengung erfordern, Leistungen, bei denen der iStoiker aller-
dings wie bei jedem weltlichen Geschäft, bei jeder pflicht-
niäßigen Handlung Ernst und Sorgfalt zeigen und eine würdige
Haltung bewahren soll, Leistungen, deren unpünktliche oder
ungenügende Erledigung aber nicht etwa einen besonderen
Fluch nach sich zieht, sondern sich genau so von selber rächt
und straft wie jede ethische Verfehlung oder Versäumnis.
Darüber läßt Ep. nicht den geringsten Zweifel, daß diese
ganze äußere Eeligiosität keinen Wert hat, wo die wahre
Frömmigkeit fehlt, die in der richtigen Vorstellung von Gott
und im Gehorsam gegen ihn, in der inneren Übereinstimmung
mit seinem Willen besteht (Euch. 31, 1), während derjenige
wahrhaft nrifromm und gottlos ist, der glaubt, von Gott Schaden
erleiden zu können, also der sich vor Gott fürchtet (Diss.
IV 7, 11). So wenig er die üblichen Opfer und Gebete um
äußere Gaben verwirft, so läßt er doch überall durchblicken,
daß die geistigen Gaben eine ungleich höhere Bedeutung
haben, daß sie den eigentlichen Kern und Mittelpunkt der
Frömmigkeit und des Gottesdienstes bilden sollten, der eigent-
lich keiner äußeren Formen bedarf, sondern ganz im Sinne
des Johann eisehen Christus, eine Anbetung im Geist und in
der Wahrheit ist (z. B. 1 19, 25; IV 4, 18 u. ö.).
Ganz verkehrt ist es deshalb, wenn man die Tatsache,
daß die Stoiker den äußeren Kult mitmachten uud z. B. auch
die Mantik nicht verwarfen, so gedeutet hat, als ob sie den
Aberglauben in Schutz genommen, ja dicht neben ihren
erhabenen religiösen Anschauungen dem wüstesten Aberglauben
aophorum . . . minquam nee iroici deum nee noeere. Vgl. M. Pohieez,
Vom Zorne Gottes, S, 6. — Iuteress8.nt ist es zu sehen, wie Tertalüan
gerade ans der menschlichen Furcht Tor Uutt schüeGt, daß es auch einen
Zorn Gottes geben müsse. S. ebenda 27.
362 Adolf Bonhöffer
gehuldigt hätten \ Darüber, daß sie die Wahrheit und Geltung
der arjfiEia in gewissen Grenzen anerkannt haben, dürfen wir
' Eine förmüehe Karikatur ist es, wena 0. Pfleiderer sagt; „Der
Stoizisrans Bank durch seine Konzessionen an ilen volkstümlichen Gottes-
glanben doch wieder auf die Stufe der Xatnrreligion zurück nnd endete (!)
im nntreien Aberglauben an Geisterspuk, Voraeichen und Oi-akel" (aaO. 59).
Und diea steht in einem religionsgescliichtlichen „Volksbuch"! — Ganz
«nders und jedenfalls richtiger urteilt Lecky : „Die Begeisterung, mit welcher
man den Stoizisrnna ala Befreier des nieuBehiichen Geistes aua dem Aber-
glauben aufnahm, zeigt, wie qualvoll das Joth gewesen sein muQ" (aaO. 187). —
Auch Wendland stölit sich daran, daß die Stca Orakelweseu und Traum-
deutung rechtfertigte und „in ihrer Dämonenlehro den niederen Volksglauben
etablierte" (Hell. röin. Kultur 65). Ich will keineswega bestreiten, daC ein
Teil der Stoiker darin ku weit ging: es gab eben auch Stoiker genug, die
vom stoischen Geist wenig oder nichts in sich hatten und die tiefen Ge-
danken durch buchstäblich formalistische Pasaaug und Ansdeutung ver-
derbten und in Mißkredit brachten. Bei den wirklieb großen Stoikern finde
ich von solchen Torheiten keine Spur. Wie sehr speziell Ep. aller aber-
gläubischen Furcht innerlich fem war, zeigt am besten seine Auslassung
über den Begriff des ävoji^^op III 24, 88ff. Gegen seinen Eat, die über-
große Freade an dem Besitz lieber Menschen durch den Gedanken an die
Möglichkeit einer baldigen Trennung zu dämpfen, wendet der fingierte
Mitnnterredner ein: a^J.« Siofrifiä iari Tavra. Darauf erwidert Ep.: Ancli
gewisse Bannsprüche sind es, aber weil sie nützen, kehre ich mich nicht
daran, wenn sie nur nützen. Nennst du aber Si-apt/iia etwas aaderes als
rd r.anov itvo^ aiuat/Tixä? ein wirkliches ^voipi^nov ist Feigheit, Nieder-
tracht usw. Diese Namen sind Svofij/ta. Und doch darf man auch diese
Busznaprecbeii sich nicht scheuen, um davar zu warnen. Wie kann man
aber ein Wort Mof-rifiov nennen, das auf eine natürliche Sache hinweist?
so kannst du auch sagen, es sei Sioftifior von der Ernte der Ähren zu
sprechen, denn es bezeichnet den Untergang der Ähren — ja, aber nicht
der Welt!" usw. — Wohl sehen wir aus dieser Stelle zugleich, daß Ep.
auch die ijnioiSui, also etwaa nach unseren Begriffen ganz Abergläubisches,
nicht verwirft, sondern an ihren Nutzen glaubt. Aber irgend welche
Stfimng des inneren Gleichgewichts und der geistigen Klarheit können und
dürfen solche Anschauungen für den Stoiker nicht herbeiführen: also gerade
was den Aberglauben zum Abergliubon macht, das ängstliche Bangen um
weltliches Gut und leibliches Wohl nnd die unruhige Sorge, das liebe Ich
durch besonders geheimnisvolle und ivtinderktättige Mittelehen vor Schaden
sicherzustellen, fehlt ganz nnd gar bei Ep. Als ein Symptom dafür, wie
abhold die Stoa allem Mystisch-Phantastischen und damit auch allem Aber-
gläubischen in der Eeligion gewesen ist, erwähne ich beiläufig die Tat-
sache, daß Ep. von einer besonderen Verehrung der Dämonen, deren
Existenz er keineswegs bezweifelt, nichts wissen will. K. Prächter ver-
Epiktet und daa Neue Testameut 363
nicht mit ihnen rechten: sie waren hierin Kinder ihrer Zeit,
und gerade ilire Philosophie, ihre Idee vom Weltorganismus,
von dem innigen Zusammenhang aller Dinge, gab ihnen am
allerwenigsten Veranlassung, an dem herkömmliehen Glauben
Kritik zu üben. Aber aus Rp. ersehen wir, daß ihnen auch
die Mautik nur eben dn Stück des äußeren Kultes, eine
Handleitung für das äußerlich praktische Verhalten war und
ihre philosophische Überzeugung und Lebensführung in keiner
Weise beeinträchtigte oder störte. Gerade Ep. führt es so
schön und deutlich aus, daß man die Mautik leidensahaftslos,
ohne krampfhaftes Begehren und ohne Furcht vor dem Schicksal
gebrauchen soll (II 7), so daß die innere Freiheit und Er-
habenheit des Subjektes auch hierbei völlig gewahrt bleibt.
Und wenn er als höchstes Beruhigungsmittel den schon von
Thaies überlieferten Satz anwendet „Alles ist voll von Göttern
und Dämonen" (III 13, 15), so sehen wir, daß hier alle aber-
gläubische Angst noch sicherer überwunden ist als im Neuen
Testament, wo der Fürst dieser Welt und die Geister der
Finsternis zwar als durch Gottes Sohn besiegt und gebannt
erseheinen, der Glaube an ihre Existenz aber immerhin auch
den Frommen bisweilen noch bange machen kann.
B. Stellung zum Leben und zur Welt
Für die Stoa wie für das ursprüngliche Christentum ergab
sich aus ihrem Glauben an ein absolutes, von der Welt an-
abhängiges Glüek des einzelnen von selbst eine gewisse Gleich-
gültigkeit gegen die äußere Gestaltung und Dauer des eigenen
Lebens wie gegen die äußere Entwicklung der Welt und des
wendet diesen Zug unter anderen dasu, die Verschiedenheit der beiden
früher zu einer Person zusammengeworfenen Hierokles, des Stoikers und
des Keuplfttonikers, aufzuzeigen nnd sagt Ton dem ersteren, daß er, obwohl
die Stoa für die Aufstellung besonderer Pflichten den Dämonen gegenüber
Anknüpfungen bot, doch der in dieser Hinsicht in der stoischen Päicliten-
lehre berrselienden Praxis sich angeschlossen habe, die den Dämonen keinen
eigenen Rang unter den Pflicht Objekten einräumte (Hierokles der Stoiker
S. 13). — Im übrigen hat Beitzenstein Recht, wenn er es beklagt, daß es
„zum schweren Schaden für unsere Religionsgeachichte" noch keinerlei
Überblick über die ^eofMyovfieva der jüngeren Stoa gebe (Zwei religio nsgeseh.
Fragen, Straßburg T90I, 8. 80*).
364 Adolf Bonhoffer
Lebens der Menschheit insgesamt. Diese Welt- und Leben s-
verachtnng ist aber auch beim Christentum, geschweige
denn bei der Stoa, keineswegs Pessimismus oder auch nur
Resignation. Von beidem Isann man nur da reden, wo der
Mensch an der Möglichkeit seines eigenen vollen Glückes
zweifelt oder verzweifelt, was ja in geradem Gegensatz steht
zum stoischen und znm ebristlichen Glauben, den entschiedensten
Feinden einer pessimistischen Lebensansiclit. Wenn bei Ep.,
noch mehr im Neuen Testament, der Zustand der Welt und
Menschheit zuweilen sehr trübe und „pessimistisch" beurteilt
wird, so ist dies die notwendige Folge ihrer hochgespannten
Gliicksforderung, also gerade ihres idealistischen Optimismus.
Was aber beiden gleichermaßen fehlt, das ist ein le!>endiges
und kräftiges Interesse an der Verbesserung der äußeren
Lebensbedingungen , an dem Fortschritt der menschlichen
Kultur. In weit höherem Grade ist dies freilich der Fall
beim Christentum. Mag es ihm später, ja verhältnismäßig
recht bald, gelungen sein, einen Ausgleich zwischen Diesseits
und Jenseits zu finden, mag es heute nur noch in gewissen
Kreisen einen asketischen und kulturfeindlichen Charakter
tragen, so sollte man doch billigerweise niclit mehr bestreiten,
daß das Neue Testament fast durchweg diesen Geist atmet.
Dies soll kein Vorwurf sein, sondern nur ein Zeugnis dafür,
daß hier wirklich Ernst gemacht wird mit dem Evangelium,
was man von der heutigen Christenheit im großen ganzen
nicht sagen kann. Für die Stoa fällt das Haupthindernis für
die Schätzung der weltliehen Kultur weg, die eschatologische
Richtung des Glaubens und Denkens; sie findet daher auch
eine positivere Stellung zu den sogenanuten weltlichen Lebens-
gütern. Das alte Vorurteil von der gefühllosen Stumpfheit
und Gleichgültigkeit der Stoiker gegenüber den Aufgaben und
Vorgängen des Weltlebens kann heute glücklicherweise als
überwunden gelten. Man sieht ein, daß der von Zenon schon
eingeführte Begriff des ftQotjyiifvov nicht etwa eine Inkonsequenz
des Systems enthält, sondern vielmehr den eigentlichen Kern
der stoischen Ethik und ihr Hanptuuterscheidungsmerkmal
gegenüber dem Kynismus bildet \ Am besten hat unter den
' E. Caird aaO. IIlMlf. : Die Stoiker hielten liie äaßeren Güter iiiclit
Eliiktet uud dag Neue TestaiDent 365
Neueren die Meinung der Stoiker zum Ausdruck gebracht
H, V. Arnim, wenn er über ihre Lehre vom ÄdJaphoron und
Proögmenon und von der Auswahl des Naturgemäßen sagt:
„Es zeigt sich also, daß die Dinge, welche vom Standpunkt
des Gluckseligkeitsstrebens aus für indifferent erklärt werden
mußten, vom Standpunkt des naturgemäßen Lebens aus keines-
wegs indifferent sind. Auswählen ist in praktischer Hinsicht
die Hauptfunktion der Vernunft" (Die europäische Philosophie
des Altertums, Kultur der Gegenwarf I 5 8. 241). Etwas
Ähnliches kann man freilich auch von den nentestamentlichen
Schriftstellern sagen. Auch sie verlangen, daß der Gläubige
arbeite um seinen und der Seinigen Lebensunterhalt, für seine
Gesundheit und Wohlfahrt sorge, soweit es das Gewissen er-
laubt. Und auch der Christ tut dies, genau wie der Stoiker,
nicht deshalb, weil ihm besonders viel an seinem irdischen
Leben und Wohl gelegen wäre, sondern weil er es als Gottes
Wille, als seine Pflicht erkennt und auch in der Sorge ums
Zeitliche seine Gewissenhaftigkeit, seine Treue im kleinen zu
zeigen hat. Trotzdem bat dieser Teil der Pflichterfüllung,
die s^ifiiXeia in der zg^ött; der Hai (Diss. 11 5), bei Ep. eine
weit größere Bedeutung als im Neuen Testament, weil für ihn
dieses irdische Leben das einzige und die Führung dieses
Lebens die einzige und vollgültige Gelegenheit zur Betätigung
der geistigen Kraft und Freiheit ist, während es für den
Christen nur eine untergeordnete Rolle spielt gegenüber dem
erhofften ewigen Leben, wo alle diese weltlichen Beschäftigungen
und Betätigungen in Wegfall kommen.
für aliBolut, sondern nur für relativ gkicb gültig ia dem Sinne, daß die
Summierung TOii eadlicliea Werten keinen unendlichen gibt . . . Die Lehre
von den Jtpo'?/^)â„¢ wurde oft als Inkonsequenz beUaehtet ; atier sie geiiBrt
znr ältesten Form des Dogma's und ist ein notwendiger Teil ihres Systems. —
Die verhältniBKlilEige Gleieligültigkeit Bp.'s gegen das WiBsen nni den
i'ortschritt der Wissenschaft erklärt Misch sehr gut, wenn er sagt; „Er
weist nicht darum das Wissen ab, weil er wie die Eyniker sich mit dem
suuyeränen sittlichen KraftgefUlil des isolierten Individuums begnügt, sondern
weii der objektive Zusaiamenhang von natürlichen EegrifCen, auf den die
Stoa die persönliche Sittlichkeit gründete, schon als sicheres Gut erarbeitet
war" (aaO, 260), — Tgl. übrigens über Ep.'a Stflllnng zur Wissenschaft
B ^ 13* ft.
366 Adulf Büüliüffer
So zeigt denn Ep., unbeschadet seiner inneren Erliebung
Über die "Welt, doch unleugbar ein frisches und gesundes
Interesse an dem Weltgeschehen und am Tun und
Treiben der Menschheit, eine Freude an den Werken der
Technik und der Kunst, die wir im Neuen Testament ver-
geblich suchen, die aber in der Stoa ganz natürlich ist, weil
sie in allem Menschlichen, in jeder Geschicklichkeit und
Tüchtigkeit eine, wenn auch nicht die höchste, Oft'enbarung
der alles durehwaltenden Vernunft erblickt Näher ausgeführt
habe ich dies in meiner „Ethik des Stoikers Ep." S. 40 ff-,
und ich verweise hier nur noch auf die an treffenden Be-
merkungen reiche, schon früher erwähnte Abhandlung von
K. Hartmaun über „Arrian und Ep.", der sich folgendermaßen
auisspricht: „Es gehört überhaupt zu Ep.'s anziehendsten Seiten,
daß ihn das reale Leben in seinen wichtigen und unscheinbaren
Zügen stark fesselt . . . und daß er aus der bunten, seiner
Phantasie stets bereit liegenden Summe des Lebens tausend
drastische Anknüpfungen für die ethischen Fragen gewinnt,
die er seinen Hörern an die Seele legt" (S. 256).
Auch über den Leib und seine sinnlichen Bedürfnisse
urteilt Ep. weit natürlicher als das Neue Testament, Ich habe
zwar früher darauf hingewiesen, daß in gewissem Sinne der
Leib hier höher gewertet wird als in der Stoa, weil er als
unabtrennbarer Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit
auch an deren himmlischer Verklärung teilnehmen wird (S. 58).
Aber in seiner dermaligen Beschaffenheit ist er doch nur ein
Sitz der sinnlichen und sündigen Triebe, und es läßt sich
nicht leugnen, daß es dem ersten Christentum außerordentlich
schwer gefallen ist, dem stärksten dieser sinnlichen Triebe,
dem geschlechtlichen, eine gewisse natürliche Berechtigung
zuzuerkennen, während Ep. dies ohne weiteres tut und sich
nicht scheut, auch die wunderbare Einrichtung dieser /.w^ia
und ihrer zc^ws als einen Beweis der göttlichen Weisheit zu
preisen (I 6, 9). Wenn er es andererseits doch auch wieder
als einen Vorzug des Alters erkennt, über geschlechtliche
Bedürfnisse hinaus zn sein, so wird darin niemand eine un-
gesunde Askese erblicken können (Diss. fr. 23, Schw. 94) '.
' Wenn P. Feine sagt, der sinnlichett Seite des Lebens wolle der
Epiktet und das Neue TeBtatneiit 367
Auch die im gleichen Zusammenhang und Diss. I 9, 10 ff. sich
findende Betonung der Mühe und Widerwärtigkeit, welche die
Pflege des Leibes erfordert, darf nicht etwa als pessimistische
Anwandlung betrachtet werden. Wenn er hier das ganze
irdische Leben als einen Dienst bezeiclinet, den man Gott
leisten müsse und von dem der Tod den Mensehen erlöse, so
soll diese nur aus pädagogischen Gründen angestellte Be-
trachtungsweise bloß dazu dienen, seineu Schülern die über-
mäßige Wertschätzung des Leibes und das begehrliche Hängen
an diesem Leben zu verleiden. In dem sittlich Gebildeten hat
diese Stimmung keine Berechtigung und kann nicht aufkommen
gegen das Gefühl das ihn täglich und stündlich erfüllen und
behen-schen soll, daß dieses Leben, wenn es im Gehorsam
gegen Gott geführt wird, gut und schön und an beständiger
Freude reich ist, so daß er, ob der Tod früher oder später
kommt, nie anders als mit innigem, frommem Dank für das,
was er schauen und genießen durfte, es beschließen wird.
Daß diese Auffassung richtig ist, daß diese kleinen Miseren
des Leibes den Optimismus Ep.'s in keiner Weise zu trüben
vermögen, bestätigt sich vollends, wenn wir sehen, daß er auch
den größeren und besonderen Übeln und Leiden, die über
den Menschen kommen können, nicht den geringsten Einfluß
auf das Glücksgefühl des Weisen zuerkennt. Genaueres über
die verschiedenen Betrachtungsweisen, durch welche Ep. die
Stoizismus wenig Becbt einräumen, eine Richtung', welche dem Urchriateutum
und auch Fl nicht fremd sei (aaO. 79), so hut er von Ep. keinen ganz
riehtigen Eiiidrupk bekommen; Ep. gibt der Sinnlichkeit ihr Recht, aber
freilich anch nur dieses, während man das vom Neuen Testament nicht
sagen kann. — Ebenso schief ist es, wenn J. Weiß Ep.'s Stellung zur Ehe
mit derjenigen des PI vergleicht und den Ton, in welchem jener von der
Ehe Kpricht, kalt findet (Die cbriatl. l'reiheit 27): ich finde ihn sogar sehr
warm, so warm, als er innerhalb der griechischen Welt überhaupt möglich
war. — Auch E. Caird geht za weit, wenn er in der Stoa einen ungelösten
Antagonismus zwischen üptimismus und I'esaimismus findet (aaü. II I2ö);
pessimistisch berührt sie nur uns, insoweit wir eine derartige Beschväukung
des Glücks auf das Innere eben nicht für naturgemäß halten und ein sinn-
liches Sicbausleben fordern. Richtig urteilt hier wieder Ogereau, wenn er
sagt: der Stoizismus fiel, als sich in der alten Welt keine Seele mehr fand,
so mutig und stolz, um sich angezogen zu fühlen Tou der Strenge und
hohen GrüiJe seiner Lehre (aaO. 801),
368 ^^0^1 Bonhöffer
sogenannten Übel des Daseins überwindet, ja zu einem Ferment
der sittlichtiu Bildung; macht, ündet man in meiner Kthik Ep.'s
S. 20ff. Hier hebe ich nur hervor, daß die Stellung zum Übel
einer der Punkte ist, wo die Verwandtschaft zwischen Ep,
und dem Neuen Testament besonders klar zutage tritt \ Die
Überwinderstimmung ist bei ihm ebenso stark und lebhaft
wie dort, nur daß er keine Holfnung auf eine ewige Herrlich-
keit vonnoten hat. Die tieffromme Überzeugung;, daß auch
die schwersten Leiden die Liebe Gottes niemals in Frage
stellen können, die männliche Ansicht von der erzieherischen
Wirkung, ja Notwendigkeit des Übels, ja sogar der Gedanke,
daß es eine Ehre und Würde ist, Schweres dulden zu dürfen,
um als Gotteszeuge die sieghafte Kraft des Glaubens, be-
ziehungsweise der philosophischen Bildung vor der Welt zu
offenbaren, alles das ist der Seele Ep.'s so gegenwärtig wie
den ersten Jüngern Jesu und kommt in seinen Reden kaum
weniger ergreifend zum Ausdruck als etwa in den Briefen
des PI. Dabei sind beide doch gleich weit entfernt von eitler
Prahlerei mit dem Unglück und ungesunder Martyriums-
schwärmerei. Wie der Christ auch wieder herzlich dankbar
ist für jede gottgesandte Linderung des Leidens, so gibt auch
Ep., obwohl er, im Unterschied von dem hierin natürlicher
denkenden Christentum, ein „Leiden" grundsätzlicli gar nicht
anerkennt, doch gelegentlich einer weicheren Stimmung und
menschlicheren ßegong Raum, wenn er z. B. den hohen AVert
eines guten Freundes unter anderem auch darin sieht, daß er
uns die Unbilden des Lebens „wie eine Last" tragen hilft und
sie eben durch seine Teilnahme erleichtert (IV 13, 16). Ein
wichtiger, Unterschied bleibt allerdings bestehen: ein Gebet
um Erlösung von dem Übel kennt Ep. nicht, weil er überhaupt
kein „Übel" anerkennt und eine in äußeren Wirkungen sich
' Etwas zu viel gesagt oder wenigstens mißverständlich ist es, daß
dem Kynismus nnd der Stoa Leiden und Übel das Wesentliehe am Menschen-
leben seien (P. Wendlaiid, Hellen, röm. Eultur 137). Richtig ist, daß keine
ftadere Philosophie mit der Allgemeinheit und Unvermeidltchkeit der Übel
ao sehr rechnet wie die stoische, und daß deren Überwindung und Ver-
achtung allerdings ein wichtiges Stück der stoischen Ethik bildet. Aber
am Menschenleben ist dem Stoiker das Leiden gerade das Unwegentliche,
die innere tjelbstbehanptnng dagegen das £in cmd Alles.
Epiktet und das Nene Testament 369
zeig'ende Beeinflussung des göttlichen Willens durch das Gebet
nicht annimmt'. So berührt uns die christliche Tapferkeit
einerseits wohltuender als der das Menschenmögliche fast
übersteigende stoisclie Heroismus; andererseits gerät dieser
auch nicht in die Schwierigkeit, den Glauben an die Gebets-
erhörung trotz anscheinend erbarmungslos fortdauerndem Leiden
festhalten zu müssen, ein Glaube, der, wenn er wirklich vor-
handen ist, den inneren Zusammenbruch riskiert, wo nicht,
in aller Stille ins Geistige umgebogen wird, so daß er schließ-
lich der stoischen Selbstbehauptung und Selbsterlösung ziem-
lich nahe kommt.
C. Stellung zur Sünde (Sünde und Sittlichkeit)
Auch auf diesem Gebiet sind die Berührungen Ep.'s mit
dem Neuen Testament zahlreich und wichtig, doch tritt zu-
gleich auch die grundsätzliche Verschiedenheit der Aulfassung
stark hervor. Schon das Wort afiagTla hat im Munde des
Stoikers einen wesentlich anderen Sinn als dort, es bedeutet
nicht eine wissentliche Übertretung des positiven göttlichen
Gebotes, sondern eine auf Unwissenheit beruhende Abweichung
von dem Pfad der Vernunft. Kein Satz kehrt wohl bei Ep.
häufiger wieder, als daß jede Seele unwissentlich sündigt
und nur deshalb sündigt, weil sie ihren wahren Vorteil nicht
kennt und ihr Glück auf einem falschen Wege sucht. Während
nach biblischer Anschauung jede Sünde eine Handlung ist,
die hätte vermieden werden können und sollen, geht Ep. in
der Anwendung jenes Grundsatzes so weit, daß er die schwersten
^ Dies ist z. B. eiu Punkt in der stoischeu Theologie, iler yielleicht
noch etwas klärer gestellt werden konnte, nämlicli ob aod inwieweit sie
eine äuüere Wirkung von religiösen Handlungen, z. B. eine Besserung der
Krankheit durch Gebete uud Opfer oder i^aoiSai erwartet haben. Wer
hierin auch nur ein Minitunm einräumt, gibt eigentlich seine völlige Adia-
phorie gegen alle äußeren Geschehnisse nnd hiermit seine Autarkie griind-
Bätzlich preis. Möglich, dal! die Stoiker in diesem Punkt die Pietät nu
weit getrieben uud mehr oder weniger gedankenlos herkömmliche Gebräuche
mitgemoEht haben, die in ihrem System eigentlich keinen Sinn mehr hatten.
Daß hei Ep. diese religiösen Mittel zur Erlangung des filiicks oder Be-
wahrung Tor Unglück tatsächlich keine Eolle spielen, wird jeder, der ihn
kennt, bestätigen.
BenglonsEeacJilcbtllche Versucbe u. Vorarbeiten X. al
370 -Adolf BonhiifEcr
Verbrechen als notwendige, unvermeidliche Folgen eines
falschen Urteils über das Nützliche und Schädliclie betiaclitet.
So bekommt es manchmal den Anschein, als ob er es äußerst
leicht, ja fast frivo! mit der Sünde nähme, und allerdings
suchen wir die Vorstellungen, die dem christlichen Begriff der
Sünde den Stempel furchtbaren Ernstes aufdrücken, die Vor-
stellung des beleidigten, in seiner Ehre verletzten Gottes, des
göttlichen Zornes, des Siindenfluches und der höllischen Ver-
dammnis, welche das Ende der Sünder ist, bei ihm vergebens.
Und doch ist auch Ep. in seiner Art kein geringerer Eiferer
gegen die Sünde als die Propheten und Apostel und weiß ihre
Verderblichkeit seinen Schülern nicht weniger ernsthaft und
beweglich vor die Seele zn steilen: was aus der Sunde folgt,
ist nicht mehr und nicht weniger als der Verlust des Menseh-
seins, das Heruntersicken auf die Stufe des Tieres, in seinen
Augen dasselbe, was für den Christen die ewige Verdammnis.
Und wenn das Hochgefühl des Weisen hauptsächlich darin
besteht, sich mit Gott eins zu wissen und in seiner Gemein-
schaft zu leben, so entbehrt der Sünder eben diesen höchsten
Genuß, er lebt, christlich gesprochen, ferne von Gott, hat
keinen gnädigen Gott. Öfter spricht Ep. es aus, daß die
Leute, die geistig blind in der Sünde dahinleben, weit be-
mitleidenswerter seien als diejenigen, die des äußeren Augen-
lichtes ermangeln. Wenn in der Bibel mehr der Abscheu vor
den Sündern als das Mitleid mit ihnen hervortritt, so fehlt
doch auch dieses keineswegs ganz, bildet vielmehr einen Grundton
des Evangeliums Jesu, der die Sünder weit mehr als Irrende
und Verblendete denn als bösartig Widerspenstige betrachtet
und behandelt und gelegentlieh auch schwere Versündigungen
mit erstaunlicher Milde beurteilt hat.
Andererseits vermag auch Ep. seinerseits scharfe Saiten
aufzuziehen gegen die Sünder, wie seine Brandmarkung des
Ehebrechers (11 i, Itl.'j, seine Strafrede gegen den weichlichen
Vater, der von seinem kranken Kinde wegläuft, und so manches
andere kräftige Wort beweist. Auch darin steht Ep., wie
wir sahen, dem Neuen Testament sehr nahe, daß er die große
Verantwortung mangelnder Achtsamkeit auf sich selbst und
das Risiko fortgesetzten Sündigens und beständigen Aufschubs
Epiitet und das Nene Testament 37I
der Besserung gleicliermaßen betont me die stets noch be-
stehende Möglichkeit der Bekehrung. Ebenso kennt er aber
auch — als Ausnalime — eine Art von Verstocktheit und
tiefwnrzeluder Schamlosigkeit, die eine Rettung kaum mehr
als möglich erscheinen läßt und stark an das Wort Jesu von
der Sünde gegen den Heiligen Geist erinnert. Auch daS
stoische Paradoxon von der Gleichheit aller Sünden hat seine
Parallele in der christlichen Vorstellung, daß jede Sünde die
Verdammnis verdient, ist übrigens ja nur der Ausdruck des
tiefefl sittlichen Ernstes, mit welchem hier jede Abirrung von
der Vernunft, wie im Neuen Testament jede Sünde als eine
Verleugnung des Gnadenstandes, gleichsam als etwas Absolutes,
nicht bloß Kelatives beurteilt wird.
So kann man denn sagen, daß Ep.'s Lehre von der Sünde
materiell, d. li. soweit es sich lediglich um das Moralische
handelt, in allen Hauptpunkten mit der neuteatamentliehen
übereinstimmt, während sie formell, d. h. wenn man auf die
begleitenden Vorstellungen und die durch sie hervorgerufenen
Gefühle achtet, allerdings ganz und gar von derselben ab-
weicht. Er weiß nichts von einem Erschrecken über die
Sande, von einer Furcht vor Gottes Zorn, von Zerknirschung
und Tränen bitterer Eene, nichts von demütiger Bitte um ver-
zeihende Gnade und von seligem Jubel über die erlangte
Vergebung. Es vollzieht sich eben alles nicht zwischen Gott
und Mensch, sondern in dem letzteren allein und ohne ^ä&og,
ohne eigentliche gefühlsmäßige Kegung, in der nüchternen
Form der vernünftigen Erkenntnis und des hieraus ent-
springenden Handeins. Wohl nimmt auch Ep. an, daß in dem
Augenblick, wo der Mensch zur cäa-9r]{ng ri;g [täxr/s, zur Wahr-
nehmung des Widerspruchs zwischen seinem Handeln und dem
erstrebten Ziel des Glückes gelangt, ein gewisser Schmerz
ihn durchzuckt, ein Unbehagen ihn ergreift. Aber er will
nicht, daß man diesem Sehmerz sich hingebe, ihn zum Affekt
sich auswirken lasse und in einen desolaten Zustand gerate,
sondern daß man nach gewonnener Erkenntnis eiuen festen
Entschluß der Umkehr fasse. Ein gewisses Maß von Selbst-
vorwürfen scheint ihm allerdings hierbei nicht zu ver-
meiden, ja er erklärt dies geradezu als das Merkmal des
24*
372 Adolf BonhSffer
jjQYfiivos 7taiöev£o9-ai, des Anfängers in der sittlichen Bildung,
daß er niemand anderem Vorwürfe macht als sich selbst
(Ench. 5); aber dies ist doch keine eigentliche Reue ^ höchstens
ein intellektuelles Äquivalent dafür. Und wenn im Neuen
Testament von einem Zittern um das eigene Seelenheil die
Eede ist, so setzt auch Ep. ein ähnliches Gefühl voraus, wenn
er einem Abgefallenen in ergreifenden Worten in Erinnerung
ruft, wie er früher, als ngoxÖTiruiv, darob in Angst war, daß
ihn niemand in dem begonnenen Heiligungsstreben iitb machen
möchte (IV 9, 10). Doch erklärt er auch wieder alles Angst-
haben um das, was man doch sicher erreichen und von sich
selbst erlangen kann, für töricht (II 13, 9), und es ist ja
selbstverständlich, daß eine Ethik, welche die Affekte als die
eigentlichen Feinde des Menschen bekämpft, nicht an den
Anfang sozusagen eine Kur durch Affekte setzen kann. Also
wenn und soweit diese mit dem Erwachen des Gewissens ver-
bundenen Gefühle der Reue und Niedergeschlagenheit zu den
unausrottbaren Bedürfnissen des menschliehen Herzens ge-
hören, erreicht Ep. in diesem Punkte das Niveau des Neuen
Testamentes nicht; in Wirklichkeit aber dürfte die christliche
Reue an Ernst und Tiefe meistens zurückstehen hinter dem,
was Ep. an ihrer Stelle verlangt.
Der Lehre von der Sünde entspriciit nun naturgemäß
auch die Lehre von der Tugend oder Sittlichkeit. Auch
hier ist der Mensch nach Ep. auf sich selbst gestellt, kann
jeden Fortschritt, jede Vollkommenheit aus sich selbst, durch
den Gebrauch seiner Vernunftkraft erzeugen, während nach
dem Neuen Testament Gott nicht bloß das Vollbringen, sondern
auch das Wollen schafft, jede Tugend also ein Charisma ist.
Dieser Unterschied ist aber in Wirklichkeit nicht so groß wie
er scheint. Einerseits ist uämlich auch dem Ep. der Gedanke
nicht fremd, daß man eine große sittliche Aufgabe, ja über-
' „Ep. spricht nie von Beue angesichiä des Todes, dis Alten scheinen
von ihrem läuterndeu und beseligenden Einflnfl auf den Charakter keine
Vorstellang gehabt zu haben" (Leoky 177], — Daß die Stoiker die Eene
nicht kannten, mag mau hedauern; aber bei ihrer Lehre von der TlnvBr-
unnft aller Affekte lieü sich eine Berechtigung, geschweige denn ein Segen
der (emotionalen) Beae unmäglich behaupten.
Epiktet uüd dits Nene Testament 373
Iiaupt die sittliche Aufgabe nicht anfangen soll „ohne Gott"
und nur vollbringen kann in beständigem Aufblicken zu ibm,
also sozusagen in seiner Kraft. Andererseits kann auch die
Paränese des Neuen Testaments nicht auskommen ohne In-
anspruchnahme des selbsttätigen Willens des Mensehen: oft
genug-, namentlich in den Reden Jesu selbst, wird einfach
vorausgesetzt, daß der Mensch von sieh aus imstande ist, die
göttliche Wahrheit zu erkennen und sich für deren Annahme
und Befolgung zn entscheiden. Wenn er dann hinterher diese
Erkenntnis und dieseu Willensakt selbst als etwas Gott-
gewirktes erkennt, so ist dies nur eben die religiöse Be-
trachtungsweise, welche alles Geschehen, aucli das geistige und
moralisehe, deterministisch auf den Urgrund alles Seins zurüek-
führt; formell d. h. psychologisch ist auch bei der christliehen
Bekehrung und Heiligung die Mitwirkung, ja die Spontaneität
des eigenen Willens das Ausschlaggebende ^ Diesem religiösen
Determinismus des Neuen Testaments entspricht der
philosophische des Stoikers, wonach aus dem Menschen nichts
herauskommt, was Gott nicht von Anfang an in ihn h'inein-
gelegt hat: so entsteht auch dem Ep. die Tugend nicht anders,
als daß der Mensch die Anlagen seiner Natur entwickelt, das
Wirken Gottes in sich nicht hemmt, oder wie er und M. Äurel
sich besonders gern ausdrücken, den innewohnenden 5ai(itav
rein und unverletzt bewahrt.
Diese Demut folgt aber ganz notwendig aus der Höbe
und Reinheit des sittlichen Ideals, das die Stoiker
aufgestellt haben und das auch durch das Ciiristentum nicht
' Etwaa allza beatimmt yeraiehert uns Hilty (aaO. 79), daQ tlaa Christen-
tnm mit iler Stoa hier gänzlich übereinstimme: „es erklärt ebecfaHs,
daB der Wille in unsrer Maubt steht; wo dies geleagnet wird, hört
überhaapt jeder Begriff von Moral und jede DiBknasioii über Bokhe Themata
anf. Wenn er dann fortfährt: „dagegen verweist es allerdings in der
Folge die Menschen nieht auf die eigene Kraft, sondern verlangt eigent-
lich bloß diese eine „Wendnng" kh Gott", so wird man doch sagen dürfen,
wer diese entscheidende Wendung aus eigener Willenskraft ToUfaringen
kann, sollte auch in der Folge mit seinem Willen vorwärts kommen
können. — loh glaube, man kommt in dieser Frage ans Widersprüchen
nicht heraus, wenn man nicht die psychologische und die religiöse Be-
traeh tun gs weise unterscheidet.
374 Adolf Bo!ih6ffer
Übertroffen werden konnte. Mau wird in der Tat schwerlich
auch nur einen Zug chrisüiehei- Vollkommenheit, wie sie im
Neuen Testament in Wort und Beispiel vor Augen geführt
wird, entdecken, den nicht auch Ep. als einen wesentlichen
Faktor des wahrhaft sittlichen Menschen evkaimt und ge-
fordert hätte: nicht bloß die aitgriechischen Tugenden der
Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung, der Pietät und des
Öemeinsinns, sondeiTi auch die „spezifisch christlichen" Tugenden
der Keuschheit und Herzensreinheit, der Sanftmut und Milde,
der duldenden, vergebenden und hilfreichen Liebe {avyyrw-
novixög avvsQyi^tiYÖs) sind für ihn in dem Begriff des Menschen
beschlossen. Auch darin gleichen sich beide Anschauungen,
daß jede, auch die scheinbar geringfügigste Handlung der
ethischen Beurteilung unterstellt wird, so daß die Vorstelhing
von besonders verdienstlichen, ethisch fakultativen Werken
so wenig aufkommen kann wie im echten Oliristentum. Wenn
Ep. zuweilen andeutet, daß einzelne besonders gottbegnadete
Menschen über das Maß dessen, was von allen, die Mensehen
sein wollen, gefordert wird, noch hinausgehen und sich be-
sondere Entsagungen auferlegen, so billigt er dies nur unter
dem Gesichtspunkt des besonderen individuellen Berufs des
Uotteszeugen, genau so wie Jesus, wie Fi freiwillige Opfer
gebracht haben, weil diese durch ihren besonderen oder einzig-
artigen Beruf gefordert waren. Eine Verallgemeinerung und
genossenschaftliche Regelung dieses asketischen Lebens, wie
es nachmals im christlichen Mönehtum Gestalt gewonnen hat,
wäre sicherlich nicht nach seinem Geschmack gewesen '.
"Wenn so das sittliche Ideal Ep.'s nach Höhe, Art und
Umfang dem des Neuen Testaments ebenbürtig ist, so kann
man doch in der Motivation des sittlichen Handelns dem
letzteren einen Vorzug zuerkennen. Zwar im Evangelium
Jesu selbst ist das oberste Motiv der Heiligung schließlich
kein anderes als das stoische der Selbsterhaltung (im höheren
Sinne). Aber in den Briefen Pauli und den johanneischen
Schriften tritt an deren Stelle mehr das persönliche Motiv
' Nur mit dieser EinaeliräukDiigf kann inan aageii, Ep. betrachte iaa
Leb(.a der absoluten Entsagung als ein Ideal [Caird aaO. 148).
EpiktDt uüd das Neue Testament 375
der dankbaren Liebe zu Gott und seinem Soline, der durcli
seinß Liebestat eine ewige Erlösung' erfunden hat. Tq der
gläubigen Liebe zu ihm liat der Christ eigentlich mit einem
Mal alle die ethischen Kräfte und Güter, welche der Stoiker auf
dem miilisamen und entsagungsvollen Wege der philosophischen
Eildung nach und nach zu erringen trachtet. Es ist gar keine
Frage, daß durch diesen zentralen Akt des gläubigen Erfassens
der göttlichen Liebe das AVerk der Heiligung außerordentlich
vereinfacht und sozusagen erleichtert wird: ein Bück auf den
Gekreuzigten sagt dem Christen sofort und ohne logische
Deduktion, was er zu tun und zu lassen hat, und es fällt für
ihn auch die ganze Diszipliuierung und, zum Teil, auch
Mechanisierung 1 des ethischen Wachstums hinweg, die Ep.
so virtuos zu handhaben weiß. Doch die Erfahrung zeigt, daß
es schon sehr tief religiös angelegte Xaturen seiu miis-sen,
welche auf jenem einfachen Wege des Glaubens zu einer
vollentwickelten Sittlichkeit gelangen. Aber auch da, wo dieses
Höchste nicht erreicht wird, und wo der Glaube keine die
Persönlichkeit beherrschende Macht ist, hat er, für den ge-
meinen Mann nämlich, der keiner logischen Ableitung seiner
Pflichten zu folgen vermag, eine bewahrende und sittigende
Kraft, der die Philosophie nichts an die Seite zu stellen vermag.
D. Stellung zur menschliehen GeselLschaft
Das Verhalten zu den Nebennienschen bildet einen wesent-
lichen Bestandteil der Sittlichkeit und ist nach dieser Seite
schon im vorigen Abschnitt zur Sprache gekommen. Hier
handelt es sich aber darum, weiche Bedeutung das mensch-
lich e G e ni e 1 n s c h a ft s 1 e b e n und das Wirken des einzelnen
für die Menschheit und auf die Menschheit im System des
Ep. verglichen mit dem Neuen Testamente hat. Hier liegt
nun die A nnahme nahe und ist auch schon oft zuungunsten
' Daß die im ganzen liöctst vernünftigen Ausichten Bp.'s über die
Notwendigkeit einer methodi sehen aittlichen Selbstzucht eine gewisse Neigung
zu mechanischem Seelendrill haben, soll nicht geleugnet wcrdeB. Vgl. be-
sonders die Ausführung in Diss. 11 IS, 12 S.. wo er rät, die Tage za zählen,
»n welchen man dem Zorn, dem Arger, der lüsternea Begierde wider-
standen habe.
376 Adolf BoDbüBer
der Stoa vertreten worden, daß der Stoiker gleichgültig gegen
die raenschliehe Gemeinschaft sei, weil er ja vermöge seiner
Autarkie den Verkehr mit Menschen und Hilfe und Förderung
von anderen entbehren könne. Gewiß gehört auch das zur
vollen Unabhängigkeit von allem Äußeren, die er erstrebt, und
Ep. führt in dem Kapitel über die iei^ula (III 13) diesen Ge-
danken in schöner Weise aus, daß der Mensch auch dazu die
innere Kraft haben müsse, sich an sich selbst genügen zu lassen
und sein eigener Gesellsehafter zu sein, und zeigt, wie der
Philosoph auch die Einsamkeit ertragen und sich nutzbar
machen kann. Aber an derselben Stelle erklärt er den Trieb
nach Gemeinschaft und liebendem Anschluß an andere und die
Freude an dem Umgang mit Menschen als ein natürliches
Bedürfnis. Dieses Gemein sehaftsbedürfnis betont er auch sonst
oft genug, und der Stoa überhaupt wird man den ßuhm nie
schmälern können, daß sie die echt griechische Freude am
Zusammenschluß und Zusammenlehen von ihrer politischen
und nationalen Begrenzung befreit und zur Freude am allgemein
Menschlichen, Kosmopolitischen weitergebildet hat. In dem
epiktetischen Satz, daß der wichtigste und umfassendste Verband
das avazTjfia e| äv^Qwnwv nal &eov sei (Diss. I 9, 4 vgl. Diog.
Laert. VII 138), liegt zugleich der Gedanke, daß auch die
Mensehen ihrerseits eine große Gemeinschaft bilden und, wie
mit Gott, so auch untereinander eng verbunden sind. Schwer
verständlich ist es deshalb, wie man vom stoischen Kosmo-
politismng sagen konnte, er entwerte nur die Gegensätze der
Völker, ohne sie durch einen gemeinsamen sittlichen Endzweck
zu einer höheren Gemeinschaft zu verbindend Was kann es
für einen höheren gemeinsamen Zweck geben, als mit Gott
und in Gott verbunden zu sein? Da tat v. Aruim gewiß
richtiger gesehen, wenn er sagt: „Die christliche Idee des
Gottesreichs, einer christlichen Menschheit, kann ihre Abkunft
von dem stoischen Kosmopolitismus nicht verleugnen" (Die
europ. Philosophie d. Altertums 249), und ähnlich urteilt
J. Karst, wenn er es das unvergängliche Verdienst der Stoa
nennt, daß sie die große Losung ausgab von der inneren Zu-
0. PJieiderer aaO. 51.
Epiktet und dae Neue Testament 377
sammengehörigkeit des Meiisclieiigeschleehts, das unter der
Herrschaft eines gemeinsamen Lebenszwecks und eines ein-
heitlichen Lebensgesetzes steht (Geschichte des heilenist
Zeitalters, II 1, Leipzig 1909, 133). Unzweifelhaft schwebt
es dem Ep. als sein Ideal vor, daß die Menschheit mehr und
mehr vom Logos durchdrungen und zu einer wirkliehen xöauov
TtöXtg, in weicher der Wille Gottes regiert, umgestaltet werde.
Es ist also gar keine Frage, daß die Stoa trotz ihrer Lehre
von der Autarkie des Weisen ein weit lebendigeres Interesse
an der kulturellen und ethischen P'ntwicklung der Menschheit
hatte als es das ursprüngliche Christentum mit seinem Glauben
an das bevorstehende Weltende und die Vollendung des Kelches
Gottes in einer neuen Welt haben konnte.
Im einzelnen läßt sich dieses positive Interesse an der
Menschheit bei Ep. in folgenden Punkten aufweisen. Die
durch die E h e geregelte Fortpflanzung des Menschengeschlechts
ist ihm eine selbstvei-ständliche Forderung der Natur und
Vernunft: von allem anderen (Naturtrieb, Differenzierung
der Geschlechter) abgesehen schon deshalb, weil zur Ver-
wirklichung des „Systems aus Gott und Menschen" das be-
ständige Vorhandensein der menschlichen Gattung als eines
gewissen Korrelats zur Existenz der Götter notwendig ist.
Er hat aber nicht bloß ein Interesse an dem physischen Fort-
bestand der Menschheit ', das im Neuen Testament begreiflicher-
weise fehlt — daher die Gleichgültigkeit des PI gegen die
Ehe, — sondern natürlich noch viel mehr an der richtigen
Qualität dieser Mensehen, die ja nur als Vernunftwesen diesen
Namen verdienen und zur Gemeinschaft mit Gott befähigt
sind. Die vollständige Verwirklichung dieses Ideals wäre
freilich erst in einem Staat der Weisen gegeben, der auch
für Ep. natürlich in unabsehbarer Ferne liegt. Aber auch
hierin folgt er dem vernünftigen Grundsatz, daß man, wenn
man nicht hoffen kann das Höchste zu erreichen, deshalb nicht
ganz von einer Sache absteht (L 2, 37) : dies ist der gesunde
Relativismus, der bei Ep. überall zutage tritt und die Ei-
' MnsoninB cap. 14 p. 73 ed. Hense,- Lips. J905: o dvaipmv iS "'»'-
S'^nitiv yä/io'', di-ai^et fiiii oixov, dvatjt£l äi ctoXiV^ aVaipsi Si avfinar 10
378 Adolf BonhÖffer
gorosität seines ethischen Absolutismus müdeit. Er findet
auch in dem jetzigen unvollkommenen Zustand der mensch-
lichen Gesellschaft ethische Werte ffenug, die auch der Philo-
soph, der sittlich Gebildete, zu achten und zu pflegen hat.
Vor allem legt er großes Gewicht auf die Beobachtung der
ax^oEis, der auf der ehelichen Fortpflanzung beruhenden
verwandtschaftlichen Beziehungen und der aus ihnen sich er-
gebenden Pflichten: es würde nach seiner Ansicht für die
ethische Betätigung auch des Weisen eine wesentliche Lücke
bedeuten, wenn es Gatte und Gattin, Vater und Kinder, Bruder
und Schwester nicht mehr gäbe K Ebenso verkennt er den
ethischen Wert des bürgerlichen Lebens keineswegs.
Schon der physische Fortbestand der Menschheit erfordert,
dai3 jedes Glied seine Kräfte anstrengt in Arbeit und Erwerb;
abgesehen davon ist es eine soziale Pflicht des Menschen,
eine für die Ökonomie "der menschlichen Gesellscliaft not-
wendige und nützliche Tätigkeit auszuüben, und wäre es auch
die geringste und niedrigste, z. B. diis Wasserschöpfen, durch
welches Kleanthes seinen Unterhalt verdiente. Wer nichts
Tüchtiges gelernt hat oder die moralische Energie nicht be-
sitzt, jede sich bietende, die Selbstachtung nicht verletzende
Arbeitsgelegenheit zu benützen, vermag eben keinen mensch-
lichen Platz auszufüllen (II 4, 5); einem solchen ruft er zu:
„Warum hast du dich selbst so unbrauchbar und unnützlich
gemacht, daß dich niemand ins Haus aufnehmen, niemaud sich
deiner annehmen will? . . . was magst du noch leben, wenn
du so (nichtsnutzig) bist?" (III 20, 25 ff'.). Ist so Arbeit und
Berufserfüllung die Grundlage der bärgerlichen Existenz, so
' DaC dieae o^ione nicht bloß ein Gebiet der Eittlicheu Betütignng;,
fiondeiu ancb eine Quelle und Pflege statte Eittlicber Eraft sein kännen, lag^
ftllerilings den Stoikern fern, wie Misch mit Kecbt hervorhebt (aaO. 264:
„Diese Ethik . . . hatte hein Organ ii\r die kernhafte, fruchtbare Kraft der
Lebunebeziehongen, in denen die sittlichen Energien des Menschen wachsen").
Wer, wie Ep., der Ansicht ist, daß Sittlichkeit nur durch methodische
Ausbildung dea Logos zu erzielen sei, kann allerdings dem sittlichen Geist
der Familie und anderer Verbände nicht tib! Gutes zutiauen. Deswegen
nimmt er die Jungen Leute aus ihrer Familie und „Frenndachaft" heraus,
damit sie sich die falschen Söy/iitr/i und i^'; abgewöhnea. Und in der
Httnptsache wird er mit diesem MiQti'nueu auch Recht gehabt haben.
£piktet und das Neue Testament 379
gehört dazu aber auch die aktive Teilnalime an den Ange-
legenheiten des Staates, die spezifisch politisclie Tätigkeit,
die Kp. als eine wichtige Pflicht betrachtet, aus deren Gering-
scliätzung er dem Epikur einen scharfen Vorwurf macht. Oft
tadelt er diejenigen, die aus Bequemlichkeit sich den Ver-
pflichtungen, die ihre bürgerliche oder berufliche Stellung mit
sich bringt, zu entziehen suchen, und so verhaßt ihm das ehr-
geizige oder 'gewinnsüchtige Streben nach äußeren Würden
und Ämtern ist, so mißbilligt er doch nicht weniger die so-
genannte Amtsscheu, weil sich darin genau dieselbe niedrig
egoistische und unfreie, weil von äußeren Verhältnissen ab-
hängige Gesinnung offenbare wie im Gegenteil (IV 4, 2 ff.).
In dem allem zeigt Ep. fraglos im Vergleich zum Neuen
Testament ein weit positiveres Verhältnis zur menschliehen
Gesellschaft und eine größere Wertschätzung der konkreten
Bedingungen und Aufgaben des menschlichen Gemeinschafts-
lebens ^ Aber er denkt dabei doch nur an das, was durch
Herkommen und Gewohnheit und durch die bestehenden Gesetze
bereits sanktioniert und als sittliche Form des menschlichen
Zusammenlebens sozusagen festgelegt ist, nicht an das, was
in der Zukunft durch zweckmäßige Arbeit zur Verbesserung,
zur vernünftigeren «nd gerechteren Gestaltung der mensch-
lichen Lebensverhältnisse getan werden kann und soll. Diesen
Mangel teilt die Stoa unleugbar reit dem genuinen Christentum.
Aus ihm erklärt sich z. B. auch, daß beide den Gedanken
einer prinzipiellen Abschaffung der Sklaverei nicht gefaßt
haben. Wir haben zwar gesehen (S. 171), daß Ep. gemäß
seinem Grundsatz, daß in allen Dingen die Wahl des Besseren
nicht nur erlaubt, sondern Pflicht ist, es billigen muß, wenn
der Sklave eine rechtlieiie Gelegenheit zum Freiwerden benützt,
während es frtr den Apostel Fi zum Gehorsam gegen die
göttliche Berufung gehört, in dem Stande der Knechtschaft
zu bleiben. Aber vom Standpunkt der sozialen Gerechtigkeit
aus verwij-ft auch Ep. die Sklaverei nicht *, und so fehlt ihm
' Von Jeaus sagt Wrede (Vortrage nnd Stadien 123)- „Das ganze
konkrete üemeinaohaftsleben der Menschen erscheint iüm nicht als etwas
an sich WertToUeB".
' üaa Fragment 36 des Gnomolog, Epiet. Stobaoi (Schw. 42, Schenkl
380 -i-dölf Bonhöffer
Überhaupt äas rechte Verständnis für den kulturellen Fort-
sehritt der Menschheit. . Aus der Freude, die er gelegentlich
an den Werken der menschlichen Kunst an den Tag legt,
könnte man zwar schließen, daß ihm auch der Gedanke einer
fortschreitenden Vervollkommnung der Technik und der mensch-
lichen Naturbeherrschung nicht ferne gelegen habe; aber es
fehlt doch an bestimmten Anzeichen hierfür und so finden wir
auch bei ihm es bestätigt, daß der ethische Absolutismus der
Stoa, für den eben doch die persönliche Vollkommenheit und
Unabhängigkeit des Individuums das ein und alles war, ein
wirklich reges und bewußtes Interesse an dem kulturellen und
sozialen Fortschritt der Menschheit hintangehalten hat. An-
dererseits dürfen wir nicht verschweigen, daß, wie gerade
unsere nach persönlicher Kultur lechzende Zeit zeigt, der
Fortschritt der äußeren Kultur vielfache Beeinträchtigungen
des persönlichen Gliicksgefühls mit sich bringt, dessen Sicherung
und Förderung doch die Hauptaufgabe jeder Ethik ist und
bleijjen muß.
In einem Punkt der sozialen Ethik scheint nun aber das
Christentum vor der Stoa den unbestrittenen Vorzug zu ver-
dienen, in der Übung werktätiger Nächstenliebe. Dies
wird auch von solchen ausgesprochen, die sonst dem Stoizismus
p. 471) aus wekhem Ed. Wcstermarck darziitnn Bucht, diill Ep. daa Sklayen-
bfllten verurteilt habe (Ursprung uad Entwicklnng der Mo r all) e griffe, Bd 1,
Leipz. 1907, g. 566) ist sicher unecht ; er hstte niemalB es gebilligt, daB
jemand die Knethtsehaft fliehe {•ps'ym Se äuvXtiaf), denn ^e-iysiv und
Hitäxtiv ist nur Bin Platz bei den fy' r/fitv. — Zur Hauptfrage, ob und
wieweit die Stoiker sicii für den Fortschritt der Kultur interessiert, be-
ziehungsweise von demaelben auch eine ethische Hebung der Menschheit
erwartet haben. Tgl. man die verstau dnisvollea Bemerkungen E. Pröcliters
in seinem „Eierokles der Stoiker", a. B. S. 39 Anm. 2 unten: „Es war das
(nämlich die Annahme einer sittlichen Dekadenz aud die hieraus sith er-
gebende fortwährende Klage aber den Sittenverfall) ein aus dem KynismuB
überkommenes Erbteil, desseu sich die Stoa nicht entledigen konnte), solange
sie das naturgemäße Leben als Ziel aufstellte. Denn daß das Leben der
großen Mehrheit der Menschen mit der steigenden Kultur und der sich
mehrenden Gelegenheit materiellen Genusses nicht naturgemäßer wurde,
war klai". Dem sittlich Gebildeten selbst freilich tann auch der Fort-
schritt der Kultur nichts anhaben, er muß bei der verfeinertaten Zivilisation
wie in den primitivsten Lebensverhältnissen sein Prosopon zn wahren wissen.
Epiktet and das Neue Testament 381
alle Gerechtigkeit widerfahren lassen '. Man darf aber doch
auch die christliche Liebestätigkeit, so wie sie ursprünglich
gedacht war, nicht überschätzen. Wer einem Sklaven alles
mögliche Gute tut, sein Brot mit ihm teilt, in der Krankheit
ihn pflegt und für ihn sorgt, aber nicht daran denkt, seia
ganzes Leben darch Befreiung von dem Druck der Knecht-
schaft auf eine höhere Stufe zu heben, dürfte doch wohl die
Pflicht der Näclistenüebe, soweit es sicli überhaupt um die
äußere Wohlfahrt handelt, noch nicht in ihrem ganzen Umfang
erfaßt haben; ebenso wer verlangt, daß man willig jedes Un-
recht dulden soll, ohne auf gesetzliche Ahndung desselben
hinzuarbeiten, dürfte das wahre Interesse des Feindes und
Beleidigers schwerlich zu fördern sich schmeicheln dürfen.
Wenn man meint, daß der Stoiker, weil er ja von sich selbst
Erhebung über alle äußeren Unbilden fordert, deshalb kein
rechtes Wohlwollen gegen andere, keinen lebendigen Drang
zum Helfen und Wohltun haben könne *, so gilt dasselbe
prinzipiell auch vom Christen, d«r ja ebenfalls die Leiden
dieser Zeit gering achtet angesichts der erhofften Seligkeit,
■Caird urteilt über die stoische Philanthropie, daß sie zwar nicht die
invasive emrgy der chriatlichen Liebe hahe, aber döoh eine comprehenüw
sym-pfithy beförderte, welche die trennenden Vorurteile milderte und den
Weg bahnte für die Religion der Humauität (aaO. 11 7ö)- — O. Heinrici
sagt Ton Ep., die durchgreifende, alles überwindende Menschenliebe, welche
auch Fürbitte leistet für die Verfolger, kenne er nicht (Die Bergpredigt,
Leipzig 1905, S. 55). Hiergegen ist zu sagen, was diese Fürbitte für die
Feinde ethisch wertvoll macht, nümlicii die von Haß und Kacbsucht voll-
kommen freie Gesinnnng, besitzt Ey. ganz in demselben Maße; daß er sie
nicht gerade in der Fürbitte offenbart — was auch bei guten l^liristen
selten genug vorkommen dürfte — hat seine anderen Gründe. Und „durch-
greifend" scheint mir nach dem im Teste weiter Ausgeführten nicht gerade
das passendste Epitheton der chriatlichen Caritas •/» sein: durchgreifend
helfen, d. h. die ganze soziale Stellung der Enterbten heben, will erat
unsere Zeit.
^ Was an Leckys Urteil richtig ist. Menschen, denen der Tod gleich-
gültig sei, können keine ßeligion des Wohlwolleus begründen (aaO. 174),
trifft prinzipiell auch das Christentum, noch mehr den Buddhismus und
Schopenhauers Lehre, nud doch will diese die Philosophie des Mitleids und
dea Wohlwollens sein. ~ Auch Jesus hat die Nächstenliebe nicht sowohl
nnt^r dem sozialen als vielmehr unter dem indiTiduellen Gesiehtspuukt ge-
fordert (Wrede, Vortrage und Studien 121).
a82 Adolf ßonhöffer
Wenn ti-otzdem ein wärmerer Geist der Menschenliebe durch
das Neue Testament weht als selbst durch die Reden eines
Ep., so hat dies mehr religiöse als sittliche Gründe: der Christ
freut sich Nächstenliebe zu üben einmal und vor allem gegen
die „Brüder und Schwestern", um auch dadurch die innige
Zusammenj^ehörigkeit der Gläubigen, die religiöse Solidarität
der Erwählten vor Gott und der' Welt zu bekunden ; sodann,
sofern er auch den Draußenstehenden Gutes erweist, tut er
es im Gedanken an die über alle sich erbarmende Liebe Gottes,
gleichsam um dem Gott und Heiland, der auch seiner sich er-
barmt hat, in seinen Brüdern (im weiteren Sinne) eine schwache
Gegenliebe zu erzeigen. Eeiii ethisch betrachtet hat Ep. die
Pflicht der Humanität ebenso hoch gewertet und ebenso nach-
drücklich ans Herz gelegt wie das Neue Testament, und daß
ihm die Erweisung tätiger Menschenliebe als das Höchste gilt,
das ihm sogar noch über der sittlichen Arbeit an sich selbst
steht und die Krone des sittlichen Wirkens ist, ersehen wir aus
dem schönen Bekenntnis: „In welcher Tätigkeit möchtest du
vom Tode betroffen werden? ich für meinen Teil in der Aus-
übung Irgend eines menschlichen, wohltätigen, gemeinnützigen,
edlen Werkes" (IV 10, 12). Daß endlich die größte Wohltat,
die man einem Mensehen erweisen kann, darin besteht, daß
man ihm innerlich hilft, ihn sittlich bessert und auf den Weg
der Wahrheit bringt, ist ihm ebenso wohl bewußt, wie aus
der überragenden Stellung hervorgeht, die er dem Jiwixög ein-
räumt, dessen Aufgabe eben in nichts anderem besteht als in
der sittlichen Besserung der Menschheit.
Dritter Abschnitt
Die CiGsamtbedeHtung
Wenn wir zum Schluß -die Bedeutung Ep.'s im ganzen
mit derjenigen des Neuen Testaments vergleichen wollen, so
kommt er dabei natürlich nicht als singulare Erscheinung,
sondern nur als derjenige in Betracht, der den stoischen Ge-
danken am reinsten vertritt und am vollkommensten verkörpert,
in dessen Person alles, was von den Tagen Zenons an die
Epiktct und dns Neue Testament 3g3
Stoa an geistigen Werten hervorgebracht bat, wie in einem
Brennpunkt sich vereinigt K Wir müssen also über die Person
Ep.'s hinausschauen und stellen den Stoizismus als Ganzes
dem Christentum an die Seite, indem wir zuerst seine geistige
Bedeutung, sodann seine geschichtliche Mission und endlich
seine Bedeutung für unsere Zeit ins Äuge fassen.
Daß die stoische Pliilosophie an geistiger Bedeutung
dem Christentum sehr nahe kommt, dafür hat, denke ich, die
ganze bisherige Darstellung den Beweis auf Schritt und Tritt
gebracht, und es herrscht darüber auch unter den Gelehrten
heutzutage große Übereinstimmung. Eein philosopjiisch be-
trachtet steht natürlich Piatons Spekulation und das System
des Aristoteles viel höher, das wirklich Originale und Selbst-
erdachte geht bei der Stoa verhältnismäßig nahe zusammen;
aber die Stoiker haben es verstanden aus sokratischen, pla-
tonischen und aristotelischen Gedanken ein einheitliches System
aufzubauen, dem eine mächtige, in ihrer Art auch originale
Idee zugrunde lag nnd das der Weit als etwas durchaus Neues
und Charakteristisches sich darstellt. So kann v. Arnim sagen:
„Das stoische System ist die letzte große selbständige System-
bildung der antiken Philosophie, es kommt an historischer
Bedeutung für die antike Kultur der platonischen und aristo-
telischen noch gleich" (Die europäische Philosophie des Altev-
' Leoky (aaO. IßT): Dos heidnische Altertum hat uns kein erhabeneres
Beispiel ais das desEp. hinterlassen. — Korden sagt: „Wie ein Phänomen
zog er die Augen auf sich" nnd verweist auf die ihn feiernde Inaehrift in
Pisidien, wo es heißt Toioiiä; ti; rlirrft SaO^i d:tij fiatpös htX'^'! (Kunst-
prosa 11 243). — Misch (aaO. 263): „Die muralische Per^önlielikeit Ep.'s
hat etwas unamuhrbar Großes". — Hatch (aaO. 5): „Ep. war der Solirates
seiner Zeit, in weli;hein die Sittliehkeit und Eeügiosität der giieohischen
Welt ihren hüthi-t«n AuBdnick gefunden bat". — Diese groGe Hoch Schätzung
Ep.'s, die schon Herodes Atticus inauguriert hat, indem er ihn den größten
aller SUntn nannte (vgl. K. Hirzel, Der Dialog, Leipzig 189S, II 259), darf
uns natürlich nicht hiudern an dem Zugeständnis, daß m mancher Hinsicht
MnsciEius oder Mark Aurel noch gröfiere Bewunderung verdient. So spricht
K. Hartmann von des Musoniua trefflicher, zuweilen Ep. au Weit« des
BliciieB und ethischer Tiefe übertreffender Lehre (aaO. 25^); auch Leipoldt
(aaO. 161] findet, daB er der chriatlicben Siulichkeifc vielleicht am nächsten
stehe, nnd Leckj nennt den stoischen Kaiser den reinsten und edelsten
Geist der gesamten heidnischen Welt (aaO. 233).
384 Adolf Bonhüffer
tums 249). Und dieses Charakteristische, wodurch es sich
von den früheren Systemen unterschied und über sie hinaus-
ging, lag eben in der Richtung, welche die Eeligion Jesa
fernerhin dem menschlichen Geistesleben gegeben hat; es ist
die Idee von dem absoluten Wert jeder einzelnen Menschen-
seele, die Idee der Freiheit von der Welt in Gott und durch
Gott. Wenn dies das Höchste am Christentum ist, so hat die
Sfoa dieses Höchste in ihrer Weise auch gehabt. 8ie hat die
Idee der Menschheit, die souveräne Machtvollkommenheit des
philosophischen Individuums auf eine unvergleichliche Höhe,
gebracht (Aall, Logos I 148; J. Karst, Geschichte des hellenist.
Zeitalters II 1, 125), sie hat eine Ethik geschaffen, die selten
erreicht, nie übertroffen worden ist (Lecky aaO. 264), und selbst
Friedr. Jodl, dem vieles an ihr nicht gefällt, sagt, daß das
Christentum kaum einen ethischen Gedanken aufweist, der
nicht bei den späteren , römischen Stoikern seiue Parallele
hätte (Geschichte der Ethik, Ed I, 2. Aufl. Stuttgart und
Berlin 1906, 127).
Diesem geistigen Werte entspricht nun auch die ge-
schichtliche Bedeutung, welche die stoische Schule tat-
sächlich gehabt hat. Diese Bedeutung war eine dreifache.
Erstens hat die Stoa vier bis fänt Jahrhunderte lang die
antike Welt geistig beherrscht, im Zeitalter politischur Auf-
lösung und ethisch-religiösen Niedergangs den gebildeten
Griechen wie Eömern die Religion in gereinigter und ver-
geistigter Form erhalten und ihnen einen festen sittlichen
Halt gegeben. Zweitens hat sie eben dadurch dem Christentum
am stärksten vorgearbeit und durch die große Popularität
ihrer Gedanken nicht bloß bei den Gebildeten, sondern auch
bei der Masse der Ungebildeten ihm den Weg geebnet. Und
drittens hat sie, wenn auch noch nicht in den ersten Gene-
rationen, so doch vom Anfang des zweiten Jahrhunderts ab
sich mit dem Christentum verschmolzen, ihm, allei-dings im
Verein mit dem Piatonismus, ihre Ausdrucksformen und An-
schauungen geliehen und ist so ein wichtiges Ferment in der
Entwicklung der christlichen Ethik und Dogmatik geworden,
wie dies nicht bloß an den christlichen Apologeten, sondern auch
an den Kirchenvätern, griechischen und lateinischen, einem
Epiktet und das Keue Testament 385
Clemens, Origenes, Tertullian, Lactanz, Ambrosius und Augustin
und anderen leicht nachgewiesen werden kann.
Es will mir deshalb fast als eine müßige Frage erscheinen,
■warum der Stoizismas sich in der griechich-römischen Welt
nicht der neuen Religion gegenüber erhalten habe, sondern
von ihr verdrängt und aufgesogen worden sei. Er hat sich
ja in gewissem Sinne in ihr erhalten und damit kann er
zufrieden sein. Überdies: Alles hat seine Zeit, und das
Christentum, aus dem Semitismus geboren und zunächst für
diesen bestimmt, hatte doch von Haus aus eine weitere, national
weniger bedingte Perspektive als die Stoa, und es ist klar,
daß das Umfassendere, Universellere immer des Beschränkteren
Herr wird, wenn es ihm an geistiger Kraft auch nur eben-
bürtig ist. Wenn wir aber dennoch auf jene Frage noch
genauer eingehen wollen, warum das Christentum und nicht
die Stoa die Welt erneuert hat, so scheiden alle derartigen
Lösungen, wie daß der Eömerbrief ein Pflug war, der tiefer
pflügte als die Reden Ep.'s oder daß das Christentum den
Menschen nicht nur die Idee, sondern anch die Kraft eines
sittlichen Lebens gegeben habe, nach dem Gesagten für uns
von vornherein aus \ Der Pflug Ep.'s pflügte tief genug, und
die sittliche Kraft liegt eben in der Idee und wird wirksam
in denen, die sie ins Herz aufnehmen. Das ist aber, wie einst
bei den Anhängern der Stoa, so nun in der Christenheit immer
die Minderheit, und wie Ep. im Hinblick anf die ethische
Stumpfheit der Menge ausrief: „Zeiget mir doch auch nnr
einen Stoiker!" so hat ein Kierkegaard nicht weniger schroff
über das gewöhnliche sogenannte Christentum geurteilt. An
ethischer Kraft war die Stoa diesem nicht inferior^.
' A. Hanarath aaO. I 512. — Joh. Weifi, Chriatl. Freiheit 33.
' Wenn J. Wein (aaO. 23) im Hinblick anf Ep. sagt, die immer
wiederholten Imperative, der nnermUdliclie und monotone Appell »n das
Wollen verraten, wie wenig Erfolge die stoischen Prediger beobachten, wie-
viel ihnen die Trägheit und SchwEche der Menschen zu achafien mache,
80 ist dies eine Erluhrung, welche aach die christlichen Prediger aller
Zeiten machen, ohne daß man deshalb dem Evangelium die sittlich wirk-
same Kraft absprechen würde. — Auch mit P. Wendland (Hell. röm. Knltnr 37)
kann ich mich nicht einverBtanden erklären, wenn er angesichts der Über-
flügelnng der Stoa durch das Christentum sagt, die Mittel tein morali-
KBligionaeesohkLUiolifl Versuche a. Voravheiten X- 26
\iQQ Adolf Bonh^Ser
Der Wahrheit näher kommt eine andere Erklärung-, die
z. B. Lecby gegeben hat, der sagt; „Weil der Stoizismus
offenbar den religiösen Bedürfnissen der Zeit nicht entsprach,
kam seine edle und höchst fruchtbare Entwicklung zum Still-
stand" (aaO. 337). Der in halbpantheistischem, halb the-
istiscliein Sinne vergeistigte Polytheismus der Stoa war selbst-
verständlich nicht nach dem Gescliniaek der großen Menge,
die greilbarere Objekte ihrer Phantasie und drastischere An-
fassungen des religiösen Gefühls begehrt, und für welche der
äußere Koitus immer weit wichtiger ist und sein wird als die
Anbetung Gottes im Geist. Als der polytheistische Glaube
seine innere Wahrheit verloren hatte, suchte die griechisch-
römische Welt ihren religiösen Hunger zu stillen an den ge-
heimnisvollen und aufregenden Kulten des Orients, und in
dieser Zeit religiöser Zerfahrenheit, wo die Eeligion fast mit
der Leidenschaft des Sportes betrieben wurde, war es ein
unermeßlicher Segen für die Menschheit, daß eine Religion
aufkam, welche nicht bloß durch ihre göttliche Größe und
Einfalt Geist und Herz befriedigte, sondern zugleich durch
die dramatische Spannung, mit welcher sie die Weltentwicldung
Bietender Predigt seien bald aufgebraucht und es fehlen jener die tiefe^
sittlichen Motive nnd auf das Innerste des Slenschen wirkenden Kräfte.
Erstens ist die Predigt Bp.'s nicht rein moralisierend, sondern hat, wie
Wendland selbst anerkennt, einen stark religiösen Einschlag; zweitens
fehlt es seinen sittlichen Motiven, die bei ihm von den relig'iüsen nicht ab-
getrennt werden können, m. E. moht an Tiefe und Wirksam keit. Als
Beweis dafür gilt mir, abgesehen von dem eigenen Eindruck, das herrliehe
Zeugnis des Aufzeichners der epiktetischen Eeden, des Arrianos in seiner
des Meisters würdigen kurzen Dedicatio, und das gewiß nicht parteiische
Urteil des Simplicius in der Vorrede seines Kommentars zum Encheiridion:
UoXii Si rö SffaoTJJffiov xai mi'T^Tixii' l-(ovair ol Xäyof läe rovs /i^ fiäw
VSVCK^oifigvovi >i%'ieo9'at i^ avTüiv uat ovfato&afEaü'ai ttüv olueicap iia&wv
xtfi 7rj>os Siä^&ßtotf avTiuf eTiEyeipeo&at . , . ntti pi' Tts vTih tovTtov fit} ^dox^i-
iwv XöyofVf vnh fiävofj' av tüjJ' ^f i^Soo StHaoiTj^infv UTifvd'VT'd'siij. — Wcna
Wendland im selben Zusammenhang darauf hinweis', daä der Neuplatonismas
die Stoa völlig in den Schatten gestellt habe, so liegt die giänzendate Recht-
fertigung für die Unüherwindbarkeit der Stoa nnd die unzerstörbare Lebens-
kraft der Ethik Ep.'a gerade darin, daß 400 Jahre nach dessen Tod der
Neuplatoniker SimpüciHs sie kommentiert und, kann man rnhi^ sagen, sich
selbst augeeignet hat.
Epiktet und das Nene Testament 38?
erfiillte, Phantasie und Gefühl mächtig anregte und durch
Ihren ■würdigen Kult, in welchem aber doch das Wunderbare,
Übernatürliche nicht fehlte, ja mehr und mehr eine bedeutsame
Rolle spielte, dem mystischen Bedürfnis genügte. Als Re-
ligion hat das Christentum über die Stoa gesiegt, denn als
Eeligion konnte diese mit jenem natürlich nicht konkurrieren.
Der Hauptgrund aber, warum die Stoa dem Christentum
unterlag, scheint mir in etwas anderem zu liegen. Man könnte
ja sagen, wenn die Stoa die breiten Massen mit ihren sitt-
lichen Ideen zu erfüllen vermocht hätte, so hätte jener Drang
nach positiver, mystischer Religiosität gar nicht entstehen
oder jedenfalls nicht einen solchen Umfang annehmen können.
Denn ein unabweisbares Bedürfnis der menschlichen Natur
ist eine solche leidenschaftliche Religiosität nicht. Aber ge-
rade dies, die Ethisierung der Massen, konnte der Stoizismus
seinem ganzen Charakter nach nicht erreichen, ja nicht einmal
ernstlich anstreben. Als philosophische Schule war er
an die überlieferten, durch die sozialen Verhältnisse des grie-
chischen Nationalstaates bedingten und begrenzten Formen
der Propaganda gebunden und konnte deshalb naturgemäß
nur die Reform der höheren Gesellschaftsschiehten, in welche
freilich auch der freigelassene Sklave gelangen konnte, sich
zum Ziele setzen. Auch Ep. macht hierin keine Ausnahme,
seine Zuhörer sind nicht Handwerker und Tagelöhner, Ge-
werbetreibende und Bauern, sondern Söhne wohlhabender
Eltern, Angehörige der jeunesse doree, die Philosophie studierten,
weil es zum guten Ton, zur feineren Bildung gehörte. Die
Vulgär i.sierung der Philosophie ist durch die Kyniker,
nicht durch die Stoiker betrieben worden, und daiJ jene mit
ihren halb widerlichen, halb iächerlichen Extravaganzen die
Gesellschaft nicht zu reformieren vermochten, wird niemand
wundern. Ep. selbst deutet an, daß er anfangs diese Praxis
der Volksbekehrung getrieben habe, bald aber davon zurück-
gekommen sei {II 12, 25), und sein Äii^xog, der ja allerdings
allein dieser Aufgabe gewachsen ist und huldigt, ist doch, so
wie er ihn schildert, ein solcher Wundervogel, daß er sich
von seinem singulären Auftreten nicht im Ernst eine allge-
meine und nachhaltige Erneuerung der Menschheit versprochen
25*
388 Adolf Bonhöffer
haben kann. So ist es denn gewissermaßen das tragische
Gescliick der Stoa, daß sie, die erstmals den Grundsatz der
Gleichheit der Menschen und des gleichen Anspruchs aller
auf den Besitz der Wahrheit und den Vollgenuß der Menschen-
würde verkündigt hat, durch ihre historische Gebundenheit
an die Lehrformen des aristokratischen Partikularismus ge-
hindert war, ihre univei'selle Mission zu erfüllen.
Nichtsdestoweniger ist ihr Wirken auch zur Zeit ihres
schulinäßigen Bestandes nicht umsonst gewesen und es wäre
ganz verfehlt zu meinen, die Predigt der Stoiker habe keinen
oder nur geringen Erfolg gehabt Auch Heinrici z. B. nennt
den Ep. einen Meister eindrucksvoller, die Seele weckender,
das Gewissen schärfender Predigt {Der literar. Charakter 10)
und Aa!l sagt mit Recht, die Person des Mark Aurel zeuge
besser als irgend etwas anderes für die Energie des stoischen
Logosbekenntnisses (Logos 1 155). Ganz richtig charakterisiert
Lecky den Stoizismus als eine Heldenschule und findet
es eben deshalb nur natürlich, daß er von der großen Masse
verworfen wurde (aaO. 177), und J. EöviUe's Urteil: Autant
elk a ete feconde en sages et en Mros, autant eile s'est montrie
impuissante ä reformer la socicte (La religion ä Rome, Paris
1886, 5) bedeutet für uns nach dem Gesagten nur ein Lob,
keinen Tadel'. Und wenn A. Hausrath sagt, der Staat der
Weisen, wie er dem Piaton, und derjenige der Tugendhaften,
wie er der Stoa vorschwebte, liege auf der gleichen Fährte
wie die Gemeinschaft der Heiligen, aber nur Jesus habe die
Hand angelegt, diese Republik der Guten und Weisen zu
verwirklichen (aaO. I 67), so können wir uns eines Lächelns
nicht erwehren angesichts der Tatsache, daß eben auch in
der christlichen Kirdie aller Zeiten dieser Erfolg nur in sehr
bescheidenem Umfang eingetreten ist.
Was aber die Stoa damals vollbracht hat, das vermag sie
auch heute noch zu leisten, und so komme ich noch mit ein
paar Worten auf ihre Bedeutung für die Gegenwart
zu sprechen. Über diesen Punkt haben gerade in den letzten
' Auch die Sittlichkeit, die Jesus fordert, die Gerechtigkeit des Beiehes
Qottes hat einen heroischen Charakter, wie Wrede mit Becht bemerkt
(Vorträge und Studien 121).
Epiktet und des Nene Testament Sgg
Jahren mehrere, besonders französische und englische Gelehrte
zum Teil ausführlich und treffend gehandelt,^ so namentlich
F. Ogereau in seinem bereits mehrfach zitierten Essai sitr le
sysÜmephihs. des Stoiciens {p. 303 ff.) und neueetens W.L, Davidson
in The Stoic Creed, Edinburgh 1907. Auch der schweizerische
Eechtslehrer und Moralschriftstelier C. Hilty hat in seinem
bereits erwähnten „Epiktet" auf den praktischen Wert der
epiktetischen Ethik für unsere Zeit hingewiesen und den Mut
gehabt es auszusprechen, daß neben der christlichen Ethik
nur noch die stoische als Anweisung zu einer ernsthaften,
vollbefriedigten Lebensführung in Betracht kommen könne.
Speziell mit Beziehung auf Ep. suchten dies darzutun Colar-
deau am Schluß seiner Monographie und in besonders ge-
diegener,' beherzigenswerter Weise L. Weber in seinen
früher erwähnten Artikeln in der Bevue de mäapkt/siqne et de
morale. Er scheut sich nicht, geradezu zu sagen, es wäre gut
wieder zu Ep.'s Methode der sittlichen Bildung zurückzukehren,
und auch Davidson ist der Ansicht, daß der stoische Opti-
mismus eine Aufgabe in der Gegenwart habe, daß der beste
Christ das Manuale Ep.'s mit Nutzen studieren könne, und
erklärt (nach Farrar's Seekers afür God): „Du kannst eben-
sogut die Mahnungen Pauli verachten wie die Meditationen
Mark Aureis" (aaO. 213. 252 ff.).
Meine eigene Meinung hierüber brauche ich nicht mehr
genauer darzulegen, da sie in allem Bisherigen hinlänglich
zum Ausdi-uck gekommen ist. Wichtiger aber als jede Meinung
ist die innere Erfahrung von der stählenden und tröstenden
Kraft des epiktetischen Idealismus, die heute noch jeder an
sich machen kann. Es handelt sich wahrlich nicht darum,
die stoische Ethik gegen die christliche auszuspielen, sondern
wie einstens beide in so manchen Vätern der christlichen
Kirche sich friedlich vertragen und in aller Stille mit ein-
ander verschmolzen haben, so können sie auch heute noch
sich gegenseitig ergänzen und mit vereinter Kraft dem ethischen
Skeptizismus und Nihilismus entgegentreten. Freilich auch
diesen Richtungen werden wir ihren Wert für die Ökonomie
des menschliehen Geisteslebens nicht absprechen, denn nur
dnrcii den Widerstreit der Anschauungen kann die Menschheit
3Q0 Adolf Bonhüfter
vorwärts kommen. Nichtsdestoweniger wird der einzeloe heute
und immerdar am ehesten dann zu einem wahrhaft freudigen,
auch die schwersten Erschütterungen Überdauernden Lebens-
gefühl gelangen, wenn er sich an die christliche oder an die
stoische Ethik hält, oder noch besser an beide zugleich. Weun
die erstere den großen Vorzug hat, daü sie das Gefühl un-
endlich tiefer und kräftiger anregt rnii befriedigt, so hat die
letztere das'Gute, daß sie, als rein auf die Vernunft gegründet,
von allen Wandlungen philosophischer Theorien und religiöser
Vorstellungen unabhängig und deshalb in höherem Grade frei
von vergänglichen Elementen ist^
' Tu diesem Sinne, d. h. mit Eiaschlaß der ana der christlichen Ethik
stammenden Mildernng und Bereieberung, dürfen wir gewiß auch H. Höff-
dingB Urteil verstehen: „Unsere Ethik ist die griechische Ethik, welche
die spätere ethische Entwicklung hat Sadern nnd berichtigen können, welche
sich aber niemals wird verdrängen iassen, solange etwas bestehen soll, das
mit Recht den Namen einer meuachlichen Ethik verdient" (Ethik, 2. Aufl.,
Leipzig 1901, S, 191).
Ei)iktet uad daa Neue XeBtement 391
Berichtigungen
S. 30 Z, 17 T. 0. otöf re statt oloi^l
8. 62 Z. 7 T. u. 470 M statt 970 M
S. 66 Z, 3 V. 0. ?ii tiersfeften atatt gesagt
8. 67 Z. 4 V. 0. es statt er
S. 104 Z. 13 y. 0. wären
S. 139 Z. 10 V. H. Onii^o^i^i
S. 168 Z. 18 Y, 0. den statt dem
8. 189 Z. 14 y. u. »t6s statt ^sos
S. 207 Z. 1 T. u. 57 statt 40
S. 212 Z. 3 V. u, ou^7r<i5-i;e
8. 214 Z. 2 V. 0. ii^ot.Biißäva
S. 214 Z. 4 V. n. n^VoO
S. 224 Z. 4 T. 0. 55 statt 55
S. 270 Z. 2 T. 0. «ogßäv statt «oji^oV
8. 271 Z. 16 T. n. elienso
S. 309 Z. 10 T, 0. ^«i-i'i.^ atatt ßa.ivo>v
S. 310 Z. 11 T. 0. äfd-^ä-
S. 320 Z. 8 V. 0. "fri
9. 336 Z. I T. n. Jüuger»
S. 337 Z. 5 V. 0. Koi atatt ««i
S. 338 Z. 1 V. 0. olv
S. 345 Z. 4 V. u. MOii atatt ««â–
Nachträge
Zu S. 29 if. (Einheitlichkeit der stoischen Weltanschanung).
Aus Vereehen blieb hier unerwähnt das gewichtige, zugleich
auch die Ausfülimngen auf S. 382 fi'. (Gesamtbedeutung der
Stoä) stützende Urteil von Ä. Schmekel, Die Philosophie der
mittleren Stoa, Berlin 189S, 473: „Nicht weniger, oder jeden-
falls nicht viel weniger groß (als das Gedankengebäude des
Piaton und Aristoteles) ist auch das in sich durch und durch
konsequente, monistische System der Stoa sowohl hinsichtlich
seines Einflusses auf die Folgezeit wie seiner Grundidee".
Auch Ad. Dyroff nennt den Stoizismus „das konsequenteste
der intellektnalistischen Systeme" (Die Ethik der alten Stoa,
Berlia 1897).
392 Adolf Honhöffer
Zu S. 82 W. (Abhängigkeit des Neuen Testaments von der
Stoa). In seinem kürzlich erschienenen Werk „Roman Stoicism"
(Cambridge 1911) behandelt B. Vernon Arnold eingehend „the
stoic strain in christianity" (p. 408 ff.). Soviel ich aus flüchtigem
Einblick urteilen kann, überschätzt er etwas den stoischen
Einfluß auf das Urchristentum.
Zu S. 112 Z. 11 V. 0. Es ist vor „Platon" einzuschalten
„Herodot und".
Zu S. 136 unten (F. Blasg, Grammatik des neutestament.
Griechisch). Inzwischen ist die erste Lieferung von L. Kader-
machers Neutestamentl. Grammatik erschienen (Handbuch zum
Neuen Testament I, 1. Tüb. 1911). Ich konstatiere mit
Bezug auf S. 193 meines Buches Anm. 1 mit Genugtuung,
daß auch Radermacher, nachdem er die Grundlosigkeit der
Annahme von „Hebraismen" »n vielen Beispielen dargetan
hat, doch den an Stelle eines Attributs stehenden Genitiv einst-
weilen als Hebraismus gelten läßt (S. 19).
Zu S. 160 oben (Epikteta Religiosität). Die Schilderung,
welche Ed. Meyer in seiner aasgezeichneten Darstellung dea
Sokrates von dessen Stellung zur Religion entworfen hat
(Gesch. d. Altert. IV, 1901, S. 451 ff.) paßt fast Wort fiir
Wort auch auf Epiktet und ist mir eine erfi-euliche Bestätigung
dei' Richtigkeit meiner Auffassung.
Zu S. 167 ff. (Lasterkataloge). Wenn man neuestena
(Bultmann. Vgl. S. 179 A. 1) sogar in den „Peristasenkatalogen"
des Paulus eine Imitation stoischer Oratorik finden wollte, so
mache ich darauf aufmerksam, daß schon bei Piaton (Respubl.
II Jj, 361 E ff.) ein solcher Peristasenkatalog zu lesen ist.
Zu S. 390 A. 1. Der Ausspruch Höffdings über die
griechische Ethik, mit dem ich mein Buch besehließe, wird
trefflich beleuchtet durch die schönen Worte Ed. Meyers
über Sokrates (aaO. S. 461 ff.) und stimmt aberein mit dem
Urteil, das Chr. Schrempf in einer öffentlichen Rede über
„Sokrates und Christus" gefällt hat.
Epiktet und dag Neue Testament
393
Verzeichnisse
I. Stellenverzeichnis
1. Antike Autoren
A.
Epiktet '
DlBB.
I
9, 16
52. 292
19
5
126
1,8
S. 64
19
ÖO. 293
9
40
10 ff.
11
20
8
11 fi.
193
2, 36
39
S9
277
14
224
36 fi.
17. 377
12, 16
28.
132. 242
15
253
3,1
212. 289
26
3&8
26
361
3
188
32
235
20
5
28. 260
6
66
36
115
6
168
6
68. 161
13 tit.
291
17
161. 263
9
48
5
70
22
1
232
4,13
234
15
31
24
11
231
18
132
H tu.
247
25
4
285
28
112
6
234
10
336
S9
77
8
261
17
118. 302
32
. 92. 289
15, 7tf.
15
26 fE.
117 fi.
5 tot.
232
16, 9
356
32 ff.
255
i
50
17, Iff.
28
169. 284
33
300
6,9
173. 366
12
283. 336
26
15 105. 302. 311
10
261
14
20
27,
2 ff.
118
16
224
17 £f.
77. 296
14
297
21
239
18 fi.
40
15 S.
260
26
118
18, Iff.
233
21
116
8,6
253
6 ff.
303
28,
4
69
9,4
260. 376
9
129
9
213. 303
b
61. 292
11
21
10
129
8
9
14
21
20
48
9
115. 310
15
123
28 ff.
119
lOfi.
367
19
116
29,
4
337
11
121
21
222
6
161
' Die Stellen, weiche S.284ff. in fortlaufender Eeihenfolge beaprochen
werden, sind hier nar in dem Fall aufgenommen, wenn sie such songt im
Bach Totkommen. ParallelBtellen, die nicht wörtlich zitiert oder als he-
Bondera wichtig bezeichnet sind, blieben imbetückstchtigl.
394
Adolf Bonheffer
29, 39 ff.
87
10, 12
48
22, 80
112. 313
460.
38ff. 806
11,1
222. 302
35
107
48
33. 41
24
119
36
20. 813
60
41
12, 4
13. 222
23, 3
67. 261. 264
30, 1
294. 303
7 ff.
321
5
395
25
206. 387
14
230
Disa. II
13, 9
372
19
177
1 tit.
248
10
S21
362.
301
. 16
63
17
69
40
210
17
67. 111
14, 11
394. 338
43
137
84
126. 208
23
330
26, 4
60. 31G
3SB.
337
lö, Sfi.
237
7
13
2, 13
33L
7 ff.
80
3, Iff.
132. 308
8
206
Dies, m
4, Iff.
370
13
15. 2fl0
1 tot
32
5
S65. 308. 378
16
41 ff.
22
139
5 tit
226. 365
20
258
23
287
&
U6
16, 18ff.
24
40
117
S8
297
27
155
2,6
254
24
67. 233
28
246
8
111
27
11
39
61
14
126
6 tot.
221
42 fl.
66. 313
3, 1
262
2
326
46
336
2
828
9
171
17, 1 ff. ,
192, 221
6
173
12
Ö6
8 ff.
28, 135
13
116
18
355
21
241
22
67
19
135
26
69
4,6
120
7 tot.
363
88
311
5,8
19
12
39
18, 6
215
10
287
13
285
12 ff.
375
14
18
30
188
26
230
16
21
8,3
162. 188
29
189
6,5
223
ng.
294
19, 23 fl.
16
8
166
12IL
58 ff.
24
164
7,3
138. 161
18
209
26
170
9, 10
296
14
â– 116. 358
27
50
17 ff.
18
21
53. 236
20, 7
114
18
123
34
54 ff. 139
14
277
21
235. 318
9,3
173
18
90fi,
32
285
10
223
21
119
10, 15
43
18
111
27
274
6
206
16
52
21 tit.
280
13, 6
44
20«.
41. 73. 273
32, 15
253
14
342
10, 2
309
18
173
13 tot
12. 376
7fl.
23. 39
19
60. 161. 293
2
116
8&
223
28
111
15
68. 363
Epiktet und das Nene Testament
395
13, 17
286
34, 88 S.
362
7,
9
71
14,7
131
91 â–
56
11
361
8
253. 311
92 â–
121
17
70. 307
16, 2fi.
61
95 e.
313
33 ff.
304
5
336
98
231
40
282
10
853
108
111. 324
8,
5H.
147
13
55- 116. 307
1162.
18
12.
189
16, 7
283
25, 3
211
36ff.
55ff. 328
13
2ö6
6 ff.
23
9,
10
372
20, 11 ff.
aooff.
26, 6
9. 70
14
324. 328
21, 3
318
9
23
16
15
116. 338
7
251
22
278
10,
12 ff.
317. 382
20ff.
94
25 fi.
378
26
188
22
823
30
40
32 tot.
22, 103
BisB,
IV
11 tit
318
i
40
1 tot.
103. 306
3
358
&
231
12
41
8
358
12.
232
45
118
95.
227
18
2S
57
41. 116
18
116. 222
29
122
100
360
12,
12
23. 133
26
22
104
161
19
54
219. 825
38
222. 321
106
118
18,
16
368
88
40
118
41
68
£6
860
34. 169
122
151
111
17. 325
Diss.fr.(3dienld403ff.)
61
321
152
250
10
22. 235
69
35. 39. 322
163
246
11
122
78
126
159
232
13
310
88
289
173
265
15
291
94
166
2, 4fi.
307
16
299
23, Sff.
228
3,4
189. 325
17
295
11
41
10
16
19
390
as
276
12
77. 155
23
366
29 fi.
94. 302
4, 2 ff.
379
25
107
33 .
214
41
228
28
307
24, 2
310
44
23
6
9
310
61 ff.
45
46
219
18
Bncheiridion
17
366
5,7
35
5
25. 372
19
358
16 ff.
214
7
301
28 ff.
25
21
111
10
277
K
359
6,1
â– 69
11
301
4S
310
25
298
13
34
60
314
30
307
15
295. 337
78
241
Soff. 6E
. 224. 293
16
116. 118
«ff,
228
7,6
41 S.
17
213
396
Adolf BonhSffer
18
. 319
33, 16
23. 331
Fragmenta incerta
22
319
35
33. 332
8
äeliw. (470. 31
29
319
38
283
Schenkl) 224
30
338
43
SSO. 334
21 Scliw.(4e5,I3) 118
31,1
309. 361
47
IIÖ
27
(466,16) 110
4
60
48,1 .
2U
36
(469,36) 209
62
338
2
256
42
(471) 379
33, 1
214. 331
3
324
64
(475, 54) 169, 284
6
30 ff. 331
52
86 ff. 318
97
— 156
B
331
—
(483,12) 205
B. Aadere nlchtchrtBtUclie alte Antoren
Aatooinus
VII 63
190
VII 138 376
17,1
251
VIII 20
239
148 96
I 16, 10
222
57
239
Doxogr. gr, D, 468 96
I 17, 5
231 â–
IX 1, 4
191
Oalcnoa
n 9
224
41
161
VIII 579 K SO
â– 16 191. 228
X 4
222
Hierokles St. 8, 4 A. 220
lU 1
38
7,2
191
Lukiauoä
ä
34
24
233
Ver. hist. II 11 182
IV 14
191
33, 2
191
Muaguiua 73H 377
19
121
XI 1, 1
221
37, 2H 1S5
21,1
191
1,5
169
Philon lud.
97
239
3 44, 47
migr. Abr. 37
88
219
15
108
[I 469 M) 37
43
258
16
221
mut. uom. 41
46
191
18, 3
121
(I 614 M) 37
V5
120
Sil 3, 1
233
profug. 10(1 554 M) 50
7
2S4
31
191
qaod omn. prob.
13
247
AriBteides
17 (II 460 M) 117
9)
262
26, 517
222
22 (11 470 M) 62
27
190
Cicero
Plirjniclios
S3
191
ad Att. 1, 14
126
ed, Lob. 85 128
VI 1
191
15, 16
128
P!ato
5
191
de off. II 13 ff.
133
reBp.lIö(3eiEff,)39a
U
191
ni 102
360
III17(409DB) 168
4S
234
ni 104
38
1X12(&89A) 117
44,2
34
TuBC. I 34
240
Qnintilianus inst, or.
58
190
Diogenes Laertios
II 4, 6 62
VII 2
233
IV 41
129
IX 2, 98 33
9
190
V 16
132
Flntarclios
10
191
VII 46
229
trauq.au. 4G7b 37
18
67
68
132
472 f 92
31
221
125
337
473 a 147
Epiktet und das Nene Testament
397
SenecR
debenet.ni28,lff. 7
de clem. I 6, 3 46
epüt. 31, 11 7
4i, 1 T
47, 1 u. n 7
53, 11 359
95, 33 7
epist. 124, 14 359
deiTan32;III33 73
de proTid. 2 170
Sophokles
Oed. Kül. 1538
113
Stobaios
Anth,II,76,16W130
Stoio.Y.fr.II63H, 335
III 77 231
nil54ff, 337
Teles 26, 13 138
26, 1 220
S8, 6 246
49, 7 231
52 tit. 232
2. Biblisclie BUclier nnd alte christliche Aatoren
A. Neues Testament
10, 22
326
1, 52
128
Et.
MaOtb.
28
176. 286
3, 14
327
1,21
283
39
316
3, 14
332
5, 3 ff.
302
11, 8
304
4, 23
96ff, 304
10
33S
16
336
5, 26
255
13
316
28
95
8, 35
133
14 fi.
288
30
300
9, 62
319
16
312
12, 30
307
10, 40
211
32
48
32
290
41
285
28 â–
176
818
50
323
12, 13
295
31
332
13, 3fl.
.328
37
317
43
89
311
5 ff.
55
13, 2
285
6,4
294
11 fi.
314
24
89
10
2S5
68
316
14, 28
319
16«.
302
16, 25
42
35
309
21
60
298
16, 6
48
16, 25
132
24
307
23
176
16, Iff.
122
S6tL
69
292
26
176. 287
8
293
SS ff.
290
309
18, 21 fi.
334
10
291
S8
69
19, 12
98
13
36
34
293
20
311
17, Iff.
308
7, Iff.
331
22, 12
S20
20, 5
259
5
336
14
288
16
138
6
805
21
304
22, 2ö
304
7
48
26, 39 ff.
285
29
336
lä
80
28, 20
294
23, 10
237
16
»0
Et.
Marci
35 ff.
304
21
297
318
1,15
828
61
212
S. 2
42
2, 17
93
24, 46
158
9
336
5, 15
133
Et.
joh.
28
136
12, 35
336
1,13
289
9, 12
93.
303
16, 17
210
17
289. 310
13
302
Et
LdcS
21
138
S6
303
1,3
210
3, 3fL
97
398
Adolf BouliüSer
3, 18 ff.
310
1-
27
122
16,
17
112
6, 29
310
28
157
18
114
8, 23
308 .
2,
6
106
I Cor.
32
289
9
310
1,
17 ff.
142
35 tt.
306
14 ft
148 ft.
21 fi.
78. 143
10, 10
318
17
115
26 ff.
220
11, 9ff.
283
21
296
2,
2
337
12, 24
56. 328
23
323
14 â–
300
U, 6
289
27
148
15
168. 284
18
323
3,
12
112
3,
1
61
16, 7
826
23
29«
21
337
22
298
4
19
209
i,
9
170
8S
322
G
12fl.
50
13
126
38
177. 319
15
138
6,
4
208
17,4
326
7 tot.
162. 177
7 tot.
35
5
163
5
132
Acta ap.
14 fl.
17. ßO. 316
9
125
4, 13
207
18
162
17 ff.
170
32
313
22
115 ft.
f8
115
5, 29
304
24
66
20
208
41
306
8
3
162
26 ff.
35
7, 20
259
11 H.
164
29
330
9, 80
86
28
319
39
108
15. 2
207
31 f£.
292
3
11
173
le, 16
252
38
312
29
173
17, 11
206. 220
9
tot
177
9
7
322
18
203
16
69
12
322
223,
180 ff.
18
177
20
142
28
59
30
152. 166
24 ft.
54
18, 28
237
11
215.
149
27
296
20, 23
139
12
1
IfiR 177
10
19
138
22, 3
206
2
89. 299
31
58ff.
28
207
3
133
11
3ft.
167
24, 2
250
8
108
14
147
3
257
10
359
13
4
126, 313 ff.
5
48
15
302. 331
5
109
25, 21
2(B
19
73
10
89
23
214
20
13*
14
21
53
28, 25
230
13
, Iff.
304
34 ff.
167
Born.
3
140
40
291
1 (u. 2) tot.
149 fF.
14
257
15
33
122
12
129
14
3
144
36
56. 328
21
150
4
139
50
163
24
64
5
302
IL
Cor,
25
132
23
327
3
Iff.
!32. 308
26 124.
149. 261
16
,12
167
4
7
123
Spiktet und das Nene Testameat
399
i, 10 ff.
301
1,10
299
5, 13
831
16ft.
116. 292
12
128
14
HO
6, Ifi-
175
20
801
6,6
HO
i
28ö
21
120
287
8
333
611.
.112
25
128
U Tim.
9
287
2,3
120
314
2,3
55, 301
. 322
18
138
8
326
4
35
20
321
13
177
20
128
6, 3
128
28
106
3, 1
186
12
119
3, 1
399
4,3
lU
U
sao
12 ff
54
325
Tit.
IS
132
14
130
1, 11
120
'.1
329
16
119
2,8
il4
10
292
4, 4
302
8,2
108
8 108.166.177.303
Philemon
12
211
9
109
14
113
9,7
137
11 fi
291
I Petri
8
110. 318
12
312
1,7
301
11 a
13
lOÖ
15
111
13
278
10, 13
119
Col.
17
52
. 292
16
119
2,3
78
23
96
11,3
114
4
127
2,2
169
19, 2 ff.
175
8(11
20) 130. 183 ff.
8
129
Oftl.
aio
9
109
1,21
86
18
162
11
901
3, 15
148
19
110
17
80i
S, 2B
lee. 306
3,5
124
18
^
4, 3n-
9
130
8
105
331
3,2
•m
8
148
13
818
8
888
5,4
241
17
291
302
4
116
15
111
I Theas.
8
212
leff.
167
3,1
165
9
AHt
6, 16
119
3
1S9
11
112
Bph.
4,3
832
13
219
1,9
129
ö
125
4. 4
3SS
2,3
148
5, 21
399
13
801
3, 16
115
II Thesa.
5,2
118
4, 16
110
1,6
117
U Petri
6, 1
811
3,3
114
1,3
109
3
331
3,14
114
4
148
10
299
ITim
.
5
202
19 g.
71. 296
1,10
229
16
20S
5, 28ff.
330
2,4
310
2, 12
14a
6, 11
813
14
114
3,5
18S
Phil.
4, 15
128
9
810
J, 9
105
6, 10
117
loa
241
too
Adolf Boilhöfier
I Joh.
2, 16
19:5
Esth.
1, 1
183
3, Iff.
193 ff
331
», 13
220
ö TL
6 52. 292
2
325 1
Eiob
3, 9
96 fi. 289
7
148 i
11,9
201
4, 1
299
12
90
31, 16
234
7
16
309
16
322
.42, 11
202
20
297
17
901. 206
332
Paal.
4, 4
323
1
90
Hebr.
8S.
193
31, 13
174
1,2
193. 310
11
193
39, 13
301
3
192. 314. 263
193
13
193
51, 14
248
6
15
193
95, 5
203
3, 13
329
5 1
193
151
202
4,13
192
3
207
Prov,
5,5
303
7
292
6, 8
207
12 fi
61 ff.
13
198
6, S5
213
14
6,5
7, 28
220. 238
192
198
13 ff
7
Jod.
193
211
11, 3
21, 18
25, 1
258
126
201
8, 1
10, 2
5
207
139
193
3, 15
18
Apoc.
807
208
20
32
EccL
124
134
26
11,3
12
13
SB
87
113. 325
192
209
219
259
117
19
21
16, 15
17, 18
19, 13
SOG
337
317
158
183
7,16
10, 20
12, 9
1, 5ft.
JeB.
Jer.
133
213
208
95
12,1
2
6
21
13, 5
14
324
312
306
214
286
301
B. Altes Testament
Gen,
1 184
30, 42 202
49, 17 137
23, 28
31, 6
1,12
8, 8
Dan.
Ho».
174
208
136
174
16
53
Exod.
Mich.
1 2fE.
Jac.
300
6, 12
15, 26
201
95
3,11
Judith
115
338
Lev.
12, 10
208
14
324
13, 28
214
16, 9
201
17
111. 309
Nam.
Sap. SaL
20
193
5, 16
248
3, 18
S»
21
96
6, 12
201
6, 16
814
26
89. 164. 193
Jos.
7, 20
14S
26
279
24, 16
137
22 fi.
S84
2, 5
69
Jud.
9, 16
175
la
164
3, 22
250
11, 17
tea
Epiktet nBd das Nene Testament
401
13 (u. 13) tot.
150
C. Patres
apost.
V 2, 3
209
10
97
Bara
7
313
13, 1
148
1, 2
97
X 3, 1
204
14, 21
224
9, 9
97
XU 4, 7
237
16, 3
122
I Clem.
6, 2
237
Sir.
1,3
15S
Sim. VI 2, 5
303
3, 24
268
8,4
158
3,4
206
9, 4
245
18, 12
248
8,5
244
12, 11
207
21, 6
129. 211
5, 5
125
21, 28
209
6
256
IX 2, 6
115
34, 6
214
24, 6
257
9,6
342
41, 2
211
33, 3
238
16, 2 ff.
209
19
111
86, 2
212
19. 3 213. 251
42, 7
111
39, 1
203
ViB. I I, 8
HB
41, 3
158
"8,4
8Ö7
Hacc.
45, 7
211
118, 1
SOT
I 8, 12
115
48, 4
286
IU9, 8
lU
lii, 8
231
59, 3
206
V6, 6
807
II 3, 25
265
63, 1
211
IgltAtlU
4, 10
214
n Clem.
Iph. 7, 1
HS
16
283
10, 1
. 203
a '
881
81
231
17, 3
128. 211
9,2
313
7, 3 ff.
341
Did.
14,1
249
19
207
1,4
3,2
4
201
206
126. 210
207
17,1
2U
33
203
30, 2
202
8,7
244
Philad. 3, 3
212
35
240
Poljc. 3, 2
231
15, 89
234
6, 1
122
m 1, 3
202
5, 1
106.
2Ü1. 24S
Bom. 6, 8
212
2, 27
212
Diogn.
TraL 12, 3
301
3,2
110
1,1
134. 214
Mar.
21
250
2, 1
263
22, 3
209
4, 11 113. 204
3
262
Marl. Poljc.
4, 16
Iö7
7
309
3, 1
115
Ö, 14
208
4,5
209
9, 2
saV
6, 28
327
6
230
18, 2
285
7,5
229
5,4
185. 209
30, 1
207
IV 1, 13
262
8,2
133. 314
Pap.
29
136
3
335
2, 3 ff.
210
7, 1
210
12, 3
202
214
201
7
132
6
214
15
360
14,9
240
Fastor Hennae |
3
203
Hant
.IV 1
5 135
Pol.
Sqb.
8 115
1, 2
2(^
20
212
3
6 208
6, 1
209
^1 igloilMHObiohtlloha
Varenohs
n. Vorarbeiten X.
26
402
Adolf Bonhöfler
D. Apologeten,
Eirobenr&ter
Clem. AI.
SUom.I84,368P 37
Clem. AI.
Strom. I84,3G8P 37
II 54, 458 P 37
IV 124, 620? 87
Just, M.
Dial. 80 73
Otig. c. Geis.
VI 630 Del. 47
3. Koderne Autoren, die zitiert oder erwähnt werden
Aall, Anftthon 184. 384. 388
Arnim, Hane 7on 77. 83. 103. 166.
188. 231 a. 363- 356. 365. 376, 383
Arnold, E- Venion 892
Bartli, Paul 73. 184
Bauer, Brnnc S. 63
Bickel, E. 31
Biedermann, AI. Em. 34
BJasa, Friedr- 136 ff,
Böhmer, Jul. 360
BoüBäet^ Wah. 165
Brückner, Wilh. 100
BrQßs, Ito 77
Bultmann, Rnd. 179. 392
Burkitt, F. C- 27
Busch, K. A. 196
Buttmaan, Phil. 215
Caird, Edw. 14. 83. 195. 341. 355.
364. 367. 374. 381
Capelle, Wilh. 350
Giemen, Carl 88 ff. 146. 1648.293. 335
Colardeau, Th. 31. 83: 389
Corssen, P. 44
Cnmont, Franz 75
Curtius, Ernst 98 ff. 146. 166
ravidfion, W. L. 342. 360. 389
DeisBmann, Ad. 48. 104. 178. 198.
268 fi. 381
Delitzsch, Friedr. 84
DibeüuB, Mart. 131
DielB, Herrn. 130 ff. 2Ö3
Dieterich, Albr. 358
DohBchUtz, E. V. 43
Djroff, Ad. 391
Edwards 168
Feine, Paul 74. 136. 146. 164. 335.
366 fC.
Fonillee, Alfr. 14
GatBcker 198
Qeffcken, Joh. 92. 193. 225. 250
Goodspeed, E. J. 200. 281
Hamack, Ad. 43. 84. 90. 396
Harris 296
Eartmann, K. 73. 366. 383
Hateh, Edw. 84, 281. 383
Hansrath, Ad. 179ff, 385ff,
Havel, Em. 3. 83. 337
Heinrici, Georg 79. 86, 98f{, 131.
136f{. 146. leiff. 184. 198, 283.
298. 38Ö. 345. 360. 3810.
Hilty, Oarl 340. 348. 373. 389
Hirzel, Rnd. 31, B3, 383
Eöffding, Harald 340. 356. 390. 392
Jodl, Friedr. 358. 384
Jülieher, Ad, 93. 336
Kaerst, Jul. 376. 384
EautzBch, Emil 248
EeuDedy,H. A. A, 104.222. 268 ff. 281
Kirn, Otto 186
Klein, G. 90
Krebs, Engelb. 185
Küb], Ernst 130
Kniper, K. 44 ff. 85, 335
Leeky, W. H. 7. 47. 73. 341. 362.
372. 381 fi-
Leipoldt, Hans 74. 89. 136. 146. 383
Lewis, W. 0. 195
Lietzmann, Hans 18. 130. 146. 163 ft.
' 180. 198. 283. 335 a.
Lighttoot, J. B, 201
Mayser, Erw. 281
Meiser, Kart 44
Melcher, Paul 77, 103. 137. 136. 158..
198 ff.
Epiktet und i&a Nene TeBtameat
403
Meyer, Ed. 392
Misch, Georg 349, 365, 378. 383
Moertb, Franz 30ff.
Naegeli, Theod. 73. lOlff. 136fi.
145. 268 ff. S81
Noesgen, C. F. 85. 99. 142. 162
Horden, Ed. 7. 46. 73 ff. 89 ff. 146.
185. 341. 357. 383
Ogecan, T. 99. 341. 347. 367. 389
Pfleter, Friedr. 131
Pfleiderer, Otto 345. 362. 376
Pohienz, Max 162. 347. 359. 361
Praechter, Oarl 32. 35.- 173. 190. 380
Eadermafher, L. 103. 392
Eeitienstein, E. 85. 99. 363
Eeoner, Bob. 63
Rfeville, J. 388
Kollife, Erw. 341. 360
Salzmann, Ernst 210
Schenk!, Heinr. 1. 40
Seliieiermaclier, Friedr. 265
Sohmekel, A 391
Schinid, Wilh. 201 ff, 381
Schmidt, H. 84
Schmidt,Leop. 109, 134, 166, 181. 249tf.
Schrempf, Chr. 392
Schwartz, Ed. 146, 164. 180ff.
Seek, Otto 7
Smith, W. B, 96, 184
Sosinj, Ad, 93
Spieß, Edm. 94, 282fE. 336S.
Staerk, Willj 342
Strauß, D. Fr. 2
Thayer (Grimm) 268 ff,
Thumb, A. 136
Van den Bergh v. Eysinga 63 ff. 72 ff,
85, 178. 182
Villoigon 261
Viteaa, .T. 136 ff- IM
Vorländer, Karl 30. 340
Wackemagel, Jac, 272
Weber, L, 14. 389
Weiß, Beruh, 130
WeiB, Joh, 136, 146, 164, 342 ft.
367, 385
Wellhausen, J. S6
Wendland, Panl 5. 18. 31 ff. 73, 85 fl.
146, 180 ff, 343. 847, 369, 368,
3ö5ff.
Wernle, Faul 146, 152, 183
Weätermarck, Ed. SRO
Wetstein, J. 198. 282 f(. 298. 335 ff.
Wilamowitz-M., Ulr. t. 73, 180
Windelband, W. 177
Windiscb, Hans 18'lff.
Wrede, WiU. 183. 379. 381. 388
Wünsch, Eich. 126
Zahn, Th, 4ff, 71 ff, 77, 85 ff. 207, 335ff.
Zeller, Ed. 6, 30, 165
ZieliiiKki, Thadd. 85
n. Griechisches (und lateinisches) Wortverzeichnis^
liyn&äs 258
äyaTläoi 134. 219
dytc^Tj 259
ixyystor 123
Ayevvrji 65- 219
ö.yvsia. 135, 201
aSriXos 244
aSiaTijwToi 226
a&tatfogia, 226, 285
nffiay-opos 37
> Die auf S. 201—214, Slß— 265 nnd 268-271 in alphabetischer
Eeihenfolge aufgeführten Wörter sind hier nar aufgenommen, soweit sie
auch an anderen Stellen des Buches erwähnt werden.
26*
404
AdoU Bonhöifet
aiS^/ioVj lö 114. 156
«a<»s 360
rätt»rio-<! 105. 371
ataxffoXoyia 105
«iKiw, zö 189. 234
oWi- 35. 201
lixa^a^Bla 106
uMoiioioe, änaii' 112 ff.
älXöiffwv, TÖ 25. 36
äkvnia 18. 106
ailuTios 106
tiftafiräpta 256
ä/iapzin 369
d^ainiüri?? 229
ä.ueiai'DijTOf 106
ä/iiraTcraigia 114
dvaiSeia 13
ß5'aio;;ui'roff 228
ai'njfA'^TiJioV, rö 37
ava'jtitvo/j.at 115
ävaatfiirpofiai, -oynj 53. 201
CL]'aIUI7lf 107
«WjKCCjaz^j; 114
^i-fxriKOi 263
«ceitj'StB 829
A'i-ii9vi'0i 107
ff^'L^pCtfTIfKDK 22
äi'VTiü-raKToe 135
a^r«.?«« 69. 106. 231. 236. 347
«jtufl'^e 223
d^mS^vTos 135. 202
d!zcdi! 107
lintipOE 41
t(;iep«iToe 256
ÖTie^ionäintos 108
aTZioiia 258
ÄJI^.DTTS 108
aÄOj'«i(TKri?o/i«i 62
oVoÄci^s 188
nnoärifiiiD 112
UTod't]Oav^i^<rf 13Ö
(üioios (t'.";) 189
dmixaffieQilo 240
anol^^is 239
/LtJ^Av^^c 173
ano^iJTfHiffie 70
ItnoveK^üii/tat 209
«Ttoni^foiats 60. 209. 290 .
«Tiöfoin 43
<r.7io7tQoly!iivov , To 232
ttno^^tfta 234
BTCÖtJTZaO^llt 190
djsazv^Xöoj 213
ÖTiOfäaitoiFj o 235
p^tpödxoTlo: 1S9
"P"7 22. 28. 108. 242
B>i;7 189. 234. 239
nCTKJ^CT.; 14. 225. 261. 256
ßcrawe 259
dov/t^fOVOi 230
äa^tifioveto 109. 127. 136
i^TBfiaJia S47
aÜTB^K^s, -ti« 109. 356
ßj»); 110
djio'^it, ärpoßoS 18. 42. 106
d^P/iij 110. 177
ßatsii^o/iai 43
ßaaiXcia täi' ovgapcöv 176
ßaodiKÖe (übertr.) 242
ßovXiais 219
j-o^T^ 240. 278. 292
yXiSaoa 52 ft.
yviäjirj 52
yviüoiS 109
yv/i-yaolit 135
^'i'i'atxnpHM' 135. 167
d'u/jofi^o^ai 261. 269
5ai,udi'(cw 350
a«(>«y 246. 276. 373
äa«™ (ttbertr.) 111. 324
3fii)s 65. 236
diayiyvo/iai 107
Siddeois 238
8iay.6ofiriOts 191
Äidvoi« 18. 158. 238
SiSaOKaÄift 210
didaUKO^KÖ; 242
SioinrjOie 121
SfHK/j-irjs 40
äö/,«« 14.18.50.135.188.279.358.378
Epiktet und das Nene TeatEnuent
406
Soy/iatl^io 134
Soynäja/i'i aTto ÖS
S6<7is {xai X^ie) 111
3ov?,ayatyeaf 134
SovXos 65
Scva^te (prägnant) 127. 314
ävoapEaros 236
Siogiijuot 362
iyxaUio 23
I/Xf ItTIIH 109
id-os 43. 44. 73. 378
flfta^ftivTi 74
ixSrifiiia 112
ixx)dPo, 112
iKi<ia« 205. 206
initüTöc 204. 288
^xAö;i')7 172
Ixiiv, itioioioe 112 f[.
£lcoe 69
iievd'iffoc 164
ifiueipoi 41
i/iTrtffJitCfvo/iai 126
if/iyuTOC 97
iväj/ficot 112
*w(w« 97. 119. 221
%vaTr,pa 243
Ei^f tnriJiiSi'. Tö 114. 156
itrifinai 113
i^ayöpaats 70
iJaipCTOfi 17. 288
elaainnnuOim« 116
ifaxaiattf 114
i'äK 26. 238. 241
Hol und^ööi (avdQa^ai), o 116 S. 174
lo^Ti! 265
irEöj^E^.j'a 1Ö4
t^turos 109
iTiaxoXovd'ipa 190
knavanavoftnt 116
Imwo'ji^flwte 136
kraoiSij 362: 369
ijttyivvjifta 190
^^iJciKTixoe 242
in,9-v/da 18. 125. 162. 247
tnifiiJktia 365
i7tinlr,aaoi n. Deriv. 21fi. 135, 242
lniaxnnoe, •'j 205
imCiTiäofiai 115
kniariifiri 279
entoojpEvw 134
kTmrjSeviii^ -tv/ia 205
^Tit'j^et^ioi Ttvi 107
^p^^/a 376
taoi&'Ev 41
cväcufiopia. 292. 348
ev^/H 238. 240. 292
ettJsJi'iTijTOS 114
£^lH^^e 248
eivaixBt 98
.fpo(« 340. 247. 278
t-ioißlm 160
cvmiideia 227
evayiTiiiBiv 109
cvftifios 166
et'j;i7 65
ij.' V»''> f« 36. 116. 224. 380
äliji«'« 120
iffcfioi'tmv, lö 13. 40. 15«. 163. 262, 283
^/tE^os 263
*«^^i(ü 115
d'iar^Oi' 170
ffiofs i,[*j)i)e 249
9fdprj/ia 251
&kl-\j--ts («ai (TTefo;^»^/«} 117
9fita/ißfi:o> 134
;jioi', TÖ 36
tSrnfiT/s 66
Jipiu'e 274
xa&agpa 126
«a#5«E,, -^Kov 154. 167 ff. 257. 361
KH^JtoniuE 168
«OK.« 28 ff. 242
xaKokoy^ot 23
KoJ^ai 208
xa^Xiij'n^'oc 33
VOrfiäv 119
Kap&'a 63
406
Adolf ßonhöffer
xapTtffiea 240
■naTalapßävei 167. 293
xaiöff&uifia 164. 243
xtvöSn^oi 120
xevot/nofiii 135
KipJae 120
«ijSe/fiüii 51
K?.7«<.- 37 ff.
ti}.hit>, ttki^a 268
KOtrü?VEO?f -tu, {\^s^ 51 ff. 108
>ioj>'07i'iK(j; 248
icvßsvü/, -iia, 135
Kwixot Slff. 40. 71. 321. 382. 387
xt!p„.s 39S. 61. 112
h,y,«6e 13. 159 ff. 177. 196
XoyiBfi.6s 28. 158
-UJ.OS 27 ff. 43. 67 a, 97, 135 ff, 154 ff,
163. 168, 183 ff. 234. 246. 303
Idyoi 6fd-6i 164, 188
Xoyoi OTtspfiatiyos 96, 191
loiSoQioi 23. 111
}.i7in 20
fiavia 43 f(.
piS-r, 2B4
/«Am^ 14. 225. 261
/leht; {a. /liQos) 67
fie/iifiofiat 23
ftinavoiio, -voia 107
iUt;[p< J.öj'cti' 63
/iij ^ej^rto 48. 137 ff.
fioivofiöe 329
rtxjiHo^m 209. 278
vfQÖs (übertr.) 50. 278
«'ifnio; 63
vÖTiP-n 120
j-B/io.- 149 ff, 231
vio^a«. 138. 335
i'fltii^er/iij 113
vBvs 51, 67, 156ff, 234
oinois 191. 363
olKovoftia 121
oiitri^/toiv 89
o£*'wi'(6 252. 264
atxo/iiu (übertr.) 173
oliiUa 122
öfcoXoyiix 230
^//oAoyou^ej'ttic 135, 209. 230
ovofia 49
öjiy/£(l/l<rj 129
opiyo/iai 112
SpfS« 18. 122. 205, 241. 247. 261
o^/tv 18, 110. 129. 244. 261
o'nipoKij-OS 123
nä&iifia 124
;cd*oj 41 ff. 69. 124. 135. 171. 252.
359. 371
naiSiov 63
JTapaßaniiin'jt 273
7iafla!^Elyf£ft 120
jtBpaKaTai''VKi? 63
jiuf niLA^fjff 276
7ia^av.o^jiv&lott -t/ffts 135. 166. 265
jtaQaBxcvfi 244
Tcopainlti.- 36. 44
Ttäaxov, To 189
n-e.iiuJsi'.usi.oE 23. 39. 258
TicTi^otfcifrj 74
Tze^ijtii&a^ii't 12G
niptOKfjiiauni 258
nsQiotaois 301
nspntpiiofini 126
JIi5nj'aio;'('n 127
ni9'av6xis 27
sii'oiiä 108. 313
™«^/ia u. Deri7. 67 S. 160 ff.
HQÖ'^K 251
niiocupiopni 127
npoaipio«, -rixdi- 67. 117. 128- 163.
234. 263
irzQoijy/iivov. tö 171. 232. 364
■n^oijyovueiiov, tö 68, 161. 262
Tifoiiyov/iivots 190
Ti^ä&eoti 129. 244
Tl^a&VfLtti 23
TtfOKOTtil 126
Epiktet und das Nene Testament
407
rtpoxö.-iTiup, o 17 ff. 26. 53. 96. 258.
373
JSQoi.iyta 107
iTpoJi<;v« 14. 38- 97. 119. 221. 247.
345
n^6vBia 74. 191. 366
TT^oaafaTtavoitai 115
otpooJolB^w 204. 299
ulQoayoTSTio 128
Ti^aotay^a 231
n^öoojTiof 39. 327
7lfOX'^e/icu 129
npocjitiiTiMoe 242. 276
'7tQ0ft)iüa 252. 270 fi.
nvf aiö'f^/üSES 96
^vffoo/tai 241
jr(J;'atj' 261
^^^a 192
aaivo/iai 129
aaTi^äi (übertr.) 135
o^ä (o«pK,-Jwr) 50. 67 ff. 160 ff. lS8fi.
aifiiTov 362
aii£iai 123. 174
OKhTl^'XtX^Sta 233
eXOTlÖ! 130
i7M0TÖa/iai 135
oojjDS 128
OTZ^Qfia, oyroQti S6ff.
ilsi0i>3aguj 317
OTiroxMpio), -ia 117 ff.
aii^yoi 134
ajoixila tov xoo/iov 130
OvyyfDjftonxoi 374
aByxarari9i/iacj -eaie 18. 5&. 114.
242, 261
ou/ijiepiyopo 320
utl/iyoji'os 132
wvaio9't]vts 156
owafaoT^Offi^ 51 ff.
vvvSeOfms 110
avvsiSrims, -6i 156 ff.
am'Bp^ijTiKoe 374
<jvvifnti/ti 132
oiajryta 28
ajime 23. 89. 244. 338. 378
cüiiltü (übertr.) 173
cßVin, ooj/färiöi' 60. 67. 163
oio^siio 134
oiötpgior (u. Deriv.) 136
laneivoifgoviio (o, DeriT.) 65. 356
TEKtOTpOpifll 136
T:i;lnoe 89
T^^e 38. 130. 136. 189
TÖnöir (übertr.) 86. 261. 265
TpOJfoe T^S YBVeOEüH 193
Tv^of 253
T^z-? 237
iyi-ijf, vytaivoH' (übertr.) 136
iäponoTita 186
ihi 11. 21. 161. 189. 865
vnoTVJiaiaie 136. 261. 271
ifavraoia 28. 166. 159. 261
^airiaOfta 242
yrd'ovioi 248
^i^ajc^^o;. 263
^i;iaUii^e 248
y!ti,äii9fio!cot 264
SPÜai^oe, -ia 136. 191 ff.
y'ikiia 269
yiAiJoDyoe, -,'a 39. 131. 133. 268
g;M<r,oeyos 134. 269. 263
f$^r 52
ipgövtifia 162
ippönjais 135. 168
yuoHHi'f, -w* 147 ff.
^votoo/iat 127
^ÜDlC (^ürTli, Matä {fvatf) 27. 96. 132.
146 ff. 223. 257
XaliTlairto 129
ZaXeTzös 136
Xa^amiff 242
j;<i/iüi', iJ;io TDW' 52 ff.
xe^is 221. 365. 366
yiyc 23
•^rtXa^ito (5"foV) 181
yux'ä 67. 163
408
Adolf BonhSffcr
commendatio 193
conatns 244
conaensoe geudnui 149. 347
familUritas 360
offeuBio 129
officium 157
Providentia specialis 6. &1
m. Saoh '- und Personen '*- Verzeichnis
Aberglaube 12G. 361 ff.
Abgötterei 64
Ägyptische Religion 85. 186 fi.
Aeon 201
Affekt 14. 20- 124 ff. 278. 371 ff.
B. a. Apathie
Äkademiscbe Skepsis 63. 76. 98. 243.
258. 260. 274. 290. 346
Allgegenwart nnd Allwissenheit
(Gottes) 294 fi. 322
Altruiamns (nnd Egoisrnng) 134. 192.
297 fi. 356 fi.
s. H. Menschenliebe
Ambrosius 1. 386
Anaoke 860
Anaxagoras 1. 160
AntipatroB Stoicus 102. 108. 167
Antoninns (Mark Anrel) 33. 3S. 47.
148. 155fi. 174. 190fi. 318. 341.
873. 883. 388
Apathie 265. 292. 350, 356
E. a. Affekt
Apallon 22
Apostolat 71. 321
Aratos 181
Arbeit 70. 365. 378
Aristoteles 383
Arrianos 103. 340. 386
Asianische Sophistik 87
Asketismus 87. 160. 235. 330. 337.
360. 367. 364. 366. 374
Astralmäohte s, Gestimgeister
Ataraxie 319
Augustinus 385
Autarkie 110. 319. 365 ff. 369. 377
Babjlonien 84
Bekehrung 13ff. 307. 311. 324ff.
330. 371 fi.
s. a. ßeae, Sünde, Wiedergeburt
Beruf 38 ß. 308. 265. 378
s. a. Martjriam
Bescheidenheit s. Demnt, Selbst-
beurteilang
Bettel 10
Bildung 306
B. a. Sittliche Bildung
BnddhismuG 85 ff. 354. 381
Bürgerpflichten 378fi.
Buße 328
s. B. Sändenbewnfitsein
Bjzantjnische Eirche 1
Celsns 46. 63. 65
Choehmah 184
ChiTsippos 77. 171. 229. 231: 242.
297. 344 fi, 360
Cicero 1. 174
Clemens Ales. 93. 359. 385
Daimon 69. 116. 296. 362
Dankbarkeit (gegen Gott) 278. d41
s. a. Freude
Demut (und Hochmut) 15 f(. 65. 279
334. 365 ff. 373
3. a. Selbstbeurteilung
' Auf eine System atiscbe Ordnung der wichtigeren, vielgebranchtea
Begriffe habe ich hier verzichtet und verweise zur Ergänaung auf das auB-
fUhrliche Begistei in meinem ßpiktet II.
' Antike Schriftsteller, sotem sie nur zam Beleg eines Sprachgebrauchs
erwähnt werden, sind hier nicht aufgenommen. Moderne Autoren s. im
Stellen- nnd Autoren-Yerzeicbnis 3.
Epiktet uud das Neue Testament
409
Detcnninisinus 177. 373
Diogenes, der Kyniker 17. 34. 71.
246. 250. 308
Dion Prns. 103
Dugmatismns 227. 346
Doketismus 261
DomitianuH 304
Dualismus 92. 97. 1600. 177. 274ff.
308. 350
E^ismus a. Altrniemna
Ehe 35. 70. 98. 322. 332. 367. 377
8. a. Fraa, Qeachleclitsliebe
Eid B. Schwören
Ekstase 176
Elternliebe, Verwandten liebe 134.
263. 823. 326fl. 378
Empfehlung 308
Enge! 131. 187. 193
Enthaltsamkeit 835. 332
Entsagung a. Asketismna
Entachiedenbeit, Sittliche 307. 353
Enlflühnnng 126
s. a. ErlJJaang
Epiknr, Epikureismns 63. 67. 76. 91 ff.
98. 114. 134. 160- 166. 224. 236.
246. 257. 274. 318
Epirns 317
Erbsünde 26
Ergebung, Seelenfriede 278. 285. 344
Erkenntnietheorie 261
Erianbte, Das 327
Erliisung 70ff. 277f[.
Brnenernng s. Wiedergeburt
Endämanisnias 60S. 297
Familie s. Elternliebe
Fleisch (nnd Geist) 160 ff. 352
Prau 167. 332ff.
8. a Ehe
Freiheit, Innere 103. 164. 171. 9S4.
227. 306 ff. 319. 363, 384
s. a. Willensfreiheit
Freude 278. 296. 302. 347. 367
Frenudschaft 165. 313. 368
, Frömmigkeit a. Religiosität
Furchtlosigkeit s. Selbstgewißheit
Öaliläer 42 ff. 47. 73
Gebet 34. 65ff. 193. 360. 368 ff-
Geduld 279
Geist s. Fleisch (und Geist)
Genügsamkeit 332
s. a. Autarkie
Gerechtigkeit (gSttl. nnd menschi.)
151 ff. 276. 311. 374. 388
Geachlechtsliebe 173. 366
B. a. Ehe
Gesetz, Gesetzeseriüllung 131. 151 ff.
164- 192. 324
Gestirageister l30ff.
Gesundheit (und Krankheit) 171. 365
Gewissen, Sittliches GefUhl 156. 209.
223. 372
Glaabe 279. 299. 313. 327 fl.
Gnade 110. 325, 343 f(.
Gnosis 201. 207
Gott ' 177. 181. 2760. 311. 342 ff. 353ff.
Guttesdienst 159. 192, 361 ff. 386
s. a. Religiosität
Gotteserkenntnia 149 ff. 360
Gottesfurcht, Gottvertrauen 338, 360
Gotteskindschaft, Gottgenieinschaft
7. öOfl. 70, 289, 360. 377
Gottesliebe 297 if. 360
Gottverwandtschaft 59. 97. 188. 234.
244
Gut, Höchstes 8. TeloB
Häresie 120
Hegemonikon 50. 116. 162. 303
' Es sind hier nur die hauptsächlichsten Stellen angeführt, an welchen
Ton dem Begriff und Wesen Gottes im allgemeinen die Rede ist. S. im
übrigen die einzelnen Eigenschaften Gottes, ferner die Titel „Theismus",
„Religiosität" n. dgl.
410
Adolf EonUHffer
Heiligkeit (Gottes) 276
Heiligung 105. 291. 312. 318. 353.
373 ff.
i. a. Bcinbcit, YoUkammeuheit
Heilsordnung 121
Hellenismus 62. 81. 87 ff. ßSff. 179. 186
Herakleitüs 99. 184 ff.
Herakles 34. 71
Hermetisehe Literatur 88. 99. 186ff.
Herodes Ättieus 383
Heroismus 369. 388
Hierokles Stoicus 36. 103. 253. 363
Humanität 8. Menschenliebe
Eamanismiis 3
Idealismus 76. 289. 349. 389
luteUektualtHmua löff. 63. 279. 290.
299
Intoieraaz 76. 346. 352
iTndns Oalilaeus 73
JnlianuB Imp. 1. 42
Kierkegaard 386
Kind 63. 336
Kleanthea Stoicna 159. 167. 265,
342. 376
KoBBinpolitismus 376
Erates. der E;niker 246
Kriterion, Oberstes 169
Eultut s. Lebensgüter
Kaltus 8, Gottesdienst, Religiosität
Kyniker, Kjnismus 20. 33ff. 45ff.
70. 87- 93«. 145, 169. 232. 242.
322. 340. 353. 364ff. 368. 387
Kyrie Eleison 39 ß.
Lachen 32
Lact an ti US 385
Lasterkataloge 167 ff. 248
Leben (und Tod) 176. 278
s. a. Sterheusbereitachaft, Unsterb-
lichkeit
Lebeusgiiter 219. 302. 357. 364 ft.
s. a. Askese, Pessimismus, Telos
Legalität 154
Leib 57 ff. 175. 330. 366
LeidoB B. Übel
Leidenschaft s. Aäekt, Apathie
Liebe (Gottes] 309. 368. 375. 382
Loben {und Tadelu) 23 ff.
Logismus 854
Logos 61. 63. 96 fi. 183 ff. 319. 347,
377 ff.
Lohn, Lohiisucht -277. 346
Lust (und Schmerz) 67. 160
Luther, Martin 16
Mastik 34. 261. 361 ff.
s. a. Gottesdienst
Martinus von Braccara 31
Martyrium 47. 71. 193. 368. 374
Materialismus 68. 191
MenschenUehe 49. 70. 166. 192. 263.
279fi, 397. 374. 380ff.
8. a. Wohltätigkeit
Mitleid (u. Mitfreude) 69. 303, 331, 356
Mohammedanismus 354
Monismna 96, 163. 189 ff, 342, 360
Monotheismus 83"
MiiEoniua Eufus 35, 77.83,94. 102 ff.
167, 179. 238, 277. 383
Mysterlenweaen 99. 321
Mystik 275 ff. 391, 387
a. a. Orphiamas
Nachsicht 276, 313. 325. 331
B. B, Sanftmut
Natürliche Religion und Sittlichkeit
149 ff- 166
s. a. Sittlichkeit
Natürlichkeit 330. 356 ff.
Natur, Naturgemäßheit 27. 146 ff.
153. 171, 357. 36Ö
Naturalismus 148
Nazaräer 43
Neid 314
Nibiliamus 389
Nikopolis in Bpirus 79. 82
Nilns Monachus 2
Obrigkeit 304
OBenhaning 77. 143. 169, 290, 344, 354
a. a. Supranaturalisnius