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Full text of "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten"




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DER WITZ 

UND SEINE BEZIEHUNG 

ZUM UNBEWUSSTEN 



VON 
PROF. DR. SIGM. FREUD 

IN WIEN. 




LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1905. 



Verlags-Nr. 1 128. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




K, n, K. Hofbnchdrocberei Kall Prochaeka in Tescbeß. 



Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 
A. Analytischer Teil. 



I. Einleitung. 

Wer einmal Anlaß gehabt hat, sich in der Literatur bei 
Ästhctikeru und Psychologen zu erkundigen, welche Aufklärung 
über Wesen und Beziehungen des Witzes gegeben werden kann, 
der wird wohl zugestehen müssen, daß die philosophische Be- 
mühung dem Witz lange nicht in dem Maße zu teil geworden ist, 
welches er durch seine Rolle in unserem Geistesleben verdient. 
Man kann nur eine geringe Anzahl von Denkern nennen, die sich 
eingehender mit den Problemen des Witzes beschäftigt haben. 
Allerdings finden sich unter den Bearbeitern des Witzes die 
glänzenden Namen des Dichters Jean Paul (Fr. Richter) 
und der Philosophen Th. Vischer, Kuno Fischer und Th. 
Lipps; aber auch bei diesen Autoren steht das Thema des 
Witzes im Hintergrunde, während das Hauptinteresse der Unter- 
suchung dem umfassenderen und anziehenderen Probleme des 
Komischen zugewendet ist. 

Man gewinnt aus der Literatur zunächst den Eindruck, als 
sei es völlig untunlich, den Witz anders als im Zusammenhange 
mit dem Komischen zu behandeln. 

Nach Th. Lipps (Komik und Humor, 1S98)*) ist der Witz 
„die durchaus subjektive Komik", d. h. die Komik, „die wir hervor- 
bringen, die an unserem Tun als solchem haftet, zu der wir uns 
durchwegs als darüberstehendes Subjekt, niemals als Objekt, auch 
nicht als freiwilliges Objekt verhalten" (S. 80}. Erläuternd hiezu 



*) Beiträge zur Ästhetik, herausgegeben von Theodor Lipps und 
Richard Maria Werner. VL — Ein Buch, dem icli den Mut und die 
Möglichkeit verdanke, diesen Versuch zu unternehmen. 

Freud, Der Witz. I 



} 



2 I- Einleitung. - 

die Bemerkung: Witz heiße überhaupt „jedes bewußte und ge- 
schickte Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der An- 
schauung oder der Situation" (S. 78). 

K. Fischer erläutert die Beziehung des Witzes zum Komi- 
schen mit Beihilfe der in seiner Darstellung zwischen beide 
eingeschobenen Karikatur. (Über den Witz, 1889.) Gegenstand 
der Komik ist das Häßliche in irgend einer seiner Erscheinungs- 
formen: ,^Wo es verdeckt ist, muß es im Licht der komischen 
Betrachtung entdeckt, wo es wenig oder kaum bemerkt wird, muß 
es hervorgeholt und so verdeutlicht werden, daß es klar und offen 
am Tage hegt. , . . So entsteht die Karikatur" (S. 45)- — „Unsere 
ganze geistige Welt, das intellektuelle Reich unserer Gedanken 
und Vorstellungen, entfahet sich nicht vor dem Blicke der äußeren 
Betrachtung, läßt sich nicht unmittelbar bildlich und anschaulich 
vorstellen und enthält doch auch seine Hemmungen, Gebrechen, 
Verunstaltungen, eine Fülle des Lächerlichen und der komischen 
Kontraste. Diese hervorzuheben und der ästhetischen Betrachtung 
zugänglich zu machen, wird eine Kraft nötig sein, welche im stände 
ist, nicht bloß Objekte unmittelbar vorzustellen, sondern auf diese 
Vorstellungen selbst zu reflektieren und sie zu verdeutlichen: eine 
gcdankenerhellende Kraft. Diese Kraft ist allein das Urteil. 
Das Urteil, welches den komischen Kontrast erzeugt, ist der 
Witz, er hat im stillen schon in der Karikatur mitgespielt, aber 
erst im Urteil erreicht er seine eigentümliche Form und das freie 
Gebiet seiner Entfaltung" (S. 49). 

Wie man sieht, verlegt L i p p s den Charakter, welcher den 
Witz innerhalb des Komischen auszeichnet, in die Betätigung, in 
das aktive Verhalten des Subjekts, während K. Fischer den 
Witz durch die Beziehung zu seinem Gegenstand, als welcher das 
verborgene Häßliche der Gedankenwelt gelten soll, kennzeichnet. 
Man kann diese Definitionen des Witzes nicht auf ihre Triftigkeit 
prüfen, ja man kann sie kaum verstehen, wenn man sie nicht m 
den Zusammenhang einfügt, aus dem gerissen sie hier erscheinen, 
und man stände so vor der Nötigung, sich durch die Darstellungen 
des Komischen bei den Autoren hindurch zu arbeiten, um von 
ihnen etwas über den Witz zu erfahren. Indes wird man an 
anderen Stellen gewahr, daß dieselben Autoren auch wesentliche 
und allgemein gültige Charaktere des Witzes anzugeben wissen, 
bei welchen von dessen Beziehung zum Komischen abgesehen ist. 

Die Kennzeichnung des Witzes bei K. Fischer, die den 
Autor selbst am besten zu befriedigen scheint, lautet: Der Witz 
ist ein spielendes Urteil (S. 50- Zur Erläutenmg dieses Aus- 



Darstellung des Witzes bei den Antoren. 3 

druckes werden wir auf die Analogie verwiesen: „wie die ästhe- 
tische Freiheit in der spielenden Betrachtung der Dinge bestand" 
(S. 50), An anderer Stelle (S. 20) wird das ästhetische Verhalten 
gegen ein Objekt durch die Bedingung charakterisiert, daß wir 
von diesem Objekt nichts verlangen, insbesondere keine Befrie- 
digung unserer ernsten Bedürfnisse, sondern uns mit dem Genuß 
der Betrachtung desselben begnügen. Das ästhetische Verhalten 
ist spielend im Gegensatz zur Arbeit. — „Es könnte sein, daß 
aus der ästhetischen Freiheit auch eine von der gewöhnlichen 
Fessel und Richtschnur losgelöste Art des Urteilens entspringt, 
die ich um ihres Ursprunges willen „das spielende Urteil" 
nennen will, und daß in diesem Begriff die erste Bedingung, wenn 
nicht die ganze Formel enthalten ist, die unsere Aufgabe löst. 
„Freiheit gibt Witz und Witz gibt Freiheit," sagt Jean Paul. 
„Der Witz ist ein bloßes Spiel mit Ideen" {S. 24). 

Von jeher liebte man es, den Witz als die Fertigkeit zu 
definieren, Ähnlichkeiten zwischen Unähnlichem, also versteckte 
Ähnlichkeiten zu finden. Jean Paul hat diesen Gedanken 
selbst witzig so ausgedrückt: „Der Witz ist der verkleidete Priester, 
der jedes Paar traut". Th. Vischer fügt die Fortsetzung an: 
„Er traut die Paare am liebsten, deren Verbindung die Ver- 
wandten nicht dulden wollen". Vischer wendet aber ein, daß 
es Witze gebe, bei denen von Vergleichung, also auch von Auf- 
findung von Ähnlichkeit, keine Rede sei. Er definiert also den 
Witz mit leiser Abweichung von Jean Paul als die Fertigkeit, 
mit überraschender Schnelle mehrere Vorstellungen, die nach ihrem 
inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie angehören, einander eigent- 
lich fremd sind, zu einer zu verbinden. K. Fischer hebt dann 
hervor, daß in einer Menge von witzigen Urteilen nicht Ähnlich- 
keiten, sondern Unterschiede gefunden werden, und L i p p s macht 
darauf aufmerksam, daß sich diese Definitionen auf den Witz 
beziehen, den der Witzige hat, und nicht, den er macht. 

Andere in gewissem Sinne miteinander verknüpfte Gesichts- 
punkte, die bei der Begriffsbestimmung oder Beschreibung des 
Witzes herangezogen wurden, sind der „V orstellungs- 
kontrast", „der Sinn im Unsinn", „die Verblüffung 
und Erleuchtung." 

Auf den Vorsiellungskontrast legen Definitionen wie die von 
K r a c p e 1 i n den Nachdruck. Der Witz sei „die willkürliche 
Verbindung oder Verknüpfung zweier miteinander in irgend einer 
Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das Hilfs- 
mittel der sprachlichen Assoziation". Es wird einem Kritiker 

I* . 



A 



I. Einleitung. 



wie L i p p s nicht schwer, die völlige Unzulänghchkeit dieser 
Formel aufzudecken, aber er selbst schließt das Moment des 
Kontrastes nicht aus, sondern verschiebt es nur an eine andere 
Stelle. „Der Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder 
so gefaßter Kontrast der mit den Worten verbundenen Vor- 
stellungen, sondern Kontrast oder Widerspruch der Bedeutung 
und Bedeutungslosigkeit der Worte" (S. 87). Beispiele erläutern, 
wie letzteres verstanden werden soll. „Ein Kontrast entsteht erst 
dadurch, daß .... wir seinen Worten eine Bedeutung zugestehen, 
die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen können" (S. 90). 

In der Weiterentwicklung dieser letzten Bestimmung kommt 
der Gegensatz von „Sinn und Unsinn" zur Bedeutung. „Was wir 
einen Moment für sinnvoll nehmen, steht als völlig sinnlos vor 
uns. Darin besteht in diesem Falle der komische Prozeß" (S. 
85 u. ff.). „Witzig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine 
Bedeutung mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und 
indem wir sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. 
Dabei kann unter der Bedeutung verschiedenes verstanden sein. 
Wir leihen einer Aussage einen Sinn und wissen, daß er ihr 
logischerweise nicht zukommen kann. Wir finden in ihr eine 
Wahrheit, die wir dann doch wiederum den Gesetzen der 
Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens zufolge 
nicht darin finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren 
wahren Inhalt hinausgehende logische oder praktische Folge zu, 
um eben diese Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit 
der Aussage für sich in's Auge fassen. In jedem Falle besteht 
der psychologische Prozeß, den die witzige Aussage in uns hervor- 
ruft und auf dem das Gefühl der Komik beruht, in dem un- 
vermittelten Übergang von jenem Leihen, Fürwahrhahen, Zu- 
gestehen, zum Bewußtsein oder Eindruck relativer Nichtigkeit". 

So eindringlich diese Auseinandersetzung khngt, so möchte 
man hier doch die Frage aufwerfen, ob der Gegensatz des Sinn- 
vollen und Sinnlosen, auf dem das Gefühl der Komik beruht, 
auch zur Begriffsbestimmung des Witzes, insofern er vom 
Komischen unterschieden ist, beiträgt. 

Auch das Moment der „Verblüffung und Erleuchtung" führt 
tief in das Problem der Relation des Witzes zur Komik hinein. 
Kant sagt vom Komischen überhaupt, es sei eine merkwürdige 
Eigenschaft desselben, daß es uns nur für einen Moment täuschen 
könne. Heymans (Zeitschr. f. Psychologie XI, 1896) führt aus, 
wie die Wirkung eines Witzes durch die Aufeinanderfolge von 
Verblüffung und Erleuchtung zu stände komme. Er erläutert seine 



Darstellung des Witzes bei den Autoren. 



Meinung an einem prächtigen Witz von Hein e, der eine seiner 
Figuren, den armen Lotteriekollckteur Hirsch-Hyacinth, sich rühmen 
läßt, der große Baron Rothschild habe ihn ganz wie seines 
Gleichen, ganz familiionär, behandelt. Hier erscheine das 
Wort, welches der Träger des Witzes ist, zunächst einfach als 
eine fehlerhafte Wortbildung, als etwas Unverständliches, Unbe- 
greifliches, Rätselhaftes. Dadurch verblüffe es. Die Komik ergebe 
sich aus der Lösung der Verblüffung, aus dem Verständnis des 
Wortes. Lipps ergänzt hiezu, daß diesem ersten Stadium der 
Erleuchtung, das verblüffende Wort bedeute dies und jenes, ein 
zweites Stadium folgt, in dem man einsehe, dies sinnlose Wort 
habe uns verblüfft und dann den guten Sinn ergeben. Erst diese 
zweite Erleuchtung, die Einsicht, daß ein nach gemeinem Sprach- 
gebrauch sinnloses Wort das Ganze verschuldet habe, diese Auf- 
lösung in Nichts, erzeuge erst die Komik (S. 95). 

Ob die eine oder die andere dieser beiden Auffassungen uns 
einleuchtender erscheinen möge; durch die Erörterungen über Ver- 
blüffung und Erleuchtung werden wir einer bestimmten Einsicht 
näher gebracht. Wenn nämlich die komische Wirkung des Heine- 
schen familiionär auf der Auflösung des scheinbar sinnlosen 
Wortes beruht, so ist wohl der „Witz" in die Bildung dieses Wortes 
und in den Charakter des so gebildeten Wortes zu versetzen. 

Außer allem Zusammenhang mit den zuletzt behandelten 
Gesichtspunkten wird eine andere Eigentümlichkeit des Witzes als 
wesentlich für ihn von allen Autoren anerkannt. „Kürze ist der 
Körper und die Seele des Witzes, ja er selbst," sagt Jean Paul 
(Vorschule der Ästhetik, I, § 45) und modifiziert damit nur eine 
Rede des alten Schwätzers Polonius in Shakespeare's Hamlet 
(3. Akt, 2. Szene): 

„Weil Kürze dann des Witzes Seele ist, 

Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat, 

Fass* ich mich kurz." (Schlegel'sche Übersetzung.) 

Bedeutsam ist dann die Schilderung der Kürze des Witzes bei 

Lipps (S. 90). „Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in 

wenig, aber immer in zu wenig Worten, d. h. in Worten, die nach 

strenger Logik oder gemeiner Denk- und Redeweise dazu nicht 

genügen. Er kann es schließlich geradezu sagen, indem er es 

verschweigt." 

Daß der Witz etwas Verborgenes oder Verstecktes 
hervorholen müsse" (K. Fischer, S. 51), wurde uns schon bei 
der Zusammenstellung des Witzes mit der Karikatur gelehrt. Ich 
hebe diese Bestimmung nochmals hervor, weil auch sie mehr mit 



6 I. Einleitung. 

dem Wesen des Witzes als mit seiner Zugehörigkeit zur Komik 
zu tun hat. 



Ich weiß wohl, daß die vorstehenden kümmerÜchen Auszüge 
aus den Arbeiten der Autoren über den Witz dem Werte dieser 
Arbeiten nicht gerecht werden können. Infolge der Schwierig- 
keiten, welche einer von Mißverständnis freien Wiedergabe so 
komplizierLer und fein nuancierter Gedankengänge entgegenstehen, 
kann ich den Wißbegierigen die Mühe nicht ersparen, sich die 
gewünschte Belehrung an der ursprünglichen Quelle zu holen. 
Aber ich weiß nicht, ob sie von ihr voll befriedigt zurückkehren 
würden. Die von den Autoren angegebenen und im vorigen zu- 
sammengestellten Kriterien und Eigenschaften des Witzes ■ — die 
Aktivität, die Beziehung zum Inhalt unseres Denkens, der Charakter 
des spielenden Urteils, die Paarung des Unähnlichen, der Vor- 
stellungskontrast, der „Sinn im Unsinn", die Aufeinanderfolge von 
Verblüffung und Erleuchtung, das Hervorholen des Versteckten 
und die besondere Art von Kürze des Witzes — erscheinen uns 
zwar auf den ersten Blick als so sehr zutreffend und so leicht 
an Beispielen erweisbar, daß wir nicht in die Gefahr geraten 
können, den Wert solcher Einsichten zu unterschätzen, aber es 
sind disjecta membra, die wir zu einem organisch Ganzen zu- 
sammengefügt sehen möchten. Sie tragen schließhch zur Kenntnis 
des Witzes nicht mehr bei als etwa eine Reihe von Anekdoten 
zur Charakteristik einer PersönUchkeit, über welche wir eine 
Biographie beanspruchen dürfen. Es fehlt uns völlig die Einsicht 
in den vorauszusetzenden Zusammenhang der einzelnen Bestim- 
mungen, etwa was die Kürze des Witzes mit seinem Charakter 
als spielendes Urteil zu schaffen haben kann, und ferner die 
Aufklärung, ob der Witz allen diesen Bedingungen genügen muß, 
um ein richtiger Witz zu sein, oder nur einzelnen darunter, und 
welche dann durch andere vertretbar, welche unerläßlich sind. 
Auch eine Gruppierung und Einteilung der Witze auf Grund ihrer 
als wesentlich hervorgehobenen Eigenschaften würden wir wünschen. 
Die Einteilung, welche wir bei den Autoren finden, stützt sich 
einerseits auf die technischen Mittel, anderseits auf die Ver- 
wendung des Witzes in der Rede (Klangwitz, Wortspiel — kari- 
kierender, charakterisierender Witz, witzige Abfertigung). 

Wir wären also nicht in Verlegenheit, einer weiteren Be- 
mühung zur Aufklärung des Witzes ihre Ziele zu weisen. Um 
auf Erfolg rechnen zu können, müßten wir entweder neue Ge- 



i 



Rechtfertigung dieser Untersuchung. 7 

sichtspunktc in die Arbeit eintragen oder durch Verstärkung 

unserer Aufmerksamkeit und Vertiefung unseres Interesses weiter 
einzudringen versuchen. Wir können uns vorsetzen, es wenigstens 
an dem. letzteren Mittel nicht fehlen zu lassen. Es ist immerhin 
auffälUg, wie wenig Beispiele von als solchen anerkannten Witzen 
den Autorer. für ihre Untersuchungen genügen, und wie ein jeder 
die nämlichen von seinen Vorgängern übernimmt. Wir dürfen 
uns der Verpflichtung nicht entziehen, dieselben Beispiele zu 
analysieren, die bereits den klassischen Autoren über den Witz 
gedient haben, aber wir beabsichtigen, uns außerdem an neues 
Material zu wenden, um eine breitere Unterlage für unsere Schluß- 
folgerungen zu gewinnen. Es liegt dann nahe, daß wir solche 
Beispiele von Witz zu Objekten unserer Untersuchung nehmen, 
die uns selbst im Leben den größten Eindruck gemacht und uns 
am ausgiebigsten lachen gemacht haben. 

Ob das Thema des Witzes solcher Bemühung wert ist? Ich 
meine, daran ist nicht zu zweifeln. Wenn ich von persönlichen, 
während der Entwicklung dieser Studien aufzudeckenden, Motiven 
absehe, die mich drängen, Einsicht in die Probleme des Witzes 
zu gewinnen, kann ich mich auf die Tatsache des intimen Zu- 
sammenhanges alles seelischen Geschehens berufen, welche einer 
psychologischen Erkenntnis auch auf einem entlegenen Gebiet 
einen im vorhinein nicht abschätzbaren Wert für andere Gebiete 
zusichert. Man darf auch daran mahnen, welch eigentümlichen, 
geradezu faszinierenden Reiz der Witz in unserer Gesellschaft 
äußert. Ein neuer Witz wirkt fast wie ein Ereignis von all- 
gemeinstem Interesse; er wird wie die neueste Siegesnachricht 
von dem einen dem anderen zugetragen. Selbst bedeutende 
Männer, die es für mitteilenswert halten, wie sie geworden sind, 
welche Städte und Länder sie gesehen und mit welchen hervor- 
ragenden Menschen sie verkehrt haben, verschmähen es nicht, in 
ihre Lebensbeschreibung aufzunehmen, diese und jene vortreff- 
lichen Witze hätten sie gehört.*) 



*) J. v. Falke, Lebens er innenin gen, 1S97. 



II. Die Technik des Witzes. 

Wir folgen einem Winke des Zufalls und greifen das erste 
Witzbeispie] auf, das uns im vorigen Abschnitt entgegen ge- 
treten ist. 

In dem Stück der „Reisebilder", welches „Die Bäder von 
Lucca" betitelt ist, führt H. Heine die köstliche Gestalt des 
Lotteriekollekteurs und Hühneraugenoperateurs Hirsch-Hyacinth 
aus Hamburg auf, der sich gegen den Dichter seiner Beziehungen 
zum reichen Baron Rothschild berühmt und zuletzt sagt; Und 
so wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich saß 
neben Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie 
seines Gleichen, ganz famillionär. 

An diesem als ausgezeichnet anerkannten und sehr lach- 
kräftigen Beispiel haben Hey man s und Lipps die Ableitung 
der komischen Wirkung des Witzes aus der „Verblüffung und 
Erleuchtung" (s. o.) erläutert. Wir aber lassen diese Frage bei- 
seite und stellen uns die andere: was es denn ist, was die Rede 
des Hirsch-Hyacinth zu einem Witze macht? Es könnte nur 
zweierlei sein; entweder ist es der in dem Satz ausgedrückte Ge- 
danke, der den Charakter des Witzigen an sich trägt, oder der 
Witz haftet an dem Ausdruck, den der Gedanke in dem Satze 
gefunden hat. Auf welcher Seite sich uns der Witzcharakter 
zeigt, dort wollen wir ihn weiter verfolgen und versuchen, seiner 
habhaft zu werden. 

Ein Gedanke kann ja im allgemeinen in verschiedenen 
sprachlichen Formen — in Worten also — zum Ausdruck ge- 
bracht werden, die ihn gleich zutreffend wiedergeben mögen. In 
der Rede des Hirsch-Hyacinth liegt uns nun eine bestimmte 
Ausdrucksform eines Gedankens vor und, wie uns ahnt, eine be- 
sonders eigentümliche, nicht diejenige, welche am leichtesten ver- 
ständlich ist. Versuchen wir, denselben Gedanken möglichst 
getreulich in anderen Worten auszudrücken. Lipps hat dies 
bereits getan und damit die Fassung des Dichters gewissermaßen 
erläutert. Er sagt (S. 87): „Wir verstehen, daß Heine sagen 
will, die Aufnahme sei eine familiäre gewesen, nämlich von der 
bekannten Art, die durch den Beigeschmack des MiUionärtums 
an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt." Wir verändern 



Heine's Witz: Famillionär. ' g 

nichts an diesem Sinn, wenn wir eine andere Fassung annehmen, 
die sich vielleicht besser in die Rede des Hirsch-Hyacinth einfügt; 
„Rothschild behandelte mich ganz wie seines Gleichen, ganz 
familiär, d. h. soweit ein Millionär das zu stände bringt." 
„Die Herablassung eines reichen Mannes hat immer etwas Mißliches 
für den, der sie an sich erfährt," würden wir noch hinzusetzen.*) 

Ob wir nun bei dieser oder einer anderen gleichwertigen 
Textierung des Gedankens verbleiben, wir sehen, daß die Frage, 
welche wir uns vorgelegt haben, bereits entschieden ist. Der Witz- 
Charakter haftet in diesem Beispiel nicht am Gedanken. Es ist 
eine richtige und scharfsinnige Bemerkung, die Heine seinem 
Hirsch-Hyacinth in den Mund legt, eine Bemerkung von unver- 
kennbarer Bitterkeit, wie sie bei dem armen Manne angesichts 
so großen Reichtums leicht begreifhch ist, aber wir würden uns 
nicht getrauen, sie witzig zu heißen. Meinte nun jemand, der 
bei der Übertragung die Erinnerung an die Fassung des Dichters 
nicht los zu werden vermag, der Gedanke sei doch auch an sich 
witzig, so können wir ja auf ein sicheres Kriterium des bei der 
Übertragung verloren gegangenen Witzcharakters verweisen. Die 
Rede des Hirsch-Hyacinth machte uns laut lachen, die sinngetreue 
Übertragung- derselben nach L i p p s oder in unserer Fassung 
mag uns gefallen, zum Nachdenken anregen, aber zum Lachen 
bringen kann sie uns nicht. 

Wenn aber der Witzcharakter unseres Beispiels nicht dem 
Gedanken anhaftet, so ist er in der Form, im Wortlaut seines 
Ausdruckes zu suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser 
Ausdrucksweise zu studieren, um zu erfassen, was man als die 
Wort- oder Ausdruckstechnik dieses Witzes bezeichnen kann und 
was in inniger Beziehung zu dem Wesen des Witzes stehen muß, 
da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen Ersetzung 
durch anderes verschwinden. Wir befinden uns übrigens in voller 
Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf die 
sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt K. Fischer 
{S. 72): „Es ist zunächst die bloße Form, die das Urteil zum 
Witz macht, und man wird hier an ein Wort Jean Paul's er- 
innert, welches eben diese Natur des Witzes in demselben Aus- 
spruche erklärt und beweist: „So sehr sieget die bloße Stellung, 
es sei der Krieger oder der Sätze." 



*) Derselbe Witz wird uns noch an anderer Stelle beschäftigen, und 
dort werden wir Anlaß finden, an der von Lipps gegebenen Übertragung 
desselben, dfcr sich die unserige anschließt, eine Korrektur vorzunehmen, 
welche aber die hier nachfolgenden Erörterungen nicht zu stören vermag. 



10 



II. Die Technik des Witzes. 



Worin besteht nun die „Tochnik" dieses Witzes? Was ist 
mit dem Gedanken etwa in unserer Fassung vorgegangen, bis 
aus ihm der Witz wurde, über den wir so herzlich lachen ? 
Zweierlei, wie die Vergleichung unserer Fassung mit dem Text 
des Dichters lehrt. Erstens hat eine erhebliche Verkürzung 
stattgefunden. Wir mußten, um den im Witz enthaltenen Ge- 
danken voll auszudrücken, an die Worte „R. behandelte mich 
ganz wie seines Gleichen, ganz familiär", einen Nach- 
satz anfügen, der auf's kürzeste eingeengt lautete; d. h. soweit 
ein Millionär das zu stände bringt, und dann fühlten 
wir erst noch das Bedürfnis nach einem erläuternden Zusatz.*) 
Beim Dichter heißt es weit kürzer: 

„R. behandelte mich ganz wie seines Gleichen, 
ganz famillionär." Die ganze Einschränkung, die der zweite 
Satz an den ersten anfügt, welcher die familiäre Behandlung 
konstatiert, ist im Witze verloren gegangen. 

Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie 
rekonstruieren kann. Es hat auch noch eine zweite Abänderung 
stattgefunden. Das Wort „familiär" im witzlosen Ausdruck 
des Gedankens ist im Text des Witzes zu „famillionär" um- 
gewandelt worden, und ohne Zweifel hängt gerade an diesem 
Wortgebilde der Witzcharakter und der Lacheffekt des Witzes. 
Das neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem 
„familiär" des ersten, in seinen auslautenden Silben mit dem 
„Millionär'' des zweiten Satzes, es vertritt gleichsam den einen 
Bestandteil „Millionär" aus dem zweiten Satze, infolgedessen den 
ganzen zweiten Satz, und setzt uns auf diese Weise in den Stand, 
den im Text des Witzes ausgelassenen zweiten Satz zu erraten. 
Es ist als ein Mischgebilde aus den zwei Komponenten „familiär" 
und „Millionär" zu beschreiben, und man wäre versucht, sich 
seine Entstehung aus diesen beiden Worten graphisch zu ver- 
anschaulichen.**) 

F A M I L I AR 

F A M IL I ©MÄR 



*) Ganz älmliches gilt für die Übertragung von Lipps. 

**) Die beiden Worten gemeinsamen Silben sind hier fett ge- 
druckt im Gegensatz zu den verschiedenen Typen der besonderen Be- 
standteile beider Worte. Das zweite I, welches in der Aussprache kaum 
zur Geltung kommt, dürfte natürlich übergangen werden. Es ist naheliegend, 
daß die Übereinstimmung der beiden Worte in mehreren Silben der Witz- 
technik den Anlaß zur Herstellung des Mischwortes bietet. 



Mischvvortbildung. 



II 



Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den Witz 
übergeführt hat, kann man sich in folgender Weise darstellen, 
die zunächst recht phantastisch erscheinen mag, aber nichts- 
destoweniger genau das wirklich vorhandene Ergebnis liefert: 
„R. behandelte mich ganz famiHär, 

d. h. soweit ein Millionär es zu stände bringt." 

Nun denke man sich eine zusammendrängende Kraft auf 
diese Sätze einwirken und nehme an, daß der Nachsatz aus irgend 
einem Grunde der weniger resistente sei. Dieser wird dann zum 
Schwinden gebracht werden, der bedeutsame Bestandteil desselben, 
das Wort „Millionär", welches sich gegen die Unterdrückung zu 
sträuben vermag, wird gleichsam an den ersten Satz angepreßt, 
mit dem ihm so sehr ähnlichen Element dieses Satzes ,_jfamiliär" 
verschmolzen, und gerade diese zufällig gegebene Möglichkeit, 
das Wesentliche des zweiten Satzes 2u retten, wird den Untergang 
der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So entsteht 
dann der Witz; „R. behandelte mich ganz familion är." 

(mili) (är) 

Abgesehen von solcher zusammendrängenden Kraft, die uns 
ja unbekannt ist, dürfen wir den Hergang der Witzbildung, also 
die Witztechnik dieses Falles, beschreiben als eine Verdich- 
tung mit Ersatzbildung, und zwar besteht in unserem 
Beispiel die Ersatzbildung in der Herstellung eines Misch w orte s. 
Dieses Mischwort „famillionar", an sich unverständlich, in dem 
Zusammenhange, in dem es steht, sofort verstanden und als sinn- 
reich erkannt, ist nun der Träger der zum Lachen zwingenden 
Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch 
die Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise näher gebracht 
wird. Inwiefern kann ein sprachlicher Verdichtungsvorgang mit 
Ersatzbildung durch ein Mischwort uns Lust schaffen und zum 
Lachen nötigen ? Wir merken, dies ist ein anderes Problem, dessen 
Behandlung wir aufschieben dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm 
gefunden haben. Vorläufig werden wir bei der Technik des 
Witzes verbleiben. 

Unsere Erwartung, daß die Technik des Witzes für die 
Einsicht in das Wesen desselben nicht gleichgültig sein könne, 
veranlaßt uns zunächst zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele 
gibt, die wie H e i n e's „famillionar" gebaut sind. Es gibt deren 
nun nicht sehr viele, aber immerhin genug, um eine kleine Gruppe, 
die durch die Mischwortbildung charakterisiert ist, aufzustellen. 
Heine selbst hat aus dem Worte Millionär einen zweiten Witz 
gezogen, sich gleichsam selbst kopiert, indem er von einem 



12 II. Die Technik des Witzes. 



„MilHonarr" spricht (Ideen, Kap. XIV), was eine durchsichtige 
Zusanunenziehung von Millionär und Narr ist und ganz ähn- 
lich wie das erste Beispiel einen unterdrückten Nebengedanken 
zum Ausdruck bringt. 

Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind; Die 

Berliner heißen einen gewissen Brunnen in ihrer Stadt, 

dessen Errichtung dem Oberbürgermeister Forckenbeck viel 

Ungnade zugezogen hat, das „Forckenbecken", und dieser 

Bezeichnung ist der Witz nicht abzusprechen, wenngleich das Wort 

„Brunnen' erst eine Wandlung in das ungebräuchliche „Becken" 

erfahren mußte, um mit dem Namen in einem Gemeinsamen 

zusammenzutreffen. — Der böse Witz Europas hat einen der heute 

lebenden Potentaten aus Leopold in Cleopold umgetauft 

wegen seiner Anhänglichkeit an eine Dame mit dem Vornamen 

CUo, eine unzweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem 

Aufwand eines einzigen Buchstaben eine ärgerliche Anspielung 

immer frisch erhält. — Eigennamen verfallen überhaupt leicht 

dieser Bearbeitung der Witztechnik: In Wien gab es zwei Brüder, 

namens Salinger, von denen einer Börsensensal war. Das gab 

die Handhabe, den einen Bruder Sensalinger zu nennen, 

während für den anderen zur Unterscheidung die unliebenswürdige 

Bezeichnung Scheusalinger in Aufnahme kam. Es war bequem 

tmd gewiß witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. Der 

Witz pflegt darnach nicht viel zu fragen. 

Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger 
Mann, der bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt 
besucht nach längerer Abwesenheit einen hier wohnenden Freund' 
der nun mit Überraschung den Ehering an der Hand des Be- 
suchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie sind verheiratet? Ja, 
lautet die Antwort : Trauring, aber wahr. Der Witz ist 
vortrefflich ; in dem Worte „Trauring" kommen die beiden Kom- 
ponenten, das Wort: Ehering in Trauring gewandelt und der 
Satz: Traurig, aber wahr, zusammen. 

Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß das 
Mischwort eigentlich nicht ein unverständliches, sonst nicht existenz- 
fähiges Gebilde ist, wie „famillionär", sondern sich vollkommen 
mit dem einen der beiden verdichteten Elemente deckt. 

Zu einem Witz, der wiederum dem „famillionär" ganz analog 
ist, habe ich selbst im Gespräche unabsichtlich das Material ge- 
liefert. Ich erzähhe einer Dame von den großen Verdiensten 
eines Forschers, den ich für einen mit Unrecht Verkannten halte. 
„Aber der Mann verdient doch ein Monument," meinte sie. „Mög- 



Verdichtung mit Ersatzbildung. 13 

lieh, daß er es einmal bekommen wird," antwortete ich, „aber 
momentan ist sein Erfolg sehr gering." „M o n u m e n t" und 
„momentan" sind Gegensätze." Die Dame vereinigt nun die 
Gegensätze; Also wünschen wir ihm einen monumentanen Erfolg. 

Das vorzüglichste Witzbeispiel dieser Gruppe hat einen der 
ersten Männer Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer 
wissenschaftlicher und Öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt 
im Staate bekleidet. Ich habe mir die Freiheit genommen, die 
Witze, die dieser Person zugeschrieben werden und in der Tat 
alle das gleiche Gepräge tragen, als Material für diese Unter- 
suchungen zu verwenden,*) vor allem darum, weil es schwer ge- 
halten hätte, sich ein besseres zu verschaffen. 

Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers 
aufmerksam gemacht, der durch eine Reihe von wirklich lang- 
weiligen Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer Wiener 
Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Aufsätze behandeln durchweg 
kleine Episoden aus den Beziehungen des ersten Napoleon zu 
Österreich. Der Verfasser ist rothaarig. Herrr N. fragt, sobald 
er den Namen gehört hat: Ist das nicht der rote Fadian, 
der sich durch die Geschichte der Napoleoniden 
zieht? 

Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf 
ihn jenes Reduktionsverfahren anwenden, welches den Witz durch 
Änderung des Ausdruckes aufhebt und dafür den ursprünglichen 
vollen Sinn wieder einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz 
mit Sicherheit erraten läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten 
Fadian ist aus zwei Komponenten hervorgegangen, aus einem 
absprechenden Urteil über den Schriftsteller und aus der Reminis- 
zenz an das berühmte Gleichnis, mit welchem Goethe die Aus- 
züge. „Aus Ottiliens Tagebuche" in den „Wahlverwandtschaften" 
einleitet.**) Die unmutige Kritik mag gelautet haben: Das also 
ist der Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige 

*) Ob ich ein Recht dazu habe? Ich bin wenigstens nicht durch eine 
Indiskretion zur Kenntnis dieser Witze gekommen, die in dieser Stadt 
(Wien) allgemein bekannt sind und in jedermanns Munde gefunden werden. 
Eine Anzahl derselben hat Ed. Hanslick in der „Neuen freien Presse" und 
in seiner Autobiographie der Öffentlichkeit übergeben. Für die bei münd- 
licher Tradition kaum vermeidlichen Entstellungen, die etwa die anderen 
betroffen hätten, bitte ich um Entschuldigung. 

**) „Wir hören von einer besonderen Einrichtung in der englischen 
Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis 
zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch 
das GaÄZc durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles auf- 



14 n. Die Technik des Witzes. 

Feuilletons über Napoleon in Österreich zu schreiben weiß ! Diese 
Äußerung ist nun gar nicht witzig. Auch der schöne Vergleich 
Goethe 's ist kein witziger und ganz gewiß nicht geeignet, uns 
zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese beiden in Beziehung 
zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen Verdichtungs- 
und Verschmclzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz, und zwar 
vom ersten Range.*) 

Die Verknüpfung zwischen dem schimpfhchen Urteil über 
den langweiligen Geschichtschreiber und dem schönen Gleichnis 
in den Wahlverwandtschaften, muß sich aus Gründen, die ich 
hier noch nicht verständlich machen kann, auf weniger einfache 
Weise hergesteUt haben als in vielen ähnlichen Fällen. Ich werde 
es versuchen, den vermutlichen wirkhchen Hergang durch folgende 
Konstruktion zu ersetzen. Zunächst mag das Element der be- 
ständigen Widerkehr desselben Themas bei Herrn N. eine leise 
Reminiszen:: an die bekannte Stelle der Wahlverwandtschaften 
geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit dem Wortlaut „es 
zieht sich wie ein roter Faden" zitiert wird. Der „rote 
Faden" des Gleichnisses übte nun eine verändernde Wirkung auf den 
Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Umstandes, 
daß auch der Geschmähte rot, nämlich rothaarig ist. Es mag' 
nun gelautet haben : Also dieser rote Mensch ist es, der 
die langweiligen Feuilletons über Napoleon 
schreibt. Nun griff der Prozeß ein, der die Verdichtung beider 
Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke desselben der 
in der Gleichheit des Elements „rot" den ersten Stützpunkt ge- 
funden hatte, assimilierte sich das „langweilig" dem Faden" 
und verwandelte sich in „fad", und nun konnten die beiden Kom- 
ponenten verschmelzen zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem 
diesmal das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß ursprünglich 
allein vorhandene schmähende Urteil. 

„Also dieser rote Mensch i^t es, der das f a d e Zeug über N. schreibt. 
Der rote Faden, dersichdurch 

[alles hindurchzieht. 

Ist das nicht der rote Fadian der sich durch die Ge- 

[schichte der N. zieht?" 

t zulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, daß sie der 

Krone gehören. Eben so zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden 
der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze be- 
zeichnet.« (20. Band der Sophien- Ausgabe, S. 212.) 

y 

i, '0 Wie wenig diese regelmäßig zu wiederholende Beobachtung mit 

' der Behauptung stimmt, der Witz sei ein spielendes Urteil, brauche ich 

{ nur anzudeuten. 



Verdichtung mit Modifikation. 15 

Eine Rechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Dar- 
stellung werde ich in einem späteren Abschnitt geben, wenn ich 
diesen Witz von anderen als bloß formalen Gesichtspunkten her 
analysieren darf. Was immer aber an ihr zweifelhaft sein möge, 
die Tatsache, daß hier eine Verdichtung vorgefallen ist, kann 
nicht in Zweifel gezogen werden. Das Er_gebnis der Verdichtung 
ist einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung, anderseits an- 
statt einer auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine Durch- 
dringung der Bestandteile beider Komponenten. „R o t e r F a d i a n" 
wäre immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig; es ist in 
unserem Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt. 

Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unvviUig würde 
über eine Betrachtungsweise, die ihm das Vergnügen am Witz 
zu zerstören droht, ohne ihn über die Quelle dieses Vergnügens 
aufklären zu können, so würde ich ihn zunächst um Geduld bitten. 
Wir stehen erst bei der Technik des Witzes, deren Untersuchung 
ja auch Aufschlüsse verspricht, wenn wir sie erst weit genug aus- 
gedehnt haben. 

Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet 
darauf, daß, wenn wir dem Verdichtungsvorgang noch in anderen 
Beispielen begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nicht in einer 
Mischwortbildung, sondern auch in einer anderen Abänderung des 
Ausdrucks gegeben sein könne. Worin dieser andersartige Ersatz 
bestehen mag, wollen wir aus anderen Witzen des Herrn N. lernen. 

„Ich bin tete-ä-bete mit ihm gefahren." Nichts 
leichter als diesen Witz zu reduzieren. Offenbar kann es dann 
nur heißen: Ich bin tete-ä-t6tc mit dem X. gefahren, und der 
X. ist ein dummes Vieh, 

Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz zu- 
sammengezogen : Ich bin tete-ä-t^te mit dem dummen 
Vieh von X. gefahren, was ebensowenig witzig ist. Der Witz 
stellt sich erst her, wenn das „dumme Vieh" weggelassen wird 
und zum Ersatz dafür das eine t e t e sein, t in b verwandelt, mit 
welcher geringen Modifikation das erst unterdrückte „Vieh" doch 
wieder xura Ausdruck gelangt. Man kann die Technik dieser Gruppe 
von Witzen beschreiben als Verdichtung mit leichter 
Modifikatio n und ahnt, daß der Witz um so besser sein 
wird, je geringfügiger die Ersatzmodifikation ausfällt. 

Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik 
eines anderen Witzes. Herr N. sagt im Wechselgespräch über 
eine Person an der manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist : 
Ja, die Eitelkeit ist eine seiner vier Achillesfersen. 



i6 



II. Die Technik des Witzes. 



Die leichte Modifikation besteht hier darin, daß anstatt der 
einen Achillesferse, die man ja auch beim Helden zu- 
gestehen muß, deren vier behauptet werden. Vier Fersen, also 
vier Füße hat aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im 
Witz verdichteten Gedanken gelautet: 

„Y. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervorragen- 
der Mensch; aber ich mag ihn doch nicht, er ist 
doch eher ein Vieh als ein Mensch."*) 

Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer Witz, den ich 
in einem Familienkreise im statu nascendi zu hören bekam. Von 
zwei Brüdern, Gymnasiasten, ist der eine ein vortrefflicher, der 
andere ein recht mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem 
Musterknaben einmal ein Unfall in der Schule, den die Mutter 
zur Sprache bringt, um der Besorgnis Ausdruck zu geben, das 
Ereignis könne den Anfang einer dauernden Verschlechterung be- 
deuten. Der bisher durch seinen Bruder verdunkelte Knabe greift 
diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er, Karl geht auf allen 
Vieren zurück. 

Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur 
Versicherung, daß der andere auch nach seinem Urteil zurückgeht. 
Diese Modifikation vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches 
Plaidoyer für die eigene Sache: Überhaupt müßt ihr nicht glauben, 
daß er darum soviel gescheiter ist als ich, weil er in der Schule 
besseren Erfolg hat. Er ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel 
dümmer, als ich bin. 

Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifi- 
kation zeigt ein anderer sehr bekannter Witz des Herrn N. der 
von einer im öffentlichen Leben stehenden PersönHchkeit' be- 
hauptete, sie habe eine große Zukunft hinter sich. Es 
war ein jüngerer Mann, auf den dieser Witz zielte, der durch 
seine Abstammung, Erziehung und seine persönlichen Eigen- 
schaften berufen schien, dereinst die Führung einer großen Partei 
zu übernehmen und an ihrer Spitze zur Regierung zu gelangen. 
Aber die Zeiten änderten sich, die Partei wurde regierungsunfähig, 
und nun ließ sich vorhersehen, daß auch der zu ihrem Führer 
prädestinierte Mann es zu nichts bringen werde. Die kürzeste 
reduzierte Fassung, durch die man diesen Witz ersetzen könnte, 

*) Eine der Komplikationen der TechnikMieses Beispiels liegt darin, 
daß die Modifikation, durch welche sich die ausgelassene Schmähung 
ersetzt, als Anspielung auf diese letztere zu bezeichnen ist, da sie 
erst Über einen Schlußprozeß zu ihr hinführt. Über ein anderes Moment, 
welches hier die Technik kompliziert, s. u. 



Verdichtung mit Modifikation. jy 

würde lauten: Der Mann hat eine große Zukunft vor 
sich gehabt, mit der ist es aber jetzt ans. Anstatt des 
„gehabt" und des Nachsatzes die kleine Veränderung im Haupt- 
satze, daß das „vor" durch ein „hinter", sein Gegenteil, 
abgelöst wird.*) 

Fast der nämlichen Modifikation bediente sich Herr N. im 
Falle eines Kavaliers, der Ackerbauminister geworden war ohne 
anderes Anrecht, als daß er selbst Landwirtschaft betrieb. Die 
öffentliche Meinung hatte Gelegenheit, ihn als den mindest be- 
gabten, der je mit diesem Amt betraut gewesen, zu erkennen 
Als er aber das Amt niedergelegt und sich auf seine landwirt- 
schafthchen Interessen zurückgezogen hatte, sagte Herr N. von ihm: 

^ \^/^^' '"'^ Cincinnatus, auf seinen Platz vor 
dem Pflug zurückgekehrt. 

Der Römer, den man auch von der Landwirtschaft weg zum 
Amt berufen hatte, nahm seinen Platz hinter dem Pflug wieder 
em. Vor dem Pflug ging damals wie heute nur - der Ochs. 

Eine gelungene Verdichtung mit leiser Modifikation ist es 
auch, wenn em witziger Schriftsteller von einem sog. Revolver- 
Journalisten mitteilt, er sei mit dem Or i en terp r eß zug in 
emes der Balkanländer gefahren. Gewiß treffen in diesem Wort 
die beiden anderen „O rientexpr eß zug" und „E rpr e ss ung" 
zusammen. Infolge des Zusammenhanges macht sich das Element 
„Erpressung' nur als Modifikation des vom Verbum geforderten 
„Onentexpreßzuges" geltend. Dieser Witz hat für uns, indem er 
einen Druckfehler vorspiegelt, noch ein anderes Interesse. 

Wir könnten die Reihe dieser Beispiele leicht um weitere 
verrnehren aber ich meine, wir bedürfen keiner neuen Fälle, um 

tt M H^rf 7- ^''^"'^^ '^ ^'''^' ^-^"^" Gruppe, Vetdichtung 

mit Modifikation sicher zu erfassen. Vergleichen wir nun die 

M ^ Tu "", ^'^ '"''"■ ""''^'^ '^^^^"^^ '" Verdichtung mit 
M.schwortbildung bestand, so sehen wir leicht ein, daß die Unter- 
schiede nicht wesentliche und die Übergänge fließend sind. Die 
Mischwortbildung wie die Modifikation unterordnea sich dem Be 
griff der Ersatzbildung, und wenn wir wollen, können wir die 

«) An der Technik dieses Witzes wirkt noch ein anderes Moment 
mit, welches ich mir spater anzuführen aufspare. Es betrifft den inh. it 
liehen Charakter der Modihkation (Darstellung durch das Geeenteil W" 
dersimi). Die Witztechnik ist durch nichts behindert, sich mehrerer Mittel 
gleichzeitig zu bedienen, die wir aber nur der Reihe nach kennen lemTn 
können. " 

Freud, Der Witz. - 



iS 



II. Die Technik des Witzes. 



Mischwortbildung auch als Modifikation des Grundwortes durch das 
zweite Element beschreiben. 



Wir dürfen aber hier einen ersten Halt machen und uns 
fragen, mit welchem aus der Literatur bekannten Moment sich 
unser erstes Ergebnis ganz oder teilweise deckt. Offenbar mit 
dem der Kürze, die Jean Paul die Seele des Witzes nennt 
(s. o. S. 5). Die Kürze ist nun nicht an sich witzig, sonst wäre 
jeder Lakonismus ein Witz. Die Kürze des Witzes muß von 
besonderer Art sein. Wir erinnern uns, daß Lipps versucht 
hat, die Besonderheit der Witzkürzung näher zu beschreiben 
(s. S. 5). Hier hat nun unsere Untersuchung eingesetzt und 
nachgewiesen, daß die Kürxe des Witzes oftmals das Ergebnis 
eines besonderen Vorganges ist, der im Wortlaut des Witzes eine 
zweite Spur, die Ersatzbildung, hinterlassen hat. Bei der An- 
wendung des Reduktionsverfahrens, welches den eigentümlichen 
Verdichtungsvorgang rückgängig zu machen beabsichtigt, finden 
wir aber auch, daß der Witz nur an dem wörtlichen Ausdruck 
hängt, welcher durch den Verdichtungsvorgang hergestellt wird. 
Natürlich wendet sich jetzt unser volles Interesse diesem sonder- 
baren und bisher fast nicht gewürdigten Vorgang zu. Wir können 
auch noch gar nicht verstehen, wie aus ihm all das Wertvolle 
des Witzes, der Lustgewinn, den der Witz uns bringt, entstehen 
kann. 

Sind ähnliche Vorgänge, wie wir sie hier als Technik des 
Witzes beschrieben haben, auf irgend einem anderen Gebiete des 
seelischen Geschehens schon bekannt geworden? Allerdings, auf 
einem einzigen und scheinbar recht weit abliegenden. Im Jahre 
1900 habe ich ein Buch veröffentlicht, welches, wie sein Titel 
(„Die Traumdeutung") besagt, den Versuch macht, das Rätselhafte 
des Traumes aufzuklären und ihn als Abkömmling normaler seeli- 
scher Leistung hinzustellen. Ich finde dort Anlaß, den mani- 
festen, oft sonderbaren Trauminhalt in Gegensatz zu bringen 
zu den latenten, aber völlig korrekten Traum gedanken, 
von denen er abstammt, und gehe auf die Untersuchung der 
Vorgänge ein, welche aus den latenten Traumgedanken den Traum 
machen, sowie der psychischen Kräfte, die bei dieser Umwandlung 
beteiligt sind. Die Gesamtheit der umwandelnden Vorgänge nenne 
ich die Traumarbeit und als ein Stück dieser Traumarbeit 
habe ich einen Verdichtungsvorgang beschrieben, der mit dem 
der Witztechnik die größte Ähnlichkeit zeigt, wie dieser zur Ver- 
kürzung führt und Ersatzbildungen vom gleichen Charakter schafft. 



Die Verdichtung in der Trauniarbeit aufzufinden. ig 

Jedem werden aus eigener Erinnerung an seine Träume die Misch- 
gebilde von Personen und auch von Objekten bekannt sein, die 
in den Träumen auftreten; ja, der Traum bildet auch solche von 
Worten, die sich dann in der Analyse zerlegen lassen (z. B. Auto- 
didasker = Autodidakt + Lasker" („Die Traumdeutung", S. 206). 
Andere Male, und zwar noch viel häufiger, werden von der Ver- 
dichtungsarbeit des Traumes nicht Mischgebilde erzeugt, sondern 
Bilder, die völlig einem Objekt oder einer Person gleichen bis 
auf eine Zutat oder Abänderung, die aus anderer Quelle stammt 
also Modifikationen ganz wie die in den Witzen des Herrn n' 
Wir können nicht bezweifeln, daß wir hier wie dort den nämhchen 
psychischen Prozeß vor uns haben, den wir an den identischen 
Leistungen erkennen dürfen. Eine so weitgehende Analogie der 
Witztechmk mit der Traumarbeit wird gewiß unser Interesse für 
die erstere steigern und die Erwartung in uns rege machen, 
aus emem Vergleich von Witz und Traum manches zur Auf- 
klarung des Witzes zu ziehen. Aber wir enthalten uns, auf diese 
Arbeit emzugehen, indem wir uns sagen, daß wir die Technik 
erst bei einer sehr geringen Zahl von Witzen erforscht haben 
so daß wir nicht wissen können, ob die Analogie, deren Leitung 
wir uns überlassen wollen, auch vorhalten wird. Wir wenden uns 
also von dem Vergleich mit dem Traume ab und kehren zur 
Witztechnik zurück, lassen an dieser Stelle unserer Untersuchung 
gleichsam einen Faden heraushängen, den wir vielleicht später 
wieder aufnehmen werden. 

Das nächste, was wir erfahren wollen, ist, ob der Vorgang 
der Verdichtung mit Ersatzbildung bei allen Witzen nachweisbar 
ist, so daß er als der allgemeine Charakter der Witztechnik 
bezeichnet werden kann. 

Ich erinnere mich da an einen Witz, der mir infolge be- 
sonderer Umstände im Gedächtnis geblieben ist. Einer der großen 
Lehrer memer jungen Jahre, den wir für unbefähigt hielten, einen 
Witz zu schätzen, wie wir auch nie einen eigenen Witz von ihm 
gehört hatten, kam eines Tages lachend in das Institut und gab 
bereitwilliger als sonst Bescheid über den Anlaß seiner heiteren 
Stimmung. „Ich habe da einen vorzüglichen Witz gelesen In 
einem Pariser Salon wurde ein junger Mann eingeführt, der ein 
Verwandter des großen J. J. Rousseau sein sollte und auch diesen 
Namen trug. Er war überdies rothaarig. Er benahm sich aber 
so ungeschickt, daß die Dame des Hauses zu dem Herrn der 
ihn eingeführt, als Kritik äußerte: „Vous m'avez fait connaitre 

2* 



20 



II Die Technik des Witzes. 



un jeune honime roux et sot, mais non pas un Rousseau." 
Und er lachte von neuem. 

Dies ist nach der Nomenklatur der Autoren ein Klangwitz, 
und zwar niedriger Sorte, einer, der mit dem Eigennamen spielt, 
etwa wie der Witz in der Kapuzinade aus Wallenstein's Lager, die 
bekanntlich der Manier des Abraham a Santa Clara nach- 
gebildet ist: 

„Läßt sich nennen den Wallenstein, 
ja freilich ist er uns allen ein Stein 
des Anstoßes und Ärgernisses."*} 

Welches ist aber die Technik dieses Witzes? 

Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht 
hoffen allgemein nachzuweisen, schon bei dem ersten neuen Fall 
versagt. Es liegt hier keine Auslassung, kaum eine Verkürzung 
vor. Die Dame sagt im Witze selbst fast alles aus, was wir ihren 
Gedanken unterlegen können. „Sie haben mich auf einen Ver- 
wandten von J. J. Rousseau gespannt gemacht, vielleicht einen 
Geistesverwandten, und siehe da, es ist ein rothaariger dummer 
Junge, ein roux et sot." Ich habe da allerdings einen Zusatz, 
eine Einschaltung machen können, aber dieser Reduktionsversuch 
hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem Gleich- 

Rousseau. ^ . . . , ^ ,. ,- 

klang von — Damn ist nun erwiesen, daß die Ver- 

roux sot 

dichtung mit Ersatzbildung an dem Zustandekommen dieses Witzes 
keinen Anteil hat. 

Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich 
belehren, daß der Witz so lange resistent bleibt, bis der Name 
Rousseau durch einen anderen ersetzt wird. Ich setze z. B. 
anstatt desselben Racine ein und sofort hat die Kritik der Dame, 
die ebenso möglich bleibt wie vorhin, jede Spur von Witz ein- 
gebüßt. Nun weiß ich. wo ich die Technik dieses Witzes zu 
suchen habe, kann aber noch über deren Formulierung schwanken; 
ich will folgende versuchen: Die Technik des Witzes liegt darin, 
daß em und dasselbe Wort — der Name — in zweifacher 
Verwendung vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine 
Silben zerteilt wie in einer Scharade. 

Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer 
Technik mit diesem identisch sind. 

(Nach T h. V i s c h e r und K. Fischer.) Als in Berlin einmal 
die Antigone aufgeführt wurde, fand die Kritik, daß die Auf- 

*) Daß dieser Witz infolge eines anderen Moments doch einer 
höheren Einschätzung würdig ist, kann erst an späterer Stelle gezeigt werden. 



-™n- 



Zerteilungswitze. 21 

führung des antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz 
machte sich diese Kritik in folgender Weise zu eigen; Antik? 
Oh, n e c. 

In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch. 
Wenn man einen seiner jugendlichen Patienten befragte, ob er 
sich je mit der iVIasturbation befaßt habe, würde man gewiß 
keine andere Antwort hören als: O na, nie. 

In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen, 
dieselbe Technik des Witzes. Ein Name wird in ihnen zweimal 
verwendet, das eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben 
zerteilt, in welcher Zerteilung seine Silben einen gewissen anderen 
Sinn ergeben.*) 

Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines 
Ganzen und dann der Silben, in die es sich zerfallen läßt, war 
der erste Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik, 
der uns begegnet ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber 
aus der Fülle der uns zuströmenden Beispiele erraten, daß die 
neu aufgefundene Technik kaum auf dieses eine Mittel beschränkt 
sein dürfte. Es gibt offenbar eine zunächst noch gar nicht über- 
sehbare Anzahl von Möglichkeiten, wie man dasselbe Wort oder 
dasselbe Material von Worten zur mehrfachen Verwendung in einem 
Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese Möglichkeiten als 
technische Mittel des Witzes entgegentreten? Es scheint so zu 
sein; die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es erweisen. 

Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen 
und nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die 

*) Die Güte dieser Witze beruht darauf, daß gleichzeitig ein anderes 
Mittel der Technik von weit höherer Ordnung zur Anwendung gekommen 
ist {s. u.). — An dieser Stelle kann ich übrigens auch auf eine Be- 
ziehung des Witzes zum Rätsel aufmerksam machen. Der Philosoph Fr- 
Brentano hat eine Gattung von Rätseln gedichtet, in denen eine kleine 
Anzahl von Silben zu erraten ist, die, zu einem Worte vereinigt oder so 
oder anders zusammengefaßt, einen anderen Sinn ergeben, z. B. : 

, . . ließ mich das Platanen blatt ahnen. 
oder: 
wie du deminder hast verschrieben, in der Hast verschrieben? 

Die zu erratenden Silben werden im Zusammenhang des Satzes durch 
das entsprechend oft zu wiederholende Füllwort dal . . ersetzt. Ein Kollege 
des Philosophen übte eine geistreiche Rache, als er von der Verlobung 
des in reiferen Jahren stehenden Mannes hörte, indem er fragte: Daldaldal 
daldaldal? (Brentano brennt-a-no?) 

Was macht den Unterschied zwischen diesen Daldal-Rätseln und den 
obenstehenden Witzen? Daß in ersteren die Technik als Bedingung ange- 
geben ist und der Wortlaut erraten werden soll, während in den Witzen 
der Wortlaut mitgeteilt und die Technik versteckt ist. 



22 



II. Die Technik des Witzes. 



Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt, verschiedener 
Sinn sei doch mit denselben Worten gesagt worden, desto besser 
ist in technischer Hinsicht der Witz. 

D. Spitzer (Wiener Spaziergänge, IL Bd., S. 42): 
„Das Ehepaar X. lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der 
Ansicht der einen soll der Mann viel verdient imd sich 
dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder 
soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel 
verdient haben." 

Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen 
Mitteln er hergestellt ist I Viel verdient — sich etwas zurückgelegt, 
sich etwas zurückgelegt — viel verdient; es ist eigentlich nichts 
als eine Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom 
Manne Ausgesagte von dem über die Frau Angedeuteten unter- 
scheidet. Allerdings ist dies auch hier wiederum nicht die ganze 
Technik dieses Witzes. 

Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn 
man die „mehrfache Verwendung des gleichen Mate- 
rials" dahin ausdehnt, daß das Wort — oder die Worte —, an 
denen der Witz haftet, das eine Mal unverändert, das andere 
Mal mit einer kleinen Modifikation gebraucht werden dürfe. 

Z. B. ein anderer Witz des Herrn N.: 

Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist, 
eine gehässige Äußerung über jüdisches Wesen. ,,Herr Hofrat," 
meint er, „Ihr An t e se mi t ismu s war mir bekannt, Ihr Anti- 
ser.iitismus ist mir neu." 

Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modi- 
fikation bei sorgloser Aussprache kaum bemerkt wird. Das Bei- 
spiel erinnert an die anderen Modifikationswitze des Herrn N. 
(s. S. 15), aber zum Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Ver- 
dichtung; es ist im Witze selbst alles gesagt, was gesagt werden 
soll. „Ich weiß, daß Sie früher selbst Jude waren; es wundert 
mich also, daß gerade Sic über Juden schimpfen." 

Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes 
ist auch der bekannte Ausruf: Traduttore — Traditore! 

Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden 
Worte ergibt eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendig- 
keit, die den Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt. 

Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist 
bei 

gleicht. 



diesen Witzen so groß, daß keiner mehr ganz dem anderen 



Mehrfache Venvendung dei-selben Worte. 23 

Hier ein Witz, der sich bei einem rechtwissenschaftlichen 
Examen zugetragen haben soll! Der Kandidat soll eine Stelle des 
Corpus juris übersetzen. „Labeo ait" . . . Ich falle, sagt er 
. . . Sie fallen, sag' ich, erwidert der Prüfer und die Prüfung 
ist zu Ende. Wer den Namen des großen Rechtsgelehrten für 
eine, zudem falsch erinnerte, Vokabel verkennt, verdient freilich 
nichts besseres. Aber die Technik des Witzes liegt in der Ver- 
wendung fast der nämlichen Worte, welche die Unwissenheit des 
Geprüften bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den Prüfer. Der 
Witz ist außerdem ein Beispiel von „Schlagfertigkeit", deren 
Technik, wie sich zeigen lassen wird, von der hier erläuterten 
nicht viel absteht. 

Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei 
anfangen läßt. Es gibt Worte, welche in gewissen Verwendungen 
die ursprüngliche volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich 
in anderem Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von 
Lichtenberg sind gerade jene Verhältnisse herausgesucht, 
unter denen die abgeblaßten Worte ihre volle Bedeutung wieder 
bekommen müssen. 

„Wie geht's?" fragt der Blinde den Lahmen. „Wie Sie 
sehe n," antwortete der Lahme dem Blinden. 

Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne 
voll und leer genommen werden können, und zwar in mehr 
als nur einem. Es können nämlich zwei verschiedene ' Abkömmlinge 
desselben Stammes, das eine sich zu einem Worte mit voller Be- 
deutung, das andere sich zu einer abgeblaßten End- oder Anhänge- 
silbe entwickelt haben, und beide doch vollkommen gleich lauten. 
Der Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und einer abgeblaßten 
Silbe mag auch ein zufälliger sein. In beiden Fällen kann die 
Witztechnik aus solchen Verhältnissen des Sprachmaterials Nutzen 
ziehen. 

Schlciermacher wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der 
uns als fast reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist: 
Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, 
was Leiden schafft. 

Dies is' unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als 
Witz. Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die pns bei 
der Analyse anderer Witze irre machen können, so lange wir 
jeden von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wort- 
laut ausgedrückte Gedanke ist wertlos; er gibt jedenfalls eine 
recht ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im 
Unsinn", „verborgenem Sinn", „Verblüffung und Erleuchtung" ist 



24 



II, Die Technik des Witzes. 



keine Rede. Einen Vorstcilungskontrast wird man mit der größten 
Anstrengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den 
Worten und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von 
einer Verkürzung ist nichts zu finden; der Wortlaut macht im 
Gegenteil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es 
ein Witz, selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffälliger 
Charakter ist gleichzeitig derjenige, mit dessen Aufhebung der 
Witz verschwindet, nämlich daß hier dieselben Worte eine mehr- 
fache Verwendung erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man 
diesen Witz jener Unterabteilung zurechnen will, in welcher Worte 
einmal ganz und das andere Mal zerteilt gebraucht werden {wie 
Rousseau, Antigen e), oder jener anderen, in der die volle 
und die abgeblaßte Bedeutung von Wortbestandteilen die Mannig- 
faltigkeit herstellen. Außer diesem ist nur noch ein anderes 
Moment für die Technik des Witzes beachtenswert. Es ist hier 
ein ungewohnter Zusammenhang hergestellt, eine Art Unifizie- 
rung vorgenommen worden, indem die Eifersucht durch ihren 
eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst definiert ist. Auch 
dies ist, wie wir hier hören werden, eine Technik des Witzes. 
Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend sein, 
einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben. 

Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeit der „mehrfachen 
Verwendung" desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken 
wir mit einem Male, daß wir Formen von „Doppelsinn" oder 
„Wortspiel" vor uns haben, die als Technik des' Witzes länpt 
allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu haben wir uns die 
Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der seichtesten 
Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können ? Wir 
können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß 
wir an den nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks 
doch eine andere Seite hervorheben. Was bei den Autoren den 
„spielerischen" Charakter des Witzes erweisen soll, fällt bei uns 
unter den Gesichtspunkt der „mehrfachen Verwendung". 

Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man 
auch als Doppelsinn zu einer neuen, dritten Gruppe ver- 
einigen kann, lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die 
freilich nicht durch wesentliche Unterscheidungen von einander 
gesondert sind, ebensowenig wie die ganze dritte Gruppe von der 
zweiten. Da gibt es zunächst a) die Fälle von Doppelsinn eines 
Namens und seiner dinglichen Bedeutung, z. B. „Drück 
dich aus unserer Gesellschaft ab, Pistol" (bei Sha- 
kespeare). 



Doppelsinn und Wortspiel. 2=; 

„Mehr Hof als Freiung," sagte ein witziger Wiener mit Be- 
ziehung auf mehrere schöne Mädchenj die seit Jahren viel gefeiert 
wurden und noch immer keinen Mann gefunden hatten. „Hof" 
und „Freiung" sind zwei aneinander stoßende Plätze im Innern 
der Stadt Wien. 

Heine: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche 
Macteclh, sondern hier herrscht Banko" (Banquo). 

Wo der unveränderte Namen nicht brauchbar — man könnte 
sagen: nicht mißbrauchbar — ist, kann man mittels einer der 
uns bekannten kleinen Modifikationen den Doppelsinn aus ihm 
gewinnen : 

„Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurück- 
gewiesen?" fragte man in nun überwundenen Zeilen. Die Antwort 
lautete: „E 1 s a's (Elsaß) wegen." 

6) Den Doppelsinn der sachlichen und metaphori- 
schen Bedeutung eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die 
Witztechnik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold 
bekannter ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter Arthur 
Schnitzl^er: „Ich wundere mich nicht, daß du ein großer Dichter 
geworden bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen 
den Spiegel vorgehalten." Der Spiegel den der Vater des 
Dichters, der berühmte Arzt Dr. Schnitz 1er, gehandhabt, war 
der Kehlkopfspiegel; nach einem bekannten Ausspruch 
Haralet's ist es der Zweck des Schauspieles, also auch des 
Dichters, der es schafft, „der Natur gleichsam den Spiegel vor- 
zuhalten: der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes 
Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck 
seiner Gestalt zu zeigen" (III., 2. Szene). 

c) Den eigentlichen Doppelsinn oder das Wortspiel, der 
sozusagen ideale Fall der mehrfachen Verwendung; dem Wort 
wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silben- 
bestandteile zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unter- 
ziehen, nicht die Sphäre, der es angehört, etwa als Eigenname, 
mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im 
Gefüge des Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Um- 
stände zweierlei Sinn aussagen. 

Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung : 

(Nach K. Fischer.) Eine der ersten Regentenhandlungen 

des letzten Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter 

der Orleans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals „C'est le 

Premier vol de l'aigle. „Vol" heißt Flug, aber auch Raub. 



26 



II. Die Technik des Witzes, 



Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von 
dessen Talent man ihm erzählt hatte, auf die Probe zu stellen; 
bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz 
zu machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet" 
dieses Witzes sein. Der Hofmann antwortete mit dem geschickten 
Bonmot: „Le roi n'est pas sujet." „Sujet" heißt ja auch 
Untertan. 

Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu 
dem ihm begleitenden Ehemanne kopfschüttelnd: Die Frau ge- 
fällt mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, beeilt sich 
dieser zuzustimmen. 

Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau, 
er hat aber seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten 
ausgedrückt, daß der Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehe- 
lichen Abneigung finden kann. 

Von einer satyrischen Komödie sagte Heine: „Diese Satyre 
wäre nicht so b i s s i g geworden, wenn der Dichter mehr zu b e i ß e n 
gehabt hätte." Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphorischem 
und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber wem 
läge daran, hier an scharfen Grenzen festzuhalten? 

Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (H e y- 
mans, Lipps) in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis 
desselben verhindert wird.*J Die richtige Fassung und Ein- 

*) „Wenn Saphir," so sagt Heymans, „einem reichen Gläubiger, 
dem er einen Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl 
um die 300 Gulden, antwortet: Nein, Sie kommen um die 300 Gulden, 
so ist eben dasjenige, was er meint, in einer sprachlich vollkommen 
korrekten und auch keineswegs ungewöhnlichen Form ausgedrückt." In 
der Tat ist es so : Die Antwort Saphir's ist an sich betrachtet in 
schönster Ordnung. Wir verstehen auch, was er sagen will, nämlich, 
daß er seine Schuld nicht zu bezahlen beabsichtige. Aber Saphir ge- 
braucht dieselben Worte, die vorher von seinem Gläubiger gebraucht wur- 
den. Wir können also nicht umhin, sie auch in dem Sinne zu nehmen, in 
welchem sie von jenem gebraucht wurden. Und dann hat Saphir's Ant- 
wort gar keinen Sinn mehr. Der Gläubiger „kommt" ja überhaupt nicht. 
Er kann ja auch nicht um die 300 Gulden kommen, d.h.: er kann nicht 
kommen, um 300 Gulden zu bringen. Zudem hat er als Gläubiger nicht 
zu bringen, sondern zu fordern. Indem die Worte Saphir's in solcher 
Weise zugleich als Sinn und als Unsinn erkannt werden, entsteht die 
Komik" (Lipps, S. 97). 

Nach der oben stehenden, zur Aufklärung vollständig wiedergegebe- 
nen Fassung ist die Technik dieses Witzes weit einfacher als Lipps 
meint. Saphir kommt nicht, um die 30a Gulden zu bringen, sondern 
um sie erst von dem Reichen zu holen. Somit entfallen die Erörterungen 
über „Sinn und Unsinn" in diesem Witz. 



Doppelsinn. ay 

kleidung fand ich unlängst in einer sonst wenig brauchbaren 
Sammlung von Witzen.*) 

„Saphir kam einst mit Rothschild zusammen. Sie 
hatten kaum ein Weilchen miteinander geplaudert, als Saphir 
sagte: „Hören Sie, Rothschild, meine Kasse ist dünn geworden, 
Sie könnten mir loo Dukaten pumpen." „Je nun," erwiderte 
Rothschild, „darauf soll es mir nicht ankommen, aber nur 
unter der Bedingung, daß Sic einen Witz machen." „Darauf 
soll's mir ebenfalls nicht ankommen," versetzte Saphir. „Gut, 
so kommen Sie morgen auf mein Bureau." Saphir stellte sich 
pünktlich ein. „Ach," sagte Rothschild, als er den Ein- 
tretenden gewahrte, „Sie kommen um Ihre lOO Dukaten." 
„Nein," erwiderte dieser, „Sie kommen um Ihre loo Du- 
katen, da es mir bis zum jüngsten Tage nicht einfallen wird, 
sie wieder zu bezahlen." 

„Was stellen diese Statuen vor?" fragt ein Fremder einen 
einheimischer. Berliner angesichts einer Front von Denkmälern 
auf einem öffentlichen Platz. „Je nu," antwortet dieser, „ent- 
weder das rechte oder das linke Bein."**) 

Heine in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augen- 
blicke nicht alle Studenten n amen im Gedächtnisse und unter den 
Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben." 

Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung, 
wenn wir hier einen anderen allbekannten Professoremvitz an- 
schließen : „Der Unterschied zwischen ordentlichen und 
außerordentlichen Professoren besteht darin, daß die 
ordentlichen nichts außerordentliches und die außer- 
ordentliches nichts ordentliches leisten." Das ist gewiß 
ein Spiel mit den zwei Bedeutungen der Worte „ordentlich" und 
„außerordentlich", in und außer der Ordo {dem Stande) einerseits 
und tüchtig, beziehungsweise hervorragend, anderseits. Die Über- 
einstimmung dieses Witzes aber mit anderen uns bekannt ge- 
wordenen Beispielen malmt uns daran, daß hier die mehrfache 
Verwendung weit auffälliger ist als der Doppelsinn. Man hört 
ja in dem Satz nichts anderes als das immer wiederkehrende 
„ordentlich", bald als solches, bald negativ modifiziert (vgl. 
S. 22). Außerdem ist hier wiederum das Kunststück vollbracht, 
einen Begriff durch seinen Wortlaut zu definieren (vgl. Eifersucht 

•) Das große Buch der Witze, gesammelt und herausgegeben von 
Willy Hermann. Berlin 1904. 

**) Weiteres zur Analyse dieses Wortspiels, siehe unten. 



?8 



II. Die Technik des Witzes, 



ist eine Leidenschaft usw.), genauer beschrieben, zwei korrelative 
Begriffe durch einander, wenn auch negativ, zu definieren, was eine 
kunstvolle Verschränkung ergibt. Endlich kann man den Gesichts- 
punkt dei Unifizierung auch hier hervorheben, die Herstellung 
eines innigeren Zusammenhanges zwischen den Elementen der 
Aussage, als man nach deren Natur zu erwarten ein Recht hätte. 
Heine in der Harzreise: „Der Pedell Seh. grüßte mich sehr 
kollegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller und hat meiner 
in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn 
auch außerdem oft zitiert hat, und wenn er mich nicht zu 
Hause fand, immer so gütig war, die Zitation mit Kreide auf 
meine Stubentür zu schreiben." 

Der „Wiener Spaziergänger" D. Spitzer fand für einen 
sozialen Typus, der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische, 
aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik: 

„Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne Krone." 
(Letzteres ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelsstand ver- 
knüpft war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleich- 
sam aus Eisen! Die verschiedenen, aber nicht sehr auffällig mit- 
einander kontrastierenden Bedeutungen des Beiwortes „eisern" er- 
möglichen diese „mehrfache Verwendung". 

Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen 
Unterart der Doppels inntechnik erleichtern. Der auf S. 25 er- 
wähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfushandels den 
Witz zu Schulden kommen : 

„Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt 
nicht an ihre Unschuld." 

Das Wort „Unschuld", auf dessen Doppelsinn der Witz auf- 
gebaut ist, hat in dem einen Zusammenhang den gebräuchlichen 
Sinn mit dem Gegensatz ; Verschulden, Verbrechen, in dem anderen 
aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung 
ist. Nun gibt es sehr viele derartiger Beispiele von Doppelsinn, 
und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des Witzes ganz 
besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese 
Gruppe etwa die Bezeichnung „Zweideutigkeiten" reservieren. 

Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes 
ist der auf Seite 22 mitgeteilte von D . Spitzer; 

„Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient 
und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen 
wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei 
viel verdient haben." 



Zweideutigkeit. 2g 

Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit 
Zweideutigkeit mit anderen, so fällt ein Unterschied in's Auge, 
der für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von 
der „Unschuld" liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen 
ebenso nahe wie der andere; man wüßte wirldich nicht zu unter- 
scheiden, ob die sexuelle oder die nicht sexuelle Bedeutung des 
Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere ist. Anders in 
dem Beispiel von D. Spitzer; in diesem ist der eine, banale, 
Sinn der Worte „sich etwas zurückgelegt", der bei weitem auf- 
dringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn, 
der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum 
scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in 
dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet 
ist, z. B. H eine's Charakterschilderung einer gefälligen Dame: 
„Sie konnte nichts abschlagen außer ihr Wasser." Es klingt 
wie eine Zote, der Eindruck des Witzes kommt kaum zur Geltung.*) 
Nun kann die Eigentümlichkeit, daß die beiden Bedeutungen des 
Doppelsinnes uns nicht gleich nahe liegen, auch bei Witzen ohne 
sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daß der eine Sinn der 
an sich gebräuchhchere ist, sei es, daß er durch den Zusammen- 
hang mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird (z. B. 
c'est le Premier vol de l'aigle); alle diese Fälle schlage ich vor 
als Doppelsinn mit Anspielung zu bezeichnen. 

Wir haben bis jetzt bereits eine so große Anzahl verschiedener 
Techniken des Witzes kennen gelernt, daß ich fürchten muß, wir 
könnten die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen *ir 
darum eine Zusammenstellung derselben: 

I. Die Verdichtung: 

n) mit Mischwortbildung, 

b) mit Modifikation. 

II. Die Verwendung des nämlichen Materials: 

c) Ganzes und Teile, 

d) Umordnung, 

e) leichte Modifikation, 

/) dieselben Worte voll und leer. 



*) Vergl. liiezu K. Fischer (S. 85), der für solche doppelsinnige Witze, 
in denen die beiden Bedeutungen nicht gleichmäßig im Vordergründe 
stehen sondern die eine hinter der anderen, den Namen „Zweideutigkeit" 
beansprucht, den ich oben anders verwendet habe. Solche Namengebung 
ist Sache des Übereinkommens, der Sprachgebrauch hat keine sichere 
Entscheidung getroffen. 



30 n. Die Technik des Witzes. 

III. Doppelsinn: ' ■ ( 

g) Name und Sachbedeutung, 
h) metaphorische und sachHche Bedeutung, 
i) eigeml. Doppelsinn (Wortspiel), 
li) Zweideutigkeit, 
l) Doppelsinn mit Anspielung. 

Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns miß- 
mutig werden lassen, daß wir uns gerade der Beschäftigung mit 
den technischen Mitteln des Witzes zugewendet haben, und könnte 
uns argwöhnen lassen, daß wir deren Bedeutung für eine Erkenntnis 
des Wesentlichen am Witze doch überschätzen. Stände dieser er- 
leichternden Vermutung nicht die eine unabweisbare Tatsache im 
Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben ist, sobald wir die 
Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen! Wir werden 
also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser Mannigfaltigkeit 
zu suchen. Es müßte möglich sein, alle diese Techniken unter 
emen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen 
ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppel- 
smn, das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung 
des nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der um- 
fassendere Begriff. Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des 
gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter Modi 
fikation {c, d, e) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht 
ohne Zwang unterordnen. Aber welche Gemeinsamkeit gibt es 
zwischen der Technik der ersten Gruppe - Verdichtung mit Ersatz- 
bildung ~ und jener der beiden anderen, mehrfache Verwendung 
des nämlichen Materials? 

Nun, eine sehr einfache und deuthche, sollt* ich meinen Die 
Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall 
der Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine Ver- 
dichtung ohne Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die über- 
geordnete Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger 
ersparende Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es scheint 
alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz Hamlet safft 
{Thrift, Horatio, Thrift!). 

Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen 
Beispielen. „C'est le premier vol de l'aigle." Das ist der erste 
Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet 
zum Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl „Flug" als auch 
„Raub". Ist dabei nichts verdichtet und erspart worden ? Gewiß der 
ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallen gelassen 



Die Tendenz zur Ersparung. 



31 



worden. Der Doppelsimi des Wortes v o 1 macht solchen Ersatz 
überflüssig, oder eben so richtig : Das Wort v o 1 enthält den Ersatz 
für den unterdrückten Gedanken, ohne daß der erste Satz darum 
einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben ist die 
Wohltat des Doppelsinnes. 

Ein anderes Beispiel : Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne 
Krone. Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung 
des Gedankens, in welcher der Ausdruck das „e i s e r n" nicht 
gefunden hätte! „Mit der nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit 
ist es nicht schwer, ein großes Vermögen zu erwerben, und zur Be- 
lohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht aus." 

Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis, 
unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt nun 
die Ersparnis in solchen Witzen wie Rousseau — roux et.sot, 
Antigene — antik?o — nee, in denen wir zuerst die Verdichtung 
vermißt haben, die uns vor allem bewogen haben, die Technik 
der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials aufzustellen? 
Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht durch- 
kommen, aber wenn wir diese mit dem ihr übergeordneten Begriff 
der „Ersparnis" vertauschen, geht es ohne Schwierigkeit. Was 
wie in den Beispielen Rousseau, Antigone usw. ersparen, ist leicht 
zu sagen. Wir ersparen es, eine Kritik zu äußern, ein Urteil 
zu bilden; beides ist im Namen selbst schon gegeben. Im Bei- 
spiel der Leidenschaft ~ Eifersucht ersparen wir es uns, eine 
Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft 
und — Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu und die 
Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher analy- 
sierten Beispiele. Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem 
Wortspiel von Saphir: „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten," da 
wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden; 
der Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig, 
aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die mehrfache Ver- 
wendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört 
gewiß zum „Sparen". Ganz, wie Hamlet die rasche Aufeinander- 
folge des Todes seines Vaters und der Hochzeit seiner Mutter 
aufgefaßt sehen will: 

„Das Gebackne 
Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln." 

Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis" als den allgemein- 
sten Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen, 
woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn 
des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum 



33 



II. Die Technik des Witzes. 



gönnen, der ein Recht hat, angehört zu werden. Mag es sein, 
daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu 
sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Er- 
sparung am Ausdruck, jede Kürzung, ist darum auch witzig. 
Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir noch 
bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften, 
und damals machten wir uns den berechtigten Einwand, ein 
Lakonismus sei nocli kein Witz. Es müßte also eine besondere 
Art von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der 
Charakter des Witzes hinge, und solange wir diese Besonderheit 
nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der 
Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem 
finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen, welche 
die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie er- 
innern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen, wenn sie, 
um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und Geld für die 
Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige Heller wohl- 
feiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch seine Technik ? 
Einige neue Worte zusammenzufügen, die sich meist mühelos er- 
geben hätten; anstatt dessen muß er sich die Mühe geben, das 
eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide Gedanken deckt; ja 
er muß oft erst den Ausdruck des einen Gedankens in eine nicht 
gebräuchliche Form umwandeln, bis diese ihm den Anhalt zur 
Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken ergeben kann. Wäre 
es nicht einfacher, leichter und eigentlich sparsamer gewesen, die 
beiden Gedanken so auszudrücken wie es sich eben trifft auch 
wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Ausdruckes zu stände kommt ? 
Wird die Ersparnis an geäußerten Worten nicht durch den Auf- 
wand an intellektueller Leistung mehr als aufgehoben? Und wer 
macht dabei die Ersparung, wem kommt sie zu gute ? 

Wir können diesen Zweifeln vorläufig entgehen, wenn wir den 
Zweifel selbst an eine andere Stelle versetzen. Kennen wir wirk- 
lich bereits alle Arten der Witztechnik? Es ist sicherlich vor- 
sichtiger, neue Beispiele zu sammeln und der Analyse zu unter- 
ziehen. 



Wir haben in der Tat einer großen, vielleicht der zahlreichsten 
Gruppe von Witzen noch nicht gedacht und uns dabei vielleicht 
durch die Geringschätzung beeinflussen lassen, welche diesen 
Witzen zu teil geworden ist. Es sind die, welche gemeinhin 
Kalauer (Calembourgs) genannt werden und für die niedrigste 
Abart des Wortwitzes gelten, wahrscheinHch weil sie am „billig- 



3VV 



Kalauer. 



33 



sten" sind, mit leichtester Mühe gemacht werden Icönnen. Und 
wirklich stellen sie den mindesten Anspruch an die Technilc des 
Ausdrucks wie das eigentliche Wortspiel den höchsten. Wenn bei 
letzterem die beiden Bedeutungen in dem identischen und darum 
meist nur einmal gesetzten Wort ihren Ausdruck finden sollen, 
so genügt beim Kalauer, daß die zwei Worte für die beiden 
Bedeutungen durch irgend eine, aber unübersehbare Ähnlichkeit 
aneinander erinnern, sei es durch eine allgemeine Ähnlichkeit 
ihrer Struktur, einen reimartigen Gleichklang, die Gemeinsamkeit 
einiger anlautender Buchstaben u. dgl. Eine Häufung solcher, 
nicht ganz treffend, ,jKlangwitze" benannter Beispiele findet sich 
in der Predigt des Kapuziners in Wallenstcin's Lager: 

„Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg, 
Wetzt lieber den Schnabel als den Säbel, 

Frißt den Ochsen lieber als den Oxenstirn', 

Der Rheinstrom ist geworden zu einem Pein ström. 

Die Klöster sind ausgenomraene Nester, 

Die Bistümer sind verwandelt in W ü s 1 1 ü m e r, 

Und alle die gesegneten deutschen Länder 
Sind verwandelt worden in Elender. 

Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des 
Wortes: z. B. Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter, 
der dann doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern 
zu besingen, sagt H e v e s i (Almanaccando, Reisen in Italien, 
S. 87): i)a er die Caesar en nicht auszurotten vermag, merzt 
er wenigstens die Caesuren aus. 

Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden, 
hat es vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich 
schlechtes Beispiel hervorzuheben, das Heine zur Last fällt. 
Nachdem er sich (Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit 
vor seiner Dame als „indischer Prinz" gebärdet, wirft er dann 
die Maske ab und gesteht: „Madame! Ich habe Sie belogen .... 
Ich war ebensowenig jemals in Kalkutta, wie der Kalkuten- 
braten, den ich gestern Mittag gegessen." Offenbar liegt der 
Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ähnlichen Worte nicht 
mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der Vogel, 
dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen 
Kalkutta stammt oder stammen soll. 

K. Fischer hat diesen Formen des Witzes große Aufmerk- 
samkeit geschenkt und will sie von den „Wortspielen" scharf ge- 

Freiid, Der Wlt:;. 3 



34 



IL Die Technik des Witzes. 



trennt wissen (S. 78). „Das Calembour ist das schlechte Wort- 
spiel, denn es spielt mit dem Wort nicht als Wort, sondern als 
Klang." Das Wortspiel aber „geht von dem Klange des Wortes 
in das Wort selbst ein." Anderseits zählt er auch Witze wie 
„famillionär", Antigene (antik? o nee) usw. zu den Klangwitzen, 
Ich sehe keine Nötigung, ihm hierin zu folgen. Auch im Wortspiel 
ist das Wort für uns nur ein Klangbild, mit dem sich dieser 
oder jener Sinn verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch 
hier wieder keine scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer" 
mit Mißachtung, das „Wortspiel" mit einem gewissen Respekt 
behandelt, so scheinen diese Wertungen durch andere als tech- 
nische Gesichtspunkte bedingt zu sein. Man achte einmal darauf, 
welcher Art die Witze sind, die man als „Kalauer" zu hören be- 
kommt. Es gibt Personen, welche die Gabe besitzen, wenn sie 
in aufgeräumter Stimmung sind, durch längere Zeit jede an sie 
gerichtete Rede mit einem Kalauer zu beantworten. Einer meiner 
Freunde, sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine ernst- 
haften Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt 
dergleichen auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die 
er einst so in Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer 
Ausdruck gab, sagte, er: „Ja, ich liege hier auf der Ka- Lauer," 
und als man ihn bat endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung, 
daß man ihm zum Poeta Ka-laureatus ernenne. Beides 
sind aber vortreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung. 
(Ich liege hier auf der Lauer, um Kalauer zu machen.) 

Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Strehigkeiten 
über die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daß ersterer 
uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen 
kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehr- 
sinnige Verwendung des nämlichen Materials aufgegeben ist, 
so fällt doch der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten, 
auf die Übereinstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte, 
und somit ist dieser nur eine Unterart der Gruppe, die im eigent- 
lichen Wortspiel ihren Gipfel erreicht. 



Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche 
Anknüpfung an die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt. 

„Man erzählt von Heine, daß er sich eines Abends in 
einem Pariser Salon mit dem Dichter S o u 1 i 6 befunden und unter- 
halten habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in 
den Saal, die man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas 
vergleicht, und sieht sich bald von einer Menge umringt, die ihn 



Die Verschiebung. 



35 



mit größter Ehrerbietung -behandelt. „Sehen Sie doch," sagt 
Soulie zu Heine, „wie dort das neunzehnte Jahrhundert das 
goldene Kalb anbetet." Mit einem Bhck auf den Gegenstand der 
Verehrung antwortet Heine, gleichsam berichtigend: „O, der muß 
schon älter sein" (K. Fischer, S. 82). 

Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes 
gelegen? In einem Wortspiel, meint K. Fischer: „So kann 
z. B. das Wort „goldenes Kalb" den Mammon und auch den 
Götzendienst bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten 
das Tierbild die Hauptsache; es kann auch dazu dienen, um 
nicht eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel 
Geld und sehr wenig Verstand hat" (S. 82). Wenn wir die Probe 
machen und den Ausdruck „goldenes Kalb" wegschaffen, heben 
wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann Soulie sagen: 
„Sehen Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen, 
bloß weil er reich ist," und das ist freiUch gar ;nicht mehr witzig. 
H e i n e's Antwort wird dann auch immöglich. 

Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um 
den etwa witzigen Vergleich S o u 1 i e's, sondern um die Antwort 
H e i n e's handelt, die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir 
kein Recht an die Phrase vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe 
bleibt als Voraussetzung für die Worte H e i n e's bestehen und 
die Reduktion darf nur diese letzteren betreffen. Wenn wir diese 
Worte : „O, der muß schon älter sein," ausführen, können wir 
sie nur etwa so ersetzen: „O, das ist kein Kalb mehr, das ist 
schon ein ausgewachsener Ochs." Für den Witz Hein e's er- 
übrigte also, daß er das „goldene Kalb" nicht mehr metaphorisch, 
sondern persönlich genommen, auf den Geldmenschen selbst be- 
zogen hätte. Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der 
Meinung Souli^'s enthalten war! 

Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Reduk- 
tion den Witz H eine's nicht völlig vernichtet, vielmehr dessen 
Wesentliches unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß 
Soulie sagt: „Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahr- 
hundert das goldene Kalb anbetet !" und Heine zur Antwort 
gibt: „O, das ist kein Kalb mehr, das ist schon ein Ochs." Und 
in dieser reduzierten Fassung ist es noch immer ein Witz. Eine 
andere Reduktion der Worte H eine's ist aber nicht möglich. 

Schade daß dieses schöne Beispiel so komphzierte technische 
Bedingungen enthält. Wir können an ihm zu keiner Klärung 
kommen, verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem 

3* 



36 II- Die Technik des Witzes. 

wir eine innere Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren 
glauben. 

Es sei einer der „Badewitze", welche die Badescheu der Juden 
in Galizien behandeln. Wir verlangen nämlich keinen Adelsbrief 
von unseren Beispielen, wir fragen nicht nach ihrer Herkunft, 
sondern nur nach ihrer Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu 
bringen vermögen und ob sie unseres theoretischen Interesses 
würdig sind. Beiden diesen Anforderungen entsprechen aber gerade 
die Judenwitze am besten. 

„Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen. 
„Hast du genommen ein Bad?" fragt der eine. „Wieso?" 
fragt der andere dagegen, „fehlt ein's?" 

Wenn man über einen Witz recht herzUch lacht, ist man 
nicht gerade in der geeignetsten Disposition, um seiner Technik 
nachzuforschen. Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich 
in diese Analysen hineinzufinden. „Das ist ein komisches Miß- 
verständnis," drängt sich uns auf. — Gut, aber die Technik dieses 
Witzes ? — „Offenbar der doppelsinnige Gebrauch des Wortes nehmen. 
Für den einen ist „nehmen" das farblos gewordene Hilfswort; für 
den anderen das Verbum mit unabgeschwachter Bedeutung. Also 
ein Fall von jjVoU" und „leer" nehmen desselben Wortes (Gruppe 
II, f.). Ersetzen wir den Ausdruck „ein Bad genommen" durch 
den gleichwertigen einfacheren „gebadet", so fällt der Witz weg. 
Die Antwort paßt nicht mehr. Der Witz haftet also wiederum 
am Ausdruck „genommen ein Bad". 

Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die 
Reduktion an unrichtiger Stelle angesetzt hat. Der Witz hegt 
nicht in der Frage, sondern in der Antwort, in der Gegenfrage : 
„Wieso ? Fehlt ein's ?" Und diese Antwort ist ihres Witzes durch 
keine Erweiterung oder Veränderung, die nur ihren Sinn ungestört 
läßt, zu berauben. Auch haben wir den Eindruck, daß in der 
Antwort des zweiten Juden das Übersehen des Bades bedeutsamer 
ist als das Mißverständnis des Wortes „nehmen". Aber wir sehen 
auch hier noch nicht klar und wollen ein drittes Beispiel suchen. 

Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk 
jüdisch ist, der Kern ist allgemein menschlich. Gewiß hat auch 
dieses Beispiel seine unerwünschten Komplikationen, aber zum 
Glück nicht diejenigen, welche uns bisher klar zu sehen ver- 
hindert haben. 

„Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten 
unter vielen Beteuerungen seiner Notlage 25 fl. geborgt. Am 
selben Tage noch trifft ihn der Gönner im Restaurant vor einer 



Die Verschiebung. ^y 

Schüssel Lachs mit Mayonnaise. Er macht ihm Vorwürfe; „Wie, 
Sie leihen sich Geld von mir aus und dann bestellen Sie sich 
Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld gebraucht?" 
„Ich verstehe Sie nicht," antwortet der Beschuldigte, „wenn ich 
kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise, 
wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise. 
Also wann soll ich eigentlich essen Lachs mit 
Mayonnaise?" 

Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken. 
Auch die Wiederholung von „Lachs mit Mayonnaise" kann nicht 
die Technik des Witzes enthalten, denn sie ist nicht „mehrfache 
Verwendung" desselben Materials, sondern durch den Inhalt ge- 
forderte wirkliche Wiederholung des Identischen. Wir dürfen vor 
dieser Analyse eine Weile ratlos bleiben, werden vielleicht zur 
Ausflucht greifen wollen, der Anekdote, die uns lachen machte, 
den Charakter des Witzes zu bestreiten. 

Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des 
Verarmten sagen? Daß ihr in eigentlich auffälliger Weise der 
Charakter des Logischen verliehen ist. Mit Unrecht aber, die 
Antwort ist ja unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daß 
er das ihm. geliehene Geld für den Leckerbissen verwendet hat, 
und fragt mit einem Schein von Recht — wann er denn eigent- 
lich Lachs essen darf. Aber das ist gar nicht die richtige Ant- 
wort; der Geldgeber wirft ihm nicht vor, daß er sich den Lachs 
gerade an dem Tage gegönnt, an dem er sich das Geld geborgt, 
sondern mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen über- 
haupt nicht das Recht habe, an solche Leckerbissen zu denken. 
Diesen einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte 
Bonvivant unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf miß- 
verstanden hätte, auf etwas anderes. 

Wenn nun gerade in dieser Ablenkung der Antwort von 
dem Sinn des Vorwurfes die Technik dieses Witzes gelegen wäre ? 
Eine ähnliche Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des 
psychischen Akzents wäre dann vielleicht auch in den beiden 
früheren Beispielen, die wir als verwandt empfunden haben, nach- 
zuweisen. 

Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in 
der Tat die Technik dieser Beispiele auf. Souli^ macht Heine 
darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahr- 
hundert das „goldene Kalb" anbetet, gerade so wie einst das Volk 
der Juden in der Wüste. Dazu paßte eine Antwort von Heine 
etwa wie: „Ja, so ist die menschliche Natur, die Jahrtausende 



3S 



II. Die Technik des Witzes. 



haben an ihr nichts geändert," oder irgend etwas anderes Bei- 
pflichtendes. Heine lenkt aber in seiner Antwort von dem 
angeregten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, er 
bedient sich des Doppelsinnes, dessen die Phrase „goldenes Kalb" 
fähig ist, um einen Seitenweg einzuschlagen, greift den einen 
Bestandteil der Phrase, das „Kalb", auf und antwortet, als ob 
auf dieses der Akzent in der Rede S o u 1 i ^"s gefallen wäre: „O, 
das ist kein Kalb mehr usw.*) 

Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses 
Beispiel fordert eine graphische Darstellung heraus. 

Der Erste fragt: „Hast du genommen ein Bäd?" Der Akzent 
ruht auf dem Element Bad. 

Der Zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet; „Hast 
du genommen ein Bad?" 

Der Wortlaut „genommen ein Bad ?" soll nur diese Ver- 
schiebung des Akzents ermöglichen. Lautete es: „Hast du ge- 
badet?" so wäre ja jede Verschiebung unmöglich. Die unwitzige 
Antwort wäre dann: „Gebadet? Was meinst du? Ich weiß nicht, 
was das ist." Die Technik des Witzes aber hegt in der Ver- 
schiebimg des Akzents von „Baden" auf „nehmen".**) 

Kehren wir zum Beispiel „Lachs mit Mayonnaise" als dem 
reinsten zurück. Das Neue an demselben darf uns nach ver- 
schiedenen Richtungen beschäftigen. Zunächst müssen wir die 
hier aufgedeckte Technik mit einem Namen belegen. Ich schlage 
vor, sie als Verschiebung zu bezeichnen, weil das Wesentliche 
an ihr die Ablenkung des Gedankenganges, die Verschiebung des 
psychischen Akzents auf ein anderes als das angefangene Thema 
ist. Sodann obliegt uns die Untersuchung, in welchem Verhältnis 
die Verschiebungstechnik zum Ausdruck des Witzes steht. Unser 
Beispiel (Lachs mit Mayonnaise) läßt uns erkennen, daß der Ver- 
schiebungswitz im hohen Grade unabhängig vom wörtlichen Aus- 
druck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am Gedankengange. 
Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der Worte 

*) Die Antwort H e i n e's ist eine Kombination von zwei Witztechniken, 
einer Ablenkung mit einer Anspielung. Er sagt ja nicht direkt: Das ist ein 

Ochs. 

•*) Das Wort „nehmen" eignet sich infolge seiner vielseitigen Gebrauchs- 
fähigkeit sehr gut für die Herstellung von Wortspielen von denen ich ein 
reines Beispiel zum Gegensatz gegen den obenstehenden Verschiebungs- 
witz mitteilen wül: „Ein bekannter Börsenspekulant und Bankdirektor geht 
mit einem Freunde über die Ringstraße spazieren. Vor einem Kaffee- 
haus macht er diesem den Vorschlag: „Gehen wir hinein und nehmen 
wir etwas." Der Freund hält ihn zurück: „Aber Herr Hofrat, es sind doch 
Leute darin." 



Die Verschiebung. 3g 

bei Festhaltung des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur 
möglich, wenn wir den Gedankengang abändern und den Fein- 
schmecker auf den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem er 
in der Fassung des Witzes ausgewichen ist. Die reduzierte Fassung 
würde dann lauten : „Was mir schmeckt, kann ich mir nicht ver- 
sagen, und woher ich das Geld dafür nehme, ist mir gleichgültig. 
Da haben Sie die Erklärung, warum ich gerade heute Lachs mit 
Mayonnaise esse, nachdem Sie mir Geld geliehen haben." — Das 
wäre aber kein Witz, sondern ein Zynismus. 

Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach 
sehr nahestehenden zu vergleichen ; 

„Ein Mann, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer 
kleinen Stadt durch Lektionen geben. Sein Laster wird aber all- 
mählich bekannt und er verliert infolgedessen die meisten seiner 
Schüler. Ein Freund wird beauftragt, ihn zur Besserung zu 
mahnen. ,, Sehen Sie, Sie könnten die schönsten Lektionen in 
der Stadt haben, wenn Sie das Trinken aufgeben wollten. Also 
tun Sie's doch." — „Wie kommen Sie mir vor?" ist die entrüstete 
Antwort. „Ich geb' Lektionen, damit ich trinken kann; 
soll ich das Trinken aufgeben, damit ich Lektionen 
bekomme!" 

Auch dieser Witz tragt den Anschein von Logik, der uns 
bei „Lachs mit Mayonnaise" aufgefallen ist, aber er ist kein Ver- 
schiebungswitz mehr. Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus, 
der dort verhüllt ist, wird hier offen eingestanden — „Das Trinken 
ist mir ja die Hauptsache," Die Technik dieses Witzes ist eigent- 
lich recht armselig und kann uns dessen Wirkung nicht erklären, 
sie liegt nur in der Umordnung des gleichen Materials, strenger 
genonrnien in der Umkehrung der Mittel- und Zweck-Relation 
zwischen dem Trinken und dem Lektionengeben oder -bekommen. 
Sowie ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck 
nicht mehr betone, habe ich den Witz verwischt, also etwa 
so: „Was ist das für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das 
Trinken die Hauptsache, nicht die Lektionen. Die Lektionen sind 
für mich doch nur ein Mittel, um weiter trinken zu können." Der 
Witz haftete also wirklich am Ausdruck. 

Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut 
(Hast du genommen ein Bad?) unverkennbar, und die Abänderung 
desselben bringt die Aufhebung des Witzes mit sich. Die Technik 
ist hier nämlich eine kompliziertere, eine Verbindung von Doppel- 
sinn (von der Unterart f.) und Verschiebung. Der Wortlaut der 
Frage laßt einen Doppelsinn zu, und der Witz kommt dadurch 



40 



n. Die Technik des Witzes, 



zu Stande, daß die Antwort nicht an den vom Fragesteller be- 
absichtigten sondern an den Nebensinn anknüpft. Wir sind dem- 
gemäß im Stande, eine Reduktion zu finden, welche den Doppel- 
sinn im Ausdruck bestehen läßt und doch den Witz aufhebt^ 
indem wir bloß die Verschiebung rückgängig machen : 

„Hast du genommen ein Bad?" — „Was soll ich genommen 
haben? Ein Bad? Was ist das?" Das ist aber kein Witz mehr, 
sondern eine gehässige oder scherzhafte Übertreibung. 

Eine ganz ähnliche Rolle spielt der Doppelsinn im Heinc- 
schen Witz über das ,, goldene Kalb". Er ermöglicht der Antwort 
die Ablenkmig von dem angeregten Gedankengang, welche im 
Witz von Lachs mit Mayonnaise ohne solche Anlehnung an den 
Wortlaut geschieht. In der Reduktion würden die Rede SouHe's 
und die Antwort H eine's etwa lauten: ,,Es erinnert doch lebhaft 
an die Anbetung des goldenen Kalbes, wie die Gesellschaft hier 
den Mann, bloß weil er so reich ist, umschwärmt." Und Heine: 
„Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde ich nicht 
das Ärgste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen 
seines Reichtums seine Dummheit verzeiht." Damit wäre bei 
Erhaltung des Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben. 

An dieser Stelle dürfen wir uns auf den Einwand gefaßt 
machen, daß uns vorgehalten werde, diese heikein Unterscheidungen 
suchen auseinander zu reißen, was doch zusammengehöre. Gibt 
nicht jeder Doppelsinn Anlaß zu einer Verschiebung, zu einer 
Ablenkung des Gedankenganges von dem einen Sinn zum anderen ? 
Und wir sollten damit einverstanden sein, daß „Doppelsinn" und 
„Verschiebung" als Repräsentanten zweier ganz verschiedener Typen 
der Witztechnik aufgestellt werden? Nun, diese Beziehung zwischen 
Doppelsinn und Verschiebung besteht allerdings, aber sie hat mit 
unserer Unterscheidung der Witztechniken nichts zu tun. Beim 
Doppelsinn enthält der Witz nichts als ein mehrfacher Deutung 
fähiges Wort, welches dem Hörer gestattet, den Übergang von 
einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa — 
mit einigem Zwang — einer Verschiebung gleichstellen kann. 
Beim Verschiebungswitz aber enthält der Witz selbst einen Ge- 
dankengang, in dem eine solche V^erschiebung vollzogen ist; die 
Verschiebung gehört hier der Arbeit an, die den Witz hergestellt 
hat, nicht jener, die zu seinem Verständnis notwendig ist. Sollte 
uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so haben wir an den 
Redtiktionsversuchen ein nie versagendes Mittel, uns denselben 
greifbar vor Augen zu führen. Einen Werl: wollen wir aber jenem 
Einwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aufmerksam ge- 






Verschiebung und Doppelsinn. ■ ■ 41 

machtj daß wir die psychischen Vorgänge bei der Bildung des 
Witzes (die Witzarbeit) nicht mit den psychischen Vorgängen bei 
der Aufnahme des Witzes (die Verständnisarbeit) zusammenwerfen 
dürfen, Nur die ersteren sind der Gegenstand unserer gegen- 
wärtigen Untersuchung.*) **) 

Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungstechnik? Sie 
sind nicht leicht aufzufinden. Ein ganz reines Beispiel, dem auch 
die bei unserem Vorbild so sehr überbetonte Logik abgeht, ist 
folgender Witz : 

„Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kunden ein Reitpferd : 
„Wenn Sit dieses Pferd nehmen und sich um 4 Uhr früh auf- 
setzen, sind Sie um Va? Uhr in Preßburg." — „Was mach' ich 
in Preßburg um Vs7 Uhr früh?" 

Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler er- 
wähnt die frühe Ankunft in der kleinen Stadt offenbar nur in 
der Absicht, die Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe 
zu beweisen. Der Kunde sieht von dem Leistungsvermögen des 
Tieres, das er weiter nicht in Zweifel zieht, ab und geht bloß 
auf die Daten des zur Probe gewählten Beispieles ein. Die 
Reduktion dieses Witzes ist dann nicht schwer zu geben. 

Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik 
recht undurchsichtiges Beispiel, welches sich aber doch als Doppel- 
sinn mit Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der 
Ausflucht eines Schadehen (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört 
also zu einer Gruppe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird. 

„Der Schadehen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater 
des Mädchens nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung 
stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerker- 
strafc abbüßt. Der Bewerber macht nun dem Schadehen Vor- 
würfe. „Nun," meint dieser, „was habe ich Ihnen gesagt? Ist 
denn das ein Leben?" 

Der Doppelsinn liegt in dem Worte „Leben" und die Ver- 
schiebung besteht darin, daß der Schadehen sich von dem ge- 
meinen Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu „Tod" 

*) Über die letzteren siehe die späteren Abschnitte. 

**) Vielleicht sind hier einige Worte zur weiteren Klärung nicht über- 
flüssig: Die Verschiebung findet regelmäßig statt zwischen einer Rede und 
einer Antwort, welche den Gedankengang nach anderer Richtung fortsetzt, 
als er in der Rede begonnen wurde. Die Berechtigung, Verschiebung von 
Doppelsinn zu sondern, geht am schönsten aus den Beispielen hervor, in 
denen sich beide kombinieren, wo also der Wortlaut der Rede einen 
Doppelsinn zuläßt, der vom Redner nicht beabsichtigt ist, aber der Antwort 
den Weg zur Verschiebung weist. (Siehe die Beispiele.) 



42 



11. Die Technik des Witzes. 



bildet, auf den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart: Das 
ist kein Leben, hat. Er erklärt dabei seine damalige Äußerung 
nachträglich für doppelsinnig, obwohl diese mehrfache Bedeutung 
gerade hier recht fern Hegt. Soweit wäre die Technik ähnlich 
wie im Witz vom „goldenen Kalb" und im „Badewitz". Aber es 
ist hier noch ein anderes Moment zu beachten, welches durch 
seine Vordringlichkeit das Verständnis der Technik stört. Man 
könnte sagen, dieser Witz sei ein ,_,charakterisierender", er bemüht 
sich die für den Heiratsvermittler charakteristische Mischung von 
verlogener Dreistigkeit und schlagfertigem Witz durch ein Bei- 
spiel zu illustrieren. Wir werden hören, daß dies nur die Schau- 
seite, die Fassade, des Witzes ist; sein Sinn, d. h. seine Absicht 
ist eine andere. Wir schieben es auch auf, eine Reduktion von 
ihm zu versuchen.*) 

Nach diesen komphzierten und schwierig zu analysierenden 
Beispielen wird es uns wiederum Befriedigung bereiten, wenn wir 
in einem Falle ein völlig reines und durchsichtiges Vorbild eines 
„Verschiebungswitzes" zu erkennen vermögen. „Ein Schnorrer 
trägt dem reichen Baron seine Bitte um Gewährung einer Unter- 
stützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärzte hätten ihm 
Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen. „Gut, ich 
will Ihnen etwas dazu geben," meint der Reiche; „aber müssen 
Sic gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?" 
— „Herr Baron," lautet die zurechtweisende Antwort, „für meine 
Gesundheit ist mir nichts zu teuer." — Gewiß, ein richtiger Stand- 
punkt, nur eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort 
ist gegeben vom Standpunkt eines reichen Mannes. Der Schnorrer 
benimmt sich, als wäre es sein eigenes Geld, das er für seine 
Gesundheit opfern soll, als gingen Geld und Gesundheit die näm- 
liche Person an. 



Knüpfen wir nun von neuem an das so lehrreiche Beispiel 
„Lachs mit Mayonnaise" an. Es kehrte uns gleichfalls eine Schau- 
seite zu, an welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit 
zu bemerken war, imd wir haben durch die Analyse erfahren, 
daß diese Logik einen Denkfehler, nämUch eine Verschiebung des 
Gedankenganges zu verdecken hatte. Von hier aus mögen wir, 
wenn auch nur auf dem Wege der Kontrastverknüpfung, an 
andere Witze gemahnt werden, die ganz im Gegenteil etwas 
Widersinniges, einen Unsinn, eine Dummheit unverhüllt zur Schau 



*) Siehe unten Abschnitt UI, S. 88. 



Der Unsinn als technisches Mittel. 



43 



stellen. Wir werden neugierig sein, worin die Technik dieser 
Witze bestehen mag. 

Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen 
Gruppe voran. Es ist wiederum ein Judenwitz. 

„Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein 
intelligenter Bursche, aber ungefügig und ohne Interesse für den 
Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt 
ihn beiseite und sagt ihm: „Itzlg, du taugst nicht zu uns. Ich 
will dir einen Rat geben : Kauf dir eine Kanon' und mach' 
dich selb ständig." 

Der Rat, über den man herzlich lachen kann, ist ein offen- 
barer Unsinn. Es gibt doch keine Kanonen zu kaufen, und ein 
einzelner kann sich als Wehrkraft unmöglich selbständig machen, 
gleichsam „etablieren". Es kann uns aber keinen Moment zweifel- 
haft bleiben, daß dieser Rat kein bloßer Unsinn ist, sondern ein 
witziger Unsinn, ein vorzüglicher Witz. Wodurch wird also der 
Unsinn zum Witz ? 

Wir brauchen nicht lange zu überlegen. Aus den in der 
Einleitung angedeuteten Erörterungen der Autoren können wir 
erraten, daß in solchem witzigen Unsinn ein Sinn steckt, und 
daß dieser Sinn im Unsinn den Unsinn zum Witz macht. Der 
Sinn in unserem 'Beispiel ist leicht zu finden. Der Offizier, 
welcher dem Artilleristen Itzig den unsinnigen Rat gibt, stellt 
sich nur dumm, um Itzig zu zeigen, wie dumm er selbst sich 
benimmt. Er kopiert den Itzig. „Ich will dir jetzt einen Rat 
geben, der genau so dumm ist wie du." Er geht auf Itzig's 
Dummheit ein und bringt sie ihm zur Einsicht, indem er sie zur 
Grundlage eines Vorschlags macht, der Itzig's Wünschen ent- 
sprechen muß, denn besäße Itzig eine eigene Kanone und betriebe 
das Kriegshandwerk auf eigene Rechnung, wie kämen ihm da 
seine Intelligenz und sein Ehrgeiz zu statten ! Wie würde er die 
Kanone im stände halten und sich mit ihrem Mechanismus ver- 
traut machen, um die Konkurrenz mit anderen Kanonenbesitzern 
zu bestehen! 

Ich unterbreche die Analyse dieses Beispiels, um in einem 
kürzeren und einfacheren, aber minder grellen Fall von Unsinns- 
witz den gleichen Sinn des Unsinns nachzuweisen. 

Niemals geboren zu werden, wäre das beste 
für die sterblichen Menschenkinder." „Aber," 
setzen die Weisen der „Fhegenden Blätter" hinzu, „unter 
loo.ooo Menschen passiert dies kaum eine m." 



44 



IL Die Technik des Witzes. 



Der moderne Zusatz zum alten Weisheit ssprucli ist ein klarer 
Unsinn, der durch das anscheinend vorsichtige „kaum" noch 
dümmer wird. Aber er knüpft als unbestreitbar richtige Ein- 
schränkung an den ersten Satz an, kann uns also die Augen 
darüber öffnen, daß jene mit Ehrfurcht vernommene Weisheit 
auch niclit viel besser als ein Unsinn ist. Wer nie geboren worden 
ist, ist überhaupt kein Menschenkind; für den gibt es kein Gutes 
und kein Bestes. Der Unsinn im Witze dient also hier zur Auf- 
deckung und Darstellung eines anderen Unsinns wie im Beispiel 
vom Artilleristen Itzig. 

Ich kann hier ein drittes Beispiel anfügen, welches durch 
seinen Inhalt die ausführliche Mitteilung, die es erfordert, kaum 
verdienen würde, aber gerade wieder die Verwendung des Unsinns 
im Witze zur Darstellung eines anderen Unsinns besonders deut- 
lich erläutert : 

„Ein Mann, der verreisen muß, vertraut seine Tochter einem 
Freunde an mit der Bitte, während seiner Abwesenheit über ihre 
Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet 
sie geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe. 
Der kann sich den Unglücksfall angeblich nicht erklären. Wo 
hat sie denn geschlafen? fragt endlich der Vater. — Im Zimmer 
mit meinem Sohn. — Aber wie kannst du sie im selben Zimmer 
mit deinem Sohn schlafen lassen, nachdem ich dich so gebeten 
habe, sie zu behüten? — Es war doch eine spanische }iVand 
zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, da das 
Bett von meinem Sohn und dazwischen die spanische Wand. — 
Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist i* — 
Außer das, meint der andere nachdenklich. So wäre es 
mögli eh." 

Von diesem, seinen sonstigen Qualitäten nach recht geringem 
Witz gelangen wir am leichtesten zur Reduktion. Sie würde 
offenbar lauten: Du hast kein Recht, mir Vorwürfe zu machen. 
Wie kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ,ein Haus 
zu geben, in dem sie in der beständigen Gesellschaft eines jungen 
Mannes leben muß ? Als ob es einem Fremden möglich wäre, unter 
solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens einzustehen I 
Die scheinbare Dummheit des Freundes ist also auch hier nur 
die Spiegelung der Dummheit des Vaters. Durch die Reduktion 
haben wir die Dummheit im Witze und mit ihr den Witz selbst 
beseitigt. Das Element „Dummheit" selbst sind wir nicht los 
geworden; es findet im Zusammenhange des auf seinen Sinn 
reduzierten Satzes eine andere Stelle. 



Uiisinnswitze. 



45 



Nun können wir auch die Reduktion des Witzes von der 
Kanone versuchen. Der Offizier hätte zu sagen: „Itzig, ich weiß, 
du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es 
ist eine große Dummheit, wenn du niclit einsiehst, daß es 
beim Militär unmöglich so zugehen kann wie im Geschäftsleben, 
wo jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim 
Militär heißt es sich unterordnen und zusammenwirken." 

Die Technik der bisherigen Unsinnswitze besteht also wirk- 
lich in der Anbringung von etwas Dummemj Unsinnigem, dessen 
Sinn die Veranschaulichung, Darstellung von etwas anderem 
Dummen und Unsinnigen ist. 

Hat die Verwendung des Widersinnes in der Witztechnik 
jedesmal diese Bedeutung? Hier ist noch ein Beispiel, welches 
im bejahenden Sinne antwortet: 

„Als dem Phokion einmal nach einer Rede Beifall ge- 
klatscht wurde, fragte er zu seinen Freunden gewendet: „Was 
habe ich denn Dummes gesagt?"' 

Diese Frage klingt widersinnig. Aber wir verstehen alsbald 
ihren Sinn. „Was habe ich denn gesagt, was diesen dummem 
Volk so gefallen konnte ? Ich müßte mich ja eigentlich des .Bei- 
falls schämen; wenn es den Dummen gefallen hat, kann es selbst 
nicht sehr gescheit gewesen sein." 

Andere Beispiele können uns aber darüber belehren, daß der 
Widersinn sehr häufig in der Witztechnik gebraucht wird, ohne 
dem Zwecke der Darstellung eines anderen Unsinns zu dienen. 

„Einem bekamiten Universitätslehrer, der sein wenig anmuten- 
des Spezialfach reichlich mit Witzen zu würzen pflegt, wird zur 
Geburt seines jüngsten Kindes gratuliert, das ihm in bereits vor- 
gerücktem Alter beschieden wurde. ,Ja/' erwidert er den Glück 
Wünschenden, „es ist merkwürdig, was Menschenhände zu 
Stande bringen können." — Diese Antwort erscheint ganz 
besonders sinnlos und nicht am Platze. Kinder heißen doch ein 
Segen Gottes recht im Gegensatz zum Werk der Menschenhand. 
Aber bald fällt uns ein, daß diese Antwort doch einen Sinn hat, 
und zwar einen obszönen. Es ist keine Rede davon, daß der 
glückliche Vater sich dumm stellen will, um etwas anderes oder 
andere Personen als dumm zu bezeichnen. Die anscheinend sinn- 
lose Antwort wirkt auf uns überraschend, verblüffend, wie wir 
mit den Autoren sagen wollen. Wir haben gehört, daß die Autoren 
die ganze Wirkung solcher Witze aus dem Wechsel von „Ver- 
blüffung und Erleuchtung" ableiten. Darüber wollen wir uns 
später ein Urteil zu bilden versuchen; wir begnügen uns hervor- 



46 



IL Die Technik des Witzes. 



zuheben. daß die Technik dieses Witzes in der Anbringung von 
solchem Verblüffenden, Unsinnigen besteht. 

Eine ganz besondere Stellung unter diesen Dummheitswitzen 
nimmt ein Witz von Lichtenberg ein. 

„Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an der 
Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären, 
wo sie die Augen hätten." Sich über etwas Selbstverständ- 
liches zu wundern, etwas was eigenthch nur die Aus- 
einandersetzung einer Identität ist, ist doch gewiß eine Dumm- 
heit. Es mahnt an einen ernsthaft gemeinten Ausruf bei 
Michelet (Das Weib), der nach meiner Erinnerung etwa so 
lautet ; Wie schön ist es doch von der Natur eingerichtet, daß 
das Kind, sobald es zur Welt kommt, eine Mutter vorfindet, die 
bereit ist, sich seiner anzunehmen! Der Satz von Michelet ist 
eine wirkliche Dummheit, aber der Licht enberg'sche ist ein 
Witz, der sich der Dummheit zu irgend einem Zwecke bedient, 
hinter dem etwas steckt. Was? Das können wir freiüch in diesem 
Moment nicht angeben. 

Wir haben nun bereits an zwei Gruppen von Beispielen er- 
fahren, daß die Witzarbeit sich der Abweichungen vom normalen 
Denken, der Verschiebung und des Widersinnes, als 
technischer Mittel zur Herstellung des witzigen Ausdrucks bedient. 
Es ist gewiß eine berechtigte Erwartung, daß auch andere Denk- 
fehler eine gleiche Verwendung finden können. Wirklich lassen 
sich einige Beispiele von dieser Art angeben: 

„Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine 
Torte geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an 
ihrer Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will 
sich entfernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält 
ihn zurück. „Was wollen Sie von mir?" — Sie sollen den Likör 
bezahlen. — „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben." — 
Die haben Sie ja auch nicht bezahlt. — „Die habe ich ja 
auch nicht gegessen." 

Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur 
Schau, den wir als geeignete Fassade für einen Denkfehler bereits 
kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde 
zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des 
Likörs eine Beziehung herstellt, die nicht besteht. Der Sachverhalt 
zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den Verkäufer von- 
einander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Ver- 
hältnisse des Ersatzes stehen. Er hat zuerst die Torte genommen 



Andere Deiikfehler. 



47 



und [zurückgegeben, für die er also nichts schuldig ist, dann 
nimmt er den Likör und den ist er schuldig zu bezahlen. Man 
kann sagen, der Kunde wende die Relation „dafür" doppelsinnig 
an ; richtiger, er stelle vermittels eines Doppelsinnes eine Ver- 
bindung her, die sachlich nicht stichhältig ist. 

Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Be- 
kenntnis abzulegen. Wir beschäftigen uns hier mit der Erforschung 
der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein, 
daß die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind. 
Es steht aber so, daß wir in einer Reihe von Fällen in's Schwanken 
geraten, ob das betreffende Beispiel ein Witz genannt werden 
darf oder nicht. Ein Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote, 
ehe die Untersuchung ein solches ergeben hat ; der Sprachgebrauch 
ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine Be- 
rechtigung: wir können uns bei der Entscheidung auf nichts 
anderes stützen als auf eine gewisse „Empfindung", welche wir 
dahin interpretieren dürfen, daß sich in unserem Urteilen die 
Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer 
Erkenntnis noch nicht zugänglich sind. Für eine zureichende Be- 
gründung werden wir die Berufung auf diese „Empfindung" nicht 
ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir 
nun zweifeln müssen, ob wir es als Witz darstellen dürfen, als 
einen sophistischen Witz etwa, oder als ein Sophisma schlechtweg. 
Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt. 

Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den so- 
zusagen komplementären Denkfehler aufweist, ein unzweifelhafter 
Witz. Es ist wiederum eine Heiratsvermitdergeschichte: 

„Der Schadehen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mädchen 
gegen die Ausstellungen des jungen Mannes. „Die Schwieger- 
mutter gefällt mir nicht," sagt dieser, „sie ist eine boshafte, dumme 
Person.'' — Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie 
wollen die Tochter. — „Ja, aber jung ist sie nicht mehr und 
schön von Gesicht gerade auch nicht." — Das macht nichts; ist 
sie nicht jung und schön, wird sie Ihnen um so ,cher treu bleiben. 
— „Geld ist auch nicht viel da." — Wer spricht vom Geld? 
Heiraten Sie denn das Geld? Sie wollen doch eine Frau. — 
„Aber sie hat ja auch einen Buckel 1" — Nun, was wollen Sie? 
„Gar keinen Fehler soll sie haben!" 

Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr 
junges, unschönes Mädchen mit geringer Mitgift, das eine ab- 
stoßende Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung 
versehen ist. Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Ver- 



48 



il. Die Technik des Witzes. 



hältnisse. Der Heiratsvermittler weiß bei jedem einzelnen dieser 
Fehler anzugeben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit 
ihm versöhnen könnte; den nicht zu entschuldigenden Buckel 
nimmt er dann als den einen Fehler in Anspruch, den man jedem 
Menschen hingehen lassen müsse. Es liegt wiederum der Schein 
von Logik vor, welcher für das Sophisma charakteristisch ist, und der 
den Denkfehler verdecken soll. Das Mädchen hat offenbar lauter 
Fehler, mehrere, über die man hinwegsehen konnte, und einen, 
über den man nicht hinweg kommt; es ist nicht zu heiraten. Der 
Vermittler tut, als ob jeder einzelne Fehler durch seine Ausflucht 
beseitigt wäre, während doch von jedem ein Stück Entwertung 
erübrigt, das sich zum nächsten summiert. Er besteht darauf, 
jeden Faktor vereinzelt zu behandeln, und weigert sich, sie zur 
Summe zusammenzusetzen. 

Die nämliche Unterlassung ist der Kern eines anderen Sophis- 
mas, das viel belacht worden ist, dessen Berechtigung ein Witz 
zu heißen man aber anzweifeln könnte. 

„A. hat von B. einen kupfernen Kessel entlehnt und wird nach 
der Rückgabe von B. verklagt, weil der Kessel nun ein großes 
Loch zeigt, das ihn unverwendbar macht. Seine Verteidigung 
lautet : „Erstens habe ich von B. überhaupt keinen 
Kessel entlehnt; zweitens hatte der Kessel bereits 
ein Loch, als ich ihn von B. übernahm; drittens 
habe ich den Kessel ganz zurückgegebe n." Jede 
einzelne Einrede ist für sich gut, zusammengenommen aber 
schließen sie einander aus. A. behandelt isoliert, was im Zusammen- 
hange betrachtet werden muß, ganz wie der Heiratsvermittler mit 
den Mängeln der Braut verfährt. Man kann auch sagen : A. setzt das 
„und" an die Stelle, an der nur ein „entweder — oder" möglich ist. 

Ein anderes Sophisma begegnet uns in der folgenden Heirats- 
vermittlergeschichte. 

„Der Bewerber hat auszusetzen, daß die Braut ein kürzeres 
Bein hat und hinkt. Der Schadehen widerspricht ihm. „Sie haben 
Unrecht. Nehmen Sie an, Sie heiraten eine Frau mit gesunden, 
geraden Gliedern. Was haben Sie davon ? Sie sind keinen Tag 
sicher, daß sie nicht hinfällt, ein Bein bricht und dann lahm 
ist für's ganze Leben. Und dann die Schmerzen, die Aufregung, 
die Doktorrechnung! Wenn Sie aber die nehmen, so kann Ihnen 
das nicht passieren; da haben Sie eine fertige Sach'." 

Der Schein von Logik ist hier recht dünn, und niemand 
wird dem bereits „fertigen Unglück" gar noch einen Vorzug vor 
dem bloß möglichen zugestehen wollen. Der in dem Gedanken- 



Sophistische Denkfehler, 



49 



gang enthaltene Fehler wird sich leichter an einem zweiten Bei- 
spiel aufzeigen lassen, einer Geschichte, die ich des Jargons nicht 
völlig entkleiden mag. 

„Im Tempel zu Krakau sitzt der große Rabbi N. und betet 
mit seinen Schülern. Er stößt plötzlich einen Schrei aus und 
äußert, von den besorgten Schülern befragt : „Eben jetzt ist der 
große Rabbi L. in Lemberg gestorben." Die Gemeinde legt Trauer 
um den Verstorbenen an. Im Laufe der nächsten Tage werden 
nun die aus Lemberg Ankommenden befragt, wie der Rabbi ge- 
storben, y/as ihm gefehh, aber sie wissen nichts davon, sie haben 
ihn im besten Wohlbefinden verlassen. Es stellt sich endlich als 
gan^ gesichert heraus, daß Rabbi L. in Lemberg nicht zu jener 
Stunde gestorben ist, in der Rabbi N. seinen Tod telepathisch 
verspürte, da er immer noch weiter lebt. Ein Fremder ergreift 
die Gelegenheit, einen Schüler des Krakauer Rabbi mit dieser 
Begebenheit aufzuziehen. „Es war doch eäne große Blamage von 
Eurem Rabbi, daß er damals den Rabbi L. in Lemberg sterben 
gesehen hat. Der Mann lebt noch heute." „Macht nichts," er- 
widert der Schüler, „der K ü c k''') von Krakau bis nach 
Lemberg war doch großartig." 

Hier wird der beiden letzten Beispielen gemeinsame Denk- 
fehler unverhüllt eingestanden. Der Wert der Phantasievorstellung 
wird gegen die Realität ungebührlich erhoben, die Möglichkeit fast 
der Wirklichkeit gleichgestellt. Der Fernblick über die Krakau 
von Lemberg trennende Länderstrecke wäre e,ine imposante tele- 
pathische Leistung, wenn er etwas Wahres ergeben hätte, aber 
darauf kommt es dem Schüler nicht an. Es wäre doch mögUch 
gewesen, daß der Rabbi in Krakau in jenem Moment gestorben 
wäre, in dem der Lemberger Rabbi seinen Tod verkündete, und 
dem Schüler verschiebt sich der Akzent von der Bedingung, unter 
der die Leistung des Lehrers bewundernswert ist, zur unbedingten 
Bewunderung" dieser Leistung. „In magnis rebus voluisse sat est" 
bezeugt einen ähnlichen Standpunkt. Ebenso wie in diesem Bei- 
spiel von der Realität abgesehen wird zu Gunsten der Möglichkeit, 
so mutet im vorigen der Heiratsvermittler dem Bewerber zu, die 
Möglichkeit, daß eine Frau durch einen Unfall lahm werden kann, 
als das bei weitem Bedeutsamere in's Auge zu fassen, wogegen 
die Frage, ob sie wirklich lahm ist oder nicht, ganz zurücktreten soll. 

Dieser Gruppe der sophistischen Denkfehler reiht sich 
eine interessante andere an, in welcher man den Denkfehler als 



*) Kück von gucken, also Blii:k, Fernblick. 

Freud, D« Witz. 



50 



n. Die Technik des Witzes. 



einen automatischen bezeichnen kann. Es ist vielleicht nur 
eine Laune des Zufalls, daß alle Beispiele, die ich aus dieser 
neuen Gruppe anführen werde, wiederum den Schadchengeschichten 
angehören : 

„Ein Schadehen hat zur Besprechung über die Braut einen 
Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie 
ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadehen. — 
Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. — Und Augen hat 
sie, die muß man gesehen haben. — Heißt Augen, die sie hat! 
bekräftigt das Echo. — Und gebildet ist sie wie keine andere. — 
Und wie gebildet! — Aber das eine ist wahr, gesteht der Ver- 
mittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. ■ — Aber ein Höcker! 
bekräftigi wieder das Echo." Die anderen Geschichten sind ganz 
analog, obwohl sinnreicher. 

„Der Bräutigam ist bei der Vorstellung der Braut sehr un- 
angenehm überrascht und zieht den Vermittler beiseite, um ihm 
flüsternd seine Ausstellungen mitzuteilen. „Wozu haben Sic mich 
hieher gebracht?" fragt er ihn vorwurfsvoll. „Sie ist häßlich und 
alt, schielt und hat schlechte Zähne und triefende Augen . . ." 
— Sic können laut sprechen, wirft der Vermittler ein, taub ist 
sie auch." 

„Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch 
im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Erscheinen 
der Familie warten, macht der Vermittler auf einen Glasschrank 
aufmerksam, in welchem die schönsten Silbergeräte zur Schau 
gestellt sind. „Da schauen Sie hin, an diesen Sachen können 
Sie sehen, wie reich diese Leute sind." — „Aber," fragt der miß- 
trauische junge Mann, „wäre es denn nicht möglich, daß diese 
schönen Sachen nur für die Gelegenheit zusammengeborgt sind, 
um den Eindruck des Reichtimis zu machen?" — „Was fällt 
Ihnen ein ?' antwortet der Vermittler abweisend. „W er wird 
denn den Leuten was borgen!" 

In allen drei Fällen ereignet sich das nämliche. Eine Person, 
die mehrmals nacheinander in gleicher Weise reagiert hat, setzt 
diese Weise der Äußerung auch bei dem nächsten Anlasse fort, 
wo sie unpassend wird und den Absichten der Person zuwider- 
läuft. Sie versäumt es, sich den Anforderungen der Situation 
anzupassen, indem sie dem Automatismus der Gewöhnung nach- 
gibt. So vergißt der Helfer in der ersten Geschichte, daß er 
mitgenommen wurde, um den Bewerber zu Gunsten der vorge- 
schlagenen Braut zu stimmen, und da er bisher seiner Aufgabe 
gerecht wurde, indem er die vorgebrachten Vorzüge der Braut 



Automatische Denkfehler. 



51 



durch seine Wiederholung unterstrich, unterstreicht er jetzt auch 
ihren schüchtern zugestandenen Höcker, den er hätte verkleinern 
sollen. Der Vermittler der zweiten Geschichte wird von der Auf- 
zählung der Mängel und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß 
er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis vervollständigt, 
wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der 
dritten Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den 
jungen Mann von dem Reichtum der Familie zu überzeugen, soweit 
hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte Recht zu 
behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung umstoßen 
muß. Überall siegt der Automatismus über die zweckmäßige Ab- 
änderung des Denkens und Außerns. 

Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken, 
wenn wir aufmerksam werden, daß diese drei Geschichten mit 
dem gleichen Recht als „komisch" bezeichnet werden können, wie 
wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des psychischen 
Automatismus gehört zur Technik des Komischen wie jede Ent- 
larvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier plötzlich vor das 
Problem der Beziehung des Witzes zur Komik gestellt, das wir 
zu umgehen trachteten. (Siehe Einleitung.) Sind diese Geschichten 
etwa nur „komisch" und nicht auch „witzig"? Arbeitet hier die 
Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und wiederum, worin 
besteht der besondere Charakter des Witzigen? 

Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der letztunter- 
suchten Gruppe von Witzen in nichts anderem als in der An- 
bringung von „Denkfehlern" besteht, sind aber genötigt zuzu- 
gestehen, daß deren Untersuchung uns bisher mehr in's Dunkel 
als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch die Erwartung 
nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des 
Witzes zu einem Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangs- 
punkt für weitere Einsichten werden kann. 



Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir unsere Unter- 
suchung fortsetzen wollen, geben leichtere Arbeit. Ihre Technik 
erinnert uns vor allem an Bekanntes. 

Etwa ein Witz von Lichtenberg: 

„Der Januarius ist der Monat, da man seinen 
guten Freunden Wünsche darbringt, und die übri- 
gen die, worin, sie nicht erfüllt werden." 

Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit 
wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten, wollen wir uns den Ein- 
druck von ihnen erst durch Häufung verstärken. 



52 



II. Die Technik des Witzes. 



„D asmenschlicheLebenzerfälltinzweiHälften, 
in der ersten wünscht man die zweite herbei, und 
in der zweiten wünscht man die erste zurück." 

„Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, 
was man nicht zu erfahren wünscht" (beide bei K. 
Fischer). 

Es ist unvermeidHch, daß wir durch diese Beispiele an eine 
früher behandelte Gruppe gemahnt werden, welche sich durch die 
„mehrfache Verwendung desselben Materials" auszeichnet. Das 
letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage auf- 
zuwerfen, warum wir es nicht dort angereiht haben, anstatt es 
hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. „Die Erfahrung" 
wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschriebenj wie an jener 
Stelle die Eifersucht (vgl. S. 23). Auch ich würde mich gegen 
diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen Bei- 
spielen, meine ich aber, die ja ähnlichen Charakters sind, ist ein 
anderes Moment auffälHger und bedeutsamer als die mehrfache 
Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn 
Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier 
neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen von 
Vorstellungen zu einander, und Definitionen durch einander oder 
durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte diesen 
Vorgang Unifizierung heißen; er ist offenbar der Verdichtung 
durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog. So 
werden 'die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine 
zwischen ihnen entdeckte gegensehige Beziehung beschrieben; in 
der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten .die erste 
zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Beziehungen 
zu einander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der Ähnlichkeit 
der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der Worte, welche 
uns eben an die mehrfache Verwendung des nämlichen Materials 
mahnen konnte (herbei — wünschen). In dem Witz von Lich- 

(zurück — wünschen). 
tenberg sind der Januar und die ihm gegenüber gestellten 
Monate durch eine wiederum modifizierte Beziehung zu etwas 
Drittem charakterisiert ; dies sind die Glückwünsche, die man in 
dem einen Monat empfängt, und die sich in den anderen nicht 
erfüllen. Der Unterschied von der mehrfachen Verwendung des 
gleichen Materials, die sich ja dem Doppelsinn annähert, ist hier 
recht deutlich.*) 

*) Ich wül mich der früher erwähnten eigentümlichen Negativrelation 
des Witzes zum Rätsel, daß der eine verbirgt, was das andere zur Schau 



Umfizieniiig. 



53 



Ein schönes Beispiel von Uiiifizierungswitz, das der Erläuterung 
nicht bedarf, ist folgendes: 

„Der französische Odendichter J. B. Rousseau schrieb eine 
Ode an die Nachwelt (ä la posteritö); Voltaire fand, daß der 
Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nach- 
welt zu kommen, und sagte witzig: „Dieses Gedicht wird 
nicht an seine Adresse gelangen." {Nach K. Fischer.) 

Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß 
es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlag- 
fertigen Witzen zu Grunde liegt. Die Schlagfertigkeit besteht ja 
im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im „Umkehren des 
Spießes", im „Bezahlen mit gleicher Münze", also in Herstellung 
einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff, 

2. B. : Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat: 
„Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?" 

stellt, bedienen, um die „Unifizierung" besser, als obige Beispiele es 
gestalten, zu beschreiben. Viele der Rätsel, mit deren Produktion sich der 
Philosoph G. Th. Fechner die Zeit seiner Erblindung vertrieb, zeichnen 
sich durch einen hohen Grad von Unifizierung aus, der ihnen einen beson- 
deren Reiz verleiht. Man nehme z, B. das schöne Rätsel Nr. 203 (Rätsel- 
büclilein von Dr. Mises. Vierte vermehrte Auflage,Jahreszahl nicht angegeben 
,jDie beiden Ersten finden ihre Ruhestätte 
Im Paar der Andern, und das Ganze macht ihr Bette." 
Von den beiden Silbenpaaren, die zu erraten sind, ist nichts ange- 
geben als eine Beziehung zu einander, und vom Ganzen nur eine solche 
zum ersten Paar. (Die Auflösung lautet: Totengräber.) Oder folgende zwei 
Beispiele von Beschreibung durch Relation zu dem nämlichen oder wenig 
modifizierten Dritten: 

Nr. 170. „Die erste Silb' hat Zahn' und Haare, 
Die zweite Zähne in den Haaren. 
Wer auf den Zähnen nicht hat Piaare, 
Vom Ganzen kaufe keine Ware." (Roßkaram.) 



Nr. 168. „Die erste Silbe frißt, 
Die andere Silbe ißt, 
Die dritte wird gefressen, 
Das Ganze wird gegessen. (Sauerkraut.) 

Die vollendetste Unifizierung findet sich in einem Rätsel von Schleier- 
macher, das man nicht anders als witzig heißen kann: 

„Von der Letzten umschlungen 
Schwebt das vollendete Ganze 
Zu den zwei Ersten empor.'* (Galgenstrick,) 

Die o-rößte Mehrzahl aller Silbenrätsel ist der Unifizierung bar, d. h. 
das Merkmal, aus dem die eine Silbe erraten werden soll, ist ganz unab- 
hängig von dem für die zweite, dritte Silbe und wiederum von dem An- 
haltspunkt für's selbständige Erraten des Ganzen. 



54 



II. Die Technik des Witzes. 



Wirt: „Das nicht, aber es ist mir eine von deinen 
Semmeln unter den Nagel geraten." (Nach Über- 
horst, Das Komische, II, 1900.) 

„Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und 
bemerkt in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen 
Person auffällig ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu 
fragen: „Hat seine Mutter wohl einmal in der Resi- 
denz gedient?" — „Nein, Durchlaucht," lautet die Antwort, 
„aber mein Vater." 

„Herzog Karl von Würtemberg trifft auf einem seiner Spazier- 
ritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung be- 
schäftigt ist. „Kannermeinen Schimmel blaufärben?" 
ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: „Jawohl, 
Durchlauchtj wenn er das Sieden vertragen kann!" 

Bei dieser ausgezeichneten „Retourkutsche" — die eine un- 
sinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung be- 
antwortet — wirkt noch ein anderes technisches Moment mit, das 
ausgeblieben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet hätte: 
„Nein, Durchlaucht; ich fürchte, der Schimmel wird das Sieden 
nicht vertragen." 

Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders 
interessantes technisches Mittel zu Gebote, die Anreihung durch 
das Bindewort und. Solche Anreihung bedeutet Zusammenhang; 
wir verstehen sie nicht anders. Wenn z. B. Heine in der Harz- 
reise von der Stadt Göttingen erzählt: „Im Allgemeinen 
werden die Bewohner Göttinge n's eingeteilt in 
Studenten, Professoren, Philister und Vieh," so ver- 
stehen wir diese Zusammenstellung genau in dem Sinne, der durch 
den Zusatz H eine's noch unterstrichen wird: „welche vier Stände 
doch nichts weniger als scharf geschieden sind." Oder, wenn er 
von der Schule spricht, wo er „soviel Latein, Prügel und 
Geographie" ausstehen mußte, so will diese Anreihung, die 
durch die Mittelstellung der Prügel zwischen den beiden Lehr- 
gegenständen überdeutlich wird, uns sagen, daß wir die durch 
die Prügel unverkennbar bezeichnete Auffassung des Schulknaben 
gewiß auch auf Latein und Geographie ausdehnen sollen. 

Bei L i p p s finden wir unter den Beispielen von „witziger 
Aufzählung" („Koordination") als nächst verwandt dem Heine- 
schen „Studenten, Professoren, Philister und Vieh" den Vers: 
„Mit einer Gabel undmit Müh' zogihndie Mutter 
aus der Brüh'"; als ob die Mühe ein Instrument wäre, wie die 
Gabel, setzt Lipps erläuternd hinzu. Wir empfangen aber den 



Darstellung durch das Gegenteil. 55 

Eindruck, als sei dieser Vers gar nicht witzig, allerdings sehr 
komisch, während die Hein e'sche Anreihung ein unzweifelhafter 
Witz ist. Vielleicht werden wir uns später an diese Beispiele 
erinnern, wenn wir dem Problem des Verhältnisses von Komik 
und Witz nicht mehr auszuweichen brauchen. 



Am Beispiel vom Herzog und vom Färber haben wir be- 
merkt, daß es ein Witz durch Unifizierung bliebe, wenn der 
Färber antworten würde : Nein, ich fürchte, der Schimmel wird 
das Sieden nicht vertragen. Seine Antwort lautete aber : J a, Durch- 
laucht, wenn er das Sieden vertragen kann. In der Ersetzung 
des eigendich hingehörigen „Nein" durch ein „Ja" liegt ein neues 
technisches Mittel des Witzes, dessen Verwendung wir an anderen 
Beispielen verfolgen wollen. 

Ein dem eben erwähnten bei K. Fischer benachbarter Witz 
ist einfacher : Friedrich der Große hört von einem Prediger in 
Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er läßt 
den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: „Er kann 
Geister beschwören?" Die Antwort war : „Zu Befehl, 
Majestät, aber sie kommen nicht." Hier ist es nun 
ganz augenfällig, daß das Mittel des Witzes in nichts anderem 
bestand, als in der Ersetzung des einzig möglichen „Nein" durch 
sein Gegenteil. Um diese Ersetzung durchzuführen, mußte an das 
„Ja" ein „aber" geknüpft werden^ so daß „ja" und „aber" dem 
Sinne von „nein" gleichkommen. 

Diese Darstellung durch"s Gegenteil, wie wir sie 
nennen wollen, dient der Witzarbeit in verschiedenen Ausführungen. 
In folgenden zwei Beispielen tritt sie fast rein hervor : Heine: 
„Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von 
Melos: sie ist auch außerordentlich alt, hat eben- 
falls keine Zähne und auf der gelblichen Ober- 
fläche ihres Körpers einige weiße Flecken." 

Eine Darstellung der Häßlichkeit vermittels ihrer Überein- 
stimmungen mit dem Schönsten; diese Übereinstimmungen können 
freilich nur in doppelsinnig ausgedrückten Eigenschaften oder in 
Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu; 

Lichtenberg: Der große Geist. 
^ „Er hatte die Eigenschaften der größten Män- 

ner in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie 
Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu 
nesteln wie Caesar, konnte Kaffee trinken wie Lcib- 
nitz, und wenn er einmal recht in seinem Lehnstuhl 



56 



II Die Teclmik des Witzes. 



saßj so vergaß er Essen und Trinken darüber wie 
Newton; und man mußte ihn wie diesen wecken; 
seine Perücke trug er wie Dr. Johnson, und ein 
Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cer- 
vantes." 

Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das 
Gegenteil, in welchem auf die Verwendung doppelsinniger Worte 
gänzlich verzichtet ist, hat J- v. Falke von einer Reise nach 
Irland heimgebracht. „Schauplatz ein Wachsfigurenkabinetj sagen 
wir Madame Tussaud. Auch hier ein Führer, der eine Gesell- 
schaft von Alt und Jung von Figur zu Figur mit seinen Erläute- 
rungen begleitet. „This is the Duke of Wellington and 
bis horse," worauf ein junges Fräulein die Frage stellt „Which 
is the Duke of Wellington and which is his horse?" 
„Just, as you like, my pretty child," lautet die Antwort, 
„you pay the money and you have the choic e." 
(Welches ist der Herzog von W. und welches ist sein Pferd? — 
Wie es Ihnen beliebt, mein schönes Kind, Sie zahlen Ihr Geld 
und Sie haben die Wal.) {Lebenserinnerungen, S. 27t.) 

Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten : Un- 
verschämt, was diese Wachsfigurenleute dem Publikum zu bieten 
wagen! Pferd und Reiter sind nicht auseinander zu kennen. 
(Scherzhafte Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld ! 
Diese entrüstete Äußerung wird nun dramatisiert, in einem kleinen 
Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt 
eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell bestimmt, es 
muß der in Irland so überaus populäre Herzog von Wellington 
sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Führers aber, der 
den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür 
bietet, wird durch das Gegenteil dargestellt, durch eine Rede, in 
welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht, 
dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte, 
die das Publikum durch die Zahlung erworben hat. Nun merkt 
man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache 
ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Schwindler seine Ge- 
wissenhaftigkeit beteuern zu lassen, ist der Witz ein Fall von 
Darstellung durch's Gegenteil; indem er dies aber bei einem 
Anlaß tut, wo man ganz anders von ihm verlangt, so .daß er 
mit geschäfdicher Solidität antwortet, wo man Ähnlichkeit der 
Figtu-en von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung. 
Die Technik des Witzes liegt in der Kombination der beiden 
Mittel. 



Überbietungswitze. 5 7 

Von diesem Beispiel ist es nichi; weit zu einer kleinen .Gruppe, 
die man als Überbietungswitze benennen könnte. In ihnen wird 
das ,Ja", welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein 
„Nein'' ersetzt, das aber mit einem noch verstärkten , J a" infolge 
seines Inhalts gleichwertig ist, und ebenso im umgekehrten Falle. 
Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit Über- 
bietung; so z. B. das Epigramm von Lessing: 
„Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz' ihr Haar; 
Da doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war." 
Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch 
Lichtenberg: 

„Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, 
als Eure Schulweisheit sich träumen läßt," hatte 
Prinz Hamlet verächtlich gesagt. Lichtenberg weiß, daß 
diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht 
alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann. 
Er fügt also das noch fehlende hinzu: „Aber es gibt auch 
vieles in der Schulweisheit, das sich weder im 
Himmel noch auf Erden findet." Seine Darstellung hebt 
zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von Hamlet 
gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt 
ein zweiter und noch größerer Vorwurf. 

Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung, 
sind zwei Judenwitze allerdings von grobem Kaliber. 

„Zwei Juden sprechen über das Baden. .,Ich nehme jedes 
Jahr ein Bad," sagt der eine, „ob ich es nötig habe 
oder nicht." 

Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung 
seiner Reinlichkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt. 

„Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. Ich 

kann dir sagen, was du gestern gegessen hast. — 

Nun, sag'. — Also Linsen. — Gefehlt, vorgestern!" — 

Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung 

durch's Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender: 

Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische 
Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation 
eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen 
seines königlichen Wohlgefallens begleitet. „Bravo, bravo, 
mein lieber Geheim rat." Nach vollendeter Operation tritt 
der Professor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend: „Be- 
fehlen Majestät auch das andere Bein?" 



58 



II Die Technik des Witzes. 



Was der Professor sich während des königlichen Beifalls 
gedacht haben mag, das ließ sich gewiß nicht unverändert aus- 
sprechen : „Das muß ja den Eindruck machen, als nehme ich 
dem armen Teufel das kranke Bein ab im königlichen Auftrag 
und nur wegen des königlichen Wohlgefallens. Ich habe doch 
wirklich andere Gründe für diese Operation." Aber dann geht er 
vor den König hin und sagt : „Ich habe keine anderen .Gründe 
für eine Operation als Ew. Majestät Auftrag. Der mir gespendete 
Beifall hat mich so beseeligt, daß ich nur Ew, Majestät Befehl 
erwarte, um auch das gesunde Bein zu amputieren." Es gelingt 
ihm so sich verständlich zu machen, indem er das Gegenteil von 
dem aussagt, was er sich denkt und bei sich behalten muß. Dieses 
Gegenteil ist eine unglaubwürdige Überbietung. 

Die Darstellung durch's Gegenteil ist, wie wir an diesen Bei- 
spielen sehen, ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel 
der Witztechnik. Aber wir dürfen auch etwas anderes nicht über- 
sehen, daß diese Technik keineswegs dem Witz allein eigen ist. 
Wenn Marcus Antonius, nachdem er in langer Rede auf 
dem Forum die Stimmung der Zuhörer um Caesar's Leichnam 
umgemodelt, endlich wieder einmal die Worte hinwirft: 
„Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann — " 

so weiß er, daß das Volk ihm nun den wahren ßinn seiner Worte 
entgegenschreien wird: 

„Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer I" 
Oder wenn der „Simplizissimus" eine Sammlung unerhörter 
Brutalitäten und Zynismen als Äußerungen von „Gefühls- 
menschen" überschreibt, so ist das auch eine Darstellung durch's 
Gegenteil. Diese heißt man aber „Ironie", nicht mehr Witz. Der 
Ironie ist gar keine andere Technik als die der Darstellung durch's 
Gegenteil eigentümlich. Überdies liest und hört man vom ironi- 
schen Witz. Es ist also nicht mehr zu bezweifeln, daß die 
Technik allein nicht hinreicht, den Witz zu charakterisieren. Es 
muß noch etwas anderes hinzukommen, das wir bis jetzt nicht 
aufgefunden haben. Anderseits steht aber noch immer unwider- 
sprochen da, daß mit der Rückbildung der Technik der Witz 
beseitigt ist. Vorläufig mag es uns schwer fallen, die beiden 
festen Punkte, die wir für die Aufklärung des Witzes gewonnen 
haben, miteinander vereint zu denken. 



1 



Wenn die Darstellung durch's Gegenteil zu den technischen 
Mitteln des Witzes gehört, so wird in uns die Erwartung rege, 



Indirekte Darstellung. 59 

daß der Witz auch von deren Gegenteil, der Darstellung durch 
Ähnliches und Verwandtes, Gebrauch machen könne. Die 
Fortsetzung unserer Untersuchung kann uns in der Tat belehren, 
daß dies die Technik einer neuen, ganz besonders umfangreichen 
Gruppe von Gedankenwitzen ist. Wir beschreiben die Eigenart 
dieser Technik weit treffender, wenn wir anstatt Darstellung durch 
„Verwandtes" setzen: durch Zusammengehöriges oder Zu- 
sammenhängendes. Wir wollen sogar mit letztcrem Charak- 
ter den Anfang machen und ihn sofort durch ein Beispiel erläutern. 

Eine amerikanische Anekdote erzählt: Zwei wenig skrupulösen 
Geschäftsleuten war es gelungen, sich durch eine Reihe recht ge- 
wagter Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben und 
nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft auf- 
zudrängen. Unter anderen erschien es ihnen als ein zweckmäßiges 
Mittel sich von dem. vornehmsten und teuersten Maler der Stadt, 
dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen zu lassen. 
Auf einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder zuerst ge- 
zeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den einflußreichsten 
Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons, auf welcher die 
beiden Portraits neben einander aufgehängt waren, um ihm sein 
bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die Bilder lange Zeit 
auj schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas vermissen würde, 
und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen beiden Bildern 
deutend: „And where is the Saviour?" (Und wo bleibt der 
Heiland? Oder: Ich vermisse da das Bild des Heilands.) 

Der Sinn dieser Rede ist klar. Es handelt sich wieder um 
die Darstellung von etwas, was direkt nicht ausgedrückt werden 
kann. Auf welchem Wege kommt diese „indirekte Dar- 
stellung" zu Stande? Durch eine Reihe leicht sich einstellen- 
der Assoziationen und Schlüsse verfolgen wir den Weg von der 
Darstellung des Witzes an nach rückwärts. 

Die Frage : Wo ist der Heiland, das Bild des Heilands ? 
läßt uns erraten, daß der Redner durch den Anblick der .beiclen 
Bilder an einen ähnlichen, ihm wie uns vertrauten Anblick ge- 
mahnt worden ist, welcher aber als hier fehlendes Element das 
Bild des Erlösers in der Mitte zwischen zwei anderen Bildern 
zeigte. Es gibt nur einen solchen Fall : Christus hängend zwischen 
den beiden Schachern. Das Fehlende wird vom Witz hervor- 
gehoben, die Ähnlichkeit haftet an den im Witz übergegangenen 
Bildern rechts und links vom Heiland. Sie kann nur darin be- 
stehenj daß auch die im Salon aufgehängten die Bilder von 



6ö- 



II. Die Technik des Witzes. 



Schachern sind. Was der Kritiker sagen wollte und nicht sagen 
konnte, war also : Ihr seid ein paar Hallunken ; ausführlicher ; 
Was kümmern mich eure Bilder? Ihr seid ein. paar Hallunken, 
das weiß ich. Und er hat es schließlich über einige .Assoziationen 
und Schlußfolgerungen auf einem Wege gesagt, den wir als den 
der Anspielung bezeichnen. 

Wir erinnern uns sofort, daß wir der Anspielung bereits be- 
gegnet sind. Beim Doppelsinn nämlich; wenn von den zwei 
Bedeutungen, die in demselben Wort ihren Ausdruck finden, die 
eine als die häufigere und gebräuchlichere so sehr im Vordergrunde 
steht, daß sie uns an erster Stelle einfallen muß, während die 
andere als die entlegenere zurücksteht, so wollten wir diesen Fall 
als Doppelsinn mit Anspielung bezeichnen. Bei einer 
ganzen Reihe der bisher untersuchten Beispiele hatten wir an- 
gemerkt, daß deren Technik keine einfache sei und erkennen 
nun die Anspielung als deren komplizierendes Moment. (Z. B. vgl. 
etwa den Umordnungswitz von der Frau, die sich etwas zurück- 
gelegt und dabei viel verdient hat, oder den Widersinnswitz bei 
der Gratulation zum jüngsten Kind, es sei merkwürdig, was 
Menschenhände alles vermögen, S. 45.) 

In der amerikanischen Anekdote haben wir nun die An- 
spielung frei vom Doppelsinn vor uns und finden als ihren 
Charakter die Ersetzung durch etwas im Denkzusammenhange 
Verbundenes. Es ist leicht zu erraten, daß der verwertbare Zu- 
sammenhang von mehr als einer Art sein kann. Um uns nicht 
in der Fülle zu verlieren, werden wir nur die ausgeprägtesten 
Variationen und diese nur an wenigen Beispielen erörtern. 

Der zur Ersetzung verwendete Zusammenhang kann ein bloßer 
Anklang sein, so daß diese Unterart dem Kalauer beim Wort- 
witz analog wird. Es ist aber nicht der Anklang zweier Worte 
an einander, sonder ganzer Sätze, charakteristischer Wortverbin- 
dungen u. dgl. 

Z. B. Lichtenberg hat den Spruch geprägt : „N e u e 
Bäder heilen gut", der uns sofort an das Sprichwort erinnert: 
Neue Besen kehren gut, mit dem er die ersten anderthalb 
Worte, das letzte und die ganze Struktur des Satzes gemeinsam hat. 
Er ist auch sicherlich im Kopfe des witzigen Denkers als Nach- 
bildung des bekannten Sprichwortes entstanden. Der Spruch 
Lichtenberg's wird so zur Anspielung auf das Sprichwort. 
Mittels dieser Anspielung wird uns etwas angedeutet, was nicht 
gerade heraus gesagt wird, daß an der Wirkung von Bädern auch 



Anspielung. 6l 

noch anderes beteiligt ist als das in seinen Eigenschaften sich 
gleich bleibende Thermalwasser. 

Ähnlich ist ein anderer Scherz oder Witz von L i c h t e n b c r g 
technisch aufzulösen: Ein Mädchen, kaum zwölf Moden 
alt. Das klingt an die Zeitbestimmung „zwölf Monden" 
(i. e. Monate) an und war vielleicht ursprünglich ein Schreib- 
fehler für letzteren, in der Poesie zulässigen Ausdruck. Aber es 
hat einen guten Sinn, die wechselnde Mode anstatt des wechseln- 
den Mondes zur Altersbestimmung für ein weibliches Wesen zu 
verwenden. 

Der Zusammenhang kann in der Gleichheit bis auf eine 
einzige leichte Modifikation bestehen. Diese Technik 
läuft also wiederum einer Worttechnik parallel. Beide Arten von 
Witzen rufen fast den gleichen Eindruck hervor, doch sind sie 
nach den Vorgängen bei der Witzarbeit besser von einander zu 
trennen. 

Als Beispiel eines solchen Wortwitzes oder Kalauers: Die 
^roße, aber nicht nur durch den Umfang ihrer Stimme berühmte 
Sängerin Marie Wilt erfuhr die Kränkung, daß man den 
Titel eines aus dem bekannten Roman von J. V e r n e gezogenen 
Theaterstückes zu einer Anspielung auf ihre Mißgestalt verwendete : 
„Die Reise um die Wilt in 80 Tagen." 

Oder: „Jede Klafter eine Königin," eine Modifikation 
des bekannten Shakespeare' sehen „Jeder Zoll ein König" 
und eine Anspielung auf dieses Zitat, auf eine vornehme und über- 
lebensgroße Dame bezogen. Es wäre wirklich nicht viel Ernst- 
haftes dagegen zu sagen, wenn jemand diesen Witz vielmehr zu 
den Verdichtungen mit Modifikation (S. 15) als Ersatzbildung 
stellen würde. (Vgl. t^te-h-bete.) 

Von einer hochstrebenden, aber in der Verfolgung ihrer Ziele 
eigensinnigen Person sagte ein Freund; „Er hat ein Ideal 
vor dem Kopf." „Ein Brett vor dem Kopf haben," 
ist die geläufige Redensart, auf welche diese Modifikation anspielt 
und deren Sinn sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Auch hier 
kann man die Technik als Verdichtung mit Modifikation be- 
schreiben. 

Fast ununterscheidbar werden Anspielung durch Modifikation 
und Verdichtung mit Ersatzbildung, wenn sich die Modifikation 
auf die Veränderung von Buchstaben einschränkt, z. B. Dichteritis. 
Die Anspielung auf die böse Seuche der Diphtherhis stellt auch 
das Dichten Unberufener als gemeingefährlich hin. 



62 U. Die Technik des Witzes. 

Die Negationspartikeln ermöglichen sehr schöne Anspielungen 
mit geringen Abänderungskosten: 

„Mein U n glaubensgenosse Spinoza" sagt Heine. „Wir 
von Gottes LI n gnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fron- 
knechte" usw. . . . beginnt bei Lichtenberg ein nicht weiter 
ausgeführtes Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf 
solche Titulatur mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten 
auf die unmodifizierte. 

Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die A u s- 
1 a s s u n g, der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar. 
Eigentlich wird bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich 
die zur Anspielung hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur 
darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke 
teilweise ausfüllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So 
kämen wir über eine Reihe von Beispielen von der krassen Aus- 
lassung zur eigentlichen Anspielung zurück. 

Auslassung ohne Ersatz findet sich in folgendem Beispiel: 
In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der 
sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederhoh körperliche 
Mißhandlungen von Seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als 
einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet 
wurde, äußerte ein Dritter :WennderX. dashört, bekommt 
er wieder eine Ohrfeige. Zur Technik dieses Witzes ge- 
hört zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn, 
denn eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge 
davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn 
vergehl, wenn man in die Lücke einsetzt: dann schreibt er 
einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden, 
daß usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also 
die technischen Mittel dieses Witzes. 

Heine: „Er lobt sich so stark, daß die Räucher- 
kerzchen im Preise steigen." Diese Lücke ist leicht aus- 
zufüllen. Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die 
nun als Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Eigenlob stinkt. 
Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem Badehause I 
„Schon wieder ein Jahr vergangen! seufzt der eine." 
Diese Beispiele lassen wohl keinen Zweifel bestehen, daß die 
Auslassung zur Anspielung gehört. 

Eine immer noch auffällige Lücke findet sich in nachstehen- 
dem Beispiel, das doch ein echter und richtiger Anspielungswitz 
ist. Nach einem Künstlerfest in Wien wurde ein Scherzbuch 



Anspielung Murch Auslassung. 63 

herausgegeben, in welchem unter anderen folgender, höchst merk- 
würdiger Sinnspruch verzeichnet stand: 

„E ine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt 
sich dann doch einen Komfortabel." 

Ein Regenschirm schützt nicht genug vor dem Regen. Das 
,,dann doch" kann nur heißen: wenn es tüchtig regnet, und ein 
Komfortabel ist ein öffentliches Fuhrwerk. Da wird es aber hier 
mit der Form des Gleichnisses zu tun haben, wollen wir die ein- 
gehendere Untersuchung dieses Witzes auf einen spateren Moment 
verschieben. 

Ein wahres Wespennest der stachligsten Anspielungen, ent- 
halten H eine's „Bader von Lucca", die von dieser Form des 
Witzes die kunstvollste Verwendung zu polemischen Zwecken 
(gegen den Grafen P 1 a t e n) machen. Lange zuvor, ehe der 
Leser diese Verwendung ahnen kann, wird einem gewissen Thema, 
das sich zur direkten Darstellung besonders schlecht eignet, durch 
Anspielungen aus dem mannigfaltigsten Material präludiert, z. B. 
in den Wort Verdrehungen des Hirsch-Hyacinth: „Sie sind zu 
korpulent und ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und 
ich habe desto mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie 
sind ein Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein 
Anti p o d e x." ~ „Venus U r i n i a" — die dicke Gudel vom Dreck- 
wall in Hamburg — u. dgl., dann nehmen die Begebenheiten, 
von denen der Dichter erzählt, eine Wendung, die zunächst nur 
von dem unartigen Mutwillen des Dichters zu zeugen scheint, 
bald aber ihre symbolische Beziehung zur polemischen Absicht 
enthüllt und sich somit gleichfalls als Anspielung kundgibt. End- 
lich bricht der Angriff auf Platen los und nun sprudeln und 
quellen die Anspielungen auf das bereits bekannt gewordene Thema 
der Männerliebe des Grafen aus jedem der Sätze, die Heine 
gegen das Talent und den Charakter seines Gegners richtet, z. B.: 

,,Wemi auch die Musen ihm nicht hold sind, so hat er doch 
den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß 
ihm Gewalt anzutun ; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt 
ihm, er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er 
weiß nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen 
Rundung sich nie edel aussprechen." 

„Es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hin- 
länglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand ge- 
steckt, so daß nur der Steiß sichtbar wird. Unser erlauchter 
Vogel hätte besser getan, wenn er den Steiß in den Sand ver- 
steckt und uns den Kopf gezeigt hätte." 



64 n. Die Technik des Witzes. 

Die Anspielung" ist vielleicht das gebräuchlichste und am 
leichtesten zu handhabende Mittel des Witzes und liegt den meisten 
der kurzlebigen Witzproduktionen zu Grunde, die wir in unsere 
Unterhaltung cinzuflechten gewöhnt sind, und welche eine Ab- 
lösung von diesem Mutterboden und selbständige Konservierung 
nicht vertragen. Gerade bei ihr werden wir aber von neuem An 
jenes Verhältnis gemahnt, das begonnen hat, uns an der Schätzung 
der Witztechnik irre zu machen. Auch die Anspielung ist nicht 
etwa an sich witzig, es gibt korrekt gebildete Anspielungen, die 
auf diesen Charakter keinen Anspruch haben. Witzig ist nur die 
,, witzige" Anspielung, so daß das Kennzeichen des Witzes, das 
wir bis in die Technik verfolgt haben, uns dort wieder entschwindet. 

Ich habe die Anspielung gelegentlich als „indirekte Dar- 
stellung" bezeichnet und werde nun darauf aufmerksam, daß 
man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der 
Darstellunf^ durch's Gegenteil und mit den noch zu erwähnenden 
Techniken zu einer einzigen großen Gruppe vereinigen kann, für 
v/elche „indirekte Darstellung" der umfassendste Namen 
wäre. Denkfehler — Unifizierung — indirekte Dar- 
stellung heißen also die Gesichtspunkte, unter welche sich die 
uns bekannt gewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen 
ließen. 

Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials glauben 
v/ir nun eine neue Unterart der indirekten Darstellung zu er- 
kennen, die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige 
Beispiele belegen läßt. Es ist dies die Darstellung durch ein 
Kleines oder Kleinstes, welche die Aufgabe löst, einen ganzen 
Charakter durch eiii winziges Detail zum vollen Ausdruck zu 
bringen. Die Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird 
durch die Erwägung ermöglicht, daß ja diese Winzigkeit mit dem 
Darzustellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgerung aus 
ihm ableiten läßt, z. B.: 

„Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich 
recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft, die Füße auf die 
Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort 
nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur. 
Der Fremde blättert in einem Buch, rechnet, besinnt sich und 
richtet plötzlich an den Juden die Frage: Ich bitte Sie, wann haben 
wir Jomkipur? (Versöhnungstag.) Aesoi, sagt der Jude und legt 
die Füße wieder auf die Bank, ehe er Antwort ^bt." 



Darstellung durch ein Kleines. — Gleichnis. 65 

Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch 
ein Kleines an die Tendenz zur Ersparnis anknüpft, welche wir 
nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte Gemein- 
same übrig" behalten haben. 

Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes : 

„Der Arzt, der gebeten worden ist, der I'"rau Baronin bei 
ihrer Entbindung beizustehen, erklärt den Moment für noch nicht 
gekommen und schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im 
Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau 
Baronin an das Ohr der beiden Männer. „Ah mon dieu, que 
je souffrc!" Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab: 
Es ist nichts, spielen wir weiter. Eine Wcilc später hört man 
die Kreißende wieder: „Mein Gott, mein G o 1 1, was für 
Schmerzen 1" — Wollen Sic nicht hineingehen, Herr Professor? 
fragt der Baron. — Nein, nein, es ist noch nicht Zeit. — Endlich 
hört man aus dem Nebenzimmer ein unverkennbares: .,Ai, waih, 
waih geschrieen"; da wirft der Arzt die Karten weg und 
sagt: Es ist Zeit," 

Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die 
ursprüngliche Natur durchbrechen läßt, und wie eine wichtige 
Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung 
abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem 
Beispiel der schrittweisen Veränderung der Klagerufe bei der 
gebärenden vornehmen Frau. 



Eine andere Art' der indirekten Darstellung, deren sich der 
Witz bedient, das Gleichnis, haben wir uns solange aufgespart, 
weil dessen Beurteilung auf neue Schwierigkeiten stößt, oder 
Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben 
haben, besonders deutlich erkennen läßt. Wir haben schon vorhin 
eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung vorliegen- 
den Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zu- 
zurechnen seien, nicht zu bannen vermögen, und haben in dieser 
Unsicherheit eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen 
unserer Untersuchung erkannt. Bei keinem anderen Material 
empfinde ich aber diese Unsicherheit stärker und häufiger als 
bei den Gleichnis witzen. Die Empfindung, welche mir — und 
wahrscheinlich einer großen Anzahl Anderer unter den nämlichen 
Bedingunger wie mir — zu sagen pflegt: Dies ist ein Witz, dies 
darf man für einen Witz ausgeben, noch ehe der verborgene 
wesentliche Charakter des Witzes entdeckt ist; diese Empfindung 

Freud, Der Witz. 5 



65 TI, Die Technik des Witzes. 

läßt mich bei den witzigen Vergleichen am ehesten im Stiche. 
Wenn ich den Vergleich zuerst ohne Bedenken für einen Witz 
erklärt habe, so glaube ich einen Augenblick später zu bemerken, 
daß das Vergnügen, das er mir bereitet, von anderer Qualität 
ist, als welches ich einem Witz zu verdanken pflege, und der 
Umstand, daß die witzigen Vergleiche nur sehr selten das ex- 
plosionsartige Lachen hervorzurufen vermögen, durch welches sich 
ein guter Witz bezeugt, macht es mir unmöglich, mich dem Zweifel 
wie sonst zu entziehen, indem ich mich auf die besten und effekt- 
vollsten Beispiele der Gattung einschränke. 

Daß es ausgezeichnet schöne und wirksame Beispiele von 
Gleichnissen gibt, die uns den Eindruck des Witzes keineswegs 
machen, ist leicht zu zeigen. Der schöne Vergleich der durch- 
gehenden Zärtlichkeit in Ottilien's Tagebuch mit dem roten Faden 
der englischen Marine (s. S. 13) ist ein solcher; auch ein anderes, 
das zu bewundern ich noch nicht müde geworden bin und dessen 
Eindruck ich nicht überwunden habe, kann ich mir nicht ver- 
sagen, im gleichen Sinne anzuführen. Es ist das Gleichnis, mit 
welchem Ferd. L a s s a II e eine seiner berühmten Verteidigungs- 
reden (Die Wissenschaft und die Arbeiter) geschlossen hat: „Ein 
Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem 
Wahlspruch gewidmet hat „Die Wissenscliaft und die Arbeiter", 
dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege 
findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das 
Springen einer Retorte dem in seine wissenschaft- 
lichenExperimentevertieften Chemiker. Mitein em > 

leisen Stirnrunzeln über den Widerstand der Ma- 
terie, setzt er, sowie die Störung beseitigt ist, ruhig 
seine Forschungen und Arbeiten fort." 

Eine reiche Auswahl von treffenden und witzigen Gleichnissen 
findet man in den Schriften Lichte nb erg's (IL B. der Göttinger 
Ausgabe, 1853); von dort will ich auch das Material für unsere 
Untersuchung entnehmen. 

„Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahr- 
heit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem 
den Bart zu sengen." 

Das erscheint wohl witzig, aber bei näherem Zusehen merkt 
man, daß die witzige Wirkung nicht vom Vergleich selbst, sondern 
von einer Nebeneigenschaft desselben ausgeht. Die „Fackel der 
Wahrheit'' ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst 
gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es 
immer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprach- 



* 



?' 



Zweifel bei witzigen Vergleichen. 67 

gebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die 
Fackel der Wahrheit" den Vergleich kaum mehr bemerken, wird 
ihm bei Lichtenberg die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben, 
da nun auf dem Vergleich weiter gebaut, eine Folgerung aus 
ihm gezogen wird. Solches Vollnehmen abgeblaßter 
Redensarten ist uns aber als Technik des Witzes bereits bekannt, 
es findet seine Stelle bei der mehrfachen Verwendung des näm- 
lichen Materials (s. S. 23). Es könnte sehr wohl sein, daß der 
witzige Eindruck des Lieh t enb erg'schcn Satzes nur von der 
Anlehnung; an diese Witztechnik herrührt. 

Dieselbe Beurteilung wird gewiß auch für einen anderen 
witzigen Vergleich desselben Autors gelten können: 

„Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein 
großer Leuchter . . , , Er war Professor der Philosophie." 

Einen Gelehrten ein großes Licht, ein „lumen mundi", zu 
heißen, ist längst kein wirksamer Vergleich mehr, mag er ur- 
sprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt 
den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem 
man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcher Art einen 
zweiten, neuen, Vergleich aus ihm gewinnt. Die Art, wie der zweite 
Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes zu 
enthalten, nicht die beiden Vergleiche selbst. Es wäre dies ein 
Fall der nämlichen Witzteclinik wie im Beispiele von der Fackel. 

Auü einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden Grunde 
erscheint folgender Vergleich als witzig : 

„Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinder- 
krankheit an, die die neugeborenen Bücher mehr oder weniger 
befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben, 
und die schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie 
gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch Amulette von 
Vorrede und Dedikation vorzubeugen, oder sie gar durch 
eigene Urteile zu makulieren; es hilft aber nicht immer." 

Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten 
ist zuerst nur auf das Befallenwerden, kurz nachdem sie das Licht 
der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit witzig ist, ge- 
traue ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fort- 
geführt; es ergibt sich, daß die weiteren Schicksale der neuen 
Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen Gleichnisses oder 
durch angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche 
Fortsetzung einer Vergleichung ist unzweifelhaft witzig, aber wir 
wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint; es ist ein 
Fall von Unifizierung, Herstellung eines ungeahnten 2u- 



{^g II. Die Technik des Witzes. 

sammenhanges. Der Charakter der Unifizier ung wird aber da- 
durch nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein 
erstes Gleichnis besteht. 

Bei einer Reihe anderer Vergleichungen ist man versucht, 
den unleugbar vorliegenden witzigen Eindruck auf ein anderes 
Moment zu schieben, welches wiederum mit der Natur des 
Gleichnisses an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergleichungen, 
die eine auffällige Zusammenstellung, oft eine absurd klingende 
Vereinigung enthalten, oder sich durch eine solche als Ergebnis 
des Vergleiches ersetzen. Die Mehrzahl der L ic ht enb e r g'schen 
Beispiele gehören dieser Gruppe an. 

„Es ist Schade, daß man bei Schriftstellern die gelehrten 
Eingeweide nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie gegessen 
haben." „Die gelehrten Eingeweide," das ist eine verblüffende, 
eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durch die Ver- 
gleichung aufklärt. Wie wäre es, wenn der witzige Eindruck dieses 
Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden .Charakter dieser 
Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der uns 
gut bekannten Mittel des Witzes, der Darstellung durch Wider- 
sinn. 

Lichtenberg hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von 
Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme von physischer Nahrung 
auch zu einem anderen Witz verwendet : 

„Er hielt sehr viel vom Lernen auf der Stube und war 
also gänzlich für gelehrte Stallfütterung." 

Die nämliche absurde oder mindestens auffällige Attribuierung, 
welche, wie wir zu merken beginnen, der eigentliche Träger des 
Witzes ist, zeigen andere Gleichnisse desselben Autors: 

„Das ist die Wetterseite meiner moralischen Kon- 
stitution, da kann ich etwas aushalten." 

„Jeder Mensch hat auch seine moralische Backside, 
die er nicht ohne Not zeigt und die er so lange als möglich 
mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt." 

Die „moralische Backside", das ist die auffällige Attribuierung, 
die als Resultat einer Vergleichung da steht. Dazu kommt aber 
eine Fortführung des Vergleiches mit einem regelrechten Wort- 
spiel („Not") und einer zweiten noch ungewöhnlicheren Zu- 
sammenstellung („Die Hosen des guten Anstandes"), die vielleicht 
selbst an sich witzig ist, demi die Hosen werden dadurch, daß 
sie die Hosen des guten Anstandes sind, selbst gleichsam witzig. 
Es darf uns dann nicht Wunder nehmen, wenn wir vom Ganzen 
den Eindruck eines sehr witzigen Vergleiches empfangen, wir be- 



Sonderbare Attribuierungen. 



69 



ginnen zu merken, daß wir ganz allgemein dazu neigen, einen 
Charakter, welcher nur an einem Teil des Ganzen haftet, in unserer 
Schätzung auf dieses Ganze auszudehnen, Die „Hosen des guten 
Anslandes" erinnern übrigens an einen ähnlichen verblüffenden 
Vers von Heine: 

„Bis mir endlich alle Knöpfe rissen 
an der Hose der Geduld." 

Es ist unverkennbar, daß diese beiden letzten Vergleichungen 
einen Charakter an sich tragen, den man nicht an allen guten, 
d. h. zutreffenden Gleichnissen wiederfinden kann. Sie sind in 
hohem Grade „herabziehend", konnte man sagen, sie stellen 
ein Ding hoher Kategorie, ein Abstraktum (hier: den guten An- 
stand, die Geduld) mit einem Ding sehr konkreter Natur und 
selbst niedriger Art (der Hose) zusammen. Ob diese Eigentüm- 
lichkeit etwas mit dem Witz zu schaffen hat, werden wir noch 
in einem anderen Zusammenhange in Erwägung ziehen müssen. 
Versuchen wir hier ein anderes Beispiel, in dem der herabziehende 
Charakter ganz besonders deutlich ist, zu analysieren. Der Kommis 
Weinberl in N e s t r o y's Posse „Einen Jux will er sich 
mache n", der sich ausmalt, wie er einmal als solider alter 
Handelsherr seiner Jugendtage gedenken wird, sagt : „Wenn so 
im traulichen Gespräch das Eis auf g'h ackt wird vor dem 
Magazin der Erinnerung, wann die G'w Ö 1 b t ü r der 
Vorzeit wieder auf g's perrt und die Pudel der Ph an- 
tasie voll ang'raumt wird mit Waren von ehemals." 
Das sind sicherlich Vergleichungen von Abstrakten mit sehr 
gewöhnlichen konkreten Dingen, aber der Witz hängt — aus- 
schließlich oder nur zimi Teile — an dem Umstand, daß ein 
Kommis sich dieser Vergleichungen bedient, die aus dem Bereiche 
seiner alltäglichen Tätigkeit genommen sind. Das Abstrakte aber 
in Beziehung zu diesem Gewöhnlichen, das ihn sonst ausfüllt, zu 
bringen, ist ein Akt von Unifizierung. 

Kehren wir zu den Li c htenb er g'schen Vergleichen zurück. 

„Die Bewegungsgründe,*) woraus man etwas tut, 
könnten so wie die 32 Winde geordnet und ihre 
Namen auf eine ähnliche Art formiert werden, z. B. 
Brot— Brot— Ruhm, oder R uhm — -Ruh m — B rot." 

Wie so häufig bei den Lieh tenber g'schen Witzen ist auch 
hier der Eindruck des Treffenden, Geistreichen, Scharfsinnigen 
so vorherrschend, daß unser Urteil über den Charakter des Witzigen 
hiedurch irre geführt wird. Wenn in einem solchen Ausspruch 

"0 Wir würden heute: Beweggründe, Motive sagen. 



70 



II. Die Technik des Witzes. 



etwas Witz sich dem ausgezeichneten Sinn beimengt, werden wir 
wahrscheinlich verleitet, das Ganze für einen vortrefflichen Witz 
zu erklären. Ich möchte vielmehr die Behauptung wagen, daß 
alles, was hieran wirklich witzig ist, aus dem Befremden über die 
sonderbare Kombination „Brot— Brot— Ruhm" hervorgeht. Also als 
Witz eine Darstellung durch Widersinn. 

Die sonderbare Zusammenstellung oder absurde Attribuierung 
kann als Ergebnis eines Vergleiches für sich allein hingestellt 

werden : 

Lichtenberg: Eine zweischläfrige Frau — Ein 
einschläfriger Kirchenstuhl. Hinter beiden steckt der 
Vergleich mit einem Bett, bei beiden wirkt außer der Verblüffung 
noch das technische Moment der Anspielung mit, das eine 
Mal an die einschläfernde Wirkung von Predigten, das andere 
Mal an das nie zu erschöpfende Thema der geschlechtlichen Be- 
ziehungen. 

Haben wir bisher gefunden, daß eine Vergleichung, so oft 
sie uns witzig erschien, diesen Eindruck der Beimengung einer 
der uns bekamiten Witztechniken verdankte, so scheinen einige 
andere Beispiele endlich dafür zu zeugen, daß ein Vergleich auch 
an und für sich witzig sein kann. 

Lichtenberg's Charakteristik gewisser Oden: 

„Sie sind das in der Poesie, was Jakob Böhm's unsterbliche 
Werke in Prose sind, eine Art von Pickenick, wobei 
der Verfasser die Worte, und der Leser den Sinn 
stellen." 

„Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein an- 
genehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen 
gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutUch zeigt." 

Oder Heine: „Ihr Gesicht glich einem Kodex 
palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchs- 
schrift eines Kirchenvatertextes die halb erlosche- 
nen Verse eines altgriechischen Liebesdichters 
her vor lau sehen." 

Oder die fortgesetzte Vergleichung mit starker herabsetzen- 
der Tendenz, in den „Bädern von Lucca". 

„Der katholische Pfaffe treibt es mehr wie ein Kommis, 
der in einei großen Handlung angestellt ist ; die Kirche, das 
große Haus, dessen Chef der Papst ist, gibt ihm bestimmte Be- 
schäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitet lässig, wie 
jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele Kollegen 
hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkt bleibt — 



Zusammenfassung über die Witztechnik. 71 

nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr 
dessen Erhaltung, da er bei einigem etwaigen Bankerott seinen 
Lebensunterhalt verlöre. Der protestantische Pfaffe hin- 
gegen ist überall selbst Prinzipal, und treibt die Religionsgeschäfie 
für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein 
katholischer Gewerbsgenosse, sondern nur einen Kleinhandel; 
und da er demselben allein vorstehen muß, darf er nicht lässig 
sein, er muß seine Glaubensartikel den Leuten anrühmcn, 
die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Klein- 
händler steht er in seiner Ausschnittbude, voll von Gewerbsneid 
gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus 
in Rom, das viele tausend Buchhalter und Packknechtc besoldet 
und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen." 

Angesichts dieser, wie vieler anderer Beispiele können wir 
doch nicht mehr in Abrede stellen, daß ein Vergleich auch an 
sich witzig sein mag, ohne daß dieser Eindruck auf eine Kom- 
plikation mit einer der bekannten Witztechniken zu beziehen wäre. 
Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch der witzige Charakter 
des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis 
als Ausdrucksform des Gedankens oder an der Operation des 
Vergleichens haftet. Wir können nicht anders als das Gleichnis 
unter die Arten der „indirekten Darstellung" aufnehmen, deren 
sich die Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt 
lassen, das uns behn Gleichnis weit deutlicher als bei den früher 
behandelten Mitteln des Witzes entgegen getreten ist. Es muß 
wohl auch seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Ent- 
scheidung, ob etwas ein Witz ist oder nicht, beim Gleichnis mehr 
Schwierigkeiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen. 

Einen Grund aber uns zu beklagen, daß diese erste Unter- 
suchung ergebnislos verlaufen sei, bietet uns auch diese Lücke 
in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang, 
den wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben 
bereit sein mußten, wäre es unvorsichtig gewesen zu erwarten, 
wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir noch 
einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das 
Problem nun wohl an anderer Stelle angreifen müssen. 

Sind wir sicher, daß keine der möglichen Techniken des 
Witzes unserer Untersuchung entgangen ist? Das wohl nicht, aber 
wir können uns bei fortgesetzter Prüfung an neuem Material über- 
zeugen, daß wir die häufigsten und wichtigsten technischen Mittel 
der Witzarbeit kennen gelernt haben, 2um mindesten so viel, als 
zur Schöpfung eines Urteils über die Natur dieses psychischen Vor- 



1 



72 



11. Die Technik des Witi;es. 



ganges erfordert wird. Ein solches Urteil steht gegenwärtig noch 
aus; hingegen sind wir in den Besitz einer wichtigen Anzeige 
gelangt, von welcher Richtung wir eine weitere Aufklärung des 
Problems 2U erwarten haben. Die interessanten Vorgänge der 
Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als den Kern der Technik 
des Wortwitzes erkannt haben, wiesen uns auf die Traumbildung 
hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen Vorgänge 
aufgedeckt worden sind. Eben dahin weisen aber auch die 
Techniken des Gedankenwitzes, die Verschiebung, die Denkfehler, 
der Widersinn, die indirekte Darstellung, die Darstellung durch's 
Gegenteil, die samt und sonders in der Technik der Traumarbeit 
wiederkehren. Der Verschiebung verdankt der Traum das be- 
fremdende Ansehen, das uns abhält, in ihm die Fortsetzung 
unserer Wachgedanken zu erkennen; die Verwendung von Wider- 
sinn und Absurdität im Traum hat ihn die Würde eines psychi- 
schen Produkts gekostet und hat die Autoren yerleitet, Zerfall 
der geistiger Tätigkeiten, Sistierung von Kritik, Moral und Logik 
als Bedingungen der Traumbildung anzunehmen. Die Darstellung 
durch's Gegenteil ist im Traum so gebräuchlich, daß selbst die 
populären, gänzlich irre gehenden, Traumdeutungsbücher mit ihr 
ZU rechnen pflegen ; die indirekte Darstellung, der Ersatz des 
Traumgedankens durch eine Anspielung, ein Kleines, eine dem 
Gleichnis analoge Symbolik, ist gerade das, was ,die Ausdrucks- 
weise des Traumes von der unseres wachen Denkens unter- 
scheidet.*) Eine so weitgehende Übereinstimmung wie die 
zwischen den Mitteln der Witzarbeit und denen der Traumarbeit 
wird kaum eine zufällige sein können. Diese Übereinstimmung 
ausführlich nachzuweisen und ihrer Begründung nachzuspüren, 
wird eine unserer späteren Aufgaben werden. 



*l Vrgl. meine „Traumdeutung", Abschnitt VI, Traumarbeit. 



III. Die Tendenzen des Witzes. 

Als ich zu Ende des vorigen Abschnittes den Hein e'schen 
Vergleich des katholischen Priesters mit einem Angestellten einer 
Großhandlung und des protestantischen mit einem selbständigen 
Kleinhändler niederschrieb, verspürte ich eine Hemmung, die mich 
bestimmen wollte, dieses Gleichnis nicht zu verwenden. Ich sagte 
mir, daß sich unter meinen Lesern wahrscheinlich einige befinden 
würden, denen nicht nur die Religion, sondern auch deren Regie 
und Personal ehrwürdig sind; diese Leser würden sich nur über 
den Vergleich entrüsten und in einen Affektzustand geraten, der 
ihnen jedes Interesse für die Unterscheidung raubt, ob das Gleichnis 
an sich oder nur infolge irgend welcher Zutaten witzig erscheint. 
Bei anderen Gleichnissen, z. B. dem benachbarten von dem an- 
genehmen Mondlicht, welches eine gewisse Philosophie auf die 
Gegenstände wirft, wäre eine solche für unsere Untersuchung 
störende Beeinflussung eines Teiles der Leser nicht zu besorgen. 
Der frommgläubigste Mann bliebe in der Verfassung, sich ein 
Urteil über unser Problem zu bilden. 

Es ist leicht, den Charakter des Witzes zu erraten, mit welchem 
die Verschiedenheit der Reaktion auf den Witz beim Hörer zu- 
sammenhängt. Der Witz ist das eine Mal Selbstzweck und dient 
keiner besonderen Absicht, das andere Mal stellt er sich in den 
Dienst einer solchen Absicht; er wird tendenziös. Nur der- 
jenige Witz, welcher eine Tendenz hat, läuft Gefahr auf Personen 
zu stoßen, die ihn nicht anhören wollen. 

Der nicht tendenziöse Witz ist von Th. Vischer als „ab- 
strakter" Witz bezeichnet worden; ich ziehe es vor, ihn „harm- 
losen" Witz zu nennen. 

Da wir vorhin den Witz nach dem Material, an dem seine 
Technik angreift, in Wort- und Gedankenwitz unterschieden haben, 
obliegt es uns, die Beziehung dieser Einteilung zur neu vorge- 
brachten zu untersuchen. Wort- und Gedankenwitz einerseits, ab- 
strakter und tendenziöser Witz anderseits stehen nun in keiner 
Relation der Beeinflussung zu einander; es sind zwei von einander 
völlig unabhängige Einteilungen der witzigen Produktionen. Viel- 
leicht könnte jemand den Eindruck empfangen haben, als seien 
die harmlosen Witze vorwiegend Wortwitze, während die kom- 



74 



III. Die Tendenzen des Witzes. 



plizierterc Technik des Gedankenwitzes meist von starken Ten- 
denzen in Dienst genommen wird; allein es gibt harmlose Witze, 
die mit Wortspiel und Gleichklang arbeiten, und ebenso harmlose, 
die sich aller Mittel des Gedanken witzes bedienen. Nicht minder 
leicht zu zeigen ist, daß der tendenziöse Witz der Technik jiach 
nichts anderes als ein Wortwitz zu sein braucht. So z. B. sind 
Witze, die mit Eigennamen „spielen", häufig von beleidigender, 
verletzender Tendenz, sie gehören selbstredend zu den Wortwitzen. 
Die harmlosesten aller Witze sind aber auch wieder Wortwitze, 
z. B. die neuerdings beliebt gewordenen Schüttelreime, in denen 
die mehrfache Verwendung desselben Materials mit einer ganz 
eigentümlichen Modifikation die Technik darstellt : 
„Und weil er Geld in Menge hatte, 
lag stets er in der Hängematte." 

Es wird hoffentlich niemand in Abrede stellen, daß das Wohl- 
gefallen an dieser Art von sonst anspruchslosen Reimen das näm- 
liche ist, an dem wir den Witz erkennen. 

Gute Beispiele von abstrakten oder harmlosen Gedankenwitzen 
findet man reichlich unter den Lichtenbcr g'schen Ver- 
gleichungen, von denen wir einige bereits kennen gelernt haben. 
Ich füge einige weitere hinzu: 

,,Sie hatten ein Oktavbändchen nach Göttingen 
geschickt und an Leib und Seele einen Quartanten 
wieder bekommen." 

„Um dieses Gebäude gehörig aufzuführen, muß 
vor allen Dingen ein ^uter Grund gelegt werden, 
und da weiß ich keinen festeren, als wenn man 
über jede Schicht pro gleich eine Schicht kontra 
aufträgt." 

„Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt 
ihn aus der Taufe, der dritte zeugt Kinder mit ihm, 
der vierte besucht ihn auf dem Sterbebette und der 
fünfte begräbt ihn." (Gleichnis mit Unifizierung.) 

„Er glaubte nicht allein keine Gespenster, 
sondern er fürchtete sich nicht einmal davor." Der 
Witz liegt hier ausschließlich an der widersinnigen Darstellung, 
die das gewöhnlich für geringer Geschätzte in den Komparativ 
setzt, das für bedeutsamer Gehaltene zum Positiv nimmt. 
Mit Verzicht auf diese witzige Einkleidung hieße es: es ist viel 
leichter, sich mit dem Verstand über die Gespensterfurcht hinweg- 
zusetzen, als sich ihrer bei vorkommender Gelegenheit zu erwehren. 
Dies ist gar nicht mehr witzig, wohl aber eine richtige und noch 



I 



Harmloser und tendenziöser Witz. 



75 



zu wenig gewürdigte psychologische Erkenntnis, die nämliche, 
der Lessjng in den bekannten Worten Ausdruck gibt: 
„Es: sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten." 

Ich kann die Gelegenheit, die sich hier bietet, ergreifen, um 
ein immerhin mögliches Mißverständnis wegzuräumen. „Harm- 
loser" oder „abstrakter" Witz soll nämlich keineswegs gleich- 
bedeutend sein mit „gehahlosem" Witz, sondern eben nur den 
Gegensatz zu den später zu besprechenden „tendenziösen" Witzen 
bezeichnen. Wie obiges Beispiel zeigt, kann ein harmloser, d. i. 
tendenzloser Witz auch sehr gehahvoU sein, etwas Wertvolles aus- 
sagen. Der Gehalt eines Witzes ist aber vom Witz unabhängig 
und ist der Gehalt des Gedankens, der hier durch eine besondere 
Veranstaltung witzig ausgedrückt wird. Freilich so wie die Uhr- 
macher ein besonders gutes Werk auch mit einem kostbaren Ge- 
häuse auszustatten pflegen, mag es auch beim Witz vorkommen, 
daß die besten Witzleistungen gerade zur Einkleidung der gehah- 
voUsten Gedanken benützt werden. 

Wenn wir nun scharf auf die Unterscheidung von Gedanken- 
gehalt und witziger Einkleidung beim Gedankenwitz achten, ^o ge- 
langen wir zu einer Einsicht, welche uns viel Unsicherheit in 
unserem Urteil über Witze aufzuklären vermag. Es stellt sich 
nämlich, was doch überraschend ist, heraus, daß wir unser Wohl- 
gefallen an einem Witz nach dem summierten Eindruck von Gehalt 
xmd Witzleistung abgeben und uns durch den einen Faktor über 
das Ausmaß des anderen geradezu täuschen lassen. Erst die 
Reduktion des Witzes klärt uns die Urteilstäuschung auf. 

Das nämliche trifft übrigens auch beim Wortwitz zu. Wenn 
wir hören: „Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was 
man nicht wünscht erfahren zu haben"; — so sind wir ver- 
blüfft, glauben eine neue Wahrheit zu vernehmen, und es 
dauert eine Weile, bis wir in dieser Verkleidung die Platt- 
heit: „Durch Schaden wird man klug" (K. Fischer) erkennen. 
Die treffliche Witzleistung, die „Erfahrung" nahezu allein durch 
die Anwendung des Wortes „erfahren" zu definieren, täuscht uns 
so daß wir den Gehalt des Satzes überschätzen. Ebenso ergeht 
es uns bei dem Li ch tenberg'schen Unifizierungswitz vom 
lanuarius" (S. 51), der uns weiter nichts zu sagen hat. als was 
wir längst wissen, daß Neujahrswünsche so selten in Erfüllung 
gehen wie andere Wünsche, und in vielen ähnlichen Fällen. 

Das Gegenteilige erfahren wir bei anderen Witzen, in denen 
offenbar das Treffende und Richtige des Gedankens uns gefangen 
nimmt, so daß wir den Satz einen glänzenden Witz heißen^ während 



^6 in. Die Tendenzen des Witzes. 

nur der Gedanke glänzend, die Witzleistung oft schwächlich ist. 
Gerade bei den Licht enb e rg'schen Witzen ist der Gedanken- 
kern häufig weit wertvoller als die Witzeinkleidung, auf welche 
wir dann die Schätzung vom ersteren her unberechtigter Weise 
ausdehnen. So ist z. B. die Bemerkung über die „Fackel der 
Wahrheit" (S. 66) ein kaum witziger Vergleich, aber sie ist so 
treffend, daß wir den Satz als einen besonders witzigen hervor- 
heben möchten. 

Die Lichtenber g'schen Witze sind vor allem durch ihren 
Gedankeninhalt und ihre Treffsicherheit hervorragend. Goethe 
hat mit Recht von diesem Autor gesagt, daß seine witzigen und 
scherzhaften Einfälle geradezu Probleme verbergen, richtiger: an 
die Lösung von Problemen streifen. Wenn er z. B. als witzigen 
Einfall aufzeichnet : 

„Er las immer Agamemnon anstatt angenommen, so 
sehr hatte er den Homer gelesen" (technisch: Dummheit + Wort- 
gleichklang), so hat er damit nichts weniger als das Geheimnis 
des Verlesens selbst aufgedeckt.*) Ähnlich ist der Witz, dessen 
Technik (S. 46) uns wohl recht unbefriedigend erschienen ist: 

„Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an 
der Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten 
wären, wo sie die Augen hätten." Die Dummheit, die 
hier zur Schau getragen wird, ist nur eine scheinbare; in Wirk- 
lichkeit steckt hinter dieser einfältigen Bemerkung das große 
Problem der Teleologie im tierischen Aufbau; es ist gar nicht 
so selbstverständlich, daß die LidspaUe sich dort öffnet, wo die 
Hornhaut freiliegt, bis die Entwicklungsgeschichte uns dieses Zu- 
sammentreffen aufklärt. 

Wir wollen es im Gedächtnis behalten, daß wir von einem 
witzigen Satz einen Gesamteindruck empfangen, in dem wir den 
Anteil de.s Gedankeninhalts von dem Anteil der ,Witzarbeit nicht 
zu sondern vermögen; vielleicht findet sich später hiezu eine noch 
bedeutsamere Parallele. 



Für unsere theoretische Aufklärung über das Wesen des 
Witzes müssen uns die harmlosen Witze wertvoller sein als die 
tendenziösen, die gehaltlosen wertvoller als die tiefsinnigen. Harm- 
lose und gehaltlose Wortspiele etwa werden uns das Problem des 
Witzes in seiner reinsten Form entgegenbringen, weil wir bei ihnen 
der Gefahr der Verwirrung durch die Tendenz und der Urteils- 

*) Vrgi, meine „Psychopathologie d. Alltagslebens". Berlin, S. Karger, 1904. 



Die Lust stammt aus der Technik. yy 

täuschung durch den, guten Sinn entgehen. An solchem Material 
kann unsere Erkenntnis einen neuen Fortschritt machen. 

Ich wähle ein möglichst harmloses Beispiel von Wortwitz: 

„Ein Mädchen, welches während seiner Toilette die An- 
kündigung eines Besuches erhält, klagt : Ach wie schade, gerade 
wenn man am anziehendsten ist, darf man sich nicht sehen 
lassen."*) 

Da mir aber Bedenken aufsteigen, ob icli diesen Witz für 
einen tendenzlosen auszugeben das Recht habe, ersetze ich ihn 
durch einen anderen, herzlich einfältigen, der von solcher Ein- 
wendung frei sein dürfte. 

„In einem Hause, wo ich zu Gast geladen bin, wird zum 
Schluß der Mahlzeit die R o u 1 a r d genannte Mehlspeise gereicht, 
deren Herstellung einiges Geschick bei der Köchin voraussetzt. 
Zu Hause gemacht? fragt darum einer der Gäste, und der Haus- 
herr antwortet; Ja gewiß, ein H ome- R o ulard" (Home-Rule). 

Wir wollen diesmal nicht die Teclinik des Witzes untersuchen, 
sondern gedenken unsere Aufmerksamkeit einem anderen, dem 
wichtigsten Momente zwar, zuzuwenden. Das Anhören dieses im- 
provisierten Witzes bereitete den Anwesenden ein — von mir klar 
erinnertes — Vergnügen und machte uns lachen. In diesem wie 
in ungezählten anderen Fällen kann die Lustempfindung des 
Hörers nicht von der Tendenz und nicht vom Gcdankeninhalt 
des Witzes herrühren; es bleibt nichts übrig als diese Lust- 
empfindung mit der Technik des Witzes in Zusammenhang zu 
bringen. Die von uns vorhin beschriebenen technischen Mittel 
des Witzes — die Verdichtung, Verschiebung, indirekte Dar- 
stellung usw. — haben also das Vermögen, beim Hörer eine 
Lustempfindung hervorzurufen, wenngleich wir noch gar nicht ein- 
sehen können, wie ihnen dies Vermögen zukommen mag. Auf 
so leichte Art gewinnen wir den zweiten Satz zur Aufklärung des 
Witzes; der erste lautete (S. 9), daß der Charakter des Witzes 
an der Ausdrucksform hängt. Besinnen wir uns noch, daß der 
zweite Satz uns eigentlich nichts Neues gelehrt hat. Er isoliert 
nur was bereits in einer früher von uns gemachten Erfahrung 
enthalten war. Wir erinnern ja, wenn es gelang, den Witz zu 
reduzieren, d. h. mit sorgfähiger Erhaltung des Sinnes dessen 
Ausdruck durch einen anderen zu ersetzen, so war damit nicht 
nur der Witzcharakter, sondern auch der Lacheffekt, also das 
Vergnügen am Witze, aufgehoben. 



*) R. Kleinpaul, Die Rätsel der Sprache, 1890. 



78 



III. Die Tendenzen des Witzes, 



Wir können hier nicht weiter gehen, ohne uns vorerst mit 
unseren philosophischen Autoritäten auseinander zu setzen. 

Die Philosophen, welche den Witz dem Komischen zurechnen 
und das Komische selbst in der Ästhetik abhandeln, charakterisieren 
das ästhetische Vorstellen durch die Bedingung, daß wir dabei 
nichts von und mit den Dingen wollen, die Dinge nicht brauchen, 
um eines unserer großen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, son- 
dern uns mit der Betrachtung derselben und dem Genuß der Vor- 
stellung begnügen. „Dieser Genuß, diese Vorstellungsart ist die 
rein ästhetische, die nur in sich beruht, nur in sich ihren Zweck 
hat und keine anderen Lebenszwecke erfüllt" (K. Fischer, S. 68). 

Wir setzen uns nun kaum in Widerspruch mit diesen Worten 
K. Fischer's, übersetzen vielleicht nur seinen Gedanken in unsere 
Ausdrucksweise, wenn wir hervorheben, daß die witzige Tätigkeit 
doch keine zweck- oder ziellose genannt werden ,darf, da sie sich 
unverkennbar das Ziel gesteckt hat, Lust beim Hörer .hervorzurufen. 
Ich zweifle, ob wir irgend etwas zu unternehmen im stände sind, 
wobei eine Absicht nicht in Betracht kommt. Wenn wir unseren 
seelischen Apparat gerade nicht zur Erfüllung einer der unentbehr- 
lichen Befriedigungen brauchen, lassen wir ihn selbst auf Lust 
arbeiten, suchen wir Lust aus seiner eigenen Tätigkeit zu ziehen. 
Ich vermute, daß dies überhaupt die Bedingung ist, der alles 
ästhetische Vorstellen unterliegt, aber ich verstehe zu wenig von 
der Ästhetik, um diesen Satz durchführen zu wollen; vom Witz 
jedoch kann ich auf Grund der beiden vorhin gewonnenen Ein- 
sichten behaupten, daß er eine Tätigkeit ist, welche darauf abzielt, 
Lust aus den seelischen Vorgängen — intellektuellen oder an- 
deren — zu gewinnen. Es gibt gewiß noch andere Tätigkeiten, 
die dasselbe bezwecken. Vielleicht unterscheiden sie sich darin, 
aus welchem Gebiete seelischer Tätigkeit sie Lust schöpfen wollen, 
vielleicht durch die Methode, deren sie sich dabei bedienen. Wir 
können das gegenwärtig nicht entscheiden; wir halten aber daran 
fest, daß nun die Witztechnik und die sie teilweise beherrschende 
ersparende Tendenz (S. 31) in Beziehung gebracht sind zur Er- 
zeugung von Lust. 

Ehe wir aber daran gehen, das Rätsel, wie die technischen 
Mittel der Witzarbeit Lust beim Hörer erregen können, zu lösen, 
wollen wir uns erinnern, daß wir zum Zwecke der Vereinfachung 
und besseren Durchsichtigkeit die tendenziösen Witze ganz zur 
Seite geschoben haben. Wir müssen doch aufzuklären suchen, 
welches die Tendenzen des Witzes sind, und in welcher Weise 
er diesen Tendenzen dient. 



Feindseliger und obszöner Witz. 79 

Wir werden vor allem durch eine Beobachtung gemahnt, den 
tendenziösen Witz bei der Untersuchung nach der Herkunft der 
Lust am Witze nicht beiseite zu lassen. Die Lustwirkung des 
harmlosen Witzes ist zumeist eine mäßige; ein deutliches Wohl- 
gefallen, ein leichtes Lächeln ist zumeist alles, was er beim Hörer 
zu erreichen vermag, und von diesem Effekt ist etwa noch ein 
Teil auf Rechnung seines Gedankeninhalts zu setzen, wie wir 
an geeigneten Beispielen (S. 75) bemerkt haben. Fast niemals 
erzielt dei tendenzlose Witz jene plötzlichen Ausbrüche von Ge- 
lächter, die den tendenziösen so unwiderstehlich machen. Da die 
Technik bei beiden die nämliche sein kann, darf in uns die Ver- 
mutung rege werden, daß der tendenziöse Witz kraft seiner Tendenz 
über Quellen der Lust verfügen müsse, zu denen der harmlose 
Witz keinen Zugang hat. 

Die Tendenzen des Witzes sind nun leicht zu übersehen. Wo 
der Witz nicht Selbstzweck, d. h. harmlos ist, stellt er sich in den 
Dienst von nur zwei Tendenzen, die selbst eine Vereinigung unter 
einen Gesichtspunkt zulassen ; er ist entweder feindseliger 
Witz (der zur Aggression, Satire, Abwehr dient) oder obszöner 
Witz (welcher der Entblößung dient). Von vorne herein ist wieder 
zu bemerken, daß die technische Art des Witzes — ob Wort- oder 
Gedankenwitz — keine Relation zu diesen beiden Tendenzen hat. 

Weitläufiger ist es nun, daoulegen, auf welche Weise der 
Witz diesen Tendenzen dient. Ich möchte bei dieser Untersuchung 
nicht den feindseligen, sondern den entblößenden Witz voranstellen. 
Dieser ist zwar weit seltener einer Untersuchung gewürdigt worden, 
als hätte sich hier eine Abneigung vom Stofflichen auf's Sachliche 
übertragen, allein wir wollen uns hiedurch nicht beirren lassen, 
da wir alsbald auf einen Grenzfall des Witzes stoßen werden, 
der uns Aufklärung über mehr als einen dunklen Punkt zu bringen 
verspricht. 

Man weiß, was unter der „Zote" verstanden wird : Die be- 
absichtigte Hervorhebung sexueller Tatsachen und Verhältnisse 
durch die Rede. Indes diese Definition ist nicht stichhaltiger als 
andere Definitionen. Ein Vortrag über die Anatomie der Sexual- 
organe oder über die Physiologie der Zeugung braucht trotz dieser 
Definition nicht einen einzigen Berührungspunkt mit der Zote 
gemein zu haben. Es gehört noch dazu, daß die Zote an eine 
bestimmte Person gerichtet werde, von der man sexuell erregt 
wird, und die durch das Anhören der Zote von der Erregung 
des Redenden Kenntnis bekommen und dadurch selbst sexuell 
erregt werden soll. Anstatt dieser Erregung mag sie auch in 



So 



III. Die Tendenzen des AVitzes. 



Scham oder Verlegenheit gebracht werden, was nur eine Reaktion 
gegen ihre Erregung und auf diesem Umwege ein Eingeständnis 
derselben bedeutet. Die Zote ist also ursprünglich an das Weib 
gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzusetzen. Wenn 
sich dann ein Mann in Männergescllschaft mit dem Erzählen oder 
Anhören von Zoten vergnügt, so ist die ursprüngliche Situation, 
die infolge sozialer Hemmnisse nicht verwirklicht werden kann, 
dabei mitvorgestellt. Wer über die gehörte Zote lacht, lacht wie 
ein Zuschauer bei einer sexuellen Aggression. 

Das Sexuelle, welches den Inhalt der Zote bildet, umfaßt 
mehr als das bei beiden Geschlechtern Besondere, nämlich noch 
überdies das beiden Geschlechtern Gemeinsame, auf das die 
Scham sich erstreckt^ also das Exkrementelle in seinem ganzen 
Umfang. Dies ist aber der Umfang, den das Sexuelle im Kindes- 
alter hat, wo für die Vorstellung gleichsam eine Kloake existiert, 
innerhalb deren Sexuelles und Exkrementelles schlecht oder gar 
nicht gesondert werden.*) Überall im Gedankenbereich der Neu- 
rosenpsychologie schließt das Sexuelle noch das Exkrementelle 
ein, wird es im alten, infantilen, Sinne verstanden. 

Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell differenten 
Person, an die sie gerichtet ist. Durch das Aussprechen der 
obszönen Worte zwingt sie die angegriffene Person zur Vorstellung 
des betreffenden Körperteiles oder der Verrichtung und zeigt ihr, 
daß der Angreifer selbst sich solches vorstellt. Es ist nicht zu 
bezweifeln, daß die Lust, das Sexuelle entblößt zu sehen, das 
ursprüngliche Motiv der Zote ist. 

Es kann der Klärung nur förderlich sein, wenn wir hier bis 
auf die Fundamente zurückgehen. Die Neigung, das Geschlechts- 
besondere entblößt zu schauen, ist eine der ursprünglichen Kom- 
ponenten unserer Libido. Sie ist selbst vielleicht bereits eine Er- 
setzung, geht auf eine als primär zu supponierende Lust, das 
Sexuelle zu berühren, zurück. Wie so häufig, hat das Schauen 
das Tasten auch hier abgelöst.*) Die Schau- ,oder Tastlibido ist 
bei jedermann in zweifacher Art, aktiv und passiv, männlich und 
weiblich, vorhanden, und bildet sich je nach dem Überwiegen des 
Geschlechtscharakters nach der einen oder der anderen Richtung 
überwiegend aus. Bei jungen Kindern kann man die Neigung 
zur Selbstentblößung leicht beobachten. Wo der Keim dieser 

*) Siehe meine gleichzeitig erscheinenden „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie", 1905. 

•*) Moll's Kcintrektatioustrieb (Untersuchungen über die Libido 
sexualis, 1898). 



Die Umbildung der Zote zum obszönen Witz. 8l 

Neigung nicht das gewöhnliche Schicksal der Überlagerung und 
Unterdrückung erfährt, da entwickelt er sich zu der als Exhibitions- 
drang bekannten Perversioii erwachsener Männer, Beim Weibe 
wird die passive Exhibitionsneigung fast regelmäßig durch die 
großartige Reaktionsleistung der sexuellen Schamhaftigkeit über- 
lagert, aber nicht ohne daß ihr in der Kleidung ein Ausfalls- 
pförtchen gespart bliebe. Wie dehnbar und nach Konvention und 
Umständen variabel dann das der Frau als erlaubt verbliebene 
Maß von Exhibition ist, brauche ich nur anzudeuten. 

Beim Manne bleibt ein hoher Grad dieser .Strebung als Teil- 
stück der Libido bestehen und dient zur Einleitung des Geschlechts- 
aktes. Wenn diese Strebung sich bei der ersten Annäherung an 
das Weib geltend macht, muß sie sich aus zwei Motiven der 
Rede bedienen. Erstens um sich dem Weibe anzuzeigen, und 
zweitens weil die Erweckung der Vorstellung durch die Rede das 
Weib selbst in die korrespondierende Erregung versetzen und die 
Neigung zur passiven Exhibition bei ihr erwecken kann. Diese 
werbende Rede ist noch nicht die Zote, geht aber in sie über. Wo 
nämlich die Bereitschaft des Weibes sich rasch einstellt, da ist 
die obszöne Rede kurzlebig, sie weicht alsbald der sexuellen 
Handlung. Anders, wenn auf die rasche Bereitschaft des Weibes 
nicht zu rechnen ist, sondern an deren Statt die Abwehrreaktionen 
desselben auftreten. Dann wird die sexuell erregende Rede als 
Zote Selbstzweck; da die sexuelle Aggression in ihrem Fortschreiten 
bis zum Akt aufgehalten ist, verweilt sie bei der Hervorruf ung 
der Erregung und zieht Lust aus den ^Anzeichen derselben beim 
Weibe. Die Aggression ändert dabei wohl auch ihren Charakter 
in dem nämlichen Sinne wie jede libidinöse Regung, der sich 
ein Hindernis entgegenstellt; sie wird direkt feindselig, grausam, 
ruft also die sadistische Komponente des Geschlechtstriebes gegen 
das Hindernis zur Hilfe. 

Die Unnachgiebigkeit des Weibes ist also die nächste Be- 
dingung für die Ausbildung der Zote, allerdings eine solche, die 
bloß einen Aufschub zu bedeuten scheint und weitere Bemühung 
nicht aussichtslos erscheinen läßt. Der ideale Fall eines der- 
artigen Widerstandes beim Weibe ergibt sich bei der gleichzeitigen 
Anwesenheit eines anderen Mannes, eines Dritten, denn dann ist 
das sofortige Nachgeben des Weibes so gut wie ausgeschlossen. 
Dieser Dritte gelangt bald zur größten Bedeutung für die ^ni- 
wicklung der Zote; zunächst ist aber von der Anwesenheit des 
Weibes nicht abzusehen. Beim Landvolk oder im Wirtshaus des 
kleinen Mannes kann man beobachten, daß erst das Hinzutreten 

Freud, Der Witz. 6 



82 ni. Die Tendenzen des Witzes. 

der Kellnerin oder der Wirtin die Zote zum Vorschein bringt ; 
auf höherer sozialer Stufe erst tritt das Gegenteil ein, macht die 
Anwesenheil eines weiblichen Wesens der Zote ein Ende; die 
Männer sparen sich diese Art der Unterhaltung, die ursprünglich 
ein sich schämendes Weib voraussetzt, auf, bis sie allein „unter 
sich" sind. So wird allmählich anstatt des Weibes der Zuschauer, 
jetzt Zuhörer, die Instanz, für welche die Zote bestimmt ist, und 
diese nähert sich durch solche Wandlung bereits dem Charakter 
des Witzes. 

Unsere Aufmerksamkeit kann von dieser Stelle an .von zwei 
Momenten in Anspruch genommen werden, von der Rolle des 
Dritten, des Zuhörers, und von den inhaltlichen Bedingungen der 
Zote selbst. 

Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen, 
außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der 
feindseligen oder sexuellen Aggression genommen wird, und eine 
dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen, 
erfüllt. Die tiefere Begründung für diese Verhältnisse werden wir 
später aufzusuchen haben, vorläufig halten wir uns an die Tat- 
sache, die sich ja darin bekundet, daß nicht, wer den Witz macht, 
ihn auch belacht, also dessen Lustwirkung genießt, sondern der 
untätige Zuhörer. In der nämlichen Relation befinden sich die 
drei Personen bei der Zote. Man kann den Hergang so be- 
schreiben : Der libidinöse Impuls des Ersten entfaltet, sowie er 
die Befriedigung durch das Weib gehemmt findet, eine gegen 
diese zweite Person feindselige Tendenz und ruft die ursprünglich 
störende dritte Person zum Bundesgenossen auf. Durch die zotige 
Rede des Ersten wird das Weib vor diesem Dritten entblößt, der 
nun als Zuhörer — durch die mühelose Befriedigung seiner eigenen 
Libido — bestochen wird. 

Es ist merkwürdig, daß solcher Zotenverkehr beim gemeinen 
Volke so überaus beliebt und eine nie fehlende Betätigung heiterer 
Stimmung ist. Beachtenswert ist aber auch, daß bei diesem kom- 
plizierten Vorgang, der so viele Charaktere des tendenziösen Witzes 
an sich trägt, an die Zote selbst keiner der formellen Ansprüche, 
welche den Witz kennzeichnen, gestellt wird. " Die unverhüllte 
Nudität auszusprechen bereitet dem Ersten Vergnügen und macht 
den Dritten lachen. 

Erst wenn wir zu höher gebildeter Gesellschaft aufsteigen, 
tritt die formelle Witzbedingung hinzu. Die Zote wird witzig und 
wird nur geduldet, wenn sie witzig ist. Das technische Mittel, 
dessen sie sich zumeist bedient, ist die Anspielung, d. h. die Er- 



Die Leistung des Witzes im Dienste der Tendenz. 83 

Setzung durch ein Kleines, ein im entfernten Zusammenhang Be- 
findliches, welches der Hörer in seinem Vorstellen zur vollen und 
direkten Obszönität rekonstruiert. Je größer das Mißverhältnis 
zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen ,und dem von ihr 
im Hörer mit Notwendigkeit Angeregten ist, desto feiner wird 
der Witz, desto höher darf er sich dann auch in die gute Gesell- 
schaft hinauf wagen. Außer der groben und der feinen Anspielung 
stehen der witzigen Zote, wie leicht an Beispielen gezeigt werden 
kann, alle anderen Mittel des Wort- und .Gedankenwitzes zur 
Verfügung. 

Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner 
Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedigung eines Triebes 
(des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes 
Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust 
aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lust- 
quelle. Das im Wege stehende Hindernis ist eigentlich nichts 
anderes als die der höheren Bildungs- und Gesellschaftsstufe ent- 
sprechend gesteigerte Unfähigkeit des Weibes, das unverhüllte 
Sexuelle zu ertragen. Das in der Ausgangssituation als anwesend 
gedachte Weib wird eben weiterhin als anwesend beibehalten, oder 
ihr Einfluß wirkt auch in ihrer Abwesenheit auf die Männer ein- 
schüchternd fort. Man kann beobachten, wie Männer höherer 
Stände durch die Gesellschaft niedrig stehender Mädchen sofort 
veranlaßt werden, die witzige Zote in die einfache zurücksinken 
zu lassen. 

Die Macht, welche dem Weibe und in geringerem Maße auch 
dem Manne den Genuß der unverhüllten Obszönität erschwert 
oder unmöglich macht, heißen wir die „Verdrängung" und er- 
kennen in ihr denselben psychischen Vorgang, der in ernsten 
Krankheitsfällen ganze Komplexe von Regungen mitsamt deren 
Abkömmlingen vom Bewußtsein fern hält, und sich .als ein Haupt- 
faktor der Verursachung bei den sog. Psychoneurosen heraus- 
gestellt hat. Wir gestehen der Kultur und höheren Erziehung 
einen großen Einfluß auf die Ausbildung der Verdrängung zu 
und nehmen an, daß unter diesen Bedingungen eine Veränderung 
der psychischen Organisation zu stände kommt, die auch als ererbte 
Anlage mitgebracht werden kann, der zufolge sonst angenehm 
Empfundenes nun als unannehmbar erscheint und mit allen psychi- 
schen Kräften abgelehnt wird. Durch die Verdrängungsarbeit der 
Kultur gehen primäre, jetzt aber von der Zensur in uns verworfene, 
Genußmöglichkeiten verloren. Der Psyche des Menschen wird 
aber alles Verzichten so sehr schwer, und so finden wir, daß der 



8* III. Die Tendenzen des Witzes. 

tendenziöse Witz ein Mittel abgibt, den Verzicht rückgängig zu 
machen, das Verlorene wieder zu gewinnen. Wenn wir über einen 
feinen obszönen Witz lachen, so lachen wir über das namUche, 
was den Bauer bei einer groben Zote lachen macht; die Lust 
stammt in beiden Fällen aus der nämlichen Quelle; über die grobe 
Zote zu lachen, brächten wir aber nicht zu stände, wir würden 
uns schämen, oder sie erschiene uns ekelhaft; wir können erst 
lachen, wenn uns der Witz seine Hilfe geliehen hat. 

Es scheint sich uns also zu bestätigen, was wir Eingangs 
vermutet haben, daß der tendenziöse Witz über andere Quellen 
der Lust verfügt als der harmlose, bei dem alle Lust irgendwie 
an die Technik geknüpft ist. Wir können auch von neuem hervor- 
heben, daß wir beim tendenziösen Witz außer stände sind, durch 
unsere Empfindung zu imterscheiden, welcher Anteil der Lust aus j 

den Quellen der Technik, welcher aus denen der Tendenz her- 
rührt. Wir wissen also streng genommen nicht, 
worüber wir lachen. Bei allen obszönen Witzen unterUegen 
wir grellen Urteilstäuschungen über die „Güte" des Witzes, soweit 
dieselbe von formalen Bedingungen abhängt; die Technik dieser 
Witze ist oft recht ärmlich, ihr Lacherfolg ein ungeheurer. 



Wir wollen nun untersuchen, ob die Rolle des Witzes im 
Dienst der feindseligen Tendenz die nämliche ist. 

Von vorne herein stoßen wir hier auf dieselben Bedingungen. 
Die feindseligen Impulse gegen unsere Nebenmenschen unterliegen 
seit unserer individuellen Kindheit wie seit den ,Kinderzeiten 
menschlicher Kultur den nämhchen Einschränkungen, der näm- 
lichen fortschreitenden Verdrängung, wie unsere sexuellen Stre- 
bungen. Wir haben es noch nicht soweit gebracht, daß wir unsere 
Feinde zu lieben vermöchten oder ihnen nach dem Backenstreich 
auf die rechte Backe die linke hinhielten; auch tragen alle Moral- 
vorschriften der Beschränkung im tätigen Haß noch heute die 
deutlichsten Anzeichen an sich, daß sie ursprünghch für eine 
kleine Gemeinschaft von Stammesgenossen gelten goUten. So wie 
wir uns alle als Angehörige eines Volkes fühlen dürfen, gestatten 
wir uns, von den meisten dieser Beschränkungen gegen ein fremdes 
Volk abzusehen. Aber innerhalb unseres eigenen Kreises haben 
wir doch Fortschritte in der Beherrschung feindseliger Regungen 
gemacht; wie es Lichtenberg drastisch ausdrückt: Wo man 
jetzt sagt: Entschuldigen Sie, da schlug man einem früher um's 
Ohr. Die gewalttätige Feindseligkeit, vom Gesetz verboten, ist 
durch die Invektive in Worten abgelöst worden, und die bessere 



Die ErmügHchiing der Invektive durch den Witz. 85 

Kenntnis der Verkettung menschlicher Regungen raubt uns durch 
ihr konsequentes „Tout comprendre c'est tout pardonner" immer 
mehr von der Fähigkeit, uns gegen den Nebenmenschen, der uns 
in den Weg getreten ist, zu erzürnen. Mit kräftigen Anlagen 
zur Feindschaft noch als Kinder begabt, lehrt uns später die höhere 
persönliche Kultur, daß es unwürdig ist, Schimpfwörter zu ge- 
brauchen, und selbst, wo der Kampf an sich erlaubt geblieben 
ist, hat die Anzahl der Dinge, die als Mittel im Kampf nicht 
verwendet werden dürfen, außerordentlich zugenommen. Seitdem 
wir auf den Ausdruck der Feindseligkeit durch die Tat verzichten 
mußten — durch den leidenschaftslosen Dritten daran gehindert, 
in dessen Interesse die Bewahrung der persönlichen .Sicherheit 
liegt — , haben wir ganz ähnlich wie bei der sexuellen Aggression 
eine neue Technik der Schmähung ausgebildet, die ,auf die An- 
werbung dieses Dritten gegen unseren Feind abzielt. Indem wir 
den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen, schaffen 
wir uns auf einem Umwege den Genuß seiner Überwindung, den 
uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat, durch sein 
Lachen bezeugt. 

Wir sine, nun auf die Rolle des Witzes bei der feindseligen 
Aggression vorbereitet. Der Witz wird uns gestatten, Lächerliches 
am Feind zu verwerten, das wir entgegenstehender Hindernisse 
wegen nicht laut oder nicht bewußt vorbringen .durften, wird also 
wiederum Einschränkungen umgehen und unzugäng- 
lich gewordene Lustquellen eröffnen. Er wird femer 
den Hörer durch seinen Lustgewinn bestechen, ohne strengste 
Prüfung unsere Partei zu nehmen, wie wir selbst andere Male, vom 
harmlosen Witz bestochen, den Gehalt des witzig ausgedrückten 
Satzes zu überschätzen pflegten. „Die Lacher auf seine Seite 
ziehen," sagt mit vollkommen zutreffendem Ausdruck unsere 
Sprache. 

Man fasse z. B. die über den vorigen Abschnitt zer- 
streuten Witze des Herrn N. in's Auge. Es sind sämtlich 
Schmähungen. Es ist, als wollte Herr N. laut schreien: Aber 
der Ackerbauminister ist ja selber ein Ochs! Laßt mich in Ruhe 
mit dem ***; der platzt ja vor Eitelkeit! Etwas Langweiligeres 
als die Aufsätze dieses Historikers über Napoleon in Österreich 
habe ich übirhaupt noch nicht gelesen 1 Aber der Hochstand 
seiner Persönlichkeit macht es ihm unmöglich, diese seine Urteile 
in dieser Form von sich zu geben. Sie nehmen darum den Witz 
zur Hilfe, welcher ihnen eine Aufnahme beim Hörer sichert, die 
sie trotz ihres etwaigen Wahrheitsgehaltes in nnwitziger Form 



86 



III. Die Tendenzen des Witzes. 



niemals gefunden hätten. Einer dieser Witze ist besonders lehr- 
reich, der vom „roten Fadian", vielleicht der überwältigendste von 
allen. Was nötigt uns daran zum Lachen und lenkt unser Interesse 
von der Frage, ob dem armen Schriftsteller Unrecht geschehen 
ist oder nicht, so vollständig ab? Gewiß die witzige Form, der 
Witz also: aber über was lachen wir dabei? Ohne Zweifel über 
die Person selbst, die uns als „roter Fadian** vorgeführt wird, 
und insbesondere über ihre Rothaarigkeit. Körperliche Gebrechen 
zu verlachen hat sich der Gebildete abgewöhnt, auch zählt für 
ihn die Rothaarigkeit nicht zu den lachenswürdigen Körperfehlern. 
Wohl aber gilt sie dafür beim Schulknaben und beim gemeinen 
Volk, ja auch noch auf der Bildungsstufe gewisser kommunaler 
und parlamentarischer Vertreter. Und nun hat dieser Witz des 
Herrn N. es auf die kunstvollste Weise ermöglicht, daß wir, er- 
wachsene und feinfühlige Leute, über die roten Haare des Histo- 
rikers X. lachen wie die Schulknaben. Es lag dies gewiß nicht 
in der Absicht des Herrn N.; aber es ist sehr zweifelhaft, ob 
jemand, dci seinen Witz walten läßt, dessen genaue Absicht 
kennen muß. 

War in diesen Fällen das Hindernis für die Aggression, 
welches der Witz umgehen half, ein innerUches — die ästhetische 
Auflehnung- gegen die Schmähung — , so kann es andere Male 
rein äußerUcher Natur sein. So in dem Beispiel, wenn Serenissimus 
den Fremden, dessen Ähnlichkeit mit seiner eigenen Person ihm 
auffällt, fragt : War seine Mutter einmal in der Residenz ? und 
die schlagfertige Antwort darauf lautet : Nein, aber mein Vater. 
Der Gefragte möchte gewiß den Frechen niederschlagen, der es 
wagt, durch solche Anspielung dem Andenken der geUebten Mutter 
Schmach anzutun; aber dieser Freche ist Serenissimus, den man 
nicht niederschlagen, nicht einmal beleidigen darf, wenn man diese 
Rache nicht mit seiner ganzen Existenz erkaufen will. Es hieße 
also die Beleidigung schweigend herunterwürgen; aber zum Glück 
zeigt der Witz den Weg, sie ungefährdet zu vergelten, indem man 
mit dem technischen Mittel der Unifizierung die Anspielung auf- 
nimmt und gegen den Angreifer wendet. Der Eindruck 
des Witzigen wird hier so sehr von der Tendenz bestimmt, daß 
wir angesichts der witzigen Entgegnung zu vergessen neigen, daß 
die Frage des Angreifers selbst durch Anspielung witzig ist. 

Die Verhinderung der Schmähung oder beleidigenden Ent- 
gegnung durch äußere Umstände ist ein so häufiger Fall, daß 
der tendenziöse Witz mit ganz besonderer Vorüebe zur Ermög- 
lichung der Aggression oder der Kritik gegen Höhergestellte, die 



« 



Ermöglichung der Auflehnung gegen die Autorität, §7 

Autorität in Anspruch nehmen, verwendet wird. Der Witz stellt 
dann eine Auflehnung gegen solche Autorität, eine Befreiung von 
dem Drucke derselben dar. In diesem Moment liegt ja auch 
der Reiz der Karikatur, über welche wir selbst dann lachen, wenn 
sie schlecht geraten ist. bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen 
die Autorität als Verdienst anrechnen. 

Wenn wir im Auge behalten, daß der tendenziöse Witz sich 
so sehr zum Angriff auf Großes, Würdiges und Mächtiges eignet, 
das durch innerliche Hemmungen oder äußerliche Umstände gegen 
direkte Herabsetzung geschützt ist, so werden wir zu einer be- 
sonderen Auffassung gewisser Gruppen von Witzen gedrängt, die 
sich mit minderwertigen und ohnmächtigen Personen abzugeben 
scheinen. Ich meine die Heiratsverraittlcrgeschichten, von denen 
wir einzelne bei der Untersuchung der mannigfaltigen Techniken 
des Gedankenwitzes kennen gelernt haben. In einigen derselben 
z. B. in den Beispielen „Taub ist sie auch" und „Wer borgt denn 
den Leuten was!" ist der Vermittler als ein unvorsichtiger und 
gedankenloser Mensch verlacht worden, der dadurch komisch wird, 
daß ihm die Wahrheit gleichsam automatisch entwischt. Aber 
reimt sich einerseits das, was wir von der Natur des tendenziösen 
Witzes erfahren haben, und anderseits die Größe unseres Wohl- 
gefallens an diesen Geschichten mit der Armseligkeit der Per- 
sonen zusammen, über die der Witz zu lachen scheint? Sind das 
des Witzes würdige Gegner ? Geht es nicht vielmehr so zu, daß 
der Witz die Vermittler nur vorschiebt, um etwas Bedeutsameres 
zu treffen, daß er, wie das Sprichwort sagt, auf den Sack schlägt, 
während er den Esel meint? Diese Auffassung ist wirklich nicht 
abzuweisen. 

Die obige Deutung der Vermittlergeschichten läßt eine Forl- 
setzung zu. Es ist wahr, daß ich auf dieselbe nicht einzugehen 
brauche, daß ich mich begnügen kann, in diesen Geschichten 
„Schwanke" zu sehen, und ihnen den Charakter des Witzes ab- 
sprechen kann. Eine solche subjektive Bedingtheit des Witzes 
besteht also auch; wir sind jetzt auf sie aufmerksam geworden 
tmd werden sie späterhin untersuchen müssen. Sie besagt, daß 
nur das ein Witz ist, was ich als einen Witz gelten lasse. Was 
für mich ein Witz ist, kann für einen anderen bloß eine komische 
Geschichte sein. Gestattet aber ein Witz diesen Zweifel, so kann 
es nur daher rühren, daß er eine Schauseite, eine — in unseren 
Fällen komische — Fassade hat, an welcher sich der Blick des 
einen ersättigt, während ein anderer versuchen kann, hinter die- 
selbe zu spähen. Der Verdacht darf auch rege werden, daß diese 



88 



III. Die Tendenzen des Witzes. 



Fassade dazu bestimmt ist, den prüfenden Blick zu blenden, daß 
solche Geschichten also etwas zu verbergen haben. 

Jedenfalls, wenn unsere Vermittlergeschichten Witze sind, so 
sind sie um so bessere Witze, weil sie dank ihrer Fassade im 
Stande sind zu verbergen, nicht nur, was sie zu sagen haben, 
sondern auch daß sie etwas — Verbotenes — zu sagen haben. 
Die Fortsetzung der Deutung aber, welche dies Verborgene auf- 
deckt und diese Geschichten mit komischer Fassade als ten- 
denziöse Witze entlarvt, wäre folgende: Jeder, der sich die Wahr- 
heit so in einem unbewachten Moment entschlüpfen läßt, ist eigent- 
lich froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird. Das ist 
eine richtige und tief reichende psychologische Einsicht. Ohne 
solche innerliche Zustimmung läßt sich niemand von dem Auto- 
matismus, der hier die Wahrheit an den Tag bringt, übermannen.*) 
Hiemit wandelt sich aber die lächerliche Person des Schadehen 
in eine bedauernswert sympathische. Wie selig muß der Mann 
sein, die Last der Verstellung endlich abwerfen zu können, wenn 
er sofort die erste Gelegenheit benützt, um das letzte Stück der 
Wahrheit herauszuschreien 1 Sowie er merkt, daß die Sache verloren 
ist, daß die Braut dem jungen Manne nicht gefällt, verrät er 
gern, daß sie noch einen versteckten Fehler hat, der jenem nicht 
aufgefallen ist, oder er bedient sich des Anlasses, ein für ein Detail 
entscheidendes Argument anzuführen, um dabei den Leuten, in 
deren Dienst er arbeitet, seine Verachtung auszudrücken: Ich 
bitt' Sie, wer borgt denn den Leuten was! Die ganze Lächer- 
lichkeit fällt nun auf die in der Geschichte nur gestreiften Eltern, 
die solchen Schwindel für gestattet halten, um nur ihre Töchter 
an den Mann zu bringen, auf die Erbärmlichkeit der Mädchen, 
die sich unter solchen Veranstaltungen verheiraten lassen, auf die 
Unwürdigkeit der Ehen, die nach solchen Einleitungen geschlossen 
werden. Der Vermittler ist der richtige Mann, der solche Kritik 
zum Ausdruck bringen darf, denn er weiß am meisten von diesen 
Mißbräuchen, er darf sie aber nicht laut verkünden, denn er ist 
ein armer Mann, der gerade nur von deren Ausnützung leben 
kann. In einem ähnlichen Konflikt befindet sich aber auch der 
Volksgeist, der diese und ähnhche Geschichten geschaffen hat; 
denn er weiß, die Heiligkeit der geschlossenen Ehen leidet arg 
durch den Hinweis auf die Vorgänge bei der Eheschheßung. 

Erinnern wir ims auch der Bemerkung bei der Untersuchung 
der Witztechnik, daß Widersinn im Witz häufig Spott und Kritik 

*)Es ist derselbe Mechanismus, der das„Versprechen"und andere Phäno- 
mene des Selbstverrates beherrscht. S. „Psychopathologie des AUtagsiebens." 



Nachweis der aggressiven Tendenz der Schadchenwitze , 89 

in dem Gedanken hinter dem Witz ersetzen, worin es die Witz- 
arbeit übrigens der Traumarbeit gleichtut; wir finden diesen Sach- 
verhalt hier von neuem bestätigt. Daß Spoll und Kritik nicht 
der Person des Vermittlers gelten, der in den vorigen Beispielen 
nur als der Prügelknabe des Witzes auftritt, wird durch eine 
andere Reihe von Witzen erwiesen, in denen der Vermittler ganz 
im Gegenteile als überlegene Person gezeichnet ist, deren Dialektik 
sich jeder Schwierigkeit gewachsen erweist. Es sind Geschichten 
mit logischer anstatt der komischen Fassade, sophistische Ge- 
dankenwitze. In einer derselben (S. 48) weiß der Vermittler den 
Fehler der Braut, daß sie hinkt, hinweg zu disputieren. Es sei 
wenigstens eine „fertige Sache", eine andere Frau mit geraden 
Gliedern sei hingegen in beständiger Gefahr Iiinzufallen und sich 
ein Bein zu brechen, und dann käme die Krankheit, die Schmerzen, 
die Behandlungskosten, die man sich bei der bereits Hinkenden 
erspare. Oder in einer anderen Geschichte weiß er eine ganze 
Reihe von Ausstellungen des Bewerbers an der Braut, jede einzeln 
mit guten Argumenten, zurückzuweisen, um ihm dann bei der 
letzten, unbeschönbaren, entgegen zu halten; Was wollen Sie, gar 
kein" Fehler soll sie haben ?, als ob von den früheren Einwendungen 
nicht doch ein notwendiger Rest übrig geblieben wäre. Es ist 
nicht schwer, bei beiden Beispielen die schwache Stelle in der 
Argumentation nachzuweisen; wir haben dies auch bei der Unter- 
suchung der Technik getan. Aber nun interessiert uns etwas 
anderes. Wenn der Rede des Vermittlers so starker logischer 
Schein geliehen wird, der sich bei sorgfältiger Prüfung als Schein 
zu erkennen gibt, so ist die Wahrheit dahinter, daß der Witz 
dem Vermittler Recht gibt; der Gedanke getraut sich nicht, ihm 
ernsthaft Recht zu geben, ersetzt diesen Ernst durch den Schein, 
den der Witz vorbringt, aber der Scherz verrät hier wie so häufig 
den Ernst. Wir werden nicht irre gehen, wenn wir von all den 
Geschichten mit logischer Fassade annehmen, daß sie das wirklich 
meinen, was sie mit absichtlich fehlerhafter Begründung behaupten. 
Erst diese Verwendung des Sophismas zur versteckten Darstellung 
der Wahrheit verleiht ihm den Charakter des Witzes, der also haupt- 
sächlich von der Tendenz abhängt. Was in beiden Geschichten an- 
gedeutet werden soll, ist nämlich, daß der Bewerber sich wirklich 
lächerlich macht, wenn er die einzelnen Vorzüge der Braut so 
sorgsam zusammensucht, die doch alle hinfäUig sind, und wenn 
er dabei vergißt, daß er vorbereitet sein muß, ein Menschenkind 
mit unvermeidlichen Fehlern zu seinem Weibe zu machen, während 
doch die einzige Eigenschaft, welche die Ehe mit der mehr oder 



9° 



III. Die Tendenzen des Witzes. 



minder mangelhaften Persönlichkeit der Frau erträglich machen 
würde, die gegenseitige Zuneigung und Bereitwilligkeit zur liebe- 
vollen Anpassung wäre, von der bei dem ganzen Handel nicht 
die Rede ist. 

Die in diesen Beispielen enthaltene Verspottung des Ehc: 
Werbers, bei welcher nun der Vermittler ganz passend die Rolle 
des Überlegenen spielt, wird in anderen Geschichten weit deut- 
licher zum Ausdruck gebracht. Je deutlicher diese Geschichten 
sind, desto weniger von Witztechnik enthalten sie; sie sind gleich- 
sam nur Grenzfälle des Witzes, mit dessen Technik sie nur mehr 
die Fassadenbildung gemeinsam haben. Infolge der gleichen 
Tendenz und des Versteckens derselben hinter der Fassade kommt 
ihnen aber die volle Wirkung des Witzes zu. Die Armut an 
technischen Mitteln läßt außerdem verstehen, daß viele Witze 
dieser Art das komische Element des Jargons, das ähnlich der 
Witztechnik wirkt, nicht ohne starke Einbuße entbehren können. 

Eine solche Geschichte, die bei aller Kraft des tendenziösen 
Witzes nichts mehr von dessen Technik erkennen läßt, ist die 
folgende : Der Vermittler fragt ; Was verlangen Sie von Ihrer 
Braut ? — Antwort : Schön muß sie sein, reich muß sie sein und 
gebildet. — Gut, sagt der Vermittler, aber daraus mach' ich drei 
Partien. Hier wird der Verweis dem Manne direkt erteilt, nicht 
mehr in der Einkleidung eines Witzes. 

In den bisherigen Beispielen richtete sich die verhüllte 
Aggression noch gegen Personen, in den Vermittlerwitzen gegen 
alle Parteien, die an dem Handel der Eheschließung beteiligt sind: 
Braut, Bräutigam und deren Eltern. Die Angriffsobjekte des 
Witzes können aber eben sowohl Institutionen sein, Personen, in 
soferne sie Träger derselben sind, Satzungen der Moral oder der 
Religion, Leb ensaii schauungen, die ein solches Ansehen genießen, 
daß der Einspruch gegen sie nicht anders als in der Maske eines 
Witzes, und zwar eines durch seine Fassade gedeckten Witzes 
auftreten kann. Mögen der Themata wenige sein, auf die dieser 
tendenziöse Witz abzielt, seine Formen und Einkleidungen sind 
äußerst mannigfaltig. Ich glaube, wir tun recht, diese Gattung von 
tendenziösem Witz durch einen besonderen Namen auszuzeichnen. 
Welcher Name der geeignete ist, wird sich ergeben, nachdem wir 
einige Beispiele dieser Gattung gedeutet haben. 

Ich erinnere an die beiden Geschichten vom verarmten Gour- 
mand, der bei „Lachs mit Mayonnaise" betroffen wird, und vom 
trunksüchtigen Lehrer, die wir als sophistische Verschiebungswitze 



Der Zynismus ersetzende Witz. gi 

kennen gelernt haben, und führe deren Deutung fort. Wir haben 
seitdem gehört, daß,: wenn der Schein der Logik an die Fassade 
einer Geschichte geheftet ist, der Gedanke wohl im Ernst sagen 
möchte : Der Mann hat Recht, des entgegenstehenden Widerspruches 
wegen aber sich nicht getraut, dem Manne anders Recht zu 
geben als in einem Punkte, in dem sein Unrecht leicht nach- 
zuweisen ist. Die gewählte „Pointe" ist der richtige Kompromiß 
zwischen seinem Recht und seinem Unrecht, was freilich keine 
Entscheidung ist, aber wohl dem Konflikt in uns selbst entspricht. 
Die beiden Geschichten, sind einfach epikuräisch, sie sagen: Ja, 
der Mann hat Recht, es gibt nichts Höheres als den Genuß, .und 
es ist ziemlich gleichgültig, auf welche Art man sich ihn ver- 
schafft. Das klingt furchtbar unmoralisch und ist wohl auch nicht 
viel besser, aber im Grunde ist es nichts anderes als das „C a r p e 
d i e m" des Poeten, der sich auf die Unsicherheit des Lebens 
und auf die Unfruchtbarkeit der tugendhaften Entsagung beruft. 
Wenn die Idee, daß der Mann im Witz von „Lachs mit Mayonnaise" 
Recht haben soll, auf uns so abstoßend wirkt, so rührt dies nur 
von der Illustration der Wahrheit an einem Genuß niedrigster 
Art, der uns sehr entbehrlich scheint, her. In Wirklichkeit hat 
jeder von uns Stunden und Zeiten gehabt, in denen er dieser 
Lebensphilosophie ihr Recht zugestanden und der Morallehre 
vorgehalten hat, daß sie nur zu fordern verstand, ohne zu ent- 
schädigen. Seitdem die Anweisung auf das Jenseits, in dem sich 
alle Entsagung durch Befriedigung lohnen soll, von uns nicht mehr 
geglaubt wird — es gibt übrigens sehr wenig Fromme, wenn man 
die Entsagung zum Kennzeichen des Glaubens macht — , seitdem 
wird das „Carpe diem" zur ernsten Mahnung. Ich will die Be- 
friedigung gern aufschieben, aber weiß ich denn, ob ich morgen 
noch da sein, werde ? 

„Di doman' non c'fe certezza."*) 

Ich will gern auf alle von der Gesellschaft verpönten Wege 
der Befriedigung verzichten, aber bin ich sicher, daß mir die 
Gesellschaft diese Entsagung lohnen wird, indem sie mir — wenn 
auch mit einem gewissen Aufschub — einen der erlaubten Wege 
öffnet? Es läßt sich laut sagen, was diese Witze flüstern, daß 
die "Vyünschc und Begierden des Menschen ein Recht haben, sich 
vernehmbar zu machen neben der anspruchsvollen und rücksichts- 
losen Moral, und es ist in unseren Tagen in nachdrücklichen und 
packenden Sätzen gesagt worden, daß diese Moral nur die eigen- 
nützige Vorschrift der wenigen Reichen und Mächtigen ist, welche 

"^ Lorenzo dei Medici. 



92 



III. Die Tendenzen des Witzes. 



jederzeit ohne Aufschub ihre Wünsche befriedigen können. So 
lange die Heilkunst es nicht weiter gebracht hat, unser Leben 
zu sichern, und so lange die sozialen Einrichtungen nicht mehr 
dazu tun, es erfreulicher zu gestalten, so lange kann die Stimme 
in uns, die sich gegen die Moralanforderungen auflehnt, nicht 
erstickt werden. Jeder ehrliche Mensch wird wenigstens bei sich 
dieses Zugeständnis endlich machen. Die Entscheidung in diesem 
Konflikt ist erst auf dem Umwege über eine neue Einsicht mög- 
lich. Man muß sein Leben so an das Anderer knüpfen, sich so 
innig mit Anderen identifizieren können, daß die Verkürzung der 
eigenen Lebensdauer überwindbar wird, und man darf die Forde- 
rungen der eigenen Bedürfnisse nicht unrechtmäßig erfüllen, 
sondern muß sie unerfüllt lassen, weil nur der Fortbestand so 
vieler unerfüllter Forderungen die Macht entwickeln kann, die 
gesellschaftliche Ordnung abzuändern. Aber nicht alle persön- 
lichen Bedürfnisse lassen sich in solcher Art verschieben und auf 
Andere übertragen, und eine allgemein- und endgültige Lösung 
des Konflikts gibt es nicht. 

Wir wissen nun, wie wir Witze wie die letztgedeuteten zu 
benennen haben ; es sind zynische Witze, was sie verhüllen, 
sind Zynismen. 

Unter den Institutionen, die der zynische Witz anzugreifen 
pflegt, ist keine wichtiger, eindringlicher durch Moralvorschriften 
geschützt, aber dennoch zum Angriff einladender als das Institut 
der Ehe, dem also auch die meisten zynischen Witze gelten. 
Kein Anspruch ist ja persönHcher als der auf sexuelle Freiheit, 
und nirgends hat die Kultur eine stärkere Unterdrückung zu üben 
versucht als auf dem Gebiete der Sexualität. Für unsere Ab- 
sichten mag ein einziges Beispiel genügen, die auf S. 62 erwähnte 
„Eintragung in das Stammbuch des Prinzen Karneval" : 

„Eine Frau ist wie ein Regenschirm; — man nimmt sich 
dann doch einen Komfortabel." 

Die komplizierte Technik dieses Beispiels haben wir bereits 
erörtert: ein verblüffender, anscheinend unmöglicher Vergleich, 
der aber, wie wir jetzt sehen, an sich nicht witzig ist, femer eine 
Anspielung (Komfortabel = öffentliches Fuhrwerk) und als stärk- 
stes technisches Mittel eine die Un Verständlichkeit erhöhende 
Auslassung. Die Vergleichung wäre in folgender Art auszuführen : 
Man heiratet, um sich gegen die Anfechtungen der Sinnlichkeit 
zu sichern, und dann stellt sich doch heraus, daß die Ehe keine 
Befriedigung eines etwas stärkeren Bedürfnisses gestattet, gerade 
so wie man einen Regenschirm mitnimmt, um sich gegen den 



Zynische Witze und Selbstkritik. 



93 



Regen zu schützen, und dann im Regen doch naß wird. In 
beiden Fällen muß man sich um stärkeren Schutz umsehen, hier 
öffentliches Fuhrwerk, dort für Geld zugängliche Frauen nehmen. 
Jetzt ist der Witz fast völlig durch Zynismus ersetzt. Daß die 
Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualität des Mannes zu 
befriedigen, getraut man sich nicht laut und öffentlich zu sagen, 
wenn man nicht etwa von der Wahrheitsliebe und dem Reform- 
eifer eines Christian v. Ehrenfels*) dazu gedrängt wird. 
Die Stärke dieses Witzes liegt nun darin, daß er es doch — auf 
allerlei Umwegen — gesagt hat. 

Ein für den tendenziösen Witz besonders günstiger Fall wird 
hergestellt, wenn die beabsichtigte Kritik der Auflehnung sich 
gegen die eigene Person richtet, vorsichtiger ausgedrückt, eine 
Person, an der die eigene Anteil hat, eine Sammelperson also, 
das eigene Volk zum Beispiel. Diese Bedingung der Selbst- 
kritik mag uns erklären, daß gerade auf dem Boden des jüdi- 
schen Volkslebens eine Anzahl der trefflichsten Witze erwachsen 
sind, von denen wir ja hier reichliche Proben gegeben haben. 
Es sind Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische 
Eigentümlichkeiten gerichtet sind. Die Witze, die von Fremden 
über Juden gemacht werden, sind zu allermeist brutale Schwanke, 
in denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der 
Jude den Fremden als komische Figur gilt. Auch die Judenwitze, 
die von Juden herrühren, geben dies zu, aber sie kennen ihre 
wirkhchen Fehler wie deren Zusammenhang mit ihren Vorzügen, 
und der Anteil der eigenen Person an dem zu Tadelnden schafft 
die sonst schwierig herzustellende subjektive Bedingung der Witz- 
arbeit. Ich weiß übrigens nicht, ob es sonst noch häufig vor- 
kommt, daß sich ein Volk in solchem Ausmaß über sein eigenes 
Wesen lustig macht. 

Als Beispiel hiefür kann ich auf die S. 64 erwähnte Ge- 
schichte hinweisen, wie ein Jude in der Eisenbahn sofort alle 
Dezenz des Betragens aufgibt, nachdem er den Ankömmling im 
Coupi5 als Glaubensgenossen erkannt hat. Wir haben diesen Witz 
als Beleg für die Veranschaulichung durch ein Detail, Darstellung 
durch ein Kleinstes, kennen gelernt; er soll die demokratische 
Denkungsart der Juden schildern, die keinen Unterschied von 
Herren und Knechten anerkennt, aber leider auch Disziplin und 
Zusammenwirken stört. Eine andere, besonders interessante Reihe 
von Witzen schildert die Beziehungen der armen und der reichen 
Juden zu einander; ihre Helden sind der „Schnorrer" und der 

*) Siehe dessen Aufsätze: inderPulitisch-anthropologischenRevuen, 1903. 



94 HI' Die Tendenzen des Witzes. 

mildtätige Hausherr oder der Baron. Der Schnorrer, der alle 
Sonntage in demselben Haus als Gast zugelassen wird, erscheint 
emes Tages in Begleitung eines unbekannten jungen Mannes, der 
Miene macht, sich mit zu Tische zu setzen. Wer ist das? fragt 
dür Hausherr und erhält die Antwort: Das ist mein Schwieger- 
sohn seit voriger Woche; ich hab' ihm die Kost versprochen das 
erste Jahr. Die Tendenz dieser Geschichten ist stets die näm- 
liche; sie wird in folgender am deutlichsten hervortreten- Der 
ächnorrer bettelt beim Baron um das Geld für eine Badereise 
nach Ostende; der Arzt hat ihm wegen seiner Beschwerden ein 
Seebad empfohlen. Der Baron findet, Ostende sei ein besonders 
kostspieliger Aufenthalt; ein wohlfeilerer würde es auch tun Aber 
der Schnorrer lehnt den Vorschlag mit den Worten ab- Herr 
Baron, für meine Gesundheit ist mir nichts zu teuer Das ist 
ein prachtiger Verschiebungswitz, den wir als Muster für seine 
Gattung hatten nehmen können. Der Baron will offenbar sein 
Geld ersparen, der Schnorrer antwortet aber, als sei das Geld 
des Barons sein eigenes, das er dann allerdings minder hoch- 
schätzen darf als seine Gesundheit. Man wird hier aufgefordert 
über die Frechheit des Anspruchs zu lachen, aber diese Witze 
smd ausnahmsweise nicht mit einer das Verständnis irre führen- 
den Fassade ausgestattet. Die Wahrheit dahinter ist, daß der 
Schnorrer, der das Geld des Reichen in Gedanken wie eigenes 
behandelt, nach den heiligen Vorschriften der Juden wirklich fast 
das Recht zu dieser Verwechslung hat. Natürlich richtet sich 
die Auflehnung, die diesen Witz geschaffen hat, gegen das selbst 
den Frommen schwer bedrückende Gesetz. 

Eine andere Geschichte erzählt; Ein Schnorrer begegnet auf 
der Treppe des Reichen emen Genossen im Gewerbe, der ihm 
abrät, seinen Weg fortzusetzen. „Geh" heute nicht hinauf der 
Baron ist heute schlecht aufgelegt, er gibt niemand mehr als 
einen Gulden." ~ Ich werde doch hinaufgehen, sagt der erste 
bchnorrer. Warum soll' ich ihm den einen Gulden schenken? 
bchenkt er mir 'was? 

Dieser Witz bedient sich der Technik des Widersinnes, in- 
dem er den Schnorrer in demselben Moment behaupten läßt,' der 
Baron schenke ' ihm nichts, in dem er sich anschickt, um' das 
Geschenk zu betteln. Aber der Widersinn ist nur ein scheinbarer- 
es ist bemahe richtig, daß ihm der Reiche nichts schenkt, da 
er durch das Gesetz verpflichtet ist, ihm Almosen zu geben, 'und 
Ihm strenge genommen, dankbar sein muß, daß er ihm die Ge- 
legenheit zum Wohltun schafft. Die gemeine, bürgerliche Auf- 



Kritische und blasphemisclie Witze. 95 

fassung des Almosens liegt hier mit der religiösen im Streit; sie 
revoltiert offen gegen die religiöse in der Geschichte vom Baron, 
der, durch die Leidenserzählung des Schnorrers tief ergriffen, 
seinen Dienern schellt: Werft's ihn hinaus; er bricht mir das 
Herzl Diese offene Darlegung der Tendenz stellt wieder einen 
Grenzfall des Witzes her. Von der nicht mehr witzigen Klage: 
„Es ist wirklich kein Vorzug, ein Reicher unter Juden zu sein. 
Das fremde Elend läßt einen nicht zum Genuß des eigenen 
Glückes kommen," entfernen sich diese letzten Geschichten fast 
nur durch die Veranschaulichung in einer einzelnen Situation. 

Von einem tief pessimistischen Zynismus zeugen andere Ge- 
schichten, die technisch wiederum Grenzfälle des Witzes 
darstellen, wie die nachstehende: Ein Schwerhöriger konsultiert 
den Arzt, der die richtige Diagnose macht, der Patient trinke 
wahrscheinlich zuviel Branntwein und sei darum taub. Er rät 
ihm davon ab, der Schwerhörige verspricht den Rat zu beherzigen. 
Nach einer Weile trifft ihn der Arzt auf der Straße und fragt 
ihn laut, wie es ihm g;ehe. Ich danke, ist die Antwort. Sie 
brauchen nicht so zu schreien, Herr Doktor, ich habe das Trinken 
aufgegeben und hör" wieder gut. Nach einer weiteren Weile 
wiederholt sich die Begegnung. Der Doktor fragt mit gewöhnlicher 
Stimme nach seinem Befinden, merkt aber, daß er nicht ver- 
standen wird. — Wie? Was? — Mir scheint, Sie trinken wieder 
Branntwein, schreit ihm der Doktor in's Ohr, und darum hören 
Sie wieder nichts. Sie können Recht haben, antwortet der Schwer- 
hörige. Ich hab' wieder angefangen zu trinken Branntwein, aber 
ich will Ihnen sagen: warum. So lange ich nicht getrunken hab', 
hab' ich gehört; aber alles, was ich gehört, war nicht so gut wie 
der Branntwein. — Technisch ist dieser Witz nichts anderes als 
eine Veranschaulichung; der Jargon, die Künste der Erzählung 
müssen dazu dienen, das Lachen zu erwecken, aber dahinter lauert 
die traurige Frage: Hat der Mann mit seiner Wahl mcht recht 

Es ist das mannigfaltige hoffnungslose Elend des Juden, auf 
welches diese pessimistischen Geschichten anspielen, die ich dieses 
Zusammenhanges wegen dem tendenziösen Witz anreihen muß. 

Andere in ähnlichem Sinne zynische Witze, und zwar mcht 
nur Judengeschichten, greifen religiöse Dogmen und den Golles- 
glauben selber an. Die Geschichte vom „Kück des Rabbi", deren 
Technik in dem Denkfehler der Gleichstellung von Phantasie und 
Wirklichkeit bestand (auch die Auffassung als Verschiebung wäre 
haltbar), ist ein solcher zynischer oder kritischer Witz, der sich 
gegen die Wundertäter und gewiß auch gegen den Wunderglauben 



q6 III. Die Tendenzen des Witzes. 

richtet. Einen direkt blasphemischen Witz soll Heine in der 
Situation des Sterbenden gemacht haben. Als der freundliche 
Priester ihn auf Gottes Gnade verwies und ihm Hoffnung machte, 
daß er bei Gott Vergebung für seine Sünden finden werde, soll 
er geantwortet haben: Bien sür, qu'il me pardonnera; c'est son 
mittler. Das ist ein herabsetzender Vergleich, technisch etwa nur 
vom Werte einer Anspielung, denn ein mutier, Geschäft oder 
Beruf hat etwa ein Handwerker oder ein Arzt, und zwar hat er 
nur ein einziges mutier. Die Stärke des Witzes liegt .aber in 
seiner Tendenz. Er soll nichts anderes sagen als : Gewiß wird 
er mir verzeihen, dazu ist er ja da, zu keinem anderen Zweck 
habe ich ihn mir angeschafft, (wie man sich seinen Arzt, seinen 
Advokaten hält). Und so regt sich noch in dem machtlos da- 
liegenden Sterbenden das Bewußtsein, daß er sich Gott erschaffen 
und ihn mit Macht ausgestattet hat, um sich seiner bei Gelegen- 
heit zu bedienen. Das vermeintliche Geschöpf gibt sich noch 
kurz vor seiner Vernichtung als den Schöpfer zu erkennen. 

Zu den bisher behandelten Gattungen des tendenziösen Witzes, 
dem entblößenden oder obszönen, 
dem aggressiven (feindseligen), 
dem zynischen (kritischen, blasphemischen), 
möchte ich als vierte und seltenste eine neue anreihen, deren 
Charakter durch ein gutes Beispiel erläutert werden soll. 

„Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen 
einer galizi sehen Station. Wohin fahrst du? fragte 
der eine. Nach Krakau, ist die Antwort. Sieh her, 
was du für Lügner bist, braust der andere auf. 
Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du 
doch, daß ichglauben soll, dufahrstnach Lemberg. 
Nun weiß ich aber, daß du wirklich fahrst nach 
Krakau. Also warum lügst du?" 

Diese kostbare Geschichte, die den Eindruck übergroßer 
Spitzfindigkeit macht, wirkt offenbar durch die Technik des Wider- 
sinnes. Der Zweite soll sich Lüge vorwerfen lassen, weil er mit- 
geteilt, er fahre nach Krakau, was in Wahrheit sein Reiseziel ist I 
Dieses starke technische Mittel — der Widersinn — ist aber hier mit 
einer anderen Technik gepaart, der Darstellung durch das Gegen- 
teil, denn nach der unwidersprochenen Behauptung des Ersten 
lügt der Andere, wenn er die Wahrheit sagt, und sagt die Wahr- 
heit mit einer Lüge. Der ernstere Gehalt dieses Witzes ist aber 
die Frage nach den Bedingungen der Wahrheit; der Witz deutet 



Skeptische Witze. oy 

wiederum auf ein Problem und nützt die Unsicherheit eines 
unserer gebrauchUchsten Begriffe aus. Ist es Wahrheit, wenn 
man die Dinge so beschreibt, wie sie sind, und sich nicht darum 
kümmert, wie der Hörer das Gesagte auffassen wird? Oder ist 
dies nur jesuitische Wahrheit, und bestellt die echte Wahrhaftig- 
keit nicht viel mehr darin', auf den Zuhörer Rücksicht zu nehmen, 
imd ihm ein getreues Abbild seines eigenen Wissens zu vermitteln ? 
Ich halte Witze dieser Art für genug verschieden von den anderen, 
um ihnen eine besondere Stellung anzuweisen. Was sie angreifen, 
ist nicht eine Person oder eine Institution, sondern die Sicherheit 
unserer Erkenntnis selbst, eines unserer spekulativen Güter. Der 
Name „skeptische" Witze würde also für sie der ent- 
sprechende sein. 

Wir haben im Verlaufe unserer Erörterungen über die Ten- 
denzen des Witzes vielleicht mancherlei Aufklärungen gewonnen 
und gewiß reichliche Anregungen zu weiteren Untersuchungen 
gefunden; aber die Ergebnisse dieses Abschnittes setzen sich mit 
denen des vorigen zu einem schwierigen Problem zusammen. 
Wenn es richtig ist, daß die Lust, die der Witz bringt, einerseits 
an der Technik, anderseits an der Tendenz haftet, unter welchem 
gemeinsamen Gesichtspunkt lassen sich etwa diese zwei so ver- 
schiedenen Lustquellen des Witzes vereinen? 



Freud, Der Witi, 



B. Synthetischer Teil. 

IV. Der Lustmechanismus und die Psychogenese 

des Witzes. 



Aus welchen Quellen die eigentümliche Lust fließt, welche 
uns der Witz bereitet, das stellen wir nun als gesicherte Erkenntnis 
voran. Wir wissen, daß wir der Täuschung unterliegen können, 
unser Wohlgefallen am Gedankeninhalt des Satzes mit der eigent- 
lichen Witzeslust zu verwechseln, daß aber diese selbst wesentlich 
zwei Quellen hat, die Technik und die Tendenzen des Witzes. 
Was wir nun erfahren möchten, ist, auf welche Weise sich die 
Lust aus diesen Quellen ergibt, der Mechanismus dieser Lust- 
wirkung. 

Es scheint uns, daß sich die gesuchte Aufklärung beim ten- 
denziösen Witz viel leichter ergibt als beim harmlosen. Mit 
ersterem werden wir also beginnen. 

Die Lust beim tendenziösen Witz ergibt sich daraus, daß eine 
Tendenz befriedigt wird, deren Befriedigung sonst unterblieben 
wäre. Daß solche Befriedigung eine Lustquelle ist, bedarf keiner 
weiteren Ausführung. Aber die Art, wie der Witz die Befriedigung 
herbeiführt, ist an besondere Bedingungen geknüpft, aus denen 
vielleicht weiterer Aufschluß zu gewinnen ist. Es sind hier zwei 
Fälle zu unterscheiden. Der einfachere Fall ist, daß der Be- 
friedigung der Tendenz ein äußeres Hindernis im Wege steht, 
welches durch den Witz umgangen wird. So fanden wir es z. B. 
in der Antwort, die Serenissimus auf die Frage erhält, ob die 
Mutter des Angesprochenen je in der Residenz gelebt habe, oder 
in der Äußerung des Kunstkenners, dem die zwei reichen Gauner 
ihre Portraits zeigen: And where is the Saviour? Die Tendenz 
geht in dem einen Fall dahin, einen Schimpf mit Gleichem zu 
erwidern, im anderen, eine Beschimpfung an Stelle des geforder- 
ten Gutachtens von sich zu geben; was ihr entgegensteht, sind 
rein äußerliche Momente, die Machtverhältnisse der Personen, die 
von der Beschimpfung betroffen werden. Es mag uns immerhin 
auffallen, daß diese und analoge Witze tendenziöser Natur, so 
sehr sie uns auch befriedigen, doch nicht im stände sind, einen 
starken Lacheffekt hervorzubringen. 



Erspai-ung an Hemmungs- oder Unterdrückungsaufwand 



99 



Anders, wenn nicht äußere Momente, sondern ein innerliches 
Hindernis der direkten Verwirklichiuig der Tendenz im Wege steht, 
wenn eine innere Regung sich der Tendenz entgegenstellt. Diese 
Bedingung wäre nach unserer Voraussetzung etwa in den aggres- 
siven Witzen des Herrn N. verwirklicht, in dessen Person eine 
starke Neigung zur Invektivc durch hochentwickelte ästhetische 
Kultur in Schach gehalten wird. Mit Hilfe des Witzes wird der 
innere Widerstand für diesen speziellen Fall überwunden, die 
Hemmung aufgehoben. Dadurch wird wie im Falle des äußeren 
Hindernisses die Befriedigung der Tendenz ermöglicht, eine Unter- 
drückung und die mit ihr verbundene „psychische Stauung" ver- 
mieden; der Mechanismus der Lustentwicklung wäre insoweit für 
beide Fälle der nämliche. 

Wir verspüren an dieser Stelle allerdings die Neigung, in die 
Unterschiede der psychologischen Situation für den Fall des äußeren 
und des irmeren Hindernisses tiefer einzugehen, da uns die Mög- 
lichkeit vorschwebt, aus der Aufhebung des inneren Hindernisses 
könne sich ein ungleich höherer Beitrag zur Lust ergeben. Aber 
ich schlage vor, hier genügsam zu bleiben und uns vorläufig mit 
der einen Feststellung zu bescheiden, welche bei dem für uns 
Wesentlichen verbleibt. Die Fälle des äußerlichen und des inneren 
Hindernisses unterscheiden sich nur darin, daß hier eine bereits 
bestehende Hemmung aufgehoben, dort die Herstellung einer 
neuen vermieden wird. Wir nehmen dann die Spekulation nicht 
zu sehr in Anspruch, wenn wir behaupten, daß zur Herstellung 
wie zur Erhaltung einer psychischen Hemmung ein „psychischer 
Aufwand" erfordert wird. Ergibt sich nun, daß in beiden Fällen 
der Verwendung des tendenziösen Witzes Lust erzielt wird, so liegt 
es nahe anzunehmen, daß solcher Lustgewinn dem er- 
sparten psychischen Aufwand entspreche. 

Somit wären wir wiederum auf das Prinzip der Ersparung 
gestoßen, dem wir zuerst bei der Technik des Wortwitzes begegnet 
sind. Während wir aber zunächst die Ersparung in dem Gebrauch 
von möglichst wenig oder möghchst den gleichen Worten zu finden 
glaubten, ahnt uns hier der weit umfassendere Sinn einer Er- 
sparung an psychischem Aufwand überhaupt, und wir müssen es 
für möglich halten, durch nähere Bestimmung des noch sehr un- 
klaren Begriffes „psychischer Aufwand" dem Wesen des Witzes 
näher zu kommen. 

Eine gewisse Unklarheit, die wir bei der Behandlung des 
Lustmechanismus beim tendenziösen Witze nicht überwinden konn- 
ten, nehmen wir als billige Strafe dafür, daß wir versucht haben, 

7* 



100 IV. Der Lustmechanismus des Witzes. 

das Kompliziertere vor dem Einfacheren, den tendenziösen Witz 
vor dem harmlosen aufzuklären. Wir merken uns, daß „E r- 
sparung an Hemmung s- oder Unterdrückungsauf- 
wand" das Geheimnis der Lustwirkimg des tendenziösen Witzes 
zu sein schien, und wenden uns dem Mechanismus der Lust beim 
harmlosen Witze zu. 

Aus geeigneten Beispielen harmlosen Witzes, bei denen keine 
Störung unseres Urteils durch Inhalt oder Tendenz zu befürchten 
stand, mußten wir den Schluß ziehen, daß die Techniken des 
Witzes selbst Lustquellen sind, und wollen nun prüfen, ob sich 
diese Lust etwa auf Ersparung an psychischem Aufwand zurück- 
führen lasse. In einer Gruppe dieser Witze (den Wortspielen) 
bestand die Technik darin, unsere psychische Einstellung auf den 
Wortklang anstatt auf den Sinn des Wortes zu richten, die 
(akustische) Wortverstellung selbst an Stelle ihrer durch Rela- 
tionen zu den Dingvorstellungen gegebenen Bedeutung treten zu 
lassen. Wir dürfen wirklich vermuten, daß damit eine große 
Erleichterung der psychischen Arbeit gegeben ist, und daß wir uns 
bei der ernsthaften Verwendung der Worte durch eine gewisse 
Anstrengung von diesem bequemen Verfahren abhalten müssen. 
Wir können beobachten, daß krankhafte Zustände der Denk- 
tätigkeit, in denen die Möglichkeit, psychischen Aufwand auf eine 
Stelle zu konzentrieren, wahrscheinlich eingescliränkt ist, tatsäch- 
lich die Wortklangvorstellung solcher Art gegen die Wortbedeutung 
in den Vordergrund rücken lassen, und daß solche Kranke in. 
ihren Reden nach den „äußeren" anstatt nach den „inneren" 
Assoziationen der Wortvorstellung, wie die Formel lautet, fort- 
schreiten. Auch beim Kinde, welches ja die Worte noch als 
Dinge zu behandeln gewohnt ist, bemerken wir die Neigung, 
hinter gleichem oder ähnlichem Wortlaut gleichen Sinn zu suchen, 
die zur Quelle vieler von den Erwachsenen belachter Irrtümer 
wird. Wenn es uns dann im Witz ein unverkennbares Vergnügen 
bereitet, durch den Gebrauch des nämlichen Wortes oder eines 
ihm ähnlichen aus dem einen Vorstellungskreis in einen anderen 
entfernten zu gelangen (wie bei Home-Roulard aus dem der Küche 
in den der Politik), so ist dies Vergnügen wohl mit Recht auf 
die Ersparung an psychischem Aufwand zurückzuführen. Die 
Witzeslust aus solchem „Kurzschluß" scheint auch um so größer 
zu sein, je fremder die beiden durch das gleiche Wort in Ver- 
bindung gebrachten Vorstellungskreise einander sind, je welter ab 
sie von einander liegen, je größer also die Ersparung an Gedanken- 
weg durch das technische Mittel des Witzes ausfällt. Merken wir 



Lust beim Wiederfinden des Bekannten. loi 

Übrigens an, daß sich der Witz hier eines Mittels der Verknüpfung 
bedient, welches vom ernsthaften Denken verworfen und sorgfältig 
vermieden wird.*) 

Eine zweite Gruppe technischer Mittel des Witzes — Uni- 
fizierung, Gleichklang, mehrfache Verwendung, Modifikation be- 
kannter Redensarten, Anspielung auf Zitate — läßt als gemein- 
samen Charakter herausheben, daß jedesmal etwas Bekanntes 
wiedergefunden wird, wo man anstatt dessen etwas Neues hätte 
erwarten können. Dieses Wiederfinden des Bekannten ist lust- 
voll, und es kann uns wiederum nicht schwer fallen, solche Lust 
als Ersparungslust zu erkennen, auf die Ersparung an psychischem 
Aufwand zu beziehen. 

Daß das Wiederfinden des Bekannten, das „Wiedererkennen" 
lustvoll ist, scheint allgemein zugestanden zu werden. Groos**) 
sagt: (S. 153) „Das Wiedererkennen ist nun überall, wo es nicht 

allzusehr mechanisiert ist (wie etwa beim Ankleiden, wo ) 

mit Lustgefühlen verbunden. Schon die bloße QuaHtät der Be- 
kanntheit ist leicht von jenem sanften Behagen begleitet, das 
Faust erfüllt, wie er nach einer unheimlichen Begegnung wieder 

*) Wenn ich mir hier gestatten darf, der Darstellung im Texte vorzu- 
greifen, so kann ich an dieser Stelle ein Licht auf die Bedingung werfen, 
welche für den Sprachgehrauch maßgebend scheint, um einen Witz emen 
„guten" oder einen „schlechten" zu heißen. Wenn ich mittels eines doppel- 
sinnigen oder wenig modifizierten Wortes auf kurzem Wege aus einem 
Vorstellungskreis in einen anderen geraten bin, während sich zwischen 
den beiden Vorstellungskreisen nicht auch gleichzeitig eine sinnvolle Ver- 
knüpfung ergibt, dann habe ich einen „schlechten Witz" gemacht. In diesem 
schlechten Witze ist das eme Wort, die „Pointe", die einzig vorhandene 
Verknüpfung zwischen den beiden disparaten Vorstellungen. Em solcher 
Fall ist das oben verwendete Beispiel: Home-Roulard. Ein ,,guter Witz 
kommt aber zu stände, wenn die Kindererwartung Recht behält und niit 
der Ähnlichkeit der Worte wirklich gleichzeitig eine andere, wesenthche 
Ähnlichkeit des Sinnes angezeigt ist wie im Beispiel: Traduttore-Traditore. 
Diebeiden disparaten Vorstellungen, die hier durch eine äußerhche Asso- 
ziation verknüpft sind, stehen außerdem in einem sinnreichen Zu.sa">"ien- 
hang, welcher eine Wesensverwandtschaft von ihnen aussagt. Die äußer- 
liche Assoziation ersetzt nur den innerlichen Zusammenhang; ^J« dien 
dazu, ihn anzuzeigen oder klarzustellen. Der „Übersetzer*' heißt ™cht nur 
ähnlich wie der Verräter; er ist auch eme Art von Verräter, er führt 
gleichsam mit Recht seinen Namen. . 

Der hier entwickelte Unterschied fällt mit der später einzuführenden 
Scheidung von „Scherz" und „Witz" zusammen. Es wäre aber Unrecht, 
Beispiele wie Home-Roulard von der Erörterung über die Natur des 
Witzes auszuschließen. So wie wir die eigentümliche Lust des Witzes in 
Betracht ziehen, finden wir, daß die „schlechten" Witze keineswegs als 
Witze schlecht, d. h. ungeeignet zur Erzeugung von Lust sind. 

*^ Die Spiele der Menschen, 1899. 



J02 IV. Der Lustmechanismus des Witzes, 

in sein Studierzimmer tritt" .... „Wenn so der Akt des Wieder- 
erkennens lusterregend ist, so werden wir erwarten dürfen, daß 
der Mensch darauf verfällt, diese Fähigkeit um ihrer selbst willen 
zu üben, also spielend mit ihr zu experimentieren. In der Tat 
hat Aristoteles in der Freude am Wiedererkennen die Grund- 
lage des Kunstgenusses erbHckt, un<i es läßt sich nicht leugnen, 
daß dieses Prinzip nicht übersehen werden darf, wenn es auch 
keine so weittragende Bedeutung hat, wie Aristoteles annimmt." 

Groos erörtert dann die Spiele, deren Charakter darin be- 
steht, die Freude am Wiedererkennen dadurch zu steigern, daß 
man demselben Hindernisse in den Weg legt, also eine „psychische 
Stauung" herbeiführt, die mit dem Akt des Erkennens beseitigt 
ist. Sein Erklärungsversuch verläßt aber die Annahme, daß das 
Erkennen an sich lustvoll sei, indem er das Vergnügen am Er- 
kennen mit Berufung auf diese Spiele auf die Freude an der 
Macht, an der Überwindung einer Schwierigkeit zurückführt. 
Ich halte dieses letztere Moment für sekundär und sehe keinen 
Anlaß, von der einfacheren Auffassung abzuweichen, daß das 
Erkennen an sich, d. h. durch Erleichterung des psychischen 
Aufwands, lustvoil ist, und daß die auf diese Lust gegründeten 
Spiele sich eben nur des Stauungsmechanismus bedienen, um 
deren Betrag in die Höhe zu treiben. 

Daß Reim, Alliteration, Refrain und andere Formen der 
Wiederholung ähnlicher Wortklänge in der Dichtung die näm- 
liche Lustquelle, das Wiederfinden des Bekannten, ausnützen, ist 
gleichfalls allgemein anerkannt. Ein „Machtgefühl" spielt bei 
diesen Techniken, die mit der „mehrfachen Verwendung" beim 
Witze so große Übereinstimmung zeigen, keine ersichtliche Rolle. 

Bei den nahen Beziehungen zwischen Erkennen und Erinnern 
ist die Annahme nicht mehr gewagt, daß es auch eine Er- 
innerungslust gebe, d. h. daß der Akt des Erinnerns an sich 
von einem Lustgefühl ähnlicher Herkunft begleitet sei. Groos 
scheint einer solchen Annahme nicht abgeneigt zu sein, aber er 
leitet die Erinnerungslust wiederum vom „Machtgefühl" ab, in 
dem er den Hauptgrund des Genusses bei fast allen Spielen — 
wie ich meine, mit Unrecht — sucht. 

Auf dem „Wiederfinden des Bekannten" beruht auch die 
Verwendung eines anderen technischen Hilfsmittels des Witzes, von 
dem bisher noch nicht die Rede war. Ich meine das Moment 
der Aktualität, das bei sehr vielen Witzen eine ausgiebige 
Lustquelle darstellt und einige Eigentümlichkeiten in der Lebens- 



Das Moment der Aktualität. 103 

geschichte der Witze erklärt. Es gibt Witze, die von dieser Be- 
dingung vollkommen frei sind, und in einer Abhandlung über den 
Witz sind wir genötigt, uns fast ausschließlich solcher Beispiele 
zu bedienen. Wir können aber nicht daran vergessen, daß wir 
vielleicht noch stärker als über solche perennierende Witze über 
andere gelacht haben, deren Verwendung uns jetzt schwer fällt, 
weil sie lange Kommentare erfordern und auch mit deren Nach- 
hilfe die einstige Wirkung nicht erreichen würden. Diese letzteren 
Witze enthielten nun Anspielungen auf Personen und Begeben- 
heiten, die zur Zeit „aktuell" waren, das allgemeine Interesse 
wach gerufen hatten und noch in Spannung erhielten. Nach dem 
Erlöschen dieses Interesses, nach der Erledigung der betreffenden 
Affäre hatten auch diese Witze einen Teil ihrer Lustwirkung, und 
zwar einen recht beträchtlichen Teil, eingebüßt. So z. B, erscheint 
mir der Witz, den mein freundlicher Gastgeber machte, als er 
die herumgereichte Mehlspeise einen „Home-Roulard" nannte, 
heute lange nicht so gut wie damals, als Home Rule eine ständige 
Rubrik in den politischen Nachrichten unserer Zeitungen war. Ver- 
suche ich jetzt das Verdienst dieses Witzes durch die Beschreibung 
zu -würdigen, daß uns das eine Wort mit Ersparung eines großen 
Benkumweges aus dem Vorstellungskreis der Küche in den so 
ferne liegenden der Politik führe, so hätte ich diese Beschreibung 
damals abändern müssen, „daß uns dieses Wort aus dem Vor- 
stellungskreis der Küche in den ihm selbst so ferne liegenden 
Kreis der Politik führe, der aber unseres lebhaften Interesses 
sicher sei, weil er uns eigentlich unausgesetzt beschäftige." Ein 
anderer Witz: „Dieses IVIädchen erinnert mich an Dreyfus; die 
Armee glaubt nicht an ihre Unschuld" ist heute, trotzdem alle 
seine technischen Mittel unverändert geblieben sein müssen, 
gleichfalls verblaßt. Die Verblüffung durch den Vergleich und 
die Zweideutigkeit des Wortes „Unschuld" können es nicht weit 
machen, daß die Anspielung, die damals an eine mit frischer 
Erregung besetzte Angelegenheit rührte, heute an ein erledigtes 
Interesse erinnert. Ein noch aktueller Witz wie z. B, folgender: 
„Kronprinzessin Louise hatte sich an das Krematorium in Gotha 
mit der Anfrage gewendet, was eine Verbrennung koste. Die 
Verwaltung gab ihr die Antwort: Sonst 5000 Mark, ihr werde 
man aber nur 3000 Mark berechnen, da sie schon einmal durch- 
gebrannt sei"; ein solcher Witz erscheint heute unwiderstehlich; 
in einiger Zeit wird er in unserer Schätzung sehr erheblich ge- 
sunken sein, und noch eine Weile später, wenn man ihn nicht 
erzählen kann, ohne in einem Kommentar hinzuzusetzen, wer die 



I04 



IV. Der Lustmechaiiismua des Witzes. 



Prinzessin Louise war, und wie ihr „Durchgebranntsein" gemeint 
ist, wird er trotz des guten Wortspiels wirkungslos bleiben. 

Eine große Zahl der im Umlauf befindlichen Witze gelangt 
so zu einer gewissen Lebensdauer, eigentlich zu einem Lebens- 
lauf, der sich aus einer Blütezeit und einer Verfallzeit zusammen- 
setzt und in völliger Vergessenheit endigt. Das Bedürfnis der 
Menschen, Lust aus ihren Denkvorgängen zu gewinnen, schafft 
dann immer neue Witze unter Anlehnung an die neuen Interessen 
des Tages. Die Lebenskraft der aktuellen Witze ist keine ihnen 
eigene, sie wird auf dem Wege der Anspielung jenen anderen 
Interessen entlehnt, deren Ablauf auch das Schicksal des Witzes 
bestimmt. Das Moment der Aktualität, welches als eine ver- 
gängliche Lustquelle zwar, aber als besonders ergiebige zu den 
eigenen des Witzes hinzutritt, kann nicht einfach dem Wieder- 
finden des Bekannten gleichgesetzt werden. Es handelt sich viel- 
mehr um eine besondere Qualifikation des Bekannten, dem die 
Eigenschaft des Frischen, Rezenten, nicht vom Vergessen Be- 
rührten zukommen muß. Auch bei der Traumbildung begegnet 
man einer besonderen Bevorzugung des Rezenten und kann sich 
der Vermutung nicht erwehren, daß die Assoziation mit dem 
Rezenten durch eine eigenartige Lustprämie belohnt, also er- 
leichtert wird. 

Die Unifizierung, die ja nur die Wiederholung auf dem 
Gebiete des Gedankenzusammenhanges anstatt des Materials ist, 
hat bei G. Th. F e c h n e r eine besondere Anerkennung als Lust- 
quelle des Witzes gefunden. Fechner äußert (Vorschule der 
Ästhetik I, XVII): „Meines Erachtens spielt in dem Felde, was 
wir hier vor Augen haben, das Prinzip der einheitlichen Ver- 
knüpfung des Mannigfaltigen die Hauptrolle, bedarf aber noch 
unterstützender Nebenbedingungen, um das Vergnügen, was die 
hieher gehörigen Fälle gewähren können, mit seinem eigentümlichen 
Charakter über die Schwelle zu treiben."*) 

In allen diesen Fällen von Wiederholung des nämlichen Zu- 
sammenhanges oder des nämlichen Materials von Worten, von 
Wiederfinden des Bekannten und Rezenten, die dabei verspürte 
Lust von der Ersparung an psychischem Aufwand abzuleiten, kann 
uns wohl nicht verwehrt werden, wenn dieser Gesichtspunkt sich 
fruchtljar zur Aufklärung von Einzelheiten und zur Gewinnung 
neuer Allgemeinheiten erweist. Wir wissen, daß wir noch die Art, 

*) Abschnitt XVII ist Überschrieben: Von sinnreichen und witzigen 
Vergleichen, Wortspielen u. a. Fällen, welche den Charakter der Ergötz- 
lichkeit, Lustigkeit, Lächerlichkeit tragen. 



Worüust und Lust am Unsinn. 105 

wie die Ersparung zu stände kommt, und den Sinn des Ausdrucks 
„psychischer Aufwand" deuthch zu machen haben. 

Die dritte Gruppe der Techniken des Wit2es — zumeist des Ge- 
dankenwitzes — , welche die Denkfehler, Verschiebungen, den Wider- 
sinn, die Darstellung durch das Gegenteil u. a. umfaßt, mag für 
den ersten Anschein ein besonderes Gepräge tragen und keine Ver- 
wandtschaf mit den Techniken des Wiederfindens des Bekannten 
oder des Ersatzes der Gegenstandsassoziationen durch die Wort- 
assoziationen verraten ; es ist nichts desto weniger gerade hier 
sehr leicht, den Gesichtspunkt der Ersparung oder Erleichterung 
des psychischen Aufwandes zur Geltung zu bringen. 

Daß es leichter und bequemer ist, von einem eingeschlagenen 
Gedankenweg- abzuweichen als ihn festzuhalten, Unterschiedenes 
zusammenzuwerfen als es in Gegensatz zu bringen, und gar be- 
sonders bequem, von der Logik verworfene Schlußweisen gelten 
zu lassen, endlich bei der Zusammenfiigung von Worten oder 
Gedanken von der Bedingung abzusehen, daß sie auch einen Sinn 
ergeben sollen: dies ist allerdings nicht zweifelhaft, und gerade 
dies tun die in Rede stehenden Techniken des Witzes. Befremden 
wird aber die Aufstellung erregen, daß solches Tun der Witz- 
arbeit eine Quelle der Lust eröffnet, da wir gegen alle derartigen 
Minderleistungen der Denktätigkeit außerhalb des Witzes nur un- 
lustige Abwehrgefühle verspüren können. 

Die „Lust am Unsinn", wie wir abkürzend sagen können, 
ist im ernsthaften Leben allerdings bis zum Verschwinden ver- 
deckt. Um sie nachzuweisen, müssen wir auf zwei Falle eingehen, 
in denen sie noch sichtbar ist und wieder sichtbar wird, auf das 
Verhalten des lernenden Kindes und das des Erwachsenen in 
toxisch veränderter Stimmung. In der Zeit, da das Kind den 
Wortschatz seiner Muttersprache handhaben lernt, bereitet es 
ihm ein offenbares Vergnügen, mit diesem Material „spielend zu 
experimentieren" (Groos), und es fügt die Worte, ohne sich an 
die Sinnbedingung zu binden, zusammen, um den Lusteffekt des 
Rhythmus oder des Reimes mit ihnen zu erzielen. Dieses Vergnügen 
wird ihm allmählich verwehrt, bis ihm nur die sinnreichen Wort- 
verbindungen als gestattete erübrigen. Noch in spätere Jahre 
ragen daim die Bestrebungen, sich über die erlernten Einschrän- 
kungen im Gebrauche der Worte hinauszusetzen, indem man die- 
selben durch bestimmte Anhängsel verunstaltet, ihre Formen durch 
gewisse Veranstaltungen verändert (Reduplikationen, Zitter spräche) 
oder sich sogar für den Gebrauch unter den Gespielen eine eigene 



^M 



jo6 IV. Der Lustmechanismus des Witzes. 

Sprache zurecht macht, Bemühungen, welche dann bei den Geistes- 
kranken gewisser Kategorien wieder auftauchen. 

Ich meine, welches immer das Motiv war, dem das Kind 
folgte, als es mit solchen Spielen begann, in weiterer Entwicklung 
gibt es sich ihnen mit dem Bewußtsein, daß sie unsinnig sind, 
hin und findet das Vergnügen in diesem Reiz des von der Ver- 
nunft Verbotenen. Es benützt nun das Spiel dazu, sich dem 
Drucke der kritischen Vernunft zu entziehen. Weit gewaltiger 
sind aber die Einschränkungen, die bei der Erziehung zum rich- 
tigen Denken und zur Sonderung des in der Realität Wahren 
vom Falschen Platz greifen müssen, und darum ist die Auf- 
lehnung gegen den Denk- und Realilätszwang eine tiefgreifende 
und lang anhaltende; selbst die Phänomene der Phantasiebetätigung 
fallen unter diesen Gesichtspunkt. Die Macht der Kritik ist in 
dem späteren Abschnitt der Kindheit und in der über die Pubertät 
hinausreichenden Periode des Lernens meist so sehr gewachsen, 
daß die Lust am „befreiten Unsinn" sich nur selten direkt zu 
äußern wagt. Man getraut sich nicht, Widersinn auszusprechen; 
aber die für den Buben charakteristische Neigung zu wider- 
sinnigem, zweckwidrigem Tun scheint mir ein direkter Abkümm- 
iing der Lust am Unsinn zu sein. In pathologischen Fällen sieht 
man leicht diese Neigung soweit gesteigert, daß sie wieder die 
Reden und Antworten des Schülers beherrscht; bei einigen in 
Neurose verfallenen Gymnasiasten konnte ich mich überzeugen, 
daß die unbewußt wirkende Lust an dem von ihnen produzierten 
Unsinn an ihren Fehlleistungen nicht minderen Anteil hatte als 
ihre wirkliche Unwissenheit. 

Der Student gibt es dann nicht auf, gegen den Denk- und 
Realitätszwang zu demonstrieren, dessen Herrschaft er doch im- 
mer unduldsamer und uneingeschränkter werden verspürt. Ein 
guter Teil des studentischen Ulks gehört dieser Reaktion an. 
Der Mensch ist eben ein „unermüdlicher Lustsucher", — ich weiß 
nicht mehr, bei welchem Autor ich diesen glücklichen Ausdruck 
gefunden habe — und jeder Verzicht auf eine einmal genossene 
Lust wird ihm sehr schwer. Mit dem heiteren Unsinn des Bier- 
schwefels versucht der Student, sich die Lust aus der Freiheit 
des Denkens zu retten, die ihm durch die Schulung des Kollegs 
immer mehr verloren geht. Ja noch viel später, wenn er als 
gereifter Mann mit anderen auf dem wissenschaftlichen Kongreß 
zusammengetroffen ist und sich wieder als Lernender gefühlt hat, 
muß nach Schluß der Sitzungen die Kneipzeitung, welche die neu 



% 



Wiederherstellung alter Freiheiten. io7 

gewonnenen Einsichten in's Unsinnige verzerrt, ihm für die neu 
zugewachsene Denkhemmung Entschädigung bieten. 

„Bierschwefel" und „Kneipzeitung" legen in ihren Namen 
Zeugnis dafür ab, daß die Kritik, welche die Lust am Unsinn 
verdrängt hat, bereits so stark geworden ist, daß sie ohne toxische 
Hilfsmittel auch nicht zeitweilig beiseite geschoben werden kann. 
Die Veränderung der Stimmungslage ist das WertvoUstCj was der 
Alkohol dem Menschen leistet, und weshalb dieses „Gift" nicht 
für jeden gleich entbehrlich ist. Die heitere Stimmung, ob nun 
endogen entstanden oder toxisch erzeugt, setzt die hemmenden 
Kräfte, die Kritik unter ihnen, herab und macht damit Lustquellen 
wieder zugänglich, auf denen die Unterdrückung lastete. Es ist 
überaus lehrreich zu sehen, wie die Anforderungen an den Witz 
mit einer Hebung der Stimmungslage sinken. Die Stimmung er- 
setzt eben den Witz, wie der Witz sich bemühen muß, die 
Stimmung zu ersetzen, in welcher sich sonst gehemmte Genuß- 
möglichkeiten, unter ihnen die Lust am Unsinn, geltend machen. 
„Mit wenig Witz und viel Behagen." 

Unter dem Einfluß des Alkohols wird der Erwachsene wieder 
zum Kinde, dem die freie Verfügung über seinen Gedanken ablauf 
ohne Einhaltung des logischen Zwanges Lust bereitet. 

Wir hoffen nun auch dargetan zu haben, daß die Widersinns- 
techniken des Witzes einer Lustquelle entsprechen. Daß diese 
Lust aus Ersparung an psychischem Aufwand, Erleichterung vom 
Zwange der Kritik, hervorgeht, brauchen wir nur zu wiederholen. 

Bei einem nochmaligen Rückblick auf die in drei Gruppen 
gesonderten Techniken des Witzes bemerken wir, daß die erste 
und dritte dieser Gruppen, die Ersetzung der Dingassoziationen 
durch die Wortassoziationen und die Verwendung des Widersinns 
als Wiederherstellungen aher Freiheiten nnd als Entlastungen von 
dem Zwang der intellektuellen Erziehung zusammengefaßt werden 
können; es sind psychische Erleichterungen, die man in einen 
gewissen Gegensatz zur Ersparung bringen kann, welche die 
Technik in der zweiten Gruppe ausmacht. Erleichterung des schon 
bestehenden und Ersparung an erst aufzubietendem psychischem 
Aufwand, auf diese beiden Prinzipien führt sich also alle Technik 
des Witzes und somit alle Lust aus diesen Techniken zurück. 
Die beiden Arten der Technik und der Lustgewinnung fallen 
ü~brigens — im großen und ganzen wenigstens — mit der Scheidung 
des Witzes in Wort- und Gedankenwitz zusammen. 



lo8 IV. Die Psychogenese des Witzes. 

Die vorstehenden Erörterungen haben uns unversehens zur 

Einsicht in eine Entwicklungsgeschichte oder Psychogenese des 

Witzes geführt, welcher wir nun näher treten wollen. Wir haben 

Vorstufen des Witzes kennen gelernt, deren Entwicklung bis zum 

tendenziösen Witz wahrscheinlich neue Beziehungen zwischen den 

verschiedenen Charakteren des Witzes aufdecken kann. Vor allem 

Witz gibt es etwas, was wir als Spiel oder ,Scherz' bezeichnen 

können. Das Spiel — verbleiben wir bei diesem Namen — tritt 

beim Kinde auf, während es Worte verwenden und Gedanken an 

einander fügen lernt. Dieses Spiel folgt wahrscheinlich einem der 

Triebe, welche das Kind zur Übung seiner Fähigkeiten nötigen 

(Groos); es stößt dabei auf Lustwirkungen, die sich aus der 

Wiederholung des Ähnlichen, aus dem Wiederfinden des Bekannten, 

dem Gleichklang usw. ergeben und als unvermutete Ersparungen 

an psychischem Aufwand erklären. Es ist nicht zu verwundern, 

daß diese Lusteffekte das Kind zur Pflege des Spieles antreiben 

und es veranlassen, dieselben ohne Rücksicht auf die Bedeutung 

der Worte und den Zusammenhang der Sätze fortzusetzen. Spiel 

mit Worter. und Gedanken, motiviert durch gewisse Lusteffekte 

der Ersparung, wäre also die erste Vorstufe des Witzes. 

Diesem Spiel macht die Erstarkung eines Moments ein Ende, 
das als Kritik oder Vernünftigkeit bezeichnet zu werden verdient. 
Das Spiel wird nun als sinnlos oder direkt widersinnig verworfen; 
es wird infolge der Kritik unmögHch. Es ist nun auch ausge- 
schlossen, anders als zufallsweise aus jenen Quellen des Wicdcr- 
findens des Bekannten usw. Lust zu beziehen, es sei denn, daß den 
Heranwachsenden eine lustvolle Stimmung befalle, welche der 
Heiterkeit des Kindes ähnlich die kritische Hemmung aufhebt. 
In diesem Falle allein wird das alte Spiel der Lustgewinnung 
wieder ermöglicht, aber auf diesen Fall mag der Mensch nicht 
warten und auf die ihm vertraute Lust nicht verzichten. Er sucht 
also nach Mitteln, welche ihn von der lustvollen Stimmung un- 
abhängig machen; die weitere Entwicklung zum Witze wird von 
den beiden Bestrebungen, die Kritik zu vermeiden und die 
Stimmung zu ersetzen, regiert. 

Damit setzt die zweite Vorstufe des Witzes ein, der Scherz. 
Es gilt nun den Lustgewinn des Spieles durchzusetzen und dabei 
doch den Einspruch der Kritik, der das Lustgefühl nicht auf- 
kommen ließe, zum Schweigen zu bringen. Zu diesem Ziele 
führt nur ein einziger Weg. Die sinnlose Zusammenstellung 
von Worten oder die widersinnige Anreihung von Gedanken muß 
doch einen Sinn haben. Die ganze Kunst der Witzarbeit wird 



t- 



, Spiel und Scherz. lOQ 

aufgeboten, um solche Worte und solche Gedankenkonstcllationen 
aufzufinden, bei denen diese Bedingung erfüllt ist. Alle tech- 
nischen Mittel des Witzes finden hier bereits, beim Scherz, Ver- 
wendung, auch trifft der Sprachgebrauch zwischen Scherz und 
Witz keine konsequente Unterscheidung. Was den Scherz vom 
Witz unterscheidet, ist, daß der Sinn des der Kritik entzogenen 
Satzes kein wertvoller, kein neuer oder auch nur guter zu sein 
braucht; es muß sich eben nur so sagen lassen, wenngleich es 
ungebräuchlich, überflüssig, nutzlos ist, es so zu sagen. Beim 
Scherz steht die Befriedigung, das von der Kritik Verbotene 
ermöglicht zu haben, im Vordergrunde. 

Ein bloßer Scherz ist es z. B., wemi Schleiermacher 
die Eifersucht definiert als die Leidenschaft, die mit Eifer sucht, 
was Leiden schafft. Ein Scherz ist es, wenn der Professor 
Kästner, der im i6. Jahrhundert in Göttingen Physik lehrte — 
und Witze machte, — einen Studenten namens Kriegk bei der 
Inskription nach seinem Alter fragte und auf die Antwort, er sei 
dreißig Jahre alt, meinte: Ei, so habe ich ja die Ehre, den 30- 
jährigen Krieg zu sehen.*) Mit einem Scherz antwortete Meister 
Rokitansky auf die Frage, welchen Berufen sich seine vier 
Söhne zugewendet hätten: „Zwei heilen und zwei heulen" (zwei 
Ärzte und zwei Sänger). Die Auskunft war richtig und darum 
nicht weiter angreifbar; aber sie fügte nichts hinzu, was nicht 
in dem in Klammern stehenden Ausdruck enthalten gewesen wäre. 
Es ist unverkennbar, daß die Antwort die andere Form nur wegen 
der Lust angenommen hat, welche sich aus der Unifizierung und 
aus dem Gleichklang der beiden Worte ableitet. 

Ich meine, wir sehen nun endlich klar. Es hat uns in der 
Bewertung der Techniken des Witzes immer gestört, daß diese 
mcht dem Witz allein zu eigen sind, und doch schien das Wesen 
des Witzes an ihnen zu hängen, da mit ihrer Beseitigung durch 
die Reduktion Witzcharakter und Witzeslust verloren waren Nun 
merken wir, was wir als die Techniken des Witzes beschrieben 
haben — und in gewissem Sinne fortfahren müssen so zu nennen 
- das sind vielmehr die Quellen, aus denen der Witz die Lust 
bezieht und wir finden es nicht befremdend, daß andere Ver- 
fahren 'zum nämlichen Zweck aus den gleichen Quellen schöpfen. 
Die dem Witze eigentümliche und ihm allein zukommende Technik 
besteht aber in semem Verfahren, die Anwendung dieser lust- 
bereitenden Mittel gegen den Einspruch der Kritik sicher zu 

•) Kleiiipaul. Die Rätsel der Sprache, 1890. 



110 IV. Die Psychogenese des Witzes, 

stellen, welcher die Lust aufheben würde. Wir können von diesem 
Verfahren wenig Allgemeines aussagen; die Witzarbeit äußert sich, 
wie schon erwähnt, in der Auswahl eines solchen Wortmaterials 
und solcher Denksituationen, welche es gestatten, daß das 
alte Spiel mit Worten und Gedanken die Prüfung der Kritik 
bestehe, und zu diesem Zwecke müssen alle Eigentümlichkeiten 
des Wortschatzes und alle Konstellationen des Gedankenzusammen- 
hanges auf das Geschickteste ausgenützt werden. Vielleicht werden 
wir späterhin noch in die Lage kommen, die Witzarbeit durch 
eine bestimmte Eigenschaft zu charakterisieren; vorläufig bleibt 
es unerklärt, wie die dem Witze ersprießliche Auswahl getroffen 
werden kann. Die Tendenz und Leistung des Witzes, die lust- 
bereitenden Wort- und Gedankenverbindungen vor der Kritik zu 
schützen, stellt sich aber schon beim Scherz als sein wesentliches 
Merkmal heraus. Von Anfang an besteht seine Leistung darin, 
innere Hemmungen aufzuheben und durch sie unzugänglich ge- 
wordene Lustquellen ergiebig zu machen, und wir werden finden, 
daß ei diesem Charakter durch seine ganze Entwicklung treu 
bleibt. 

Wir sind nun auch in der Lage, dem Moment des „Sinnes 
im Unsinn" (vgl. Einleitung, S. 4), welchem von den Autoren 
eine so große Bedeutung zur Kennzeichnung des Witzes und zur 
Aufklärung der Lustwirkung beigemessen wird, seine richtige 
Stellung anzuweisen. Die zwei festen Punkte in der Bedingtheit 
des Witzes, seine Tendenz, das lustvolle Spiel durchzusetzen, und 
seine Bemühung, es vor der Kritik der Vernunft zu schützen, 
erklären ohne weiteres, warum der einzelne Witz, wenn er für 
die eine Ansicht unsinnig erscheint, für eine andere sinnvoll oder 
wenigstens zulässig erscheinen muß. Wie er dies macht, das 
bleibt die Sache der Witzarbeit; wo es ihm nicht gelungen ist, 
wird er eben als „Unsinn" verworfen. Wir haben es aber auch 
nicht nötig, die Lustwirkung des Witzes aus dem Widerstreit der 
Gefühle abzuleiten, die aus dem Sinn und gleichzeitigen Unsinn 
des Witzes, sei es direkt, sei es auf dem Wege der „Verblüffung 
und Erleuchtung", hervorgehen. Ebensowenig besteht für uns 
eine Nötigung, der Frage näher zu treten, wieso Lust aus 
der Abwechslung des für-sinnlos-Haltens und für-sinnreich-Er- 
kennens des Witzes hervorgehen könne. Die Psychogenese des 
Witzes hat uns belehrt, daß die Lust des Witzes aus dem Spiel 
mit Worten oder aus der Entfesselung des Unsinns stammt, und 
daß der Sinn des Witzes nur dazu bestimmt ist, diese Lust gegen 
die Aufhebung durch die Kritik zu schützen. 



Scherz und Witz. 1 1 1 

Somit wäre das Problem des wesentlichen Charakters des 
Witzes bereits am Scherz erklärt. Wir dürfen uns der weiteren 
Entwicklung des Scherzes bis zu deren Höhe im tendenziösen 
Witz zuwenden. Der Scherz steUt noch die Tendenz voran, uns 
■Vergnügen zu bereiten, und begnügt sich damit, daß seine Aus- 
sage nicht unsinnig oder völlig gehaltlos erscheine. Wenn diese 
Aussage; selbst eine gehalt- und wertvolle ist, wandelt sich der 
Scherz zum Witz. Ein Gedanke, der unseres Interesses würdig 
gewesen wäre auch in schlichtester Form ausgedrückt, ist nun 
in eine Form gekleidet, die an und für sich unser Wohlgefallen 
erregen muß.*) Gewiß ist eine solche Vergesellschaftung nicht 
ohne Absicht zu stände gekommen, müssen wir denken und 
werden uns bemühen, die der Bildung des Witzes zu Grunde 
liegende Absicht zu erraten. Eine bereits früher, wie beiläufig 
gemachte Beobachtung wird uns auf die Spur führen. Wir haben 
oben bemerkt, daß ein guter Witz uns sozusagen einen Gesamt- 
eindruck von Wohlgefallen macht, ohne daß wir im stände wären, 
unmittelbar zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust von der 
witzigen Form, welcher von dem trefflichen Gedankeninhalt her- 
rührt (S. 75). Wir täuschen uns beständig über diese Aufteüung, 
überschätzen das eine Mal die Güte des Witzes infolge unserer 
Bewunderung für den in ihm enthaltenen Gedanken, bald um- 
gekehrt den Wert des Gedankens wegen des Vergnügens, das uns 
die witzige Einkleidung bereitet. Wir wissen nicht, was uns Ver- 
gnügen macht, und worüber wir lachen. Diese als tatsächlich an- 
zunehmende Unsicherheit unseres Urteils mag das Motiv für die 
Bildung des Witzes im eigentlichen Sinne abgegeben haben. Der 
Gedanke sucht die Witzverkleidung, weil er durch sie sich unserer 
Aufmerksamkeit empfiehlt, uns bedeutsamer, wertvoller erschemen 
kann, vor allem aber, weil dieses Kleid unsere Kritik besticht und 
verwirrt. Wir haben die Neigung, dem Gedanken zu gute zu 
schreiben, was uns an der witzigen Form gefallen hat, sind auch 
nicht mehr geneigt, etwas unrichtig zu finden, was uns Vergnügen 

*) Als Beispiel, welches den Unterschied von Scherz und eigent- 
lichem Witz erkennen läßt, diene das ausgezeichnete Witzwort, mit welchem 
ein Mitglied des „Bürgerministeriums" in Österreich die Frage nach der 
Solidarität des Kabinetts beantwortete: „Wie sollen wir für einander ein- 
stehen können, wenn wir einander nicht ausstehen können? Technik: 
Verwendung des nämlichen Materials mit geringer (gegensätzlicher) Mo- 
difikation ; der korrekte und treffende Gedanke: Es gibt keine Solidarität 
ohne persönliches Einvernehmen. Die Gegensätzlichkeit der Modifikation 
(einstehen— ausstehen) entspricht der vom Gedanken behaupteten Un- 
vereinbarkeit und dient ihr als Darstellung. 



112 IV. Die Psychogenese des Witzes. 

bereitet hat, um uns so die Quelle einer Lust zu verschütten. 
Hat der Witz uns zum Lachen gebracht, so ist übrigens die für 
die Kritik ungünstigste Disposition in uns hergestellt., denn dann 
ist uns von einem Punkte aus jene Stimmung" aufgezwungen 
worden, der bereits das Spiel genügt hat, und die zu ersetzen 
der Witz mit allen Mitteln bemüht war. Wenngleich wir vorhin 
festgesetzt haben, daß solcher Witz als harmloser, noch nicht 
tendenziöser, zu bezeichnen sei, werden wir doch nicht verkennen 
dürfen, daß streng genommen nur der Scherz tendenzlos ist, d. h. 
allein der Absicht Lust zu erzeugen dient. Der Witz — mag der 
in ihm enthaltene Gedanke auch tendenzlos sein, also bloß theo- 
retischem Denkintercsso dienen — ist eigentlich nie tendenziös; 
er verfolgt die zweite Absicht, den Gedanken durch Vergrößerung 
zu fördern und ihn gegen die Kritik zu sichern. Er äußert hier 
wiederum seine ursprüngliche Natur, indem er sich einer hemmen- 
den und einschränkenden Macht, nun dem krhischen Urteil, 
entgegenstellt. 

Diese erste über die Lusterzeugung hinausgehende Ver- 
wendung des Witzes weist den weiteren den Weg. Der Witz ist 
nun als ein psychischer Machtfaktor erkannt, dessen Gewicht den 
Ausschlag geben kann, wenn es in diese oder jene Wagschale 
fällt. Die großen Tendenzen und Triebe des Seelenlebens nehmen 
ihn für ihre Zwecke in Dienst. Der ursprünglich tendenzlose Witz, 
der als ein Spiel begann, kommt sekundär in Beziehung zu 
Tendenzen, denen sich nichts, was im Seelenleben gebildet wird, 
auf die Dauer entziehen kann. Wir wissen bereits, was er im 
Dienste der entblößenden, feindseligen, zynischen, skeptischen 
Tendenz zu leisten vermag. Beim obszönen Witz, welcher aus der 
Zote hervorgegangen ist, macht er aus dem ursprünglich die 
sexuelle Situation störenden Dritten einen Bundesgenossen, vor 
dem das Weib sich schämen muß, indem er ihn durch Mitteilung 
seines Lustgewinnes besticht. Bei der aggressiven Tendenz ver- 
wandelt er den anfänglich indifferenten Zuhörer durch das näm- 
liche Mittel in einen Mithasser oder Mitverächter und schafft dem 
Feind ein Heer von Gegnern, wo erst nur ein einziger war. Im 
ersten Falle überwindet er die Hemmungen der Scham und der 
Wohlanständigkeit durch die Lustprämie, die er bietet; im zweiten 
aber wirft er wiederum das kritische Urteil um, welches sonst 
den Streitfall geprüft hätte. Im dritten und vierten Falle, im 
Dienste der zynischen imd skeptischen Tendenz erschüttert er den 
Respekt vor Insthutionen und Wahrheiten, an die der Hörer ge- 
glaubt hat, einerseits indem er das Argument verstärkt, ander- 



Die Entwicklung zum tendenziösen Witz. ua 

seits aber, indem er eine neue Art des Angriffs pflegt. Wo das 
Argument die Kritik des Hörers auf seine Seite zu ziehen sucht, 
ist der Witz bestrebt, diese Kritik zur Seite zu drängen. Es ist 
kein Zweifel daß der Witz den psychologisch wirksameren Weg 
gewählt hat. 

Bei dieser Übersicht über die Leistungen des tendenziösen 
Witzes hat sich uns in den Vordergrund gedrängt, was leichter 
zu sehen ist, die Wirkung des Witzes auf den, der ihn hört. 
Für das Verständnis bedeutsamer sind die Leistungen, die der 
Witz im Seelenleben desjenigen vollbringt, der ihn macht, oder, 
wie man einzig richtig sagen sollte, dem er einfällt. Wir haben 
schon einmal den Vorsatz gefaßt — und finden hier Anlaß ihn 
zu erneuern — , daß wir die psychischen Vorgänge des Witzes 
mit Rücksicht auf ihre Verteilung auf zwei Personen studieren 
wollen. Vorläufig wollen wir der Vermutung Ausdruck geben, 
daß der durch den Witz angeregte psychische Vorgang beim 
Hörer den beim Schöpfer des Witzes in den meisten Fällen nach- 
bildet. Dem äußerlichen Hindernis, welches beim Hörer über- 
wunden werden soll, entspricht eine innere Hemmung beim 
Witzigen. Zum mindesten ist beim Letzterem die Erwartung des 
äußerlichen Hindernisses als hemmende Vorstellung vorhanden. 
In einzelnen Fällen ist das innerliche Hindernis, das durch den 
tendenziösen Witz überwunden wird, evident; von den Witzen des 
Herrn N. (S. 85) dürfen wir z. B. annehmen, daß sie nicht nur 
den Hörern den Genuß der Aggression durch Injurien, sondern 
vor allem ihm die Produktion derselben ermöghchen. Unter den 
Arten der innerlichen Hemmung oder Unterdrückung wird eine 
unseres besonderen Interesses würdig sein, weil sie die weit- 
gehendste ist; sie wird mit dem Namen der „Verdrängung" be- 
zeichnet und an ihrer Leistung erkannt, daß sie die ihr ver- 
fallenen Regungen sowie deren Abkömmlinge vom Bewußt- 
werden ausschließt. Wir werden hören, daß der tendenziöse Witz 
selbst aus solchen der Verdrängung unterliegenden Quellen Lust 
zu entbinden vermag. Läßt sich in solcher Art, wie oben an- 
gedeutet wurde, die Überwindung äußerer Hindernisse auf die 
innerer Hemmungen und Verdrängungen zurückführen, so darf 
man sagen, daß der tendenziöse Witz den Hauptcharakter der 
Witzarbeit, Lust frei zu machen durch Beseitigung von Hemmungen 
am deutlichsten von allen Entwicklungsstufen des Witzes erweist. 
Er verstärkt die Tendenzen, in deren Dienst er sich stellt, indem 
er ihnen Hilfen aus unterdrückt gehahenen Regungen zuführt, 
oder er stellt sich überhaupt in den Dienst unterdrückter Tendenzen. 

Freud, Der Wltx. 8 



1 14 IV, Die Psychogenese des Witzes. 

Man kann gern zugeben, daß dies die Leistungen des ten- 
denziösen Witzes sind, und wird sich doch besinnen müssen, daß 
man nicht versteht, auf welche Weise ihm diese Leistungen ge- 
lingen können. Seine Macht besteht in dem Lustgewinn, den er 
aus den Quellen des Spieles mit Worten und des befreiten Un- 
sinnes zieht, und wenn man nach den Eindrücken urteilen soll, 
die man von den tendenzlosen Scherzen empfangen hat, kann 
man den Betrag dieser Lust unmöglich für so groß halten, daß 
man ihr die Kraft zur Aufhebung eingewurzelter Hemmungen und 
Verdrängungen zutrauen könnte. Es Hegt hier in der Tat keine 
einfache Kraftwirkung, sondern ein verwickelteres Auslösungs- 
verhältnis vor. Anstatt den weiten Umweg darzulegen, auf dem 
ich zur Einsicht in dieses Verhältnis gelangt bin, werde ich es 
auf kurzem synthetischem Wege darzustellen versuchen. 

G. Th. Fechner hat in seiner Vorschule der Ästhetik 
(I. Bd., V) das „Prinzip der ästhetischen Hilfe oder Steigerung" 
aufgestellt, das er in folgenden Worten ausführt: „Aus dem 
widerspruchslosen Zusammentreffen von Lust- 
bedingungen, die für sich wenig leisten, geht ein 
größeres, oft viel größeres Lustresultat hervor, 
als dem Lustwerte der einzelnen Bedingungen für 
sich entspricht, ein größeres, als daß es als Summe 
der Ein zel Wirkungen erklärt werden konnte; ja es 
kann selbst durch ein Zusammentreffen dieser Art 
ein positives Lustergebnis erzielt, die Schwelle 
der Lust überstiegen werden, wo die einzelnen 
Faktoren zu schwach dazu sind; nur daß sie ver- 
gleichungsweise mit anderen einen Vorteil der 
Wohlgefälligkeit spürbar werden lassen müsse n."*) 
Ich meine, das Thema des Witzes gibt uns nicht viel Gelegenheit, 
die Richtigkeit dieses Prinzips, das sich an vielen anderen künst- 
lerischen Bildungen erweisen läßt, zu bestätigen. Am Witz haben 
wir etwas anderes gelernt, was wenigstens in die Nähe dieses 
Prinzips gehört, daß wir beim Zusammenwirken mehrerer lust- 
erzeugender Faktoren nicht im stände sind, jedem derselben den 
ihm am Ergebnis wirklich zukommenden Anteil zuzuweisen (siehe 
S. 75). Mann kann aber die in dem Prinzip der Hilfe angenommene 
Situation variieren und für diese neuen Bedingungen eine Reihe 
von Fragestellungen erzielen, die der Beantwortung würdig wären. 



*) S. 51. Der zweiten Auflage, Leipzig 1897. — Die Hervorhebung ist 
die Fechner's, 



Das Prinzip der „Vorlust." ue 

Was geschieht allgemein, wenn in einer Konstellation LusC- 
bedingungen mit Unlustbedingungen zusammentreffen? Wovon 
hängt dann das Ergebnis und das Vorzeichen desselben ab ? Der 
Fall des tendenziösen Witzes ist ein spezieller unter diesen Mög- 
lichkeiten. Es ist eine Regung oder Strebung vorhanden, welche 
Lust aus einer bestimmten Quelle entbinden wollte und bei un- 
gehindertem Gewähren auch entbinden würde, außerdem besteht 
eine andere Strebung, welche dieser Lustentwicklung entgegen- 
wirkt, sie also hemmt oder unterdrückt. Die unterdrückende 
Strömung muß, wie der Erfolg zeigt, um ein Gewisses stärker 
sein als die unterdrückte, die darum, doch nicht aufgehoben ist. 

Nun trete eine zweite Strebung hinzu, die aus dem nämlichen 
Vorgang Lust entbinden würde, wenn auch von anderen Quellen 
her, die also der unterdrückten gleichsinnig wirkt. Welches kann 
in solchem Falle der Erfolg sein ? Ein Beispiel wird uns besser 
orientieren, als diese Schematisierung es könnte. Es bestehe die 
Strebung, eine gewisse Person zu beschimpfen; dieser stehe aber 
das Anstandsgefühl, die ästhetische Kultur, so sehr im Wege, daß das 
Schimpfen unterbleiben muß; könnte es z. B. infolge einer ver- 
änderten Affektlage oder Stimmung durchbrechen, so würde dieser 
Durchbruch der schimpfenden Tendenz nachträglich mit Unlust 
empfunden werden. Das Schimpfen unterbleibt also. Es biete 
sich aber die Möglichkeit, aus dem Material der zur Beschimpfung 
dienenden Worte und Gedanken einen guten Witz zu ziehen, also 
Lust aus anderen Quellen zu entbinden, denen die nämliche Unter- 
drückung nicht im Wege steht. Doch müßte diese zweite Lust- 
entwicklung unterbleiben, wenn nicht das Schimpfen zugelassen 
würde; sowie letzteres aber zugelassen wird, ist mit ihm noch die 
neue Lustentbindung verbunden. Die Erfahrung am tendenziösen 
Witze zeigt, daß unter solchen Umständen die unterdrückte Ten- 
denz durch die Hilfe der Witzeslust die Stärke bekommen kann, 
die sonst stärkere Hemmung zu überwinden. Es wird geschimpft, 
weil damit der Witz ermöglicht ist. Aber das erzielte Wohlgefallen 
ist nicht nur das vom Witz erzeugte; es ist unvergleichlich größer, 
um so viel größer als die Witzeslust, daß wir annehmen müssen, 
es sei der vorhin unterdrückten Tendenz gelungen, sich etwa 
ganz ohne Abzug durchzusetzen. Unter diesen Verhältnissen wird 
beim tendenziösen Witz am ausgiebigsten gelacht. 

Vielleicht werden wir durch die Untersuchung der Bedingungen 
des Lachens dazu kommen, uns eine anschaulichere Vorstellung 
von dem Vorgang der Hilfe des Witzes gegen die Unterdrückung 
zu bilden. Wir sehen aber auch jetzt, daß der Fall des tendenziösen 

8* 



1 ii6 IV. Die Psychogenese des Witzes. 

Witzes ein Spezialfall des Prinzips der Hilfe ist. Eine Möglich- 
keit der Lustentwicklung tritt zu einer Situation hinzu, in welcher 
eine andere Lustmöglichkeit verhindert ist, so daß diese für sich 
allein keine Lust ergeben würde; das Ergebnis ist eine Lust- 
entwicklung, die weit größer ist als die der hinzugetretenen 
Möglichkeit. Letztere hat gleichsam als Verlockungsprämie 
gewirkt; mit Hilfe eines dargebotenen kleinen Betrages von Lust 
ist ein sehr großer, sonst schwer zu erreichender gewonnen worden. 
Ich habe guten Grund zu vermuten, daß dieses Prinzip einer Ein- 
richtung entspricht, die sich auf vielen, fern von einander ge- 
legenen Gebieten des Seelenlebens bewährt, und halte es für 
zweckmäßig, die zur Auslösung der großen Lustentbindung 
dienende Lust als Vorlust und das Prinzip als Vorlust- 
prinzip zu bezeichnen. 

Wir können nun die Formel für die Wirkungsweise des 
tendenziösen Witzes aussprechen: Er stellt sich in den Dienst von 
Tendenzen, um vermittels der Witzeslust als Vorlust durch die 
Aufhebung von Unterdrückungen und Verdrängungen neue Lust 
zu erzeugen. Wenn wir nun seine Entwicklung überschauen, 
dürfen wir sagen, daß der Witz seinem Wesen von Anfang an 
bis zu seiner Vollendung treu geblieben ist. Er beginnt als ein 
Spiel, um Lust aus der freien Verwendung von Worten und Ge- 
danken zu ziehen. Sowie das Erstarken der Vernunft ihm dieses 
Spiel mit Worten als sinnlos und mit Gedanken als unsinnig ver- 
wehrt, wandelt er sich zum Scherz, um diese Lustquellen fest- 
halten und aus der Befreiung des Unsinns neue Lust gewinnen 
zu können. Als eigentHcher, noch tendenzloser, Witz leiht 
er dann Gedanken seine Hilfe und stärkt sie gegen die Anfechtung 
des kritischen Urteils, wobei ihm das Prinzip der Verwechslung 
der Lustquellen dienlich ist, und endlich tritt er großen, mit der 
Unterdrückung kämpfenden Tendenzen bei, um nach dem Prinzip 
der Vorlust innere Hemmungen aufzuheben. Die Vernunft — das 
kritische Urteil — die Unterdrückung, dies sind die Mächte, die 
er der Reihe nach bekämpft ; die ursprünglichen Wortlustquellen 
hält er fest und eröffnet sich von der Stufe des Scherzes an neue 
Lustquellen durch die Aufhebung von Hemmungen. Die Lust, 
die er erzeugt, sei sie nun Spiellust oder Aufhebungslust, können 
wir alle Male von Ersparimg an psychischem Aufwand ableiten, 
falls solche Auffassung nicht dem Wesen der Lust widerspricht 
und sich noch anderweitig fruchtbar erweist.*) 

*) Eine kurze nachträgliche Berücksichtigung verdienen noch die 
Unsinnswitze, die in der Darstellung nicht zu ihrem vollen Recht gelangt 



I 



Spielhist und Aufhebungslust. n-j 

sind. Bei der Bedeutung, die unsere Auffassung dem Moment „Sinn im 
Unsinn" zuEjesteht, könnte man versucht sein zu fordern, daß jeder Witz 
ein Unsinnswitz sein müsse. Dies ist aber nicht notwendig, weil nur das 
Spiel mit Gedanken unvermeidlich zum Unsinn führt, die andere Quelle 
der Witzeslust, das Spiel mit Worten, diesen Eindruck nur gelegenüich 
macht und die mit ihm verbundene Kritik nicht regelmäßig aufruft. Die 
zweifache Wurzel der Witzeslust — aus dem Spiel mit Worten und aus 
dem Spiel mit Gedanken, die der wichtigsten Einteilung in Wort- und 
Gedankenwitzen entspricht -^, tritt einer knappen Formulierung all- 
gemeiner Sätze über den Witz als fühlbare Erschwerung entgegen. Das 
Spielen mit Worten ergibt offenkundige Lust infolge der oben aufgezählten 
Momente des Erkennens usw. und ist der Unterdrückung infolgedessen 
nur in geringem Maße unterlegen. Das Spiel mit Gedanken kann durch 
solche Lust nicht motiviert werden; es ist einer sehr energischen Unter- 
drückung verfallen, und die Lust, die es liefern kann, ist nur die Lust 
der aufgehobenen Hemmung; die Witzeslust, kann man demnach sagen, 
zeige einen Kern von ursprünglicher Spiellust und eine Hülle von Auf- 
hebungslust. — Wir nehmen es natürlich nicht wahr, daß die Lust beim 
Unsinnswitz daher rührt, daß es uns gelungen ist, einen Unsinn der Unter- 
drückung zum Trotz frei zu machen, während wir ohne weiteres merken, 
daß das Spielen mit Worten uns Lust bereitet hat. — Der Unsinn, der 
im Gedankenwitz stehen geblieben ist, erwirbt sekundär die Funktion, 
unsere Aufmerksamkeit durch Verblüffung zu spannen, er dient als Ver- 
stärkungsmittel für die Wirkung des Witzes, aber nur dann, wenn er 
aufdringUch ist, so daß die Verblüffung dem Verständnis um ein deut- 
liches Zeitteilchen voraneilen kann. Daß der Unsinn im Witze überdies 
zur Darstellung eines im Gedanken enthaltenen Urteils verwendet werden 
kann, ist an den Beispielen S. 44 gezeigt worden. Auch dies ist aber 
nicht die primäre Bedeutung des Unsinns im Witze. 



1 



1 



\ 



V. Die Motive des Witzes. — Der Witz als sozialer 

Vorgang. 

Von Motiven des Witzes zu reden, schiene überflüssig, da 
die Absicht Lust zu gewinnen als igenügendes Motiv der Witz- 
arbeit anerkannt werden muß. Es ist aber einerseits nicht aus- 
geschlossen, daß nicht noch andere Motive sich an der Produk- 
tion des Witzes beteiligen, und anderseits muß mit Hinblick auf 
gewisse bekannte Erfahrungen das Thema der Subjektiven Be- 
dingtheit des Witzes überhaupt aufgestellt werden. 

Zwei Tatsachen fordern vor allem dazu auf. Obwohl die 
Witzarbeit ein vortrefflicher Weg ist, um, aus den psychischen 
Vorgänger. Lust zu gewinnen, so sieht man doch, daß nicht alle 
Menschen in gleicher Weise fähig sind, sich dieses Mittels zu 
bedienen. Die Witzarbeit steht nicht allen zu Gebote, und in 
ausgiebigem Maße überhaupt nur wenigen Personen, von denen 
man in auszeichnender Weise aussagt, sie haben Witz. „Witz" 
erscheint hier als eine besondere Fähigkeit etwa im Range der 
alten „Seelenvermögen", und diese erweist sich in ihrem Auf- 
treten als ziemlich unabhängig von den anderen; InteUigenz, 
Phantasie, Gedächtnis usw. Bei den witzigen Köpfen sind also » 

besondere Anlagen oder psychische Bedingungen vorauszusetzen, 1 

welche die Witzarbeit gestatten oder begünstigen. I 

Ich fürchte, daß wir es in der Ergründung dieses Themas 
nicht besonders weit bringen werden. Es gelingt uns nur hie 
und da, von dem Verständnis eines einzelnen Witzes aus zur 
Kenntnis der subjektiven Bedingungen in der Seele dessen, der 
den Witz gemacht hat, vorzudringen. Ganz zufällig trifft es sich, daß 
gerade dat^ Beispiel von Witz, an welchem wir unsere Unter- 
suchungen über die Witztechnik begonnen haben, uns auch einen 
Einblick in die subjektive Bedingtheit des Witzes gestattet. Ich 
meine den Witz von Heine, tler auch bei H e y m a n s und 
L i p p s Aufmerksamkeit gefunden hat : 

„ . . . Ich saß neben Salomon Rothschild, und er behandelte 
mich ganz wie seines GleicheUj ganz famillionär." (Bäder von Lucca.) 



Die subjektive Bedingung des Witzes „famillionär". jig 

Dieses Wort hat Heine einer komischen Person in den 
Mund gelegt, dem Hirsch-Hyacinth, Kollekteur, Operateur .und 
Taxator aus Hamburg, Kammerdiener bei dem vornehmen 
Baron Cristoforo Gumpelino (vormals Gumpel). Der Dichter emp- 
findet offenbar großes Wohlgefallen an diesem seinem Geschöpf, 
denn er läßt Hirsch-Hyacinth das große Wort führen und ihn 
die amüsantesten und freimütigsten Äußerungen vorbringen; er 
leiht ihm geradezu die praktische Weisheit eines Sancho Pansa. 
Man muß bedauern, daß Heine, der dramatischer Gestaltung, 
wie es scheint, nicht zuneigte, die kösthche Figur so bald wieder 
fallen läßt. An nicht wenigen Stellen will es uns scheinen, als 
spräche aus Hirsch-Hyacinth der Dichter selbst hinter einer 
dünnen Maske, und bald erlangen wir die Gewißheit, daß diese 
Person nur eine Selbstparodie des Dichters jst. Hirsch berichtet 
über die Gründe, weshalb er seinen früheren Namen abgelegt 
und sich jetzt Hyacinth heiße. „Dazu .habe ich noch den Vorteil," 
setzt er fort, „daß schon ein H. auf meinem Petschaft steht, und 
ich mir kein neues stechen zu Üassen brauche." Dieselbe Er- 
sparnis hatte aber Heine selbst, als er bei seiner Taufe seinen 
Vornamen „Harry" gegen „Heinrich" eintauschte. Nun muß 
jeder, dem des Dichters Lebensgeschichte bekannt ist, sich er- 
innern, daß Heine in Hamburg, wohin .auch die Person des 
Hirsch-Hyacinth weist, einen Onkel des gleichen Namens besaß, 
der als der reiche Mann Jn der FamiUe die größte Rolle in 
seinem Leben spielte. Der Onkel hieß auch — Salomon, ganz 
wie der alte Rothschild, der den armen Hirsch so famillionär 
aufgenommen. Was im Munde des Hirsch-Hyacinth ein bloßer 
Scherz schien, zeigt bald einen Hintergrund ernsthafter Bitterkeit, 
wenn wir es dem Neffen Harry- Heinrich zuschieben. Er gehörte 
doch zur FamiUe, ja wir wissen, es war sein heißer Wunsch, 
eine Tochter dieses Onkels zu heiraten, aber die Cousnie wies 
ihn ab und der Onkel behandelte ihn immer etwas „famillionär", 
als armen Verwandten. Die reichen Vettern in Hamburg nahmen 
ihn nie als voll; ich erinnere mich der Erzählung einer eigenen 
alten Tante, die durch Heirat in die Familie Heine gekommen 
war, daß sie eines Tages als schone junge Frau einen Sitznachbar 
an der Familientafel fand, der ihr unappetitlich schien, und gegen 
den die anderen sich geringschätzig benahmen. Sie fühlte sich 
nicht veranlaßt, herablassender gegen ihn zu sein; erst viele 
Jahre später erkannte sie, daß der nachlässige und vernachlässigte 
Vetter der Dichter Heinrich Heine gewesen war. Wie sehr 
Heine unter dieser Ablehnung seiner reichen Verwandten \a 



120 



V. Die Motive des Witzes. 



seiner Jugendzeit und später gelitten, dürfte aus mancherlei Zeug- 
nissen bekannt sein. Auf dem Boden solcher subjektiven Er- 
griffenheit ist dann der Witz „famiHionär" erwachsen. 

Auch bei manchen anderen Witzen des großen Spötters könnte 
man ähnliche subjektive Bedingungen vermuten, aber ich weiß 
kein Beispiel mehr, an dem man solche in ähnlich überzeugender 
Weise klar legen könnte; und es ist darum mißlich, .über die 
Natur dieser persönlichen Bedingungen etwas Genaueres aussagen 
zu wollen; auch wird man ja von vorne herein nicht geneigt sein, 
für jeden Witz ähnlich komplizierte Entstehungsbedingungen in 
Anspruch zu nehmen. An den witzigen Produktionen anderer 
berühmter Männer wird uns die gesuchte Einsicht eben nicht 
leichter zugänglich; man bekommt etwa den Eindruck, daß die 
subjektiven Bedingungen der Witzarbeit denen der neurotischen 
Erkrankung oft nicht ferne liegen, wenn man z.B. über Lichten- 
berg erfährt, daß er ein schwer hypochondrischer, mit allerlei 
Sonderbarkeiten behafteter Mensch war. Die größte Mehrzahl der 
Witze, besonders der immer neu bei den Anlässen des Tages 
produzierten, ist anonym im Umlaufe; man könnte neugierig 
fragen, was für Leute es sind, auf die solche Produktion sich 
zurückführt. Hat man als Arzt die Gelegenheit, eine der Per- 
sonen kennen zu lernen, die, obwohl sonst nicht hervorragend, 
doch in ihrem Kreise als Witzbolde und Urheber vieler gangbarer 
Witze bekannt sind, so kann man von der Entdeckung überrascht 
werden, daß dieser witze Kopf eine zwiespältige und zu nervösen 
Erkrankungen disponierte Persönlichkeit ist. Die Unzulänglichkeit 
der Dokumente wird uns aber sicherlich abhalten, eine solche 
psychoneurotische Konstitution als regelmäßige oder notwendige 
subjektive Bedingung der Witzbildung aufzustellen. 

Einen durchsichtigeren Fall ergeben wiederum die Tudenwitze, 
die, wie schon erwähnt, durchwegs von Juden selbst gemacht 
worden sind, während die Judengeschichten anderer Herkunft 
sicli fast nie über das Niveau des komischen Schwankes oder der 
brutalen Verhöhnung erheben (S. 93). Die Bedingung der Selbst- 
beteiligung scheint sich hier wie bei H eine's Witz „famillionär" 
herauszustellen und deren Bedeutung darin zu liegen, daß der 
Person die Kritik oder Aggression direkt erschwert und nur auf 
Umwegen ermöglicht wird. 

Andere subjektive Bedingungen oder Begünstigungen der 
Witzarbeit sind weniger in Dunkel gehüllt. Die Triebfeder der 
Produktion harmloser Witze ist nicht selten der ehrgeizige Drang, 
seinen Geist zu zeigen, sich darzustellen, ein der Exhibition auf 



I 



w 



Der Drang zur Mitteilung des Witzes. lai 

sexuellem Gebiete gleichzusetzender Trieb. Das Vorhandensein 
zahlreicher gehemmter Triebe, deren Unterdrückung einen gewissen 
Grad von LabiÜtät bewahrt hat, wird für die Produktion des ten- 
denziösen Witzes die günstigste Disposition ergeben. So können 
insbesondere einzelne Komponenten der sexuellen Konstitution eines 
Menschen als Motive der Witzbildung auftreten. Eine ganze 
Reihe von obszönen Witzen läßt den Schluß auf eine versteckte 
Exhibitionsneigung ihrer Urheber zu; die tendenziösen Witze der 
Aggression gelingen denen am besten, in deren Sexualität eine 
mächtige sadistische Komponente, im Leben mehr oder weniger 
gehemmt, nachweisbar ist. 

Die zweite Tatsache, die zur Untersuchung der subjektiven 
Bedingtheit des Witzes auffordert, ist die allgemeine bekannte 
Erfahrung, daß sich niemand begnügen kann, einen Witz für sich 
allein gemacht 2u haben. Mit der Witzarbeit ist der Drang zur 
Mitteilung des Witzes unabtrennbar verbunden; ja dieser Drang 
ist so stark, daß er sich oft genug mit Hinaussetzung über wichtige 
Bedenken verwirklicht. Auch beim Komischen gewährt die Mit- 
teilung an eine andere Person Genuß ; aber sie ist nicht gebieterisch, 
man kann das Komische, wo man darauf stößt, allein genießen. 
Den Witz hingegen ist man genötigt mitzuteilen, der psychische 
Vorgang der Witzbildung scheint mit dem Einfallen des Witzes 
nicht abgeschlossen; es bleibt etwas übrig, das durch die Mit- 
teilung des Einfalls den unbekannten Vorgang der Witzbildung 
zum Abschlüsse bringen will. 

Wir können zunächst nicht erraten, wodurch der Trieb zur 
Mitteilung des Witzes begründet sein mag. Aber wir bemerken 
am Witz eine andere Eigentümlichkeit, die ihn wiederum vom 
Komischen unterscheidet. Wenn mir das Komische begegnet, so 
kann ich selbst herzlich darüber lachen; es freut mich allerdings 
auch, wenn ich durch die Mitteilung desselben einen Anderen 
zum Lachen bringe. Über den Witz, der mir eingefallen ist, den 
ich gemacht habe, kann ich nicht selbst lachen, trotz des unver- 
kennbaren Wohlgefallens, das ich am Witz empfinde. Es ist 
möglich, daß mein Bedürfnis nach Mitteilung des Witzes an einen 
Anderen mit diesem mir selbst versagten, beim Anderen aber 
manifesten Lacheffekt des Witzes irgendwie zusammenhängt. 

Warum lache ich nun nicht über meinen eigenen Witz? Und 
welches ist dabei die Rolle des Anderen? 

Wenden wir uns zuerst der letzteren Frage zu. Beim Komi- 
schen kommen im allgemeinen zwei Personen in Betracht, außer 
meinem Ich die Person, an der ich das Komische finde; wenn 



122 V. Der Witz als sozialer Vorgang. 

mir Gegenstände komisch erscheinen, geschieht dies durch eine 
in unserem Vorstellungsleben nicht seltene Art von Personifizie- 
rung. Mit diesen beiden Personen, dem Ich und der Objektperson 
begnügt sich der komische Vorgang; eine dritte Person kann hin- 
zukommen, wird aber nicht erfordert. Der Witz als ein Spiel 
mit den eigenen Worten und Gedanken entbehrt zunächst einer 
Objektperson, aber schon auf der Vorstufe des Scherzes verlangt 
er, wenn es ihm gelungen ist, Spiel und Unsinn gegen die Ein- 
rede der Vernunft sicherzustellen, nach einer anderen Person, 
welcher er sein Ergebnis mitteilen kann. Diese zweite Person 
beim Witze entspricht aber nicht der Objektperson, sondern der 
dritten Person, dem Anderen bei der Komik, Es scheint, daß 
beim Scherz der anderen Person die Entscheidung übertragen 
wird, ob die Witzarbeit ihre Aufgabe erfüllt hat, als ob das Ich 
sich seines Urteils darüber nicht sicher wüßte. Auch der harm- 
lose, den Gedanken verstärkende Witz bedarf des Anderen, um 
zu erproben, ob er seine Absicht erreicht hat. Begibt sich der 
Witz in den Dienst entblößender oder feindseliger Tendenzen, so 
kann er als psychischer Vorgang zwischen drei Personen be- 
schrieben werden, welche die nämlichen sind wie bei der Komik, 
aber die Rolle der dritten Person ist eine andere dabei; der psy- 
chische Vorgang des Witzes vollendet sich zwischen der ersten, 
dem Ich, und der dritten, der fremden Person, nicht wie beim 
Komischen zwischen dem Ich und der Objektperson. 

Auch bei der dritten Person des Witzes stößt der Witz auf 
subjektive Bedingungen, die das Ziel der Lusterregung unerreich- 
bar machen können. Wie Shakespeare mahnt (Lovc's 
Labour's lost, V., 2): 

„A jest's prosperity lies in the ear 

of him that hears it, never in the tongue 

of him that makes it . . ." 

Wen eine an ernste Gedanken geknüpfte Stimmung beherrscht, 
der ist ungeeignet, dem Scherz zu bestätigen, daß es ihm geglückt 
ist, die Wortlust zu retten. Er muß selbst in heiterer oder wenig- 
stens in indifferenter Stimmungslage sein, um für den Scherz die 
dritte Person abzugeben. Dasselbe Hindernis setzt sich für den 
harmlosen und für den tendenziösen Witz fort; bei letzterem tritt 
aber als neues Hindernis der Gegensatz zur Tendenz auf, welcher 
der Witz dienen will. Die Bereitschaft über einen ausgezeichneten 
obszönen Witz zu lachen, kann sich nicht einstellen, wenn die 
Entblößung eine hoch gehaltene Angehörige der dritten Person 



Die dritte Person des Witzes. 



123 



betrifft; in einer Versammlung von Pfarrern und Pastoren dürfte 
niemand wagen, die Heine'schen Vergleiche katholischer und 
protestantischer Pfaffen mit Kleinhändlern und Angestellten einer 
Großhandlung vorzubringen, und vor einem Parterre von ergebenen 
Freunden meines Gegners würden die witzigsten Invektiven, die 
ich gegen ihn vorbringen kann, nicht als Witze sondern als 
Invektiven zur Geltung kommen, Entrüstung und nicht Lust bei 
den Hörern erzeugen. Ein Grad von Geneigtheit oder eine ge- 
wisse Indifferenz, die Abwesenheit aller Momente, welche starke, 
der Tcndenr gegnerische Gefühle hervorrufen können, ist unerläß- 
liche Bedingung, wenn die dritte Person zur Vollendung des Witz- 
vorganges mitwirken soll. 

Wo solche Hindernisse für die Wirkung des Witzes entfallen, 
da tritt das Phänomen auf, dem nun unsere Untersuchung gilt, 
daß die Lust, welche der Witz bereitet hat, sich an der dritten 
Person deutlicher erweist als an dem Urheber des Witzes. Wir 
müssen uns begnügen zu sagen : deudicher, wo wir geneigt wären 
zu fragen, ob die Lust des Hörers nicht intensiver ist als die 
des Witzbildners, weil uns wie begreiflich die Mittel zur Ab- 
messung und Vergleichung fehlen. Wir sehen aber, daß der 
Hörer seine Lust durch explosives Lachen bezeugt, nachdem die 
erste Person den Witz meist mit ernsthaft gespannter Miene vor- 
gebracht hat. Wenn ich einen Witz weiter erzähle, den ich selbst 
gehört habe, muß ich, um seine Wirkung nicht zu verderben, 
mich bei der Erzählung genau so benehmen wie jener, der ihn 
gemacht hat. Es ist nun die Frage, ob wir aus dieser Bedingtheit 
des Lachens über den Witz Rückschlüsse auf den psychischen 
Vorgang bei der Witzbildung ziehen können. 

Es kann nun nicht unsere Absicht sein, hier alles in Betracht 
zu ziehen, was über die Natur des Lachens behauptet und ver- 
öffentlicht worden ist. Von solchem Vorhaben mag uns der Satz 
abschrecken, den Du gas, ein Schüler Ri bot's, an die Spitze 
seines Buches „Psychologie du rire" {1902) gestellt hat. „II n'est 
pas de fait plus banal et plus dtudiö que le rire; il n'en est 
pas qui ait en le don d'exciter davantage la curiositt^ du vulgaire 
et Celle des philosophes; il n'en est pas sur lequel on ait recueilli 
plus d'observations et bäti plus de thi^ories, et avec cela il n'en 
est pas qui demeure plus inexpliqu(5, on serait tent6 de dire avec 
les sceptiques qu'il faut gtre content de rire et de ne pas chercher 
a savoir pourquoi on rit, d'autant que peut-6tre le reflexion lue 
le rire, et qu'il serait alors contradictoire qu'elle en d6couvrit 
les causes" (S. i). l 



124 ^' ^^^ Witz als sozialer Vorgang. 

Hingegen werden wir es uns nicht entgehen lassen, eine An- 
sicht über den Mechanismus des Lachens für unsere Zwecke zu 
verwerten, die sich in unseren eigenen Gedankenkreis vortrefflich 
einfügt. Ich meine den Erklärungsversuch von H. Spencer in 
seinem Aufsatze ,,Physiology of Laughter".+) 

Nach Spencer ist das Lachen ein Phänomen der Abfuhr 
seelischer Erregung und ein Beweis daf -" -, daß die psychische 
Verwendung dieser Erregung plötzlich aui om Hindernis ge- 
stoßen ist. Die psychologische Situation, die in Lachen ausläuft, 
schildert er in den folgenden Worten „Laughter naturally results 
only when consciousness is unawares transferred from great things 
to small — only when there is what me may call a descending 
incongruity."**) 

In ganz ähnlichem Sinne bezeichnen französische Autoren 
(Dugas) das Lachen als eine „d^tente", eine Erscheinung der 
Entspannung, und auch die Formel A. Bain's: „Laughter a relief 
from restraint" scheint mir von der Auffassung Spencer's weit 
weniger abzustehen, als manche Autoren uns glauben machen 
wollen. 

Wir empfinden allerdings das Bedürfnis, den Gedanken 
Spencer's zu modifizieren und die in ihm enthaltenen Vorstel- 
lungen zum Teil bestimmter zu fassen, zum Teil abzuändern. 
Wir würder sagen, das Lachen entstehe, wenn ein früher zur 
Besetzung gewisser psychischer Wege verwendeter Betrag von 
psychischer Energie unverwendbar geworden ist, so daß er freie 

') H. Spencer, The physiology of laughter (first published in Mac- 
millans Magazine for March 1860), Essays IL Bd., 1901. 

**) Verschiedene Punkte dieser Bestimmung würden bei einer Unter- 
suchung Über die komische Lust eine eingehende Prüfung verlangen, die 
bereits von anderen Autoren vorgenommen worden ist und jedenfalls nicht 
auf unserem Wege liegt, — In der Erklärung, warum die Abfuhr gerade 
jene^Wege findet, deren Erregung das somatische Bild des Lachens ergibt, 
scheint mir Spencer nicht glücklich gewesen zu sein. Zu dem vor und 
seit Darwin ausführlich behandelten aber immer noch nicht endgültig 
erledigten Thema der physiologischen Aufklärung des Lachens, also der 
Ableitung oder Deutung der für das Lachen charakteristischen Muskel- 
aktionen, möchte ich einen einzigen Beitrag liefern. Meines Wissens tritt 
die für das Lächeln bezeichnende Grimasse der Mundwinkelverziehung 
zuerst beim befriedigten und übersättigten Säugling auf, wenn er einge- 
schläfert die Brust fahren läßt. Sie ist dort eine richtige Ausdrucksbewe- 
gung, da sie dem Entscliluß keine Nahrung mehr aufzunehmen entspricht, 
gleichsam ein „Genug" oder vielmehr „Übergenug" darstellt. Dieser ur- 
sprüngliche Sinn der lustvollen Übersättigung mag dem Lächeln, welches 
ja das Grundphänomen des Lachens bleibt, die spätere Beziehung zu 
den lustvollen Abfuhrvorgängen verschafft haben. 



"T" 



Das Lachen und die Abfuhr. j2C 

Abfuhr erfahren kann. Wir sind uns klar darüber, welchen „Übeln 
Schein" wir bei solcher Aufstellung auf uns laden, aber wir wagen 
es aus der Schrift von L i p p s über Komik und Humor, aus 
welcher Aufklärung über mehr als nur über Komik und Humor 
zu holen ist, zu unserer Deckung den trefflichen Satz zu zitieren : 
„Schließlich führen psychologische Einzelprobleme immer ziemlich 
tief in die Psychologie hinein, so daß im Grunde kein psycho- 
logisches Problem isoliert sich behandeln läßt" {S. 71). Die 
Begriffe „psychische Energie", „Abfuhr" und die Behandlung der 
psychischen Energie als einer Quantität sind mir zur Denkgewohn- 
heit geworden, seitdem ich begonnen habe, mir die Tatsachen der 
Psychopathologie philosophisch zurechtzulegen, und bereits in 
meiner „Traumdeutung" (1900) habe ich gleichsinnig mit Lipps 
die an sich unbewußten psychischen Vorgänge, und nicht die 
Bewußtseinsinhalte als das „eigentlich psychisch Wirkungsfähige" 
hinzustellen versucht.*) Nur wenn ich von der „Besetzung psychi- 
scher Wege" rede, scheine ich mich von den bei Lipps gebräuch- 
lichen Gleichnissen zu entfernen. Die Erfahrungen über die Ver- 
schiebbarkeit der psychischen Energie längs gewisser Assoziations- 
bahnen und über die fast unverwüstliche Erhaltung der Spuren 
psychischer Vorgänge haben es mir in der Tat nahe gelegt, eine 
solche Verbildlichung für das Unbekannte zu versuchen. Um dem 
Mißverständnis auszuweichen, muß ich hinzufügen, daß ich keinen 
Versuch mache, Zellen imd Fasern oder die heute ihre _Stelle 
einnehmenden Neuronsysteme als diese psychischen Wege zu 
proklamieren, wenngleich solche Wege in noch nicht angebbarer 
Weise durch organische Elemente des Nervensystems darstellbar 
sein müßten. 

Beim Lachen sind also nach unserer Annahme die Bedingungen 
dafür gegeben, daß eine bisher zur Besetzung verwendete Summe 
psychischer Energie der freien Abfuhr unterliege, und da zwar 



•) Vrgi. die Abschnitte indem zitierten Buch von Lipps, Kap. VIII. 
„Über die psychische Kraft" u. s. f. (Dazu „Traumdeutung", VIII.) — „Es 
gilt also der allgemeine Satz : Die Faktoren des psychischen Lebens sind 
nicht die Bewußtseinsinhalte, sondern die an sich unbewußten psychischen 
Vorgänge. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloß Bewußtseins- 
inhalte beschreiben will, muß dann darin bestehen, aus der Beschaffenheit 
der Bewußtseinsinhalte und ihres zeitlichen Zusammenhanges die Natur 
dieser unbewußten Vorgänge zu erschließen. Die Psychologie muß sein 
eine Theorie dieser Vorgänge. Eine solche Psychologie wird aber sehr 
bald finden, daß es gar mancherlei Eigenschaften dieser Vorgänge gibt, 
die in den entsprechenden Bewußtseinsinhalten nicht repräsentiert sind." 
(Lipps, 1. c. S. 133.) 



120 V. Der Witz als sozialer Vorgang. 

nicht jedes Lachen, aber doch gewiß das Lachen über den Witz 
ein Anzeichen von Lust ist, werden wir geneigt sein, diese Lust 
auf die Aufhebung der bisherigen Besetzung zu beziehen. Wenn 
wir sehen, daß der Hörer des Witzes lacht, der Schöpfer desselben 
nicht lachen kann, darf uns dies soviel besagen als, daß beim 
Hörer ein Besetzungsaufwand aufgehoben und abgeführt wird, 
während sich bei der Witzbildung entweder in der Aufhebung 
oder in der Abfuhrmöglichkeit Hemmnisse ergeben. Den psychi- 
schen Vorgang beim Hörer, bei der dritten Person des Witzes, 
kann man kaum treffender charakterisieren, als wenn man hervor- 
hebt, daß er die Lust des Witzes mit sehr geringem eigenem 
Aufwand erkauft. Sie wird ihm sozusagen geschenkt. Die Worte 
des Witzes, die er hört, lassen in ihm notwendig jene Vorstellung 
oder Gedankenverbindung entstehen, deren Bildung auch bei ihm 
so große innere Hindernisse entgegenstanden. Er hätte eigene Be- 
mühung anwenden müssen, um sie spontan als erste Person zu 
Stande zu bringen, mindestens soviel psychischen Aufwand daran 
setzen müssen, als der Stärke der Hemmung, Unterdrückung oder 
Verdrängung derselben entspricht. Diesen psychischen Aufwand 
hat er sich erspart; nach unseren früheren Erörterungen (v. S. 99) 
würden wir sagen, seine Lust entspreche dieser Ersparung. Nach 
unserer Einsicht in den Mechanismus des Lachens werden wir 
vielmehr sagen, die zur Hemmung verwendete Besetzungsenergie 
sei nun durch die Herstellung der verpönten Vorstellung auf dem 
Wege der Gehörswahrnehmung plötzlich überflüssig geworden, 
aufgehoben und darum zur Abfuhr durch das Lachen bereit. Im' 
wesentlichen laufen beide Darstellungen auf das gleiche hinaus, 
denn der ersparte Aufwand entspricht genau der überflüssig ge- 
wordenen Hemmung. Anschaulicher ist aber die letztere Dar- 
stellung, denn sie gestattet uns zu sagen, der Hörer des Witzes 
lache mit dem Betrag von psychischer Energie, der durch die 
Aufhebung der Hemmungsbesetzung frei geworden ist; er lache 
diesen Betrag gleichsam ab. 

Wenn die Person, bei der der Witz sich bildet, nicht lachen 
kann, so deute dies, sagten wir eben, auf eine Abweichung vom 
Vorgang bei der dritten Person, der entweder die Aufhebung der 
Hemmungsbesetzung oder die Abfuhrmöglichkeit derselben be- 
trifft. Aber der erstere der beiden Fälle ist unzutreffend, wie 
wir sofort einsehen müssen. Die Hemmungsbesetzung muß auch 
bei der ersten Person aufgehoben worden sein, sonst wäre ja kein 
Witz geworden, dessen Bildung ja einen solchen Widerstand zu 
überwinden hatte. Auch wäre es unmöglich, daß die erste Person 



Warum die erste Person des Witzes nicht lacht 127 

die Witzeslust empfände, die wir ja von der Aufhebung der 
Hemmung ableiten mußten. Es erübrigt also nur der andere Fall, 
daß die erste Person nicht lachen kann, obwohl sie Lust empfindet, 
weil die Abfuhrmöglichkeit gestört ist. Eine solche Störung in 
der Ermöglichung der Abfuhr, welche für's Lachen Bedingung 
ist, kann sich daraus ergeben, daß die frei gewordene Besetzungs- 
energie sofort einer anderen endopsychischen Verwendung zu- 
geführt wird. Es ist gut, daß wir auf diese Möglichkeit auf- 
merksam geworden sind; wir werden ihr alsbald weiteres Interesse 
zuwenden. Bei der ersten Person des Witzes kann aber eine 
andere Bedingung, die zum gleichen Ergebnis führt, verwirklicht 
sein. Es ist vielleicht überhaupt kein äußeningsfähiger Betrag von 
Energie frei geworden, trotz der erfolgten Aufhebung der Hem- 
mungsbesetzung. Bei der ersten Person des Witzes geht ja die 
Witzarbeit vor sich, die einem gewissen Betrag von neuem psy- 
chischen Aufwand entsprechen muß. Die erste Person bringt also 
die Kraft selbst auf, welche die Hemmung aufhebt; daraus resul- 
tiert für sie sicherlich ein Lustgewinn, im Falle des tendenziösen 
Witzes sogar ein sehr erheblicher, da die durch die Witzarbeit 
gewonnene Vorlust selbst die weitere Hemmungsaufhebung über- 
nimmt, aber der Aufwand der Witzarbeit zieht sich in jedem Falle 
von dem Gewinn bei der Aufhebung der Hemmung ab, der 
nämliche Aufwand, welcher beim Hörer des Witzes entfällt. Zur 
Unterstützung des obenstehenden kann man noch anführen, daß 
der Witz auch bei der dritten Person seinen Lacheffekt einbüßt, 
sobald derselben ein Aufwand von Denkarbeit zugemutet wird. 
Die Anspielungen des Witzes müssen augenfällige sein, die Aus- 
lassungen sich leicht ergänzen; mit der Erweckung des bewußten 
Denkinteresses ist in der Regel die Wirkung des Witzes unmöglich 
gemacht. Hierin liegt ein wichtiger Unterschied von Witz und 
Rätsel. Vielleicht, daß die psychische Konstellation während der 
Witzarbeit der freien Abfuhr des Gewonnenen überhaupt nicht 
günstig ist. Wir sind hier wohl nicht in der Lage tiefere Einsicht 
zu gewinnen; wir haben den einen Teil unseres Problems, warum 
die dritte Person lacht, besser aufklären können als dessen anderen 
Teil, warum die erste Person nicht lacht. 

Immerhin sind wir nun, wenn wir diese Anschauungen über 
die Bedingungen des Lachens und über den psychischen Vorgang 
bei der dritten Person fest halten, in die Lage versetzt, uns eine 
ganze Reihe von Eigentümhchkeiten, die vom Witze bekannt, aber 
nicht verstanden worden sind, befriedigend aufzuklären. Wenn 
bei der dritten Person ein der Abfuhr fähiger Betrag von Be- 



128 V. Der Witz als sozialer Vorgang. 

Setzungsenergie frei gemacht werden soll, so sind mehrere Be- 
dingungen zu erfüllen oder als Uegünstigungen erwünscht, i. Es 
muß gesichert sein, daß die dritte Person diesen Besetzungs- 
aufwand wirklich macht. 2. Es muß verhütet werden, daß der- 
selbe, wenn frei geworden, eine andere psychische Verwendung 
finde, anstatt sich zur motorischen Abfuhr zu bieten. 3. Es kann 
nur von Vorteil sein, wenn die frei zu machende Besetzung bei 
der dritten Person zuvor noch verstärkt, in die Höhe getrieben 
wird. Allen diesen Absichten dienen gewisse Mittel der Witzarbeit, 
die wir etwa als sekundäre oder Hiifstechniken zusammenfassen 
können. i ' ' ' ' ' ' ' ■ ! 

Die erste dieser Bedingungen legt eine der Eignungen der 
dritten Person als Hörer des Witzes fest. Sie muß durchaus 
soviel psychische Übereinstimmung mit der ersten Person besitzen, 
daß sie über die nämhchen inneren Hemmungen verfügt, welche 
die Witzarbeit bei der ersten überwunden hat. Wer auf Zoten ein- 
gestellt ist, der wird von geistreichen, entblößenden Witzen keine 
Lust ablehen können; die Aggressionen des Herrn N. werden 
bei Ungebildeten, die gewohnt sind, ihrer Schimpflust freien Lauf 
zu lassen, kein Verständnis finden. Jeder Witz verlangt so sein 
eigenes Publikum, und über die gleichen Witze zu lachen ist ein 
Beweis weitgehender psychischer Übereinstimmung. Wir sind hier 
übrigens an einem Punkte angelangt, der uns gestattet, den Vor- 
gang bei der dritten Person noch genauer zu erraten. Dieselbe 
muß die nämliche Hemmung, welche der Witz bei der ersten 
Person überwunden hat, gewohnheitsmäßig in sich herstellen 
können, so daß, sobald sie den Witz hört, in ihr die Bereitschaft 
zu dieser Hemmung zwangsartig oder automatisch erv/acht. Diese 
Hemmungsbereitschaft, die ich als einen wirklichen Aufwand 
analog einer Mobilmachung im Arraeewesen fassen muß, wird 
gleichzeitig als überflüssig oder als verspätet erkannt und somit 
in statu nascendi durch Lachen abgeführt.*) 

Die zweite Bedingung für die Herstellung der freien Abfuhr, 
daß eine andersartige Verwendung der frei gewordenen Energie 
hintangehalten werde, erscheint als die weitaus wichtigere. Sie 
gibt die theoretische Aufklärung für die Unsicherheit der Witz- 
wirkung, wemi bei dem Hörer durch den im Witze ausgedrückten 
Gedanken stark erregende Vorstellungen wachgerufen werden, 
wobei es dann von der Übereinstimmung oder dem Widerspruch 

*) Der Gesichtspunkt des Status nascendi ist von Heymans (Zeit- 
schrift fürPsychol.,XI) in etwas anderem Zusammenhange geltend gemacht 
worden. 



Automatismus des Witz Vorganges. 129 

zwischen den Tendenzen des Witzes und der den Höicv be- 
herrschenden Gedankenreihe abhängt, ob dem Witz Vorgang die 
Aufmerksamkeit belassen oder entzogen wird. Von noch größerem 
theoretischem Interesse sind aber eine Reihe von Hilfstechniken 
des WitzeSj welche offenbar der Absicht dienen, die Aufmerksamkeit 
des Hörers überhaupt vom Witzvorgang abzuziehen, den letzteren 
automatisch verlaufen zu lassen. Ich sage absichtlich: automa- 
tisch und nicht : unbewußt, weil letztere Bezeichnung irreführend 
wäre. Es handelt sich hier nur darum, die Mehrbesetzung der 
Aufmerksamkeit von dem psychischen Vorgang beim Anhören des 
Witzes fern zu halten, und die Brauchbarkeit dieser Hilfstechniken 
läßt uns mit Recht vermuten, daß gerade die Aufmerksamkeits- 
besetzung an der Überwachung und Neuverwendung von frei ge- 
wordener Besetzungsenergie einen großen Anteil hat. 

Es scheint überhaupt nicht leicht zu sein, die cndopsychische 
Verwendung entbehrlich gewordener Besetzung zu vermeiden, denn 
wir sind ja bei unseren Denkvorgängen beständig in der Üljung, 
solche Besetzungen von einem Weg auf den anderen zu verschieben, 
ohne von deren Energie etwas durch Abfuhr zu verlieren. Der 
Witz bedient sich hiezu folgender Mittel. Erstens strebt er einen 
möglichst kurzen Ausdruck an, um der Aufmerksamkeit weniger 
Angriffspunkte zu bieten. Zweitens hält er die Bedingung der 
leichten Verständlichkeit ein (vgl. oben); sowie er Denkarbeit in 
Anspruch nehmen, eine Auswahl unter verschiedenen Gedanken- 
wegen erfordern würde, müßte er die Wirkung nicht nur durch 
den unvermeidhchen Denkaufwand, sondern auch durch die Er- 
weckung der Aufmerksamkeit gefährden. Außerdem aber bedient 
er sich des Kunstgriffs, die Aufmerksamkeit abzulenken, indem 
er ihr im Ausdruck des Witzes etwas darbietet, was sie fesselt, 
so daB sich unterdes die Befreiung der Hemmungsbesetzung und 
deren Abfuhr ungestört durch sie vollziehen kann. Bereits die 
Auslassungen im Wortlaut des Witzes erfüllen diese Absicht; sie 
regen zur 'Ausfüllung der Lücken an und bringen es auf diese 
Weise zu stände, den Witzvorgang von der Aufmerksamkeit zu 
befreien. Hier wird gleichsam die Technik des Rätsels, welches 
die Aufmerksamkeit anzieht, in den Dienst der Witzarbeii gestellt. 
Noch viel wirksamer sind die Fassadcnbildungen, die wir zumal 
bei manchen Gruppen von tendenziösen Witzen gefunden haben 
(vgl. S. 88). Die syllogistischen Fassaden erfüllen den Zweck, 
die Aufmerksamkeit durch eine ihr gestellte Aufgabe festzuhalten, 
in ausgezeichneter Weise. Während wir nachzudenken beginnen, 
worin wohl diese Antwort gefehlt haben mag, lachen wir bereits; 

Freud. Der Wlte. Q 



130 V. Der Witz als sozialer Vorgang. 

unsere Aufmerksamkeit ist überrumpelt worden, die Abfuhr der frei 
gewordenen Hemmungsbesetzung ist vollzogen. Das nämliche gilt für 
die Witze mit komischer Fassade, bei denen die Komik der Witz- 
technik Hilfsdienste leistet. Eine komische Fassade fördert die 
Wirkung des Witzes auf mehr als eine Weise, sie ermöglicht nicht 
nur den Automatismus des Witzvorganges durch die Fesselung der 
Aufmerksamkeit, sondern erleichtert auch die Abfuhr vom Witz 
her, indem sie eine Abfuhr vom Komischen her vorausschickt. 
Die Komik wirkt hier ganz wie eine bestechende Vorlust, und 
so mögen wir es verstehen, daß manche Witze auf die durch 
die sonstigen Mittel des Witzes hergestellte Vorlust ganz zu ver- 
zichten vermögen und sich nur des Komischen als Vorlust be- 
dienen. Unter den eigentlichen Techniken des Witzes sind es 
insbesondere die Verschiebung und die Darstellung durch Absur- 
des, welche außer ihrer sonstigen Eignung auch die für den 
automatischen Ablauf des Witzvorganges wünschenswerte Ab- 
lenkung der Aufmerksamkeit entfalten.*) 

Wir ahnen bereits und werden es späterhin noch besser ein- 
sehen können, daß wir mit der Bedingung der Ablenkung der 
Aufmerksamkeit keinen unwesentlichen Zug des psychischen Vor- 
ganges beim Hörer des Witzes aufgedeckt haben. Im Zusammen- 
hange mit diesem können wir noch anderes verstehen. Erstens, 
wie es kommt, daß wir beim Witz fast niemals wissen, worüber 
wir lachen, obwohl wir es durch eine analytische Untersuchung 
feststellen können. Dieses Lachen ist eben das Ergebnis eines 
automatischen Vorganges, der erst durch die Fernhaltung unserer 

") An einem Beispiel von Verschiebungswitz möchte ich noch einen 
anderen interessanten Charakter der Witztechnik erörtern. Die geniale 
Schauspielerin Gallmeyer soll einmal auf die unerwünschte Frage „Wie 
alt?", „im Gretchenton und mit verschämtem Augenniederschlag" geant- 
wortet haben: „In Brunn". Das ist nun das Muster einer Verschiebung; 
nach dem Alter gefragt, antwortet sie mit der Angabe ihres Geburtsortes, 
antizipiert also die nächste Frage und gibt zu verstehen: Diese eine 
Frage möchte ich übergangen wissen. Und doch fühlen wir, daß der 
Charakter des Witzes hier nicht ungetrübt zum Ausdruck kommt. Das 
Abspringen von der Frage ist zu klar, die Verschiebung allzu augenfällig. 
Unsere Aufmerksamkeit versteht sofort, daß es sich um eine beabsichtigte 
Verschiebung handelt. Bei den anderen Verschiebungswitzen ist die Ver- 
schiebung verhüllt, unsere Aufmerksamkeit wird durch das Bemühen sie 
festzustellen gefesselt. In einem der Verschiebungswitze (S. 41) „Was 
mache ich um Vs7 Uhr in Preßburg?" als Antwort auf die Empfehlung 
des Reitpferdes ist die Verschiebung gleichfalls eine vordringhche, aber 
zum Ersatz dafür wirkt sie als unsinnig verwirrend auf die Aufmerksam- 
keit, während wir beim Verhör der Schauspielerin ihre Verschiebungs- 
antwort sofort unterzubringen wissen. 



Begünstigungen des Witzvorganges. ii| 

bewußten Aufmerksamkeit ermöglicht wurde. Zweitens gewinnen 
wir das Verständnis für die Eigentümlichkeit des Witzes, seine 
volle Wirkung auf den Hörer nur zu äußern, wenn er ihm neu 
ist, ihm als Überraschung entgegentritt. Diese Eigenschaft des 
Witzes, die seine Kurzlebigkeit bedingt und zur Produktion immer 
neuer Witze auffordert, leitet sich offenbar davon ab, daß es im 
Wesen einer Überraschung oder Überrumpelung liegt, kein zweites 
Mal zu gelingen. Bei einer Wiederholung des Witzes wird die 
Aufmerksamkeit durch die aufsteigende Erinnerung an das erste 
Mal geleitet. Von hier aus eröffnet sich dann das Verständnis 
für den Drang, den gehörten Witz Anderen, die ihn noch nicht 
kennen, zu erzählen. Wahrscheinlich holt man sich ein Stuck der 
infolge mangelnder Neuheit entfallenden Genußmöglichkeit aus 
dem Eindruck wieder, den der Witz auf den Neuling macht. Und 
ein analoges Motiv mag den Schöpfer des Witzes getrieben zu 
haben, ihn überhaupt dem Anderen mitzuteilen. 

Als Begünstigungen, wenn auch nicht mehr als Bedingungen, 
des Witzvorganges führe ich zu dritt jene technischen Hilfsmittel 
der Witzarbeit an, welche dazu bestimmt sind, den zur Abfuhr 
gelangenden Betrag zu erhöhen, und die auf solche Art die Wir- 
kung des Witzes steigern. Dieselben steigern zwar zumeist auch die 
dem Witz zugewandte Aufmerksamkeit, machen aber deren Ein- 
fluß wieder unschädlich, indem sie die Aufmerksamkeit gleich- 
zeitig fesseln und in ihrer Beweglichkeit hemmen. Alles, was 
Interesse und Verblüffung hervorruft, wirkt nach diesen beiden 
Richtungen, also vor allem das Unsinnige, der Gegensatz vor allem, 
der „Vorstellungskontrast", den manche Autoren zum wesentlichen 
Charakter des Witzes machen wollten, in dem ich aber nichts 
anderes als ein Verstärkungsmittel der Wirkung desselben erblicken 
kann. Alles Verblüffende ruft beim Hörer jenen Zustand der 
Energieverteilung hervor, den Lipps als „psychische Stauung" 
bezeichnet hat, und er hat wohl auch Recht anzunehmen, daß 
die „Endadung" um so stärker ausfällt, je höher die vorherige 
Stauung war. Die Darstellung von Lipps bezieht sich zwar nicht 
ausdrücklich auf den Witz, sondern auf das Komische überhaupt; 
aber es kann uns sehr wahrscheinlich vorkommen, daß die Abfuhr 
beim Witze, welche eine Hemmungsbesetzung entladet, in gleicher 
Weise durch die Stauung in die Höhe gebracht wird. 

Es leuchtet uns nun ein, daß die Technik des Witzes über- 
haupt von zweierlei Tendenzen bestimmt wird, solchen, welche die 
Bildung des Witzes bei der ersten Person ermöglichen, und an- 
deren, welche dem Witz eine möglichst große Lustwirkung bei 

9* 



j,^ V. Der Witz als sozialer Vorgang. 

der dritten Person gewährleisten sollen. Die Janus-artigc Doppel- 
gesichtigkeit des Witzes, welche dessen ursprünghcheii Lustgewinn 
gegen die Anfechtung der kritischen Vernünftigkeit sicher stellt, 
und der Vorlustmechanismus gehören der ersteren Tendenz an; 
die weitere Komplikation der Technik durch die in diesem Ab- 
schnitt ausgeführten Bedingungen ergeben sich aus der Rücksicht 
auf die dritte Person des Witzes. Der Witz ist so ein ^n sich 
doppelzüngiger Schelm, der gleichzeitig zweien Herren dient. Alles, 
was auf Lustgewinnung abzielt, ist beim Witz auf die dritte Person 
berechnet, als ob innere, nicht zu überwindende Hindernisse bei 
der ersten Person einer solchen im Wege stünden. Man bekommt 
so den vollen Eindruck von der Unentbehrlichkcit dieser dritten 
Person für die Vollendung des Witzvorganges. Während wir aber 
ziemlich guten Einblick in die Natur dieses Vorganges bei der 
dritten Person gewinnen konnten, verspüren wir, daß der ent- 
sprechende Vorgang bei der ersten Person uns noch durch ein 
Dunkel verhüllt wird. Von den beiden Fragen: Warum können 
wir über den selbstgemachten Witz nicht lachen? und: Warum 
sind wir getrieben, den eigenen Witz dem Anderen zu erzählen? 
hat sich die erste bisher unserer Beantwortung entzogen. Wir 
können nur vermuten, daß zwischen den beiden aufzuklärenden 
Tatsachen ein inniger Zusammenhang besteht, daß wir darum 
genötigt sind, unseren Witz dem Anderen mitzuteilen, weil wir 
selbst über ihn nicht zu lachen vermögen. Aus unseren Einsichten 
in die Bedingungen der Lustgewinnung und -Abfuhr bei der dritten 
Person können wir für die erste den Rückschluß ziehen, daß 
bei ihr die Bedingungen für die Abfuhr fehlen, die für die Lust- 
gewinnung etwa erst unvollständig erfüllt sind. Es ist dann nicht 
abzuweisen, daß wir unsere Lust ergänzen, indem wir das uns 
unmögliche Lachen auf dem Umweg über den Eindruck der zum 
Lachen gebrachten Person erreichen. Wir lachen so gleichsam 
„par ricochet", wie Dugas es ausdrückt. Das Lachen gehört 
zu den im hohen Grade ansteckenden Äußerungen psychischer 
Zustände; wenn ich den Anderen durch die Mitteilung meines 
Witzes zum Lachen bringe, bediene ich mich seiner eigentlich, 
um mein eigenes Lachen zu erwecken, und man kann wirklich 
beobachten, daß, wer zuerst mit ernster Miene den Witz erzählt 
hat, dann in das Gelächter des Anderen mit einer gemäßigten 
Lache einstimmt. Die Mitteilung meines Witzes an den Anderen 
dürfte also mehreren Absichten dienen, erstens mir die objektive 
Gewißheit von dein Gelingen der Witzarbeit zu geben, zweitens 
meine eigene Lust durch die Rückwirkung von diesem Anderen 



Erspaning und Gesamtaufwand. 133 

auf mich zu ergänzen, drittens — bei der Wiederholung eines 
nicht selbstproduzierten Witzes — der Lusteinbuße durch Weg- 
fall der Neuheit abzuhelfen. 

Am Ende dieser Erörterungen über die psychischen Vorgänge 
des Witzes, insofern sie sich zwischen zwei Personen abspielen, 
können wir einen Rückblick auf das Moment der Ersparung werfen, 
welches uns als bedeutsam für die psychologische Auffassung des 
Witzes seit der ersten Aufklärung über die Technik desselben 
vorschwebt. Von der nächstliegenden, aber auch einfältigsten 
Auffassung dieser Ersparung, es handle sich bei ihr um die Ver- 
meidung von psychischem Aufwand überhaupt, wie ihn die mög- 
lichste Einschränkung im Gebrauche von Worten und in der Her- 
stellung von Gedankenzusammenhängen mit sich brächte, sind 
wir längst abgekommen. Wir sagten uns schon damals : Knapp, 
lakonisch, ist noch nicht witzig. Die Kürze des Witzes ist eine 
besondere, eben die ,jwitzige" Kürze. Der ursprüngliche Lust- 
gewinn, den das Spiel mit Worten und Gedanken brachte, rührte 
allerdings von bloßer Ersparnis an Aufwand her, aber mit der 
Entwicklung des Spieles zum Witze mußte auch die Spartendenz 
ihre Ziele verlegen, denn gegen den riesigen Aufwand unserer 
Denktätigkeit käme, was durch Gebrauch der nämlichen Worte oder 
Vermeidung einer neuen Gedankenfügung erspart würde, sicher- 
lich nicht in Betracht. Wir dürfen uns wohl den Vergleich der 
psychischen Ökonomie mit einem Geschäftsbetrieb gestatten. So- 
lange in diesem der Umsatz sehr klein ist, kommt es allerdings 
darauf an, daß im ganzen wenig verbraucht, die Kosten der Regie 
auf's äußerste eingeschränkt werden. Die Sparsamkeit geht noch 
auf die absolute Höhe des Aufwandes. Späterhin, wenn sich der 
Betrieb vergrößert hat, tritt die Bedeutung der Regiekosten zurück; 
es liegt nichts mehr daran, zu welcher Höhe sich der Betrag 
des Aufwandes erhebt, wenn nur Umsatz und Ertrag groß genug 
gesteigert werden können. Zurückhaltung im Aufwände für den 
Geschäftsbetrieb wäre kleinlich, ja direkt verlustbringend. Den- 
noch wäre es unrichtig anzunehmen, bei dem absolut großen Auf- 
wände gäbe es keinen Raum mehr für die Spartendenz. Der zur 
Ersparung neigende Sinn des Chefs wird sich nun der Sparsam- 
keit im Einzelnen zuwenden imd sich befriedigt fühlen, wenn die- 
selbe Veranstaltung nun mit geringeren Kosten besorgt werden 
kann, die vorher größere Kosten zu verursachen pflegte, so gering 
auch die Ersparnis zur Höhe des Gesamtaufwandes erscheinen 
mag. In ganz analoger Weise bleibt auch in, unserem komplizierten 
psychischen Betrieb die detaiUierte Ersparung eine Quelle der 



134 ^' ^^^ Witz als sozialer Vorgang. 

Lust, wie alltägliche Vorkommnisse uns zeigen können. Wer 
früher in seinem Zimmer eine Gaslampe brennen hatte und sich 
nun auf elektrisches Licht eingerichtet hat, der wird eine ganze 
Zeit lang ein deutliches Lustgefühl verspüren, wenn er den elek- 
trischen Hahn umlegt, so lange nämlich, als in jenem Moment die 
Erinnerung in ihm lebendig wird an die komplizierten Verrich- 
tungen, die zur Entzündung der Gaslampe erforderlich waren. 
Ebenso werden die im Vergleich zum psychischen Gesamtaufwand 
geringfügigen Ersparungen an psychischem Hemmungsaufwand, 
die der Witz zu stände bringt, eine Quelle der Lust für uns bleiben, 
weil durch sie ein einzelner Aufwand erspart wird, den wir zu 
machen gewohnt sind, und den wir auch diesmal zu machen schon 
in Bereitschaft waren. Das Moment, daß der Aufwand ein er- 
warteter, vorbereiteter ist, tritt unverkennbar in den Vordergrund. 
Eine lokalisierte Ersparung, wie die eben betrachtete, wird 
nicht verfehlen uns momentane Lust zu bereiten, aber eine dauernde 
Erleichterung wird durch sie nicht herbeigeführt, solange das 
hier Ersparte an anderer Stelle zur Verwendung kommen kann. 
Erst wenn diese anderweitige Verfügung vermieden werden kann, 
wandelt sich die spezielle Ersparung wieder in eine allgemeine 
Erleichterung des psychischen Aufwandes um. So tritt für uns 
mit besserer Einsicht in die psychischen Vorgänge des Witzes 
das Moment der Erleichterung an die Stelle der Ersparung. 
Erstere ergibt offenbar das größere Lustgefühl. Der Vorgang 
bei der ersten Person des Witzes erzeugt Lust durch Aufhebung 
von Hemmung, Verringerung des lokalen Aufwandes; er scheint 
nun nicht eher zur Ruhe zu kommen, als bis er durch die Ver- 
mittlung der eingeschobenen dritten Person die allgemeine Er- 
leichterung durch die Abfuhr erzielt hat. 



1 



C. Theoretischer Teil. 

VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum 

Unbewußtea 

Zu Ende des Abschnittes, der sich mit der Aufdeckung der 
Witztechnik beschäftigte, haben wir (S. 72) ausgesprochen, daß die 
Vorgänge der Verdichtung mit und ohne Ersatzbildung, der Ver- 
schiebung, der Darstellung durch Widersinn, durch das Gegenteil, 
der indirekten Darstellung u. a., welche wir an der Herstellung 
des Witzes beteiligt fanden, eine sehr weitgehende Übereinstim- 
mung mit den Vorgängen der „Traumaibeit" zeigen, und haben 
uns vorbehalten, einerseits diese Ähnlichkeiten sorgfältiger zu 
studieren, anderseits das Gemeinsame von Witz und Traum, welches 
sich solcher Art anzudeuten scheint, zu erforschen. Die Ausführung 
dieser Vergleichung wäre uns sehr erleichtert, wenn wir das eine 
der Verglichenen — die „Traumarbeit" — als bekannt annehmen 
dürften. Wir tun aber wahrscheinlich besser daran, diese Annahme 
nicht zu machen; ich habe den Eindruck empfangen, als ob meine 
im Jahre 1900 veröffentlichte ,, Traumdeutung" mehr „Verblüffung" 
als „Erleuchtung" bei den Fachgenossen hervorgerufen halte, und 
weiß, daß weitere Leserkreise sich damit begnügt haben, den 
Inhalt des Buches auf ein Schlagwort („Wunscherfüllung") zu 
reduzieren, das sich leicht behalten und bequem mißbrauchen läßt. 

In der fortgesetzten Beschäftigung mit den dort behandelten 
Problemen, zu der mir meine ärztliche Tätigkeit als Psychotherapeut 
reichlich Anlaß gibt, bin ich aber auf nichts gestoßen, was eine 
Veränderung oder Verbesserung meiner Gedankengänge von mir 
geforden hätte, und kann darum in Ruhe abwarten, bis das Ver- 
ständnis der Leser mir nachgekommen ist, oder bis eine einsichtige 
Kritik mir die Grundirrtümer meiner Auffassung nachgewiesen hat. 
Zum Zwecke der Vergleichung mit dem Witze werde ich hier das 
Notwendigste über den Traum und die Traumarbeit in gedrängter 
Kürze wiederholen. 

Wir kennen den Traum aus der uns meist fragmentarisch 
scheinenden Erinnerung, die sich nach dem Erwachen an ihn 
einstellt. Er ist dann ein Gefüge von meist visuellen (aber auch 



136 



VI, Die Beziehung des Witzes zum Traum. 



andersartigen) Sinneseindrücken, die uns ein Erleben vorgetäuscht 
haben, und unter welche Denkvorgänge (das „Wissen" im Traum) 
und Affektäußerungen gemengt sein mögen. Was wir so als 
Traum erinnern, das heiße ich den „m anifesten Traum- 
inhalt". Derselbe ist häufig völlig absurd und verworren, andere 
Male nur das Eine oder das Andere; aber auch wenn er ^anz 
kohärent ist wie in manchen Angstträumen steht er unserem 
Seelenleben als etwas Fremdes gegenüber, von dessen Herkunft 
man sich keine Rechenschaft zu geben vermag. Die Aufklärung 
für diese Charaktere des Traumes wurde bisher in ihm selbst 
gesucht, indem man dieselben als Anzeichen einer unordentlichen, 
dissoziierten und sozusagen „verschlafenen" Tätigkeit der nervösen 
Elemente ansah. 

Dagegen habe ich gezeigt, daß der so sonderbare „manifeste" 
Trauminhalt regelmäßig verständlich gemacht werden kann als die 
verstümmelte und abgeänderte Umschrift gewisser korrekter psy- 
chischer Bildungen, die den Namen „latente Traumgedan- 
ken" verdienen. Man verschafft sich die Kenntnis derselben, 
indem man den manifesten Trauminhalt ohne Rücksicht auf seinen 
etwaigen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zerlegt, und dann 
die Assoziationsfäden verfolgt, die von jedem der nun isolierten 
Elemente ausgehen. Diese verflechten sich mit einander und 
leiten endlich zu einem Gefüge von Gedanken, welche nicht nur 
völlig korrekt sind, sondern auch leicht in den uns bekannten 
Zusammenhang unserer seelischen Vorgänge eingereiht werden. 
Auf dem Wege dieser „Analyse" hat der Trauminhalt all seine 
uns befremdenden Sonderbarkeiten abgestreift; wenn uns aber die 
Analyse gelingen soll, müssen wir während derselben die kritischen 
Einwendungen, die sich unausgesetzt gegen die Reproduktion der 
einzelnen vermittelnden Assoziationen erheben, standhaft zurück- 
weisen. 

Aus der Vergleichung des erinnerten manifesten Trauminhalts 
mit den so gefundenen latenten Traumgedanken ergibt sich der 
Begriff der „Traumarbeit". Als Traumarbeit wird die ganze Summe 
der umwandelnden Vorgänge zu bezeichnen sein, welche die 
latenten Traumgedanken in den manifesten Traum überführt haben. 
An der Traumarbeit haftet nun das Befremden, welches vorhin 
der Traum in uns erregt hatte. 

Die Leistung der Traumarbeit kann aber folgender Art be- 
schrieben werden: Ein meist sehr kompliziertes Gefüge von Ge- 
danken, welches während des Tages aufgebaut worden ist und 
nicht zur Erledigung geführt wurde, — ein Tagesrest — hält 



Die Traumarbeit. I^y 

auch während der Nacht den von ihm in Anspruch genommenen 
Energiebetrag' — das Interesse — fest und droht eine Störung 
des Schlafes. Dieser Tagesrest wird durch die Traumarbeit in 
einen Traum verwandelt und für den Schlaf unschädlich gemacht. 
Um der Traumarbeit einen Angriffspunkt zu bieten, muß der Tages- 
rest wunschbildungsfähig sein, eine nicht eben schwer zu erfüllende 
Bedingung. Der aus den Traumgedanken hervorgehende Wunsch 
bildet die \'^orstufe und später den Kern des Traumes. Die aus 
den Analysen stammende Erfahrung — nicht die Theorie des 
Traumes — sagt uns, daß beim Kinde ein beliebiger vom Wachlebcn 
erübrigter Wunsch hinreicht, einen Traum hervorzurufen, der dann 
zusammenhängend und sinnreich, meist aber kurz ausfällt und 
leicht als „Wunscherfüllung" erkannt wird. Beim Erwachsenen 
scheint es allgemein gültige Bedingung für den traumschaffenden 
Wunsch, daß er dem bewußten Denken fremd, also ein verdrängter 
Wunsch sei, oder doch, daß er dem Bewußtsein unbekannte Ver- 
stärkungen haben könne. Ohne Annahme des Unbewußten in 
dem oben dargelegten Sinne wüßte ich die Theorie des Traumes 
nicht weiter zu entwickehi und das Erfahrungsmaterial der Traum- 
analysen nicht zu deuten. Die Einwirkung dieses unbewußten 
Wunsches auf das bewußtseinskorrekte Material der Traumgedanken 
ergibt nun den Traum. Letzteres wird dabei gleichsam in's Un- 
bewußte herabgezogen, genauer gesagt, einer Behandlung aus- 
gesetzt, wie sie auf der Stufe der unbewußten Denkvorgänge vor- 
kömmlich und für diese Stufe charakteristisch ist. Wir keimen 
die Charaktere des unbewußten Denkens und dessen Unterschiede 
vom bewußtseinsfähigen „vorbewußlen" bisher nur aus den Er- 
gebnissen eben der „Traumarbeit". 

Eine neuartige, nicht einfache und den Denkgewohnheiten 
widersprechende Lehre kann bei gedrängter Darstellung an Klar- 
heit kaum gewinnen. Ich kann mit diesen Auseinandersetzungen 
also nichts anderes bezwecken, als auf die ausführlichere Behand- 
lung des Unbewußten in meiner „Traumdeutung" und auf die mir 
höchst bedeutungsvoll erscheinenden Arbeiten von Lipps zu ver- 
weisen. Ich weiß, daß wer im Ranne einer guten philosophischen 
Schulbildung steht oder entfernt von einem sog. philosophischen 
System abhängt, der Annahme des „Unbewußt Psychischen" in 
Lipps' und meinem Sinne widerstrebt und dessen Unmöglichkeit 
am liebsten aus der Definition des Psychischen beweisen möchte. 
Aber Definitionen sind konventionell und lassen sich abändern. 
Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß Personen, welche 
das Unbewußte als absurd oder unmöglich bestreiten, ihre Ein- 



l^S VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum. 

drücke nicht an den Quellen geholt hatten, aus denen wenigstens 
für mich die Nötigung zur Anerkennung desselben geflossen ist. 
Diese Gegner des Unbewußten hatten nie den Effekt einer post- 
hypnotischen Suggestion mitangesehen, und was ich ihnen als 
Probe aus meinen Analysen bei nicht hypnotisierten Neurotikern 
mitteilte, versetzte sie in das größte Erstaunen. Sie hatten nie 
den Gedanken realisiert, daß das Unbewußte etwas ist, was man 
wirklich nicht weiß, während man durch zwingende Schlüsse ge- 
nötigt wird, es zu ergänzen, sondern etwas Bewußtseinsfähiges dar- 
unter verstanden, an was man gerade nicht gedacht hatte, was nicht 
im „Blickpunkt der Aufmerksamkeit" stand. Sie hatten auch nie 
versucht, sich von der Existenz solcher unbewußter Gedanken in 
ihrem eigenen Seelenleben durch eine Analyse eines eigenen 
Traumes zu überzeugen, und wenn ich eine solche mit ihnen ver- 
suchte, konnten sie ihre eigenen Einfälle nur mit Verwunderung 
und Verwirrtheit aufnehmen. Ich habe auch den Eindruck be- 
kommen, daß der Annahme des „Unbewußten" wesentlich Affekt- 
widerstände im Wege stehen, darin begründet, daß niemand sein 
Unbewußtes keimen lernen will, wo es dann am bequemsten ist, 
dessen Möglichkeit überhaupt zu leugnen. 

Die Traumarbeit also, zu der ich nach dieser Abschweifung 
zurückkehre, setzt das in den Optativ gebrachte Gedankenmaterial 
einer ganz eigentümlichen Bearbeitung aus. Zunächst macht sie 
den Schritt vom Optativ zum Präsens, ersetzt das: „O möchte 
doch" — durch ein: Es ist. Dies „Es ist" ist zur halluzinatorischen 
Darstellung bestimmt, was ich als die „Regression" der Traum- 
arbeit bezeichnet habe; der Weg von den Gedanken zu den 
Wahrnehmungsbildern, oder wenn man mit Bezug auf die noch 
unbekannte ^ nicht anatomisch zu verstehende — Topik des 
seelischen Apparats sprechen will, von der Gegend der Denk- 
bildungen zu der der sinnlichen Wahrnehmungen. Auf diesem 
Wege, welcher der Entwicklungsrichtung der seehschen Kompli- 
kationen entgegengesetzt ist, gewinnen die Traumgedanken An- 
schaulichkeit; es stellt sich schließlich eine plastische Situation 
heraus als Kern des manifesten „Traumbildes". Um solche 
sinnliche Darstellbarkeit zu erreichen, haben die Traumgedanken 
eingreifende Umgestaltungen ihres Ausdrucks erfahren müssen. 
Aber während der Rückverwandlung der Gedanken in Sinnes- 
bilder treten noch weitere Veränderungen an ihnen auf, die zum. 
Teil als notwendige begreiflich, zum anderen Teil überraschend 
sind. Als notwendigen Nebenerfolg der Regression begreift man, 
daß fast alle Relationen innerhalb der Gedanken, welche die- 



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Verdichtung und Verschiebung in der Traumarbeit. i^n 

selben gegliedert haben, für den manifesten Traum verloren gehen. 
Die Traumarbeit übernimmt sozusagen nur das Rohmaterial der 
Vorstellungen zur Darstellung, nicht auch die Denkbeziehungen, 
die sie gegen einander einhielten, oder sie wahrt sich wenigstens 
die Freiheit, von diesen, letzteren abzusehen. Hingegen können 
wir ein anderes Stück der Traumarbeit nicht von der Regression, 
der Rückverwandlung in Sinnesbilder, ableiten, gerade jenes, welches 
uns für die Analogie mit der Witzbildung bedeutsam ist. Das 
Material der Traumgedanken erfährt während der Traumarbeit 
eine ganz außerordentliche Zusammendrängung oder Verdich- 
tung. Ausgangspunkte derselben sind die Gemeinsamkeiten, die 
sich zufällig oder dem Inhalt gemäß innerhalb der Traumgedanken 
vorfinden; da dieselben für eine ausgiebige Verdichtung in der 
Regel nicht hinreichen, werden in der Traumarbeit neue, künst- 
liche und flüchtige, Gemeinsamkeiten geschaffen, und zu diesem 
Zwecke werden mh Vorliebe selbst Worte benützt, in deren Laut 
verschiedene Bedeutungen zusammentreffen. Die neugeschaffenen 
Verdichtungsgemeinsamen gehen wie Repräsentanten der Traum- 
gedanken in den manifesten Trauminhalt ein, so daß ein Element 
des Traumes einem Knoten- und Kreuzungspunkt für die Traum- 
gedanken entspricht und mit Rücksicht auf die letzteren ganz 
allgemein ,jüberdeterminiert" genannt werden muß. Die Tatsache 
der Verdichtung ist dasjenige Stück der Traumarbeit, welches sich 
am leichtesten erkennen läßt; es genügt, den aufgeschriebenen 
Wortlaut eines Traumes mit der Niederschrift der durch Analyse 
gewonnener Traumgedanken zu vergleichen, um sich von der 
Ausgiebigkeit der Traumverdichtung einen guten Eindruck zu holen. 
Minder bequem ist es, sich von der zweiten großen Verände- 
rung, welche durch die Traumarbeit an den Traumgedanken be- 
wirkt wird, zu überzeugen, von jenem Vorgang, den ich die Traum- 
verschiebung genannt habe. Dieselbe äußert sich darin, 
daß im manifesten Traum zentral steht und mit großer sinnlicher 
Intensität auftritt, was in den Traumgedanken peripherisch lag 
und nebensächlich war; und ebenso umgekehrt. Der Traum er- 
scheint dadurch gegen die Traumgedanken verschoben, und gerade 
durch diese Verschiebung wird erreicht, daß er dem wachen 
Seelenleben fremd und unverständlich entgegentritt. Damit solche 
Verschiebung zu stände kam, mußte es möglich sein, daß die 
Besetzungsenergie von den wichtigen Vorstellungen ungehemmt 
auf die unwichtigen übergehe, was im normalen bewußtseins- 
fähigen, Denken nur den Eindruck eines „Denkfehlers" hervor- 
rufen kann. 



1 

} 



j^Q VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum. 

Umwandlung zur Darstellungsfähigkeit, Verdichtung und Ver- 
schiebung sind die drei großen Leistungen, die wir der Traum- 
arbeit zuschreiben dürfen. Eine vierte, in der Traumdeutung viel- 
leicht zu kurz gewürdigte, kommt für unsere Zwecke hier nicht 
in Betracht. Bei einer konsequenten Ausführung der Ideen von 
der „Topik des seeHschen Apparats" und der „Regression" — und 
nur eine solche würde diese Arbeitshypothesen wertvoll machen 
— müßte man zu bestimmen versuchen, an welchen Stationen 
der Regression die verschiedenen Umwandlungen der Traum- 
gedanken vor sich gehen. Dieser Versuch ist noch nicht ernst- l 
haft unternommen worden; es läßt sich aber wenigstens von der ' 
Verschiebung- mit Sicherheit angeben, daß sie an dem Gedanken- 
material erfolgen muß, während es sich auf der Stufe der un- 
bewußten Vorgänge befmdet. Die Verdichtung wird man sich 
wahrscheinlich als einen über den ganzen Verlauf sich erstrecken- 
den Vorgang bis zum Anlangen in der Wahrnehmungsregion vor- 
zustellen haben, im allgemeinen aber sich mit der Annahme einer ■ 
gleichzeitig erfolgenden Wirkung aller bei der Traumbildung be- 
teiligten Kräfte begnügen. Bei der Zurückhaltung, die man ver- 
ständigerweise in der Behandlung solcher Probleme bewahren muß, 
und mit Rücksicht auf die hier nicht zu erörternden prinzipiellen 
Bedenken solcher Fragestellung, möchte ich mich etwa der Auf- 
stellung getrauen, daß der den Traum vorbereitende Vorgang der 
Traumarbeit in die Region des Unbewußten zu verlegen ist. Im 
ganzen wären also bei der Traumbildung, grob genommen, drei 
Stadien zu unterscheiden : erstens die Versetzung der vorbewußten 
Tagesreste in's Unbewußte, woran die Bedingungen des Schlaf- 
zustandes' mitbeteiligt sein müßten, sodann die eigcntUche Traum- 
arbeit im Unbewußten, und drittens die Regression des so be- I 
arbeiteten Traummaterials auf die Wahrnehmung, als welche der 
Traum bewußt wird. 

Als Kräfte, welche bei der Traumbildung beteiligt sind, lassen 
sich erkennen: Der Wunsch zu schlafen, die den Tagesresten 
nach der Erniedrigung durch den Schlafzustand noch verbliebene 
Energiebesetzung, die psychische Energie des traumbildenden un- 
bewußten Wunsches und die widerstrebende Kraft der im Wachleben 
herrschenden, während des Schlafes nicht völlig aufgehobenen, 
„Zensur". Aufgabe der Traumbildung ist es vor allem, die Hem- 
mung der Zensur zu überwinden, und gerade diese Aufgabe wird 
durch die Verschiebungen der psychischen Energie iimerhalb des 
Materials der Traumgedanken gelöst. 

Nun ermnern wir uns, welchen Anlaß wir hatten, bei der 



Die Formel für die Witzarbeit. 141 

Untersuchung des Witzes an den Traum zu denken. Wir fanden, 
daß Charakter und Wirkung des Witzes an gewisse Ausdrucks- 
formen, technische Mittel, gebunden sind, unter denen die ver- 
schiedenen Arten der Verdichtung, Verschiebung und indirekten 
Darstellung am auffälligsten sind. Vorgänge, die zu den näm- 
lichen Ergebnissen, Verdichtung, Verschiebung und indirekter Dar- 
stellung führen, sind uns aber als Eigentümlichkeiten der Traum- 
arbeit bekannt geworden. Wird uns durch diese Übereinstimmung 
nicht dei Schluß nahe gelegt, daß Witzarbeit und Traumarbeit 
in wenigstens einem wesentlichen Punkte identisch sein müssen? 
Die Traumarbeit liegt, wie ich meine, in ihren wichtigsten Charak- 
teren entschleiert vor uns; von den psychischen Vorgängen beim 
Witze ist uns gerade jenes Stück verhüllt, welches wir der Traum- 
arbeit vergleichen dürfen, der Vorgang der Witzbildung bei der 
ersten Person. Sollen wir nicht der Versuchung nachgeben, diesen 
Vorgang nach der Analogie der Traumbildung zu konstruieren? 
Einige der Züge des Traumes sind dem Witze so fremd, daß wir 
auch das ihnen entsprechende Stück der Traumarbeit nicht auf 
die Witzbildung übertragen dürfen. Die Regression des Gedanken- 
ganges zur Wahrnehmung fällt für den Witz sicherlich weg; die 
beiden anderen Stadien der Traumbildung aber, das Herabsinken 
eines vorbewußten Gedankens zum Unbewußten und die unbewußte 
Bearbeitung würden uns, wenn wir sie für die Witzbildung sup- 
ponieren, gerade das Ergebnis liefern, das wir am' Witze beobachten 
können. Entschließen wir uns also zur Annahme, daß dies der 
Hergang der Witzbildung bei der ersten Person ist. Ein vor- 
bewußter Gedanke wird für einen Moment der un- 
bewußten Bearbeitung überlassen, und deren Er- 
gebnis alsbald von der bewußten Wahrnehmung 

erfaßt. 

Ehe wir aber diese Aufstellung im Emzelnen prüfen, wollen 
wir eines Einwandes gedenken, welcher unserer Voraussetzung 
bedrohlich werden kann. Wir gehen von der Tatsache aus, daß 
die Techniken des Witzes auf dieselben Vorgänge hindeuten, 
welche uns als Eigentümlichkeiten der Traumarbeit bekannt sind. 
Nun ist es leicht dawider zu sagen, daß wir die Techniken des 
Witzes nicht als Verdichtung, Verschiebung usw. beschrieben hätten 
und nicht zu so weit gehenden Übereinstimmungen in den Darstel- 
lungsmitteln von Witz und Traum gelangt wären, wenn nicht die 
vorherige Kenntnis der Traumarbeit unsere Auffassung für die 
Witztechnik bestochen hätte, so daß wir im Grunde am Witz nur 
die Erwartungen bestätigt finden, mit denen wir vom Traum 



142 VI. Die Beziehung des Witzes zum Unbewußten 

her an ihn herangetreten sind. Eine solche Genese der Über- 
einstimmung wäre keine sichere Gewähr für ihren Bestand außer- 
halb unseres Vorurteils. Die Gesichtspunkte der Verdichtung, 
Verschiebung, indirekten Darstellung sind auch wirklich von keinem 
anderen Autor für die Ausdrucksformen des Witzes geltend ge- 
macht worden. Das wäre ein möglicher Einwand, aber darum 
noch kein berechtigter. Es kann ebensowohl sein, daß die Schär- 
fung unserer Auffassung durch die Kenntnis der Traumarbeit un- 
entbehrlich wäre, um die reale Übereinstimmung zu erkennen. 
Die Entscheidung wird doch nur davon abhängen, ob die prüfende 
Kritik solche Auffassung der Witztechnik an den einzelnen Bei- 
spielen als eine aufgezwungene nachweisen kann, zu deren Gunsten 
andere näher liegende und tiefer reichende Auffassungen unter- 
drückt worden sind, oder ob sie zugeben muß, daß die Erwartungen 
vom Traum her sich am Witz wirklich bestätigen lassen. Ich 
bin der Meinung, daß wir solche Kritik nicht zu fürchten haben 
und daß unser Reduktionsverfahren (siehe S. 13) uns verläßlich 
angezeigt hat, in welchen Ausdrucksformen die Techniken des 
Witzes zu suchen waren. Daß wir diesen Techniken Namen ge- 
geben hatten, welche das Ergebnis der Übereinstimmung von 
Witztechnik und Traumarbeit bereits antizipierten, dies war unser 
gutes Recht, eigentlich nichts anderes als eine leicht zu recht- 
fertigende Vereinfachung. 

Ein anderer Einwand träfe unsere Sache nicht so schwer, 
wäre aber auch nicht so gründlich zu widerlegen. Man könnte 
meinen, daß die zu unseren Absichten so gut stimmenden Tech- 
niken des Witzes zwar Anerkennung verdienen, aber doch nicht 
alle möglichen oder in der Praxis verwendeten Techniken des 
Witzes wären. Wir hätten eben von dem Vorbild der Traum- 
arbeit beeinflußt nur die zu ihr passenden Witztechniken heraus- 
gesucht, während andere, von uns übersehene, eine solche Über- 
einstimmung als nicht allgemein vorhanden erwiesen hätten. Ich 
getraue mich nun wirkhch nicht der Behauptung, daß es mir 
gelungen ist, alle im Umlauf befindlichen Witze in Bezug auf 
ihre Technik aufzuklären, und lasse darum die Möglichkeit offen, 
daß meine Aufzählung der Witztechniken manche UnvoUständig- 
keit erkennen lassen wird, aber ich habe keine Art der Technik, 
die mir durchsichtig wurde, absichtlich von der Erörterung aus- 
geschlossen und kann die Behauptung vertreten, daß die häufigsten, 
wichtigsten, am meisten charakteristischen technischen Mittel des 
Witzes sich meiner Aufmerksamkeit nicht entzogen haben. 

Der Witz besitzt noch einen anderen Charakter, welcher sich 



I 



Der Witz als Einfall. 



143 



unserer vom Traum lierstammenden Auffassung der Witzarbeit 
befriedigend fügt. Man sagt zwar, daß man den Witz „macht", 
aber man verspürt, daß man sich dabei anders benimmt, als wenn 
man ein Urteil fällt, einen Einwand macht. Der Witz hat in 
ganz hervorragender Weise den Charakter eines ungewollten „Ein* 
falls". Man weiß nicht etwa einen Moment vorher, welchen Witz 
man machen wird, den man dann nur in Worte zu kleiden braucht. 
Man verspürt vielmehr etwas Undefinierbares, das ich am ehesten 
einer Absenz, einem plötzlichen Auslassen der intellektuellen 
Spannung vergleichen möchte, und dann ist der Witz mit einem 
Schlage da, meist gleichzeitig mit seiner Einkleidung. Manche 
der Mittel des Witzes finden auch außerhalb desselben im Ge- 
dankenausdruck Verwendung, z. B. das Gleichnis und die An- 
spielung. Ich kami eine Anspielung absichtlich machen wollen. 
Dabei habe ich zuerst den direkten Ausdruck meines Gedankens 
im Sinne (im inneren Hören), ich hemme mich in der Äußerung 
desselben durch ein der Situation entsprechendes Bedenken, nehme 
mir beinahe vor, den direkten Ausdruck durch eine Form des 
indirekten Ausdrucks zu ersetzen und bringe dann eine Anspielung 
hervor; aber die so entstandene, unter meiner forUaufenden Kon- 
trolle gebildete Anspielung ist niemals witzig, so brauchbar sie 
auch sonst sein mag; die witzige Anspielung hingegen erscheint, 
ohne daß ich diese vorbereitenden Stadien in meinem Denken 
verfolgen konnte. Ich will nicht zuviel Wert auf dies Verhalten 
legen; es ist kaum entscheidend, aber es stimmt doch gut zu 
unserer Annahme, daß man bei der Witzbildung einen Gedanken- 
gang für einen Moment fallen läßt, der dann plötzlich als Witz 
aus dem Unbewußten auftaucht. 

Witze zeigen auch assoziativ ein besonderes Benehmen. Sie 
stehen unserem Gedächtnis häufig nicht zur Verfügung, wenn wir 
sie wollen, stellen sich dafür andere Male wie ungewollt ein, und 
7.waT an Stellen unseres Gedankenganges, wo wir ihre Einflechtung 
nicht verstehen. Es sind dies wiederum nur kleine Züge, aber 
immerhin Hinweise auf ihre Abkunft aus dem Unbewußten. 

Suchen wir nun die Charaktere des Witzes zusammen, die 
sich auf seine Bildung im Unbewußten beziehen lassen. Da ist 
vor allem die eigentümliche Kürze des Witzes, ein zwar nicht 
unerläßliches, aber ungemein bezeichnendes Merkmal desselben. 
Als wir ihr zuerst begegneten, waren wir geneigt, einen Ausdruck 
sparender Tendenzen in ihr zu sehen, entwerteten aber diese Auf- 
fassung selbst durch nahe liegende Einwendungen. Sie erscheint 
uns jetzt vielmehr als ein Zeichen der unbewußten Bearbeitung, 



144 



VI. Die Beziehung des Witzes zum Unbewußten. 



'» 



welche der Witzgcdaiike erfahren hat. Das ihr beim Traum ent- 
sprechende, die Verdichtung, können wir nämlich mit keinem 
anderen Moment als mit der Lokalisation im Unbewußten zusammen- 
bringen und müssen annehmen, daß im unbewußten Denkvorgang 
die im Vorbewußten fehlenden Bedingungen für solche Verdich- 
tungen gegeben sind.*) Es steht zu erwarten, daß beim Ver- 
dichtungsvorgang einige der ihm unterworfenen Elemente verloren 
gehen, während andere, welche deren Besetzungsenergie über- 
nehmen, durch die Verdichtung erstarken oder überstark auf- 
gebaut werden. Die Kürze des Witzes wäre also wie die des 
Traumes eine notwendige Begleiterscheinung der in beiden vor- 
kommenden Verdichtungen, beide Male ein Ergebnis des Ver- 
dichtungsvorganges. Dieser Herkunft verdankte auch die Kürze 
des Witzes ihren besonderen, nicht weiter angebbaren, aber der 
Empfindung auffälligen Charakter. 

Wir haben vorhin (S. 104) das eine Ergebnis der Verdichtung, 
die mehrfache Verwendung desselben Materials, das Wortspiel, den 
Gleichklang, als lokahsierte Ersparung aufgefaßt und die Lust, 
die der (harmlose) Witz schafft, aus solcher Ersparung abgeleitet; 
späterhin haben wir die ursprünglichste Absicht des Witzes darin 
gefi;nden, derartigen Lustgewinn an Worten zu machen, was ihm 
auf der Stufe des Spieles unverwehrt war, im Verlaufe der in- 
tellektuellen Entwicklung aber durch die vernünftige Kritik ein- 
gedämmt wurde. Nun haben wir uns zu der Annahme entschlossen, 
daß derartige Verdichtungen, wie sie der Technik des Witzes 
dienen, automatisch, ohne besondere Absicht, während des Denk- 
vorganges im Unbewußten entstehen. Liegen da nicht zwei ver- 
schiedene Auffassungen derselben Tatsache vor, die mit einander 
tmverträglich scheinen. Ich glaube nicht; es sind allerdings zwei 
verschiedene Auffassungen, und sie verlangen mit einander in 
Einklang gebracht zu werden, aber sie widersprechen einander 
nicht. Die eine ist bloß der anderen fremd, und wenn wir eine 
Beziehung zwischen ihnen hergestellt haben, werden wir wahr- 
scheinlich um ein Stück Erkenntnis weiter gekommen sein. Daß 
solche Verdichtungen Quellen von Lustgewinn sind, verträgt sich 
sehr wohl mit der Voraussetzung, daß sie im Unbewußten leicht 

*j Die Verdichtung als regelmäßigen und bedeutungsvollen Vorgang 
habe ich außer bei der Traumarbeit und Witztechnik noch in einem 
anderen seelischen Geschehen nachweisen können, beim Mechanismus des 
normalen (nicht tendenziösen) Vergessens. Singulare Eindrücke setzen 
dem Vergessen Schwierigkeiten entgegen; irgendwie analoge werden 
vergessen, indem sie von ihren Berührungspunkten aus verdichtet werden. 
Die Verwechslung analoger Eindrücke ist eine der Vorstufen des Vergessens. 



% 



Das Unbewußte und das Infantile. 145 

die Bedingungen zu ihrer Entstehung finden ; wir sehen im 
Gegenteile die Motivierung für das Eintauchen in's Unbewußte 
in dem Umstände, daß dort die lustbringende Verdichtung, welcher 
der Witz bedarf, sich leicht ergibt. Auch zwei andere Momente, 
welche für die erste Betrachtung einander völlig fremd scheinen 
und wie durch einen unerwünschten Zufall zusammentreffen, werden 
sich bei tieferem Eingehen als innig verknüpft, ja wesenseinig 
erkennen lassen. Ich meine die beiden Aufstellungen, daß der 
Witz einerseits während seiner Entwicklung auf der Stufe des 
Spieles, also im Kindesalter der Vernunft, solche lustbringende 
Verdichtungen hervorbringen konnte, und daß er anderseits auf 
höheren Stufen dieselbe Leistung durch das Eintauchen des Ge- 
dankens in's Unbewußte vollbringt. Das Infantile ist nämlich die 
Quelle des Unbewußten, die unbewußten Denkvorgänge sind keine 
anderen, als welche im Kindesaltcr einzig und allein hergestelk 
werden. Der Gedanke, der zum Zwecke der Witzbildung in's 
Unbewußte eintaucht, sucht dort nur die alte Heimstätte des 
einstigen Spieles mit Worten auf. Das Denken wird für einen 
Moment auf die kindliche Stufe zurückversetzt, um so der kind- 
lichen Lustquelle wieder habhaft zu werden. Wüßte man es nicht 
bereits aus der Erforschung der Neurosenpsychologie, so müßte 
man beim Witz auf die Ahnung geraten, daß die sonderbare 
unbewußte Bearbeitung nichts anderes als der infantile Typus der 
Denkarbeit ist. Es ist bloß nicht sehr leicht, dieses infantile 
Denken mit seinen im Unbewußten des Erwachsenen erhaltenen 
Eigentümlichkeiten beim Kinde zu erhaschen, weil es meist so- 
zusagen in statu nascendi korrigiert wird. In einer Reihe von 
Fällen gelingt es aber doch, und dann lachen wir jedesmal über 
die „Kinderdummheit". Jede Aufdeckung eines solchen Unbewuß- 
ten wirkt auf uns überhaupt als „komisch".*) 

Leichter zu fassen sind die Charaktere dieser unbewußten 
Denkvorgänge in den Äußerungen der Kranken bei manchen 
psychischen Störungen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß wir nach 
des alten Gricsinger Vermutung im stände wären, die Delirien 
der Geisteskranken zu verstehen und als Mitteilungen zu verwerten, 
wenn wir nicht die Anforderungen des bewußten Denkens an sie 

' *) Viele meiner neurotischen, in psychoanalytischer Behandlung stehen- 
den Patienten pflegen regelmäßig durch ein Lachen zu bezeugen, daß es 
gelungen ist ihrer bewußten Wahrnehmung das verhüllte Unbewußte ge- 
treuUch zu zei^^en, und sie lachen auch dann, wenn der Inhalt des Ent- 
hüllten es keineswegs rechtfertigen würde. Bedingung dafür ist allerdings, 
daß sie diesem Unbewußten nahe genug gekommen sind, um es zu 
erfassen, wenn der Arzt es erraten und ihnen vorgeführt hat. 

Freud, Der Witz. ^° 



Ia5 vi. Die Beziehung des Witzes zum Traum. 

stellen, sondern sie mit unserer Deutungskunst behandeln würden 
wie etwa die Träume.*) Auch für den Traum haben wir ja 
seinerzeit die „Rückkehr des Seelenlebens auf den embryonalen 
Standpunkt" zur Geltung gebracht.**) 

Wir haben an den Verdichtungsvorgängen die Bedeutung der 
Analogie von Witz und Traum, so eingehend erörtert, daß wir 
uns im folgenden kürzer fassen dürfen. Wir wissen, daß die 
Verschiebungen bei der Trauraarbeit auf die Einwirkung der 
Zensur des bewußten Denkens hindeuten, und werden demgemäß, 
wenn wir die Verschiebung unter den Techniken des Witzes 
begegnen, geneigt sein anzunehmen, daß auch bei der Witzbildung 
eine hemmende Macht eine Rolle spielt. Wir wissen auch bereits, 
daß dies ganz allgemein der Fall ist; das Bestreben des Witzes, 
die alte Lust am Unsinn oder die ahe Wortlust zu gewinnen, 
findet bei normaler Stimmung an dem Einspruch der kritischen 
Vernunft eine Hemmung, die für jeden Einzelfall überwunden 
werden muß. Aber in der Art und Weise, wie die Witzarbeit 
diese Aufgabe löst, zeigt sich ein durchgreifender Unterschied 
zwischen dem Witz und dem Traum. In der Traumarbeit geschieht 
die Lösung dieser Aufgabe regelmäßig durch Verschiebungen, 
durch die Auswahl von Vorstellungen, welche weit genug entfernt 
von den beanstandeten sind, um Durchlaß bei der Zensur zu 
finden, und doch Abkömmlinge dieser sind, deren psychische Be- 
setzung sie durch volle Übertragung auf sich übernommen haben. 
Die Verschiebungen fehlen darum bei keinem Traum und sind weit 
umfassender; nicht nur die Ablenkungen vom Gedankengang, 
sondern auch alle Äxten der indirekten Darstellung sind zu den 
Verschiebungen zu rechnen, insbesondere der Ersatz eines bedeut- 
^ Samen aber anstößigen Elements durch ein indifferentes, aber 

der Zensur harmlos erscheinendes, welches wie eine entfernteste 
Anspielung an das erstere steht, der Ersatz durch eine Symbolik, 
ein Gleichnis, ein Kleines. Es ist nicht abzuweisen, daß Stücke 
dieser indirekten Darstellung bereits in den vorbewußten Gedanken 
des Traumes zu stände kommen, so z. B. die symbolische und 
die Gleichnisdarstellung, weil sonst der Gedanke es überhaupt nicht 
zur Stufe des vorbewußten Ausdrucks gebracht hätte. Indirekte 
Darstellunger dieser Art und Anspielungen, deren Beziehung zum 
Eigentlichen leicht auffindbar ist, sind ja zulässige und viel- 
gebrauchte Ausdrucksmittel auch in unserem bewußten Denken. 

•) Dabei dürften wir nicht vergessen, der Entstellung infolge der 
auch in der Psychose noch wirksamen Zensur Rechnung zu tragen. 
**) Traumdeutung, S. 350. 



Der Unterschied der Witztechnik von der Traumtechnik. lAn 

Die Traumarbeit übertreibt aber die Anwendung dieser Mittel 
der indirekten Darstellung in's Schrankenlose. Jede Art von Zu- 
sammenhang wird unter dem Drucke der Zensur zum Ersatz 
durch Anspielung gut genug, die Verschiebung von einem Ele- 
ment her ist auf jedes andere gestattet. Ganz besonders auffällig 
und für die Traumarbeit charakteristisch ist die Ersetzung der 
inneren Assoziationen (Ähnlichkeit, Kausalzusammenhang usw.) 
durch die sog. äußeren (Gleichzeitigkeit, Kontiguität im Raum, 
Gleichklang). 

Alle diese Verschiebungsmittel kommen auch als Techniken 
des Witzes vor, aber wenn sie vorkommen, halten sie zumeist 
die Grenzen ein, die ihrer Anwendung im bewußten Denken ge- 
zogen sind, und sie können überhaupt fehlen, obwohl ja auch der 
Witz regelmäßig eine Hemmungsaufgabe zu erledigen hat. Man 
versteht dies Zurücktreten der Verschiebungen bei der Witz- 
arbeit, wenn man sich erinnert, daß dem Witz ganz allgemein 
eine andere Technik zu Gebote steht, mit welcher er sich der 
Hemmung erwehrt, ja daß wir nichts gefunden haben, was 
charakteristischer für ihn wäre als gerade diese Technik. Der 
Witz schafft nämlich nicht Kompromisse wie der Traum, er weicht 
der Hemmung nicht aus, sondern er besteht darauf, das Spiel 
mit dem Wort oder dem Unsinn unverändert zu erhalten, be- 
schränkt sich aber auf die Auswahl von Fällen, in denen dieses 
Spiel oder dieser Unsinn doch gleichzeitig zulässig (Scherz) oder 
sinnreich (Witz) erscheinen kann, Dank der Vieldeutigkeit der 
Worte und der Maimigfaltigkeit der Denkrelationen. Nichts 
scheidet den Witz besser von allen anderen psychischen Bildungen 
als diese seine Doppelseitigkeit und Doppelzüngigkeit, und wenig- 
stens von dieser Seite haben sich die Autoren durch die Betonung des 
„Sinnes im Unsinn" der Erkenntnis des Witzes am meisten genähert. 

Bei der ausnahmslosen Vorherrschaft dieser dem Witz be- 
sonderen Technik zur Überwindung seiner Hemmungen konnte 
man es überflüssig finden, daß er sich überhaupt noch der Ver- 
schiebungstechnik in einzelnen Fällen bedient, allein einerseits 
bleiben gewisse Arten dieser Technik als Ziele und Lustquellen 
für den Witz wertvoll, wie z. B. die eigentliche Verschiebung 
(Gedankenablenkung), die ja die Natur des Unsinns teilt, ander- 
seits darf man nicht vergessen, daß die höchste Stufe des Witzes, 
der tendenziöse Witz, häufig zweierlei Hemmungen zu überwinden 
hat, die ihm selbst und die seiner Tendenz entgegenstehenden, 
(S. 83) und daß die Anspielungen und Verschiebungen ihm die 
letztere Aufgabe zu ermöglichen geeignet sind. 

10* 



1^8 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum. 

Die reichliche und zügellose Anwendung der indirekten Dar- 
stellung, der Verschiebungen und insbesondere Anspielungen in 
der Traumarbeit hat eine Folge, die ich nicht ihrer eigenen Be- 
deutung wegen erwähne, sondern weil sie der subjektive Anlaß 
für mich wurde, mich mit dem Problem des Witzes zu beschäftigen. 
Wenn man einem Unkundigen oder Ungewohnten eine Traum- 
analyse mitteilt, in welcher also die sonderbaren, dem Wachdenken 
anstößigen Wege der Anspielungen und Verschiebungen dargelegt 
werden, deren sich die Traumarbeit bedient hat, so unterliegt der 
Leser einem ihm unbehaglichen Eindruck, erklärt diese Deu- 
tungen für „witzig", erblickt aber in ihnen offenbar nicht ge- 
lungene Witze, sondern gezwungene und irgendwie gegen die 
Regeln des Witzes verstoßende. Dieser Eindruck ist nun leicht 
aufzuklären; er rührt daher, daß die Traumarbeit mit denselben 
Mitteln arbeilet wie der Witz, aber in der Anwendung derselben 
die Grenzen überschreitet, welche der Witz einhält. Wir werden 
auch alsbald hören, daß der Witz infolge der Rolle der dritten 
Person an eine gewisse Bedingung gebunden ist, welche den 
Traum nicht berührt. 

Ein gewisses Interesse nehmen unter den Techniken, die 
Witz und Traum gemeinsam sind, die Darstellung durch das 
Gegenteil und die Verwendung des Widersinnes in Anspruch. Die 
erstere gehört zu den kräftig wirkenden Mitteln des Witzes, wie 
wir unter anderen an den Beispielen von „Überbietuiigswitz" er- 
sehen konnten (S. 57). Die Darstellung durch's Gegenteil ver- 
mochte sich übrigens der bewußten Aufmerksamkeit nicht wie die 
meisten anderen Witztechniken zu entziehen; wer den Mechanis- 
mus der Witzarbeit bei sich möglichst absichtlich in Tätigkeit zu 
bringen sucht, der habituelle Witzling, pflegt bald herauszufinden, 
daß man auf eine Behauptung am leichtesten mit einem Witz 
erwidert, wenn man deren Gegenteil festhält und es dem Einfall 
überläßt, den gegen dies Gegenteil zu befürchtenden Einspruch 
durch eine Umdeutung zu beseitigen. Vielleicht verdankt die Dar- 
stellung durch's Gegenteil solche Bevorzugung dem Umstände, daß 
sie den Kern einer anderen lustbringenden Ausdrucksweise des 
Gedankens bildet, für deren Verständnis wir das Unbewußte 
nicht zu bemühen brauchen Ich meine die Ironie, die sich 
dem Witze sehr annähert und zu den Unterarten der Komik ge- 
rechnet wird. Ihr Wesen besteht darin, das Gegenteil von dem, 
was man dem Anderen mitzuteilen beabsichtigt, auszusagen, diesem 
aber den Widerspruch dadurch zu ersparen, daß man im Ton- 
fall, in den begleitenden Gesten, in kleinen stilistischen Anzeichen 



Die Ironie. — Der Negativismus. 149 

— wenn es sich um schriftliche Darstellung handelt — 2u ver- 
stehen gibt, man meine selbst das Gegenteil seiner Aussage. Die 
Ironie ist nur dort anwendbar, wo der Andere das Gegenteil zu 
hören vorbereitet ist, so daß seine Neigung zum Widerspruch nicht 
ausbleiben kann. Infolge dieser Bedingtheit ist die Ironie der 
Gefahr, nicht verstanden zu werden, besonders leicht ausgesetzt. 
Sie bringt der sie anwendenden Person den Vorteil, daß sie die 
Schwierigkeiten direkter Äußerungen, z. B. bei Invektiven, leicht um- 
gehen läßt; bei dem Hörer erzeugt sie komische Lust, wahr- 
scheinlich, indem sie ihn zu einem Widerspruchsaufwand bewegt, 
der sofort als überflüssig erkannt wird. Ein solcher Vergleich 
des Witzes mit einer ihm nahe stehenden Gattung des Komischen 
mag uns in der Annahme bestärken, daß die Beziehung zum 
Unbewußten das dem Witz Besondere ist, das ihn vielleicht auch 
von der Komik scheidet.*) 

lu der Traumarbeit fällt der Darstellung durch's Gegenteil 
eine noch weit größere Rolle zu als beim Witz. Der Traum 
liebt es nicht nur, zwei Gegensätze durch ein und dasselbe Misch- 
gebilde darzustellen; er verwandelt auch so häufig ein Ding aus 
den Traumgedanken in sein Gegenteil, daß hieraus der Deutungs- 
arbeit eine große Schwierigkeit erwächst. „Man weiß zunächst 
von keinem eines Gegenteils fähigen Elemente, ob es in den 
Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist.**) 

Ich muß hervorheben, daß diese Tatsache noch keineswegs 
Verständnis gefunden hat. Sie scheint aber einen wichtigen 
Charakter des unbewußten Denkens anzudeuten, dem aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ein dem „Urteilen" vergleichbarer Vorgang 
abgeht. An Stelle der Urteilsvcrwerfung findet man im Un- 
bewußten die „Verdrängung". Die Verdrängung kann wohl 
richtig als die Zwischenstufe zwischen dem Abwehrreflex und der 
Verurteilung beschrieben werden.***) 

Der Unsinn, die Absurdität, die so häufig im Traum vor- 
kommt und ihm soviel unverdiente Verachtung zugezogen hat, ist 

*) Auf der Scheidung vjn Aussage und begleitenden Gebärden (im 
weitesten Sinne) beruht auch der Charakter der Komik, der als ihre 
„Trockenheit" bezeichnet wird. 

**) Traumdeutung, S. 218. 

***) Dies höchst merkwürdige und immer noch ungenügend erkannte 
Verhalten der Gegensatzrelation im Unbewußten ist wohl nicht ohne Wert 
für das Verständnis des „Negativismus" bei Neurotikern und Geistes- 
kranken. (Vgl. die beiden letzten Arbeiten darüber: Bleuler, Über die 
negative" Sugs^estibilität, Psych.-Neurol. Wochenschrift, 1904, und Otto 
Groß, Zur Differentialdiagnostik negativistischer Phänomene, ebda.) 



150 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum. 

doch niemals zufällig durch die Zusammenwürfelung von Vor- 
stellungselementen entstanden, sondern jedesmal als von der 
Traumarbeit absichtlich zugelassen nachzuweisen und zur Dar- 
stellung von erbitterter Kritik und verächtHchem Widerspruch 
innerhalb der Traumgedanken bestimmt. Die Absurdität des 
Trauminhalls ersetzt also das Urteil: Es ist ein Unsinn, in den 
Traumgedanken. Ich habe, in meiner „Traumdeutung" großen 
Nachdruck auf diesen Nachweis gelegt, weil ich den Irrtum, der 
Traum sei überhaupt kein psychisches Phänomen, der den Weg 
zur Erkenntnis des Unbewußten versperrt, auf diese Weise am 
eindringlichsten zu bekämpfen gedachte. Wir haben nun erfahren 
(bei der Auflösung gewisser tendenziöser Witze, S. 44), daß der 
Unsinn im Witze den gleichen Zwecken der Darstellung dienst- 
bar gemacht wird. Wir wissen auch, daß eine unsinnige Fassade 
des Witzes ganz besonders geeignet ist, den psychischen Aufwand 
bei dem Hörer zu steigern und somit auch den zur Abfuhr durch 
Lachen frei werdenden Betrag zu erhöhen. Außerdem aber wollen 
wir nicht daran vergessen, daß der Unsinn im Witz Selbstzweck 
ist, da die Absicht, die alte Lust am Unsinn wiederzugewinnen, 
zu den "Motiven der Witzarbeit gehört. Es gibt andere Wege, 
um den Unsinn wiederzugewinnen und Lust aus ihm zu ziehen; 
Karikatur, Übertreibung, Parodie und Travestie bedienen sich der- 
selben und schaffen so den „komischen Unsinn". Unterwerfen 
wir diese Ausdrucksformen einer ähnlichen Analyse, wie wir sie 
am Witz geübt haben, so werden wir finden, daß sich bei ihnen 
allen keir. Anlaß ergibt, unbewußte Vorgänge in unserem Sinne 
zur Erklärung heranzuziehen. Wir verstehen nun auch, warum 
der Charakter des „Witzigen" zur Karikatur, Übertreibung, Paro- 
die als Zutat hinzukommen kann; es ist die Verschiedenheit des 
„psychischen Schauplatzes", die dies ermöglicht.*) 

Ich meine, die Verlegung der Witzarbeit in das System des 
Unbewußten ist uns um ein ganzes Stück wertvoller geworden, 
seitdem sie uns das Verständnis für die Tatsache eröffnet hati 
daß die Techniken, an denen der Witz doch haftet, anderseits 
nicht sein ausschließliches Gut sind. Manche Zweifel, die wir 
während unserer anfänglichen Untersuchung dieser Techniken 
für's nächste zurückstellen mußten, finden nun ihre bequeme 
Lösung. Um so mehr verdient unsere Würdigung ein Bedenken, 
welches uns sagen möchte, daß die unleugbar vorhandene Be- 
ziehung des Witzes zum Unbewußten nur für gewisse Kategorien 

*) Ein für meine Auffassung bedeutsam gewordener Ausdruck von 
G. Th. Fechner. 



Das Unbewußte als der psychische Schauplatz der Witzarbeit. 151 



des tendenziösen Witzes richtig ist, während wir bereit sind, die- 
selbe auf alle Arten und Entwicklungsstufen des Witzes auszu- 
dehnen. Wir dürfen uns der Prüfung dieses Einwandes nicht 

entziehen. 

Der sichere Fall der Witzbildung im Unbewußten ist anzu- 
nehmen, wenn es sich um Witze im Dienste unbewußter oder 
durch's Unbewußte verstärkter Tendenzen handelt, also bei den 
meisten „zynischen" Witzen. Dann zieht nämlich die unbewußte 
Tendenz den vorbewußten Gedanken zu sich herab in's Unbewußte, 
um ihn dort umzuformen, ein Vorgang, zu welchem das Studium 
der Neurosenpsychologie zahlreiclae Analogien kennen gelehrt hat. 
Bei den tendenziösen Witzen anderer Art, beim harmlosen Witz 
und beim Scherz scheint aber diese herabziehende Kraft weg- 
zufallen, steht also die Beziehung des Witzes zum Unbewußten 

in Frage. 

Fassen wir aber nun den Fall des witzigen Ausdrucks eines 
an sich nicht wertlosen, im Zusammenhange der Denkvorgänge 
auftauchenden Gedankens in's Auge. Um diesen Gedanken zum 
Witz werden zu lassen, bedarf es offenbar einer Auswahl unter 
den möglichen Ausdrucksformen, damit gerade jene gefunden 
werde, welche den Wortlustgewinn mit sich bringt. Wir wissen 
aus unserer Selbstbeobachtung, daß nicht die bewußte Aufmerk- 
samkeit diese Auswahl trifft; es wird derselben aber gewiß zu 
gute kommen, wenn die Besetzung des vorbewußten Gedankens 
zur unbewußten erniedrigt wird, denn im Unbewußten werden die 
vom Wort ausgehenden Verbindungswege, wie wir aus der Traum- 
arbeit erfahren haben, den Sachverbindungen gleichartig behandelt. 
Die unbewußte Besetzung bietet der Auswahl des Ausdrucks die 
weitaus günstigeren Bedingungen. Wir können übrigens ohne 
weiteres annehmen, daß die Ausdrucksmöglichkeit, welche den 
Wordustgewinn enthält, in ähnlicher Weise herabziehend auf die 
noch schwankende Fassung des vorbewußten Gedankens wirkt wie 
im ersteren Falle die unbewußte Tendenz. Für den simpleren 
Fall des Scherzes dürfen wir uns vorstellen, daß eine allzeit 
lauernde Absicht, den Wortlustgewinn zu erreichen, sich des An- 
lasses, der gerade im Vorbewußten gegeben ist, bemächtigt, um 
wiederum nach dem bekannten Schema den Besetzungsvorgang 
in's Unbewußte zu ziehen. 

Ich wünschte gern, daß es mir möglich wäre, diesen einen 
entscheidenden Punkt in meiner Auffassung des Witzes einerseits 
klarer darzulegen, anderseits mit zwingenden Argumenten zu ver- 
stärken. Aber es handelt sich hier in Wahrheit nicht um ein 



r52 



VI. Die Beziehung des Witzes zum Unbevraßten. 



zweifaches, sondern um ein und das nämliche Mißlingen. Ich 
kann eine klarere Darstellung nicht geben, weil ich keine weiteren 
Beweise für nieine Auffassung habe. Dieselbe ist mir aus dem 
Studium der Technik und aus dem Vergleich mit der Traum- 
arbeit erwachsen, und zwar nur von dieser einen Seite her; ich 
kann dann finden, daß sie den Eigentümlichkeiten des Witzes 
im ganzen vortrefflich angepaßt ist. Die.'^e Auffassung ist nun 
eine erschlossene; gelangt man mit solchem Schluß nicht auf ein be- 
kanntes, sondern vielmehr auf ein fremdes, dem Denken neuartiges 
Gebiet, so nennt man den Schluß eine „Hypothese" und läßt mit 
Recht die Beziehung der Hypothese zu dem Material, aus dem 
sie erschlossen ist, nicht als ,, Beweis" gelten. Als „bewiesen" gilt 
diese erst dann, wenn man auch auf anderem Wege zu ihr ge- 
langen, sie als den Knotenpunkt auch anderer Zusammenhänge 
aufzeigen kann. Solcher Beweis ist aber bei unserer kaum erst 
beginnenden Kenntnis der unbewußten Vorgänge nicht zu haben. 
In der Erkenntnis, daß wir auf einem überhaupt noch nicht be- 
tretenen Boden stehen, begnügen wir uns also damit, von unserem 
Standpunkt der Beobachtung ein einziges, schmales und schwankes, 
Brett in's Unergründete hinaus zu schieben. 

Wir werden nicht viel auf dieser Grundlage aufbauen. Bringen 
wir die verschiedenen Stufen des Witzes in Beziehung zu den 
für sie günstigen seelischen Dispositionen, so können wir etwa 
sagen: Der Scherz entspringt aus der heiteren Stimmung, der 
eine N eigung zur H erabminderung der seelischen Besetzungen 
eigentümlich scheint. Er bedient sich bereits aller charakteristi- 
schen Techniken des Witzes und erfüllt bereits die Grundbedingung 
desselben durch die Auswahl eines solchen Wortmaterials oder einer 
solchen Gedankenverknüpfung, wie sie sowohl den Anforderungen 
der Lustgewinnung als auch denen der verständigen Kritik genügen. 
Wir werden schließen, daß das Herabsinken der Gedankenbesetzung 
zur unbewußten Stufe, durch die heitere Stimmung erleichcrt, schon 
beim Scherz zutreffe. Für den harmlosen, aber mit dem Aus- 
druck eines wertvollen Gedankens verknüpften Witz fällt diese 
Förderung durch die Stimmung weg; wir bedürfen hier der An- 
nahme einer besonderen persönlichen Eignung, die in der 
Leichtigkeit zum Ausdruck kommt, mit welcher die vorbewußte 
Besetzung fallen gelassen und für einen Moment mit der unbewuß- 
ten vertauscht wird. Eine stets lauernde Tendenz, den ursprüng- 
lichen Lustgewinn des Witzes zu erneuern, wirkt hiebe! 
herabziehend auf den noch schwankenden vorbewußten Ausdruck 
des Gedankens. In heiterer Stimmung sind wohl die meisten 



Unterschiede von Witz und Traum. 



153 



Menschen fähig, Scherze zu produzieren; die Eignung zum Witz 
ist nur bei wenigen Personen unabhängig von der Stimmung 
vorhanden. EndUch wirkt als kräftigste Anregung zur Witzarbeit 
das Vorhandensein starker, bis in's U nbewußte reichender Ten- 
denzen, die eine besondere Eignung zur witzigen Produktion dar- 
stellen und uns erklären mögen, daß die subjektiven Bedingungen 
des Witzes so häufig bei neurotischen Personen erfüllt sind. Unter 
dem Einfluß starker Tendenzen kann auch der sonst Ungeeignete 
witzig werden. 

Mit diesem letzten Beitrag, der wenn auch hypothetisch ge- 
bliebenen Aufklärung der Witzarbeit bei der ersten Person, ist aber 
unser Interesse am Witz streng genommen erledigt. Es erübrigt 
uns etwa noch eine kurze Vergleichung des Witzes mit dem 
besser bekannten Traum, der wir die Erwartung vorausschicken 
werden, daß zwei so verschiedenartige seelische Leistungen neben 
der einen bereits gewürdigten Übereinstimmung nur noch Unter- 
schiede erkennen lassen dürften. Der wichtigste Unterschied 
liegt in ihrem sozialen Verhalten. Der Traum ist ein vollkommen 
asoziales seelisches Produkt; er hat einem Anderen nichts mit- 
zuteilen; innerhalb einer Person als Kompromiß der in ihr ringen- 
den seelischen Kräfte entstanden, bleibt er dieser Person selbst 
unverständlich und ist darum für eine andere völlig uninteressant. 
Nicht nur, daß er keinen Wert auf Verständlichkeit zti legen 
braucht, er muß sich sogar hüten verstanden zu werden, da er 
sonst zerstört würde; er karm nur in der Vermummung bestehen. 
Er darf sich darum ungehindert des Mechanismus, der die un- 
bewußten Denkvorgänge beherrscht, bis zu einer nicht mehr 
redressierbaren Entstellung bedienen. Der Witz dagegen ist die 
sozialste aller auf Lustgewinn zielenden seelischen Leistungen. 
Er benötigt oftmals dreier Personen und verlangt seine Vollendung 
durch die Teilnahme eines Anderen an dem von ihm angeregten 
seelischen Vorgange. Er muß sich also an die Bedingung der 
Verständlichkeit binden, darf die im Unbewußten mögliche Ent- 
stellung durch Verdichtung und Verschiebung in keinem weiteren 
Ausmaße in Anspruch nehmen, als soweit dieselbe durch das Ver- 
ständnis der dritten Person redressierbar ist. Im übrigen sind die 
beiden, Witz und Traum, auf ganz verschiedenen Gebieten des 
Seelenlebens erwachsen und an weit von einander entlegenen 
Stellen des psychologischen Systems unterzubringen. Der Traum 
ist immer noch ein, wiewohl unkenntlich gemachter, Wunsch; 
der Witz ist ein entwickeltes Spiel. Der Traum behält trotz 
all seiner praktischen Nichtigkeit die Beziehung zu den großen 



IC. VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum. 

Interessen des Lebens bei; er sucht die Bedürfnisse auf dem 
regressiven Umwege der Halluzination zu erfüllen, und er ver- 
dankt seine Zulassung dem. einzig während des Nachtzustandes 
regen Bedürfnis zu schlafen. Der Witz hingegen sucht einen 
kleinen Lustgewinn aus der bloßen, bedürfnisfreien, Tätigkeit un- 
seres seelischen Apparats zu ziehen, später einen solchen als 
Nebengewinn während der Tätigkeit desselben zu erhaschen, und 
gelangt so sekundär zu nicht unwichtigen, der Außenwelt zu- 
gewendeten Funktionen. Der Traum dient vorwiegend der Un- 
lusterspamis, der Witz dem Lusterwerb; in diesen beiden Zielen 
treffen aber alle unsere seelischen Tätigkeiten zusammen. 



VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

Wir haben uns den Problemen des Komischen auf eine un- 
gewöhnliche Weise genähert. Es schien uns, daß der Witz, der 
sonst als eine Unterart der Komik betrachtet wird, genug der 
Eigentümlichkeiten biete, um direkt in Angriff genommen zu wer- 
den, und so sind wir seiner Beziehung zu der umfassenderen 
Kategorie des Komischen, solange es uns möglich war, aus- 
gewichen, nicht ohne unterwegs einige für's Komische verwertbare 
Hinweise aufzugreifen. Wir haben ohne Schwierigkeiten gefunden, 
daß das Komische sich sozial anders verhält als der Witz. Es 
kann sich mit nur zwei Personen begnügen, der einen, die das 
Komische findet, und der zweiten, an der es gefunden wird. Die 
dritte Person, der das Komische mitgeteilt wird, verstärkt den 
komischen Vorgang, fügt aber nichts Neues zu ihm hinzu. Beim 
Witz ist diese dritte Person zur Vollendung des lustbringenden 
V^organges unentbehrlich; dagegen kann die zweite wegfallen, wo 
es sich nicht um tendenziösen, aggressiven Witz handelt. Der Witz 
wird gemacht, die Komik wird gefunden, und zwar zu allererst 
an Personen, erst in weiterer Übertragung auch an Objekten, 
Situationen u. dgl. Vom Witz wissen wir, daß nicht fremde Per- 
sonen, sondern die eigenen Denkvorgänge die Quellen der zu 
fördernden Lust in sich bergen. Wir haben ferner gehört, daß 
der Witz gelegentlich unzugänglich gewordene Quellen der Komik 
wieder zu eröffnen weiß, und daß das Komische häufig dem Wiiz 
als Fassade dient und ihm die sonst durch die bekannte Technik 
herzustellende Vorlust ersetzt (S. 130). Es deutet dies alles gerade 
nicht auf sehr einfache Beziehungen zwischen Witz und Komik 
hin. Anderseits haben sich die Probleme des Komischen als so 
komplizierte erwiesen, allen Lösungsbestrebungen der Philosophen 
bisher so erfolgreich getrotzt, daß wir die Erwartung nicht auf- 
recht erhalten können, wir würden ihrer gleichsam durch einen 
Handstreich Meister werden, wenn wir von der Seite des Witzes 
her an sie herankommen. Auch brachten wir für die Erforschung 
des Witzes ein Instrument mit, welches Anderen noch nicht ge- 
dient hatte, die Kenntnis der Traumarbeit; zur Erkenntnis des 
Komischen steht uns kein ähnlicher Vorteil zu Gebote, und wir 
dürfen daher gewärtig sein, daß wir vom Wesen der Komik nichts 



156 



VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 



Anderes erkennen werden, als was sich uns bereits im Witz ge- 
zeigt hat, insoferne derselbe dem Komischen zugehört und gewisse 
Züge desselben unverändert oder modifiziert in seinem eigenen 

Wesen führt. 

Diejenige Gattimg des Komischen, welche dem Witze am 
nächsten steht, ist das Naive. Das Naive wird wie das Komische 
im allgemeinen gefunden, nicht wie der Witz gemacht, und zwar kann 
das Naive überhaupt nicht gemacht werden, während beim rein 
Komischen auch ein Komischmachen, ein Hervorrufen der Komik 
in Betracht kommt. Das Naive muß sich ohne unser Dazutun 
ergeben an den Reden und Handlungen anderer Personen, die 
an der Stelle der zweiten Person beim Komischen oder beim 
Witze stehen. Das Naive entsteht, wenn sich jemand über eine 
Hemmung voll hinaussetzt, weil eine solche bei ihm nicht vor- 
handen ist, wenn er sie also mühelos zu überwinden scheint. 
Bedingung für die Wirkung des Naiven ist, daß uns bekannt sei, 
er besitze diese Hemmung nicht, sonst heißen wir ihn nicht naiv, 
sondern frech, lachen nicht über ihn, sondern sind über ihn ent- 
rüstet. Die Wirkung des Naiven ist unwiderstehhch und scheint 
dem Verständnis einfach. Ein von uns gewohnheitsmäßig ge- 
machter Hemmungsaufwand wird durch das Anhören der naiven 
Rede plötzlich unverwendbar mid durch Lachen abgeführt; eine 
Ablenkung der Aufmerksamkeit braucht es dabei nicht, wahr- 
scheinlich, weil die Aufhebung der Hemmung direkt und nicht 
durch Vermittlung einer angeregten Operation erfolgt. Wir ver- 
halten uns dabei analog der dritten Person des Witzes, welcher 
die Hemmungsersparung ohne eigene Bemühung geschenkt wird. 

Nach den Einblicken in die Genese der Hemmungen, welche 
wir bei der Verfolgung der Entwicklung vom Spiel zum Witz 
gewonnen haben, wird es uns nicht wundern, daß das Naive zu 
allermeist am Kind gefunden wird, in weiterer Übertragung dann 
beim ungebildeten Erwachsenen, den wir als kindlich betreffs seiner 
intellektuellen Ausbildung auffassen können. Zum Vergleiche mit 
dem Witze bieten sich naive Reden natürlich besser als naive 
Handlungen, da Reden und nicht Handlungen die gcwöhnhchen 
Äußerungsformen des Witzes sind. Es ist nun bezeichnend, daß 
man naive Reden wie die der Kinder ohne Zwang auch als „naive 
Witze" benennen kaim. Die Übereinstimmung und die Begrün- 
dung der Verschiedenheit zwischen Witz und Naivität wird uns 
an einigen Beispielen leicht ersichtlich werden. 

Ein sVaJähriges Mädchen warnt seinen Bruder: Du, iß nicht 
soviel von dieser Speise, sonst wirst du krank werden und mußt 



Das Naive. 



157 



Bubizin nehmen. „Bubizin?" fragt die Mutter, „was ist denn das?" 
Wie ich krank war, rechtfertigt sich das Kind, habe ich ja auch 
Medizin nehmen müssen. Das Kind ist der Meinung, daß das 
vom Arzt verschriebene Mittel Madi — zin heißt, wenn es für das 
Mädi bestimmt ist, und schließt, daß es Bubi — zin heißen wird, 
wenn das Bubi es nehmen soll. Dies ist nun gemacht wie ein 
Wortwitz, der mit der Technik des Gleichklangs arbeitet, und 
könnte sich ja auch als wirklicher Witz zugetragen haben, in 
welchem Falle wir ihm halb widerwillig ein Lächeln geschenkt 
hätten. Als Beispiel einer Naivität scheint es uns ganz ausge- 
zeichnet und macht uns laut lachen. Was stellt aber hier den 
Unterschied zwischen dem Witz und dem Naiven her? Offenbar 
nicht der Wortlaut oder die Technik, die für beide Möglichkeiten 
die gleichen sind, sondern ein für den ersten Anblick von beiden 
recht ferne ab liegendes Moment. Es handelt sich nur darum, ob 
wir annehmen, daß der Sprecher einen Witz beabsichtigt habe, 
oder daß er — das Kind — im guten Glauben auf Grund seiner 
unkorrigierten Unwissenheit einen ernsthaften Schluß habe ziehen 
wollen. Nui' der letztere Fall ist einer der Naivität. Auf ein 
solches Sichhineinversetzen der anderen Person in den psychischen 
Vorgang bei der produzierenden Person werden wir hier zuerst 
aufmerksam gemacht. 

Die Untersuchung eines zweiten Beispieles wird diese Auf- 
fassung bestätigen. Ein Geschwisterpaar, ein I2jähriges Mädchen 
und ein lojähriger Knabe führen ein von ihnen selbst komponiertes 
Theaterstück vor einem Parterre von Onkeln und Tanten auf. 
Die Szene stellt eine Hütte am Meeresstrande dar. Im ersten 
Akt klagen die beiden Dichter- Schauspieler, ein armer Fischer 
und sein braves Weib, über die harten Zeiten und den schlechten 
Erwerb. Der Mann beschließt auf seinem Boot über das weite 
Meer zu fahren, um anderswo den Reichtum zu suchen, und nach 
einem zärtlichen Abschied der Beiden wird der Vorhang zugezogen. 
Der zweite Akt spielt einige Jahre später. Der Fischer ist als 
reicher Mann mit einem großen Geldbeutel zurückgekehrt und 
erzählt der Frau, die er vor der Hütte wartend antrifft, wie schön 
es ihm draußen geglückt ist. Die Frau unterbricht ihn stolz: 
Ich war aber auch nicht faul unterdessen, und öffnet seinen Blicken 
die Hütte, auf deren Boden man zwölf große Puppen als Kinder 
schlafen sieht ... An dieser Stelle des Schauspieles wurden die 
Darsteller durch ein sturmartiges Lachen der Zuschauer unter- 
brochen, welches sie sich nicht erklären konnten. Sie starrten 
verduzt auf die lieben Verwandten hin, die sich soweit anständig 



jeg VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

benommen und gespannt zugehört hatten. Die Voraussetzung, 
imter der dieses Lachen sich erklärt, ist die Annahme der Zu- 
schauer, daß die jungen Dichter noch nichts von den Bedingungen 
der Entstehung der Kinder wissen und darum glauben können, 
eine Frau würde sich der in längerer Abwesenheit des Mannes 
geborenen Nachkommenschaft rühmen und ein Mann sich mit ihr 
freuen dürfen. Was die Dichter auf Grund solcher Unwissenheit 
produzierten, kann man aber als Unsinn, als Absurdität bezeichnen. 

Ein drittes Beispiel wird uns eine noch andere Technik, die 
wir beim Witze kennen gelernt haben, im Dienste des Naiven 
zeigen. Für ein kleines Mädchen wird eine „Französin" als Gou- 
vernante aufgenommen, deren Person aber nicht ihren Beifall 
findet. Kaum daß die neu Engagierte sich entfernt hat, läßt 
die Kleine ihre Kritik verlauten : Das soll eine Französin sein I 
Vielleicht heißt sie sich so, weil sie einmal bei einem Franzosen 
gelegen ist ! Dies könnte ein sogar erträglicher Witz sein — 
Doppelsinn mit Zweideutigkeit oder zweideutiger Anspielimg, wenn 
das Kind von der Möglichkeit des Doppelsinnes eine Ahnung 
gehabt hätte. In Wirklichkeit hatte sie nur eine oft geborte 
scherzhafte Behauptung der Unechtheit auf die ihr unsympathische 
Fremde übertragen. („Das soll echtes Gold sein? Das ist viel- 
leicht einmal bei Gold gelegen!") Wegen dieser Unkenntnis dos 
Kindes, die den psychischen Vorgang bei den verstehenden Zu- 
hörern so gründlich abändert, wird seine Rede eine naive. In- 
folge dieser Bedingung gibt es aber auch ein mißverständlich 
Naives; man kann beim Kind eine Unwissenheit annehmen, die 
nicht mehr besteht, und Kinder pflegen sich häufig naiv zu stellen, 
um sich einer Freiheit zu bedienen, die ihnen sonst nicht zu- 
gestanden würde. 

An diesen Beispielen kann man die Stellung des Naiven 
zwischen dem Witz und dem Komischen erläutern. Mit dem Witz 
stimmt das Naive (der Rede) im Wortlaut und im Inhalt überein, 
es bringt einen Wortmißbrauch, einen Unsinn oder eine Zote zu 
Stande. Aber der psychische Vorgang in der ersten produzieren- 
den Person, der uns beim Witze so viel des Interessanten und 
Rätselhaften bot, entfällt hier völlig. Die naive Person vermeint 
sich ihrer Ausdrucksmittel und Denkwege in normaler und ein- 
facher Weise bedient zu haben und weiß nichts von einer Neben- 
absicht; sie zieht aus der Produktion des Naiven auch keinen 
Lustgewinn. Alle Charaktere des Naiven bestehen nur in der 
Auffassimg der anhörenden Person, die mit der dritten Person 
des Witzes zusammenfällt. Die produzierende Person erzeugt 



Das Naive dem Witze am nächsten. 



159 



ferner das Naive mühelos; die komplizicrtt; Technik, die beim 
Witz dazu bestimmt ist, die Hemmung durch die verständige 
Kritik zu lähmen, entfällt bei ihr, weil sie diese Hemmung noch 
nicht besitzt, so daß sie Unsinn und Zote unmittelbar und ohne 
Kompromiß von sich geben kann. Insoferne ist das Naive der 
Grenzfall des Witzes, der sich herausstellt, wenn man in der Formel 
der Witzbildung die Größe dieser Zensur auf Null herumersetzt. 

War es für die Wirksamkeit des Witzes Bedingung, daß 
beide Personen unter ungefähr gleichen Hemmungen oder inneren 
Widerständen stehen, so läßt sich also als Bedingung des Naiven 
erkennen, daß die eine Person Hemmungen besitze, deren die 
andere entbehrt. Bei der mit Hemmungen versehenen Person 
liegt die Auffassung des Naiven, ausschließlich bei ihr kommt der 
Lustgewinn, den das Naive bringt, zu stände, und wir sind nahe 
daran zu erraten, daß diese Lust durch Hemmungsaufhebung ent- 
steht. Da die Lust des Witzes der nämhchen Herkunft ist, — 
ein Kern von Wort- und Unsinnslust und eine Hülle von Auf- 
hebungs- und Erleichterungslust, — so begründet diese ähnliche Be- 
ziehung zur Hemmung die innere Verwandtschaft des Naiven mit 
dem Witze. Bei beiden entsteht die Lust durch Aufhebung von 
innerer Hemmung. Der psychische Vorgang bei der rezeptiven 
Person (mit der beim Naiven unser Ich regelmäßig zusammen- 
fällt, während wir uns beim Witz auch an die Stelle der produktiven 
setzen können) ist aber im Falla des Naiven um so viel komplizierter, 
als der bei der produktiven Person im Vergleich mit dem Witze 
vereinfacht ist. Auf die rezeptive Person muß das gehörte Naive 
einerseits wirken wie ein Witz, wofür gerade unsere Beispiele 
Zeugnis ablegen können, denn ihr ist wie beim Witz die Auf- 
hebung der Zensur durch die bloße Mühe des Anhörens ermög- 
licht worden. Aber nur ein Teil der Lust, die das Naive schafft, 
läßt diese Erklärung zu, ja selbst dieser wäre in anderen Fällen 
des Naiven, z, B. beim Anhören von naiven Zoten gefährdet. 
Man könnte auf eine naive Zote ohne weiteres mit der nämlichen 
Entrüstung reagieren, die sich etwa gegen die wirkliche Zote erhebt, 
wenn nicht ein anderes Moment uns diese Entrüstung ersparen 
und gleichzeitig den bedeutsameren Anteil der Lust am Naiven 
liefern würde. 

Dieses andere Moment ist uns durch die vorhin erwähnte 
Bedingung gegeben, daß uns, um das Naive anzuerkennen, das 
Fehlen der inneren Hemmimg bei der produzierenden Person be- 
kannt sein müsse. Nur wenn dies gesichert ist, lachen wir anstatt 
uns zu entrüsten. Wir ziehen also den psychischen Zustand der 



M 



,5o Vn. Der Witz und die Arten des Komischen. jf 

produzierenden Person in Betracht, versetzen uns in denselben, 
suchen ihn zu verstehen, indem wir ihn mit dem unserigen ver- 
gleichen. Aus solchem Sichhineinversetzen und Vergleichen resul- 
tiert eine Ersparung von Aufwand, die wir durch Lachen abführen. 
Man könnte die einfachere Darstellung bevorzugen, durch 
die Überlegung, daß die Person keine Hemmung zu überwinden 
brauchte, werde unsere Entrüstung überflüssig; das Lachen ge- 
schehe also auf Kosten der ersparten Entrüstung. Um diese im 
allgemeinen irreführende Auffassung ferne zu halten, will ich zwei 
Fälle schärfer sondern, die ich in obiger Darstellung vereinigt 
hatte. Das Naive, das vor uns hintritt, kann entweder von der 
Natur des Witzes sein wie in unseren Beispielen, oder von der 
Natur der Zote, des Anstößigen überhaupt, was dann besonders 
zutreffen wird, wenn es sich nicht als Rede, sondern als I-iandlung 
äußert. Dieser letztere Fall ist wirkUch irreführend; man könnte 
für ihn annehmen, die Lust entstehe aus der ersparten und um- 
gewandelten Entrüstung. Aber der erstere Fall ist der aufklärende. 
Die naive Rede z. B. vom Bubizin, kann an sich wirken wie em 
geringer Witz und zur Entrüstung keinen Anlaß geben; es ist 
dies gewiß der seltenere aber der reinere und bei Weitem lehr- 
reichere Fall. Sowie wir nun daran denken, daß das Kind die 
Silben „Medi" in „Medizin" ernsthaft und ohne Nebenansicht für 
identisch mit seinem eigenen Namen „Mädi" gehalten hat, erfährt 
die Lust am Gehörten eine Steigerung, die nichts mehr mit der 
Witzeslust zu tun hat. Wir betrachten jetzt das Gesagte von 
zweierlei Standpunkten, einmal so, wie es sich beim Kind ergeben 
hat, und dann so, wie sich es für uns ergeben würde, finden bei 
diesem Vergleich, daß das Kind eine Identität gefunden, eine 
Schranke überwunden hat, die für uns besteht, und dann geht 
es etwa so weiter, als ob wir uns sagen würden: Wenn du das 
Gehörte verstehen willst, kannst du dir den Aufwand für die 
Einhaltung dieser Schranke ersparen. Der bei solchem Vergleich 
frei gewordene Aufwand ist die Quelle der Lust am Naiven und 
wird durch Lachen abgeführt; es ist allerdings der nämliche, den 
wir sonst in Emrüstung verwandelt hätten, wenn das Verständnis 
der produzierenden Person und hier auch die Natur des Gesagten 
eine solche nicht ausschlößen. Nehmen wir aber den Fall des 
naiven Witzes als vorbildlich für den anderen Fall des naiv 
Anstößigen, so sehen wir, daß auch hier die Ersparung an Hem- 
mung direkt aus der Vergleichung hervorgehen kann, daß wir 
nicht notwendig haben, eine beginnende und dann erstickte Ent- 
rüstung anzunehmen und daß die letztere nur einer anderweirigen 



Die Quelle der komischen Lust beim Naiven. i6i 

Verwendung des frei gewordenen Aufwandes entspricht, gegen 
welche beim Witze komphzicrte Schutzeinrichtungen erforder- 
lich waren. 

Dieser Vergleich, diese Ersparung an Aufwand beim Sich- 
hineinversetzen in den seelischen Vorgang der produzierenden 
Person, können für das Naive nur dann eine Bedeutung be- 
anspruchen, wenn sie nicht ihm allein zukommen. In der Tat 
entsteht bei uns die Vermutung, daß dieser dem Witz völlig fremde 
Mechanismus, ein Stück, vielleicht das wesentliche Stück des psy- 
chischen Vorganges beim Komischen ist. Von dieser Seite ~ 
es ist gewiß die wichtigste Ansicht des Naiven — steHt sich das 
Naive also als eine Art des Komischen dar. Was bei unseren 
Beispielen von naiven Reden zur Witzeslust dazukommt, ist „komi- 
sche" Lust. Von dieser wären wir geneigt ganz allgemein an- 
zunehmen, daß sie durch ersparten Aufwand bei Vergleichung 
der Äußerungen eines Anderen mit den unserigen entstehe. Da 
wir aber hier vor weit ausgreifenden Anschauungen stehen,, wollen 
wir vorerst die Würdigung des Naiven abschließen. Das Naive 
wäre also eine Art des Komischen, insoferne seine Lust aus der 
Aufwanddifferenz entspringt, die sich beim Verstehenwollen des 
Anderen ergibt, und es näherte sich dem Witz durch die Bedingung, 
daß der bei der Vergleichung ersparte Aufwand ein Hemmungs- 
aufwand sein muß.*) 

Stellen wir noch rasch einige Übereinstimmungen und Unter- 
scheidungen fest zwischen den Begriffen, zu denen wir zuletzt 
gelangt sind, und jenen, die seit Langem in der Psychologie der 
Komik genannt werden. Das Sichhineinversetzen, Verstehen wollen 
ist offenbar nichts Anderes als das „komische Leihen", das seit 
Jean Paul in der Analyse des Komischen eine Rolle spielt; das 
„Vergleichen" des seelischen Vorganges beim Anderen mit dem 
eigenen entspricht dem „psychologischen Kontrast", für den wir 
hier endlich eine Stelle finden, nachdem wir beim Witze mit ihm 
nichts anzufangen wußten. In der Erklärung der komischen Lust 
weichen wir aber von vielen Autoren ab, bei denen die Lust durch 
das Hin- und Herschwanken der Aufmerksamkeit zwischen den 
kontrastierenden Vorstellungen entstehen soll. Wir wüßten einen 
solchen Mechanismus der Lust nicht zu begreifen, wir weisen darauf 

*) Ich habe hier überall das Naive mit dem Naivkomischen identifiziert, 
was gewiß nicht allgemein zulässig ist. Aber es genügt unseren Absichten, 
die Charaktere des Naiven am „naiven Witz" und an der „naiven Zote" 
zu studieren. Ein weiteres Eingehen würde die Absicht voraussetzen, von 
hier aus das Wesen des Komischen zu ergründen. 

Freua, Der Wlt». H 



l62 



VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 



hin, daß bei der Vergleichung der Kontraste sich eine Aufwand- 
differenz herausstellt, welche, wenn sie keine andere Verwendung 
erfährt, abfuhrfähig und dadurch Lustquelle wird.*} 

An das Problem des Komischen selbst wagen wir uns nur 
mit Bangen heran. Es wäre vermessen zu erwarten, daß unsere 
Bemühungen etwas Entscheidendes zu dessen Lösung beitragen 
könnten, nachdem die Arbeiten einer großen Reihe von ausgezeich- 
neten Denkern eine allseitig befriedigende Aufklärung nicht ergeben 
haben. Wir beabsichtigen wirklich nichts Anderes als jene Gesichts- 
punkte, die sich uns als wertvoll für den Witz erwiesen haben, 
eine Strecke weit in's Gebiet des Komischen zu verfolgen. 

Das Komische ergibt sich zunächst als ein unbeabsichtigter 
Fund aus den sozialen Beziehungen der Menschen. Es wird an 
Personen gefunden, und zwar an deren Bewegungen, Formen, 
Handlungen und Charakterzügen, wahrscheinlich ursprünghch nur 
an den körperlichen, später auch an den seelischen Eigenschaften 
derselben, beziehungsweise an deren Äußerungen. Durch eine sehr 
gebräuchliche Art von Personifizierung werden dann auch Tiere 
und unbelebte Objekte komisch. Das Komische ist indes der 
Ablösung von den Personen fähig, indem die Bedingung erkannt 
wird, unter welcher eine Person komisch erscheint. So entsteht 
das Komische der Situation, und mit solcher Erkenntnis ist die 
Möglichkeit vorhanden, eine Person nach Beheben komisch zu 
machen, indem man sie in Situationen versetzt, in denen ihrem 
Tun diese Bedingungen des Komischen anhängen. Die Entdeckung, 
daß man es in seiner Macht hat, einen Anderen komisch zu machen, 
eröffnet den Zugang zu ungeahntem Gewinn an komischer Lust 
und gibt einer hochausgebildeten Technik den Ursprung. Man 
kann auch sich selbst ebensowohl komisch machen wie andere. 
Die Mittel, die zum Komischmachen dienen, sind: die Versetzung 
in komische Situationen, die Nachahmung, Verkleidung, Entlarvung, 
Karikatur, Parodie und Travestie u. a. Wie selbstverständig können 
diese Techniken in den Dienst feindseliger und aggressiver Ten- 
denzen treten. Man kann eine Person komisch machen, um sie 
verächtlich werden zu lassen, um ihr den Anspruch auf Würde 



•) Auch Bergson (Le rire, 1904) weist {S. 99) eine solche Ableitung 
der komischen Lust, die unverkennbar durch das Bestreben beeinflußt 
worden ist, eine Analogie mit dem Lachen des Gekitzelten zu schaffen, 
mit guten Argumenten ab. — Auf einem ganz anderen Niveau steht die 
Erklärung der komischen Lust bei Lipps, die im Zusammenhange mit 
seiner Auffassung des Komischen als eines „unerwarteten Kiemen" dar- 
zustellen wäre. 



Vorkommen und Urspmngsgebiete des Komischen. 163 

und Autorität zu benehmen. Aber selbst wenn solche Absicht dem 
Komischmachen regelmäßig zu Grunde läge, brauchte dies nicht 
der Sinn des spontan Komischen zu sein. 

Aus dieser ungeordneten Übersicht über das Vorkommen des 
Komischen ersehen wir bereits, daß ihm ein sehr ausgedehntes 
Ursprungsgebiet zugesprochen werden muß, und daß so speziali- 
sierte Bedingungen wie z. B. beim Naiven beim Komischen nicht 
zu erwarten sind. Um der für das Komische gütigen Bedingung 
auf die Spur zu kommen, ist die Wahl eines Ausgangsfalles das 
Bedeutsamste; wir wählen die Komik der Bewegungen, weil wir 
uns erinnern, daß die primitivste Bühnendarstellung, die der Pan- 
tomime, sich dieses Mittels bedient, um uns lachen zu machen. 
Die Antwort, warum wir über die Bewegungen der Clowns lachen, 
würde lauten, weil sie uns übermäßig und unzweckmäßig erscheinen. 
Wir lachen über einen allzu großen Aufwand. Suchen wir die 
Bedingung außerhalb der künsthch gemachten Komik, also dort, 
wo sie sich unabsichtlich finden läßt. Die Bewegungen des Kindes 
erscheinen uns nicht komisch, obwohl das Kind zappelt und springt. 
Komisch ist es dagegen, wenn das Kind beim Schreibenlemen 
die herausgestreckte Zunge die Bewegungen des Federstils mit- 
machen läßt; wir sehen in diesen Mitbewegungen einen über- 
flüssigen Bewegungsaufwand, den wir uns bei der gleichen Tätig- 
keit ersparen würden. In gleicher Weise sind uns andere Mit- 
bewegungen oder auch bloß übermäßig gesteigerte Ausdrucks- 
bewegungen komisch auch bei Erwachsenen. So sind ganz reine 
Fälle dieser Art von Komik die Bewegungen, die der Kegel- 
schieber ausführt, nachdem er die Kugel entlassen hat, solange 
er ihren Lauf verfolgt, als könnte er diesen noch nachträglich 
regulieren; so sind alle Grimassen komisch, welche den normalen 
Ausdruck der Gemütsbewegungen übertreiben, auch dann, wenn 
sie unwillkürlich erfolgen wie bei an Veitstanz (Chorea St. Viti) 
leidenden Personen; so werden die leidenschaftlichen Bewegungen 
eines modernen Dirigenten jedem Unmusikalischen komisch er- 
scheinen, der ihre Notwendigkeit nicht zu verstehen weiß. Ja, 
von dieser Komik der Bewegungen zweigt das Komische der 
Körperformen und Gesichtszüge ab, indem diese aufgefaßt werden, 
als seien sie das Ergebnis einer zu weit getriebenen und zweck- 
losen Bewegung. Aufgerissene Augen, eine hakenförmig zum 
Mund abgebogenen Nase, abstehende Ohren, ein Buckel, all der- 
gleichen wirkt wahrscheinlich nur komisch, insoferne die Be- 
wegungen vorgestellt werden, die zum Zustandekommen dieser 
Züge notwendig wären, wobei Nase, Ohren und andere Körper- 



164 



VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 



teile der Vorstellung beweglicher gelten, als sie es in Wirklichkeit 
sind. Es ist ohne Zweifel komisch, wenn jemand „mit den Ohren 
wackeln" kann, und es wäre ganz gewiß noch komischer, wenn 
er die Nase heben oder senken könnte. Ein gutes Stück der 
komischen Wirkung, welche die Tiere auf uns äußern, kommt 
von der Wahrnehmung solcher Bewegungen an ihnen, die wir 
nicht nachahmen können. 

Auf welche Weise gelangen wir aber zum Lachen, wenn wir 
die Bewegungen eines Anderen als übermäßig und unzweckmäßig 
erkannt haben? Auf dem Wege der Vergleichung, meine ich, 
zwischen der am Anderen beobachteten Bewegung und jener, die 
ich selbst an ihrer statt ausgeführt hätte. Die beiden Verglichenen 
müssen natürlich auf gleiches Maß gesetzt werden, und dieses Maß 
ist mein, mit der Vorstellung der Bewegung in dem einen wie im 
anderen Falle verbundener, Innervationsaufwand. Diese Behaup- 
tung bedarf der Erläuterung und weiterer Ausführung. 

Was wir hier in Beziehung zu einander setzen, ist einerseits 
der psychische Aufwand bei einem gewissen Vorstellen und ander- 
seits der Inhalt dieses Vorgestellten. Unsere Behauptung geht 
dahin, daß der erstere nicht allgemein und prinzipiell unabhängig 
sei vom letzteren, vom Vorstellungsinhalt, insbesondere daß die 
Vorstellung eines Großen einen Mehraufwand gegen die eines 
Kleinen erfordere. Solange es sich nur um die Vorstellung ver- 
schieden großer Bewegungen handelt, dürfte uns die theoretische 
Begründung unseres Satzes und sein Erweis durch die Beobach- 
tung keine Schwierigkeiten bereiten. Es wird sich zeigen, daß 
in diesem Falle eine Eigenschaft der Vorstellung tatsächUch mit 
einer Eigenschaft des Vorgestellten zusammenfällt, obwohl die 
Psychologie uns sonst vor solcher Verwechslung warnt. 

Die Vorstellung von einer bestimmt großen Bewegung habe 
ich erworben, indem ich diese Bewegung ausführte oder nach- 
ahmte, und bei dieser Aktion habe ich in meinen Innervations- 
empfindungen ein Maß für diese Bewegung kennen gelernt.*) 

Wenn ich nun eine ähnUche, mehr oder minder große Be- 
wegung bei einem Anderen wahrnehme, wird der sicherste Weg 

•) Die Erinnerung an diesen Innervationsaufwand wird das wesent- 
liche Stück der Vorstellung von dieser Bewegung bleiben, und es wird 
immer Denkweisen in meinem Seelenleben geben, bei welchen die Vor- 
stellung durch nichts Anderes als diesen Aufwand repräsentiert wird. In 
anderen Zusammenhängen mag ja ein Ersatz dieses Elements durch 
andere, z. B. durch die visuellen Vorstellungen des Bewegungszieles, 
durch die Wortvorstellung, eintreten, und bei gewissen Arten des abstrakten 
Denkens wird ein Zeichen anstatt des vollen Inhalts der Vorstellung genügen. 



Komik der Bewegung. — Vorstellungsminiik. 165 

zum Verständnis — zur Apperzeption — derselben sein, daß ich 
sie nachahmend ausführe, und dann kann ich durch den Ver- 
gleich entscheiden, bei welcher Bewegung mein Aufwand größer 
war. Ein solcher Drang zur Nachahmung tritt gewiß beim Wahr- 
nehmen von Bewegungen auf. In Wirklichkeit aber führe ich 
die Nachahmung nicht durch, sowenig wie ich noch buchstabiere, 
wenn ich durch das Buchstabieren das Lesen erlernt habe. An 
Stelle der Nachahmung der Bewegung durch meine Muskeln 
setze ich das Vorstellen derselben vermittels meiner Erinnerungs- 
spuren an die Aufwände bei ähnlichen Bewegungen. Das Vor- 
stellen oder „Denken" unterscheidet sich vom Handeln oder 
Ausführen vor allem dadurch, daß es sehr viel geringere Be- 
setzungsenergien in Verschiebung bringt und den Hauptaufwand 
vom Abfluß zurückhält. Auf welche Weise wird aber das quanti- 
tative Moment — das mehr oder minder Große — der wahr- 
genommenen Bewegung in der Vorstellung zu Ausdruck gebracht? 
Und wenn eine Darstellung der Quantität in der aus Qualitäten 
zusammengesetzten Vorstellung wegfällt, wie kann ich dann die 
Vorstellungen verschieden großer Bewegungen unterscheiden, den 
Vergleich anstellen, auf den es hier ankommt ? 

Hier weist uns die Physiologie den Weg, indem sie uns lehrt, 
daß auch während des Vorstellens Innervationen zu den Muskeln 
ablaufen, die freilich nur einem bescheidenen Aufwand entsprechen. 
Es liegt aber jetzt sehr nahe anzunehmen, daß dieser das Vor- 
stellen begleitende Innervationsaufwand zur Darstellung des quan- 
titativen Faktors der Vorstellung verwendet wird, daß er größer 
ist, wenn eine große Bewegung vorgestellt wird, als wenn es 
sich um eine kleine handelt. Die Vorstellung der größeren Be- 
wegung wäre also hier wirklich die größere, d. h. von größerem 
Aufwand begleitete Vorstellung. 

Die Beobachtung zeigt nun unmittelbar, daß die Menschen 
gewöhnt sind, das Groß und Klein in ihren Vorstellungsinhalten 
durch mannigfachen Aufwand in einer Art von Vorstellung s- 
mimik zum Ausdruck zu bringen. 

Wenn ein Kind oder ein Mann aus dem Volke oder ein 
Angehöriger gewisser Rassen etwas mitteilt oder schildert, so kann 
man leicht sehen, daß er sich nicht damit begnügt, seine Vor- 
stellung durch die Wahl klarer Worte dem Hörer deutlich zu 
machen, sondern daß er auch den Inhalt derselben in seinen 
Ausdrucksbewegungen darstellt; er verbindet die mimische mit der 
wörtHchen "Darstellung. Er bezeichnet zumal die Quantitäten und 
Intensitäten. „Ein hoher Berg", dabei hebt er die Hand über seinen 



L 



i66 



VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 



Kopf; „ein kleiner Zwerg", dabei hält er sie nahe an den Boden. 
Er mag es sich abgewöhnt haben, mit den Händen zu malen, 
so wird es darum doch mit der Stimme tun, und wenn er sich 
auch darin beherrscht, so mag man wetten, daß er bei der Schil- 
derung von etwas Großem die Augen aufreißt und bei der Dar- 
stellung von etwas Kleinem die Augen zusammendrückt. Es sind 
nicht seine Affekte, die er so äußert, sondern wirklich der Inhalt 
des von ihm Vorgestellten. 

Soll man nun annehmen, daß dies Bedürfnis nach Mimik 
erst durch die Anforderung der Mitteilung geweckt wird, während 
doch ein gutes Stück dieser Darstellungsweise der Aufmerksam- 
keit des Hörers überhaupt entgeht? Ich glaube vielmehr, daß 
diese Mimik, wenn auch minder lebhaft, abgesehen von jeder 
Mitteilung besteht, daß sie auch zu stände kommt, wenn die 
Person für sich allein vorstellt, etwas anschaulich denkt; daß diese 
Person dann das Groß und Klein an ihrem Körper ebenso wie wäh- 
rend der Rede zum Ausdruck bringt, durch veränderte Innervation 
an ihren Gesichtszügen und Sinnesorganen wenigstens. Ja ich 
kann mir denken, daß die dem Inhalt des Vorgestellten konsen- 
suelle Körperinnervation der Beginn und Ursprung der Mimik zu 
Mitteilungszwecken war ; sie brauchte ja nur gesteigert, dem 
Anderen auffällig gemacht zu werden, um dieser Absicht dienen 
zu können. Wenn ich so die Ansicht vertrete, daß zu dem „A"^" 
druck der Gemütsbewegungen", der als körperliche Nebenwirkung 
seelischer Vorgänge bekannt ist, dieser „Ausdruck des Vorstel- 
lungsinhalts" hinzugefügt werden sollte, so ist mir gewiß klar, 
daß meine auf die Kategorie des Großen und Kleinen bezüglichen 
Bemerkungen das Thema nicht erschöpfen. Ich wüßte selbst noch 
mancherlei dazu zu tun, noch ehe man zu den Spannungsphäno- 
menen gelangt, durch welche eine Person die Sammlung ihrer 
Aufmerksamkeit und das Niveau der Abstraktion, auf dem ihr 
Denken eben verweilt, körperlich anzeigt. Ich halte den Gegen- 
stand für recht bedeutsam und glaube, daß die Verfolgung der 
Vorstellungsmimik auf anderen Gebieten der Ästhetik ähnhch nütz- 
lich sein dürfte wie hier für das Verständnis des Komischen. 

Um nun zur Komik der Bewegung zurückzukehren, wiederhole 
ich, daß mit der Wahrnehmung einer bestimmten Bewegung der 
Impuls zu ihrer Vorstellung durch einen gewissen Aufwand ge- 
geben sein wird- Ich mache also beim „Verstehenwollen", bei 
der Apperzeption dieser Bewegung einen gewissen Aufwand, ver- 
halte mich bei diesem Stück des seeUschen Vorganges ganz so, 
als ob ich mich an die Stelle der beobachteten Person versetzte. 



Der Vergleich zweier Aufwände als Lustquelle. 



167 



Wahrscheinlich gleichzeitig fasse ich aber das Ziel dieser Be- 
wegung in's Auge und kann duixh frühere Erfahrung das Maß 
von Aufwand abschätzen, welches zur Erreichung dieses Zieles 
erforderlich ist. Ich sehe dabei von der beobachteten Person ab 
und benehme mich so, als ob ich selbst das Ziel der Bewegung 
erreichen wollte. Diese beiden Vorstellungstätigkcitcn kommen 
auf einen Vergleich der beobachteten mit meiner eigenen Be- 
wegung hinaus. Bei einer übermäßigen und unzweckmäßigen 
Bewegung des Anderen wird mein Mehraufwand für's Verständnis 
in statu nascendi, gleichsam in der Mobilmachung gehemmt, als 
überflüssig erklärt und ist für weitere Verwendung, eventuell für 
die Abfuhr durch Lachen, frei. Dieser Art wäre, wenn andere 
günstige Bedingungen hinzutreten, die Entstehung der Lust an 
der komischen Bewegung, ein bei der Vergleichung mit der eigenen 
Bewegung als Überschuß unverwendbar gewordener Inncrvations- 
aufwand. 

Wir merken nun, daß wir unsere Erörterungen nach zwei 
verschiedenen Richtungen fortzusetzen haben, erstens, um die 
Bedingungej'. für die Abfuhr des Überschusses festzustellen, 
zweitens um zu prüfen, ob die anderen Fälle des Komischen sich 
ähnlich fassen lassen wie das Komische der Bewegung. 

Wir wenden uns der letzteren Aufgabe zuerst zu und ziehen 
nach dem Komischen der Bewegung und Handlung das Komische 
in Betracht, das an den geistigen Leistungen und Charakterzügen 
des Anderen gefunden wird. 

Wir können den komischen Unsinn, wie er von unwissenden 
Kandidaten im Examen produziert wird, zum Muster der Gattung 
nehmen; schwieriger ist es wohl, von den Charakterzügen ein ein- 
faches Beispiel zu geben. Es darf uns nicht irre machen, daß 
Unsinn und Dummheit, die so häufig komisch wirken, doch nicht 
in allen Fällen als komisch empfunden werden, ebenso wie die 
nämlichen Charaktere, über die wir das eine Mal als komisch 
lachen, andere Male uns als verächtlich oder hassenswert er- 
scheinen können. Diese Tatsache, der Rechnung zu tragen wir 
nicht vergessen dürfen, deutet doch nur darauf hin, daß für die 
komische Wirkung noch andere Verhältnisse als die der uns 
bekannten Vergleichung in Betracht kommen, Bedingungen, denen 
wir in anderem Zusammenhange nachspüren können. 

Das Komische, das an geistigen imd seelischen Eigenschaften 
eines Anderen gefunden wird, ist offenbar wiederum Ergebnis 
einer Vergleichung zwischen ihm und meinem Ich, aber merk- 
würdigerweise einer Vergleichung, die zumeist das entgegengesetzte 



i68 VII. Der Witz und die Arten des Komisclien. 

Resultat geliefert hat wie im Falle der komischen Bewegimg oder 
llandlung. In diesem letzteren Falle war es komisch, wenn der 
Andere sich mehr Aufwand auferlegt hatte, als ich zu gebrauchen 
glaubte; im Falle der seeUschen Leistung wird es hingegen 
komisch, wenn der Andere sich Aufwand erspart hat, den ich 
für unerläßlich halte, denn Unsinn und Dummheit sind ja Minder- 
leistungen. Im ersteren Falle lache ich, weil er es sich zu schwer, 
im letzteren, weil er's sich zu leicht gemacht hat. Es kommt also 
scheinbar für die komische Wirkung nur auf die Differenz zwischen 
den beiden Besetzungsaufwänden — dem der „Einfühlung" und 
dem des Ich's — an und nicht darauf, zu wessen Gunsten diese 
Differenz aussagt. Diese unser Urteil zunächst verwirrende 
Sonderbarkeit schwindet aber, wenn man in Erwägung zieht, daß 
es in der Richtung unserer persönlichen Entwicklung zu einer 
höheren Kulturstufe Hegt, unsere Muskelarbeit einzuschränken und 
unsere Gedankenarbeit zu steigern. Durch Erhöhung unseres 
Denkaufwandes erzielen wir eine Verringerung unseres Bewegungs- 
aufwandes für die nämliche Leistung, von. welchem Kulturerfolg 
ja unsere Maschinen Zeugnis ablegen.*) 

Es fügt sich also einem einheitlichen Verständnis, wenn der- 
jenige uns komisch erscheint, der für seine körperlichen Leistungen 
zuviel und für seine seelischen Leistungen zu wenig Aufwand im 
Vergleich mit uns treibt, und es ist nicht abzuweisen, daß unser 
Lachen in diesen beiden Fällen der Ausdruck der lustvoll emp- 
fundenen Überlegenheit ist, die wir uns ihm gegenüber zusprechen. 
Wenn da.'i Verhältnis sich in beiden Fällen umkehrt, der somatische 
Aufwand des Anderen geringer und sein seelischer größer ge- 
funden wird als der unserige, dann lachen wir nicht mehr, dann 
staunen und bewundern wir.**) 

Der hier erörterte Ursprung der komischen Lust aus der 
Vergleichung der anderen Person mit dem eigenen Ich — aus 
der Differenz zwischen dem Einfühlungsaufwand und dem eigenen 
— ist wahrscheinlich der genetisch bedeutsamste. Sicher steht 
aber, daß er nicht der einzige geblieben ist. Wir haben irgend 
einmal gelernt, von solcher Vergleichung zwischen dem Anderen 
und dem Ich abzusehen und die lustbringende Differenz uns von 

*) „Was man nicht im Kopfe hat," sagt das Sprichwort, „muß man 
in den Beinen haben." 

*p Diese durchgehende Gegensätzlichkeit in den Bedingungen des 
. Komischen, daß bald ein Zuviel, bald ein Zuwenig als die Quelle der 
komischen ^.ust erscheint, hat zur Verwirrung des Problems nicht wenig 
beigetragen. :.Vgl. Lipps 0- S S. 47). 



Situationskomik. 



169 



nur einer Seite her zu holen, sei es von der Einfühlung her, sei 
es aus den Vorgängen im eigenen Icli, womit der Beweis erbracht 
ist, daß das Gefülil der Überlegenheit keine wesentliche Beziehung 
zur komischen Lust hat. Eine Vergleichung ist für die Entstehung 
dieser Lust unentbehrlich; wir finden, daß diese Vergleichung statt 
hat zwischen zwei rasch auf einander folgenden und auf dieselbe 
Leistung bezüglichen Besetzungsaufwänden, die wir entweder auf 
dem Wege der Einfühlung in den Anderen bei uns herstellen 
oder ohne solche Beziehung in unseren eigenen seelischen Vor- 
gängen finden. Der erste Fall, bei dem die andere Person also 
noch eine Rolle spielt, nur nicht ihr Vergleich mit unserem Ich, 
ergibt sich, wenn die lustbringende Differenz der Besetzungsauf- 
wände hergestellt wird durch äußere Einflüsse, die wir als „Situa- 
tion' ' zusammenfassen können, weshalb diese Art Komik auch 
Situationskomik genannt wird. Die Eigenschaften der Person, 
welche das Komische liefert, kommen dabei nicht hauptsächlich 
in Betracht; wir lachen, auch wenn wir uns sagen müssen, daß 
wir in derselben Situation das nämliche hätten tun müssen. Wir 
ziehen hier die Komik aus dem Verhältnis des Menschen zur 
oft übermächtigen Außenwelt, als welche sich für die seelischen 
Vorgänge im Menschen auch die Konventionen und Notwendig- 
keiten der Gesellschaft, ja selbst seine eigenen leiblichen Bedürf- 
nisse darstellen. Ein typischer Fall der letzten Art ist es, wenn 
jemand in einer Tätigkeit, die seine seelischen Kräfte in Anspruch 
nimmt, plötzHch gestört wird durch einen Schmerz oder ein exkre- 
mentelles Bedürfnis. Der Gegensatz, welcher uns bei der Ein- 
fühlung die komische Differenz liefert, ist der zwischen dem hohen 
Interesse vor der Störung und dem minimalen, welches er nach 
Eintritt der Störung noch für seine seelische Tätigkeit übrig hat. 
Die Person, die uns diese Differenz liefert, wird uns wiederum 
als eine unterlegene komisch; sie ist aber nur unterlegen im Ver- 
gleiche mit ihrem früheren Ich und nicht im Vergleiche zu uns, 
da wir wissen, daß wir uns im gleichen Fallen nicht anders be- 
nehmen könnten. Es ist aber bemerkenswert, daß wir dieses 
Unterliegen des Menschen nur im Falle der Einfühlung, also beim 
Anderen, komisch finden können, während wir selbst im Falle 
solcher und ähnlicher Verlegenheiten uns nur peinlicher Gefühle 
bewußt würden. Wahrscheinlich ermöglicht uns erst dieses Fern- 
halten des Peinlichen von unserer Person, die aus der Vergleichung 
der wechselnden Besetzungen sich ergebende Differenz als eine 
lustvolle zu genießen. 

Die andere Quelle des Komischen, die wir in unseren eigenen 



I I 

!■ 1 



lyo VJI Der Witz und die Arten des Komischen. 

Besetzungswandlungen finden, liegt in unseren Beziehungen zum 
Zukünftigen, weklies wir gewöhnt sind, durch unsere Erwartungs- 
vorstellungen zu antizipieren. Ich nehme an, daß ein quantitativ 
bestimmter Aufwand unserer jedesmaligen Erwartungsvorstellung 
zu Grunde liegt, der sich also im Falle der Enttäuschung um 
eine bestimmte Differenz vermindert, und berufe mich hier wiederum 
auf die vorhin gemachten Bemerkungen über „Vorstellungsmimik". 
Es scheint mir aber leichter, den wirklich mobil gemachten Be- 
setzungsaufwand für die Fälle der Erwartung zu erweisen. Es 
ist für eine Reihe von Fällen ganz offenkundig, daß motorische 
Vorbereitungen den Ausdruck der Erwartung bilden, zunächst für 
alle Fälle, in denen das erwartete Ereignis Ansprüche an meine 
Motilität stellt, und diese Vorbereitungen sind ohne weiteres 
quantitativ besümmbar. Wenn ich einen Ball aufzufangen erwarte, 
der mir zugeworfen wird, so versetze ich meinen Körper in 
Spannungen, die ihn befähigen sollen, dem Anprall des Balls 
Stand zu halten, und die überschüssigen Bewegungen, die ich 
mache, wenn sich der aufgefangene Ball als zu leicht erweist, 
machen mich den Zuschauern komisch. Ich habe mich durch 
die Erwartung zu einem übermäßigen Bewegungsaufwand ver- 
führen lassen. Desgleichen, wenn ich z. B. eine für schwer ge- 
haltene Frucht aus einem Korb hebe, die aber zu meiner Täuschung 
hohl, aus Wachs nachgeahmt ist. Meine Hand verrät durch 
ihr Emporschnellen, daß ich eine für den Zweck übergroße Inner- 
vation vorbereitet hatte, und ich werde dafür verlacht. Ja es gibt 
wenigstens einen Fall, in welchem der Erwartungsaufwand durch 
das physiologische Experiment am Tier unmittelbar meßbar auf- 
gezeigt werden kann. In den Pawlof'schen Versuchen über 
Speichelsekretion werden Hunden, denen eine Speichelfistel an- 
gelegt worden ist, verschiedene Nahrungsmittel vorgezeigt, und die 
abgesonderten Mengen Speichel schwanken dann, je nachdem die 
Versuchsbedingungen die Erwartung des Hundes, mit dem Vor- 
gezeigten gefüttert zu werden, bestärkt oder getäuscht haben. 

Auch wo das Erwartete bloß Ansprüche an meine Sinnes- 
organe und nicht an meine Motilität stellt, darf ich annehmen, 
daß die Erwartung sich in emer gewissen motorischen Veraus- 
gabung zur Spannung der Sinne, zur Abhaltung anderer nicht 
erwarteter Eindrücke äußert, und darf überhaupt die Einstellung 
der Aufmerksamkeit als eine motorische Leistung, die einem 
gewissen Aufwand gleichkommt, auffassen. Ich darf femer vor- 
aussetzen, daß die vorbereitende Tätigkeit der Erwartung nicht 
unabhängig sein wird von der Größe des erwarteten Eindrucks, 



Erwartungskomik. "lyi 

sondern daß ich das Groß oder Klein derselben mimisch durch 
einen größeren oder kleineren Vorbereitungsaufwand darstellen 
werde wie im Falle der Mitteilung und im Falle des Denkens 
ohne zu erwarten. Der Erwartungsaufwand wird sich allerdings 
aus mehreren Komponenten zusammensetzen, und auch für meine 
Enttäuschung wird verschiedenes in Betracht kommen, nicht nur 
ob das Eingetroffene sinnlich größer oder kleiner ist als das 
Erwartete, sondern auch, ob es des großen Interesses würdig ist, 
welches ich für die Erwartung aufgeboten hatte. Ich werde auf 
diese Weise etwa dazu angeleitet, außer dem Aufwand für die- 
Darstellung von Groß und Klein (der Vorstellungsmimik), den 
Aufwand für die Spannung der Aufmerksamkeit (Erwartungsauf- 
wand) und bei anderen Fällen überdies den Abstraktionsaufwand 
in Betracht zu ziehen. Aber diese anderen Arten von Aufwand 
lassen sich leicht auf den für Groß und Klein zurückführen, da 
ja das Interessantere, das Erhabenere und selbst das Abstraktere 
nur besonders qualifizierte Spezialfälle des Größeren sind. Nehmen 
wir hinzu, daß nach Lipps u. A. der quantitative — und 
nicht der qualitative — Kontrast in erster Linie als Quelle der 
komischen Lust angesehen wird, so werden wir im ganzen damit 
zufrieden sein, daß wir das Komische der Bewegung zum Aus- 
gangspunkt unserer Untersuchung gewählt haben. 

In Ausführung des Kant'schcn Satzes, „das Komische sei 
eine in nichts zergangene Erwartung", hat Lipps in seinem hier 
wiederholt zitierten Buche den Versuch gemacht, die komische 
Lust ganz allgemein aus der Erwartung abzuleiten. Trotz der 
vielen lehrreichen und wertvollen Ergebnisse, welche dieser Ver- 
such zu Tage gefördert hat, möchte ich aber der von anderen 
Autoren geäußerten Kritik beipflichten, daß Lipps das Ursprungs- 
gebiet des Komischen um vieles zu eng gefaßt hat und dessen 
Phänomene seiner Formel nicht ohne großen Zwang unterwerfen 
konnte. 



Die Menschen haben sich nicht damit begnügt, das Komische 
zu genießen, wo sie im Erleben darauf stoßen, sondern darnach 
gestrebt es absichtlich herzustellen, und man erfährt mehr vom 
Wesen des Komischen, wenn man die Mittel studiert, welche zum 
Komischmachen dienen. Man kann vor allem das Komische an 
seiner eigenen Person zur Erheiterung Anderer hervorrufen, z. B. 
indem man sich ungeschickt oder dumm stellt. Man erzeugt dann 
die Komik genau so, als ob man es wirklich wäre, indem man 
die Bedingung der Vergleichung, die zur Aufwanddifferenz führt, 



172 



VU, Der Witz und die Arten des Kümischen. 



erfüllt; man macht sich selbst aber nicht lächerHch oder verächt- 
lich dadurch, sondern kann unter Umständen sogar Bewunderung 
erzielen. Das Gefühl der Überlegenheit kommt beim Anderen 
nicht zu Stande, wenn er weiß, daß man sich bloß verstellt hat, 
und dies gibt einen guten neuerlichen Beweis für die prinzipielle 
Unabhängigkeit der Komik vom Übcrlegenheitsgefühl. 

Als Mittel, einen Anderen komisch zu machenj dient vor allem 
die Versetzung in Situationen, in denen man infolge der mensch- 
lichen Abhängigkeit von äußeren Verhältnissen, insbesondere 
sozialen Momenten komisch wird, ohne Rücksicht auf die persön- 
lichen Eigenschaften des Betroffenen, also die Ausnützung der 
Situationskomik. Diese Versetzung in eine komische Situation mag 
eine reale sein (a practical joke), indem man jemandem ein 
Bein stellt, so daß er wie ein Ungeschickter hinfällt, ihn dumm 
erscheinen läßt, dadurch daß man seine Gläubigkeit ausnützt, ihm 
etwas Unsinniges einzureden sucht u. dgl., oder sie kann durch 
Rede oder Spiel fingiert werden. Es ist ein gutes Hilfsmittel 
der Aggression, in deren Dienst sich das Komischmachen zu stellen 
pflegt, daß die komische Lust unabhängig ist von der Realität 
der komischen Situation, so daß jeder eigentlich wehrlos dem 
Komischgemachtwerden ausgesetzt ist. 

Es gibt aber noch andere Mittel zum Komischmacheiij die 
eine besondere Würdigung verdienen und zum Teil auch neue 
Ursprünge der komischen Lust aufzeigen. Hieher gehört z. B. die 
Nachahmung, die dem Hörer eine ganz außerordentliche Lust 
I gewährt und ihren Gegenstand komisch macht, auch wenn sie 

sich von der karikierenden Übertreibung noch ferne hält. Es ist 
I viel leichter, die komische Wirkung der Karikatur als die der 

1 bloßen Nachahmung zu ergründen. Karikatur, Parodie und 

Travestie, sowie deren praktisches Gegenstück: die Entlarvung, 
richten sich gegen Personen und Objekte, die Autorität und 
Respekt beanspruchen, in irgend einem Sinne erhaben sind. 
Es sind Verfahren zur Herabsetzung, wie der glückliche Ausdruck 
der deutschen Sprache besagt.*) Das Erhabene ist ein Großes 
im übertragenen, im psychischen Sinne, und ich möchte die An- 
nahme machen oder vielmehr erneuern, daß dasselbe wie das 
somatisch Große durch einen Mehraufwand dargestellt wird. Es 
gehört wenig Beobachtung dazu um festzustellen, daß ich, wenn 

'l *) Degradation. A. Bain (The emotions and the wül, 2. edit 1865, 

I sagt: The occasion of the Ludicrous is the degradation of some person 

(j{ or interest, possessing dignity, in circumstances thal excite no other streng 

I emotion." (S, 248). 



Die Karikatur. — Der Aufwand für's Erhabene. 173 

ich vom Erhabenen rede, meine Stimme anders innerviere, andere 
Mienen mache und meine ganze Körperhaltung gleichsam in Ein- 
klang mit der Würde dessen zu bringen suche, was ich vorstelle. 
Ich lege mir einen feierhchen Zwang auf, nicht viel anders, als 
wenn ich mich in die Gegenwart einer erhabenen Persönlichkeit, 
eines Monarchen, eines Fürsten der Wissenschaft begeben soll. 
Ich werde kaum irre gehen, wenn ich annehme, daß diese andere 
Innervation der Vorstellungsmimik einem Mehraufwand entspricht. 
Den dritten Fall eines solchen Mehraufwandes finde ich wohl, 
wenn ich mich in abstrakten Gedankengängen anstatt in den 
gewohnten konkreten und plastischen Vorstellungen ergehe. Wenn 
nun die besprochenen Verfahren zur Herabsetzung des Ei-habenen 
mich dieses wie ein Gewöhnliches vorstellen lassen, bei dem ich 
mich nicht zusammennehmen muß, in dessen idealer Gegen- 
wart ich es mir „kommod" machen kann, wie die militärische 
Formel lautet, erspart sie mir den Mehraufwand des feierlichen 
Zwanges, und der Vergleich dieser durch die Einfühlung angeregten 
Vorstellungsweise mit der bisher gewohnten, die sich gleichzeitig 
herzustellen sucht, schafft wiederum die Aufwandsdifferenz, die 
durch Lachen abgeführt werden kann. 

Die Karikatur stellt die Herabsetzung bekanntlich her, indem 
sie aus dem Gesamtausdrucke des erhabenen Objekts einen ein- 
zelnen an sich komischen Zug heraushebt, welcher übersehen werden 
mußte, solange er nur im Gesamtbilde wahrnehmbar war. Durch 
dessen IsoUerung kann nun ein komischer Effekt erzielt werden, 
der sich auf das Ganze in unserer Erinnerung erstreckt. Bedingung 
ist dabei, daß nicht die Anwesenheit des Erhabenen selbst uns in 
der Disposition der Ehrerbietung festhalte. Wo ein solcher über- 
sehener komischer Zug in Wirklichkeit fehh, da schafft ihn die 
Karikatur unbedenklich durch die Übertreibung eines an sich nicht 
komischen. Es ist wiederum kennzeichnend für den Ursprung der 
komischen Lust, daß der Effekt der Karikatur durch solche Ver- 
fälschung der Wirkhchkeit nicht wesentlich beeinträchtigt wird. 

Parodie und Travestie erreichen die Herabsetzung des 
Erhabenen auf andere Weise, indem sie die Einheitlichkeit zwischen 
den uns bekannten Charakteren von Personen und deren Reden 
und Handlungen zerstören, entweder die erhabenen Personen oder 
deren Äußerungen durch niedrige ersetzen. Darin unterscheiden 
sie sich von der Karikatur, nicht aber durch den Mechanismus der 
Produktion, von komischer Lust. Der nämliche Mechanismus gilt 
auch noch für die Entlarvung, die nur dort in Betracht kommt, 
wo jemand Würde und Autorität durch einen Trug an sich gerissen 



1^4 ^^^- Der Witz und die Arten des Komischen. 

hatj die ihm in der Wirklichkeit abgenommen werden müssen. 
Den komischen Effekt der Entlarvung haben wir durch einige 
Beispiele beim Witze kennen gelernt, z. B. in jener Geschichte 
von der vornehmen Dame, die in den ersten Geburtswehen: Ah, 
mon dieu ruft, welcher der Arzt aber nicht eher Beistand leisten will, 
als bis sie Ai, waih geschrien hat. Nachdem wir nun die Charaktere 
des Komischen kennen gelernt haben, können wir nicht mehr 
bestreiten, daß diese Geschichte eigentlich ein Beispiel von komi- 
scher Entlarvung ist und keinen berechtigten Anspruch hat, ein 
Witz geheißen zu werden. An den Witz erinnert sie bloß durch 
die Inszenierung, durch das technische Mittel der „Darstellung 
durch ein Kleinstes", hier also den Schrei, der zur Indikations- 
stellung ausreichend gefunden wird. Es bleibt indes bestehen, 
daß unser Sprachgefühl, wenn wir es zur Entscheidung anrufen, 
sich nicht dagegen sträubt, eine solche Geschichte einen Witz zu 
heißen. Wir mögen die Erklärung hiefür in der Überlegung 
finden, daß der Sprachgebrauch nicht von der wissenschaftlichen 
Einsicht in das Wesen des Witzes ausgeht, welche wir uns in 
dieser mühseligen Untersuchung erworben haben. Da es zu den 
Leistungen des Witzes gehört, verdeckte Quellen der komischen 
Lust wieder zugänglich zu machen (S. 86), kann in lockerer 
Analogie jeder Kunstgriff, der nicht offenkundige Komik an den 
Tag bringt, ein Witz genannt werden. Dies letztere trifft aber 
vorzugsweise für die Entlarvung zu, wie auch sonst für andere 
Methoden des Komischmachens.*) 

Zur ,,E n 1 1 a r V u n g" kann man auch jene uns schon bekannten 
Verfahren zum Komischmachen rechnen, welche die Würde des 
einzelnen Menschen herabsetzen, indem sie auf seine allgemein 
menschliche Gebrechlichkeit, besonders aber auf die Abhängigkeit 
seiner seelischen Leistungen von körperlichen Bedürfnissen auf- 
merksam machen. Die Entlarvung wird dann gleichbedeutend mit 
der Mahnung: Dieser und jener gleich einem Halbgott Bewunderte 
ist doch auch nur ein Mensch wie ich und du. Ferner gehören 
alle Bemühungen hieher, hinter dem Reichtum und der schein- 
baren Freiheit der psychischen Leistungen den monotonen psy- 
chischen Automatismus bloßzulegen. Wir haben Beispiele von 
solchen „Entlarvungen" bei den Heiratsvermittlerwitzen kennen 
gelernt und wohl damals den Zweifel gefühlt, ob wir diese Ge- 



*) „So heißt überhaupt Witz jedes bewußte und geschickte Hervorrufen 
der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der Situation. Natür- 
lich können wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht brauchen." 
Lipps, 1. c. S. 78. 



Die Entlarvung- 175 

schichten mit Recht zu den Witzen rechnen. Wir können nun 
mit größerer Sicherheit entscheiden, daß die Anekdote von dem 
Echo, welches alle Behauptungen des Heiratsvermittlers bekräftigt 
und zuletzt auch dessen Zugeständnis, die Braut habe einen Höcker, 
mit dem Ausrufe verstärkt: Aber, was für einen Höcker! im wesent- 
Uchen eine komische Geschichte ist, ein Beispiel von Entlarvung 
des psychischen Automatismus. Die komische Geschichte dient 
aber hier doch nur als Fassade; für jedermann, der auf den 
verborgenen Sinn der Heiratsvermittleranekdoten achten will, bleibt 
das Ganze ein vortrefflich inszenierter Witz. Wer nicht soweit 
eindringt, bleibt bei der komischen Geschichte stehen. Ähnliches 
gilt für den anderen Witz vom Heiratsvermittler, der, um emen 
Einwand zu widerlegen, schließHch durch den Ausruf: Aber ich 
bitte Sie, wer wird denn solchen Leuten etwas leihen! die Wahr- 
heit zugesteht; eine komische Entlarvung als Fassade für einen 
Witz. Doch ist der Charakter des Witzes hier weit unverkenn- 
barer, denn die Rede des Vermittlers ist gleichzeitig eine Dar- 
stellung durchs Gegenteil. Indem er beweisen will, daß die Leute 
reich sind, beweist er zugleich, daß sie nicht reich, sondern sehr 
arm sind. Witz und Komik kombinieren sich hier und lehren uns, 
daß die nämliche Aussage zugleich witzig und komisch sein kann. 

Wir ergreifen gern die Gelegenheit von der Komik der Ent- 
larvung auf den Witz zurückzugehen, da ja die Klärung des 
Verhältnisses zwischen Witz und Komik, nicht die Wesensbestim- 
mung des Komischen unsere eigentliche Aufgabe ist. Wir reihen 
darum dem Falle der Aufdeckung des psychischen Automatismus, 
für den uns das Gefühl, ob etwas komisch oder witzig sei, im 
Stiche gelassen hat, einen anderen an, in dem gleichfalls Witz 
und Komik sich mit einander verwirren, den Fall der Unsinns- 
witze Unsere Untersuchung wird uns aber schließlich zeigen, 
daß für diesen zweiten Fall das Zusammentreffen von Witz und 
Komik theoretisch ableitbar ist. 

Wir haben bei der Erörterung der Witztechniken gefunden, 
daß das Gewährenlassen solcher Denkweisen, wie sie im Un- 
bewußten üblich sind, und die im Bewußten nur als „Denkfehler 
beurteilt werden können, das technische Mittel sehr vieler Witze 
ist über deren Witzcharakter wir dann doch wieder zweifeln 
konnten, so daß wir geneigt waren, sie einfach als komische Ge- 
schichten zu klassifizieren. Wir konnten zu keiner Entscheidung 
über unseren Zweifel gelangen, weil uns zunächst der wesentliche 
Charakter des Witzes nicht bekannt war. Später fanden wir diesen, 
durch die Analogie mit der Traumarbeit geleitet, in der Kompromiß- 



176 VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

leistung der Witzarbeit zwischen den Anforderungen der vernünf- 
tigen Kritik und dem Trieb, auf die alte Wort- und Unsinnskist 
nicht zu verzichten. Was so als Kompromiß zu stände kam, wenn 
der vorbewußte Ansatz des Gedankens für einen Moment der 
unbewußten Bearbeitung: überlassen wurde, genügte in allen 
Fällen beiderlei Ansprüchen, präsentierte sich aber der Kritik in 
verschiedenen Formen und mußte sich verschiedene Beurteilungen 
von ihr gefallen lassen. Es war dem Witz das eine Mal gelungen, 
sich die Form eines bedeutungslosen aber immerhin zulässigen 
Satzes zu erschleichen, das andere Mal sich im Ausdruck eines 
wertvollen Gedankens einzuschmuggeln; im Grenzfalle der Kom- 
promißleistung aber hatte er auf die Befriedigung der Kritik ver- 
zichtet und war trotzend auf die Lustquellen, über die er ver- 
fügte, als barer Unsinn vor ihr erschienen, hatte sich nicht ge- 
scheut, ihren Widerspruch wachzurufen, weil er darauf rechnen 
konnte, daß der Hörer die Verunstaltung seines Ausdrucks durch 
die unbewußte Bearbeitung redressieren und ihm so seinen Sinn 
wiedergeben würde. 

In welchem Falle wird nun der Witz vor der Kritik als 

j Unsinn erscheinen? Besonders dann, wenn er sich jener Denk- 

weisen bedient, die im Unbewußten üblich, im bewußten Denken 
verpönt sind, also der Denkfehler. Gewisse der Denkweisen des 
Unbewußten sind nämlich auch für das Bewußte erhalten ge- 
blieben, z. B. manche Arten der indirekten Darstellung, die An- 
spielung usw., wenngleich deren bewußter Gebrauch größeren 
Beschränkungen unterliegt. Mit diesen Techniken wird der Witz 

ffl bei der Kritik keinen oder geringen Anstoß erregen; dieser Erfolg 

tritt erst ein, wenn er sich auch jener Mittel als Technik bedient, 
von denen das bewußte Denken nichts mehr wissen will. Der 
Witz kann den Anstoß immer noch vermeiden, wenn er den 
angewandten Denkfehler verhüUt, ihn mit einem Schein von Logik 
verkleidet wie in der Geschichte von Torte und Likör, Lachs mit 
Mayonnaise und ähnlichen. Bringt er den Denkfehler aber un- 
verhüllt, so ist der Einspruch der Kritik gewiß. 

In diesem Falle kommt dem Witz nun etwas anderes zu 
gute. Die Denkfehler, die er als Denkweisen des Unbewußten 
für seine Technik benützt, erscheinen der Kritik — wenn auch 
nicht regelmäßig so — als komisch. Das bewußte Gewährenlassen 
der unbewußten und als fehlerhaft verworfenen Denkweisen ist 
ein Mittel zur Erzeugung der komischen Lust, und dies ist leicht 
zu verstehen, denn zur Herstellung der vorbewußten Besetzung 
bedarf es gewiß eines größeren Aufwandes als zum Gewähren- 



Fälle des Zusammentreffens von Witz und Komik. i-j-j 

lassen der unbewußten. Indem wir beim Anhören des wie im 
Unbewußten gebildeten Gedankens diesen mit seiner Korrektur 
vergleichen, ergibt sich für uns die Aufwanddifferenz, aus welcher 
die komische Lust hervorgeht. Ein Witz, der sich solcher Denk- 
fehler als Technik bedient und darum unsinnig erscheint, kann 
also gleichzeitig komisch wirken. Kommen wir dem Witze nicht 
auf die Spur, so erübrigt uns wiederum nur die komische Ge- 
schichte, der Schwank. 

Die Geschichte vom geborgten Kessel, der bei der Zurück- 
stellung ein Loch hatte, wobei sich der Entlehner verantwortete, 
erstens habe er überhaupt keinen Kessel geborgt, zweitens sei 
dieser schon bei der Entlehnung durchlöchert gewesen, und drittens 
habe er ihn unversehrt, ohne Loch, zurückgestellt (S. 48), ist ein 
vortreffliches Beispiel einer rein komischen Wirkung durch Ge- 
währenlassen unbewußter Denkweise. Gerade dieses einander 
Aufheben von mehreren Gedanken, von denen jeder für sich gut 
motiviert ist, fallt im Unbewußten weg. Der Traum, an dem 
ja die Denkweisen des Unbewußten manifest werden, kennt dem 
entsprechend auch kein Entweder — oder,*} nur ein gleichzeitiges 
Nebeneinander. In jenem Traumbeispiel meiner Traumdeutung, 
das ich trotz seiner Komplikation zum Muster für die Deutungs- 
arbeit gewählt habe,**) suche ich mich von dem Vorwurf zu ent- 
lasten, daß ich die Schmerzen einer Patientin nicht durch psy- 
chische Kur zum Verschwinden gebracht habe. Meine Begrün- 
dungen lauten: i. sie sei selbst an ihrem Kranksein schuld, weil 
sie meine Lösung nicht annehmen wolle, 2. ihre Schmerzen seien 
organischer, Herkunft, gehen mich also gar nichts an, 3. ihre 
Schmerzen hängen mit ihrer Witwenschaft zusammen, an der ich 
ja nicht schuld bin, 4. ihre Schmerzen rühren von einer Injektion 
mit verunreinigter Spritze her, die ihr ein Anderer gegeben hat. 
Alle diese Gründe stehen nun so nebeneinander, als schloße nicht 
der eine den anderen aus. Ich müßte für das „Und"' des Traumes 
ein „Entweder — oder" einsetzen, um dem Vorwurf des Unsinns 

zu entgehen. 

Eine ähnliche komische Geschichte wäre die, daß sich in 
einem ungarischen Dorf der Schmied ein todwürdiges Verbrechen 
habe zu Schulden kommen lassen, der Bürgermeister aber habe 
beschlossen zur Sühne nicht den Schmied, sondern einen Schnei- 
der aufhängen zu lassen, denn es wären zwei Schneider im Dorfe 
ansässig, aber kein anderer Schmied, und Sühne mußte sein, 

*) Dies wird höchstens vom Erzähler als Deutung eingesetzt 
••) L. c. S. 83. 

Freud, Der Witz. 12 



lyg VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

Eine solche Verschiebung von der Person des Schuldigen auf 
einen Anderen widerspricht natürlich allen Gesetzen bewußter 
Logik, keineswegs aber der Denkweise des Unbewußten. Ich 
stehe nicht an, diese Geschichte komisch zu heißen, und doch habe 
die vom Kessel unter den Witzen angeführt. Ich gebe nun zu, 
daß auch letztere viel richtiger als „komisch" denn als witzig zu 
bezeichnen ist. Ich verstehe aber nun, wie es zugeht, daß mein 
sonst so sicheres Gefühl mich im Zweifel lassen kann, ob diese 
Geschichte komisch oder witzig ist. Es ist dies der Fall, in dem 
ich nach dem Gefühl die Entscheidung nicht treffen kann, wenn 
nämlich die Komik durch Aufdeckung der dem Unbewußten aus- 
schließlich eigenen Denkweisen entsteht. Eine derartige Geschichte 
kann komisch und witzig zugleich sein; sie wird mir aber den 
Eindruck des Witzigen machen, auch wenn sie bloß komisch ist, 
weil die Verwendung der Denkfehler des Unbewußten mich an 
den Witz mahnt, ebenso wie vorhin (S. 174) die Veranstaltungen 
zur Aufdeckung verborgener Komik. 

Ich muß Wert darauf legen, diesen heikelsten Punkt meiner 
Auseinandersetzungen, das Verhältnis des Witzes zur Komik, 
klar zu stellen, und will darum das Gesagte durch einige negative 
Sätze ergänzen. Zunächst kann ich darauf aufmerksam machen, 
daß der hier behandelte Fall des Zusammentreffens von Witz und 
Komik mit dem vorigen (S. 175) nicht identisch ist. Es ist dies 
zwar eine feinere Unterscheidung, aber sie ist mit Sicherheit zu 
machen. Im vorigen Falle rührte die Komik von der Aufdeckung 
des psychischen Automatismus her. Dieser ist nun keineswegs 
dem Unbewußten allein eigentümUch und spielt auch keine auf- 
fällige Rolle unter den Techniken des Witzes. Die Entlarvung 
tritt nur zufällig zum Witze in Beziehung, indem sie einer anderen 
Technik des Witzes, 2. B. der Darstellung durch das Gegenteil 
dient. Im Falle des Ge währen lassens unbewußter Denkweisen ist 
aber das Zusammentreffen von Witz und Komik ein notwendiges, 
weil dasselbe Mittel, das bei der ersten Person des Witzes zur 
Technik der Lustentbindung verwendet wird, seiner Natur nach 
bei der dritten Person komische Lust erzeugt. 

Man könnte in die Versuchung geraten, diesen letzten Fall 
zu verallgemeinern, und die Beziehung des Witzes zur Komik darin 
suchen, daß die Wirkung des Witzes auf die dritte Person nach 
dem Mechanismus der komischen Lust erfolgt. Aber davon ist 
keine Rede, die Berührung mit dem Komischen trifft keineswegs 
für alle oder auch nur die meisten Witze zu; in den meisten Fällen 
sind Witz und Komik vielmehr reinlich zu scheiden. So oft es 



Zusammentreffen von Witz und Komik. 17g 

dem Witz gelingt, dem Anschein des Unsinnigen zu entgehen, also 
bei den meisten Doppelsinn- und Anspielungswitzen ist von einer 
dem Komischen ähnUchen Wirkung beim Hörer nichts zu ent- 
decken. Man mache die Probe an den früher mitgeteilten Bei- 
spielen oder an einigen neuen, die icli anführen kann. 

Glückwunschtelegramm zum 70. Geburtstag eines Spielers: 
„Tränte et quarante." {Wortzerteilung mit Anspielung.) 

Hevesi beschreibt einmal den Prozeß der Tabakfabrikation: 
„Die hellgelben Blätter . . . wurden da in eine Beize getunkt 
und in dieser Tunke gebeizt." (Mehrfache Verwendung des 
nämlichen Materials.) 

Madame de Maintenon wurde Mme. de Maintenant 
genannt. (Namensmodifikation.) 

Prof. Kästner sagt zu einem Prinzen, der sich während 
einer Demonstration vor das Fernrohr gestellt: Mein Prinz, ich 
weiß wohl, daß Sie durchlauchtig sind, aber Sie sind nicht 
durch sichtig. 

Graf Andrassy wurde der Minister des schönen 
Äußeren genannt. 

Man könnte ferner glauben, daß wenigstens alle Witze mit 
Unsinnsfassade komisch erscheinen und so wirken müssen. Allein 
ich erinnere hier daran, daß solche Witze sehr oft eine andere 
Wirkung auf den Hörer haben, Verblüffung und Neigung zur 
Ablehnung hervorrufen (siehe S. 117). Es kommt also offenbar 
darauf an, ob der Unsinn des Witzes als komischer oder als 
gemeiner, barer Unsinn erscheint, wofür wir die Bedingung noch 
nicht erforscht haben. Wir verbleiben demnach bei dem Schlüsse, 
daß der Witz seiner Natur nach vom Komischen zu sondern ist 
und nur einerseits in gewissen speziellen Fällen, anderseits in der 
Tendenz, Lust aus intellektuellen Quellen zu gewinnen, mit ihm 
zusammentrifft. 

Während dieser Untersuchungen über die Beziehungen von 
Witz und Komik enthüllt sich uns nun jener Unterschied, den 
wir als den bedeutsamsten betonen müssen, und der gleichzeitig 
auf einen psychologischen Hauptcharakter der Komik hinweist. 
Die Quelle der Lust des Witzes mußten wir in das Unbewußte 
verlegen; keine Veranlassung zur gleichen Lokalisation ist für das ■ 
Komische erfindlich. Vielmehr deuten alle Analysen, die wir bisher 
angestellt haben, darauf hin, daß die Quelle der komischen Lust 
die Vergleichung zweier Atifwande ist, die wir beide dem Vor- 
bewußten zuordnen müssen. Witz und Komik unterscheiden sich 

12* 



■\ 



I 



I 



iSo Vn. Der Witz und die Arten des Komischen. 

vor allem in der psychischen Lokalisation; der Witz ist sozusagen 
der Beitrag zur Komik aus dem Bereich des Unbewußten. 



Wir brauchen uns nicht zu beschuldigen, daß wir uns in eine 
Abschweifung eingelassen haben, da ja das Verhältnis des Witzes 
zur Komik der Anlaß ist, welcher uns zur Untersuchung des 
Komischen gedrängt hat. Es ist aber wohl an der Zeit, daß wir 
zu unserem dermaligen Thema zurückkehren, zur Behandlung der 
Mittel, welche dem Komischmachen dienen. Wir haben die Er- 
örterung der Karikatur und der Endarvung vorausgeschickt, weil 
wir aus ihnen beiden einige Anknüpfungen für die Analyse der 
Komik der Nachahmung entnehmen können. Die Nach- 
ahmung ist wohl zumeist mit Karikatur, Übertreibung einiger sonst 
nicht auffälliger Züge versetzt und trägt auch den Charakter der 
Herabsetzung an sich. Doch scheint ihr Wesen hiemit nicht er- 
schöpft; es ist unleugbar, daß sie an sich eine außerordentlich 
ergiebige Quelle der komischen Lust darstellt, indem wir gerade 
über die Treue der Nachahmung besonders lachen. Es ist nicht 
leicht, hiefür eine befriedigende Aufklärung zu geben, wenn man 
sich nicht der Ansicht von Bergson*) anschließen will, durch 
welche die Komik der Nachahmung nahe an die durch Auf- 
deckung des psychischen Automat ismus herangerückt wird. 
Bergson meint, daß alles dasjenige komisch wirkt, was bei 
einer lebenden Person an einen unbelebeen Mechanismus denken 
läßt. Seine Formel hiefür lautet: „Mecanisation de la vie". Er 
erklärt die Komik der Nachahmung, indem er an ein Problem 
anknüpft, welches Pascal in seinen „Pensees" aufgestellt, warum 
man bei der Vergleichung zweier ähnlicher Gesichter lache, von 
denen keines an sich komisch wirke. „Das Lebende soll sich nach 
unserer Erwartung niemals völlig ähnhch wiederholen. Wo wir 
solche Wiederholung finden, vermuten wir jedesmal einen 
Mechanismus, der hinter diesem Lebenden steckt." Wenn man 
zwei Gesichter von zuweitgehender Ähnlichkeit sieht, denkt man 
an zwei Abdrücke aus derselben Form oder an ein ähnliches 
Verfahren der mechanischen Herstellung. Kurz die Ursache des 
Lachens wäre in diesen Fällen die Abweichung des Lebenden 
gegen das Leblose hin; wir könnten sagen, die Degradierung des 
Lebenden zum Leblosen (1. c, S. 35). Wenn wir diese einschmeicheln- 
den Ausführungen Bergson's gelten lassen, fällt es uns übrigens 
nicht schwer, seine Ansicht unserer eigenen Formel zu unterwerfen, 

•) Bergson, La rire, essai sur la signification du comique. 3me edi- 
tion, Paris 1904, 






-'«r' 



Komik der Nachahmung. 



I8i 



Durch die Erfahrung belehrt, daß jedes Lebende ein anderes ist 
und eine Art von Aufwand von unserem Verständnis fordert, 
finden wir uns enttäuscht, wenn wir infolge vollkommener Über- 
einstimmung oder täuschender Nachahmung keines neuen Auf- 
wandes bedürfen. Wir sind aber enttäuscht im Sinne der Erleich- 
terung, und der überflüssig gewordene Erwartungsaufwand wird 
durch Lachen abgeführt. Die nämliche Formel würde auch alle 
bei B e r g s o n gewürdigten Fälle der komischen Erstarrung 
(raideur), der professionellen Gewohnheiten, fixen Ideen und bei 
jedem Anlaß wiederholten Redensarten decken. Alle diese Fälle 
würden auf den Vergleich des Erwartungsaufwandes mit dem zum 
Verständnis des sich gleich Gebhebenen erforderlichen ausgehen, 
wobei die größere Erwartung sich auf die Beobachtung der indi- 
viduellen Mannigfaltigkeit und Plastizität des Lebenden stützt. Bei 
der 'Nachahmung wäre also nicht die Situations-, sondern die 
Erwartungskomik die Quelle der komischen Lust. 

Da wir die komische Lust allgemein von einer Vergleichung 
ableiten, obliegt es uns, auch das Komische des Vergleichs selbst 
zu untersuchen, welcher ja gleichfalls als Mittel zum Komisch- 
machen dient. Unser Interesse für diese Frage wird eine Steige- 
rung erfahren, wenn wir uns erinnern, daß uns oft auch im Falle 
des Gleichnisses das „Gefühl", ob etwas ein Witz oder bloß komisch 
zu nennen sei, im Stiche zu lassen pflegt (s. S. 65). 

Das Thema verdiente freilich mehr Sorgfalt, als wir ihm von 
unserem Interesse her zu teil werden lassen können. Die Haupt- 
eigenschaft, nach welcher wir beim Gleichnis fragen, ist, ob das- 
selbe „treffend" ist, d. h. ob es auf eine wirklich vorhandenje 
Übereinstimmung zweier verschiedener Objekte aufmerksam macht. 
Die ursprüngliche Lust am Wiederfinden des Gleichen (Groos, 
S. loi) ist nicht das einzige Motiv, welches den Gebrauch der 
Vergleichung begünstigt; es kommt hinzu, daß das Gleichnis einer 
Verwendung fähig ist, welche eine Erleichterung der intellektuellen 
Arbeit mit sich bringt, wenn man nämlich, wie zumeist üblich, 
das Unbekanntere mit dem Bekannteren, das Abstrakte mit dem 
Konkreten vergleicht und durch diesen Vergleich das Fremdere 
und Schwierigere erläutert. Mit jeder solchen Vergleichung speziell 
des Abstrakten mit dem Sachlichen ist eine gewisse Herabsetzung 
und eine gewisse Ersparung an Abstraktionsaufwand (im Sinne 
einer Vorstellungsmimik) verbunden, doch reicht dieselbe natür- 
lich nicht hin, um den Charakter des Komischen deutlich hervor- 
treten zu lassen. Dieser taucht nicht plötzlich, sondern allmählich 
aus der Erleichterungslust der Vergleichung auf; es gibt reichlich 



ig2 VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

Fälle, die bloß an's Komische streifen, bei denen man zweifeln 
könnte, ob sie den komischen Charakter zeigen. Unzweifelhaft 
komisch wird die Vergleichung, wenn der Niveauunterschied des 
Abstraktionsaufwandes zwischen beiden Verglichenen sich steigert, 
wenn etwas Ernstes und Fremdes, insbesondere intellektueller oder 
moralischer Natur, in den Vergleich mit etwas Banalem und Nie- 
drigem gezogen wird. Die vorherige Erleichterungslust und der 
Beitrag aus den Bedingungen der Vorstellungsmimik mögen etwa 
den allmählichen durch quantitative Verhältnisse bestimmten Über- 
gang des allgemein Lustvollen in das Komische bei der Vergleichung 
erklären. Ich gehe wohl Mißverständnissen aus dem Wege, indem 
ich hervorhebe, daß ich die komische Lust beim Gleichnis nicht 
aus dem Kontrast der beiden Verglichenen, sondern aus der Diffe- 
renz der beiden Abstraktionsaufwände ableite. Das schwer zu 
fassende Fremde, Abstrakte, eigentlich intellektuell Erhabene wird 
nun durch die behauptete Übereinstimmung mit einem vertrauten 
Niedrigen, bei dessen Vorstellung jeder Abs traktionsauf wand weg- 
fallt, selbst als etwas ebenso Niedriges entlarvt. Die Komik der 
Vergleichung reduziert sich also auf einen Fall von Degradierung. 
Der Vergleich kann nun, wie wir früher gesehen haben, witzig 
sein ohne die Spur von komischer Beimengung, dann nämlich, 
wenn er gerade der Herabsetzung ausweicht. So ist der Vergleich 
der Wahrheit mit einer Fackel, die man nicht durch ein Gedränge 
tragen kann, ohne jemandem den Bart zu versengen, rein witzig, 
weil er eine erloschene Redensart („Die Fackel der Wahrheit") 
vollwertig nimmt, und gar nicht komisch, weil die Fackel als Ob- 
jekt einer gewissen Vornehmheit, obwohl sie ein konkreter Gegen- 
stand ist, nicht entbehrt. Ein Vergleich kann aber leicht eben- 
sowohl witzig sein als auch komisch, und zwar das eine unabhängig 
vom anderen, indem die Vergleichung ein Behelf für gewisse 
Techniken des Witzes, z. B. die Unifizierung oder die Anspielung 
wird. So ist der Nestroy'sche Vergleich der Erinnerung mit einem 
„Magazin'' (S. 69) gleichzeitig komisch und witzig, ersteres 
wegen der außerordentlichen Herabsetzung, die sich der psycho- 
logische Begriff im Vergleich mit einem „Magazin" gefallen lassen 
muß, das Andere aber, weil der, welcher den Vergleich gebraucht, 
ein Kommisist, in dieser Vergleichung also eine ganz unerwartete 
Unifizierung zwischen der Psychologie und seiner Berufstätigkeit 
herstellt. Die Hein e'sclie Zeile „Bis mir endlich alle Knöpfe 
rissen an der Hose der Geduld" erscheint zunächst bloß als ein 
ausgezeichnetes Beispiel eines komisch erniedrigenden Vergleichs; 
bei näherer Überlegung muß man ihr aber auch den Charakter 



Vergleichung. — KoniUt der Rede. 183 

des Witzigen zugestehen, da der Vergleich als Mittel der Anspielung 
in's Bereich des Obszönen einschlägt und es so zu stände bringt 
die Lust am Obszönen frei zu machen. Aus dem nämlichen 
Material entsteht für uns durch ein freilich nicht ganz zufälliges 
Zusammentreffen gleichzeitig komischer und witziger Lustgewinn; 
mögen die Bedingungen des einen auch die Entstehung des anderen 
fördern, für das „Gefühl", welches uns angeben soll, ob hier Witz 
oder Komik vorliegt, ist solche Vereinigung ein verwirrender Ein- 
fluß, und erst eine von der Lustdisposition unabhängig gewordene 
aufmerksame Untersuchung kann die Entscheidung bringen. 

So verlockend es wäre, diesen intimeren Bedingtheiten des 
komischen Lustgewinnes nachzuspüren, so muß doch der Autor 
sich vorhalten, daß weder seine Vorbildung noch sein täghcher 
Beruf ihn berechtigen, seine Untersuchungen weit hinaus über die 
Sphäre des Witzes zu erstrecken, und darf eingestehen, daß gerade 
das Thema der komischen Vergleichung ihm seine Inkompetenz 
fühlbar macht. 

Wir lassen uns also gern daran mahnen, daß viele Autoren 
die scharfe begriffhche und sachliche Scheidung zwischen Witz 
und Komik nicht anerkennen, zu der wir uns veranlaßt sahen, und 
daß diese den Witz einfach als das „Komische der Rede" oder 
„der Worte" hinstellen. Zur Prüfung dieser Ansicht wollen wir uns 
je ein Beispiel von absichtlicher und von unfreiwilliger Komik 
der Rede für den Vergleich mit dem Witze auswählen. Wir haben 
bereits an einer früheren Stelle bemerkt, daß wir uns sehr wohl 
im Stande glauben, komische Rede von witziger Rede zu unter- 
scheiden. 

„Mit einer Gabel und mit Müh' 
zog ihn die Mutter aus der Brüh'", 
ist bloß komisch; H eine's Satz von den vier Kasten der Be- 
völkerung G ö 1 1 i n g e n's : 

Professoren, Studenten, Philister und Vieh 

ist aber exquisit witzig. 

Für die absichdiche Komik der Rede nehme ich Stetten- 
heim's „Wippchen" als Muster. Man nennt Stettenheim 
witzig, weil er in besonderem Grade die Geschicklichkeit besitzt, 
das 'Komische hervorzurufen. Der Witz, den man „hat", im 
Gegensatz zu dem, den man „macht", ist in der Tat durch diese 
Fähigkeit zutreffend bestimmt. Es ist unleugbar, daß die Briefe 
des Bernauer Korrespondenten Wippchen auch witzig sind, in- 
soferne sie reichlich Witze jeder Art, darunter ernsthaft gelungene 
(„festlich entkleidet" von einer Parade bei Wilden) eingestreut 



184 VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

enthalten; was diesen Produktionen aber ihren eigentümlichen 
Charakter verleiht, sind nicht diese vereinzelten Witze, sondern 
das in ihnen fast überreichlich quellende Komische der Rede. 
„Wippchen" ist gewiß eine ursprünglich satirisch gemeinte Figur, 
eine Modifikation des G. F r ey tag'schen Schmock, einer jener 
Ungebildeten, die mit dem Bildungsschatz der Nation Handel und 
Mißbrauch treiben, aber das Behagen an den bei ihrer Darstellung 
erzielten komischen Effekten hat beim Autor offenbar die satirische 
Tendenz allmählich in den Hintergrund gedrängt. Die Produk- 
tionen Wippchen's sind zum großen Teil „komischer Unsinn"; 
der durch Häufung solcher Leistungen erzielten Luststimmung hat 
sich der Autor — übrigens mit Recht — bedient um neben 
durchau.; Zulässigem allerlei Abgeschmacktes vorzubringen, was 
für sich allein nicht zu vertragen wäre. Der Unsinn Wippchen's 
erscheint nun als ein spezifischer infolge einer besonderen Technik. 
Faßt man diese „Witze" näher in's Auge, so fallen einige Gat 
tungen besonders auf, die der ganzen Produktion ihr Gepräge 
geben. Wippchen bedient sich vorwiegend der Zusammensetzungen 
(Verschmelzungen), der Modifikationen bekannter Redensarten und 
Zitate und der Ersetzungen einzelner banaler Elemente in diesen 
durch meist anspruchsvollere, höherwertige Ausdrucksmittel. Das 
geht allerdings nahe an die Techniken des Witzes heran. 

Verschmelzungen sind z. B. (aus der Vorrede und den ersten 
Seiten der ganzen Reihe ausgesucht) : 

„Die Türkei hat Geld wie Heu am Meere"; was aus den 
beiden Redensarten : 

„Geld wie Heu" 

„Geld wie Sand am Meere" zusammen- 
geflickt ist. Oder: „Ich bin nichts mehr als eine entlaubte Säule, 
die von entschwundener Pracht zeugt", verdichtet aus „entlaubter 
Stamm" und „eine Säule, die usw." Oder: „Wo ist der Ariadne- 
faden, der aus der Skylla dieses Augiasstalles herausleitet?", wozu 
dreierlei griechische Sagen je ein Element beigesteuert haben. 

Die Modifikationen und Ersetzungen kann man ohne viel 
Zwang zusammenfassen; ihr Charakter ergibt sich aus nachstehen- 
den Wippchen eigentümlichen Beispielen, in denen regelmäßig 
ein anderer, geläufiger, meist banaler, zum Gemeinplatz herab- 
gesunkener Wortlaut durchschimmert : 

„Mir Papier und Tinte höher zu hängen." Man sagt: einem 
den ßrodkorb höher hängen bildlich für : einen unter erschwerende 
Bedingungen versetzen. Warum sollte man dieses Bild also nicht 
auf anderes Material erstrecken dürfen? 



Komik der Rede. 185 

„Schlachten, in denen die Russen einmal den Kürzeren, ein- 
mal den Längeren ziehen." Nur die crstcre Redensart ist be- 
kanntlich im Gebrauche; nach der Ableitung derselben wäre es 
sogar nicht unsinnig, auch die andere in Aufnahme zu bringen. 

„Schon früh regte sich in mir der Pegasus." Mit dem 
Rückersatz „der Dichter" ist dies eine durch häufigen Gebrauch 
bereits entwertete selbstbiographische Wendung. ,,Pegasus" eignet 
sich zwar nicht zum Ersatz für „Dichter", steht aber in Gedanken- 
relation zu ihm und ist ein hochklingendes Wort. 

„Sc durchlebte ich dornenvolle Kinderschuhe." 

Durchaus ein Bildnis anstatt eines einfachen Wortes. „Die 
Kinderschuhe austreten" ist eines der Bilder, die mit dem Begriff 
Kindheit zusammenhängen. 

Aus der Fülle anderer Produktionen Wippchen's kann man 
manches als Beispiele reiner Komik hervorheben, z. B. als komi- 
sche Enttäuschung: Stundenlang wogte das Gefecht, endlich blieb 
es unentschieden, oder als komische Entlarvung (der Unwissenheit) : 
Klio, die Meduse der Geschichte; Zitate wie Habent sua fata 
morgana. Unser Interesse wecken aber eher die Verschmelzungen 
und Modifikationen, weil sie bekannte Techniken des Witzes wieder- 
bringen. Man vergleiche z. B. zu den Modifikationen Witze wie: 
Er hat eine große Zukunft hinter sich — Er hat ein Ideal vor 
dem Kopf — ; die Lichtenbcrg'schen Modifikationswitze: Neue 
Bäder heilen gut u. dgl. Sind die Produktionen Wippchen's mit 
der gleichen Technik nun Witze zu heißen, oder wodurch unter- 
scheiden sie sich von solchen ? 

Es ist gewiß nicht schwierig, darauf zu antworten. Erinnern 
wir uns daran, daß der Witz dem Hörer ein Doppelgesicht zeigt, 
ihn zu zwei verschiedenen Auffassungen zwingt. Bei den Unsmns- 
Witzen, wie die letzterwähnten, lautet die eine Auffassung, die nur 
den Wortlaut berücksichtigt, er sei ein Unsinn; die andere, die 
den Andeutungen folgend beim Hörer den Weg durch das Un- 
bewußti zurücklegt, findet den ausgezeichneten Smn. Bei den 
witzähnHchen Produktionen Wippchen's ist das eine der Angesichte 
des Witzes leer, wie verkümmert; ein Januskopf, aber nur ein 
Angesicht ausgebildet. Man gerät auf nichts, wenn man sich von 
der Technik in's Unbewußte verlocken läßt. Aus den Verschmel- 
zungen wird man zu keinem Fall geführt, in dem die beiden Ver- 
schmolzenen wirklich einen neuen Sinn ergeben; diese fallen bei 
einen Versuch der Analyse gänzlich aus einander. Die Modifika- 
tionen und Ersetzungen führen wie beim Witz auf einen gebräuch- 
lichen und bekannten Wortlaut, aber die Modifikation oder Er- 



i86 Vil. Der Witz und die Arten des Komischen. 

Setzung sagt selbst nichts anderes und in der Regel auch nichts 
Mögliches oder Brauchbares. Es bleibt also für diese „Witze" 
nur die eine Auffassung als Unsinn übrig. Man kann nun nach 
Belieben darüber entscheiden, ob man solche Produktionen, die 
sich von einem der wesentlichsten Charaktere des Witzes frei 
gemacht haben, „schlechte" Witze oder überhaupt nicht Witze 
heißen will. 

Unzweifelhaft machen solche verkümmerte Witze einen komi- 
schen Effekt, den wir uns auf mehr als eine Weise zurecht legen 
können. Entweder entsteht die Komik aus der Aufdeckung der 
Denkweisen des Unbewußten wie in früher betrachteten Fällen, 
oder es ist der Vergleich mit dem vollkommenen Witz, aus dem 
die Lust hervorgeht. Es hindert uns nichts anzunehmen, daß beider- 
lei Entstehungsweisen der komischen Lust hier zusammentreffen. 
Es ist nicht abzuweisen, daß gerade die unzulängliche Anlehnung 
an den Witz den Unsinn hier zu einem komischen Unsinn macht. 
Es gibt nämlich andere leicht zu durchschauende Fälle, in 
denen solche Unzulänglichkeit durch den Vergleich mit dem zu 
Leistenden den Unsinn unwiderstehlich komisch werden läßt. Das 
Gegenstück des Witzes, das Rätsel, kann uns hiefür vielleicht 
bessere Beispiele als der Witz selbst geben. Eine Scherzfrage lautet 
z. B.: Was ist das: Es hängt an der Wand und man kann sich 
an ihm die Hände abtrocknen? Es wäre ein dummes Rätsel, wenn 
die Antwort lauten würde: Ein Handtuch. Diese Antwort wird 
vielmehr zurückgewiesen. — Nein, ein Hering. — Aber um Gottes- 
willen, heißt dann der entsetzte Einwand, ein Hering hängt doch 
nicht an der Wand. — Du kannst ihn ja hinhängen. — Aber 
wer wird sich denn an einem Hering die Hände abtrocknen ? — 
Nun, sagt die beschwichtigende Antwort, du mußt ja nicht. — 
Diese durch zwei typische Verschiebungen gegebene Aufklärung 
zeigt, wieviel dieser Frage zu einem wirklichen Rätsel fehlt, und 
wegen dieser absoluten Unzulänglichkeit erscheint sie anstatt bloß 
unsinnig dumm ~ unwiderstehlich komisch. Auf solche Weise, 
durch Nichteinhaltung wesentlicher Bedingungen können also Witz, 
Rätsel und Anderes, die an sich komische Lust nicht ergeben, 
zu Quellen komischer Lust gemacht werden. 

Noch geringere Schwierigkeiten bereitet dem Verständnis der 
Fall der unfreiwilligen Komik der Rede, den wir etwa in den 
Gedichten der Friederike Kempner*) in uns beliebender 
Häufigkeit verwirklicht finden können. 



•) Sechste Auflage, Berlin 1891. 



1! 



Komik des Unzulänglichen. 187 

Gegen die Vivisektion. 
Ein unbekanntes Band der Seelen kettet 
Den Menschen an das arme Tier. 
Das Tier hat einen Willen — ergo Seele — 
Wenn auch 'ne kleinere als wir. 
Oder ein Gespräch zwischen zärtlichen Ehegatten: („Der 

Kontrast") 

„Wie glücklich bin ich," ruft sie leise, 

,Auch ich," sagt lauter ihr Gemahl, 

„Es macht mich deine Art und Weise 

Sehr stolz auf meine gute Wahl!" 
Hier ist nun nichts, was an den Witz erinnert. Ohne Zweifel 
ist es abei die Unzulänglichkeit dieser „Dichtungen", die sie 
komisch macht, die ganz außerordentliche Plumpheit ihrer Aus- 
drucksweise, die an die alltäglichsten oder dem Zeitungsstil ent- 
nommenen Redensarten gebunden ist, die einfältige Beschrankt- 
heit ihrer Gedanken, das Fehlen jeder Spur von poetischer Denk- 
oder Redeweise. Bei alledem ist es nicht selbstverständlich, daß 
wir die Gedichte der Kempner komisch finden; viele ähnliche 
Produktionen finden wir bloß herzlich schlecht, belachen sie nicht, 
sondern ärgern uns über sie. Gerade die Größe des Abstandes 
von unseren Anforderungen an ein Gedicht drängt aber zur komi- 
schen Auffassung; wo diese Differenz geringer ausfiele, waren wir 
eher zur Kritik als zum Lachen geneigt. Femer wird die komische 
Wirkung bei den Gedichten der Kempner durch andere Neben- 
umständc- gesichert, durch die unverkennbare gute Absicht der 
Verfasserin, und durch eine gewisse unseren Spott oder "nsei"^" 
Ärger entwaffnende Gefühlsinnigkeit, die wir hinter ihren hilflosen 
Phrasen verspüren. Wir werden hier an ein Problem gemahnt, 
dessen Würdigung wir uns aufgeschoben haben. Die Aufwands- 
differenz ist gewiß die Grundbedingung der komischen Lust aber 
die Beobachtung zeigt, daß aus solcher Differenz nicht jedesmal 
Lust hervorgeht. Welche Bedingungen müssen hinzukommen oder 
welche Störungen hintangehalten werden, damit die komische 
Lust sich aus der Aufwandsdifferenz wirklich ergeben könne? Ehe 
wir uns aber der Beantwortung dieser Frage zuwenden, wollen 
wir als Abschluß der vorigen Erörterungen feststellen, daß das 
Komische der Rede nicht zusammenfällt mit dem Witz, der Witz 
also etwas Anderes sein muß als das Komische der Rede. 

Im Begriffe, nun an die Beantwortung der letztgestellten Frage, 
nach den Bedingungen der Entstehung komischer Lust aus der 



l88 VIL Der Witz und die Arten des Komischen, 

Aufwandsdifferenz heranzutreten, dürfen wir uns eine Erleichterung 
gestatten, die uns selbst nicht anders als zur Lust gereichen kann. 
Die genaue Beantwortung dieser Frage wäre identisch mit einer 
erschöpfenden Darstellung der Natur des Komischen, zu der wir 
uns weder die Fähigkeit noch die Befugnis zusprechen können. 
Wir werden uns wiederum damit begnügen, das Problem des 
Komischen nur so weit zu beleuchten, bis es sich deutlich von dem 
des Witzes abhebt. 

Allen Theorien des Komischen ist von ihren Kritikern der 
Einwurf gemacht worden, daß ihre Definition das für die Komik 
Wesentliche übersieht. Das Komische beruht auf einem Vorstel- 
lungskontrast; ja, insoferne dieser Kontrast komisch und nicht 
anders wirkt. Das Gefühl der Komik rührt vom Zergehen einer 
Erwartung her; ja, wenn diese Enttäuschung nicht gerade pein- 
lich ist. Die Einwürfe sind ohne Zweifel berechtigt, aber man 
überschätzt sie, wenn man aus ihnen schließt, daß das wesentliche 
Kennzeichen des Komischen bisher der Auffassung entschlüpft ist. 
Was die Allgemeingiltigkeit jener Definitionen beeinträchtigt, sind 
Bedingungen, die für die Entstehung der komischen Lust unerläß- 
lich sind, ohne daß man das Wesen der Komik in ihnen suchen 
müßte. Die Abweisung der Einwendungen und die Aufklärung 
der Widersprüche gegen die Definitionen des Komischen wird uns 
allerdings erst leicht, wenn wir die komische Lust aus der Ver- 
gleichsdifferenz zweier Aufwände hervorgehen lassen. Die komi- 
sche Lusi und der Effekt, an dem sie erkannt wird, das Lachen, 
können erst dann entstehen, wenn diese Differenz unverwendbar 
und abfuhrfähig wird. Wir gewinnen keinen Lusteffekt, sondern 
höchstens ein flüchtiges Lustgefühl, an dem der komische Charak- 
ter nicht hervortritt, wenn die Differenz, sobald' sie erkannt wird, 
eine andere Verwendung erfährt. Wie beim Witz ' besondere Ver- 
anstaltung getroffen sein müssen, um die anderweitige Verwendung 
des als überflüssig erkannten Aufwandes zu verhüten, so kann 
auch die komische Lust nur unter Verhältnissen entstehen, welche 
diese letztere Bedingung erfüllen. Die Fälle, in denen in unserem 
VorstelJungsleben solche Aufwand sdifferenzen entstehen, sind da- 
her ungemein zahlreich; die Fälle, in denen das Komische aus 
ihnen hervorgeht, vergleichsweise recht selten. 

Zwei Bemerkungen drängen sich dem Beobachter auf, der 
die Bedingungen für die Entstehung des Komischen aus der Auf- 
wandsdifferenz auch nur flüchtig überblickt, erstens daß es Fälle 
gibt, in denen sich die Komik regelmäßig und wie notwendig 
einstellt, und im Gegensatze zu ihnen andere, in denen es durch- 




Bedingungen der Isolierung des Komischen. 189 

aus von den Bedingungen des Falles und dem Standpunkt des 
Beobachters abhängig erscheint; zweitens aber, daß ungewöhnlich 
große Differenzen sehr häufig ungünstige Bedingungen durch- 
brechen, so daß das komische Gefühl diesen zum Trotz entsteht. 
Man könnte mit Bezug auf den ersten Punkt zwei Klassen auf- 
stellen, die des unabweisbar Komischen und die des gelegentlich 
Komischen, obwohl man von vorneherein darauf verzichten müßte, 
in der ersten Klasse die Unabweisbarkeit des Komischen frei von 
Aufnahmen zu finden. Es wäre verlockend, den für beide Klassen 
maßgebenden Bedingungen nachzugehen. 

Wesentlich für die zweite Klasse gelten die Bedingungen, von 
denen man einen Teil als die „Isoherung" des komischen Falles 
zusammengefaßt hat. Eine nähere Zerlegung macht etwa folgende 
Verhältnisse kenntlich : 

a) Die günstigste Bedingung für die Entstehung der komischen 
Lust ergibt die allgemein heitere Stimmung, in welcher man „zum 
Lachen aufgelegt" ist. Bei toxischer Heiterstimmung erscheint 
fast alles komisch, wahrscheinlich durch Vergleich mit dem Auf- 
wände in normaler Verfassung. Witz, Komik und alle ähnlichen 
Methoden des Lustgewinnes aus seelischer Tätigkeit sind ja weiter 
nichts als Wege, um diese heitere Stimmung — Euphorie — , wenn 
sie nicht als allgemeine Disposition der Psyche vorhanden ist, von 
einem einzelnen Punkte aus wiederzugewinnen. 

b) Ähnlich begünstigend wirkt die Erwartung des Komischen, 
die Einstellung auf die komische Lust. Daher reichen bei der 
Absicht komisch zu machen, wenn sie vom Anderen geteilt wird, 
Differenzen von so geringer Höhe aus, daß sie wahrscheinHch 
übersehen worden wären, wenn sie sich im absichtslosen Erleben 
ereignet hätten. Wer eine komische Lektüre vornimmt oder zu 
einer Posse in's Theater geht, dankt es dieser Absicht, daß er 
dann über Dinge lacht, die in seinem gewöhnlichen Leben kaum 
einen Fall des Komischen für ihn ergeben hätten. Er lacht zuletzt 
bei der Erinnerung gelacht zu haben, bei der Erwartung zu lachen, 
wenn er den komischen Darsteller erst auftreten sieht, ehe dieser 
den Versuch unternehmen konnte, ihn zum Lachen zu bringen. 
Man gesteht darum auch zu, daß man sich nachträglich schämt, 
worüber man im Theater lachen konnte. 

c) Ungünstige Bedingungen für die Komik ergeben sich aus 
der Art der seelischen Tätigkeit, welche das Individuum im 
Moment beschäftigt. Vorstellungs- oder Denkarbeit, welche ernste 
Ziele verfolgt, stört die Abfuhrfähigkeit der Besetzungen, deren 
sie ja für ihre Verschiebungen bedarf, so daß nur unerwartet 



190 



VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 



große Aufwandsdifferenzen zur komischen Lust durchbrechen 
können. Der Komik ungünstig sind ganz besonders alle Weisen 
des Denkvorganges, die sich vom AnschauHchen weit genug ent- 
fernen, um die Vorstellungsmimik aufhören zu lassen ; bei ab- 
straktem Nachdenken ist für die Komik überhaupt kein Raum 
mehr, außer wenn diese Denkweise plötzlich unterbrochen wird. 
d) Die Gelegenheit zur Entbindung komischer Lust schwindet 
auch, wenn die Aufmerksamkeit gerade auf die Vergleichung 
eingestellt ist, aus welcher die Komik hervorgehen kann. Unter 
solchen Umständen verliert seine komische Kraft, was sonst am 
sichersten komisch wirkt. Eine Bewegung oder eine geistige 
Leistung kann nicht komisch für den werden, dessen Interesse 
eben darauf gerichtet ist, sie mit einem ihm klar vorschwebenden 
Maße zu vergleichen. So findet der Prüfer den Unsinn nicht 
komisch, den der Examinierte in seiner Unwissenheit produziert; 
er ärgert sich über ihn, während die Kollegen des Geprüften, 
die sich weit mehr dafür interessieren, welches Geschick dieser 
haben wird, als wieviel er weiß, denselben Unsinn herzlich be- 
lachen. Der T.urn- oder Tanzlehrer hat nur selten ein Auge für 
das Komische der Bewegungen bei seinen Schülern, und dem 
Prediger entgeht durchaus das Komische an den Charaktcrfehlern 
der Menschen, das der Lustspieldichter so wirksam herauszufinden 
weiß. Der komische Prozeß verträgt nicht die Überbesetzung 
durch die Aufmerksamkeit, er muß durchaus unbeachtet vor sich 
gehen kömaen^ übrigens darin dem Witze ganz ähnlich. Es wider- 
spräche aber der Nomenklatur der „Bewußtseinsvorgänge", deren 
ich mich in der „Traumdeutung" mit gutem Grunde bedient habe, 
wollte man. ihn einen notwendigerweise unbewußten nennen. 
Er gehört vielmehr dem Vorbewußten an, und man kann 
für solche Vorgänge, die sich im Vorbewußten abspielen und der 
Aufmerksamkeitsbesetzung, mit welcher Bewußtsein verbunden ist, 
entbehren, passend den Namen „automatische" verwenden. Der 
Prozeß der Vergleichung der Aufwände muß automatisch bleiben, 
wenn er komische Lust erzeugen soll. 

e) Es ist überaus störend für die Komik, wenn der Fall, aus 
dem sie entstehen soll, gleichzeitig zu starker Affektentbindung 
Anlaß gibt. Die Abfuhr der wirksamen Differenz ist dann in 
der Regel ausgeschlossen. Affekte, Disposition und Einstellung 
des Individuums im jeweiligen Falle lassen es verständlich werden, 
daß das Komische mit dem Standpunkt der einzelnen Person auf- 
taucht oder schwindet, daß es ein absolut Komisches nur in Aus- 
nahmsfällen gibt. Die Abhängigkeit oder Relativität des Komischen 



Die Abiuhr störende Bedingungen. 191 

ist darunn weit größer als die des Witzes, der sich niemals ergibt, 
der regelmäßig gemacht wird, und bei dessen Herstellung bereits 
auf die Bedingimgen, unter denen er Annahme findet, geachtet 
werden kann. Die Affektentwicklung ist aber die intensivste unter 
den die Komik störenden Bedingungen und wird in dieser Be- 
deutung von keiner Seite verkannt.*) Man sagt darum, das komi- 
sche Gefühl käme am ehesten in halbwegs indifferenten Fällen 
ohne stärkere Gefühls- oder Interessenbeteiligung zu stände. Doch 
kann man gerade in Fällen mit Affektentbindung eine besonders 
starke Aufwands differenz den Automatismus der Abfuhr herstellen 
sehen. Wenn der Oberst Butler die Mahnungen Ottavio's 
„bitter lachend" mit dem Ausruf beantwortet; 

„Dank vom Haus Österreich!", 
so hat seine Erbitterung das Lachen nicht verhindert, welches 
der Erinnerung an die Enttäuschung gilt, die er erfahren zu haben 
glaubt, und anderseits kann die Größe dieser Enttäuschung vom 
Dichter nicht eindrucksvoller geschildert werden, als indem er sie 
fähig zeigt, mitten im Sturm der entfesselten Affekte ein Lachen 
zu erzwingen Ich würde meinen, daß diese Erklärung für alle 
Fälle anwendbar ist, in denen das Lachen bei anderen als lust- 
vollen Gelegenheiten und mit intensiven peinlichen oder gespannten 
Affekten gemeinsam vorkommt. 

/) Wenn wir noch hinzufügen, daß die Entwicklung der komi- 
schen Lust durch jede andere lustvolle Zutat zum Falle wie durch 
eine Art von Kontakt wirkung gefördert werden kann (nach Art 
des Vorlustprinzipes beim tendenziösen Witze), so haben wir die 
Bedingungen der komischen Lust gewiß nicht vollständig, aber 
doch für unsere Absicht hinreichend erörtert. Wir sehen dann, 
daß diesen Bedingungen sowie der Inkonstanz und Abhängigkeit 
des komischen Effekts keine andere Annahme so leicht genügt 
wie die Ableitung der komischen Lust von der Abfuhr einer 
Differenz, welche unter den wechselndsten Verhältnissen einer 
anderen Verwendung als der Abfuhr unterliegen kann. 

Eine eingehendere Würdigung verdiente noch das Komische 
des Sexuellen und Obszönen, das wir hier aber nur mit wenigen 
Bemerkungen streifen wollen. Den Ausgangspunkt würde auch 
hier die Entblößung bilden. Eine zufällige Entblößung wirkt auf 
uns komisch, weil wir die Leichtigkeit, mit welcher wir den 
Anblick genießen, mit dem großen Aufwand vergleichen, der sonst 

•) „Du hast leicht lachen, dich geht es nicht weiter an." 



192 



VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 



zur Erreichung dieses Zieles erforderlich wäre. Der Fall nähert 
sich so dem des Naiv-komischen, ist aber einfacher als dieser. 
Jede Entblößung, zu deren Zuschauer — oder Zuhörer im Falle 
der Zote — wir von Seite eines Dritten gemacht werden, gilt 
gleich einem Komischmachen der entblößten Person. Wir haben 
gehört, daß es Aufgabe des Witzes wird, die Zote zu ersetzen 
und so eine verloren gegangene Quelle komischer Lust wieder 
zu eröffnen. Hingegen ist das Belauschen einer Entblößung für 
den Lauschenden kein Fall von Komik, weil die eigene Anstrengung 
dabei die Bedingung der komischen Lust aufhebt; es bleibt hier 
nur die sexuelle Lust am Erschauten übrig. In der Erzählung 
des Lauschers an einen Anderen wird die belauschte Person 
wiederum komisch, weil der Gesichtspunkt vorwiegt, daß sie den 
Aufwand unterlassen hat, der zur Verhüllung ihres Geheimen am 
Platze gewesen wäre. Sonst ergeben sich aus dem Bereiche des 
Sexuellen und Obszönen die reichlichsten Gelegenheiten zum Ge- 
winne komischer Lust neben der lustvollen sexuellen Erregtheit, 
insoferne der Mensch in seiner Abhängigkeit von körperlichen 
Bedürfnissen gezeigt (Herabsetzung) oder hinter dem Anspruch 
der seelischen Liebe die leibhche Anforderung aufgedeckt werden 
kann (Entlarvung). 

Eine Aufforderung, auch das Verständnis des Komischen in 
seiner Psychogenese zu suchen, hat sich überraschender Weise aus 
dem schönen und lebensfrischen Buche von B e r g s o n (Le rire) 
ergeben. Bergson, dessen Formeln zur Erfassung des komi- 
schen Charakters uns bereits bekannt geworden sind — .,mdcani- 
sation de la vie", „Substitution quelconque de l'artificiel au naturel" 
— gerät durch nahe liegende Gedankenverbindung vom Automatis- 
mus auf den Automaten und sucht eine Reihe von komischen 
Effekten auf die verblaßte Erinnerung an ein Kinderspielzeug 
zurückzuführen. In diesem Zusammenhange erhebt er sich ein- 
mal zu einem Standpunkt, den er allerdings bald wieder verläßt; 
er sucht das Komische von der Nachwirkung der Kinderfreuden 
abzuleiten. „Peut-^tre m&me devrions-nous pousser la simplification 
plus loin encore, remonter k nos souvcnirs les plus ancients, 
chercher dans les jeux qui amuserent l'enfant, la premiere ^bauche 
des combinaisons qui fönt rire l'homme . . . Trop souvent surtout 
nous mdconnaissons ce qu'il y a d'encore enfantin, pour ainsi 
dire, dans la plupart de nos ^motions joyeuses" (S. 68 u. ff.). 
Da wir nun den Witz bis auf ein durch die verständige Kritik 
versagtes Kinderspiel mit Worten und Gedanken zurückverfolgt 



Psychogenese des Komischen. j«, 

haben, muß es uns verlocken, auch diesen von B e r g s o n ver- 
muteten infantilen Wurzeln des Komischen nachzuspüren. 

Wirklich stoßen wir auf eine ganze Reihe von Beziehungen, 
die uns vielversprechend erscheinen, wenn wir das Verhältnis der 
Komik zum Kinde untersuchen. Das Kind selbst erscheint uns 
keineswegs komisch, obwohl sein, Wesen alle die Bedingungen 
erfüllt, die beim Vergleiche mit dem unserigen eine komische 
Differenz ergeben : Den übermäßigen Bewegungs- wie den ge- 
ringen geistigen Aufwand, die Beherrschung der seelischen 
Leistungen durch die körperlichen Funktionen und andere Züge. 
Das Kind wirkt auf uns nur dann komisch, wenn es sich nicht 
als Kind, sondern als ernsthafter Erwachsener gebärdet, und dann 
in der gleichen Weise wie andere sich verkleidende Personen; 
solange es aber das Wesen des Kindes beibehält, bereitet uns 
seine Wahrnehmung eine reine, vielleicht an's Komische an- 
klingende Lust. Wir heißen es naiv, insofeme es uns seine Hem- 
mungslosigkeit zeigt, und naiv-komisch jene seiner Äußerungen, 
die wir bei einem Anderen als obszön oder als witzig beurteilt 
hätten. 

Anderseits geht dem Kinde das Gefühl für Komik ab. Dieser 
Satz scheint nicht mehr zu besagen, als daß das komische Gefühl 
sich erst im Laufe der seelischen Entwicklung irgend einmal ein- 
stellt wie so manches Andere, und das wäre nun keineswegs 
merkwürdig, zumal da man zugestehen muß, daß es in Jahren, 
die man dem Kindesalter zurechnen muß, bereits deutlich hervor- 
tritt. Aber es läßt sich doch zeigen, daß die Behauptung, dem 
Kinde fehle das Gefühl des Komischen, mehr enthält als eine 
Selbstverständlichkeit. Zunächst mrd es leicht einzusehen, daß es 
nicht anders sein kann, wenn unsere Auffassung richtig ist, welche 
das komische Gefühl von einer beim Verstehen des Anderen sich 
ergebenden Aufwanddifferenz ableitet. Wahlen wir wiederum das 
Komische der Bewegung als Beispiel. Der Vergleich, der die 
Differenz liefert, lautet in bewußte Formeln gebracht: So macht 
es der, und : So würde ich es machen, so habe ich es gemacht. 
Dem Kinde fehlt aber der im zweiten Satze enthaltene Maßstab, 
es versteht einfach durch Nachahmung, es macht es ebenso. Die 
Erziehung des Kindes beschenkt dasselbe mit dem Standard : So 
sollst du es machen; bedient es sich desselben nun bei der Ver- 
gleichung, so liegt ihm der Schluß nahe : Der hat es nicht recht 
gemacht, und: Ich kann es besser. In diesem Falle lacht es den 
anderen aus, es verlacht ihn im Gefühle seiner Überlegenheit. Es 
steht nichts im Wege, auch dieses Lachen von der Aufwands- 
Freud, Der Witz. jt 



ig4 VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

differenz abzuleiten, aber nach der Analogie mit den bei uns sich 
ereignenden Fällen von Verlachen dürfen wir schließen, daß beim 
Überlegenheitslachen des Kindes das komische Gefühl nicht ver- 
spürt wird. Es ist ein Lachen reiner Lust. Wo bei uns das 
Urteil der eigenen Überlegenheit sich deutlich einstellt, da 
lächeln wir bloß anstatt zu lachen, oder wenn wir lachen, können 
wir dies Bewußtwerden unserer Überlegenheit doch vom Komi- 
schen, das uns lachen macht, deutlich unterscheiden. 

Es ist wahrscheinlich richtig zu sagen, das Kind lache aus 
reiner Lust unter verschiedenen Umständen, die wir als „komisch"' 
empfinden und nicht zu motivieren verstehen, während die Motive 
des Kindes klare und angebbare sind. Wenn z. B. jemand auf 
der Straße ausgleitet und hinfällt, so lachen wir, weil dieser Ein- 
druck — unbekannt warum — komisch ist. Das Kind lacht im 
gleichen Falle aus Überlegenheitsgefühl oder aus Schadenfreude: 
Du bist gefallen, und ich nicht. Gewisse Lustmotive des Kindes 
scheinen uns Erwachsenen verloren zu gehen, dafür verspüren wir 
imter den gleichen Bedingungen das „komische" Gefühl als Ersatz 
für das Verlorene. 

Dürfte man verallgemeinern, so erschiene es recht verlockend, 
den gesuchten spezifischen Charakter des Komischen in die Er- 
weckung des Infantilen zu verlegen, das Komische als das wieder- 
gewomiene „verlorene Kinderlachen" zu erfassen. Man könnte 
dann sagen, ich lache jedesmal über eine Aufwandsdifferenz zwischen 
dem Anderen und mir, wenn ich' in dem Anderen das Kind wieder- 
finde. Oder genauer ausgedrückt, der vollständige Vergleich, der 
zum Komischen führt, würde lauten: 

So macht es der — Ich mache es anders — 

Der macht es so, wie ich es als Kind gemacht habe. 

Dieses Lachen gälte also jedesmal dem Vergleich zwischen 
dem Ich des Erwachsenen und dem Ich als Kind. Selbst die 
Ungleichsinnigkeit der komischen Differenz, daß mir bald das 
Mehr, bald das Minder des Aufwandes komisch erscheint, würde 
mit der infantilen Bedingtmg stimmen; das Komische ist dabei 
tatsächlich stets auf der Seite des Infantilen. 

Es widerspricht dem nicht, daß das Kind selbst als Objekt 
der Vergleichung mir keinen komischen, sondern einen rein lust- 
vollen Eindruck macht; auch nicht, daß dieser Vergleich mit dem 
Infantilen nur dann komisch wirkt, wenn eine andere Verwendung 
der Differenz vermieden wird. Denn dabei kommen die Bedingungen 
der Abfuhr in Betracht. Alles was einen psychischen Vorgang 
in einen Zusammenhang einschließt, wirkt der Abfuhr der über- 



Das Infantile und die Komik. 



195 



schüssigen Besetzung entgegen und führt diese eine anderen Ver- 
wendung zu; was einen psychischen Akt isoHert, begünstigt die 
Abfuhr. Die bewußte Einstellung auf das Kind als Vergleichs- 
person macht daher die Abfuhr unmöglich, die zur komischen 
Lust erforderlich ist; nur bei vorbewußter Besetzung ergibt sich 
eine ähnliche Annäherung an die Isolierung, wie wir sie übrigens 
auch den seelischen Vorgängen im Kinde zuschreiben dürfen. 
Der Zusatz zum Vergleiche : So hab' ich es als Kind auch gemacht, 
von dem die komische Wirkung ausginge, käme also für mittlere 
Differenzen erst dann in Betracht, wenn kein anderer Zusammen- 
hang sich des frei gewordenen Überschusses bemächtigen könnte. 

Verweilen wir noch bei dem Versuch, das Wesen des Komi- 
schen in der vorbewußten Anknüpfung an das Infantile zu finden, 
so müssen wir einen Schritt über Bergson hinaus tun und zu- 
geben, daß der das Komische ergebende Vergleich nicht etwa 
alte Kinderlust und Kinderspiel erwecken müsse, sondern daß 
es hinreiche, wenn er an kindliches Wesen überhaupt, vielleicht 
selbst an. Kinderleid rühre. Wir entfernen uns hierin von Berg- 
son, bleiben aber im Einklang mit uns selbst, wenn wir die 
komische Lust nicht auf erinnerte Lust, sondern immer wieder 
auf einen Vergleich beziehen. Vielleicht, daß die Fälle der ersteren 
Art das regelmäßig und unwiderstehlich Komische einigermaßen 
decken. Ziehen wir hier das vorhin angeführte Schema der komi- 
schen Möglichkeiten heran. Wir sagten, die komische Differenz 
würde gefunden entweder 

a) durch einen Vergleich zwischen dem Anderen und dem Ich, 
oder &) durch einen Vergleich ganz innerhalb des Anderen, 
oder c) durch einen Vergleich ganz innerhalb des Ich's. 

Im ersteren Falle erschiene der Andere mir als Kind, im 
zweiten ließe er sich selbst zum Kind herab, im dritten fände ich 
das Kind in mir selbst. Zum ersten Falle gehören das Komische 
der Bewegung und der Formen, der geistigen Leistung und des 
Charakters; das entsprechende Infantile wären der Bewegungsdrang 
und die geistige und sitthche Minderentwicklung des Kindes, so 
daß etwa der Dumme mir komisch würde, insoferne er mich an 
ein faules, der Böse, insoferne er an ein schlimmes Kind mahnt. 
Von einer dem Erwachsenen verloren gegangenen Kinderlust 
könnte man nur das eine Mal reden, wo die dem Kind eigene 
Bewegungsfreudigkeit in Betracht kommt. 

Der zweite Fall, bei welchem die Komik ganz auf „Ein- 
fühlung" beruht, umfaßt die zahlreichsten MögUchkeiten, die 
Konuk der Situation, der Übertreibung (Karikatur), der Nach- 

13* 



196 Vn. Der Witz und die Arten des Komischen. 

ahmung, der Herabsetzung und der Entlarvung. Es ist derjenige 
Fall, dem die Einführung des infantilen Gesichtspunktes am meisten 
2u statten kommt. Denn die Situationskomik gründet sich zumeist 
auf Verlegenheiten, in denen wir die Hilflosigkeit des Kindes 
wiederfinden; die ärgste dieser Verlegenheiten, die Störung an- 
derer Leistungen durch die gebieterischen Anforderungen der 
natürhchen Bedürfnisse entspricht der dem Kinde noch mangeln- 
den Beherrschung der leiblichen Funktionen. Wo die Situations- 
komik durch Wiederholungen wirkt, stützt sie sich auf die dem 
Kinde eigentümliche Lust an fortgesetzter Wiederholung (Fragen, 
Geschichten erzählen), durch die es dem Erwachsenen zur Plage 
wird. Die Übertreibung, welche auch dem Erwachsenen noch 
Lust bereitet, insofeme sie eine Rechtfertigung vor dessen Kritik 
zu finden weiß, hängt mit der eigentümlichen Maßlosigkeit des 
Kindes, mit dessen Unkenntnis aller quantitativen Beziehungen 
zusammen, die es ja später kennen lernt als die qualitativen. Maß- 
halten, Ermäßigung auch der erlaubten Regungen ist eine späte 
Frucht der Erziehung und wird durch gegenseitige Hemmung der 
m einen Zusammenhang aufgenommenen seelischen Tätigkeiten 
gewonnen. Wo dieser Zusammenhang geschwächt wird, im Un- 
bewußten des Traumes, beim Monoideismus der Psychoneurosen 
tritt die Unmäßigkeit des Kindes wieder hervor. 

Die Komik der Nachahmung hatte unserem Verständnis rela- 
tiv große Schwierigkeiten bereitet, solange wir das infantile Moment 
dabei außer Acht ließen. Die Nachahmung ist aber die beste 
Kunst des Kindes und das treibende Motiv der meisten seiner 
Spiele. Der Ehrgeiz des Kindes zielt weit weniger auf die Aus- 
zeichnung unter seinesgleichen als auf die Nachahmung der Großen. 
Von dem Verhältnis des Kindes zu den Erwachsenen hängt auch 
die Komik der Herabsetzung ab, der die Herablassung des Er- 
wachsenen im Kinderleben entspricht. Wenig anderes kann dem 
Kinde größere Lust bereiten, als wenn der Große sich zu ihm 
herabläßt, auf seine drückende Überlegenheit verzichtet und wie 
seinesgleichen mit ihm spielt. Die Erleichterung, die dem Kinde 
reine Lust schafft, wird beim Erwachsenen ais Herabsetzung zu 
einem Mittel des Komischmachens und zu einer Quelle komischer 
Lust. Von der Entlarvung wissen wir, daß sie auf die Herab- 
setzung zurückgeht. 

Am meisten stößt auf Schwierigkeiten die infantile Begrün- 
dung des dritten Falles, der Komik der Erwartung, was wohl 
erklärt, daß jene Autoren, welche diesen Fall in ihrer Auffassung 
des Komischen vorangestellt haben, keinen Anlaß fanden, das 



J 



' 



Der Humor. 197 

infantile Moment für die Komik in Betracht zu ziehen. Das 
Komische der Erwartung liegt dem Kinde wohl am fernsten, die 
Fähigkeit, dieses zu erfassen, tritt bei ihm am spätesten auf. Das 
Kind wird in den meisten derartigen Fällen, die dem Erwachsenen 
komisch dünken, wahrscheinlich nur Enttäuschung empfinden. 
Man könnte aber an die Erwartmigsseligkeit und Leichtgläubigkeit 
des Kindes anknüpfen, um zu verstehen, daß man sich „als Kmd" 
komisch vorkommt, werm man der komischen Enttäuschung 
unterliegt. 

Ergäbe sich nun auch aus dem Vorstehenden eine gewisse 
Walirscheinlichkeit für eine Übersetzung des komischen Gefühls 
die etwa lauten könnte: Komisch ist das, was sich für den Er- 
wachsenen nicht schickt, so fühle ich mich doch, vermöge memer 
ganzen Stellung zum komischen Problem, nicht kühn genug, 
diesen letzten Satz mit ähnlichem Ernst wie die vorhin aufgestell- 
ten zu verteidigen. Ich mag nicht entscheiden, ob die Herab- 
setzung zum Kinde nur ein Spezialfall der komischen Herabsetzung 
ist, oder ob alle Komik im Grunde auf einer Herabsetzung zum 
Kinde beruht.*) 

Eine Untersuchung, die das Komische noch so flüchtig be- 
handelt, wäre in arger Weise unvollständig, wenn sie nicht wenig- 
stens einige Bemerkungen für den Humor übrig hatte. Die 
Wesensverwandtschaft zwischen beiden ist so wenig zweifelhaft, 
daß ein Erklärungsversuch des Komischen mindestens eine Kom- 
ponente zum Verständnis des Humors abgeben muß. Soviel des 
Treffenden und Erhebenden auch zur Wertschätzung des Humors 
vorgebracht worden ist, der, selbst eine der höchsten psychischen 
Leistungen, auch die besondere Gunst der Denker genießt, so 
können wir doch dem Versuche nicht ausweichen, sein Wesen 
durch eine Annäherung an die Formeln für den Witz und für 
das Komische auszudrücken. 

Wir haben gehört, daß die Entbindung peinlicher Affekte das 
stärkste Hindernis der komischen Wirkung ist. Sowie die zweck- 
lose Bewegung Schaden stiftet, die Dummheit zum Unheil fuhrt, 
die Enttäuschung Schmerz bereitet, ist es mit der Möglichkeit 
eines komischen Effekts zu Ende, für den wenigstens, der sich 

*) Daß die komische Lust ihre QueUe im „quantitativen Kontrast» 
im Vergleich von Klein und Groß hat, welcher schließhch auch die 
wesentiiche Relation des Kindes zum Erwachsenen ausdrückt, das wäre 
in der Tat ein seltsames Zusammentreffen, wenn das Komische weiter 
nichts mit dem Infantilen zu tun hätte. 



igg VII. Der Witz und die Arten des Komischen. 

solcher Unlust nicht erwehren kann, selbst von ihr betroffen wird 
oder an ihr Anteil nehmen muß, während der Unbeteiligte durch 
sein Verhalten bezeugt, daß in der Situation des betreffenden 
Falles alles enthalten ist, was für eine komische Wirkung erfordert 
wird. Der Humor ist nun ein Mittel, um die Lust trotz der sie 
störenden peinlichen Affekte zu gewinnen; er tritt für diese Affekt- 
entwicklung ein, setzt sich an die Stelle derselben. Seine Be- 
dingung ist gegeben, wenn eine Situation vorliegt, in welcher wir 
imseren Gewohnheiten gemäß versucht sind, peinlichen Affekt zu 
entbinden, und wenn nun Motive auf uns einwirken, um diesen 
Affekt in statu nascendi zu unterdrücken. In den eben angeführten 
Fällen könnte also die vom Schaden, Schmerz usw. betroffene 
Person humoristische Lust gewinnen, während die unbeteiligte aus 
komischer Lust lacht. Die Lust des Humors entsteht dann, wir 
können nicht anders sagen, auf Kosten dieser unterbliebenen Affekt- 
entbindung, sie geht aus erspartem Affektaufwand hervor. 
Der Humor ist die genügsamste unter den Arten des Komi- 
schen; sein Vorgang vollendet sich bereits in einer einzigen Person, 
die Teilnahme einer anderen fügt nichts Neues zu ihm hinzu. 
Ich kann den Genuß der in mir entstandenen humoristischen Lust 
für mich behalten, ohne mich zur Mitteilung gedrängt zu fühlen- 
Es ist nicht leicht zu sagen, was bei der Erzeugung der humo- 
ristischen Lust in der einen Person vorgeht; man gewinnt aber 
eine gewisse Einsicht, wenn man die Fälle des mitgeteilten oder 
nachgefühlten Humors untersucht, in denen ich durch das Ver- 
ständnis der humoristischen Person zur gleichen Lust wie sie ge- 
lange. Der gröbste Fall des Humors, der sogenannte Galgen- 
humor mag uns darüber belehren. Der Spitzbube, der am Montag 
zur Exekution geführt wird, äußert: Na, diese Woche fängt gut 
an. Das ist eigendich ein Witz, denn die Bemerkung ist an sich 
ganz zutreffend, anderseits in ganz unsinniger Weise deplaciert, 
da es weitere Ereignisse in dieser Woche für ihn nicht geben 
wird. Es gehört aber Humor dazu, einen solchen Witz zu machen, 
d. h. über alles hinwegzusehen, was diesen Wochenbeginn vor 
anderen auszeichnet, den Unterschied zu leugnen, aus dem sich 
Motive zu ganz besonderen Gefühlsregungen ergeben könnten. 
Derselbe Fall, wenn er sich auf dem Wege zur Hinrichtung ein 
Halstuch für seinen bloßen Hals ausbittet, um sich nicht zu 
verkühlen, eine Vorsicht, die sonst ganz lobenswert wäre, bei dem 
nahe bevorstehenden Schicksal dieses Halses aber ungeheuer über- 
flüssig und gleichgiltig ist. Man muß sagen, es steckt etwas wie 
Seelengröße m dieser „Blague", in solchem Festhalten seines ge- 




Ersparter Affektaufwand, loo 

wohnten Wesens und Abwenden von dem, was dieses Wesen um- 
werfen lond zur Verzweiflung treiben sollte. Diese Art von Groß, 
artigkeit des Humors tritt dann, unverkennbar in Fällen hervor, 
3n denen unsere Bewunderung keine Hemmung an den Umständen 
der humoristischen Person findet. 

In V. Hugo's Hernani ist der Bandit, der sich in eine 
Verschwörung gegen seinen König, Karl I. von Spanien und 
Karl V. als deutscher Kaiser, eingelassen hat, in die Hände dieses 
seines großmächtigen Feindes gefallen; er sieht sein Schicksal als 
überführter Hochverräter voraus, sein Kopf wird fallen. Aber diese 
Voraussicht hält ihn nicht ab, sich als erbberechtigten Grande von 
Spanien erkennen zu geben und zu erklären, daß er auf kein 
Vorrecht eines solchen zu verzichten gedenke. Ein Grande von 
Spanien durfte in Gegenwart seines königlichen Herrn sein Haupt 
bedecken. Nun gut: 

„Nos t^tes ont le droit 

De tomber couvertes devant de toi." 

Dies ist großartiger Humor, und wenn wir als Hörer dabei nicht 
lachen, so geschieht es, weil unsere Bewunderung die humoristische 
Lust deckt. Im Falle des Spitzbuben, der sich auf dem Wege 
zum Galgen nicht verkühlen will, lachen wir aus vollem Halse. 
Die Situation, die den Delinquenten zur Verzweiflung treiben sollte, 
könnte bei uns intensives Mitleid erregen; aber dies Mitleid wird 
gehemmt, weil wir verstehen, daß er, der näher Betroffene, sich 
aus der Situation nichts macht. Infolge dieses Verständnisses wird 
der Aufwand zum Mitleid, der schon in uns bereit war, unverwend- 
bar, und wir lachen ihn ab. Die Gleichgiltigkeit des Spitzbuben, 
von der wir aber merken, daß sie ihn einen großen Aufwand 
von psychischer Arbeit gekostet hat, steckt iras gleichsam an. 

Erspartes Mitleid ist eine der häufigsten Quellen der humo- 
ristischen Lust. Der Humor Mark Twain's arbeitet gewöhn- 
lich mit diesem Mechanismus. Wenn er uns aus dem Leben seines 
Bruders erzählt, wie dieser als Angestellter einer großen Wegbau- 
unternehmung durch die vorzeitige Explosion einer Mine in die 
Luft zu fliegen kam, um weit entfernt von seinem Arbeitsorte 
wieder zur Erde zu kommen, so werden unvermeidlich Regungen 
des Mitgefühls für den Verunglückten in uns wach; wir möchten 
fragen, ob ihm bei diesem Unfall kein Schaden geschehen ist; 
aber die Fortsetzung der Geschichte, daß dem Bruder ein halber 
Tag Arbeitslohn abgezogen wurde „wegen Entfernung vom Arbeits- 
orte" lenkt uns vollständig vom Mitleid ab und macht uns beinahe 



200 VII. Der Witz und die Arten des Komischen, 

ebenso hartherzig wie jene Unternehmer, ebenso gleichgiltig gegen 
die etwaige Gesundheitsschädigung des Bruders. Ein andermal legt 
uns Mark Twain seinen Stammbaum vor, den er etwa bis auf 
einen Gefährten des Kolumbus zurückführt. Nachdem uns aber 
der Charakter dieses Ahnen geschildert wurde, dessen ganzes 
Gepäck aus mehreren Wäschestücken besteht, von denen jedes 
eine andere Märke trägt, können wir nicht anders als auf Kosten 
der ersparten Pietät lachen, in welche wir uns zu Beginn dieser 
Familiengeschichte zu versetzen gedachten. Der Mechanismus der 
humoristischen Lust wird dabei nicht durch unser Wissen gestört, 
daß diese Ahnengeschichte eine fingierte ist, und daß diese Fiktion 
der satirischen Tendenz dient, die Schönfärberei, die sich in solchen 
Mitteilungen Anderer kundgibt, bloßzustellen; er ist ebenso un- 
abhängig von der Realitätsbedingung wie im Falle des Komisch- 
machens. Eine andere Geschichte von Mark Twain, die berich- 
tet, wie sein Bruder sich ein unterirdisches Quartier herstellte, 
in das er Bett, Tisch und Lampe brachte, und das als Dach ein 
großes, in der Mitte durchlöchertes Stück Segeltuch bekam, wie 
aber in der Nacht, nachdem die Stube fertig geworden, eine heim- 
getriebene Kuh durch die Öffnung der Decke auf den Tisch herab- 
fiel und die Lampe auslöschte, wie der Bruder geduldig mithalf, 
das Tier hinaufzubefördem und die Einrichtung wiederherzustellen, 
wie er das gleiche tat, als sich die gleiche Störung in der nächsten 
Nacht wiederholte und dann jede weitere Nacht; eine solche Ge- 
schichte wird durch ihre Wiederholung komisch. Mark Twain 
beschließt sie aber mit der Mitteilung, der Bruder habe endlich 
in der 46sten Nacht, als wiederum die Kuh herabfiel, bemerkt: 
Die Sache fange an, monoton zu werden, und da können wir 
unsere humoristische Lust nicht zurückhalten, denn wir hätten 
längst zu hören erwartet, wie sich der Bruder über dies hartnäckige 
Malheur — geärgert. Den kleinen Humor, den wir etwa selbst 
in unserem Leben aufbringen, produzieren wir in der Regel auf 
Kosten des Ärgers, anstatt uns zu ärgern.*) 

*) Die großartige humoristische Wirkung einer Figur wie des dicken 
Ritters Sir John Falstaff beruht auf ersparter Verachtung und Ent- 
rüstung. Wir erkennen zwar in ihm den unwürdigen Schlemmer und 
Hochstapler, aber unsere Verurteilung wird durch eine ganze Reihe von 
Momenten entwaffnet. Wir verstehen, daß er sich genau so kennt, wie 
wir ihn beurteilen; er imponiert uns durch seinen Witz, und außerdem übt 
seine körperliche Mißgestalt eine Kontaktwirkung zu Gunsten einer komi- 
schen Auffassung seiner Person anstatt einer ernsthaften aus, als ob 
unsere Anforderungen von Moral und Ehre von einem so dicken Bauch 
abprallen müßten, Sein Treiben ist im Ganzen harmlos und wird durch 



Arten des Humors. 20l 

Die Arten des Humors sind außerordentlich mannigfach je 
nach der Natur der Gefühlserregmig, die zu Gunsten des Humors 
erspart wird: Mitleid, Ärger, Schmerz, Rührung usw. Die Reihe 
derselben erscheint auch unabgeschlossen, weil das Reich des 
Humors immer weitere Ausdehnung erfährt, wenn es dem Künstler 
oder Schriftsteller gelingt, bisher noch unbezwungene Gefühls- 
regungen humoristisch zu bändigen, sie durch ähnliche Kunstgriffe 
wie in den vorigen Beispielen zur Quelle humoristischer Lust zu 
machen. Die Künstler des „Si mplizis simus", z. B. haben Er- 
staunliches darin geleistet, den Humor auf Kosten von Grausen und 
Ekel zu gewinnen. Die Erscheinungsformen des Humors werden 
übrigens durch zwei Eigentümlichkeiten bestimmt, die mit den 
Bedingungen seiner Entstehung zusammenhängen. Der Humor 
kann erstens mit dem Witz oder einer anderen Art des Komischen 
verschmolzen auftreten, wobei ihm die Aufgabe zufällt, eine in 
der Situation enthaltene MögHchkeit von Affektentwicklung, die 
ein Hindernis für die Lustwirkung wäre, zu beseitigen. Er kann 
zweitens diese Affektentwicklung gänzlich aufheben oder bloß partiell, 
was sogar der häufigere Fall ist, weil die leichtere Leistung, und 
die verschiedenen Formen des „gebrochenen"*) Humors, den 

die komische Niedrigkeit der von ihm Betrogenen fast entschnldigt Wir 
geben zu, daß der Arme bemüht sein darf zu leben und zu genießen wie 
ein Anderer, und bemitleiden ihn fast, weil wir ihn in den Hauptsituationen 
als Spielzeug in den Händen eines ihm weit Überlegenen finden. Damm 
können wir ihm nicht gram werden und schlagen alles, was wir bei ihm an 
Entrüstung ersparen, zur komischen Lust, die er sonst bereitet, hinzu. 
Sir John's eigener Humor geht eigentlich aus der Überlegenheit eines 
Ich's hervor, dem weder seine leiblichen noch seine moralischen Defekte 
die Heiterkeit und Sicherheit rauben können. 

Der geistreiche Ritter Don Quijote de la Mancha ist hingegen 
eine Gestalt, die selbst keinen Humor besitzt und uns in ihrem Ernst eine 
Lust bereitet, die man eine humoristische nennen könnte, obwohl deren 
Mechanismus eine wichtige Abweichung von dem des Humors erkennen 
läßt. Don Quijote ist ursprünglich einerein komische Figur, ein großes 
Kind, dem die Phantasien seiner Ritterbücher zu Kopfe gestiegen sind. 
Es ist bekannt, daß der Dichter anfangs nichts anderes mit ihm wollte, 
und daß das Geschöpf allmählich weit über die ersten Absichten des 
Schöpfers hinauswuchs. Nachdem aber der Dichter diese lächerliche Person 
mit der tiefsten Weisheit und den edelsten Absichten ausgestattet und sie 
zum symbolischen Vertreter eines Idealismus gemacht hat, der an die 
Verwirklichung seiner Ziele glaubt, Pflichten ernst und Versprechen wört- 
hch nimmt, hört diese Person auf komisch zu wirken. Ähnlich wie sonst 
die humoristische Lust durch Verhinderung einer Gefühlserregung entsteht 
sie hier durch Störung der komischen Lust. Doch entfernen wir uns mit 
diesen Beispielen bereits merklich von den einfachen Fällen des Humors. 

*) Ein Terminus, der in der Ästhetik von Fr. Th, Vischer in ganz 
anderem Sinne verwendet wird. 



302 VII, Der Witz und die Arten des Komischen. 

Humor, der unter Tränen lächelt, ergibt. Er entzieht dem Affekt 
einen Teil seiner Energie und gibt ihm dafür den humoristischen 
Beiklang. 

Die durch Nachfühlen gewonnene humoristische Lust ent- 
springt, wie man an obigen Beispielen merken konnte, einer be- 
sonderen, der Verschiebung vergleichbaren Technik, durch welche 
die bereit gehaltene Affektentbindung enttäuscht und die Be- 
setzung auf anderes, nicht selten auf Nebensächliches gelenkt wird. 
Für das Verständnis des Vorganges, durch welchen in der humo- 
ristischen Person selbst die Verschiebung von der Affektentwicklung 
weg vor sich geht, ist aber hiemit nichts gewonnen. Wir sehen, 
daß der Empfänger den Schöpfer des Humors in seinen seelischen 
Vorgängen nachahmt, erfahren aber nichts dabei über die Kräfte, 
welche diesen Vorgang bei letzterem ermöglichen. 

Man kann nur sagen, wenn es jemandem z. B. gelingt, sich 
über einen schmerzlichen Affekt hinwegzusetzen, indem er sich die 
Größe der Weltinteressen als Gegensatz zur eigenen Kleinheit vor- 
hält, so sehen wir darin keine Leistung des Humors, sondern des 
philosophischen Denkens und haben auch keinen Lustgewinn, wenn 
wir uns in seinen Gedankengang hineinversetzen. Die humoristische 
Verschiebung ist also in der Beleuchtung der bewußten Aufmerk- 
samkeit ebenso unmöglich wie die komische Vergleichung ; sie ist 
wie diese an die Bedingung, vorbewußt oder automatisch zu bleiben, 
gebunden. 

Zu einigem Aufschluß über die humoristische Verschiebung 
gelangt man, wenn man sie im Lichte eines Abwehrvorganges 
betrachtet. Die Abwehrvorgänge sind die psychischen Korrelate 
des Fluchtreflexes und verfolgen die Aufgabe, die Entstehung von 
Unlust aus inneren Quellen zu verhüten; in der Erfüllung dieser 
Aufgabe dienen sie dem seelischen Geschehen als eine automatische 
Regulierung, die sich schließlich allerdings als schädlich heraus- 
stellt und darum der Beherrschung durch das bewußte Denken 
unterworfen werden muß. Eine bestimmte Art dieser Abwehr, 
. die mißglückte Verdrängung, habe ich als den wirkenden Mechanis- 
mus für die Entstehung der Psychoneurosen nachgewiesen. Der 
Humor kann nun als die höchststehende dieser Abwehrleistungen 
aufgefaßt werden. Er verschmäht es, den mit dem peinhchen 
Affekt verknüpften Vorstellungsinhalt der bewußten Aufmerksam- 
keit zu entziehen, wie es die Verdrängung tut, und überwindet 
somit den Abwehrautomatismus; er bringt dies zu stände, indem 
er die Mittel findet, der bereit gehaltenen Unlustentbindung ihre 
Energie zu entziehen und diese durch Abfuhr in Lust zu verwandeln. 



k 



Stellung des Humors zu Witz und Komik. 203 

Es ist selbst denkbar, daß wiederum der Zusammenhang mit dem 
Infantilen ihm die Mittel zu dieser Leistung zur Verfügung stellt. 
Im Kinderleben allein hat es intensive peinliche Affekte gegeben, 
über welche der Erwachsene heute lächeln würde, wie er als 
Humorist über seine gegenwärtigen peinhchen Affekte lacht. Die 
Erhebung seines Ich's, von welcher die humoristische Verschiebung 
Zeugnis ablegt — deren Übersetzung doch lauten würde : I ch 
bin zu groß(artig), als daß diese Anlässe mich peinUch berühren 
sollten — , köimte er wohl aus der Vergleichung seines gegen- 
wärtigen Ich's mit seinem kindlichen entnehmen. Einigermaßen 
unterstützt wird diese Auffassung durch die Rolle, die dem In- 
fantilen bei den neurotischen Verdrängungsvorgängen zufällt. 

Im ganzen steht der Humor dem Komischen näher als dem 
Witz. Er hat mit jenem auch die psychische Lokalisation im 
Vorbewußten gemeinsam, während der Witz, wie wir annehmen 
mußten, als Kompromiß zwischen Unbewußtem und Vorbewußtem 
gebildet wird. Dafür hat er keinen Anteil an einem eigentüm- 
lichen Charakter, in welchem Witz und Komik sich treffen, den 
wir vielleicht bisher nicht scharf genug hervorgehoben haben. Es 
ist Bedingung für die Entstehung des Komischen, daß wir ver- 
anlaßt werden, gleichzeitig oder in rascher Aufein- 
anderfolge für die nämliche Vorstellungsleistung zweierlei 
verschiedene Vorstellungsweisen anzuwenden, zwischen denen dann 
die „Vergleichung" statt hat, und die komische Differenz sich ergibt. 
Solche Aufwandsdifferenzen entstehen zwischen dem Fremden und 
dem Eigenen, dem Gewohnten und dem Veränderten, dem Er- 
warteten und dem Eingetroffenen.*) 

Beim Witz kommt die Differenz zwischen zwei sich gleich- 
zeitig ergebenden Auffassungsweisen, die mit verschiedenem Auf- 
wand arbeiten, für den Vorgang beim Witzhörer in Betracht. Die 
eine dieser beiden Auffassungen macht, den im Witze enthaltenen 
Andeutimgen folgend, den Weg des Gedankens durch das Unbe- 
wußte nach, die andere verbleibt an der Oberfläche und stellt den 
Witz wie einen sonstigen aus dem Vorbewußten bewußt gewordenen 
Wortlaut vor. Es wäre vielleicht keine unberechtigte Darstellung, 



•) Wenn man sich nicht scheut, dem Begriff Erwartung einigen Zwang 
anzutun, kann man nach dem Vorgange vonLipps ein sehr großes Gebiet 
des Komischen der Erwartungskomik zurechnen, aber gerade die wahr- 
scheinlich ursprünglichsten Fälle der Komik, die aus der Vergleichung 
eines fremden Aufwandes mit dem eigenen hervorgehen, würden sich dieser 
Zusammenfassung am wenigsten fügen. 



304 ^^^- ^^^ 'Witz und die Arten des Komischen. 

wenn man die Lust des angehörten Witzes aus der Differenz 
dieser beiden Vorstellungsweisen ableiten würde.*) 

Wir sagen hier vom Witze das nämliche aus, was wir als 
seine Janusköpfigkeit beschrieben haben, solange uns die Be- 
ziehung zwischen Witz und Komik noch unerledigt erschien.**) 

Beim Humor verwischt sich der hier in den Vordergrund 
gerückte Charakter. Wir verspüren zwar die humoristische Lust, 
wo eine Gefühlsregung vermieden wird, die wir als eine der 
Situation gewohnheitsmäßig zugeordnete erwartet hätten, und iu- 
soferne fällt auch der Humor unter den erweiterten Begriff der 
Erwartungskomik. Aber es handelt sich beim Humor nicht mehr 
um zwei verschiedene Vor stellungs weisen desselben Inhaks; daß 
die Situation durch die zu vermeidende Gefühlserregung mit Un- 
lustcharakter beherrscht wird, macht der Vergleichbarkeit mit dem 
Charakter beim Komischen und beim Witze ein Ende. Die humo- 
ristische Verschiebung ist eigentlich ein Fall jener andersartigen 
Verwendung eines frei gewordenen Aufwandes, der sich als so 
gefährlich für die komische Wirkung herausgestellt hat. 

Wir stehen nun am Ende unserer Aufgabe, nachdem wir den 
Mechanismus der humoristischen Lust auf eine analoge Formel 
zurückgeführt haben wie für die komische Lust und den Witz. 
Die Lust des Witzes schien uns aus erspartem Hemmuno-s- 
aufwand hervorzugehen, die der Komik aus erspartem Vor- 
stellung s-(Besetzungs-)a ufw an d, und die des Humors aus er- 

*) Man kann an dieser Formel ohne weiteres festhalten, denn sie 
lauft auf mchts heraus, was im Widerspruch zu früheren Erörtemngen 
stunde. Die Differenz zwischen den beiden Aufwänden muß sich im wesent- 
lichen auf den ersparten Hemmungsaufwand reduzieren. Das Fehlen dieser 
Hemmungsersparung beim Komischen und der Wegfall des quantitativen 
Kontrastes beim Witze würden, bei aller Übereinstimmung im Charakter 
der zweierlei Vorstellungsarbeit für die nämliche Auffassung, den Unter- 
schied des komischen Gefühls vom Eindruck des Witzes bedingen. 

_ **> Die Eigentilniiichkeit der »Double face« ist den Autoren natürKch 
mcbt entgangen. M 61 in au d, dem ich obigen Ausdruck entnahm (Pourquoi 
nt-on ? Revue des deux mondes, Februar, 1895), faßt die Bedingung für das 
Lachen m folgende Formel: Ce qui fait rire, c'est ce qui est ä la fois 
d'un cöt^, absurde et de l'autre, famiüer. Die Formel paßt auf den Witz 
besser als aufs Komische, deckt aber auch den ersteren nicht ganz. - 
ßergson (1. c, S. gS) definiert die komische Situation durch die „inter- 
f^rence des sdries": ,,Une Situation est toujours comique quand eile appar- 
üentenm6me temps ä deux sdries d'ev^nements absolument independantes, 
et qu'elle peut s'interpreter ä la fois dans deux sens tout diff^rents." — 
Für Lipps ist die Komik „die Größe und Kleinheit desselben". 



Die Formeln für Witz, Komik, Humor. 205 

spartem Gefühlsaufwand. In allen drei Arbeitsweisen un- 
seres seelischen Apparats stammt die Lust von einer Ersparung; 
alle drei kommen darin üherein, daß sie Methoden darstellen, um 
aus der seelischen Tätigkeit eine Lust wiederzugewinnen, welche 
eigentlich erst durch die Entwicklung dieser Tätigkeit verloren 
gegangen ist. Denn die Euphorie, welche wir auf diesen Wegen 
zu erreichen streben, ist nichts anderes als die Stimmung einer 
Lebenszeit, in welcher wir unsere psychische Arbeit überhaupt mit 
geringem Aufwand zu bestreiten pflegten, die Stimmung unserer 
Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht 
fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben 
glücklich zu fühlen. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

A. Analytischer Teil. 

I. Einleitung l 

IL Die Technik des Witzes 8 

m. Die Tendenzen des Witzes 73 

B. Synthetischer Teil. 

IV. Der Lustmechanismus und die Psychogenese des Witzes . . 98 
V. Die Motive des Witzes. — Der Witz als sozialer Vorgang , . . 118 

C. Theoretischer Teil. 

VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum Unbewußten. 135 
VII. Der Witz und die Arten des Komischen 155 



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