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Full text of "Epiktet und das Neue Testament"

Religionsgeschichtliche 
Versuche und Vorarbeiten 

begründet von 
Albrecht Dieterich und Bietaard Wünsch 

herausgegeben 



von 



Bichard Wünsch und Ludwig Deubner 



in KönlBSbetg i. Pr. 



Zehnter Band 




Gießen 1911 
Verlag von Alfred Töpelmann (vormals J. Ricker) 



Epiktet 
und das Neue Testament 



von 



Adolf Bonhöffer 




Oieäen 1911 
Verlag von Alfred Töpelmann (vormals J. Ricker) 



Religionsgeschichtliche 
Versuche und Vorarbeiten 

begründet von 

Albrecbt Dieterioh und Biohard WünBOh 

herausgegeben von 

Richard Wünsch und Ludwig Deubner 

in KUnigBberg I. Pr. 
X. Band 



Unveränderiec Nachdruck der im Jahre 1911 erathioiiciieti 
ersten Auflage 



Aichiv-Nl, 39ÜT641 

© 

i964 by Alifed Topclmünn V^rl^a, Bttlin 30 

FiinlcU in l^luciil 

UUne öusdmckLche GenehmiEung Jen Verlief in a a>ich iiichi gcsnirrcr, riicc^ RucS iiJcc Ttilc ^i^m 

auf photomcchüni^hem Wege (Phorökopifi, Mikiotopie) zu vcrviclhltigtn 






DEM ANDENKEN MEINER FRAU 



Epikt. Diss. in 13, 5 u. 6 Ev. Joh. 16, 32 



kkhl^S 



Unvetändetcer Nachdruck der im Jahre 1911 erschieneneti 
ersten Auflage 



Aidiiv-Nr. 3907641 

© 

1»64 by Alfied TÜptln»™ Velag, Bcilin 30 

Prim«! in Poland 

O^ .„^kUchc G^ch^gu^ .1.. V=H^« i. =. .-.h nicht ^.r..«, die«. Buch od« Ttik ^.. 

,ui phfflwntdBi.iÄhBn-W'e' (PholbVapic, Mikrokop.O lU v«v«ll^ig«. 



Vutwort VII 



Vorwort 

In meinen früheren Arbeiten über Epiktet habe ich mir 
die Aufgabe gestellt, seine Stellung: innerhalb der stoischen 
Schule, speziell sein Verhältnis zur alten Stoa klarzulegen, 
sodann seine eigene Philosophie, ti. h. seine ethische Lebens- 
ansehauung gründlicher und systematischer, als es bis dahin 
geschehen war, zur Darstellung zu bringen. Auf deren Ver- 
wandtschaft mit dem Christentum, die jedem Leser der Diseer- 
tationen auffallen muß, bin ich damals absichtlich nicht näher 
eingegangen, weil ich mir dieses Thema, das mich vermöge meines 
Studiengangs besonders reizen mußte, für später zu selb- 
ständiger Behandlung vorbehalten wollte. Nach langer Panse 
ist mir die Ausführung dieses Vorhabens möglich geworden. 
Ich wollte ursprünglich das Verhältnis Epiktets zum Neuen 
Testament nur in einem größeren Aufsatz im „Archiv für 
Keligionswissenschaft" behandeln und bin zu diesem Zweck 
mit Alhrecht Dieterieh in Beziehung getreten. Nach dem 
bald darauf erfolgten frühzeitigen Tode dieses um die religions- 
geschichtliche Forschung so hochverdienten Mannes machte 
mir sein Kollege und Nachfolger in der Redaktion, Richard 
Wünsch, in ebenso liebenswürdigem Entgegenkommen den 
Vorschlag, meine Arbeit als Bestandteil der „Religions- 
geseLichtlichen Versuche und Vorarbeiten" zu vei-öffentlichen. 
Dadurch war mir eine wesentlich umfassendere Behandlung 
des Gegenstandes nahe gelegt, als ich sie ursprünglich be- 
absichtigt hatte, was mir aber um so erwünschter war, als 



VIII Vorwort 

ieh inzwischen K. Kuiper's Versach, die Th. Zahn'sche These 
von der Abhängigkeit Epiktets vom Neuen Testament mit 
neuen Gründen zu stützen, kennen gelernt hatte, und bald 
darauf Carl Giemen in seinem Buch „Die religionsgeschicht- 
liche Erklärung des Neuen Testaments, Gießen 1909" die 
Kehrseite der Frage, nämlich die Abhängkeit des letzteren 
von der Stoa ausführlich und bis zu einem gewissen Grad 
abschließend zur Erörterung brachte. 

So ist denn der erste Hauptteil dieses Werkes ganz 
diesen beiden kritischen Fragen gewidmet. Wenn Ich aus 
Gründen der Symmetrie auch der ersten einen breiten Eaum 
gegönnt und nicht bloß mit Kuiper's sondern auch mit 
Th. Zahn's Ansicht mich im einzelnen auseinandergesetzt 
habe, so lag mir dabei nicht bloß jede polemisclie Absicht 
fern, sondern ich bin mir auch wohl bewußt, in diesem Teil 
meiner Untersuchung keine wesentlich neuen Erkenntnisse zu 
bieten, hoffe aber doch gerade durch die genaue Piüfang der 
von den genannten Gelehrte^ vorgebrachten Gründe die ent- 
schiedene Ablehnung, welche ihre Auffassung überall gefunden 
hat, noch etwas fester verankert zu haben. 

Auch bei der zweiten Frage bin ieh, im wesentlichen 
in Übereinstimmung mit Giemen, nur noch bestimmter als 
dieser, zu einem fast durchweg verneinenden Ergebnis ge- 
kommen. Im Mittelpunkt steht hier naturgemäß die Prüfung 
des Verhältnisses des Apostels Paulus zum Hellenismus und 
zur stoischen Philosophie, wobei ich mich auf die wertvollen 
Arbeiten von Ad. Deissmann, G. Heinrici, Th. Nägeli, 
Ed. Schwartz, Johannes Weiß, Paul Wendland und anderer 
stützen konnte. Die Ausführlichkeit, mit welcher ich auch 
hier auf das Einzelne einging, war vielleicht Tür die Ent- 
scheidung der Streitfrage nicht erforderlich, dürfte aber doch 
nicht ganz unnütz sein, insofern die mit Epiktet nicht schon 
vorher genauer Vertrauten auf diese Weise tiefer in die 
Eigenart der stoischen Weltanschauung eingeführt und auf 
den zweiten, rein vergleichenden Hauptteil vorbereitet werden, 
in welchem, wenigstens für mich, der Schwerpunkt des Ganzen 
liegt. Hier war es mein Bestreben, die beiden Lebens- 
anschauungen nicht bloß obenhin zu vergleichen sondern in 



Vorwort IX 

ihren Tiefen zu erfassen und sowohl ihre Verwandtschaft als 
auch ihren Gegensatz nach allen Seiten zu beleuchten. Wenn 
die liierbei namentlich über die Bedeutung der stoischen Ethik. 
im Vergleich zur christüehen entwickelten Ansichten vielfach 
auf Widerspruch stoßen werden, so wird man doch nicht 
verkennen, daß ich es mir angelegen sein ließ, auch der 
letzteren eine unbefangene Würdigung zuteil werden zu lassen. 
Wichtigere Abkürzungen, die ich mir im Text erlaubt 
habe, sind: 

B^ u. B' für meine beiden früheren Werke über 

Epiktet (von S. 30 ab) 
A — Alttestamentl. Apokryphen 1 
S ^ Septuaginta von S. 106 ab 

P = Patres apostoüci J 

PI = Paulus (von S. 137 ab, auch im weiteren Ver- 
lauf des Buches gegen meine eigentliche 
Meinung beibehalten). 

Stuttgart im April 1911 

Adolf Bonhöffer 



Inhaltsfiberücht XI 



Inhalteübersiclit 

.■■'.- Srit« 
Erstes Bnch 

Die Frage der Abhängigkeit 

Vorbemerkung 1 

Erster Teil 

Abhängigkeit Epiktets vom Neuen TeBtament 

Elster Abschnitt 
Theodor Zahn â– ..,..... 4 

Zweiter Abschnitt 
K. Kuiper 4* 

Dritter Abschnitt 
SchlnBergebniB 72 

Zweiter Teil 

Abhängigkeit des Neuen Testamenta Ton der Stoa ..' 

Krater Abachnitt 
AUgemdnes SS 

Zweiter Abschnitt 
Die Synoptiker und Verwandtes BS 

Dritter Abschnitt 

Paulus. (Einleitung) 98 

A. Der Wortschatz 101 

B. Der Stil 186 

C. Besonders bedeutunga volle Worte und Begriffe ...... 146 

D. Einzelne atoizisierende Aussprüche 166 

Vierter Abschnitt 
Die übrigen Schriften des Nenen Testaments 160 



XII InhttltsiiberBicht 

öeitü 
Zweites Buch 

Yergleichung Epiktots und <les Neaen Testaiuests 

Vorbemerk im g ISö 

Erster Teil 
Der Wortsehatz 

Bialeituiig 197 

Erster Abschiütt 
Wärter, welche Epiktet und dem Neuen Testament gemeinaam sind . 198 

Zweiter Abschnitt 
Wörter, welche bei Epiktet besoodera hervortreten, aber im Neuen 

Testament fehlen 218 

Dritter Abschnitt 
Wörter, welche im Neuen Testament mehr oder weniger von Bedentnng 

sind, aber bei Epikt«t fehlen 3t>7 

Zweiter Teil 

Einzelne Aussprüche und Qedanken 28ä 

Dritter Teil 
Syatematiäche VergleichTing Epiktets nnd des Neuen Testaraentis 

Vorbemerkung 339 

Erster Abschnitt 
Der Qeaamtchamkter â–  S41 

Zweiter Abschnitt 

Die wichtigsten religiösen und ethischen Grnndsätae und Gedanken . 357 

A. Stellung zu Gott 358 

B. Stellung zum Leben nnd zur Welt 363 

C. Stellung zur Sünde [Sünde und Sittlichkeit) 369 

0, Stellung znr menschlichen Gesellschaft 3Tä 

Dritter Abschnitt 
Dil Oiumtbedeiitung 382 

BtrlohtlKungen nnd Nachträge 3S1 

VintiahDlina 393 



Adolf BonhDSär, Epiktet and das Nene Testament 



Erstes Buch 
Die Frage der Abhängigkeit 

Vorbemerkung 

Schon in früher Zeit ist man auf das „Christüche" in 
Epiktet aufmerksam geworden. Als das Christentum die 
Staatsreligion im römischen Reich geworden war, gewöhnte 
man sich aUmithlich daran, der heidnischen Weisheit, von der 
man nichts mehr zu fürchten liatte, unbefangener gegenüber- 
zutreten, und scheute sich nicht das Gute darin mehr oder 
weniger offen anzuerkennen und für die eigenen Zwecke zu 
benutzen. So sind durch Ämbrosius, Lactautius, Äugustio und 
andere Lateiner Cicero und Seneca und mit ihnen der Pla- 
tonismus und noch mehr die Stoa in der christliclien Welt zu 
Ansehen und Einfluß gekommen. Etwas zurückhaltender in 
der Schätzung und Aufnahme der heidnischen Philosophie 
waren die griechischen Väter; fällt docli Gregor von Nazianz, 
allerdings in einer Invektive gegen den abtrünnigen Julian, 
über Sokrates, Epiktet und Anaxagoras das ebenso unzarte 
als unverständige Urteil: ^2» &vayy.ala ftSkXov ^ ixovaiog fjV ^ 
(ptkoao(pla (H. Schenkl Epicteü Dissertattones, Lipsiae 1894, 
XIX), Auch später war die zu starrer Orthodoxie hindrängende 
Entwicklung der byzantinischen Kirche einem freieren Ver- 
hältnis zur heidnischen Literatur nicht günstig; die Diatriben 
Epikteta wurden immer weniger gelesen, nur das Encheiridion 
erfreute sieh fortdauernder Beliebtheit, und dieses wurde denn 

ReligLonageacbichllLChB Veisucht^ u. VorarbaitBn X. 1 



2 Adolf Bonhöfier 

auch mit der Zeit dem christlichen Lehr- und Erbauungs- 
zweck förmlich dienstbar gemacht, wie die christliche Para- 
phrase des Manuale, und das sogenannte Elncbeiridion des Nilus 
beweist ^ Daß allmählich auch die Diatriben wieder zu Ehren 
kamen und geschätzt wurden, zeigen die noch aus der byzan- 
tinischen Zeit stammenden Seholien des Codex Eodleianus 
(Schenkl XXXIII ff.). Im Mittelalter, wie alle Griechen, der 
Vergessenheit anheimgefallen, treibt ihn die Welle des Hn- 
manismus wieder empor, und er gehört von da an bis tief ins 
18. Jahrhundert herein zu den Lieblingen bedeutender Geister, 
teils als Geistesverwandter der christlichen Lehre, teils als 
Ersatz für sie. 

Erst die durch D. Fr. Strauß ins Leben gerufene historisch- 
kritische P>forschung des Lebens Jesu und des Urchristentums 
weckte das Verlangen, über die Beziehungen der späteren 
Stoa, deren Hauptvertreter, Seneca und Epiktet, gerade in 
der 2eit der Entstehung der neutestamentlichen Schriften 
lebten und lehrten, zu diesen ins klare zu kommen. Nachdem 
sich diese Neugier durch die extravaganten Versuche eines 
Bruno Bauer und Ern. Havet wieder abgekühlt hatte, wurde 
das Problem, einerseits durch die sozialistisch-radikale Ge- 
schichtsbetrachtung, andererseits im Zusammenhang mit der 
moderneu vergleichenden Eeligionsforschnng von neuem auf- 
gebracht und ist nun eigentlich erst recht zu einer die 
weitesten Kreise interessierenden, brennenden Frage geworden. 
Man schreibt wieder über das „Christentum" des Seneca und 
seinen famosen Briefwechsel mit dem Apostel Paulus; das 
Hauptinteresse konzentriert sich aber, wie billig, auf Epiktet, 
der unter allen Schriftstellern der Antike, nach dem ethisch- 
religiösen Gehalt seiner Philosophie, dem Christentum am 
nächsten steht. Dazu kommt, daß bei Seneca, der seine philo- 
sophischen Schriften zwischen 50 und 60 schrieb, an eine 
Kenntnis und gar an eine Benutzung neutestamentlicher 
Schriften nicht im Ernst zu denken ist, während dies bei 



' Das letztere ist keiae eigentliche Parapfarase, sondera nur eine Aus- 
gabe des Kncbeiridions, welche die ailergröbsten Anstöße für ctiristliohe 
Leaer beneitigt, b. B. 3-Boi duich Osöe ersetzt. 



Eplktet und das Nene Testament 3 

Eplktet, deseeii eigentliche Lehrtätigkeit zwischen 100 und 
180 ftlUt, nicht von vornherein als undenkbar bezeichnet 
werden kann. Andererseits ist eine literarische Beeinflussung 
des Neuen Testameots durch Epiktet aus denselben chrono- 
logischen Gründen so gut wie ausgeschlossen. Wenn also 
die unleugbare Verwandtschaft beider nur durch ein Ab- 
hängigkeitsverhältnis zu erklären ist — und diese Annahme 
Jlegt jedenfalls dem oberfläclilicheu Beurteiler am nächsten — 
10 muß ein Einfluß des Neuen Testaments auf Epiktet nach- 
gewiesen werden können. 



l* 



Adolf Bonhöffer 



Erster Teil 
Abhängigkeit Epiktets vom Neuen TeBtament 

Erster Abschnitt 
Theodor Zahn 

Einen kräftigen Vorstoß in dieser Richtung hat Theo- 
dor Zahn unternommen in seiner im Herbst 1894 zu Er- 
langen gehaltenen Rektoratsrede „Der Stoiker Epiktet und 
sein Verhältnis zum Christentum" '. Er tut dies in bewußter 
Opposition gegen die „in der Gegenwart bei Theologen und 
Philologen herrschende starke Neigung, solches, was man für 
ursprünglich christlich hielt . , . aus Aneignung heidnischer 
Ideen zu erklären", und kommt zu dem Resultat, daß Epiktet 
neutestamentiiche Schriften gelesen und religiöse Ideen und 
Lebensregeln des Neuen Testaments sich angeeignet habe. 
Diese Behauptung Zahns hat von selten der Kritik fast ein- 
stimmige und zum Teil sehr scharfe und energische Ablehnung 
gefunden: einen Versuch, die Einwendungen der Gegner zu 
widerlegen, hat Zahn meines Wissens nicht gemacht. 

Somit könnte ich für meinen Zweck mich des näheren 
Eingehens auf seine Schrift ruhig entheben. Wenn ich es 
doch tue, so geschieht es deshalb, weil ein Mann von der Be- 
deutung Zahns, auch wo er irrige Ansichten vertritt, immer 
noch interessant und lehrreich bleibt, und weil nur eine 



'â–  Ick zitiere nacli der 2. Anfluge, Erlangen u, Leipzig, 1895. 



Epiktet und dfts Nene Testament 5 

gründliche Auseinandersetzung mit ihm, die zugleich auch 
tiefer in den Geist der Stoa einführt, die Streitfrage zu klären 
und, soweit es möglich ist, zum Austrag zu bringen vermag. 

Vor allem ist anzuerkennen, daß Zahns Darstellung frei 
ist von irgendwelcher Tendenz, den Epiktet zu einem Christen 
oder Christenfreund malgre lui zu stempeln. Er ist sich ganz 
klar darüber, daß Epiktet nichts anderes sein wollte als ein 
Stoiker, daß gerade das Wesentliche des Evangeliums für ihn 
völlig unannehmbar war, und fast elegisch klingt Zahns Schluß- 
urteil über ihn: „Er Ist kein Christ geworden, weil er ein 
Stoiker war und als Stoiker sterben wollte" (34). Ferner 
konstatiere ich gerne, daß die. objektive Schilderung, die Zahn 
in der ersten Hälfte seines Vortrags von Epiktets Persönlich- 
keit und Lehre gibt, sehr gewandt und ansprechend ist und 
auch eine gewisse Sympathie mit dem heidnischen Philosophen 
keineswegs vermissen läßt ^ 

Aber so weit geht nun allerdings diese Sympathie und 
Unbefangenheit nicht, daß er sich ernstlicher bemüht hätte, 
Epiktets Lebensanschauung aus sieh selbst und ihrem Zu- 
sammenhang mit der alten Stoa heraus philosophisch zu yer- 
Btehen. Gleich am Anfang wendet sich Zahn auffallend scharf 
gegen die von mir behauptete großartige Einheitlichkeit und 
Geschlossenheit des epiktetisehen Gedankensystems und findet 
das entgegengesetzte Urteil eher am Platze, daß die Selbst- 
widersprüche, in welche die stoische Lehre schon vor ihm 
aich verwickelt hatte, bei Epiktet verschärft uns entgegen- 
treten. Und am Schluß seiner Schilderung der epiktetisehen 
Lelire lesen wir die befremdlichen Worte: „Harmonisch klingt 
das, und doch, welche Widersprüche!" Befremdlich ist das 
achon im Hinblick auf Zahns eigenes, vorhin berührtes Urteil 
über Epiktet. Wenn dieser wirklich, obwohl er (wie Zahn 
meint) das Christentum und neutestamentliche Schriften kannte, 
ein überzeugter Stoiker war und als Stoiker leben und sterben 
wollte, wie hätte dann diesen charaktervollen Stoiker seine 
Kenntnis des Christentums so alterieren können, daß dadurch 
eine Disharmonie in seine Welt- und Lebensanschauung hiuein- 



1 Panl Wendland in Theol. Lit.-Z. 1895. 493. 



6 Adolf Bonhöffer 

g:ekommen wäre ? Eine solche zu Selbstwiderspriiclien führende 
Beeinflußbarkeit wäre denkbar bei einem Menschen, der von 
Haus aus keine feste, klare Überzeugung hat und deshalb 
das Neue kritiklos zu dem hin aufnimmt, was ei' vorher ge- 
glaubt und bekannt hat, nicht aber bei einem Manne, der, 
wie Zalin selbst anerkennt, seiner einmal angenommenen Denk- 
uüd Lebensrichtung bis zum Ende unentwegt treu geblieben 
ist. Und wenn Epiktet ein so deutliches Gefühl davon hatte, 
daß das Wesentliche des Christentums für ihn völlig un- 
annehmbar war, wie sollte das letztere imstande gewesen 
sein, ihn, ohne daß er es selbst merkte, in Widersprach mit 
seiner stoischen Grundanschauung zubringen? Zahn spricht 
ja freilich davon, daß diese Selbstwidersprüche schon der alten 
Stoa eigen gewesen seien. Dann liegen sie aber eben im 
System als' solchem, und das angeblich stärkere Hervortreten 
derselben bei Epiktet würde sich dann weit einfaclier dadurch 
erklären, daß er eben ein ganzer Stoiker, ein Stoiker „mit 
seinem ganzen Widerspruch" gewesen ist, als dadurch, daß 
er sich ganz heterogenen Einflüssen hingegeben hätte'. 

Geben wir aber nun einmal die Möglichkeit zu, daß die 
Widersprüche, die bei Epiktet sich finden sollen, sich aus 
einer Beeinflussung durch christliche Vorstellungen erklären 
lassen, so müssen wir jetzt fragen, worin denn diese 
Widersprüche bestehen. Zahn findet einen solchen 
zwischen der Gestaltung des Selbstmordes und der Lehre von 
der Vorsehung. Es ist aber eine gänzliclie Verkennung der 
epiktetischen Providentia specialis, wenn man sie so auffaßt, 
als ob Gott dem Ifenschen auch seine äußere Existenz, 
und was za ihr gehört, gleichsam verbürgt hätte. Das einzige, 
was die Gottheit dem Mensehen gewährleisten kann, und 
worin der Stoiker ihre fürsorgliche Liebe, wenn man so will, 
erkennt, ist seine innere Freiheit und Würde, die er, 
falls er ein Philosoph ist, auch unter den schlimmsten äußeren 
Schicksalen aufrecht erhalten kann. Mangel und Elend zu 

' Ed. Zeller, Die PhüoBOphie der Griechen III 1, 4. Änfl. Leipzig 1900, 
481 ; „(Wir würdeii) den Stoikern Unrecht zu tBn glanben, wenn wir ■wegen 
dieser wiasenschaflJichcn Mängel und Widersprüche die Eiuheit und den 
isneien Zusammenhang ihres Systems leuguen wollten." 



6 Adolf Bonhöffer 

g:ekommen wäre ? Eine solche zu Selbstwiderspriiclien führende 
Beeinflußbarkeit wäre denkbar bei einem Menschen, der von 
Haus aus keine feste, klare Überzeugung hat und deshalb 
das Neue kritiklos zu dem hin aufnimmt, was ei' vorher ge- 
glaubt und bekannt hat, nicht aber bei einem Manne, der, 
wie Zalin selbst anerkennt, seiner einmal angenommenen Denk- 
uüd Lebensrichtung bis zum Ende unentwegt treu geblieben 
ist. Und wenn Epiktet ein so deutliches Gefühl davon hatte, 
daß das Wesentliche des Christentums für ihn völlig un- 
annehmbar war, wie sollte das letztere imstande gewesen 
sein, ihn, ohne daß er es selbst merkte, in Widersprach mit 
seiner stoischen Grundanschauung zubringen? Zahn spricht 
ja freilich davon, daß diese Selbstwidersprüche schon der alten 
Stoa eigen gewesen seien. Dann liegen sie aber eben im 
System als' solchem, und das angeblich stärkere Hervortreten 
derselben bei Epiktet würde sich dann weit einfaclier dadurch 
erklären, daß er eben ein ganzer Stoiker, ein Stoiker „mit 
seinem ganzen Widerspruch" gewesen ist, als dadurch, daß 
er sich ganz heterogenen Einflüssen hingegeben hätte'. 

Geben wir aber nun einmal die Möglichkeit zu, daß die 
Widersprüche, die bei Epiktet sich finden sollen, sich aus 
einer Beeinflussung durch christliche Vorstellungen erklären 
lassen, so müssen wir jetzt fragen, worin denn diese 
Widersprüche bestehen. Zahn findet einen solchen 
zwischen der Gestaltung des Selbstmordes und der Lehre von 
der Vorsehung. Es ist aber eine gänzliclie Verkennung der 
epiktetischen Providentia specialis, wenn man sie so auffaßt, 
als ob Gott dem Ifenschen auch seine äußere Existenz, 
und was za ihr gehört, gleichsam verbürgt hätte. Das einzige, 
was die Gottheit dem Mensehen gewährleisten kann, und 
worin der Stoiker ihre fürsorgliche Liebe, wenn man so will, 
erkennt, ist seine innere Freiheit und Würde, die er, 
falls er ein Philosoph ist, auch unter den schlimmsten äußeren 
Schicksalen aufrecht erhalten kann. Mangel und Elend zu 

' Ed. Zeller, Die PhüoBOphie der Griechen III 1, 4. Änfl. Leipzig 1900, 
481 ; „(Wir würdeii) den Stoikern Unrecht zu tBn glanben, wenn wir ■wegen 
dieser wiasenschaflJichcn Mängel und Widersprüche die Eiuheit und den 
isneien Zusammenhang ihres Systems leuguen wollten." 



Epibtet imd das Nene Testameut 7 

ertragen, solange überhaupt noch eine vernünftige Hoffnung 
auf Besserung oder eine Möglichkeit zu sinnvoller Fortsetzung 
des Lebens vorhanden ist, mutet Epiktet jedem Menschen zu. 
Freilich weiß er, daß nur verhältnismäßig wenige imstande 
sind, bis zu jener äußersten Grenze auszuharren .- die meisten 
würden vorher schon die Last des Lebens eigenmächtig voh 
sich werfen oder vielmehr, wenn es geht, lieber ihre sittliche 
AVürde hingeben, um ihr Leben noch länger oder angenehmer 
fristen zu können. Wenn aber der Philosoph, der sittlich 
Öebildete, je in die Lage kommt, seinem Leben selbst ein 
Ende zu machen, so tut er es ja in völligstem Einklang 
mit dem Willen der Gottheit, ohne eine Spur von 
Bitterkeit gegen sie, ohne auch nur im geringsten deshalb 
an ihrer fortdauernden Liebe und Weisheit zu zweifein \ 



' Auch die Idee der Gottestiiidschaftiatniobt, wie Zahn meint (29), 
imtei- dem EinfluE des Christentums von Epittet vertieft worden. Denn 
bei aller Ähnlichkeit der An sdmeks weise ist doch die augrande liegende 
Anschauung vom Verhältnis des Menschen zu Gott eine wesentlich andere 
als dort imd kann ebendeshalb auch nieht in Widerspruch treten mit der 
Gestattuug des Selbstmords, wie im folgenden noch genauer gezeigt werden 
wird. — Wenn aber Zahn sagt, vergebens suche mau in der heidnischen 
Literatur vor Epiktet, ic. B. bei Seneca, die Wahrheit, welche Epiktet mit 
Feuereifer predige, daß aUe Menscben alg Kinder Gottes anch Brüder sind, 
und daß auch der Sklave ala Broder, sla SpröEliug desselben Zeus an be- 
handeln sei, so ist mir dieses Urteil angesichts der vielen bei Seneca vor- 
liegenden Gegenzeugnisse — ich greife nur De benef. III 28, I ft., Epist. 
31, 11; 4i, 1; 47, 1 u, 11; 95, 33 (ed. Halse) heraus — wirklich unver- 
ständlich. Es geht doch nicht an, die erhabenen Gedanken, die er hier aus- 
spricht, einfach als „scbüue Worte" beiseite zu schieben, weil eben Seneca 
allerdings im Leheu nicht immer diese Höhe behauptet hat. — Weit richtiger 
hat W. E. H. Lecky über Seneca geurteilt (Sittengeschichte Europas, deutsch 
von H. Jolowicz, Leipzig u. Heidelberg 1870, I 206): „ErwSgt man die 
Korruption (der damaligen Zeit) und andererseits die hohe Stellung der 
meisten Stoiker, so ist die strenge Lauterkeit der Sehiiften Senecas und 
seiner Schule eine ia der Geschichte einzig dastehende Tatsache". Ähnlich 
Ed, Norden, Die antike Kunetprosa, Leipzig 1898, II 306 ff. — Zum Haupt- 
gedanken vgl. noch Otto Seeck, Geschichte des Uniergangs der antiken Welt, 
Bd. 3, Berlin 1909, 89; „Bei den Stoikern gehurt es zu den Grundzügen 
ihrerLehre [von mir gesperrt I], datlauohdcr Fremde und der Sklave, wenn 
er nur ein edler Mann sei, hinter dem freien Griechen nicht zurückstehe. Der 
Satz, daß alle Menschen Brüder sind, den wir mit Unrecht für christlich 
halten, hat schon in ihrer Schule eine klare Auapraguüg erhalten." 



8 



Adolf BolihBfEer 



Man kann diese Anschauung sonderbar und verkehrt finden, 
aber von einem Konflikt zwischen göttlicher Vorsehung und 
dem Recht des Menschen auf sein eigenes Leben kann auf 
dem Standpunkt der Stoa keine Rede sein. 

Ich muß jedoch dies noch deutlicher zu machen versuchen. 
Zahn bat seine Behauptung aufgestellt, obgleich er mein Buch 
gelesen bat, in welehem icli gerade die stoische Lehre vom 
freiwilligen Tod besonders ausführlich dargestellt habe und 
zwar so, daß die Motive und Bedingungen, überhaupt der 
ganze Sinn, welelien die Gestattung der absichtlichen Be- 
endigung des eigenen Lebens bei den Stoikern hat, so deutlich 
als möglich hervorgehoben wurde. Trotzdem führt Zahn 
zum Beweis des behaupteten Konflikts in Anm. 21^ einige 
Stellen Epiktets an, aus welchen er im Texte eine Reihe von 
Widersprüchen herleitet, die aber nur auf denjenigen einen 
Eindruck machen können, der von dem eigentlichen Sinn und 
Geist der stoischen Lebensbetrachtung keine Ahnung hat. 
„Als ausreichenden Grund zum Selbstmord läßt er unter an- 
derem gelten, daß einem der notwendige Lebeosunterhalt ausgeht 
. . . und in dem gleichen Zusammenhang mahnt Epiktet im 
Tone der Bergpredigt, nicht zu sorgen für den anderen Morgen, 
sondern dem Vater zu vertrauen, welcher die unvernünftigen 
Tiere ernährt und die entlaufenen Sklaven nicht verhungern 
und die Bettler meist steinalt werden läßt." ,■ Zahn sieht hier 
die Äußerungen Epiktets ganz durch die Brille des Evan- 
geliums: sie haben in Wirklichkeit keinen solchen kindlich 
gläubigen Sinn. Gerade den Z u s a m__m e n h a n g, in welchem 
diese selieinbar widersprechenden Äußerungen miteinander 
stehen, hätte Zahn besser beachten sollen, dann wären sie 
ihm nicht als Widerspruche erschienen. Epiktet sagt aller- 
dings „wenn da (heute) hast, wirst du (auch morgen) haben", 
fährt aber unmittelbar darauf fort: „wenn du aber nicht hast, 
so scheide! die Türe ist offen" (I 9, 20). Also geht sein Ver- 
trauen auf die Gottheit eben nicht so weit, daß er dieses 
„morgen" ins Unbegrenzte fortgesetzt denkt; sondern er nimmt 
an und sagt es ja deutlich, daß der Fall eintreten kann, wo 
Gott die Nahrung nicht mehr darreicht (aaO.; III lü, ü; 
III 26, 29). Aber — und dies ist der entscheidende Punkt — 



Epiktet und äas Nene Testament 9 

er verliert dadurch sein Vertrauen auf die Gottheit keines- 
wegs, da ihm der Tod «nd auch der freiwillige Tod eine 
Willensäußerung desselben Gottes ist, der ihn zuvor genährt 
hat und ihm auch jetzt nichts Arges antut (eis o^^'^^ öeivöv) 
sondern ihn nur zurückruft zur Wiedervereinigung mit dem 
wesensverwandten All. 

Es fällt also dem Epiktet gar nicht ein, die Menscheo 
zu ermahnen, sie sollten dem Vater vertrauen, daß er ihnen, 
immer den notwendigen Lebensunterhalt gewähren, werde. 
Wohl exemplifiziert er auch auf die unveriiiinftigen Tiere, die 
Gott so ausgestattet hat, daß sie (in der Regel) selbst ihre 
Nahrung finden; aber selbstverständlich hat auch bei den 
Tieren diese Gewährschaft ihre Grenzen, und während das 
Tier nun in diesem Fall elendiglich verhungert, ist es nach 
Epiktet das Von-echt des Mensehen, ein sinnloses Sich zu 
Tode quälen sich zu ersparen und den Willen der Vor- 
sehung durch bewußtes Erfassen rascher zu verwirklichen. 
Wohl weist er darauf hin, daß die Bettler meist steinalt werden 
(III 28, 6), aber nur um zu zeigen, mit wie wenigem der 
Mensch erfahrungsgemäß auskommen kann, und welche Wider- 
standskraft ihm gegen das, was weichliche Leute Not und 
Elend heißen, gegeben ist, aber nicht in dem sentimentalen 
Sinn, daß die Gottheit den Bettlern etwa ein besonderes Maß 
von Fürsorge eiTveisen würde: gilt ihm doch dieses Stein- 
altwerden gar nicht an sieh als etwas Begehrenswertes oder 
Gutes, wofern der Inhalt dieses Lebens nicht Weisheit und 
Tugend ist. Wohl spricht er von den entlaufenen Sklaven, 
die völlig mittellos und stets gefährdet und verfolgt sich doch 
durchs Leben schlagen, aber nicht im Vertrauen auf den 
Schutz des Himmels — wie könnten sie das auch, da Epiktet 
ihre Flucht gerade als ein Zeichen unweisen und unfromraen 
Sinnes selbstverständlich mißbilligt! — sondern, wie er klär- 
lich sagt, im Vertrauen auf sich selbst (1 9, 8 tivi 
fcsnoi3-6ves ■ . .; ovätvi, &k'L' lavtoTg). 

Zahn fährt fort: „Geschlagen, gehängt und gekreuzigt 
zu werden, soll nicht unerträglich sein; wenn es kommt, soll 
man es als Gottes Willen hinnehmen. Warum soll es dann 
unerträglich sein zu betteln oder auch zu verhungern, wenn' 



10 Adolf JJonhöffer 

das Gottes Wille ist?" Freilieh ist es unerträglich zu betteln, 
weil das Betteln nach Epiktets Meinung oder vielmelir klarer 
Kenntnis der Zeitverbältnisse, in der Eeget wenigstens, mit 
einer Selbsterniedrigung verbunden ist; diese aber Ist, wie 
alles Unvernünftige, d. Ii, alle* der höheren Natur des Menschen 
Widerstrebende, unerträglich, so unerträglich, daß der Philo- 
soph lieber stirbt als daß er durch ein Sehmeichelwort oder 
eine erniedrigende Handlung sein Leben fristen wollte. Und 
das Verhungern, d. !i. das langsame, .sichere Verhungern ist 
unerträglich, nicht weil es wehe tut, weil es qualvoll ist, 
sondern weil es unvernünftig ist, nnnötige Qualen zu dulden. 

„Der Glaube an die allgegenwärtige Fürsorge Gottes läßt 
es dem Philosophen gleichgültig erscheinen, ob Gott ihn auf 
eine wüste Insel verbannt oder in Kom leben läßt; wenn aber 
der Bauch im Hause zu arg wird, verläßt er es eigenmächtig; 
und wenn ihm nach reiflicher Überlegung der Aufenthalt auf 
der Öden Insel als ein solcher Rauch erscheint, so tötet er 
sich. Aber woher kommt der unter Umständen unerträgliche 
Ranch in dem mit vollkommener Weisheit gebauten und mit 
väterlicher Liebe verwalteten Hause der Welt? und wie ist 
es denkbar, daß im Umkreis der Natur, welcher gemäß zu 
leben Sittlichkeit und Seligkeit ist, ein Ort sieh finde, wo es 
dem Menschen nicht mehr möglich wäre, natur- und veruunft- 
gemäß zu leben?" 

Zuerst eine Kleinigkeit! Zahn sagt, „wenn der Itauch 
im Hause zn arg wird, verläßt er es eigenmächtig". Er 
weiß wohl, daß Kpiktet das Büd vom Hauche gebi'aiicht zur 
Veranschiinlichung einer Lage, in welcher einem gleichsam 
das Atmen, das heißt die Lebensmöglichkeit ausgeht. Warum 
sagt er dann „eigenmächtig"? Wenn der Rauch im Hause 
zu arg wird, verläßt man es doch vernünftigerweise. 
Zahn denkt an den „Selbstmord", der natürlich immer eigeu- 
mäclitig ist und setzt deshalb sozusagen, mit instinktiver Miß- 
billigung, das Wort „eigenmächtig'', wo es gar nicht hinpaßt. 
Sodann gibt er selbst zu, daß der verbannte Stoiker sich erst 
tötet, wenn er nach reiflicher Überlegung den Aufent- 
halt auf der öden Insel unerti-äglicli findet. Unter reiflicher 
Überlegung verstellt man aber meines Wissens immer eine 



Epiktet und das Neue Teatament U 

richtige, vernünftige Überleg-ung;. Was soll also fiir ein Wider- 
spruch darin lieg-en, wenn Epiktet sagt, an und fiir sich kann 
der Weise in «yara ebenso glücklieh leben wie in Korn; es 
kann sieh abei- der Aufenthalt auf der öden Insel mit der 
Zeit so gestalten, daß das Leben keinen Sinn mehr hat, z. B. 
wenn ein schweres Leiden ihn befällt, aber keine Möglichkeit 
der Heilung vurliegt? danu wird er vernünftigerweise darin 
das ßückzugssignal erkennen. Selbstverständlich kann dieser 
oder ein aliolicher Fall auch in Rom eintreten, aber die 
Wahrsclieinlichkeit ist bei Gyara doch etwas gröJJer. 

Nach diesen Vorbemerkungen aber kommen wir erst auf 
den Kern der Sache: die letzten Sätze Zahns geben in der 
Tat zu denken, denn sie entrollen vor uns kein geringeres 
Problem als das der Theodizee, das überall, auch in der 
Stoa, seine Schwierigkeit hat. Zuvörderst ist nun aber zu 
sagen, daß die Ausdrücke, die Zahn gebraucht, einen allzu 
chribtHchen, bestimmt theistisclien Klang und Sinn haben, der 
auf die Stoa nicht paßt: daß die Welt mit väterlicher Liebe 
verwaltet wird, ist vom stoischen Standpunkt aus zuviel ge- 
sagt, erweckt jedenfalls keinen ganz adäquaten Eindruck von 
dem Weltbild, das die Stoa, das auch Epiktet sieh gemacht hat. 
Sodann, woher der unerträgliche Rauch kommt, sagt ja Epiktet 
ga«K deutlich an manclier Stelle, am deutlichsten II 5, 27: 
'JdvvoTOv -/OQ iv ToiovT';) awfiaTi, iv icivz^i xqi TtSQt^'/ßvTi, 
tovToig Tols ai:t,Sjair /lij tjcfimitiuv alhjii; äi'/.a rotnOra. Die 
ünvollkommenbeit der Welt — „UnvolJkommenheit" natürlich 
im Sinne des unphilosophischen, unethischen Menschen! — 
beruht also nicht auf einerji Mangel an Weisheit oder Liebe 
seitens der Gottheit, sondern auf der Natur der v'/n^, an welcher 
auch sie eine im letzten Wesen der Dinge begründete Schranke 
ihre]' Jlaciit hat, ohne daß jedoch sie selbst dies als Schranke 
sozusagen schmerzlich empfinden künnle. Ganz treuherzig er- 
klärt Zeiis dem Epiktet: „Wenn es niöglich wäre, hätte ich 
auch deinen Leib und deinen Besitü frei und unhemmbar ge- 
macht ... da ich aber dies nicht konnte, so gab ich 
dir ein Teil von unserem Wesen, nämlich diese Fähigkeit 
freier Selbstbestimmung, in der du dein Glück und deine Be- 
friedigung finden kannst" (1 1, 10 ff.). Ein Spötter « la Lukian 



12 Adolf Bonhöffer 

könnte da ganz hübsch erwidern: „Ja, du gestehst doch aber, 
daß du selbst nicht alles kannst (was du vielleicht möchtest): 
â– wie soll dann das Teil von dir, das ich erhalten habe, volle, 
schrankenlose Freiheit sein?" Aber hier hört eben das Rai- 
sonnement der Stoa auf: Zeus bekennt eine gewisse Ohn- 
macht, aber warum es so sein muß, weiß er selbst nicht oder 
er macht sich keine weiteren Gedanken darüber. Jedenfalls 
bedauert er sie nicht, sondern nimmt sie einfach hin als eine 
nicht weiter zu erklärende Notwendigkeit, und ebenso soll 
auch der denkende Mensch die Schranken, die seinem äußeren 
Leben gezogen sind, nicht bedauern oder schmerzlich empfinden, 
sondern sich der Notwendigkeit unterwerfen und zufrieden 
sein mit dem Großen und Hohen, das ihm an innerer, geistiger 
Kraft gegeben ist. 

So erledigt sich auch die letzte Frage Zahns : es gibt in 
der Tat im Umkreis der Natur keinen Ort, wo es dem Menschen 
nicht mehr möglich wäre, natur- und vernunftgemäß zu leben. 
Niemand kann in dieser Beziehung höhere Ansprüche an den 
Menschen machen als Epiktet. Er verlangt, daß man das 
Leben noch schön und lebenswert findet, wenn gleich alles 
fehlt, was die Mensehen als ein sogenanntes Lebensbedürfnis 
ansehen; er schildert, wie man selbst auf die Befriedigung 
des angeborenen Gesellschaftstriebs verzichten und in voll- 
kommener Einsamkeit einen vernünftigen Lebenszweck erfüllen 
kann (III 13). Aber es können doch Fälle eintreten, wo schon 
rein äußerlich die Fortsetzung des Lebens und vollends eines 
menschenwürdigen, denkenden Lebens auf die Dauer in Frage 
gestellt ist, und in solchen Fällen, selbstverständlich nicht 
vorschnell, sondern nach reifliclierl^lrwägung, erkennt es der 
Stoiker als eine Forderung der Vernunft, das Leben frei- 
willig abzuschließen, und dieser Abschluß selbst ist ihm dem- 
gemäß eine natur- und vernunftgemäße Handlung im hächsten 
Sinne des Wortes. Der Stoiker wird also niemals zugeben, 
daß der Eintritt eines solchen Falles, wo ilim der freiwillige 
Tod geboten erscheint, den Charakter des Lehens als eines 
natur- und vernunftgemäßen irgendwie zu alterieren vermag, 
so wenig wie das plötzliche oder „vorzeitige" Hinweggeraftt- 
werden durch einen von der höheren Macht verhängten Tod. 



Bpiktet und iaa Neue Testament ja 

So zeigt es sich denn nach allen Seiten hin, daß ein 
Widerspruch zwischen de,- Gestattung des Selbstmords und 
dem_ -Vorsehungsglauben nicht vorhanden ist, sobald man die 
Ansicht der Stoiker scharf ins Auge faüt und keine Christ- 
liehen Überzeugungen und Gefühle in die Stoa einträgt. Nicht 
anders verhält es sieh mit einem weiteren Selbstwiderspruch 
welchen Zahn darin findet, daß Epiktet die Sünde einerseits 
lediglich auf einen intellektuellen Irrtum zurückführe der 
jederzeit leicht zu heben sei, andererseits aber Klage führe 
über die allgemeine Herrschaft der Sünde, der sich sogar die 
Besten nicht entziehen können. Auch hier ist nämlich der 
Widerspruch nur ein scheinbarer. Wohl entspringt nach 
stoischer Ansicht alle Leidenschaft und moralische Schlechtig- 
keit aus einer Verkelirung: der Vernunft, einem falschen Urteil 
über das Erstrebens- und Jleidenswerte; imd sobald das richtige 
Urteil m der Seele Raum gefaßt und Wurzel geschlagen hat 
muß da.^ Böse verschwinden. Aber Epiktet betont es deutlich 
und nachdrücklich, daß diese fundamentale Änderung des Wert- 
urteils keine so leichte Sache ist und sich nicht im Hand- 
umdrehen vollzieht. Vor allem ist nicht jeder beliebige Mensch 
imstande, die richtigen Anschauungen über das Gute und 
Schlechte anderen auf eine wirksame und eindrucksvolle 
^eise beizubringen, sondern es gehört dazu, wie es Epiktet 
Ott ausspricht, ein besonderes rednerisches und didaktisches 
l^eschick, das überdies noch von einer ernsten, ethisch über- 
legenen Persönlichkeit getragen sein muß. Sodann sind die 
Anlagen der Einzelnen sehr verschieden, wie ebenfalls Epiktet 
oft genug betont, von der absoluten Verstocktheit und hoff- 
nungslosesten ämiöeicc, weJcheaiich dem menschenfreundlichsten 
Lehrer jede Lust und Möglichkeit der Belehrung unmöglich 
macht, bis zur idealsten Begeisterungsfähigkeit einer groß und 
edel angelegten Seele. Liese letzteren sind die Naturen, an 
die er denkt, wenn er die Bekehrung als etwas Leichtes hin- 
stellt, wenn er Äußerungen tut wie die: „Zeige dem W-.6v 
vmiovcyM» den Widerspruch, in dem es sich bewegt, und es 
wird Ihn überwinden!" (11 26, 7) oder „Zeige ihm die Wahr- 
m 7"^ o7^''^ ''^'"' ^'^ "'' '■''^^^'" (" 12, 4; ähnlich 



14 Adolf Bonhöfter 

Aber selbst im günstigeren Fall ist mit dieser ersten 
kräftigen Siiiiia-iänderuEg die Sache noch keineswegs abgetan. 
Auch bei guter Beaiilagung braucht es doch viel Zeit und 
stetige, innere Arbeit, um die theoretisch gebilligten Grund- 
sätze sich innerlich anzueignen und zu praktischen Über- 
zeugungen zu machen, indem man sich daran gewöhnt, sie 
auf alle Vorkommnisse und Entsclieidungen des Lebens anzu- 
wenden '-. Warum würde denn sonst Epiktet so viel Wert legen 
anf die fislirrf und äay.r,ms, wenn es im Ernst seine Meinung 
wäre, daß die bloße, am Ende gar nur einmalige Mitteilung der 
richtigen döy/iara geniige, um die Affekte und das unsittliche 
Handeln zu unterdrücken? Ein sittlich tüchtiger Mensch 
wird man nach Epiktet, in der Regel wenigstens, nicht durch 
eine plötzliche Bekehrung, sondern durch einen ethischen 
Bildtjngsprozeß, über dessen Dauer selbstverständlich nichts 
Bestimmtes und Allgemeingültiges gesagt werden kann, außer 
daß er meistens das ganze Leben hindurch fortdauert, so daß 
er, der Lehrer, zuweilen seihst noch sich in denselben ein- 
schließen kann. Es genügt hier nur die eine schöne Stelle 
herzusetzen, welche Epiktets Ansicht am besten zum Ausdruck 
bringt. „Nichts Großes entsteht mit einem Schlag, wo doch 



' Sehr gut hat itieB L. Webör ausgeführt in einer Reihe tou Auf- 
sätzen üher La niorale d'Epiciete et les besoins prisenis de i'enseignement 
moral in der lieuue de me.taphyuiqae et de viorak, Pnris 11106 u. ff. Jahr- 
gange. Epiktefa Wissen, so führt er etwa, aiip, ißt uitht ein bloU theore- 
üschos, sondern ein innerlich praktisches, es bat nur Weit, sofern es Jfegen- 
wärtig ist, die Kraft weckt und die Handlung bestimmt Seine dialektisch 
entwickelten ««oAi/ytis sind keine hioli theoretischen Regriffe, sondfirn — 
der Ausdrack ist ivoh! nach A. Füuille gebildet — idtes-motrices, idees- 
forcen; das Wissen, das diesen Namen wirklich verdient, schließt iminec 
eine entsprechfiifde Macht ein. — Ich kann liier nicht umhin es aHsziiaprechen, 
daß in Frankreich und auch in England — ich denke besonders an das 
Werk des nun verstorbenen Edw. Caird The evolution of theology in Ihe 
greek philonophcre, Glasgow 1904 — im allgemeinen die Stoa mit mehr 
Liebe und eindringendem Interesse studiert wird als bei uns, wo eine ge- 
wisse stereotype, aus Wertschätzung und traditionell vorurteilavoller Kritik 
gemischte Auffassung einem tief ergehenden Verständnis vielfach irn Wege 
steht. Die Verdienste der deutschen Forseher, die hierin eine rühmliche 
Ausnahme machen , sollen durch diese Bemerkung natürlich nicht ^e- 
scbmätert seiu. 



Epiktet und das Nene Teetament 15 

nicht einmal die Traube oder Feige. Wenn du mir sagst, 
ich ■will eine Feige, so werde ich dir antworten, daß dies Zeit 
braucht. Laß (sie) zuerst blühen, dann Frucht ansetzen, 
hernach reifen. Also die Frucht der Feige bildet sich nicht 
plötzlich nnd in einer Stunde, die Frucht des menschlichen 
Geistes aber willst du so rasch nnd mühelos haben? ich sage 
dir, erwarte dag nicht!'" ([ 15, 7Jf. Vergl. IV 8, 41 und TI 8, 24). 
Die sittliche Bildung ist also nach Epiktet nichts so Einfaches, 
sondern etwas wunderbar Großes, das höchste und schwierigste 
Kunstwerk, das es auf dieser PIrde zu vollbringen gibt. Der 
eokratische Intellektualismus, auf welchem die stoische Ethik 
ralit, erscheint hier allerdings in einer Weise ausgebildet, er- 
gSji2t und vertieft, daß er seine paradoxe Härte fast verloren 
hat und den Tatsachen und Bedürfnissen des menschlichen 
Seelenlebens vollkommen gerecht wird. Daraus erklären sich 
die scheinbaren "Widersprüche, die. jedoch in Wirklichkeit 
nur die innerlich notwendigen, verschiedenen Betrachtungs- 
weisen einer und derselben Sache sind. So macht es jeder 
vernünftige Erzieher. Sieht er, daß der Schüler über seiner 
Aufgabe verzagt, so spricht er ihm Mut zu, betont die 
Leichtigkeit der Aufgabe und weckt dadurch das Vertrauen 
auf seine Kraft; merkt er, daß er's zu leicht nimmt, so stellt 
er ihm den ganzen Ernst der Aufgabe und die große Schwierig- 
keit, sie recht zu lösen, vor Augen. So kann Epiktet bald 
sagen „Nichts ist leitsamer als die menschliche Seele" (IV 9, 16), 
bald im Hinblick auf ganz Verstockte sich des Sprichworts 
bedienen: Mioqov oiJze rreloai ot'iE ^rj^ai eoii (II 15, iH). Die- 
selbe verschiedene Betrachtungsweise wendet Epiktet auch 
in seiner Selbstbeurteilung an. und diese Abwechslung — wir 
dürfen nicht sagen: dieses Schwanken — zwischen hoch- 
gespanntem Selbstbewußtsein und demütiger Erkenntnis der 
eigenen UnvoUkommenheit ist so wenig befremdlich oder 
widerspruchsvoll, daß es im Gegenteil als Zeugnis tiefster 
ethischer Einsicht und Bildung betraciitet werden muß. Auch 
Jesus mußte sich seine Berufsfreudigkeit stets von neuem 
wieder erkämpfen, und Paulus bewegt sich in seinem pastoral- 
pädagogischen Wirken wie in seiner Selbstbeurtellimg in der- 
selben Polarität der Gedanken, die jeder großzügigen ethischen 



16 Adolf Bonhöfier 

Auffassung eigen ist und den Bedürfnissen der Menschen 
wie den Stimmungen des eigenen Gemütes durchaus entspricht 
In seiner Schilderung der Widersprüche Epiktefs seheint 
mir aber Zahn (S. 24 ff.) nicht nur diesen prinzipiellen Gesichts- 
punkt zu ignorieren, sondern auch von Übertreibungen und 
üngenauigkeiteu sich nicht ganz frei zu halten. Das Wort: 
„Ich kann keines seiner Gebote übertreten" (IV 3, 10) hat 
keineswegs den Sinn einer pharisäischen Selbstüberhebung, 
in welchem es bei Zahn erscheint, ist überhaupt kein direktes 
Urteil Epiktets über sich selbst, sondern bedeutet im Zu- 
sammenhang nur so viel, daß dem Menschen, welcher erkannt 
hat, daß die irdischen Dinge keine wahren Güter sind, auch 
nicht zugemutet werden kann, wider seine bessere Überzeugung 
sich um irdische „Güter" zu bemühen um den Preis des 
wahren Glücks: also etwa dasselbe, was Joseph sagte: „Wie 
sollte ich ein solch groß Übel tun und wider Gott sündigen?" 
oder was Luther in Worms geäußert haben soll: „Hier stehe 
ich, ich kann nicht anders!" Übertrieben ist es, wenn Zahn 
sagt: Warum aber übertritt der Mensch und auch der Stoiker, 
der die richtigen Dogmen innehat, diese Gebote unauf- 
hörlich?" (von mir gesperrt). Das hätte denn Epiktet von 
sich doch nicht so ohne weiteres zugegeben. Ei'ne unbewußte 
Einmischung christüchen Fühlens ist es, wenn Zahn von einer 
ergreifenden Klage über die ünfindbarkeit eines wahrhaft 
freien und guten Menschen redet. Gemeint ist hier die aller- 
dings wunderbare und auch ergreifende Apostrophe Epiktets 
an seine Schüler in II 19, 23 ff. {%ig oh kan STuiiv.6g;), die 
uns einen der tiefsten Einblicke gewährt in die um die sitt- 
liche Hebung der Menschen so beiß sich bemühende Seele 
unseres Philosophen. Aber erstens spricht Epiktet in dem 
betreibenden Kapitel speziell gegen diejenigen, welche die 
Philosophie selbst eben als ein sogenanntes Biidungsfach im 
äußerlichen Sinne treiben, wird also durch die ganze Intention 
seines Vortrags naturgemäß auf die energische, man möchte 
sagen nervös energische Betonung dieses Gegensatzes zwischen 
bloß tJieoretischem und ernsthaft praktischem Studium geführt: 
man darf also diesen momentanen Stimmungsausbruch nicht 
verallgemeinern. Sodann aber kehrt er am Schluß des Vor- 



Epiktet und das Neue Testament 17 

träges wieder ganz zu der gewohnten, ruhig überlegenen 
Tonart zurück und bekennt sieh gerade liier auBdrlieklich zu 
der intellektualistisehen Grundlage seiner Ethik, indem er die 
Frage aufwirft: „Ist denn die Sache vielleicht üherliaiipt nicht 
lehrbar?" und die Antwort gibt „freilich ist sie lehrbar". 
Daraus geht hervor, daß er selbsi mit jener „ergieif enden 
Klage" seine intellektualistische Auffassung der Ethik in 
keiner Weise in Frage stellen wollte. 

Übertrieben ist es ferner, wenn Zahn sagt, Epiktet be- 
kenne, daß er es über das Wollen und Wünschen des Guten 
nicht hinausbringe. Welche Stelle er dabei im Auge hat, 
ist nicht recht klar, da die in Anm. 23 zuerst angeführte 
Stelle nicht existiert; IV 1,151 dagegen richtet er allerdings 
an sich selbst die Frage; „Bist du Bun freiV" und antwortet: 
„Ich will es bei Gott und wünsche es, aber ich kann noch 
nicht (mit voller Souveränität) den Herren ins Gesicht sehen" usw. 
Was hier Epiktet, gewiß nicht bloß aus Bescheidenheit, sondern 
im Ernste sich abspricht, das ist eben jene höchste Stufe der 
moralischen Sicherheit und persönlichen UnaEgreifbarkeit, die 
er nur an den von ihm bekanntlich noch bedeutend idealisierten 
Persönlichkeiten eines Diogenes und Sokrates anschaulich zu 
machen vermag. Das ist aber doch etwas ganz anderes als 
wenn er sagen würde, wie es bei Zahn den Ansehein hat, 
daß er überhaupt das Gute nicht zu tun vermöge, etwa so, 
wie Paulus Köm. 7, 14 ff. den unerlösten Menschen schildert. 
Wie ei' in Wahrheit über sich denkt, geht aus I 2, 30 deutlieh 
hervor, wo er zwar nicht geradezu sich mit Sokrates ver- 
gleicht, aber doch nicht allzuweit von diesem sich abrückt, 
den er doch zu den i^ctlQSTot rechnet. Ebendort spricht er 
auch den allgemeinen Grundsatz aus, den er auch auf das 
sittliche Streben anwendet, daß kein Mensch deshalb von öer 
eifrigen Verfolgung eines Gutes absteht, weil er sich sagt, 
daß er es doch nicht im allerhöchsten Maße sich anzueignen 
imstande sein werde (I 2, 37). Unter allen Umständen rechnet 
er sich zu den Tt^oxömovreg , und zwar sicherlich zu den 
7tQO-A.6fcxovTsg par excellence, zu welchen freilieh in gewissem 
Sinne selbst Sokrates gehört. Denn Epiktet rühmt unter 
anderem besonders dessen Ausspruch, daß seine Freude in 

Religio nageäehicbtli die Vei-suche ii. Vorarbeiten X. ^ 



. Q Adolf Bouli6fter 



der Wahrnehmung täglicher Besserung bestehe {IH 5 U) und 
diese Stimmung war sicherlich auch m Epiktets Selbst, 
beurteilung die vorherrschende. Wenn er davon spricht, daß 
ä«"h gute Handlungen die moralische Kraft «nd Sicherheit 
gestärkt werde, daß man täglich Siege über sieh selbst erringen 
SSich deshalb ein Fest feiern könne (IV 4, 46 , so spricht 
er da selbstverständlich aus eigener Erfahrung heraus Ja 
es fehlen auch nicht Äußerungen, die, wenn man sie isolieren 
wollte, beweisen würden, daß Epiktet sich selbst schon im 
vollen Besitz der Weisheit und Tugend gefühlt habe bo 
entwickelt er einmal gegenüber einem reichen, eitlen Ehetor, 
was er vor diesem voraus habe, und schildert sicli da ganz 
und ohne Einschränkung als einen in seinem philosophisch 
vernunftgemäßen Leben vollkommen festgegründeten, innerlich 
fertigen und absolut befriedigten Menschen (IIl 9, llS-^^og 

oh ho> xe^to-^.- ■ - ■ ^«''^« - •*■ ^- ^'^ ^°""'^''' '^r"«^"^^""^; 

bQuui und ä?4^«S - h*^ 't«^« 9"''^"' ■ ■ ■ «^ ^'^'*! ^rJ 
diiivoia . . f, kfii] ßrcL^vfiia) Ttsfilri^mm). und III ^4, llbtt. 

spricht er von der ä^poßia und äXv^i» in einem Tone, dem man 
es wohl anmerkt, daß er diese Tugenden, jedenfalls in hohem 
Grade, besessen hat und sich dessen auch bewußt war-, und wenn 
er seinem Schüler noch dazu den Rat gibt, sich mit diesen 
Tugenden doch ja nicht vor den Menschen zu brüsten und 
ihm zuruft: 'Jgyiov aözk iyialvc^v x«i iidaiftovüy. so hat er 
gewiß dieses Gefühl innerer Gesundheit und Glückseligkeit 
zuerst selbst ver^chmeekt und, die uuvermeidlicbeu kleinen 
Schwankungen ausgenommen, stets gegenwärtig m sich ge- 

1 P Weudlaud (Die tieUenist. römische Kultur, nandbuch znm K. Test. 

Sklaye geborene Epiktet hat die Wabrlieit der Lehre mnerli h erlebt. 

^ Ger.de die .W'« ha er IV 1, 151 «ich aberkannt ds etwas, was 
ihm â„¢r vollen Freiheit noch fehle. Weim er aber hier f ^/ff '"^^^ 
«einen Schülern fordert, .o merken wir w»W, daß er auch dort n,.bt sage, 
^iü er sei wehleidig und wäre tiuEer.tande, für seine Überzeugung Loib 
und Leben zu opfern; sondern jenes ehrliche Bekenntnis besagt nnr daß 
"gerade weil er sein Lebe, lang einen verstümmelten K rper mit sieh 
herumsehleppen .nuGte, andern, was ihm -'^'' "/-'^^.«*f ^^''^f ^; "^ " * 
einer gemsseu begehrlichen Liebe hüüge. wie denn jeder, auch der Beste, 
noch irgend etwas bat, woTon er sich slaubj nichi trennen m können. 



Eplktet tmd duB Nene Testament 19 

tragen. Aber auch wenn er, mit dem Ideal sieh vergleichend, 
nur ein rc^oxörcrov sein wollte, so liegt in diesem Ausdruck 
viel weniger das schmerzliehe Gefühl dessen, was noch nicht 
erreicht ist oder überhaupt nie erreicht werden kann, als das 
freudige Bewußtsein dessen, was man schon erreicht hat: er 
hat also weit mehr positiven als negativen Gehalt. 

Nach dem allem können wir in der Tat nicht erstaunt 
sein, wie Epiktet sich der Hoffnung hingeben mag, daß er 
einst sterbend mit der Frage vor Gott hintreten werde : „Habe 
ich etwa deine Gebote übertreten?" (III 5, 8J. Denn sieht 
man das Vorangehende an, so verliert diese Anrede alles, 
was nach pharisäischem Selbstrulim schmeckt. Da sagt er, er 
möchte dereinst vom Tode ergriffen werden in einem Zustand 
innerer Sammlung, in der Beschäftigung mit sich selbst, d, h. 
in der konzentrierten Arbeit an seiner eigenen Besserung und 
Vervollkommnung. Wäre er der selbstgerechte Weise, wie 
Zahn seine Anrede an Gott versteht, so hätte es ja gar keinen 
Sinn für ihn zu wünschen, daß er in würdiger Verfassung 
vom Tode betreten werden möchte; wollten wir alles das, was 
er zu Gott von sich sagt, als buchstäbliche Wahrheit auf- 
fassen, so hätte er es gar nicht nötig, auf ein würdiges Sterben 
sich noch besonders vorzubereiten oder innerlich einzurichten. 
Was er Gott vorträgt in seiner hypothetischen Sterbestunde, 
ist nur eben das, was er jetzt schon täglich und stündlich 
als sittliches Ziel sich vorhält, dem er jetzt schon mit allem 
Ernste nachtrachtet. Was er sich wünscht, ist nur, daß der 
Tod ihn treffen möge nicht in einer Anwandlung von Schwäche, 
Verzagtheit oder ünfreudigkeit, sondern auf der Höhe seiner 
geistigen und sittlichen Kraft, so daß das Ende übereinstimme 
mit dem Lehen, das er, einzelne Störungen und Schwankungen 
des inneren Gleichgewichts abgerechnet, doch im ganzen stets 
geführt habe. 

So st«ht Epiktet auch in seiner sittlichen Selbstbeurteiluug 
vor nns ohne jeglichen Widerspruch, vielmehr achtunggebietend 
ebenso sehr dui'ch seine ehrüche, nngeheuchelte Bescheidenheit 
und Demut wie durch sein kraftvolles sittliches Selbstgefühl 
und seinen unverwüstlichen Glauben an sein Ideal und an 
sich seihst. Ein Selbstwiderspruch soll es aber weiter sein, 

2" 



20 Adolf BoiihHffer 

daß er einerseits es verbiete, Menschen zu tadeln und dem 
Sünder zu zürnen, andererseits doch gelegentlich eine kräftige 
EntriistungüberdieSüiide zeige und sogar das Schelten 
und Strafen zu einer Hauptfunktion seines Idealbildes, des 
Kynikers, mache. Auch über diesen Punkt muß ich mich 
etwas eingehender aussprechen, weil damit ein noch viel- 
verbreitetes Mißverständnis der stoischen Ethik berührt -wird. 
Es ist durcliaus richtig, wenn Zahn sagt, daß Epiktet das 
Tadeln oder Schelten des Nächsten nicht bloß für den Fall, 
daß man selbst durch ihn beleidigt oder geschädigt worden 
ist, sondern ganz allgemein verbiete. Im ersteren Fall kßiinte 
man sich die Sache ja so erklären, daß ßpiktet das Schelten 
und Strafen der sittliciien Verfehlung nur deshalb verbiete, 
weil der Scheltende sozusagen Partei, also nicht ganz unbe- 
fangen und jedenfalls verdächtig ist, in seinem Schelten einen 
(vom stoischen Standpunkt aus unzulässigen) Affekt des 
Schmerzes oder Zornes — auch der Zorn ist ja eine Art der 
Hnrj — über einen äußeren Verlust zu verraten. Dieser Ge- 
sichtspunkt spielt fiir Epiktet natürlich auch eine wichtige 
Rolle, ist aber nicht ausschlaggebend. Er verbietet das 'ey- 
-Aal&lv und ftif-iq^ead-ac ganz allgemein und führt die Enthaltung 
davon oft und in stereotyper Weise als ein Anzeichen der 
eingetretenen Sinnesänderung, als einen Beweis der erlangten 
sittlichen Bildung und inneren' Freiheit auf. Zu dieser sitt- 
lichen Bildung gehört nach Epiktet u. a. auch die Einsicht, 
daß alle moralische Verfehlung aus der Unwissenheit ent- 
springt, daß daher die Feiilenden Verzeihung und eher Mitleid 
als Vorwürfe verdienen ^. Der Gebildete soll deshalb auch 
die Fehler und Vergehen seiner Mitmenschen hinnehmen als 
etwas, was gewissermaßen auch notwendig zum allgemeinen 
Weltgeschehen gehört und darum kein Recht gibt, sich darüber 
aufzuhalten und zu ärgern, um so weniger als es das eigene, 
innerlich gegründete ülück nicht zu trüben vermag. Das 
Nicht-Schelten ist also eine Anerkennung der Unfreiwilligkeit 
des Sündigen«, zugleich aber eine Billigung des Weltlaufs auch 

' I 17, 14 i Hdiirae S^^vins afxnQ-eäviiv ; I 28, 4: Iläoa Tpvx'l 3xovan 
aii^Bjat if,) aXijü'iias- II 32, 36: Svyyvia/iovivos lus Tipös nyvoovi'ta, als 



Epiktct und dae Neue Testament 21 

in dem, was der gewühnliche Mensch als eine Störnng und 
Beeinträchtigung seines Glückes empfindet; denn tatsüchlicli 
findet sich dieser durch die sittlichen Verfehlungen der an- 
deren, wofern sie ihm nicht etwa Schadenfreude verursachen, 
(geniert oder unangenehm berührt, auch wo sie nicht direkt 
gegen ihn gerichtet sind oder ihm Abbrucii tun. Beide Ge- 
sichtspunkte fließen für Kpiktet gleichsam in Eines zusammen, 
was man am besten daraus ersieht, daß das' Schelten der 
Nebenmensehen mit dem Murren gegen Gott oft auf eine Linie 
gestellt wird (Ilf ö, .16: Mrjöifrote ly/MMaai iivl, fii] O-uJ), /.lij 
äi>SQ(lift(iij. Bei Gott kann es sich aber ja nicht um eine 
moralisclie Verfehlting handeln; der oberste und einheitliche 
Gesichtspunkt ist eben der, daß man sich nicht aufregen soll 
Über das ■Weltgeschehen, als ob es «urecht wäre und das 
wahre Glück des einzelnen alterieren könnte. 

Mit dieser Anerkennung einer gewissen Notwendigkeit 
fler Sünde ist aber keineswegs gesagt, daß man nichts zu 
ihrer Beseitigung oder Minderung tun könne und die Sünder 
ruhig sidh selbst überlassen solle. Vielmehr gerade weil sie 
als Irrende, Getäuschte im tiefsten Grund bedauernswert sind 
und des. wahren Glückes entbehren, fordert es der in den 
Menschen gelegte Draug zum Helfen und Mitteilen, daß man 
den Irrenden zu Hilfe komme und sie von ihrem Irrtum zu 
heilen verbuche. Eine Entrüstung über die Sünde im Sinne 
eines Affekts, eines heiligen Zornes über die Abtrünnigen 
liat in der Stoa allerdings keinen Raum, und Zahn wird keine 
Stelle aus Epiktet anführen können, die dem widersprechen 
würde'. Auch das STriftlilamiv, das er dem Kvvixö^ als eine 
Hauptfuiiktion zuteilt, ist durchaus nicht so gemeint, als ob 



' Daß mau you einer „Eutrüntnng" über die Sünde bei Epiktet uiclit 
fi]irefiheii liaiiii, g-eht schon darans herTor, daß er in einer unser äittüches 
Oefühl fast beleidigenden Weise die größten Verbrechen, Diebstahl, Ehe- 
liruch, Murd, für ganz sei bat verständliche, keineswegs yerwnn darliehe Eulgeu. 
cirieB (alachen Urteils über das Begehrenswerte erklärt (z, B, I 18, 11; 
[ 23, 14 1 I 28, 4 ff.). Ja er geht sogar soweit zu behaupten, daß, wer dem 
Hieb oder Ehebrecher zürne oder sich über ihn entrüste, damit nur sein 
i'ijicnes falsches Werturteil, seiiie Bewunderung der ihu bekunde (1 18, 11). 
It'reilich setzt er dabei voraus, daß man selbst der Geschädigte ist; aber 
iiueh in diesem Fall sollte man ja eine sittliche EutrUstaug haben können! 



22 Adolf Bonhüffer 

dieser etwa nach Art der christlichen Predigermönche die 
Leute wegen ihrer Sünden verdonnern un4 in die Hölle ver- 
dammen würde. Man darf nur einen Blick in das Kapitel- 
7ceqI Kwiai-wS {III 22) werfen, um sich zu überzeugen, daß 
der Kyniker in total anderem Tone die Menschen apostrophiert ^: 
das iTcistliiaaeii', das seine besondere Stärke ist, besteht in 
nichts anderem als darin, daß er in besonders beweglicher, 
packender Weise die Menschen zur Erkenntnis ihres wider- 
spruchsvollen, unseligen Lebens zu bringen vermag- Diese 
Pflicht, die Mensehen über ihr verfehltes Leben und Streben 
aufzuklären und sie auf den rechten Weg zu weisen, hat nicht 
bloß der Kwixög, sondern jeder, der es überhaupt vermag, 
und wie ernst Epiktet selbst diese Pfliclit genommen hat, 
zeigt am besten die wunderbare Auseinandersetzung mit dem 
stutzerhaften Rhetorikstudenten in III 1. In der bekannten 
aokratischen Manier bringt er diesen zum Eingeständnis 
dessen, daö wahre Schönheit nicht in äußerem Schmuck, 
sondern im Erweis der ävd'Qojmxij (J^etjJ besteht. Nun hält 
er inne und sagt, er habe ihm weiter nichts zu sagen; w"a3 
er ihm sagen könnte, würde ihn ja doch nur kränken und 
vom weiteren Besuch seiner Vorträge abhalten. Aber frei- 
lich — fährt er fort — ■ wenn er ihm die Wahrheit nicht 
sagte, so würde er seine Pflicht als Philosoph nicht tun. Auch 
wäre es grausam gehandelt, wenn er ihn ungebessert von sich 
ließe; und später, zu Verstand gekommen, würde dieser ihm 
mit Recht einen Vorwurf daraus machen, daß er ihn, noch 
dazu als jungen Menschen, wie einen Unverbesserlichen be- 
liandelt habe. Und wenn er, Epiktet, sich dann damit ent- 
schuldigen wollte, daß er den Eindruck gehabt habe, als 
würde er seine Mahnung doch in den Wind schlagen, so würde 
man ihm entgegenhalten, daß auch Apollon den Laios gewarnt 
habe, obwohl dieser sich nicht daran kehrte, und obwohl der 
Gott dies sogar vorausgewußt habe: eben weil er Apollon 



' III 22, 26: '/(u n»5'po)7roi, Trat (f/i^eade; ri noulre, lä taXailfai^oi' 

täi Tv^lol ävio xai xätio nvXisiiS'r eto. — Denselben Tun konnte übrigen» 
anch Epiktet g^elegentlich anschlagen, wie ans dem Fragment bei Otlliiw 
(Dias. fr. 10) hervorgebt: "AyO^oint, jioii fiäiltn; etc. 



Epiktet und das Nene Testament 23 

llt, ZU desseH Natur es gehört, den Menscheu die 
Wahrheit zu sagen. 

Wir sehen daraus, daß Epiktet es nicht versehmäht, die 
Sünder zu tadeln, ja daß er auch nicht davor zurückschreckt, 
ihnen durch seinen Tadel wehe zu tun: ein solcher Stachel 
in der Seele ist vielmehr unter Umständen ein heilsamer An- 
Bponi zum Insichgehtn. Aber das ist etwas gan» anderes als 
iyxai.Elv und puftfpwd-ai, Wörter, mit denen Epiktet in der 
besagten Wendung stets den Begriff des niedrig egoistiseheu, 
affektmäßigen Sehelteua und Sehimpfens verbindet". Das 
t[iiytiv dagegen hat diesen Beigeschmack nicht, ist vielmehr 
erlaubt, ja sogar notwendig, wie er denn einmal ganz korrekt 
stoisch Siigt TÖ alaxebv tpexiöv ia.Ti. th äi tpiXTÖv ii^iöv iatt 
toü ipsyf.a&ai. (Itl 26, 9). Und wenn er den Grundsatz auf- 
stellt, daß man das Tun und Lassen der Menschen nicht nach 
dem äußeren Schein loben oder tadeln dürfe, sondern nur nach 
den Motiven, nach der Gesinnung', die sich darin offenbart 
(IV 4, 44; IV 8, y; Euch. 45), so geht ja daraus ebenfalls 
hervor, daß er den richtigen Tadel nicht verwirft". Nur muß 
noch einmal gegen jedes Mißverständnis ausdrücklich bemerkt 
werden, daß Epiktets Tadel nicht den Sinn hat, daß der 
Mensch wissentlich oder freveljiaft ein positives Gebot über- 
treten habe, sondern nar darin besteht, ihm recht eindringlich, 

■ ßesomiers deutlich sieht man dies aus III 22, 13, wo kurz nach dem 
Verbot des (yxaleiv die Wurte stcheo: Äi ftq ö^yiiv di'ai, /i^ fiTti/iv etc. 

' Es ist Iran aber doch nicht so, daß Epilitet fiycti- stets im gnten, 
iyyi-hiv nnd fiififea»(u, wofür auch zuweilen XotSogeiv stellt, nur in» 
«ühUiiimen Sinne brauchen würde. Zu den Pfiiobten des Sohnes und 
llrndera gehurt es, Vater oder Brudei- nicht zu tadeln (II lü, 7£f.l. 
Miijf hier die besondere o^iats die Enthaltung anch von begründetem Tadel 
fiirdeni. so spricht Epiktet doch auch von einer Tipo&v/iia Tfi^ai als einem 
Zeichen der Unbildung (III 25, fift.; IV i, 7) und der Bösartigkeit (x«- 
Ho-'/l^ovs t.i'ya>') und braucht es einmal synonym mit y.axo}j)yiitv (I 29, 48). 
Der Tailel der Ungebildeten ist natürlicii in der Regel ungerecht oder 
biiitttrtig und solchen Tadel sich nicht anfechten au lassen ist ein Beweis 
v.ni philosophischer Bildung (IV 12, 12; III 18, 9), - Wie das ^■«7«»' 
rceht nnd unrecht geübt werden kann, so auch das sm^Xrimti; das übrigens 
Hcltener bei Epiktet vorkommt [vgl. Ench. 33, 16 nnd Euch, 36): es liegt 
also auch hiei' jiicht im Wort selbst schon die sittliche Abzweekung, die 
«ibt ihm erst der Kvftxöi bzw. überhaupt der sienaiäevfuroi. 



24 Adolf BonhBffer 

je nachdem auch in einsehneidender, beschämender Weise, 
das Irrige, Törichte und Niedrige seines Tuns vor Augen zu 
stellen. In diesem Sinne kann Epiktet allerdings auch rechte 
Strafpredigten halten, besonders seinen Schülern, wie z. B. 
11 16, 18 ff. Aber auch mit diesen Strafpredigten setzt er 
sich nicht in AViderspruch mit seiner Grund anschauung von 
dem Ursprung der Sünde aus dem falschen Werturteil; es 
handelt sich dabei auch nicht sowohl um einzelne positive 
Verfehlungen der Schüler, die er zu rügen hätte, sondern mehr 
um die allgemeine Indolenz und Stumpfheit und den Mangel 
an sittlichem Ernst, der eben nach Epiktet auf einer falschen 
Auffassung des Lebens und des Philosophiestudiums selbst 
beruht, als sei es dabei nur auf theoretische Bildung abgesehen, 
mit der man vor den Leuten prunken könne. 

Im gleichen Zusammenhang bespricht Zahn noch einige 
andere Äußerungen Epiktets, welche man mit Vorliebe za 
Vorwürfen gegen seine Etliik benutzt, in derselben abträglichen 
Weise, Äußerungen, die alles Befremdliche oder Widerspruchs- 
volle verlieren, wenn mau sich die Mühe nimmt, Epiktets 
Gedanken konsequent auszudenken. Da ist zuerst der be- 
rüchtigte Satz y.QtiTTüv xov TtaTäa -tav.br alvai fj ae y.axodaiuova 
(Ench. 12). Epiktet sagt das einem, der ein sittliches Leben 
anfangen will (ti ^Qoxöipat &^lEig), aber vor lauter Sorge um, 
Dinge des täglichen Lebens nicht dazu kommt. So macht 
ihm unter anderem die Züchtigung eines Dieners zu schaffen, 
und dadurch — so müssen wir notwendig ergänzen — gerät 
er immer wieder in Affekt und wird von der Sorge um sein 
wahreK Glück abgezogen. Ist es da nicht ganz natürlieli, daß 
Epiktet ihm vorhält; „Deine erste und wichtigste Pflicht ist 
doch dies, selbst glücklich und gut (was dasselbe ist) zu 
werden? Dieses Glück um eines Sklaven willen zu ver- 
scherzen ist töricht: lieber sei dein Sklave schlecht als du 
selbst; denn — das ist der springende Punkt — den Sklaven 
bessern kannst du doch nicht, wenn er nicht selbst will, dein 
eigenes Glück aber hast du in der Hand." Überdies handelt 
es sich an dieser Stelle wohl gar nicht um die sittliche 
Schlechtigkeit oder Güte des Sklaven im philosophischen 
Sinne, sondern nur um seine Brauchbarkeit für den HeiTD, 



Epiktet UEd das Neue Testament 26 

für dessen egoistische Zwecke oder jedenfalls für Zwecke, die 
im Vergleich zu dem anderen, was auf dem Spiel steht, äuUerst 
geringfügig sind. 

Nicht anders verhält es sich mit dem Worte Epiktets 
man soll nicht einmal ernstlich wollen, daß Frau oder Sohn 
nicht sündigen (IV 5, 7). Das klingt ja farclitbar herzlos, ist 
aber, zum mindesten von Epiktets Grundsätzen aus, ganz 
vernünftig. Er lehrt ja überall, daß der Mensch nicht glück- 
lich und gut sein kann, wenn er sein Wollen nicht streng 
beschränkt auf das, was wirklich in seiner Macht steht. Dazu 
gehört aber weder der ßehorsam des Sohnes noch- die Treue 
der Frau, Selbst verständlich würde auch Epiktet nicht leugnen, 
äaß man immerhin auf beide, unter normalen Verhältnissen 
wenigstens, einen bewahrenden Einfluß haben kanii\ Aber 
der Erfolg alles dieses pädagogischen Bemühens hängt doch 
schließlich von dem Willen des anderen ab. Deshiilb hiit 
Epiktet ganz recht, wenn er sagt, man solle das, worüber nur 
ein fremder Wille entscheidet, nicht „ernstlich" d. h. so 
wollen, daß man unglücklich würde, wenn dieses Wollen fehl- 
schlägt. Das G-anze kommt auf nichts anderes hinaus, als 
daß der Philosoph auch gegen solche Eventualitäten, die zu 
den .schwersten Schickungen des Lebens gehören, sich bei- 
zeiten innerlich wappnen soll. Wenn ferner Epiktet die 
Selbstanklage, der er als einem ersten Anzeichen der 
Besserung einen gewissen Wert zuerkennt, mit fortschreitender 
Bildung immer entbehrlicher und sehiießlich ganz entbehrlich 
werden läßt (Ench. 5; II 22, 35), so ist dies ganz in der 
Ordnung: denn wer schon im sittlichen Leben drin steht und 
einen sittlichen Charakter erworben hat, wird bei einem Fehl- 



' Ganz deutlich sagt dies übrigens Epiktet III 24, 22 ff. Das Heim- 
woh der Mutter darf den Sohn nicht abhalten, znra Zwei:]! seiner philo- 
Kuphiscbeu Bildung' die Heimat zu verlassen. Die Mutter soll eben suchen, 
aaeh eine philosophische Bildung sich anzueijipien. „Ich sage übrigens nicht, 
(laß es dir gleichgültig sein soll, ob sie jammert oder nicht, . . . auch nicht, 
itKH du nicht versiicheu sollst, sie zu einer Ternünf tigeren Anschauung zu 
bringen, nur um jeden Preis sollst du dies niclit wollen, weil es ein MXö- 
■liiinii ist, etwas, das nicht Ton dir abhängt." Im Vergleich zu dieser Er- 
klärung erscheinen die Äußerungen Jesu Über seine Verwandten erheblich 
schroffer. 



„g Adolf BonliUffer 

tritt nicht über sich selbst in unmännlicher, theatralischer 
Rene herfallen und sich die Haare ausraufen, sondern m aller 
Stille den Fehler ad notam nehmen und sich dadurch za ver- 
doppelter Achtsamkeit auf sich selbst anspornen. 

Zahn findet endlich auch darin einen merkwürdigen feelbst- 
widerspruch. daß Epiktet „bei voller Anerkennung der all- 
gemeinen Verbreitung der Sunde" doch an seiner opti- 
mistischen Ansicht von der ungestörten Harmonie der 
Welt und von der Güte der menschlichen Natur festhalte. 
Dagegen ist folgendes zu sagen. Daß Epiktet die Herrschaft 
der Sunde" - das Wort paßt eigentlich nicht in das stoische 
Svstem - anerkennt, ist richtig, nar darf man es beileibe 
nicht im Sinne der christlichen Lehre von der Erbslinde oder 
der allgemeinen Verderbnis menschlieber Natur verstehen 
Da die Tagend, wie wir sahen, nach Epiktet das Produkt 
einer methodischen sittlichen Erziehung ist, ein Kunstwerk 
das nicht sofort fertig in die Erscheinung treten kann, so ist 
es ja eigentlich ganz klar, daß die große Mehrheit der Menschen 
immer sozusagen außerhalb des Bereichs, der Tugend sich be- 
wegt Die ^Q07.6^zovTis freilich, d. h. diejenigen, welche im 
nhilosophiscb-ethischen Bilduugsprozeß drin stehen, gehören, 
obwohl sie theoretisch noch ^c<y.ol sind, doch für die prak- 
tische Beurteilung auf die Seite der Guten. Doch auch ihrer 
sind verhältnismäßig wenige, weitaus die meisten wachsen 
auf in den verkehrten Sitten, in den falschen ^\ erturteilen 
und haben entweder niemand, der sie auf das Törichte ihres 
Lebens in wirksamer Weise aufmerksam machen könnte, oder, 
wenn sie schon Gelegenheit hätten, einen Philosophen zu hören 
so ist doch die falsche Lebensrichtmig bei ihnen schon so tiet 
■ eingewurzelt, daß sie nicht mehr die Energie zar Sinnes- 
änderung haben. Das ist ja eine der Wahrlieiten, die Epiktet 
am eindringlichsten predigt, daß nämlich durch länger fort- 
gesetztes böses (oder gutes) Handeln eine e^^s entsteht, em 
habitueller Zustand, der nicht so leicht mehr zu ändern ist, 
und daß diese ^iS durch die xcrdAM^ßt «f^^^'S immer weiter 
sich steigert und verfestigt. 

Über die erste Entstehung des Bösen, des verkehrten 
Werturteils hat Epiktet, wenigstens in dem, was uns von seinen 



Epiktet und das Nene Testameat 27 

Vorträgen erhalten ist, nicht weiter reflektiert, und Zahn 
findet das auch uiclit verwunderlich, weil er wohl weiß, daß 
eine die Vernunft befriedigende Erklärung des Bösen noch 
keine Religion und keine Philosophie gefunden hat und, möchte 
ich hinzufügen, auch nicht ünden kann, so lang man noch mit 
dem alten Begriff der Sünde als einer hewußien Auflehnung 
gegen Gott oder gegen ein transzendentes Sittengesetz ope- 
riert ^ Ich glaube aber doch, daß es auf dem Boden der Stoa 
nicht so schwer ist, eine relativ befriedigende Erklärung der 
Sünde, ihres Ursprungs und ihrer Herrschaft zu geben, und 
zwar aus dem bekannten stoischen Satze, daß der Xöyos im 
Kindesalter noch nicht wirksam ist, sondern erst etwa im 
14. Lebensjahre sich entwickelt, ferner aus der bei Epiktet 
sehr bedeutsam hervortretenden Lehre von der m^avÖTr^g 
tGiv 7TQcc/i.idi:<.av, d. h. von dem in den Dingen selbst liegenden 
Eei?; oder verführerischen Schein, der alles, was das äußere 
Wohlsein fördert, dem Menschen ais gut, das Gegenteil davon 
als sclilecht hinstellt. Aus diesem verführerischen Reiz der 
Dinge selbst wieder ein unlösbares Rätsel zu machen, ist un- 
nötig: denn er erklärt sich zur Genüge aus der stoischen 
Anscliaunng, daß der Mensch eben zunächst auch ein Natur- 
wesen ist, das wie das Tier durch sinnliche Eindrücke be- 
stimmt wird. So erkennen die Stoiker ja auch in ihrer Lehre 
vom Naturgemäßen (iw -/tarä (pvaiv, tzqüitu xaza (piiuiv) dem, 
was der Befi-iedigung des \aturtriebs dient, eine gewisse Be- 
rechtigung z^x. Erst allmählich erwacht im einzelnen, wie 
in der Menschheit als ganzem, das Gefühl davon, daß der 
Mensch etwas Besseres, Geistiges in sich trägt, das ihn hoch 
über das tierische Leben hinaushebt und das Ziel seines 
Strebens auf einmal auf etwas ganz anderes als auf die xcrcä '_ 
cpDijiv lenkt, deren Unsicherlieit und Unverläßiichkeit er mehr 
und mehr einsieht. Man könnte nun freilich sagen, wenn der 
Logos im Menschen erwacht, so sollte er auch alsbald die 
falschen Werturteile zu beseitigen und die richtigen an ihre 
Stelle zu setzen vermögen. Aber so fassen die Stoiker den 

' Ahnlieh spricht sieh F. C. Burkitt aus (Urchristentom im Orient, 
Deutsch von E. Preaschen, Tübiugen 1907, S. 113; „Das Problem ist nicht neu, 
über stibst lieute keunen wir seiue LÜsuug uictt."). 



2g AdoH BonliöfteT 

Logos nicht auf: er ist keine fertige, unmittelbav wirkende 
Kraft, sondern muß selbst erst geübt, entwickelt, gleiclisam 
zu einem System ausgebaut werden \ Daß dies nicht jeder 
kann, sondern verhiiitnismäßis nur wenige; die dann den an- 
deren zu Führern und Lehrern werden, ist nicht yerwnnderlicb. 
Wie die Anlage zur Kunst, zur Wissenschaft, zu technischen 
Erfindungen schließlich in jedem steckt, aber nur in wenigea 
Auserwählteu so stark, daß sie in bahnbrechenden Leistungen 
und Entdeckungen offenbar wird, so gibt es auch auf dem 
Gebiet der Lehenskvinst führende Geister, welche die Gesetze 
des sittlichen Lebens soxiisagen erst entdecken. 

Dies ist auch wirklich die Ansicht Epiktets. Oft spricht 
er davon, daß die allgemeinen Vorstellungen des Nützlichen 
und Schädlichen, des Guten und Dösen, des Gerechten und 
Ungerechten usw. jedem innewohnen, dagegen nicht die Fähig- 
keit, diese 7i:QoXrjii>us richtig anzuwenden, d. h. aber nichts 
Geringeres als die Fähigkeit, das wahre Wesen des Menschen 
und den wahren Sinn des Lebens, kurz die höhere Bestimmung 
des Menschen zu erkennen. Wie jeder eine Yorstellnng vom 
Gesunden und Ungesunden hat, aber nur der Arzt, der diese 
â–  Begriffe metliodisch untersucht, die richtige, so kann auch nur 
der Philosoph die riclitige Vorstellung über Gut und Bös mit- 
teilen (11 17, 8 ff.). Bei dieser Anschauung von der Natur des 
Logos ist es, meine ich, eine unvermeidliche Konsefiuenz, daß 
ein großer Teil der Menschheit in der Irre geht und nicht 
zum Bewußtsein ihrer wahren Würde und Bestimmung gelangt. 
Diese empirische Notwendigkeit verbindet sich mit der von 
den Stoikern und auch von Epiktet ausgesprochenen speku- 
lativen Idee, daß die Gegensätze, auch der von «i^CTi; und -/.axia, 
in gewissem Sinn zur Harmonie des Weltalls notwendig sind 
(I 12, 16). Und wie Zahn richtig erkannt hat, daß diese 
letztere Anschauung keinen Widerspruch bildet zu der Lehre 
„von der anerschatfeuen und unverloreuen Willen sfreiheit", 
so gilt dasselbe auch von der Anerkennung der allgemeinen 

' I 17, Ift- Der Jü/o,- ist's, der alles zergliedert und herausarbeitet, 
er liat aBch die Fähigkeit, sich selbst kti üergiiedern, d. h. in seinem Wesen 
zu erkennen; I 30, 5: Er ist ein oiWt?,"« i>t nouiy fayraauii'; M.-Aurel 

Ili 1 : Ao/iHfiöe av/fc/vfiyaii/iivos. 



Epilitet Dud das Neae Testament 29 

Verbreitung der Sünde. Das Wesentliche der stoischen An- 
sicht von der zax/« und das Unterscheidende von der christ- 
lichen bleibt doch eben das, daß die Stoiker die Sünde nicht 
als einegewisserniaßenselbst;indige,furditbar ernst zu nehmende 
Macht betrachtet Iiabeii, sondern als einen Mangel, der, po- 
tentiell wenigstens, leicht zu heben ist; nicht als etwas direkt 
Widei'göttliches, was so>;usagen einen Eiß in die Schöpfung 
hineinbräciite, sondern als eine sekundäre Neben wiikung der 
göttlichen Weltordining. 

Jlit der Widerlegung: der angeblichen Selbstwidersprüche 
Epiktets, die Zahn nur durch einen Einfluß christlicher Ideen 
erklären zu können glaubt, ist das Wichtigste erledigt und 
die Integrität und Einheitliclikeit der epiktetischen Welt- 
anschauung gewahrt. Die Widersprüche, wenn man sie so 
nentien will, stammen jedenfalls nicht aus dieser Quelle, sondern 
sind der stoischen Wellauschauung inhärent. Ich bin jedoch 
überzeugt, daß, wenn es sich um so schwierige Probleme wie 
den Ursprung des Rosen und die göttliche Weltregierung oder 
sittliche Weltordnung bandelt, jede Philosophie, vom christ- 
lichen Dogma gann zu schweigen, auf dieselben oder analoge 
theoretische Widersprüche stiißt, die ich darum lieber Anti- 
nomien oder gegensätzliche Betrachtungsweisen nennen möchte. 
Daß nichtsde.stoweniger gerade die stoische Weltanschauung 
eine besouders großartige Einheitlichkeit und Geschlossenheit 
hat, halte ich nach wie vor aufrecht, gebe jedoch unumwunden 
zu, daß dieser Eindruck vornehmlich auf die stoische Ethik 
sich bezieht. Aber aus ethischen Bedürfnissen ist die Stoa 
geboren und in der Ethik hat sie allezeit ihre Stärke und 
den eigentlichen Kern ihres Wesens gehabt. Bei Epiktet 
aber tritt diese Einheitlichkeit und Geschlossenheit deshalb 
noch mehr hervor, weil er in viel höherem Maße als die alten 
Schulhäupter sich auf das Ethische beschrankte. Daß aber 
seine ethische Weltanschauung Einheitlichkeit und Geschlossen- 
heit besitzt, ist ein Eindruck, den auch andere gewonnen 
haben, ja den eigentlich jeder imherangene Leser gewinnen 
ranß. F, Ogereau, einer der schal fsinnigsten und einsichts- 
vollsten Beurteiler der stoischen Philosophie , spricht von 
Vmchahiement rigoureux de ses dogmes [Essai sur le Systeme 



30 



Adoif BonhöHer 



pMlosophique des Stoiciens, Paris 188Ö), und auch K. Vorländer, 
ein sehr guter Kenner der antiken Philosophie, g'ibt wenigstens 
die Einheitlichkeit seiner sittlichen Grundanschauung zu 
(Zeitschr. f. Philos. 107, 1896, S. 288). In der Tat, aus wenigen, 
aber tieferfaßten und weittragenden Grundsätzen leitet Epiktet 
alle seine moralischen Ausführungen ab, auf sie kommt, er 
immer wieder zurück, sie wendet, er auf alle Lebensfragen 
und Vorkommnisse in einer gewissen stereotypen Art an, die 
aber nie ermüdend wirkt, weil er über eine reiche Lebens- 
erfahrung, einen großen psychologischen Tiefblick, eine un- 
vergleichlich auschanliche und lebendige Ausdrucksweise ver- 
fügt, und vor allem, weil eine mächtige sittliche Persönlichkeit 
dahinter steht. 

Wir müssen nun aber auch noch auf einige weitere Punkte 
eingehen, aus welchen Zahn eine Beeinflussung Epiktets durch 
das Christentum folgert. Da ist zuerst das Verbot des 
Schwörens (Ench. 33, 5: "Oqkov na^ahv^aat. d n'ev oUyie, 
dg ärtav, sl de ur}, h rQv höviMv), welches aus der früheren 
stoischen Literatur allerdings nicht zu belegen ist, womit 
natürlich nicht gesagt ist, daß es nicht von älteren Stoikern 
auch schon ausgesprochen worden sein kann. Ich sprach 
früher (B^ 113")^ die Vermutung aus, Epiktet könnte diese 
und vielleicht manche andere asketische Vorschrift vom Pytha- 
goreismus angenommen haben, der ja eben in der ersten 
Kaiserzeit in der Schule der Sextier eine enge Verbindung 
mit der Stoa eingegangen hatte {Ed. Zeller, aaO. 70.^). Ich 
bin jedoch davon zurückgekommen, weniger, weil der Pytha- 
goreismus, wie Zahn betont, zur Zeit Senecas in Rom als aus- 
gestorben galt — denn die Übernahme konnte natürlich auch 
auf literarischem Weg erfolgt sein — , als weil die Hypothese 
zur Erklärung des Eidverbots bei Epiktet unnötig ist'^ Es 

' Mit B' unil W bezeichne ich im folgenden merne beiden früheren 
Werke : ,Epiktet und die Stoa" Stuttgart WM, und „Die Ethik des Stoikers 

Epiktet" Sluttg:- 189i. ,,, ., , ,, 

= In neuester Zeit hat Franz Mürth (Festschrift zur Philöl. \ ers. 
GrailEW, 182ff.) die vielunistriitene Stelle gründlich niid umsichtig unter- 
sucht und kommt au dem Reaultiit, daß wir es auch hier mit altst^ischer 
Tradition zu tun haben und daß eine direkte Beniehnug zwiacheu Epiktet 



Epiktet nnd das Nene Teatament 31 

erklärt sich nämlich einfach aus dem besonderen Charakter 
des Eiidieiridions, das wenigstens in seinem Kern — denn es 
sind auch einzelne längere Ausführungen aus den Diatriben 
hineingekommen — nicht ein populäres Kompendium der 
epiktetischen Ethik, sondern ein Handbuch fUr den engeren 
Kreis der Schiller sein sollte K Epiktet untersagt das Schwören 
seinen Schülern speziell für ihre' sittliche Lehr- und Übungs- 



und dem ETingelium von Tornherein unwahrscheinlich und mit Eüelisieht 
auf die beBtehenden Differenzen sogar unmöglieh sei. Ich bin mit dieser 
Ansieht eiiiveratanden , aber nicht mit allem, was Jtörth in diesem Zu- 
aammenliang gegen meine frühere Krkläruiig der Stelle vorbringt. Ich gebe 
au, was ich übrigens auch dort nicht bestritten, habe, daß auch für die 
Stoiker der Eid eine religiöse Bedeutnng hat, und verweise für Epiktet 
noch besoiidera auf I 18, lö, wo er den Treueid der Soldaten in einer Weise 
erwShnt, daü er unmöglich im Schwüren überhaupt eine Verletzung der Ehr- 
furcht vor Gott erblickt haben kann. Eben deshalb bin ich aber über- 
zeugt, daß er, wenn er den Eid verbietet, nicht yon religiüsen, sondern 
von ethischen Motiven geleitet war, und nehme, was die Auslegung des 
Simpübios betrifft, mit Eud. HirMl auch jetzt noch an, daU die Worte 
Epiktet^ ihre religiöse Beziehung erst durch jenen erhalten haben. Dagegen 
räume ich gern ein, daß das Eidverbot der Bergpredigt iu erster Linie 
religiöse, nicht ethische Bedeutuna: hat, wiewohl ich uborKCiigl bin, dali 
Jesus auch die mit dem Leichtnehmen des Eides verbundene Unwahr- 
haftigkeit treffen wollte. — Überraschend war mir die Interpretation Morths, 
daß zu ^y- TiSi/ Ivöi^oH' nicht nn.^nhrjaitij Sündern o/ivoe au ergänzen sei. 
Ich glaube, daß nicht bloß ich. sondern auch andere unwillkürlich das 
Erstere suppliert haben; daß dann eine gewisse Tautologie entstÜJde, wird 
nicht zu bestreiten sein. Ich zweifle jedoch, ob ex tujj' ejwiiüf hier heißen 
kann „soweit es die umstände eben erfordern", jedenfalls hätte sich Epiktet 
bzw. Arriftn recht undeutlich ausgedrückt. Meine Verwertung des Seueca- 
Fragpient^ bei Martinus von Rraccara nimmt, wie schon vnrher P. Wend- 
land, auch Mürtli gegen Zahn in Schutz. Auch E. Bickel ist in eingehender 
Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen, daß die ganze philosophische 
Begriff swelt des Traktais von der formula Iionestaevitae in Übereinstimmung 
mit Senecas Moralphilosophic stehe und auch in Sprache und Phrasen- 
Bchatz bestimmt an f Seueea, und zwar auf eine bestimmte Schrift desselben 
als Quelle weise (Ehcin. Mus, LX (1905) 505 ff.). 

' Ebenso urteilt Th. Colardeau {Etüde mr Epicüte. Paris 1903, 35): 
Utk Sorte de hrevioAre ...» Vusage de ceux, qui la (doctrine) prafiqttaient 
dejä, mais ne et sentaient paa eiicore tres sürs d'euj} mSmes. — Wenn man 
das Manuale so auffaßt, begreift mau auch eher, dalJ es gerade au einem 
Brevier christlicher Miinche umgearbeitet wurde, wozu es sich allerdings 
vortrefflich eignete. 



32 Adolf Bonhöffer 

zeit, weil es, wie das viele Sehwatzen und Lachen, etwas 
Unnötiges ist, das entweder als Merkmal eines nocli dem 
Äußerlichen zugewandten Sinnes aufzufassen ist oder doch 
von der Hauptaufgabe, in seiner inneren Welt heimiseli -zu 
werden und das Gefühl der persönlichen Würde recht erstarken 
zu lassen, abzieht \ Hiermit soll jedoch keineswegs gesagt 
sein, daß Epiktet dieses Verbot des Schwörens auf die Lelirzeit 
beschränken wollte: es soll natürlich auch im späteren Leben 
nichts Unnötiges und Unwürdiges getan werden, und das ist 
das Schwören in den meisten Pallen. Nur daß der sittlich 
Gefestigte auch darin wie in allem mehr Freiheit hat. 

Wem diese Erklärung nicht genügt, der muß doch jeden- 
falls zugeben, daß in dem betreffenden Kapitel des Encheiridions 
neben dem des Schwörens noch andere Verbote sich finden, 
die in dieser Weise in den Diatriben sowie in der älteren 
stoischen Literatur auch keine Parallele haben, die aber doch 
zweifellos den Anschauungen nnd der pädagogischen Ge- 
pflogenheit Epiktets nicht widersprechen. Als oberstes Gebot 
für die charaktervollen und ernsthaften Schüler der Philosophie 
steht voran das Gebot des Schweigens, der Beschränkung 
des Gesprächsverkehrs und überhaupt der Anteilnalime an den 
Sitten und Interessen der Welt auf das Mindestmaß. In diesen 
Zusammenhang paßt das Verbot des Schwörens vortrefflich 
hinein', und es wäre doch seltsam, weini Epiktet gerade 
dieses eine Stück der Eedekeu.'^chheit — nm mich so aus- 
zudrücken — anderswoher ejitnommen liätte. Vollends eine 
Entlehnung aus dem Gedankenkreis der Evangelien anzunelimen 

' Denken wir vollends — worauf freiliuh kein bestimmter Hinweis 
vorhanden ist — bei dem Schwöreu au eiiiliche VerBprechiingen und Be- 
teuerungen, die sict auf das pitthche Gebiet erstreiken, 30 käme noch der 
weitere Sinn dazu, daß, wer noch sittlich so unfertig ist, nicht Dinge ver- 
Bpreehen soll, die er zurzeit doch nicht halten kann, nnd durch deren eid- 
liche Versiclferung er nnr sich und die Philosophie bJoUstellen würde, 

' Treffend sagt hierüber K. Präcliter (Bursians Jahresbeiicht XXVI 
(1898), Abt. 1, 39): „Dem zurückhaltenden und überlegenen Stoiker, der 
nnnütues Reden, vieles und starkes Laclien sowie die Teilnahme an den 
gewöhnlichen geselligen Freuden meidet, ziemen auch uicht das Patios und 
die starke Bemühnng um den Glauben anderer, wie sie die Voranssetauug 
des Schwures bilden.-' 



Epikut und dae Neue Testament 33- 

liegt nicht der mindeste Grund vor, und wir dürfen es Epiktet 
wirklich tiiciit zutrauen, daß, wenn er je die Bergpredigt ge- 
kannt hätte, er gerade dieses Verbot des Schwörens, das 
weder im Evangelium zu dessen höchsten Gedanken gehört 
noch auch die Lehre Epiktets um einen besonderen Edelstein 
bereichert hätte, sich angeeignet haben würde '. 

Im übrigen ist die Beweiskraft der Parallelen aus M. Aorel 
und Seneca, auf die ich hingewiesen hatte, keineswegs so 
gering einzuschätzen wie Zahn meint. Der erstere rechnet 



' Zahn findet es merkwürdig, dali ich, obwohl kh (B= 72) an JesnB 
erinnere, doch einer Ableitung aus dieser Quelle ausweiche. Er scheint 
also anzunehmen, ich wolle um jeden Preis eine Abhängiglieit Epiktets, 
auch wo sie fast mit Händen zu greifen sei, in Abrede zielien. Von 
einer soleheu Tendenz, überhaupt einer Tendenz war nnd hiu iob Jedoch 
gänzlich frei. Wenn ich aaO. dayon sprach , Epiktet Terwerte den Eid 
aas denselben, mehr moralischen ula religiösen Motiven wie Jesns, so 
bin ich dadurch nicht gezwungen, Epiktet von Jesus abhängig zn machen. 
Das Moralische versteht sich in diesem Fall wirklieh von selbst, d. h. es 
ist gar nicht zu verwundern, daß zwei große ethische Petsänlichkeiten ganz 
unabhängig voneinander eine Abneigung gegen den Eid und dits ganze, 
teils kieinliehe, teils schauspielerische Gebaren, das damit verbunden ist, 
empfinden. Tlbrijjens war jenes Urteil nicht so gemeint, als ob die innere 
Stellung Jesu und Epiktets zum Eide sich ganz decke: das Verbot Jesn 
riehtet sieh in erster Linie gegeu die lächerliche Spitzfindigkeit der jüdischen 
ßeligiositdt, die zwar den Namen Gottes beim Schwören vermeidet, aber 
mir nin so fanitjscher an abgeleitete Heiligkeiten sich hängt, um durch 
sie der eigenen Aussage mehr Kachdruck and Glaub würdiglieit zu ver- 
leihen, im innersten Grunde aber allerdings gegen die Uu Wahrhaftigkeit, 
die sich durch diese Schwürfrendigkeit verbergen will, aber gerode dadurok 
offenbart. • Jedoch auch das moralische Motiv hat im Munde Jesu ganz 
anders als bei Epiktet zugleich eine ausgesprochen religiöse Bedeutung. — 
Treffende Bemerkungen zur ganzen Frage finden sieh in Eud. Eirzela 
Monographie „Der Eid" (Leipzig iSOä). Eine absolute Verurteilunj? des 
f^chwürens aus Rücksichten der Frömmigkeit and der Religiun erscheint 
ihm als etwas Ungriechischea (S. 110). Wenn er ferner, wie ich glaube 
mit Recht , es wahrscheinlich findet, daß die Kynikcr den Eid gänzlich, 
verwarfen, so wäi-e also Epiktets Forderung gar nichts ßinguläres mehr. 
Mna braucht aber nicht einmal auf die Kjniker zu rekurrieren ; denn was 
(ücero de oif. III 104, ohne Zweifel einer stoischen Vorlage folgend, und 
vollends Quintüiau, der Zeitgenosse Epiktets, über den Wert des Schwörens 
vum Standpunkt der Menschenwürde aus sagt (Inst. IX 3, 98: In toinfn 
iurare, nis-i, uH necesse es', gravi viro parum convenit), liegt ganz auf 
der Linie Epiktets. — Vgl. auch Mörth aaO. 

ReligioiiseeschieUtlicbe Versuche u. Vdrai'l) eilen X. 3 



34 A4olf Bonhöffer 

ZU den Eigenschaften des Idealbildes, wonach er seine Per- 
sönlichkeit zu bilden bestrebt ist, auch die, keines Eides zu 
bedürfen (HI 5). Merkwürdigerweise findet sicli aber auch bei 
Ihm eine Äußerung, aus der hervorgeht, daß er das Schwören 
keineswegs als etwas an sich Verwerfliches ansieht, sondern 
ihm sogar einen gewissen religiösen Wert zuerkennt, indem 
er es neben dem Opfern und Beten und den anderen kultischen 
Pflichten, echt stoisch, als einen Beweis dafür verwendet, 
daß die Götter sieh um uns Menschen kümmern (VI 44, 2). 
Also ganz dieselbe Stellung zum Kide wie bei Epiktet: vom 
Gesichtspunkte der persönlichen ToUkommenbeit aus ist er 
überflüssig und soll womöglich vermieden werden; als religiöse 
Übung dagegen, gleichsam als feieriiclies Bekenntnis ku dem 
Dasein und der lebendigen Teilnahme der Gottheit am 
Menschengeachick hat er dieselbe Berechtigung wie die Be- 
obachtung der sonstigen Gebote der väterlichen üeligion^ 
In dem bereits erwähnten Seneca- Fragment ist dagegen aller- 
dings, wie Zahn bemerkt, der Eid nicht geradezu widerraten, 
sondern nur ausgesprochen, daß die schlichte Aussage als 
ebenso unverletzlich gelten müsse wie jener. Aber es ist klar, 
daß, wo einmal diese als dem Eide ethisch ebenbürtig erkannt 
war, auch die Entbehrlichkeit des letzteren erkannt sein mußte. 
Über die weiteren Beziehungen, welche Zahn zwischen 
Epiktet lind dem Evangelium fl^ndet, daß der Herakles-Heiland 
Epiktets nichts anderes sei „als ein Echo des Evangeliums in 
der Seele eines Heiden", daß seine begeisterten Schilderungen 
des Diogenes uns an Christus und seine Apostel erinnern, ja 
daß in III 22, 56 sogar eine direkte Bezugnahme auf das 
Schicksal des Apostels Paulus vorliege, will ich hinweggehen, 
da hierüber bereite von F. Wendlaad und neuestens von Mörth 

' Wer hierin einen Widerspruch erbliclien wollte, würde nur zeige», 
wie wenig er das innerate Wesen der Stoa erkaimt hat. Das Merk- 
würdigste au ihr ist wohl eben die für unser modernes Gefühl kaum ver- 
Btändliehe Vereinigung von positiver Religiosität und Preideukertum, yoii 
JlBli^ion — um mit dem Theologen liiederniann ku reden — auf der Stufe 
der Vorijtellang und auf lier Strafe des Denkens, Ks läüt sieh leicht zeigen, 
dall die Stoiker diese merkwürdige DoppelsteUnng auch zu den anderen 
sogenannten religiösen Pflichten wie Gebet, Opfer, Mantik ii. dgl. ein- 
genummen haben. 



Epiktet und das Nene Testament 36 

das Nötige gesagt worden ist. Eher ließe sich reden über 
eine gewisse Übereinsliromung: der epiktetischen Schilderung 
des Kynikers (III 22, 69 ff.) mit den Grundsätzen, welche der 
Apostel Paulus in I Cor. 7 üher das Leben des Christen in 
der Welt entwickelt. Die Forderung Epiktets an den Kyniker, 
daß er jeder bürgerlichen Verpflichtung und insbesondere des 
Ehelebens sieh begeben solle, erinnert ja wohl an den Kat 
des Apostels, lieber unverehelicht zu bleiben und überhaupt 
mit dem Weltleben sich möglichst wenig einzulassen (I Cor. 
7, 26 ff. und 11 Tim. 2, 4). Aber die Motivierung ist eine 
völlig verschiedene. Beim Kyniker handelt es sich um eine 
anerkannte Ausnahmestellung, und jedem anderen, auch dem 
Philosophen, würde es Epiktet geradezu zum Vorwurf machen, 
wenn er den gewöhnlichen bürgerlichen Pflichten, speziell der 
Ehe geflissentlich aus dem Wege ginge ' : Paulus aber hält 
es ganz im allgemeinen für geratener, unverehelicht zu bleiben. 
Der Kyniker zieht sich, im oben bezeichneten Sinn, zurück 
von der Welt, nicht weil er andernfalls eine Störung seines 
inneren Gleichgewichts, eine Gefahr für seine Tugend be- 
iüichten müßte, sondern lediglich im Interesse der Menschheit, 
um ÜU' mit seiner ganzen Person als Gotteszeuge und Seelen- 
arzt dienen zu können; Paulus aber befürchtet, daß durch die 
mit der Ehe verbundenen Sorgen und Anforderungen der 
sinnlichen Natur der Seelenzusiand des Gläubigen gefährdet 
und sein Sinn von dem jenseitigen Gottesreich abgelenkt 
werden könute. Epiktet meint, wenn der Staat der Weisen 
verwirklicht wäre, würde man keinen Kyniker brauchen; 
fOiavTri^ d' oVa/jg xaiaatüoeMi; oYa vDv laziv, &iq sv ^dQatä^ei, 
d. h. SO wie die Welt nun einmal ist, daß man fortwährend 
mit der Macht der Unvernunft zu kämpfen hat, muß es jemand 
geben, der, in besonderem Maße hierzu ausgerüstet, sich speziell 
damit abgibt, die irrenden Menschen zum Bewußtsein ihres 
Irrtums und Elends zu bringen und auf den rechten Weg 
zu führen. Von einem metaphysischen Gegensatz zwischen, 
einem aUiiv ohog und ov^äviog ist hier also, nicht die Rede: 

■ über die Stellang Epiktets zur Ehe und seine Äbweichuug Ton 
MusoniuB Tgl. die trefiliche Untersuchung Carl Praechters über den Stoiker 
Hlerokles, der sieh in obiger Frage dem Epiktet nähert (Leipzig 1901, S. 5J 

3* 



36 Adolf Bonhöffer 

mag Epiktets Urteil über die gegeawärtige Welt auch ziem- 
lich pessimistisch klingen, es ist jedenfalls nicht im Siuii eines 
trostlosen Pessimismus gemeint, als ob es in diesei- Welt nicht 
mehr besser werden könne. Vielmehr dient ja gerade der 
Kyiiikerdazu, dem'allgemeinen Verderben Einhalt zu gebieten: 
er ist sozusagen eine notwendige Person in der sittlichen 
Ökonomie der Menschheitsgeschichte, eine Art Regulator, der 
den ethischen Prozeß, wenn er erlahmen will, immer wieder 
in Gang bringt. Zahn selbst sagt, von einer „gegenwärtigen 
Welt" zu reden, habe nur Sinn bei Paulus, der an eine zu- 
künftige Weh glaube. Nun glaubt aber Epiktet bekanntlich 
nicht an eine solche: wie kann man ihm denn die Torheit 
zutrauen, daß er vom Neuen Testament die Vorstellung einer 
diesseitigen (im Argen liegenden) AVeit übernimmt ohne ihr 
notwendiges Korrelat, den Glauben an ein jenseitiges Eeich? 
Von der bei Efiktet so geläufigen Gegenüberstellung des 
iSiov und &Xk<)'i:Qtov sagt Zahn, sie finde in der Literatur 
vor ihm schwerlich eine genauere Parallele als Lukas 16, 12. 
Nun hängt aber diese Unterscheidung so unmittelbar zusammen 
mit der anderen, die für die ganze Philosophie Epiktets von 
grundlegender Bedeutung ist nnö darum auch in dem Enehei- 
ridion als der beherrsehende Gesichtspunkt an den Anfang 
gestellt worden ist, nümiich mit der Unterscheidung des iqi' 
}}/iiv und des ovy. ^cp' rj/äy, d. h. der Dinge, die wir uns seihst 
zu verschaffen imstande sind, und derer, die von fremden 
Mächten abhängen, daß hier am allerwenigsten ein fremder 
Einfluß auf die Denk- und Ausdrucksweise Epiktets ange- 
nommen M'erden kann. Das i'Ötov Epiktets, um mich dieses 
Wortspiels zu bedienen, kann doch unmöglich aus einer zu- 
fälli^n Kenntnis der Gleichnisrede des Evangeliums hergeleitet 
werden, deren Sinn erst nicht einmal ganz klar, jedenfalls 
aber mit Epiktets Ansicht gar nicht vereinbar ist. Für ihn 
hat der Gedanke „Wenn ihr im Fremden (in der Anwendung 
■der irdischen Güter) nicht treu seid, wer wird euch das Eurige 
geben?" gar keinen Sinn; denn wer im Fremderi wirklich 
treu ist, der liat nach Epikteteben damit schon das Sein ige, 
d. h. das höchste sittliche Gut; eine Steigerung ist für ihn gar 
nicht mehr zu erwarten und vollends nicht als jenseitiger 



Eplktet and das Nene Testament 37 

Lohn für eine diesseits auszuübende Tugend. Aus dem 
Evangelium hat er diese Unterscheidung also siclierlich nicht 
entlehut. P. Wendland in seiner Rezension weist darauf hin, 
daß der Gegensatz des Eigenen und Fremden auch bei Seneca 
vorkommt, vermutet jedoch mit Eecht, daß er schon älter sei: 
ist doch die ganze stoische Ethik aufgebaut auf dem Unter- 
schied der äya&ä (und zccxii) einerseits und der äihüepo^a 
andererseits, welcher sieh mit dem epiktetischen des Eigenen 
und Fremden im wesentlichen deckt. Jedoch nicht nur dies: 
auch der Begriff' des irp' fifiiv, schon dem Aristoteles geläufig, 
ist otfenbar vor Epiktet schon in der Stoa gebräuchlich ge- 
wesen. Das sehen wir nicht bloß aus Clemens Älexandriiuis S 
der ihn ja schließlich ans Epiktet geschöpft haben könnte, 
wie auch Plutarch (De tranq. an. 467 E), sondern namentlich 
aits Philo Judäus, dessen Schriften uns in vieler Hinsicht 
einen Ersatz bieten für die verloren gegangene originalstoische 
Literatur, und dessen Wortschatz noch lange nicht genügend 
für die Kenntnis der Stoa ausgebeutet ist ^. 

Auch der epiktetische Begriff' der -/.Irjaig hat mit dem 
biblischen Begriff der Berufung kaum etwas gemein. Im 
Neuen Testament handelt es sich um eine Einladung Gottes 
an die Menschheit, durch den Glauben au Christus der Güter 
des Eeiclies Gottes teilhaftig zu werden. Die 7i)S]ai.s Epiktets 
aber (I 29, 33 ff.), die nicht einmal direkt als von Gott aus- 
gehend gedacht werden muß (vgl. die Worte -naUaavroii to-G 
xatooii), besteht darin, daß man in eine schwierige, kritische 
Lage versetzt wird. Eine solche Lage betrachtet Epiktet 
als einen Euf Gottes an den Pliilosophen, von der Wahrheit 
und Kraft seiner Grundsätze Zeugnis abzulegen, insofern als 
eine Ehre, die ihm von Gott widerfährt. Aber so wenig kurz 
vorher (I 29, 29) das dvßxÄJ^i o«!*' , das Eückzugssignal, das 
Gott Jeweils seinen Kindern gibt, aus der biblischen Sphäre 
stammt, so wenig kann es befremden, wenn Epiktet das Wort 



' Strom. II 54, 458 P; I 84, 368 und öfter; IV 184, 620: die Hferij 

ist IJl' Tl/tlV. 

' De mjgr. Abr. 37 (469 M) : die '>.r]0-q geliürt zu den ot' 7za^^ iifiiv. De 
iiiut. noni. 41 (ßl4M); das Xiyeiv ist tj' Tifi-if. 



38 Adolf BonhBffer 

xaUlv anwendet, wo es sieh um eine ethisch besondei-s wichtige 
und entscheidende Situation handelt, in die der Mensch ge- 
bracht wird. Was ihm dabei vorschwebt^ ist nicht der tran- 
szendente Gott, der die Menschen zu seinem Gnadenreich 
einlädt, sondern der Feldherr, der seine Leute auf einen 
schwierigen Posten stellt, um sie zu erproben, oder der Ge- 
richtsherr, der diesen oder jenen auf die Eednerbühne ruft, 
damit ev Zeugnis ablege und in seinem Teil die gerechte Sache 
(in diesem Fall: die gute und vernunftige Weltordnnng) an 
den Tag bringen helfe ^ Wen kann es da noch befremden, 
wenn Epiktet in der Konsequenz dieser Vorstellungen zur 
Prägung des meinetw.egen in der sonstigen profanen Literatur 
jener Zeit sich nicht wieder findenden Ausdrucks weiter- 
schreitet: Karaioxtjveiv tijv xlf,utv i;v xhlriTcev? Wenn Zahn 
sagt, die Begriffe „Berufung" und „Befuf" stammen überhaupt 
aus der Bibel, so ist dies in dieser Allgemeinheit nicht richtig. 
Wo eine sittliche Bestimmung des Menschen erkannt ist, da 
ist auch eo ipso die Vorstellung eines Berufes gegeben, wenn 
auch das Wort xXijois nicht gebraucht wird. Von dem Glauben 
an eine sittliche Bestimmung des Menschen sind aber alle 
Heden Epiktets getragen, und er hat diesen Glauben nicht 
aus sich selbst oder gar von den Christen angenommen, 
sondern dieser liegt der ganzen stoischen Philosophie zn- 
grunde, insofern sie ein Ziel (tslog) für den Menschen auf- 
gestellt und es als Gehorsam gegen die Natur oder gegen 
Gott definiert hat. Ja es ist bekannt, daß innerhalb der Stoa 
nicht bloß dieser allen Menschen gemeinsame Beruf jederzeit 
gegolten hat, sondern, insbesondere von Panaitios, auch die 
Vorstellung eines individuell gearteten Berufs des einzelnen 
gebildet worden ist. Die Stoiker haben diesen individuellen 
Beruf mit dem vom Bühuenwesen hergenommenen Wort 



^ I 29 iS; Uöis ovv ävaßaiveis vvv; oii fiä(>Tve wia To5 deov «exltj- 

fiivoi. — Obiges war läagst niedergegchrieben, als mir Mörtts Alihandluitg 
zu Gesicht kam. Er erklärt den epiktetisehen Ausdruck ganz ebenso wie 
ich, nur daß er noch reichliehe Analogien ans dem klassiachen Sprach- 
gebravioh l>eibrin{rt. Aufgefallen ist mir imr, dali er für den An^druck 
dvaitliTiKÖi' den M. Aurel als Zeugen anführt, wahrend er doch dieses Bild 
schon bei Epiktet finden konnte. 



Epiktet nnd ias Nene Testsment 39 

jrpöowjTov bezeiclmet, das ja auch fcei Epiktet eine große 
Rolle spielt ^ 

Epiktet hat nun aber nach Zahn nicht bloß manche 
chrJBlliche Anschauungen und Ausdrücke seinem Gedanken- 
kreis und Wortschatz einverleibt, sondern gelegentlich auch 
eine mehr oder weniger ungünstige Kritik am Christentum 
geübt. Daß er einmal die Phrase xvqu iXhjaop gebraucht 
(11 7, 12), kann sieh Zabn nicht anders erklären, als daß er 
„aus christlichem, vielleicht auch aus jüdischem Munde das 
Kjrie eleison unserer Liturgie und unserer Kirclienlieder" gehört 
habe. Während Wendland diese Annahme kurzerhand und 



' Z»hil hat Eecht, wenn er mir vorhält, daß das Wort itgoaomov, wo 
es nicht daa Antlitz oder die Miene bedeutet, anch bei Epittet stets in der 
Bedeutung „Seh an spiel eraiaake", „Rolle" zu nchtDcn sei, und es war nicht 
richtig, wenn ich in meinem Index (ß- 264) ^poaiaTrov direkt mit „sittliche 
Perafiiilichkeit", „Ehre" ilhersetate. leh mache jedoch aufmerksam auf 
die ziemlich verschiedene Art. wie Epiktet diesen Begriff ngöoionov an- 
wendet Zuweilen ist damit lediglich die äußere Lebensstellung gemeint 
(Reich oder Arm, Herrscher oder Sklave und dgl.), die der Stoiker als eine 
von der Gottheit zugeteilte Bolle hetrachtet, welche er auf dem Theater dea 
Lebens ku speien bat [I 23, 47; Ench. 17; Diss fragm, 11). Hier besteht 
die sittliche Aufgabe einfach darin, dafl man mit seiner Rolle zatrieden 
ist nud ihren Beschwerden oder Versuchungen zum Trotz seine innere 
Uo ab h Engigkeit und Heiterkeit bewahrt. Schon etwas mehr ins sittliche 
Gebiet hinein spielt es, wenn die o^iaB«, die natürlichen Beziehungen z. B. 
des Sohnes zu den Eltern, des Brnders zum Bruder als ngomona bezeichnet 
werden. Denn mit diesen „EoUen", deren also jeder eine ganze Anzahl zu 
spielen hat, sind nach stoischer Lehre schon ganz bestimmte sittliche Pfliehfen 
verbunden (II 10, 7), Hierher können wir auch rechneu z. B. den Beruf 
des Athleten, der uacU Bpiktets Ansicht ein besonderes Maß von Männ- 
lichkeit und Härte gegen aicli selbst verlangt (I 2, 2(i)- Die höchste und 
allgemeinste Bedeutung ist aber die, wo es sich um das tioöboitiov des 
»aXotiäyit^ö^, des ipiiiioo^os, des iisTiaiSnifii.ros handelt (III 2ä, 69; I 29, 57; 
IV 3, 3). Hier deckt sich die ganze sittliche Aufgabe mit der Rolle, die 
man übernommen hat. Epiktet weiß ivohl, daß keineswegs alle diese Rolle 
spielen wollen ; aber selbstverständlich ist seine Ansicht die, daß sie eigent- 
lich jedem Measchen Ton Gott zugeteilt worden ist. In diesem Sinne ist das 
.-tpodöiKuj' nichts Individuellea mehr, sondern das füf alle gleiche sittliche 
Ideal, das icoiamTio'' des äv^goiTio;, nnd so kann Epiktet sagen; wer sich 
Hbei'haupt besinnt — ob er aus Opportunitätsrück sichten etwas Unwürdiges 
tun soll — ist so gut wie einer, der »o iSiov Tigoaotnoi; seine sittliche 
I'eisönlichkeit, seine Ehre vergessen hat [I 2, 14). 



40 Adolf BonhÖfter 

schroff abgelehnt hat, ist Mörtti, der fast in allem anderen 
Zahn unrecht gibt, in diesem Falle geneigt, ihm beizustimmen, 
indem er nur die Möglichkeit, daß Epiktet die Formel auch 
als eine jüdische kennen gelernt haben konnte, etwas stärker 
als jener betont. Ich habe meine eigene, schon vorher nieder- 
g-eschri^bene ausführliche Analyse der interessanten Stelle 
hinterher getilgt und gedenke auch auf die gediegene Er- 
örterung Mörths, die mich allerdings nicht überzeugt hat, nicht 
im einzelnen einzugehen, weil die exegetische Ausführlichkeit, 
die hierzu nötig wäre, in keinem Verhältnis steht zu dem 
Wert, den die ganze Frage für den vorliegenden Zweck be- 
sitzt. Bekanntlich ist die Lesart nicht ganz sicher, und auch 
bei dem Schenkischen Text ist es nicht absolut ausgeschlossen, 
die Anrede auf den Mantis, statt auf den Gott selbst zu be- 
ziehend Ich halte, mag mau nun im einzelnen lesen wie 
man will, das erstere für riclitig und zwar aus zwei Gründen, 
erstens, weil kurz zuvor Epiktet die Menschen verspottet, 
welche dem [idvTig schmeicheln und ihn eben mit dem ser- 
vilen y.vQi£ anreden ; zweitens weil auch das devote xvqie eUijoov 
weit wirkungsvoller ist, wenn der Mantis, also ein ohnmächtiger 
Mensch, so angeredet wird. Wenn Epiktet Gott nicht mit 
â– nvQt-i anzureden pflegt, so tut er dies nicht deshalb, weil ihm 
das Wort xiiptog überhaupt verhaßt wäre. Vergleicht er doch 
Gott mit einem o/xoÖfffjroTijg (III 22, 4) und nennt ihn Swi- 
«(j-Ei/s; tOj' i)l(uv, der über alles, ausgenommen die i;/£,uowxt( 
der Veriiuuftwesen, die er selbst freigegeben hat (1 19, 9) ein 
Y.ÜQLoq ist (IV 10, 30). Und daß dieses Wort, auch auf Menschen 
angewendet, nicht immer einen odiösen Klang hat, beweist 
die Stelle III 22, 38, wo er den Kwi-zAs in vollem Ernste 
als '/-vQie äyyske xal xmdaxoTie anredet. Wenn Epiktet trotzdem 
die Bezeichnung xvqios fast nie auf Gott anwendet, so liegt 
der Grund einfach darin, daß der Stoiker nach dem oben 
Gesagten keinen Anlaß hat, Gottes Herrschertum in bezug auf 
sich selbst besonders zu betonen. Insofern ist es richtig, wenn 
auch nicht ganz treffend ausgedrückt, wenn Zahn sagt, 
Epiktet lege die Anrede xv^ib den Vertretern einer ungesunden 

' übrigens ist ja Sehenkl seHst geneigt, O-irw statt fleöf za lesen 
iind verweist dafür mit Eecht auf I 17, löif. 



Ipiktet niid dos Neue Testament 41 

Eeligiosität in den Mund. Auch den Menschen, die im Leben 
eine wirkliche Herrsclierstellung bekleiden, z. B. dem Kaiser, 
mißgönnt er den Titel y.vQiog nicht {TV 1, 12); auch der 
Steuermann ist, in seinem Revier, ein m^wg (IV 1, 118), wie 
überhaupt überall der i'fiiisiQog dem aTtctQos überlegen und in 
gewissem Sinn sein Herr ist. Was er aber mit aller Ent- 
schiedenheit ablehnt, ist das, daß irgend ein Mensch (der 
Kyniker natürlich nicht ausgenommen) über einen anderen 
Menschen, über seine Persönlichkeit, eine Macht habe (I 29, 60: 
iiv9-eii}7tog äy^Qwnov xv^iog ovxi'ouv). Zusammenfassend können 
wir also im Sinne Epiktets sagen, daß die Leute, welche 
sowohl Gott als auch Menschen gegenüber das Kiigt« stets auf 
den Lippen haben, sie eaiud-sv xal h nd&ovg so nennen (IV 1, 57), 
sich eben damit als Knechtsseelen dokumentieren, deren ganzes 
Trachten auf die äußeren Glücksgüter gerichtet ist, welche 
ihnen jene Herren, wirklieh oder vermeintlich (wie die Ärzte 
und „Professoren"! II 15, 15; III 10, 14; III 23, 11 und 19), 
mitzuteilen vermögen (I 29, 48; II 16, 13). 

Aus dem allem geht hervor, daß die Phrase xüqie iXhjoov 
aus dem Sprachgebrauch^ und der Denkweise Epiktets sich 
vollkdmmen erklärt. Die Annahme einer bewußten Verwendung 
der christlichen Gebetsformel verbietet sieh aber auch aus 
inneren Gründen. Selbst wenn JSpiktet ihren wirkliehen Sinn 
nicht kannte, sondern nur eben das sehnsüchtig und unter- 
tänig Bittende, das ihm unsympathisch war, aus ihr heraus- 
hörte, so konnte er doch in dem Zusammenhaug, in welchem 
er die Anrede gehrauclit, die Christen damit nicht parodieren 
wollen. Denn er witßte ja — und dies ist das einzig Sichere, 
was wir über Epiktets Kenntnis des Christentums wissen! — 
daß die Christen keineswegs so armselige Leute waren, die 
in feiger Sorge um iiir Gut und Blut, Leib und Leben zitterten. 
Hat er doch selbst es angedeutet, daß sie furchtlose Leute 
seien, die vor keiner äußeren Gewalt sich beugen (IV 7, 6) ''. 



' Betreffs des Imperatira kXh^aov weist dies MÜrth noch besonders 
iiaeh [S. laO). 

^ Auch die zweite Stelle, wo Epiktet unter dem Namen der Jviflen 
vielleicht die Cliristen meint (II 9, 20 ff.), zeigt deutlich, wie gut es ihm 



42 Adolf BonhöSer - . 

Und wenn er auch das Motiv ihrer &(poßla nicht gerade hoch 
einschätzt, so hat ihm doch vielleicht bis zu einem gewissen 
Grad ihr Todesmut imponiert, und es ist absolut undenkbar, 
daß er sie durch ihr Kyrie eleison hätte als Feiglinge ver- 
spotten und brandmarken wollen ^. Überdies sieht das Audi- 
torium Epiktets, so wie wir es aus den Diatriben kennen, gar 
nicht danach aus, daß es die Anspielung verstanden hätte: 
so wäre sie also- nicht bloß Epiktets unwürdig und gemein, 
sondern auch völlig zwecklos gewesen. 

Hiermit sind wir von selbst auf die Stelle in Epiktets 
Diatriben geführt worden, welche allein mit Sicherheit davon 
Zeugnis gibt, daß ihm die Sekte der Christen, sei es nun aus 
eigener Anschauung oder wenigstens vom Hörensagen bekannt 
war, wofern nämlich- unter den „Galiläern", deren Todesmut 
er IV' 1, 6 erwähnt, wirklieh die Christen zu verstehen sind. 
Zahn findet diese Bezeichnung befremdlich, da sie bei den 
heidnischen Schriftstellern jener Zeit sonst nicht vorkommt, 
vielmehr erst bei Jnlianus auftritt. Ich finde dies letztere 
weniger auffallend und erkläre es mir einfach daraus, daß die 
Christen in jener Zeit übei'haupt in der heidnischen Literatur 
ignoriert wurden, weil man der Sekte keine Bedeutung beimaß. 
Als dann um die Mitte des 2. Jahrhunderts die neue Eeligion 
sich in ungeahnt«- Weise ausgebreitet hatte, so daß sie nicht 
mehr ignoriert werden konnte, hatte es keinen Sinn mehr, 
die Cliristen mit dem nun antiquierten und nicht mehr ver- 
standenen, jedenfalls gar uicht mehr diai'akteristischen Namen 
„Galiläer" zu be7.e!chneii. Daß in dem Briefwechsel zwischen 
Plinius und Trajan der ofözielle Name Christiani, den sie sich 
selbst beilegten, gebraucht, wird, ist selbstverständlich. Maa 
darf also gerade umgekehrt daraus, daß sie Epiktet Galiläer 
nennt, eher sehließen, daß er von dem unterscheidenden Inhalt 
und Gegenstand ihres Glaubens keine deutliche Vorstellung 
hatte. Er nannte sie „Galiläer" , weil die Juden sie so 

beksmut war, daß dus Bekenntnis zu dem nd9os lov ßsßafi/iivov Gefahceii 
in sich seliloG, also mutige Lente erforderte, 

' EbejiBo urteilt MJirth in betreff der Nebenfrage, ob Epiktet au Stellen . 
wie III 10, 15 oder II 15, 15 («%(■, ßort^rioöv not) Worte der Ecaugelien 
(Matti. 8, 2; lö, 25) peraiilieren wollte. 



Epiktet nnfl das Neue Testnmeat 43 

Tiannten, und diese jüdische Bezeichnung: naturgemäß auch von 
den Heiden, die der Sache nicht näher nachforschen wollten, 
ohne Besinnen übernommen wurdet Unter allen Umständen 
unwahrscheinlich ist es aber, daß Epiktet, wie Zahn annimmt, 
auf diese Eeaeiclmung selbst, durch Lektüre neutestam entlieh er 
Schriften gekommen wäre. Denn hier, d. h. in den Evangelien 
und der Apostelgeschichte, werden die Jünger Jesu ja nur 
deshalb Galiläer genannt, weil Galiläa ihre niid allerdings 
auch Jesu Heimat war. Da lag es doch für Epiktet weit 
ntLhei-, die Christen Nazaräer zu nennen, was er im selben 
Zusammenhang finden konnte und was nach dem Zeugnis der 
Acta (24, 5) wirklich ein Name für die ai'eewtt;, für die 
christliche Eeligionsgemeinde gewesen ist. Sehen wir aber 
auch über diese ün Wahrscheinlichkeit hinweg, so hätte es doch 
gar keinen Sinn gehabt, wenn Epiktet vor seinem heidnischen, 
lediglicli griecliisch gebildeten Publiknni die Christen mit 
einem Namen genannt hätte, den sie gar nicht verstanden 
hätten. Wenn Zahn vermutet; Epiktet werde diese Bezeichnung 
in dem fdr uns verlorenen Teil der Diatriben öfter angewendet 
-haben, so wird dadurch, von der Willkürlichkeit dieser An- 
nahme abgesehen, an jener Sachlage nichts geändert: wir 
müßten denn gerade annehmen, es habe dort, und zwar natür- 
lich da, wo er den Namen erstmals gebrauchte, auch eine Er- 
läuterung desselben gestanden, was übrigens bei dem vielfachen 
Wechsel seines Publikums auch nicht genügt hätte. 

Was nun aber endlich den Inhalt der epiktetischeu 
Äußerung betrifft, so hat schon F. Wendland darauf hin- 
gewiesen, daß sie Zahn in einem für diese Christen viel zu 
günstigen Sinne deutet. Epiktet stellt das t^og der Christen 
zwar nicht auf eine Stufe mit der /.lavla und äitävoia, aber 
doch mit dieser zusammen in einen scharfen Gegensatz zum 
/ti/oc. Wohl schätzt er deü Faktor der Gewöhnung nicht 
gering, jedoch nur, wo die vernunftgemäße, philosophische 
Helehrimg: vorausgegangen ist und sie begleitet: ein h'S-oi; 
ohne Xöyos hat für ihn keiuen Sinn. Das [Irteil 
Kpiktets über die Christen ist also nicht wesentlich verschieden 



Mörtli 199 mit Bernfung auf Harnack und v. Dobachiity.. 



44 Adolf Boniiäffer 

von dem seines geistigen Schülers M. Aurel, wenn auch in 
der Forai nicht so schroff wie dieses (XI 3) ^. 



Zweiter Abschnitt 

K. Kniper 

Ich verlasse hier die Sclirift Zahns, indem ich noehmalH 
ausdrücklich betone, daß die ausführliche Erörterung' der 
Hauptpunkte, auf welche er seine Ansicht stützt, zwar rein 
wissenschaftlich betrachtet vielleicht nicht oder doch nur teil- 
weise nötig, aber für den Zweck der gegenwärtigen Unter- 
suchung nicht zu entbehren war, einmal weil der Leser ein 
Eeeht darauf hat, die hauptsächlichsten Gründe, welche für 
eine Abhängigkeit Epiktets vom Xeuen Testament vorgebracht 
worden sind, zu erfahren, sodann namentlich weil er durch 
diese vorläufige und mehr gelegentliche Vergleichung der 
beiden Standpunkte, des stoischen und christlichen, am besten 
vorbereitet wird für die später anzustellende sj'stematische 
Gegenüberstellung. Was ich von Beweisen, die bei Zahn sich 
finden, unerwähnt gelassen habe, wird, soweit es von Be- 
deutung ist, im folgenden, insbesondere bei der zusammen- 
hängenden Vergleichung des beiderseitigen Wort- und Begriff- 



' lu neuester Zeit Iiat man die Lesart li^id id'ovs beanstandet, u. a. 
deshalb, weil Epiktet ja gerade so graöcu Wert auf das i^os legt, folglicb 
die gewohnheitsmäßige Todesperachtung (ier Christen nicht auf eine Stufe 
mit der imvla stellen künne. Die Antwort hierauf iüt mit dem eben im 
Test Gesagten bereits gegeben. Ich füge mir noch hinzu, daU Epiktet 
auch von einem schlechten lOo; spricht, das man durch das entjfegect'e setzte 
überwiiiden und verdrängen soll (III 13, 6). Aber dieses letztere denkt ei' 
sich lediglich durch vernünftige Belehrung und Aufkliii-ung bewirkt, 
nur dieses hat sittlichen Wert und Bestand iu seinen Augen. Es liegt 
also öl. K. kein Anlaß zur Änderung vor: der Ausdruck ist vieliuohr für 
Epiktet besonders angemessen, weil er ebenso mild in der Form, wie ent- 
schieden ablehnend dem Sinne nach ist. /Jci&oii, was Kurt Slciser vor- 
schlägt (Hermes XLV, 1310, IBO) empfiehlt sich aclioa deshalb niclit, weil 
das Wort hei Epiktet sonst nicht vorkommt; dixeid-eiag, was P. Corssen 
■vermutet (Berl. Ph. Wschr. 191(1, Nr. 26, S. 8:-i2) würde wohl y.u der ^«on- 
T.f|is des M. Aurel passen, wäre aber für den Zusiuumeiibaug bei Epiktet, 
der einen allgemeinen Begriff erfordert, zu speziell und konkret. 



Epiktet unä das Nene Testament 4B 

Schatzes zur Sprache kommen, ebenso das, was vom Standpunkt 
der höheren Kritik gegen die Ansicht Zahns im ganzen ein- 
zuwenden ist und hauptsächlich in Eduard Nordens bereits 
erwähntem Werke „Die antike Kunstprosa", Bd. 2 S. 452 ff. 
einen zwar etwas einseitigen aber beredten und geistreichen 
Ausdruck gefunden hat. 

Zahn hat, wie schon erwähnt, keinen Versuch gemacht, 
seine Ansicht der Kritik gegenüber zu verteidigen und auf- 
recht zu erhalten. Auch von anderer Seite ist ihm in 
Deutschland wenigstens kein Eideshelfer erstanden. Um so 
merkwürdiger aber ist es, daß, nachdem die Frage schon er- 
ledigt schien, im Jahre 1906 ein holländischer Gelehrter, 
K. Kuipcr, in einer größeren Abhandlung Epidetus en de 
chriäelijke morml dieselbe wieder aufgegriffen und, freilich in 
viel maGvoUerer Weise und mit erheblich geringerer Zuver- 
sichtlich keit, aber doch wesentlich im Sinne Zahns beantwortet 
hat ^ Es gehörte nicht wenig Mut dazu, nachdem der letztere 
fast einstimmigen Widerspruch erfahren hatte, den Versuch 
aufs neue zu wagen. Um so mehr hat er Anspruch auf 
'unsere Beachtung. Man sieht, daß gewisse Probleme in der 
Wissenschaft immer wieder neu aufleben, nachdem sie längst 
abgetan zu sein scheinen, und das ausführliche Eingehen auf 
Zahns Beweisführung erscheint von hier aus doppelt gerecht- 
fertigt. 

Was ist nun das Neue und Eigenartige an Kuipers Aus- 
führungen? Vor allem ist zu bemerken, daß er der Opposition, 
die gegen Zahn laut geworden ist, in ziemlich weitgehendem 
Maße beistimmt und deshalb vieles von dem, was jener auf 
eine Beeinflussung Epiktets durch das Christentum zurück- 
geführt hatte, ohne weiteres preisgibt. Er räumt ein, daß 
sich bei Epiktet keine bestimmten Auffassungen nachweisen 
lassen, die nicht auf dem Boden seiner kynisch - stoischen 
Philosoiihie entsprungen sein können, namentlich keine solchen, 
die er im Widerspruch mit seinem sonstigen System von 
anderer, d. h. christlicher Seite angenommen hätte. Er betont 



1 



Yeralagen m Mededeelingen der K. Äkaä. wn WeteMchajipen. Afd. 
LeUerkwide. 4. Beeks, 7. Ded, Amsterdam 1906. 



46 Adolf BonhöfEer 

mit Recht, daß man von vornherein auf eine sehr belangreiche 
Übereinstimmiiiig zwischen der stoisch -kytiischen Lebens- 
auffassnng und der christlichen Moral gefaßt sein muß und 
deshalb zunächst keine Veranlassung hat, aus der Ähnlichkeit 
von gewissen Gedanken und Stimmungen auf ein Abhängig- 
keitsverhältnis zu schließen. Wer damit rechne, werde z. B. 
ebensowenig das Wort des Paulus „Wir sind allzumal Sünder" 
für eine Entlehnung aus Seneca halten (De dem. I 6, 3 r pec- 
cavimus omnes) vfie umgekehrf. Ferner gibt er zu, daß auch 
die vielfache Ähnlichkeit der äußeren Lebensverhältnisse bei 
dem Kyniker und dem Verkündiger des Evangeliums eine 
gewisse Übereinstimmung im Ton und Inhalt der Paränese 
erklärlich mache. „Beide liaben ihre Anhänger zu warnen 
vor der bösen Zeit, zu stärken gegen Tyrannenfurcht, zu er- 
mahnen zu freimütigemBekenntnisihrerÜberzeugung" (aaO.383). 
Doch dies alles, meint Kuiper, habe seine Grenze. Zu 
zahlreich seien die Epik tetsteilen, die an das Neue Testament 
anklingen, als daß man sich bei der Annalime einer allge- 
meinen und unbewußten Sympathie beruhigen könnte. Der 
Unterschied Xuipers von Zahn besteht also einmal darin, daß 
er sozusagen die Vorwerke der Festung preisgibt und sich 
auf den enger begrenzten Raum des Festungsinnern zurück- 
zieht. Nur um so genauer müssen wir deshalb die Stellen 
prüfen, bei denen er ein zufälliges Zusammentreffen für aus- 
geschlossen hält und eine bewußte Bezugnahme Epifctets auf 
die Bibel annehmen zu müssen glaubt. Doch noch ein anderer 
wichtiger Punkt unterscheidet ihn von Zahn: während dieser 
weitaus überwiegend die Übereinstimmung Epiktets mit 
dem Neuen Testament betont nnd nur nebenher auch einen 
polemischen Seitenblick vermutet hatte, legt Kuiper auf die 
bewußte Opposition Epiktets mindestens ebensoviel Gewicht 
wie auf die Übereinstimmung. Er findet bei einem zuweilen 
tauschenden Schein von Gleichheit in der Überzeugung häufig 
eine scharfe und nicht undeutlich ausgesprochene Antithese. 
Ja es dünkt ihm sogar im allgemeinen unwahrscheinlich, daß 
dem berühmten literai-isehen Angriff des Celans auf das 
Christentum nicht da und dort eine mehr flüchtige und ge- 
legentliche Bestreitung sollte vorausgegange!\, sein. 



Epiktet und dtiB Neue Testament 47 

Um gleich an das letztere anzuknüpfen, so mag ja Celsns 
Vorgänger gehabt haben, aber erstens wissen wir nichts davon, 
und, wenn sie von irgendwelcher Bedeutung gewesen wären, 
dürften wir erwarten, daß auch sie ihren Origenes gefunden 
hätten; zweitens ist es durchaus unwahrscheinlich, daß eine 
solche Polemik schon 50 und mehr Jahre vor Celsus eröffnet 
worden ist. Denn um das Jahr 100—120 lag einfach für die 
Heiden noch keine Veranlassung vor, das Christentum zu be- 
kämpfen, weil sie ihm keine höhere geistige Bedeutung bei- 
maßen, wie man das gerade auch bei Epiktet wahrnehmen 
kann^ Solange die gebildeten Griechen und Römer auf die 
Sekte der Galiläer oder Juden noch geringschätzig oder mit- 
leidig herabsehen zu dürfen glaubten, konnte der Gedanke, 
sie literarisch zu bekämpfen, nicht aufkommen. Bekannüieh 
stand sogar der Kaiser Mark Aurel den Christen gegenüber 
noch auf diesem Standpunkt: seine Äußerung über das Mar- 
tyrium der Christen läßt Epiktet gegenüber wohl einen Fort- 
schritt erkennen, aber nicht einen Fortschritt in der Ee- 
spektierung des Christentums als einer geistigen Macht, sondern 
höchstens eiaen Fortschritt vom Mitleid mit den sonderbaren 
Schwärmern zum Unwillen über die Leute, deren „Trotz" 
ihm als Kaiser nicht wenig zu scliaffen machte und deren, 
wie er meinte, unbesonuene Sterbefreadigkeit seinem stoischen 
Empfinden widerwärtig war (XI 3)*. 

Sehen wir uns nun aber die Argumentation Kuipers genauer 
an. Er untersucht zuerst die äußere Ähnlichkeit in Wortwahl, 
Redewendungen und Bildersprache und stellt den Satz voran, 
daß zwischen dem Stil des epiktetischen Eccheiridion und 
den paränetiscben Teilen der Evangelien, sowie andererseits 

' Wir kflnnen Ana mit W. E. H. Lecky bedauern {aaO. I 304: 
„Die sittliche Bedeutsamkeit der Fovtsoliritte des Christentuias übersahen 
die römischen Schriftsteller ganz und gar, und durch diese Uttachteanikeit 
iat eine nimmer auszufüllende Lücke in der Geschichte entstanden"), aber 
einen Vorwurf können wir darob kaum gegen sie erbeben. 

' Ge^en die Annahme, daß Epiktet irgendwie eine bewußte Polemik 
gegen chiigtliche Lehren geübt habe, spricht auch der Umstand, daß Origenes, 
und zwar gerade in der Schrift gegen Celnus (VI 630 Del), unseren Philo- 
sophen lobend erwähnt und die von ihm ausgehende sittliche Besserung 
rilckhaltslos anerkennt. 



48 Ad t Bonhöfter 

der Diatriben und etlicher paulinischer Briefe eine Familien- 
ähnliclilieit bestehe, die man freilich nur durch fortgesetzte 
Lektüre bemerken könne '. Immerhin gebe eine schematische, 
"Übersicht über einzelne Hauptpunkte schon einen gewissen 
festen Grund. Er erwähnt nun die Ausdrücke tijitf xal der,usis 
(I 28, 20; IV 1, 51; Matth. 7, 7), o&Sie y.al ttQoa^xezf (1 3, 9; 
Matth. 16, 6), f(>; yevoizo (beiderseits häufig), erklärt jedoch 
ausdrücklich, daß es leichtsinnig wäre, aus dergleichen Parallelen 
Schlüsse zu ziehen ^ Dagegen glaubt er, wenn solche beiden 
gemeinsame Redewendungen verbunden seien mit einer sach- 
lichen Parallele, mit einer Ähnlichkeit des Gedankens, so 
könne man nicht umhin, an eine bewußte Beziehung Epiktets 
auf das Neue Testament zu denken. Dies sei z. B. der Fall 
bei der Stelle II 10, 12: „Wenn du aber hingehst und deinen 
Bruder tadelst, so sage ich dir, du vergaßest, wer du bist 
und welchen Namen du trägst." Das erinnert ja allerdings an 
das Wort Jesu : „Ich aber sage euch : wer mit seinem Bruder 
zürnet, der ist des Gerichtes schuldig" {Matth. ö, 22). Jedoch 
bei näherem Zusehen löst sich die Ähnlichkeit Stuck für Siück 
in Dunst auf. Jesus stellt sich mit der Formel i'/w öe ).eyio 
viiiv in bestimmten Gegensatz zu den Gesetzeslehrern der alten 
Zeit und nimmt zugleich für sieh in feierlicher Weise die 
Autorität eines Oft'enbarers des göttlicben Willens in Anspruch. 
Bei Epiktet aber tritt das i-eyio aoi, das auch sonst oft vor- 
kommt, gar nicht als besonders emphatisch hervor, sondern 



' Meine Erfahrung ist eher die umgekehrte, daß ich nämlich autaags 
durch ciie manuigfaelien Anklänge an das Neue Testament überrascht war, 
aber bei wieilerhoUem Lesen mehr die durchgängige Versciiiertenheit als 
die Äinlichkeit empfand. 

' Ich gehe auf diejenigen Punkte , welche Euiper selbst nicht für 
beweiskräftig hält, im allgemeinen nicht ein und verweise, was die sprach- 
liche Verwandtschaft zwischen Epiktet and dem Neuen Testament betrifft, 
auf die yov P. Wendlaud, A. Ueißmann n. a. zur Geniige konstatierte 
Tatsache, dali das neutestam entliehe Griechisch kein besonderes Idiom dar- 
stellt, sondern eben auch die sprachliehen Eigentümlichkeiten der sogenannten 
Koivii aufweist. Nur zu dem Ausdruck J/rei mI ivg',<ji.is bemerke ich, daß 
das „Suchen", das Epikf«t verlangt, den logischen Gehraucli der Vernunft 
bedeutet, also etwas ganz anderes, als was Jesus in dem bekannten Spruch 
der Bergpredigt meint. 



Epiktet) und das Nene Testament ' 49 

Steht dureLaus in derselben Linie wie die übrigen Formeln 
der Apostrophe, die durch das ganze Kapitel hindurch sich 
fiuden (ax^ipat, axÖTtei, /U^tvtiao, 'iu&i, öga). Es handelt sich 
darin um den von Epiktet oft aasgeführten Gedanken, daß 
die Pflichten, welche wir haben, schon durch eine genaue 
Analyse der 6v6^iata, der Begriffe 'Mensch', 'Sohn', 'Vater', 
'Bruder', 'Bürger' etc. gefunden werden können. Er beschreibt, 
was alles z. B. in dem Wort Sohn oder Bruder enthalten liegt: 
zu einem „Bruder" gehört Nachgiebigkeit, Gefälligkeit, Freund- 
lichkeit usw. Nachdem er dann zum Schluß jenen allgemeinen 
Satz, daß jeder dieser Namen, recht bedacht, die entsprechenden 
Pflichten an die Hand gebe, noch einmal rekapituliert hat, 
fährt er fort: „Wenn du aber weggeh'st^ und deinen Bruder 
schiltst" etc. Man sieht, daß der Gedanke der Bruderpflicht- 
Verletzung vollständig durch das Vorhergehende vorbereitet 
und bedingt ist, wo gerade die Forderungen, die im Begriff 
des Sohnes, des Bruders liegen, eingehender geschildert worden 
waren. Somit liegt auch nicht der mindeste Grund vor, das 
Zusammentreffen der Formel Xiyo) aot mit der Warnung vor 
unbrüderlichem Verhalten irgendwie auffällig zu finden. 

Auch sachlich lassen sich die beiden Stellen, abgesehen 
von dem allgemeinen Prinzip der Menschenliebe, das bekannt- 
lich ebensosehr stoisch als christlich ist, kaum vergleichen. 
In der Bergpredigt handelt es sich nicht um den Bruder im 
engeren Sinn, sondern um den Nächsten überhaupt, während 
Epiktet nur von dem wirklichen Bruderverhältnis spricht. 
Dort handelt es sich darum, das Verbot des Tötens, d. h. der 
Feindseligkeit, die sich in rohen Tätlichkeiten äußert, auch 
auf die gelindere Feindseligkeit und Gehässigkeit, wie sie in 
rohen Worten und häßlichen Affekten und Gefühlen zutage 
tritt, auszudehnen. Dies wird als ein ganz neuer Gedanke, 
sozusagen als ein neues Gebot eingeführt, daher die feierliche 
Art der Einführung. Bei Epiktet aber handelt es sich nur 
darum, eine sittliche Forderung, die dem Philosophenjünger 
theoretisch längst bekannt war, ihm in ihrer Anwendung auf 



' Nämlith vom pliilosopliiscliett Unterrictt, wo er über den Inhalt 
dieser Begriffe belehrt worden war. 

Religicusgesohiettliche Varsache u. Vorarbeiten X. . 4 



50 Adolf Bonhöffer 

das wirkliche Leben zum Bewußtsein zu bring'en und ihm zu 
zeigen, wie oft er im Leben dem zuwiderhandelt, was er in 
der Seliule beliannt bat. Endlich das Urteil, das an beiden 
Stellen über den Lieblosen gefällt wird, ist ganz veracMeden 
und zeigt den ganzen tiefgreifenden Gegensatz zwischen 
christlicher und stoischer Anschauung: dort ein Verfaltensein 
an menschliches und göttliches Gericht, hier die rein imma- 
nente Strafe des Verlustes eines wesentlichen Stückes seines 
Menschentunis. 

Nach allen Seiten zeigt es sieh also, daß der Spruch 
Epiktets sich nicht nur vollständig aus dem Zusammenhang 
erklärt, sondern daß eine Anspielung auf den Spruch der 
Bergpredigt diesen Zusammenhang ganz unnötig alterieren 
wurde. Dasselbe wird uns auch bei den anderen Parallelen, 
die Kuiper anführt, entgegentreten. Daß Epiktet ähnlich wie 
Paulas den niederen Teil der menschliehen Persönlichkeit mit 
üdQB oder vexpöi' ocufiätiov bezeichnet, nötigt, wie auch Kuiper 
zugibt, zunächst noch nicht, an eine Entlehnung zu denken. 
Wenn er aber diesen Ausdruck gebraucht im Zusammenhang 
mit der Idee der Gemeinschaft mit Gott, wozu der Mensch 
berufen ist (II 19, 27J, so glaubt Kuiper hier eine Erinnerung 
an das Wort des Paulus finden zu müssen: „Stellet euch selbst 
Gott zur Verfügung als die aus Toten Lebendigen !" (Rom. 6, 13). 
Auch hier ist indessen von einer eigentlichen Verwandtschaft 
des Ausdrucks und des Gedankens keine Rede: bei Paulus 
bezieht sich der Ausdruck vexQüi auf die innere Beschaft'euheit 
des Menschen, bei Epiktet ist nur das aünici tot^; bei jenem 
hat das Totsein aufgehört, sobald das neue Leben begonnen 
hat, bei diesem bleibt der Leib etwas Totes, an sich Wert- 
loses, und besteht gerade darin das Große, daß der Mensch 
imstande ist, trotz dieses niederen Elements, sich stützend 

' Epiktet gehrauBlit aUerdiiig-s die Begriffe i'cxqöi, dnavex^vnns auch 
Ton geistigen Zuständen (I 9, 19; 111 28,20; 1 .'i, 7; 19, .H3; 113.5; 15, 4), 
wie dies schon Pliilou getan hatte (De profiig. 10, 1 554 M}, aber >iii "nBerer 
Stelle eben niclit. Andererseits ist Rom. 6, 12 wohl aueh von dem d-vrjTov 
am/ia die Rede, aber in einem Sinne, der den denkbar scbSrfsten Gegensatü 
zn Epiktet bildet ; denn für ihn herrsclit die Sünde nicht in dem sterblichen 
Leib, sondern lediglich im geistigen Zentrum, im Regem onikoü, sofern es 
von fslsolien äöy/ima erfüllt ist. 



Epiktet und das Nene Testament 51 

auf den gottentstammten Logos oder Nus, Gemeinschaft mit 
Gott zu i)flegeii. Überdies von einer -Koinovia mit Gott spricht 
Paulus gerade an dieser Stelle uicht, und vollends : wie konnte 
Epiktet im selben Augenblick, wo er den gewiß nicht christ- 
lichen Wunach ausspricht, aus einem Menschen ein Gott zu 
werden, von einer Keminiszenz an ein Wort des Paulus sich 
beeinäussen lassen! 

Ein weiterer „Beweis"! Daß Epiktet Gott zuweilen 
„Vater" oder „Herr" nennt, ist nach Kuiper nicht eben auf- 
fallend; aber wenn er an diesen Vaternamen nun auch den 
Begriff des Umgangs mit Gott knüpfe (I 9, 5: KoivoyveZv rq> 
S-sqi Tj;e ovvavam-Quffiiiii), SO falle sowohl diese Vorstellung seibat 
als auch das dafür gebrauchte biblisch klingende Wort außer- 
halb des Rahmens der stoischen Lehre. Hiergegen ist zunächst 
an das früher Ausgeführte (S. 40) zu erinnern, daß, wie schon 
Zahn richtig bemerkt, wenn auch nicht ganz richtig gedeutet 
hatte, Epiktet das Epitheton xiigtog höchst selten und offenbar ' 
nicht gerne von Gott gebraucht, während er die Bezeichnung 
„Vater" und „Fürsorger" (zi,di,«cür) mit Nachdruck anwendet 
und großen Wert darauf legt Daß dies mit dem stoischen 
Pantheismus sieh eigentlich nicht zusammenreime, wie Kuiper 
(386 Anm. 2fi) meint, ist deshalb nicht richtig, weil der sto- 
ische Pantheismus niemals von der nüchternen, farblosen Art 
gewesen ist, daß er eine gewisse persönliche Fassung des 
göttlichen Wesens ausgeschlossen hätte, wie denn Epiktet 
auch mit vollem Ernst neben der pantheistischen die poly- 
theistische E.edeweise beibehält. Eine einseitig theistische 
Ausdeutung solcher Prädikate wie „Vater", „Versorger", wie 
überhaupt der ganzen Lehre von der Providentia specialis 
verbot sich durch den Grundgedanken der stoischen Lehre, 
daß alles äußere Gut kein wirkliches Gut ist und daher Gott 
dem Einzelnen eigentlich nichts Wesentliches geben kann, 
von selbst. Aus denselben Gründen kann auch der Gedanke, 
daß das Vernunftwesen zum Verkehr mit Gott bestimmt ist, 
nicht im mindesten auffallen, haben wir doch gesehen, daß 
Epiktet sich zu noch weit höheren Aspirationen versteigt, 
daß nämlich der Mensch ein Teilnehmer an der göttlichen 
Herrschaft, ja selbst ein Gott werden könne. Das Wort 

4* 



52 ■ ■ Adolf Boiihöffer 

avvavaozQOfpri aber ist unserem Epiktet ganz geläufig und hat 
sich in der Bedeutung „Umgang-' ganz naturlich entwickelt 
aus der vox simpleX ävaaipocpr,, das von Polyfaios an auch in 
der Bedeutung „Beschäftigung, Lebensweise" angewendet 
wird. Wie kann man also sagen, das Wort mvmaOTQOfpii 
klinge biblisch, zumal gerade dieses Kompositum nicht einmal 
im Neuen Testament vorkommt ? '- Es bleibt also hier wirk- 
lich nicht einmal ein Schein von Entlehnung hbrig. 

Mehr Wert würde ich legen auf die von Kuiper nnr 
nebenbei erwähnte, bei Epiktet zweimal sich findende Redensart 
äjtb t&v xtdav „mit den Lippen" ira Gegensatz zu ättü 5ii-/i.i(xtuv 
„auf Grund fester Überzeugung" (II 9, IC; III lÖ, 7). Dieser 
Ausdruck kommt in der übrigen Itlassischen und nachklassischeu 
Gräzität m. W. nicht vor, vielmehr scheint zur Eezeiehniing 
jenes Gegensataes das Wort ylQaaa, dem dann etwa yvw^ir^ 
oder <p(>rjr korrespondiert, gebraucht worden zu sein. Epiktet 
selbst drückt diescK Gegensatz gewöhnlich durch die Formel 



' Van deu Bergh Tan Ejsiuga weist auGerdem noch mit Eeclit darauf 
hin daß aiicli das Wort iliraaTQotfri im Neuen Testament uia mit Gott ver- 
bunden Torkorame {Museum. Muanihlad voor riiUologie eii Gesclnedsiüs 
XIV (1907) 440}. Die eiozige Stelle, wo nvaateofn in uniuittelbaror Xähe 
von dem „V»tergütt" sich findet (I Petr. 1, 17) beweist natiirliRh f;ar nichts, 
da die beiden Ausdrücke liier in keineiiei Beziehuiig zueinander gesetzt 
sind, es aich also nicht um einen Wandel oder Verkehr mit Gott handelt. 
Man könnte im Gei^enteil zeigen, daß, wo im Neuen Tcatament Tun dem 
Lebenswandel die Rede ist — der allerOings gerne mit a^aurpo^pv nud 
dvain^ffifO-iu bezeichnet wird ■ - Gott niBbt als der Vater süiidern eher 
als der unnahbar hciliKe Gott gedaeht und empfunden wird, der den Wandel 
der Gläubigen mit dem strengen Ange des Eithtera beobachtet. Überhaupt 
liegt die VorKtellnng von einem sozusagen familiären Verkehr des Menschen 
mit Gott nicht bloß dem Alten, sondern anfth dem Neuen Testament im 
Ganzen fern. Die Gotteskindschaft äuliert sich nur in dem beseligenden 
Vertrauen an der Täterlichen Güte und Gnade Gottes und in dem Recht, 
jederzeit sein Anliegen im kindlicijen Gebet unmittelbar vor Gott zu bringen. 
Das ist aber etwas ganz anderes als die stoische Gemeinschaft mit Gott, 
die gleichsam eine geistige und moralische Gleich Stellung des Weinen mit 
Gott bedeutet, während im Neuen Testament trotz des Kindesvethältnisaes 
doch die uuvergleiehliehe Krhabenheit Gottes stets gewahrt bleibt. Der 
einzige neutestamentliche Autor, der sich au der Vorstellung einer «otvtavla 
mit Gott erhebt und dadurch der atoisohen Auffassung des Verhältnisses 
zwischen Mensch und Gott etwas näher kommt, ist Johannes (I Joh. 1 , 3 u, ß). 



Epiktet und dafi üene Testitmeut 53 

fi^XQt Uyov, fäy,Qi toG liyuv aus. Würde nun der Ausdruck 
d(TÖ tSiv yHlGiv im Neuen Testament wirklich und wiederholt 
sich finden, so läge immerhin eine Veranlassung vor, eine 
Abhängig-keit Epiktets anzunehmen. Das ist jedoch nicht der 
Fall. Es findet sich wohl der Ausdruck rcc yMly] mehrfach, 
zum Teil auch im Sinne des bloß äußerlichen Geredes im 
Gegensatz zur inneren Überzeugung und Empfindung (xaedt«), 
aber stets nur in Zitaten aus dem Alten Testament, so daß 
also, wenn man an eine Entlehnung denken wollte, eher die 
alttestam entlichen Schriften in Betracht kämen. Ferner ist 
auch da nebeu x^llog meistens das Synonymon yhiiaaa ge- 
trancht, so daS also Epiktet eigentlich keine Versuchung 
empfinden konnte, gerade das Wort yuf-os zur Bezeichnung 
jenes Gegensatzes sich anzueignen. Überdies ist dasselbe im 
ls>iien Testament nicht bloß im tadelnden Sinn, sondern auch 
ganz neutral als Organ des Sprechens, ja gerade als Werkzeug' 
einer wahren, lebendigen Gottesverehrung gebraucht (Febr. 
1^, 15; I Kor. 14, 21), so daß hiermit, wenn man überhaupt 
einmal die ungeheuerliche Annahme wagen wollte, als habe 
-Epiktet das ganze Neue Testament gekannt, die Wahr- 
scheinlichkeit, daß er durch dieses auf den Ausdruck Äreö 
xOtv xEi).ö)v gekommen sei, sich um ein Weiteres yerringert. 
So wird man sich wohl vorläufig, bis vielleicht der griechische 
Thesaurus Parallelen aus der profanen Literatur zutage 
fördert, dabei bescheiden können, daS Epiktet diese Redensart 
der Koivfi eatnommen oder selbst gebildet hat, was um so 
weniger auffallend wäre, als eben gerade bei ihm der Gegen- 
satz von äußerlicii angelernten und innerlich aufgenommenen 
und angeeigneten Wahrheiten eine besondere Rolle spielt. 

Von den formelhaften Wendungen zu der eigentlichen 
Bildersprache übergehend gibt Kuiper wiederum zunächst 
manches als aus dem gemeinsamen Sprachschatz geschöpft 
preis, so die Bezeichnung unserer Gaben als eines von Gott 
anvertrauten Pfandes {nctQayMtad-ifJiri) ^ oder die Vergleichung 
des 7iQoy.ihcTiuVf des ernsthaften Wahrheit- und Heilsuchers, 



' Ib. Sehenkls liirtex s, T. na$axaTnTl9ia9ai mnli es heißen It 8, 21 
(Htatt IV ä, 21). 



Epiktet und das Neue Testament 55 

eine Ziel erforderlich ist \ Die eigentliche Meinung Epiktets 
ist dabei freilich die, daß die wenigsten bereit sind, solche 
Opfer zu bringen, daß also erfahrungsgemäß zum Philosophen 
nur wenige „geboren" sind. Dem Apostel Paulus aber fällt 
es nicht ein, denjenigen Tinter den korinthischen Christen, 
die zum Agon des Glaubens nicht hinlänglich ausgerüstet 
sind oder ausgerüstet zu sein glauben, den Eat zu geben, 
sie sollten Jieber ganz davon Abstand nehmen und im Stand 
der Unseligkeit verharren. Vielmehr fordert er sie auf so zu 
laufen, daß sie den Preis erlangen. Er kann also den voraus- 
gehenden Satz: „Alle laufen, aber nur einer erlangt den Preis** 
niclit so verstanden haben, als ob es auch beim christlichen 
Wettlauf von vornherein ausgeschlossen wäre, daß alle ge- 
krönt werden, sondern „Wer recht läuft, der wird gekrönt" ^. — 
Was abei' weiter das Selbstbekenntnis des Paulus und Epiktet 
betrifft, so besteht ja gewiß hier eine große Ähnlichkeit der 
Stimmung und Selbstbeurteilung; aber daß der eine es dem 
anderen nachgesprochen habe, will gewiß auch Kuiper nicht 
behaupten "; mit dem Bilde vom gymnastischen Wettkampf 
haben aber die betreffenden Äußerungen Epiktets gar nichts 
zu tun , folglich kommt hier gerade der Umstand, der für 
Kuiper wesentlich ist, nämlich die Übereinstimmung im Ge- 
danken und Bild, in Wegfall*. 

Noch weniger will die Parallele zwischen Epikt. IV 8, 35 ff. 
und aiatth. 13, 5ff. besagen. Auch hier nimmt Kuiper an 
dem Vorkommen des Bildes selbst keinen Anstoß, wenn er 



' III )5, 1-3: 'Eva Oi Sei &vd'^ai!iov ilvai rj dya&oi- ij y.axav . . . ^ â– ^ci^i 
Trt ilHI ffthjTtoyEtv ■/} TISpl Tri ^^iü. 

' Vgl. II Timoth. 2, 3; Öv arE^afoviitt tdv fiT> vo/il/ttoi ai^Xi/oyi, 

' Vai) den Bergh van Eysinga {aaO. 440) weist richtig darauf hin, 
iliili aa der betreffenden Epiktetstelle (II '8, 34} der echt stoiaclie Ausdruck 
iiiyxaTc3'i/ct;f ebeufalla für die Unabhängigkeit der dort ausgeführten Ge- 
li linken spreche. 

* Die Frage, inwieivoit die oben berührten so wichtigen Anschauungen 
der Ötoa einerseits und des Christentums andererseits über die Erreichbarkeit 
di'B sittlichen Ziels ähnlich und inwieweit sie verschieden sind, kann erst 
Im syatematisehen Teil genauer erörtert werden. Hier kam es nur darauf 
nn zu zeigen, daß zu der Annahme eines Einflusses des Neuen Testaments 
auf Epiktet kein Anlaß vorliegt. 



56 ^do1£ Bouhüffer 

auch meint, es passe nicht ganz in die epiktetische Escliato- 
logie. Die letztere Bemerkung beruht jedoch auf einem 
Irrtum ; denn es ist an den betreifenden zwei Stellen (II 6, 12 
und III 24, 91) gar nicht von Tod und Auferstehung die Rede 
(wie im Evang. Joh. 12, 24 und I Kor. 15, 36) sondern 
lediglich vom Tode, auch nicht vom Samen und seiner Ver- 
senkung in die Krde, sondern nur vom Ernten der reifen 
Frucht. Wie es der Ähren Bestimmung ist zu reifen und 
dann geschnitten zu werden, so ist es des Menschen Be- 
stimmung zu sterben. Somit kann man hier überhaupt nicht 
von einer Parallele reden, weil der bildliche Vorgang selbst 
und das durch ihn Angedentete beidemal verschieden ist. 
Dagegen gebraucht Epiktet das Bild von der Saat und ihrer 
Entwicklung allerdings zur Veranschaulichung des inneren 
Vorgangs des Weisewerdens in der berühmten Stelle IV 8, 35 ff., 
und es ist überaus interessant, dieselbe mit dem bekannten 
Gleichnis des Evangeliums zu vergleichen. Aber daß Epiktet 
das letztere gekannt habe, wird durch nichts nahe gelegt, 
geschweige denn gefordert. Denn Epiktet bietet eine sorg- 
tältig ausgeführte Vergleiehung, die durchaus den Charakter 
des Ursprünglichen trägt und sogar ausdrücklich auf seine 
eigene Kenntnis des Land- und Natmiebens gestützt ist: er 
spricht von Adonisgärten, von den Klagen der Bauern über 
das vorzeitige Keifen der Frucht. Außerdem ist auch der 
Inhalt und Sinn des epiktetischcn Gleichnisses wesentlich 
verschieden von dem des Evangeliums: hier handelt es sich 
um die verscliiedene Eodenai't, von der das Schicksal des aus- 
gestreuten Samens abhängt, bei Epiktet nur um den nafur- 
gesetzlichen, normalen Wachstumsvorgang im Gegensatz zu 
einem künstlich forcierten Treibhausgewächs. Der Haupt- 
nachdruck liegt bei ihm darauf, daß die Frucht Zeit braucht 
und nur allmählich und stufenweise der Vollendung entgegen- 
reift, ein Gedanke, der dem biblischen Gleichnis eigentlich 
fern liegt. Daß aber Epiktet selbständig darauf kommen 
konnte, den geistig-sittlichen Werdeprozeß mit dem Wachstum 
der Saat zu vergleichen, wird niemand wundernehmen, der 
seine bilderreiche, drastische Sprache kennt. Was ihm Ver- 
anlassung bot zu diesen Gleichnis, das war die Wahrnehmung, 



Epiktet nnd das Nene Teatftinent 57 

daß SO viele seiner Jünger allzufrüh als Philosophen sich ge- 
härdeten, ohne die notwendige innere Vorbildung absolviert 
zu haben. Vor dieser Meisteraucht will er warnen, indem er 
an die ungesunden und unbrauchbaren Treibhausprodukte 
erinnert. Mit ganz besonderer Betonung spricht er von der 
Notwendigkeit, daß der Same zunächst verscharrt und ver- 
borgen werden muß, im Einklang mit der von ihm so oft aus- 
gesprochenen Mahnung, der PLilosophenjünger solle zunächst 
ganz in der Stille sich vorbereiten und üben und ja nicht 
vor den Leuten seinen Lebensvorsatz ausposaunen und mit 
seiner Askese renommieren. So haben wir denn die merk- 
würdige Tatsache, daß Epiktet allerdings auch, wie das Neue 
Testament, von dem Begrabenwerden des Samens redet, aber 
gerade nicht in dem Zusammenhang, in welchem es sich um 
Tod und Vergehen des äußeren Menschen handelt — weil es 
dort für ihn, der keine Äufei'Stehung lehrt, wirklich sich nicht 
schickte — sondern in einem ganz anderen Sinne, in einem. 
Sinne, der nicht bloß jenen biblischen Vergleichen nicht za- 
grunde liegt, sondern dem Charakter des Neuen Testaments 
.eher zuwider als verwandt ist, da es hier viel mehr auf einen 
einmaligen großen Entschluß, eine Glaubenstat, ein rasches, 
energisches Ergreifen des Heils ankommt, als anfeine langsame 
innere Entwicklung. 

Nicht besser steht es mit dem letzten Beispiel, das Kuiper 
für die Übereinstimmung der Bildsprache Epiktets und des 
Neuen Testaments ins Feld führt. Das Bild vom Leib und 
seinen Gliedern wird bei Epiktet wie bei Paulus angewandt, 
zur Veranschaulichung des engen Zusammenhangs, der 
zwischen dem einzelnen Menschen und dem "Weltall oder 
der Menschheit, beziehungsweise zwischen dem Gläubigen und 
der Gemeinde oder Chris'tus stattfindet. Das Wort fi^kog findet 
sieb nui) allerdings bei Epiktet nicht, er begnügt sich mit 
dera farbloseren /w^pos^. Aber. das Bild liegt doch zugrunde 
der Ausführung in 11 5, 24fi'., wo das Verhältnis des Menschen 



' Dns Bild vom ^'J'-oj gebraucht, allerdings nur einmal, Mark Aarel, 
unä zwar im auailrlicliliclien Gegensatz za /isffoi, das ihm die inneiliehe 
ZuHammengehörigkeit der Menschen nicht genügend darzustellen scheint 
(VII 13). 



58 Adolf Bonhöffw 

zum Kosmos mit demjenigen des Fußes zum Leib verglichen 
wird. Kuiper tindet nun, wie billig, in dem Gebrauch dieses 
Bildes nichts Auffallendes. Dagegen glaubt er die bei Paulus 
so beliebte Bezeichnung des Leibes als eines Tempels Gottes 
auch bei Kpiktet II 8, 12 if.- wiederzufinden und meint, man 
könne dessen Worte; „Gedenke, wer du hist, beim Essen, 
beim Trinken . . , gedenke, daß du einen Gott nährst" usw. 
nicht verstehen, ohne die Annahme, daß ihm der Sprucli Pauli: 
„Ihr esset oder trinket oder was ihr tut, so tut es alles zu 
Gottes Ehre" (I Kor, 10, 31) nicht unbekannt gewesen sei. 

Nun ist vor allem zu sagen, daß Epiktet niemals den 
menschlichen Leib direkt einen Tempel Gottes nennt. Er 
konnte das auch nicht gut sagen, ohne mit sicli selbst und 
der geringschätzigen Äit, in welcher er sich gewöhnlich über 
den leiblichen Teil des menschlichen Wesens äuGert, in Wider- 
spruch zu geraten '. Hier ist in der Tat ein Punkt, wo die 
Überlegenheit der christlichen Auffassung in die Augen springt. 
Denn für sie bilden Leib und Seele eine Einheit als die 
beiden integrierenden Bestandteile der Persönlichkeit: solange 
diese noch von der Sunde beherrscht ist, nimmt auch der 
Leib als Sitz und Werkzeug der Sünde an der Verdamniungs- 
würdigkeit teil, wird also noch erheblieh niedriger gewerlet 
als von Epiktet, dem er nur ein Adiaphoron, nicht aber etwas 
an sich Schlechtes ist. Dagegen beim Erlösten, in dem der 
Geist Gottes wohnt, nimmt auch der Leib au dem wieder- 
gewonnenen Wohlgefallen Gottes teil. Deshalb kann Paulus 
nicht bloß die Gläubigen, sondern auch ihren Leib einen Tempel 
des heiligen Geistes nennen. Aus eben diesen Gründen kommt 
mir aber die Übereinstimmung der beiden von Kniper ver- 
glichenen Stellen nicht so groß vor. Epiktet führt aus, daß 
das Wesen des Guten nur im Venumftwesen, beziehungsweise 
im vernünftigen Teil des menschlichen Wesens beschlossen 
liege. Mit aller Schärfe trennt er das Vernunftlose, wozu 
auch die Tiere und der menschliche Leib gehören, von dem 
Vernunftbegabten: auch jenes sind Werke Gottes, aber keine 
a:Qorjovu£va, nichts an sich selbst ^\"ertvolIes, keine Teile 

'B'3;-ift. 



Epiktet und das Nene Testameat 59 

Gottes, „Du aber bist ein Selbstwert, du bist eiu Stück 
Gottes, du hast in dir ein Teil von ihm. Was verkennst du 
nun deinen Adel? warum weißt du nicht, woher du gekommen 
bist? gedenke, wenn du issest, wer du bist und wen d« 
näiirst" usw. Der ganze Zusammenhang zeigt, daß Epiktet 
gar nicht etwa den Leib als Wohnung Gottes feiern oder 
ihm eine besondere Würde zuerkennen will, sondern er will 
nur daran den Menschen nachdrücklich erinneni, daß er einen 
Gott in sich trägt und daß er in allen seinen Betätigungen 
dieses Gottes sieh würdig erweisen soll. Wohl hat die Nahrung, 
die Gymnastik unmittelbar den Leib zum Objekt, aber dieser 
Gesichtspunkt ist für Epiktet hier ganz unwesentlich, sonst 
könnte er ja nicht sagen „Einen Gott nährst du" sondern 
müßte sagen: „Die Behausung Gottes nährst du". Er fährt 
aber fort; „Ihn (den Gott) trägst du in dir und merkst nicht, 
wie du ihn befleckst mit unreinen Gedanken und schmutzigen 
Taten". Daraus ist klar, daß Epiktet nicht den Leib, sondern 
den Menschen im Äuge hat, der durch sein Tun und Denken 
den Gott in sich, den Dämon, entweder beleidigt oder ehrt, 
-Ferner ist ihm auch das Essen und Trinken nicht irgendwie 
um seiner selbst willen ivichtigj sondern nur als eine der 
täglichen Betätigungen, während der Apostel Paulus an der 
betreffenden Stelle speziell von der Mahlzeit ausgeht und 
seine Mahnung, auch in diesem Stück — es handelt sich um 
die Frage des Opferfleisches -— Gottes Ehre und des Käclisten 
Wohl im Auge zu behalten, in jener allgemeinen Wendung 
beschließt und bekräftigt. Somit bleibt von der ganzen 
Parallele eigentlich nichts übrig als der allgemeine Gedanke 
der Gott verwand tschaft des Menschen, den der Paulus der 
Apostelgeschichte selbst als einen auch den Heiden geläufigen 
bezeugt hat (Acta 17, 28)'. Kuiper scheint dies selbst zu 
fühlen, wenn er die Keihe dieser Parallelen beschließend — 
eigentlich im Widerspruch mit dem am Anfang Geäußerten — 
es ausspricht, daß „entscheidende, d. h. für jeden überzeugende 



' Auth Vau den Bergh van Eysingn findet zwischen Epikt. II 8, 12 
nnil I Kor. 10, 31 keinen Zusammenhang, würde aber, falls doch ein solcliet 
bestünde, lieber den Spruch des PunJns für eine kurze Nachbildung der 
ansflihrlicheren Epiktetstelle halten (aaO. 441), 



60 Adolf Bunliöffor 

Kraft" diese Parallelen natürlicli nicht besitzen. Doch ihre 
große Anzahl, fährt er fort, könne uns veranlassen, nicht 
puren Zufall zu sehen in Fällen, wo ein Ausspruch Epiktets 
auch durch seine Form einem Eihelsprnch sehr ähnlich sei 
oder sieh einem solchen mehr oder weniger scharf gegenüber- 
stelle. Wir werden darauf zn erwidern haben, daß, wenn 
keine einzige der Parallelen für sich zur Annahme einer Be- 
kanntschaft Kpiktets mit dem Neuen Testament nötigt, auch 
ihre Gesamtheit uns keineswegs dazu bestimmen kann. Kuiper 
bringt dann zunächst noch gleichsam als Nachtrag einige 
dieser „Anklänge", über welche wir dasselbe Urteil fällen 
müssen, wie über die im vorhergehenden ausführlich be- 
sprochenen Parallelen. Der Spruch der Beigpredigt „Wo 
dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein'' (llatth. 6, 21) 
hat ja gewiß nach Form und InJialt eine gewisse Ähnlichkeit 
mit Sätzen wie: „Wo das Ich und das Mein ist, dahin muß 
das Lebewesen notwendig sich neigen" (Epikt. II 22, 19) ^ 
Aber wie kann man solche Aussprüche Epiktets, die eine von 
ihm fast in jedem Satz gepredigte Grundwahrheit eiitbaUen 
und aus dem erklärten Eudämouismiis der sjokratiseh-stoischen 
Moral sich direkt ergaben, im Ernste in Beziehung setzen zu 
einer gelegentlichen Äußerung Jesu, der jedenfalls weit davon 
entfernt war, den Satz in seiner AUgemeinlieit, d. h, auch in 
dem Sinne gelten zu lassen, daß auch die Bösen, irdisch Ge- 
sinnten, mit Notwendigkeit ihren irdischen Zielen nach- 
jagen, d. h. Böses tun! Wenn man da an Knrlelmung denken 
wollte, so müßte sie doch vielmehr auf selten des Neuen 
Testamentes sein. 

Ganz dieselbe Bewandtnis hat es mit der Parallele zwischen 
Epikt. II 28, 4-' und Rom. 7, Uff. \Venn es dort heißt, 
dalJ der Sündigende nicht tut, was er will, dagegen tut, wm 
er nicht will, so ist dieser Satz nur die auis äußerste zu- 
gespitzte und darum paradox klingende Formulierung des 
Grundgedankens, der am Anfang des Kapitels steht und sein 
Thema bildet, daß nämlich jede Sünde einen W iderspruch in 



^ Nur (tei' Form, uicht dem luhalt nach kann very:lielien werden 
* Nicht 11 'iA, 4, wie bei Kniper zu lesen ist. 



Epiktet nnd das Nene leatament 61 

sich enthalte (ttSv aftd^ttj^ia fidxv^ TrepiEx^i). Dieser Satz 
fließ!, aber etünso mit Notwendigkeit aus dem stoischen Eu- 
dämonismus wie jeuer obige ^ und wir würden unbedenklich 
sagen dürfen, daß Pauius bei seiner dem Wortlaut nach so 
ähnlichen Auslassung im Kömerbrief von stoischen Gedanken 
beeinflußt gewesen sei, wenn nicht die wirkliche Meinung des 
Apostels so grundverschieden wäre von derjenigen Epiktets. 
Paulus spricht, von dem Menschen, der das Gute weiß und 
innerlich anerkennt, aber wegen der Übermacht des sündigen 
Triebes (des Gesetzes in den Gliedern) nicht imstande ist, das 
Gute 2U tun. Bei Epiktet aber handelt es sich nicht um 
einen Kampf zwischen dem guten Willen und dem sündigen 
Trieb, überhaupt nicht um einen Kampf, sondern nur um einen 
Widerspruch, insofern der Sünder sein Glück sucht, aber 
diesem in Wahrheit entgegenarbeitet, weil er das wahre Gut 
nicht kennt, einen Widerspruch also, den der Betreffende selbst 
gar nicht empfindet, wäin-end der Sünder bei Paulus sich tief 
unglücklich fühlt in seinem Bingen nach Gerechtigkeit, das 
doch durch die „in ihm wohnende Sünde" — ein für Epiktet 
ganz uuvollzie'hbarer Gedanke!* — von vornherein zur Ohn- 
macht verurteilt ist". 

Das Bild von der Milch und der festen Speise endlich, 
das im Hebräerbrief (5, 12; ähnlich I Kor. 3, 1) und von 
Epiktet in einigermaßen analoger Weise gebraucht wird 
(II 16, 39 und III 24, 9), beweist um so weniger, als die be- 
treffende Stelle im Hebi-äerbrief gerade diejenige ist, die unter 
allen Stellen des Neuen Testaments am meisten und augen- 
fälligsten eine Kenntnis der stoischen Schulsprache verrät 
(reXi io)v di iativ fj ozeqeu T^ocpTJ , i&v dia irjv e^tv iä 

' Van den Bergh van Eysiiiga aaO. 441. 

^ Dies erkennt aucli Kuiper an aaO. 391; „Die paulinieolie Lehie toh 
dem Verkauftsejn unter die Sünde ist dem Epiktet ganz fremd." 

" Merkwürdigerweise Itommt Kuiper auf diese scheinbar so überein- 
stimmenden Äußerung^en des Apostels «ml des Stoikers noeli einmal zu 
spreelien, aber gerade im entgegengesetaten Sinn, indem er nämlicli die 
Ansicht Epiktets als eine Opposition gegen den Eömerbrief anffaüt (aaO, 395). 
Dies ist richtige, insofern die beiderseits zugrunde liegende Ausehaunng yiel 
mehr verachiedcu ist als ähnlich. An eine bewutJte Opposition haben wir 
aber so wenig zn denken wie an eine Entlehaung. 



62 Adolf Bößhöffer 

ata&i^tt^Qia yiyi>uvaüfi4va kxövnov Tt^bg öiänQiaiv y.aXov %e 
■Mu xaxov). Im übrigen geht die Übereinstimmung des Ge- 
dankens p:m- nicht so weit, wie es zunächst scheinen künnte. 
An den erwähnten Bibelstellen ist unter der Milch die geistige 
Nahrung der Anfänger jm Glanben verstanden, also etwas, 
was zwar noch nicht sozusagen den Kern der Offenbarung 
enthält, aber doch auch gut und göttlich und für eine gewisse 
Stufe notwendig ist. In analogem Sinne hat Quintilion das 
Bild augewandt auf den ersten Jugend Unterricht, der dem 
kindlichen Gemüt sich anpassend mehr Leichtfaßliches und 
Ergötzliches bieten soll (Inst. orat. II 4, 5)^ Epiktet aber 
spricht an den beiden Steilen vom Entwöhnen der Säuglinge 
{äTioyala-ATlilead-ai), aber nicht in dem Sinne, als ob das Milch- 
trinken die erste Stufe im philosophischen Unterricht bedeuten 
würde, sondern indem er unter dem Bilde des Säuglings, der 
nach der Mutter oder Amme schreit, die Weichlichkeit seiner 
Schüler geißelt, die, obwohl sie die philosophischen Lehrsätze 
schon zur Genüge gehört haben ^, dennoch wie kleine Kinder 
sich nach der Heimat sehnen und über die Entbehningen des 
Aufenthalts in der Fremde jammern. Das Entwöhnen be- 
deutet somit in diesem Zusammenhang ganz dasselbe, was er 
sonst mit anderen Bildern, ?., B. dem der Freiwerdiing aus- 
drückt, nämlich den Augenblick, wo man vom bloßen Hören 
übergeht zum Tun, wo man es ernst nimmt mit der Philo- 
sophie und entschlossen ist, ihre Grundsätze im Lehen zu 
verwirklichen. Man sieht also, daß das Bild von der Milch 
und der festen Speise bei Epiktet einerseits der natürlichen 
Bedeutimg viel näher steht und ganz ungezwungen aus der 
Situation sich ergibt-', andererseits einen wesentlich anderen 
Sinn hat als im Neuen Testament, 



' Im .selbeu Siune ist es aiiiih in der licrn Pliilun au geschriebenen 
stcisplieii Schrift Qiwtl omnis probus Über ijebraiieht (TI 070M), worauf 
Vau deu Bergli \m Ejsinga aufmerlisrim macht [aaO. 441), 

^ BeeoilllevB III 24, 9: OÜk ii7ioynhiyiiao//ev jjSi -rtoll' kavioi-; «ai 
/i iftviiaöu-dfa a)v ■^xoiaa/tE!' :rapa röiv •fiXoanf lov; 

' Demgegeuliber liut das Bild von ilcr Milch ira Hebräerbricf etwas 
Doktrinilres und Stereotypes und macht den Eindruck, als ob es aus dem 
Magazin des allcgorisiereuilen jüdischen Hellenismus hei- vorgeholt sei; be- 



Epiktet imii ilafl Neue Teetament 63 

So wenig demrach auch diese Parallele für eine positive 
Eezugnalirae Epiktets auf das Neue Testament spricht, so 
wenig, ja noch viel weniger kann man in der Geringschätzung 
des Kindes, welche bei ihm oft zutage tritt, eine polemische 
Spitze gegen die in der Sprache des Urchristentums so be- 
liebte Bezeichnung der Gläubigen als „Kinder" erblicken. 
Wenn „60 Jahre nach Epiktet" Ceisus, der das Christentum 
bekämpfen will, unter anderem auch diesen Lieblingsausdmek 
bemängelt und unwürdig findet, so liegt doch gar kein Grund 
vor, bei Epiktet, der nicht gegen das Christentum kämpft, 
sondern, abgesehen von einigen Ausfällen gegen die Epikureer 
und Akademiker, ganz innerhalb der Mauern seiner Stoa bleibt, 
eine polemische Absicht anzunehmen. Wenn er das Kind 
gering wertet, so ist dies die notwendige Folge des stoischen 
Intellektualismus, der den Logos, das Organ aller menschlichen 
Große und Vollkommenheit, erst mit .dem Ende des Kindheits- 
alters gleichsam geboren werden läßt. Darum kann. Epiktet 
sagen: „Was ist Kind? Unwissenheit, Unbildung" (II 1, 16). 
Dies schließt aber gar nicht aus, daß er für die kindliche 
Natur auch wieder ein feines Verständnis zeigt und an dem 
kindlichen Treiben eine gewisse Freude enipflndet^, und wenn 
Kuiper sagt, die Worte rccxtöiov oder vi]tciü!; klingen bei Epiktet 
beinahe wie Scheltworte, so ist dies richtig in keinem anderen 
Sinne, als in welchem sie auch heute noch Scheltworte sind 
und allezeit sein werden, wenn Erwachsene in Fällen, wo 
Eeife des Verstandes und Festigkeit des Willens verlangt 
wird, sich als Kinder gebärden. 

Mit diesem Beispiel vollzieht nun Kuiper selbst den "Über- 
gang zu dem zweiten Teil seiner Beweisführung, in welchem 
er eine Bekanntschaft Epiktets mit den Schriften der Christen 



ataiders der Satz: ^«s /äp i> finixuiv yahttros aaci^os löyo« Sixaioavvije, 
vi'jmos yä^ ioTii' ist eigentlidi nur bei dieser Annahme verständlich. 

' Sehr liübflcli ist dies tou R. Renner „DiS Kind, Ein Gleichniamittel 
bei Epilitet" (.Featsolirift des Philol, Vereins in Manchen 1905) ausgeführt 
worden. Mit Reehl sagt er „daJi von einer eigentlichen Veracbtun^ und 
VerteiiBung (des Kindcä) nicht die Rede sein kann, und daB eine Ahnung 
von dem ethiachcn Wert der Kindeseeele auch der Stoa, wenigstens der 
jüngeren Schule, nicht völlig abging" [S. 9). 



64 Adolf Büuhöffer 

aus angeblichen oppositionellen Anspielungen darztitun sich 
bemüht. Da ist es nu» vor aüem bemerkenswert, daß Kuiper 
in diesem Abschnitt wiederholt mit Nachdruck betont, daß 
Epiktet nur eine ganz oberflächliche Kenntnis der paulinischen 
Lehre und der Evangelien g:ehabt haben könne, weil sonst 
seine Opposition teils gegenstandslos gewesen wäre, teils viel 
schärfer und grundsätzlicher hätte ansfallen müsseu. Dies 
ist gewiß richtig, wenn man überhaupt eine Bekanntschaft 
Epiktets mit dem Neuen Testament annehmen will oder darf. 
Aber wenn dieselbe eine so flüchtige und oberflächliche war, 
so werden die positiven Berührungen oder Übereinstimmungen, 
deren Beweiskraft, wie wir salien, ohnedies so gering ist, 
nur noch unwahrscheinlicher: denn sie würden keineswegs 
bloß eine flüchtige Bekanntschaft, sondern eine ziemlich weit- 
gehende Belesenlieit im Neuen Testament voraussetzen. Im 
übrigen geht auch hier Kuiper wieder überaus vorsichtig, ja 
man könnte sagen zaghaft zu Werke, indem er die Beweiskraft 
der vorgebrachten Argumente immer wieder einschränkt «nd 
im allgemeinen erklärt, daß es überaus schwierig sei, die 
Grenzlinie zwisclien bewußter Opposition und unbewußter 
Antithese zu ziehen. 

Nichtsdestoweniger soll es eine nicht zu bestreitende Tat- 
sache sein, daß Epiktet zuweilen gegen christliche Leiiren 
und Anschauungen opponiere. Sehen wir uns die Stellen näher 
an ! Wenn der Apostel Paulus das allgemeine Sündenverderben 
der Menschen als eine Strafe Gottes über ihre Abgötterei 
erklärt (Eöm. 1, 24), so klinge wie ein Protest dagegen die 
Äußerung Epiktets, daß die Götter, selbst wenn sie gewollt 
hätten, den Menschen nicht ganz unabhängig von weltlichen 
Einflüssen und Versuchungen machen konnten, nachdem sie 
einmal beschlossen hatten, sein irdisches Dasein an diesen 
stofflichen Leib zu knüpfen (I 1, 8). Nur schade, daß die 
Worte Epiktets, welche Kuiper hier allzu frei übersetzt hat, 
gar nicht vom lli'sprang der Sünde, sondern vom Ursprung 
des sogenannten Übels d. h. von den in der menscblichen 
Natur im Zusammenhang mit der Allnatur notwendig be- 
griindeten äußeren Störungen und Hemmungen handelt! Frei- 
lich hat Epiktet auch von dem Ursprung und A\"esen der Sunde 



Epiitet und das Nene Testament 66 

eine wesentlich andere Ansicht als der Apostel; aber an obiger 
Stelle spricht er sie nicht aus, und ein Protest gegen die pau- 
linische Lehre ist weder hier noch anderswo bei ihm m finden. 
Kuiper selbst nimmt diese Stelle nicht als vollgültig'es 
Zeugnis in Anspruch. Eine wirkliche und bewußte Polemik findet 
er dagegen in verschiedenen Äußerungen Epiktets, die einen 
ausgesprochenen Gegensatz bilden zu der christlichen Derauts- 
stimmung oder tarveivotpQoavyij. Dieses Wort, wie es später dem 
Celsus verhaßt gewesen sei, errege schon den Ärger Epiktets; 
er gebrauche es nicht nur ausschließlich im tadelnden Sinne 
sondern kämpfe auch gegen die Sache selbst an, indem er 
statt der demütigen Beugung vor Gott vielmehr eine stolze, 
freimütige Haltung verlange (II 16, 4ä: äydruvov z'ov TQdxrj^ov 
, . . Avaß'fJipag TiQog z'ov d-eöv). Was nun das erstere betrifft, so 
kommen die. Worte taTCuvorpqoavvri und taitEivofpqonlv ^fi nur 
einmal vor. In der übrigen profanen Gräzität finden sie sieh 
gar nicht, dagegen laituvoipqoiv bei Piutarch, natürlich auch 
im sehliraraen Sinn. Wenn nun Epiktet die Worte auch in 
diesem Sinn gebraucht, so ist das nur natürlich, da er das 
Adjektiv lanurös, soweit es eine Gesinnung des Menschen 
bezeichnet, in Übereinstimmung mit dem vorherrschenden 
Sprachgebrauch nur zur Bezeichnung einer niedrigen Denkungs- 
art, als Synonymuni von SeiXög, Sovkos, äyevy^g u. dergl. ver- 
wendet. Eine Antithese gegen die wesentlich verschiedene, 
die religiöse Devotion bezeichnende Bedeutung des Wortes 
im Neuen Testament konnte er gar nicht beabsichtigen, da 
jeder Grieche es ohne weiteres in seinem Sinne verstand. 

Ebensowenig ist die Ai-t wie Epiktet über das Beten 
spricht S so gewiß sich daraus oft ein diametraler Gegensatz 

' Kuiper hat ganz richtig beobachtet, daß Epiktet eigentlich nnr von 
einem Daakgebet weiB, nicht von einem Bittgehet, da er ja das Glück 
von Mich aelbst erwartet. Aus demselben arnnde ist aber auch sein Dank- 
gebet nicht ein Dank für eine einzelne göttliche Hilfeleistung oder Wohltat 
sondern nur der Ausdrack der allgemeinen Dankbarkeit dafür, daß Gott 
den Menschen so eingerichtet hat, daß sein wahres Glück von nichts inaerem 
abhängig ist. Wenn man das im Auge behalt, kann man auch ein Bitt- 
gebet auf dem Standpunkt Epiktets recht wobl angängig finden: es ist dann 
eben ein besonders feierlicher und kräftiger AppeU des Menschen an eich aelbst 
und seine hühevc Natur. An solche siyai hat er wohl z. B. IV 6, 36 gedacht. 

RelieionBgeatliiettlLfllia VwauchB u. Vorarbeiten X. <> 



66 Adolf Bouli^fFer 

ZU der cliristliclien Anscliauung über die Art und Weise und 
den Zweck des Gebetes konstruieren läßt, irgendwie mit Be- 
ziehung auf die Christen gesagt Kuiper gibt selbst zu, daß 
er dabei nicht immer au die Christen gedacht haben müsse. 
Dagegen unverkennbar sei die Opposition gegen den Ausruf 
des Apostels Paulus in Rom. 7, 24: „Ich elender Mensch, wer 
wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?" Epiktet 
persifliert nämlich in I 3, 5 die unmännliche Haltung der 
Ungebildeten, die an die äußeren Glücksgüter ihr Herz hängen, 
indem er sie, wenn ihnen etwas Widriges zustößt, klagen 
läßt: Tt yccQ dfil; ralaiTnä^ov ävS-QonrdQwv und ra dvoDjvd 
ftov aaQxidia. Kuiper legt besonderen Wert darauf, daß hier 
nicht bloß derselbe Ausruf („ich elender Mensch") erscheint, 
sondern auch dieselbe Klage über den unseligen Leib sich 
anschließt, der allerlei Schmerzen und dem Tod unterworfen 
ist. Es scheint mir aber, daß Kuiper hier über der schein- 
baren Ähnlichkeit des Ausdrucks die völlige Verschiedenheit 
des Gedankens übersehen hat. Paulus klagt (indem er sich 
in den Zustand des unerlösten Menschen versetzt) über den 
Leib, in dem sieh die durch eigene Kraft nicht bezwingbare 
Macht der Sünde sozusagen lokalisiert ; Epiktet, oder viel- 
mehr sein töibnris, über den Leib, der Krankheit und 
Schmerzen verursacht; die Klage in Römer 7 steht in Charakter 
und Gehalt turmhoch über dem ganz gewöhnlichen Jammer 
des Erdenmenschen bei Epiktet Für so unkritisch und un- 
üobel dürfen wir doch den letzteren nicht halten, daß er eine 
Klage, die ganz anders gemeint war, durch eine solche Ent- 
stellung lächerlich machen wollte I und wenn wir annehmen 
wollten, er habe nur eine undeutliche Erinnerung au jene 
Stelle des Römerbriefs gehabt, so mußte ihm doch das wenigstens 
auch noch in Erinnerung geblieben sein, daß jene Klage dort 
keine definitive, endgültig verzweifelnde ist sondern sich sofort 
auflöst in den Dank- und Freudenruf dessen, der im Glauben 
an Christus seine ewige Erlösung gefunden hat '. 



' Kuiper vermutet allecdings nur, daß dem Epiktet die Klage ans 
Cliristenmiind zu Ohren gekommen sein könnte. Aher ein Christ hat die- 
selbe gewiß nie ah Ausrlmek seines eigenen, gegenwärtigen. Herzcns- 
zustendes gebrB,ucht: also kannte Epiktet die Worte nur vorlesen gehurt 



Bpiktet unfl das Neue Testament 67 

Also wirklich, selbst wenn Epiktet die Stelle kannte, lag- 
für ihn keine Veranlassung vor, sie überhaupt und volmnds 
in diftser Weise zu parodieren. Liegt denn aber der Ausruf 
„Ich elender Mensch" nicht so nahe, daß er gar nichts Auf- 
fallendes hat, wenn er bei den heterogensten Schriftstellern 
sich findet? Wenn Kuiper besonders noch darauf hinweist, 
daß dem Epiktet doch selbst die (paulinische) Unterscheidung 
von !cvsDfta und o<f?g so geläufig sei, es daher um so auf- 
fallender sei, — so muß ich Kuipers Gedankengang verstehen — 
wenn er die Klage des Paulus über die unselige odQ^ parodiere, 
so liegen hier wieder einige Mißverständnisse vor, die richtig 
gestellt werden müssen. Vor allem ist es nicht richtig, daß 
Epiktet die Begriffe Ttrevfia und odQ^ häufig einander ent- 
gegenstelle: auch nicht ein einziges Mal kommt dies vor. 
Den Gegensatz zw adg^, der niederen Seite des menschlichen 
Wesens, bildet vielmehr die frQoai^eGig oder auch der yoijs 
oder löyog\ Mit Pnenma dagegen bezeichnet er nie die 
geistige Seite des Menschen, sondern nur das Seelische, das 
Prinzip des animalischen Lebens. Das Wort kommt überhaupt 
nur zweimal vor und zwar beide Male im physiologischen oder 
psychophysischen Sinn : II 23, 3 ist die Rede von dem tTVED^a 
<pii.6iExvov der Augen, das die Sehwahrnehmung ermöglicht; 
III 3, 22 steht es synonym mit }pvyir, als das Substrat der 
seelischen und allerdings auch' der geistigen Vorgänge, aber 
gleichsam als neutrales Organ, daa sowohl der Vernunft als 
der Unvernunft dienstbar sein kann -. Daß das Pneuma nicht 
das substanziell Höhere im Menschen bezeichnen kann, geht 
auch daraus hervor, daß Epiktet neben rcvevfia auch die 
Diminutivform ■^vsv^iäriov gebraucht , die ja immer einen 
geringschätzigen Nehensiun hat, bexiehungsweise etwas aus- 
drückt, was nicht an sich selbst wertvoll ist. So nennt er 
den Tod eine Trennung des awjt<iriov vom nvEvfidrioy (II 1, 17). 



haben, dairn aber sicherlich nicht nline die anderen, die unmittelbar dar- 
auf folgen! 

' II 23, 19; It S3, 20. Epiktet wendet das Wort oä^S oder aa^xiStov 
besouders gerne da an, wo er gegen die Lustlehre Epikurs polemisiert, so 
1 20, 17; II 33, 2Q- JII 7,3. 

^ Hiernach ist meine Darstellung in B' 30 zu modifizieren. 

5« 



68 ^ioU BoulLoECer 

Daß damit aber kein metapliysisclier Gegensatz zwischen dem 
Vergiingliclien und Unvergänglichen, dem Stoffliclien und 
Geistigen gemeint ist, sieht man aus der anderen Stelle, wo 
Epiktet das Ttviv^ätiov als eines der vier StolFelemente be- 
zeichnet, aus deren Mischung der Mensch besteht und deren 
Entmischung der Tod bedeutet (III 13, 15). Der stoische 
Materialismus nötigt uns allerdings, die geistigen Kräfte des 
Menschen an die zwei edleren Elemente, Feuer und Luft, 
gebunden sein zu lassen ; aber nicht an sich selbst sind diese 
schon vernunftbegabt, sondern sie sind nur aufnahmefähig- für 
den löyog, der als sozusagen spezifisch göttitchet; freilich auch 
wieder luft- und feuerartig gedachter Stoif sieh mit ihnen 
vereinigt oder ihnen eine höhere Qualität verleiht ^ 

Soviel ist aber jedenfalls ans dem Obigen ersiclitlich, daß 
Epiktet einen Gegensatz von öcJpl und itveO^tct, der dem pau- 
linischen entspräche, nicht kennt. Dagegen kann er mit der- 
selben Emphase wie Paulus die (jd^§ etwas unseliges nennen, 
und er tut dies auch im Ernste an der besprociienen Stelle, 
aber nur in dem Sinne, daß das Fleisch eine Quelle der ün- 
seligkeit ist für denjenigen, der darauf sein Glück 
baut und für das bessere Teil, das ihm gegeben ward, blind 
isf^. So betrachtet nähern siuh die beiderseitigen An- 
schauungen wieder, und es wird dadurch nur um so unwahr- 
scheinlicher, daJ3 Epiktet an dem Ausspruch des Paulus sollte 
Ärgernis genommen haben. 

So vorsichtig Kuiper im allgemeinen in seinen Auf* 
Stellungen ist, so läßt er sich doch zuweilen in seinem Be- 
streben, eine Bezugnahme Epiktets auf das Neue Testament 
aufzuweisen , zu Behauptungen verleiten , die kaum einer 
Widerlegung bedürftig sind. Wenn Epiktet manchmal, um 
seine Schüler aufzumuuteni, an ihren Willen appelliert als 
die Macht, mittels welcher sie sich selbst erlösen können, so 
soll dies eine Entgegnung sein auf neutestamentliehe Sprüche, 
welche umgekehrt "die Ohnmacht des Willens betonen und das 



' Dia Frage, wie die Stoiker die Abstufung der Teinheits- und Eein- 
heitsgrade dca Pneuma sich näher vür^esteUt haben, gehöre zu den un- 
gelösten und wohl aiich unlösbaren Fragen der stoiaehen Physik. 

' I ß, 6; Tiö fiiv iivri. Svariji'a, illä ij^sn « xai x^eiüoov nüc aiffxiSitoy, 



Epiktet vmd das Nene Testament 69 

Heil nur von der Hilfe Gottes oder vom Gebet erwarten 
(z. B. Eöm. 9, 16 oder Jak. 2, 5). Der Feind, den Epiktet da 
im Auge hat, ist jedoch nicht eine christliche Theorie, 
sondern die allgemeine Tatsache, daß es dem Menschen so 
schwer fällt, sich von dem gewohnten Leben und Treiben zu 
emanzipieren und zu einem großen sittlichen Entschluß auf- 
zuschwingen, der das ganze Leben auf eine höhere Basis 
stellt. Ebensowenig können wir Kniper folgen, wenn er, von 
den Briefen (speziell den paulinischen) auf die Evangelien 
übergehend, die Seligpreisungen der Bergpredigt im Einzelnen 
vei'glelcht mit ähnlich lautenden Auasprilehen Epiktets, welche 
teils eine Zustimmung, bisweilen auch eine Verschärfung, teils 
eine Zurückweisung derselben enthalten sollen. Die Selig- 
preisung der Leidtragenden z. B. beantworte Epiktet mit dem 
Sat«: ovöels äyci-9-bg rtsvOsl (II 13, 17), und die Verheißung 
an die Barmherzigen „sie sollen Barmherzigkeit erlangen" 
bereite ihm Ärgernis, ihm, der den elsog im aktiven wie im 
passiven Sinn verwerfe als Anzeichen einer noch am Irdischen 
]iaftenden Gesinnung ^ Demgegenüber ist zu sagen, daß alle 
fliese Forderungen aus dem stoischen Ideal der dnaffaa mit 
solcher Selbstverständlichkeit sich ergeben, daß die Annahme 
einer Polemik gegen die christliche Anschauung das richtige 
Verständnis Epiktets nur stören und erschweren würde. 
Ebenso selbstverständlich ist es, wenn wir von ihm Ermahnungen 
hören zum ernstlichen und' ansscliHeßlichen Trachten nach 
den innerlichen Gütern, und Warnungen vor unnötigem, ängst- 
lichen Sorgen ums Zeitliche, welche an die entsprechenden 
Paränesen der Bergpredigt (Mattli. ß, 35 ff.) oft merkwürdig 
erinneiTi, daß dagegen die Verheißung Jesu: „So wird euch 
das Übrige alles zufallen" (Vers 33) bei Epiktet keine Par- 
allele findet. Denn mit unbestimmten Verheißungen, wie 
diese es ist, operiert er allerdings nicht, und der Gedanke, 



' II 17, 36; -L'i Si' fSovels Kai ihiis «al ZrjXo-rvTiiti xnl igiints . . . 
zi ETI liyus TZfT^aiSevo&cu; IV 6, 1: 'Ejc i/ioi (iari fi!; tAssW*ßi) «]• Suy^Oia 
üinols ßn ci^tov iliov ovrn l/ia-nrö". t— Mit dieser Verwerfung des V.ios als 
eines nriS'oä streitet es nicht, ivenn Epiktet g-elegentlich ein niitürlitlies 
Mitleid K. E. mit den Blinden nnd Lahmen, insbesondere dber mit den 
geistig Blinden für berechtigt hält, z. IB. I 28, 4 u. ü. 



70 ' Aiof Bonhüffer 

daß Gott denen, die ernstlich nach dem Reich Gottes trachten, 
gleiclisam zum Lohne dafür auch das zar Fristuug des äußeren 
Lebens Nötige darbieten werde, hat in seiner Lehre keinen 
Platz. Wie Jesus, so weist auch er darauf liin, daß, wer 
genügsam ist und der Arbeit sich nicht schämt, in der Regel 
auch seinen Lebensunterhalt finden, ja sogar ein recht hohes 
Alter erreichen wird '. Aber mit der Frage der inneren 
Würdigkeit hat dies für ihn gar nichts zu schaffen, und er 
nimmt keinen Anstand, für die Ausnahmefälle, wo jene 
Erwartung nicht zutrift't, die Politik der „offenen Türe" zu 
predigen (s. a. oben S. 9). 

So erweist sich denn auch die Äiinfthnie einer polemischen 
oder kritischen Bezugnahme Epiktets auf das Neue Testament 
überall als durchaus unbegründet. Es muß hier übrigens 
nachträglich noch bemerkt werden, daß Kuiper in dem zweiten 
Teil seiner Beweisführung nicht bloß von den Fällen (an- 
geblicJier) Opposition redet, sondern auch dazwischen gelegent- 
lich weitere „mehr oder weniger bewußte" Übereinstimmungen 
namhaft macht ^ und — eine Eventualität, die bisher noch 



^ lil 26, 6: Tiva TTiiintir' ^'Jia.hijV ^qSlias sISj^s /tr) yk^üvra; Tina i^'iii'fi 

io/fljöyri^mn i Siehe nueh oben S. 9. 

" Die Übereinstimmungen, die Kuiper in diesem ZusaiDmeuhang noch 
nachtrügt, will ich hier iivr gaua kur^ erwähnen. In Ausdrüfken wie 
lalai-TiaiQoi vö/ioi icüv vexgoiv (I 13. 5), in den an die n eilt estam entliehen 
Begriffe der äTiolixioiaan und i^aya^aau erinnernden Bildern van der Be- 
freiung aus dem Sklavenätand (z. B. IV 7, 17], in der Begründung der 
Nächstenliebe auf die Gotteskindschaft, in der rordenmg der Seeienreiulieit 
als einer Vorbedingung für deu Umgang mit Gott, in der Empfehlung der 
Ehelosigkeit (für den Kjuiker) auni Zweek der ungestörten Ausübung seines 
göttlichen Berufs und anderem mehr erblickt er Voratellnugen und An- 
Bebauungen, die aua dem Rahmen der stoianbcii Lehre heraustreten und eine 
Beeinfluasung von christlicher Seite wahrscheinlich machen. In Wirkliebkeit . 
ist aber dies alles gut stoisch, wie zum Teil im bisherigen schon nach- 
n;ewieseu wurde , zum Teil nach Analogie der ausf lihriieh besprochcnea 
Parallelen leicht ku erkennen ist. Ein MißTersfändnis aber ist es, wenn 
Kuiper meint, das Bild von der Befreiung oder ErlSsnng, das Epiktet zu- 
weilen gebrauchte, sei ein Widerspruch zu seiner sonstigen Auffassung, 
wonach der MenBcb, von Natur gut, gar nicht erlöst zu werden brauche, 
vielmehr sich seibat zu erlösen vermöge. Wenn er sagt' „Ich bin von Gott 
betreit worden" „Ich habe einen rechten Freisprecber" (IV 7, 17 ■ Kaffniorijv 
Sxca oloi- Sa), so meint er ja nichts anderes, als daß der Mensch von Gott 



Epittet und das Neue Testameat 71 

]ücht zur Sprache kam — an einigen Stellen eine bewußte 
Bivalität Pjpiktets mit dem Neuen Testament finden will. 
Schon Zahn hatte behauptet, daß der Nimbus, mit welchem 
die Gestalt des Herakles bei Epiktet umkleidet ist, sich aus 
dem stoiscli-kynischen Gedankenkreis nicht erklären lasse *, 
luid so meint auch Kniper, daß auf dieser Schilderung des 
griechischen Nationalhelden als eines Gottessohnes und Erlösers 
die Gestalt Christi einen Einfluß gehabt habe. Ebenso sei 
die Schilderung des Kcvi-AÜg als eines Dieners und Zeugen 
Gottes beeinflußt von der Kenntnis des chrjstiiehen Apostolats 
und Martyriums. Epiktet wolle damit den Christen gleichsam 
zu verstehen geben: Was Ihr an Eurem Heiland \mi Euren 
Aposteln und Märtyrern habt, das haben wir an unserem 
Herakles nnd Diogenes. Mit der Widerlegung dieser Meinungen 
brauche ich mich nicht aufzuhalten, da notorisch diese Idea- 
lisierung des Herakles und die Idealfigur des Kynikers längst 
in diesen Kreisen heimisch war oder wenigstens sieh vor- 
bereitete, ehe die Welt etwas von Christus hörte. 

Nur die eine Stelle soll noch kurz besprochen werden, 
in welcher Kuipei' eine liväiisierende Anspielung auf das 
Neue Testament erblicken möchte. Zu den Kennzeichen des 
Erlösten oder Freien rechnet Epiktet u. a. auch das tvaeßH, 
%äQt)i 'e^ov uitlQ Ttävtinv Tiji if-eij) (IV 7, 9). Diese Worte er- 
innern ja gewiß lebhaft an die Art, wie im Epheserhrief 
(5, 19 ff.) die Stiminnng des ruhig der Vollendung des Gottes- 
j'Cichs entgegenharrenden Christen geschildert wird: ^h^QoCaife 
iv nvsvuGTi . . . tuyaQiatoüvrtt; TTÜrioti v'ji.io ircfiTWC . . . t^ 
^sqi. Aber das Gefühl der stetigen Dankbarkeit gegen Gott 
ist der Lebensauffassung des Epiktet nicht weniger eigen als 
dem Christentum, wie Kuiper selbst kurz zuvor ausgesprochen 
hat, und daß Epiktet die Absicht gehabt haben sollte, gerade 

so geseliaffea worilen igt, dajfl er aUezeit, troU alles äußeren Zwangs, 
innerlich frei sein und bleiben kann, also nicht ein zeitlicliea Ton Gott be- 
wirktes Erloaungserlelinjs, soniiern eine anerschaffene, in der Natur des 
Menschen begründete Anln,ge. 

' AaO. 31; „Das ist nieht mehr der altbekannte Herakles am Scheide- 
wege ... das ist der Gottes- und Menachensolin, der die Welt von der 
Sünde befreit «ml als Erlöser bolierrscht. Und was ist das anders als ein 
Echo des Evangeliums in der Seele eineä Heiden?" S. a. oben S. 34, 



72 Adolf Bonhöffer 

im Hinblick auf die Stelle des Epheserbriefes darauf hin- 
zuweisen, wie auch auf anderem Boden als auf dem des Auf- 
erstehungsglatibens die wahre Lebensfreudigkeit blühen könne, 
ist doch eine gar zu abenteuerliclie Vermutung:, die um so 
weniger begründet ist, als weder dort die Äuferstehungshoffnung 
ausdrücküch erwähnt noch hier der Verzicht auf ein per- 
sönliches FoiHebeu irgendwie angedeutet ist. 

Dritter Abschnitt 
SchJußergebnis 

Hiermit nehmen wir Abschied, auch von dem zweiten 
großen Versuch, eine Beeinflussung Epiktets durch das Neue 
Testament nachzuweisen. So behutsam und besonnen er auch 
durchgeführt ist, so interessant und anregend manche Partien 
sind, im ganzen ist er gewiß ebenso mißlungen wie derjenige, 
den 12 Jahre zuvor Th. Zahn unternommen hatte ^ Kat 
Kuiper schon in der Diskussion, die sich an seinen Vortrag 
in der K. Akademie der Wissenschaften anschloß, mehr Wider- 
spruch als Zustimmung gefunden, so ist ihm inzwischen bereits 
auch ein literarischer Gegner erwachsen. Van den Bergh 
van Eysinga hat in dem schon mehrmals erwähnten Artikel 
Epictetus en liet Nieuwe Testament die Aufstellungen Kuipers 
scharf bekämpft, indem er vornehmlich den historischen Ar- 
gumenten, mit denen Kuiper, wie zuvor Zahn, die Möglichkeit 
oder Wahrscheinlichkeit einer Bekanntschaft Epiktets mit 
dem Christentum zu stutzen suchte, zu Leibe geht. • Vielleicht 
geht er da etwas zu radikal vor, wenn er nicht bloß die 
Stelle, wo Kpiktet von dem Ttd-^og toS ßsßa/jfUfov xai y^tjuivov 

' Soüte jemand den Eindruck haben, daß ich auf Grund eines gewissen 
Vorurteils, d. ii. einer ÜberBchätaung des Stoizismus jegliche Abhängigkeit', 
des letaleren vom Neuen Test«menl bestreite, so erkläre ich demgegenüber, 
daß es ja an und für sich gar keine Schande für die jüngere Stoa wäre, 
wenn sie etwas vom Christeiitam angenommen hätte, vielmehr nur ein noch 
stärkerer Beweis für die allerdings ohnedies feststehende Tatsache, daQ 
unter allen den mannigfaltigen Typen philosophischer Lebensanschauung, 
welche das Griechentum geprägt hat, keiner dem Christentum nä,her steht 
ala der stoische. 



Epiktet und das Neue Testament 73 

redet (II 9, 20) auf die 3\x<ien bezieht, soiiiJern auch unter 
den „Galiiäern" nicht die Christen, sondern die Juden versteht, 
unter Berufung darauf, daß auch die Anhänger des Zeloten 
Judas diesen Namen tragen (Justinus M. Dial. 80) \ und daß 
es ja auch das e^os der fanatischen Juden war, sich am 
Sabbat lieber töten zu lassen als sich zu verteidigen. Sein 
Sehlußm-teil faßt er dahin zusammen: „die neutestamentlichen 
Schriftsteller, vor allem diejenigen der paulinischen Briefe, 
haben den Einfluß der Stoa erfahren, was im allgemeinen 
Sinne mehrfach sieh zeigt, aber bisweilen {vgl. Rom. 12, 19 
mit Seneea de im II 32; III 39) sogar die Annahme direkter 
Entlehnung nahe legt. Nirgends aber kann ich bei Epilctet 
eine Stelle entdecken, wo die Gleichheit mit einigen neu- 
testamentlichen Texten weiter geht, als man bei Äußerungen 
von verwandten Gedankenkreisen von vornherein erwarten mag'-'. 
Dieses Urteil des holliindisclien Geleiirten stimmt iiberein 
mit dem, was in den letzten Jahren in Deutschland über diese 
Frage geäußert worden ist^. Und dies gilt nicht etwa bloß 
von den Philosophen und Philologen, sondern auch von den 
Theologen, die sich in neuerer Zeit ebenfalls angelegentlich 
mit dem Problem der Beziehungen zwischen Christentum und 



' Diese Ansicht hat (ibrigens schon W. E. H. Lecky geSutiert (aaO. 
I 342, A. .^), wogegen Karl liBrtmiian neuerdings wieder entschieden dafijr 
eintritt, daß dem Epiktet die Existenz der Christea nicht unbekannt sein 
komite, nnd daC dalier auch die Anspielung auf die Getauften Rieh auf diese 
beziehe (Arriau und Epiktet, in den Neuen Jahrbb. für Idass. Philol. 1Ö05, 267). 

' Paul Rartli, -Die Stoa, 2. Aufl. Stuttgart 1908, 940! „Weder hat 
Epiktet das Neue Teätament gekannt, noch haben die Synoptiker stoischen 
Gedankengängen Raum gegehen". — Ulr. v. Wilamowitz - Mölleudorff, 
Griechisches Lesebudi I 2 Berlin 1902, 321 : „Das Evangelium Jesu hat er nicht 
gekonnt; daß er sieb mit dessen Lehre von Menschenwürde und Gottesliebe 
oft 30 nahe berührt, erklärt sich aus der Stimmung, aus der Sehnsucht und 
Höffauug der gleichen Zeit". — E. Norden, aaO. K 519 : „Die Argumente, 
daß Epiktet das Neue Testament gelesen habe, halten bei gennuet Prüfung 
nicht stand." — Paul Wendland, Die h eil eni ach -römische Kultur: „Cliristi 
Predigt hat kein Verhältnis zum Hellenismus. " — TLeod. SSgeli, Der 
Wortächati; des Apoatels Paulus, Göttiagen laOö, SH : „Ob Paulus überhaupt 
je eine Schrift der Alten zu lesen bekam, ma«: dahingestellt bleiben; daß 
rgfinil ein klassischer Dichter, Philosoph oder Bedner sprachlich ihn be- 
einflußt habe, dürfen «Ir rundiveg ^enieineu." 



74 Adolf Boaliütfer 

Grieclientiim beschäftigen. Speziell über das Verhältnis des 
ersteren zum Stoizismiis sind in den letzten Jahren zwei 
bemerkenswerte Arbeiten von theologischer Seite erschienen, 
beide offenbar veranlaßt durch die Eektoratsrede Th. Zahns 
über Epiktet. Ich meine deji Aufsatz von Paul Feine im 
Theolog. Literatnrblatt (1905, Nr. 6 ff.) „Stoizismus und 
Christentum" und die Abhandlung J. Leipoldt's über das- 
selbe Thema in der Brieger'sehen Zeitschrift für Kirchen- 
geschichte (1906, S. 129 ff.). Beide gehen zwar auf die Frage 
der Abhängigkeit Epiktets vom Neuen Testament nicht näher 
ein, ihr Interesse konzentriert sich lediglich einmal auf den 
Nachweis der vielfachen Verwandtschaft zwischen christlicher 
und stoischer Lehre, sodann namentlich auf die Abgrenzung 
der beiden Gebiete und die Feststellung der wesentlichen 
Unabhängigkeit des nentestamentlichen Christentums von der 
heidnischen, speziell der stoischen Philosophie. Aber eben 
der Umstand, daß sie die Ahhängigkeitsfrage nur nach dieser 
einen Seite ernstlicher ins Auge fassen, beweist, daß für sie 
der Einfluß des Neuen Testaments auf die römische Stoa, 
insbesondere auf Epiktet, eigentlich nicht mehr in Frage 
kommt. Feine bemerkt sehr richtig; „Kommt man von den 
Stoikern zum Neuen Testament , so fällt zunächst auf die 
Verschiedenheit des Begi-iffsmaterials. Im Neuen Testament 
fehlen üfiag!.ii>'rj, 'iisn^MiievYj, tiQÖvota . . . ^. Daraus ist er- 
sichtlich, daß die Orientierung für den Menschen und die 
sittlichen Kategorien im Stoizismus andere sind als iai Cliristen- 
tum" (S. 73). 

Damit ist ein prinzipieller Punlrt berührt, und dies führt 
uns darauf, die Frage der Abhängigkeit Epiktets vom Neueti 
Testament, die wir bisher mehr im einzelnen an der Hand 
der Aufstellungen Zahns und Knipers geprüft haben, nun auch 
noch kurz von allgemeineren Gesichtspunkten aus zu erörtern. 
Es handelt sich also für uns jetzt nicht mehr darum, einzelneu 
Spuren einer Bezugnahme pjpiktets auf neutestamentliche 
Schriften nachzugehen, auch nicht darum, die theoretische 

' Die von Feine hier weiter aufgeführten speziHseli stoischen Begriffe, 
liie im Kenen Testament fehlen, werden später anr Besprechung kommen. 
"Wir werden dsbei sehen, daß auch das Umgekehrte gilt. 



Epiktet und das Neue Testament 75 

Möglielikeit oder historische Wahrscheiiiliclikeit einer näheren 
Bekanntschaft unseres Stoikei'S mit dem Glauben und Leben 
der Christen darzutun oder zu bestreiten, sondern es fragt 
sich, ob, "wenn je eine solche stattfand, Epiktet seinem 
ganzen Charakter nach im Stande war. von christ- 
lichen Lehren und Vorstellungen irgend etwas' 
auch nur einigermaßen Erhebliches m'it Bewußt- 
sein sich anzueignen und gar, ohne ?v am haftmach ung 
der Quelle, in seinen Lehrvorträgen zu verwerten. Und diese 
Frage müssen wir mit einem entschiedenen „ISetn" beantworten. - 
Jeder, der nur einigermaßen in den Geist Epiktets sich ein- 
gelebt hat und einzufühlen vermag, muß den bestimmten Ein- 
druck haben, daß hier ein Mann zu uns redet, der seiner 
Sache subjektiv im allerhöchsten Maße gewiß und sicher ist, 
ein Mann, der, wie wenige vor und nach ihm, eine in sich 
selbst voUstäudig gesättigte und befriedigte Lebensanschauung 
vertritt. 

Es ist nun schlechterdings undenkbar und psychologisch 
unverständlich, daß ein Mensch, der so sehr wie Epiktet über- 
zeugt ist, die absolute "Wahrheit, d. h. wenigstens die Wahrheit, 
die man zum Leben braucht, die frei und glücklich macht, zu 
besitzen, Anleihen machen würde bei irgend einem anderen 
â– System und vollends bei einem so ganz und gar fremdartigen 
und heterogenen, wie es für einen Sohn der hellenischen Weisheit 
die Eeligion des Alten und des Neuen Testamentes war'. 
Dabei ist die unbestreitbare, aber geschichtlich recht wohl 
verständliche Tatsache zunächst ganz außer acht gelassen, 
daß die klassisch gebildeten Zeitgenossen des werdenden 
Christentums mit einem ungeheueren Vorurteil gegen jede 
barbarische und vollends gegen jede mit dem verachteten 
rludenvollie zusammenhängende Religion belastet waren ^. I^'ur 



' Naeh einer anderen Eiehtiing ist dieset Gedanke bereits aa£ Seite ö ff. 
Busgcfiihrt wortleii. 

^ Die grolie Verbreitung, weloiie ancli ächou in dieser Zeit die ver- 
scliiedeneu orientalischen Kalte im rümischeu Reich imd nicht blol! bei den 
niederen Ständen gefunden haben (vgl. besunders Franz Cumuut, Die orien- 
talisciien Heligionen im rümischen Heidenluui, Deuturh tou G. üehrich, 
Leipzig und Berlin 1910), darf docli aieht so »erstanden werden, als "b 



76 Adolf Bonhöffer 

Epiktet braucbeii wir diese Erklärung gar nicht. Seine 
Immunität gegen christliche Vorstellungen wurzelt hinlänglich 
fest in der unvergleichlichen Selbstgewißheit seiner philo- 
sophischen Überzeugung, die unleugbar, wie jeder derartig 
extreme Idealismus, etwas Einseitiges und Intolerantes an 
sich hat. Wenn Epiktet, wie jedermann aus seinen Disser- 
tationen sieht, als richtiger Vollblutstoiker, nicht einmal im- 
stande war, seinen hellenischen Antagonisten, den Epi- 
kureern und Skeptikern, einige Gerechtigkeit widerfahren zu 
lassen, wenn er kein Bedürfnis und keine Fähigkeit zeigt, 
diesen abweichenden Standpunkten, die doch auch dem gemein- 
samen Mutterschoß der sokratisch- platonischen Philosophie 
entsprossen waren, jedenfalls aber seit Jahrliunderten ihr 
Bürgerrecht in der hellenischen Welt besaßen, eine objektive 
Beurteilung zu widmen, so versteht es sich von selbst, daß 
er noch viel weniger das Bedürfnis empfand, eine religiöse 
Bewegung, die von einem so wenig von griechischer Kultur 
beleckten Lande und A'olke ausging, aufmerksam zu verfolgen 
und mit unbefangenem Blick zu prüfen. 

Man konnte mio freilich dagegen einwenden, gerade darin, 
daß Epiktet den lilpiknreismus , der doch auch ein Gebilde 
griechischer Weisheit war, so heftig bekämpfte, liege ein 
Beweis seiner Freiheit von nationaler Befangenheit, die ihn 
dann auch dazu befähigt habe, bei fremden, von den Griechen 
verachteten VuJkern das Wahre und Gute herauszufinden und 
gegebenenfalls sich anzueignen. Daß er dem Christentum, 
wenn er es gekannt und richtig erfaßt hätte, sich innerlich 
wohl näher gefühlt haben würde als der epikureischen oder 
der skeptischen Weltanschauung, läßt sich nicht bezweifeln. 
Aber wenn es denkbar ist, daß ein Mensch, der eine feste 
Lebensüberzengung und ein beglückendes Ziel seines Strebens 
noch nicht gefunden hat, schließlich auch ein tief eingewurzeltes 



alles bliuillings dem Taumel rter sjnkfijtiitisclLeii Schwärmerei sich ergeben 
hätte. Es blieben gewiß, besonders in der Zeit, tou der wir reden, auch 
im rümisclien Weltreich nach genug „Kniee übrig, die sich vor Biial nicht 
beugten", Männer die auch in diesem geistigen Chnos die Sonne griechiacher 
Geistesklarlieit sich nicht YerKnstern ließen. Und gerade die Stoa, die 
echte üftmlich, hat den Eubm, sie am Ifingaten sich bewahrt zn haben. 



Epiktet null das Neue Testament 77 

Vorurteil zu überwinden vermag und sich nicht schämt, die 
Wahrheit anzunehmen von einer Seite, wo er sie am wenigsten 
gesucht hatte, so fällt bei Epiktet .jede innere Veranlassung dazu 
weg. Wenn daher Feine am Anfang seiner Abhandlung sagt, 
das Eigenartige und Unüberbietbare des Christentums liege 
in der Offenbarung Gottes, die Christus gebracht habe, und 
jeder Versuch, eiue materielle Beeinflussung (ier christlichen 
Religion durch fremde Keligionen nachzuweisen, setze sich in 
schroffen Gegensatz zu demjenigen, was die, welche es 
wissen konnten, die Apostel Jesu und die älteste Kirche, 
gerade als das Unterscheidende des Cliristentnms behauptet 
hatten, so gilt dies nicht minder auch von Epiktet. Er war in 
seiner Weise ebenso offen barungsgiänbig wie irgend ein Yer- 
kiinder des Evangeliums Cliri.fti. Zenon und Chrysippos gelten 
ihm als die Männer, welche den Menschen den Willen der Natur 
geotfenbart haben, und er erhebt sich zu einer in ihrer Weise 
ebenfalls unüberbietbaren religiösen Begeisterung, wenn er 
diese waliren Wohltäter des Men.schengeschleehts preist, welche 
den Weg zum Glucke zeigen, und ihre Lehren Gesetze nennt, 
welche „von dorther", d. h. von Gott gesandt seien, um die 
Menschen zum inneren Frieden zu führen*. Wer so fest 
davon überzeugt ist, auf dem rechten Wege zn sein, der schaut 



' I 17, 17fl'.; in 31, 19; I 4, 29: .'iJ ^iyd>.>,s e^vxia;, <J ^ey»Xov 
EV8ffyiTov 10V ^stv-vvov^oi XJjv 6Ö6l'[ iV 3 j 12: Ojrrol Ewii' ol ^.KrT'fev 
dneaza.X/iii'oi. v,',fioi, lavxa T.i i5i(iT«j-ii«t«. — Schön ans dieser begeisterten 
Lobpreisung der ersten stoischeD Scbulbäopter müßte raüii schließen, daß 
Epiktet lue Scliriftcu eiues Zenon und Chrysippos selbst verstänülich gfkaniit 
bat. DnÜ er sie auch seinem Unterricht zugruDile au leg'en pflegte, ersieht 
man aus den ir™nischen Diatribeu gau« deutliuh (!!'■' £) und ist von 
Ivo £ruii3 (Dt mhnla Ejikleti, Kihac 18SJ7, 13 ff.) yegeu Tb. Zahns liiichst 
uu motivierten Widtrsprucli schlagend erwiesen worden. Sehr erstaunt war 
icb daher, in der sonnt recht verdienKtvoUen Untersuchiiu',' Paul Meiuliers 
Über das Verhältnis der Sprache Epittets atir .-Vlthis {Dissertationes Pkilo- 
iogicac IMaises VüL 17, i:)U7) zu lesen, daß er fa-st alle Schriften der 
Stoiker ignoriert bu haben Kebeine und, was er au stoischen Ausdrucken 
biete, raebr dem Unterricht des Musonins als den Büchern der stoiscbeu 
Sehulhänpter verdanke (p. S). Die Abhandlunf,' vuu Bruns scheint ilim 
nicht bekaunt gewesen zn sein, sonst hätle er wenigstens polemi.sch auf 
sie Bezug nehmen müssen. Die Ansicht von Bruns teilt mit Entsehiedeiiheit 
auch V, -irnim (lüerokles, Berliner Klasaikertcxte IV 1906, SVJ: „Es iet 



78 Adolf Boaiifltfer 

nicht nach anderen Wegen aus, ob und inwieweit sie vielleicht 
auch zum Ziele führen könnten. 

Aus demselben Grunde ist es auch yon vornherein un- 
wahrscheinlich, daß die Apostel Jesu bei der heidnischen 
Philosophie Anleihen gemacht oder auch nur geglaubt hätten, 
durch Verwendung griechischer Zutaten die Wirkung ihrer 
Heilsverkündigung erhöhen zu können. Was uns selbst bei 
Paulus, dem am ehesten mit griechischer Bildung Vertrauten 
unter den Aposteln, deutlich entgegentritt, das ist seine tiefe 
Abneigung gegen die menschliche Weisheit (I Kor. 1, 21 iF.), 
die ihm gegenüber der Offenbarung Christi, in welchem alle 
Schatze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen (Kol. 2, 3), 
nur als ein Irrweg ersclieinen kann '. So wenig wir nun 
dem Apostel, der so über die hellenische Weisheit denkt, die 
Charakterlosigkeit zutrauen, daß er insgeheim sich doch mit 
den Federn dieser Weisheit schmücken wollte, so wenig 
können wir annehmen, daJJ Epiktet seinen Stola auf die 
hellenische Offenbarung so sehr verleugnen konnte, daß er 
von einem grundsätzlichen Verächter derselben irgendwelche 
Belehrung angenommen hätte. Wenn er die Briefe des Paulus 
auch nur oberflächlich kannte, so mußte ihm schon das Urteil 
das er hier über sein Höchstes und Heiligstes vernahm, alle 
Lust benehmen, sich mit der christliehen Religion und Lebens- 
anschauung näher einzulassen oder zu befreunden. 

Aber auch noch eine andere Erwäguog läßt es uns als 
unmöglich erscheinen, daß Epiktet vom Neuen Testament 
etwas sollte entlehnt haben. So unleugbar die innere Ver- 
wandtschaft beider Weltanschauungen ist, so zahlreich die 
Beruhrungen und Übereinstimmungen — wie wir später 
noch im einzelnen sehen werden -, so stark und prinzipiell 
sind auch, wie allgemein zugegeben wird, die Gegensätze 
die zwischen beiden bestehen. Gerade Euiper hat auf Schritt 

unzweifelhaft, liali beide (Musotiius acd Epiktetl auch theoretischen Unterricht 
und ^«.ar uicht nnr in der Ethik, soaaern aiicli in der Logik und Physik' 
erteilten"). ° ■' ' 

' fl ^'f^ ^^St deshalb E. Norden faaO. II 493) : „Ist es denn nicht 
mar, doli dem Apostel, selbst angenommen, er habe die hellenische Literatur 
gekannt^ daran hegen mußte, das eher an verbergen als zu zeigen?« 



Epiktet und das Neue TesUment 79 

und Tritt auch darauf hingewiesen, wie vieles im Neuen 
Testament für einen Epiktet rein un verständlich, ja unge- 
nießbar und abstoßend sein mußte. Und zwar nicht bloß hier 
und da, sondern fortwährend miißte er auf Anschauungen und 
Grundsätze, Stimmungen und Empfindungen stoßen, für die 
er durchaus kein Verständnis, geschweige denn eine Sym- 
pathie haben konntet Und wir sollten diesem Mann, der so 
rücksichtslos alles ausschaltet und niedertritt, was in sein 
System nicht paßt, die Geduld und Selbstverleugnung zu- 
trauen, sich durch so viele Anstöße hindurchzuarbeiten, um 
vielleicht da und dort etwas für iliti Brauchbares zu finden 
und einer gewissen geistigen Gemeinschaft bewußt und froh 
zu werden? Oder sollten wir ihn gar für so kiitiklos halteu, 
daß er des tiefen Gegensatzes zwischen christlicher und 
stoischer Weiüheit nicht einmal gewahr wurde? Beides ist 
nnmöglich, und ebenso unmöglich ist die weitere Annahme, 
daß er, wie Kuiper meint, sogar in seinen Lehrvorträgen so- 
wohl positiv manches Christliche eingestreut als auch polemisch 
auf die Christen angespielt habe. Wenn, wie sich mir dies 
von selbst zu verstehen scheint, Christen nicht unter seinen 
Zuhörern sich befanden, so wären ja diese Anspielungen, die 
zustimmenden wie die ablehnenden, völlig vergehlich gewesen, 
weil sie von niemand verstanden und beachtet worden wären. 
(Vgl. oben S. 42.} Selbst wenn eine Christengemeinde in 
NikopoHs bestand, so durfte Epiktet ohne weiteres annehmen, 
daß die Leute, die zu ihm, dem Philosophen kamen, kein 
Interesse für die neue Sekte hatten. Lag ihm aber auch nur 
das Geringste daran, auch von christlichen Ohren gehört zu 
werden oder seine Stellung zum Christentum kundzugeben, 
so hätte er das sicherlich nicht in versteckten Andeutungen 
sondern in offener, freimütiger Auseinandersetzung getan. 

Aber von allem dem sehen wir in den Dissertationen 
keine Spur. Was wir sehen, ist nur, daß er alle Mühe auf- 



' Auch G, Heincici, Der literarische CiiBrakter der neutest, Sclitifteu, 
Leipzig 1308, 109 urteilt ähulich: Hätte Epiktet die ueutestani entliehen 
Sebrifteu geleseu, so würde er sich tou vielem wohl verwandt berührt ge- 
fühlt lialieu, vieles andere hätte ihn ahgeatoßen, vielea hittte er niclit ver- 
gtandeii und vieles TermiüC. 



80 Adolf BoBhÖffer 

wendet und ganz und gar von dem Zweck geleitet ist, seine 
Zuhörer zum rechten Verständnis und zum ernstliehen Er- 
greifendes stoischen Lebensideals zu führen. Darauf ver- 
wendet er die ganze Kunst seiner Beredsamkeit, und alles, was 
er aus dem reichen Vorrat seiner Lebenserfaliriing und seiner 
literarischen Bildung beibringt, muß diesem Zwecke dienen. 
Niemals verliert er sich in allgemeine Betrachtungen, niemals 
sucht er etwa durch behagliches Plaudern das Angenehme 
mit dem Nützlichen zu verbinden. Also selbst wenn ihm das 
Christentum einigermaßen interessant gewesen wäre, hätte er 
es für eine Pflichtverletzung gehalten, seine Zuhörer mit Be- 
merkungen und Gedanken zu speisen, die nicht direkt zur 
Sache gehörten. Aber daß es ihm nicht viel Interesse, ge- 
schweige denn großen Respekt eingeflößt hat, geht, wie wir 
sahen (S. 43) aus der einzigen Stelle, wo er sicher die Christen 
erwähnt, deutlich hervor. Wenn er sogar den heroischen 
Vorsatz eines ihm befreundeten Mannes, sich auszuhungern, 
für eine Narrheit erklärt, weil diesem Vorsatz keine ver- 
nünftige Überlegung, sondern nur eine grillenhafte Anwandlung 
zugrunde liegt (11 15, 7fF.), so wird er gewiß über die 
Sterbensfreudigkeit der Christen, deren wahres Motiv er nicht 
verstand, nicht günstiger geurteilt haben. Jedenfalls ist, 
wenn wir uns an Epiktets eigene Aussagen halten, so viel 
sicher, daß er die christliche Lehre niemals als eine auch 
nur annähernd ebenbürtige Weltanschauung betrachten konnte, 
eben weil sie iiim, der nur eine durch methodische dTinäsi^ig 
zustande gekommene Wahrheit gelten ließ, nicht als ein 
Erzeugnis der denkenden Vernunft erschien ', und daß er des- 
halb unmöglich veraucht sein konnte, irgend etwas Christ- 
liches wissentlich in sein System herii herzunehmen. 

Hiermit sind auch die allgemeinen Erwägungen gegen 
eine Benützung des Neuen Testaments durch Epiktet er- 
schöpft. Von noch allgemeineren und umfassenderen Gesichts- 
punkten aus hat E. Norden die Frage behandelt (aaO. II 452 ff.). 

' Ganz ebenso apriclit Galenos Ton den livanoSciKToi. voftoi der Juden, 
und Christen (VIII 579 K), und noch Julian beurteilt sie von demselben 
antik intellettHaJisti sehen Gesichtspunkt ans, wenn er ihnen die Worte 
entge gen sohle udert : vfttöv äi j; ä}.oyia, S. Norden aaO. II i54. 



Bpiktet nnii das Neue Teatament 81 

Für ihn sind Hellenismus und Christentum Weltanschauungen, 
die sich im Prinzip ausschließen; Stoa und Christentum Ins- 
besondere sind prinzipiell Gegensätze, „was heute wohl her- 
vorgehoben zu werden verdient, wo es Mode wird, die scharfen 
Grenzlinien zu verwischen, welche einst Lor. Valla ... ge- 
zogen hat". Inwieweit wir uns auch diesem letzteren urteil 
anschließen können, wird sich zeigen, weün wir nun zum 
zweiten Teil der Kritik übergehen, zur Erörterung der 
Frage, ob vielleicht eine Abhängigkeit des Neuen Testaments 
von Epiktet oder überhaupt von der späteren Stoa sieh nach- 
weisen lasse. 



ReUBionsgesobialitliehe Veraiielie a. Vorarbeiten X. 



82 Adolf BonhöfEer 



Zweiter Teil 
Abhängigkeit des Neuen Testaments von der Stoa 

Erster Abschnitt 
Allgemeines 

Die Untersuchung, die hier zu führen ist, fällt eigentlich, 
so scheint es, a.nfte.rhalb des Eahmens einer Arbeit, welche 
das Verhältuis Epiktets und des Neuen Testaments zu ihrem 
Gegenstand hat. Denn eine literarische Benützung der von 
An-ian etwa ums Jahr 130 n. Chr. aufgezeichneten epik- 
tetischen Gespräche durch Schriftsteller des Neuen Testaments 
ist ein Ding der Unmöglichkeit, selbst wenn man einzelne 
der heiligen Schriften, d. li. etwa das Evangelium Johannis 
und einige der katholischen Briefe erst in der ersten Hälfte 
des 2. christlichen Jahrhunderts abgefaßt dächte (S. 3). Da- 
gegen wäre es nicht undenkbar, daß ein neutestamentlicher 
Autor Epiktets Vorträge in Eom oder später in Aikopolis 
gehört und Eeminiszenzen daraus in sein heiliges Buch ver- 
wehen hätte. Jedoch ist diese Annahme sowohl äußerlich 
als auch innerlich so unwahrscheiulich, daß sie ruhig außer 
Betracht bleiben kann, zumal da gerade derjenigo, dessen 
Briefe anerkanntermaßen am ehesten etwas von stoischer 
Färbung an sich habeu, der Apostel Paulus, gar nicht davon 
getroffen würde. Sollte sich also Stoisches im Neuen Testament 
nachweisen lassen, so könnte es nicht von Epiktet, söndei'U 



EpJfetet nnd das Nene Testament B3 

nur von solchen Vertretern dieser Lehre stammen, die min- 
destens eine Generation vor jenem gelebt haben. 

Aber wenngleich Epiktet selbst aus dieser Untersuchung' 
ausscheidet, so ist sie doch auch für die Feststellung des Ver- 
hältnisses zwischen ihm und dem Neuen Testament wichtig, 
ja unerläßlich, denn Epiktet bietet ja bekanntlich materiell 
wenig Eigenes und Originelles, sondern nur die allgemeine 
orthodoxe Lehre der Stoiker, wie sie, nach Überwindung der 
eklektischen Richtung des Panaitios im Zeitalter Christi wieder 
zu neuem Leben erwacht war, speziell in der Gestalt und 
Beleuchtung,, wie er sie bei seinem Lehrer Musonius kennen 
gelernt hattet Wenn also überhaupt ein stoischer Einfluß 
auf das Neue Testament stattgefunden hat, so liegt es natür- 
lich viel näher, die Anklänge, die sich bei Epiktet finden, auf 
eine Bekanntschaft der nentestamentliehen Schriftsteller mit 
der Stoa als auf eine Abhängigkeit Epiktets vom Neuen 
Testament zurückzuführen, und es ist klar, daß, wenn der 
Nachweis dieses Einflusses gelingt, die im ersten Teil durch- 
geführte Ablehnung einer Abhängigkeit Epiktets vom Neuen 
Testament nachträglich eine weitere Stütze erhält. 

Die Frage, in die wir jetzt eintreten, ist nicht bloß von 
jeher eine Lieblingsfrage gewesen für alle diejenigen, welche 
zu einer objektiven Auffassung des Christentums befähigt 
waren, sondern sie ist gerade 'in unserer Zeit, im Zusammen- 
hang mit dem gewaltigen Aufschwung der vergleichenden 
Religionswissenschaft, wieder zu einer sehr brennenden Frage 
geworden (S. 2). Die Tendenz, die gewaltige Erscheinung des 
Christentnms als natürliches Produkt der menschlichen Geistes- 
entwicklung zu erklären, hatte in den siebziger Jahren des 
letzten Jahrhunderts ihren radikalsten Ausdruck gefunden in 
den Werken von Bruno Bauer und in Ernest Havet's Le 
chrisHaimme et ses origines Paris 2. ed. 1873C Ihnen zufolge 
ist die christliche Religion nichts weiter als eine Verbindung 
des jüdischen Monotheismus mit der gnechischen, d. h. pla- 
tonisch-stoischen Philosophie; ja Havet schaltet sogar den 

' Die OrthodoTiie Epiktets wird neuerdings ziemlieli allgemein zu- 
jtegeben. Vgl. H. y. Aruini in Panlj-Wissowa nnter Epiktetos; Colmiieau 
aaO. 340; E. Caird aaO. 84. 

6* 



84 Adoäf Bonl!i)ffer 

jüdischen Faktor fast ganz aus und sagt in allem Ernst, die 
Quintessenz des Christentums sei nii;ht.s anderes aly stoische 
Philosophie \ Wir können heute derartige radikale und grund- 
verkehrte Urteile kaum mehr begreifen und sie nur erklären 
aus eineKi gewissen geistigen Zwang, welchem gerade oft 
hochbegabte und geistreiche Köpfe in der Verfolgung eines 
neuen Gedankens unterliegen. Es versteht sich voü selbst, 
daß solche maßlose Theorien nicht bloß auf selten der Gläubigea 
sondern auch unter den Männern der wissenschaftlichen 
Forschung keine weitere Beachtung finden konnten l Um sa 
mehr ist es-der letzteren gelungen, den wahren Kern, der in 
jenen ausschweifenden Ideen steckte, herauszuschälen und die 
tiefgreifende Beeinflussung der christlichen Dogmenbildung 
durch die griechische Philosophie an das Licht zu stellen. 
Ich nenne hier nur die grundlegenden Werke, Adolf Har- 
nacks Dogmengeschichte (Tüb. 190ö) und Edwin Hatchs 
„Griechentum und Christentum" (Deutsch von E. Preiisehen, 
Freiburg 1892), die wohl im einzelnen vielJeicht auch zu weit 
gegangen sein mögen in der Erklärung des Christlichen aus 
dem Griechischen, aber im ganzen eine Position geschaffen 
haben, von welcher nicht mehr abgegangen werden kann. 

Jedoch auch die Versuche, das neutestamentliche Christen- 
tum selbst, in größerem oder kleinerem Maße, auf anderweitige 
Einwirkungen zurückzuführen, sind Ms heute nicht ganz zum 
Schweigen gekommen. Es war nur natürlich, daß die auf- 
sehenerregende Delitzsch'sche These von den babylonischen 
Elementen in der israelitischen Religion auch die Frage wach- 
rief, ob nicht auch im Neuen Testament sich die Einfliisse 
onentalischer Keligionen bemerkbar machen. So wurde und 
wird zur Erklärung des Christentums besonders derParsismus, 
dann aber auch, als etwas ganz Neues, als eine Frucht der 



' ÄaO. I 317: fotit cela (die atoiscle Gütetlelire) c'est le christianisme 
mSme; II 263: presque tout Senique est chretien; II 290; le ckristiartisme 
n'a fait qu'kSriter de la pMlosophie de l'antiquiti. 

" Dagegen ist ca nicht zu verwundern, wenfi dieae Grundsätze in 
BtScliem, welche der Aufklärung der Massen dienen sollen, immer noch aus- 
gesprochen werden. Vgl. ilie neueste dentache Ubersetssnng öes epiktetiachen 
llandbüchleins von H. Schmidt, Leipzig 1909. 



Epiktet und das Neue Testament 85 

gewaltig angewachsenen Papymsliteratur, die ägyptische 
Eelig:ioii lierangezogen, letztere besonders von Riehard Reit zen- 
stein, während andere, darunter P. We n d 1 a n d und Th. Z i e - 
1 i 11 s k j , mehr die religiösen Mysterien der griechisch redenden 
Welt überhaupt und insbesondere die von dem platonisierenden 
Stoiker Poseidonios ausgehende mystische Eichtuiig ins 
Auge fassen. So kommt Zielinski neuestens wieder zu einer 
sehr gewagten, an Bauer und Havet erinnernden Lösung, wenn 
er sagt, das Christentum sei dem Judentum innerlich fremd 
und müsse vielmehr als die religiöse Krönung der antiken Welt 
in ihrer Entwicklung von der archaischen zur ökumenischen 
Periode verstanden werden (Die Entwicklung der geistigen 
Kultur, S. 110, in „Schaffen und Schauen" Bd. 2, Leipzig 1909). 
Ja nicht bloß die griechische und griechisch-orientalische Welt, 
sondern sogar der fernste Orient, der Buddhismus wird neuer- 
dings wieder als die wahre Heimat urchristliclier Gedanken 
und Gebräuche in Anspruch genommen, so besonders von Vau 
den Bergh van Eysinga, dem wir bereits als Gegner 
Kuipers begegnet sind (Indische Einflüsse auf evang. Er- 
zählungen, 2. Aufl., Göttingen 5909). Andererseits ist auch 
die theologische Apologetik scharf auf der Wacht, um alizu 
kecke Angriffe auf die Originalität der Lehre Jesu abzuwehren \ 
Von allen diesen Problemen, die zum Teil erst im Än- 
fangsstadium der Behandlung sich befinden, haben wir es bier 
nur mit dem einen zu tun: zeigen die Schriften des 
A'^euen Testaments oder wenigstens einzelne von 
ihnen in Wortschatz und Begriffsmaterial, ja 
vielleicht auch in den religiösen und ethischen 
Anschauungen eine Einwirkung der stoischen 
Philosophie? In seiner schon öfter erwähnten Eezension 
der Zabnschen Schrift hatte P, '\^'endland am Schluß die pro- 
gritmmatischen Worte geschrieben: „Ob nicht schon die ur- 
christliche Literatur in Stilform, Ideen und namentlich Ver- 
gleichen von dieser (stoischen) Gedankenrichtnng einen Einfluß 
erfahren hat, der gar nicht einmal literarisch vermittelt zu 

' Vgl. C. F. Nö8gen, Der angebliehe orientalische Einschlag der Theo- 
logie des Apostels Paulus (Neue kircWielie Zeitschrift 1909, Heft 'i und 4). 
Kr wendet sich besouders gegen Weudlaads „ Helle niätiseü-Eümische Kiütiir". 



86 Adolf Bonhöffer 

sein braucht?" Er hat diese Ändeutniigen später in seinem 
Aufsatz „Christentum und Hellenismus in ihren literarischen 
Beziehungen" (Neue Jahrbb. IX 1902) und in dam schon öfter 
erwähnten Werke „Die hellenistisch-römische Kultur" genauer, 
luid zwar in durchaus bejahendem Sinne, ausgeführt, und die 
Mehrzahl der liberalen protestantischen Theologen hat sich 
wohl im ganzen seine Anschauungen angeeignet, was ja schon 
darin zum Ausdruck kommt, daß die letztgenannte Schrift 
Wendlands die Einleitung zu dem von liberaler Seite heraus- 
gegebenen Handbuch zum Neuen Testament bildet. Inzwischen 
hat Ed. Norden im 2. Bande seines Werkes über die antike Kunst- 
prosa niclit bloß Th. Zalms Ansicht von der Abhängigkeit Epik- 
tets vom Neuen Testament in schrotter AVeise zurückgewiesen, 
sondern auch gegen die umgekehrte Auffassung, Überhaupt gegen 
das Bestreben, Uterarische Entlehnungen herüber oder hinitbev 
finden zu wollen, sich in sehr temperamentvoller Weise aus- 
gesprochen. G. Heinrici, der in seinen Kommentaren zu den 
Korintherbriefen die profane Literatur zur Erläuterung viel- 
leicht in allzu reichlicher Weise herangezogen hat und der 
von Nordens Tadel speziell getroffen war, hat im Anhang 
seiner Bearbeitung des Meyerschen Jfommentars zum II Ko- 
rintherbriefe (1900) auf diesen Angriff scharf erwidert und, 
abgesehen von der persönlichen Polemik, zur Klärung der 
Frage viel beigetragen ^ Wenn man die Sache nämlich rnhig 



' Iii einig-eii FTinkten bin ich mit Helurici nioht ganK eiaverstanden. 
Wenn er darauf iinweist, daß Paulus in Tarsus iiifiht nur gebureil und 
anferzogen worden sei, sondern au«h nacli seiner Beliehrnug: eieli längere 
Zeit dort aufgehalten liabe, so grlindet sich dies nur auf den Bericht der 
Apostelgeseliiohte (9, 30). Paulus selbst aber sagt nichts Ton Tarsus, sondern 
drückt sich ganz unbestitunit aus (Gal. 1, 21: äs la .■ki/ia-za rlje 2Vj,/uff 
«fli riji KiLxian). Aua beiden Stellen gebt also nicht mit Sicherbeit hervor, 
daC er längere Zeit in seiner Vaterstadt Terweilt habe; auch sogen die 
Acta niebt, was er dort getrieben hat. Dagegen lälit sich aus der Stelle 
im Galaterbrief sdilielien, dali er damals schon mit der Verkündigung des 
EvangeliumB begonnen hat; Näheres über die Art und Weise, Umfang und 
Ausdehnung dieser Mission ist nicht bekannt. Wie dem auch sei, jedenfalls 
war er aber in jener Zeit der ersten ETangelisation oder der inneren 
Sammitmg und Vorbereitung auf dieselbe kaum in der Verfassung, i'ich 
um das, was die Griechen trieben, ernstlich zu kümmern. — Die Anwendung, 
welche Heinrici von den drei ro'jioi Epiktets (Ejieh. &3 — nicht 76!) anf die 



Epiktet und dofNeue Testament 87 

betrachtet, so weichen die Ansichten Nordens und Heinricis 
gar nicht so weit voneinander ah. Denn einerseits läßt 
Heinriei darüber keinen Zweifel, daß er das, was für das 
Christentum zentrale und konstitutive Bedeutung hat, nicht 
aus der griechischen Philosophie herleiten will, und er erklärt, 
allerdings mehr in den späteren Schriften, ganz deutlich, daß 
er keine literarische Beeinflussung annehme, sondern nur von 
Analogien rede, die auf das ethisch-religiöse Gemeingut der 
Zeit hinweisen '. Andererseits ist auch Norden weit entfernt, 
die Bekanntschaft des Paulus mit der griechischen Kunst- 
prosa, und zwar derjenigen der asianischen Sophistik, zu 
leugnen. Noch weniger verkennt er die weitgehende geistige 
Verwandtschaft des Christentums mit der Stoa. Schon in 
einem fiüheren Aufsatz (Philol. Jahrbb. 189ii, 398) hatte er 
erklärt, zwischen Kynikern und Spätstoa einerseits und Christen- 
tum andererseits besteben so enge Beziehungen, daß beide 
oft kaum zu unterscheiden seien. Und auch in seinem Haupt- 
werk spricht er es aus, daß Stoa und Christentum sich an 
entscheidenden Punkten, z. B. in der Frage der Willensfreiheit 
und der Askese, berührt haben und gibt eine ausgezeichnete 
Darstellung derjenigen geistigen Elemente der hellenischen Welt, 
an welche das Christentum anknüpfen konnte und welche ihm 
seinen Eingang in die Heidenweit erleichterten. 

So scheint mir denn gegenwärtig in der Hauptfrage unter 



Areopagrede macht, ist yerteiilt. Wenn die Athener für die yon Piulna 
Torgetiageneii Leiiren Beweise Terlangten (zweiter rÖTioi) — es steht 
aber nichts diiTon da — , so waren sie ganz in ihrem Recht, und Epiktet 
wäre der letzte gewesen, der dieses Verlangen unbillig gefnuden hütte. 
Aaeh die Entscheidung darüber, oh die Beweise Jogisch korrekt seien 
(drittel- lö-^ai)^ hatten sie sich selbstverständlicii Torbehalten müssen. Was 
aber den ersten Topos betrifft, die praktische Betätigung der Dogmato, so 
hatte auch der Apostel diesen vor den Athenern keineswegs an sieh selbst 
schon zur Anschauung gebracht, er hatte nur eine Ansprache gehalten. 
Also die ganze epiktetieche Untersclieidung der drei tÖTtot iat mit dem Vor- 
gang in Athen gar nichts zn tun. 

' „Von vornherein darf als sicher gelten, daß weder die Klassiker der 
griechischen PopnlorphiJoaophie im 1. und 2. Jahrh. neutestam entliche 
Schriften studiert haben, noch Jlänner der 1. und 2. christlichen Generation 
aus jenen ihre Orieutiernng sich geholt haben" (Die Bergpredigt begriffa- 
geschichtUch untersucht, Leipzig 1905). 



88 Adolf BonJiüifer 

Phüologen und Theologen eine erfreuliche Einigkeit zu 
hen-schen, nur mit der Modifikation, daß die mehr konservativ 
gerichteten Theologen das hellenische Element im Neuen 
Testament sowohl quantitativ etwas mehr einzuschränken als 
auch qualitativ mehr auf das Peripherische am Christentum 
zn reduzieren trachten. Neuerdings hat min Carl Giemen 
(Relig.gesch. Erklärung des Neuen Testaments, Gießen 1909) 
den Versuch gemacht, aus den Untersuchungen der letzten 
Jalire über die Abhängigkeit des ältesten Christentums von 
nichtjüdischen Religionen und philosophischen Systemen ein 
vorläufiges Fazit zu ziehen. Da er mit großer Sorgfalt alles 
wichtigere Material zusammengetragen hat, so können wir 
uns im wesentlichen an seine Darstellung halten. Es handelt 
sieh dabei hauptsächlich um den „Ahsöhnitt I. Allgemeiner 
Teil. A. Das Christentum im Allgemeinen" (S. 30—58). Hier 
bespricht Clenien speziell die Punkte, bei welchen ein Einfluß 
der griechischen Philosophie auf das Nene Testament ange- 
nommen werden muß oder kann , indem er die einzelnen 
Schriften der Reihe nach durchmustert. Im übrigen, größeren 
Teil des Buches ist, abgesehen von dem zusammenfassenden 
Schluß (S. 285 ff.), nur hier und da noch die griechische Philo- 
sophie zur Erklärung einzelner Stellen herangezogen, es über- 
wiegt darin weitaus die Vergleichung des Neuen Testaments 
mit der jüdischen, rabbinischen Literatur und besonders mit 
den orientalischen Religionen, Parsismus, Buddhismus und mit 
den hermetischen Schriften. Auch in jenem oben bezeichneten 
Abschnitt interessieren uns hier ausschließlich die Anklänge 
an die Stoa und auch diese nur, insoweit sie Giemen selber 
gelten läßt. Was er als nicht beweiskräftig ablehnt und was 
vielfach gar nicht als Zeugnis der Abhängigkeit, sondern nur 
als Parallele gemeint war^, wird, soweit es mir interessant 
scheint, erst im zweiten Buch, das von der Verwandtschaft 
zwischen Epiktet und dem Neuen Testament handelt, ver- 
wertet werden. 



' Dies bemerke ich namentlich auch mit Bezug auf das, was Clemen 
ans meinen früheren Werken über Epiktet anführt nnd bekämpft: an eine 
AbhSugigkeit des Neuen Testaments von der Stoa oder nmgckehrt 
habe ich dort nirgends erinnern wollen, sondern lediglich hier und da eine 



Epiktet Tuid das Neue Testwnent 89 

Zweiter Abschnitt 
Die Synoptiker und Verwandtes 

Wie ist es nun nach Giemen mit der Abhängigkeit des 
Neuen Testaments von der Stoa bestellt? Von den Evangelien 
sagt er, daß ein^ indirekter oder direkter Einfluß der grie- 
chischen Philosophie auf die Predigt Jesu und die Anschauung 
der Synoptiker nur in einigen Ausdrücken, Metaphern und 
Gleichnissen wahrzunehmen sei, die den Inhalt wenig alterieren^. 
Von Matth. 5, 48 brauche ich nicht viel Worte zn machen. 
Clemen gibt selbst zu, daß der Sinn der Ermahnung „ihr 
sollt vollkommen sein" mit der stoischen Voratellung von der 
ethischen Vollkommenheit des Menschen nichts zu tun hat. 
Nur auf den Ausdruck t^z-eioq, meint er, könnte die grieuliische 
Philosophie eingewirkt haben, weil er sonst im Neuen Testament 
nirgends auf Gott angewendet wird. Aber ich halte diese 
Annahme nicht für geboten; denn das Wort j^leiog frird 
auch sonst im Neuen Testament so häufig angewendet und 
auch mit Gott wenigstens in so nahe Beziehung gebracht 
(Eöm. 12, 2; I Kor. 13, 10; Jak. 1, 25), daß dieses Prädikat 
ebensogut Gott direkt beigelegt werden konnte. Überdies 
paßt das Wort nicht ganz in den Zusammenhang, in welchem 
speziell von der erbarmenden Liebe die Rede ist, wie denn 
auch Lukas üly.TiQf.<vjv statt liXsioe liat. 

Eine Möglichkeit griechischen Einflusses findet Clemen 
ferner in dem Bild von den beiden Wegen (Matth. 7, 13). 
Die Lukasparallele, in der nur von einer engen Türe die 
Kede ist (13, 24), gibt natürlich keinen Anlaß an die pro- 
dizeische Fabel von den zwei Wegen zu denken. Bei Matthäus 
aber erseheint der Spruch in einer veränderten, mehr rhetorisch 
stilisierten Fassung, wie ja überhaupt die ganze Bergpredigt 



inhaltlich verwandte Stelle aus dem Neuett Testament zur Illustiation bei- 
gezogen. 

' Noch entschieden er spricht sieh Leipoldt aua in der bereits zitierten 
Stelle (aaO. 144), — Norden (aaO. 473) : „Wer in dem Stoff der synop- 
tischen Evangelien irgend weklien belleiiistischen Einfluß annimmt, begeht 
einen prinzipiellen Fehler." 



90 AdolE Bünhüffer 

bei ihm kunstvoller kompouiert ist. Nimmt man an. was mir 
wahrscheinlich ist, daß die Fassung bei Lukas die nrsprüiig- 
liche ist oder jedenfalls der „Redenquelle" näher steht ^ so 
würde sich allerdings die Erweiterung und Verschiebung, die 
der Spruch bei Matthäus erfahren hat, ganz hübsch erklären 
aus einer Kontamination des Jesusspruchs mit einer Reminis- 
zenz aus der griechischen Spruchweisheit. Indessen ist der 
Gedanke, die Verschiedenheit im moralischen Verhalten der 
McRScben durch das Büd von ver.'ichiedenen Plätzen oder 
Wegen zu veranschaulichen, auch dem Alten Testament ge- 
läuüg, man denke nur an den „Weg der Sünder" in Psaim 1, 
der als sein Korrelat natürlich auch einen Weg der Gterechten 
fordert ^ 

Aueb der Spruch „Kann man auch Trauben lesen von 
den Dornen oder Feigen von den Disteln?" (Matth. 7, 16J und 
der ähnliche bei Jak. 3, 12 (/») äövaiai avx.r: iXaiug jton'jßai 
^ Bf-iTieloi; avxa;) scheint mir nichts Hellenisches an sich zu 
tragen. Wetstein und Heinrici erinnern hiezu an Epiktet 11 
20, 18 : ricui; ^ÖQ öüvarai SftTiflog ftij äfiTishiiß/s xivelod-at, älk' 
ikaix&g, ij iXata itdXiv fiij iXa'Cxih(^ &H' &ft!i:eXriiiig; Aber schon 
rein äußerlich betrachtet ist die Ähnlichkeit gar nicht einmal 
so groß, wie sie auf den ersten Anblick zu sein scheint. Ab- 
gesehen von dem spezifisch griechischen, nur einem mit der 
griechischen Philosophie Vertrauten recht verständlichen 
Ausdruck äfiiteXixag y.ivilü!>ai ist bei Matthäus der Weinstock 



' Eine AniJeutniig daTon, daß die Version des Matthäus eine Ab- 
lenkung vom urspriiiigiiolicn Sinn erlitten hat, künnte man in der SehluB- 
wenduug erblicken »"i ö'Uyoi ihiv ol eiißiffnoj'ree «ür/Jr. Dieser Schluß 
Stimmt nicht zum Anfang, wo siifgefordeit ist enni Eingang- durch die 
enge Pfnrte, wie wenn diese für jeden erkennbar und erreichbar wäre. 
Das „Suchen" erinnert unwillkürlich an die FasBUng bei Lakas, obwohl es 
wieder mit dem Sich hin ein dräu gen oder Hindurch ringen sioh nicht ganz deckt. 

* Noch viel näher liegt es, an die jüdische Bildersprache zu denken, 
wenn A. Haraack Becht hat mit seiuer Verimituög, daß der Didache eine 
jüdische, auch im Barnnbasbrief benutzte Schrift „von den beiden Wegen" 
zugrunde liege (Die Apostellehre, Leipzig 1P86). Diese Ansieht ist neuer- 
dings Tua dem Stockholmer Eabbiner G. Klein wieder aufgenommen und 
näher ausgeführt worden (Der älteste christliclie Katechismus [Didache] 
und die jüdische Propagandaliterfttnr. Üerliu lü09]. 



Epiktet Tind das Neue Testament 91 

gar nicht genannt, nur die Traube, diese aber ist mit den 
Dornen in Verbindung gebracht, nicht mit dem Ölbaum, während 
die andere Syzygie, Feige und Distel, bei Epiktet ganz felilt. 
Näher berührt sich der Wortlaut des letzteren mit dem Ja- 
kobuswort, insofern beiden wenigstens die (naturwidrige) Vor- 
stellung einer Vertauschung der Früchte gemeinsam ist, wie- 
wohl bei Epiktet es nur im allgemeinen heißt, daß die Kebe 
sich nicht wie ein Ölbaum geben könne, und bei Jakobus 
Rebe und Feige und wiederum Feige und Ölbaum verbunden 
sind, während Epiktet, auch in dieser Kleinigkeit die strengere 
Gedankenzucht des Hellenen verratend, nur Rebe und Ölbaum 
in ein reziprokes Verhältnis setzt. 

Aber, wenn schon der Wortlaut sieh keineswegs deckt, 
so ist die Verschiedenheit des Sinnes eine so große, daß man 
wirklich nicht begreift, wie man im Ernste einen hellenischen 
Einfluß auf diese biblischen Bildersprüclie annehmen mag. 
Epiktet spricht an der genannten Stelle von seinem Erbfeind 
Epikur und dessen Inkonsequenz, kraft welcher er, der den 
reinsten Egoismus predige, doch so viel Mühe sich gebe mit 
Bücherschreiben, offenbar gedrungen von einem unwillkürlichen, 
unausrottbaren Ti'ieb des Menschen, seinen Mitmenschen zu 
nützen. „Etwas so Starkes und ünbesiegliches ist die Natur 
des Menschen", daß er ein wesentliches Stück seiner Aus-, 
stattung nicht ganz verleugnen kann, wenn er es gleich in 
seiner Verblendung will. Und nun folgt der Vergleich mit 
dem Weinstock, der unmöglich seine Natur verleugnen und 
etwa die des Ölbaums annehmen kann. Ebensowenig kann 
der Mensch die menschlichen Regungen und Triebe ganz und 
gar vertieren. Dies ist der Zusammenhang. Der Weinstock 
ist also in dieser Vergleichung verwendet lediglich als ein 
Stück der Natur, genauer als ein Naturorganismus, der 
mit Notwendigkeit seinem inneren Gesetz folgt; er kommt_ 
hier gar nicht in Betracht nach seiner Güte oder seinem 
Nutzen für die Menschen, und Epiktet hätte gerade so gut 
.sagen können „Wie kann der Dornstrauch anders denn als 
Dornstrauch sich gerieren, d. h. Dornen Iiervorbriugen?". In 
dem Spruch der Bergpredigt aber liegt das ganze Schwer- 
gewicht auf dem Q u a 1 i t ä t s u n t e r s c h i e d zwischen Trauben 



92 Adolf Bonhöfter 

und Domen, Feigen und Disteln, und aus der Qualität dei- 
Früchte (der Werke) wird auf die Qualität des Baumes (des 
MeDseheii) geschlossen '._ Der Sinn ist also im Grunde eher 
ein entgegengesetzter als ein verwandter: Jesus sagt, ein 
schlechter Mensch, wenn er gleich gute Grundsätze im Munde 
führt, -wird sich schließlich doch in seinem Tun und Handeln 
verraten; Epiktet sagt, ein Mensch wie Epikur, der die 
schlimmsten Gruuiisätze predigt, kann dennoch nicht ganz 
und gar den Menschen und das Gute, was von Xatur im Menschen 
liegt (man beachte auch hier den prinzipiellen Gegensatz 
beider Weltanschauimgen !) verleugnen. 

Ich habe die Verglcichung absichtlich so ausführlich an- 
gestellt, um an einem, wie mir scheint, eklatanten Beispiel 
zu zeigen, wie oberflächlich zuweilen mit der Ausbeutung und 
Ausdeutung solcher „Parallelen'' verfahren wird. Etwas gröfäer 
ist die Ähnlichkeit des Sinnes allerdings bei der Stelle des 
Jakübusbriefes. Hier ist in einer zwar mit heidnischen Federn 
geschmückten aber doch im ganzen echt jüdisch empfundenen 
und stilisierten Auslassung - die Hede von der Stacht der Zunge 

' Auf deu bedenklich dualistischen Chsraktoc des Syllogisinns will ich 
imi nebenher aatmciksam gemacht haben. 

' Auch J. Geffcken, der mit glücklichem Scharfsinn die Komposition 
des Stückes untersuulit liat (K.vnik« uad Verwandtes, Heidelberg 1909, 
8. 45 ff.) kommt darauf hinaus, dali der Verfasser des Briefs ein Stück einer 
judisch-hellenistischen Diatdbe seiner Ausführung uLiorganisch genug 
einverleibt habe. Dag Bild von den Rossen und Schiffen stammt zweifellos 
ans der profanen Literatur. Der Hauptgedanke dagegen von der Wichtig-keit 
der Zunge und ihrer Beherrschung ist echt jüdisch, wie ein Bjjck in die 
Bittest ament liehe Spruchliteratur zeigt. Ebenso muß der Vergleich von der 
Feige und Bebe am Schluß des Absehnitts nicht notwendig fremdes Material 
sein, da die Äedeu Jean diese Gewäcise ebenfalls gerne zur lUustration 
verwerten. Sehr nahe berührt sieh allerdiiigs mit der Jakobasstelle Plufarch 
de tranqn. an. 472f., wo ebenso, wenn auch in anderer Kombination, der 
Ölbaum als drittes Gewächs zum Zweck der Variation verwendet wird. 
Sicherlich nichts zu tun hat aber mit beiden Stellen das Wort des Epiktet. 
Denn bei ihm hat es nicht bloß einen ganz anderen Sinn — das würde ja 
an sich, wie Geffcken richtig betont, nicht gegen eine Entlehnung sprechen — 
sondern gar keinen sprich wörtlichen oder stereotypen Charakter, wie er 
denn die Eebc und die Feige mit VorÜehe, in ganz verschiedenem Zu- 
sammenhang iijid Knr VBran3chiuiIichi.iug der mannigfaltigsten Gedanken 
verwendet (X 4, 32; I 15, 3; III 34, 86; IV 1, 121). überhaupt seheitit es 



Epiktet miä das Neue Teetameat 93 

als des Organs, durcli welches sielt die Gesinnung des Menschen, 
die gute odev die böse äußert. , Durch sie loben wir Gott 
den Vater nnd durch sie fluchen wir den Mensehen, die nach 
dem Bilde Gottes gemacht sind. Es soll nicht, liebe Brüder, 
also sein. Quillet auch ein Brunnen ans einem Loch süß und 
bitter? Kann auch ein Feigenbaum Öibceren oder ein Wein- 
stock Feigen tragen?^' Der Verfasser exemplifiziert also in 
ähnlicher Weise wie Epiktet aus der Natur nnd begründet 
aus der Konstanz und Eindeutigkeit der Naturkräfte und 
Naturdinge seine Forderung, daß der Miensch die widerspruchs- 
volle Verbindung von Gut und Bös in seinen Reden und Taten 
ablegen und ein eindeutiges, natürlich ein gutes und heiliges 
Wesen offenbaren soll. Zur Veranschaulichung dieses Ge- 
dankens ist das Bild von der Quelle ganz geeignet, nicht aber 
da^ andere, denn es sollte, wenn es konform dem ersten wäre, 
etwa lauten: „Kann auch ein Feigenbaum Feigen und Gift- 
beeren tragen oder die Rebe Trauben und Nieswurz?" Nun 
darf man ja Eildervergleiche nicht pressen, aber die Gedanken- 
losigkeit ist in diesem Falle doch etwas stark, so daß man 
auf die Vermutung kommen kannte, der Verfasser habe sich, 
während er das erste Bild niederschrieb, an ein vielleicht 
aus dem Munde eines kynisch-stoischen Wanderpredigers ge- 
hörtes Wort erinnert und dieses zur Füllung seines eigenen 
Gedankenvorrats verwendet, ohne sieh darüber Rechenschaft 
zu geben, daß es eigentlich einen etwas anderen Sinn habe. 
Kehren wir nach dieser kleinen Abschweifung zu unserem 
Gegenstand zurück, so will Giemen auch bei dem Spruch „die 
Gesunden ^ bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken" 
(Mark. 2. 17 und Parall;) die nach Adolf Sonny {Ad Dionem 
ChrysosL analeda, Kioviae 1898, 180) auch von Adolf Jülicher 

mir nötig, hier schon auf das entschiedenste darauf auficerksam zu machen, 
daß zwiäcLen den wirklichen Diatriben z. B. Plutarchs rad denen Epiljtets 
ein himmelweiter Unterschied besteht. Die moralischen Traktate Plutarchs 
sind Diatriben, wenn sie g-leich nicht so heißen; die „Diatribeu" Epiliteta 
aber stehen, i» ihrer großen Mehrzahl wenigstens, hoch über dem, waa 
man ciae m oral philosophische Srnr^i-ß-; zu nennen pflegt, so hoch wie die 
Reden Jesn oder Pauli üher den Kommentaren eines Clemens oder Ongenes. 
' Mafth. (9, 12) lind Markus haben das Wurt lox,wrTi=, Lukas be- 
zeichnenderweise das gewöhnlichere vyiaivomi. 



94 Adolf Bonhöffev 

(Gleichnisreden Jesu, Freiburg 1899, II 177) angenonifflene 
Möglichkeit nicht von der Hand weisen, daß er im letztea 
Grunde der kyiiisch-stoischen Auffassung von der HBilaufgabe 
der Philosophie entsprossen sei. Epiktet besonders hat diesen 
Gedanken ausgesprochen in dem berühmten Worte III 23, 30: 
'Itn^siöv imtv ro roB ifdoaöipov o^olelov od Öel ijo^viag 
i^el&ilv &U: äly^,aavT<xg (vgl. a. III 21, 20ff.)\ Hier ist nun 
allerdings eine unleugbare Analoge vorhanden, insofern diese 
Philosophie wie die Verkündigung des Evangeliums von der 
Voraussetzung ausgeht, daß die meisten Menschen auf einem 
Irrweg oder in einem Zustand der inneren Verwahrlosung, 
der geistigen Abnormität sich befinden, und daß dieses Gefühl 
der inneren Unseligkeit vor allem vorhanden sein, beziehungs- 
weise geweckt werden muß, wenn etwas ausgerichtet werden 
soll. Aber es dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen 
werden. Im Evangelium will Jesus mit obigem Worte seinen 
den Pharisäern ärgerlichen Verkehr mit den „Zöllnern und 
Sündern" rechtfertigen, mit Leuten also, die unter ihrem Volke 
als sittlich anrüchig galten und wohl auch selbst ihres Makels 
sich bewußt waren. Der stoische Arzt aber ruft nicht etwa 
die Kranken zu sich, sondern wartet, bis sie, von einem 
dunklen Gefühl des Mangels getrieben, zu ihm kommen, um 
dann durch seinen das Gewissen packenden und die Gedanken 
kliirenden Vortrag in ihnen das Bewußtsein des großen 
Widerspruchs, die Erkenntnis ihrer Mangelhaftigkeit zu wecken. 
So hat nach Epiktets Zeugnis sein eigener Lehrer Musonius 
Kufus es verstanden, die Hörer in ihrem Gewissen zu treffen, 
so daß jeder glaubte, er sei bei ihm verraten worden: ovtms 
i';Ttrtw rä>v yivoj-ieviov, ovt(o rCQü oifd-ahidiv hiO-Bi rcc txdawv 
xaKrf (III 23, 29). Die Folge dieser Aufdeckung der inneren- 
Schäden ist ein bi'eunender Schmerz, der nun aber — und 
das ist ein zweiter wichtige)' Unterschied — nicht etwa auf 
einmal durch die verkündigte Sündenvergebung und ihre 
gläubige Erfassung gestillt wird, sondern sich oft wiederholen 
muß, bis i n geduldiger Arbeit an sich selbst die innere Er- 

' Diese Parallele liat natürlich aueh Edmumi Spieli in seinem „Logos 
Siiermatikos", Leipzig 1Ö71, einer äußerst rteiEigen, aber aucli sehr iin- 
kritiacheu Sammlnng you Psrallelstelleii zum Neuen Testament. 



Epiktet und das Neue Testitiiieiit 95 

neaetning Wurzel gefaßt hat und die Stufe des Fortsclireitenden 
{^fonörctti»') erreicht ist Wem Jesus ein Arzt werden soll, 
der muß in tiefer Trauer und Zerknirschung zu ihm kommen 
urtd geht getröstet im seiigen Bewußtsein der Vergebung von 
dannen. In Kpiktets Seliule kommt man vergnügt und leichten 
Herzens, geht aber mit verwundeter Seele heraus (oi öel 
fjOSirtag i^eld'Elv all' &i.yrjaavza$). 

Bei dieser trotz aller Verwandtschaft doch so großen 
Verschiedenheit in der Auffassung der Heilungsmethode und 
des Heilungsprozesses ist es schon von vornherein unwahr- 
scheinlich, daß das evangelische Bild vom Arzte aus der 
Philosophie entlehnt sein sollte. Das Alte Testament (Exod. 
15,26), besonders die Propheten' boten dafür hinlängliche An- 
knüpfungspunkte, ich erinnere nur an die berühmte Stelle 
aus .Tesajas 1, 5 ff,, wo der trostlose — äußere, aber auch 
innere Zustand des Volkes Gottes geschildert wird mit den 
Worten „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist 
matt" usw. Für Jesus selbst lag aber das Bild ohnedies nahe 
genug, da die Heilung der leiblich Kranken ein Hauptbeweis 
seiner göttlichen Sendung war und daher auch sein Werk an 
den Seelen sich ihm von selbst als eine ärztliche Tätigkeit dar- 
stellte, und seine Einladung an die „Kranken" liegt auf der- 
selben Linie mit seiner Seiigpreisung der geistig Armen, der 
Leidtragenden und seinem Lockruf an die Mühseligen und 
Beladenen (Matth. 11, 28). 

Für das von Jesus selbst als Spvichtwoi't bezeichnete 
„Arzt, hilf dir selber" (Luk. i, 23) weiß auch Giemen keine 
Parallele aus der griechischen und römischen Literatur an- 
zuführen, dagegen aus der jüdischen Tanchumah, hält es aber 
für möglich, daß das Gleichiiis auch da übernommen sei. Eine 
sprichwörtliche Redensart kann ja nun freilich am aller- 
leichtesten von einem Volk auf das andere übergehen; solange 
aber dieses. Sprichwort nicht wirklich nachgewiesen ist in der 
außerjüdisclien Literatur, haben wir gar keinen Grund die 
Entlehn ungsf rage aufzuwerfen, denn es wird niemand be- 
haupten wollen, es passe seinem Sinn oder seiner Form nach 
nicht in die Sprache der Juden. Im Gegenteil, die unwill- 
kürlich au die naqaßoh] erinnernden Spottrufe in der Leidens- 



96 Adolf Bonhöffer 

gescMchte „hilf dir selbst" usw. klingen echt jüdisch nnd man 
könnte sogar die Vermutung wagen, daß jene Parabel Luk. 4, 23, 
die im Zusammenhang der dortigen Rede keinen rechten Sinn 
gibt, eine ungeschickte, prophetisch sein sollende Yorwegnahme 
der Schmähung des Gekreuzigten set\ 

Ks ist wenig, sehr wenig, was Giemen von einem Einfluß der 
griechisch-römischen Philosophie auf die Synoptiker noch stehen 
läßt, und doch auch dieses Wenige dünkt mich noch zu viel. 
Auch was im Zusammenhang mit Stellen der Evangelien über 
Aussprüche anderer neutestamentl icher Schriften in obiger 
Richtung eingeräumt wird, dürfte einer genaueren Untersuchung 
kaum standhalten. So kann ich keineswegs beistimmen, wenn 
Giemen nach W. B. Smith (Der vorchristliche Jesus, Gießen 
J906) die metaphorische Verwendung der Begriffe o/roptf und 
aniq^m (in 1 Petri 1, 23; Jak. 1, 21; I Joh. 3, 9) aus dem 
stoischen Begriff des löyog aivs^fimmög herleitet. Man be- 
denkt dabei nicht, daß die Stoiker unter" dem Logos Sper- 
matikos gar nicht speziell die im Menschen oder im Weisen 
zur Entfaltung kommende Gottesgabe der Vernunft verstanden 
haben, sondern eine kosmische Potenz, die nicht bloß im 
Menschen, sondern in allem Organischen wirkt ^, die Trieb- 
kraft der ganzen Weltentwicklung, das was die Welt im 
Innersten zusammenhält und woraus sie sich periodenweise 
immer von neuem wieder bildet». Wie soll man nun an 
diesen umfassenden, durchaus philosophischen, und zwar mo- 
nistisch-philosophischen Begriff sieh erinnert fühlen, wenn im 
I Petrusbrief die Christen genannt werden &vayf.yEvviqßivot 
oiy. ix arco^Sq (pSaqTffi AXla &cpihi^TOv Öta Xöyov 'CffivTog S-eoD\ 
Damit ist doch gar nichts anderes ausgesprochen, als der 
auch sonst im Neuen Testament beliebte Gedanke, daß der 
Christ durch seinen Glauben Mitglied einer höheren Gemein- 
schaft wird, als es die auf leiblicher Abstammung beruhende 



' Auch J, Wellhausen (Das Evangelium Lacae, Berlin 1904, 10) flndet 
die Stelle aeltsam. 

* Die •f'iiiis definieren sie ala c|ib f.^ avrijs xivou/Upi^ xaxä (rnepfiari- 
tiovs ?.oyovs, Diog. L. VII 148. 

' Das TiSp ai&£ffJiSts, das beim Wdtbrand allein flbrig bleibt, ist das 
o:iippa der ganzen Weltentfaltnng. Diels, Doxogi-, gr,, Berlin 1879, 468. 



Epiktet und daa Kene TeBtameut 97 

Geschlechtsgemeinsehaft ist, Genosse einer hölieren geistigen 
Welt, die ein ewiges Leben verbürgt. In gewissem Sinn erlebt 
ja auch der stoische Weise in dem Augenblick, wo seine 
Weisheit perfekt wird, eine Wiedergeburt: nur haben die 
Stoiker diesen mystischen Ausdruck nicht gebraucht, und 
ihre „Wiedergeburt" vollzieht sich nicht durch den Logos 
Spermutikos, sondern durch den ).6yos im engeren Sinn, durch 
die vollkommene Ausbildung und Inthronisierung der Vernunft. 
Das Bild vom Samen und von der Zeugung ist aber ja 
gerade dem jüdischen Denken so naheliegend, daß man wahr- 
lich dafür nicht nach anderweitigen Parallelen suchen muß. 
Der Spruch in I Joh. 3, 9 («ae ö yeytvvrjftii'os h, rov Jeoö 
ältuQTlav od Tioiül, Srt GJtiQj.ia abvov h avzqi fiivsi) erklärt 
sich überdies ohne weiteres acs dem großen Gespräch Jesu 
über die Wiedergeburt oder die Geburt von oben im 3. Kapitel 
des Joh.-Evangeliums (Vers 3tf.), wenngleich das Wort ansQua 
daselbst nicht vorkommt. Mit der Stoa hat jedenfalls auch 
diese Stelle nicht das Mindeste gemein. Auch Epiktet spricht 
ja bekanntlich oft von der göttlichen Abstammung des Menschen ; 
aber er ist weit entfernt von der schroffen dualistischen 
Scheidung in Gotteskinder und Teufelskinder, welche ein be- 
zeichnender Zug der Johanneischen Literatur ist. Bei Jakobus 
1, 21 endlich ist vom Samen gar nicht die Kede, sondern nur 
von dem Mi*(pxnog Uyoq, den man annehmen soll, und der die 
Seelen erretten kann. Dieser Logos ist nicht die stoische 
Vernunft, geschweige denn der Logos Sperraatikos, sondern 
einfach das Wort Christi oder das neue Gesetz, das er ver- 
kündigt hat. Der Ausdruck 'iiitpmog, der übrigens auch schon 
in der Sap. Sal. 12, 10 vorkommt, erinnert hier allerdings an 
den stoischen Sprachgebrauch der sfitpvrot 'evvomt und n^o- 
X^ipeis, er ist aber in einem ganz ungriechischen und in einem 
entgegengesetzten Sinn als bei den Stoikern gebraucht. 
Während er hier gerade die natürliche, allgemein menschliche 
geistige Ausstattung bedeutet, versteht Jakobus, beziehungs- 
weise der Verfasser des Briefes eine bestimmte, historisch 
in Jesus aufgetretene Lehre, die übematürliche, geoffenbarte 
W ahrheit d es Evangeliums!' 

' Ebengo Barnabae- Brief 9, 9 if^vTos d/opeä SiSa-^s; ähnlich 1, 2. 

Religionagescbiebtliuhe Versuche u. Vurarbeiten X. 



98 Adolf Bonhöffer 

Was Giemen sodann im Anschluß an das Wort Jesu vöii 
den sivovxoi (Matth. 19, 12} über stoische Einflüsse auf die An- 
schauung des I Korintherbriefs über die Ehe sagt, besprechen 
■wir zweckmäßiger im Zusammenhang mit der Frage des Ver- 
hältnisses des Apostels Paulus zum Hellenismus überhaupt, 
zu der wir nnu übergehen. 



Dritter Abschnitt 

Paulus 

Selbstverständlich kann es sich im Rahmen der Aufgabe, 
die ich mir gesteckt habe, nicht darum handeln, dieses wichtige 
Thema, Über welches schon so viel geschrieben worden ist, 
und worüber die Ansichten so sehr auseinandergehen, in seinem 
ganzen Umfang und erschöpfend zu behandeln. Was uns hier 
interessiert, ist nur das Verhältnis des Apostels zur Stoa oder 
genauer zur kynisch-stoischen Popularphilosophie. Freilich 
ist durch diese nähere Begrenzung des Vergleichungsmaterials 
vielleicht nicht viel gewonnen; denn man kann wohl sagen, 
die größte geistige Macht, über welche das Griechentum in 
der Zeit des entstehenden Christentums verfügte, war eben 
die Macht der stoischen Gedanken, und was sonst noch Kraft 
und Geltung hatte in der griechisch-römischen Geisteswelt, 
war entweder, wie der Epikureismus und Skeptizismus, gar 
nicht dazu angetan, einen Mann wie Paulus anzuziehen, oder 
hatte, wie die wiederautlebende alte Akademie und die peri- 
patetische Philosophie, äo viel vom Stoizismus angenommen, 
daß sclüießlich doch in ihm sich alles ernstliche Wahrheit- 
suchen der Heiden für ihn verkörperte. So hat G. Heinrici 
in seiner Besprechung der schönen Abhandlung von E. Curtius 
über „Paulus in Athen" (Sitzungsberichte der Berl. Akademie 
d. Wiss., 1893) mit Recht getadelt, daß darin immer nur im 
allgemeinen von den Beziehungen Pauli zum hellenischen 
Wesen and Geistesleben die Rede sei, während sich doch 
dieselben viel bestimmter präzisieren lassen als Beeinflussung 
durch die kynisch-stoiache Philosophie (Theol. Lit.- Zeitung 
1894). Immerhin bedeutet es eine Vereinfachung des Problems, 



Epiktet uud daa Neue Testament 99 

wenn wir etwaige Einflüsse des Piatonismus odev Heraklitismus 
und besonders auch die neuerdings viel erörterten Berühningen 
mit der hermetischen nnd orphischen Literatur, mit dem 
Mysterienwesen und überhaupt der praktischen Keligionsübung 
in der griechisch-römischen Welt hier gänzlich aus dem Spiele 
lassen. Und auch innerhalb dieses enger umgrenzten Gebietes 
gedenke ich keineswegs alle in Betracht kommende Fragen, 
namentlich nicht die sprachlichen und stilistischen, eingehend 
zn behandeln, sondern nur das Wichtigste und für die Ver- 
gleiciiung mit Epiktet Interessanteste hervorzuheben. 

So sehr die Gelehrten zurzeit darüber einig sind, daß ein 
geistiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen den (synoptischen) 
Evangelien und der griechischen Philosophie so gut wie nicht 
besteht, so stimmen sie fast ebenso darin überein, daß die 
pauliniachen Briefe, welche, wenn anch nicht dem äußeren 
Umfang, so doch ihrer geistigen Bedeutung nach wohl allen 
übrigen neutestamentlichen Schriften zusammengenommen 
ebenbürtig sind, ganz unleugbare Spuren hellenistischen Ein- 
ilnsses an sich tragen. Über das Maß dieses Einflusses und 
seine Bedeutung für die paulinische Gedankenwelt und 
Missionsmethode sind natürlich die Anschauungen der einzelnen 
Forscher sehr verschieden: sie durchlaufen die ganze Stufen- 
leiter von der äußersten Skepsis eines Norden oder Nösgen 
bis zu der überschwenglichen -Apotheose des Hellenistischen 
an Paulus, auf welche Curtius in dem erwähnten Aufsatz 
hinausgekommen ist. Die augeführten Beispiele zeigen zu- 
gleich, daß nicht etwa die Philologen mehr auf dieser, die 
Theologen mehr auf jener Seite stehen, sondern daß die er- 
wähnten Gegensätze im einen wie im anderen Lager ver- 
treten sind. Ziemliehe Übereinstimmung herrscht aber trotz 
dieser Gegensätze über folgende zwei Punkte: erstens, daß 
die Übernahme hellenischen Gutes seitens des Apostels nicht 
auf literarischem Wege erfolgt ist ^ ; zweitens, daß das Über- 

' EeJtzeiifitein in seinem neueüteu Buche „Die liellenisti sehen Mysterien- 
religioneu", Leipzig nnd liorlin 1910, mäiclit hier allerdings eine Auanahme : 
„Die helleniatische religiäae Literatur muß er gelesen haben, ihre Sprache 
redet er, in ihre Gedanken hat er sich hin einy ersetzt" [S. Ö9). Icli fahle 
mich nicht Kustäiidig, das Recht oder Unrecht dieser Behauptung darzutuo, 

7* 



100 Adolt BonliiiSer 

nommene in der Hauptsache nicht den Kern seiner religiös 
ethischen Überzeugung berührt, aondem nur die Form oder 
solche Anschauungen betrifft, die zur Peripherie des Pau- 
linismns gehören '. 

Obwohl für unseren Zweck die Fragen der Kritik, was echt 
paulinisch und was unpaulinisch sei, eigentlich nicht in Betracht 
kommen, da wir es mit dem Neuen Testament in seiner Gesamt- 
heit zu tun haben, so sollen doch, um ein möglichst einheitliches 
Bild von dem Hellenismus des Paulus zu erhalten, zunächst nur 
diejenigen Dokumente berücksichtigt werden, deren Echtheit 
gegenwärtig ziemlich allgemein anerkannt ist, nämlich die 
vier großen Briefe und außerdem der Brief an die Phiiipper, 
der I an die Thessalonicher, der an Philemon und, mit Vor- 
behalt, der an die Kolosser*. Die übrigen „paulinischen" 
Briefe sowie die Apostelgeschichte, insbesondere die sogenannte 
Eede Pauli in Athen, die für seinen Hellenismus die dank- 
barsten AnhaltspUEkte gäbe, aber höchst wahrscheinlich ein 
späteres Produkt ist, werden also vorerst unberücksichtigt 
bleiben und erst später auf ihren heilenistisctien Gehalt ge- 
prüft werden. Auch bei den paulinischen Briefen können wir 
uns, wie bei den Synoptikern, im allgemeinen an die Dar- 
stellung Clemens anschließen, der nicht bloß die einschlägigen 
Stellen mit annähernder Vollständigkeit erörtert, sondern auch 
durch seine gesunden methodischen Grundsätze und sein maß- 
voll vermittelndes Urteil sich zum Führer gut eignet. Da- 
gegen will ich versuchen, statt der etwas trockenen Anein- 

begiiüge mich yielmeiir zu konstatieren, daß jedenfalls Epiktet seibst dieser 
Literatur ganz fern stellt, und die ohnedieB sehr fragliche BpeinflnsBiing 
des Paulns durch die Stoa nur noch unwahrscheinlicher wird, wenn Reitaeii- 
stein Eeeht hat. 

' Selbst Heinrici, der doch iu der Erklärung paaliuiseher Worte und 
Gedanken aas der Stoa ziemlich weit geht, spricht sich dahin aus, daß die 
eigentlichen Kraft^ineilen der Glanbensgedanken dea Apostels nicht ira 
Hellenismus, auch nicht im Alten 'L'estament oder dem späteren Judentum 
liegen, sondern im Evangelium Jesn (Theol. L.-Z. 1894, 210). Vgl. i. S. 87. 

" Wilhelm Brückner stützt seine Untersuchung über die Entstehung 
der paulinischen Christologie (Straßborg 1903) genau auf dieselben QueEen. 
Ich freae mich auch in diesem äußerliehen Ponkt mit ihm zusammen- 
zutreffen, wie ich auch seine Auffassung des Panlna in den wesentlichsten 
Zügen als richtig anerkenne. 



Epiktet unfl dw Kene Testimieut 101 

aiiderrejhting eine mehr systematische Einteilung des Stoffes 
zu geben, indem ich zuerst den Wortsehatz, dann den Stil, 
des weiteren einige besonders wichtige und bedeutungsvolle 
Wörter und Begriffe, endlich die Gedanken und Anschauungen 
des Apostels bespreche, alles natürlich nur soweit es für die 
Frage seines Hellenismus, beziehungsweise seines Verhältnisses 
zur Stoa in Betracht kommt. 

A. Der 'W'ortsehatz des Apostels Paulus 

Über dieses Thema hat vor etlichen Jahren Theod. Nägeli 
eine ausgezeichnete Monographie veroifentlicht, mit deren 
Aufstellungen ich mich im ganzen durclifius einverstanden 
erklären kann. Sie ist zwar in gewissem Sinn nur ein trunciis, 
insofern sie nur den ersten Teil eines vom Verfasser in Angriff 
genommenen Lexikons zu den pauliuischen Brieten bildet und 
ihre Belege nur den ersten fünf Buchstaben des Alphabets 
entnimmt. Aber dieser Bruchteil des Sprachschatzes ist in 
so mustergültiger Weise bearbeitet, daß die daraus gewonnenen 
Ergebnisse auch für das Ganze in Anspruch genommen werden 
können. Es ist deshalb gewiß zweckmäßig, wenn ich meinen 
eigenen, in sachlicher und sprachlicher Hinsicht natürlich viel 
enger begrenzten Beiträgen, eine kurze Übersicht über den 
Ertrag der Untersuchung Nägelis vorausschicke. In dem 
Streit zwischen Norden und Heinrjci nimmt er eine ver- 
mittelnde Stellung ein , indem er den Satz aufstellt ; die 
Schreibweise des Paulus ist weder unhelleuiseh noch im eigent- 
lichen Sinne literarisch geschult, sondern gehört (neben sehr 
begreiflichen Anklängen an die Septuagiuta) in den Bereich 
einer zwar unliterarischen, aber doch nicht eigentlich vulgären, 
sondern im Ausdruck gewandten Umgangssprache, die sich 
auch in den abstrakten Lebensgebieten v.m bewegen weiß (lÜ). 
Den Beweis hierfür, zunächst fiir den Wortschatz des Apostels, 
fühlt er in der Weise, daß er zuerst den klassischen Wort- 
schatz des Paulus untersucht, wobei er zu dem Ergebnis 
kommt, daß er von der klassizistisch-reaktionären Strömung, 
die einen Teil der Schriftsteller jener Zeit beherrscht, völlig- 
unberührt ist (a!^). Die Prüfung seines nachklassischen Wort- 
vorrats aber, die nun folgt, zeigt evident, daß Paulus seinem 



102 Adolf Bünhäffei' 

Sprachgebrauch nach als echter Hellenist sich daratellt, und 
zwar in dem doppelten Sinne, daß seiu Wortschatz einerseits 
in denselben spraehgescliichtlichen Zusammenhang gehört wie 
der des Poljbios, Diodor, Kpiktet und vieler hellenistischer 
Inschriften, andererseits aber in der landläufigen Umgangs- 
spraclie wurzelt, d. h. also sowohl an der höheren wie an 
der niederen Koivi] *â–  seinen Anteil hat (28. 40. 41). Besonders 
wichtig und ra. B. sehr richtig ist in diesem Zusammenhang 
der von Nägeli aufgestellte G-rundsatz, daß Wörter, die in 
der Profangräzität erst in nachpaulinischer Zeit (etwa bei 
Plutarch) zu belegen sind, darum nicht als Zeugen für ein 
selbständiges Juden- oder Bibelgriechisch anzusehen sind, 
sondern zweifellos schon im 1. -Jahrhundert in der Umgangs- 
sprache vorhanden waren (42). Was speziell die popuiar- 
phüosophische Terminologie betrifft, wie wir sie besonders 
durch die Diatriben des Epiktet kennen, so betont Nägeli 
mit Recht, daß Epiktet wie in der Lehre, so auch im sprach- 
lichen Ausdruck fern von Schulweisheit war: „er spricht die 
Sprache der zwanglosen Unterhaltung, der höheren Koivtj; und 
wenn wir besonders in ethischen Ausdrücken manche über- 
raschende Parallele zu Paulus bei Kpiktet finden, so darf uns' 
dies gerade als Bestätigung dafür dienen, daß Paulus nicht 
von der Schule abhängt, sondern aus dem allgemeinen Spraeh- 
gut schöpft" (21). 

Gegenüber der vielfach etwas zu allgemein und unbe- 
stimmt ausgesprochenen Behauptung, daß die Briefe des Paulus 
große Verwandtschaft zeigen mit dem Stil der kynisch- 
stoischen Üiatribe, wobei dann besonders an Epiktet gedacht 
wird, habe ich bereits darauf hingewiesen (8. 93 Änm.), daß 
Epiktet durchaus nicht der klassische Vertreter des Diatriben- 
Stils ist. Diatriben im eigentlichen Sinn des Wortes sind die, 
wenngleich populär gehaltenen so doch vorwiegend lehrhaft 
entwickelnden moralisierenden Abhandlungen, wie sie uns auf 
kynisch-stoischer Seite von Teles, Antipatros und Musonins 
erhaiteii sind \ Auch unter Epiktets Diatriben sind ähnliche 

' Daß die Grenze zwischen beiden eine tließende ist, versteht sieh 
von selbst unil wird auch yon Nägtli ausdcüuliÜch auBgesprechen (41). 

^ Auf die sehr wesentlichen Unterschiede in der Lehr- und Dar- 



Epiktet und das Nene Teatameut 103 

Stücke, ■wie z. B. die große Diatribe über die Freiheit oder 
jttf/l Kwiaf-ioü (IV 1 ; III 22) und manche andere. Aber die 
meisten sind keine lehrhaften Abhandlungen, sondern ans dem 
Angenbliek geborene, meist an eine äußere Veranlftssang oder 
Beobachtung: anknüpfende, im Gesprächston gehaltene Vorträge 
und Ergüsse, und diese ganz originell epiktetische Art bringt 
es mit sich, daß er vielfach sich mit der Vulgärsprache be- 
rührt. Dies hebt auch L, ßadermaeher in seinem Aufsatz 
Aber Besonderheiten der Koine-Syntax (Wiener Studien XXXI 
(1909) l IF.) hervor und wendet es in der Weise auf das Neue 
Testament an, daß in gewissem Sinne, d. h. was den be- 
haglicheren Ton der Unterhaltnng betriift, die Vei'fasser der 
Evangelien dem Epiktet näher stehen als Paulus, der in 
deutlichem Gegensatz zu ihnen seine Rede auf den Ton der 
Diatribe gestimmt habe. Daß Epiktet io der Tat ebenso wie 
Paulus (vielleicht noch mehr als dieser) neben der höheren 
auch die niedere Koine kultiviert hat, verkennt auch Nägeli 
nicht, denn Epiktet erscheint bei ihm als Zeuge sowohl für 
die der höheren als für die der niederen Koine angehörigen 
Wörter des Apostels (29ff. 38ff.). Auch P. Bleicher (aaO. 3) 
weist darauf hin, daß Epiktet schon wegen seiner niederen 
Herkunft in der Hauptsache die Vulgärsprache gesprochen 
Jiaben werde, die freilich von dem feiner gebildeten Arrian 
da nnd dort unabsichtlich poliert worden sei. 



9tellnng.sart der StoJker hat v. Äinim in seiner trefflichen Einleitang zu 
Heiner Ausgabe der 'H^ixi; STotxiibinie des Hieroi I es nachdrücklich anf- 
merkaam gemacht. Von den Popularphilosophen in der Art dea Dion von 
PriiHä üuterKcheidet er die Stuiker, welche ihren Schillern das System in 
streng wisseosohaftlieher rorni übermittelten. Diese selbst aber zeigen 
wieder Terscbiertene Abstufungen je nach der Stärke des rein wissenachaft- 
lichon Interesses. Ein ö heraus wertvolles Dokument der rein wissen- 
schnEtlichen Art ist eben das Buch des Hierokles, das ebensosehr von dea 
kahlen dosographischen Abrissen der stoischen Lehre absticht wie von den 
iinsachlielflich der piüktischen Ethik dienenden Vorträgen des Masonins und 
Epiktet. Zwischen diesen beiden selbst scheint mir aber nach dem Obigen 
wiederum eine merkliehe Abstnfnng vorznliegen, insofern Musonius mehr 
den eigentlichen Diatribenstil präsentiert, Epiktet aber diesen mit stärkerem 
Hervortreten seiner individuellen Originalität und eben deshalb mit einer 
gewissen AsnäheruDg an <lie Popularphilosophen handhabt. 



104 Ädölt Bonhölfer 

Neben der hellenistiscben Umgangssprache aber kommt nun 
als zweites Element, aus dem sich der paulinisclie Wortschatz 
rekrutiert, das Septuagintagriechisch in Betracht (59. 74). Dieses 
selbst wird freilich in neuerer Zeit (so besonders von Ueißmann 
und Kennedy) immer mehr der früher ttbiichen Isolierung 
entrückt und in den Eahmen der unliterarischen Koivri ein- 
bezogen. Immerhin nimmt die Septuaginta eine gewisse 
Sonderstellung ein, da sie ein Übersetzungsgriechisch ist, und 
durch die Wiedergabe des semitischen Originals sich viele 
ungriechische Konstruktionen und Redensarten in ihr ein- 
gebürgert haben, die auch bei Paulus zum Vorschein kommen, 
aber ebendeshalb nicht als Hebraismen, sondern besser als 
Septuagintismen zu bezeichnen wäre (60. 74). Neben der 
Septuaginta spielen eüdlicl) noch die griechischen Apokryphen 
des Alten Testaments herein, mit deren der höheren lite- 
rarischen Koivri angehörigem Wortschatz Paulus sich ebenfalls 
berührt, ohne daß deshalb eine bedeutendere lexikalische Ab- 
hängigkeit von jenen angenommen werden müßte. So be- 
stätigt sich also auch hier, wie bei der Vcrgleichung mit der 
Profangräzität, die Wahrnehmung, daß Paulus als echter 
Hellenist sowohl die niedere als die liöhere Koiv^ sich an- 
geeignet hat: „bei aller pietätvollen Anlehnung an die Klang- 
farbe der Septuaginta nimmt er aus der Umgangssprache der 
ihn umgebenden Hellenisten, auch der Gebildeten, harmlos in 
seinen Sprachschatz auf, was ihm zum klaren Aussprechen 
seiner weltbewegenden Gedanken dienen kann" (74). 

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse Nägelis versuche 
ich nun den Wortschatz des Paulus mit dem des Epiktet zu 
vergleichen, um feststellen zu können, ob er wirklich, wie 
vielfach angenommen wird, besonders viel von der moralphiio- 
sophisehen Terminologie übernommen hat, so daß man be- 
rechtigt wäre, von einer Abhängigkeit des Apostels von der ' 
Stoa zu reden. Ich habe diejenigen Wörter des Neuen Testa- 
ments, die irgendwie vom Standpunkt der Vergleichung mit 
der Stoa aus wichtig oder bezeichnend sind und sich bei 
Epiktet nicht finden, ebenso umgekehrt die für Epiktet charak- ■ 
teristischen, die im Neuen Testament nicht vertreten sind, 
zusammengestellt, endlich auch diejenigen, welche beiden Teilen 



Epiktet Biiii das Neue Testament 106 

gemeinsam sind, wobei die Auswahl wiederum von obigen 
Gesichtspunkten geleitet war. Diese Listen werden aber erst 
im zweiten Bncli gegeben werden, da ich sie weniger zur 
Eotseheidung der Äbhängigkeitsfrage als rein zur Vergleichung 
benutzen will. Aus der letztgenannten Liste will ich aber 
hier, wo es sieh, wie bei Paulus, noch stark um die Ab- 
hängigkeitsfrage handelt, einen Ausschnitt jetzt schon geben, 
der diejenigen irgendwie bedeutsamen Wörter enthält, welche 
Paulus und er allein (mit wenigen Ausnahmen) mit Epiktet 
gemeinsam hat. Ich fülire zunächst die in den anerkannten 
Briefen sich findenden Wörter an, hernach diejenigen, welche 
nur im Epheserbrief (sofern es sich nicht um Parallelstellen 
zum Kolosserbrief handelt), II Thessalonicher und den Pastoral- 
briefen vorkommen, und glaube, hierin im Gegensatz zu Nägeli 
(76), daß diese Trennung immerhin manches Lehrreiche bietete 
Es sind folgende: 

txiaO-rjaig 'Urteilsvermögen' (Nägeli), vielleicht genauer 
'sittlicher Takt' (Phil. 1, 9). Die Verbindung ev ifiiyvdioei 
xul 7cäaTi ala-D-ijfJBi. ist so unstoisch als möglich. Bei den 
Stoikern bedeutet ai'a'^)]oii; die 'sinnliche Wahrnehmung', 
weiterhin auch, die 'geistige Wahrnehmung* (E= Register); in 
letzterem Sinne nähert es sich bei Epiktet wohl zuweilen der 
Bedeutung 'Erkenntnis', muß aber dann einen Genetiv des 
Objekts bei sich haben {z. B. I 26, 15 a'iaSriais toU löiov 
iffmovivMv jt&g 'ixei), da es seine eigentliche formale Be- 
deutung eines Erkenntnismittels oder eines Wahrnehraungs- 
vorgangs nie ganjz verleugnen kann. Dagegen ist der absolute, 
inhaltlich bestimmte Gebrauch des Wortes, neben anderen Be- 
deutungen wie 'sinnliches Geführ, in der Septuaginta und 
den Apokryphen mehrfach nachzuweisen und in den Prov. 
sogar die Regel. 

alaxQoloyia Kol. 3, 8 gehört nach Nägeli, wie auch cä- 
o$-tjOis, zu den gewählteren, der Literatursprache anscheinend 
näher stehenden Ausdrücken. Spezifisch stoisch ist das Wort 
keineswegs, wogegen allerdings die Sache den Stoikenij die 
besonders energisch auf die Heiligung des ganzen Lebens und 
Gebarens, auch im Reden, drangen, sehr am Herzen lag, wie 
man aus Epiktet sieht. Im griechischen Alten Testament 



106 Adolf BoubSScr 

kommt es nicht vor, dagegen in der Apostellehre (Did. 5, 1), 
was vielleicht ein Fingerzeig dafür ist, daß der betreffende 
Spruch des Kolosserbriefes nachpaulinisch ist. 

äxaS-agata metaphorisch von etliischer Unreinheit, öfter 
bei Paulus (darunter zweimal im Epheserbrief), von NägeJi 
zu den Fällen von gewählterer Diktion gerechnet und als 
ein paulinisches Lieblingswort betrachtet, dessen Fehlen in 
den Pastoralbriefen als argumentum gegen die Echtheit ver- 
wendet wird. Auch dieses Wort ist übrigens weder speziell 
stoisch, noch fehlt es in obiger Bedeutung bei A und S \ ist 
vielmehr, namentlich bei A und den Propheten, im moralischen 
Sinne ziemlich häufig. Von den Patres hat es nur der Bar- 
nabasbrief. 

älvuog 'getrost' (Nägeli), 'unbesorgt', nur Phil. 2, 28. 
Nägeli rechnet es zu den dem jonisehen Sprachkreis ange- 
höj'igen und deshalb auch in der Koine geläufigen, besonders 
in Briefen beliebten Wörtern. Es findet sich weder bei AS 
noch bei P. Dagegen ist nun dies allerdings ein Wort, das 
in der stoischen Lehre eine wichtige Rolle spielt, weil es ein 
Stück der von den Stoikern erstrebten ändana bildet. So 
ist es denn auch bei Epiktet mit seinen Synonymen Hipoßos. 
ördpKxos recht häufig. An eine Entlehnung aus der Stoa ist 
•aber um so weniger zu denken, als es von Paulus ganz im 
natürlichen Sinne und sogar im Komparativ gebraucht wird, 
was der Stoiker gar nicht verstehen würde. Da muß der 
Mensch schlechthin filvnos sein nnd wer von sich sagt, daß 
er (durch ein äußeres Ereignis) äU'n:ÖT£^oq werde, gibt damit 
zu, daß er voltständige äXvTtia nicht besitzt nnd erstrebt, 
jedenfalls sie nicht durch eigene Kraft für erreichbar hält. 

äfietavöijtos 'unbußfertig' (Mag.) nur Eöm. 2, 5. Findet 
sieh weder bei AS noch bei P, in der Profangräzität, abge- 
sehen von Epiktet, erst bei Lukian, auf Papyri von der 
Kaiserzeit an, aber in passivem Sinn = 'unwiderruflich' (Nag.) 

' Mit i beaeiehne ich im folgenden kurzerhand die alttestaraentlichea 
Apokryphen, mit S die Septuaginta im eogereu Sinne, J. h. die griechische 
UbersetBong der kanonischen Böeher des Alten Testaments, mit AS da» 
ganze griechische Alte TcBtament, mit P die Patres apostoUci. 



Epiktet und dc^ Heue Testament 107 

oder 'nnverbrüchlich'. Auch bei Epiktet ist es ein Htco^ 

Xeyöfitvov und zwar in einem Fragment {Diss. fr. 25, Schw. 71), 
das überdies einigermaßen verdäehtiK ist^ Die Bedeutnng 
des Wortes ist jedoch hier ganz verscliieden, ja entgegen- 
gesetzt derjenigen bei Paulus, '^furavöiiros d. h. 'von Reue 
befreit' zu sein erscheint nämlich als ein IdeaP, während 
Paulus den schwersten sittlichen Defekt damit bezeichnet 
Von einer Anlehnung an den Btoisehen Sprachgebrauch kann 
also nicht die Rede sein ; wir haben vielmehr ein interessantes 
Beispiel davon, wie zwei Autoren ans einem geläufigen, aber 
ganz verschieden aufgefaßten Begriff (fiettivoia, fisiuvonv) das- 
selbe Kompositum bilden und auf diesem Wege zu ganz ent- 
gegengesetzten Begriffen kommen. Sollte das Epiktet- Fragment 
unecht sein, so ist doch die Sache selbst, nämlich die Ver- 
werfung der furdvoia und die Erhebung der Keuelosigkeit zu 
einem Ideal dem Epiktet ganz bekannt und aus dem Herze» 
gesprochen (II 22, 35 o&'rwt; Üotai hqCjtov tüv aörog iai-riii ui} 
loiäopovfiivog, /.li} ftax^t-firog, fiij fieTCivo&v, fiij ßaaavi^iov 
kaviöv. Ench. 34). Übrigens auch der passiven Bedeutung des 
Wortes liegt diese Vorstellung zugrunde, daß die /isidvota etwas 
Verwerfliches ist, und so spiegelt sich in diesem Worte gewisser- 
maßen der Gegensatz des antiken und des christliehen Denkens. 



' Seinem allgemeinen Sinne nach hat der Sprach Ja wohl nichts Uu- 
epiktetiäclies, besonders das /tf/ivTiuo Sit ^ueffos el, paßt ganz zh ihm. Da- 
gegen sind nicht bloß die meisten anderen Wörter entweder gac nicht 
(aa-BTHoie, äiTBiiij, d/mav6>jTee, ärtv&vvot, Siayiyveo&at) uder nicilt in der- 
selben Bedentnng in unaeiein Arrianischen Epiktet nachzuweisen (inixei^Eti- 
itvi von Personen, T^aUyaiv von der au sich selbst gerichteten Erinnerung), 
sondern einzelne stimmen nueh inhaltlich nicht zur Aiisdrncks- und Urteüs- 
weise Epiktete: die äniih] hätte er wohl nicht gestattet, da sie etwas 
Affekfmüßiges hat und außerdem sinnlos ist, wo die Androhung äußerer 
Übel keine Übel androht, das Drohen mit wahren Übeln aber die Kom- 
petenz des Menschen überschreitet. Noch in höherem Grade nnepiktetisch 
erscheint mir das Wort ä.vti&vvoe, oh man es nun mehr äußerlich gleich - 
'vorwurfsfrei', 'unsträflich' oder als nnschuldig' im moralischen Sinne ver- 
steht ; in beiden Fällen ist der Gedanke für Epiktet viel zu matt, im ersteren 
aber'vollends fremdartig, da er mit der Erwägung, wie man in den Angea 
der Menschen dasteht, gar nicht operiert. 

' Wenn Nägeli sagt, es stehe nicht in tadelndem Sinne, eo ist dies 
KU schwach an?gedrilckt. 



108 Adolf Bonhöfier 

äjteQiajTdazüig 'ungehindert', nicht abgezogen (^urch äußere 
und namentlich durch innerliche Hemmnisse), 'mit geKammeltem 
Gemüt' (I Kor. 7, 39). Ein hellenistisches, besonders bei den 
Stoikern beliebtes Wort, schon von Antipatros (bei Stobaios) 
und Polybios gebraucht, findet sieh zweimal bei Ä, einmal bei 
P, mehrmals bei Epiktet. 

änXöir^s'^ wird im Neuen Testament nur von Paulus 
(Epheserbrief eingeschlossen) gebraucht und zwar, wie auch 
bei AS, in der allgemeinen geläufigen Bedeutung 'Einfalt', 
'Aufrichtigkeit'. An einigen Stellen dagegen (II Kor. 8, 2; 
9, U und 13) glauben die Lexikographen die speziellere Be- 
deutung 'Freigebigkeit' annehmen zu miissen, so daß Nägeli 
das Wort (in dieser Bedeutung) zu den spezifisch christlichen 
Wörtern rechnet. Es scheint mir aber kein zwingender Grund 
dazu vorzuliegen; denn die Stellen, die in Betracht kommen, 
gehören zu jenen wortreichen, aus der Überfülle des Gemüts 
hervorquellenden Wendungen, die schwer zu übersetzen sind, 
weil die Begriffe, mit denen Paulus operiert, nicht scharf ge- 
faßt, und ihre Beziehungen nur gleichsam angedeutet sind. 
An der letztgenannten Stelle liegt überdies die Vorstellnng 
der Freigebigkeit eher in dem Wort mivLovia als in ä/ilÖTtjg 
und das letztere bezeichnet mehr die Form des Gebens oder 
die ihm zugrunde liegende Gesinnung, ganz wie Köm. 12, 8 
(6 /tuTüöiöobs ev ctTtlÖTfjZL). Andererseits ist der Umfang des 
Begriffes &7t).ovii und äitlütrjq auch im profanen Griechisch 
so weit, daß auch die Gutherzigkeit und Freigebigkeit darin 
ausgedrückt sein kann. Das zeigt besonders Mark Aurel, der 
dieses Wort als Lieblirgswort gebraucht, freilich meistens in 
einem viel innerlicheren Sinn, aber doch auch zuweilen so, 
daß es als Synonymon zu 'gütig', 'wohlwollend' gelten kann 
(XI 15 äya&og xai anlovq y.ai evftsrijg). 

ä^M^ m der klassischen Bedeutung 'Tugend' kommt bei 
Paulus nur Phil. 4, 8 vor^, während es in S entweder in der 

' !eh habe das Wort anf genommen obffleich es bei Epiktet sich niclit 
findet, da dieses Fehlen wohl mir zufällig ist, und M. Aurel es um so häufiger 
gebraucht. 

' Die »edeutuii^ von d^izi; in II Petri 1, ö igt tiifM ganz klar, DaÜ 
zu TzioTie die a'pei?? hijiziikoinmeii, odei- vielmehr aus ihr hervorgeheu soll. 



Bpiktet nnd das Nene Testoment 109 

farbloseren Bedeutung 'Lob' oder speziell von 'göttlicher 
Kraft' (so auch I Petri 2, 9 und 11 Petri 1, 3) gebraucht wird. 
Nägeli meint, der Apostel habe es in früheren Jahren als an 
lieidnische Vorstellungen anknüpfend vermieden, aber in Korn 
dann doch angenommen. Mir will es eher scheinen, als ob 
das Auffallende dieses einmaligen Gebrauchs sich besser da- 
durch erkläre, wenn man die betreffende Stelle, die auch 
sonst stark an die moralphilosophische Terminologie anklingt, 
als spätere Zutat auffaßt, wofern man nicht vorzieht &str^ 
auch hier als Synonymon von E7tai.voe anzusehen, mit dem es 
enge verbunden ist. An stoischen Einfluß speziell braucht 
man jedenfalls nicht zu denken. 

&oyr,novko zweimal im I Koriiitherbrief, von Nägeli über- 
gangen. Auch änyrn-it^v nur bei Paulas, &üyr,uoisvvri außer 
bei ihm nur noch in der Apokalypse, jedoch in der spezifisch 
alttestamentlichen Bedeutung 'Blöße'. Paulus fand diese drei 
Worte in seiner grieehisclien Bibel, wo sie freilich fast nur 
in der engereu Bedeutung der objektiven oder der geschlecht- 
lichen Unanständigkeit gebraucht werden. Die weitere Be- 
deutung, in welcher äanri^iovelv namentlich I Kor. 13, 5 ver- 
wendet wird, mag immerhin dem hellenistischen, wenn auch 
nicht gerade dem stoischen Sprachgebrauch entnommen sein i. 

ai%äQ-A.v,q in der Bedeutung 'genügsam' (Phil. 4, 9) findet sich 
auch bei A. gewöhnlicher ist jedoch in ASdieobjektive Bedeutung 

'hinreichend'. Von der spezifisch stoischen, inhaltsschweren 
Bedeutung 'sich selbst genügend', 'unabhängig' (von irgend 

•ibt ja einen guteil Sinn. Wenn aber in der «p«>J wieder die r™<"^- sich 
zeigen m dieser dann wieder die i^-xj-d-r«« glciehanni cingescb achtelt sem 
soll und so fort, so ist es nicht gana leieht, Jen Gedaukengang zu verstehen, 
auch wenn mun, übrigens in ziemlich williür lieber Exegese, unter y^«.«« 
die ethische Einsicht versteht. Jerteutalls wird dnrch die Ahleitnng der 
yvo-o^i ans der A^^^ die Bedeutung der letzteren als der sittlichen TuehtiRkeit 
wieder etwas zweifelhaft. 

' Daß dox'^«'" und £'Vxf>i-" echt griechische BegriFle sind, zeigt 
Leopold Schmidt in aeinec „Ethik der alten Griechen" ßerlm 1883 (s. das 
Register in Band 2). Wenn er freilich Aaxinim,' mit 'haltüngslos iiber- 
setat, so ist dies, jedenfalls für Epiitet, zu schwach ausgedruckt; bei ihm 
bedeutet dax,if,oveiv entweder 'sich schamlos oder unanständis: gebärden 
oder 'sich blamieren'. 



110 Adoü BonhBffer 

eiaeiu äußeren Gut) findet sich im Neuen Testament keine 
Spur, auch nicht in dem Hauptwort airä^xeia, das II Kor. 9, 8, 
allerdings in einem umfassenderen, auch die geistigen Güter 
einschließenden Sinn gebraucht wird. Aber daß es nicht die 
stoische adiägyeia ist, zeigt schon der Beisatz Tidnoze nSaav 
avT(xQX£iav k'xorT€g. und ist ohnedies klar, da Selbstgenögsamkeit 
und Gnadenhewußtsein nicht zusammenpassen. Auch I Tim. 
6, 6 bedeutet das Wort nichts weiter als Grenügsamkeit. Bei 
Epiktet findet sich übrigens nur das Substantiv afiTÖ^xeia und 
zwar in einem Fragment, das ohne Zweifel unecht ist, unter 
anderem auch deshalb, weil die aörtiQXEia gar nicht im vollen, 
stoischen Sinn gebraucht ist (Schw 27 = Sclienkl 466, 16.) 

&(prj in Xol. 2, 19 (und Parallele Eph. 4, 16) ist In einer 
Weise gebraucht, die nicht bloß von S abweicht, wo es 'Wunde', 
'Schaden' bedeutet, sondern auch in der Profangräzität keinen 
genauen Beleg hat. Während in Kol. 2, 19 durch die Ver- 
bindung mit dem Wort avvdEaaog mehr eine konkrete Be- 
deutung ('Band', 'Gelenk') nahegelegt wird, muß man bei der 
Epheserparallele eher an die abstrakte Bedeutung 'Zusammen- 
hang', 'Ineinandergreifen' denken. Jedenfalls ist dieser Aus- 
druclf gut griechisch; die spezifisch stoische Bedeutung 
'Tastsinn', 'sinnliches Gefühl' haben wir an keiner der beiden 
Stellen, wiewohl sie nicht soweit abliegt, besonders wenn wir 
unter den arptzi in Kol. 2, 19 etwas wie die Nervenfasern ver- 
stehen dürften. 

äcpo^ftV; 'Ausgangspunkt', 'Veranlassung', 'Gelegenheit', 
'Handhabe', ist eines der sowohi in der klassischen wie in der 
späteren griechischen Literatur sehr gebräuchlichen Wörter, 
die sich im Neuen Testament nur bei Paulus finden (außer 
in Rom., 11 Kor. und Gal. auch in I Tim. 5, 14). Seine An- 
wendung in S ist so spärlich und unklar, daß er es nicht 
hieraus geschöpft haben kann ; nur in III Makk. 3, 2 kommt 
es bestimmt in obiger Bedeutung vor. Auch Epiktet gebraucht 
das Wort sehr viel; freilich eine Kenntnis der danebenber 
laufenden, ganz apart stoischen Bedeutung 'Abneigung', 
■Widerstreben' (Gegensatz zu ö$i,t^ 'Trieb zum Handeln') dürfen 
wir bei dem Apostel nicht voraussetzen. Für eine Einwirkung- 
der Stoa beweist also auch dieses Wort nichts. 



Ei)ittet und das Nene Testament 111 

SäxvM^ im Neuen Testament nur Gal. 5, 15 und zwar 

nicht im bueLstäbliclien , sondern im übertragenen Sinn ge- 
braucht von der feindseligen Gehässigkeit gegen die Neben- 
menschen. Auch dem Epiktet ist dieses Bild nicht fremd zur 
Bezeichnung der Lieblosigkeit gegen andere (IV 1, 122 was 
ist seine — des Menschen — Natur ? dä-xveiv xal lanTl^Biv xtX. ? 
Ahnlich ist XV 5, 21 SiiKvuv und laxTlteiv, II 22, 28 öäxvetv 
und XoiäoQSia&ai verbunden) oder überhaupt dessen, was wehe 
tut oder schadet (II 1, 17 der Tod ist ein Popanz: siehst du 
genauer zu, so wirst du erkennen ^&s oi ääxvEt). Aber be- 
deutsamer und eigentümlicher, wenn auch keineswegs der 
klassischen Sprache fremd, ja schon bei Homer vorkommend, 
ist bei Epiktet die vertiefte Bedeutung des Sdxvuv und öäy.- 
veaä-ai 'innerlich wehe tun', 'ärgern'. In diesem Sinne wird 
es bei ihm zu einem wirklichen terminus tcchnicus und das 
ftij Sd-AVf-a^m (z. B. über Glück und Bevorzugung des Nächsten, 
über das Urteil der Leute) wird ihm zu einem Prüfstein dafür, 
daß jemand gebildet, respektive auf dem Weg zur Bildung 
ist (III 2, 8; IV 6, 10; IV 8, 23 und ähnlich Ench. 46, 2). Ja 
noch allgemeiner gebraucht er das Wort zur Bezeichnung 
aller der unwillkürlichen, von der Außenwelt ausgehenden An- 
reizungen zu irgend welcher affektmäßigen, also unvernünftigen 
Gemütsbewegung (III 24, 108 'örav ae »' (pavraoia &äv.vri . . . 
Avaiitixov i({> ?-6y(j3). Auch hier zeigt sich also wieder, daß 
Paulus gerade diejenige Wortbedeutung, welche die Stoiker 
zwar nicht geschöpft, aber doch besonders ausgebildet haben, 
nicht zu kennen scheint, jedenfalls nicht anwendet. Sie findet 
sich dagegen im Bamabasbrief 

döaig xal lilipis. Das Wort äi'mg allein, in dem gewöhn- 
lichen, auch bei AS geläufigen Sinn 'Gabe', 'Geschenk' kommt 
im Neuen Testament nur Jak. 1, 17 vor. Die Verbindung 
mit Af7i/"e in der Bedeutung 'Ausgabe' und 'Einnahme', 
'üeehnmigsführung' (Phil. 4, 15) konnte Paulus dem Buch 
Siraeh entnehmen (Sir. 41, 19; 42, 7). So spricht Epiktet von 
den äy.aT(ii.).7jXoi }.r,ipeig xal däau^, welche den Habsüchtigen 
charakteiisieren (II 9, 12). Aber er gebraucht das Wort auch 



Von Kftgeii Übergangen, wie aiieli die fulgenden Tier Wörter. 



112 Adolf Bonhöffer 

in der spezifisch stoischen Bedeutung ' Wertschätzung' ^ (II 22, 30), 
die â– wiederum dem Apostel fremd zu sein scheint. 

hiSrjiiiui 'verreisen*, 'über Land gehen' lesen wir einmal 
bei Epiktet, der es hier oifenbar nur gebraucht zur Ab- 
wechslung mit dem gewöhnlichen &rco5rinüv (I 4, 23J. Paulus 
wendet, das Wort nebst seinem Gegensatz ivdr^fteui bildlich 
in jener schönen Stelle des IT Korintherbriefes (5, 6if.) au, 
wo er das Heimischsein im Leibe ein Feniseiu vom Herren 
nennt und das Verlassen des Leibes als die Bedingung der 
vollen Vereinigung mit dem k6qios ersehnt. Das Wort selbst 
kommt schon bei Piaton, dann namentlich bei Plutarcli vor, 
In der griechischen Bibel findet es sich nicht, dagegen einmal 
das Substantiv höi^fUa (III Makk. 4, 11), das aucli Polybios kennt. 

hxXivb} ist ein überaus häufiges Wort der griechischen 
Bibel und kommt hier in den verschiedensten Bedeutungen 
fabweichen'', 'abwenden*, 'verführen', 'ausbiegen' oder 
'krümmen* usw.) und Konstruktionen vor (meist mit ätiö, so- 
dann mit hl, TtQ^g und eis, auch absolut, ferner mit Akkusativ, 
ja sogar mit Infinitiv). Die im späteren Griechisch von Poly- 
bios an häufiger werdende Bedeutung 'meiden*, die dann bei 
Epiktet als Gegenstück zum d^iysa&ai geradezu als ein 
Fundaraentalbegriff seiner Psychologie und Ethik erscheint, 
taucht auch in den späteren, hellenistisch gefärbten Schriften 
des Alten Testaments, so in den Proverbia und bei Sirach 
auf, ebenso später bei den Patres apostoUci (Ignat. ad Ephes. 
7, 1: ovs äel vfiSs äis -S-q^la exxlhfiv). Bei Paulus finden wir 
es zweimal, einmal absolut in einem Zitat aus den Psalmen 
(Rom. 3, 12, ähnlich I Petri 3, 11), dann mit ärtö in dem der 
Septuaginta geläufigen Sinn 'sich abkehren von' (Köm. 16, 17). 

s-AiÜp und ixKOJv finden sieh beide im Neuen Testament 
nur bei Paulus. Von äxiuv sagt Nägeli, daß es in der Um- 
gangssprache etwas zurücktrete. Dasselbe wird auch von 
ixdir gelten können. Wir können also hierin mit MägeU 
immerhin eine gewisse Annäherung an das literarische Grie- 
chisch erblicken, wiewohl beide AVörter, wenn auch selten, in 
AS sich finden. Ziemlich häufig ist hier dagegen die Form 

'B'Eeg. 



Epiktet nnd das Neue TesUment 113 

äw^atog und Exovaiog, von welchen das letztere sich auch im 
Neuen Testament, und zwar ebenfalls nur bei Paulus (Philem. 14) 
findet, während das Adverb auch Hebr. 10, 26 und I Petri 5, 2 
vorkommt. Epiktet hat äxwc, hubv und &xoi/aiog. Eine Ver- 
trautheit des Apostels mit dem stoischen Sprachgebraach läßt 
sich daraus nicht ableiten. Die Frage aber, ob — wie manche 
meinen — das Hervortreten solcher auf die Freiheit des 
Willens bezüglicher Begriffe überhaupt für eine Anlehnung des 
Paulus an den stoischen Gedankenkreis spreche, ist in einem 
anderen Zusammenhang zu behandeln. Daß exo'iv bei P wieder 
häufiger auftritt, kann nicht wundem. 

ivT^i7tat, enqiTio^tat ist ein Wort, das, von Homer an ge- 
bräuchlich, im Lauf der Zeit einen reichen Inhalt aus sich 
heraus entwickelt hat. Im klassisclien Griechisch fast nur 
im Medium oder Passiv gebraucht, läßt es in seiner Ursprung- 
liehen Bedeutung 'sich rühren lassen', 'sich zu Herzen nehmen' 
die etymologische Ableitung deutlich erkennen. Die innere 
Bewegung kann nun aber freilich nach verschiedenen Seiten 
sich äußern: wo eine solche erwartet wird, bedeutet Ivtqe- 
jieaS-ai das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Hartherzigkeit; 
wo jedoch ein fester Entschluß am Platze ist, wird es ver- 
werflich und gleichbedeutend mit 'zögern', 'sehwanken', wie 
z. B. bei Sophokles Oed. Kol. 1538. Als Hauptbedeutung 
tritt aber doch immer mehr die des Sich Kümmerns am etwas 
hervor, so namentlich bei Polybios, der das Wort sehr gerne 
gebraucht. Bei ihm entwickelt sich jedoch daneben auch die 
engere, ethische Bedeutung und zwar in der doppelten Aus- 
gestaltung 'sich schämen' und 'jemand scheuen'. Beide Be- 
deutungen finden sich auch im griechischen Alten Testament, 
nur daß die erstere häufiger passivisch ("beschämt werden') 
und zwar in dem objektiven Sinn 'zu Schanden werden' auf- 
tritt, während die tiefere, subjektive Bedeutung 'sich schämen', 
'sich demütigen' (im Gefühl einer Schuld) seltener ist. Im 
Neuen Testament kommt es in der Bedeutung 'sich scheuen 
vor jemand' mehrmals vor, nur Paulus gebraucht das Activum 
im Sinn von 'beschämen', aber merkwürdigerweise als Gegen- 
satz zu von&eiilv, so daß er unter Ivi^inetv eine wehtuende, 
unzarte oder gar Heblose Beschämung verstanden haben muß. 

RetiRiansgesEhicbtliche Veiauche u. Vorarbeiten %. ° 



114 Adolt Bonliflffer 

Im selben Sinn ist das Passiv gebraucht II Tliess. 3, 14 und 
Tit. 2, 8, aber liier als eine beal)sichtigte Wirkung auf die 
Gegner, die innerlich zu Schanden gemacht werden sollen, so 
daß also die alttestamentliche Bedeutung in verinnerlichtem 
Sinn wiederaufiebt. Bei Epiktet findet sich das Verbum gar 
nicht, dagegen das bedeutungsvolle Verbalsubstantiv to ev- 
TQettTtxöv, das als Synonymon zu rh atöfjfiov die Fähigkeit 
sieh zu schämen und in sich zu gehen, die moralische Ee- 
aktionsfähigkeit, ja weiterhin das angeborene sittliche Gefühl 
überhaupt bezeichnet. Wenn man bedenkt, daß gerade bei 
dem Stoiker Polybios der ethische Gebrauch des Wortes 
häufiger zu werden anfängt, so kann man es immerhin in ge- 
wissem Sinn zur stoischen Terminologie rechnen. Ein Schluß 
auf die Abhängigkeit des Paulus von dieser läßt sich aber 
daraus nicht ziehen. 

e^artaido] hätte wohl von Nägeli auch unter den Wörtern 
der besseren Gräzität aufgeführt werden können. Im Neuen 
Testament gebraucht es nur Paulus, in der Septuaginta kommt 
es zweimal vor. Da es bei den Patres fehlt, so könnte das 
Vorkommen des Wortes in den zweifelhaften Paulinen {II Thess. 
2, 3 und I Tim. 2. 14) als Indizium für die Echtheit ver- 
wendet werden. Jedoch die Vergleichung von I Tim. 2, 14 
mit II Kor. 11, 3 zeigt, daß der Verfasser des Briefes mit 
dem Gedanken (Evas Verführnug) auch das Wort von Pauius 
übernahm, und eine ähnliche Verwandtschaft findet statt 
zwischen II Thess. 2, 3 uud Köm. 16, 18, einer Stelle, die 
übrigens selbst verdächtig ist. Bei Epiktet spielt das Wort 
eine ziemliche Rolle, besonders in dem Sinne, 'den Leuten 
etwas vormachen', etwas zn sein scheinen, was man doch 
nicht ist. Zw noch größerer Bedeutung gelangt es aber in 
dem Begriff äyi^a^itcirritog und ärE^arraTr-aia, womit Epiktet 
(neben äuEty.auhr^s und äftETOTt-vioijia) die Tugend des dritten 
Topos fdie Sicherheit in der at;yy.aTd-if-taig] bezeichnet. Gerade 
dies spricht aber eher dagegen als dafür, daß Paulus das Wort 
etwader stoischen Literatur entnommen hat. Aus Epiktet II 20, 7 
ersieht man übrigens (falls er richtig zitiert), daß auch Epikur 
das Wort e^afiaräv gebraucht hat. Bei Komutos, dem Stoiker 
der ersten Kaiserzeit, finden wir das Kompositnni ei-s'^oTtävi^og. 



Epiktflt und das Neite Testament 115 

ittuvatiavofiai (Eöm. 2, 17) im Sinne eines unberechtigten 
oder mißbräuchlichen Vertrauens auf etwas hat eine genaue 
Parallele in S (Micha 3, II: s/ri tbv xtjqiov ercavsTvctvovio 
"sie pochten auf den Herrn'), nur daß es dort mit dem 
Dativ konstruiert ist. Ohne diesen tadelnden Nebensinn 
steht es I Makk. 8, 12 vom Vertrauensverhältnis als Syno- 
nymon der Frenndachaft. Sonst bedeutet das Wort im Alten 
und Neuen Testament einfach 'sich niederlassen auf etwas'. 
Bei Epiktet kommt es einmal vor und zwar in der neutralen 
Bedeutung 'sich verlassen auf (I 9, 9 neben &c<Qqelv), ähnlich 
7C^ogayafcavi<j3^i (III 13, 2). Das Simples ävccTtavtiv und 
äraTiavsad-ai in der auch dem Paulus geläufigen Bedeutung 
'erquicken', 'sich erholen' findet sich von Polybios an; die- 
selbe Bedeutung, speziell von geistlicher Erquickung oder 
Erbauung, hat t^aianaveo&ai in der Apostellehre und im 
Barnabasbrief. Irgendwie bezeichnend für den stoischen 
Sprachgebrauch ist es nicht. 

emoTidoftai einmal bei Paulus I Kor. 7, 18 in der speziellen 
Bedeutung, in welcher es den Gegensatz zur Besehneidung 
bildet. Nahe verwandt ist die bei Lukian sich findende 
Redensart Tiüytova e7iia7i:Sa9m 'sich den Bart wachsen lassen'. 
In S wird das Verbum in verschiedenen auch der Profan- 
gräzität geläufigen Bedeutungen, auch in der paulinischen ge- 
braucht. Epiktet hat das Wort zweimal, einmal im natürlichen 
Sinn 'etwas au sich ziehen', 'schlürfen' (Eneh. 47: tTitaitamt, 
ipvxQOv üöaioe) und im übertragenen Sinn 'sich etwas zuziehen', 
'sich etwas aufladen' ' Q 12, 3ö tI oiv EftiOTtSe oeavuo toSw 

ö Effw (oder €aii)0-Bi') tiv&giOTCog (Gegensatz 6 sgw ävS'QioTtng). 
Dieser dem Apostel Paulus (inclusive Eph. 3, 16; vgl. 
I Petri 3, 4 6 xgvmbt; rije y.aQÖiag äv&Qüjfto^) eigentümliche, 
vielsagende und tiefsinnige Ausdruck, mit welchem er sowohl 
das Innere, die Gesinnung des Menschen überhaupt (Rom. 7, 22) 
als auch die der Vollendung entgegenreifende christliche 



' So ist dag Wort im Paator Herniuc mehifacli gebraucht [Sim. IS 2, 6 

Au.tiJI'; Mand. IV 1, 8 n/tnpTi.ii- ; Vis I 1, 8 ^dfaroi; III 9, 3 uad-iKi.ai'). — 

Im Martyr. Polyc. Steht es im bueiiatäblichea Sinn gleich 'zu sich her- 
ziehen' [3, 1). 



IIQ Adolf Bonhöffer 

Persönlichkeit (II Kor. 4, 16) bezeichnet, erinnert allerdings un- 
willkürlich an die dem Epiktet so geläufige Gegenüberstellung 
von 'eoM und e^m {^a<»9-Bv und «gw^tp), die in dieser Häufigkeit 
and Reichhaltigkeit der Anwendung in der sonstigen Gräzität 
keinen Vorgang und keine Nachfolge hat. In S werden diese 
Ädverbia, wie auch in der griechischen Literatur fast durchweg, 
nur im äußerlichen Sinne gebraucht, Bei Epiktet finden wir 
einerseits den Gegensatz rä cow und rä egw zur Bezeichnung 
des Unterschieds zwischen den geistigen (ethischen) und äußer- 
lichen Gütern und Übeln, analog dem anderen beherrschenden 
Gegensatz tob '^^ ^go' fjiiZv und ra oiv. iif ijfilv, (Eine Ver- 
bindung beider Begriffe s. in II 5, 5 tau iv %otg ii-iolg; vgl. 
IV 9, 16 'datod'ev ydg hii. aal iituKEia Kai ßo^&eia.) Insofern 
nach stoischer Ansicht das Glück in der normalen Beschaffen- 
heit des Hegemonikon besteht, ist das Innere (t« 6<tw) identisch 
mit diesem (IH 15, 13: i} th fjtfiovcxöv ob äei i^eQytx^ea^cu 
zh aav%ov ^ T& Itadg. rj Tttqt ta ^mo ^iXoTtovelv ^ 7tiQl r4 
UB,<a). Andererseits wendet Epiktet das 'eau&tv au zur Be- 
zeichnung der inneren Gemütszustände und Motive im Unter- 
schied von dem, was der Mensch in Worten oder Taten äußert 
(1 18, 19 und Ench. 16: man darf, je nachdem, den eigenen 
Schmerz oder das Mitgefühl äußern, nur nicht eff(u5-£v ü-rsvätuv; 
IV 1, 57: man darf wohl die Großen dieser Erde mit „Herr" 
anreden, aber nicht eaiuäev und */ itd&ov^; I 27. 21 : Zeichen 
der Unbildung ist das Qriywa&ai (G(tt»sv t^v xccQÖltxv, die inner- 
liche Ungeduld und Fassungslosigkeit gegenüber den äußeren 
Ereignissen; III 3, 13: der Mensch ist in seiner Wahl zwischen 
äußerem Vorteil und innerer Befriedigung abhängig von dem 
Hkkog edoiSsr. dem inneren Gesetzgeber, den er selbst iu sich 
großgezogen hat; IV 11, 18: es gibt eine verwerfliche Un- 
reinheit, die ein Ausfluß der inneren Verwahrlosung und 
Fäulnis ist). Endlich bezeichnet er mit eoid oder 'iaw&iv das 
innere Heiligtum des Menschen, das jeder von Natur besitzt, 
den Ort, wo der Gott oder Daimon, der wahre Mantis gegen- 
wärtig ist (11 8, 14; II 7, 3). Es läßt sich nicht bestreiten, 
daß in allen diesen Anwendungen der epiktettsche Begriff 
des saii) und 'd^m dem paulinischeu tavj livO-^io^toi sehr nahe 
steht, besonders nach Rom. 7, 22, während die etwas mystische 



Epiktet nnd das Neue Testament 117 

Färbung in II Kor. 4, 16 von Epiktet weiter abrückt. "Wenn, 
woran kaum zn zweifeln ist, Epiktet diese Begriffe schon in 
den Schriften älterer Stoiker vorgefunden hat, so ist es wohl 
denkbar, daß Paulus von jener Seite, wenn auch nur auf 
mündlichem Wege, eine Anregung zur Eildung seines 'daia 
äv&QLO!tog empfangen hat, eher als etwa aus der Lektüre 
Piatons, der den Ausdruck 6 kvrh ihd-eoitiog im Sinne des 
beherrschenden Zentrums oder der Vernunft in der Polileia 
(IX 589 Ä) gebraucht hat. fJichtsdesto weniger muß darauf 
hingewiesen werden, daß gerade das semasiologisch Ent- 
scheidende, nämlich die Verbindung ^'ffw (e?w) äv»Qai7tog, 
bei Epiktet fehlt; ja man kann sogar sagen, dieselbe wider- 
spricht seiner sonstigen Ausdrueksweise und Anschauung, da 
er von einem äußeren Menschen gar nichts wissen will, 
vielmehr nur das Innere, die Proairesis, die sittlich freie 
Persönlichkeit, Mensch nennt (III 1, 40: du bist nicht aä^^ 
sondern Ti^oalQeaiq. Vgl. B^ 33 ff. und Pseudo-Philon Quod 
omnis proÖus Mer 17 : der äö^arog voOg ist der wahre Mensch). 
So verliert denn von dieser Seite die Annahme einer Ab- 
hängigkeit des Paulus vom stoischen Sprachgebrauch wieder 
etwas von ihrer Wahrscheiniichkeit. 

d-Xltjjig xal mtvoxuiQke. Während das Substantiv »Xlipiq 
im Neuen Testament häufig und allgemein gebraucht wird, 
kommt das Verbum ikXißeiv im Sinne von '0ngemach zufügen', 
abgesehen vom Hebräerbrief 11, 37, nur in den pan- 
linischen Briefen vor, wobei allerdings II Tbess. 1, 6 und 
I Tim. 5, 10 inbegriffen ist; o%Evo%iiiqia dagegen und öievo- 
xwp^w finden sich nur im Römer- und II Koi-intherbrief, und 
zwar meistens in Verbindung mit Mitptg, beziehungsweise 
»Ußw. Da nun Epiktet nicht bloß die Wörter yMßio {nicht 
&XlipiSj, aitvoxojqiui und aTevoxt^^ici ebenfalls gebraucht, sondern 
beide Verba, zwar nur an einer Stelle, aber dreimal nach- 
einander verbindet (I 25, 26 ff.), so wurde auch dies für eine 
nähere Verwandtschaft des paulinischen und stoischen Sprach- 
gebrauciis geltend gemacht. Ganz ohne Grund, denn gerade 
die Verbindung beider Begriffe, und zwar ebenfalls in dem 
übertragenen Sinn, ist S ganz geläufig und auch bei P beliebt. 
In der Profangräzität werden die Worte wenig und bis auf 



118 Adolf BoDbBfter 

PolybioB nur im physischen Sinne angewendet: bei letzterem 
findet sich arsvoxwgia zur Bezeichnung der staatlichen Geld- 
klemme. Wenn gerade in der Bibel die übertragene Bedeutung 
besonders häufig ist, so mag das damit zusammenhängen, daß 
das jüdische Volk io besonderem Maße gedrückt und bedrängt 
wurde oder sich so vorkam, was sich dann natürlich bei der 
ältesten Christenheit noch steigerte. Im übrigen zeigt auch 
hier wieder eine genauere Betraclituug, daß im Gebrauch 
dieser Worte zwischen Paulus und Epiktet weit mehr Unter- 
schied als Übereinstimmung besteht. Epiktet gebraucht sie 
nämlich entweder in der natürlichen Bedeutung 'drücken', 
'einengen' (I 25, 27; 16, 26, beidemal von dem Gedränge 
bei Festen und Schaustellungen)^ oder aber, und zwar ganz 
überwiegend, zur Bezeichnung eines inneren Druckes und Un- 
behagens, wie es durch die falschen Vorstellungen über Glück 
und Unglück und die darauf gegründeten falschen Ansprüche 
an das Leben entsteht. Also gerade die Bedeutung äußer- 
lichen Druckes und Ungemachs, welche in der Bibel vorherrscht, 
finden wir bei Epiktet nicht. Ganz natürlich! da er diesen 
Begriff gar nicht anerkennt: was uns drückt, beschwert und 
plagt, sind nicht die Dinge oder die bösen Menschen, sondern 
wir selbst mit unseren falschen diiyftaTa (Euch. 16: älXov — 
d. h. irgend etwas anderes als wir selbst — oi S-UßEi; I 25, 28: 
kavTovg -lUlßo^tv, havTovg mevo^njQoC^iev; vgl. 125, 17; III 10, 13; 
m 13, 8; Ench. 24, 1). Genauer führt er es I 27, 2ff. aus, 
was alles ein O-llßov^ ein Moment der Beunruhigung und der 
Qual werden kann, der Eeiz der Dinge, die Gewohnheit, die 
falschen Vorstellungen, ja auch theoretische Fragen, z. B. die 
logischen Sophismen (vgl. auch IV 1, 45 ; I 2, 4). So können 
wir also ruhig sagen, für Epiktet gibt es keine ^Uipig und 
msvoxi^eia im biblischen Sinne, und die anfangs überraschende 
Parallele löst sich in einen grundsätzlichen Gegensatz auf. 

' Das Fragment 13 des Gnomol. Epict. (SoIicDkl p. 465 = 8ohw. 24), 
in welchem 3-lißtaäai im rein physisclien Sinne gebraucht ist, seUeint nicht 
echt za sein. — Orisinell ist dagegen der natürliche Gebrauch des Wortes 
mei'o-iojQeiii in IV 1, 106, wo Epiktet dem nimmersaften GenieBer, dem 
der Tod KO entsetzlich ist, zuruft: ti änlr^ata; li . . . -li ozivoxfe^^' t»)' 



li^iktet imd das Nene Testament 119 

"Übrigens findet sich auch bei Paulus eine ihm eigentümliehe 
Anwendung des aTsvoy,t»^t,lad-<xi (II Kor. 6, 12) und eine Diffe- 
renzierung der beiden Verba, so daß mit d-Ußeaü'ai der äußere 
Druck, mit orevoxfaQcla^«!. die innere Beklemmung oder Ver- 
zweiflung bezeiühnet wird, worin dann wieder eine gewisse 
Annäherung an die Terminologie des Epiktet liegt. 

/.öciüv gehört auch zu den Wörtern des Neuen Testaments, 
die nur bei Paulus sich finden. In einem mehr äußerlichen 
Sinn ('Gebiet', 'Arbeitsgebiet') steht es 11 Kor. 10, 13 und 16, 
im Sinne der ethisch-religiüsen Kichtschnur Gal. 6. 16 (Phil. 
3, 16). In AS steht es dreimal, zweimal gleich 'Säule', einmal 
in der Verbindung Kaviuv i^s (pdoooyilag, jedoch in dem späten 
IV. Makkabäerbuch. Da auch der verwandte Begriff fihQov in 
Anwendung auf das geistige Gebiet zwar nicht ausschließlich, 
aber doch vorwiegend bei Paulus vorkommt, so glaubte man 
auch diese Wörter in Beziehung zum stoischen Sprachgebrauch 
bringen zu dürfen. Epiktet, der aber die Bildlichkeit dieses 
Gebrauches zuweilen ausdrücklich in Erinnerung bringt \ ver- 
steht unter xttwü»' oder y.avvves die logischen Kriterien, mittels 
welcher man die Waiu'heit einer Aussage, und insbesondere 
den praktischen Wert der Dinge beurteilt. In ähnlichem 
Sinne gebraucht er auch das Wort ftei^av. Diese fUi^a und 
■/.ayöveg sind teils natürliche Maßstäbe und somit identisch mit 
den ifivaiital 'evvoiai oder ?rpoJ.^'t/i£(g (II 20, 21; IV 10, 3; IV 
12, 12; Euch. 1, 5), teils solche, die erst darch philosophische 
Denkarbeit hinzugewonnen sind (II 20, 21 fiQOitpiXoztxvü tov' 
tois jc^og^eivat -xai TtQoge^cQydaaaO'ac rä Xeljtovia). Dabei ist 
aber nicht zu verkennen, daß (.Uzqov der allgemeinere Begriff 
ist, wie denn Epiktet auch von den ^Ut^a des Essens und 
Trinkens, des Besitzes, der Begierden, der Entschlüsse und 
Handlungen redet. Es ist jedoch nicht nötig, weiter ins 
einzelne zu geben; denn die paar Stellen bei Paulus, be- 
sonders der Ausdruck ^Uzqov z^g niazeag, haben so wenig 
Verwandtschaft gerade mit dem epiktetischen Sprachgebrauch, 



' I 28, 30: Wie man die ScLwore dnreli die Wage, die Menge durch 
dus Mali bestimmt, so muß man auch für die Beurteilung des Wertes der 
Dingo eiue Art Kanon iabei». Ja darin bestellt fcewisEennaGen die Philo- 
sophie IntaxInttad'iH r.aX ßtßaioiiV zoi'S -iaidvits, II 11, 34. 



120 Adolf Bonhöffer 

daß keine Schlüsse darauf zu gründen sind. Wie weit Hegt 
z. B. die schwülstig pleonastische Wendung xara to /i^qov 
toD -Aovövos ol EfiiQiasy fj,uty 6 3-tbg /-'^(lov (II Kor. 10, 13) ab 
von der Klarheit und Bestimmtheit, mit welcher Epiktet diese 
Begnffe anwendet! Zu allem hin ist aber die philosophische 
Bedeutung des Wortes xav,!,v keineswegs den Stoikern eigen, 
sondern tritt im Epikureismus als Titel eines Hauptwerks 
seines Gründers noch weit mehr hervor'. 

xivöäo^os 'ruhmsüchtig" kommt bei Epiktet und bei Paulus 
je einmal vor und ist für beide in keiner Weise besonders 
bezeichnend. Es ist ein hellenistisches Wort, wie auch das 
Substantiv xsvoöo^ia, welch letzteres auch Phil. 2, 3 gebraucht 
wird. Bei Polybios kommen beide Worte vor, bei A außerdem 
noch xsvoSo^^b). Bemei'kenswert ist, daß xsvoSo^ia hier, wie 
dann auch bei P, neben 'Ruhmsucht' auch die Bedeutung des 
'Falschglaubens', der Heterodoxie oder Häresie hat. 

xe^öog ist eines der Wörter der klassischen Gräzität, 
welche sich im Neuen Testament nur bei Paulus finden, und 
zwar zweimal im Philipperbrief, das einemal in der ebenfalls 
klassischen Verbindung mit 'Crjfua ^ Auch die Ausdrücke 
■/.s^öos {beziehungsweise 'Ct^fiiay) i^yetad-ai oder vofä^eiv kommen 
bei Xenophon und Isokrates vor. Es sclieint, daß das Wort 
xtQÖos in der hellenistischen Zeit außer Übung kam, es findet 
sich weder bei Polybios noch im griechischen Alten Testament ; 
dagegen wurde es später, wohl durch die Attizisten, wieder 
eingeführt; auch Epiktet gebraucht es etliche Male. Merk- 
würdig ist es, daß der berüiimte paulinisehe Ausspruch ib 
äTco&artly {1.101) -K^QÖog (Phil. 1, 21) nicht bloß bei dem Rhetor 
Libanios, sondern schon hei Piaton und den alten Tragikern 
genaue Parallelen hat (siehe Wetstein zu der Stelle!), ohne 
daß man ihn aber für eine Reminiszenz aus der Klassiker- 
lektüre halten müßte. 

vör^fta 'Gedanke', 'Anschlag', 'Sinn', ein gut klassisches 

' Eine interessante Bedeutung des Wortes bei Epiktet sei noeh er- 
wähnt: einem hohen Staatabeamten gibt er zu bedenken, daü er för alles 
sein Tnn doppelte Verantwortung trägt, lia er der Menge als xavöif «<xi 

^apäStiyfia gilt (III i, 5). 

' AuEerdem noch Tit. 1, 11 im gewöhnJichen, niedrigen Sinn Tom Geld«, 



Epiktet nnd daa Neue Teatamettt 121 

Wort, von Platon in allen diesen Bedeutnugen gebraucht. In 
der späteren Gräzität scheint es seltener geworden zu sem. 
Bei Ä kommt es nur dreimal vor, tei Epiktet einmal im 
ironischen Diminutiv vorjiAdnov (schiSner Gedanke). Ein Grund, 
es mit Heinrici (Der literarische Charakter der neutestament- 
lichen Schriften, 110, Änm. 1) zu den aus der Popularphilosophie 
entlehnten Begriffen zu zählen, liegt also nicht vor. 

ol-Aovoi.iia, ein Wort, das sich von der ursprünglichen, be- 
schränkten Bedeutung 'Hausverwaltung' zu der weiteren 
der 'Organisation des Gemeinwesens' und dann, unter 
stoischem Einfluß, zu dem umfassenden Begriff der 'Wfclt- 
eiurichtung' entwickelt hat, welchen dann Paulus aufgenommen 
und im christlichen Sinne umgestaltet hat zu dem Begriff der 
göttlichen Ordnung, speziell der 'Heilsordnung' oder der zur 
Gründung und Erhaltung der Heilsanstalt oder des Reiches 
Gottes eingesetzten Ämter und Ordnungen \ Für beide, Stoa 
wie Christentum, ist die Ausbildung des Begriffes zu dieser 
umfassenden Bedeutung gleich natürlich und bezeichnend, da 
beide, jedes in seiner Weise, den großen Gedanken einer 
universellen, die ganze Menschheit zusammenfassenden Gottes- 
nnd Heilsordnung gefaßt und verkündigt haben. Schon bei 
Polybios erscheint der Ausdruck (pvaiuig olxovoiÄla- im selben 
Sinne nennt Epiktet den regelmäßigen Wechsel des Entstehens 
und Vergehens eine rerayfievi} oixovoi.ila xal öioly-rioig (III 24, 92) . 
Weit häufiger verwendet er freilich das letztere Wort, das 
im Neuen Testament nicht vorkommt, später aber in der von 
der Organisation des römischen Reichs übernommenen Be- 
deutung 'Provinz' auch für die christliche Kirche wichtig ge- 
worden ist. Das Fehlen des höheren Begriffs der oUomüa 
in S erklärt sich ganz natürlich aus der partiknlaiistisch 
gerichteten israelitischen Religion; bei P dagegen finden wir 



1 



- E3 Itümmt wir hier nnr auf die Bedeutung der pauliTiischen oi- 
y.o^o!.ia im allgemeineii an; die einzelnen Nua:ncen der Anwendung über- 
lasse ich den Theologen. 

» I 9 11 ist das Wort im gewöhnlichen Sinn toh der J^natuag ues 
äußeren Lebens gehraucht, III 14, 7 in dem spezifisch stoischen Smn der 
inneren Dispusdtion oder Direktion des Handelns nach Zn-eekeu; vgl. Mark 
Aucel IV 19 und XI 18, 3. 



122 Adolf Bonhüifer 

üin bereits eingebürgert. — Wenn es nim auch nicht un- 
mögiich ist, daß die liöliere Bedeutung, welche Paulus dem 
Wort oixovofda gegeben hat, indirekt wenigstens durch die 
stoische Idee der physischen oder kosmischen Ökonomie ver- 
anlaJJt ist, so darf man doch, nicht übersehen, daß dabei viel- 
leicht auch das Bild vom Haushen-n und Äi'beitgeber mit- 
gewirkt hat, welches Jesus so gerne zur Darstellung des 
Wesens und der Ordnungen des Gottesreichs gebraucht hat \ 

bfidla gehört auch zu den Wörtern, die innerhalb des 
Neuen Testaments nur Paulus gebraucht, was aber um so 
weniger von Belang ist, als es in einem Zitat aus Menander 
geschieht {I Kor. 15, 33) and das Wort der allgemeinen 
Gräzität angehört. leli bemerke nur, daß Epiktet auch von 
einer öndla ^^bg &tov5 redet (III 22, 22), was — auch abgesehen 
vom Plural — ein Christ nicht gewagt hätte. Die erst in 
später Zeit aufgekommene Bedeutung Xei'bauüche) Rede' oder 
'Abiiandlung', welche bei Stobaios gerade auf die epiktetischen 
Vorträge angewendet wird (Diss. fr. 11, Scliw. 174) ist dann be- 
kanntlieh in der christlichen Kirche heimisch geworden. Erst- 
mals finde ieli es in dem ignatianischen Brief ad Polyc. 5, 1. 

%^iS Rom. 1, 27 von den perversen sexuellen 'Gelüsten' 
der Heiden. Das Wort bedeutet in der philosophischen Ter- 
minologie der Griechen von Piaton ab, insbesondere bei den 
Stoikern, im Unterscliied von dem Affekt der knidv^Ua, die 
neutrale, d. h, an sich nicht verwerfliche, ja zum Teil sogar 
die natürliche 'Begierde'. So ist auch in der Sapientia Salom. 
16,3 von mi.%v &mymla %§(£ die Rede; sonst ist aber auch 
in den alttestamentlichen Apokryphen die unphilosophische 
Anwendung des Wortes, nämlich im schlimmen Sinn, vor- 
herrschend. Bei Epiktet ist bekanntlich die SpEgte einer 
seiner philosophischen Hauptbegriffe, und die ganz davon ver- 
schiedene Anwendung bei Paulus beweist eher gegen als für 
irgendwelche nähere Kenntnis der stoischen Schulsprache. 

' Das GleichniB vom ungerechten Haushalter in Lue. 16, 1 fl., der einzigen 
Stelle im Neuen Testament, an welcher das Wort olxavoiil«, freilich im 
gewöhnlichen Sinn, noch yorkommt, rechne ich nicht liierlier, Denn hier 
ist der oiKot'ö/toe veracliieden von dem Kv^coi. 



Epiktet lind Ans Nene Teatament 193 

oacQÖxivos 'tönern' kommt in der klassischen Literatur 
nicht vor, dafür riazQax^ör^g bei Aristoteles, Theophrast, aucli 
Hierokles. Dagegen ist es nicht selten bei S und zwar meistens 
in Verbindung mit &yyilov oder av.svoc, wie bei Paulus, teils 
einfach das Material bezeichnend, teils mit dem Nebensimi 
des Wertlosen (wie II Tim. 2, 20) oder Zerbrechlichen (II Kor. 4, 7). 
Da das Wort aber auch bei Epiktet und dann, bei Lukiau 
auftaucht, so dürfen wir annehmen, daß es ein hellenistische« 
Wort war, für welches uns aus der vorchi'istliclien Profan- 
gräzität die Belege noch fehlen. Merkwürdigerweise hat es 
sich nun so gefügt, daß, während Epiktet es sonst im wört- 
lichen, stoffliehen Sinn gebraucht (I 18, 15-, III 22, 106) einmal 
eine den beiden neutestameiitlichen Stellen einigermaßen 
analoge bildliche Anwendung sich findet. III 9, 18 setzt 
Epiktet einem reichen Weltmann, einem Rhetor, auseinander, 
was jeder von ihnen vor dem anderen voraus hat; jener hat 
hohe Gönner usw., er das Glück, niemand schmeicheln zu 
müssen; jener goldene Geräte, dafür aber einen tönernen köyog, 
tönerne ööyiiara usw. Jedermann sieht, daß der Ausdruck 
öarQdy.tvog UyoQ, hier gar nichts Stereotypes hat, sondern 
lediglich ein aus dem Augenblick geborenes, allerdings treffendes 
Bild und Witzwort ist. Wenn nun Paulus den Körper ein 
tönernes Gefäß nennt, welches den heiligen Sehatz des durch 
die Gnade Gottes geweckten geistlichen Lebens birgt, so hat 
dies offenbar mit der epiktetischen Jletaplier gar nichts zu tun. 
AVenn dagegen der Verfasser des IL Timotheusbriefes, der die 
verhältnismäßig späte Zeit, in der er schreibt, schon durch 
die Vergleichnng der Christenheit mit einem großen Hause 
verrät, die guostischen Häretiker mit hölzernen und irdenen 
Gefäßen vergleicht, die ~ hierin hinkt der Vergleich — dem 
Hause zwar notwendig sind, aber doch nicht zur Ehre ge- 
reichen, so kommt die.'5 dem von Epiktet gebrauchten Bilde 
insofern näher, weil es sich in beiden Fällen um die Ein- 
schätzung von Persönlichkeiten handelt; aber damit ist auch 
die Ähnlichkeit erschöpft. Die Vorstellung von tönernen Ge- 
fäßen konnte jeder aus dem Leben, die neutestamentlichen 
Schriftsteller obendrein aus den Propheten des Alten Testa- 
ments entnehmen; die bildliche Anwendung trägt aber in 



124 Adolf Bonhöfier 

jedem einzelnen der drei Fälle eine so individuelle Färbung, 
daß es nicht bloß unbegründet, sondern fast beleidigend für 
jeden der drei Autoren wäre, wenn man eine Beeinflussung 
des einen durcli den anderen statuieren wollte. So ist denn 
dieses Beispiel wiederum sehr lehrreich dafür, daß man nicht 
vorschnell aus scheinbar überraschenden Anklängen auf eine 
Abhängigkeit schließen darf. 

3v6&og von Piaton an von den Philosophen zur Bezeichnung 
der leidenschaftlichen Gemütsbewegungen, der 'Affekte' ge- 
brauclit, in der nacharistotelischen Philosophie der Zankapfel 
der verschiedenen Schulen und besonders in der stoischen 
Eiliik, welche die Anäd-na als Ziel aufstellt, zu zentraler Be- 
deutung gelangt, kommt im Neuen Testament nur an drei 
Stellen der paulinischen Briefe vor. In S findet es sich nur 
einmal sicher und zwar in der ursprünglichen Bedeutung des 
(körperlichen) Leidens (Prov. 25, 20). In den Ignatianischen 
Briefen ist es die stehende Bezeichnung für das Leiden Christi, 
für welches, wie überhaupt für das körperliche Leiden, im 
Neuen Testament das Wort Ttd&ijua gebraucht wird, In der 
philosophischen Bedeutung steht es wohl unzählig:e Male im 
IV. Makkabäerbuch, dessen Gegenstand eben die Bekämpfung 
der Affbkte bildet. Jedoch da dieses als Quelle für Paulus 
kaum in Betracht kommt, so wäre es allerdings sehr auffallend, 
wenn dieses Lieblingswort der hellenistischen Philosophie 
unter den neutestamentliclien Schriftstellern nur von ihm ge- 
braucht würde. Hat denn aber das Wort nö&og bei Paulus 
die Bedeutung 'Affekt' im philosophischen Sinne? Die TtdO-rj 
ärifUag Eöm. 1, 26 sind nicht schändliche Affekte — was auf 
dem Standpunkt der Stoa überdies ein Pleonasmus wäre — 
sondern, wie der Zusammenhang deutlich zeigt, schändliche 
Handlungen beziehungsweise Duldungen. In ähnlichem Sinn, 
von geschlechtlichen Lüsten und Perversitäten, ist es 
Kol. 3, 5 zu verstehen; Luthers Übersetzung „scliändlicha 
Brunst" trifft hier so ziemlich das Eichtige. Wenn im 
folgenden, wo es sich augenscheinlich um feinere Ver- 
fehlungen handelt, d^ytj und &vfAÜs genannt sind, so kann 
der Verfasser, als er von fcd&og schrieb, schon deshalb nicht 
an die philosophische Bedeutung des Wortes gedacht haben, 



Epiktet nnd das Nene Testament 125 

weil unmittelbar vorher ganz unbefangen vom Zorn Gottes 
geredet wird, was einem stoischen Ohr unerträglich gewesen 
wäre. An der dritten Stelle aber (I Thess. 4, 5) bedeutet 
das 3t<i9os kmS'OfUag ebensowenig den Affekt der Begierde, 
sondern wiederum die sinnliche Brunst, welche dem Apostel 
ein wirkliches, von dem Gott-losen Menschen freilich selbst- 
verschuldetes und ihn schändendes Leiden darstellt (vgl. das 
meovo&at 1 Kor. 7, 9). An die philosophische Lehre vom 
Affekt konnte Paulus gerade hier um so weniger denken, als 
er die Behaftung mit dem Pathos der iTti^vnla eben als 
Kennzeichen der „Völker, die Gott nicht kennen" anführt. 
Wenn er aber den Begriff ^<ii^og von den griechischen Philo- 
sophen Übernahm, so mußte er auch wissen und hätte es 
irgendwie zum Ausdruck bringen müssen, daß ein Teil der 
Heiden, und zwar die besten unter ihnen, das ndO-og nocli in 
ganz anderem Maß und Umfang verdammten als er selbst. 
Außerdem ist zu bedenken, daß Paulus auch das Wort rrdS-r^fia, 
das sonst im Neuen Testament, wie auch bei Paulus selbst, 
das äußere Leiden bezeichnet, zuweilen im selben Sinne wie 
tt<i»og, d. h. im Zusammenhang mit dem Begriff der Sünde 
gebraucht, was meines Wissens die Stoiker nie getan haben. 
Wenn also das singulare Auftreten des Wortes Tvd&og aus 
einer Bekanntschaft des Apostels mit der stoischen Philosophie 
erklärt werden soll, so kann das nur soviel bedeuten, daß der 
Wellenschlag des philosophischen jrrfÖos-Gezänks auch sein 
Ohr getroffen hat, ohne daß er sieh Mühe gab und ein Inter- 
esse daran hatte zu erkunden, was denn die 'e^vr, darunter 
verstehen. Ganz anders Hegt die Sache bei dem Pastor 
Hermae. Zwar wenn er die ^toixda. in welcher ein Weib 
befangen ist, Jtd^os nennt, so hält sich dies noch auf der 
paulinischen Linie (Mand. IV 1, 5). Anders dagegen in der 
Stelle Sim. VI 5, 5, die nicht bloß im Ausdruck, sondern 
auch im Gedankengehalt eine gute Kenntnis der stoischen 
Affektenlehre verrät: sie ist interessant genug, um hier m 
extenso wiedergegeben zu werden: n5<ja Tteä^ig Tpixpr; lan 
Tq> dv&^(!>7t(i> ö lav fiÖioig Ttoifi' vial yaq 6 tf^v^olos n> ^«^''»«^ 
nä&Et rh Ikovov fcouov r^v(p^- xal 6 f.iOiyflg y^al o ^i^&i^aog . . . 
■Aal t> lovTOis Tä Sfioia Ttotüv ifj m<f vdfffr. rb ixcri'ör ftoiei. 



126 Adolf Bünhöfter 

it;eQty.d9aQ!.ici 'Abschaum', 'Auswurf, ebenso seltßu , wie 
das einfache x<i!>a^iia in der grieehiselieii Literatur liäuß^ uiid 
geläufig ist. An und für sich wäre es gar nicht unmöglich, daß 
Epiktet, bei dem wir das Wort einmal finden (111 22, 78). es 
selbst gebihlet hätte, indem er dem Sinii)les das verstärkende 
TceQt hinzufugte. Aber gerade der Umstand, daß aucii Paulus 
es einmal gebraucht (I Kor. 4, 13}, ja daß es auch bei S einmal, 
freiäicii In einer weniger durchsichtigen Bedeutung ('Lösegeld', 
'Ersat»', Prov. 21, 18) vorkommt, weist darauf hin, daß auch 
das Kompositum der Koine nicht unbekannt war. Im übrigen 
ist das Verbum nfqiy.a!>aiQii} in der einfachen Bedeutung 
'ringsum oder völlig reinigen' nicht bloß der hellenistischen 
Sprache eigen [lY Makk. 1, 29; Kpiktet I 19, 5), sondern 
schon dem Piaton und Aristoteles. In S dagegen steht es in 
der spezifisch religiösen oder kultischen Bedeutung der 'Ent- 
sühmmg' und zwar zur Bezeichnung heidnischen Aberglaubens, 
ebenso in der Didaehe 3, 4 '. Die letztere Bedeutung scheint, 
wenn den Grammatikern Glauben zu schenken ist, auch dem 
Schimpfwort y-äd-txQ^ia, und so vielleicht auch dem ^SQixd^a^na 
zugrunde zu liegen, wiewohl das letztere sich auch voll 
jener natürlichen Bedeutung aus leicht erklären ließe als das- 
jenige, was bei der Reinigung abfällt, beziehungsweise weg- 
geschnitten werden muß, wenn das Gewäch.s gesund bleiben soll. 

icEQiisqtvoiiai prahlen (I Kor. 13, 4) kommt sonst in der 
ganzen Bibel, auch bei P nicht vor. Epiktet hat das Ad- 
jektiv TtiQTiiQog ('windbeutelig') JII 2, 14, das bei Polybios 
zuerst auftritt, und kuiegnsQ^voitat 'sich blähen', 'großmachen' 
(11 1, 34). Bei M. Anrel findet sich auch das Simplex (V .">). 
So könnte es freilich scheinen, als ob es speziell ein stoischer 
Ausdruck wäre. Aber die Aussagen .der Grammatiker, das 
Vorkommen des Kompositums t/irrtQ^E^iveaa-ac bei Cicero (ad 
Atticum 1, 14) und besonders die Tatsache, daß der Stamm 
^teQytcQog von der lateinischen Sprache annektiert wurde, um 

' Diesirr kultiädieii Jäeileiitimg diT Rntsülinung liegt — worauf miRli 
It. Wünsch nnfinerksBDi machte — offenbar iiiobt sowohl die Vorstelluiifj iler 
yijlliseii Keinigiiiig uls vielmelir tltr Kitas des Ringsheramtrasens des 
f-Uhiie mittels um das iieinigimwsobjekt zugrunde. 



Epiktet und das Meue Testament 127 

allerdings zu der Bedeutung 'nichtsnutzig', 'verkehrt' erweitert 
zu werden, beweist, daß auch dieses Wort im Zeitalter des 
Hellenismus gelaufig war (Melcher 61). Bei Paulus verstärkt 
freilich der Umstand, daß er im selben Atem drei, dem übrigen 
Neuen Testament fremde Wörter gebraucht (nsQftsQsvBai^ai, 
äaxrtnoyBlv, <pvaiova&at) den Eindruck, daß er sich die Aus- 
drucksweise der Keine in besonderem Maße angeeignet hat. 
(S. die Bemerkung zu äö-/rjf.tov£iv und (puaiavaS-ai.) 

ntO-avoloyia nur einmal ina Neuen Testament, Kol. 2, 4, 
und zwar im üblen Sinn von Irrlehren, die mit einem ge- 
wissen täuschenden Schein auftreten. Das Wort ist sonst nur 
aus Piatons Theaitetos bekannt: hier bedeutet es eine nur 
mit Wahrscheinlichkeiten und Vermutungen operierende Be- 
weisführung im Gegensatz zur zwingenden Logik. Bei Epiktet 
findet sich zwar nicht das Substantiv, dagegen der Ausdruck 
15 ^1.3-avoloyrKi] dvvrtfug im Sinne einer an sich -wertvollen 
dialektischen Kunst oder Fertigkeit, die jedoch auch zum 
Schlechten gebraucht und, wie alle övvdfiug, dem sittlich noch 
nicht Gefestigten gefähiiich werden kann. Es ist natürlich 
nur Zufall, daß die beiden Wörter in der ProfangrÄzi tat als 
Hapaslegoraena sich darstellen; denn Epiktet gebraucht jenen 
Ausdruck als einen feststehenden, und das Verbum mOßroloyeb» 
findet sich bei Aristoteles und Epikur. In Kol. 2, 4 seheint 
es mir aber in seiner deutlichen Beaugnahme auf guostische, 
eben mit den Mitteln rhilosophiscber Dialektik arbeitende 
Irrlehrer zu den Indizien einer nachpaulinischen AbfassuEg odei- 
Überarbeitung zu gehören. 

TtQaaiQio^ai 'sich etwas vornehmen', 'sich entschließen' 
II Kor. 9, 7. Diese allgemeinere Bedeutung, die sich aus der 
ursprünglichen Bedeutung 'vorziehen', 'etwas wählen au Stelle 
eines anderen', entwickelt hat und, bei Aristoteles schon auf- 
tretend, von Polybios ab ganz gewühnlich ist, finden wir auch 
bei Epiktet IL 23, 43. Interessant ist es zu beobachten, wie 
bei S die ursprüngliche Bedeutung vorherrscht, bei A dagegen 
die spätere. Ein Anleben bei der Stoa liegt also unter keinen 
Umsläiiden vor, zumal da bei Epiktet das Yerbnm auch nur 
einmal vorkommt, ganz im Gegensatz zu dem überaus büufigen 



128 Adolf Bonhöffer 

und zum Grundstock der epiktetiscben Terminologie gehörigen 
^QoalQeaig und irQOatQeTtxög.' 

TCQOxo-m] 'Fortschritt', 'Förderung* zweimal im Philipper- 
brief (außerdem I Tim. 4, 15). Dieses Wort, im Unterschied 
vom Verbum TtgoKÖTvieiv als unattisch verworfen (Phrynichos 
ed. Lobeck p. 85) kann einigermaßen als eine stoische Schöpfung 
betrachtet werden, jedenfalls in dem speziellen Sinn eines 
Fortschritts oder Fortgeschrittenseins in der ethischen Bildung. 
Zwar nicht gerade in diesem Sinne, aber doch mit unver- 
kennbarer Anspielung auf den stoischen Kunstausdruck er- 
wähnt es auch Cicero (ad Att. 15, 16), und bekannt ist der 
Begriff des Tt^oxoTTTutv, der in der Stoa allmählich an die 
Stelle des (in Wirklichkeit kaum zu findenden) aocpög getreten 
ist. An den beiden Stellen des Philipperbriefs (1, 12 und 2ö) 
ist es ebenfalls im guten Sinne, allerdings mit einem Genitiv 
des Objekts gebraucht (r«ö iiayyeXiov — lijs Tcitnetitg)^- be- 
sonders nahe kommt dem stoisclien Gebrauche I Tim. 4, 15, 
wo es sich um die Förderung der ganzen Persönlichkeit, nicht 
bloß einer einzelnen Seite handelt (iV« aoS rj nQoxortij <pavEgä 
^ itSaiv). Dagegen ist im 11. Timotheusbrief das Verbum 
TtQoxÖTTTeiv mehrmals von einer Zunahme in deterius gebraucht, 
was geradezu eine Verleugnung des stoischen Sprachgebrauchs 
wäre, wenn überhaupt der Verfasser dabei an die Stoa ge- 
dacht hätte. Aber auch bei Paulus ist diese Annahme un- 
nötig, da von Polybios ab das Vi^ort auch in der nicht philo- 
sophischen Literatur vorkommt, wie es denn auch bei Ä sich 
findet. Das Verbum 7tQOA67Cvv) steht auch Luk. 1, 52; und 
im IL Kleraensbrief (17, 3) ist ganz ähnlich wie im Philipper- 
brief von einem Tt^oxaitiuv h taZg ivto?.aZs lov x7:^iov die Kede. 

Tt^oaxö^Tii} 'Anstoß nehmen', 'sich ärgern', in dieser Be- 
deutung von Polybios an nachweislich, wie auch das Haupt- 
wort itQouvMTiri (II Kor. 6, 3). Letzteres fehlt nur zufiiliig 
bei Epiktet, denn er kennt natürlich die spezifisch stoische 
Verwendung dieses Eegrifis als des Pendants zum vöarifta 
(Hang) 2, wie aus dem analogen Gebrauch des Verbums 



' Der Geoitiv t/iMi- scheint mir eher Ton ni'oisoie als too TtgoxoTt^ 
ilirekt abinliängen. = B ' 876. 



Epiktet und das Neue Testament 129 

it^omÖTtTEiv neben ögy/Cetr^ai, zaie/ta/fsiv usw. hervorgeht 
(I 28, 10 5 vgl I 18, 9 Tö TCQoaxomttxhv xai fiiaticiwv). Cicero 
übersetzt bekanntlieh den stoisehen Terminus srgoffxo^^ mit 
offenste Beide Wörter finden sieh wiederum nur bei Paulus 
(denn I Petri 2, 8 hat ji^oaxoTcteiv den auch sonst im Neuen 
Testament gebräuchlichen objektiven Sinn 'anstoßen an etwas' 
und dadurch zu Fall kommen). Etwas Auffälliges hat dies 
aber nicht, da, wie gesagt, beide Wörter dem hellenischen' 
Sprachgebrauch angehören und das Verbum wenigstens auch 
bei Sir. sich findet und zwar sowohl gleich 'Anstoß nehmen', 
als auch gleich 'Anstoß geben'; im letzteren Sinne auch bei 
I Klem. 21, 5. Paulus hat außerdem auch noch das Derivatum 
jcQ6axofi[ia (im äußerlichen Sinne 'Anstoß', 'Hindernis' und im 
innerlichen gleich TtQoaxoTt^), das außerhalb der Bibel erst 
bei Plutarch sieh findet, aber den S geläufig ist und auch im 
Pastor Herrn, gebraucht wird. 'JjiQÖmofCos kommt nur im 
Neuen Testament und bei A (Sir. und III Makk.) vor. 

TtQoxi&tfiai 'einen Vorsatz fassen' Eöm. 1, 12 (und Eph. 1, 9) 
ist wiederum ein zwar schon in klassischer Zeit gebrauchtes, 
aber dann besonders in der späteren Gräzität gewöhnliches 
Wort, das zwar bei S in anderem (wörtlich lokalem) Sinn 
angewendet wird, dagegen bei A auch in der erstgenannten 
Bedeutung. Iq der stoischen Psychologie spielt es allerdings 
eine gewisse, Rolle als eine Spezies der Öß^(jJ oder des Wollens ; 
aber Paulus braucht es ganz im landläufigen Sinne, wie 
auch das Hauptwort jt^ö&eaii, das übrigens auch Lukas 
hat, und denkt nicht entfernt daran, daß dies ein stoischer 
Terminus ist. 

aalouai wird einmal von Paulus und zwai' in der sonst 
nirgends belegten Bedeutung 'wankelmütig werden', 'sich er- 
schüttern lassen' gebraucht (I Thess. 3, 3). Sehr nahe berührt 
sich damit die Stelle bei Diog. Laert. (IV 41), wo es soviel 
bedeutet wie 'gerührt', 'ergriffen werden'. Im selben Sinn, 
aber noch mehr in der Bedeutung 'schmeicheln' und 'sich 
schmeicheln lassen' ist es in der poetischen Literatur der 
klassischen Zeit nicht selten und wird dann auch von der 
späteren Prosa angeeignet. Bei Epiktet kommt es einmal 
vor in der natürlichen Bedeutung 'wedeln' (von den Hunden), 

Keligioiiseesclilolitl'sliE Versuche n. Vorarbeiten X. . * 



130 Adolf Bouhöffer 

weshalb um so weniger Anlaß vorhanden ist, das Zusammen- 
treffen des Paulus mit Epiktet irgendwie auffällig zu finden. 

Gxo7tög in der Bedeutung 'Zier (Philipp. 3, 14j gehört zu 
den gutgriechischen Wörtern, die dem Apostel Paulus als 
einem mit der griechischen Sprache und der Anschauung der 
Hellenen von Jugend aaf vertrauten Manne näher lagen als 
den meisten anderen neutestamentlichen Autoren, und deren 
ausschließliches Vorkommen bei ihm somit nichts Befremd- 
liches hat, so wenig wie die anderen von der griechischen 
Athletik genommenen Begriffe und Bilder. Daß es auch bei 
Epiktet nicht fehlt, ist ebenfalls ganz natürlich. Wenn aber 
nicht einmal dieser eine Kenntnis der spitzfindigen Unter- 
scheidung von tüos und axoTtög verrät, die dem letzteren 
"Wort zu einer gewissen Sonderbedeutung innerhalb der 
stoischen Sehulsprache verhelfen hat (Stobaios Anth. 11 76, 16 W), 
so ist dessen Gehranch bei Paulus noch viel weniger als 
„Stoizismus" zu betrachten. Auch in der Sap. Sal wird das 
Wort so gebraucht, ebenso in den Klementin. Briefen. 

OToixila ToS -Mafiou. Während das Wort aroixsia in 
Hebr. 5, 12 die Anfangsgründe, in 11 Petri 3, 10 die 
Elemente im physikalischen Sinn bezeichnet, ist der Aus- 
druck atotxiia Tov xoafiov dem Paulus eigentümlich (Gal. 4, 
3 und 9; Kol. 2, 8 und 20). Der langjährige Streit der Ese- 
geten, ob darunter die Anfangsgründe, d. h. die primitiven, 
nur vorübergehend gültigen Satzungen der Welt im Gegensatz 
gegen die höheren, definitiven Ordnungen des Gottesreiches 
oder die Elemente im physischen, genauer im theologischen 
Sinn als die Gestirngeister oder überhaupt die den (ver- 
gänglichen) Kosmos beheiTschenden Mächte gemeint seien, 
kann nach der grundlegenden Untersuchung von H. Diels 
(Elementum, Leipzig 1899) im allgemeinen als zugunsten 
der letzteren Auffassung entschieden gelten. Ihr hat sich 
auch die theologische Exegese mehr und mehr angeschlossen, 
so Ernst Kühl in seiner Erläuterung der paulinischen Briefe 
(Band 1, Gr.-Lichterfelde- Berlin 1907) und H. Lietzmann im 
Handbuch zum Neuen Testament III 1, 1906 ff., während z.B. 
Bernhard Weiß auf seiner abweichenden Auffassung beharrt. 
Zuzugehen ist, daß die Diels'sehe Erklärung erschwert wird 



Epiktet und dos Nene Testament 131 

durch die Erwägung, daß der Apostel das mosaische Gesetz, 
dem er selbst einst diente, kaum in dieser Allgemeinheit als 
ein Werk, bei dem Gott selbst sozusagen gar nicht beteiligt 
gewesen wäre, darstellen und gar mit dem von ihm so .schroff 
verurteilten Götzendienst der Heiden auf eine Linie stellen' 
konnte. Andererseits tritt an beiden Stellen ganz klar hervor, 
daß er bei seinem Urteil speziell das Äußerliche und Äußer- 
lichste am Gesetzesdienst im Auge hat, nämlich die religiösen 
Übungen, sofern sie an die kosmischen Zeiten gebunden, also 
gleichsam von den Weltgeistern, den Astralmächten diktiert 
sind, und von diesem Gesichtspunkt aus erscheint ihm mo- 
mentan der Unterschied zwischen heidnischer und jüdischer 
Eeligionsübung als irrelevant. Daß die Äußerungen des 
Apostels über das jüdische Gesetz nicht leicht unter einen 
Hut zu bringen sind, ist eine anerkannte Sache, und wir 
werden nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß er an den 
fraglichen Stellen, wo sich's um einen Rückfall von Christen 
ins Judentum handelt, das Gesetz nur nach der negativen 
Seite seiner Un Vollkommenheit und Unzulänglichkeit betrachtet, 
nicht nach seiner positiv „pädagogischen" Bedeutung, in 
welchem Betracht er den Gottesdienst niemals der heidnischen 
Verehrung der (p-iau firj üvreg ■d'eoi und dem leeren Trug der 
(piXoüOfplct gleichstellen konnte. Im übrigen entspricht gerade 
diese „superstitiöse Anbetung der Elemente", welche Diels 
dem paulinischen Ausdruck zugrunde gelegen sein läßt, am 
allerwenigsten der stoischen Anschauung, wenigstens in 
ihrer reinen Gestalt, für welche vielmehr die pantheistische 
Vereinheitlichung der Naturmächte und der göttlichen Wirk- 
samkeit bezeichnend ist, wie denn auch Diels selbst es aus- 
spricht, daß Paulus hier an die jüdische Volksanschauung 
anknüpfe, wonach die aioixela oi^ikvia von Engeln geleitet 
werden (aaO. 51)*. 



' Eingehend nnd iimeichtig ist der panlinische Begriff ileK oioty.ita 
erörtert von Sl. Dihelius (Die Geisterwelt im Glauben des Paulas, GSttingen 
1909). Ira ganzen mit Diels einig weist er jedoch darauf hin, daß man 
nicht bloß an die öestimgeiBter denken dürfe, sondern überliaupt an die 
Geister, die den nön/ias regieren. (Ähnlich neuestens auch Friede. Pßster 
in Philol- 69, 1910, H. 3.) Auch betont er mit Eecht, daü es ver- 

9* 



132 AdoU Bonheffer 

aiJi4(piovos kommt nur einmal bei Paulus vor, und zwar in der 

Formel «x avficpthvov 'nach Übereinkunft' (I Kor. 7, 5); also 
keine Spur von der bedeutungsvollen Anwendung des Begriffs 
in der Stoa, welche das Ziel des Menschen in die oi:fitfiuvia 
mit dem Willen des Weltordners setzt (Chrysipp bei Diog. 
Laert VII 88; Epikt. I 4, 18 lijv Ttgoal^saiv aijfi<piiivov &no- 
zeXtaai rfj (pvaet) und die Gegensätze 'Sommer und Winter' 
'Tugend und Laster' usw. zur avi-Kpuyyia röv iJloiv für not- 
wendig hält (Epikt. I 12, 16); av^Kpwvias zfl (pvasi ist bei 
letzterem nur ein vollerer Ausdruck für xar« ipvaiv. Statt 
des Substantivs av/Kpwvla, das sich nur bei Lukas, in musi- 
kalischer Bedeutung, findet (15, 25), gebraucht Paulus das 
spätgriecbische Wort avfupdivrjaig (II Kor. 6, lö: ^Is (^k *'?''/'- 
(pdivrfiig Xqioioü jtQos BslioQ;). Bei P kommt cvfKpwvslv und 
avfKpKjjvoi öfter vor Im Sinne der Eintracht, ebenso bei A. 
Doch findet sich hier (IV Makk. 7, 7) auch der Ausdruck 
ov/ieptüvog vöfiov (a. mit Genitiv schon bei Piaton) und ganz 
stoisch klingt die Weisheit des Ecclesiastes (7, 15|: avv tovrq) 
{tiJ» &yaS-(J)) av/iqidivijjg toEto (tÖ ycaxhv) iitoirjOev ö &e6s. 

ovviaTiii.li (avvitrcdiviijj von Paulus ziemlich häufig ge- 
braucht, meist in der auch bei Epiktet vorwiegenden Be- 
deutung 'empfehlen', doch auch als 'dartun' und intransitiv 
im IL Aorist 'bestehen aus'^ In allen diesen und noch 
mannigfaltigeren Bedeutungen ist das Wort in der klassischen 
und hellenistischen Prosa gebräuchlich, auch der Ausdruck 
avavaTixij eniazoX-^ [II Kor. .S, 1; vgl. Diog. Laert. V 18 und 
Epikt. II 3, 1 yQdfifiaza avaTartxä). Auch bei A tritt die 
Bedeutung 'empfehlen' deutlich hervor, während sie bei P 
wieder fehlt. Epiktet gebraucht das Wort besonders, um die 

kehrt wäre, in der betreffenden Stelle Gal. 4 die QniBtesaenz der paulinischen 
Gedanlten über das Judentum zu suchen. Nicht beipflichten kann ich ihm 
aber darin, duü Pauiua auch die yoa den Heiden verehrten Götter als ini- 
ipoitat und olx/'fonoi (aiol), d. h. als die wirklichen Verwalter der Welt 
(p. 83) hätte gelten lassen. Uies laßt eich mit Eöm. I schleohterdiugB nicht 
zusammenreimen, und wenn Paalus «nter der xtLois (Böm. 1, S5) die Geist- 
wesen, von denen die gesamte Schöpfung regiert wird, -verstanden hätte, 
so konnte er unmöglich den Heiden aus ihrer Verehrung der (tatsäch- 
lichen!) Weltregenten einen so vernichtenden Vorwurf machen. 
1 Ebenso II Petri 3, 5. 



o 



Epiktet wid das Neue Testament 133 

Unsitte der Kmpfehlung von jungen Leuten an Lehrer der 
Philosophie zn geißeln. Eine tiefere Bedeutung haben aller- 
dings auch diesem Begriff die Stoiker beigelegt, indem sie 
die natürlichen und weiterhin die höchsten moralischen Be- 
dürfnisse des Menschen, die innere Einheit und Überein- 
stimmung mit sich selbst, als etwas darstellten, was die Natur 
dem Menschen selbst empfehle (vgl. die Ausführung, welche 
Cicero nach Panaitios im''2. Buch der Offiäa Cap. 13 ff. über 
die cominendatio giht). Ähnlich sagt Epiktet „mich hat Gott 
mir empfohlen" d. h. er hat mich auf mich selbst hin- 
gewiesen als auf das heiligste Gut, das es für mich gibt 
und zu bewahren gilt (IV 12, 12). Von dieser philosophischen 
Bedeutung abgesehen hat jedoch das Wort nichts Stoisches 
an sich, es gehört aber immerhin der besseren Gräzität an. 

aiotpqovin} wird im Neuen Testament nicht bloß von Paulus 
gebraucht; es steht auch bei Markus 5, 15 (Luk. 8, 35j im 
physischen Sinne als Gegensatz zur geistigen Störung; ähnlieh 
XI Kor. 5, 13 im Gegensatz zur Ekstase. Dagegen wollte 
man darin, daß der Apostel das Wort einmal auch im ethischen 
Sinn gebraucht (Eöm. 12, 3), eine Verwandtschaft mit der 
griechischen Philosophie entdecken. Doch reicht hierzu diese 
eine Stelle, die noch dazu in einem Wortspiel besteht, nicht 
aus, zumal weil das im philosophischen Sprachgebrauch viel 
wichtigere Substantiv aiacp^oa-övri, sowie das Adjektiv a^fpQiov 
fehlt, während das Auftreten dieser beiden Wörter in den 
Pastoralbriefeu, wie auch in der alttestamentliehen apokryphen 
Literatur in der Tat ein Anzeichen hellenischen Einflusses ist. 
Übrigens ist gerade bei der Stoa der alte sokratische Begriff 
der oiüfQoavyrj durch die Lehre von der Einheit aller Tugenden 
und das Überwiegen des inhaltsvolleren Begriffs des Natur- 
und Vernunftgemäßen etwas in den Hintergrund getreten. 

tpdoaoipla. Vor ihr wird Kol. 2, 8 als vor einer ver- 
führerischen Kunst gewann, der stärkste Beweis dafür, wie 
wenig wirkliehe Kenntnis und unbefangene Schätzung der 
griechischen Philosophie der Briefschreiber besitzt, der aber 
in diesem Fall sicher nicht Paulas selbst ist. Von hier aus 
ist nur noch ein Schritt zu dem gehässigen Hohne, mit welchem 
in der JJJpislola ad Diogiietum 8, 2 von den A^iörttoiot <piX6- 



134 Adolf Bonhefler 

ao^ot die Rede ist, die kurz darauf mit dem Ehrennamen 
y6j}Tss bedacht werden. Daß das Wort im Neuen Testament 
sonst nie vorkommt, kann niemand wundernehmen, andererseits 
mußte der Biograph des Paulus bei der Schilderung seines 
Besuchs in Athen wohl oder übel die epikureischen und 
stoischen Philosophen erwähnen. 

tftlöctOQyoq, von Xenophon und Piaton an speziell als 
Bezeichnung der Verwandtenliebe gebräuchlich, spielt bei der 
Stoa, besonders der späteren, entsprechend der hier mehr 
hervortretenden Schätzung der natürlich menschlichen Em- 
pfindungen, eine große Rolle, wie denn eines der schönsten 
Kapitel in den Dissertationen Epiktets der (pdoaro^yla ge- 
widmet ist. In AS findet sieh der Begriff bezeichnenderweise 
nur in den offenkundig hellenisierenden Makkabäerbüchern, 
und zwar von der natürlichen Selbstliebe wie von der Eltern- 
liebe. Paulus überträgt ihn auf das brüderliche Verhältnis 
der Gläubigen, und so ist er auch in Epist. ad Diogn. 1, 1 
gebraucht. "Wir können also dieses Wort immerhin zu denen 
rechnen, welche Paulus seiner größeren Vertrautheit mit dem 
griechischen Wesen verdankt ^ 

gfvawofiai 'aufgeblasen sein^ 'sich brüsten', im I Korinther- 
brief öfters, auch Kol. 2, 8. In dieser Form ist das Verbum 
in der Profangräzität nicht nachzuweisen, wogegen q>vati<i) und 
tpvadoi^ai in derselben Bedeutung gut griechisch ist und auch 
bei Epiktet und AS vorkommt. Vielleicht gehört das Wort 
der niederen Umgangssprache an; jedenfalls beweist es nichts 
für eine hellenistische, geschweige denn stoische Beeinflussung 
des Apostels. 

Überblicken wir noch einmal diese 48 Wörter, beziehungs- 
weise Ausdrücke % welche Paulus allein mit Epiktet gemein 
hat, so hat sich gezeigt, daß die weitaus meisten keinen Anlaß 

' Die Bedeutnag und das gegenseitige Verhältuis der BegriSe ^dav, 
arif/eip und dyanäi' hat feinsinnig dargestellt L. Schmidt (aaO. I 275 a. 391). 

^ Nachträglich füge ich noch hinEur SoyfiaTi^ui, öovhi-/iay4o>, ä-gta/i- 
ßiiioi; ijTiBMffevia, das Epiktet einmal gebraneht, findet sich nur 11 Tim. 4, 3; 
dagegen das simplex oio^evm auch Köm. 12, 20, freilich in einem Zitat 
ans Prov. 26, 22. 



Gpiktet \mi das Neue TestHment 135 , 

geben, irgend eine besonders nahe Bekannt-schaft des Apostels 
mit der profanen Literatur oder überhaupt der spezifischen 
Denk- und Ausdriicksweise der Griechen anzunehmen. Viel- 
mehr sind es fast lauter Wörter, die ihm aus der Septuaginta 
und besonders aus den alttestamentliehen Apokryphen be- 
kannt sein mußten oder konnten; wo dies nicht zutrifft, oder 
für den Fall, daß ihm die letzteren nicht oder nur zum Teil 
bekannt waren, erklärt sich ihr Gebrauch daraus, daß Paulus 
eben in der hellenistischen Sprache auferzogen war und selbst- 
verständlich auch manches von der hellenischen Anschauungs- 
und Hedeweise sich unwillkürlich angeeignet hat. Immerhin 
bleibt ein kleiner Eest von Wörtern übrig, welclie zeigen, 
daß nicht bloß überhaupt der Wortschatz der höheren Koine 
sondern auch die philosophische Terminologie, darunter auch 
etliche stoische Lieblingsausdrücke (äTisgiafcciaTiog, äaxi]fiovstv, 
ixiLv, kvTQiTto}, olxovofda, Ttd-S-og, (piX6aTOQyog usw.) ihm einiger- 
maßen zu Gebot standen. Andererseits fanden wir durch- 
gängig, daß gerade die spezifisch philosophische Bedeutung, 
welche viele dieser Wörter in der Stoa angenommen hatten, 
dem Apostel unbekannt oder gleichgültig ist, ja daß er zu- 
weilen geradezu in Widerspruch zu ihr tritt. 

Etwas anders würde sieh das Verhältnis stellen, wenn 
wir auch den Epheserbrief und die Pastoralbriefe zu den 
echten Paulinen rechnen dürften: hier sind die Berührungen 
mit der einer höheren Bildungssphäre angehörigen Diktion 
deutlicher, und auch spezifisch stoische Wörter und Begriffe 
treten hier häufiger auf. Ich nenne im folgenden wieder nur 
diejenigen, welche sich innerhalb des Neuen Testaments nur 
in den betreffenden „Paulinen" und zugleich auch bei Epiktet 
finden. Aus dem Epheserbrief: -Kußda (vgl. mit dem epik- 
tetischen ■x.vßsvüi 'ein leichtsinniges oder betrügerisches Spiel 
treiben'), oa7CQ6g (vom löyog, wie Epiktet vom ööyfia), aaozoSad^ai 
(von der geistigen Verblendung) und (pQÖwjms; aus den Pastoral- 
briefen ayvtia (im ethischen Sinn), drurrdraxfoe, &nalÖ{^vTüq, 
&7to9rflavQÜ^cii, yvfivaaia, yvvatxdQiov, £ftav6^-d-ioaig, ^ftinl^aaca, 
xtvofpiuvia (Epikt. 11 17, 8: nErws jag (ptuväg Tuvrag (Sfiijxoü/iev ; 
II 6, 19: xevä dv6u<xrct), nöafttoq, dftokoyovftivtDg (auch Ep, ad 
Diogn, 5, 4), Tza^axoXov&^to, aiSi<jiQo}y und anj^Qoavvt; [aiixp^ovl^ot 



136 Molf BouhtlfieT 

und a(o(p^ovion6g], r'xvoipoyi^w, r^Xog (= Zweck), wytijg Xöyog, 
vytaivovTBs Xöyoi (überhaupt die Übertragung des Begriffs der 
Gesundheit auf das geistige Gebiet), vdQOTcorib} \ vitox^mais, 
(pilavzog (auch bei Epiktet im tadelndeu Sinn), x«^e^^S^- 

Jedoch auch bei Hinzunahme der von uns als unecht be- 
trachteten Briefe wird das Ergebnis kein wesentlich anderes, 
wie im einzelnen wieder leicht zu zeigen wäre. 

B. Der Stil des Apostels Paulus 

Wie in dem Wortsehatz, so, und vielleicht in noch höherem 
Maße, wollte man auch im Stile des Paulus eine Verwandt- 
schaft mit Epiktets Diatriben finden, die man sich nur aus 
einer besonders starken Beeinflussung durch den Hellenismus 
erklären zu können glaubte. Indem ich eine eingehende und 
allseitige Darstellung des paulinischen Stiles Berufeneren über- 
lasse, beschränke ich mich hier darauf, einige Beobachtungen, 
die mir bei wiederholter Lektüre der paulinischen Briefe und 
der epiktetischen Lehrvorträge aufgestoßen siud, mitzuteilen. 
Daß die Argumentationsweise bei Paulus stark an die Disser- 
tationen des Epiktet erinnert, ist längst erkannt worden*, 
und wird neuerdings auch von Nägeli (aaO. 13) zugegeben. 
Zu bedauern ist, daß J. Viteau in seinen äußerst verdienst- 
lichen Arbeiten über das Griechisch des Neuen Testaments 



' In der Septuaginta «inmG:! bei Dau. 1, 13. 

' Außer II Tim. 3, 1 kommt 63 aucli Matth. 8, 38 vör, aber von 
Peraouen, in der Bedeutung 'Bchlimm', 'bösartig'. 

" Feine aaO. 79; Job. Weiß, Die christl. Freiheit, GBttingen 1902, 8; 
Leipoldt aaO. 146. Am besten nad eingehendsten hat Georg Heinrid, Der 
literarische Charakter der neatestamentliohen Schriften, 67fl. über den Stil 
des Apostels gehandelt. Meine Ausfühmng soll nur eine Brgftnznng daan, 
allerdinga zugleich eine Einschränknag der von Heinrici gezogenen 
Folgerungen sein. Betreffs des Sprachgcbranch« Epiktets in grammatischer, 
lexikaÜBcber und stiliätiseher Hinsicht verweise ich auf die mehrfach er- 
wähnte, eingehende und nötzliche Uutersnchnng von P. Melcher. Yon 
allgemeinerer Bedeutnng ist die Schrift A. Thumbs, Die griechische Sprache 
im Zeitalter des Heüenismns , StraBbnrg 1901, und für die Sprache des 
Neuen Testaments bildet in rein philologischer Hinsicht immer noch die 
Grundlage das Buch von F. Blali, Grammatik des neutest. Griechisch, 
2, Aufl., Gattingen 1903. 



Epütet und duB Neue Testament 137 

za wenig auf die Parallelen aus der profanen Gräzität ein- 
gegangen ist. Freilicli läßt sich, wie heutzutage wohl all- 
gemein zugestanden ist, das neutestamentliche Griechisch 
nicht mehr als eine Einheit betrachten und behandeln, sondern 
es tut not, die einzelnen Schriften oder Schriften?rnppen jede 
für sich besonders zu untersuchen. Wenn ich dies im folgen- 
den mit den paulinisehen Briefen, und auch dies nur mit Be- 
ziehung auf Epiktet unternehme, so möge man dies im vollen 
und bescheidensten Sinne als einen „Versuch und eine Vor- 
arbeit" betrachten. 

Ich hebe im wesentlichen nur diejenigen Elemente der 
paulinischen Bedeweise heraus, welche innerhalb des Neuen 
Testaments dem Apostel allein eigen sind und zugleich auch 
bei Epiktet sich finden. Da steht in erster Linie die bei 
letzterem so überaus häutige aber auch dem Paulus geläufige 
Formel (t^ yivoiTa, welche eine von dem Hörer oder Leser 
aus einer vorangegangenen Behauptung möglicherweise ge- 
zogene Folgerung in temperamentvoller Weise abwehrt. Da 
sie ihre eigentliche Stelle in einer theoretischen, dialektischen 
Auseinandersetzung hat, so Ist es nur natürlich, daß sie von 
PI' am häufigsten im Römerbrief, sodann im Galaterbrief, 
weniger in den Korintherbriefen, gar nicht in den übrigen 
angewendet wird. Während Viteau (aaO. 39) den Ausdruck 
als einen dem PI eigentümlichen bezeichnet, weist Nägeli 
nebenbei daraufhin, daß er schon in S „also in der griechischen 
Gemeinsprache" sich finde (aaO. 13). Dies ist z. E. der Fall 
Josua 24, 16 und Gen. 44, 17. Beidemal tritt aber noch ein 
Dativ hinzu {^oi oder v^tlv) und beidemal handelt es sich um 
eine praktische Verwahrung, nicht um eine theoretische Ab- 
wehr. Man kann also diese Art der Verwendung nicht ohne 
weiteres der paulinischen an die Seite stellen; von einem 
formelhaften Gebrauch, wie bei PI und Epiktet ist ohnedies 
keine Bede. Im selben Sinne, wie bei S, und zwar ohne 
Dativ, kommt der Ausdruck auch im Neuen Testament einmal 



' Da ich die Chiffre P als abgektlrzte Bezeichnung für die Fatren 
apostoUci gewählt habe, so soll im folgenden PI als Abkürzung für Paulus; 
gebraucht werdeu. 



138 Adolf BoiihüiTer 

vor, nämlich Luli. 20, 16. So bleibt es denn dabei, daß der 
epiktetische Gebrauch des Ausdrucks innerhalb des Neuen 
Testaments sich nur bei PI findet. Dies wäre an sich noch 
nicht besonders auffallend, da eben nur Paulus tatsächlich in 
seiner Geistesart etwas dem Epiktet Verwandtes hat. Auf- 
fallend ist jedoch, daß die Formel auch in der übrigen Profau- 
literatur, soviel mir bekannt ist, bis jetzt nicht nachgewiesen 
ist. Sie findet sich auch nicht bei Teles, dessen Lehrvorträge 
sonst, wie wir noch sehen werden, anch im Stil, wie im Ge- 
dankengehalt, den epiktetisehen am nächsten stehen. Trotz- 
dem ist natürlich an ein Änlehen des Epiktet bei Paulus nicht 
zu denken; und da dieser sein fiij yävoito nicht von jenem 
iiaben kann, so bleibt in der Tat keine andere Erklärung 
übrig:, als daß beide diesen Ausdruck der Umgangs.'^prache 
entnommen haben, da er sich der dialektischen Lebhaftigkeit 
beider in gleichem Maße empfahl. 

Besonders groß ist die Übereinstimmung des PI mit 
Epiktet in den Partikeln und formelhaften Wendungen, mit 
welchen die den Fortschritt der Gedanken tragenden Fragen 
eingeleitet werden. Schon die große Häufigkeit dieser rheto- 
rischen Fragen in den betreffenden Ataschnitten seiner Briefe 
ist auffallend {Blass aaO. 297} und erinnert auf Schritt und 
Tritt an Epiktet, bei dem ja fast jeder zweite Satz eine 
Frage ist. Aber auch die Ausdrücke selber stimmen überein, 
so vor allem das vi o-^v. Mit karh oder überhaupt als An- 
fang eines eigentlichen, vollständigen Fragesatzes kommt es 
natürlich auch sonst im Neuen Testament vor, aber für sich 
allein, als abgekürzter Fragesatz, wie bei Epiktet so überaus 
häufig, wird es nur von PI gebraucht (z. B, Köm. 6, 15). 
"Denn Joh. 1, 21 hat es eine ganz andere Bedeutung („was 
bist du dann?-', nämlich: wenn du nicht Christus bist). Eben- 
so wie bei PI und Epiktet finden wir das il oh auch bei 
Teles (z. B. 25, 13 Hense *) und Mnsonius. Daran reiht sich 
an die bei PI so beliebten Formel ii oiv e^oCftev oder 
auch bloß tI egoüfiev}. Letzteres finde ich zwar bei 
Epiktet nur an einer Stelle (III 7, 3 tl i^omisv rolg äy&Qt!i- 

' Eiumal auch n' oiy fq/ii; (I Kor. 10, 19). 



Epiktet und im Nene Testament 139 

notg;) dagegen ist beiden gemeinsam nicht bloß die Wendung 
%l ei'rtw, sondern namentlich auch t* J-^yet zur Einführung 
eines Zitats (bei PI gewöhnlich zu ergänzen: ^ i'^ctf'^) und 
rl l^yei.s.'- Im Zusammenhang damit erwähne ich auch die 
nicht interrogativen Verbindungen mit }Jy(o oder fjjfU, die 
einen neuen Gedanken oder einen selbstgemachten Einwand 
einführende Formel «pe^so 5 i','5J.i'.'«eEiTis{Epik.tet 118,24 

äXl' eQovat) und die Ausdrücke liyt^ oiv, lovto liyut. ■ 
loCtö tpTifU, und besonders ä}.).a Uyw, liyoj äi, liyai 
y&Q, mit welchen PI und ähnlich Epiktet, wenn auch 
weniger in der feierlich autoritativen Weise des ersteren, 
seine eigene Meinung kundgibt^. 

um wieder auf die interrogativen Wendungen zurück- 
zukommen, so ist hier namentlieh zu nennen der häufige Ge- 
brauch der Adverbien /fös und -^tov, wobei ei-steres seine 
ursprüngliche modale, und noch mehr letzteres seine lokale 
Bedeutung fast ganz abgestreift hat. Dem Paulus und 
Epiktet gemeinsam, den übrigen Autoren des^ Neuen Testa- 
ments aber fremd sind die Wendungen ftC-s Ut,^itov^ oiv 
oder auch ftov allein im Sinne einer emphatischen Verneinung, 
während jrög oh und it&g oi oder oöxi auch sonst im Neuen 
Testament sieh findet. Auch die Wendungen il Hi, über- 
haupt die vielen Fragen mit i/s und ^ die Formel oiy. 
oläag (Epiktet twyt ola&a, 7c6d-fv olSas) und besonders im 
Plural ovx oidare (Epiktet ovx i<nc), ferner das eitsi vor 
Fragen (übrigens auch Hebr. 10, 2), die Apostrophe ab vis 
d (Rom. 14, 4; Epikt III 1, 22), das alles sind Punkte, in 
welchen eine unleugbare Stilverwandtschaft beider zutage tritt. 
Dazu kommt noch das von. Epiktet so gerne zum Ah- 
echiuß einer Gedankenreihe verwendete loi-jtöv, das bei PI 
zwar nicht häufig, aber in diesem Sinne doch nur ihm eigen 
ist, ferner die zwar nicht bloß bei PI aber besonders häufig 
bei ihm vorkommende Folgei-ungspartikel vvv oder ywl 
äi, die Verbindungen eifcsQ ÜQa, ftövov ftj^, Tti^v Ui 
(letztere auch Acta 20, 23, aber eben in einer Bede des 

' Von Teles schon gebraucht. 

» Uyiii üi findet sich nach bei Mnäonius. 



140 Adolf Bouhöffei 

PI 1), ebenso der Getraucli von äaie in selbständigen 
Sätzen zm- Anknüpfung einer Folgerang, die Verbindung 
ilsaTjTtag öe xal, die dem Epiktet geläufige Anrede 
Sv&QioTttim urban ironischen Sinn, das Adverbium tcdvrtog, 
das nur Lucas und PI, mit der Negation (oi TTthrmg uud 
ndvtwg oS) nur der letztere gebraucht, die allerdings auch 
sonst im Neuen Testament sich findende Redensart ßX^nsie 
fuj, endlich die nichtentwickelten Bedingungssätze (z. B. 
Rom, 13, 3 -ä-iXete öl fiij (poßkTc&ai rijv e^ovaiav tö äyaS-ov 
Tcolu), welche der Rede ebenfalls etwas Energisches und 
Adstringierendes geben '. 

Wenn dies alles — und es könnte gewiß noch mehr bei- 
gebraclit werden — bei einem aufmerksamen und mit Epiktet 
vertrauten Leser den Eindruck erweckt, als ob zwischen 
PI und Epiktet, bzw. der Geistesart der kynisch-stoischen 
Diatribe eine besonders nahe Verwandtschaft bestehe, so ist 
dies wohl begreiflich. Es fragt sich aber, ob diese Über- 
einstimmungen zu dem Schluß berechtigen, daß der Apostel 
diese Literatur gekannt und mit Bewußtsein ihrer Ein- 
wirkung, natürlich nur nach der formalen Seite, sieh hin- 
gegeben, oder auch nur sie mit solchem Interesse in sich auf- 
genommen habe, daß er die Spuren dieses Studiums oder 
dieser Kenntnis unwillkürlich in seiner Schreibweise ven-aten 
habe. Ich möchte diese Frage durchweg verneinen und zwar 
aus folgenden Gründen, Einmal gilt diese ganze oft über- 
raschende Ähnlichkeit mit der Redeweise Epiktets nur von 
einem Teil der Briefe des PI und auch hier nur von ge- 
wissen Partien, wo er dogmatische Anschauungen entweder 
üca mit dem Eifer und dem Patlios des Selbsterarbeiteten 
entwickelt oder mündlich Gelehrtes in Erinnerung bringt 
bzw. gegen Mißvei-ständnisse oder gegnerische Angriffe ver- 
teidigt. Hierbei scheiden also von vornherein aus, abgesehen 
von dem Epheser- und Kolosserbrief, die mit ihrem liturgisch 
feierlichen Ton und ihren schwülstigen Perioden auch formell 

1 )■?»• di auch bei Teles und Musoniiis; bei letzterem auch ti in, 
^oü, a<Üs avzi, loatt, i:zci yor PragCD. — Auch das ^.let in der Bedeutuug 
sonst ist im Neneu Testament irar dem PI eigen (Blaß 268). Zn Xoin6y 
3. Meleher 2011. 



Kpiktet and das Nene Teatameat 141 

einen direkt unhelleniachen Eindruck maclieii ', auch die 
übrigen von uns als echt betrachteten Briefe, in welchen der 
Apostel den Dialektiker wenig oder nicht hervorkehrt, sondern 
mehr die ungekünstelte Sprache des vertraulichen Briefes, 
des Herzens spricht Selbst der von heftiger Erregung durch- 
zitterte zweite Brief an die Korinther bietet fast gar keinen 
Anlaß zur Vergleichung mit Epiktet. 

So beschränkt sich auch in der Tat die oben dargelegte 
Übereinstimmung des Stils etwa auf die Hälfte des Römer- 
briefs, wobei hauptsächlich die Kapitel 3-8, 9—11 und etwa 
noch 14 und 15 in Betracht kommen, sodann auf gewisse, 
mehr zerstreute Partien des 1. Korintlierbriefs und einen Teil 
des Galaterbriefs, besonders die Kapitel 2—4. Kein unbe- 
fangener Leser wird leugnen können, daß die Mehrheit dessen, 
was wir von PI im Neuen Testament haben, nicht bloß 
keine Ähnlichkeit mit Epiktets Dissertationen oder überhaupt 
mit der kynisch-stoischen Schriftstellerei aufweist, sondern 
vielmehr, auch in Sprache und Ausdrucksweise, einen völlig 
anderen Geist atmet. Nun könnte man ja sagen, PI, als 
Meister der Sprache, der er sicherlich war, bedient sich der 
hellenischen Ausdrucksformen eben nur da, wo er sie fiir 
seine polemisch oder pädagogisch dogmatischen Zwecke 
brauchen kann. Epiktet spricht immer in derselben, lebhaft 
eindringliehen und dabei doch ruhigen und nücliternen, kühl 
intellektuellen Weise, vom Dozieren oder Perorieren stets 
rasch wieder zum populären Demonstrieren und schlagfertigen 
Dialogisieren übergehend; Paulus aber ist eigentlich — so 
würde man dann annehmen — in einer anderen Mitteilungs- 
weise zu Hause, geht aber, wo er es für gut findet — mit 
Bewußtsein, Notabene I — zu dem i|im innerlich fremden, 
hellenisierenden Stile über. Ich glaube, diese Annahme ist 
' psychologisch nicht haltbar und auch des großen Apostels 
nicht würdig, der immer und überall in Sprache wie Gedanken 
nur sich selbst gibt. Es dürfte auch ein schwieriges Kunst- 
stück sein, in einer Sache, die einem so ungeheuer am Herzen 
liegt und die ganze Seele aufrührt, wie dem PI, eine 

' S. a. Blaß 270 



142 Adolf üonhüffer 

mehr oder weniger nur äußerlich angelernte, aus mündlichen 
oder schriftlichen Reminiszenzen sich erbauende Sprache zu 
reden. Kurzum die Einheitlichkeit des schriftstellerischen 
Charakters des Apostels würde durch jene Annahme gefährdet' 
Dazu kommt aber noch ein zweites, gewichtigeres Argn- 
ment. Nach allem, was wir von dem Bildungs- und Lebens- 
gang des Apostels wissen, und nach seiner ganzen durchaus 
ablehnenden Stellung, die er aller menschlichen Weisheit, 
auch der griechischen Philosophie gegenüber einnimmt', 
ist es ganz unwahrscheinlich, daß er jemals den philo- 
sophischen Vorträgen, die er ja wohl anhören konnte, oder 
den philosophischen Schriften, deren er wohl habhaft werden 
konnte aber sicherlich nicht begehrt hat, jenes Maß von Auf- 
merksamkeit oder Interesse zugewandt hätte, das nötig war, 
um ihn zu solch perfekter Handhabung des Diatribenstils zu 
befähigen. Und so wäre es in der Tat eine gewisse Cha- 
rakterlosigkeit, die wir ihm nicht zutrauen, wenn er für seine 
heilige Sache die Ausdrucksmittel jener von ihm so gering 
geachteten oder wenig verstandenen unheiligen Weisheit ver- 
wendet, also gewissermaßen sich mit fremden Federn ge- 
schmückt hätte. Man halte nicht dagegen sein eigenes Be- 
kenntnis (I Kor. 9, 20), daß er den Juden ein Jude, den 
NichtJuden ein Niehtjude geworden sei, um auch sie für das, 
was so ungriechisch war, zu gewinnen! Denn was er damit 
meint, ist nur die Anbequemnng an ihre Lebensart, das An- 
knüpfen an und Eingehen auf ihre Vorstell ungs weise. Es 
ging aber nicht so weit, daß er hewußtermaßen ihre Sprache 
geredet und ihre Argumentations weise angewendet hätte; 
denn er selbst stellt auch die Art seiner Verkündigung in 
diametralen Gegensatz zu der philosophischen Überzeugungs- 
kunst, wenn er sagt „es gefiel Gott wohl durch törichte 
Predigt selig zu machen die, so daran glauben; sintemal 
die . . . Griechen nach Weisheit fragen, wir aber predigen 
den gekreuzigten Christ ... den Griechen eine Torheit" 

' Näsgen {aaO. S43)r Pauli Erklärung (I Kor. 1, 17 ff.) zeigt unwider- 
leglich, daß er als Bote Jesu Christi mit vollem Bewußtsein ein Gegner 
aller Vermisdiuug mit griechiseher ScLul Weisheit und aneh mit orien- 
talisch religiöser üeheimlehre gewesen ist. 



Epi^tet und das Neue Testamect 143 

(I Kor. 1, 21 ff.). Die fio)Qia bezieht sich allerdings zunächst 
auf den Inhalt, nicht auf die Form seiner Verkündigung; 
aber wir werden ihm doch nicht die Geschmacklosigkeit zu- 
trauen, den Griechen das Gegenteil der Weisheit, die sie 
suchen, in den Formen dieser Weisheit beibringen zu wollen! - 
Es bleibt also dabei, daß durch jene Annahme nicht bloß der 
schriftstellerische, sondern auch der ethische Charakter des 
Apostels geschädigt würde. 

Dazu kommt nun aber noch ein dritter Punkt. Die 
stilistische Übereinstimmung mit Epiktet, auch innerhalb der 
Schranken, in denen sie überhaupt gilt, ist keineswegs so 
vollständig, wie sie sein müßte, wenn wir wirklieh eine ge- 
naue Bekanntschaft mit der hellenischen Popularphilosophie 
bei ihm voraussetzen dürften. Denn wenn PI auch viele 
Formen der Eede mit Epiktet gemein hat, so fehlen doch 
ebenso viele oder noch mehr, die für diesen charakteristisch 
sind. Ich meine natürlich nicht die bei Epiktet so häufigen, 
nur auf dem Boden des griechischen Polytheismus möglichen 
Beteuerungsformeln V)) (/(ä) ^('a, v^ Tovg-&£ovg. tov -d-säv 
aoi lind Ähnliches; aber wenn die nicht minder häufigen, 
der Belebung des Vortrags dienenden Partikeln vai, &l).ä, 
nairoi, ov'KOüv, eItu, zoiyäqxoi, die Fragewörter Äg« 
{&q' oh), Ttoios, nöd-EV, itötEQov-ij, die Frageformen 
oQSg oiv (öpste), ii naX-itt, ti &XXo ij, überhaupt die 
Verwendung des Silo {aXlo oiäiv, oidh Skko fj), die Impera- 
tive äye, 'iitays., ip^Qs, ea/darw, die Anreden i?^J.riör«, 
taXaifruiQe, ävÖQästoöov, die Wendungen olov &v et, 
Siict ftev —fifia äi, iifta xal, o&'tw äi vcal ei/S-dÖe (oder 
hTaü&a), UV aoi öö^ji, und dgl, besonders auch das allein- 
stehende ov mit folgendem &llä und so manches andere bei 
PI gänzlich fehlt, obwohl er Gelegenheit gehabt hätte, dies 
und jenes zu verwenden, so reduziert sich der Eindruck der 
■Übereinstimmung ganz erheblich. 

Andererseits gebraucht PI mit Vorliebe so manche 
Wendungen, die bei Epiktet ganz fehlen, wie das folgernde 
&qa oiv, das fragende fi^s 64, ganz zu geschweigen von 
den vielen hebraisierenden oder eben nur auf dem Standpunkt 
des supranaturalen Offenbarungsglaubens und der autoritativen 



144 Adolf Bonhüfier 

Ethik denkbaren oder aus seinem prophetisch apostolischen 
Bewußtsein fließenden Ausdrücken, die der ganzen Erörterung, 
wenn sie vielleicht eine Zeitlang uns recht hellenisch an- 
mutete, auf einmal eine ganz andere Färbung geben. Ich 
nenne in dieser Hinsicht nur die Redensarten fiaxä^iag 
i'i etc., S-ehg oläsv, o'iäa/isv {oier i7j:iai£vo/.isr) Sri, oida 
v.al jteTceiafiai, ov yÜQ &ilo} ifiäg äyvoslv^ löoi) 
fiVaTijgtov v/.t.Lv X^yo), yviaqlt^M {^taqivQOfictt, naQayy^Xlo}) 
v/iiv, jiaQaY.alC) ovv v^Sg, die feierlichen Imperative 
wie ö iaS'iojv rov fiij tadiovia /.tij £§ovd-evsit(i> (Rom. 14, 3) 
und dergl. 

Neben dieser äußeren Ungleichhi-it ', die bei aller Ähnlich- 
keit doch zu bemerken ist, möchte ich aber auch hinweisen 

' Ich rechne dazu auch die vielen Zitate aas dem Alten Testament 
und die oft lang auBgesponnene rahhinische Sehriftdeotnag', wodurch die 
dem Diatribenstil ähnelnden Anstühmng'en dutchaetat und unterbrochen 
sind. Auch Heinrioi hat darauf anfmerksam gemadht (der liter. Charakter 68), 
daß Köm. 9—11 die Methode der rabhinischen Schriftdeutung verbunden 
sei mit den Formen der Diatribe, freilich nicht in dem Sinne, daß ihm 
dadnteh der bewußte Anschluß des Pi an die letztere etwa zweifelhaft 
geworden wäre. — Ich habe, wie schon eingangs erwähnt, bei dieser Ver- 
gleichung des epiktetischen nud paulinischeu Stils keinerlei systematische 
Vollständigkeit erstrebt, sondern nur einigcrmaücü übersichtlich gruppiert 
und in einen Zusamnienhang gebracht, was mir selbst anfsticE und wichtig 
schien. Waa Andere, inabesoudere Blaß und Melcher noch außerdem notiert 
liaheu, will ich hier anhangsweise noch aufführen. 1. Sprachforinen und 
Partikeln, die dem Epiktet (bzw. der Profan gräzität überhaupt) geläufig 
sind, im Neuen Testament aber nnr oder fast nur oder eben häufiger bei 
PI vorkommen: äpo, ye [das bedeutungsvollere), ti.Tcj {iJ.T^p <'p"), ^&ei.av 
(cfr. tjvxo/iiiv), ijToi — >j, x-Sdntp, /Lr, ui, nins (eis verstärkende Partikel), 
•cm im prägnanten Sinn (etwas Kechtes), Tot/xi^oly. — 3. Bei Epiktet kommt 
vor, aber a) im Neuen Testament nicht: «re, yovv, Ixekoi, b) hei PI nicht 
oder doch seltener als bei anderen ncutestam entlichen Autoren: «spfs mit 
Konj., S//tiov, &ikin mit folg. Iva, ira nach Demonstrativis (bei Johannes 
mehrmals, bei PI nur einmal), /dvroi, n(ia [ö(iSxt) ftri (mehrmals hei deu 
Synoptikern, nur einmal bei PI), nvv 'wohin' [nur Job. u. Eebr.). Die 
Seltenheit der bei Epiktet so außerordentlich beliebten Diminntirformen 
nnd der Adjcoiiva verbaiia sowie die Uleichgültigkeit gegen den Hiatna 
teilt PI mit dem uhrigen Neuen Testament. — 3. Nicht bei Epiktet, da- 
gegen a) im Neuen Testament, auch bei PI, kommt vor äy.^t, /levoWyi 
(3 mal bei PI, 1 mal bei Lukas), b) gerade bei PI und nur bei ihm; äia.T«^, 
k'^iüTjeQ und die unklassiBChe Verbindung äs oti (Blaß 226). 



Epiktet und das Neue Teatamenl: 145 

auf die inuere Verschiedenheit des Tones, die auch in den 
am meisten hellenisch klingenden Partien der paulinischen 
Briefe nicht zu verkennen ist. Hier ist nichts von der bei 
allem Ernst und Eifer um die Sache doch im Grunde behag- 
lichen Ruhe und überlegenen Kühle, ja anscheinenden Kälte 
und Gleichgültigkeit, mit der Epiktet über die wichtigsten 
Angelegenheiten der Menschen redet, sondern eine gewisse 
nervöse Unruhe, eine leidenschaftliche Ungeduld, die erlösende 
Wahrheit, von der seine ganze Seele erfüllt ist, den Menschen 
beizubringen und ihr Heil, an dem ihm alles liegt, sicher zu 
stellen. Diese Verschiedenheit des Tones erklärt sich voll- 
kommen einmal aus der Verschiedenheit des Gegenstandes — 
hier reine Vernunftwahrheit, dort ein Mysterium des Glaubens 
— sodann daraus, daß PI, während er schreibt, die Wahr- 
heit, die er verkündigen will, gleichsam selbst erst neu aus 
sich erzeugt oder doch gestaltet, während Epiktet nur die 
Aufgabe hat, klare, nüchterne, seit Jahrhunderten feststehende 
Grundsätze zu entwickeln und möglichst einleuchtend zu 
machen. Andererseits erklärt sich die besonders große 
stilistische Verwaiidtschaft des PI mit Epiktet nicht bloß 
daraus, daß jener mehr als die meisten anderen neutestament- 
lichen Autoren den Hellenismus kennt und sich in ihn ein- 
zufühlen weiß — der Verfasser des Hehräerbriefes müßte ja, 
wenn dies der einzige Grund wäre, dem Epiktet noch 
näher stehen — sondern namentlich daraus, daß beide, jeder 
in seiner Art, in besonderem Maß originelle und geisterfüllte, 
lehrbegabte und überzeugungskräftige Persönlichkeiten sind, 
beide mit einer auch die Geringsten umfassenden Menschen- 
liebe und außerordentlichen Gabe populärer Kode ausgestattet. 
Und wie die kynisch-stoisehen Tugendprediger die Eigen- 
tümlichkeiten ihres Stils sicherlich in der Hauptsache daher 
haben, daß sie selber aus dem Volke stammen und die Sprache 
des Volkes reden, so hat auch PI dsis Hellenistische seiner 
Rede nicht etwa den Stoikern oder Kynikern abgelauscht, 
sondern aus der allgemeinen Umgangssprache geschöpft, und 
Nägeli hat gewiß recht, wenn er sagt: „Wenn die Argu- 
mentationsweise bei PI stark an die Dissertationen des 
Epiktet erinnert, so ist damit für einen Einfluß der hellenischen 

ItelieiansgescbicbtUslie Versuche u. Vorarbeiten X. 10 



146 Adolf Bonhöffer 

Rhetorik auf seinen Stil nur wenig, Sür eine Beeinflussung- 

auf literarischem Wege nichts bewiesen". 

C. Besonders bedeutungsvolle Worte und Begriffe 

Bei der Aufzählung der wichtigeren Wörter, welche PI 
mit Epiktet gemein hat, habe ich einige der allerwichtigsten 
absichtlich übergangen, weil sie eine eingehendere Besprechung 
erheischen. Zugleich handelt es sich bei ihnen nicht bloß um 
die sprachliche Übereinstimmung, sondern um den ganzen 
Komplex von Anschauungen, die sich daran heften, so daß 
also diese Untersuchung gleichsam die Brücke bildet von dem 
mehr äußerlichen Vergleichungsgebiet des Wortschatzes zu 
dem ungleich wichtigeren der ganzen Begriffswelt und in 
letzter Linie der Lebensansehaunng. So ziemlich alle Theo- 
logen unserer Tage, die sich mit diesen Fragen beschäftigt 
und öffentlich darüber geäußert haben, Heinrici, Johannes 
Weiß, Feine, Leipoldt, Lietzmann, Giemen u. a., stimmen darin 
überein, daß der Apostel PI In ganz besonderem Maße ge- 
wisse Begriffe der griechischen Popularphilosophie sich an- 
geeignet habe (Paul Wernle, Die Anfänge unserer Eeiigion, 
2. Aufl. Tübingen 1904, S. 375 ft'.). Auch Philologen wie 
Wendland sind im ganzen dieser Ansicht, ja Curtius ist in 
der Verhellenisievung des PI nocli viel weiter gegangen wie 
die genannten Theologen, während umgekehrt Norden und 
auch Eduard Scbwartz in seinem Charakterbild des Apostels 
(Cbarakterköpfe, 2. Reihe, Leipzig 1910) sieh wesentlich zu- 
rückhaltender aussprechen. Welches sind nun diese Worte 
oder Begriffe? es sind besonders die Worte ad^^, (pvatg, 
vovq, /rveDfia, ■/.a&f^/.ov , uvTEiörjaig^ also die Begriffe 
Fleisch und Geist, Natur, Vernunft, Pflicht und 
Gewissen, ferner die nicht gerade an bestimmten sprach- 
lichen Ausdrücken haftenden Ideen der Freiheit, der 
Freundschaft, des natürlichen Gesetzes, des ver- 
nünftigen Gottesdienstes u. dgl. 

Ich beginne mit dem Begriff der Natur. Daß dies ein 
spezifisch hellenischer oder doch arischer, dem Öemitismus 
fremder Begriff ist, steht fest; sein vollständiges Fehlen im 
Alten Testament, abgesehen von den notorisch hellenistischen 



£piktet und das Neue Testament 147 

Büchern der Weisheit und IV. Makkabäer, ist deshalb nicht 
verwunderlich. Ebensowenig ist es aber zu verwundern, daß 
das Wort ^vGis schon in den ältesten Dokumenten des 
Christentums auftritt; denn es war in der Tat nicht möglich, 
unter Griechen zu leben, ohne täglich die Worte (pvaig, ipvaEi, 
fvamüig usw. zu hören. Am häufigsten tritt er uns bei PI 
entgegen, freilich fast nur in den adverbialen Wendungen 
(pvou, xorä ipiaiv, ira^a <pvaiv. Nur einmal erscheint die 
(pvaig als selbständiges Nomen und zwar gleichsam personi- 
fiziert in der merkwürdigen Stelle oMk ^ tp^aig aMj diddaxsi 
vf^Sg Sri &vijQ fiiv sav itOfi^ &%ifxla aiiip lativ, yvvrj Öl iav 
wfi^ S6%a at-T.fi icttv; (I Kor. 11, 14). Gewiß kommt PI hier 
dem griechischen Gefühl seiner korinthischen Christen ent- 
gegen. Nachdem er in längerer rabbinisch-mystischer Aus- 
einandersetzung die Pflicht der Frau, beim Gebet ihr Haupt 
zu bedecken, erwiesen Bat, verweist er seine Leser zum 
Schluß auf ihr eigenes natürliches Urteil und Gefiihi {iv vjäIv 
airfOlQ x^lmre). An die Popularphilosophie braucht man aber 
deshalb noch lange nicht zu denken; denn einmal zeigt der 
ganze Zusammenhang und das aiz^ bei <fiijoig zur Genüge, 
daß der Apostel weit entfernt ist, das Gebot der Natur mit 
dem Gebot Gottes zu identifizieren. Und an die kynisch- 
stoische Philosophie kann er dabei vollends nicht gedacht 
haben, da ja für diese der lange Haarwuchs keineswegs als 
Schande für den Mann, sondern, allerdings mit Vorbehalt (vgl. 
Ep. IV 8, 5 ff.), gerade als Erkennungszeichen des Philosophen 
galt. Es ist mit Eecht darauf hingewiesen worden, daß die 
Begriffe und Anschauungen, die in den Philosophenschulen 
kultiviert wurden, in weitgehendem Maße auch auüerhalb der- 
selben Aufnahme, wenn auch nicht immer verständnisvolle, 
gefunden haben und gleichsam zum geistigen Gemeingut ge- 
worden sind. Sollte dies nicht auch mit dem Begriff tptiaig 
geschehen sein, ja könnte nicht gerade die Redensart ^ tpvaie 
SiS&ayf.si, die ich übrigens gerade aus der philosophischen 
Literatur im Augenblick nicht zu belegen vermag^, sprich- 
wörtlich geworden sein? 

' Ganz Btalich wie PI sagl^ übrigens Platarcli de tranqu. an. 473A: 

Uq'oS äh -Tovtip xnl zi/v ^vaiv oqäniv iiiofiifii'tjaxovaap t',aäi, 

10* 



148 idolf Bonhöfier 

Mehr als diese paulinische Stelle jedenfalls nähert sich 
dem Hellenismus der Gebrauch des Wortes ipvaig in den 
beiden anderen Fällen, wo das Wort im Neuen Testament 
sich findet, bei Jak. 3, 7, wo von der qivaig der Tiere, wie 
schon Sap. Sal. 7, 20, die Rede ist und sogar der dem Epiktet 
so geläufige Ausdruck (pvatg ävS'QtoTtivri gebraucht wird; so- 
dann II Petr. i, 4, wo als Endziel der Erlösung durch 
Christum die Teilnahme an der ^tia <pvaig verheißen wird, 
eiu Ausdruck und Gedanke, in dem sich bereits die Ver- 
mählung des hebräischen Spiritualismus mit dem griechischen 
Naturalismus, ankündigt. Im ganzen Neuen Testament aber 
und so besonders auch bei PI ist , was sich übrigens von 
selbst versteht, keine Spur zu finden von der tiefen und um- 
fassenden religiös-philosophischen Bedeutung, welche der Be- 
griff ffivaig in der stoischen Schule erlangt hat und welche 
bei Epiktet wie bei Mark Aurel fast auf jeder Seite zum 
Ausdruck kommt. Man darf nur etwa daran denken, daß 
dem Stoiker die Übereinstimmung mit der Natur als höchstes 
Ziel vorschwebt, oder daß Epiktet die Natur ro ttüvriov 
iaxvQÖTUTOv nennt und den freiwilligen Tod als besten Beweis 
des Gehorsams gegen den Willen der Natur feiert, so hat 
man die unüberbrückbare Kluft vor sich, welche stoisches 
und urchristliches Denken trennt. 

So kann denn auch der ziemlich häufige adverbiale Ge- 
brauch des Wortes (fvaig bei PI für eine Entlehnung aus der 
griechischen Philosophie lediglich nichts beweisen, vor allem 
nicht der Dativ tpvaei, der gar nicht dem spezifisch philo- 
sophischen Sprachgebrauch angehört, sondern allgemein ge- 
bräuclilich und verständlich war und sowohl das Angeborene 
im Gegensatz zu dem später Gelernten oder Erfahrenen, als 
auch das Freiwillige, Selbständige gegenüber der positiven 
Satzung bezeichnet. So gebraucht auch PI den Ausdruck, im 
ersteren Sinne Gal. 2, 15 (ipvaei 'lovdatog — vgl. Köm. 2, 27 
^ h <pvaEwg ix^oßvaula) ', im letzteren Sinne Köm. 2, 14 {(pvou 

' Ich rechne hierher auch Bph. 3, 3 ^fted-a tinva- ^lioti ö$yT,i (wie 
auch Sap. Sal. 13, 1). — Etwas yerachieden hiervon nad eigentümlich ist 
die Stelle Gal. 4, 8, wo das ifiau einen Gegensatz zum Erdicbteton, Un- 
wirklichen büdet uad mit „in Wirklichkeit" zu ttberaetzen ist. — An die 



Epiktet und das Nene Testament 149 

rä roü röuov rtoiüaiv). Etwas anders steht es mit den Aus- 
drücken xcTCf und naQa rpvaiv (R5m. 1, 26; 11, 21 ff), die 
zwar auch in der klassischen und nach kl assischen Gräzität 
unabhängig von der philosophischen Terminologie gebraucht 
worden, aber doch etwas mehr an die Stoa erinnern. Aber 
gerade das, was diese Ausdrücke als stoische charakterisiert, 
nämlich die Substantivierung th -Kaih tftjoiv oder vollends 
TtQ&za xatä <pijaiv in dem ganz bestimmten Sinn der natur- 
gemäßen Dinge, die zwar Ausgangspunkt, aber nicht Mafi 
und Inhalt des Sittlichen sind, oder Verbindungen wie xaro 
(p^atv exfiv oder öte^dystv, /.ara <pvaiv ö^fiSv, dQiysadvtt etc., wobei 
die ipvaif; im höchsten Sinn als Inbegriff des Sittlichen zu 
denken ist, fehlt bei PI wie im Neuen Testament überhaupt. 
Eine eingehendere Besprechung erfordert aber noch die 
bereits erwähnte Stelle Rom. 2, 14 und überhaupt die ganze 
Erörterung des Apostels in Rom. 1 und 2 über die natürliche 
Gotteserkenntnis und Sittlichkeit. Denn sie hauptsächlich, 
weniger der Gebrauch des Wortes (pvaig, ist es, was zu der 
Annahme einer Einwirkung der Stoa auf PI geführt hat. In 
diesem Zusammenhang treten ja auch mehrere von den anderen 
Begriffen auf, die er von der Popularphilosophie entlehnt 
haben soll, nämlich xad-fjxov, vö[iog ö'yQantog und avvdör,mg. 
Ich glaube aber, man muß auch hier die Annahme von einer 
Beeinflussung des Apostels durch die Stoa erheblich ein- 
schränken. Die natürliche Gotteserkenntnis nämlich, die er 
den Heiden zuschreibt, ist eine sehr problematische. Während 
die Stoiker aus dem consensvs gentium, d. h. aus der Tatsache, 
daß überall auf der Oikumene etwas wie Religion sich findet, 
auf die Existenz von Göttern oder einer Gottheit schlössen 
und weitherzig genug waren, auch die primitivsten Vor- 
stelJungen und Kulte der Gottheit als Religion gelten zu 
lassen, so zeigt der Apostel PI als Jude, was niemand be- 
fremden wird, auch nicht das geringste Verständnis für das, 
was wir natürliche Religion nennen möchten. Religion ist 
ihm nur die Erkenntnis des einen, wahren Gottes. Und nun 



Stelle von uträ ifvatv tritt ~&öm. 1, 26 das Adjektir jujojkoc, welehes 
anGurdtni nüch II Pelr. 2, 12 iu eiuer recht ungrieeJiischen Eousttnktion 
Btatt fiioixwa oder yüoet gesetzt ist. 



150 Adolf Bonhöffer 

geschieht das Ungeheuerliche, daß er behauptet, die Heiden 
hätten die Möglichkeit und Fähigkeit gehabt, diesen Gott zu 
erkennen» ja sie haben ihn auch erkannt {1, 21) aber — man 
weiß nicht aus welchem Grunde — nicht als Gott (oder in 
einer Gottes würdigen Weise) geehrt und seien in Götzendienst 
verfallen. Dies alles natürlich nur — ich will nicht sagen 
in der Absicht, aber — in der ihm selbstverständlichen Vor- 
aussetzung, daß die Heiden selber schuldig seien an ihrer 
Verdammnis. Genau so hatte zwei Jahrhunderte vorher, 
übrigens in weit freierer und geistvollerer W'eise, der Verfasser 
der Weisheit Salomos {Kap. 12 und 13) die Möglichkeit der 
(wahren) Gotteserkenntnis bei den Heiden behauptet, um sie 
für ihre faktische Gottlosigkeit verantwortlich zu machen. 
Auch nicht die Spur eines Gedankens daran, daß diese Gottes- 
erkenotuis, wenn auch die Anlage dazu vorhanden war, doch 
natürlich nicht gleich von Anfang an und nicht bei allen 
gleichmäßig in voUem Maße wirklich werden konnte. Und 
wenn wir auch diese Idee der allmählichen Entwicklung 
billigerweise bei dem Apostel nicht erwarten können, so 
könnten wir doch, wenn er auch nur einigermaßen der Ent- 
wicklung der griechischen Philosophie, ja nur überhaupt des 
griechischen Geisteslebens seine Aufmerksamkeit geschenkt 
hätte, erwarten, daß er rühmend hervorheben würde, wie 
wenigstens da und dort ein Heide sich der wahren Gottes- 
erkenntnis genähert habe. Ist der Mangel jeglichen Hin- 
weises darauf, und dazu in einem Brief an die Christengemeinde 
in Kom, nicht der beste Beweis dafür, daß PI eben die 
griechische Philosophie nicht kannte oder nicht kennen wollte? 
Und wo haben die Stoiker jemals behauptet, daß der Mensch 
von Natur befähigt sei, den wahren Gott zu erkennen? Sie 
selbst sind, wie in anderer Weise vor ihnen Anaxagoras, 
Sokrates und Piaton, dieser Erkenntnis zum mindesten sehr 
nahe gekommen, und ich bin fest überzeugt, daß sie, obwohl 
sie den landläufigen polytheistischen Glauben und Kult nicht 
verleugneten und verweigerten, doch sich recht wohl, bewußt 
waren, einen höheren Glauben, eine vollkommenere Religion 
zu besitzen als die große Masse. Aber sie wußten sicherlich , 
auch, daß man zu einer solchen reineren Gottesanffassung 



Epiktet und das Neue Testament 151 

nicht von Natur und nicht ohne weiteres, soodern erst mit 
fortschreitender Kultur und mittels konzentrierten Denkens ge- 
langt, und daß nicht alle das Zeug dazu haben. Also ich kann 
nicht anders urteilen als so; wenn PI auch nur einen flüchtigen 
Blick in eine stoische, vom Göttlichen handelnde Schrift (etwa 
des Poseidonios) getan hätte, so wäre es ihm unmöglich ge- 
wesen, Bömer 1 und 2 so zu schreiben, wie wir es heute lesen. 
Nicht viel günstiger kann unser Urteil ausfallen über 
die „von der Stoa entlehnte" paulinische Lehre von der 
natürlichen Sittlichkeit oder ethischen Erkenntnis, 
Sie stützt sich ebenfalls lediglich auf Köm. 1 und 2, vornehm- 
lich anf die berühmte Stelle 2, 14 ff., nach welcher PI es 
für möglich zu halten seheint, daß Heiden, ohne positives 
Gesetz, lediglich kraft ihrer natürlichen Erkenntnis von Gut 
und Böse, das Gesetz erfüllen. Doch dies kann unmöglich 
des Apostels ernstliche Ansicht sein. Ich will mich auf das 
schwierige Problem der paulinischen Sündenlehre hier nicht 
weiter einlassen, insbesondere auch keine Betrachtungen 
darüber anstellen, wie sich die Vorstellung von einem ins 
Herz geschriebenen Gottesgesetz und einem auch in den Heiden 
wirksamen Verantwortungsgefühl zusammenreimen läßt mit 
der Lehre, daJä erst durch das positive Gesetz eine Erkenntnis 
der Sünde und damit auch erst ein eigentliches bewußtes 
SUndig'en möglich geworden ist. Aber soviel liegt anf der 
Hand, daß er den Heiden jedenfalls nicht die Fähigkeit einer 
vollkommenen Gesetzeserfüllung zuschreiben wollte und 
konnte-, denn der ganze Römerbrief steht und fällt mit der 
These, daß nicht bloß tatsächlich die ganze vorchristliche 
Menschheit, Juden wie Heiden , der Sünde verfallen war, 
sondern daß auch niemand imstande war und ist, von sich 
aus die Gerechtigkeit, die Gott fordert, zu verwirklichen. 
Wohl können wir auch nicht annehmen, daß PI das relativ 
Gute, was doch an der israelitischen Frömmigkeit und Ge- 
rechtigkeit war, ganz und gar verkannt hätte, ■ daß er völlig " 
blind gewesen wäre gegen die Tugenden, welche sich unleug- 
bar unter der Zucht des Gesetzes bei den Juden entfalten 
konnten und tausendfach erwiesen haben. Und ebensowenig 
konnte er das Lobenswerte und Tüchtige in der Lebens- 



152 Adolf Bonhöffer 

führung so vieler Heiden ganz übersehen, nnd was er im 

Eingang des Kömerbriefs von der Gesetzeserfüllung der 
Heiden sagt, ist eben ein solches Zugeständnis, das er seiner 
religiösen Theorie zum Trotz dem gesunden Menschen- 
verstand macht. Zugleich muß ilim diese relative Anerkennung 
heidnischer Sittlichkeit dazu dienen, die Juden zu beschämen, 
welche auf ihre rituelle Makellosigkeit pochen, aber die sitt- 
liche oft ganz außer acht lassen '. Aber was bedeutet es 
für einen PI mit seinem Hunger nach wirklicher Gerechtig- 
keit, wenn unter Juden und vielleicht auch unter Heiden da 
und dort edle Taten vollbracht worden sind, oder ein nach 
außen anständiges, bis zu einem gewissen Grad pflichtmäßiges 
Leben geführt wird! So gut wie nichts gegenüber der Tat- 
sache, die er Rom. 7 so ergreifend schildert, daß nämlich kein 
Mensch imstande ist, das in jeder Brust schlummernde Sehnen 
nach voller Reinheit des Herzens und Lebens, nach stetiger 
Kräftigkeit und Sieghaftigkeit des guten Willens zu befriedigen. 
Was PI wirklich von dem Leben der Heiden gedacht hat, 
das zeigt uns das düstere Gemälde äußerster Sittenverderbnis, 
welches er Eöm. 1 vor uns entrollt, das sagt er uns dann 
noch besondei's deutlich in Kap. 9, 30: Stis&vi^zä fii] Siil>- 
■AovTa 6iv.atoavvriV xatekaßev §L-/.aioavvriV, Stxaioavvrjv Se 
zijv h ^iatEiog. Also die Heiden tun nicht bloß nicht die 
Gerechtigkeit, sondern sie traöhten nicht einmal danach, die 
Gerechtigkeit ist ihnen gar kein Ideal, das sie zu erreichen 
suchec. Liegt hierin nicht auch beinahe das Eingeständnis, 
daß die Heiden gar nicht wissen, was Gerechtigkeit ist, 
jedenfalls nicht wissen, wie wertvoll und begehrenswert sie 
ist, wenn doch in ihrem Handeln die Rücksichtnahme auf die 
Gerechtigkeit so gar keine Kolle spielt? Dies ist unzweifel- 
haft die eigentliche und wahre Ansicht des Apostels. 

' Ganz übereinstimmend mit obigem urteilt P. Wernle (aaO. 378): 
„Paulus hatte wohl einmal theoretisch eingeräumt, ea könne auch Heiden 
geben, die das Gesetz erfüllen. Dies Zugeatändnia hatt« aber bei ihm nur 
den Zweck, das Pochen der Juden anf ihren Besitz dea Gesetzes nieder- 
zuschlagen. Praktisch beurteilt er alle Heiden ausnahmalos als verlorene 
Sünder, in denen nichts Gutes wohnt, die alle Kraft zur EriüUong des 
göttlichen Willens erst vom Geist Christi in der Kirche empfangen müssen." 
(Tgl. ebenda 288.) 



Epiktet uad das Neue Testament 163 

Und nun halte man einmal dagegen das, was die Heiden, 
Bpeziell die Griechen, von der Gerechtigkeit oder von der 
Tugend, wie sie es nennen, gedacht und gelehrt haben ! Wird 
nicht von Sokrates an in allen besseren Philosophenschnlen 
der hohe, ja einzfgartige Wert der Tugend gepriesen? lehren 
nicht die Stoiker, daß der Gehorsam gegen Gott oder die als 
göttliche Macht verehrte Natur das Einzige ist, was dem 
Menschenleben Glück und Würde verleiht? lehren sie nicht, 
dafi jeder Mensch von Natur zur Tugend, zur Sittlichkeit ver- 
anlagt sei und prinzipiell das sittliche Ideal aus eigener Kraft 
(was für sie keinen Gegensatz zum göttlichen Beistand be- 
deutet) zu verwirklichen vermöge ? Ist das nicht das gerade 
Gegenteil von dem, was PI lehrt? Selbst dann, wenn wir in 
Rechnung nehmen, daß dieser nach anderen Aussprüchen ein 
gewisses Maß von sittlichem Handeln den Heiden zuerkannt 
hat, und daß andererseits sogar die Stoiker im Lauf der Zeit 
die absolute sittliche Vollkommenheit als ein seltenes Wunder 
bei den Sterblichen betrachtet haben, wird die Wucht dieses 
prinzipiellen Gegensatzes kaum verringert. Wie sollte PI 
von dieser Philosophie und ihrer Tugeudlehre sich auch nnr 
im geringsten angezogen fühlen, wie sollte er von ihr die 
Annahme eines gewissen angeborenen sittlichen Gefühls oder 
Ünterscheidungsvermögens entlehnt haben, was doch bei jenen 
nur die Voraussetzung war für Folgerungen, die dem Apostel 
geradezu als gotteslästerlich und diabolisch vorkommen mußten ? 
Und andererseits: wie konnte er in dieser Allgemeinheit, wie 
es dasteht, schreiben von den Heiden, „welche Gerechtigkeit 
nicht suchen", wenn er doch wußte, daß diese Heiden mindestens 
mit demselben Eifer und derselben Konzentration wie nur die 
frömmsten Juden, freilich auf ganz anderem Wege, nach der 
Gerechtigkeit trachten ? 

Schließlich muß ich noch auf etwas anderes aufmerksam 
machen. So unendlich weit PI einerseits liinter dem zurück- 
bleibt und zurückbleiben muß, was die Stoiker von der sitt- 
lichen Erkenntnis und insbesondere von der sittlichen Kraft 
des natürlichen Menschen gelehrt haben, so geht er anderer- 
seits doch wieder über diese hinaus, wenn er sagt, daß die 
Heiden von Natur die Vorschriften des Gesetzes befolgen. 



154 Adolf Bonhefter 

Denn das haben nun die Stoiker bekanntlicli nicht ange- 
nommen, sondern wie sie lehrten, daß überhaupt nur der 
Erwachsene, dessen Arfyog sozusagen ausgereift ist, sittlich 
handeln könne, so hielten sie es für ein schwieriges, sorg- 
fältiger Anleitung und unablässiger Übung bedürftiges Werk, 
den Menschen zur richtigen sittlichen Erkenntnis und zur 
Sicherheit und Stetigkeit des sittlichen Handelns zu bringen 
(vgl. S. 54 If.). Angeboren sind sozusagen nur die formalen 
Kategorien des praktischen Urteils, die für sieh selbst noch 
gar keine Kraft und Gewähr fürs sittliche Handeln geben, 
sondern erst durch theoretische Belehrung, durch den Xöyoe 
mit dem richtigen Inhalt ei'füllt werden müssen. Auch von 
dieser Seite also erweisen sich die Ansichten des Apostels 
PI keineswegs als den stoischen verwandt. 

Damit sind nun auch zugleich die übrigen mit der Frage 
von der natürlichen Sittlichkeit zusammenhängenden Begriffe 
ihres stoischen Scheines entkleidet. Vor allem der Begriff 
vöfiog. Gewiß spielt er bei den Stoikern auch eine große 
Rolle , aber nicht in dem Sinne eines elementaren , allen 
Menschen gemeinsamen Sittengesetzes, sondern in dem aller- 
höchsten Sinne einer immanenten sittlichen Weltordnung. 
Dieser vöfioe ist nichts anderes als der löyog d^^og, die 
praktische Vernunft, aus welcher sie ihre ideale, der gewöhn- 
lichen Sittlichkeit oder Legalität so ganz entgegengesetzte 
Ethik ableiten. Nicht als ob sie die elementaren sittlichen 
Gebote, wie daß man nicht töten, nicht stehlen darf, daß man 
die Eltern ehren soll u. dgl., geringschätzen würden; auch 
diese Gebote, welche die Sphäre des bloßen y.<x3f,mv bilden, 
sind schließlich ein Ausfluß jener allgemeinen, in der Mensch- 
heit wirksamen praktischen Vernunft, des w'/iog xoi.v6g. Aber 
wer sich mit dieser Legalität begnügt, wer sich nicht über 
das xa&fjxov zum yiaiöff&wfia erhebt, bleibt ein Unweiser, ein 
innerlich unglücklicher Mensch, der die enayytUa des äy&Qw- 
7toQ nicht erfüllt und ein verfehltes Leben lebt. Indem ihnen 
nun der v6i.iog ein höchster Begriif ist, eine geistige Macht, 
welche den Menschen zur Weisheit und zu einem voll- 
befriedigten, glückseligen Leben führt, gebrauchen sie 
dieses Wort gerade nicht zur Bezeichnung dessen, 



Epiktet nnd das Nene Testament 155 

was PI im günstigsten Fall den Heiden zubilligen 

kann, sondern vielmehr als Ausdruck jener höchsten sitt- 
lichen Grundsätze, welclie den gewöhnlichen Hellenen kaum 
weniger eine Torheit waren als des Apostels Predigt vom 
Kreuz. So spricht Epiktet von einem vöi-iog t% (pvOBOig xal 
tov &EOV, einem vonog (pvoi-AÖg und S^elog; aber niemals ver- 
steht er darunter das, was wir die natürliche Sittlichkeit 
nennen würden, sondern gerade umgekehrt die philosophische 
Sittlichkeit, welche darin besteht, daß man sein Eigenes 
wahrt, ums Fremde sich nicht kümmert (II 16, 27 nnd ähnlich 
Öfter), d. h. daß man allem nieder Egoistischen gänzlich ent- 
sagt und einzig und allein seiner höheren Bestimmung, seiner 
inneren ituhe, Freiheit und Würde lebt. In diesem Sinn 
nennt er es ein Gottesgesetz, daß alle Sünde, d. h. alles nur 
von nieder egoistischen Motiven bestimmte Handeln sich selber 
rächt und straft, nämlich durch den inneren Unfrieden, den 
es zur Folge hat, und es ist ein ganz richtiges Gefühl, wenn 
er diese, dem gewöhnliclien Denken und Fühlen so fern 
liegenden Grundsätze in einer Anwandlung von theistischem 
Antoritätsg'lauben die „von dort her gesandten Gesetze" nennt 
(IV 3, 12). So ergibt sieh also bei näherem Zusehen das 
Wunderbare, daß Epiktet gerade das Gegenteil dessen vo^iog 
nennt, was PI Römer 2, 14 von dem yJfiog der Heiden sagt und 
um dessentwillen man eine Entlehnung von der stoischen 
Philosophie annehmen zu müssen geglaubt hat Denn der 
epiktetische vö^wg ist dem Menschen gewiß nicht von Natur 
ins Herz geschrieben, er kaun vielmehr nur durch eniste, 
anhaltende Beobachtung seiner selbst und des mensclilichen 
Lebens und durch strenge philosophische Zucht und Denk- 
arbeit erkannt nnd in das Herz aufgenommen werden als den 
Lebenswillen beherrschende Macht — Auch Mark Aurel ge- 
braucht das Wort vöfios, wo er nicht von staatliclien Gesetzen 
redet, in jenem hohen Sinne, und Musonius (37, 2 ff. Hense) 
schildert den idealen Herrscher als vötwv efiipvxov . . . ilijÄdj-rijv 
toD ^tbg Svra ^al uait^a t&v ^Qy^ofieviDv^ indem er ausdrück- 
lich betont, daß er hierzu nicht bloß eine außerordentliche 
Naturausstattung, sondern auch die denkbar höchste philo- 
sophische Bildung haben müsse. 



166 Adolf BoshtlffK 

Ahnlich wie mit vöfiag verhält es sich auch mit owei- 
Sjjais, d. h. die Sache steht hier noch ungünstiger, einmal 
insofern daa Wort nicht bloU bei P! — bei ihm allerdings 
am häufigsten ~ sondern auch sonst im Neuen Testament 
und zwar bei den verschiedensten Autoren vorltommt, sodann, 
weil sein stoischer Ursprung Iteineswegs sicher, ja nicht ein- 
mal wahrscheinlich ist '. Jedenfalls spielt es in der Stoa gar 
keine nennenswerte Rolle; bei Kpiktet kommt es nur einmal 
vor und zwar in einem sicher unechten Fragment (Schweigh. 
Nr. 97), das Schenk! nicht einmal aufgenommen hat. Dagegen 
findet sich die auch sonst bei gleichzeitigen Autoren beliebtere 
Form 10 aweiöög, jedoch auch nur einmal und in einem ganz 
anderen Sinn, nämlich nicht vom Gewissen, überhaupt nicht 
in ethischer Bedeutung, sondern von dem Bewußtsein, das 
der Kvvixög von seiner göttlichen Sendung oder von seiner 
einzigartigen Lebensaufgabe liat (III 22, 94). Mark Aurel 
gebraucht das Wort nicht ein einziges Mal. Soweit die 
(fümdr^ßig nur überhaupt das Bewußtsein bedeutet, welches 
der Mensch von sich selbst, seinen Anlagen und Kräften, 
seinen Gedanken und Handlungen hat, ist den Stoikern, jeden- 
falls den späteren, das Wort awalaü-ijois oder traQaxolov&ijaie 
{ttbv (pavzamav) viel geläufiger. Das natürliche sittliche Ge- 
fühl, insbesondere das Gefühl für das Anständige, bezeichnet 
Epiktet mit to svi^eTtzimv oder rh atörii.iov (letzteres auch 
M. Aurel) ^ Aber auch diese Begriffe decken sich durchaus 
nicht mit dem neutestamentliclien, natürlich selbst wieder 

' Leop. Schmidt (aaO. I 236) vemiQtet, daß die substantiyische Be- 
neiclinnng für den Begriff des Gewissens — nicht dieser Begriff selbst ! — 
den Stoikern ihre Entstehung Terdankt, während das Partizip ro oave,36i 
langst zuvor schon gebräuchiich war (aaO. I 2J0). Der Sprachgebrauch dea 
lipiktet und M. Aurei ist jedoch, wie oben gezeigt wii-d, nicht geeignet 
diese Annahme zu stütaen, 

" B' 6 A. 8. — Am ehesten entspricht vielleicht nnserem „Gewiesen" 
Jas, was Epiktet den xoivds i'ove nennt, wovon er auf Befragen eine förm- 

hohe Definition gibt: loi/ tiva^ ä ol fi^ Ttav^äxaaw StEmQit/iitivot twv äv- 
^QdTzae K^td Tcis «oiväe «^(.(i^j,« äpüaiv (HI ß, 8). Ana der ganzen Stelle 
ersieht man aber zugleich auch deatlich, wie wenig Bedeutung er im 
Grande diesem allgemeinen sittlichen Gefühl beimißt. Übrigens kennte 
damit nicht bloß das sittliche Gefühl, sondern daa Wahrheitsgefühi flber- 
lioupt, also aach das intellektuelle tkwissen gemeint sein. 



Epiktet and das Nene Testament I57 

sehr vieldeutigen Begriff awEldriaig- insbesondere aber hat 
der speziflseh christliche (und jüdische) Sprachgebrauch, -wo- 
nach &?s Wort avvelSrjmg ohne nähere Bestimmung absolut 
im Sinne unseres modernen Begriffs 'Gewissen' gesetzt wird, 
keine Analogie in der Stoa: selbstverständlich, da ihr das 
notwendige Korrelat dazu, nämlich die Vorstellung eines 
persönlichen Gottes, dem gegenüber sich der Mensch verant- 
wortlich weiß, fehlt. 

Mit dem Wort -/ßtf^Kov dagegen kommen wir allerdings 
wieder auf einen von der Stoa geprägten Begriff und zugleich 
auf einen, der, wenigstens in der Partizipialform, im Neuen 
Testament nur von PI (Rom. 1, 28) gebraucht wird. Jedoch 
es steht keineswegs so, daß Zeiion, der nach Diogenes Laertios 
dieses Wort in die philosophische SchuJsprache eingeführt 
hat, es neu geschaffen oder auch nur die ethische Bedeutung 
ihm erstmals verliehen hätte; sondern -xal^^rfaeiv wird in diesem 
Sinne schon von Xenophoa und Lysias, ja schon von Sophokles 
gebraucht. Und um so leichter konnte wiederum von der 
Stoa aus die ethische Bedeutung des Wortes in der helleni- 
stischen Gemeinsprache sich einbürgern \ Daß dies geschehen 
ist, beweist die Septuaginta, wo Ka&rf/M und Kßi^tjxwf im 
Sinne von 'gehöiig', 'geziemend' ziemlich häufig zu lesen ist. 
Ans ihr, bzw. direkt aus der Keine, hat PI das Wort ent- 
nommen. Dabei ist für ihn wie für das griechische Alte 
Testament darauf hinzuweisen, daß xk m&rixovta durchaus 
nicht in dem philosophischen, umfassenden Sinn zu verstehen 
ist, wonach es den ganzen Kreis der officia, des pfliehtmäüigen 
Handelns bezeichnet, sondern speziell das 'Anständige' und 
m diesem engeren Sinn Geziemende bedeutet ^ Überdies ge- 
braucht es PI in der negierten Form ^ä /») -AaO-ijWvca, wobei 
dieser engere Sinn des Unziemlichen, Unanständigen noch 
deuüicher hervortritt. Den Ausdruck ;<^ {06) xnärixov ge- 
brauchen aber die Stoiker nie, sondern sie bezeichnen den 
Gegensatz zu y.a^/)-Aoy mit jrop« zb ^a^mv, so auch Epiktet 

' DKsselbe ist z. B. mit dem Wort KaTain^^«,.«»- in der von den 
Stoikem üiierten Bedeittnng 'geistig erfassen', ■begreifen" erfolgl;. 
' Ebenao III Makb. 4, 16 id /tf, .-a^qKoyTa Uiwi: 



158 Adoif Bonbi3ffer 

dnrchweg'. Es bestätigt sich also auch hier wieder, daß 
nach Form und Inhalt gerade das spezifisch Stoische des 
Ausdrucks dem Apostel PI unbekannt bzw. gleichgültig- ist. 

Im Anschluß an die bis jetzt besprochenen, hauptsächlich 
die sittliche Anlage und Betätigung betrelfenden Ausdrucke 
will ich auch kurz den Begriff voDg erwähnen, "dessen aller- 
dings überwiegend liänfiger Gebrauch in den von PI verfaßten 
und ihm zugeschriebenen Briefen auch als Zeugnis für seine 
heUenisehe Bildung verwertet worden ist. Er verwendet das 
Wort in den verschiedenen Bedeutungen, welche es zu allen 
Zeiten in der griechischen Sprache gehabt, nämlich "Vernunft' 
oder 'Verstand', 'Sinn' ('Gesinnung' oder 'Bedeutung'). Im 
ersteren Sinn steht es auch Luk. 24, 45 und zweimal in der 
Apokalypse. P'ür die stoische Terminologie ist es in keiner 
Weise bezeichnend, im Gegenteil ließe die Vorliebe für den 
Nus eher auf platonische oder per ipate tische Bildung schließen : 
die Stoiker bezeichnen die Vernunft lieber mit Xöyos oder 
Xoyiafiög, die Gesinnung oder dem Sinn (des Menschen) mit 
didvoia oder fiysftovtitöv. Epiktet gebraucht das Wort voCg 
selten und fast nur in den populären Wendungen voDv n^og- 
iX^iv vivi oder iQineiv {qsTTfiv?) tt^Sq ti und besonders vovv 
ex^tv, vovv 'iywv; die letztere Redensart finden wir auch 
Apok. 17, 18. Im übrigen vgl. B ^ 120 ff. und die Anmerkung 2 
zu Seite 156 des vorliegenden Werkes. 

Auch in dem Begriff loyiy.ii laTQsia (Rom. 12, 1) 
wollte man eine Spur des Stoizismus erblicken. Das Adjektiv 
i.oyixög, obwohl schon von Aristoteles gebraucht, ist allerdings 
erst durch die Stoa zu Ehren gekommen (Melcher 40: inde a 
Chrysippo). Von Polybios an kommt es auch außerhalb der 
philosophischen Schulsprache vor, doch ist es offenbar vor- 
wiegend ein Wort der wissenschaftlichen Sprache geblieben; 

• EiitBdiieilen nSher steht dem stoischen Sprachgebrauch hierin der . 
Verfasser des I. Klemens-Briefes ; er Bpricht Ton der aaS-^xntiai, t<//ij, der 
gebührenden Ehre, die man den Ältesten erweisen soll, gebrnueht die 
adverbialen Ausdrücke xa/id id «nO-iJKaf und ^■t^ä r. «. — allerdings mit 
einer näheren Beatiniraung zu xalt^KOT, aber immerhin in einem sehr um- 
fassenden Sinne ~ und das vun Polybios an gebräuchliche Adverb xaO^xöv- 
rmg {Kap. 1, .^; 3, 4; «, 3). 



Epiktet nnd das Neue Teetament 159 

SO findet es sich denn im ganzen griechischen Alten Testament 
kein einziges Mal, auch bei den Patres apostolici nicht, im 
Neuen Testament außer Rom. 1 nur noch I Petri 2, 2 in ganz 
ähnlicher Bedeutung wie dort. Immerhin wenn der Eegriif 
X6yoQ, selbst durch Vermittlung; des alexandrinischen Juden- 
tums in die Heilige Schrift Eingang gefunden hat, so ist es 
nicht auffallend, wenn auch das Eigenschaftswort Aej-fzoe von 
der Stoa aus unter den Gebildeten gebräuchlich geworden ist. 
Wie sollte z. B. die stoische Definition des Menschen als eines 
tf^ov XoyuMv d-vtjTÖv nicht weithin bekannt geworden sein? 
Freilich die Bedeutung des loyi.x.6g in den beiden neutesta- 
mentlichen Stellen ist nicht ganz dieselbe wie in der Stoa. 
Hier heißt Xoym^s in der Hauptsache durchweg 'veinunft- 
begabt' im Gegensatz zu dem von Natur der Vernunft nicht 
Teilhaftigen, weiterhin das, was den Vernunftwesen im Unter- 
schied von den vernunftlosen "Wesen eigentümlich ist (vgl. 
B'' Beg.). Bei PI und dem Verfasser des I. Petrus-Briefes 
handelt es sieh weniger um den Gegensatz von 'vernünftig' 
und 'unvernünftig', sondern von 'geistig' und 'grobsinnlich' 
oder 'innerlich' und "äußerlich*. ' Etwas Analoges haben wir 
bei den Stoikern etwa in der Unterscheidung der Aoymi) 
(pavtacLa und der ceio9-rjiici] ip., d. b. des rein Gedachten und 
des sinnlich Erfahrenen. Der Begriff loyixij XatQBia aber im 
Sinne des geistigen Gottesdienstes (genauer: Opferdienstes) 
gegenüber dem zeremoniellen kann durchaus nicht als eine 
stoische Idee in Anspruch genommen werden. Wohl betrachtet 
der Stoiker, von Kleanthes an bis zu Mark Aurel, das Leben 
des Mensehen, speziell des Weisen oder Philosophen, als einen 
Dienst Gottes, was ja auch in der religiösen Fassung des 
Lebenszieles (Telos), besonders bei Poseidonios und auch 
Epiktet (Eit£a&at -d-iolg), zum Ausdruck kommt; ja vom Kvvf/.6g 
sagt der letztere geradezu, daß er dem Zeus diene (IcaQevu 
111 22, 56). Aber einesteils bildet der Idealkyniker Epiktets 
als außerordentlicher Bote Gottes an die Menschheit eine 
Ausnahme; anderenteils haben die Stoiker bekanntlich den 
äußerlichen Opferdienst und GötterkuU überhaupt nicht in 
Gegensatz zu dem wahren, geistigen Gottesdienst gestellt, 
durch welchen jener andere abrogiert und hinfällig würde, 



160 Adolf Bonhöffer 

sondern ruhig den zeremoniellen Dienst weiter bestehen lassen 
nnd mitgemacht, wie wenn er ein unerläßlicher Bestandteil 
der wahren, vom Philosophen freilich ungleich tiefer und 
innerlicher aufgefaßten liaißsia wäre. Somit haben wir ge- 
rade bei dem Ausdruck Xoytxi^ XccTQdtx keinen Anlaß, be- 
sonders an stoische Vorstellungen zu denken. 

Am wenigsten habe ich es verstehen können, wenn man 
auch die paulinische Lehre von der adQ^ als Quelle der 
Sünde oder vielmehr von dem Gegensatz zwischen cAq^ und 
TtviG^a aus der Stoa hat herleiten wollen '. Es ist hier nicht 
meine Aufgabe, die Bedeutung des Wortes oä^^ bei PI zu 
untersuchen und dessen Auffassung des Gegensatzes von 
Fleisch und Geist auf ihre Quellen zurückzuführen. Ins- 
besondere lasse ich mich nicht darauf ein, festzustellen, ob 
und inwieweit er wirklich die oög^ als Ursache der Sünde 
betrachtet habe, ob ferner das DualisLisch-AsketlscIie, was in 
seiner Lehre gefunden wird, wesentlich über die in anderen 
Teilen des Neuen Testaments vorliegenden Anschauungen und 
über das jüdische Denken und Fühlen überhaupt hinausgehe, 
so daß man es in der Tat aus einer anderweitigen Beein- 
flussung, sei es von seiten der orientalischen Religionen oder 
der griechischen Philosophie, erklären maßte. Wir haben es 
hier nur mit dem Verhältnis des Apostels zu Epiktet bzw. 
zur Stoa zu tun, und hier muß ich sagen, daß. wer in diesem 
Stück auch nur eine Anlehnung des PI an den Stoizismus 
annimmt, diesen letzteren nicht kennt oder jedenfalls sein 
innerstes Wesen nicht erfaßt hat. Die ffttog spielt im stoischen 
System überhaupt keine Eolle: wenn das Wort bei Epiktet 
und auch M. Aurel nicht gerade selten vorkommt, so erklärt 
sich das — abgesehen von den paar Fällen, wo es ganz 
wörtlich gemeint ist — aus der Polemik gegen Epikur, in 
dessen Lehre die o<ip| als Sitz der sinnlichen Lust- und 
Schmerzenipfindung allerdings eine sehr wichtige Stellung 
einnimmt. Er hat ja die Lust definiert als leia, den Schmerz 
als t^aida xivTjaig r^^ acr^nög. Wo Epiktet von der adg^ 
oder dem aixQxiäwv spricht, da tut er es mit ausdrücklicher 



' Vgl. auch, was S. 67 ff. gegen Kuiper ausg-eführt worden ist. 



Epiktet und da» Nene Testament 161 

oder doch stillschweigender Beziehung auf Epikur (I 20, 17; 
I 3, 6; n 2% 19; U 23, 20; III 7, 3; IH 7, 25; IV 1, 161; 

IV 7, 32) ^ An diesen 8 Stellen bekämpft er stets die epi- 
kurische, oder von ihm als epikurisch aufgefaßte Ansicht, dafi 
im Fleisch, d. h. in der Sinnlichkeit, das Gut, das Gluck, 
bzw. das Wohl und Wehe des Menschen liege. Der Stoiker 
dagegen setzt sein Glück nicht in die vXr] sondern in das 
fCQoijyovfiBvo)', nicht in die sinnliche sondern in die geistige 
Seite seines Wesens. 

Daß dies, wenn man so will, ebenfalls ein Dualismus ist, 
der mit dem paulinischen Gegensatz von aäg^ und ttveefia 
verglichen werden kann, wird niemand bestreiten, und wir 
werden davon später noch zu reden haben. Aber das kann 
und muß jetzt schon gesagt werden, daß der Gesichtspunkt, 
aus welchem diese beiden Bestandteile des menschlichen 
Wesens einander gegenübergestellt werden, ein total ver- 
schiedener ist. Epiktet ist weit entfernt, der adQ^ als solcher 
irgend eine bestimmende Macht über den Menschen einzu- 
räumen^: er betrachtet es lediglieh als Geschmackssache, ob 
dieser das Fleisch als den wichtigsten Teil seines Wesens an- 
sehen will oder den Geist. Natürlich ist er überzeugt, daß 
bei richtigem Gebrauch der Vernunft die erstere Ansicht nn- 
möglich ist, und als schlagendste Widerlegung erscheint ihm 
der Gedanke, daß es eben doch der Geist ist, der, im Falle 
Epikurs, dem Fleisch gleichsam die Palme zuerkennt, hier- 
mit also sich gevvissermaßeii selbst entthront und preisgibt. 
Ihm selbst ist die oäp| zwar ein nach Gottes Willen dem 
Menschen beigegebener und deshalb von seiner Natur unab- 
trennbarer (IV 1, 104), aber doch gänzlich unwichtiger Be- 
standteil, der um des Höheren willen jedei-zeit zurückstehen 
und, wenn es'seiii muß, freudig geopfert werden muß (I 29, 6; 



' Auch bei M. Aarel tritt der Name Epikur ia Verbindung mit den 

Kij/ijofis jov aa^xiSiiv auf (IX 41), 

' Ich glaube kaum, daß G. Heinrioi sein früher {Kommentar zu 
II KorJnther p. 586') gefälltes Urteil hente wiederholen würde: „Mit Vor- 
liebe braucht Epiktet aä^^ ala sündig; ftberhanpt ist die jüngere Ston 
durchdrungen von der Mat:ht der Sünde, welche sie in den niederen 
Trieben safzeigt" [yon mir geaperrtl]. 

Kslieionsgeschiubtliche Versuche u. Vor&rbeiten X. 11 



162 Adolf Bonhöfier 

II 1, 4; IV 1, 161 u. Ö.). Das eigentliche Wesen des Mensclien 
wie dasjenige Gottes (II 8, 2) ist der Geist mit seioen 
Äußerungen und Betätigungen. Darum würde die au«h im 
Neuen Testament und auch von PI zur Bezeichnung aller 
Lebewesen, speziell aller Menschen gebrauchte jüdische Formel 
ftsaa oäßS dem Epiktet völlig unannehmbar sein, der ja 
oft genug und in der schroffsten Weise seinen Schülein ein- 
schärft, daß nicht in der äußeren Leiblichkeit, sondern im 
Hegemonikon das Ich und Du, das wahre Selbst beschlossen 
sei. Auch von Ifci^v/iiat der oÜQi könnte er nicht reden, 
da für den Stoiker die böse Lust nicht im Fleische sitzt, 
sondern ein falsches Urteil, beziehungsweise eine Alteration 
oder Selbstverkehrung des Hegemonikon ist. Vollends ein 
(pqövtj^a Trjg oaQy.6g (Rom. 8, 3) oder gar ein vovg i^g a. 
(Kol. 2, 18) wäre ihm direkt unverständlich. Das Wort des 
Apostels h Tfj aaQxl finv (nix nhst) &ya&äv (Rom. 7, 18) könnte 
sich Epiktet wohl aneignen, aber in einem gänzlich ver- 
schiedenen Sinn, nämlich daß das Gut des Menschen nicht im 
Fleisch liegt, dieses also ihn weder glücklich noch unglüeklicb 
machen kann, während PI eben unter dem Kindruck der den 
besseren Willen knechtenden Macht der ötfß^ jenes ergreifende 
laXainui^og lyf» äv&Qtüvcos ausruft. Somit ist klar, daß der 
Begriff adq^ bei PI nicht nur keine Ähnlichkeit mit dem 
stoischen hat, sondern, wie wenig andere, gerade den tief- 
greifenden Gegensatz beider Anschauungen zum Vorschein 
bringt K 



' Etwas anäejs stellt sich die Sache, wenn man den piaton iaierenden 
StoJBismus lies PoseidoBios, zn dessen Interpreten, sicli auvrcÜBu Seneca 
macht, ine Auge faßt. Ihm steht P! aelbstverBtändüeh näher, auch im 
Punkte des Dualismus, den die echte Stoa überhaupt niaht kennt, Immei'- 
hin fällt es auch dem Poseidonios nicht ein, das Fieisch oder dm ahoyov 
lti(ins lijs T/'fi'if^ in einen metaphysischen Gegensatz zum Geist au 
bringen: dieses Veruuaftlose in der menschlichen Seele hat keineswegs 
die Macht, dio Vernunft zu knijchten, sondern ist dazu fähig und be- 
stimmt, sich dieser fügsam unterzuordnen als ihr dienstbares Organ (ygl. 
M. Pohlenz, Vom Zorne Gottes, Gdttingen 1909, S. 5 o.). — Merkwürdig 
auf den Kopf gestellt finde ich den Sachverhalt bei Nösgen (aaO, 267), 
wenn er sagt, der Sontrast des Fleisches und Geistes aei nach P! nicht 
un Über wind bar wie bei den griecliisclien PüiloMphen und, auch bei Posei- 



Epiktet und das Neue Testament 163 

Nicht anders ist es mit dem Begriff stvevfia, was sich 
schon von vornherein erwarten läßt, weil dieser Begriff bei 
PI in genauer Korrelation zur adQ^ steht: wenn also die orfgl 
bei Epiktet mit der des PI sich nicht deckt, so kanii auch 
der Begriff nvevfia bei beiden nicht kongrnent sein. In der 
Tat gehört das Tcveüfia bei PI nicht zur Naturausstattung des 
Menschen, sondern ist ein übernatürliches Gnadengeschenk, 
eine transzendent göttliche Macht. Auch dem Stoiker ist 
das ^vEvfia etwas Göttliches, besteht doch Gott selbst aus 
TtvEvi-ia votQÖv oder öuiTtv^ov oder le^vt^töv. Aber dieses Pneuma 
selbst ist ein Körper und wie sehr diese monistische Theologie 
dem jüdischen und christlichen Theismus widerspricht, ja 
geradezu als Lästerung Gottes erscheinen mußte, ersieht man 
daraus, daß den Kirchenvätern kaum eine heidnische Lehre 
größeres Ärgernis bereitet hat. Übrigens besteht auch darin 
ein Unterschied zwischen der christlichen und der stoischen 
Anwendung des Wortes •jtveHiifx, daß es hier nicht wie dort 
das eigentlich Geistige oder das geistige Prinzip, sondern nur 
sozusagen die stoffliche Basis des Geistigen bezeichnet; das 
Geistige in unserem Sinn drücken sie lieber durch i/^x>J oder 
iiymovi'x6v, Uyos oder fCQoaiQeaie aus. Auch Hans Lletzmaun, 



donios, vielmehr werde sogar der irdische Leib im Jenseits umgestaltet. 
Darin liegt ja eben der Dualismus, daß eine himmlische Welt der irdischen 
so schroff gegenübergestellt wird, und daß der irdische Leib eine Ver- 
wandlung, d. h. Verltläcuug durchmachen ninB, um jener himmlischen Welt 
angehfiren zu können. Übrigens nicht die o«pl Bondern das iiSpa wird 
umgewandelt, die a-i-^ verfäUt vielmehr dem Untergang, wie sie von An- 
fang au das Prinzip der Vergänglichkeit, Schwachheit und SüBdhaftigkeit 
war. Auch im Wiedergeborenen ist sie bereits ideell tot {Rom. 7, 5 öje 
ydp ^H^v iv t's o„p«i\ der Verklärte aber ist ganz von ihr befreit (I Kor. 15, 50 

aajif kui itifta ßaadeia" S'sov xhipovofiijaai oi Svi'aTm). Nur darin ist 

allerdings das christliche oder wenigatena das paulinisehe Denken realiätiaoher 
als das griechische, daß es sich ein Fortleben des Geistes ohne eine Leib- 
Uchkeit nicht vorstellen kann. Nach den Stoikern trennt sich im Tode das 
oä/i" vom Jir*.-.i.a; aber man darf nie vergessen, daß ihnen auch das 
meifii ein ow^-. ist, nur von feinerer Qualität, und ferner, daii nach der 
Lehre Ton der Weltver brennung, an welcher anch Poaeidouioa festgehalten 
hat, daa a^ft mit dem ra.-iri^a sich von neuem verbindet. Auf welcher 
Seite der wirkliche Spiritualismus nnd Dualismus ist, dttrfte hiermit klar- 
gelegt sein. ^^^ 



164 Adolf Bonhöfier 

der in seinem Kommentar zu den paulinisehen Briefen (Hand- 
buch zum Neuen Testament, Tübingen 1907 ff.) m. E. der 
Lockung Parallelen zu statuieren eher zn viel nachgibt, sagt 
zu.Röm. 8, llff. mit Eecht: mit der stoischen Lehre „Gott ist 
TtvEd^a^ hat PI gar keine Berührungspunkte ^ 

Aus dem bisher Gesagten dürfte zur Genüge hervorgehen, 
daß Johannes Weiß, übrigens einer der modernen Theologen, 
die am meisten vorurteilsfrei der griechischen Philosophie 
gegenüberstehen, keinen glücklichen Gedanken gehabt hat, 
wenn er in seinem Vortrag über die christliche Freiheit die 
Annahme vertritt, daß PI mit anderem auch seine Idee von 
der Freiheit aus der griechischen Philosophie, speziell der 
stoischen, herübergenommen habe *. Ich kann vor allem nicht 
finden, daß dieser BegTiff für PI besonders bezeichnend wäre: 
er tritt bei Johannes, ja sogar bei Jakobus (1, 25; 2, 12) 
ebenso mächtig hervor, wenn sie auch nicht so viel Worte 
davon machen wie PI. Weiß unterscheidet ganz schön eine 
dreifache Freilieit, die PI lehre, Freiheit vom Gesetz, von der 
Sünde und von der Welt. Die erstere, meine ich, hat Jesus 



' Vgl. Ed. Schwarte, Aporien im vierten ETftiigelinm IV {Gott. Nach- 
richten, Phil.-hist. Kl. 1908, 561). 

° Älmlich wie WeiC hatten sich auch Hoinrici nnd Feine hierüber ge- 
äußert und Giemen [aaO. 45) gibt ihnen recht, erklärt jedoch zugleich, 
daß Weiß cnfEchieden zu weit gehe. Wenn er aber sagt, der Umstand, 
daß die yreiheit bei der Stoa ganz anders begründet werde, ula bei PI, 
hindere nicht, daß er zugleich im Ausdruck von der in Tarsus ja be- 
soDdcrs einflns^reicben Stoa abhängig sein künnte, so gestehe ich, daß ich 
das nicht verstehe. War denn der Anadruok iUi'ltegas etwas so Ungewohntes, 
daß maa ihn von den Stoikern entlehnen mußte? oder sollen wir PI zu- 
trauen, daß er nur darum so viel von Freiheit redete, um den auf ihre Freiheit 
stolzen Stoikern za zeigen, dal! er auch von einer Freiheit wisse, die freilich 
ganz anderer Art sei als die ihrige? Wohei: weiß man aber, daß daciatg 
die Stoa in Tarsus besonders einäuDreich war? Wenn S bis Ü Jahrhunderte 
früher einige stoische Schnlhüupter zuffillig aus Tarsus waren, wird man 
das der Stadt jetzt i]oi:h augemerkt haben? Daß die stoische Theorie auch 
damals eifrig dort gepflegt wurde, mag ja sein; aber einflußreich war 
wohl schon damals die Stoa nicht mehr, wenigstens nicht so, daß auch 
ein Jude sich diesem Einfluß nicht ganz entziehen könnt«. Warum schickt 
denn Epiktet seine Schüler nicht nach Tarsus? Er wußte, wie es mit dem 
Einfluß der Stoa stand, wenn er ansrnfeu konnte, zeiget mir doch auch 
nur einen einzigen Stoiker! (II 19, 24). 



Epiktet und das Nene Testament 16& 

durch sein Beispiel nocli viel wirkungsvoller dargetan als PI 
mit seinen oft etwas künstlichen Deduktionen \ Für die Stoa 
kommt diese ohnehin gar nicht in Betracht. Die Freiheit 
von der Sünde und von der Welt, was für die Stoiker in 
eines zusammeufäüt, ist aber bei Johannes womöglich' noeh 
tiefer und großartiger erfaßt; niemand wird aber hier an 
stoischen Einfluß denken. Daß in diesem Punkte Stqa und 
Christentum sich bei aller Verschiedenheit sehr nahe kommen, 
leugne ich keineswegs und werde es an seinem Orte näher dartun. 
Nur der Kuriosität halber erwähne ich noch die Äuße- 
rung des sonst so vorsichtigen Giemen, daß auf die Wert- 
schätzung seiner Freunde, die z. B. I Thess. 3, 1 bei PI her- 
vortrete, möglicherweise die Empfehlung der Freundschaft 
durch den Stoizismus eingewirkt haben könne (aaO. 48). 
Wenn in irgend einer antiken philosophischen Schule die 
Frenndachaft eine recht dürftige und untergeordnete Rolle 
spielt, so ist es in der Stoa. Ich darf hier vielleicht ver- 
weisen auf das, was ich früher (B^ 106 ff.) ausgeführt habe, 
wesentlich in Übereinstimmung mit Zeller (III 1,289 ff.), den 
Giemen merkwürdigerweise als Gewährsmann in Anspruch 
nimmt. Wenn er ferner auch auf v. Arnims Fragmentsammlung 
der Stoiker sich beruft, so kann sich jedermann selbst davon 
überzeugen, wie außerordentlich leer und mager, natürlich 
ohne dessen Schuld, das Kapitel de amicitia et gratia ausge- 
fallen ist (in 181 ff.). Anders ist die Sache freilich, wenn 
man den seines Marks beraubten, weltförmigen Stoizismus des 
Panaitios heranzieht, der auch in Oiceros Laelms und De of- 
ficiis zum Ausdruck kommt. Aber dann möge man doch lieber 
sagen, PI sei vom Epikureismus beeinflußt, in welchem die 
Freundschaft noch ungleich höher gewertet wird! Übrigens 
finde ich auch bei PI und. ebenso im übrigen Neuen Testament 
eigentlich nichts, was man Freundschaft nennen könnte: 
hierin gleichen sich vielmehr die urchristlicbe und die stoische 
Seelenstiramung vollständig. Denn wie hier die Freundschaft 
in der naturgemäßen inneren Verwandtschaft der Weisen oder 

' Äimlich nrteat W. Bonsset, Das Wesen der Beligiou, Halle a. S. 
1904, S. 200: Wecn wir die Freiheit Jesu nnd Pauli vei^lciehcn, 30 er- 
scbeint diib Jeans fast uocb als der Freiere. 



166 Adolf Bonhoffer . 

rpdöootpoi oder in der allgemeinen Menschenliebe au%eht, so 
dort in der christliehen Bruderliebe und dem Erbarmen mit 
allen unerlösten Seelen, die doch der Idee nach gleichfalls 
Objekte der göttlichen Gnade sind. 

Für gänzlich unberechtigt muß ich es auch halten, wenn 
man aus der allerdings recht weit gefaßten Sehlußermalmung 
des PI an seine Philipper (4, 8) eine Verbindung der natür- 
lichen Sittlichkeit mit der christlicliea (Giemen 53) oder gai- 
wie Curtius (aaO. 928) einen inneren Zusammenhang mit 
hellenischer Ethik folgern will. Daß auch die Heiden dem 
äinaiov, äyvöv, nQogtpdig usw. nachtrachten, hat ja der Apostel, 
wie wir sahen, Rom. 9, 30 deutlich von der Hand. gewiesen,' 
und so sagt er auch nach der Aufzählung aller jener Tugenden 
nicht etwa „was ihr nicht bloß an mir gesehen habt, sondern 
zum Teil sogar aus dem Beispiel ernstgesinnter Heiden lernen 
könnet", sondern lediglich das erstere: der beste Beweis, daß 
er bei dem allem nicht entfernt an hellenische Ethik gedacht 
hat. Das einzige, was an dieser Stelle griechisch klingt, ist 
das Wort ^ffrutog, das sonst im Neuen Testament nicht ge- 
braucht wird, «ad das wir unbedenklich zu den Wörtern 
rechnen können, welche die verhältnismäßig große Vertrautheit 
des Apostels mit dem besseren Griechisch an den Tag legen. 

D. Einzelne stoizisierende Aussprüche 

, Viele und zum Teil gerade die gewichtigsten Indizien 
für einen stoischen Einfluß auf Paulus, die auch Giemen noch 
irgendwie gelten läßt, sind bereits in den vorangehenden drei 
Abschnitten, besonders im 1. und 3., zur Sprache gekommen, 
Es bleibt uns nur noch übrig, auch den anderen Stellen der 
(echten) pauliuischen Briefe, die eine Einwirkung der Stoa 
verraten sollen, eine Prüfung angedeihen zu lassen. Wir be- 
folgen auch hier wieder die Methode, daß wir uns an Clemens 
Darstellung anschließen, jedoch aUes das übergehen, was er 
selbst nicht oder nicht ernsUich als Zeugnis für eine Ab- 
hängigkeit von der Stoa in Anspruch nimmt. 

Wenn PI in Gal. 3, 28 die Unterschiede von 'Jude und 
Grieche', 'Sklave und Freier', 'Mann und Weib' in Christo 



Epiktet and das Neue Testament 167 

für aufgehoben erklärt, so gibt Giemen zu, daß er auf diesen 
Gedanken an sich nicht erst durch die ^toa gebracht zu 
werden brauchte, sondern auch von seinen christlichen An- 
schauungen ans so urteilen mußte. Trotzdem gibt er der 
ersteren Vermutung Raum, weil PI nicht die volle Konsequenz 
daraus gezogen habe, sondern anderweitig (I Kor. 11, 3ff.; 
14, 34 ff.) eine strenge Unterordnung des Weibes unter den 
Mann lehre. Jedoch was anderes will PI mit jenem Worte 
sagen, als daß das weibliche Geschlecht ebensogut wie das 
männliche an der Erlösung durch Christus teilhabe? Hat 
er aber dies irgendwo zurückgenommen? Wenn er dem Weibe 
nicht dieselbe äußerliche Freiheit einräumt wie dem Manne, 
so urteilt er hierin einfach als Orientale. Andererseits zeigen 
doch seine Grüße von und an Glaubensschwestern, daß er sie 
in der Hauptsache als voll ebenbürtige Genossen im Reich 
Gottes anerkennt und auch eine, selbstverständlich ihrer Natur 
angemessene, Tätigkeit der Frauen im Dienst des Herrn 
vollauf wertet (z. B. Rom. 16, 12). Umgekehrt dürfen wir 
vielleicht fragen, ob denn die Stoiker etwa die volle Kon- 
sequenz aus der prinzipiell von ihnen angenommenen Gleich- 
berechtigung der Frau gezogen haben? Daß auch sie der 
Tugend, und zwar der philosophischen Tugend bedürftig und 
fähig sei, ist allerdings von Kleanthes an stoische Lehre ; aber 
in der Praxis scheinen die Stoiker die antike Geringschätzung 
des Weibes doch nicht ganz überwunden zuhaben (B^ 86ff.)- 
Epiktet speziell scheint dem weiblichen Geschlecht, wie er 
es tatsächlich kannte, keine besondere Hochachtung gezollt 
zu haben, was auch aus seiner Vorliebe für das Deminutiv 
yvvaixÖQtov hervorgeht, und in seinen Lehrvorträgeu wendet 
er sich ausschließlich an die Männer. Und wenn Musonlus, 
der neben Antipatros aus Tarsus von allen Stoikern am meisten 
sympathisch von dem Weibe spricht und die reinste und 
idealste Anschauung von dem Verhältnis der Geschlechter 
bekundet, einen eigenen Vortrag ikt y.al ywai^l yjiloaofprjiior 
verfaßt hat, so spricht er damit doch nichts weiter aus, als was 
in seiner Art auch für den Apostel PI selbstverständlich war. 
Die sogenannten Lasterkataloge (Ga!. 5, 19ff. und 
ähnlich im Römer- und KolosserbriefJ liaben mit der Stoa gar 



168 Adolf Bonhöfier 

nichts zu tun. Einmal ergibt sich diese häufende Aufzählung 
von menschlichen Untugenden aus dem Zweck, den der Apostel 
verfolgt, ganz von selbstS wie auch Heinrici zugibt den 
Giemen, wie ich glaube mit Unrecht, als Gfewährsmann far 
seine Auffassung in Anspruch nimmt. Sodann zeigt die 
Vorausteilung der geschlechtlichen Sünder deutlich die be- 
sondere Anschauungssphäre des Juden und endlich liegt den 
stoischen Aufzählungen der pflichtwidrigen Handlungen stets 
ein gewisses ethisches System oder die philosophische Theorie 
von den ^rrf^j zugrunde, während bei PI jedes Ordnungs- 
und Einteilungsprinzip fehlt. 

Weit mehr Beachtung verdient es, wenn der merkwürdige 
Ausspruch von dem nnvfiarMbe ^v^^ionos, der alles beurteilt, ' 
selbst aber von niemand beurteilt wird (I Kor. 2. 15) mit der 
griechischen Philosophie in Verbindung gebracht wird. Das 
ist in der Tat ein philosophiseher Gedanke, der in der Bibel 
etwas überraschendes hat. Heinrici« erinnert an das Wort 
Piatons, daß die Schlechtigkeit weder die Tugend noch sich 
selbst erkennt, die Tugend dagegen beides {Eep. m 17 409 DE). 
Mit dieser Piatonstelle stimmt auffallend Überein die Be- 
hauptung Epiktets, daß die (pQÖvriatg sowohl sich selbst als 
auch ihr Gegenteil erkennt oder wahrnimmt (I 20 6) Das 
ganze Kapitel mit der Überschrift ^e^l io€ X6yov Tt&g aitoC 
^Ew^r,Tu6g Ic^tv ist diesem Gedanken gewidmet. In einer 
bei Epiktet sonst seltenen, streng theoretischen, im höheren 
Sinne philosophischen Erörterung legt er dar, daß jede einzelne 
Kunst oder Wissenschaft ihr Gebiet hat, das sie zu beurteilen 
vermag, dagegen sich selbst nicht beurteilen kann, weil dies 
nur dann der Fall ist, wenn das Beurteilende und das zu 
Beurteilende homogen sind. Dies trifft nun aber bei dem 
Uyo? oder der <pq6v^uts, überhaupt bei der Philosophie zu, 
denn ihr Gebiet ist eben die Theorie (zß^^e (parxaatay o'ia 6,1) 
und sie selbst ist etwas Theoretisches, eine Betrachtungsweise 
{ovüTriiia fx Ttoi&v fpavTamav). Darum vermag der Logos nicht 

'Man kann yielleieht sogar noch weitergehend sagen, für einen 
Kenner deaTHndicheuMenaeheTilebens, wie PI e^ war, wäre ea ein Armute- 
zengnis, sich nach einem herkömmlichen Schema zu richten. 

* Nach Edwards, den ich nicht selbst einsehen konnte. 



Bpiktet und das Neue Testament 169 

bloß die einzelnen, ebenfalls ein (begrenzteres) System von 
Vorstellungen darstellenden Wissenschaften, sondern auch sich 
selbst zu erkennen und zu beurteilen, wie es denn überhaupt' 
ein höchstes Maß oder Kriterien geben muß, das sozusagen 
antonom ist und nicht wieder von etwas anderem gemessen 
und beurteilt wird\ Ganz ähnlich ist die Entwicklung; des 
PI an der angeführten Stelle: Gott als die höchste Vernunft 
erkennt sich selbst und alles Geistige in der Welt, auch die 
untergeordnete Vernunft des Menschen. Will dieser aber 
Gott erkennen, so kann er es nur vermöge des gottlichen 
Geistes, der ihm im Glauben au Christus geschenkt wird: 
ist er aber auf diese Weise ^ver^ißirwo's geworden, so erkennt 
aneh er sich selbst und alles bloß Psychische, während er 
selbst keinen (menschlichen) Richter über sich hat, er ist 
sozusagen selbst eine höchste Instanz geworden. Die Über- 
einstimmung ist hier in der Tat merkwürdig und macht es 
sehr einleuchtend, daß PI den platonischen . oder den stoischen, 
jedenfalls auch vor Epiktet in der Stoa schon diskutierten 
Gedanken gekannt und für seine Zwecke umgeformt habe. 
Trotzdem kann ich auch hier eine bewußte Anlehnung oder 
Reminiszenz an griechische Vorbilder nicht zugeben, und zwar 
deshalb, weil der ganze Zusammenhang bei PI von dem Ge- 
danken beherrscht ist, daß die menschliche Weisheit nichtig, 
die göttliche allein gültig ist, daß zwischen dem nviv^a tov 
K6aftov, dem doch auch die ganze heidnische Philosophie an- 
gehört, und dem TtveOfia (ix) roß d-toü ein himmelweiter Unter- 
schied besteht. Und warum sollten wir PI nicht soviel 
philosophische Begabung zutrauen, daß er von sich aus auf 
jenen Gedanken gekommen sein könnte? Die Evolutionen 
seines eigenen ßaisonnements liegen ja überall in seinen 
Briefen, namentlich den großen, so deutlich zutage und 
nehmen einen so breiten Kaum ein, daß es psychologisch un- 
denkbai- ist, daß er, bei allem Bewußtsein des Ofifenbarungs- 

'Nnr mit anderen Worten, aber fast noch deutlicher ist dieser Ge- 
danke ausgesprochen in dem Fragment (Sehenkl 476, 54), das recht wohl 

echt aeia kann: Ko.3-dne$ ij lö" y^^voäv Soxiftä^tvan kid-os o^xiri «ai avti) 
^pos Tod y,iivaov SaMfi'it,tTai, oinm xat o lu xqit:!qiov l-/_mv. — Ygl. aUCh 

1 17, Iff. {Oben S. 28') und M. Äurel XI 1, 5. 



170 AdoJf Bonhütfer 

mäßigen seiner Lehre, doch nicht aueli zuweilen seiner 
Kelbständig schaffenden Vernunft sich bewußt und froh ge- 
worden wäre. 

Zu der Stelle' I Kor. 4, 9 -d-mtgoi^ eyevij^tjfifv rq, y.öaft([i 
wird von Lietzmann die Ausführung Senecas in de proiM. 2 
herangezogen, und auch Clemen hält es nicht für ausge- 
schlossen, daß P! ältere derartige Schilderungen in der Tat 
gekannt und, wenngleich in sehr freier Weise, nachgeahmt hat. 
Noch reichlichere Parallelen bietet Epiktet, zu dessen üieblings- 
gedanken es gehört, daß das widrige Geschick gleichsam ein 
Kampfspiel sei (vgl. S. 54), in welchem der Mensch seine 
sittlichen Kräite zeigen könne, und der den wahren Philo- 
sophen überhaupt, besonders aber im Kampf mit dem Unglück 
ein 5^ö/(a nennt, an welchem Menschen und Götter sich freuen 
{II 19, 25; III 22, 59). Aber an eine Abhängigkeit des PI 
ist auch hier nicht zu denken, um so weniger, als er das Bild 
vom S-äatooy im ganz entgegengesetzten Sinne versteht wie 
die Stoiker: ihm ist es ein Zeichen äußerster Erniedrigung, 
daß er so Schweres und Schmähliches leiden muß, wie er auch 
gleich hernach im Hinblick auf eben diese Leiden und Miß- 
handlungen sagt ätg ns^ttKt&ü^uaTa toö -/.öufiov eyerjiZ-tjUEv 
■rrdvttov ice^ltprjfice ecog Sqti; während der Stoiker stolz darauf 
ist, der Welt zeigen zu können, wie sehr er im Bewußtsein 
seines unangreifbaren inneren Besitzes sie verachtet K 

Von der Ausführung in I Kor. 7, 17 ff. meint auch Clemen, 
daß sie nicht nur formell und inhaltlich an stoische Diatriben 



' Ich lengne nfttüriifih nicht, daß das Neue Testament mutatis mutandia 
dieselbe Betraclitnngs weise kennt und anwendet, woToa gpitter die Rede 
sein wird. Hier handelt es Kicli um den Ausdruck „Schauspiel" und seine 
Bedeutung im Zuaammenliang. ~ Gegen den Einwand, der hier und auch 
3onst oft genug gegen mich erhoben werden könnte, iiaii nämlich der von 
PI gebrauchte Äiisdnick oder Vergleich, wenn auch die darin ausgesprochene 
Otter ihm angruude liegende Änschanang der betretEendeu stoischen wenig 
gleicht, ja eher ihr entgegengesetzt ist, dennoch einer fieminiszenz von 
dorther entstammen könnte, verwahre ich mich ein für allemal, indem ich 
sage, es ist mir immerhin noch wali rech ein lieh er, daß ein Mann wie PI 
auf ein Wort oder Bild Ton selbst kommt, als daß er es anderen nach- 
spricht, deren Anschauung er doch gar nicht teilt, Ja eigentlich verwerfen 
und bekämpfen muß. 



Epiktet und des Neue Testament 171 

erinnere, sondern aucli zum Teil im Anschluß an solche ge- 
schrieben sein könne. Ohne Zweifel besteht darin eine der 
wichtigsten Übereinstimmungen zwischen Stoizismus und 
Christentum, daß beide in ihrem idealistischen Optimismus die 
äußeren Unterschiede des irdischen Menschenloses, die dem Welt- 
menschen so wichtig sind, gleich sehr ignorieren und darum auch 
den Zustand des Slclaven nicht an und für sieh als einen be- 
dauernswerten betrachten. Diese Auffassung und der damit 
zusammenhängende Mangel des Interesses an der Abschaffung 
der Sklavei'ei ergibt sich bei beiden gleichermaßen aus den Vor- 
aussetzungen ihrer Lehre ^ Aber ganz deckt sich die Stellung 
beider zur Sklaverei doch nicht. Der Stoiker kann sich nicht 
veranlaßt fühlen, seinen Schülern anzuempfehlen, in der äußeren 
Lebensstellung, in der sie gerade sind, absichtlieh oder grund- 
sätzlich zu verbleiben; im Gegenteil er muß auf Grund seiner 
Lehre von den Tc^or^yiUva es ihnen vielmehr zur Pflicht 
machen, jede sich darbietende Gelegenheit zu einer Ver- 
besserung der äußeren Lage zu benutzen. Zu den natur- 
gemäßen Dingen, die ja nach stoischer Lehre den eigentlichen 
Antrieb zum praktischen Handeln in der Welt geben, gehört, 
wie z. B. die Gesundheit, so auch die persönliche Freiheit. 
Und was Chrysipp von der Gesundheit sagt, daß man, solange 
man nicht etwa das Verbleiben in der Krankheit als speziellen 
Willen der Gottheit anzusehen Grund hat, alles tun muß, was 
ihrer Erhaltung oder Wiedergewinnung dient, das gilt natür- 
lich auch von der Freiheit: es wäre nach Chrysipp und Epiktet, 
der dessen Ausspruch zitiert (II 6, 9), geradezu eine Pflicht- 
verletzung und Torheit, die Freiheit nicht zu wählen d. h. 
eine sich bietende Gelegenheit zur Abschllttelung der Knecht- 
schaft gleichgültig vorbeigehen zu lassen — selbstverständlich 
immer mit dem Vorbehalt, daß man diese Besserung des 
äußeren Loses §iya Tid-t^ong erstrebt und sein Herz niclit daran 
hängt, als ob das wahre Glück irgendwie dabei beteiligt wäre. 
Eine Aufforderung wie die des Apostels Plr „Jeder bleibe in 
dem Beruf (d. h. in der äußeren Lebensstellung), in dem er 
berufen ist", wäre deshalb direkt unstoisch; ich vermag eine 



B' 98 ff. 



l'^2 Adolf Bonhöffer 

Parallele dazn auch in der Tat aus der stoischen Literatur 
mcht beizubnBg:eu. die Stellen, die Giemen aus Seiieca und 
Epiktet anfuhrt, besagen auch nichts weiter, als daß die äußeren 
Unterschiede zwischen Freien und Knechten für den Weisen 
belanglos smd, da man auch als Sklave wahrhaft frei sein 
kann, wUhrend die meisten Freien tatsächlich Knechte sind- 
Ganz anders ist es bei PI. Einmal fällt für ihn die stoische,' 
kurz gesagt rationalistische Anschauung von der pflichtmäßigen 
«cAop, .üv ..9>..a.^e., weg, sodann rechnet er mit einer nahe 
bevorstehenden endgültigen Umgestaltung des Kosmos, so daß 
für den Glaubigen das Interesse an einer irdischen Besser- 
steUung gänzlich verschwindet, und die Sorge darum als 
Zeichen eines mangelhaften oder unsicheren Glaubens an die 
verheißene himmlische Herrlichkeit aufgefaßt werden müßte. 
Daß PI wirklich dieser Meinung war, geht aus dem folgenden 
Sa deutlich hervor: äXX' d ^al ö^vaaa. ilei&.^o, yLa»a, 

stand bleiben^ eben um darzutun, daß ihm die selige Freiheit 
der Kinder Gottes genügt; denn - so ist die nun folgende 
außerordentlich feine, epigrammatisch knappe Antithese zu 
veistehen - als Sklave empfindet er seine Zugehörigkeit zu 
Chris US vorwiegend als Befreiung, während sie dem Freien 
äußer ich Ungebundenen mehr unter dem Gesichtspunkt der ~ 
freilich heilsamen und nicht weniger zu ersehnenden - Ge- 
bundenheit der freiwilligen Selbstbegebung erscheint. Selbst- 
verständlich will PI nicht geradezu sagen, der Freie habe 
weniger an Chnstus als der Sklave; immerhin deutet er an 
daßder Sklave innerhalb der- christlieben Gemeinschaft in 

fr ITo ?."■";"';''"■ ''^''" ''^'' ™-^"« ^^be, insofern 
er das Gefühl der Freiheit weit intensiver und freudiger ge- 

nat berlihrt ' ''' ""* ''" Seligpreisungen Jesu sich 

So fällt alsoaueh in diesem Fall der behauptete Anschluß 

^^ ^'^ ^^"^ ^" «ich zusammen, und noch viel mehr ist dies der 

' °!'f Auslegung der Stell« dünkt mir die aHein mBgliohe sie «t 
aueh .oviel m,r bekannt i«t, ziemlich allgemein rezipiert. Eine einUhei 

Vgl. auch LietzmMn im „Hrindbneh znm Nenen Testament". 



Epittet und das Neue Testameut 173 

Fall bei dem von Giemen hiermit in Verbindung gebrachten 
Ausspruch über die Eheleute (I Kor. 8, 29 Iva xal oi hovris 
yvvaixag Ag ^tj ^xo^^S SjOii'). Was PI hiermit in zart ver- 
blümter Weise den Verheirateten rät, sich der geschlechtlichen 
Gemeinschaft lieber zu enthalten, ist so ziemlich das Gegenteil 
von dem, was Epiktet über diese Dinge denkt. Man ver- 
gleiche einmal dJe Schwierigkeit, die dem Apostel die not- 
gedrungene Anerkennung des Hechtes der gesclüeehtlichen 
Befriedigung bereitet, mit der nnumwundenen Freiheit, mit 
welcher Epiktet dieselbe als eine notwendige, naturgemäße, 
ja sogar als ein besonderes Argument für die göttliche Weisheit 
betrachtet (I 6, 9: To Ö'Sqqsv xal ib d-fjXv xai ij irgo^v^ia 
<i5> TC^bg T^v avvovalav ixati^ov xai i) dtjvajug xQrjorixii TOlg 
^oeioigTols xazeaxBvaotthois oiähraüia ififpaivst toptex"'"/'';)! 
Mehr werde ich hierüber nicht zu sagen brauchen; im übrigen 
verweise ich wieder auf die Ausfuhrungen in B ^ 63 ff. u. 86 tf. 
und auf K. Frachter, Hierokles der Stoiker, S. 139. 

Nicht einmal eine große Ähnlichkeit, geschweige denn Ab- 
hängigkeit zeigt der Ausspruch änölXmtxi. yfxQ ö ä(;&£vibv iv jfj 
öfl '/vihaei. (I Kor. 8, 11), den Heinrici mit Bp. 11 9, 3 vergleicht. 
Denn was bei PI nur ein einzelner Fall ist, nämlich der Gebrauch 
des Wortes äfcöUvfu im uneigentlicheu , d. h. moralischen 
■ Sinne, das ist bei Epiktet etwas überaus Hänflges und zwar 
sowohl in der transitiven a^ in der intransitiven Form 
{äifokliietv thv Sfif-Qutiiov, tov fcicnöv, zbv aid^fiova, tOV^^ToUrr.v 
etc.; &]täiU%o b TQoyqyöög, &!t6kaiXsv sc. Ty tpvxi} etc.) \ Überdies 
hat — und dies ist ausschlaggebend — der bildliche Gebrauch 
des Wortes bei ihm einen wesentlich anderen Sinn als bei PI. 
Dieser will, wofern er nicht etwa an die wirkliche und ewige 
&7nliUta denkt, nichts anderes sagen .als daß der schwache 
Bruder durch das Ärgernis, welches ihm das Essen des Freieren 
bereitet, möglicherweise irre wird an seinem Glauben, jeden- 
falls Schaden nimmt an seiner Seele. Er hat also einen 
wirklichen moralischen Schaden im Auge, den der eine 

» Im selben Sinne wie iiri6}lvui gebraucht er auch zuweilen daaWoit 

niX"/^', a- B, III 3, 6: £( loü vnhii y.ui Smaiav to dya^o" f.ri^öf ioTiV, 

olx'^iai K« wai/yu »ai dSe^^öi etc. — Don Gegensatz zo beiden bildet der 
Begriff amtiiv z, B. II 22, 18; 11 9, 11. 



174 Adolf Bonhöffer 

durch den anderen erleidet, Epiktet aber denkt nur an einen 
begrifflichen, ideellen Schaden oder Verlast, welchen der 
Mensch durch sich selbst erleidet: z, B. wer des Nachbars 
Weib verfuhrt, verliert eo ipso den itiarög, den yelzuv etc., 
d. h. er zeigt dadurch, daß ihm dag Merkmal des matög etc., 
also ein integrierender Bestandteil des ethischen Menschen 
abgeht. Am deutlichsten wird der Unterschied, wenn wir 
uns vorstellen, wie Epiktet an Pauli Stelle den Gedanken 
gewendet liätte. Er hätte gesagt; „Wenn du rücksichtslos 
deine Freiheit gebrauchst, so verlierst d u den tpiUäelrpoSf den 
Mivmiy.ög etc.; daß der Bruder durch deine Handlung Schaden 
nimmt, geht dich dagegen nichts an, dafür ist er selbst ver- 
antwortlich". 

Ein Eldorado für diejenigen, welche geneigt sind, Aus- 
sprüche des PI auf griechische Philosopheme zurückzuführen, 
ist der zweite Korintherbriefi insbesondere Kapitel 4 und 5. 
Über die Ausdrücke o 'data und egw ävi^Qwnog habe ich mich 
in dem Abschnitt vom paulinischen Wortsehatz bereits aus- 
gesprochen (S. llöff.). Der Vergleich des Leibes mit einem 
tönernen Gefäß oder einem Zelt erinnert allerdings an pla- 
tonische Gedanken, wie sie uns auch in der platonisierenden 
Stoa, in den aus Poseidonios geschöpften Partien Ciceros und 
Senecas, zuletzt auch bei Mark Aurel begegnen, der ja, wie- 
wohl mit dem weitaus überwiegenden Teil seines Wesens ein 
guter Stoiker, doch mit Bewußtsein einem gewissen Eklekti- 
zismus gehuldigt hat. Aber einerseits wird man auch hier 
darauf sich berufen dürfen, daß so manches, was in den philo- 
sophischen Schulen gelehrt und geredet wurde, zum geflügelten 
Wort geworden ist; andererseits ist es nicht schwer, für diese 
Vergleiche auch im Alten Testament eine Anknüpfung za' 
linden. Besonders die Vorstellung vom Töpfer und seinem 
Werk ist bekanntlich bei den Propheten beliebt, und das 
Bild vom zerbrechlichen oder unnützen Gefäß (mieDog), an- 
gewendet auf das ganze Volk wie auf den einzelnen Menschen, 
ist den Psalmisten und Propheten nicht fremd {Ps. dl, 13; 
Hos. 8, 8; Jer. 2a, 28). 

Den stärksten Beweis für die Abhängigkeit des PI von 
der griechischen Philosophie findet mau aber in den Anfangs- 



Bpiktet und das Nene Testament 175 

Versen des 5, Kapitels, wo PI in so ergreifender Weise von 
den Beschwerden des irdischen Leibes und der Sehnsucht 
nach der himmlisehen Behausung redet. Es ist die Stelle, 
von welcher Giemen in seinem zusammenfassenden Schlußwort 
sagt, es sei dies der deutlichste Fall, wo Paulus von der 
griechischen Philosophie abhänge (aaO. 285). Man gibt nun 
zwar zu, daß der Apostel den Ausdruck und den Gfedanken 
aus dem Buch der Weisheit geschöpft hat (9, 15: (pd-uQrbv 
yag aüiiict ßoQvvei ipvyjijv xoi ßqi9u io yeStäeg uxijvog voBv 
noXvtpQÖvriöa). Da aber dieses Buch auch sonst notorisch 
hellenistischen Einfluß aufweist, so hätten wir damit aller- 
dings an einer Stelle wenigstens den Piaton ^ im Neuen 
Testament, nur daß damit nicht gesagt wäre, daß PI sich 
des außerbiblischen Ursprungs seiner Worte bewußt gewesen 
sein müsse. Mit diesem Vorbehalt könnte ich ja recht wohl 
der üblichen Anschauung beitreten, für eine Abhängigkeit 
von der Stoa wäre ja damit noch nichts bewiesen ^ Die 
Ansicht der letzteren von dem Wert des Leibes und seiner 
Bedeutung für den Geist habe ich an anderer Stelle (B' 33ff.J 
ausführlieh entwickelt. Daraus ergibt sich für die Vergleichung 
mit der christlichen Anschauung sofort, daß bei aller Ähnlichkeit 
der Beurteilung und Stimmung doch in den allerwichtigsten 
Punkten keine Übereinstimmung, sondern schroffer Gegensatz 
besteht. Der Stoiker' wurde nie zugeben, daß der Mensch ein 
Recht habe, sich in diesem irdischen Leib beschwert zu fühlen ; 
er würde es ferner für ungesund, ja direkt für unfromm halten, 
wenn er sich aus diesem Leibe hinaussehnen wollte, den er 
doch nach der notwendigen Naturordnung erhalten hat und 
nach jeder Welterne'temng wieder erhalten wird; er weiß 
endlich nichts von einer Behausung, die vom Himmel ist, ^a 
nicht einmal von einem bewußten Fortleben der Seele, jeden- 



' Beziehungsweise den Pythagoreismus, denu die Bezeichnung; des 
Leibes (iIb Hülle oder auch als Gefängnis der Seele war von jeher dovt 
besonders beliebt. 

= Dasselbe gilt von fler paniiniachen Schilderung det Ekstase als eines 
vocttbergehend leiblosen Zastands in 11 Kor. 12, Sfi, Wer übrigens wie 
PI so etwas erlebt hat, dei wird dieses Erlebnis auch ohne Znhilfenabme 
einer ihm von Haas ans fremden Theorie zu schildern wissen. 



176 -^df'f Bonhößer 

falls nicht von einem solchen, das irgendwie ein Gegenstand 
der SehnSQcht sein könnte. Wir haben also wirklich keinen 
Anlaß, an eine Beeinflussung von stoischer Seite zu denken, 
müssen vielmehr sagen, daß PI, wenn er die bezügliche Lehre 
der Stoa wirklich gekannt hätte, das Ähnliche, was sie etwa 
bietet, sich nicht aneignen konnte, ohne seinen prinzipiellen 
Gegensatz gegen sie irgendwie anzndeuten. 

Im übrigen scheint mir die Anschauung vom Leben and 
Tod, welcher PI in diesem Brief Ausdruck gibt, nicht so 
Singular zu sein, daß man sie auf griechischen Einfluß zurück- 
führen müßte. Daß er mehr, als es nach den Synoptikern 
bei Jesus selbst der Fall war, sich als Fremdling auf dieser 
Erde ffthlte und mit allen seinen Gedanken im Eeich der zu- 
künftigen Vollendung lebte, ist sicher, erklärt sich aber ganz 
naturgemäß aus der Wendung, die er dem Evangelium Jesu 
gab, indem er statt -der mehr allgemein ethisch -religiösen 
Eeform, welche für Jesus jedenfalls den Ausgangspunkt biädete, 
das Wunder vom Gekreuzigten und Auferstandenen zum A 
und seiner Verkündigung machte. In der Hauptsache jedoch 
war auch der Blick Jesu auf die ßaadeia zG)v oi^avGiv ge- 
richtet, und aus Worten wie „Fürchtet euch nicht vor denen, 
die den Leib töten" usw. (Matth. 10, 28), „Wer sein Leben 
erhalten will, der wird es verlieren" (Matth. 16, 25), „Was 
hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne?" usw. 
(Matth. 16, 26) spricht eine sehr entschiedene Geringschätzung 
des irdischen Lebens. Ja Äußerungen wie die: „Ärgert dich 
dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von dir!" (Matth. 
5, 28), wie Jesu Antwort auf die Sadduzäerfrage über die 
Ehe in der Auferstehung, seine Einladung an die Mühseligen 
und Beladenen, die doch eigentlich so zu verstehen ist, daß 
jeder ernstere Mensch sich dazu rechnen muß (vgl. die Selig- 
preisung der Leidtragenden), alles das läßt doch daranf schließen, 
daß auch er nicht bloß die Leiden, sondern auch die An- 
sprüche des Leibes für etwas Hemmendes und Beschwerendes 
gehalten hat. Und der johanneische Christus vollends ist nur 
deshalb nicht so wie PI von leidenschaftlicher Weltflucht und 
Himmelssehnsucht bewegt, weil er schon in seinem Erden- 
wallen die Welt völlig überwunden hat und wie ein seliger 



Eplbtet Qiiil d» Neue Teitnment 177 

Geist aus Himmelsliöhen nur in flüchtigem Besuch über dieses 
Tränental hingleitet (Job. 10, 33: „In der Welt habt ihr 
Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden"). 

Was Giemen sonst noch aus den Briefen des PI auf - 
stoischen Einfluß zurückzuführen geneigt ist, so insbesondere 
der anthropologische Dualismus in Rom. 7, der Begriff loymi} 
Icctueia (Höm. 12, 1), die Stelle Phil. 4, 8, ist bereits in den 
vorigen Abschnitten zur Sprache gekommen. Nur noch ein 
kurzes Wort über den Determinismus des PI Rom. 9 (u. Phil. 
2, 13). Giemen meint, obwohl er zunächst natürlich aus dem 
Alten Testament stamme, könne er doch zugleich aus dem 
Stoizismus erklärt werden. Dieser Determinismus ist aber 
in dem MaBe unstoiseh, als er durch und durch alttestamentlich 
ist. Nie hätte ein Stoiker von Gott sagen können ov ihiUi. 
IXeei. Sv Se fUlei 'axlrj^vvet (Vers 18). Nach Epiktet hat Gott 
jedem Menschen die äepoQfial zur Tugend gegeben, und es 
steht ganz und gar in des Menschen Macht, ans sich zu machen 
was er will: „Was kann den Willen hindern? nichts außer 
ihm Stehendes, nur er selbst, wenn er sich selbst verkehrt" 
(n 23, 19). Wenn man natürlich für diese Selbstverkehrnng 
wieder einen Grund sucht, so muß auch der Stoiker schlieSlich 
auf die alles bewirkende göttliche Macht rekurrieren. Niemals 
aber würde er es dem Menschen gestatten, an sieh selbst 
gleichsam zu verzweifeln und für seine Schlechtigkeit, als ob 
sie unvermeidlich und unheilbar wäre, Gott verantwortlich zu 
machen. Überhaupt ist diese göttliche Universalkausalität — 
darin liegt der große Unterschied! — nicht ein pei'Sönlicher, 
nach orientalischer Art mit omnipotenter Willkür ausgestatteter 
Herrscher, sondern eine unpersönliche, geheimnisvoll wirkende 
Naturmacht, die allerdings schließlich auch das Böse (aber 
nicht als Böses) schafft, jedoch als nicht weiter erklärbare 
Ursache des Bösen erst dann in Betracht kommt, wenn der 
Mensch sich selbst aufgegeben hat. Und wenn Giemen Windel- 
bands Urteil zitiert, daß nach stoischer Lehre die ewige Vor- 
sehung schließlich auch das Böse zum Guten wende und in ihm 
nur ein scheinbar widerstrebendes Mittel zur Erfüllung ihrer 
höchsten Zwecke habe (Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 
Tüb. 1910, S. 163), so ist erstens zwischen stoischer und 

RflUeioDBgßRehiolitlißhH Versnehe h. Vorarbaiten X. 13 



178 Adolf Bnuhöfier 

christlicher Theodizee der fundamentale Unterschied, daß dort 
der einzelne Böse niemals auf eine Rehabilitierung rechnen 
darf, die Harmonie des Alls aber trotzdem, daß viele nicht 
zum vollen Menschsein gelangen, besteht und bestehen bleibt. 
Sodann ist es umgekehrt sehr fraglich, ob auch nur PI, ge- 
schweige denn die übrigen Autoren des Neuen Testaments, im 
Ernst und konsequent eine endgültige Begnadigung aller an- 
genommen haben, ob nicht vielmehr der Glaube an eine ewige 
Verdammnis der meisten eine unvermeidliche Konsequenz der 
ursprünglichen Anschauung Jesu ist. 

Wir sind hiermit zu Ende mit der Prüfung des Einflusses 
der griechischen, speziell der stoischen Philosophie auf PI. 
Überall hat sich ergeben, daß auch solche Ausdrücke, Redens- 
arten und Gedanken, die auf den ersten Blick überraschende 
ÄhnKchkeit mit Stoischem haben, bei näherer Untersuchung 
doch so verschieden, ja oft von ganz entgegengesetzter Be- 
deutung sind, daß eine genauere Kenntnis der stoischen Lehre 
und eine bewußte Anlehnung an sie bei PI nicht angenommen 
werden kann. Manchem mag dieses Ergebnis als allzu negativ 
vorkommen. Aber ich bin mir bewußt, in keiner Weise nach 
dieser Seite hin voreingenommen zu sein, sondern die Achtung 
vor der Originalität und dem einheitlichen Charakter des 
Apostels, der stets von neuem bestätigte Eindruck davon, daß 
in den paulinischen Briefen ein total anderer Geist lebt als 
in der Stoa mit ihrem kühlen Rationalismus, und nicht zum 
wenigsten die langjährige Vertrautheit mit der letzteren 
machen es mir unmöglich, zu einem anderen Urteil zu kommen. 
Was sollen wir anfangen mit einem Urteil, wie es Giemen 
fällt, der im ganzen auf meiner Seite ist, doch im einzelnen 
eine etwas unsichere Vermittlerrolle spielt: „Paulus ist wirk- 
lich, wie das ja auch von vornherein zu erwarten war[?]', 
vielfach, und nicht nur in seinen Bildern, von der Philosophie 
beeinflußt worden, wenngleich zumeist nur in der 
Richtung, die sein Denken auch ohnedies schon 

' Diesen letzteren, von mir mit einem Fragezeichen versehenen S»tz, 
beanstandet ancb, mit Beratung anf DeiQmtinns Licht vüm Osten, 1. Aafl, 
Tüb. 1908, S. 105 Vftn den Bergh van Eyainga in seiner Rezension des 
Bnchea von Clemen (Musenm XVII, Leiden 1910 Nr. 8, S. 302«.). 



Epiktet und das Neue Testitmeut 179 

genommen hätte oder hatte" (aaO. 55). Nimmt man 
diesen letzten Satz ernst, so ist dies eben kein Einfluß mehr, 
und wenn man es docli so nennt, so ist es nur ein Wort, 
hinter dem nichts Wirkliches steht. Ich stimme daher lieber 
Hausrath bei, wenn er von PI sagt, in der Hauptsache sei 
das Alte Testament der mütterliche Boden, in welchem seine 
Theologie wurzle S mit dem eigentlich selbstverständlichen 



'Jesus and die neu te st nm entliehen Sehriftsteller,. Berlin 1908—09, 
I 267. — An dieser Stelle kann ich einige knrze Bemerkungen nachtragen 
aber die erst während der Dnicblegang des vorliegenden Werkes erschienene 
grllndliche und interessante Abhandlung von Rud. Bultmann, Der Stil der 
Pauünisehen Predigt nnd .die kynisch- stoische Diatribe, GSttingen 1910 
(Forschungen aur Eeligion und Literatur des Alten nnd Neuen Testaments, 
Heft 3). Den Beweis einer wirklichen Abhängigkeit des Apostels von der 
kjniach-stoischen Diatribe, deren Formen, ztim Teil auch deren Gedanken 
er bewußt oder unbewußt nachgebildet hBtte, hat aber der Verfasser ra, E. 
nicht erbracht. Erstens liabe ieh bereits darauf hingewiesen (S. 103 Anm. 1], 
daß die Reden Epiktets durchaus nicht den gewöhnlichen Üiatribeastil dar- 
stellen, sondern, so vieles er natürlich auch der Schaltradi tion verdankt, 
docb etwas ganz Originelles und Eigenartiges sind und anch mit den 
Vorträgen eines Teles, ja anch des Mnsonius, selbst wenn wir die yorans- 
gesetzte Absehleifung durch den Herausgeber in Rechnung nehmen, nach 
Form und Geist sich keineswegs decken, B^ltmanu aber muß, itm die 
Übereinstimmung des PI mit der Diatribe zu zeigen, in ganz überwiegendem 
Maße eben die Reden Epiktets heranziehen, die doch der Apostel natürlich 
niemals gehurt haben konnte. Zweitens führt Bultinann, während er einer- 
seits viel zu viel ans Epiktet heraas argumentiert, andererseits vielem euf, 
was der Diatribe nicht speziell eigentümlich ist, sondern zu den rhetorischen 
Aasdrucksmitteln der Eunstprosa Überhaupt gehört. Drittens scheint mir 
mit der ganzen Bildnugslaufbahn nnd Geistesart des Pt die Annahme 
scblecliterdinga un vertrag! ich, daß er popularphilosophisthe Vorträge von 
Heiden so häufig und mit so viel Interesse angehört hätte, daß ihm „diese 
Klänge in Fleisch und Blut übergegangen wären" (Bultmanu 8. 78, vgl. 
dagegen S. 67). Ich betone übrigens ausdrücklich , daß Bultmann selbst 
volles Verständnis zeigt für die auGerhalb des Hellenismus gelegenen Faktoren 
der paulinisehen Fredigt und es nie unterläßt, auch auf die tiefgreifende 
Verschiedenheit der letzteren von der Diatribe aufmerksam zu machen 
(a. B. S. 68 und Bl). Wenn man den Begriff der Diatribe schärfer faßt, 
der Singularität der epiktetischen Rede und ebenso der Individualität des 
Apostels Fl ganz gerecht wird, so wird man diesem die genauere Kenntnis 
der kjni seh -stoischen Diatribe and vollends die scfariftatellerisehe Beeinflussung 
durch dieselbe absprechen und zur Erklärnng der mannigfachen Berührung 
beider in Form nnd Gedankenrichtung sich begnügen müssen mit dem auch 

12* 



180 Adolf Bonhöffer 

Anfügen, daß das Tiefste und Größte daran nicht jenem, sondern 
dem neuen Geiste, dem Geiste Christi entstammt, der ihn mit 
der Gewalt einer übermächtigen Offenbarung ergriffen hatte 
und seinen eigenen Geist in wunderbarster Weise entbunden 
nnd zu den großartigsten Schöpfungen befähigt liat. 



Vierter Abschnitt 

Die übrigen Schriften des Neaen Testaments 

Nachdem .die Frage einer Abhängigkeit von der Stoa fiir 
die Synoptiker und für PI im wesentlichen verneinend be- 
antwortet worden ist, müssen wir noch anhangsweise auf die 
übrigen Schriften des Neuen Testaments eingehen. Da handelt 
es sich vor allem um die sogenannte Areopagrede der 
Apostelgeschichte (17, 22 ff.). Daß PI nicht so gesprochen 
haben kann, wird von den meisten neueren Forschern ange- 
nommen '. Ebenso übereinstimmend wird aber betont, daß 
diese Rede eine ganz besondere Annäherung an die griechische 
Popularphilosophie zeige (Wendland, Die hellenistisch-römische 
Kultur etc. 142 ; Lietzmann, Handbuch III 9 und andere). Daß 
der Verfasser dieser Rede eine gewisse Kenntnis der letzteren 
und die ausgesprochene Absicht hat, daran anzuknüpfen, um 
die Zuhörer für seine Botschaft günstig zu stimmen, geht aus 

von Bultmaim gelegetttUeh {S. Öl) gemachten Hinweis auf d&s Gemeingut 
der heUenwtischen Umgangespraclie, die dem PI selbst verstaadlich yertraot 
war, noch mehr aber auf die sprach schöpferische Oriijinalitat, welche ihm 
nicht weniger als einem Epikt^t eigen war, und bei beiden zusammenhing 
mit einem mächtigen Temperameut und einem glühenden Drang nach etliisch- 
religiiSser Einwirkung auf die Menschen, die, von ganz verschiedenen dog- 
matischen Grundlagen aus, dach in der Haupt»ache demselben Ziel zustrebte, 
die Seelen in Gott frei nud selig zu machen. 

' Ich nenne . hier nur A. Hansrath, nach welchem diese Bede aller 
panlinischen Gedanken ermangelt (aaO. i)70) und von Wiiamowitz-Möllen- 
dorft, der jüngst mit Bezug ilaraaf das kräftige Wort gesproolien hat: 
„Wer die Originalität jener [echten Pl-]Biiefe nnd die geschloasene Eigenart 
der Person, welche hinter ihnen erscheint, verkennen kann,' oder wer an- 
dererseiti dieser Person die Areopagrede der Acta zutrauen kann, mit dem 
ist nicht zu reden" (Rezension von Ed. Schwart_z „(Jharakterköpfe usw." 
in D, Ut. Z. 1910, Nr. 6). 



Epiktet und du Neue Testament 181 

der captatio henevolmtiae im Eingang und dem Dichterzitat 
deutlich hervor!» Im ßbrigen finde ich in der Rede nichts 
spezifisch Hellenisches oder Stoisches, jedenfalls nichts, was 
den Philosophen sonderlich imponieren konnte. Daß das 
Dichterwort von dem Stoiber Aratos stammt, scheint ihm 
nicht bekannt gewesen zu sein, sonst hätte er, der doch ge- 
rade vorher auch mit Stoikern disputiert hatte, kaum ver- 
säumt dies hervorzuheben. Die Anknüpfung an den Altar 
des unbekannten Gottes ist ja recht hübsch, aber ein Kenner 
des griechischen Kultus hätte bei aller Freiheit der Anwendung 
immerhin andeuten müssen, was die wirkliche Bedeutung dieses 
AUares war. Was aber nun kommt und den Hauptinhalt der 
Rede bildet, daß es einen obersten Gott und Schöpfer gebe, 
daß dieser nicht in von Menschenhand gemachten Tempeln 
wohne, das war wohl nicht bloß den Stoikern, sondern auch 
den meisten anderen Zuhörern ohne Zweifel kein neuer Ge- 
danke; die Beanstandung des Tempelknltes konnte aber gerade 
aus dem Munde eines Juden nicht besonders überzeugend 
klingen. Andererseits konnte die bloße Behauptung des Ur- 
sprungs aller Völker von einem Menschen keinen großen 
Eindruck machen, und daß man Gott suchen, ja sozusagen im 
Dunkeln nach ihm tasten müsse, konnten diejenigen sieh schwer 
zurechtlegen, die der Ansicht waren, daß jeder Mensch eine 
angeborene Vorstellung Gottes in sich trage -, abgesehen davon, 
daß gerade der Ausdruck xprilcKptlv &-wv nicht recht passen 
wollte zu dem tadelnden Urteil über die sinnenfäliige Dar- 
stellung der Gottheit in einzelnen Götterbildern. Griechisch 

' Gewiß liegt in dem iji SctaiSat/iov^aii^ois im Sinne das Redners 
ein leiser Tadel. Aber den Znhürera kam dies wolil kaum /um Bewußtsein, 
da das Wort von Haus ans, noch bei Äriatoteles, keinen Tadel einschloß 
(vgl Leop Schmidt aaO. 11 67: ,bo bemerkt man, daB die Sprache erst 
spSt dazu gelangt ist einen Unterschied zwischen Frömmigkeit und Frömmelei 
za machen, derselbe daher wohl auch sehr alta&hlich in das BewnEtaeLn 
getreten ist"). Das auüerordentliche Entgegenkommen des Missionars be- 
steht darin, daß er die vielen oeß^aitaTi Athens erwähnt, ohne »nch nur 
im geringsten eine Mißbilligung, gescHweige denn — wie es ein PI nicht 
anders Tennocht hätte — seinen Abscheu vor diesem Götzendienst kund- 
zugeben, . 

» Die Ansführung auf S. 149 ff. steht dem Obigen nicht im Wege. 



182 Adolf Boniiöffer 

gedacht ist dann allerdings der Erweis des Daseins und der 
Erfaßbarkeit Gottes — nicht etwa aus seinen Theophanien, 
was ja dem Juden so nahe gelegen gewesen wäre — sondern 
aus dem unwillkürlichen Abhängigkeitsgefühl, das der Mensch 
gegenüber der höheren', lebenspendenden und lebenerhaltenden 
Macht empfindet, wiewohl der Ausdruck if <xvt^ yäff ^w^ej- 
y.at KivovfitS-a xai hfih in seiner Abundanz und Mystik wenig 
griechisch, sondern mehr hebräisch lautet. Unliebraisch ist 
dagegen wieder der die Grenze zwischen Gott und Mensch 
verwischende Ausdruck y^og oöv vTtä^yfivTis toD ■9-eo€. Um 
so verwunderlicher ist es aber, daß der Redner diesen Ge- 
danken, der ja eher eine Rechtfertigung der Abbildung der 
Gottheit in Menscliengestalt enthält, dazu benützt, um daraus 
die Verwerflichkeit dieses Kultes zu folgern. Und vollends 
der Schluß der Rede, die Charakterisierung des Heidentums 
als einer Zeit der Unwissenheit, die Aufforderung zur (iträvoia, 
die Verkündigung eines bevorstehenden Gerichts durch einen, 
gar nicht näher bezeichneten „Mann", der hierzu durch seine 
Auferstehung legitimiert ist, widerspricht so vollständig dem, 
was ein wirklich vei-ständnisvoller, konzilianter Beurteiler des 
Heidentums an dieser Stelle hätte sagen können und müssen, 
daß ich in der ganzen, logisch so wenig zusammenhängenden 
Rede nur einen unglücklichen Versuch, die Athener durch 
einiges Entgegenkommen zu gewinnen, keineswegs aher eine 
auf halbwegs solider Kenntnis der griechischen Kultur und 
Philosophie beruhende Verschmelzung der letzteren mit dem 
Christentum erblicken kann. 

Die Johanneische Schriftengruppe, und nicht 
etwa bloß die durch und durch jüdische Apokalypse*, steht 
im ganzen, nach Ton und Inhalt, dem Stoizismus so fern als 



' Die Frage, ah uicbt aiicii die Apokalypse griecliiacbc Vorstellougen 
iu sich aiif^nnminen und bt^nützt hat, wiU ich biür niclit entscheiden. 
Wenn Van den Bergh Tau Eysinjja iu der bereits erwähnten Bezension 
eine Übereinatimmung der Schilderung dea himtnli sehen Jernsalema mit 
Lukians Hitumelsatadl (Vcr. bist. II 11) findet und daraus achlieQt, daß 
nach „unser letztes Bifaelbuch unter heUenischeia Einfluß steht", so scheint 
mir diese b'olgemag zu weitgehend: an dem gritnd jüdischen Charakter des 
Ganzen ändert sich jedenfalls dadurch nichts. 



Bplktet und das Nene Testament 183 

möglicli. Ihr Charakter ist antijüdisch in weit höherem Maße 
als die ganze Polemik des Pi, aber doch nur sozusagen als 
äußerster Ausläufer des Judentums selbst, das sich aber im 
leidenschaftlichen Schmerz über die Verwerfung des Größten, 
den Gott seinem Volke geschenkt, mit bitterer, vernichtender 
Kritik gegen seinen eigenen Ursprung zurückwendet. Aber 
wie ein edler Mensch, dessen Vertrauen da, wo er Liebe und 
Verständnis suchte, schnöd getäuscht worden ist, es doppelt 
verschmäht, um die Gunst anderer zu buhlen, die er anfangs 
nicht beachtet hatte, so findet sich in den johanneischen 
Schriften keine Spur eines Liebäugeins mit der heidnischen 
Weisheit. Das einzige, was an sie erinnert, ist der Logos- 
begriff, der jedoch im absoluten Sinne, als göttliche Macht 
oder Hypostase, nur im Evangelium und auch hier nur im 
Eingang verwendet wird K Es kann nicht eindringlich genug 
darauf hingewiesen werden, daß dieser Logos, welcher, nach dem 
Eingang zu schließen, der das ganze Evangelium beherrschende 
Begriff sein sollte, im ganzen weiteren Verlauf kein einziges 
Mal mehr genannt wird, also in Wirklichkeit keine zentrale 
oder auch nur bedeutsame Rolle darin spielt ^ Ob man daraus 
den Schluß ziehen darf, daß der Eingang von einem Späteren 
hinzugefügt worden Ist, will ich nicht entscheiden*, es kommt 



' Der löyos to? 9coc iu Apok, 19, 13 ist nnr eine dichterische Per- 
sonifikation und hat mit dem Logos des ETäDgellumg nichts zn tun. An 
dieses erinnert dagegen zweifellos der l.oyos r^s S'^^s in I Joh. 1, 1, ohne 
doch die Abstraktion dea absoluten Logos zu erreichen. 

" Dies hat jüngst auch P. Wemie in seiner Besprechung ileS Haus- 
rath'schen Werlres (Theol. Lit. Z. 1910, 5) sehr kräftig betont; „Das 
Evangelium, wie wir es iaben, erzählt eben nicht vom Logos. Eondem von 
Jesus Christus, aud iver diesen Unterschied nicht merkt, der hat ea um- 
sonst gelesen". — Auch Vl'illiam Wrede, Vorträge nnd Studien, Tüb. 1907, 
S. 201, weist nachdrücklich darauf hin, daß die philosophisch klingenden 
Begriffe Logos, Brot, Lehen usw. wohl eine gewisse Spekulation, aber keine 
pldlosopliische Lehre enthalten, und daß eine philosophische Terroinologie 
vollständig' fehle. 

' Ed, Scliwartz spricht den Logos dem ursprünglichen Evangelium eu 
(Aporienusw. 532 f(.). Daß der Logos weiterhin im Evangelium nicht mehr 
vorkommt, erklärt er in interessanter, doch etwas problematischer Weise : „der 
jüdische Begriff war den Christon fremd geworden, und so ist es gekommen, 
daß im Evangelium selbst der Logos jetzt isoliert daliegt wie ein von den 



184 Adolf Bonhö«er 

auch ffir meinen Zweck ^&t nicht darauf an; denn zum Neuen 
Testament gehört auch dieser Abschnitt nun einmal und des- 
halb kommt er fUr die Beurteilung der Frage des hellenistischen 

Einflusses auf dasselbe in Betracht. 

Daß dieser Logosbegriff nicht, jedenfalls nicht ganz, auf 
jüdischem Boden gewachsen ist, wird wohl von 'keiner Seite 
ernstlich bestritten. Aus Genesis 1 allein kann er nicht ab- 
geleitet werden, und wenn man auf die Personifikation der 
Chochma in den Sprüchen Salomos verweist, so ist ja der 
Logos des johanneisehen Prologs ohne Zweifel nahe verwandt 
mit der Rolle, welche dort die Weisheit spielt; aber erstens 
ist es sehr ffaglieh, ob die letztere als Hypostase und nicht 
bloß als eine dichterische Personifikation zu fassen Ist, zweitens 
müßte eben doch erklärt werden, warum der Evangelist an 
die Stelle der ao^ia gerade den Logos setzt, der aber im 
ganzen alten Testament nirgends in dieser halbpersönlichen 
und absoluten Bedeutung sich findet. So ziemlich alle neueren 
Forscher sind der Ansicht, daß Johannes seinen Logos, sei es 
direkt, sei es durch die Vermittlung des Philon, aus der 
griechischen Philosophie, genauer von Herakleitos, beziehungs- 
weise den Stoikern übernommen hat. Nur darin gehen die 
Ansichten auseinander, daß die einen, wie Anathon Aal [Der 
Logos, Leipzig 1896, I 233), Paul Barth (Die Stoa 244), Hans 
Windisch (Die Frömmigkeit Philos, Leipzig 1909, passim) die 
Logoslehre direkt aus der griechischen Philosophie ableiten, 
während andere die Lögosidee zu denjenigen Vorstellungen 
zählen, welche über den engeren Kreis der Schulphilosophie 
hinaus, mehr oder weniger zu einem Gemeingut der Gebildeten 
geworden waren ^ 

Schmelzwasaem zurückgelassener erratischer Block, die jüngere christliche 
Metaphyaili; hingegen den stehen gebliebenen Rest benutzte, nm an den 
Pktonismns anznkniipfen" (ä59f. 

'Heinrici, Der literarische Charakter der ueutestamentlichenSuhriften 55 : 
Die Logostehre beider (des Philo nud Johannes) hat ihre gemeinsame Quelle 
in populären Gedanken der griechischen Philosophie. — Will, Benj. Smith, 
Der Torchristliche Jesus 131 : Es ist klar wie der Tag, daß die stoische 
Lehre vom spermatischen Logos ... in religiösen nnd theosophiaehen Kreisen 
anQerordentlich popnlSr war und von jedem Denker in seiner eigenen Weise 
gebraucht nnd verwendet wurde. 



Epiktct nnd das Newe Testameot 185 

Eine Modifikation, aber auch zugleicli eine weitere Stutze 
und Bestärkung liat diese Ansicht von dem stoischen Ursprung 
des phiionisehen und johanneischen Logosbegriffs erfahren 
dui-ch die «euere religionsgeschichlliche Forschung, wonach 
nicht die Stoa direkt, sondern eine Verbindung stoischer und 
ägyptischer Theorien, der auch die hermetische Literatur ent- 
sprossen ist, auf Philon und die Bibel gewirkt hat \ Auf der 
anderen Seite hat es aber auch nicht an solchen gefehlt, 
welche auf den Unterschied des jüdisch-christlichen Logos von 
dem griechisch-stoischen aufmerksam gemacht haben. Norden 
meint zwar merkwürdigerweise, der Anfang des johanneischen 
Prologs hätte wörtlich so von einem Stoiker geschrieben 
werden können (aaO. II 472), er sei eine direkte und bewußte 
Reminiszenz an das gedankengewaltige Proömium des Hera- 
kleitos, findet es aber doch interessant, wie hier die hellenischen 
Vorstellungen durch hellenistisch-jüdische leise beeinflußt sind, 
und erklärt, daß die Worte „und der löyog war bei Gott" 
absolut unstoisch gefohlt seien. Was Norden hier in noch 
ziemlich gelinder Kritik angedeutet hat, ist nun auf einmal 
von Ed. Schwartz in seinen epochemachenden „Aporien im 
iV. Evangelium" (aaO.) in energischer Weise durchgeführt 
worden. Er hat den Mut gehabt, mit der allerdings allzu 
kritiklos aufgestellten und weiterverbreiteten Ansicht, daß 
der Logos bei Philon und Johannes aus der griechisdieTi 
Philosophie stamme, gi-ündlicli aufzuräumen. Gleichzeitig hat 
er eine Charakteristik von Philon gegeben, die zwar nicht 
ohne Vorgang, aber doch in dieser rücksichtslosen Scliärfe 
meines Wissens noch nicht dagewesen ist und in diametralem 
Gegensatz steht zu dem bereits erwähnten neuesten Buch 

' Dieaer Auffaaaung soiiließt sieh wie Euvor Schon P. Wendland (Neue 
Jahrbücher 1902, 7), im Ganzen auch Giemen an (aaO. aTöff.), ohne jefloch 
die sonstigen Beziehungen zwischen Johannes und Phüoa zu übersehen. — 
Eingehend beatritten wird die Reit7,enatein'sche Ansicht in allerjUngster 
Zeit Ton Engelb. Kreha (Der Logos als Heiland im ersten Jahrhundert, 
Freibnrg i. B. 1910). Was der Veifasaer über den johanneischen Logna- 
begrift sagt „eine Helleniaiernng im Sinne einer inneren Umwertung 
liegt nicht Tür" (S. 117) stimmt ganz mit meiner Autfassnng überein und 
kann auf das Ganze der uentestaTnentliehen Anschaunagawelt anBgedehnt 
werden. 



Epiktet und das Nene Testament 187 

liebere Kenntnis der hellenistischen SchulphÜosophie und eine 
nähere Verbindung mit dem Griechentum besaß als die 
Therapeuten, daß ein Unterschied besteht zwischen dem alt- 
testamentlichen ^Wort des Herrn" und dem Xöyog Otlog des 
Rabbiners, und daß die philosophische Bildung des Exegeten 
diesen ünterechied erweitert und vertieft hat (aaO. 545. 546. 
554). Insofern wird auch durch die Untersuchungen von 
Scliwartz nichts an dem oben p. 170 Gesagten geändert, daß 
alle Forscher darin übereinstimmen, daß der philonische_ und 
Johanneische Logos nicht ganz auf jüdischem Boden gewachsen 
ist. Nur um so entschiedener freilich iiält er, wie icli glaube 
mit ßecht, daran fest, daß er in seinem Kern kein griechisches 
sondern ein jüdisches Gebilde ist, ja daJi dieser Logos erst 
recht rätselhaft wird, wenn man ihn in griechischem Sinne 
fassen will. Aus der eingehenden Beweisführung von Scliwartz 
hebe ich nur die wichtigsten Punkte hervor. Wenn Phiion 
die Engel f.öyoi &eoü nennt, wenn er die Bibel als ö uqos 
Xöyog bezeiclinet, wenn er den Hohenpriester dem göttlichen 
AVort gleichsetzt, so ersieht man aus dem allem, daß ihm der 
Uyog niclit die allgemeine Vernunft, sondern das göttliche 
Wort und die göttliche Rede ist, nicht das immante stoische 
AVeltgesetz, sondern die hoch über aller menschlicher Ver- 
nunft stehende Manifestation des überweltlichen Gottes in 
der Torah. Noch entscheidender scheint mir der andere Um- 
stand, in welchem aueli ich den prinzipiellen Unterschied des 
Johanneischen und stoischen Logos erblicke, daß nämlich der 
erstere, obwohl er aucli wieder mit Gott gleichgesetzt wird, 
doch deutlich von ihm als ein zwischen Gott und den Menschen 
vermittelndes Wesen unterschieden wird, während die Stoa 
„einen Logos, der von Gott zur Menschheit die Brücke schlägt 
und zwischen beiden steht, nicht kennt und nicht kennen 
kann, weil sie einem strengen Eationalismus huldigt". 

Der Johanneische Logos ist nun aber nach Schwartz nicht 
ohne weiteres identisch mit dem des Phiion. AVährend dieser 
den Logos durch einen Zusatz mit Bestimmtheit als den 
göttlichen zu bezeichnen pflegt, hat die christliche Spekulation, 
vielleicht sciion vor dem Verfasser des johanneischen Prologs, 
wahrscheinlich von der historischen Realität Jesu ausgehend, 



188 Adolf Bouliüffer 

den absoluten zusatzlosen Logos eingeführt, „und die moderne 
Dogmengeschichte der griechischen Philosophie, die den Logos 
in der Stoa und bei Philoii sucht, hat in unbewußter Er- 
innerung an den Anfang des vierten Evangeliums ein jüdisch- 
christliches Theologem in die griechische Philosophie ver- 
schleppt, in die es nicht gehi3rt". Dies scheint ,mir eine der 
frappantesten und geistreichsten Beobachtungen der Schwartz- 
schen Abhandlung zu sein. Denn sobald wir daran gehen, 
den stoischen Begriff des Logos etwas genauer zu untersuchen, 
werden wir sehen, daß er in der Tat etwas ganz anderes ist 
als der des Johannes. 

Dies gilt jedenfalls einmal von Epifctet, der uns ja hier 
zunächst angeht. Bei ihm hat Ad/og folgende Hauptbedeutungen : 

1. 'Wort', 'Rede', oft im Gegensatz zum i'^yov, zur Tat. 

2. 'Satz', 'Aufstellung', 'Behauptung', also synonym mit ÖÖTfia. 

3. 'logische Entwicklung', 'Schluß', oft mit ärrö6et^tg verbunden. 
Diese dritte Bedeutung macht, wie man sieht, den Übergang 
zu der vierten und wichtigsten, die uns hier allein beschäftigt, 
zu der Bedeutung: 'Vernunft'. Der Logos in diesem Sinne 
ist eine geistige Kraft und Fähigkeit, durch welche sich der 
Mensch als Xoytuov ^^ov von den Tieren wesentlich unter- 
scheidet. Dieser Logos ist jedem Menschen verliehen als sein 
bestes und wertvollstes Teil; durch ihn ist er mit Gott ver- 
wandt (I 3, 3), aber, wohlverstanden, noch lange nicht gott- 
ähnlich ^ Denn der Mensch muß seinen l6yog ausbilden und 
bearbeiten {ixrtovslv, i^£gyä^w:>ai, II 7, 30; III 9, 20), damit 
er zum d^&bg i^.oyog wird, worin auch das eigentliche Wesen 
Gottes besteht (11 8, 2). Um dem Logos solche unablässige 
Sorgfalt angedeihen lassen zu können, muß man freiücli er- 
kennen, daß auf dieser Seite, nicht in der tjrf^^, alles wahrhaft 
Gute und Schöne liegt (IV 10, 26). Am deutlichsten ist dieses 

' Die erkeantnisihewetisühe Bedeutung dieser stuischen Lehre von 
der Verwaniitsehaft des meDsehiichen und giittliehen Logos hat H. \. Arnim 
sehr gnt zum Ansdrudi: gebracht, wenn er segt : Weil unser Logos der daa 
Weltall durch waltenden Vernunftkraft, welche den Stoff nach ihren Ge- 
danken modelt, wesensgleich ist, bat er die Fähigkeit, ihre Gedauken in 
sich za reproduzieren und sieh dadurch die Wirklichkeit denkbar nnd aus- 
sprechbar zu machen. {,Die europäische Philosopliie des Altertums" in: 
Kultar der Gegenwart, Berlin und Leipzig li:07, I 5, 224.) 



Epiktet und das Neue Testameni 189 

Verhältnis zwischen Uyos und 6^9iig i.öyo<; dargestellt in dem 
Satz: die Urj (das Material, der Arbeitsstoff) des Philosophen 
ist der Uyog, sein TÜog (Ziel) der d^^og Uyog (IV 8, 12). 
Meistens spricht Kpiktet in dieser Weise von dem (Vernunft-) 
Logos als von einem Besitz, den jeder von Natur hat, den 
er aber erwerben muß, um ihn recht zu besitzen. Seltener 
verlegt er den Logos aus dem Menschen hinaus als eine so- 
zusagen objektive Größe, an welcher der Mensch teilhaben, 
deren er aber auch verlustig gehen kann: so wenn er von 
einer &7ToazQoq'ij lod löyov, einer Abkehr oder Abin-ung von 
der Vernunft redet (IV 3, 4), oder wenn er die Stürme der 
Leidenschaften oder Versuchungen ^avraaiai exxQovozixal tov 
Uyov nennt (II ly, 29), Vorstellungen, die den Menschen 
gleichsam aus dem Logos herausheben ^ 

In beiden Fällen aber gebraucht er den Begiiff Uyog gar 
nictit anders, als wir täglich und stündlich das Wort Vernunft 
gebrauchen, bald als etwas jedem Menschen wesenhaft Eigenes, 
bald mehr objektiviert als etwas fiares, was man nicht überall, 
wo Menschen sind, antrifft. Niemals aber sieht er in dem 
Logos eine besondere göttliche Wesenheit, geschweige denn 
Persönlichkeit, noch viel weniger ein Mittelwesen, dessen sich 
Gott zur Weltschöpfung bedient hätte. Ein Stoiker konnte 
nicht sagen „Im Anfang war der Logos", deijn frtr ihn gibt 
es zwei &Q%ai, das nckayov und das TtoioCv oder atnov, die 
^noiog vlri und den Uyog oder »iog. Nicht einmal der Ge- 
danke ist stoiseli, daß oline den Logos nichts ward, was ge- 
worden ist. Denn so gewiß der stoische Monismus Ernst 
macht mit dem Gedanken der Göttlichkeit und göttlichen 
Notwendigkeit der Welt, so gewiß er den Logos auch das 
Unbeseelte, bloß Stoffliehe, ja selbst das Häßliclie und scheinbar 
Unnütze durchdringen läßt — in einer \Veise, wie es auf dem 
theistischen Standpunkt nimmermehr möglich wäre — so haben 
andererseits gerade die Stoiker gelehrt, daß der göttliche 
Wille oder der Logos nicht alles in der Welt direkt d. h. in 

I So möchte ich den Aüadruck lieber veratehen, faeo : Votstellnngen, 
die den Meusehea gleichsam ans dem Logos, ftiis dessen Machtbereich 
hinausdrängen wollen, nicht: VorsteUungen, die den Logos Tertreiben — 
wtt9 ein Stoiker genau genommen nicht sagen kann. 



190 Adolf BoDhüBer 

primärer Äbzweekung (Tt^or^yovftivwg) hervorgebracht habe, 
sondern daß manches, d. h. gerade das, was auch dem denkenden 
Wesen als eine gewisse Unvollkommenheit der Welt erscheint, 
gewissermaßen zufällig, d. h. als unbeabsichtigte Nebenwirkung 
(als e7iaxoXovi>rifia oder irtiyevvtj^ia) entstanden und durch die 
Beschaffenheit der Materie, die bis zu einem gewissen Grad 
ihre Selbständigkeit hat, bedingt sei '. Gar nichts anzufangen 
wüßte ein Stoiker mit dem Satz: „In ihm war das Leben und 
das Leben war das Licht der Menschen". Direkt antistoisch 
endlich ist, worauf Schwartz mit Recht aufmerksam gemacht 
hat, die Vorstellung, daß der Logos Fleisch geworden ist, da 
yielmehr X6yog und adQ§ für den Stoiker die äußersten Gegen- 
sätze bilden, die sich wohl in dem Vernunftwesen zusammen- 
finden, aber niemals sich decken können, sondern ihrem Wesen 
nach ewig entgegengesetzt bleiben. 

Wenn wir von Epiktet aus auch noch einen Blick auf 
Mark Aurel werfen, so dürfen wir erwarten, daß, wenn je bei 
einem Stoiker, so bei ihm das Metaphysische und Spekulative 
am Logosbegriff zum Vorschein kommt. Knüpft er doch aus- 
drücklich an Herakleltos an und greift, obgleich im Kern ein 
echter Stoiker, doch in seiner bekannten freien eklektischen 
Art da und dort über die engeren Schranken der Stoa hinaus. 
Wir finden diese Erwartung auch nicht getäuscht: der Logos 
als objektive, weltbeherrschende Macht spielt bei ihm eine 
erlieblich größere Bolle als bei Epiktet. Zwar auch er kennt 
den Logos, den Gott sozusagen als Stück seiner selbst (äTiö- 
anaufta V 27) jedem Menschen als Aufseher und Leitstern 
gegeben hat, den Logos, der allen Vernunftwesen und den 
Göttern gemeinsam ist (VII 9; VII 53). Aber er scheidet 
doch deutlicher als Epiktet den Logos ^der menschlichen Natur 
und denjenigen der xoivi] rpvaig (VI 58) und faßt diesen 
letzteren mehr als eine objektive Macht auf, und zwar teils 
als das moralische Weltgesetz, dem der Mensch folgen soll 

' Vgl. K. Frachter, Hierokles der Stoiker £0: Trotz dea monistischen 
Grundeharakters ihrer Lehre hat die Stoa nicht selten den relativen Gegen- 
satz awischen Stet und vXt; in einer Weise betont, daß derselbe fast den 
Anschein eines absoluten erhält und die Einheitlichkeit dea letzten Prinzips 
zurilek tritt. 



Epiktet und das Nene Testament 191 

(II 16, 9 'iTiEO&at t(j> Tf/S Tto'Miis ■'icii fcohTEiag Ttjg nQtcßiTÖtriQ 
Uyt^ L«i »m^öj; XII 31 Ui,a!>at iq> Uyi,» xai zC^ &eq>) teils, 
und dies mit besonderer Vorliebe, als eine physische Potenz, 
welche das ganze All durchwaltet (ö rrjv oüalav oder lä S?.a 
dioinGiy löyog oder auch bloß o StoiKütv X6yos: VI 1; IV 46; 
VI 5), ja gleichsam körperlich oder stromartig die Materie 
durchdringt (X 33, 2 voSq öe xal löyog Sth Ttanog xoü ävri- 
Ttisttoviog ovzcog vtOQ(via»ai dvmzai iig itifpvmt x«( üg O-iltt; 
V 32 %ov SC Urig Trjg ovalag öiiiytovta k/r/oy -^.al 6i& Travrbg 
Toü aiöjvog XßTß TTEQiödovg TitayfUvaq ohovo^ioCvjct lö ^äy). 

Ganz besondei-8 tritt diese physische Bedeutung des Logos 
hervor in dem echt stoischen, aber von Epiktet in den auf 
uns gekommenen Diatriben nie gebrauchten Ausdruck layog 
oneQfiattnög, der sozusagen die latente vernünftige Welt- 
enei^e bezeichnet, in welche — nicht alle! — sondern eben 
die höhere geistige Substanz* {ftäv ainov VII 10), aiso auch 
das Wesentliche vom Menschen beim Tode sieh auflöst und 
zurückkehrt (IV 14 und 21, 1). Statt 'l6yos oiEtQfiarixög sagt 
er wohl auch einfach ö tß»' bX(i)v ).6yog (VII 10; X 7, 2). 
Noch deutlicher wird die Entfernung von der bei Epiktet 
vorherrschenden Vorstellung des Logos als einer sozusagen 
geschlossenen und individuellen geistigen Potenz und die An- 
näherung an eine materialistische Auffassung dadurch, daß 
er zuweilen aucli den Plural gebraucht und von den löyoi 
aireQfio'tiy.oi rov xöofiov (VI 24) oder den Xöynt rwv ecofiiviov 
redet, welche die neöyoia, wenn sie an die Weltgestaltung 
{diax6attiiaig) geht, als öwiineis yöviftoi zu Hilfe nimmt (IX 1, 4) \ 

' Schließlich freilich auch die niedere, feetc Substwii^, aber erst nach- 
dem sie sieh — wir haben hier den reinsten stoischen Materialismus — in 
die hnhere InfUrtige Substanz verwandelt hat; X 7, 2. 

= Hierin hat also Schwarte unrecht, wenn er meint, die Uyoi Philons 
vertragen sieh nicht mit der stoischen Weltvernnnft, nnd unter anderem 
diesen plnralischen Gebrauch des Wortes als Argument gegen den stoischen 
Ursprung seiner Logoslehre verwendet (aaO. 551). — Bei dieser Gelegenheit 
seien auch noch einige andere Uugenaniglieiteii richtig gestellt. Als 
spezifiBeh jüdisch bei Philon betrachtet er u. a. die Warnung vor iil«yt 
und oi^a.s (539); die oti-jis d. h. die MeinuDg des gewöhnlichen Men 8 chen, 
daß er die richtigen ethischen MaßatSbe auch ohne philosophische Bildung 
kenne, beziehungsweise des Philosophiestudenten, daß er die Hauptsache 



192 Adolf BonböHer 

Eben damit wird aber nur um so klarer der fundamentale 

Unterschied auch dieses antoninischen Logos von dem des 
Evangeliums Johannis: für diesen wäre die Piuralisierung 
des Logos völlig undenkbar und einer frevelhaften Zerstörung 
des Logosbegriffs gleichbedeutend. 

Außer dem Logosbegriff findet auch Giemen in .den johanne- 
ischen Schriften nichts, was auf eine Abhängigkeit von der Stoa 
hinweisen würde. Denn der Gedanke, daß alles Vergängliche nur 
ein Gleichnis, eine Abschattun g der wahren himmlischen Seali- 
täten sei — der jedoch im Hebräerbrief, den Giemen natürlich 
auch erwähnt, erheblich mehr als bei Johannes hervortritt, 
übrigens mehr nur vom jüdischen Gesetz und Gottesdienst, nicht 
in diesem allgemeinen philosophischen Sinne zu verstehen ist — 
soll der platonischen Philosophie entnommen sein, geht uns also 
hier nichts an. Wie weit dies richtig ist, mögen die Piatonforscher 
entscheiden; dem Geiste der Stoa ist die echt alexandrinisch 
jüdische Allegorie des Hebräerbriefs mit ihrer transzendenten 
Mystik so fern als möglich. Wenn es richtig ist, daß dieser 
Brief auch den johanneischen Logosbegriff voraussetzt (Gie- 
men 56), so gilt von ihm erst recht, was Schwartz vom neu- 
testamentlichen Logos überhaupt darzutun versucht hat, daß 
er nämlich ein durchaus jüdischer Begriff ist, der mit dem 
philosophischen Logos nichts zu tnn Iiat. Hier ist es nämlich 
ganz deutlich, daß mit dem Logos nur das ^rjim loö &iov 
gemeint ist: durch das Wort seiner Kraft trägt der Sohn 
das All (1, 3), durch das Wort Gottes sind die Welten be- 
reitet (11, 3), er ist das r.albv -»eoü Qfjua (6, 5); folglich ist 
auch unter dem !;ap Xöyog ^ov »eoij (4, 12), dem Uyoq zijs 

heaitze, wenn er das rex^oloytiv Ttcpi ayaO'oi xai xaxov verstehe, bekämpft 
Epiktet auf das heftigste (11 17, 1 ri nfiiSröv iorii' ^fyof rov fdoainfovvTos ,■ 
änoßitltiK oiijot!'; ähnlich öfter). Auch der Begriff ^H^htos ist ihm nicht 
fremd : wenn er die berechtigte Gorge des Menschen für seine eigene geistige 
Gesundheit gegen den Vorwurf der Selbstliebe yerteidigi (1 19, 11), so zeigt 
er doch eben damit, daß er auch eine verwerfliche TiiavTia kennt. Endlich 
die Koordinierung von Frömmigkeit und Käehstenliebe (64J) ist nicht bloß 
jüdisch sondern auch stoisch, d. ii. nach Epiktet ist das avii-pipov und das 
SUaiuv oder xoivi»felie einerseits, das aifupi^ov uud das evacßie oder öoiav 
andercraeits identisch; wenn aber a = b iiud h = e ist, so ist anch b = c 
(119, 12 (f.; 127, U; Iläa, 18.) 



Epiktet und das Neue Testament 193 

hQVMßooiag {7, 28) nichts anderes zu verstehen, d. h. der Ver- 
fasser des Hebräerbriefs identifiziert den Sohn, der ihm eine 
ganz konkrete, wenn auch Überirdische und auch die Engel 
weit überragende Perstinliclikeit ist, gar nicht mit dem Uyog 
oder e^/<« iteov, sondern macht ihn nur zum Träger desselben 
(I, 2 Bit' loxdrov t/bv fifte^av toüzoiv t'JMrjasv fjfiiv iv vlif>) und 
läßt ihn im Alten Testament durch das :^vevfia Uyiov vor- 
bereitend verkündigt und gleichsam in die "Welt eingeführt 
werden (1, 6 Siov l>l icäliv skayäyr) t'ov TtQiOTÖroxov elg ifjv 
oiy.ovi.Uvriv; 10, 5 Sth dsEQXifievos etg tov xöaftov i.eyei etc.}- 
Im Jakobusbrief wird man außer einzelnen Ausdrücken 
und dem verhältnismäßig guten Griechisch, in dem er ge- 
sehrieben ist, schwerlich eine Spur von hellenischem Einfluß 
entdecken können. Auch das merkwürdige Bild von dem 
z^oxos Tije ysveaevyg. das aus dem Kreise der Orphiker stammt; 
will Giemen nicht weiter premieren. Dagegen ist schon längst 
erkannt worden, daß der Brief, so ausgesprochen jüdisch in 
Ausdruck und Anschauung er ist', doch auch wieder ein 
merkwürdiges Doppelantlitz zeigt, insofern gewisse Partien 
geradezu aus einer philosophischen oder rhetorischen Chrie 
geflossen au sein scheinen. Dies gilt besonders von dem Ab- 
schnitt 3, 1-12, wie jüngst von J. G^ffken (Kynika 93) 



1 Was deu Ausdruck nnd Stil betrifft, so erinnere ieh namentlich an das 
plennttstische Svl^^'^^os nnd d-^e (z. B. 1, 20 ^ey>i «rSp«e), »" ^^ Hebraismen 

rix(,o™T^s k7t.?,w,ior!;, (1, 25), Idv «.V«.ä »^^"11 (i, 15), «.i»V«* i^ de^vj, 

(2, 16) und den eciit jüdiöchen, feierliuli patriardialiBclien oder propheten- 
haften Stil der Mahn- und Stralreden (z, B. 4, Sil.: x«*«pioart x't(^t etc., 
5 t äys rvf oi a).o<':aiot. xXu.iaaii). Für die jüdische Denkweise ist be- 
eönders bezeichnend die Hervorhebung der sogenannten ZungensUnden 
(3 1 H.), die Ehrfurcht vor dem Gesetz (4, U), die Brandmarkung des ge- 
ivinnaüchtigen Handelsgeistes {4, 13), die fast abergläubiaohe Wertschätzung 
des Gebets, Händeauflegeus und Salben« (5, 13 fl.), die Wichtigkeit, welche 
dem Schwörverbot beigelegt wird (ö, 13 ^g'o ^ra^-^u-v Si, »SsXfo, /lo^, fir, 
i,,vieTi), und dies unmittelbar nachdem die denkbar höchste Bewährung 
der Frömmigkeit im Martyrium ans Herz gelegt war, nnd endlich die ganze 
Werkgerechtigkeit, die noch besonders eklatant in dem Schlußsatz sich 
offenbart (««l-;^" ^}-^»oi ^/tt^t^r). Daß daneben auch eine höhere 
Ethik und eine echt christliehe Betrachtung und Empfindung zur Geltung 
kommt, soll ansdrücklich anerkauiit sein. 

ReligionaBeaohichtliche Versuche u. Vorarbailen X. 13 



194 Adolf Bonhi5ffer 

nachgewiesen worden ist. Was sonst in Wörtern oder Ge- 
danken einen gewissen griechischen Schliff verrät, wird, so- 
weit es nicht etwa schon zur Besprechung kam, im zweiten 
Teil berührt werden. Dasselbe gilt von den übrigen nen- 
testamentlichen Schriften, die im Bisherigen nicht im Einzelnen 
oder in ihrem ganzen Charakter auf eine etwaige Abhängigkeit 
von der Stoa hin untersucht worden sind: bei ihnen allen ist 
es wirklich nicht der Mühe wert, diese Frage ernstlich zu 
stellen und zu beantworten. 



Epiktet lud das Keue Testament 195 



Zweites Buch 
Verglelcliung Epiktets und des Neuen Testaments 

Vorbemerkung 

Wenn ich im ersten Buche, welches der Prßfung des 
etwaigen Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Epiktet und 
dem Neuen Testament gewidmet war, fast durchgängig zu 
einem verneinenden Ergebnis gekommen bin, so sollte damit 
natürlich nicht gesagt sein, daß die beiden Objekte ganz un- 
vergleichbare GriSßen seien. Im Gegenteil gaben aneb die 
bisherigen Ausführungen Gelegenheit genug, auf die zum Teil 
sehr weit und tief gehende Verwandtschaft beider An- 
schauungen oder Religionen — denn die stoische Philosophie 
ist schließlich auch eine Religion ^ — freilich andererseits 

> Hiermit böü natürlich nicht gesagt sein, daS'der Stoizismus eine 
eigentliche Religion oder anch nur, daß er mehr Religion als PhiloEophie 
sei. K. A. Buach hat deshalb ganz Recht, wenn er s^ die Stoa küime 
kaniQ als Religion in Anspruch genommen werden (Rezension voa 
W. 0. Lewis The fimdamenial principks invulved in Dr. Eäw. Caird's 
PMlosophy of ReUgim in D. Lit.-Zeit, lÖlO, Nr. 24). Nichtsdestoweniger 
kann man die stoische Philosophie recht wohl mit einer Religion vei^leichen, 
und zwar nicht bloß deshalb, weU der ^yo; »toXoyixoi in ihr von Hause 
BUS einen integrierenden Bestandteil bildet, als Teil der „Phjsili" und rehr-i 
des ganzen Sjatems, nicht bloß deshalb, weil, namentlich bei den späteren 
Stoikern, der Wert und die Wirknng der Philosophie ganz ins Praktisehe 
verlegt und die letztere genan so wie hei der Religion als Mitte! zum 
Heil betrachtet wird, sondern noch aus einem anderen Grande. Der Sloiker 
behält die überlieferte väterliche Religion, und zwar mit Überzeugung, bei: 
sie ist ihm aber nicht eine neben dem philosophischen Leben herlaufende 
besondere, am Ende gar höhere Lebenabetätigang, sondern ein Stack, ja 
der Grundton des philosophischen Lehens selbst. Kr will zwar religiös 
sein zunächst nur so, wie die Gesetze es vorschreiben, wie es die Menge 
anch ist; in Wirklichkeit aber verleiht die Philosophie seinem religiösen 

13' 



196 AdolE Bonhaffer 

auch auf dea tiefgreifenden Unterschied und Gegensatz beider 
hinzuweisen. Ja ich würde das bisher Gesagte zu einem 
großen Teil für überflüssiges Gerede ansehen müssen, wenn 
ich dabei bloß den Zweck verfolgt hätte, die Frage dei' Ab- 
hängigkeit zu entscheiden, Weitaus mehr lag mir bei dem 
allem am Herzen, die reichen und vielseitigen .Beziehungen 
zwischen der christli(^hen und stoischen Lebensanschauung 
aufzuzeigen, und auch der Gewinn des Lesers, wenn icli auf 
einen solchen rechnen darf, soll auch bei dem ersten Hauptteil 
mehr in dieser Richtung liegen. Was aber bisher mehr nur 
gelegentlich und zerstreut geboten werden konnte, soll jetzt 
in übersichtlicher und zusammenhängender, durch keine Po- 
lemik gehemmter Darstellung bewii-kt, und so in unbefangener 
Würdigung der beiden Vergleichsobjekte die Art und das 
Maß ihrer Verwandtschaft festgestellt werden. Zug'leich wird 
das neue Material, da.s hier zur Behandiung kommt, auch zur 
weitereu Klärung der Ahhängigkeitsfrage dienen; mancher, 
der doch etwas mehr Abhängigkeit annehmen zu müssen 
glaubt, als ich vertreten konnte, wird hieraus neue Stützen 
für seine Ansicht entnehmen, während andere vielleicht noch 
mehr in der Überzeugung befestigt werden, daß wir es hier 
mit zwei Geisteserzeugnissen und Geistesrichtungen zu tun 
haben, welche, wiewohl gleichzeitig, doch gegenseitig unab- 
hängig voneinander sind und jede in ihrer Art eine selb- 
ständige Größe und ein Höchstes ethisch - religiöser Bildung 
darstellen. Der Stoff gliedert sich von selbst in analoger 
Weise, wie wir die Abhängigkeit des Apostels PI von der 
Stoa betrachtet haben, unter selbstverständlichem Wegfall der 
Untersuchung des Stils, in drei Abschnitte: ich werde zuerst 
den Wortschatz vergleichen, sodann die Ähnlichkeit einzelner 
Aussprüche und Gedanken erörtern, und endlich in syste- 
matischem Überblick die Übereinstimmung und die Eigenart 
der beiden Lebensanschauungen zu erfassen suchen. 

Glauben und Knlt einen un vergleich lieh viel tieferen Sinn und erhebt ihn 
ans der Stufe des unfreien Gehorsams zu einem vernünftigen Gottesdienst, 
und in diesem Sinne kann man sagen, daß der punlinische BegrifF der loyixlj 
XaTciiü der Punkt ist, wo Stoa und Christentum, von ganz verschiedenen 
Ausgangspunkten aus, sieh am vollkommensten berühren und zusammenlaufeii. 



Epiktet und das Kene Testament 197 



Erster Teil 

Der Wortschatz 

Niemand, der nach der Lektüre des Epiktet zum grie- 
chisclien Neuen Testament greift oder umgekehrt, wird wohl 
den Eindruck haben, als ob zwischen beiden eine besonders 
große oder auffallende Übereinstimmung im Wortvorrat und 
in der Wortverwendung bestehe; vielmehr wird er, wie hin- 
sichtlich der Gedanken uud des ganzen geistigen Gebarens, 
so auch bezüglich der Terminologie und Ausdrneksweise sich 
in eine ganz andere Welt versetzt fühlen. Plier und da wird 
er freilich auf beiden Seiten überrascht sein, einen guten 
Bekannten an eigentlich unvermutetem Orte wiederzufinden, 
aber den Gesamteindruck des Fremdartigen werden solche 
Wahrnehmungen nicht hinwegzunehraen vermögen (vgl. S. 48 1). 
Achtet man nun aber genauer auf die beiderseits gebrauchten 
Wörter und erstreckt man seine Beobachtungon auf den ganzen 
Umfang der Schriften, so findet man immerhin eine erheblich 
größere Übereinstimmung, als man vielleicht dem Gesamt- 
eindruck nach erwartet hätte. Wir werden uns aber nach 
dem früher Gesagten darüber nicht wundern: abgesehen von 
den Hunderten von Würtern, die überhaupt niemand, der 
griechisch redete oder schrieb, entbehren könnt«, ist es ja, 
nachdem man das neutestamentliche Grieeliisch aus seiner un- 
historischen Isolierung befreit hat (S. 48 % selbstverständlich, 
daß eine große Anzahl von Wörtern beiden Schriftgattongen 
gemeinsam sein mußten, und zwar teils solche, die der da- 
maligen lTmgang.<Kprache oder überhaupt der hellenistischen 
Gi-äzität angehören, teils solche, welche dem ethisch religiösen 
Htotf entsprechen, der bei Epiktet ausschließlich, im Neuen 
Testament, freilich bei den einzelnen Schriften in sehr ver- 



198 Adolf Bonhöfter 

schiedeaem Maße, wenigstens überwiegend behandelt ist. Ich 
werde daher zuei-st eine Liste von solchen Wörtern geben, 
welche sowohl bei Epiktet als auch im Neuea Testament 
vorkommen, sodann von solchen, die je nur einem von beiden 
angehören. Aus diesen drei Listen zusammen kann der Leser 
den Umfang der sprachlichen Übereinstimmung und Ver- 
schiedenheit ersehen. Auf absolute Vollständigkeit ist es 
dabei natürlich nicht abgesehen, was ja auch keinen Sinn 
liätte, sondern nur auf relativ vollständige Aufzählung aller 
derjenigen Wörter, welche für Epiktet oder für das Neue 
Testament, beziehungsweise für beide irgendwie bedeutungs- 
voll, d. h. entweder singulär oder besonders bezeichnend sind. 
Auch so wird unvermeidlich die Auswahl etwas Willkürliches 
und Subjektives haben; der Fehler wird aber dadurch aus- 
geglichen werden, daß alie drei Listen ohne jedes Vorurteil 
und ganz nach denselben Gesichtspunkten zusammengestellt 
sind, so daß das Gesamtergebnis immerhin einigen Anspruch 
auf statistische Genauigkeit erlieben kann. 

Erster Abschnitt 

Wörter, welche Epiktet imd dem Neuen Testament 
geni einsam sind 

Ich gebe im folgenden eine Tabelle von etwa 200 Wörtern, 
welche sowohl bei Epiktet als auch im Neuen Testament sich 
finden. Die Gesichtspunkte, die mich bei der Auswahl leiteten, 
habe ich soeben dargelegt; ich füge noch hinzu, daß es in 
der Hauptsache diejenigen Wörter sind, welche von den Zeiten 
"VYetsteins an, der selbst wieder auf den Schultern früherer 
Philologen wie Gatacker und Pricaeus steht, bis herab auf 
Heinrici und Lietzmann als spracliliclie Parallelen bemerkt 
und, sei es um der reinen Vergleichung willen, sei es als 
Argumente für die Abhängigkeit, notiert worden sind. Um 
die Aufzählung nicht allzu trocken werden zu lassen, habe 
ich einzelnen wichtigeren Wörtern oder Begriffen kurze Er- 
läuterungen hinzugefügt, welche als Beitrag zur Semasiologie 
und gewisssermaßen als Ergänzung zu A. Deißnianns Bibel- 
studien (Marburg 1895 u. 1897) und zu Melchei-s Dissertation 



Epiktet und das Nene Testament 199 

betiaclitet werden mögen. Ferner habe ich durch Anbringung 
der Rubriken I bis VII es ermöglicht, das Vorkommen eines 

Wortes in den verschiedenen Gruppen der neutestamentlichen 
Schriften zu erkennen, wodurch dann zugleich die größere 
oder kleinere Annäherung dieser Gruppen an den epiktetischen, 
weiterliin überhaupt den hellenistischen Sprachgebrauch er- 
sehen werden kann. Schon Jos. Viteau hat in seinem bereita 
erwäJmten Werk £tude sur U Gref- du nouveau testammt, Paris 
1893/96 versucht, die neutestamentlichen Schriften nach der 
Quantität des griechischen Elements, das sie enthalten, zu 
klassifizieren und folgende vier Gruppen unterschieden; 1. He- 
bräerbrief, Acta, Jacobus; 2. Evangelium Lncae, Paulusbriefe, 
Matthaeus; 3. Briefe des Petrus, Judas, Johannes, Evang. 
Johannis und Marcl; 4. Apokalypse. Ehe ich seine Arbeit 
kennen gelernt hatte, schwebte mir eine mehr den inneren* 
Charakter der schriftstellerischen Tendenz oder Eigenart 
treffende Einteilung vor, die sich etwa so gestaltet hätte: 
1. rein jüdische Gruppe (Matthäus, Markus, Jakobus, Apoka- 
lypse), 2. hellenistisch -jüdische Gruppe (Lukas, Acta, echte 
Paulusbriefe), 3. alesaudrinisch-jüdlsehe Gruppe (Hebräerbrief), 

4. antijüdische Gruppe (Evangelium und Briefe des Johannes), 

5. unjüdische Gruppe (unechte Paulusbriefe, katholische und 
Pastoralbriefe). Das Prädikat „jüdisch" wäre dabei natürlich 
nur so zu verstehen, daß die betreffenden Schriften christliche 
Schriften sind und sein wollen, aber ihr Hervorgehen aus 
dem Judentum deutlich an der Stirne tragen, im einzelnen 
aber eine sehr verschiedene Stellung zum Judentum einnehmen 
und 'alle miteinander, ausgenommen die fünfte Gruppe, in 
welcher die Anknüpfung an das Judentum fehlt oder wenigstens 
zurücktritt und die „katholische" Ära des Christentums mehr 
oder weniger sieh ankündigt, eine Stufenleiter darstellen von 
der Befangenheit im jüdisclien Partikularismus an bis zur 
ausgesprochenen Lossagung von dem nationalen Zusammenhang. 
Doch würde sich diese Klassifizierung, wenn sie auch dem 
tatsäehliebeu Verhältnis ziemlieh gerecht werden dürfte, für 
die Aufzeichnung des Maßes der sprachlichen Verwandtschalt 
mit dem Hellenismus weniger empfehlen. Ich habe deshalb 
aus mehr äußerlichen Rücksichten sieben Gruppen unter- 



200 Adolf Bonhöffer 

schieden, indem ich unter I Matthäus und Man.ns, unter 
II die Johanneischen Schriften, unter III Lukas und Acta, 
unter IV die echten, V die unechten Paulinen, unter VI die 
übrigen Briefe außer dem Hehräerbrief verstehe, welcher die 
Vn. stelle einnimmt. Zwischen V und VI schiebe ich die 
Rubrik (IV und V) ein, damit man sehen kann, wie sich das 
Verhältnis gestalten würde, wenn man alle dem PI zuge- 
schriebenen Briefe als echt betrachten wollte'. Für nicht 
uninteressant hielt ich es endlich, als Anhang noch drei 
Rubriken S, A, P hinzuzufügen, damit die Vergleichung auch 
auf die Septuaginta, die alttestamentliehen Apokryphen und 
die Patres aposioUci ausgedehnt werden könnte. Die Striclie 
innerhalb der einzelnen Rubriken bedeuten, daß das Wort in 
in der betreffenden Schriftengi uppe vorkommt, die aufrechten 
Kreuze (+), daß es im Neuen Testament nur in dieser vorkommt. 
Die senkrechten Kolonnen geben einen raschen summarischen 
Überblick über die Häufigkeit der sprachlichen Berührung 
jeder Gruppe mit Epiktet, aus den wagerechten ersieht man 
die Verbreitung der Wörter über die einzelnen Gruppen des 
Neuen Testaments. Bei den apostolischen Vätern habe ich 
in dem Fall, wenn ein Wort nur einmal, beziehungsweise nur 
bei einem Autor vorkommt, die Stelle, beziehungsweise den 
Autor dazu geschrieben, wobei ich nnch, in den Abbreviatnren 
an E. J. Goodspeeds Index patristicm, Leipzig 1907. anschloß ; 
wo das Wort selbst zwar nicht, aber doch ein stammverwandtes,' 
beziehungsweise ein Derivatum sich findet, habe ich dies be- 
merkt. Von den früher eingehend besprochenen Wörtern, 
welche PI mit Epiktet gemeinsam hat, wnrden fast alle, aber 
selbstverständlich olme nähere Erläuterung, auch in dieses 
Register aufgenommen, weil sonst der statistische Nebenzweck, 
den ich mit diesem verfolge, nicht zu erreichen gewesen wäre; 
ich habe si e durch einen vorgesetzten Stern kenntlich gemacht. 

' Die Kübrik flV und V) ist so zu verstehen, dali in derselben alle 
Wörter, die entweder in Qrappe IV oder in Grnppe V oder in beiJen vor- 
kommen, verzeichnet sind. Wörter, welche sowohl in IV nls anch in V 
sich finden, sind, aaüer in die Eubrik (IV und V), mvb in die Rubriken IV 
nnd V anfgenommon, »Iso dreimal notiert. — Wo ein Wort Jiur in Rubrik 
IV oder V vorkommt, ist das Kreuz statt des Strichs nur Lier, nicht auch 
ÜD der zusammenfassenden Rubrik (IV und V) gesetzt. 



Epiktet und das Neue Testament 



201 





I 


ir 


III 


IV 


V 


IV 


VI viil 


s 


A 


P 














V 












dyya^Evco 


+ 




















Did 1, 4, 


*äyvtia 










+ 


— 






— 


— 


~~ 


dSqxtfios 








— 


— 


— 


+ 


— 


— 




Tral 12, 3 


*aia&>/ois 








— 




— 






— 


— 


— .— 


*aitrxpoioyia 








+ 




— 










Did 6, 1 


alxfiuhjiriX"' * 






— 


— 


— 


— 






— ^ 


— 


'^ 


a'le'iv * 


— 


— 


— 


— 


^ 


— 


— 


— 


— 


_— 


"^^ 


*üxa9apaia (ethisch) 








— 


— 


+ 






— 


— 


Bar 


nxataaTaaia ' 






— 


— 




— 












älaya c^'unvernünftig' 






— 








— 






— 




TiBd 'yemunfloB' 
























*iilvrtos 








+ 




— 












*n,ueiav6'fios 








+ 




— 












ävayxaoTÖs 
















+ 

â– WS 








â– lyax^ivm 






— 


— 




— 






— 


— 


Pap 2, 4 


n.t^aflflQtli'COS 




+ 














— 


~ 




iivKrTporfTi * 








— 


— 


— 


~ 


~ 









' Im Seilen Testament {Jalt. 3, 17) â– unparteiisch', 'teinen Uoterschied 
machend" (nach anderen "nicht zweifelnd'), bei Epiktet 'tmunteracteidbar . 
J B Lightfoot (37i^ apost.fathsrs, London 1HH5-1890) zählt nicht weniger 
als sieben verschiedene Bedeutung^en des Wortes auf, das anch bei P sieh 
mehifaeh findet. Bei Lnkian bedentet es 'unentscliiedeu' (W. Schm:d, Der 
Attizismus (Stuttgart 1887/97) I 390), Im Alten Testament findet C9 sich 
nur ProT. 25, 1 in einem Znsatz der 8, wohl in der Bedcntnng 'zuTerlässiE:', 
'wohlgemeint', wie auch schon bei A {Judith 16, 9), 

' Bei Lukas, ebenso bei Epiktet in wörtlicher, hei PI in übertragener 

Bedeutung. 

' Bei Epiktet nur zweimal Im Sinne der (unbegrenzten) Zeit , der 
(laugen) Zeitdaner; es spielt bei ihm nicht entfernt die große Rolle wie 
im Neuen Testament, insheäondere wäre ihm die GegenUberstellnug des 
ah',p oiio^ und f.ahaf ganz nnv ex ständlich. In den Ignatianischen Briefen 
tritt dann bereits die gnustisohe Personifikation des Aon auf. 

* Im Neuen Testament wie auch bei A, S und P nor von äuBerhchen 
Wirren oder Unruhen, bei Epiktet nur von der inneren Unruhe und 
Haltungslosigkeit. 

" Bei S nnr einmal 'unvernünftig', ab«r in unsicherer Lesart (Hiob 
11, 9); sonst noch 2mftl in den seltenen Bedeutungen 'sprachlos', 'rede- 
ungewandt' (Ex. 6, 12) nnd 'irrational', 'ungerechnet' (Num, 6, 12). 

" Das Verbum dfuoiiiiftv&iii 'wandeln' auch bei S nnd P. 'Aia/rTfofj 
von Polybios an (Mekher 65). 



202 



Adolf Bonhöffer 















IV 






— 








I 


II 


III 


IV 


V 


u. 
V 


VI 


VII 


9 


Ä 


P 


af&^ifkiivoe ' 






, 


















^_ 


_ 


*ä7iai3evroe 










+ 


— 






— 


„ 


I Clem 39, 1 


a^a^ßaio^ 
















+ 








*d7re^i<77Taoxo5 








+ 




— 








— 


Bph 20, 2 


dTtix^ 


— 




— 


^ 




— 










— 


tiTTtoros 


„ 


— 


— 


— 


— 


— 






— 







uTiXovs 


— 




— 








~ 




— 


— 


— 


KjzoSoniftfi^m 


— 




— 








— 


— 


— 








n7taK£^nXi^ii> ^ 


— 




— 












— 






aTio^vx^* 






+ 














— 




•fff fiTJJ ^ 








— 




— 


— 




— 


— 


— 


äotj^o,^ 






+ 












— 


— 


_ 


aoi-uf^ofpos 






+ 


















*ita-^rjftovEO 








+ 




— 






— 




Pap 3 «17;;';- 


*[«f'TC(iXIJtf^ -«rt^] 








T— 


— 


+ 






— 


— 


— 


*fly^* 











— 


+ 






— 







' Eine Folge der immer dentlifheren Heraasgestaltimg des supra- 
neturalen Chaiekters der cbristliclieu Anscliaiiaiig ist es, daß dieses Wort, 
welehes bei Epiktet durchweg in dem optimistiachen Slun, der allea Mensub- 
liche von Haoa aua gut uad iu der Ordnuug findet, venvendet wird, schon 
im Neuen Testament, vollends aber bei P fast nur das niedrig Mensehliehe 
im Gegensatz znm Göttlichen oder Pneumatischen bezeichnet. 

' Ein 8pätgriechispbe3. wohl der niederen Keine angebörigea Wort, 
das sieh im Alteu Testament nur in dem akanonischen Psalm löl (tob 
Ooliath) findet. 

' Deutlich scheidet sich an diesem Wort der Anschauuugskreig der 
rein jüdischen nnd der hellen istisch-jüdi sehen Literatur : nar in letzterer hat 
es die Bedeutung der menschlichen Tugend (im philosophischen Sinn), 
während es dort nur ein Attribut Gottes ist und seineu Euhm, seine Herr- 
lichkeit bedeutet. Ebenso auch im Neuen Testament, mit Ausnahme von 
Phil. 4, S und II Petri 1, 5, wo es jener philusophischen Bedeutung sich 
nähert, ohne jedoch aie ganz zu erreichen ;(S. 108), wie dies dann im 
II. Klemensbrief der Fall ist (10, 1 Siiö^iafttv i^v npsr'J-j'). 

' Bei Epiktet nur einmal, in einem Zitat aus Theopompös, 'bedeutungs- 
los', 'sinnlos', ähnlich Diogn. 12, 3 'dunkel', 'andentlich'. Im Alten Testament 
dreimal, in verschiedenen Bedeutungen (Gen, 30, 42 'unbeaeichnet', Hiob 
42, 11 'ungeprägt', III Makü. 1, 3 'unangesehen'). 

" Das Substantiv «viiijuEi« im Neuen Testament und bei P 'Ans- 
kommen' und 'öenitgsamkeit'. 

° Bei S sehr häufig in der offenbar von der Palästra stammenden 



Epiktet und das Neue Testauteut 



203 





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Bedeutung 'Hieb', 'Streich', 'Griff', von der unsanften Berüliniiig öottea, 
die sich in Krankheiten, besonders in der dea AnsBatzes Snßert. — Bei 
Epiktet hat es auch, ebenfalls von der Palästra her, die Bedentnag 'Staub'. 

' In der ganzen heiligen Schrift werden mit diesem Wort bekanntlich 
die heidnischen Pseudo-Öötter oder die bösen Geister bezeichnet, mit einziger 
Auanahtoe von Acta H, 18, wo es aber den heidnischen Athenern in den 
Mund gelegt ist. Bezeichnend für den Gegensatz des Sprachgebrauchs 
iät namentlich die Stelle Ps. 96, 5 üti ^ävTe^ ol iftoi läit' itfviäi' Saiftöfnt. 

" Bei Epiktet erkenntniatheoretisch 'Uut*rächeidung', im Neuen 
Testament (Acta 25, 21) und Sap. 3, 18 juridisch * richterliche Entscheidung'. 

' Von der philosophischen Bedeutung des Wortes, das bei Epiktet 
eine so zentrale Stellung einnimmt, ist natürlich in den biblischen Schritten 
nichts zu finden: ea bedeutet nichts weiter ala 'Satzung', nnd zwar zunächst 
die Willenskundgebung eines irdischen Machthabers, dann weiterhin auch 
die ethisch-religiösen Gebote des göttlichen Herrn. 

* Die epiktetische Bedeutung 'meinen' (und zwar mit dem Nebensinn 
der bloßen Meinung im Gegensatz znm Wissen) findet sich in der Bibel 
nicht: auch die Stelle Hehr. 5, 5 oh ^"t«.' käoiaotv yenj^-^ai dpyjeeix 
ist wohl anders zu erklären. Dagegen ist es in der Bedeutung 'ehren', 



201 



AdolE EunhüKer 





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'verherrliclieii' im Alten und Neuen Testaweut sehr l)äiifi^, — I7po';i'og>!i!ii' 
nennt Epiktet das wUlkürÜcIie. falsche Werturteil über die GegeasliSii(le 
der Wahrnehmung. 

' Das Substantiv ixSiaui-t ist III Makk. 4, 11 gebraucht, 
' Auch dieses Wort wird im Neuen Testament — im Alten fehlt ee — 
nicht in der tecbniBchen (ethischen) Bedeiitang, welche es bei Epiktet hat, 
gebraucht. Sofern ea 'Auswahl' bedeutet, ist die Onadenwahl Gottes ge- 
meint; an anderen Stellen, anch bei P, steht es rüetonymisoh für die i-^lmuU, 
' Dieses Wort, in klasBischer Zeit nur als juridiseber terminas leckniciw 
gebraucht, bekommt im hellenistischen Griechisch (von l'oljbios an) eine 
allgemeinere und mauuigfaehere Bedeutung, indem en teils mit 'Ankündigung', 
'Meldung', teils mit 'Verheißung' zu übersetzen ist. Besonders im letzteren 
Sinne ist es im Nenen Testament fiberaaa häufig (während es im Alten 
noch selten auttritt), selbst Terstäiidlicli, da das Christentun» eine Religion 
der Verheißung ist. In ganz eigenartiger Weise verwendet es aber Epiktet, 
ohne Zweifel anch hierin stoischen Vorgängen folgend, nämlich für den 
'Begriff' eines Dinges oder Wesens öder die Vorstellung, welche ein Wort 
oder Name erweckt, die Eurkfionen, die man der Wortbedeulung nach 



Epiklet nod ilas Nene Testament 



205 





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von ihm erwartet. So spricht er von der euayytMic des Menschen, dea 
PhiloBophea, des Bürgers, aber auch von der kTcay/eUa des Bedingungs- 
nnd DiKjunktionssatzes , der o<>tiw und Imx^uis, der lips^'?. Im Neuen 
Testament fehlt natürUch dieser epiktetisohe Gebrauch des Wortes. 

' Im Neuen Testament in den beiden, aneh der klassiBchen Gräzität 
bekannten Bedeutungen 'auswählen' (so auch bei AS) und 'benennen' (so 
auch bei P). Der letzteren nahestehend, aber wiederum ganz eigenartig 
ist der Gebrauch des Wortes bei Spiktet 'dazu sagen" oder in Gedanken 
dazu setzen', also von einem Urteil, welches der Mensch, sei es unwill- 
kürlich, sei es infolge von philosophischer Gewöhnung iilter die Dinge und 
Ereignisse sofort zur Hand hat, beziehungsweise haben soll, um nicht durch 
sie verwirrt, und aus der l'assung gebracht zu werden. 

° Im griechischen Alten Testament findet sieh nur das Substantiv 
Im^kl'i^s (II Makk. 7, 33),, das auch in dem sicher unechten epiktetischeu 
Fragment (Schenkl 483, 12) vorkommt. Bpiktet hat auch das Verbaladjektiv 

' Bei Ä kommt nur iTiianorrae und iniaxoTi'i vor. 

* Nur iimriSeviii und iimiiStvfta je einmal. 

' Weil dieses Wort in der Bildersprache der paulinischen Briefe auch, 
wie bei Epiktet II 15, 8, mit dem Begriff »riiif^i' verbunden ist, glaubte 
man hierin auch eine merkwürdige (jbereinstimmaug heider M&nner finden 
zu sollen. Der Grundstein, auf welchem der Gläubige sich und sein Werk 
aufbaut, ist aber Christus, während Epiktet das Urteil und die darauf g:e- 
bante zähe Festigkeit im Handeln im Auge hat. Das Büd vom Gebäude 
lag ]a beiderseits nahe, und wo darauf gebaut wird, muß natürlich auch 
ein Grund da sein. In der apostulisch-patristischen Literatur ist das Wort 
nur bei Hermag gebraucht, aber im eigentlichen Sinn, 



206 



Adolf Bonhöffer 















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' Epiktet nennt Gott den iTtÖJtTiji tiöv axiotap, den Anfseher und 
Schätzer der sittlichen Beziehungen der Menschen znemander illl 11,6]; 
anch im Alten Testament ist es ein Ehrenname Gottes, im Neuen Testament 
gebraucht es der Paendo-Apostel Petrna (II P, 1, 16) you seiner Zeugen- 
sohaft bei der Verklärung Jesn. 

' Bei Epiktet sowohl von äußerer Vornehmheit als auch von innerem 
Adel, besonders von der sittlichen oder philosophi sehen Empfänglichkeit. 
Ähnlich JTOch Acta 17, II. 

' Das Adjektiv bei Lnkas, das Substantiv und Verbum im Hebräer- 
brief, stets im lobenden Sinne von der 'Sehen vor Gott' oder 'Gottesfurcht'. 
Im griechischen Alten Testament ist das Verbum häufig, das Adjektiv nnd 
Substantiv dagegen selten, letzteres auch im tadelnden Sinne von der ge- 
meinen 'Furcht'. Bei den Patres wieder in derselben Bedeutung, wie im 
Neuen Testament, Die spezifisch ethische Bedeutung, welche das Wort in 
der stoischen Philosophie erlangte als süioyoi exxiion d. h. lüs vernünftige 
Vorsicht und Achtsamkeit gegenöber wirklichem, ethischem Schaden, and 
welche es auch bei Epiktet auasohlieGIich hat, wird man im Neuen Testament 
nicht erwarten. 

* Nur Jak. 3, 17. Bei A kommt auch, wie bei Epiktet, eÜTieiätia vor, 
sowie das Verbum einEiOiio, freilich sämtliches nur im IV. Makkabäerbuch. 

• Bei Epiktet durchweg im guten Sinn d. h. von der Naoheiferiiag 
menschlicher Vorbilder oder Gottes, nnr einmal, wo er von seinem früheren 
kjnisch-propagandiatisclien Eifer als einem längst überwundenen erzahit 
(II 12, 25), bekommt das Wort, aber nur retrospektiv, die Bedentnng des 
Zeloten, gerade so wie der Eifer um das jUdisehe Gesetz von PI später 
als ein verfehlter erkannt worden ist (Acta 22, 3), Auch bei P steht ea 
nur vom löblichen Eifer, während es Did. 3, 2 eine üble Eigenschaft, nämlich 
Wohl die 'Eifersucht' beEeichnet. Bei S kommt es nur als Attrihnt Gottes 
vor in dem bekannten Sinn der heiligen Eifersuclit. 

' Während Epiktet die ^^r,ais d. h. die ' philo eophiscbe Untersuchung' 



Epiktet nnd das Nene Testament 



207 





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und BeBinnnng, al8 ein notwendiges Erlordemis betrachtet, bekomint es 
in den Pftstoralbriefen, im Hinblick aaf die Onoais, begreiflicherweise einen 
Üblen Beigeaohmaek. Sonst im Nenen Testament wird es ganz objektiv 
Yoa der 'Untersuobung'', Acta 15, 2 jedoch von streitsüchtiger und leiden- 
schaftlicher ErGrtemng einer Präge gebrancht. 

' Bei A nur das Verbum »eou-tiica (II Makk. 7, 19). 

' Außer Acta 4, 13 (.wo die Jünger als ap3-$i-^0' dy^dfifiarot xai 
tStwia^ bezeichnet werden) nur bei PI in dem allgemein griecbiachen 
Sinn des 'Unerfahrenen' im üegenaatz zum Sachverständigen oder Ein- 
geweihten. Die spezielle Bedeutung, in welcher Epiktet außerdem noch 
daa Wort verwendet, nämlich ais Gegensatz zum Pliilosophen oder zum 
sittlich Gebildeten, hat natürlich keine Stelle im Neuen Testament. Bei S 
findet ea sicli nur in dem Einschiebsel Prov. 6, 8 (ßaoileis Ka.1 ISiärai), 
bei A und F nur das Adjektiv ISu^itixoe. 

' Bei Epiktet in der Bedeutung 'innehaben', 'einnehmen', 'bei sich 
behalten', 'znrUckbalten' ; im Nenen Testament in denselben nnd noi^h 
weiteren Bedentnngen, 

* Nur Jak, 5, 3; anch bei Epiktet nur einmal. Das Wort findet sich 
in der Profangräzit&t nicht vor Dioskoiides, dagegen in aktiver Torrn Sir. 12, 11. 

* Nur Hebr. 8, 1 im epiktetisehen Sinn die 'Hauptsache', ebenso oder 
ähnlich Mart, Polyc. 20, 1 und Herrn. Vis. V 5, 5; Acta 32, 38, wie durch- 
weg hei S, in der ebenfalls gnt griechischen Bedeutung 'Summe', 'Kapital'. 

« Zn dem früher (S. 40ff.) gegen Zahn über das Wort xJ.^k Bemerkten 



208 



Adolf BonhefCer 





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füge ich noch hinzu, daß es weder bei Epiktet noch im Neuen Testament 
das bedeutet, was wir heutzntage Beruf nennen. In I Kor. 7, 20, wo man 
diese allgemeine Bedeutung finden will {ix-mui ir rTj -Arian <' ixXfj^i] iv 
Tuvin fieviTio), handelt es sich genau wie in den übrigen Stellen des Neuen 
Testaments um die göttliche Berufung zum Heil, welche, als überragendes 
Gut, jede Änderung der äußeren Lebensumstände, unter welchen sie statt- 
fand, überflüssig raftcht. Bei Epiktet aber ist die xl^ais entweder eine 
außerordentliche göttliche Berufung zn einer auGerord entliehen Lebens- 
aufgabe, au einem /la^-cve'or, oder aber jeder durch die Umstände {xitt^oe, 
liväyy.ri Malet) sich anzeigende Aufruf zur Erfüllung einer bestimmten sitt- 
lichen Pflicht fz. B, II 1, 31 ; Ench. 33, 2 ; II 6, 16 ; IV i. 6). Das Verbum 
tralfia (das SubstantiT «f.r^ais kommt überhaupt nur einmal Tor) gebraucht 
Epiktet in der Bedeutung 'rufen, einladen' natürlich auch sonst, wo es sich 
nicht gerade um sittliche Aufgaben handelt, besonders von der Einladang 
zur Mahlzeit. Im letzteren Sinn stellt kÄä"« in III Makk. 5, 14 und Judith 
12, 10; im Sinn der Vorladung BUm Gericht Jer. 31, 6. Bei P hat es 
natürlich wieder den nentestamentliclien, aoleriologischcn Sinn; so lesen 
wir a. B. im Hermas (Mand. IV 3, 6) von der «i^ms j-eii"; ^ fntyiiii} nai asfiff,. 

' Bei Epiktet und Apokal, 3, 18'Angensalbe'; bei A in der schon hei 
Aristophftnes vorkommenden Bedeutung 'Brot' oder 'Kuchen'. 

' Das Adjektiv kommt bei AS niclit vor; nur das substantivische r,'. 
xAo/tia¥ 'geordnete Reihe' oder ' Perl enseli nur' (Eccl. 12, 9 x. ^xa^aßoiäy). 

' Im biblischen Griechisch, Alten und Neuen Testaments, selten nnd 
nur 'Gericht' oder 'Keohtssache' (I Kor. 6,4) ; von der erkenntniatheoretischen 
Bedeutung, in weicher es Epiktet gehraucht, keine Spur. 

* In der Apokalypse, wie bei s, von äußerlicher oder auch von ge- 
schlechtlicher Verunreinigung. Der bildliehe Gebrauch des Wortes von 



Epiktet und daa Neue Testament 



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*ofioh>yov/iivtos 










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Diog 4, 5 
Dios 2, 7 
Mar 22, 3 


. ovfdrioe 
























*7id9'i>e 








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navSaxstav (navSo- 






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1 








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1 









innerHcher oder seelischer Befleckung, der auch aem Epiktet gelänfig i,3t 

(II 8 13- i"P *'"" fo^-i'/iav ovx nlad-dfji äKaffäproic Siavoijiiaoi; 9, 17; 

Ench. 33, 6 - fr. 36 Scliw., Schenkl 469, 36 ist wohl unecht), findet sich 
im Neuen Testament allerdings mir bei Paulus (ind. Paatoralbriefe), hat 
aber einen. Vorgang in Sir. 21, 28. u ,- ,, 

' Epiktet gebraucht die Begriffe i-iKfos, vs«ffoSa&ai nnd noch lieber 
ä!topexooia»a,. und dTiovdK^oiais in übertragenem Sinn vuö der BrtGtung 
des Schamgefühls oder überhaupt der sittlichen Empfindung. Die hildhche 
Anwendung von v^x^ova^oi und vit^gioati hei PI ist ganz anderer Art: bei 
ihm handelt es sich um eine wünschen ewerte Brtötuug des Leibes, einmal 
durch äußeres Leiden, sodann durch Unterdrilcknng seiner sündigen Triebe ; 
beides zusammen bildet das mystische Sterben mit Christns {vgl. Hermas 
Sim. IS 16, 2 und 3). Außerdem ist es Eöm. 4, 19 und Hebr. 11, 12 
phjaiologisch gebraucht TOm nicht mehr zengungsf&higen Alter. — Da das 
Wort auch bei Plutarch Torkommt, so darf man annehmen, daß es auch 
schon vor dem Neuen Testament im Gebrauch war. 

" Bei Epiktet nur Ton der köirietlichen Integrität, bei S auch von 
der kultischen, bei A sodann wie im Neuen Testament und z. B. nermas 
Mand V 2, 3 von der sittlich religiösen Untadelhsftigkeit. 

ä Im Neuen Testament wie auch bei AS nur im äußerlichen, nirgends 
in dem psychologischen Sinn des 'Triebs zur Handlung', die bei Epiktet 
stereotyp geworden ist. Dasselbe gilt von dem Hauptwort i^M, nur daß 
dieses bei A vereinzelt auch die Bedeutung 'Anschlag' bat. Im Bnef an 
Diognet 4 5 wird der astrologische Aberglaube der Heiden gegeißelt, die 
^(,ÖE r«s «.':t<Jv oo/.«.- — nach ihren 'Launen oder wiUkürlicben Einfäüen 
nnd Wünschen — die göttlichen Ordnungen der Natur deaten und benutzen, 
Bali gionsgesBliichtli che Veisuebe a. Vorarbeiten X. 



210 



Adolf Bonhöffer 





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' Einmal bei Epiktet und zwar von liem philosophischen 'Unterricht 
der lehrbfttteii Üborüeferung der 9eia(>ij/inra (II 23, 40). Eben diese wird 
Kol, 2, 8 in geringseliiltzigem Sinne eine ^n^äScais räp Ai'd'ei'i-^oiv genannt. 
Sonst bezeichnet das Wort im Neuen Testament weniger den Akt der 
Mitteilung von Lehren, oIb die sozusagen fertige 'Lehre' selbst, die 'Satzung". 

* Bei Epiktet einer der wichtigsten termini technici , welcher die 
«nterscheidende Fähigkeit des Wenachen bezeichnet, nicht bloß Vor- 
atellnngen und Empfindungen zu haben wie das Tier, sondern dieselben 
denkend zu erfassen und sich ihrer bewußt zu werden. Wir werden uns 
nicht wunden!, wenn wir diese Bedeutung des Wortes imd die entsprechenden 
Anadrüeke napaxoJ^v&ijoi-t oder Svv/t/iis nn^anoXovS'ijiiiii! im Neuen 
Testament nicht finden. Immerhin ist es auch hier nicht bloB wörtlich 
gebraucht (Markus 16, 17 'mitfolgen, zu Gebot stehen'; ähnlieh Papias 2, 3 u. 5 
von der äaEerlichen Jüngerschaft oder der begleitenden Nachfolge) sondern 
auch in übertragener Bedeutung, von der Annahme der S'Saoynlin, d. h. der 
theoretischen und praktischen 'Nachfolge' (Pastoralbriefe) und bei Ltik. 1,3 
in einem dem epiktetischen Gebrauch ziemlich nahe kommenden intellektuellen 
Sinne 'selbständig erforschen', 'im Geiste verfolgen'. Im Alten Testament 
nur zweimal im II Makkabäerbuch vom zeitlichen Nachfolgen und Tom 
praktischen üefolgeu. 

" IV Makk. 7, 1 ist sogar ton dem niX^yos ivjv ■n.aO'öiv die Rede. 
Weitere Beispiele für diesen metaphorischen Gebrauch siehe bei E. SalKmaim, 
Sprichwerter bei Libanios, Tüb. Diss. 1910, S. 89. 

' Von Polybios an gebräuchlich in der Bedeutung 'abgezogen werden' 
oder überhaupt 'beschäftigt sein' oder 'sich zu schaffen machen', äußerlich 
oder iunerlich, doch stets im Sinn einer Ablenkung von, der Hauptsache, 
einer sti5renden Zerstreunng oder eines unsicheren Schwankens. Epiktet 
gebraucht das Wort einmal im buchstäblichen Sinn ('ziehen', 'schleppen'), 
sonst aber immer in jener übertragenen Bedeutung, sowohl im Aktiv wie 
im Passiv, von den weltlichen Gedanken und Sorgen, Geschäften und Auf- 
i^ben, welche den Jünger der Philosophie, ablenken von seiner Hanpt- 



Kpiktet und das Neue Testament 



211 





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*.TCp7Ti^ivofiar, Epikt. 
'"rii^avohiyia^ Epikt. 

:ip63'£ois 'Vorsatz'^ 
Tt^öxeipa' -ei/tevoe^ 

■*:cgoxo7tTi -önro) 

^^^oüKOTitai 'Anatflß 
nehmen' ' 

TzpooifCfio/iai iM'i 'mit 

einem nmgehen"' 


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I dem 45, 7 

II Ciem n, A 
I dem 21, 5 



rtutgabe oder wenigstens in einem inneren Zwiespalt festhalten. Tatsächlieli 
in ähnlicliem Sinne, wenn auch vielleicht ohne tadelnde Nebenabsicht, steht 
es Luk. 10, 40 von der hänalichen Geschäftigkeit der Martha. Im Alten 
Testament begegnet una diis Wort, auch daa SnbstantiT nf^ia:iaafiö<, et- 
lichemal im Ecdes. und Sir. 41, 2; vuu den Patres apostaliä hat es nur 
Hei'mas, Vgl. übrigens aneh äjcigiaTräajBii unter den dem .Apostel PI 
eigenen Wörtern ! 

' In der Bibel sowohl 'Mülie', als auch 'Beschwerde', 'Schmerz', jedoch 
auüer IV. Mabkabäer nirgends in der philosophischen und speziell stoischen 
Redentung als des Oegenaatzes nur >'}äov^. 

'' Auch bei S kommt das Wort vor, doch nur in lokaler Bedeutung 
Ton der Auflegung der Sehaubrote. In der Bedeutung 'Vorsatz' häufig 
bei Polj'hios (Melcher 64). 

" Ein wichtiger Begriff bei Epiktet: er versteht darunter die un- 
mittelbar vorliegende Pflicht und Aufgabe, die, ob auch äuflerlicli nach den 
UmBtändea sehr verschieden, doch in Wahrheit stets dieselbe ist, nämlich 
iu jeitem Stoß des Handelns seine sittliche Treiheit und Würde zu bewahren. 
Bemerkenswert ist der Ausdruck agoxsl/uvoi dyiäv im Hebräerbrief vgl- 
mit Epikt. III 35, 3 o äyöiv Tteöxcaai, was jedoch keine spezifisch stoische 
Wendung ist. Autk sonst gebraucht der Verfasser des HebrSerbriefa da» 
Wort zur Bezeichnung dessen, was erwartet wird, was Ziel der HoffiiuUK 
und Bemühung ist (ebenso I Ciem. 63, 1 ö Ti^oxii/isvos OKOTiis, i^atim 
ad Ephes. 17, 1 tö jigor.tiptvov ^Tp). Im Alten Testament steht es meistens im 
buchstäblichen, lokalen Sinne, während es U Kor. 8, 12 einfach 'vorhanden 
seilt', Jud. 7 'dastehen' bedeutet. ' Bei S aur im wortlichen Sinne. 

" Bei S nur im Aktiv 'darbringen'. 

14* 



212 



Adolf BoDhtifier 



II 



III 



IV 



VI 



VII 



^vaapös 



I dem 36, 2 



Phüad 3, 3 



Eom 6, 3 
Eph 



*!i(ini&t/iizi 'sich yor- 
nelimen' ' 

^aSiovffyrj/ca -fa,Epikt. + 

•6s und -ioi 
^apioei hisch.Epikt. 

-OS 

*oizirofiai wanken* 

''aan^ös übertr. -(- 

♦dkojio'b 'Ziel' ' + 

♦onoToo/int ühetEr. -j- 

oTivQii 'Korb' 

atäaie 'Znstand', 'Be- -|- 

stand' ' 

üiryitaTaTcii'p/iat 'bei- H~ 

stimmen', 'ein- 

willigen' ' 

ovfiTiaO'eot * -^ 

' Nut III Makk. 3, 37. In deu Psalmen etlichemal in einer ähnlichen 
Berteutnng "sieh etwas vorsetzen' «der 'varhalten' zur Beherzigiing oder 
Nacheifern ng. 

' Bei S meist in der persönlichen Bedeutung 'Späher', 'KnndsohaCter' 

' Im Alten Testament meist in der Bedentung Standort' oder 'Bohe'. 
Im Neuen Testament geivöhnlii;h 'Zwist,' 'Aufruhr', ebenso bei P. 

* Lnk. 33, 51 von der praktischen Zustimmung', ebenso SusannaSO; 
sonst noch im Exodus zweimal 'sieh einlassen mit jemand'. Von der 
spezifisch fitüiaehen, logischen Bedeutung des Wortes, in welcher m bei 
Epiktet eine so zentrale Stellnng einnimmt, findet sich in der Bibel keine 
Spnr. Nahe kommt ihr indessen die Stelle Ignatiufl ad Phüad. 3,3; li ns 
iv aV.oipiff yrai/iT) ntiiittatit, oWns tip tä^ei (dem Leiden Christi) ov avy- 

KaTaT'&erat, d h. er versagt (in Wirklichkeit) dem zentralen christologiachen 
Dogma seine Zustimmung. 

" Einmal \in Epiktet und zwar in intellektuellem Sinne (böy/jccri 
av/i7ta&')ani I 3, 1), im wesentlichen gleich bedeutend mit aTiyKtiTmi^ta^ai, 
nur daß neben dem intellektuellen Akt aiKh zugleich das GefühlsmSßige 
hervortritt ( von Herzen ^«stimmen'). Im Hebtäerbrief und Ign. Eom. 6, 3 
bedeutet es Mitleid haben', wie auch das Adjektiv av/i:ra,'i'ijj in I Petri 3, 8. 
Im stoischen Sinn, von dem innigen Zusammenhang aUerWesen und Dinge 
im All, werden die Begriffe ov^Tinüeif , ov/t:indr]i und ovfi^d&sia im 
IV. Makkabäetbufihe gebrancht. 

° Lukas gehraucht das Wort mehrmals, im äußerlichen Sinne 'fort- 



piktet nnd das Neue Testament 



213 





l 


II 


in 


IV 


V 


IV 

a. 

V 


VI VII 


s 


A 


P 


owciSiiOis "■, Epiit. tö 




— 


— 


— 


— 


— 


_ 


— 


— 


— 


- 


awetSös 

'■'•jwlaTTjfu 'empfehlen 
iTvvoSla* 'Reisegesell- 
schaft' 






+ 


+ 




— 






— 


_ 


Epb 9, 2 
uvycSos 


oi^ot" 'schleppen' 




— 


— 


















ethjscli 
Tu^fivös ethisch 
*Ti?.os 'Ziel' 


— 






+ 


+ 


+ 


— 




— 


— 


I Ctem 


■Evyioö"* übertr. 

"iyi^s, vyialfon/ übertr. 






+ 


— 


+ 
+ 


— 






— 


—^ 


HSiraIX19.3 



schleppen', 'mit Gewalt greifen'; ebenso in den Makkabäerbüchern. Die 
Anwendnng aufs aeeüäche Gebiet, im Siune eines begeiaterndeu (»der yer- 
tührerischen Fortgerissenwerdena, koreint erat m der späteren Gräaität vor 
(W. Schiiiid, Attlzismns IV 716). Doeh findet sich ein Beispiel daTon auch 

in der Bibel {Prov, 6, 25 fitiSi awagnnoO-ifi dnö imv ai-c^i [ii;« Yvrv,iKos\ 

ßlc^ä^oM'). Epiktet gebraucht das Verbnin uur in diesem ianerlichen Sinne 
TOii der Terführeii sehen Macht der yoiTocini. 

' Dal! ovusiSiaie ursprünglich nicht das Gewissen oder das sittliche 
Bewußtsein bedeutet, sondern einfach das Bewußtsein, sieht man deutlich 
aus der einzigen Stelle, wo ea als Übersetzung von y^a bei S rorkummt 
("Endes. 10.20: iv avvtiS'f<'f' aov — d. h. in Gedanken — ßaaiUa ur, xina^äaji). 

' Bei S (Nehemia) in der Bedeutnng 'Sippe', 'Geschlecht'. 

^ Ein spatgrjechisclies Wort, das denn unrh bei A8 fehlt. Komposita 
•lind dagegen auch bei den Attikern gebräuchlich (Melcher IB). 

* Epiktet hat nur das Partizip icivipXiii/ii,/oi (I 28, 9) aiid zwnr in 
unsicherer Lesart; gewöhnlich gebraucht er d;i3 Kompositum d^oTvjf.iia. 
Im Alten Testament finden sich beide Verba einigemal zur Bezeichnung 
der geistigen Verblendung, ä'^iiyrvfXovv auch Hermas Mand, V 2, 7, 

> Bei Epiktet bedeutet es fast nur 'eine Rolle spielen' ohne den tadelnden 
Nebensinii des Sieh v erst ellens oder Henehelns; ebenso das Hauptwort v^o- 
xpit/;t\ lu der Bibel dagegen, außer an einigen Stellen der altteatament- 
lichen Apokryphen, Wird i^iox^ivo/iai und noch viel häufiger r^iox-inKi und 
iji6«pi<ji^ nur im schlimmen Sinn gebraucht Hier wäre das epikteiische 
Hild vom äya&ö? oder xaläs vnoxgtTqi als einem ethischen Ideal unrerständ- 
lich (Euch, 17; Diss. IV 1, 165; 7, 13). 



214 



Adulf BoDhSftei' 















IV 














I 


n 


III 


IV 


V 


u. 

V 


VI 


VII 


s 


A 


P 


i'-JIoxp/ujä 


— 
















— 




— 


j-noitUfifiafoi 'meinen' 






+ 












— 


— 


— 


yavzu^ofiiu ' 
















+ 




— 




tptivraoia 


+ 
















— 


— ■ 




ya^Aos 




— 




— 


^ 


— 






— 


__ 


I Clera 


*q^i/^aa^ia 








+ 




— 








— 


Diog 8, 2 
fMoofos 


*ff^i!.öaTOffyos 








+ 




— 








— ' 


Diog 1, 1 
^lioOTO^yitt 


*f$öviOit 










+ 


■— 






— 





— 


tfvatKos 








— 






— 










yi-ffJS 








— 


— 


— 


— 








— 


»9-faiöoi -öo/iai^ Epikt. 








+ 




— 








— 


Diog 12, 5 fit 


qiV^HO/ltU 
























■iixlcTcös 'heKchwerfich' 










+ 


— 






— 


— 


— 


^apa| 'Zaun', 'Wall' 






+ 












— 


— 


H 


VLtJnJtTljp ^ 
















+ 


— 


— 


— 


if!vxtyt6^^ 








— 




— 


— 






— 





' Nur Hebr. 12, 31 ro qiavra^öfievov yoii einer objektiven ainnlicben 
Ersoheinnng. Epiktet gebraticht das Wort sehr häufig und zwar subjektiT 
sich etwas vorstellen', 'eine Voratelliing haben' (fcevraoiav laußäveiv). Im 
ubjekiiven Sinn 'erscheiaen', 'sich zeigen' in Sap. Sal. 6, 16, im aubjektivett 
von ängstlichen oder krankiiaften VorsteUungeu Sir. ä4, 5. Ähnliche Be- 
deutung fTrannivoratellung', ' Wahn ge bilde') hat •pa-vraiiia im Alten Testa- 
ment; im Neuen Testament (nur Acta 2ö, 23) bedeutet es 'Pomp', 'Gepränge', 
wie auch Poljbios schon das Wort gebraucht hat. Von dem psychologischen 
oder logischen Sinn, in welchem es bekanntlich zu Epiktets Hauptbegriffett 
gehört, ist also in der Eihel nichts ?,u entdecken, 

* Epiktet gebraucht das Wort in mannigfacher Weise, vom 'Gepräge' 
der Münzen, vom 'Stil' der Rede, von des verachiedeuea Arten der pbilo- 
Huphisehen Wirksamkeit (a^poTpe.TUKts , ii.tYieitx6s, StSaanaXiHÖe ^[«phkd'jj 
111 23, S3), aber auch von den inneren, ethischen Kennzeichen des Meuachen, 
aowohl sofern sie nur natürliche Anlagen sind, als auch im hSchsten Sinne 
als einheitliches Gepräge der Persönlichkeit, der ungebildeten wie der ge- 
bildeten (Euch. 48, 1 iSioirav aiäoi-e yai ;[ff(>ii«T^() ,— filoaöqiov at. unl %.. 

Diss. rv 5, 16 ff,). Im letzteren Sinn erhebt sich sein Gebrauch des Wortes 
^vl der Üedentnng des 'sittlichen Charakters' überhaupt (Buch. 83, 1 ; Disi^. 
III 22, .50 und m). Im Neuen Testament (Hebr. 1, 3) wird Christus dicai- 

yaofta t!;; Sö^rjs Kci ^ngaxT'jo CAbdruck', 'Abbild") T^f i^oaiäacio; aviov 
genannt; im Alten Testament kommt es zweimal vor, Lev. 13, 28 'Brand- 
mal', II Makk. 4, 10 im geistigen Sinn i^EV-tjuixüs x''$'"'"je). 

' Dieses Wort zeigt uns za guter Letzt noch einmal anschaulich den 



Epiktet nnd das Neue Testament 215 

Aus cliesem Wörterverzeichnis ersieht man, daß immerhin 
eine beachtenswerte Verwandtschaft des Sprachgnts zwischen 
Epiktet und dem Neuen Testament besteht; namentlich eine 
ganze Reihe von selteneren griechischen Wörtern sind beiden 
geraein. Der Anteil freilich, den die verschiedenen Schriften 
des Neuen Testaments an dieser Verwandtschaft haben, ist 
sehr verschieden. Achten wir zuerst auf diejenigen epiktetisehen 
Wörter, welche je nur in einer, der sieben Schriftengruppen 
sich finden, so stellt sich das Ergebnis folgendermaßen. Von 
den 203 Wörtern Epiktets hat die erste Gruppe als Sondergut 3, 
die zweite ebenfalls 3, die dritte 2J, die vierte 29, die fünfte 15, 
die sechste 13, die siebente 9; im ganzen sind es also 104 
Wörter, etwas mehr als die Hälfte, welche im Neuen Testament 
selbst gewissermaßen eine Ausnahmestellung einnehmen, d. h. 
nur in einem verhältnismäßig kleinen Teil desselben gebraucht 
werdtin, wobei freilich der Umstand, daß der Inhalt mancher 
Schrift keine Gelegenheit zur Anwendung des betreffenden 
Wortes gab, billigerweise berücksichtigt werden muß. 

Will man nun aber statistische Schlüsse ans obigen Zahlen 
ziehen, so muß man zuvor den sehr verschiedenen Umfang 
der einzelnen Gruppen auf ein einheitliches Maß zurückfuhren. 
Um das Verhältnis des Umfangs möglichst genau zu be- 
stimmen, habe ich eine Ausgabe des Neuen Testaments zu- 
grunde gelegt, in welcher der" auf die einzelnen Seiten oft 
ziemlich ungleich verteilte kritische Apparat fehlt, die Anzahl 
der teilen auf jeder Seite also ganz gleich ist, nämlich die- 
jenige von Phil. Buttmann 1862. Die erste Gruppe (Matth. 
und JTarkus) hat hier rund 100 Seiten Umfang, die zweite 128, 
die dritte 90, die vierte 84, die fünfte 24, die sechste und 
siebente 18. Kechnet man nun die oben erwähnte Anzahl der 

Gegensatz der gi'iechiscli-yhiloaophiachen rnid der bib lisch -theülogischen An- 
scliftuungs weise. Epjlitet, rter es Übrigens selten gebrancbt, bezeichnet damit 
das dem rein Leiblichen oder Fleiäc blichen entgegengesetzte liühere, see- 
lisiihe und geistige Wesen des Menschen (IT 18, 5: III 7, 7); im Nenen 
Testament dagegen ist es das rein Natürliche, Vergängliche cder Sündhafte 
im Gegensatz zum Fneuma, dem Prinzip des höheren, geistlichen und ewigen 
Lebens. Im Alten Testament findet sieh das Wort nar in den Slakkabäer- 
biieheru, wie zn erwarten, in einem der griechischen Anschauung sieh 
BälierDden Sinne. 



216 Adolf Bonhöfler 

mit Epiktet gemeinsamen Souderworte auf dieses Verhältnis 
um, so ergeben sich für die 7 Grnppen die Zahlen 3; 3, 3; 
16, 5; 34, 5; 62, B; 72; 50. Soviel erkennt man sofort, daß 
zwischen Gruppe I und II einerseits und allen übrigen 
andererseits ein ungeheures TdiSverhältnis bestellt, d. h. daß 
die beiden ersten Evangelien und die Johanneischen Schriften 
auch der Sprache nach spezifisch jüdischen Charakter tragen 
und von hellenistischem Einfluß äußerst wenig aufweisen. Es 
ist dies aber keineswegs eine neue oder überraschende Be- 
obachtung, höchstens ist der Umstand, daß die zweite Gruppe 
sich von der ersten in sprachlicher Hinsicht ganz wenig unter- 
scheidet, bisher weniger bemerkt oder hervorgehoben worden. 
Ziemlich gro"^ß scheint aber auch der Abstand der Gruppe III 
Ton den anderen, namentlich von der fünften an, zu sein. 
Hierbei ist aber zu bedenken, daß gerade die Lukasschriften 
(zu welchen ich also, wenigstens hypothetisch, auch die Apostel- 
geschichte rechne) ganz überwiegend viel, besonders was die 
letztere betrifft, Erzählungsstotf enthalten, bei welchem selbst- 
verständlich der Anlaß zum Gebrauch von Ausdrücken der 
Popularphilosophie weit weniger gegeben war. Dasselbe trilft 
in geringerem Maß auch bei den beiden ersten Gruppen zu. 
Berücksichtigt man dies, so wird man der Wahrheit wohl 
ziemlich nahe kommen, wenn man bei Gruppe I nur die Hälfte 
des Umfangs, bei U, wo die Keden überwiegen, nur %, bei 
III aber nur ^/^ desselben in Anschlag bringt, so daß die Ver- 
liältniszahleu sich ändern würden in 6, 5 und 41. Der Ab- 
stand von I und 11 gegenüber III würde 'sich dadurch aller- 
dings noch erhöhen ; dagegen würden die lukanischen Schriften 
auf die Höhe der pauUuisohen gehoben, was auch dem tat- 
sächlichen Verhältnis durchaus entspricht. Wer sich die 
Mühe eingehenderer Vergleicliung nimmt, wird auch finden, 
daß gerade zwischen der lakauisehen \mi paulinischen Diktion 
eine besonders nahe Verwandtschaft obwaltet, was übrigens 
auch schon längst erkannt worden ist. Wenn nun aber immer 
noch zwischen Gruppe III und IV einerseits und den folgenden, 
naiiientlich V und VI, eine erhebliche Distanz bestellt, so ist 
dabüi zu berücksichtigen, daß auch die echten Paulusbriefe 
manche und umfangreiche Partien enthalten, wo der Apostel 



Epikret und das Nene Teatoroent 217 

ganz Jude ist, wie in den laiigatisgesponnenen rabbinisehen 
Deduktionen, oder wo er in der Erörterung persönlicher Er- 
lebnisse und konkreter Geschehnisse sich ergeht, wo also 
naturgemäß die hellenistische Färbung zurücktritt. Ganz 
wird aber dadurch die Differenz nicht erklärt, wir dürfen 
vielmehr aus obiger Statistik den Schluß ziehen, daß die 
Pastoralbriefe einschließlich dea Epheserbriefs, ebenso die so- , 
genannten katholischen Briefe und der Hebräerbrief, bei welchem 
übrigens die rabbinisch allegorische Exegese ähnlich wie bei 
PI in Abzug zu bringen ist, der griechischen Denk- und Aus- 
drucksweise entschieden noch näher stehen, wie sie denn aucli 
durchschnittlich mehrere Jahrzehnte später abgefaßt sind und 
den Übergang vom eigentlichen Urchristentum zu der dem 
griechischen Bildungselemeut immer mehr sich erschließenden 
patristischen Literatur darstellen. 

Was bisher von dem Sondergut der verschiedenen Gnippen 
ausgeführt wurde, bestätigt sich, wenn wir nun die Gesamtzahl 
der jeder einzelnen Gruppe mit Epiktet gemeinsamen Wörter 
betrachten. Die absoluten Zahlen sind 38, 36, 90, 109, 70, 
55, 4ß, die relativftn 38, 40, 72, 130, 291, 307, 255, umgerechnet, 
unter Berücksichtigung des verschiedenen Inhalts: 76, 60, 
180, 130. 291, 307," 255. Es kehrt liier also im ganzen das- 
selbe Yerliältnis wieder, daß nämlich Gruppe HI und IV (wenn 
■wir Fl wieder auf das Niveau des Lukas erhöhen) zwei- bis 
dreimal soviel Wörter enthält als I, .Gruppe V bis Vit wiederum 
erheblich mehr als diese. Daß bei den Sonderworten der Ab- 
stand zwischen den beiden ersten Gruppen und den folgenden 
ein erheblich größerer ist, kann nicht befremden, da von den 
Wörtern, welche überhaupt häufig im Griechischen vorkommen, 
eine gute Anzahl selbstverständlich auch in jenen Evangelien 
nicht entbehrt werden konnte. Die auffallend hohen Zahlen 
in Gruppe V— VII (z. B. 307 gegen 130 des PI!) geben insofern 
kein ganz richtiges Bild, weil man hier nicht einfach die 
Proportion des Umfangs anwenden darf: wenn z. B. Gruppe V 
an Umfang viermal kleiner wäre als Gruppe IV, darf man 
nicht den Schluß ziehen, daß bei gleichem Umfang auch viermal 
mehr Wörter der bezeichneten Art erwartet werden müßten; 
vielmehr würden in erster Linie die Wörtei-, welche in Gruppe V 



218 Adolf Bonhüfter 

vorkommen, bei größerem Umfang häufiger vorkommen, wie 
überhaupt eine ganz genane Statistik, die für uns jedoch kein 
Interesse hat, auch die Häufigkeit jedes einzelnen Wortes in 
Betracht ziehen müJJte. Interessant, aber für unsere Zwecke 
ebenfalls entbehrlich wäre auch die isolierte Untersuchung 
der einzelnen Briefe, die wir hier der Kürze halber in Gruppen 
zusammengefaßt haben. Soviel jedoch, meine ich, lehrt auch 
die zweite Statistik, welche sieh auf die, mehreren Gruppen 
neutestamentlicher Schriften mit Epiktet gemeinsamen Wörter 
bezieht, daß hinsichtlich der sprachlichen Berührung mit der 
gebildeteren, literarischen oder der Literatursprache näher 
stehenden Gräzität im Neuen Testament drei Etappen zu be- 
merken sind, welche von Matthäus, Markus und Johannes über 
PI und Lukas zu den nachpanlinischen Biiefen führen. 

Zweiter Abschnitt 

Wörter, welche bei Epiktet besonders hervortreten, 
aber im Neuen Testament felilen 

Über die Grundsätze, welche mich bei der Auswahl der 
Wörter und ihrer Erklärung geleitet haben, werde ich am 
Schluß der Liste mich ausspreciien. Zum voraus bemerke ich 
nur, daß ich nicht bloß die verschiedenen sprachlichen Formen 
desselben Begriffs, sondern auch andere Zusammensetzungen 
desselben Stammes und zuweilen alueh bloß synonyme Eegriffö 
vereinigt, in den letzteren Fällen jedoch von den betreffeuden 
Wörtej'n an der durcii die alphabetisciie Folge geforderten 
Stelle auf das Wort, welches den alphabetischen Ausgangs- 
punkt bildete, rückverwiesen habe. Hieraus erklärt sich zu- 
gleich, daß im Lauf des Alphabets die eben erwähnte Ver- 
einigung verwandter Wörter immer seltener, die Verweisungen ' 
dagegen immer häufiger werden. 

äßlaß^g 

Bei Ep.i sowohl aktivisch als passivisch: der Weise ist ä., 
d. h. er kann von nichts, was außer ihm liegt, Schaden er- 

' So soll iu diesen Zusanimenatellnngen Epiktet nbgeliiLr2t wenlen. 



218 Ädülf Bonbüffer 

vorkommen, bei größerem UmfaBg häufiger vorkommen, wie 
überhaupt eine ganz genaue Statistik, die für nns jedoch kein 
Interesse hat, auch die Häufigkeit jedes eiiizelnen Wortes iu 
Betracht ziehen müßte. Interessant, aber fiir unsere Zwecke 
ebenfalls entbehrlich wäre aucb die isolierte Untersuchung 
der einzelnen Briefe, die wir hier der Kürze halber in Gruppen 
zusammengefaßt haben. Soviel jedoch, meine ich, lehrt auch 
die zweite Statistik, welche sieb auf die, mehreren Gruppen 
neu testamentlicher Schriften mit Epiktet gemeinsamen Wörter 
bezieht, daß hinsichtlich der sprachlichen Berührung mit der 
gebildeteren, literarischen oder der Literatursprache näher 
stehenden Gräzität im Neuen Testament drei Etappen zu be- 
merken sind, welche voa Matthäus, Markus und Johannes über 
PI und Lukas zu den nachpaiiHnischen Briefen führen. 

Zweiter Abschnitt 

Wörter, welche bei Epiktet besonders Lervortreten, 
aber im Neuen Testament fehlen 

Über die Grundsätze, welche mich bei der Auswalil der 
Wörter und Ihrer Erklärung geleitet haben, werde ich am 
Schluß der Liste mich aussprechen. Zum voraus bemerke icli 
nur, daß ich nicht bloß die verschiedenen sprachlichen Formen 
desselben Begriffs, sondern auch andere Zusammenset/iiingen 
desselben Stammes und zuweilen auch bloß synonyme Begriffe 
vereinigt, in den letzteren Fällen jedoch von den betreffenden 
Wörtei'n an der durcli die alphabetische Folge geforderte» 
Stelle auf das Wort, welches den alphabetischen Aasgangs- 
punkt bildete, rückverwiesen habe. Hieraus erklärt sich zu- 
gleich, daß im Lauf des Alphabets die eben erwähnte Ver- 
einigung verwandter Wörter immer seltener, die Verweisungen 
dagegen immer häufiger werden. 

Bei Ep-' sowohl aktivisch als passivisch; der Weise ist <{., 
d. h. er kann von nichts, was außer ihm liegt, Schaden er- 

' So soll ia dieseu Z asammena teil qq gen Epiktet abgekürzt wenlen. 



Kpiktet nnd ins Nene Testament 219 

leideü; und die äußeren Dinge, also auch die Mensehen sind 
ihm gegenüber i., weil sie ihm keinen Schaden zufügen können. 
In diesem absoluten Sinne, als Kennzeichen der Selbstherrlichkeit 
des AVeisen, paßt das Wort natürlich nicht in das Neue Testa- 
ment. Der ähnlich klingende Aussprucli in I Petri 3, 13 {y-al 
zig 6 xaxüiaiov vfiSg etc.) ist wesentlich anders zu verstehen: 
wenn der Christ dem Guten nachtrachtet, so wird in der Regel 
niemand ihm Übles zufügen, wo doch, kann er trotzdem selig 
sein. Der Christ erleidet ßi-äßr^, er fühlt z. B. den 
Banb seiner Guter als Verlust, vermag aber den Verlust 
innerlich zu überwinden im Blick auf das ewige Gut, das 
ihm winkt. — Jm Alten Testament nur in Sap. Sal., bei P nicht. 

ä'/u7tdw 'zufrieden sein' 

(äaTcd^oftat) 

Auch bei den Stoikern ist äydTcri oder tf/ßyrjjtKs ein 
wichtiger Begriff, aber in einem anderen Sinne als im Christen- 
tum: sie ist neben äaftaoftög eine Spezies der ^oii^ijutg d. h. 
des Ternünftigen Begehrens, Ihr Objekt ist nicht eine mensch- 
liche Person, sondern kurz gesagt der Weltlauf: ihn soll der 
Mensch allezeit lieben und begrüßen, d. h. sich mit Freudigkeit 
iu ihn ergeben. So bekommt äyanäy die Bedeutung 'zufrieden 
sein' mit etwas, freilich nicht in dem gewöhnlichen Sinn eines 
mehr oder weniger resignierten Sichabfindens, sondern eines 
freudigen Einverständnisses mit dem, was die Natur oder die 
Vorsehung sendet und zuteilt (IV 4, 45; IV 12, 19; IV 7, 5). 
Das Wort äa.rdi^m&ai ist besonders bei Mark Aurel und zwar 
ausschließlich in jenem ethischen Sinn beliebt (z. B. IV 33 
am Schluß: Die richtige Gemütsverfassung ist Sid&tais ^(JTca- 
'Cofisi'tj i(&v th ai;i.ißalvov üg ämy-Aalov etc.). Im Neuen Testa- 
ment kannte Hebr. 11, 13 für diesen Gebrauch in Anspruch 
genommen werden; jedoch kommt man auch hier mit der ge- 
wöhnlichen Bedeutung 'grüßen', allerdings mit dem Nehensinn 
des Sehnsüchtigen, aus. 

äyEv(v)'jg, ^^^^{v)^« 
(yevvcttog) 

Echt griechische Wörter und Begriffe, deren Fehlen im 
Neuen Testament — wenigstens mit dem tieferen ethischen 



220 Atlolf Bonhöffer 

Sinn — nicht befremdet, '^yevi'is und eiyEv^,g hat zwar PI 
(I Kor. 1, 26-28), aber nur von der äußeren Vornehmheit und 
auch dies oifenbar nur mit ironischem Seitenblick auf die 
Griechen, bei weichen diese Unterschiede eine solche Rolle 
spielten. Nur einmal findet sich ev)'£vi]g im ethischen Sinn 
'gutgeartet' und zwar, bezeichnenderweise in der Apostel- 
geschichte und in einem Zusammenhang, wo es sieh um grie- 
chischen Boden handelt und sogar ausdrücklich die 'EU-tpfidtg 
erwähnt werden (17, 11)- Im Alten Testament kommen alle 
diese Wörter nur in den hellenistischen Apokryphen, besonders 
den Makkabäerbüchern vor, mit Ausnahme von eiyevijti, das 
im Eingang des Buches Hiob steht. Bei P tritt, wenigstens 
in I Clem. und Mart. Pol. das Wort yevvalog und yerraiörrje 
bereits hervor. 

i y V iii fibt V y &yv(iiiiQviui 

(eöyviü^ioiv, tiyViOfioavvfj) 

Wörter der klassischen, genauer der attischen Gräxität. 
Die intellektuelle Bedeutung ^ die äyvdi/jDv hier neben der 
ethischen hat, tritt bei Ep. zurück: bei ihm bedeutet es 'un- 
dankbar', 'unbillig', 'rücksichtslos', wie auch bei M. Äurel und 
Teles (26, 1 H). Im Alten Testament kommt i&yvattioavi'ij 
einmal vor (Esth. 8, 13 beziehungsweise 16, 6); bei P fehlen 
die Wörter ganz. 
äyv/ivaarog 

Ebenfalls ein attisches \\'ort, weder im Alten Testament 
noch bei P. Ep. gebraucht es von der ethischen Gymnastik 
der Vorstellungen und Urteile, die bei ihm eine so wichtige 
EoUe spielt. Es findet sich auch bei dem Stoiker Hierokles 
8, 4 Arn. Einen deutlichen Anklang au diesen stoischen 
Begriff enthält die Stelle Hebr. 5, 14 tüiv öia rj)v ^iv tä 
alaO-rjrilQia ysyv/tvaa^uiva f xoVrwj' nqhg öidxgimv r.aXoü ze x«i 
xaxoö.. Der Verfasser hat ohne Zweifel, wahrscheinlich aus 
Philon, etwas von der stoischen Erkenntnistheorie gewußt. 

&Y 10 VI dm 
Die Bedeutung 'in Angst', 'in Verwirrung sein' in der 

' Nach W. Stlimid, AttUismus IV 721 ist bei evyfeoftoavpj! die in- 
tellektuelle Bedeutung erat nnchklassisch. 



Epilctet und das Nene Testament 221 

HauptsaeLe erat Dachklassisch (W. Sehmid, Ätt. 1 155; II 71; 
rv 721), ebenso das Hauptwort äytovia. Als ein Hauptkenn- 
zeichen der Unbildung gehört das äyiüviäv zum Grundstock 
der epiktetischen Terminologie; Ayaivla in derselben Bedeutung 
II 13, 10. Im Alten Testament tritt beides erst in den Apo- 
kryphen auf; Lukas braucht &yu>via einmal zur Bezeichnung 
des Seelenkampfes Jesu in Gethsemane; bei P fehlt beides. 

{Sta^SqöiJi, dläQ&QKiOig, dtße^^wrwo'e) 

Gehört zu den erat \'on Aristoteles ab gebrauchten, bei 
den Attizisten beliebten Wörtern. Bei Epiktet hat das Verbum 
diaQ&Q6(^ mit seinen Derivaten eine ganz bestimmte logische 
oder erkenntnistheoretische Eedentung: die (pvaixal hmiat 
oder fCQolr^4>m müssen, um richtig angewandt werden zu 
können, durch logisches Denken zergliedert und dadurch zu 
klaren Begriffen erhoben werden. Ein anschauliches Beispiel 
dieser dtdQ&^ioffis d. h. logischen Analyse eines Begriffes, 
haben wir II 12, 7 ff. Die Bedeutung 'zergliedern', 'unter- 
scheiden', 'analysieren' erweitert sich dann zu der des 'Er- 
kennens' überhaupt : der köyos zergliedert d. h. erkennt alles, 
auch sich selbst (H 17, Iff., ähnlich M. Äurel XI 1, 1 t& löi<x 
tilg ^o^w^S ^v'/ffi- ^civti]» ÖQ^, ^avrijV 6toQ»Q0l). 

äSidcpoQoe 

&äia(poQew, äöiaipoQia 

Bekanntlich ein Hauptbegriff der stoischen Ethik. Über 
die ädiatpoQia d. h. die Wertlosigkeit der Dinge an sich selbst, 
beziehungsweise das entsprechende gleichgültige Verhalten des 
Weisen gegen sie", handelt ein ganzes Kapital bei Ep. (116). 
Seine Grundregel lautet; die Dinge selbst sind gleichgültig, 
nicht aber ihr Gebrauch (mais), vielmehr zeigt sich gerade 
hierin die praktische Weisheit und Gewissenhaftigkeit. Das 
Wort &8i<iq>oeog findet sich schon bei Teles (49, 7 H); Poly- 
bios gebraucht die Wendung Miatp^eag h^iv i>niq uvoq. Im 
Buch Sirach kommt &öimpoQog etlichemal vor, die Bedeutung 
ist aber nicht ganz sicher. 



' M. Aurel XI 16 nQÖs tb dSuitfOQa «Jitryopel»' ; VII 81. 



222 Adolf BouhoSer 

ädvvafila 

Nach W. Sehmid ein allgemein attisches Wort, bei Ep. 
besonders toü der moralischen Schwäche oder Kraftlosigkeit 
gebranchtV Einer seiner am meisten dem Christentum nahe- 
kommenden Aussprüche knüpft sich an diesen Ausdruck 
(U H, 1 &Qxi; <pdoao(filag üwalü&rjaig rfjg avw^ 6a9-ivetag xa'i 
dävvaftiog TTe^i za dvayxaia). 'ädvvafila und äövvaftetv findet 
sich auch im Alten Testament, noch häufiger äövvmeiv, letzteres 
auch im Neuen Testament, aber, wie dort, nicht von Personen 
wie im profanen Griechisch (auch bei Teles und M. Aurel) 
sondern sachlich 'unmöglich sein'. 

ätrj^llos 'straflos' 
Gut attisches Wort, bei Ep. synonym mit äßXaß^g. 

ä^frifTog 'unüberwindlich' 
Gleichfalls. Auch dieser Begriff wird bei Ep. in die 
höchste moralische Region erhoben: während des Ehetors 
höchstes Ziel ist ^. irepi l6yovs zu sein (Aristides XXV'I 517), 
erstrebt er die absolute Unüberwiudlichkeit des Weisen (III 6, 5 
6 OfCOfdalos ä^rt^rog; I 18, 21 lig o liij'rrijiog ,- ov ovv. s^loTtjtjiv 
oidh Tßtv icjT^oaiQinov. M. Aurel I 16, 10 &. ifn-xij)- 

Bei Ep. sowohl in der älteren Bedeutung (wie bei Xenophon; 
'ungepflegt', 'verwahi-lost' (III 22, 33 a. fjyefiovixöv; so auch 
äSs^aTtevaia IV 11, 18) als auch in der, wie es scheint, bei 
den Attizisten vorherrschenden Bedeutung 'unheilbar'. 

aldtj/iKiv^ 'schamhaft', 'gesittet' 
Im Alten Testament nur zweimal in den Makkabäerbüehern. 
Bei Ep. wie auch bei M. Aurel einer der wichtigsten Begriffe 

' DaÜ aSufu/iia iiiid äävvazeot einander entspcecheu, sieht man aus " 
der Vergleicliuug: von Ep. JI 13, 4 uud M. Aurel X i. Beiläufig bemerke 
ich, daß letzterer die Epiktetstelle vor Augen zu haben seheint und sie 
gewissermaßen korrigiert. — Zu dSwarico vgl. H. A. A. Keunedy Sourcet 
of Nae Testament Greek, Edinburgh 1895, S. 131, der aber irrtümlich 
Pölybioa als Zeugen für die biblische Bedcntung aufruft. 

' Nach W. Sehmid, Attizismus IV 646 kommt das Wort unter den 
AttiziBteu nur bei Aelian vor; es findet sich jedoeh auch bei dem „Halb- 
attizlBten" Pliitarch. 



Epiktet und das Kene Testament 2S3 

der praktischen Ethik, eine der Haupttugenden, auf die er 
gegenüber der kynischen und allgemein menschlielien ävai- 
oxvvTia besonderen Wert legt, wobei Übrigens zu beachten ist, 
daß diese Begriffe bei Ihm eine erheblicli weitere Bedeutung 
haben als in unserem Worte „schamhaft" oder „schamlos" 
liegt, und z- B. auch das Gebiet der Religion, der Ehrfurcht 
vor Gott betreffen. Mit dem Neutrum rb alöfj/iov bezeichnet 
er,- wie schon früher erwähnt (S. 156), das sittliche Gefühl 
oder den sittlichen Takt überhaupt. 

d K « T « J. JJ iC T g 

Spezialbegriffe der stoischen Erkenntnistheorie, die natür- 
lich keinen Platz im Neuen Testament haben ; auch im Alten 
Testament kommen sie nicht vor, ebensowenig bei F. Dagegen 
war das Stammverbum xata'/.cii.tßäfitv in der von der Stoa 
geprägten Bedeutung 'erkennen', 'begreifen' zu jener Zeit 
längst in den allgemeinen Sprachschatz aufgenommen und ist 
deshalb, wie wir früher sahen, auch in die urehristlichen 
Schriften eingedrungen. Einmal bei P findet sich auch das 
Wort äy.aTdiXr,mos (I Clem. 33, 3 spricht von der &. o6vtaiq 
Gottes). 

{xRTiiUij/05) 

Ein wie es scheint von Aristoteles in die Schriftsprache 
eingeführtes, späterhin besonders von den Grammatikern ge- 
brauchtes Wort. Auch in der Stoa spielt es eine Rolle. Bei 
Ep. bezeichnet es das, was 'logisch korrelaf, 'entsprechend', 
'angemessen' ist- So spricht er vo]i der wräKhilog tfpaQftoyii 
züiv n:soXriipmi' {II 10, 8 ff.), von den TunäXXrii-a *?/», welche 
nötig sind, um eine ethische Eigenschaft zu erwerben, respek- 
tive zu erhalten (119,10); ähnlich M. Aurel. KaraXXijXiog 
tfi (pvmi ist nur ein vollerer Ausdruck tiir y.mä (pvaiv. wie 
6jioXoyo\!ftenos if, <pvaei. 
&y.aT(xnX}jy.tog 'nicht aus der Fassung zu bringen', 'un- 
erschrocken' 

Ein Wort der späteren Gräzität, von Dionysios von Ilali- 
karnass an. Bei Bp. Synonymon von &7ta-9^s und itii^axog. 



224 Adolf BonhSfEer 

AKoivu)vr}Tog 'nngesellig' 

Schon von Piaton gebraucht. 1. 'unteilhaftig,' 2. 'angesellig'. 
Bei Ep, nur in der letzteren Bedentung 'was die xoiviDvia 
verletzt' (I 19, 14 ; IV 6, 25 neben Biptloii und äyyä)fio>v). So 
nennt er die Uyitaia des .Epikur &x.oiydtvriva (II 20, 16). Die 
erste Bedeutung findet sich in dem unsicheren Fragment 
Schw. 8 = Gnomolog. Epict. Stobaei 31 (ScLenkl 470). Noch 
häufiger ist das Wort, im epiktetischen Sinne, bei M. Aurel, 
wie er denn die soziale Kichtung der stoischen Ethik mit 
besonderem Nachdruck vertritt. — In einer anderen Bedeutung, 
welche von der ersten ausgeht und schon bei Aristoteles auf- 
tritt, steht das Wort Sap. Sal. 14, 21, wo die Heiden getadelt 
werden, weil sie rh A-itoivMVjjioy . Svo/ia (uämlich Gottes) den 
Steineu und Hölzern beilegen, also 'was .sich logisch nicht mit 
etwas vertragt'. 

&x6).ov-3'os 'folgerichtig', 'übereinstimmend' 

Bei Ep. sowohl von dem, was zeitlich, als auch von dem, 
was hegrifOicb auf etwas folgt. Im ersteren Fall ist der 
Gegensatz tö ya-9'rjyovfiBvov, im letzteren td naxöfisvov. In der 
Bedeutung 'Übereinstimmend mit' ist namentlich auch das 
Adverbum häufig gebraucht, im Alten Testament besonders 
im Buch Esra. Auch bei P kommt das Wort in ähnlicher 
Bedeutung wie bei Ep. vor. Spezifisch stoisch ist die "Ver- 
bindung mit ^vaig (Ep. 16, 15; M. Aurel II 9). 

&x.il)i.vTos 'ungehindert' 

Ein selteneres Wort, für die stoische Freiheitslehre un- 
entbehrlich, bei Ep. äußerst häufig: höchstes Ziel des Menschen 
ist, in seinem Wollen, überhaupt in seiner geistigen Betätigung 
ungehindert zu sein, was er erreicht, wenn er sich auf i« iy' 
fjftlv beschränkt. Das Neue Testament konnte an der Sache, 
also auch am Wort kein Interesse haben, ebensowenig die 
Patres apostolki. Im Alten Testament findet es sich nnr einmal 
und" bezeichnenderweise in der Sap, Sal., in der durch und 
durch stoischen Stelle, 7, 22 iF.: eaiiv yag ev aiz^ [t^ <f'>qil^] 
nvsC/ta voe^öv etc. Das Adverb äxiuXikug, das schon Piaton 
anwendet, steht auch in der Apostelgeschichte als letztes 



Epiktet nnd dtw Neue Testament 226 

Wort, freilich nicht in der innerlichen Bedentnng, wie bei Ep^ 
sondern von dem äußerlichen Unbehindertsein. 

dloylatmg 'anüberlegt' 

(siXöytazog, EiXoyiaT^ia) 

äi-öyttnos schon bei Piaton gebräuchlich, eilöyiaros und 
tiXoyiai/a (auch äXoyiatla) erst von Aristoteles ah; beides, 
namentlich der Begriff eiloyiazia, hei den Stoikern zn Be- 
dentang gekommen und teilweise sogar in die Definition des 
Tiiog aufgenommen. Im Alten Testament findet sich Al6yiatog, 
äloylartag, äKoyiaxla und elXoyiaria nur in der Sap. Sal. und 
den Makkabäerbiichern. Das Fehlen dieser Worte im Neuen 
Testament und bei P, obwohl das Verbum loyl^ea&at hftufig 
ist, entspricht der verhältnismäßig geringen Wertung des 
menschlichen Verstandes. Die Verba &Xoytmiin und eiloytaiicD 
kamen erst später auf. 

&fiBliT7jTos 'ungeübt" 

äfieXerrjola {/(e^xij) 

fiBletdüt und fisiJri] sind altgrieehiache Wörter, die deshalb 
auch in S nicht selten gebraucht werden; im Neuen Testament 
nur das Verbum nnd dies selten, bei P beides, aber fast nur 
im Barnabasbrief. Auch äfislht^ios und &/ie}Lenjaia findet sich 
schon bei Piaton. Betreffs der Bedeutung, welche die ftsX^, 
die theoretisch-praktische Einübung der ethischen Grundsätze, 
zwischen ^dÄjotg und SoKijaig stehend, bei Ep. hat, verweise 
ich auf B * Reg. 'Jfiei.^r/ios hat bei ihm aktiven Sinn 'einer, 
der (sich) nicht geübt hat' — speziell auf dem Gebiet der 
Ethik. Auffallend ist, daß alle diese Wörter bei M. Aurel 
fehlen. Vielleicht hängt es mit dem besonders innerlichen 
nnd intimen Charakter seiner Aufzeichnungen zusammen: er 
schreibt elg taviöv, hat also nicht das pädagogisch-propagan- 
distische Interesse des Ep,, der seinen Schülern gegenüber 
besonders auf fiEXenj dringen maß '. 

' Dem Urteil J. Geffckena „M. Anrel sie iaviöv hat Diatribencharakter" 
(Kjnika 14, Aiim. 1) muQ ich widersprechen. Manche läng^ere AasfUhrungen 
mögen aus Aufzeichnungen gebildet sein, die er vielleicht Htoischen Dia- 
triben eatuommen bat. Im ganzen aber entepticbt das Büchlein nach Form 
nnd Inhalt ganz dem Titel, deu es trägt, and ist ebensoweit entfernt vom 
Diatrihenatil wie vom Stil der epiktetisehen Homiüe. 

B«ligiOB8Ke8chiolitlichfl Verauohe n. Vorarbaiten K. 15 



226 AdoH Bonhößer 

&fttli]g 'sorglos', 'nachlässig* 
&(iEUa kommt im Neuea Testament etlichemal vor, äfiilri^ 
nicht, dagegen im Alten Testament und bei P. Auch i^ti- 
ftekrji and imptiXsta ist im Neuen Testament nur vereinzelt. 
Dem Ep. sind diese Begriffe sehr wichtig, denn eines der 
sittlichen Pi-ohleme ist das, die inmilsia. die gewissenhafte 
Sorgfalt in dem Gebrauch der Dinge und die äöiatpo^la d. h, 
die innere Freiheit ihnen gegenüber zu vereinigen (II 5tit. 
se&g avvvfttiQX^'' ftyai-Ofpqoüiivri --töJ ifci/i^leia. II 6, 2 ^wij jcot' 
oöv, Stav äjfti ziq vfilv &Sia<po^f.lv nal taSta, ä^sltls yivtod-e, 
/ijj^' Si«v £iq lftifiii.8iüv Tig vfiSg naqanalfi, jaTteivol x«t räj 
Siag TedovjucKc'reg). 

ilfiitd7tt(i}T0Q ftETCaiifCTb) 

(/iCTrfjiTMToe, /ittÜTtTtoaig, äite^lirTtuTog, TtegiftTwiixog; Stva- 
fxdtevxTOS, d:7toievxi:iii6g) 

Diese Wörter gehören wieder zur stoischen Terminologie 
im engsten Sinn ^ und fehlen deshalb naturgemäß im Neuen 
Testament (wie auch bei AS und P). Die dneroTiTwala, die 
absolute Sicherheit im ethischen Urteil und Verhalten, ist die 
Frucht des dritten epiktetisehen Topos, der logischen Durch- 
bildung, welche es unmöglich macht, daß der Mensch seinen 
Grundsätzen durch irgend welche verführerische Dialektik und 
Scheinweisheit wieder abspenstig gemacht wird {ftecajtiitisC). 
Der Begriff arceei^ionog dagegen gehört zam ersten Topos, 
welcher das richtige d. h. nie sein Ziel verfehlende {ävaTtSiEvuzog) 
Begehren und das richtige d. h. nie dem Gefürchteten ver- 
fallende ((We^/fTKirtog) Meiden lehrt. Die meisten dieser tcrmini, 
zum Teil auch andere Derivate desselben Stammes, finden sich 
auch bei M. Aurel. Die Stammverba niiajtiTntiv, Tce^tTtlnntv, 
&7f:ozvy%&v€iv als allgemein gebräuchliche fehlen natürlich auch 
in der biblischen und urchristlichen Literatur nicht, besonders 
ice^ifil/iTetv, das selbst im Neuen Testament vorkommt; die 
beiden anderen sind aber auch bei AS und bei P selten. 



' Als einen bei den stoiecben Orämmatilicrn üblichen Aasdruuk er> 
wähut Sohmid, Attäzismus IV 728 dag Wort aSiiirntoro^. Auch dieses Wort 
bezeichnet die unfehlbare Sicberbeit, deckt sieb aber doch nicbt ganz mit 
ä/tcTä-nTWTot. 



Bpiktet und daa Nene Testament Sl^ 

&fi-rjx<'vog, &fit]xctvla 
Ep. gebraucht Afi^x"""? stets als 'unmöglich', nnd zwar 
von der Unmöglichkeit, die in der Natnr der Dinge, in der 
Weltordnung, wie sie nun einmal ist, ihren Grund hat, also- 
gerne im Sinne der Theodizee (besonders IV 11, 9 ff.), i^fiij- 
xavia dagegen ist 'Ratlosigkeit', 'Hilflosigkeit'. Das Adjektiv 
in derselben Bedeutung wie bei Ep. findet sich einmal in A, 
im II. Makkabäerbueh. M. Aurel Iiat äfirixavoDy 'ratlos sein", 

äfifptaßij%4w 
Das Fehlen dieses für die echt griechische Freude am 
freien Streit der Meinungen und am Wahiheitsachen be- 
zeichnenden Wortes in der Bibel ist vielleicht nicht ganz zu- 
iSllig. Übiigeiis hat gerade die Stoa innerhalb der griecliischen 
Welt einen gewissen Dogmatismus auE:gebildet, welcher der 
einen sicheren autoritativen Grund heischenden Religiosität 
verwandt ist. Auch Ep. liebt das &^(pigßr,Ttlv nicht, sondern 
will Gewißheit haben und glaubt, daß dieselbe bei riclitigeia 
Gebrauch der Vernunft wenigstens in dem, was man zum 
glückseligen Leben wissen muß, zu haben ist 

dvayxfffofiai im absoluten Sinn 

&yavdpia<noQ {ifiTtoöl^ofiat, Avsfijiödtatog, äjta^anudiaros) 

Nicht und durch nichts geinvungen oder gehindert werden 
zu können, ist bekanntlich das Ideal des stoischen Weisen; 
die Wörter Avaväyxaarog und ävefitidSiarog gehören daher, wie 
AxiLXvnog, ebenso natürlich zur stoischen Freiheitsiehre, wie 
sie im Neuen Testament keinen Platz haben. In den alt- 
testamentlichen Apokryphen und bei P kommt ivennöäiaiog 
und k^no5lt,ea^^ai vor, aber nicht im Sinne Ep.'a *. 

&vaia^il%og 
ävato&rjaia 

Ein AVort der klassischen Prosa, von Ep. besonders gerne 
angewendet zur Bezeichnung der Menschen, denen jedes Organ 
für das Göttliche und Wahre abgeht, alles Gpfülil für ihre 



' DSigegen ä^apa^aStciae mit dam gleicUalla Dtoiecben Wort n\:Tä3eia 
verbBoilen III Makli. G, 28. 



228 Adolf Bonhitfier 

höhere Bestimmimg abhanden gekommen ist; daher gerne mit 
&vaiaxvyios {&vausxvyi:l^) verbunden. Ebenso bei M. ÄureL 
Im Alten Testament fehlt es, dagegen bei P tritt es auf, ganz 
besonders in der Epistola ad Diognetum, die Überhaupt einen 
höher gebildeten Geist atmet. Auch das Verbum &v(tiü3'r(tt.iv 
findet sich hier. 

&vavevto 

(&7i:ovevci>, iiEtveiJoi) 

Wörter der stoischeu Logik, deren Bedeutung am besten 
erhellt aus dem Satze Ep. III 3, 2 fii(pvxe nSaa tf/v^ij r^ 
&i.fj&ei irctveveiy, jtQoi; ro tpevdos ävaveveiy, Ttgog zb &drjlov 
ini^nv. Im Alten Testament kommt Avavtvuv und Itttv^uv, 
im Neuen das letztere einmal vor in den Acta, doch nirgends 
natarlleh in dem erkenntnistheoretischen Sinne. 

(iyajcrfievKiot: 'das Ziel nicht verfehlend' s. (J/ieiäTciwTOs 

ävatpaiQezos 'unentreißbar" 
Ein Wort der späteren Gräzität, auch von Dionys- Hai. 
und Plut. gebraucht, ebenfalls von prinzipieller Bedeutung 
für die epiktetische Lebensanschauung: der Mensch soll sein 
Streben auf das richten, was wirklich nnentreißbar ist, also 
auf nichts Äußeres, auch nicht auf Menschen, Weib und Kind, 
sondern auf die itQoalQeaig o'ia deZ (III 24, 84 ff. u. ö.). 

ävaipogä 'Zweckbeziehung' 
Auch dieses Wort hängt mit dem innersten Kern der 
epiktetischen Ethik zusammen : alle Handlungen des Menschen 
sollen erstens auf einen Zweck bezogen sein (Gegensatz tUfj), 
zweitens auf den wahren Lebenszweck ' (Gegensatz dua(paX' 
(t4vii>s). In letzterer Hinsicht gibt es eine xoiv^ &va(poqd {&g) 
Sy&QW7C0s) und eine idia (jigög rö iTttrtjöevfta ixätnov, III 23, 3 if.). 
Ausgezeichnet ist der Grundsatz, den Ep. IV^ 4, 41 ausspricht: 
„Ich kann niemand iloißig nennen, wenn ich nur das höre, 
daß er liest oder schreibt, meinetwegen ganze Nächte liin- 



* Noch deatlicher sAgt dies M. Aurel II 16; jHof xoi rä piK^oTara 



£pikt«t and das Nene Testament 229 

durch, wenn ich die &va(poed! iiiclit kenne". Im selben Sinn 
gebraucht er auch das Verbum äray/igio. Letzteres ist ancli 
in der Bibel und bei P gebräuchlich, doch in ganz anderem 
Sinne, meist 'hinaufbringen' d. h. 'darbringen', 'opfern'. 

&vdp<i!coSov, 

Das von Ep. gebrauchte Wort &vdQd7todov, welches, wie 
auch das Adjektiv ävd(ia7to6(h5rig, in echt grieeliischera Geist 
die niedere Gesinnung brandmarkt, fehlt begreiflicherweise 
in den heiligen Schriften. III Makk. 7, ö steht es im buch- 
8t?.blichen Sinne, wie auch &vdqanoSiai:rig in I Tim. 1, 10. 

Auch die Tugend der ivögela suchen wir im Neuen 
Testament umsonst, d. h. wenigstens unter diesem griechischen 
Namen. Im Alten Testament sind die Worte nicht selten, 
jedoch, soweit es sich nicht um die hellenistischen Apokryphen 
handelt, Übersetzung von hebräischen Wörtern, die sich mit 
dem Begriff der ävÖQeia nicht decken. Dagegen ist das Auf- 
treten des Wortes bei I Clem. und Hermas, wo es z. B. anf 
Judith und Esther, dann auf Christus selbst angewendet wird, 
bezeichnend für das allmähliche Eindringen griechischer Vor- 
stellungen in die christliche Literatur, 

dvttxacöti^g 

(dxatog, AvE^aTtcerrjOia, livt^afcdrtjtos, äitgömonog) 
Ein offenbar von Chrysippos aufgebrachter stoischer ter- 
miiius techmcus, der bei Diog. Laert. VII 46 folgendermaßen 
definiert wird: laxv^bg Xöyog Trpög ib ehhg löms /lij evötöövai 
aHrqi. Daß P]p. diesen Ausdruck gebraucht, ist neben vielem 
Anderen ein Beweis für seinen engen Anschluß an die stoische 
Sehulsprache. Von den übrigen an obiger Stelle aufgeführten 
verwandten Begriffen änQojiTiaala, äveXeyila, äfiaTotofrjg er- 
scheint der erste in Gestalt des Adjektivs äTt^ömumoii auch 
bei Ep. Im übrigen verwendet er neben &veiKetiÖT'ris das Wort 
(h'«|o7E(Mijoia, das, soviel ich sehe, sonst nicht belegt ist, 
während &ve^an6iriiog bei Aristot., Poljb., Sext. Emp, vor- 



230 itloH Botthöffer 

kommt Auch das Adjektiv sUalog findet sieh nicht in der 
Bihel und bei P, dagegen äxaiötrjg in Epist. ad Diogn. 4, 6 
in der allgemeinen Bedeutung von niditigeö, verkelirten Vor- 
stellungen. 

ävefiTtoStaios s. &vayK<i!^öfiat 
ävt^afcÖTriTog (-aia) s. iyuxaiÖTijg 

ävoftoi.nyoviiBvos, 
&vOfio}.oyia 

Schon bei Piaton, 'nicht übereinstimmend", 'uneins'. In 
der Stoa bekam der Begriff der 6^wi.oyia zentrale Bedeutung, 
insofern das höchste sittliche Ziel in der Übereinstimmung 
der Handlungen unter sich (beziehungsweise mit der Natur) 
erblickt wurde. Über das Gegenteil, die ävoftoloyla, handelt 
eine eigene Diatribe (II 21); das Wort bedeutet hier die 
'Uneinigkeit' der Menschen oder vielmehr die Unsicherheit 
des einzelnen in seinem Urteil über Gut und Bös. Das Ad- 
jektiv bedeutet das 'logisch Unvereinbare' {II 23, 14), an einer 
anderen Stelle das 'Widerspruchsvolle* in den Entschlüssen, 
also liier ganz im Sinne der stoischen Definition des Telos^ 
In beiden Fällen erscheint als Synonymon das Adjektiv läfftiju- 
ifb)vo<:, das, wie wir sahen (S. 202), auch im Neuen Testament 
(Act. 28, 25) vorkommt. 

ävieiadyio, 'dafür einfuhren', 'ersetzen*, 'dagegen ins 
Feld führen". 
Ein Ausdruck der epiktetischen Gedankendisziplin: die 

schlimmen tpavtaalat soll man nicht gewähren lassen, sondern 

paralysieren durch edle und gute (II 18, 25; III 24, 110; 

III 16, 13). Schon PJaton gebraucht das Wort, das übrigens 

selten ist. 
ävTiTcoieofiai 'sich um etwas bemülien', 'sich zu be- 
mächtigen suchen' 
Ein gut attisches Wort, auch von Ep. gerne angewendet, 



' II 14 22: 'EntßoXai ärn/ioXayoifcefai, ön/tai äav/iy/Bifoi in jjilcfci. 

Man sieht hier auch, beiläufig gesagt, daß die Diiferenz in der Telbs- 
definition, ofioloyovfih-m S^* und o^. in w^°" i''>'< •'eine wesentliche Be- 
deutung bat. 



Epiktet und ias Neue Testament 231 

besonders in dem Sinn, daß man sieh um die iU.&t^ia nicht 
kümmern soll (I 24, 11). Das Wort findet sieh auch I Makk. 
15, 3, mit ßaffdslas yerbunden, ähnlich wie bei Ep. III 22, 8 
mit Aqxv?- 

ä^lMfia 'Würde' 
Ep. gebraucht das Wort zweimal in dem bezeichneten, 
auch der attischen Prosa geläufigen Sinne '. Im Alten Testa- 
ment in derselben Bedeutung 11 Makk. 4, 31, sonst 'Forderung', 
'Verlangen'. Die technische Bedeutung, welche es in der 
stoischen Logik hat, nämlieh 'Aussagesatz' (also nicht 'Axiom' in 
unserem Sinne!) findet sich, gewiß zufälligerweise, bei Ep. nicht. 

änayö^ev fia 'Verbot' 
Eine stoische Wortbildung, Gegensatz Tt^Atnay^a {III 24, 98). 
Der vd^ioq wird bekanntlich von Chrysippos definiert als Uyoq 
ngoaraxtixbg /iiv Sjv rcoiy]Tiov, &7tay(iQtvtiv.og Öi iiv oi noirjTdov 
(v. Arnim, Stoic. vet. fr. III 77 ; B = Eeg.). — Auch das all- 
gemein griechische Verbum &nayoQ£viii in seinen zwei Haupt- 
bedeutungen 'verbieten' und 'versagen', 'ermatten' {Ep. II 2, 13) 
findet sich in der Bibel nicht außer IV Makk., ebensowenig bei P. 

ScTtdO-sia, 'Freiheit von Leidenschaften' 
{Ä?ra*^e, Tt^oun&fs^ta 'sein Herz an etwas hängen') 
Diese spezifisch stoischen, für die Schule eigentlich am 
meisten charakteristischen Wörter fehlen ganz in der Bibel. 
Bei P findet sich zweimal iitadr^q, von Christus ausgesagt, 
aber in anderem Sinne: er ist nach seiner menschlichen Natur 
naörixög {'leidensfähig'), nach seiner göttlichen ä/ta5'ijs (Ign. 
ad Eph. 7, 2; ad Polyc. 3, 2). 

Wieder ein stoischer Terminus (B^ Reg.), bezeichnet die 
Dinge, die, an sich gleichgültig und nicht xaxd, doch Gegen- 
stand des vernünftigen Meidens [eijloyos ^uenloyTi) sind*. 
Allgemein griechisch ist das Verbum &na^i6u} 'für unwert 



' Ebenso M. Aurel I 17, 6. 

' Die Lexika von Passow nnä Pape interpretieren daa Wort gitiu 
Terkehrt als das 'sittlioli Schlechte'. 



232 i^öU BonhöHer 

aehteii' (Ep. HI 22, 12; vgl. Schmid, Attiz. IV 391). Beide» 
fehlt in der Bibel und P. 

iTttt^astöäiaiog s. ävayxä^ofiat 
(Plnt. iiccegenTtäSLOTos) 

&7i[€xX^yofiai 'verwerfen' 

(exiUxtixrJg) 

Stoischer Terminus, Gegensatz zu ejdeyofiat. Korrelat der 
MoyiJ und ärrexloy^ sind die ngoriyiAiva und datonqoriyftiva 
(IV 7, 40: Das ^/t^ovindv ist %o Jtävra t&kla SoM^idtav, IxXb- 
yöfievov, &TCe>iXey6tisvov). 

ns^larouts. 'Umstand', ein nachklassisches Wort, besonders 
hftuflg von Polybios gebraucht und in der Stoa zu einer 
stereotypen Bedeutung gelangt. Wie bei Polybios, bedeutet 
es auch bei Ep. teils die Umstände überhaupt (z. B. I 22, 1: 
das iyaS^öv muß man ix ndatjg Ttegioidaetug erstreben und ver- 
folgen), teils, und zwar ganz überwiegend, die 'widrigen, ge- 
fahrvollen Umstände', die eben, besonders geeignet sind, den 
Charakter zu erproben'. Das Wort findet sich im Alten 
Testament einmal, II Makk. 4, 16, mit /«Ae/tij verbunden. 
Das Adjektiv äne^latavog wendet Ep. an auf den Kyniker, 
der weder Weib noch Kind noch Vaterland etc. hat, damit 
also auch aller Schwierigkeiten, Sorgen und Gefahren ent- 
hoben ist, welche aus jenen Beziehungen erwachsen {IV 1, 159). 
Es fehlt in der Bibel und bei P. — M. Aurel hat auch das 
Adj. verb. TtEgimaTixög. 

ärtoXl^ioaig 'Abstumpfung', 'Ertötung' .. 

(inovixsoiaig) 

Ich verbinde beide Wörter, weil sie bei Ep. (I 5) im 
gleichen Zusammenhang promiscue gebraucht werden. Er 

1 Ob bei Teles (52 H) die Überaclirift wepi ^ifpioraoEWT' ureprünglioli 
jBt, mag boEweifelt weiden. Jedenfalls zeigt der Inhalt des Kapitels und 
die (einmalige) Anwendung des Wortes, daß er es noch nicht in dem be- 
jtimmteren Sinn kennt, den ea in der Stoa angenommen hat 



Epiktet nnd das Neue Testament 233 

spricht da von einer doppelten Verhärtung, einer intellektuellen 
nnd moralischen (toC vorjtixov, %oo hT^tTttiMü), Der bildliche 
Gebrauch dieser Worte ist, soviel ich sehe, außer bei Ep^ auch 
in der profanen Gräzität nicht nachzuweisen ; dagegen spricht 
M. Aurel von einem vemjoSüihn- der Siynara (VII 2). Ep. ge- 
braucht auch vexqocad^ai und rezerfg öfters in abertragener 
Bedeutung von seelischen Zuständen, spricht von toten 
Worten und Lehren, ja von toten Erziehern und Philosophen 
(III 16, 7; m 23, 28; I 9, 14). Der BegrifiF mpoCff^w bei PI 
hat mit dem epiktetischen nichts zu tun (s. 8. 209); dagegen 
hat der letztere mit den biblischen Begriffen der Verstockung 
nnd (mXriqoyiaqSla viel Verwandtes. 

&st6Xvtog 'fUrsichseiend', 'absolut' 
Ein philosophischer Terminus, wie es scheint. In der 
späteren Akademie zu Hause; wenigstens ist er dem Sext. Emp. 
geläufig zur Bezeichnung der Begriffe, die für sich selbst, ohne 
Beziehung auf Anderes, einen Sinn geben, also das Gegenteil 
der Eelativbegriffe. Ep. gebraucht aber das Wort nicht in 
diesem logischen oder grammatikalischen, sondern sozusagen 
in spekulativem Sinn, indem er unterscheidet, was der Mensch 
an sich ist und verlangt, von dem, was er im Zusammenhang 
des Alls bedeutet und beanspruchen kann (II 5, 24ff.)^. 

iiTtoviKQiaati s. &7eoU9iums 

&7tove^<a s. &v<xvev(ii 

änoitäaxo) (jtdaxw) 'eine (negative oder positive) Vor- 
stellung haben' 

Tttfffxw im logischen Sinn 'einen Eindruck', 'eine Vor- 
stellung haben', ist durch den Sprachgebrauch Piatons vor- 
bereitet> aber erst in der Stoa eigentlich in Aufiiahme ge- 
kommen. Es ist hier ganz zu einem verhum sentiendi geworden, 
das mit Hti konstruiert werden kann. Die Hauptstelle fllr 
diesen Gebrauch ist Ep. I 18, Iff. &qx^ tov avyxaTaO-ia^ai tb 
TtaSelv Srt v-n:6Qx^i etc. 'AjtonAoxtiv ist in der bekannten 
stoischen Art als Negation gebildet. 

' In etwttS anderem, mehr ethiscli geweiideteu Sinn gebraucht das 
Wort M. Aurel (X 24; XII 3, 1). 



234 Adolf BonhBSer 

äTiöajtaafta 'Stück' 

Das Wort, schon von Platon gebraucht, bekommt in der 
Stoa eine höhere Bedeutung durch die Lehre, daß der Öensch, 
genauer seine Seele oder sein voc-g oder Uyog, ein Stück Gottes 
sei (I 14, 6; II 8. 11; M. Aurel V 7; letzterer gebraucht 
hierfür auch änöffQOia). Im Alten Testament kommt das Wort 
zweimal vor, aber als zweifelhafte Übersetzung zweifelhafter 
Stellen. 

&noTi'i^afitt 'Wirkung', 'Erfolg" 

Ein späteres stoisches Wort, vor Polyhios wohl nichc 
gebraucht, dagegen dem Aetios und Kornutos geläufig, als 
Gegensatz zum Vorsatz {jt^omQuaig) oder zum a'irwv oder zur 
&Qxri Überhaupt. Ep. ist nicht zufrieden mit dem theoretischen 
Studium der Philosophie, er will ein &., eine praktische Wirkung 
sehen (I 4, 13). In einem noch höheren Sinn gebraucht 
M. Aurel das Wort, wenn er sagt : wir arbeiten alle (ob wissend 
und wollend oder nicht) auf ein (kosmisches) Endziel hin 
(VI 42). Das Verbum iitorglsiv kommt einmal in S, zweimal 
im Neueu Testament und etlichemal bei Hermas vor, in dem 
gewöhnlichen Sinn 'vollenden'. Ep. gebraucht es mit doppeltem 
Aceusativ wie reddere, ebenso II Makk, 15, 39. 

&-n:oTsv/.Tiv.ög 'A»s, Ziel verfehlend', 'mißlingend' s. i^te- 

Im Alten Testament einmal, mit Aceusativ konstruiert 
(Hiob 31, 16), bei Hermas zweimal, und im Martyr. Pol. einmal 
richtig mit Gen. 

&7cotv<p).6üi bildlich 

tvfpkös und rv<pi.ova&ai von der geistigen Blindheit ist 
dem Neuen Testament nicht fremd s. Seite 213. 

dfcölpaatg 
Das Wort hat zwei Bedeutungen. 1. 'Verneinung' (schon 
bei Platon). 2. 'Ausspruch', 'Erklärung' (von Polyb. an). In 
beiden Bedeutungen ist es Kunstausdruck der stoischen Logik 



Epiktet und daa Nene Testament 235 

geworden. Ep. gebraucht es nur im positiven Sinn 'Be- 
hauptungssatz'; daß ihm auch die negative nicht unbekannt 
ist, zeigt seine Erwähnung des ä7to(p<iaxu}v, eines nicht weiter 
bekannten, mit Verneinungen operierenden stoischen Fang- 
schlusses {in 9, 21). Um den Doppelsinn des Wortes zu ver- 
meiden, wenden die Stoiker übrigens lieber die Ädketiva ver- 
baiia an, die sich durch einen Buchstaben unterscheiden 
{äjroipanxös und &!to<pavtix6s s. Stoic. vet. fr. coli. v. Arnim 
n 63 ff.). Auch das Verbum äTtoipaivetv ist dem Ep. sehr ge- 
läufig und zwar nicht bloß als 'aussprechen', 'erklären' sondern 
auch in der Bedeutung- -'«inen zu etwas machen' (I' 12, 32; 
m 24, 32; vgl. W. Schmid, Atti«., IV 394). Im erateren Sinn 
finden 'wir das Verbum auch im Alten Testament etlichemal 
und in Epist. ad Diog. 8, 3. 

diTcox^ 'Enthaltung' 
SpätgriechLsches Wort, bei Ep. und M. Aurel je einmal. 
Welche Bedeutung die Enthaltsamkeit für Ep. hat, zeigt das ge- 
■ flügelte Wort Av^xoo xai &7tiy,ov (Fragm. 10 Scheukl ^179 Schw.). 

Das Wort TTQoalQBmg, als Bezeichnung des spezifisch 
menschlichen Vermögens der freien Selbstbestimmung, mit 
seinen Derivaten bildet sozusagen den Grundstock der epik- 
tetischen Psychologie. Im Neuen Testament und bei P fehlen 
diö Wörter ganz, im Alten Testament kommt nQoal^Eatg in 
der Bedeutung 'Anschlag', 'Vorhaben' mehrmals vor. 

&7tq6ift(aroi 'unentwegt' s. äriiMxiÖTijg 

&Qqdiotri(ia im ethischen Sinn 'Sucht' 

. Stoische Bezeichnung eines habituell gewordenen ndd-og, 
noch schlimmer als das vöaritia ("Hang"). Siehe B * Keg. Im 
Alten Testament ist das Wort im physischen Sinn bei Sirach 
gebraucht, wälirend sonst ^Q^mmla die Krankheit bezeichnet. 

- äaxr^aig im ethisch -pädagogischen Sinn s. äftelhT^zog 

Das Wort findet sich im Alten Testament nur IV Makk. 
und bei P nur Mart. Pol. 18, 2. 



236 Adolf Bonbaffer 

Einmal bei Ep. 'Inneriicli nicht beistimmend* (II 8, 21), 
entsprechend der Bedeutung, in welcher er av/iTta-^tiv ge- 
braucht (s. dies Seite 212). Zu dem dort Gesagten trage ich 
nach, daß Ep. zwischen avfifca^eiv und avfindaxfiv genau zu 
unterscheiden scheint, insofern das erstere psychologische, das 
letztere ontologische Bedeutung hat, d. h. den physischen oder 
nnbewußt inatinktiven Zusammenhang der Wesen und Dinge 
bezeichnet. 

Mit diesem Wort hat es eine eigene Bewandtnis bei Ep. 
Die Bedeutung 'mühelos' oder, mehr subjektiv gewendet, 'nn- 
beknmmert', 'leichtsinnig', in welcher es im klassischen Sprach- 
gebrauch (Thuc, Aristoph.) erscheint, tritt hei ihm nicht 
deutlich hervor: das Wort enthält einen stärkeren sittlichen 
Tadel und bezeichnet einen Menschen, der keine Mühe auf 
sich nehmen, nichts ertragen mag, ist aJso am ehesten mit 
'weichlich' wiederzugeben, wie es denn gern mit ösd6g oder 
diiödgeffTOs ('mißvergnügt', 'unzufrieden^ verbunden ist. Anderer- 
seits hat es auch wieder eine mitleidige Färbung und be- 
zeichnet, wie das positive -rcAc/nrwpoe, den 'Elenden' Ober- 
haupt, wenn auch mit verächtlichem Beigeschmack als den, 
der sein Elend verdient. So möchte man fast annehmen, das 
a sei nicht privativ, sondern verstärkend zu verstehen, falls 
nicht an den betreffenden Stellen die Lesart taXaimoQos richtiger 
ist. Dieses letztere mit Derivaten kommt bekanntlich im 
Alten und Neuen Testament und bei P vor. 

äTäQaxog 

Bei Ep. sehr geläufiges Synonymen von (Joto^tjc; und &^d- 
3-tia. Die klassische Form des Adjektivs ist ätd^axcog. Der 
Begriff spielt übrigens nicht bloß io der Stoa, sondern auch 
bei Epikur eine Rolle, ja eigentlich bei allen nacharistotelischen 
Schulen, denen allen die Philosophie ein Mittel zur Sicherung 
des persönlichen Glückes ist. äjäQoxog kommt auch in den 
alttestamentlichen Apokryphen und I Clem. 48, 4 vor. 



Bpiktet und du Nene Teat&ment 237 

&TOVOS, StTOvla 
(evtovla, TÖvoe, ^rzovogunä tävea^ai, im physikal., physiolog., 
und psychoIog. Sinn 'gespannt auf etwas gerichtet sein') 
T6vos ist ein spezifisch stoischer Begriff, der zunächst 
physikalische, weiterhin aber auch psychologische und mora- 
lische Bedeutung hat, hei Ep. vorwiegend die letztere. So 
spriclit er von döyfiata Stova, kraftlosen Grundsätzen, die nur 
äußerlich angelernt sind, von einem TtSvog der Seele, d. h. der 
'Spannkraft', mit der sie sich auf irgend ein Ziel wirft. Dieser 
tövog ist an sich notwendig uud lobenswert, aber nur, wenn 
er auf vernünftiger Überzeugung beruht: so wird er zur e(J- 
Tovla, während ein ungesunder Tiivog eigentlich &iovia, 'Schwäche' 
ist (II 15, 2 ff.). Im Alten Testament findet sich Atoveiv und 
%6voq, letzteres in IV Makk. ganz im Sinne der stoischen 
Physik. Bei P werden die Begriffe nur im Hermas ange- 
wendet, und zwar sowohl %6vag als ärorag mit Beziehung auf 
den Teufel, dessen Macht und Dränen für den Gläubigen 
kraftlos ist (Mand. XII 6, 2 und 4, 7). Das Adverb eßrrfvws, 
'energisch', 'heftig" steht zweimal bei Lukas (23, 10 und 
Acta 18, 28). 

&TVxia, diu'xij^a (iiuffTt>X'äSj £^TV);»}s) 

Alle diese von tixv abgeleiteten Wörter, die in der grie- 
chischen Sprache aller Zeiten so vielgebraucht sind und in 
der Stoa, allerdings mehr innerlich gewendet, besondere Be- 
deutung erlangt haben, auch tiIx»? selbst, fehlen im Neuen 
Testament, auch bei P, wohl nicht zufiLllig; denn die Religion, 
die alles von dem persönlichen Eingreifen eines Gottes er- 
wartet, meidet jeden Anklang an die ihr unfromm erscheinende 
Vorstellung einer Tyche. Im Alten Testament kommen ein- 
zelne dieser Wörter, aber selten und vorwiegend in den 
helleniaierenden Apokryphen vor. Bei P fehlt lux»; mit seinen 
Derivaten vollständig. Die Ausnahme im Martyrium Polyk. 
bestätigt nur die Regel und zugleich die soeben gegebene 
Erklärung: denn ti>x>! kommt hier vor nur in der den Abfall 
zum Heidentum ansinnenden Persekutionsformel Snoaov i^v 
Kaiaa^oe "'X')»' (9. 2 U. ö.). 



238 Adolf Bonhüffcr 

aiTE^ovaiog 'selbstherrlich', 'unabhängig:' 
Ein Wort der späteren Gräzität, ohne Zweifel durch die 
Stoa aufgekommen, in deren Gedankenkreis es jedenfalls vor- 
trefflich paßt. Der früheste Zeuge ist, soviel ich sehe, der 
Lehrer Ep.'s, Musonius, der die Seele, speziell die Siävoia, frei 
und selbstherrlich nennt Im 4. Makkabäerbucji, das aber 
wohl später ist als Musonius, kommt, einer Lesart zufolge, 
aiie^ovoiöiijs vor. 

Von der inneren Ruhe und Heiterkeit des Gemüts schon 
bei Piaton, dann aber namentlich von den Stoikern, am 
häufigsten bei Mark Aurel gebraucht. Das gerne damit ver- 
bundene Wort sidia kommt bei Matthäus im buchstäblichen 
Sinne vor. 

y evi/alog s. äyeyyijg. 

Im Sinne von 'geistige Verfassung', 'Gemütszustand' schon 
der klassischen Gräzität bekannt, doch bei der Stoa zum 
ierminus technicus entwickelt und von t^ig, das vorwiegend, 
nicht ausschließlich (vgl. Hebr. 5, 14) von physischen Zuständen 
gebraucht wird, unterschieden: Im Alten Testament in obiger 
Bedeutung nur in den Makkabäerbüchern. 

Dieses Verbum hat eine ganz ähnliche Bedeutung wie 
öiari&tG&ai (didS'eaig) und kommt weder im Neuen Testament 
noch bei P, im Alten Testament ebenfalls nur in Makkabäer 
vor (vgl. W. Schmid, Attiz. IV 150). Auch dieses ist bei der 
Stoa besonders beliebt und findet sich, nicht bloß bei Ep. und 
M. Aurel (bei letzterem namentlich didO^eaig häufig), sondern 
auch bei Hierokles und {di(x&iaig) bei Kornutos. 

ötag&QÖiii etc. S. äöiäQ-^gtiiros 

6tii%voig 

Das Verbum in der Bedeutung 'sich ergötzen' (eigentlich 
in Lust zerfließen) geht auf Piatons Symposium zurück; bei 



Epiktet und dag Nene Testament 239 

den Stoikern wurde es und besonders das Substantiv äiäxvoig 
zum psychologischen Terminus (s. B^ Reg.). Znr Zeit Ep.'s 
war übrigens diax^o^iai in der Bedeutung 'sich zerstreuen^- 
'sich erheitern' sehr gebräuchlich ; PhÜostratos gebraucht sogar 
das Aktiv in diesem Sinne (W. Schmid, Attiz. IV 249). 
M. Aurel spricht in einem etwas weiteren Sinne von x^'^^S 
und öidxvaie i^g Siavoiai; an einer für die physiologische 
Psychologie äußerst interessanten Stelle (VIII 57). Im Alten 
Testament ist öiaxelv durchweg im buchstäblichen Sinne 'zer- 
streuen', 'verbreiten' gebraucht, wie z. B. auch bei M. Aurel 
(TV 27). 

Soviel ich sehe, erstmals bei Teles nachweisbar, dann von 
Polybios an gebräuchlich und zwar mit aktiver Bedeutung 
'durchführen', 'erledigen', 'beilegen'. Bei Ep. ist das Wort sehr 
häufig, aberwiebeiTeles durch weg intransitiv'leben', 'existieren', 
'sieh verhalten', so daß als Objekt t'ov ßiov oder %q6vov in 
Gedanken ergänzt werden muß. Ebenso Öte^a^'wjTJ 'Existenz', 
'Lebensweise', häufig mit (pvmg verbunden (z. B. avjÄtpwvos 
öie^ayw/ij tß (pvaei I 6, 21). Sozusagen metaphysische Be- 
deutung erlangt das Substantiv bei M. Aurei, der die Su^ayiuyi^ 
als Dauerzustand der ä^xv ui3 ändlri^ig entgegenstellt {VIII 20). 
Im Alten Testament kommt das Verbum etlichemal und zwar 
sowohl transitiv als auch intransitiv vor. 

Ärfgö 'Meinung' 

Dieses Wort, im Altfn und Neuen Testament and bei P 
zu den meistgebrauchten gehörend, kommt doch nirgends in 
der von Piaton an in der griechischen Philosophie heimischen 
Bedeutung der (bloßen) 'Meinung', beziehungsweise im erkenntnis- 
theoretisehen Sinne als Gegensatz der dX^&eia vor. Der Grund 
hierfür liegt auf der Hand. (Vgl. auch Jo|rf?w S. 203.) 

Wörter der attischen Prosa (W. Schmid, Attiz. I 260), 
von Ep. gern in Vergleichen zur Veranschaulichnng der inneren 



240 Adolf BonhöSer 

Knechtschaft des Nichtphilosopheii verwendet Im Alten 
Testament finden wir dpcnr^rijs einmal, im buchstäblichen Sinne 
(n Makk. 8, 3&). 

Svaa^Botib), SvadQsarog 'unzufrieden', 'mißvergnügt' (sein). 
Während eda^eaiiai und edügsatog im Neuen Testament 
nicht ganz fehlt (s. S. 206), kommt der entgegengesetzte Be- 
griff in den heiligen Schriften nicht vor. Da sich die dvaaQiairjais, 
jedenfalls im epiktetischen Sinn, schließlich gegen das Welt- 
regiment selbst richtet, so erklärt sich das Fehlen des Begriffs 
in der Bibel vielleicht dadurch, daß die Freiheit der Selbst- 
gegenüberstellung fehlt, welche die Voraussetzung jener 
dvatx^eanjaig bildet. 

{t^QQia etc.) 

Beliebte stoische Ausdrücke zur Bezeichnung des 'Übel- 
beftndens' und 'Wohlbefindens* im prägnanten ethischen Sinn, 
verwandt mit •yah]vri und eiiSla und als Synonyma gerne ver- 
bunden mit den Begriffen evzv%tly, ei>aia&slv und dergleichen. 
Wenn eS^oia von den Attizisten vornehmlich im rhetorischen 
Sinne vom glatten Fluß der Rede gebraucht wurde, so erblickt 
W. Schmid hierin eine Übertragung aus dem stoischen Sprach- 
gebrauch (IV 175). Es durfte jedoch die Grundlage für die rhe- 
torische Bedeutungschon im platonischen Phaidros gegeben sein. 
ivarvx'js S. ärvx^S 

Dieses schon den Tragikern gewohnte Wort scheint, wie 
auch &7toxa^T£ff£ly, später die spezifische Bedeutung 'sich zu 
Tode hungern' bekommen zu haben (Cic. Tusc. I 34). Im 
Alten Testament kommt es in der Bedeutung 'ausdauern' (im 
Leiden) einmal vor (IV Makk. 14, 9). Das Simples xa^te^elv 
gebraucht der Hebräei-brief. 

eixalog S. Aveixai^Trjg 
ixxi.iaig, ixKltttKÖg 

(dQSXttxög) 

Diese Begriffe haben für die epiktetische Psychologie und 
Ethik fundamentale Bedeutung: die erste Stufe der philo- 



Epiktet nnd das Keue Testament 241 

sophischen Bildung besteht darin, daß man die ^nxXiais und 
H^s^ig richtig gebrauchen, d. h. auf die wahren Übel und 
Guter richten lernt. In dieser umfassenden Bedeutimg kommen 
die Begriffe natürlich in der Bibel nicht vor, außer in den 
alttestamentlichen Apokryphen Öge^is. Im gewöhnlichen iSinne 
ist dem Neuen Testament Ex,xkiviü, d^iyofiai und oQtcig nicht 
unbekannt (s. S. 204 und 209). 

ixksxTix^s s. iTtenl^yofiat und Seite 204 unter »x/.dj'fj. 

sTinTwaig 'Fall', 'Entgleisung', 'Verirrung' 
Das Verbnm hitbttHp tivög in übertragenem Sinn 'einer 
Sache verlustig gehen' ist auch dem Neuen Testament bekannt 
(Gal. 5, 4 T^e x^äptios). Das Substantiv finde ich in diesem 
Sinne nur bei Ep.: er wendet es auf die Medea an, deren Ver- 
zweiflungstat er interessant vom stoisclien Standpunkt aus be- 
urteilt und exTiTiiiatg ipvxfjg fieyäf.a rev^a ixovorii; nennt (II 17, 21). 

kxTtvQaiatg 'Verbrennung' 

Der bekannte Ausdruck für die stoische Lehre vom Welt- 
brand, d. h. der Auflösung des Kosmos in das Element des 
Feuei-s. Die Sache selbst, freilich auf Grund einer ganz aiidej-en 
Vorstellung, und auch das Wort nvqovßt^at kommt auch im 
Neuen Testament II Petri 3, 10 ff. vor. Wenn irgend eine 
Lehre der Stoa sich dazu eignete, allgemein bekannt und be- 
achtet zu werden, so war es diese Lehre Ton der Ekpyrosis. 
Das Verbum hxTiv^ovv 'anzünden' {W. Schmid, Attiz. IV 3.Ö2) 
findet sich 11 Makk. 7, 3 und 4. 

Das Wort kommt bei Ep. in zwei Bedeutungen vor, erstens 
in der auch sonst bei späteren Schriftstelleni sich findenden Be- 
deutung: 'fertig', 'geübt' (III 24, 78), zweitens in der zum 
stoischen Terminus 'i^ig gehörigen Bedeutung 'liabitueir. Bexr. 
%^Lg s. a. äiää^iütg. 

ixxQOTtr] 'Abweichung', 'Verirrung' f gelinderer Ausdruck 

für exmtaotg) 

Ein gut attisches Wort. Das Verbum UzQi^rofiai kommt 
in den beiden Bedeutungen und Konstruktionen, die es bei 
Ep. hat (1. 'einen meiden", 2. 'sich zu etwas versteigen', 'wohin 

lunefonseeflchiclitllche Versuche n. Vorarbeiten X, 16 



242 Adolf Bonhöffer 

abirren'), auch im Neuen Testament, aber nur in den Pastoral- 
briefen vor, 

IXäTTMfia 'NaehteiF, 'Mißerfolg' 
Ein Terminus der stoischen Güterlehre, hänfig bei Pplybios, 
als Gegensatz zum xaTÖQd-wfia. Das Wort kommt auch in 
den alttestam entliehen Apokryphen und Herinas Sim. IX 9, 6 
in der Bedeutung 'Nachlaß', 'Niederlage', 'Defekt' vor (vgl. 
W. Schmid, Attiz. IV 353). 

Seit Piaton, beziehungsweise Sokrates ist die e^.tj'^fg, die 
dialektische Überfährung der Irrenden, eine Hauptfunktion 
des Philosophen. Ep. unterscheidet einen TtQotQSTTrixög, l}:£yxtiy.6s 
und diÖaaxah-Kog xaqamri^ unter Ablehnung eines vierten, des 
Ini8u-A.i:iit6q. Typus des zweiten ist ihm Sokrates, des dritten 
Zenon und Chrysiijpos, neben welchen er noch einen besonderen 
/a^öJtTiJß, nämtieh den ßaadixös und i7ti7ti.rixrix6s für den 
Kyniker bereit hat 

llxvoTixög 'verlockend', 'verführerisch' 

Die Stoiker nannten das (pävtaa/sa (die willkürliche oder 
krankliafte Einbildung) einen öidixevog eXxvaftbs ti^s öiavoiag. 
Dem entsprechend redet Ep. von la IkxvaTtxä xai Tii-d-avd oder 
von den Trtflai'dnjTsg [tQv ■n^ayfidiiov oder tSJv Xöyiav) und meint 
damit alle die in dem täuschenden Schein der Dinge oder 
Reden liegenden Anreize zu falschen Vorstellungen und Ur- 
teilen, denen durch die Schulung der avyxaTd&eaig begegnet 
werden muß (III 12, 14). Die Wörter kommen weder in der 
Bibel noch bei P vor; nur Tzt&avoXoyia findet sich im Kolosser- 
brief (s. S. 211). 

kfi7to6il,oi.tai 8. &vayx6t,o^iai 

ivavTiöiijg 'Gegensatz' 
Schon von Piaton gebraucht. Wenn Ep. an der betreffenden 
Stelle (I 12, 16) unter den Beispielen von Gegensätzen, die 
zur Harmonie des Alls erforderlich sind, auch «pwi; und xctr-ia 



Epiktet und daa Nene Testament 243 

nennt (S. 28), so ist damit einer der tiefsten Gegensätze 
zwischen stoischer und christlicher Anschauung berührt. 

ivciffy^g 'klar', 'einleuchtend' 
Dieses Wort hat in der stoischen Erkenntnistheorie, ebenso 
aber auch in der akademischen Polemik gegen dieselbe eine 
große Bedeutung erlangt; die Stoiker glaubten an eine ge- 
wisse, jedem gesunden Gefühl sich unwillbiirHch aufdrängende, 
beziehungsweise jedem Unbefangenen durch philosophiselie , 
Belehrung beizubringende Überzeugungskraft des Wirklichen 
und Wahren (s, B ^ Eeg.). Wenn das Wort in der Bibel und 
bei P fehlt, so ist wohl der Grund nicht bloß darin zu suchen, 
daß es ein attisches Wort ist, sondern auch weil das Interesse 
an der verstandesmäßigen Erkenntnis der Welt dort zu wenig 
entwickelt ist. 

sfOraaig 'Vorsatz* 
Dieses Wort, nicht zu verwechseln mit dem spezifisch 
stoisclien Terminus hair^^ia ('Hindernis für die richtige Wahr- 
nehmung'), im nachklassischen Griechisch in verschiedenen 
Bedeutungen ('Einleitung einer Aktion', 'Einwarf') gebraucht, 
hat bei Ep. an den drei Stellen, an denen es vorkommt, stets 
dieselbe, sonst, soviel ich weiß, nicht belegte Bedeutung 'Vor- 
satz', speziell in dem Sinne eines persönlichen Lebensvorsatzes. 
Sie läßt sich jedoch wohl als eine Nuance der erstgenannten 
Bedeutung verstehen: wörtlich übersetzt ist es das Sich- 
einstelien (auf ein bestimmtes Lebensziel). 

^vzovoq s. &VOV0S 

livTQe7tTix6v, t6, 'das moralische Gefühl' 
Das Wort IvrQijtij} in der Bedeutung 'beschämen* ist, wie 
wir sahen (S. 204), auch dem Neuen Testament nicht unbe- 
kannt, ebensowenig dem Alten Testament und P. Dagegen 
finde ich für die verallgemeinerte und vertiefte Bedeutung, 
welche es durch das von Ep. gebrauchte Verbalsubstantiv 
(S. 156) erhält, keinen sonstigen Beleg. 

Kunstausdrücke der stoischen und skeptischen Philosophie, 
die 'Zurückhaltung' des Urteils bezeichnend, welche für den 

16>' 



244 ^^olt BonhSfler 

Skeptiker durchweg, für den Stoiker nur Tt^hg za äSijXa Pflicht 
ist. Das Verbnm ivc^xw Ündet sieh in den verschiedenen sonst 
gebräuchlichen Bedeutungen auch in der Bibel. 

In der stoischen Schulsprache neben TtQÖS-eais, ^ropcmteinj 
eine Spezies der öp^ij, d. h. des auf das Handeln gerichteten 
Triebes, von Cicero mit conatws wiedergegeben, also 'Versuch', 
'Anschlag*. Während sitißoX-^, abgesehen von einer zweifel- 
haften Lesart in II Makk. 8, 7 in der Bibel nicht vorkommt, 
sind ?röpao5c«jjJ und im Neuen Testament 7i^69eais nicht eben 
selten (s. S. Sfll), ebenso die dazugehörigen Verba, nur natür- 
lich nicht in dem festgeprägten stoischen Sinne. Bei Hernias 
Sim. VI 3, 5 dagegen steht hitiß&XlEa&ai in der Bedeutung 
'etwas angreifen', 'anfangen'. 

iTtiyivvfina 'Nebenprodukt', 'Begleiterscheinung' 

Wiederum ein spezifisch stoisches Wort, das in nuce die 
ganze stoische Moral enthält: Lust, Freude sind nicht letzte 
Zwecke, sondern nur aceedentia der naturgemäßen Tätigkeit 

iTtivevü) s. ävaveiu) 

iniitXoxi^ 

((TvftTcXoK^, avfi(f>v^g, (Jwayijg) 

Bei den Stoikern beliebte Wörter zur Bezeichnung der 
engen Verbindung der Wesen des Alls, besonders der Menschen 
mit Gott. Ähnlich gebraucht Ep. das Wort axdoig, dieses 
jedoch mehr von den durch Natur und Abstammung gegebenen 
moralischen Beziehungen und Lebensverhältnissen. Diese 
vier Wörter finden sich weder in der Bibel noch bei P. 

Efitaz^fitj 

Daß dieses für alle griechische Philosophie grundlegende 
Wort im Neuen Testament fehlt, ist eines der deutlichsten 
Anzeichen seines prinzipiellen Gegensatzes zum Grieehentum. 
Im Alten Testament, das bekanntlich eine stark rationalistische 
Ader hat, ist das Wort häufig; auch bei P tritt es wieder 
auf (Hermas und Barnabas). 



Epiktet und dae Nene Testament 245 

eTtlOTQOtpl} 

Bei Ep. Kelir häufig und zwar fast ausschließlich im Sinne 
von 'sich bekümiiierii um etwas', meist mit Genitiv konstruiert; 
das Verbum ist auch im Neuen Testament häufig, aber iu 

anderen Bedeutungen als bei Ep. 

efcitjjösv /ici 
Dieses keineswegs spezifiscli stoische, vielmehr allgemein 
übliche Wort fehlt im Neuen Testament, während es im Alten 
Testament ziemlich häufig ist. Dies illustriert die Verschieden- 
heit des Spraciieharakters der Septuaginta, welche bei ihrer 
Übertragung aus dem Hebräischen auf die griechisch redende 
Welt Ettcksielit nimmt, während dies im Neuen Testament im 
großen Ganzen nicht der Fall ist 

sfrixei^Tjfia 'dialektischer Kunstgiiff' 
Kommt im Alten Testament einmal vor in der allgemeinen 

Bedeutung 'List', 'Verffihrungskunst' (Sir. 9, 4). 

Daß der griechische ?pws bei den Juden und noch mehr 
bei den Christen verpönt war, versteht sich von selbst. Immer- 
hin wird igaai-^g im Alten Testament noch unbefangen auch 
im edlen Sinne gebraucht, im Neuen Testament und bei P 
fehlt auch dieses ganz. 

ste^oxltvQg e'xw 'nach einer Seite hangen' (in tadeln- 
dem Sinn) 

Im ethischen Sinn m. W. außer bei Ep. in der profanen 
Literatur nicht nachweisbar. Das Adjektiv kommt bei Xenophon 
und sonst vor in der Bedeutung 'abschlissig'. Merkwürdiger- 
vreise aber auch bei Clera. ßom., der die Abtrünnigen oder 
überhaupt die Ungläubigen, die Heiden, damit bezeichnet. 

evyyiöfiwv, tiyviufioovvij s. Ayviii/Kav 

siäal/iiiiv etc. 
(naxoSal^iaiy) 

Das gänzliche Fehlen dieses fiir die griechische An- 
schauung vielleicht bezeichneudsteu Wortes und seiner Derivata 



246 Aiio'f BonhöBer 

in der griechischen Bibel ist gewiß nicht zufällig, sondern 
hängt mit der instinktiven Scheu vor dem Begriff dai/ituv zu- 
sammen, mit welchem der Jude und Christ sich nichts Gutes 
verbunden denken konnte. Bei P findet sich einmal, und zwar 
in dem Brief an Diognet, das Verbum evöaifioveio. 

eii.6yi.aTos, evXoyiaziia s. äloyiartng 

e^Xoyog 
Auch der X6yog im griechischen Sinn lag dem semitischen 
Denken fern ; deshalb fehlt auch das in der Stoa so wichtige 
Wort ^loyog im Neuen Testament, ebenso in der Septuaginta 
bis auf eine einzige Stelle im I. Makkabäerbuch. Es gesellt 
sieh hier freilich der weitere Grund hinzu, daß das gleich- 
lautende Wort eif-oysiv (evXoyla) mit seiner ausgesprochen 
religiösen Bedeutung ('segnen') in der Bibel so überaus häufig 
ist. Bei P taucht es dann vereinzelt auf. 

ti;XvTos leicht zu lösen oder abzustreifen' 
Das Wort, das auch dem klassischen Griechisch nicht 
fremd ist, bekommt bei Rp. eine besondere, mehr nach innen 
gewendete Bedeutung. iJdvra (vXi.ta elx^v, so charakterisiert 
er den Diogenes in seiner souveränen Freiheit {IV 1, löS): 
die Dinge, d. h. die äußeren Güter müssen für uns leicht ab- 
streifbar sein, wir dürfen das Herz nicht dran hängen; anders 
gewendet: wir müssen alles ivXikiag, d. h. 'willig* hergeben, 
wenn es Gott zurückfordert (IT 16, 28). Nach Teles (38, 6 H) 
stammt das Bild von dem Kyniker Krates; auch Kornutoa 
und M. Aurel gebrauchen das Wort wie Ep. 

ev^eaiXoyla, 'Ausrede', 'Finte* 
Ein Wort der späteren Gräzität, vor Polybios, wie es 
scheint, nicht nachweisbar. Der Stoiker Kornutos hat das 
Adjektiv tvgeolXoyog. 

Bi)QOta, ^qoioi, tipoug S. öva^ota 

eöaräd-eiaf svata-drjS, eiatai^iiü 
Der Begriff spielt bei Epikur eine Kolle, wurde aber auch 
von den Stoikern angewendet, in entsprechender Sublimierung. 
Bei Ep. sind die dazu gehörigen Wörter beliebte Synonyma 



Epiktet «od das Neue Tesfament 247 

Ton &7td&eia. äxa^a^la und iv^otct. Im Alten Testament 
kommen sie besonders in den Apokrj'phen vor, meist von der 
äußeren 'Wohlbestelltheit' oder 'Beständigkeit'; auch bei P 
nicht selten und hier auch ina Ethische gewendet. 

iizovlct s. äioroi; 

siTvxr/S- ^v^vyjio etc. s. &Tvx^'jg 

eiipv^g 'begabt', 'gut veranlagt' 
Das attische, im engeren Sinne gut giieehische Wort ist 
auch dem Ep. sehr geläutig. Im Alten Testament kommt es 
nur vereinzelt vor. 

e<pafffi6tu), sfpag/ioyij 'anpassen', 'anwenden auf' 
Wichtige "Wörter bei Ep. und zwar stereotyp in der Ver- 
bindung mit iT()dlijV*S von der richtigen Anwendung der naiür- 
lichen Begriffe auf die eiuzelnen Gegenstände oder Vor- 
kommnisse, in.sbesondere von dem (richtigen) Werturleil, das 
eben die Philosophie lehren soll (vgl, M. Aurel V 12). Jm 
Alten Testament nur in IV Makk. in buchstäblichem Sinn. 

l^exTixSig S. ine%ia 

iq>isfiai, '€q>Boig 'Begehren' 
Bei Ep. ein ziemlieh häufig gebrauchtes Synonynion filr 
die 'ÖQt^ie, d. h. das neutrale Begehren im Unterschied von 
dem verwerflichen, leidenschaftlichen, das die Stoiker eTti- 
^ufUa nennen. 

sipOQäd) 'beaufsichtigen' 
Ep. gebraucht dieses Wort von dem umfassenden Welt- 
bewußtsein und dem stetigen fürsorglichen Interesse der 
Gottheit an allem, was in der Welt vorgeht (I 14 Titel ö'k 
jtdvia erpoqä %b ä-elov). Hier ist einer der Punkte, wo sich 
Ep.'s religiöse Anschauung sehr nahe mit der Bibel berührt. 
Das Verbum, das im Alten Testament häufig, auch von Gott, 
gebraucht wird, fehlt im Neuen Testament, vielleicht weil es 
mit seinem Evangelium der Menschwerdung Gottes und der 
innigen Verbindung Gottes mit der Menschheit weniger In- 
teresse hat an dieser doch mehr die Ferne als die Nähe aus- 
drückenden Vorstellung des eipoQäv. 



248 AdoU BonhOfEer 

Erst in der nachklassischen Periode häufiger, bei Ep. neben 
ip9-ovelv etc. eines der gewöbnlicheren Dokumente mangelnder 
ethischer Bildung. Im Alten Testament merkwürdigerweise 
nnr Num. 5, 15 in der Verbindung &^vaiix t,yil.o%vKi<xs; bei P 
nur in dem Laaterkatalog Did. 5, 1. 

■^yefiQVfxöv, 16, 'das seelische Zentrum' 
Eine der fruchtbarsten sprachlichen Neuschöpfungen der 
Stoa, in welcher sich die Tendenz zu einer einheitlichen Auf- 
fassung der menschlichen Persönlichkeit einen Ausdi-uck ge- 
geben hat. Das Ttvsv/ia ^ya/ioi'i.xöv in Psalm 51, 14 {und I Clem. 
18, 12) als Übersetzung von 2'-!j nn hat jedenfalls mit dem 
stoisclien ijy€fioviiK6v nichts zu tun *, 

ijfieQog im etliischen Sinn 
Diese Eigenschaft ist neben xoivaivixög und qnlälkijXos 
einer der wesentlichsten Faktoren des epiktetischen Ideal- 
menschen, Im Alten Testament und bei P kommt das Ad- 
jektiv etliche Male vor. 

S'd^Qaleog "zuversichtlich", 'getrost' 
Von dieser Eigenschaft gilt dasselbe; sie bildet bei Ep. 
einen Gegensatz zu siXaß^s Cvorsichtig', 'bedächtig'), der aber 
die Vereinigung beider Eigenschaften in einem Subjekt nicht 
ausschließt, da das Gebiet des &a^^aX^ov das Äußere, das des 
evXaßeg das Innere ist (II 1 Titel: üti od fiäxetai rb Äo^^ef» 
Tq> liXaßilaS-ai). Das Fehlen des Wortes im Neuen Testament 
ist von keinem Belang, da ^a^gelv und ^dgaos ihm .nicht fremd 
ist. Im Alten Testament findet es sieh übrigens auch nnr in 
in u. IV Makk,, bei P nicht. 

&£oxöXw'cog 'gottverhaßt' 
Ein singuläres Wort-, soviel ich weiß, außer Ep. nicht belegt, 
ihm aber auch besonders gut anstehend und für sein religiös- 
ethisches Pathos bezeichnend; er gebraucht es auch nur im 



^ Wer 3'i] mit ^yiunvitor übersetzte, Teratand entweder das hebräiache 
Wort nicht im ainne von 'willig', wie es Kantzsch überaetat, oder wußte bo 
wenig Griechiscli, daß er jjytfiovmös passiT C einer, der Bieh leiten läßt'} faßte. 



Epiktet nnd das Nene Testament 249 

höchsten Ernst und angesichts einer ans Frivole grenzenden 
Leichtfertigkeit K 

S^E(u^tjfia 'wissenschaftliche Lehre' 
Das Fehlen dieses, der wissenschaftlichen Sprache an- 
gehörigen, nach W. Schmid (Ättiz. IV 360) der späteren Gräzität 
eigenen Wortes in der Bibel hat nichts Auffallendes. Bei Ep. 
ist es ziemlich häufig; die Geringsehätznng, welche in der 
ebenfalls bei ihm vorkommenden Diminutivform {S-eia^fiänov) 
liegt, gilt natürlich nur der eiuseitigeu Betreibung der Theoiie 
ohne praktische Befolgung. 

TtaKoSai fiaiv s. eiöalftioy 

xaloxäya&la 

Dieses spezifisch griechische Wort fehlt natürlich in der 
Bibel. Die Ausnahme (IV Makk.) bestätigt die Regel, da 
dieses Buch ganz mit hellenischen Ausdrücken operiert. Höchst 
bezeichnend für das allmähliche Eindringen des Hellenismus 
in die urchristliche Literatur ist Igu, ad Eph. 14, 1 : in echt 
paulinischem Geist wird Glaube und Liebe als <ipj^ xal zelag 
des christlichen Lebens bezeichnet, aus welchen alles andere, 
was zur xaXox&yaO-ia gehöre, von selbst sich ergebe. 

x«z"(f Aiji/'is, xcnalrjjrtixög S. &x((j:äh^7CT0S 

xf(X(£A/ ijAoi; s. &xaTÜlkiji.og 

xaioQ^öiD, xaTÖQdiufta im ethischen Sinn 
Wiederum eine der bedeutungsvollsten sprachlichen Neu- 
prägungen der Stoiker. Ohne von der gebräuchlichen Be- 
deutung, welche das Verbum schon im klassischen Griechisch, 
das Substantiv von Polybios an hatte, eigentlicli abzuweichen, 
haben sie doch etwas ganz Neues daraus gemacht, indem sie 
das 'gute Gelingen und Vollbringen' aufs ethische Gebiet über- 
tragen und dadurch, unterstützt durch den Anklang an den 
Uyns oQ96q, den Begriff einer nach Inhalt und Form guten, 

' Die Ättiter sagen dafür 3ttiis iy^&oäs (L. Schmidt aaO. I 236), Es 
wird kaum nötig sein za bemerken, daß aus dem Gebrauch des Wortes 
<teä/,ui.o'7o;, das aUerdiugs einen anthroporaorpten Gott yoransaetzt, nicht 
geschlossen werden darf, daC auuh Ep. aeiuem Gott den AKekt des Zomea 
beilej'en wollte. 



250 Adolf Bonhöffer 

'sittlich vollkommenen Handlung' herausbringen. Die einzige 
Stelle des Neuen Testaments, wo ■ica-cÖQO'Mfia, übrigens in un- 
sielierer Lesart, vorkommt (Acta 24, 2), hat nichts mit dem 
stoischen Begriff zu tun, ebensowenig der Gebrauch des Verbums 
(und in Makk. 3, 21 des Substantivs) im Alten Testament 
und im Pastor Hermae. Letzterer streift zwar nahe daran 
und ist überhaupt stark hellenistisch beeinflußt ' ; aber den 
prägnanten und absoluten Gebrauch des Wortes in der Stoa 
kennt er nicht. 

Dieses obszöne und nur dem Griechen recht verständliehe 
Wort gehört leider (ohne seine Schuld) auch zum sprachlichen 
Repertoire Ep.'s, 

xlvtjfta, yUvt}ai.g 

Die Stoiker, wenigstens Ep. und M. Aurel, gebrauchen 
diese Begriffe nicht bloß im herkömmlichen Sinne von physi- 
kalischen oder sozialen, sondern mit Vorliehe von seelischen 
Regungen und Bewegungen (s. B- Eeg.). Nur die spätesten 
Bücher des Alten Testaments zeigen eine Annäherung an diesen 
Gebrauch. 

laß^ 'Griff', 'Handhabe' ■ 
Ep. gebraucht das Wort in dem vonderPalästra stammenden, 
von da aufs ethische Gebiet übertragenen Sinne 'Angriffspunkt', 
■Angriffsfläche' (W. Sehmid, Attiz. III 134). So sagt er von 
Diogenes, er habe alle kaßai der äoulsin abgetan gehabt 
(IV 1, 152); ferner, jedes Ding habe zwei Xtxßai {'Anfassungs- 
weisen'), eine, nach der es zn ertragen und eine, nach der es 
nicht zu ertragen sei (Ench. 4S). Im Alten Testament findet 
sieh das Wort einmal in der buclistäblichen Bedeutung 'Griff', 
'Knauf (Jud. 3, 22). 

A^^tg 'mündlicher Ausdruck' 
Im gewöhnliehen Sinne 'Wort', 'Rede' kommt iJ^ig auch 
im Alten Testament etlichemal vor. Ep. gebraucht es aber 
in dem bestimmten Sinne der Grammatiker von schwierigeren, 

' Ebenso urteilt J. Geffcken (aaO. 28: der von heUeniacher Eildiing 
beleckte Hirt des Hennas). . 



Epiktet und diis Neue Testameiit 251 

theoretischen Ausdrücken, die «iuerKrkläning bedürfen (11121,7). 
Die ^|«(c; sind sozusagen die Faktoren des ^ffipij^a und bilden 
mit diesem zusammen den von Ep. so sehr premierten Gegfen- 
satz zur ft^s^ig. 

}.ijfil.t tt 'Satz', speziell 'Vordersatz' im Syllogismus 
Dieses Wort ist noch mehr als dus vorige ein Terminus 
der Dialektik und deshalb in dieser Bedeutung in der heiligen 
Schrift nicht zu erwarten. In anderen Bedeutungen und zwar 
sehr verschiedenen ('Aussproch', 'Auflage^, 'G-eivinn') kommt 
es im Alten Testament nicht ganz selten vor, in der letzteren 
auch Herrn. Sim. IX 19, 3. 

Ep. bezeichnet mit diesem Diminutiv, wie mit O-m^r^fiäua, 
die ganze theoretische Seite der Philosophie, wenn es ihm 
darauf ankommt, das einseitig theoretische Strebertum zu 
brandmarken. Vgl. M. Aurel I 7, 1. 

Dieselbe theoretische Seite der Philosophie, sofern ihre 
Aneignung die unerläßliche Vorbedingung der praktischen 
Weisheit ist, nennt er /id-S-r^aig. Daß hierzu noch fiEkirri und 
äözijffig hinzutreten muß, wurde bei dem Wort äfitiJir^Tog erwähnt. 

^alvo^tctb Vasen', "verrückt sein' 
Nach der bekannten stoischen Hyperbel sind alle Toren 
oder Nichtweisen verrückt. Diese ethische fiavla ' kennt die 
Bibel natürlich nicht, denn sie beurteilt die Sünde oder sitt- 
liche Verwirrung ganz anders. Im gewöhnlichen physischen 
Sinn fehlt jedoch das Wort im Alten Testament nicht ganz; 
im Neuen Testament tritt an seine Stelle der Begriff der Be- 
sessenheit, das daifiorl^m^at u. dergl. 

fiavTSvofi ai, fiavTixi^ etc. 
Die Mantik spielte auch bei den Stoikern eine Rolle, ent- 
sprechend ihrer konservativen Stellung zur Volksreligion, Daß 
für sie aber in ihrem ethischen System kein rechter Piatz ist, 

' Schon Demosthenes ^braueht ans Wort /lavin zur Bezeichiiang 
eioe» hohen Maßes sittlicher Schlechtigkeit (L. Schmidt naO. 1 366). 



252 Adolf Bonhöffer 

ersieht man am besten aus Ep. In der Bibel wird das Wort 
mit seinen Derivaten ziemlich selten und auch im Alten 
Testament meist in mißbilligendem Sinn von abgöttischer 
Prophetie gebraucht; im Neuen Testament steht das Verbum 
nur Acta 16, 16 ebenfalls von widergöttlichem Treiben. Bei 
der Bedeutung der /rfo^ij«/« als einer Wirkung des heiligen 
Geistes versteht es sieh von selbst, daß das an die heidnische 
Praxis erinnernde Wort verpönt war. 

ftdxt} 'Diskrepanz', 'Widerspruch' 
Ep. gebraucht das Wort häufig von der objektiven 
Meinungsverschiedenheit der Menschen, ja noch abstrakter 
von dem Widerspruch der Dinge oder Gedanken überhaupt. 
Ob ft<ix>j in dieser Bedeutung vor Ep. nachzuweisen ist, kann 
ich niclit entscheiden, nachklassisch ist sie jedenfalls. 

Die Bezeichnung einer spezifisch griechischen Tugend, 
(s. Leop. Schmidt aaO. II 450 if.), die auch im Alten Testament 
nur in den spätesten Makkabäerbilchern sich findet. 

Während die ftavia bei den Stoikern die selbstverschuldete, 
etliisclie „Verrücktheit" ist, bezeichnen sie die physisch be- 
dingte geistige oder seelische Störung mit peAayzö^^«- Auch 
diese bekommt aber in der stoischen Ethik eine besondere 
Bedeutung, weil sie lehrt, daß der Weise auch im Zustand 
der Berausehtheit (aYrtomg) und der ^leXayxoXia nichts Unver- 
nünftiges begehe oder sage, eine von den Absonderlichkeiten 
der Stoa, in denen aber doch ein Körnchen Wahrheit steckt. 

fieXeiTj 'Einprägung' s. äfuX^rrjTog 

Bei Ep. nur in tadelndem Sinne, weil die Reue von den 
Stoikern unter die näO-ij gerechnet wird. An diesem Wort, 
das im Neuen Testament die Buße als Bedingung für den 
Eintritt ins Reich Gottes bedeutet, kommt der Unterschied 
der griechischen und nentestamentlichen Anschauung wieder 
besonders deutlich zum Vorschein. Auch im Alten Testament 



Epiktet und dns Neue Testament 253 

gilt die fieztivoia als etwas Lobenswertes, ja sie -wird sogar von 
Gott ausgesagt, der von seinem Zorn über die Mensclien abläßt. 

o'iijaig 'Dünkel', 'Blasiertheit' 
Bei Piaton einfach die 'Meinung' bedeutend bekommt das 
Wort in der späteren Giäzität die spezielle Bedeutung 'Dünknl', 
'Einbildung' (H. Diels, Herakleitos fr. 46). So gebraucht es auch 
Ep., ■£. E. I 8, 6 als Synonymon von Tür/^os, jedoeli mit der be- 
stimmteren Nuance, daß er darunter die intellektuell- et hi-^che 
Blasiertheit versteht, vermüge deren die Menschen glauben, sie 
kennen das Gute und Rechte auch ohne philosophische Belehrung, 
oder es fehle ihnen iiiclits zum Glück, wenn es ihnen nur im 
äußeren Lehen leidlich ergehe. Der entgegengesetzte Fehler ist 
die ä-rctoTia, d, h. die pessimistische Ansicht, es sei in dieser Welt 
überhaupt kein Glück möglich (III 14, 8J. Diese Beschreibung 
der *)(i;a(e erinnert sehr stark an deii nentestameutlichen Begriff 
der Selbstgerechtigkeit und geistigen Sattheit, die Jesus in 
der Bergpredigt und sonst bekämpft. M. Aurel gebraucht das 
Wort in ähnlichem Sinne. Im Aiten Testament und bei P 
kommt es nicht vor, 

otxeiöoftai, oixEtuiOi'i 

Die Begriffe sind den Stoikern sehr wichtig, da sie alles 
Handeln, also schließlich die ganze Ethik von dem Äufsnehen 
des ohüov d. h. des der eigenen Natur und Konstitution An- 
gepaßten, Förderlichen ableiten. Diese Anschauung wird am 
besten illustriert durch die beiden Sätze Ep.'s.; ,(i('« w'i f, ahi] 
äQxij nüalv lazir f; ngos avtct OtxU<ouiS (I 19, 15) und ?fßf 
Cqioy ov6evi oVrojg ^Mkojai t'ig rCo I6if;> avfifpeQovn (II 22, lö). 
Es ist deshalb ganz natürlich, daß in der ethischen Elementar- 
lehre des Stoikers Hierokles, welche sieh eben mit der em- 
pirischen Ableitung der Ethik abgibt, diese Eegrifle stark 
hervortreten ; auch dem U. Aurel sind sie gelüuflg. \\'"enn 
schon das Adjektiv oheio^ in dieser anthropologischen oder 
zoologischen Bedeutung im Neuen Testament nicht anziitrelfen 
ist, so fehlen begreiflicherweise jene spezifisch stoischen Wort- 
bildungen dort ganz, auch im Alten Testament und bei P. 



254 Adolf Bonhütter 

Nicht ZU verwechseln mit ohehnaig ist oUeiÖTtjs, das auch Ep. 
im gewöhnlichen Sinne der (Bluts-) "Verwandtschaft gebraucht. 

o'iviaaig 'Berauschtsein' 

Die Stoiker, wenigstens ein Teil von ihnen, unterschieden 
zwischen o'ivwatg d. h. dem auch den Weisen nicht schändenden 
Ängeheitertsein und der ;M^*ij, der sittlich verwerflichen 
Trunkenheit (s. H. v. Arnim, Quellenstudien zu Philo von 
Alexandrien, Berlin 1888 und B^ 62 ff.). Die Bibel kennt 
natürlich jene Lizenz nicht und das Neue Testament bezeichnet 
die Unmäßigkeit im Trinken mit fidO-rj und oivixpXvyia. 

oiXOfiai 'weg sein' 
Der aus der dieliterischen Sprache geseliöpfte ' Ausdruck 
im Sinne des Verlorenseins oder Entschwundenseins andi von 
leblosen Dingen oder Abstracta ist bei Ep. beliebt (vgl. S. 17b); 
Z. B. III 2, 6 oi'xeiai y.ai ^KT^p xai äÖelfpög d. h. es ist aus 
mit dem Vater etc., man nimmt keine Rücksicht mehr darauf, 
daS er der Vater ist. Im Neuen Testament fehlt das Wort 
ganz, im Alten Testament steht es nur in der gewöhnlichen 
Weise von Personen. 

ÖQexTiKÖii s. ^xxkioig 

oioia, 10 oöaiwdei; 'Wesen', 'das Wesenhafte* 
Der metaphysische Gebrauch des Wortes odoia und das 
hierzu gehörige Adjektiv ovaiwdrjg fehlt natürlich in der Bibel. 
Auch im gewöhnlichen Sinn 'Habe', 'Vermögen' kommt es im 
Neuen Testament nur einmal, im Alten Testament nur zwei- 
mal vor. 

TtatSid 'Spiel' 
Unter den Bildern, mit welchen die Stoiker die Wert- 
losigkeit aller äußeren sogenannten Güter veranschaulichen, 
nimmt das des Spieles eine hervorragende Steile ein, wobei 
man sowohl an Kinder- und Jugend- oder Kampfspiele, als 
auch besonders an theatralische zu denken hat. Das Leben 
selbst ist in gewissem Sinne ein Spiel, dessen Wert nur eben 
in der Spielkunst selbst, nicht etwa in dessen Dauei' oder 
einem außer ihm Hegenden materiellen Zweck besteht, ein 
Spiel, welches nur einen Sinn hat, wenn man nicht mUrrisch 

' W. Schmid, Attiz. 11 203. 



Epiktet und das Neue Testament 255 

und verdrossen, sondern mit Lust und Liebe dabei ist. Es 
ist dies, wie etwa auch die Apathie, eines der Schlagworte, 
mit denen oberflächliche Kenner der stoischen Philosophie 
diese, namentlich im Gegensatz zum Christentum, zu diskre- 
ditieren belieben: und doch laßt sich eine feinere und, wenn 
man's recht versteht, auch ernstere Lebensauffassung nicht 
denken. — Das Wort, geschweige denn der Gedanke, kommt 
auch im Alten Testament nicht vor. 

^av^yvQiS 'Fest' 
Ein zweites, bei Ep. beliebtes Bild für das menschliche 
Leben, das zum ersten gleichsam die feierliche, religiös ge- 
fühlte Ergänzung bildet. Im Neuen Testament wird das Fest 
ausschheülich, im Alten Testament weitaus vorwiegend mit 
ioQz^ bezeichnet; einmal, und zwar bezeichnenderweise im 
Hebräerbrief, findet sich das hellenische Wort TcavrjuQii; auch 
im Neuen Testament, jedoch im Sinne einer 'großen Versammlung'. 

Im gewöhnlichen Sinne, d. h, zur Bezeichnung von selt- 
samen, erKtaunlichen Dingen oder Ereignissen, die über die 
alltägliclie Erfahrung hinausliegen, wird das Adjektiv auch 
im Alten Testament etlichemal und einmal im Neuen Testament 
gebraucht (Luk. 5, 26). Fremd dagegen ist beiden der philo- 
sophische Gehrauch des Wortes von Anschauungen und Grund- 
sätzen, beziehungsweise Handlungsweisen, die der gewöhnlichen 
Meinung und Moral zuwiderlaufen. Bekanntlich wurde gerade 
den Stoikern der ^'orwurf der Faradosologie gemacht, gegen 
den sie sich aber zu verteidigen wissen (Ep. I 25, 32ft'. und, 
als Ausspruch des Kleanthes, IV 1, 173: Tto^odoga ^th iWs 
ipciair ol (pilöaoffot, ot- filjv n:aqä).oy{i). 

7taQaav,evr-, jiaqaTiitcdtoiiat s. trtißoX^ 

Ttd^seyos 'nebensächlich' 
Das auch in dei; klassischen Gräzität sehr häufige Wort 
bekommt bei Ep. eine gewisse philosophische Bedeutung, in- 
dem er von den i'^ya rfjs fpiiireoig, d. h. den großen Werkeu 
und Ordnungen der Natur, die TtäQs^/a rijs <fvas(iis unter- 
scheidet, in welchen er gemäß der stoischen Teleologie nicht 



266 Aäolf Bonhöfter 

weniger die Weisheit der Vorsehnng erkennt (I 16, 9). Im 
Übrigen gebraucht er das Wort und die Adverbialausdrücke 
iia^iQYiaq und iv itaQiQyt^ in dem üblichen Sinn ('beiläufig', 
'Nebensache' usw.). Im Alten Testament findet sich oi ftÜQEQyog 
('nicht anerheblich') in II Makk. 

Jtdo%<i} (logisch) S. &n07td<JX*>> 

jEeqalvo) im logischen Sinn 'schließen', 'folgern' 
Die Stoiker unterschieden löyoi oder avlloyiofioi jteßßv- 
tmol {d. h. bündige, gültige, logisch korrekte Schlüsse) und 
&n:iQavToi. Eine besondere Art des Syllogismus, die Ep. mehr- 
mals erwähnt, ist der nicht näher bekannte, aber wahr- 
scheinlich mit dem Sorites identische 5 tö* 'i^tuT^a&ai itE^aivtav. 

TCSQiTizuiT ixög s. ifiBTämiacog 
fttqiOTaaig s. äitE^iaraTog 

Tt^yrvfit im übertr. Sinn 
nq^are vfiüv tag v7roXi]ipsig, machet eure (richtigen) An- 
schauungen fest (zu einem festen Besitz), ruft Ep. seinen 
Schülern zu (III 16, 13). Diese ^^^ig der Grundsätze (vgl. 
Ench. 48, 2), auf die alles ankommt, ist das Ergebnis der üaytr^ig. 

jti&avöitjg, Ttid-avög s. eXxvariKÖg 

nXt] ftfieXeuj, itXtiftfieXrjfia 
Wird von Ep. im Vergleich zu äfta^ziivb) selten, aber nicht 
etwa im Sinne eines leichteren Vergehens gebraucht. Im 
Alten Testament ziemlich häufig (auch ^riij^ifjeAijfi« und tiXt^/i- 
^lekijatg) fehlt es im Neuen Testament, vielleicht weil für seine 
Auffassung der Sünde der Ausdruck nicht stark genug war. 

fc goa iqeaig, nqoai^eruKdg 8. äftqoaiqitog 

nQOrifo^ftevov , 7TQorfyovftiva)g 'bevorzugt', 'primär', 
'wesentlich' 

Welche wichtige, umfassende Bedeutung dieses nach- 
klassische, wohl nur durch die Stoa aufgekommene Wort bei 
Ep. hat, mag man aus E ^ Reg. erselien. Im Alten Testament 
ist TtQOYfftlaS-ai und Tt^orjyovfievog nicht ganz selten, aber fast 
nur von Personen in der ursprünglichen Bedeutung 'vorangehen', 
'anführen' gebraucht, ebenso bei I Clem. (21, 6) und zweimal 
bei Hennaa {ol 7iQorjyo-ö/.ievoi i^g Exxli^aiag). 



Epiktet und das Nene Testament 267 

}ff6i.rjipig 'Begriff' 

Dieser von Epikur aufgebrachte, von den Stoikern über- 
nommene und entsprechend abgewandelte Ansdmck spielt in der 
stoischen Erkenntnistheorie und besonders auch bei Ep. eine große 
KoUe (B * Eeg.) ; sein Fehlen in der Bibel und bei P ist begreiflich. 

ir^övoia 'Vorsehung* 
Der Begriff der göttlichen Vorsehung tritt in der späteren 
Stoa besonders bei Ep. stark hervor, ohne jedoch den nrstoisclien 
Begriff der (Wotg zurückzudrängen oder den pantheistischen 
Gesarateharakter zu alterieren: beide Betrachtungsweisen, die 
naturalistische und die religiöse, sind dem Ep. gleich geläufig 
und bilden für ihn keinen Widerspruch. Im Neuen Testament 
findet sieh das Wort zweimal, aber nur von der menschlichen 
Fürsorge {Acta 24, 3 und Rom. 13, 14); im Alten Testament 
tritt neben dieser Bedeutung auch die -S-eia xai. ^ävaoepog 
7t(j6voia auf, doch erst in den Apokryphen. Von den Patres 
apost. wendet der Verfasser des. I. Clemensbriefes (24, 5) und 
der des Pastor Hermae (Vis. I 3, 4J den Begriff auf Gott an. 

Tteosdo^^tw s. 8ö^a und ^o^rf^'J (8. 203) 

jrpogij'xe*, Tt^o^xov 'es ziemt sich' 
Ep. gebraucht auch dieses allgemein griechische Wort 
neben dem stoischen KaAjitet, mit dem es sich vielfach, freilich 
durchaus nicht immer und vollständig deckt, sehr häufig. Im 
Neuen Testament fehlt es, man möchte sagen auffallenderweise, 
ganz ; übrigens auch im Alten Testament ist es ganz vereinzelt. 

it^ogoxv 'Achtsamkeit' 
So häufig das Verbum ^gog^xeiv ('achthaben', 'aufmerken') 
auch im Neuen Testament Ist, so fehlt doch das Substantiv 

TtQogoxii- Es ist übrigens spätgriechisch und soviel ich weiß 
nicht vor den alttestamentlichen Apokryphen (Sirach, Weisheit) 
nachweisbar. Bei den Stoikern scheint es beliebt gewesen zu 
sein, denn es kommt auch bei Komutos, Hierokles, M. Aurel vor. 

tt^ogstdaxfo s. &nd-9-eia 
itQÖxsi^og 'zur Hand', 'präsent', 'verfügbar' 
Bei Ep. (wie bei den Attizisten) sehr häufig, besonders in 

EBligionsgeseliicIiUiche VaranehB u. Vorartolten X. 17 



258 Adolf BonhöSer 

der Verbindung ^^öxceo* hetv. Es ist auf dem Standpunkt 
der stoischen Ethik außerordentlicli wichtig, daß der Mensch 
seinen geistigen Besitz, seine Kriterien und Grundsätze, stets 
gegenwärtig habe, um von den Erscheinungen oder den 
Meiaungaäußerungen anderer nicht zu falschen Urteilen und 
unvernünftigen Handlungen verleitet zu werden. Im Alten 
Testament findet sich das Wort nur einmal und dies in un- 
sicherer Lesart (Prov. 11, 3), 

^in<a 'sich wohin neigen', 'wenden' 

Von Ep. gerne, wie übrigens schon in der klassischen 
Sprache, von seelischen Neigungen und geistigen Eichtungen, 
synonym mit xXlvo) (xXifia) gebraucht. In der Bibel und bei 
P fehlt das Wort. 

^evfta 'Fluß' 

Dieses von Haus aus mehr dichterische Wort gebraucht 
Ep. in dem später üblichen medizinischen Sinne, jedoch nur 
zur Dlustration seelischer und zwar abnormer Bewegungen 
(11 15, 20; II 21, 22). Im Alten Testament nur einmal bei 
Sirach vom fließenden Wasser. M. Aurel vergleicht das Welt- 
geschehen mit einem Ttozafwg und ^eSfia (IV 43). 

axäTTTOfiai, ax4ipig 'überlegen', 'erwägen' 
Bei Ep. sehr häufig, und zwai' ini guten Sinne von der 
dem Handeln vorausgehenden Überlegung, keineswegs im Sinne 
der akademischen Skepsis ; auch das verstärkende rve^iax^jtTsif&ai. 
und nsijuoy.en(iBV(aq kommt einmal vor. Auf dem Boden des 
geoffenbarten g(3ttlichen Gesetzes ist für die axiiptg im Sinne 
Ep.'s kein Raum. Im Alten Testament findet sieh das Verbum 
etlichemal in der Bedeutung 'sich nach etwas umsehen (aus- 
lesen)', 'zusehen'. 

Diese schulmäßig stoische ^ Bezeichnung des sittlich Guten 
tritt bei Ep. hinter den ihm geläufigeren Ausdrücken äya^ög, 
irttiaiÖev^iivog, q>iX6oo(pog, nQOxöJiziov usw. ziemlich zurück; 

' Der Begriff ist übrigens keine stoische Neuschöpfntig, sondern geht 
auf Xenophon, ja auf Th^ognie zurück imd ist von Aristoteles in die philo- 
sopliiache Termüiologie eingeführt worden (L. Schmidt aaO, I 335). 



Epiktet and dos Neue Testament 259 

ä(rf£tos, das Acta 7, 20 und Hebr. 11, 23 entsprechend dem 

nacbkjassisclien Gebrauch die äußerliche Schönheit bedeutet, 
g:ebraucht er gar nicht. Im Neuen Testament ist onovöalog 
nicht unbekannt, aber nur in dem gewöhnlichen Sinne 'eifrig', 
'eilig*, 'neugierig', ebenso zweimal bei P. 

Im Neuen Testament tritt der Begriff der &yämj so mächtig: 
hervor, daß neben dem allgemein gebräuchlichen (pdelv das 
Bedürfnis nach einem weiteren Ausdruck nicht vorhanden war. 
Ep. gebraucht das Wort und ebenso das Kompositum ^do- 
cToqyfiv speziell, doch nicht ausschließlich, von,der naturliehen 
Liebe zu Blutsverwandten oder zu sich selbst. ^tUato^yog 
findet sich, wie wir sahen (S. 134), einmal auch im Neuen 
Testament (Köm. 12, 10). 

auYY.aTiii-9-eaig, 'Zustimmung*, 'Bejahung' 

Diese speziflscli stoischen und bei Ep., als Gegenstand 
des dritten Topos, besonders wichtigen Begriffe fehlen natür- 
lich in der Bibel und bei P. S. übrigens ovyiiaTRTl&tixai 
S. 212! 

avi.koyiai.i6g 'Schluß' 

Das gleiche gilt von diesem dem philosophischen Schul- 
betrieb angehörigen Worte. Im Alten Testament kommt es 
vor in der Bedeutung 'Summe', 'Summierung'; im Neuen 
Testament avlXoyiCeaS^at einmal (Luk. 20, 5) und zwar aller- 
dings im Sinn eines logischen Schließens oder Kalkulierens. 

ovftneQtfe^o^ai, 
avfiTti^ifOQä 

Ep. versteht darunter den Umgang mit den (gewöhnlichen) 
Jlenschen, aber stets im Sinn einer Kondeszendenz des Philo- 
sophen, wie schon Polybios avi.i-rcBqi(poqä 'Nachsicht' gebraucht. 
Im Alten Testament, besonders den Apokryphen, kommt das 
Verbum etlichemal vor. 

avfiTckox^j s, lTCtJtXox.rj 

av/^fi-ijg s. ebenda 

IT 



260 Adolf Bonböfter 

auvat.o&&vofiai 

Der Begriif des Selbstbewußtseins, der in diesem Worte 
zum Ausdruck kommt, ist zweifellos in der Stoa zuerst klar 
herausgearbeitet worden (S. 156j. Auch im Alten Testament 
und bei P fehlen die Wörter. 

ffvvjS'eia (im erkenntnistheoretischen Sinn) 

Von der Bedeutung 'Umgangssprache', gewöhnlicher Sprach- 
gebrauch, welche das Wort mit der Zeit angenommen hat ' und 
die auch bei'Ep. zum Vorsehein kommt (II 15, 13) ist nur 
noch ein Schritt zu der Bedeutung der 'gewöhnlichen, natür- 
lichen Auffassung der Dinge', zu der Weltanschauung des 
common sense, um welche sich der Streit der Stoiker mit der 
Skepsis drehte (I 27, 16 if.}. Im I. Korintherbrief wird das 
Wort zweimal angewendet in der gewöhnlichen Bedeutung 
'Sitte', 'Gewohnheit' ; in IV Makk. und hei P in der ebenfalls 
allgemeinen Bedeutung 'Umgang', familiaritas. 
avvovala im sexuellen Sinn 

Schon von Piaton so gebraucht. In den alttestamentlichen 
Apokryphen findet sich dafür ovvovanxoftög. 
avvra^ig 'Abhandlung', 'Schrift' 

Von Polybios an in diesem Sinne gebräuchlich. Während 
im Alten Testament das Wort andere Bedeutungen hat, spricht 
das Papias-Fragment (2, 15) von einer auvra^ig (d. h. syste- 
matische Zusammenstellung) der xv^iaxa Xöyia., 
avOzrjfia 

Der Begriff des Systems im wissenschaftlichen oder philo- 
sophischen Sinn scheint seinen Ursprung in der Stoa zu haben. 
Ep. nennt die Welt, beziehungsweise das Beste an ihr, das 
aiartjfia e| Av^^dyitav xal #eoe (I 9, 4) und den X6yos ein o. 
ex itoiwv q)aveaaiü)v (I 20, 5), 

ff/oAtj 'Muße' 
In dieser Bedeutung findet sich das Wort in der Bibel 



W. Schmid, Attiz., Registerband 208. 



Epiktet und das Neue Testament 261 

nur bei Sirach. Dem Neuen Testament liegt der (Sedanke 
an Uuße allzu fern. 

velvo^a i , tövog s. äzovog 

itxvoi,OYd(o s, q>iXor6xvdii/ 

TÖTtog im wissenschaftlichen Sinn 'Untemchtsstnfe' 

Ep. verteilt den philosophischen Unterricht auf drei Ge- 
biete oder Stationen : auf der ersten ist die S^e^ig zu lernen 
und zu Üben, auf der zweiten die op/i^, auf der dritten die 
av)n(ctTd-$-eais. Der Gebrauch des Wortes lönas im bezeichneten 
Sinn ist wohl in der Stoa aufgekommen (vgl. Villoison in der 
Osann'schen Ausgabe des Kornutos p. 302), dann durch die 
Rhetorik verbreitet worden, aber wohl nirgends so ausgeprägt 
und stehend wie bei Ep. M. Aurel wendet das Wort in diesem 
Sinne nur einmal an und hier mit offenbarer Beziehung auf 
Ep. Daß die Bibel diese Bedeutung nicht kennt, bedarf kaum 
der Erwähnung, 

v^Lßwv der Thilosophenmantel' 
Das gleiche gilt von dem z^lßojv {xQtßiltviov), den Ep. neben 
dem jt<liyu)v als Abzeichen der Afterphilosophen öftei« erwähnt. 

Tvnöüi im erkenntnistheoretischen Sinn ('einen Eindruck 

hervorbringen') rvTtwaig 

Nach der materialistischen Erkenntnistheorie der Stoiker 
ist die (panaola eine ivtcüiois toC ^ye/^ovtxoB. So spricht auch 
Ep. von einem rvitoüa&at iitb rSiv aiadrjtüv (I 6, 10; M. Aurel; 
g/avraartx&g tv!coBü-9-oi), von den vÖTtot der Dinge, welche wir 
in der Seele bewahren (I 14, 8; vgl. 11 23, 3). Das Wort 
tvnog, im Alten Testament ganz selten, wird im Neuen Testament 
in der Bedeutung 'Abbild' und 'Vorbild' sehr häufig, noch 
häufiger bei P, besonders mit dem Überhandnehmen der typo- 
logischen Auffassung der alttestamentlichen Geschichte und 
dem Aufkommen doketistischer Regungen, wonach Christus 
nur den ivrcog des Fleisches au sich hatte. Nicht Tvniiitsig 
aber vTtotvrvaaig, ein Wort der wissenschaftlichen Sprache, 
wird in den Timotheusbriefen gebraucht. 

ivxr^ s. ätvxi'ig 



262 Adolf BonhSffer 

SXrj 'Stoff' 
Ep. gebraucht dieses "Wort sehr häufig und zwar stets im 
übertragenen oder philosophischen Sinn, entweder von dem 
Stofflichen, Materiellen und infolgedessen Gleichgültigen, im 
Gegensatz zum Geistigen, an sieh Wertvollen {Tr^orjyovfiEvov) 
oder neutral von allem, was fUr den Menschen als Stoff oder 
Objekt seines Handelns in Betracht Itommt, mag^ es an sich 
wertlos sein oder von höchstem Werte, wie das fiyeftovixov, 
dessen richtige Verfassung und Betätigung das letzte Objekt 
alles Handelns ist (III 3, 1 vlrj tov xgXoÖ -auI &ya9-ov rb 'idiov 
fiyefiovixöyj. Im Alten Testament treffen wir die philosophische 
oder metaphysische Bedeutung der vi-i] nur an einigen Stellen 
der Apokryphen, Sap. Sal. 11, 17 erscheint sogar der stoische 
Ausdruck äftoQqioq ifAij. Auch bei P tritt dieser giiecbische 
Begriff vereinzelt wieder hervor, z. B. Epist. ad Diogn. 2, 3 
die tp^aQtij SXrj. 

ift£|ßtpf'w,wfr£|o;/eeiT(S 'in Gedanken eine Ausnahme machen' 
Das Verbum kommt schon bei Piaton und vor ihm vor, 
das Substantiv erst bei späteren Schriftstellern. Interessant 
und für die praktische Ethik Ep.'s wichtig ist der Ausdruck 
Itey vTte^ai^^aeiog 6^(i&y d. h. nicht um jeden Preis, sondern 
nur 'bedingungsweise' etwas wollen (B ^ Reg.). M. Aurel hat 
den vielleicht von Ep. geprägten Ausdruck aufgenommen und 
seinen Sinn trefflich erklärt {V 20). Die Lexika abersetzen 
ihn ganz falsch mit 'allmählich'. 

Ep. spricht von vno^stivioX X6yoi, auch von iTt^^eats im 
logischen Sinn, besonders aber versteht er unter den virod-inus 
die gegebenen 'Bedingungen des Lebens' (die man nicht soll 
ändern wollen) oder die von Gott einem jeden in Gestalt seiner 
äußeren Lebensverhältnisse gestellten besonderen Aufgaben. 
Man kann also darin eine Weiterbildung des rhetorischen 
Gebrauchs des Wortes erblicken: inöä-tais im letzteren Sinn 
{'Vorwurf einer Rede oder Abhandlung) findet sich IV Makk. 1, 12. 

Von Aristoteles an zur Bezeichnung der 'Meinung' ge- 



Epiktet und das Neue Testament 26'i 

braucht, ist das Wort, noch häufiger das Verfeum v!Co).afißävw, 
bei Ep. als Synonymon von ö6^a sehr beliebt. Ziel des Philo- 
sophen ist der Besitz von d^&ai vTtok'^ipeig. Das Substantiv 
findet sich im Alten Testament einmal bei Sirach (3, 24) in 
der prägnanten Bedeutung 'Meinung von sieh', 'Dünker, also 
wie sonst oi'rjaig, das Verbum in der fraglichen Bedeutung 
mehrfach in den Apokryphen, im Neuen Testament in den 
lukanischen Schriften. 

iTCoavatfKÖs 

Das vor Ep. wohl nicht nachweisbare Adjektiv zu dem 
seit Aristoteles gebräuchlichen metaphysischen Terminus 
vTtömaais ('Wesen'). Ep. gebraucht ea nur einmal, als Syno- 
nymon von oiaiaäeg {I 20, 17). Die Interpretation der Stelle 
ist nicht ganz sicher, ob nämlich diese beiden Begriffe einen 
Gegensatz zu 7tQorjyavi.ievov bilden, folglich die stoffliche Grund- 
lage gegenüber dem einzig wertvollen Geistigen bedeuten, oder 
nur Epesegese zu jr^oijyoiJfiEvov sind. Ersteres scheint mir 
richtiger. Das Substantiv steht einigemal im Alten Testament 
im Sinne von 'Existenz', im Neuen Testament im IL Korinther- 
brief 'Zustand', im Hebräerbrief mehrmals in verschiedenen, 
nicht ganz sickeren Bedeutungen, darunter aber einmal sieher 
in der philosophischen Bedeutung 'Wesen' (1, 3), ebenso in 
Epist. ad DiogD. 2, 1. 

(paviaaia 'Vorstellung' 
Dieser neben n^QoaiQfaig vielleicht wichtigste philosophische 
Begriff bei Ep. fehlt in der Heiligen Schrift (S. 214). 

Dieser Begriff bildet gewissermaßen die Ergänzung zu 
(pü.äoTOdyos . indem er zur Verwandtenliebe die allgemeine 
Menschenliebe hinzufügt. Ea gehört zum Schönsten an der 
späteren Stoa und besonders an Ep., daß er den Drang zur 
Gemeinschaft und zur Liebe {th xoivojmy.bi' xal cpUakitilov) 
neben dem fjitsQov und ävexTtxöv, worin sich praktisch diese 
Liebe hauptsächlich zeigt, ao nachdrücklich als einen inte- 
grierenden Bestandteil der menschlichen Naturanlage in An- 
spruch nimmt. In der Bibel und bei P tritt an Stelle von 
fdöXmos das Wort fddötktpog, das auch bei Ep,, jedoch im 



264 Adolf BonbüEfer 

wörtlichen Sinne, vorkommt, und tpiHvd-QOjnos. Auch dieses 
gebraucht Ep. Im Neuen Testament und bei P bedentet 
übrigens die Philanthropie mehr die Liebe Gottes zur Mensch- 
heit, im Alten Testament treten beide Begriffe fast nur in 
den Apokryphen auf. 

(fO.oXoyia, tptloXoy^ia 

Ep. gebraucht diese in der Bibel und bei P ganz fehlenden 
Begriffe stets in mißbilligendem Sinne zur Bezeichnung des 
einseitig „philologischen" Betriebs der Philosophie. Die giiU- 
Uyot sind ihm die „Stndierten" , die sieh auf ihre wissjen- 
schaftliche Bildung etwas zu gut tun und den praktischen 
Hauptzweck alles Studiums ignorieren. 

tptXorexyia, cpilöreyvog 

Das Verbum und Substantivum von jedem eifrigen und 
planmäßigen Betreiben einer Sache, das Adjektiv im Sinne von 
'kunstvoir (II 23, 3)1. Aelian gebraucht <pdojBy.yelv auch als 
'kunstverständig aber etwas reden' (W. Sehmid, Attiz. lil 272) ; 
hierfür sagt Ep. w/voioyeiv, 

xahtTtalvti} 'zürnen' 
Das Wort war offenbar in der Kotvfj außer Gebrauch ge- 
kommen, denn es findet sich im Alten Testament nur im 
IV. Makk-, im Neuen Testament und bei P nicht: Gelegenheit 
zu seiner Anwendung war ja reichlich vorhanden. Für Ep. 
ist das oi xeiUTtahEiv ein Zeichen der ethischen Bildung. 

x^fjoig 'Gebrauch' 

XQrifjttxög 

Bei diesem Wort scheint dasselbe zuzutreffen wie bei 
xalsnalvu): es findet sich in dieser Bedeutung nur in den 
Apokryphen und hier selten. Daß im Neuen Testament PI 
als einziger einmal es gebraucht (Eöm. 1, 26 im sexuellen Sinn) 
ist nach dem, früher Ausgeführten kein Beweis dagegen, eben- 
sowenig, daß es bei P da und dort auftaucht. Besonders 



' fÜBtinvi-ie hat in diesem Sinne anch Hierökles. 



Epiktet nnd das Nene Teetameut 265 

eigentümlich ist dem Ep. die Verbindung XQfjmg rdiv (pcmzaaiCbv 
(die Fähigkeit, siDnliche Eindrücke und Vorstellungen und 
durch sie motorische Impulse zu erhalten). Soweit geht auch 
das Vermögen der Tiere, das unterscheidend Menschliche ist 
die 7ta^axoi.ov-37jaig ifj x^j^aeiiäiv ipanaatü/v. 

xdiga im übertr. Sinn Tlatz', Tosten' 
Dieser Gebrauch des Wortes zur Bezeichnung der dem 
Menschen von Gott angewiesenen Stellung im Leben ist bei 
Ep. sehr beliebt. Er berührt sich mit dem ihm ebenfalls ge- 
läufigen Bild vom Feldherrn, der die EoUeu austeilt. Ein 
Gedanke von hervorragender sozialer Bedeutung ist es, den 
Ep. II 4, 5 ausspricht, daß jeder Mensch imstande ist und 
eine Ehre darein setzen muß, irgend eine &v9-Q>iiniia] x<hQa 
auszufüllen. Möglicherweise hat Schleiermacher an diesen 
stoischen Sprachgebrauch gedacht, wenn er in seiner Christ- 
lichen Ethik den Beruf definierte als den Ort eines jeden im 
Eeiche Gottes. — Übrigens gebraucht Ep. auch vÖTtog in ähn- 
lichem Sinne wie xihqa. 

ipvxaywy^bi 'erfreuen'; 'ergötzen' 
Dieses Wort, wie auch das Substantiv tpvxayioyla, ist bei 
den Attizisten besonders beliebt (vgl. W. Schmid, Attiz., Index). 
Bei Piaton hat es außerdem die ethische Bedeutung der 
'Seelenleitung' und die eschatologische der 'Seelenbannung*. 
Im Alten Testament ist das Substantiv nur H Makk. 2, 25 
im Sinne einer 'literarischen Unterhaltung' gebraucht; bei P 
das Verbum einmal und zwar im asketischen Sinn von dem 
Reichtum, der die Menschen ergötzt und daher von Gott 
fernhält. 

So hätte nun diese lange und etwas kahle Wörterauf- 
zählung wenigstens einen „erfreulichen" Abschluß gefunden. 
Was ich damit bezweckte, ist das, von dem Umfang des dem 
Neuen Testament fremden epiktetiachen Sprachgutes eine hin- 
reicliende Vorstellung zu geben. Selbstverständlich ist weitaus 
nicht alles aufgenommen, was Ep. dem Neuen Testament 
gegenüber Eigenes hat, aber doch so ziemlich das Wichtigste 
von dem, was fiir ihn besonders chai'akteristiseh ist und be- 



266 Adolf BonhBffer 

sonders häufig vorkommt, d. h. also seine Terminologie im 
großen ganzen beherrscht. Insofern ich diese ca. 200 Wörter in 
annähernd der gleichen Anzahl und nach den gleichen objek- 
tiven Gesichtspunkten wie die beiden Teilen gemeinsamen aus- 
gewählt habe, sind sie wohl imstande, zusammen mit der 
vorangehenden Liste, eine gleichmäßige Anschauung sowohl 
der Verwandtschaft als auch der Verschiedenheit der Sprache 
zu geben. Dabei wird niemand entgangen sein, daß die Ver- 
schiedenheit erheblich größer und gewichtiger ist als die 
Übereinstimmung. Denn während das erste Verzeichnis viele 
nur gelegentlich oder selten gebrauchte Ausdrücke enthielt, 
bietet das zweite eine Menge der allerwichtigsten Begriife, 
die nicht bloß etlichemal sondern dutzendmal, ja fast auf jeder 
Seite zu lesen sind. Wenn ferner bei den Wörtern der ersten 
Liste, und zwar gerade bei häufig gebrauchten, die Über- 
einstimmung vielfach nur in den Wörtern selbst bestand, 
während die Bedeutung derselben ganz verschieden war, so 
muß die zweite vollends den Eindruck befestigen, daß der 
Anschauungskreis, wie er sich schon in dem Wortschatz kund- 
gibt, bei Ep. und dem Neuen Testament ein ganz verschiedener 
ist. Nicht bezweckt habe ich mit diesem Verzeichnis eine 
philologisch genaue und erschöpfende Statistik und Semasiologie 
der besprochenen Wörter, vielmehr war ich bestrebt mich in 
dieser Beziehung auf, das Wichtigste, dem leitenden Haupt- 
zweck Dienende zu beschränken. Zu manchem Ausdruck wäre 
natürlich noch viel zu sagen und beizubringen gewesen, aber 
die ohnehin genug lange Liste wäre dadurch ins Ungebühr- 
liche gewachsen. Auf der anderen Seite lag es mir daran, 
die Bedeutung der betreffenden Ausdrücke möglichst klar zu 
machen und den mit Ep. noch nicht oder nur wenig vertrauten 
Leser bei dieser Gelegenheit in die stoische Terminologie ein- 
zuführen. Dies war für mich — ich betone dies ausdrücklich — 
ein uicht unwichtiger Nebenzweck. Gleichzeitig suchte ich auch 
den Sprachgebrauch einerseits der mit Ep. annähernd gleich- 
zeitigen, überhaupt der späteren Stoiker, zuweilen auch den 
der älteren Stoa und des Polybios, andererseits den der 
Septuaginta und der apostolischen. Väter in die Vergleichung 
hereinzuziehen. Vollständigkeit habe ich naturlich auch hier, 



Bpiktet Bnd d^s Nene Testament 267 

aus den angegebenen Gründen, keineswegs erstrebt, sondern 
mich vielfach mit leichten Andeutungen und Anregungen 
begnügt. 



Dritter Abschnitt 

Wörter, welche im Neuen Testament mehr oder weniger 
Ton Bedentnog sind, aber bei Epittet fehlen 

Um die Verschiedenheit des Sprachschatzes vollständig 
zur Anschauung zu bringen, ist es nötig, dem Sondergut Ep.'s 
auch das des Neiieu Testaments zur Seite zu stellen — „Sonder- 
gut" natürlich nur relativ verstanden, d. h. die Wörter, welche 
im Vergleich mit Ep. dem Neuen Testament eigen sind. 
Selbstverständlich bleiben dabei alle diejenigen Wörter ans 
dem Spiel — und das ist weitaus die Mehrzahl — welche für 
das Neue Testament überhaupt und insbesondere in seinem 
Verhältnis zu Ep. ohne Belang, also mehr zufälliger oder 
nebensächlicher Natur sind. Dagegen war bei der Auswahl 
mein Absehen darauf gerichtet, die Wörter, welche dem Neuen 
Testament im Unterschied von Ep. eigentümlich sind, also 
bei diesem nicht bloß zufällig, sondern der Natur der Sache 
nach, mit einer gewissen inneren Notwendigkeit fehlen, 
möglichst vollzählig aufzunehmen, selbst wenn sie im Neuen 
Testament nur vereinzelt vorkommen, damit die Verschieden- 
heit des beiderseitigen Gedankenkreises, soweit sie schon aus 
dem Wortvorrat zu erkennen ist, nach allen Seiten ins Licht 
trete. Natürlich befinden sich unter den etwas über 200 Wörtern, 
die nun folgen, auch viele, welche zu den meistgebraucliten, 
ja zu den Zentralbegriffen des Neuen Testaments gehören, 
wie dies umgekehrt auch in der Liste der epiktetischen Wörter 
der Fall war, so daß ihre Anzahl nicht bloß quantitativ, 
sondern auch qualitativ zu veranschlagen ist. Auf der an- 
deren Seite kann ich mich hier wesentlieli kürzer fassen, da 
der dort verfolgte Nebenzweck, die Leser in die Terminologie 
einzuführen und die Wörter sprachgeschichtlieh und begrifflich 
zu erklären, in Wegfall kommt. Die Vergleichung des ]ieu- 
testamentliehen Sprachgebrauchs mit demjenigen der Septua- 



268 



Adolf BonhöffEr 



gLDta einerseits, dem klassischen und vulgären Profangriechisch 
andererseits, wie sie von Thayer-Grimm, Dei&mann, Kennedy, 
Nägeli u. a. mehr oder weniger «mlassend vorgenommen worden 
ist, liegt außerhalb meiner Aufgabe. Zur Erläuterung der 
Liste schicke ich noch voraus, daß bei den Wörtern, welche 
Ep. ebenfalls hat, aber nicht in der spezifisch neutestament- 
lichen Bedeutung, ein betreffender Zusatz j^emacht ist, der 
sich jedoch immer bloß auf das unmittelbar vorangehende 
Wort bezieht; folgt darauf ein stammvei'wandtes Wort ohne 
Zusatz, so ist damit gesagt, daß dieses Wort bei Ep. über- 
haupt nicht vorkommt. Aber auch in diesem Fall kommt für 
mich nicht sowohl das Fehlen des Wortes, als vielmehr die 
Tatsache in Betracht, daß es in der betreffenden Bedeutung 
dem Ep. fremd ist. Wörter, die nur andere Bildungen vom 
gleichen Stamme sind, habe ich, soweit es der Eaum erlaubte, 
sei es ganz oder abgekürzt, dem Grund- beziehungsweise 
Hauptwort beigefügt; vollständig findet man sie in der syste- 
matischen Übersicht innerhalb der betreffenden Gruppe und 
Reihe. Die epiktetischen Fragmente, soweit sie nicht mit 
Sicherheit oder überwiegender WsthrscheinKehkeit als echt 
betrachtet werden können — und dies ist die große Mehr- 
zahl ~ sind natürlich unberücksichtigt geblieben. 



Sßvaaog, i) 

iyaS^OTtaUot, -la,-6g 
äyaS'biavyij 
äyaXhdw, - iaoig 
iydni] 'Liebe', -ijTo'e 

'geliebt* 
äyytXog ■'Engel' 
dyiä^oj, -Ofiös 
Syiog, -onjs, -Mavvrj 
äyvi^cu, 'tafi4g 
&yv6g, -rfiije 
S<delqi6g (iibertr.) , 

-tJ, 'ÖTTjg 



äCviÄog 

S&sog 

&iäiog 

al^a (kultisch), aU 
lj.areK%vaia 

atvita, a'iveaig, alvog 

a'iviyna 

aisöy (theologisch), 
aidiviog 

aYQBdig (im üblen 
Sinn), oJgeriJtfJs 

äxgoßvaria 

ixQoytovutlog 

äXelqioi (im kulti- 
schen Sinn) 



&ÄXij).ovia 
äi^d^avTOg 
&^aqTla, 'ia).6g 

iyayevrdui 
äya^dto 

&vaKCUv6ti), ävanal- 

vioatg 
&vdaTaatg 
&nii.vtQOv 

ävTlivfiov 'Abbild' 



Epiktet nnd das Neue Testaraent 



idgafiog 

difieigaarog 
&}zeglTfirjTog 
äTciatog 'ungläubig* 
iTtodfxaröiD 
&7toMii.vipig, -vfiiu 

iitOAüTiiaiaaig 

&7toXizqii)aig 

änoaxlaofia 

AnöOTolog, -ri 
inotswä-yioyog 
äti^oatottol^rTTCifg 
ändiXeia (theolog.) 

&exdyyEi.og 
o^Xri (theolog.) 
&QXUqttziy.6g 

iQXiüvväytayog 
iQ^Kithhvr^g 

Somlog 

äiptaig (äfioQTi&v) 
&q>9uqTog, -oia 
äxeiQOJtolrjTOg 

tOfiög, -tODjs 

ßaadsia (theolog.) 
ßöiXvyfta, -vxzög 
ßißrjlog, -6(u 
ßXaa<p'tj/iitii, 'La 
ya^orpvXäxiov 
yievva 

yXsiairai (Glosso- 
- lalie) 



yv&aig 
y^affiOTivg 

yqatpn 
ÖBifiovuiidrjs , dai- 

deiaiöaii.i(i}v, -ovia 
dexaTÖoi 
ÖtAßoXog 
öiG^rixti (religiös) 

diaOTta^d 

5i%ai6u>, -ß/(u^o, 
-ai<i>atg 

Svva^ugiysa mystisch 
theolog. oder me- 
taphys. Sinn) 

lynalvta, -lt,M 

e&sXo&^a-AEia 

^»yti 'Heiden', £»vi- 
x6g 

MioXov 'Götze' (a. 
Derivata) 

ehuhv 

EiQ-^rrj (religiös) 

lytörjiUüt (eschato- 

^ log-) 
hn-uXrjaia 
kxXsy.TÖg 
i'xataais 

hdiTtlOV 

sS^OQ-x-Lorrig 
e^otala (theolog.) 

iTClOKOTtOg, -^ 
ejiovQdvtog 
ee^irjveia (u. Kom- 
posita) 
ire^o äidaoxaX^o/ 



eiayyeXtov (mit De- 
rivata) 
tiSoxi(o, 'ia 

eiXoyiia, -»frü's, -i'ß 
shnoCia 
it'OJtXayyyog 
lfp<fa9d 

^w)J (theolog.) 
^moyoviio, -itoiiM 
O^äyazog (theolog.) 
d-foSlStniTog 
■S'SÖTtvBvtnog 
^grjOTtös, "«<« 
d-QÖvog 

fUafta 

idov 

IfQaTeiJbt, -ei;fta, -lia 

IXäaxofiai, -fiög, 

lOäyyeXog 
via&a^l^o), -laft^g 

ytaqdioyvdimijg 
xaraic^raofia 

xirieiÖwXog 

vavti 
xavydofim (u. Kom- 
posita) 

â– xr^qvaaio, x^pn^ (pro- 

phet.) xr^Qvyfta 
xXrJQOg (religiös) 



270 



Adolf Boühöffer 



xocvög 'profan' 

Y.OQßär 

xöa/Aos (daalistiscli), 

xoa/itxös 
xoOftoxgdrojQ 
xtICo), Ktiatg (-/<«), 

xvQtaxög 
xv^ioTi^g 

iaög 'das erwählte 
Volk' 

lenov^yem (relig:iös) 

-ia 
XißaycAiTog 

/.vTQÖio , IvT^iooig, 

fidyos, fiayevb), -da 

ftCKQoS-vfi^ia, -ia 

fidvva 

fiaftiaväg 

fuyaXwavvt; 
fi8aht}g, [leaizEvcu 
JUtaaiag 
fieiafio^fpÖM 
fieiaoxtlftaii^io 
fiiaivio, fuaaftög 
ftiudvg, fna&anO' 

doaia, -o'ri/s 
Mo'löyi 
ftovoy&vrig 

[ivazij^tov (theolog.) 
reoq^VTog 
VOfloäld(i<Jxai,Oi; 
olxxiqi,if}v, oiKCiQfiög 



dhyöfriazog 
oXnv.avTiofiQ 
ölöxhjQog (kultisch 

u. ethisch) 
5vofia (relig.) 

oigavög , ov^äviog 

(theologisch) 
ötpdivior 
na'Uyynviaia 
navTOXQ^TioK 
TCOQd^aaig 
Ttaqaßokri 
nagädsioog 
naq6xXriTog 

n&Qotxog 
naqovaia 

naxqtiiqxiig 
jzeiQÖl^o) (relig.), ?t£i- 

Qaaftög. 
â– Ttsvzrfxoait] 

nimig, 71 tmevio (re- 
ligiös) 

TtXij^fxpo^u}, -ia 

nXiJQiUfia 

jTffffi« (theolog.), 
-Ttx6g 

ITVIKIÖV, 10 

3toif.tijv (im geistl. 
Sinn), TioiftaivM, 
Ttoifivri, 7f oifiviov 

7to).iTf,vi.ia 

■noX'üijjtXayxvog 

7covtiQ6?, 6, der 
'Teufel' 



TtOQVSVUI, -sict 

7tQ£OßvT£gog, -liQiov 
7tqogiVXOi.iai, nrpog- 

TtQogrjXvTog 
TtQoawTioXtjfi \pia 
TtqOfpTiTYjq, -tia 
Tip vnox a^t dp ioT 
tigtDTOTOxog 
Qaßßi, Qaßßouvi 

^arti^u», -lo^ög 

aäßßcaoy (11. Vari- 
anten) 

aoQY.ixog 

OÜQXivog 

uazavSg 

axdväaXov, -itut 

oxrivT^ 'Stiftshütte', 
ax^viuj.ia , Gxipio- 
Ttayia 

oxXrjqoy.aqÖia 

ütacQÖg (theolog.), 

aVj.1 TTQEOßüTEQOg 

avvayuiyi} 
övviäQiov 
Ovi'txXtxTÖg 

Tijpte (theolog.) 

(T(UIljp(OS 

toTtelvioaig , (ob- 
jektiv) 

rixvov , tsxviov 

(übertr.) 

jsXiövtjg, r£}.ii>viov 

TVfTog 'Vorbild' (al- 
legorisch) 



Epiktet and das Nene Testament 



271 



VTiotvjtiutJig 
{paveQÖw 



X^e^s 'Gnade'; 
XeiQOttolijTog 

XEQOvßLfl 



fpwti^ü) (theolog.), XQf-oiia 



ipevSädelq'os 

^eväaTtöaTolog 

ipevdoSlödaxaXog 

tflBvSoTtQorpriTr^S 

ipsvÖöxQiotog 

woavvd 



q>catiaii6g 



XStaziayög, XgWTÖg 



Dieses Verzeichnis sagt dem Kundigen und Eingeweihten 
ohne Kommentar genug. Um aber dasselbe allgemein ver- 
ständlich zu machen und die Wahl der Wörter im einzelnen 
genauer zu begründen, fasse ich dieselben in einige Gruppen 
zusammen, indem ich zugleich, wo es nötig ist, ihre Bedeutung 
und den Grund ihres Fehlens bei Ep. kurz zu erklären ver- 
suche. Keiner besonderen Verantwortung wird es bedürfen, 
wenn ich bei dieser eingehenderen Verzeichnung hier und da 
ein weiteres, bezeichnendes Wort beifüge, das in der alpha- 
betischen Gesamtliste nicht aufgeführt ist. 

Gruppe I: Semitische (hebräische oder 
aramäische) Wörter 

äßßä, äXlriXo^ia, d^iiij)', äQQccßdiv, ßdrog ein Flüssigkeitsmaß 
(von ns), ys8vya, sif'(pa&d, xoQßäv, xÖQog ein Getreidemaß (von 13), 
fia/t(i)v&g, /.lävra, fia^äv &9-ä, ^eaalag, i,iol6x, Ttdaxa, qaßßi, 
^aßßovvi, QUKa, aaßawd; o&ßßatov, oaßßariafwg, aaravSg, x^^ou- 
ßifi, wOavvä. 

Die Eigennamen, sowie die zu ganzen Sätzen verbundenen 
hebräischen oder aramäischen Wörter (z. B. eli eli lama 
asaphtani) habe ich, im Unterschied von Thayer, nicht auf- 
genommen, dagegen semitische Lehnwörter, die schon vorher 
in die griechische Sprache übergegangen waren, wie &QQaß(liv, 
nicht ausgeschlossen. — Daß Ep. diese Wörter nicht gebraucht, 
versteht sich eigentlich von selbst; daß die Interjektion oßa 
und ovai, TS'elche bei Profanschriftstellern äußerst selten, da- 
gegen in Septuaginta und Neuen Testament sehr häufig vor- 
kommt, gerade bei Ep. etlichemal sich findet, beweist gewiß 
keine Vorliebe für oder Vertrautheit mit dem Judengriechisch, 
sondern nur, daß er die Ausdrücke der niederen Umgangs- 



272 -idolt BonhSffer 

Sprache nicht verschmäht, wie wir es auch sonst vielfach bei 
ihm wahrnehmen. Zu den semitischen Wörtern können wir 
auch noch zählen die Adverbia Ivwitiov, -/.arEvibTTiov und x«t^- 
vavTi sowie die im Neuen Testament so liäufige Demonstrativ- 
partikel Mot!. Denn wenn diese Ausdrücke auch, wie neuer- 
dings von Deißmann und Jac. Wackernagel {HelUnisHca, Gott. 
Programm 1907) gezeigt worden ist, dem außerbihlischen 
Griechisch nicht fremd sind, so ist es doch klar, daß ihr so 
überaus häufiger Gebrauch im Neuen Testament lediglich aus 
dem hebräischen Sprachgebrauch sich erklärt. 

Gruppe II: Biblische Wörter', d. h. Wörter, welche, 
mögen sie in ähnlicher oder anderer Bedeutung 
in der profanen Gräzität vorkommen oder nicht, 
im Neuen Testament lediglich auf jüdische oder 
urchristliche Einrichtungen und Gebräuche oder 
Glaubensvorstellungen sieh beziehen und deshalb 
von vornherein bei Ep. nicht zu erwarten sind. 

Auf eine eigentlich systematische Anordnung glaubte icli 
hier verzichten zu können, zähle vielmehr die Wörter in 
alphabetischer Reihenfolge auf, indem ich den einzelnen, die 
zufellig an die Spitze einer Eeihe zu stehen kommen, die 
sprachlich oder sachlich zugehörigen beifüge. Auch hier ist 
dem griechischen Wort die Übersetzung oder ein charakteri- 
sierender Beisatz nur dann beigegeben, wenn es in anderer 
Bedeutung auch bei Ep. vorkommt. 

äy^eXos 'Engel' — &Qx6yyB}.o$, taäyyelog 

&XQoßvaria — änsQit/tTjJog, Tte^iiofi^, xuTazofi^ 
iXelipw (im kultischen Sinn) — x^iofia, XQ^'^'^S- ^nix^itnog, 
ipev66%ßiaiog, ■iqiartavdg 



' Ich brauche wohl knnm heryotBUhehen , daß ich unter biblischen 
WSrtera nicht das meine, was mau früher als sogcDaautes Bibelgrieehisch 
auffaßte, und was, mag auch noch nicht alles ans Inschriften belegl^ worden 
sein oder belegt werden können, doch einfach zur Koifi] gehört. Meine 
Lietc deckt sich denn auch nicht mit Thayers Biblical teords, eoidem, und 
auch diea nar zam Teil, mit dem, was er BibUcal ngnifications nennt. 



Epiktet und Aas Neae Testament 273 

ävaKiiivvcfu ^ 
ATToätKaTÖto — dexarow 

ärroavvdyioyog — iißX"fi"''^>'"'J'''S. avvaycoy^ 

ägxtrroi{tT]v ' — rvotfi^v {im geistlichen Sinn), 7toi.^aiy<a, noi^yri, 
itoifiviov 

ßafiri^oi ^ — ftdTVuatia, ßamta(i6s, ßa^rtav^q, ß^ßrjXog, Ssßfß.6m, 

y.oiv6g 'profan' 
yo^O(pv}.dxi<}y 

yQa/iftaxBvg — /?«'/"), voiiodtddaxalogf ovred^iov 
öaifinviCofiai — äai/ioni!>ärjg, i§o^itio, i§OQXtmi]g 
didßolog — ö nnvrjQÖg der 'Teufel' 
^utx^1}Kl] — juecf^iijg, fieisiTf.v<a 
öiaoTcaqü — iB e^vtj die 'Heiden', iO-viKÖg, Xaög das 'erwählte 

Volk' 
iyy.aivia — lyxaivitM, n&a%u, Tcevrjjxoffrij, ay.r^vonxfyia 
tiöoilov 'Götzenbild' — eMwAoieirpije, £tä(okoi.aTQeia, ei6ii>lö-9-vrog, 

y.aTtiäcof.og, y^si^oTiolriToe (von Götterbildern und vom 

Tempel), &y,iigoTtoitiiog 
txxlijcia — IxktxTÖg, ai-fiy-XiKtög, zAr]goc: (religiös), xXrjQiiio, xXrjrög 
tJtioxoTtog — hTiiüxoTtri 
^vf^ttciriQtov — Svfiiafia, XißaroTÖg 

xaTaniTaa/ia — (Jki;i'iJ 'Stiftshiitte', 'Tempel', a/ijvwjfo:, äy-go- 

yiDvcalog, 'U&oßoXioj 
fidyog — /.laysjjvj, itayeia 



' Dieses Verbum, I Petri 1, 13 in einer bildlichen Wendung gebranclit, 
ist insofern nnhelleniscii, als es anf die Tracht der Orientalen sich bezieht. 
Kennedy führt es unter den Wörtern »nf, welche das Nene Testament mit 
Septnaginta gemein liat. 

' DaG d^/,inoift^v tein ausschließlicli biblisches Wort ist, zeigft sein 
Vorkommen auf einem ägyptischen Mumientsf eichen {DeiBmann, Licht vom 
Oät«n 66 ff.). 

' Auch Ep. spieit bekanntlich einmal auf die jüdische (oder christ- 
iiehe) Sitte des Tanfens an, gebraucht aber nicht den biblischen Terminus 
jSn.-c II Ja,, sondern das allgemein griechiscbe Wort ßä^iTio (II 9, 20), wogegen 
allerdings das ebendort gebrauchte Wort ^n^nfJ'i.iTiorj;; an jenes erinnert. 

ReligiünSBescliiohtlichB Verauclia u. Vorsubelttn X 18 



274 Adolf ßonböffer 

fifyaXoavvr/ — SvofiQ (im mystisch religiösen Sinn) 

jcQstfß^EQos (als besondere]- Stand in der Gemeinde) — oi;,u- 

jrjoq^jJTTje ^ — }pevÖ07tQO'^i^Tr}s, ^Qoqjrjrela, ykS)aaai (Glossolalie), 
EQ/.i7jpeia, diB^fii}vevü>, öieQftrjvevnig, ^^uwxaS'eSQia. 

Gruppe III: Wörter, welclie für das Wesen der 
jüdischen und besonders der christlichen Religion 
bezeichnend sind, und deren Fehlen bei Ep. des- 
halb den tieferen Unterschied der beiderseitigen 
Anschauungen offenbart. 

Es handelt sich bei dieser Gruppe, bei welcher wir den 
ganzen Eest der Liste unterbringen können, nicht, wie bei 11, 
um äußerliche Einrichtungen und Ordnungen oder einzelne 
Kult- und Glaubensobjekte, sondern um den tieferen, allge- 
meineren Gehalt and Charakter der biblischen Weltanseliauung 
überhaupt, soweit er schon in dem Gebrauch und Vorherrschen 
gewisser Wörter und Begriffe zur Erscheinung kommt. Hier 
ist es nötig, eine einigermaßen systematische Einteilung zu 
versuchen, welche zugleich für die zusammenfassende. Ver- 
gleichung Ep.'s mit dem Neuen Testament eine gewisse Grund- 
lage gibt. 

1. Supranaturaliatische und damit dnalistische 
Auffassung des Seins. 

a) Die Existenz einer übernatürlichen Welt: 

äidios, aliijv (fieXkav), attiivios, äfid^avcog, äögavog, &<f>a<xq- 
lOS, ä<p9aQ(7la, ßasdsla {z€)v o^qavfbv oder i^eov), entov^äviog, 
oiqavög. 



' n^o^'jiiti und lepei: erwähnt Ep. awar einmal, aber in einem Zu- 
sammenhaiig, der uns gerade zeigt, wie niedrig er diese religiösen Ämter 
und Enrichtnugen an sich selbst gewertet hat, wenn ihre Träger etwa 
Epikureer oder Skeptiker, d. h. nicht von einer positiv etliiacb-religiöseu, (in 
seinem Sinne) wahrhaft philosophiBChen Überzengnng erfüllt sind (II 20, 37). 
Insofern und in Anbetracht der ganz anders hervortretenden Bedeutung 
der Propheten in der Bibel können wir auüh diesen Begriff als einen dem 
Neuen Testament im Unterschied von Ep. eigenen betrachten. 



Epiktet nnd das Nene Testaineat 275 

b) Die irdische Welt unvollkommen, vergänglich, be- 
ziehungsweise beherrscht von nntergöttlichen oder wider- 
göttlichen Mächten: 

aitüv (ohroQ), xöaftog (dualistisch), KoantKÖg, xiiaig ', xoafio- 
kq6xioq , dpx'i *• ä^vcfiS, e^ovaia, S-gövog, xvQiÖTi]g, aa^xi-xög, 
adQxivog, TaTteiviüotg (aCtfia irjg Taitetviliaeag). 

c) Die irdische Welt enthält nur Abschattungen oder 
Abbilder der himmlischen, nnd innerhalb der irdischen ist die 
vorchristliche Zeit nur ein „Typus" der in Christus erschienenen 
oder durch ihn angebahnten Vollendung: 

atviy^a , ' dXkr/yaqifj) , ävtlrvTrov , ATtavyitafia , AtToaxlaOfia, 
sixibv *, fivaTfi^ia», na^aßakri, oxiä, zvjtog, vTtOTvnwaig. 

d) Das Kommen dieses überirdischen Wesens und die 
Anteilnahme an ihm ist das einzig ersehnte Ziel des Menschen: 

ävdoTaats, änoxa^aäoxiß *, AtioxaTdazaaig, titöijfietu, /.ttza- 
H0^(p6<D, ^£i:«iTX»j|(ißi^w, Tcalt'yysvtQlix, n^qoixog, itoQovolct, fröXig 
(^ li4Xkovaci\ TtoXitWfta. 

Die Kehrseite dieser Seligkeit: &ßvaoog (Ort der Ver- 
dammnis, hauptsächlich in der Apokalypse), AircliXeia. 

' Kiiaii kommt hier nur unter dem Gesichtspunkt des nnr fär eine 
kurze Zeit (oder von nutergöttlichen Mächten) GeachftfEenen in Betracht; 
meint man das Geechatfene im Gegensatz zam Selbetgewordenen, so wird 
das Wort ein Zeuge für den Theismus. 

' Bei '-e-//:, S6,-<:fiii etc. handelt es sieh natiitlich um die speziflaeh 
hibÜBChe, myatiaeh theologiache, beziehunga weise mythologische Bedeutung. 

* cim-iy kommt hier nur in der mystischen Bedeutung in Betracht, 
wonach etwa Chriatns das Ebenbild Gottes oder der ChriBtnaglKubige slxoiv 
Chiisti genannt wird. Es ist mir wohl bekannt, daS eluäv ala wirkliches, 
adäquates Abbild im Neuen Testament der nxtä , der trüben , unwesen- 
haften Abaohattung entgegengesetzt wird. Insofern jedoch das Abbild ant 
ein der unaiehtbaren Welt angehörendea Urbild oder Urwesen hinweist, 
gehört das Wort auch zu der Gruppe derjenigen Ausdrücke, welche die 
spiritnaliatische Anffassung des Neuen Testaments charakterisieren: von der 
OKI« führt gleichsam eine Stufenleiter über die geistig sclion im irdischen 
Leben za verwirklichende- dxt^v znr endgültigen, verklärten elxüi^ zum 
Urbild, zu Gott. 

* Diese sehnsüchtige Richtung des Gemütes auf ein zukiSnftigea, über- 
irdisches Ziel kennzeichnet besonders gut den Unterschied zwischen der 
stoischen, im gegenwärtigen Besitz gesättigten nnd der christJichen, es- 
chatologisch bestimmten Religiosität. 

18* 



27R -Adolf Bonhöffer 

2. Korrelat dieses Supranaturalismus ist der ausgeprägte, 
unüberbietbar energische Theismus. 

a) Die Existenz des unumschränkt gebielenden, in sich 
vollkonnneoen, die Seligkeit der Menschen wollenden Gottes. 

ifteif^aoTOS, &7tqoüiorcoXrjrcTuig'^ (xj/voiy) [jiQoatnuo'kriftJtTriq, 
jtQoiJtanf>hr,fi\pla\ TtaQdwyvthaitiy, vxltia, ^tlofia, Kciazije> ('«y^^o- 
^vfteio, fiaxgo&Vfiia^, olxtiQfitDV, otxuQ/.tas, navTo>i.QÖrmQ, itXt]- 
ßtofia', jtohvaTtXayyvos, vloO-eaia, X'^QtS> ya^tiöot. 

b) Er offenbart seine Herrlichkeit und sein Heil durch 
seinen Sohn und Geist. 

inovAlv^pig, aTtoy.aivKti-j , ÖiSayj], didaaxah'a (im Sinne 
der geoffenbarten Lehre), evayy^hov, ivayyEXi^w, tvayysktari^Si 
■ü^iodidctXTog, d-tvitvivatog, %>jQvoacD, xrjQv^, y.i]Qvyfia, -/.offiaxög, 
fioroyirrig, ■rra^tht'/.tiTos ^ m'si>{.i<t, TCQi'jzÖTOxog, qiare^u), (pwri^w, 
«pivriafiös, yäqiGfia. 

c) Alle menseliliche Verfehlung, ethisclie und religiöse, 
bekommt als gegen den einen himmlischen Herrn gerichtet, 
eine besondere Schärfe- 

' Daß Gott keilt „Anseben der Perioii" kennt, ist eben .incli ein 
Zeichen seiner Erhabenheit, seiner suGeren Erhabenheit, kraft ivelober er 
dnrcli keinerlei Euekaitht auf etwas aulier iUni Existierendes gebunilen ist, 
und seiner inneren Erhabenheit, d. h. seiner Gerechtigkeit nnd Heiligkeit. 

' Die /inx^oO-vnUi als die nachsichtig znwartende, nicht gleich strafentle 
Langmut Güttes ist dem Stoiker fremd, für welchen jede Sünde die Strafe 
unmittelbnr in sich selbst trügt. In der Bertentnng dea gednldigen Ans- 
harrens, vielleicht anch der verleihenden Nachsicht, iat die /la-^po/h/iln im 
Nenen Testtiment auch eine menschliche Tugend, gehört also anch in die 
Gruppe in 3 b. 

» ^!.r,piufi>, kommt hier natürlich nur in Betracht in der dem Epheser- 
brief eigenen niyitiscben liedentnng der Überschwenglichen, über alle Ver- 
nuntterkenntnis hinansliegenden Wesens- und Lebensfülle des trans- 
zendenten Gottes. 

' Der Paraklet im johaaneischen Sinne als der im Gläubigen wirk- 
same Götte'geist oder göttliche Seelenbeiatand hat, sobald mau ihm den 
übernatürlichen Charakter aliitreift, eine schöne Analogie in dem SaJ/imr, 
det nach Ep. und überhaupt nach den späteren Stoikern als Stellvertreter 
Gottea und Fühi-er zu Gott dem Mensehcu eingesenkt ist. Dagegen für 
die fna(.<lx).r,aK im Sinne des Trostes hat der Stoiker kein Verstttndnig, weil 
er überhaupt kein (äuücies) Leiden und Unglück kennt; das Wort findet 
sich bei Ep. einmal, wo es sich um die Empfehlung der Philosophie, also 
um den ^^0Tne:nixöi Uyoi handelt (UI 23, S8). 



Epittei und das Neue Testament 277 

8&iog, a'iQiotg (im üblen Sillll)^, aS^tztwi, äfiaoiojXöe, 
äyäO-ejia, äyaO-ffiari^u , &»Tif.acMa'^ (fiia-S-dg, fuaO^anodoaia, 

HioO-anoöÖTijg, iipi'avtov) , ätiiaiog 'ungläubig' (äkiyörriffrog), 
ßSiXvyi.ia , ßStXv'Aiic , ßJ-aatpr^ftew , äeitjiöaitivjv, äsiaiöai^iovia, 
iO^eXoS'Qr^axEia, STtixatd^aTog, f.r£Qo6iSaiixa/Jto (ipevtioöidäaKakog), 
/Aialvbi, fiiaa^iög, rca^äßaaig", ireipettw*, Ttsi^üafiög, oitäväakov, 

d) Ebendeshalb genügt die bloße Oft'enbaruiig der Wahr- 
heit nicht, sondern Gott muß die Menschen durch Enisühnung: 
fiir sein Heil bereit machen. 

ayiöCM, äyiaaitöi;, SytOf, üyioiTj^', äyiMOvvri, äyviCw, üyviOfwg, 
atfta^, alftarexxvaia, äi-Tii.VTQOv, djtnjx'J' änolvTQutaig, &a:xiXog, 

' Das Wart "iffion gebraucht lüp. in dem gemeiugrieehiächen, iiea- 
tralea Sinne der philosophischen Sekte oder Schule. 

' Ich blanche wohl nicht weiter auszufübren, iuwiefeiu die bibÜKL'ben 
hegtiSe des Lohns und der Vergeltung: mit der stoischen Ethik sich nicht 
Tertragen. 

* Tiapäßnoie ist uTistoiscli natürlich nur in dem Sinne einet le^vutten, 
objektiv vorantwottliehen Zawiderliaudiung gegen ein positiveH, güttliches 
Gebot. Ep. gebraucht einmal den A.asdrnck HHyttßatiKiö; l/.hh tou der 
VerletKung der durch die menschliche Satur geförderten soaialeii Bück- 
sichtQfthme, der xaiviafia (II 'if), 14). 

* Es handelt sich hi^r nur nm den biblisehen Begriff der Versachung 
als einer von widergüttJithen, feindlichen Mächten ausgehenden Anreiznng 
zum Bösen oder zum Abfall von Gott. Überaus lehrreich ist in dieaer 
Hinsicht die Vergleichung von Eneh. 10 mit dem entsprechenden Abschnitt 
der Paraphrasis (1.3); während Ep. nur von -ipoä.i/jiiaj r.i spricht, bezeichnet 
der christliche Bearbeiter diese Zufälle genauer als Trsigaufuii und nennt 
sie ausdrücklich y^o toIi t'/^paü Tipa^iüüiJUi/iti/ot , Hier kann man den 
Unterschied zwischen stoischer und christlicher Auffassung mit Händen 
greifen! Sieht man dagegen von dem Ausgangspunkt des :if.i("Wfioi ab, 
so besteht zwischen der christlichen und der stoisr.hen Anschauung, wonach 
diese Tiiifiaa^tni, d. h. die Leiden, sein müssen und zur Erprobung des 
Glaubens, beziehungsweise der sittlichen Widerstandskraft dienen, eine groHe 
ÜbereinatimmuHg. Ep. wendet einmal auch das Verbum ^iipu^fu' au, wo 
er erzählt, nie sein Lehrer Masonlus einst seine Gesinnungstüchtigkeit (tuf 
die Probe gestellt habe (f 9, 29;. 

* Das Wort "Ifc kommt bei Ep. gelegentlich auch vor, aber nur im 
natürlichen, physiologischen Sinn. Daß das Blut auch in der griechisehen 
Religion eine Bedeutung hatte, würde man aber aus Ep.'s Gespräclien nicht 
erfahren. Als Stoiker respektiert er die religiüsen Gebräuche seines Voltes, 
aber für die Ausgestaltung seiner Lebensanschauung hat der ganze Kultus 



278 Adolf Boaiiüffer 

ä^EUig (AfiaQTiüv) , ötxaionf, öixaim/ia, dixaiojoig, Ikdaxofiai, 
Uao/ifJs, üaaT^Qiov, xad-a^i^vj, xa3a^ia^6g, kirc^öw, XiJT^watg, 
XvtQum'is. XvtQov, dXöxXrjQog ', Tcd^Batg, mavQÖg ', avotavgiia, aäi^iu, 
Oattij^, aatTtjQia^, aotTrJQiog. 

3. Der Mensch erfahrt durch die Aneignung des göttlichen 
Heus eine völlige innere Erneuerung und Hinaüshebung über 
die natürliciie Menschenart. 

ävayevyiio}, äva^äw, ävait.mvöiu,ävaxalr(iiatg,'l^(i))^*, ^(ooyoviio, 

^(fio^oiEio (Kehrseite SdvaTog), vtöfpviog, uvei-fiaiixög. 

Im einzelnen änßert sich dieses neue Leben : 
a) religiös «) in tiefster Befriedigung and hochgespannter 
Jubel- und Dankesstiramung. 

&yaXXiäbt, &yaXliaais> aivho, a'ivsaig, abog, eipiji^ *, enaraaig, 

nichts zu tadeuten; und insofern ist allerdiuga das Fehlen dieser kultischen 
Begfifie höchst bcüeichueud für den Unterschied zwischen ihm nad dem 
Neuen Testament. 

' öUA-^tiai gebrencht Ep. nur von der körperlichen IntegritSt, nicht 
in übertragener, wohl dem Opferbegrifi entnommener Bedeutung. 

' Es versteht sich von selbst, »laß Ep, Ton dem Mysterium des Kreuzes 
nichts weiß. Deu Kreuzestod erwähnt er mehrfach und zwar in einer Weise, 
die Termuten läßt, daß er selbst Kreaziguagen gesehen hat. Wenn er die 
Stellnng der Badenden, die in ihrer Bequemlichkeit sieh ganz von fremden 
Händen bedienen lassen, mit Gekren^igteii vergleicht [HI 26, 22), so ist 
dies gewiß auch ein Fingerzeig, wie wenig der Ideeukreis der Christen ihm 
bekannt war, respektive wie wenig er sieh veranlaßt sah, irgendwie auf 
ihn, auch nur polemisch, Kücksicht zu nehmen. 

' Auch Ep. kennt eine tiefere, geistige Bedeutuug der Begriffe cd/Zi" 
und OBtTr.rin, aber lediglich im rationalistischen Sinne der Selbsterlöanng, 
so daß gerade in diesen gemeinsam gebrauchten Würtem der ganze tief- 
greifende Gegensatz der Anschauungen offenbar wird. 

* Es handelt sieh hier natürlich nur um den prägnanten, mystisch 
reügiesen Begriff des Lebens und Todes. — Übrigens gebraucht anch Ep , 
zwar nicht S'draioB, aber s'emi'i,', rsKjiot/iKietc. bildlich für seelische Zustände. 

' Dsn inneren Frieden kennt E]i, als Stoiker sehr wohl, bezeichnet ihn 
aber eher mit YaM''1, eTponc nnd ahnlichen Bildern. Einmal spricht er 
auch vergleichungs weise von einer ttir^^vr, «,tö ■7i{vl>uv,; cItiü q96vov etc., 
d. h. von einem Zustand, wo man nicht angefochten wird durch Leiden- 
schaften j aber auch von diesem Frieden gilt dasselbe was oben ku ooigoi 
bemerkt wurde. — Die übrigen Ausdrücke der Gruppe sind charakteristisch 
für die Gfut der religiCsen Empfindung, welche das Neue Testament dareh- 



Epiktet nnd das Neue Testament 279 

tiöoxedi, tvSoviia, siloyiu, ^kayt^ög, e-iloyict, xavx^onai (iy- 
xavxäo^iai, -AaTaxavxäo/iai) , xöijxj^.uc , y.aijxijais , Ttlij^ocpo^fio, 
nXriQOfpogict, ii.qoaeü%ofiat, itQoasv^rj. 

ß) in gläubiger Hingabe an Gott und Festhaltung; seiner 
"Wahrheit. 

yvwaig S ^Qr^axtia ', XarQsia, '/.siiovqyew, XeeiovQyia, oq^o- 
10/ieci} ", TtidTis *, TtcfJTtvut. 

b) ethiscli a) in Reinheit des Wandels, Demut, Geduld. 

&/VÖ1;, äyveia (Gegensatz ^oQvevo), 7toQvsla),iaitBi,vo<pqoavyii, 
zanttvöfpqmvj vuo^ioni''. 

ß) in einer selbstlosen, aufopferungsföhigen, wohltuns- 
freudigen Menschenliebe von zuvor nicht gekannter Wärme 
und Herzlichkeit*. 



weht. Nicht als ob es dem Ep. au religiöaer Wärme, gelegentlich auch an 
leligiöaem Enthusiasmus fehlen würde : aber die hocbgespaante Freuden- uud 
Dankes- oder Gebetsstimmung, wie sie in jenen Ausdrücken liegt, ist doch 
nur möglich auf dem Boden des Theismus mit seinen im engeren Slcm 
religiösen Erlebuisseu, 
' ' Die neutestameutlithe yi'iöais ist natürlich etwas anderes aU die 

kühl TcrätandesmäfligB l7iwir,fi.r, der Stoa, sozusagen ein Intellektualiamus 
hüherer Ordnung, den Ep. gewiß ebenso scharf bekämpft hätte, wie ihn 
später die cbrisrliolie Kirche hekftmpten mulite, als er ihr über den Kopf 
wacbsen wollte. — Das Wort yriöais rechnet Nägeli au den Liehiings- 
wörtern des Paulus. 

* Bezeichnet den Kuitns überhaupt, aach deu falsclien {ygl. l9-e)j)- 
&-^r,uxünj, wird aber Jak. 1, äö auch von der wahren, christlichen Gottes- 
verehrung gebraucht. 

* Dieses aus der Profangräaität nicht belegte Wort findet sich nur in 
einem der spätesten Briefe des Neuen Testaments. So üehr die atoiker auf 
die t'ip^f' iiy.uma Wert legen, sind sie doch von der Reehtgläubigkeit im 
kirchliehen Sinne, die sich iu jener Stelle ankündigt und imraec etwas Un- 
freies an sich hat, so weit als möglieh entfernt. 

' nioxii und TuaTtiiii kommen hier natürlich nur im Sinne des Glaubens 
in Betracht, eines Begriffes, der dem stoischen Rationalisrans gänzlich 
fremd ist. 

â– â– ' Die oben genannten Tugenden sind ihrem Inhalt nach selbstver- 
ständlich auch dem Ep. bekannt und wichtig genug; nur die Ausdrücke, 
insofern sie ein religiöses, und zwar theistisch religiüses Verhältnis an- 
deuten, sind nicht eben stoisch. Über ■ia:<tii/oipoauiiq speziell siebe S. 65. 

' Hier sind wir an einem Punkt, in welchem man gewöhnlich einen 



280 Adolf ßonhüfier 

Aya^oe^yeu}, &ya&07tOLka, äyaOoTCOita, d/ya&OTtoiöf;, äyaSw- 
oiiwj, &y6Tc^, äyaicdb). ÄyaTtr^zög, äd{k(p6g • (Gegensatz ipsvöä- 
Sektpog), &del(pri, 6deXq>6rTjs, tvnotia, etJafclayx^'og, t^xvov, rtxvlov, 
^ß.Tlfia. 

Zum Schloß mache ich, um MiBverständnisse zu verhüten» 
noch eiiimaJ auf folgendes aufmerksam. 

1. Die aufgefahrteil Wörter sind, wenn auch vielleicht 
vorwiegend, doch keineswegs nnr solche, welche der neu- 
testamentlichen oder biblischen, weiterhin überliaupt der 
jadischen Gfräzität eigentümlich wären, sondern kommen zum 
Teil, freilich nicht immer in derselben Bedeutung, auch bei 
den profanen Schriftstellern der klassischen und namentlich 
der nacllklas^i3chen Zeit vor. Es sind aber Wörter, welche 
für den Vorstellungskreis des Neuen Testaments bezeiclmend, 
ja teilweise geradezu konstitutiv sind, während sie demjenigen 
Bp.'s fernliegen. 

2. Man darf nicht die einzelnen Wörter der Liste pressen 
oder isoliert für sich betrachten, als ob in jedem einzelnen 
ein markanter Unterschied zwischen Ep. und dem Neuen 
Testament sich offenbarte. Es fehlt zwai- nicht an solchen ; 
andere dagegen geben erst im Verein mit einer Reihe gleich- 
artiger, zu einer Gruppe zusammengefaßter Wörter einen 
deutlichen Eindruck von der Verschiedenheit der Spraeli- und 
Gedankenwelt, 



der Hanptvorzüge des Ohristeiitnms gegenüber dem Stoizbinna erblickt. 
Eineateila mit Beeilt. So sehr beide Lebens anschaulingen iu der Gering- 
schätzung der irdiseheu Gilter übereinBtimmen, steht doch das Christ-entum 
in seiner Betonung der Pflicht des positiven Wohltuns und Helfens (in den 
mancherlei Nfiten dieses Lebena) dem natürlichen Empönden weit näher als 
die StoB. Andernteils ist diese feönaeqnenter in ihrer herben Forderung 
einer absoluten ünterwerfimg unter die nach ihrer Ansicht nicht etwa 
irgendwie anormalen, von widergöttlicheu Mächten gewirkten, sondern 
gottgeordaeten Bedingnn^ien des Daseins, 

' So gewiß die St«a den Gedanken der altgenieinen Verwandtschaft 
der Menschen, als der Kinder eines Gottes ausgesprochen und damit auch 
den Begriff der brüderlichen Verbundenheit aller Menschen deutlich erfaßt 
hat (S. 7. 49), so hat doch diese Vorstellung bei ihnen nicht die gefühls- 
mBJJige Wärme wie im Christentum und hat deshalb auch nicht zu der 
entsprechenden Terminologie geführt. 



Bpiktet und das Neue Testaraent 281 

3. Einen Beifrag zur spracUwisseuschaftliclien odei- sprach- 
geschichtlichen Erklärung der neBtestamentiichen Gräzität 
wollte ich nicht gehen, verweise dagegen auf die Septuaginta- 
Koukordaiiz von Hatch und Redpath, ferner auf die öfters 
erwähnten Arbeiter von Kennedy, Thayer, Deißmann und Nägeli, 
wo die meisten Wörter nach ihrer sprachlichen Provenienz 
und Frequenz eingehend behandelt sind, ebenso auf die wert- 
vollen Wörterverzeichnisse in W. Schmids Attizisraus und 
E. Maysers Grammatik der griechischen Papyri. 

4. Auch auf die Heranziehung der Fatres apostolm glaubte 
ich für den besonderen Zweck dieser Liste verziehten zu können. 
Es läßt sich von vornherein erwarten, und Goüdspeeds Index 
patrifUcus bestätigt es im einzelnen, daß der Wortschatz, 
welcher für das Neue Testament besonders bezeichnend ist, 
zum größten Teil, vielfach bereichert durch neue Formen, 
auch bei den apostolischen Vätern wiederkehrt. 

Damit wäi'e nun der für den Leser vielleicht weniger er- 
quickliche, doch nicht am wenigsten nützliche und lehrreiche, 
sprachvergleicheude Teil der Arbeit erledigt und dem Aufstieg 
zum Höheren, der Vergleichung der Gedanken und der ganzen 
Weltanschauung, der Pfad geebnet. 



282 Adolf BonhöSeT 



Zweiter Teil 

Einzelne Aussprüche und Gedanken 

Was wir bei der Untersuchung des Wortschatzes ge- 
funden haben, daß nämlich die nicht zu leugnende große Über- 
einstimmung doch von der Verschiedenartigkeit entschieden 
überwogen wird, ja daß in der Übereinstimmung selbst eher 
die Unähnlichkeit als die Ähnlichkeit der geistigen Grund- 
lage und Grundrichtung offenbar wird, bestätigt sich auch, 
wenn wir die einzelnen Aussprüche und Gedanken mit ein- 
ander vergleichen. Zunächst freilich wird uns auch hier eine 
überraschende Fülle von übereinstimmenden Gedanken und 
Anschauungen begegnen, und es ist keineswegs meine Absicht, 
die unläugbar vorhandene große Verwandtschaft irgendwie 
abzuschwächen, vielmehr unterziehe ich mich mit Freude der 
Aufgabe, alles Erwähnenswerte mitzuteilen, freilich nicht mit 
der früher schon charakterisierten naiven Freude, mit welcher 
in alter und zum Teil noch in neuerer Zeit die Parallelen- 
jägerei betrieben worden ist. Am vollständigsten nach dem 
alten Wetstein, aber in der am wenigsten vorbildlichen Weise 
hat die epiktetischen Parallelen zum Neuen Testament ge- 
sammelt Edm. Spieß in seinem bereits erwähnten Logos sper- 
matikos. So verständig und verhältnismäßig weithei-zig die 
Grundsätze sind, welche er in der ausführlichen Einleitung 
über das Verhältnis der antiken Literatur zur Bibel ausspricht, 
so unbefriedigend ist die Ausführung seines Planes, die Keime 
der christlichen Wahrheit im Altertum aufzuweisen, geraten : 
Vers für Vera, von Matthäus bis zur Apokalypse, wird das 
Neue Testament von ihm durchgegangen und eine Parallele 
aus den Klassikern dazu gesetzt, mag sie passen oder nicht. 
Daß auch Ep. unter den heidnischen Zeugen für das Christea- 



Epiktet und das Neue Testament 283 

tum sehr iiäufig auftritt, versteht sicli von selbst. Welcher 
Art diese Spieß'sdien Parallelen sind, davon nur einige Proben. 
Zu Mattb. 1, 21 („Du sollst ihn Jesus heißen, denn er wird 
sein Volk selig maelien von ihren Sünden") zieht er das von 
Ep. dem Sokrates in den Mnnd gelegte Wort an: äppj -nai- 
Ötvasoig ^ t&f övo/idttDV iTtiaxsipis (1 17, 12) ; zu Joh. 11, 9 u. 10 ' 
(„Wer des Tages wandelt, der stoßet sich nicht") vergleicht 
er Encli. 38, wo Ep. sagt, wie man beim Gehen achtgibt, 
daß man nicht in einen Nagel tritt und den Fuß verrenkt, so 
soll man auch auf sein iiyetioviKÖv stets achtgeben, daß es 
keinen Schaden leide. Jedermann sieht, daß ein fertium com- 
paratimis^ hier gar nicht vorhanden ist: denn was dort, in 
mystischer Redeweise, als eine selbstverständliche Tatsache 
hingestellt wird, ist bei Ep. die Folge einer bewußten Willens- 
Hchtung. Zu dieser naiven, häufig den Sinn ganz verfehlenden, 
im ganzen recht geistlosen Vergleichungsmethode tritt dann 
noch die völlige Kritiklosigkeit in der Verwendung der anter 
Ep.'s Namen laufenden Fragmente, die bekanntlich zum weitaus 
größten Teil unecht sind. Aus diesen Gründen ist die Spieß'sche 
Zusammenstellung so gut wie nicht zu gebrauchen. 

In neuerer Zeit hat die theologische Exegese des Nenen 
Testaments in weitgehender Weise auf die verwandten Ge- 
danken der profanen Literatur, besonders der späteren Stoa, 
aufmerksam gemacht. Bahnbrechend ist hierin G. Heinrici 
in seinen gründlichen und sachkundigen Kommentaren voran- 
gegangen, und es gehört seither gewissermaßen zum guten 
Ton, das Nene Testament nicht mehr bloß aus den jüdischen 
Quellen und Parallelen, sondern auch aus den heidnischen 
Schriftstellern zu erklären. Auch das neueste Handbuch von 
Ijietzmann macht ausgiebigen Gebrauch davon. So ist denn 
dieses Gebiet der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen 
Ep. und dem Neuen Testament im allgemeinen wohl durch- 
forscht, und ich mache nicht den Anspruch, viel' Neues zw 
bieten, werde mich aber auch davon dispensieren dürfen, 
jedesmal anzugeben, wenn Wetstein, Spieß, Heinrici und an- 
dere die betreifende Parallele auch schon notiert haben. Etwas 
Neues dagegen glaube ich insofern zu bieten, als jene Gelehrte, 
Spieß etwa ausgenommen, nur gelegentlich vom Neuen Testa- 



284 Adolf Bonbüffer 

ment auf Ep. hiniibergeblickt haben, während ich das Ähn- 
liche oder Gemeinsame in mSgHchst erschöpfender Weise 
herauszuheben versuchen werde. Die Vorbedingung hierfür ist, 
daß man sowohl in den Epiktet als auch ins Neue Testament ein- 
gelesen ist und die beiderseitige Gedankenwelt stets präsent 
hat. Wem beides gleich gut vertraut ist, dem wird bei der 
Lektüre des eineu und des anderen das irgendwie Verwandte 
von selbst aufstoßen. Man kann hierbei von Ep. oder vom 
Neuen Testament ausgehen: das gründlichste Verfahren wäre 
wohl, beide Wege nacheinander einzuschlagen, doch würden 
sich dabei zu viele AViederholungen ergeben. Ich werde von 
Epiktet ausgehen, uicht sowolil, weil dies dem Titel meiner 
Arbeit mehr entspricht, sondern weil in Ep. uns ein gleich- 
mäßigeres, einheitlicheres und überdies seinem Charakter nach 
allgemeineres und sozusagen weiter gespanntes Gedanken- 
raaterial vorliegt, in welches sich die enger bestimmte, aber 
in sich mannigfaltigere Gedankenwelt des Neuen Testaments 
leichter einzeichnen läßt als umgekehrt Daß jeder derartigen 
Ideenassoziation etwas Subjektives und Persönliches anhaftet, 
bin ich mir wohl bewußt, andererseits aber aneh dessen, daß 
das Persönliche als solches eine zwar beschränkte, aber un- 
widerlegliche AVahrheit besitzt. . 

Diss, 1 1, Iff. Die Xoyati} äiirafut; hat das Besondere, daß 
sie sowohl sich selbst als auch alles andere erkennt und beurteilt. 

Vgl. I 17, Iff.; II 23, 6 ff. und Fragm. 64 Schw. (Sehenkl 
475, 54). 

I Kor. 2, 15 w TtvtvftaTiy.os iv<rnQirit \}itv\ ■/läyra, avrog 
äe t-Ti' oiöerbs dcvax^lviTttt. 

Es gibt eine höchste Instanz, welche den Mensche» nn- 
mittelbar der Richtigkeit seines Urteilens und Handelns gewiß 
macht, dort die angeborene Vernunft, hier das dem Glauben 
geschenkte göttliche Pneuma. 

Diss. I 1, 9fi', ifci yf^g -/ä^ 'önmg xal aüifian avfötdmEi'ovg 
xoiOvTi^ . . . Ttibg olöv i'^i' . . , vnh tStv Lr.ibq iitj l/ijzoöi^tod^oi; 
äze ovv TtoXi.oig TZqogdsSifievni ßaqovueä^a t-7i' altüiv xai 
xa&eXx6fieüa. 



Epiktet und daa Kcue Testament 28Ö 

II Kor. 5, 4 y-cl yä$ Svtes iv t^) axi'ivti aitvd^ofnv floQovi.t evoi. 

Die Verhältnisse, diircli welche unser irdisches Leben be- 
dingt ist, bringeü mit Notwendigkeit gewisse Hemmungen und 
Leiden mit sich: der Christ fühlt sich dadurch bedrückt, 
während nach stoischer Ansicht nur derjenige dies als Druck 
empfindet, der die ädtarfo^ia gegenüber de» äußeren „Gittern" 
sich noch nicht zu eigen gemacht hat, 

Diss. I i, 14 vi'r ä' irog dvvd^isvoi tTtif-iiiMs-^ai . . . 
[i.Sk).ov &e/.ofuy ftoÄXwv kitifisXelaSai. 

Vgl. III 9, 22: ;»; 7C0fX0iv Ini-d-vi^ti neu oiauq. 

Luk. 10, 41 fitQiftvSg jtai ■S'oqvßä^Ti ntQi fto'Ü.ii, kvhi 
de ioiii' ZQfiu. 

Das Verhalten der Martha bildete natürlich nach dem 
urspriiii glichen Sinn der Erzählung keinen solchen direkten 
und prinzipiellen Gegensalz zu demjenigen der Maria; aber 
in der praktischen Auslegung und Verwertung deckt sich die 
Mahnung Jesu so ziemlich mit derjenigen des Ep. An Stelle 
des Gegensatzes von Einem und Vielen tritt übrigens bei ihm 
meist der des Eigenen und Fremden {z. B. I 25, 4 ri aa 
T^6( - . . z&v ällotQÜi»' fii: iqiieao. S. a, S. 36 ff.). 

Diss. I 1, 17 x9>io!^c'i [dtl TOl<; TiQäynamv] <'i/^ näpuKtv 

Vgl. I 12, 7 und 15 und besonders II 7, 13: ä'jXo oöf ii 
ajitirov jj To TfT/ T?e(7, doxoDr; Euch. 53. 

Matth. 6, 10 ytJ'ijÖ-iJrw Tfj S-S.rjud aac. 

Vgl. Matth. 26, 39 ff. 

Die Ergebung in den Weltlauf, welche auch die Stüa 
fordert, hat bei Kp. liäuüg eine religiöse Färbung, weiche ihn 
dem Cbiistentum sehr nahe bringt. 

Diss. I 1, 18 'tf.iE ovv vvv TQayfjXo'AOJrflalfai fiövov;' %l ovv; 
il&ti-ti; Tiäna'^ 'i(iax'^Xoxo7itj-3'riria na rrl jiagafivffiav ex*]^! 

Vgl. I 29, 16; II 5, 27. 

Luk. 13, 2 Öov.tli^ Hti rciWMoi oltoi üuagroloi noQa 
iTäyzag tovg ra/,t},aioi'S tyfvovio Sri. ravTct jcETtövä-aciv ; 

„Warum muß gerade ich dies leiden?" oder: „Warum 
muß gerade den und jenen ein so schreckliches Los tieft'en ?" 



28B AdolE Bonhöfier 

Diese schwierigen Frageu der Theodizee sehlägt Ep. nieder 
mit der ganzen Herbigkeit der stoisciieu Ansicht, daß das 
äußere Wohl und Wehe des Einzelnen keine Rolle spielt im 
unendlichen Kreislauf des Alls. Das Wort Jesu stimmt in- 
soweit damit überein, als auch er es ausspricht, daß besonderes 
Unglück nicht auf besondere Sündhaftigkeit schließen lasse, 
weicht aber darin stark von Ep. ab, daß Jesus den gewalt- 
samen Tod als ein verdientes Strafgericht über die sündigen 
Menschen betrachtet und den Bußfertigen, innerlich Erneuerten 
eine besondere göttliche Bewahrung in Aussicht stellt. Die 
andere neutestamentiiche Anschauung, nach welcher auch die 
durch Christus Erlösten der schrecklichsten Schicksale ge- 
wärtig sein müssen, dieselben aber eben nicht als Strafe, 
sondern als Prüfung empfinden, die ihnen Gottes fortdauernde 
Liebe in keiner Weise zweifelhaft macht — eine Anschauung, 
die mutatis mitfandis auch diejenige Ep.'s ist — liegt an der 
betreffenden Stelle außerhalb des Gesichtskreises Jesu. 

Diss. I 1, 23 ro ax^iog fiov dr^aus. ii}v TCQOatQtaiv de o&i' 
b Zevg vixljaai öüvarai. 

Vgl, III 13, 17; 'ri ohv; uv itg . , . äjtoaipä^r^ /is;' funQi, 
ah oV, äX)M lö aw^djt.ov. 

Mattli. 10, 28 ;«; ipoßeloi^s äTvb i&v äjtoxruvövTiav z» aiLfta, 
Tijv Sk ipvxi}v fiij ävvafteyiijy iTtoxTilvat. 

Die Ähnlichkeit des Gedankens wird allerdings stark be- 
einträchtigt durch das, was bei Matth. folgt, wonach Gott 
auch Macht hat die Seele zu verderben d. h. ihr das Leben 
zur ewigen Qual zu machen. Aber doch auch nach Jesu 
Ansicht nur dann, wenn sie in freiwilliger Verblendung sich 
von Gott abkehrt. Mit dieser Eventualität rechnet auch Ep., 
und der Unterschied besteht nur darin, daß eine solche i/'wzi} 
nach Ep. schon innerhalb ihres irdischen Lebens verloren 
d. h. unselig ist und deshalb eine ewige Qual nicht nötig hat. 

Diss. 1 1, 27 oi &&BIS fiei-tTäv &QXfia^ai ly öedo/A^vq); 

Hebr. 13,5 ätpikdQyvQog a i^ÖTtog, äfixoiJfii:vot Tolg nagoSaiv.- 

Der öedanke Ep.'s ist allerdings viel umfassender: unter 

dem „Gegebenen" versteht er alles, was auf das äußere Leben 



Epiktet nud das Nene Testament 287 

Bezug hat, also auch seine stetige Gefährdung, eventuell auch 
durch Mangel am Nötigsten. Andererseits will natürlich auch 
das Neue Testament Gott niclit gleichsam ein Minimum vor- 
schreiben, unter welches seine Gaben nicht herabsinken dürfen, 
wenn der Mensch noch mit der Vorsehung soll zufrieden sein 
können. 

DiSfi. X 1, 32 AitoS-avilv /i€ Sü. tl TJör>. d/roi^j'ijomit . . . tEig 
Ttqogr^yLU tov ra AXXötQUt &7toSiS6via. 

Vgl. III 5, 10: vSv fie -^iXeig äicsl-^tiv Ix rfjg TtavijyiQews ' 
äitetfii, x^qiv aot ^%ui näaav ete. IV 1, 106. 

Phil. 1, 21 ki.101 yhc^ 10 %fiv X^iOtog aoI rö &ito9-avüv -Ae^dog- 

II Kor. 5, 9 (pilozi/iovfitd-a eire hörjfioDvjeg (Yts Ixätj^oCvr^g 
eiä^emot airip elvai. 

Das Gemeinsame liegt sowohl in dem Ausdruck der stetigen 
freudigen Bereitwilligkeit zum Sterben als auch in der An- 
schauung, daß das leibliche Leben, wiewohl an sich selbst 
etwas Fremdes oder ein Fremdeiistand, doch die Möglichkeit 
in sich sehließt, das wahre geistige Leben zu verwirklichen. 
Der Unterschied liegt bloß wiederum darin, daß dem Ep, diese 
Verwirklichung eine volle, endgültige, dem PI nur eine vor- 
läufige ist und den Lebenstrieb keineswegs dauernd stillt. 

Diss- I 2, 11 av yuQ tl h aavrov slSdig, noaov Ü^iog et 
öEöUTfJj xal Ttöaov aeavzhv scinQ^oxeig. 

Vgl. in 24, 49. 

Matth. 16, 26 ri y^Q wq^fAij-^ijoEiat Sty&QViitog lav lö* 
xöofiov H?.ov xepiSijff);, tijv de ^)vyrjv airov ^rjtuojSfj; 

In beiden Fällen handelt es sich um die Selbsteinschätzung 
des Menschen, ob er nämlich sein wahres Ich und Leben als 
ein absolutes Gut erkennt, dem gegenüber alle vergänglichen, 
im letzten Grunde nur scheinbaren Güter nicht in Betracht 
kommen. 

Diss. I 2, 18 eyii} öe jtOQ^v^a elvat ßovAOfiai, zh dXlyot 
htsZvo nal azdTtvbv xat TOlg HXlotg a'kio)' zov tvTtQSTtfj (paiu- 

Vgl. III 1, 23 h> jtavti yivii (pieiai ii l^ctiqttov etc. 



288 Adolf BünUfiRer 

Mattli. 5, 14 fl'. <-iiels imt to (pHig loD y.6afiov . , , oV-rtog 
/MfupdTto to (fSig vuGiv i'/itTQOO&ev tSiv äv&QiImiov. 

So wenig Ej). es irgend einem vetwehrt, ein Purpur seiu 
zu wollen, so wenig will natürlicli Jesus die Forderung, ein 
Liclit der Welt zu sein, auf etliche Auserwälilte beschränken. 
Der Unterschied besteht nur darin, daß der, letztere mehr 
an die verbreitende, die Mitmenschen erleuchtende Wirkung 
der Iiichtnatur denkt, während Ep. schon befriedigt ist, wenn 
es überhaupt einzelne leuchtende Punkte in der großen Masse 
der Menschen gibt, und die letztere nur indirekt an dem 
Glänze der Erwählten, der i^ai^erot, teilnehmen läßt. Daß 
übrigens auch dem Ep. die vorbildliche Wirkung ethischer 
Größe nicht ganz gleichgültig war, zeigt das Folgende: ri 
ovv loipihjoe Il(>iuy.og eJg &v; ti Ö' i'!irpt?.H {j ^og(pv$a tu luäuov; 
tl yäp S'/.'M> ij SiartQinst iv airqj üg no^^vQct x«i ToigS)ilotg 
ds xaXov nagBÖEiy/ia ey.xeiTot; (VeVS 22). 

Diss. I 2, 34 Öia ri uii; d vf^h^ loCio TtEffivxafHV, oi 
nävTeg ^ no'/J.oi yivovrcci TOioüzni; 

Matth. 22, 14 ^oUol y&q eimv x^.jjtö/, iUyoi Je eTilexioi. 

AVir haben liier wieder eine Frage der Theodizee, und 
zwar die viel schwierigere nach dem Grunde der ethischen, 
inneren Ungleichheit der Menschen. Bekanntlich finden .sich 
hierfür im Neuen aVstament zwei einander widersprecliende 
Anschauungen. Nach der einen, die mir auch Jesus in dem 
fraglichen Ausspruch zu vertreten scheint, sind alle zum Heil 
berufen und imstande es zu erlangen; wer schließlich nicht 
zu den exiexrot gehört, hat es sich selbst zuzusehreiben. Nach ' 
der anderen, die uamentlieh in Aussprüchen des PI eine Stütze 
hat, entscheidet in letzter Linie Gottes unerforsehlicher Rat- 
schluß über Seligkeit und Verdammnis. Ep. antwortet auf 
obige Frage auch in dem Sinn, daß die große Mehrzahl der 
Menschen mit einer gewissen Notwendigkeit das höchste 
ethische Ziel nicht erreicht, betont aber ausdrücklich, daß es 
töricht wäre 3iä i:i;v ä7t6yvioutr jdiv äx^tar das Streben da- 
nach ganz aufzugeben. Er kommt also darauf hinaus, daß 
es aucfi in ethischer Beziehung der Natur der Sache nach 
viele Abstufungen unter den Menschen gibt. Anderswo spricht 



Epiktet nnd das Neue Testament 289 

er sich auch wieder, im Einklang mit dem stoischen Dogma 
VOE der Verrücktheit aller Nichtweisen, so aus, als ob es nur 
ein Entweder-Oder gäbe. Ich sehe darin eine unvermeid- 
liche Antinomie jeder absolut idealistischen Ethik. Das 
Christentum mit seiner Lehre von der ewigen Seligkeit oder 
Terdammnis kann natürlich theoretisch bei einer Relativität, 
wie Epiktet sie annimmt, sich nicht beruhigen, ist aber doch 
praktisch genötigt, sie das ganze Leben hindurch gelten 
zu lassen, wenn sie nur im letzten Augenblick vor dem Tode 
durch eine wirkliehe Bekehrung sich nocli zum Absoluten 
erhebt. 

Diss. I 3, 1 b'l tig T0 S6y^ari tovti^ avfiTiaSijaat xat' 
d^iav övvaito, Sxt yeyövafiev V7tb toü &eoiJ Ttdvrsg nQOij- 
yovfi-iviog /.ai o &Ebs JCCtzi^Q earc tSiv t' äv&qiiircwv v.«i tÜjv 
3-eiöv, ol.(.iaL 8ri ovöiv diyevyss oiSe taiteivov lv&viit}3-i]aiTai 

III 22, 82 Toß xoivov Ttar^hg vTtij^^g toö Jidg. III 24, 3. 

Joh. 1, 13 o'io^x i^al/idriav. ..&W ex -S^tov ^ys.vv>l&vjaav. 

I Joh. 3, 9 TiSg yeyevyiji-ävog ix tov -d-eov äfia^iiav oi Ttoisl. 

Bei der Vergleichnng dieser Stellen lege ich Wert nicht 
bloß auf die Ähnlichkeit der Ausdrücke und die Vorstellung 
der Gotteskindsehaft überhaupt, die im übrigen bei Ep. eine 
wesentlich andere Bedeutung und Färbung hat als im Neuen 
Testament, sondern namentlich auch auf die von Ep. wie in 
I Joh. 3, 9 heiTorgehobene ethische Konsequenz des Bewußt- 
seins oder vielmehr (bei Johannes) der religiösen Tatsache 
der Gotteskindsehaft. 

Diss. I 4, 32 ort fth SfiTtelov ^S(/>Kav rj nv^ovg, evti-SiJOftev 
lOvTOv ^vexa, iht di toiaiHov l^i^veyxav xaQTchv fv &y&QU}n,ivt} 
duivoiq, ät' ov T^v &),^&-eiav rijv ne^l eUaifioviag ds(§HV rj/tZv 
ijfieXkoy, loviov Ö'Svexa oix ^%<fQUJTriao(iBv t^ &e(^; 

Joh. 1, 17 ^ %äqtg xal fj äL^d-eia 3ia 'Ii]aoö X^iarov ky^eto. 

Joh. 8, 32 fj äi.i^-9-Eia sXev&eqiüau vfi&g. 

Joh. 14, 6 iydi d(ii ^ bSag vmX ^ öA^^et« -xal tj ?w)j. 

Das Gemeinsame des Epiktetischen Ergusses und der, im 
einzelnen natürlich gar nicht damit vergleichbaren Bibelworte 

EeligionasMchlobtliche Versnobe n. Vontibei(«n X. '^ 



290 Adül£ Bonhaffer 

li^t in dem Begriff der beglückenden oder befreienden Wahr- 
heit, der im Neuen Testament besonders bei Johannes hervor- 
tritt, und in der Lobpreisung dieser rettenden Wahrlieit, die 
bei Ep. kaum weniger enthusiastisch und religiös klingt als 
dort. Im übrigen unterscheidet sich der philosophische In- 
tellektualismus Ep.'s, der die Wahrheit wohl auch als Gabe 
Gottes aber zugleich als eine Frucht des menschlichen Denkens 
betrachtet, deutlich von dem religiösen oder mystischen In- 
tellektualismus des Johannes, dem sie als eine geoffenbarte 
und gleichsam fertige in der Person Jesu Christi verkörpert ist. 

Diss. I 5, 8 ff. fiäx>]v . . . avvoQQv ol>tog (o '^/y.aöi]!iaHtös) 
oi xivsltat am TtQo-MTViei. . . . '£y.zETfiri%ai tu aldijfwv adtov 
lal In^ETiTijiöv. 

Vgl. Diss. fr. 19: Wie es Kranke gibt, die der Arzt auf- 
gegeben hat, so gibt es Mensehen, denen der Philosoph nichts 
mehr zu sagen hat, 

Matth. 12, 32 ÖS ö'Sv eiW/j xaiä tcO iTj'ftl^arog rov äyiov, 

Die Art wie Ep. die V'Z^fi iTtov^xQuatg, die Verstockung 
der Skeptiker schildert, wie sie wissentlich sich sperren gegen 
das augenscheinlich Gewisse und das natürliche Gefühl für 
die Wahrheit geflissentlich verleugnen, erinnert lebhaft an 
das Wort Jesu von .der Sunde gegen den lieiligen Geist, dem, 
wie man es auch näher deuten mag, jedenfalls ein verwandter 
Gedanke zugrunde liegt 

Diss. I 6, 19 zbv 6' ävS-QUTCQv (ktatiiv darjyayEv aizof' re Mtl 
tGiV eQyu,y tQv aözoS, xal oi fttivov tfsar^V, ^UÄ xal i^^ymr.y. 

Matth. 6, 26 fr. 

Für diesen schönen Gedanken Ep.'s vermag ich aus dem 
Neuen Testament keine rechte Parallele anzuführen: vor dem 
alles beherrschenden soteriologischen Interesse tritt die reine, 
sozusagen uninteressierte Anbetung Gottes iu seinen täglichen 
Werken ganz zurück. Auch die Sprüche der Bergpredigt 
welche einen offenen Sinn für die GrotSe Gottes in der Natur 
zeigen, wollen doch nur die göttliche Fürsorge für die 
Menschen daran anschaulich machen. AVeit mehr entspricht 



Epiktet und das Neue Testament 291 

hier der epiktetischen Religiosität die Frömmigkeit der alt- 
testamentliclien Psalmen, 

Diss. I 6, 37 '(pi^e vSv, 5) ZsC, p d-di-eig ite^iataaiv i'x<^ 
y^ ttuQamevijv h aov fioi öedofi^vrp' xal dupoQfiiis ""p^S fo 
xo<Tfifjaai Sia TüiV äTroßatvävrav sftavtdv'- 

Phil. 4, 11 ff. ej'öj yag sfia^ov iv oh sifit o^ßpKijg bIvoi . . . 
n6yi;tt la%vu> iv r/p evävvaftovvii f.ie. 

Man hat in dieser Apostrophe an Zeus eine an Selbst- 
überhebung grenzende Herausforderung sehen wollen. Sie ist 
dies ebensowenig als das sinnverwandte Bekenntnis des PI 
etwas Prahlerisches hat. Auch Ep. betont, daß er die sittliche 
Kraft zum Ertragen des Leidens von Gott hat, wenn er auch 
freilich nicht wie PI an eine direkte Kraftspendung von oben 
oder ein mystisches Einwohnen der Gottheit denkt. Auch der 
Gedanke, daß er sich durch die Leiden schmücken will, hat 
in Epiktets Mund lediglich nichts Selbstgefälliges. 

Diss. I 7, 33 ^ TotöTa fiöva ana^ticnd Idii to KaTttxibliov 
EHn^flffm ycl tbv nati^a &7tOY.Telvat, ib 5'e^x^ xai fKirriy xßi 
(J»5 itvxev %qilad-aL tcti^ (pavTaalaig . . . toikatv 6'oM^v kiniv 

Vgl. Diss. fr. 15: oiSi rbv ödxvvXov hreivstv dxfj nrgooijjt«. 

Luk. 16, 10 6 itiazbg h eXuxiav^ xa* iv ^oXXf^ ■rtiatög etniv etc. 

I Kor. 14, 40 -/tdyia dk siaxr]növ<ag xai xata tö^ir yev^a&o. 

Der Gedanke, welchen Ep. in dem ganzen betreffenden 
Kapitel an dem Beispiel von der Logik veranschaulicht, daß 
das ethische Bewußtsein sich auch auf das scheinbar Gering- 
fügige erstrecken und auch die kleinsten Pflichten des täg- 
lichen Lebens durchdringen müsse, ist ohne Zweifel auch ein 
christlicher Gedanke. In den angeführten Sprüchen handelt 
es sich zwar, wie ich wohl weiß, teils um etwas Allgemeineres, 
teils um einen bestimmten Fall: sie werden aber in der Christa 
liehen Paränese herkömmlieherweise in jenem obigen Sinn 
verwertet und insofern nicht ganz mit Unrecht, als die 
Heiligung des ganzen Lebens und Wesens eine urchristliche 
Forderung ist {Kol. 3, 17 ; vgl. dazu Ep. I 13 Titel yrwg 'dxaord 

18* 



992 Adolf BoDhöffer . 

Diss. I 9, 5. 

I Petri 1, 17 u. I Joh. 1, 3 ff. 

a Seite 51 ff. 

Diss. I 9, 7 lÄ de thv &ebv troiijTijv e^eiv xal ttave^a mi 

m 26, 27 ff.; in 13, 13. 

Matth. Ö, 25 iiij fte^i/ivSTs %ij ipvxfj vi.iäv rl tpdyrjTS etc 

Rom. 8, 31 ff. et ö -^ebs vjUq ijfißiv, lig xaS^ {j^Oiv etc. 

Was Ep. hier ausspnclit, hat nach dem Zusammenhang 
seine nächste Parallele an dem Spruch der Bergpredigt. All- 
gemein gefaßt ist es aber nichts anderes als die stoische Forde- 
rung der Affefctiosigkeit, religiös gewendet, und in diesem 
allgemeineren Sinne entspricht der Gedanke wohl eher dem 
begeisterten Hymnus des Fl. Das Neue Testament weicht 
darin von der Stoa ab, daß es Trauer und Furclit nicht ganz 
verbannt, vielmehr in gewissem Sinne fordert (als götÜiche 
Traurigkeit, 11 Kor. 7, 10, und religiöse Furcht, z. ß. 1 Petri 
3, 2). Auch die rein natürliche Furcht und Traurigkeit wird 
als etwas mit diesem Erdenleben notwendig Verbundenes ge- 
dacht (z. E. Joh. 16, 22); andererseits sind doch diese Em- 
pflndungen gebunden und ihres Stachels beraubt durch die 
Seligkeit des Glaubens und Hoffens, und das große Wort des 
Johannes „Furcht ist nicht in der Liebe" klingt ebenso er- 
haben, nur noch schöner und herzgewinnender, wie die stoische 
Lobpreisung der eiäaiftovia, der sdäia xal yah]v,i h %{^ ^e- 

Diss. I 9, lö 'liy-&-qa7toi kxäi^aaS-s löc Oeöv Stav li!.üvog 

aea^e rtQog airdv . . . di.iyog ä^a tq6vog ohog 6 Tijg ol^mws 
jcai Q^diog roig ovzto diaxeifievoig . . .' 

Jakob. 5, 7 ^icncQO»v/i^acn£ oiv, &3e).g>oi, 'ewg Ti^g jcaQOvaiag 
To€ xv^iov. 

II Kor. 4, 16ff. dth oix Eyxaxouftev . . . tb yä^ na^av- 
Tlxa k'Kcffpqbv Tijs »Utpeag ■fjiitbv . . . aidivtov ßti^og dö^vg 

Diese schöne Apostrophe Ep.'s, weiche zu den tiefst- 
empfundenen religiösen AuBerungen des Altertums gehört, hat 



Epiktet und daü Nene Testament 293 

in Stimmung und Gedankengehalt so \iel Christliches, daß 
man sie fast ins Neue Testament herübernehmen könnte; be- 
sonders nahe berührt sie sich mit der Stelle ans dem II. Ko- 
rintherbrief. Im übrigen darf man nicht vergessen, daß der 
Trost, den Ep, hier einem fingierten weltschm erzlieh bewegten 
Schüler spendet, ein hypothetischer ist, und daß für seine 
virilis sententia kein Grund vorliegt, das Leben als Last zu 
empfinden und sich nach dessen Ende zu sehnen, zumal auch 
die Vereiuigiing mit Gott, die keine persönliche ist, wenig 
Verlockendes für den Menschen haben kann. 

Diss. I 9, 19 otttv xoQtao-Sijie arjfie^ov, xd&rjaSE xi.dnvTF.g 
Mattb. 6, 34 ^^ oiv /it^ifivilaETS eig tjjy aiigiov, ij ya^ 

So wenig die Ähnlichkeit dieser Stellen die Annahme 
einer Abhängigkeit der einen von der anderen fordert, so 
augenscheinlich und immerhin merkwürdig ist die Überein- 
stimmung: doch lauert schon im Hintergrund auch hier die 
prinzipielle Verschiedenheit der stoischen von der ciiristlichen 
Anschauung (Seite 9 und 69). 

Diss. I 10, Iff. ei oijTw afpoS^Cig ovferstdi.isSxe Jtepi rb 
€Q'/Ov tö savzCbv (ug Ol ^v 'Pihurj yiQOvxEg TteQi & lafiovddxaai, 
zdxci äy rt rjrvofisf yal afytoL 

Vgl. I 20, 10 und I 28, 28 ff. 

Eine besonders feine Zuspitzung bekommt dieser Gedanke 
in IV 6, 37: „Die Weltmengchen ficht es nicht an, wenn du 
sie bedauerst. Warum nicht? Weil sie überzeugt sind eines 
Gutes habhaft zu werden, du aber nicht". 

Luk. 16, 8 oi vlol Tov alätvog tovtov rpqoviLiiliTEQOi vnep 
rovg viovg tov (pMzhg eig ttjv yeveav tijv eccvzGjv tlaiv. 

Die Übereinstimmung des Grundgedankens, daß diejenigen, 
die nach einem idealen Ziele streben, von den ausgesprochenen 
Weltmenschen lernen könnten und sollten, ihre Kraft und 
Aufmerksamkeit ganz auf die Erreichung dieses Zieles zu 
konzentrieren, ist so handgreiflich, daß ich nicht verstehe, wie 
man dieselbe nicht der Hede wert finden kann (Giemen aaO. 42). 



294 ■ Adolf Bonhöffer 

An eine Abhängigkeit ist aber selbstverständlicli nicht zu 
denken, dazu ist allerdings die Ähnlichkeit zu gering, von 
allem anderen abgesehen. Zum Gedanken selbst bemerke ich, 
daß es nicht eben sehr verwunderlich ist, wenn die Welt- 
kinder in der Verfolgnng ihrer Ziele klüg'er, konsequenter 
und energischer sind: weil nämlich der Gegenstand ihres 
Strebens von Haus ans für den Menschen etwas Verlockendes 
hat, während das Ideal der Gotteskinder eine nicht ebenso 
leicht spürbare und stets gegenwärtige Wahrheit und An- 
triebskraft besitzt Eben dies führt Ep. in dem betreffenden 
Kapitel in anschaulicher Weise, zum Teil mit köstlicher Selbst- 
ironie näher aus. 

Diss. I 11, 7 ^ävTsg axeöov tJ oi ys iiXslatot äftaQTiivofiev. 
Böm. 3, 23 jfäyveg yög fjftaQTOv xai vme^oSvTai rr/^ 66^i^g 
10V &eov. 

In der Ähnliclikeit zeigt sich hier sofort eine schwer- 
wiegende Differenz in der epiktetischen Restriktion „oder 
wenigstens die Meisten". Auch Ep. erklärt übrigens gerade 
an dieser Stelle ausdrücklich, daß die Sünde, wiewohl ziemlich 
allgemein, doch darum keineswegs naturgemäß sei. Der große 
unterschied der beiderseitigen Anschauungen von der Sünde 
ist früher schon (z. B. S. 13 ff.) eingehend erörtert worden. 

Diss. I 14, 13 Stav xkeimjTe tö? &vQag xai ffjto'iog e'vdov 
jrotiJiDjre, fi^^vr^ad-e ^riöinoTi Uyuv oii fiövoi i(n^- &d y&^ 
lozi, äW o S-ebg hdov egtiv xal 6 vft^tQog öai^itov ia-nl. 

Vgl. I 30, 1: aU.og ävio9-ev ßXf.ittt. zä yiyvöfieva und die 
besonders wirksame Äusfühning dieses Gedankens in II 8, 11 ff.; 
ferner II 14, 11; oäx h'ari Xa-9-etv aiibv o6 /lövov TtotaOvra &XX' 
ovöe ätavoovfiivov ^ svS-vfiov/tevov. 

Matth. 6, 4 xal Ttarrj^ aov ö ßlinaty h t^, xgvmr^ &7C0- 
äcitasi aoi. 

Matth. 28, 20 xal löoi iyä} [le»' ift&y elfit ndaag tbc; 
^fi^QüS 'diue ij/g avvreleias zoO aiwvoq. 

Die Allgegenwart Gottes, beziehungsweise seine Immanenz 
im Menschen kannte auch Ep. nach ihrer tröstlichen wie nach 
ihrer richtenden Seite. Wenn Jesus seinen Jüngern verheißt, 



Epiktet und daü Neue Testament 295 

daß er stets bei ihnen sein, beziehungsweise, nach Johannes, 
als seinen Stellvertreter den Paraklet senden werde, so zeigt 
Ep. in seiner Lehre von dem jedem Menschen beigegebenen • 
Daimon Epitropos, wenn auch in weniger mystischer Form, 
einen ganz analogen Glauben. 

Diss. I 15, 1 ff. üvfißovlsvoft^ov iivös. rrtSg ibf ädei.(pbv 
^tiarj firpt^ti x«iertfüg aitqi exeiv, Oix htayyiXXBtat, £(pi^, (piXo- 

Vgl. III 9, 10: ovy. 'e-/,o} nqoq rovxo ^e<aq^a<na. 

Luk. 12, 13 ürißv di zig iy. lov öx^of aitq) ■ dtöämiaXe, 
EifCE r^ ääeXtp^ /.lov ftsQiaaaSai i.tei' euoC tjjv xkr^QOvofiiav 6 
öe elfcev ixir^i' ävS-^M^E, T/g [.iS xaz^arrjaet xgijrp> ij /lE^ioTr^v 

i(p' Vf.t&S; 

Ich weiß nicht, ob auf die Ähnlichkeit der beiden Stellen 
sonst schon hingewiesen worden ist. Mir erscheint sie äußerst 
merkwürdig. Der Fall ist so ziemlich derselbe: ein Mensch 
kommt zum Seelenarzt mit seinen leibliehen oder äußerlichen 
Anliegen in dem Wahne, ein so außerordentlicher Mann könne 
am Ende auch seinem irdischen Glück auf die Beine helfen 
und zur Sanierung seiner Finanzen oder seiner persönlichen 
Beziehungen zu gebrauchen sein. Beidemal erhält er eine 
sehr deutliche Abweisung mit seinein törichten oder niedrig 
egoistischen Ansinnen, beidemal wird ihm zum Bewußtsein 
gebracht, daß es sich bei der Philosophie, beziehungsweise 
beim Evangelium, nur um innerliche, persönliche Hilfe handelt, 
die dann freilich möglicherweise, aber nur indirekt, auch eine 
Besserung der äußeren Verhältnisse herbeiführen kann, 

Diss. I 16, 15 ti yag vovv e'iio/.iEr, aXXa ii t6ei -^^ftSg 7tou.lv 
xixi xotv^ xal iöia ^ vftvelv to delov xcü lirprjfiEiv Kai iite^sQ- 

Vgl. II 23, 5: ffjr' &%dqtaTog 'ta&i fiiffte fc6Xtv äiin^^unv 
1(5 V HQttüaövwv. 

in 26, 30; Diss. fr. 17, wo die Undankbarkeit der nimmer- 
satten Mensehen durch das Bild vom Gastmahl anschaulich 
vorgestellt wird; ebenso Eneh. 15. 



296 Adolf Bonhöfter 

Eph. 5, 19 ff, 7cXi^qova9e h nv£v/.iazt XaXovvrtg iavTolg 
ipakftolg xai v/ivotg xal ^dalg itvevfiaTOiaig i^dovztg xai yjdkXovreg 
Tfj xagSia vfi&v rq> xv^li^ sixaQiazovvreg Tidnote vtieq Ttdaniov. 

Die Stelle aus Ep.- ist nur der Anfang jenes Ergusses 
lauterster Frömmigkeit, wo er zum Schluß gelobt, daß er in 
seinen altea Tagen nicht ablassen wolle, Gott zu preisen und 
ihm ein Loblied zu singen. Die Worte des Epheserbriefes, 
die natürlich im Vergleich zum übrigen Neuen Testament 
nichts Besonderes bieten, lassen sich vielleicht am ehesten mit 
jenem zusammenstellen, weil in ihnen dieselbe fromme Freudig- 
keit und Dankesstiramung mit einem gewissen Gefühlsüber- 
schwang zum Ausdruck kommt. Über der Ähnlichkeit darf 
man natürlich nicht vergessen, daß der Ijobpreis Ep.'s viel 
allgemeineren Inhalt hat als der des Apostels, der stets das 
zentrale religiöse Erlebnis des Gläubigen im Auge hal Dem 
Gegenstand nach steht Ep.'s Bekenntnis wohl dem Standpnnkt 
der Psalmen näher, erhebt sich aber über diesen in der Reinheit 
und absoluten Uneigenntitzigkeit seiner Gottesfreude und ist 
bei aller dankbaren Anerkennung auch der leihlichen Gaben 
Gottes sich doch wohl bewußt, daß wahre Frömmigkeit nur 
da vorhanden ist, wo man in Gott vor allem den Spender 
der höheren, geistigen Güter verehrt. — Dies war bereits ge- 
schrieben, als ich das von A. Harnack veröffentlichte jüdisch- 
christliche Psalmbuch kennen lernte (Texte und Untersuchungen 
Bd 35, 1910). Hier bietet der Anfang der sechzehnten Ode 
(„wie es des Landmann's Geschäft ist zu pflügen ... so das 
meinige, das Lied des Herrn zu singen") allerdings eine 
uoch merkwürdigere Parallele zu dem Epiktet'schen Gedanken, 
so daß der englische Bearbeiter, Harris, sogar vermutet, der 
Verfasser habe Ep. I 16 gekannt, was aber Harnack mit 
Eecht ablehnt. 

Diss. I 17, 17 noLa oiv iv&dö' dg>qhg roö l^iffov^ivov ; 
oiS' atxov X^vaLnitov dixaltug, d /iövov s^rjyeiTat tb ßovXmta 
rfjg ^vasiug, aitbg Ö'ovx äxo}.ov9-Ei. 

I Kor. 9, 27 inoTrid^to fiov zb aCifia xal öovkayioyßi, fw ■ 
ttug SXXots xijQv^ag avrhg d66xcfios yevtaftai. 

Vgl. Eöm. 2, 21: 6 diSäaxuv i'rsQov oEctvtbv oi ßtdäaxeig; 



Epiktet Tuid das Neue TestBinent 297 

Ep. verspottet hier, wie so oft, den eitlen „Philosophen", 
der sich was darauf einbildet, den Chrysippos, den e^ij^-j/i^s 
lijg (pvtT£u)g, seinerseits exeg:esieren zu können, und sagt dann : 
nicht einmal dieser Offenbarer der Wahrheit hätte Grund sich 
dessen zu rühmen, wenn er. diese nicht auch selbst befolgen 
würde. In der unermüdlichen Betonung dessen, daß alles auf 
das Tun des Wortes ankommt gegenüber dem bloßen Hören oder 
Verstehen, stimmt Ep. ganz mit dem Neuen Testament überein, 
ans -welchem noch viele andere Parallelen beizubringen wären 
(z. E. Matth. 7,. 21). Das Besondere ist aber an den beiden 
verglichenen Stellen, daß auch der Verkündiger der göttlichen 
Wahrheit selbst, ja er wohl im allerhöchsten Maße, die PMcht 
hat, sein Leben seiner Lehre konform zu raaeheo. 

Diss. I 19, 13 xaO-6).ov re Tmavtrjv (lijv} (pvatv tov loyixoC 
C<^ov viaitay.evaaev (ö ^eög), 'iva ftrjösvhg %G)v ISicov äyadSiv övvtj- 
jai TUj'/tij'fiVj (&vy /.ti] ri etg to xatvöv dftpeXt^ov ^Qogrfiqr^at. 

Vgl. I 27, 14: Ihy fii) h r^ avi/p ^ ib sSaeßes /ol ov^- 
(pi^ov, oi SvvGTat aiu&ijvai, lö evasßeg 'iv Ttvi ; II 22, 18 ; III 3, 6 ; 
II 5, 23 : ditov yaQ rö /«(^«v sii-öyoig, hieX iial vh avyy,al^siv ^ 

I Joh. 4, 20 idv itg eXrctj 8ri &ya7ta zhv -S-eöv, x«i %ov 
A&shpov airtoö ^uafj, ifjevartje iü%iv etc. 

Das Wort Ep.'s, daß man selbst nicht glücklich werden 
kann, ohne auf das Glück der Mitmenschen bedacht zu sein, 
diese kühnste Synthese des Egoismus und Altruismus, ist einer 
der höchsten Grundsätze der stoischen Ethik, ja der Ethik 
überhaupt. Eine volle neutestamentlicbe Parallele dazu gibt 
es nicht, 'einfach deshalb, weU das Evangelium nicht, jeden- 
falls nicht in dieser ausgesprochenen Weise wie die stoische 
Ethik, eudämonistiscb begründet ist. Aber auch Johannes, 
der überhaupt den tiefsten Gedanken Ep.'s am nächsten steht, 
vollzieht eine Synthese der Nächstenliebe, wenn auch nicht 
mit der Selbstliebe, so doch mit der Gottesliebe. Und in 



■ Dieses Wort enthält gleichsam eine Ergänzung zu dem obigen 
(I 19, 13) : Wer das wahre Gut erstreht, muB auch darauf aas sein, es 
anderen zu Terscbaflen, und wenn ein anderer es besitzt, so muL man sieh 
mit ihm darüber freaeu, gerade so, wie man sich übe'r Beinen eigenen BesLta 
frenen kann. 



298 Adolf Bonhöffer 

dieser Zurückführuiig aller Pflichten und ethischen Aufgaben 
auf einen grroSen, heiligen Grundtrieb erblicke ich das Gemein- 
same, das Philosophische, das auch der Johanneischen Deduktion 
eigen ist. überdies kann man ja wohl sagen, daß für den 
Christen die Gottesliebe auch die Selbstliebe mit vertritt, in- 
sofern der Christ in Gott eben die Quelle alles Gnten liebt, 
das es auch für ihn gibt. 

Diss. I 19, 25 sxel j-öp xal d-eols eix<'&i^<^fis>', Snov rb 

^ Vgl. i: 22, 19: Stcov ya^ &v tö cycu xal to iftöv, sxel 
&vdyy.ri ^imiv t'o ^<pov (schon von Wetstein, neuerdings von 
Heinrici mit Matth. 6, 21 verglichen). 

Matth. ,6, 21 87€ov yrfp eanv 6 d^aavQÖg aov, sxeZ earai 
xal fj xa^dia aov. 

Beide Sprüche geben sich zunächst als eine Art Taute- 
logiej denn es ist selbstverständlich, daß man nur für das 
dankt nnd das liebt, was man als ein Gut empfindet. Aber 
hinter beiden steckt der tiefere Gedanke, daß nur derjenige 
Gott wahrhaft lieben und ihm wahrhaft dankbar sein kann, 
der ein wahres, vollauf beglückendes Gut von ihm empfangen 
hat. Weiter hängt damit der andere Gedanke zusammen, daß, 
wer Gott wahrhaft liebt, die vergänglichen Güter, in welchen 
sich Gottes Liebe nicht, jedenfalls nicht mit Sicherheit und 
nicht entfernt in demselben Maße wie in der Spenduug des 
wahren Gutes erkennen läßt, sein Herz auch nicht an diese 
hängen darf. Darum folgt bei Matthäus kurz darauf (V. 24) 
der Spruch; „Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon". 
Dies gehört bekanntlich auch zu den Lieblingsgedanken Ep.'s, 
daß der Mensch wählen muß zwischen dem wahren Gut und 
den Scheingütern, daß er nicht beide zugleich haben kann, 
sondern notwendig in dem einen zu kurz kommt, wenn er das 
andere erjagen will (z. B. II 16, 4; II 10, 8; III 16, 11; m 
17, 6; IV 6, 25 r vi eiXoywTEQOv ^ roig ttsQi vi hnoväaxöraq h 
heiv^ n/Mov k'^uv, h ^ eaTtovddxGaiv ;) IV 10, 19ff.; Ench. 13. 

Diss. I 20, 7 ToSzo ^Qyov tov (piloaötpov vh fiiyiarov xal 
irc^Gttov öoxifi<i^Eiir lÄg (pavTaalag xal äiax^ivsiv xal firjÖSfiiav 
ääoKl/taovov TCQ0^(peQm9ai. 



Epiktet nnd das Neue Testament 299 

I Thess. 5, 21 ttdna ÖOKt^irfCcre. 

Rom. 12, 2 SIS fö tSoxtftd^etv vftSg tI rb &ih]fia lOü &80v. 

Eph. 5, 10 doy-ifiäCovzeg tI eOziv eödgearov iö> ■x.vQifp. 

Phil. 1, 10 £(£ th 6oxifiäCsiv ifiSg zfc öimpi^ovra. 

I Joh. 4, 1 SoiUfni^€te tä TtveTJ/iara. 

Das Prüfen der Vorstellungen, ob sie nämlich dem reinen 
Sachverhalt entsprechen und nicht mit hinzugebrachten 
Meinungen vermengt sind (ngosdo^d^ei-v), hat natürlich auf 
dem intellektualistischen Standpunkt Ep.'s eine ganz andere 
Wichtigkeit und auch eine wesentlich andere Bedeutung, als 
das prüfende Erkennen dessen, was als Gottes Wille and 
göttliche Wahrheit zu gelten hat, wozu namentlich PI öfters 
ermahnt. Immerhin ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden, 
insofern nämlich anf beiden Seiten der Glaube an eine ab- 
solute Wahrheit das Prüfen ermöglicht, erleichtert und so- 
zusagen beständig dazu auffordert Vgl. das zu Diss. 1 1. 1 ffi 
Bemerkte (8. 284). 

Diss. I 20, 14 xakoi aitog ftsv 6 fcgorjyovfievog ).6yog tav 
q)iXoo6<p<i}v Xiav kütlv 6klyog. 

Vgl. Diss. fr. 16: oi ^ifÖiov ddy/^a na^aysv^a9ai &v9-Qd}7t^, 
et fiij Kß^' htäfm^ ijfiä^av tä o^tä xat Xiyoi Ttg Kai Sixovoi 
xal Sfia x^ijiTO rcQbg töv ßlov. 

Phil. 3, 1 tit o^ä y^äfpuv vfiiv inol niv oix dxvrjQÖv, 
vfttv di äatpaX^g. 

Ep. hat ein klares Bewußtsein davon, daß die stoische 
Philosophie und Ethik auf einigen großen Anschauungen und 
Grundsätzen beruht, die sich in wenig Worte fassen lassen, 
aber freilich um so mehr Zeit und innere Arbeit erfordern, 
um ganz angeeignet zu werden. Diese Einfachheit, aher in 
ihrer Einfachheit unerschöpfliche Reichhaltigkeit und un- 
endliche Lebensfülle ist eben das Kennzeichen der Wahrheit. 
Daß hierin die Stoa dem Christentum ähnlich ist, wird niemand 
leugnen. Im Neuen Testament finde ich jenen Gedanken 
nicht geradezu ausgesprochen, aber er war dem Apostel 
zweifellos präsent, als er den Philippern Obiges schrieb, und 
auch Jesus will offenbar diese göttliche Einfachheit und ver- 
hältnismäßige Leiehtfaßlichkeit seines Evangeliums ausdrücken, 



300 Adolf Boniöfier 

weun er im Blick auf den Wust von Dogmen und Satzungen 
des pharisäisc]ien Judentums ausruft: „Mein Joch ist sanft 
and meine Last ist leicht" (Matth. 11, 30). 

Diss. I 22, 18 del fisv y.aX fpi'/.oao(pEtv, Sei de xal iy-Aitpalov 
exeiv ■ zaSra fiiOQii kari • ov rta^a tCjv q)iXoa6(p(ov fiav&dveig 
ovlXoyiunöv, ri öe aoi jioirjTiov eati aii xäXi-iöv oldag fj ol 
qnXöao^OL. 

(Ep.'s wahre Ansieht hören wir in I 25, 33: -ri o^v 
■^arfictoTov et y.al h (pi,Xoaorpl(f vroV.a t&v äXrj&av iragdöo^a 

I Kor. 2, 14 tpvxixog de ÜvS-Qniirog oi Si%£tai rä toD Ttvev- 
fiGTog ToB ^EoC' fiOJQia yäg auriit iariv, -Kai ov ävvarat yvwvai. 

lü köstlicher Weise persifliert Ep. hier die blasierte 
Klugheit des erfahrenen Weltmensehea, der die Philosophie 
als ein Eildungsfach neben anderen schließlich noch gelten 
lassen will, ihr aber keinen Einfluß und Nutzen für das Leben 
zuerkennt, sondel-n ihre idealen Lebensgrundsätze als Torheit 
verwirft. In noch höherem Maße mußte dies ja PI mit seiner 
Predigt vom Kreuz erfahren. Wenn ich früher diese scharfe 
Gegenüberstellung von göttlicher Torheit und menschlicher 
Weisheit als einen Hauptbeweis für die Exklusivität des 
Apostels gegenüber der griechischen Phitosophie verwertet 
habe (S. 78), so schließt dies doch nicht aus, daß in der Art 
wie Ep. ,die Geltung seiner Philosophie bei der „Welt" be- 
urteilt, eine wirkliche und merkwürdige Übereinstimmung mit 
dem entsprechenden Bewußtsein des PI vorhanden ist. 

Diss. I 24, 1 al iteQiazdoeit; elaiv al -zohg ävdgag duxy^ovaai. 
kOiTtov örav Ijiitiüjj jttQlataaig , /.läftvijiio Bji ö i^Ko'g oe ü^ 
äXeiTVtrjg iQaxel vsavinKi^ (avfiyß^ßXrjTiBV. 

Zahlreiche weitere Belege für diese Auffassung des Übels 
s. B '^ 23 ff. Besonders drastisch ist die Ausführung in III 20, 11 ff.: 
xaxog yslrojv; avrqi- SiXX'' sfiol äya&ög- yv^vd^ei fiov zb 
€vyvwfiov, TÖ S7tiei-/.ig . . , «oCz' i'ari zb %oS 'E^fioü ^aßöiov etc. 

Jak. 1, 2 ff. TtSaav x^Qctv rjyi^aaa&e bzav jcuQaa/ioig nre^t- 
fzäaijie nomikoig, ytvt'aaxovTig ori ib doxlfiior iftwv Tijg TiioTEias 



Epiktet und das Neue Testaineiit 301 

(Vgl. I Petri 1, 7; 4, 12; TI Kor. 4, lOff.; Phil. 1, 20; 
II Tim. 2, 3.) 

Die ^tQiotöasis haben für Ep. dieselbe Bedeutung wie 
die Tteißacfioi im Neuen Testament: es sini gottgeaandte oder 
(N. T.) yon Gott zugelassene Prüfungen und Gelegenheiten 
zur Bewährung der sittlichen Ki'aft beziehungsweise des 
Glaubens. (S. die Bemerkungen zu äTiEQioiatos und rceiQÜl^ai 
auf Seite 232 und 277.) Als einen weiteren Unterschied 
zwischen der stoischen und christlichen Auffassung erwähne 
ich hier noch zweierlei: erstens ist nach letzterer die Be- 
währung nicht in erster Linie oder niclit bloß die eigene 
Tat des Menschen, sondern zugleich auch Wirkung eines 
außerordentlichen göttlichen Beistandes; zweitens drückt sich 
der Christ lieber so aus, daß durch diese Erprobung in der 
Trübsal Gott oder Christus verherrlicht wird, während sie 
nach Ep. dem Mensehen selbst — nicht zu eitlem Ruhm! — 
aber doch objektiv zum Schmuck und zur Zierde gereicht 
(III 20, 14 i5e/|iy airflg (zijg y6aov) xijV <pvaLV, Sian^itpm iv 
ttiTij. m 21, 9). 

Diss. I 24, 14 srtüg ovy Ifiä avza (lä äTt^oal^eTo) Xiyonfv; 
ög löv xQdßßarov ev i^ jiavöoxEiq). 

Vgl. n 23, 36 etc. (wo übrigens nicht das Leben selbst, 
sondern nur ein Stück desselben, das theoretische Studium 
der Philosophie, ein navöoxüov, ein bloßer Durchgangspunkt 
genannt wird) und besonders Euch. 7 und 11. 

I Petri 2, 11 na^axalü> wg mxQolnovs nai TtaqBniStjfxovg 
(Zitat aus Psalm 39, 13) &7ti%Ba&^ai i&v üaQ-Ai-nav E:n:i&v^i.&r. 

Hehr. 13, 14 ov y«p 'exofiev Side (ihovaav itokiv, ^IXh zijv 

Ep. vergleicht das menschliche Leben mit dem (vorüber- 
gehenden) Aufenthalt in einer Herberge oder auch an einem 
Landungsplatz (Eneh. 7), freilich nicht in dem neutestament- 
lichen Sinne, als ob das Erdenleben bloß ein vorläufiges, un- 
vollkommenes Stadium wäre, dem nach dem Tode das wahre, 
vollkommene Leben folgen soll, sondern in dem herberen Sinne, 
daß die äußeren Lebensgüter und die zeitliche Dauer des 
Ijebens seibat etwas Gleichgültiges sind gegenüber dem ver- 



302 Adolf BonhöfFer 

nunftgemäßen, geistigen Leben, das, wo es einmal erreicht 
ist, vollwertig nnd in sich abgeschlossen ist, gleichviel ob es 
nur einige Stnnden oder Jahrzehnte dauert. Trotz dieses 
wesentlichen Unterschieds besteht aber hinsichtlich der Wertung 
des äußeren Lebens und der inneren Stellung zu seinen Gütern 
zwischen Ep. und dem Neuen Testament große Übeireinstimmung. 

Diss. I 25, 17 /iövov fir^ökv ßagovfteyog noUt fiij ■^-hßü/.ievog 
fiTjö' v7Co).(x(.ißdvwv iv Ttaxotg slvat. 

Phil. 4, 4 x*^?*^* ^»' xvgiijj jräjToiE" ndkiy Ipilr, xai^sTi, 

Kol. 3, 17 xc(i Ttäv S vi läv tcoi-^te iv Xöyt^ ^ kv fqy<^, 
jtdrra iv &v6(iaTi. y.vqlov 'lt}aov, eiixaQKnovvzeg rqt iJey jcazQi 
St' airoG. 

(Vgl. Matth. 6, 16 ff.; 9, 15; Eöm. 13, 15; 14, 5: ixaaio^ 
iv tij) täit^ voi ^Xt^Qog>oQUaiHu.) 

Es ist eine goldene Regel, die uns Ep. hier gibt: man 
soll und darf an dem Spiel des Lehens sich ergötzen, am 
Tun und Treiben der Mensehen sich beteiligen, soweit die 
innere Harmonie darunter nicht notleidet. Nur soll man nichts 
mit halbem Herzen, mit Unlust, mit dem Geftthl eines Drucks 
oder Jiwangs tun, sondem fröhlich mittun oder aber ohne 
Bitterkeit verzichten. Das Nene Testament set^t freilich wohl 
keine so weitgehende Anpassung an die „Welt" voraus wie 
Ep.; ich finde auch keinen Ausspruch, der mit dem des Ep. 
sich genauer decken würde. Aber die Forderung tritt doch 
auch hier öfters zutage, daß die Freudigkeit, welche das in 
Gott selige Herz erfüllt, auch alle menschlichen Verhältnisse 
und die Werke und Erholungen des täglichen Lebens be- 
strahlen soll. Sauertöpfisches, unzufriedenes, engherziges und 
verdrücktes Wesen ist dem wahren Christentum, jedenfalls 
seinem Stifter, nicht weniger zuwider als unserem Stoiker. 

Diss. I 26, 15 «ü'tij ovv ä^xv *"'' ipiloaucptivj aiaif-ijaig loD 
idiov Y/Bfioviviov nws Mxbi. 

Vgl. H 11,1; anvaiaittiaig tfjg avioü äaS^eviiag /.tu u<ivva- 
}ilag nk(i\ zu ävayxaia und III 23, 30: taiQslöv lativ, ävö^Bg, 
lö toO (piXoadrpov ayfiXElov (S. a. Seite 94 und 222). 

Matth. 5, 3 ff. naxä^ioi oi jtmixol t^ jcvevfiaji etc. 



Epiktet und Aae Neue Testnmeut 303 

Matth. 9, 12 oi x^elav ^/ouaiv oi iaxvovies Ica^oü &i.X' ol 
xaxSig Exovteg. 

Wir haben hier eine der wichtigsten Übereinstimmungen 
zwischen Ep. und dem Evangelium, auf welche darum auch 
von vielen schon hingewiesen worden ist. AVie nach dem 
letzteren das Bewußtsein der Sündhaftigkeit, der Druck des 
SchuIdgefühJg und der Hunger nach Gerechtigkeit zum Er- 
fassen des göttlichen Heils antreibt, so ist für Ep- die Grund- 
voraussetzung für ein ernstliches und fruchtbares Studium 
der Philosophie die lebhafte Empfindung der Schwäche des 
eigenen Hegemonikoiis, das ohne methodische Schulung des 
Ao^og zu keiner Klarheit über sich und seinen Lebenszweck 
kommen kann. 

Diss. I 28, 9 olxi ^! i'ifce^ &^a, fiä)J,ov ekstlg, &s laiig 
Tvq>lovg ileoB/^ev, (i)i; lOvg xw^oiig, ovtu jovg ^ö nv^idizaza 
tEtvcpkiufievovs xal &icoKBXioX<ii^ivovg; 

Matth. 9, 36 'löii)V de novg Sx^ovg ioTcXayxvi^^i ^sqI aiiütv. 

Der Gedanke, den Ep. öfter ausspricht (z. E. auch 1 18, 6 ff.}, 
daß man mit den Sündern eher Mitleid haben als sich über 
sie entrüsten sollte, berührt sich sehr nahe mit den Gefühlen, 
die Jesus den Verirrten und Verwahrlosten gegenüber an den 
Tag legt. Die Anschauung freilich, daß der Sünder unfrei- 
willig sündigt und deshalb nur zu bedauern ist, wird im 
Neuen Testament nirgends geteilt, vielmehr zum Teil geradezu 
bekämpft. Am meisten kommt das heilige Mitleid mit den 
Sündern eben in den Aassprüchen und dem Verhalten Jesu 
selbst zum Ausdruck. Andererseits darf auch Ep. als Stoiker 
kein eigentliches, ein Schmerzgefühl einschließendes Mitleid, 
sondern nur eine raitleidartige Regung einräumen. 

Diss. I 29, 9 Ifiüg oiv ol (piX6oo<pot, SiädoxerE naiarpqovelv 
zSiv ßaaiXeuiVi fti} yevouo . . . 'illa na'i tüiv öoyfiÜTuiv Ü^x^'-^ 
^iXitf. Jtat Tig ool tcivtjjv Tipi i^ovaiav de'dwxev; 

Vgl. I 30, 1 (irav elairjg n^ög iiva zSiv VTCi^ex^VTiov, fie- 
fivijao Sit äi.Xog &vtad-E» ßXijtsi ta yiyvö^i£va Aal Sri hielv^ as 



304 ÄdoH Bonhöffer 

Matth. 22, 21 in:6Ö0T£ oiv tu Kaiaa^og Kaiaaqi xal ja 

Matth. 11, 8 oi ra fiaXaxä (poQoGvreg Iv zotg o'ixotg ifäv 
ßtxaikiwv. 

Luk. 22, 25 oi ßaadelg %&v s&v&v xvQitvovmr aviüiv xal 
oi eSovaid^oneg avzOiv Bve^yerat ■xaXoüi'tai. i^ieig dk oix ouTiag. 

Es ist interessant, daß auch Ep. wie Jesus sich gegen 
den Vorwurf verteidigen mußte, er untergrabe Ehrfurcht und 
Gehorsam gegen die Obrigkeit. Wir werden die Recht- 
fertigung gelten lassen i und trotzdem überzeugt sein, daß, 
wenn auch nicht direkt und formell, doch tatsächlich und in- 
direkt die Lehre der Sloa wie auch das Evangelium Jesu dem 
monarchischen oder jedenfalls dem autokratisehen Regiment 
keine Stütze sein konnte, weshalb die Vertreibung der Philo- 
sophen aus Eom durch Domitian uns nicht wundernehmen 
kann. Die Kühnheit, mit der Ep. die Anmaßung einer Herr- 
schaft über die Überzeugung und Gesinnung {äQXBtv -cwv doy- 
fiäTwv) zurückweist, wird nicht bloß im Zeitalter des Cäsaro- 
papismus unangenehm empfunden. Die Art, wie PI Eöm. 13 
die Unterwerfung unter die Obrigkeit fordert, und vollends 
die Mahnung des „katholischen" I. Petrusbriefs (2, 17: rbv &eöv 
cpoßsiad-s, TOV ßaaiUa ziia&ze) sticht jedenfalls sehr ab von der 
reservierten Haltung, die Jesus gegenüber den weltlichen 
Herrschern eingenommen hat und auch von dem mutigen Wort 
des wirklichen (?) Petrus: Man muß Gott mehr gehorchen als 
den Menschen (Acta 5, 29). 

Diss. I 29, 22 ff. Ukbi fie (xii;) elg vijr äyoQdv, eha Ijjrt- 
x^avyäCovacv äXloc 'tpiX6ao<p£, tL at ihfpi^xe lä ööyiicera;' 

Luk. 4, 23 l^siT^ fioi %t;v fia^aßoXijv TavTt]v "lat^i, ^eqd- 
Tisvoov aeavzöv'. 

Vgl. Luk. 23, 35 ff. 

Eine überraschende Parallele, wobei man sich nur wundern 
muß, daß niemand diese von Ep. fingierte Szene für eine 
Nachbildung des Evangeliums erklärt hat. Wie dem Stoiker, 

' Die positive Eechtiertiguag, dali nämlich gerade die philosopliiacbea 
Gmndsatze den Gehorsam gegen die Gesetze wesentlicii erleichtern eibt 
Ep. IV 7, 33 ff. ' ^ 



Epiktet and das Nene Testament 306 

der vore Gericht und zum Sehaffot geschleppt wird, die Menge 
schadenfroh zuschreit: „Was nützt dich nun deine Weisheit?" 
so ruft man dem G-ekreuzigten zu: „Hilf dir nun selbst! bist 
du Christus, so steige herab vom Kreuz!", ein Vorgang auf 
welchen das Wort Jesu in Luk. 4 proleptisch hinweist. Die 
Antwort, welche das Evangelium stillschweigend auf solche 
Herausforderung gibt, ist freilieh nicht ganz dieselbe, wie die- 
jenige Ep.'s. Während dieser einfach darauf hinweist, daß er 
doch niemals dem Weisen eine körperliche Überlegenheit zu- 
geschrieben habe, wird dort eine wunderbare Rettung aus der 
Hand der Feinde nicht ins Reich der Unmöglichkeit ver- 
wiesen, sondern nur aus höheren, heilsßkonomiscben Gründen 
auf die Inanspruchnahme außerordentlicher göttlicher Hilfe 
verzichtet. 

Diss. I 29, 30 vi oiv; leyEiv ötZ tavza Tt^hq TOt'g noV.ovs; 
'ivatl; ov yaQ (tjv-E* th avtov sielO'iaSxii ; 

Ähnlich 64: il oiv; -Kr^Q^oaur SbI %aCxa ■rrgog Ttdvzag; .oi;, 
6Ua toig Idiibzaiq mifinBqupiqEüit-ai aoi Uysiv 'oltog 8 aivqi 
äyaSbv oXsrai toüto y.&(iOi avftßovlB^£f avyytyvwmtit a&r^' 

Vgl. III 24, 118; IV 6, 23; IV 8, 26 ff.; Ench. 23. 46. 47. 
Vgl auch Seite 57 u. 315. 

Matth. 7, 6 ;(^ äwre ro äywv tolg xvaiv, fiTjSi ßixl.rj%E lovs 
uagyaQhag vftQv i'fiitgoa&EV lihv %oIqu>v. 

Nachdem Ep. die Grundsätze entwickelt hat, wie man 
sich gegen alle menschliche Vergewaltigung und Ungerechtig- 
keit, überhaupt gegen alle Schicksalssehläge innerlich wappnen 
kann und soll, unterbricht er sich — zweimal in demselben 
Vortrag — durch die Frage: „Soll man diese seine Über- 
zeugung überall ausposaunen, um recht erhaben dazustehen 
vor den Leuten?" Keineswegs, sondern man soll sich genügen 
lassen an seinem eigenen Bewußtsein, und wo man kein Ver- 
ständnis für das, was einem heilig ist, voraussetzen und 
keinerlei bessernde Wirkung erwarten kann, soll man es in 
keuschem Stolze für sich behalten, ja zutreffendenfalls sich zum 
Standpunkt des Laien herablassen, wie Sokrates dem weich- 
herzigen Gefängniswärter sogar eine gewisse Anerkennung 
gezollt hat. Daß der Ausspruch Jesu, wenn er auch etwas 

Heligionägesshiohtliche Versuche n. Voiarbaiteu X. 2U 



306 Adolf Bonhijffer 

andere Verhältnisse im Äuge hat, doch in seinem Kern mit 
dem Empfinden Ep.'s übereinstimmt, ist wohl nicht zu leugnen. 
Freilich noch mehr stimmt dazu sein tatsächliches, edel stolzes 
und hoheitsvolles Benehmen gegen seine Richter, das sicher- 
lich auch dem Ep. aufs höchste imponiert hätte. 

Dies. I 29, 46 rtüg olv ävaßaivsig vUv; uig fjd^Tvs mto lov 
■&-eov xsxli^fievos. '1^X0'" "" >=«* ftoQTiJQtjaöv fioi- ah y&(j ä§ios 
d stQoax&fjvai fidqivg vn'' i/ioO.' 

Vgl. II 1, 39. 

Acta 5, 41 ol fih oh iTtoQSvovxo xaiQovueg Arch -nQoadistov 
lOD avveöoiov, 'du xaTtj^idi^rjOav iTtiQ toü dvö/tarog äri- 

Hehr. 1,2, 6 ov ybq &yan^ v-v^iog natde^Bi. 

Äpoc. '6, 19 oaovg iäv (piXw ei^yxio xa'i Tiaiöevia. 

Der Gedanke, daß das Leiden, und besonders das von 
Menschen zugeftigte, eine Elire oder ein Beweis besonderer 
Liebe Gottes ist, weil es Gelegeniieit gibt, für Gott und die 
Wahrheit Zeugnis abzulegen, ist nur die höchste Steigerung 
der Anschauung, daß die Übel daau da sind, die sittliche Kraft 
zu bewähren (siehe zu I 24, 1 Seite 301). itfan sieht, wie 
weit gerade in diesem Paukte die Übereinstimmung zwischen 
Ep. und dem Neuen Testament geht. 

Diss. II ], 22 ff. öö yccQ zalg noilolg itiunmiov, o'i Uyavat 
^l6volq s^slvat TtaiäivEa^ai rolg eXsvl^e^oig, äXl& 
Totg (piloaöfGig (inlXov, ot liyovai fzövovg toi-g naidev- 
■d-^vtas iXsv'd'^QOvg elvai .... oiöslg loirvv äua^xäviüv 
iXtiiü-eQÖg eart. 

Vgl. die Ausführungen in IV 1. 

Gal. 3, 28 OVK evi 'lovSalag oids "ElXjjv, oix ¥vi SovXog 
oiöi iXevdi^og . . . ^(ivreg yaQ {,/uZg elg Ime Iv Xqttjiqt ^Iqaov. 

Job. 8; 35 ff. nSg ö nuiGiv rijv af.ia^'tiav SovXög kaxiv ifß 
ä^a^tlag. iav oiv t> vtög vfiäg iXsv&EQchmj, Svti'jg eXmiS-e^ot 'e'aEa»e. 

Die Umwertung, welche Ep. hier mit dem Begriff der 
Freiheit vornimmt, findet in den damit verglichenen Bibel- 
stellen natürlich keine vollständige Parallele; denn die grie-. 
chisehe Anschauung, daß die höhere Bildung ein Vorrecht der 



Epiktet und das Neue Testament 307 

Freien sei, interessierte die scriplores sacri nicht. Um so 
größeren Nachdraek lege ich aber auf die Übereinstimmung 
in dem Hauptgedanken, daß nämlich die äußere Stellung des 
Menschen für sein Verhältnis zu Gott gar nicht in Betracht 
kommt, nnd daß nur die wahre, ethisch - religiöse Bildung 
â– wirklieh freie "Menschen macht Auch der weitere Ausspruch 
Ep.'s, daß kein Sündigender frei ist, findet sich fast mit den- 
selben Worten in der Rede Jesu hei Johannes. Wenn im 
Neuen Testament die Freiheit auf eine befreiende oder er- 
lösende Tat Gottes zurückgeführt wird, so findet sich auch 
dazu eine Parallele bei Ep.: rjlBv-S-^Qtofim vTth toB &eoS, sagt 
er IV 7, 17, in dem doppelten Sinn, daß jeder Mensch der 
Anlage nach frei geschaffen ist und daß er wirklich frei wird, 
sobald er Gottes Willen mH< Bewußtsein in seinen Willen 
aufnimmt. 

Diss. n 2, 12 fiij &vrta7iß}- xal Jtoiil /.ih ^41b dov?.Ev€iv 
■rcoTh 6^ fiij &ff.e, all' aitl&g xaJ h^ S?,i]S T^g dtavolos ä) TaCia 
7j eyteiva J} iXev&egoq ij doDXog. 

Vgl. III 15, 13: tm ae del äv&qiOTtov üvai Jj ityadhv Sj 
•/.a-xöv. IV 2, 4tf. : ohbüg hjtaf.i(poziQl^u>v övvoTai Ttqax.öipai . . . 
od 6vyaoat vtai BsQüirr^v vTrox^lvauS-ai xal l4ya^ii^vova. IV 6, 30 ; 
eQj-ov %^y<ii oi xoLvmvei. Uiss. fr. 28: es handelt sieh um 

Matth. 6, 24 oideis öüvatai Oval xvqIoks dovXe^uv etc. 

Matlh. 12, 30 ö fitj Sjv (i^' iftov y.ar' kfioC lativ. 

Apoc. 3, 15 'öifitlov ipvxgög ^s ^ ^eavös • oürtng Srt X'^'^pög 
d Mtl oiiTs ^stnog oÜre tpvxQÖe etc. 

In der Zurückweisung aller gesinnunglosen Halbheit und 
Unentschiedenheit, in dem Dringen auf eine volle und ganze 
Hingabe an die befreiende Wahrheit finden wir wiederum 
eine wichtige Übereinstimmung zwischen Ep. und dem Christen- 
tum (s. a. zu I 19, 25 auf Seite 298). Auch darin sind beide 
sich ähnlich, daß sie einerseits die theoretische Möglichkeit 
der Bekehrung für jeden Menschen festhalten, andererseits 
aber mit der tatsächlichen Scheidung der Menschen in Gute 
und Böse als mit einer sozusagen metaphysischen oder fata- 
listischen Notwendigkeit rechnen, jener Antinomie, von der 

20" 



308 Adolf Bonhöffer 

früher schon die Rede . war. Nur daß das Neue Testament 
diesen dnalistisclien Gegensatz, wie er am schärfsten bei 
Johannes zum Ausdruck kommt (8, 23: ineig h tG)v zötw 
hari), viel ernster und sozusagen tragischer nimmt als die 
Stoa, welche einen eigentlichen Schmerz über das Yerloren^ein 
der meisten nicht kennt. 

Diss. II 3, Iff. &'rt ^iiv ävd-^o)7tog d v.al tdtiv yvdiatTcu- 
st ö'äyo-9-os ^ xcwo's. et /.ihv 'dfntUQÖg hu öiayvOivai Tovg äya- 
&Ovg xal xay.ovg, yviliasTai- el d'äneiQog, ovd' äv fWQiehus 
y^dtj/iD aitil). 

II Kor. 3, 1 ff. fj /.li} x^^^ofiBv &g Tiveg auurazix&v stchttoX&v 
^Qos vfiSg ^ i§ i^av; etc. 

Es ist eine verhältnismäßig unbedeutende und doch nicht 
ganz uninteressante Parallele, die hier vorliegt. Ep. wendet 
sich, übrigens in Worten, die von dem Kyniker Diogenes 
stammen sollen, gegen die Sitte der Empfehlungsbriefe, mit 
welchen die Studenten der Philosophie bei einem neuen Meister 
sich einzuführen pflegten. Der Apostel PI erwähnt merk- 
würdigerweise auch solche Empfehlungsbriefe, welche seine 
Gegner, die Fälscher des Evangeliums, den Christen in Korinth 
zu präsentieren beliebten, nm sich bei ihneri zu beglaubigen 
und den „Heidenapostel" zu verdrängen. Das Urteil, das er 
über solche Empfehlungen fällt — es ist eines der schönsten 
Worte des Apostels überhaupt — kommt im Kern auf das- 
selbe hinaus, was Diogenes-Ep. sagt, daß der wahrhaft Tüchtige 
sich durch sich selbst empfiehlt. 

Diss. II 4, 5 od ^iksig oiy Qnpijyal nov xai aurog Ini 
KOJtgitxv üg oxEvog äxfftiinov, &g KÖnQiov; 

Luk. 17, Iff. Oval dl' ov (ro axävdala) i'^xerai- hiaiTeXel 
avi^ d . . . EQQinTai eig tijv &älaa<jav. 

Auch diese Parallele enthüllt uns nicht gerade eine in- 
haltlieh wichtige Übereinstimmung. Immerhin ist bemerkens- 
wert, worauf auch andere schon hingewiesen haben, daß auch 
Ep. das im Neuen Testament so beliebte Bild vom Gefäß von 
der ethischen Qualität der Menschen gebrauchte Die Ähn- 

' Auf die, ebenfalls von anderen schon angemerkte ÜberehistimmnnÄ 



Epiktet nnd das Neue Teatament 809 

iichkeit mit dem Ausspruch Jesu vom Ärgernis liegt aber 
tiefer, nämlich in dem heiligen Ernst, mit welchem auch Ep. 
die Unbrauehbarkeit und Schädlichkeit eines sittlich wurm- 
stichigen Menschen vor Augen malt. 

Diss. II 8, 1 ö 79-eög i!iip4lifiog. 

Vgl. Ench. 31, 1: wir sollen allem, was geschieht, ans 
beugen &g vito vrjg lägioiijs ynfhfu^g iniTe'kovfiivoig. 

1 Joh. 4, 16 6 &sbg hy&nt] iaxiv. 

Vgl. Jak. 1, 17 Tihaa Söotg Äyafl^ , , . Svtn&ev iariv v.ara- 
ßaivtav &iio tov JtatQog t&v (fthrtav. 

Es könnte vermessen erscheinen, dieses so nüchtern 
klingende stoische Dogma mit einem der herrlichsten Aussprüche 
des Neuen Testaments vergleichen zn wollen. Und doch be- 
deutet es für Ep. um nichts weniger als jener für den Christen; 
denn die Liebe Gottes spürt er eben auch nur in dem, was 
ihm Gott innerlich gegeben hat, und dieses ist für Ep. ein 
Absolutes, Unvergleichliches so gut wie für den Christen. 

Diss. II 8, 10 'ovy. eaii -Seöv ^Qya n&xslva;' (d. h. die Tiere) 
£(niv, &Xl' oi TtQiyrjyovfteva ovÖs /(/pij -S-eav, 

Vgl. II 10, 2: (xaxä f.öyov) itex'^pioat ^^kov, xext^Ö^c"' 
^c^oßdrur. 

Matth. 6, 26 6 naTijQ vj.iSiv ö oii^&viog %qi<pu avT<i {tu 
jtttEivä)- oix vfislg fiUXXov öia^^Qtrs aictby; 

Die wesentliche Erhabenheit des Menschen über das Tier 
ist ein Hauptsatz der Stoa und eine selbstverständliche Vor- 
aussetzung des Christentums. Dies schließt beiderseits eine 
gewisse Schätzung der Tiere als gleichfalls von Gott ge- 
schaifener und erhaltener Wesen und eine Sympathie mit ihnen 
nicht aus. Die bekannte stoische Lehre, daß es keine Pflichten 
des Menschen gegen das Tier gebe, hat nur den Sinn, daß 
ein Rechtsverhältnis nur unter gleichstehenden, ä. h. ver- 
nünftigen Wesen bestehen kann, und soll selbstverständlich 
eine Verwahrlosung der Tiere oder gar eine Grausamkeit 
gegen sie nicht rechtfertigen. — Was den anderen in dem 

in dem Gebraacli des gpätgriechiseheu Wortes xoTt^ia (Lnk. J4, 35) sei uTir 
nebenbei aufmeiksam g:einttcbt. 



810 Adolf ilönhöffer 

Spruch der Bergpredigt enthaltenen und auch dem Ep. ver- 

tmutea Gtedanken betrifft, daß die ängstlich sorgenden Menschen 
von den sorglosen, allen Veränderungen sicU leicht anpassenden 
Tieren beschämt werden, vgl. S. 8ft; und Ep. 1 9, 9 and III 24, 6. 

Diss, II 10, 19 oidsig dlxa äfCtoXdag xai ^rj^tiag yttxxög iart. 

Vgl, III 24, 42: b v6nog d-elos . . . b rag iieylanas etg- 
7t(aao6fieyog xoXdaeig naqa (rCiv) tä /.Uyiara afiaqTavövtiav. 
IV 1, 119. Besonders drastisch Diss. fr. 13. 

Joh. 5, 29 e-xnoQevmnai . . . ol ja <pavXa it^d^apieg eig 
&vd(naaiv x^laeoig. 

Rom. 2, 9 d-Xltpig /.al aieroxtu^ia i^l n&aav tpvxijv ivO^ta- 
ftov Toß KüTt^ya^Oftivov tb y.axöv. 

Daß jede Sünde sich rächt und Strafe nach sich zieht, 
ist eine gemeinsame Überzeugung der Stoa und des Christen- 
tums. Nach ersterer freilich ist die Strafe der Sünde sozusagen 
immanent als Verlust oder Verkümmerung alles dessen, was 
dem Leben wahren Wert und Freude verleiht. Diese tiefere 
Anschauung ist auch dem Neuen Testament, wenigstens den 
Johanneischen Schriften nicht ganz fremd (Joh. 3, 18 ff.); aber 
auch sie können auf eine zeitlich nachfolgende, ewig 
dauernde Strafe der Sünde natürlich nicht verzichten. 

Diss. II 11, 16 y.al jtStg ol6v te äräxfiaQva slvai itai äpsvotra 
rä ävayxaiÖTaTa h &v&q<if!coig ; 

Vgl. III 24, 2: b y&Q ä-ebg Ttivtag in&^diycovg kcl rh eö- 
Saiftovslv, £7tl tÖ Eiara&tlv sfioii^aEV- 

I Tim. 2, 4 S'eov, Sg ftävrag äv&Qdurovg &£,si. mo(H\vai xo( 
tig litlyvwaiv äXti&eiag kkif-elv. 

Vgl. II Petr. 3, 9; Joh. 1, 17 und Hebr. 1, 2 und S. 289ff. 

Dieses Wort Ep.'s ist eines der allerherrlichsten Zeugnisse 
für seinen unverwüstlichen, gläubigen Optimismus: der Ge- 
danke, daß Gott den Menschen im Zweifel darüber gelassen 
haben könnte, ob und wie er glucklich werden kann, ist ihm 
unfaßbar und unerträglich. Die Freude darüber, daß es Gott 
gefallen hat, durch Christus seinen Heilswillen, die selig- 
macheiide Wahrheit zu offenbaren, atmet das ganze Neua 
Testament, wenn schon natürlich die Anschauung, daß Gott 



Epiktet und das Neue Testament 311 

gleiehaam dazu verpflichtet gewesen sei, bei dem von Haus aus 
wesentlich anderen Gottesbegriff hier nicht Platz finden kann. 

Diss. 11 14, 12 ff. zbv exelvois {i'ols &-eolg) i^icoyice xai 
Tteta&TiaSfiByoy dndyxrj Ttu^üadui icaiä öövafiiv k^Ofioiova&ai 
txiivots ...(!(£ S'eov loivov ^rjXtuiijv va e^ijs itäina xal rcoulv 
xat Xeyuv. 

Matth. 6, 48 i'aeaS'e oiv ifietg x^Xbioi dig ö itai^^ vfi&v ö 
oö^dyios T^ksiüg emiv. 

£ph- 5, 1 yiyiad-£ oiv ftifiTjTal roß &eoD. 

Wie die sogenannten ethischen Religionen, so nimmt auch 
die stoische Philosophie es als unbewiesene Voraussetzung in 
Anspruch, daß Gott ein ethisch absolut vollkommenes Wesen 
ist. So ergibt sich von selbst, da£ daa Streben nach sittlicher 
Vollkommenheit auch als Streben nach GottähnlJchkeit oder 
Gott^leichheit gefaßt werden kann. Im Neuen Testament 
bleibt aber-^natürlieh die Distanz zwischen Gott und Mensch 
sorgfältiger gewahrt als bei Ep., der den Ausspruch wagt: 
ov &ebs ä, ä> äv&QVJ7iB (II 17, 33. Vgl. U 19, 27). 

Diss. II 14, 18 vSv yäd ffv ikrjXvtt-ag ^^bg k/Ae ätg /.iijöeyas 
diöjJEyog. %lvog 6'&y xal g>avTaoif-fir]g uig Iväioyrog; etc. 

Vgl. III 9, 8; III 14, 8: ein Grundfehler ist die oCijoig, 
die Meinung (.iriSevog Jtqogöela&at. 

Matth. 19, 20 ).4yei aitqi 6 vtaviaxog- TüDra n&vxa Itpv- 

Der Gedanke, daß das größte Hindernis für die Bekehrung 
in dem mangelnden Gefühl der inneren Armut und Leere 
liegt, ist schon zu I 26, 15 (S. 302tf.) erörtert worden. Die hier 
verglichenen Stellen, von denen ich jedoch nur den Anfang 
hersetzen konnte, haben aber außer diesem Grundgedanken 
noch eine besondere merkwürdige Ähnlichkeit. Beidemal 
handelt es sich um eine wirklich stattgehabte Unterredung, 
beidemal ist es ein mit zeitlichen Gütern gesegneter und bis 
zu einem gewissen Grad nach Ehrbarkeit und Gerechtigkeit 
strebender Mann, der zum Meister mit der ausgesprochenen 
oder unausgesprochenen Frage kommt „was fehlt mir noch?" 
Wie der reiche Jüngling von den göttlichen Geboten sagt: 



812 Adolf BonhCfier 

„das habe ich alles gehalten", so gibt Ep. dem römischen 
Großen das Zeugnis tä jtKi^iJxoyiro änodläios, freilich nicht ohne 
den schneidend ironischen Znsatz „Deinem Wohltäter ver- 
stehst du Gates zu vergelten, deinem Widersacher Böses". 
Beidemal wird dem satten Glacksmenschen zum Bewußtsein 
gebracht, daß ihm zum wahren Glück das Wichtigste, ja so 
gut wie alles fehle. Die Epiktetsteüe gehört übrigens zum 
Schönsten in den Diatriben und ist es wert, gauz und im 
Zusammenhang gelesen zu werden. 

^Diss. 11 16, 42 ff, TÖlfiijaov ävaßXiipag tc^oq tov Sebv eiitelv 
Su 'x^ß) jioi XoiTthv eis 8 äv &^lf}g' dftoyvMfiOvS, aoi, oög dfti etc. 

Vgl III 24, 95 ff. TEiöe li-jv avioü yß^av hrrlTj^diufj ei- 
TÜXTCüS Kai siTtst^üg Tq> &eq) TV 1, 89. 

Rom. 8, 38 oiks d-üvatos ovts ^idij . . . dvvijaeiai ^,u5^ 
XMQioai &7tb Tijg &yäitrjg toC Stoü. 

Phil. 4, 12 oUa xai laTtsivoDa&at, olSa xai fce^taas.iEiv. 

Matth. 5, 16 Xaftypäru) th tpag v^Cv i'ft^Qoa&sv tütv äv- 
■9'QÜiniiiv etc. 

Hebr. 12, 2 d^opöi^reg üg %hv t^g izltnewg &Qxrfyov itöi 

zeXsitoT^v 'Iijaovv. 

j*.uch dieser Passus bis zum Schluß des Kapitels gehört 
zu den Perlen der epibtetischen Diatriben. Es handelt sieh 
hier weniger um einzelne Gedanken oder Gedankenprägungen, 
die mit neutestamentlichen zu vergleichen' wären, sondern um 
den ganzen religiösen Geist, den diese Expektoration atmet 
und der uns auf Schritt und Tritt an die heiligsten Worte 
und die erhabensten Mahnungen des Neuen Testaments er- 
innert. Besonders hervorzuheben ist der. Gedanke, daß der 
Weise sein Leben, in welcher äußeren Lage, welchem Beruf 
er auch sei, so zu führen gesonnen ist, daß es zu einer Recht- 
fertigung oder Verherrlichung Gottes vor den Menschen wird, 
und daß die innere Heiligung des ganzen Wesens nicht ändert 
geschehen kann als in stetem Aufblick zu Gott (vgl III 21 12- 
22, 3; 24, 114). 

Diss. II 18, 28 fifyag 6 hytLv Imi, ^elov rh ¥qyov . . . 
rov »eov fiifivriao, helvov e/Cixalov ßotjO-bv xal Tragaürdrfjv. ' 



Epikfec lind das Nene Testament 313 

Eph. 6, 11 ivövaaaü-e zip' TiavofcXlav toC &eov Ttqog tÖ 
d^vaaS-at vfiSg ozijvai jrpöe lä? fis&oälag zov dtaßö'kov. 

Die Art, wie Ep. hier den methodischen Kampf gegen 
die Sünde lehrt, hat bei aller Verschiedenheit doch auch große 
Ähnlichkeit mit den entsprechenden Mahnungen des Neuen 
Testaments, beispielsweise mit dem schwungvollen Aufruf des 
Epheserbriefes. Die Wichtigkeit und der Ernst des Kampfes, 
die Herrlichkeit des Kampfpreiaes und die Notwendigkeit des 
göttlichen Beistandes, letztere von Ep. freilich wesentlich 
nüchterner verstanden, wird beiderseits, oft in überraschend 
ähnlichen Wendungen ans Herz gelegt. 

Diss. II 22, 30 Ttov yäg äXXaxov giikla ^ oTtov. TtiOTig, 
'öftov atd(l>$, Strov Ööaig rov xalov, rSiv d'&XXtov otdev6g; 

Acta 4, 32 roü 3h Ttk^&ovg iC)V Ttimevadviräv ^v xa^Sia 
xal ifivxi] ftff xai . , , ^v aiiolg IxTtavia aoivfi. 

Die schönen Ausführungen Ep.'a über die wahre Freund- 
schaft, die in dem angeführten Satz wie in einem Brennpunkt 
zusammengefaßt sind, können uns wohl erinnern an das Ideal 
der Freundschaft und Gemeinschaft, wie es in den ersten 
Christengemeinden verwirklicht war. Wenn auch Tcioiig bei 
Ep. nicht Glaube sondern Treue bedeutet, so ist doch aucli 
nach seiner Ansicht ein Glaube an ein göttliches Ziel, an 
ein heiliges Gut nötig, und dieser Glaube allein vermag wirk- 
liche und dauernde herzliche Gemeinschaft unter den Menschen 
zu wirken. 

Diss. II 22, 36 lov &vofiolov ävexrixdg, TCQ^og TCQog aij6v, 
fjfitQogj avyyviiif.iovii'^g &g Tt^bg äyvoovyra . . . oidtvl x^^^^^S- 

Kol. 3, 12 ivövaaa&e oiv . . . ajtiÄyiya ohriQ/io-B, yiQ7i<n6- 
rtjTo, laitiivoifQooivriV, TtQavTi^a, ficnc^o-S-vfUav , Stv^x^fievoi 
dAATjÄtuv etc. 

Vgl. I Kor. 13, 4: ij äyd-itTi (.laxQo&ufiü. 

Die epiktetisehe Schilderung der geselligen Tugenden des 
Weisen, die Hervorhebung der Sanftmut, Nachsicht, Ver- 
träglichkeit usw. zeigt trotz aller Unterschiede (z. B. in der 
Begründung der verzeihenden Nachsicht) eine so große Ver- 
wandtschaft mit der christlichen Seelenstimmung, daß ich 



314 Adolf BonhBffer 

diese Parallelen, obwohl sie zu den bekanntesten und ab- 
gegriffensten gehören, nicht übergehen zu dürfen glaubte. 

Disa. II 23, 34 äXlic -co fiäya tovro, &7toXi7tElv exctOR^ r^i' 
avzoS dövafiiv ^v e'xei xal ditolittövia ISeIv t^v ä^iav Tijg Övvd- 
ftibiS Ttal 10 x^tirimov tCiv Svtwv xaraiia&sZv xal lodxo h jcavTt 
fjttadiclmeiv. ' . 

Vgl. III 24, 50: oiöh noiel toü d6^ai ?j'«c«, 

Phil. 2, 3 ^r^ökv -mz' hqi^üav ^t^^I jtcrä -^Evoöo^iav äUä 
T^ raireivoff^oavvtj äil'^i.avs fjyojjfifvot v^EQ^%on:as eavzMv. 

I Kor. 13, 4 ^ &y&7txi oh %r[kol, ov nEQneqevEzai, oi g>vai.oBrai. 

Ep. spricht hier von den dwäfteig, i. h. von den indivi- 
duellen (leiblichen oder geistigen) G-aben und Vorzügen, welclie 
man neidlos, doch ohne sie zu übersehätzen, anerkennen soll. 
Dies kann man um so eher, wenn man stets den Blick ge- 
richtet hält auf das eine höchste Gut, das jedem zugänglicli 
ist und vor dessen Glanz all^ die nur zufälligen oder indivi- 
duellen Vorzüge erblassen. Im^euen Testament spielen ja wohl 
diese individuellen Unterschiede in der Begabung der Menschen 
eine noch geringere Kolle als bei Ep., und die demUtige Unter- 
ordnung, welche Phil. 2 gefordert wird, ist gewiß weniger 
mit Bezug auf äußere Gaben, sondern auf die erreichte Stufe 
des geistlichen Lebens gemeint. Immerhin wird die Freiheit 
von Neid, Ehrgeiz und Hoffart ganz allgemeia verlangt und 
auf dem geistlichen Gebiet selbst gab es ja, wie wir aus den 
Korintherbriefen wissen, gewisse äwdftitg wie Zungenreden 
und Prophetie und einen ungesunden, ehrgeizigen Wetteifer 
darnach. Gemeinsam ist jedenfalls dem Ep. und dem Neuen 
Testament die verhältnismäßige Geringschätzung aller in- 
dividuellen Vorzüge gegenüber dem einen universalen Heilsgut, 
in dessen Besitz es keine Gradunterschiede mehr gibt, zum 
mindesten keine solelien, welche Neid oder Hoffart bewirken 
könnten. 

Diss. 11,24, 16 ehl Tivsg -fiktiv (pvoitutl icpo&vitiat xal ngos 
To Uyuv, Brav o äKov<}ö|^epog fpavfj iig, Hiav adiog EQe^laj]. 

Matth. 13, llff, ij^ri- d^dtyi^ai yv6>}'ai nä /.ivai^^ta rijs 
ßaadeiag rüiv ovQavGiv, heivoig 6h ob öeäovai . . . ort ßlenonsg 
ov ßXitcovatv xai äKovovzeg ovx äxovovviv oidk avviovatv. 



Epiktet and das Nene Testament 315 

In dem ganzen Kapitel beschäftigt sich Ep. mit einem 
Manne, der, offenbar ohne ernstliches Interesse far seine Lehre 
und ohne den Gedanken, daß er etwas von ihm lernen könnte, 
sieh in eine Unterredung mit ihm einlassen, wir würden sagen, 
ihn interviewen möchte^ Ep. erfüllt ihm den Wunsch nicht 
und erklärt ihm ausführlich die Gründe, daß nämlich auch 
der Lehrer nicht immer lehren kann, wann er will, sondern 
bis zu einem gewissen Grad abhängig ist von dem geistigen 
hahitus oder der seelischen Disposition, die der Hörer mit- 
bringen muß und die erst einen Kontakt zwischen beiden her- 
stellt und die Lust zum Reden, zur geistigen Einwirkung In 
dem Lehrer auslfet. Der ganze Gedankengang erinnert an 
das, was zu I 29, 30 (S. 305) ausgeführt wurde. Auch dort 
war davon die Rede, daß der Philosoph unter Umständen sein 
Bestes bei sich zu behalten hat, wenn er nämlich sieht, daß 
die geistigen Voraussetzungen, um verstanden zu werden, 
fehlen. Während aber dort das keusche Schweigen, die stolze 
Zurückhaltung empfohlen war in dem Sinne, daß der Philosoph 
nicht in eitler Prahlerei oder aufdringlicher Bekehrungssucht 
sein Heiligstes am unrechten Platze preisgeben solle, handelt 
es sich hier um eine scheinbare pädagogische Pflicht, der sich 
Ep. entzieht *, weil er nämlich den Hörer, der ihn hören will, 
nicht wert achtet, sich mit ihm abzugeben. Die persönlichen 
Momente, die 'seine Abneigung bedingen, kommen im Lauf 
des Vortrags immer deutlicher zum Vorsehein. Das Evangelium 
bietet, außer dem angeführten Spruch Jesu, noch manche 
Parallele zu diesem scheinbar trotzig spröden Verhalten Ep.'s. 
Man erinnere sich an den l'on, auf welchen das ganze Evan- 
gelium Johannis gestimmt ist, sobald Jesus es mit den Juden 
zu tun hat, die er ja auch keiner sachlichen Auseinandersetzung 
■würdigt, sondern als Leute behandelt, die von vornherein für 
seine Wahrheit unempfänglich sind. Ja man kann sogar die 
merkwürdige Stelle beiziehen, wo es heißt, Jesus habe in 
Nazareth nicht viele Wunder tun können um ihres Unglaubens 



' Daß Ep. sonst dieser pädagogischen Beruf spflicht gewisaeulifttt ein- 
gedenk iat, zeigt die Unterredung mit läeni eitlen JüngliDg, den er trotz 
seiner Entartung docli nocli ala f-ö/ov ökovoiixös behandelt, weil er eben 
noch jung und deshalb bessern agsfahig ist (8. 23 ff.). 



316 Adolf Bonhöfler 

willen (Matth. 13, 58). Es handelt sieh eben auch hier nm 
gewisse Hindemisse iu den Seelen der Menschen, wodurch eins 
fruchtbare Einwirkung auf sie von selten der Geistbegabten 
unmöglich gemacht wird. 

Diss. II 26, 1 iitel yaQ 6 äfta^rtiviov oi &4X€i &/4a^T<lveiv 
Alka AaTnQ&aaai, ör\i.ov Sn S fikv d-iXsi oi Jtoiel. 

4 : S S-iXei oi Ttotsi xal 3 fiij &iXet Ttoiel. 

Rom. 7, 15 oi yap o S-i'ko} rovto Tt^äoota iX).' o 
fiiaii) toCto itotßi. 

Die äußere Ähnlichteit dieser Aussprüche ist so in die 
Augen springend, daß ich sie nicht ganz übergehen wollte. 
Wie grundverschieden aber der eigentliche Sinn dieses un- 
freiwilligen Tuns des Bösen ist, habe ich S. 60 £F. eingehend ge- 
zeigt. Zur weiteren Bestätigung weise ich noch darauf hin, 
daß Ep. hier sagt, sobald einer den Widerspruch, iu dem er 
sich befindet, erkannt habe, müsse er sich ihm mit Notwendig- 
keit entwinden, während nach PI eben dies das Traurige ist, 
daß der Mensch aus diesem Widersprueli durch eigene Kraft 
nicht herauskommt. 

Dissert. III 3, 8 ^ hti6g iiviov IkxvjqCüv olzog xav äyad-oD 
Tvyy^öivu. 

Matth. 10, 39 (u. Parallelstellen) ö ev^biv iijv ^vxijv ainoü 
SircoX^att at-ttjv, xai b änoX^aag ttjv i/'n^^f avrov eyexsv e^ioö 
ei'pjjoet avirjv. 

Der Sinn des epiktetischen Wortes ist folgender; „Wer, 
um seine Pflicht (gegen Vater, Bruder usw.) zu erfüllen, sich 
selbst überwindet und ein Opfer bringt an äuBeren Gütern, 
der wird eben dadurch, daß er, im Gehorsam gegen Gott, 
diese verliert, des wahren Gutes teilhaftig", stimmt also voll- 
ständig mit dem berühmten, tiefsinnigen Worte Jesu überein. , 

Diss. III i, 3 jlvag yag 'iy,ovatv fHfirjaau&ai oi TtaUol ij 
tovg vTtSQixoy^ag vfiSg'; 

Matth. 6, 13 v^teig iaie xo Slag fijg j^g* lav dh tö SXag 
/tto^avSij, h> tlvv äXiuS^aeeai; 

Ganz trefflich und überaus fein und lehrreich ist die 
Lektion, die Ep. hier ieinem Geringeren als dem Statthalter" 



Epiktet nnii das Neue Testament 317 

von Epirus erteilt, der bei einem Schauspiel durch unwürdiges 
aTiovSä^uv ein schlechtes Beispiel gegeben hatte. Ihm bringt 
er in eindringlichster Weise zum Bewußtsein, daß solche 
prominente Persönlichkeiten, wo sie sich i3ffentlieh zeigen, 
eine große Verantwortung haben und sich in acht nehmen 
müssen, die öffentliche Moral nicht irre zu führen. Es handelt 
sich dabei ja freilich nicht um einen Philosophen, den wir' 
eher mit den Jüngern Jesu vergleichen könnten, sondern nur 
um einen Gebildeten überhaupt, der eine heryorragende Stellung 
einnimmt. Aber nur um so wertvoller ist uns diese Aus- 
lassung Ep.'s, weil sie zeigt, daß ev gelegentlich auch von dem 
Piedestal der philosoplüschen Ethik heruntersteigen und sich 
auf den Standpunkt der Ethik des gemeinen Mannes stellen 
kann. Der Grundgedanke, daß, wer einen besonders ver- 
antwortlichen Beruf hat und vielen ein Vorbild sein soll, durch 
würdeloses oder gewissenloses Benehmen auch besonders großen 
Schaden anrichten kann und die Möglichkeit der moralischen 
Hebung der mensehiichen Gesellschaft in seinem Teil zu 
Schanden macht, ist Ep. und Jesus gemeinsam. 

Diss. III 5, 7 ff. ifiol ^iBv yoQ -Ac/Talri^ä-ijvai ysmeco ftfiösvog 
äUov imneXovfidvqi ^ tfjg nQoatqioEwg tij^ e^if,? 'etc. 

Vgl. IV 10, 12 ff., wo Ep. die Ausübung einer gemein- 
nützigen T a t noch über diese sittliche Arbeit an sich selbst stellt. 

Luk. 12, 37 ftaxÜQioi o'c Sovloi ivstvoi, oüg ü-ü-üv 6 v.vQiog 
iVQriosi y^ijyoQoiivra^. 

Apok. 16, 15 fiaxäQioi; 6 y^jjyOQÜiv r.ai lyQwv rä Ifidiia 
airoC. 

Der Wunsch, den Ep. in dieser schönen Stelle ausspricht, 
vom Tode betroffen zu werden in innerer Sammlung und 
energischer Konzentration auf das Eine, was not tut, entspricht 
gauz und gar der im Neuen Testament so häufig ausgesprochenen 
Forderung der Wachsamkeit und steten ßereitschatt auf das 
Kommen des Herrn. Freilich erscheint hier diese Würdigkeit 
und Bereitschaft nur als Mittel zu dem Zweck des Eingangs 
iu das himmlische ßeich, während Ep. darin nur die letzte 
und endgültige Bestätigung eines im Gehorsam gegen Gott 
vollbrachten Lebens erblickt. 



318 Adolf Bonhöffer 

Diss. III 7, 17 xai aiiot yag fiX'/.a Uyouev, &X'/.a äi jiot' 
ovfuv; fjfceig Uyof^ev tu xakd, ftoioBftsy ia aiaxgd. 

Vgl. in 24, 38 und III 21, 3 ; dsl^öv riva i,{ilv fiSToßoUiv 
T6V ijyefiovtKod toB aeavtoD. Ench. 46, 2. 

Matth, 7, 21 äßö yt ättb tCm ita^Tiwv aiTütv littyvwata&e 
afitov^ ete. 

In seinei- Auseinandersetzung mit dem vornehmen Epi- 
kureer gelangt Kp. in ebrliciiem Freimut und köstliclier Selbst- 
ironie zu dem Paradoxon; „Ihr Epikureer unterscheidet euch 
eigentlich in nichts von uns Stoikern, denn bei beiden stimmt 
Glauben und Tun nicht überein" (vgl. Ench. 62, 2), Das 
streng verwerfende Urteil, das unser Philosoph damit über 
seine Schule, sich selbst mit eingeschlossen, ftlllt, ist natürlich 
cum gram salis zu verstehen. Andererseits besagt der Spruch 
Jesu nichts anderes, als daß es immer auch „Christen" geben 
wird, welche „Anderes sagen, Anderes tun". 

Diss. III 7, 21 aol aaXiiv yvvalxa (palvEu&at (ir^Sefiiav f, 
r^v mj'i'. 

Vgl. II 23, 12: si öi dst t^v tov iivog iSbZv yvvaiKa nal 
7te>s, Ttg Uyu; â– }) 7tQoaiQsziy.il. II 18, 15. 

Matth. 5, 28 nSg ö ßXsTtwv ywaina TtQog th i7ti&v/ifjaai 
¥jSri iftoixtvaev aörijv ev rjj xaqdiif airoD. 

Daß die Ausdehnung der Heiligungspflicht auf das Innen- 
leben, auf die Wünsche und Gedanken des Herzens, nicht erst 
im Christentum vollzogen wurde, zeigt die Stoa und besonders 
Ep., aber auch schon Seneka und später M. Anrel deutlich. 
Die Übereinstimmung Ep.'s mit Jesus in dem speziellen Fall, 
um den es sich in den verglichenen Stellen handelt, ist äugen- - 
seheinlich. Aber auch über die Herzensreinheit überhaupt hat 
Ep. goldene Worte gesprochen (IV 11 Titel fct^l yca9-aQi6Tr]Tog; 
III 22, 93). 

Diss. III 9, 21 &7tX^qo}tös oov hTh -fj Imd-v^Ua, ^ e^^ 
neitXriQi'nai. 

Job. 10, 10 iyio '^X^ov 'iva l^tuTjv 'ixviüiv -Aal Tte^toabv 'e^aaiVi 
II Kor. 9, 8 'iva Iv jcavii rtdvKne TrSoav aütdQxeiav ^^ovieg etc. 

Ein großes Wort: „Mein Begehren ist gestillt!" Ein volles ■■ 



Epiktet nnd daa Nene Testament 316 

philosophisches Äquivalent für die religiöse IVunsehlosigkeit 
nach außen im beseligendeu Gefühl der Gemeinschaft mit 
Gott (8. auch S. 18). 

Diss. III 10, 17 ^oC oh ETI vLai()hq toO (poßEiaO-aL-, tcoü 
oh ^ti xaipog ÖeyfjS ■ ■ ■ Ort t^w r^e iTpOöfp^ffswS oiä^v sotiv 
oi^^e äyaOhv oi'r« xa^öv. 

Vgl, Euch. 18 : ^fiol ^dvra a'iaia ari/.iaeveTai, ea» iyeu 9-iXiA 

Jiöm. 8, 28 o'idauev 6h Sti toI>; &yanC)OLv %hv ■&ebv Ttüvza 
ovviLQyEl eis äya&öv etc. 

Die besonders schwungvolle Art, mit der Ep. hier den un- 
zählige Male gepredigten Grundsatz der Autarkie und Atarasie 
des Weisen verkündigt, kann uns immerhin erinnern an jene 
vielleicht schönste Stelle im Neuen Testament, wo PI sich 
nicht genug tun kann, in ähnlichen rhetorischen Fragen die 
Fülle des Glückes und Friedens zu schildern, die im Bewußtsein 
der Erlösung beschlossen ist. 

Dias, in 13, 12 ta^rrjv t^v eiQi^vrjv tiq 'h<^v . . . vrch 
TOD ■9'eov Tte-Kt}Qvyiidpfiv diä tov löyov oßx ä^itElTat ^Tav(fi} (iövog; 

Job. 16, 33 'iva iv ifiol e/pijj'ijv Vx-i]Te. 

Auch Ep. kennt den Begriff des inneren Friedens und 
preist ihn begeistert als eine frohe Botschaft von Gott, vei'- 
kundigt durch den Logos. Dieser ist freilich, wie wir gesehen 
haben (S. 188 ff.), nicht der persönliche Logos des Johanneischen 
Prologs, sondern vielmehr die unpersönliche, aber jeden erst 
zur Person bildende aligemein menschliche Vernunft. 

Diss. III 15, 1 (und Ench. 29) ixdarov e^yov OKÖiiei tä 
KK'S-rjyovfiera xal zä ^/.öXov^a vial ovTtaq 'iQ%ov stt' avzö. 

Vgl. Ench. 22 : tl tpdoao<p(ag em^^fitic, jtaQamiBvd^ov ai- 
TÖ&BV (üg •/.(tzayEXaaÜ-r^aöi.iEvos. 

Luk. 14, 28 Ttg yäq i^ v/x&v &iliav Ttvffyov oUodoftijaai, 
oi'X'' ^S^z^ov jta^/ffög iprjfpl^ei Trp> daTiäyfjy etC. 

Vgl. Luk. 9, 62. 

Was Jesus mit diesen anschaulichen Bildern lehren will, 
ist, wie die Nutzanwendung in Vers 33 zeigt, genau dasselbe, 
was Ep. hier und öfter den Leuten ans Herz legt: wer ein 
Philosoph werden will, muß sich darüber klar sein, was er 



320 Adolf BonhöHer 

alles drangibt und was er an geistiger Energie aufwenden 
muß, um zum Ziel zu gelangen; widrigenfalls er kläglich 
scheitern muß. 

Diss. in 16, 1 äväyxr] zhv avyKaO-ievTa Tialv e-/tm)Jov . . , 
^ airov h.dvOfS i^o^toiojüfjvai ^ Ueivovg (leva&tlvai eTci zä ahoS. 

Dias. Iir 16, 11 Sia tovto ymI tüv uaTQLÖo}v aui^ßovhiJovaiv 
&7toxu)qslv ol (piUao(poi, Stt TÄ Tialaiä 'e»,; m^iOTtB xm oök 
# ^GXV^ y^io&ai. Tim SUov s&iafwü. 

Vgl Euch. 33, 6. 

II Kor. 6, 14 fiij '/£vsa3-e hsQo^vyoBi-Teg äitiaiois ■ jig yaq 
ftSTOX'l öixaioavifi xat ävofiii^; etc. 

Für eine neugegründete Religionsgemeinsebaft verstellt 
es sich von selbst, daß ihre Eekenner zusammenhalten und 
den Verkehr mit Andersgläubigen meiden oder auf das Not- 
wendigste beschränken. Die Jünger Jesu wußten es nicht 
anders, als daß sie, wie ihr Meister selbst, die seitherigen 
Beziehungen zu losen hatten. Diese Absonderung hatte zu- 
nächst nur den Zweck des Bekenntnisses vor der Welt, erst 
in zweiter Linie stand das pädagogische Motiv der Bewahrung 
vor schädigenden Einflüssen des Umgangs mit „Ungläubigen'''. 
Nichtsdestoweniger konnte auch dieses Motiv große Bedeutung 
erlangen, wie die Warnung des Apostels an die Korinther 
zeigt. Ep. verbietet seinen Scliülern den Verkehr mit der 
„Welt" lediglich aus pädagogischen Rücksichten; dem Ge- 
festigten, dem Weisen schadet die avfi7VEqiq>0Q<i, die Aube' 
quemung an die Sitten der Welt nichts, ist für ihn vielmehr 
gerade eine Gelegenheit zur Erweisung vollendeter Selbst- 
beherrschung und Geistesfreiheit. Interessant jedocli und mit 
der Praxis Jesu gana übereinstimmend ist der nach Ep. von 
den Stoikern erteilte Rat, die Vaterstadt zu verlassen, weil 
nur durch Loslösung aus den gewohnten Verhältnissen ein 
neuer ethischer Grund gelegt werden kann. 

Diss. III 21, 16 oÖJt ia^a J'xstg fjv Sei nbv leQOfpdvzt^v 
ovx ijyvtvxag wg titeivog etc. 

Matth. 22, 12 Izal^e, jtQg dafil^Eg &de (iii k'xcov ^vSv/ia 
ydfiov ; 



Epiktet und das Neue Teatament 321 

Der Gruüd, warum ich die beiden Stellen vergleiche, ist 
nicht etwa bioS das äußerliche Moment, daß beidemal das 
festliche Kleid, als Symbol der festlichen, des heiligen Aktes 
wüi'digen Stimmung und Gesinnung, vermißt wird. Denn bei Ep. 
ist das Kleid des Hierophanten nur ein verhältnismäßig neben- 
sächlicher Punkt in der Reihe der Bedingungen für die würdige 
Ausübung der Mysterien; ferner handelt es sich bei ihm um 
den hohen Beruf eines Lehrers der Menschheit, neutestamentlich 
gesprochen eines Apostels, während das Gleichnis Jesu nnr 
die Anteilnahme an dem göttlichen Gnadengut im Auge hat. 
Von diesen Unterschieden abgesehen offenbart sich aber aller- 
dings eine bedeutsame Übereinstimmung: Ep. wie Jesus ver- 
langt, daß das Heilige heilig erfaßt und betrieben und nicht 
durch frivole Menschen profaniert werde. Die Ausführung 
Ep.'a muß man ganz lesen, um sich davon zu überzeugen, 
nicht nur, wie hoch er von dem göttlichen Beruf des Philo- 
sophen als Erziehers dachte, sondern auch mit welchem Ernst 
und tiefreligiösem Sinn er die überlieferten kultischen Ordnungen, 
hier speziell das Mysterienwesen, erfaßte, und wie. nichtig, 
jedenfalls soweit es den Ep. betrifft, das herkömmliche Gerede 
ist, wonach die Stoiker nur zum Sehein oder mit einer ge- 
wissen reservatio mentalis die religiösen Gebräuche bejaht und 
aa ihnen teilgenommen haben. 

Diss. in 22, 23 (ö Evvixhs) äy/elo? &nh xoS Jwg &7tiütaX%at 
v.al fCQÖg Toie iv&sd^Ttovs sregl äya&Siv xal xoxöv vitodsi^wy 
Gvrotg (kl stenX^vzai. 

II Kor. 5, 20 vjEEg Xqiotov oiv itQEaßtionEV &g roij d-eoC 
n:aßaxaXovvtos SC fjfiCüv . . . xaiakXäyrjTS r^ ■d'e/p. 

Das epiktetische Ideal des Kvnwg als eines Boten Gottes 
an die Menschheit wurde längst als ein merkwürdiges Gegen- 
stück zum christlichen Begriff des Apostolats erkannt. Man 
kann dies anerkennen und sich freuen über die Übereinstimmung 
des Typus bis hinein in die speziellsten Züge, ohne deshalb 
eine bewußte Übertragung von der einen nach der anderen 
Seite anzunehmen. 

Diss. III 22, 61. Sjtov yiiQ zoQaxai xai Xsnai . . . xßi (pd^voi 
xai 'Qiikozvniat, nov ixtl feä^oöog EiSmi-iovlag ; 

JtelieionsgeBclüchfllcliB Yecsuche u. Vorarteiten S. 21 



322 Adolf Bouhaffcr 

Jak. 3, 16 ofi:ov yoQ ^i^log xot iQtS-da, ezti &%aTaaxaaia 
y.<xi nüv (pavXov it^&yfta. 

Auf die Übereinstimmung des Gedankens, der bei Ep. 
jedenfalls mehr Substanz hat als hei Jakobus, lege ich hier 
■weniger Gewicht als auf die immerhin bemerkenswerte Ähn- 
lichkeit seiner sprachliehen Fassung. 

Diss. in 22, 69 toiaikrjg S'ovOrjS xaTaazdasiog, o'ia vüv laiiv, 

8Xov fCptig li] äiaxovif^ TOO -dsoü; 

I Kor. 9, 12 äXV ovx ^x^rfläfis-^c/. ri] s^ovai^ TavFfi, all» 
Tidvia aT£yoi.isv iva jhj Tira £'/M7ti}v dSifisv itj) eöayyskifi) toD 

Wie Pi auf seine Freiheit verzichtet, um seiner Arheit 
am Evangelium keinen Abbruch zti tun, so muß der Kyniker 
Ep.'s nnverehelicht bleiben, um dem Dienst Gottes sein ganzes 
Leben weihen zu können. Die Äußerung, daß der Philosoph 
sozusagen auf dem Kriegsfuß mit der Welt lebt, ist nicht als 
pessimistisches Urteil über seine Zeit zu verstehen, als wäre 
diese besonders schlecht, sondern wili nur den tatsächlichen 
Zustand des menschlichen Lebens bezeichnen im Gegensatz 
zu dem auch nach Ep.'s Sinn atopischen Ideal eines Staates 
von Weisen (S. 35ff.). 

Diss. III 24, 15 oiöeig iartv SvO'Qiojrog oqtpavög, älla TiäviMV 
äel y.al dirjventjig d navriQ iattv 6 xrjööftEvog. 

Joh. 14, 18 oujt (if/)i;(i([> vfiSg dg^avovg, i'Q-^Ofiai rz^og vi.i5g. 

Joh. 16, 32 oüx stftl ftövog, oii 6 jcai^j fiev' ifwS la'tiv. 

Einer der schönsten Gedanken des Christentums, die Über- 
zeugung von der steten hilfreichen Gegenwart Gottes, ist auch 
von Ep. ausgesprochen worden, hat aber natürlich in seinem 
Munde einen geringeren Gefühlswert als dort, in dem Maße, 
als ihm der reine, unvermischte Theismus fehlt (r. a. zu I 3, 1 
auf Seite 289). 

DisS- III 24, 31 ff. ovx. olay Szi azQatsia zo X?^/'<^ küil; 

II Tim. 2, 3 ff. cvvy.aitoji:äü-rjaov (bg y.aXbg ot oai tdititg 
Xqiozov IriOOD. 

Vgl. I Kor. 9, 7. 



Epiktet )iad das Neue Teatament 323 

Wie das Bild vom "VVettkampf so wird auch das vom 
Kriegsdienst, wiewohl seltener als von Ep. und, wie jenes, 
hauptsächlich von PI und in den Pastoralbriefen gebraucht. 
Freilich hat Ep. dabei mehr allgemein die Unterordnung unter 
die Befehle des Feldherrn, das Neue Testament mehr das 
willige Erdulden und den Kampf gegen die objektiven, dä- 
monischen Feinde des Seelenheils im Auge. 

Diss. III 24, 60 /JSiiiirjii^vog özc nqönov Sei xf-eolg elrai tpikov. 
.Tak. 4, 4 oix o'löajs (ki i> (piUa roO xdoftov 'ix^QC i^oD 

Znm rechten Verständnis des epiktetischen Ausspruchs 
muß ich beifügen, daß es sich hier um eine sogenannte Kollision 
der Pflichten, in diesem Fall der Verwandtenliebe mit der 
persönlichen sittlichen Würde handelt. Selbstverständlich ist 
die erstere, d. h. die Übernahme einer nach gemeinem Urtei! 
durch sie geforderten Handlung, keine Pflicht, sobald die Treue 
gegen sich selbst, beziehungsweise gegen Gott dadurch ver- 
letzt würde. Der Spruch des Jakobus gleicht dem des Ep. 
freilich mehr nur äußerlidi, denn unter der Weltfreundschaft 
ist wohl nicht irgend eine Pflichteukollision sondern die ein- 
fache, egoistische Verleugnung der Christenpflicht gemeint. 
Was Ep. meint, ist aber ganz nach Jesu Sinn, der das große 
Wort gesprochen hat: „Wer den Willen meines Vaters im 
Himmel tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und Mutter" 
(Matth. 12, 50). 

Diss. in 24, 81 o^-t &QVTjarj y.<xi oaa 'efia-ü-se d5ivcei, 'iva fifi 
diaßüljig Tcr ■^eioQ'^ficna äg ä^Q^OTa ; 

Vgl. in 21, 22: jif/ Ttqoarqlßüv -naX kvzo^ alaxog (ptXoaoifi^ 
äia aai,ioS fir}dh yivov fiigog tSiv öiaßaV.öyTmv ro e^yoy. 

in 26, 13; IV 8, 9 ff. 

Rom. 2, 23 ot; ev vö^tvj itavx&oot, öta ^fjg naqaäämoig lov 
vöftov %ov dsbv &ctuiiKEig; 

Die Kongruenz ist hier eine ganz vollkommene. Ep. rät 
dem Menschen, der nur, um damit prahlen zu können, die 
philosophische Theorie sich angeeignet hat, aber nicht daran 
denkt, sein Leben danach einzurichten, lieher das Gelernte 

21* 



324 Adolf Bonheffer 

ZU verleupien als die Philosophie durch seinen Lebenswandel 
zu kompromittieren; PI straft die Juden, die mit 'dem Gesetz 
(also außh mit einem theoretischen Besitz) sieh brüsten, aber 
durch ihr gesetzwidriges Leben den Urheber dieses Gesetzes 
vemnehren und vor der Welt diskreditieren (vgl. S. 152). 

Diss. III 24, 108 orav ae fj ipavrceaia Sdxvtj (tovto y^Q oix 
kü oo£j, ivaftdxov zip köyf^ . . . ^lij Idarjq hiioxvetv (irjöe ti^oü- 
y&iv itii TU E^fjg. 

Jak. 1, 14 ^aaroq de netgä^erat vno tffi löia^ sTtt^vf^iag 
i^elxöfuvos xtri deXsaZöfievog ' eha ^ E7fi3^/jia avXXaßovaa rixtsi 

Was das Neue Testament eine Versuchung nennt, die 
von der e'igenen bösen Lust (beziehungsweise vom Teufel) aus- 
geht, ist dem Ep. ein öäxvead-ai VTtb (pavtaaias, das er aus- 
drücklich für etwas Unwillkürliches erklärt, ohne sich über 
Ursprung und Art dieser Reizung näher auszusprechen. Wenn 
aber in diesem Punkt seine Anschauung von der biblischen 
jedenfalls erheblich abweicht, so erinnert doch die Art, wie 
Ep. auf Grund scharfer psychologischer Beobachtung den 
Übergang der Heizung in Sünde beschreibt, merkwürdig an 
das im Jakobusbrief gebrauchte Bild von der Empfängnis, 
welchem eine ganz ähnliche Vorstellung zugrunde liegt. 

Diss. III 25, 2 oi yaQ Aftoxvrjzdov tÖv äyfitva lov niyusrov 
S:yo)vi^Oß4vot$ d-X).» xai nXijyäs Xijfivioy. 

Vgl. IV 9, 14 : 7tQC)tov /lev y.aT<iyviii9t t&v j'iyvofiiyioi', 
tlza xatayvovg (lij &7r:oyv^>g aiavtov. 

Ench. 48, 3 : äig ix^QÖv iavjov Ttagatpvläaaei xat tTtißovloy. 

Hebr, 12, 1 di' VTCOftovfg vqixionEV zhv nqo-ntlfievov fjftiv 
äywva etc. 

Epiktetverlangtkeineeinmalige völlige Bekehrung, sondern 
rechnet damit, daß die neuen Lebensgrundsätze, deren erst- 
malige ernsthafte Erfassung allerdings ein zentraler Akt, eine 
Art Wiedergeburt ist, erst allmählich erstarken, womit von 
selbst gegeben ist, daß sündige Eückf^llo noch vorkommen. 
Er ist zufrieden, wenn einer ernstlich kämpft, durch eine 
Niederlage sich nicht entmutigen läßt, dagegen auch sich nicht 



Bpjbtet und das Nene Testament 325 

ans Erliegen gewölmt, vielmehr durch jedeu Fall achtsamer, 
voi'sichtiger und damit auch widerstandsfähiger wird. Im 
Neuen Testament hat natürlich die Bekehrung einen weit 
akuteren Charakter und soll, wenigstens in der Idee, eine 
völlige iReform des Lebens unmittelbar zur Folge haben: 
grobe Verfehlungen wenigstens sollen dem „Erlösten" eigent- 
lich innerlich unmöglich sein , und nach dem Hebräerbrief 
schließt sogar eine wissentliche Sünde (die es allerdings für 
Ep. nicht gibt) definitiv vom Heile aus (10, 26)^. In der 
Praxis aber konnte natürlich dieser hohe Standpunkt nicht 
ganz festgehalten werden. Was Ep. jedenfalls mit der neu- 
testamentlichen Anschauung gemein hat, das ist einerseits die 
VorsteUung von der ernsten Verantwortung, die der Mensch 
mit seiner Bekehrung auf sich nimmt, andererseits die weit- 
herzige Nachsicht mit den „Gefallenen", die keinem erlaubt, 
an sich selbst ganz zu verzweifeln. 

Diss. IV 1, 151 ov olv sXtv&e^og ei; d-^lto n) Tohg 3-eovs 
xat e^'xojuoi, äXk' oÜTtw 6vva^tai ävrißXiipat loig xv^iotg. 

Vgl. IV 12, 19: övvatbv &vaniiqziqiov ijdfj elvai; &}irj"iatoy, 
Äü' VABivo övvaiov ■n:Qog to /*^ a/xa^tävetv lezda-S'ai äirjvsx&g. 

Phil. 3, 12 ovx Sit liöri ^Xaßov ^ *;'iJ)j TevelsUüfiai, (Jttixw 
äe et x«( xcciaXdßw etc. 

Die Bescheidenheit, die Ep. hier in der Selbstbeurteilung 
otfenbart, darf, wie früher ausgeführt wurde (S. 15 ff.), nicht 
zu falschen Folgerungen verwendet werden. Sie steht etwa 
auf demselben Niveau wie das Bekenntnis des Apostels, der 
auch keineswegs damit sagen will, daß er noch irgendwie 
unter der Herrschaft der Sünde stehe, sondern nur, daß 
er sich noch nicht absolut ausgereift und vollkommen würdig 
für den Eintritt ins himmlische Leben fühle. Ein eigentliches 
Bekenntnis der Sündhaftigkeit oder der sittlichen XJnvoll- 
kommenheit, wie es z. B. Jak. 3, 2 viel direkter und ruck- 



' Übrigens ist dem Ep. anoh diese Betruditnng nicht fremd, daß 
nämlich ein einaiger Fehltritt den ganzen Gnadengtand — christlich ge- 
Bpracheo — in Frage stellen kann (IV 3, 4; oUyov Si %?"" ^"'^ "P^e t^ 

aTCaUeiar t^»' Tiävzon' xal ■■•farffOTi^, ^xfü« BTioaTpoip^s Tov !.6yov. TV 12, 6). 



326 Adolf Bonhöffer 

haltloser ausgesprochen ist {ftollä nzaiofisv HjtavTsg), will PI 
damit gar nicht ablegen. 

Diss. IV 1, 169 xal vCv Iwx^ekovg SiTro&ayövtog ovdev ^jitov 
ij -Aal trkelov ilfeXifiös lativ Av-S-^diitoig ij //MJ^i; &v hi t,wv 

Phil. 2, 8 handveuaev iavrbv yerö/tevog he^oog fiiyiQi' 
â– d'avthov. 

Joh. 16, 7 ovjXfpiQEt vfjtv 'iva eyd} &7teX&(ü. 
-Tob. 17, 4 iydi ae eöö^aaa Itti iflg ^^g ih 'eqyov nlufbrng 
8 öiÖMxäg fioc tva noiriGw. 

Es liegt mir ferne, das Urteil Ep.'s über den das Vorbild 
des Lebenden noch üben'agenden Wert des Todes des Sokrates 
mit der Bedeutung; zu vergleichen, welche das Neue Testament, 
freilieh nicht überall, dem Tode Jesu beimißt. Ein Mysterium 
des Glaubens ist der Tod des Sokrates dem Ep. nicht. Aber 
andererseits fehlt auch im Neuen Testament nicht jene mo- 
ralische Beurteüung des Todes Jesu, wonach sich in ihm die 
Krönung seines Lebenswerks, die höchste Bewährung seines 
Gehorsams gegen Gott und seine.s .Sieges über die Welt dar- 
stellt Diese Auffassung konnte neben der soteriologischen 
um so weniger entbehrt werden, als auch seine Bekenner bald 
genug in die Lage kamen, iur ihren Glauben das Opfer ihres 
Lebens zu bringen. 

Diss. IV 2, 1 rtQo ftdvTiov oe 3bI n^ogixuv, ft^ nme Squ 
T&v 7iqoTiQt.üV avvq&wv 'q rpÜMv ävaxQa3i}g iivi. ovrotg äat' stg 
rä a&tä aiyKaiaßf^vai autqj- d ös fu], ämltlg aeavTÖv. 

Matth. 10, 22 y.ai soea^e fuaovftemi vitb ndvrtav Ötä ib 
Svofid fiov. 

Wenn Ep. von seinen Schülern verlangt, daß sie in ihrer ' 
ganzen Lebensweise sich von der großen Menge der Unge- 
bildeten untersciieiden und deshalb auch den gewohnten Ver- 
kehr mit ihren bisherigen Freunden und Bekannten abbrechen, 
so ist dies, nur in milderer Form, dasselbe, was Jesus seinen 
Jüngern in Aussicht stellt, daß sie nämlich den Haß der Welt, 
ja ihrer nächsten Freunde und Angehörigen auf sich nehmen 
müssen. Das Risiko eines Zerwürfnisses mit Verwandten ist 



Epiktet nnd Am Neue Testament 327 

vielleicht manoliem nicht so einpfladlich wie das andere, daß 
er nun seinen Freunden auf einmal nicht mehr als „feiner 
Mensch" sondern womöglich als das Gegenteil davon erscheint. 
(Vgl. übrigens die Ausführungen zu III 24, GO auf Seite 323, 
mit denen sich der vorliegende Gedanke nahe berährt.) 

Diss. IV 5, 35 ravra Ttt döyfiaia Iv aixlif (piXlav Ttotsl, ev 
Ttöla ofiövotctv, h E9vtotv siQtivrjv, -rr^bs ^i-bv dxtxQiaxov, Ttav- 

Luk, 2, 14 i5o|a h vipiutoig ^etj) xat E7tl j'iis £^ß?jvij ev 
&vOQii}!tois si)doy.ia£. 

Ich kann mir nicht vei'sagen, diese schöne Zusammen- 
fassung dessen, was dem Ep. als Ideal vorschwebt und was 
er als Frucht der Philosophie erwai-tet, mit dem biblischen 
Weihnachtsgruß lu Beziehung zu setzen. Mag auch derselbe 
im einzelnen einen etwas anderen Sinn haben, so ist doch 
kein Zweifel, daß auch das Christentum, und mit Eecht, den 
Anspruch erhebt, den Menschen' nicht nur für sich selbst 
glücklich und getrost zu machen und zu Gott in das richtige 
Verhältnis zu setzen, sondern auch das Zusammenleben der 
Menschen nach jeder Eichtung zu festigen und friede- und 
freudevoll zu gestalten. 

Diss. IV 8, 3 Tß (U^v itTth Soyfidtiov ö^d-Civ xciXs>g {ylvErai), 

Rom. 14, 23 ffäv dh 8 oiy. ez ttiaTso}^ aua^Tla kaiiv. 

"Wie für Ep. das richtige Dogma, die richtige Überzeugung 
von dem Wert der Dinge, Quelle und Maßstab jeder sittlich 
guten Handlung ist, so für PI der Glaube, in jener umfassenden 
Bedeutung nämlich, in welcher er auch das praktische Urteil 
in sich schließt als ein aus dem Willen Gottes geschöpftes, 
das zwar bis zu einem gewissen Grade, d. h. auf dem Gebiet 
des Erlaubten, der Allgemeingültigkeit ermangelt, aber doch 
als Glaube stets subjektive Wahrheit und Verbindlichkeit 
besitzt. Daß auch dem Ep. der Gedanke einer individuellen 
Variation des sittlich Gebotenen oder Erlaubten nicht fremd 
ist, wurde früher schon, besonders bei der Besprechung des 
Begriffs fi^öaüirrov berührt (S. 39). 



328 Adolf BonbeSer 

Diss. IV 8, 35 ff. aavT^ ipiloaöfpriaov dXiyov x9<i>'ov- ovtoj 
xo^lg yivsrai- xoTOQvy^vai dsZ xq6vov t& aiti^pta, x^vrp&ijvai, 
xara fiiitQov av^r^Silvai, 'iva TeAeffyopijoT^ . . , Säirov rov dionog 
ijvSrjxagj iTtoataiast as 6 xEiftdyv. 

Joh. 12, 24 löv i^ri b 3((Jx)tog toö oLtov ^eatay etg «^j" y^v 
äno&dvrj, airhg ftövog ftivif iitv Sis üno^dv^, aoXvv xa^Trhv tpi^u. 

I Kor. 15, 36 ah o OTCBlqeiq, oi ^i^OTtounat lav ftrj dinod-dv^. 

Matth- 13, 3 ff. it«( evd-iais t^av^isdsv öile tÖ /(^ ^x^iy 
ßd9og yijs, fjUov de &vmdlavTi)g havfmTiathj xai öiä ib /t^ 
ex^iv ^i^av l^riqdvdiq. 

Obwohl diese Parallelen bereits früher (S. 56) eingehend be- 
sprochen wurden, hielt ich es doch der Übersichtlichkeit wegen 
für angezeigt, sie hier nebeneinander zu setzen. Wie wir 
sahen, hat das von Ep. gebrauchte Bild in seiner ersten Hälfte 
mit den betreffenden Bibelstellen (Joh. u. I Kor.) nur eben 
das Bild gemeinsam, während der Sinn ganz verschieden ist. 
Dagegen hat es, besonders in der zweiten Hälfte, in Ausdruck 
und Gedanken eine wirklich überraschende Ähnlichkeit mit 
dem bekannten Gleichnis Jesu vom Säemaun. 

Diss. IV 9, 16 oiöiv iffviv evayayörs^ov ävO-^toTrivrjg t/rnx^S- 
&-fXfj(!Oi diZ xai yfyovEV, öiÖQä-iiirat. 

Mark. 1, 15 ueravoeiTe xai ^laiei'tte h t^ EvayyeXl(fi. 

Die Bedingung des Heils ist auch nach Ep. Buße (xa- 
vüyvioaig töiv yiyyoixivfjyv, Verurteilung des bisherigen Lebens, 
IV 9, 14) und Glaube d. h. ein zentraler Willensakt^ die sieh 
darbietende Rettung zu ergreifen. Obwolil im Neuen Testa- 
ment die Sache zuweilen auch so dargestellt wird, daß auch 
der Glaube durch Gott selbst gewirkt werden müsse, so ist 
doeli darüber gar kein Zweifel, daß Jesus selbst und in der 
Hauptsache auch die Apostel zum Glauben aufgefordert, folg- 
lich ihn als etwas betrachtet haben, was man dem Mensclien 
zumuten kanu und nur eines kräftigen Entschlusses bedarf. 
Wie hätte auch sonst Jesus sagen können "Mein Joch ist 
sanft", wenn er nicht den Glauben als etwas verhältnismäßig 
Leichtes angesehen hätte! Und wie Ep. sich hier so äußert, 
wie wenn mit diesem einmaligen Willensakt alles getan und 
in Ordnung gebracht wäre, so wird auch im Evangelium dem 



Epiktet und das Keue Testament 329 

Glaubensentscliluß eine gänzliche Erneuerung der Persönlicli- 
keit zugeschrieben, die sich nicht bloß in innerer Herrlichkeit 
(Joh.), sondern auch in einer gesteigerten Macht über die 
Natur offenbart (Synoptiker). Es wird jedoch kaum nötig 
sein, darauf hinzuweisen, daß bei Ep. wie im Neuen Testament 
neben jener sozusagen optimistischen Betrachtung eine andere, 
nüchtern praktische herläuft, nach welcher diese innere Er- 
neuerung nur alimäliüch in ernstem mühevollem Eingen er- 
reicht wird. 

Diss, IV 11, 5 TCQCÜTTi o^y xoi ÄctüTtfrw xa&ccQÖvrjg ^ iv 
ipvxfi yevofi^rj xal öfioiiiiq äxaS-aqaitx. 

II Kor. 7, 1 -Aad-aQiaiofiev eavrovg &7to Ttavrhs ftoXvofioO 
aaQxbg xal â– itvsv^atag- 

Auf Reinheit und Reinigung des ganzen Wesens dringt 
Ep. nicht weniger als das Neue Testament, womit jedoch nicht 
gesagt sein soll, daß er auch in der asketischen Fassung der 
Reinheit mit diesem einvei-standen gewesen wäre. Anderer- 
seits schärft er die Pflicht der Reinlichkeit in einem viel um- 
fassenderen Sinne ein als es im Neuen Testament geschieht, 
wo unter dem nolvafibg aoQxög im wesentlichen doch nur 
sexuelle Unreinheit verstanden ist "Was Ep. in dem be- 
treffenden Kapitel, sehr ins einzelne gehend, über die körper- 
liche Reinlichkeit sagt, mag für das praktische Leben wichtig 
genug sein, gehört aber zu den Dingen, von welchen das 
Neue Testament schweigt, weil sie zu selbstvei-ständlich oder 
im Verhältnis zu dem gi-oßen Hauptziel zu geringfügig sind 
und darnm gleichsam unter der Schwelle seiner sittlichen 
Beurteilung und Paränese bleiben. 

Diss. IV 12, Iff. TTOQcc To a->lfiSQOv a/j.aQTri9-Ev dg t^lla 
XSiQOv ävdynrj aot za nQdyftaTa syjiv etc. 

Vgl. Ench. 51. 

Hebr. 3, 13 naffaxai.elTi eavroig xa&' hä(m~iV fjfi^Qav, SxQtg 
ol} 10 aijfiEQOV xaXeizai,. 

Die ganze Verkündigung Jesu und seiner Apostel hat 
etwas Eiliges, auf rasche Entscheidung Hindrängendes, weil 
das Ende der Dinge nahe gedacht wird. Auch Ep. warnt 



330 Adolf Bonhöffer 

(in diesem ganzen Kapitel) davor, die Bekelirung immer wieder 
von heute auf morgen hinauszuschieben; freilich nicht aus 
Jenem eschatologischen, sondern aus dem pädagogisch psyeho- 
logischen Motiv, daß die Gewöhnung ans Sündigen und die 
Gewöhnung an den Aufschub die Umkehr immer schwieriger 
macht, und jeder Tag, den man im Gehorsam gegen die Ver- 
nunft verbringt, als glücklicher Tag ein Gewinn fürs Leben ist. 

Diss. Fragm. 23 Sttviiaarij ij rpvatgy.a'i.g>ii.6tfpog.Toyoav aSifia, 
■CO TtäVTWV itjä^aTaiov xal ^vii;aQ(l)TaTov,aT^Qyo!i£v xal SEganevofisv. 

Eph. 5, 29 oiSeig yäq acoze ttjv eavTOv adQxa euiarjmv, 
älXa btTQscpei xal S^Xnu avrriv. 

Dieses Wort des „PI" ^ ist eines der wenigen im Neuen 
Testament, welche das Recht der sinnlichen Natürlichkeit 
ausdrücklich anerkennen und daher mit Grund gegen die 
Meinung ins Feld geführt werden, als sei dem Christentum 
von Haus aus eine (krankhaft) asketische Eichtung eigen. 
Wie man sieht, stimmt der Ausspruch Ep.'s ganz mit dem 
Bibelspruch überein, nur daß, gerade im Unterschied vom 
Neuen Testament, auf seiner Seite eine gewisse pessimistische 
Verachtung des Leiblichen vorhanden zu sein scheint. Jedoch 
es gibt Äußerungen genug, welche zeigen, daß Ep. auch den 
Leib mit den Augen des Griechen betrachtet und gewertet 
bat. Wenn er hier die Sache von der anderen Seite betrachtet, 
so hat er dazu sein gutes Recht. Er tut es aber nicht in 
irgend einer pessimistischen Absicht, um die Leute zur Un- 
zufriedenheit mit diesem elenden, schmutzigen Leben anzuregen, 
sondern nur um ihnen durch Erinnerung an die Stimmungen, 
die keinem anständigen Menschen ganz fremd sein können, 
den Gedanken an die bevorstehende Weggabe des Leibes er- 
träglicher zu machen. Er selbst nimmt an dem schmutzig 
Leiblichen so wenig Anstoß, daß er sogar die Liehe zum Leibe 
ausdrücklich als eine Naturausstattung anerkennt und die 
Weisheit der Natur bewundert, die durch diese eingepflanzte 
Liebe zum eigenen Fleisch den Menschen alles damit ver- 
knüpfte Unangenehme überwinden lehrt. 

' Ich werde mieü uie davon überzeug'en können, daß ein und der- 
selbe Mann I Kor. 7, 39 und JEph. 5, 28 ff. geschrieben h»t. 



Epiktet und das Neue Testament 331 

Enclieir. 25, 1 Ttgoerifi^dTj aov tig h earidaec . . .; et fth 
&ya&ä ravTd eati, %aiQBiv os äel Uxl hvy,sv aitQv SKSlvog. 

Eöm. 12, 16 %ctiQSiv nf,Ta %(tiq6vT(av tiXalsiv fteiu xXaiövr(j)v, 
Daß man sich freuen soll, wenn dem Nebenmenschen ein 
Gut zuteil wird, selbst dann, wenn man selber Anwartschaft 
darauf hatte und es nicht erhielt, ist gewiß ein edler Grundsatz. 
Aber er ist im Neuen Testament besser begründet als bei 
Ep., der, sobald er auch nur hypothetisch etwas vom eigenen 
Willen Unabhängiges ein Gut nennt, jenes neidlose Zusehen 
und selbstlose Sichfreuen beim Gluck des anderen nicht mehr 
motivieren kann. 

Encheir. 33, 1 aiioTtrt i« TTokv 'dmo} i] kaXtia&tu za ävay- 
xala Kßi dl' ÖHyoiv. — 33, 16; ^rrta^alis ^i tot w ^^S ataxQO- 
loyiav itQOS/.&eiv. 

Eph. 5, 3 (Es soll verbannt sein aus der Gemeinde) ,wwßo- 
Xoyia ^ evzQajiskla. 

Vgl. Kol. 3, 8 : Anöd-Ba&E . . . aioxQoloyiay. ferner I Tim. 
5, 13 und Jak. 3, 1 ff. 

Was Ep-, zunächst von den Lernenden (s. S- 32) verlangt, 
daß sich der Ernst ihres Strebens auch in der Heiligung und 
keuschen Zurückhaltung des Wortes zeigen müsse, entspricht 
gewiß auch dem Ideal der christlichen Persönlichkeit. Dem 
Gefestigten gestattet er freilich eine erheblich größere Be- 
wegungsfreiheit in der Anpassung an die Welt, als es auf 
dem Boden des Urchristentums möglich wäre. 

Encheir. 33, 2 U^ov {liv, &lXa . . . ftrj tt^qI fiovofiaxi&v . . . 
ftdliora de fit; ^tQi &vi)-QM-/tiav tpeyojy ij hTttxtvGiv ^ avyxQiviav. 
Vgl. cap. 45. 
Matt. 7, 1 ff. /(^ AQlvtte, 'iva fiij xQid-^e etc. 

In dem Verbot des lieblosen, tadelsüchtigen Richtens trifft 
Ep. ganz mit den Grundsätzen Jesu zusammen, nur daß bei 
ihm die religiöse Begründung, daß man dadurch dem himm- 
lischen Richter vorgreift und sein Gericht über sich herauf- 
beschwört, fehlt. 

Encheir. 33, 5 S^xov naQalrrjoai. 



332 Adolf Bonhöffer 

Mattli. 5, 34 iyiü 6s Uyta S/ilv ftij ifiöaai bkcag. 
Seite 30 ff. 

Encheir. 33, 7 tä jrepi xö aSifta ni%qi iffi X^eiag ipilijs 
trapaXd/ißave, ohv z^otpäs, rt^fia, Afinexävip'. 
Vgl. cap. 39. 
I Tim. 6, 8 exoweg öe öm%^oq>ag Aal axeTräoftata Tovtoiq 

Vgl. Luk. 3, 14. 

Anch die Forderung der Genügsamkeit wird in der Stoa 
ebenso wie im Nenen Testament erhoben und zwar mit wesent- 
lich gleicher Motivierung, nämlich dem Hinweis auf das alle 
äußeren Werte nneadlich überragende geistige Gut, das jedem, 
der will, sicher ist. 

Encheir. 33, 8 tcs^I &fpQoäl<jia si$ Svvafitv ■Tt^o yd/xov 

I Thess. 4, 3 xomo yd^ hrtv &ih^{ia jov d-tov, 6 äytaafws 
ifiG)v, ATzi^ea^at vfiBg dtjib Tr^g ^o^nlag. 

Vgl. Jak. 3, 17. 

Während Ep. betreffs der Reinheit des ehelichen Ver- 
hältnisses dieselben Ansprüche auf Treue und Selbstbeherrschung 
erliebt wie da^ Evangelium (vgl. zu Diss. III 7, 21 auf S. 318), 
verlangt er, echt griechisch, von dem Unverheirateten nicht 
unbedingt geschlechtliche Enthaltsamkeit. Inwiefern daraus 
geschlossen werden darf, daß er hinsichtlich der Würde der 
Persöniiehkeit, speziell der weiblichen, sich nicht zur Höhe 
der christlichen Auffassung aufzuschwingen vermochte, wage 
ich nicht zu entscheiden. 

Encheir. 35 ^rav ti diayvovg, Szt rtoirixiov sarl, fcoi'^g, 
(.tvöinoTE (pvyrjg dfp^rjvai TCqdaaaiv aiz6 , xäv Allolöv %t 
fiiXlijoaiv Ol noXXol jteqi aiwv v7toXa{.tß6vEiv. 

Vgl. cap. 50. 

Matth. 5, 10 fiaxdQioi ot 5sSitay(iivot 'iviviEV 6ixaioaiJVt]s etc. 

I Petri 4, 4 Iv S $svi^ovrat /i^ awrQex^mav vfiGtv 
«ig tijv aiiijv Tijg äauniag ßivdxvoiv. 

Was man als recht erkannt hat, soll man tun, ohne sich 
um das Urteil der Leute zu kümmern und durch ihre feind- 



Epilitet und das Nene TesUmeut 333 

selige Stellung dazu beirren zu lassen. Hierin stimmt Ep. 
mit dem Neuen Testament ganz überein. Der Gedanke der 
Bergpredigt wird namentlich in I Petri 3 und 4 weiter aus- 
geführt, und hier wird auch, ganz entsprechend manchen 
Äußerungen Ep.'s, der Grund angegeben, warum die Welt- 
menschen an dem Verhalten des „Gerechten" Anstoß nehmen, 
weil es ihnen peinlich ist, dadurch in ihrem unsittlichen Tun 
innerlich gestört und verurteilt zu werden. 

Encheir. 40 ^^ogex^ir o^v S^iov, l'va aiad^utnai {al ywaUte), 
6i6ti In oiösvl äXhi) zifxwyeai Jj t^ y.öafiiat (paivea^at xai 

I Petri 3, 3 &v «rrw oöx 6 e^ut&ey . . . -AÖai-ios, äXK' 6 
x^VTTThs z-ijs v.aqSlag av^QOiTtO? etc. 

Das Gemeinsame beider Stellen, das allerdings erst durch 
Hinzunahme des weiteren Zusammenhangs recht deutlich 
wird, liegt in der Mißhilligung der weiblichen Gefallsucht 
und in dem Dringen auf Sittsamkeit, wodurch das Weib seinen 
wahren Wert erlange. Ep.'s Mahnung ist aber hauptsächlich 
an die Männer gerichtet, in deren Hand ea gleichsam liege, 
das Weib zum Bewußtsein seines wahren Wertes zu erziehen 
und vor sittlicher Verwilderung zu bewahren. Hievon sagt 
zwar die Bibeistelle nichts; aber auch in ihr wird der sich 
nahe damit berührende Gedanke ausgesprochen, daß nämlich 
die Sittsamkeit der Frau ein wirksames Mittel sei, den un- 
gläubigen Mann für das Evangelium zu gewinnen. 

Encheir. 42 &7io lovnov ovv dQi.nl>!.tsvos tvqi^iüs ^isig ft^hg 
Tov koiöogoCvra. 

I Petri 3, 9 fti] &7toöi36i'TBg xaxhv &vtI xaxoO ^ XotSoQiav 
&VTI XoiSoqiag. 

Sanftmut gegen die Beleidiger, Verzicht auf Vergeltung 
des Bösen in Wort und Tat, gehört wohl zu dem Christlichsten 
unter dem, was man vielfach für spezifisch christlich gehalten 
hat und hält. Mag auch die Gemiitsstimmung, welche beider- 
seits diesem sanftmutigen Verhalten zugrunde liegt, ziemlich 
verschieden sein, so konnte doch die stoische Praxis hierin 
durch das Christentum nicht mehr überboten werden. Ja Ep. 



334 Adolf Bonhäffer 

geht womöglich noch weiter, wenn er rät, man solle sich nicht 
nur gegen Schmähungen nicht verteidigen, sondern sogar 
sagen: „er wußte wohl meine anderen Fehler nicht, sonst 
hätte er nicht bloß dies getadelt" (Euch. 33, 9). 

Encheir. 43 ä StÖEXfphs iav idiKij, evreü-d'ev aizh ^lij Idfißan, 
Oll ^dixul . . . äU.ii htt&ev fiäXlov nti ädsXrpög, ort avvzQO<f>og. 

Matth. 18, 21 ff. Ttoaüxtg äfiagvrjad dg ifd Öädsltpög (lou 
xal ärpijatu air^) ; ete. 

Ep. spricht hier zwar nicht ausdrücklich von der Pflicht 
des Vergebens, sondern nur davon, wie man imstande sei, 
das Unrecht, das der Bruder einem zufügt, zu ertragen. Aber 
ea ist selbstverständlich seine Meinung, daß man dem Bruder 
seiü Unrecht auch nicht nachtragen darf, was ja schon aus 
seiner allgemeinen Auffassung der Sünde als einer aus Un- 
wissenheit stammenden Handlung hervorgeht. 

Weitere Belege aus dem Neuen Testament beizubringen, 
hielt ich für überflüssig. 

Mit dem Vorstehenden glaube ich die Übereinstimmung 
Ep.'s mit dem Neuen Testament in einzelnen Aussprüchen 
und Gedanken im wesentlichen erschöpft zu haben. Ich füge 
nur noch zwei Erläuterungen bei, eine formale und eine 
materiale. Man wird bemerkt haben, daß die Anzahl der 
Parallelen im I. Buch der Dissertationen unverhältnismäßig 
häufiger ist und vom zweiten Buch an progressiv abnimmt. 
Es erklärt sich dies daraus, daß die betreffenden Gedanken 
natürlich meist an mehreren Stellen Ep.'s einen jeweils ver- 
schiedenen Ausdruck gefunden hahen, und bei meiner An- 
ordnung immer diejenige Stelle zugrunde gelegt wurde, die 
eben im epiktetischen Text zufällig die frühere, wenn auch 
keineswegs immer auch die passendste und bezeichnendste 
war. Die wichtigsten späteren Stellen habe ich aber stets, 
wo es nötig schien, dem Wortlaut nach, wo nicht, wenigstens 
durch Angabe des Ortes angeschlossen, so daß tatsächlich das 
ganze Corpus Epicieteum gleichmäßig berücksichtigt worden ist. 

AVeit wichtiger ist jedoch die sachliche Erläuterung, die 
ieh noch zu geben habe. Der Leser wird einerseits, so reichlich 



Epiktet und das Neue Testament 335 

auch die Parallelen von mir geboten worden sind, doch vieles 
vermissen, was andere, wie Zahn, Heinrici, Feine, Lietzmaiin 
angemerkt haben, nnd darunter vielleicht gerade dasjenige, 
was, wenn man auf den wörtlichen Anklang achtet, das 
Schlagendste und Interessanteste zu sein scheint. Andererseits 
wird er bei vielem, was ich angeführt habe, eine Ähnlichkeit 
anf den ersten Anblick gar nicht entdecken und manche 
Parallele als zu weit hergeholt befinden, Demgegenüber er- 
kläre ich, daß, wie schon am Anfang des AbKChnitts (S. 284) 
angedeutet wurde, bei solchen Vergleichungen dem subjektiven 
Empfinden selbstverständlich ein gewisser Spielraum gelassen 
werden muß. Bei genauerer Prüfung wird man aber wohl 
überall eine der Erwähnung werte Übereinstimmung anerkennen 
müssen, und ich persönlich lege anf diese mehr in der Tiefe 
liegende, auf den Kern der ganzen Lebensanscliauung zurück- 
gehende Verwandtschaft der Gedanken weit gi'ößeres Gewicht 
als auf die in der wörtlichen Fassung sich aufdrängenden 
Ähnlichkeiten, die meist nur zufälliger Natur sind oder auf 
der Oberfläche sich bewegen und für die geistige Verwandt- 
schaft nichts oder wenig zu besagen haben. Im übrigen sind 
auch die letzteren, die ich keineswegs geringschätze, im Laufe 
unserer Untersuchung, besonders in der Auseinandersetzung 
mit Zahn und Kuiper, zum größten Teil zur Sprache gekommen 
nnd behalten, wenn sie auch keine Abhängigkeit des Einen 
vom Anderen beweisen, als mehr oder weniger interessante 
oder überraschende Anklänge und Analogien ihren Wert. 
Was ich davon übergangen habe, findet man in Clemen's mehr- 
erwähntem Buche zusammengestellt. Ich habe mir alle Stellen 
des Neuen Testaments, von Matth. 1 bis Apok. 32, notiert, 
zu welchen von Wetstein an bis auf das neueste Handbuch 
zum Neuen Testament von Lietzmann Parallelstellen aus 
Ep. angezogen worden sind. Auf einen Abdruck dieses Ver- 
zeichnisses habe ich verzichtet, weil ich zweifle, ob es nach 
den bisherigen auf das Einzelnste ausgedehnten ünt-er- 
suchungen noch ein Interesse für den Leser hätte. Nur 
einiges Wenige möchte ich nachtragen, was bisher nicht 
berührt wurde und mir doch einigermaßen bemerkenswert 
erseheint. 



336 Adolf Bonhöffer 

Mattli. 7, 5^; ^AßctXe jt^wrov ex lov 6<f9-aXiiov aov vijv 
6ox6v, xal rdre ötaßX^^eig ixßaXelv tb xtiQ<pog ex zoD dfp&aX^wv 
ToS äöeXipov aov. 

Epikt. Diss. II 16, 46: &)J,' ovx el 'H^axXijs Kctl o6 övvaaai 
xa&aiQEiv TU &XX6TQia xaxtt . . . tä aavrov xdd-agov. 

Mattli. 8, 9': xal X^ia jovriif fcoQtiiä-t^ri, xal rtoQevttai, 
xa'i äXltp- eQ%ov, xai SQ^eiai. 

1.25, 10: xaTixTaytig 'j^yanif-tviav Xiyu fiot 'no^eiov jrpög 
10V 'AxiXXia x«i &ji6a7taaoy i^v B^iat^iÖa'. ito^svofiai. "eQ%ov'. 
e'Qxof'O'- 

Matth. 11, 16*: Sfioia kavlv naidioig xaS-tjftA'oi^ ev â– nxlg 
äyo^alg & ngogefoivoC-yza lolg H^QOig l^yovaiv TjvXi^aaftEv v^üp 
xal odx MQxr'flaaS'E etc. 

III 15, 5: ^Qd oti MS rä riaiSia &vaarqa(prfJ^, & vüv /liv 
äO-}.i;ras vml^u, vvv de fiovoftäxovg, vvy dh aaXtti^ei, sha r^a- 
yc(i6Ei etc. 

Ifark. 12, 36*: ^S>s Xiyovaiv ai yQafifiazElg ; etc. 
I 17, 12: zig kaziv ö ysyQaqxäg; etc, 

Lok. 22, 29*: xäyot Simi&eiAat vfilv . , . "iva ea^ijTe xal 



' Wetsteiß. -;- Der gemeinsame Gedanke ist der, daß der gewöfanliclie 
Mensch genug zu tun hut mit aicli selbst und also znerst seinen eigenen 
sittlichen Zustand in Ordnung bringen soll, ehe et steh daran macht, andere 
KU richten oder (Epiktet) beaaem zu wollen. Der Begriff des lieblosen 
Richtens, cheusü die Betonung des Mißrcrhältnisses zwischen den eigenen 
Fehlem und denen des Nächsten liegt der Bpilttetutelle fern. 

' Wetstein. — Die Parallele ist sachlich natlirlich ganz bedeutungslos 
and betrifft nur die wörtliche Ähnlichkeit der drastiachen Schilderung einer 
menschlichen (relativen) Omnipotenz. 

' Wetstein. JUItcher. — Die Kinder sind an beiden Stellen als Bei- 
spiel eines unbeständigen, lannisch weeLselndou Begehrens gebiancht, dus 
au ihnen freilich nnr natürlich ist, aber dem Erwachsenen nicht ziemt. 

' Spieü. — Dient zur Ergänzung dessen, was in dem Abschnitt über 
den Ktil des Apostels Panlus über die Ähnlichkeit der stilistischen Wendungen 
ausgeführt wurde. 

* Spieü. — Der Fortschritt des christlichen Güttesbewiilitseiua über 
das jüdische wird liaura deutlicher veranschaulicht als durch die Zulässigkeit 
der Vorstellnng eines gewissermaßen familiären Verhältnisses zwischen den 
Jüngeren, und dent erhöhten Meister. Im übrigen darf man nicht vergessen, 



Epiktet und das Neue Testament 337 

Ijtl »q6hhv etc. (vgl Apoc. 3, 21). 

Ench. 15: xal ^'<nj icoik S^iog twv &eGiv aijfifiortjg. &p öe 
xal TtaQore^ivTov aoi fiij i.dßrjs . . . irfre ov ^lovov avfinÖTiig 

I Kor, 2, 2^: oi ya^ ex^ivä il Bläevai. h fi^lv et fiij 

Diss. n 1, 36 ff.: öö^ov ös ft-rjäeie elvai xal etösvai /.»id^v. 
fiotov 10VTO etdiug ^alvov, nSig fir^t' dsjtorvxfiS ^»le f"'i^^ itfQiititFtjg, 

I Kor, 3, 21*: ftdvta ya^ v(iü>v kaxiv. 

Diss. I 29, 4: e'i rt äyaSbv ^eleig iiaqa aeavroS Xcsßi. 

I Petri 2, 18 ^ : oi olxerai vitoraaaöftevoi ev Ttanl (pößtji 
xolg SeaTc6taig, ov ^lövov TOlg &yad-olg xai hzisiKiaiv iXXh xai 
tO(l; trttoXwlg. 



daC Jeeua als König des Gotteereicha nach nentestamentlichen Begriffen 
noch lange nicht als Gott gleich geaclitet wird; ea bleibt deshalb auch 
angesichts dieser Stelle bestehen, daß einer , so töU igen Beseitigung der 
SchrankeE zwischeii Gott und dem Menschen (d. h. dem Weisen), wie sie 
die Stoa sieh erlaubte, anch das ETBcgelium Jiisu nicht fähig war. Während 
übrigens Jeans nnr den ZwöKen eine ujiinitt«lbare Teilnalime an seiner 
himmlisr-lien Seligkeit und Macht in Aussicht stellt, ist nauh Ep. an sich 
jeder fähig ein av/iitÖTiis, ja, wenn er in freiwilliger Enfsagung einen 
Sokrates nachahmt, sogar ein avväpx<^ ™*' *""»' zu werden. 

■ Wetstein. — Wie PI auf alles gewöhnliche Menschenlob reizlchtet 
nnd nur das eine für sich in Anspruch nimmt, Ohristnm zu kennen, so 
rät Ep. seinen Jüngern, von allem weltlichen Ehrgeiz nnd Wissenwollen 
Abstand zu nelimen und nur in dem Stück als Wissende sich ku geben, 
daß eäe ihr Eigenstes und Heiligst^es in aclit nehmen. 

■' Spieß. Havet. Lietzmaan. — Die angeführte Epiktet«telle ist nnr 
eine beliebige von den vielen, welche den Gedanken ansdriieken, daS der 
Weise nichts entbehrt, sondern jederzeit alles hat oder haben kann, was 
er braucht um bvSai/iiov an sein. Dem Wort des PI liegt eine analoge 
Vorstellung zugrunde, es bekennt aber zugleich in dem Zusatz vp,Bis Bi 
X^taioü eine Abhängigkeit von einer einzelnen Person, die zu der stoischen 
SelbstJierrlichkeit den größten Gegensatz bildet. Weit genauer als der 
Ausspruch Ep.'s deckt sich übrigens mit dem paulinischen das bekannte 
stoische Schlagwort ^ü'v oofiäv nav^a elvm (Diog. Laert. VII 125; weiteres 
s. Stoicorum Veterum Fragmenta ed. v. Arnim III 154 ff.). 

' Wctsteiö. — In der Forderung gelassenen Duldeus des llnreehta, 

ReliKionsgesohlchUlche Versnobe u. Vorarbeiten X. 22 



338 Adolf Bouhüffer 

EncL. 30: '6X1^ TtarijQ xaxösltni'. /ii; n oiv ^pög äya&hf 

Hebr. 4, 13 ' :, oiy. 'e<ni,v Tizlatg ätpccvijg eviiirtiov aitoB, itüvTa 

Diss. II 14, 11: ^ari d'shg . . . xal obx 'esti }.a9-£tv avtöv 
oi f.iQvov Tzoioßvra &XX' oidl SKxvooifiEVOv ^ hd-vnovftevov. 

Jak. 1, ö^: ahslTO} Sh ev Ttlmst, ftrjSkv dtaxQivöfievog- 
Ench. 32 : &a^Q{itv oiiv ßiq ml ovfißoiJXovs ^px"" ^"ig &^otj^. 



also der sogenannten pasHiven Tagend, wird Ep, aUerdluga kaum Tom 
Neuen Testament übertroffen; die aiioits insbesondere, d.h. die auf Natur 
and Sitte gegründeten menBchlichen Verbindungen, umkleideter mit einem 
Nimbus der Unverletalichkeit, wie die strengste Sanktion einer positiven 
ßeligion. 

' Spieß. — Zn dem S. 294 Bemerkten füge ich hinzu, daß die epik- 
tetische Vorstellung' von der Allwissenheit Gottes, ao Hehr sie im Änsdrnck 
znweilen der christlich theistiEchen sich nähert, doch von weit geringerer 
praktischer Bedeutung ist, weil die Pnrcbt ver einem zeitlichen oder gar 
ewigen Verderben, daa Sott dem Menseheu zufügen könnte, fehlt. 

' Spieß. — Vertrauen zu Gott fordert Ep. wie Jakobns, nur daß es 
von ihm noch ausechließlicher und strenger als im Christentum auf die in 
der Garantie des einen, geistigen Gntes sich offenbarende Liebe Gottes ge- 
gründet wird. 



Epiktet und dos Nene Testament 339 



Dritter Teil 

Systematisclie Vergleichting Epiktets 
und des Neuen Testaments 

Torbemcrkting 

Im Bisherigen ist das Maß der Verwandtscfiaft zwischen 
Ep. lind dem Neuen Testament, Ähnlichkeit nnd Unähnlichkeit 
nach allen Richtungen dargelegt worden. Kaum etwas, was 
für die Vergleichung im einzelnen von Bedeutung ist, dürfte 
übersehen worden sein, und es wird auf Grund des Dar- 
gelegten Jeder Leser imstande sein, sich sein Urteil über 
die Frage zu bilden. Jedoch es ist mir selbst ein Bedürfnis 
und dem Leser wohl nicht unerwünscht, wenn zum Schluß 
nun noch in tuntichster Kürze eine systematische Vergleichung 
geboten wird, wobei neben der Zusammenfassung des Einzelnen 
die beiden Lebensanschauungen auch als Ganzes nach ihrem 
Gesamtcharakter und Gesamtwert einander gegenübergestellt 
und zugleich auch die Urteile der neueren Forscher über die 
Beziehungen zwischen Ep., beziehungsweise der Stoa nnd dem 
Christentum reichlicher, als es mir bisher zweckmäßig schien, 
herangezogen werden sollen. Zuvörderst möchte ich es nicht 
unterlassen hinzuweisen auf das, was in dieser Hinsicht in 
neuerer Zeit bereits geleistet worden ist. Abgesehen von den 
im I. Euch des vorliegenden Werkes mehr oder weniger aus- 
fuhrlich herangezogenen, von Tlieoiogen (Zahn, Kuiper, Feine, 
Leipoldt. Heinrici) gebotenen Vergleichungen Ep/s oder der 
Stoa überhaupt mit dem Christentum kenne ich drei Arbeiten, 
die von einem freieren, d. h. eben nicht von einem aasge- 
sprochen christlichen Standpunkt aus, jede in ihrer Art vor- 
trefflich, dieses Thema behandeln. Erstens den Aufsatz 

22* 



340 Adolf Bonböffer 

„Epiktet" von Carl Hilty im I. Bande seines vielgelesenen 
Buches „Glück" (Frauenfeld 1891); zweitens die gedanken- 
reiche Abhandlung Harald Höffding's Hedenske Sandhedssipgere 
vom Jahr 1892, aufgenommen in seine Udvalgte Skrifter, 
4¥' Levering, Kobenhavn 1899, die mir nur durch die Güte 
des Herrn Verfassers zugänglich geworden ist, und endlich 
Karl Yorländer's sympathische Darstellung der epiktetischen 
Weltanschauung, die in den Preußischen Jahrbüchern (Bd 89, 
1897, Heft 2) unter dem Titel „Christliche Gedanken eines 
heidnischen Philosophen" erschienen ist. 

Wenn ich nun selbst, in mehr systematischer Weise, die- 
selbe Aufgabe durchzuführen mich anschicke, so könnte ich 
daran denken, die Vergleichung in der Weise anzustellen, daß 
ich die Schemata der christlichen Dogmatik, natürlich unter 
Wegfall der Christologie, also etwa Theologie, Anthropologie, 
Soteriologio und Eschatologie zugrunde legen würde. Doch 
scheint mir dies unangezeigt deshalb, weil weder Ep. noch 
die neutestamentlichen Schriftsteller ein dogmatisches System, 
sondern vielmehr nur ihre unmittelbare persönliche Überzeugung 
oder Erfahrung geben wollen, und überdies von einer neu- 
testamentlichen Theologie (im weiteren Sinne) nur in 
beschränktem Sinne gesprochen werden kann, da die Lehr- 
typen, wenn man so sagen darf, bei den einzelnen Schriften 
erheblieh verschieden sind. Ep.'s Ansprachen ruhen allerdings 
durchweg auf einem ganz genau umrissenen und ins einzelne 
hinein fest formulierten System, der alten orthodoxen Lehre 
der Stoa unter Hinzunahme der schon dem Stifter der Schule 
eigenen, von Ep. aber geläuterten kynischen Elemente: aber 
was er uns durch die Hand seines Schülers Arrian hinter- 
lassen hat, ist eben kein Sj'stem, sondern ein Spiegelbild seiner 
eigenen vom stoischen Geist durchdrungenen Persönlichkeit. 
Andererseits bilden die Schriften des Neuen Testaments die 
Grundlage der nachmaligen christlichen Glaubenslehre und 
sind mehr oder weniger auf dem Wege dazu, ein System zu 
werden; aber was sie uns so unvergleichlich wertvoll macht, 
das ist der frische Pulsschlag eines neuen, unüberbietbar 
reinen und vergeistigten religiösen Lebens. Und so eignet 
sich allerdings gerade Ep. besonders gut zur Vergleichung 



Epiktet und das Neue Testament 341 

mit dem Neiieu Testament (nicht mit dem „Cliristentiim"), 
weit besser als etwa Seneca ^, der viel melir Theoretiker und 
Rhetoriker der Stoa als ihr persönlicher Vertreter ist, auch 
besser als der stoische Kaiser, dessen Meditationen zwar höchst 
persönlich sind nnd ein stoisches Seelengemälde von unver- 
gleichlichem Reiz und Wert darstellen, aber doch wieder zu 
persönlich und eigenartig sind und der propagandistischen, 
Schule und Gemeinschaft bildenden Tendenz, die Ep. mit dem 
Neuen Testament gemein hat, ganz ermangeln. 

Ich gedenke nun in der Weise vorzugehen, daß ich zuerst 
den Gesamtcharakter, sodann die wichtigsten religiösen und 
ethischen Grundsätze und Gedanken und endlich die Gesamt- 
bedeutung der epiktetischen Lebensanschauung im Vergleich 
zum Neuen Testament behandle. 



Erster Abschnitt 

Der Clesamteharakter 

Wer die Reden Ep.'s zum erstenmal liest, der wird wohl 
kaum von etwas einen stärkeren Eindruck empfangen a5s von 
dem Geist warmer und reiner Religiosität, der sie im 
allgemeinen durchweht und in einzelnen längeren Bekennt- 
nissen und Ergüssen einen besonders schönen und ergreifenden 
Ausdruck gefunden hat. Wenn schon von Hans ans die Stoa 
eine ausgesprochen religiöse Färbung trägt' — man denke 



' Leekj aaO. 232: „Er (Seneca) ist nicht selten sfilbstbewußt, thea- 
tralisch und überspannt . . . doch erhebt er sicli oft zu einer GrCSe des 
Gedankens niid AuBilrnclis, die wenige Möralphilosophen je erreicht 
haben". — Norden, Kunstprosa II 303fE,: „Wie der Mensch, so der Stil: 
er hat etwaa Theatralisches . . . seine pompösen Stilmalereien, seine De- 
klaraationen über die Autarkie der Tugend , . . gehören ku dem Grofi- 
artigsteii, was wir aus dem ganzen Altertum besitEen. — E. Eohde, Kleine 
Schriften, Tübingen 1901, II 84 spricht yon dem großen Beia des rhe- 
torischen Stiles Senecas, „dem das Paradoxe zm Natur geworden war". 

^ E. Havet aaO. II 274: „Die stoische Moral ist schon eine Theologie, 
sie ruht auf Glaubensannahmen {a-oyances), die man übernatürlich nennen 
kann, weil sie der Natur widersprechen". — B. Caird aaO. II 76: „Der 
Stoizismus war eine religiöse Philosophie". — P, Ogerean aaO. 399: „Die 



342 -i^oU BonhBffer 

nur an den erhabenen Hymnus des Kleantlies! ~ so tritt, 
wie allgemein anerkannt ist, dieses religiöse Element bei den 
Stoikeni der römischen Kaisevzeit und besonders bei Ep. noch 
viel deutlicher und stärker zutage. Eben dies gibt uns 
auch das Recht, gerade seine Lebensansehaimng, obwohl sie 
diejenige einer philosophischen Schule ist, mit der Religion 
des Neuen Testaments zu vergleichen, und es ist nicht mehr 
als billig, wenn wir die Yergieichnng des beiderseitigen Ge- 
samtcharakters mit der Hervorhebung der religiösen Über- 
zeugung eröffnen. Ohne hier ins einzelne zu gehen, erinnere 
ich nur daran, daß Ep., wiewohl er den Glauben an die 
hellenischen Götter arglos bejjiehält, ja gelegentlich gegen 
Spötter und Leugner eifrig verteidigt, doch wiederum den 
Zeus so hoch über die anderen erhebt, als oh er allein Gott. 
die anderen aber nur Ausstrahlungen oder Wirkungsweisen 
von ihm wären, und wiewohl er den pantheistischen oder 
besser dynamischen Monismus der Stoa mit Überzeugung ver- 
tritt, häufig die Sprache des reinsten Theismus redet und 
seiner Gottheit Prädikate und Funktionen beilegt, die zu den 
charakteristischen Merkmalen des Gottes der Christen ge- 
hören'. Er betont nicht bloß die rein geistige Natur, die 
sittliche Güte und Vollkommenheit, die Selbstherrliehkeit, die 
in sich selbst ruhende absolute Seligkeit des höchsten Gottes, 
sondern schildert auch seine Beziehung zu den Menschen, sein 
stetes Ächthaben und nie schlummerndes Interesse, seine 
väterliche Fürsorge und Liebe, seine immerwährende Gegen- 



Religion der ersteu Stoiker gab weder au Tiefe noch an Eeialieit der- 
jenigen Seneens etwas utich". 

' W. L. Davidson The iiimc Oreed, Edinburgh IWT: „Ep, spricht faat 
durchweg in der Sprache des g-lüheudsteu Theismus", — Willy Staerk, 
NeatestaniSütüche Zeicgeaehiehte, I, Leipzig 1907, 75: „Der Paatheismus 
war hier . . . auf dem Wege, £ich in ciueu ki'äCtigcu Theismus umzu- 
formen". — In der Motivierung dieser Wandlung, wenn man Ton einer 
solcheu reden wiü, bin ich freilich mit Staerk keiuesivega eluveratandcn. — 
Johannes Weiß, Die christliche Freiheit, Gütfingen 190:3, S. 17u. 30: „Der 
FcQmmigkeit Epiktets fehlt es nicht an Inniglieit und WSrme . , . sie hat 
etwas vom ehristlichen Gott vertrauen". — Auch P, Wecdland, Hell, rom, 
Kultur, spricht verschiedeatlich Ton dem erhabenen paulheistischeu Mono- 
theismus, dem monotheistischen Zag:, der frommen Theologie der Stoa, 



Epiktet und das Nene TeRtament 343 

■wart und geistige Einwohüung, welche alles Unheilige richtet 
und fernhält, oft in ganz christlichen Tönen; ja — worauf 
ich den größten "Wert legen möchte — er erhebt sich auch 
zu dem Gedanken, daß der Mensch nur im innigen Anschluß an 
Gott seines Glückes gewiß und teilhaftig wird und nur im steten 
Aufblick zu ihm seiue sittliche Bestimmung recht zu erfüllen 
vermag. Dieser Gedanke, daß der Mensch Gott nötig hat 
und zwar nicht bloß für sein äußeres Wohlergehen, sondern 
für sein inneres Wohl und Gedeihen, ist deshalb so hoch zu 
werten, weil er einen gewissen Ersatz bietet für die bei £p. 
naturgemäß fehlende höchste Eigenschaft des christlichen 
Gottes, seine sündeavergebende Gnade uud Barmherzigkeit ^ 

Den Trost übrigens, welchen dem Christen sein Glaube 
an einen gnädigen Gott und Heiland gewährt, bietet in seiner 
Art auch Ep. Die strafende Gerechtigkeit Gottes reflektiert 
sich ihm in der unermüdlich gepredigten Wahrheil, daß jede 
Abiveieliuiig von der Linie der Tugend sieh unfehlbar selbst 
rächt; die göttliche Langmut und sündenvergebende Gnade 
genießt er in dem Glauben an die ursprüngliche Güte und 
nie erlöschende Besserungsfähigkeit der menschlichen Natur, 
welche keinem erlaubt, an sich zu verzweifeln, sondern den 
Weg zum Heil prinzipiell jedem offen hält. Überhaupt kann 
man sagen, was der Ohrist besitzt in seinem Glauben an ein 
durch Gebet und Buße stets zu erwirkendes zeitliches Ein- 
greifen Gottes zu seinem persöuliclien Heil, das hat der Stoiker 
in seiner zwar vernuuftmäßig gegründeten, aber schließlich doch 
auch auf einem Glauben beruhenden Überzeugung, nach welcher 
Gott das Wesen des Menschen ein für allemal so eingerichtet 
und ausgestattet hat, daß er die Gewähr seines Glückes nnd 
die sittlichen Kraftquellen in sieh selber hat, und wenn ihm 
die letzteren versiegt zu sehi scheinen, sie jederzeit aus sich 
und aus Gott von neuem flüssig machen kann. 

Dasselbe läßt sich auch sagen bezüglich eines anderen 
anscheinenden Mangels, welchen die epiktetische Religiosität 
gegenüber der christlicheu aufweist. Das „evangelische" 



' Auch J. Weiß anO. 23ff. hat dies als grKßte Annäherung an das 
Chi'iateutiim besonders hervorg'ehobeu. 



344 Adolf Bonhüfier 

Gefühl, welches dem Christen die Überzeugung von eiuer 
zeitlich erfolgten positiven Offenbarung und Heilstat Gottes- 
verleiht, kennt Ep. natürlich nicht, wiewohl auch er die 
Häupter seiner Schule, Zenon und Ohrysippos in einer an die 
christliche Offenbarungsfreudigkeit erinnernden Begeisterung 
als diejenigen feiert, durch weiche an einem bestimmten 
historischen Punkt die beglückende Vernunftwahrheit an den 
Tag gebracht worden ist. Aber wenn er auch dies nicht im 
Sinne des christliehen Glaubens als eine gleichsam im Herzen 
Gottes sich vollziehende und auswirkende Gnadenregung sich 
vorstellt, so lebt in ihm als überzeugtem Stoiker doch dieselbe 
starke und freudige Gewißheit, den gottgewiesenen "Weg zur 
Wahi'heit und Seligkeit gefundeu zu haben, wie in dem offen- 
barungsgläubigen Bekenner Christi. 

Mit dem allem soll aber nun keineswegs gesagt sein, daß 
die Eeligiosität Ep.'s der neutestamentlichen vollauf ebenbürtig 
sei. Der wirkliche Theismus, wie ihn eben Ep. nicht besaß, 
und vollends in seiner denkbar höchsten Form, wie ihn Jesu* 
begründet hat, wird als Religion allem Pantheismus und 
Halbtheismus stets überlegen sein, und die Frage ist nur die,, 
ob nicht andere unausrottbare Bedürfnisse des menschlichen 
Geistes ihm zum Opfer gebracht werden müssen. Aus dem- 
selben Grunde erreicht auch die Frömmigkeit Ep.'s, so echt 
sie empfunden ist, doch die Höhe der christlichen nicht. Die 
Dankbarkeit gegen Gott, die freudige Ergebung in seinen 
Willen, die er so schön zu schildern weiß, und die ihm nicht 
weniger am Herzen liegt als Jesus und seinen Jüngern, kann 
doch unmöglich dieselbe Herzlichkeit und Gefühlswärme ha^en 
wie dort, wo Person gegen Person steht, wo der Mensch über- 
zeugt ist, daß er gar nichts ist von sich selbst sondern alles. 
Inneres wie Äußeres, lediglich Gottes Gnade verdankt. Dazu 
kommt noch ein weiteres Moment. So harmlos an sich die 
polytheistischen Vorstellungsformen sind, in welchen sieh auch 
Ep. noch bewegt, so wenig sie die Reinheit und Erhabenheit 
seines religiösen Empfindens zu trüben vermögen, so zeigt 
doch ilir Gebrauch einen theoretischen Mangel, eine gewisse- 
Gebundenheit, weil sie sich mit dem reinen Vemunftstandpunkt 
der Stoa, wenigstens nach unserem moderaen Gefühl, nicht 



Epiktet null flas Neue Testament 345 

verträgt. Also nicht darum möchte ich dies« polytheistischen 
JElemente seiner Religiosität beanstanden, weil sie natürlich 
ebenfalls ein Hindeniis für die Entfaltung eines reinen Theismus 
bildeten — denn zu diesem wäre er ohnedies nicht gelangt — 
sondern weil auch er damit, wenn auch unbewußt, ein ge- 
wisses sacfifisio delV inteUetto bringen muß. 

Soweit nun aber — und dies ist und bleibt der vor- 
herrschende Eindruck — die epjktetische Religiosität dem 
christliehen Theismus nahe kommt, nimmt sie auch teil an 
zwei weiteren Eigenschaften desselben, einer guten und einer 
weniger guten. Was man als einen Hauptvorzug der christ- 
lichen Religion betrachtet, daß sie eine lebendige Verbindung 
von Religion und Moral, von G-laaben uod sittlichem 
Leben zuwege gebracht habe, das muß in vollem Maße auch 
fUr Ep. in Anspruch genommen werden ', Die ganze stoische 
Ethik ruht auf religiösen Voraussetzungen, der Tteö^ipig ■O'eov, 
dem Glauben an die Existenz eines Gottes, dessen Wesen 
reine Vernunft und ebendamit sittliche Vollkommenheit und 
oberstes Gesetz für die ihm \vesensverwandt*n , vernunft- 
begabten Mensehen ist. Eine innigere Verbindung von Re- 
ligion und Moral läßt sich in der Tat nicht denken: das 
sittliche d. h, vernunftgemäße Leben ist eo ipso das gottge- 
fällige Leben. Frömmigkeit, Tugend und Glück sind für Ep. 
Begriffe, die einander gegenseitig bedingen, die miteinander 



â–  G. Eeinrici (II. Korintherbrief 582): PI erreicht, was Philo und 
zuvor Plato und die Stoa vergeblich angeätrebt hatten, eine lebensfähige 
Verbindung zwischen Religion nud Sittlichkeit. — Ob Heinrioi aueh den 
Ep. in dieses Urteil einschließt^ ist nicht sicher. ,A.ber anch hei der alten 
Stoft war beides eng verbunden, wie man z. B. an der chrysippisohen Telos- 

definition — SIöjT« rc^dixeiv xaik Tr/r avfifairiav tov jtoji' Ixüari? Sai/iofol 

jtQo^ ir,v Tov ttäv 6m/v OioinT^oir ßovK^atv — ersehen kann. Wenn die 
Verbindung weniger hervortritt als z. B, bei Ep., so liegt dies daran, dal! 
uns vom System der Stoiker in der Hauptsache nnr kahle Abrisse ihrer 
Ethik, aber kein einziges hinreichendes «yeeitneM, ihrer ^eoiayia, überliefert 
ist. — Was 0. Pfleiderer (Vorbereitnng des Christentnms, Halle a. 8. 1904, 
S, 69) sagt, erst das Christentum habe dio wahre Synthese vör sittlicher 
Freiteit nnd Abhängigkeit von Gott gebracht, ist unrichtig: die Stoiker 
haben allerdings die Abhängigkeit von Gott nicht soweit getrieben wie 
etwa PI, daß die sittliche Freiheit des Menschen dadurch gefährdet wird. 



346 AdülE Bonliöffer 

stehen und fallen ' : wahrhaft fromm sein kann nur deijenig^e, 
welcher weißj daß Gott ihn zum Glückliehsein, das eben nur 
dem Tugendhaften zuteil wird, geschaffen hat. 

Während nun die organische Verbindung von Religion 
und Sittlichkeit nur den geistig am höchsten stehenden Keli- 
gionen eigen ist, bildet die Intoleranz — dies ist die 
zweite Eigenschaft, die ich meine — ein Merkmal jeder po- 
sitiven Keligion, und zwar ist sie um so strenger, je univer- 
seller dieselbe gerichtet ist. Die partiknlaristisehen Religionen, 
auch die jüdische der älteren Zeit, leugnen die Existenz 
anderer Götter als der von ihnen verehrten nicht, legen ihnen 
nur keine Bedeutung und Stacht bei. Das Christentum aber, 
die universellste von aih:n, kennt nur einen Gott für die 
ganze Welt, eine Wahrheit und eine Möglichkeit des Heils 
für alle. Ep. ist genau so intolerant, wie es das Neue Testa- 
ment naturgemäß sein muß, und dieser intolerante Dogmatismus 
e?'streckt sich bei Ep. nicht bloß auf das religiöse, sondern 
auch auf das philosophische Gebiet, wenigstens auf die Grund- 
anschauuug, während er in einzelnen wissenschaftlichen Fragen 
selbst keine Entscheidung trifft und deshalb das Urteil frei- 
gibt. Daß jemand mit innerer Berechtigung an dem Dasein 
Gottes und an einem vernünftigen Sinn der Welt zweifeln 
könnte, ist ihm unverständlich: diese Leugnung oder Skepsis 
erscheint ihm als völlige geistige Entartung, als schamloser 
Trotz oder Verstocktheit, gerade so, wie im Evangelium des 
Johannes der Unglaube der Juden beurteilt wird. Ja nicht 
die geringste Konzession macht er der religiösen Aufklärung, 
so daß er etwa ah Mindestmaß wenigstens öcn Glauben an 
ein göttliches Wesen überhaupt ibrdern würde. Nein, den 
ganzen griechischen Götterstaat nimmt er in Schutz und be- 
merkt mit bitterem Sarkasmus; „Dankbare und edle Menschen 

' Eine organische Verbindung von Frömmigkeit und Glüolt zeigt anoh. 
das Seile Testament, wenigstens wenn man von der darin vorlierrschenden 
Auffassung ausgeht, welclier die dem ChrlsteDtum oft mit Unrecht vor- 
geworfene ^Tiohneucht" fremd ist. Denn ilir aiifolge bestellt die walire 
Frömmigkeit eben im Genuß der Liebe Gottes, und die Seligkeit, mit der 
sie belohnt wird, ist nur die ewige Vollendung dieacs Sc eleu zu Stands, also 
etwas der f rümmigkeit Gleich arttj^es. 



Epiktet und das Nene Testament 347 

fürwahr, die Tag für Tag ihr Brot essen und zu sag-en wagen, 
wir wissen nicht, ob es eine Demeter oder Kore oder einen 
Pluton .gibt!" Der Ausspruch bestätigt zugleich das früher 
Gesagte, daß Ep. seine eigene geläuterte Religiosität in den 
überkommenen Götterglauben hineinträgt und deshalb im- 
stande ist, diesen idealisierten Polytheismus ohne Bedenken 
beizubehalten, zeigt aber auch wieder, wie sehr diejenigen 
Unrecht haben, welche die religiiJs konservative Haltung der 
Stoa aus opfiortunistischen Motive» herleiten ^ 

Als einen zweiten für die Yergleiehung mit dem Neuen 
Testament wichtigen Cliarakterzug möchte ich iiervorheben 
die stark optimistische, ira innersten Grund freudige und 
getroste Lebensauffassung Ep.'s. Er hängt ja mit dem 
ersten, der tiefen und reinen Religiosität, nahe zusammen: 
denn warum sollte der Mensch nicht von Herzen fröhlich 
sein, der überzeugt ist, die absolute göttliche Wahrheit und 
in ihr die Erlösung von allen Übeln und Ängsten des Lebens 
und des Todes gefunden zu haben? Es läßt sich überhaupt 
eine wirkliche Religiosität, die nicht glücklich, dauernd glück- 
lieh macht, nicht denken. Aber auch wenn wir von diesem 
Zusammenliang abseheo, so üegt unleugbar hierin eines der 
stärksten Verwandtschaftsmomente, die den Ep. mit dem Neuen 
Testament verbinden. Die Stimmung der Freude, der freudigsten 
Lebensbejahung, welche dieses diuchzieht, ist auch die Grund- 
stimmung Ep.'s und sie erleidet durch die ruhige Anerkennung 
der nicht zu ändernden Tatsache, daß viele, ja die meisten, 
die volle Höhe des Menschtums nicht en-eiehen, daß manche, 
die den Weg dazu nicht finden, ihr Leben eigenmächtig ab- 



' Ich inö:;Iite dies in noch, bestimmterer Foim venioinen ai.s etwa 
P. Weudknd, der sich dahin äaücrt, der AnschluB der Stoiker an die yollis- 
tümliche Ketigion sei oicht bloll ans politiaclier Berechunug, soudero nash 
aas der Tiefe ihres religiüseu Gefühls zu erklären iHell. rüni. Kultur 65). — 
Aucb. Ogereaii will ollenbar keinen Tadel aKsspreclien, weiiii ex sagt, auch 
in der Schonung des Glaubens üelgon die Stoilier die Imbile iconomie de 
tont ce qid restc piicwe et pi^ut äevenir uns forct vive (aaO, 263); nnd 
M. Pohlenz sagt ganz treffend; „Eompromiflsucht war dabei sehr wenig 
beteiligt. Vieininbr war es ihre feste philosophische Überaengiing, daß der 
Logos Bifh auch in den .A. n floh a nun gen der Allgemeinheit, dem «wsenertä 
onirdum, knndtU';" (Vom Zorn Gottes 150), 



348 Aaolf ßonhöfiei 

brechen, ebensowenig einen Eintrag, als den Christen der 
Gedanke an die Masse der Verdammten in dem Genuß seiner 
Seligkeit zu stören vermag K Die Freude des Christen ist 
allerdings mehr eine freudige Erwartung, eine Seligkeit 
in Hoffnung, während Ep. die volle Lebensfreude in der 
Gegenwart genießt und prinzipiell für jeden erreichbar aclitet 
auf Grund der allgemeinen Weltordnung und Einrichtung der 
mensehlieheu Natur, sozusagen auf Grund dessen, was Gott 
von Ewigkeit her für die Menschen getan hat. Und während 
der Christ sieh die Seligkeit nur als eine zeitlich endlose 
vorstellen kann, erklärt die Stoa ausdrücklich, daß die Zeit- 
dauer für die sväai/iovia keine Rolle spiele und auch ein 
„vorzeitiger" oder jäher Tod ihr nicht den geringsten Abbruch 
tue. Das sind anscheinend ganz diametral entgegenges'etzte 
Anschauungen; und doch fällt der Unterschied m. E. wenig 
ins Gewicht, weil die jenseitige Seligkeit ja innerhalb dieses- 
Lebeas nicht erfahrbar ist und für das Glücksgefühl des- 
Christen also keinen aktuellen Wert hat. Die erhoffte Seligkeit 
verklärt ihm eben auch sein irdisches Leben und dieses Vor- 
gefühl der Seligkeit wird auch im Neuen l^estament, besonders 
in den johanneischen Schriften, in einer Weise gesteigert, daß 
man bekanntlieh darüber streiten konnte, ob dort überhaupt 
noch aufeinezeitlicheFortsetzungundVollendung im „Jenseits" 
Wert gelegt wird. Für die Beurteilung der Gemüts Verfassung 
eines Menschen kommt eben nur die tatsächliche Empfindung 
in Betracht, die er von dem Wei't seines Lebens hat, nicht 
die theoretische oder religiöse Vorstellung, auf welche sie sieh 
stützt, und wenn die letztere, d, h. in diesem Falle die Über- 
zeugung von einer zukünftigen Seligkeit, nicht so ernsthaft 

' leh kann 0. Hiltj hier nicht Keoht geben, wenn er in eeinem an 
treffenden Bemerkungen reichen Essay über Ep. {Glück I 23 ff.) Ton der 
stoischen Philosophie sagt, sie komme zwar dem Geiste des Christentums 
in einaelneii ihrer erhabeasteu Aussprüche nahe, besitze aber lange nicht 
dessen kindlich-freuiiiiTen Geist (S. 33): an Freudigkeit läßt Ep. nichts zu 
wllnscheu übrig, allerdings ist sie mehr eine männliche als eine kindliche. 
Aach das ist nicht richtig, daß liem Stoizismus das richtige Wollen ein 
beständiger harter Zwang gegen sich selbst, dem OhriaMctum aber ein 
frühliehes Müssen sei (3. 86'). — Man kann ebeu den Ep. ans seinem 
Handbuch allein nicht recht kennen lernen, nur aus den Eedeii. 



Epiktet und das Nene Testament 349 

und kräftig ist, daß sie eine absolute Eefriediguug über den 
Verlauf des irdischen Lebens zu erzeugen vermag, so bleibt 
der Christ mit allem seinem Glanben doch wesentlich unter 
dem Niveau des Lebensgefilhls und der Lebensfreudigkeit, 
welche der Stoiker, allerdings auch wieder nur der echte 
Stoiker, besitzt. Der wahre Christ dagegen wird genau so 
wie der letztere sein Glücksgefühl auch von der Dauer des 
irdischen Lebens nicht abhüiigig machen, sondern sich bei 
vorzeitigem oder gewaltsamem Tode mit der himmlischen 
Herrlichkeit trösten, wie der Stoiker seinerseits mit der Er- 
kenntnis, daß, wer einmal zum Bewußtsein seines Menschen- 
wertes gelangt ist, jederzeit freudig sterben kann '. 

Der freudige Optimismus aber, der die Eeden Ep.'s nicht 
weniger als die SchrifteTi des Neuen Testaments auszeichnet, 
hat zu seiner Voraussetzung eine völlig idealistische 
Welt- und Lebensbetrachtung and die Überwindung 
aller materiellen Gesinnung. Dies ist der dritte Charakterzug, 
der beide verbindet. Wer sein Herz noch irgendwie an die 
Güter dieser Welt hS.ngt, mögen sie nun heißen wie sie wollen, 
der kann jene stete Freudigkeit unmöglich haben, weil die 
ungestillte Begierde und das unausbleibliche häufige Fehl- 
sehlagen seiner Wünsche ihm immer wieder Pein verursacht. 
Es gibt nicht leicht ein Gebiet, auf welchem die Überein- 
stimmung zwischen Ep. und dem Neuen Testament voll- 
kommener ist: bei ersterem zumal kann man kaum ein paar 
Sätze hintereinander lesen, ohne auf den Gedanken zu stoßen, 
daß, wer auf die unsicheren und unzuvei-lässigen Scheingüter 
sein Glück bauen will, unfehlbar der l'nseligkeit verfällt. In 
der GeringscliätzLing dieser Krdenguter tut er es dem Neuen 
Testament zum mindesten gleich, in der inneren Erhebung 
über alles Erdenleid und Menschenübel geht er, wie schon 
früher bemerkt wurde, womöglich noch über dieses hinaus, 
insofern er die Übel des Lebens, unter welchen auch der 



' Sebr fein beraerkt Georg Misch, daß in der ZuTeiBkht, mit welcher 
Ep. bei aller Gleichgültigkeit gegen das üulSere Schicksal und ohne Aus- 
achaneu nach Unsterblichkeit an dem Vollwert dieses menschlichen Daseins 
festhalte , ein religiCses Moment liege (Geschichte der Autobiograpliie, 1, 
.Leipzig u. Berlin 1907, 8. 2Ö0). 



350 Adolf Bonhöffer 

Ohrist, wenngleich ohne sich ungliicklicli zu fühlen, immerhin 
leidet, gar nicht als Übel anerkennt und allem äußeren 
Geschehen jede Fälligkeit abspricht, dem sittlich Gebildeten 
Schaden zuzufügen oder Wunden zu schlagen. Das ist die 
stoische Apathie, die manchen als iinnatiärliehe Härte er- 
scheint. Anderei'seits weiß allerdings der Stoiker der Welt, 
sofern nur die innere Unabhängigkeit von ihr gewahrt bleibt, 
wieder weit mehr Keiz abzugewinnen als der Christ, der stets 
über diese unvollkommene Welt hinausbJickt und auch in 
manchen harmlosen Freuden eine Gefahr für das Heil der 
Seele und in dem rein Natürlichen vielfach ein Widergöttliehes, 
vom Teufel Gewirktes erblickt. Es ist gar keine Frage und 
sollte billigerweise nicht bestritten werden, daß die Religion 
des Neuen Testaments eine erhebliche Beimischung von dua- 
listischen und asketischen Anschauungen aufweist, die bei 
Ep.' entweder ganz fehlen oder doch nur in viel geringerem 
Grade vorhanden sind'. Diese Verschiedenheiten ändern 



' W. Capelie in seinem sehr beaehten »werten Aufsatz „Zur aatikea Theo- 
dizee" (Archiv f. Gesch. d, Philos. SX (ItO?) ISäff.) liadet, daß duwh Äußerungen, 
wie sie bei Ep. mehrmals sich finden, daß nanilicii die sog. Übel und UttTüll- 
komiuen hei teil des Daseins in der anoh you Gott nicht zii ändernden Natur der 
Diüge begründet seien, die monistische Metaphjsik der Stoa bedenklich ge- 
fährdet sei. Dies wäre nur dann der Fall, wenn die Ananke, an die aueh Gott 
gleicbsam gebunden ist, von diesem irgendwie als ein Hemmnis seines Wirkens, 
als eine Schranke seiner Macht empfunden würde. Davon ist aber hei Ep. keine 
Spur zu entdecken, sondern es ist gewiß in seinem Sinn, wenn wir annehmen, 
daß, wie der Mensch das tatsächliche Weltgeschehen als Gottes Willen 
gutheißt, so anoh Gott selbst die ihm von Ewigkeit her und nicht im 
Gegensatz zu seinem Willen vorge zeichneten Wirkungsweisen gleichsam 
approbiert und in seinen Willen aufnimmt. Ja, Ep. sagt sogar, Gott selbst 
habe diese äußeren Dinge rj läv olo>v :ie^i6Sip, also der Ananke, unter- 
geordnet (IV 1, 100) und fährt fort: ii oiV &eoftaxä; also ist da,s Murren 
über die Ananke eine Auflehnung gegen Gott! Wo bleibt da der Dualismns? 
Wenn Chrysippos nach fr. 1178 \. Arnim gewisse Mißgriffe der Welt- 
regierung auf SatfiövM favla znrückgeführt hat. SO ist dies eine der Ent- 
gleisungen, wie sie hei diesem Manne, der alles begreifen und erklären 
wollte, nicht eben selten waren. Übrigens ist es überaus schwierig, ans 
solchen ans dem Zusauimenhang geriasenen Sätzen die wahre Meinung 
dieses General ad vokaten der Stoa zu entnehmen. Ep.s Ansieht dagegen 
liegt klar vor uus, und ihr znfolge bedarf die göttliche Weltordnung wegen 
der dväyxq, welche auch die n^övoia. nicht zu ändern vermag, keine Recht- 



Epiktet und das Neue TesItLoent 351 

jedoch nichts an der Hauptsache, daß nämlich beide, Ep. and 
das Neue Testament das Glück des Menschen lediglich auf 
das Innere, Geistige gründen nnd deshalb der Welt mit ihren 
Freuden und Leiden keinen bestimmenden Einfluß auf dasselbe 
einräumen. 

Dieser idealistisclie Ernst zeigt sich nun aber nicht bloß 
in der the.oreti8chen Beurteilung der Welt, sondern auch in 
den praktischen Anforderungen, die an den Menschen gestellt 
wenden, der jenes von allem Äußeren unabhängigen Glückes 
teilhaftig werden will: der idealistische Ernst muß zum 
sittlichen Ernst werden. Man muß die Welt wirklich 
überwinden, wenn man selig werden will, muß sich innerlich 
von ihr völlig losreißen, denn es geht nicht an, beides, die 
Jagd nacli irdischen Gütern und das Streben nach dem wahren 
Glück, die Liebe zur Welt und die Liebe Gottes zu vereinigen. 
Das ist der vierte Punkt, wo Ep. und Neues Testament sich 
aufs innigste berühren. Herrlich sind bei Ep. ganz besonders 
die Stellen, wo er diese Waiirbeit in seiner packenden An- 
schaulichkeit auseinandersetzt und in seiner eindringlichen 
Weise ans Hera legt, daß man sich klar sein muß über sein 
Ziel und den Weg dazu, daß man etwas Ganzes tun, ein 
ganzer Mensch werden muß. Das schroffe „Entweder-Oder-', 
das in so manchen Aussprüchen Jesu einen unvergeßlichen, 
fast sprichwörtlich gewordenen Ausdruck gefunden hat, ver- 
nehmen wir eben so bei Ep.: er ist, wie das Neue Testament, 



fertigimg: vielmehr sobald er im Emate zugeben würde, daß Qott das 
Leben des Menaoheu auch äuBerlich hätte yollliomiaen maclicn kaunen, ioM 
alflo doch ein noch glücklichereB Leben denkbar wäre, hatte er aufgehört 
Stoiker zu aein: denn Stoa und Übel, das kein Übel ist, geh Gren notwendig 
zasammeu. — Auch die vos Capelle angeführten SteUen ans Seneca atimmeo 
vollständig mit Ep. Uberein: wie wenig aneli jener in der Gebundenheit 
Gottes an den Stofi einen Widerspruch oder einen Mangel erblickt, sieht 
man darons, daß er ucmittelbar nach jenem Zugeständnis das Wesen Gottes 
als Leidlosigkeit {extra patientiam malomm) definiert; würde sich die 
Gottheit durch die Ananke eingeengt fühlen, so wäre dies allerdinga ein 
malum für sie. Nnn ist die Sache aber so: die Götter werden von den 
mala äuQerlich, die weisen Menschen innerlich nicht getroffen, fofgiich gibt 
es eben kein ntalum, keine xaxov ^iote, wie Ep, erklärt — qmd erat 
jirohandwn ! 



352 Adoif BonhSffer 

nicht bloß dogmatisch, sondern auch ethisch intransigent und 
madit, wie dieses, dem Niedrigen im Menschen, dem „Fleisch" 
nicht die mindesten Zugestandnisse. Diese ethische Intoleranz 
wird nun freilieh beiderseits etwas gemildert, einmal durch 
die Lelire, die auch Ep. vertritt, daß der Mensch nie an der 
Möglichkeit seiner Kettung verzweifeln darf, sondern auch 
nacli einem langen Sündenleben, noch in der „elften Stunde" 
sich bekehren kann. Selbstverständlich sali dies hier wie 
dort nicht als Regel gelten, und wie im Neuen Testament das 
begnadigende Wort des Geki-euzigten nicht als Freibrief für 
Leichtsinn und sittliche Trägheit gemeint ist, so macht Eß., 
wie wir sahen, bei aller prinzipiellen Milde gegen die Irrenden 
doch mit allem Ernst darauf aufmerksam, daß durch die Ge- 
wohnheit des Sündigens die innere Fähigkeit zur Umkehr mit 
jedem Tag' vermindert wird. Eine zweite Milderung jener 
schroffen Scheidung der Menschen in Gute nnd Böse bietet 
das Neue Testament in jener freilich sehr vereinzelten und 

problematischen Vorstellung vonder endlichen Wiederherstellung 
aller Dinge, einer Lehre, der man allerdings keine praktische 
Verwendung wünschen möchte, weil sie den Ei-nst der inner- 
halb dieses irdischen Lebens geforderten Entscheidung in der 
Tat abzuschwächen geeignet wäre. Da ist der Anschauung 
Ep.'ö jedenfalls der Vorzug zu geben, wonach es eben aucii 
im sittlichen Leben Eelativitäten und Abstufungen gibt 
Niclit als ob er die schlechte Lehre von einer niederen und 
höheren Sittlichkeit vertreten würde; nein, er hält absolut 
daran fest, daß ein wirklich befriedigendes, menschenwürdiges 
Lehen nur dem sittlich Gebildeten beschieden ist, und wenn 
er für den außerordentlichen Beruf des Kynikers, des Gottes- 
zeugen im höchsten Sinne, eine besondere, persönliche Aus- 
stattung verlangt, die nur den Allerwenigsten gegeben ist, 
so begründet doch dieser besondere Beruf in seinem Sinne 
keineswegs auch einen Vorzug in der ethischen Qualität des 
Wesens und Lebens. Dagegen kennt er allerdings den furcht- 
baren Ernst, der in der christlichen Vorstellung von der 
schließlichen Scheidung der Menschen in ewig Selige und 
ewig Verlorene liegt, nicht, sondern beruhigt sich dabei als 
bei einer vielleicht auch in der göttlichen Ökonomie notwendig 



Epiktet und das Neue Testament 353 

beschlossenen Tatsache, daß die Mf^se zeitlebens unter dem 
Niveau wahrer Menschlichkeit hleibt. Die Einen werden in 
dieser philosophischen Kühle einen schweren Mangel der Stoa 
erblicken, während andere sie als einen Vorzug betrachten 
und in der nüchternen Auffassung Ep.'s eine alle zeitliehen 
Gestaltungen menschlicher Dogmatik und Ethik überdauernde 
„ewige" Wahrheit erkennen \ 

Aber auch hier muß wieder gesagt werden, daß diese 
Unterschiede der Betrachtungsweise nichts ändern an dem; 
Urteil, daß in dem Hauptpunkt, um den es sich handelt, in 
dem intransigenten sittlichen Ernst, in dem entschiedenen 
Dringen auf grundsätzliche Entscheidung, in der Verwerfung 
aller ethischen Halbheit Kp. und Neues Testament sich die 
Hand reichen. Insbesondere möchte ich noch betonen, daß 
der praktisch so außerordentlich wichtige Grundsatz der 
„Treue im Kleinen", der Ausdehnung der Heiligungspflicht 
auf alle, auch die scheinbar geringfügigsten Lebensbetätigungen, 
von der Stoa ebenso nachdriicklieh vertreten wird wie vom 
Christentum. 

In dem Vorstehenden glaube ich die wichtigsten gemein- 
samen Charakterzüge angegeben zu haben. Nur anhangsweise 
erwähne ich noch einen Punkt, der, was den Ep. betrifft, 
früher schon da und dort berührt wurde; ich meine die groß- 
artige Einfachheit und Einheitlichkeit seines Systems. 
Wenn im Neuen Testament dieses Merkmal nicht so in die 



D]B9. III 16, 10: nU^ff j/ap ^pös aAÄo Ti siSqniusv — auch auf das 

sittliche Gebiet ausgedehnt! — Sehr gut hat die Meinung der Stoiker 
T. Arnim erfaüt und wiedergegeben: „Weun sie zum Teil diese Aufgabe 
nicht erfüEen, so ist das allerdiugs vom Standpunkt ihrer Aufgabe das 
Böse, aber kein Übe! vom Standpunkt des Ganzen. Sie sinken dumit nur 
auf die näehstn ledere, die enimalischa Weaensatute iiiuab, und so wenig es 
vom Standpunkt des GanBcn ein Übel ist, dali ea neben den Menschen auch 
Tiere und Pflanzen gibt, so wenig ist die Existenz sehleehter und unver- 
nünftiger Menschen vom Standpunkt des Ganzen ein Übel" (Die europäische 
Philosüphie des Altertums 234ff.]. — Die tierhaften Menschen sind aller- 
dings den Tieren nicht ganz gleich, sondern tangieren noch untei diesen ; 
denn wahrend diese sind, was sie sein können und sollen, und irgend einen 
Nutzen bringen, ist der Unsittliche zu nichts nütze, höchstens dazu, wozn 
die scbädJichen oder läsrtigen Tiere da sind, den Menschen Geduld zu lehrea. 
Baiig ionseesebichlli che VersuohB u. VorarbeiMn X. 23 



354 Adolf Bonhüffer 

Augen fällt, so rührt dies eben dayon lier, daß es uns das 
Evangelium Jesu durch mehrere und individuell so verschiedene 
Medieu darbietet. Dieses selbist ist, wie alles wahrhaft Große, 
von einer göttlichen Einfachheit. Auch der Buddhismus und 
der Mohammedanismus ruht auf einem großen, einheitlichen 
Grundgedanken, aber es ist dort eine unfruchtbare, somsagen 
totgeborene, hier eine zwar imposante, aber starre und un- 
lebendige Einheitlichkeit , während der Grundgedanke des 
Evangeliums, ebenso aber auch derjenige Ep.'s, einer unendlich 
reichen und mannigfachen Entfaltung fähig ist, das ganze 
Welt- und Menschenleben umspannt und durchleuchtet und 
ihm eine unvergleichlich hohe positive Bedeutung verleiht. 

Diesen geraeinsamen Charakterzügen stehen nun natürlich 
prinzipielle Unterschiede, ja Gegensätze gegenüber, die von 
kaum geringerer Bedeutung sind. Ich will dieselben hier 
nicht näher ausführen, sondern glaube mich mit einer kurzen 
zusammenfassenden Rekapitulation des im Früheren Gesagten 
begnügen zu können. Da ist vor allem der Gegensatz zwischen 
Vernunft und Offenbarung oder immanenter und tran- 
szendenter Offenbarung. So sehr die stoische Philosophie einen 
religiösen Charakter hat, so ist sie eben doch Philosophie, 
nicht Religion. Und wenn es überhaupt keine Philosophie 
oder Wissenschaft gibt, der nicht das Denken, die Vernunft 
die höchste Autorität wäre, so ist bekanntlich gerade im 
Stoizismus der Glaube an die Vernunft und ihre Fähigkeit, 
allgemeingültige Erkenntnisse, absolute Wahrheit zu erzeugen, 
aufs Höchste gesteigert. Dieser ausgesprochene Rationalismus 
oder — da dieser Ausdruck einen unangenehmen Beigeschmack 
erhalten hat — Logismus tritt auch bei Ep. überall hervor 
und bringt uns auf Sehritt xmi Tritt den großen Gegensatz 
zum Neuen Testament zum Bewußtsein, das nicht mit Ver- 
nunftgründeu operiert, sondern nur gläubige Annahme der auf 
wunderbarem Weg erfolgten göttlichen Offenbarung verlangt. 

Ein zweiter Gegensatz zum Neuen Testament i!,t der 
erklärte Diesseitigkeitsstandpunkt Ep.'s. Der Mensch 
ist ein vergängliches Wesen: was er aus seinem Leben macht, 
zu welcher Höhe des Lebensgefühls er sich eraporringt, ist 
seine Sache; aber alles, was er erreichen kann, liegt in dei 



Epilitet und das Neue Testament 355 

Grenzen dieses zeitlichen Lebens. Während naeli christlicher 
Auffassung das Sterbenmüssen der Fluch der Sunde ist, sagt 
Ep. umgekehrt, nicht zu sterben wäre für den Menschen ein 
„Fluch" d. h. etwas Widernatürliches, das ihm anzuwünschen 
im höchsten ürad unfromm wäre (Diss. II 6, 13). Wie es zur 
Natur der Ähren gehört, daß sie reifen und eingeheimst 
werden, so fordert die menschliche Natur den Tod. Und in 
dieser Beschränkung auf die von der Natur gezogenen Grenzen 
sieht er so wenig eine Beeinträchtigung des Glückes, daß er 
vielmehr ein wahres Glück nur da zugibt, wo man an dem 
Erreichten sein volles Genüge hat: denn „Glückseligkeit und 
Sehnsucht nach etwas nicht Vorhandenem reimt sich nicht 
zusammen" (Diss. 111 24, 17J. Er würde also nicht zugegeben 
haben, daß das Glück des Christen, der sein Heil von dem 
Jenseits erhofft, dem seinigen ebenbürtig sei; und wenn ich 
oben den psychologischen, gefühlsniäßigeu Wert des auf Hoffnung 
ruhenden Glückes des Christen als einen vollen nachzuweisen 
versucht habe, so sollte damit natürlich nicht bestritten werden, 
daß die Art des Glücksgefübls bei Ep. und beim gläubigen 
Christen ganz wesentlich verschieden ist. 

Aus beidem, dem strengen Logismus und dem Diesseitig- 
keitsstandpunkt, ergibt sich nun das, was man gewöhnlich, 
and zwar meist in tadelndem Sinne, als das Kennzeichen des 
stoischen Weisen betrachtet, seine Selbstgenügsamkeit 
oder Autarkie, die freilieh zur chnstlichen Demut und Selbst- 
erniedrigung, zu dieser geflissentlichen Verkleinerung, ja Preis- 
gebung ailes eigenen persönlichen Wertes, den denkbar 
schärfsten Gegensatz bildet. Nach allem, was bisher schon 
darüber gesagt wurde, werde ich die Stoiker nicht mehr gegen 
den Vorwurf pharisäischer Selbstgereehtigkeit oder hoffärtiger 
Selbstüberhebung verteidigen müssend Daß ihre Selbst- 



' So sagt aaeh E. Caird von den Stoikern: „Sie hielten das Ideal für 
erreichbar und erreicht (z. B, in Sokrates}; aher man wird keinen Stoiker 
flnäen, der den Ansprach erhübe, selbst der weise Mann zn sein. Solche 
Sehiidernngen sind mehr als Ermahnungeii sm betrachten, die der Stoiker 
an sieh selbst und die Andern richtet" (aaO- II 143). — Wir sahen übrigens, 
daB Ep. gelegentlich auch den Sokrates noch als einen ethisch Strebendeit 
einfährt. 

23» 



356 Adolf Bönhijffet 

genügsamkeit die echteste Demut und bescheidenste Selbst- 
erkenntnis nicht ausschließt, haben wir bei Ep. zur Genüge 
gesehen. Pharisäischer Tugendstolz ist Sache dessen, der, ob 
Nichtehrist oder Christ, in einzelnen frommen Werken oder 
verdienstlichen Entsagungen seinen Euhin suciit: wer aber 
sein sittliches Ziel so hoch steckt wie Ep. und wie es auch 
Jesus seinen Jüngern gesteckt hat, der ist über den Verdacht 
des Pharisäismus erhaben; und ob man diesem hohen Ziel 
nachstrebt in der Form der stoischen ahdQxeia oder der christ- 
lichen taTtsivofpQoavtn;], ist schließlich ein unwesentlicher Unter- 
schied, wenn Jseide eins sind in dem Trachten nach dem â– Reiche 
Giottes UHd seiner Gerechtigkeit. 

Auch noch auf andere Weise hat man versucht, den 
Gegensatz zwischen Christentum und Stoizismus, meist zu- 
ungunsten des letzteren, zu formulieren. Man schalt ihn 
egoistisch gegenüber der altruistischen Ethik des ersteren. 
In Wahrheit ist die stoische Ethik so altruistisch wie die 
christliehe, oder die des Neuen Testaments so egoistisch wie 
diejenige Ep.'s: d. h. beide haben in ihrer Art eine höchste 
Synthese von Egoismus und Altruismus gefunden, insofern die 
Gesinnimg, welche dem Menschen sein eigenes Glück verbürgt, 
zugleich auch die wahre Liebe zu den Menschen ermöglicht 
und einschließt '. — Des weiteren hielt man sich an die Züge 
von Unnatur, welche das Bild des stoischen Weisen zeige, 
und glaubte zu dem Urteil berechtigt zu sein, das Christentum 
zeige mehr Natürlichkeit in seinen Lebensgrund Sätzen als die 
Stoa. In Wirklichkeit aber verteilt sich Natürlichkeit und 
Unnatur ziemlich gleichmäßig auf beide Anschauungen. Die 
stoische Apathie, auch wenn man sie richtig versteht, enthält 
immerhin eine gewisse Härte iind Verieugniing des natürlichen 
Gefühls, der gegenüber das Neue Testament mit seiner Ge- 
stattung des Mitleids und der Reue, der Trauer und Sehnsucht 



' Aach hierin hat y. Arnim die Meiunng der StoUter gut getroffen 
und aasgedrüott ; „Die Entwictlang von dem ADimaÜBclien zur Wahrung 
dea Vernünftigen führt zugleich über den Egoismus hinana aar altrnistiBchen 
und Bozialen Gesinnung" (aaO. 348). — Ein Gefühl aber, das mit Selbst- 
befriedigung verbunden ist, darf man darum noch nicht egoistiach nennen 
(Höffding, Ethik 236). 



Epiktet und das Nene Testament 357 

dem allgemein menselilichen Empfinden näher steht und des- 
halb wohltuender berührt. Auf der anderen Seite ist das 
Christentum vermöge seiuer durch die Jenseitshotfnung not- 
wendig bedingten asketischen Richtung nicht imstande, die 
weltlichen Kulturgüter so unbefangen zu schätzen und die 
Forderungen der sinnlichen Natur so rückbaltios anzuerkennen, 
wie es die Stoa tut, so daß also in diesem Sinne entschieden 
auf ihrer Seite die größere Natürlichkeit zu finden ist. Man 
wird also sagen können, das Christentum ist naturlicher, was 
die ethischen und sozialen oder sympathlsehen Gefühle betrifft, 
der Stoizismus ist natürlicher, wenn man die sinnlichen und 
ästhetischen Gefühle ins Auge faßt *. 



Zweiter Abschnitt 

Die wichtigsten religiösen und etliischeu Gruiidsätze 
^ und Gedanken 

Im vorigen Abschnitt, wo es sieh nur um die Hauptzüge 
der epiktetisclien und neutestamentlichen Weltanschauung 
handelte, habe ich absichtlich das Eingehen auf einzelne 
Fragen vermieden. Es lohnt sich aber doch, die Vergleichung 
nun auch noch in etwas genauerer, konkreterer Weise an- 
zustellen, wobei das dort Gesagte eine Bestätigung und Er- 
gänzung findet: einzelne Wiederholungen waren dabei nicht 
ganz zu Termeiden. Ic!i. werde mich wiederum nicht der 
Schemata eines dogmatischen oder etliischen Lehrsystems be- 
dienen, sondern in freierer Weise die Gedanken um folgende 

' Kicht recht verstäudlich ist mir die Bemerkung E. Nordens: „Was 
in der östlichen Welt das Handhüchlein des phrjgischen Sklaven und die 
Medititionea des Cäsais, das wnrden im Westen die Schriften des römischen 
Aristokraten, eine Quelle des Trostes und der Erbauung für die, deren 
G-dst nicht einfach genug war lum Verständniß der natürlichen Mensch- 
liclikeit der neuen Lehre" (Kiinstprösa H 313). — Dieser Enhm soll ja dem 
Christentum nicht geraubt werden, daß es dem menschlichen Herzen mehr 
geben will und kann als Jede Philosophie: aber daß ein Grieche oder 
griechisch Gebildeter das Wort vom Krenz natürlicher und menachlielier 
finden sollte als den ünindsatz des naturgemäEen Lebens, des konnte man 
ihm doch nicht zumuten Das hat auch der Heidenapostel nicht verlangt. 



358 Adolf Boühöffer 

Punkte gruppieren: Stellung zu Gott, zum Leben und zur 
Welt, zur SUnde, zar menschlicheu Gesellschaft. 

A. Stellung zu Gott 

Die Vorstellung, die Ep. von dem ethischen Wesen 
Gottes hat, ist eine sehr hohe. Seine absolute Heiligkeit, 
Keinheit und Güte betont er in einer Weise, die ganz mit 
der biblischen Anschauung iibereinstimint Gottes Gegenwart 
verträgt durchaus nichts Unreines und wird schon durch einen 
schmutzigen Gedanken entweiht (II 8, 14). Er ist der frei- 
gebige Spender aller guten Gaben, der väterliche Versorger 
der Menschen, und schon der Gedanke, daß Zeus für uns nicht 
aufs allerbeste gesorgt haben könnte, ist eine Sünde (III 24, 19j^ 
So gilt das große Wort des Johannes „Gott ist die Liebe" 
auch bei Ep., ja in gewissem Sinne noch mehr, weil das Glück, 
das sein Gott dem Menschen bestimmt hat, schon in diesem 
Leben ein volles, gottgleiches ist. Trotz alledem deckt sich 
keine dieser Eigenschaften Gottes ganz mit dem, was der 
Christ sich darunter denkt. Die Eeinlieit der Seele setzt Ep. 
ausdrücklich in nichts anderes als in den Besitz der richtigen 
döy^tata (IV 11, 8), und da nun der Mensch diese haben kann, 
so ist er also derselben Reinheit fähig wie Gott (IV 11, 3), 
so daß schließlich keine ethische t'Jberlegenheit Gottes mehr 
übrig bleibt (I 12, 26). So scheint also die Heiligkeit des 
epiktetischen Gottes -wieder unter die biblische Vorstellung 
herabzusinken, und auch die Liebe Gottes ist für Ep. natür- 
lich keine solche, die den einzelnen Menschen sozusagen per- 
sönlich ins Herz schließt, sich für ihn einsetzt und ihm zulieb 
ein Opfer bringt. Nur eine Stelle ist mir 'aufgefallen, wo Ep. 
unwillkürlich zuzugestehen scheint, daß Gott auch nach Charakter 
und Gesinnung qualitativ über den Menschen erhaben ist. 

■ Ana Ep. — sBgt Jodl — ließe sich oline Mühe ein christlicheB 
Gebetbuch zusaninienstellen (Geschichte der Ethik I -103) — freilich nur 
eia solches, das die eigentlich chriBtliehen Heils Wahrheiten geflissentlich 
nmginge. AIhr. Dieterich hat in der Vorstellung von dem eiaea sorgenden 
Vatergott semitiaohen Einfluß finden wollen (Mutter Erde, Leipa. Berlin 1905), 
ich gianhe mit Unrecht: denn gerade das Semitische, die leligiese Kraft 
nnd Leidenschaft, fehlt dieser Vorstellung bei Ep. 



Epikt«t und das Nene Testament 359 

Das Leben — so führt er da aus — ist eine Art Feldzug, 
wo es gilt, alles nach dem Willen und Wink des Feldherren 
(d. h. Gottes) zu tun, ja womöglich zu en'aten, was er will, 
„Dean jener {menschliche) Feldherr ist ja diesem (göttlichen) 
keineswegs gleich, weder hinsichtlich der Kraft noch hinsicht- 
lich der Erhabenheit des Charakters" {xara zi^v %oS f^ovg 
viTiQOx^v. III 24, 35). Darin liegt doch vielleicht ein Gefühl 
dessen, daß, um es christlich auszudrücken, Gottes Herz größer 
ist als das beste und edelste Menschenherz. Übrigens möchte 
ich keine weiteren Schlüsse darauf bauen: im wesentlichen 
bleibt es dabei, daß die Heiligkeit und Reinheit, ja auch die 
Liebe Gottes nach stoischer Auffassung derjenigen des Weisen 
gleichartig ist, weil sie nicht Sache des Gefühls, sondern der 
Vernunft und diese überall dieselbe ist. Die ethischen Eigen- 
schaften Gottes erhalten dadurch etwas Naturhaftes, Ünver- 
dienstliches, Selbstverständliches. Freilich ist es ja auch auf 
theistischem Standpunkt überaus schwer, von den „ethischen" 
Eigenschaften Gottes sich eine klare Vorstellung zu machen, 
weil gerade das, was beim Menschen zur Ausbildung einer 
ethischen Eigenschaft gehört, der zu überwindende Widerstand 
der Welt und der eigenen Natur, bei der Gottheit fehlt \ 

Was das metaphysische Wesen Gottes anbelangt, 
so ist schon mehrfach hervorgehoben worden, daß der stoische 
Gottesbegriff, von Haus aus entschieden pantheistisch, doch 
zugleich, und besonders bei den späteren Stoikern eine theistisehe, 
persönliche Färbung hat, und Davidson hat mit Recht betont, 
daß keiner dieser späteren Stoiker Antisup ran at uralist im 
Sinne der modernen Rationalisten und Freidenker gewesen 

' So wie Ep. den regulären ethisohen Bildungsprozefl beschreibt, ei- 
fordert die Aneignung und Ausübung der Tugend freilicli Anstrengung nnil 
Kampf, wahrend die Götter mühelos gut sind und bleiben. — Seneka ge- 
fallt sich darin, jenen Unternehied zwischen Gott und dem Weisen en- 
guasten des letzteren ins Licht au setzen, z. B. ep. 53, 11: üle bencficio 
Katitrae non ÜMd, suo sapiens und ep. 124, 14; umits bonwta natura per- 
ficit, du [scilicet], aUerius fiira hominis. — Daß die Tugend Gottes, wenn 
auch nicht geringer zu werten, so doch jedenfalls von anderer Art sein 
muß als die des Mensehen, erkennt auch z. B. Clemens Alex, »n, wenn er 
sagt, man dürfe Gott keine Selbstbeherrschnng beilegen, da es für ihn 
keine rröi?)? gebe. Vgl- Pohlenz, aaO. 30. 



360 Adolf Bonhüffer 

ist (aaO. 242). Eben diese Mischung von Pantheismus und 
Theismus zeigt einerseits die Berechtigurg, von einem christ- 
lichen Charakter der stoischen Religiosität zu reden, zieht 
aber andererseits doch wieder eine scliarfe Grenze zwischen 
dem stoischen Gott und dem chi-istlichen, welcher die Natur 
geschaffen hat und beherrscht, aber niemals, auch nicht mit 
einem Teil seines Wesens, mit ihr identifiziert werden kann. 
Aus demselben Grunde weist auch das Verhältnis des 
Mensehen zu Gott, so wie es z. B. bei Ep. zutage tritt, 
eine große Ähnlichkeit, aber auch wieder eine grundsätzliche 
Verschiedenheit von dem Neuen Testament auf. Vertrauen 
auf Gott, Liebe zu ihm, Gemeinschaft mit Gott, stetes Auf- 
blicken zu ihm, das Alles, was zu den höchsten Merkmalen 
der christlichen Religiosität gehört, kennt, preist und fordert 
auch Ep.; aber man darf nie vergessen, daß dies nur Gedanken 
und Refleziooen sind, die etwas Blasses und Mattes haben 
gegenüber dem die Tiefen des Herzens erfüllenden, die seligste 
Lust nnd das rührendste Leid einschließenden Verhältnis des 
Christen zu seinem persönlichen Gott ^ Aber eben deshalb 
kennt Ep. auch nicht die Furcht vor Gott, die doch auch 
im Neuen Testament nicht ganz aasgeschieden werden soll 
und, wenn sie auch keine knechtische Fnrcht ist, doch sieh 
wesentlich unterscheidet von der Scheu vor Gott, der aldtög, 
die bei Ep. eine wichtige Rolle spielt, aber doch natürlich 
nichts Affektmäßiges in sich hat. "Wo es keinen Zorn Gottes 
gibt^ da gibt es auch keinen (pößog O-eöD, und in der Tat 

' Nur in dieäem Siun kaaa ich Jal. Böhmer beipftiohten, wenn er 
sagt: „Gotteagemeinscliaft ist den Griechen stets eine unbekannte, unver- 
ständliche Grüße gewesen" [Der religionsgeschicLtliclie Kahmeu des Eeielies 
Gottes, Leipzig 1909, 160). Die orpiiische Myetik nimmt er dabei freilich 
bis zu einem gewissen Grade ans. — Vgl. E. Rohde, Kleine Schriften, 
II 835: „Der unentatelite Pantheismus der Stoa und der Spiuozistischen 
Lehre kennt keine Erlösung nnd keine Mystik". — G. Heinrici legt in die 
Worte Ep.'3 „ohne Gott Tcrauche es nicht!" (III 32, 53) sn viel hinein, 
wenn er den Tadel daran knüpft: „aber wie die Gemeinschaft mit Gott 
gewonnen und erhalten wirrt, sagt er nicht" (Der literar. Charakter 11). 
Ep. sagt dies freilich deutlich genug, nämlich eben durch die vernünftige 
Erkenntnis Gottes und des Menschen ; dadurch eatatebt Gemeinschaft mit 
Gott, aber keine mystische. 

' Cicero De ofi. III 102: Hoc quidem commune est omnimn philo- 



Epiktet und das Neue Testament 361 

hat die FiirehtempfiniJuiig geffenuber Gott nirgends weniger 
eine Stätte als im Herzen des Stoikers, dem sein Gott absolut 
kein Übel antun kann außer demjenigen, das er sich selbst 
antut. Aucä die Erfüllung der äußeren kultischen 
Pflichten, die auch Ep. als ein xaö-^xoi' betrachtet, schließt 
für den Stoiker keinerlei ßeunruhigungsmoment in sieh. Denn 
das sind fest bestimmte Leistungen, die keine ethische An- 
strengung erfordern, Leistungen, bei denen der iStoiker aller- 
dings wie bei jedem weltlichen Geschäft, bei jeder pflicht- 
niäßigen Handlung Ernst und Sorgfalt zeigen und eine würdige 
Haltung bewahren soll, Leistungen, deren unpünktliche oder 
ungenügende Erledigung aber nicht etwa einen besonderen 
Fluch nach sich zieht, sondern sich genau so von selber rächt 
und straft wie jede ethische Verfehlung oder Versäumnis. 
Darüber läßt Ep. nicht den geringsten Zweifel, daß diese 
ganze äußere Eeligiosität keinen Wert hat, wo die wahre 
Frömmigkeit fehlt, die in der richtigen Vorstellung von Gott 
und im Gehorsam gegen ihn, in der inneren Übereinstimmung 
mit seinem Willen besteht (Euch. 31, 1), während derjenige 
wahrhaft nrifromm und gottlos ist, der glaubt, von Gott Schaden 
erleiden zu können, also der sich vor Gott fürchtet (Diss. 
IV 7, 11). So wenig er die üblichen Opfer und Gebete um 
äußere Gaben verwirft, so läßt er doch überall durchblicken, 
daß die geistigen Gaben eine ungleich höhere Bedeutung 
haben, daß sie den eigentlichen Kern und Mittelpunkt der 
Frömmigkeit und des Gottesdienstes bilden sollten, der eigent- 
lich keiner äußeren Formen bedarf, sondern ganz im Sinne 
des Johann eisehen Christus, eine Anbetung im Geist und in 
der Wahrheit ist (z. B. 1 19, 25; IV 4, 18 u. ö.). 

Ganz verkehrt ist es deshalb, wenn man die Tatsache, 
daß die Stoiker den äußeren Kult mitmachten uud z. B. auch 
die Mantik nicht verwarfen, so gedeutet hat, als ob sie den 
Aberglauben in Schutz genommen, ja dicht neben ihren 
erhabenen religiösen Anschauungen dem wüstesten Aberglauben 

aophorum . . . minquam nee iroici deum nee noeere. Vgl. M. Pohieez, 
Vom Zorne Gottes, S, 6. — Iuteress8.nt ist es zu sehen, wie Tertalüan 
gerade ans der menschlichen Furcht Tor Uutt schüeGt, daß es auch einen 
Zorn Gottes geben müsse. S. ebenda 27. 



362 Adolf Bonhöffer 

gehuldigt hätten \ Darüber, daß sie die Wahrheit und Geltung 
der arjfiEia in gewissen Grenzen anerkannt haben, dürfen wir 

' Eine förmüehe Karikatur ist es, wena 0. Pfleiderer sagt; „Der 
Stoizisrans Bank durch seine Konzessionen an ilen volkstümlichen Gottes- 
glanben doch wieder auf die Stufe der Xatnrreligion zurück nnd endete (!) 
im nntreien Aberglauben an Geisterspuk, Voraeichen und Oi-akel" (aaO. 59). 
Und diea steht in einem religionsgescliichtlichen „Volksbuch"! — Ganz 
«nders und jedenfalls richtiger urteilt Lecky : „Die Begeisterung, mit welcher 
man den Stoizisrnna ala Befreier des nieuBehiichen Geistes aua dem Aber- 
glauben aufnahm, zeigt, wie qualvoll das Joth gewesen sein muQ" (aaO. 187). — 
Auch Wendland stölit sich daran, daß die Stca Orakelweseu und Traum- 
deutung rechtfertigte und „in ihrer Dämonenlehro den niederen Volksglauben 
etablierte" (Hell. röin. Kultur 65). Ich will keineswega bestreiten, daC ein 
Teil der Stoiker darin ku weit ging: es gab eben auch Stoiker genug, die 
vom stoischen Geist wenig oder nichts in sich hatten und die tiefen Ge- 
danken durch buchstäblich formalistische Pasaaug und Ansdeutung ver- 
derbten und in Mißkredit brachten. Bei den wirklieb großen Stoikern finde 
ich von solchen Torheiten keine Spur. Wie sehr speziell Ep. aller aber- 
gläubischen Furcht innerlich fem war, zeigt am besten seine Auslassung 
über den Begriff des ävoji^^op III 24, 88ff. Gegen seinen Eat, die über- 
große Freade an dem Besitz lieber Menschen durch den Gedanken an die 
Möglichkeit einer baldigen Trennung zu dämpfen, wendet der fingierte 
Mitnnterredner ein: a^J.« Siofrifiä iari Tavra. Darauf erwidert Ep.: Ancli 
gewisse Bannsprüche sind es, aber weil sie nützen, kehre ich mich nicht 
daran, wenn sie nur nützen. Nennst du aber Si-apt/iia etwas aaderes als 
rd r.anov itvo^ aiuat/Tixä? ein wirkliches ^voipi^nov ist Feigheit, Nieder- 
tracht usw. Diese Namen sind Svofij/ta. Und doch darf man auch diese 
Busznaprecbeii sich nicht scheuen, um davar zu warnen. Wie kann man 
aber ein Wort Mof-rifiov nennen, das auf eine natürliche Sache hinweist? 
so kannst du auch sagen, es sei Sioftifior von der Ernte der Ähren zu 
sprechen, denn es bezeichnet den Untergang der Ähren — ja, aber nicht 
der Welt!" usw. — Wohl sehen wir aus dieser Stelle zugleich, daß Ep. 
auch die ijnioiSui, also etwaa nach unseren Begriffen ganz Abergläubisches, 
nicht verwirft, sondern an ihren Nutzen glaubt. Aber irgend welche 
Stfimng des inneren Gleichgewichts und der geistigen Klarheit können und 
dürfen solche Anschauungen für den Stoiker nicht herbeiführen: also gerade 
was den Aberglauben zum Abergliubon macht, das ängstliche Bangen um 
weltliches Gut und leibliches Wohl nnd die unruhige Sorge, das liebe Ich 
durch besonders geheimnisvolle und ivtinderktättige Mittelehen vor Schaden 
sicherzustellen, fehlt ganz nnd gar bei Ep. Als ein Symptom dafür, wie 
abhold die Stoa allem Mystisch-Phantastischen und damit auch allem Aber- 
gläubischen in der Eeligion gewesen ist, erwähne ich beiläufig die Tat- 
sache, daß Ep. von einer besonderen Verehrung der Dämonen, deren 
Existenz er keineswegs bezweifelt, nichts wissen will. K. Prächter ver- 



Epiktet und daa Neue Testameut 363 

nicht mit ihnen rechten: sie waren hierin Kinder ihrer Zeit, 
und gerade ilire Philosophie, ihre Idee vom Weltorganismus, 
von dem innigen Zusammenhang aller Dinge, gab ihnen am 
allerwenigsten Veranlassung, an dem herkömmliehen Glauben 
Kritik zu üben. Aber aus Rp. ersehen wir, daß ihnen auch 
die Mautik nur eben dn Stück des äußeren Kultes, eine 
Handleitung für das äußerlich praktische Verhalten war und 
ihre philosophische Überzeugung und Lebensführung in keiner 
Weise beeinträchtigte oder störte. Gerade Ep. führt es so 
schön und deutlich aus, daß man die Mautik leidensahaftslos, 
ohne krampfhaftes Begehren und ohne Furcht vor dem Schicksal 
gebrauchen soll (II 7), so daß die innere Freiheit und Er- 
habenheit des Subjektes auch hierbei völlig gewahrt bleibt. 
Und wenn er als höchstes Beruhigungsmittel den schon von 
Thaies überlieferten Satz anwendet „Alles ist voll von Göttern 
und Dämonen" (III 13, 15), so sehen wir, daß hier alle aber- 
gläubische Angst noch sicherer überwunden ist als im Neuen 
Testament, wo der Fürst dieser Welt und die Geister der 
Finsternis zwar als durch Gottes Sohn besiegt und gebannt 
erseheinen, der Glaube an ihre Existenz aber immerhin auch 
den Frommen bisweilen noch bange machen kann. 

B. Stellung zum Leben und zur Welt 

Für die Stoa wie für das ursprüngliche Christentum ergab 
sich aus ihrem Glauben an ein absolutes, von der Welt an- 
abhängiges Glüek des einzelnen von selbst eine gewisse Gleich- 
gültigkeit gegen die äußere Gestaltung und Dauer des eigenen 
Lebens wie gegen die äußere Entwicklung der Welt und des 

wendet diesen Zug unter anderen dasu, die Verschiedenheit der beiden 
früher zu einer Person zusammengeworfenen Hierokles, des Stoikers und 
des Keuplfttonikers, aufzuzeigen nnd sagt Ton dem ersteren, daß er, obwohl 
die Stoa für die Aufstellung besonderer Pflichten den Dämonen gegenüber 
Anknüpfungen bot, doch der in dieser Hinsicht in der stoischen Päicliten- 
lehre berrselienden Praxis sich angeschlossen habe, die den Dämonen keinen 
eigenen Rang unter den Pflicht Objekten einräumte (Hierokles der Stoiker 
S. 13). — Im übrigen hat Beitzenstein Recht, wenn er es beklagt, daß es 
„zum schweren Schaden für unsere Religionsgeachichte" noch keinerlei 
Überblick über die ^eofMyovfieva der jüngeren Stoa gebe (Zwei religio nsgeseh. 
Fragen, Straßburg T90I, 8. 80*). 



364 Adolf Bonhoffer 

Lebens der Menschheit insgesamt. Diese Welt- und Leben s- 
verachtnng ist aber auch beim Christentum, geschweige 
denn bei der Stoa, keineswegs Pessimismus oder auch nur 
Resignation. Von beidem Isann man nur da reden, wo der 
Mensch an der Möglichkeit seines eigenen vollen Glückes 
zweifelt oder verzweifelt, was ja in geradem Gegensatz steht 
zum stoischen und znm ebristlichen Glauben, den entschiedensten 
Feinden einer pessimistischen Lebensansiclit. Wenn bei Ep., 
noch mehr im Neuen Testament, der Zustand der Welt und 
Menschheit zuweilen sehr trübe und „pessimistisch" beurteilt 
wird, so ist dies die notwendige Folge ihrer hochgespannten 
Gliicksforderung, also gerade ihres idealistischen Optimismus. 
Was aber beiden gleichermaßen fehlt, das ist ein le!>endiges 
und kräftiges Interesse an der Verbesserung der äußeren 
Lebensbedingungen , an dem Fortschritt der menschlichen 
Kultur. In weit höherem Grade ist dies freilich der Fall 
beim Christentum. Mag es ihm später, ja verhältnismäßig 
recht bald, gelungen sein, einen Ausgleich zwischen Diesseits 
und Jenseits zu finden, mag es heute nur noch in gewissen 
Kreisen einen asketischen und kulturfeindlichen Charakter 
tragen, so sollte man doch billigerweise niclit mehr bestreiten, 
daß das Neue Testament fast durchweg diesen Geist atmet. 
Dies soll kein Vorwurf sein, sondern nur ein Zeugnis dafür, 
daß hier wirklich Ernst gemacht wird mit dem Evangelium, 
was man von der heutigen Christenheit im großen ganzen 
nicht sagen kann. Für die Stoa fällt das Haupthindernis für 
die Schätzung der weltliehen Kultur weg, die eschatologische 
Richtung des Glaubens und Denkens; sie findet daher auch 
eine positivere Stellung zu den sogenanuten weltlichen Lebens- 
gütern. Das alte Vorurteil von der gefühllosen Stumpfheit 
und Gleichgültigkeit der Stoiker gegenüber den Aufgaben und 
Vorgängen des Weltlebens kann heute glücklicherweise als 
überwunden gelten. Man sieht ein, daß der von Zenon schon 
eingeführte Begriff des ftQotjyiifvov nicht etwa eine Inkonsequenz 
des Systems enthält, sondern vielmehr den eigentlichen Kern 
der stoischen Ethik und ihr Hanptuuterscheidungsmerkmal 
gegenüber dem Kynismus bildet \ Am besten hat unter den 

' E. Caird aaO. IIlMlf. : Die Stoiker hielten liie äaßeren Güter iiiclit 



Eliiktet uud dag Neue TestaiDent 365 

Neueren die Meinung der Stoiker zum Ausdruck gebracht 
H, V. Arnim, wenn er über ihre Lehre vom ÄdJaphoron und 
Proögmenon und von der Auswahl des Naturgemäßen sagt: 
„Es zeigt sich also, daß die Dinge, welche vom Standpunkt 
des Gluckseligkeitsstrebens aus für indifferent erklärt werden 
mußten, vom Standpunkt des naturgemäßen Lebens aus keines- 
wegs indifferent sind. Auswählen ist in praktischer Hinsicht 
die Hauptfunktion der Vernunft" (Die europäische Philosophie 
des Altertums, Kultur der Gegenwarf I 5 8. 241). Etwas 
Ähnliches kann man freilich auch von den nentestamentlichen 
Schriftstellern sagen. Auch sie verlangen, daß der Gläubige 
arbeite um seinen und der Seinigen Lebensunterhalt, für seine 
Gesundheit und Wohlfahrt sorge, soweit es das Gewissen er- 
laubt. Und auch der Christ tut dies, genau wie der Stoiker, 
nicht deshalb, weil ihm besonders viel an seinem irdischen 
Leben und Wohl gelegen wäre, sondern weil er es als Gottes 
Wille, als seine Pflicht erkennt und auch in der Sorge ums 
Zeitliche seine Gewissenhaftigkeit, seine Treue im kleinen zu 
zeigen hat. Trotzdem bat dieser Teil der Pflichterfüllung, 
die s^ifiiXeia in der zg^ött; der Hai (Diss. 11 5), bei Ep. eine 
weit größere Bedeutung als im Neuen Testament, weil für ihn 
dieses irdische Leben das einzige und die Führung dieses 
Lebens die einzige und vollgültige Gelegenheit zur Betätigung 
der geistigen Kraft und Freiheit ist, während es für den 
Christen nur eine untergeordnete Rolle spielt gegenüber dem 
erhofften ewigen Leben, wo alle diese weltlichen Beschäftigungen 
und Betätigungen in Wegfall kommen. 



für aliBolut, sondern nur für relativ gkicb gültig ia dem Sinne, daß die 
Summierung TOii eadlicliea Werten keinen unendlichen gibt . . . Die Lehre 
von den Jtpo'?/^)â„¢ wurde oft als Inkonsequenz beUaehtet ; atier sie geiiBrt 
znr ältesten Form des Dogma's und ist ein notwendiger Teil ihres Systems. — 
Die verhältniBKlilEige Gleieligültigkeit Bp.'s gegen das WiBsen nni den 
i'ortschritt der Wissenschaft erklärt Misch sehr gut, wenn er sagt; „Er 
weist nicht darum das Wissen ab, weil er wie die Eyniker sich mit dem 
suuyeränen sittlichen KraftgefUlil des isolierten Individuums begnügt, sondern 
weii der objektive Zusaiamenhang von natürlichen EegrifCen, auf den die 
Stoa die persönliche Sittlichkeit gründete, schon als sicheres Gut erarbeitet 
war" (aaO, 260), — Tgl. übrigens über Ep.'a Stflllnng zur Wissenschaft 
B ^ 13* ft. 



366 Adulf Büüliüffer 

So zeigt denn Ep., unbeschadet seiner inneren Erliebung 
Über die "Welt, doch unleugbar ein frisches und gesundes 
Interesse an dem Weltgeschehen und am Tun und 
Treiben der Menschheit, eine Freude an den Werken der 
Technik und der Kunst, die wir im Neuen Testament ver- 
geblich suchen, die aber in der Stoa ganz natürlich ist, weil 
sie in allem Menschlichen, in jeder Geschicklichkeit und 
Tüchtigkeit eine, wenn auch nicht die höchste, Oft'enbarung 
der alles durehwaltenden Vernunft erblickt Näher ausgeführt 
habe ich dies in meiner „Ethik des Stoikers Ep." S. 40 ff-, 
und ich verweise hier nur noch auf die an treffenden Be- 
merkungen reiche, schon früher erwähnte Abhandlung von 
K. Hartmaun über „Arrian und Ep.", der sich folgendermaßen 
auisspricht: „Es gehört überhaupt zu Ep.'s anziehendsten Seiten, 
daß ihn das reale Leben in seinen wichtigen und unscheinbaren 
Zügen stark fesselt . . . und daß er aus der bunten, seiner 
Phantasie stets bereit liegenden Summe des Lebens tausend 
drastische Anknüpfungen für die ethischen Fragen gewinnt, 
die er seinen Hörern an die Seele legt" (S. 256). 

Auch über den Leib und seine sinnlichen Bedürfnisse 
urteilt Ep. weit natürlicher als das Neue Testament, Ich habe 
zwar früher darauf hingewiesen, daß in gewissem Sinne der 
Leib hier höher gewertet wird als in der Stoa, weil er als 
unabtrennbarer Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit 
auch an deren himmlischer Verklärung teilnehmen wird (S. 58). 
Aber in seiner dermaligen Beschaffenheit ist er doch nur ein 
Sitz der sinnlichen und sündigen Triebe, und es läßt sich 
nicht leugnen, daß es dem ersten Christentum außerordentlich 
schwer gefallen ist, dem stärksten dieser sinnlichen Triebe, 
dem geschlechtlichen, eine gewisse natürliche Berechtigung 
zuzuerkennen, während Ep. dies ohne weiteres tut und sich 
nicht scheut, auch die wunderbare Einrichtung dieser /.w^ia 
und ihrer zc^ws als einen Beweis der göttlichen Weisheit zu 
preisen (I 6, 9). Wenn er es andererseits doch auch wieder 
als einen Vorzug des Alters erkennt, über geschlechtliche 
Bedürfnisse hinaus zn sein, so wird darin niemand eine un- 
gesunde Askese erblicken können (Diss. fr. 23, Schw. 94) '. 

' Wenn P. Feine sagt, der sinnlichett Seite des Lebens wolle der 



Epiktet und das Neue TeBtatneiit 367 

Auch die im gleichen Zusammenhang und Diss. I 9, 10 ff. sich 
findende Betonung der Mühe und Widerwärtigkeit, welche die 
Pflege des Leibes erfordert, darf nicht etwa als pessimistische 
Anwandlung betrachtet werden. Wenn er hier das ganze 
irdische Leben als einen Dienst bezeiclinet, den man Gott 
leisten müsse und von dem der Tod den Mensehen erlöse, so 
soll diese nur aus pädagogischen Gründen angestellte Be- 
trachtungsweise bloß dazu dienen, seineu Schülern die über- 
mäßige Wertschätzung des Leibes und das begehrliche Hängen 
an diesem Leben zu verleiden. In dem sittlich Gebildeten hat 
diese Stimmung keine Berechtigung und kann nicht aufkommen 
gegen das Gefühl das ihn täglich und stündlich erfüllen und 
behen-schen soll, daß dieses Leben, wenn es im Gehorsam 
gegen Gott geführt wird, gut und schön und an beständiger 
Freude reich ist, so daß er, ob der Tod früher oder später 
kommt, nie anders als mit innigem, frommem Dank für das, 
was er schauen und genießen durfte, es beschließen wird. 

Daß diese Auffassung richtig ist, daß diese kleinen Miseren 
des Leibes den Optimismus Ep.'s in keiner Weise zu trüben 
vermögen, bestätigt sich vollends, wenn wir sehen, daß er auch 
den größeren und besonderen Übeln und Leiden, die über 
den Menschen kommen können, nicht den geringsten Einfluß 
auf das Glücksgefühl des Weisen zuerkennt. Genaueres über 
die verschiedenen Betrachtungsweisen, durch welche Ep. die 



Stoizismus wenig Becbt einräumen, eine Richtung', welche dem Urchriateutum 
und auch Fl nicht fremd sei (aaO. 79), so hut er von Ep. keinen ganz 
riehtigen Eiiidrupk bekommen; Ep. gibt der Sinnlichkeit ihr Recht, aber 
freilich anch nur dieses, während man das vom Neuen Testament nicht 
sagen kann. — Ebenso schief ist es, wenn J. Weiß Ep.'s Stellung zur Ehe 
mit derjenigen des PI vergleicht und den Ton, in welchem jener von der 
Ehe Kpricht, kalt findet (Die cbriatl. l'reiheit 27): ich finde ihn sogar sehr 
warm, so warm, als er innerhalb der griechischen Welt überhaupt möglich 
war. — Auch E. Caird geht za weit, wenn er in der Stoa einen ungelösten 
Antagonismus zwischen üptimismus und I'esaimismus findet (aaü. II I2ö); 
pessimistisch berührt sie nur uns, insoweit wir eine derartige Beschväukung 
des Glücks auf das Innere eben nicht für naturgemäß halten und ein sinn- 
liches Sicbausleben fordern. Richtig urteilt hier wieder Ogereau, wenn er 
sagt: der Stoizismus fiel, als sich in der alten Welt keine Seele mehr fand, 
so mutig und stolz, um sich angezogen zu fühlen Tou der Strenge und 
hohen GrüiJe seiner Lehre (aaO. 801), 



368 ^^0^1 Bonhöffer 

sogenannten Übel des Daseins überwindet, ja zu einem Ferment 
der sittlichtiu Bildung; macht, ündet man in meiner Kthik Ep.'s 
S. 20ff. Hier hebe ich nur hervor, daß die Stellung zum Übel 
einer der Punkte ist, wo die Verwandtschaft zwischen Ep, 
und dem Neuen Testament besonders klar zutage tritt \ Die 
Überwinderstimmung ist bei ihm ebenso stark und lebhaft 
wie dort, nur daß er keine Holfnung auf eine ewige Herrlich- 
keit vonnoten hat. Die tieffromme Überzeugung;, daß auch 
die schwersten Leiden die Liebe Gottes niemals in Frage 
stellen können, die männliche Ansicht von der erzieherischen 
Wirkung, ja Notwendigkeit des Übels, ja sogar der Gedanke, 
daß es eine Ehre und Würde ist, Schweres dulden zu dürfen, 
um als Gotteszeuge die sieghafte Kraft des Glaubens, be- 
ziehungsweise der philosophischen Bildung vor der Welt zu 
offenbaren, alles das ist der Seele Ep.'s so gegenwärtig wie 
den ersten Jüngern Jesu und kommt in seinen Reden kaum 
weniger ergreifend zum Ausdruck als etwa in den Briefen 
des PI. Dabei sind beide doch gleich weit entfernt von eitler 
Prahlerei mit dem Unglück und ungesunder Martyriums- 
schwärmerei. Wie der Christ auch wieder herzlich dankbar 
ist für jede gottgesandte Linderung des Leidens, so gibt auch 
Ep., obwohl er, im Unterschied von dem hierin natürlicher 
denkenden Christentum, ein „Leiden" grundsätzlicli gar nicht 
anerkennt, doch gelegentlich einer weicheren Stimmung und 
menschlicheren ßegong Raum, wenn er z. B. den hohen AVert 
eines guten Freundes unter anderem auch darin sieht, daß er 
uns die Unbilden des Lebens „wie eine Last" tragen hilft und 
sie eben durch seine Teilnahme erleichtert (IV 13, 16). Ein 
wichtiger, Unterschied bleibt allerdings bestehen: ein Gebet 
um Erlösung von dem Übel kennt Ep. nicht, weil er überhaupt 
kein „Übel" anerkennt und eine in äußeren Wirkungen sich 

' Etwas zu viel gesagt oder wenigstens mißverständlich ist es, daß 
dem Kynismus nnd der Stoa Leiden und Übel das Wesentliehe am Menschen- 
leben seien (P. Wendlaiid, Hellen, röm. Eultur 137). Richtig ist, daß keine 
ftadere Philosophie mit der Allgemeinheit und Unvermeidltchkeit der Übel 
ao sehr rechnet wie die stoische, und daß deren Überwindung und Ver- 
achtung allerdings ein wichtiges Stück der stoischen Ethik bildet. Aber 
am Menschenleben ist dem Stoiker das Leiden gerade das Unwegentliche, 
die innere tjelbstbehanptnng dagegen das £in cmd Alles. 



Epiktet und das Nene Testament 369 

zeig'ende Beeinflussung des göttlichen Willens durch das Gebet 
nicht annimmt'. So berührt uns die christliche Tapferkeit 
einerseits wohltuender als der das Menschenmögliche fast 
übersteigende stoisclie Heroismus; andererseits gerät dieser 
auch nicht in die Schwierigkeit, den Glauben an die Gebets- 
erhörung trotz anscheinend erbarmungslos fortdauerndem Leiden 
festhalten zu müssen, ein Glaube, der, wenn er wirklich vor- 
handen ist, den inneren Zusammenbruch riskiert, wo nicht, 
in aller Stille ins Geistige umgebogen wird, so daß er schließ- 
lich der stoischen Selbstbehauptung und Selbsterlösung ziem- 
lich nahe kommt. 

C. Stellung zur Sünde (Sünde und Sittlichkeit) 

Auch auf diesem Gebiet sind die Berührungen Ep.'s mit 
dem Neuen Testament zahlreich und wichtig, doch tritt zu- 
gleich auch die grundsätzliche Verschiedenheit der Aulfassung 
stark hervor. Schon das Wort afiagTla hat im Munde des 
Stoikers einen wesentlich anderen Sinn als dort, es bedeutet 
nicht eine wissentliche Übertretung des positiven göttlichen 
Gebotes, sondern eine auf Unwissenheit beruhende Abweichung 
von dem Pfad der Vernunft. Kein Satz kehrt wohl bei Ep. 
häufiger wieder, als daß jede Seele unwissentlich sündigt 
und nur deshalb sündigt, weil sie ihren wahren Vorteil nicht 
kennt und ihr Glück auf einem falschen Wege sucht. Während 
nach biblischer Anschauung jede Sünde eine Handlung ist, 
die hätte vermieden werden können und sollen, geht Ep. in 
der Anwendung jenes Grundsatzes so weit, daß er die schwersten 



^ Dies ist z. B. eiu Punkt in der stoischeu Theologie, iler yielleicht 
noch etwas klärer gestellt werden konnte, nämlicli ob aod inwieweit sie 
eine äuüere Wirkung von religiösen Handlungen, z. B. eine Besserung der 
Krankheit durch Gebete uud Opfer oder i^aoiSai erwartet haben. Wer 
hierin auch nur ein Minitunm einräumt, gibt eigentlich seine völlige Adia- 
phorie gegen alle äußeren Geschehnisse nnd hiermit seine Autarkie griind- 
Bätzlich preis. Möglich, dal! die Stoiker in diesem Punkt die Pietät nu 
weit getrieben uud mehr oder weniger gedankenlos herkömmliche Gebräuche 
mitgemoEht haben, die in ihrem System eigentlich keinen Sinn mehr hatten. 
Daß hei Ep. diese religiösen Mittel zur Erlangung des filiicks oder Be- 
wahrung Tor Unglück tatsächlich keine Eolle spielen, wird jeder, der ihn 
kennt, bestätigen. 

BenglonsEeacJilcbtllche Versucbe u. Vorarbeiten X. al 



370 -Adolf BonhiifEcr 

Verbrechen als notwendige, unvermeidliche Folgen eines 
falschen Urteils über das Nützliche und Schädliclie betiaclitet. 
So bekommt es manchmal den Anschein, als ob er es äußerst 
leicht, ja fast frivo! mit der Sünde nähme, und allerdings 
suchen wir die Vorstellungen, die dem christlichen Begriff der 
Sünde den Stempel furchtbaren Ernstes aufdrücken, die Vor- 
stellung des beleidigten, in seiner Ehre verletzten Gottes, des 
göttlichen Zornes, des Siindenfluches und der höllischen Ver- 
dammnis, welche das Ende der Sünder ist, bei ihm vergebens. 
Und doch ist auch Ep. in seiner Art kein geringerer Eiferer 
gegen die Sünde als die Propheten und Apostel und weiß ihre 
Verderblichkeit seinen Schülern nicht weniger ernsthaft und 
beweglich vor die Seele zn steilen: was aus der Sunde folgt, 
ist nicht mehr und nicht weniger als der Verlust des Menseh- 
seins, das Heruntersicken auf die Stufe des Tieres, in seinen 
Augen dasselbe, was für den Christen die ewige Verdammnis. 
Und wenn das Hochgefühl des Weisen hauptsächlich darin 
besteht, sich mit Gott eins zu wissen und in seiner Gemein- 
schaft zu leben, so entbehrt der Sünder eben diesen höchsten 
Genuß, er lebt, christlich gesprochen, ferne von Gott, hat 
keinen gnädigen Gott. Öfter spricht Ep. es aus, daß die 
Leute, die geistig blind in der Sünde dahinleben, weit be- 
mitleidenswerter seien als diejenigen, die des äußeren Augen- 
lichtes ermangeln. Wenn in der Bibel mehr der Abscheu vor 
den Sündern als das Mitleid mit ihnen hervortritt, so fehlt 
doch auch dieses keineswegs ganz, bildet vielmehr einen Grundton 
des Evangeliums Jesu, der die Sünder weit mehr als Irrende 
und Verblendete denn als bösartig Widerspenstige betrachtet 
und behandelt und gelegentlieh auch schwere Versündigungen 
mit erstaunlicher Milde beurteilt hat. 

Andererseits vermag auch Ep. seinerseits scharfe Saiten 
aufzuziehen gegen die Sünder, wie seine Brandmarkung des 
Ehebrechers (11 i, Itl.'j, seine Strafrede gegen den weichlichen 
Vater, der von seinem kranken Kinde wegläuft, und so manches 
andere kräftige Wort beweist. Auch darin steht Ep., wie 
wir sahen, dem Neuen Testament sehr nahe, daß er die große 
Verantwortung mangelnder Achtsamkeit auf sich selbst und 
das Risiko fortgesetzten Sündigens und beständigen Aufschubs 



Epiitet und das Nene Testament 37I 

der Besserung gleicliermaßen betont me die stets noch be- 
stehende Möglichkeit der Bekehrung. Ebenso kennt er aber 
auch — als Ausnalime — eine Art von Verstocktheit und 
tiefwnrzeluder Schamlosigkeit, die eine Rettung kaum mehr 
als möglich erscheinen läßt und stark an das Wort Jesu von 
der Sünde gegen den Heiligen Geist erinnert. Auch daS 
stoische Paradoxon von der Gleichheit aller Sünden hat seine 
Parallele in der christlichen Vorstellung, daß jede Sünde die 
Verdammnis verdient, ist übrigens ja nur der Ausdruck des 
tiefefl sittlichen Ernstes, mit welchem hier jede Abirrung von 
der Vernunft, wie im Neuen Testament jede Sünde als eine 
Verleugnung des Gnadenstandes, gleichsam als etwas Absolutes, 
nicht bloß Kelatives beurteilt wird. 

So kann man denn sagen, daß Ep.'s Lehre von der Sünde 
materiell, d. li. soweit es sich lediglich um das Moralische 
handelt, in allen Hauptpunkten mit der neuteatamentliehen 
übereinstimmt, während sie formell, d. h. wenn man auf die 
begleitenden Vorstellungen und die durch sie hervorgerufenen 
Gefühle achtet, allerdings ganz und gar von derselben ab- 
weicht. Er weiß nichts von einem Erschrecken über die 
Sande, von einer Furcht vor Gottes Zorn, von Zerknirschung 
und Tränen bitterer Eene, nichts von demütiger Bitte um ver- 
zeihende Gnade und von seligem Jubel über die erlangte 
Vergebung. Es vollzieht sich eben alles nicht zwischen Gott 
und Mensch, sondern in dem letzteren allein und ohne ^ä&og, 
ohne eigentliche gefühlsmäßige Kegung, in der nüchternen 
Form der vernünftigen Erkenntnis und des hieraus ent- 
springenden Handeins. Wohl nimmt auch Ep. an, daß in dem 
Augenblick, wo der Mensch zur cäa-9r]{ng ri;g [täxr/s, zur Wahr- 
nehmung des Widerspruchs zwischen seinem Handeln und dem 
erstrebten Ziel des Glückes gelangt, ein gewisser Schmerz 
ihn durchzuckt, ein Unbehagen ihn ergreift. Aber er will 
nicht, daß man diesem Sehmerz sich hingebe, ihn zum Affekt 
sich auswirken lasse und in einen desolaten Zustand gerate, 
sondern daß man nach gewonnener Erkenntnis eiuen festen 
Entschluß der Umkehr fasse. Ein gewisses Maß von Selbst- 
vorwürfen scheint ihm allerdings hierbei nicht zu ver- 
meiden, ja er erklärt dies geradezu als das Merkmal des 

24* 



372 Adolf BonhSffer 

jjQYfiivos 7taiöev£o9-ai, des Anfängers in der sittlichen Bildung, 
daß er niemand anderem Vorwürfe macht als sich selbst 
(Ench. 5); aber dies ist doch keine eigentliche Reue ^ höchstens 
ein intellektuelles Äquivalent dafür. Und wenn im Neuen 
Testament von einem Zittern um das eigene Seelenheil die 
Eede ist, so setzt auch Ep. ein ähnliches Gefühl voraus, wenn 
er einem Abgefallenen in ergreifenden Worten in Erinnerung 
ruft, wie er früher, als ngoxÖTiruiv, darob in Angst war, daß 
ihn niemand in dem begonnenen Heiligungsstreben iitb machen 
möchte (IV 9, 10). Doch erklärt er auch wieder alles Angst- 
haben um das, was man doch sicher erreichen und von sich 
selbst erlangen kann, für töricht (II 13, 9), und es ist ja 
selbstverständlich, daß eine Ethik, welche die Affekte als die 
eigentlichen Feinde des Menschen bekämpft, nicht an den 
Anfang sozusagen eine Kur durch Affekte setzen kann. Also 
wenn und soweit diese mit dem Erwachen des Gewissens ver- 
bundenen Gefühle der Reue und Niedergeschlagenheit zu den 
unausrottbaren Bedürfnissen des menschliehen Herzens ge- 
hören, erreicht Ep. in diesem Punkte das Niveau des Neuen 
Testamentes nicht; in Wirklichkeit aber dürfte die christliche 
Reue an Ernst und Tiefe meistens zurückstehen hinter dem, 
was Ep. an ihrer Stelle verlangt. 

Der Lehre von der Sünde entspriciit nun naturgemäß 
auch die Lehre von der Tugend oder Sittlichkeit. Auch 
hier ist der Mensch nach Ep. auf sich selbst gestellt, kann 
jeden Fortschritt, jede Vollkommenheit aus sich selbst, durch 
den Gebrauch seiner Vernunftkraft erzeugen, während nach 
dem Neuen Testament Gott nicht bloß das Vollbringen, sondern 
auch das Wollen schafft, jede Tugend also ein Charisma ist. 
Dieser Unterschied ist aber in Wirklichkeit nicht so groß wie 
er scheint. Einerseits ist uämlich auch dem Ep. der Gedanke 
nicht fremd, daß man eine große sittliche Aufgabe, ja über- 



' „Ep. spricht nie von Beue angesichiä des Todes, dis Alten scheinen 
von ihrem läuterndeu und beseligenden Einflnfl auf den Charakter keine 
Vorstellang gehabt zu haben" (Leoky 177], — Daß die Stoiker die Eene 
nicht kannten, mag mau hedauern; aber bei ihrer Lehre von der TlnvBr- 
unnft aller Affekte lieü sich eine Berechtigung, geschweige denn ein Segen 
der (emotionalen) Beae unmäglich behaupten. 



Epiktet uüd dits Nene Testament 373 

Iiaupt die sittliche Aufgabe nicht anfangen soll „ohne Gott" 
und nur vollbringen kann in beständigem Aufblicken zu ibm, 
also sozusagen in seiner Kraft. Andererseits kann auch die 
Paränese des Neuen Testaments nicht auskommen ohne In- 
anspruchnahme des selbsttätigen Willens des Mensehen: oft 
genug-, namentlich in den Reden Jesu selbst, wird einfach 
vorausgesetzt, daß der Mensch von sieh aus imstande ist, die 
göttliche Wahrheit zu erkennen und sich für deren Annahme 
und Befolgung zn entscheiden. Wenn er dann hinterher diese 
Erkenntnis und dieseu Willensakt selbst als etwas Gott- 
gewirktes erkennt, so ist dies nur eben die religiöse Be- 
trachtungsweise, welche alles Geschehen, aucli das geistige und 
moralisehe, deterministisch auf den Urgrund alles Seins zurüek- 
führt; formell d. h. psychologisch ist auch bei der christliehen 
Bekehrung und Heiligung die Mitwirkung, ja die Spontaneität 
des eigenen Willens das Ausschlaggebende ^ Diesem religiösen 
Determinismus des Neuen Testaments entspricht der 
philosophische des Stoikers, wonach aus dem Menschen nichts 
herauskommt, was Gott nicht von Anfang an in ihn h'inein- 
gelegt hat: so entsteht auch dem Ep. die Tugend nicht anders, 
als daß der Mensch die Anlagen seiner Natur entwickelt, das 
Wirken Gottes in sich nicht hemmt, oder wie er und M. Äurel 
sich besonders gern ausdrücken, den innewohnenden 5ai(itav 
rein und unverletzt bewahrt. 

Diese Demut folgt aber ganz notwendig aus der Höbe 
und Reinheit des sittlichen Ideals, das die Stoiker 
aufgestellt haben und das auch durch das Ciiristentum nicht 



' Etwaa allza beatimmt yeraiehert uns Hilty (aaO. 79), daQ tlaa Christen- 
tnm mit iler Stoa hier gänzlich übereinstimme: „es erklärt ebecfaHs, 
daB der Wille in unsrer Maubt steht; wo dies geleagnet wird, hört 
überhaapt jeder Begriff von Moral und jede DiBknasioii über Bokhe Themata 
anf. Wenn er dann fortfährt: „dagegen verweist es allerdings in der 
Folge die Menschen nieht auf die eigene Kraft, sondern verlangt eigent- 
lich bloß diese eine „Wendnng" kh Gott", so wird man doch sagen dürfen, 
wer diese entscheidende Wendung aus eigener Willenskraft ToUfaringen 
kann, sollte auch in der Folge mit seinem Willen vorwärts kommen 
können. — loh glaube, man kommt in dieser Frage ans Widersprüchen 
nicht heraus, wenn man nicht die psychologische und die religiöse Be- 
traeh tun gs weise unterscheidet. 



374 Adolf Bo!ih6ffer 

Übertroffen werden konnte. Mau wird in der Tat schwerlich 
auch nur einen Zug chrisüiehei- Vollkommenheit, wie sie im 
Neuen Testament in Wort und Beispiel vor Augen geführt 
wird, entdecken, den nicht auch Ep. als einen wesentlichen 
Faktor des wahrhaft sittlichen Menschen evkaimt und ge- 
fordert hätte: nicht bloß die aitgriechischen Tugenden der 
Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung, der Pietät und des 
Öemeinsinns, sondeiTi auch die „spezifisch christlichen" Tugenden 
der Keuschheit und Herzensreinheit, der Sanftmut und Milde, 
der duldenden, vergebenden und hilfreichen Liebe {avyyrw- 
novixög avvsQyi^tiYÖs) sind für ihn in dem Begriff des Menschen 
beschlossen. Auch darin gleichen sich beide Anschauungen, 
daß jede, auch die scheinbar geringfügigste Handlung der 
ethischen Beurteilung unterstellt wird, so daß die Vorstelhing 
von besonders verdienstlichen, ethisch fakultativen Werken 
so wenig aufkommen kann wie im echten Oliristentum. Wenn 
Ep. zuweilen andeutet, daß einzelne besonders gottbegnadete 
Menschen über das Maß dessen, was von allen, die Mensehen 
sein wollen, gefordert wird, noch hinausgehen und sich be- 
sondere Entsagungen auferlegen, so billigt er dies nur unter 
dem Gesichtspunkt des besonderen individuellen Berufs des 
Uotteszeugen, genau so wie Jesus, wie Fi freiwillige Opfer 
gebracht haben, weil diese durch ihren besonderen oder einzig- 
artigen Beruf gefordert waren. Eine Verallgemeinerung und 
genossenschaftliche Regelung dieses asketischen Lebens, wie 
es nachmals im christlichen Mönehtum Gestalt gewonnen hat, 
wäre sicherlich nicht nach seinem Geschmack gewesen '. 

"Wenn so das sittliche Ideal Ep.'s nach Höhe, Art und 
Umfang dem des Neuen Testaments ebenbürtig ist, so kann 
man doch in der Motivation des sittlichen Handelns dem 
letzteren einen Vorzug zuerkennen. Zwar im Evangelium 
Jesu selbst ist das oberste Motiv der Heiligung schließlich 
kein anderes als das stoische der Selbsterhaltung (im höheren 
Sinne). Aber in den Briefen Pauli und den johanneischen 
Schriften tritt an deren Stelle mehr das persönliche Motiv 



' Nur mit dieser EinaeliräukDiigf kann inan aageii, Ep. betrachte iaa 
Leb(.a der absoluten Entsagung als ein Ideal [Caird aaO. 148). 



EpiktDt uüd das Neue Testament 375 

der dankbaren Liebe zu Gott und seinem Soline, der durcli 
seinß Liebestat eine ewige Erlösung' erfunden hat. Tq der 
gläubigen Liebe zu ihm liat der Christ eigentlich mit einem 
Mal alle die ethischen Kräfte und Güter, welche der Stoiker auf 
dem miilisamen und entsagungsvollen Wege der philosophischen 
Eildung nach und nach zu erringen trachtet. Es ist gar keine 
Frage, daß durch diesen zentralen Akt des gläubigen Erfassens 
der göttlichen Liebe das AVerk der Heiligung außerordentlich 
vereinfacht und sozusagen erleichtert wird: ein Bück auf den 
Gekreuzigten sagt dem Christen sofort und ohne logische 
Deduktion, was er zu tun und zu lassen hat, und es fällt für 
ihn auch die ganze Diszipliuierung und, zum Teil, auch 
Mechanisierung 1 des ethischen Wachstums hinweg, die Ep. 
so virtuos zu handhaben weiß. Doch die Erfahrung zeigt, daß 
es schon sehr tief religiös angelegte Xaturen seiu miis-sen, 
welche auf jenem einfachen Wege des Glaubens zu einer 
vollentwickelten Sittlichkeit gelangen. Aber auch da, wo dieses 
Höchste nicht erreicht wird, und wo der Glaube keine die 
Persönlichkeit beherrschende Macht ist, hat er, für den ge- 
meinen Mann nämlich, der keiner logischen Ableitung seiner 
Pflichten zu folgen vermag, eine bewahrende und sittigende 
Kraft, der die Philosophie nichts an die Seite zu stellen vermag. 

D. Stellung zur menschliehen GeselLschaft 

Das Verhalten zu den Nebennienschen bildet einen wesent- 
lichen Bestandteil der Sittlichkeit und ist nach dieser Seite 
schon im vorigen Abschnitt zur Sprache gekommen. Hier 
handelt es sich aber darum, weiche Bedeutung das mensch- 
lich e G e ni e 1 n s c h a ft s 1 e b e n und das Wirken des einzelnen 
für die Menschheit und auf die Menschheit im System des 
Ep. verglichen mit dem Neuen Testamente hat. Hier liegt 
nun die A nnahme nahe und ist auch schon oft zuungunsten 

' Daß die im ganzen liöctst vernünftigen Ausichten Bp.'s über die 
Notwendigkeit einer methodi sehen aittlichen Selbstzucht eine gewisse Neigung 
zu mechanischem Seelendrill haben, soll nicht geleugnet wcrdeB. Vgl. be- 
sonders die Ausführung in Diss. 11 IS, 12 S.. wo er rät, die Tage za zählen, 
»n welchen man dem Zorn, dem Arger, der lüsternea Begierde wider- 
standen habe. 



376 Adolf BoDbüBer 

der Stoa vertreten worden, daß der Stoiker gleichgültig gegen 
die raenschliehe Gemeinschaft sei, weil er ja vermöge seiner 
Autarkie den Verkehr mit Menschen und Hilfe und Förderung 
von anderen entbehren könne. Gewiß gehört auch das zur 
vollen Unabhängigkeit von allem Äußeren, die er erstrebt, und 
Ep. führt in dem Kapitel über die iei^ula (III 13) diesen Ge- 
danken in schöner Weise aus, daß der Mensch auch dazu die 
innere Kraft haben müsse, sich an sich selbst genügen zu lassen 
und sein eigener Gesellsehafter zu sein, und zeigt, wie der 
Philosoph auch die Einsamkeit ertragen und sich nutzbar 
machen kann. Aber an derselben Stelle erklärt er den Trieb 
nach Gemeinschaft und liebendem Anschluß an andere und die 
Freude an dem Umgang mit Menschen als ein natürliches 
Bedürfnis. Dieses Gemein sehaftsbedürfnis betont er auch sonst 
oft genug, und der Stoa überhaupt wird man den ßuhm nie 
schmälern können, daß sie die echt griechische Freude am 
Zusammenschluß und Zusammenlehen von ihrer politischen 
und nationalen Begrenzung befreit und zur Freude am allgemein 
Menschlichen, Kosmopolitischen weitergebildet hat. In dem 
epiktetischen Satz, daß der wichtigste und umfassendste Verband 
das avazTjfia e| äv^Qwnwv nal &eov sei (Diss. I 9, 4 vgl. Diog. 
Laert. VII 138), liegt zugleich der Gedanke, daß auch die 
Mensehen ihrerseits eine große Gemeinschaft bilden und, wie 
mit Gott, so auch untereinander eng verbunden sind. Schwer 
verständlich ist es deshalb, wie man vom stoischen Kosmo- 
politismng sagen konnte, er entwerte nur die Gegensätze der 
Völker, ohne sie durch einen gemeinsamen sittlichen Endzweck 
zu einer höheren Gemeinschaft zu verbindend Was kann es 
für einen höheren gemeinsamen Zweck geben, als mit Gott 
und in Gott verbunden zu sein? Da tat v. Aruim gewiß 
richtiger gesehen, wenn er sagt: „Die christliche Idee des 
Gottesreichs, einer christlichen Menschheit, kann ihre Abkunft 
von dem stoischen Kosmopolitismus nicht verleugnen" (Die 
europ. Philosophie d. Altertums 249), und ähnlich urteilt 
J. Karst, wenn er es das unvergängliche Verdienst der Stoa 
nennt, daß sie die große Losung ausgab von der inneren Zu- 



0. PJieiderer aaO. 51. 



Epiktet und dae Neue Testament 377 

sammengehörigkeit des Meiisclieiigeschleehts, das unter der 
Herrschaft eines gemeinsamen Lebenszwecks und eines ein- 
heitlichen Lebensgesetzes steht (Geschichte des heilenist 
Zeitalters, II 1, Leipzig 1909, 133). Unzweifelhaft schwebt 
es dem Ep. als sein Ideal vor, daß die Menschheit mehr und 
mehr vom Logos durchdrungen und zu einer wirkliehen xöauov 
TtöXtg, in weicher der Wille Gottes regiert, umgestaltet werde. 
Es ist also gar keine Frage, daß die Stoa trotz ihrer Lehre 
von der Autarkie des Weisen ein weit lebendigeres Interesse 
an der kulturellen und ethischen P'ntwicklung der Menschheit 
hatte als es das ursprüngliche Christentum mit seinem Glauben 
an das bevorstehende Weltende und die Vollendung des Kelches 
Gottes in einer neuen Welt haben konnte. 

Im einzelnen läßt sich dieses positive Interesse an der 
Menschheit bei Ep. in folgenden Punkten aufweisen. Die 
durch die E h e geregelte Fortpflanzung des Menschengeschlechts 
ist ihm eine selbstvei-ständliche Forderung der Natur und 
Vernunft: von allem anderen (Naturtrieb, Differenzierung 
der Geschlechter) abgesehen schon deshalb, weil zur Ver- 
wirklichung des „Systems aus Gott und Menschen" das be- 
ständige Vorhandensein der menschlichen Gattung als eines 
gewissen Korrelats zur Existenz der Götter notwendig ist. 
Er hat aber nicht bloß ein Interesse an dem physischen Fort- 
bestand der Menschheit ', das im Neuen Testament begreiflicher- 
weise fehlt — daher die Gleichgültigkeit des PI gegen die 
Ehe, — sondern natürlich noch viel mehr an der richtigen 
Qualität dieser Mensehen, die ja nur als Vernunftwesen diesen 
Namen verdienen und zur Gemeinschaft mit Gott befähigt 
sind. Die vollständige Verwirklichung dieses Ideals wäre 
freilich erst in einem Staat der Weisen gegeben, der auch 
für Ep. natürlich in unabsehbarer Ferne liegt. Aber auch 
hierin folgt er dem vernünftigen Grundsatz, daß man, wenn 
man nicht hoffen kann das Höchste zu erreichen, deshalb nicht 
ganz von einer Sache absteht (L 2, 37) : dies ist der gesunde 
Relativismus, der bei Ep. überall zutage tritt und die Ei- 

' MnsoninB cap. 14 p. 73 ed. Hense,- Lips. J905: o dvaipmv iS "'»'- 

S'^nitiv yä/io'', di-ai^et fiiii oixov, dvatjt£l äi ctoXiV^ aVaipsi Si avfinar 10 



378 Adolf BonhÖffer 

gorosität seines ethischen Absolutismus müdeit. Er findet 
auch in dem jetzigen unvollkommenen Zustand der mensch- 
lichen Gesellschaft ethische Werte ffenug, die auch der Philo- 
soph, der sittlich Gebildete, zu achten und zu pflegen hat. 
Vor allem legt er großes Gewicht auf die Beobachtung der 
ax^oEis, der auf der ehelichen Fortpflanzung beruhenden 
verwandtschaftlichen Beziehungen und der aus ihnen sich er- 
gebenden Pflichten: es würde nach seiner Ansicht für die 
ethische Betätigung auch des Weisen eine wesentliche Lücke 
bedeuten, wenn es Gatte und Gattin, Vater und Kinder, Bruder 
und Schwester nicht mehr gäbe K Ebenso verkennt er den 
ethischen Wert des bürgerlichen Lebens keineswegs. 
Schon der physische Fortbestand der Menschheit erfordert, 
dai3 jedes Glied seine Kräfte anstrengt in Arbeit und Erwerb; 
abgesehen davon ist es eine soziale Pflicht des Menschen, 
eine für die Ökonomie "der menschlichen Gesellscliaft not- 
wendige und nützliche Tätigkeit auszuüben, und wäre es auch 
die geringste und niedrigste, z. B. diis Wasserschöpfen, durch 
welches Kleanthes seinen Unterhalt verdiente. Wer nichts 
Tüchtiges gelernt hat oder die moralische Energie nicht be- 
sitzt, jede sich bietende, die Selbstachtung nicht verletzende 
Arbeitsgelegenheit zu benützen, vermag eben keinen mensch- 
lichen Platz auszufüllen (II 4, 5); einem solchen ruft er zu: 
„Warum hast du dich selbst so unbrauchbar und unnützlich 
gemacht, daß dich niemand ins Haus aufnehmen, niemaud sich 
deiner annehmen will? . . . was magst du noch leben, wenn 
du so (nichtsnutzig) bist?" (III 20, 25 ff'.). Ist so Arbeit und 
Berufserfüllung die Grundlage der bärgerlichen Existenz, so 

' DaC dieae o^ione nicht bloß ein Gebiet der Eittlicheu Betütignng;, 
fiondeiu ancb eine Quelle und Pflege statte Eittlicber Eraft sein kännen, lag^ 
ftllerilings den Stoikern fern, wie Misch mit Kecbt hervorhebt (aaO. 264: 
„Diese Ethik . . . hatte hein Organ ii\r die kernhafte, fruchtbare Kraft der 
Lebunebeziehongen, in denen die sittlichen Energien des Menschen wachsen"). 
Wer, wie Ep., der Ansicht ist, daß Sittlichkeit nur durch methodische 
Ausbildung dea Logos zu erzielen sei, kann allerdings dem sittlichen Geist 
der Familie und anderer Verbände nicht tib! Gutes zutiauen. Deswegen 
nimmt er die Jungen Leute aus ihrer Familie und „Frenndachaft" heraus, 
damit sie sich die falschen Söy/iitr/i und i^'; abgewöhnea. Und in der 
Httnptsache wird er mit diesem MiQti'nueu auch Recht gehabt haben. 



£piktet und das Neue Testament 379 

gehört dazu aber auch die aktive Teilnalime an den Ange- 
legenheiten des Staates, die spezifisch politisclie Tätigkeit, 
die Kp. als eine wichtige Pflicht betrachtet, aus deren Gering- 
scliätzung er dem Epikur einen scharfen Vorwurf macht. Oft 
tadelt er diejenigen, die aus Bequemlichkeit sich den Ver- 
pflichtungen, die ihre bürgerliche oder berufliche Stellung mit 
sich bringt, zu entziehen suchen, und so verhaßt ihm das ehr- 
geizige oder 'gewinnsüchtige Streben nach äußeren Würden 
und Ämtern ist, so mißbilligt er doch nicht weniger die so- 
genannte Amtsscheu, weil sich darin genau dieselbe niedrig 
egoistische und unfreie, weil von äußeren Verhältnissen ab- 
hängige Gesinnung offenbare wie im Gegenteil (IV 4, 2 ff.). 

In dem allem zeigt Ep. fraglos im Vergleich zum Neuen 
Testament ein weit positiveres Verhältnis zur menschliehen 
Gesellschaft und eine größere Wertschätzung der konkreten 
Bedingungen und Aufgaben des menschlichen Gemeinschafts- 
lebens ^ Aber er denkt dabei doch nur an das, was durch 
Herkommen und Gewohnheit und durch die bestehenden Gesetze 
bereits sanktioniert und als sittliche Form des menschlichen 
Zusammenlebens sozusagen festgelegt ist, nicht an das, was 
in der Zukunft durch zweckmäßige Arbeit zur Verbesserung, 
zur vernünftigeren «nd gerechteren Gestaltung der mensch- 
lichen Lebensverhältnisse getan werden kann und soll. Diesen 
Mangel teilt die Stoa unleugbar reit dem genuinen Christentum. 
Aus ihm erklärt sich z. B. auch, daß beide den Gedanken 
einer prinzipiellen Abschaffung der Sklaverei nicht gefaßt 
haben. Wir haben zwar gesehen (S. 171), daß Ep. gemäß 
seinem Grundsatz, daß in allen Dingen die Wahl des Besseren 
nicht nur erlaubt, sondern Pflicht ist, es billigen muß, wenn 
der Sklave eine rechtlieiie Gelegenheit zum Freiwerden benützt, 
während es frtr den Apostel Fi zum Gehorsam gegen die 
göttliche Berufung gehört, in dem Stande der Knechtschaft 
zu bleiben. Aber vom Standpunkt der sozialen Gerechtigkeit 
aus verwij-ft auch Ep. die Sklaverei nicht *, und so fehlt ihm 

' Von Jeaus sagt Wrede (Vortrage nnd Stadien 123)- „Das ganze 
konkrete üemeinaohaftsleben der Menschen erscheint iüm nicht als etwas 
an sich WertToUeB". 

' üaa Fragment 36 des Gnomolog, Epiet. Stobaoi (Schw. 42, Schenkl 



380 -i-dölf Bonhöffer 

Überhaupt äas rechte Verständnis für den kulturellen Fort- 
sehritt der Menschheit. . Aus der Freude, die er gelegentlich 
an den Werken der menschlichen Kunst an den Tag legt, 
könnte man zwar schließen, daß ihm auch der Gedanke einer 
fortschreitenden Vervollkommnung der Technik und der mensch- 
lichen Naturbeherrschung nicht ferne gelegen habe; aber es 
fehlt doch an bestimmten Anzeichen hierfür und so finden wir 
auch bei ihm es bestätigt, daß der ethische Absolutismus der 
Stoa, für den eben doch die persönliche Vollkommenheit und 
Unabhängigkeit des Individuums das ein und alles war, ein 
wirklich reges und bewußtes Interesse an dem kulturellen und 
sozialen Fortschritt der Menschheit hintangehalten hat. An- 
dererseits dürfen wir nicht verschweigen, daß, wie gerade 
unsere nach persönlicher Kultur lechzende Zeit zeigt, der 
Fortschritt der äußeren Kultur vielfache Beeinträchtigungen 
des persönlichen Gliicksgefühls mit sich bringt, dessen Sicherung 
und Förderung doch die Hauptaufgabe jeder Ethik ist und 
bleijjen muß. 

In einem Punkt der sozialen Ethik scheint nun aber das 
Christentum vor der Stoa den unbestrittenen Vorzug zu ver- 
dienen, in der Übung werktätiger Nächstenliebe. Dies 
wird auch von solchen ausgesprochen, die sonst dem Stoizismus 



p. 471) aus wekhem Ed. Wcstermarck darziitnn Bucht, diill Ep. daa Sklayen- 
bfllten verurteilt habe (Ursprung uad Entwicklnng der Mo r all) e griffe, Bd 1, 
Leipz. 1907, g. 566) ist sicher unecht ; er hstte niemalB es gebilligt, daB 
jemand die Knethtsehaft fliehe {•ps'ym Se äuvXtiaf), denn ^e-iysiv und 
Hitäxtiv ist nur Bin Platz bei den fy' r/fitv. — Zur Hauptfrage, ob und 
wieweit die Stoiker sicii für den Fortschritt der Kultur interessiert, be- 
ziehungsweise von demaelben auch eine ethische Hebung der Menschheit 
erwartet haben. Tgl. man die verstau dnisvollea Bemerkungen E. Pröcliters 
in seinem „Eierokles der Stoiker", a. B. S. 39 Anm. 2 unten: „Es war das 
(nämlich die Annahme einer sittlichen Dekadenz aud die hieraus sith er- 
gebende fortwährende Klage aber den Sittenverfall) ein aus dem KynismuB 
überkommenes Erbteil, desseu sich die Stoa nicht entledigen konnte), solange 
sie das naturgemäße Leben als Ziel aufstellte. Denn daß das Leben der 
großen Mehrheit der Menschen mit der steigenden Kultur und der sich 
mehrenden Gelegenheit materiellen Genusses nicht naturgemäßer wurde, 
war klai". Dem sittlich Gebildeten selbst freilich tann auch der Fort- 
schritt der Kultur nichts anhaben, er muß bei der verfeinertaten Zivilisation 
wie in den primitivsten Lebensverhältnissen sein Prosopon zn wahren wissen. 



Epiktet and das Neue Testament 381 

alle Gerechtigkeit widerfahren lassen '. Man darf aber doch 
auch die christliche Liebestätigkeit, so wie sie ursprünglich 
gedacht war, nicht überschätzen. Wer einem Sklaven alles 
mögliche Gute tut, sein Brot mit ihm teilt, in der Krankheit 
ihn pflegt und für ihn sorgt, aber nicht daran denkt, seia 
ganzes Leben darch Befreiung von dem Druck der Knecht- 
schaft auf eine höhere Stufe zu heben, dürfte doch wohl die 
Pflicht der Näclistenüebe, soweit es sicli überhaupt um die 
äußere Wohlfahrt handelt, noch nicht in ihrem ganzen Umfang 
erfaßt haben; ebenso wer verlangt, daß man willig jedes Un- 
recht dulden soll, ohne auf gesetzliche Ahndung desselben 
hinzuarbeiten, dürfte das wahre Interesse des Feindes und 
Beleidigers schwerlich zu fördern sich schmeicheln dürfen. 
Wenn man meint, daß der Stoiker, weil er ja von sich selbst 
Erhebung über alle äußeren Unbilden fordert, deshalb kein 
rechtes Wohlwollen gegen andere, keinen lebendigen Drang 
zum Helfen und Wohltun haben könne *, so gilt dasselbe 
prinzipiell auch vom Christen, d«r ja ebenfalls die Leiden 
dieser Zeit gering achtet angesichts der erhofften Seligkeit, 

■ Caird urteilt über die stoische Philanthropie, daß sie zwar nicht die 
invasive emrgy der chriatlichen Liebe hahe, aber döoh eine comprehenüw 
sym-pfithy beförderte, welche die trennenden Vorurteile milderte und den 
Weg bahnte für die Religion der Humauität (aaO. 11 7ö)- — O. Heinrici 
sagt Ton Ep., die durchgreifende, alles überwindende Menschenliebe, welche 
auch Fürbitte leistet für die Verfolger, kenne er nicht (Die Bergpredigt, 
Leipzig 1905, S. 55). Hiergegen ist zu sagen, was diese Fürbitte für die 
Feinde ethisch wertvoll macht, nümlicii die von Haß und Kacbsucht voll- 
kommen freie Gesinnnng, besitzt Ey. ganz in demselben Maße; daß er sie 
nicht gerade in der Fürbitte offenbart — was auch bei guten l^liristen 
selten genug vorkommen dürfte — hat seine anderen Gründe. Und „durch- 
greifend" scheint mir nach dem im Teste weiter Ausgeführten nicht gerade 
das passendste Epitheton der chriatlichen Caritas •/» sein: durchgreifend 
helfen, d. h. die ganze soziale Stellung der Enterbten heben, will erat 
unsere Zeit. 

^ Was an Leckys Urteil richtig ist. Menschen, denen der Tod gleich- 
gültig sei, können keine ßeligion des Wohlwolleus begründen (aaO. 174), 
trifft prinzipiell auch das Christentum, noch mehr den Buddhismus und 
Schopenhauers Lehre, nud doch will diese die Philosophie des Mitleids und 
dea Wohlwollens sein. ~ Auch Jesus hat die Nächstenliebe nicht sowohl 
nnt^r dem sozialen als vielmehr unter dem indiTiduellen Gesiehtspuukt ge- 
fordert (Wrede, Vortrage und Studien 121). 



a82 Adolf ßonhöffer 

Wenn ti-otzdem ein wärmerer Geist der Menschenliebe durch 
das Neue Testament weht als selbst durch die Reden eines 
Ep., so hat dies mehr religiöse als sittliche Gründe: der Christ 
freut sich Nächstenliebe zu üben einmal und vor allem gegen 
die „Brüder und Schwestern", um auch dadurch die innige 
Zusammenj^ehörigkeit der Gläubigen, die religiöse Solidarität 
der Erwählten vor Gott und der' Welt zu bekunden ; sodann, 
sofern er auch den Draußenstehenden Gutes erweist, tut er 
es im Gedanken an die über alle sich erbarmende Liebe Gottes, 
gleichsam um dem Gott und Heiland, der auch seiner sich er- 
barmt hat, in seinen Brüdern (im weiteren Sinne) eine schwache 
Gegenliebe zu erzeigen. Eeiii ethisch betrachtet hat Ep. die 
Pflicht der Humanität ebenso hoch gewertet und ebenso nach- 
drücklich ans Herz gelegt wie das Neue Testament, und daß 
ihm die Erweisung tätiger Menschenliebe als das Höchste gilt, 
das ihm sogar noch über der sittlichen Arbeit an sich selbst 
steht und die Krone des sittlichen Wirkens ist, ersehen wir aus 
dem schönen Bekenntnis: „In welcher Tätigkeit möchtest du 
vom Tode betroffen werden? ich für meinen Teil in der Aus- 
übung Irgend eines menschlichen, wohltätigen, gemeinnützigen, 
edlen Werkes" (IV 10, 12). Daß endlich die größte Wohltat, 
die man einem Mensehen erweisen kann, darin besteht, daß 
man ihm innerlich hilft, ihn sittlich bessert und auf den Weg 
der Wahrheit bringt, ist ihm ebenso wohl bewußt, wie aus 
der überragenden Stellung hervorgeht, die er dem Jiwixög ein- 
räumt, dessen Aufgabe eben in nichts anderem besteht als in 
der sittlichen Besserung der Menschheit. 



Dritter Abschnitt 

Die CiGsamtbedeHtung 

Wenn wir zum Schluß -die Bedeutung Ep.'s im ganzen 
mit derjenigen des Neuen Testaments vergleichen wollen, so 
kommt er dabei natürlich nicht als singulare Erscheinung, 
sondern nur als derjenige in Betracht, der den stoischen Ge- 
danken am reinsten vertritt und am vollkommensten verkörpert, 
in dessen Person alles, was von den Tagen Zenons an die 



Epiktct und dns Neue Testament 3g3 

Stoa an geistigen Werten hervorgebracht bat, wie in einem 
Brennpunkt sich vereinigt K Wir müssen also über die Person 
Ep.'s hinausschauen und stellen den Stoizismus als Ganzes 
dem Christentum an die Seite, indem wir zuerst seine geistige 
Bedeutung, sodann seine geschichtliche Mission und endlich 
seine Bedeutung für unsere Zeit ins Äuge fassen. 

Daß die stoische Pliilosophie an geistiger Bedeutung 
dem Christentum sehr nahe kommt, dafür hat, denke ich, die 
ganze bisherige Darstellung den Beweis auf Schritt und Tritt 
gebracht, und es herrscht darüber auch unter den Gelehrten 
heutzutage große Übereinstimmung. Eein philosopjiisch be- 
trachtet steht natürlich Piatons Spekulation und das System 
des Aristoteles viel höher, das wirklich Originale und Selbst- 
erdachte geht bei der Stoa verhältnismäßig nahe zusammen; 
aber die Stoiker haben es verstanden aus sokratischen, pla- 
tonischen und aristotelischen Gedanken ein einheitliches System 
aufzubauen, dem eine mächtige, in ihrer Art auch originale 
Idee zugrunde lag nnd das der Weit als etwas durchaus Neues 
und Charakteristisches sich darstellt. So kann v. Arnim sagen: 
„Das stoische System ist die letzte große selbständige System- 
bildung der antiken Philosophie, es kommt an historischer 
Bedeutung für die antike Kultur der platonischen und aristo- 
telischen noch gleich" (Die europäische Philosophie des Altev- 

' Leoky (aaO. IßT): Dos heidnische Altertum hat uns kein erhabeneres 
Beispiel ais das desEp. hinterlassen. — Korden sagt: „Wie ein Phänomen 
zog er die Augen auf sich" nnd verweist auf die ihn feiernde Inaehrift in 

Pisidien, wo es heißt Toioiiä; ti; rlirrft SaO^i d:tij fiatpös htX'^'! (Kunst- 
prosa 11 243). — Misch (aaO. 263): „Die muralische Per^önlielikeit Ep.'s 
hat etwas unamuhrbar Großes". — Hatch (aaO. 5): „Ep. war der Solirates 
seiner Zeit, in weli;hein die Sittliehkeit und Eeügiosität der giieohischen 
Welt ihren hüthi-t«n AuBdnick gefunden bat". — Diese groGe Hoch Schätzung 
Ep.'s, die schon Herodes Atticus inauguriert hat, indem er ihn den größten 
aller SUntn nannte (vgl. K. Hirzel, Der Dialog, Leipzig 189S, II 259), darf 
uns natürlich nicht hiudern an dem Zugeständnis, daß m mancher Hinsicht 
MnsciEius oder Mark Aurel noch gröfiere Bewunderung verdient. So spricht 
K. Hartmann von des Musoniua trefflicher, zuweilen Ep. au Weit« des 
BliciieB und ethischer Tiefe übertreffender Lehre (aaO. 25^); auch Leipoldt 
(aaO. 161] findet, daB er der chriatlicben Siulichkeifc vielleicht am nächsten 
stehe, nnd Leckj nennt den stoischen Kaiser den reinsten und edelsten 
Geist der gesamten heidnischen Welt (aaO. 233). 



384 Adolf Bonhüffer 

tums 249). Und dieses Charakteristische, wodurch es sich 
von den früheren Systemen unterschied und über sie hinaus- 
ging, lag eben in der Richtung, welche die Eeligion Jesa 
fernerhin dem menschlichen Geistesleben gegeben hat; es ist 
die Idee von dem absoluten Wert jeder einzelnen Menschen- 
seele, die Idee der Freiheit von der Welt in Gott und durch 
Gott. Wenn dies das Höchste am Christentum ist, so hat die 
Sfoa dieses Höchste in ihrer Weise auch gehabt. 8ie hat die 
Idee der Menschheit, die souveräne Machtvollkommenheit des 
philosophischen Individuums auf eine unvergleichliche Höhe, 
gebracht (Aall, Logos I 148; J. Karst, Geschichte des hellenist. 
Zeitalters II 1, 125), sie hat eine Ethik geschaffen, die selten 
erreicht, nie übertroffen worden ist (Lecky aaO. 264), und selbst 
Friedr. Jodl, dem vieles an ihr nicht gefällt, sagt, daß das 
Christentum kaum einen ethischen Gedanken aufweist, der 
nicht bei den späteren , römischen Stoikern seiue Parallele 
hätte (Geschichte der Ethik, Ed I, 2. Aufl. Stuttgart und 
Berlin 1906, 127). 

Diesem geistigen Werte entspricht nun auch die ge- 
schichtliche Bedeutung, welche die stoische Schule tat- 
sächlich gehabt hat. Diese Bedeutung war eine dreifache. 
Erstens hat die Stoa vier bis fänt Jahrhunderte lang die 
antike Welt geistig beherrscht, im Zeitalter politischur Auf- 
lösung und ethisch-religiösen Niedergangs den gebildeten 
Griechen wie Eömern die Religion in gereinigter und ver- 
geistigter Form erhalten und ihnen einen festen sittlichen 
Halt gegeben. Zweitens hat sie eben dadurch dem Christentum 
am stärksten vorgearbeit und durch die große Popularität 
ihrer Gedanken nicht bloß bei den Gebildeten, sondern auch 
bei der Masse der Ungebildeten ihm den Weg geebnet. Und 
drittens hat sie, wenn auch noch nicht in den ersten Gene- 
rationen, so doch vom Anfang des zweiten Jahrhunderts ab 
sich mit dem Christentum verschmolzen, ihm, allei-dings im 
Verein mit dem Piatonismus, ihre Ausdrucksformen und An- 
schauungen geliehen und ist so ein wichtiges Ferment in der 
Entwicklung der christlichen Ethik und Dogmatik geworden, 
wie dies nicht bloß an den christlichen Apologeten, sondern auch 
an den Kirchenvätern, griechischen und lateinischen, einem 



Epiktet und das Keue Testament 385 

Clemens, Origenes, Tertullian, Lactanz, Ambrosius und Augustin 
und anderen leicht nachgewiesen werden kann. 

Es will mir deshalb fast als eine müßige Frage erscheinen, 
■warum der Stoizismas sich in der griechich-römischen Welt 
nicht der neuen Religion gegenüber erhalten habe, sondern 
von ihr verdrängt und aufgesogen worden sei. Er hat sich 
ja in gewissem Sinne in ihr erhalten und damit kann er 
zufrieden sein. Überdies: Alles hat seine Zeit, und das 
Christentum, aus dem Semitismus geboren und zunächst für 
diesen bestimmt, hatte doch von Haus aus eine weitere, national 
weniger bedingte Perspektive als die Stoa, und es ist klar, 
daß das Umfassendere, Universellere immer des Beschränkteren 
Herr wird, wenn es ihm an geistiger Kraft auch nur eben- 
bürtig ist. Wenn wir aber dennoch auf jene Frage noch 
genauer eingehen wollen, warum das Christentum und nicht 
die Stoa die Welt erneuert hat, so scheiden alle derartigen 
Lösungen, wie daß der Eömerbrief ein Pflug war, der tiefer 
pflügte als die Reden Ep.'s oder daß das Christentum den 
Menschen nicht nur die Idee, sondern anch die Kraft eines 
sittlichen Lebens gegeben habe, nach dem Gesagten für uns 
von vornherein aus \ Der Pflug Ep.'s pflügte tief genug, und 
die sittliche Kraft liegt eben in der Idee und wird wirksam 
in denen, die sie ins Herz aufnehmen. Das ist aber, wie einst 
bei den Anhängern der Stoa, so nun in der Christenheit immer 
die Minderheit, und wie Ep. im Hinblick anf die ethische 
Stumpfheit der Menge ausrief: „Zeiget mir doch auch nnr 
einen Stoiker!" so hat ein Kierkegaard nicht weniger schroff 
über das gewöhnliche sogenannte Christentum geurteilt. An 
ethischer Kraft war die Stoa diesem nicht inferior^. 

' A. Hanarath aaO. I 512. — Joh. Weifi, Chriatl. Freiheit 33. 

' Wenn J. Wein (aaO. 23) im Hinblick anf Ep. sagt, die immer 
wiederholten Imperative, der nnermUdliclie und monotone Appell »n das 
Wollen verraten, wie wenig Erfolge die stoischen Prediger beobachten, wie- 
viel ihnen die Trägheit und SchwEche der Menschen zu achafien mache, 
80 ist dies eine Erluhrung, welche aach die christlichen Prediger aller 
Zeiten machen, ohne daß man deshalb dem Evangelium die sittlich wirk- 
same Kraft absprechen würde. — Auch mit P. Wendland (Hell. röm. Knltnr 37) 
kann ich mich nicht einverBtanden erklären, wenn er angesichts der Über- 
flügelnng der Stoa durch das Christentum sagt, die Mittel tein morali- 

KBligionaeesohkLUiolifl Versuche a. Voravheiten X- 26 



\iQQ Adolf Bonh^Ser 

Der Wahrheit näher kommt eine andere Erklärung-, die 
z. B. Lecby gegeben hat, der sagt; „Weil der Stoizismus 
offenbar den religiösen Bedürfnissen der Zeit nicht entsprach, 
kam seine edle und höchst fruchtbare Entwicklung zum Still- 
stand" (aaO. 337). Der in halbpantheistischem, halb the- 
istiscliein Sinne vergeistigte Polytheismus der Stoa war selbst- 
verständlich nicht nach dem Gescliniaek der großen Menge, 
die greilbarere Objekte ihrer Phantasie und drastischere An- 
fassungen des religiösen Gefühls begehrt, und für welche der 
äußere Koitus immer weit wichtiger ist und sein wird als die 
Anbetung Gottes im Geist. Als der polytheistische Glaube 
seine innere Wahrheit verloren hatte, suchte die griechisch- 
römische Welt ihren religiösen Hunger zu stillen an den ge- 
heimnisvollen und aufregenden Kulten des Orients, und in 
dieser Zeit religiöser Zerfahrenheit, wo die Eeligion fast mit 
der Leidenschaft des Sportes betrieben wurde, war es ein 
unermeßlicher Segen für die Menschheit, daß eine Religion 
aufkam, welche nicht bloß durch ihre göttliche Größe und 
Einfalt Geist und Herz befriedigte, sondern zugleich durch 
die dramatische Spannung, mit welcher sie die Weltentwicldung 



Bietender Predigt seien bald aufgebraucht und es fehlen jener die tiefe^ 
sittlichen Motive nnd auf das Innerste des Slenschen wirkenden Kräfte. 
Erstens ist die Predigt Bp.'s nicht rein moralisierend, sondern hat, wie 
Wendland selbst anerkennt, einen stark religiösen Einschlag; zweitens 
fehlt es seinen sittlichen Motiven, die bei ihm von den relig'iüsen nicht ab- 
getrennt werden können, m. E. moht an Tiefe und Wirksam keit. Als 
Beweis dafür gilt mir, abgesehen von dem eigenen Eindruck, das herrliehe 
Zeugnis des Aufzeichners der epiktetischen Eeden, des Arrianos in seiner 
des Meisters würdigen kurzen Dedicatio, und das gewiß nicht parteiische 
Urteil des Simplicius in der Vorrede seines Kommentars zum Encheiridion: 

UoXii Si rö SffaoTJJffiov xai mi'T^Tixii' l-(ovair ol Xäyof läe rovs /i^ fiäw 
VSVCK^oifigvovi >i%'ieo9'at i^ avTüiv uat ovfato&afEaü'ai ttüv olueicap iia&wv 
xtfi 7rj>os Siä^&ßtotf avTiuf eTiEyeipeo&at . , . ntti pi' Tts vTih tovTtov fit} ^dox^i- 
iwv XöyofVf vnh fiävofj' av tüjJ' ^f i^Soo StHaoiTj^infv UTifvd'VT'd'siij. — Wcna 

Wendland im selben Zusammenhang darauf hinweis', daä der Neuplatonismas 
die Stoa völlig in den Schatten gestellt habe, so liegt die giänzendate Recht- 
fertigung für die Unüherwindbarkeit der Stoa nnd die unzerstörbare Lebens- 
kraft der Ethik Ep.'a gerade darin, daß 400 Jahre nach dessen Tod der 
Neuplatoniker SimpüciHs sie kommentiert und, kann man rnhi^ sagen, sich 
selbst augeeignet hat. 



Epiktet und das Nene Testament 38? 

erfiillte, Phantasie und Gefühl mächtig anregte und durch 
Ihren ■würdigen Kult, in welchem aber doch das Wunderbare, 
Übernatürliche nicht fehlte, ja mehr und mehr eine bedeutsame 
Rolle spielte, dem mystischen Bedürfnis genügte. Als Re- 
ligion hat das Christentum über die Stoa gesiegt, denn als 
Eeligion konnte diese mit jenem natürlich nicht konkurrieren. 
Der Hauptgrund aber, warum die Stoa dem Christentum 
unterlag, scheint mir in etwas anderem zu liegen. Man könnte 
ja sagen, wenn die Stoa die breiten Massen mit ihren sitt- 
lichen Ideen zu erfüllen vermocht hätte, so hätte jener Drang 
nach positiver, mystischer Religiosität gar nicht entstehen 
oder jedenfalls nicht einen solchen Umfang annehmen können. 
Denn ein unabweisbares Bedürfnis der menschlichen Natur 
ist eine solche leidenschaftliche Religiosität nicht. Aber ge- 
rade dies, die Ethisierung der Massen, konnte der Stoizismus 
seinem ganzen Charakter nach nicht erreichen, ja nicht einmal 
ernstlich anstreben. Als philosophische Schule war er 
an die überlieferten, durch die sozialen Verhältnisse des grie- 
chischen Nationalstaates bedingten und begrenzten Formen 
der Propaganda gebunden und konnte deshalb naturgemäß 
nur die Reform der höheren Gesellschaftsschiehten, in welche 
freilich auch der freigelassene Sklave gelangen konnte, sich 
zum Ziele setzen. Auch Ep. macht hierin keine Ausnahme, 
seine Zuhörer sind nicht Handwerker und Tagelöhner, Ge- 
werbetreibende und Bauern, sondern Söhne wohlhabender 
Eltern, Angehörige der jeunesse doree, die Philosophie studierten, 
weil es zum guten Ton, zur feineren Bildung gehörte. Die 
Vulgär i.sierung der Philosophie ist durch die Kyniker, 
nicht durch die Stoiker betrieben worden, und daiJ jene mit 
ihren halb widerlichen, halb iächerlichen Extravaganzen die 
Gesellschaft nicht zu reformieren vermochten, wird niemand 
wundern. Ep. selbst deutet an, daß er anfangs diese Praxis 
der Volksbekehrung getrieben habe, bald aber davon zurück- 
gekommen sei {II 12, 25), und sein Äii^xog, der ja allerdings 
allein dieser Aufgabe gewachsen ist und huldigt, ist doch, so 
wie er ihn schildert, ein solcher Wundervogel, daß er sich 
von seinem singulären Auftreten nicht im Ernst eine allge- 
meine und nachhaltige Erneuerung der Menschheit versprochen 

25* 



388 Adolf Bonhöffer 

haben kann. So ist es denn gewissermaßen das tragische 
Gescliick der Stoa, daß sie, die erstmals den Grundsatz der 
Gleichheit der Menschen und des gleichen Anspruchs aller 
auf den Besitz der Wahrheit und den Vollgenuß der Menschen- 
würde verkündigt hat, durch ihre historische Gebundenheit 
an die Lehrformen des aristokratischen Partikularismus ge- 
hindert war, ihre univei'selle Mission zu erfüllen. 

Nichtsdestoweniger ist ihr Wirken auch zur Zeit ihres 
schulinäßigen Bestandes nicht umsonst gewesen und es wäre 
ganz verfehlt zu meinen, die Predigt der Stoiker habe keinen 
oder nur geringen Erfolg gehabt Auch Heinrici z. B. nennt 
den Ep. einen Meister eindrucksvoller, die Seele weckender, 
das Gewissen schärfender Predigt {Der literar. Charakter 10) 
und Aa!l sagt mit Recht, die Person des Mark Aurel zeuge 
besser als irgend etwas anderes für die Energie des stoischen 
Logosbekenntnisses (Logos 1 155). Ganz richtig charakterisiert 
Lecky den Stoizismus als eine Heldenschule und findet 
es eben deshalb nur natürlich, daß er von der großen Masse 
verworfen wurde (aaO. 177), und J. EöviUe's Urteil: Autant 
elk a ete feconde en sages et en Mros, autant eile s'est montrie 
impuissante ä reformer la socicte (La religion ä Rome, Paris 
1886, 5) bedeutet für uns nach dem Gesagten nur ein Lob, 
keinen Tadel'. Und wenn A. Hausrath sagt, der Staat der 
Weisen, wie er dem Piaton, und derjenige der Tugendhaften, 
wie er der Stoa vorschwebte, liege auf der gleichen Fährte 
wie die Gemeinschaft der Heiligen, aber nur Jesus habe die 
Hand angelegt, diese Republik der Guten und Weisen zu 
verwirklichen (aaO. I 67), so können wir uns eines Lächelns 
nicht erwehren angesichts der Tatsache, daß eben auch in 
der christlichen Kirdie aller Zeiten dieser Erfolg nur in sehr 
bescheidenem Umfang eingetreten ist. 

Was aber die Stoa damals vollbracht hat, das vermag sie 
auch heute noch zu leisten, und so komme ich noch mit ein 
paar Worten auf ihre Bedeutung für die Gegenwart 
zu sprechen. Über diesen Punkt haben gerade in den letzten 

' Auch die Sittlichkeit, die Jesus fordert, die Gerechtigkeit des Beiehes 
Qottes hat einen heroischen Charakter, wie Wrede mit Becht bemerkt 
(Vorträge und Studien 121). 



Epiktet und des Nene Testament Sgg 

Jahren mehrere, besonders französische und englische Gelehrte 
zum Teil ausführlich und treffend gehandelt,^ so namentlich 
F. Ogereau in seinem bereits mehrfach zitierten Essai sitr le 
sysÜmephihs. des Stoiciens {p. 303 ff.) und neueetens W.L, Davidson 
in The Stoic Creed, Edinburgh 1907. Auch der schweizerische 
Eechtslehrer und Moralschriftstelier C. Hilty hat in seinem 
bereits erwähnten „Epiktet" auf den praktischen Wert der 
epiktetischen Ethik für unsere Zeit hingewiesen und den Mut 
gehabt es auszusprechen, daß neben der christlichen Ethik 
nur noch die stoische als Anweisung zu einer ernsthaften, 
vollbefriedigten Lebensführung in Betracht kommen könne. 
Speziell mit Beziehung auf Ep. suchten dies darzutun Colar- 
deau am Schluß seiner Monographie und in besonders ge- 
diegener,' beherzigenswerter Weise L. Weber in seinen 
früher erwähnten Artikeln in der Bevue de mäapkt/siqne et de 
morale. Er scheut sich nicht, geradezu zu sagen, es wäre gut 
wieder zu Ep.'s Methode der sittlichen Bildung zurückzukehren, 
und auch Davidson ist der Ansicht, daß der stoische Opti- 
mismus eine Aufgabe in der Gegenwart habe, daß der beste 
Christ das Manuale Ep.'s mit Nutzen studieren könne, und 
erklärt (nach Farrar's Seekers afür God): „Du kannst eben- 
sogut die Mahnungen Pauli verachten wie die Meditationen 
Mark Aureis" (aaO. 213. 252 ff.). 

Meine eigene Meinung hierüber brauche ich nicht mehr 
genauer darzulegen, da sie in allem Bisherigen hinlänglich 
zum Ausdi-uck gekommen ist. Wichtiger aber als jede Meinung 
ist die innere Erfahrung von der stählenden und tröstenden 
Kraft des epiktetischen Idealismus, die heute noch jeder an 
sich machen kann. Es handelt sich wahrlich nicht darum, 
die stoische Ethik gegen die christliche auszuspielen, sondern 
wie einstens beide in so manchen Vätern der christlichen 
Kirche sich friedlich vertragen und in aller Stille mit ein- 
ander verschmolzen haben, so können sie auch heute noch 
sich gegenseitig ergänzen und mit vereinter Kraft dem ethischen 
Skeptizismus und Nihilismus entgegentreten. Freilich auch 
diesen Richtungen werden wir ihren Wert für die Ökonomie 
des menschliehen Geisteslebens nicht absprechen, denn nur 
dnrcii den Widerstreit der Anschauungen kann die Menschheit 



3Q0 Adolf Bonhüfter 

vorwärts kommen. Nichtsdestoweniger wird der einzeloe heute 
und immerdar am ehesten dann zu einem wahrhaft freudigen, 
auch die schwersten Erschütterungen Überdauernden Lebens- 
gefühl gelangen, wenn er sich an die christliche oder an die 
stoische Ethik hält, oder noch besser an beide zugleich. Weun 
die erstere den großen Vorzug hat, daü sie das Gefühl un- 
endlich tiefer und kräftiger anregt rnii befriedigt, so hat die 
letztere das'Gute, daß sie, als rein auf die Vernunft gegründet, 
von allen Wandlungen philosophischer Theorien und religiöser 
Vorstellungen unabhängig und deshalb in höherem Grade frei 
von vergänglichen Elementen ist^ 

' Tu diesem Sinne, d. h. mit Eiaschlaß der ana der christlichen Ethik 
stammenden Mildernng und Bereieberung, dürfen wir gewiß auch H. Höff- 
dingB Urteil verstehen: „Unsere Ethik ist die griechische Ethik, welche 
die spätere ethische Entwicklung hat Sadern nnd berichtigen können, welche 
sich aber niemals wird verdrängen iassen, solange etwas bestehen soll, das 
mit Recht den Namen einer meuachlichen Ethik verdient" (Ethik, 2. Aufl., 
Leipzig 1901, S, 191). 



Ei)iktet uad daa Neue XeBtement 391 



Berichtigungen 

S. 30 Z, 17 T. 0. otöf re statt oloi^l 

8. 62 Z. 7 T. u. 470 M statt 970 M 

S. 66 Z, 3 V. 0. ?ii tiersfeften atatt gesagt 

8. 67 Z. 4 V. 0. es statt er 

S. 104 Z. 13 y. 0. wären 

S. 139 Z. 10 V. H. Onii^o^i^i 

S. 168 Z. 18 Y, 0. den statt dem 
8. 189 Z. 14 y. u. »t6s statt ^sos 
S. 207 Z. 1 T. u. 57 statt 40 
S. 212 Z. 3 V. u, ou^7r<i5-i;e 
8. 214 Z. 2 V. 0. ii^ot.Biißäva 

S. 214 Z. 4 V. n. n^VoO 

S. 224 Z. 4 T. 0. 55 statt 55 

S. 270 Z. 2 T. 0. «ogßäv statt «oji^oV 

8. 271 Z. 16 T. n. elienso 

S. 309 Z. 10 T, 0. ^«i-i'i.^ atatt ßa.ivo>v 

S. 310 Z. 11 T. 0. äfd-^ä- 

S. 320 Z. 8 V. 0. "fri 

9. 336 Z. I T. n. Jüuger» 

S. 337 Z. 5 V. 0. Koi atatt ««i 

S. 338 Z. 1 V. 0. olv 

S. 345 Z. 4 V. u. MOii atatt ««■ 



Nachträge 

Zu S. 29 if. (Einheitlichkeit der stoischen Weltanschanung). 
Aus Vereehen blieb hier unerwähnt das gewichtige, zugleich 
auch die Ausfülimngen auf S. 382 fi'. (Gesamtbedeutung der 
Stoä) stützende Urteil von Ä. Schmekel, Die Philosophie der 
mittleren Stoa, Berlin 189S, 473: „Nicht weniger, oder jeden- 
falls nicht viel weniger groß (als das Gedankengebäude des 
Piaton und Aristoteles) ist auch das in sich durch und durch 
konsequente, monistische System der Stoa sowohl hinsichtlich 
seines Einflusses auf die Folgezeit wie seiner Grundidee". 
Auch Ad. Dyroff nennt den Stoizismus „das konsequenteste 
der intellektnalistischen Systeme" (Die Ethik der alten Stoa, 
Berlia 1897). 



392 Adolf Honhöffer 

Zu S. 82 W. (Abhängigkeit des Neuen Testaments von der 
Stoa). In seinem kürzlich erschienenen Werk „Roman Stoicism" 
(Cambridge 1911) behandelt B. Vernon Arnold eingehend „the 
stoic strain in christianity" (p. 408 ff.). Soviel ich aus flüchtigem 
Einblick urteilen kann, überschätzt er etwas den stoischen 
Einfluß auf das Urchristentum. 

Zu S. 112 Z. 11 V. 0. Es ist vor „Platon" einzuschalten 
„Herodot und". 

Zu S. 136 unten (F. Blasg, Grammatik des neutestament. 
Griechisch). Inzwischen ist die erste Lieferung von L. Kader- 
machers Neutestamentl. Grammatik erschienen (Handbuch zum 
Neuen Testament I, 1. Tüb. 1911). Ich konstatiere mit 
Bezug auf S. 193 meines Buches Anm. 1 mit Genugtuung, 
daß auch Radermacher, nachdem er die Grundlosigkeit der 
Annahme von „Hebraismen" »n vielen Beispielen dargetan 
hat, doch den an Stelle eines Attributs stehenden Genitiv einst- 
weilen als Hebraismus gelten läßt (S. 19). 

Zu S. 160 oben (Epikteta Religiosität). Die Schilderung, 
welche Ed. Meyer in seiner aasgezeichneten Darstellung dea 
Sokrates von dessen Stellung zur Religion entworfen hat 
(Gesch. d. Altert. IV, 1901, S. 451 ff.) paßt fast Wort fiir 
Wort auch auf Epiktet und ist mir eine erfi-euliche Bestätigung 
dei' Richtigkeit meiner Auffassung. 

Zu S. 167 ff. (Lasterkataloge). Wenn man neuestena 
(Bultmann. Vgl. S. 179 A. 1) sogar in den „Peristasenkatalogen" 
des Paulus eine Imitation stoischer Oratorik finden wollte, so 
mache ich darauf aufmerksam, daß schon bei Piaton (Respubl. 
II Jj, 361 E ff.) ein solcher Peristasenkatalog zu lesen ist. 

Zu S. 390 A. 1. Der Ausspruch Höffdings über die 
griechische Ethik, mit dem ich mein Buch besehließe, wird 
trefflich beleuchtet durch die schönen Worte Ed. Meyers 
über Sokrates (aaO. S. 461 ff.) und stimmt aberein mit dem 
Urteil, das Chr. Schrempf in einer öffentlichen Rede über 
„Sokrates und Christus" gefällt hat. 



Epiktet und dag Neue Testament 



393 



Verzeichnisse 

I. Stellenverzeichnis 
1. Antike Autoren 







A. 


Epiktet ' 








DlBB. 


I 


9, 16 




52. 292 


19 


5 


126 


1,8 


S. 64 


19 




ÖO. 293 




9 


40 


10 ff. 


11 


20 




8 




11 fi. 


193 


2, 36 


39 


S9 




277 




14 


224 


36 fi. 


17. 377 


12, 16 


28. 


132. 242 




15 


253 


3,1 


212. 289 


26 




3&8 




26 


361 


3 


188 


32 




235 


20 


5 


28. 260 


6 


66 


36 




115 




6 


168 


6 


68. 161 


13 tit. 




291 




17 


161. 263 


9 


48 


5 




70 


22 


1 


232 


4,13 


234 


15 




31 


24 


11 


231 


18 


132 


H tu. 




247 


25 


4 


285 


28 


112 


6 




234 




10 


336 


S9 


77 


8 




261 




17 


118. 302 


32 


. 92. 289 


15, 7tf. 




15 




26 fE. 


117 fi. 


5 tot. 


232 


16, 9 




356 




32 ff. 


255 


i 


50 


17, Iff. 


28 


169. 284 




33 


300 


6,9 


173. 366 


12 




283. 336 


26 


15 105. 302. 311 


10 


261 


14 




20 


27, 


2 ff. 


118 


16 


224 


17 £f. 




77. 296 




14 


297 


21 


239 


18 fi. 




40 




15 S. 


260 


26 


118 


18, Iff. 




233 




21 


116 


8,6 


253 


6 ff. 




303 


28, 


4 


69 


9,4 


260. 376 


9 




129 




9 


213. 303 


b 


61. 292 


11 




21 




10 


129 


8 


9 


14 




21 




20 


48 


9 


115. 310 


15 




123 




28 ff. 


119 


lOfi. 


367 


19 




116 


29, 


4 


337 


11 


121 


21 




222 




6 


161 



' Die Stellen, weiche S.284ff. in fortlaufender Eeihenfolge beaprochen 
werden, sind hier nar in dem Fall aufgenommen, wenn sie such songt im 
Bach Totkommen. ParallelBtellen, die nicht wörtlich zitiert oder als he- 
Bondera wichtig bezeichnet sind, blieben imbetückstchtigl. 



394 




Adolf Bonheffer 






29, 39 ff. 


87 


10, 12 


48 


22, 80 


112. 313 


460. 


38ff. 806 


11,1 


222. 302 


35 


107 


48 


33. 41 


24 


119 


36 


20. 813 


60 


41 


12, 4 


13. 222 


23, 3 


67. 261. 264 


30, 1 


294. 303 


7 ff. 


321 


5 


395 






25 


206. 387 


14 


230 


Disa. II 


13, 9 


372 


19 


177 


1 tit. 


248 


10 


S21 


362. 


301 


. 16 


63 


17 


69 


40 


210 


17 


67. 111 


14, 11 


394. 338 


43 


137 


84 


126. 208 


23 


330 


26, 4 


60. 31G 


3SB. 


337 


lö, Sfi. 


237 


7 


13 


2, 13 


33L 


7 ff. 


80 






3, Iff. 


132. 308 


8 


206 


Dies, m 


4, Iff. 


370 


13 


15. 2fl0 


1 tot 


32 


5 


S65. 308. 378 


16 


41 ff. 


22 


139 


5 tit 


226. 365 


20 


258 


23 


287 


& 


U6 


16, 18ff. 


24 


40 


117 


S8 


297 


27 


155 


2,6 


254 


24 


67. 233 


28 


246 


8 


111 


27 


11 


39 


61 


14 


126 


6 tot. 


221 


42 fl. 


66. 313 


3, 1 


262 


2 


326 


46 


336 


2 


828 


9 


171 


17, 1 ff. , 


192, 221 


6 


173 


12 


Ö6 


8 ff. 


28, 135 


13 


116 


18 


355 


21 


241 


22 


67 


19 


135 


26 


69 


4,6 


120 


7 tot. 


363 


88 


311 


5,8 


19 


12 


39 


18, 6 


215 


10 


287 


13 


285 


12 ff. 


375 


14 


18 


30 


188 


26 


230 


16 


21 


8,3 


162. 188 


29 


189 


6,5 


223 


ng. 


294 


19, 23 fl. 


16 


8 


166 


12IL 


58 ff. 


24 


164 


7,3 


138. 161 


18 


209 


26 


170 


9, 10 


296 


14 


â–  116. 358 


27 


50 


17 ff. 


18 


21 


53. 236 


20, 7 


114 


18 


123 


34 


54 ff. 139 


14 


277 


21 


235. 318 


9,3 


173 


18 


90fi, 


32 


285 


10 


223 


21 


119 


10, 15 


43 


18 


111 


27 


274 


6 


206 


16 


52 


21 tit. 


280 


13, 6 


44 


20«. 


41. 73. 273 


32, 15 


253 


14 


342 


10, 2 


309 


18 


173 


13 tot 


12. 376 


7fl. 


23. 39 


19 


60. 161. 293 


2 


116 


8& 


223 


28 


111 


15 


68. 363 



Epiktet und das Nene Testament 



395 



13, 17 


286 


34, 88 S. 


362 


7, 


9 




71 


14,7 


131 


91 â–  


56 




11 




361 


8 


253. 311 


92 â–  


121 




17 




70. 307 


16, 2fi. 


61 


95 e. 


313 




33 ff. 




304 


5 


336 


98 


231 




40 




282 


10 


853 


108 


111. 324 


8, 


5H. 




147 


13 


55- 116. 307 


1162. 


18 




12. 




189 


16, 7 


283 


25, 3 


211 




36ff. 




55ff. 328 


13 


2ö6 


6 ff. 


23 


9, 


10 




372 


20, 11 ff. 


aooff. 


26, 6 


9. 70 




14 




324. 328 


21, 3 


318 


9 


23 




16 


15 


116. 338 


7 


251 


22 


278 


10, 


12 ff. 




317. 382 


20ff. 


94 


25 fi. 


378 




26 




188 


22 


823 








30 




40 


32 tot. 


22, 103 


BisB, 


IV 


11 tit 




318 


i 


40 


1 tot. 


103. 306 




3 




358 


& 


231 


12 


41 




8 




358 


12. 


232 


45 


118 




95. 




227 


18 


2S 


57 


41. 116 




18 




116. 222 


29 


122 


100 


360 


12, 


12 




23. 133 


26 


22 


104 


161 




19 


54 


219. 825 


38 


222. 321 


106 


118 


18, 


16 




368 


88 


40 


118 


41 










68 

£6 


860 
34. 169 


122 

151 


111 
17. 325 


Diss.fr.(3dienld403ff.) 


61 


321 


152 


250 


10 






22. 235 


69 


35. 39. 322 


163 


246 


11 






122 


78 


126 


159 


232 


13 






310 


88 


289 


173 


265 


15 






291 


94 


166 


2, 4fi. 


307 


16 






299 


23, Sff. 


228 


3,4 


189. 325 


17 






295 


11 


41 


10 


16 


19 






390 


as 


276 


12 


77. 155 


23 






366 


29 fi. 


94. 302 


4, 2 ff. 


379 


25 






107 


33 . 


214 


41 


228 


28 






307 


24, 2 


310 


44 


23 










6 
9 


310 
61 ff. 


45 
46 


219 
18 




Bncheiridion 


17 


366 


5,7 


35 


5 






25. 372 


19 


358 


16 ff. 


214 


7 






301 


28 ff. 


25 


21 


111 


10 






277 


K 


359 


6,1 


â–  69 


11 






301 


4S 


310 


25 


298 


13 






34 


60 


314 


30 


307 


15 






295. 337 


78 


241 


Soff. 6E 


. 224. 293 


16 






116. 118 


«ff, 


228 


7,6 


41 S. 


17 






213 



396 




Adolf BonhSffer 






18 


. 319 


33, 16 


23. 331 


Fragmenta incerta 


22 


319 


35 


33. 332 


8 


äeliw. (470. 31 


29 


319 


38 


283 


Schenkl) 224 


30 


338 


43 


SSO. 334 


21 Scliw.(4e5,I3) 118 


31,1 


309. 361 


47 


IIÖ 


27 


(466,16) 110 


4 


60 


48,1 . 


2U 


36 


(469,36) 209 


62 


338 


2 


256 


42 


(471) 379 


33, 1 


214. 331 


3 


324 


64 


(475, 54) 169, 284 


6 


30 ff. 331 


52 


86 ff. 318 


97 


— 156 


B 


331 






— 


(483,12) 205 



B. Aadere nlchtchrtBtUclie alte Antoren 



Aatooinus 




VII 63 


190 


VII 138 376 


17,1 


251 


VIII 20 


239 


148 96 


I 16, 10 


222 


57 


239 


Doxogr. gr, D, 468 96 


I 17, 5 


231 â–  


IX 1, 4 


191 


Oalcnoa 


n 9 


224 


41 


161 


VIII 579 K SO 


â– 16 191. 228 


X 4 


222 


Hierokles St. 8, 4 A. 220 


lU 1 


38 


7,2 


191 


Lukiauoä 


ä 


34 


24 


233 


Ver. hist. II 11 182 


IV 14 


191 


33, 2 


191 


Muaguiua 73H 377 


19 


121 


XI 1, 1 


221 


37, 2H 1S5 


21,1 


191 


1,5 


169 


Philon lud. 


97 


239 


3 44, 47 


migr. Abr. 37 


88 


219 


15 


108 


[I 469 M) 37 


43 


258 


16 


221 


mut. uom. 41 


46 


191 


18, 3 


121 


(I 614 M) 37 


V5 


120 


Sil 3, 1 


233 


profug. 10(1 554 M) 50 


7 


2S4 


31 


191 


qaod omn. prob. 


13 


247 


AriBteides 




17 (II 460 M) 117 


9) 


262 


26, 517 


222 


22 (11 470 M) 62 


27 


190 


Cicero 




Plirjniclios 


S3 


191 


ad Att. 1, 14 


126 


ed, Lob. 85 128 


VI 1 


191 


15, 16 


128 


P!ato 


5 


191 


de off. II 13 ff. 


133 


reBp.lIö(3eiEff,)39a 


U 


191 


ni 102 


360 


III17(409DB) 168 


4S 


234 


ni 104 


38 


1X12(&89A) 117 


44,2 


34 


TuBC. I 34 


240 


Qnintilianus inst, or. 


58 


190 


Diogenes Laertios 




II 4, 6 62 


VII 2 


233 


IV 41 


129 


IX 2, 98 33 


9 


190 


V 16 


132 


Flntarclios 


10 


191 


VII 46 


229 


trauq.au. 4G7b 37 


18 


67 


68 


132 


472 f 92 


31 


221 


125 


337 


473 a 147 



Epiktet und das Nene Testament 



397 



SenecR 

debenet.ni28,lff. 7 

de clem. I 6, 3 46 

epüt. 31, 11 7 

4i, 1 T 

47, 1 u. n 7 

53, 11 359 

95, 33 7 



epist. 124, 14 359 
deiTan32;III33 73 
de proTid. 2 170 



Sophokles 
Oed. Kül. 1538 



113 



Stobaios 
Anth,II,76,16W130 



Stoio.Y.fr.II63H, 335 

III 77 231 

nil54ff, 337 

Teles 26, 13 138 

26, 1 220 

S8, 6 246 

49, 7 231 

52 tit. 232 



2. Biblisclie BUclier nnd alte christliche Aatoren 



A. Neues Testament 


10, 22 


326 


1, 52 


128 


Et. 


MaOtb. 




28 


176. 286 


3, 14 


327 


1,21 




283 


39 


316 


3, 14 


332 


5, 3 ff. 




302 


11, 8 


304 


4, 23 


96ff, 304 


10 




33S 


16 


336 


5, 26 


255 


13 




316 


28 


95 


8, 35 


133 


14 fi. 




288 


30 


300 


9, 62 


319 


16 




312 


12, 30 


307 


10, 40 


211 


32 




48 


32 


290 


41 


285 


28 â–  


176 


818 


50 


323 


12, 13 


295 


31 




332 


13, 3fl. 


.328 


37 


317 


43 


89 


311 


5 ff. 


55 


13, 2 


285 


6,4 




294 


11 fi. 


314 


24 


89 


10 




2S5 


68 


316 


14, 28 


319 


16«. 




302 


16, 25 


42 


35 


309 


21 


60 


298 


16, 6 


48 


16, 25 


132 


24 




307 


23 


176 


16, Iff. 


122 


S6tL 


69 


292 


26 


176. 287 


8 


293 


SS ff. 


290 


309 


18, 21 fi. 


334 


10 


291 


S8 




69 


19, 12 


98 


13 


36 


34 




293 


20 


311 


17, Iff. 


308 


7, Iff. 




331 


22, 12 


S20 


20, 5 


259 


5 




336 


14 


288 


16 


138 


6 




805 


21 


304 


22, 2ö 


304 


7 




48 


26, 39 ff. 


285 


29 


336 


lä 




80 


28, 20 


294 


23, 10 


237 


16 




»0 


Et. 


Marci 


35 ff. 


304 


21 


297 


318 


1,15 


828 


61 


212 


S. 2 




42 


2, 17 


93 


24, 46 


158 


9 




336 


5, 15 


133 


Et. 


joh. 


28 




136 


12, 35 


336 


1,13 


289 


9, 12 


93. 


303 


16, 17 


210 


17 


289. 310 


13 




302 


Et 


LdcS 


21 


138 


S6 




303 


1,3 


210 


3, 3fL 


97 



398 






Adolf BouliüSer 








3, 18 ff. 


310 


1- 


27 


122 


16, 


17 


112 


6, 29 


310 




28 


157 




18 


114 


8, 23 


308 . 


2, 


6 


106 




I Cor. 


32 


289 




9 


310 


1, 


17 ff. 


142 


35 tt. 


306 




14 ft 


148 ft. 




21 fi. 


78. 143 


10, 10 


318 




17 


115 




26 ff. 


220 


11, 9ff. 


283 




21 


296 


2, 


2 


337 


12, 24 


56. 328 




23 


323 




14 â–  


300 


U, 6 


289 




27 


148 




15 


168. 284 


18 


323 


3, 


12 


112 


3, 


1 


61 


16, 7 


826 




23 


29« 




21 


337 


22 


298 


4 


19 


209 


i, 


9 


170 


8S 


322 


G 


12fl. 


50 




13 


126 


38 


177. 319 




15 


138 


6, 


4 


208 


17,4 


326 


7 tot. 


162. 177 


7 tot. 


35 








5 


163 




5 


132 


Acta ap. 




14 fl. 


17. ßO. 316 




9 


125 


4, 13 


207 




18 


162 




17 ff. 


170 


32 


313 




22 


115 ft. 




f8 


115 


5, 29 


304 




24 


66 




20 


208 


41 


306 


8 


3 


162 




26 ff. 


35 


7, 20 


259 




11 H. 


164 




29 


330 


9, 80 


86 




28 


319 




39 


108 


15. 2 


207 




31 f£. 


292 


3 


11 


173 


le, 16 


252 




38 


312 




29 


173 


17, 11 


206. 220 


9 


tot 


177 


9 


7 


322 


18 


203 




16 


69 




12 


322 


223, 


180 ff. 




18 


177 




20 


142 


28 


59 




30 


152. 166 




24 ft. 


54 


18, 28 


237 


11 


215. 


149 




27 


296 


20, 23 


139 


12 


1 


IfiR 177 


10 


19 


138 


22, 3 


206 




2 


89. 299 




31 


58ff. 


28 


207 




3 


133 


11 


3ft. 


167 


24, 2 


250 




8 


108 




14 


147 


3 


257 




10 


359 


13 


4 


126, 313 ff. 


5 


48 




15 


302. 331 




5 


109 


25, 21 


2(B 




19 


73 




10 


89 


23 


214 




20 


13* 


14 


21 


53 


28, 25 


230 


13 


, Iff. 


304 




34 ff. 


167 


Born. 






3 


140 




40 


291 


1 (u. 2) tot. 


149 fF. 




14 


257 


15 


33 


122 


12 


129 


14 


3 


144 




36 


56. 328 


21 


150 




4 


139 




50 


163 


24 


64 




5 


302 




IL 


Cor, 


25 


132 




23 


327 


3 


Iff. 


!32. 308 


26 124. 


149. 261 


16 


,12 


167 


4 


7 


123 



Spiktet und das Nene Testameat 



399 



i, 10 ff. 




301 


1,10 






299 


5, 13 




831 


16ft. 




116. 292 


12 






128 


14 




HO 


6, Ifi- 




175 


20 






801 


6,6 




HO 


i 




28ö 


21 




120 


287 


8 




333 


611. 




.112 


25 






128 




U Tim. 




9 




287 


2,3 




120 


314 


2,3 


55, 301 


. 322 


18 




138 


8 






326 


4 




35 


20 




321 


13 






177 


20 




128 


6, 3 




128 


28 






106 


3, 1 




186 


12 




119 


3, 1 






399 


4,3 




lU 


U 




sao 


12 ff 




54 


325 




Tit. 




IS 




132 


14 






130 


1, 11 




120 


'.1 




329 


16 






119 


2,8 




il4 


10 




292 


4, 4 






302 








8,2 




108 


8 108.166.177.303 




Philemon 




12 




211 


9 






109 


14 




113 


9,7 




137 


11 fi 






291 




I Petri 




8 




110. 318 


12 






312 


1,7 




301 


11 a 


13 


lOÖ 


15 






111 


13 




278 


10, 13 




119 




Col. 






17 


52 


. 292 


16 




119 


2,3 






78 


23 




96 


11,3 




114 


4 






127 


2,2 




169 


19, 2 ff. 




175 


8(11 


20) 130. 183 ff. 


8 




129 




Oftl. 










aio 


9 




109 


1,21 




86 


18 






162 


11 




901 


3, 15 




148 


19 






110 


17 




80i 


S, 2B 




lee. 306 


3,5 






124 


18 




^ 


4, 3n- 


9 


130 


8 




105 


331 


3,2 




•m 


8 




148 


13 






818 


8 




888 


5,4 




241 


17 




291 


302 


4 




116 


15 




111 


I Theas. 




8 




212 


leff. 




167 


3,1 






165 


9 




AHt 


6, 16 




119 


3 






1S9 


11 




112 




Bph. 




4,3 






832 


13 




219 


1,9 




129 


ö 






125 


4. 4 




3SS 


2,3 




148 


5, 21 






399 


13 




801 


3, 16 




115 


II Thesa. 




5,2 




118 


4, 16 




110 


1,6 






117 




U Petri 




6, 1 




811 


3,3 






114 


1,3 




109 


3 




331 


3,14 






114 


4 




148 


10 




299 




ITim 


. 




5 




202 


19 g. 




71. 296 


1,10 






229 


16 




20S 


5, 28ff. 




330 


2,4 






310 


2, 12 




14a 


6, 11 




813 


14 






114 


3,5 




18S 




Phil. 




4, 15 






128 


9 




810 


J, 9 




105 


6, 10 






117 


loa 


241 



too 




Adolf Boilhöfier 










I Joh. 


2, 16 




19:5 




Esth. 




1, 1 


183 


3, Iff. 


193 ff 


331 


», 13 




220 


ö TL 


6 52. 292 


2 




325 1 




Eiob 




3, 9 


96 fi. 289 


7 




148 i 


11,9 




201 


4, 1 


299 


12 




90 


31, 16 




234 


7 

16 


309 


16 




322 


.42, 11 




202 


20 


297 


17 


901. 206 


332 




Paal. 








4, 4 




323 


1 




90 




Hebr. 


8S. 




193 


31, 13 




174 


1,2 


193. 310 


11 




193 


39, 13 




301 


3 


192. 314. 263 
193 


13 




193 


51, 14 




248 


6 


15 




193 


95, 5 




203 


3, 13 


329 


5 1 




193 


151 




202 


4,13 


192 


3 




207 




Prov, 




5,5 


303 


7 




292 


6, 8 




207 


12 fi 


61 ff. 


13 




198 


6, S5 




213 


14 
6,5 

7, 28 


220. 238 
192 
198 


13 ff 

7 


Jod. 


193 
211 


11, 3 
21, 18 

25, 1 




258 
126 
201 


8, 1 

10, 2 

5 


207 
139 
193 


3, 15 

18 


Apoc. 


807 
208 


20 

32 


EccL 


124 
134 


26 
11,3 
12 
13 
SB 
87 


113. 325 
192 
209 
219 
259 
117 


19 
21 

16, 15 

17, 18 
19, 13 




SOG 
337 
317 
158 
183 


7,16 
10, 20 
12, 9 

1, 5ft. 


JeB. 
Jer. 


133 
213 

208 

95 


12,1 
2 
6 
21 

13, 5 
14 


324 

312 
306 
214 
286 
301 


B. Altes Testament 

Gen, 

1 184 

30, 42 202 

49, 17 137 


23, 28 
31, 6 

1,12 

8, 8 


Dan. 
Ho». 


174 

208 

136 
174 


16 


53 




Exod. 






Mich. 




1 2fE. 


Jac. 

300 


6, 12 

15, 26 




201 
95 


3,11 


Judith 


115 




338 




Lev. 




12, 10 




208 


14 


324 


13, 28 




214 


16, 9 




201 


17 


111. 309 




Nam. 






Sap. SaL 




20 


193 


5, 16 




248 


3, 18 




S» 


21 


96 


6, 12 




201 


6, 16 




814 


26 


89. 164. 193 




Jos. 




7, 20 




14S 


26 


279 


24, 16 




137 


22 fi. 


S84 


2, 5 


69 




Jud. 




9, 16 




175 


la 


164 


3, 22 




250 


11, 17 




tea 



Epiktet nBd das Nene Testament 



401 



13 (u. 13) tot. 


150 


C. Patres 


apost. 


V 2, 3 


209 


10 


97 




Bara 




7 


313 


13, 1 


148 


1, 2 




97 


X 3, 1 


204 


14, 21 


224 


9, 9 




97 


XU 4, 7 


237 


16, 3 


122 




I Clem. 


6, 2 


237 


Sir. 




1,3 




15S 


Sim. VI 2, 5 


303 


3, 24 


268 


8,4 




158 


3,4 


206 


9, 4 


245 


18, 12 




248 


8,5 


244 


12, 11 


207 


21, 6 




129. 211 


5, 5 


125 


21, 28 


209 


6 




256 


IX 2, 6 


115 


34, 6 


214 


24, 6 




257 


9,6 


342 


41, 2 


211 


33, 3 




238 


16, 2 ff. 


209 


19 


111 


86, 2 




212 


19. 3 213. 251 


42, 7 


111 


39, 1 




203 


ViB. I I, 8 


HB 






41, 3 




158 


"8,4 


8Ö7 


Hacc. 




45, 7 




211 


118, 1 


SOT 


I 8, 12 


115 


48, 4 




286 


IU9, 8 


lU 


lii, 8 


231 


59, 3 




206 


V6, 6 


807 


II 3, 25 


265 


63, 1 




211 


IgltAtlU 




4, 10 


214 




n Clem. 


Iph. 7, 1 


HS 


16 


283 


10, 1 




. 203 


a ' 


881 


81 


231 


17, 3 




128. 211 


9,2 


313 


7, 3 ff. 


341 




Did. 




14,1 


249 


19 


207 


1,4 

3,2 

4 


201 
206 

126. 210 
207 


17,1 


2U 


33 


203 




30, 2 


202 


8,7 


244 




Philad. 3, 3 


212 


35 


240 




Poljc. 3, 2 


231 


15, 89 


234 






6, 1 


122 


m 1, 3 


202 


5, 1 


106. 


2Ü1. 24S 


Bom. 6, 8 


212 


2, 27 


212 




Diogn. 


TraL 12, 3 


301 


3,2 


110 


1,1 




134. 214 


Mar. 




21 


250 


2, 1 




263 


22, 3 


209 


4, 11 113. 204 


3 




262 


Marl. Poljc. 




4, 16 


Iö7 


7 




309 


3, 1 


115 


Ö, 14 


208 


4,5 




209 


9, 2 


saV 


6, 28 


327 


6 




230 


18, 2 


285 


7,5 


229 


5,4 




185. 209 


30, 1 


207 


IV 1, 13 


262 


8,2 




133. 314 


Pap. 




29 


136 


3 




335 


2, 3 ff. 


210 


7, 1 


210 


12, 3 




202 


214 


201 


7 


132 


6 




214 


15 


360 


14,9 


240 


Fastor Hennae | 


3 


203 






Hant 


.IV 1 


5 135 


Pol. 




Sqb. 








8 115 


1, 2 


2(^ 


20 


212 




3 


6 208 


6, 1 


209 


^1 igloilMHObiohtlloha 


Varenohs 


n. Vorarbeiten X. 


26 





402 



Adolf Bonhöfler 



D. Apologeten, 
Eirobenr&ter 

Clem. AI. 
SUom.I84,368P 37 



Clem. AI. 
Strom. I84,3G8P 37 
II 54, 458 P 37 
IV 124, 620? 87 



Just, M. 
Dial. 80 73 

Otig. c. Geis. 
VI 630 Del. 47 



3. Koderne Autoren, die zitiert oder erwähnt werden 



Aall, Anftthon 184. 384. 388 
Arnim, Hane 7on 77. 83. 103. 166. 

188. 231 a. 363- 356. 365. 376, 383 
Arnold, E- Venion 892 
Bartli, Paul 73. 184 
Bauer, Brnnc S. 63 
Bickel, E. 31 
Biedermann, AI. Em. 34 
BJasa, Friedr- 136 ff, 
Böhmer, Jul. 360 
BoüBäet^ Wah. 165 
Brückner, Wilh. 100 
BrQßs, Ito 77 
Bultmann, Rnd. 179. 392 
Burkitt, F. C- 27 
Busch, K. A. 196 
Buttmaan, Phil. 215 
Caird, Edw. 14. 83. 195. 341. 355. 

364. 367. 374. 381 
Capelle, Wilh. 350 
Giemen, Carl 88 ff. 146. 1648.293. 335 
Colardeau, Th. 31. 83: 389 
Corssen, P. 44 
Cnmont, Franz 75 
Curtius, Ernst 98 ff. 146. 166 
ravidfion, W. L. 342. 360. 389 
DeisBmann, Ad. 48. 104. 178. 198. 

268 fi. 381 
Delitzsch, Friedr. 84 
DibeüuB, Mart. 131 
DielB, Herrn. 130 ff. 2Ö3 
Dieterich, Albr. 358 
DohBchUtz, E. V. 43 
Djroff, Ad. 391 
Edwards 168 
Feine, Paul 74. 136. 146. 164. 335. 

366 fC. 



Fonillee, Alfr. 14 

GatBcker 198 

Qeffcken, Joh. 92. 193. 225. 250 

Goodspeed, E. J. 200. 281 

Hamack, Ad. 43. 84. 90. 396 

Harris 296 

Eartmann, K. 73. 366. 383 

Hateh, Edw. 84, 281. 383 

Hansrath, Ad. 179ff, 385ff, 

Havel, Em. 3. 83. 337 

Heinrici, Georg 79. 86, 98f{, 131. 

136f{. 146. leiff. 184. 198, 283. 

298. 38Ö. 345. 360. 3810. 
Hilty, Oarl 340. 348. 373. 389 
Hirzel, Rnd. 31, B3, 383 
Eöffding, Harald 340. 356. 390. 392 
Jodl, Friedr. 358. 384 
Jülieher, Ad, 93. 336 
Kaerst, Jul. 376. 384 
EautzBch, Emil 248 
EeuDedy,H. A. A, 104.222. 268 ff. 281 
Kirn, Otto 186 
Klein, G. 90 
Krebs, Engelb. 185 
Küb], Ernst 130 
Kniper, K. 44 ff. 85, 335 
Leeky, W. H. 7. 47. 73. 341. 362. 

372. 381 fi- 
Leipoldt, Hans 74. 89. 136. 146. 383 
Lewis, W. 0. 195 

Lietzmann, Hans 18. 130. 146. 163 ft. 
' 180. 198. 283. 335 a. 
Lighttoot, J. B, 201 
Mayser, Erw. 281 
Meiser, Kart 44 
Melcher, Paul 77, 103. 137. 136. 158.. 

198 ff. 



Epiktet und i&a Nene TeBtameat 



403 



Meyer, Ed. 392 

Misch, Georg 349, 365, 378. 383 

Moertb, Franz 30ff. 

Naegeli, Theod. 73. lOlff. 136fi. 

145. 268 ff. S81 
Noesgen, C. F. 85. 99. 142. 162 
Horden, Ed. 7. 46. 73 ff. 89 ff. 146. 

185. 341. 357. 383 
Ogecan, T. 99. 341. 347. 367. 389 
Pfleter, Friedr. 131 
Pfleiderer, Otto 345. 362. 376 
Pohienz, Max 162. 347. 359. 361 
Praechter, Oarl 32. 35.- 173. 190. 380 
Eadermafher, L. 103. 392 
Eeitienstein, E. 85. 99. 363 
Eeoner, Bob. 63 
Rfeville, J. 388 
Kollife, Erw. 341. 360 
Salzmann, Ernst 210 
Schenk!, Heinr. 1. 40 
Seliieiermaclier, Friedr. 265 
Sohmekel, A 391 
Schinid, Wilh. 201 ff, 381 
Schmidt, H. 84 

Schmidt,Leop. 109, 134, 166, 181. 249tf. 
Schrempf, Chr. 392 
Schwartz, Ed. 146, 164. 180ff. 
Seek, Otto 7 
Smith, W. B, 96, 184 
Sosinj, Ad, 93 



Spieß, Edm. 94, 282fE. 336S. 

Staerk, Willj 342 

Strauß, D. Fr. 2 

Thayer (Grimm) 268 ff, 

Thumb, A. 136 

Van den Bergh v. Eysinga 63 ff. 72 ff, 

85, 178. 182 
Villoigon 261 
Viteaa, .T. 136 ff- IM 
Vorländer, Karl 30. 340 
Wackemagel, Jac, 272 
Weber, L, 14. 389 
Weiß, Beruh, 130 
WeiB, Joh, 136, 146, 164, 342 ft. 

367, 385 
Wellhausen, J. S6 
Wendland, Panl 5. 18. 31 ff. 73, 85 fl. 

146, 180 ff, 343. 847, 369, 368, 

3ö5ff. 
Wernle, Faul 146, 152, 183 
Weätermarck, Ed. SRO 
Wetstein, J. 198. 282 f(. 298. 335 ff. 
Wilamowitz-M., Ulr. t. 73, 180 
Windelband, W. 177 
Windiscb, Hans 18'lff. 
Wrede, WiU. 183. 379. 381. 388 
Wünsch, Eich. 126 
Zahn, Th, 4ff, 71 ff, 77, 85 ff. 207, 335ff. 
Zeller, Ed. 6, 30, 165 
ZieliiiKki, Thadd. 85 



n. Griechisches (und lateinisches) Wortverzeichnis^ 



liyn&äs 258 
äyaTläoi 134. 219 
dytc^Tj 259 
ixyystor 123 
Ayevvrji 65- 219 



ö.yvsia. 135, 201 
aSriXos 244 
aSiaTijwToi 226 
a&tatfogia, 226, 285 
nffiay-opos 37 



> Die auf S. 201—214, Slß— 265 nnd 268-271 in alphabetischer 
Eeihenfolge aufgeführten Wörter sind hier nar aufgenommen, soweit sie 
auch an anderen Stellen des Buches erwähnt werden. 

26* 



404 



AdoU Bonhöifet 



aiS^/ioVj lö 114. 156 
«a<»s 360 
rätt»rio-<! 105. 371 
ataxffoXoyia 105 
«iKiw, zö 189. 234 
oWi- 35. 201 
lixa^a^Bla 106 
uMoiioioe, änaii' 112 ff. 
älXöiffwv, TÖ 25. 36 
äkvnia 18. 106 
ailuTios 106 
tiftafiräpta 256 
ä/iapzin 369 
d^ainiüri?? 229 
ä.ueiai'DijTOf 106 
ä/iiraTcraigia 114 
dvaiSeia 13 
ß5'aio;;ui'roff 228 
ai'njfA'^TiJioV, rö 37 
ava'jtitvo/j.at 115 
ävaatfiirpofiai, -oynj 53. 201 

CL]'aIUI7lf 107 

«WjKCCjaz^j; 114 
^i-fxriKOi 263 
«ceitj'StB 829 
A'i-ii9vi'0i 107 

ff^'L^pCtfTIfKDK 22 

äi'VTiü-raKToe 135 

a^r«.?«« 69. 106. 231. 236. 347 
«jtufl'^e 223 
d^mS^vTos 135. 202 
d!zcdi! 107 
lintipOE 41 
t(;iep«iToe 256 
ÖTie^ionäintos 108 
aTZioiia 258 
ÄJI^.DTTS 108 
aÄOj'«i(TKri?o/i«i 62 
oVoÄci^s 188 
nnoärifiiiD 112 
UTod't]Oav^i^<rf 13Ö 

(üioios (t'.";) 189 

dmixaffieQilo 240 
anol^^is 239 

/LtJ^Av^^c 173 
ano^iJTfHiffie 70 



ItnoveK^üii/tat 209 
«Ttoni^foiats 60. 209. 290 . 
«Tiöfoin 43 

<r.7io7tQoly!iivov , To 232 
ttno^^tfta 234 

BTCÖtJTZaO^llt 190 

djsazv^Xöoj 213 
ÖTiOfäaitoiFj o 235 
p^tpödxoTlo: 1S9 

"P"7 22. 28. 108. 242 
B>i;7 189. 234. 239 
nCTKJ^CT.; 14. 225. 261. 256 
ßcrawe 259 

dov/t^fOVOi 230 

äa^tifioveto 109. 127. 136 

i^TBfiaJia S47 

aÜTB^K^s, -ti« 109. 356 

ßj»); 110 

djio'^it, ärpoßoS 18. 42. 106 

d^P/iij 110. 177 

ßatsii^o/iai 43 
ßaaiXcia täi' ovgapcöv 176 
ßaodiKÖe (übertr.) 242 
ßovXiais 219 

j-o^T^ 240. 278. 292 
yXiSaoa 52 ft. 
yviäjirj 52 
yviüoiS 109 
yv/i-yaolit 135 
^'i'i'atxnpHM' 135. 167 

d'u/jofi^o^ai 261. 269 
5ai,udi'(cw 350 

a«(>«y 246. 276. 373 
äa«™ (ttbertr.) 111. 324 
3fii)s 65. 236 

diayiyvo/iai 107 
Siddeois 238 
8iay.6ofiriOts 191 

Äidvoi« 18. 158. 238 

SiSaOKaÄift 210 
didaUKO^KÖ; 242 
SioinrjOie 121 
SfHK/j-irjs 40 

äö/,«« 14.18.50.135.188.279.358.378 



Epiktet und das Nene TeatEnuent 



406 



Soy/iatl^io 134 
Soynäja/i'i aTto ÖS 
S6<7is {xai X^ie) 111 
3ov?,ayatyeaf 134 

SovXos 65 

Scva^te (prägnant) 127. 314 

ävoapEaros 236 

Siogiijuot 362 

iyxaUio 23 

I/Xf ItTIIH 109 

id-os 43. 44. 73. 378 

flfta^ftivTi 74 
ixSrifiiia 112 
ixx)dPo, 112 

iKi<ia« 205. 206 
initüTöc 204. 288 
^xAö;i')7 172 
Ixiiv, itioioioe 112 f[. 
£lcoe 69 
iievd'iffoc 164 
ifiueipoi 41 
i/iTrtffJitCfvo/iai 126 
if/iyuTOC 97 
iväj/ficot 112 

*w(w« 97. 119. 221 
%vaTr,pa 243 

Ei^f tnriJiiSi'. Tö 114. 156 
itrifinai 113 
i^ayöpaats 70 
iJaipCTOfi 17. 288 
elaainnnuOim« 116 
ifaxaiattf 114 

i'äK 26. 238. 241 

Hol und^ööi (avdQa^ai), o 116 S. 174 

lo^Ti! 265 

irEöj^E^.j'a 1Ö4 
t^turos 109 
iTiaxoXovd'ipa 190 
knavanavoftnt 116 
Imwo'ji^flwte 136 
kraoiSij 362: 369 
ijttyivvjifta 190 

^^iJciKTixoe 242 
in,9-v/da 18. 125. 162. 247 

tnifiiJktia 365 



i7tinlr,aaoi n. Deriv. 21fi. 135, 242 

lniaxnnoe, •'j 205 
imCiTiäofiai 115 
kniariifiri 279 
entoojpEvw 134 
kTmrjSeviii^ -tv/ia 205 
^Tit'j^et^ioi Ttvi 107 
^p^^/a 376 
taoi&'Ev 41 

cväcufiopia. 292. 348 
ev^/H 238. 240. 292 

ettJsJi'iTijTOS 114 

£^lH^^e 248 

eivaixBt 98 

.fpo(« 340. 247. 278 

t-ioißlm 160 
cvmiideia 227 
evayiTiiiBiv 109 
cvftifios 166 
et'j;i7 65 

ij.' V»''> f« 36. 116. 224. 380 
äliji«'« 120 

iffcfioi'tmv, lö 13. 40. 15«. 163. 262, 283 
^/tE^os 263 

*«^^i(ü 115 
d'iar^Oi' 170 
ffiofs i,[*j)i)e 249 
9fdprj/ia 251 

&kl-\j--ts («ai (TTefo;^»^/«} 117 
9fita/ißfi:o> 134 

;jioi', TÖ 36 

tSrnfiT/s 66 
Jipiu'e 274 

xa&agpa 126 

«a#5«E,, -^Kov 154. 167 ff. 257. 361 

KH^JtoniuE 168 
«OK.« 28 ff. 242 
xaKokoy^ot 23 
KoJ^ai 208 
xa^Xiij'n^'oc 33 
VOrfiäv 119 
Kap&'a 63 



406 



Adolf ßonhöffer 



xapTtffiea 240 
■naTalapßävei 167. 293 

xaiöff&uifia 164. 243 
xtvöSn^oi 120 
xevot/nofiii 135 
KipJae 120 
«ijSe/fiüii 51 

K?.7«<.- 37 ff. 

ti}.hit>, ttki^a 268 

KOtrü?VEO?f -tu, {\^s^ 51 ff. 108 

>ioj>'07i'iK(j; 248 
icvßsvü/, -iia, 135 

Kwixot Slff. 40. 71. 321. 382. 387 
xt!p„.s 39S. 61. 112 

h,y,«6e 13. 159 ff. 177. 196 

XoyiBfi.6s 28. 158 

-UJ.OS 27 ff. 43. 67 a, 97, 135 ff, 154 ff, 

163. 168, 183 ff. 234. 246. 303 
Idyoi 6fd-6i 164, 188 

Xoyoi OTtspfiatiyos 96, 191 
loiSoQioi 23. 111 
}.i7in 20 

fiavia 43 f(. 
piS-r, 2B4 

/«Am^ 14. 225. 261 

/leht; {a. /liQos) 67 
fie/iifiofiat 23 
ftinavoiio, -voia 107 
iUt;[p< J.öj'cti' 63 
/iij ^ej^rto 48. 137 ff. 

fioivofiöe 329 

rtxjiHo^m 209. 278 
vfQÖs (übertr.) 50. 278 
«'ifnio; 63 
vÖTiP-n 120 
j-B/io.- 149 ff, 231 
vio^a«. 138. 335 
i'fltii^er/iij 113 

vBvs 51, 67, 156ff, 234 
oinois 191. 363 



olKovoftia 121 
oiitri^/toiv 89 

o£*'wi'(6 252. 264 
atxo/iiu (übertr.) 173 
oliiUa 122 
öfcoXoyiix 230 
^//oAoyou^ej'ttic 135, 209. 230 

ovofia 49 
öjiy/£(l/l<rj 129 
opiyo/iai 112 

SpfS« 18. 122. 205, 241. 247. 261 
o^/tv 18, 110. 129. 244. 261 

o'nipoKij-OS 123 

nä&iifia 124 

;cd*oj 41 ff. 69. 124. 135. 171. 252. 
359. 371 

naiSiov 63 

JTapaßaniiin'jt 273 

7iafla!^Elyf£ft 120 

jtBpaKaTai''VKi? 63 

jiuf niLA^fjff 276 

7ia^av.o^jiv&lott -t/ffts 135. 166. 265 

jtaQaBxcvfi 244 

Tcopainlti.- 36. 44 

Ttäaxov, To 189 

n-e.iiuJsi'.usi.oE 23. 39. 258 

TicTi^otfcifrj 74 
Tze^ijtii&a^ii't 12G 
niptOKfjiiauni 258 
nsQiotaois 301 
nspntpiiofini 126 
JIi5nj'aio;'('n 127 

ni9'av6xis 27 

sii'oiiä 108. 313 

™«^/ia u. Deri7. 67 S. 160 ff. 

HQÖ'^K 251 

niiocupiopni 127 

npoaipio«, -rixdi- 67. 117. 128- 163. 

234. 263 
irzQoijy/iivov. tö 171. 232. 364 
■n^oijyovueiiov, tö 68, 161. 262 
Tifoiiyov/iivots 190 
Ti^ä&eoti 129. 244 

Tl^a&VfLtti 23 
TtfOKOTtil 126 



Epiktet und das Nene Testament 



407 



rtpoxö.-iTiup, o 17 ff. 26. 53. 96. 258. 
373 

JSQoi.iyta 107 

iTpoJi<;v« 14. 38- 97. 119. 221. 247. 

345 
n^6vBia 74. 191. 366 
TT^oaafaTtavoitai 115 
otpooJolB^w 204. 299 
ulQoayoTSTio 128 
Ti^aotay^a 231 

n^öoojTiof 39. 327 

7lfOX'^e/icu 129 

npocjitiiTiMoe 242. 276 
'7tQ0ft)iüa 252. 270 fi. 

nvf aiö'f^/üSES 96 
^vffoo/tai 241 
jr(J;'atj' 261 

^^^a 192 

aaivo/iai 129 

aaTi^äi (übertr.) 135 

o^ä (o«pK,-Jwr) 50. 67 ff. 160 ff. lS8fi. 

aifiiTov 362 

aii£iai 123. 174 

OKhTl^'XtX^Sta 233 
eXOTlÖ! 130 
i7M0TÖa/iai 135 

oojjDS 128 

OTZ^Qfia, oyroQti S6ff. 

ilsi0i>3aguj 317 

OTiroxMpio), -ia 117 ff. 

aii^yoi 134 

ajoixila tov xoo/iov 130 

OvyyfDjftonxoi 374 

aByxarari9i/iacj -eaie 18. 5&. 114. 

242, 261 
ou/ijiepiyopo 320 
utl/iyoji'os 132 
wvaio9't]vts 156 
owafaoT^Offi^ 51 ff. 
vvvSeOfms 110 
avvsiSrims, -6i 156 ff. 
am'Bp^ijTiKoe 374 
<jvvifnti/ti 132 
oiajryta 28 



ajime 23. 89. 244. 338. 378 

cüiiltü (übertr.) 173 

cßVin, ooj/färiöi' 60. 67. 163 

oio^siio 134 

oiötpgior (u. Deriv.) 136 

laneivoifgoviio (o, DeriT.) 65. 356 

TEKtOTpOpifll 136 

T:i;lnoe 89 

T^^e 38. 130. 136. 189 
TÖnöir (übertr.) 86. 261. 265 

TpOJfoe T^S YBVeOEüH 193 

Tv^of 253 
T^z-? 237 

iyi-ijf, vytaivoH' (übertr.) 136 
iäponoTita 186 

ihi 11. 21. 161. 189. 865 

vnoTVJiaiaie 136. 261. 271 

ifavraoia 28. 166. 159. 261 

^airiaOfta 242 

yrd'ovioi 248 

^i^ajc^^o;. 263 

^i;iaUii^e 248 

y!ti,äii9fio!cot 264 

SPÜai^oe, -ia 136. 191 ff. 

y'ikiia 269 

yiAiJoDyoe, -,'a 39. 131. 133. 268 

g;M<r,oeyos 134. 269. 263 

f$^r 52 

ipgövtifia 162 

ippönjais 135. 168 

yuoHHi'f, -w* 147 ff. 

^votoo/iat 127 

^ÜDlC (^ürTli, Matä {fvatf) 27. 96. 132. 

146 ff. 223. 257 

XaliTlairto 129 
ZaXeTzös 136 
Xa^amiff 242 
j;<i/iüi', iJ;io TDW' 52 ff. 
xe^is 221. 365. 366 

yiyc 23 

•^rtXa^ito (5"foV) 181 

yux'ä 67. 163 



408 



Adolf BonhSffcr 



commendatio 193 
conatns 244 

conaensoe geudnui 149. 347 
familUritas 360 



offeuBio 129 
officium 157 
Providentia specialis 6. &1 



m. Saoh '- und Personen '*- Verzeichnis 



Aberglaube 12G. 361 ff. 

Abgötterei 64 

Ägyptische Religion 85. 186 fi. 

Aeon 201 

Affekt 14. 20- 124 ff. 278. 371 ff. 

B. a. Apathie 
Äkademiscbe Skepsis 63. 76. 98. 243. 

258. 260. 274. 290. 346 
Allgegenwart nnd Allwissenheit 

(Gottes) 294 fi. 322 
Altruiamns (nnd Egoisrnng) 134. 192. 

297 fi. 356 fi. 

s. H. Menschenliebe 
Ambrosius 1. 386 
Anaoke 860 
Anaxagoras 1. 160 
AntipatroB Stoicus 102. 108. 167 
Antoninns (Mark Anrel) 33. 3S. 47. 

148. 155fi. 174. 190fi. 318. 341. 

873. 883. 388 
Apathie 265. 292. 350, 356 

E. a. Affekt 
Apallon 22 
Apostolat 71. 321 
Aratos 181 
Arbeit 70. 365. 378 
Aristoteles 383 
Arrianos 103. 340. 386 
Asianische Sophistik 87 
Asketismus 87. 160. 235. 330. 337. 

360. 367. 364. 366. 374 
Astralmäohte s, Gestimgeister 



Ataraxie 319 

Augustinus 385 

Autarkie 110. 319. 365 ff. 369. 377 

Babjlonien 84 

Bekehrung 13ff. 307. 311. 324ff. 

330. 371 fi. 

s. a. ßeae, Sünde, Wiedergeburt 
Beruf 38 ß. 308. 265. 378 

s. a. Martjriam 
Bescheidenheit s. Demnt, Selbst- 

beurteilang 
Bettel 10 
Bildung 306 

B. a. Sittliche Bildung 
BnddhismuG 85 ff. 354. 381 
Bürgerpflichten 378fi. 
Buße 328 

s. B. Sändenbewnfitsein 
Bjzantjnische Eirche 1 
Celsns 46. 63. 65 
Choehmah 184 
ChiTsippos 77. 171. 229. 231: 242. 

297. 344 fi, 360 
Cicero 1. 174 
Clemens Ales. 93. 359. 385 

Daimon 69. 116. 296. 362 
Dankbarkeit (gegen Gott) 278. d41 

s. a. Freude 
Demut (und Hochmut) 15 f(. 65. 279 
334. 365 ff. 373 
3. a. Selbstbeurteilung 

' Auf eine System atiscbe Ordnung der wichtigeren, vielgebranchtea 
Begriffe habe ich hier verzichtet und verweise zur Ergänaung auf das auB- 
fUhrliche Begistei in meinem ßpiktet II. 

' Antike Schriftsteller, sotem sie nur zam Beleg eines Sprachgebrauchs 
erwähnt werden, sind hier nicht aufgenommen. Moderne Autoren s. im 
Stellen- nnd Autoren-Yerzeicbnis 3. 



Epiktet uud das Neue Testament 



409 



Detcnninisinus 177. 373 

Diogenes, der Kyniker 17. 34. 71. 

246. 250. 308 
Dion Prns. 103 
Dugmatismns 227. 346 
Doketismus 261 
DomitianuH 304 
Dualismus 92. 97. 1600. 177. 274ff. 

308. 350 

E^ismus a. Altrniemna 

Ehe 35. 70. 98. 322. 332. 367. 377 

8. a. Fraa, Qeachleclitsliebe 
Eid B. Schwören 
Ekstase 176 
Elternliebe, Verwandten liebe 134. 

263. 823. 326fl. 378 
Empfehlung 308 
Enge! 131. 187. 193 
Enthaltsamkeit 835. 332 
Entsagung a. Asketismna 
Entachiedenbeit, Sittliche 307. 353 
Enlflühnnng 126 

s. a. ErlJJaang 
Epiknr, Epikureismns 63. 67. 76. 91 ff. 

98. 114. 134. 160- 166. 224. 236. 

246. 257. 274. 318 
Epirns 317 
Erbsünde 26 

Ergebung, Seelenfriede 278. 285. 344 
Erkenntnietheorie 261 
Erianbte, Das 327 
Erliisung 70ff. 277f[. 
Brnenernng s. Wiedergeburt 
Endämanisnias 60S. 297 

Familie s. Elternliebe 
Fleisch (nnd Geist) 160 ff. 352 
Prau 167. 332ff. 
8. a Ehe 



Freiheit, Innere 103. 164. 171. 9S4. 

227. 306 ff. 319. 363, 384 

s. a. Willensfreiheit 
Freude 278. 296. 302. 347. 367 
Frenudschaft 165. 313. 368 
, Frömmigkeit a. Religiosität 
Furchtlosigkeit s. Selbstgewißheit 

Öaliläer 42 ff. 47. 73 

Gebet 34. 65ff. 193. 360. 368 ff- 

Geduld 279 

Geist s. Fleisch (und Geist) 

Genügsamkeit 332 

s. a. Autarkie 
Gerechtigkeit (gSttl. nnd menschi.) 

151 ff. 276. 311. 374. 388 
Geachlechtsliebe 173. 366 

B. a. Ehe 
Gesetz, Gesetzeseriüllung 131. 151 ff. 

164- 192. 324 
Gestirageister l30ff. 
Gesundheit (und Krankheit) 171. 365 
Gewissen, Sittliches GefUhl 156. 209. 

223. 372 
Glaabe 279. 299. 313. 327 fl. 
Gnade 110. 325, 343 f(. 
Gnosis 201. 207 

Gott ' 177. 181. 2760. 311. 342 ff. 353ff. 
Guttesdienst 159. 192, 361 ff. 386 

s. a. Religiosität 
Gotteserkenntnia 149 ff. 360 
Gottesfurcht, Gottvertrauen 338, 360 
Gotteskindschaft, Gottgenieinschaft 

7. öOfl. 70, 289, 360. 377 
Gottesliebe 297 if. 360 
Gottverwandtschaft 59. 97. 188. 234. 

244 
Gut, Höchstes 8. TeloB 

Häresie 120 

Hegemonikon 50. 116. 162. 303 



' Es sind hier nur die hauptsächlichsten Stellen angeführt, an welchen 
Ton dem Begriff und Wesen Gottes im allgemeinen die Rede ist. S. im 
übrigen die einzelnen Eigenschaften Gottes, ferner die Titel „Theismus", 
„Religiosität" n. dgl. 



410 



Adolf EonUHffer 



Heiligkeit (Gottes) 276 

Heiligung 105. 291. 312. 318. 353. 

373 ff. 

i. a. Bcinbcit, YoUkammeuheit 
Heilsordnung 121 

Hellenismus 62. 81. 87 ff. ßSff. 179. 186 
Herakleitüs 99. 184 ff. 
Herakles 34. 71 

Hermetisehe Literatur 88. 99. 186ff. 
Herodes Ättieus 383 
Heroismus 369. 388 
Hierokles Stoicus 36. 103. 253. 363 
Humanität 8. Menschenliebe 
Eamanismiis 3 

Idealismus 76. 289. 349. 389 
luteUektualtHmua löff. 63. 279. 290. 

299 
Intoieraaz 76. 346. 352 
iTndns Oalilaeus 73 
JnlianuB Imp. 1. 42 

Kierkegaard 386 

Kind 63. 336 

Kleanthea Stoicna 159. 167. 265, 

342. 376 
KoBBinpolitismus 376 
Erates. der E;niker 246 
Kriterion, Oberstes 169 
Eultut s. Lebensgüter 
Kaltus 8, Gottesdienst, Religiosität 
Kyniker, Kjnismus 20. 33ff. 45ff. 

70. 87- 93«. 145, 169. 232. 242. 

322. 340. 353. 364ff. 368. 387 
Kyrie Eleison 39 ß. 

Lachen 32 

Lact an ti US 385 

Lasterkataloge 167 ff. 248 

Leben (und Tod) 176. 278 
s. a. Sterheusbereitachaft, Unsterb- 
lichkeit 

Lebeusgiiter 219. 302. 357. 364 ft. 
s. a. Askese, Pessimismus, Telos 

Legalität 154 

Leib 57 ff. 175. 330. 366 



LeidoB B. Übel 

Leidenschaft s. Aäekt, Apathie 

Liebe (Gottes] 309. 368. 375. 382 

Loben {und Tadelu) 23 ff. 

Logismus 854 

Logos 61. 63. 96 fi. 183 ff. 319. 347, 

377 ff. 
Lohn, Lohiisucht -277. 346 
Lust (und Schmerz) 67. 160 
Luther, Martin 16 

Mastik 34. 261. 361 ff. 

s. a. Gottesdienst 
Martinus von Braccara 31 
Martyrium 47. 71. 193. 368. 374 
Materialismus 68. 191 
MenschenUehe 49. 70. 166. 192. 263. 

279fi, 397. 374. 380ff. 

8. a. Wohltätigkeit 
Mitleid (u. Mitfreude) 69. 303, 331, 356 
Mohammedanismus 354 
Monismna 96, 163. 189 ff, 342, 360 
Monotheismus 83" 
MiiEoniua Eufus 35, 77.83,94. 102 ff. 

167, 179. 238, 277. 383 
Mysterlenweaen 99. 321 
Mystik 275 ff. 391, 387 

a. a. Orphiamas 

Nachsicht 276, 313. 325. 331 

B. B, Sanftmut 
Natürliche Religion und Sittlichkeit 

149 ff- 166 

s. a. Sittlichkeit 
Natürlichkeit 330. 356 ff. 
Natur, Naturgemäßheit 27. 146 ff. 

153. 171, 357. 36Ö 
Naturalismus 148 
Nazaräer 43 
Neid 314 
Nibiliamus 389 
Nikopolis in Bpirus 79. 82 
Nilns Monachus 2 

Obrigkeit 304 

OBenhaning 77. 143. 169, 290, 344, 354 
a. a. Supranaturalisnius