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LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEUTICKE. 

1900, 



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Vcriags-Nr. 676. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Vorbemerkunj 



ö 



Indem ich hier die Darstellung der Traumdeatuiig versuche, 
glaube ich den Umkreis neuropatliologischer Interessen nicht über- 
schritten zu haben. Denn der lYaum erweist sich bei der psycho- 
logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer 
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die 
Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus jjraktischen Gründen 
beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann 
der Traum — wie sich zeigen wird — Anspruch nicht erheben; 
umso grösser ist aber sein theoretischer Werth als Paradigma, und 
wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklUrcn weiss, 
wird sieh auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahn- 
ideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung vergeblich 
bemühen. », 

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig- 
keit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit vei'- 
antwortlich zu machen. Die PrucliHüchen, welche man in dieser 
Darstellung so reichlich ünden wird, entsprechen ebenso vielen 
Coutactstellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere 
Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt 
werden konnten, und denen, wenn Zeit imd Kraft ausreichen und 
weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet 
Averden sollen. 

Eigenthümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traum- 
deutung erläutere, haben mir auch diese VerüifentUchung schwer 
gemacht. Es wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle 
in der Litteratur erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden 
Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein mussten ; ich hatte nur 
die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen meiner, in 



psyclioanulytisclier Beliaiullung stehenden, Patienten. Die Verwendung 
des letzteren Materiales wurde mir duroli den Umstand verwehrt, 
dass hier die Traumrorgängc einer unerwünschten C.'omplication durch 
die Einmeugung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mit- 
theilung meiner eigenen Triiumc aher erwies sieh als untrennbar 
verbunden, daäs ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens 
fremden Einblicken mehr eriifl'iiete, als mir lieb sein konnte, und als 
sonst einem Autor, der nicht Poet sondern Katuriurseher iwt, zur 
Aufgabe filllt. Das war peinlich aber unvermeidlich; ich habe mich 
:dso darein gefügt, um nicht auf die Beweisführung für meine 
psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten zu müssen. Natür- 
lich habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, durch 
Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiscretionen die Spitze 
abzubrechen ; so oft dies geschah, gereichte es dem Werthe der von 
mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Naohtheile. Ich kann 
nur die Erwartung aussprechen, dass die Leser dieser Arbeit sich 
in meine scliwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir 
zu üben, und ferner, dass alle Personen, die sich in den mitgctheilten 
Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Ge- 
dankenfreiheit nicht werden versagen wollen. - ■ 



N. 



Die wissenschaftliclie Litteratiu' der Traum- 

proUeme, 

Auf den folgenden Blättern werde ieli den Nachweis erbringen, 
dass es eine })Sychologisclie Technik gibt, welche gestattet Träume 
zu deuten, und d^iss bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum 
sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an 
angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen 
ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von 
denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes her- 
rührt, und aus ihnen einen Rückschluss auf die Natur der psychischen 
Kräfte ziehen, au8 deren Zusammen- oder GTege neinander wirken der 
Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, 
denn sie wird den Punkt erreicht hüben, wo das Problem dos TriUunens 
in imifassendere Probleme einmündet, deren Lüsuug an anderem 
Material in Angriff genommen werden niuss. 

Eine Uebersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie 
über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen- 
schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht 
häufig Anlass haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaft- 
liche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend- 
jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den 
Autoren so allgemein zugegeben, dass es überÜüssig scheint, einzelne 
Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum 
Schlüsse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemer- 
kungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber 
nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines 
seiner Räthsol cndgiltig Uiste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen 
der gebildeten Laien übergegangen. 

Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Object der 
Psychologie abgehandelt Avird. scheint die des Aristoteles') (Ueber 
Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der 
Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht gottlicher, was wohl 
einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige Uobersetzung 

Freud, Traumdeutung, 1 



2 I. Litteratui- der Traumx>robleme. 

trifft. Er kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. dass 
der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Eeize in's Grosse 
umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiss zu 
werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder 
ienes Gliedes stattfindet"), und zieht aus diesem Verhalten den Schluss, 
dass die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An- 
zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt ver- 
rathcn könnten. Zu einem tieferen Verständnis der aristotelischen 
Abhandlung vorzudringen, ist mir. bei nicht ausreichender Vorbildung 
und ohne kundige Hilfe, nicht müglich geworden. 

Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanutlicli 
nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern fili- 
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen 
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jeder- 
zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen 
geltend. Man unterschied wahrhafte und werthvolle Träume, dem 
Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver- 
künden, von eiteln, triigei'ischen und nichtigen, deren Absicht es war, 
ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen. Diese 
vorwissen schaftliche Trauniauffassung der Alten stand sicherlich ini. 
vollsten Einklänge mit ihrer gesammten Weltanschauung, welche als 
Realität in die Aussenwelt zu projiciren pflegte, was nur innerhalb 
des Seelenlebens Kealität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck. 
Eechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrig- 
bleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, denn in dieser Er- 
innerung stellt sich iler Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus 
einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen. 
Es wäre übrigens irrig zu meinen, dass die Lehre von der über- 
natürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger 
entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abge- 
sehen, — die ja recht daran thun, die Reste des ehemals ausgedehnten 
Gebietes des UebernatUrlichen besetzt zu halten, solange sie nicht 
durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind, — trifft man 
doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte 
Männer, die ihren religiösen Glauben aii die Existenz und an das 
Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklär- 
barkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner^^). 
Die Werthschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philo- 
soph enschulen. z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Alterthum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, unii 
auch über die divinatorische. die Zukunft verkündende. Kraft des 
Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho- 
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten 
Materiales nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien 
eines Jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkuugsart ergeben 
hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen. 



Aristoteles, — Die Traamlelire der Alten. 3 

yEine Geschiclite unserer "wissenschaftliclieii Erkenntnis der 
Traumprobleme zu schreibenj ist darum so schwer, weil in dieser 
Erkenntnis, so werthvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, 
ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist 
nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge- 
kommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitci'gebaut hätte, 
sondern jeder neue Autor fasst die nämlichen Probleme von Keuem 
und wie vom Ursprung her wieder an.) Wollte ich micli an die 
Zeitfolge der Autoreu halten und von jedem einzelnen im Auszug 
berichten, welche Ansichten über die Traumproblenic er geüussert, 
■so müsste ich darauf verziehten, ein übersichtliches Gesammrbild vom 
gegenwärtigen Staude der Traunierkenntnis zu entwerfen; ich iiabe 
es darum vorgezogen, die Barstellung au die Themata anstatt an die 
Autoreu anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprohleme an- 
führen, was an Material zur LiJsung desselben in der Litteratur nieder- 
gelegt ist. 

Da es mir aber nicht gelungen ist. die gesammte. so sehr ver- 
streute und auf Anderes ühergreifende Litteratur des Gegenstandes 
2a bewältigen, so muss ich meine Leser bitten sich zu bescheiden, 
wenn nur keine grundlegende Thatsache und kein bedeutsamer 
Oesiclitspunkt in meiner Darstellung verloren gegangen ist. 

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlasst ge- 
sehen. Schlaf und Traum in dem nämlieben Zusaninienhauge abzu- 
handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche 
in die Psychopathologie reichen, und traumähnlieher Vorkommnisse 
(wie der nallucinatioiien. Visionen etc.) anzusehliessen. Dagegen z;eigt 
sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt 
zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des Traum- 
lebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung müchte 
ich einen Ausdruck der Ueberzeugung sehen, dass in so dunkeln 
Dingen Aafldärung und Uebereinstimniimg nur durch eine Reihe 
von Detailuntersucbungen zu erzielen sein dürften. Kichts anderes 
als eine solche Detailuntersuehung, und zwar speciell psychologischer 
Katur, kann ich hier bieten. loh hatte wenig Anlas», mich mit dem 
Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physio- 
logisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzu- 
standes die Veränderung der Functionsbedingungen für den see- 
lischen Ap]iarat mit enthalten sein muss. Es bleibt also auch die 
Litteratur des Schlafes hier ausser Betracht. 

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an 
sich führt zu den folgenden, zum Theil in einander fliessenden 
Fragestellungen: 

a) Bezi ehung des Traumes zum Wachlebeu. Das naive 
Urtheil des Erwachten nimmt an, dass der Traum — wenn er schon 
nicht aus einer anderen Welt stammt — doch den Schläfer in eine 

1' 



^ 



-4 I. Litteratur der Traumprobleme. 

andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdaeli'^), dem 
wir eine sorgfitlti^'e und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno-- 
mene verdanken, hat dieser Ueberzeugung in einem, viel bemerkten 
Satze Ausdruck gegeben {]). 474): „. . . nie iviederholt sieh das 
Leben des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen 
Freuden und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, ims 
davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Ge- 
genstande erfüllt war, wenn tiefer Sfihnierz unser Inneres zerrissen, 
oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen 
hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er 
nimm^t aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Com- 
binationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein 
und symbolisirt die Wirklichkeit.'' 

In ähnlichem Sinne äussert sich noch L. Strümpell"'*) in der 
mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die Natur 
und Entstehung der Träume (p. 16): „Werträumt, ist der Welt des 
wachen Bewusstseins abgekehrt" . . . (p. 17): „Im Traume geht das 
Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewusstseins und. 
dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren" . . . (p. 19) : 
„Die fast erinncrungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traum von 
dem regelmässigen Inhalte und Verlaufe des wachen Lebens". . . . 

Die überwiegende Mehrheit der Autoreu hat aber für die Be- 
Ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung' 
vertreten. So Haffner^-) {p. 19): „Zunächst setzt der Traum das 
Wachleben fort. Unsere Träume schliessen sich stets an die kurz zu- 
vor im Bewusstsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Be- 
obachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der 
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte." 
Weygandt'-'') (p. 6) widerspricht directe der oben citirten Behauptung 
Burdach's. „denn es lässt sich oft, anscheinend in der überwiegen- 
deji 3Iehrzahl der Träume beobachten, dass dieselben uns gerade in's 
gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien." 
Maury*^) fp. 56) sagt in eiuer knappen Formel; „Kous rcvons de ce 
que nous avons vu, dit. desirti ou fait" ; Jossen"*") in seiner l855 er- 
schienenen Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder 
weniger wird, der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die indi- 
viduelle Persönlichkeit, durch das Lebensiilter, Geschlecht, Stand j 
Bildungsstufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und 
Erfahrungen des ganzen bisherigen Lebens." 

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Traura- 
inhaltes vom Leben. Ich citire nach Radestock'"') (p. 139): Als 
Xerses vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent- 
schluäs durch guten Rath abgelenkt, durch Träume aber immer wieder 
dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter 
der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, dass die Traumbilder meist 
das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke. 



BezieliuuK zum Wachleben. 



^o 



Im Leli]-o;ei3ielit des Lucretius, De rerum natura, findet sich 
(IV, T. 959) die Stelle: 

„Et quo quisque fere" studio devinctus adhaeret, 
aut quibus in rebus multum sumus ante morati 
atque in ea ratioue fuit contenta niagis mens, 
in soinnis eadem plerumque videmur obire; 
causidici caiisas agere et componere Icges, 
induperatores pug'nare ac proelia obire," etc. etc. 

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz äbnlicb, wie so viel 
später Maury: 

„Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et 
agitautur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut eginnis." 

Der Widersprach dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von Traumleben und AVachleben scheint in der That unauflösbar. 
Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt^^) 
(1875) zu gedenken, welcher meint, die Eigenthümliclikeiten des 
Trauines Hessen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch 
eine „Keihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen 
sich zuspitzen*' (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits 
die streu ge Abgesciiiedenheit oder Abgeschlossenheit 
des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und andrerseits 
das stete Hinübergreifen des Einen in das Andere, die stete Ab- 
hängigkeit des Einen von dem Andern. — Der Traum ist etwas 
von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man 
möchte sagen ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, 
von dem wirkliclien Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. 
Er macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinne- 
rung an dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und 
in eine ganz andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der 
wirklichen zu schaffen hat. . . ." Hildebrandt führt dann aus, 
wie mit dem Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen 
„wie hinter einer unsichtbaren Fallthnr" verschwindet. Man macht 
dann etwa im Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort 
gefangeneu Napoleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. 
Man wird von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und 
bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört 
zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der Wirk- 
lichkeit. Man war nie Weinhändler und hat's auch nie werden wollen. 
Mau hat nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am 
wenigsten zum Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt 
man durchaus keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen 
patriotischen Hass. Und zu alledem war der TrSumcr überhaupt 
noch nicht unter den Lebenden, als Napoleon anf der Insel starb ; 
eine persönliche Beziehung zu ihm zu knüpfen, lag ausserhalb des 



6 I. Litteratur der Traumi^robleme. 

Bereiches der Möglichkeit. So erseheint das Traumerlebiiis als etwas 
eingeschobenes Fremdes zwischen zwei Tollkoinmen zu einander 
passenden und einander fortsetzenden Lebensabschnitten. 

_ „Und dennoch,'' setzt Hildebrandt fort, „eben so wahr und 
richtig ist das scheinbare Gegentheil. Ich meine, mit dieser 
Abgeschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste 
Beziehung und Verbindung Hand in Hand, Wir dürfen geradezu 
sagen: Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu 
aus der Wirklichheit und aus dem Geistesleben, welches an dieser 
Wirklichkeit sich abwickelt. . . . Wie wunderlich er's damit treibe, 
er kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seino 
sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen immer ihren Grund- 
stoff entlebnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor 
Augen getreten ist, oder in unserem wachen Gedankengange irgend- 
wie bereits Platz gefunden bat, mit anderen Worten, von dem, was 
wir äusserlich oder innerlieh bereits erlebt haben." 

b) Das Traummaterial. — Das Gedächtnis im Traum. 
Dass alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend 
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum reproducirt 
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkennt- 
nis gelten. Doch wäre es ein Irrthum anzunehmen, dass ein solcher 
Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos, 
als augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben muss. 
Derselbe muss vielmehr aulmerksam gesucht werden und weiss sich 
in einer ganzen Eeihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der 
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigenthümliehkeiten, welche 
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt und die, obwohl allgemein 
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird 
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen. 

Es kommt zunächst vor, dass im Trauminhalt ein Material auf- 
tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und 
Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, dass man das 
Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, dass und wann man es ' 
erJebt hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus welcher '\ 
Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selb- i 

ständig producirer.de Thätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft ' 
nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinne- 
rung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquello 
aufdeckt. Man muss dann zugestehen, dass man im Traum etwas 
gewusst und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im W^achen 
entzogen war. 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt 
Delboeuf^^) aus seiner eigenen Traum erfahrung. Er sah im Traum 
den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt imd fand zwei kleine 
Eidechsen halb erstaiTt und unter dem Schnee begraben, die er als 
Thierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine 



Das Traumgedilchüiis. — Hjpermnesie des Traumes, 



Gemäuer zurückbrachte. Ausserdem steckte er ihnen einige 
kleinen Farrnkraut zu, das auf der Mauer wuchs. 



Höhle im 

Blätter Ton einem 

und das sie, wie er wusste. sehr 



Namen der 



liebten. Im Traum kannte er den 
Pflanze: Äsplenium ruta muralis. — Der Traum ging 
dann -weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück 
und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Thiercben, die 
sich über die Keste der Farren hergemacht hatten. Dann wandte er 
den Blick aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den 
\yeo- zu dem Loch in der IVLauer nehmen, und endlich war die ganze 
Strasse bedeckt vun einer Procession von Eidechsen, die alle in der- 
selben Richtung wanderten etc. 

Delboeufs ^^issen umfasste im Wachen nur wenige lateinische 
Pflanzennamen und sehloss die Kenntnis eines Äsplenium nicht ein. 
Zu seinem grossen Erstaunen musste er sich überzeugen, dass ein 
Farren dieses Kamens wirklich existirt. Äsplenium ruta mui'aria 
war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt 
hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man ^vohl nicht 
denken; es blieb aber für Delboeuf räthselbaft, woher er im Traume 
die Kenntnis des Namens Äsplenium genommen hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er 
besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie^ sie als 
Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden 
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das 
Herbarium, tindet in demselben das Äsplenium seines Traumes und 
erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten lateinischen 

herstellen. Eine 



Zusammenhang 

im Jahre 18G0 — zwei Jahre vor 

Hochzeitsreise Delboeuf besucht. 

Bruder bestimmte Album bei sich, 

der Mühe, unter dem Dictat eines 

Pfläuzchen den lateinischen 



getrockneten 



Namen. Nun liess sich der 
Schwester dieses Freundes hatte 
dem Eidechsentraum — auf der 
Sie hatte damals dieses für ihren 
und Delboeuf unterzog sich 
Botanikers zu jedem der 
Namen hinzuzuschreiben. 

Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mittheilens- 
werth macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. 
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrirten 
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab- 
gebildet sab, wie er ihn 1^(32 geträumt hatte. Der Band trug die 
Jahreszahl 1861, und Delboeuf wusste sich zu erinnern, dass er 
von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten 

gehört hatte. 

Dass der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen 
unzugäno-Iich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut- 
same Thatsache, dass ich durch Mittheilung noch anderer „hyper- 
mnestischer" Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. 



6 T. Litteratur der Traumprobleme. 

MauryiS) erzählt, dass ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei 
lag in den Sinn zu kommen pflegte. Er wusste, dass es der Name 
einer französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte 
ihm von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte 
sie käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege' 
zur Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement 
de la Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen 
Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn 
aber, dass sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das 
Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses 
Wissens aber nicht aufgespürt worden. 

Jessen^^) erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traum Vorkommnis 
aus älteren Zeiten: „Dahin gehurt u. A. der Traum des älteren 
Scaliger (HenningSj I.c.,p. 800), welcher ein aedicht zum Lobe 
der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher 
sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich beklagte 
dass er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, je 
etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn 
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, dass ehemals ein solcher 
Bruguolns als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei." 

An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of 
the Society for psyehical research) soll Myers eine ganze Sammlung 
solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine 
Jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn- 
liches Phänomen anerkennen müssen, dass der Traum Zeugnis für 
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu 
besitzen vermeint. In den psycho -analytischen Arbeiten mit Nervösen 
von denen ich später berichten werde,' komme ich jede Woehe mehr- 
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, 
dass sie Citate,_ obscöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, 
und dass sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im 
wachen Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traum- 
hypermnesie will ich hier noch mittheilen, weil sich bei ihm die 
Quelle, aus welcher die nur dem Traum zugängliche Kenntnis 
stammte, sehr leicht auffinden liess. 

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, dass 
er sich in einem Caföhaus eine „Kontuszöwka" geben lasse, fragte 
aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen 
nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszöwka sei ein polnischer 
Schnaps, den er im Traum nicht erfunden haben könne, da mir der 
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte 
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem 
er seinen Traum im Cafehaus hatte zur Wirklichkeit werden lassen- 
bemerkte er den Namen auf einem Plakate, und zwar an einer Strassen- 
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte 
passiren mtissen. 



Ilypermnestische Traume. — Kindheitsmaterial. 9 

Eine der Quellen, aus Tveleher der Traum Material zur Repro- 
duction bezieilt, zum TLeil solches, das in der Dcnkthiitig'keit des 
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kindheits- 
leben. Ich werde nur einige der Autoren anfühx-en, die dies bemerkt 
und betont haben : 

Hildebrandt^^) (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugcfjeben 
worden, dass der Traum bisweilen mit wunderbarer Eeproductions- 
kraft uns ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster 
Zeit treu vor die Seele zurückführt.'" 

StrümpelP^) (p.40): „Die Sache steigert sich noch mehr, -wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Versehilttungen, welche die spiltere Zeit auf die 
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner 
Loyalitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher 
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloss auf 
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewusstsein 
gewonnen oder sieh mit starken psychischen Werthen verbunden haben, 
und nun später im Traum als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, 
an denen das erwachte Bewusstsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum- 
gedächtnisses umfasst vielmehr auch solche Bilder von Personen, 
Dingen, Localitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder 
nur ein geringes Bewusstsein oder keinen psychischen Werth besassen 
oder längst das Eine wie das Andere verloren hatten und deshalb 
auch sowohl im Traum wie nach dem Erwachen als ganzlich fremd 
und unbekannt erscheinen, bis ilir früher Ursprung entdockt wird." 

Volkelt'^)(p. 119): „Besonders benierkenswerth ist es, wie gern 
Kindlieits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran 
■wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit 
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich." 

Die Heri'schaft des Traumes über das Kiudheitsniaterial, welches 
bekanntlich zum grössten Theil in die Lücken der bewussten 
Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Aulass zur Entstehung von inter- 
essanten hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige 
Beispiele mittheilen -will. 

Maury*«) erzählt (p. 92), dass er von seiner Vaterstadt Meanx als 
Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, wo 
sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt ihn 
der Traum nach Trilport und lässt ihn wieder in den Strassen der 
Stadt spielen. Ein Mann nidiert sich ihm, der eine Art Uniform 
trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er 
hcisse C . . und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt 
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury 
eine alte Dienerin, die seit der Kindiieit bei ihm ist, ob sie sieh an 
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiss, hiutet die Ant- 
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge- 
baut hat. - • 



J 



r. 



10 I. Litferatur der Traiimprolilemo. 



Ein ebenso schon bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im 
^ Traume auftretenden Kindheitserinnerung' berichtet ü a u r y von einem 

r Herrn F. . ., der als Kind in Montbrison aufgewachsen war. 

( Dieser Mann beschloss 2b Jahre nach seinem WegfC'iüg'- die Heimat 

und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be- 
suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, dass er am 
Ziele ist und in der^Xähe von Montbrison einen ihm vom Anaehen 
unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein 
Freuud seines Vaters. Der Träumer wusste, dass er einen Herrn 
dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen 
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Mont- 
( brison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Localität 

i des Traumes wieder und begegnet einen Herrn, den er sofort als 

t den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker 

^ gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte. 

i' Ich kann hier einen eigenen Traum erziihlen, in dem der zu 

erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
I einem Traum eine Person, von der ich im Traum wusste, es sei der- 

^ Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie 

'• vermengte sich aber mit der Voi-stellung eines meiner Gymnasiallehrer, 

f den ich noch heute gelegentlich trefte. Welche Beziehung die beiden 

Personen verknüpfe, konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig- 
machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzt dieser meiner 
ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, dass er einitugig gewesen war 
I und einäugig ist auch der G3-mnasiallehrer. dessen Person die des 

Arztes im Traum gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her. dass ich 
den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im j 
wachen Leben niemals an ihn gedacht. * 

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergrosse 
Eolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, 
f wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen Hessen 

f sich Elemente aus den alleijüngsten Tagen nachweisen. Robert^^) 

(p. 46) äussert sogar: Im Allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traum nur mit den Eindrtickcn der letztvergangenen Tage. Wir 
werden allerdings erfahren, dass die von Robert aufgebaute Theorie 
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschiebung 
der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Thatsaehe aber 
der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter- 
suchungen versichern kann, zu .Recht. Ein amerikanischer Autor 
N e 1 s n^**) meint, am häutigsten fänden sich im Traum Eindrücke vom 
r Tage vor dem Traumtag oder vom dritten Tag vorher verwerthet, 

als ob die Eindrücke des dem Traum unmittelbar vorhei'gehenden 
Tages nicht abgeschwächt — nicht abgelegen ~ genug wären. 

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des 
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, aufge- 
fallen, dass Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf- 



I 



Eecentes Material. — Ei-iuneruug an uebensiichliche Eindrücke. 11 



tigen. erst dann im Traume auftreten, wenn sie von. der Tages- 
gedankenarbeit einigermassen znr Seite gedrängt worden sind. So 
träumt man in der Regel von einem lieben Todten nicht die erste 
Zeit, so lange die Trauer den Ueborlebenden ganz ausfüllt. (D elage)i^). 
Indes bat eine der letzten Beobachterinnen, Miss H allam^^), auch Bei- 
spiele vom gegentheiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen 
Punkt das Kecht der psychologischen Individualität. 

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste, Eigentbünilich- 
keit des Gedächtnisses im Traum zeigt eich in der Auswahl dea 
reproducirten Materialcs, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut- 
samste, sondern im Gegeuthcil auch das Gleicbgiltigste, Unschein- 
barste der Erinnerung werth gebalten wird. Ich lasse hierüber jene 
Autoren zum "Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräf- 
tigsten Ausdruck gegeben haben. 

Hildebrandt^') (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, dass 
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den grossen und 
tiefgreifenden Ereignissen, nicht ans den machtigen und treibenden 
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen 
Zugaben, so zu sngcn aus den werthlosen Brocken der jüngst ver- 
lebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der 
erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken 
wir spät einschlafeil, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, 
bis ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die- 
selbe zurückkehren lässt. Dagegen die "Warze auf der Stirn eines 
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augcnbliok 
mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt 
eine Rolle in unserem Traume'^. . . 

Strümpell"**) (p. 39): „. . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Bestandtheile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so 
unbedeutend und werthlos für das wache Bcwut^stsein waren, _ dass 
sie kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen 
Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Aeusserungen oder oberflächlich 
bemerkte Handlungen eines Anderen, rasch vorübergegangene Wahr- 
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus 
einer Lectürc u. dgl." 

Havelock Ellis-^) fp. 727): „The profound emotions of waking 
life, the questions and problcms on which we spread our chief vnlun- 
tary mental energy, arc not those which usually prcsent themselves 
at once to dream consciousness. It is so far as tho immcdiatc past 
is concerned, mostly the trifling, the ineidental, the ,,forgotten" impres- 
sions of daily life wliich reappear in our dreams. The psychic acti- 
vities that are awake moat intensely are those that sleep most pro- 

foundly." 

Binz*) (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigenthüm- 
lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlass, seine Unbefriedi- 



12 T. Litteratur der Traumproblem e. 

gung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes 
ausa^uspreclien : ,,Untl der natürliche Traum stellt uns älmlielic Fragen. 
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrüeke der 
letztverlobten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbares 
Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vei-gangenheit ? 
"Warum empfängt im Traum das Bewusstsein so oft den Eindruck 
gleichgiltiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo 
sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist 
stumm nnd starr liegen, es sei denn, dass eine acute Auffrischuncr 
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?'' '^ 

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traura- 
gedächtnisses für das Gleichgiltige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen musstc. die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens 
den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle /,u erschweren. 




nicht 

ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptuno- 
Recht, dass sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würdei? 
wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten' 
ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich ,,ein äußerst 
mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens 
darauf hinaus, allerlei psychisch ganz werthlose Dinge ' in den ab- 
gelegensten AYinkeln der Gedächtniskammor aufzustübern, allerlei 
völlig indifferente Momente längst vei'gangener Zeit aus der Ver- 
schüttung, die ihnen ^-ielleicht 'schon die nächste Stunde brachte 
wieder zu Tage zu fördern." Ich rauss aber doch bedauern, dass 
der scharfsinnige Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar 
beginnenden Weges abhalten Hess; er hätte ihn unmittelbar zum Centrum 
der Traumerkliirung geleitet. 

Das Verhalten des Traumgedäclitnisses ist sicherlich höchst be- 
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt 
dass .,Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloreu 
gehen kann iScholz.^^j p. 34). Oder, wie Delboeuf^'^) es ausdrückt 
,,que foute Impression meme la plus insignifiante, laisse une trace 
inalt(5rablc, ind^finiment susceptible de reparaitre au jour," ein ScLluss 
zu welchem so viele andere, pathologische Erscheinungen des Seelen- 
lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nvm diese nusserordentliche 
Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traum vor Augen, um dea 
Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu erwähnende 
Trauratkeorien aufstellen müssen, welche die Absurdität und la- 
cohaerenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns bei Tag- 
Bekannten erklären wollen. 

Man könnte etwa auf den Einfall gerathen, das Phänomen des 
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduoiren, im Traum die 



Traumreize und Traumqucllen. 13 

Aeusserung einer auch Nachts nicht rastenden Reproductionsthätigkeit 
sehen, die sich Selbstzweck ist. Mittheilun^en wie die vou Pilez^^) 
würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwischen der 
Zeit des Triiumcns und dem Inhalt der Trjiume nachweisbar sind in 
der Weise, dass im tiefen Schlaf Eindrücke aus den ältesten Zeiten, 
gegen Morgen aber recente Eindrücke vom Traum reproducirt 
werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorneherein un- 
wahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu erinnern- 
den Material verführt. Strümpell"") macht mit liccht darauf auf- 
merksam, dass "Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht 
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das 
folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle 
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von 
Kcproductionen. Dies ist sicherlich so weit die Kegel, dass es eine 
theoretische Verwerthung gestattet- Indes kommen Ausnahmen vor, 
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt wie 
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von 
einem seiner UniversitiUscollogen (der gegenwärtig in Wien lehrt), 
dass er im Traume eine geJUlirliche Wagenfahrt, bei welcher er 
einem Unfall nur wie durch ein Wunder entging, mit all 
ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miss Calkins^^) 
erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduction eines Er- 
lebnisses vom Vortag zum Inhalt hatten, und ich selbst werde später- 
hin Anlass nehmen, ein mir bekannt gewordenes Beispiel von un- 
verilnderter Traumwiederkchr eines Kindererlebnisses mitzutheilen. 

cj T r a n m r e i z e und Traumqucllen. Was man unter 
Traumreizen und Traumqucllen verstehen soll, das kann durch eine 
Berufung auf die Volksrede „Trfiume kommen vom Magen" ver- 
deutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser BegriH'e verbirgt sieh 
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes er- 
fasst. Man hätte nicht geträumt, wenn uiclit irgend etwas Störendes 
im Schlaf sich geregt hätte, und der Traum ist die ßeaction auf 
diese Störung. 

Die Erörterung über die erregenden Ursachen der Träume 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Kaum ein. 
Dass das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein 
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selBstver- 
ständlieh. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt, 
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem 
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht ertioss der Traum, aus 
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob 
sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näni- 
hche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, 
ob die ursächhclie Erklärung des Traumes der Psycholoo-ie oder ^äel- 
mehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoreu scheinen an- 
zunehmen, dass die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des 



14 I. Litteratur der Traumprobleme. 

Träumens, mannigfaltiger Art sein künuen, und dass Leibreize ebenso 
wie seelische Et-regungen zur Rolle von Trautnerregern gelangeu. 
In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den Traum- Jj 
quellen, in der Herstellung einer Kangordnuug unter ihnen je nach 
ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Trauaies gehen die An- 
sichten weit auseinander. 

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er- i 
geben sich schliesslich vier Arten derselben, die auch zur Eiu- 
theilang der Träume verwendet worden sind. 

1. Aeuasere (objective) Sinueserregnng. 

2. Innere (subjective) Sinnes erregung. 

3. Innerer (organischer) Leib reiz. 

4. Rein psychische Reizqucllen. 

ad L Die äusseren Sinnesreize. Der j üngere Strümpell 
der Sohn des Philosophen, dessen AVerk über den Traum uns 
bereits mehrmals als Wegweiser in die TrauniproblcniC diente, hat 
bekanntlich die Beobachtung eines Kranken mitgetheilt. der mit all- 
gemeiner Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der 
höheren Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne 
die wenigen noch offenen Sinnespforten von der Ausseuwelt abschloss 
verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wolleUj pilegen wir alle 
eine Situation anzustreben, die Jeuer im StrUmpelTschen Experimente 
ähnlich ist. Wir versctliesseu die -wichtigsten Sinnespforten, die 
Augen, und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede 
Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir scldafen 
dann ein, obwoM uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können 
weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten noch 
die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Dass wir durch 
stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, „dass 
die Seele auch im Schlaf in fortdauernder Verbindung mit dep 
ausserleiblichen Welt" geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während 
des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden. 
Von solchen Reizen gibt es nun eine grosse Reihe von den nn~ 
vermeidiichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur 
gelegentlieh zulassen musSj bis zum zufälligen Weckreiz, welcher 
geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen 
Es kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich 
vernehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimliaut er- 
regen. Wir können im Schlaf durch ungewollte Bewegungen einzelne 
Körpertheile entblossen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen 
oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungsem- 
pfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein 
kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen 
Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von 
Träumen gesammelt, in welchen der beim Erwachen constatirte Reiz 




Aeussere Sinnesreize als Traunujuellen. 15 

und ein Stück des TrauQiinhaltes so -weit übereinstimmten, dass der 
Heiz als Traumquelle erkannt werden konnte. 

Eine Sammlung solcher auf objective — mehr odei- minder 
accidenteile — Sinuesreiztmg zm-ückgehender Träume führe ich hier 
nacli Jessen,^'') p. 527, an : Jedes undeutlich wahrgenommene Geräuseli 
erweckt entsprechende Traumbilder, das KoUen des Donners versetzt 
uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in 
das Ängstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer 
Thür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. ^Venn wir 
des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, dass 
wir nackt umhergehen oder dass wir in's Wasser gefallen mind. Wenn 
wir schräg im Bett liegen und die Füsse über den Rand desselben 
herauskommen, so träumt uns vielleicht, dass wir am Rande eines 
schrecklichen Abgrundes stehen, oder dass wir von einer steilen Höhe 
Iiinabstürzen. Kommt unsei- Kopf zufällig unter das Kopl'kisseji, so 
hängt ein grosser Felsen über uns, und steht im Begriff, uns unter 
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol- 
lüstige Träume, ürtUche Schmerzen die Idee erlittener Misshandluno'en, 
feindlicher Angriil'e oder geschelieuder Körperverlefzangen. . . . 

„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandeins. Halle 
1758, S. ü3) träumte einmal, dass er von einigen Personen überfallen 
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde 
liinlegtcn, und ihm zwischen die grosse und die nächste Zehe einen 
Pfahl in die Erde sehlugen. Indem er sich dies im Traum vorstellte, 
erwachte er und fühlte, dass ilim ein Strohhalm zwischen den Zehen 
stecke. Demselben soll nach Hennings (Von den Träumen und 
Nachtwandlern. Weimar 1784, ö 2Ö8) ein anderes Mal, als er sein 
Hemde am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben, 
dass er gehenkt würde. Hoffbauer träumte in seiner Jugend, von 
einer hohen Mauer hinabzufallen, und bemerkte beim Erwachen, dass 
die Bettstelle auseinander gegangen und dass er wirklich gefallen 
war. . . . Gregory berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen 
eine Flasche mit heissem Wasser an die Fasse gelegt und darauf im 
Traum eine Reise auf die Spitze des Aetna gemacht, wo er die Hitze 
des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein Anderer träumte nach 
einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, dass er von einem 
Haufen von Indianern scalpirt werde ; ein Dritter, der in einem feuchten 
Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. Ein 
im Schlaf eintretender Anfall von Podagra Hess einen Kranken glauben, 
«r sei in den Händen der Inquisition und erdulde die Qualen der 
Folter (Macnish).'- 

Das auf die Aehnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt o-e- 
gründete Argument lässt eine A''erstärkung zu, wenn es gelino-t bei 
einem Schlafenden durch plaumässige Anbringung von Sinnesreizen 
dem Reiz entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat 
nach Macnish schon Giron de Buzareingues angestellt. „Er 



16 I. Litteratur der Traumproblerae. 

Hess seine Knie unbedeckt und träumte, dass er in der Kacht auf 
einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei, dass Reisende wohl wissen 
würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. 
Ein anderes Mal liess er den Kopf hinten unbedeckt und träumte 
dass er einer religiösen Ceremonie in freier Luft beiwohne. Es war 
nuralich in dem Lande, in welchem er lebte, yitte, den Kopf stets 
bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen, wie die ^ 
eben genannte. " 

Maury*^) theilt neue Beobachtungen von au ihm selbst erzeugtet» 
Träumen mit. (P^ine Keihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.) 

1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einei' schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
wird ihm auf's Gesicht gelegt, dann weggerissen, so dass die Haut 
mitgeht. 

2- Man wetzt eine Schere an 'einer Pincette. — Er hürt Glocken, 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 
versetzt. 

3. Jlan lässt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo iin 
Laden von Johann Maria Earina. Daran schliessen sich tolle Aben- J 
teuer, die er nicht reproducircn kann. M 

4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt, dass 
man ihm ein Blasenptlaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der 
ihn als Kind behandelt hat. 

5. Man nähert ein heisses Eisen seinem Gesicht. Er träumt von 
den „Heizern",^) die sich in's Haus eingeschlichen haben und die 
Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugebeu, indem sie ihnen die 
Füsse in'a Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von 
Äbrantes auf, deren Secretär er im Traume ist. 

8. Man giesst ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. — Er 
ist in ItaUen, schwitzt heftig und trinkt den weissen Wein von 
Orvi eto. 

9- Man lässt wiederholt durch ein rothes Papier das Licht einer 
Kerze auf ihn fallen. — Er ti-äumt vom Wetter, von Hitze und befindet 
sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Canal L a 
Manche mitgemacht. 

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren 
von d'Hervey,^^) Wejgandt""') u. A. her. 

Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes 
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt 
in seine Gebilde zu verweben, dass sie in diesen eine allmählich schon, 
vorbereitete und eingeleitete Katastroplie bilden". (Hildebrandt.)äö\ 
„In jüngeren Jahren", erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu Zeiten 
um regelmässig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des bekannten 

*) „Ch.autTcurs" hiesson Banden von Eäubem in der Vendiie, dio sich diesem 
Tortur bedienten. 




L 



Experimentelle Träume. — Träume auf den AVeckreiz. 17 

meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu bundertmalen 
ist mir's begegnet, dass der Ton dieses Instrumentes in einen ver- 
meintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum dergestalt 
hineinpasste, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn angelegt 
sei, und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, sein 
natürlich gewiesenes Endziel fände." 

Ich werde drei dieser Wecker tri iume noch in anderer Absicht 
citiren. 

Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Compoiiisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwns klar machen. 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit 
der Frage: j,Hast du mich verstanden?" Dieser schreit wie ein 
Besessener: ~Oja/" Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien. 
Doch schon sclireit die ganze Chisse: .,Orja''. Hierauf: ..Eurjo'-. 
Und endlich; ..Feuerjo!" Und nun erwacht er von wirklichem 
Feuerjo-Geschrei auf der Strasse. 

Garnier (Traitö des facult6s de l'ame, 1865) hei ßadestock ^*') 
berichtetj dass Napoleon I. durch die Explosion der Hüllenmaschine 
aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte. 
und der ihm den Uebergang über den Tagliamento und die Kano- 
nade der Oesterreicher wieder erleben liess, bis er mit dem Ausruf 
aufschreckte: „Wir sind unterminirt." 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury***) erlebt 
hat. (p. IGI). Er war leidend und lag in seinem Zinimer zu Bett; seine 
Mutter sass neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft 
zur Zeit der Revolution, machte gräuliche Mordscenen mit und wurde 
dann endlich selbst vor den Gerichtshof citlrt. Dort sah er Kobes- 
pierre, Maratj Fouquic v-Tinvil ie und alle die traurigen Helden 
jener grässHchen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei 
Zwischenfällen, die sieh in seiner Erinnerung nicht üxirten, verurtheilt 
und dann von einer unübersehbaren Menge begleitet auf den Kichtplatz 
geführt. Er steigt aufs Schaffot, der Scharfrichter bindet ihn aufs 
Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt, 
wie sein Haupt vom Kumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten 
Angst auf — und findet, dass der Bettaufsatz herabgefallen war und 
seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer einer Guillotine — 
getroffen hatte. 

An diesen Traum knüpft sich eine Interessante, von L e Lorrain *^) 
und Egger-*') in der Revue philosophique eingeleitete Di scussion, ob 
und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, 
der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen 
verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt 
zusammenzudrängen. 

Beispiele dieser Art lassen die objectiven Sinnesreizungen während 
des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen 
erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzig 

Freud, Tiaumdeutun^. 2 



18 ■ I. Litteratui- der Traum pro bleme. 

urd allein eine Rolle f?pielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst 
der Trauralitteratur fremd g'eblieben ist, wie die Träume zu Stande 
kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen ihm 
bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch einen, 
nach dem Erwachen erkannten objectiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. 
Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht Halt machen ■ 
sie schupft den Anlass zu weiteren Fragen aus der Beobachtung, dass 
der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume 
ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend, 
eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Be- 
ziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traurareiz utnj, 
den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maur3''s*') „une 
affinite quelconque, mais qui n'est pas unique et exclusive" (p. 72). 
Man höre z. B. drei der "Weckerträume Hitdebrandt's; man wird. 
sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so ver- 
schiedene, und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief: 

(p. 37) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das 
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig l 
Es ist ja Sonntag, und der Frühgottesdienst wird bald beginneri 
Ich beschliesse, an diesem theilzunehraen, zuvor aber, weil ich etwas 
echauffirt bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich abziu- 
kühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre icJi 
den Glöckner den Thurm hinansteigen, und sehe nun in der Höhe 
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der i 
Andacht geben wird. Xoch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos % 
da, dann fängt sie an zu schwingen — und plötzlich ertönen ihr© i 
Schläge hell und durchdringend — so hell und durchdringend, dass 
sie meinem Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen 
von dem Wecker." 

^Eine zweite Combination. Es ist heller Wintertag; die Strassen 
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Theilnahme an einer ■ 
Schlittenfahrt zugesagt, rauss aber lange warten, bis die Meldung ' 
erfolgt, der Schlitten stehe vor der Thiir. Jetzt erfolgen die Vor- ' 
bereitungen zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der Fussacl^^ 
hervorgeholt — und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch 1 
verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen da.s 
fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten 
Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit eiixer 
Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes zerreisst 
Wieder ist's nichts anderes, als der schrille Ton der Weckerglocke.« 

„Noch das dritte Beispiel ! Ich sehe ein Küchenmädchen mit 
einigen Dutzend aufgethürmter Teller den Corridor entlang zum Speise- 
zimmer schreiten. Die Porzellan säule in ihren Armen scheint mir ij^ 
Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. „Nimm dich in Acht", warne 



Illusionstheorie der objectiveu Sinnesreize. 19 

ich, „die ganze Ladung wird zur Erde fiAllen." Natürlich bleibt der 
obligate Widersprach nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt 
u. s. w., während dessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis 
die Wandelnde begleite. Kichtig, an der Thürschwelle erfolgt ein 
Straucheln, — das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt 
in hundert Scherben auf dem Fussboden umher. Aber — das endlos 
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches 
Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; — und mit diesem Klingeln 
bat, wie nunmehr der Ei'wacheiide erkennt, nur der Wecker seine 
Schuldigkeit gethan." 

Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objectiveu 
Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell'''') ^ und fast ebenso von 
Wundt'''} — dahin beantwortet worden, dass sie sich gegen solche im 
Schlaf angreifende Heize unter den Bedingungen der Illusionsbildung 
befindet. Ein Siuncacindruck wird von uns erkannt, richtig ge- 
deutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach 
allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark, 
deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns die für diese Ueberlegung 
erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen nicht 
erfüllt, so verkennen wir das Object, von dem der Eindruck herrührt; 
wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn Jemand auf 
freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand undeutlich 
wahrnimmt, kann es kommen, dass er denselben zuerst für ein Pferd 
hält." Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer ruhenden Kuh 
sich aufdrängen, und endlicli kann sieh die Vorstellung mit Bestimmt- 
heit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. Aehnlich 
unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im 
Schlafe durch äussere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben 
Illusionen, indem durch den Eindruck eine grössere oder kleinere 
Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der 
Eindruck seinen psychischen Werth bekommt. Aus welchem der 
vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen 
Bilder geweckt werden, und welche der möglichen Associations- 
beziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell 
unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens überlassen. 

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, dass 
die Gesetzmässigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu 
verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der 
durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen 
Bedingungen unterliegt. Oder wir künuen auf die Vermuthung ge- 
rathen, dass die im Schlaf angreifende objective Sinnesreizung als 
Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt, und dass andere 
Momente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter- 
miniren. In der That, wenn man die experimentell erzeugten Träume 
Maury's prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgetheilt 
habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt 

2* 



20 I- Litteratur der Traumprobleme. 

eigentlicli nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft, und 
der übrige Trauniinlialt ercheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im 
Einzelnen bestimmt, als dass er durch die eine Anforderung, er müsse 
sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt' 
werden künnte Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie und 
an der Macht des objectiven Kindrucks, den Traum zu gestalten, zu 
zweifeln, wenn man erfährt, dass dieser Eindruck gelegentlich die 
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So 
erzählt z.B. M. Simon*^^) einen Traum, in dem er riesenhafte Personen 
bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper horte, 
das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als 
er einvachte, hijrte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbei- 
galoppirenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade 
Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gfulliver's Keisen, 
Aufenthalt bei den Rieseu von Brobdingnag und bei den tugend- 
haften Pferdewesen wachgerufen hat, — wie ich ohne alle Unter- 
stützung von Seite des Autors etwa deuten möchte -— sollte die Aus-- 
wahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht 
ausserdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein? 

ad 2. Innere (subjective) Sinneserregung. 

Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, 
dass die Rolle objectiver Sinneserregungen während des Schlafes als 
Trauraerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrei'^ 
Katur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle 
Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach 
anderen, aber ihnen analog wirkenden, Traumquellen, zu suchen. Ich 
weiss nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben dea 
äusseren Sinnesreizen die inneren (subjectiven) Erregungen in dea 
Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Thatsache, dass 
dies in allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder 
minder nachdrücklich geschieht, „Eine wesentliche Rolle spieleo 
ferner, wie ich glaube", sagt Wundt^") (p. 363), „bei den Traum- 
illusionen jene subjectiven Gesichts- und Gehörsempfindungen, die 
uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos des dunkeln Gesichts- 
feldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen u. s. w. bekannt sind, nntei* 
ihnen namentlich die subjectiven Netzhauterregungen. So erklärt 
sich die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz; 
übereinstimmende Objecte in der Mehrzahl dem Auge vorzu- 
zaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, 
Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lieht- 
staub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen^ 
und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden 
von dem Traum in ebenso vielen Einzelbildern verk-örpert, die wegen 
der Beweglichkeit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände an- 
geschaut werden. *— Hierin wurzelt wohl auch die grosse Neigung- 
des Traumes zu den mannigfachsten Thiergestalten, deren Formen- 



i 



a. 



Hypnagogische Hallucinationen. 21 

reiclithum sicli der besonderen Form der subjeetiven Lichtbilder 
leicht anschmiegt." 

Die subjectiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, dass sie nicht wie die objecliven vom 
äusseren Zufall abhängig sind. Sie stehen so zu sagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objectivcn Sinnesreizen darin zurück, dass sie jener Bestätigung ihrer 
Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei 
den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. 
Den Haupterweis für die traura erregende Macht subjectiver Sinnes- 
erregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen Hallucinationen, 
die von Job. Müller als „phantastische Gesichtserscheiuungeu" 
beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechsel- 
volle Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens, bei vielen 
Menschen ganz regelmässig, einzustellen pflegen, und auch nach dem 
Oeffncn der Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury,*^) 
der ihnen im hohen Grrade unterworfen war, hat ihnen eine ein- 
gehende Würdigung zugewendet und ihren Zusammenhang, ja viel- 
mehr ihre Identität mit den Traumbildern (wie übrigens schon ,Toh. 
Müller) behauptet. Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine 
gewisse seelische Passivität, ein Kachlass der Aufmerksamkeitsspau- 
nung erforderlich, (p. 59 u. f ) Es genügt aber, dass man auf eine Secunde 
in solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine hypna- 
gogische Hallucination zu sehen, nach der man vielleicht wieder 
aufwacht, bis das sich mehrmals wiederholende Spiel mit dem Ein- 
schlafen endigt. Erwaciit man dann nach nicht zu langer Zeit, so 
gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben Bilder nachzu- 
weisen, die einem als hypnagogische Hallucinationen vor dem Ein- 
schlafen vorgeschwebt haben, (p. 134.) So erging es Maury einmal mit 
einer lieihe von grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und sonder- 
baren Frisuren, die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der 
Periode des Einschlafens belästigten, und von denen er nach dem 
Erwachen sich erinnerte geträumt zu haben. Ein andermal, als er 
gerade an Hungergefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, 
sah er hypnagogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete 
Hand, die sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume 
befand er sich an einer reich gedeckten Tafel und hörte das Geräusch, 
das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als 
er mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die 
hypnagogische Hallucination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die 
er mit grosser Anstrengung einzeln entziffern niusste ; nach einer 
Stunde aus dem Schlaf geweckt, erinnerte er sich an einen Traura, 
in dem ein aufgeschlagenes Bach, mit sehr kleinen Lettern gedrucktj 
vorkam, welches er mühselig liätte durchlesen müssen. 

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gchürshallucinationen 
von Worten, Namen u. s. w. hypnagogisch auftreten und dann im Traum 



22 I. Litteratur der Traumprobleme. 



1 



sieh wiederlioleu, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leitmotive 
der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. 

Auf den nSmlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury 
wandelt ein neuerer Beobachter der hjpnagogisehen Hallucinationen, 
G. Trum bull Ladd^''). Er brachte es durch Uebung dahin, dass er 
sich 2 — 5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh ans dem 
Schlaf reissen konnte, ohne die Äugen zu üfl'nen, und hatte dann 
die Gelegenheit, die eben entschwindenden Ketzhautenipiindungen 
mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. 
Er versichert, dass sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen ■ 
beiden erkennen liess in der Weise, dass die leuchtenden Punkte 
und Linien des Eigenlicbtes der Netzhaut gleichsam die Umriss- 
zeichnung, das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traum- 
gestalten brachten. Einem Traum z. B., in welchem er deutlich 
gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studirte, entsprach 
eiue Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen 
Linien. Um es mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte 
Seite, die er im Traum gelesen, löste sich in ein Object auf, das 
seiner wachen Wahrnehmurg erschien wie ein Stück eines reellen 
bedruckten Blattes, das man aus allzu grosser Entfernung, um etwas 
deutlich auszunehmen, durch ein Löchelchen in einem Stück Papier 
ansieht. La dd meint, ohne übrigens den centralen Antheil des 
Phänomens zu unterschStzen, dass kaum ein visueller Traum in 
uns abläuft, der sich nicht an das Material der inneren Erregungs- 
zustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume - 
kurz nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die 
Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objective, im erhellten 
Zimmer in's Auge dringende Licht die Keizquelle abgebe. Der 
wecbselvolle, unendlich abänderungsföhige Charakter der Eigenlicht- 
erregung entspricht genau der unruhigen Bilderfluchtj die unsere 
Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen von Ladd. 
Bedeutung beimisst, wird man die Ergiebigkeit dieser subjcctiven 
Eeizquelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn 
Gesichtsbilder machen bekanntlich den Hauptbestandtheil unserer 
Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den 
des Gehörs ist geringfügiger und inconstant. 

ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wenn wir auf 
dem Wege sind, die Traum quellen nicht ausserhalb, sondern inner- 
halb des Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, 
dass fast alle unsere inneren Organe, die im Zustande der Gesund- 
heit uns kaum Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von 
Reizung — die wir so heissen — oder in Krankheiten eiue Quelle von 
meist peinlichen Empfindungen für uns werden, welche den Erregern 
der von aussen anlangenden Schmerz- und Emptlndungsreize gleich- 
gestellt werden muss. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B.„ 
Strümpell ''^)zu der Aussage veranlassen (p. 107); „Die Seele gelangt 



Innerer, organischer Leibreiz. 23 

im Schlaf zu einem viel tieferen und breiteren Erapfindungsbewusstsein 
von ihrer Leiblichkeit, als im Wachen, und ist genothigt, gewisse Reiz- 
eindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Theilen 
und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen 
nichts wusste." Schon Aristoteles^) erklärt es für sehr wohl mü^^lich, 
dass man im Traum auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam 
gemacht würde, von denen man im Wachen nocli nichts merkt (kraft 
der Vergrüsserung, die der Traum den Eindrücken angedeihen lässt, 
siehe P- 1), i-md ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich 
ferne lag, an eine prophetische üabe des Traumes zu glauben, haben 
weni-Tsteiis für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes 
gelten lassen. (Vgl. M. Simon, t^^) (p. 31), und viele ältere Autoren.) 

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So 
z. B. berichtet Tissic''^) nach Artigues, Essai sur la valeur s^n^io- 
logiiiue des reves die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch 
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von AngsttrUumen heim- 
gesucht wurde und bei der ärztliche Untersuchung dann eine beginnende 
Herzaftection aufwies, welcher sie alsbald erlag. ^. , , ■ 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken oäenbar bei 
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird 
auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken 
hino-ewiesen, ia diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen 
AutOTen so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass ich mich hier mit 
der blossen Verweisung auf die Litteratur (Radestock/-0 bpitta ) 
MaurVjM. Simon, Tissiö) begnügen kann. Tissieniemt sogar, da5s 

die erkrankten Organe dem Trauminbalt das charakteristische Gepräge 
aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich sehr kurz 
und endeu mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt im Inhalt 
derselben die Situation des Todes unter grässlichen Umständen eine 
Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Gedränge, tlucht 
und sind in aufialliger Zahl dem bekannten Alptraum untervvorfen, 
den übrigens Börner") durch Lagerung aufs Gesicht, durch \ er- 
deekung der Respirationsüft'nungen experimentell hat hervorruten 
können. Bei Digestionsstürung enthält der Traum Vorstellungen aus 
dem Kreise des Geniessens und des Ekels. Der Emtiuss sexueller 
Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ]st für die Erfahrung 
eines jeden Einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre von 
der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze. 

Es ist auch, wenn man die Litteratur des Traumes durcharbeitet, 
ganz unverkennbar, dass einzelne der Autoren (Maury,*^) Wey- 
gandt"^) durch den Einfluss ihrer eigenen Krankheitszustände auf den 
Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumprobleraen ge- 
führt worden sind. -c n c. a ^ 

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweitelnatt test- 

o-estellten Thatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen 



24 I. Litteratur der Traumprobleme. 

möchte. Der Traum ist ja ein Pliänomen. Jas sich bei Gesundeii —, ^B 
vielleicht bei Allen, vielleicht allnächtlich — einstellt, und das Organ- " 
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrliclien Bedinguno-en 
zählt. Es liaudelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere 
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler 
Menschen die Reizquelle seia mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine 
Traumquelle zu stossen, die reichlicher fliesst als jede frühere und 
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. "Wenn es sieher- 
gestellt ist, dass das Küriierinuere im kranken Zustande zur Quelle 
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, dass die Seele im 
Schlafzustandc, von der Äussenwelt abgelenkt, dem Inneren des Leibes 
grössere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen 
dass die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Krreguno-en' 
die irgendwie zu Traumbildern werden, an die' schlafende Seele 
gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeino-efüUl 
nur semer Qualität nach wahrnehmen, und wozu nach der Meinuno- 
der Aerzte alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde Xachts^ 
zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Compo- 
nenten tbätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle 
für die Erwec'kung der Traum Vorstellungen ergeben. Es erübrio-te 
dann noch die Untersuchung, nach welchen Kegeln sich die Organ- 
reize in Traumvorstellungen umsetzen. 

Wir haben hier jene Theorie der Traum entstehung berührt 
welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist' 
Das Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „nioi splanchniquc« 
wie Tissi^es) es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel 
der. Iraumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in 
Beziehung zu emander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher 
die vegetative Organemphndung zum Traurabildner macht, hat überdies 
iur den Arzt den anderen Anreiz, dass er Traum und Geistesstörung 
die soviel Ueberemstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch 
aetiologisch vereinigen lässt, denn Alterationen des Gemeingefühls 
und Eeize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer 
weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt 
Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibreiztheorie sich 
auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurück- 
fuhren lässt. ^ o ö ) 

Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang mass- 
gebend, den der Philosojih Schopenhauer''"} im Jahre 1851 ent- 
wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, dass unser 
Intellect die ihn von aussen trefienden Eindrücke in die Formen der 
Zeit, des Raumes und der Causalität umgiesst. Die Reize aus dem 
Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her, 
äussern bei Tag höchstens einen unbewussten Einfliiss auf unsere 
Stimmung. Bei Kaeht aber, wenn die übertäubende Wirkun-^ der 



Theorien von Schopenhauer uud ürauss. 25 

Tageseindi'ücke aufgs'ehört hat, vermögen jene aus dem Innern herauf- 
dringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen — ähnlich 
wie wir bei Nacht die Quelle riesehi liören, die der Lärm des Tages 
unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellect auf diese 
Reize reagiren, als indem er seine ihm eigenthümliche Function voll- 
zieht ? Er wird also die Reize zu räum- und zeiterfüllenden Grestaltenj 
die sich am Leitfaden der Causalität bewegen, umformen, und so 
entsteht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen 
und Traumbildern versuchten dann Scherner^'^) und nach ihm 
Volkelt^^} einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt 
über die Traumtheorieu aufsparen. 

In einer besonders conse([uent durchgeführten Untersuchung hat 
der Psycliiater Krauss-'"') die Entstehung des Traumes wie der Delirien 
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be- 
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle 
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines 
Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte 
Empfindung „lässt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der 
Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die apecllischen, den Haupt- 
systemen des vegetativen Organismus immanenten Sensatiunen, wovon 
wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Sluskelempfindungen, 
b) die pneumatischen, c) die gastrischen, (^) die sexuellen und e) die 
peripherischen." {p. 33 dos zweiten Artikels.) 

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib- 
reizö nimmt Krauss folgendcrmassen an: Die geweckte Empfindung 
inift nach irgend einem As^ociatlonsgesetz eine ihr verwandte Vor- 
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, 
gegen welches sich aber das Bewusstsein anders verhält als normal. 
Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit, 
sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, was zu- 
gleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt so lange verkannt 
werden konnte, (p. 11 u. f.) Krauss findet für den Vorgang auch 
den besonderen Ausdruck der Transsubstantia tion der Empfin- 
dungen in Traumbilder, {p. 24.) 

Der Einfluss der organischen Leibreize auf die Traumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem 
Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals 
mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem 
Boden der Leibrelztbeorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung, 
den Inhalt eines Traumes, auf die ihn verarsaehenden organischen 
Reize zuiückzufiihren, und wenn man nicht die von Scheruev'"*) auf- 
gefundenen Deutungsregeln anerkannt, steht man oft vor der miss- 
lichen Thatsache, dass die organische Reizquelle sieh eben durch 
nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verrüth. 

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener 
Traumformen gestaltetj die man als „typische" bezeichnet hat, weil sie 



26 X. Litteratur der Traumyrobleme, 

bei so Yielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es 
sind dies die bekannten Träume vom Jlerabfallen von einer Höhe, vora 
Zahnausfällen, vom Fliegen und von der Verlegenheitj dass naai» 
nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einlach Tort 
der im Schlaf gemachten Wahrnehmung herrühren, dass man die 
Bettdecke abgeworfen hat und nun ontblösst daliegt. Der Traum vota 
Zahnausfallen wird auf ,,Zahn]-eiz" zurückgeführt, womit aber nicht 
ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. 
Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell'''') das von der Seele ge- 
brauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden 
Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das 
Haufgefühl des Thorax schon bis zur Bewusstlosigkeit herabgesunken 
ist. Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellangsform 
des Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das HerabfaHen aiis 
der Hübe soll darin seinen Anlass haben, dass bei eingetretener Bewusst- 
losigkeit des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom Körper 
herabsinkt oder ein eingezogenes Knie plöizlich gestreckt wird, wo- 
durch das Gefühl des Hautdruckes wieder bewusst wird, der Ueber- 
gang zum Bewusstwerden aber als Traum vom Niederfallen sich 
psychisch verkörpert (Strümpell, p. 118). Die Schwäche dieser 
plausibeln Erklärungsversuche liegt ofl'enbar darin, dass sie ohne 
weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von Organempflndungen aus 
der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen 
lassen, bis die für die Erklärung günstige Constellation hergestellt 
ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen 
Träume und ihre Entstehung zurückzukommen. 

M. Simon^'^) bat versucht, aus der Vergleichnng einer Eeibe von 
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluss der Organrei^e 
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): 
Wenn im Schlaf irgend ein Organapparat, der normaler Weise ani 
Ausdruck eines Affectes betheiligt ist, durch irgend einen anderen 
Anlass sich in dem Erregungszustande befindet, in den er sonst bei 
jenem Aflect versetzt wird, so wird der dabei entstehende Trautn 
Vorstellungen enthalten, die dem Atfect angepasst sind. 

Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich 
im Schlafe in Thätigkeit, Erregung oder Störung beflndet, so wird 
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung- 
der organischen Function beziehen, die jener Apparat versieht. 

Mourly Vold^^) hat es unternommen, den von der Leibreiztheorie 
supponirten Einfluss auf die Traumerzeugung für ein einzelnes Gebiet 
experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemaclit, die Stellungen der 
Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge mit seineu 
Abänderungen verglichen. Er iheilt folgende Sätze als Ergebniss mit 

1. Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr derJ 
in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand: 
des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 



Typische Tritume. ■ — Die psychischen Traumquelleu. 27 

2. Wenn man Ton der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, dass eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3. Man kann die Stellung des eigenes Gliedes im Traum auch 
einer fremden Person zuschieben. 

4. Man kann auch träumen, dass die betreffende Bewegung 
gehindert ist. 

5. Das Glied in der hetreffenden Stellung kann im Traum als 
TbJer oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider 
hergestellt wird. 

6. L)ie Stellung eines Gliedes kann im Tiaum Gedanken an- 
regen, die zu diesem Glied irgend eine Beziehung haben. So z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schliessen, dass auch die 
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu 
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auezulüscben vermag. 

ad 4- Psychische lleizquel len. Als wir die Beziehungen 
des Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traum materiales 
behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der itltesten wie der 
neuesten Traumforsölier, dass die Menschen von dem träumen, was 
sie bei Tag treiben und was sie im Wachen interessirt. Dieses aus 
dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht 
nur ein psychisches Band, das den Traum an's Leben knüpft, sondern 
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlaf interessant Gewordenen, — den während des Schlafes ein- 
wirkenden Reizen, — ausreichen sollte, die Herkunft aller Traumbilder 
aufzuklären. Wir haben aher auch den Widerspruch gegen obige 
Behauptung gehört, nämlich dass der Traum den Schläfer von den 
Interessen des Tages abzieht, und dass wir — meistens — von den 
Dingen, die uns hei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann 
träumen, wenn sie für das Wachleben den Keiz der Actualität ver- 
loren haben, t'o erhalten wir in der Anal3'se des Traumlebens bei 
iedem Sehritt den Eindruck, dass es unstatthaft ist, allgemeine Regeln 
aufzustellen, ohne durch ein „oft", „in der Regel", „meistens" Ein- 
schränkungen vorzusehen und auf die Giltigkeit der Ausnahmen vor- 
zubereiten. 

Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äusseren Schlaf- 
reizen zur Deckung der Traum aetiologie ausreichte, so müssten wir 
im Stande sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- 
friedigende Rechenschaft zu geben; das Rätlisel der Traumquellen 
wäre gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe, den Antheil der 
psychischen und der somatischen Traunneize in den einzelnen Träumen 
abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines 
Traumes noch in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht 
hat, sind — meist sehr reichlich — Traumbestandtheile übrig geblieben, 
über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tages- 



28 I. Litteratur der Traumprobleme. 

Interesse als psychische Traumr|uelle trägt offenbar niclit so weit, al^ 
man nach den zuversichtlichen Behauptungen, dass jeder im Traurn 
sein Geschäft weiter betreibej erwarten sollte. 

Andere psychische Traumquelien sind nicht bekannt. Es lassen 
also alle in der Litteratur vertretenen Traumerklärungen — mit Aus- 
nahme etwa der später zu erwähnenden von Sehern er^^) — eine grosse 
Lücke oftenj wo es sich um die Ableitung des für den Traum ata 
meisten charakteristischen Materiales an Vorstellungsbildern handelt. In 
dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Xeigung ent- 
wickelt, den psychischen Antheil an der Traumerregung, dem so 
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden 
zwar als Haupteintheilung den Nervenreiz- und den Associa- 
tionstraum, welch letzterer ausschliesslich in der Reproduction 
seine Quelle findet (AVundt,''^) p. 305), aber sie können den Zweifel 
nicht los werden, „ob sie sich ohne anstossgebendeu Leibreiz einstellen" 
(Volkelt,^^) p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Associationa- 
traumes versagt: „In den eigentlichen Associationsträumen kann von^ 
einem solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier drine-t 
die lose Gruppimng auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Dag 
ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben 
ist hier auch von jenen gewicht volleren Leib- und Seelenerregungen 
nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten 
Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln 
tiberlassen" (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen 
Äntheils an der Traumerregung versucht dann Wundt, indem er aus- 
führt, dass man die „Phantasmen des Traumes wohhnit Unrecht als reine 
Hallucinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvoi«- 
stellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinnes - 
eindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen" (p. 359 u. £\ 
Weygandt''^) hat sich diese Ansicht angeeignet und sie veraU- 
geraeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, dass „ihre 
nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst sehliessen sich reproduc- 
tive Associationen" (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psy- 
chischen Reizquellen geht Tissie"^) (p. 183): Les reves d'origine 
absolument psychique n'csistent pas, und anderswo (p. 6): les pensees 
de nos reves nous viennent du dehors. . . . 

Diejenigen Autoren, welche wie der einfiussreiche Philosopli 
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken 
dass in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten 
oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes 
zusammenwirken. 

Wir werden später erfahren, dass das Uäthsel der Traumbildung. 
durch die Aufdeckung einer unvermutheten psychischen RelzqueH^ 
gelöst werden kann. Vorläulig wollen wir uns über die Ueberschätzung 
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbilduuo' 
nicht verwundem. Nicht nui- dass diese allein leicht aufzufinden un.(i 



Das Vergessen der Träume. 29 

selbst durch's Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die 
somatische Auffassung- der Traumentstehung durchwegs der heute in 
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehii-ncs 
über den Organismus wird zwar nachdrücklielist betont, aber alles, 
was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren orga- 
nischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Aeusserungen 
erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen An- 
erkennung die Zeiten der Katurphilosophie und des metaphysiscliea 
Seelenwesens wiederbringen müsste. Das Misstrauen des Psychiaters 
hat die Psyche gleichsam unter Curatel gesetzt und fordert nun, dass 
keine ihrer Kegungenein ihr eigenes Vermügen verrathe. Doch zeigt 
dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen Zutrauen 
in die Haltbarkeit der Causalverkettung, die sich zwischen Leiblichem 
und Seelischen erstreckt. Selbst wo das Psychische sich bei der Er- 
forschung als der primäre Anlass eines Phänomens erkennen lässt, 
wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur 
organischen Begründxmg des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo 
aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die End- 
station bedeuten müsste, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden. 

d) Warum man den Traum nach dem Erwachen 
vergisst? 

Dass der Traum am Morgen „zerrinnt", ist sprichwörtlich. 
Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kenneu den Traum 
ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir 
glauben sehr oft, dass wir ihn nur unvollständig erinnern, während 
in der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie 
eine des Morgens noch lebhafte Traumerinncrung im Laufe des Tages 
bis auf kleine Brocken dahinschwindet ; wir wissen oft, dass wir ge- 
träumt haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an 
die Erfahrung, dass der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so 
gewöhnt, dass wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, dass 
auch der bei Nacht geträumt haben konnte, der am Morgen weder 
vom Inhalt noch von der Thatsache des Träumens etwas weiss. 
Andererseits kommt es vor, dass Träume eine ausserordentliche Halt- 
barkeit im Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten 
Träume analysirt, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet 
hatten, und kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch 
mindestens 37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an 
seiner Gedächtnisfrische nichts eingobüsst hat. Dies alles ist sehr 
merkwürdig und zunächst nicht verständlich. 

Ueber das Vergessen der Träume handelt am ausfiihrUchsten 
Strümpell.''*^) Dies Vergessen ist offenbar ein compleses Phänomen, 
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf 
eine ganze Reihe von Gründen zurück. 

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe 
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen 



30 I- Litteratar der Traum problcme. 

als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen 
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie 
geknüpfte Seelenerregung einen za geringen Grrad hatte. Dasselbe J 
ist riicksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen 
weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Niibe . 
erinnert werden. Uebrigens ist das Moment dec Intensitüt für sich allein i 
sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder; Striinx- f 
pell gesteht wie auch andereAutoren(Calkins)^^) zu, dass man häufig 
Traumbilder rasch vcrgisst, von denen man weiss, dass sie sehr leb- ■ 
haft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr ' 
viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pfleg-t 
nian im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet 
hatj und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. 
Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse ; *J diese 
Eigenthümlichkeit wird gleichmässig zum Vergessen aller Träume 
beitragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessene. 
Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken u. s. w. eine gewisse 
Erinnerungsgrüsse erlangen; ist es nothwendig, dass sie nicht vereinzelt 
bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender 
Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und 
schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn za merken, i 
„Wohlgeordnet und in sachgemässer Folge hilft ein Wort dem andern i 
und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest. ' 
Widersinniges behalten wir im Allgemeinen ebenso schwer und ebenso 
selten wie das Verworrene und Ordnungslose." Nun fehlt den Träumen 
in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traum- i 
compositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen G-e- . 
dächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den 
nächsten Zeitmomenten aneinanderfallen. — Zu diesen Ausführungen 
stimmt allerdings nicht ganz, was Radestoek^*) (p. 168) bemerket 
haben will, dass wir gerade die sonderbarsten Träume am besten 
behalten. 

Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen 
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum 
und Wachleben ableiten. Die Vergesslichkeit der Tfäurae fixv 
das wache Bewusstsein ist augenscheinlich nur das Gegenstüet 
zu der früher erwähnten Thatsache, dass der Traum (fast) nie g-©, 
ordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzel heitea^fc 
aus demselben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen^^ 
Verbindungen reisst, in denen sie im Wachen erinnert werAen. Di^ 
Traumeomposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psy- 
chischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle 
Erinnerungshilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebil<lQ 



*) Periodisch iviederkehrende Träume siad wiederholt bemerkt worden, vg-j 
■äie SaramluDg von Chabaneix.^*} 



Zweifel an der Treue der Traumcrinncrung. $1 

gleictsam von dem Bodeu unseres Seelenlebens ab und schwebt im 
psychischen Raum wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte 
Athem rasch verweht" (p. 87). Nach derselben Kichtung %yirkt der 
Urastandj dass mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinnes- 
■welt die Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so dass vor dieser 
Macht die wenigstei^Traumbitder Stand halten können. Diese weichen 
vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne 
vor dem Licht der Sonne. 

An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Traume 
der Thatsache zu gedenken, dass die meisten Menschen ihren Träumen 
überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sieb z. B. als 
Forseher eine Zeit lang für den Traum interessirt, träumt wälirend dess 
auch mehr als sonst, das heisst wohl: er erinnert seine Träume 
leichter und häufiger. 

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bon a teil i 
(bei Benini)^) zu den Strümpell'schen hinzugefügt, sind wohl bereits 
in diesen enthalten, nämlich 1. dass die Veränderung des Gemein- 
gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen ßepro- 
duction ungünstig ist, und 2. dass die andere Anordnung des Vor- 
stellungsmateriales im Traume diesen so zu sagen unübersetzbar für's 
Wachbewusstsein macht. 

Nach all diesen Gründen für's Vergessen wird es, wie Strüm- 
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, dass soviel von den 
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten 
Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu 
fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, dass auch hier etwas 
räthselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne 
Eigenthümlicbkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings be- 
sonders bemerkt worden, z. B. dass man einen Traum, den man 
am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlass einer 
Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den — doch vergessenen 
— Inhalt des Traumes anrührt (Radestock,'*) Tissifi)*'^). Die ge- 
sammte Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die 
geeignet ist, ihren Werth in kritischen Augen recht ausgiebig herab- 
zusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom 
Traum weglässt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht. 

Solche Zweifel an der Esaetheit der Eeproductlon des Traumes 
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, dass 
das wache Bewusstsein unwillkürlich Manches in die Erinnerung des 
Traumes einfügt: man bildet sich ein. Allerlei geträumt zu haben, 
was der gewesene Traum nicht entbielt." 

Besonders entschieden äussert Jessen^") (p. 547): 

„Ausserdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung z;u- 
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis- 
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, dass es 
dabei fast immer mit der AVahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen 



32 I. Litteratur der Traumprobleme. 

gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be-1 
merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und 
erganzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhäiigender 
Traum so zusammenhangend gewesen, wie er uns in der Erinnerang 
erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum 
möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und 
ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben dos mensch- 
lichen Geistes, Alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so gross, 
dass er bei der Erinnerung eines einigermassen unzusammenhängcnden 
Traumes die Mangel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt." 

Fast wie eine Uebersetzung dieser Worte Jessen's klingen die 
doch gewiss selbständig concipirten Bemerkungen von V. Egger i^oj 
„ , . . l'observation des reves a ses difficultes speciales et le setil 
moyeu d'eviter toute erreur en pareille matiere est de confier au 
papier sans le moindre retard ce que Ton vieut d'eprouver et de 
reraarquer; sinon, roubli vieut vite ou total ou partiel; Toubli total 
est sans gravit^; mais l'oubli partiel est perfide; car si Ton se tuet 
ensuite ä raconter ce que Ton n'a pas oublie, on est expose ^ 
compUter par Imagination les fragments incohcrents et disjointa 

fourni par la memoire ; on devient artiste a son insu, et 

le recit periodiquement r^pete s'impose :l la creance de son auteur 
qui, de bonne foi, le prösente comme un fait authentique, dünient 
6tabli Selon les bonnes m6thodes ..." 

Ganz ähnlich Spitta''*) (p. 338), der anzunehmen seheint, dass 
wir überhaupt erst bei dem Versuch, den Traum zu reproduciren 
die Ordnung in die lose mit einander assoeiirten Traumelemente 
einführen — „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander 
Auseinander machen, also den Process der logischen Verbinduno-' 
der im Traum fehlt, hinzufügen". 

Da wir nun eine andere als eine objective Controle für die 
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traum, 
der un'ier eigenes Erlebnis ist, und für den wir nur die Erinnei-Ung 
als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Werth bleibt da unserer 
Erinnerung an den Traum noch übrig? 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traum es. 

Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumas 
von der Annahme aus, dass der Traum ein Ergebnis unserer eigenen 
Seelentbätigkeit ist; doch erseheint uns der fertige Traum als efwas 



i 




geti .. „ . . , 

unseren Eröi-terungen über die Traumquellen sollten wir meinen, gi^ I \ 
sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt ; 
dies ist ja zum grbssten Theile dem Traumleben wie dem AVachleben - i 
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der 1 * 
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck 



Psychologische Charaktere des Traumes. 33 

hervorrufeu, und kann so eine psychologische Charakteristik des 
Traumes versuchen. 

Niemand hat die Wesensversehiedenheit von Traum und Wach- 
leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet als 
G. Tb. Fechner^^) in einigen Bemerkungen seiner Elemente derX^sycho- 
pliysik (p. 520j II. Th.). Er meint, „weder die einfache Ilerab- 
drückuug des bewussten Seelenlebens unter die Hauptschwelle ", noeli 
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Eintlüssen der Aussen- 
welt genüge, um die Eigenthümliehkeiten des Traumlebens dem wachen 
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermuthet vielmehrj dass auch 
der Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des 
wachen Vorste Uungs lebens. ^^Sollte der Schauplatz der psyclio- 
physischen Thätigkeit wahrend des Schlafens und des Wachens der- 
selbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens blos eine, auf 
einem niederen Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des 
wachen Vorstelluugslebens sein, und müsste übrigens dessen Stoff und 
dessen Form theilen. Aber es verhält sich ganz anders." 

Was F e c b n e r mit einer solchen Umsiedelung der Seelen- 
thätigkeit meint, ist wohl nicht klar geworden ; aucli hat kein Anderer, 
soviel icb weiss, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener 
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomiscbe Deutung im Sinne der physio- 
logischen Gehirnlocalisation oder selbst mit Bezug auf die histo- 
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschliessen 
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinn- 
reich und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat 
bezieht, der aus mehreren hinter einander eingeschalteten Instanzen 
aufgebaut ist. 

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die 
anderen der greifbareren psychologischen Besondei'lieiten des Traum- 
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt weiter reichen- 
der Erklärungsversuche zu machen. 

Es ist mit Hecht bemerkt worden, dass eine der Haupteigen- 
thtimlichkciten des Traumlebens schon im Zustande des Einschlafens 
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. 
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schlei er- 
macher*>*) (p, 351), dass die Denkthätigkeit in Begriffen imd 
nicht in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum haupt- 
sächlich in Bildern, und man kann beobachten, dass mit der An- 
näherung an den Schlaf in demselben Masse, in dem die gewollten 
Thätigkeiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen 
hervortreten, die alle in die Classe der Bilder gehören. Die 
Unfähigkeit zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlieh 
gewollte empfinden, und das mit dieser Zerstreuung regelmässig 
verknüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die 
dem Traum verbleiben, und die wir bei der psychologischen Analyse 
desselben als wesentliche Charaktere des Traumlebens anerkennen 

Freud, Traomdeutung. 8 



ä4 * I- Litteratur der Traum probleme. 



müssen. Von den Bildern — den liypnagogisolieu Hallucinationeri 
— haben wir erfaliren, dass sie selbst dem Inhalt nacli mit den 
Traumbildern identisch sind. 

Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber 
doch nicht anssehliessHeh. Kr arbeitet auch mit CTehorsbitdern und 
in geringerem Ausmasse mit den Eindrücken der anderen Sinue. 
Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgCBtellt (wahr- 
scheinlich also durch Wortvorstellungsrcste vertreten), ganz wie sonst 
im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch aur 
jene Inhaltselemente, welche sieh wie Bilder verhalten, d. h. den Wahx'- 
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit 
Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Dis- 
cussionen über das Wesen der Ilallucination können wir mit allen 
sachkundigen Autoren aussagen, dass der Traum liallucinirtj dass er 
Gedanken durch Hallucinationen ersetzt. In dieser Hinsicht bestellt 
kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen • 
es ist bemerkt worden, dass die Erinnerung an eine Tonfolge, mit 
der man einschläft, sich beim Versiiiken in den Schlaf in diellally.-, 
eination derselben Melodie verwandelt, um beim Zusielikommen, das 
mit dem . Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren 
und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen. 

Die Verwandlung der Vorstellung in Hallucination ist nicht die 
einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen- 
den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine 
Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisirt eine 
Idee, wie Spitta''*) (p. 145) sich ausdrückt. Die Charakteristik 
dieser Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn 
man hinzunimmt, dass man Jjeim Träumen — in der Reg'el • 
die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklitruug — niebt 
zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Hallucinationen also 
mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt 
sondern nur in eigenthüml icher Form gedacht — geträumt — reo-t 
sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den echten 
Schlaftraum von der TagtrHumerei, die niemals mit der Realität 
verwechselt wird. 

Burdach^) hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum-,, 
lebens in folgenden Sätzen zusammengefasst (p. 476): ^Zn den wesen_ 
liehen Merkmalen des Traumes gehört: a) dass die subjective Thätig._' 
keit unserer Seele als objectiv erscheint indem das Wahrnehmung^^* 
vermögen die Produete der Phantasie so auffasst, als ob es sinnliehe 
Rührungen wären; . . . b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen- 
mächtigkeit, Daher gehurt eine gewisse Passivität zum Einschlafen. . 
Die Schlummerbilder werden durch den Xachlass der Eigenmächti 
keit bedingt." 

Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der 
Seele gegen die Traumhalluciuationen, die erst nach Einstellung einej. 



I 



Waram wir an die ßealität der TraTimbüder glauben? 35 

gewissen eigenraiiclitigen Thätigkeit auftreten künnen, zu erklärsn. 
Strümpell'"') fülirt aus. dass die Seele sich dabei correct und ihrem 
Mechanismus gemüss benimmt, Bie Traumelemente sind keineswegs 
blosse Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb- 
nisse der Seele, wie sie imWachen durch Vermittlung der Sinne 
auftreten (p. 34). Wahrend die Seele wachend in Wortbildern und 
in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im 
Traum in wirklichen Empfindungsbiidern (p. 35). Ueberdies kommt 
im Traum ein Raumbcwiisstsein hinzu, indem, wie im Wachen, 
Empfindungen und Bilder in einen äußeren E^ium versetzt werden 
(p. 56). Man muss also zugestehen, dass sich die Seele im Traume 
ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage 
behndet wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre 
geht, so rührt dies daher, dass ihr im Schlafzustand das Kriterium 
fehlt, welches allein zwischen von aussen und tou innen gegebenen 
Sinn es Wahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder 
niclit den Proben unterziehen, welche allein deren objective Realität 
erweisen. Sie vernachlässigt ausserdem den Unterschied zwischen 
willkürlich vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese Will- 
kür wegfällt. Sie irrt weil sie das Gresetz der Causalitilt nicht auf 
den Inhalt ihres Traumes anwenden kann (p. 58). Kurz, ihre Ab- 
kehrung von der Aussenwelt enthillt auch den Grund für ihren 
Grlauben an die subjective Traumwelt. 

Zum selben Schlüsse gelangt nach theilweiso abweichenden psycho- 
logischen Eatwicklungen Delboeuf ^''). Wir schenken den Traum- 
bildern den Realitiltsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein- 
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Aus^enwclt abgelöst 
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer 
Hallucinationen, weil uns im Sehlafe die Müglichkeit entzogen ist, 
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor- 
spiegeln, uns etwa zeigen, dass wir die gesehene Kose berühren, und 
wir träumen dabei doch. Es gibt nach Delboeuf kein stichhältiges 
Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, 
ausser — und dies nur in praktischer Allgemeinheit — der That- 
sache des Erwachens. Ich erklare alles für Täuschung, was zwischen 
Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das 
Erwachen merke, dass ich ausgekleidet in meinem Bette liege 
(p. 84). Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr 
gehalten infolge der nicht einzuschläfernden Denk gewohnheit, 
eine Aussenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe.*) 



*) Eiuon ilhiiliclien Vors;ich wie Delboeuf, die Traumtli;Uij2:koit zu erklären 
durcli die Abänderiinn;, welclie oine abnorm eiiigefiUirti; Beding-iiiig an der eonst 
correcten Function des intacten soulisohen Aitpar.atüä zur Folf^ü haben muss, hat 
Haffner^') uuternornmen, diese Biiilingiing aber in etwas anderen Worten beschrieben. 
Das erste Kunnzeicben des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlasigkeit, d. i. 
die EmaQcipatiou der Vorstellung von der dem Individium zakoramendeu Stelle ia 



8» 



36 I- Litteratur der Traumprobleme. 

Wird so die Abwendung von der AussenTrelt zu dem bestimmen- 
den Momente für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des. 
Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be- 
merkungen des alten Eurdach**} anzuführen, welche auf die Be-* 
Ziehung der schlafenden Seele zur Aussenwelt Licht werfen und dazu. 
angethan sind, vor einer Ueberschätzung der vorstehenden Ableitungen, 
zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung"^ 
sagt Burdach, „dass die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt; 
wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Be- 
dingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür - 
mancher sinnliche Eindruck ist selbst nothwendig, insofern er zur* 
Beruhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann sehläfty 
wenn er das Klappern seiner Mühle hurt, und der, welcher aus 
Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nöthig hält, im Dunkeln 
nicht einschlafen kann (p. 457). 

„Die Seele isolirt sich im Schlafe gegen die Aussenwelt un^ 
zieht sich von der Peripherie . . - zurück Indes ist der Zusammen- 
hang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst^ 
sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte mar», 
überhaupt nicht geweckt werden. Noch, mehr wird die Fortdauer^ 
der Sensation dadurch bewiesen, dass man nicht immer durch die 
bloss sinnliche Starke eines Eindruckes, sondern durch die psychische 
Beziehung desselben geweckt wird; ein gleicligiltiges "Wort weckt 
den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht er, . . . 
die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sensationen. . . . 
Dalier kann man denn auch durch den Mangel eines Sinnesreizes^ 

der örtliclieQ und zeitlichen Ordiiung:. Mit diesem verbincict sich der zweite Grund- 
Charakter des Traumes, die Verwechslung' der Hallucinationen, Jmag-inationen uu^ 
Phautasie-Combinatiooen mit ausaeren Wahriiehmnngen, „Da die Gesammthoit der- 
höheren Seeleukräfte, iaabosondere BegriffsbilduDg, Urtheil und Schlussfolgerun g. 
einerseits und die freie Selbatbestimmiin^ andererseits an die sinnlichen PhantaBie- 
bilder sich auschliessen und diese jederziiit zur Unterlage haben, so nehmen auch. 




EcbarfHinnig und ebenso frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch in 
Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich Verstössen, d. h. nicht das ihm al 



gegen UiQ Jjenkgesetze an Bieii ^ersLussen, u. n. lucnt aas ihm als. 
entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen u. s. w. Er kann auch im Traumö 
nur das begehren, was er als ein Gutes eich vorstellt (aub ratione boni). Aber in 
dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und Wollens wird der menschliche Geist 
im Traume irregeführt durch die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. 
So kommt es, dass wir im Traum die grössteti AVidcrsprüche setzen und begehen^ 
während wir andererseits die scharfsinnigsten Urtheilshildungen und die consequen- 
testen Sehlussfo) gerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten EntachliessuDget», 
fassen können. Mangel an Orientirung ist das ganze Geheimnis des Fluges, 
mit welchem unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kri~ 
tiseher Reflexion, sowie an Verstilndigung mit Anderen, ist die Hauptrjuelle der 
masslosen Extravaganzen unserer Urtheile wie unserer Hoffnungen und Wünsche inx 
Traum- (p. 18). 



I 



i 



Ablösung der Vorstellungen vou ilireu psychiäcUea Werthen. 37 

wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, 
geweckt werden ; so erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes 
und der Müller vom Stillstände seiner Mühle, also vom AuthOren 
der Simiesthätigkeit, und dies setzt voraus, dass diese percipiert worden 
ist, aber als gleichgiltig, oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht 
aufgestört hat" (p. 460 u. ff.). 

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein- 
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, dass 
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Aussenwelt 
abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die B^'emdartigkeit des- 
selben nicht voll zu decken vermügon. Denn im anderen Falle müsste 
es möglich sein, die Ilallucinationeu des Traumes in Vorstellungen, die 
Situatioiien des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln, und da- 
mit die Aufgabe der Traumdeutung zu losen. Kun verfahren wir 
nicht anders, wenn wnr nach dem Erwachen den Traum aus der 
Erinnerung reproduciren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz 
oder nur theilweise gelingt, der Tranm behült seine Eäthselhaitigkeit 
unverringert bei. 

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, dass im Traum 
noch andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungs- 
materiale des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht 
Strümpell''") in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17): „Die. 
Seele verliert mit dem Authoren der sinnlich thätigen Anschauung 
und des normalen Lebensbewusstsolns auch den Grund, in welchem 
ihre Gefühle, Begehrungen. Interessen und Handlungen wurzeln. 
Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Werth- 
scliätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, 
unterliegen . . . einem verduukelndeu Drucke, infolge dessen sich ihre 
Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder vou 
Dingen, Personen, Localitäten, Begebenheiten und Handlungen des 
wachen Lebens werden einzeln selir zahlreich reprodueirt, aber 
keines derselben bringt seineu psychischen Werth mit. Dieser 
ist von ihnen abgelöst und sie schwanken deshalb in der Seele nach 
eigenen Mitteln umher. ..." 

Diese Entblössung der Bilder von ihrem psychischen Werth, die 
selbst wiederum auf die Abwendung von der Aussenwelt zurückge- 
führt wird, soll nach Strümpell einen Hauptantheü an dem Ein- 
druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer 
Erinnerung dem Leben gegenüberstellt. 

Wir haben gehört, dass schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen Thätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung 
des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies 
nahe liegende Vermuthung aufgedrängt, dass der Schlafzustand sich 
auch über die seeUschen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder 
andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die 
übriffbleib enden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um- 



'o' 



38 T. Litteratur der Traumprobleme. 

stünden normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage, Der 
Gesichtspunkt taucht auf, dass man die Eigenthüralichkeiten des. 
Traumes erklären könne durch die }~ sychische Minderleistung im 
Schlafzustande, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem 
wachen Urtheil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum 
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoss die ärgsten Widers 
Sprüche, lässt Ünmögiichkeiten zu, lässt unser bei Tag einflussreiche. 
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stunipfsinnig- 
Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in 
seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten • 
wer im Wachen so spräche oder solche Dinge miltheilen wollte, wi© 
sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines 
Verworrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir 
nur dem Thatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Thätig- 
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere di© 
höheren intellectuellen Leistungen als im Traum aufgehoben oder 
wenigstens schwer geschädigt erklären. 

Mit ungewöhnlicher Einmüthigkeit — von den Ausnahmen 
wird an anderer Stelle die Rede sein — haben die Autoren solche 
ürtheile über den Traum gefällt, die auch unuiittelbar zu einer be- 
stimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist 
an der Zeit, dass ich mein eben ausgesprochenes Resumc durch eine 
Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren ■ — Philosophen 
und Aerzte — über die psychologischen Charaktere des Traumes 
ersetze : 

Nach Lemoine*^) ist die Incohärenz der Traumbilder dep 
einzig wesentliche Charakter des Traumes. 

Maury***} pflichtet dem bei; er sagt (p. 163) : il n'y apas des reveg 
absolument raisonnables et qui ne coutiennent rjuelque incoherence 
quelque anachronisme, quelque absurdit^. ^ 

Nach Hegel bei Spitta"') fehlt dem Traum aller objective 
verständige Zusammenhang. 

Dugas*'') sagt: Le reve, c'est l'anarchie psjchique, affective et 
mentale, c'est le jeu des fonctions livr^es ä elles-memes et s'exergant 
Eans contröle et sans but; dans le reve l'esprit est un automat© 
spirituel. 

„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im 
Wachen durch die logische Grewalt des centralen Ich zusammen- 

fehaltenen Vorstellungslebens" räumt selbst Volkelt''-) ein (p. 14), nactk 
essen Lehre die psychische Thätigkeit während des Schlafes keines- "i 
wegs zwecklos erscheint. 'J 

Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs- 
verbindungen kann man kaum schärfer verurtheilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) that: Kihil tarn praepostere, tam incondite. 
tarn monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare. 



i 



. Die Absurditiit des Traumes. 39 

Fechner^^) sagt (p. 522): Es ist als ob die psychologische 
Thütigkeit atis dem Gehirne eines Vernünftigen in das eines Karren 
übersiedelte. 

Radestock^i*) (p. 145) ; Jn der T hat seheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen 
Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslaui leitenden Willens 
und der Aufmerksamkeit sieh entziehend, wirbelt der Traum in tollem 
Spiel alles kaleidoskopartig durcheinander." 

Hildebrandt^^) (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt 
sich der Traumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher 
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Krfahrungssätze geradezu 
auf den Kopf gestellt ! Welche liicherlichen Widersprüche kann er in 
den Ordnungen der !Xatur und der Gesellschaft yertragen, bevor ihm, 
wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Ueberspannung des 
Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir raultipliciren gelegentlich 
ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar 
nicht, dass ein Hund uns einen Yers hersagt, dass ein Todter auf 
eio-enen Füssen nach seinem Grabe geht, dass ein Felsstück auf dem 
Wasser schwimmt ; wir gehen alles Ernstes in hüherera Äuftrag'C nach 
dem Herzo"-thum Bernburg oder dem Fürstenthum Liechtenstein, um 
die Kriegsmarine des Landes zu beobachten, oder lassen uns von 
Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Fultawa als Freiwilhge 
anwerben." 

Binz"*) (p. 33) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken 
sich ergebende Traumtheorie: ..Unter zehn Träumen sind mindestens 
neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dmge 
zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zu emander 
haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, 
ist die Gruppirung eine andere geworden, wo möglich noch un- 
sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das 
wechsehide Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis 
wir erwachen, mit der Hand nach der Stirne greifen und uns ti-agen, 
ob wir in der That noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens 
und Denkens besitzen." 

Maury*8) (p. 50) lindet iür das Verhältnis der Traumbilder zu 
den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr enidrucksvollen 
Vergleich: „La production de ces Images que ehez rhomme 6veille 
fait le plus souvent nattro la volonte, eorrespond, pour rintelligence, 
ä ce que sont pour la motilite certains mouvements que nous offrent 
la choree et les affections paralytiques" .... Im Uebrigen ist ihm 
der Traum „toute unc s6rie de degradations de la faculte pensante et 
raisonnante" {p. 27). 

Es ist kaum nöthig, die Aeusserungen der Autoren anzuführen, 
■welche den Satz von Jlaury für die einzelnen höheren Seelen- 



leistungen wiederholen. 



40 I. Litteratur der Ti-aumprobleme. 

Nach Strümpell'"') treten im Traum — selbstverständlich aucx« 
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämmtliche logische, auf 
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele 
zurück (p. 26). Nach Spitta"^) (p. 148) scheinen im Traum die Vor- 
stellungen dem Causalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock^*) 
u. A. betonen die dem Traum eigene Schwäche des Urtheils und des 
Schlusses, Nach JodP') (p. 123) gibt es im Traum keine Kritife: 
keine Correctur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des 
Gesammtbewusstseins. Derselbe Autor äussert: „Alle Arten der 
Bewusstseinsthätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollstündio* 
gehemmt, gegen einander isolirt/' Die Widersprüche, in welche siel^ 
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker", ^S') 
(mit vielen Anderen) daraus, diiss Tbatsachen im Traum vergessen 
oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen 
sind (p. 98) u. s. w. u. s. w. 

Von den Autoren, die im Allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urtheilen, wird indes zugegeben 
üass ein gewisser Rest von seelischer Thätigkeit dem Traume ver- 
bleibt. Wundt"''), dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der 
Traumprobleme massgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklieh. 
zu. Man konnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traunie 
sich äussernden Restes vou normaler Seelenthätigkeit fragen. Es wird 
nun ziemlich allgemein zugegeben, dass die Reproductionsfähigkeit 



Vergesslichivcii, v>Kn^n uieau» juramiümjeng 

erklärt werden soll. Nach Spitta'^'^J ist es das Crem üths! eb en der 
Seele, was vom Schlaf nicht befallen wird und dann den Trautn 
dirigirt. Als „Gemüth" bezeichnet er „die constante Zusammenfassune- 
der Gefühle als des innersten subjectiven Wesens des Menschen" 
(p. 84). 

Scholz"^) (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äussernden 
Seelenthätigkeiten in der „allegorisirenden Umdeutung*-' 
welcher das Traummaterial unterzogen wird. Siebeck''^) constatift 
auch im Traum die „ergänzende Deutungsthätigkeit" der 
Seele (p. ll), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen 
geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Trauin 
mit der Beurtheilung der angeblich höchsten psychischen Fanction 
der des Eewusstseins. Da wir vom Traum nur durch's Bewusstsein 
etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; docK 
meint Spitta, es sei im Traum nur das Bewusstsein erhalten, nich.t 
auch das Selbst bewusstsein. Delboeuf^'^J gesteht ein, dass er diese 
Unterscheidung nicht zu begreifen vermag. 

Die Associationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herrschaft kommt 




Die oberflächlicheii Associafionen im Traume 41 

im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell'^'') (p. 70): 
^Der Traum verläuft entweder ausschliesslich, wie es scheint, nach 
den Gesetzen nackter Vorstelluno:en oder organischer Keize mit 
solchen Vorstellungen, das heisst, ohne dass Reflexion und Verstand, 
ästhetischer Geschmack und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen." 
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproducire, stellen sich die 
liildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im 
Schlaf einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen, an anderer 
Stelle angeführten, Quellen wecken in der Seele zunächst eine Anzahl 
von Vorstellungen, die sich als Hallucinationen (nach Wundt 
richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äusseren und inneren 
Keizen) darstellen. Diese verknüi)fen sich untereinander nach den 
bekannten Associationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben 
Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze 
Material wird dann vom noch thätigen Rest der ordnenden und 
denkenden Seelen vermogenj so gut es eben gehen will, verarbeitet 
(vgh etwa Wundt''') und Weygandt). '^) Es ist bloss noch nicht 
gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden,^ dass 
die Erweckung der nicht von aussen stammenden Bilder nach diesem 
oder nach jenem Associationsgcsetz vor sich gehe, 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, dass die Associationen, 
welche die Traum Vorstellungen unter einander verbinden, von ganz 
besonderer Art und verschieden von dem im wachen Denken thätigen 
sind. 80 sagt Volkelt'-) (p. 15); „Im Traume jagen und haschen 
sich die Vorstellungen nach zufälligen Aehnlichkeiten und kaum 
wahrnehmbaren Zusammenhangen. Alle Träume sind von solchen 
nachlässigen, zwanglosen Associationen durchzogen." Maury^=) legt 
auf diesen Charakter der Vorstellungsbiudung, der ihm gestattet, das 
Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu 
bringen, den grossten Werth. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere 
des „delire": 1) une aetion spontance et comme automatique de 
l'esprit; 2) une association vicieuse et irreguliCu-e des id^es (p. 1^0). 
Von Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete Traum bei spiele her, 
in denen der blosse Gleichklang der Worte die Verknüpfung der 
Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, dass er eme 
Pilgerfahrt (pclerinage) nach Jerusalem oder Mecca unternehme, 
dann befand er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker 
pelletier, dieser gab ihm nach einem Gespräch eine Schaufel 
(pelle) von Zink, und diese wurde in einem darauftolgenden Traum- 
stuck sein grosses Schlachtschwcrt (p. Vdl). Ein andermal gieng er 
■im Traum auf der Landsfrasse und las auf den Meilensteinen die 
Kilometer ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der 
eine grosse Wage hatte, und ein Mann legte Kilo gewichte auf die 
Wagschale, um Maury abzuwägen; dann sagte ihm der Gewurz- 
krämer: „Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Uilolo." 
Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lo- 



42 I. Litteratui" der Traumprobleme. 

belia sah, dann den General Lopez, von dessen Tod er kurz 
vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie Lotto 
spielend. 

Wir sind aber wohl gefasst darauf, dass diese Geringschätzune 
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne WidersprueS 
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier 
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab- 
setzer des Traumlebens versichert (S p i 1 1 a, '^■*) p. 118), dass dieselben 
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Trautu 
regiren, oder wenn ein anderer (Dugas)^'') ausspricht: Lc rcve n'est 
pas deraison ni meine irraison pure, solange beide sich nicht die 
Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen bescbriebeuen 
psychischen Anarchie und Auflösung aller Functionen im Traum i^ 
Einklang zu bringen. Aber Anderen scheint die Möglichkeit gedämmert 
zu haben, dass der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne 
Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf 
dessen Wahnsinn sich das hier citirte, einsichtsvolle Urtheil bezieht 
Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein ^ü 
urtheilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ei^ 
anderer. 

So würdigt Havelock Ellis^^) den Traum, ohne bei seiuer 
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als .,an arcbaic worljj 
of vast emotions and imperfeet thoughts", deren Studium uns pri- 
mitive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren ^ 
könnte. EinDeiiker wieDelboeut^tij behauptet — freilieh ohne den "^ 
Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum 
eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la perception, toutea 
les facultes de l'esprit, intelligence, imagination, memoire, volonte 
moralit^, restent intactes dans leur essenee; seulement, elles s'appUl 
quent a des objels iraaginaires et mobiles. Le songeur est un acteur 
qui joue ä volonte les fous et les sages, les bourreaux et les victimes, 
les nains et les gcants, les döraons et les auges" (p. 222). a5 
energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung ini 
Traum der Marquis d'Hervey bestritten zu haben, gegen den 
Maury^s) Icbliaft polemisirt, und dessen Schrift ich mir trotz aller 
Bemühung nicht verschaflfen konnte. Maury sagt über ihn {p. igv. 
„M. le Marquis d'Hervey prete ä rintelligence, durant le Eorxxl 



\ 




guere, selon sa maniere de voii-, de l'homme qui laisse vaguer 
sa pensöe en se bouchant les Bens; tonte la difference qui s^pare 



Psych ülogi sehe 'Werthschätzurig des Traumleljens. 43 

- -: Maury fügt aber hinzu: „qu'il y a une Jifference de plus et 
capitale ä savoir que les facultt^s intelleetuelles de rhomme endoimi 
n-olfrent pas rOquilibre quelles gardent chez rhomme l'eveille." 

Die Scala der Würdigung des Traumes als psychisches Produet 
hat in der Litter atur einen grossen Umfang; sie reicht von der tiefsten 
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch 
die Ähnung eines noch nicht enthüllten Werthes bis zur Ueber- 
schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens 
stellt. Hildebrandtj^^) der, wie wir wissen, in drei Antinomien die 
psycliologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, fasst im 
dritten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19): 
^Ks ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur 
Virtuosität sich erhebenden Poteuzirung, und andererseits einer 
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden 
Hera bmindernng und Schwächung des Seelenlebens.'^ 

„Was das Erstere betrifl't, wer konnte nicht aus eigener Erfahrung 
bestätigen, dass in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bis- 
weilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemüthes, eine Zartheit der 
Eniplindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Be- 
obachtung, eine Schlagferligkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir 
solches Alles als constantes Eigenthum während des wachen Lebens 
zu besitzen bescheid entlieh in Abrede stellen würden? Der Traum 
hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unver- 
gleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in 
einem eigenthümlich idealisirenden Lichte, und potenzirt den Eftect 
ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum 
Grunde liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wabr^ 
haft himmlischem Glänze, das Erhabene in höchster Majestät, das 
erfahrungsgemäss Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer- 
liche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen ; und bisweilen 
sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so 
voll, dass es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche 
Welt uns noch nie und niemals geboten/' . 

Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Object, dem 
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung 
gilt? Haben die Einen die blödsinnigen Träume, die Anderen die 
tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen ? Und wenn beiderlei vorkommt, 
Träume, die solche und die jene Beurtheilung verdieneu, scheint es 
da nicht müssig, nach einer psychologischen Charakteristik des 
Traumes za suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei Alles 
möglich, von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im 
Wachen ungewohnten Steigerang desselben? So bequem diese Lösung 
wäre sie hat dies eine gegen sich, dass den Bestrebungen aller Traum- 
forscher die Voraussetzung zu Grunde zu liegen scheint, es gäbe eine 
solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingiltige, Charakteristik 
des T;-aumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müsste. 



44 



I. Litteratur der Traamprobleme. 



Es ist unstreitig, dass die psychischen Leistungen des Traumes 
bereit wiUigere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener 
jetzt hinter uns liegenden, intellectuellen Periode, da die Philosophie 
und nicht die exacten Xaturwissenschaften die Geister beherrschte. 




jüngeren Fichte*) U.A., welche sämmtlich den Traum als einen Auf- 
schwung des Seeleulebens zu einer hüheren Stufe darstellen, erscheinen 
uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gregenwart auch nur 
bei Mystikern und Frömmlern wiederholt. Mit dem Eindringea 
naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaction in der Würdiguno- 
des Traumes einbergegangeu. Gerade die ärztlichen Autoren sind 
am ehesten geneigt, die psychische Thätigkeit im Traume für gering- 
fügig und werthlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht 
zünftige Beobachter — Ämateurpsychologen, — deren Beiträge ge- 
rade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren 
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psyehi- 
ßchen Werth der Träume festgehalten haben, Wer zur GeVing- 
Schätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, dei- bevorzug-t 
begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen- 
für den, welcher der träumenden Seele den grosseren Theil ihrer 
Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv- 
ihr nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehea' 
Unter den Ueberleistangen, welche man auch bei nüchterner 
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben 
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be^ 
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein 
anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum- 
lebens, dass es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernuno-en hin- 
wegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu er- 
kennen. Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt^'^) bemerkt, eben ein 
illusorischer ^'^orzug; das Träumen setzt sich ül)er Zeit und Raum 
nicht anders hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur 
eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezu«- auf 
die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem 
Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume, wie der oben p. 17 
mitgetheilte jMaury's^^) von seiner Hinrichtung durch die Guillotine 
scheinen zu beweisen, dass der Traum in eine sehr kurze Spanne 
Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere 
psychische Thätigkeit im Wachen Deukinhalt bewältigen kann. 
Diese Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten 
worden; seit den Aufsätzen von Le Lorrain^^) undEgger^") „über 
die scheinbare Dauer der Träume- hat sich hierüber eine interessante 

*) V^I. Hafraer") und Spitta«*). 



Die ethischen Gefühle im Traum. 45 

Discussioa angespoiinen, welche in dieser heikeln und tiefreichenden 
Frage wahrscheinlich noch nicht die letzte Aulklärung erreicht hat. 
Dass der Traum die intellectuellen Arbeiten des Tages aufzu- 
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluss zu bringen 
vermag, dass er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Com- 
ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach 
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix^^) angestellten 
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Thatsache, 
so unterliegt doch deren Auffassung vielen, an's Principielle streifenden 

Zweifeln. 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
ein Streitobject, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit 
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver- 
meidet es — und wohl mit Recht — , alles Thatsiichliche an diesem 
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit 
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht. 

/) Die ethischen Gefühle im Traume. 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuch iingen über den Traum verständlich worden können, habe 
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Theilproblem 
abgesondert, ob und in wie weit die moralischen Dispositionen und 
Empfindungen des Wachens sich in's Traumleben erstrecken. Der 
nämliche Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für 
alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mussten, 
macht uns auch hier betroffen. Die Einen versichern mit ebensolcher 
Entschiedenheit, dass der Traum von den sitthchen Anforderungen 
nichts weiss, wie die Andern, dass die moralische Natur des Menschen 
auch für's Traumleben erhalten bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. 
J e s s en^'') sagt {p. 553) : „Auch besser und tugendhafter wird man nicht 
im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu 
schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten 
Verbrechen, Diebstahl, Mord und Todtschlag mit völhger Gleich- 
giltigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben kann." 

Radestock^^) (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, dass die 
Associationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich ver- 
binden, ohne dass Redesion und Verstand, ästhetischer Geschmack 
und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen; das Urtheil ist höchst 
schwach und es herrscht ethische Gleichgiltigkeit vor." 

Volkelt^^) fp. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder 
weiss, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der 
Träumende selbst aufs Aeusserste schamlos und jedes sittlichen Gefühls 
und Unheils verlustig ist, so sieht er auch alle Anderen und selbst 
die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen. 



4G I. Litteratur der Traumprobleme, 

auch mir in Gredanken mit ihnen zusammenbringen sich scheuen 
T\'ürde." 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äeusserungen wie die 
von Schopenhauer, dass Jeder im Traum in vollster Gremässheit 
seines Charakters handelt und redet. R. Ph. I'ischer"") behauptet 
dass die subjectiven Gefühle und Bestrebungen, oder Affecte iiud 
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sieh offenbaren, daag 
die moralischen Eigen thiimlichkeiten der Personen in ihren Ti'äumeu 
sich spiegeln. 

Haffner^^) (p. 2")): ,.SeUene Ausnahmen abgerechnet, . . . .' 
wird ein tugendhafter Mensch auch im Traum tugendhaft sein ; er wird' 
den Versuchungen widerstehen, dem Hass, dem Neid, dem Zorn uud 
allen Lastern sich verschliessen ; der Mann der Sünde aber wird 
auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder ünden, die er iai 
Wachen vor sich hatte." 

Scholz^^)(p 36): „Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Maskiruuo- 
in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes Selbst 
wieder Der ehrliche Manu kann auch im Traume kein ent- 
ehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so 
entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natar Fremdes. Der 
römische Kaiser, der einen seiner Unterthanen hinrichten Hess, weil 
diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlao-en 
lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn er dies damit recht-- 
fertigte, dass, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen 
haben müsse. Von etwas, das in unserem Inneren keinen Rauta 
haben kann, sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: „Es fällt 
ir auch im Traum nicht ein." 



mir 



Pf äff**) sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich- 
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume, und ich will dir 
sagen, wie es um Dein Inneres steht." 

Die kleine Schrift von Hildebrandt^'), der ich bereits so zahl 
reiche Citate entnommen habe, der formvollendetste und Gedanken- 
reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den i'cb in der 
Litteratur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im 
Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt 
steht es als Regel fest; Je reiner das Leben, desto reiner der Traum- 
je unreiner jenes, desto unreiner dieser. ■ 

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume 
bestehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechuuno-g._ 
fehler, keine noch so romantische L'mkehr der Wissenschaft, kein 
noch so scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur 
verdächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und 

*) GmadKÜge des Systemader Anthropolog-ie. Erlangen 1850 — (Nach Spitta^ 
**; Das Traumlebea und seiae Döutang. 186S (bei Öpitta, p. 192). 



Die sittliche Yerautwortlichkeit i'üi- den Traum. 47 

Böse, zwischen Kecht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie 
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in 
den Schlummerstunden weichen mag, — Kaufs kategorischer Impe- 
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet, 

dass wir ihn auch schlafend nicht los werden Erklären aber 

lässt sich (diese Thatsache) eben nur daraus, dass das Fundamentale 
der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an 
der Wirkung der kalcidoskopisclien Durchsehüttelung Theil zu nehmen, 
welcher I^hantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Facultäten 
gleichen Ranges im Traume unterliegen" (p. 45 u fi"). 

In der weiteren Discussion des Gegenstandes sind nun merk- 
würdige Verschiebungen und Inconsequenzen bei beiden Gruppen 
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die- 
jenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Persönlich- 
keit des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit 
dieser Erklärung zu Ende. Sie künnteu den Versuch, den Träumer 
für seine Träume verantwortlieh zu machen, aus der Schlechtigkeit 
seiner Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schliessen, 
mit derselben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleich werthigen 
Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die Werthlosigkeit seiner 
intellectucllen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die Anderen, 
für die sich „der kategorische Imperativ" auch in den Traum 
erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne 
Einschränkung anzunehmen ; es wäre ihnen nur zu wünschen, dass 
eigene Träume von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst fest- 
gebaltenen Werthschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müssten. 

Kun scheint es aber, dass niemand von sich selbst so recht 
sicher weiss, in wie weit er gut oder büse ist, und dass niemand die 
Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn 
über jenen Gegensatz in der Beurtheilung der Traum morali tat hinweg 
zeigen sich hei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her- 
kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich ein 
neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Functionen des 
psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträcbtigungen 
desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Thatsächlichkeit 
lässt dann Vertreter der A^erantwortliclikeit wie der Un Verantwortlich- 
keit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen 
Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen. 

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, 
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume 
zu übernehmen. Haffner^^) sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht 
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt 
ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit bat 
... Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandelu 
Tugend oder Sünde sein." Doch ist der Mensch für den sündhaften 
Traum verantwortlich, sofern er ihn indircct verursacbt. Es erwächst 



48 I. Litteiatur der Traumprobleme. 

fUr ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem 
Schlafengehen seine Seele sittUch zu reinigen. 

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung- 
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In- 
halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, dass 
die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammen- 
drängunr^ der complicirtesten L'eberlegungsvorgänge m das kleinste 
ZeitÄumchen, und die auch von ihm zugestandene Entwerthung und Ver- 
menguno- der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsitthchen 
AnscheiS der Träume in Abzug gebracht werden muss, gesteht er, 
dass es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung 
für Traumsündeu und Schulden schlechthin zu leugnen. ,. , . ' 

(p.49) „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich eine 
solche die sich auf unsere Absiebten und Gesinnungen bezieht, recht 
entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redens- 
art: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir 
allerdings einerseits aus, dass wir das Trauragebiet für das fernste 
und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen 
hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen 
nur so lose und locker zusammenhängen, dass sie kaum noch als die 
unsrigen betrachtet werden dürfen ; aber indem wir eben auch auf 
diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklicK 
zu leugnen nns veranlasst fühlen, so geben wir doch indirect damit 
zugleich zu, dass unsere Kechtfertigung nicht vollkommen sein wüi-de, 
wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden 
hier wenn auch unbewusst, die Sprache der Wahrheit." , 

' (p. 52) „Es lässt sich nämlich keine Traumthat denken, deren ' 
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher ' 
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre." Von dieser ersten 
liegung müsse man sagen : Der Traum erfand es nicht, — er bildete 
es nur nach und spann's nur aus, er bearbeitete nur ein Queutlein 
historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer 
Form • er setzte das Wort des Apostels in Scene : Wer seinen Bruder 
hasst.'der ist ein Todtschläger. Und während man das ganze, breit 
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen, 
sein^er sittlichen Stärke bewusst, belächeln kann, so will jener ur- 
sprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen 
lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden ver- 
antwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen 
P]-ocentsatz. „Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden 
Sinne das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, 
— dann können wir auch kaum der Ueberzeugung uns erwehren^ 
dass jede im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum wenig, 
stens von Schuld mit sich führe." 

In den Keimen und Andeutungen büser Regungen, die als Ver- 
suchungsgedanken tagsüber diu'ch unsere Seelen ziehen, findet also 



Contraatirende Vorstellungen. 49 

Hildebrandt die Quelle für die Uümoralität der Träume und er 
steht eicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Werth- 
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken 
und die niimlicbe Schätzung derselben, welche, wie wir wissen die 
Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen liess. sie seien ' 
Sünder. 



arge 



An dem allgemeinen Vorkommen dieser contrastirend en 
Vorstellungen — bei den meisten Menschen und auch auf anderem als 
ethischem Gebiete — bestellt wohl kein Zweifel. Die Beurtbeiluug der- 
selben'_ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta*^*) 
findet sich folgende hieher gehörige Aeusserung von A Zeller (Ar- 
tikel ,,Irre" in der ^lUgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften von 
Ersch und Gruher) citirt (p. 144}: „So glücklich ist selten ein 
beist organisirt, dass er zu allen Zeiten volle Macht besasse und 
nicht immer wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig 
fratzenhafte und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gano- 
seiner Gedanken unterbrächen, ja die grössten Denker haben sich 
über dieses traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vor- 
stellungen zu beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und 
ihre heiligste uud ernsthafteste Gedankenarbeit stört.^ 

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung' dieser 
Contrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Ilildebrandt 
dass der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres 
Wesens blicken lasse, die uns im Zustande des Wacheng meist ver- 
schlossen bleiben {p. 55). Dieselbe Erkenntnis verräth Kant an einer 
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu 
da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen- 
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden künnen, 
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten 5 Radestock-'') (p. 84) 
mit den Worten, dass der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns 
nicht gestehen wollen, und dass wir ihn darum mit Unrecht einen 
Lügner und Betrüger schelten. Wir werden aufmerksam gemacht, 
dass das Auftauchen dieser, unserem sittlichen Bewusstsein fremden 
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des 
Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen 
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen, 
wiedie von Benini^): Gerte nostre incliuazioni che si credevano soffo- 
cate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte 
riTivono; cose e persone a cui non penslamo mai, ci vengono dinanzi 
(p. 149), und von Volk elt'^): „Auch Vorstellungen, die in das wache 
Bewusstsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm vielleicht 
nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig 
dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kund zu thun- (p. 105) 
Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, dass nach Schieier- 
macher"') schon das Einschlafen vom Hervortreten ungewollter 
Vorstellungen (Bilder) begleitet war. 



Fiend, Traumdeutung. 



50 



I. Litteratur der Traumprobleme. 



Als „ungewollte Vorstellungen" dürfen wir nun dies ganze 
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un- 
moralischen wie in den absurden Traumon unser Befremden erregt. 
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, dass die ungewollten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu unserem sonstigen 
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns blos fremdartig 
erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte, 
diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben. 
Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt- 
lichen Auftauchen contrastirender ethischer Regungen ableiten? Hier 
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene 
G-ruppirung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von 
Hildebrandt und andere Vertreter seiner Grundansicht kann man 
wohl nicht anderswohin fortsetzen, als dass den unmoralischen Kegungen 
auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt 
ist bis zur That vorzudringen, und dass im Schlaf etwas wegfalle, 
was, gleichfalls "^vie eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die 
Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das 
wirkliclie, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und 
gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere 
Kenntnis zugiinglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen 
her kann Hildebrandt dem Traum die Rolle eines Warners 
zuweisen, der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele 
aufmerksam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Aerzte aueh 
bisher unbemerkte korpei-liche Leiden dem Bewusstsein verkünden 
kann. Und auch Spitta*^*) kann von keiner anderen Auffassung 
geleitet sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist^ die zur Zeit 
der Pubertät z. B. der Psyche zufliessen, und den Träumer tröstet, 
er habe alles gethan, was in seinen Kräften steht, wenn er ini 
Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und sich 
bemüht, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken 
sie nicht reifen und zur That werden zu lassen. Nach dieser Aufl 
fassung könnten wir die „ungewollten" Vorstellungen als die 
während des Tages ,,unter drückten" bezeichren und müssten in 
ihrem Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen erblicken. 

Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer 
Folgerung. Für Jessen^") stellen die ungewollten Vorstellungen im 
Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den 
Charakter einer zur Ruhe gelegten Willensthätigkeit und eines ge- 
Wissermassen mechanischen Processes von Bildern und Vor- 
stellungen durch innere Bewegungen dar" fp. 360). Ein unmoralischer 
Traum beweise weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als 
dass dieser von dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal. 
Kenntnis gewonnen habe, gewiss nicht eine ihm eigene Seelenregung. 



Das Utiterdriickfe. 



Öl'. 



Bei einem auderen Autor, U&nry-'% könnte man in Zweifel fferatheu 
ob auch Dicht er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt die 
seehsche Thätigkeit nach ihren Componeuten zu zerlegen, anstatt sie 
planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich 
über die Schranken der Moralität hinaussetzt: Ce sont nos penchauts 
qui parlent et qui nous fönt agir, sans cjue la conscience nous retienne 
bleu que parfoit elte nous avertisse. J'ai mes defauts et mes pen- 
chants vicieux; ä lY^at de veille, je tache de lutter contre eux et il 
ni arnve assez souvent de n'y pas snccomber. Mais dans mes songes 
jy succombe toujours ou pour mieux dire jagis par leur impulsion 
sans cramte et sans remords .... Evidemment les visions oui 
se deroulent devant ma pensöe et qui constituent le reve me sont 
suggerees par les mcitations que je resseus et que raa volonte absente 
ne cherche pas a reiouler" (p. HB). 

Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich 
vorhandene aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Disposition 
des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung schärferen 
Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maurv's (p. 115): „Ea 
reve l'homme se r6vele donc tout entier k soi-meme dans sa uudit6 
et sa raisere natives. Des qu'il suspend l'excrcice de sa volonte il 
deyient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, a l'etat'de 
veille la conscience, le sentiment d'honneur, la craiute nons defendent." 
An anderer Stelle findet er das treffende Wort: (p. 462) Dans le 
reve, c'est surtout Tliomnie instinetif qui se revele .... L'homme 
revient pour ainsi dire a l'^tat de nature quand il reve; mais moius 
les idües aequises out penetre dans son exprit, plus les penchauts 
en desaccord avec dies conservent encore sur lui d'inliuencc dans 
le reve." Er führt dann als Beispiel an, dass seine Träume ihn nicht 
selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen 
Schriften am heftigsten bekämpft hat. 

Der Werth all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy- 
chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da- 
durch beeinträchtigt, dass er in den von ihm so richtig beobachteten 
Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatisine psychologique" 
sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto- 
matisuius fasst er als vollen Gegensatz zur psychischen Thätigkeit. 
Eine Stelle in den Studien über das Bewusstseiu von Stricker") 
lautet: Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; 
wenn man sich z. B. im Traum vor Käubern fürchtet, so sind die 
Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man auf- 
merksam darauf gemacht, dass die Affectentwicklung im Traume die 
Beui-theilung nicht zulässt, welche man dem übrigen Trauminhalt 
schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psv- 
chisehen Vorgängen im Traum real sein mag, das heisst einen 



1 



52 



T. Litteratur der Tranmprobleme. 



(/) Traumtbeorien uud Function des Traumes, 
Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der be- 
obachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu 
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem 
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum- 
theorie heissen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich 
darin unterscheiden, dass sie den oder jenen Charakter des Traumes 
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn 
anknüpfen lassen. Eine Function, d i. ein Nutzen oder eme sonstige 
Leistung des Traumes, wird nicht nothweudig aus der Theorie ableitbar 
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäss ge- 
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die 
mit der Einsicht in eine Function des Traumes verbunden sind. 

Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen 
<relernt die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr 
Sder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, dass der Traum 
eine Sendung der Gütter sei, um die Handlungen der Menschen zu 
lenken war eine vollständige Theorie des Traumes, die iiber alles 
am Traum Wissenswerthe Auskunft ertheilte. Seitdem der Traum - 
ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden ist, kennen 
wir eine grossere Anzahl von Traumtheorien, aber darunter auch 
manche recht unvollständige. 

-Wenn man auf VoUzähhgkeit verzichtet, 
gende lockere Gruppirung der Traumtheorien ^ ', ■ , 

der zu Grunde gelegten Annahme über Mass und Art der psychischen 
Thätigkeit im Traum: 

1. Solche Theorien, welche die volle psychische Thätigkeit des 
Wachens sich indem Traum fortsetzen lassen, wie die von Delboeuf-^G^ 
Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intact, aber unter 
die vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes ge- 
bracht niuss sie bei normalem Functioniren andere Ergebnisse liefern 
als im' Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sieh, ob sie im Stande 
sind, die Unterschiede des Traumes von dem Wachdenken sämmtlich 
aus den Bedino-ungen des Schlafzustaudes abzuleiten. Ueberdies fehlt 
ihnen ein möglicher Zugang zu einer Function des Traumes ;_ man 
sieht nicht ein, wozu man träumt, warum der complicirte Mechanismus 
des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verha tnisse 
versetzt wird für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen 
oder, wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die emzig 
zweckmässigen Reactionen anstatt der dritten, der des Träumens. 

2. Solche Theorien, welche im Gegentheile für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Thätigkeit, eine Auflockei-ung der 
Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an- 
nehmen. Diesen Theorien zufolge müsste eine ganz andere psycho- 
lo'^ische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach 



kann man etwa fol- 
versuchen, je nach 



Theorie dos particllea Schlafes der Seele. 53 

Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht 
nicht blos in einer Absperrung der Seele von der Aussenwelt, er 
dringt TJelinehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilio- 
unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material 
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien con- 
struiren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen 
ihn zum Vorbilde des Schwachsinns oder einer Amentia. 

Die Theorie, dass im Traumleben nur ein Bruchtheil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelenthätigkeit zum Ausdruck komme, ist 
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt 
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für 
Traumerkliirung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr- 
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, 
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe 
jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch 
den Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum 
das Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles 
und zugleich sehr anomalisches Wachen" sagt Herbart's Psychologie 
über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zustanden von 
immer weiter gehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die 
ganze Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch 
Absurdität verräth, bis zur voll eoncentrirten Denkleistung decken. 
Wem die physiologische Darstellungs weise unentbehrlich ge- 
worden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie 
des Traumes in der Schilderung von Binz^) ausgedrückt linden (p. 43): 
„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen 
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer 
werden die in dem Gehirneiweiss aufgehäuften Erniüdungsstoffe und 
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden 
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen 
wach geworden hervor, während ringsumher noch Alles in Erstarrung 
ruht. Es tritt nun die isolirte Arbeit der Einzelgruppen vor 
unser umnebeltes Bewusstsein, und zu ihr fehlt die Controle anderer, 
der Association vorstehender Gehirnthcile. Darum fügen die ge- 
schaffenen Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken nahe- 
liegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. 
Immer grösser wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer 
geringer die Unvernunft des Traumes." 

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen, 
partiellen Wachens, oder Spuren von ihrem Einflüsse, sicherlich bei 
allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am Ausführ- 
lichsten ist sie bei Maury*'^) dargestellt. Dort hat es oft den Anseliein, 
als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach 
anatomischen Regionen verschiebbar vor. wobei ihm allerdin«-s eine 
anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Function an 
einander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten 



H 



I. Litteratur der Trauraprobleme. 



dass, -wenn die Theorie des partiellen Waclieas sich bestätigte, über 
den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. 

Eine Function des Traumes kann sich bei dieser Auffassung- 
des Traunilebcus natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das 
Urtheil über die Stellung und Bedeutung des Traumes consequenterweise 
durch die Aeusserung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Thatsachen, 
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen, 
in allen FöUen unnützen, in vielen Fnllen geradezu krankhaften Vor- 
gang zu kennzeichnen . . .'" 

Der Ausdruck ,, körperlich ■" mit Beziehung auf den Traum, der 
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach 
mehr als einer Kichtung Er bezieht sich zunächst auf die Trauni- 
ütiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimen- 
telle Erzeugung von Träumen durch DaiTeichimg von Giften studirte. 
Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorienj 
die Anregung zum Träumen womöglich ausschliesshch von soma- 
tischer Seite ausgehen zu lassen. Jn extremster Form dargestellt, 
lautete es so : Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in 
Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein 
Anlass bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die 
neu anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln 
konnte. Kun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es 
kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von 
überall her Reize an den Schlafenden heran, von aussen, von innen, 
von all den Körpergebieten sogar, um die mau sich als Wachender nie 
gekümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem. 
bald an jenem Zipfelehen waeh gerüttelt und fnnctionirt dann ein 
Weilchen mit dem geweckten Theil, froh wieder einzuschlafen. Der 
Traum ist die Reaetion auf die durch den Reiz verursachte Schlaf- 
Btürung, übrigens eine rein überflüssige Reaetion. 

Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans 
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichuen, hat aber auch 
noch einen anderen Sinn. Es ist die Wttr de eines psychischen Vor- 
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in 
seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von 

der Musik ganz unkundigen Menschen, die 



den 



„zehn Fingern emes 



über die Tasten des Instrumentes hinlaufen" veransehauhcht viel- 
leicht am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Ver- 
tretern der exacten Wissenschaft zumeist gefunden bat. Der Trauni 
wird in dieser Auflassung etwas ganz und gar Undeutbares; denn 
wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück 
Musik procluciren können? 

Es hat der Theorie des partiellen AVachens schon frühzeitig 
nicht an Einwänden gefehlt. Burdach^) meint 1830: „Wenn man 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 
weder das Wacheuj noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes 



Die „Ausscheidnngstheorie" vou Robert. 55 

gesagt, als dass einige Kräfte der Seele im Traume thätig sind, 
während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet wahrend 
des ganzen Lebens statt . . ." (p. 483). 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen 
^körperlichen'- Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf- 
fassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert-^^) ausgesprochen 
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Traumen eine 
Function, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiss. Robert nimmt 
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tiiatsaehen der Beobachtung, bei 
denen wir bereits in der Würdigung des Traum materiales verweilt haben 
(vgl. p. 11), nü.mlich dass man so häufig von den nebensächlichsten 
Eindrücken des Tages träumt, und dass man so selten die grossen 
Interessen des Tages mit hinübernimmt Robert behauptet als aus- 
schhesslich richtig: Es w^erden nie Dinge, die man voll ausgedacht 
hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die Einem unfertig im 
Sinne liegen, oder den Geist flüchtig streifen (p. 10). — „Durum 
kann man meistens den Traum sieh nicht erkUiren, weil die Ursachen 
desselben eben die nicht zum genügenden Erkennen des 
Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des ver- 
flossenen Tages sind". Die Bedingung, dass ein Eindruck in 
den Traum gelange, ist also, entweder dass dieser Eindruck in seiner 
Verarbeitung gestört wurde, oder dass er als allzu unbedeutend auf 
solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher 
AusscheidungsprocesSj der in seiner geistigen Rcactiouserscheinung 
zum Erkennen gelangt". Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die 
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, miisste in gegebener Zeit geistes- 
gestört werden, weil sich in seinem Plirn eine Unmasse unfertiger, 
unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde, 
unter deren Wucht dasjenige ersticken müsste, was dem Gedächt- 
nisse als fertiges Ganzes einzuverleiben würe.'' Der Traum leistet 
dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. Die 
Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32). 

Es wäre missverstündlich, an Robert die Frage zu richten, 
wie denn durch das Vorstellen im Traum eine Entlastung der Seele 
herbeigeführt werden kann. Der Autor schliesstolfenharausjenen beiden 
Eigenthümlichkeiten des Traummateriales. dass während des Schlafes 
eine solche Ausstossung von werthlosen Eindrücken irgendwie 
als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist kein 
besonderer psychischer Process, sondern nur die Kunde, die wir von 
jener Aussonderung erhalten. Uebrigens ist eine Ausscheidung nicht 
das einzige, was Isachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst 
hinzu, dass überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden 
und, „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedanken- 
stoff nicht ausscheiden lässt, wird durch der l'hantasie entlehnte 



56. 



I, Litteratur der Traumprobleme. 



Gedankenfaden zu einem abgerundeten Ganzen ver- 
bunden und so dem Gedächtnisse als unsoliädliclies Phantasiegemälde 
eingereiht" (p. 23). 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die 
Roberts aber in der Beurtheilung der Traumquellen. Während dort 
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äusseren und inneren 
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb 
zuni Traumen nach der Theorie Robert's in der Seele selbst, in ihrer 
Ueberladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urtheilt 
vollkommen cojisequent, dass die im körperlichen Befinden liegenden 
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen, 
und einen Geist, in dem kein' dem wachen Bewusstsein entnommener 
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen 
könnten. Zuzugeben sei blos, dass die im Traume aus den Tiefen 
der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven- 
reize beeinfiiisst werden können fp. 48). So ist der Traum nach 
Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar 
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen 
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor- 
gang am Apparat der Seelenthätigkeit und hat eine Function zu 
erfüllen, diesen Apparat vor Ueberspannung zu behüten, oder wenn 
man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten. 

Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus- 
wahl des Traummaterial es deutlich werden, stützt ein anderer Autor, 
yves Delage/^') seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beob- 
achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben 
Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird. 
D elage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm theure Person 
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, dass man von dem 
nicht träumt, was Einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat. oder 
erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. 
Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die 
Aligemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser 
Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht D e 1 a g e 

^über das Träumen junger Eheleute: „S'ils ont ete fortement öpria, 
presque Jamals ils n'ont revö Tun de l'autre avant le mariage ou 
pendant la lune de miel; et s'ils ont t^v6 d'amour c'est pour 6tre 
infideles avec quelque personne indiff(^rente ou odieuse." Wovon träumt 
man nun aber? 1) elage erkennt das in unseren Trüumen vor- 
kommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von 
. Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in 
unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als 

., Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer 
Prüfung als unerkannte Reproduetion, als „souvenir ineonscient". Aber 
dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rUhrt 
von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be- 



Bas „Unterdrückte" in der Theorie von Delaze n 



e. bi 



troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit 
sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je wenio-er 
bewusst und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr 
Aussicht hat er, im nächsten Traum eine Rolle zu spielen. 

Es sind im Wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein- 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Kobort^^) 
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem 
«r meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgiltig sind, 
traumfkhig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen 
Eindrücke sind gcwissermassen nicht voll erledigt worden, auch sie 
sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts tendus" 
die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr An- 
recht auf eine Rolle im Traum als der schwache und fast unbeachtete 
Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner 
Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt 
worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung auf- 
gespeicherte psychische Energie wird Nachts die Triebfeder des 
Traumes. Im Traum kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein. 

Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle 
ab; er kann einer selbständigen psyclüschen Thätigkeit im Traum 
nur die geringste Rolle einräumen, und so schliesst er sich mit seiner 
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom 

Sartiellen Schlafen des Grchirns an: „En somme le reve est le produit 
e la pensee errante, sans but et sans directionj se fisant successive- 
ment sur les Souvenirs, qui ont gard6 assez d'intensit^ pour se plaeer 
sur sa route et Farrcter au passage, etablissant entre eux un lien 
tantöt faible et ind6cis, tantut plus fort et plus serrö, selon que 
l'activite actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil." 
Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung 
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen 
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen 
kann. Aus der Bethätigung dieser Fähigkeiten ergibt sieh zumeist 
eine nützliche Function des Traumes. Die Wer th Schätzungen, welche 
der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefanden hat, gehören 
meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren 
Statt die Aeusserung von Burdach^) anzuführen, derzufolge der 
Traum „die Naturthätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die 
Macht der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewusstsein 
gestörtj nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in 
freiem Spiele sich ergehende Lebendigkeit der seusibeln Centralpnnkte 
ist« (p. 486). 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen 
sich Burdach u. A. offenbar als einen Zustand vor, in welchem 
die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt 
also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach citirt und 



J 



58 ' I. Litteratur der Traumprobleme. 

acceptirt darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichtet-i 
Vovalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine] 
-Ichutzwehr gegen die Regelmässigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, 
-ine freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bildepj 
-les Lebens durcheinander wirft, und die beständige Ernsthaftigkeitf 
des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unter- 
bricht; ohne die Träume würden wir gewiss früher alt, und so kann 
man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben,- 
doch als eine köstliche Aufgabe, als einen freundliehen Begleiter aufi 
der Wallfahrt zum Grabe betrachten.-' 

Die erfrischende und heilende Thätigkeit des Traumes schildert] 
noch eindringlicher Purkinje^^) (p. 456): ^Besonders würden die] 
productiven Träume diese Functionen vermitteln. Es sind leichte] 
Spiele der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zu- 
sammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen] 
Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. 
Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände.! 
Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen undj 
heitere zerstreuende Bilder, Hass durch Liebe und Freundlichkeit,, 
Furcht durch Muth und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie 
durch Ueberzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung! 
durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemüthes, die der Tag- 
immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er si 
zudeckt und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum The 
die schmerzenb eilende Wirkung der Zeit." Wir empfinden es all 
dass der Schlaf eine Wohlthat für das Seelenleben ist, und die dunkl 
Ahnung des Volksbewusstseins lässt sich offenbar das Vorurtheil nieh 
rauhen, dass der Traum einer der Wege ist, auf denen der Scblt^ 
seine Wohlthaten spendet. 

Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum atis 
einer besonderen Thätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustande 
frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Seh er ner^**) 1861 unter- 
nommene. Das Buch Scherner's, in einem schwulen und sch-wiil-' 
stigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung 
den Gegenstand getragen, die abstossend wirken muss, wenn sie nicht 
mit sich fortzureissen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig- 
keiten entgegen, dass wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren 
Darstellung greifen, in welcher der Philosoph V olkelt^^j die Lehren 
Seherners uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den 
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge 
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie- 
durch des Philosophen Pfade nicht." Solche Beurtheilung findet die 
Darstellung Scherner's selbst bei seinem Anhänger. 

Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele 
gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert in's Traumleben mitzunehmen. 
Er führt selbst aus, wie im Traum die Centralität, die Spontanenergie 



:er- ^ 
cht^ 



Die Theorie Scherner's. — Die Traumphantasie. 59 

des Ich entnervt wird, wie in Folge dieser Decentralisation Erkennen 
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden, und wie den Ueber- 
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur 
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt 
sich im Traum die als Phantasie zu benennende Thätigkeit der 
Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen 
Älaasse ledig, zur unbeschränkten Hei-rsehaft auf. Sie nimmt zwar 
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt 
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel- 
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproductiv 
sondern auch productiv. Ihre Eigenthümlichkeiten verleihen dem' 
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe 
für das Ungemessene, Ueb ertriebene, Ungeheuerliche. 
Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen 
Denkkategorien eine grössere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs- 
lust; sie ist aufs feinste empiindsam für die zarten Stimmuugsreizc 
des Geraüths, für die wühlerischen ÄfFeete, sie bildet sofort das innero 
Leben in die äussere plastische Anschaulichkeit hinein. Der Traum- 
phantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will, muss 
sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächend 
einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Grosse der Anschauungs- 
form hin. Ihre Sprache wird biedurch, so deutlich sie ist, weitläufig, 
schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit 
ihrer Sprache dadurch, dass sie die Abneigung hat, ein Object durch 
sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein fremdes Bild 
wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objeets, an dessen 
Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im Stande ist. Das 
ist die symbolisirende Thätigkeit der Phantasie . . . Sehr 
wichtig ist ferner, dass die Traum phantasie die Gegenstände nicht 
erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriss und diesen in freiester 
Weise, nachbildet. Ihre Malereien erseheinen daher wie genial hin- 
gehaucht. Die Traum phantasie bleibt aber nicht bei der blossen 
Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich genüthigt, 
das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln und so 
eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Gold- 
stücke auf die Strasse; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt 
sie davon. 

Das Material, an welchem die Trauraphantasie ihre künstlerische 
Thätigkeit vollzieht, ist nach S eherner vorwiegend das der, bei 
Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. p. 22), so dass in der 
Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische 
Theorie S c h e r n e r's und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundt's 
und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zu einander 
verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio- 
logischen Theorie die seelische Reaction auf die inneren Leibreize 
mit der Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen 



'i 



60 I- Titteratar der Traumprobleme. 

erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege 
der Association sich zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die 
Verfolo-unf^ der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, 
geben "die Leibreize nach Sehern er der Seele nur ein Material, 
das sie ihren phantastischen Absiebten dienstbar machen kann. Die 
Traumbildung fängt für Sehern er dort erst an, "vvo sie für den 
Blick der Anderen versiegt. , ^ -, , 

Zweckmässig wird man freilich nicht finden können, was die 
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes 
Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize ini 
betreffenden Traum stammen, in irgend einer plastischen Symbolik 
-vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und Ändere ihm nicht 
folgen, dass die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung 
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint 
sich aber zum Griück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu. 
binden ; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern benutzen, 
um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häusei-- 
strassen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Theile 
des Hauses wirklich einzelne Kürpertheile dar, so z. B. im Kopf. 
schmerztraura die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit 
ekelhaftigen krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf. 

Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere 
GegensUinde zar Darstellung der den Traumreiz ausschickenden 
Körpertheile verwendet. „So findet die athmende Lunge in dem 
flammenerfUllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbolj 
das Herz in hohlen Kisten uud Körben, die Harnblase in runden 
beuteiförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der 
männliche Gescblechtsreiztraum lässt den Träumer den oberen Theil 
einer Glarinctte, daneben den gleichen Theil einer Tabakspfeife, 
daneben wieder einen Pelz auf der Strasse finden. Clarinette und 
Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes, 
der Pelz das Scharabaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraum kann 
sich die Schritt-Enge der zusammenschliessenden Schenkel durch 
einen schmalen, von Häusern umschlosseneu Hof, die weibliche Scheide 
durch einen mitten durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, 
sehr schmalen Fusspfad symbolisiren, den die Träumerin wandeln 
muss, um etwa einen Brief zu einem Herrn zu tragen." (Volkelt 
p. 39.) Besonders wichtig ist es, dass am Schlüsse eines solchen 
Leibreiztrauines die Traumphantasie sich sozusagen demaskirt, indem 
sie das erregende Organ oder dessen Function unverhüllt hinstellt. 
So schliesst der „Zahnreiztraum" gewöhnlich damit, dass der Träumer 
sieh einen Zahn aus dem Munde nimmt. 

Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht blos 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum Object der Symbolisirung nehmen. 
So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kothige Strassen, der 



Kritik der Theorie Scherner's. 61 

Haro reiztrau m an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher 
die Art seiner Erregtheit, das Objeet, das er begehrt, werden 
symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt in concrete Verbin- 
dung mit den Symbolisirungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn 
wir bei Schmerzreizen uns mit beissenden Hunden oder tobenden 
Stieren Terzweifelt balgen, oder die Träumerin sich im Geschlechts- 
traum von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög- 
lichen Eeichthum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symholi- 
sirendo Phantasiethätigkeit als die Centralkraft eines jeden Traumes 
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie nHher einzudringen, 
der so erkannten psychischen ThiUigkeit ihre Stellung in einem System 
philosophischer Gedanken anzuw^eisen, versiicbte dann Volkelt'^) in 
seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu schwer 
verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für 

das ahnungsvolle Erfassen philosophiseherBegriflsschemen vorbereitet ist. 
Eine nützliche Function itt mit der Bethätigung der symboH- 
sirenden Phantasie Scherner'a in den Trimmen nicht verbunden. 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Eeizen. Man 
könnte auf die Vermufhung kommen, dass sie unartig spielt Mau 
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende 
Beschäftigung mit der Scherner's Theorie des Traumes zu irgend 
etwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losge- 
bundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig 
scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der 
Lehre S c b er n e r's vor aller Prüfung als allzu hochmütblg ein 
Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dein Eindruck auf, den 
jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen grosse Aufmerksam- 
keit schenkte, und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunkeln 
seelischen Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegen- 
stand, der den Menschen durch Jahrtausende räthselhaft wohl, aber 
zugleich Inhalts- und beziehungereich erschienen ist, und zu dessen 
Erhellung die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht 
viel anderes beigetragen hat, als dass sie im vollen Gegensatz zur 
populären Empfindung dem Objecte Inhalt und Bedeutsamkeit abzu- 
sprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, dass es 
den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aul- 
zuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglien- 
zellen-Phantastik; die p. 53 citirte Stelle eines nüchternen und 
exacten Forscliers wie Binz*), welche schildert, wie die Aurora des 
Erwachens über die eingeschlafeneu Zellhaufen der Hirnrinde hin- 
zieht, steht an Phantastik und an — Unwahrscheinlichkeit hinter den 
Scherner'schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen 
zu können, dass hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das aller- 
dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter 
der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch 
erheben kann. Vorläufig kann uns die Scherner'sche Theorie des 



62 I. Litteratur der Trauraprobleme. 

Traumes in ihrem Gegensatz zur medicinischen etwa vor Augen 
führen, awischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens 
heute noch unsicher schwankt. 

h) Beziehungen zwischen Traum und Geistes- 
krank heit en. 

Wer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen 
spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Bezie- 
hungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand vertritt, 
einleitet, oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traum- 
leben im Falle der Geisteskrankheit erleidet. 3. Innere Beziehungen 
zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesens Verwandt- 
schaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den 
beiden Heihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Mediein 
— und in der Gegenwart von Neuem wieder — ein Lieblingsthema 
ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta^*), Radestock^*)^ 
Maury'^) und Tissie''^) gesammelte Litteratur des Gegenstandes lehrt. 
Jüngst hat Sante de Sanctis^'^, ^') diesem Zusammenhange seine 
Aufmerksamkeit zugewendet. Dem Interesse unserer Darstellung wird 
CS genügen, den bedeutsamen Gegenstand blos zu streifen. 

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen 
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradig- 
mata mittheilen. Hohubaum berichtet (bei Krau s s^% dass der erste 
Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreck- 
haften Traum herschrieb, und dass die vorherrschende Idee mit diesem 
Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt ähnliche 
.Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen 
derselben für die „vi'aic cause d^terniinante de la folie". Die Psychose 
kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Aufklärung enthaltenden Traum 
mit einem Schlag in's Leben treten, oder sich durch weitere Träume, 
die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In 
einem Falle von de S a n c t i s schlössen sieh an den ergreifenden Traum 
leichte hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melan- 
cholischer Zustand. Fere(bei Tissie) berichtet von einem Traum, der 
eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum 
als Aetiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem That- 
bestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen, die geistige 
Störung habe ihre erste Aeusserung am Traumleben gezeigt, sei im 
Traum zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen enthält das 
Traumleben die krankhaften Symptome, oder die Psychose bleibt auf g 
Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer"J) auf Angst- 
träume aufmerksam, die als Aequivalente von epileptischen An- 
fällen aufgefasst werden müssen. Alli son hat nächtliche Geistes- 
krankheit (nocturnal iusanity) beschrieben (nach Radestock), bei 
der die Individuen Tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, 
während bei Nacht regelmässig Hallucinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. 
auftreten. Aehnliche Beohachtunffen bei de Sanctis (paranoisches 



EeziehuugcQ zwischen Traum und Psychosen. 63 

Traumäquivalent bei einem Alkolioliker. Stimmen, die die Ehefrau 
der Untreue bescliuldig-en); bei Tissie.' Tissi6 bringt aus neuerer 
Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen 
pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangsimpufse) 
sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, iu dem 
der Schlaf durch ein intenntttirendes Irresein ersetzt war. 

Es ist wohl kein Zweifel, dass eines Tages neben der Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Äerzte 
beschäftigen wird. 

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach 
Geisteskrankheit, dass bei gesunder Function am Tage das Traum- 
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses 
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss^^^). 
Macario (bei Tissie) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche 
nach seiner völligeu Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die 
leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte. 

Ueber die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen 
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen 
Traum und Geistesstörungj die sieh in so weitgehender Ueberein- 
stimmung der Erscheinungen beider äussert, frühzeitig Beachtung ge- 
funden. Nach Maury^^) bat zuerst Cabanis in seinen Rapports du 
physique et du moral auf sie hingewiesen, nach ihm Lelut, J. Mo- 
reau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicher- 
lieh ist die Vergleichung noch älter. liadastock''') leitet das Capitel, 
in dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein, 
welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an 
einer Stelle: „Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen." Krauss: 
„Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Siiinenwachseins." 
Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den 
Wahnsinn einen langen Ti'aum. Hagen bezeichnet das Delirium als 
Traumleben, welches nicht durch Schlaf sondern durch Krankheiten 
herbeigeführt ist. Wun dt äussert in der Physiologischen Psychologie. 
„In der That können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die uns 
in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben." 

Die einzelnen Uebereinstimmungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urtheil empfiehlt, zählt Spitta''^) (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: ^1. Aufliehung 
oder doch Retardation des Selbstbewusstseins, in Folge dessen Un- 
kenntnis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Er- 
staunens, Mangel des moralischen Bewusstseins. 2. Modificirte Per- 
ception der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte, im 
^^ ahusinn im Allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der 'Vor- 
stellungen unter einander lediglich nach den Gesetzen der Association 
und lieproduction also automatische Reihen bildung, daher Unpro- 
portionalität der Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Uebertrei- 



ß4 l. Litteratur der Traumprobleme. 

bungen, Phantasmen) und aus Alle dem resultirend. 4. Veränderung- 
beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der 
Eigenthümlichkeiten des Charakters (Perversitäten)." 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
terial: „Im Gebiet des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
gefühis findet man die meisten Hallucinationen und Illusionen, Die 
wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruchs- und Ge- 
scbmacksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie 
dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit anf; was 
der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen er- 
innert sich der Schlafende und Kranke." — Die Analogie von Traum 
und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Werth, dass sie sict 
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein- 
zelne Auftälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt. 

„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt 
der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück- so 
heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, 
Grosse, Erhabenheit und Reichthum. Der vermeintliche Iksitz von 
Gütern und die imaginäre Erfüllung von W^ünschen, deren Verweige- 
rung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund das Irreseins 
abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die 
Frau, die ein theueres Kind verloren, dehrirt in Mutterfreuden, wer 
Vermögensverluste erlitten, hält sich für ausserordentlich reich, das 
betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt." 

(Diese Stelle Radestock's ist die Abkürzung einer feinsinnigen 
Ausführung von Griesinger") (p. 111), die mit aller Klarheit die 
Wunscherfüllung als einen dem Traum und der Psychose ge- 
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter- 
suchungen haben mich gelehrt, dass hier der Schlüssel zu einer 
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu fin- 
den ist.) 

Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Lrtheils 
sind e's welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charak- 
terisiren " Die Ueb er Schätzung der eigenen geistigen Leistungen, 
die dem nüchternen Urtheil als unsinnig erscheinen, rindet sich hier 
wie dorti dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes ent- 
spricht die Ideen flucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes 
Zeitraass. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traunae, 
welche z. B. das eigene W'issen auf zwei Personen yertheilt, von 
denen die fremde das eigene Ich im Traume corrigirt ist yölUg 
gleichwerthig der bekannten PersünHchkeitstheilung bei hal ucinato- 
rischer Paranoia; auch der Ti'äumer hört die eigenen Gedanken von 
fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die constanten Wahnideen 



findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden patholo- 
^schen Träumen (reve obsedant). — Nach der Genesung von einem 
Delirium sagen die Kranken nicht selten, dass ihnen die ganze Zeit 



i 



Traum und Psychose. Die "Wunsclierftülung. 65 

ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja 
sie theilen uns mit, dass sie gelegentlich noch während der Krank- 
heit geahnt haben, sie seien nur m einem Traume befangen, ganz 
wie es oft im Sclilaftraum vorkommt. 

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock 
seine wie vieler Anderer Meinung in den Worten zusammenfasst, dass 
„der "Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine 
Steigerung des periodiscli wiederkehrenden normalen Traumzustandes 
zu betrachten ist." (p. 228.) 

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich 
äussernden Phänomene möglich ist, hat Krauss^") die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Aetiologie (vielmehr: in den Er- 
regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche 
Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch 
bedingte Empfindung, die Lcibreizseusation, das durch Beiträge 
von allen Oiganen her zu Staude gekommene Gemeingcfühl (vgl. P e i s s e 
hei Maury***) p. 52). 

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten 
reichende Uebereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört 
zu den stärksten Stützen der medicinischen Theorie des Traumlebens, 
nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor- 
gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelenthätigkelt darstellt. 
Man wird indes nicht erwarten können, die endgiltige Aufklärung 
über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es 
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere 
Einsicht in den Hergang der letzteren sich betindet- Wohl aber ist 
OS wahi'scheinlich, dass eine veränderte Auffassung des Traumes 
unsere Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen 
mitbeeinflussen muss, und so dürfen wir sagen, dass wir an der Auf- 
klärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge- 
heimnis des Traumes aufzuhellen. 



Preud, Traumdeutung. 



II. 

Die Methode der Traumdeutuno-, 

Die Analyse eines Traummusters. 

Die Uebersclirift. die ich meiner Abhandlung gegeben habe, 
lässt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume 
ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt zu zeigen, dass 
Traume einer Deutung fiihig sind, und Beitrilge zur KlHrung der 
eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger 
Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigenen Aufgabe ergeben 
können. Mit der Voraussetzung, dass Träume deutbar sind, trete ich. 
sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen 
Traumtheorien mit Ausnahme der Scherner'sehen. denn „einen 
Traum deuten'' heisst, seinen „Sinn" angeben, ihn durch etwas er- 
setzen, was sich als vollwichtiges, gleich werthiges Glied in die Ver- 
kettung unserer seeHschen Actionen einfügt. "Wie wir erfahren haben, 
lassen aber die wi.ssenschafdichen Theorien des Traumes für ein 
Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist ftir 
.sie überhaupt kein seelischer Act, sondern ein somatischer Vorgang-, 
der sieh durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders 
hat sich zu allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient 
sich ihres guten Rechtes, inconsequent zu verfahren, und obwohl sie 
zugesteht, der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sicK 
doch nicht entschliessen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. 
Von einer dunkeln Ahnung geleitet scheint sie doch anzunehmen 
der Traum habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum 
Ersätze eine-s anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sicli 
nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur 
verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laienwelt hat sieh darum von jeher bemüht, den Traum 
zu „deuten^ und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver- 
sucht. Das erste dieser Verfahren fasst den Trauminhalt als Ganzes 
in's Auge und sucht denselben durch einen anderen, ver stündlichen 



Die svmbolisclie imd die Cliiffi-irmetliode. 67 

und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt, zu ersetzen. Dies ist die 
äymbolische Ti'aumdeutung ; sie scheitert natürlich von vorne 
herein an jenen Träumen, welche nicht blos unverständlich, "sondern 
auch verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt 
etwa die Auslegung-, welche der biblische Josef dem Traume des 
Pharao angedeihen liess. Sieben fette Kühe, nach denen sieben 
magere kommen, welche die ersteren aufzehren, das ist ein sym- 
bolischer Ersatz für die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im 
Lande Aegypten, welche allen Ueberiluss aufzehren, den sieben 
fruchtbare Jahre geschaffen haben. Die meisten der avteflciellen 
Träume, welche von Dichtern gcschafl'en wurden, sind für solche 
symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben deu vom Dichter ge- 
fassten Gedanken in einer Verkleidung wieder, die zu den aus der 
Erfahrung bekannten Charakteren unseres Träumens ])assend gefunden 
wird. Die Meinung, der Traum beschäftige sich vorwiegend mit der 
Zukunft, deren G-estaltuug er im Voraus ahne, — ein Kest der einst 
den Träumen zuerkannten prophetisclien Bedeutung — wird dann 
zum Motiv, den durch symbolische Deutung gefundenen Sinn des 
Traumes durch ein „es wird"' in's Futurum zu versetzen. 

Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung 
findet, dazu lässt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das 
Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der unvermittelten In- 
tuition, und darum konnte die Traumdeutung mittelst Symbolik sich 
zu einer Kunstübung erheben^ die an eine besondere Begabung ge- 
bunden schien.") Von solchem Anspruch hfilt sich die andere der 
populären Methoden der Traumdeutung völlig ferne. Man könnte sie 
als die .,Chiflrirmethode" bezeichnen, da sie den Traum wie eine 
Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem, 
feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Be- 
deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Brief geträumtj 
aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl. ; ich sehe nun in 
einem „Traumbuch" nach und finde, dass ,,Brief" mit „Verdriiss", 
„Leichenbegiingnis" mit ^Verlobung" zu übersetzen ist. Es bleibt 
mir dann überlassen, aus den Öchlagworten, die ich entziffert habe, 
einen Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig 
hinnehme. Eine interessante Abänderung dieses Chiffrirverfahrens, 
durch welche dessen Charakter als rein mechanische Uebertragung 
einigermassen corrigirt wird, zeigt sich in der Schrift über Traum- 
deutung des Artcmidoros aus Daldis.^) Hier wird nicht nur auf den 
Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die Lebensumstände 
des Träumers Rücksicht genommen, so dass das nämliche Trauui- 
element für den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Be- 



*) Nach AbscUuss meines Maiiuscriptes ist mii- eine Schrift von Stumpf**) 
■/.agegangon, die in der Absicht zu erwßiseu, der Traum sei siimvoll luitl iloutbar mit 
meiner Arbeit zusammeutriii't. Die Düutuug' geschielit aber mittelst einer altegöri- 
aireuden Symbolik ohne Gewahr für AUgeniQing'iltigkeit des A''etfahreus. 



ß* 



f,g IL Methode der Traumdeutung. 

deutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kauf- 
mann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, dass die 
Beutungsarbeit nicht auf das Öanze des Traumes gerichtet -wird, 
sondern auf jedes Stück des Trauminhaltes für sich, als ob der Traum 
ein Conglomerat ivilre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere 
Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhüngenden 
und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der 
OhiÖrirmethode ausgegangen ist. 

Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die 
Unbranchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes 
keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in 
ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung 
flihig. Bei der Chifi'rirmethode käme alles darauf an, dass der 
„Schlüssel", das Traumbueli. verlä.sslich wäre, und dafür fehlen alle 
Garantien. Man wiSre versucht, den Philosojihen und Psychiatern 
Recht zu geben und mit ihnen das Troblem der Traumdeutung als 
eine imaginäre Aufgabe zu streichen. 

Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe ein- 
sehen müssen, dass hier wiederum einer jener nicht seltenen Falle 
vorhegt, in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube 
der Wahrheit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das 
Urtheil der heute geltenden Wissenschaft. Ich muss behaupten, dass 
der Traum -wirklich eine Bedeutung hat, und dass ein wissenschaft- 
liches Verfahren der Traumdeutung müglich ist. Zur Kenntnis dieses 
Verfahrens bin ich auf folgende Weise gelangt: 

Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Auflüsung gewisser 
psych opathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der Zwangs- 
vorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich nämlich 
aus einer bedeutsamen Mittheilung von Josef Breuer weiss, dass für 
diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auflösung; 
und Lösung in Eines zusammenfällt.'*^) Hat man eine solche patholo- 
gische Vorstellung auf die Elemente zurückfuhren können, aus denen 
sie im Seelenlehen des Kranken hervorgegangen ist, so ist diese 
auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht 
unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der 
Räthselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf 
dem von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten 
bis zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des 
Verfahrens schliesslich gestaltet hat. und welches die Ergebnisse der 
Bemühung gewesen sind, darüber werde ich ein anderes Mal aus- 
führlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana- 
lytischen Studien gerieth ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, 
die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzn- 
theilen. die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, er- 



*) Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895. 



Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung, 69 

Zählten mir ilire Träume und lehrten mich so, dass ein Traum in die 
psychische Verkettung- eingeschoben sein kann, die von einer ]iatho- 
logischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen 
ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Sjmptom zu be-j 
handeln und die für letztere ausgearbeitete Methode- der Deutung auf 
ihn anzuwenden. 

Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung 
■des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner 
Aufmerksamkeit für seine psychische Wahrnehmungen und eine Aus- 
schaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken 
sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit 
gesammelter Aufmerksamkeit ist es vortheilhaft, dass er eine ruhige 
Lage einnimmt und die Augen schliesst ; den Verzicht auf die 
Kritik der wahrgenommeneu Gedankenhildungen niuss man ihm 
ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psycho- 
analyse bange davon ab, dass er alles beachtet und mittheilt, was 
ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten lässt, den 
«inen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht 
zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. 
Er müsse sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten; 
denn gerade an dieser Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht ge- 
länge, die gesuchte Auflösung des Traumes, der Zwangsidee u. dgl. 
zu finden. 

Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, dass 
die psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine 
^anz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vor- 
gänge beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Action 
mehr in's Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es 
auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stime des 
Kachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbstbe- 
obachters erweist. In beiden Fällen muss eine Sammlung der Auf- 
merksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende übt ausserdem 
eine Kritik aus, in Folge deren er einen Theil der ihm aufsteigen- 
den Einfalle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere 
kurz abbricht, so dass er den Gedankenwegen nicht folgt, welche sie 
eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiss er sich 
so zu benehmen, dass sie überhaupt nicht bewusst, also vor ihrer 
"Wahrnehmung unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen 
hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so 
kommt ihm eine Unzahl yon Einfallen zum Bewusstsein, die sonst 
imfassbar gebheben wären. Mit Hilfe dieses für die Sclbstwahr- 
nehmung neu gewonnenen Materials lässt sich die Deutung der 
pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie man 
sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen, 
der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem 
hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Vertheilung der psy- 



7Ö ■ 11. Methode der Traumdeutung. 

fhisehen Energie (der beTveglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. 
Beim P^inschlafen treten die „tingewoilten VorstellungeTi" hervor 
durch den Nachlass einer gewissen Tvinkiirlichen (und gewiss aucK 
kritischen) Action, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen 
einwirken lassen; als den Grund dieses Isachlasses pflegen wir „Er- 
müdung" anzugeben ; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen 
verwandeln sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die 
Bemerkungen von Schleie rmacher'") u, A. Seite 33.) Bei dem 
Zustand, den man zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen 
bcntitzt, verzichtet man absichtlich und willkürlich auf jene Acti- 
vititt und verwendet die ersparte p.syehische Energie (oder ein Stück 
derselben) zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden 
ungewollten Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies 
der Unterschied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. 
AI an macht so die „ungewollten" Vorstellungen zu 
„gewollten". 

Es ist im Allgemeinen nicht schwierig, sich selbst oder einen 
Anderen in den gewünschten Zustand der kritiklosen Selbstbeobach- 
tung zu versetzen. Die meisten meiner Patienten bringen es nacli 
der ersten Unterweisung zu Stande ; ich selbst kann es sehr voll- 
komnien, wenn ich mich dabei durch Niederschreiben meiner Ein- 
fälle unterstütze. Der Betrag von psj'chischer Energie, um den man 
so die kritische Thätigkeit herab.setzt, und mit welchem man die 
Intensität der Selbstbeobachtung erhüben kann, schwankt crheblicb je 
nach dem Tliema, welches von der Aufmei'ksanikeit fixirt werden soll. 
^ Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lebrt 

nun; dass man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die ein- 
zelnen Theilstücke seines Inhaltes zum Object der Aufmerksamkeit 
machen darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten : Was 
fällt Ihnen zu diesem Traum ein? so weiss er in der Regel nichts 
in seinem geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muss ihm den Traum 
zerstückt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stück eine Reihe 
von Einfällen, die man als die „Hintergedanken" dieser Traumpartie 
bezeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also' 
die von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der po- 
pulären, historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung- 
durch Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der „Cbiffrirmethode'^. 
Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese 
fasst sie den Traum von vorne herein als etwas Zusammen gesetztes, 
als ein Conglomerat von psychischen Bildungen auf. 

Im Verlaufe meiner ^Psychoanalysen bei iNeurotikern habe ich 
wohl bereits über tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses 
Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und 
Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, dass 
ich mich dem Einwand aussetzen wiirdej es seien ja die Träume von 
Neuropathen, die einen Rückschluss auf die Träume gesunder 



• 

i 



V 



Seliwierigkeiteü des Materials. 71 

Menschen niclit gestatten, nöthigt mich ein anderer Grund zu deren 
Verwerfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist* 
jiatürlich innucr die Krankheitsgeschichte, welche der Keurose zu., 
Grunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vor- 
bericht und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen 
Bedin-^ungen der Psyclioneurosen erforderlich, Dinge, die an und für 
sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind, und so die Auf- 
merksamkeit vom Trauiuprobleni ablenken würden. Meine Absicht 
geht vielmehr dahin, in der Traum auf iüsung eine Vorarbeit für die 
Erschliessung der scliwierigeren Probleme der Neurosen-Psychologie 
zu schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, 
mein Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest niclit allzu wühlerisch 
verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind, 
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver- 
zeichnet linde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse 
ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht linden kann. ;Mein ^ 
Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrir- 
methode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixirten 
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefasst darauf, dass derselbe 
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu- 
sammeubang auch einen anderen Sinn verbergen mag., Somit bin 
ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches 
und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person 
herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens 
bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Vcrlässlicbkeit 
solcher „Selbstanalysen" entgegensetzen. Die "Willkür sei dabei keines- 
wegs ausgeschlossen. Nach meinem Urtheil liegen die Verhältnisse 
bei der helbstbeobaobtung eher günstiger als bei der Beobachtung 
Anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traum- 
deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe 
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif- 
liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, 
weiss sich dabei auch nicht gesichert vor der Missdeutung der 1 remden. 
Aber darüber muss man sich hinaussetzen können. „Tout psycho- 
logiste, schreibt Delboeuf. ^"j est oblige de faire Taveu mOme de 
ses faiblesses s'il croit par la jeter du jour sur (juelque problcme 
obscare." Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
fängliche Interesse an den Indiscretionen, die ich begehen muss, sehr 
bald der ausschliesslichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten 
psychologischen Problcme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und 
an, ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht 
einen Vorberieht nöthig. Nun muss ich aber den Leser bitten, für 
eine ganze Weile meine Interessen zu den seiuigen zu macheu und 
eich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver- 



1 

-I 
4 



72 II. Analyse eines Traunimusters. 

senken, denn solche Uebertrafrung fordert gebieterisch das Interesse 
für die versteckte Bedeutung der Trünme. 

Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame 
psychoautilytisch behandelt, die mir und den Meinigen freuadschaft- 
fich sehr nahe stand. Man versteht es, dass solche Vermengung der 
Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden 
kann, zamal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse 
des Arztes ist grösser, seine Autorität geringer. Ein Misserfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern. 
Die Cur endete mit einein theihveisen Erfolg, die Patientin verlor 
ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. 
Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die 
endgiitige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeichnen, 
und muthete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar 
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wogen 
die Beiiandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer 
College, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — 
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich frao;te 
ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihi- 
besser, aber nicht ganz gut. Ich weiss, dass mich diese Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. 
Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa dass ich der Patientin 
zu viel versprochen hätte, und führte — ob mit Recht oder Unrecht ■ — 
die vermeintliche Parteinahme Otto's gegen mich auf den Einfluss 
von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine 
Beiiandlung nie gerne gesehen hatten. Uebrigens wurde mir meine 
peinhche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. 
Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irraa's 
nieder, um sie. wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem 
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in 
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden 
Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, der 
unmittelbar nach dem Erwachen fixirt wurde. 

Traum vom 23./24=. Juli 1895. 
Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — Unter 
ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief 
zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, dass sie die „Lösung" 
noch nicht acceptirt. Ich sage ihr: Wenn Du noch Schmerzen hast, 
so ist es wirklich nur Deine Schuld. — Sie antwortet : Wenn Da 
wüsstest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Hals, Magen und 
Leib, es schnürt mich zusammen. — ■ Ich erschrecke und sehe sie an. 
Sie sieht bleich und gedunsen aus ; ich denke, am Ende übersehe ich 
da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue 



Der Traum vou Irma's Injection. 73 

ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben wie die Frauen 



die ein künstliches Gebiss tt-agen. Ich denke mir, sie hat es doch 
nicht nöthig. — Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finde 
rechts einen grossen weissen Fleck, und anderwärts sehe ich an merk- 
würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nase nmusch ein nach- 
gebildet sind, ausgedehnte weissgraue Schorfe. — Ich rufe schnei! 
Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt . . . . 
Dr. M. siebt ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, 
ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben 
ihr, und Freund Leopold percutirt sie über dem Leibehen und sagt : Sie 
hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrirte Haut- 
partie an der Unken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie er 
spüre) .... M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infection, aber es 
macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift 
sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbai", woher die 
Infection rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl 
fühlte, eine Injection gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen . . . 
Propionsäure . . . . Trimethy lamin (dessen Formel ich fett 
gedruckt vor mir sehe) . , Man macht solche Injectioncn nicht so 
leichtfertig . . . AVahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 

Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist 
sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft, und 
welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich vou Otto über Irma's Beiluden er- 
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht 
gesehrieben, haben meine Seelenthätigkeit auch während des Schlafes 
beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den 
Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, 
was der Traum bedeutet. Ich selbst weiss es auch nicht. Ich wundere 
mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir 
klagt, da es nicht dieselben shid, wegen welcher ich sie behandelt 
habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injection mit Propion- 
säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum scheint 
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn 
ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muss ich mich zu 
einer eingehenden Analyse entschliessen. 

Analyse: ■ ■ 

Die Halle — viele Gäste, die wir empfangen. "Wir 
wohnten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzel- 
stehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg 



74 n. Analyse eines Traunnnusters. 

anschliessen. Dies Haus war ehemals zu einem Vergnüguiigslocal 
bestimmt, hat hievon die ungewöhDÜcli hoben, hallenf (innigen ßäume. 
Der Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige 
Tage vor dem Gehurtsfeste meiner Fr;iu. Am Tage Latte meine 
Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem Geburtstag würden 
tnelirere Freunde, und darunter anch Irma, als Gäste zu uns kommen. 
Mein Traum anticipirt also diese Situation: Es ist der Geburtstag- 
meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden von uns als 
Gilste in der grossen Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe, dass sie die Lösung 
nicht acceptirt hat; ich sage: Wenn Du noch Schmerzen 
hast, ist es Deine eigene Schuld. Das hüttc ich ihr auch 
im Wachen sagen können, oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals 
die (später als unrichtig erkannte) Meinung, dass meine Aufgabe sich 
darin er.sehüpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome 
mitzutheilen ; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon 
der Erfolg abhjlngt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin 
diesem jetzt glücklich überwundenen Irrthum dankbar dafür, dass er 
mir die "Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner unver- 
meidlichen Ignoranz Heilerfolge produciren sollte. — Ich merke aber 
an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche, dass ich vor 
Allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. 
Wenn es Irmas eigene Schuld ist dann kann es nicht meine sein. 
Sollte in dieser Richtung die Absiebt des Traumes zu suchen sein? 
I r m a's Klagen; Schmerzen im Hals. Leib und 
■Magen, es schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen 
gehörten zum Symptomcomplex meiner Patientin, sie waren aber 
nicht sehr vordringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Uebel- 
keit und Ekel. Schmerzen im Hals, im Leih, Schnüren in der Keble 
spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum iob 
mich zu dieser Auswahl der Symptome im Traum entschlossen habe, 
kann es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. 

Meine Patientin war immer rosig. Ich vermuthe, dass sich 
hier eine andere Person ihr unterschiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, dass ich doch eine 
organische Affection übersehen habe. _ 

Wie man mir gerne glauben wird, eine nie erlöschende Angst 
beim Specialisten, der fast ausschhesslich Neurotiker sieht, und der 
so viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche 
andere Aerzte als ori>aniscli behandeln. Andererseits besehleicht 
mich — ich weiß nicht woher — ein leiser Zweifel, ob mein 
Erschrecken ganz ehrHch ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch 
begründet sind, so bin ich wiederum zu deren Heihing nicht vei-- 
pflichtet. Meine Cur beseitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es 



Der Traum von Irma's Injection. 75 

kommt mir also eigentlich vor, als sollte ich einen Irrthum in der 
Diagnose wünschen; dann wäre der Vorwurf des Misserfolges auch 
beseitigt. 

Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu 
sehen. Sic sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die 
falsche Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja 
doch nicht nüthig. 

Bei Irma hatte ich niemals Änlass, die Mundhöhle zu inspiciren. 
Der Vorgang im Traum erinnert mich an die vor einiger Zeit 
vorgenommene Untersnchung einer Gouvernante, die zunächst den 
Eindruck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Ocffnen 
des Mundes aber gewisse Anstalten traf, nm ihr Gebiss zu verbergen. 
An diesen Fall kntipfen sieh andere Krinnerungcn an ärztliche 
Untersuchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von 
Beiden zur Lust, enthüllt werden. ~ Sie hat es doch nicht nöthig, 
ist wohl zunächst ein Comphment für Irma; ich vex-mutho aber 
noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer 
Analyse, ob man die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat 
oder nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht, erirmeii; mich 
plötzlich an ein anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, 
die ich sehr hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen 
Besuch machte, fand ich sie in der im Traum reproducirten Situation 
beim Fenster, und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, dass sie einen 
diphtheritischen Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag 
kehren ja im Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fallt mir ein, 
dass ich in den letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von 
dieser anderen Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. 
Ja, Irma selbst hat es mir verrathen. Was weiss ich aber von ihren 
Zustünden? Gerade das eine, dass sie am hysterischen Wtirgen 
leidet wie meine Irma im Traum. Ich habe also im Traum meine 
Patientin durch ihre Freundin ersetzt. Jetzt erinnex'e ich mich, 
ich habe oft mit der Vermuthung gespielt, diese Dame könnte mich 
gleichfalls in Anspruch nehmen, sie von ihren Symptomen zu 
befreien. Ich hielt es aber dann selbst für unwahrscheinUch, denn 
sie ist von sehr zurückhaltender Natur. Sie sträubt sich, wie es 
der Traum zeigt. Eine andere Erklärung wäre, dass sie es 
nicht nöthig hat; sie hat sich wirklich bisher stark genug 
gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind 
nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei Irma noch bei ihrer 
Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen, falsche Zähne. Die 
falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; ich fühle mich 
nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. Dann fällt 
mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge anspielen können. 
Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin, und ich möchte sie nicht 
zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, dass sie sich vor mir 
genirt, und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für 



76 IL Analyse eines Traummnsters. 

ffewühnlieli bleich, und als sie einmal eine besonders gute Zeit 
hatte war sie gedunsen.*) Ich habe also meine Patientin Irma 
mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der 
Behandlung strtluben würden. Was kann es für Sinn haben, dass 
ich sie im Traume mit ihrer Freundin rertanscht habe ? Etwa, dass 
ich sie vertauschen mochte; die Andere erweckt entweder bei mir 
stärkere Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung von ihrer 
Intelliö-enz. Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine 
Lüsun^ nicht aceeptirt. Die Andere wäre klüger, würde also eher 
nachgeben. Der Mund geht dann auch gut auf-, sie würde 
mehr erzählen als Irma.*'-) . 

Was ich im Halse sehe: einen weissen h leck und 
versehorfte Nasenmuscheln. 

Der weisse Fleck erinnert au Diphtheritis und somit an 
Irma's Freundin, ausserdem aber an die schwere Erkrankung 
meiner ältesten Tochter vor nahezu zwei Jahren, und an all den 
Schreck jener hüsen Zeit. Die Schorfe an den Xasenmuscheln 
mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte 
damals häufig Cocain, um lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, 
und hatte vor wenigen Tagen gehurt, dass eine Patientin, die es 
mir gleich that, sich eine ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut 
zugezogen hatte. Die Empfehlung des Cocains, die 1885 von mir 
ausging, hat mir auch schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein 
thcurer, 1895 schon verstorbener Freund hatte durch den Missbrauch 
dieses Mittels seinen Untergang beschleunigt. 

Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Unter- 
suchung wiederholt. 

Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. 
Aber das „schnell" ist auilällig genug, um eine besondere Erklärung 
zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. 
Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, 
welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere In- 
toxication bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann 
eiligst an den erfahrenen älteren CoUegen um Beistand. Dass ich 
diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumsland 
erhärtet. Die Kranke, welche der Intosication erlag, führte den- 

*) Auf diese dritte Person lasst sich auch die noch unaufgeklärte Klage Über 
Schmerzen im Leib zurückfi'ihren. Es handelt aich natürlich um meine eigene 
Frau; die Leihschm erzen erbmern mich an einen der Anlässe, bei denen ihre Soheu 
mir deutlich wurde. Ich muss mir eingestehen, dass ich Irma und meine Frau 
in diesem Träumt; nicht »ehr HebenswUrdig behandle, aber zu meiner Entschuldigung 
sei bemerkt, dnss ich beide am Ideal der brave», gefiigigeu PaUentin mease 

**) Ich ahne, dass die Deutung dieses Stückes nicht weit genug getiilirt ist, 
um allem verborgenen Sinn zu folgen. Wollte ich die Vergleiehung der drei Frauen 
fortactzeii. so käme ich weit ab. — Jeder Traum hat mindcätens eine btelle, »q 
welcher er unergründlich ist, gleichsam eiuen Nabel, durch den er mit dem 
Unerkannten zusammeuhäugt. 



Der Traum von Irma's Injection. 77 

selben Namen wie meine nlteste Tochter. Ich Latte bis jetzt niemals 
daran gedacht; jetzt kömmt es mir beinahe wie eine Scliicksals- 
vergeltuEg vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem 
Sinne hier fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug' um 
Äug', Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervor- 
suchte, aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher 
Gewissenhaftigkeit macheu kann. 

Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. 
Davon ist soviel richtig, dass sein schlechtes Aussehen häufig 
die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere 
müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus- 
lande lebender iilterer Bruder ein, der das Kinn rasirt trägt und dem. 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im Ganzen 
ähnlich sah. Ueber ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, dass 
er wegen einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es 
muss einen Grund haben, dass ich die beiden Personen im Traume 
zu einer einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, dass 
ich gegen Beide aus ähnlichen Gründen mi.ssgestimmt war. Beide 
hatten einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit 
gemacht hatte, zurückgewiesen. 

Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund 
Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links 
unten nach. 

Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von 
Otto. Das Schicksal hat die Beiden, da sie dieselbe Specialität 
ausüben, zu Concurrenten gemacht, die man beständig mit einander 
vergleicht. Sie haben mir Beide Jahre hindurch assistirt, als ich 
noch eine öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. 
Scenen, wie die im Traum reproducirte, haben sich dort oftmals 
zugetragen. Wahrend ich mit Otto über die Diagnose eines Falles 
debattirte, hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und 
einen unerwarteten Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand 
eben zwischen ihnen eine ähnliche Oharakterverschicdenheit wie 
zwkchen dem Inspector Bräsig und seinem Freunde KarL Der 
Eine that sich durch „Fixigkeit" hervor, der Andere war langsam, 
bedächtig, aber gründlich. Wenn ich im Traume Otto und den 
vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht es 
offenbar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches 
Vergleichen wie oben zwischen der unfolgsamen Patientin Irma und 
ihrer für klüger gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines 
der Geleise, auf denen sich die Gedankenverbindung im Traume 
fortsehiebt: vom kranken Kind zum Kinderkrankeninetitut. — Die 
Dämpfung links unten macht mir den Eindruck, als entspräche sie 
allen Details eines einzelnen Falles, in dem mich Leopold durch 
seine Gründlichkeit frappirt hat. Es schwebt mir ausserdem etwas 
vor wie eine metastatische Afiection, aber es könnte auch eine 



78 IL Analyse eines Traum miisters. 

Beziehuno; zu der Patientin sein, die ich an Stelle von Irma haben 
müchte. Diese Dame imitirt nämlich, soweit ich es überscheu kann, 

eine Tuberculose. . 

Eine infiltrirte Hautpartie an der linken 

Schultor. . . n 1 1^ L 

Ich weiss sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatisnius, 
den ich re'^elmilssig verspüre, wenn ich bis tief in die :N'acht wach 
geblieben bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: 
was ich . . . wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist geraeintu 
Uebrigens fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrirte 
Hautpartie" khngt. An die „Infiltration links hinten oben" sind 
wir gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder anf 
Tuberculose. 

Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eme Ein- 
schaltung. Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natür- 
lich entkleidet; es ist irgend ein Gegensatz zur Art,^ wie man 
erwachsene weibliche Patienten untersuchen inuss. Von einem 
hervorragenden Kliniker pflegte man zu erzählen, dass er seine 
Patienten .stets nur durch die Kleider physikalisch untersucht habe. 
Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, kerne Neigung, 
mich hier tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infection, aber es macht 
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und 
das Gift sich ausscheiden. 

Das erscheint mir zuerst lächerlich, muss aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt- werden. Käher betrachtet, zeigt es doch 
eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war 
eine locale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner 
Tochter erinnere ich mich an die Discussion über Diphtheritis und 
Diphtherie. Letztere ist die AUgemeininfection, die von der localen 
Diiihtlieritis ausgeht. Eine solche AUgemeininfection weist Leopold. 
durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde denken 
läBsf. Ich glaube zwar, dass gerade bei Diphtherie derartige 
Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie. 

Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sieh 
folgendermassen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt 
gebracht, dass die Schmerzen der Patientin von einer schweren- 
organischen Affection herrühren. Es ahnt mir. dass ich auch damit 
nur die Schuld von mir abwitlzen will. Für den Fortbestand 
diphthcritischer Leiden kann die psychische Cur nicht verantwortlich 
gemacht werden. Nun genirt es mich doch, dass ich Irma ein so 
schweres Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. 
Es sieht so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten 
Ausganges, und es scheint mir nicht übel gewählt, dass ich den i 
Trost gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe 
mich aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf. 



■ 



Der Traum von Irma's iDJectiou, 79 

Warum ist dieser Trost aber so iinsinnio-9 

Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstelliin-^ 
dass Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden künnen Avfii 
ieh mich damit über den Reichthum des Dr. M. an weit her «^eholton 
Erklärungenj sonderbaren pathologischen VerknüpfungeiT lustig 
machen y Zu Dysenterie fallt mir nocli etwas anderes ein Vor 
eimgeii Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdio-en 
Stuhlbeschwenlen übernommen, den aadere Collegen als einen Fall 
von „Anämie mit Untej-ernührung^' behandelt hatten. Ich erkannte 
dass es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psvcliotheranie 
nicht an ihm versuchen und sc-biekto ilm auf eine Seereise Nun 
bekam ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus 
Aegypten, dass er dort einen neuen Anfall durchgemacht den der 
Arzt für Dysenterie erklärt habe. Ich vermutlie zwar. dieDiao-nose 
jst nur ein Irrthum des unwissenden Collegen. der sich voS der 
Hysterie äffen lässt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht 
ersparen, dass ich den Kranken in die Lage versetzt, sicli zw seiner 
hysterischen Darmaftection etwa noch eine organische zu holen 
Dysenterie klingt ferner nn Diphtherie au, welcher Name ftt im 
Traum nicht genannt wird. 

Ja, es muss so sein, dass ich mich mit der tröstlichen Proo-nose- 
Es wird noch Dysenterie hinzukommen u. s. w. über Dr. M.'^lustio- 
mache, denn ieh entsinne mich, dass er mir einmal vor Jahren etwas 
ganz Aehnliches von einem anderen Collegen lachend erzählt hat 
Er war zur Consultation mit diesem Collegen bei einem schwer 
Kranken berufen worden und fühlte sich veranlasst, dem Anderen 
der sehr hoflnungsfrcudig schien, vorzuhalten, dass er beim Patienten 
Liweiss im Harn finde. 0er College Hess sich aber nicht irre machen 
sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts. Herr Colleo-e der 
Eiweiss wird sich schon ausscheiden! — Es ist mir also nicht mehr 
zjs-eifelhaft, dass m diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die der 
Hysterie unwissenden Collegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung 
fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiss denn Dr. M., dass die Er- 
scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irma's, welche eine 
Tuberculose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er 
diese Hysterie erkannt, oder ist er ihr „aufgesessen"? 

M^elches Motiv kann ieh aber haben, diesen Freund so schlecht 
zu behandeln y Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner ..Lösung^' 
bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also 
in diesem Traum bereits an zwei Personen Rache genommen an 
Irma mit den Worten : Wenn Du noch Schmerzen hast, ist es Deine 
eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaut der ihm in den 
Mond gelegten unsinnigen Tröstung. 

Wir wissen unmittelbar, woher diclnfection rührt 
Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdi«: Eben 



1 



gQ II. Analyse eines Traummusters. 

vorhin wiLssten wir es nock niclit, da die Infection erst durcli 
Leopold nachge-wiesen wurde _ T,ir.. i.i, 

■ Frennd Otto hat ihr, als sie sich unwoh fühl te, 
eincinjection gegcbon. Otto hatte wirklich erzählt, dass er 
in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas tamihe ms 
benachbarte Hotel geholt wurde, um dort Jemandem, der sich plötz- 
lich unwohl fühlte, eine Injection zumachen Die Injcctionea er- 
innern mich wieder an den unglücklichen 1 round, der sieh mit 
Cocain vergiftet hat. Ich hatte ihm das Mittel nur zur internen 
Anwendung während der Morphiumentziehung gerathen ; er machte 
sich aber unverzüglich Cocaininjectionen. 

Mit einem Propylpräparat . . - Propylen . . I ro- 
pionsäure Wie komme ich nur dazuV Am selben Abend, nach 
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf 
geträumt hatte, üffnete meine Frau eine Flasche Liqueur, auf welcher 
iVnanas'-") zu lesen stand, und die ein Geschenk unseres Freundes 
Otto war. Er hat nilmlich' die Gewohnheit, bei allen müglichen An- 
lässen zu schenken; hoffenthch wird er einmal durch eine Frau 
davon curirt. Diesem Liqueur entströmte ein solcher Fuselgeruch, 
dass ich mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: 
Diese Flasche schenken wir den Dienstlcuten, und ich noch vor- 
sichtiger untersagte es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, 
sie sollen sich auch nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amj^ . . .) 
hat nun offenbar bei mir die Erinnerung an die ganze Reihe : Propyl, 
Methyl u. s. w. geweckt, die für den Traum die Propylenprilparate 
lieferte. Ich habe dabei allerdings eine Substitution vorgenommen. 
Propyl geträumt, nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Sub- 
stitutionen sind vielleicht gerade in der organischen Chemie gestattet. 
Triraethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traum 
die chemische Formel, was jedenfalls eine grosse Anstrengung meines 
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Context etwas als ganz besonders wichtig heraus- 
heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in 
solcher Weise aufmerksam gemacht werde V Auf ein Gespräch mit 
einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden 
Arbeiten weiss, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals 
gewisse Ideen zu einer Sexualchemio mitgetheilt und unter anderem 
erwähnt eines der Producte des Sexualstoffwechsels glaube er im 
TrimethVlamin zu erkennen. Dieser KOrper führt mich also auf die 
Sexualitilt. auf ienes Moment, dem ich für die Entstehung der ner- 
vösen Aifectioneh, welche ich heüen will, die grösste Bedeutung bei- 
lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es 
mir darum zu thun ist, den Misserfolg der Cur hei ihr zu entsehnl- 

*) „Aüanaa" enthillt übrigens einen merkwürdigen Anklang an den FamUien- 
nnmeu meiner Patientin Irma. 



Der Traum vou Irma's InjectioD. gl 

digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Thatsache berufen 
an welehei' ihre Freunde gerne ändern niüchten. Wie merkwUrdio- 
übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die Andere, welche ieh an 
Irma's Statt im Traume zur Patientin liabe, ist auch eine juno-e 
Witwe. 




so breit 

Wort zusammen : Trimethylamin ist nicht nur ^eine Anspielu^if; 
das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine 
Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigun*'- erinnere 
wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser 
Freund, der in meinem Leben eine so grosse Rolle spielt in dem 
Gedankenzusammenliang des Traumes weiter nicht vorkommen V 
Doch; er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von 
Affectionen der Nase und ihrer Ncbeuhöhlen ausgehen, und hat der 
Wissenschaft einige höchst merkwürdige Beziehungen der Käsen - 
muscheln zu den weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei 
krausen Gebilde im Hals bei Irma.) Ich habe Irma von ilim unter- 
suchen lassen, ob ihre Magenschmerzen etwa nasalen Urspruno-s 
sind. Er leidet aber selbst an Naseneiterungen; die mir Sor^-e 
bereiten, und darauf spielt wohl die Pyämie an, die mir bei den 
Metastasen des Tx'aumes vorschwebt. 

Man macht solche Injeetionen nicht so leichtfertig. 
Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund 
Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Aehnliches habe ich mir am 
Nachmittage gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme 
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich 
beeintlussen lüsst; ivie leicht er mit seinem Urtheil fertig wird. — 
Ausserdem deutet mir der obensteheude Satz wiederum auf den ver- 
storbenen Freund, der sich so rasch zu Cocaininjectionen eutschloss. 
Ich hatte Injeetionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab- 
sichtigt. Bei dem Vorwurf, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig 
mit jenen chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, dass ich wieder 
die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der- 
selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar 
Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fiir's Gegentheil. 
Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 
Noch ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern 
traf ieh zufüUig den Sohn einer SSfjahrigen Dame, der ich täglich 
zwei Morphiuminjectionen geben muss. Sie ist gegenwärtig auf dem 
Lande, und ich hörte über sie, dass sie an einer Venenentzündung 
leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat 
durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, dass ich ihr 
in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe- es ist 
freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich 
bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder 

Fr«nd, Traumdeutnng. « 



82 II. Analyse eines Tiaummnsterä. 

auf meine Frau, die in. einer Sch-\vangcrschaft an Voncnstauungeu 
{Telittcn, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche 
Situationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen 
Mathilde auf, deren Identität mir offenbar das Kecht gegeben hat, 
die drei Personen im Traum für einander einzusetzen. 

Ich habe nun die Traumdeutung vollendet. Während dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen 
der Vorgleich zwischen dem Trauminhalt und den daliinter ver- 
steckten Traumgedanken die Ani'egung geben niusste. Auch ist mir 
unterdess der „Sinn" des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Ab- 
sicht gemerkt, welche durch den Traum verwirklicht wird und die 
das Motiv des Träumens gewesen sein muss. Der Traum erfüllt 
einige Wünsclie, welche durch die Ereignisse des letzten Abends 
(die Nachricht Otto's, die Niederschrift der Krankengeschichte) in 
mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des Traumes ist 
nämlich, dass ich nicht Schuld bin an dem noch vorhandenen Leiden 
Irma's, und dass Otto daran schuld ist. Nun hat mich Otto durch 
seine Bemerkung über Irma's unvollkommene Heilung geärgert, der 
Traum rächt mich an ihm. indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurück- 
wendet Von der Verantwortung für Irma's Befinden spricht der Traum 
mich frei, indem er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze 
Reihe von Begründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen 
Sachverhalt so dar. wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist 
also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch. 

vSoviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunscli- 
crfüllung verstandlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine 
voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilig^e 
ärztliche Handlung zuschiebe (die Injection). sondern ich nehme auch 
Kache an ihm für den schlechten Liqucnr, der nach Fusel duftet, 
und ich finde im Traum einen Ausdruck, der beide Vorwürfe 
vereint: die Injection mit einem Propylenpräparat. Ich bin noeli 
nicht befriedigt, sondern setze meine Bache fort, indem ich ihm seinen 
verlässlicheren Concurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu 
sagen: Der ist mir lieber als Du. Otto ist aber nicht der Einzige, 
der die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch 
an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, 
gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider- 
spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen 
Anspielung meine Meinung aus, dass er der Sache als ein Unwissen- 
der gegenübersteht („Es wird Dysenterie hinzutreten etc."). Ja, 
mir scheint, ich appellire von ihm weg an einen Anderen, Besser- 
wissenden (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), 
wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich 
gewendet habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir 



Der Traum von Irma's iDJection. 83 

durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledio- 
die ich nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vor- 
würfe selbst wird mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. 
Irma's Schmerzen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selbst schuld 
an ihnen, indem sie meine Lüsung anzunehmen verweigert. Irma's 
Schmerzen gehen niieh nichts an. denn sie sind organischer Katur, 
durch eine psychische Cur gar nicht heilbar. Irma's Leiden erklären 
sich befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!). woran 
ich ja nichts andern kann. Irma'.'? Leiden ist durch eine unvor- 
sichtige Injection von Seiten Ütto's hervorgerufen worden mit einem 
dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irma's 
Leiden rührt von einer Injection mit unreiner Spritze her wie die 
Venenentzündung meiner alten Dame, wahrend ich bei meinen 
Injectionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Er- 
klärungen für Irma's Leiden, die darin zusammentreffen mich zu 
entlasten, stimmen unter einander nicht zusammen, ja sie schliessen 
einander aus. Das ganze Plaidoyer — nichts andei'es ist dieser 
Traum — erinnert lebhaft an die Vertheidigung des ÜMannes, der 
von seinem Nachbar angeklagt war, ihin einen Kessel in schadhaftem 
Zustande zurückgegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt 
zur tickgebracht, zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er 
ihn entlehnte, drittens hat er nie einen Kessel vom Nachbar ent- 
lehnt. Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei Vertheidigungs- 
arten stichhaltig erkannt wird, muss der Mann freigesprochen werden. 
Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, dereu 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irma's Krankheit nicht so 
durchsichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleich- 
namigen Patientin, die Cocainsehadlichkeit, die Aftection memes in 
Aegypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner 
Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbeschwerden, 
die Sorge um den abwesenden Freund, der an Xaseneiterungen 
leidet. Doch wenn ich all das in's Auge fasse, fügt es sich zu einem 
einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etiquette : Sorge 
um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit. 
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mii' 
Otto die Nachricht von Irma's Befinden brachte. Aus dem im 
Traume mitspielenden Gedankenkreis rauchte ich nachtritglich den 
Ausdruck für diese fiüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er 
mir gesagt hatte: Du nimmst Deine ärztlichen Pflichten nicht ernst- 
haft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was Du ver.spi'iehst. 
Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung 
gestellt, damit ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem 
Grade ich gewissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner 
Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkens- 
werther Weise sind unter diesem Gedankenraaterial auch peinliche Er- 
innerungen, die eher für die meinem Freund Otto zugeschriebene 



84 U. Analyse eines Traum musters, 

Beschuldigung als für meine Entseliuldigung sprechen. Das Material 
ist gleicbSim unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren 
Stoffes, auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Thema des 
Traumes, aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas 
Krankheit unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar. 

Ich will nicht behaupten, dass ich den Sinn dieses Traumes 
%'ollständig aufgedeckt habe, dass seine Deutung eine lückenlose ist. 

Ich konnte noch lange bei ihm verweilen, -weitere Aufkläruu- 
o-en aus ihm entnehmen und neue Riltbsel erörtern, die er aufwerfen 
heisst. Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedajiken- 
zusammenbängc zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traum in Betracht kommen, halten mich von der 
Deut Imgsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch 
bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu 
sein als ich. Ich begnüge mich für den iloment mit der einen neu 
gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode 
der Traumdeutung befolgt, findet man, dass der Traum -wirklich 
einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten 
Hirnthiltigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter 
Deutungsarbeit lüsst sich der Traum als eine Wunsch- 
erfüllung erkennen. . -- • "- 



I 

III. 

* 

Der Traum ist eine Wuuscherfüllnnff. 

Wenn man einen engen flohlwei;- passirt hat und plötzlich auf 
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich tlieilen 
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich üffiiet, 
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin man 
zunächst sich wenden soll. Achnlich ergeht es uns, nachdem wir 
diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der 
Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver- 
gleichbar dem unregelniässigen Ertönen eines musikalischen Instru- 
mentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoss einer 
äusseren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt 
nicht voraus, dass ein Thcil unseres Vorstellungsschatzes scblitft, während 
ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgiltiges psychisches 
Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung 5 er ist einzureihen in den 
Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Actionen des 
Wachens; eine hoch complicirte intellcctuelle Thatigkeit hat ihn 
aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen 
Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der 
Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erftlUten Wunsch dar- 
stellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher 
diese Wunseherfüllung ausgedrückt ist? Welche Verminderung ist 
mit den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem 
Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das 
Material, das zum '.rraum verarbeitet worden ist? Woher rühren 
manche der Eigenthümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken 
bemerken konnten, wie z. B., dass sie einander widei'sprechen 
dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel. Seite 83.) Kann der Traum 
uns etwas Neues über unsere inneren psychischen Vorgänge lehren 
kann sein Inhalt Meinungen corrigiren, an die wir tagsüber geelaubt 
haben? Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen bei Seite zu 
lassen und einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben er- 



86 ITI. Der Traum ist eine "WunsclierfülluDg. 

fahren dass der Traum einen "Wiinscli als erfüllt darstellt. Unser 
nächstes Interesse soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner 
Charakter des Traumes ist, oder nur der zufiillige Inhalt jenes 
Traumes („von Inna's Injection"), mit dem unsere Analyse be- 
gonnen hat, denn selbst ivenn wir uns darauf gefasst machen, dass 
jeder Traum einen Sinn und psychischen Wcrtli hat, müssen wir 
noch die Müglichkeit offen lassen, dass dieser Sinn nicht in jedem 
Traume der nämliche sei. Unser erster Traum war eine AYunsch- 
erfüUuno-, ein anderer stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürch- 
tung heraus; ein dritter mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein 
vierter einfach eine Erinnerung reproduciren. Gibt es also noch 
andere Wunschträume oder gibt es vielleicht nichts anderes als 
Wunschträume ? 

Es ist leicht zu zeigen, dass die Träume hiiufig den Charakter 
der "Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so dass man sich 
■wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst 
ein Verstilndnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir 
beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am 
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen nehme, 
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen 
geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen Inhalt bat, 
nämlich, dass ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es 
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken 
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muss 
wirklieh trinken. Der Anlass dieses einfachen Traumes ist der 
Durst, den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung 
geht der Wunsch hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir 
der Traum erfüllt. Er dient dabei einer Function, die ich bald er- 
rathe. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt durch ein Bedürfnis 
geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch 
den Traum, dass ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht 
aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeits- 
traum. Das Triuimen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch 
sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den 
Durst zu lösclien, nicht mit einem Traum zu befriedigen, wie mein 
Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute "SViUe 
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermassen 
inodificirt. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem 
Bett stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir 
Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mii" das Glas holen 
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich 
träumte also zweckentsprechend, dass meine Frau mir aus einem 
Gefitss zu trinken gibt; dies Gefäss war ein etruskischer Aschen- 
krugj denn ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht und 



Bctjucmliclikeitstriiume, g7 

seither verschenkt hatte. Das Wasser' in ihm schmeckte aber so 
salzig {von der Asche offenbar), dass ich erwachen musste. Man 
merkt, wie bequem der Tranm es einzurichten vorsteht; da Wunsch- 
erjüilung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch 
sein. Liebe zur J^equemlichkcit ist mit Rücksicht auf Andere wirk- 
lich nicht vereinbar. Die Einmengnng des Aschenkruges ist wahr- 
scheinlich wieder eine Wunscheriullung ; es thüt mir leid, dass ich 
dies Gefäss nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas 
auf Seiten meiner Frau mir nicht zugünglich ist. Der Aschcnkrut^ 
passt sich auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen 
Geschmackes an, von der ich weiss, dass sie mich zum Erwachen 
zwingen wird.*) 

Solche Jlequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen 
Jahren sehr häufig. Von jeher gewohnt, bis tief in die Nacht zu 
arbeiten, war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. 
Ich pflegte dann zu Irilumen, dass ich ausser Bett bin und beim 
Waschkasten stehe. Nach einer Weile konnte ich mich der Einsicht 
nicht verschliessen, dass ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber 
doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben Triigheitstraum 
in besonders witziger Form kenne ich von einem jungen Collegen, 
der meine Schlafneigung zu theilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der 
er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den .strengen Auftrag, ihn 
jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Noth, wenn 
sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf 
besonders süss. Die Frau rief ins Zimmer; Herr Pepi, stehen's auf, 
Sie müssen in's Spital. Daraufhin träumte der Schlilfer ein Zimmer 
im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Xopftafel, auf der zu 
lesen stand: Pepi H . . , cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich ■ 
träumend : Wenn ich also schon im Spitale bin, brauche ich nicht 
erst hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte 
ßich dabei das Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden. 

Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls wiShrcnd des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig 
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach 
dem Wunsehe der Aorzte Tag und Naeht einen Kuhlapparat auf der 
kranken Wange tragen. Sie püegte ihn aber wegzuschleudern, sobald 



*) Das ThatsächlichB der Dursth-iliiine war auch Weygandt'^) bokaniit, der 
p. 41 darüber äussert: „Gfcrade die Durstemptinduiig wird am präciHeste» von 
allen aufgefasst : sie erzeugt stets uine Vorstellung des Durstlüscheus. — Diu Art, 
wie sich der Traum das Durst laschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird mich 
einer nahe liegenden Erinnerung specialisirt. Eine allgemeinis Ersclieinuiig ist auch 
hier, daas sich sofort nach der Vorstellung des Durstlöschen s eine EnlttUiselmng über 
die geringe Wirkung der venneintlichen Erfrisehiuigen einKtellt". Er üborRieht aber 
das AUgemeiugiltige in der lieaetion des Traumes auf den Roiz. — Wenn andere 
Personen, die in der Naeht vom Durst befallen werden, erwachen, ohne vorher zu 
träumen, so bedeutet dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charak- 
terisirt diese anderen als schlechtere Schläfer, 



88 ni. Der Traum ist eine AVunschcrfiillun^. 

sie eingesclilafen war. Eines Tages bat man micli, ihr darüber Vor- 
würfe zu machen; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden 
geworfen. Die Kranke verantwortete sich: Diesmal kann ick wirk- 
lich nichts dafür; es war die Folc^e eines Traumes, den ich bei 
Nacht gehabt. Ich war im Traum in einer Loge in der Oper uad 
interessirte mich lebhaft für die Vorstelhmg. Im Sanatorium aber 
lag der Herr Karl Meyer und jammerte fürchterlich vor 
Kieferschmerzen. leb habe "mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht 
habe, brauche ich auch den Apjjarat nicht: darum habe ieh ihn 
weggeworfen". Dieser Traum der armen Dulderin lilingt wie die Dar- 
stellung einer Kedensari, die sich Einem in unangenehmen Lagen über 
die Lippen drüngt: Ich wüsste mir wirklich ein besseres Vergnügen. 
Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer, dem 
die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste junge 
Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte. 

Nicht scliwieriger ist es, die WunscherfüUung in einigen an- 
deren Träumen aufzudecken, die ieh von Gesunden gesammelt habe. 
Ein Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mit- 
getheilt hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll Dir von meiner Frau 
erziihlen, dass sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. 
Du wirst wissen, was das bedeutet". FreiHch weiss ich's; wenn die junge 
Frau getrjiumt hat, dass sie die Periode hat, so ist die Periode ausge- 
blieben. Ich kann mir's denken, dass sie gerne noch einige Zeit 
ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden der Mütterlichkeit 
beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer ersten 
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau 
habe unlängst geträumt, dass sie an ihrer Hemdenbrust Milchtiecken 
bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom 
ersten Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind 
mehr Nahrung zu haben als seinerzeit für's erste. 

Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infectiüs erkrankten Kindes vom Verkehr abgeschnitten war, träumt 
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in 
der sich Ä. Daudet, Bourget, M. Prevost und Andere befinden, 
die sämmtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind und sie vortretilicli 
amüsiren. Die betreifenden Autoren tragen auch im Traum di© 
Züge, welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prevost, von dem sie ein 
■Bild nicht kennt, sieht dem — Desinfections manne gleich, der am 
Tag vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher 
nach langer Zeit betreten hatte. Man meint den Traum lückenlos 
übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amü- 
■santeres als diese ewigen Krankenpflegen. 

Vielleicht wird diese Auslese genügen um zu erweisen, dass 
man sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume 
ündet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die 
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist 



Unverhüllte AViinschtraume. 89 

kurze und einfache Tritume, die von den venvorrenen und über- 
reichen Traumcom Positionen, die wesentlich die Aufmerksamkeit 
der Autoren auf sich gezogen haben, wohlthuend abstechen. Es ver- 
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen. 
Die allereinfaehsten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern 
«rwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder complicix-t 
sind als die Erwachsener. Die Kinderj^sychologie ist nach meiner 
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn- 
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der 
Entwicklung niederer Thiere für die Erforschung der Structur der 
höchsten Thierclassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewusste Schritte 
geschehen, die Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszu- 
nützen. 

Die Träume der kleinen Ivindcr sind simple Wunscherfüllungen 
und darum im Gegensatz zu den Träumen Erwachsener gar nicht 
interessant. Sie geben keine Räthsel zu lösen, sind aber natürlich 
unschätzbar für den Erweis, dass der Traum seinem innersten Wesen 
nach eine AVunscherfiiJlung bedeutet. Bei meinem Materiale von 
eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träumen 

sammeln. 

Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896 
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 
damals SVsi^dn-igen Tochter, den anderen von einem öVjj'ibrigen 
Knaben. Als Vorbericlit muss ich angeben, dass wir in diesem 
Sommer auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir eine 
herrliche Dachsteinaussicht bei schönem Wetter genossen. Mit dem 
Fernrohr war die Simouyhütte gut zu erkennen. Die Kleinen be- 
mühten sich wiederholt, sie durch's Fernrohr zu sehen; ich weiss 
nicht, mit welchem Erfolg. Vor der Partie hatte ich den Kindern er- 
zählt,' Hallstatt läge am Fusse des Dachsteins. Sie freuten sich sehr 
auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir in's Eschernthal, das 
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Kur 
eines, der 5iährige Knabe wurde allmählich missgestimmt, So 
oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er; Ist das der Dachstein? 
worauf ich antworten musste : Kein, nur ein Vorberg. Nachdem sich 
diese Frage einige Slale wiederholt liatte, verstummte er ganz; den 
Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich 
hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz 
seelig auf mich zu und erzählte : Heute Kacht habe ich geträumt, 
dass wir auf der Simouyhütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun ; 
er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, dass er auf dem 
Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht 
bekommen werde, von der beim Fernrohr so viel die Kede war. 
Als er dann merkte, dass man ihm zumuthe, sieh mit Vorbergen 
und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht 
und wurde verstimmt. Der Trnuni entschädigte ihn dafür. Ich ver- 



90 III. Der Traum ist eine "U'unscLerfüllnng. 

suchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. ^Man 
geht sechs Stunden laug: auf Stufen hinauf', wie er's gehurt hatte. 

Auch bei dem S'/qjährigen ilädcheii ■W'areii auf diesem 
Ausflug Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen niusste. 
Wir hatten den ISjiÜirigen Knaben unserer ^^s'ac-hbarn nach Hall- 
ßtatt mitgenommen, einen vollendeten Ritter, der wie mir schien, 
sich aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers bereits erfreute. Sie 
erzjüilte nun am nächsten Älorgen folgenden Traum : Denk' Dir. ich. 
hab' geträumt, dass der Emil einer von uns ist. Papa und Mama 
zu Euch sagt und im grossen Zimmei' mit uns schläft wie unsere 
Buben. Daim kommt die Mama in's Zimmer und wirft eine Hand- 
voll grosser Chocoladestangen in blauem und grünem Papier unter 
unsere Betten. Die Brüder, die sieh also nicht kraft erblicher Ueber- 
tragung auf Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere 
Autoren : Dieser Traum ist ein Unsinn, Das Mädchen trat w-enigstens 
für einen Theil des Traumes ein, und es ist werthvoll für die Theorie 
der Neurosen zu erfahren, für welchen : Dass der Emil ganz bei 
uns ist, das ist ein Unsinn, aber das mit den Chocoladestang'en. 
nicht. Mir war gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir 
hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhof nach Hause 
hatten die Kinder vor dem Automaten Halt gemacht und gerade 
solche Chocoladestangen in metallisch glänzendem Papier sich ge- 
wünscht, die der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. 
Die Mama hatte mit Recht gemcintj jener Tag habe genug Wunsch- 
erfuUungeii gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrio 
gelassen. Mir war die kleine Scene entgangen. Den von meiner 
Tochter proscribirten Theil des Traumes verstand ich ohne Weiteres 
Ich hatte selbst gehurt, wie der artige Gast auf dem Wege die 
Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder die Mania 
nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der 
Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen des 
Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von den Brüdern 
hergenonnnen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die 
Chocoladestangen unter die Betten geworfen wurden, liess sich ohne 
Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklüren. 

Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich 
von befreundeter Seite erfiihren. Er betraf ein Sjähriges Mädchen. 
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Si)aziergang nach 
Dornbach in der Absicht unternommen, die Robrcrhütte zu besuchen 
kehrte aber um, weil es zu spät geworden war, und versprach den 
Kindern, sie ein anderes Mal zu entsehiidigen. Auf dem Rückweg 
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zum Hamean. 
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs Hameau geführt z\x 
werden, mussten sich aber aus demselben Grund wiederum auf einen 
anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das 8j äh- 
rige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut' hab ich 



I 



"Wuuschträume kleiuer Kinder. 91 

geträumt, Du warst mit ubs bei der Rohrerhütte und auf dem 
Hameau. Ihre Ungeduld hatte also die Erftillung des vom Papa ge- 
leisteten Versprechens im Traum anticipirt. 

Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussee's bei meinem damals SVijährigen Tüchtcrcheu er- 
regt hat. Die Kleine war zum ersten Mal über den See gefahren, 
und die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der 
Landungsstelle wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitter- 
lich. Am nächsten Morgen erzählte sie: Heute Xacht bin ich auf 
dem See gefahren. HoÜ'en wir, dass die Dauer dieser Traumfahrt sie 
besser befriedigt hat. 

Mein ältester, damals Sjähriger Knabe träumt bereits die Rea- 
lisirung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achillens in einem Wagen 
gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich 
'J'ags vorher für die Sagen Griechenlaud's begeistert, die der alteren 
Schwester geschenltt worden sind. 

Wenn man mir zugieht, dass das Sprechen aus dem Schlaf der 
Kinder gleichfalls dem Kreis des Träumens angehört, so kann ich in 
Folgendem einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mittheilen. 
Mein jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens 
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. 
In der Nacht, die diesem Hungertag folgte, hürte man sie erregt aus 
dem Schlaf rufen: Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier- 
(s}pei.s. Papp. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitz- 
ergreifung auszudrücken; der Speiszettel umfasste wohl alles, was ihr 
als begehrenswerthe Mahlzeit erscheinen musste-, dass die Erdbeeren 
darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen 
die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 
wohl bemerkten Nebenumstand, dass die Kinderfrau ihre Indis- 
position auf allzu reichlichen Erdbcergenuss geschoben hatte; für 
dies ihr unbequeme Gutachten nahm' sie also im Traume ihre 

Revanche.*) . ,, 

Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle 
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie 
reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der iraum- 
anrec'un"- der andere der grossen Lebenstriebe für sie werden kann. 
Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein 22monatlicher Nefle hat zu 
meinem Geburtstage die Aufgabe bekommen mir zu gratuhren und 
als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um 

*) Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum 
kurz nachher bei der Grossmutter, deren Alter das des Kiudes ungefilhr za 70 Jahjren 
ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer ■\Vaiuk'rniere zum 
Hangern gezwungen war, träamt se dann, offenbar mit VcrMetznng in die glück- 
liche Zeit des blühenden Mädchen Ihums, dass sie für beide Hanptmahkciten „aus- 
eebeten", zu GaHt geladen ist, nnd jedesmal die kiistlichsteii üisHwii vorgesetzt bö- 
kommt. 



92 in. Der Traum ist eine "Wunscherfüllung. 

diese Zeit des Jahres noeli zu den Primeurs zliBlen. Es scheint ilini 
hart anzukommen, denn er -wiederholt unaufbürlich; Kirschen sind 
d(r)in. und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu 
geben. Aber er weiss sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden 
Morgen seiner Mutter zu erzfihlen, dass er vom ^weissen Soldat" 
getrimmt, einem Gardeofficier im Mantel, den er einst auf der Strasse 
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudio- 
mit der Mittheilung, die nur einem Traum entstammen kann: He(r^ 
man alle Kirschen aufg essen! 

Wovon die Thiere triiumen. weiss ich nicht. Ein Sprichwort, 
dessen Erwühnung ich einem meiner Hürer danke, behauptet es zu 
wissen, denn es stellt die Frage auf ; Wovon träumt die Gans? 
und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais). Die ganze Theorie, 
dass der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen 
enthalten. 

Wir bemerken jetzt, dass wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem ktirzesten Wege gelang 
wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hatten. Die SprucU- 

weishcit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traum ■ 

man meint, sie wolle der Wissenschaft Recht geben, wenn sie 
urtheilt; Tritume sind Schäume — aber für den Sprach geh raucli 
ist der Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfiiller. „Das hiitt' 
ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt,'^ ruft entzückt, 
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet. 






IV. 

Die Traiimentstellung. 

Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, dass Wunselicrfüllnng 
üer Sinn eines jeden Traumes sei, also dass es keine anderen 
als W unscli träume geben kann, so bin ick des entschiedensten 
Widerspruches im Vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: 
„Dass es Tnlume giebt, welche als Wunscherfüllungon zu verstehen 
sind, ist nicht neu, sondern Utngst von den Autoren bemerkt worden 
jVgh Radestock-'i'*) (p. 187—138), Volkelt^-) (p. 110-111), 
Purkinjes^) (p. 456), Tissie''^) (p. 70), M. Simon^a) (p, 42 über 
die Hungertraume des eingekerkerten Baron Trenck) und die 
Stelle bei Griesinger") (p. 111).] Dass es aber nichts Anderes 
piebt als Wunscherfüllungstriinme, das ist wieder eine der ungerecht- 
fertigten Verallgemeinerungen, in denen Sie sich letzter Zeit auszu- 
zeichnen belieben. Es kommen doch reichlich genug Träume vor, 
welche den peinlichsten Inhalt erkennen lassen, aber keine Spur 
irgend einer Wunscherfüllung. Der pessimistische Philosoph 
Ed. V. Hart mann steht wohl der Wunscherfüllungstheoric am 
fernsten. Er äussert in seiner Philosophie des Unbewussteu, II. Theil 
(Stereotyp-Äusgabe, p. 344): 

„Was den Traum betriift, so treten mit ihm alle Plackereien 
des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das 
Einzige nicht, was den Gebildeton oinigermassen mit dem Leben 

aussöhnen kann: wissenschaftlicher und Kunstgcnuss " Aber 

auch minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, dass 
im Traum Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so Scholz'''') 
(p. 33), Volkelt ^-) (p. 80) u. A. Ja die Damen Sarah Weed 
and Florence Hallam^-'') haben aus der Bearbeitung ihrer Träume 
einen ziiFcrmässigen Ausdruck für das Ueberwiegcn der Unlust in 
den Träumen entnommen. Sie bezeichnen 58 '^,0 der Träume als 
peinlich und nur 28 G% als positiv angenehm. Ausser diesen 
Träumen, welche die mannigfaltigen peinlichen Gefühle des Lebens 
in den Schlaf fortsetzen, giebt es auch Angstträume, in denen uns 



94 . IV. Die TraumeiitsteUaug. 

diese entsetzlicliste aller Unlustempfindungen schüttelt, bis wir 
erwachen, und von solchen AngsttriLunien werden gerade die Kinder 
so leicht heimgesucht [Vgl. Debaeker^') über den Pavor nocturnus], 
bei denen Rie die Wunschtmume unverhuUt gefunden haben.^ 

Wirklich scheinen gerade die Angsttriiunie eine Verallgemei- 
nerung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen 
Abschnittes gewonnen haben, der Traum sei eine 'Wunscherfüllung. 
unmöt^lich zu machen, .ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken'. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwingen- 
den Einwänden zu entziehen. 'Man wolle blos beachten, dass nnsere 
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes 
beruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch 
die Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir 
manifesten und latenten Trauminhalt einander gegenüber. 
Es ist richtig, dass es Träume giebt, deren manifester Inhalt von 
der peinlichsten Art ist. Aber hat Jemand ^'ersucht, diese TrHunie 
zu deuten, den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken? 
Wenn aber nicht, dann treffen uns die beiden Einwiinde nicht mehr; 
es bleibt immerhin möglieh, dass auch peinliche und Angsttränme 
ßich nach der Deutung als Wunscherfüllungen enthüllen. 

Bei wissenschafthcher Arbeit ist es oft von Vortheil, wenn, die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter mit einander als 
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage : "Wie 
können peinliche und Angsttritume Wun scher füUun gen sein, sondern 
wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den Traum 
eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume indifferenten 
Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergehen, diesen ihren 
Sinn nicht unverhüllt ? Man nehme den weitläufig bebandelten 
Traum von Irma's Injeetion, er ist keineswegs peinlicher Katur. 
er ist durch die Deutung als eclatante Wunscherfüllung zu erkennen. 
Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum sagt der 
Traum nicht direct, was er bedeutet? Thatsächlich macht auch 
der Traum von Irma's Injeetion zunächt nicht den Eindruck, dass 
er einen Wunscli des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser 
wird diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst 
wusste es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heissen wir 
dieses der Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die T h at- 
sache der Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite 
Frage: Wovon rührt diese Traumentstellung her? 

Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte 
man auf verschiedene mögliche Lösungen gerathen, z. B. dass 
während des Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken 
einen entsprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analvse 
gewisser Träume nüthigt uns, für die Traumentstellung eine andere 
Erklärung zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traum von 



Der DnkeUraum. 9JS 

mir selbst zeigen, welcher wiederum vielfache Indiscretionen erfordert. 
aber für dies jiersijnliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung 
de.s Problems entschüdigt. 

Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich. dass zwei 
Professoren unserer Universitüt mich für die Ernennung zum Prof. i 

extraord. vorgeschUigen haben. Diese Nachrieht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persün- ' . 
liehe Beziehungen nieht aufzuklarenden Anerkennung von Seiten i 
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, dass ich 
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium 
hatte in den letzten Jahren Vorschlage solcher Art unberücksichtigt 
gelassen, und mehrere CoUegen. die mir an Jahren voraus waren und 
an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem vergebens 
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass es mir 
besser ergehen würde. Ich beschloss also bei mir, niieli zu trösten. ' 
Ich bin, soviel ich weiss, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Thä- \ 
tigkeit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne dass mich 
ein Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob 
ich die Trauben für süss oder sauer erklärte, da sie unzwcit'elhafiC 
zu hoch für mich hingen. 

Eines Abends besuchte micli ein befreundeter College, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen 
lassen. Seit längerer Zeit ein Candidat für die Beförderung zum 
Professor, die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für 
seine Kranken erhebt, und minder rcsignirt als ich, pflegte er von 
Zeit zu Zeit seine Vorstellung in den Bureaux des hohen Ministeriums 
zu machen, um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen 
Besuche kam er zu mir. Er erzählte, dass er diesmal den hohen Herrn 
in die Enge getrieben und ihn gerade heraus befragt Imbe, ob an 
dem Aufschub seiner Ernennung wirklich — confessionelle ßück- 
sichten die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, dass aller- 
dings — hei der gegenwartigen Strömung — Se. Excellenz vorläufig 
nicht in der Lage sei u. s. w, „Nun weiss ich wenigstens, woran 
ich bin,"' schloss mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues 
brachte, mich aber in meiner Resignation bestiirkeu mnsste. Dieselbon 
Cfjnfessionellen Rücksichten sind niimlich auch auf meinen Fall 
anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuch hatte ich folgenden Traum, 
der auch durch seine Form bemorkenswerth war. Er bestand aus 
zwei Gedanken und zwei Bildern, so dass ein Gedanke und ein Bild 
einander abliJsten. Ich setze aber nur die erste Hulfte des Traumes 
hieher. da die andere mit der Absicht nichts zu thun hat, welcher 
die Mittheilung des Traumes dienen soll. 

I. Freund R. ist mein Onkel. — Ich empfinde 
grosse Zärtlichkeit für ihn. 



■i 



96 IV. Die Traumeiitstellmig. 

II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. 
Es ist wie in die Lilngc gezogen, ein gelber Bart, der 
e.s umrahmt, ist Ijesonders deutlich hervorgehoben. 

Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke 
und ein Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes Tollzog sich folgendermassen : 

Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel lachte 
ich auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er Hess sich aber 
nicht abthun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir 
endlich am Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten 
zur Traumdeutung nichts zu sagen wüsste ah: Das ist ein Unsinn, 
so würdest du es ibm verweisen und vermutbun, dass sicli hinter dem 
Traum eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis 
zu nehmen er sich ersparen will. Verfahr mit dir selbst ebenso; 
deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen 
inneren Widerstand gegen die Traumdeutung. Lass dich nicht 
abhalten." Ich machte mich also an die Deutung. 

„R. ist mein Onkel." Was kann das heissen? Ich habe doch 
nur einen Onkel gehabt, den Onkel Josef.'-) Mit dem war's allerdings 
eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 
30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung 
verleiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft, und wurde dann 
auch von der Strafe getroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer 
in wenigen Tagen grau wurde, ])tlegte immer zu sagen, Onkel Josef 
sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopt -, 
so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef 
ist so will ich damit sagen : R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaub- 
lich und sehr unangenehm 1 Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich 
im Traum sehe, mit den lilnglichen Zügen und dem gelben Bart. 
Mein Onkel hatte wirkhch so ein Gesicht, langlieh, von einem 
schönen blonden Bart umrahmt. Mein Freund R. war intensiv 
schwarz, aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, 
so büssen sie für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart 
macht Haar für Haar eine unerfreuhche Farbenwandlung durch; er 
wird zuerst rothbraum, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. 
In diesem Stadium befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R.; 
übrigens auch schon der meinige, wie ich mit Missvergnügen 
bemerke. Das Gesicht, das ich im Traum sehe, ist gleichzeitig das 
meines Freundes R. und das meines Onkels. Es ist wie eine :Misch- 
photographie von Galton, der, um FamiHeniihnlichkeiten zu eruiren, 
mehrere Gesichter auf die nämliche Platte photographiren Uessl 



*)Es ist merkwürdig:, wie sich hier meine Erinuernn^ — im ^^ achen -- fa^ 
die Zweckn der Analyse eiuschräiikt. Ich habe fünf vou meinfn Onkelu g'ekannt. 
einen von ihnen eeliebt und geehrt. In diim Augenblicke aber, da ich den Wider- 
stand g-egen die Traumdeutung überwunden habe, sage _ ich mir: Ich habe doch nar 
einen Onkel gehabt, den, der eben im Traum j^emeint ist. 



Die Deutung des Onkeltraumes. 97 

Es ist also kein Zweifel luöglicb, icli meinn T\-irklich, dass mein 
Freund E. ein Schwaclikopf ist — wie mein Onkel Josef. 

Ich ahne noch gar aicht. zn welchem Zweck ich diese Be- 
ziehung hergestelltj gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muss, 
Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Ver- 
brecher, mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Be- 
strafung dafür, dass er mit dem Rad einen Lehrbuben nieder- 
geworfen. Sollte ich diese Unthat meinen? Das biessc die Vergleichung 
in's Lächerliche ziehen. Da füllt niir aber ein anderes Gespräch ein, 
dass ich vor einigen Tagen mit einem anderen Collegcn N. und 
zwax über das gleiche Thema hatte. Ich traf K. auf der Strasse; er 
ist auch zum Professor vorgeschlagen, wusste von meiner Ehrung 
und gratulirte mir dazu. Ich lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten 
Mich den Scherz nicht machen, da Sie den Werth des Vorschlages 
an sich selbst erfahren haben." Er darauf, wahrscheinlich nicht ernst- 
haft: „Das kann man nicht wässen. Gegen mich liegt ja etwas Be- 
sonderes vor. Wissen Sie nicht, dass eine Person einmal eine gericlit- 
liche Anzeige gegen mich erstattet hat? Ich brauche Ihnen, nicht zu 
versichern, dass die Untersuchung eingestellt wurde; es war ein 
gemeiner Erpressungs versuch ; ich hatte noch allo Mühe, die An- 
zeigerin selbst ^'or Bestrafung zu retten. Aber vielleicht macht man 
im Ministerium diese Angelegenheit gegen mich geltend, um mich 
nicht zu ernennen. Sie aber, Sie sind unbescholten." Da habe ich ja 
den Verbrecher, gleichzeitig aber auch die Deutung und Tendenz 
meines Traumes. Mein Onker Josef stellt mir da beide nicht zu 
Profe-ssoren ernannte Collegen dar, den einen als Schwaohkopf, den 
anderen als Verbrecher. Ich weiss jetzt auch, wozu ich diese Dar- 
stellung brauche. Wenn für den Aufschub der Ernennung meiner 
-Freunde li. und N. „confessionelle" Rücksichteu massgebend sind, 
so ist auch meine Ernennung in Frage gestellt; wenn ich aber die 
Zurückweisung der Beiden auf andere Gründe schieben kann, die 
mich nicht treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört. So verfahrt 
mein Traum, er macht den einen, R., zum Schwachkopi". den anderen, 
N., zum Verbrecher; ich bin aber weder das eine noch das andere; 
unsere Gemeinsamkeit ist aufgehoben, ich darf mich auf meine Er- 
nennung zum Professor freuen, und bin der peinlichen Anwendung 
entgangen, die ich aus R.'s Nachricht, was ihjn der liehe Beamte 
bekannt, für meine eigene Person hätte machen müssen. 

Ich muss mich mit der Deutung dieses Traumes noch 
weiter beschuftigen. Er ist für mein Geflihl noch nicht befrie- 
digend erledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit 
beruhigt, mit der ich zwei geachtete Collegen degradire. um mir den 
Weg zur Professur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem 
Vorgehen hat sich allerdings bereits ermJissigt, seitdem ich den Werth 
der Aussagen im Traum zu w^Lirdigen weiss. Ich wuirde gegen Jeder- 
mann bestreiteuj dass ich R. wirklich für einen Sch^\^achkopf halte, 

Freud, Traumdeutung. 7 



"93 IV. Die Traumentstellung. 

und dass ich an N.'s Darstellung jener Erpressungsaffaire nicht 
glaube. Ich glaube ja rtucli nicht, dass Irma durch eine Infection Otto's 
mit einem Propylenprüparat gefährlich krank geworden ist; es ist 
hier wie dort nur mein Wunsch, dass es sich so verhalten 
möge, den mein Traum ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich 
mein Wunsch realisirt. klingt im zweiten Traum minder absurd als 
im er.sten; sie ist hier mit gescliickter 15enützung thatsächlicher Au- 
haltungspunkte geformt, etwa wie eine gut gemachte Verleumdung, 
an der „etwas daran ist", denn Fi-eund R. hatte seinerzeit das Votam 
eines Fachprofessors gegen sich, und Freund N. hat mir das Material 
für die AnschwärKung arglos selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole 
es, scheint mir der Traum weiterer Aufklärung bedüi-ftig. 

Ich entsinne mich jetzt, dass der Traum noch ein Stück ent- 
hielt, auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen 
hat. Nachdem mir eingefallen. E. ist mein Onkel, empfinde ich im 
Traum warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? 
Für meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich 
nieunils gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und theuer; 
aber käme ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten 
aus, die annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume ent- 
sprechen, so wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit 
gegen ihn erscheint mir unwahr und übertrieben ähnlich wie mein 
Ürthcil über seine geistigen Quahtäten. das ich durch die Ver- 
Bchmelzang seiner Persönlichkeit mit der des Onkels ausdrücke; 
aber in entgegengesetztem Sinne übertrieben. Kun dämmert mir aber 
ein neuer Sachverhalt. Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht 
zum latenten Inhalt, zu den Gedanken hinter dem Traume; sie 
steht im Gegensatz zu diesem Inhalt; sie ist geeignet, mir die 
Kenntnis der Traumdeutung zu verdecken. Wahrscheinlich ist gerade 
dies ihre Bestimmung. Ich erinnere mich, mit welchem Widerstand 
ich an die Traumdeutung ging, wie lange ich sie aufschieben wollte 
und den Traum für baren Unsinn erklärte. Von meinen psycho- 
analytischen Behandlungen her weiss ich, wie ein solches Ver- 
werf ungsurth eil zu deuten ist. Es hat keinen Erkenn tniswerth. 
sondern blos den einer Affectäusserung. Wenn meine kleine Tochter 
einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, so behauptet sie, 
der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu haben. 
Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so weiss 
ich, dass es sich bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche sie 
VC rdr fingen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich mag ihn 
nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, w^ogegen ich niieh 
sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wogegen ich 
mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, dass K. ein Schwach- 
kopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann i^ch nicht 
auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies mein Sträuben 
zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleich zu seinem latenten 



Die psychiaclie Censuj-. 99 

Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar in's Gegenaätzliclie ent' 
stellt ist, so dient die im Traum manifeste Ztirtlichkeit dieser Ent- 
stellung oder, mit anderen AVorten, die Entstellung- erweist sich 
hier als absichtlich, yls ein Mittel der Verstellung. Meine Traum- 
gedanken enthalten eine Schmähung für R. ; damit ich diese nicht 
merke, gelangt in den Traum das Gegentheil, ein zärtliches Empfin- 
den für ihn. 

Es könnte dies eine allgemein giltige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, giebt esjaTrliume, welche 
unverhtiUte Wunsch erfüllungen sind. AVo die Wunsehe rfüUung un- 
kenntlich, verkleidet ist, da mUsste eine Tendenz zur Abwehr 
gegen diesen Wunsch vorhanden sein, und in Folge dieser Abwehr 
könnte der AVunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck 
bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen 
Binnenleben das Seitenstück aus dem socialen Leben suchen. AA''o 
findet man im socialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psy- 
chischen Actes? Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt. 
von denen die eine eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen 
dieser Macht eine Rücksieht zu nehmen hat. Diese zweite Pei-son 
entstellt dann ihre psychischen Acte, oder, wie wir auch sagen 
können, sie verstellt sich. Die Höflichkeit, die ich alle Tage' übe, 
ist zum guten Theil eine solche Verstellung; wenn ich meine Trilume 
für den Leser deute, bin ich zu solchen Entstellungen genüthigt. 
Ueber den Zwang zu solcher Entstellung klagt auch dei' Dichter: 

„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buhen doch 
nicht sagen." 

In ahnlicher Lage befindet sich der politische Schriftstellei', der 
den Machthabcrn unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er 
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Aeusseruug unter- 
drücken, nachtrüglich, wenn es sich um mündliche Aeusseruug 
handelt, präventiv, wenn sie auf dem Wege des Drucks kund- 
gegeben werden soll. Der Schriftsteller hat die Ccnsur zu fürchten, 
er ermässigt und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je 
nach der Sülrke und Empfindlichkeit dieser Censur sieht er sich 
genöthigt entweder blos gewisse Formen des Angriffs einzuhalten, 
oder in Anspielungen anstatt in directen Bezeichnungen zu reden, 
oder er muss seine anstössige Mittheilung Jiinter einer haruilos er- 
scheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfiillen 
zwischen zwei Mandarinen im Reiche der Mitte erzählen, wilhrend 
er die Beamten des Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die 
Censur waltet, desto weitgehender wird die Verkleidung, desto 
witziger oft die Mittel, welche den Leser doch auf die Spur der 
eigentlichen Bedeutung leiten. 

Die bis in's Einzelne durchzuführende Uebereinstiramunn- zwischen 
den Phünomenen der Censur und denen der Traunicntstelluno- o-iebt 

7* 



100 IV. Die Traumentstellung. 

uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für Beide vorauszusetzen. 
Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psy- 
chische Milchte (Strömungen, Systeme) im Einzelraenschen annehmen, 
von denen die eine den durch den Traum 7.um Ausdruck gebrachten 
Wunsch bildet, während die andere eine Censur an diesem Traura- 
wunsch übt und durch diese Censur eine Entstellung seiner Aeusse- 
i-ung erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser- 
zweiten Instanz besteht, kraft deren sie ihre Censur ausüben darf, 
AVeun wir uns erinnern, dass die latenten Traumgedanken vor der 
Analyse nicht bewusst sind, der von ihnen ausgehende manifeste 
Trauminhalt aber als bewusst erinnert wird, so liegt die Annahme 
nicht ferne, das Vorrecht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung 
zum Bcwusstsein. Aus dem ersten Systeme könne nichts zum Be- 
wusstscin gelangen, was nicht vorher die zweite Instanz passirt habe, 
und die zweite Instanz lasse nichts passiren, ohne ihre Reckte aus- 
zuüben und die ihr genehmen Abänderungen am Bewusstseinswerber 
durchzusetzen. Wir verrathen dabei eine ganz bestimmte Auffassung 
vom „Wesen" des Bewusstseins ; das Bewusstwerden ist für uns ein 
Ijcsonderer psychischer Act, verschieden und unabhängig von dem 
Vorgang des Gesetzt- oder Vorgestelltwerdens, und das Bewusstsein 
erscheint uns als ein Sinnesorgan, welches einen anderwärts ge- 
gebenen Inhalt wahrnimmt. Es lilsst sich zeigen, dass die Psycho- 
pathologie dieser Grundannahmen schlechterdings nicht entrathen 
kann. Eine eingehendere Würdigung derselben dürfen wir uns für 
eine spätere Stelle vorbehalten. 

Wenn ick die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen 
nnd ihrer Beziehungen zum Bewusstsein festhalte, ergiebt sich für die 
auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traum für meinen Freund ß. 
empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig 
congruente Analogie aus dem poHtischen Leben der Mensehen. Ich 
versetze mich in ein St^atsleben, in welchem ein auf seine Macht 
eifersüchtiger Herrscher und ein6 rege öfTentliche Meinung mit 
einander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm missliebigen 
Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, dass 
er dem Volkswillen Keehnung tragen muss, wird der Selbstherrscher 
dem Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu 
der sonst kein Anlass vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zu- 
gang zum Bewusstsein beherrschende Instanz Freund B. durch einen 
Erguss von übergrosser Zärtlichkeit aus. weil die Wunschbestrebungen 
des ersten Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade 
nachhängen, als einen Schwachkopf beschimpfen müchten. 

Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfasst, dass die 
Traumdeutung im Stande sei, uns Aufschlüs.>5e über den Bau 
unseres seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philo- 
sophie bisher vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht 
dieser Spur, sondern kehren, nachdem w^ir die Traumentstellung 



Peinliche Träume sind verkleidete Wunschträume. 101 

aufgeklärt haben, zu imserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde 
gefragt, wie denn die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunsch- 
erfüUungen aufgelüst werden können. Wir sehen nun, dies ist 
müglich, wenn eine Traunientsfcellung stattgefunden hat, wenn der 
peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines erwünschten dient. Mit 
Rücksicht auf unsere Annahmen über die zwei psychischen Instanzen 
ki>nnen wir jetzt auch sagen ; die peinlichen Träume enthalten that- 
sächlich etwas, was der zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleich- 
zeitig einen Wuusch der ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern 
Wunschträume, als ja jeder Traum von der ersten Instanz ausgeht. 
die zweite sich nur abwehrend, nicht schöpferisch g^g&n den Traum 
verhält. Beschränken wir uns auf eine Würdigung dessen, was die 
zweite Instanz zum Traum beiträgt, so können wir den Traum 
niemals verstehen. Es bleiben dann alle Räthsel bestehen, welche 
von den Autoren am Traum bemerkt worden sind. 

Dass der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
"Wunscherfüllung ergiebt, muss wiederum für jeden Fall durch die 
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume peinliehen 
Inhalts heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Theil Träume 
von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellenweise ein 
Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie erfordern. 
Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem 
Wege gehen. 

Wenn ich einen. Psycho neuro tiker in analytische Behandlung 
nehme," werden seine Tr.'lume regelmässig, wie bereits erwähnt, zum 
Thema unserer Besprechungen. Ich muss ihm dabei alle die psycho- 
logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver- 
ständnis seiner Symptome gelangt bin. und erfahre dabei eine uner- 
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer 
za erwarten habe. Ganz regelmässig erhebt sich der Widerspruch 
meiner Patienten gegen den Satz, dass die Träume sämmtUch Wunsch- 
erfUllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träumen, 
welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden. 



eine witzige 



„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch," beginnt 
witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, 
dessen Inhalt ganz im Gegentheil dahin geht, dass mir ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie V Der 
Traum lautet wie folgt: 

Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorräthig als 
etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, 
erinnere mich aber, dass es Sonntag Nachmittag ist, wo alle Läden 
gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephoniren. aber 
das Telephon ist gestört. So muss ich auf den Wunsch, ein Souper 
zu geben, verzichten." 



102 IV. Die TranmentstelluDg. 

Ich ant-n-orte natürlich, dass über den Sinn dieses Traumes nur 
die Analyse entscheiden kann, -wenngleich ich zugebe, dass er für 
, den ersteil Anblick verntinftis ^^^ zusammenhängend erscheint und 

dem Geo"enthell einer Wunschcrtullung iihnlich sieht. „Aus welchem 
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen V Sie wissen, dass 
die Anregung zu einem Traum jedesmal in den Erlebnissen des 
letzten Tages liegt." 

Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger 
I GrossrieJschhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und 

iFolle darum eine Kntfettungscur beginnen. Er werde Früh aufstehen, 
Bewegung machen, strenge Diiit halten, und vor Allem keine Ein- 
ladungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne erzahlt 
I sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines 

■ Malers gemacht, der ihn durchaus abconterfeien wolle, weil er einen 

so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden babe. Ihr Mann habe 
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und 
er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen 
*" Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht.") £ie sei 

'<■ jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sieh mit ihm herum. 

I Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Caviar zu schenken. — Was 

^ soll das heissenV 

Sie wünscht es sieh nämlich schon lange, jeden Vormittag eine 
! Caviarsemmel essen zu künnen, gönnt sieh aber die Ausgabe nicht. 

Natürlich bekäme sie den Caviar sofort von. ihrem Mann, wenn sie 
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenthei! gebeten, 
ihr keinen Caviar zu schenken, damit sie ihn länger damit 
necken kann. 

(Diese Begründung erscheint mir fadenscheinig. Hinter solohen 

unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneirgestandene Motive 

I zu verbergen. Man denke an die Hypnotisirten Beruh ei m's, die 

einen posthypnotisehen Auftrag ausführen, und, nach ihren Motiven 

•,' befragt, nicht etwa antworten: Ich weiss nicht, warum ich das 

'■ gethan habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung 

' erfinden müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Caviar meiner 

Patientin sciu. Ich merke, sie ist genöthigt sich im Leben einen 

', unerfüllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die 

I Wunschverweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen 

j unerfüllten Wunsch V) 

Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht 
ausgereicht. Ich dringe nach Weiterem. Nach einer kurzen Pause, 
wia sie eben der Ueberwindung eines Widerstandes ent.spricht, 
berichtet sie ferner, dass sie gestern einen Besucli bei einer Freundin 
gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese 



I 



*J Dem Maler sitzen. Goethe: Und neun er kernen Hiutt-ru hat, 

Wie kann der Edle sitzen? 



Triltime von einem versagten "Wunsch. 103 

Frau immer so lobt. Zum Gluck ist diese Freundin sehr dürr und 

mag-er, und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperfornien. Wo- \ 

von sprach nun diese magere Freundin ? Natürlich von ihrem Wunsch, : 

etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns 

wieder einmal ein? Man isst immer so gut bei Ihnen." J 

Xun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin ,; 

sacen : -Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht ■ j 

hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit Du Dich bui mir ^'j 

anessen, dick werden und meinem Mann noch besser gefallen kannst. ■;! 

Lieber geh' ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, 
dass Sie kein Souper geben künnen, erfüllt also Ihren Wunsch, zur 
Abrundung der Kürperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen. 
Dass man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt 
bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im 
Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzu- 
nehmen." Es fehlt jetzt nur noch irgend ein ZusanimentreiFen, 
welches die Lösung bestiltigt Es ist auch der geräucherte Lachs 
im Trauminhalt noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem 
im Traum erwähnten Lachs V" „Geräucherter Lachs ist die Lieblings- 
speise dieser Freundin," antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame 
auch und kann bestätigen, dass sie sich den Lachs ebensowenig ver- 
gönnt wie meine Patientin den Caviar. 

Derselbe Traum lässt auch noch eine andere und feinere 
Deutung zu, die dnroh einen Xebcnumstand selbst nothwendig gemacht 
wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern 
überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die 
gewühnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psycho- 
patbologischen Bildungen. Wir haben gehört, dass die Patielitin 
gleichzeitig mit ihrem Traum von der Wunschverweigerung bemüht 
war. sich einen versagten Wunsch im Kealen zu versehafl'en (die 
Caviarsemmel). Auch die .l*"reundin hatte einen Wunsch geäussert. 
nämlich dicker zn werden, und es würde uns nicht wundern, wenn 
unsere Dame getrjlumt hätte, der Freundin gehe ein Wun.^ch nicht 
in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, dass der Freundm 
ein Wunsch — nämlich der nach Körperzunahme — nicht in Er- 
füllung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, dass ihr selbst em 
Wunsch nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, 
wenn sie im Traum nicht sich, sondern die Freundm meiht, wenn 
sie sich an die Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen 
künnen, sich mit ihr identifieirt hat. , , , ■ . 

Ich meine, dies hat sie wirklich gethan, und als Anzeichen 
dieser Identificirung hat sie sieh den versagten Wunsch im Realen 
geschaffen. Was hat aber die hysterische Identificirung für Sinn? 
Da.<5 aufzuklären bedarf einer eingehenderen Darstellung. Die Iden- 
tificirung ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome 
höchst wichtiges Moment 5 auf diesem Wege bringen es die Kranken 



104 IV. Die Traumentstellung. 

ZU Stande, die Erlebnisse einer grossen Eeibc von Personen, nicht 
nur die eigenen, in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam fürj 
einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schau-j 
sjuels allein mit ihren jieräüuliclien Mitteln darzustellen. Man wird! 
mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähig- 
keit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei Anderen Eindruck 
machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduction gesteigertes 
Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der 
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas 
Anderes ist der Weg, und der seelische Act, der diesen Weg gelit. 
Letzterer ist um ein Geringes complicirter. als man sich die Imitation 
der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem iinbewussten 
Schluasprocess, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher 
eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter andereu 
Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich 
xdcfat erstaunt, wenn er eines Morgens erfahrt, dass dieser besondere 
hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach: 
I^io Anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische 
Ini<-ction. Ja, aber die ]tsychische Infeetton geht etwa auf folgende 
Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr von einander als der 
Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander, wenn 
die jtrztliche Visite vorüber ist. Die Eine bekomme heute ihren 
Anfall ; es wird alsbald den Anderen bekannt, dass ein Brief von, 
Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die 
Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sieh in ihnen 
folgender, nicht zum Bewusstsein gelangender Sehluss : Wenn man 
von solcher Ursache solche Anfalle haben kann, so kann ich auch 
solche Anfälle bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre 
dies ein des Bewusstseins fähiger Sehluss, so würde er vielleicht in die 
Angst ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht 
sich aber auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der 
Eealisirung des gefürchteten Symptoms. Die Identiöeirung ist also 
nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen 
atiologi.schen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" aus uud bezieht 
sich auf ein im Unbewussten verbleibendes Gemeinsames. 

Die Identificirung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt 
zum Ai^adruek einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi- 
ficirt sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch nicht aus- 
schliesslich — mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen 
Verkehr gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen 
wie sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen 
Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines'^. In der 
hysteri.schen Phantasie wie im Traum genügt es für die Identificirung 
dass man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne dass sie darum als 
real gelten müssen. Die Patientin folgt also blos den Regeln der 
hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen dio 



> 



Die hysterische Identificirung. 105 

Freundin (die sie als imberecliti^t übrij^ens selbst erkennt) Ausdruck 
eiebt. indem sie sicli im Traum an ihre Stelle setzt und durch die 
Schaffung eines Symptoms (des versagten AYunsches) mit ihr identi- 
ficirt. Man möelite den Vorgang; noch sprachlich in folgender Weise 
erläutern; Sie setzt sicli an die Stelle der Freundin im Traum, weil 
diese sich bei ihrem Mann an ihre Stelle setzt, weil sie deren Platz 
in der Werthschätzuug ihres Mannes eiunehmen möchte. ") 

In einfacherer Weise nnd doch auch nach dem Schema, dass 
die KichterfuUung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, lüste sich der Widersprucli gegen meine Traumlehre bei 
einer anderen Patientin, der witzigsten unter all' meinen Träume- 
rinnen. Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, dass der 
Traum eine Wunschei'fiillung sei; am nächsten Tage brachte sie mir 
einen Traum, dass sie mit ihrer Sclnviegermutter nach dem gemein- 
samen Landaufenthalt fahre. Nun wusste iehj dass sie sich heftig 
gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu 
verbringen, wusste auch, dass sie der von ihr gefürchteten Gemein- 
schaft in den letzten Tagen durch die Miethe eines vom Sitz der 
Schwiegermutter weit entternte]i Landaufenthaltes glücklich aus- 
gewichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünsclite Lösung 
rückgängig; war das niclit der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre 
von der Wunscherfüllung durch den Traum':' Gewiss, man brauchte 
nur die Consequenz aus diesem Traum zu ziehen, um seine Deutung 
zu haben. Nach diesem Traum liatte ich Unrecht; es war also 
ihr Wunsch, dass ich Unrecht haben sollte, und diesen 
zeigte ihr der Traum erfüllt. Der Wunsch, dass ich Unrecht 
haben sollte, der sich an dem Tliema der Laudwohnung erfüllte, bezog 
sieh aber in Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. 
Ich hatte um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre 
Analyse ergab, gesclilossen. dass in einer gewissen Periode ihres 
Lebens etwas für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein 
müsse. Sie hatte es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer 
Erinnerung vorfand. Wir kamen bald darauf, dass ich Recht hatte. 
Ihr Wunsch, dass ich Unrecht haben möge, verwandelt in den 
Traum, dass sie mit ihrer Schwiegermutter auf's Land fahre, entsprach 
also dem berechtigten Wunsch, dass jene damals erst vermutheten 
Dinge sich nie ereignet haben möchten. 

Ohne Analyse, nur vermittelst einer Vermuthung. gestattete ich 
mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der 
durch die acht Gymnasialclasscn mein College gewesen war. Er 
hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über 



•) Ich bedaure selbst die Eiiiacballaiig solcher Stücke auH der Paychopatbologie 
der Hysterie, welche, in Fulgn ihrer frasmi-ntarischen Darstellung und aus allem 
Ziiaammeiibaiig gerisseu, ducb nicht sehr aufklUrcnd wirken krhiineii. Wenn sie auf 
die inüigOD Beziehungen de-s Themas vom Tranmo zu den Psychoueurosen hinzuweisen 
vermögen, so haben sie die Absieht erfüllt, in der ich sie aufgenommen habe. 



100 . IV. Die Traumcntstellang. 

die Neuif,^keit, dass der Traum eine AVunsclierfüllun^ sei, ging nach 
Hause, träumte, dass er alle seine Processe verloren habe — er 
war Advncat — und bekla^^te sich bei mir darüber. Ich half mir mit 
der Ausflucht: Man kann nielit alle Processe gewinnen, dachte aber 
bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank 
gesessen, wilhrend er irgendwo in der Mitte der Classe den Platz 
gewechselt, sollte ihm aus diesen Knahenjyhren der Wunsch ferne 
geblieben sein, dass ich mich auch einmal gründlich blamiren möge ? 

Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des 
Wunsebtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein j unges ilädchen, 
begann : Sie erinnern sich, dass meine Schwester jetzt nur einen 
Buben hat, den Kai-l; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch 
in ihrem Hause war. Otto war mein Liel^liog. ich habe ihn eigent- 
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lano-e 
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Xun trilume ich diese Nacht, 
dass ich den Karl todt vor mir liegen sehe. Er liegt 
in seinem kleinen Sarg, die Hände gefaltet. Kerzen 
rings herum, kurz ganz so wie damals der kleine Otto 
dessen Tod mich so erschüttert hat. Xun sagen Sie mir 
was soll das heissen ? Sie kennen mich ja: bin ich eine so schlechte 
Person, dass ich meiner Schwester den Verlust des einzigen Kindes 
wünschen sollte, das sie noch besitzt V Oder hcisst der Traum, dass 
ich lieber den Kai-1 todt wünschte als den Otto, den ich um so viel 
heber gehabt habe V 

Ich versicherte ihr, dass diese letzte Deutung ausgeschlossen 
sei. Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutun^»- 
des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen hess. Es gelang 
mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war. 

Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles 
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den 
Freunden und Besuchern des Hauses auch dem !Manne, der einen 
bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile 
als ob diese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirath 
enden sollten, aber dieser glückÜche Ausgang wurde durch die 
Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung ge- 
funden haben. Nach dem Bi'uch mied der von unserer Patientin 
geliebte Mann das Haus ; sie selbst machte sich einige Zeit nach dem 
Tod des kleineii Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen ge- 
wendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der 
Abhjingigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Keigung z\x 
dem b'reund ihrer Schwester gerathen war. Ihr Stolz gebot ihr 
ihm auszuweichen • es war ihr aber unmüglich. ihre Liebe auf andere 
Bewerber zu übertragen, die sich In der Folge einstellten. Wenn 
der geliebte Mann, der dem Litteratenstand angehörte, irgendwo einen 
Vortrag angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern 



n 



Auflösung peinlicher Tränme. 107 

zu finden, und auch sonst ergrür sie jede Geleg-enheit, ihn am dritten 
Orte aus der Ferne z-u sebeii. Ich erinnerte mich, dass sie mir 
Tags vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes 
C'oncert. und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder einmal 
seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traum; 
an dem Tag. an dem sie mir den Traum erzEihlte, sollte das Concert 
stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Beutung leicht con- 
stroiren und fragte sie. ob ihr irgend ein Ereignis einiiüle, das nach 
dem Tod des kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: 
Oewisp. damals ist der Professor nach Langem Ausbleiben wieder- 
pekomraenj und ich habe ihn an dem Sarge des kleinen Otto wieder 
einmal gesehen. Es war genau so, wie ich es erwartet hatte. Ich 
deutete also den Traum in folgender Art: .,"VVenn jetzt der andere 
Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden den 
Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor kilme sicherlieh 
binauf, um zu condoliren, und unter den nämlichen Verhältnissen 
wie damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts 
als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich 
ankämpfen. Ich weiss, dass Sie das Billet für das heutige Concert 
in der Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Ungcduldstraum, er hat 
das Wiedersehen, das heute stattfinden soll. ' um einige Stunden 

rerfrUht.'' , . ^. . 

Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie ofienbar eme Situation 

gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, 
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, dass man 
an Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möghch. dass auch 
in der realen Situation, welche der Traum getreulich copirte. am 
Sarge des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche 
Empfindung für den lange vermissten Besucher nicht hatte unter- 
drücken künnen. 

p:ine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum emer 
anderen Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz 
und heitere Laune hervorgethan hatte und diese Eigenschaften jetzt 
wenigstens noch in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. 
Uicser Dame kam es im Zusammenhange eines längeren Iraume.^ 
vor dass sie ihre einzige, 15jährige Tochter in einer bchachtel toüt 
daliegen sah. Sie hatte nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung 
einen Einwand gegen die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte 
aber selbst, dass das Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen 
Auffassung des Traumes anzeigen müsse.*) Bei der Analyse hei ihr 
ein, dass in der Gesellschaft Abends vorher die Kcde auf das englische 
Wort „box" gekommen war und auf die mannigfaltigen Ueber- 
aetzungen desselben im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten, 
Ohrfeige u. s- w. Aus anderen Bestandstücken desselben Traumes 

•) Aehiilich wie im Traum vom vereitelten Souper der gerllucherte Lachs. 



108 IV. Die Traumentstelluncr, 



^ 



O" 



liess sicli mm ergänzen, dass sie die Verwandtschaft des englischen 
„box" mit dem deutschen „Büchse" erratben habe und dann von 
der Erinnerung heimgesucht worden sei, dass „Büchse" auch als 
vulgiiro Bezeichnung des weiblichen Genitales gebraucht werde. iJit 
einiger Nachsieht für ihre Kenntnisse in der topographischen Anatomie 
konnte man also annehmen, dass das Kind in der .,Sehacbtel'^ eine 
*'• Frucht im Mutterlcibe bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun 

f ' nichi. dass das Traumbild wirklich einem Wunsch von ihr entäpfecEeT 

a<f^ '^ Wie so viele junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in 
^f/lf / die Graviditilt gcrieth. und gestand sich mehr als einmal den Wunsch 

ein, dass ihr das Kind im Mutterleibe absterben müge; ja in einem 
Wuthanfalle nach einer heftigen Scene mit ihrem Manne schlug sie 
mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind darin zu tretfen 
Das todte Kind war also ^virklich eine Wun.scherfüllung. aber die 
eines seit 15 Jahren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu rer^ 
wundern, wenn man die Wunscherfüllung nach so verspiitetem Ein- 
treffen nicht mehr erkennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert 
Die Gru])pe. zu welcher die beiden letzten Tr.lume gehören" 
die den Tod lieber Angehöriger zum Inbalt haben, soll bei den 
ty]>ischen Trüumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde 
dort an neuen Beispielen zeigen können, dass trotz des uner- 
wünschten Inhalts alle diese Träume als Wunseherfüllungen gedeutet 
^ werden müssen. Keinem Patienten, sondern einem intelligenten 
RechtsgeTeErten meiner Bekanntschaft, verdanke ich folgenden 
Traum, der mir wiederum in der Absicht erziihlt wurde, mich von 
voreiliger Verallgemeinerung in der Lehre vom Wunschtraum zurück- 
zuhalten. „Ich t r il u m e, "^ berichtet mein Gewährsmann, _ d a s s ' j 
ich, eine Dame am Arm. vor mein Haus komme. Dort ' 
wartet ein geschlossener Wagen, ein Herr tritt auf 
mich zu, legitimlrt sich als PoHzeiagent und foi^ 
dort mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur noch um die 
Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. — Glauben Sie. dass es 
vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu werden?" Gewiss nicht, 
muss ich zugeben, ■\^'issen Sie vielleicht, unter welcher Beschuldigung 
Sie verhaftet wurden? — „Ja, ich glaube wegen Kindesmords. " -Z 
Kindesmord? Sie wissen doch dass dieses Verbrechen nur eine Mutter 
an ihrem Neugeborenen begehen kann? — „Das ist richtig."*) — Und 
unter welchen Umständen haben Sie geträumt; was ist am Abend 
vorbei" vorgegangen? „Das möchte ich Ihnen nicht gerne erzählen 
es ist eine heikle Angelegenheit." — Ich brauche es abex", sonst 

müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. — «Also 

,-_— , 

*) Es ereignet sich häutig, dass ein Traum anvoUständig erzählt wird, und 
dass (■rst während der Analyst die Eriaiierung an diese ausg-e lasseneu StHcke Jp« 
Tniumea auftaucht. Dice nachträg-lich eiiig-efllg-ten Stücke ergeben regelmjlssig' J^^ 
Schlilssi^l KUr Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das A'ergessea dn- 
Triluine. 



Auflösung peinlicher Ti'äiime. 109 

huren Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei einer 
Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als wir nin Morgen 
erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. Dann schlief 
ich Triederum ein und trilunite, was Sie wissen." — Es ist eine ver- 
heirathete Frau? — „Ja." — Und sie wollen kein Kind mit ihr er- 
zeugen? — „Nein. nein, das könnte uns verrathen." — Sie üben also 
nicht normalen Coitus? — „Ich gebrauche die Vorsicht, niicli vor 
der Ejaculation zurückzuziehen." — Darf ich annehmen, Sie hatten 
das Kunststück in dieser Naclit mehrere IMale ausgeführt, und seien 
nach der Wiederholung am Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob 
es Ihnen gelungen. ist? — „Das könnte wohl sein." — Dann ist Ihr 
Tranm eine Wunscherfüllung. Sie erhalten durcli ihn die Beruhigung, 
dass Sie kein Kind erzeugt haben, oder was nahezu das Gleiche ist, 
Sie hätten ein Kind umgebracht. ])ic Mittelglieder kann ich ihnen 
leicht nachweisen. Erinnern Sic sieh, vor einigen Tagen sprachen 
wir über die Ehenoth und über die Inconseqnenz, dass es gestattet 
ist. den Coitus so zu halten, dass keine Befruchtung zu Stande 
kommt, wahrend jeder Eingriff, wenn einmal Ei und Same sich 
getroffen und einen Fütus gebildet haben, als Verbrechen bestraft 
wird. Im Anschluss daran gedachten wir auch der mittelalterlichen 
Streitfrage, in welcliem Zeitpunkt eigentlich die Seele in den Fetus 
hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst von da an zulässig 
wird. Sie kennen gewiss auch das schaurige Gedicht von Leu au, 
■welches Kindermord und Kinderverhütung gleichstellt. — -An 
Lenau habe ich merkwürdiger Weise heute Vormittag wie zufallig 
gedacht." — Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und nun will ich 
Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem Tranm 
nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Ann vor ihr Haus. Sie 
fuhren Sie also heim, anstatt dass Sie in Wirklichkeit die Nacht 
in deren Hause zubringen. Dass die Wunscherfüllung, die den Kern 
des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form verbirgt, hat 
Welleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatz über die 
Aetiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, dass ich den 
Coitus jnterruptus als eines der ursächlichen Momente für die Ent- 
stehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde dazu 
stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Coitus dieser Art eine un- 
behagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die Zu- 
aamraensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung bedienen 
Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen. Uebrigens 
ist auch die Erwähnung des Kindesraordes nicht erklärt? Wie kommen 
Sie zu diesem specifisch %veiblichen Verbrechen? — „Ich will Ihnen 
gestehen, dass ich vor Jahren einmal in eine solche Angelegenheit 
Tcrfloehten war. Ich war schuld daran, dass ein Mädchen sich durch 
eine Fruchtabtreibung von den Folgen eines Verhältnisses mit mir 
zn schützen ver.suchte. Ich hatte mit der Ausführung des Vorsatzes 
gar nichts zu thuUj war aber lauge Zeit in bcgreüHchcr Angsty 



110 IV. Die Traumeatstellung. 

dass die Sache entdeckt würde." — „Tchverstehe, diese Erinnerimg ergab 
einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermuthung, Sie hätten Ihr 
Kunststück schleclit gemacht, peinlich sein musste." 

Ein junger Arzt, welcher in meinem Cülleg diesen Traum er- 
zählen hörte, niuss sich von ibm betroflen gefühlt haben, denn er 
beeilte sich ihn nachzutrilumen, dessen Gedankenform auf ein anderes 
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenutais 
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur 
wenig zu Ijekenncn hatte. Er träumte nun. ein Bekannter komme 
aus der Sitzung der Steuercommission zu ihm und theile ihm mit, 
dass alle anderen Steuerbekenntnisse unbeansUlndet geblieben seien. 
das seinige aber habe allgemeines Misstrauen erweckt und werde ihm eine 
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig ver- 
hüllte Wunschei-füllung, für einen Arzt von grossem Einkommen za 
gelten. Er erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem 
jungen ölildchen, welchem abgeratheu wird, ihrem Freier zuzusagen, 
weil er ein jähzorniger ilensch sei . und sie in der Ehe sicherlich 
mit Schlägen tractiren werde. Die Antwort des Mädchens lantei 
dann : Schlug' er mich erst I Ihr Wunsch, verheirathet zu sein, ist so 
lebhaft, dass sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit 
dieser Ehe verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst 
zum Wunsch erhebt. 

Icli hoffe die vorstehenden Beispiele werden genügen, um es 

bis auf weiteren Einsprach — glaubwürdig erscheinen zu lassen, 
dass auch die Traume mit peinlichem Inhalt als WunscherfüUunt'en 
aufzulo.'5cn sind. Es wird auch Niemand eine Aeusserung des ZuftUls 
darin erblicken, dass man bei der Deutung dieser Traume jedesmÄl 
auf Themata gerilth. von denen man nicht gerne spricht oder an die 
man nicht gerne denkt.j^as peinliche Gefühl, welches solche Träume 
erwecken, ist wohl einfach identisch mit dem Widerwillen, der uns 
von der Behandlung oder Erwägung solcher Themata — meist mit 
Erfolg — abhalten möchte, und welcher von jedem von uns über- 
wunden werden muss, wenn wir uns genöthigt sehen, es doch in 
Angriff zu nehmen. Dieses im Traum also wiederkehrende Unlusi- 
gefühl sehliesst aber das Bestehen eines Wunsches nicht aus; es giebt 
bei jedem Menschen Wünsche, die er Anderen nicht mittheilen mochte, 
und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen will. Andererseits 
finden wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all' dieser Träume 
mit der Thatsache der Traumentstellung in Zusammenhang zu bringen 
und zu scliliessen. diese Träume seien gerade darum so entstellt, und 
die Wuusehei-füUuug in ihnen bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, 
weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen das Thema 
dos Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch besteht. 
Die Traumentstellung erweist sich also thatsächlich als ein Act der 
Gensiir. Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage gefördert 
hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel, die däa 



I 

I 



t 



Der Traum, eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches. 111 

"Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art verändern; Der 
Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unter- 
drückten, verdräiioten) AYunsclies. 

Nun erübriu'en noch die Angsttrüume als besondere Unterart der 
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassunjj als WunscLtriiiime bei 
dem Ud aufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. Doch 
kann ich die Ang.stträunie hier ganz kurz abthun ; es ist nicht eine 
neue Seite des Traumproblcms, die sich uns in ihnen zeigen vrUrde, 
sondern es handelt sich bei ihnen ntu das Verständnis der neu- 
rotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume empfinden. 
ist nur scheinbar durch den Inhalt des l'rannies erklärt. W^enn wir 
den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, dass die 
Traumangät durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerecht- 
fertigt wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, 
an welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, dass man 
aus dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim 
Fenster einer gewissen Vorsicht zu belleissen, aber es ist nicht zu ver- 
stehen, warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so gross 
ist und den Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Die- 
selbe Aufklärung erweist sich dann als giltig für die Phobie wie für 
den Angsttraum. Die Angst ist beide Male an die sie begleitende Vox-- 
BtelluDg nur angelüthet und stammt aus anderer Quelle. 

Wegen dieses intimen Zusamuienhanges der Traumangst mit der 
Neurosenangst umss ich hier bei der Erörterung der erstex'cn auf 
die letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst- 
neorose" (Neurolog. Centralblatt 1895) habe ich seinerzeit behauptet, 
dass die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von 
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten 
Libido entspi'icht. Diese Formel hat sieh seither immer mehr als 
■tichhilltig erwiesen. Aus ihr lässt sich nun der Satz ableiten, dass 
die Angstträurae Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige 
Libido eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich 
späterhin die Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die 
Analyse einiger Triliune bei Neurotikern zu unterstützen. Auch 
werde ich bei weiteren Versuchen, mich einer Theorie des Traumes 
zu nähern, nochmals auf die Bedingung der Angstträumc und deren 
Verträglichkeit mit der Wunscherfüllungatlieorie zu sprechen kommen. 



* 



■ V. 
Das Traunimaterial und die Traiimqiiellen. 

Als wir aus der Analyse des Traumes von Irma's Injection 
erselien hatten, dass der Traum eine Wunsclierfüllung ist. nahm 
uns zunilchst das Interesse gefangen, ob wir hiermit einen allgemeinen 
Charakter de« Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vor- 
läufig jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die 
sich in uns wilhrend jener Deutungsarbeit geregt haben mochte^ 
Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziel gelangt sind. 
dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere 
Streifungen durch die. Probleme des Traumes wählenj sollten wir 
darüber auch das noch keineswegs voll erledigte Thema der 
"WunscherfuUung für eine Weile aus den Augen verlieren. 

Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der 
Traumdeutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, 
der an Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter 
sich lässt, muss es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von 
Neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Rjithsel 
und \Viders]5rüchc befriedigend lösen, die, solange man nur den 
manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind. 

Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes 
mit dem Wachleben, sowie über die Herkunft des Traummaterials 
sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgetbeilt worden. "Wir 
erinnern uns auch jener drei Eigenthüralichkeiten des Traumgedächt- 
nisses, die so vielfach bemerkt. al>er nicht erkUirt worden sind: 

1. Dass der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich 
bevorzugt [Robert-^^j, Str ümpelH'^). liildebran dt ^^), auch 
Weed-Hallam='3)]; 

2. dass er eine Auswahl nach anderen Prineipien als unser 
Waehgedüchtnis trifft, indem or nicht das Wesentliche und Wichtige, 
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert vgl. (Seite 11) 

3. dass er die Verfügung über unsere frühesten Kindheit»- 
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeil 



Das Keceute uin.1 das lutlifi'erente im Traum. 113 

hervorhoU, die uns wiedeniin als trivial erscJieinen und im Waclicn 
für langst vergessen gehalten worden sind.-) 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummateriales sind 
von den Autoren natUrlieh am manifesten Trauminhaltc beobachtet 
worden. 

a) Das Recente nnd das Indifferente im Traum. 

Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalte 
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Käthe ziehe, so 
muss ich zunächst die Behauj)tung aufstellen, dass in jedem Traume 
eine Ankntipfmig an die Erlebnisse des letztabgelaufenen 
Tages aufzufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, 
einen eigenen, oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese 
Erfahrung. In Kenntnis dieser Thatsaehe kann ick etwa die 
Traumdeutung damit beginnen, dass ich zuerst nach dem Erlebnis 
des Tages forsche, welches den Traum angeregt hat; fttr viele Fidle 
ist dies sogar der nächste Weg. An den beiden TrUumen, die ich 
im vorigen Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von 
Irma's Injection, von meinem Onkel mit dem gelben Bart) ist die 
Beziehung zum Tag so augenfällig, dass sie keiner weiteren 
Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie regelmässig sieh diese 
Beziehung erweisen lässt, will ich ein Stück meiner eigenen Traum- 
chronik darauf hin untersuchen. Ich theile die Trüume nur soweit 
mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle bedarf 

1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit 
•Schwierigkeiten vorgelassen werde u. s. w., lasse eine li'rau unter- 
des.sen auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, dass 
eine Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis u. s. w. 

2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
Prianzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Sonographie gesehen über die Gattung Cyclamen. 

3. Ich sehe zwei Frauen auf der Strasse, Mutter und 
Tochter, von denen die Letztere meine Patientin war. 

Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir 
abends mitgetheilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fort- 
setzung der Behandlung entgegenstellt. 

4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein 
Abonnement auf eine periodische Publication, die jiUirlich fl. 20 kostet. 



nnser 

XU halteil ist, wenn im Traume ciiiigermaaseii hUulifj },Hcicli{,'ilfigo Eriiineruiigsbililur 
aas unserer Kindheit auftreten. Man inUsste den Schlu.ss /-ielieii, dass der Traum 
die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt. 

Fr«nd, Traurodeiitung. g 



114 V. Traummaterial und Ti-aumquellen, 

Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, dass 
ich ihr fi. 20 vom Wochengelde noch schuldig bin. 

0. Ich erhalte eine Zuschrift vom socialdemokratisehen 
Comite, in der ich als Mitglied behandelt werde. 

Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen 
AValilcomit6 und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen 
Mitglied ich wirklich bin. 

G. Ein Mann auf einem steilen Fels mitten im Meer, in 
Bücklin'scher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teuf elsinsel, gleichzeitig Kach- 
richten von meinen Verwandten in England u. s. w. 

Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfunff 
unfehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie 
sich auf Eindrücke eines lungeren Zeitraumes der jüngsten Ver- 
gangenheit erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann principielle 
Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch, möchte ich 
mich für das ausschliessliche Vorrecht des letzten Tages vor dem 
Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, 
dass ein Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes 
gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer Kaehforsehune 
überzeugen, dass jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden 
war, dass also eine nachweisbare Reproduction am Vortage sich 
zwischen dem Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, 
und konnte ausserdem den recentcn Anlass nachweisen, von dem die 
Erinnerung an den älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. 

Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreo-er 
aus jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Kacht 
geschlafen hat". 

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluss 
des Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartig^ 
Beziehung zum Trauminhaltc als andere Eindrücke aus beliebfo- 
ferner liegenden Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder- 
zeit des Lebens wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traum- 
tages (den „recentcn" Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedanken- 
faden reicht. 

Woher aber die Bevorzugung der recenten Eindrücke? "Wir 
werden zu Vcrmuthungen über diesen Punkt gelangen, wenn -wir 
einen der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. 
Ich wühle den Traum von der Monographie. 

Traumin halt: Ich habe eine Monographie über eine 
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir 
ich blättere eben eine einge schlagene farbige Tafel uru! 
Jedem Exemplar ist ein getrocknetes Specimen der 
Pflanze beigebundenj ähnlich wie aus einem Herbarium. 









1 



Der Traum von der botanischeu Monographie, 115 

Analyse: Ich habe am Vormittage im Schaufenster einer 
Buchhandlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die 
Gattung Cyclamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

Cyelamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, dass ich so selten daran denke, ihr Blumen mit- 
zubringen, wie sie sich's wünscht. — Bei dem Thema: Blumen 
mitbringen erinnere ich mich einer Geschiebte, welche ich 
unlängst im Freundeskreis erzählt und als Beweis für meine Behaup- 
tung verwendet habe, dass Vergessen sehr häufig die Ausführung 
einer Absicht des Unbewussten sei i^nd immerhin einen Schluss auf 
die geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, 
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauss 
von ihrem Manne vorzufinden, vcrmisst dieses Zeichen der Zärtlich- 
keit an einem solchen Festtag und bricht darüber in Thrünen aus. 
Der Mann kommt hinzu, weiss sich ihr Weinen nicht zu erklären, 
bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich 
vor die Stirne, ruft aus: Entschuldige, liab' ich doch ganz daran 
vergessen, und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie lässt sich aber 
nicht trösten, denn sie sieht in der Vergesslieh keit ihres Mannes 
einen Beweis dafür, dass sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe 
Rolle spielt wie einstens. — Diese Frau L. ist meiner Frau vor 
zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgetheilt, dass sie sich wohlfühlt, 
und sich nacli mir erkundigt. Sie stand in früheren Jahren in 
meiner Behandlung. 

Ein neuer Ansatz: leli habe wirklich einmal etwas Aehnliehes 
o-eschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen 
Aufsatz über die Cocapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von 
K. Koller auf die anästhesirende Eigenschaft des Cocains gelenkt 
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publication 
selbst angedeutet, aber war nicht gründlich genug, die Sache weiter 
zu verfolgen. Dazu füllt mir ein, dass ich am Vormittag des Tages 
nach dem Traume {zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des 
Cocains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich 
je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und 
mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzt, den er 
mir empfiehlt, incognito operiren lassen. Der Operateur, der nicht 
■wüsste, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie 
leicht sich diese Operationen seit der Einführung des Cocams gestaltet 
haben: ich würde durch keine Miene verrathen, dass ich an dieser 
Entdeckung selbst einen Antheil habe. An diese Phantasie schlössen 
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärzthche 
Leistungen von Seiten der Oollegen für seine Person m Anspruch 
zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde 
ich wie ein Anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum 
mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, dass sich die Erinnerung 
an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der 



8* 



IIG V. Trauuimaterial und Traumquellen. 

Entdeckung Koller's war iiilmlich mein Vater an Glaukom 
erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzt 
Dr. Künigstein, operirt. Dr. Koller besorgte die Cocainaniisthesie 
und machte dann die Bemerkung-, dass bei diesem Falle alle die 
drei Personen sieb vereinigt fiinden. die an der Einfuhrung des 
Cocains Antheil gehabt haben. 

Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese 
Geschichte des Cocains erinnert worden bin. Es war dies vor 
einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren 
Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und 
Laboratoriunisvürstandcs gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln 
des Laboratoriums fand ich auch angeführt, dass dort die Entdeckung 
der anästhesirenden Eigenschaft des Cocains durch K. Koller 
vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, dass mein Traum mit 
einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade 
Dr. Künigstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein 
Gespräch über eine Angelegenheit gerathen' war. die mich jedesmal 
wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hans- 
tiur mit ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner juno-en 
Frau hinzu. Ich konnte mich nicht enthalten, die Beiden darüber'^zu 
beglückwünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor 
Gärtner einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben 
sprach, und konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die 
Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war 
im Gespräch mit Dr. Künigstein, in anderem Zusammenhang^ 
allerdings, erwähnt worden. *^ 

Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des 
Trauminhaltes zu deuten. Ein g e t r o c k n e t e s S p e c i m e n der Pflanze 
liegt der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans 
Herbarium knüpft sich eine Gymnasialerinncrung. Unser Gymnasial- 
director rief einmal die Schüler der höheren Classen zusammen, um 
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reini^nn«- 
zu übergeben. Es hatten sich kleine "Würmer eingefunden -^ 
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen 
gezeigt zu haben, denn er Uberliess mir nur wenige Blätter. Xoh 
weiss noch heute, dass Cruciferen darauf waren, leb hatte niemals 
ein besonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen 
Vorprüfung bekam ich wiederum eine Crucifere zur Bestimmunff 
und — erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn 

nicht meine theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. 

Von den Cruciferen gerathe ich auf die Comiiositen. Eigentlich ist 
auch die Artischocke eine Compositc und zwar die, welche ich meine 
Li(^blingsblume heissen könnte. Edler jiIs ich, pflegt meine 
Frau mir diese Lieblingsblume häufig vom ^[arkte heimzubi-intren 

Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieTaen 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug- Mein visueller Freund schrieb 



-I 



Der Traum von der botanischen Monojfraphie. 117 

niir gestern aiis Berlin; „STit Deinem Traumbuclie beschäftige ich 
mich sehr viel- Ich sehe es fertig vor mir liegen und 
blättere darin." Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet ! 
Wenn ich es doch aueh schon fertig vor mir liegen sehen könnte! 
Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student 
der Medicin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono- 
graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner 
beschränkten Mittel, mehrere mediciniscbe Archive, deren farbige 
Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung 
zur Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu piibliciren begann, 
musste ich aueh die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen und 
ich weiss, dass eine derselben so kümmerlich ausfiel, dass mich ein 
wohlwollender College ihretwegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich 
weiss nicht recht wie, eine sehr frühe Jugenderinncrung. Mein 
Vater machte sieh einmal den Scherz, mir und meiner ältesten 
Schwester ein Buch mit farbigen Tafeln (Beschreibung einer 
Reise in Persien) zur Vernichtung zu überlassen. Es war kaum er- 
ziehlich zu rechtfertigen. Ich war damals fünf Jahre, die Schwester 
unter drei Jahren alt, und das Bild, wie wir Kinder überselig dieses 
Buch zerptlücken (wie eine Artischocke, Blatt für Blatt, muss 
ich eagen), ist nahezu das Einzige, was mir aus dieser Lebenszeit in 
plastischer Erinnerung gelilieben ist. Als ich dann Student wurde, 
entwickelte sich bei mir eine ausgesprochene VorUcbe. Bücher zu 
sammeln und zu besitzen (analog der Neigung, aus Monograplnen zu 
fitudiren, eine Liebhaberei, wie sie in den Traunigedauken betreffs 
Cyclamcn und Artischocke bereits vorkommt). Ich wurde ein Bücher- 
wurm (vgl. Herbarium). Ich habe diese erste Leidenschaft 
meines Lebens, seitdem ich über inich nachdenke, immer auf diesen 
Kindereindruck zurückgeführt, oder vielmehr, ich habe erkanut,_ dass 

T TT- ■ . .1 ^'.^^^ Tln^l-.ii.i'nii(M,i-inn>" fili' iii(Jin(> fanälfprf> Rlblio- 



diese Kinderscene eine „Deckerinnerung" für meine spätere iSiDUo- 
philie ist ") Xatürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, dass man 
durch Leidenschaften leicht in Leiden geräth. Als ich 17 Jahre alt 
war hatte ich ein ansehnliches Conto beim Buchhändler und kerne 
Mittel, es zu begleichen, und mein Vater Hess es kaum a s Ent- 
schuldigung gelten, dass sich meine Neigungen auf nichts IJoseres 
ireworfcn hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugenderlebnisses 
Irinc^t mich aber sofort zu dem Gespräch mit meinem Ireunde 
Dr Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe wie damals 
dai ich meinen Liebhabereien zuviel nachgebe, handelte es sich 
auch im Gespräch am Abend des Traumtages. 

Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung 
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern blos den Weg angeben, 
welcher zu ihr führt. Wahrend der Deutungsarbeit bin ich an 

») Vgl. meinen Aufsatz „Ueber Deckermnerungen" in der Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie, 1899. ' 



118 Y. Traummateiial und Traumquellen. 

das Gespräch mit Dr. Künigstein erinnert worden, und zwar von 
mehr als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte^ ivelche Dinee 
in diesem Gespritche berührt worden sind, so wird der Sinn des 
Traumes mir verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von 
den Liebhabereien meiner I'rau und meinen eigenen, vom Cocain 
von den Schwierigkeiten ärzthcher Behandlung unter Collegen. von 
meiner Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernach- 
lässigung gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann J 
seine Fortsetzung und mündet in irgend einen der Fäden der viel- * 
t verzweigten Unterredung ein. Der Traum bekümmt wieder den 

Charakter einer Kechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht t 

wie der erst analysirte Traum vom Irnia's Injection; ja er setzt 1 

I. ■ (las dort begonnene Thema fort und erörtert es an einem neuen 

\ i\[aterial. welches im Intervall zwischen beiden Träumen hinzu- 

I' gekommen ist. Selbst die scheinbar indifferente Ausdrucksform 

I des Traumes bekömmt einen Aecent. Es heisst jetzt : Ich bin doch fli 

der Mann, der die werthvolle und erfolgreiche Abhandlung (über das ~ 
Cocain) geschrieben hat, ähnlieh wie ich damals zu meiner Kecht- 
fertigUDg vorbrachte: Ich bin docli ein tüclitiger und iieissi-er 
Student; m beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich 
kann aber auf die Ausführung der Traumdeutung hier verzichten 
I weil mich zur Mittheilung des Traumes nur die Absicht bewoo^en 

!• hat, an einem Beispiele die Beziehung des Trauminhaltes zu dem 

erregenden Erlebnis des Vortages zu untersuchen. So lauge ich von 
diesem 1 räume nur den manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine 
Beziehung des Traumes zu einem Tageseindruck augenfällig; nach- 
dem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite Quelle 
des Iraumes m einem anderen Erlebnis desselben Tages. Der erste 
der Eindrllcke, aufweiche sich der Traum bezieht, ist ein gleich- 
giltiger, ein IS ebenumstand. Ich sehe im Scliaufeilster ein Buch ^ 
dessen Titel mich Hüchtig berührt, dessen Inhalt mich kaum ■I 
interessiren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen psychischen '^ 

VVerth; ich habe mit meinem Freimde. dem Augenarzt, wohl eine 
Stunde lang cifng gesprochen, ihm Andeutungen gemacht, die uns 
^ beiden nahe gehen mussten, und Erinnerungen in mir wachgerufen 

bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines Innern mir 
bcmerkhch wurden. Ueberdies wurde dieses Gespräch unvollendet 
abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun die 
beiden Eindrücke des Tages zu einander und zu dem in der Nacht 
erfolgenden Traum? 
( . . I"i Trauminhalte finde ich nur eine Anspielung auf den gleich- 

gdtigon Eindruck und kann so bestätigen, dass der Traum mit Vor- * 

liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In 
' der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht 

erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es- 
einzig richtig ist. nach dem latenten, durch die Analvse zu Tage ge- 



Ik 



Die Rolle des indifferenten reeenten Eindruckes. 119 

furdei-ten Inhalt beurtheile, so bin ich unversehens zu einer neuen 
und wichtigen Erkenntnis gelang!;. Ich sehe das Rjlthsel zerfallen, 
dass der Traum sich nur mit den werthlosen Brocken des Tages- 
lebens beschäftigt; ich muss auch der Behauptung widersprechen, 
dass das Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, 
und der Traum dafür psychische Thätigkeit an läppisches Material 
verschwendet. Das Gegentheil ist wahr; was uns bei Tage in An- 
siiruch genommen hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und 
wir geben uns die Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, 
welche uns bei Tage Änlass zum Denken geboten hiltten. 

Die naheliegendste Erklärung dafür, dass ich doch vom gleich- 
giltigen Tageseindruck träume, withrend der mit Becht aufregende 
mich zum Traume veranlasst hat. ist wohl die, dass hier wieder 
ein Phänomen der Traumcntstellung vorliegt, welche wir oben auf 
eine als Censur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. 
Die Erinnerung an die Monographie über die Gattung Cyclamen 
erfährt eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das 
Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traum von 
dem verhinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die 
Anspielung „geräucherter Lachs" vertreten wird. Es fragt sich nur, 
durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu 
dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung 
treten da eine solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In 
dem Beispiele vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vorn- 
herein gegeben; „geräucherter Lachs" als die Lieblmgsrfpeise der 
Freundin gehört ohne weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die 
Person der Freundin bei der Träumenden anzuregen vermag. In 
unserem neuen Beispiel handelt es sich um zwei gesonderte Ein- 
drücke die zunächst nichts gemeinsam haben, als dass sie am näm- 
lichen Tage erfolgen. Die Monographie fällt mir am Vormittag aui, 
das Gespräch führe ich dann am Abend. Die Antwort welche die 
\nalvse an die Hand gibt, lautet: Solche erst nicht vorhandene Be- 
ziehungen zvÄscheVL den beiden Eindrücken werden nachträglich vom 
VorstelluDgsinhalt des einen zum Vorstellungsinhalt des anderen an- 
gesponnen Ich habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei dei 
Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An die Vorstellung der 
Monographie über Cyclamen würde sich ohne Beeinflussung von 
anderswoher wohl nnr die Idee knüpfen, dass diese die Lieblmgs- 
blume meiner Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den venmssten 
Blumenstrauss der Frau L. Ich glaube mcht, dass diese Hmterge- 
danken genügt hätten, einen Traum hervorzuruten. 

„There needs no ghost, my lord, come from the grave 

"To teil US this." . , * , i ■ , i 

heisst es im Hamlet. Aber siehe da, m der Analyse werde ich daran 
erinnert, dass der Mann, der unser Gespräch stürtc, Gärtner hiess, dass 
ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben jetzt nachträg- 
lich dass eine meiner Patientinnen, die den schönen Namen Flora 



120 . V. Tranmmaterial und Traumquellcu. 

trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches stand. Es muss 
so zug:egangen sein, dass sich über diese Mittelglieder aus dem bn 
tamschcn Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden Ta^es" 
erlebnisse, des gleichgiltigen und des aufregenden, vollzog. E^nn 
stellten sich weitere Beziehungen ein. die des Cocains, welche mit 
Tug und Eecht zwischen der Person des Dr. K un igst ein und einer 
botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, rermirteln kann 
und befestigten diese Verschmelzung der beiden VorstcUunt^skreise 
zu einem, so dass nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als An 
spielung auf das zweite verwendet werden konnte. 

Ich bin darauf gefasst, dass man diese Aufklärung als eine will 
kürhclie oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre o-p_ 
sebehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht 
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flor« 
sondern Anna uesse? Und doch ist die Antwort leicht. Wenn sfch" 
mcht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr 
schemlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be" 
Ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Käthselfrageo mit 
denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen ' Der 
Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Sehritt 
weiterzugehen: wenn sieh zwischen den beiden Eindrücken de" 
lages keine genug ausgiebigen ]\fittelbe2iehungen hätten herstellen 
lassen, so wäre der Traum eben anders aus|efallen: ein anderer 
gleichgilt^gcr Eindruck des Tages, wie sie in Schaaren an uns 
heaantreten und von uns vergessen werden, hätte für den Traum 
die Stelle der Monographie'- übernommen, wäre in Verbindung miJ 
tZf "^'"^l ^ Gespräches gelangt und' hätte dieses niTraui'! 
Inhalt ver retcn. Da kein anderer als der von der Mono^raXp 
dieses Schicksal hatte, so ^vird er wohl der für die VeXt'w 
jassendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Häuschen Schuf 

Ip.nn<?'J^'^'?^°i'^r^' Y.Tf"g^' ^"^-"^^^ ^'^Ic'^^ii ii^ch unserer Dar- 
legung das gleichgiltige Erlebnis zur Stellvertretung für das nsr 
chisch weithvolle gelangt, muss uns noch bedenklich und be" 
iremdend erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns 
vor der Aufgabe sehen, die Eigenthümlichkeiten dieser scheinbar 
incorrecten Operation unserem Verständnis näher zu brino-en Hilp 
haben wir es nur mit dem Erfolge des Vorganges zu thunrzu'des.en 
Annahme wir durch ungezählte und regelmässig wiederkehrende 
f^rtahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden.'. Der Vorgano^ 
ist aber so, als ob eine Verschiebung — sagen wir ; des psychischeS 
Äccentes -- auf dem Wege jener Mittelglieder zu Stande käme bU 
antangs schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Ueber 
nähme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer 
btilrke gelangen, welche sie befähigt den Zugang zum Bewu=;st^ein 



9i- 



Der indifierente Eindruck eia Verschiebungsersatz des wichtigen. 121 

zu erzwingen. Solche Versehiebungcn wundern uns keineswegs, wo 
es sieh um die Anbringung von Affectgrössen oder überhaupt um 
motorische Actionen handelt. Dass die einsam gebliebene Jungfrau 
ihre Zärtlichkeit auf Thiere überträgt, der Junggeselle leidenschaft- 
licher Sammler wird, dass der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, 
die Fahne, mit seinem Herzblute vertheidigt, dass im Liebesverhältnis 
ein um Secunden verlilngerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder 
im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wuthaiisbraucli, das 
sind siimmtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns 
unanfeciitbar erscheinen. Dass aber auf demselben Wege und nach 
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, was 
in unser Bewusstsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, also 
was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, und 
wir heisscn es Denkfehler, wo es im "Wachleben vorkommt. Ver- 
rathen wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen. 
dass der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung 
erkannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestürter, wohl 
aber als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr 
primärer Natur herausstellen wird. 

Wir deuten somit die Thatsache, dass der Trauminhalt Reste 
von neb ensäcb hellen Erlebnissen aufnimmt, als eine Aeusserung der 
Traumentstellung (durch Verschiebung) und erinnei-n daran, dass 
Tvir in der Traum entstellung eine Folge der zwischen zwei psy- 
chischen Instanzen bestehenden Durchgangscensur erkannt haben. 
Wir erwarten dabei, dass die Traumanal3'Se uns regelmässig die 
wirkliche, psychisch bedeutsame Traumqiielle aus dem Tagcsleben 
aufdecken wird, deren Erinnerung ihren Aceent auf die gleichgiltige 
Erinnerung verschoben hat. Durch diese Auffassung haben wir uns 
im vollen Gegensatze zu der Theorie von Kobert^^} gebracht, die für 
uns unverwendbar geworden ist. Die Thatsache, welche ßobert er- 
klären wollte, besteht eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem 
Missverständnis, auf der Unterlassung, für den scheinbaren Traum- 
inhalt den wirklichen Sinn des Traumes einzusetzen. Man kann noch 
weiterhin gegen die Lehre von Robert einwenden: Wenn der 
Traum wirklich die Aufgabe hütte. unser Gedächtnis durch besondere 
psychische Arbeit von den „Schlacken" der Tageserinnerung zu be- 
freien, so müsste unser Schlafen gequälter sein und auf ange- 
strengtere Arbeit verwendet werden, als wir es von unserem wachen 
Geistesleben behaupten können. Denn die Anzahl der indifferenten 
Eindrücke des Tages, vor denen wir unser Gedächtnis zu schützen 
hätten, ist offenbar unermesslich gross; die Nacht würde nicht hin- 
reichen, die Summe zu bewältigen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, 
dass das Vergessen der gleichgiltigen Eindrücke ohne actives Ein- 
greifen unserer seelischen Mächte vor sich gebt. 

Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robert'schen 
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir 



122 V. Traummaterial und Traum f quellen. 

haben die Thatsache unerklärt gelassen, dass einer der indifferenten 
Eindrücke des Tages — und zwar des letzten Tages — regelmässig 
einen Beitrag zum TraLuninhalte liefert. Die Beziehungen zwisclien 
diesem Eindruck und der eigentlichen Traumtiuelle im L'nbewussten 
bestehen nicht immer von vornherein ; wie wir gesehen haben, 
werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich- 
tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es niuss 
also eine Nüthigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der 
Richtung des recenten, obwohl gleichgiltigen. Eindruckes anzubahnen; 
dieser muss eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität dazu 
bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht dm-chfuhrbar, dass die Traum- 
gedanken ihren Aecent auf einen unwesentlichen Bestandtheil ihres 
eigenen VorsteUungskreises verschieben. 

l^'olgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf- 
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse gebracht 
hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der Traum 
die Erwilhnung beider zu einem einzigen Ganzen ; er gehorcht einem 
Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich 
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupe ein. in 
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. 
Der Eine war ein einflussreicher College, der Andere ein Angehöriger 
einer vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. 
Ich machte die beiden Herren mit einander bekannt; ihr Verkehr 
ging aber die lange Fahrt über mich, so dass ich bald mit dem 
Einen, bald mit dem Anderen einen Gesprächsstoff zu behandeln hatte. 
Den Collegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine 
ärztliche Praxis begonnen liatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der 
College erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes übeiv 
zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vor- 
nehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte : Gerade 
darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden er- 
kundigte ich mich bald darauf nach dem Belinden seiner Tante, — der 
Mutter einer meiner Patientinnen — welche damals schwer krank dar- 
nieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich. mein junger 
Freund, für den ich die Protection erbeten hatte, befinde sich in einem 
eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in 
die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute versetzt 
liatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den 
Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten 
Reisegenossen war. [Ich gestehe offen, dass ich mit dieser Dame 
niclit in guten Beziehungen gestanden hatte.] Mein Traum hatte also 
wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages 
aufgefunden und mittelst derselben eine einheitliche Situation com- 
ponirt. 

Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muss ich den Satz 
aufstellen, dass für die Traumarbeit eine Art von Nöthigung besteht. 



I 




„Kapprocliement forc^" der Traumrßize. 123 

alle vorhandenen Ti-anmreizqn eilen zu einer Einlieit im Traume zu- 
sammenzusetzen.") 

Ich ivill jetzt die Frage in Erürterung ziehen, ob die traum- 
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re- 
centes (und bedeutsames) Ereignis sein niuss, oder ob ein inneres 
Erlebnis, also die Erinnerung an ein psychisch werthvolles Ereignis, 
ein Gedankengang die Rolle des Traumerregers übernelmien kann. 
Die Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste 
ergibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer 
Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage recent 
geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die 
verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen^ 
in einem Schema zusammen zu stellen. 

Die Traumquelle kann sein : 

a) Ein recentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welchem 
im Traume direct vertreten ist.*'") 

bj Mehrere recente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum 
zu einer Einheit vereinigt werden.*'-*') 

c) Ein oder mehrere recente und bedeutsame Erlebnisse, die 
im Trauminhalte durch die Erwühnung eines gleichzeitigen, aber 
indifferenten Erlebnisses vertreten werden.f) 

dj Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken- 
gang), welches dann im Traume regelmässig durch die Erwühnung 
eines recenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird.'fr) 

Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die 
Bedingung festgehalten, dass ein Bestandtheil des Trauminhaltes einen 
recenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung^ 
im Traume bestimmte Antheil kann entweder dem Vorstellungskreis 
des eigentlichen Traumerregers selbst angehören, — und zwar ent- 
weder als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandtheil desselben — 
oder er rührt aus dem Bereiche eines indiflerenten Eindruckes lier,. 
der durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem 
Kreis des Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die 
scheinbare Melirheit der Bedingungen kommt hier nur durch die 
Alternative zu Stande, dass eine Verschiebung unterblieb on 
oder vorgefallen ist, imd "\\'ir merken hier, dass diese Al- 
ternative uns dieselbe Leichtigkeit bietet, die Contraste des Traumes 



*) Die Neigung der Traum arbeit, gleiclizeitig als interessant Vorhandenes in 
einer Behandlung au verschmelzen, ist l)ereits von melireren Autoren bemerkt worden, 
z. B. von Delage'-'') (S. 41), Delboeuf'"): rapprocbeiueHt force (S. 030). 

*♦) Traum von Irma's Injeetion; Traum vom l^'reund, der mein Onkel ist. 
***) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes, 
f) Traum von der botanischen Monographie. 
■ff) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten witlirend der Analyse. 



w 




124: . V, Traummaterial and Traumf|uelleu. 

zu erklilren. wie der medicinisclien Theorie des Traumes die Reihe vom 
partiellen bis zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vergleiche Seite 53). 

Man l)emerkt an dieser Reihe ferner, dass das psychisch iverth- 
volle, aber nicht recente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) 
für die Zwecke der Traumbildiing durch ein recentes, aber psychisch 
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die 
beiden Bedingungen eingehalten werden, dass 1. der Tranminhalt 
■eine Anknüpfung an das receut Erlebte erhält; 2. der Traumerreger 
ein psychisch wertlivoUer Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle 
(a) werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. 
Zieht man noch in Erwägung, dass dieselben indiiferenten Eindrücke, 
welche für den Traum verwerthet werden, solange sie recent sind, 
diese Eignung eiubüssen, sobald sie einen Tag (oder höchstens 
mehrere) älter geworden sind, so muss man sich zur Annahme ent- 
schliessen. dass die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen ge- 
wissen psychischen Werth für die l'raumbildung verleibt, welcher der 
Werthigkeit affectbetonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgend- 
wie gleichkommt. AVir werden erst bei späteren psychologischen 
Ueborlegungen errathen können, worin dieser Wertli recenter Ein- 
drücke für die Traumbildung begründet sein kann.'') 

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass 
zur Kachtzeit und von unserem Bewusstsein unbemerkt wichtige Ver^ 
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor 
sich gehen können. Die P'orderung, eine Nacht über eine An- 
gelegenheit zu schlafen, ehe man sich endgiltig über sie entscheidet, 
ist offenbar vollberechtigt. Wir merken aber, dass wir an diesem 
Punktt^ aus der Psychologie des Träuniens in die des Schlafes über- 
gegritten haben, ein Schritt, zu welchem sich der Änlass noch öfter 
ergeben wird. 

Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlussfolge- 
rungea umzustossen droht. Wenn indiflerente Eindrücke nur. so lan^je 
sie recent sind, in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es. 
dass wir im Tranuiinhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden 
vorfinden, die zur Zeit, da sie recent waren — nach Strümpell's 
Worten keinen psychischen Werth besassen, also längst vergessen 
sein sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch be- 
deutsam sind? 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung 
lautet nämlich, dass die Verschiebung, welche das psychisch wichtige 
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das 
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden 
hat und sehher im Gedächtnis fixirt worden ist. Jene ursprüaglidx 
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie 



*) Vgl. im Abschnitt VII. über clie „l.'ebertragung" 



Es gibt keine „harmlosen" Trilame. 125 

durch Verseliiebnng die Werthigkeit vom psychisch bedeutsamen 
Material übernommen haljen. Was wirklich indifterent geblieben ist, 
kann auch nicht mehr im Traume re])roducirt werden. 

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Eecht schliessen, 
dass ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indiifcrentcn Traum- 
erreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge und 
Ausschliesslichkeit meine Meinung, abgesehen von den Trimmen der 
Kinder und etwa den kurzen Traumreactionen auf niichtliche Sen- 
sationen. Was man sonst tr.'tumt, ist entweder manifest aU psy- 
chisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann 
erst nach vollzogeuer Traumdeutung zu bcurtlieilen, worauf es 
sich Tviederum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich 
nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlaf 
nicht stören. Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sicli als arg, 
wenn man sieh um ilire Deutung bemüht; wenn man mir die Redens- 
art gestattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren". Da dies 
wiederum ein Punkt ist. bei dem ich Widerspruch erwarten darf, 
und da ich gerne die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei 
ihrer Arbeit zu zeigen, will ich eine Reihe von „li armlosen" 
Träumen aus meiner Sammlung hier der Analyse unterziehen, 

I, Eine kluge und feine junge Dame, die alier auch im Leben zu 
den Reservirten, zu den „stillen Wassern" gebort, erzählt: Ich habe 
geträumt, dass ich auf den Markt zu spät komme und 
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be- 
komme. Gewiss ein harmloser Traum, aber so sieht ein Ti'aum 
nicht aus; ich lasse ihn mir detaillirt erzählen. Dann lautet der 
Bericht folgendermassen : Sie geht auf den Markt mit ihrer 
KöchiDj die" den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt 
ilir, nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr 
zu haben, und will ihr etwasAnderes geben mit der Be- 
merkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur 
Gemüsefrau. Die will ihr ein eigenthümliches Gemüse 
verkaufen, was in Bündeln zusammengebunden ist, aber 
schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich niclit, das 
nehm e ich ni cht. 

Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war wirk- 
lich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekommen. 
Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich einem als 
Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht eine recht 
gemeine Redensart, die — oder vielmehr deren Gegentheil — auf eine 
Kachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die Träumerin hat 
diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht ihnen ausgewichen; 
suchen wir nach der Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten. 

Wo etwas im Traum den Charakter einer Rede hat, also gesagt 
oder gehört wird, nicht blos gedacht — was sich meist sicher unter- 
scheiden lässt — das stammt von Reden des wachen Lebens her, 



126 V. Traummaterial und Traumquellen. 

die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert 
vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind.*) Man 
kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher 
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zn 
haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, 
„dass die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben 
sindj sondern durch .,Uebertragungen" und Träume in der Analvse 
ersetzt werden." Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese 
Ueb er tragungen alter Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegen- 
wart ab. — Woher rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht, 
das nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zertheijen. „Das 
kenne ich nicht" hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge- 
sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt : B e- 
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif- 
bar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat 
sie den bedeutungslosen in den Traum genommen ; der unterdrückte 
aber; „Benehmen Sie sich anständig!"' stimmt allein zum übrigen 
Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige Zu- 
muthungen wagt und vergisst. „die Fleischbank zuzuschliessen". Dass 
wir der Deutung wirklieh auf die Spur gekommen sind, beweist dann 
der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in der Begebenheit 
mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Gemüse, das in Bündeln 
zusammengebunden verkauft wird (länglich ist, wie sie nachträglich 
hinzufügt), und dabei schwarz, was kann das anderes sein als die 
Traumvereinigung von Spargel und schwarzem Rettig? Spargel 
brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber auch das 
Ändere Gemüse — als Zuruf: Schwarzer, rett' Dich! — seheint 
mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich 
anfangs erriethen, als wir für die Traum erzählung einsetzen wollten: 
die Fleischbank war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn 
dieses Traumes vollständig zu erkennen; soviel steht fest, dass er 
sinnreich ist und keineswegs härm los. *■*■) 

II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser 
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: Soll man 
das Ciavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, 
«8 rauss ohnedies neu beledert werden. Wiederum die 
"Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so 
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, dass 

*) Vergleiche über die Reden im Traum im Abschnitle über die Traumarbeit. 
Ein oiDziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben 
Delbooiifi'') (p. 226*, indem er sie mit „clicht^s" vergleicht. ' 

**) Für Wisabegierlge bemerke ich, dass hinter dem Traume sich eine Phaniasie 
verbirgt von unanstiindigem, sexuell provocirendem. Benehmen meinerseits und von 
Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen sollte, den 
mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Aerzte solche Anklagen von hysterischen 
Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als 
■Traum aufgetreten, sondern unverhüUt bewusst und wahnhafl geworden ist. 



Beispiele von „harmloaeu" Trüumen. 127 

sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Ciavier, es sei ein ekelhafter 
Kasteo. der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 
schon vor der Ehe besessen hat*) u. s. w., aber den Schlüssel zur 
Lösung- ergibt doch erst die Kede: Es lohnt nicht. Diese stammt 
von einem gestern gemachten Besuch bei ihrer Freundin. Dort 
wurde sie aufgefordert ihre Jacke abzulegen und weigerte sich mit 
den Worten: Danke, es lohnt nicht, ich muss gleich gehen. Bei 
dieser Erzählung muss mir einfallen, dass sie gestern während der 
Analysenarbeit plütziicli an ihre Jacke griff, an der sieh ein Knopf 
geöfiFoet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht 
hin, es lohnt nicht. So ergänzt sich der Kasten zum Brust- 
kasten, und die Deutung des Traumes führt direct in die Zeit 
ihrer körperlichen Entwickelung, da sie anfing, mit ihren Körper- 
formen unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl in fi-ühere Zeiten, 
wenn wir auf das „Ekelhaft" und den „schlechten Ton" Rück- 
sieht nehmen und uns daran erinnern, wie häufig die kleinen 
Hemisphären des weiblichen Körpers — als Gegensatz und als Ersatz 
— für die grossen einti'eten, — in der Anspielung und im Traum. 

III. Ich unterbreche diese Eeihe, indem ich einen kurzen harmlosen 
Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, dass er 
wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist. 
Anlass dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene 
Kälte. Ein feineres Urtheil wird indess bemerken, dass die beiden 
kurzen Stücke des Traumes nicht gut zu eiiiauder passen, denn in 
der Kälte den schweren oder dicken Roek tragen, was könnte daran 
_-ichrecklich" sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses 
Traumes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung, 
dass eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, dass ihr letztes 
RiDd einem geplatzten Condom seine Existenz verdankt. Er re- 
constroirt nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner 
Condom ist gefährlich, ein dicker schlecht. Der Condom ist der 
„Ueberzieher" mit Recht, man zieht ihn ja über; so heisst man auch 
einen leichten Rock. Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete 
wäre für den unverheirateten Mann allerdings „schrecklich". — Nun 
wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin. 

IV. Sie steckt eine Kerze in denLeuchter; dieKerze 
ist aber gebrochen, so dass sie nicht gut steht. Die 
Mädchen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das 
Fräulein aber, es sei nicht ihre Schuld. 

Ein realer Anlass auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze 
in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist 
eine durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein V 
Gegenstand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen 

*) Eine Ersetzung durch da8 Gegentheil, wie ima nach der Deutung klar 
-werden wird. 



128 V. Traummaterial und Traum quellen. 

isr, so class sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des 
Mannes (.,es sei nicht ihre Schuld"). Ob nur die sorgfälti|: 
erzogene und allem Hässliehen fremd gebliebene junge Frau diese 
Verwendun*? der Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch 
welches Erlebnis sie zu dieser Kenntnis gekommen ist. Bei einer 
Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen yorüber, in dem 
Studenten sitzen, welche mit grossem Behagen ein Lied singen oder 
brüllen: ^Wenn die Königin von Schweden, bei geschlossenen Fenster^ 
laden mit Apollokerzen . . . ." 

Das letzte Wort hört oder yerstebt sie nicht. Ihr Slanu muss 
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im 
Trauminhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftra«»-, 
den sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge 
des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung 
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug, -Apollo* 
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, 
in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles "wahrlich 
nicht harmlos. 

V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirklichen 
Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge ich 
noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von der- 
selben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt 
sie, was ich bei Tag wirklich gethan habe, nämlich 
einen kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, dass 
ich Mühe hatte ihn zu schliessen, und ich habe es so ge- 
trau mt, wie es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Er- 
zählerin selbst das Hauptgewicht auf die Uebereinstimmung von 
Traum und Wirklichkeit, Alle solche Urtheile über den Traum, Be- 
merkungen zum Traum, gehören nun. obwohl sie sich einen Platz 
im wachen Denken geschaffen haben, doch regelmässig in den latenten 
Trauminhalt, wie uns noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es 
wird uns also gesagt, das, was der Traum erzählt, ist am Tage vorher 
wirklich vorgefallen. Es wäre nun zu weitläatig mitzutheilen, auf 
welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei der Deutung dsis 
Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich wieder um 
eine kleine box (vergleiche Seite 107 den Traum vom todten Kind 
in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, dass nichts mehr 
hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal. 

In all diesen „harmlosen" Träumen schlägt das sexuelle Moment 
als Motiv der Censur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema 
von principieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen. 

h) Das Infantile als Traumquelle. 

Als dritte unter den Eigenthümlichkeiten des Trauminhaltes 
haben wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, dass ioa 



. 



Das Infantile als Traumtiuelle. J29 

Traume Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können 
über welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint! 
AVie selten oder wie häuüg sich dies ereignet, ist begreiflicher Weise 
schwer zu beurtheilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes 
nach dem Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der 
Nachweis, dass es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, 
muss also auf objeetivem Wege erbracht werden, wozu sich die Be- 
dingungen nur in seltenen Füllen zusammenfinden können. Als be- 
sonders beweiskräftig wird von A. Maury^^) die Geschichte eines 
Mannes erzählt, welcher eines Tages sieh entschloss, nach zwauzif- 
jähriger Abwesenheit seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht 
vor der Abreise träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten 
Ortschaft und begegne daselbst auf der Strasse einem uubelcannten 
Herrn, mit dem er sich unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt 
konnte er sieh nun überzeugen, dass diese unbekannte Ortschaft in 
nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich existirc, und auch der un- 
bekannte Mann des Traumes stellte sich als ein dort lebender Freund 
seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein zwingender Beweis dafür, 
dass er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner Kindheit gesehen hatte. 
JJer Traum ist übrigens als Ungeduldstraum zu deuten, wie der des 
Jlädcbens, welches das Billet für den Concertabend in der Tasche 
trägt (Seite 107); des Kindes, welchem der Vater den Ausflug nach dem 
Hameau versprochen hat u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer 
gerade diesen Eindruck aus seiner Kindheit reproduciren, sind 
natüHicIi ohne Analyse nicht aufzudecken. 

Einer meiner Colleghörer, welcher sich rühmte, dass seine 
Träume nur sehr selten der Traum entstellung unterliegen, theilte mir 
mit. dass er vor einiger Zeit im Traume gesehen, s e i n ehemaliger 
Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu 
seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die Oertlichkeit für diese 
Scene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessirt theilte er 
den Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklich- 
keit des Geträumteu bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, 
denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte 
ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn 
die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das 
kleinere, damals dreijährige Kind — unser Träumer — , das im 
Zimmer der Bonne sehlief, wurde nicht als Störung betraciitet. 

Noch in einem anderen Falle lässt es sich mit Sicherheit ohne 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, dass der Traum Elemente aus 
der Kindheit enthält, wenn nämlicli der Traum ein sogenannter 
perennirend er ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später 
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachse- 
nen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einio-e 
aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen 
solchen perennirenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt 

Freud, Traumdeutung. g 



130 V. Traummaterial und Traumquellen. 

in den Ureissigern erzählte mir, dass in seinem Traumleben von den 
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein 
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben 
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich 
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand ans 
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter. 
dass dieses Object das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinder^ 
zeit gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte. 
Eine meiner Patientinnen hatte vier- oder fünfmal im Laufe ihrer 
38 Jahre die nämliche ängstliche Scene geträumt, dass sie verfolgt 
werde, sich in ein Zimmer flüchte, die Thüre zumache, dann öffne, 
um den aussen steckenden Schlüssel abzuziehen, dass sie unter der 
Empfindung, wenn es ihr nicht gelinge, werde etwas Schreckliches 
geschehen, den Schlüssel erhasche, um von innen zuzuschliessen, und 
dass sie dann erleichtert aufathme. Ich weiss nicht anzugeben. 
in welches frühe Lel)ensalter diese kleine Scene, bei der sie 
natürlich nur Zuschauerin gewesen ist, verlegt werden muss. 

Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den 
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit 
Erstaunen die Mitwirkung von Kindheitserlebnissen auch bei solchen 
Träumen constatiren, deren Inhalt keine derartige Vermuthnng er- 
weckt hätte. Dem geehrten CoUegen vom „gelben Löwen" verdanke 
ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines 
solchen Traumes. Nach der Leetüre von Nansen's Reisebericht 
über seine Polarespedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisire 
er den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser 
klage! Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus 
seiner Kindheit ein. ohne welche der Traum allerdings unverständlich 
bleibt Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war, hörte er eines 
Tages neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen 
sprachen, und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit 
sei. Er hatte offenbar Reisen mit „Reissen" verwechselt, und 
der Spott seiner Geschwister sorgte dafüi". dass ihm das beschämende 
Erlebnis nicht in Vergessenheit gerjeth. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse 
des Traumes von der Monographie über die Gattung Cyclamen 
auf eine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stosse, dass der Vater 
dem fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes 
Buch zur Zerstörung überlässt. Man wird etwa den Zweifel auf- 
werfen, ob diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Traum- 
inhaltes Antheil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der 
Analyse eine Beziehung erst nachträgUch herstellt. Aber die Reich- 
haltigkeit und Verschlungen heit der Associationsverknüpfungen büi^ 
für die erstere Auffassung. (Cyclamen — Lieblingsblume — Lieb- 
lingsspeise — Artischocke 5 zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für 
Blatt (eine Wendung, die Einem anlässlich der Theilung des chine- 



] 



Das infantile Moment zum Onkcltraum. J3J^ 

sischen Reiches täglicli an's Ohr schlägt) ] — Herbarium — Bücher- 
wanu, dessen Lieblingsspeise Bücher sind). Ausserdem kann ich 
versiehern, dass der letzte Sinn des Traumes, den ich iiier nicht 
aasg-eführt habe, zum Inhalt der Kiuderscene in intimster Be- 
ziehnng steht. 

Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, dass der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, 
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben 
stammt, so dass man zu seiner Ueberraschung im Traum das 
Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet. 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung eines Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine 
den Traum: Freund R. ist mein Onkel (Seite 95). Wir haben dessen 
Deutung soweit geffjrdert, dass uns das Wunschmotiv, zum Professor 
ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten uns die 
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und 
Trotzschüpfung gegen die Schmähung der beiden CoUegen, die in den 
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich 
darf darum dessen Analyse mit der Mittheilung fortsetzen, dass mein 
Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich 
wnsste, dass mein TJrtheil über die in den Traumgedanken miss- 
handelten Collegen im Wachen ganz anders gelautet hatte ; die Macht 
des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff der Ernennung nicht zu theilen, 
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und 
Traum Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem 
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist 
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den 
ich ferne von mir glaube. Ich weiss nicht, wie Andere, die mich 
zu kennen glauben, in diesem Punkt über mich urtheilen würden; 
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen ; aber wenn, so 
hat er sich längst auf andere Objecto als auf Titel und Rang eines 
Professor extraordinarius geworfen. 

Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen 
gehört habe, dass bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den 
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, dass sie der Welt einen 
gössen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr 
häafig vorfallen; es gibt so viel erwartungsfrohe Mütter und so viel 
alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden 
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. 
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte 
meine Grössensehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne 
ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren, 
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde : Es war eines 
Abends in einem der Wirthshäuser im Prater, wohin die Eltern deu 

9* 



132 V. Traummaterial und Traum(|uellen, 

eilf- oder zwülQilhi'igen Knaben mitzunehmen pflegten, dass uns ein 
Mann auffiel, der von Tiscli zu Tisch ging und für ein kleines 
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisirte. Ich 
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und 
er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe 
fragte, liess er einige Eeime über mich fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration für wahrscheinlich, dass ich noch einmal „Minister* 
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich 
noL-h sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriuius, 
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doctoren 
Herbst, Giskra, Unger, Berger u. A. nach Hause gebracht, 
und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminirt. Es waren sogar 
Juden unter ihnen ; jeder fleissige Judenkiiabe trug also das Minister- 
portefeuille in seiner Schultasche. Es niuss mit den Eindrücken jener 
Zeit sogar zusammenhängen, dass ich bis kui-z vor der luscription 
an der Universität willens war, Jura zu studircn, und erst im letzten 
Jloment umsattelte. Dem Mediciner ist ja die Ministcrlaufbahn über- 
haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, 
dass er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit 
des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen AVunsch, von 
damals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten 
und achtenswertheu Collegen, weil sie Juden sind, so schlecht be- 
handle, den einen, als oh er ein Schwachkopf, den anderen, als ob 
er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich 
als ob ich der Minister wllre, habe ich mich an die Stelle des Ministers 
gesetzt. Welch' gründliche Kache an Seiner Excellenz! Er verweio-en 
es, mich zum Professor estraordinarius zu ernennen, und ich setze 
mich dafür im Traum an seine Stelle. 




Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn- 
fiucht, nach Rom zu kommen, zu Grunde liegt. Ich werde diese 
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen 
denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver^ 
fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund- 
heit zu meiden. So träume ich denn einmal, dass ich vom Coupe- 
fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sieh der ^u«- 
in Bewegung, und es fällt mir ein, dass ich die Stadt ja gar nicht 
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sab, war einem 
bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eiue^ ^ 
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand f 
auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und 
noch so ferne, dass ich mich tlber die Deutlichkeit der Aussicht 
wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus- 
führen möchte. Das Motiv, „das gelobte Land von ferne sehen" ist 



SeliDsuclitsträuine von Rom. 133 

darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel 
g-esehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in — 
Oleichenberg'. In einem dritten Traum bin ich endlich in Rom, 
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung 
eine keineswegs städtische Scenerie, einen kleinen Fluss mit 
dunkl em Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze 
Felsen, auf der anderen Wiesen mit grossen weissen 
Blumen. Ich bemerke einen Herrn Zucker (den ich 
oberfiächlich kenne) und besch Hesse, ihn um den Weg- 
in die Stadt zu fragen. Es ist offenbar, dass ich mich ver- 
frebens bemühe, eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen 
nicht gesehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in 
seine Elemente zersetze, so deuten die weissen Blumen auf das mir 
bekannte Ra v e n n a , das wenigstens eine Zeitlang als Italiens 
Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sumpfen 
um Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen 
Wasser gefunden; der Traum lässt sie auf Wiesen wachsen wie die 
Narcissen in unserem Aussee, weil es damals so muhselig war, sie 
aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Eela, so nahe am Wasser, 
erinnert lebhaft an das Thal der Tepl bei Karlsbad. „Karlsbad** 
setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu erklären, 
dass ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem 
Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen 
jüdischen Anekdoten zu erkennen, die soviel tiefsinnige, oft bittercj 
Lebensweisheit verbergen und die wir in Gesprächen und Briefen so 
gerne eitircn. Die eine ist die Geschichte von der ,, Constitution", 
des Inhalts, wie ein armer Jude ohne Falirbillot den Einlass in 
den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, bei jeder Revision 
vom Zug gewiesen und immer härter behandelt wird, und der dann 
einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft, 
auf die Frage, wohin er reise, zur Antwort gibt: „Wenn's meine 
Constitution aushält — nach Karlsbad". Nahe dabei ruht im Ge- 
dächtnis eine andere Geschichte von einem des Französischen unkundigen 
Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Weg zur rue 
Richelieu zu fragen. Auch Paris war lange Jahre hindurch ein Ziel 
meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich zuerst den Fuss 
auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als Gewähr, dass 
ich auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen werde. Das Um- 
den- Weg-Fragen ist ferner eine directe Anspielung an Rom, denn 
nach Rom führen bekanntlich alle Wege. Uebrigens deutet der 
Name Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir doch alle mit 
der constitutionellen Krankheit Diabetes Behafteten schicken. Der 
Anlass dieses Traumes war der Vorschlag meines Berliner Freundes, 
uns zu Ostern iu Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm 
zu besprechen hatte, würde sich eine weitere Beziehung zu Zucker 
und Diabetes ergeben. 



134 V. Traummaterial und Traum q^u eilen. 

Ein vierter Traum, kurz nach dem letztei-^välinten, bringt mich 
■wieder nach Rom. Ich sehe eine Strasseneeke vor mir und wundere 
mich darüber, dass dort so viele deutsche Plakate angeschlagen 
sind. Tags vorher hatte ich meinem Freund in prophetischer Vor- 
aussicht gesehrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein 
bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig 
den Wunsch aus. ihn in Rom zu treffen anstatt in einer bühmisehen 
Stadt, und das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende 
Interesse daran, dass in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung 
gewährt sein möge. Die czeehische Sprache muss ich übrigens 
in meinen ersten Kinderjahren verstanden haben. da ich 
in einem kleinen Orte Mährens mit slavischcr Bevülkerung geboren 
bin. Ein czeehiseher Kindervers, den ich in meinem 17. Jahre 
gehört, bat sich meinem Gedächtnis mühelos so eingeprägt, dass ich 
ihn noch heute hersagen kann, ob-wohl ich keine Ahnung von seiner 
Bedeutung habe. Es fehlt also auch diesen Träumen nicht an 
mannigfaltigen Beziehungen zu den Eindrücken meiner ersten 
Lebensjahre. 

Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter Anderem am 
Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den 
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Roni 
umgekehrt war. die Versttlrkung auf, welche meine Sehnsucht nach 
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade 
den Plan, ein näclistes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen, 
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer classisehe-n 
Schriftsteller gelesen haben muss: Es ist frsglich, wer eifriger in 
seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefasst, nach 
R m zu gehen, der Conrector Winekelmann oder der Feldherr 
Hannibai. Ich war ja auf den Spuren Hannibal's gewandelt; 
es war mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch 
er war nach Campan ien gezogen, nachdem alle Welt in Rom ihn 
erwartet hatte. Hannibai, mit dem ich diese Aehnlichkeit eiTeicht 
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gynmasialjahre gewesen; 
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien wahrend 
der punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager 
zugewendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis 
für die Conse(|uenzen der Abstammung aus landesfremder Race 
erwuchs, und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden 
mahnten Stellung zu nehmen, da hob sieh die Gestalt des semitischen | 

Feldhcrrn noch höher in meinen Augen. Hannibai und Rom 
symbolisirten dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit k 
des Judenthums und der Organisation der katholischen Kirche, 
Die Bedeutung, welche die antisemitische Bewegung seither für unser 
Gemüthsleben gewonnen hat. verhalf dann den Gedanken und 
Empfindungen jener frühen Zeit zur Fixirang. So ist der Wunsch, 
nach Rom zu kommen, für das Traumleben zum Deckmantel und I 



Das infantile j\Ioment zu den Rom- Träumen. 135 

Symbol für mehrere andere heisserselinte Wünsche geworden, an 
deren Venvirklicbung^ man mit der Ausdauer und Ausschliesslichkeit 
des Funiers arbeiten möchte, und deren Krfüllung- zeitweilig vom 
Schicksal ebenso wenig begünstigt scheint wie der Lebenswunsch 
HannibaTs, in Rom einzuziehen. 

Und nun stosse ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all 
diesen Empfindungen und Trilumen noch heute seine flacht äussert. 
Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater 
begann, mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in 
Gesprächen seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. 
So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere 
Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger Mensch war, 
bin ich in deinem Greburtsort am Samstag in der Strasse spazircn 
gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopf. 
Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlag die Mütze 
in den Koth und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was 
hast du gethan?" Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die 
Mütze aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht 
heldenhaft von dem grossen starken Mann, der Jiiich Kleinen an der 
Hand führte. Ich stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, 
eine andere gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, 
die Scene, in welcher Hannibal's Vater, Hasdrubal, seinen 
Knaben vor dem Hausaltar schwüren lässt, an den Römern liache 
zu nehmen. Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen 
Phantasien. 

Ich meine, dass ich die Schwärmerei für den karthagischen 
General noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen 
kann, so dass es sich auch liier nur um die Uebertragung einer bereits 
gebildeten Affectrelation auf einen neuen Trüger handeln dürfte. Eines 
der ersten Bücher, das dem lesefiihigcn Kind in die Hunde fiel, war 
T h i e r s" Gonsulat und Kaiserreich ; ich erinnere mich, dass 
ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen 
3Iarschälle auf den flachen Rücken geklebt, und dass damals schon 
Jlassdna (als Jude; Menasse) mein erklärter Liebling war. 
Napoleon selbst schliesst sich durch den Uebergang über die Alpen 
an Hannibal an. Und vielleicht liesse sich die Entwickeluug 
dieses Kriegerideals noch weiter zurück in die Kindheit verfolgen 
bis auf Wünsche, die der bald frenndschaftlicbe, bald kriegerische 
Verkehr während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr 
älteren Knaben bei dem schwächeren der beiden Gespielen hervoi-- 
rufen musste. 

Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einlilsst, desto häufiger 
wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, welche im 
latenten Trauminbalt eine Rolle als Traumquellen spielen. 

Wir haben gehört (Seite 13), dass der Traum sehr selten Er- 
innerungen so reproducirt, dass sie unverkürzt und unverändert den 



136 V. Traummaterial und Traumquellen. 

alleinigen manifesten Trauminbalt bilden. Immerhin sind einige 
Beispiele für dieses Vorkommen sicher gestellt, zu denen ich einige 
neue hinzufügen kann, die sich ■wiederum auf Infantilscenen beziehen. 
Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum 
entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue 
Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen 
zwar nie vüUig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, 
und ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen 
Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen 
CoUegen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer 
Bewegung im Bett entblösste. Beim Anblick seiner Genitalien von 
einer Art Zwang ergriffen, enblosste er sich selbst und fasste das 
Glied des Anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf 
er verlegen wurde und abliess. Diese Scene wiederholte ein Traum 
23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkomnieu- 
den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, dass der Träumer 
anstatt der activen die passive E.olle übernahm, während die Person 
des SchulcoUegen durch eine der Gegenwart angehürige ersetzt wurde. 

In der Regel i'reilich ist die Infantilscene im manifesten Traum- 
inbalt nur durch eine Anspielung vertreten und muss durch Deutung 
aus dem Traum entwickelt werden. Die Mittheilung solcher Beispiele 
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder- 
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie 
in ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. 
Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu 
schliessen, ergibt sich bei derpsychoaualytischeuArbeit aus einer ganzen 
Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken vcrlässHeh genua- 
erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammen- 
hange gerissen, werden solche Zurückfübrungen von Träumen auf 
Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich 
nicht einmal alles Material mittheile, auf welches sich die Deutuno- 
stützt. Indes will ich mich von der Mittheiluug darum nicht 
abhalten lassen. 

I. Bei einer \nciner Patientinnen haben alle Träume den Charakter 
des „Gehetzten'^ ; sie hetzt sich, um zarecht zu kommen, den Eisen- 
bahnzug nicht zu. versäumen, u. dgl. In einem Traume soll sie ihre 
Freundin besuchen ; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht gehen ■ 
sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. — Bas bei der 
Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an Kinder- 
hetzereien zu erkennen (man weiss, was der Wiener „eine Hetz"* 
nennt), und gibt speciell für den einen Traum die Zurück fühi-uuo- 
auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh rannte 
bis sie fiel'' so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges Wort 
wäre, was wiederum ein „Hetzen" ist. Alle diese harmlosen Hetzereien 
unter kleinen Freundinnen werden erinnertj weil sie andere, minder 
harmlosej ersetzen. 



n 



Aufdeckung von Kindheitserlebnissen bei der Traumdeutung-, 137 

II. Von einer Anderen folgender Traum: Sic ist in einem 
grossen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, 
etwa so, wie sie sich eine orthopädische Anstalt vor- 
Btellt, Sie hört, dass ich keine Zeit habe, und dass 
sie die Behandlung- gleichzeitig mit fünf anderen 
machen muss. Sie sträubt sich aber und will sich in 
das für sie bestimmte Bett — oder was es ist — nicht 
legen. Sie steht in einem Winkel und wartet, dass ich 
sage, es ist nicht walir. Die Anderen lachen sie unter- 
des aus, es sei Faserei von ihr. — Daneben, als ob sie 
viele kleine Quadrate machen würde. 

Der erste Theil dieses Traurainhaltes ist eine Anknüpfung an 
die Cur und Uebertragung auf mich. Der zweite enthält die 
Anspielung an die Kinderscenef mit der Erwähnung des Bettes sind 
die beiden Stücke an einander gelötbet. Die orthopädische Anstalt 
geht auf eine meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer 
Dauer wie ihrem Wesen nach mit einer orth opudischen verglichen 
hatte. Ich musste ihr zu Anfang der Behandlung mitthcilen, dass ich 
vorläufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze 
Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit 
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten 
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war 
die jüngste "von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und 
als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu 
haben, dass der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerk- 
samkeit widme. — Dass sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, 
hat folgende Ableitung : Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein 
Kleid gebracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte 
sie ihren Manu, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er 
es verliere. Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die 
Neckerei im Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von 
Xeuem und wartete darauf, dass er endlich sage, es ist 
nicht wahr. Nun lässt sich für den latenten Traumiuhalt der 
Gedanke construiren, ob sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, 
■wenn ich ihr die doppelte Zeit widme, ein Gedanke, der geizig 
oder schmutzig ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr 
häufig vom Traum durch Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig" 
bildet dabei die Brücke.) Wenn all das vom AVarten. bis ich sage 
u. s. w., das Wort „schmutzig" im Traum umschreiben soll, so stimmt 
das Im-Winkel-'Stehen und das Sieh-nich t-in's-Bett-Legcn 
dazu als Bestandtheil einer Kindersccne, in der sie das Bett schmutzig 
gemacht hätte, zur Strafe in den Winkel gestellt wird unter der 
Androhung, dass sie der Papa nicht mehr lieb habtu werde, die 
Geschwister -sie auslachen u. s. w. Die kleinen Quadrate zielen auf 
ihre kleine Kichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man in 
neun Quadrate, glaube ifch, Zahlen so einschreibt, dass sie, nach allen 
Richtungen addirt, 15 ergeben. 



138 V. Traummaterial und Traumquellen. 

III. Der Traum eines Mannes : Er sieht zwei Knaben, die 
sich balgen, und zwar Fassbinderkuaben. wie er aus 
den herumliegenden Gerathschaften schliesst; einer 
der Knaben hat den anderen niedergeworfen, der 
liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. Ep 
eilt dem Missethäter mit erhobenem Stock nach, um 
ihn zu züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die 
bei einem Bretterzaun steht, als ob sie seine Mutter 
wäre. Es ist eine Taglühnersfrau, die dem Träumer 
den Kücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um und 
schaut ihn mit einem grässlichen Blick an, so dass er 
erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom 
unteren Lid das rothe Fleisch vorstehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich rer- 
werthet. Er hat gestern wirkHch zwei Knaben auf der Strasse gesehen. 
von denen einer den anderen hinwarf. Als er hin zueilte, um zu schlichteul 
ergriffen sie beide die Flucht. — Fassbinderkuaben : wird erst durch 
einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Analyse er die 
Redensart gebraucht: Dem Fass den Boden ausschlagen. . — 
Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung meist die 
Prostituirten. So fügt sich ein bekannter Klapphornvers von zwei 
Knaben an: Der andere Knabe, der hiess Marie (d. h.: war ein 
Mädchen). — Die stehende Frau: Xach der Scene mit den beiden 
Knaben ging er am Donauufer spaziren und benatzte die Einsamkeit 
dort, um gegen einen Bretterzaun zu uriniren. Auf dem weiteren 
Weg lächelte ihn eine anständig gekleidete altere Dame sehr freund- 
hch an und wollte ihm ihre Adresskarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so steht wie er beim Uriniren. so 
handelt es sich um ein urinirendes Weib, und dazu gehört dann 
dor grässliche „Anblick", djs Vorstehen des rothen Fleisches 
was sich nur auf die beim Kauern klaffenden (jcnitalien beziehen 
kann, die, in der Kiuderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung 
als „wildes Fleisch", als „Wunde" wieder auftreten. Der Traum 
vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Grenitalien 
kleiner Mädchen sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren 
Uriniren. und wie aus dem anderen Zusammenhange hervorgeht, be- 
wahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters 
wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen 
Neugierde. 

IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie 
nothdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traum einer 
älteren Dame. 

Sie geht in Hetze aus, Commissionen zu mac'hen. 
Auf dem Graben sinkt sie dann, wie zusammen- 
gebrochen, in dicKniee. Viele Leute sammeln sich 
um sie, besonders die Fiakerkutscher; aber niemand 



Kinderscencn im latenten Traumiuhalt. 13i) 

hilft ihr auf. Sie macht viele vergebli ehe Versuch e^ 
endlich muss es gelungen sein, denn man setzt sie in 
einen, Fiaker, der sie nach Htiuse bringen soll; durch's 
Fenster wirft man ihr einen grossen schwer gefüllten 
Korb nach (iihnlich einem Einkaufskorb). 

Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, 
wie sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist 
offenbar von dem Anblick eines gestürzten Pferdes hergenommen, 
wie auch das „Zusammenbrechen" auf Wettrennen deutet. Sie war 
in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch 
Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindhcitserinncrung an 
den 17jährigen vSohn des Portiers, der, auf der Strasse von ejülep- 
tjschen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. 
Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von 
epileptischen Krämpfen, vom „Hinfall enden" hat grosse Macht über 
ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen 
Anfalle in ihrer Form beeintlusst. — Wenn eine Frauensperson 
vom Fallen träumt, so hat das wohl regelmässig einen sexuellen 
Sinn, sie wird eine „Gefallene^'; für unseren Traum wird diese 
r>entung am wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem 
Graben, jenem Platze von Wien, der als Corso der Prostitution 
bekannt ist. Der Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung ; als 
Korb erinnert er an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern 
ausgetheilt, und später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. 
Dazu gehört dann auch, dass ihr niemand aufhelfen will, was sie 
selbst als Verschmähtwerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufs- 
korb an Phantasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, 
in denen sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu 
Markte einkaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als 
Zeichen einer dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen 
nun weitere Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt 
wurde, weil sie stahl; die ist auch so in die Knioe gesunken 
und hat gefleht. Sic war damals zwölf .lahrc alt. Dann an ein 
Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem 
Kutscher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. 
Diese Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im 
Traum (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht 
annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und 
zwar durch's Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expcdiren 
des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterln" auf dem Lande, 
an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer 
Dame blaue Pflaumen durch's Fenster in ihr Zimmer wirft, wie 
ihre kleine Schwester sieh gefürchtet, weil ein vorübergehender 
Trottel durch's Fenster in's Zimmer sah. Und nun taucht dahinter 
eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf. von einer 
Bonne, die auf dem Lande Liebesscenen mit einem Diener des 



^ 



140 V. Traummaterial und Traumrjuellen. 

Hauses aufführte, vön denen das Kind doeli etwas gemerl^t haben 
konnte, und die mitsammt ihrem Liebhaber „expedirt'-, „hinaus- 
geworfen" wurde (im 'I'raum der Gegensatz: -hineingeworfen."), 
eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her 
genähert hatten. Das GepJick. der Koffer einer dienenden Person, 
wird aber in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken'^ 
bezeichnet. ^Pack' deine sieben Zwetschken zusammen und geh"." 

An solchen Trilumen von Patienten, deren Analyse zu 
dunkel oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus 
den ersten drei Lebensjahren, führt, liat meine Sammlung natürlich 
überreichen Vorrath. Es ist aber misslich. Schlüsse aus ihnen zu 
ziehen, die für den Traum im Allgemeinen gelten sollen ; es handelt 
sich ja regelmässig um nonrotische. speciell hysterische Personen - 
und die Rolle, welche den Kinderscenen in diesen Triiumen zufällt! 
könnte durch die Natur der Xeurose und nicht durch das Wesen 
des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der Deutung 
meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober Leidens- 
symptome unternehme, ebenso oft, dass ich im latenten Traum- 
inhalt unvcrmuthet auf eine Infantilscene stosse, und dass mir eine 
ganze Serie von Trilumen mit einemmal in die von einem 
Kindorerlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. Beispiele hiefür 
habe ich schon erbracht und werde ich noch bei verschiedeneu 
Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen 
Abschnitt nicht besser beschliessen, als durch Mittheilung eini^-er 
eigenen Träume, in denen reeente Anlässe und langvergessene 
Kiudererlebnisse mitsammen als Trauraquellen auftreten. 

I. Nachdem ich gereist, müde und hungerig das Bett aufgesucht 
habe, melden sich im Schlafe die grossen Bedürfnisse des Lebens 
und ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehl- 
speise geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von 
<3enen eine die Wirthin ist und etwas in der Hand dreht, 
als ob sie Knödel macheu würde. Sie antwortet, dass 
ich warten soll, bis sie fertig ist (nicht deutlich als 
Rede). Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt weg. 
Ich ziehe einen Ueljerrock an; der erste, den ich ver- 
suche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ilin wieder aus 
etwas überrascht, dass er Pelzbesatz hat. Ein zweiter' 
den ich anziehe, hat einen langen Streifen mit türki- 
scher Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder mit langem 

Gesicht und kurzem Spitzbart kommt hinzu und hindert 
mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen erklärt 
Ich zeige ihm nun, dass er überund über türkisch ge- 
stickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen 
(Zeichnungen, Streifen . . . .) an? Wir sind aber dann 
ganz freundlich mit einander. 

In der Analyse dieses Traumes fiillt mir ganz unerwartet der 
erste Koman ein^ den ich, vielleicht 13jährig. gelesen, d. h. mit dem 



Kindereindrücke im lateuten Traumiulialt. 141 

Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Kamen des Roman» 
und seines Autors habe ich nie gewusst, aber der Schluss ist mir 
nun in lebhafter Erinnerung-. Der Held verfallt in Wahnsinn und 
ruft beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das grüsste 
Glück und das Unheil bedeutet haben. Pölagie ist einer dieser 
Namen. Noch weiss ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der 
Analyse heginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei 
Parzen auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiss, 
dass eine der drei Frauen, die Wirthin im Traum, die Mutter ist, 
die das Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden 
die erste Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und 
Hunger. Ein junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein grosser 
Verehrer der Frauenschünheit wurde, äusserte einmal als die Rede 
auf die schöne Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es thue 
ihm leid, die gute Gelegenheit damals nicht hesser ausgenützt zu 
haben. Ich pflege mich der Anekdote zur Erläuterung für das 
Moment der Nachträglichkeit in dem Mechanismus der Psycho- 
neurosen zu bedienen. — Die eine der Parzen also reibt die Hand- 
riächen an einander, als ob sie Knödel machen würde. Eine 
sonderbare Beschäftigung für eine Parze, welche dringend der Auf- 
klärung bedarf! Diese kommt nun aus einer anderen und früheren 
Kindererinnerung. Als ich sechs J ahre alt war und den ersten 
Unterricht bei meiner Mutter genoss, sollte ich glauben, dass wir 
aus Erde gemacht sind und darum zur Erde zurückkehren müssen. 
Es behagte mir aber nicht, und ich zweifelte die Lclire an. Da rieb 
die Mutter die HandtJächen an einander — ganz ähnlich wie beim 
Knüdelmachen, nur dass sich kein Teig zwischen ihnen befindet — 
und zeigte mir die schwärzlichen Epiderini ssehuppen, die sich dabei 
abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht sind, vor. 
Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculos war grenzenlos 
und ich ergab mich in das, was ich später in den Worten ausgedrückt 
hören sollte: Du bist der Katur einen Tod schuldig.''') So sind es 
also wirklich Parzen, zu denen ich in die Küche gehe, wie so oft 
in den Kinderjahren, wenn ich hungerig war, und dio Mutter beim 
Herd mich mahnte zu warten, bis das Mittagessen fertig sei. Und 
nun die Knödel ! Wenigstens einer meiner Universitätslehrer, aber 
gerade der, dem ich meine histologischen Kenntnisse (Epidermis) 
verdanke, wird sich bei dem Namen Knödl an eine Person erinnern. 
die er belangen musste, weil sie ein Plagiat an seinen Schriften 
begangen hatte. Ein Plagiat begehen, sich aneignen, was man 
bekommen kann, auch wenn es einem Andern gehört, leitet ollenbar 
zum zweiten Theil des Traumes, in dem ich wie der Ueberrockdieb 
behandelt werde, der eine Zeitlang in den Hürsälen sein Wesen trieb. 

*) Beide zu diesen Kinderscenen gehörigen Affecte, das Erstaunen und di& 
Ergebung in's Unvermeidliche, fanden siuli in einem Traum Uuvz vorlier, der mir 
»uerst die Erinnerung an dieses JCindererlebnis wiederbriLcbte. 



142 V, Traummaterial aud Traamc[ueUen. 

Ich habe den Ausdruck Plagiat niedergesehrieben, absichtslos, 
weil er sieh mir darbot und nun merke ich, dass er dem latenten 
Trauminhalte angehören muss, weil er als Brücke zwischen verschie- 
denen Stücken des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die 
Associationskette — Pelagie — Plagiat — Plagiostomen*) 
(Haifische) — Fischblase verbindet den alten Roman mit der 
Äfiaire Knödl und jnit den Ueberziehern, die ja offenbar ein Geräth 
der sexuellen Technik bedeuten. [Vgl. M a u r ^''s Traum von 
Kilo — Lotto, Seite 41.] Eine höchst gezwungene und unsinnige 
Verbindung zwar, aber doch keine, die ich im Wachen herstellen 
könnte, wenn sie nicht schon durch die Traumarbeit hergestellt 
wäre. Ja. als ob dem Drang, Verbindungen zu erzwingen, gar nichts 
heilig würe, dient nun der theure Name Jirücke (Wortbrücke s. o.) 
dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine 
glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos 
[„So wird's Euch an der Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr 
gelüsten"], im vollsten Gegensatz zu den Begierden, die mich, während 
ich trüume. plagen. Und endlich taucht die Erinnerung an einen 
andei-en thcuren Lehrer auf, dessen Käme wiederum an etwas 
Essbares anklingt (Fleisch!, wie Knüdl) und an eine traurige 
Scene, in der Epidermissch tippen eine Rolle spielen (die Mutter — 
Wirthin} und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel aus der 
lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das Cocain. 

So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter 
folgen und das in der Analyse fehlende Stuck des Traumes voll 
aufklären, aber ich muss es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, 
die es erfordern wurde, zu gross sind. Ich greife nur einen der 
Fäden auf, der direct zu einem der dem Gewirre zu Grunde 
liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit langem 
Gesicht und Spitzbart, der mich am Anziehen hindern will, trägt die 
Züge eines Kaufmanns in Spalato. bei dem meine Frau reichlich 
türkische Steife eingekauft hat. Er hiess P o p o v i e. ein verdächtiger 
Name, der auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutun^- 
vollen Bemerkung Anlass gegeben hat. („Er nannte mir seinen 
Namen und drückte mir errothend die Hand.") Uebrigens derselbe 
Missbrauoh mit Namen wie oben mit Pelagie. Knüdl, Brücke, 
Fl eise hl. Dass solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man 
ohne Widerspruch behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es 
aber ein Act der Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzählige 
Male solchen schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. 
Goethe bemerkte einmal, wie empfindlich man für seinen Namen 
ist, mit dem man sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut als 
Herder auf seinen Namen dichtete: 

„Der Du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kothe"^ ^- 

*) Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich an 
eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer. 




I 



Der Hungei-traum von den Parzen. 143 



„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub." 
Ich merke, dass die Abschweifung über den Missbraueh von 
Kamen nur diese Klage vorbei-eiten sollte. Aber brechen wir 
hier ab. — Der Einkauf in Siialato mahnt mich an einen anderen 
Einkauf in Cattaro, bei dein ich allzu zurückhaltend war und diu 
Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit 
bei der Amme versäumt, s. 0.) Einer der Traumgedanken, die 
dem Trüumer der Hunger eingibt, lautet niimlich : Man soll sich 
nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben kann. 
auch wenn ein kleines Unrecht dabei niitlüuft; man soll 
keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so kurz 
der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist 
und weil die Begierde vor dem Unrcclit nicht Halt machen will' 
hat dieses „carpe dicm" die Censur zu fürchten und muss sich liinter 
einem Traum verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu 
Wort, die Erinnerung an die J^ieit, da die gei stige Nahrung- 
dem TrUumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Dro- 
hungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen. 

II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht: 

Ich bin auf den Westbahuhof gefalirenj um meine Ferienreise 
nach Aussee anzutreten, gelie aber schon zum früher abgehenden 
Ischler Zug auf den Perron. Bort sciie ich nun den Grafen Tliun 
dastehen, der wlcdenun zum Kaiser nach Ichl fahrt. Er war trotz 
des Regens im oiienen "Wagen angekommen, dircct durch die 
EingangsthUr für Localztigc hinau.sgetreten und hatte den ThUrhüter, 
der ihn nicht kannte und ihm das Billet abuehinen wollte, mit einer 
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll 
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder 
verlassen und in den heissen Wartesaal zurückgehen, setze es aber 
mühselig durch, dass ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit, 
aufenpassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protcetions- 
wege ein Coup«!; anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu 
schlagen, d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdes singe ich mir 
etwas vor, was ich dann als die Arie aus Flgaro's Hochzeit erkenne: 

„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, 

Tänzolein wagen, 
Soll cr's nur sagen, 
Ich spiel' ihm eins auf." 

(Ein Anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.) 

Ich war den ganzen Abend in übcrmüthiger, streitlustiger 
Stimmung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gcfrozzelt, huifcntlich 
ohne ihnen wehe zu thun ; nun gehen mir allerlei freche und revo- 
lutionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Eigaro's 
passen und zur Erinnerung an die Comüdie von Beaumarchais, 



]^44 V. Traummaterial und Tranm(iuellea. | ^ 



I 



die ieli in der Com<^die francaise aufführen gesehen. Das Wort 
von den grossen Herren, die sich die Mühe gegeben hahen, geboren , 
zu werden: das Herrenreeht, das der Graf Ahnaviva bei Snsanne zur 
Geltung bringen will; die Seherze, ^ie nnsere bösen oppositionelleu 
Tagsehreiber mit dem Kamen des Grafen Thun amtc len indem 
sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht : i 
er hat ietzt einen schweren Gang zum K.aiser,_ ""d ich bin der |- 
eiffentlicheGrafNichtsthun; ieh gehe auf lerieü. Allerlei lustige | 
Ferienvors.^tze dazu. Es kommt nun cm Herr, der mir als ' 
Kegierungsvertreter bei den niedicimschen Prüfungen bekannt ist, 
und der sich durch seine Leistungen in dieser Kolle den schmeichel- 
haften Beinamen des „Eegierungsbeischläfers^ zugezogen hat Er 
verlangt unter Berufung auf seine amthche Ligenscbatt em Halb- 
coup6 erster Classe, und ich höre den Beamten zn einem andern 
sao-en: Wo geben wir den Herrn mit der halben Ersten hm? Eine 
nette Bevorzugung; ich zahle meine erste Classe ganz. Ich bekomme 
dann auch ein Coupe für mich, aber nicht in einem durchgehenden 
Wa"-en so dass mir die Nacht über kein Abort zur Verfugung steht. 
Meine Klage beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, 
indem ich ihm den Vorschlag mache, in diesem Coupö wenigstens 
ein Loch im Boden anbringen zu lassen, für etwaige Bedürfnisse 
der Keisenden. Ich erwache auch wirkhch um 7*0 Uhr morgens 
mit Harndrang aus nachstehendem Traum: 

Menschenmenge, Studeiitenversammlung. — Ein Graf t,Thun 
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die 
Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Oe- 
berdefür ihre Lieblingsblume den Huflattich und steckt 
dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zu- 
sammengeknülltes Blattgerippe in's Knopfloch. Ich 
fahre auf, fahre also auf,*) wundere mich aber doch 
über diese meine Gesinnung. Dann undeuthcher: Als 
ob es die Aula wJtre, die Zugänge besetzt, und man 
mUsste fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine 
Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar Re- 
gierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen 
braun und violett, und komme endlich m einen G ang. 
in dem ein e Haushälterin, ein älteres dickes 1- rauen- 
zimnier, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält- 
mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passiren denn 
sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgeben soll ich deute 
odersage ihr. sie soll auf d er Treppe stehen bleiben, und 
komme mir dabei sehr schlauvor, dass ich die Conti-ole 

*) Diese Wieaerlmhuj- hat aich, Bcheinbar ans Zerstreutheit, in den Text dt« 
Tratmes eingeschlichen mid ^vii-d von mir belassen, da die Analyse zeigt, diu^s sj« 
■■ ilirt; Bedeutung hat. 



\ 



Ein revolutionärer Trauni. 



145 



am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde einen 
schmalen, steil aufsteigenden Weg. den ich ffehe 

Wieder undeutlich . . . Als ob jetzt die ;.weite Aufgabe 
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher au. dem 
Maus. Ich fahre m einem Einspänner und jrebe ihm 4uf 
trag zu einemBahnhof zu fahren. „Auf der Bahnstrecke 
selbst kann ichnicht mit Ihnen fahren^ sage ich nach- 
dem er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn über- 
müdet hatte Dabei ist es, als wäre ich schon eine 

?^'br? nTiV l!" r-f''^'''''Y u"^'' """ ^«"^^ "^i^ d'^r Bahn 
fährt Die Bahnhofe sind besetzt; ich überlege, ob ich 
nach Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der 
Hof sein, und entscheide mich für Graz oder so etwas 
.Nun sitze ich im Waggon der ähnlich einem Stadtblb.: 
, wagen ist, und habe im Knopfloch ein eigenthüm ich 
f.geiiochtenes, lanps Ding, daran vioIettbrainieVoich^^^ 
'L^4t"d?eXl'lf' ''^''^^ ^^^*- -^^- ^^'^^^^- Hie? 
Ich bin wieder vor demBahnhofe. aber zu zweit mit 
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt 
zn bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausge- 
führt Denken und Erleben ist hier gleichsam Ei!s 

tfA\ -V '! ^^''''^' ^^^^ipt«^»« ^-«f einem Auge, und 
\a}AV\%\ r"" niännhches Uringlas vor (das%vir i 
der Stadt kaufen musstcn oder gekauft haben). Ich bfn 
also sein Ivrankenpfleger und muss ihm das Glas ^eben 
fweiler bhnd ist Wenn der Condu cteur uns so ^sieh^' 
tanss er uns als unauffällig entkommen lassen. Dabist 
die Ste lung des Betreffenden und sein urinirendes 
G 1 1 e d p 1 a s 1 1 s c h g e s e h e n. Darauf das Erwachen mit Hamdrant 

A- ^. T?"^'' ^-'T T''^^, "*"'^ ^^^^ ^'^i"^^-»«k einer PWas"e 
1^tr/f^"i^'\^f,^"™"*^*^^«>hr 1848 versetzt, dessen An- 
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie über- 

Fmmer^dnrfT''' ''T^ ^'^'^"^ ^^ ^^" Wachau, bei' dem ich 

?T«Tm. nf 7T'' ■^'''' V ^^^"f' ^'^ ^""^'^'^'^ ^^« Studentenführers 
t isciiiiol, auf den einige Züge des manifesten Trauminhaltes weisen 

inogen. Die Gedankenverbindung führt mich dann nach England in 

flp^P P^'f^''^'^^"'^' '^^'' '"^""'' ^''^''^ scherzhaft vorzuhalten 
pflegte „liitj years ago" nach dem Titel eines Gedichtes von Lord 
Tennyson, worauf die Kinder zu reetifieiren gewöhnt ivarcn ■ 

hUeZV^T ^^\ ^^r'? ^^'^'^l^^''^^ '^^^ «'cJi an die Gedanken an - 
;blie.sst, wck-he der Anblick des Grafen T h u n hervorgerufen bitte iJt 
.ber nur wie die Faoade itahenischer Kirchen ohncrorganisclKMi Zu- 
i?»bw^^ dem Gebäude dahinter vorgesetzt; anders als diese Facaden 
sie übrigens lückenhaft verworren, und Bestandtheile aus dem Innere 
rängen sich an vielen Stellen durch. Die erste Situation des TirS 

yrewd, Trantndeutung, 



10 



l^Q V. Traumniateiial und Traum (iuellen. 

ist aus mclireren Ssenen zusammengebraut, in die icli sie zerlegen kann. 
Die lioclimUthige Stellung des Grafen im Traum ist copirt nach 
einer Gymnasialscenc aus meinem 15. J a li r. Wir hatten gegen einen 
misbliebigen und ignoranten Lelirer eine Verscliwürung angezettelt, 
(leren Seele ein College war, der sicli soitdx;m Heinrich MH von 
li^ngland zum Vorbilde genommen zu haben sehemt. Die i^tihrun^ 
des Hauptsclüages fiel mir zu, und eine Discnssion über die Bedeutung 
der Donau für Oesterreich (Wach au!) war der Anlass, bei dem es 
zur offenen Empörung kam. Ein Mit verschworener war der einzige 
aristokratische College, den wir hatten, wegen seiner auffälligen 
Längencntwickelung die „Giraffe" genannt, und der stand, vom 
Schultyrannen, dem Professor der deutschen bprache, zur Rede 
-bestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der Lieblings- 
blume und In's-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder eine Bluine 
sein muss (was an die Orchideen erinnert, die ich einer Freundin am 
selben Tag gebracht hatte, und ausserdem an eine Rose von J e r i c h o\ 
malmt auffällig an die ' Scene aus den Königsdramen Shake- 
speare's, die den Bürgerkrieg derrothenund der weissen Rose 
eriJÜnet; die Erwiihnung Ileinriclrs VIII. hat den Weg zu dieser 
Reminiscenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen zu. den 
rothen und weissen Kelken. (Dazwischen schieben sich in der Analyse 
zwei Verslein ein. eins deutsch, das andere spanisch: Rosen. 
Tulpen. Nelken, alle Blumen welken. — Isaheiita, no llores qne se 
nuirchitan las florcs. Das Spanische vom Figaro her.) Die weissen 
]Selken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, die 
rothen das der Socialdemok rate n geworden. Dahinter eine Erin- 
nerung an eine antisemitische Herausforderung wahrend einer Eisen- 
babnfahrt im schönen Sacbsenlande (Angelsachsen). Die dritte 
Seenc. welche Bestandtheile für die Bildung der ersten Traum- 
situation abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem 
deutschen Studentenverein gab es eine Discussion über das Vei> 
hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner 
Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, nm 
einen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich 
ein überlegener älterer College, der seitdem seine Fähigkeit er-wiesen 
hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisiren, der übng-ens 
auch einen Namen aus dem Thierreich trägt, und machte nn.<t 
tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine 
gehütet und sei dann reuig in's Vaterhaus zurückgekehrt. Ich 
fuhr auf (wie im Traum), wurde saugrob und antwortete, seit- 
dem ich wUsste. dass er die Sehweine gehütet wunderte ich 
mich nicht mehr über den Ton seiner Reden. (Im lrau„, 
wundere ich mich über meine deutsch-nationale besimiuno.. 
Grosser Aufruhr; ich wurde von -vielen Seiten aufgefordert, mein« 
Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte %var 
zn verstundig, um das' Ansinnen einer Herausforderung, ^as 
man an ihn richtete, anzunehmen, und Hess die Sache aut sich beruhen. 



E 



Ein revolutiouärer Traum. 



147 



Die übrigen Elemente der Traumscene stammen aus tieferen 

. k-hichten Mas soll es bedeuten, dass der Graf den „ Huf lattieli « 

proclamirt? Hier inuss ich meine Ässociationsreihe befra<ven Huf- 

latticli — lattice- Salat — Salathund (der Hund, dCT Anderen 
nicht gönnt, ^vas er doch selben- nicht frisst). Hier sieht man durch 
auf einen Vorrath an Schimpfwörtern: Gir-affe. Schwein Sau 
Hund; ich wüsste auch auf dem Umweg über einen Namen zu einem 
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka- 
demischeu Lehrer. Aus.serdem übersetze ich mir — ich weiss nicht ob 

mitRecht -Huflattich mit„pisse-en-lit.« Die Kenntnis kommt mir 
aus dem Germmal Zolas, in dem die Kinder aufgefordert werden 
solchen Salat mitzubringen. Der Hund - chien - enthält in seinem 
>anien_emon Anklang an die grössere Function (chier, wie pisser für % 

^e kleineren). Ivun werden wir bald das Unanständige in allen drei " 

Aggregatzustanden beisammen haben- denn im selben Germinal der 
mit der künftigen Eevolution genug zax thun hat, ist ein ganz eigenthüm- 
licher \\ettkarapf beschrieben, der sich auf die Production gasfürmio-er 
Excretionen, Flatus genannt, bezieht.'^) Und nun muss ich bemerken 
wie der Weg zu diesen Flatus seit Langem angelegt ist von den b' 

Blumen aus über das spanische Verslein, die Isabelita zu Isa- 
bellaund Ferdinand, über Heinrieh VIIL. die englische Ge- 
schichte zum Kampf der Armada gegen England, nach dessen M 
siegreicher Beendigung die Englander eine Medaille prilgten mit der a" 
Inschrift: Flavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische 7 
Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb 
jifherzhaft gemeinten Ueberschrift des Capitels „Therapie" zu nehmen • 
wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner 
Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

Von der zweiten Seene des Traumes kann ich eine so ausfül«- • 
liehe Auflösung nicht geben, und zwar aus Kücksichten der Censur.« 
Ich setze mich hier nämhch an die Stelle eines hohen Herrn jener 
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, 
an Incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, 
ich wäre nicht berechtigt, hier die Censur zu passiren. 
obwohl ein Ho fr ath (Aula, consiliarius aulicus) mir den grösseren 
Theil jener Geschichten erzühlt hat. Die Reihe Tdri Zimmern im 
Traum verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Seiner Excellenz, in 
den ich einen Moment hineinblicken konnte ; sie bedeutet aber 
wie so häufig im Traum, Frauenzimmer (Urarische Frauenzimmer)! 
Mit der Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren 
Dame schlechten Dank für die Bewirthung und die vielen fluten 
Geschichten ab, die mir in ihrem Hausa- geboten W{n'den '^sind. 
— Der Zu g mit der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der 

•) Nicht im Germiua], Bondern in La Terre. Ein Irrthum. der mir or«f 
«üben III Huflattich und Flatus aufmerksam. 

10* 



,^ 



^^g V. Tianmmaterial und Traümqu eilen. 

ein reizenaes Erlebnis ätnliclien Inlialtcs notirt und dann in Hera 
und Leander (des Meeres und der Liebe W eilen — die Armada 
und der Sturm) verwendet hat. ,,.,..,. rr ^, , 

Aucli die detaiUirte Analyse der beulen übrigen TranmstUcke 
muss ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, 
die zu den beiden Kinderscenen führen um derej \A illen ich den 
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vei- i 
muthen, dass es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser V 
Unterdi'ückunff nüthigt ; man braucht .s.eh aber mit dieser Auf klixi-ung ' 
nicht /^ufrieden z.u geben. Man macht doch sich selbst aus \ielem 
kein Geheimnis, was man vor Anderen als Geheimnis behandeln muss, 
und hier handelt es sich nicht um die Gründe, die mich nöthigen. 
die Lüsuno- zu verbergen, sondern um die Motive der inneren Lensur, 
welche den eigentlichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. 
Ich muss also darum sagen, dass die Analyse diese drei Iraum- 
stücke als impertinente Prahlereien, als Austluss eines lächerlichen, 
in meinem wachen Leben längst unterdrückten Grussenwahn^ er- 
kennen lasst. der sich mit einzelnen Ausläufern bis in den manifesten 
^ Trauroinhalt'wagt (ich komme mir schlau vor), allerdings die 

übermüthige Stimmung des Abends vor dem Träumen trefflich -^r- 
.tehcn lässt. Prahlerei zwar auf allen Gebieten; so geht die Ei- 
wllhnung von Graz auf die Redensart: Was kostet Graz? in der 
m man sich gefällt, wenn man sich überreich mit Geld versehen glaubt. 

Wer an Meister Rabelais' unübertroffene Schilderung von dem 
k ^ Leben und Thaten des Gargan tua und seines Sohnes Panta- 
f • ^rrucl denken will, wird auch den angedeuteten Inhalt des erste» 
Traumstückes unter' die Prahlereien einreihen können. Zu den zw« 
^ versprochenen Kindcrscenen gehört aber folgendes; Ich hatte für 
• diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, em Braun- 
•"violett, im Traum mehrmals auftritt (violettbrauue Veilchen aus 
starrem Stoff neben einem Ding, das man „Mädchenfänger" heisst — 
I die Mübel in den Regicrungszimmern). Dass man mit etwas Xeuem 

den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist niir 
folgende Scene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren Er- 
innerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soU — 
im Alter vor zwei Jahren - noch gelegentheh das ß e 1 1 n a s s gemacht 
haben, und als ich dafür Vorwürfe zu huren bekam, den \ ater durch 
das Versprechen getröstet haben, dass ich ihmmls. (der nächsten 
grösseren Stadt) ein neues schönes, roth es Bett kaufen werde. (Daher 
?m Traum die Einschaltung, dass wir das Glas in der Stadt gekauft * 
haben oder k a u f e n m u s s t e n ; was man versprochen hat, m u s s man » 
hahen.) [Man beachte übrigens die Zusammenstellung des männlichen 
Glases und des weiblichen Koffers, box.] Der ganze Grossenw^n 
des Kindes ist in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der 
Harnschwierigkeiten des Kindes für den Traum Jft uns bereits bei omor 
früheren Traumdeutung (vergleiche den Tramn Seite I6i) autgelaUen. 



Infantile Wurzeln des revolutiouäreu Traumes. 149 

Dann gab es aber einmal einen anderen liausliclien Anstand, 
als ich 7 oder 8 Jalire alt war, an den ieh mich sehr wohl erinnere! 
Ich setzte mich Abends vur dem Schlafengehen über das Gebot der 
Discretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in 
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater Hess in seiner Straf- 
rede darüber die Bemerkung fallen: Aus dem Buben wird nichts 
■werden. Es rauss eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz o-e- 
wesen sein, denn Anspielungen an diese Sccne kehren immer in 
meinen Träumen wieder und sind regelmässig mit Aufzählung meiner 
Leistungen und Erfolge verknüpft, als wolhe ich sagen; Siehst Du. 
ich bin doch etwas geworden. Diese Kiiiderscene gibt nun den 
5toff^für das letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Bache 




, . , ., T ^i , Glaukom 

mahne ich ihn an das Cocain, dass ihm bei der Operation zu Gute 
kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Ausserdem mache 
ich mich über ihn lustig; weil er bhnd ist, muss ich ihm das Glas 
vorhalten und schwelge in Anspielungen an meine Erkenntnisse in 
der Lehre von der Hysterie, auf die ieh stolz bin."-) 

*) Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odliiu, fler Götterv.-itsr. — Odhin's 
Trost. — Der Trost aus der Kinderscene, dass ich iliiit ein neues Bett kauien werde. 
**) Da^-u einiges Deufung-smaterial: Das mit dem Glas vorlialten, erinnert an 
die Geschichte vom Hauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht 
lesen kann, — (Bauernfang'er — Xriidchenfänger im vorirren Traumstück.) — Die 
IJehandlung- des schwaclisiniiig gewordenen Vaters bei den Bauern in Zola's La 
Terre. — Die traurige Genugtbuung, dass der Vater in seinen letxten LebenstaRen 
wie ein Kind das Bett beschnmtKt hat; daher bin ich im Traum sein Kranken- 
pfleger. — „Denken und Erleben sind hier gleichsam Eins" erijinert an ein st-irk 
revolutionäres Buchdrama von Oscar Panizaa, in dem Gottvater als iiaralvtischer 
Greifl schmählich genug beiiandelt wird; dort heisst es: Wille und That sind bei ihm 
Eins, and er muss von seinem Erzengel, einer Art Gauvnied, abgehalten werden 
zxi schimpfen und zu fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen wUrdeu. 
— Das Plänemachen ist ein ans späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf 
pegen den Vater, wie überhaupt der ganze rebelhsche, majestätsbeleidigende und 
die hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den 
Vater zurückgeht. Ddr Fürst heisst Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, 
für das Kind einzige Autorität, aua dessen Macbtvollkoinmenlieit im Laufe der 
menscblichen Culturgeschichte die anderen socialen Obrigkeiten hervorgegangen sind 
(ins-jfeme nicht das „Mutterrecht' zur Einschränkung dieses Satzes nilthigt). — Die 
Fassung im Trauin „Denken und Erleben sind Eins", zielt auf die Erklärung der 
hysterischen Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem 
Wiener brauchte ich das Principdea „Gschnas" nichtauseinanderzusotKou; es besteht 
darin, Gegenstände von seltenem und werthvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten 
komiäcbeni und werthlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus Kochtöpfen 
Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden 
lieben. Ich hatte nun gemerkt, dass die Hysterischen es ebenso machen ; neben dem 
W18 ihnen wirklich zugestossen ist, gestalten sie sich unbewusst grä.^sliche oder aua- 
sefaweifende Phantasiebegebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und banalsten 
Uaterial des Erlebens aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symntome 
nicht an den Erinnerungen der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft 



I 



^50 V. Traummaterial nnd Traumfiuollen. 

Wenn die beiden Urinirscenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Grössensucht eng Terbunden sind, so kam 
ihrer Erweckung auf der Keise nach Aussee noch der zubillige Um- 
stand zu Gute, dass mein Coupe kein Closet besass. und ich vor- 
bereitet sein musste, -während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, ^ 
was dann am Morgen auch eintraf. Ici\ erwachte dann mit den fl 
Emptindungen des körperUchen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte 
geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traum- 
erregers zuzuweisen, wurde aber einer anderen Auffassung den Vorzug I 
geben, nämlich dass die Traumgedanken erst den Harndrang hervor- • 
«berufen haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, dass ich durch 
n-gend ein Bedürfnis im Schlaf gestört werde, am wenigstens um die 
Zeit dieses Erwachens, 3/i4 Uhr Morgens. Einem weiteren Einwand be- 
gegne ich durch die Bemerkung, dass ich auf anderen Keisen unter 
bequemeren Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach früh- 
zeitigem Erwachen verspürt habe. Uebrigens kann ich diesen Punkt 
auch ohne Schaden unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse 
aufmerksam gemacht worden bin, dass auch von Träumen, deren 
Deutung zuniichst vollständig erscheint, weil Traumquellen und 
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, — dass auch von solchen 
Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste 
Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch 
in diesem Zug eine wesentUche Bedingung des TrJlumens gegeben 
ist. Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme 
iedem Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an 
dap recciit Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung 
an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie 
wirklich zeigen kann, dass es in gutem Sinne bis auf die Gegenwan 
recent geblieben ist. Diese Vcrmufhung erscheint aber noch recht 
schwer erweislich; ich werde auf die wahrscheinliche Holle frühester 
Kindheitserlebnisse, für die Traumbildung noch in anderem Zusammen- 
hange (Abschnitt VII) zurückkommen müssen. 

• Von den drei Eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum- 
gectächtnisses hat sich uns die eine — die Bevorzugung des Neben- 
Bächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückfährung auf die 
Traumentstellung befriedigend gelöst- Die beiden Anderen, die 
Auszeichnung des Kecenten wie des Infantilen liaben wir bestätigten, 
aber nicht aus den Jlotiven des Träumens ableiten können. AVir 
wollen diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwerthung 
uns erübrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Ein- i 

oder gieichfalla harmlos. Dieso AufklUrung' hatte mir über viele Schwierigkeiten hin- 
weggeholfen und machte mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement de* 
„männlichen Glases" andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasahtiid" erzähU 
worden war, es sei dort ein Giftbecher der Lucretia Borgia ausgestellt gewesen, 
dessen Kern und Hauptbestandtheil ein Uringlaa für Männer, wie es in den Spitäl«,a 
gebräuchlich ist, gebildet hätte. 



Die soniatiscben Traumquelltsn. ■ , Jq^ 

reUiuDg finden müssen, ontweder in der Psychologie des Schlafzu- 
Standes oder bei jenen Ertvägungen über den Aufbau des seelischen 
Apparates, die wir S])jlter anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, 
dass man durch die Traumdeutung wie durch eine Fensterl ticke in 
das Innere desselben einen Blick werfen kann. 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen Avill ich aber 
g'leich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig; 
es künnen nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunsch- 
erfüllungen neben einander in ihm vereinigt sein ; es kann auch ein 
Sinn, eine Wunschcrfüllung die andere decken, bis man zu unterst 
auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stüsst, 
und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das 
„häufig^ nicht richtiger durch „regelmü^ssig" zu ersetzen ist. 

c) Die somatischen Traumquellen. 

Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die 
Probleme des Trüumens zu interessiren, und in dieser Absicht die 
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner 
Meinung die Träume herrühren, so merkt man zumeist, dass der 
Gefragte im gesicherten Besitz dieses Theiles der Lösung zu sein 
vermeint. Er gedenlvt sofort des Einflusses, den gestiirte oder 
beschwerte Verdauung („Träume kommen aus dem Slagcn"), zu- 
fällige Körperlage und kleine Erlebnisse wilhrend des Schlafens auf 
die Traumbildung äussern, und scheint nicht zu ahnen, dass nach 
Berücksichtigung all' dieser Momente etwas der Erklärung Bedürftiges 
noch erübrigt. 

Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche 
Litteratur den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im ein- 
leitenden Abschnitt (Seite 13 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so 
dass wir uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu er- 
innern brauchen. Wir haben gehört, dass dreierlei somatische Reiz- 
quellen unterschieden werden, die von äusseren Objecten ausgehenden 
objectiven Sinnesreize, die nur subjectiv begründeten inneren Erregungs- 
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körpcrinnern stammenden 
Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben 
diesen somatischen Keizquellen etwaige psychische Quellen des Ti-aumes 
in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (Seite 2^). 
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Classen 
von somatischen Reizquellen erhoben werdeit, haben wir erfahren, 
dass die Bedeutung der objectiven Sinnesorganerregungen — theils 
zufällige Reize während des Schlafes, theils solche, die sich auch 
vom schlafenden Seelenleben nicht ferne halten lassen — durch zahl- 
reiche Beobachtungen sicher gestellt wird und durch das Espci-iment 
eine Bestätigung erfahrt (Seite 16), dass die Rolle der subjectiven 
Sinneserregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischeu Sinnes- 



159 V, 'JVaummaterial und Ti-aunifpellen. 

bilder ia deu Träumen (p. 21) dargetliau ersclieiut, und dass die im 
weitesten Umfang angenommene Zurückfü'liruiig unserer Traumbilder 
und Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer 
j,'anKen Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beein- 
üusaung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, 
Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume austibt. 

„Nervenreiz" und „Leibreiz" wären also die somatiscbeu 
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen Quellen 
des Traumes überhaupt. 

Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Kichtigkeit als vielmehr die 
ZulängUchkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen. 

So sicher sieh alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren that- 
süchlichen Grundlagen fühlen musstcn — zumal soweit die aeciden- 
tellen und äusseren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum- 
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert. — so blieb doch 
keiner der Einsicht ferne, dass der reiche Vorstellungsinhalt der 
Träume eine Ableitung aus den äusseren Nervenreizen allein nicht wohl 
zulasse. Miss Mary Whiton Calkins^-) hat ihre eigenen Träume 
und die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von 
diesem Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13'2°/„, resp. G'I^Jq. ge- 
funden, in denen das Element äusserer Sinneswahrnehmung nach- 
weisbar war: nur zwei Fälle der Sammlung Hessen sich auf organisch© 
Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was 
uns bereits eine flüchtige Ueberschau unserer eigenen Erfahrungen 
hatte vermuthen lassen. 

Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum" als eine 
gut erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen her- 
vorzuheben. Spitta"*) trennte die Träume in Nervenreiz- und 
Associationstraum. Es war aber klar, dass die Lösung unbe- 
friedigend blieb, so lange es nicht gelang, das Band zwischen den 
somatischen Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes 
nachzuweisen. 

Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äusseren Eeizquellenj stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver- 
treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schiüdig. 
erstens, warum der äussere Reiz im Traum nicht in seiner wirklichen 
Natur erkannt, sondern regelmässig verkannt wird (vergleiche die 
Weckerträume, Seite 18), und zweitens warum das Resultat der Reaction 
der wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar k 

wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben 
wir von Strümpell*^^) gehurt, dass die Seele in Folge ihrer Ab- 
wendung von der Aussenwelt w^ährend des Schlafes nicht im Stande 
ist, die richtige Deutung des objectiven Sinnesreizes zu geben 



Die somatischen Traumr[uellcn nach den Autoren. 153 

sondern genüthigt wird, auf Grund der nach vielen Kichtungen un- 
bestimmten Anregung Illusionen zu bilden, in seinen Worten auso-e- 
druckt (p. 108): ' ° 

„Sobald durch einen iiusseren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfinduugs- 
complex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und 
von der Seele pcrcipirt wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der 
Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs- 
bilder, also frühere AYahrnehmungen. entweder nackt oder mit zu- 
gehörigen psychischen Werthen hervor. Er sammelt gleichsam um 
ßicb eine grössere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche 
der vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen ])sychischeu Werth 
bekommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch 
für das wache Verhalten thut, dass die Seele im Schlaf die. Nerven- 
reizeindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte 
Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandtheile "dadurch 
bedingt smd^ dass em Nervenreiz nach den Gesetzen der Bepro- 
duction seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht." 

In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die 
Aeusserung von Wundt^*!), die Vorstellungen des Traumes gehen 
jedenfalls zum grossten Theil von Sinnesreizen aus, namentlich auch 
von solchen des allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phan- 
tastische Illusionen, wahrscheinhch nur zum kleineren Theil reine, 
zu Hallncinationen gesteigerte Erinnerungs Vorstellungen. Für das 
Verhältnis des Trauminhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach 
dieser Theorie ergibt, findet Strümpell das treffliche Gleichnis 
(p. 84), es sei, wie „wenn die zehn Einger eines der Musik ganz un- 
kundigen Menschen über die Tasten des Instrumentes hinlaufen". 
Der Traum erschiene so nicht als ein seelisches Phänomen, aus 
psychischen ]\rotiven entsprungen, sondern als der Erfolg eines 
physiologischen Reizes, der sich in psychischer Symptomatologie 
äussert, weil der vom Reiz betroffene Apparat keiner anderen 
Aeusserung fähig iat. Auf eine llhnliehe Voraussetzung ist z. B. die 
Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Meynert durch 
das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen 
starker gewölbt vorsjjringen, zu geben versuchte. 

So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen 
geworden ist und so bestechend sie erseheinen mag. so ist es doch 
leicht, den schwache^ Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische 
Traumreiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung 
durch Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher 
Deutungsversuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vor- 
stellungen seine Vertretung im Trauminhalt erreichen. Die Lehre 
von Strümpell und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv 
anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äusseren Reiz und 
der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, also die 



154 V. Tramnmaterial und Traumquellen. 



7>s 



■I 



„.sonderbare Auswahl" %n erklitren, welche die Reize „oft genug bei 

ihrer reproductiven Wirksamkeit treffen". (Lipps, Grundthatsaelien 

des Seelenlebens, Seite 170.) Andere Einwendungen richten sich 

gegen die Grundrorausi^etzung der ganzen Illusionslehre, dass die 

tSeele im Schlafe nicht in der Lage sei. die wirkliche Katur der 

ohiectiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte Physiologe Burdach'^ 

beweist uns, dass die Seele auch im Schlafe sehr wohl fähig ist, die 

an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig zu deuten und der 

richtigen Deutung gcmiiss zu reagiren, indem er ausfuhrt, dass man 

gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende Sinneseindrücke von 

der Vernachlässigung während des Schlafes ausnehmen kann (Amme 

■und Kind), und dass man durch den eigenen Xamen weit sicherer 

geweckt wird als durch einen gleichgiltigen ^ Gehürseindruck, was 

ja voraussetzt, dass die Seele ancli im Schlafe zwischen den 

Sensationen unterscheidet (Abschnitt I.. p. 3(i). Burdach folgert 

aus diesen Beobachtungen, dass während des Schlafzustandes nicht 

eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel 

an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente. 

die Burdach 18;J0 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der 

somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im Jahre 1S83 

wieder. Die Seele erscheint uns demnach so wie der Schläfer in der . » 

Anekdote, der auf die Frage „Schläfst Du" antwortet „Kein"", nach ff 

der zweiten Anrede, „dann leih' mir zehn Gulden" aber sich hinter 

der Ausrede verschanzt: „Ich schlafe". 

Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum- • 

reizen lässt sich auch auf andere Welse darthun. Die Beobachtung ■ 

zeigt, dass ich durch äussere Reize nicht zum Träumen genüthigt ■ I 
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald 
und für den Fall, dass ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck- 
rteiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene 
Reactionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Er- | 

wachen finden, dass z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt 
war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, dass 
verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungs- 
reize w^ährcnd des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die , 
Sensation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den AI 
Schlaf hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen 
geschieht, aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben ; 
und ich kann drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen. 
Erst eine vierte mögliche Reaction ist, dass ich durch den Nerven- 
reiz zum Traum veranlasst werde; die anderen Möglichkeiten werden 
aber mindestens eben so häufig vollzogen wie die der Traumbildung, 
Dies könnte nicht geschehen, wenn nicht das Mo tiv des Träumens 
ausserhalb der somatischen Reizquellen läge. 

In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der 
Erklärung* des Traumes durch somatische Reize haben nun andere 



I 



Die Scliei-ner'sclie Leibreiztheorie. 155 

Autoren — Scherner^*'). dem der Philosopli Volkelt'-') sich 
anschloss — die Seelenthütig'keiten, welche aus den somatischen Eeizen 
die bunten Traumbilder entstehen lassen, naher zu bestimmen gesucht^ 
also doch wieder das Wesen des Träumcns in's Seelische und in eine 
psychische Aetivitat verlefrt. Scherner gab nicht nur eine poetisch 
Dach empfundene, glühend belebte Schilderung der psyeliisclien Kigen- 
thümlichkeiten, die sich bei der Traumbilduug entfalten; er glaubte * 
auch das Princip erratlien zu haben, nach dem die Seele mit den 
ihr dargeboteuen Heizen rerfithrt.j^n freier Bethätigung der ilii-cr -^ 
Tagesfesseln entledigten Phunta,sie strebt nach Sehern er die 
Traumarbeit dahin, die Natur des Organes, von dem der Reiz aus- 
geht, und die Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es er- 
gibt sich so eine Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung 
der Träume, mittelst dessen aus Traumbildern auf Kürpergefühle, 
Organzustunde und Eeizzustände geschlossen werden darf. „So 
drückt das Bild der Katze die ärgerliche Missstimmung des 
GemüthcH aus, das Bild des hellen und glatten Gebilcks die 
Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als Ganzes wird von 
der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne Kürper- 
organ durch einen Theil des Hauses. In den „Zahnreiztrtlumen" 
entspricht dem Mundorgan ein hochgewülbtcr Hausflur und dem 
Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im „Ko])f- 
schmcrztraum" wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des Kojites 
die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, kröten- 
artigen Spinnen bedeckt ist'' (Volkelt, p. 39). ..Diese Symbole 
werden vom Traum in mehrfecher Auswahl für das nämliche Organ 
verwendet; so findet die athmonde Lunge in dem flammenerfüllten 
Ofen mit seinem Brausen ihr Sj'mbol, das Herz in hohlen Kisten 
und Korben, die Harnblase in rundeu, beute! form igen oder überhaupt 
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, dass am 
Schlüsse des Traumes öfters das erreg-ende Organ oder dessen 
Function unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem 
eigenen Leib des Träumers. So endet der „Zahnreiztraum" gewöhn- 
lich damit, dass der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht" 
(p. 35W Mann kann nicht sagen, dass diese Theorie der Traum- 
deutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat, Sie erschieu vor 
Allem extravagant; man hat selbst gezögert, das Stück Berechtigung 
herauszufinden, das sie nach meinem Urthcil beanspruclion darf. Sie j 
führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung der Traumdeutung mittelst 
Symbolik, deren sieh die Alten bedienten, nur dass das Gebiet, i 
aus welchem die Deutung geholt werden soll, auf den Umfang der { 
menscbhchen Leiblichkeit beschränkt wird. Der Mangel einer ( 
wissenschaftlich fassbaren Technik bei der Deutung muss die An- ( 
wendbarkeit der Scher ner'schen Lehre schwer beeinträchtigen. 
Willkür in der Traumdeutung scheint keineswegs ausgeschlossen, ' 
zumal da auch hier ein Reiz sich in mehrfachen Vertretungen im 



'O'' 



156 V. Tranmmatcrial und Traumquellen, 

Trauminhalt äussern kann; so hat hereits Scherner's Anhänger 
Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus nicht bestätigen 
können. Es muss auch Austoss erregen, dass hier wiederum der 
Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose Bethütigung auferlegt 
ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die Seele damit 
begnügt, über den sie beschäftigenden lieiz zu phantasiren. ohne 

' class etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne ^Wnkte. 

Von einem Einwand aber wird die Sehern er'sche Lehre der 
Symbolisirung von Leibreizen durch dea Traum schwer getroffen. i 

Diese Leibreizo sind jederzeit vorhanden, die t:^eele ist für sie nach ' 

allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im 
Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht continuir- 
lich die !Nacht hindurch träumt, und zwar jede Kacht von allen 
Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent- 
ziehen, es müssten vom Auge, Ohr, von den Zähnen, Därmen u. s. w. 
besondere Erregungen ausgehen, um die Traum thätigkeit zu wecken, 
BD steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als objectiv 
zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich ist- 
Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisirung des Auf- und 
Niedersteigens der Lungenflügel bei der Athmung bedeutet, so müsste 
entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häutiger 
geträumt ^\erden oder eine gesteigerte Athraungsthätigkeit während 
dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall mög- 
lich, der wahrscheinlichste von allen, dass nämlich zeitweise besondere 
Motive wirksam sind, um den gleichmässig vorhandenen visceralen 
Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits 

--über die Scher ner'sche Theorie hinaus. 

I Der Worth der Erörterungen von Scherner und Volkelt 

Hegt darin, dass sie auf eine Reihe von Charakteren des Traum- 
inhaltes aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind 
und neue Erkenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, 

•i dass in den Träumen Symbolisirungen von Körperorganen und 
Functionen enthalten sind, dass Wasser im Traum huuttg auf Hamreiz 
deutet, dass das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden 
Stab oder eine Säule dargestellt werden kann u. s. w. In Träumen, 
welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, 
im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die 
Deutung als „Gesichtsreiztraum" kaum abweisen, ebenso wenig den 
Beitrag der Illusionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und 
Stimmengewirr enthalten. Ein Traum wie der von Scherner, dass 
zwei Reiben schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander 
gegenüber stehen, sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte 
Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke 
setzt und einen langen Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein 
ähnlicher von Volkelt, in dem zwei Reihen von Schubladen eine 
Rolle spielenj und der wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes 



1 



Die somatischen Eeize als recentes Material behaudelt. 157 



endigt : 



;: dergleichen bei beiden Autoren in grosser Fülle mitgetheilte 
Traum bi! düngen lassen es nicht ku, dass man die S eherne r'sche 
Theorie als müssige Erfindung bei Seite wirft, ohne nach ihrem guten 
Kern zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die vermeint- 
liche Symbolisirung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige 
Aufklärung zu erbringen^ 

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den 
somatischen Tramnquellen beschüftigtej unterlassen, jenes Argument 
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet. 
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, dass der 
Traum einen ihm eigenen Werth als jisychische Action besitzt, dass 
ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und dass die Erlebnisse 
des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede 
andere Traumlehre, welche ein so wichtiges LJntersuchungsverfahren ver- 
nachlässigt und dem entsprechend den Traum als eine nutzlose und 
räthselhafte psychische Reaction auf somatische Reize erseheinen 
lässt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müsste denn, was 
sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von Träumen 
geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den früheren 
Beurtheilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt nur noch,^ 
den Thatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre von den 
somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung innerhalb unserer 
Traumlehre zu verschaffen. 

Den ersten Schritt Mezu halien wir Ijcreits gethan. als wir den 
Satz aufstellten, dass die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle 
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver- 
arbeiten (Seite 123). Wir sahen, dass, wenn zwei oder mehr eindrucks- 
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geljlieben sind, die aus ilinen 
sicli ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des- 
gleichen, dass zum Traummaterial der psychisch werthvolle Eindruck 
und die indifferenten Erlebnisse des Vorta^,es zusammentreten, vor- 
ausgesetzt, dass sich communieirende Vorstellungen zwischen beiden 
herstellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaction auf allcs^ 
was in der schlafenden Psyche gleichzeitig als actuell vorhanden ist. 
Soweit wir also das Traumnmterial bisher analysirt haben, erkannten 
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungs- 
.spuren. denen wir (wegen der Bevorzugung des rccenten und de& 
infantilen Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren 
Charakter von Actualitjit zusprechen mussten. Es schafft uns nun 
nicht viel Verlogenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn 
zu diesen Erinnerungsaetualitäten neues Material an Sensationen 
während des Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen 
wiederum eine Wichtigkeit für den Traum dadurch, dass sie actuell 
sind; sie werden mit den anderen psychischen ActualitUten vereinigt, 
um das Material für die Traumbildung abzugeben. Die Reize 



158 V. Traum mateiial und Traumcj^uellen. 

■wahrend des Schlafes -n-erden, um es anders zu sagen, in eine 
Wunsch erfüllunfj verarbeitet, deren andere Bestandtheile die mos 
bekannten psychischen Tagesreste sind. Diese Vereinigung- muss 
nicht vollzogen werden; wir haben ja gehurt, dass gegen körperliche 
Reize während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens möglich 
ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein Vor- 
stellungsmaterial für den Trauminhalt zu ündeu. welches für beiderlei 
Traumquellen. die somalischen wie die psychischen, eine Vertretung 
darstellt. 

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunsch eifülhuig. gleichgiltig wie deren Ausdruck durch das 
actuelle Material bestimmt wird. 

Icli will hier gerne Kaum lassen für eine Reihe von Eigeu- 
thümlichkeiten. welche die Bedeutung äusserer Reize für den Traum 
verilnderlicli gestalten können. Ich stelle mir vor, dass ein Zu- 
sammenwirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den 
jeweiligen Umständen gegebener, Momente darüber entscheidet, wie 
man sich in den einzelnen Füllen von intensiverer objectiver Reizung 
wahrend des Schlafes benehmen wird; die habituelle und accidentelle 
Schlaftiefe im Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird ea 
das eine Mal ermöglichen, den Reiz so zu unterdrücken, dass er im 
Schlaf nicht stört, ein anderes Mal dazu nöthigen aufzuwachen, oder 
den Versuch unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen 
Traum zu überwinden. Der Mannigfaltigkeit dieser ConsteUationen 
entsprechend werden äussere objective Reize bei dem Einen häufio-er 
i>der seltener im Traum zum Ausdruck kommen als bei dem Anderen. 
Bei mir, der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig 
darau festhalte, mich durch keinen Anlass im Schlaf sturen zu lassen 
ist die Eiumengung äusserer Erregungsursacheu in die Träume sehr 
selten, wahrend ])sychische Motive mich doch offenbar sehr leicht 
zum Traumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen 
Traum aufgezeicimet, in dem eine objective, schmerzhafte Reizquelle 
zu erkennen ist, und gerade in diesem Traum wird es sehr lehrreich 
werden nachzusehen, welchen Traumerfolg der äussere Reiz gehabt hat. 

Ich reite auf einem grauen Pferd, zuerst zaghaft und 
ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne 
ich einem CoUcgen P., der im Lodenanzug hoch zu Ross 
sitzt und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, dass ich 
schlecht sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst in- 
telligenten Ross immer mehr zurecht, sitze bequem und 
merke, dass ich oben ganz heimisch bin- Als Sattel habe 
ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals und 
Croup des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite so 
knapp zwischen zwei Last wägen hindurch. Nachdem ich 
die Strasse eine Strecke weit geritten bin, kehre ich 



^ 



1 



Der Traum vom Keiteu. , 159 

-am und will absteigen, zunächst vor einer kleinen offe- 
nen Capelle, die in der Strassenfront liegt. Dann steige 
ich wirklich vor einer ihr nahe stehenden ab; das Hotel 
ist in derselben Strasse; ich könnte das Tferd allein 
hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu führen. 
Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Heiter 
anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, 
der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, 
und mich darum verspottet. Auf demZettel steh t, zweimal 
unterstrichen: Nichts essen und dann ein zweiter Vorsatz 
(undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine dumpfe Idee, dass 
ich in einer fremdenStadt bin, in der ich nichts arbeite. 
Dem Traum wird man zunächst nicht anmerken, dass er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent- 
standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die mir jede 
Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel an der 
Wurzel des Scrotum zur Apfelgrosse herangewachsen, hatte mir bei 
jedem Schritt die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieber- 
hafte Müdigkeit, Essunlast, die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit 
des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine Stimmung 
zu stören. Ich war nicht recht fähige meinen ärztlichen Aufgaben 
nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitz des XJebels Hess 
sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so 
untauglich gewesen würe wie für keiue andere, und diese ist das 
Keiten. Gerade in diese Thätigkeit versetzt mich nun der Traum; es 
ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu- 
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, trüume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur ein Mal auf einem Pferd gesessen 
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem 
Traum reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, nein 
gerade weil ich keinen haben wilL Mein Sattel ist der Beschreibung 

feraäss der Breiumschlag, der mir das Einschlafen ermöglicht hat. 
Vahr scheinlich habe ich durch die ersten Stunden des Schlafes — so 
verwahrt — nichts von meinem Leiden verspürt. Dann meldeten sich 
die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich aufwecken, da 
kam der Traum und sagte beschwichtigend; „Schlaf doch weiter, du 
wirst doch nicht aufwachen ! Du hast ja gar keinen Funinkel, denn 
du reitest ja auf einem Pferd, und mit einem Furunkel an der 
Stelle kann man doch nicht reiten!" Und es gelang ihm so ; der Schmerz 
wurde übertäubt, und ich schlief weiter. 

Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträgUchen Vor- 
stellung, den Furunkel „abzusuggeriren", wobei er sieh benommen wie 
der ballucinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind verloren hat,*) 

*) Vergleiche die Stelle bei Griesinger") und die Bemerkung in moinem 
zweiten Aufaata über dieAbwehr-Psychoneurosen, Nenrologiaclies Centralblatt 1 S9G. 



lüO V. Traum material und Traumquellen, 

oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen gebracht 
Laben ; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation und des 
zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch als 
Material, um das, was sonst in der Seele actnell vorhanden ist. an die 
Situation des Traumes anzuknüpfen und i;ur Darstellung zu brinffen 
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau 
dem pfeffer- und salzfarbigen Dress, in dem ich dem ColWen 
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte Kahnin» 
ist mir als die Ursache der Furunculose vorgehalten worden, immerhin 
als Aetiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furuncu- 
lose denken kann. Freund P. liebt es, sich mii' gegenüber aufs 
hohe Eoss zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit 
der ich grosse Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im Traum 
auf dem Pferd zuerst wie ein Kunstreiter tangential), die mich 
aber wirklieh, wie das Ross in der Anekdote den Sonntagsreiter. Ge- 
führt bat, wohin sie wollte. So kommt das Ross zur svmbolischen 




habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel^', hat mir mit 
Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner wenigen Gönner unter den 
grossen Äerzten dieser Stadt vor Kurzem gesagt. Es war auch ein Kunst- 
stück, mit solchen Schmerzen acht bis zehn Stunden täglich Psveho- 
therapie zu treiben, aber ich weiss, dass ich ohne volles körperliches 
Wohlbefinden meine besonders schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen 
kann, und der Traum ist voll düsterer Anspielungen auf die Situation 
die sich dann ergeben rauss (der Zettel, wie ihn die Neui-astheniker haben 
und dem Arzt vorzeigen): — Nicht arbeiten und nicht essen 
Bei weiterer Deutung sehe ich. dass es der Traumarbeit gelun<ren ist von 
der Wunschsituation des Reitens den Weg zu linden zu sehr früheji 
Kinderstreitscenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in En^^land' 
lebendeu. übrigens um ein Jahr älteren Xefifen abgespielt haben mussten 
Ausserdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien aufc^ 
nommen; die Strasse im Traum ist aus Eindrücken von Verona luid 
von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu 
sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer 
Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das 
schöne Land bedeuten sollten (gen Italien — Genitalien), nicht ohne 
Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P 
Arzt war, und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt. 

Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen 
fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung- 
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in 
vollen Zügen ist ein solcher ; in ihm ist der somatische Reiz anscheinend 
die einzige Trauraquelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch 
— der Durst — das einzige Traummotiv. Aehnlicn ist es in anderen 



Der Wunsch den Schlaf fortzusetzen. 161 

einfachen Trilmnen, wenn der somatische Reiz für sich allein einen 
Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die Nachts den' 
Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche Art, 
anf Schmerzensreize mit einer WunschertüUung au reagiren ; es seheint 
dass es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu 
machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zuschob. 

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
traum, aber er weiss das Nabrungsbedurfnis bis auf die Sehnsucht 
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose 
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt 
äussern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten 
wir sehen, auf welchen Wegen ein accidentell gegebenes körperliches 
Bedürfnis mit den stärksten aber auch stärkst unterdrückteu Regun- 
gen des Seelenlehens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie 
in dem von Grarnier berichteten Falle, der Erste Consul das Geräusch 
der esplodirenden Höllenmaschine in einen Schlachtcntraum verwebt, 
ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar 
das Bestreben, in dessen Dienst die Seelenthiitigkeit sich überhaupt 
um die Sensationen während des Schlafens kümmert. 

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein 
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschiiiiVigen 
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse iu'a 
Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivirung weiter- 
schliift: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht aufzu- 
stehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequemlichkeits- 
traura, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens unver- 
hohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens 
überhaupt auf In gewissem Sinne sind alle Träume — Bequem- 
lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, 
anstatt zu erwachen. Der Traum istderWächter des Schlafes, 
nicht sein Stör er. Gegen die psychisch erweckenden Momente wer- 
den wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre Anwend- 
barkeit auf die Rolle der objectiven äusseren Heize können wu- hier 
bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt nicht um 
die Anlässe zu Sensationen während des Schlafens, wenn sie dies gegen 
die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung dieser 
Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize m 
Abrede zu stellen, oder drittens, wenn sie dieselben anerkennen niuss, 
KG Bucht sie jene Deutung derselben auf, welche die actuelle Sensation 
als einen Theilbestand einer gewünschten und mit dem Schlafen ver- 
träglichen Situation hinstellt. Die actuelle Sensation wird in einen 
Traum verflochten, um ihr die Realität zu rauben. Napoleon 
darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den 
Kanonendonner von Areola, was ihn sturen will.''") 

*) Der Inhalt dieses Traumes wird in eleu zwei Quellen, ans (leii(;n ich ihn 
keime, nicht übereinstimmend erzUhlt. 

Piend, Traumdeutung. H 



162 V. Traummatcrial und Trauni(|ueUen. 

Düv Wunsch zu schlafen muss so als Motiv der Tra Um- 
bildung j edesmal eingerechnet ive r den. und j eder gelun- 
gene Traum ist eine Erfüllung derselben. Wie dieser all- 
gemeine, regelmässig vorhandene und sich gleichbleibende Schlafwunscb 
sieh zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, bald jener durch 
den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegenstand einer anderen 
Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch haben wir aber jenes 
Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der Strümpell- 
Wundt'schen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und Launenhaftigkeit 
in der Deutung des äusseren Reizes aufzuklären vermag. Die richtige 
Deutung, deren die schlafende Seele sehr wühl fjihig ist, nähme ein 
thätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anforderung dem Schlaf 
ein Ende zu machen ; es werden darum von den überhaupt möglichen 
Deutungen nur solelie zugelassen, die mit der absolutistisch geübten 
Censur des Schlafwunsches vereinbart sind. Etwa: Die Nachtigall 
ist's und nicht die Lerche. Denn wenn's die Lerche ist, so hat die 
Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zulässigen Deutungen 
des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche die beste Verknüpfun» 
mit den in der Seele lauernden AVunschanrcgungcn erwerben kann. 
So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der Willkür überlassen. 
Die Missdeutung ist nicht Illusion, .sondern — wenn man so will — 
Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem Ersatz durch Ver- 
schiebung zu Diensten der Traumeensur, ein Act der Beugung des 
normalen psychischen Vorganges zuzugebeD. 

Wenn die äusseren Nerven- und inneren Leibreize intensiv 
genug sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen 
sie — falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen, ihr Erfolg ist 
— einen festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im 
Traummaterial, zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähn- 
licher Weise gesucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vor^ 
Stellungen zwischen zwei psychischen Traumreizen. Es ist insoferne 
für eine Anzahl von Träumen richtig, dass in ihnen das somatische 
Element den Trauminhalt commaudirt. In diesem extremen Falle 
wird selbst behufs d<H' Traumbildung ein gerade nicht actueller 
Wunsch geweckt. Der Traum kann aber nicht anders als einen 
Wunsch in einer Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor 
die Aufgabe gestellt zu suchen, welcher Wunsch durch die nun 
actucUe Sensation als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies actuelle 
Material von schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch 
darum zur Traumbildung nicht unbi'auehbar. Das Seelenleben ver- 
fügt auch über Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein 
Widerspruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhanden- 
sein zweier psychischer Instahzen und die zwischen ihnen bestehende 
Censur erklUrlich wird. 

Es gibt, wie wir gehört haben, im vSeelenleben verdrängte 
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfülluno- 




VerwerthuDg- peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter "Wünsche. 163 

das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch 
gemeintj dass es solche Wünsche gegeben und diese dann vernichtet 
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren 
man in der Psyehoneurotik bedarf, behauptet, dass solche verdrilngte 
Wünsche noch existiren, gleichzeitig- aber eine Hemmung, die auf 
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie vom „Unter- 
drücken" solcher Impulse redet. Die psyclaische Veranstaltung, da- 
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisirung durchdringen, 
bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, dass ein 
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äussert sich 
die überwundene Hemmung des zweiten (bewusstseinsfähigen) Systems 
als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schliessen : wenn Sensationen 
mit Ünlustcharacter im Schlafe aus somatischen Quellen vorbanden 
sind, so wird diese Constellation von der Traumarbeit benützt, um 
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder 
weniger Beibehält der Censur — darzustellen. 

Dieser Seichverhalt ermögUcht eine Reihe von Angstträumen, 
während eine andere Reihe dieser der Wunschtbeorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen lässt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoucurotisehe sein, 
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst ver- 
drängter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst- 
traura die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen 
an der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes 
scheitert. In anderen Ängstträumen aber Ist die Angstenipfindung 
somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkrankon bei zu- 
fälliger Athembehinderung), und dann wird sie dazu benutzt, solchen 
energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu ver- 
helfen, deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angst- 
entbiadung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden 
scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen 
Bildungen, einer Affectneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig 
zusammen gehören, hebt die eine, die actuell gegeben ist, auch im 
Traum die andere ; bald die somatisch gegebene Angst den unter- 
drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite, 
mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angst- 
entbindung. Von dem einen Fall kann man sagen, dass ein somatisch 
gegebener Affect psychisch gedeutet wird; im anderen Fall ist alles 
psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich 
leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die 
Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben 
mit dem Traum nur wenig zu thun ; sie rühren daher, dass wir mit 
diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklmig und der 
Verdrängung streifen. 

Zu den commandirenden Traumreizen aus der inneren Leiblich- 
keit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesammtstimmung. Glicht 

11* 



164 " V. Traummaterial und Traum quellen. 

dass sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nöthigt den Traum- 
gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar- 
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Theil dieses 
Materials, als zu ihrem "Wesen passend, nahe legt, den anderen ferne hält, 
Ueberdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her mit 
den für den Traum bedeutsamen psychischen Kesten verknüpft. 

"Wenn die somatischen Eeizquellen während des Schlafes — die 
Schlafsensationen also — nicht Ton ungewöhnlicher Intensität sind, 
so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine 
Jlbnliche Rolle wie die als recent verbliebenen, aber indifferenten Ein- 
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung 
herangezogen, wenn sie sieh zur Vereinigung mit dem Vorstellungs- 
inhalt der psychischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber 
nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bcreitliegendes Material 
behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be- 
darf, anstatt dass ein kostbares Material die Art seiner Verwendung 
selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlieh, wie wenn der 
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, 
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Grösse des Steines, seine 
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder 
welche Seene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich- 
massigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der 
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sieli in seinem Sinn gestaltet. 
Auf diese Weise allein scheint mir die Thatsache verständlich, dass 
jener Trauminhalt, der von den nicht in's Ungewohnte gesteigerten 
Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen 
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint. 

Vielleicht wird ein l^eispicl, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages 
mühte ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmt- 
sein, nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl,, die so 
häutig geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl 
bedeuten mag. In der Xacht daraufhatte ich folgenden Traum: Ich 
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Woh- 
nung im Parterre über die Treppe in ein höheres Stock- 
werk. Dabei überspringe ichjedesmal drei Stufen, freue 
mich, dass ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich 
sehe iehj dass ein Dienstmädchen die Treppen herab 
und also mir entgegenkommt. Ich schäme mich, will 
mich eilen, und nun tritt jenes Geheramtsein auf. ich 
klebe an den Stufen und komme nicht von der Stelle. 
. : , Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltägliehea 
Wirklichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien 
zwei Wohnungen, die nur durch die Treppe aussen verbunden 
sind. Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und 
mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn 
ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich 



Eia Traum vom Gehemmtsein. 165 

tiber die Treppe in's Schlafzimmer. An dem Abend vor dem 
Traum Latte ick diesen kurzen Weg- wirklieb in etwas derangirter 
Toilette gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Cravatte und Manehetten 
abgelegt ; im Traum war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, 
unbestimmter Grad von Kleiderlosigkeit geworden. Das Ueberspriugen 
von Stufen ist meine gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens 
eine bereits im Traum anerkannte Wunsch erfuUung, denn mit der 
Leichtigkeit dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustaudes 
meiner Herzarbeit getröstet. Terner ist diese Art. die Treppe zu 
geben, ein wirksamer Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten 
Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir — was dos Beweises nicht be- 
durfte — dass der Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische 
Actionen in aller Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen ; man denke 
an das Fliegen im Traum! 

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines 
Hauses; ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegen- 
kommende Person kliirt mich über die gemeinte Oertliehkeit auf. 
Diese Person ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich taglich 
zweimal besuche, um ihr lujectionen zumachen; die Treppe ist auch 
ganz ähnlich jener, die ich 'zweimal im Tage dort zu ei-steigen habe. 

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in 
meinen TrauniV Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, 
hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem 
ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu 
diesen Fragen fällt mir nun nichts Anderes ein als das Folgende: 
Wenn ich in diesem Hause den Morgeubesuch mache, werde ich ge- 
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das l*roduct der 
Espectoration geräth auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken 
befindet sich nämlich keinSpueknapf, und ich vertrete den Standpunkt, 
dass die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten erfolgen 
darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes ermöglicht 
werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und mürrische 
Person, aber von reinlichen Instincten, wie ich ihr zuzugestehen 
bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt 
ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit er- 
lauben werde, und wenn sie das constatirt hat, höre ich sie ver- 
nehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte 
Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes 
bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch 
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei 
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer 
stellte und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doctor hätten sich 
heute schon die Stiefel abputzen können, che Sie in's Zimmer 
kommen. Der rothe Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren 
Füssen." Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstniädcbon 
geltend machen können, um in meinem Traume zu erscheinen. -■'- 



166 V. Traummaterial und Traumq^uellen. 

Zwischen meinem Ueber-die-Treppe-PJiegen und dem Äuf-der- 
Treppc-Spucken besteht ein innig-er Zusammenhang. Rachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 
Rauchens darstellen, wegen dessen ich naltirlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Ruf der grüssten Nettigkeit geniesse. in dem 
einen Haus so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem 
Gebilde verschmilzt. 

Die weitere Deutung des Traumes muss ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er- 
gebnis des mitgetheilten Traumes, dass die Traum Sensation der ge- 
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser 
Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität 
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn 
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er- 
kenntnis leichtfüssig über die Stufen eilen. 

d) Typische Triiume. 

Wir sind im Allgemeinen nicht im Stande, den Traum eines 
Anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum- 
inhalt stehenden unbewussten Gedanken ausliefern will, und dadurch 
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum- 
deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber, so recht im Geo-en- 
satz zu der sonstigen Freiheit des Einzelnen, sich seine Traumwelt 
in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Ver- 
ständnis der Anderen unzugänglich zu machen, eine ge-insse An- 
zahl von Träumen, die fast Jedermann in derselben Weise f^eträumt 
hat von denen wir anzunehmen gewohnt sind, dass sie auch bei 
Jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet 
sich diesen typischen Träumen auch darum zu. weil sie vermnthUeh 
bei allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders 
gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluss 
zu geben. 

In der Behandlung dieser t)^}ischen Träume finde ich mich 
durch den zufälhgen Umstand behindert, dass nicht genug derselben 
meme Erfahrung zugänglich geworden sind. Ich werde also 
nur Muster dieser Gattung eingehender würdigen und wähle hiefür 
den sogenannten Vericgenheitstraum der Nacktheit und den Traum 
vom Tod theurer Verwandter. 

Der Traum, dass man nackt oder schlecht bekleidet in Ge<'en- 
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zuthat vor, man habe sich 
1 % ^^^ ^!^^^^ geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber 
dem Nacktheitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham und Ver- 
legenheit empiindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei 
der eigenthümlichen Hemmung unterliegt, dass man nicht von der 
Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die peinliehe Situation zu 



"TTT 



Der Verlegenheitstraum der Naoktlicit. 167 



V 



/erändern. Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der 
Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen 
ein bezogen werden oder mit individuellen Zutliaten versetzt sein. 
Es bandelt sieb im Wesentlicben nm die peinlicbe Empfindung von 
der Katur der Scham, dass man seine Nacktheit, meist durch 
Locomotion, verbergen möclite und es nicbt zu Stande bringt. Ich 
glaube, die allermeisten meiner Leser werden sieb in dieser Situation 
im Traume bereits befunden baben. 

Für gewübnlieh ist die Art und Weise der Entkleidung wenig 
deutlicb. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemd, aber dies ist 
selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, 
dass sie durcb eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben 
wird: .,Ich war im Hemd oder im Unterrock." In der Kegel ist 
der Defect der Toilette nicbt so arg, dass die dazugehörige 
Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers 
getragen bat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschrifts- 
widrige Adjustirung. Ich bin ohne Säbel auf der Strasse und sehe 
Officiere naher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine carrirte 
Civilhose u. dgl. 

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im 
typischen Traum, dass man wegen der Kleidung, die einem selbst 
solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird. 
Die Leute machen ganz im Gegentheil gleich giltige, oder wie ich es 
in einem besonders klaren Traum wahrnehmen konnte, feierlich steife 
Mienen. Das gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleich giltigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume 
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch 
nur passen, dass die Fi'emden ihn erstaunt ansehen und verlachen, 
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstüssige Zug 
ist durch die WunscherfuUung beseitigt worden, während der andere, 
durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen 
die beiden Stücke dann schlecht zu einander. Wir besitzen ein 
interessantes Zeugnis dafür, dass der Traum in seiner durch Wunsch- 
erfuUung partiell entstellten Form das riclitigc VerstJlndnis nicht 
gefunden hat. Er ist nämUch die Grundlage eines Märchens geworden, 
welches uns Allen in der Andersen'schen Fassung") bekannt ist, 
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman" poetischer 
Verwerthung zugeführt worden ist: Im Andersen'schen Märchen 
wird von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares 
Gewand weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein 
soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet 
aus, und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, 
thun alle Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicbt merkton. 

*) „Des Kaisers neue Kleiücr." * - 






lös V. Traummaterial uud Traumquellen. 

Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehürt 
wohl nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, da.ss der unverstandliclie 
Trauminhalt eine Anregung gegeben bat, um eine Einkleidung zu 
erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation 
sinnreich, wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung 
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber -wir 
werden hören, dass solches Missverständnis des Trauminhaltes darch 
die bewusste Denkthätigkeit eines zweiten psj'chischen Systems 
häufig vorkommt und als ein Factor für die endgiltige Traum- 
gestaltung anzuerkennen ist, ferner, dass bei der Bildung von Zwangs- 
vorstellungen und Phobien ähnliche Missverständnisse — gleiclifalls 
innerhalb der nämlichen psychischen Pex'sünlichkeit — eine Haupt- 
rolle spielen. Es lässt sich auch für unseren Traum angeben, woher 
das Material für die Umdeutimg genommen wird. Der Betrüo-er 
ist der Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisirende 
■Tendenz verräth eine dunkle Kenntnis davon, dass es sich im 
latenten Trauminhalt um unerlaubte, der Verdrängung geopferte 
Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem solche TriUime 
während meiner Analysen bei Keurotikern auftreten, lässt nämlich 
keinen Zweifel darüber, dass dem Traume eine Erinnerung aus der 
frühesten Kindheit zu Grunde hegt. Nur in unserer Kindheit gab 
es die Zeit, dass wir in mangelhafter Bekleidung von unseren 
Angehörigen wie von fremden Pdegepersonen. Dienstmädchen 
Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns damals unserer 
Nacktheit nicht geschämt.*) An vielen Kindern noch in spüteren 
Jahren kann man beobachten, dass ihre Entkleidung wie berauschend 
auf sie vnrkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, sprino-en 
herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer dabei Ist 
verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das darf man 
nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgclüste ; man kann 
kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne dass man 
einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem 
Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hoch hebt 
Einer meiner Patienten hat in seiner bewussten Erinnerung eine 
Scene aus seinem achten Lebensjahr bewahrt, wie er nach der 
Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemd zu seiner kleinen 
Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die 
dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von 
Keurotikern spielt die Entblüssung vor Kindern des anderen 
Geschlechtes eine grosse Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim 
An- und Auskleiden beobachtet zu werden, auf diese Erlebnisse 
zurückzuführen; unter den pervers Gebliebenen ist eine Classe, bei 
denen der infantile Impuls zum Symptome erhoben worden ist. die der 
Exhibitionisten. 

*) Dag Kiud tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plütalich ein kleinea 
Kind: „Aber er hat ja gar nichts an." 



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Den Nacktlieitstraum als Exhibitionstraum aufzuklitren. 169 

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer 
Rückschau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts 
Anderes als die Massenpbantasie von der Kindheit des Einzelnen. 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich 
nicht vor einander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und 
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben 
und die Culturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der 
Traum allnilchtlieh zurückführen ; wir haben bereits der Vermutliung 
Ausdruck gegeben, dass die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der 
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten dritten Jahr) an und 
fUr sich, vielleicht ohne dass es auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach 
Reproduetion verlangen, dass deren Wiederholung eine AVunsch- 
erfüUung ist. Die Xacktheitstrilumo sind also E s h i b i t i o n s t r ä u m e- 

Den Kern des Eshibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, 
die nielit als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart 
gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die 
Ueberlagerung so vieler späterer Kegligöerinnerungen oder der Censur 
zur Liebe undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor 
denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, dass die that- 
sächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Eshibitionen im Traume 
wieder auftreten. Der Träum ist eben fast niemals eine einfache 
Erinnerung. Merkwürdiger "Weise werden jene Personen, denen 
unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen Eeproductionen 
des Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst 
die Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schliesst, obwohl sie 
unsichtbar geblieben sind, mit fanatiscbcr Ueberzeugung auf ihre 
Gegenwart. Was der Traum für sie einsetzt, ..viele fremde Leute", 
die sich nicht um das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu il 

der Wunschgegensatz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, 
der man die Entblössung bot. „Viele fremde Leute" finden sich in 
TrUumen übrigens auch häufig in beliebigem anderen Zusammenbang: 
sie bedeuten immer als Wunschgegensatz „Geheimnis". Man merkt, 
wie auch die Restitution des alten SachverhaUes, die in der Paranoia 
vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht 
mehr allein, man wird ganz gewiss beobachtet, aber die Beobachter 
sind „viele, fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute". 

Ausserdem kommt im Exhibitionstraum die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinHche Empfindung des Traumes ist ja die Keaetion 
des zweiten psychischen Systems dagegen, dass der von ihr verworfene 
Inhalt der Exhibitionsscene dennoch zur Vorstellung gelangt ist. 
Um sie zu ersparen, hätte die Scene nicht wieder belebt werden dürfen. 

Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später 
nochmals handeln. Sie dient im Traum vortrefflich dazu, den 
Willen sc onfli et, das Nein, darzustellen. Nach der unbewussten 
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Censur 
unterbrochen werden. ■ - 



) 



170 V. Traummaterial und Traumquellen, 

Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den MärcHen 
und anderen Dich tun gsstoffen sind gewiss weder vereinzelte noch 
zufällige. Gelegentlieh hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs- 
procesH. dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytiscli erkannt 
und ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf 
den Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende 
Stelle aus G. Keller's „Grünem Heinrich" aufmei'ksam: -Ichwünsclie 
Ihnen nicht, lieber Lee, dass Sie jemals die ausgesuchte pikante 
Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm 
bedeckt vor !Xausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus 
Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugebt"? 
Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von 
Ihrer Heimat und Allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher- 
schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben 
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so -wird es 
Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, dass Sie sich Ihrer Heimat 
nähern; Sic sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben. 
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken 
Sie plützhcb. dass Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. 
Eine namenlose Scham und Angst fasst Sie, Sie suchen sich zu 
bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweisse gebadet. Dies 
ist, so lange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, nmher- 
geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten 
und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen." 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen 
Erweckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das 
sind jene Regungen des Seelenlehens, die in der spitter prähistorisch 
gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewusstseinsföhigen 
und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traura 
die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor, 
und darum schlagt der Traum, den die Sage von der Xausikaa 
objeetivirt. regelmässig in einen Angsttraum um. 

Mein eigener, auf Seite 164 erwähnter Traum von dem Eilen tiber 
die Treppe, das sich bald nachher iu ein An-den-Stufen-Ivleben ver- 
wandelt, ist gleichfalls ein Eshibitionstraum, da er die wesentlichen 
Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müsste sich also auf 
Kiudererlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben 
mtisste einen Aufsehluss darüber geben, inwiefern das Benehmen des 
Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, dass ich den Teppich 
schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traum 
einnimmt. Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklieh 
beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annähe- 
rung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die 
anscheinend zusammenhangslos, unmittelbar auf einander folgen 
gehören zu einer Einheit, die zu errathen ist, ebenso wie ein a und 
ein b. die ich neben einander hinschreibe, als eine Silbe, ab, aua- 



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Die Trjüime vom Tod thenrer Personen. 111 

g-esprochen werden sollen. Aehnlicli mit der Äufein and er bezieh ung- 
der Träume. Der erwähnte Traum von der Trejipe ist aus einer 
Traumrciho herausgügriffenj deren andere Glieder mir der Deutung; 
nach bekannt sind. Der von ihnen eingeschlossene Traum muss in 
denselben Zusammenhang gehören. Kun liegt jenen anderen ein- 
ßchliessenden Träumen die Erinnerung an eine Kinderfrau zu Grunde, 
die mich von irgend einem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter 
TOB. 2V2 Jahren betreut hat, von der mir auch eine dunkle Erinnerung- 
im Bewusstsein geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich unUingst 
von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und bässlich, aber 
sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen 
Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste 
Behandlung angedeihen und mich harte AVorte hören lassen, 
Trenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein genügendes Verständnis 
entgegen brachte. Indem also das Dienstmädchen dieses Erziehungs- 
werk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie den Anspruch, von mir 
als Inearnation der prähistorischen Alten im Traum behandelt zu 
werden. Es ist wohl anzunehmen, dass das Kind dieser Erzieherin, 
trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe geschenkt hat.*) 

Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden 
dürfen, sind die mit dem Inhalt, dass ein theurer Verwandter, Eltern 
oder Geschwister, Kinder u. s. w. gestorben ist. Man muss sofort a^oq 
dies^i Träumen zwei Classen unterscheiden, die einen, bei welchen 
rn ji" im Traum von Trauer unberührt bleibt, so dass man sich nach 
dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei 
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall emplindet, ja ihn 
selbst in heissen Thränen während des Schlafes iiussert. 

Die Träume der ersten Grup])e dürfen wir bei Seite lassen; 
ßie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie 
analysirt, findet man, dass sie etwas Anderes bedeuten als sie enthalten, 
dass sie dazu bestimmt smd, irgend einen anderen Wunsch zu ver- 
decken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer 
Schwester aufgebahrt vor sich sieht. (Seite ]06.) Das bedeutet nicht, 
dass sie dem kleinen Neffen den Tod wümcht, sondern verbirgt nur, 
wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person 
Dach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher 
einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen 
KefFen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche 
Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlass zur Trauer, und darum 
wird aucli im Traum keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, 
dass die im Traum enthaltene Empfindung nicht zum manifesten 

*) Eine Ueberdeutung- dieses Traumes: Auf der Treppe sjiuclcenj das fiibrte, 
da „Spucken" eine Thiltigkeit der Geister ist, bei loser l'ebersetziing zum ^csprit 
d'escalier." Treppeuwitz beisst so viel als Maugel 011 Sclilagfertigkeit. Den babe 
icb mir wirklieb vorzuwerfeu. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertigkeit" 
hat fehlen lassen? 



172 V. Ti-aummateiial uud T räum q^u eilen. 

Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, dass der Äffeetinhalt des 
Traumes von der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vor^ 
atelluQgsiahalt betroffen hat. 

Anders die Trilume, in denen der Tod einer geliebten ver- 
wandten Person vorgestellt und dabei scbmerzhcher Äfiect verspürt 
wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, dass die 
betreffende Person sterben mügo, und da ich hier erwarten darf, dass 
sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Aehnjiches 
geträumt haben, gegen meine Auslegung strauben werden, muss ich 
den Beweis auf der breitesten Basis anstreben. 

Wir haben bereits einen Traum erläutert, ans dem wir 
lernen konnten, dass die Wünsche, welche sich in Träumen als 
erfüllt darstellen, nicht immer actuelle Wünsche sind. Es können 
auch verflossene, abgethane, überlagerte und verdi-ängte Wünsche 
sein, denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traum doch 
eine- Art von Fortesistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht todt 
wie die Verstorbenen nach unserem Begriff, sondern wie die Schatten 
der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen 
Leben erwachen. In jenem Traum vom todten Kind in der Schachtel 
(Seite 107) handelte es sich um einen Wunsch, der vor fünfzehn Jahren 
actuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. Es 
ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgiltig, \venn ich 
hinzufüge, dass selbst diesem Wunsch eine Erinnerung aus der frühesten 

Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hatte als kleines Kind 

wann, ist nicht sicher festzustellen — gehurt, dass ihre Mutter in 
der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver- 
stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst 
den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, 
folgte sie nur dem Beispiele der Mutter. ' 

Wenn Jemand unter Schmerzensäusserungen davon träumt sein 
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so 
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, dass 
er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert 
nicht so viel; sie begnügt sich zu schliessen, dass er ihnen — irgend 
einmal in der Kindheit — den Tod gewünscht habe. Ich fürchte 
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der 
Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög- 
lichkeit bestreiten, dass sie je so gedacht haben, wie sie sieh sicher 
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich niuss 
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den 
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen. 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren 
Geschwistern in's Auge. Ich weiss nicht, warum wir voraussetzen. 
es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines Jeden sich 
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung ruhre 




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Die Feinfl Seligkeit des Kindes gegen Geschwister. 173 

noch aus der Iviiiclheit her. oder Labe von jeher bestanden. Aber 
auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich 
hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unter- 
brochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das 
jüngere misshandelt, angeschwärzt, es seiner Sj^ielsachen beraubt; 
das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wuth gegen das ältere ver- 
zehrt, CS beneidet und gefürchtet, oder seine ersten Kegungen von 
Freiheitsdrang und Rechtsbewusstsein haben sich gegen den Unter- 
drücker geT\-endet. Die Eltern sagen, die Kinder vertragen sich 
nicht, und wissen den Grund hiefiir nicht zu finden. Es ist nicht schwer 
zu sehen, dass auch der Charakter des braven Kindes ein anderer 
ist. als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden wünschen. Das Kind 
ist absolut egoistisch, es empfindet seine Bedürfnisse intensiv und 
strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung, insbesondere gegen seine 
Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen seine 
Geschwister. Wir heissen das Kind aber darum nicht „schlecht", wir 
heissen es „schlimm;" es ist unverantwortlich für seine bösen Thaten 
vor unserem Urtheil wie vor dem Strafgesetz. Und das mit Recht; 
denn wir dürfen erwarten, dass noch innerhalb von Lebenszeiten, 
die wir der Kindheit zurechnen, in dem kleinen Egoisten die 
altruistischen Regungen und die Moral erwachen werden, dass, mit 
Meynert zu reden, ein seemidtires Ich das primäre überlagern und 
hemmen wird. Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig aut 
der ganzen Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheits- 
periode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die 
Entwickelung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gerne von 
„Degeneration"; es handelt sich offenbar um eine Entwiekelungs- 
hemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere Ent- 
■vyickelung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung an 
Hysterie wenigstens partiell wieder frei gelegt werden. Die Uebei'- 
einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines 
schlimmen Kindes ist geradezu auifällig, Die Zwangsneurose hin- 

fegen entspricht einer Uebermoralität, als verstärkende Belastung 
em sich wieder regenden primären Charakter auferlegt. 

Viele Personen also, die heute ihre Geschwister Heben und sich 
durch ihr Hinsterben berauht fühlen würden, tragen von früher her 
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewussten, welche sieh 
in Träume zu realisiren vermögen. Es ist aber ganz besonders 
interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in 
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das 
Kind war bisher das Einzige; nun wird ihm angekündigt, dass der 
Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den An- 
kömmling und äussert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder 
mitnehmen." Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, dass 
da.s Kind abzuschätzen weiss, welche Ben ach th eilig ung es von dem 
Fremdling zu erw-arten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, 



' 



174 V. Traummaterial und Traumtiuellen. 

die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr o^jj 
vertragt, weiss ich, dass sie die Nachricht von deren Ankunft mit 
dem Vorbehalt beantwortet hat: „A.ber meine rothe Kappe werde 
ich ihr doch nicht geben. "^ Sollte das Kind erst später zu dieser Er- 
kenntnis kommen, so wird seine Feindsehgkeit in diesem Zeitpunkt 
erwachen. Ich kenne einen Fall, dass ein nicht dreijähriges Mädchen 
den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen 
weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind 
Kinder um diese Tjobenszeit in aller Stilrke und Deutlichkeit föhig- 
Oder das kleine Geschwisterchen ist wirklich bald wieder ver- 
schwunden, das Kind hat wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sieh 
vereinigt, nun kommt ein neues vom Storch geschickt ; ist es da 
nicht correct, dass unser Liebling den Wunsch in sich erschaffen 
sollte, der neue Concurrent müge dasselbe Schicksal haben wie der 
frühere, damit es ihm wieder so gut gehe wie vorhin und in der 
Zwischenzeit? Natürlich ist dieses Verhalten des Kindes gegen die 
Nachgeborenen in normalen Verhiütuissen eine einfache Function 
des Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden sich 
in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instincte geo-en das 
hilflose Neugeborene reeen. 

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen 
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobach- 
tung Erwachsener auffallen. 

Bei ineinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe 
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie 
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. 
Ich hüre zwar, dass der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das 
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küsst und sie streichelt; ich über- 
zeuge mich aber, dass er schon vor seinem vollendeten zweiten Jahr seine 
Sprachfähigkeit dazu benützt, um Kritik an der ihm doch nur übei^ 
flüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf sie kommt 
mengt er sich in's Gespräch und ruft uawillig: Zu kQeiu, zu k(l)ein' 
In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch vortreftliche 
Entwickelung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiss er seine 
Mahnung, dass sie so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu 
begründen^ Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie 
hat keine Zähne. Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester 
haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechsjährife 
Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten bestätigen lie£; 
„Nicht wahr, das kann die Lueie noch nicht verstehen?'^ Lucie >var 
die um 2^3 Jahre jüngere Concurrentin. 

^Den gesteigerter Feindsehgkeit entsprechenden Traum vom 
Tod der Geachmster habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen 
vermisst. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Be- 
stätigung der Regel umdeuten liess. Als ich einst einer Dam© 




Die Vorstellung des Kindes vom „Todtaein". 175 

während einer Sitzung- diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem 
Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, ant- 
wortete sie mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie 
gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit 
nichts zu Schäften hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren zuerst, 
als damals Jüngste, nnd dann wiederholt geträumt hatte. „Eine 
Menge Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins 
und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötz- 
lich bekamen sie Flügel, flogen auf und waren weg." 
Von der Bedeutung des Traumes hatte sie keine Ahnung; es vrird 
uns nicht schwer fallen, einen Traum vom Tod aller Geschwister 
in seiner ursprünglichen, durch die Censur wenig beeinllussten Foi-m 
darin zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzu- 
schieben. Bei dem Tode Eines aus der Kinderschaar — die 
Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher 
Gemeinschaft aufgezogen — wird unsere noch nicht vierjäbrige Träu- 
merin eine weise erwachsene Person gefragt haben: Was wird denn 
aaB den Kindern, wenn sie todt sind!:' L>ie Antwort wird gelautet 
haben : Dann bekommen sie Flügel und werden Engerl. Im Traum 
nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle Flügel wie 
die Engel und — was die Hauptsache ist — sie fliegen weg. Unsere 
kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, das Einzige nach 
einer solchen Schaar! Dass sich die Kinder auf einer Wiese tum- 
meln, von der sie wegfliegen, deutet kaum missverständlich auf 
Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind 
geleitet hätte, welches die Alten bewog, die Psyche mit Schnietter- 
lingsflügeln zu bilden.^ 

Vielleicht wirft nun Jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugehen, aber wie 
käme das Kindergemüth zu der Höhe von" Schlechtigkeit, dem Mit- 
bewerber oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, 
als ob alle Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? 
Wer so spricht, erwägt nicht, dass die Vorstellung des Kindes vom 
^Todtsein"* mit der unserigen das Wort und dann nur noch wenig 
Anderes gemein hat. Das Kind weiss nichts von den Greueln der 
Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom Schrecken des end- 
losen Nichts, das der Erwachsene, ivie alle Mythen vom Jenseits 
zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor 
dem Tode ist ihm fremd, darum spielt es mit dem grässHchcn Wort 
and droht einem anderen Kind: „Wenn Du das noch einmal thust, 
■wirst Du sterben, wie der Franz gestorben istj" wobei es die arme 
Mutter schaudernd überläuft, die vielleicht nicht daran vergessen 
kann, dass die grössere Hälfte der erdgeborenen Menschen ihr 
Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt. Noch mit acht 
Jahren kann das Kind, von einem Gang durch das Naturhistorische 
Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: „Mama, ich habe Dich so 



176 V. Trauramaterial und Trauraquellen, 

lieb; wenn Du einmal stirbst, lasse icli Dich ausstopfen und stelle Dich 
hier im Zimmer auf. damit ich Dich immer, immer sehen kann!'' So 
wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unsrigen. 

Gestorben sein heisst für das Kind, welchem ja überdies die 
Scenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so \-iel als 
„fort sein", die U eberlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet 
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu Stande kommt, ob durch 
Verreisen, Entfremdung oder Tod- Wenn in den prähistorischen 
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt woi-den und 
einige Zeit dai'auf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine 
Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse 
in einer Keihe über einander. Dass das Kind die Abwesenden nicht 
sehr intensiv vermisst, hat manche Mutter zu ihrem Schmerz er- 
fahren, wenn sie nach mehrwüchenthcher Somraerreise in ihr Haus 
zurückkehrte und auf ilire Erkundigung hören musste: Die Kinder 
haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie 
aber wirkHch in jenes „unentdeckte Land" verreist ist, „von des 
Bezirk kein Wanderer wiederkehrt," so scheinen die Kinder sie 
zunächst vergessen zu haben und erst naehtrü glich beginnen sie. 
sich an die Todte zu erinnern. 

Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch 
in die Form zu kleiden, es möge todt sein, und die psychische 
Eeaction auf den Todeswunschtraum beweist, dass trotz aller Ver- 
schiedenheit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgend^We das 
Kämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen. 

Wenn nun der Todeswunseh des Kindes gegen seine Geschwister 
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister 
als Mitbewerber auffassen lasst, wie soll sieh der Todeswunsch geo-en 
die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und 
ErfüUer seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus 
egoistischen Motiven wünschen sollte? 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, dass 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Theü des 
Elternpaares betreifen, der das Geschlecht des Träumers theilt, dass 
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode 
der Mutter träiumt. Ich kann dies nicht als regelmässig hinstellen 
aber das Ueberwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, dass es 
eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. 
Es verhält sich — grob ausgesprochen — so, als ob eine sexuelle 
Vorliehe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im 
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe 
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vortheil erwachsen kann. 

Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge 
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern 
iu's Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Culturforderung der 



Das Verhiiltuis des Kindes zu den Eltern, . 177 

Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tJigliche Beobach- 
tang als thatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern und 
Kindern liegen mehr als nur ein Anlass zur Feindseligkeit ver- 
borgen; die Bedingungen für das Zustaudekommeu von Wünschen 
welche vor der Censur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmasse 
gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater 
und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des 
Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr- 
nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum 
zu merken, dass der grössere Theil der Menschheit sieh über die 
Befolgung des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in 
den höchsten Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die 
Pietät gegen die Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten" Die 
dunklen Nachrichten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit 
der menschlichen Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von 
der Machtfiille des Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der 
sie gebraucht wurde, eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos ver- 
schlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den "Wurf des Mutter- 
schweines, und Zeus entmannt den Vater und setzt sich als Herrscher 
an seine Stelle. Je unumschränkter der Vater in der alten Familie 
herrschtCj desto mehr muss der Sohn als berufener Nachfolger in 
die Lage des Feindes geruckt, desto grösser nmss seine Ungeduld 
geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu 
gelangen. Noch in unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater 
durch die Verweigerung der Selbstbestimmung und der dazu nüthigen 
3Iittel an den Sohn dem natürlichen Keim zur Feindschaft, der in 
dem Vcrhültnissc liegt, zur Entwickelung xu verhelfen. Der Arzt 
kommt oft genug in die Lage zu bemerken, dass der Schmerz über 
den Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung über die endlich 
erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest der in unserer 
heutigen Gesellschaft arg antiquirten potestas patris famiJias pflegt 
jeder Vater krampfhaft festzuhalten, und jeder Dichter ist der 
Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten Kampf zwischen Vater 
und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die Anlässe 
7M ConHicten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn die 
Tochter heranwächst und in der Mutter die Wäehterin findet, 
während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch 
das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, dass für sie die Zeit 
gekommen ist, sexuellen Ansi^rüchen zu entsagen. 

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor Jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume 
vom Tod der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, 
denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares 
geworden ist. Auch sind wir durch die vorhergoheuden Erörteruno-en 
darauf vorbereitet, dass sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus 
der frühesten Kindheit ableiten wird. ^ 

Freud, Traum dcutung. io 



178 V, Traum matei-ial und Traumq^uelleu. 

Mit einer alle Zweifel ausscliliessenclen Siolierlieit bestätigt sich 
diese Vermutliung für die Psychoncurotiker bei den mit ihnen vor- 
genoinmencn Analysen. Man lernt Iiiebei, dass sehr frübzeitig die 
sexuellen Wünsche des K,iudcs erwachen, — soweit sie im keimenden 
Zustande diesen Kamen verdienen — und dass die erste Neigung 
des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben 
der Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die 
Mutter fUr das Madchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig 
iür das Kind dazu gehurt, damit diese Enipfindung zum Todeswunsch 
führe, haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. 
Die sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eitern 
geltend ; ein natürlicher Zug sorgt dafür, dass der Mann die kleineu 
Töchter verzilrtelt, die Frau den Sühnen die Stange hält, während 
beide, wo der Zauber des Geschlechts ihr Urtheil nicht A-erstört. mit 
Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt 
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Theil des 
Eltcrnpaares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachse- 
nen zu finden ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen 
Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, dass in allen anderen Stucken 
seinem AVillen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen 
Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende 
Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen 
Sinne wie diese trifft. 

Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach 
den ersten Kinderjahreu bemerken. Ein achtjähriges Mädchen 
meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die IMutter vom 
Tische abberufen wird, um sieh als ihi'e Nachfolgerin zu proela- 
miren. „Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst Du noch Gemüse? 
Nimm doch, ich bitte IJich" u. s. w. Ein besonders begabtes und 
lebhaftes Alädeheu von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinder- 
I Psychologie besonders durchsichtig ist, äussert direct: -Jetzt kann 

Jl das Muattevl einmal fortgehen, dann muss das Vaterl mich heiraten, 

und ich will seine Frau sein. " Im Kindcrleben schliesst dieser 
AVunseh durchaus nicht aus, dass das Kind auch seine Mutter zärt- 
lich liehe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf, 
sobald der Vater verreist ist, und nach dessen Rückkehr in's Kinder- 
zimmer zurück mnss zu einer Person, die ihm weit weniger gefällt. 
so mag sich leiclit der Wunsch bei ihm gestalten, dass der Vater 
immer abwesend sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben, 
schönen Mama behalten kann, und ein Mittel zur Erreichung diese* 
Wunsches ist es olienbar, wenn der Vater todt ist, denn das Eine 
hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Todte" Leute, wie der Grosspapa 
z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder. 

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der 
vorgeschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings 




BMI 



Die sexuellen Kegungen der Kinder gegen die Eltern. 179 

nicht die volle Ueberzeugnng, welche die Psychoanalysen erw-achsener 
Xeurotiker dem Arzte aufdrilugen. Die Mittheilung der betreffenden 
Träume erfolgt hier mit solchen Kinleitungen. d;iss ilire Deutung als 
Wunschti-ilume unausAvciciilicii wird. Ich linde eines Tages eine 
Dame betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Verwandten 
nicht mehr sehen, es muss ihnen ja vor mir grausen. Dann erzählt 
sie fast ohne Uebergang, dass sie sieh an einen Traum eriunert, 
dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier 
Jahren geträumt, er lautet folgendermassen: Ein Luchs oder 
Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas 
herunter oder sie füllt herunter, und dann trügt man 
die Mutter todt aus dem Hause, wubei sie schmerzlich weint. 
Ich habe ihr kaum mitgetheilt, dasa dieser Traum den Wunsch aus 
ihrer Kindlieit bedeuten muss, die Mutter todt zu sehen, und dass 
sie dieses Traumes wegen meinen muss, die Verwandten grausen 
sich vor ihr. so hefert sie bereits etwas Material, den Traum auf- 
zuklären. „Luchsaiig'^ ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als 
g-anz kleiues Kind von einem Grassenjungen belegt wurde; ihrer 
Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war. ein Ziegelstein vom 
Dach auf den Kopf gefallen, so dass sie heftig geblutet hat. 

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Madchen, das ver- 
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studiren. 
In einer tübsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, 
zeigte die Ki'auke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre 
Mutter, sehlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette nilherte, 
-Während sie gegen eine um Vieles ältere Schwester zu derselben Zeit 
liebevoll und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apa- 
thischer Zustand mit sehr gestörtem Sclilaf; in dieser Phase begann 
ich die Behandlung und analysirte ihre Träume. Eine Unzahl der- 
selben handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; 
bald wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei. bald 
sah sie sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen ; 
es blieb über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter 
fortschreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die 
quälendste darunter war, dass der Muttei" etwas geseliehon sei. Von 
wo sie immer sich befand, musste sie dann nach Hause eilen. 
om sich zu überjccugen, dass die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, 
zusammengehalten mit meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; 
er zeigte in gleichsam mehrsprachiger Uebcrsetzung verschiedene 
Reactionsweisen des psychischen Apparates auf dieselbe erregende 
Vorstellung. In der Verworrenheit, die ich als U eher wältigung 
der zweiten psycliischen Instanz durch die sonst unterdrückte erste 
auffasse, wurde die unbewusste Feindseligkeit gegen die J\Iutter 
motorisch mächtig ; als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr 
unterdrückt, die Herrschaft der Censur wieder hci'gestellt war, bliejj 
^Jieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um 

la* 



180 V. Traummaterial und Traumqnellen. 

den AViinseh naeli ihrem Tod zq verwirkliclien ; als das Kormale 
sich nocli weiter gestärkt liattej schuf es als hysterische Gegensatz- 
reaction und Abwehrerscheinuug die übermässige Sorge um die 
Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklUrlicli, 
warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich au ihren Müttern 
hitugen. 

Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un- 
bewusste Seelenleben eines jungen Mannes zu tlum. der durch 
Zwangsneurose fast existenzunfühig. nicht auf die Strasse gehen 
konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm 
vorbeigingen, um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke 
für sein Alibi in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines 
der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen iim erhoben werden 
sollte. Ueberüüssig zu bemerken, dass er ein ebenso moralischer ■wie 
fein gebildeter Mensch war. Die ~ übrigens zur Heilung führende 
— Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen Zwangsvor- 
.stellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater auf. 
die sich, als er sieben Jahre alt war, zu seinem Erstaunen bewusst 
geäussert hatten, aber natürlich aus weit früheren Kindesjahren 
stammten. Nach der qualvollen Krankheit und dem Tode des Vaters 
trat im 31. Lebensjahr der Zwangsvorwurf auf. der sich in Form 
jener Phobie auf Fremde übertrug. "Wer im iStaude war, seinen 
eigenen Vater von einem Berggipfel in den Abgrund stossen zu 
wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, dass er auch das Leben ferner 
Stellender nicht schone; der thut darum recht daran, sich in seine 
Zimmer einzuschliessen. 

Nack meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, 
und Verliebtheit gegen den einen, Hass gegen den anderen Theil 
des Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit 
gebildeten und für die Symptomatik der späteren Neurose so be- 
deutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich glaube aber 
nicht, dass die Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal 
verbleihenden Menschenkindern scharf sondern, indem sie absolut 
Keues und ihnen Eigenthümliches zu schaifen vermögen. Es ist bei 
Weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche Beobach- 
tungen an normalen Kindern unterstützt, dass sie auch mit diesen 
verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur 
durch die Vcrgrösserung keuntlich machen, was minder deutlich und 
weniger intensiv in der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das 
Alterthum hat uns zur Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagen- 
stoff überliefert, dessen durcbgreifende und allgemeingiltige Wirk- 
samkeit nur durch eine ähnliche Allgemeiugiltigkeit der besprochenen 
Voraussetzung aus der Kinderpsychologie verständlich wird. 

Ich meine die Sage vom König Oedipus und das gleich- 
namige Drama des Sophokles. Oedipus. der Sohn des La'ios^ 




Die infantile Wurzel der Oedipnssage. JSl 

Königs von Theben, nad der Jokaste wird als Siiugling ausgesetzt, 
weil ein Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene 
Sohn werde sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als 
Künigssohn an einem fremden Hofe auf, bis er seiner Herkunft 
unsicher selbst das Orakel befragt und von ilim den Rath erhalt, 
die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der 
Ehegemahl seiner Mutter werden müsste. Auf dem Wege von seiner 
vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König Laios zusammen 
und erschlägt ihn in rasch entbranntem Streit. Dann kommt er vor 
Theben, wo er die Räthsel der den Weg sperrenden Sphinx 
löst und zum Dank dafür von den Thebancrn zum König gewühlt 
und mit Jokaste's Hand beschenkt wird. Er regiert tan"-c Zeit 
in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten '^Mutter 
zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht welche eine 
neuerliche Befragung des Orakels A-on Seiten der Thebaner ver- 
anlasst. Hier setzt die Tragödie des Sopliokles ein. Die Boten 
bringen den Bescheid, dass die Pest aufhören werde, wenn der 
Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der"? 

„Wo findet sich 
die sehwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?" 

(UeberaetzuQg von Donner, v. IDO.) 

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als 
in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung, 
— der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — dasa Oedipus 
selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten 
und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel er- 
schüttert, blendet sich Oedipus und verlässt die Heimat. Der 
Orakelspruch ist erfüllt. 

König Oedipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre 
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem übermiiclitigen 
Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom Unheil 
bedrohten Menschen beruhen 5 Ergebung in den Willen der Gottheit, 
Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer 
aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne Dichter 
es versucht, eine ähnliehe tragische Wirkung zu erzielen, indem sie 
den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel verwoben. 
Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz alles Sträu- 
bens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelsprueh sich an ihnen 
vollzog; die spateren Schicksalstragüdien sind ohne Wirkung geblieben. 

Wenn der König Oedipus den modernen Menschen nicht 
minder zu erschlittern weiss als den zeitgenössischen Griechen, so kann 
die Lösung wohl nur darin liegen, dass die Wirkung der griechischen 
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen- 
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist 
an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muss eine Stimme 
in unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schick- 



182 V. Traummaterial und Trau »usuellen. 

sals im Oedipus anzuerkeunen bereit ist, wahrend wir Verfüguiigeu 
wie in der „Ahnfrau" oder in anderen Scliieks>alstragüdien als 
willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches iloraent ist in 
der That in der Geschichte des Ivünigs Oedipus enthalten. Sein Schick- 
sal ergreift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden 
können, weil das Orakel vor unserer Gehurt denselben Flueh tiber uns 
verhilngt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die 
erste sexuelle Kegung auf die Mutter, den ersten Hass und gewaltthatigen 
Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen 
uns davon. König Oedipus. der seinen Vater La los erschlagen 
xind seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wuusch- 
erfiillung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem. 
insoferne wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, 
unsere sexuellen Regungen von unseren iliittern abzulüseu, unsere 
Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an 
welcher sich jener urzeitliche Iviudheitswunsch erfüllt hat, schaudern 
wir zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, welche diese 
Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben. Während 
der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des Oedipus an's 
Licht bringt, nüthigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Inneren, 
in dem icne Impulse, weim auch unterdrückt, noch immer vorhanden 
sind. Die Gegenüberstellung, mit der uns der Chor verlässt, 

. . . „sehet; das ist Oedipus, 

der entwirrt die hoben Käthsel und der Erste war an ilacht. 

dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten ; 

Seht, in welches Missgeschiekes grause Wogen er versank!" 
diese Malinung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit 
den Kindesjabren so weise und so luäehtig geworden sind in unserer 
Schätzung. Wie Oedipus leben wir in Unwissenheit der die Moral 
beleidigenden M'ünsche, welche die Natur uns aufgenöthigt hat. und 
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden 
von den Scenen unserer Kindheit. 

Dass die Sage von Oedipus einem uralten Traumstoff ent- 
sprossen ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den 
Eltern durch die ersten Kegungen der Sexualität zum Inhalte hat, 
dafür findet sich im Texte der Sophoklei'schen Tragödie selbst 
ein nicht misszuverstehender Hinweis, .lokaste tröstet den noch nicht 
aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt 
gemachten Oedipus durcli die Erwähnung eines Traumes, den ja 
so viele Menschen träumen, ohne dass er, meint sie, etwas bedeute: 
„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon (V. 995) 
Sicli zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht."^ 

Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso -wrie 
damals auch heute vielen Menschen zu Theil, die ihn empört und ver- 
wundert erzählen. Er ist wie begreifHch der Schlüssel der Tragödie und 



Zur Deutung des „Hamlet". 183 

- das Ergänznngsstück zum Tranm vom Tod des Vaters. Die Oedipus- 
fabel ist die Eenction der Phantasie auf diese "beiden typischen 
Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ablehnun;>s- 
gefühlen erlebt werden, so muss die Sage Selireck und t^elbst- 
bestrafung inihron Inhalt mit aufneluncn. Ihre weitere Gestaltung rillirt 
■wiederum von einer missverstE'indliehftn seeundüren Bearbeitung des 
Stoftes her, welche ihn einer theologisirenden Absieht dienstbar zu 
macheu sucht. (Vergleiche denTraumstoÖ'von derEshibition Seite H.)8.) 
Der Versuch die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verantwort- 
lichkeit zu vereinigen, muss natiüiicJi an diesem Material wie an 
jedem anderen misslingen.'^') . . 

*) Auf demselben Boduii wie „KöJiij,^ Oiädipiis" wnrzelt eine andere der "rossen 
tragischen rJiehftrse]iripfung:en, der IJümlft Sli akes]>e!ir«'s. Abor in der ver- 
änderten Behandhiiig des uiimlichen Stolpes oti'cnbait sich der ganze Unterschied im 
Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Calturperiodcn, das süecularu 
Fortschreiten der Ycrdrilngiing im Geniiithsleben der Menscblieit. Im Oedipus 
wird die zu Grunde liegende Wunsciipbantasie dea Kindes wie im Traum an's Licht 
gezogen und realisirt; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer 
Exietenz — dem Sachverb:Ut bei einer Neurose ilbnüch — nur durch die von ihr 
auFg'ehenden Hemmung-swirkungen, Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren 
Dramas hat es sieb eigentbümlieber Weise als vereinbar gezeigt, dass man über den 
Charakter des Heldeji in voller Unklarbeit verbb^jben kiiniie, Das Stück ist auf die 
Zügerung Hamlet's gebaut, die ibni zugethcilte Aufgabe der Jiach« zu erfüllen; 
welches die Gründe oder Motive dieser Zügerung sind, gesteht der Text nicht ein; 
die vielfältigsten Deutungsversucbe baben es nicht anzugeben vernioeht. Kaoh der 
heute noeh herrschenden, dureb Goctbo begründeten Auffassung stellt Hamlet den 
Typus des Menscheu dar, dessen fri.sclie Tiiatkraft durch dio über w neben ide Eiit- 
wickelting der Gedankentbiltigkeit gelübmt wird („A'tm des Gedankens BlüsHe 
angekränkelt")! Nach Anderen hat der Dichter einen krankhaften, nnentscblossenen, 
in das Bereich der Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein 
die Fabel des Stückes lehrt, dasn Hamlet uns keineswegs abs eine Person erscheinen 
BoU, die des Handelns überhaupt iinfilhig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf- 
treten, das eine Mal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher 
hinter der Tapete niederstüsst, ein anderes Mal plaumässig, Ja selbst arglistig, iudem er 
niit der vollen Unbedenklichkeit des Eenaissance-Priui'.eu die zwei Höflinge in den 
ihm selbst zugedachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der lirt'illlung der 
Aufgabe, die der Geist seines Vaters ilini gestellt bat ? Hier bietet sich wieder die Auskunft, 
dasa es die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die 
Kache an dcni Mana vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter 
desHen Stelle eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die Koalisiriing seiner ver- 
drängten Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Hache drangen soUto» 
ersetzt sich so bei ihm durch Selb.ft vor würfe, durch Gewisscnsserupcl, die ihm vor- 
halten, dass er, wörtlich verstanden, seihst nicht bosser .sei ala der von ihm zu. 
strafende Sünder. Ich habe dabei in's Bewusste übersetzt, wa.s in der Seele des 
Helden unbewusst bleiben muss ; wenn Jemand H a m 1 et eiiu'ii Hysteriker nennen will, 
kann ich es nur als Folgerung aus meiner Deuinng anerkennen. Die Sexualabiieigung 
stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Ges]>riSeh mit Ophelia Uiissert, die 
näuiliihe Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den nilchsteu Jahren 
immor mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren Gipfeläusserurgen im Timon von 
Athen, Es kann natürlich nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein 
das uns im Hamlet entgegentritt; ich enliicbmi! dem Werk von Georg Brandes 
Über Shakespeare (iBÜGj die Notiz, dass das Drama unmittelbar nach dem Tod von 
Shakespeare's Vater (1601), also in der frischen 'Iriiuer um ihn, in der Wiedcrbelebnu" 
dürfen wir annehmen, der auf den Vater bezüglichen Kindbeitseni|)lindungen "-edichtet 



184 V. Traummaterial und Traumquellen. 

Ich kann die typischen Triiume vom Tode theurer Verwandten 
nicht verlassen, ohne dass ich deren Bedeutung für die Theorie des 
Ti'aumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume 
zeig-en uns den recht ungewühnliehen Fall verwirklieht, dass der 
durch den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Censur 
entgeht und unverimdert in den 'iraum übertritt. Es müssen be- 
sondere Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermüglichcn. Ich 
finde die Begünstigung für diese Traume in folgenden zwei Jlomenten : 
Erstens gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben; 
wir meinen, das zu wüuschen könnte „uns auch im Traume nicht 
einfallen", und darum ist die Traumcensur gegen dieses Ungeheuer- 
liche nicht gerüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung Solon's 
keine Strafe für den Vatermord aufzustellen wusstc. Zweitens aber 
kommt dem verdrängten und nicht geahnten Wunsch gerade hier 
besonders häufig ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um 
das Leben der theuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders 
in den Traum eintragen, als indem sie sieb des gleichlautenden 
Wunsches bedient; der Wunsch aber kann sich mit der am Tage 
rege gewordenen Sorge maskiren. Wenn man meint, dass dies alles 
einfacher zugeht, dass man eben bei Nacht und im Traum nur fort- 
setzt, was man bei Tag angesponnen hat, so lässt man die Träume 
vom Tode theurer Personen eben ausser allem Zusammenhang mit der 
Traumcrklärung und hält ein sehr wohl reducix'bares Räthsel über- 
flüssiger V/eise fest. 

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den 
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode theurer 
Personen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem 
er sich der Censur — und der durch sie bedingten Entstellung — 
entfliehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, dass 
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso 
kommt der Angsttraum nur zu Stande, wenn die Censur ganz oder 
theilweise überwältigt wird, und andererseits erleichtert es die Ueber- 
wältigung- der Censur, wenn Angst als actuelle Sensation aus somatischen 
Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher 
Tendenz die Censur ihi-es Amtes waltet, die Tr aum entstell ung ausübt; 
es geschieht, um die Entwickelung von Angst oder anderen 
Formen peinlichen Affectes zu verhüten. 



worden ist. Bekannt ist aucb, dass Sliakespeare's friili verstorbener Sohn den Nameo 
Hamuot (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis des Sohnes zu 
den Elt«rn behandelt, so ruht der in der Zeit nahe stehende, Macbeth auf dem Thema 
der Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, 
der Ueberdeutung fühig- ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, sn 
wird auch jede echte dichterische Sch.'ipfung aus mehr als aus einem Motiv und 
einer Anregung' in der Seele des Dichters hert'orf^eg.ingen sein und mehr als eine 
Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der tietsteu Schiebt von lleguugtu 
in der Seele de.s schaffiMid^n Dichters versucht. 




Der Egoismus der Träume. 185 

Icli habe im Vorstehenden von dem Egoismus der Kiuderseele 
gfesprochen und knüpfe nun daran mit der Absieht, hier einen 
Zusammenhang ahnen zu lassen, dass die Trflume auch diesen 
Charakter bewahrt haben. Sie sind sümmtlleh absolut egoistisch, 
in allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die 
Wünsche, die in ihnen 'erfüllt werden, sind regelniUssig Wünsche 
dieses Ich's; es ist nur ein tliuschender Anschein, wenn je das 
Interesse für einen Anderen einen Traum hervorgerufen haben sollte. 
Ich will einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen, 
der Analyse unterziehen, 

I. Einnochnicht vierjähriger Knabe erzilhlt: Er hat eine grosse 
garnirte Schüssel gesehen, worauf ein grosses Stück 
Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal 
ganz — nicht zerschnitten — aufgegessen. Die Person, 
die es gegessen hat, hat er nicht gesehen.'") 

Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Eleisch- 
mahlzeit unser Kleiner träumt"? Die Erlebnisse des Traumtages 
müssen uns darüber aufklären. Der Knabe bekömmt seit einigen 
Tagen nach ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traum- 
tages war er aber unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abend- 
mahlzeit entzogen. Er hat schon früher einmal eine solche Hungercur 
jdurcbgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen. Er wusste, 
dass er nichts bekommen wird, getraute sieh aber auch nicht, mit 
einem Worte anzudeuten, dass er Hunger hat. Die Erziehung 
fängt an, bei ihm zu wirken; sie äussert sich ])ereits im Traum, der 
einen Anfang von Traumentstellung zeigt. Es ist kein Zweifel, dass 
er selbst die Person ist, deren Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, 
tmd zwar eine Braten mahl zeit, zielen. Da er aber weiss, dass diese 
ihm verboten ist, wagt er es nicht, wie die hungerigen Kinder es 
im Traum thun (vgl. den Erdbeertraum meiner kleinen Anna, Seite 91), 
eich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die Person bleibt anonym. 

II. Ich träume einmal, dass ich in der Auslage einer Buchhandlung 
ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die ich 
sonst zu kaufen pflege (KUnstlermonographien, Monographien zur 
Weltgeschichte, Berühmte Kunststätten u. s, w). Die neue Samm- 
lung nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) unddas 
HeftI derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinUch, dass mich der 
Ruhm Dr. Lecher's, des Dauerredners der deutschen Obstruction 



*) Auch das Grosse, Ucberreiclie, UebermR8ai{>:o und Uebertriebene der TrUumo 
) ein Kiiidheitseharakter aein. Das Kind könnt keinen sebnlicheren Wunsch 



könnte 

als cTOSfi zu -werden, von Allöm so viel zu bekommen wie dicUrosseu; es ist schwer 
zu befriedigen, kennt kein Genug, vorlanpt unersättlich nach "Wiederholung dessen, 
was ihm g'cfiiUen oder geschmeckt hat, Masu halten, sich beseheidcn, resigiiiren 
lernt es erst durch die Cultur der Eraieliung. Bekanntlich neigt auch der Nourotikcr 
zur 3IaBslofligkoit und UnmiLssigkeit. 



186 V. Traummaterial und TrauiiK^uelleii. 

im Parlamente, während meiner Träume beschäftige. Der Sacli- 
verlialt ist der. dass ich vor einigen Tagen neue Patienten zur 
psychischen Cur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden. 
täglich zu spre.chen genüthigt bin. Ich bin also selbst so ein 
Dauerredner. .- .■ 

III. Ich träume ein andermal, dass ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Bann folgt eiu 
Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber 
dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Sühne vor- 
kommen, und für den latenten Traumiuhalt sind Vater und Sohn 
Professor M. nur Strohmänner, die mich und meinen Aeltesten 
decken. Ich werde diesen Traum -wegen einer anderen Eigenthüm- 
liehkeit noch weiter unten behandeln. 

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die 
sich hinter zärtlicher iforge verbergen, gibt folgender Traum. 

Mein Freund Utto schaut schlecht aus, ist braun 
im Gesicht und hat vortretende Augen. 

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos 
verbleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder über- 
wacht, sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie über- 
dies zu allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, 
beschenkt. Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte 
meine Frau, dass er müde und abgespannt aussehe. Nachts kömmt 
mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen der Basedo w'sehen 
Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von meinen Regeln 
freimacht, der wird diesen Traum so verstehen, dass ich um die- 
Gesundheit meines Freundes besorgt bin. und dass diese Besoronis- 
sich im Traum realisirt. Es wäre ein "Widerspruch nicht nur ge^en 
die Behauptung, dass der Traum eine Wunsch er füllung ist. sondern 
auch gegen die andere, dass er nur egoistischen Regungen zugänglich 
ist. Aber wer so deutet, möge mir erklaren, warum ich bei Otto die- 
Basedow'sche Krankheit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aus- 
sehen auch nicht den leisesten Anlass gibt? Meine Analyse liefert 
hingegen folgendes Material aus einer Begebenheit, die sich 'vor sechs 
Jahren zugetragen hat. Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der 
sich auch Professor R. befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wiüd 
von N., einige Stunden weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt. 
Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen 
Abhang herunter, und es war noch glücklich, dass wir alle heil da- 
von kamen. Wir waren aber genöthigt, im nächsten Wirthshaustv 
zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall grosse Sympathie 
für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren Zeichen des 
Morbus Bascdowii an sich trug — übrigens nur Bräunung der 
Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie im Traum, kein 
Struma — stellte sich ganz zu unserer Verfügung und fragte, was er 
für uns thun könne, Professor R. in seiner bestimmten Art 




Andere typische Träume. 187 

ant-wortete : Nichts aDcleres, als dass Sie mir ein Kachthemd leilien. 
Darauf der Edle : Das thut mir leid, das kann ich nicht, und ging 
von dannen. 

Zur Fortsetzung- der Analyse fitllt mir ein, dass Basedow 
nicht nur der Käme eines Arztes ist, sondern aueh der eines 
ijerühmten Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses 
^Vissens nicht recht sicher). Freund Otto ist aber diejenige Person, 
die ich gebeten habe, für den Fall, dass mir etwas zustüsst, die 
körperliehe Erziehung meiner Kindei', speciell in der Pubertiltszeit 
(daher das Nachthemd) zu überwachen. Indem ich nun Freund 
Otto im Traum mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers 
sehe, will ich oflenbar sagen: Wenn mir etwas zustüsst, wird von 
ihm ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals 
von Herrn Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. Der 
eo-oistisehe Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein. 

Wo steckt aber hier die AVunscherfuUung "? Nicht in der Rache 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender 
Beziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traum darstelle, habe ich 
«■leichzeitig meine eigene Person mit einer anderen idcntiiieirt, niimlich 
mit der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto, wie 
in jener Begebenheit E. vom Baron L. gefordert hat. Und daran 
liegt es. Professor R., dem ich mich sonst wirklich nicht zu ver- 
gleichen wage, hat ahnhch wie ich seinen Weg ausserhalb der 
.Schule selbstständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem 
längst verdienten Titel gelangt. Ich wdl also wieder einmal Professor 
werden! Ja selbst das „in späten Jahren" ist eine Wunscherfüllung, 
denn es besagt, dass ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst 
durch die Pubertät zu geleiten. 



Von anderen typischen Träumen, in denen man mit Behagen 
fliegt oder mit Angstgefühlen fällt, weiss ich nichts aus eigener Er- 
fahrung, und verdanke Alles, was ich über sie zu sagen habe, den 
Psychoanalysen. Aus den Auskünften, die man dort erhält, muss 
man schliessen, dass auch diese Träume Eindrücke der Kmderzeit 
wiederholen, niimhch sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die für 
das Kind eine so ausserordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel 
hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme aus- 
streckend durch's Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit dim ge- 
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein i)lotzlich 
streckte, oder es hoch hob und plützlich that, als ob er ihm die 
Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und ver- 
langen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas 
Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann scbulVen sie sich nach 
Jahren die Wiederholung im Traum, lassen aber im Traum die 



388 V. 'IVaiimmaterial und Traumquellen, 

Hände weg, die sie g-ehaltcn haben, so das?s sie nun frei schweben 
und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie 
für Sehaukelii und Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische 
Kunststücke im Circus sehen, wird die Erinnerung: von Neuem auf- 
gefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann der hysterische Anfall 
nur ans Reproductioiien solcher Kunststücke, die sie mit grosser Ge- 
schicklichkeit ausführen. Nicht selten sind bei diesen an sich harni- 
lusen Bewegungsspielen auch sexuelle Em])findungeu wach gerufen 
worden.*') Um es mit einem bei uns gebräuchlichen, alF diese Ver- 
anstaltungen deckenden Worte zu sagen : es ist das „ Hetzen '~ in 
der Kindheit, welches die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln 
u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehn 
sind. Wie aber jede Mutter weiss, ist auch das Hetzen der Kinder 
in der WirkHchkeit häufig genug in Zwist und Weinen ausge- 
gangen. 

Ich liabe also guten Grund die Erklärung- abzulehnen, dass der 
^Instand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen 
von der Bewegung unserer Lungen n. dgl. die Träume vom Fhegen 
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, dass diese Sensationen selbst aus 
der Erinnerung rcproducirt sind, auf welche der Traum sich bezieht, 
dass sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen. 

Jeder der mit der Maturitätsprüfung seine Gyranasialstudien 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der 
Angsttraum, dass er durchgefallen sei, die Classe wiederholen müsse 
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Graden er- 
setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor- 
hält, dass er beim Rigorosum nicht bestanden habe, und gegen den 
er vergeblich noch im Schlaf einwendet, dass er ja schon seit Jahren 
prakticire. Privatdoeent sei oder Kanzlei leiter. Es sind die unaus- 
üschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kindheit 
für verübte b'nthaten erlitten haben, die sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa" der 
strengen Prüfungen in unserem Innern wieder geregt haben. Auch die 
„Prüfungsangst" der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre 
Verstärkung. NacJidem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind 
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die 
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Causalver- 
kettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, und 

*) EiQ juDg-er, von Nervosität viillig freier College theilt mir hiezu mit: „Ich 
weisH aus eigener Erfahraug, dass ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem 
Mümeiit, wo die Abwilrtsbewegang die grijsste Wacht hat, ein elgenthimiliches Gefühl 
in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich niebt angimehm war 
doch als Liistgofübl bezeichnen muss." — Von Patienten hiibe ich oftmaU gehört! 
dass die ersten Erectionen mit Lustgefühl, die sie erimiern, in der Knabenzeit beim 
Klettern iiufgetreten sind. — Aus den Psychoanalysen ei^ibt sich mit aller Sicherheit 
diias bälafig die ersten sexuellen Kegongen in den Rauf- und Ringspielen der Kinder- 
iahrc wurzeln. 



i: 



Andere typische Ti-imme. ISü 

nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum. — und 
■wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir er- 
warten, dass der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht 
recht gemacht, niclit ordentlich zu Stande gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen. 

Ich verhehle mir aber keineswegs, dass ich für diese Reihe von 
t\'pisciien Träumen eine volle Anfklürung nicht erbringen kann. 
fiein Material hat mich gerade hiebci im Stiche gelassen. Den all- 
o-emeinen Gesichtsjnxnkt, dass alle die Haut- und Bewegmigssensationen 
dieser typisclien Träume wachgerufen werden, sobald irgend ein 
psTchisciies Motiv ilircr bedarf, und dass sie vernachlässigt werden 
künnen. wenn ihnen ein solches Bedürfnis nicht entgegenkommt, 
muss ich festhalten. Auch die Beziehung zu den infantilen Erleb- 
nissen scheint mir aus den Andeutungen, die ich in der Analyse der 
Psych oneurotiker erhalten habe, sicher hervorzugehen. Aber welche 
anderen Bedeutungen sich im Laufe des Lebens an die Erinnerung- 
jener Sensationen geknüpft haben mögen, — vielleicht bei jeder 
Person andere trotz der typischen Erscheinung dieser Trüume — weiss 
ich nicht anzugeben, und möchte gerne in die Lage kommen, diese 
Lücke durch sorgfältige Analyse von guten Beispielen auszufüllen. 
Wer sich darüber verwundert, dass ich trotz der Häufigkeit gerade 
der Träume vom Fhogeu, Fallen, Zahnauszieheu n. dgl. mich über 
Mangel an Material beklage, dein bin ich die Aufklärung schuldig, 
dass ich an mir selbst solche Träume niclit erfahren habe, seitdem 
ich dem Thema der Traumdeutung Aufmerksamkeit schenke. Die 
Träume der Keurotiker, die mir sonst zu Gebote stehen, sind aber 
nicht alle und oft nicht bis an das Ende ihrer verborgenen Absieht 
deutbar; eine gewisse psychische Macht, die heim Aufbau der Neu- 
rose betheiligt war und bei deren Auflösung Avieder zur AVirk- 
samkeit gebracht wird, stellt sich der Deutung bis zum letzten 
Rüthsel entgegen. 



£■■ 



VL . 

Die Traiimarbeit. 

Alle anderen bisherig-en Versuche, die Traumprobleme zu er- 
ledigen, knüpften direct an den in der Erinnerung geg-ebenen mani- 
festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum- 
deutung zu gewinnen^ oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, 
ihr Urtlieil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt 
zu begründen. Nur wir allein stellen eiueni anderen Sachverhalt 
gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die 
Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Staterial ein : 
der dui'ch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder 
die Traunigedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten 
TraUminhalt entwickelten T\'ir die Lösung des Traumes. An uns tritt 
darum auch als neu eine Aufgabe beran, die es vordem nicht ge- 
geben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauni- 
inhaltes zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nach- 
zuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere 
geworden ist. 

Traumgedanken und Traurainhalt liegen vor uns -wie zwei Dar- 
stellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder 
besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Uebertraguno- 
der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen 
und Fügungsgesetze wir durch die Verglcichung von Original und 
Uebersetzung kennen lernen sollen. Die Traunigedanken sind uns 
olme weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der 
Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen 
einzeln in die Sprache der Traunigedanken zu übertragen sind. 
Man Avürdc offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen 
nach ihrem Bilderwerth anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen 
wollte. Ich habe etwa ein Bilderräthsel (Rebus) vor mir; ein Haus, 
auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe 
dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostropbirt ist u. d"I, 
Ich könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und 
deren Bestandtheile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht 
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht 



I 



Die Vei'dichtnngsarbeit der Traumbildung, 191 

laufen ; aiieli ist die Person f^rüssex" als das Haus, und wenn das 
Ganze eine Landschaft darstellen soll, so füg'en sich die einzelnen 
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die 
richtige Beurtheilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn 
ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe 
oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung 
durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammen- 
finden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schünsten und 
sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrüthsel ist 
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gehiete der Traum- 
deutung haben den Fehler begangen, den Kebus als zeichnerisehe 
Composition zu heurtheileu. Als solche erschien er ihnen unsinnig 
und werthlos. 

a) Die Verd iehtungsar beit. 

Das Krste, was dem TJntcrsncher bei der Vergleichung von 
Traurainhalt und Traumgedanken klar wird, ist, dass hier eine gross- 
artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist 
knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur 
Ileichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt nieder- 
geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgcdanken 
enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwülftachc an Öchriftraum. 
Die Relation ist für verschiedene Traume wechselnd; sie ändert, 
soweit ich es controlireu konnte, niemals ihren Öinn. In der Regel 
unterschätzt man das Mass der statthabenden Compression. indem man 
die an's Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material 
hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traum ver- 
steckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anfüln-en 
müssen, dass man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum voll- 
ständig gedeutet zu haben ; selbst wenn die Auflüsung befriedigend 
und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglichj dass sich noch 
ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die V e r- 
dichtungsquote ist also — streng genommen — unbestimmbar. 
Man könnte gegen die Behauptung, dass aus dem Missverhititnis 
zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluss zu ziehen 
sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materiales 
bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für 
den ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft 
die Empfindung, dass wir sehr viel die ganze Nacht hindurch 
geträumt und dann das Meiste wieder vergessen haben. Der Traum, 
den wir beim Erwachen erinnern, iväre dann blos ein Rest der 
gesammten Traumarbeit, welche wohl den Traumgcdanken au Umfang 
gleichkäme, wenn wir sie eben volhständig erinnern konnten. Daran 
ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der Beobach- 
tung täuschen, dass ein Traum am getreuesten reproducirt wird, 



192 VI. Die Tiaumarbeit. 

wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und 
dass seine Erinnerung' gegen den Abend hin immer mehr und mehr 
Uickenhaft wird. Zum andern Theil aber lässt sich erkennen, dass 
die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man repro- 
ducireu kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung 
späterhin erläutert werden soll. Die Annahme einer Verdichlunc 
in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Trauni^ 
vergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmasseu 
erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des 
Traumes gehören. Ist thatsächlich ein grosses Stück des Traumes 
für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der 
Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist 
eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, dass die unter- 
gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken 
bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten geblie- 
benen kennen. 

Angesichts der überreichen Menge von Einfüllen, -welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt. 
wird sich bei manchem Leser der principielle Zweifel regen, ob man 
denn all das, was Einem bei der Analyse nachträglich einfällt zu 
den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese 
Gedanken seien schon während des Schlafzustandes thatig gewesen 
und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr 
während des Analysirens neue Gedankenverbindungen entstehen, die 
an der Traumbildung unbetheiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur 
bedingt beitreten. Dass einzelne Gedankenverbindungen erst während 
der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich 
jedesmal überzeugen, dass solche neue Verbindungen sich nur zwischen 
Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer 
Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam 
Nebenschliessungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand 
anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Ueberzabl 
der bei der Analyse aufgedeckten Gedankenniassen muss man zu- 
gestehen, dass sie schon bei der Traumbildung thätig gewiesen sind, 
denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die ausser 
Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat. 
stösst man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhah 
vertreten, iür die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht 
anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche 
hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als 
das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint, 
■wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgetheilt habe. 

Wie Süll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle 
die Trauragedanken neben einander, oder werden sie nach einander 
durchlaufen, oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von 



l'berdctermmirung- der Tiaumelemeute. 193 

verschiedenen Centren ans gebildet, die dann zusammcntreften ? Ich 
meine, es Hegt noch keine Nöthigung vor, sich von dem psychischen 
Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu scbaifen. 
Vergessen wir nur nicht, dass es sich um unbewusstes Denken 
handelt, und dass der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der, 
welchen wir beim absichtlichen, von Bewusstsein begleiteten, Nach- 
denken in uns wahrnehmen. 

Die Thatsache aber, dass die Traumbildung auf einer Verdich- 
tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdicli- 
tung nun zu Stande? 

Wenn man erwJigt, dass von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traum 
vertreten sind, so sollte man sehliessen, die Verdichtung geschehe 
auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine 
getreuliehe Uebersetzung oder eine Projection Punkt für Punkt der 
Traumgedanken, sondern eine hüehst unvollständige und lückenhafte 
Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden 
werden, eine sehr mangelhafte. Doch fussen wir zunächst auf ihr 
und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traum - 
gedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bcdiiigungen be- 
fitimraen die Auswahl derselben? 

Um hierüber Äufsehluss zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes xa, welche die 
gesuchten Bedingungen ja erfüllt , haben müssen. Ein Traum, zu 
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird 
für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den 
auf Seite 114 mitgcthcilten Traum von der botanischen Monographie. 

T r a u m i n h a 1 1 : loh habe eine 51 o n o g r a p h i e über 
eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben. 
Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine ein- 
geschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein 
"■etrocknetes Specimeu der Pflanze beigebunden. 

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; 
in einem Schaufenster einer Buchhandlung liatte ich thatsächlich eine 
Monographie über die Gattung „Oyclamen" gesehen. Die 
Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die 
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die 
„botanische Monographie" erweist sofort ihre Beziehung zu der 
Arbeit über Cocain, die ich einmal geschrieben habe; vom Cocain 
aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu 
gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, andererseits zu 
meinem Freund, dem Augenarzt Dr. Künigstein, der an der Ver- 
werthung des Cocains seinen Antbcil gehabt hat. An die Person des Dr. K. 
knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das 
ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über 

Freud, Tr&aindcntuDf^. 13 



194 "V"!. Diu Traumarbeit. 

f]fe Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Collegen. Dieses Gespräch 
ist nun der eigentliche actuelle Traumerreger; die Monographie über 
Oyclamen ist gleichfalls eine Äctualität, aber indifferenter I^atur ; wie 
ich sehe, erweist sieb die „botanische Monographie" des Traumes 
als ein mittleres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des 
Tages, von dem indiiferenten Eindruck unverändert übernommen, mit 

'^ dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Ässoeiations- 

» • Verbindungen verknüpft. 

Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung ^botanische 
Monographie", sondern auchjedes ihrer Elemente „botanisch*- und 
„Monographie" gesondert geht durch mehrfache Verbindungen tiefer 
und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „botanisch" 
gehören die Erinnerungen an die Person des Professors Gärtner, an 
seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora hcisst, und an 
die Dame, von der ich die Geschichte mit den vergessenen Blumen 
erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das Laboratorium und 
auf das Gespräch mit Königs t ein; in dasselbe Gespräch gehört 
die l^a-wähnung der beiden Patientinnen. Von der Frau mit den 

I Blumen zweigt ein Gedanken weg zu den Licblingsblumen meiner 

Frau ab. dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig gesehenen 
Monographie liegt. Ausserdem erinnert „botanisch" an eine Gymna- 
sialepisode und an ein Examen der Universitätszeit, imd ein neues 

I in j enem Gespräch angeschlagenes Thema, das meiner Liebhabereien. 

I knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so genannten 

I Lieblingsblume, der Artischocke an die von den vergessenen 

^ Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Artischocke" steckt 

die Erinnerung an Italien einerseits und an eine Kinderseene anderer- 
seits, in der ich meine seither intim gewordenen Beziehungen zu 
Büchern erüfifnet habe. „Botanisch" ist also ein wahrer Knotenpunkt, 

f in welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammen- 

treffen, die, wie ich versichern kann, in jenem Gespräch mit Fu*^ 

' und Recht in Zusammenhang gebracht worden sind. Man befindest 

sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der wie im Weber- 
Meisterstück. 

„Ein Tritt tausend Fäden regt. 
Die Schiü'lein herüber, hinüber schiessen. 
Die Fäden ungesehen fliessen, 
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt". 
„Monographie" im Traum rührt wiederum an zwei Themata, 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner 
Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung^holt man sich den Eindruck 
dass die Elemente „botanisch" und „Monographie" darum in den 
Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten 
Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können 
also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum- 



J 



„Eiii schöner Traum." 195 



gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug- auf die Traumdeutung- 
vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklürung- zu Grunde 
liegende Thatsacho auch anders aussprechen und dann sagen : Jedes 
der Elemente des Ti'auminhaltes erweist sich als ü b e v d e t c r m i u i r t. 
als mehrfach in den Trauiugedanken vertreten. 

Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestaudtheik> des 




und auf ein bereits im Traum vertretenes, meine Liebhabereien, 
ausserdem auf die Kindererinnorungj in der icli ein Buch mit farbigen 
Tafeln' zerpflücke; das getrocknete Exemplar der l^thanze rührt an 
das Gymnasialcrlebnis vom Herbarium und ht^bt diese Erinnerung 
besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung- zwischen 
Traiiminhalt und 'J'raumgedankcn ist: Nicht nur die Elemente des 
Traumes sind durch die Tramngednnken mehrfach determinirt, 
sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traum durch 
mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt 
der Associationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traum- 
gedanken zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung eriolgt 
also nicht so, dass der einzelne Traumgedankc oder eine (Jruppe 
von solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann 
der nächste Traumgedanke eine nUchste Abkürzung als Vertretung, 
etwa wie aus einer Bevülkeruug Volksvertreter gewUhlt werden, 
sondern die ganze Masse der Traumgedankeu unterhegt einer ge- 
wissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bostunterstützten 
Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben, 
etwa der Wahl durch Listenscrutinium analog. Welchen Traum 
immer ich einer ühnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets 
die nämlichen Grundsätze best^^tigt, dass die Traumelemente aus der 
ganzen Masse der Traumgedankeu gebildet werden, und dass jedes 
von ihnen in Bezug auf die Traumgedankeu mehrfach determinirt 
erscheint. 

Es ist gewiss nicht überflüssig, diese Eelation von Trauminhalt 
und Traumgedankeu an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sich durch besonders kunstvolle Vcrschlingung der wechselseitigen 
Beziehungen auszeichnet. Der Traum ridirt von einem Patienten her. 
den ich wegen Angst in geschlossenen Käumen behandle. Es wird 
sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlasst finde, diese aus- 
nehmend geistreiche Trnumleistung in folgender Weise zu über- 
schreiben : 

II. „Ein schöner Traum." 

Er führt mit grosser Gesellschaft in die Xstrasse. 
in der sieh ein bescheidenes Einkehr wirthsh aus be- 
findet (was nicht richtig ist). In den Käumon desselben 

13* 



19G VI. Die Traumarbeit. 

wird T heater gespielt; v. r ist bald Publicum, bald 
Schauspieler. Am Ende lieisst es. man müsse sich um- 
ziehen, um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Theil 
des Personals wird in die Parterrerilume verwiesen. 
ein anderer in die des ersten Stockes. Dann entsteht 
ein Streit. Die oben Hrgern sich, dass die unten nocli 
nicht fertig sind, so dass sie nicht herunter künnen. 
Sein Bruder ist oben, er unten, und er ärgert sich über 
den Bruder, dass man so gedrängt wird. (Diese Partie un- 
klar.) Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt 
und eingctheiltj wer oben und wer unten sein soll. 
]) ann geht er ü 11 ein über die Anh r»he, welche die X Strasse 
gegen die Stadt hin macht, und geht so schwer, so müh- 
selig, dass er nicht von der Stelle kommt. Ein jilterer 
Herr gesellt sich zu ihm und schimpft über den Könio- 
von Italien. A ni Ende de r Anhöhe geht er d a n n v i e 1 
leichter. 

Die EesL'hwerden beim Steigen waren so deutlich, dass er nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, üb es Traum oder "Wirklich- 
keit war. 

Dem munifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum 
loben künnen. Die Deutung wül ich regelwidrig mit jenem Stück 
beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde. 

Die getriiumtc und walu'scheinlich im Traum verspürte Be- 
schwerde, das mlihselige Steigen unter Dvs]moe, ist eines der Symp- 
tome, die der l:'atient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde 
damals im Verein mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrschein- 
lich hysterisch vorgetäuschte) Tuberculose bezogen. Wir kenneu 
bereits diese dem Traum eigenthümliche Sensation dcr_Gehhemmunf 
aus den Exhibitionsträumen und finden hier wieder, dass sie als ein 
allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend welcher 
anderen Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes. 
welches beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war. und am 
Ende der Anhrihe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des 
Traumes an die bekannte meisterhafte Introduction der „Sappho" von 
A. Daudet. Dort trägt ein jmiger Mann die Geliebte die Treppen 
hinauf, anfänglich wie federleicht; aber je weiter er steigt, desto 
scliAverer lastet sie auf seinen Armen, und diese Scene ist vorbildlich 
für den Verlauf des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet 
die Jugend mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen 
von niedriger Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu ver- 
schwenden. Obwolil ich wusste, dass mein Patient vor Kurzem ein 
Liebesverhältnis mit einer Dame vom Theater unterhalten und ge- 
löst hatte, erwartete ich doch nicht, meinen Deutungseinfall be- 
rechtigt zu finden. Auch war es ja in der Sappho umgekehrt wie 
im Traum ; in letzterem war das Steigen anfänglich, schwer uud 



.Die Aniilysü des ;,ächüinui" Ti'iUimt;«. 197 

späterhin leicht; im Roman diente es der Sj-mbolik nur, -wenn das, 
was zuerst leicht genommen wurde, sich am Ende als eine schwere 
Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte der Patient, die 
Deutung stimme sehi- wohl zum Inhalt des Stückes, das er am 
Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hiess : „Rund um 
Wien" und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, das zuerst 
anstandig, dann zur Demimondc übergeht, Verhaltnisse mit hoch- 
stehenden Personen anknüpft, dadurch ,,in die Höhe kommt", end- 
lich aber immer mehr .,herunter kommt". Das Stück hatte ihn 
auch an ein anderes vor Jahren gespieltes erinnert, welches den 
Titel trug; „Von Stufe zu Stufe", und auf dessen Ankündigung 
eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu sehen war. 

Nun die weitere Deutung. In der Xstrassc hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hilltnis unterhalten. Ein Wirthshaus gibt es in dieser Strasse nicht. 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Theil des Sommers in AVien 
verbrachte, war er in einem kleinen Hotel in der Kähe abgestiegen. 
Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher; Ich bin froh, 
dass ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe: (Üobrigcns 
auch, eine seiner Pliobion.) Der Kutscher darauf: Wie kann man 
aber da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein 
E i n k e h r w i r t h s h a u s. 

An das Einkehj-wirthshaus knüpft sich ihm sofort die Erinne- 
rung eines Citates ; 

„Bei einem Wirthe wundermild, 
Da war ich jüngst zu Gaste." 

Der Wirth im Uhland'sehen Gedicht ist aber ein Apfel- 
baum. ^ 

Nun setzt ein zweites Citat die Godankeukctte fort: 

Faust (mit der Jungen tanzend). 

Einst hatt' ich einen schönen Traum; 
Da sah ich einen Apfelbaum, 
Zwei schön(s Aepfel glüuzten dran. 
Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schöne. 

Der Acpfelchcn begehrt ihr sehr. 
Und schon ^-om Paradiese her. 
Von Freuden fühl' ich mich bewegt, 
Dass auch mein Garten solche trügt. 

Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem 
Apfelbaum und den Aepfelchen gemeint ist. Ein sehöniT Busen «/ 
stand auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schau.spielci'iu 
meinen 'J'rjLumer gefesselt hatte. 



i*^ 



\ 



198 VI. Die TiauniHi-boit. 

Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund 
anzunehmen, dass der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit 
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so musste er sich auf die Amme des 
jetzt bald fünfzigjiihrigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der 
Busen der Amme thatsächlich das Ein kein- wirthsh aus. Die Amme 
sowohl als die Sapp lio Dau det's erseheinen als Anspielung auf die 
vor Kurzem verlassene Geliebte. 

Im Trauminhalt erseheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
Umkchrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat. 
wie mir bekannt ist, seine sociale Position verloren, mein Patient 
sie erhalten. Der Trilumer vermied bei der ßeproduction des Traum- 
inhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre" gewesen. 
Es wiire eine zu deutliche Aensserung geworden, denn man sao-t 
hei nns von einer Person, sie ist „parterre", wenn sie Vermöo-en 
und Stellung eingebüsst hat, also in ahnlicher Uebertragung. wie 
man „heruntergekommen" gebraucht. Es muss nun einen 
Sinn ha])en, dass an dieser Stelle im Traum etwas umgekehrt 
dargestellt ist. Die Unikehvung muss auch für eine andere Beziehana- 
zwischen Traumgedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der 
Hinweis darauf vor, wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offen- 
bar am Ende des Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum 
umgekehrt verhält wie in der Sappho. Dann ergibt sich leicht 
welche Umkehrung gemeint ia\: In der Sappho trägt der Mann das 
zu ihm in sexuellen Beziehungen stehende Weib; in den Traum- 
gedanken handelt es sieh also umgekehrt um ein Weib, das den 
Mann trägt, und da dieser Fall sich nur in der Kindheit erei*Tien 
kann, bezieht er sich wieder auf die Amme, die schwer an*äem 
Säugling trägt. Der Schluss des Traumes trirt't es also, die Sappho 
und die Amme in der nämlichen Andeutung darzustellen. 

Wie der Xame Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung axif 
eine lesbisehe Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke'^ des 
Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind. 
auf Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und 
als unterdrückte Gelüste nicht aus.ser Zusammenhang mit seiner 
Neurose stehen. Dass es Phantasien und nicht Erinnerungen der 
thatsäehlichen Vorgänge sind, die so im Traum dargestellt werden, 
zeigt die Traumdeutung selbst nicht an ; dieselbe liefert uns nur 
einen Gedankeninhalt und überlässt es uns, dessen Realitätswerth 
festzustellen. Wirkliche und phantasirtc Begebenheiten erseheinen 
hier — und nicht nur hier, auch bei der Schöpfung wiclitigerer 
psychischer Gebilde als der Träume — zunächst ak gleichwerthi««-. 
Grosse Gesellschaft bedeutet, wie wir bereits wissen, Geheimn^ 
Der Bruder ist nichts Anderes, als der in die Kindheits.scene durch 
,,Zurlickphantasiren" eingetragene Vertreter aller späteren Neben- 
buhler beim Weibe. Die Episode von dem Herrn, der auf den 



J 



Der ICüi'ertriium, 199 

König von Italien seliimpft, bezieht sich durch Vex-nntthing- eines 
recenten und an sich gleichgiltigen Erlebnisses wiederum auf das 
Eindrängen von Personen niederen Standes in höhere Gesellschaft. 
Es ist, als ob der Warnung, welche Daudet dem .Ittngling ertbeilt, 
eine ähnliche, für das säugende Kind giltige, an die Seite gestellt 
werden sollte.") 

Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei 
der Traumbildung bereit zu haben, thoile ich die partielle Analyse 
eines anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psycho- 
nnalytischer Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren 
Angstzuständeu entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten 
ihre Träume überreichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnis- 
nahme sie Anfangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich 
die Traumdeutung nicht bis an's Ende führen kann, scheint das 
Traummaterial in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang 
zu zerfallen. 

III. Trauininhalt: Sie besinnt sich, dasssie zweiMai- 
kä fer in einer Schachtel hat, denen sie die l^'reiheit geben 
muss, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die Schachtel, 
die Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum geöffneten 
Fenster heraus, der andere aber wird vom Fenster flügel 
zerquetscht, während sie das Fenster schliesst, wie irgend 
lemand von ihr verlangt (Aeusserungcn des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tocliter 
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf- 
merksam, dass eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie ver- 
säumt es aber sie herauszuholen und bedauert das arme Thierchen 
am Morgen. In ihrer Abendlectüre war erzählt, wie Buben eine 
Katze in siedendes Wasser weifen, und die Zuckungen des Thieres 
geschildert. Dies sind die beiden an sich gleichgiltigen Traumanlässe. 
Das Thema von der Grausamkeit gegen Thiere beschäftigt sie 
weiter. Ihre Tochter war Vorjahren, als sie in einer gewissen Gegend 
zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Gethier. Sie legte sich 
eine Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur 
Tödtung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, dass ein Nacht- 
falter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herum 
flog; ein andermal fanden sich einige Kaupen, die zur Verpuppung 
aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte m noch 
zarterem Älter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureissen ; 
heute würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurück- 
schrecken; sie ist so gutmüthig geworden. 



*) Die phaiit:i8tischu Natur der auf dk^ Aiiimc des TrÜiuuers bczügliclieii 
Situation wird durcli den objuctiv erhobenen UmMtaiid urwiescn, dass die Ainiiio in 
diesem Fall die Mutter war. Ich erinnere Übripns an das auf t>eite 141 orwalniti; 
Bedauuni des janjiren Mannus der Anekdote, die Situation b«i seincT Amme nicbt 
besser ausgenützt vm baben, wdches wohl die Quelle diuseä Tmumes iöt. 



200 VI. Diu Traumarbeit, 

Dieser Widei'spruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen 
anderen Widersprueb, den zwischen Anssehen und GesinuuDfj, wie 
er in Adam ßede von der Elliot dargestellt ist. Ein schönes. 
aber eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein hässliches, aber 
edles. Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der 
adelig- fühlt und sich ebenso benimmt. Mau kann das den Leuten nicht 
ansehen. Wer würde ihr ansehen, dass sie von sinnlichen Wünschen 
geplagt wird ? 

In demselben .Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingssammlun"- 
anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder 
wütheten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat damals 
einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriss und 
die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat auch 
im Mai geheirathet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie den 
Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war es 
aber keineswegs. 

Am Abend vor dem Traum hatte sie in alten Briefen gekramt 
und verschiedene ernste und komische Briefe den Ilirigen vorgelesen 
so einen höchst lächerlichen Brief eines Clavierlehrers, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers.''') 

Sie macht sich Vorwürfe, dass eine ihrer Töchter ein schlechtes 
Buch von Maupassant in die Hand bekommen. **) Der Arsenik, 
den ihro Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsen ikpUlen, die 
dem Duo de Mora hn Nabab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu „Freiheit geben" fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein: 
„Zur Liebe kann ich Dich nicht zwingen, 
Doch geb' ich Dir die Freiheit nicht." 

Zu den j,Maikäfeni" noch die Rede des Käthchens:*-^*) 

„Verliebt ja bist Du wie ein Käfer mir." 
Dazwischen Tannhäuser : „Vt'eil Du von böser Lust beseelt -^« 
Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, dass ihm auf der Reise etwas zustossc, äussert sich in zahl- 
reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in üiren 
unbewussten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine 
„Greisenhaftigkeit" gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser 
Traum verhüllt, lilsst sich vielleicht am besten errathen, wenn ich 
erzähle, dass sie mehrere Tage vor dem Traum plötzlich mitten in 
ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten 
Imperativ erschreckt wurde: Häng' Dich auf. Es ergab sich, dass 

*) Die« Ut iler eigeiitlicliti Traiimerreg(.ir. 
**) Zn ergiliizuQ: Solche Luctüre sei Gift für ein JLiii{jea MiiLlch(.-ii, Sie selbst 
hat in ilirer .Tug^ond viel aus verboluueii Tiiicliern g'oscliiijift, 

***) Ein woitorer GeJaiikengaiig; führt zur l'enth uslloia desselben Dichters - 
Grausaiukeit gegen den Geliubteu. ' 



^ 



Öammelpcrsomin und Jlischpersoncu. :.>01 

sie einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen 
stelle sich eine kräftige Erection ein. Es war der Wunsch nach 
dieser Evectionj der in dieser Schrecken erregenden Verkleidung 
aus der Verdrängung wiederkehrte. „Häng' Dich auf", besagte so 
viel als „Verschaff' Dir eine Erection um jeden Preis". Die Arsenik- 
pillen des Dr. Jeukins im Kabab gehören hieher; es war der Patientin 
aber auch bekannt, dass man das stärkste Äphrodisiacum, Cautha- 
riden, durch Zerquetschen von Käfern bereitet (sog. spanische 
Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestandtheil des Trauminhaltes. 

Das Fenst eröffnen und Schliessen ist eine der ständigen Diffe- 
renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aiirophil, der Mann 
aSropbob. Die Mattigkeit ist das Hauptsyniptom, über das sie 
in diesen Tagen zu klagen gehabt bat. 

In allen drei hier mitgetheilten Träumen habe icli durch die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum- 
gedauken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die 
Analyse bis an's Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen 
Traum mit ausführlicher mitgetheilter Analyse einzugehen, um die 
Ueberdeterminirung des Trauminhaltes an ihm zu erweisen. Ich 
wähle hiefür den Traum von Irraa's Injeetion. Wir werden an 
diesem Beispiel mühelos erkennen, dass die Verdichtungsarbeit bei 
der Traumbildung .sich mehr als nur eines Mittels bedient. 

Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die 
mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also 
zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie 
beim Fenster untei'suche, ist von einer Erinnerung an eine andere 
Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin 
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insoferne Irma 
einen diphtheritischen Belag erkennen lässt, bei dem die Sorge um 
meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung dieses 
meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit ihr 
verknüpft, die Person einer durch Intoxication verlorenen Patientin 
sich verbirgt. Im weiteren Verlauf des Traumes wandelt sich die 
Bedeutung von Irma's Persönlichkeit (ohne dass ihr im Traum 
o-esehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir 
in der öffentlichen Ordination des Kinder-Krankeninstitutes unter- 
suchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen 
Anlagen erweisen. Der Uebergang wurde offenbar durch die Vor- 
stellung meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben 
beim Mundüffneu wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, 
einmal von mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammen- 
hang auf meine eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen, 
die ich In ihrem Hals entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf 
eine ganze Keihe von noch anderen Personen zusammengetragen. 



202 VI. Die Trauiuarbeit. 

Ali diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Imia" 
gerathe, treten im Traum nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich 
hinter der Traumperson „Irma", welche so zu einem Sammelbild mit 
allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird, Irma wird 
zur Vertreterin dieser anderen, bei der Verdiehtungsarbeit bin- 
geopferten Person en, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was 
mich Zug für Zug an diese Personen erinnert. 

Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise für 
die Traum Verdichtung bersteilen, indem ich actuello Züge zweier oder 
mehrerer Personen zu einem Traurabilde vereinige. Solcher Art ist 
der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Kamen des 
Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik 
und sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten 
Bruders ; ein einziger 2ug, das blasse Aussehen, ist doppelt 
determinirt, indem er in der Realität beiden Personen gemeinsam isL 
Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. E. meines Onkeltraumes. 
Hier aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet. Icli 
habe nicht Züge, die dem Einen eigen sind, mit Zügen des Anderen 
vereinigt und dafür das Erinnerungsbild jedes Einen um gewisse 
Züge verkürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach 
welchem G a 1 1 o n seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide 
Bilder auf einander projicirt, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt 
hervortreten, die nicht zusammen stimmenden einander auslöschen 
und im Bilde undeutlich werden. Im Onkeltraum hebt sich so als 
verstärkter Zug aus der zwei Personen gehörigen und darum ver- 
schwommenen Physiognomie der blonde Bart hervor, der überdies 
eine Anspielung auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt 
durch die Beziehung zum Ergrauen. 

Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Traumverdiehtnng. Es wird sich bald der 
Anlass ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln 

Der Einfall „Dysenterie" im Injectionstraum ist gleichfalls mebr^ 
fach determinirtj einerseits durch den paraphasischen Gleiehklan«- 
mit Diphtherie, andererseits durch die Beziehung auf den von mir 
in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch 
die Erwähnung von ..Propylen" im Traum. In den Traumgedanken 
war nicht „Propylen" sondern „Amylen" enthalten. Mau könnte 
ineinen, dass hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbilduno- 
Platz gegriffen hat. So ist es auch, aHein diese Verschiebung diem 
den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum- 
analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte 
„Propylen- noch einen Moment Halt macht, so füllt mir der Gleich- 
klang mit dem Worte „Propyläen" ein. Die Propyläen befinden 
sich aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser 
Stadt habe ich ein Jahr vor dem Traum meinen damals schwer- 



Bildmif; von Mitlei vors tellniigeii. ' 203 

kranken Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf 
P r o p y 1 e n folgende T r i m e t h y 1 a m i n des Traumes unverkenn- 
bar wird. 

Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, dass hier und 
anderswo bei der Traumanalyse Associationen von der verschiedensten 
Werthigkeit, wie gleiehwerthig, zur Gedankenverbindung benutzt 
werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der 
Krsetzung von Amylcn in den Traumgedanken durch Propylen 
in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen. 

Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto. 
der mich nicht vorsteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen 
duftenden Liqueur schenkt ; dort durch Gegensatz verbunden die 
meines BerUner Freundes, der mich versteht, mir Recht geben 
würde, und dem ich soviel werthvoUc ^littheilungen. auch über die 
Chemie der SesualvorgiLnge, verdanke. 

Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders 
erregen soll, ist durch die recenten, den Traum erregenden Anlässe 
bestimmt; das Amylen gelii'irt zu diesen ausgezeichneten, für den 
Trauminhalt priidestiuiiien Elementen. Die reiche VorstcUungs- 
gruppe „Wilhelm" wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto 
belebt und die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits 
erregten in Otto ankhngen. In diesem ganzen Traum recurrire ich 
ja von einer Person, die mein j\lissfallen erregt, auf eine andere, 
die ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für 
Zug den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das 
Amylen Ijei Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus 
dem Kreis der Chemie; das Trimethylamin. von mehreren Seiton her 
unterstützt, gelangt in den Trauminhalt. Auch „Amylen" krmnte 
unverwaudelt in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der 
Einwirkung der Gruppe,, Wilhelm", indem aus dem ganzen Erinnerungs- 
umfang, den dieser Käme deckt, ein Element hervorgesucht wii'd, 
welches eine doppelte Detcrminirung für Amylen ergeben kann. 
In der Nähe von Amylen liegt für die Association „Propylen"; 
aus de]n Kreise „Wilhelm" kommt ihm München mit den Propyläen 
entgegen. In P r o p y 1 e n - P r o p y lä en treffen beide Vorstcllungs- 
kreise zusammen. Wie durch einen Compromiss gelangt dieses mitt- 
lere Element dann in den Trauminhalt. Es ist hier ein mittleres 
Gemeinsames geschaffen worden, welches mehrfache Detcrminirung 
zulässt. Wir greifen so mit HändeUj dass die mehrfache Detcrmi- 
nirung das Durchdringen in den Trauminhalt erleichtern muss. Zum 
Zwecke dieser Mitteibildung ist unbedenkhch eine Verschiebung 
der Aufmerksamkeit von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der 
Association nahe Liegenden vorgenommen worden. 

Das Studium des Injectionstraumes gestattet uns bereits einige 
Uebersicht über die Verdichtungsvorgilnge bei der Traumbildimg 
zu gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den 



204 VI. Dio Traumju-])eit. 



n 



Traumge danken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Ein- 
heiten (Sammelpersonen, Misclige bilde) und die Herstellung von 
mittleren Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungs arbeit 
erkennen. Wozu die Verdichtung' dient und wodurch sie gefordert 
wird, werden wir uns erst frag-en, wenn wir die psychischen Vor- 
gänge hei der Traumhildung im Zusammenhange erfassen wollen. 
Begnügen wir uns jetzt mit der l-cstatellung der Traumverdichtung 
als einer bciucrkenswcrthen Eelation zwischen Traumgedanken und 
Trauminhalt. 

Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, 
wenn sie Worte und Kamen zu ihren Objecten gewählt hat. Worte 
werden vom Traum überhaupt häutig wie Dinge behandelt und 
erfahren dann dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Er- 
setzungen und also auch Verdichtungen wie die Dingvorstelluno-en. 
Komische und seltsame Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher 
Träume. Als mir einmal ein College einen von ihm verfassten 
Aufsatz überschickte, in welchem eine physiologische Entdeckuno- 
der Neuzeit nach meinem Urtheil übersch;itz;t und vor Allem in 
übersehwünglichen Ausdrücken abgehandelt war, da träumte ich 
die nächste Naeht einen Satz, der sich oifcnbar auf diese Abbandluuo- 
bezog: „Das ist ein wahrhaft norekdaler Styl." Die Auf- 
lösung des Wortgebildes bereitete mir anfanglich Schwierigkeiten • 
es war nicht zweifelhaft, dass es den Superlativen „kolossal, 
pyramidal" parodistisch nachgescbafieu war; aber woher es stammte 
war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir das Ungethüm in 
die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei bekannten Schau- 
spielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen letztes Opus ich 
im Traum also ki'itisirte, hatte ich vorher einen Zeifungsaufsatz über 
Ibsen gelesen. 

II. Eine meiner Patientinnen theilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsimiige Wortcombination ausläuft. Sie befindet sich 
mit ihrem Manne l)ei einer Bauernfestlichkeit und r^agt dann: Das 
wird in einen allgemeinen „Maistollmütz" ausgehen. Dabei 
im Traum der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine 
Art Polenta . Die Analyse zerlegt das Wort in M a i s — t o 11 — mann s- 
toll — Olmütz, welche Stücke sich sämmtlich als Koste einer Con- 
versation bei Tisch mit ihren Verwandten erkcnncji lassen. Hinter 
Mais verbarg'en sich ausser der Anspielung auf die eben eröffnete 
Jubiläumsausstellung die Worte: Meissen (eine M e i s s n e r Porzellan- 
figur, die einen Vogel darstellt), Miss (die Engländerin ihrer Ver- 
wandten war nach Olmütz gereist) mies^^^ekel, übel im scherzhaft 
gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lauge Kette von Gedanken 
und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des Wortklumpens ab. 

III, Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät Abends auge- 
läutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der daraiif- 
folgendcn Naelit: Ein Geschäftsmann wartet spät Abends. 



"Wort- und Namen Verdichtungen. 205 

um den Zimmcrteloi^raphen zu richten. Kachtlem er wea^- 
jregangen ist, läutet es noch immer nicht continuirlich, 
sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener holt 
den Mann wieder, und der sagt: Es ist doch merk- 
■würdig, dass auch Leute, die sonst tutelrein sind, solche 
Au^'elegenheiten nicht zu behandeln verstehen. 

^ Der indilierente Traumanlass deckt, wie man sieht, nur eines 
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur 
gekommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers 
angereiht hat. das, an sich auch glcichgiltig, von seiner ^Phantasie 
mit stellvertretender Bedeutimg ausgestattet wurde. Als Knabe, der 
mit seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein 
Glas Wasser auf den Boden, so dass das Kabel des /immer- 
telegraphen durchtränkt wui'de, und das continuirliehe Laugten 
den Vater im Schlaf störte. Da das continuirliehe Läuten dem Nass- 
■werden entspricht, so werden dann „einzelne Schläge" zur Dar- 
stellung des Tropfenfallens verwendet Das Wort „tutelrcin'; 
zerlegt sich aber nach drei Richtungen und zielt damit auf drei 
der in den Traumgedanken vertretenen Materien: .,Tutel'- = Cu- 
ratel bedeutet Vormundschaft; Tutel (vielleicht ,,Tuttel^-) ist 
eine vul^^ärc Bezeichnung der weiblichen Brust, und der Bestandthed 
rein^ ''ühernimmt die^ ersten Silben des Zimmertclegraphen um 
"zimmerrein'- zu bilden, was mit dem Nassmachen des Fuss- 
bodens viel ku thun hat und überdies an einen der in der Fa- 
milie des Träumers vertretenen Namen anklingt.") 

IV. In einem längeren wüsten Traum von mir, der eine Schiffs- 
reise zum scheinbaren Blittelpunkt hat, kommt es vor, dass die 
nächste Station Hearsing heisst, die nächst weitere aber Flioss. 
Letzteres ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel 
meiner Reise gewesen ist. Hearsing aber ist ;combinirt aus den 
Ortsnamen unserer Wiener Localstreehe, die so häuiig auf i n g ausgehen : 
Hietzing, Liesing. Müdling (Medelitz, ..meae dehcme" der alte 

*) Dil; nüiuliclie Zerlcguu},- und ZLisammensetzuii},' dor Silben — ^^:'""' "*al're 
Silbeiichcmie - diont uns im Wache» zu maning-fach,,n Sclicrzmi. „Wie gewinnt 
manmif die billig:ste Art Silber V Man be^ä^t «ich in eiue Allee, m der b.lbcr- 
JTpp c5 . stehen, glietet Schweifen, dann hört das „Pappeln" (Schwätze») auf un^ 
das Silber wird frei." Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den 
Einwand jremacht, den die BniUeren wahrscheinlich wiederholen vverden. „dasH der 
'fSmer oft zu w tziff erscheinet Das ht richtig, so lange es nar auf de» irilumer 
be^"^en wird, involvirt einen Vorwarf nur dam, wenn es auf den '^^'^""^f^^^}^^^^^^^ 




i'erson, sonaeru au neu «jy cum um "*.""" i—j e. - ,,.-,; i i- ■ i 

der Trknm gearbeitet wird, und häagt mit der Theonc de. Witzige» und Ivoimsehon 
intim zusammen. D.r Traum wird witzig, wdl ihm der gerade und nücisto Weg 
zum Ausdruck seiner Gedanke» gesperrt ist; er wird es nothgedruiigen Die_ Leser 
können sieh überzeugen, dass die Trllame meiner Patienten den Liudmck des Witzigen 
(Witzelndeu) im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. 



i?06 VI. Die Ti-aumarbeit. 

Name, also „meine Freud'") und dem ei]glisehenHearsay=:Hören- 
sagen, was auf Verleamduni^ deutet und die Beziehung z« dem 
indifferenten Tramnerreger des Tages herstellt, einem Gedicht in 
den „Fliegenden Blättern^- von einem verleumderi sehen Zwerg, 
..Sagter Platergesagt''. DurcJi Beziehung der Endsilbe „ino-" zum 
Namen Fliess gewinnt man „Vlissingen'-, wirklich die°Station 
der Seereiscj die mein Bruder berühif. nenn er von Eno-land zu 
uns auf Besuch kommt. Der eughsche Name von VliJsino-en 
lautet aber Flushing. was in englischer Sprache Errüthen bedeutet 
und an die Patienten mit ^Erröthensangst" mahnt, die ich behandle. 
auch an eine rcccntc Publication Bechterews über diese Neurose' 
die mir Anlas.s zu ilrgerlichen Emiiliudungen gegeben hat. 

V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei gesonderten 
Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft ei-innerte Wort ^Auto- 
didasker", das andere deckt sich getreu mit einer vor '^Tao-eu 
producirten. kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, dasslch 
deni Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muss: „Der 
Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt consultirt habe, leidet 
wirklich nur an einer Neurose, ganz i\ie Sie verniuthet haben " 
Das neugebildete ,,A iitodidask er" bat nun nicht nur der Anfordermio' 
zu genügen, dass es coraprimirten Sinn enthält oder vertritt, es soU 
auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem 
Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. iene Genu«-- 
thuung zu geben. ■ '^ 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Autodidakt 
xmd Lasker, an den sieh der Name Lasalle sehliesst. Die ersten 
dieser Worte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen — Veran- 
lassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines 
bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist. 
"^ rj) S'^ -^^ erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie 

;9^„ ('^- ^J- IJ'V' .'■ ^"'^^ ^^^°^' ^P^^c^ sie mit mir über den 
tiefen Eindruck den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines 
verkommenen lalentes m einer der Da vid'sehen Novellen <^emacht 
hatte und unsere Unterhaltung wendete sieh darauf den Spuren von 
Begabung zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen 
Unter der Herrschaft des eben Gelesenen äusserte sie eine Besorgnis 
die sich auf die Kinder bezog, und ich trüstete sie mit der Bemer- 
kung, dass gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet 
werden können. In der Nacht ging mein Gedankengang weiter 
nahm die Besorgnisse meiner Frau auf und verwob allerlei Anderes 
damit. Eine Aeusseruug, die der Dichter gegen meinen Bruder 
in Bezug auf das Heirathen gethan hatte, zeigte meinen Gedanken 
einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traum führen konnte 
Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr befreundete 
Dame geheirathet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu Grunde zu 
gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand ich in 



n 



Wortneubildungen. ■ gOT 

Breslau die Exempel Lasker und Lasalle auf, die mir gleich- 
zeitig die beiden Arten dieser Beeinflussung zum Unheil darzustellen 
gestatteten.*) Das „Cherchez la femme", in dem sieh diese Gedanken 
zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinn auf meinen noch 
unverheiratlieten Bruder, der Alexander heisst. Nun merke ich. 
dass Alex, wie wir den Xameu ahkiuzen, fast wie eine Umstellung 
Ton Las kcr klingt, und dass dieses Moment mitgefrirkt haben 
iiiuss, meinen Gedanken die Umwegsriehtung; über Breslau nüt- 
zutheilen. 

Die Spielerei mitNamen undSilben, die ich hier treibe, enthalt aber 
nocli eineii weiteren Sinn. Sic vei'tritt den Wunsch eines glücklichen 
Familienlebens für meinen Bruder und zwar auf folgendem Weg. 
In dem I^ünstlerromnn L'oeuvre, der meinen Traumgedanken inhalt- 
licli nahe liegen musste, hat der Dichter bekanntlich sich selbst und 
sein eigenes Familienglück episodisch mitgeachildert und tritt darin unter 
dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der Namensver- 
wandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola gibt umgekehrt 
(wie die Kinder so gerne zu thuu pflegen) Aloz. Das war ihm 
wohl noch zu unvcrhüllt; darnm ersetzte sich ihm die Silbe AI, die 
auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben 
Namens sand, und so kam Sandoz zu Stande. So ithnlich entstand 
also auch mein Autodidaskcr. 

Meine Phantasie, dass ich Professor N. erzäihle. der von uns 
Beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende 
Weise in den Traum gekommen. Kui'z vor Sehluss meines Arbeits- 
jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik 
im. Stiebe Hess. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht 
eine Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. 
Eine Neurose zu diagnosticiren wäre verlockend gewesen und hätte 
allen Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle 
Anamnese, ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken 
so energisch in Abrede gestellt worden wJlre. In meiner Verlegen- 
heit rief ich den Arzt "zur Hilfe, den ich menschlich am meisten 
verehre (wie Andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am 
ehesten beuge. Er hörte meine Zweifel an, hiess sie berechtigt 
und meinte dann: „Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine 
Neurose sein." Da ich weiss, dass er meine Ansichten über die 
Aetiologie der Neurosen nicht theilt, hielt ich meinen Widerspruch 
zurück, verbarg aber nicht meinen Unglauben. Einige Tage später 
machte ich dem Kranken die Mittheilung, dass ich mit ihm nichts 
anzufangen wisse, und rieth ihm, sich an einen Anderen zu wenden. 
Da begann er zu meiner höchsten Ueberraschung, mich um Ver- 
zeihung zu bitten, dass er mich belogen habe; er habe sich so sehr 

*) Ijaskur starb an progressiver Paralyse, also an lien folgen der beim 
Weib erworbenen Infection (Lues); Lasalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame. 



208 A'I. Die Traumarbeit. 

geschämt, und nun entJiüllte er mir gerudc das Stück sexueller 
Aetiologiü, das ieli erwartet hatte, und dessen ich zur Annalmie 
einer Neurose l^edurfte. IMir war es eine Erleichterung, aber auch 
gleichzeitig eine Beschämung; ich miisste mir zugestehen, dass mein 
Consiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese unbeirrt 
richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor es ihm zu sagten, wenn 
ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, dass er Recht gehabt habe uud 
ich Unrecht. 

Gerade dies thue ich nun im Traum. Aber was für "Wunseh- 
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, dass ich Unrecht 
habe"? Gerade das ist mein Wun.sch ; ich miichte Unrecht haben 
mit meinen Befürchtungen, rcsp. ich müchtc, dass meine Frau, deren 
Befürchtungen ich in den Traumgedankeu mir angeeignet habe, 
Uni-ccht behült. Das Thema, auf welcheä sich das Recht- oder 
Unrechtbehalten im Traum bezieht, ist von dem für die Traum- 
gedanken wirklich interessanten nicht weit ab gelegen. Dieselbe 
Alternative der organischen (jder der functionellen Schildigün» 
durch das Weib, eigentlich durch das Sexualleben; Tabes-Paralvse 
oder ^Neurose, an welch letztere sich die Art des Unterganges von 
Lasalle lockerer anreiht. 

Professor N. spielt in diesem festgefugten (und bei sorgfältiger 
Deutung ganz durchsichtigen) Traum nicht nur wegen dieser Analocrie 

und wegen meines Wunsches, Unrecht zu behalten, eine Rolle 

auch nicht wegen seiner neberher gehenden Beziehungen zu Breslau 
und zur Familie unserer dorthin vcrheiratheten Freundin — sondern 
auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an unsere 
Consultation anschloss. Nachdem er mit jener Vermuthung die 
ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein Interesse person- 
lichen Dingen zu. ,.Wie viel Kinder haben Sie jetzt?" — „Sechs."' 
— Eine Gebcrde von Respect und Bedenklich keit. — „Mädel. 
Buben?" — „Drei und drei, das ist mein Stolz und mein' Reioh- 
tlium." — „Nun, geben Sie Acht, mit den Mädeln geht es ja gut. 
aber die Buben machen Einem später Schwierigkeiten in der 
Erziehung." — Ich wendete ein. dass sie bis jetzt recht zahm 
geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite Diagnose über die 
Zukunft meiner Buben ebenso wenig wie die früher gefällte, dass 
mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Eindrücke sind 
also durch Contiguitat, durch das Erleben in einem Zuge verbunden, 
und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den Traum nehmet 
ersetze ich durch sie die Rede über die Erziehung, die noch mehr 
Zusammenhang mit den Traumgedanken aufweist, da sie so nahe 
an die spiiter geäusserten Besorgnisse meiner Frau rührt. So ündet 
selbst meine Angst, dass N. mit den Bemerkungen über die Erziehung- 
Schwierigkeiten bei den Buben Recht behalten möge. Eingang in 
den Trauminhalt, indem sie sich ]iinter der Darstellung meines 
Wunsches, dass ich mit solchen Befürchtungen Unrecht haben niö^t?. 



Ti'io Verseil icbungsarbeit. 209 

verbirgt. Dieselbe l'liantasio dient unvci'ünclürt der Darstellung 
beider g-egcnsatzlicilieii Glieder der Alternative. 

Diese Wortverbildimgen des Traumes iilmeln sehr den bei der 
Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwanusvor- 
stellungen nicht vcrmisst -werden. Die Spracliküuste der Kinder. 
die zu gewissen Zeiten die Worte tbatsächlich -wie Objecte behandeln, 
auch neue Sprachen und arteficielle Wortfügungen erfinden, siiut 
für den Traum wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle. 

Wo in einem Traum Reden vorkommen, die ausdrücklich 
als solche von Gedanken unterschieden ■werden, da gilt als aus- 
nahmslose Regel, dass Traumrede von erinnerter Rede im Traum- 
material abstammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt 
erhalten oder leise im Ausdruck verseliobeu; häufig ist die Traum- 
rede aus verschiedenen Redeerinnerungen zusammeugostüekelt ; der 
Wortlaiit dabei das sich gleich gebliebene, der Sinn wo möglich mehr- 
oder ander-sdeulig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als 
blosse Anspielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel. 

h) Die Versehiobungs arbeit. 

Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame, Relation 
musste uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die 
Traumverdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, dass die 
Elemente, welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestand- 
theile hervordrängen, in den Traumgedankeu keineswegs die gleiche 
Rolle spielen. Als Correlat dazu kann man auch die Umkehrung 
dieses Satzes aussprechen. Was in den Traumgedanken offenbar 
der "wesentliche Inhalt ist, braucht im Traum gar JiieJit vertreten zu 
sein. Der Traum ist gleichsam anders centrirt. sein Inhalt um 
andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. 
So z. ]5. ist im Traum von der botanischen Monographie Mittelpunkt 
des Trauminhaltes oiienbar das Element „bolanisch"; in den Traum- 
gedanken handelt es sich um die Complicationcn und Conflicte, die 
.sich aus verpflichtenden Leistungen zwischen Collegen ergeben, 
in weiterer Folge um den Vorwurf, dass ich meinen Liebhabereien 
allzu grosse Opfer zu bringen pÜege, und das Element „botanisch"' 
findet in diesem Kern der Traum ge danken überhaupt keine Stelle, 
wenn es nicht durch eine Gegensätzhchkeit locker damit verbunden 
ist. denn Botanik hatte niemals einen Platz unter meinen Lieblings- 
studien. In dem Sapphotraum meines Patienten ist das Auf- und 
Xiedersteigen, Oben- und Untensein zum Mittelpunkt gemacht; 
der Traum handelt aber von den Gefahren sexueller Beziehungen zu 
niedrig stehenden Personen, so dass nur eines der Elemente der Traum- 
gedanken, dies aber in ungebübrhcher Verbreiterung, in den Traum- 
inhalt eingegangen scheint. Aehnlich ist im Traum von den Maikäfern, 
welcher £e Beziehungen der Sexualität zur Grausamkeit zum Thema 
hatj zwar das Moment der Grausamkeit im Trauininhalt wieder- 

Ptcnd, Traumdoutung. 14 



u 



210 VJ. Die ■l'raumai'beit. 



^ 



erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung' und ohne ErwjiliDung 
des Sexuellen, also aus dein Zusammenhang' gerissen und dadurch 
zu etwas l'^rr-mdem uni£:estaltet. In dem Ünkeltraum wiederum 
scheint der blonde Bart, der desstm Mittelpunkt bildet, ausser aller 
Siunbeziehinig zu den Grüssenwlinschcn. die Tvir als den Kern der 
Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume machen dann mit 
gutem Keeht einen .,versch obenen" Eindruck. Im vollen Gegensatz 
zu diesen Beispielen zeigt dann der Traum von Irma's Injection, 
dass bei der Trauniljildung die einzelnen Elemente auch wohl den 
Platz behaupten können, den sie in den Traumge danken einnehmen. 
Bie Kenntnisnahme dieserneucnj in ihrem ^innc durchaus inconstanten, 
Kelation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt ist zunächst 
geeignet, unsere Verwunderung zu erregen. Wenn wir bei einem 
p.sychisclien Vorgang des Normallcbens findeu, dass eine Vor- 
stellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und ftlr das 
Bewusstaein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pHegen wir 
diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, dass der siegenden Vor- 
stellung eine besonders hohe psychische Werthigkeit (ein gewisser 
Grad von Interesse) zukommt. AVir machen nun die Erfahrung, dass 
diese Werlhigkeit der einzelnen Elemente in den Trannagedauken 
für die TraumbiUlung nicht erhalten lileibt oder nicht in Betracht 
kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches die hüchstwerthigen 
Elemente der Traumgedanken sind ; unser Urtheil sagt es uns 
unmittelbar. Bei der Traumbildung können diese wesentlichen, mit 
intensivem Interesse betonten Elemente nun so behandelt werden, als 
ob sie minderwerthig wären, und an ihre Stelle treten im Traum 
andere Elemente, die in den Traumgedanken sicherlich minder- 
werthig waren. Es macht zunächst deu Eindruck, als käme die 
psychische Intensität*) der einzelnen Vorstellungen für die Traumaus- 
wahl tiberhaupt nicht in Betracht, sondern blos die mehr oder minder 
vielseitige Ueterminirung derselben. Kicht was in den Trauui- 
gedanken wichtig i.st, kommt in den Traum, sondern was in ihnen 
mehrfach enthalten, kflnnte man meinen; das Verständnis der 
Traumbildung wii-d aber durch diese Annahme nicht sehr getiJrdert, 
denn von voi-nc lierein wird man nicht glauben k">nneu, dass die 
beiden JLomente der mehrfachen Ueterminirung und der eigenen 
Werthigkeit bei der Traumauswahl anders als gleichsinnig wirken 
können. Jene Vorstellungen, welche in den Traumgedanken die 
wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten in ihnen 
wiederkehrenden' sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten die 
einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann der Traum 
diese intensiv betonten und vielseitig unterstutzten Elemente ablehnen 
und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt, 
in seinen Inhalt aufnehmen. 



*) Psychische Intensität, Werthigkeit, Tiiteressebetoirnnfr einer Vorstellang' ist 
iiatürlick von sinnlicher Intensität, IntcnHitilt des VorgesteUten, gesondert zu haltt'ii. 



13ic Bczifilmng; «wischen Versdiiobung und A'ordichtutiij. 21] 



Zur Lüsmi^- dieöcr Scliwicrig'keit wird jiiuu ciuen andercji 
Eindruck verwenden, don man bei der Untersnclumg der Ueber- 
determinirun^ des TrauminJi altes empfangen hat. Vielleicht luat 
schon mancher I.cscr dieser Untersuchung bei sich geurtheilt. die 
Uebordetcrminirung der Traumelcmente sei kein bedeutsamer Fund. 
■weil sie ein selbstverständhchcr ist. Man gelit ja bei der Analj'se 
von den Trauiuelementen aus und verzeichnet alle EinJalle, die sich 
an dieselben knüpfe]!; kein Wundei- dann, dass in dem ao gewonnenen 
Gedankenmatcrial eben diese Elemente sich besonders häufig wieder- 
finden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, -werde aber 
selbst etwas ihm iihnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter dou 
Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördertj linden sich viele. 
die dem Kern des Traumes ferner stehen und die sich wie kunst- 
iielie Einschaltungen ku einem gewissen Zwecke ausnehmen. Der 
Zweck derselben ergibt sieh leicht; gerade sie stellen eine Ver- 
bindung, oft eine gezwungene und gesuclito Verbindung, zwischen 
Trauminhalt und Traumgedanken her, und wenn diese Elemente 
aus der Analyse ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandtheile 
des Trauminhaltes oftmals nicht nur die Ueberdetermininmg. sondern 
überhaupt eine genügende Determinirung durch die Tranmgedanken. 
"Wir vrei-den so zum Schlüsse geleitet, dass die mehrlache Deter- 
minirung, die für die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer 
ein ])rimäres Moment der Traiimbildung, sondern oft ein seeuudtlres 
Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen Macht ist. Sie 
nius.s aber bei alledem für das Eintreten der einzelnen Elemente 
in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können beobachten. 
dass sie mit einem gew-issen Aufwand hergestellt wird, wo sie sict 
aus dem Traummaterial nicht ohne Kachhilfe ergibt. 

Es liegt nun der Einfall nahe, dass bei der Traumarbeit eine 
psychische Macht sich äussert, die einerseits die psychisch hoch- 
werthigen Elemente ihrer Intensität entkleidet, und andererseits 
anf dem Wege der Ue berdeterminirung aus mindcrwcrthigen 
neue Werthigkeiten schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. 
AVenn das so zugeht, so hat bei der Traumbildung eine Ueber- 
tragung und Verschiebung der psychischen Inteusi tüten 
der einzelnen Elemente stattgefunden, als deren Folge die Textver- 
sehiedenlieit von Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der 
Vorgang, den wir so supponircn, ist geradezu das wesentliche Stück 
der 1'raumarbeit ; er verdient den Namen der T r a u m v e r- 
sehicbung. Traumverschiebung und Traum Verdichtung 
sind die beiden Werkmeistor. deren Tlifltigkcit wir die Gestaltung des 
IVaumes hauptsächlich zusehreiljen dürfen. 

Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht. 
die sich in den Tliatsaehen der Traum Verschiebung äussert, zu 
erkennen. Der Erfolg dieser Verschiebung ist. dass der Traum- 
inhalt dem Kern der 'j'raumgedankcn nicht mehi" gleich sieht dass 



^ 



'2\'2 VI. Die Tniumaibciit. 

der Traum niir eine Entstellung des TraumwunselR'rt- im Unbewusstcn 
wiüderj;ibt. Die Trannu^ntstellung abori^^t uns Ijereits bekannt; wir haben 
.sie auf die Censur zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz 
im Gedankenleben geg-en eine andere ausübt. Die Traumverschiebung 
ist eines der Hauptmittel zur Erzielun^ dieser Entstelluna:. Is fecit, 
cui profuit. Wir dürfen annehmen, dnss die TraumTerschicbuncr 
durch den Eintluss Jener Censur, der endn|.sychischen Abwehr, zu 

Stande kommt. 

In welcher Weise die ölomentc der Verschiebung. Verdichtung 
und Ueberdeterminirung bei der Traumbildung- in einander spielen, 
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Factor 
wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig 
künnen wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum ge- 
langenden Elemente genügen müssen, angeben, dass sie der Censur 
des Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung 
aber wollen wir von nun an als unzweifelhafte Thatsache bei der 
Traumdeutung in Rechnung ziehen. 

c) Die Darstelluugsmittel des Traumes. 

Ausser den beiden Momenten der Traumverdichtung und 
Traumverschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten 
Gedankenmateriales in den manifesten Traurainhalt als wirksam auf- 
gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung 
noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzw^ei fei haften Ein- 
fluss auf die Auswahl des In den Traum gelangenden Materiales 
üben. Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, dass wir aaf 
unserem Wege Halt ku machen scheinen, einen ersten Blick auf 
die Vorgtlnge bei der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich 
verhehle mir nicht, dass es am ehesten gelingen würde, dieselben 
klarzustellen und ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, 
wenn ich einen einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung 
entwickle, wie ich es in Abschnitt II. bei dem Traum von 
Irma's Injcction gezeigt habe, dann aber die Traumgedanken, die 
ich aufgedeckt habe, zusammenstelle, und nun die Bildung des 
Traumes aus ihnen reeonstruire, also die Analyse der Traume durch 
eine Synthese derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren 
Beispielen zu meiner eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie 
aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache und von jedem billig 
Denkenden gutzuheissende Rücksichten auf das psychische Material 
zu dieser Demonstration mich daran verhindern. Bei der Analyse 
der Träume störten diese Rücksichten w^eniger, denn die Analyse 
durfte unvollständig sein und behielt ihren Werth, wenn sie aueh 
nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte. Von 
der Synthese wüsste ich es nicht anders, als dass sie. um zu über- 
zeugen, vollständig sein muss. Eine vollständige Synthese könnte ich 
nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publicum 



Die Darstulluiigsmittül üer Tnuini.irljoit, 213 

unbekannt Hiiid. Da aber nur Patienten. Neurotiker, niii- dazu die 
Glitte! bieten, so muss dies Stück Darstellung dos Traumes einen 
Aufschub erfahren, bis ich — an anderer Stelle — die psychologische 
Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, dass der Anschlus-s 
an unser Thema herzustellen ist. 

Aus meinen Versuchen. Träume aus dun Traunigedanktsn 
synthetisch herzustelleuj "weis ich, dass das bei der Deutung sich er- 
gebende Material von verschiedenartigem Wcrtli ist. Den einen Theil 
desselben bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum 
voll ersetzen und allein zu dessen Ersatz hiureiuhon "würden, wenn 
CS für den Ti-aum keine Ccnsur gilbe. Don anderen Theil kann man 
unter dem Namen ^Collateralen" zusammenfassen; in ihrer Ge- 
sammtheit stellen sie die Wege dar, auf denen der wirkliche Wunsch. 
der sich aus den Traumgcdänkcn erhebt, in den Traumwunsch 
übergeführt wird. Von diesen ..CoUateralen'" besteht ein erster An- 
thcil aus Anknüpfungen an die eigentlichen Trauni";edankeD, welche, 
schematibch genommen, Verschiebungen vom Wesentlichen aufs 
Nebensächliche entsprechen. Ein zweiter Antheil umfasst die Ge- 
danken, welche diese durch Verschiebung bedeutsam gewordenen, 
nebcnsächliehen Materialien unter sich verbinden und von ihnen bis zum 
Trauminhalt reichen. Ein dritter Antheil endlich enthalt die Einüdle 
und Gedankenverbindungen, durch die man l)ei der Deutungsarbeit 
vom Trauminhalt zu den mittleren Collateralen gcrüth, und die n i c li t 
notbwendig sämmtlich auch bei der Traumbildung betheihgt 
gewesen sein müssen. 

Uns interessiren an dieser Stelle aasscbliesslich die wesentlichen 
Traumgcdanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Complcx von 
Gedanken und Erinnerungen vom aller vcrwickeltsten Aufbau mit 
allen Eigenschaften der uns aus dem AVaehen bekannten Gedanken- 
gange. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem 
Centruni ausgehen, aber der Eerührungspunkte nicht entbehren; 
fast regelmässig steht neben einem Gedankengang sein eontradicto- 
risches Widerspiel, durch C'ontrastassociation init ihm verbunden. 

Die einzelnen Stücke dieses complicirten Gebildes stehen 
natürlich in den mannigfaltigsten logischen Kelationen zu einander. 
Sie bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläute- 
rungen, Bedingungen, Beweisgänge und Einsprtlche. Wenn dann 
die ganze Masse dieser Traunigedanken der Pressung der Traum- 
arbeit unterliegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und zu- 
sammengeschoben werden, etwa wie treibendes Eis. so entsteht die 
Frage, was aus den logischen Banden wird, welche bishiu das Ge- 
füge gebildet hatten. Welche Darstellung erfahren im Traum das 
„Wenn, weil, gleichwie, obgleich, entweder — oder und alle anderen 
Präpositionen, olme die wir Satz und I-vede nicht ver.stehen könm-nV" 

Man muss zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese 
logischen Relationen unter den Traunigedanken keine Mittel der Darstel- 



214 VI. Die Traumarbeit. 

lang zur Verfügung'. Zumeist lüsst er all' diese Präpositionen unberück- 
sichtigt und üliernimmt nur den sachliehcn Inlialt der Traumgedankfn 
zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es liberlasseüj den Zu- 
summenliang wieder lierzustellen. der. die Traumarl)eit vernieiitet hat. 

Es muss am psychischen Material liegen, in dem der Traum 
gearbeitet ist, wenn ihm diese Äusdrueksfiüiigkeit abgeht. In einer 
ähnlichen Bt^schriinkimg befinden sich ja die darstellenden Künste. 
Malerei und Pla.stik im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede be- 
dienen kann, und auch liier liegt der Grund des Unvermögens in 
dem Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas 
zum Ausdruck zu biingen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis 
der für sie giltigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war. bemühte 
sie sich noch, diesen Naehihcil auszugleichen. Aus dem Munde der 
gemalten Personen lie^s man auf alten Bildern Zettelchen heraus- 
liängen, welche als Schrift die Rede bracliten. die im Bilde darzu- 
stellen der Maler verzweifelte. 

Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den Traum 
den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. Es 
gibt ja Träume, in welchen die comphcirtesten Geistesoperationen vor 
sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen wird 
wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein; wenn man 
auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfahrt man, dass das alles 
Traummaterial ist, nicht Darstellung intellectu eil er 
Arbeit im Traum. Der Inhalt der Traumgedanken ist 
durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, nicht die 
Beziehungen der Traumgedanken zu einander, in deren 
Feststellung daa Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen. 
Am leichtesten ist es aber zu constatiren, dass alle Reden, die" in 
Träumen vorkommen, und die ausdrücklich als solche bezeichnet 
Averden, unveränderte oder nur wenig modificirte Nachbildungen von 
Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummateriales 
vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Ansjdelung auf ein in den Traum- 
gedanken enthaltenes P^reignis; der Sinn des Traumes ein ganz anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, dass auch kritischy Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt, 
ihren Antheil aji der Traumbildung nimmt. Den Einfluss dieses 
Factors werde ich zu Endo dieser Erörterung beleuchten müssen. 
Es wird sich dann ergeben, dass diese Denkarbeit nicht durch die 
Traumgedanken, sondern durch den in gewissem Sinne bereits 
fertigen Trauju hervorgerufen wird. 

Es bleibt also vorläufig dabei, dass die logischen Relationen zwischen 
den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung nicht 
finden. Wo sich z. B. AViderspi'ucli im Traum findet, da ist es ent- 
weder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem 
Inhalt eines der Traum gedanken ; einem Widerspruch zwischen 
den Traumgedanken, entspricht der 'W'^iderspruch im Traum nui- 
in höchst indirect vermittelter W^eise. 



^ 



Die Dai-stelluiij; der logisclien Eelationeu. 215 

Wie CS aber endlich der Malerei gelungen ist. wenigstens cüg 
Redeabsicht der dargestellten Personen. Zärtlichkeit, Drohung', 
Verwarnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch 
den flattcrndeu Zottel, so hat sieh auch für den Traum die Müglieli- 
keit ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen 
Traumgedanken durch eine zugehörige Modification der eigenthüm- 
lichen Traunidarstellung Rücksicht zuzuwenden. ]\Ian kann die Er- 
fahrung machen, dass die vex-schiedenen Träume in dieser Berück- 
sichtigung verschieden weit gehen ; während sich der eine Traum 
über das logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht 
ein anderer dasselbe möglichst vullständig anzudeuten. Der Traum 
entfernt sich hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Be- 
arbeitung vorliegenden Text. Aehnlich wechselnd benimmt sieh der 
Traum übrigens auch gegen das zeitliche Gefüge der Traunigednnken. 
wenn ein solches im Unbewussten hergestellt ist (wie z. B. im Traum 
von Irma'a Injection). 

Durch welche Mittel vermag aber die Traumarljoit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten ? Ich werde 
verauchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch 
im Ganzen gerecht, dass er dieses Material in einer Zusammenfassung 
als Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zu- 
sammenhang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin 
älinlieh wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bild 
einer Scludc von Athen oder des Paruass zusammenstellt, die 
niemals in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen 
sind, Wühl aber für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft 
bilden. 

Diese DarstelUmgsweise setzt der Traum in's Einzelne fort. So 
oft er zwei Elemente nahe bei einander i'.eigt, bürgt er für einen 
besonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entspreclieüdeu in 
den Traumgedanken. Es ist. wie in unserem Schriftsystem, ab be- 
deutet, dass die beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen 
werden sollen, a und b nach einer freien Lücke lässt a als den 
letzten Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten eines 
anderen Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumcombi- 
nationen nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandtheilen des 
Traummatcrials, sondern aus solchen, die auch in den Traumgedankou 
in innigerem Zusannnenhange stehen. 

Die Gau salb eziehun gen darzustellen hat der Traum zwei Ver- 
fahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häutigere Dar- 
. etellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil die.s so 
und so war, musste dies und jenes geschehen, besteht darin, den 
Nebensatz als Verträum zu bringen und dann den Hauptsatz als 
Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe^ kann die 



216 VI. Uio Ti-aumarijfit. 

Zeitfolge auch die iinigekelirte sein. Stets entspriclit dorn Hauptsatz 
der breiter ausgeführte Theil des Traumes. 

Ein scliönes Beispiel von soleher Darstellung der Causalitiit 
hat mir einmal eine Patientin geUefcrt. deren Traum ich späterhin 
vollständig mittheilen werde. Er hcstaud aus einem kurzem Vorspiel 
und einem seh]- weitläufigen Traumstück. das in liohem Grade cen- 
trirt war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume. 
Der Vortraum lautete so; Sie geht in die Küche zu den 
beiden Mägden und tadelt sie. dass sie nicht fertig 
werden „mit dem Bissei Essen". Dabei sieht sie sehr 
viel grobes Kü chengcschirr zum Abtropfen umgestürzt 
in der Küche stehen, und zwar in Haufen auf einander 
gestellt. Die beiden Mägde gehen Wasser holen und 
müssen dabei wie in einen Fluss steigen, der bis an's 
Hlius oder in den Hof reicht. 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt 
von hoch herab, über eigenthümlich gebildete Geländer, 
und freut sieh, dasH ihr Kleid dabei nirgends hsingen 
bleibt u. s. w. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche 
Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von 
ihrer Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stanunen aus 
der einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. 
Der zweite Theil des Traumes enthalt eine Anspielung auf den Vater, 
der sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann, bei 
einer Ueberschwcmmung — das Haus stand nahe am Ufer des 
Flusses — sich eine tudtliche Erkrankung holte Der Gedanke, der 
sich hinter diesem Vortraum verbirgt, heisst also : Weil ich aus diesem 
Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme. 
Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt 
ihn in durch WunscherfüUung verwandelter Form: Ich bin von 
hoher Abkunft. Eigentlich also : Weil ich von so niedriger Abkunft 
bin. war mein Lebenslauf so und so. 

Soviel ich sehe, bedeutet eine Theilung des Traumes in zwei 
ungleiche Stücke nicht jedesmal eine causale Beziehung zwischen den 
Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden 
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus 
dargestellt würde ; oder die beiden Träume sind aus gesonderten Centren 
im Trauramaterial hervorgegangen und tiberachneiden einander im 
Inhalt, so dass in dem einen Traumcentrum ist, was im anderen als 
Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von 
Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren 
Nachtraum thatsäehlich causale Beziehung zwischen _ beiden Stücken. 
Die andere Darstellungsweise des Causalverhältnisses findet Anwendung 
bei minder umfangreichem Material und besteht darin, dass ein Bild 
im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes 
verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich 



Onusalrelatioü, Alternative, AViderspnicIi. 217 

gehen seLcn, wird der causale Zusammenhang ernstlich behauptet • 
nicht wo wir blos merken, es sei an Stelle des Einen jetzt das Andere 
gekommen. Ich sagte, die beiden Verfalu-en, Causalbeziehung darzu- 
stellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Ver- 
ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal dm-ch 
das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere 'Mal durch die un- 
mittelbare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den allcr- 
nieisten Fällen freilich wird die Causalrelation überhaupt , nicht dar- 
gestelh, sondern fallt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche 
Nacheinander der Klemente. 

Die Alternative „Entweder— Oder" kann der Traum überhaupt 
nicht ausdrücken; er piiegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt 
in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein classisches Beispiel hiefür 
enthält der Traum von Irma's Injection. In dessen latenten Gedanken 
heisst es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irma's 
Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen 
die Annahme der Lösung oder daran, dass sie unter ungünstigen 
sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre 
Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer 
Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast aus- 
schliessenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoss, aus dem 
Traumwunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Ent- 
weder — Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den 
Zusammenhang' der Traumgedanken eingesetzt. 

Wo aber der Erzähler bei der ]\eproduction des Traumes 
ein Entweder — Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein 
Garten oder ein "Wohnzimmer u. s. w., da kommt in den Traum- 
gedanken nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und", eine einfache 
Anreihung, vor. Mit Entweder— Oder beschreiben wir zumeist 
einen noch auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem 
Traumelemente. Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die 
einzelnen (Glieder der scheinbaren Alternative sind einander gleich 
zu setzen und durch „und" zu verbinden. Ich träume z. B., nach- 
dem ich längere Zeit vergeblich auf die Adresse meines in Italien 
weilenden Freundes gewartet habe, dass ich ein Telegramm erhalte, 
welches mir diese Adresse mittheilt. Ich sehe sie in blauem Druck 
auf den Papierstreifen des Telegrammes; das erste Wort ist ver- 
schwommen, etwa via, 

oder Villa, das zweite deutlieh: Sezerno. 
oder sogar (Casa). 

Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und micli 
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drttckt auch 
meinen Aerger aus, dass er seinen Aufenthalt so lange vor mir 
geheim gehalten; jedes der Glieder aber des Tema Vorschlages 
zum ersten Wort lässt sich bei der Analyse als solbst!!ndiger und 
■gleichberechtigter Ausgangspunkt der Gedankeuverkettuug erkennen. 



218 VI. Bin Tranmarbeit, 

In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ieli 
von einer bedruckten Tafel, einem Placat oder Anschlagezettel. — 
etwa wie die das Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Warte- 
sälen der Eisenbahnen • — auf dem zu lesen ist, entweder: 

Man bittet, die Äugen zuzudrücken. 

oder 
Man bittet, ein Auge zuzudrücken. 

was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin : 

M a n b i 1 1 1, ■ Auge (n) zuzudrücken. 

' ein '^ ^ ' 

Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und 
führt in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das 
CeremonicU möglichst einfach gewählt, weil ich wusste, wie der Ver- 
storbene über solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familica- 
mitglicdcr waren aber mit stjlch puritanischer Einfachheit nicht 
einverstanden; sie meinten, man werde sich vor den Trauero-ästen 
schämen müssen. Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes, 
„ein Äuge zuzudrücken", d. h. Xachsicht zu üben. Die Bedeutuno- 
der Verschwommenheit, die wir mit einem Entweder-Oder 
beschrieben, ist hier besonders leicht zu erfassen. Es ist der Traum- 
arbeit nicht gelungen, einen einheitlichen, aber dann zweideutio-eu. 
Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. So sondern sich die 
beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt von einander. 

In einigen Fällen drückt die Zweitheikmg des Traumes in zwei 
gleich grosse Stücke die schwer darstellbare Alternative aus. 

Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie 
von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg 
vernachlässigt, das „Neiu" scheint für den Traum nicht zu existiren. 
G-egensätze werden mit besonderer VorUebe zu einer Einheit zusammen- 
gezogen oder in Einem dargestellt Der Traum iiimmt sich ja auch 
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz 
darzustellen, so dass man zunächst von keinem eines Gegentheils 
fähigen Elemente weiss, ob es in den Traumgedanken positiv oder 
negativ enthalten ist. In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen 
Vordersatz wir bereits gedeutet haben, („weil ich von solcher Abkunft 
bin"), steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen 
blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie 
der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Maria Verkündigung- 
(sie heisst selbst Maiia) in der Hand trägt, und wie die weiss- 
gekleideten Mädchen bei der Frohnleichnamsprocession geben, während 
die Strassen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende 
Zweig im Traume ganz gewiss eine Anspielung auf sexuelle Unschuld, 
Der Zweig ist aber dicht mit rothen Blüthen besetzt, von denen jede 
einzelne einer Camelie gleicht. Am Ende ihres Weges heisst es im 



A 



Die Relation der Aelmliclikeit und GleichstcUuug. 219 

Traum weiter, sind die BliUhen schon ziemlich abgefallen; dnnn folgen 
unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist der nämliche 
Zweig', dei- getragen wird wie eine Lilie und wie von einem un- 
schuldigen Mädchenj gleichzeitig eine Anspielung auf die Camelien- 
dame, die, wie bekannt, stets eine weisse Camclie trug, zur Zeit der 
Periode aber eine rothe. Der njimhche Blütbenzweig {„des ilädchens 
Blüthen" in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die 
sexuelle Unschuld dar und auch ihr Gegentbeil. Der nämliche Traum 
auch, welcher die Freude ausdrückt, dass es ihr gelungen, unbefleckt 
durch's Leben zu gehen, lässt an einigen Stellen (wie au der vom Ab- 
fallen der Blütlien) den gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, 
dass sie sich verschiedene Sünden gegeu die sexuelle Keinheit habe 
zu Schulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). AVir konnten 
bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden Gedankengänge 
unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich, der vorwurfs- 
volle tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks zuwiderlaufen, 
und deren gleiche aber gegentheilige Elemente durch die nämlichen 
Traumelemente Darstellung gefunden haben. 

Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der 
Mechanismus der Traumbilduiig im höchsten Ausmasse zu Gute. Es 
ist dies die Relation der Aehnlichkeit, Uebereinstimmuug, Berührmig, 
das „G leichwie'', die im Traume wie keine andere mit mannigfachen 
Mitteln dargestellt werden kann. Die im Traummaterial vorhandenen 
Deckungen oder Fälle von ..Gleichwie" sind ja die ersten Stützpunkte 
der Tra Umbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum- 
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schatten, wenn die 
vorhandenen der Widcrstandsccnsur wegen niclit in den Traum ge- 
langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt 
der Darstellung der Aehnlichkeitsrelation zu Hilfe. 

Aehnlichkeit, Ue bereinst im nuing, Gemeinsamkeit 
wird vom Traum ganx allgemein dai'gestellt durch Zusammeuziehung 
zu einer Einheitj welche entweder im TVaunnuatcrial bereits vor- 
gefunden oder neu gebildet wird. Den ersten Eall kann man als 
T den tifi eirung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die 
Identiticirung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; 
die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch 
werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Ocrtlichkeiten 
werden oft wie Personen behandelt. 

Die Identificirung besteht d:irin, dass nur eine der durch ein 
Genieinsames yerknupftcn Personen im Trauniinhalt zur Darstellung 
■gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum 
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im 
Traum in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von 
ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, 
die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die 
den Personen eigenthümlichj aber nicht gemeinsam sind, vorhanden. 



220 . VI. Diu Traum arljüit, 



n 



so dass durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine 
Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver- 
schiedenen Wegen zu Stande gebraclit werden. Entweder die Traum- 
person liat von der Einen ihrer Beziehungspersonen den Namen, — 
wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz 
analog ist, dass diese oder jene Person gemeint ist — während die 
visuellen Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild 
selbst ist aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf Beide 
verthcilenj zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der 
Anthcil der zweiten Person auch vertreten werden durch die Geberden, 
die man ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen lässt, oder 
die Situation, in %velche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der 
Kennzeichnung beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identiticirung 
und Mischpersonbildung sich zu verHüchtigen. 

Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
rechtfertigt, d. h. veranlasst, kann ini Traume dargestellt sein oder 
fehlen. In der Regel dient die Identiticirung oder Mischpersonbildung 
eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt 
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich 
im Traum eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor in 
einer andersartigen Action^ welche uns B charakterisirt. Die so ge- 
wonnene Traumperson tritt mir im Traum in irgend welcher neuen 
Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstände, dass sie sowohl A 
als auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die be- 
treffende Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den Beiden g-e- 
meinsam ist, nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche 
Weise erziele ich oft eine ganz ausserordentliche Verdichtung für den 
Trauminhalt ; ich kann mir die directe Darstellung sehr complicirter 
Verhältnisse, die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn 
ich zu dieser Person eine andere gefunden habe, die auf einen Theil 
dieser Beziehungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu ver- 
stehen, iuwjeferne diese Darstellung durch Identiiicirung auch dazu 
dienen kann, die Widerstandscensur zu umgehen, welche die Traum- 
arbeit unter so harte Bedingungen setzt. Der Anstoss für die Censur 
mag gerade in jenen Vorstellungen liegen, welche im Material mit 
der einen Person verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, 
welche gleichfalls Beziehungen zu dem beanständeten Material bat. 
aber nur zu einem Theil desselben. Die Berührung in jenem nicht 
censurfreien Punkte gibt mir jetzt das Keeht, eine Mischperson zu 
bilden, die nach beiden Seiten hin durch indifferente Züge charak- 
terisirt ist. Diese Misch- oder Identiticirungsperson ist nun als ceusur- 
frci zur Aufnahme in den Trauminhalt geeignet, und ich habe durch 
Anwendung der Traumverdichtung den Anforderungen der Traum- 
censur genügt. 

Wo im Traum auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar- 
gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen 



j\I:ijiiii';fiU'h(i Ycnvorlliun^- rlnr l\risclihi]dnni,^('ii. 221 

verhülltun Gcmeiubiiinen zu suchen, dessen l^avstelluiig" durch die 
Censur unniöglicli gemacLt wird. Es hat hier f^ewissermasscn zu 
Gunsten der l3arstellbarkcit eine Verschiebung in Betreff des Gemein- 
samen stattgefunden. Daraus, dass mir die Mischperson mit einem 
indifferenten Gemeinsamen im Traum gezeigt wird, soll ich ein anderes 
keineswegs indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken er- 
schliessen. 

DieldcntificirungoderMisclipersonlnldung dient demnach im 'J'ranm 
verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden Personen 
Gemeinsamen, zweitens der Daretellung einer verschobenen Ge- 
meinsamkeit, drittens aber noch, um eine blos gewünschte Ge- 
meinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Ilerbeiwünsclien 
einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Ver- 
tauschen derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation 
im Traum durch Identiticirung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume 
von Irma's Injection diese Patientin mit einer anderen zu vertauschenj 
wünsche also, dass die andej'c meine Patientin sein möge, wie es 
die eine ist^ der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er 
mir eine Person zeigt, die Irma heisst, die aber in einer Position 
untersucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegen- 
heit hatte. Im Onkeltraum ist diese Vertauschung zum Mittelpunkt 
des Traumes gemacht; ich identificiro mich mit dem Minister, indem 
ich meine Collegen nicht besser als er behandle und beurtbeile. 

Ks ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, dass jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind 
absolut egoistisch. Wo im Traurainlmlt nicht mein Ich, sondern nur 
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, dass 
mein Ich durch Identificirung hinter jener Person versteckt ist. Ich 
darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traum er- 
scheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, dass hinter 
dem Ich eine andere Person durch Identificirung eich verbirgt. Der 
Traum soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was 
dieser Person anhängt, das verhüllte Geraeinsame, auf mich zu über- 
tragen. Es gibt auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen 
Personen vorkommt, die sich durch Lösung der Identificirung wiederum 
als mein Ich enthüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittelst 
dieser Identiflcirungen gcAvisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren 
Aufnahme sich die Censur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in 
einem Traum mehrfach darstellen, das eine Mal direct, das andere 
Mal vermittelst der Identificirung mit fremden Personen. Jlit mehreren 
solchen Identiflcirungen lässt sich ein ungemein reiches Gedanken- 
material verdichten.") 

*) Wi^mi ich im Z-iveifd bin, hmU-i wdcliei' Jer im Traniiif anftrctciidt'n Pit- 
sonen ich mein Icli zu Huclicn hübe, sn halte icli micli an folfrendi- Ki'tjel : i)u- 
Person, die im Traume einem Affect unter! ie^f, den ich :ilg SchlafemUir vcrsi»Uri', die 
verbirgt mein Ich. 



n 



222 VI. Dio Tranin;ti-l)(iit. 



JUurdisichtiger noch als bei Persoacu g'cstaltct sieb die Auflüsuii" 
der Identifieinmgen bei mit Eigennamen bezeichneten Oertlichkeiten, 
da liier die Störung durch das iin Traume übemiächtigc Ich entfällt. 
In einem meiner Eomträume (Seite 134) lieisst der Ort, an dem ich mich 
befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von deutschen 
Placaten an einer Strassenecke. Letzteres ist eine Wunsch erfiilluno' 
zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag aus einer 
licute überwundenen deutsclmatiorialen Periode der Jugendzeit stammen. 
Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zusammentreffen mit 
meinem Freunde in Aussicht genommen ; die Identificirung von Rom 
und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Gemeinsamkeit' 
ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als in Prag, für 
diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischhil düngen zu schafl'en, steht obenan unter 
den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge 
verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminbalt eingeführt 
werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. 
Der psychische Vorgang bei der Misehbilduiig im Traume ist offenbar 
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Centauren oder Drachen 
uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin. 
dass bei der phantastischen Schripfung im Wachen der beabsichtigte 
Eindruck des Neugebildes selbst das Massgebende ist, während die 
Mischbildung des Traumes durch ein Moment, welches ausserhalb 
ihrer Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, de- 
terminirt wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mauni''- 
faltiger Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführuuo- 
werden nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese 
Darstellung ist von einem Wissen begleitet, dass sie auch für ein 
anderes Object gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des 
einen wie des anderen Objectes zu einem neuen Bilde und bedient 
sich dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Aehnlichkciten 
zwischen beiden Objecten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd 
ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem 
Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind 
die Objecte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, gar 
zu disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Misch- 
gebilde mit einem deutlicheren Kern zu schaffen, an den sich un- 
deutlichere Bestimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde 
ist hier gleichsam nicht gelungen; die beiden Darstellungen über- 
decken einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen 
Bilder. Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen 
Wahrnehmungsbildern vorführen wollte, konnte man zu ähnlichen 
Darstellungen in einer Zeichnung gelangen. 

Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden: 
einige Beispiele habe ich in den bisher analysirten Träumen bereits 
mitgetheilt; ich werde nun weitere hinzufugen. In dem Traum auf 



Umj^ekelirt, im üejj,cntheil. 223 

Seite 21ü, welcbcr den Lebenslauf der Patientin „durch die lilunie" 
oder „verblümt" beschreibt, trägt das Traum-Ieli einen bUihenden 
Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren Iiaben, gleichzeitig Unschuhl 
und sexuelle Siindigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die 
Art, wiedieBlütben stehen, ausserdem anKirsch bliltben: die Blüthen 
selbst, einzeln genommen, sind Cam clicn, wobei dabei das Ganze noch 
den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame 
an den Kiementen dieses Miscbgebildes ergiebt sich aus den Traum- 
gedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke 
zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte, 
sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in 
späteren Jahren ein Camelienstock ; das Exotische ist eine Anspielung 
auf einen vielgereisten ISaturforseher, welcher mit einer Blunien- 
zeichnung um ilire GuJist werben wollte. Eine andere Patientin 
schafft sich im Traum ein Mittelding aus Badecabinen im Seebad, 
ländlichen Aborthäuschen und den Bodenkam mern unserer städti- 
schen "Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beeiehung aut 
menschliche Nacktheit und Entblüssung geraeinsam; es lässt sich aus 
der Znsammen Setzung mit dem dritten Element scbliessen, dass (in 
ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblüssung 
war. Eine Andere träumt, nachdem der ältere Bruder versprochen 
hat, sie mit Caviar zu regaliren, von diesem Bruder, dass dessen Beine 
von den seh warzen Ca viarperlen übersät sind. Die Elemente 
, Ansteckung" im moralischen Sinn und die Erinnerung an einen 
Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit rotben anstatt mit 
schwarzen Pünktchen übersät erscheinen liess, haben sich hier mit 
den CaviarperJen zu einem neuen Begriff vereinigt, dessen, „was 
sie V o n i h r em B r u d e r b o k om m e n h a t" . Theile des menschlichen 
Kürpers werden in diesem Traum behandelt wie Objecte, wie auch in 
sonstigen Träumen. 

Ich habe vorhin behauptet, dass der Traum kein Mittel hat, die 
Kelation des "Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein" auszudrücken. 
Ich gehe daran, dieser Behauptung zum ersten Male zu widersprechen. 
Ein Theil der Eälle, die sich als „Gegensatz" zusammenfassen lassen, 
findet seine Darstellung einfach durch Jdentificirung, wie wir gesehen 
haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an 
die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt 
Beispiele erwähnt. Ein anderer Theil der Gegensätze in den Trauin- 
gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen- 
theile" fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traum auf folgende 
merlcAvürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das ^.Umgekehrt" 
gelangt nicht für sich in den 'J'rauminhalt, sondern äussert seine 
Anwesenheit im Material dadurch, dass ein aus sonstigen Gründen 
nahe liegendes Stück des schon gebildeten Trauniinhaltes — gleich- 
sam nachträglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter 
zu illustriren als zu besehreiben. Im schonen Traum von „Auf und 
Nieder" (Seite ] 95) ist die Trnumdarstellung des Steigens umgekehrt wie 



2^4 VT. Dio Tranmarbeit. 

dus Vorbild in den Traumgcdankeu, uämlicli die Iiitfoductionsscene 
der SappUo Daudct's; es geht im 'i'raume anfangs schwer, später 
leicht, während in der Scene das Steigen anfangs leicht, später immer 
schwerer wird. Auch das „Oben" und „Unten" in Bezug auf den 
]iruder ist Tcrkelirt im Traum dargestellt. Dies deutet auf eine 
Relation von Umkehrung' oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken 
des Materiales in den 'rrauragedanken besteht, und die wir darin 
gefunden haben, dass in der Kindbeitsphantasie des Träumers er 
von seiner Amme getragen ivird, umgekehrt wie im Roman der Held 
die Geliebte trägt. Auch mein Traum von Gocthe's Angriff gegen 
Herrn M. (Seite 252) enthält ein solches „Umgekehrt", das erst redressirt 
werden muss, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im 
Traum hat Goethe einen jungen ]\Iann Herrn N. angegriffen; in 
der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender 
Manu, mein Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen 
worden. Im Traum rechne ich vom Sterl>edatum Goethe's an; in 
der Wirklichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahr des Paralytikers 
aus. Der Gedanke, der in dem Traummaterial massgebend ist, ero-jbt 
sich als der Widerspruch dagegen, dass Goethe behandelt werden 
soll, als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn 
du das Buch nicbt verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der 
Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies 
eine Beziehung auf die verächtliche Wendung („einem die Kehr- 
seite zeigen") enthalten zu sein (die Umkehrung in Bezug auf den 
Bruder im Sapphotraum). 



Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum- 
gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum 
selbst zum Ausgangspunkt und stellt sich die Frage, was gewisse 
formale Charaktere der Traumdarstellung in Bezug auf die Traum- 
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns in» 
Traume auffallen müssen, gehören vor Allem die Unterschiede in der 
sinnlichen Intensität der einzelnen Ti-aumgebilde und in der Deutlichkeit 
einzelner Traumpartien oder ganzer Träume unter einander verglichen. 
Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traumgebilde um- 
fassen eine ganze Scala von einer Schärfe der Ausprägung, die man 
— wiewohl ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität zu 
stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als 
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem 
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objecten 
der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut- 
lichen Traumohject empfangen, als „flüchtig", während wir von den 
deutlicheren Traumbildern meinen, dass sie auch durch längere Zeit 
der Wahrnehmung Stand gehalten haben. ' Es fragt sich nun, durch 



Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit. 225 

welcfie Bedingungen im Traummaterial diese Untorseliiede in der 
Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminlialtes hervorgerufen 
w^erden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unTermeidlieh einstellen. Da zu dem Material des 
Traumes auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören 
können, wird mau wahrscheinlich voraussetzen, dass diese oder die 
von ihnen abgeleiteten Traumelcmente im Trauminhalt durch besondere 
Intensität hervorstechen, oder umgekehrt, dass, was im Traum ganz 
besonders lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurück- 
fiihrbar sein wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. 
Es ist nicht richtig, dass die Elemente des Traumes, welche Ab- 
kömmlinge von realen Eindrücken während des Schlafes (Nerven- 
reizen) sind, sich vor den anderen, die aus Erinnerungen stammen, 
durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das Moment der Ifcalität geht für 
die Intensitätsbestimmung der Traumbilder verloren. 

Ferner könnte nian an der Erwartung festhalten, dass die sinnliche 
Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Beziehung 
habe zur psychischen Intensität dei' ihnen entsprechenden Elemente in 
den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit psychischer 
Werthigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind keine anderen 
als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traumgedanken bil- 
den. Nun wissen wir zwar, dass gerade diese Elemente der Censur wegen 
meist keine Aufnahme in den Trauminlialt finden. " Aber es könnte 
doch sein, dass ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traum 
einen höheren Intensitätsgrad aufbringenj ohne dass sie darum das 
Centrura der Traumdarstellung bilden müssten. Auch diese Erwartung 
wird indess durch die vergleichende Betrachtung von Traum und 
Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier hat mit 
der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen ; es findet zwischen 
Traummaterial und Traum thatsächlich eine völlige „Umwerthung 
aller psychischen Werthe" statt. Gerade in einem flüchtig 
hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element des 
Traumes kann man oft einzig und allein einen directen Abkömmling 
dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermässig domiuirte. 

Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders 
determinirt, und zwar durch zwei von einander unabhängige Momente. 
Zunächst ist es leicht zu sehen, dass jene Elemente besonders 
intensiv dargestellt sind, durch welche die Wunschcrfüllung sich aus- 
drückt. Dann aber lehrt die Analyse, dass von den lebhaftesten 
Elementen des Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, 
dass die lebhaftesten gleichzeitig die bestdeterminirten sind. Es ist 
keine Aenderung des Sinnes, wenn wir den letzten empirisch ge- 
nommenen Satz in nachstehender Form aussprechen ; Die grüsste 
Intensität zeigen jene Elemente des Traumes, für deren Bildung die 
ausgiebigste Verdichtungsarbeit in Anspruch genommen wui-de, 

Frend, Tiaumdeutong. ]5 



226 VI. Die Traumarbeit. 

Wir diUfen dann erwarten, dass diese Bedingung und die andere 
der Wunscberfüllung auch in einer einzigen Formel ausgedrückt 
werden können. 

Das i*roblem, das leb jetzt bebandelt babe, die Ursacben der 
grosseren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
Traumelemente, möclite ich vor Verwechslung mit einem anderen 
Problem scbützeUj welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit 
ganzer Traume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen- 
satz Ton Deutlichkeit: V^erschwommenlieit, hier Verworrenheit. Es 
ist allerdings unverkennbar, dass in beiden Scalen die steigenden und 
fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie 
des Traumes, die uns klar erscheint, entbiilt zumeist intensive 
Elemente ; ein unklarer Traum iät im Gegentheil aus wenig inten- 
siven Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches 
die Scala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich — Verworrenen 
bietet, weit complicirter als das der Lebhaitigkeitsschwankungen der 
TrauHielemente; ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden 
Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man 
nicht ohne Ueberrasebung, dass der Eindruck von Klarheit oder 
Undeutlichkeit, den mau von einem Traum empfängt, überhaupt nichts 
für das Traumgefüge bedeutet, sondei"n aus dem Traummaterial als 
ein Bestandtbeil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen 
Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken- 
los und klar erschien, dass ich noch in der Schlaftrunkenheit mir 
vorsetzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht 
dem Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen 
waren, sondern als .,Phantasien während des Schlafens" bezeichnet 
werden durften. Käbere Prüfung ergab, dass dieser rare Traum 
dieselben Risse und Sprunge in seinem Gefüge zeigte wie jeder 
andere; ich Hess darum die Kategorie der Traum pbantasien auch 
wieder fallen. Der reducirte Inhalt des Traumes war aber, dass ich 
' meinem Freunde eine schwierige und lange gesuchte Theorie der 
Bisexualität vortrug, und die wunscherfüllende Kraft des Traumes 
hatte es zu verantworten, dass uns diese Theorie (die übrigens im 
Traum nicht mitgetheilt wurde) klar und lückenlos erschien. Was 
ich also für ein Urtheil über den fertigen Traum gehalten hatte, war 
ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des Trauminhaltes. Die 
Traumarbeit griff hier gleichsam in das erste wache Denken über und 
übermittelte mir als Urtheil über den Traum jenes Stück des Traum- 
materiales, dessen genaue Darstellung im Traum Ihr nicht gelungen war. 
Ein vollkommenes Gegenstück hiezu erlebte ich eiuuial bei einer Patientin, 
die einen in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht 
erzählen wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei", und 
endlich unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Dar- 
stellung angab, es seien im Traum mehrere Personen vorgekommen, 
sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewusst hatte, ob 



Die Tranrnhomraung. 927 

ihr Mann ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater sei oder so 
ühnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Kinf;illen 
in der Sitzung ergab als unzweifelhaftj dass es sich um die ziemlich 
alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen 
niusste, dass sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören 
bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) sei".*) Die 
Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch hier ein Stück aus 
dem träum erregenden Material. Ein Stuck dieses Inhaltes war in 
der Form des Traumes dargestellt worden. 

In solche Lage. Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu künnen. 
kommt man aber nach meiner ICrfahrung nur in wenigen Fällen. Ich 
werde späterhin den bisher nicht erwähnten Factor hei der Trauin- 
bildnng ani^zudecken haben, von dessen Einwirkung- diese Qualitäten- 
scala des Traumes wesentlich abhängt. 

In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation 
und Scenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit 
folgenden Worten beschrieben werden: „Es ist dtinn aber, als wäre 
es gleichzeitig ein anderer Ort und dort ereignete sieh dies und jenes". 
"Was in solcher Weise die Hauptbandlung des Traumes unterbricht^ 
die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich 
im Traumniaterial als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke 
heraus. Die Condition in den Traumgedcinken wird im Traum durch 
Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn — wann). 

Was bedeutet die so häufig im Traum erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Jlan will 
geben und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten und 
stösst fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in 
Bewegung setzen, und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die 
Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt u. s. w. Wir 
sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen 
begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht. 
Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlaf bestehe 
motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerk- 
bar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht 
beständig von solchen gehemmten Bewegungen ?j und wir dürfen 
erwarten, dass diese im Schlaf jederzeit hervorzurufende Sensation 
irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das 
im Traumraaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung 
ei"weckt werde. 

Das Nichts-zu-Stande-bringen tritt im Ti-aum nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf 
Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die 

*) Begleitende hystoriscbe Symptomo: Ausbleiben der Periode and trroaiH 
Terstiramuug-, das Hauptloiden dieser Kranken. ^ 

lÖ* 



1 



^ 



oog VI, Die Traumarbeit. 

BedeutuDo- dieses Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt, 
einen Traum mittheilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt 
erscheine. Die Oertlichkeit ist ein Geraenge aus einer 
Privatheilanstalt und mehreren anderen Locale«. Ein 
Diener erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu 
rufen. Im Traum weiss ich, dass etwas vermisst wird, 
und dass die Untersuchung wegen des Verdachtes er- 
folo-t dass ich mir das Verlorene angeeignet. Die Ana- 
lyse zeigt, dass Untersuchung zweideutig zu nehmen ist 
und ärztliche Untersuchung mit einschliesst. IraBewusst- 
sein meiner Unschuld und meiner Con sil iarfunctiou in 
diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer 
Thüre empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf 
mich deutend; Den haben Sie mitgebracht, der ist ja ein 
anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in 
einen grossen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich 
an ein Inferno mit seinen hüllischen Strafaufgaben erin- 
nert. An einem Apparat sehe ich einen CoUegen ein- 
gespannt, der allen Grund hätte, sich um mich zu be- 
kümmern? er beachtet mich aber nicht. Es heisst dann, 
dass ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen Hut 
nicht und kann doch nicht gehen. 

Ks ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, dass ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum- 
gedanken muss also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
"Widerspruch dagegen enthält. Dass ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu 
schliessen, dass durch diesen Zug das unterdrückte Material des 
Widerspruches sich zur Geltung bringt. Dass ich den Hut nicht 
finde, bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das iSÜcht- 
zu-Stande-bringen des Traumes ist ein Ausdruck des Wider- 
spruches, ein „Nein", wonach also die frühere Behauptung zu 
corrigiren ist, dass der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag,*) 
In anderen Träumen, welche das Nicbt-zu-Staude-kommen der 
Bewegung nicht blos als Situation sondern als Sensation enthalten. 




Aiu 

dur Mohr kann gc _ -,-,■,-•, u /i t .. 

er seine Schuldigkeit getlian hatV Em Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll 
soWel wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, dass mich die jun^ 
Mutter für einen kleinen Mohren erklärte.) -- Dass ich den Hut nicht finde, ist ein 
mehrsinuiff verwerthetes Tagcserlebnis. Unser im Aufbewahren genm es Stubeii- 
mildchcn halte ihn versteckt. — Auch die Ablehnung: trauriger lodesge danken ver- 
birgt sich hinter diesem Traumende : Ich habe meme Schuldigkeit noch lange nicht 
gcthan- ich darf noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie m dem kurz vorh..r 
erfolgten Traume von Goethe und dem Paralytiker (Seite 252). 



«! 




Die Rücksicht auf Darstellbark eit. 229 

ist derselbe "Widersprucli durch die Sensation der Bowegung:sheminunff 
kräftiger ausgedrückt, als ein Wille, dem ein Gegenwillc sieh 
widersetzt. Die Sensation der Beweguugshemmung stellt also einen 
Will ensconflict dar. Wir werden später hören, dass gerade die 
motorische Lähmung im Schlaf zu den fundamentalen Bedingungen 
des psychischen Vorganges wührend des Träuniens gehört. Der auf 
die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes 
als der Wille, und dass wir sicher sind, im Schlaf diesen Impuls als 
gehemmt zu eniplindeu, macht den ganzen Vorgang so überaus 
geeignet zur Dtirstellung des W^oUens und des „Kein", das sich ihm 
entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst hegreift es sich 
auch leicht, dass die Sensation der Willenshemmung der Angst so 
nahe steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst 
ist ein libidinöser Impuls, der vom Unbewusstcn ausgeht und vom 
A''orbewussten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der 
Hemmung mit Angst verbunden ist, da muss es sich um ein Wollen 
handeln, das einmal fähig war Libido zu entwickeln, um eine 
sexuelle Regung. 

d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit. 

AVir haben es bisher mit der Untersuchung zu thun gehabt, 
wie der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, 
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche 
Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der 
Tramnbildung erfährt. Wir wissen nun, dass das Traunimaterial, 
seiner Relationen zum guten Theile entblösst, einer Compression 
unterliegt, während gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen sei- 
nen Elementen eine psychische Ilmwerthung dieses Matcriales erzwingen. 
Die Verschiebungen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Er- 
setzungen einer bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der 
Association irgendwie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung 
dienstbar gemacht, indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente 
ein mittleres Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den 
Traum gelangte. Von einer anderen Art der Verschiebung haben 
wir noch keine Erwähnung gethan. Aus den Analysen erfährt man 
aber, dass eine solche besteht, und dass sie sich in einer Ver- * 
tauschung des sprachlichenAusdruckes für den betreffenden 
Gedanken kund gibt. Es handelt sich beide Male um Versciiiebung 
längs einer Associationskette, aber der gleiche Vorgang findet in ver- 
Ecliiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser Ver- 
echiebung ist das eine Mal, dass ein Element durch ein anderes 
substituirt wird, während im anderen Falle ein Element seine Wort- 
lassung gegen eine andere vertauscht, 

Diese zweite Art der bei der Traumbiklung vorkommenden 
Verschiebungen hat nicht nur grosses theoretisches Interesse, sondern 
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Alj- 



2S0 VI. Die Traumarbeit. 

surdität, mit dem der Traum sich verlileidet, aufzuklären. Die Ver- 
schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, dass ein farbloser 
und abstracter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen 
und concreten eingetauscht wird. Der Vortheil, und somit die 
Absicht dieses Ersatzes, liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für 
den Traum d a r s t e 1 1 u n g s f ä h i g, lässt sich in eine Situation einfügen 
wo der abstracte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwieri"-- 
keiten bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer 
Zeitung der Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch 
die Interessen der Verdichtung und der Censur können bei diesem 
Tausche gewinnen. Ist erst der abstraet ausgedrückt, unbrauchbare 
Traumgedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben, sich 
zwischen diesem neuen Ausdruck und dem übrigen Traummateriale 
leichter als vorher die Beruhrungen und Identitäten, welcher die 
Traumarbeit bedarfj und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind 
denn die concreten Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwickelun«"^ 
zufolge anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man kann sich vor- 
stellen, dass ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei der Traum- 
bildung, welche die gesonderten Traumgedanken auf möglichst 
knappen und einheitlichen Ausdruck im Traume zu reduciren sucht 
auf solche Weise, durch passende sprachliche Umformung der einzel- 
nen Gedanken vor sieb geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck 
etwa aus anderen Gründen fest steht, wird dabei vertheileud und 
auswählend auf die Ausdrueksmöghchkeiten des anderen einwirken, und 
dies vielleicht von vorne herein, ähnlicli wie bei der Arbeit des Dichters. 
Wenn ein Gedicht in Heimen entstehen soll, so ist die zweite Reiia- 
zeile an zwei Bedingungen gebunden ; sie muss den ihr zukommenden 
Sinn ausdrücken, und ihr Ausdruck muss den Gleichklang mit der 
ersten Reiuizeile finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo mau 
die Absicht den Heim zu finden nicht merkt, sondern wo beide 
Gedanken von vorneherein durch gegenseitige Induciruug den sprach- 
lichen Ausdruck gewählt haben, der mit leichter Kachbear beitun o* 
den Gleichklang entstehen lässt. 

In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum- 
verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung 
finden lässt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken 
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der 
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, 
\ welche dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. 
Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozu- 
sagen eine prädestinirte Vieldeutigkeit, und die Neurosen (Zwangs- 
vorstellungen, Phobien) benützen die Vortheile, die das Wort so 
zur Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie 
der Traum. Dass die Traumverstellung bei der Verschiebung des 
Ausdruckes mitprofitirt, ist leicht zu zeigen. Ks ist ja irreführend, 
wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird \ 



^ 



« 



-^ 



Die Verechiebnng des sprachlichen Ausdrucks, 231 

und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine 
bildliche hält unser Verständnis auf. besonders da der Traum niemals 
aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente -würtlich oder im über- 
tragenen vSiniie zu deuten sind, direct oder durch Vermittlung ein- 
g-eschobener Redensarten auf das Traumniaterial bezogen werden sollen. 
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit 
des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere 
Angeführt („Der Mund geht gut auf" im Injectionstraum ; ..Ich kann 
noch nicht gelien" im letzten Traum S. 228J u. s. w. Ich werde nun 
einen Traum mittheilen, in dessen Analyse die.Verbiklliehung des ab- 
stracten Gedankens eine grössere Rolle spielt. ^Der Unterschied solcher '^ 
Traumdeutung von der Deutung mittelst Sjnnbolik lässt sich noch immer 
scharf bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel 
der Symbolisirung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in unseren 
Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein 
bekannt und durch feststehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über 
den richtigen Einfall Kur rechten Gelegenheit, so kann mau Träume 
dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz 
oder stückweise auflüsen. , 

Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in 
der Oper. Es ist eine W^ agner -Vor Stellung, die bis 
3/,8 Uhr morgens gedauert hat- Im Parquet und Parterre 
stehen Tische, an denen gespeist und geti'unken wird. 
Ihr eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter 
sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau^ 
neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heisst es, die 
junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mit- 
gebrackt, ganz offen, etwa -wie man einen Hut von der 
Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Farquets befindet 
sich ein hoher Thurra, der oben eine Plattform trägt, 
die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch 
oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richter's; 
er lauft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt 
furchtbar und leitet von diesem Posten aus das unten 
um die B,asis des Thurmes angeordnete Orchester. Sie 
selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer 
Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parquet 
ein grosses Stück Kohle hinaufreichen mit der Moti- 
virung, sie habe docli nicht gowusst, dass es so lange 
dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärin lieh frieren. 
(Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung 
geheizt werden müssten.) 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine 
Situation gebracht. Der Thurm mitten im Parquet, von dem aus der 
Dirigent das Orchester leitet,; vor allem aber die Kohle, die ihr die 
Schwester hinaufreicht ! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine 



232 VI. Die Traumarbeit. 

Analyse verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be- 
ziehungen der Träumerin, gelang es mir Stucke von ihm selbständig 
zu deuten. Ich wusste, dass sie viel Sympathie für einen Musiker 
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter- 
brochen worden war. Ich entscliloss mich also den TJmrra im Parquet 
wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, dass der Mann, den sie an 
Hans Richter's Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mitglie- 
der des Orchester's thurmhoch überragt. Dieser Thurm ist als ein 
Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem 
Unterbau stellt er die Grosse des Mannes dar, mit dem Gitter oben 
hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Thier im Käfig 
(Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere 
Schicksal desselben. ..Narrenthurm^' wäre etwa das Wort, in dem 
die beiden Gedanken hätten zusammentreffen können. 

Kachdem so die Darsteliungsweise des Traumes aufgedeckt war 
konnte man versucben, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den 
Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben 
Schlüssel aufzulösen« „Kohle" musste „heimliehe Liebe'^ bedeuten 

„Kein Feuer, keine Koule 
kann brennen so heiss, 
als wie heimliche Liebe, 
von der niemand was weiss." 

Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben* die 
jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heirathen, reicht ihr die 
Kohle hinauf, „weil bie doch nicht gewusst habe, dass es so lan«Te 
dauern wird". Was so lange dauern wird, ist im Traume 
Btcbt gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vor- 
stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sieb in's Auge fassen 
ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, ,,bis sie heirathet"! 
Die Deutung „heimliche Liebe" wird dann unterstützt durch die Er- 
wähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parquet sitzt, und durch 
die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Ge^^en- 
Bätze zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer 
und der Kälte der jungen Frau beherrscht den Traum. Hier wie dort 
übrigens ein ..Hochstehender" als Mittelwort zwischen dem 
Aristokraten und dem zu grossen Hoffnungen berechtigenden Musiker. 

Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes 
Moment aufgedeckt, dessen Antheil bei der Verwandlung der Traum- 
gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die 
Rücksicht auf die Dar stellbar keit in dem eigenthtim- 
lichen psychischen Material, dessen sich der Traum 
bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen 
Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejeui«-e 
bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die 
Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst 
in eine andere sprachliche Form umzugiessen, sei diese auch die 



I 



* 



Die Traumsymbolik. 233 

nngewöhnliclicre, wenn sie nur die Darstellung ei-moglicht und so der 
psychologiscben Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Endo maclit. 
Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form kann sieb 
aber gleichzeitig iu den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Bezie- 
hungen zu einem anderen Gedanken schaffen, ^die sonst nicht vorhanden 
wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des Ent- 
gegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben. 

fAngesiehts der Rolle, welclic Witzworte, Citate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenlcben der Gebildeten spielen, wäre es voll- 
kommen der Erwartung gemäss, wenn Verkleidungen solcher Art 
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden 
sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit 
anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut 
und Kuben ^■, also „Durcheinander" und bedeutet demnach „Unordnung". 
Ich habe mich gewundert; dass mir dieser Traum nur ein einziges 
Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien liat sich eine ^ 
allgemein giltige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein 
bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Ein gutes Tlieil dieser 
Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psyeboneurosen, den Sagen 
und Volksgebräucben gemeinsam. 

Ja, wenn man genauer zusieht, muss man erkenneUj dass die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts originelles 
leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Ealle der ecnsur- 
freien Darstcllbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un- 
bewussten Denken bereits gebahnt vorfindet bevorzugt sie Jene Um- 
wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auch 
bewusst werden dürfen, und mit denen alle Phantasien der Neurotiker 
erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für 
die Traumdeutungen Scberner's, deren richtigen Kern ich an anderer 
Stelle vertheidigt habe. Die Phantasiebescbiiftigung mit dem eigenen 
Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentbümlich oder für ihn 
charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, dass sie im un- 
bewussten Denken der Neurotiker ein regelmässiges Vorkommnis ist 
und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die 
Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechtes für 
den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. A\'ie 
aber Sehern er und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das 
Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zm' Symbolisirung der 
Leiblichkeit verwendet wird — im Traume so wenig wie im un- 
bewussten Pbantasiren der Neurose. Ich kenne Patienten, die aller- 
dings die architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien 
(reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äusseren 
Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine be- 
deuten {wie im Hohen Lied), die jedes Thor an eine der Körperöffnungen 
(„Loch"), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken lässt u. s. w. 
Aber ebenso gerne wird der Vorstehungskreis des Pllanzenlcbens oder 



234 VI. Die Traumaibeit. 

der Küche zum Versteck sexueller Bilder gewählt; im ersteren Falle 
hat der Sprachgebrauch, der Niederschlag; von Fhautasievergleichuno-eu 

j ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg" des Herrn, der 

^Samen", der ,,Garten" des Mädchens im Hohen Lied),']Iii scheinbar 
harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich 
die hässhchsteu wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken 
und träumenj und die Symptomatik der Hysterie wird geradezu un- 
deuthar, wenn man vergisst, dass sich sexuelle Symbolik hinter dem 
Alhaglicben und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen 
kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder 
kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln 
erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlano-e 
beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall 
"WO die Neurose sich solclier Verhüllung bedient, wandelt sie die 
Wege, die einst in alten Cuhurperioden die ganze Menschheit be- 
gangen hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute 
noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen. 7 

Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin 
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der 
schüne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht 
mehr gefallen. 

a) Vortraum : Sie gehtindieKüehezudenbeiden Mäd- 
chen und tadelt sie, dass sie nicht fertig werden „mit 

I dem Bissei Essen" und sieht dabei soviel umgestürztes 

Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in 
Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden 
Mädchen gehen Wasser holen, und müssen dabei wie iu 
einen Fluss steigen, der bis in's Haus oder in den Hof 
reicht.*) 

Ä-^ Haupttraum:*") Sie steigt von hoch herah«^)über eigen- 
r thümliche Geländer oder Zäune, die zu grossen Carreaus 

. vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleineu Qua- 

draten bestehen, -f) Es ist eigentlich nicht zum Steigen 
...^ eingerichtet; sie hat immer Sorge, dass sie Platz für 

den Fuss findet, und freut sich, dass ihr Kleid dabei 
nirgends hängen bleibt, dass sie im Gehen so anständiö- 
bleib t-tt) Dabei trägt sie einengrossen Ast in der Hand, t-J-^) 
eigentlich wie einen Baum, der dick mit rothen Blüthen 

*) Zur Deatiuig dieses als „eausal" zu uehmcnden Vortramnes siehe S 216 
**) Ihr Lebenslauf. 
***) Höbe Äbkimft, WiinschgegeDsatz zum Vortraume. 

t) Mischge bilde, das zwei Localitäteu vereinigt, deu sogenaniiteu Bodeu des 
VaterhaiiscM, auf dem sie init dem Bruder spielte, dem Geg-enstaude ihrer späteren 
Phautaaien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegie. 

i")-) WuiiscligegbiiBatz ku einer realen Erinnerung vom Hole des Onkels, das» 
ßie sieh im Schlafe zu entblössen pflege, 
f . ttt) Wie der Engel in der Verkündigung Maria einen Lilieustengel. 



H 



i 



Die Symbolik des Sexuellen. 235 

■besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet.*) Dabei ist die 
Idee Kirsch blüthen, sie sehen aber auch aus wie fjel'üllte 
Camelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. "Während 
des Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich 
zwei> später wieder einen. ■■") Wie sie unten anlangt, sind 
die unteren Blüthen schon ziemlich abgefallen. Sie sieht 
dann, unten angelangt, einen Hausknecht, der einen eben 
solchen Baum, si e ni ö cht e sagen — kämmt, d. h. m it ei ne m 
Holz dicke Haarbüschel, die w i e M o o s von ihm h e r a ))- 
hängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Aeste aus 
einem Garten abgehauen und auf die Strasse geworfen, 
wo sie herumliegen, so dass viele Leute sich davon nehmen. 
Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sieli auch einen 
nehmen- kann. ■■'■■■■■■■) Im Garten steht ein junger Mann (von ihr 
bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht, um 
ihn zu fragen, wie man solche Aeste in ihren eigenen Garten 
umsetzen k önne.f) Er unifän g t sie, worauf sie sich 
sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn 
so umfangen darf. Er sagt, das ist l^;ein Unrecht, das ist 
erlaubt. -n") Er erklärt sich dann bereit, mit ihr iu den 
anderen Garten zu gehen, um ihr das P^insetzen zu zeigen, 
und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es 
fehlen mir ohnedies drei Meter — (später sagt sie : Quadrat- 
meter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für 
seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde, 
als ob er die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu ent- 
schädigen, oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen, 
einen Vortheil davon haben, ohne dass sie einen Schaden 
hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiss sie nicht. 

Ich muss noch einen anderen Vorstellungakreis erwähnen, der 
im Träumen wie in der Neurose häutig zur Verhüllung sexuellen In- 
haltes dient. Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine 
Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Auszi ch en, also durch 
ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der Kleidung 
führt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so erinnert man 
sich, dass „to lift" im EngUschen aufheben bedeutet, also „Kleider 
aufheben". 

Ich habe natürlich gerade an solchem Material Ueberlluss, aber 
dessen Mittheilung^ würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver- 
bältnisse führen. ^ÄUes leitete zum gleichen Schluss, dass man keine 

*) Die Erklärung- dieses MUchgebildes siehe S, 223: Uiiöchuld, Periode^ 
Cameiiendame. 

**) Auf die Mehrheit der ilu'er Phantasien dionondou Personen. 
***J Ob man sich auch einen heruiiterreisHcn darf i. e. masturbJren. 

t) Der Ast hat liliigst diu Vertretung' des milnnlichi^n Gfnitale.s Uberiioninieu 
enthält übrigeu» eine sehr deutliche Anspielung au deu Fjiuiilieuuiinieu, 
-j-f) Bezieht sich wie das Näcbstfolgende auf eheliche Vorsichten, 



• 



j 236 ■ VI. Die Tranmarbeit. 

' besondere synibolisirende Tbätigkeit der Seele bei der Traumarbeit 

anzunehmen braacbt, sondern dass der Traum sich solcher Sj'mboli- 
sirungen, welche im uube-vvussten Denken bereits fertig enthalten 
sindj bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbax'keit. zumeist auch 
wegen ihrer Censurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung 
besser genügen.^; 

e) Beispiele. — Rechneu und Reden im Traum. 

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner 
Traumsamralung einige Beispiele heranziehen, welche tbeils das Zu- 
sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, theils 
Beweise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unab- 
weisbare Folgerungen aus ihnen ausfüliren können. Es ist mir ja 
in der vorstehenden Darsteiluug der Traumarbeit recht schwer ge- 
worden, meine Ergebnisse an Beispielen za erweisen. Die Beispiele 
für die einzelnen vSätze sind nur im Zusammenhange einer Traum- 
deutung beweiskräftig; aus dem Zusammenhange gerissen büssen sie 
ihre Schönheit ein, und eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung 
wird bald so umfangreich, dass sie den Faden der Erürterungj zu 
deren lUustrirung sie dienen soll, verlieren lässt. Dieses technische 
Motiv mag entscbuldigen, wenn ich nun allerlei an einander reihe, 
was nur durch die Beziehung auf den Text des vorstehenden Abschnittes 
zusammengehalten wird. 

Zunächst einige Beispiele von besonders eigenthümlichen oder 
von ungewübnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer 
Dame heisst es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter 
wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und 
eine Gorillakatze (später corrigirt: Angorakatze) bei sich. 
Sie wirft die Thiere auf die Träumerin; der Schimpanse 
schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel- 
haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches 
Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und 
nach ihrem Wortlaute darstellte. ..Afie'' wie Tbiernamen übei'haupt 
r^ sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes 

als jf'ctiiX Seh impf Worten um sich werfen". Diese selbe 
Sammlung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses 
einfachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen. 

Ganz ähnheb verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem 
Kind, das einen auffällig missbildeten Schädel hat; von 
diesem Kinde hat sie gehurt, dass er durch die Lage im 
Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel, sagt 
der Arzt, durch Corapression in eine bessere Form brin- 
gen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt, 
da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. — Dieser Traum 



J 



n 



Beispiele von Darstellungen im Traume. 237 

enthält die plastische Darstellung des abstracten Begriffes: „Ivinder- 
e in drücke", den die Träumerin in den Erklärung-en zur Cur gehört. 

Einen etwas anderen "Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel ein. Der Truum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein seh reckliches W ett er 
draussen: ein armseliges Hutel, von den Wänden tropft 
das Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des 
Inhalts ist minder direct im Traum, als ich es bringe.) Der Traum 
bedeutet „überflüssig". Das Abnractum, das sich in den Traum- 
gedanken fandj ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht 
worden, etwa durch „übcrfliessend" ersetzt oder durch ^flüssig und 
überflüssig", und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke 
zur Darstellung gebracht. Wasser draussen, Wasser innen an den 
"Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles ilussig und 
„üb er" flüssig. — 

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen 
zu sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Principien 
zu ordnen. 

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, duixh gezwungene 
Verwerthung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich 
fertige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was 
wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume 
noch später mehr.) Der nicht leicht aufündbare Einfall dazu ergibt: 
Stanniol", und nun weiss ich, dass ich den Autornamen Stannius 
meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete 
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste 
wissenschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich 
wirklich auf das Neivens^'stem eines Fisches, des Ammocoetes. 
Letzterer Name war im Bilderräthsel offenbar gar nicht zu gebrauchen. 

Worin die Trauraarbeit besteht und wie sie mit ihrem Jlaterial, 
den Traumgedanken, umspringt, lässt sich in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Triiumen vorkommen. 
Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders 
verheissungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus 
meiner Sammlung heraussuchen. 

I. Aus dem Traum einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Cur : 

Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 
ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was 
thust Du? Es kostet ja nur 31 kr. Dieses Stückchen Traum 
war mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aut- 
klärung ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die 
ihre Tochter in einem Wiener Erziehuiigsinstitute untergebracht hatte 
und meine Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in 
Wien blieb. In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und 



1 



238 YI. Die Traumarbeit. 

damit endete auch die Cur. Am Tage vor dem Traum batte ihr die 
Institutsvorsteherin nahe g'eleg-t, ob sie sich nicht entschliesseti könnte 
das Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann 
offenbar bei sich diese Anregung dabin fortgesetzt, dass sie in diesem 
Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf 
bezieht sieb nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Ta^-en. 
die drei Wochen bis zun] Abschluss des Schuljahres und der Cur 
lassen sich ersetzen durch 31 Tage (wenngleich nicht ebensoviele 
Behandlungsstunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei 
Zeiten standen, werden im Traum Geldwerthen beigesetzt, nicht ohne 
dass damit ein tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is 
money", Zeit hat Geldwerth. 365 Kreuzer sind dann allerdin^-s 
3 Gulden 65 Kreuzer. Die Kleinheit der ira Traum erscheinenden 
Summen ist offenkundige Wunschertullung; der Wunsch bat die 
Kosten der Behandlung wie des Lehrjahres im Institut verkleinert. 

II. Zu complicirteren Beziehungen fuhren die Zahlen in einem 
anderen Traum. Eine junge, aber schon seit einer Eeihe von Jahren 
verheirathete Dame erfahrt, dass eine ihr fast glcichalterige Bekannte 
Elise L-, sich eben verlobt bat. Daraufbin träumt sie: Sie sitzt 
mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parquets 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und 
ihr Bräutigam hätten auch geiien wollen, hätten aber 
nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr, und die 
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch 
kein Unglück gewesen. 

Woher rühren die 1 fi. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten AnJass des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 
150 fl. zum Geschenk bekommen und sieb beeilt, sie los zu werden 
indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken' 
dass 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei 
den Theatersitzen steht ? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfuno- 
dass die Braut um ebensoviel Monate — drei — jünger ist als sie'. 
Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der 
Zug im Traum, dass eine Seite des Parquets leer bleibt, bedeuten 
kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine 
Begebenheit, die ihrem Manne guten Grund zur Neckerei gegeben 
hat. Sie hatte sieh vorgenommen, zu einer der angekündigten 
Theatervorsteilungen der Woche zu gehen, und war so vorsoro-Hch 
mehrere Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr 
zu zahlen hatte. Als sie dann in's Theater kamen, fanden sie, dass 
die eine Seite des Hauses fast leer war ; sie hätte es nicht nöthiff 
gehabt, sich so sehr zu beeilen. 

Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: 
^,Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiratben, ich hätte es nicht 
nöthig gehabt, mich so zu beeilen; An dem Beispiele der 
Elise L. sehe ich, dass ich noch immer einen Mann bekommen hätte. 



r 



Zahlen und Rechnungen im Traum, 239 

Und zwar einen liundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich 
nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). 
!Drei solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen 
können!" Wir werden darauf aufmerksam, dass iu diesem Traum die 
Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenliano; ver- 
ändert hahen, als im vorher behandelten. Die Umwandlung«- und 
KntstelluDgsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir 
so deuten, dass diese Traunigedauken bis zu ihrer Darstellung ein 
besonders hohes Mass von innerpsychischem Widerstand zu Über- 
winden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, dass in diesem 
Traura ein absurdes Element enthalten ist, nämlich, dass zwei 
Personen drei Sitze nehmen sollen. AVir greifen in die Deutung 
der AbsurditJit im Traume über, wenn wir anführen, dass dieses 
absurde Detail des Trauminhaltes den meistbetonten der Traum- 
gedanken darstellen soll; Ein Unsinn war es. so früh zu heirathen. 
iJie in einer ganz nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen 
Personen enthaltene 3 (ß Monate Unterschied im Alter) ist dann 
geschickt zur Production des für den Traum erforderlichen Unsinns 
verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 
entspricht der Geringschätzung des Mannes (oder Scliatzes) in 
den unterdrückten Gedanken der Träumerin. 

III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst dos Traumes 
vor, die ihm soviel Missachtmig eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Er sitzt bei B . . . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) 
und sagt: Es war ein Unsinn, dassSie mir die Mali nicht 
gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt 
sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1883 geboren. — Ah, 
dann sind Sie 38 Jahre alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das oüenbar 
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa 
nicht anders aufklären lässt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, 
deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, iu Kühe lassen 
können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige 
Jtonate hindurch regelmässig eine junge Dame, der er begegnete, 
nach der er sich häutig erkundigte, und mit der er durchaus höflich 
sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre sciiätzte. 
Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung. 
1883 war aber das Jahr, in dem er geheirathet hatte. Er hatte os 
nicht unterlassen köunen, auch mit den beiden anderen weiblichen 
Personen, die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden 
keineswegs jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Thüre 
za öffnen pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, 
sich die Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren 
j,ge setzten" Herrn. 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende Beispiele) zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt 



1 



240 VI. Die Traumarbeit. 

nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den 
f Traunigedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht 

darstellbares Material dienen künnen, in der Form einer Rechnung 
zusammen. Sie behandelt dahei die Zahlen in genau der nämlichen 
Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen 
Vorstellungen, wie aiich die Kamen und die als Wortvorstellungen 
kenntlichen Eeden. 

Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. 
So viel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, 
die au sich sinnig oder unvernünftig sein künnen, die Analyse zeigt 
uns jedesmal, dass der Traum dabei nur Bruchstucke von wirklich 
geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat 
und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht 
nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück 
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen- 
gefügt, so dass die zusammenhängend scheiuende Traumrede bei der 
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Keu- 
verwendung hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traum- 
gedanken hatten, bei Seite gelassen, und dem Wortlaut einen völHn- 
neuen Sinn abgewonnen. Bei näherem Zusehen unterscheidet man 
an der Traumrede deutlichere, compacte Bestandtbeile von anderen 
die als Bindemittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, 
wie wir ausgelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen! 
Die Traumrede hat so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem 
grössere Brocken verschiedenen Materials durch eine erhärtete 
Zwischenmasse zusammengehalten werden. 

In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur 
für jene Eeden im Traum, die etwas vom sinnlichen Charakter der 
Rede haben und als ^Reden" beschrieben werden. Die anderen, die 
nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine 
akustische oder motorische Mitbetonung im Traum haben), sind 
einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denkthätigkeit vor- 
kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das 
indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die 
Leetüre eine reich fliessende und schwer zu verfolgende Quelle ab- 
zugeben. Alles aber, was im Traum als Rede irgendwie auffölUo- 
hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst ge- 
haltene oder gehörte Rede. 

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir 
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen 
Zwecken mitgetheilt worden sind. So in dem ^harmlosen Markt- 
traum" auf Seite 125, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zn 
haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifieiren, 
während ein Stück der anderen Rede; Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos 
zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgendwelche 



Reden im 'rmnra. 241 

Zuniuthung ilirei- KoeLin mit den Worten zurückgewiesen ; Das 
kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von 
dieser Rede das indifferent kHngende erste Stück in den Traum ge- 
Dominen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die 
Phantasie, welche dem Traum zu Grunde lag, sehr wohl gepasst, aber 
auch dieselbe verrathen hätte. 

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergehen : 

Ein grosser Hof, in dem Leichen verbrannt werden. 
Er sagt: Da geh' ich weg, das kann ich nicht seli en. 
(Keine deutliche Bede,) Dann trifft er zwei Fl eischhaucr- 
buben und fragt; Na, hat's geschmeckt? Der eine 
antwortet : Na, nüt gut war's. Als ob es Menschen fleisch 
gewesen wäre. 

Der harmlose Anlass dieses Traumes ist folgender: Er macht 
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, 
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreund- 
liche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und 
nöthigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein 
zusammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten, hir 
lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber geheu's weg, das 
werden Sie noch vertragen" oder so ähnlich. Er muss also kosten 
nnd rühmt dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut." Mit seiner 
Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit 
der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. 
Das kann ich nicht sehen," das auch im Traum nicht als eigent- 
liche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen 
Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, dass 
er diese zu schauen nicht begehrt. 

Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes 
gestalten, den ich wegen der sehr deutliehen Rede, die sei]ien Mittel- 
punkt bildet, schon an dieser Stelle raittheile, aber erst hei der 
Würdigung der Aftecte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr 
klar : Ich bin Nachts ins Brück e'sche Laboratorium 
gegangen und öffne auf ein leises Klopfen an derThüre 
dem (verstorbenen) Professor Fleisch!, der mit mehreren 
Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an 
seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum : Mein 
Freund Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; 
ich begegne ihn auf der Strasse im Gespräch mit 
meinem (verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen 
irgendwohin, wo sie einander wie an einem kleinen 
Tisch gegenübersitzen, ich an der schmalen Seite des 
Tischchens vorne. Fl. erzählt von seiner Schwester und 
gao't: In ^/^ Stunden war sie todt, und dann etwas wie: 
Das ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet 

i'rend, Traiimdeutung. J6 



n 



'242 A'T. ]">io 'rraumarljeit. 



sich FI. an mich und fragt mich, wieviel von seinen 
Dingen ich P. denn mitgetheilt habe. Darauf ich, von 
merkwürdigen Äffecten ergriffen, Fl. mittheilen will, 
dass P. (ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am 
Leben ist. Ich sage aber, den Irrthum selbst bemerkend: 
Non vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, unter 
meinem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine 
Augen werden krankhaft blau — und endlich löst er 
sich auf. Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe 
jetzt, dass auch Ernst Fleisch! nur eine Erscheinung, 
ein ß e v e n a n t war. und f i n d e es ganz wohl möglich, 
dass eine solche Person nur so lange besteht, als man 
es mag, und dass sie durch den Wunsch des Anderen 
beseitigt werden kann. 

Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
räthselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst, 
dass ich meinen Irrthum. Non vixit zu sagen anstatt Neu vivit, selbst 
bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum 
selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlussfolgerun«^ 
und die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — dass ich „für 
mein Leben gern" die volle Lösung dieser Räthsol niittheilen möchte. 
Ich bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu thun — was ich 
nämlich im Traum thue — die Rücksicht auf so theure Personen 
meinem Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der 
mir wohlbekannte Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So 
begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an späterer Stelle 
einige Elemente des Traumes zur Deutung herauszugreifen. 

Das Centrum des Traumes bildet eine Scene, in der ich P. 
durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk- 
würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese 
Scene ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. 
Ich war Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den Dienst 
in den Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, dass ich einit^ 
Male zu spät in 's Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er 
einmal pünktlich zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir 
sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte 
an. Das Ueberwältigende waren die fürchterlichen blauen Au^en 
mit denen er mich ansah, und vor denen ich verging — wie P. im 
Traum, der zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. 
Wer sich an die bis in's hohe G-reisenalter wunderschönen Au«-eu 
des grossen Meisters erinnern kann und ihn je im Zorn gesehen hat, 
wird sich in die AfFecte des jugendlichen Sünders von damals leicht 
versetzen können. 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit" ab- 
zuleiten, mit dem ich ina Traum jene Justiz übe, bis ich mich besann, 
dass diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als 



Der Traum' „Kon vixit". 243 

gesehene so Iiolie Deutlichkeit im Traum beüeaseu hatten. Dann wusste 
ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser Josef- 
Denkmals in der Wiener Hofburg- sind die schönen Worte zu lesen: 

SaUiti patriae vixit 
non diu sed totus. 
Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen, 
feindseligen, Gredankenreihe in meinen Tramngedanken passte, und 
was hcissen sollte: Der Kerl hat ja gav nichts dreinzureden, er lebt 
ja gar nicht. Und nun musste ich mich erinnern, dass der Traum 
wenige Tage nach der Enthüllung des Fleischldenkmals in den 
Arkaden der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denk- 
mal Brück e's wiedergesehen hatte und (im Unbewussten) mit 
Bedauern erwogen haben muss, wie mein hochbegabter, und ganz der 
Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzutrühen Tod 
seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen l^itumen 
verloren. So setzte ich ihm dies Denkmal im Traum; mein Freund 
P. hiess mit dem Vornamen Josef.*) 

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit, 
das mir die Erinnerung an das Josefsmonument zur Verfügung stellt, 
zu ersetzen- Ein anderes Element der Trau mge danken muss dies 
durch seinen Beitrag ermöglicht haben. Es hcisst mich nun etwas darauf 
achten, dass in der Traumscene eine feindselige und eine ZEirtlicho 
Gedankenströmimg gegen meinen Freund P. zusannnentreften. die 
erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nUndichen 
Worten: Non vixit ihre Barstellung erreichen. Weil er sich um 
die W^issenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal; 
aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am 
Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich ihn. Ich habe 
da einen Satz von ganz besonderem Klang gebildet, bei dem micli 
ein Vorbild beeinflusst haben muss. Wo findet sich nur eine ähnliche 
Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier entgegengesetzter 
Ileactionen gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch erheben, 
voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? An 
einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in der 
Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeare's Julius 
Cäsar: „Weil Cäsar mich hebte, wein' ich um ihn; weil er glück- 
lich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' ich ihn, aber weil 
er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn". Ist das nicht der nämliche 
Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traum gedanken, den 
ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traum. Wenn 
ich nur von dieser überraschenden Collateralverbindung noch eine 
andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke, 

*) AIb Eeitnig' Kur Ueberdßterniiiiiruug; Mciiio Entsclmldiffuiig für mein 
Zuspätkommen lag darin, dass ich nach langer Nachtarboit am Morgen den weiten 
Weg von der Kaisur Josefetrasee in die Währingerstraase zu machen hatte. 

16* 



^ 



244 VI. Die Traumarbeit. 



dies könnte folgende sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach 
Wien. Diese Einzelheit tindet gar keine Stütze in der Wirklichkeit. 
Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in M'ien 
gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Jiilius Cäsar benannt und 
könnte darum sehr wolil die von mir gesuchte Anspielung auf den 
Zwisehengedanken, dass ich den Brutus spiele, vertreten.*) 

Merkwürdiger Weise habe ich nun wirklich einmal den Brutus 
gespielt. Ich habe die Scene Brutus und Cäsar aus Scbiller's 
Gedichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar 
als 14jilhriger Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr älteren 
Neffen, der damals ans England zu uns gekommen war, — auch so 
ein Rcvenant — denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjahre, 
der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten 
Jahi'e waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und 
mit einander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon 
einmal angedeutet, über all' meine späteren Gefühle im Verkehr mit 
Altersgenossen entschieden. Mein Keffe John hat seither sehr viele 
Incarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in 
meiner unbewussten Erinnerung unauslüschlich fisirten Wesens 
wiederbelebten. Er muss mich zeitweilig sehr schlecht behandelt 
haben, und ich muss Muth bewiesen haben gegen meinen Tyrannen 
denn es ist mir in späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede 
wiedererzählt worden, mit der ich mich vertheidigte, als mich der 
Vater — sein Grossvater — zur Rede stellte: Warum schlägst Da 
den John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen : 
Ich habe ihn ge(sch)lagt5 weil er mich ge(sch)lagt hat. 
Diese Kinderscene muss es sein, die non vivit zum non vixit 
ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heisst ja das 
Schlagen — Wichsen; die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich 
solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so wenio- 
begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund V., der mir vielfach 
überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kindergespielen 
abgeben konnte, geht sicherhch auf die complicirte infantile Beziehung 
zu John zurück. 

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 

/) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im 

Traum. 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Ele- 
ment der Absurdität im Trauminhalt gestossen, dass wir die Unter- 
suchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, und was es 
etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, dass die Absurdität der Träume 
den Gegnern der Traum Schätzung ein Eauptargument bot, um im 



*) Dazu noch Cilsar-Kaisur. 



Absurde Triliime vom todten Vater, 245 

Ti'aum nichts anderes als ein sinnloses Product einer reducirten und 
zerbröckelten Geistesthätigkeit zu sehen. 

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des 
Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in 
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, 
die — wie man zuerst meint, zufällig — vom todten Vater handeln. 

I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
verloren : 

Dem Vater ist ein grosses Unglück widerfahren. Er 
ist mit dem Nacbtzug gefahren, da ist eine Entgleisung 
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm 
ist der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht 
ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer AVuudc über 
dem Augenbrauenrand links, die vertical verläuft. Er 
wundert sich darüber, dass der Vater verungl ückt ist 
(da er doch schon todt ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). 
Die Augen sind so klar. 

Nach der herrschenden Beurtheiinng der Träume liiitte man 
sich diesen Trauminhalt so aufzuklären : Der Träumer hat zuerst, 
während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, dass 
dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des 
Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, dass er sich 
über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert. Die 
Analyse lehrt aber, dass es vor Allem überflüssig ist, nach soleheu 
Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine 
Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in 
Augenschein genommen bat. Diese ist es, die ihm verunglückt 
vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie geseben, er arbeitet 
nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traumo 
selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der FamiUe in's 
Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Unheil über den marmornen 
Kopf fällen wird, nämlich dass er zu schmal in der t^.uerrielitung 
von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Kun folgt das Erinnerungs- 
jnaterial, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat. Der 
Vater hatte die Gewohnheit, wenn gescliäftHche Sorgen oder 
Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen 
die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit 
■würde, zusammenpressen wölke, — Als Kind von vier Jahren war 
unser Träumer zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen 
Pistole dem Vater die Augen schwärzte (die Augen sind so 
klar). — An der Stelle, wo der Traum die Verletzung dos Vaters 
zeigt, trug der Lebende, wenn er nachdenklich oder traurig war, 
eine tiefe Längsfurche zur Schau. Dass diese Furche im Traum 
durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die zweite Veranlassung 
des Traumes hin. Der Träumer hatte sein kleines Tüchterchcu 



246 A'I. Die 'JVanmatbeit. 

jjliotof^Taphiit-, die Platte war iliin aus der Hand gefallen und zeigte, 
als er sie aufliub, einen Sprung-^ der wie eine senkrechte Fui'clie 
über die Stirne der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen 
reichte. Da konnte er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren,- 
denn einen Tag vor dem Tode der ^Mutter war ihm die photographischc 
Platte mit deren Abbild gesprungen. 

Die Absurdität diewes 'l^-aumes ist also blos der Erfolg einer 
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die 
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle 
gewöhnt so zu reden; Findest Du den Vater nicht getroffen? Freilich 
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver- 
meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrun«- 
urtheilen dürfte, so möchte man sageUj dieser Anschein von Absurdität 
ist ein zugelassener oder gewollter. 

II. Ein zweites ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen 
Träumen: (Ich habe meinen Vater im Jahre 189Ü verloren.) 

Der Vater hat nach seinem Tode eine politische 
Holle bei den Magyaren gespielt, sie politisch geeinio-t 
wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge 
wie im Reichstag; eine Person, die auf einem oder auf zwei 
Stühlen steht, Andere um ihn herum. Ich erinnere mich 
daran, dass er auf demTodtenbette Garibaldi so ähnlich 
gesehen hat, und freue mich, dass diese Verheissuno- 
doehwahrge Wordenist. 

Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Ungarn durch parlamentarische Obstruction in den gesetzlosen 
Zustand geriethen und jene Krise durehmaehtenj aus der Koloman 
Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, dass die im Traum 
gesehene Scene aus so kleinen l^ildern besteht, ist nicht ohne Be- 
deutung für die Aufklärung dieses Elementes Die gewöhnliche visuelle 
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den 
Eindruck der Lebensgrösse machen; mein Traumbild ist aber die 
Reproduction eines in den "J'ext einer illustrirten Geschichte Oesterreichs 
eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem Reichstao-e 
von Pressburg darstellt; die berühmte Scene des „Moriamur pro re«e 
nostro"*). Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der Vater 
von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen 
also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt: — hier vermittelt die 
Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Dass er auf 
dem Todtenbette Garibaldi so ähnlich -sah, haben wir Umstehenden 
wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatursteigeruno- 

'") Ich M-eiss niclit melir, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt t.«- 
fimden liabe, in dem es von un{?cwöhnlich kleinen Gcstaltcu wimmelte, uml '^is 
dcflSün (Quelle sich einer der Stiche Jacques Callot's herausstellte, die der Träumer 
bi^i Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner 
J''igaren; eme Reihe derselben behandelt die Greuel des 30j iihrig-fju Krieg^es, 



1 



Kiiizelne Absurditüten im 'l'raume. 247 

seine Wangen glühten roth und rötlier . . . unwillkürlich setzen wir 
fort : Und hinter ihm, in Avesenlosem Scheine lag, was uus alle bäudigt, 
das Gemeine. 

Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, dass wir 
gerade mit dem „Gemeinen" zu. thun bekommen sollen. Das „post- 
mortale" der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach 
seinem Tode" im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war 
die völlige Darmlähmung (Obstruction) der letzten Wochen ge- 
wesen. An diese knüpfen allerlei unehrbietige Gedanken an. Einer 
meiner Altersgen ossenj der seineu Vater noch als Gymnasiast verlor, 
bei welchem Anlass ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft 
antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerz einer Ver- 
wandten, deren Vater auf der Strasse gestorben und nach Hause ge- 
bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche 
fiind, dass im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl- 
entleeruüg stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglück- 
lich darüber, dass ihr dieses hässliche Detail die Erinnerung an den 
Vater stören musste. Hier sind wir nun zu dem Wunsch vorgedrungen, 
der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein 
und gross vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das 
nicht wünsehen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes gerathen? 
Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen, dass eine völlig 
zulässige Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind über die Absurdität 
hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandtheilen vorhanden sein mag, 
im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den 
Eindruck nicht abweisen, dass der Anschein der Absurdität ein ge- 
wollter, absichtlich hervorgerufener, ist. 

IIL In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die 'J'raumarbeit 
dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein 
Anlass ist, absichtlich fahrieirt. Es stammt aus dem Traume, den mir 
die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise ein- 
gegeben hat. „Ich fahre in einem Einspänner und gebe 
Auftrag zu einem Bahnhof zu fahren. „Auf der Bahn- 
strecke seihst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren'^ 
sage ich,nachdem er einen Einwand gemachtj als ob ich 
ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon 
eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der 
Bahn fährt. Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte 
gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich hatte am 'Jage einen 
Einspänner genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene 
Strasse führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach 
Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den 
Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht er- 
sparte. Von diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung 
zu den Aristokraten an, mit der ich später noch zusarunicntreften 
werde. VürläaHg nur die Andeutung, dass uns bürgerlichem Plebs 



248 >^I. Die Traumarbeit. 

die Aristokratie dadurch auffällig wird, dass sie sich mit Vorliebe an 
die Stelle des Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staats- 
wagen von Oesterreich. Der nächste Satz im Traum bezieht sich 
aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher 
identilicire. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt ab- 
gesagt („Auf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren") 
und diese Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage 
dass ich ihn auf diesen Keisen zu übermüden pflege (was unver- 
ändert in den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveriinderung. 
zuviel des Schönen an einem Tage, zunmthe. Mein Bruder hatte 
mich a.n diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher 
hei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der 
Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er 
könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit 
der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach Burkersdorf fahre. 
Davon ist in den Traum gekommen, dass ich mit dem Wagen eine 
Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In 
Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch ge- 
fahren"); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die Du mit 
der Stadtbahn fährst, kannst Du auch in meiner Gresellschai't in der 
Westbahu fahren. Die ganze Traumvenviriung richte ich dadurch 
an, dass ich anstatt j, Stadtbahn" — „Wagen" in den Traum einsetze, was 
allerdings zur Zusammenziehung des Kutscliers mit dem Bruder o-ute 
Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinni-^es 
heraus, was bei der Erklärung kaum entwiri'bar scheint, und beinahe 
einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir (.,Aufdie Bahn- 
strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren") herstellt. Da ich 
aber Stadtbahn und Eiuspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln 
brauche, muss ich diese ganze räthselhafte Geschichte im Traume ab- 
sichtlich so gestaltet haben. 

In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen 
oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden 
Falle ist Folgende : Ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas 
Unverstandliches in Verbindung mit dem „Fahren-, weil ich in den 
Traumgüdanken ein gewisses Urtheil habe, das nach Darstellung ver- 
langt. An einem Abende bei jener gastfreundlichen und geistreichen 
Dame, die in einer anderen Scene des nämlichen Traumes als „Haus- 
hälterin'' auftritt, hatte ich zwei Käthsel gehört, die ich nicht auf lösen 
konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich 
mit meinen erfolglosen Bemühungen die Losung zu finden eine etwas 
lächerliche Figur. Es waren zwei Aequivoke mit ,.Nachkommen" 
und „Vorfahren". Sie lauteten, glaube ich, so: 

Der Herr befiehlt's, 

Der Kutscher thut's. 

Ein Jeder hat's. 

Im Grabe ruht's. (Vorfahren.) 



Die Absurdität ist eine absichtlich hoi-gestelUe. 249 

Verwirrend wirkte es, dass das zweite Räthsel zur einen Hiilfte 
identisch mit dem ersten war: 

' ' ■ ■ Der Herr betiehlt's, 

Der Kutscher thut's. 

Nicht Jeder hat's, 

In der Wiege ruht's. (Nachkommen.) 
Als ich nun den Grafen Thun so grossmächtig vorfahren 
sah, in die J^^igaro-Stiramung gericth, die das Verdienst der hohen 
Herren darin findet, dass sie sich die Mühe gegeben haben, ge- 
boren zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden 
Räthsel zu Zwischongedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten 
leicht mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher 
früher einmal in unseren Landen „Herr Schwager" zu sagen pflegte, 
konnte die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung 
einbeziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet; 
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. 
Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. We^-en 
dieses Urtheils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traum. Jetzt 
löst sich wohl auch das letzte Räthsel dieser dunklen Traumstelle, 
dass ich mit dem Kutscher schon vorher gefa hren, mit ihm schon 
vorgefa hren. 

Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum- 
gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urtheil vorkommt: 
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der un- 
bewussten Gedankenzüge des Träumers motiviren. Das Absurde wird 
somit eines der Mittel, durch welches die Trauniarbeit den Wider- 
spruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen 
Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwerthung der motorischen 
Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit 
einem einfachen „Nein" zu übersetzen, sondern soll die Disposition 
der Tramngedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch 
zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traum- 
arbeit et^vas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück 
des latenten Inhaltes in eine manifeste Form.'^") 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne 
Analyse gedeutete Traum von der Wagn er Vorstellung, die bis morgens 
3/^8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Thurme aus dirigirt 

*) Die Tnnimarljeit parodirt also den ihr als läclierlicli bezoichnoteii Gedankon, 
ludttm sie etwas LUelierliches in JiozicJmijg- mit ihm erscliafft- So ähnlich verfährt 
Heiiie, wemi ur dio schlechten Verse des Buiorkiinigs vcrs]Kittc;D will. Er thut es 
in noch schlechteren : 

Herr Lndwig ist ein grosser Poet, ' 

Und sinn-t er, so Btürzt Apollo 

\ov ihm auf die Knie um! bittet und fleht. 

„Halt ein, ich werde sonst toll oh!" 



250 VI. nie Traumarbeit. 

wird u. s. w. (siehe Seite 231) will offenbar besagen: Das ist eine 
vordrehte Welt und eine verrückte (Jesellsebaft. Wer's verdient, 
den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat's, womit 
sie ihr Schicksal im Vergleich zu dem ihrer Cousine meint. — Dass 
sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche 
vom todten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall. 
Hier finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume 
in typischer "Weise zusammen. Die Autoritätj die dem" Vater eigen 
ist. hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen ; die strengen 
Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlasst, zu seiner 
Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten ; aber 
die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode 
für unser Denken umgeben ist, verschärft die Censur, welche die 
Aeusserungen dieser Kritik vom Bewusstwerden abdrängt. 
IV. Ein neuer absurder Traum vom todten Vater: 
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemein de rath 
meiner Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten 
für eine Unterbringung im Spital im Jahre 1851. die 
wegen einesAnfalls beimir nothwendig war. Ich mache 
mich darüber lustig, denn erstens war ich 1851 noch 
nicht am Leben, zweitens ist mein Vater, auf den es 
sich beziehen kann, schon todt. Ich gehe zu ihm in"s 
Nebenzimmer, wo er auf dem Bette liegt und erzähle 
es ihm. Zu meiner Ueberraschung erinnert er sich, 
dass er damals 1851 einmal betrunken war und ein- 
gesperrt oder V e r w a li r t werden m u s s t e. Es war, als er 
für das Haus T.... gearbeitet Du hast also auch ge- 
trunken, frage ich. Bald darauf hast Du geheirathet? 
Ich rechne, dass ich ja 1856 geboren bin, was mir als 
unmittelbar folgend vorkommt. 

Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten 
zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als 
Zeichen einer besonders erbitterten und leidensebaftlichen Polemik in 
den Traumgedanken übersetzen. Mit um so grosserer Verwunderung 
cunstatiren wir aber, dass in diesem Traum die Polemik offen betrieben, 
und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele 
des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint unseren Vor- 
aussetzungen über die Censur bei der Traumarbeit zu widersprechen. 
Zur Aufklärung dient aber, dass hier der Vater nur eine vor- 
geschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen geführt 
wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vorschein 
kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere 
Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier 
umgekehrt ; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung Anderer, 
und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge- 
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, 



Dir Absurdität flriickt, »Spoft und liohii aus. 251 

dass er nicht iu Wirklichkeit gemeint ist. Man erführt diesen Sach- 
verhalt aus der Veranlassung des 'J'raumes. Er erfolgte nämlich 
nachdem ich gehört hatte, ein älterer College, dessen Urlheil für un- 
antastbar gilt, äussere sich abfällig und verwundert darüber, dass 
einer meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
in's fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, dass dieser College eine 
Zeit lang die Tflichten übernommen, die der Vater nicht mehr erfüllen 
konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spitale); und als 
unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen, gerietli 
ich in denselben Empfindungsconflict, der im Falle einer Misshelligkeit 
zwischen Vater und Sohn durch die Kolle und die früheren Leistungen 
des Vaters erzwungen wird. Die Traunigedanken wehren sieh nun 
erbittert gegen den Vorwurf, dass ich nicht schneller vorwärts 
komme, der von der Behandlung dieses Patienten her sich dann 
ancb auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der das schneller 
machen kann? Weiss er nicht, dass Zustände dieser Art sonst über- 
haupt unheilbar sind und lebenslange dauern? "Was sind vier bis 
fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, wenn 
dem Kranken die Existenz während dei- Behandlung so sehr erleichtert 
worden ist? 

Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum o-uten 
Theile dadurch erzeugt, dass Sätze aus verschiedenen Gebieten der T?aura- 
gedanken ohne vermittelnden Uebergang an einander gereiht werden. So 
verlässt der Satz: Ich gehe zu ihm in's Nebenzimmer etc. 
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproducirt 
getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine ei-^en- 
mäcbtige Verlobung mitgetheilt habe. Er will mich also an die vor- 
nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies, 
nnd diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines Anderen, einerneuen 
Person, bringen. Ich merke hier, dass der Traum danim den Vater 
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung 
Anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Censur, 
dass man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen 
darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, dass er sich erinnert, 
einmal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, 
enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. 
Die von ihm gedeckte Pei-son ist hier niemand geringerer als der 
grosse — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge- 
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode 
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum 
erinnert mich an seine eigene Mittheilung, er habe in jungen Jahren ein- 
mal der Gewohnheit gefröhnt, sich mit Chloroform zu berauschen 
und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und an ein zweites 
Kriebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten 
litterarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der männlichen Hysterie 
die er leugnete, und als ich ihn als 1'odtkrankcn besuchte und nach 



I 

Ä 



252 VI. Die Traiimarbeit. 

seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Beschreibung seiner Zustände 
und schloss mit den Worten: ..Sie wissen, ich war immer einer der 
schünsten Fälle von männlicher Hysterie". So hatte er zu meiner Genug- 
tbuung undzu meinem Er staunen zugegeben, wogegen er sich so 
lange hartnäckig gesträubt. Dass ich aber in dieser Scene des Traumes 
M e y n e rt durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen Grund nicht 
in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist 
die knappe, aber völlig zureichende Darstellung eines Conditionalsatzes 
in den Traumgedanken, der ausführlich lautet: Ja, wenn ich z^veite 
Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrathes, wäre, dann wäre ich 
freilich rascher vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun 
meinen Vater zum Hofrath und Professor. Die gröbste und störendste 
Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, 
die mir von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die 
Differenz vou fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade 
das soll aber aus den Traum gedanken zum Ausdruck gebracht werden. 
Vier bis ftlnf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich 
die Unterstützung des Eingangs erwähnten Collegen genoss, aber auch 
die Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Ileiratli warten Hess, 
und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes 
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen ver- 
trautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was 
sind fünf Jahre?" fragen die Traiuugedaukeu. _Das ist für 
mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe 
Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr 
auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu Staude bringen". 
Ausserdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch 
anders und zwar im gegensätzlichen Sinne determinirt; sie kommt 
darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Collegen plötzlich 
habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige 
Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 

V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem 
Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze an- 
gegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerecht- 
fertigt grosser Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen 
Augriff natürlich vernichtet, Er beklagt sieh darüber 
bitter bei einer Tischgesellschaft: seine Verehrung für 
Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung 
nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse, 
die mir u n w a hrs c h e i n 1 i eh vorkommen, ein wenig auf- 
zuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff 
auf M. natürlich früher erfolgt sein muss, so war 
Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir 
plausibel vor, dass er 18 Jahre alt war. Ich weiss aber 



I 



Der absm-flc o(> th p -Tnuira. 253 

nicht sicher, welches Jahr wir j^egen wärtig- schreiben, 
nnd so versinkt die ganze Berechnung- im Dunkel. Der 
Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatz von 
Goethe „Natur" enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch- 
cresellschaft kenne^ hatte mich unlängst aufgefordert seinen 
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer 
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermuthung war richtig • 
es ereignete sich bei diesem Besuch das Peinliche, dass der Kranke 
ohne jeden Anlass im Grespräch den Bruder durch Anspielung auf 
dessen Jugendstreiche blosstellte. Den Kranken hatte ich nach 
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be- 
rechnungen veranlasst, um seine Gedächtnisschwäclmng klar zulegen; 
Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Icli merke schon, 
dass ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiss 
nicht sieher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material 
des Traumes stammt aus einer anderen recenten Quelle. Ein mir 
befreundeter Eedacteur einer niedicinischen Zeitschrift hatte eine 
höchst ungnädige, eine ., vernichtende" Kritik über das letzte 
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die 
ein recht j ugendlicher und wenig urtheilsfähiger Referent verfasst 
hatte. Ich glaubte ein Hecht zur Einraengung zu haben und stellte 
den Bedaeteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be- 
dauerte, aber eine Eemedur nicht versprechen wollte. Daraufhin 
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem 
Absagebriefe die Erwartung hervor, dass unsere persönlichen 
Beziehungen unter diesem Vorfall nicht leiden würden. 
Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung 
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der 
mit dem Ausrufe „Natur, Natur" in Tobsucht verfallen war. 
Die Aerzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lecture jenes 
schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Ueberax'beitung 
des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es 
vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder- 
cebildeten bei uns von der „Natur" reden, und dass der Unglückliche 
eich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens 
nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken, 
als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte. 

Wenn ich noch hinzufüge, dass das so hart hritisirte Buch 
meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist 
man es selbst," hatte ein anderer Kritiker geäussert) sich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lehens beschäftigt und auch 
Goethe's Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be- 
deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, dass ich 
mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suclie 



254 VI. Die Traumarl)cit. 

mir die zcitlicbcn Verhältnisse . . . ein -wenige auf- 
zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Tjauni schwelgt in Absurdität. Das heiiist also, die Traumgedauken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr 
seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber 
doch umgekehrt'?" Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im 
Trauminhalt rertreten, indem Goethe den jungen Mann angeoriflfen 
hat, was absurd i.st, während leicht ein ganz junger Mensch noch 
heute den unsf erblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich 
vom Sterbejahre Goethe"s an rechne, wiilu-end ich den Pai-a- 
lytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen Hess, 

Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, dass kein Traum 
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muss 
ich rechtfertigen, dass ich in diesem Traume die Sache meines 
Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. 
Meine kritische Ueberzengung im Waclien reicht hiefür nicht aus. 
Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver- 
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Katur" auf den Gegensatz 
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Aetiolo-^ie 
für die Psychoneurosen zu den meisten Aerzten gebracht habe, fch 
kann mir sagen : So wie Deinem Freunde, so wird es auch Dir mit der 
Kritik ergehen, ist Dir zum Theil auch bereits so ergangen, und nun 
darf ich das „Er" in den Traumgedanken durch ein „Wir" ersetzen. 
„Ja, Ihr habt Recht, wir zwei sind die Narren". Dass „mea res af'itur'^ 
daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich 
schonen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag dieses Aufsatzes 
in einer populären Vorlesung war es, der mich sch-wankenden Abi- 
turienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte. 

VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume, 
m dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, dass er egoistisch ist' 
Ich erwähnte auf Seite I8(} einen kurzen Traum, dass Professor L. 
sagt: „Mein Sohn, der Myop . . .^ und gab an, das sei nur ein 
Voi'traum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. Hier ist 
der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche 
Wortbildung zur Aufklärung bietet: 

Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom 
18t es nothwcndig, die Kinder zu flüchten, vras auch ge- 
schieht. Die Scene ist dann vor einem Thore, Doppel- 
thor nach antiker Art (die Porta romana in Siena. wie 
ich noch im Traume weiss). Ich sitze auf dem Rand eines 
Brunnens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weib- 
liche Person — Wärterin, Nonne — bringt die zwei 
Knaben heraus und übergiebt sie dem Vater, der nicht 
ich bin. Der Aeltere der Beiden ist deutlich mein 
Aeltester, das Gesicht des Anderen sehe ich nicht; die 
Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum Abschied 



» 



„Geseres und Ungeseres'-. 255 

einen Kuhs von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rothe 
Xase aus. Der Knabe verweigert ihr den Xuss, sagt aber. 
ihr zumAbschicd dieHand reichend: Auf Geseres u n d zu 
uns Beiden (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich 
habe die Idee, dass letzteres einen Vorzug bedeutet. 

Dieser Traum haut wich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto" 
angeregt wurden. Die Judenfragc. die öorge um die Zukunft der 
Kinder, denen mau ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie 
so zu erziehen, dass sie freizügig werden können, pind in den zugc- 
bürigen Traumgedanken leicht zu erkennen. 

„An den Wässern Babel's sassen wir und weinten. — 
Siena ist wie Rom durch seine schonen Brunnen berühmt; für Koni 
miiss ich im Traume (vgl. Seite 138) mir irgend einen Ersatz aus be- 
kannten Oertlichkeitcn suchen. Nahe der Porta Komana von Siena 
sahen wir ein grosses, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, dass 
es das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte 
ich gehört, dass ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene An- 
stellung an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen. 

Un.ser luteres.se erweckt die Rede: Auf G cseres, wo man nach 
der im Traume festgehaltenen Situation erwartcji nitisstc: Auf Wieder- 
sehen, und ilir ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres. 

Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebrilisches Wort, abgeleitet von 
einem Verbum goiser und lässt sich am besten durch „anbefohlene 
Leiden, Verhängnis'", wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes 
im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern". 
Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerk- 
.samkeit zuerst auf sich, macht mich aber auch zunächst rathlos. Die 
kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, dass Ungeseres einen Vor- 
zug gegen Geseres bedeute, Öffnet den Einfallen und damit dem Ver- 
ständnis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Caviar 
statt; der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. 
Caviar fürs Volk, „noble Passionen" : darin liegt eine scherzhafte An- 
spielung an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von 
der ich hoffe, dass sioj jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder 
in Acht nehmen wird. Dazu stimmt es dann, dass eine andere Person 
meines Haushaltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder 
Könne) vom Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem 
Paar gesalzen-ungesalzen und Geseres-Ungescres fehlt es 
aber noch an einem vermittelnden Uebergang. Dieser tindet sich in 
^gesäuert und ungesäuert"; bei ihrem fluchtartigen Auszug 
aus Aegypten hatten die Kinder Isracl's nicht die Zeit, ihren 
Brodteig gähren zu lassen, und essen zur Erinnerung daran noch 
heute ungesäuertes Brod zur Osterzeit, Hier kann ich auch den 
plötzlichen Einfall unterbringen, der mir während dieses Stückes 



^ 



25G VI. Die Traumarbeit. 

;lei' Analyse geküminen ist. Icli erinnerte iiiicl), wie "wir in den 
letzten Ostertagen. in den Strassen der uns fremden Stadt Breslau 
berunisjiazirten, mein l:'reund aus Berlin und ieli. Ein kleines 
l^Iildchen fragte inieh um den We^ in eine gewisse Strasse; ich musste 
mich entschuldigen, dass ich ihn nicht wisse, und äusserte dann zu 
meinem Freunde : Hoft'entlieli beweist die Kleine .spilter im Leben 
mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, von denen sie sich 
leiten lilsst. Kurz darauf fiel mir ein Schild in die Augen : 
Dr. Herodes, Sprechstunde .... Ich meinte: Hoffentlich ist der 
College nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir unterdessen 
seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bilateralen 
Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung begonnen: 
„Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirne trügen wie der 
Cyclop . . ." Das führt nun zur Rede des Professors im Vortraum: 
Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Hauptquelle für 
das Geseres gefuhrt worden. Vor vielen Jahren, als dieser Sohn des 
Professors L., der heute ein selbständiger Denker ist, noch auf der 
Schulbank sass, erkrankte er an einer Augenaffection, die der Arzt 
i'ür Besorgnis erweckend erklärte. Er meinte, so lange sie ein- 
seitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch auf 
das andere Auge übcrgi-eifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden 
heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sieh 
aber die Zeichen für die Erkrankung des /^weiten wirklich ein. Die 
entsetzte Mutter Hess sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Land- 
aufenthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere 
Seite. ^Was machen Sie für Geseres? herrschte er die Mutter 
an. Ist CS auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch anf 
der anderen gut werden". Und so ward es auch. 

Und nun die Beziehung zu mir und den meinigen. Die Schul- 
bank, auf der der Sohn des Professors L. seine erste Weisheit erlernt, 
ist durch Schenkung der Mutter in das Eigenthum meines Aeltesten 
übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund 
lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Uebertragung knüpfen 
lassen, ist nun leicht zu errathen. Diese Schulbank soll aber auch 
durch ihre Construction das Kind davor schützen, kurzsichtig und 
einseitig zu werden. Daher im Traum Myop, (dahinter Cyclop) 
und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um die Ein- 
seitigkeit ist eine mehrdeutige ; es kann neben der kürperÜchen Ein- 
seitigkeit die der intellectuellen Entwickelung gemeint sein. Ja. scheint 
es nicht, dass die Traumseenc in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge 
widerspricht"? Nachdem das Kind nach der einen Seite hin sein 
Absehiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen hin das Ge- 
gentheil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. Es handelt 
gleichsam in Beachtung der bilateralen Symmetrie! 

So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er- 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten 



r 



Keine tli-tlieilsloistmig im Traume, 957 

und es nicht gefahrlos sagen konnten, gerne die NarrcnkaDpc auf- 
zusetzen. Der Hürer, forden die imter.aote Kede bestimmt war 
duldete sie eher, wenn er dabei laclien und sich mit dem Urtheil 
schmeieheln konnte, dass das Unliebsame offenbar etwas KärriscJies sei 
Ganz so wie m Wirklichkeit der Traum, verfährt im Sehauspiel der 
Prinz, der sich zum Narren verstellen muss, und darum kann man 
auch vom Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen 
Bedingungen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauntef 
ach bin nur toll bei Nord-Nord- West: weht der AVind ans Süden" 
so Jcann icii einen ßeiher von einem Falken unterscheiden «■") ' 

Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin 
aufgelost, dass die Iraumgedanken niemals absurd sind. — weni-stens 
nicht von den Träumen geistesgosundcr Menschen -und das^'s die 
Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden 
Elementen producirt, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik 
Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausd.-ucksform vorliegt' 
Es hegt mir nun daran zu zeigen, dass die Traumarbeit überhaupt 
durch das Zusammenwirken der drei eiwähnten Momente ~ und 
eines vierten noch zu erwähnenden ~ erschöpft ist, dass sie sonst 
nichts leistet als eme Uebersetzung der Traumgedanken unter Be- 
achtung der vier ihr vorgeschriebenen Bedingungen, und dass die 
Frage, ob die feeele un 'J'raume mit all ihren geistigen Fähigkeiten 
arbeitet oder nur mit emem Theile derselben, schW gestellt ist mid au 
den thatsächhchen Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich 
TrHume gibt, m deren Inhalt geurtheilt, kritisirt und anerkannt wird, 
m denen Verwunderung über ein einzelnes Element dos Traumes 
auftritt, Ü^rklärungsversuche gemacht und Argumenfcitionen angestellt 
werden, muss ich die Kmwendnngen, die aus solchen Vorkominnissen 
sjch ableiten, au ausgewählten Beispielen erledigen 

Meine Erwiderung lautet : A 11 e s, w a s s i c h kl s s e h e i n b a r e 
Beth^tigung der Urthcilsfnnction in den Träumen vor- 
findet ist nicht etwaalsDcnkleistung der Tranmarbeit 
aufzulassen, sondern gehört dem Material der Traum- 
gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde 
in den manifesten Trauminhalt gelaugt. Ich kann meinen 
Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urtheilen, die man 
nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den 
Empfindungen, die die Reproduction dieses Traumes in uns hervor- 
ruftj gehört ein guter Theil dem latenten Trauminhalt an und ist in 
die Deutung des Traumes einzufügen. 



^ss d 



*) Dieser Iraum gibt auch ein grutes Beiepiel für den ailTOmein ■ri\tit:<;n Satz 
lie 1 r^Lnoie d«r«clb.n Nacht, wen»gk.ich in der Erinneran^ getreust, imf dem 
Hoden des iiamlicheii Gedaiikcnmateriale« envachscn »ind. ])ie Trauiusituation d-i'^s 
ich meine Kinder aus der Hiadt Koni flüchte, ist Übrigens durch diu KilckbeziVhinu. 
aaf einen anologen, m meine Kindheit fallenden, Vorgang entstellt Der Shm It 
da« ich Vonvandte beneide, deneu «ich bereits vor vielen Jahren ein Anlass -eboS 
hat, ihre Kinder auf einen anderen Bodeji zu versetzen. b^uoten 

Freud, Traum den tu Hg. ■ 17- 



t 



258 VI. Die Traumaiijeit. 



I. Ein auffälliges Beispiel liiefür habe ieb bereits angeführt. Eine 
Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar ist. 
Sie hat eine Person, im Traume gesehen, und -weiss nicht, ob es 
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum- 
atück in dem ein ..Misttrügerl" vorkojnmt. an das folgende Erinnerunsr 
sich anschliesst. Als junge Hausfrau äusserte sie einmal scherzbatt 
vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, dass ihre 
nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse. 
Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit 
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Htücdc Traum dient der Darstellung 
der Redensart „Kicht auf meinem eigenen Mist gewachsen". Wenn 
man die Analyse vervollständigt, erfährt man, dass es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten 

1 Geschichte handelt, dass ein Mädchen ein Kind bekommen, von 

dem es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum- 

' darstellung greift also hier in's Wachdenken über und lässt eines der 

\ Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urtheil 

l über den ganzen Traum vertreten sein. 

IL Ein ähnlicher Fall : Einer meiner Patienten hat einen Traum, 
der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach 

I dem Erwachen: Das niuss ich dem Doctor erzählen. Der 

Traum wird analysirt und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf 
ein Verhältniss, das er während der Behandlung begonnen, und von 
dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen. 
IIL Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung : 

Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser 
I undGärten vorkommen, in's Spital. Dabei die Idee, dass 

ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen 
habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir 
, einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration 

führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau 
Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer 
kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und 
treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen 
■ zwei kleinenMädchen, die ich dann mit mir nehme, nach- 

dem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine Art 
Vorwurf gegen meine Frau, dass sie sie dort gelassen hat. 
Beim Erwachen fühle ich dann grosse Befriedigung, die ich 
damit motivire, dass ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was es 
bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.*) Die Analyse 
lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, dass die Befrie'di- 
gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urtheile über 
den Traum gehurt. Es ist die Befriedigung darüber, dass 

*) Eiu Thema, über welches sich eine weitläulige Discnssion in den letzten 
Jahr^lltif^eri der Hevue philosophiciue angesponnen hat (Paramnesie im Traume». 



I 



I 



IJebergreifen der Traumarbeit in's Waclieu. 259 

ich in meiner Elie Kinder bekommen liabe. P. ist eine 
Person, mit der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg 
gegangen bin, die mich dann social und materiell weit überholt hat, 
die aber in ihrer Ehe kindeHos geblieben ist. Die beiden Anlässe 
des Traumes können den Beweis durch eine vollständige Analyse er- 
setzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die Todesanzeige" einer 
Frau Dona A , . y (woraus ich Doni mache), die im Kindbett 
gestorben; ich hürto von meiner Frau, dass die Verstorbene von der- 
selben Hebamme gepflegt worden sei wie sie selbst bei unseren beiden 
Jüngsten. Der Name Dona war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn 
kurz vorher in einem englischen Komane zum ersten Mal gefunden. 
Der andere Anlass des IVaumes ergibt sich nus dem Datum des- 
selben; _es war die Nacht vor dem Ueburtsfeige meines illtesten, wie 
es scheint, dichterisch begabten Knaben. 

IV". Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus 
dem absurden Traum, dass der Vater nach seinem Tode eine ])olitisehe 
Rolle bei den Magyaren gespielt, und motivirt sich durch die Fort- 
dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: 
„Ich erinnere mich daran, dass er auf dem Todtenbett 
Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, dass 
es doch wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene 
Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in 
diese Traumlucke gehört. Es ist die Erwlihnung meines zweiten 
Knaben, dem ich den Vornamen einer grossen historischen Persön- 
lichkeit gegeben habe, die mich in den Knal)enjahren, besonders seit 
meinem Aufenthalte in England, mächtig angezogen. Ich hatte das 
Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu ver- 
wenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüsste mit ihm hoch 
befriedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, 
wie die unterdrückte Grössensueht des Vaters .^ich in seinen Gedanken 
auf die Kinder übertrügt; ja man wird gerne glauben, dass dies 
einer der Wege ist, auf denen die im Leben nothwendig gewordene 
Unterdrückung derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zu- 
sammenhang dieses Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der 
Kleine dadurch, dass ihm damals der niimliche — beim Kind und 
beim Sterbenden leicht verzeililiche — LTnfiiU widerfahren war. die 
Wüsche zu beschmutzen. Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhl- 
ricliter" und den Wunsch des Traumes: Vor seinen Kindern gross 
und rein dazustehen. 

V. Wenn ich nun Urtheilsüusserungen, die im Traume selbst ver- 
bleiben, sich nicht in's Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, 
heraussuchen soll, so werde ich 's als grosse Erleichterung empfinden, 
dass ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in 
anderer Absicht mitgetheilt worden sind. Der Traum von Goethe, 
der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urtheils- 
acten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Vcrhillt- 

17* 




^ 



2G0 \J. !)ic Traunmrbeit. 

nititit;, die mir uiiwahrHcInunlich vurkommcu. einwcnio- 
aufzuklären. Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den 
Unsinn gleich, dass Goethe einen jungen Mann meiner Bekannt- 
schaft littcrarisch angegriffen haben sollV ^Es kommt mir plau- 
sibel vor, dai>s er 18 Jahre alt war." Das klingt doch ganz -wie das 
Ergebnis einer allerdings schwachsinnigen Bereehnuug; und _Ich 
weiss nicht sieher. welches Jahr wir schreiben", wäre 
ein Beispiel von Unsicherheit oder Zweifel im Traum. 

Nun weiss ieli aber aus der Analyse dieses Traumes, dass diese 
scheinbar erst im Traume vollzogeneu Urthcilsactc in ihrem Wort- 
laute eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum- 
deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver- 
mieden wird. Mit dem Satze: ..Ich suche mir die zeitlichen 
Verhältnisse ein wenig aufzuklären", setze ich mich an die 
Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des 
Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutuiin- 
eines Urtheils. welches sieh gegen den Unsinn der vorhergehenden 
Sätze sträubt. Die Einschaltung „die mir unwahrscheinlich 
vorkommt", gehurt zusammen mit dem späteren „Es kommt 
mir plausibel vor". Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich 
der JJunic. die mir die Krankcngeschiehte ihres Bruders erzählte, 
erwidert: Es kommt mir un wahrscheiu lieh vor. dass der 
Ausruf pNatur, Katur". etwas mit Goethe zu thun hatte; es ist 
mir viel plausibler, dass er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeu- 
tung gehabt hat." Es ist hier allerdings ein Urtheil geföllt woi-den. 
al)er nicht im Traum, sondern in der Kcalität, bei einer Veranlassur*^! 
die von den Traumgedanken erinnert und verwerthet wird. Der 
Trauminhalt eignet sich dieses Urtheil an wie irgend ein anderes 
Bruchstück der Traumgedanken. 

Die Zahl 18. mit der das Urtheil im Traume unsinniger Weise 
in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen- 
liangesj aus dem das reale Urtheil gerissen wurde. Endlich dass ..ich 
nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben'^, soll nichts 
anderes als meine Identificirung mit dem Paralytiker durchsetzen, in 
dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte. 

Bei der Auflösung der scheinbaren Urtheilsacte des Traumes 
kann man sich an die Eingangs gegebene Regel für die Ausführuno- 
der Deutungsarbeit mahnen h^ssen, dass man den im Traume herge- 
stellten Zusammenhang der Traumbestandtheile als einen unwesent- 
lichen Schein bei Seite lassen und jedes Traumelement für sich der 
Zurückführung unterziehen möge. Der Traum ist ein Conglomerat, 
das für die Zwecke der Untersuchung wieder zerbröckelt werden 
soll. Man wird aber andererseits aufmerksam gemacht, dass sieh in 
den Träumen eine psychische Kraft äussert, welche diesen scheinbaren 
Zusammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene 
Material einer secundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben 



^ 



Die ßcliciubiireu ITrtliüilaäUöäciunjjeu des Traumes, 261 

hier Aeusscruugcn jener Macht vor uns, die wir als das vierte der 
bei der Traum bildung- betheiligten Momente später würdigen werden. 
VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urtheilsarbeit in den 
bereits _ mitgetheilten Träumen. In dem absurden Traum von der 
Zuschrift des Gemeinderathes frage ich: Bald darauf hast Du 
gebeirathet? Ich rechne, dass ich ja 185G geboren bin 
was mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich 
ganz in die Form einer Schlussfolge. Der Vater hat bald nach dem 
Anfall im Jahre 1851 geheirathet; ich bin jader Aelteste, 1856 geboren; 
also das stimmt. AVir wissen, dass dieser Schluss durch die Wunsch- 
erfüllung verfälscht ist, dass der in den Traumgedanken herrschende 
Satz lautet: 4 oder 5 Jahre, das ist kein Zeitraum, das ist 
Dicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser Schlussfolge ist nach 
Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken anders zu determiniren : 
Es ist der Patient, über dessen Geduld der College sich beschwert, der 
unmittelbar nach Beendigung der Cur zu heiratben gedenkt. Die Art 
wie ich mit dem Vater im Traume verkehre, erinnert an ein Verhör 
oder ein Examen, und damit an einen Universitätslehrer, der in der 
Inscriptionsstunde ein vollständiges aSTationale aufzunehmen pflegte : Ge- 
boren, wann? 1856. — Patre? Darauf sagte man den Vornamen des Vaters 
mit lateinischer Endung, und wir Studenten nahmen an, der Hofrath ziehe 
aus demVornamendesVatersSchlüsse, die ihm der Vorname des Inscri- 
birten nicht jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlussziehen dos 
Traumes nur die Wiederholung des Sehlussziehons, das als ein Stück 
Material in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas 
Xeaes._ Wenn im Trauminhalte ein Schluss vorkommt, so kommt er ja 
sicherlich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein 
als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches Band eine 
Pieihe von Traumgedanken mit einander verknüpfen. In jedem Falle stellt 
der Schluss im Traume einen Schluss aus den Traumgedanken dar.*) 
Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das Verbür 
des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner Zeit lateinisch 
abgefasBten) Index des Universitätsstudenten. Ferner an meinen Studien- 
gang. Die fünf Jahre, die fiir das medicinisehe Studium vorgesehen 
ändj waren wiederum zu wenig für mich. Ich arbeitete unbekümmert in 
weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner Bekannten hielt man mich 
für verbummelt, zweifelte man, dass ich „fertig" werden würde. Da 
entschloss ich mich schnell, meine Prüfungen zu machen, und wurde 
doch fertig; trotz des Aufschubs. Eine neue Verstärkung der Traum- 
gedanken, die ich meinen Kritikern trotzig entgegenhalte. „Und wenn Ihr 
es auch nicht glauben wollt, weil ich mir Zeit lasse ; ich werde doch 
fertig, ich komme doch zum Schluss. Es ist schon oft so gegangen." 
^b Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze 

Bdenen man den Charakter einer Argumentation niclit gut absprechen 

*) Diese Erg-cbnisse corrigireii in iiiiiigen ruiiktiMi muiiK; früliereii Angabisii Ubut 
dit IJarstolliing der logischun Kelatioiien (Seitu ai4). lA'tzteiv bi!scliri;ibcii " asis aU^e- 
meine Verhalten der Traumsirbeit, berücksichtigen aber uiclit ilic feinsten und sorff- 
tÜtigsten Leistungen derselben. 



2(i2 VI. Die Traumarbeit. 

kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte 
ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im 
Traume über die Zuschrift des G eraein]deratbes lustig, 
denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen 
kann, schon todt. Beides ist nicht nur au sich richtig, sondern 
deckt sieh aueli völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich 
im Falle einer derartigen Zuschrift in Anwendung brmgen würde. 
Wir wissen aus der früheren Analyse (Seite 250), dass dieser Traum 
auf dem Boden von tief erbitterten und hohngeti'Ünkten Traumgedanken 
erwachsen ist ; wenn wir ausserdem noch die Motive zur Censur als recht 
starke annehmen dürfen, so werden wir verstehen, dass die Traumarbeit 
eine tadellose Widerl egung einer unsinnigen Zumuthun"- 
nach dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen 
allen Anlass hat. Die Analyse zeigt uns aber, dass der Traumarbeit 
hier doch keine freie Nachschüpfung auferlegt worden ist, sondern 
dass Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden musste. 
Es ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung ausser den Zahlen 
ein -|- und — , ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, 
der diese Gleichung absehreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die 
Operationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe 
aber dann beiderlei durch einander. Die beiden Argumente lassen 
sich auf folgendes Material zurückfuhren. Es ist mir peinlich zu 
denken, dass manche der Voraussetzungen, die ich meiner psycholo- 
gischen Auflösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie ei"st 
bekannt geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. 
80 muss ich behaupten, dass bereit.^ Eindrücke aus dem zweiten 
Lebensjahr, mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur 
im GemUthsleben der später Kranken zurücklassen und — obwohl 
von der Erinnerung vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und 
unterste Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. 
Patienten, denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen 
die neugewonnene Aufklärung zu parodiren, indem sie sich bereit 
erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch 
nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach 
meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, welche 
liei weibliehen Krauken d e r V a t e r in den frühesten sexuellen Regungen 
spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung Seite 117.) Und doch ist nach 
meiner gut begründeten Ueberzeugung Beides wahr. Ich denke zur 
Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters in 
ein sehr frühes Alter des Kindes tiel, und spätere sonst unerkliirbare 
Vorfälle bewiesen, dass das Kind doch Erinnerungen an die ihm so 
früli entschwundene Person unbewusst bewahrt hatte. Ich weiss, dass 
meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Giltigkeit 
man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der WnnscherfüUung, 
wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Beanstandung 



Verwunderunir im Traum. 263 



^o 



ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier 
Schlüsse verwendet wird. 

VII. In eineraTraume,den ich hishernur gestreift habe, wirdEingangs 
die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich ausgesprochen. 

„Der alte Brücke muss mir irgend eineAufgabe ge- 
stellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Prä- 
paration meines eigenen Untergestells, Becken und 
Beine, das ich vor mir sehe wie im Secirsaal, doch oline 
den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur von 
Grauen. Louise N. steht dabei und macht die Arbeit bei 
mir. Das Becken ist ausgeweidet, mau sieht bald die 
obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich vev- 
men""t. Dicke, fleischrotbe Knollen (bei denen ich noch 
imTraumc an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch 
musste etwas sorgfältig ausgeklaubt werden, was darüber 
lag und zerknülltem Silberpapier glich.'^") Dann war ich 
wieder im Besitz meiner Beine und machte einen Weg 
durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen. 
Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Hausthor 
hinein, das sich öffnete und ihn durch einenGrang passi- 
ren Hess, der am Ende abgeknickt, schliesslich weiter 
in's Freie führte.''-*) Schliesslich wanderte ich mit einem 
alpinen Führer, der meine Sachen trug, durch wech- 
selnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er mich 
mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war 
sumpfig; wir gingen am Hand hin; Leute .sassen am 
Boden, einMädchen unter ihnen, wie Indianer oder Zigeu- 
ner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden mich 
selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung, dass 
ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich kamen 
wir zu einem kleineu Holzhaus, das in ein offenes Fenster 
ausging- Dort setzte mich der Führer ab und legte zwei 
bereit stehende Holzbretter auf dasFensterbrett, um so 
den Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu 
überschreiten war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für 
meine Beine. Anstatt des erwarteten Uehcrganges sali 
ich aber zwei erwachsene Männer auf Holzbitnken liegen, 
die an denWändeu derHütte waren, und wie zweiKinder 
schlafend neben ihnen. Als ob nicht dieBretter, sondern 
die Kinder den Uebergang ermöglichen sollten. Ich er- 
wache mit Gedankenschreck. 

Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus- 
giebigkeit der Trauraverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor- 

*) Staouiol, Auspieluiig auf Staniilue, Nervensystem der Fischß, vgl. Seite 237. 
**) Die Oertlichkeit im Flur luoiues WohnliauHes, wo die Kinderwagen der 
Parteien stehen; aonst aber melirfacli iiberbestimmt, 



264 VI. Die Traunmrbeit. 

stellen küniien, welche Anzahl von Blattern die ausftihrHche Aualvse 
dieses Traumes einnehmen muss. Zum Glück für den Zusammen- 
hang- entlehne ich dem Traume aber blos das eine Beispiel für die 
Verwunderung- im Traum, die sieh in der Einschaltung „sonderbar 
genug" kundgiht. Ich gehe auf den Anlass des Traumes ein Es 
ist em Besuch jener Dame Louise K., die auch im Traum der 
Arbeit assistirt. „Leih' mir etwas zum Lesen." Ich biete ihr She" 
Ton Rider Haggard an. „f^in sonderbares Bueh, aber värTon 
verstecktem Sinn", will ich ihr auseinandersetzen; „das ewif>- Weibliche 

die Unsterblichkeit unserer AlTecte. '^ Da unterbricht sie mich • 

Das kenne ich schon. Hast Du nichts Eigenes? — „Nein meine 
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben." — Also 
wann erscheinen denn Deine sogenannten letzten Aufkläriino-en die 
wie Du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? frac^t sie etwas 
anzüglich Ich merke jetzt, dass mich ein Anderer durch ihren 
Mund mahnen lUsst und verstumme. Ich denke an die Ueberwindun«^ 
die es mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der iä' 
soviel vom eigenen intimen Wesen preisgeben muss, in die Oeffent 
hchkeit zu schicken. „Das Beste, was Du wissen kannst, darfst Du den 
Buben doch nicht sagen." Die Präparation am eigenen Leib die 
mir Uli Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mittheilun"- der 
Iräume verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke komm? mit 
Kecbt biezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher 
Arbeit traf es sich, dass ich einen Fund liegen lies^ bis sein 
energischer Auftrag mich zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren 
Gedanken aber, die sieh an die Unterredung mit Louise X. anspinnen 
Sv rl.? ^rl "''; ^^r^s?t 2^ .werden; sie erfahren eine Ablenkung 

^L- vnn ifT'^h ^^' ^". ""^ ""^^''^^^ ^^^'-^l' -^'^ Erwähnung de? 
„She vonKiderllaggard geweckt worden ist. Auf dieses Buch und 
auf ein zweites desselben Autors, „Heart of the world", .Te h t d as 
Lrthejl „sonderbar genug«, und zahlreiche Elemente des Traumes 
smd den beiden phantastischen Romanen entnommen. Der snmXe 
Boden, über den man getragen wird; der Abgrund, der mittelst der 
imtgebrachten Bretter zu überschreiten ist, stammen aus der She'-- 
die Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus „Heart of the world'^' 
in beiden Romanen ist eine Frau die Fübrerin, in beiden handelt es sich 
um gelahrhche Vv anderungen, in S h e um einen abenteuerlichen We'>- ins 
Unentdeckte, kaum je Betretene. Die müden Beine sind nach einer Kotiz^ 
die ich bei dem Traume finde, reale Sensation jener Tage -:'ewesen' 
Wahrscheinlich entsprach ihnen eine müde Stimmung und die 
zweifelnde Frage : Wie weit werden mich meine Beine noch tragen"^ 
In der „She" endet das Abenteuer damit, dass die Führerin anstatt 
sich und den Anderen die Unsterblichkeit zu holen, im geheimnis- 
vollen Centralfeuer den Tod findet. Eine solche Angst hat sich 
unverkennbar in den Traumgedanken geregt. Das „Holzhans- ist 
sicherlich auch der Sarg, also das Grab. Aber in der Darstellmio- 




Ein Erkliiriingsversneli im TmLim. 2ü5 

dieses uu erwünschtesten aller Gedanken durch eine Wunschcrfülluuo. 
hat die Traumarbeit ihr Meisterstück geleistet. Jch war nämlich 
schon einmal m emem Grabe, aber es war ein ausgeräumtes Etrusker- 
grab bei Ürvieto, eme schmale Kammer mit zwei Steinbänken au 
den Wänden, auf denen die Skelete von zwei Erwachsenen golao-ert 
waren. Genau so sieht das Innere des Holzhauses im Traume Sus 
Dur ist Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen • 
„Wenn Du schon im Grabe weilen sollst, so sei es das Etruskei-o-rab" 
und mit dieser Unterschiebung verwandelt er die traurigste Erwartun<^ 
in eine recht erwünschte. Leider kann er, wie wir hören werden, nur 
die den Affeet begleitende Vorstellung in ihr Gegentheil verkehren 
nicht immerauch den Affeet selbst. So wache ich denn mit „Gedanken- 
schreck" auf, nachdem sich noch die Idee Darstellung''erzwuno-en 
dass vielleicht die Kinder erreichen werden, was dem Vater versagt 
gebiiehen eine neuerhche Anspielung an' den sonderbaren Koman 
in dem die Identität einer Person durch eine Generationsreihe von 
2000 Jahren festgehalten wird. 

VIII. In dem Zusammenhange eines anderen Traumes findet sich 
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume 
Erlebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten 
und beinahe geistreichen Erklärungsversuche, dass ich blos seinet- 
wegen den ganzen Traum der Analyse unterwerfen müsste, auch 
wenn der Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für 
unser Interesse besässe. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 
19. Juli auf der Südbahnstrecke und hüre im Schlaf: „Hollthurn 
10 Minuten" ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien 
^ ein naturhistorisches Museum — , dass hier ein Ort 
ist, wo sich tapfere Männer erfolglos gegen die Uebor- 
macht ihres Landesherrn gewehrt haben. — Ja die 
Gegenreformation in Oestcrreich! — Als ob es ein Ort 
in Steiermark oder Tirol wäre. Nun sehe ich undeut- 
lich ein kleines Museum, in dem die Beste oder Erwer- 
bungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich möchte 
aussteigen, verzögere es aber. Es stehen Weiber mit 
Obst auf dem Perron, sie kauern auf dem Boden und 
halten die Körbe so einladend bin. — Ich habe gezögert 
aus Zweifel, ob wir noch Zeit haben, und je tzt stehen 
wir noch immer. — Ich bin plötzlich in einem anderen 
Coupe, in dem Lcder undSitze so schmal sind, dass man 
mit dem Rücken direct an die Lehne stüsst.--) Ich wun- 
dere mich darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zustande 
umgestiegen sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches 
Geschwisterpaar; eine ßeihe Bücher deutlich auf einem 

*) Dieso Bf^schrcibuug ist für micli selbst nicht viTslilndlicli, abor icli Mc-c 
dein GniiidBatK»;, den Tniiiin in jeiiun Worten wiedtrziigubun, di<- mir beim Nieder 
schreiben einfiilbu. Dk Wortfassung: i«t selbst uiii ötilcJt dur Tniumduratolluu" 



206 VI. Die Ti-aum;irbt?lt. 

Gestell an derWand. Ich sehe„Wealth ofnations", „Matter 
and Motion" (von Maxwell), dick und in braune Lein- 
wand gebunden. Der Mann fragt die Schwester nach 
einem Buch von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es 
sind die Bücher bald wie die meinen, bald die der 
Beiden. Ich rauchte mich da bestätigend oder unter- 
stützend in's Gespräch mengen — -- — . Ich wache, am 
ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. 
Der Zug hält in Marburg. 

Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das 
die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Gesehwister- 
paare auf ein gewisses Werk: It is from . . ., corrigire 
mich aber: It is by. .. Der Mann bemerkt zur Schwester: 
Er li a t es ja richtig gesagt. 

Der Traum beginnt mit dem ^'araen der Station, der mich wohl 
unvollständig geweckt haben muss. Ich ersetze diesen Namen, der 
Marburg lautete, durch HoUthurn. Dass ich Marburg beim 
ersten oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, 
beweist die Erwähnung Schiller's im Traum, der ja in Marburg, 
wenngleich nicht im steirischen, geboren ist. Nun reiste ich diesmal, 
obwohl erster Classe, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der 
Zug war überfüllt, in dem Coupü hatte ich einen Herrn und eine 
Dame angetroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebens- 
art besassen oder es nicht der Mühe werth hielten, ihr Missvergnügen 
über den Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher 
Gruss wurde nicht erwidert ; obwohl Mann und Frau neben einander 
sassen (gegen die Fahrrichtung), beeilte sich die Frau doch, den 
Platz ihr gegenüber am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirm 
zü belegen ; die Thüre wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden 
über das Oeft'nen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man 
mir den Lufthunger bald an. Es war eine heisse Nacht und die 
Luft im allseitig abgeschlossenen Coupe bald zum Ersticken. Nach 
meinen Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos über- 
greifendes Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb 
bezahlt haben. Als der Conducteur kam und ich mein theuer erkauftes 
]iillet vorzeigte, tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar und 
wie drohend : Mein Mann hat Legitimation. Sie war eine stattliche 
Erscheinung mit miss vergnügten Zügen, im Alter nicht weit von der 
Zeit des Verfalls weiblicher Schönheit: der Mann kam überhaupt 
nicht zu Worte, er sass regungslos da. Ich versuchte zu schlafen. 
Im Traume nehme ich fürchterliche Rache an meinen unliebens- 
würdigen Reisegefährten; man würde nicht ahnen, welche Be- 
schimpfungen und Demüthigungen sieh hinter den abgerissenen 
Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies Bedürfnis 
befriedigt war, machte sich der ziveite Wunsch geltend, das Coupe 
zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Scene, aud ohne dass 



Ein Erkläruiigsversiicli im Traiimü. 2G7 

der mindeste Anstoss an der Veränderung: genommen wird, dass es 
nicht im Geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald 
meine Eeisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinne- 
mng ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall ein, dass irgend etwas 
den Wechsel der Scene beanständete und es für nothwendig hielt, 
Ihn zu erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes Coup6? Ich 
konnte mich doch nicht erinnern umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine 
Erklärung: ich musste im schlafenden Zustande den Wagen 
verlassen haben, ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Er- 
fahrung des Neuropathologeu Beispiele liefert. Wir wissen von Per- 
sonen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, 
ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu ver- 
rathen, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen 
und dann die Lüche in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen 
Fall von „Automatisrae ambulatoire" erkläre ich also noch 
im Traume den meinigen. 

Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der 
Erklärungsversuch, der mich so frappirt, wenn ich ihn der Traum- 
arbeit zuschreiben müsste, ist nicht originell, sondern aus der Neurose 
eines meiner Patienten copirt. Ich erzählte bereits an anderer Stelle 
von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der 
kurz nach dem Tode seiner EUern begann, sich mörderischer 
Neigungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmassregeln litt, 
die er zur Sicherung gegen dieselben treffen musste. Es war ein 
Fall von schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. 
Zuerst wurde ihm das Passiren der Strasse durch den Zwang ver- 
leidet, sich von allen Begegnenden Kechenschaft abzulegen, wohin 
sie verschwunden seien; entzog sich Einer plötzlich seinem ver- 
folgenden Blick, so blieb ihm die peinliche Empiindung und die Möglich- 
keit in Gedanken, er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter Anderem 
eine Kainsphantasie dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder". 
Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das 
Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen 
seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber dui'ch die 
Zeitung beständig Nachrichten von Mordthaten, die draussen geschehen 
-waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe 
legen, dass er der gesuchte Mörder sei. Die Gewissheit, dass er ja 
seit Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine 
Weile gegen diese Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit 
durch den Sinn fuhr, dass er sein Haus im bewusstlosen 
Zustand verlassen und so den Mord begangen haben könne, 
ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloss er die Hausthüre 
ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und verbot ihr 
eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in seine Hände 
gelangen zu lassen. 

Daher stammt also der Erklärungsversuch, dass ich im bewusst- 
losen Zustande umgestiegen bin, — er ist aus dem Material der 



^ 



2(1S Vf. Die Triiumaibi'it„ 

Traniiigedankeu fortig' in den Traum eingetragen worden und soll 
im Traume offenbar dazu dienen, mich mit der Pci'son jenes Patienten 
7M identificiren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch nahc- 
liegende Äsäociation geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einit^e 
Wochen vorher die letzte Nachtreise gemacht. Er war geheilt, be- 
gleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die mich 
lieriei'en; ivir hatten ein Coupü für uns, Hessen alle Fenster die Nacht 
hiudui'ch offen und hatten uns, so lange ich wach blieb, vortreiflich 
unterhalten. Ich wusste, dass feindselige Impulse gegen seinen Vater 
aus seiner Kindheit in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner 
Erkrankung gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm identi- 
ficirte, wollte ich mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite Seene 
des Traumes lüst sich auch wirklieh in eine übermüthige Phantasie 
auf, dass meine beiden ältlichen Reisegefährten sich darum so ab- 
weisend gegen mich benehmen, weil ich sie durch inein Kommen an 
dem beabsichtigten nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert 
liabe. Diese Phantasie aber geht auf eine frühe Kinderscene zurück 
in der das Knid, wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben, 
in das Schlafzimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort 
des Vaters daraus vertrieben wird. 

Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie 
würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten 
entnommen haben, dass ein Urtheilsact im Traume nur die Wieder- 
holung eines Vorbildes aus dem Traumgedanken ist. Zumeist eine 
übel angebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wieder- 
holung, gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so 
geschickt verwendete, dass man zunächst den Eindruck einer selbst- 
ständigen Denkthätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier 
aus könnten wir unser Interesse jener psychischen Thätigkeit zuwen- 
den, die zwar nicht regelmässig bei der Traumbildung mitzuwirken 
scheintj die aber, wo sie es thut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft 
disparaten Trauraelemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu ver- 
schmelzen. Wir empfinden es aber vorher noch als dringlieh, uns 
mit den Äffectäusserungen zu beschäftigen, die im Traume auftreten, 
und dieselben mit den Affecten zu vergleichen, welche die Analyse 
in den Traumgedanken aufdeckt. 

g) Die Affecte im Traume. 

Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker^") hat uns auf- 
merksam gemacht, dass die Äfteetäusserungen des Traumes nicht 
die geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht 
den Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „AYenn ich mich im Traume 
vor Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die 
Furcht ist real", und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume 
freue. Nach dem Zeugnis unserer Empfindung ist der im Traume 



Die AfToeto im Ti-amne. 269 

erlebte Affeet keineswegs minderwertliif,' gegen den im M^achen 
erlebten von gleicher IntenKität, und energischer als n]it seinem Vor- 
stellungsinlialte, erhebt der Traum mit seinem Affectiuhalt den Anspruch 
unter die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden! 
"Wir bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zu Stande, 
weil wir einen Affeet nicht anders psychisch zu würdigen verstehen, 
als in der Verkniipfung mit einem Vorstellungsinhalte. Passen Affeet 
und Vorstellung der Art und der Intensität nach nicht zu einander, 
so wird unser waches Urtheil irre. 

An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, dass Vor- 
stellurgsinhalte nicht die Affectwirkung mit sich bringen, die wir 
als nothwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell 
äussertCj im Traume seien die Vorstellungen von ihren psj^chischen 
"Werthen entblosst. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegen- 
theiligen Vorkommen, dass intensive Affectiiusserung bei einem 
Inhalte auftritt, der zur Entbindung von Affeet keinen Anlass zu 
bieten scheint. Ich bin im Traume in einer grässlichen, gefahrvollen, 
ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts von Furcht oder 
Abscheu; hingegen entsetze ich mich aadere Male über harmlose, 
und freue mich über kindische Din£i:e. 

Dieses Räthscl des Traumes verschwindet uns so plötzlich und 
so vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumräthsel, wenn 
wir vom manifesten Traurninhalt zum latenten übergehen. Wir 
werden mit seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es 
besteht nicht mehr. Die Analyse lehrt uns, dass die Vorstol- 
lungsinhalte Verschiebungen und Ersetzungen erfahren 
haben, wahrend die Affecte unverrückt geblieben sind. 
Kein "Wunder, dass der durch die Traumcntstellung veränderte Vor- 
stellungsinhalt zum erhalten gebliebenen Affeet dann nicht mehr passt; 
aber auch keine Verwunderung mehr, wenn die Analj^se den richti- 
gen Inhalt an seine frühere Stelle eingesetzt hat. 

Au einem psychischen Complex, welcher die Beeinflussung der 
Widerstand seensur' erfahren hat, sind die Affecte der resistente 
Antheil, der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung 
geben kann. Deutlicher noch als beim Traum enthüllt sich dies 
Verhältnis bei den Psychoneurosen. Der Affeet hat hier immer 
Recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine Intensität ist ja durch 
Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn 
der Hysteriker sich wundert, dass er sich vor einer Kleinigkeit so 
sehr fürchten muss, oder der Mann mit Zwangsvorstellungen, dass 
ihm aus einer Nichtigkeit ein so peinlicher Vorwurf erwächst, so 
gehen Beide irre, indem sie den Vorstell ungsinhalt — die Kleinig- 
keit oder die ^Nichtigkeit — für das Wesentliche nehmen, und sie 
wehren sich erfoIgloSj indem sie diesen Vorstellungsinhalt zum Aus- 
gangspunkt ihrer Denkarbeit machen. Die Psychoanalyse zei^-t 
ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Gegentheile den Aüect 



270 • \'T. Die Ti-Eiiimarbeit. 

als berechtigt anerkennt/ und die zu ihm gehörige, durch eine 
Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist dabei, 
dass Äffectentbindung und Vorstellungsinbalt niclit diejenige unanf- 
lüsbare organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln 
gewöhnt sind, sondern dass beide Stücke aneinander gelöthet sein 
können, so dass sie durch Analyse von einander lüsbar sind. Die 
Traumdeutung zeigt, dass dies in der That der Fall ist. 

Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein- 
bare Ausbleiben des Affectes bei einem Vorstellungsinhalte aufklärt, 
der Affectentbindung erzwingen sollte. 

I. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen 
einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihn en. Dann 
muss sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will 
auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die 
französische Lehrerin ist, schon oben u. s. w. 

Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente 
Anlass zum Traum ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden : 
Die Mähne ist der Sehmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen 
solchen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre 
englische Sprachlehrerin heisst Miss Lyons (Lions = Löwen). Ein 
Bekannter hat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind 
also die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? 
— Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Xeger, der die 
Anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und 
zu seiner Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in über- 
müthigster Stimmung Erinnerungsbrockeu wie die : Die Anweisung, 
wie man Löwen fängt, aus den „Fliegenden Blättern" : Man nehme 
eme Wüste und siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. 
Ferner die höchst lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von 
einem Beamten, der gefragt wird, warum er sich denn nicht um die 
G-unst seines Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er 
habe sich wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein Vordermann war 
schon oben. Das ganze Material wird verständlich, wenn man 
erfährt, dass die Dame am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten 
ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küsste 
ihr die Hand, und sie fürchtete sich gar nicht vor ihm, 
obwohl er ein sehr „grosses Thier'' ist und in der Hauptstadt ihres 
Landes die KoUe eines „Löwen der Gesellschaft" spielt. 
Dieser Löwe ist also vergleichbar dem Löwen im Sommernachts- 
traum, der sich als Schnock, der Schreiner demaskirt, und so sind 
alle Traundöwen, vor denen man sich nicht fürchtet. 

II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens 
heran, das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg 
liegen sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und 
keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. 
Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wieder- 




Erkliiruiig Jt's Ausbleibens erwarteter Affecte. 271 

zusehen; der Affeet muaste auf den Wunsch abgestimmt sein und 
nicht auf dessen Verliüllung. Es war also zur Trauer gar kein Anlass. 

In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affeet wenigstens 
noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalte, Trelcher den zu 
ihm passenden ersetzt bat. In anderen geht die Auflockerung des 
Complexes weiter. Der Affeet erscheint völlig gelöst von seiner 
zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im Traume 
untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traumelemente 
hineinpasst. Es ist dann ähnlich, wie wir's bei den Urtheilsacten 
des Traumes erfahren liaben. Findet sich in den Traunigedanken 
ein bedeutsamer fc'chluss, so enthält auch der Traum einen solchen; 
aber der Schluss im Traume kann auf ein ganz anderes Material 
verschoben sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem 
Princip der Gegensätzlichkeit. 

Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traum- 
beispiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe. 

III. Ein Schloss am Meere, später liegt es nicht 
direct am Meer, sondern an einem schmalen Canal, der 
in's Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich 
stehe mit ihm in einem grossen d r ei fenstrigen Salon, vor 
dem sich Mauervor Sprünge wie Festungszinnen erheben. 
Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der Be- 
satzung zugetheilt. Wir befürchten das Eintreffe n von 
feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustande 
befinden, Herr F. hat die Absicht wegzugehen; er er- 
theilt mir Instructionen, was in dem befürcliteten Falle 
zu geschehen hat. Seine krankeFrau befindet sich mit 
den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das Bom- 
bardement beginnt, soll der grosse Saal geräumt werden. 
Kr athmet schwer und will sich entfernen; ich halteihn 
zurück und frage, auf welche Weise ich ihm nüthigen 
Falls Kachricht zukommen lassen soU. Darauf sagt er 
noch etwas, sinkt aber gleich darauftodt um. Ich habe 
ihn wohl mit den Fragen überflüssiger Weise ange- 
strengt Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Ein- 
druck macht, Gedanken, ob die Witweira Schlosse bleiben 
wird, ob ich dem Obercommando den Tod anzeigen und 
als der nächste im Befehl die Leitung des Schlosses 
übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und mustere 
die vorbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die auf 
dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit 
mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die 
ganz ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauteu im [nicht erzählten] Vor- 
traum). Dannsteh tmeinBruder neben mir und wir schauen 
Beide aus dem Fenster auf den Canal. Bei einem Schiff 
ersehrecken wir und rufen: Da k ommt d as Kriegsschi ff. 



272 VT. Die Trauraarbcit. 

Ks zeiy-t sich aber, tlass n ur dieselben Schiffe zurück- 
kehren, die ich schon ke niie. Nun kommt ein kleines 
Schiff, komisch abgeschnitten, so d a s s es mitten in 
seiner Breite endigt; auf Deck sieht mau eigenthüm- 
liche becher- oder dosenartige Dinge. AYir rufen wie 
aus einem Munde: Das ist das Frühstücksschiff. 

Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des 
Wassers, der braune Rauch der Kamine, das Alles ergiebt zusammen 
einen hochgespannten, düsteren Eindruck. 

Die Oertlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen 
an die Adria zusammengetragen (Miramarc, Duino, Venedig, Aquileja). 
Eine kurze, aber genussreiche Osterfahrt nach A.juileja mit meinem 
Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer 
p:rinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und 
an ilin geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika 
lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses 
Traumes treten Affectwirkungen hervoi-- An der einen Stelle bleibt 
ein zu erwartender Affect aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben 
das mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht- an einer 
anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, erschrecke 
ich und verspüre im Schlaf alle Sensationen des Schreckens. Die 
Unterbringung der Affeetc ist in diesem gut gebauten Traum so 
erfolgt, dass jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja 
kein Grund, dass ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte 
und es ist wohl angebracht, dass ich als Commandant des Schlosses 
bei dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die 
Analyse nach, dass Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes 
Ich ist (im Traum bm ich sein Ersatzmann). Ich bin der Gouver- 
neur, der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von der 
Zukunft der Meimgen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein anderer 
peinlicher Gedanke findet sich in den Traumgedanken. Der Sehreck 
der im Traume an den Anblick des Kriegsschiffes gelöthet ist muss 
von dort los gemacht und hieher gesetzt werdeo. Umgekehrt zeio-t 
die Analyse, dass die Region der Traumgedanken, aus der das 
Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Reminiscenzeu erfüllt 
ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir standen an einem 
zauberhaft schönen Tag an den Fenstern unseres Zimmers auf der 
Riva Sehiavoni und schauten auf die blaue Lagune, in der heute 
mehr Bewegung zu finden war als sonst. Es wurden englische 
Schiffe erwartet, die feierlich empfangen werden sollten, und plötz- 
lich rief meine Frau heiter wie eiu Kind: Da kommt das 
englische Kriegsschiff! Im Traume erschrecke ich bei den 
nämlichen Worten; wir sehen wieder, dass Rede im Traum von 
Rede im Leben abstammt. Dass auch das Element „englisch^ in 
dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren gegangen ist, werde 
ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traumgedanken 



Ablösung und Urastellung der Äffecte. 273 

und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schi-eck, und. brauche nur 
anzudeuten, dass ich mit dieser Verwandlung:^ selbst ein Stuck des 
latenten Traum inhaltes zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist 
aber, dass es der Trauniarbeit freistehtj den Affectanhiss aus seinen 
Verbindungen in den Traumgedankon zu lösen und beliebig wo 
anders im Trauminhalte einzufügen. 

Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das,,Früh- 
s tu c k s schiff", dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene 
Situation so unsinnig abschliesst, einer näheren Analyse zu unter- 
ziehen. Wenn ich das Traumobject besser in's Auge fasse, so fällt 
mir nachtriLghch auf, dass es schwarz war und durch sein Ab- 
schneiden in seiner grössten Breite an diesem Ende eine weitgehende 
Aehnlichkeit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen 
etruskischer Städte interessant geworden war. Es war dies eine recht- 
eckige Tasse aus schwarzen Thon, mit zwei Henkeln, auf der 
Dinge wie Kaffee- oder Thoetaasen standen, nicht ganz unähnlich 
einem unserer modernen Service für den Erühstückstisch. Auf Be- 
fragen erfuhren wir, das sei die Toilette einer etruskiselien Dame 
mit den Schminke- und Pnderbüclisen darauf; und wir sagten uns im 
Seherz, es wäre nicht übel, so ein Ding der Hausfrau mitzubringen. 
Das Trauraobject bedeutet also — seh warze Toilette, Trauer und 
spielt direct auf einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt 
das Traumobject an den „Nacben" vom Stauune v^xuc, wie mein 
spraehgelehrter Freund jnir mitgetheilt, auf den in Vorzeiten die 
Leiche gelegt und dem Meer zur Bestattung überJassen wui-do. 
Hieran reiht sich, warum im Traume die Schiffe zurückkeiu'en. 

„Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis". 

Es ist die Eückfahrt nach dem Schiffbruch, das Frühstücksschiff 
ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name 
„Frühstücks"schiff'? Hier kommt nun das „Englische" zur Ver- 
wendung, das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück 
= breakfast, Fastenbrecher. Das Brechen gehört wieder 
zum Schiffbruch, das Fasten schliesst sich der schwarzen Toilette an. 

An diesem Früh stück sschiff'e isjt aber nur der Name vom Traume 
neugebildet. Das Ding hat esistirt und mahnt mich an eine der 
heitersten Stunden der letzten Reise. Der Veriiflegung in Aquileja 
misstrauend, hatten wir unä von Görz Esswaaren mitgenommen, eine 
Flasche des vorzüglichen Istrianerweines in Aquileja eingekauft, und 
während der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam 
in die öde Lagunenstrecke nach Grade fuhr, nahmen wir, die ein- 
zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein, 
das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh- 
stücksschiff", und gerade hinter dieser Reminiscenz frohesten Lebens- 
genusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an eine 
unbekannte und unheimliche Zukunft. 

Ftend, l'raumdeutucg. 13 



274 VI. Die Traum arbeit. 

Die Ablösung- der Affecte von den Vorstelluugsmassen, die ihre 
Entbindung herrorgerufen iiaben, ist das AuffiÜUgstej was ihnen bei 
der Traumbildung widerfahrt, aber weder die einzige noch die 
wesentliehste Veränderung, die sie auf dem^Wege von den Traum- 
gedanken zum manifesten Traum erleiden. Vergleicht man die Affecte 
in den Traunigedankeii mit denen im Traume, so wird Eines sofort 
klar: Wo sich im Traume ein Affect tindet, da findet er sich auch in 
den Traumgedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im All- 
gemeinen aiiectäi-mer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung 
er hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken reconstruirt 
habe, so übersehe ich, wie in ihnen regelmässig die intensivsten 
Seelenregungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, 
die ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum 
zurück, so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren 
Gcfählston. Es ist durch die Traumarbeit nicht blos der Inhalt, 
sondern auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des 
Indifferenten gebracht. Ich künnte sagen, durch die Traumarbeit wird 
eine Unterdrückung der Affecte zu Stande gebracht. Man nehme 
z. ß. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht 
im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit, 
so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es 
mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene 
Traum klingt gleichgiltig : Ich habe eine Monographie geschrieben, 
sie liegt vor mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete 
l'flanzen sind jedem Exemplare beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines 
Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht. 

Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können 
lebhafte Affectäusserungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der 
unbestreitbaren Thatsache verweilen, dass so viele Träume indifferent 
erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe 
Ergriffenheit versetzen kann. 

Die volle theoretische Aufklärunff dieser Affectunterdriickunir 
während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das 
sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affecte und in den 
Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge- 
danken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affectentbindung bin ich 
— aus anderen Gründen — genothigt mir als einen centrifugalen, 
gegen das Kürperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den 
motoi'ischen und secretorischen Innervationsvorgängen. AVie nun im 
Schlafsustando die Aussendung motorische]- Impulse gegen die Äussen- 
welü aufgehoben erscheint, so könnte auch die centrifugale Erweckung 
von Affecten durch das unbewusste Denken während des Schlafes 
erschwert sein. Die Affectregungen, die während des Ablaufes der 
Traumgedanken zu Stande kommen, wären also an und für sich 
schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch 
nicht stärker. Kach diesem Gedankengange wäre die j, Unterdrückung 



Unterdrückung und Aufhebung der AfFecte. 275 

der Äffecte" überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondei-n oine 
FoJge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmü"-iich 
Alles sein. Wir müssen auch daran denken, dass jeder zusammen- 
gesetztere Traum sich auch als das Compromissergebnis eines Wider- 
streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunsch- 
bildenden Gedanken gegen den Widersprach einer censurirenden 
Instanz anzukämpfen, andererseits haben -wir oft gesehen, dass im un- 
bewussten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem contra- 
dictorischen Gegentheil zusammengespannt war. Da alle diese Ge- 
dankenziige affectfiihig sind, so werden wir im Ganzen und Groben 
kaum irre gehen, wenn wir die Atfcetunterdrückung auffassen als 
Folge der Hemmung, weiche die Gegensätze gegen einander, und die 
Oensur gegen die von ihr unterdrückten Ötrebungen übt. Die 
Affecthemmung wäre d aun der zweite Er folg der Trau ni- 
censur, wie die Traumentstellung deren erster war. 

Ich will ein Traunibeispiel einfügen, in dem der indifferente 
Erapfindungston des Trauminhaites durch die Gegensätzlichkeit in den 
Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen 
Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur ICenntnis nehmen 
wird : 

IV. Eine Anhühe, auf dieser etwas wie ein Abort im 
Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein grosses 
Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit 
HätxfchenKoth von allen Grössen und Stufen der Frische. 
Hinter derBank ein Gebüsch. Ich urinire auf die Bank- 
ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kothpatzen 
lösen sich leicht ab und fallen in die Oeffnung. Als ob 
am Ende noch etwas übrig bliebe. 

Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel? 
Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses 
Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt 
hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein, den 
Herkules reinigt. Dieser Herkules bin icli. Die Anhöhe und das 
Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich 
habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt und dadurch 
meine eigenen Kinder vor Erla-ankung bewahrt. Die Bank ist (bis 
auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels, 
das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie 
tnalint mieli daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das 
Museum menschlicher Esoremente ist einer herzerfrouendon Deutun«' 
fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine 
Reminiscenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten 
bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl 
der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Grössenanspicluuo-. So 
löscht Gulliver bei den Liliputanern den grossen Brand' er'^zioht 
eich dadurch allerdings das 'Missfallen der allerkleinsten Königin zu 



18* 



276 ^'I- 1^'<* Traumurbeit. 

Aber auch Gargantua, der Uebermensch bei Meister Rabelais, 
nimmt so seine Kacbe an den Parisern, indem er auf Notre-Dame 
reitend seinen Uarnstrahl auf die Stadt richtet. In den G am i ersehen 
Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem 
Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, dass 
ich der Uebermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein 
Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien ^\achmittag pÜegte ich auf 
den Thürmen der Kirche zwischen den Ungethümen und Teufels- 
fratzen dort herumzuklettern- Dass aller Koth vor dem Strahle so 
rasch verschwindet, das ist das Motto: Flavit et dissipati sunt, 
mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über- 
schreiben werde. 

Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein 
heisser Kachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend- 
stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit 
den Ferversionen gehalten, mid alles, was ich zu sagen wusste, miss- 
fiel mir so gründlich, kam mir alles Werthes entkleidet vor. Ich war 
müde ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte 
mich wcf^ von diesem Wühlen im menschlichen Schmutz, nach meinen 
Kindern "und dann nach den Schönheiten Italiens. ]n dieser Stimmung 
ging ich vom Hörsaal in ein Cafe, um dort in freier Luft einen be- 
scheidenen Imbiss zu nehmen, denn die Ksslust hatte mich verlassen. 
Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die Erlaubnis 
dabei zu sitzen, wahrend ich meinen Cafe trank nnd an meinem 
Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wieviel er 
bei mir gelernt, und dass er jetzt Alles mit anderen Augen ansehe, 
dass ich den Augiasstall der Irrtbümer und Vorurtheile in der 
!Neuroseniehre gereinigt, kurz dass ich ein sehr grosser Mann sei. 
Meine Stimmung passte schlecht zu seinem Lobgesang ; ich kSmpfte 
mit dem Ekel, ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte 
noch vor dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von 
C. E. Meyer „Die Leiden eines Knaben". 

Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen,_die Kovelle 
von Meyer brachte die Erinnerung an Kindbeitsscenen hinzu (vergl. 
den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung 
von Ekel und Ueberdruss setzte sich im Traume iusoferne durch, als 
sie fast sämmtliches Material für den Trauminhalt beistellen durfte. 
Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von 
kräftiger und selbst übermässiger Selbstbetonung rege und hob die 
erstere auf. Der Trauminhalt rausste sich so gestalten, dass er iu 
demselben Material dem Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung 
den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Compromissbildung resultirte 
ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Hemmung 
der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston. 

Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht 
ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte 



i 



Verkelirung- der Affecte. 277 

aber mit Lust betontej Gedankenzug des Grössenwahnes zu dem des 
Kkels binzug-etreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dar- 
gestellt werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedauken kann nur 
daDn den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleiduuo- 
gleichzeitig einer Wunscherfullung leiht. 

Die Traumarbeit kann mit den Affecteu der Traumgedanken 
noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkt 
herabzndrüeken. Sie kann dieselben inibr Gegen theil verkehren. 
Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, dass jedes 
Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegentheil darstellen 
kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiss nie im Vorhinein, ob 
das eine oder das andere zu setzen ist ; erst der Zusammenhang ent- 
scheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhaltes hat sich offen- 
bar dem Volksbewusstsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren 
bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Princip des Con- 
trastes. Solche Verwandlung in's Gegentheil wird durch die innige 
associative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die Vor- 
stellung eines Dinges an die ihres Gegensatzes fesselt. Wie jede 
andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Censur, ist aber 
auch häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung 
besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen 
Dinges durch sein Gegentheil. Ebenso wie die Dingvorstellungen 
können also auch die Affecte der Traumgedanken im Traume in's 
Gegentheil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, dass diese 
Aftectverkehrung zumeist von der Traumcensur bewerkstelligt wird. 
Affectunter drückung wie Äffect verkehrung dienen ja auch im 
socialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Traumcensur gezeigt 
hat, vor Allem der Verstellung. Wenn ich mündlich mit derX^erson ver- 
kehre, vor der ich mir Rücksicht auferlegen muss^ während ich ihr 
Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe wichtiger, dass ich die 
Aeusseruugen meines Affects vor ihr verberge, als dass ich die Wort- 
fassuug meiner Gedanken mildere. Spreche ich zu ihr in nicht un- 
höflichen Worten, begleite diese aber mit einem Blick oder einer 
Geberde des Hasses und der Verachtung, so ist die Wirkung, die ich 
bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als wenn ich ihr meine 
Verachtung ohne Schonung in's Gesicht geworfen hätte. Die Censur 
beisst mich also vor Allem meine Affecte unterdrücken, und wenn ich 
ein Meister in der Verstellung bin, werde ich den entgegengesetzten 
Affeet heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und mich zärtlich stellen, 
wo ich vernichten möchte 

Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affect- 
verkehrung im Traum im Dienste der Traumcensur. Im Traume 
j,von des Onkels Bart" empfinde^ ich grosse Zärtlichkeit für meinen 
Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwach- 
kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der AiTecte 
haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum- 



278 VI. Die Traumarbeit. 

ceosur geliolt. Es ist auch hier nicht nüthig anzunehmen, dass die 
Traumarbeit einen derartigen Gegenafiect ganz von neuem schafft^ 
sie ündet ihn ^ewühnUch im Materiale der Traumgedanken bereit- 
liegend uud erhüht ihn blos mit der psychischen Kraft der Abwehr- 
motive, bis er für die Traumbilduug überwiegen kann. Im letzt- 
erwähnten Onkeltraum stammt der ziirtliche Geg-enaiiect wahrscheinlich 
aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe legt)^ 
denn das Verh^iltnirt Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur 
meiner frühesten Kinde rerieb nisse (vergl- die Analyse Seite 244) bei 
mir die Quelle aller Fi-eundschaften und alles Hasses geworden. 

Die Complication der Äufliebungs-, Snbtractions- und Ver- 
lieh rungs Vorgänge, durch welche endlich aus den Affecten der Traum- 
gedanken die des Traumes werden. Uisst sich an geeigneten Syn- 
thesen TolIstUndig analysirter Träume gut überblicken. Ich will hier 
noch einige Beispiele von Affectregung im Traume behandeln, die 
etwa einige der besprochenen Fälle als realisirt erweisen. 

V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte 
Brticke stellt, mein eigenes Becken zu präpariren, vermisse ich im 
Traume selbst das dazugehörige Grauen. Dies ist nun Wunsch- 
eriuUung in mehr als einem Sinne. Die Präparation bedeutet die 
Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung des 
Traurabucliea vollziehe, die mir in "Wirklichkeit so peinlich war. dass 
ich den Druck des bereitliegeuden Manuscriptes um mehr als ein 
Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, dass ich mich 
über diese abhaltende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver- 
spüre ich im Traume kein Grauen. Das „Grauen" im anderen 
Sinne mochte ich aucli gerne vermissen; es graut bei mir schon 
ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht 
liinger zurückzuhalten. Wir wissen ja, dass am Schlüsse des Traumes 
der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den Kindern 
überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung an's Ziel zu 
kommen. 

In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in 
die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese 
Befriedigung das eine Mal motivirt durch die Erwartung, ich werde 
jetzt erfahren, was es heisst, „ich habe schon davon geträumt", und 
bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere 
Mal durch die Ueberzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich 
durch ein Vorzeichen angekündigt hat", und diese Befriedigung ist 
die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüsst hat. Es sind 
hier im Traume die Affecte verblieben, die in den Traumgedanken 
herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu. 
Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfiihrt man, 
dass diese der Censur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug 
aus einer Quelle erhält, welche die Censur zu fürchten hat, und 
deren Affect sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich 



Gegenseitige Förderung der Affccte. 279 

nicht durch den gleichartigen, gerne zugelassen cii Befriedig ungsafFect 
aus der erlaubten Quelle deckeiij sich gleichsam hinter ihm ein- 
schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel 
selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine 
Meinung verstaudlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe 
in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, eo dass in mir eine leb- 
hafte Regung zu Stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas 
widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem 
Wesen nicht nach; ich wage es nicht, den Ungiückswunscb zu 
äussern, und nachdem ihr unverschuldet etwas ziigestossen ist, unter- 
drücke ich meine IJefriedigung darüber und nütbige mich zu Aeusse- 
ruDgen und Gedanken des Bedauerns. Jedermann ward sich in 
solcher Lage schon belunden haben. Nun ereigne es sich aber dass 
die gehasste Person sich durcli eine Ueberschreitung eine 'wohl- 
verdiente Unannehmlichkeit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedio-uno- 
darüber freien Lauf lassen, dass sie von der gerechten Strafe f^e^ 
troffen worden ist, und äussere mich darin übereinstimmend mit viefen 
Anderen, die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung 
machen, _dass meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der An- 
deren ; sie hat einen Zuzug aus der (»tuelie meines Hasses erhalten, 
der bis dahin von der inneren Censur verhindert war, Affect zu 
liefern, unter den geänderten Verhältnissen aber nicht mehr gebindert 
wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft allgemein zu, wo anti- 
pathisclie Personen oder Angehörige einer ungern gesehenen Minorität 
eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht dann ge- 
wöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Verschulden vermehrt 
um das bisher eifectiose Uebelwollen, das sich gegen sie richtet. Die 
Strafenden begehen dabei zweifellos eine Ungerechtigkeit ; sie werden 
aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die Befriedigung, 
welche ihnen die Aufliebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung 
in ihrem Inneren bereitet. In solchen Fällen ist der Affect seiner 
Qualität nach zwar berechtigt, aber nicht sein Ausmass^ und die in 
dem einen Punkt beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht 
die Prüfung des zweiten Punktes. Wenn einmal die Thüre geöffnet 
ist; so drängen sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich 
einzulassen beabsichtigte. 

Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, dass afleetfähige 
Anlässe bei ihm eine W^irkung erzielen, die qualitativ berechtigt, 
quantitativ über das Mass hinausgeht, erklärt sich auf diese Weisej 
soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zulässt. Der Ueber- 
schuss rührt aber aus unbewusst gebliojjenen, bis dahin unterdrückten 
Affectquellen her, die mit dem realen Anlass eine associative Ver- 
bindung herstellen können, und für deren Affeetentbindung die ein- 
spruchsfreie und zugelassene Affectquelle die erwünschte Bahnung er- 
öffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, dass wir zwischen der 
unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht 



280 VI. Die Traumaibeit. 

ausseliliessHch die Beziehungen gegenseitig; er Hemmung in's Auge 
fassen dürfen. Ebensoviel Beachtung verdienen die Fälle, in denen 
die beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver- 
stärkung einen pathologischen Effect zu Stande bringen. Diese an- 
deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun 
zum Verständnis der Affeetäusserungen des Traumes verwenden. 
Kine Befriedigungj die sich im Traume kundgiljt, und die natürlich 
alsbald an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist 
durch diesen Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt. 
In der Regel wird man für sie eine zweite Quelle in den Traum- 
gedauken aufzusuchen haben, auf welche der Druck der Censur 
lastet, und die unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den 
geg entheiligen Affect ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit 
der ersten Trauraquellc in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungs- 
affect der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der 
Befriedigung aus anderer Quelle stosseu zu lassen. So erscheinen die 
Äffecto im Traume als zusammengefasst aus mehreren Zuflüssen und 
als überdeterminirt in Bezug auf das Material der Traum gedanken ; 
Affectq uellen, die den nämlichen Affect liefern können, 
tretenbei der Traum arbeit zur Bildung desselben zusammen. 

Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält 
man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „N o n vixit'^ 
den Mittelpunkt bildet {vergl. Seite 241). In diesem Traum sind die 
Affeetäusserungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des 
manifesten Inhaltes zusammengedrängt. Feindselige und peinliche 
Regungen (im Traume selbst heisst es „von merkwürdigen Affecten 
ergriffen") überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund 
mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich 
ungemein erfreut und urtheile dann anerkennend über eine im Wachen 
als absurd erkannte Möglichkeit, dass es nämlich Revenants gibt, die 
man durch den blossen Wunsch beseitigen kann. 

Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mit- 
getheilt. Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis 
des Traumes hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den 
ich mit Fl. bezeichnet habe) die Nachricht bekommen, dass er sich 
einer Operation unterziehen werde, und dass in Wien lebende Ver- 
wandte mir die weiteren Auskünfte über sein Befinden geben würden. 
Diese ersten Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich 
und machten mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist, 
aber ich war gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden 
behaftet, das mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traum- 
gedanken erfahre ich nun, dass ich für das Leben des theuern Freundes 
fürchtete. Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich 
wusste, in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im 
Traum: F'I. erzählt von seiner Schwester und sagt: in 
"Vi Stunden war sie todt.) Ich muss mir eingebildet haben, dass 




Die Affecte im Traume „Non vixit". 281 

seine eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, dass 
ich auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise — und 
zu spät komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen konnte.") 
Dieser Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkt des 
Traumes geworden, hat sich aber in einer Scene dargestellt, in der 
der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem 
fürchterlichen Blicke seiner blauen Äugen den Vorwurf macht. Was 
diese Ablenkung der Scene zu Stande gebracht, wird sich bald er- 
geben ; die Scene selbst kann der Traum nicht so reproduciren, 
■wie ich sie erlebt habe. Er lässt zwar dem Anderen die blauen 
Atigen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, 
die offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das 
Leben des Freundes, der Vorwarf, dass ich nicht zu ihm hinreise, ineine 
Beschämung (er ist unauffällig (zu mir) nach Wien gekommen), mein 
Bedürfnis, mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu halten, dass 
alles setzt den Grefühlssturm zusammen, der im Schlaf deutlich ver- 
spürt, in jener Region der Trauragedanken tobt. 

An der Trauraveranlassung war aber noch etwas Anderes, was 
auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un- 
günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt 
ich auch, die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit Niemandem 
zu sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein überflüssiges Misstrauen 
in meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung hatte. Ich wusste 
zwar, dass dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging, 
sondern einer Ungeschicklichkeit oder UeberängstUcbkeit des ver- 
mittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vor- 
wurf sehr peinlich berührt, weil er — nicht ganz unberechtigt war. 
Andere Vorwürfe als solche, an denen „etwas daran ist", haften be- 
kanntlich nicht, haben keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der 
Sache meines Freundes, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren 
hatte ich zwischen zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner 
Ehrung so nennen wollten, überflüssiger Weise etwas ausgeplaudert, 
was der eine über den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, 
die ich damals zu hören bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine 
der beiden Freunde, zwischen denen ich damals den Unfriedens- 
stifter machte, war Professor Fleisch!* der andere kann durch den 
Vornamen Josef, den auch mein im Traume auftretender Freund 
und Gegner P. führte, ersetzt werden. 

Von dem Vorwurf, dass ich nichts für mich zu behalten ver- 
möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage 
Fl. 's, wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgetheilt 
habe. Die Einmenguug dieser Erinnerung ist es aber, welche den 

*) Diese Phantasie aus den unbewuHSteu Traamgedaiiken ist os, die gebieterisch 
non vivit austatt non vixit verlaugt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt eicht 
mehr." Dass auch die manifeste Situation des Traumos auf non vivit zielt, ist 
Seite 243 angegeben worden. 



282 VI. Die Traumai-boit. 

Vorwuri des Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich. 
im Brück e'schen Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die 
zweite Person in der Vernichtuugsscene des Traumes durch einen 
Josef ersetze, lasse ich diese Scene nicht nur den einen Vorwurf 
darstellen, dass ich zu spät komme, sondern auch den von der Ver- 
drängung' stitrker beti-offenen. dass ich kein Geheimnis bewahre. Die 
Verdiehtun^s- und Verschiebuugsarbeit des Traumes, sowie deren- 
Motive werden hier augenfällig. 

Der in der Gegenwart geringfügige Aerger über die Mahnung, 
nichts zu verratheu, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe 
tüessenden Quellen und schwillt so zu einem Strom feindseliger 
Regungen gegen in AVirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle,, 
welche die Verstärkung liefert, fliesst im Infantilen. Ich liabe schon 
erzählt, dass meine, warmen Freundschaften wie meine Feindschaften 
mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein 
Jahr älteren Keff'en zurückgehen, in dem er der Ueberlegene war, 
ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich mit 
einander lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mittheilungen 
älterer Personen bezeugen, uns rauften und — verklagten. Alle 
meine Freunde sind in gewissem Sinne Incarnationen dieser ersten 
Gestalt, die „früh sich einst dem trüben Blick gezeigt". Eevenants. 
Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahrcn wieder, und damals 
führten wir Cäsar und Brutus mit einander auf. Ein intimer Freund 
und ein gehasster Feind waren mir immer nothwendige Erfordernisse 
meines Gefühlslebens; ich wusste Beide mir immer von Neuem zu 
verschaffen, und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit 
her, dass Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen, 
natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Ab- 
wechslung, wie es in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen 
sein mag. 

Auf welche "Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein 
recenter Anlass zum Affect bis auf den infantilen zurückgreifen kann, 
um sich durch ihn für die Atieetwirkung zu ersetzen, das möchte 
ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewussten 
Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Auf- 
klärung der Neurosen. Nehmen -wir für unsere Zwecke der Traum- 
deutung an, dass sich eine Kindererinnerung einstellt, oder eine 
solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhaltes: Die bei- 
den Kinder gerathen in Streit mit einander um ein Object, — welches^ 
lassen wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungs- 
tiluschung ein ganz bestimmtes im Auge hat ; — ein jeder behauptet, er 
sei früh er gekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur 
Schlägerei, Macht geht vorKecht: nach den Andeutungen des Trau- 
mes könnte ich gewusst haben, dass ich im Unrecht bin (den Irr- 
thnm selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, 
behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respective 



Die AfFccte im Traume „Non vixit". ggg. 

Grossvater, verklagt micli, und ich vertbeidige mich mit den mir 
durch die Erzahhmg des Vaters bekannten Worten : Ich habe ihn 
gelagt, weil er mich gelabt hat; so ist diese Erinnerung oder 
wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des 
Traumes — ohne weitere Gewähr, ich weiss selbst nicht wie — auf- 
drängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Tranm- 
gedanken waltenden AH'eetregungen, wie eine Brnnnenschale die zu- 
geleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus Hiessen die Traumgedanken 
in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, dass du'mir den 
Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze ver- 
drängen wollen ? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen 
anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann erüffnen sich 
die Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung 
einmünden. Ein solches „Ote-toi que je m'y motte" musste ich 
seiner Zeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurf machen. 
Er war in meine Eusstapfcn als Aspirant im Brückc'schen Labora- 
torium getreten, aber dort war das Avancement langwierig. Keiner 
der beiden Assistenten rtickte von der Stelle, die .Tugend wurde un- 
geduldig. Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wusste, und 
den kein intimes Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner 
Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. r>a dieser Vordermann ein 
schwer Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wässen, ausser 
dem Sinn; durch eine Beförderung aucli eine anstüssige Kebendeu- 
tung zulassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der näm- 
liche Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel leb- 
hafter gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Be- 
förderung gibtj ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige 
Wünsche eröffnet. Shakeapeare's Prinz Hai kann sich nicht ein- 
mal am Bett des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu 
probiren, wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie be- 
greiflich, diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm.*) 

„Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn." Weil 
er nicht erwarten konnte, dass ihm der Andere den Platz räume, 
darum, ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege 
ich unmittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des 
dem Anderen gesetzten Denkmales beigewohnt habe. Ein Theil 
meiner im Traume verspürten Befriediguug deutet sich also : Gerechte 
Strafe; es ist dir recht geschehen. 

Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger 
Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so 
o-esprochen, als oh jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht 
mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die .Auflehnung des 

*) Es wird aufgefallen sein, äass der Name Josef eine so grosse Kolle in 
meine» Triiumen spielt [siehe den Onlceltraum). Hioter den Personen, die so heissc», 
kann sich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hiesH auch 
der aus der Bibel bekannte Traumdeuter. 



284 VI. Die Ti-anm arbeit. 

wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Uebertreibung 
stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an : 
Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon zum 
Grabe gtdeitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt ioh 
behaupte den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte, 
meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreö'en, wenn 
ich zu ihm reise, lässt nur die weitere Entwickelung zu, dass ich mich 
freue wieder jemanden zu überleben, dass nicht ich gestorben bin. 
sondern er, dass ich den Platz behaupte wie damals in der phau- 
tasirten Kinderscene. Diese aus dem Infantilen kommende Befrie- 
digung darüber, dass ich den Platz behaupte, deckt den TIauptantheil 
des in den Traum aufgenommenen Affoctes. Ich freue mich darüber. 
dass ich überlebe, ich äussere das mit dem naiven Egoismus der 
Anekdote zwischen Ehegatten: „Wenn eines von uns stirbt, über- 
siedle ich nach Paris". Es ist für meine Erwartung so selbstver- 
ständlich, dass nicht ich der eine bin. 

Man kann sich's nicht verbergen, dass schwere Selbsttiber Win- 
dung dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzutheilen. Man 
muss sich als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, 
mit denen man das Leben theilt. Ich finde es also ganz begreiflich, 
dass die Revenants nur so lange bestehen, als man sie mag, und dass 
sie durch den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also das. 
wofür mein Freund .losef gestraft worden ist. Die Revenants sind 
a,ber die auf einander folgenden Incarnationen meines Kindheitsfreun- 
des ; ich bin also auch befriedigt darüber, dass ich mir diese Person 
immer wieder er.setzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu ver- 
lieren im Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist 
niemand unersetzlich. 

Wobleibt hier aber die Traumcensur? Warum erhebt sie nicht 
den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der 
rohestcn Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedi- 
gung nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfs- 
freie Gedankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Be- 
friedigung ausgehen und mit ihrem Atfect jenen aus der vex'botenen 
infantilen Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich 
mir bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so viele 
theure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen durch 
Aullösung der Freundschaft; es ist doch schön, dass sie sich mir er- 
setzt haben, dass ich den Kinen gewonnen habe, der mir mehr be- 
deutet, als die Anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo 
man nicht mehr leicht neue Freundschaften schliesst, für immer fest- 
halten werde. Die Befriedigung, dass ich diesen Ersatz für die ver- 
lorenen Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum 
hinübernebmen. aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befrie- 
digung aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft 
sicherlich die heute berechtigte verstärken; aber auch der infantile 
Hass hat sich seinen Weg in die Darstellung gebahnt. 



Die Tagesstimmung. 285 

Im Traume ist aber ausserdem ein deutlicher Hinweis auf einen 
anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf. 
Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Tüchterehen 
bekommen. Ich weiss, wie sehr er seine früh verlorene Schwester 
betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe 
übertragen, die er zur Schwester empfunden; dieses kleine Mildchen 
-würde ihm den unersetzlichen Verlust endlich vei'gessen machen. 
So knüjift auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken 
des latenten Trauminhaltcs an, von dem die Wege nach entgegen- 
gesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich. 
Sieh', nur Revenants; alles was man verloren hat, kommt wieder. 
Und nun werden die associativen Bande zwischen den widersjiruchs- 
voUen Bestandtheilen der Traumgedanken enger angezogen durch 
den zufitUigen Umstand, dass die kleine Tochter meines Freundes 
denselben Kamen trägt wie meine eigene kleine J ugendgesjDielin, 
die mit mir gleichalterige Schwester meines ältesten Freundes und 
Gegners. Ich habe den Namen „Pauline" mit Befriedigung gehözt. 
und um auf dieses Zusammentreffen anzuspielen, habe ich im Traume 
einen Josef durch einen anderen Josef ersetzt und fand es unmüghch, 
den gleichen Anlaut in den Kamen Fleischl und Fl. zu unterdrücken. 
Von hier aus läuft dann ein Gedankenfaden zur Kamengel)ung bei 
meinen eigenen Kindern. Ich hielt darauf, dass ihre Kamen nicht 
naeb der Mode des Tages gewühlt, sondern durch das Andenken an 
tbeure Personen bestimmt sein sollten. Ihre Kamen machen die 
Kinder zu ..Revenants". Und schliesslich, ist Kinder haben nicht 
für uns Alle der einzige Zugang zur Unsterblichkeit? 

Ueber die Affeete des Traumes werde ich nur noch wenige 
Bemerkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der 
Seele des Schlafenden kann eine Affectneigung — was wir Stimmung 
heissen — als dominirendes Element enthalten sein und dann den 
Traum mitbestimmen. Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen 
und Gedankengängen des Tages hervorgehen, sie kann somatische 
Quellen haben ; in beiden Fällen wird sie vonihr entsprechenden Gedanken- 
gängen begleitet sein. Dass dieser Vorstellungsiuhalt der Tranmgedanken 
das eine Mal primär die Affectneigung bedingt, das andere Mal secundilr 
durch die somatisch zu erklärende Gefühlsdispoaition geweckt wird, 
bleibt für die Traumbildung gleichgiltig. Dieselbe steht alle Male 
unter der Einschränkung, dass sie nur darstellen kann, was Wunsch- 
erfüllung ist, und dass sie nur dem Wunsche Ihre psychische Trieb- 
kraft entlehnen kann. Die actuell vorhandene Stimmung wird die- 
selbe Behandlung erfahren wie die actuell während des Schlafes auf- 
tauchende Sensation (vergl. Seite 161), die entweder vernachlässigt wird 
oder im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stim- 
mungen während des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes, 
indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. 
Pas Material, an dem sie haften, wird so lange umgearbcitetj bis 



286 VI. Die Trauma rbeit. 

es zum Ausdruck der "WuuselierfülliTno' venvendbar ist. Je intensiver 
und je dominirender das Element der peinlichen Stimmung in den 
Traumgedanken ist, desto sicherer tverden die stärkst unterdrückten 
Wunschregungen die Gelegenheit zur Darstellung zu kommen be- 
nutzen, da sie durch die actuelle Existenz der Unlust, die sie sonst 
aus Eigenem erzeugen müssten. den schwereren Theil der Arbeit 
für ihr Durchdringen zur Darstellung bereits erledigt finden, und 
mit diesen EiTJrtcrungcn streifen wir wieder das Problem der Angst- 
trilume, die sich als der Grenzfall für die Traumleistung heraus- 
stellen werden. 

g) Die secnndäre Bearbeitung. 

Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei 
der Traumbildung betheiligten Momente gehen. 

Setzt man die Untersuchung des Trauminhaltes in der vorhin 
eingeleiteten Weise forr, indem man auffällige Vorkommnisse im 
Trauminhalt auf ihre Herkuni't aus den Traumgedanken prüft, so 
stüsst man auch auf Elemente, für deren Autklärung es einer völlig 
neuen Annahme bedarf- Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im 
Traume wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein Stück des Traum- 
inhaltes selbst. Die meisten dieser Regungen von Kritik im Traum 
sind nicht gegen den Trauminhalt gerichtet, sondern erweisen sich 
als übernommene und passend verwendete Theile des Traummateriales, 
wie ich an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art 
fügt sich aber einer solchen Ableitung nicht \ man kann das Correlat 
dazu im Traummaterial nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im 
Traum nicht gar seltene Kritik : Das ist ja nur ein Traum ? Dies ist 
eine wirkliche Kritik des Traumes, wie ich sie im VA'achen üben 
könnte. Gar nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Er- 
wachens; noch häufiger geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, 
■das sich nach der Constatirung des Traumzustandes beruhigt. Der 
Gedanke: „Das ist ja nur ein Traum" während des Traumes be- 
absichtigt aber dasselbe, was er auf offener Bühne im Munde der 
schönen Plelena von Offenbach besagen soll; er will die Bedeutung 
des oben Erlebten herahdrücken und die Duldung des Weiteren er- 
möglichen. Er dient zur Einscbläferung einer gewissen Instanz, die 
in dem gegebenen Moment alle Veranlassung hätte, sich zu regen und 
die Fortsetzung des Traumes — oder der öcene — zu verbieten. Es 
ist aber bequemer weiter zu schlafen und den Traum zu dulden, 
„weil's doch nur ein Traum ist". Ich stelle mir vor, dass die ver- 
ächtliche Kritik : Es ist ja nur ein Traum, dann im Traum auftritt, 
wenn die niemals ganz schlafende Censur sieh durch den bereits 
zugelassenen Traum überrumpelt fühlt. Es ist zu spät ihn zu unter- 
drücken, somit begegnet sie mit jener Bemerkung der Angst, oder der 
peinlichen Empfindung, welche sich auf den Traum hin erhebt. Es ist 
«ine Aeusserung des esprit d'escalier von Seiten der psychischen Censur. 



Die socmidiire Bearbeitmig-, 287 

An diesem Beispiel haben wir aber einen einwaudfreieu Beweis 
dafür, dass nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedankeu 
stammt, sondern dass eine psychische Function, die von unserem wachen 
Denken nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern 
kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor, 
oder kommt der sonst nar als Ceiisur thätigen psychischen Instanz 
■ein regelmässiger Antheil an der Traumbildung za '? 

Man muss sich ohne Schwanken für das Letztere entscheiden. 
Es ist unzweifelhaft, dass die censarirende Instanz, deren Einfluss wir 
bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalte 
erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen desselben ver- 
schuldet. Diese Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; sie werden 
zaghaft berichtet, mit einem „als ob'' eingeleitet, haben an und filr 
sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen 
angebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier Stücke des Trauminhaltes, 
zur Anbahnung eines Zusammenhanges zwischen zwei Traunipartien 
dienen können. Sie zeigen eine geringere Haltbarkeit im Gedächtnis 
als die echten Abkömmlinge des Traummateriales; unterliegt der 
Traum dem Vergessen, so fallen sie zuerst aus, und ich hege eine 
starke Vermuthung, dass unsere häufige Klage, wir hätten soviel ge- 
träumt, das Meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten 
auf den alsbaldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei 
vollständiger Analyse verratben sich diese Einschaltungen manchmal 
dadurch, dass sich zu ihnen kein Material in den Traumgedauken 
findet. Doch muss ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den 
selteneren bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin 
auf JVIaterial in den Traumgedanken zurückführen, welches aber weder 
durch seine eigene Werthigkeit noch durch Ueberdeterminiruug An- 
spruch auf Aufnahme in den Traum erheben küinitc. Die psychische 
Function bei der Traumbildung, die wir jetzt betrachten, erhebt 
sich, wie es seheint, nur im äussersten Falle zu Keuschüpfungen ; so 
längeres noch möglich ist, verwerthet sie, was sie Taugliches im Traum- 
material auswählen kann. 

Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verräth, ist 
seine Tendenz. Diese Function verfährt ähnlich, wie es der Dichter 
boshaft vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken 
stopft sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer 
Bemühung ist, dass der Traum den Anschein der Absurdität und 
2usammenhanglosigkeit verliert und sich dem Vorbilde eines ver- 
ständlichen Erlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist nicht jedes- 
mal vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu Stande, 
die für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und correct 
erscheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen 
dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es 
wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abscbluss. 
Diese Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem 



288 ^^i- Die Ti-aumarbeit. 

wachen Denken ähnliche psychische Function erfahren; sie scheineu 
einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichenBedeutung 
des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysirt man sie, so über- 
zeugt man sich, dass hier die secundäre Bearbeitung des Traumes am 
freiesten mit dem Material umgesprungen ist, am wenigsten von dessen 
Kelationeu beibehalten hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon 
einmal gedeutet worden -sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung 
unterziehen. In anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung 
nur ein Stück weit gelungen ; so weit scheint Zusammenhang zu herr- 
sclien, dann wird der Traum unsinnig oder yerworren, vielleicht um 
sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum Anschein des Ver- 
stündigen zu erheben. In anderen Trilumen hat die Bearbeitung über- 
haupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen von 
Inhaltsbrocken gegenüber. 

leb möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die 
uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird — sie ist in Wirk- 
lichkeit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier Traum- 
bildnem ; — icli müchte diesem vierten Momente also die Fähigkeit, 
schöpferisch neue Beiträge zum Traume zu liefern, nicht peremptorisch 
absprechen. Sicherlich aber äussert sich auch ihr Einfluss, wie der 
der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung und Auswahl von 
bereits gebildetem psychischem Slaterial in den Traumgedanken. Es 
giebt nun einen Fall, in dem ihr die Arbeit, an den Traum gleichsam 
eine Fa(;ade anzubauen, zum grösseren Theil dadurch erspart bleibt, 
dass im Materiale der Traumgedanken ein solches Gebilde, seiner Ver- 
wendung harrend, bereits fertig vorgefunden wird. Das Element der 
Traumgedanken, das ich im Auge habe, pflege ich als „Phantasie" 
zu bezeichnen ; ich gehe vielleicht Missverstäudnissen aus dem Wege, 
wenn ich sofort als das Analoge aus dem Wachlehen den Tag träum 
I namhaft mache.^') Die Bolle dieses Elementes in unserem Seelenleben ist 

'^ von den Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt 

worden; M.Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, mir wie scheint, 
vielversprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblick der 
I -^ Dichter ist die Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen; allge- 

'^ mein bekannt ist die Schilderung, die A. Daudet im Nabab von 

den Tagträumen einer der Nebenfiguren des Romanes entwirft. Das 
Studium der Psychoneurosen führt zur überraschenden Erkenntnis. 
dass diese Phantasien oder Tagträume die nächsten Vorstufen der 
hysterischen Symptome — wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen 
— sind; nicht au den Erinnerungen selbst, sondern an den auf 
Grund der Erinnerungen aufgebauten Phantasien hängen erst die 
hysterischen Symptome. Das häufige Vorkommen bewusster Tages- 
phantasien bringt diese Bildungen unserer Kenntnis nahe; wie es 
aber bewusste solche Phantasien gibt, so kommen überreichlich uu- 

*) reve, petit roman — day-dream, story. 



])]<! PhantasicQ oder Tjigti-;uim(?. 339 

bewuaste vor, die wegen ihres Inhaltes und ihrer Abkunft voin ver- 
drängten Material unbewusst bleiben müssen. Eine eingehendere 
Vertiefung in die Charo,kterc dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit "wie 
gutem Kechte diesen Bddungen derselbe Name zugeftillen ist. den 
unsere nächtlichen Denkproductionen tragen, der Name: Träume. Sie 
haben einen ivesentlichen Theil ihrer Eigenschaften mit den Nacht- 
träumen gemein ; ihre Untersuchung hätte uns eigentlich den nächsten 
und besten Zugang zum Verständnis der Nachtträume erüffnen können. 
Wie die a'räume sind sie "Wunscherfüllungen; v-ie die Traume 
basiren sie zum guten Theil auf den Eindrücken infiintiler Erleb- 
nisse; wie die M'räume erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses 
der Censur für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbaue nach- 
spürt, so wird man inne, wie das Wunschmotir. das «ich in ihrer 
Production bethätigt. das Material, aus dem sie gebaut sind, 
durcheinander geworfen, umgeordnet und zu einem neuen Ganzen 
zusammengefügt hat. Sie stehen zu den Kindheitserinnerungen, auf 
die sie zurückgehen, etwa in demselben Verhältnis, wie manche 
Barockpaläste R m's zu den antiken Euinen, deren Quadern und Säulen 
das Material für den Bau in moderneren Formen hergegeben haben. 
In der .,secundärcn Bearbeitung--, die wir unserem vierten 
traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben haben 
finden wir dieselbe Thätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung 
der Tagtrftume ungehemmt von anderen Eintlttssen äussern dart\ 
Wir könnten ohne Weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus 
dem ihm dargeboteneu Material etwas wie einen Tagtraum zu 
gestalten. Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zasammenhan<'-c 
des Traumgedanken gebildet ist, da wird dieser Factor der Traum- 
arbeit sich seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, dass 
er in den Trauminhalt gelange. Es gibt^solche Träume, die nur in 
der Wiederholung einer Tagesphantasic, einer vielleicht unbewusst 
gebliebenen, bestehen, so z. B. der Traum des Knaben, dass er mit 
den Helden des trojanischen Krieges im Streitwagen fährt. In meinem 
Traume „Autodidasker" ist wenigstens das zweite Traumstück die 
getreue Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über 
meinen Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Conipli- 
cation der Bedingungen her. denen der Traum bei seinem Entstehen zu 
genügen hat. dass häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein Stück 
des Traumes bildet, oder dass nur ein Stück von ihr zum Traum- 
jnhalt hin durchdringt. Im Ganzen mrd dann die Phantasie be- 
handelt wie jeder andere Bestandtheil des latenten Materiales; sie ist 
aber oft im Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen 
kommen oft Partien vor, die sich durch einen von den übrigen ver- 
schiedenen Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir wie fliessend. 
besser zusammenhängend und dabei flüchtiger als andere Stücke 
desselben Traumes; ich weiss, dies sind unbewusste Phantasien die 
im Zusammenhange in den Traum gelangen, aber ich habe es nie 

Freud, Traumdeutung. . jo 



2*J0 \'l. Die 'rraumarl>eit. 

erreicht, eine soIcIil' Phantasie zu fixin^n. Im Uobrigon werden 
diese rhiiutasien wie alle anderen Eestandtheile der Traiimgedankcn 
zuHammengesclioben; verdichtet, die eine durch die andere über- 
lagert u. dgl.; CS gibt aber Uebergänge von dem Falle, wo sie fast 
unverändert den Trauniinhalt oder vrenigstens die Traunifaeade bilden 
dürfen, bis zu dem entgegengesetzten Fall, wo sie nur durch eines 
ihrer Elemente oder eine entfernte Anspielung an ein solches im 
Trauminhalt vertreten sind. Es bleibt oftenbar auch für das Schicksal 
der Phantasien in den Traumgedanken massgebend, welche Vortheile 
sie gegen die Ansprüche der Censur und des Verdichtungszwanges 
zu bieten vermögen. 

Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich 
Trilumen, in denen unbewusste Phantasien eine erheblichere Rolle 
spielen, möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses iisychischen 
Elementes weitlaulige Erörterungen aus der Psychologie des unbe- 
bewnsstcn Denkens oi'fordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich 
jedoch die .^Phantasie" auch in diesem Zusammenhange nicht, da 
sie häufig voll in den Traum gelangt und noch häufiger deutlich 
durch ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen Traum an- 
führen, der aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und einander 
an einzelnen Stellen deckenden, Phantasien zusammengesetzt erscheint, 
von denen die eine die oberflächliche ist. die andere gleichsam zur 
Deutung der ersteren wird. 

Der Traum lautet — es ist der einzige, über den ich keine 
sorgfältigen Aufzeichnungen besitze — ungefähr so : Der Träumer 
— ein unverheiratheter junger Mann — sitzt in seinem, richtig ge- 
sehenen, Stammwirthshanse ; da erscheinen mehrere Personen, ihn 
abzuholen, darunter eine, die ihn verhaften will. Er sagt zu seinen 
'J'ischgenossen : Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber 
die rufen hohnlächelnd : Das kennen wir schon, das sagt ein Jeder. 
Ein Gast ruft ihm noch nach; Da geht wieder einer dabin. Er wird 
dann in ein enges Local geführt, wo er eine Frauensperson mit 
einem Kinde auf dem Arm findet. Einer seiner Begleiter sagt : Das 
ist der Herr Müller. Ein Commissär, oder sonst eine Amtsperson, 
blilttert in einem Packe von Zetteln oder Schriften und wiederholt 
dabei: Müller, Müller, Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage, 
die er mit Ja beantwortet. Er sieht sich dann nach der Frauens- 
person um und merkt, dass sie einen grossen Bart bekommen hat. 

Die beiden Bestandtheile sind hier leicht zu sondern. Das Ober- 
flächliche ist eine Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der 
'J'raumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, das 
von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat, die Phan- 
tasie der Verheirathung. sichtbar, und die Züge, die beiden ge- 
meinsam sein können, treten wieder wie bei einer Gal tonischen 
Misch Photographie besonders deutlich hervor. Das Versprechen des 
bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stammtische wieder aufzu- 



Phantasien im Tranrn. 291 

suchen, clor Unglaube der durch viele Kriahrujijjen g-üwitzi^tüii 
Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht (lieirathet) wieder einer dahin 
das sind auch für die andere Deutung leicht vcrsUlndliche Züge'. 
Ebenso das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Das Blättern in 
einem Stoss voji Papieren, -wobei man denselben Xamen wiederholt 
entspricht einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den 
Hochzeitsfeierlichkeiten, dem Vorlesen der stossweise angelangten 
Glückwunschtelegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten. 
In dem persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traum hat sogar 
die Heirathsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungs- 
phantasie davongetragen. Dass diese Braut am Endo einen Bart 
zur Schau trägt, konnte ich durch eine Erkundigung — zu einer 
Analyse kam es nicht — aufklären. Der Träumer war Tags vorher 
mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlicli ist wie er, über die 
Strasse gegangen und hatte diesen Freund auf eine brünette Schön- 
heit aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der Freund 
aber hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren 
Barte bekämen wie ihre Väter. 

Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen, 
bei denen die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat. 
So mag die Rede: „Ich werde später zahlen" auf das zu befürchtende 
Benehmen des Schwiegervaters in Betreff der Mitgift zielen. Offenbar 
halten den Träumer allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen 
der Heirathsphantasie hinzugeben. Eines dieser Bedenken, dass man 
mit der Heirath seine Freiheit verliert, hat sich in der Umwandlung 
zu einer Verhaftungsscene verkörpert. 

Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, dass die 
Traumarbeit sich gerne einer fertig vorgefundenen Phantasie bedient, 
anstatt eine solche aus dem Material der Traumgedanken erst zu- 
sammenzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht vielleicht eines 
der interessantesten Eäthsel des Traumes. Ich habe auf Seite 17 
den Traum von Maury *^) erzählt, der von einem Brettchen im Genick 
getroöen mit einem langen Traum, einem completen Roman aus den 
Zeiten der grossen Revolution, erwacht. Da der Traum für zusam- 
menhängend ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung des AVeck- 
rcizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts ahnen 
konnte, so scheint nur die eine Annahme übrig zu bleiben, dass der 
ganze reiche Traum in dem kurzen Zeiträume zwischen dem Aurtalleu 
des Brettes auf Maury's Halswirbel und seinem durch diesen Schlag 
erzwungenen Erwachen componirt worden und stattgefunden haben 
muss. Wir würden uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen 
eine solche ßaschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, der 
Traumarbeit eine bemcrkenswerthe Beschleunigung des Ablaufes als 
Vorrecht zuzugestehen. 

Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere 
Autoren (Le Lorrain*^), Egger-") u. A ) lebhaften Einspruch cr- 

19* 



292 VI, Uie Tnaiiiiiirbüit. 

hüben. Üio zweifeln thciLs die Exactheit das Tr;iiiinlji.;ri(.'hteü von Stiitün 
Maury's an. tlieils versuchen sie dar/uthnu, ilass die Raschheit unserer 
waehen Denklei-stungeu nicht hinter dem zurückbleibt, was man der 
Traiimleistung' nngesclnnälert lassen kann. Die Discussion rollt prin- 
cipielle Fragen auf, deren Erledigung mir nicht nahe bevorzustehen 
scheint. Ich niuss aber bekennen, dass die Argumentation, z. B. 
Egger's, gerade gegen den Guillotinentraum Maui'y's mir keinen 
übiirzeugendeu Eindruck gemacht hat. Ich -würde folgende Erklärung 
dieses Traumes vorschlagen : Wäre es denn so sehr univahrscheinlicb, 
dass der IVaum Maury's eine Phantasie darstellt, die in seinem Ge- 
dächtnis seit Jahren fertig aufl)cwahrt war und in dem Momente geweckt 
— ich möchte sagen :an gespielt — wurde, da er den Weckreiz erkannte ? 
Es entfilUt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange 
Geschiclite mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeit- 
raum, der hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu compouiren; 
sie ist bereits componii't. Hätte das Holz MaurysNackenim Wachen 
gctroftcn, so wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen: Das ist 
ja gerade so, als ob man guillotinirt würde. Da er aber im Schlaf 
von dem Brette getroften wird, so benützt die Traumarbeit den an- 
langenden Reiz rasch zur Herstellung einer Wunscherfüllung, als 
ob sie denken würde (dies ist durchaus figürlich zu nehmen): „Jetzt 
ist eine gute Gelegenheit, die Wunsehphantasie wahr zu machen, 
die ich mir zu der und der Zeit bei der Leetüre gebildet habe." 
Dass der geträumte Roman gerade ein solcher ist, wie ihn der Jüngling 
unter mächtig erregenden Eindrücken zu bilden pÜegt, seheint mir nicht 
bestreitbar. M''er hätte sich nicht gefesselt gefühlt — und zumal als Fran- 
zose und Culturhistoriker — durch die Schilderungen aus der Zeit des 
Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüthe der 
Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die Frische 
ihres Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur verhängnis- 
vollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten hinein 
zu phantasiren als einer der jungen Männer, die sich mit einem Hand- 
kuss von der Dame verabschieden, um unerschrocken das Gerüst zu 
besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das Hauptmotiv des Phantasirens 
gewesen ist, sieh in eine jener gewaltigen Individualitäten zu ver- 
setzen, die nur durch die Macht ihrer Gedanken und ihrer flam- 
menden Beredsamkeit die Stadt beherrschen, in der damals das Herz 
der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende von Menschen aus 
Ueberzeugung in den Tod schicken und die Umwandlung Europas 
anbahnen, dabei selbst ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie eines 
Tages unter das Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle der 
Girondisten oder des Heros Danton"? Dass die Phantasie Maury's 
eine solche ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Er- 
innerung erhaltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren 
Menschenmenge begleitet". 

Diese ganze seit langem fertige Phantasie braucht aber während 
des Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, wenn 



V 



Erkl;inni2:sTersi]cli des Guillotincntranracs. y(J3 

sie sozusagen ..angetupft" wird. Icli meine das folg-endeniuissen : 
Wenn ein paar Takte angeschlaf^-en werden und jemand wie im Don 
Juan dazu sagt: Das ist aus Figaro's Hochzeit von Mozart, so 
wogt es in mir mit einem Male von Erinnerungen, aus denen sich 
im nächsten 3toment nichts Einzelnes zum Bewusstsein erheben kann. 
Pas Schlagwort dient als Einbruchsstation, von der aus ein Ganzes 
gleichzeitig in Erregung versetzt wird. Nicht anders brauchte es 
im unbewussten Denken zu sein. Durch den Weckreiz wird die 
psychische Station erregt, die den Zugang zur ganzen Guillotinen- 
phantasie eröffnet. Diese wird aber nicht nocli im Schlaf durchlaufen 
sondern erst in der Erinnerung des Erwachten. Erwacht, erinnert 
man jetzt in ihren Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im 
Traum gerührt wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, 
dass ]nan wirkHch etwas Geträumtea eriimert. Man kann dieselbe 
Erklärung, dass es sich um fertige Phantasien handelt, die durch 
den Weckreiz als Ganzes in Erregung gebracht werden, noch für 
andere auf den Weckreiz eingestellte Träume verwenden, a. B. für den 
Schlachtentraum Napoleons vor der Explosion der HüUenmaschinc, 
Ich will nicht behaupten, dass alle Weckträume diese I^^rklärung zu- 
lassen, oder dass das Problem des beschleunigten Vorstellungsablaufes 
im Traume auf diese Weise überhaupt wegzuräumen ist. 

Es ist unvermeidlich, dass man sich hier um das Verhältnis 
dieser secundärcn Bearbeitung des Trauminhaltes zu den übrigen 
Faetoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich, 
dass die traumbildenden Faetoren, das Verdichtungsbestreben, der 
Zwang der Censur auszuweichen \mä die Rücksicht auf Dar- 
stellbarkeit in den psychischen Mitteln des Traumes vorerst aus 
dem Material einen vorläufigen Trauniinhalt bilden, und das dieser 
dann nachträglich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer 
zweiten Instanz möglichst genügt? Dies ist kaum wahrscheinlich. 
JVXan muss eher annehmen, dass die Anforderungen dieser Instanz 
von allem Anfange an eine der Bedingungen abgeben, denen der 
Traum genügen soll, und dass diese Bedingung ebenso wie die der 
Verdichtung, der Widersttmdseensur und der Darstellbarkeit gleich- 
zeitig auf das grosse Material der Traumgedankeu inducirend und 
auswählend einwirken. Unter den vier Bedingungen der Tranmbil- 
dung ist aber die letzterkannte jedenfalls die, deren Anforderungen 
für den Traum am wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifi- 
cirung dieser psychischen Function, welche die sogenannte secun- 
däre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt, mit der Arbeit un- 
seres wachen Denkens ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit 
aus folgender Erwägung: Unser waches (vorbewusstes) Denken be- 
nimmt sich gegen ein beliebiges Wahmehnxungsmaterial ganz ebenso 
wie die in Frage stehende Function gegen den Trauminhalt. Es 
ist ihm natürlich, in einem solchen Material Ordnung zu schaffen 
Relationen herzustellen, es unter die Erwartung rines intellio-ibeln 



204 VI. Die Tnuimarliuit. 

ZiiHaininciilianf^cs zu bringen. Wir gelien darin eLur zu weit; die 
Kunststücke der Taschenspieler äffen uns, indem sie sich auf diese 
unsere iutellectuelle Gewohnheit stützen. In dem Bestreben, die ge- 
boti'ueu SinneseindrUckc vcrstilndlich zusammen zu setzen, begelien 
wir oft die seltsamsten Irrthümer oder falschen selbst die M'alirheit 
des uns vorliegenden Materiales. Die hieher gehörigen Beweise sind 
zu sehr allgemein bekannt, um breiter Anfiüirung zu bedürfen. Wir 
lesen über sinnstürendc Druckfehler hinweg, indem wir das Richtige 
illusioniren. Ein Kedacteur eines vielgelesenen frauzüsischen Journals 
soll die Wette gewagt haben, er werde in jeden Satz eines langen 
Artikels durch den Druck einschalten lassen, „von vorne" oder „von 
hinten", ohne dass einer der Leser es bemerken würde. Er gewann 
die Wette. Ein komisches Beispiel von falschem Zusammenhange 
ist mir vor Jahren bei der ZeitungslectUre aufgefallen. Nach jener 
Sitzung der französischen Kammer, in welcher Dupuy durch das 
beherzte Wort: La seance continue den Schreck über das Platzen 
der von einem Anarchisten in den Saal geworfenen Bombe aufhob, 
wurden die Besucher der Galeric als Zeugen über ihre Eindrücke 
von dem Attentat vernommen. Unter ihnen befanden sich zwei 
Leute aus der Provinz, deren einer erzählte, unmittelbar nach Schluss 
einer Kode habe er wohl eine Detonation vernommen, aber gemeint, 
es sei im Parlament Sitte, jedesmal wenn ein Redner geendigt, einen 
Schuss abzufeuern. Der Aiidere, der wahrscheinlich schon mehrere 
Redner angehört hatte, war in dasselbe Urtheil verfallen, jedoch mit 
der Abänderung, dass solches Sehiessen eine Anerkennung sei, die 
nur nach besonders gelungenen Reden erfolge. 

Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser 
normales Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch 
herantritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung 
unterzieht imd dadurch das volle Jüssverstilndnis desselben herbeiführt. 
Für unsere Deutung bleibt es Vorschrift, den scheinbaren Zusammen- 
hang im Traum, als seiner Herkunft nach verdächtig, in allen Fällen 
unlieachtet zu lassen und vom Klaren wie vom Verworrenen den 
gleichen Weg des Rückganges zum Traummaterial einzuschlagen. 

Wir merken aber dabei, wovon die oben, Seite 226, erwähnte 
Qualitätenscala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit 
wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an 
denen die secundätc Bearbeitung etwas ausrichten konnte, verworren 
jene anderen, wo die Kraft dieser Leistung versagt hat. Da die ver- 
i\orrenen Traumpartien so häufig auch die minder lebhaft ausgeprägten 
sind, so dürfen wir den Schluss ziehen, dass die secundäre Traum- 
arbeit auch für einen Beitrag zur plastischen Intensität der einzelnen 
Traumgebilde verantwortlich zu machen ist. 

Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes, wie sie sich 
imter der Mitwirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo ein 
Verglcichsobject suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene 



Das unljcnvusato Uunken uud die Tmumiirbeit. 295 

räthsclhafton Inücliriftcn, mit denen die „Fliegenden Blätter" so lanf^e 
ihre Leser unterhalten liaben. Für einen gewissen Satz, des Contrastea 
halber dem Dialect angehörig und von niüglichst scurriler Bedeutung, 
soll die Erwartung erweckt werden, dass er eine lateinische Inschrift 
enthalte. Zu diesem Z\Yecke werden die Bnclistabenelemente der 
Worte aus ihrer Zusammenfügung zu Silben gerissen und neu an- 
geordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort zu Stande, 
an anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor uns 
zu haben, und an noch anderen Stellen der Inschrift lassen wir uns 
mit dem Anscheine von verwitterten Partien oder von Lücken der 
Inschrift über die Sinnlosigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben 
hinwegtäuschen. Wenn wir dem Scherze niclit aufsitzen wollen, 
müssen wir uns über alle Requisite einer Inschrift liin\\-egsctzen, die 
Buchstaben in's Auge fassen und sie unbekümmert um die gebotene 
Anordnung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen. 

Ich gehe nun daran, diese ausgedebnten Erörterungen über die 

Traumarbeit zu resumiren. Wir fanden die Fragestellung vor, ob 

die Seele alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung an die 

Traumbildung verwende, oder nur einen in seiner Leistung geheuimten 

Bruchtheil derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche 

irragestellung überhaupt als den Verhilltnissen inadäquat zu ver- 

w^erfen. Sollen wir aber bei der Antwort auf demselben Boden 

hleiben, auf den uns die Frage drangt, so müssen wir beide, ein- 

j ander scheinbar durch Gegensatz ausschliessenden, Auffassungen be- 

[jahen. Die seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt sich in 

[zwei Leistungen: die Herstellung der Traumgedanken und die Um- 

[Wandlung derselben zum Trauminhalt. Die Traunigedanken sind 

völlig correct und mit allem psyehischen Aufwand, dessen wir fähig 

[sind, gebildet; sie gehören unserem nicht bewusst gewordenen Denken 

10,11, aus dem durch eine gewisse Umsetzung auch die bewussten Ge- 

[danken hervorgehen. So viel an ihnen auch wissenswerth und 

[räthselhaft sein möge, diese Räthscl haben doch keine besondere Be- 

; Ziehung zum Traume und verdienen nicht, unter den Traumproblemen 

[behandelt zn werden. Hingegen ist jenes andere Stück Arbeit, 

1 -welches die unbewussten Gedanken in den Ti-auniinhalt verwandelt, 

[dem Traumleben eigenthümlich und für dasselbe charakteristisch. 

IX^iese eigentliche Traumarbeit entfernt sich nun von dem Vorbild 

les wachen Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten Ver- 

leinerer der psychischen Leistung bei der Traumbildung gemeint 

ihen. Sie ist nicht etwa nachlässiger, incorrecter, vcrgesslicher. 

[unvollständiger als das waehe Denken ; sie ist etwas davon qualitativ 

Ivöllig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichljar. 

jSie denkt, rechnet, urtheilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt 

eich darauf, umzuformen. Sie lässt sich erschüpfend beschreiben, 

[wenn man die Bedingungen in's Äuge fasst, denen ihr Erzeugnis zu 

genügen hat. Dieses Product, der Traum, soll vor Allem der Censur 



296 \1. Die Traiiinarboit. 

entzogen werden und zu diesem Zwecke bedient sieli die Tniunmrbeit 
der Verschiebung der psychischen Intensitäten bis zur 
Umwerthung aller psychischen Werthe; es sollen Gedanken aus- 
schliesslich oder vorwiegend in dem Material visueher und akustiselier 
Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und aus dieser Antordermiü- 
erwuchst für die Trauumrbeit die Rücksicht auf Darste Ubai^ 
keit, der sie durch neue Verschiebungen entspricht. Es sollen 
(wahrscheinlich) grüsserc IntensiUiten hergestellt werden, als in den 
Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen, und diesem Zwecke 
dient die ausgiebige Verdichtung, die mit den Bestandth eilen der 
Traumgedanken vorgenommen werden. Auf die logischen Relationen 
des Gedankenmateriales entfällt wenig Rücksicht; sie finden schliesslich 
in formalen Eigenthiimlichkeitcn der Träume eine vertiteckte Uar- 
stellung. Die Afiecte der Traumgedanken unterliegen gerino-eren 
Veränderungen als deren Vorstellungsinbalt. Sie werden in^ der 
Regel unterdrückt; wo sie erhalten bleiben, von den ^'orstellun<^en 
abgelöst und nach ihrer Gleichartigkeit zusammengesetzt. Nur 'ein 
Stück der Traumarbeit, die in ihrem Ausmass inconstante Ueber- 
arbeitung durch das zum Theil geweckte Wachdenken, fügt sich etwa 
der Auffassung, welche die Autoren für die gesammte Thati^-keit 
der Traumbildung geltend machen wollten. ^ 



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'- " s t 



.. - -.VII. 
Zur Psychologie der Traum Vorgänge. 

Unter den Träumeiij die ich durch Mittheilung von Seiten 
Anderer erfahren habe, befindet sich einer, der jetzt einen o^nz 
besonderen Ansprucli auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir voji 
einer Patientin erzählt worden, die ihn selbst in einer Vorlesung über 
den Traum kennen gelernt hat; seine eigentliche Quelle ist mir 
unbekannt geblieben. Jener Dame aber bat er durch seinen Inhalt 
Eindruck gemacht, denn sie Iiat es nicht versäumt, ihn „nachzu- 
tr-äumen ', d. h. Elemente des Traumes in einem eigenen Traum zu 
wiederholen, um durch diese Uebertragung eine Uebereinstimmung 
in einem bestimmten Punkte auszudrucken. 

Die Vorbedingungen dieses rorbildlichen Traumes sind folgende- 
Ein Vater bat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines Kindes 
gewacht. iNachdem das Kind gestorben, begibt er sich in einem 
Kebenzimmer zur Puhe, lässt aber die Thüre geöflfnet, um aus seinem 
Schlalraum in jenen zu blicken, worin die Leiche des Kindes auf- 
gebahrt liegt, von grossen Kerzen umstellt. Ein alter Mann ist zur 
Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiclie, Gebete murmelnd. 
Kach emigen Stunden Schlafes träumt der Vater, dass das Kind 
an seinem Bette steht, ihn am Arme fasst und ihm vor- 
wixrfsvoU zuraunt: Vater, siehst Du denn nicht, dass 
ich verbrenne? Er erwacht, merkt einen hellen Lichtschein, der 
aus dem Leiehenzimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter 
eing-eschJummert, die Hüllen und einen Arm der theuren Leiche ver- 
brannt durch eine Kerze, die brennend auf sie gefallen war. 

Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und 
^urde auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt, 
richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch die offenstehende 
Xhüre in's Auge des Schlafenden und regte denselben Schluss bei 
ihm an, den er als Wachender gezogen hätte, es sei durch Umfallen 
einer Kerze ein Brand in der :NähG der Leiche entstanden. Vielleicht 
hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in den Schlaf hinüber- 



2Ü.S \'J1. l'.sycliolojric der Traumvorgauge. 

^^enommen, dass der greise Wächter seiner Aufgabe iiiclit gewachsen 
öeiii durfte. 

Audi wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es 
sei denu, dass wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes 
müsse überdeterminirt. und die llede des Kindes aus Reden zusammen- 
gesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dein Vater 
wichtige Ereignisse anknüpfen. Ktwa die Klage: Ich verbrenne, an 
das Fieber, in dem das Kind gestorben, und die Worte : Vater, siehst 
Du denn nicht ? an eine andere uns unbekannte, aber affecti'eiche 
Gelegenheit. 

Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den Zu- 
sammenhang des psychischen Geschehens einfiigbaren Vorgang 
erkannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, dass unter 
solchen Verhältnissen überhaupt ein Traum zu Stande kam, wo das 
rascheste Erwachen geboten war. Wir werden dann aufmerksam, 
dasH auch dieser Traum einer Wunscherfüll ung nicht entbehrt. Im 
Traum benimmt sich das todtc Kind wie ein lebendes, es mahnt 
selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht ihn am Arm, wie 
es wahrschein Hell in jener Erinnerung that, aus welcher der 
Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser 
Wunscherfiillung zu Liebe hat der A^'ater nun seinen Schlaf um einen 
Moment verlängert. Der Traum erhielt das Vorrecht vor der Ueber- 
legung im Wachen, weil er das Kind noch einmal lebend zeigen 
konnte. Wäre der Vater zuerst erwacht und hätte dann den Schluss 
gezogen, der ihn in's Leichenzimmer führte, so hätte er gleichsam 
das Leben des Kindes um diesen einen Moment verkürzt. 

Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigenthüm- 
lichkeit dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns 
bisher vorwiegend darum gekümmert, wxrin der geheime Sinn der 
Träume besteht, auf welchem Weg derselbe gefunden wird, und 
welcher Mittel sich die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen. 
Die Aufgaben der Traumdeutung standeu bis jetzt im Mittelpunkte 
unseres Blickfeldes. Und nun stosscn wir auf diesen Traum, welcher 
der Deutung keine Aufgabe stellt, dessen Sinn uuverliüllt gegeben 
ist, und werden aufmerksam, dass dieser Traum noch immer die 
wesentlichen Charaktere bewahrt, durch die ein Traum auffällig von 
unserem wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis nach Er- 
klärung rege macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die 
Deutungsarbeit angeht, können wir erst merken, wie unvollständig 
unsere Psychologie des Traumes geblichen ist. 

Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg ein- 
schlagen, wollen wir Halt machen und zurückschauen, ob wir auf 
unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen 
haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, dass die bequeme 
und behagliche Strecke unseres Weges hinter uns liegt. Bisher haben 
alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht sehr irre, in's 



Die psycholdyLsche Besonderheit des Tnuimcs. S'jy 

Lichte, zui- Aufklärung und zum vollen Verständnis j,^eiulirt; von 
dem Moment an, da wir in die seelischen Vorgänge beim Träumen 
tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade ins Dunkel münden. 
Wir können es unmöglich dahin bringen, den Traum als psychisehen \/ 
Vorgang aufzuklären, denn erklären heisst auf Bekanntes zurück- 
iÜhren, und es gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir 
unterordnen küimten, was sich aus der psychologischen Prüfung der 
Träume als Erklärungsgrund erschliessen lässt. Wir werden im 
Gegentheile genöthigt sein, , eine Keihe von neuen Annahmen aufzu- 
stellen, die den Bau des seehschen Apparates und das Spiel der in 
ihm thätigeil Kräfte mit Vermuthungen streifen, und die wir bedacht 
sein müsseu, nicht zu weit über die erste logische Angliederang aus- 
zuspinnen, weil sonst ihr Werth sich in's Unbestimmbare verläuft. 
Selbst wenn wir keinen Fehler im Schliessen begehen und alle logisch 
sieh ergebenden Möglichkeiten in Rechnung ziehen, droht uns die 
wahrscheinliche Unvollstäudigkeit im Ansatz der Elemente mit dem 
völligen Fehlschlagen der Rechnung. Einen Aufschluss über die 
Construction und Arbeitsweise des Seeleninstrumentes wird man durch 
die sorgfältigste Untersuchung des Traumes oder einer anderen ver- 
einzelten Leistung nicht gewinnen oder wenigstens nicht begründen 
können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen müssen, 
was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe von 
psychischen Leistungen als constant erforderlich herausstellt. So ' 
werden die psychologischen Annahmen, die wir aus der Analyse der 
TraumvovgäDge schöpfen, gleichsam an einer Haltestelle warten 
müssen, bis sie den Anschluss an die Ergebnisse anderer Unter- 
suchungen gefunden haben, die von einem anderen Angriffspunkte 
her zum Kern des nämlichen Problems vordringen wollen. 

o) Das Vergessen der Träume. 

Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus 
dem sich ein bisher unbeaclitefcer Einwand ableitet, der doch geeignet 
istj unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden zu ent- 
ziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten worden, 
dass wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht 
kennen, richtiger, dass wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu 
kennen, wie er wirkHch vorgefallen ist (vgl. Seite 31). Was wir vom 
Traum erinnern, und woran wir unsere Deutungskünste üben, das 
ist erstens verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses, welches 
io ganz besonders hohem Grade zur Bewahrung des Traumes unfiihig 
scheint, und hat vielleicht gerade die bedeutsamsten Stücke seines 
Inhaltes eingebüsst. Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren 
Träumen Aufraei'ksamkeit schenken wollen, zur Klage veranlasst 
dass wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr 
[wissen als dies eine BruchstUekj dessen Erinnerung selbst uns eigen- 



iJOü VJI. l'svcliologic der 'i'raura Vorgänge. 

tliiiinlich uiiöiclier vorkommt, Zweitens aber spricht alle^^ daiur, dass 
unsere Krinnerung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch 
ungetreu und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran 
zweifeln kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenliUngend 
und verschwommen war. wie wir's im Gedächtnis haben, so lässt 
sich andererseits in Zweifel ziehen, ob ein Ti'aum so zii^ammen- 
liängcnd gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuch 
der Keproduction nielit vorhandene oder durch Vergessen geschafiene 
jAicken mit willkürlich gewähltem neuen Materialc ausfüllen, den 
Traum ausschmückenj abrunden, zurichten, so dass jedes Urtheü 
unmöglich wird, was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja 
bei einem Autor (Spitta"*) haben wir die Muthmassung gefunden, 
dass alles, was Ordnung und Zusammenhang ist, überhaupt erst bei 
dem Versuch, sieh den Traum zurückzurufen, in ihn hineingetragen 
wird. So sind wir in Gefahr, dass man uns den Gegenstand selbst 
aus der Hand winde, dessen Wertb zu bestimmen wir unter- 
nommen haben. ■»- 

Wir haben bei unseren Ti'aumdeutungen bisher diese Warnun- 
gen überhört. Ja wir haben im Gegentheile in den kleinsten, 
unscheinbarsten und unsichersten Inhaltsbestandtheilen des Traumes 
die Aufforderung zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden, 
als in dessen deutiieli und sicher erhaltenen. Im Traum von Irnia's 
Injection hiess es: Ich rufe si^hnell den Doctor M. herbei, und wir 
nahmen an, auch dieser kleine Zusatz wäre nicht in den Traum 
gelangt, wenn er nicht eine besondere Ableitung zuliesse. So kamen 
wir zur Geschichte jener unglücklichen Patientin, an deren Bett ich 
„schnell" den älteren Collegen berief. In dem scheinbar absurden 
Traum, der den Unterschied von 51 und 56 als quantitu negligeable 
behandelt, war die Zahl öl mehrmal erwähnt. Anstatt dies selbst- 
verständlich oder gleichgiltig zu finden, haben wir daraus auf einen 
zweiten Gedankengang in dera latenten Trauminhalt geschlossen, der 
zur Zahl 51 iiinfülirt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte 
uns zu Befürchtungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen, 
im schärfsten Gegensatz zu einem dominirenden Gedankenzug, der 
prahlerisch mit den Lebensjahren um sich wirft. In dera Traume 
„Non vixi t" fand sich als unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs 
übersah, die Stelle: „Da P. ihn nicht versteht, fragt mich 
Fl. etc." Als dann die Deutung stockte, griff ich auf diese Worte 
zurück, lind fand von ihnen aus den Weg zu der Kinderphantasie, 
die in den Tramnge danken als intermediärer Knotenpunkt auftritt. 
Es geschah dies mittelst der Zeilen des Dichters : 

Selten habt Ihr mich verstanden, 
Selten auch verstand ich Euch, 
Kur wenn wir im Kotb uns ümden, 
So verstanden wnr uns gleich ! 



Das Vcrgosficn Jüi- Ti-ilumü. 301 

.ledc Analyse köJiutc mil Beispielen belegen, w'm gerade die 
geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind, 
und wie die Erledigung der Autgabe verzögert wird, indem sich die 
Aufmerksamkeit solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung 
liaben wir bei der Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen 
Ausdruckes geschenkt, in welchem der Traum uns vorlag; Ja. wenn 
uns ein unsinniger oder unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde, 
als ob es der Anstrengung nicht gelungen würe, den Traum in die 
richtige Fassung zu übersetzen, haben wir auch diese Mangel des 
Ausdruckes respectirt. Kurz, was nach der Meinung der Autoren 
eine willlcürliche, in der Verlegenheit eilig zusammengebraute Impro- 
visation sein soll, das haben wir behandelt wie einen helligen Text. 
Dieser Widerspruch bedarf der Aufklärung. 

Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoreu 
Unrecht zu geben. Vom Standpunkte unserer neu. gewonnenen Ein- 
gichten über die Entstehung des Traumes vereinigen sich die Wider- 
sprüche ohne Rest. Es ist richtig, dass wir den Traum beim Versuch 
der Reproduction entstellen; wir iinden darin wieder, was wir als 
die secundure und oft missversiändliche Bearbeitung des Traumes 
durch die Instanz des normalen Denkens bezeichnet haben. Aber 
diese Entstellung ist selbst nichts anderes als ein Stück der Bear- 
beitung, welcher die Traumgedanken gesetzmässig in Folge der 
Traumcensur unterliegen. Die Autoren haben hier das manifest 
arbeitende Stück der Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uüs 
verschlägt es wenig, da wir wissen, dass eine weit ausgiebigere Ent- 
stellungsarbeit, minder leicht fas.shar, den Traum bereits von den ver- 
borgenen Traumgedanken her zum Ohject erkoren hat. Die Autoren 
irren nur darin, dass sie die Modification des Traumes bei seinem 
Erinnern und In-Worte-Fassen für willkürlieh, also für nicht weiter 
auflösbar und demnach für geeignet halten, uns an der Erkenntnis 
des Traumes irre zu leiten. Sic unterscli ätzen die Determinirung 
im Psychischen. Es gibt da nichts Willkürliches. Es lässt sich 
ganz allgemein zeigen, dass ein zweiter Gedatdcenzug sofort die Be- 
stitnmting des Elementes übernimmt, welches vom ersten unbestimmt 
gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz willkürlich eine Zahl ein- 
fallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl, die mir einfällt, ist durch 
G edanken in mir, die meinem momentanen Vorsatz ferne stehen 
mögen, eindeutig und nothw^endig bestimmt. Ebenso wenig willkürlich 
sind die Veränderungen, die der Traum bei der Redaction des 
■Wacliens erfahrt. Sie bleiben in associativer Verknüpiung mit dem 
Inhalt, an dessen Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den 
Weg zu. diesem Inhalt zu zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines 
anderen sein mag. 

Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Prol)c 
auf diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der 
Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erseheint, so bitte 



;J(I2 VIT. Psvcliolo'rie dei' 'J'raumvorjriiiiffe. 



icli eleu Krzähler, ihn zu wiedorlioltMi. Das gcscliieht dann selten 
mit den iiäraliclien Worten. Die Stellen über, an denen er deu 
Ausdruck verändert hat. die sind mir als die schwachen Stellen der 
Tniumverkleidung kenntlich gemacht worden, die dienen mir wie 
liageu das gestickte Zeichen an Sigfried's Clewand. Dort kann 
die Traumdeutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine Auf- 
forderung gewarnt worden, dass ich besondere Mühe zur Lösung 
des Traumes anzuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem 
Drange des "Widerstandes, die schwachen Stellen der Traumver- 
kleidung, indem er einen verrätherisehen Ausdruck durch einen 
ferner abliegenden ersetzt. Er macht mich so auf den von ihm 
ffdlen gelassenen Ausdruck aufmerksam. Aus der ^Uihe, mit der die 
Traumlösung vcrtheidigt wird, darf ich auch auf die Sorgfalt 
schliessen, die dem Traum sein Gewand gewebt hat. 

Minder Recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit 
dem unser Urtheil der Traumerziihlung begegnet, so sehr viel Raum 
machen. Dieser Zweifel entbehrt nämlich einer intellectuellen 
Gewähr; unser Gedächtnis kennt überhaupt keine Garantien, und 
doch unterliegen wir viel üfter, als objectiv gerechtfertigt ist, dem 
Zwange, seinen Angaben Glauben zu schenken. Der Zweifel an der 
richtigen Wiedergabe des Traumes oder einzelner Traumdaten isL 
wieder nur ein Abkömmling der Traumcensur, des "Widerstandes 
gegen das Durchdringen der Traumgedanken zum Beivusstsein. 
Dieser Widerstand hat sich mit den von ihm durchgesetzten "Ver- 
schiebungen und Ersetzungen nicht immer erschöpft, er heftet sich 
dann noch an das Durchgelassene als Zweifel. Wir verkennen diesen 
Zweifel um so leichter, als er die Vorsicht gebraucht, niemals insen- 
tive Elemente des Traumes anzugreifen, sondern blos schwache und 
undeutliche. Wir wissen aber jetzt bereits, dass zwischen Traum- 
gedanken und Traum eine völlige Umwerthung aller psychischen 
Werthe stattgefunden hat; die Entstellung war nur möglich durch 
Werthentziehung, sie äussert sich regelmässig darin und begnügt 
sich gelegentlich damit. Wenn zu einem undeutlichen Element des 
Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutritt, so können wir dem 
Fingerzeige folgend in diesem einen directeren Abkömmling eines 
der vervehmten Traumgedanken erkennen. Es ist damit, wie nach 
einer grossen Umwälzung in einer der Republilten des Altertbums 
oder der Renaissance. Die früher herrschenden edlen und mächtigen 
Familien sind nun verbannt, alle hohen Stellungen mit Empor- 
kömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur noch ganz 
verarmte und machtlose Mitgheder oder entfernte Anhänger der 
Gestürzten. Aber auch diese gemessen nicht die vollen Bürgerrechte, 
sie werden misstrauisch überwacht. An der Stelle des Misstrauens 
im Beispiel steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum 
bei der Analyse eines Traumes, dass man sich von der ganzen 
^ Scala der Sicherheitssehätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit, 



Der Zweifel an der Treue der 'JViiumerinnerung. 303 

dass etwas der cider jener Art im Traiiin Torg-ekommen sei. behandle 
wie die volle Gcwisslieit. Hu lange jemand bei der Verfolguno- 
eines Traumelementes sieb nicht zum Verzicht auf diese RüeksiclS 
entschlossen, so lauge stockt hier die Analyse, Die Gerlngsehäfximg 
für das betreffende Element hat bei dem Analysirten die psychische 
^Vivkung, das-s ihm von den ungewollten Vorstellungen hinter dem- 
selben nichts einfallen will. Solche Wirkung ist eigentlich nicht 
selbstverständlich; es wäre nicht widersinnig, wenn jemand sagte: 
Ob dies oder jenes im Traume enthalten war, weiss ich nicht sicher; 
es fällt mir aber dazu folgendes ein. Niemals sagt er so, und gerade 
diese die Analyse störende Wirkung des Zweifels lässt ihn als einen 
Abkömmling und als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes 
entlarven. Die Psychoanalyse ist mit liecht misstraniscb. Eine 
ihrer Regeln lautet: Was immer die Fortsetzung derArbeit 
stört, ist ein Widerstand. 

Auch das Vergessen der Träume bleibt so lange unergründlich, 
als man nicbt die Macht der psychischen Censur zu seiner Erklärung 
mit heranzieht. Die Empfindung, dass man in einer Nacht sehr viel 
geträumt und davon nur wenig behalten hat, mag in einer Reihe 
von Füllen einen anderen Sinn haben, etwa den, dass die Traumarbeit 
die Nacht hindurch spürbar vor sich gegangen ist und nur den 
einen kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an der Thatsache, 
dass man den Traum nach dem Erwachen immer mehr vergisst, ein 
Zvpeifel nicht möglich. Man vergisst ihn oft trotz peinlicher Bc- 
mtihungen ihn zu merken. Ich meine aber, so wie man in der 
Regel den Umfang dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man 
auch die mit der Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbusse 
an seiner Kenntnis. Alles, was das Vergessen am Trauminhalt 
gekostet hat, kann man oft durch die Analyse wieder hereinbringen; 
wenigstens in einer ganzen Anzahl von Füllen kann man von einem 
.einzelnen stehen gebliebenen Brocken aus, zwar nicht deji Traum — 
aber an dem liegt ja auch nichts — doch die Traumgedanken alle 
auffinden. Es verlangt einen grösseren Aufwand an Aufmerksamkeit 
und Selbstüberwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch 
anj dass das Vergessen des Traumes seine feindselige Absicht nicht 
[verfehlt hat. 

Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Wider- 
[stand dienende Natur des Traumvergessens") gewinnt man bei den 
[Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es kommt 
[gar nicht selten vor, dass mitten in der Deutungsarbeit plötzlich ein 
[ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als bisher vergessen 
[bezeicbnct wird. Dieser der Vergessenheit entrissene Traumtheil ist 
nun jedesmal der wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege zur 

"■) Vergl. über die Absieht beim Vcrg'eBsen überhaupt meine kleine Abliaiiilliiiiff • 
Iber den „psychischen MechaninmuH der Vergesslichkeit" iii der Moimtuschrilt für 
fpaychiatrle imd Neurologie, 1898, 



äü4 VIT. l'sychulogie der Traum vorgSnge. 

TraumlüBung uutl war darum dorn Widerstände am meisten aus<i;eäetzt. 
Unter den Traumbei^pielon. die ieli in den Zusjininienhang dieser 
Abhandlung einger^treut liabe. ti'ift't es sich einmal, dass ich so ein 
Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten habe. Es ist dies ein 
Reisetraum, der Haehe nimmt an einer unliebcnswürdigen Reise- 
gefährtin, den ich wegen seines zum Theil grob unHathigen Inhalts 
fast uugedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stlick lautet: Ich 
sage auf ein l^ucb von Schiller: It is from . . . corrigire 
mich aber, den I r r t h u in selbst bemerkend: 1 1 i s b y . . . 
Der Mann bemerkt hierauf zn seiner Schwester: „Er hat 
OS ja richtig gesagt." 

Die Selbstcorrectur im Traum, die manchen Autoren so wunderbar 
erschienen ist, vei-dicnt wohl nicht uns zu beschäftigen. Ich werde 
lieber für den Spraehirrthum im Traum das Vorbild aus meiner 
Erinnerung aufzeigen. Ich war ITjährig zum ersten Mal in England 
und einen Tag lang am Strande der Irish Sea. Ich schwelgte natürlich 
im i'^ang der von der Fluth zurückgelassenen Seethiere und beschäftigte 
mich gerade mit einem Seestern (der Traum beginnt mit: HoUthnrn- 
II 1 o t h u r i e n), als ein reizendes kleines Mädchen zu mir trat und mich 
fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich antwortete; Yes he is alive, 
sehiimte mich aber dann der Ineorrecthcit und wiederholte den Satz 
richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals begangen habe, 
setzt nun der Traum ehien anderen, in den der Deutsche ebenso leicht 
verfällt. „Das Buch ist von Schiller", soll man nicht mit from, . . . 
sondern mit by -.. übersetzen. Dass die Traumarbeit diesen Ersatz 
vollzieht, weil from durch den Gleichklang mit dem deutschen Eigen- 
schaftswort fromm eine grossartige Verdichtung ermöglicht, das 
nimmt uns nach allem, was wir von den Absichten der Traumarbeit 
und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der AVahl der Mittel gehurt 
haben, nicht mehr Wunder. Was will aber die barmlose Erinnerung 
vom Meeresstrand im Zusammenhang des Traumes besagen ? Sie 
erläutert an einem müglich.st unschuldigen Beispiel, dass ich das 
(J eschlcchts wort am unrechten Platz gebrauche, also das Ge- 
schlechtliche (he) dort anbringe, wo es nicht hingehört. Dies 
ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des Traumes. Wer dimn 
noch die Ableitung des Buchtitels ..Matter and Motion" angehört 
hat {Moli er e im Malade Imaginaire: La matiere est-elle laudable":* 
— a motion of the bowels), der wird sich das Fehlende leicht 
ergänzen können. 

Ich kann übrigens den Beweis, dass das Vergessen des Traumes 
zum grossen Theil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio 
ad oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber den 
Traum spurlos vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen. 
Wir setzen die Arbeit fort, ich stosse auf einen Widerstand, mache 
dem Kranken etwas klar, helfe ihm durch Zureden und Drängen, 
sich mit irgend einem unangenehmen Gedanken zu versöhnen, und 



Yersi>iltet(! Deutung von Tritumeii. ;j05 

'kaum ibt das gelung-en, so ruft or aus: Jetzt woiss icli auch wieder 
was ich geträumt habe. Derselbe AViderstand, der ihn an diesem 
Tage m der Arbeit gestört hat, hat ihn auch den Traum vergessen 
lassen. Durch die Ueberwindung dieses "Widerstandes habe ieli den 
1 räum zur Erinnerung gefördert. 

Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der 
Arbeit angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder mehr 
Tagen vorgefallen ist. und bis dahin in der Vergessenheit geruht hat. 
Dass die Träume eben so wenig vergessen werden wie andere 
seelische Acte, und dass sie auch in Bezug auf ihr Haften im Gedächtnis 
den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzustellen sind 
xeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung dieses Manuscriptes 
I machen l^ionnte. Ich hatte in meinen Notizen reichlieh eigene Träume 
aulbewahrt, die ich damals aus irgend einem Gnmde nur sehr unvoll- 
ständig oder auch überhaupt nicht der Deutung unterziehen konnte 
Bei einigen derselben habe ich nun ein bis zwei Jahre später den Ver- 
such, sie zu deuten, unternommen, in der Absicht mir Material zur lUu- 
, stration meiner Behauptungen zu schaffen. Dieser Versuch gclano- 
Imir ausnahmslos; ja ich möchte behaupten, die Deutung ging sS 
lange Zeit später leichter vor sicli als damals, so lange die Triiume 
frische Erlebnisse waren, wofür ich als mögliche Erklärung angeben 
jmöchte, dass ich seither über manche Widerstände in meinem Juneren 
|weggekoramen bm, die mich damals störten. Ich habe bei solchen 
nachträglichen Deutungen die damaligen Ergebnisse an Traum- 
'-redanken mit den heutigen, meist viel reichhaltigeren, verglichen 
lud das damalige unter dem heutigen unverändert wiedergefunden. 
lieh trat meinem Erstaunen hierüber rechtzeitig in den Weg, indem 
^ich mich besann, dass ich Ja bei meinen Patienten längst in Uebuu- 
habe, Iraume aus früheren Jahren, die sie mir gelegentlich erzählen, 
deuten zu lassen, als oh es Träume aus der letzten Nacht warenj " 
nach demselben Verfahren und mit demselben Erfolg. Bei der 
Besprechung der Angstträume werde ich zwei Beispiele von solch' 
verspäteter Traumdeutung mittheilen. Als ich diesen Versuch zum 
ersten Male anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, dass 
der Traum sich auch hierin nur verhalten werde wie ein neurotisches 
Symptom. Wenn ich nümlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie 
etwa, mittelst Psychoanalyse behandle, so muss ich für die ersten, 
langst überwundenen Symptome seines Leidens ebenso Aufklärung 
schaffen wie für die noch heute bestehenden, die ihn zu mir geführt 
haben, und finde crstere Aufgabe nur leichter zu lusen als die heute 
dringende. Schon in den 1895 publicirten „Studien über Hysterie'^ 
konnte ich die Aufklärung eines ersten hysterischen Anfalles mit- 
theilen. den die mehr als 40Jährige Frau in ihrem 15. Lebensjahre 
gehabt hatte. 

In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen 
was ich über die Deutung der Träume zu bemerken habe, und was 



Freud, Traumdeatong. 



20 




yOG A'll. Psychologie der Traum vori^äiige. 

vicllüiclit den Loser oricntiron ^-ird, der mich durch Nacharbeit an 
seinen eigenen Träumen controliren will. 

Es wird Kiemand erwarten dürfen, dass ihm die Deutung seiner 
Träume mühelos in den Schoss falle. Schon zur WahrnehmuEg 
endoptischer Phänomene und anderer für gewülmlich der Aufmerk- 
samkeit entzogener Sensationen bedarf es der Uebung, obwohl kein 
psychisches Motiv sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen sträubt. 
Es ist erheblich schwieriger, der „ungewoHten Vorstellungen" habhaft zu 
werden. Wer dies verlangt, wird sich mit den Erwartungen erfüllen 
müssen, die in dieser Abhandlung rege gemacht werden, und wird in 
Befolgung derhiergegebenen Regeln jede Kritik, jede Voreingenommen- 
heit, jede aiiective oder intellectuelle Parteinahme während der Arbeit 
bei sich niederzuhalten bestrebt sein. Er wird der Vorschrift eingedenk 
bleiben, die Claude Bernard für den Experimentator im physiolo- 
gischen Laboratorium aufgestellt hat: Travailler comme une bCte, d. h. so 
ausdauernd, aber auch so unbekümmert um das Ergebnis. Wer diese 
Rathachliige befolgt, der wird die Aufgabe allerdings nicht mehr 
schwierig finden. Die Deutung eines Traumes vollzieht sich auch nicht 
immer in Einem Xuge; nicht selten fühlt man seine Leistungsfähigkeit 
erschöpft, wenn man einer Verkettung von Einfällen geiblgt ist, der 
Traum sagt einem nichts mehr an diesem Tage; man thut dann gut. 
abzubrechen und an einem nächsten zur Arbeit zurückzukehren. Dann 
lenkt ein anderes Stück des Trauminhaltes die Aufmerksamkeit auf 
sich, und man findet den Zugang zu einer neuen Schicht von Traum- 
gedanken. Man kann das die „fractionirte" Traumdeutung heissen. 
Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur 
Anerkennung der Thatsacbe zu bewegen, dass seine Aufgabe nicht 
voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in 
Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle 
■ Elemente des Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann ausserdem eine 
andere, eine Uebcrdcutuiig desselben Traumes müglich sein, die ihm 
entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichthum 
an unbewussten, nach Ausdruck ringenden, Gedankengängen in unserem 
Denken eine Vorstellung zu machen und an die Geschicklichkeit der 
Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige Ausdrucksweise jedesmal 
gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der 
Schneidergeselle im Märeheu. Der Leser wird immer geneigt sein, 
dem Autor vorzuwerfen, dass er seinen Witz überflüssig vergeude; 
wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren 
belehrt finden. 

Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann, 
ist mit Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, dass man 
bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat, 
welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine 
Frage des Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellectuellen 
Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psycholo- 



Ifcrab.sptzuug dus Widcrstautles im .Seh hifzu stand u. 



307 



gischcn Kenntnissen und seiner üobiiug in der Truiimdcutung den 
inneren Widerstanden den Herren zeigen kann. Ein Stücli weit ist 
das immer möglich, so weit wenigstens, um die Ueberzeugung zu 
gewinnen, dass der Traum eine ainnreiclie Bildung ist, und meist 
auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Kecht lulufig ge- 
stattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene 
Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von 
Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieh't, ruht oft auf 
gemeinsamem Boden, und ist dann im Zusanunenhange der Deutung 
zu unterwerfen. Von auf einander folgenden Träumen kann man oic 
merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem uilchstcn 
nur in der Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so dass die 
beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Dass die verschiedenen 
Träume derselben Nacht ganz regelmässig von der Deutungsarbeit 
wie ein Ganzes zu behandeln sind, habe ich bereits durch Beispiele 
erwiesen. 

In den bestgedoutetcn Träumen muss man oft eine Stelle im 
Dunkeln lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort eiu 
Knäuel von Traum gedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, 
aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies 
ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an der er dem Unerkannten 
aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gei-äth, 
müssen ja ganz allgemein ohne Abschluss bleiben und nach allen 
Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt aus- 
laufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Getiechtes erhebt sich 
dann der Traumwansch wie der Pilz aus seinem Mycelium. 

Wir kehren zu den Thatsachen des Traum vergessens zurück. 
Wir haben es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluss aus ihnen 
zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt, 
den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, ent- 
weder als Ganzes unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise 
im Laufe des Tages, und wenn wir als den Hauptbetheiligten bei 
diesem Vergessen den Ecelischcn Widerstand gegen den Traum er- 
kennen, der doch schon in der Nacht das Seinige gegen den Traum 
gethan hat, so liegt die Präge nahe, was eigenthch gegen diesen 
"Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen 
wir den grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder 
beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei 
das Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir 
aussagen, der Traum wäre überhaupt nicht zu Stande gekommen, wenn 
der Widerstand bei Nacht gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluss 
ist. dass dieser während der Nachtzeit einen Tbeil seiner Macht 
eingebUsst hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn wir 
haben seinen Antheil an der Traumbildung in der Traumentstellung 
nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf, dass er 
des Nachts verringert war, dass durch diese Abnahme des Wider- 



20* 



yÜ8 VII. Psvclioloyie der TnmiiiTOrgäng'e. 

staiules diu 'l.'i'jiuniljiidunji' inüy;lich wurde, und wir verstellen su laicht. 
dasH ei% mit dem Erwachen in seine voHü Kraft eingesetzt, sofort 
wieder beseitigt, was er. so lange er acliwaeli war, zulassen musste. 
Die besehreibende Psychologie lehrt uns ja, dass die Hauptbediugung 
der ^rraumbildung der 8chlafzustand der Seele ist; wir könnten nun 
die Erklärung hinzufügen : der Seh lafza stand ermüglicht die 
T r a u m b i 1 d u n g- indem er die e n d o p s y c h i s c li e C e n s u r 
herabsetzt. 

Wir sind gewiss in Versuchung, diesen Schluss als den einzig 
möglichen aus den Tbatriaclien des Traumvergessens anzusehen, und 
weitere Folgerungen über die Energieverhaltuisse des Schlafens und des 
Wachens aus ihm 7A\ entwickeln. Wir wollen aber vorläufig hierin inne- 
halten. Wenn wir uns in die P.'syehologie des Traumes ein Stück weiter 
vertieft haben, werden wir erfahren, dass man sich die Ermügliehung der 
Traumhildung auch noch anders vorstellen kann. Der Widerstand 
gegen das licwu.sstwcrden der Traumgedanken kann vielleicht auch 
umgangen werden, ohne dass er an sich eine Herabsetzung erfahren 
hittte. Es ist auch plausibel, dass beide der Traumliildung günstigen 
Jlomente, die Herabsetzung sowie die Umgehung des Widerstandes, 
durch den Schlafzustand gleichzeitig ermüglieht werden. Wir brechen 
hier ab. um nach einer Weile hier fortzusetzen. 

I'jS gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser 
Verfahren bei der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern 
müssen. Wir gehen ja so hervor, dass \vir alle sonst das Nachdenken 
beherrschenden Ziclvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksam- 
keit auf ein einzelnes Traumelemeut richten und dann notiren, was 
uns an ungewollten Gedanken zu demselben einfallt. Dann greifen 
wir einen nächsten Bestandtheil des Trauminhaltes auf, wiederholen 
an ihm dieselbe Arbeit und lassen uns, unbekümmert um die Richtung, 
nach der die Gedanken treiben, von ihnen weiter führen, wobei wir 
— wie man zu sagen pflegt — vom Hundertsten in's Tausendste 
gerathen. Dabei hegen wir die zuversichtKche Erwartung, am Ende 
ganz ohne unser Dazuthun auf die Traumgedanken zu gerathen. aus 
denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun etwa 
Folgendes einzuwenden haben : Dass man von einem einzelnen Elemente 
des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede 
Vorstellung lässt sich associativ etwas knüpfen; es ist nur merk- 
würdig, dass man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedanken- 
ablauf gerade zu den Traumgedanken gerathen soll. Wahrscheinlich 
ist das eine Selbsttäuschung; man folgt der Associationskette von 
dem einen Elemente aus. bis man sie aus irgend einem Grunde ah- 
reissen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, so 
ist es nur natürlich, dass die ursprüngliche Unbeschränktheit der 
Association jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere 
Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse 
der zweiten Traum Vorstellung leichter auf einzelne EinßÜle stossen, die 



f 



KiuwäiRlc i,xgen die TecJiuik der Traumdoutun-i'. 



309 



auch mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas o-emein • 
haben. Dann bildet man sict ein. einen Gedanken gefunden zw 
haben, der einen Knotenpunkt zwischen zwei 'rraumclementen dar- 
stellt. Da man sich sonst jede Freiheit der Gedankeuverbindun"' «be- 
stattet und eigentHch nur die Uebergänge von einer Vorstellung ziw 
anderen ausschliesst, die beim normalen Denken in Kraft tretfSi. so 
wird es schUesslich nicht schwer, aus einer Reihe von ..Zwischen- 
(reclanken" etwas zusammenzubrauen, was man die Traumgedanken 
benennt, und ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht bekannt sind 
für den psychischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber alles 
Willkür und witzig erschemende Ausnützung des Zufalls dabei, und 
jeder, der sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem 
beliebigen Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung 
herausgrübeln. ^ 

Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden so 
künnen wir uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traum- 
deutungen berufen, auf die überraschenden Vei-bindungen mit anderen 
Tranmelementen, die sich während der Verfolgung der einzelnen 
Vorstellungen ergeben, und auf die Un Wahrscheinlichkeit, dass etwas. 
was den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie eine unserer 
Traumdeutungen, anders gewonnen werden könne, als indem man 
vorher hergestellten psychischen Verbindungen nachfährt. Wir könnten 
auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, dass das Verfahren bei 
der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der Auflösung der 
hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verftibrens durch 
das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle «-e- 
währleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den em- 
gescbalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber 
keinen_ Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer 
sieh willkürlich und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem 
präexistenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da 
wir dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen 
vermögen. 

Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, dass wir uns einem ziel- 
losen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traum- 
deutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vor- 
stellungen _ auftauchen lassen. Es liisst sich zeigen, dass wir immer 
nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten können, und 
dass mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte — wie wir ungenau 
sagen : unbewusste — Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt 
den Ablauf der ungewollten Vorstellungen determinirt halten. Ein 
Denken ohne Zielvorstellungen lässt sich durch unsere eigene Beein- 
flussung unaei'es Seelenlebens überhaupt nicht herstellen; es ist mir 
aber auch unbekannt, in welchen Zuständen psychischer Zerrüttung- 
es sich sonst herstellt. Die Psychiater haben hier viel zu früh aul 
die Festigkeit des psychischen GefUges verzichtet. Ich weiss dass 



;]10 VII. ]*sveIiüIogie der TraiimvorgjiugG. 

* ein ungeregelter, der Ziclvürsteliunffen entbehrender Gcdankeiiablauf 
im Rahmen der Hysterie und der Parnoia ebenso Avenig vorkommt 
wie bei der Bildung- oder bei der Auflösung der Träume. Kr tritt 
vielleicht bei den endogenen psychischen Afleetionen überhaupt nicht 
ein ; selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer geistreichen 
Vermuthnng von Leu rot sinnvoll und werden nur durch Auslassun- 
gen für uns unverständlich. Ich habe die nämliche Ueberzeugung 
gewonnen, wo mir Gelegenheit zur Beobachtung geboten war. Die 
Delirien siud das Werk einer Censur, die sich keine Mühe mehr 
gibt ihr Walten zu verbergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu einer 
nicht mehr anstüssigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos aus- 
streicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch dann das übrig- 
gelassene zusammenhangslos wird. Diese Censur verfährt ganz analog 
(1er russischen Zeitungseensur an der Grenze, welche auslandische 
Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hiiude der 
zu behütenden Leser gelangen hisst. 
^■- -! Das freie Spiel der Vorstellungen nach belieljiger Assoeiations- 

verkettung kommt vielleicht bei destruetiven organischen Gchirnpro- 
cessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches ge- 
halten wird, hisst sich allemal durch Einwirkung der Censur auf 
eine Gedankenreihe anfkliiren, welche von verborgen gebliebenen 
Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird. Als ein nu- 
trligliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Association hat 
man es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bil- 
der) unter einander durch die Bande der sogenannten oberflUehlichen 
Associationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz, Wortzwei- 
deutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbeziehung, 
durch alle die Associationen, die wir im Wit7. und heim Wortspiel 
zu vcrwerthen uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die Ge- 
dankenverbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltcs 
zu den CoUateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumge- 
danken füliren, zu ; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele 
davon gefunden, die unser Befremden wecken mussten. Keine An- 
knüpfung war da zu locker, kein Witz zu verwerflieh, als dass er 
nicht die Brücke von einem Gedanken zum anderen hätte bilden 
dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher Nachsichtigkeit liegt nicht 
ferne. Jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem 
anderen durch eine anstössige und oberflächliche Asso- 
ciation verbunden ist, existirt auch eine correcte und 
tiefergehende Verknüpfung zwischen den beiden, 
welche dem Widerstände der Censur unterliegt. 

Druck der Censur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist 

die richtige Begründung für das Vorherrschen der ohei"fi;ichlichen 

Associationen. Die obei-flitchlichen Associationen ersetzen in der 

Darstellung die tiefen, wenn die Censur diese normalen Verbin- 

■ ]dung;swege ungangbar macht. Es ist. wie wenn ein allgemeines Vor- 



r 



Kcelitfcrtiguiiy' der Doutungstcclmik. 3il 

kelirsliindernis; z. B. eine Ueberscliwemmung. iin Gebirjii.' die g-rossen 
uod breiten Strassen unwegsam werden llisst ; der Verkehr wird dann 
auf unbequemen und steilen Fusspfadeu aufreclit erhalten, die sonst 
nur der Jäger begangen liat. 

ilan kann hier zwei Fülle von einander trennen, die im wesent- 
lichen Eins sind. Entweder die Censur richtet sieh nur gegen den 
Znsammenhang zweier Gedanken, die von einander losgelöst, dem 
Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Gedanken nach einander 
in's Bewussti5ein ; ihr Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür 
füllt uns eine oberflächliche Verknüpfung zwischen beiden ein, an 
die wir sonst nicht gedacht hätten, und die in der Regel an einer 
anderen Ecke des Vorstellungseomplexes ansetzt, als von welcher 
die unterdrückte, aber wesentliche Verbindung ausgeht. Oder aber, 
beide Gedanken unterliegen au sich wegen ihres Inhaltes der Censur; 
dann erscheinen beide nicht in der richtigen, sondern in niodifi- 
cirter, ersetzter Form, und die beiden Ersatzgedauken sind so gewühlt, 
dass sie durch eine obertiächliche Association die wesentliche Ver- 
bindung wiedergeben, in der die von ihnen ersetzten stehen. Unter 
dem Drucke der Censur hat hier in beiden Fällen eine 
Verschiebung stattgefunden von einer normalen, ernst- 
haften Association auf eine oberflächliche, absurd er- 
scheinende. 

Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns 
bei der Traumdeutung auch den oberfiächlichon Associationen ganz 
ohne Bedenken an.'^") 

Von den beiden Sätzen, dass mit dem Au%eben der bewussteu 
Ziel Vorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an ver- 
borgene Zielvorstellungen übergeht, und dass obertlüchliche Asso- 
ciationen nur ein Versehiebuugsersatz sind für unterdrückte tiefer 
gehende, macht die Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten 
Gebrauch; ja, sie erhebt die beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer 
Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken 
fahren zu lassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in den 
Sinn kommt, so halte ich die Voraussetzung fest, dass er die Ziel- 
vorstellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und halte 
mich für berechtigt zu folgern, dass das scheinbar Harmloseste und 
Willkürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem 
Krankheitszustande steht. Eine andere Zielvorstollung, von der dem 
Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung, 

*) Dieselben ErivUgung-üu j>:clton natürlich auch für ävn F:tll, dasa Au- oIk'I- 
flilchlichen Assoeiatioiien im Traimiiiilialt blosMgelegt werden, wie z.B. iii don beiden 
von Maiiry mitgrelheilten Träumern |Söit6 41: peleriiiajre — Pelletier —pclli- 
Kilometer — Kilogramm — Gilolo — Lobelia — Lopez — Lotto]. Aus der Arbeit mit 
Neiirotikern weiss ich, welche Kemiiiiscenz sich so dar/.nstcUeii liebt. Ks ist das 
Nachsehlagen im CouvorsationHlexieon (Loxicoii überhaupt), aus dem ja die i[eisten 
io der Zeit der Pabertätsncngierde ihr Bedürinis nach Aufklilruug der sesuelleu 
Räthsel gestillt haben. * .,■■.. 



312 VII. Psychologie der Traumvorgiinge. 

sowie der eingebende Nachweis der beiden Aufli;l;i.runp;en gehurt 
demnach in die Darstellung,^ der psychoanalytischen Technik als 
therapeutischen Methode. Wir haben hier einen der Anschlüsse er- 
reichtj bei denen i^ir das Thema der Traumdeutung vorsätzlich 
fallen lassen. 

Eines nur ist richtig und bleibt von den Eimvendungen be- 
stehen, nämlich dass wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch 
in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen, brauchen. Wir machen 
ja beim Deuten im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen 
zu den Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den um- 
gekehrten Weg genommen, und es ist gar nicht wahrscheinlich, 
dass diese Wege in umgekehrter Eichtung gangbar sind. Es er- 
weist sich vielmehr, dass wir bei Tag über neue Gedanken- 
verbindungen Schachte führen, welche die Zwischengedanken und 
die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener Steile treffen. Wir 
können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial des Tages in 
die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich nöthigt auch die 
Widerstandristeigerung, die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu 
neuen und ferneren Ünnvegen. Die Zahl oder Art der CoUateralen 
aber, die wir so bei Tage anspinnen, ist psychologisch völlig bedeutuno-s- 
lo3, wenn sie uns nur den Weg zu den gesuchten Traumgedanken 
führen. 

b) Die Regression. 

Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder 
wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen, 
dürfen wir es nicht länger verschieben, in die psvchologiscben Unter- 
suchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir 
stellen die Hau]itergebnisse unserer bisherigen Untersuchum^ zu- 
sammen. Der Traum ist ein vollwichtiger psychischer Act; seine Trieb- 
kraft ist allemale ein zu erfüllender Wunsch"; seine Unkenntlichkeit als 
Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und Absurditäten rühren von 
dem EintiuBS der psychischen Censur her. den er bei der Bildung er- 
fahren hat; ausser der Nüthigung. sieh dieser Censur zu entziehen, 
haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine Xüthigung zur Verdichtung 
des psychischen Materiales, eine Rücksicht auf DarstcUbarkeit in 
Sinncsbildern und — wenn auch nicht regelmässig — eine Rücksicht 
auf ein rationelles und intelligibles Aeussere des Traumgebildes. 
Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu psychologischen 
1 ostulaten und Mutlimassungen ; die gegenseitige Beziehung des 
W unschmotives und der vier Bedingungen, sowie dieser untereinander. 
ist zu untersuchen ; der Traum ist in den Zusammenhang des Seelen- 
lebens einzureihen. 

Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes ge- 
stellt, um uns an die Eäthsel zu mahnen, deren Losung noch aus- 



Diu Kegrossion. 



1) 1 .1 

OLiJ 



steht. Die DeutiiD^ dieses Traumes vom brennenden Kind bereitete 
uns keine Schwierig-keiten, wenngleich sie nicht in imsercni Sinne 
vollständig gegeben war. Wir fragten uns, warum hier überliaupt 
geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und erkannten als das eine 
Motiv des Träuniens den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen. 
Dass noch ein anderer Wunsch dabei eine KoUe spielt, worden Avir 
jiach späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist es 
die Wun scher fuUung, der zu Liebe der Denkvorgang des Schlafens 
■in einen Traum verwandelt wurde. 

Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Oharaktor 
übrig, welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens von ein- 
ander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen 
Schein aus dem Zimmer, in dem die lieicbe liegt. Vielleicht ist 
eine Kerze umgefallen und das Kind brennt 1 Der Traum gibt das 
Resultat dieser Ueberlegung unverändert wieder, aber dargestellt in 
einer Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Er- 
lebnis des Wachens zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste V 
xind auffälligste psychologisehe Cliarakter desTräumens; ein Gedanke, 
in der Regel der gewünschte, wird im Traume objectivirt, als Scene 
dargestellt oder, vrie wir meinen, erlebt. 

Wie soll man nun diese charakteristische 
der Traumarheit erklären oder — bescheidener ausgedrückt 
den Zusammenhang der ]isychischen Vorgänge einfügen? 

Bei näherem Zusehen merkt man wohl, dass in der Erscheinungs- 
form des Traumes zwei von einander fast unabhängige Charaktere aus- 
geprägt sind. Der eine ist die Darstellnng als gegenwärtige Situation 
mit Weglassung des vielleicht; der andere die Umsetzung des Ge- 
i-dankeus in visuelle Bilder und in Kede. 

Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren, 
dass die in ihnen ausgedrückte Erwartung in's Präsens gesetzt wird, 



Eigenthümliehkeit 
in 



scheint vielleicht 
liMngt dies mit der 
WunschcrfüUung in 



gerade 



auffälhg. 
Rolle 



Es 
der 



an diesem Traume nicht sehr 
besonderen, eigentlich nebensächlichen 
.^ .A diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen 
anderen Traum vor, in dem sich der Traumwunsch nicht von der Fort- 
setzung der Wachgedanken in den Schlaf absondert, z. B. den von Irma's 
Injection. Hier ist der zur Darstellung gelangende Traumgedanke 
ein Optativ : Wenn doch der Otto an der Krankheit Irma's Schuld 
'sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und ersetzt ihn durch 
ein simples Präsens: Ja, Otto ist Schuld an der Krankheit Irma's. 
Pas ist also die erste der Verwandlungen, die auch der entstellungs- 
freie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei dieser ersten 
Eigenthümliehkeit des Traumes werden wir uns aber nicht lange 
aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die bewusste 
Phantasie, auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt 
ebenso verfährt. Wenn Daudet's Mr. Joyense beschäftigungslos 
durch die Strassen von Paris irrt, während seine Töchter glauben 



314 Vir. rsyc]ioio;^i(i dci' Traum vorgänjie. 

müssen, er liabe eine Anstellung und sitze in seinem Eurcau. so 
träumt er von den Vorfällen, die ihm zur Protection und zu einer 
Anstellung' ■\'crbelfcn sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum «-e- 
hfauclit also das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte 
wie der Tag-truum. Das Präsens ist die Zeitform; in welcher der 
Wunsch als erlullt dargestellt wird. 

Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigen- 
tliLiinlicli ist aber der zweite Charakter, dass der Vorstellungsinhalt 
nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder \erwandelt wird, denen 
man dann Glauben schenkt, und die man zu erleben meint,' FU'^en 
wir gleich hinzu, dass nicht alle Träume die Umwandlung von Vor- 
stellung in Sinnesl)ild zeigen; es gibt Träume, dui nur aus Ge- 
danken bestehen, denen mau die Wesenheit der Träume darum doch 
niclit bestreiten wird. Mein Traum: „Auto didask er -— die 
Tagesphantasic mit Professor N." ist ein solcher, in den sich kaum 
mehr sinnliche Elemente einmengten, als wenn ich seinen Inhalt 
bei Tag gedacht hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traum 
Elemente, welche die Umwandlung in's Sinnliche nicht mit- 
gemacht haben, die einfach gedacht oder gewusst werden, wie 
wir's vom Wachen her gewöhnt sind. Ferner wollen wir gleich 
hier daran denken, dass solche Verwandlung von Vorstellungen in 
Sinnesbilder niclit dem Traume allein zukommt, sondern ebenso der 
Ilallueination, den Visionen, die etwa selbständig in der Gesundheit 
auftreten oder als Symptome der Psychoneurosen. Kurz, die Be- 
ziehung, die wir hier untersuchen; ist nach keiner Richtung eine 
ausschliessliche; es bleibt aber bestehen, dass dieser Charakter des 
Traumes, wo er vorkommt, uns als der bemerkenswertheste er- 
scheint, so dass wir ihn nicht aus dem Traumleben weggenommen 
denken könnten. Sein Ver.ständnis erfordert aber weit ausgreifende 
Erörterungen. 

Uiiter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche 
man bei den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfens- 
werth hervorheben. Der grosse G. Th. Fechner-^) spricht in 
seiner Psychophysik (II. Th. p. 520) im Zusammenhange einiger 
Erörterungen, die er dem Traume widmet, die ^'^ermuthung aus, 
dass der Schaujllatz der Träume ein anderer sei, als 
der des wachen Vprstellungslebens. Keine andere Annahme 
gestatte es, die besonderen Eigenthümlichkeiten des Traumlebens 
zu begreifen. 

Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer 
psychischen Localität. Wir wollen ganz bei Seite lassen, 
dass der seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch 
als anatomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung 
sorgfältig aus dem Wege gehen, die psychische Localität etwa 
anatomisch zu bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem Boden 
und gedenken nur der AufForderung zu folgen, dass wir uns das 




Fecliuer's Idee einer psycliisclicn I>ooiilität olö 

Instrument, welches den Seolenleistungen dient, voi'stellen wie etwa 
ein zusammengesetztes Mikroskop, einen photographischen Apparat 
u. dgl. Die psychische Localität entspricht dann einem Orte inner- 
halb eines solchen Apparates, an dem eine der Vorstufen des Bildes 
zu Stande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr sind dies hekanntlich 
zum Theil ideelle Oertliehkeitenj Gegenden, in denen kein greifbarer Be- 
standtheil des Apparates gelegen ist. ' Für die Unvollkommenheiten dieser 
und aller ähnlichen Bilder Entschuldigung zu erbitten, halte ich für üher- 
riüssi^'-. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei einem Versuch unterstützen, 
der es unternimmt, uns die Comi)lication der psychischen Leistung ver- 
Btändlich zu machen, indem wir diese Leistung zerlegen, und die 
Einzelleistung den einzelnen Bestandtheilen des Apparates zuweisen. 
Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instrumentes aus 
solcher Zerlegung zu errathcn, ist meines Wissens noch nicht gew^agt 
worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine, wir dürfen unseren 
Vermuthungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei nur unser kühles 
Urtheil bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten. Da wir 
nichts Anderes hcnöthigcn als Hilfsvorstellungen zur ersten Auniihcrung 
an etwas Unbekanntes, so werden wir die rohesten und greifbarsten 
Annahmen zunächst allen anderen vorziehen. . 

Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein zusammen- 
gesetztes Instrument, dessen Bestandtheile wir Instanzen oder der 
Anschaulichkeit zu Liebe Systeme heissen wollen. Dann bildenwir 
die Erwartung, dass diese Systeme vielleicht eine constante räumliche 
Orientirung gegen einander haben, etwa wie die verschiedenen 
Linsensysteme des Fernrohres hinter einander stehen. Streng genommen 
brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen Anordnung 
der psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns, wenn 
eine feste Keihentblge dadurch hergestellt wird, dass bei gewissen 
psychischen Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeitlichen 
Folge von der Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag bei 
anderen Vorgängen eine Abänderung erfahren; eine solche Möglich- 
keit wollen wir uns offen lassen. Von den Bestandtheilen des 
Apparates wollen wir von nun au der Kürze halber als „'F-Systeme 
sprechen. 

Das Erste, das uns auffällt, ist nun, dass dieser aus 'I-bystemen 
zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. AU' unsere psychische 
Thätigkeit geht von (inneren oder äusseren) Beizen aus und endigt m 
Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und 
ein motorisches Ende zu: an dem sensibeln Ende belindet sich em 
System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen 
Ende ein anderes, welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der 
psychische Vorgang verläuft im Allgemeinen vom Wahrnehmungs- 
ende zum Motilitätsende. Das allgemeinste Schema des psychischen 
Apparates hätte also folgendes Ansehen: 



1 



I 



316 



VII. Psyehologit! der Traum Vorgänge. 

- ■ Fi.'. 1. 



w 



M 



\ 



\. 



Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten 
Forderung, der psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Keflex- 
apparat. Der Keflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychischen 
Leistung. .1 

Grund, am sensibeln Ende eine erste 



haben nun 

eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungenj die 
an uns herankommen, verbleibt in unserem psychischen Apparat 
eine Spur, die wir „Erinnerungsspnr" beissen können. Die 
Function, die sich auf diese Erinnerungsspur bezieht, heissen wir ia 
„Gedächtnis". Wenn wir Ernst mit dem Vorsatz macheu die 



AVir 
Differenzirung 

_an 
die 



psychischen Vorgänge an Systeme zu knüpfen, so kann die Erinne- 
rungsspur nur bestehen in bleibenden Veränderungen au den 
Elementen der Systeme. Xun bringt es, wie schon von anderer 
Seite ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten mit sich, wenn ein und 
dasselbe System an seinen Elementen Veränderungen getreu bewabren 
und doch neuen Anlässen zur Veränderung immer friscli und auf- 
nahmsfähig entgegentreten soll. Nach dem Princip, das unseren 
Versuch leitet, werden wir also diese beiden Leistungen auf ver- 
schiedene Systeme vertheUen, "Wir nehmen an. dass ein vorderstes 
System des Apparates die Wahrnehmungsreize aufnimmt, aber nichts 
von ihnen bewahrt, also kein Gedächtnis hat, und dass hinter diesem 
ein zweites System liegt, welches die momentane Erreguuo- des 
ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann wäre dies das Bild unseres 
psychischen Apparates (Fig. 2): 



FiK 2. 



W Er Er" Er" 



M 



\, 



Ein iSchemii ilcs soelisclicn Apparates. yj 7 

Ea iwt bekanntj dass wir von den WalirncLiinung'on. diu auf 
System W einwirken, nocli etwas anderes als blisibend bewiLlu'tii als 
den inhiüt derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch 
als im Gednolitnis mit einander verknüpft, und zwar vor Allem nach 
ihrem einstigen Zusammcntreflen in der Gleichzeitigkeit. Wir heissen 
das dieThatsache derAssociaüon. Es ist nun ldar,wenn dasTr^öystem 
überhaupt kein Gedächtnis hat, dass es auch die Spuren für die 
Association nicht aufbewahren kann; die einzelnen JF-Elemente wilren 
in ihrer Function unerträg^lieh behindert, wenn sich gegen eine neue 
Wahrnehmung ein liv&t früherer Verknüpfung geltend machen würde. 
Wir müssen also als die Grundlage der Association yiclmehr die 
Erinnerungssysteme annehmen. Die 'i'hatsaehe der Association be- 
steht dann darin, dass in Folge von Wideratandsverringerungen und 
Eahnungen von einem der AV- Elemente die Erregung sich eher nach 
einem zweiten als nach einem dritten -Er-Element ibx'tpilanzt. 

Bei näherem Eingehen ergibt sich die Xothwendigkeit, nicht 
eines, sondern mehrere solcher £V-Systeme anzunehmen, in denen 
dieselbe, durch die TT'-Elcmentc fortgcpHanzte. Erregung eine ver- 
schiedcnai'tige Fixirung erführt. Das erste dieser ^'»■-Systeme wird 
jedenfalls die Fixirung der Association durch Gleichzeitigkeit ent- 
halten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe Erregungs- 
material nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein, 
so dass etwa Beziehungen der Aehnliehkcit u. A . durch diese 
späteren Systeme dargestellt würden. Es wäre natürlicli massig, die 
psychische Bedeutung eines solchen Systemea in Worten an- 
gehen zu wollen. Die Charakteristik desselben läge in der Innig- 
keit seiner Beziehungen zu Elementen des Emnnerungsrohmaterialcs, 
das heisst, wenn wir auf eine tiefer greifende Tiieoric hinweisen 
■vvollen, in den Abstufungen des Leitungswiderstandes nach diesen 
Elementen hin. 

Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeut- 
sames hinweist, wäre hier einzuschalten. Das IF-System, welches 
keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Gc- 
däcktnis, ergibt für unser Bewusstsein die ganze Mannigfaltigkeit 
der sinnlichen Qualitäten. Umgekehrt sind unsere Erinnerungen, 
die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an sich un- 
bewusst. Sie können bewusst gemacht werden ; es ist aber kein 
Zweifel, dass sie im unbewussten Zustand alle ihre Wirkungen ent- 
falten. Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Er- 
innerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Ein- 
drücke, die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten 
Jugend, solche, die fast nie bewusst werden. Werden aber Er- 
innerungen wieder bewusst, so zeigen sie keine sinnliche Qualität 
oder eine sehr geringfügige im Vergleiche zu den Wahrnehmungen. 
Liesse sich nun bestätigen, dass Gedächtnis und Qualität für 
das Bewusstsein an den 'F-Systemcu einander aus- 



;U8 



\'II. Psycliol(i;i;ie tlci- Traum vür^^'in;:c. 



süIiJieasen. so crüfthete sieh in die IV'tlingiingcn der Ncurun- 
orregunjj; ein vielversprechender Einblick. 

Was wir bisher über die Zusaramensetzung des psy einsehen 
Apparates am sensibeln Ende angenommen haben, erfolgte ohne 
Rücksicht auf den Traum niid die aus ihm ableitbaren psychologischen 
AufkUtrungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes des 
Apparates wird uns aber der Traum zur Beweisquelle. Wir haben 
gesehen, dass es uns unmöglich wurde, die Traumbildung zu erklären, 
wenn wir nicht die Annahmen zweier psychischen Instanzen wagen 
wollten, von denen die eine die Thätigkeit der anderen einer Kritik 
unterzieht, als deren Folge sich die Ausschliessung vom Bewusst- 
werden ergibt. 

Die kritisirende Instanz, haben wir geschlossen, unterliält nähere 
Beziehungen zum Bewusstsein als die kritisirte. Sie steht zwischen 
dieser und dem Bewusstsein wie ein Schirm. Wir haben ierner 
Anhaltspunkte gefunden, die kritisirende Instanz mit dem zu identi- 
üeiren. was unser waches Leben lenkt und über unser willkürliches, 
bewusstcs Handeln entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen 
im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so wird durch die letzt- 
erwähnte Erkenntnis das kritisirende "^System an's motorische Ende 
gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in unser Schema ein 
und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre Beziehung zum 
Bewusstsein aus. 



FJg. 3. 



W Er Er' 



Ubto 



Vbto 



/ 



y 




Das letzte der Systeme am motorischen Ende heissen wir das 
Vorbewusste, um anzudeuten, dass die Erregungsvorgiinge in 
demselben ohne weitere Auflialtung zum Bewustsein gelangen können, 
falls noch gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung 
einer gewissen Intensität eine gewisse Vertheilung jener Function, 
die man Aufmerksamkeit zu nennen hat. und dergleichen. Es ist gleich- 
zeitig das System, welches die Schlüssel zur willkürlichen Motilität 
inne hat. Das System dahinter heissen wir das Unbewusste. weil 
es keinen Zugang zum Bewusstsein hat, ausser durch das Vor- 



Die IvichtuD'i- des Krrc'run'r.sablaiifus. 



;usj 



Errcg'ungs^'orgnii «■ 



sieh 



e w u s s t c, bei welchem Durchgang sein 
Lbanderun^en gefallen lasyen niuss. 

In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoss zur 
rraumbildungV Der Vereinfachnng zu Liebe in das Sj-stera Ubtr. 
'iv werden zwar in spiltereu Erürterungen hören, dass dies nicht 
[ganz riclitig ist, dass die Traumbildung gcnothigt ist an Traum- 
[gedanken anzuknüpfen, die dem System des Vorbewiissteii ange- 
[hören. Wir werden aber auch an anderer Stelle, wenn wir vom 
j Traumwunsch handeln, erfahren, dass die Triebkraft für den Traum 
vom Ubir beigestellt ^^'ird, und wegen dieses letzteren Momentes 
i-wollen wir das unbewusste System als den Ausgangspunkt der Traum- 
[bildung anuehme]i. Diese Traumerregung wird nun wie alle anderen 
Gedankenbildiingen das Bestreben äussern, sich in's Vbw fortzusetzen 
fund von diesem au^ den Zugang zum Bewusstsein zu gewinnen. 

Die Erfahrung Ichrfc uns, da^s den Traumg'cdankcn tagsüber 
iclieser Weg, der durch's Vorbewusste zum Bewusstsein führt, dureli die 
' "Widerstandsccnsnr verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den 
i^ugang zum Bewusstsein; aber es erhebt sicli die Frage, auf welchem 
Wege und Dank welcher Veränderung. Würde dies den Trauni- 
gedanken dadurch ermöglicht, dass Nachts der Widerstand absinkt, 
der an der Grenze zwischen TJnbewusstem und Vorbewusstem wacht, 
so bekämen wir Träume in dem Material unserer Vorstellungen, die 
■nicht den hallucinatorischen Charakter zeigen, der uns jetzt interessirt. 
Das Absinken der Censur zwischen den beiden Systemen Ubw 
und Vbiv kann uns also nur solche Traumblldnngen erklären wie Auto- 
didasker, aber nicht Träume wie den vom brennenden Kinde, 
den wir uns als Problem an den Eingang dieser Untersuchungen ge- 
stellt haben. 

Was im hallucinatorischen Traum vor sich geht, können wir 
nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt 
einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende 
des Apparates pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt 
scbliesslich beim System der Wahrnehmungen an. Heissen wir die 
Richtung, nach welcher sich der psychische Vorgang aus dem Un- 
bewnssten im Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir 
vom Traum aussagen, er habe regredienten Charakter. 

DieseRegressionistdann sicherlich eine der wichtigsten psycho- 
loo-ischen Eigenthumlicbkeiten des Traumroi'ganges ; aber wir dürfen 
nicht vergessen, dass sie dem Träumen nicht allein zukommt. Auch 
das absichtliche Erinnern und andere Theilvorgänge unseres normalen 
Denkens entsprechen einem Kückschreiten im psychischen Apparat 
von irgend welchem complexen Vorsteliungsact auf das Rohmaterial 
der Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Während des 
Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen niemfds über die Erinne- 
rungsbilder hinaus; es vermag die hallucinatorische Belebung der 
Wahrnehmungsbiider nicht zu erzeugen. Warum ist dies im Traume 



320 . A'TT. Psycliologie der Tran m vor*;; inyc. 

Jinclei'üy Alö wir vou der Verdicbtuu^^sarbeit des Traumes spracheu 
konnten^ wir der Annahme nicht ausweichen, dass durch die Traum- 
arbeit die an den Vorstellungen haftenden Intensitäten von einer zur 
anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich ist es diese Ab- 
änderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es ermü^-licht 
das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in umge- 
kehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen. 

Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite 
dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes gethan 
als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen geo-eben. 
Wir heisseu es Regression, wenn sich im Traum die Vorstellung in 
das sinnliche Bild ruckverwandelt, aus dem sie irgend einmal hervor- 
gegangen ist. Auch dieser Schritt ■ verlangt aber Rechtfertigung. 
Wozu die Kamengebuug, wenn sie uns nichts Neues lehrt? Nun 
ich meine, der Name „Regression" dient uns insoferne, als er die 
uns bekannte Thatsachc an das Schema des mit einer Richtung ver- 
sehenen seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es 
sich aber zum ei'steu Male, ein solches Schema aufgestellt zu haben. 
iJenn eine andere Eigenthümlichkeit der Traumbildung wird uns 
ohne nene Ueberlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich 
werden. Wenn wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb 
des von uns angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt 
sich uns ohne Weiteres die empirisch festgestellte Thatsache, dass alle 
Denkrelationeu der Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren 
gehen oder nur mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationeu 
sind nach unserem Schema nicht in den ersten ^--Systemen, sondern 
in weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der 
Regression bis auf die Wahrnelimungsbildcr ihren Ausdruck cin- 
büssen. Das Gefüge der Traumgedanken wird hei der 
Regression in sein Rohmaterial aufgelöst. 

Durch weiche Voränderung wird aber die bei Tag unmütrliche 
Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei VermuthSngen 
bewenden lassen. Es muss sich wohl um A^eränderungen in den 
Energiebesetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche 
sie wegsamer oder unwegsamer für den Ablauf der Erregung werden; 
aber in jedem derartigen Apparat könnte der nämliche Etfect für 
den Weg der Erregung durch mehr als eine Art von solchen Ab- 
änderungen zu Stande gebracht werden. Man denkt natürlich sofort 
an den Schlafzustand, und an Besetzungsänderungen, die er am 
sensibeln Ende des Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine 
eontinuirlich laufende Strömung von dem I'-System der TT her 
zur Motilität; diese hat bei Nacht ein Ende und könnte einer Rück- 
strömung der Erregung kein Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies 
die „Abschliessung von der Aussenwelt-, welche in der Theorie 
einiger Autoren die psychologischen Charaktere des Traumes auf- 
klären soll (vergl. Seite 35). Indess wird man bei der Erklärung der 



Hysterische Hegressionen, Visionen. 3 21 



L_ „_ 

■ nehmen müssen, die m krankhaften Wachzuständen zu Stande 

■ kommen, Bei diesen Formen lässt natürJich die eben gegebene 
^M Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der ununter- 
H brochenen sensibeln Strömung in progredienter Richtung. 

^M Für die Halluciiiationen der Hysterie, der rnranoia, die Visionen 

^ geistesnorraaler Personen kann ich die Aufklärung geben, dass sie 
thatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte 
Gedanken sind, und dass nur solche Gedanken diese Verwandluno- 
erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewusst gebliebenen 
Erinnerungen im intimen Zusammenhange stehen. Z. ß. einer meiner 
jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen 
gehindert durch „grüne Gesichter mit rothen Augen" vor 
denen er sich entsetzt. Quelle dieser Erscheinung ist die unterdrückte 
aber einstens bewusste Erinnerung an einen Knaben, den er vor vier 
Jahren oftmals sah, und der ihm ein abschreckendes Bild vieler 
Kinderunarten bot, darunter auch jener der Onanie, aus der er sich selbst 
jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die Mama hatte damals 
bemerkt, dass der ungezogene Junge eine grünliche Gesichtsfarbe 
Ihabe und rothe (d. h. roth geränderte] Augen. Daher das 
[Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn au eine 
[andere Vorhersage der Mama zu erinnern, dass solche Jungen blöd- 
sinnig werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben. 
Unser kleiner Patient liisst den einen Theil der Prophezeiung ein- 
Itreffen ; er kömmt im Gymnasium nicht weiter, und fürchtet sich, wie das 
[Verhör seiner ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlieh vor dem zweiten 
[Theil. Die Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg, 
|dass er schläft, seine Aengstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit 
[einem Vorzugszeuguis abschliesst. 

m Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir 

Feine 40jähnge Hysterica aus ihren gesunden Tagen erzählt hat. 
I-Eines Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht iliren Bruder im 
JZimmer, der doch, wie sie weiss, sich in der Irrenanstalt befindet. 
lihr kleiner Sohn schläft im Bette neben ihr. Damit das Kind nicht 
[erschrickt und in Krämpfe verfällt, wenn es den Onkel sieht, 
[zieht sie die Bettdecke über dasselbe, und dann verschwindet die 
rErscheinung. Die Vision ist die Umarbeitung einer Kindererinnerung 
[der Dame, die zwar bewusst war. aber mit allem unbewusstem 
jilateriale in ihrem Innern in intimster Beziehung stand. Ihre Kinder- 
frau hatte ihr erzählt, dass die sehr früh verstorbene Mutter (sie 
i-war zur Zeit des Todesfalles erst IVa Jahre alt) an epileptischen 
joder hysterischen Krämpfen gelitten hatte und zwar seit einem Schreck 
jden ihr der Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verur- 
jeachte, dass er ihr als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopf 
lerschien. Die Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerun«-- 
Ipie Erscheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine 

Freud, Tiaaindeutung, ni 



322 VII. Psycliologic der Traumvorgiiiigo. 

Wirkung-. Diese Elemente sind über zu neuem Zusanimhan^e ange- 
ordnet und auf andere Personen übertrag'cn. Das offenkundige Motiv 
der Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist die Besorgnis, dass 
ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel })hysisch so ähnlich ivar, das 
Schicksal desselben theilen könnte. 

Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Be- 
ziehung zum öchlafzustande und darum, vielleicht zu dem Beweise 
ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf meine 
Analyse einer hallucinirendeu Paranoica-') und auf die Ergebnisse 
meiner noch nicht verüffentlichten Studien über die Psychologie der 
Psyehoneurosen, um zu bekräftigen, dass man in diesen Fällen von 
regredienter Gedankenverwandlung den Einfluss einer unterdrückten 
oder unbewusst gebliebenen Erinnerung, meist einer infantilen, nicht 
übersehen darf Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit ihr in Ver- 
bindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Censur verhin- 
derten Gedanken, in die Regression als in jene Form der Dai-stel- 
luug, in der sie selbst psychisch vorhandea ist. Ich darf hier als ein 
Ergebnis der Studien über Hysterie anfuhren, dass die infantilen 
Scenen (seien sie nun Erinnerungen oder Phantasien), wenn es gelingt, 
sie bewusst zu machen, hallucinatorisch gesehen werden und erst 
beim Mittheilen diesen Charakter abstreifen. Es ist auch bekannt, 
dass selbst bei Personen, die sonst im Erinnern nicht visuell sind, 
die frühesten Kindererinnerungen den Charakter der sinnliehen Leb- 
haftigkeit bis in späte Jahre bewahren. 

Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traiim- 
gedanken den infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten 
Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder 
auftauchen, wie die Tx-aumwünsche selbst hitufig aus ihnen abgeleitet 
sind, so wird man auch für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht 
abweisen, dass die Verwandlung von Gedanken in visuelle Bilder 
mit die Folge der Anziehung sein möge, welche die nach Neubelebung 
strebende visuell dargestellte Erinnerung auf den nach Ausdruck 
ringenden vom ßewusstsein abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach 
dieser Auffassung lies.se sich der Traum auch beschreiben als der 
durch Uelier tragung auf Recentes veränderte Ersatz 
der infantilen Scene. Die Infantilscene kann ihre Erneuerung 
nicht durchsetzen; sie muss sich mit der Wiederkehr als Traum be- 
gnügen. 

Der flinweis auf die gew issermassen vorbildliche Bedeutung der 
Infantil secnen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den 
Trauminhalt, macht eine der Annabmen Scherner's und seiner An- 
hanger über die inneren Reizquellen üherHüssig. Scherner nimmt 
einen Zustand von „Gesichtsreiz". von innerer Erregung im Sehorgan 
an, wenn die Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen 

*) Wuitere Bemerkiiii^cii über die Abwehr-Neuropsychosen. Neurologisches 
Ccntralblatt, lä96. Nr. 10. 



Die Kegressiou erklärt dui-eh die ÄaziehuDg der lüfautilsceneu. 323 



Elemente oder einen besonderen Reiebtlium an solclien erkennen 
lassen. Wir brauchen uns gegen diese Annahme nicht zu sträuben 
dürfen uns etwa damit begnügen, einen solchen Erregun<rszustand 
blos für das psychische Wahrnebmuugssystem des Sehoro-ans zu 
statuiren, werden aber geltend machen, dass dieser Erreo-unffszu- 



Auffrischung 



der 



^-1 - - - — - -- ^— — --^_,.M_» w»»* VA LAU 

Stand ein durch die Erinnerung hergestellter, die ^....^i^uauu"- uer 
seinerzeit actuellen Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung 
kein gutes Beispiel für solchen Einfluss einer infantilen EriunerunS 
zur Hand; meine Triiume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen 
Elementen, als ich die Anderer schätzen muss; aber in dem schönsten 
und lebhaftesten Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht die 
iiallucinatorische Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Üuali- 
täten recenter und kürzlieh erfolgter Eindrücke zurückzuführen Ich 
habe auf Seite 272 einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe 
des Wassers, die braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der 
Schifte und das düstere Braun und Roth der Bauwerke, die ich sah 
mir einen tiefen Eindruck hinterliessen. Wenn irgendeiner, so musste 
dieser Traum auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und was hatte mein 
Sehorgan in diesen Reizzustand versetzt? Ein recenter Eindruck 
ider sich mit einer Reihe früherer zusammenthat. Die Farben die 
ich sah, waren zunächst die des Ankerstein bau kasfens, mit dem die 
Kinder am Tage vor meinem Traume ein grossartiges Bauwerk auf- 
geführt hatten, um es meiner Bewunderung zu zeigen. Da fanden 
Lsich das nämliche düstere Roth an den grossen, das Blau und Braun 
Un den klemen Steinen. Dazu gesellten sich die FarbeneiudrUcke 
der letzten Italienischen Reisen, das schöne Blau desisonzo und der 
Lagune und das Braun des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes 
war nur eine Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen. 
f lassen wir zusammen, was wir über die Eigenthümlichkeit des 

Traumes, seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugiessen, 
erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht 
etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt, 
I sondern haben ihn als auf unbekannte Verhältnisse hindeutend heraus- 
gegriffen und durch den Namen des „regredienten'^ Charakters 
I ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese Regression sei wohl überall, 
, xvo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstandes, der sich dem Vor- 
j dringen des Gedankens zum Bewusstsein auf dem normalen Wege 
entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche als sinnes- 
ßtark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben. Beim Traume käme 
; vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der 
I ^progredienten Tagesströniung von den Sinnesorganen, welches Hilfs- 
[jnoment bei den anderen Formen von Regression durch Verstärkuu"- der 
[anderen Regressionsmotive wett gemacht werden muss. Wir wollen 
auch nicht vergessen uns zu merken, dass bei diesen pathologischen 
Kpällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Enerjz-ic 
^Übertragung ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des 

21* 



324 VII. Psychologe der Traumvoi-giinge. 

normalen seolisclicn Lebens, da durch ihn eine rolle liallucinatorische 
Besetzung der Wahrnchmungssysteme ermüglicht wird. AVas vnr bei 
der Analyse der Traumarbeit als die „Rücksicht auf Dai'stellbarkeit" 
beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung der 
von den Trauragedanken berührten, visuell erinnerten Scenen zu 
beziehen sein. 

Leicht möglich, dass dieses erste Stück unserer psychologischen 
Verwerthung des Traumes uns selbst nicht .sonderlich befriedigt. Wir 
wollen uns damit trösten, dass wir ja genüthigt sind, iu's üunkle 
hinaus zu bauen. Sind wir nicht völlig in die Irre gerathen, so 
müssen wir von einem anderen Angriffspunkte her in ungefähr die 
nämliche Region gerathen, in welcher wir uns dann vielleicht besser 
zureeht finden werden. 

■ ■ * c) Zur WunscherfüUung. 

Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns 
einen willkommenen Anlass. Schwierigkeiten, auf welche die Lehre 
von der Wunscherfüllung stösst, zu würdigen. Wir haben es gewiss 
Alle mit Befremden aufgenommen, dass der Traum nichts anderes 
als eine WunscherfüUung sein soll, und nicht etwa allein wegen des 
Widerspruches, der vom Angsttraum ausgeht. Nachdem uns die 
ersten Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter dem 
Traum, verberge sich Sinn und psychischer Werth, so wäre unsere 
Erwartung keineswegs auf eine so eindeutige Bestimmung diesem 
Sinnes gefasst gewesen. Nach der correcten. aber kärglichen Defi- 
nition des Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand — 
insoferne man schläft — fortgesetzte Denken- Wenn nun unser 
Denken bei Tage so verschiedenartige psychische Acte schafft, Urtheile, 
Scblussfolgerungen, Widerlegungen, Erwartungen. Vorsätze n. dgl-, 
wodurch soll es bei Xacht genöthigt sein, sich allein auf die Er- 
zeugung von Wünschen einzuschränken? Gibt es nicht viel- 
mehr reichlich Träume, die einen andersartigen psychischen Act ia 
Traumgestalt verwandelt bringen, z. B. eine Besorgnis, und ist nicht 
gerade der vorangestellte, ganz besonders durchsichtige Traum des 
Vaters ein solcher? Er zieht auf den Liehtschein hin, der ihm 
auch schlafend in's Auge fällt, den besorgten Schluss, dass eine Kerze 
umgefallen sei und die Leiche in Brand gesteckt haben könne; diesen 
Schluss verwandelt er in einen Traum, indem er ihn in eine sinnfällige 
Situation und in das Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei 
die Wunscherfüllung, und ist denn die Uebermacht des vom AVachen 
her sich fortsetzenden oder durch den neuen Sinneseindruck an- 
geregten Gedankens dabei irgend zu verkennen? 

Das ist alles richtig und nöthigt uns. auf die Rolle der Wunsch- 
erfüUung im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich 
fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen. 



Die Herkunft des Ti-aumwuusches. 



325 



Gerade die Wunsclierfiillung hat uns bereits zu einer Sclieiduno- 
<3er Triiume in zwei Gruppen veranlasst. Wir haben Trjiume o-e^ 
funden, die sieh offen als Wunscherfullungeu gaben; andere, deren 
Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteekt war. 
In den letzteren erkannten wir die Leistungen der Traumeent^ur. 
Die unentstellten AVunscliträume fanden wir hauptsächlich bei Kindern; 
kurze, offenherzige Wunsch träume schienen — ich lege Nach- 
druck auf diesen Vorbehalt — auch bei Erwachsenen vorzukommen. 
Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt, 
der sieh im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder 
Äuf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses „Wohör"? Ich 
meine, auf den Gegensatz zwischen dem bewusst gewordenen Tages- 
leben und einer nnbewusst gebliebenen psychischen Thätio-keit die 
sich erst zur Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine 
dreifache Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. Er kann 1. 
bei Tage erregt worden sein und infolge äusserer Verhältnisse keine Be- 
friedigung gefunden haben; es erübrigt dann für die Nacht ein an- 
erkannter imd unerledigter Wunsch; 2. er kann bei Tage auf- 
getaucht sein, aber Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns 
dann ein unerledigter, aber unterdrückter Wunsch oder 3. ei-^kann 
[ausser JSeziehung mit dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen 
! gehören, die erst Nachts aus dem Unterdrückten in uns rege wex'den. 
I Wenn wir unser Schema des psychischen Apparates vornehmen, so 
localisiren wir einen M'unscb der ersten Art in das System Vkv^ 
[vom Wunsch der zweiten Art nehmen wir an, dass er aus dem 
' System Vkv in das Ubw zurückgedrängt worden ist, und wenn über- 
[taupt, nur dort sieh erhalten hat; und von der AVunschreguug der 
Mritten Art glauben wir, dass sie überhaupt unfähig ist, das System 
Ides Ubiv zu überschreiten. Haben nun Wünsche aus " 



[ßchiedenen Quellen den gleichen Werth für den Traum. 



diesen ver- 
die gleiche 



die uns 
mahnt uns 



für die Beant- 
zunächst, als 



[jlaeht einen Traum anzuregen V 

Eine Ueberschau über die Träume. 
JTVortuug dieser Frage zu Gebote stehen, 

f-vierte Quelle des Traumwunsehes hinzuzufügen die actuellen bei 
Kacht sich erhebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das 
sexuelle Bedürfnis). Sodann wird uns wahrscheinlich, dass die Her- 
kunft des Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum an- 
zuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen, 
-welcher die bei Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an die 
nebenstehenden Kind erträume ; sie werden durch einen unerfüllten, 
aber nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele da- 
für, dass ein bei Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft 
naaeht, sind überaus reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher 
Art könnte ich hier nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame 
deren jüngere Freundin sich verlobt hat, beantwortet tagsüber die 
Anfragen der Bekannten, ob sie den Bräutigam kenne, und was sie 



326 VII. Psvcholotfie der Traumvorgäa're. 

von ihm halte, mit laneingeschriinkten Lobspi'üchen, bei denen sie 
iluTin Urtheil Schweigen auferlegt, denn sie hiitte gern die Wahrheit 
gesagt: Er ist ein Dutzendmensch. Kachts träumt sie. dass die- 
selbe Frage an sie gerichtet wird, und antivortet mit der Formel: 
Bei Nachbestellungen genügt die Angabe der Nummer. 
Endlich, dass in allen Ti;iiumen, die der Entstellung imterlegen sind^ 
der Wunsch aus dem Unbewussten stammt und bei Tage nicht ver- 
nehmbar werden konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher 
Analysen erfahren. So scheinen zunächst alle Wünsche für die Traiim- 
bildung von gleichem AVerth und gleicher Macht. 

Ich kann hier nicht beweisen, dass es sich doch eigentlich 
anders verhält, aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren 
Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kindertriiume lassen ja keinen 
Zweifel darüber, dass ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traum- 
erreger sein kann. Aber es ist nicht zu vergessen, das ist dann der 
Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von der dem Infantilen 
eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein am Tage 
nicht erfüllter Wunsch bei einem Erwachseneu genügt, um einen 
Traum zu schatlen. Es scheint mir vielmehr, dass wir mit der 
fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende 
Thiitigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie 
das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen sich 
dabei ja individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der Eine den 
infantilen Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein 
Anderer, wie ja solche Unterschiede auch iür die Abschwftohung des 
ursprünglich deutlich visuellen Vorstellens bestehen. Aber im All- 
gemeinen, glaube ich, wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom 
Tage übrig gebliebene Wunsch nicht genügen, einen Traum zu 
schaifen. Ich gebe gerne zu, dass die aus dem Bewussten stammende 
Wunschregung einen Beitrag zur Anregung des Traumes liefern 
wird, aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde 
nicht, weim der vorbewusste Wunsch sich nicht eine Verstärkung 
von anderswoher zu holen wüsste. 

Aus dem Unbewussten nämlich. Ich stelle mir vor, dass 
der bewussto Wunsch nur dann zum Trau merreger wird, 
wenn es ihm gelingt, einen gleichlautenden unbe- 
wussten zu wecken, durch den er sich verstärkt. Diese 
unbewussten Wünsche betrachte ich, nach den Andeutungen aus 
der Psychoanalyse der Neurosen, als immer rege, jederzeit be- 
reit, sich Ausdruck zu verschaffen, wenn sich ihnen Gelegen- 
heit bietet, sich mit einer Regung aus dem Bewussten zu 
alliiren, ihre grosse Intensität auf deren geringere zu übertragen*;. 



*) Sic theileu diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen wirklicl» 
uiihewuHsten, d. h. dem tiystom Ubic aUe'm ang-ehürigen seelischen Acten. Diese sind 
ejn für alleraale gebahnte Wege, dit; nie verüden und den Erregung'svurg-ang' immer 
wieder zur Abfuhr leiten, so oft die iinbewusste Erregung -sie witiderbesetzt. Um. 



Die Taeesreste. 



827 



Es niuss dann zum Anscliein kommen, als hätte allein der bewusste 
Wunscli sicli im Traume rcalisirt^ allein eine kleine Auffälligkeit in 
der Gestaltung dieses Traumes wird uns ein Fingerzeig werden, dem 
mäclitigeii Helfer ans dem Unbewnssten auf die Spur zu kommen. 
Diese immer regen, so zu sagen unsterbliclicn Wünsche unseres Un- 
bewussteii, welche an die Titanen der Sage eriimern, auf denen seit 
Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten, die einst von den sieg- 
reichen Göttern auf sie gewalzt wurden, imd die unter den Zuckungen 
ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu Zeit erbeben; — diese in der 
Verdriingung befindlichen Wünsche, sage ich, sind aber selbst in- 
fantiler Herkunft, wie wir durch die psychologische Erforschung der 
Neurosen erfahren. Ich möchte also den früher ausgesprochenen 
Satz, die Herkunft des Tranmwunschcs sei gleichgiltig, beseitigen 
und durch einen anderen ersetzen, der lautet ; Der W u n s c h. 
-vp- e 1 e h e r sich im Traume darstellt, m u s s ein i n f a n t i 1 e r 
sein. Er stammt dann beim Erwachsenen aus dem Lhw^ beim 
Kind, wo es die Sonderung und Censur zwischen Vbw und Vbw 
noch nicht giebt. oder wo sie sich erst allmählich herstellt, ist es ein un- 
erfüllter, unverdrängter W^unseh des Wachlebens. Ich weiss, diese An- 
schauung ist nicht allgemein zu erweisen; aber ich behaupte, sie ist 
häufig zu erweisen, auch wo man es nicht vcrmuthet hätte, und ist 
nicht allgemein zu widerlegen. 

Die aus dem bewussten Wachlebcn erübrigten Wunschregungen 
lasse ich also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich 
■will ihnen keine andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an 
aetuellen Sensationen während des Schlafes für den Trauminhalt 
(vergl. Seite 157 u. ff.j. Ich bleibe auf der Linie, die mir dieser Gedanken- 
gang vorschreibt, wenn ich jetzt die anderen psychischen Anregungen 
in Betracht ziehe, die vom Tagesleben übrig bleiben und die niclit 
Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den Euergiebesetzungen 
unseres wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu machen, wenn wir 
beschliesscn den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann, der ist 
ein guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Muster dieser Gattung 
gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer 
vollständig. Unerledigte Probleme, cjuiilcndc Sorgen, eine Uebermaeht 
von Eindrücken, setzen die Denkthätigkeit auch während des Schlafes 
fort und unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das wir als 
das VorbewuBste bezeichnet haben. Wenn uns um eine Eintheilung 
dieser in den Schlaf sieh fortsetzenden Denkregungen zu thun ist, 
so können wir folgende Gruppen derselben aufstellen: 1. Das wahrend 
des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte, 



niich eines GleichnisBes zu bedienen: es gibt für sie keine iuitloro Art der Vor- 
nicLluiig als für die Schatten Jer odysscischeu l'nterwelt, die zum neiifu Lebi.'n cr- 
ivachen, sobald sie Blut getrimkcJi haben. J)ie vom vorbewussten System abliuiig-irren 
Vorgilngo sind in g-aiiK anderem Sinne zeratörbar. Auf diesem Uiiterscliiedd ruht die 
i'sychotlierapie der Neurosen. 



328 . Vir. Psvc]io]o<rie der Tra«mvoro;itus:e. 



's' 



2. das durch Erlalimen unserer Denkkraft UiierledigtCj das Ungelüste. 
3- das bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt 
sieh als eine miichtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des Vor- 
bewussteu tagsüber in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und 
endlieh können wir als 5. Gruppe anfügen: die iudiÖerenten und 
darum unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages. 

Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des 
Tageslcbens in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der 
Grup]ic des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. Sicherlich 
ringen diese ErregLingen auch zur ^'achtzeit nach Ausdruck, und 
ebenso sicher dürfen wir annehmen, dass der Schlafzustand die <^e- 
■wohntc Fortführung des Erregungs Vorganges im Vorbewussten und 
deren Abschluss durch das Bcwusstwerden unmüglich macht. Inso- 
ferne wir unserer Denkvorgjinge auf dem normalen Wege bewusst 
werden können, auch zur Nachtzeit, insoferne schlafen wir "eben nicht. 
Was für Veränderung der Schlafzustand im System Vbiv hervorruft 
weiss ich nicht anzugeben ; aber es ist unzweifelhaft, dass die psycho- 
logische Charakteristik des Schlafes wesentlich in den Besetzungs- 
vcrändcrungen gerade dieses Systemes zu suchen ist, das auch den 
Zugang zu der im Schlaf gelähmten Motilität beherrscht. Im Gegen- 
satze dazu wüsste ich von keinem Anlass aus der Psychologie des 
Traumes, der uns annehmen hiesse,. dass der Schlaf anders als secundär 
in den Verhältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächt- 
lichen Erregung im Vhw bleibt also kein anderer Weg als der, den 
die W^mscherregungen aus dem Vbw nehmen; sie muss die 'Ver- 
stärkung aus dem Vbw suchen und die Umwege der unbewussten 
Erregungen mitmachen. Wie stellen sich aber die vorbewussten 
Tagesreste zum Traume? Es ist kein Zweifel, dass sie reichlich in 
den Traum eindringen, dass sie den Trauminhalt benutzen, um sich 
auch zur Nachtzeit dem Bewusstsein aufzudrängen; ja sie dominii-en 
gelegentlich den Trauniinhalt, nöthigen ihn, die Tagesarbeit fortzu- 
setzen ; es ist auch sicher, dass die Tagesreste jeden anderen Chax-akter 
ebensowohl haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei 
höchst lehrreich und für die Lehre von der Wunscherfüll ang geradezu 
entscheidend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen 
um in den Traum Aufnahme zu finden. ' 

Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den 
Traum, der mir Freund Otto mit den Zeichen der Basedo w'schen 
Krankheit erscheinen lässt. (Seite 186.} Ich hatte am Tage eine Besorgnis 
gebildet, zu der mir das Aussehen Otto's Anlass gab, und die Sorge 
ging mir nahe, wie Alles, was diese Person betrifi't. Sie folgte mir 
auch, darf ich annehmen, in den Schlaf. Wahrscheinlich wollte ich 
ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand diese Sorge 
Ausdruck in dem Traume, den ich mitgetheilt habe, dessen Inhalt 
erstens unsinnig war und zweitens keiner Wunscherfüllung entsprach. 
Ich begann aber nachzuforschen, woher der unangemessene Ausdruck 



Der unbe-\vusste Wuiist-li fils 'rriebkraft des Traumes. 329 

,<ler bei Tag verspürten Besori^nis rühre, und durch die Analyse fand 
ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem Baron L.. mich 
selbst aber mit Professor R. identificirte. Warum ich gerade diesen 
Ersatz des Tagesgedanken hatte wählen müssen, dafür gab es nur 
■eine Erklärung. Zu der Identificiruug mit Professor K. musste ich 
im Ubiv immer bereit sein, da durch sie einer der unsterblichen 
Kinderwünsche, der Wunsch der Grüssensucht, sich erfüllte. HUsslichc, 
der Verwerfung bei Tage sichere Gedanken gegen meinen Freund 
Hatten die Gelegenheit benutzt, sich zur Darstellung mit einzuschleichen, 
aber auch die Sorge des Tages war zu einer Art von Ausdruck durcli 
einen Ersatz im Trauminhalte gekommen. Der Tagesgedanke, der 
an sich kein Wunsch, sondern im Gegentheil eine Besorgnis war, 
musste sich auf ii-gend einem Wege die Anknü])fung au einen in- 
fantilen, nun unbewusBten und unterdrückten, Wunsch versehafl'en, 
der ihn dann, weim auch gehörig zugerichtet, für das Bewusstsein 
„entstehen" liess. Je dominirender diese Sorge war, desto gewalt- 
samer durfte die herzustellende Vei'bindung sein ; zwischen dem Inhalt 
des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein Zusammenhang 
gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem Beispiele. 
Ich kannesnun scharfbezeichnen, was der unbewusste Wunsch für 
den Traum bedeutet. Ich will zugeben, dass es eine ganze Classe von 
Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst 
ausschliesslich aus den Resten des Tageslebcns stammt, und ich meine, 
selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu 
werden, hätte mich diese Nacht in Kühe schlafen lassen können, 
wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage 
her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum 
gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte, musste von 
einem Wunsche beigesteuert werden 5 es war Sache der Besorgnis, 
sieh einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu verschaiFen. 
Um es in einem Gleichnis zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, dass j 
ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum 
spielt; aber der Unternehmer, der. wie man sagt, die Idee hat und 
den Drang sie in That umzusetzen, kann doch ohne Capital nichts 
machen ; er braucht einen Capitalisten, der den Aufwand be- 
streitet, und dieser Capitalist, der den psychischen Aufwand für den 
Traum beistellt, ist alle Male und unweigerlich, was immer auch der 
Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem ünbewussten. 

Andere Male ist der Capitalist selbst der Unternehmer ; das ist ( 
für den Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die 
Tagesarbeit ein uubewusster Wunsch angeregt worden, und der 
schafft nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des 
liier als Beispiel verwendeten wirthschaftlichen Verhältnisses bleiben 
die Traumvorgänge parallel; der Unternehmer kann selbst eine 
Kleinigkeit an Capital mitbringen; es können mehrere Unternehmer 
sich an denselben Capitalisten wenden ; es können mehrere Capitalisten 



330 VII. Psychologie der Traum vorhänge. 

gemeinsam dns für die Unternehmer Erforderliche zusammen steuern. So 
s^ibt es auch Trilume. die von mehr als einem Traura^vunsche getragen 
werden, und dergleichen Variationen mehr, die leicht zu übersehen sind und 
unskeiu Interesse mehr bieten. Was an dieser Erörterung über den Trauni- 
wunsch noch unvollstündig ist, werden wir erst später ergilnzen künnen. 

Das Tertium coniijarationis der hier gehrauchten Gleichnisse, 
die in zugemessener ileuge zur freien Verfügung gestellte Quantität, 
lasst noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstructur 
zu. In den meisten Trnumen liässt sich ein mit besonderer sinnlicher 
Jjitensität ausgestattetes Centrum erkennen, wie a-uf Seite 209 aus- 
geführt. Das ist in der Regel die directe Darstellung der Wunsch- 
erfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der Traumarheit rück- 
gängig machen, tinden wir die psychische Inteasitilt der Elemente in 
den Traunigedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im 
'frauminhalt ersetzt. Die Elemente in der !N'ähe der "WunscherfüUung 
haben mit deren Sinn oft nichts zu thun. sondern erweisen sich als Ab- 
kümmhnge peinlicher, dem Wunscb zuwiderlaufender Gedanken. 
Durch den oft künstlich hergestellten Zusammenhang mit dem centralen 
Element liaben sie aber soviel Intensität ahbekommeHj dass sie zur 
Darstellung fähig geworden sind. So difFundirt die darstellende Kraft 
der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang, 
innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich mittellosen, zur Dar- 
stellung gehohen werden. Bei Träumen mit mehreren treibenden 
Wünschen gelingt es leicht. dieSphären der einzelnen AVunscherfüllungen 
von einander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume als Grenz- 
zonen zu verstehen. 

Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum 
durch die vorsteheudeu Bemerkungen eingeschränkt haben, so ver- 
lohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu 
schenken. Sie müssen doch ein nothwendiges Ingrediens der Traum- 
bildung sein, wenn uns die Erfjihrung mit der Thatsache überraschen 
kann, dass jeder Traum eine Anknüpfung an einen recenteu Tages- 
eindruck, oft der gleichgiltigsten Art, mit in seinem Inhalt erkennen 
lässt. Die Kothwendigkeit für diesen Zusatz zur Traummischung ver- 
mochten wir noch nicht einzusehen. (Seite 124) Sie ergibt sich auch nur, 
wenn man an der KoUe des unbewussten W^unsches festhält und 
dann die Keurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser er- 
fährt man, dass die unbewusste Vorstellung als solche überhaupt 
unfähig ist in's Vorbewusste einzutreten, und dass sie dort nur eine 
Wirkung zu äussern vermag, indem sie sich mit einer harmlosen, 
dem Vorbewussten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung 
(setzt, auf sie ihre Intensität überträgt und sieh durch sie decken 
lässt. Es ist dies die Thatsache der Uebert ragung, welche für 
so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben der ^'eurotiker die Auf- 
klärung enthiilt. Die Uebertragung kann die Vorstellung aus dem Vor- 
bewussten, welche somit zu einer unverdient grossen Intensität ge- 
langt, unverändert lassen, oder ihr selbst eine Modification durch den 



. Die Uebertragung an die Tagesreste. 



331 



rlnhalt der übertragenden Vorstellung aufdrangen. Man verzeihe mir 
die Neigung- zu Gleichnissen aus dem tügiichen Leben, aher ich bin 
versucht zu sagen, die Verhilltnisse liegen für die verdrängte Vor- 
stellung ilhnlich wie in unserem Vaterlande für den amerikaniseheu 
Zahnarzt, der seine Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines 
rite promovirten üoctors der Medicin als Anshüngeschild und Deckung 
vor dem Gesetz bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die be- 
schäftigtesten Aerzte sind, die solche AUiancen mit dem Zahntechniker 
eingehen, so werden auch im Psychischen nicht jene vorbewussten 
oder bewusäten Vorstellungen zur Deckung einer verdrängten erkoren, 
die selbst genügend von der im Vorbewussten thiltigen Aufnierk- 
keit auf sich gezogen haben. Das Unbewusste umspinnt mit seinen 
Verbindungen vorzugsweise jene Eindrücke und Vorstellungen des 
Vorbewussten, die entweder als indifferent ausser Beachtung geblieben 
sind, oder denen diese Beachtung durch Verwerfung alsbald wieder 
entzogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus der Associationslehre, 
durch alle Erfahrung bestätigt, dass Vorstellungen, die eine sehr 
innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich wie 
ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten ; 
ich habe einmal den Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen 
Lähmungen auf diesen Satz zu begründen. 

Wenn wir annehmen, dass das nämliche Bedürfnis zur lieber- 
tragung von den verdrängten Vorstellungen aus. das uns die Analyse 
der Keurosen kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so 
erklären sich auch mit einem Sehlage zwei der Räthsel des Traumes, 
dass jede Traumanalyse eine Verwebung eines recenten Eindruckes 
nachweist und dass dies recente Element oft von der gleicligiltigsten 
Art ist. Wir fügen hinzu, was wir bereits an anderer Stelle gelernt 
haben, dass diese recenten und inditierenten Elemente als Ersatz der 

häufig in den Traum- 



allerältesten aus den Traumgedanken darum so 

Inhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der Widerstandscensur am 
wenigsten zu befürchten haben. Während aber die Censurfreiheit 
uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, lässt die 
Constanz der recenten Elemente auf die Nüthigung zur Uebertragung 
durchblicken. Dem Anspruch des Verdrängten auf noch associations- 
freies Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die inditierenten, 
weil sie zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlass geboten haben, 
die recenten. weil dazu noch die Zeit gefehlt hat. 

Wir sehen so, dass die Tagesreste, denen wir die indifferenten 

Ubw etwas ent- 
gewinnen, nämlich 



Eindrücke jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom 

lehnen, wenn sie an der Traumbildung Antheil gr.>...i..^..., 

die Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch verfügt, sondern 

dass sie auch dem Unbewussten etwas unentbehrliches bieten, die noth- 

wendige Anheftung zur Uebertragung. Wollten wir hier in die 

seelischen Vorgänge tiefer eindringen, so müssten wir das S|)iel der 

Erregungen zwischen Vorbewusstem und Unbewusstem scharfer be- 



&^ 



332 VII. Psychologie der Traum Vorgänge. 

leucliten, wozu vrohl das Studium der Psvclioneurosen drKngt. aber 
gerade der Traum keinen Anhalt bietet. 

Kur nocli eine BemerkuDg über die Tagesreste. Es ist kein 
Zweifel, dass sie die eif^^eutliehen Sturer des Schlafes sind, und nicht 
der Traum, der sich vielmehr bemüht den Schlaf zu hüten. Hierauf 
"werden wir noch später zurückkommen. 

Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem 
H, üebiet des übw abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten 

zergliedert; die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische 
j .^ Regangen irgend welcher anderen Art oder einfach recente Eindrücke. 

! ' ' Wir haben so Kaum geschafien für die Ansprüche, die man zu 

Gunsten der traumbildenden Bedeutung der wachen Denkarbeit in 
all ihrer Mannigfaltigkeit erbeben kann. Es wäre nicht einmal un- 
möglichj dass wir auf Grund unserer Gedankeureihe selbst jene 
; extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als Fortsetzer der 

; Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen 

I Elnde bringt. Es mangelt uns nur an einem Beispiel solcher Art, 

I um durch dessen Analyse die infantile oder verdrängte Wunschquelle 

aufzudecken, deren Heranziehung die Bemühung der vorbewussten 
Thätigkeit so erfolgreich verstärkt hat. Wir sind aber um keinen 
Schritt der Lösung des Eäthsels näher gekommen, warum das Un- 
bewusste im Schlafe nichts anderes bieten kann als die Triebkraft 
zu einer W'unscherfüllung '? Die Beantwortung dieser Fraoe niuss 
ein Licht auf die psychische Natur des Wünschens werfen ; sie soll 
an der Hand des Schemas vom psj-chischen Apparat gegeben werden. 
Wir zweifeln nicht daran, dass auch dieser Apparat seine heutige 
Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwickelung cr- 
I reicht bat. Versuchen wir 's, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungs- 

I fähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen 

I sagen uns, ^dass der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich 

j möglichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau 

I das Schema des Reflexapparates annahm, das ihm gestattete eine von 

aussen an ihn anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem 
Wege abzuführen. Aber die Noth des Lebens stört diese einfache 
Function ; ihr verdankt der Apparat auch den Anstoss zur weiteren 
Ausbildung. In der Form der grossen Kürperbedürfuisse tritt die 
Koth des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Be- 
<lürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluss in die Motilität 
suchen, die man als „Innere Veränderung" oder als „Ausdruck der 
OemUthsbewegung" bezeichnen kann. Das hungerige Kind wird hilf- 
los schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, 
denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht 
einer momentan stossenden, sondern einer continuirlieh wirkenden 
Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgend einem 
Wege, beim Kinde durch fremde Hilfeleistung, die Erfibrang des 
Befriediguugserlebnisses gemacht wird, das den inneren Reiz 



r 



Das "Wimsehen als primäre Thätjgkeit des Unbewussten. 333 



aufhebt. Ein wesentlicber Bestandtheil dieses Erlebnisses ist das Er- 
scheinen einer gewissen Wahrnehmung (der Speise im Beispiel), deren 
Erinnerungsbild von jetzt an mit der Gedacht nisspur der Bedürfuis- 
erregung associirt bleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstes Mal 
auftritt, wird sich, Dank der liei-gestelltcn Vorknüpfungj eine psychische 
Kegung ergeben, welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung 
-wieder besetzen und die Wahrnciimnng selbst wieder hervorrufen, 
also eigentlich die Situation dei* ersten Befriedigung wiederherstellen 
will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch hcissen ; 
das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, 
und die volle Besetzung der AVahrnehniung von der Bedürfniserregung 
her der kürzeste Weg zur Wunsch erfüll ung. Es hindert uns nichts,, 
einen primitiven Zustand des psychischen Apparates anzunehmen, 
in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also 
in ein Halluciniren ausläuft. ''Diese erste psychische Thätigkeit zielt 
also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wieder- 
holung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürf- 
nisses verknüpft ist. ''■' 

Eine bittere Lebenserfahrung muss diese primitive Dcnktbütig- 
keit zu einer zweckmässigeren, secundären, modificirt haben. Die 
Herstellung der Wahrnehmungsidentitüt auf dem kurzen regredienten 
Wege im Innern des Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge, 
welche mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von aussen her 
verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert 
fort. Um die innere Besetzung der äusseren gleichwerthig zu machen, 
müsste dieselbe fortwährend aufrecht erhalten werden, wie es in den 
hallucinatorisehen Psychosen und in den Hungerphantasien auch 
Tpirklich geschieht, die ihre psychische Leistung in der Festhaltung^ 
des gewünschten Objectes erschöpfen. Um eine zweckmässigere Ver- 
wendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es nothwendig, 
die volle Regression aufzuhalten, so dass sie nicht über das Er- 
innerungsbild hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann, 
die schliesslich zur Herstellung der gewünschten Identität von der 
Aussenwelt her führen. Diese Hemmung sowie die darauf folgende 
Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, 
welches die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung 
sich erst die Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken, 
anschliesst. AU' die complicirte Denkthätigkeit aber, welche sich 
vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität 
durch die Aussenwelt fortspiunt, stellt doch nur einen durch die Er- 
fahrung nothwendig gewordenen Um weg zur AVunscherf üllung 
dar.'^") Das Denken ist doch nichts anderes als der Ersatz des hallucina- ^ 
torischen Wunsches, und wenn der Traum eine Wunscherfüllung ist, I 

*) Von der Wuiischerfüllaug des Traumes rühmt Le Lorrain''^) mit ßecht: i 
„Sans fatigue si'rieuse, saus C-tra obligi' du recounr Ji ecttc lutte oinnintru et lougue 
qai use et corrode les jouissances pourauivies," J 



I 



334 . VIT. rsychologie der Traum Vorgänge. 

so wird das eben selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch 
unseren seelischen Apparat ?.ur Arbeit anzutreiben vermag. Der 
Traum, der seine Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt, 
bat uns biemit nur eine Probe der primären, als unzweckmässig ver- 
lassenen Arbeitsweise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das 
Nachtleben scheint verbannt, wa^ einst im Wachen herrschte, als 
das psychische Leben noch jung und untüchtig war, etwa wie wir 
in der Kinderstube die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen 
Menschheit. Pfeil und 13ogen, wiederfinden. Das Träumen ist ein 
Stück des überwundenen Kinderseelenlebens. In den 
Psychosen werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen 
des psychischen Apparates sieh wiederum Geltung erzwingen und 
dann ihre UnfähigUeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse geo-en 
die Aussemveit an den Tag legen. 

Die unbewussten Wunschregungen streben ofi'enbar auch bei 
Tage sich geltend zu machen, und die Thatsache der Uebertragung. 
sowie die Psychosen belehren uns, dass sie auf dem We^^e durch 
das System des Vorbewussten zum Bewusstscin und zur Beherrschung 
der Motilität durchdringen mücliten. In der Censur zwischen Ubw 
und Vbiv. deren Annahme uns der Traum geradezu aufnöthigt. haben 
■wir also den Wilcbter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu 
ehren. Ist es nun nicht eine Unvorsichtigkeit dieses Wächters, dass 
er zur Nachtzeit seine Thätigkeit verringert, die unterdrückten 
Regungen des Ühw zum Ausdrucke kommen lässt. die hallucinatorische 
Kegression wieder ermöglicht"? Ich denke nicht, denn wenn sieh der 
kritische Wilcbter zur Ruhe begibt. — wir haben die Beweise dafür, 
dass er doch nicht tief schlummert — so scbliesst er auch das Thor 
rzur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw 
sich aucli auf dem Schauplatz tummeln mögen, man kann sie ge- 
währen lassen, sie bleiben harmlos, weil sie nicht im Stande sind, 
den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die 
Aussenwelt verändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantirt 
die Sicherheit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos o-estaltet 
es sich, wenn die Kräfteverscliiebung nicht durch den nächtlichen 
Nachlass im Kräfteaufwand der kriti.schen Censur. sondern durch 
patliologische Schwächung derselben oder durch pathologische Ver- 
stärkung der unbewussten Erregungen hergestellt wird, so lange das 
Vorbewusste besetzt und die Thore zur Motilität offen sind. Dann 
wird der Wächter überwältigt, die unbewussten Erregungen unter- 
werfen sich das Vbw, behen-schen von ihm aus unser Reden und 
Handeln, oder erzwingen sich die hallucinatorische Regression und 
lenken den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der Anzieliung, 
welche die Wahrnehmungen auf die Vertheilung miserer psychischen 
Energie ausüben. Diesen Zustand heissen wir Psychose. 

Wir befinden uns da auf dem besten Wege, au dem psycho- 
logischen Gerüste weiter zu bauen, das wir mit der Einfügung der 
beiden Systeme übm und Vbw verlassen haben. Wir haben aber 



Die Wnuselitheorie der psyclio-nem-otischeu Symptome. 33Ö 

noch Motive ;2;enug. "bei der Würdigung des Wunsches als einziger 
psychischer Triebkraft für den Traum zu verweilen. Wir haben die 
Aufklärung entgegengenommen, dass der Traum darum jedesmal 
eine WunscherfuUung ist. weil er eine Leistung des Systems Ubw 
ist. "welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als WunsoherfUllung 
kennt und über keine anderen Kräfte als die der Wunschregungen 
Terfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem Recht 
festhalten, -wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifendc psycho- 
logische Speculationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung 
zu zeigen, dass wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang 
einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann. 
Wenn ein System des Uhw — oder etwas ihm für unsere Erörterungen 
analoges — existirt, so kann der Traum nicht dessen einzige Aeusse- 
rung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aberesmuss 
noch andere Formen abnormer Wunsch erfüllungen geben als die 
Träume. Und wirklieh gipfelt die Theorie aller psycho neurotischen 
Symptome in. dem einen Satz, dass auch sie als Wunsch- 
erfüllungen des Unbewussten aufgefasst werden müssen. 
Der Traum wird durch unsere Autklürung nur das erste GHed 
einer für den Psychiater höchst bedeutungsvollen Reihe, deren 
Verständnis die Lösung des rein psychologischen Antheils der 
psychiatrischen Aufgabe bedeutet. Von anderen Gliedern dieser 
Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den hysterischen Sym- 
ptomen, kenne ich aber einen wesentlichen Charakter, den ich 
am Traume noch vermisse. Ich weiss nämUch aus den im Laufe 
dieser Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, dass 
zur Bildung eines hysterischen Symptoms beide Strömungen unseres 
Seelenlebens zusammentrctfcn müssen. Das Symptom ist nicht blos 
der Ausdruck eines realisirten unbewussten Wunsches ; es mnss noch 
ein Wunsch aus dem Vorbewussten dazukommen, der sich durch 
das nämliche Symptom erfüllt, so dass das Symptom mindestens 
Kweifach determinirt wird, je einmal von einem der im ConiHct 
befindlichen Systeme her. Einer weiteren Ueberdeterminirung sind 
— ähnlich wie beim Traum — keine Schranken gesetzt. Die Deter- 
niinirung, die nicht dem Uhiv entstammt, ist, soviel ich sehe, regel- 
mässig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewussten Wunsch, 
z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen, 
ein hysterisches Sympton entsteht nur dort, wo zwei 
gegensätzliche Wunsch erfüllungen, jede aus der (Quelle 
eines anderen psj^chischenSystems, in einem Ausdrucl? 
znsammentreffen können. Beispiele würden hier wenig fruchten. 
da nur die vollständige Enthüllung der vorliegenden Complication 
XJeberzeugung erwecken kann. Ich lasse es darum bei der Behaup- 
tung und bringe ein Beispiel blos seiner Anschaulichkeit, nicht seiner 
Beweiskraft wegen. Das hysterische Erbrechen also bei einer Patientin 
erwies sich einerseits als die Erfüllung einer unbewussten Phantasie aus 



336 VIT. Psychologie der Traumvorgänge. 

r den Pubertiltsjahron. nämlicli des Wunsches, fortwährend gravid zu 

i , sein, ungezählt viele Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung^ 

' trat: von möglichst vielen Männern. Gegen diesen unbändigen Wunsch 

hatte sich eine mächtige Abwehrregung erhoben. Da die Patientin 
aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und ihre Schönheit ver- 
lieren konnte, so dass kein Mann mehr an ihr Gefallen fand, so war 
das Symptom auch dem strafenden Gedankengang recht und durfte, 
von beiden Seiten zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe 
Manier auf eine WunscherfulUmg einzugehen, welche der Parther- 
königiu gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe 
den Feldzug aus Goldgier unternommen ; so lies sie der Leiche o-e- 
schmolzenes Gold in den Rachen giessen. „Eier hast du, was du dir 
^ gewtlnscht hast." Vom Traum wissen wir bis jetzt nur, dass er eine 

Wunscherfüllung des Unbewussten ausdrückt;" es scheint, dass das 
herrsehende, Torbewusste System diese gewähren lässt. nachdem sie 
ihr gewisse Entstellungen aufgenöthigt hat. Man ist auch wirklich 
nicht im Stande, allgemein einen dem Traumwunsch gegensätzlichen 
Gedankenziig nachzuweisen, der sich wie sein Widerpart im Traume 
verwirklicht. Nur hie und da sind uns in den Tranraanalvsen An- 
zeichen von Reaktion sschüpfuDgen begegnet, z. B. die "Zärtlich- 
I keit für Freund R. im Onkeltraum (Seite 96). Wir können aber die 

' hier vcrmisste Zuthat aus dem Vorbewussten an anderer Stelle auf- 

I finden. Der IVaum darf einen Wunsch aus dem Ubw nach allerlei 

Entstellungen zum Ausdruck bringen, während sich das herrschende 
System auf den Wunsch zu schlafen zurückgezogen hat, und 
diesen Wunsch durch Herstellung der ihm möglichen Besetzungs- 
; änderungen innerhalb des psychischen Apparates realisirt. endlich ihn 

I die ganze Dauer des Schlafes über festhält.-J 

Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewussten zu schlafen, 
I wirkt nun ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken 

■_ wir an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Todten- 

/immer zur Folgerung anregt, die Leiche könne in Brand geratheu 
1 sein. Wir haben als die eine der psychischen Kräfte, die den Aus- 

schlag dafür geben, dass der Vater im Traume diesen Schluss zieht, 
anstatt sich durch den Lichtschein wecken zu lassen, den Wunsch 
aufgewiesen, der das Leben des im Traume vorgestellten Kindes um 
den einen Moment verlängert. Andere aus dem Verdrängten stam- 
menden Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die Analyse 
dieses Traumes nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft 
dieses Traumes dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters hinzu- 
nehmen; sowie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird 
auch der Schlaf des Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum 
I gewähren lassen, heisst diese Motivirung, sonst muss ich erwachen. 

•) UiesuiJ Gedanken CDtkhiie ich der Schlaftheorie von Liebault, des Er- 
weckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil provoqnc etc., 
K riiris, 18S9.) 



Der Aiifhcil rlcs Schlafwnnschos ain Tmiime- 



337 



Wie i](ji diesem Tmiimc, so leiht auch bei ulion ancleivn der Sclihil'- 
wunsch dem imbewusstcn Wunscli seine Unterstützung. Wir liaben 
auf Seite IGl von Trümnen berielitet, die sieh ofienkundig als Bequem- 
lichkeitsträume geben. Eigentlich haben alle Träume Anspruch auf 
diese Bezeichnung. Bei den Weektrijumen, die den äusseren Sinnes- 
reiz so verarbeiten, dass er mit der Fortsetzung des Schlafens ver- 
traglich -wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die Ansprüche 
zu entreissen, die er als Mahnung an die Aussonwelt erheben künnte, 
ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu schlafen, am leichtesten 
zu erkennen. Derselbe muss aber ebenso seinen Antheil an der 
Gestattung aller anderen Träume haben, die nur von innen her als 
Wecker am Schlafzustand rütteln können. Was das Vhw in manchen 
Fällen dem Bewusstsein niittheilt, wenn der Traum es zu arg treibt: 
Aber lass' doch und schlaf weiter, es ist ja nur ein Traum; das 
beschreibt, auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten 
unserer herrschenden Seelen thätigkeit gegen das Träumen. Ich muss 
die Folgerung ziehen, dass wir den ganzen Schlafzustand 
über ebenso siciior wissen, dass wir träum en, wie wir es 
wisseUj dass wir schlafen. Es ist durchaus nothwendig. den Ein- 
■wand dagegen gering zu schätzen, dass unser Bewusstsein auf das 
eine Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem 
Anlass, wenn sich die Censur wie überrumpelt fühlt. 

dj Das Wecken durch den Traum. Die Function des 
Traumes. Der Angsttraum. 

Seitdem wir wissen, dass das Vorbewusste über die Nacht auf den 
Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traunivorgang 
mit Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere 
bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der 
W^aeharbeit _ Tagesreste übrig gebUeben, denen sieh die Energie- 
besetzung nicht völlig entzielieu liess. Oder es sei durch die Wach- 
arbeit tagsüber einer der unbewussten Wünsche rege geworden, oder 
es treffe beides zusammen; wir haben die hier mögliche Mannig- 
faltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des Tages oder erst mit 
Herstellung des Schlaf zustan des hat der unbewusste Wunsch sich 
den Weg zu den Tagesresten gebahnt, seine Uebertragung auf sie 
bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das recente Material über- 
tragener Wunsch, oder der unterdrückte recente Wunsch hat sich 
durch Verstärkung aus dem Unbewussten neu belebt. Er möchte 
jiun auf dem normalen Wege der Gedankenvorgänge durch das Vbw. 
dem er mit einem Bestandtheil ja angehört, zum Bewusstsein vor- 
dringen. Aber er stüsst auf die Censur, die noch besteht, und deren 
Einfluss er jetzt unterliegt. Hier nimmt er die Entstellung an, die 
schon durch die Uebertragung auf das Becente angebahnt war. Bis 
jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas ähnliches zu werden wie eine 



Freiiii, Traumdeutung, 



90 



;.J38 VII. Psychologie Aer Tratiravorgänge. 



Zwangsvorstellung, eine Wahnidee u. elf;]., nämlich ein durch Ueber- 
tra^un"- ^-crslllrkter, durch Censur im Ausdruck entstellter Gedanke. 
Nun abor gestattet der Schlafzustand des Vorbewussten nicht das 
weitere Vordringen; wahrscheinlich hat sich das System durch Herab- 
setzung Keiner Erregungen gegen das Eindringen geschützt. Der 
Traunivorgang schlägt also den Weg der Regression ein. der gerade 
durch die EigenthUmlichkeit des Schlafzustandes erüfthet ist, und 




Auf dem Wege zur Regression er\ 
der Compresaion werden wir später handeln. Er hat jetzt das zweite 
Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurückgelegt. Das erste 
Stück spann sich progredient von den unbewussten J^cenen oder 
Phantasien zum Vorbewussten; das zweite Stück strebt von der 
Ccnsurgrenzc an wieder zu den Wahrnehmungen hm. Wenn der 
Traumvorgang aber Wahrnehmungsiuhalt geworden ist, so hat er 
das ihm durch Censur und Schlafzustand im VLw gesetzte Hindernis 
gleichsam umsangen. Es gelingt ihm. Aufmerksamkeit auf sich zu 
ziehen und vom Bewusstsein bemerkt zu werden. Das Bewusstsein 
nUmlich, dass uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer 
(.^»ualitaten bedeutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar. 
Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem Wahrnehmungs- 
system, in erster Linie: ausserdem von den Lust- und Unlust- 
erregungen, die sich als einzige psychische Qualität bei den Energie- 
umsetzungen im Innern des Ajjparates ergeben. Alle Vorgänge in 
den T-Systeinen sonst, auch die im Vlnr, entbehren jeder psychischen 
Qualität und sind darum kein Übjeet des Bewusstseins, insofcrne 
sie ihm nicht Lust oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir 
werden uns zur Annahme entschliessen müssen, dass diese Lu st- 
und Unlustcnthindungen automatisch den Ahlauf der 
Besetz un «'S Vorgänge reguliren. Es hat sich aber später die 
Nothwcndigkeit herausgestellt,' zur Ermüglichung feinerer Leistungen 
den Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. 
Zu diesem Zwecke bedurfte das l-'^zt-System eigener Qualitäten, die das 
Bewusstsein anziehen könnten, und erhielt sie höchst wahrscheinlich 
durch die Verknüpfung der vorbewussten Vorgänge mit dem nicht qua- 
litiltslosen Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten 
dieses Systems wird jetzt das Bewusstsein, das vorher nur Sinnes- 
organ für die Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan für emen 
Theil unserer Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei Smnes- 
obertlilchen, die eine dem Wahrnehmen, die andere den vorbewussten 
Denkvorgängen zugewendet. 

Ich muss annehmen, dass die dem Vbw zugewendete Sinnes- 
fläche des Bewusstseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer 
gemacht wird, als die gegen die IK-Systeme gerichtete. Das Auf- 



]Jie psychischen Wege des Traum Vorganges. 



330 



gehen des Interesses Tür die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch 
zweckmässig. Es soll im Denken nichts vorfallen; das Vbw verlangt 
zu schlafen. Ist der Traum aber einmal AYahrnehmung geworden, 
so ^-ennag er durch die jetzt gewonnenen Qualitäten das ßewusstsein 
zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das. worin überhaupt ihre 
Function besteht; sie dirigirt einen Theil der im Vbir verfügbaren 
Bcsetzungsenei-gie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So muss 
mau also zugeben, dass der Traum jedesmal weckt, einen Theil 
der ruhenden Kraft des Vbw in Thätigkeit versetzt. Er erfährt nun 
von dieser jene Beeinflussung, die wir als seeundäre Bearbeitung mit 
Küeksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben. 
Das will besagen, der Traum vrird von ihr behandelt wie jeder 
andere Wahrnehrauogsinhalt ; er -wird denselben Erwartungsvor- 
stellungen untej'zogen, soweit sein Material sie eben zulässt. Soweit 
bei diesem dritten Stück des Traum Vorganges eine Ablaufsricbtung 
in Beti'acht kommt, ist es wieder die progrediente. 

Zur Verhütung von Missverständniasen wird ein Wort über 
die zeitlichen Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht 
sein. Ein sehr anziehender Gedankengang Goblot's^"), der offenbar 
durch das Räthsel des Maury'schen Guillotinentraumes angeregt ist, 
sucht darzuthun, dass der Traum keine andere Zeit in Anspruch 
nimmt als die der Uebergangsperiode zwischen Schlafen und Erwachen. 
Das Erwachen braucht Zeit; in dieser Zeit fällt der Traum vor. 
Man meint, das letzte Bild des Traumes war so stark, dass es zum 
Erwachen nüthigte. In Wirklichkeit war es nur darum so stark, 
weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. ..Un reve 
c'est un reveil qui connnencc". 

Es ist schon von Dugas ^^) hervorgehoben worden, dass Goblot 
iel Thatsächliehes besoitiii-en muss. um seine These alls:( 



vi 



gemein zu 



halten. Es gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B. 
manche, in denen man träumt, dass man träumt. Nach unserer Kenntnis 
der Traumarbeit können wir unmöglich zugeben, dass sie sich nur 
über die Periode des Erwachens erstrecke. Es muss uns im Gegen- 
theil wahrscheinlich werden, dass das erste Stück der Traumarl)eit 
bereits am Tage^ noch unter der Herrschaft des Vorbewussten 
beginnt. Das zweite Stück derselben, die Verändei'ung durch die 
Censur. die Anziehung durch die unbewussten Scenen, das Durch- 
dringen zur AVahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch 
fort, und insoferne dürften wir immer Recht haben, wenn wir eine 
Empfindung angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch 
wenn wir nicht zu sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, dass 
es nothwcudig ist anzunehmen, die Traumvorgänge hielten bis zum 
J?ewusstwerden wirklich die zeitliche Folge ein, die wir beschrieben 
haben ; es sei zuerst der übertragene Traumwunsch vorhanden, dann 
gehe die Entstellung durch die Censur vor sich, darauf folge die 
Hichtungsänderung zur Regression u. s. w. Wir haben eine solche 



■lo* 



l 



340 VTI. Psycliolo^ne der Traum voigüngc. 

SuccGSMiuh bei der Bcsebrcibung lierstellcn müssen: in Wirklicbkcit 
handelt os sieii wolil victninlir um «ileichzeitiiies Er|)roben dieser 
und icner Wege^ um ein Hin- und Herwogen der Erregung, bis 
endlich durch deren zweckmüssigste Anhäufung gerade die eine 
(xruppirung die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen 
persönUehen Erfahrungen glauben, dass die Tx-aumarbeit oft mehr 
als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu Uefern, 
wobei dann die ausserordentliche Kunst im Aut1)au des Tj'aunies 
alles Wunderbare verliert. .Selbst die Rücksicht auf die Verständ- 
lichkeit als Wahrnehmuugsereignis kann meiner Meinung nach zur 
Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewusstsein an sich zieht. 
Von da an erfährt der Vorgang allei'dings eine Beschleunigung, da 
der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie etwas anderes 
Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das Stunden 
lang hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird. 

Durch die Traiimarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder 
die genügende Intensität, um das Bewusstsein auf sich zu ziehen und 
das Vorbewusste zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und 
Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend, 
und er muss bereit bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen 
die beweglicher gewordene Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die 
meisten Träume scheinen mit vergleichsweise geringen psychischen 
Intensitäten zu arbeiten, denn sie warten das Erwachen ab. Es 
erklärt sich so aber auch, dass wir in der Regel etwas Getrüumtes 
wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe reisst. Der 
erste Blick dabei wie beim spontanen Erwachen trifft den von der 
Traumarbeit geschatfenen Wanrnelnnungsinhalt, der nächste dajm 
den von aussen gegebenen. 

Das grössere theoretische Interesse wendet sich aber den 
Träumen zu. die mitten im Schlafe zu wecken vermögen, ölan darf 
der sonst überall nachweisbaren Zweckmässigkeit gedenken und sich 
fragen, warum dem Traum, also dem unbewussten Wunsch, die 
Macht gelassen wird, den Schlaf, also die Erfüllung des vorbewussten 
Wunsches, zu stören. Es muss das wohl an Energierelationen liegen, 
in welche uns die Einsicht fehlt. C Besässen wir diese, so würden 
wir wahrscheinlich finden, dass das Gewährenlassen des Traumes 
und der Aufwand einer gewissen detachirten Aufmerksamkeit für 
ihn eine Ers}>arnis an Energie darstellt gegen den Fall, dixss das 
Unbcwusste Nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie 
Tagsüber. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt das Tritumen, selbst 
wenn es mehrmals in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem 
Schlafen vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft 
sofort wieder ein. Es ist, wie wenn man schlafend eine Fhege weg- 
seheucht; man erwacht ad hoc. Wenn man w^ieder cinschlilft, hat 
man die Störung beseitigt. Die Erfüllung des Schlafwunsches ist, 
wie bekannte Beispiele vom Ammenschlaf u. dgl. zeigen, ganz gut 



Bas AA^ecken (iiircli den Tnuiin. 



Ul 



mit der Unterhultung' eines gewissen Aufwandes von Aufmerksamkeit 
nach einer bestimmten Kichtung \'ereinbar. 

Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf 
einer besseren Kenntnis der unbewusstcn Vorgänge fusst. Wir haben 
selbst die nnbcwussten Wünsche als immer rege loezeichnet. Trotz- 
dem seien sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar zu 
machen. Wenn aber der Schlafzustand besteht, und der unbewusste 
Wunsch die Kraft gezeigt liat. einen Traum zu bilden und mit ihm 
das Vorbewiisste zu wecken, warum versiegt diese Kraft, nachdem 
der Traum zur Kenntnis genommen worden ist '? Sollte der Traum 
sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, gerade wie die störende 
Fliege es liebt, inmier wieder nach ihrer Vortreibung wiederzukehren V 
Mit welchem Recht haben wir behauptet, dass der Traum die Schlaf- 
stijrung beseitigt? 

Es ist ganz richtig, dass die unbcwussten Wünsche immer rege 
bleiben. Sie stellen Wege dar. die immer gangbar sind, so oft ein 
Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervor- 
ragende Besonderheit nnbewusster Vorgänge, dass sie unzerstörbar 
bleiben. Im Unbewusstcn ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts 
vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den stärksten 
Eindruck beim Studium der Neurosen, speciell der Hysterie. Der 
nnbewusste Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt. i.st 
sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. 
Die Krankung, die vor dreissig Jahren vorgefallen ist, \\irkt, nachdem 
sie sich den Zugang zu den unbewusstcn Affectquellen verschafi't 
hat, alle die dreissig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung 
angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit Erregung 
besetzt, die sieh in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft. 
Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist 
es, "■■ "■" ■ — 

zu schaffen. Was 
KU halten und für 

Erinner Uli gsreste erklären, das Abblassen der Erinnerungen und die 
Aft'ectsehwäehe der nicht mehr rccenten Eindrücke, das sind in 
Wirklichkeit secundäre Vei-Underungen, die durch mühevolle Arbeit 
zu Stande kommen. Es ist das Vorbewusste, welches diese Arbeit 
leistet, und die Psvchotherapie kann keinen andern Wog einschlagen, 
als das Ubw der Herrschaft des Vbti> zu unterwerfen. 

Für den einzelneu unbewussten Erregungs Vorgang gibt es 
also zwei Ausgilnge. Entweder er bleibt sieh selbst überlassen, dann 
bricht er endlich irgendwo durcli und schafft seiner Erregung für 
dies eine Mal einen Äbfluss in die Motilität, oder er unterliegt der 
Beeinflussung des Vorbewussten, und seine Erregung wird durch das- 
selbe gebunden anstatt abgeführt. Letzteres aber geschieht 
beim Traum Vorgang. Die Besetzung, die dem zur Wahrnehmung 
gewordenen Traum von Seiten des Vbw entgegenkommt, weil sie durch 



,, für die unbewusstcn Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen 

wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich 
einen primären Einfluss der Zeit auf die seelischen 



042 VII. rsychologie der Traumvort,^;ir]j;f. 

die Bewustseinserregung liingelenkt worden ist. bindet die unbewusste 
Erregung des Traumes und maelit sie als Störung unschädlich. 
Wenn der Träumer für einen Augenblick erwacht, so hat er wirk- 
lich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte. 
C Es kann uns jetzt ahnen, dass es wirklich zweckmässiger und wohl- 
^ feiler war, den unbewussten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den 
Weg zur Regression frei zu geben, damit er einen Traum bilde, 
und dann diesen Traum durch einen kleinen Aufwand von Tor- 
bewusster Arbeit zu binden und zu ei'ledigen. als das k'nbcwusste 
auch die ganze Zeit des Schlafens über im Zaume zu halten. Es stand 
ja zu erwarten, dass der Ti-aum, auch wenn er ursprünglich kein 
zweekmüssiger Vorgang war, im Kräftespiel des seelischen Lebens 
sich einer Function bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches 
diese Function ist. Er hat die Aufgabe übernommen, die frei 
gelassene Erregung des Vhir wieder unter die Herrschaft des Vor- 
bewussten zu bringen; er führt dabei die Erregung des Uiiv ab. 
dient ihm als Ventil und sichert gleichzeitig gegen einen geringen 
Aufwand an Wachthätigkeit den Schlaf des Vorbewussten, So stellt 
er sich als ein Compromiss. ganz wie die anderen psychischen Bil- 
dungen seiner Reihe, gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme, 
indem er beider Wünsche, insoweit sie mit einander verträglieh 
sind, erfüllt. Ein Blick auf die Seite 55 mitgetheilte Robert'sche 
„Äusseheidungstheorie'" wird zeigen, dass wir diesem Autor in der 
Hauptsache, in der Bestimmung der Function des Traumes, Recht 
geben müssen, während wir in den Voraussetzungen und in der 
Würdigung des Traum Vorganges von ihm abweichen. 

Die Ein sehr Linkung. insofern beide Wünsche mit ein- 
ander verträglich sind, enthält einen Hinweis auf die mijglichen 
Fülle, in denen die Function des Traumes zum Scheitern gelangt. Der 
Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewussten zu- 
gelassen ; wenn diese versuchte Wunseherfüllung am Vorbewussten 
so intensiv rüttelt, dass die.s seine Ruhe nicht mehr bewahi-en kann, 
so hat der Traum das Compromiss gebrochen, das andere Stück 
seiner Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen 
und durcli da.'^ volle Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier 
nicht die Seliukl des Traumes, wenn er. sonst der Hüter des Schlafes, 
als StÜrer desselben auftreten muss, und braucht uns gegen seine 
Zweckmässigkeit nicht einzunehmen. Es ist dies nicht der einzige 
Fall im Organismus, dass eine sonst zweckmässige Einrichtung 
unzweokmüssig und sti'irend wird, sobald an den Bedingungen ihres 
Entstehens etwas geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens 
dem neuen Zweck, die Veränderung anzuzeigen und die Ilegulirungs- 
mittel des Organismus wider sie wach zu rufen. Ich habe natürlich 
den Fall des Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine 
Recht zu geben, dass ich diesem Zeugen gegen die Theorie der 
WunschurfuUung ausweiche, wo immer ich auf ihn stossc. will ich 



Die Traiimf'uui^tiün, Ihi Scheitern im Auiisttiaum. 343 



der Erklärimg des Angsttraumes wenigstens mit Andeutungen näher 
treten. 

Dass ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum 
doch eine Wunsch erfüllung sein kann, enthält für uns langst keinen 
Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu 
erklären, dass der Wunsch dem einen System, dem Vhic. angehört, 
während das System des Vbw diesen Wunsch verworfen und unter- 
drückt hat. Die Unterwerfung des Ubir durch das Vbiv ist auch 
bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; das Mass 
dieser Unterdrückung ei'gibt den Grad unserer psychischen Normahtät. 
Neurotische Symptome zeigen uns an, dass sich die beiden Systeme im 
Conflict mit einander befinden ; sie sind die Compromissergebnisse 
dieses Conlticts, die ihm ein vorläufiges Ende setzen. Sie gestatten 
einerseits dem ühiv einen Ausweg für den Abfiuss seiner Erregung, 
dienen ihm als Ausfallsthor, und geben doch andererseits dem Vbw 
die Möglichkeit, das ühiv einigermassen zu beherrschen. Lehrreich 
ist es z. B. die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst 
in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig allein über die 
Strasse zu gehen, was wir mit Recht als „Symptom" anführen. 
Man hebe nun dieses Symptom auf, indem man ihm zu dieser 
Handlung nüthigt, für die er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann 
ein Angstanfall, wie auch oft ein Angstanfall auf der Strasse die 
Veranlassung für die Herstc;lUing der Platzangst geworden ist. Wir 
erfahren so, dass das Symptom constituirt worden ist, um den Aus- 
bruch der Äugst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine 
Grenzfestung vorgelegt. 

Unsere Erörterung läsat sicli nicht weiter führen, wenn wir 
nicht auf die KoUe der Affecte bei diesen Vorgängen eingehen, was 
aber hier nur unvollkomjnen möglich ist. Stollen wir also den Satz 
auf, dass die Unterdrückung des Ubw vor Allem darum nothwendig 
wii'd. weil der sich selbst Uberlassene Vorstellungsablauf im ülnv 
einen Affect entwickeln würde, der ursprünglich den Charakter der 
Lust hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrängung den Charakter 
der Unlust trägt. Die Unterdrückung hat den Zweck, aber auch 
den Ei'folg, diese Unlustentwickelung zu verhüten. Die Unter- 
drückung erstreckt sich auf den Vorstellungsinhalt des Ubu\ weil 
vom Vorstellungsinhalt her die Entbindung der Unlust erfolgen könnte. 
Eine ganz bestimmte Annahme über die Natur der Affecteutwickelung 
ist hier zu Grunde gelegt. Dieselbe wird als eine motorische odei- 
sekretorische Leistung angesehen, zu welcher der Innervationsschlüssel 
in den Vorstellungen des Ubw gelogen ist. Durch die Beherrschung 
von Seiten des Vbio werden diese Vorstellungen gleichsam gedrosselt, 
an der Aussendung der Afi'ect entwickelnden Impulse gehemmt. Die 
Gefahr, wenn die Besetzung von Seiten des Vbw ;mthört, besteht 
also darin, dass die unbewusst.cn Erregungen solchen Atlect entbinden 
der — in Folge der früher stattgehabten Verdrängung — nur als 
Unlust, als Angst verspürt werden kann. 



ö 



34:4 VII. Psycliülogio der Traum Vorgänge. 

Diese Gefahr ^vird durch das Gewahrenlassen des Traumvür- 
ganges entfesselt. . Die Bedingungen für deren Realisirung liegen 
darin, dass Verdrängungen stattgefunden haben, und dass die unter- 
drückton Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen 
also ganz ausserhalb des psyehologi.schen Kahmens der Traumhildung. 
Wilre es nicht, dass unser Thema durch dies eine Moment, die 
Befreiung des Ü(jW wahrend des Schlafes, mit dem Thema der 
Angstentwickelung zusammenhinge, so könnte ich auf die Besprecimng 
des Angsttraumes verzichten und mir alle ihm iinhängenden Dunkel- 
heiten hier ersparen. 

Die Lehre vom Aogsttraum gehurt, wie ich schon wiederholt 
ausgesprochen hahe, in die Neurosenpsyehologic. Wir haben weiter 
nichts mit ihr zu schatfen. nachdem wir einmal ihre Berührungs- 
stellc mit dem Thema des Trauravorganges aufgezeigt haben. Ich 
kann nur noch eines thun. Da ich behauptet habe, dass die neu- 
rotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich Angsttrjiume 
der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material in deren Traum- 
tredanken nachzuweisen. 

Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele, 
die mir neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge 
Ängstträume von jugendlichen Personen. 

Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum 
mehr gehabt. Aus meinem siebenten oder achten Jahre erinnere 
ich mich an einen solchen, den ich etwa 30 Jahre später der 
Deutung unterworfen habe. Er -war sehr lebhaft, und zeigte mir 
die geliebte Mutter mit eigenth U mlieh ruhigem, schla- 
fendem Gesichtsausdruek, die von zwei (oder drei) 
Personen mit Vogelschnlibeln in 's Zimmer getragen 
und auf's Bett gelegt wird. Ich erwachte -weinend und 
schreiend und störte den Schlaf der Eltern. Die — eigenthümlich 
drapirten — überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln' hatte ich 
den Illustrationen der Philipp son'schen Bibel entnommen; ich 
glaube, es waren Götter mit Sperberköpfen von einem ägyptischen 
Grahrelief. Sonst aber liefert mir die Analyse die Erinnerung au 
einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns Kindern auf 
der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte ; und ich möchte sagen, 
der hiess Philipp. Es ist mir dann, als hätte ich von dem Knaben 
zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den sexuellen Verkehr 
bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein lateinisches, 
durch „coitiren" ersetzt wird, das aber durch die Auswahl der 
Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muss die 
sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des wellcrfahrenen 
Lehrmeisters errathen haben. Der Gesichtsausdruck der Mutter im 
Traume war vom Angesicht des Grossvaters copirt, den ich einige 
Tage vor seinem Tode im Coma schnarchend gesehen hatte. Die 
Deutung der secundären Bearbeitung im Traume muss also gelautet 



Äualvson von Aimsttriiuraon, . 345 



'o 



liiiboiij dass (Ue Mutter stirbt, auch das Grabrelief stimmt dazu. 

In dieser Angst erwacbte ich und Hess nicht ab. bis ich die Ehern 

geweckt hatte. Ich erinnere mich, dass ich mich plötzlich beruhigte, 

als ich die Mutter zu Gesicht bekaraj als ob ich die Beruhi«'untj 

bedurft hätte; sie ist also nicht gestorben. Diese secundärc Deutung 

des Traumes ist aber schon iiuter dem Einfluss der entwickelten 

Angst geschehen. Nicht dass ich ängstlich war, weil ich geträumt 

hatte, dass die Mutter stirbt; soDdern ich deutete den Traum in der 

vorbewussten Bearbeitung so, weil ich schon unter der Herrschaft 

der Angst stand. Die Angst aber Uisst sich mittelst der Verdrängung 

zurückführen auf ein dunkles, offenkundig sexuelles Gelüste, das in 

dem visuellen Inhalt des Traumes seinen guten Ausdruck gefunden hatte. 

Ein 27jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist, 

hat zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst 

geträumt, dass ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt; 

er möchte laufen, ist aber wie gelähmt und kommt 

nicht von der Stelle. Das ist wohl ein gutes Mu.ster eines sehr 

oemeinen und sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse 

trerätli der Träumer zuerst auf eine, der Zeit nach spätere. Erzählung 

seines Onkels, dass er auf der Strasse von einem verdächtigen 

Individuum nächtlich angefallen wurde, und schliesst selbst aus 

diesem Einfall, dass er zur Zeit des Traumes von einem ähnlichen 

Erlebnis gehurt haben kann. Zur Hacke erinnert er. dass er sich 

in jener Lebenszeit einmal beim Holz verkleinern mit der Hacke an 

der Hand verletzt. Er geräth dann unvermittelt auf sein Verhältnis 

zu seinem jüngeren Bruder, den er zu misshandeln und hinzuwerfen 

pilegte. erinnert sich speciell eines Males, wo er ihn mit dem 

Stiefel an den Kopf traf, so dass er blutete und die Mutter dann 

äusserte; Ich habe Angst, er wird ihn noch einmal umbringen. 

"Während er so beim Thema der Gewaltthat festgehalten scheint, 

taucht ihm plötzlich eine Erinnerung aus dem neunten Lebensjahr 

auf. Die Eltern waren spät nach Hause gekommen, gingen, während 

er sich schlafend stellte, zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen 

und andere Geräusche, die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch 

die Lage der Beiden im Bette errathen. Seine weiteren Gedanken 

zeigen, dass er zwischen dieser Beziehung der Eltern und seinem 

Verhiiltnis zu seinem jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt 

hatte. Er subsummirte, was bei den Eltern vorfiel, unter den BegriH': 

Gewaltthat und Rauferei. Ein Beweis für diese Auffassung war 

ihm, dass er oft Blut im Bette der Mutter bemerkt hatte 

Dass der sexuelle Verkehr Erwachsener den Ivindern, die ihn 
bemerken, unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist, 
möchte ich sagen, Ergebnis der tüglichen Erfahrung. Ich habe 
für diese Angst die Erklärung gegelien, dass es sich um eine sexuelle 
Erregung handelt, die von ihrem Verständnis nicht bewältigt wird, 
auch wohl darum auf Ablehnung stösst, weil die Eltern in sie vcr- 



546 VII. I'sycholügie der Traum vorginge. 

HocLteii siEtl, und diu darum sich in Äugst verwandelt. In einer 
noch früheren Lebensperiode stüsst die sexuelle Regung für den 
gegengcschlechtlichen Theil des Elternpaares noch nicht auf Ver- 
drängung und iiussert sich frei, wie wir gehört haben (Seite 178). 

Auf die bei Kindern so häutigen nächtlichen Angstanfälle mit 
Hallucinationen (den Pavor nocturnu.s) würde ich dieselbe Erklärung 
unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unver- 
standene und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Auf- 
zeichnung sich auch wahrscheinlich eine zeitliche Periodicität hcr- 
ausstellcji würde, da eine Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl 
durcli zufällige erregende Eindrücke, als auch durch die spontancUj 
schubweise eintreffenden, Entwickelungsvorgänge erzeugt werden kann. 

ilir fehlt es an dem erforderliclien Beobachtungsinaterial, um 
diese Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten selieint es da- 
gegen an dem Gesichts])unkte zu fehlen, der allein das Verständnis 
der ganzen Reihe von Phänomenen, sowohl nach der somatischen als 
auch nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel. 
wie nahe man. durch die Scheuklappen der mcdicinisehen Mythologie 
gobiendet, am Verständnis solelier Fälle vorbeigehen kann," möchte 
ich einen Fall anführou, den ich in der These über den Pavor noc- 
turnus von De backer i'} 1881 (p. QG) gefunden habe. 

Ein ISjähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann 
angstlich und verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und 
fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit 
Hallucinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume 
war immer sehr deutlich. Er konnte also erzählen, dass der Teufel 
ihn angeschrieen li